Die Horen. Erster Jahrgang. Zwoͤlftes Stuͤck. I Die sentimentalischen Dichter. D er Dichter, hieß es in dem vorhergehenden Versuch uͤber das Naive Man sehe das eilfte Stuͤck der Horen. ist entweder Natur, oder er wird sie suchen. Jenes macht den naiven, dieses den sentimen- talischen Dichter. Mit der Erklaͤrung dieses Satzes wird der gegenwaͤrtige Versuch sich beschaͤftigen. Der dichterische Geist ist unsterblich und unverlierbar in der Menschheit; er kann nicht anders als zugleich mit derselben und mit der Anlage zu ihr sich verlieren. Denn entfernt sich gleich der Mensch durch die Freyheit seiner Phantasie und seines Verstandes von der Einfalt, Wahr- heit und Nothwendigkeit der Natur, so steht ihm doch nicht nur der Pfad zu derselben immer offen, sondern ein maͤchtiger und unvertilgbarer Trieb, der moralische, treibt ihn auch unaufhoͤrlich zu ihr zuruͤck, und eben mit diesem Triebe steht das Dichtungsvermoͤgen in der engsten Verwandtschaft. Dieses verliert sich also nicht auch zu- gleich mit der natuͤrlichen Einfalt, sondern wirkt nur nach einer andern Richtung. Die Horen. 1795. 12tes St. 1 Auch jetzt ist die Natur noch die einzige Flamme, an der sich der Dichtergeist naͤhret, aus ihr allein schoͤpft er seine ganze Macht, zu ihr allein spricht er auch in dem kuͤnstlichen, in der Kultur begriffenen Menschen. Jede andere Art zu wirken, ist dem poetischen Geiste fremd; daher, beilaͤufig zu sagen, alle sogenannten Werke des Witzes ganz mit Unrecht poetisch heißen, ob wir sie gleich lange Zeit, durch das Ansehen der franzoͤsischen Littera- tur verleitet, damit vermenget haben. Die Natur, sage ich, ist es auch noch jetzt, in dem kuͤnstlichen Zustande der Kultur, wodurch der Dichtergeist maͤchtig ist, nur steht er jetzt in einem ganz andern Verhaͤltniß zu derselben. So lange der Mensch noch reine, es versteht sich, nicht rohe Natur ist, wirkt er als ungetheilte sinnliche Einheit, und als ein harmonierendes Ganze. Sinne und Vernunft, empfangendes und selbstthaͤtiges Vermoͤgen, haben sich in ihrem Geschaͤfte noch nicht getrennt, vielweniger stehen sie im Widerspruch miteinander. Seine Empfindungen sind nicht das formlose Spiel des Zufalls, seine Gedan- ken nicht das gehaltlose Spiel der Vorstellungskraft; aus dem Gesetz der Nothwendigkeit gehen jene, aus der Wirklichkeit gehen diese hervor. Ist der Mensch in den Stand der Kultur getreten, und hat die Kunst ihre Hand an ihn gelegt, so ist jene sinnliche Harmonie in ihm aufgehoben, und er kann nur noch als moralische Einheit, d. h. als nach Einheit strebend, sich aͤußern. Die Uebereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken, die in dem ersten Zustande wirklich statt fand, existiert jetzt bloß idealisch; sie ist nicht mehr in ihm, sondern außer ihm; als ein Gedanke, der erst realisiert werden soll, nicht mehr als Thatsache seines Lebens. Wendet man nun den Begriff der Poesie, der kein an- drer ist, als der Menschheit ihren moͤglichst vollstaͤndigen Ausdruck zu geben, auf jene bey- den Zustaͤnde an, so ergiebt sich, daß dort in dem Zustan- de natuͤrlicher Einfalt, wo der Mensch noch, mit allen seinen Kraͤften zugleich, als harmonische Einheit wirkt, wo mithin das Ganze seiner Natur sich in der Wirklich- keit vollstaͤndig ausdruͤkt, die moͤglichst vollstaͤndige Nach- ahmung des Wirklichen — daß hingegen hier in dem Zustande der Kultur, wo jenes harmonische Zusam- menwirken seiner ganzen Natur bloß eine Idee ist, die Erhebung der Wirklichkeit zum Ideal oder was auf eins hinauslaͤuft, die Darstellung des Ideals den Dichter machen muß. Und dieß sind auch die zwey einzig moͤglichen Arten, wie sich uͤberhaupt der poetische Genius aͤussern kann. Sie sind, wie man sieht, aͤusserst von einander verschieden, aber es giebt einen hoͤhern Be- griff, der sie beyde unter sich faßt, und es darf gar nicht befremden, wenn dieser Begriff mit der Idee der Menschheit in eins zusammentrifft. Es ist hier der Ort nicht, diesen Gedanken, den nur eine eigene Ausfuͤhrung in sein volles Licht setzen kann, weiter zu verfolgen. Wer aber nur irgend, dem Geiste nach, und nicht bloß nach zufaͤlligen Formen eine Ver- gleichung zwischen alten und modernen Dichtern Es ist vielleicht nicht uͤberfluͤssig zu erinnern, daß, wenn hier die neuen Dichter den alten entgegengesetzt werden, nicht sowohl der Unterschied der Zeit, als der Unterschied der Manier zu verstehen ist. Wir haben auch in neuern ja sogar in neuesten Zeiten naive Dichtungen in allen Klassen an- zustellen versteht, wird sich leicht von der Wahrheit des- selben uͤberzeugen koͤnnen. Jene ruͤhren uns durch Na- tur, durch sinnliche Wahrheit, durch lebendige Gegen- wart; diese ruͤhren uns durch Ideen. Dieser Weg, den die neueren Dichter gehen, ist uͤbri- gens derselbe, den der Mensch uͤberhaupt sowohl im Ein- zelnen als im Ganzen einschlagen muß. Die Natur macht ihn mit sich Eins, die Kunst trennt und entzweyet ihn, durch das Ideal kehrt er zur Einheit zuruͤck. Weil aber das Ideal ein unendliches ist, das er niemals erreicht, so kann der kultivierte Mensch in seiner Art niemals vollkommen werden, wie doch der natuͤrliche Mensch es in der seinigen zu werden vermag. Er muͤßte also dem letztern an Vollkommenheit unendlich nachstehen, wenn bloß auf das Verhaͤltniß, in welchem beide zu ihrer Art und zu ihrem Maximum stehen, geachtet wird. Ver- gleicht man hingegen die Arten selbst mit einander, so zeigt sich, daß das Ziel, zu welchem der Mensch durch Kultur strebt, demjenigen, welches er durch Natur er- reicht, unendlich vorzuziehen ist. Der eine erhaͤlt also seinen Werth durch absolute Erreichung einer endlichen, der andre erlangt ihn durch Annaͤherung zu einer un- wenn gleich nicht mehr ganz reiner Art und unter den alten lateinischen ja selbst griechischen Dichtern fehlt es nicht an sentimentalischen. Nicht nur in demselben Dichter, auch in demselben Werke trifft man haͤufig beyde Gattungen ver- einigt an; wie zum Beyspiel in Werthers Leiden, und dergleichen Produkte werden immer den groͤßern Effekt machen. endlichen Groͤße. Weil aber nur die letztere Grade und einen Fortschritt hat, so ist der relative Werth des Menschen, der in der Kultur begriffen ist, im Gan- zen genommen, niemals bestimmbar, obgleich derselbe im einzelnen betrachtet sich in einem nothwendigen Nach- theil gegen denjenigen befindet, in welchem die Natur in ihrer ganzen Vollkommenheit wirkt. Insofern aber das letzte Ziel der Menschheit nicht anders als durch jene Fortschreitung zu erreichen ist, und der letztere nicht an- ders fortschreiten kann, als indem er sich kultiviert und folglich in den erstern uͤbergeht, so ist keine Frage, wel- chem von beyden in Ruͤcksicht auf jenes letzte Ziel der Vorzug gebuͤhre. Dasselbe, was hier von den zwey verschiedenen For- men der Menschheit gesagt wird, laͤßt sich auch auf jene beyden, ihnen entsprechenden, Dichterformen anwenden. Man haͤtte deßwegen alte und moderne — naive und sentimentalische — Dichter entweder gar nicht, oder nur unter einem gemeinschaftlichen hoͤhern Begriff (einen sol- chen giebt es wirklich) miteinander vergleichen sollen. Denn freylich, wenn man den Gattungsbegriff der Poesie zuvor einseitig aus den alten Poeten abstrahiert hat, so ist nichts leichter, aber auch nichts trivialer, als die mo- dernen gegen sie herabzusetzen. Wenn man nur das Poesie nennt, was zu allen Zeiten auf die einfaͤltige Natur gleich- foͤrmig wirkte, so kann es nicht anders seyn, als daß man den neuern Poeten gerade in ihrer eigensten und erhaben- sten Schoͤnheit den Nahmen der Dichter wird streitig machen muͤssen, weil sie gerade hier nur zu dem Zoͤgling der Kunst sprechen, und der einfaͤltigen Natur nichts zu sagen haben. Moliere als naiver Dichter durfte es allenfalls auf den Ausspruch seiner Magd ankommen lassen, was in seinen Co- moͤdien stehen bleiben und wegfallen sollte; auch waͤre zu wuͤnschen gewesen, daß die Meister des franzoͤsischen Ko- thurns mit ihren Trauerspielen zuweilen diese Probe gemacht haͤtten. Aber ich wollte nicht rathen, daß mit den Klop- stockischen Oden, mit den schoͤnsten Stellen im Messias, im verlorenen Paradies, in Nathan dem Weisen, und vielen andern Stuͤcken eine aͤhnliche Probe angestellt wuͤrde. Doch was sage ich? diese Probe ist wirklich angestellt, und die Molierische Magd raisonniert ja langes und breites in unsern kritischen Bibliotheken, philosophischen und littera- rischen Annalen und Reisebeschreibungen uͤber Poesie, Kunst und dergleichen, nur, wie billig, auf deutschem Boden ein wenig abgeschmakter als auf franzoͤsischem, und wie es sich fuͤr die Gesindestube der deutschen Litteratur geziemt. Wessen Gemuͤth nicht schon zubereitet ist, uͤber die Wirklichkeit hinaus ins Ideenreich zu gehen, fuͤr den wird der reichste Gehalt leerer Schein und der hoͤchste Dichterschwung Ueberspannung seyn. Keinem Vernuͤnftigen kann es einfallen, in demjenigen, worinn Homer groß ist, irgend einen Neuern ihm an die Seite stellen zu wollen, und es klingt laͤcherlich genug, wenn man einen Milton oder Klopstock mit dem Nahmen eines neuern Homer beehrt sieht. Eben so wenig aber wird irgend ein alter Dichter und am wenigsten Homer in dem- jenigen, was den modernen Dichter charakteristisch aus- zeichnet, die Vergleichung mit demselben aushalten koͤn- nen. Jener, moͤchte ich es ausdruͤcken, ist maͤchtig durch die Kunst der Begrenzung, dieser ist es durch die Kunst des Unendlichen. Und eben daraus, daß die Staͤrke des alten Kuͤnstlers (denn was hier von dem Dichter gesagt worden, kann unter den Einschraͤnkungen, die sich von selbst ergeben, auch auf den schoͤnen Kuͤnstler uͤberhaupt ausgedehnt wer- den) in der Begrenzung bestehet, erklaͤrt sich der hohe Vorzug, den die bildende Kunst des Alterthums uͤber die der neueren Zeiten behauptet, und uͤberhaupt das ungleiche Verhaͤltniß des Werths, in welchem moderne Dichtkunst und moderne bildende Kunst zu beyden Kunstgattungen im Alterthum stehen. Ein Werk fuͤr das Auge findet nur in der Begrenzung seine Vollkommenheit; ein Werk fuͤr die Einbildungskraft kann sie auch durch das Unbegrenzte erreichen. In plastischen Werken hilft daher dem Neuern seine Ueberlegenheit in Ideen wenig; hier ist er genoͤthigt, das Bild seiner Einbildungskraft auf das genaueste im Raum zu bestimmen , und sich folglich mit dem alten Kuͤnstler gerade in derjenigen Eigenschaft zu messen, worinn dieser seinen unabstreitbaren Vorzug hat. In poetischen Werken ist es anders, und siegen gleich die alten Dichter auch hier in der Einfalt der Formen und in dem was sinnlich darstellbar und koͤrperlich ist, so kann der neuere sie wieder im Reichthum des Stoffes, in dem was un- darstellbar und unaussprechlich ist, kurz, in dem was man in Kunstwerken Geist nennt, hinter sich lassen. Individualitaͤt mit einem Wort ist der Charakter des Al- ten, und Idealitaͤt die Staͤrke des Modernen. Es ist also natuͤrlich, daß in allem, was zur unmittelbaren sinnlichen Anschauung gelangen und als Individuum wirken muß, Da der naive Dichter bloß der einfachen Natur und Empfindung folgt, und sich bloß auf Nachahmung der erste uͤber den zweyten den Sieg davon tragen wird. Eben so natuͤrlich ist es auf der andern Seite, daß da wo es auf geistige Anschauungen ankommt und die Sinnenwelt uͤberschritten werden soll und darf, der erste nothwendig durch die Schranken der Materie leiden, und eben weil er sich streng an diese bindet, hinter dem andern, der sich da- von freyspricht, wird zuruͤckbleiben muͤssen. Nun entsteht natuͤrlicherweise die Frage (die wichtigste, die uͤberhaupt in einer Philosophie der Kunst kann aufge- worfen werden) ob und in wie fern in demselben Kunst- werke Individualitaͤt mit Idealitaͤt zu vereinigen sey — ob sich also (welches auf eins hinauslaͤuft) eine Coalition des alten Dichtercharakters mit dem modernen gedenken lasse, welche, wenn sie wirklich statt faͤnde, als der hoͤchste Gipfel aller Kunst zu betrachten seyn wuͤrde. Sachverstaͤndige be- haupten, daß dieses, in Ruͤcksicht auf bildende Kunst, von den Antiken gewissermaaßen geleistet sey, indem hier wirk- lich das Individuum ideal sey und das Ideal in einem Individuum erscheine . Soviel ist indessen gewiß, daß in der Poesie dieser Gipfel noch keineswegs erreicht ist; denn hier fehlt noch sehr viel daran, daß das vollkommenste Werk, der Form nach, es auch dem Inhalte nach sey, daß es nicht bloß ein wahres und schoͤnes Ganze sondern auch das moͤglichst reichste Ganze sey. Es sey dieß aber nun erreichbar und erreicht oder nicht, so ist es wenigstens die Aufgabe auch in der Dichtkunst, das ideale zu individua- der Wirklichkeit beschraͤnkt, so kann er zu seinem Ge- genstand auch nur ein einziges Verhaͤltniß haben, und es giebt, in dieser Ruͤcksicht, fuͤr ihn keine Wahl der Behandlung. Der verschiedene Eindruck naiver Dichtun- gen beruht, (vorausgesetzt, daß man alles hinweg denkt, was daran dem Inhalt gehoͤrt und jenen Eindruck nur als das reine Werk der poetischen Behandlung betrachtet) beruht sage ich bloß auf dem verschiedenen Grad einer und derselben Empsindungsweise; selbst die Verschiedenheit in den aͤusern Formen kann in der Qualitaͤt jenes aestheti- schen Eindrucks keine Veraͤnderung machen. Die Form sey lyrisch oder episch, dramatisch oder beschreibend; wir koͤnnen wohl schwaͤcher und staͤrker, aber (sobald von dem Stoff abstrahiert wird) nie verschiedenartig geruͤhrt werden. Unser Gefuͤhl ist durchgaͤngig dasselbe, ganz aus Einem Element, so daß wir nichts darinn zu unterscheiden vermoͤgen. Selbst der Unterschied der Sprachen und Zeit- alter aͤndert hier nichts, denn eben diese reine Einheit ihres Ursprungs und ihres Effekts ist ein Charakter der naiven Dichtung. lisieren und das individuelle zu idealisieren. Der moderne Dichter muß sich diese Aufgabe machen, wenn er sich uͤberall nur ein hoͤchstes und leztes Ziel seines Strebens gedenken soll. Denn, da er einerseits durch das Ideen- vermoͤgen uͤber die Wirklichkeit hinausgetrieben, andrerseits aber durch den Darstellungstrieb bestaͤndig wieder zu der- selben zuruͤckgenoͤthiget wird, so geraͤth er in einen Zwie- spalt mit sich selbst, der nicht anders als dadurch, daß er eine Darstellbarkeit des Ideals regulativ annimmt, beyzu- legen ist. Ganz anders verhaͤlt es sich mit dem sentimentalischen Dichter. Dieser reflektiert uͤber den Eindruck, den die Gegenstaͤnde auf ihn machen und nur auf jene Reflexion ist die Ruͤhrung gegruͤndet, in die er selbst versetzt wird, und uns versetzt. Der Gegenstand wird hier auf eine Idee bezogen und nur auf dieser Beziehung beruht seine dichterische Kraft. Der sentimentalische Dichter hat es daher immer mit zwey streitenden Vorstellungen und Em- pfindungen, mit der Wirklichkeit als Grenze und mit seiner Idee als dem Unendlichen zu thun, und das ge- mischte Gefuͤhl, das er erregt, wird immer von dieser doppelten Quelle zeugen. Wer bey sich auf den Eindruck merkt, den naive Dichtun- gen auf ihn machen, und den Antheil, der dem Inhalt daran gebuͤhrt, davon abzusondern im Stand ist, der wird diesen Eindruck, auch selbst bey sehr pathetischen Gegenstaͤnden, immer froͤhlich, immer rein, immer ruhig finden; bey sentimentalischen wird er immer etwas ernst und anspannend seyn. Das macht, weil wir uns bey naiven Darstellungen, sie handeln auch wovon sie wollen, immer uͤber die Wahrheit, uͤber die lebendige Gegenwart des Objects in unserer Einbildungskraft erfreuen, und auch weiter nichts als diese suchen, bey sentimentalischen hinge- gen die Vorstellung der Einbildungskraft mit einer Ver- nunftidee zu vereinigen haben, und also immer zwischen zwey verschiedenen Zustaͤnden in Schwanken gerathen. Da also hier eine Mehrheit der Principien statt findet, so kommt es darauf an, welches von beyden in der Empfindung des Dichters und in seiner Darstellung uͤberwiegen wird, und es ist folglich eine Verschiedenheit in der Behandlung moͤglich. Denn nun entsteht die Frage, ob er mehr bey der Wirklichkeit, ob er mehr bey dem Ideale verweilen — ob er jene als einen Gegenstand der Abneigung, ob er dieses als einen Gegen- stang der Zuneigung ausfuͤhren will. Seine Darstellung wird also entweder satyrisch oder sie wird (in einer weitern Bedeutung dieses Worts, die sich nachher erklaͤ- ren wird) clegisch seyn; an eine von diesen beyden Empfindungsarten wird jeder sentimentalische Dichter sich halten. Satyrische Dichtung . Satyrisch ist der Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur und den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale (in der Wirkung auf das Gemuͤth kommt beydes auf eins hinaus) zu seinem Gegenstande macht. Dieß kann er aber sowohl ernsthaft und mit Affekt, als scherzhaft und mit Heiterkeit ausfuͤhren; je nachdem er entweder im Gebiethe des Willens oder im Gebiethe des Verstandes verweilt. Jenes geschieht durch die strafende , oder pathetische, dieses durch die scherzhafte Satyre. Streng genommen vertraͤgt zwar der Zweck des Dich- ters weder den Ton der Strafe noch den der Belustigung. Jener ist zu ernst fuͤr das Spiel, was die Poesie immer seyn soll; dieser ist zu frivol fuͤr den Ernst, der allem poe- tischen Spiele zum Grund liegen soll. Moralische Wider- spruͤche interessieren nothwendig unser Herz, und rauben also dem Gemuͤth seine Freyheit; und doch soll aus poeti- schen Ruͤhrungen alles eigentliche Interesse, d. h. alle Be- ziehung auf ein Beduͤrfniß verbannt seyn. Verstandes- Widerspruͤche hingegen lassen das Herz gleichguͤltig, und doch hat es der Dichter mit dem hoͤchsten Anliegen des Herzens, mit der Natur und dem Ideal, zu thun. Es ist daher keine geringe Aufgabe fuͤr ihn, in der patheti- schen Satyre nicht die poetische Form zu verletzen, wel- che in der Freyheit des Spiels besteht, in der scherzhaften Satyre nicht den poetischen Gehalt zu verfehlen, welcher immer das Unendliche seyn muß. Diese Aufgabe kann nur auf eine einzige Art geloͤset werden. Die strafende Satyre erlangt poetische Freyheit, indem sie ins Erhabe- ne uͤbergeht, die lachende Satyre erhaͤlt poetischen Ge- halt, indem sie ihren Gegenstand mit Schoͤnheit behandelt. In der Satyre wird die Wirklichkeit als Mangel, dem Ideal als der hoͤchsten Realitaͤt gegenuͤber gestellt. Es ist uͤbrigens gar nicht noͤthig, daß das letztere ausgesprochen werde, wenn der Dichter es nur im Gemuͤth zu erwecken weiß; diß muß er aber schlechterdings, oder er wird gar nicht poetisch wirken. Die Wirklichkeit ist also hier ein nothwendiges Objekt der Abneigung, aber worauf hier alles ankoͤmmt, diese Abneigung selbst muß wieder noth- wendig aus dem entgegenstehenden Ideale entspringen. Sie koͤnnte nehmlich auch eine bloß sinnliche Quelle haben und lediglich in Beduͤrfniß gegruͤndet seyn, mit welchem die Wirklichkeit streitet; und haͤuffig genug glauben wir einen moralischen Unwillen uͤber die Welt zu empfinden, wenn uns bloß der Widerstreit derselben mit unserer Nei- gung erbittert. Dieses materielle Interesse ist es, was der gemeine Satyriker ins Spiel bringt, und weil es ihm auf diesem Wege gar nicht fehl schlaͤgt, uns in Affekt zu versetzen, so glaubt er unser Herz in seiner Gewalt zu ha- ben und im pathetischen Meister zu seyn. Aber jedes Pa- thos aus dieser Quelle ist der Dichtkunst unwuͤrdig, die uns nur durch Ideen ruͤhren und nur durch die Vernunft zu unserm Herzen den Weg nehmen darf. Auch wird sich dieses unreine und materielle Pathos jederzeit durch ein Uebergewicht des Leidens und durch eine peinliche Befan- genheit des Gemuͤths offenbaren, da im Gegentheil das wahrhaft poetische Pathos an einem Uebergewicht der Selbstthaͤtigkeit und an einer, auch im Affekte noch beste- henden Gemuͤthsfreyheit zu erkennen ist. Entspringt nehm- lich die Ruͤhrung aus dem, der Wirklichkeit gegenuͤber stehenden Ideale, so verliert sich in der Erhabenheit des letztern jedes einengende Gefuͤhl und die Groͤße der Idee, von der wir erfuͤllt sind, erhebt uns uͤber alle Schranken der Erfahrung. Bey der Darstellung empoͤrender Wirk- lichkeit kommt daher alles darauf an, daß das Nothwen- dige der Grund sey, auf welchem der Dichter oder der Erzaͤhler das Wirkliche auftraͤgt, daß er unser Gemuͤth fuͤr Ideen zu stimmen wisse. Stehen wir nur hoch in der Beurtheilung, so hat es nichts zu sagen, wenn auch der Gegenstand tief und niedrig, unter uns zuruͤckbleibt. Wenn uns der Geschichtschreiber Tacitus den tiefen Verfall der Roͤmer des ersten Jahrhunderts schildert, so ist es ein hoher Geist, der auf das Niedrige herabblickt, und unsere Stimmung ist wahrhaft poetisch, weil nur die Hoͤhe, worauf er selbst steht und zu der er uns zu er- heben wußte, seinen Gegenstand niedrig machte. Die pathetische Satyre muß also jederzeit aus einem Gemuͤthe fliessen, welches von dem Ideale lebhaft durch- drungen ist. Nur ein herrschender Trieb nach Ueberein- stimmung kann und darf jenes tiefe Gefuͤhl moralischer Widerspruͤche und jenen gluͤhenden Unwillen gegen mora- lische Verkehrtheit erzeugen, welcher in einem Juvenal, Lucian, Dante, Swift, Young, Rousseau, Haller und andern zur Begeisterung wird. Die nehmlichen Dichter wuͤrden und muͤßten mit demselben Gluͤck auch in den ruͤh- renden und zaͤrtlichen Gattungen gedichtet haben, wenn nicht zufaͤllige Ursachen ihrem Gemuͤth fruͤhe diese bestimm- te Richtung gegeben haͤtten; auch haben sie es zum Theil wirklich gethan. Alle die hier genannten lebten entweder in einem ausgearteten Zeitalter und hatten eine schauder- hafte Erfahrung moralischer Verderbniß vor Augen, oder eigene Schicksale hatten Bitterkeit in ihre Seele gestreut. Auch der philosophische Geist, da er mit unerbittlicher Strenge den Schein von dem Wesen trennt, und in die Tiefen der Dinge dringet, neigt das Gemuͤth zu dieser Haͤrte und Austeritaͤt, mit welcher Rousseau, Haller und andre die Wirklichkeit mahlen. Aber diese aͤusern und zu- faͤlligen Einfluͤsse, welche immer einschraͤnkend wirken, duͤrfen hoͤchstens nur die Richtung bestimmen, niemals den Innhalt der Begeisterung hergeben. Dieser muß in allen derselbe seyn, und, rein von jedem aͤusern Beduͤrf- niß, aus einem gluͤhenden Triebe fuͤr das Ideal hervor- fliessen, welcher durchaus der einzig wahre Beruf zu dem saty- rischen wie uͤberhaupt zu dem sentimentalischen Dichter ist. Wenn die pathetische Satyre nur erhabene Seelen kleidet, so kann die spottende Satyre nur einem schoͤnen Herzen gelingen. Denn jene ist schon durch ihren ernsten Gegenstand vor der Frivolitaͤt gesichert; aber diese, die nur einen moralisch gleichguͤltigen Stoff behandeln darf, wuͤrde unvermeidlich darein verfallen, und jede poetische Wuͤrde verlieren, wenn hier nicht die Behandlung den Innhalt veredelte und das Subjekt des Dichters nicht sein Objekt vertraͤte. Aber nur dem schoͤnen Herzen ist es verliehen, unabhaͤngig von dem Gegenstand seines Wir- kens, in jeder seiner Aeußerungen ein vollendetes Bild von sich selbst abzupraͤgen. Der erhabene Charakter kann sich nur in einzelnen Siegen uͤber den Widerstand der Sinne, nur in gewissen Momenten des Schwunges und einer augenblicklichen Anstrengung kund thun; in der schoͤ- nen Seele hingegen wirkt das Ideal als Natur, also gleich- foͤrmig, und kann mithin auch in einem Zustand der Ru- he sich zeigen. Es ist mehrmals daruͤber gestritten worden, welche von beyden, die Tragoͤdie oder die Comoͤdie vor der an- dern den Rang verdiene. Wird damit bloß gefragt, wel- che von beyden das wichtigere Objekt behandle, so ist kein Zweifel, daß die erstere den Vorzug behauptet; will man aber wissen, welche von beyden das wichtigere Subjekt erfodre, so muß der Ausspruch eben so entscheidend fuͤr die letztere ausfallen. In der Tragoͤdie geschieht schon durch den Gegenstand sehr viel, in der Comoͤdie geschieht durch den Gegenstand nichts und alles durch den Dichter. Da nun bey Urtheilen des Geschmacks der Stoff nie in Be- trachtung kommt, so muß natuͤrlicher weise der aͤsthetische Werth dieser beyden Kunstgattungen in umgekehrtem Ver- haͤltniß zu ihrer materiellen Wichtigkeit stehen. Den tra- gischen Dichter traͤgt sein Objekt, der komische hingegen muß durch sein Subjekt das seinige in der aͤsthetischen Hoͤ- he erhalten. Jener darf einen Schwung nehmen, wozu soviel eben nicht gehoͤret; der andre muß sich gleich blei- ben, er muß also schon dort seyn und dort zu Hause seyn, wohin der andre nicht ohne einen Anlauf gelangt. Und gerade das ist es, worinn sich der schoͤne Charakter von dem erhabenen unterscheidet. In dem ersten ist jede Groͤße schon enthalten, sie fließt ungezwungen und muͤhe- los aus seiner Natur, er ist, dem Vermoͤgen nach, ein Unendliches in jedem Punkte seiner Bahn; der andere kann sich zu jeder Groͤße anspannen und erheben, er kann durch die Kraft seines Willens aus jedem Zustande der Beschraͤn- kung sich reissen. Dieser ist also nur ruckweise und nur mit Anstrengung frey, jener ist es mit Leichtigkeit und immer. Diese Freyheit des Gemuͤths in uns hervorzubringen und zu naͤhren, ist die schoͤne Aufgabe der Comoͤdie, so wie die Tragoͤdie bestimmt ist, die Gemuͤthsfreyheit, wenn sie durch einen Affekt gewaltsam aufgehoben worden, auf aͤsthetischem Weg wieder herstellen zu helfen. In der Tra- goͤdie muß daher die Gemuͤthsfreyheit kuͤnstlicherweise und als Experiment kuͤnstlich aufgehoben werden, weil sie in Herstellung derselben ihre poetische Kraft beweißt; in der Comoͤdie hingegen muß verhuͤtet werden, daß es nie- mals zu jener Aufhebung der Gemuͤthsfreyheit komme. Daher behandelt der Tragoͤdiendichter seinen Gegenstand immer praktisch, der Comoͤdiendichter den seinigen immer theoretisch; auch wenn jener (wie Lessing in seinem Na- than) die Grille haͤtte einen theoretischen, dieser, einen praktischen Stoff zu bearbeiten. Nicht das Gebieth aus welchem der Gegenstand genommen, sondern das Forum vor welches der Dichter ihn bringt, macht denselben tra- gisch oder komisch. Der Tragiker muß sich vor dem ruhi- gen Raisonnement in Acht nehmen und immer das Herz interessieren, der Comiker muß sich vor dem Pathos huͤten und immer den Verstand unterhalten. Jener zeigt also durch bestaͤndige Erregung, dieser durch bestaͤndige Ab- wehrung der Leidenschaft seine Kunst; und diese Kunst ist natuͤrlich auf beyden Seiten um so groͤsser, je mehr der Gegenstand des Einen abstrakter Natur ist, und der des Andern sich zum pathetischen neigt. Im Nathan dem Weisen ist dieses nicht geschehen, hier hat die frostige Natur des Stoffs das ganze Kunstwerk erkaͤltet. Aber Lessing wußte selbst, daß er kein Trauerspiel schrieb, und vergaß nur, menschlicher weise, in seiner eigenen Ange- legenheit die in der Dramaturgie aufgestellte Lehre, daß der Dichter nicht befugt sey, die tragische Form zu einem an- dern als tragischen Zweck anzuwenden. Ohne sehr wesentli- che Veraͤnderungen wuͤrde es kaum moͤglich gewesen seyn, dieses dramatische Gedicht in eine gute Tragoͤdie umzuschaf- fen; aber mit bloß zufaͤlligen Veraͤnderungen moͤchte es eine gute Comoͤdie abgegeben haben. Dem letztern Zweck nehm- lich haͤtte das Pathetische dem erstern das Raisonnierende auf- geopfert werden muͤssen, und es ist wohl keine Frage, auf welchem von beyden die Schoͤnheit dieses Gedichts am mei- sten beruht. Wenn also die Tra- goͤdie von einem nichtigern Punkt ausgeht, so muß man auf der andern Seite gestehen, daß die Comoͤdie einem wichtigern Ziel entgegen geht, und sie wuͤrde, wenn sie es erreichte, alle Tragoͤdie uͤberfluͤßig und unmoͤglich machen. Ihr Ziel ist einerley mit dem hoͤchsten, wornach der Mensch zu ringen hat, frey von Leidenschaft zu seyn, immer klar immer ruhig um sich und in sich zu schauen, uͤberall mehr Zufall als Schicksal zu finden, und mehr uͤber Ungereimt- heit zu lachen als uͤber Boßheit zu zuͤrnen oder zu weinen. Die Horen. 1795. 12tes St. 2 Wie in dem handelnden Leben so begegnet es auch oft bey dichterischen Darstellungen, den bloß leichten Sinn, das angenehme Talent, die froͤhliche Gutmuͤthigkeit mit Schoͤnheit der Seele zu verwechseln, und da sich der ge- meine Geschmack uͤberhaupt nie uͤber das Angenehme er- hebt, so ist es solchen niedlichen Geistern ein leichtes, jenen Ruhm zu usurpieren, der so schwer zu verdienen ist. Aber es giebt eine untruͤgliche Probe, vermittelst deren man die Leichtigkeit des Naturells von der Leichtigkeit des Ideals, so wie die Tugend des Temperaments von der wahrhaften Sittlichkeit des Charakters unterscheiden kann, und diese ist, wenn beyde sich an einem schwuͤrigen und großen Objekte versuchen. In einem solchen Fall geht das niedliche Genie unfehlbar in das Platte, so wie die Temperamentstugend in das Materielle, die wahrhaft schoͤ- ne Seele hingegen geht eben so gewiß in die erhabene uͤber. So lange Lucian bloß die Ungereimtheit zuͤchtigt, wie in den Wuͤnschen, in den Lapithen, in dem Jupiter, Tragoͤdus u. a. bleibt er Spoͤtter, und ergoͤtzt uns mit seinem froͤhlichen Humor; aber es wird ein ganz anderer Mann aus ihm in vielen Stellen seines Nigrinus, seines Timons, seines Alexander, wo seine Satyre auch die mo- ralische Verderbniß trift. „Ungluͤckseliger”, so beginnt er in seinem Nigrinus das empoͤrende Gemaͤhlde des da- maligen Roms, „warum verliessest du das Licht der Son- ne, Griechenland, und jenes gluͤkliche Leben der Frey- heit, und kammst hieher in dieß Getuͤmmel von prachtvol- ler Dienstbarkeit, von Aufwartungen und Gastmaͤlern, von Sykophanten, Schmeichlern, Giftmischern, Erb- schleichern und falschen Freunden? u. s. w.” Bey solchen und aͤhnlichen Anlaͤssen muß sich der hohe Ernst des Ge- fuͤhls offenbaren, der allem Spiele, wenn es poetisch seyn soll, zum Grunde liegen muß. Selbst durch den boßhaf- ten Scherz, womit sowohl Lucian als Aristophanes den Sokrates mißhandeln, blickt eine ernste Vernunft hervor, welche die Wahrheit an dem Sophisten raͤcht, und fuͤr ein Ideal streitet, das sie nur nicht immer ausspricht. Auch hat der erste von beyden in seinem Diogenes und Daͤmonax diesen Charakter gegen alle Zweifel gerechtfer- tigt; unter den Neuern welchen großen und schoͤnen Cha- rakter druͤckt nicht Cervantes bey jedem wuͤrdigen An- laß in seinem Don Quixote aus, welch ein herrliches Ideal mußte nicht in der Seele des Dichters leben, der einen Tom Jones und eine Sophia erschuf, wie kann der Lacher Yorik sobald er will unser Gemuͤth so groß und so maͤchtig bewegen. Auch in unserm Wieland erkenne ich diesen Ernst der Empfindung; selbst die muth- willigen Spiele seiner Laune beseelt und adelt die Gra- zie des Herzens; selbst in den Rhythmus seines Gesanges druͤckt sie ihr Gepraͤg, und nimmer fehlt ihm die Schwungkraft, uns, sobald es gilt, zu dem Hoͤchsten em- por zu tragen. Von der Voltairischen Satyre laͤßt sich kein solches Urtheil faͤllen. Zwar ist es auch bey diesem Schriftsteller einzig nur die Wahrheit und Simplicitaͤt der Natur, wo- durch er uns zuweilen poetisch ruͤhrt; es sey nun, daß er sie in einem naiven Charakter wirklich erreiche, wie mehrmal in seinem Ingenu , oder daß er sie, wie in sei- nem Candide u. a. suche und raͤche. Wo keines von beyden der Fall ist, da kann er uns zwar als witziger Kopf belustigen, aber gewiß nicht als Dichter bewegen. Aber seinem Spott liegt uͤberall zu wenig Ernst zum Grunde, und dieses macht seinen Dichterberuf mit Recht verdaͤchtig. Wir begegnen immer nur seinem Verstande, nicht seinem Gefuͤhl. Es zeigt sich kein Ideal unter je- ner luftigen Huͤlle, und kaum etwas absolut Festes in je- ner ewigen Bewegung. Seine wunderbare Mannichfal- tigkeit in aͤusern Formen, weit entfernt fuͤr die innere Fuͤlle seines Geistes etwas zu beweisen, legt vielmehr ein bedenkliches Zeugniß dagegen ab, denn ungeachtet aller jener Formen hat er auch nicht Eine gefunden, worinn er ein Herz haͤtte abdruͤcken koͤnnen. Beynahe muß man also fuͤrchten, es war in diesem reichen Genius nur die Armuth des Herzens, die seinen Beruf zur Satyre be- stimmte. Waͤre es anders, so haͤtte er doch irgend auf seinem weiten Weg aus diesem engen Geleise treten muͤs- sen. Aber bey allem noch so grosen Wechsel des Stoffes und der aͤusern Form sehen wir diese innere Form in ewigem, duͤrftigem Einerley wiederkehren, und trotz sei- ner voluminoͤsen Laufbahn hat er doch den Kreis der Menschheit in sich selbst nicht erfuͤllt, den man in den obenerwaͤhnten Satyrikern mit Freuden durchlaufen findet. Elegische Dichtung . Setzt der Dichter die Natur der Kunst und das Ideal der Wirklichkeit so entgegen, daß die Darstellung des ersten uͤberwiegt, und das Wohlgefallen an demselben herrschende Empfindung wird, so nenne ich ihn elegisch . Auch diese Gattung hat wie die Satyre zwey Klassen unter sich. Entweder ist die Natur und das Ideal ein Gegenstand der Trauer, wenn jene als verloren, dieses als unerreicht dargestellt wird. Oder beyde sind ein Gegenstand der Freude, indem sie als wirklich vorgestellt werden. Das erste giebt die Elegie in engerer, das andre die Idylle in weitester Bedeutung. Daß ich die Benennungen Satyre, Elegie und Idylle in einem weitern Sinne gebrauche, als gewoͤhnlich geschieht, werde ich bey Lesern, die tiefer in die Sache dringen, kaum zu verantworten brauchen. Meine Absicht dabey ist keineswegs die Grenzen zu verruͤcken, welche die bisherige Observanz sowohl der Satyre und Elegie als der Idylle mit gutem Grunde gesteckt hat; ich sehe bloß auf die in diesen Dichtungsarten herrschende Empfindungsweise , und es ist ja bekannt genug, daß diese sich keineswegs in jene engen Grenzen einschliessen laͤßt. Elegisch ruͤhrt uns nicht bloß die Elegie, welche ausschließlich so genannt wird; auch der dramatische und epische Dichter koͤnnen uns auf elegische Weise bewegen. In der Meßiade, in Thom- sons Jahrszeiten, im verlorenen Paradieß, im befreyten Jerusalem finden wir mehrere Gemaͤhlde, die sonst nur der Idylle, der Elegie, der Satyre eigen sind. Eben so, mehr oder weniger, fast in jedem pathetischen Gedichte. Daß ich aber die Idylle selbst zur elegischen Gattung rechne, scheint eher einer Rechtfertigung zu beduͤrfen. Man erinnere sich aber, daß hier nur von derjenigen Idylle die Rede ist, welche eine Species der sentimentalischen Dichtung ist, zu deren Wesen es gehoͤrt, daß die Natur der Kunst und das Ideal der Wirklichkeit entgegen gesetzt werde . Geschieht dieses auch nicht ausdruͤcklich von dem Dichter, und stellt er das Gemaͤhlde der unverdorbenen Natur oder des erfuͤllten Ideales rein und selbststaͤndig vor unsere An- Wie der Unwille bey der pathetischen und wie der Spott bey der scherzhaften Satyre, so darf bey der Elegie die Trauer nur aus einer, durch das Ideal erweckten Begei- sterung fließen. Dadurch allein erhaͤlt die Elegie poeti- schen Gehalt, und jede andere Quelle derselben ist voͤllig gen, so ist jener Gegensatz doch in seinem Herzen, und wird sich, auch ohne seinen Willen, in jedem Pinselstrich verrathen. Ja waͤre dieses nicht, so wuͤrde schon die Sprache, deren er sich bedienen muß, weil sie den Geist der Zeit an sich traͤgt und den Einfluß der Kunst erfahren, uns die Wirklichkeit mit ihren Schranken, die Kultur mit ihrer Kuͤnsteley in Erinnerung bringen; ja unser eigenes Herz wuͤrde jenem Bilde der reinen Natur die Erfahrung der Verderbniß gegenuͤber stellen, und so die Empfindungs- art, wenn auch der Dichter es nicht darauf angelegt haͤtte, in uns elegisch machen. Dieß letztere ist so unvermeidlich, daß selbst der hoͤchste Genuß, den die schoͤnsten Werke der naiven Gattung aus alten und neuen Zeiten dem kultivier- ten Menschen gewaͤhren, nicht lange rein bleibt, sondern fruͤher oder spaͤter von einer elegischen Empfindung begleitet seyn wird. Schließlich bemerke ich noch, daß die hier ver- suchte Eintheilung, eben deßwegen weil sie sich bloß auf den Unterschied in der Empfindungsweise gruͤndet, in der Eintheilung der Gedichte selbst und der Ableitung der poe- tischen Arten ganz und gar nichts bestimmen soll; denn da der Dichter, auch in demselben Werke, keineswegs an dieselbe Empfindungsweise gebunden ist, so kann jene Ein- theilung nicht davon, sondern muß von der Form der Darstellung hergenommen werden. unter der Wuͤrde der Dichtkunst. Der elegische Dichter fucht die Natur, aber in ihrer Schoͤnheit, nicht bloß in ihrer Annehmlichkeit, in ihrer Uebereinstimmung mit Ideen, nicht bloß in ihrer Nachgiebigkeit gegen das Be- duͤrfniß. Die Trauer uͤber verlorne Freuden, uͤber das der Welt verschwundene goldene Alter, uͤber das entflohene Gluͤck der Jugend, der Liebe u. s. w. kann nur alsdann der Stoff zu einer elegischen Dichtung werden, wenn jene Zustaͤnde sinnlichen Friedens zugleich als Gegenstaͤnde mo- ralischer Harmonie sich vorstellen lassen. Ich kann deß- wegen die Klaggesaͤnge des Ovid , die er aus seinem Verbannungsort am Euxin anstimmt, wie ruͤhrend sie auch sind, und wie viel Dichterisches auch einzelne Stel- len haben, im Ganzen nicht wohl als ein poetisches Werk betrachten. Es ist viel zu wenig Energie, viel zu wenig Geist und Adel in seinem Schmerz. Das Beduͤrfniß, nicht die Begeisterung stieß jene Klagen aus; es athmet darinn, wenn gleich keine gemeine Seele, doch die ge- meine Stimmung eines edleren Geistes, den sein Schick- sal zu Boden druͤckte. Zwar wenn wir uns erinnern, daß es Rom, und das Rom des Augustus ist, um das er trauert, so verzeyhen wir dem Sohn der Freude seinen Schmerz; aber selbst das herrliche Rom mit allen seinen Gluͤckseligkeiten ist, wenn nicht die Einbildungkraft es erst veredelt, bloß eine endliche Groͤße, mithin ein unwuͤrdiges Objekt fuͤr die Dichtkunst, die erhaben uͤber alles, was die Wirklichkeit aufstellt, nur das Recht hat, um das Un- endliche zu trauern. Der Inhalt der dichterischen Klage kann also niemals ein aͤußrer, jederzeit nur ein innerer idealischer Gegen- stand seyn; selbst wenn sie einen Verlust in der Wirklichkeit betrauert, muß sie ihn erst zu einem idealischen umschaf- fen. In dieser Reduktion des Beschraͤnkten auf ein Un- endliches besteht eigentlich die poetische Behandlung. Der aͤussere Stoff ist daher an sich selbst immer gleichguͤltig, weil ihn die Dichtkunst niemals so brauchen kann, wie sie ihn findet, sondern nur durch das, was sie selbst daraus macht, ihm die poetische Wuͤrde giebt. Der elegische Dichter sucht die Natur aber als eine Idee und in einer Vollkom- menheit, in der sie nie existirt hat, wenn er sie gleich als etwas da gewesenes und nun verlorenes beweint. Wenn uns Ossian von den Tagen erzaͤhlt, die nicht mehr sind, und von den Helden, die verschwunden sind, so hat seine Dichtungskraft jene Bilder der Erinnerung laͤngst in Idea- le, jene Helden in Goͤtter umgestaltet. Die Erfahrungen eines bestimmten Verlustes haben sich zur Idee der allge- meinen Vergaͤnglichkeit erweitert, und der geruͤhrte Barde, den das Bild des allgegenwaͤrtigen Ruins verfolgt, schwingt sich zum Himmel auf, um dort in dem Sonnen- lauf ein Sinnbild des Unvergaͤnglichen zu finden. Man lese z. B. das trefliche Gedicht Charton betitelt. Ich wende mich sogleich zu den neuern Poeten in der elegischen Gattung. Rousseau , als Dichter, wie als Philosoph, hat keine andere Tendenz als die Natur ent- weder zu suchen, oder an der Kunst zu raͤchen. Je nach- dem sich sein Gefuͤhl entweder bey der einen oder der an- dern verweilt, finden wir ihn bald elegisch geruͤhrt, bald zu Juvenalischer Satyre begeistert, bald, wie in seiner Julie, in das Feld der Idylle entzuͤckt. Seine Dichtun- gen haben unwidersprechlich poetischen Gehalt, da sie ein Ideal behandeln, nur weiß er denselben nicht auf poetische Weise zu gebrauchen. Sein ernster Charakter laͤßt ihn zwar nie zur Frivolitaͤt herabsinken, aber erlaubt ihm auch nicht, sich bis zum poetischen Spiel zu erheben. Bald durch Leidenschaft, bald durch Abstraktion ange- spannt, bringt er es selten oder nie zu der aͤsthetischen Freyheit, welche der Dichter seinem Stoff gegenuͤber behaupten, seinem Leser mittheilen muß. Entweder es ist seine kranke Empfindlichkeit, die uͤber ihn herrschet, und seine Gefuͤhle bis zum Peinlichen treibt; oder es ist seine Denkkraft, die seiner Imagination Fesseln anlegt und durch die Strenge des Begriffs die Anmuth des Ge- maͤhldes vernichtet. Beyde Eigenschaften, deren innige Wechselwirkung und Vereinigung den Poeten eigentlich ausmacht, finden sich bey diesem Schriftsteller in unge- woͤhnlich hohem Grad, und nichts fehlt, als daß sie sich auch wirklich miteinander vereinigt aͤusserten, daß seine Selbstthaͤtigkeit sich mehr in sein Empfinden, daß seine Empfaͤnglichkeit sich mehr in sein Denken mischte. Daher ist auch in dem Ideale, das er von der Menschheit auf- stellt, auf die Schranken derselben zu viel, auf ihr Ver- moͤgen zu wenig Ruͤcksicht genommen, und uͤberall mehr ein Beduͤrfniß nach physischer Ruhe als nach moralischer Uebereinstimmung darinn sichtbar. Seine leiden- schaftliche Empfindlichkeit ist Schuld, daß er die Mensch- heit, um nur des Streits in derselben recht bald los zu werden, lieber zu der geistlosen Einfoͤrmigkeit des ersten Standes zuruͤckgefuͤhrt, als jenen Streit in der geistrei- chen Harmonie einer voͤllig durchgefuͤhrten Bildung geen- digt sehen, daß er die Kunst lieber gar nicht anfangen lassen, als ihre Vollendung erwarten will, kurz, daß er das Ziel lieber niedriger steckt, und das Ideal lieber herabsetzt, um es nur desto schneller, um es nur desto sicherer zu erreichen. Unter Deutschlands Dichtern in dieser Gattung will ich hier nur Hallers, Kleists und Klopstocks er- waͤhnen. Der Charakter ihrer Dichtung ist sentimenta- lisch; durch Ideen ruͤhren sie uns, nicht durch sinnliche Wahrheit, nicht sowohl weil sie selbst Natur sind, als weil sie uns fuͤr Natur zu begeistern wissen. Was in- dessen von dem Charakter sowohl dieser als aller sentimen- talischen Dichter im Ganzen wahr ist, schließt natuͤr- licherweise darum keineswegs das Vermoͤgen aus, im Einzelnen uns durch naive Schoͤnheit zu ruͤhren: ohne das wuͤrden sie uͤberall keine Dichter seyn. Nur ihr ei- gentlicher und herrschender Charakter ist es nicht, mit ruhigem, einfaͤltigem und leichtem Sinn zu empfangen und das Empfangene eben so wieder darzustellen. Un- willkuͤhrlich draͤngt sich die Phantasie der Anschauung, die Denkkraft der Empfindung zuvor und man verschließt Auge und Ohr, um betrachtend in sich selbst zu versinken. Das Gemuͤth kann keinen Eindruck erleiden, ohne sogleich seinem eigenen Spiel zuzusehen, und was es in sich hat, durch Reflexion sich gegenuͤber und aus sich herauszustel- len. Wir erhalten auf diese Art nie den Gegenstand, nur was der reflektierende Verstand des Dichters aus dem Ge- genstand machte, und selbst dann, wenn der Dichter selbst dieser Gegenstand ist, wenn er uns seine Empfindungen darstellen will, erfahren wir nicht seinen Zustand unmit- telbar und aus der ersten Hand, sondern wie sich derselbe in seinem Gemuͤth reflektiert, was er als Zuschauer seiner selbst daruͤber gedacht hat. Wenn Haller den Tod seiner Gattin betrauert (man kennt das schoͤne Lied) und folgen- dermaaßen anfaͤngt: Soll ich von deinem Tode singen O Mariane welch ein Lied! Wenn Seufzer mit den Worten ringen Und ein Begriff den andern flieht ꝛc. so finden wir diese Beschreibung genau wahr, aber wir fuͤhlen auch, daß uns der Dichter nicht eigentlich seine Empfindungen, sondern seine Gedanken daruͤber mittheilt. Er ruͤhrt uns deßwegen auch weit schwaͤcher, weil er selbst schon sehr viel erkaͤltet seyn mußte, um ein Zu- schauer seiner Ruͤhrung zu seyn. Schon der groͤßtentheils uͤbersinnliche Stoff der Hal- lerischen und zum Theil auch der Klopstockischen Dichtun- gen schließt sie von der naiven Gattung aus; sobald daher jener Stoff uͤberhaupt nur poetisch bearbeitet werden sollte, so mußte er, da er keine koͤrperliche Ratur anneh- men und folglich kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung werden konnte, ins Unendliche hinuͤbergefuͤhrt und zu ei- nem Gegenstand der geistigen Anschauung erhoben wer- den. Ueberhaupt laͤßt sich nur in diesem Sinne eine di- daktische Poesie ohne innern Widerspruch denken; denn, um es noch einmal zu wiederhohlen, nur diese zwey Fel- der besitzt die Dichtkunst; entweder sie muß sich in der Sinnenwelt oder sie muß sich in der Ideenwelt aufhal- ten, da sie im Reich der Begriffe oder in der Verstandes- welt schlechterdings nicht gedeihen kann. Noch, ich ge- stehe es, kenne ich kein Gedicht in dieser Gattung, weder aus aͤlterer noch neuerer Litteratur, welches den Begriff, den es bearbeitet, rein und vollstaͤndig entweder bis zur Individualitaͤt herab oder bis zur Idee hinaufgefuͤhrt haͤtte. Der gewoͤhnliche Fall ist, wenn es noch gluͤcklich geht, daß zwischen beyden abgewechselt wird, waͤhrend daß der abstrakte Begriff herrschet, und daß der Einbildungs- kraft, welche auf dem poetischen Felde zu gebieten haben soll, bloß verstattet wird, den Verstand zu bedienen. Das- jenige didaktische Gedicht, worinn der Gedanke selbst poe- tisch waͤre, und es auch bliebe, ist noch zu erwarten. Was hier im allgemeinen von allen Lehrgedichten ge- sagt wird, gilt auch von den Hallerischen insbesondere. Der Gedanke selbst ist kein dichterischer Gedanke, aber die Ausfuͤhrung wird es zuweilen, bald durch den Ge- brauch der Bilder bald durch den Aufschwung zu Ideen. Nur in der letztern Qualitaͤt gehoͤren sie hieher. Kraft und Tiefe und ein pathetischer Ernst charakterisiren diesen Dichter. Von einem Ideal ist seine Seele entzuͤndet, und sein gluͤhendes Gefuͤhl fuͤr Wahrheit sucht in den st i llen Alpenthaͤlern die aus der Welt verschwundene Un- schuld. Tiefruͤhrend ist seine Klage, mit energischer, fast bittrer Satyre zeichnet er die Verirrungen des Verstan- des und Herzens und mit Liebe die schoͤne Einfalt der Natur. Nur uͤberwiegt uͤberall zu sehr der Begriff in seinen Gemaͤhlden, so wie in ihm selbst der Verstand uͤber die Empfindung den Meister spielt. Daher lehrt er durchgaͤngig mehr als er darstellt , und stellt durchgaͤn- gig mit mehr kraͤftigen als lieblichen Zuͤgen dar. Er ist groß, kuͤhn, feurig, erhaben; zur Schoͤnheit aber hat er sich selten oder niemals erhoben. An Ideengehalt und an Tiefe des Geistes steht Kleist diesem Dichter um vieles nach; an Anmuth moͤchte er ihn uͤbertreffen, wenn wir ihm anders nicht, wie zuwei- len geschieht, einen Mangel auf der einen Seite fuͤr eine Staͤrke auf der andern anrechnen. Kleists gefuͤhlvolle Seele schwelgt am liebsten im Anblick laͤndlicher Scenen und Sitten. Er flieht gerne das leere Geraͤusch der Ge- sellschaft und findet im Schooß der leblosen Natur die Harmonie und den Frieden, den er in der moralischen Welt vermißt. Wie ruͤhrend ist seine Sehnsucht nach Ruhe! Man sehe das Gedicht dieses Nahmens in seinen Werken. Wie wahr und gefuͤhlt, wenn er singt: „O Welt du bist des wahren Lebens Grab. Oft reitzet mich ein heisser Trieb zur Tugend, Fuͤr Wehmuth rollt ein Bach die Wang’ herab, Das Beyspiel siegt und du o Feur der Jugend. Ihr trocknet bald die edeln Thraͤnen ein. Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn.“ Aber hat ihn sein Dichtungstrieb aus dem einengenden Kreis der Verhaͤltnisse heraus in die geistreiche Einsam- keit der Natur gefuͤhrt, so verfolgt ihn auch noch biß hieher das aͤngstliche Bild des Zeitalters und leider auch seine Fesseln. Was er fliehet, ist in ihm, was er suchet, ist ewig ausser ihm; nie kann er den uͤblen Einfluß seines Jahrhunderts verwinden. Ist sein Herz gleich feurig, seine Phantasie gleich energisch genug, die todten Gebilde des Verstandes durch die Darstellung zu beseelen, so ent- seelt der kalte Gedanke eben so oft wieder die lebendige Schoͤpfung der Dichtungskraft, und die Reflexion stoͤrt das geheime Werk der Empfindung. Bunt zwar und prangend wie der Fruͤhling, den er besang, ist seine Dich- tung, seine Phantasie ist rege und thaͤtig, doch moͤchte man sie eher veraͤnderlich als reich, eher spielend als schaffend, eher unruhig fortschreitend als sammelnd und bildend nennen. Schnell und uͤppig wechseln Zuͤge auf Zuͤge, aber ohne sich zum Individuum zu concentrieren, ohne sich zum Leben zu fuͤllen und zur Gestalt zu runden. Solange er bloß lyrisch dichtet und bloß bey landschaft- lichen Gemaͤhlden verweilt, laͤßt uns theils die groͤßere Freyheit der lyrischen Form, theils die willkuͤhrlichere Beschaffenheit seines Stoffs diesen Mangel uͤbersehen, indem wir hier uͤberhaupt mehr die Gefuͤhle des Dich- ters als den Gegenstand selbst dargestellt verlangen. Aber der Fehler wird nur allzu merklich, wenn er sich, wie in seinem Cissides und Paches , und in seinem Se- neka , heraus nimmt, Menschen und menschliche Hand- lung darzustellen; weil hier die Einbildungskraft sich zwischen festen und nothwendigen Grenzen eingeschlossen sieht, und der poetische Effekt nur aus dem Gegenstand hervorgehen kann. Hier wird er duͤrftig, langweilig, mager und bis zum Unertraglichen frostig: ein warnen- des Beyspiel fuͤr alle, die ohne innern Beruf aus dem Felde musikalischer Poesie in das Gebiet der bildenden sich versteigen. Einem verwandten Genie, dem Thom- son , ist die nehmliche Menschlichkeit begegnet. In der sentimentalischen Gattung und besonders in dem elegischen Theil derselben moͤchten wenige aus den neuern und noch wenigere aus den aͤltern Dichtern mit unserm Klopstock zu vergleichen seyn. Was nur im- mer, außerhalb den Grenzen lebendiger Form und außer dem Gebiete der Individualitaͤt, im Felde der Idealitaͤt zu erreichen ist, ist von diesem musikalischen Dichter ge- leistet. Ich sage musikalischen , um hier an die doppelte Ver- Zwar wuͤrde man ihm großes Unrecht thun, wenn man ihm jene individuelle Wahrheit und Lebendig- keit, womit der naive Dichter seinen Gegenstand schil- dert, uͤberhaupt absprechen wollte. Viele seiner Oden, mehrere einzelne Zuͤge in seinen Dramen und in seinem Messias stellen den Gegenstand mit treffender Wahrheit und in schoͤner Umgrenzung dar; da besonders, wo der Gegenstand sein eigenes Herz ist, hat er nicht selten eine große Natur, eine reitzende Naivetaͤt bewiesen. Nur liegt hierinn seine Staͤrke nicht, nur moͤchte sich diese Eigenschaft nicht durch das Ganze seines dichterischen Kreises durchfuͤhren lassen. So eine herrliche Schoͤpfung die Messiade in musikalisch poetischer Ruͤcksicht, nach der oben gegebenen Bestimmung, ist, so vieles laͤßt sie in plastisch poetischer noch zu wuͤnschen uͤbrig, wo man bestimmte und fuͤr die Anschauung bestimmte Formen erwartet. Bestimmt genug moͤchten vielleicht wandtschaft der Poesie mit der Tonkunst und mit der bil- denden Kunst zu erinnern. Je nachdem nehmlich die Poesie entweder einen bestimmten Gegenstand nachahmt, wie die bildenden Kuͤnste thun, oder je nachdem sie, wie die Ton- kunst, bloß einen bestimmten Zustand des Gemuͤths hervorbringt, ohne dazu eines bestimmten Gegenstandes noͤ- thig zu haben, kann sie bildend ( plastisch ) oder musika- lisch genannt werden. Der letztere Ausdruck bezieht sich also nicht bloß auf dasjenige, was in der Poesie, wirklich und der Materie nach, Musik ist, sondern uͤberhaupt auf alle diejenigen Effekte derselben, die sie hervorzubringen ver- mag, ohne die Einbildungskraft durch ein bestimmtes Objekt zu beschraͤnken; und in diesem Sinne nenne ich Klopstock vorzugsweise einen musikalischen Dichter. noch die Figuren in diesem Gedichte seyn, aber nicht fuͤr die Anschauung; nur die Abstraktion hat sie erschaffen, nur die Abstraktion kann sie unterscheiden. Sie sind gute Exempel zu Begriffen, aber keine Individuen, keine le- bende Gestalten. Der Einbildungskraft, an die doch der Dichter sich wenden, und die er durch die durch- gaͤngige Bestimmtheit seiner Formen beherrschen soll, ist es viel zu sehr frey gestellt, auf was Art sie sich diese Menschen und Engel, diese Goͤtter und Satane, diesen Himmel und diese Hoͤlle versinnlichen will. Es ist ein Umriß gegeben, innerhalb dessen der Verstand sie noth- wendig denken muß, aber keine feste Grenze ist gesetzt, innerhalb deren die Phantasie sie nothwendig darstellen muͤßte. Was ich hier von den Charakteren sage, gilt von allem, was in diesem Gedichte Leben und Handlung ist oder seyn soll; und nicht bloß in dieser Epopee, auch in den dramatischen Poesien unsers Dichters. Fuͤr den Ver- stand ist alles treflich bestimmt und begrenzet (ich will hier nur an seinen Judas, seinen Pilatus, seinen Philo, seinen Salomo, im Trauerspiel dieses Nahmens erinnern) aber es ist viel zu formlos fuͤr die Einbildungskraft und hier, ich gestehe es frey heraus, finde ich diesen Dichter ganz und gar nicht in seiner Sphaͤre. Seine Sphaͤre ist immer das Ideenreich, und ins Un- endliche weiß er alles, was er bearbeitet, hinuͤber zu fuͤhren. Man moͤchte sagen, er ziehe allem, was er be- handelt, den Koͤrper aus, um es zu Geist zu machen, so wie andre Dichter alles geistige mit einem Koͤrper be- kleiden. Beynahe jeder Genuß, den seine Dichtungen gewaͤhren, muß durch eine Uebung der Denkkraft errun- gen werden; alle Gefuͤhle, die er, und zwar so innig und so maͤchtig in uns zu erregen weiß, stroͤmen aus uͤbersinn- lichen Quellen hervor. Daher dieser Ernst, diese Kraft, dieser Schwung, diese Tiefe, die alles charakterisieren, was von ihm kommt; daher auch diese immerwaͤhrende Spannung des Gemuͤths, in der wir bey Lesung desselben erhalten werden. Kein Dichter ( Young etwa ausge- nommen, der darinn mehr fodert als Er, aber ohne es, wie er thut, zu verguͤten) duͤrfte sich weniger zum Lieb- ling und zum Begleiter durchs Leben schicken, als gerade Klopstock, der uns immer nur aus dem Leben heraus- fuͤhrt, immer nur den Geist unter die Waffen ruft, ohne den Sinn mit der ruhigen Gegenwart eines Objekts zu erquicken. Keusch, uͤberirrdisch, unkoͤrperlich, heilig wie seine Religion ist seine dichterische Muse, und man muß mit Bewunderung gestehen, daß er, wiewohl zuwei- len in diesen Hoͤhen verirret, doch niemals davon herab- gesunken ist. Ich bekenne daher unverhohlen, daß mir fuͤr den Kopf desjenigen etwas bange ist, der wirklich und ohne Affektation diesen Dichter zu seinem Lieblings- buche machen kann; zu einem Buche nehmlich, bey dem man zu jeder Lage sich stimmen, zu dem man aus jeder Lage zuruͤckkehren kann; auch, daͤchte ich, haͤtte man in Deutschland Fruͤchte genug von seiner gefaͤhrlichen Herr- schaft gesehen. Nur in gewissen exaltierten Stimmungen des Gemuͤths kann er gesucht und empfunden werden; deswegen ist er auch der Abgott der Jugend, obgleich bey weitem nicht ihre gluͤcklichste Wahl. Die Jugend, die immer uͤber das Leben hinausstrebt, die alle Form fliehet, und jede Grenze zu enge findet, ergeht sich mit Liebe und Lust in den endlosen Raͤumen, die ihr von diesem Dich- ter aufgethan werden. Wenn dann der Juͤngling Mann wird, und aus dem Reiche der Ideen in die Grenzen der Die Horen. 1795. 12tes St. 3 Erfahrung zuruͤckkehrt, so verliert sich vieles, sehr vieles von jener enthusiastischen Liebe, aber nichts von der Ach- tung, die man einer so einzigen Erscheinung, einem so außerordentlichen Genius, einem so sehr veredelten Ge- fuͤhl, die der Deutsche besonders einem so hohen Ver- dienste schuldig ist. Ich nannte diesen Dichter vorzugsweise in der elegi- schen Gattung groß, und kaum wird es noͤthig seyn, die- ses Urtheil noch besonders zu rechtfertigen. Faͤhig zu je- der Energie und Meister auf dem ganzen Felde sentimen- talischer Dichtung kann er uns bald durch das hoͤchste Pathos erschuͤttern, bald in himmlisch suͤsse Empfindun- gen wiegen; aber zu einer hohen geistreichen Wehmuth neigt sich doch uͤberwiegend sein Herz, und wie erhaben auch seine Harfe, seine Lyra toͤnt, so werden die schmel- zenden Toͤne seiner Laute doch immer wahrer und tiefer und beweglicher klingen. Ich berufe mich auf jedes rein gestimmte Gefuͤhl, ob es nicht alles Kuͤhne und Starke, alle Fictionen, alle prachtvollen Beschreibungen, alle Muster oratorischer Beredtsamkeit im Messias, alle schim- mernden Gleichnisse, worinn unser Dichter so vorzuͤglich gluͤcklich ist, fuͤr die zarten Empfindungen hingeben wuͤrde, welche in der Elegie an Ebert, in dem herrlichen Gedicht Bardale, den fruͤhen Graͤbern, der Sommernacht, dem Zuͤrcher See und mehrere andere aus dieser Gattung athmen. So ist mir die Messiade als ein Schatz elegischer Gefuͤhle und idealischer Schilderungen theuer, wie wenig sie mich auch als Darstellung einer Handlung und als ein episches Werk befriedigt. Vielleicht sollte ich, ehe ich dieses Gebiet verlasse, auch noch an die Verdienste eines Uz, Denis, Geßner (in seinem Tod Abels) Jacobi , von Gerstenberg , eines Hoͤlty , von Goͤckingk , und mehrerer andern in dieser Gattung erinnern, welche alle uns durch Ideen ruͤhren, und, in der oben festgesetzten Bedeutung des Worts, sentimentalisch gedichtet haben. Aber mein Zweck ist nicht, eine Geschichte der deutschen Dichtkunst zu schrei- ben, sondern das oben gesagte durch einige Beyspiele aus unsrer Litteratur klar zu machen. Die Verschieden- heit des Weges wollte ich zeigen, auf welchem alte und moderne, naive und sentimentalische Dichter zu dem nehm- lichen Ziele gehen — daß, wenn uns jene durch Natur, Individualitaͤt und lebendige Sinnlichkeit ruͤhren, diese durch Ideen und hohe Geistigkeit eine eben so große, wenn gleich keine so ausgebreitete, Macht uͤber unser Gemuͤth beweisen. An den bisherigen Beyspielen hat man gesehen, wie der sentimentalische Dichtergeist einen natuͤrlichen Stoff behandelt; man koͤnnte aber auch interessiert seyn zu wis- sen, wie der naive Dichtergeist mit einem sentimentalischen Stoff verfaͤhrt. Voͤllig neu und von einer ganz eigenen Schwierigkeit scheint diese Aufgabe zu seyn, da in der alten und naiven Welt ein solcher Stoff sich nicht vor- fand, in der neuen aber der Dichter dazu fehlen moͤchte. Dennoch hat sich das Genie auch diese Aufgabe gemacht, und auf eine bewundernswuͤrdig gluͤckliche Weise aufge- loͤßt. Ein Charakter, der mit gluͤhender Empfindung ein Ideal umfaßt, und die Wirklichkeit fliehet, um nach ei- nem wesenlosen Unendlichen zu ringen, der was er in sich selbst unaufhoͤrlich zerstoͤrt, unaufhoͤrlich ausser sich su- chet, dem nur seine Traͤume das Reelle, seine Erfahrun- gen ewig nur Schranken sind, der endlich in seinem eige- nen Daseyn nur eine Schranke sieht, und auch diese, wie billig ist, noch einreißt, um zu der wahren Realitaͤt durch- zudringen — dieses gefaͤhrliche Extrem des sentimentali- schen Charakters ist der Stoff eines Dichters geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner als in irgend einem andern wirkt, und der sich unter modernen Dich- tern vielleicht am wenigsten von der sinnlichen Wahrheit der Dinge entfernt. Es ist interessant zu sehen, mit welchem gluͤcklichen Instinkt alles was dem sentimentalischen Charakter Nah- rung giebt, im Werther zusammengedraͤngt ist; schwaͤr- merische ungluͤckliche Liebe, Empfindsamkeit fuͤr Natur, Religionsgefuͤhle, philosophischer Contemplationsgeist, endlich, um nichts zu vergessen, die duͤstre, gestaltlose, schwermuͤthige Ossianische Welt. Rechnet man dazu, wie wenig empfehlend, ja wie feindlich die Wirklichkeit da- gegen gestellt ist, und wie von aussen her alles sich ver- einigt, den Gequaͤlten in seine Idealwelt zuruͤckzudraͤngen, so sieht man keine Moͤglichkeit, wie ein solcher Charakter aus einem solchen Kreise sich haͤtte retten koͤnnen. In dem Tasso des nehmlichen Dichters kehrt der nehmliche Gegensatz, wiewohl in ganz verschiedenen Charakteren; selbst in seinem neuesten Roman stellt sich, so wie in jenem ersten, der poetisierende Geist dem nuͤchternen Ge- meinsinn, das Ideale dem Wirklichen, die subjektive Vor- stellungsweise der objektiven — — aber mit welcher Ver- schiedenheit! entgegen: sogar im Faust treffen wir den nehmlichen Gegensatz, freylich wie auch der Stoff dieß erfoderte, auf beyden Seiten sehr vergroͤbert und mate- rialisiert wieder an; es verlohnte wohl der Muͤhe, eine psychologische Entwicklung dieses auf vier so verschiedene Arten specificierten Charakters zu versuchen. Es ist oben bemerkt worden, daß die bloß leichte und joviale Gemuͤthsart, wenn ihr nicht eine innere Ideen- fuͤlle zum Grund liegt, noch gar keinen Beruf zur scherz- haften Satyre abgebe, so freygebig sie auch im gewoͤhn- lichen Urtheil dafuͤr genommen wird; eben so wenig Be- ruf giebt die bloß zaͤrtliche Weichmuͤthigkeit und Schwer- muth zur elegischen Dichtung. Beyden fehlt zu dem wahren Dichtertalente das energische Princip, welches den Stoff beleben muß, um das wahrhaft schoͤne zu erzeugen. Pro- dukte dieser zaͤrtlichen Gattung koͤnnen uns daher bloß schmelzen und ohne das Herz zu erquicken und den Geist zu beschaͤftigen, bloß der Sinnlichkeit schmeicheln. Ein fortgesetzter Hang zu dieser Empfindungsweise muß zuletzt nothwendig den Charakter entnerven und in einen Zustand der Paßivitaͤt versenken, aus welchem gar keine Realitaͤt, weder fuͤr das aͤußre noch innre Leben, hervorgehen kann. Man hat daher sehr Recht gethan, jenes Uebel der Em- pfindeley „Der Hang, wie Herr Adelung sie definiert, zu ruͤbrenden sanften Empfindungen, ohne vernuͤnftige Absicht und uͤber das gehoͤrige Maaß“ — Herr Adelung ist sehr gluͤcklich, daß er nur aus Absicht und gar nur aus ver- nuͤnftiger Absicht empfindet. und weinerliche Wesen , welches durch Mißdeutung und Nachaͤffung einiger vortreflichen Werke, vor etwa achtzehn Jahren, in Deutschland uͤberhand zu nehmen anfieng, mit unerbittlichem Spott zu verfolgen; obgleich die Nachgiebigkeit, die man gegen das nicht viel beßere Gegenstuͤck jener elegischen Karrikatur, gegen das spaßhafte Wesen, gegen die herzlose Satyre, und die geistlose Laune Man soll zwar gewissen Lesern ihr duͤrftiges Vergnuͤgen nicht verkuͤmmern, und was geht es zuletzt die Critik an, wenn es Leute giebt, die sich an dem schmutzigen Witz des Herrn Blumauer erbauen und erlustigen koͤnnen. Aber die Kunstrichter wenigstens sollten sich enthalten, mit einer gewissen Achtung von Produkten zu sprechen, deren Existenz dem guten Geschmack billig ein Geheim- niß bleiben sollte. Zwar ist weder wahres Talent noch Laune darinn zu verkennen, aber desto mehr ist zu beklagen, daß beydes nicht mehr gereiniget ist. Ich sage nichts von unsern deutschen Comoͤdien; die Dichter mahlen die Zeit, in der sie leben. zu beweisen geneigt ist, deutlich ge- nug an den Tag legt, daß nicht aus ganz reinen Gruͤn- den dagegen geeifert worden ist. Auf der Wage des aͤchten Geschmacks kann das eine so wenig als das andere etwas gelten, weil beyden der aesthetische Gehalt fehlt, der nur in der innigen Verbindung des Geistes mit dem Stoff und in der vereinigten Beziehung eines Produktes auf das Gefuͤhlvermoͤgen und auf das Ideenvermoͤgen enthalten ist. Ueber Siegwart und seine Klostergeschichte hat man gespottet, und die Reisen nach dem mittaͤglichen Frankreich werden bewundert; dennoch haben beyde Produkte gleich großen Anspruch auf einen gewissen Grad von Schaͤtzung, und gleich geringen auf ein unbedingtes Lob. Wahre, obgleich uͤberspannte Empfindung macht den erstern Roman, ein leichter Humor und ein aufgeweckter feiner Verstand macht den zweyten schaͤtzbar; aber so wie es dem einen durchaus an der gehoͤrigen Nuͤchternheit des Verstandes fehlt, so fehlt es dem andern an aesthetischer Wuͤrde. Der erste wird der Erfahrung gegenuͤber ein we- nig laͤcherlich, der andere wird dem Ideale gegenuͤber beynahe veraͤchtlich. Da nun das wahrhafte Schoͤne ei- nerseits mit der Natur und andrerseits mit dem Ideale uͤbereinstimmend seyn muß, so kann der eine so wenig als der andre auf den Nahmen eines schoͤnen Werks Anspruch machen. Indessen ist es natuͤrlich und billig, und ich weiß es aus eigner Erfahrung, daß der Thuͤmmelische Roman mit großem Vergnuͤgen gelesen wird. Da er nur solche Foderungen beleidigt, die aus dem Ideal entsprin- gen, die folglich von dem groͤßten Theil der Leser gar nicht, und von den beßern gerade nicht in solchen Mo- menten, wo man Romanen ließt, aufgeworfen werden, die uͤbrigen Foderungen des Geistes und — des Koͤrpers hingegen in nicht gemeinem Grade erfuͤllt, so muß er und wird mit Recht ein Lieblingsbuch unserer und aller der Zeiten bleiben, wo man aesthetische Werke bloß schreibt, um zu gefallen, und bloß ließt, um sich ein Vergnuͤgen zu machen. Aber hat die poetische Litteratur nicht sogar klassische Werke aufzuweisen, welche die hohe Reinheit des Ideals auf aͤhnliche Weise zu beleidigen, und sich durch die Ma- terialitaͤt ihres Inhalts von jener Geistigkeit, die hier von jedem aesthetischen Kunstwerk verlangt wird, sehr weit zu entfernen scheinen? Was selbst der Dichter, der keusche Juͤnger der Muse, sich erlauben darf, sollte das dem Romanschreiber, der nur sein Halbbruder ist und die Erde noch so sehr beruͤhrt, nicht gestattet seyn? Ich darf dieser Frage hier um so weniger ausweichen, da sowohl im elegischen als im satyrischen Fache Meisterstuͤcke vorhanden sind, welche eine ganz andre Natur, als diejenige ist, von der dieser Aufsatz spricht, zu suchen, zu empfehlen, und dieselbe nicht sowohl gegen die schlechten als gegen die guten Sitten zu vertheidigen das Ansehen haben. Ent- weder muͤßten also jene Dichterwerke zu verwerfen oder der hier aufgestellte Begriff elegischer Dichtung viel zu willkuͤhrlich angenommen seyn. Was der Dichter sich erlauben darf, hieß es, sollte dem prosaischen Erzaͤhler nicht nachgesehen werden duͤrfen? Die Antwort ist in der Frage schon enthalten: was dem Dichter verstattet ist, kann fuͤr den, der es nicht ist, nichts beweisen. In dem Begriffe des Dichters selbst und nur in diesem ligt der Grund jener Freyheit, die eine bloß veraͤchtliche Licenz ist, sobald sie nicht aus dem Hoͤch- sten und Edelsten, was ihn ausmacht, kann abgeleitet werden. Die Gesetze des Anstandes sind der unschuldigen Na- tur fremd; nur die Erfahrung der Verderbniß hat ihnen den Ursprung gegeben. Sobald aber jene Erfahrung ein- mal gemacht worden, und aus den Sitten die natuͤrliche Unschuld verschwunden ist, so sind es heilige Gesetze, die ein sittliches Gefuͤhl nicht verletzen darf. Sie gelten in einer kuͤnstlichen Welt mit demselben Rechte, als die Gesetze der Natur in der Unschuldwelt regieren. Aber eben das macht ja den Dichter aus, daß er alles in sich aufhebt, was an eine kuͤnstliche Welt erinnert, daß er die Natur in ihrer urspruͤnglichen Einfalt wieder in sich herzustellen weiß. Hat er aber dieses gethan, so ist er auch eben dadurch von allen Gesetzen losgesprochen, durch die ein verfuͤhrtes Herz sich gegen sich selbst sicher stellt. Er ist rein, er ist unschuldig und was der unschuldigen Natur erlaubt ist, ist es auch ihm; bist du, der du ihn liesest oder hoͤrst, nicht mehr schuldlos, und kannst du es nicht einmal mo- mentweise durch seine reinigende Gegenwart werden, so ist es dein Ungluͤck und nicht das seine; du verlaͤssest ihn, er hat fuͤr dich nicht gesungen. Es laͤßt sich also, in Absicht auf Freyheiten dieser Art folgendes festsetzen. Fuͤrs erste: nur die Natur kann sie rechtfertigen. Sie duͤrfen mithin nicht das Werk der Wahl und einer absicht- lichen Nachahmung seyn, denn dem Willen, der immer nach moralischen Gesetzen gerichtet wird, koͤnnen wir ei- ne Beguͤnstigung der Sinnlichkeit niemals vergeben. Sie muͤssen also Naivetaͤt seyn. Um uns aber uͤberzeugen zu koͤnnen, daß sie dieses wirklich sind, muͤssen wir sie von allem uͤbrigen, was gleichfalls in der Natur gegruͤndet ist, unterstuͤtzt und begleitet sehen, weil die Natur nur an der strengen Consequenz, Einheit und Gleichfoͤrmigkeit ihrer Wirkungen zu erkennen ist. Nur einem Herzen, welches alle Kuͤnsteley uͤberhaupt, und mithin auch da, wo sie nuͤtzt, verabscheut, erlauben wir, sich da, wo sie druͤckt und einschraͤnkt, davon loszusprechen; nur einem Herzen, welches sich allen Feßeln der Natur unterwirft, erlauben wir, von den Freyheiten derselben Gebrauch zu machen. Alle uͤbrigen Empfindungen eines solchen Menschen muͤs- fen folglich das Gepraͤge der Natuͤrlichkeit an sich tragen; er muß wahr, einfach, frey, offen, gefuͤhlvoll, gerade seyn; alle Verstellung, alle List, alle Willkuͤhr, alle klein- liche Selbstsucht muß aus seinem Charakter, alle Spu- ren davon aus seinem Werke verbannt seyn. Fuͤrs zweyte: nur die schoͤne Natur kann derglei- chen Freyheiten rechtfertigen. Sie duͤrfen mithin kein ein- seitiger Ausbruch der Begierde seyn, denn alles, was aus bloßer Beduͤrftigkeit entspringt, ist veraͤchtlich. Aus dem Ganzen und aus der Fuͤlle menschlicher Natur muͤssen auch diese sinnlichen Energien hervorgehen. Sie muͤssen Hu- manitaͤt seyn. Um aber beurtheilen zu koͤnnen, daß das Ganze menschlicher Natur, und nicht bloß ein ein- seitiges und gemeines Beduͤrfniß der Sinnlichkeit sie fo- dert, muͤssen wir das Ganze, von dem sie einen einzelnen Zug ausmachen, dargestellt sehen. An sich selbst ist die sinnliche Empfindungsweise etwas unschuldiges und gleich- guͤltiges. Sie mißfaͤllt uns nur darum an einem Men- schen, weil sie thierisch ist, und von einem Mangel wah- rer vollkommener Menschheit in ihm zeuget: sie beleidigt uns nur darum an einem Dichterwerk, weil ein solches Werk Anspruch macht, uns zu gefallen, mithin auch uns eines solchen Mangels faͤhig haͤlt. Sehen wir aber in dem Menschen, der sich dabey uͤberraschen laͤßt, die Mensch- heit in ihrem ganzen uͤbrigen Umfange wirken; finden wir in dem Werke, worinn man sich Freyheiten dieser Art genommen, alle Realitaͤten der Menschheit ausgedruͤckt, so ist jener Grund unsers Mißfallens weggeraͤumt, und wir koͤnnen uns mit unvergaͤllter Freude an dem naiven Ausdruck wahrer und schoͤner Natur ergoͤtzen. Derselbe Dichter also, der sich erlauben darf, uns zu Theilneh- mern so niedrig menschlicher Gefuͤhle zu machen, muß uns auf der andern Seite wieder zu allem, was groß und schoͤn und erhaben menschlich ist, empor zu tragen wissen. Und so haͤtten wir denn den Maaßstab gefunden, dem wir jeden Dichter, der sich etwas gegen den Anstand her- ausnimmt, und seine Freyheit in Darstellung der Natur biß zu dieser Grenze treibt mit Sicherheit unterwerfen koͤnnen. Sein Produkt ist gemein, niedrig, ohne alle Ausnahme verwerflich, sobald es kalt und sobald es leer ist, weil dieses einen Ursprung aus Absicht und aus einem gemeinen Beduͤrfniß und einen heillosen Anschlag auf un- sre Begierden beweißt. Es ist hingegen schoͤn, edel, und ohne Ruͤcksicht auf alle Einwendungen einer frostigen De- cenz Beyfallswuͤrdig, sobald es naiv ist, und Geist mit Herz verbindet. Mit Herz denn die bloß sinnliche Glut des Gemaͤhldes und die uͤppige Fuͤlle der Einbildungskraft machen es noch lange nicht aus. Daher bleibt Ardinghello bey aller sinnlichen Energie und allem Feuer des Kolorits immer nur eine sinn- liche Karrikatur, ohne Wahrheit und ohne aͤsthetische Wuͤr- de. Doch wird diese seltsame Produktion immer als ein Beyspiel des beynahe poetischen Schwungs, den die bloße Begier zu nehmen faͤhig war, merkwuͤrdig bleiben. Wenn man mir sagt, daß unter dem hier gegebenen Maaßstab die meisten franzoͤsischen Erzaͤhlungen in dieser Gattung, und die gluͤcklichsten Nachahmungen derselben in Deutschland nicht zum besten bestehen moͤchten — daß dieses zum Theil auch der Fall mit manchen Produkten unsers anmuthigsten und geistreichsten Dichters seyn duͤrf- te, seine Meisterstuͤcke sogar nicht ausgenommen, so habe ich nichts darauf zu antworten. Der Ausspruch selbst ist nichts weniger als neu, und ich gebe hier nur die Gruͤn- de von einem Urtheil an, welches laͤngst schon von jedem feineren Gefuͤhle uͤber diese Gegenstaͤnde gefaͤllt worden ist. Eben diese Principien aber, welche in Ruͤcksicht auf jene Schriften vielleicht allzu rigoristisch scheinen, moͤchten in Ruͤcksicht auf einige andere Werke vielleicht zu liberal be- funden werden; denn ich laͤugne nicht, daß die nehmli- chen Gruͤnde, aus welchen ich die verfuͤhrerischen Ge- maͤhlde des roͤmischen und deutschen Ovid , so wie eines Crebillon, Voltaire, Marmontels (der sich einen moralischen Erzaͤhler nennt) Laclos und vieler andern, einer Entschuldigung durchaus fuͤr unfaͤ- hig halte, mich mit den Elegien des roͤmischen und deutschen Properz , ja selbst mit manchem verschrie- nen Produkt des Diderot versoͤhnen; denn jene sind nur witzig, nur prosaisch, nur luͤstern, diese sind poetisch, menschlich und naiv. Wenn ich den unsterblichen Verfasser des Agathon, Obe- ron ꝛc. in dieser Gesellschaft nenne, so muß ich ausdruͤcklich erklaͤren, daß ich ihn keineswegs mit derselben verwechselt haben will. Seine Schilderungen, auch die bedenklichsten von dieser Seite, haben keine materielle Tendenz (wie sich ein neuerer etwas unbesonnener Critiker vor kurzem zu sagen erlaubte) der Verfasser von Liebe um Liebe und von so vie- len andern naiven und genialischen Werken, in welchen al- len sich eine schoͤne und edle Seele mit unverkennbaren Zuͤ- gen abbildet, kann eine solche Tendenz gar nicht haben. Aber er scheint mir von dem ganz eigenen Ungluͤck verfolgt zu Idylle . Es bleiben mir noch einige Worte uͤber diese dritte Species sentimentalischer Dichtung zu sagen uͤbrig, we- nige Worte nur, denn eine ausfuͤhrlichere Entwicklung derselben, deren sie vorzuͤglich bedarf, bleibt einer andern Zeit vorbehalten. Nochmals muß ich erinnern, daß die Satyre, Elegie und Idylle, so wie sie hier als die drey einzig moͤglichen Arten sentimentalischer Poesie aufgestellt werden, mit den drey be- sondern Gedichtarten, welche man unter diesem Nahmen kennt, nichts gemein haben, als die Empfindungswei- seyn, daß dergleichen Schilderungen durch den Plan seiner Dichtungen nothwendig gemacht werden. Der kalte Ver- stand, der den Plan entwarf, foderte sie ihm ab, und sein Gefuͤhl scheint mir so weit entfernt, sie mit Vorliebe zu be- guͤnstigen, daß ich — in der Ausfuͤhrung selbst immer noch den kalten Verstand zu erkennen glaube. Und gerade diese Kaͤlte in der Darstellung ist ihnen in der Beurtheilung schaͤd- lich, weil nur die naive Empfindung dergleichen Schilde- rungen aͤsthetisch sowohl als moralisch rechtfertigen kann. Ob es aber dem Dichter erlaubt ist, sich bey Entwerfung des Plans einer solchen Gefahr in der Ausfuͤhrung auszuse- tzen, und ob uͤberhaupt ein Plan poetisch heißen kann, der, ich will dieses einmal zugeben, nicht kann ausgefuͤhrt wer- den, ohne die keusche Empfindung des Dichters sowohl als seines Lesers zu empoͤren, und ohne beyde bey Gegenstaͤnden verweilen zu machen, von denen ein veredeltes Gefuͤhl sich so gern entfernt — dieß ist es, was ich bezweisie und woruͤ- ber ich gern ein verstaͤndiges Urtheil hoͤren moͤchte. Die poetische Darstellung unschuldiger und gluͤcklicher Menschheit ist der allgemeine Begriff dieser Dichtungsart. se , welche sowohl jenen als diesen eigen ist. Daß es aber, ausserhalb den Grenzen naiver Dichtung, nur diese dreyfache Empfindungsweise und Dichtungsweise geben koͤnne, folglich das Feld sentimentalischer Poesie durch diese Eintheilung voll- staͤndig ausgemessen sey, laͤßt sich aus dem Begriff der letz- tern leichtlich deducieren. Die sentimentalische Dichtung nehmlich unterscheidet sich dadurch von der naiven, daß sie den wirklichen Zustand, bey dem die letztere stehen bleibt auf Ideen bezieht, und Ideen auf die Wirklichkeit anwendet. Sie hat es daher immer, wie auch schon oben bemerkt worden ist; mit zwey streitenden Objek- ten, mit dem Ideale nehmlich und mit der Erfahrung, zu- gleich zu thun, zwischen welchen sich weder mehr noch weni- ger als gerade die drey folgenden Verhaͤltnisse denken lassen. Entweder ist es der Widerspruch des wirklichen Zustandes oder es ist die Uebereinstimmung desseiben mit dem Ideal, welche vorzugsweise das Gemuͤth beschaͤftigt; oder dieses ist zwischen beyden getheilt. In dem ersten Falle wird es durch die Kraft des innern Streits, durch die ener- gische Bewegung , in dem andern wird es durch die Harmonie des innern Lebens, durch die energische Ru- he befriedigt; in dem dritten wechselt Streit mit Har- monie, wechselt Ruhe mit Bewegung. Dieser dreyfache Em- pfindungszustand giebt drey verschiedenen Dichtungsarten die Entstehung, denen die gebrauchten Benennungen Satyre, Idylle, Elegie vollkommen entsprechend sind, sobald man sich nur an die Stimmung erinnert, in welche die, un- ter diesem Nahmen vorkommenden Gedichtarten das Gemuͤth versetzen, und von den Mitteln abstrahiert, wodurch sie die- selbe bewirken. Wer daher hier noch fragen koͤnnte, zu welcher von den drey Gattungen ich die Epopee, den Roman, das Trauer- spiel u. a. m. zaͤhle, der wuͤrde mich ganz und gar nicht ver- standen haben. Denn der Begriff dieser letztern, als einzel- ner Gedichtarten , wird entweder gar nicht oder doch nicht allein durch die Empfindungsweise bestimmt; vielmehr weiß man, daß solche in mehr als einer Empfindungsweise, folglich auch in mehrern der von mir aufgestellten Dichtungs- arten koͤnnen ausgefuͤhrt werden. Schließlich bemerke ich hier noch, daß, wenn man die sentimalische Poesie, wie billig, fuͤr eine aͤchte Art (nicht bloß fuͤr eine Abart) und fuͤr eine Erweiterung der wahren Dichtkunst zu halten geneigt ist, in der Bestimmung der poe- tischen Arten so wie uͤberhaupt in der ganzen poetischen Ge- setzgebung, welche noch immer einseitig auf die Observanz der alten und naiven Dichter gegruͤndet wird, auch auf sie Weil diese Unschuld und dieses Gluͤck mit den kuͤnstlichen Verhaͤltnissen der groͤßern Societaͤt und mit einem gewis- sen Grad von Ausbildung und Verfeinerung unvertraͤglich schienen, so haben die Dichter den Schauplatz der Idylle aus dem Gedraͤnge des buͤrgerlichen Lebens heraus in den einfachen Hirtenstand verlegt, und derselben ihre Stelle vor dem Anfange der Kultur in dem kindlichen Al- ter der Menschheit angewiesen. Man begreift aber wohl, daß diese Bestimmungen bloß zufaͤllig sind, daß sie nicht als der Zweck der Idylle, bloß als das natuͤrlichste Mit- tel zu demselben in Betrachtung kommen. Der Zweck selbst ist uͤberall nur der, den Menschen im Stand der Unschuld, d. h. in einem Zustand der Harmonie und des Friedens mit sich selbst und von aussen darzustellen. Aber ein solcher Zustand findet nicht bloß vor dem Anfange der Kultur statt, sondern er ist es auch, den die Kultur, wenn sie uͤberal nur eine bestimmte Tendenz ha- ben soll, als ihr letztes Ziel beabsichtet. Die Idee dieses Zustandes allein und der Glaube an die moͤgliche Realitaͤt derselben kann den Menschen mit allen den Uebeln versoͤh- nen, denen er auf dem Wege der Kultur unterworfen ist, und waͤre sie bloß Schimaͤre, so wuͤrden die Klagen derer, einige Ruͤcksicht muß genommen werden. Der sentimentali- sche Dichter geht in zu wesentlichen Stuͤcken von dem naiven ab, als daß ihm die Formen, welche dieser eingefuͤhrt, uͤber- al ungezwungen anpassen koͤnnten. Freilich ist es hier schwer, die Ausnahmen, welche die Verschiedenheit der Art erfodert, von den Ausfluͤchten, welche das Unvermoͤgen sich erlaubt, immer richtig zu unterscheiden, aber soviel lehrt doch die Er- fahrung, daß unter den Haͤnden sentimentalischer Dichter (auch der vorzuͤglichsten) keine einzige Gedichtart ganz das geblieben ist, was sie bey den Alten gewesen, und daß unter den alten Nahmen oͤfters sehr neue Gattungen sind ausge- fuͤhrt worden. welche die groͤßere Societaͤt und die Anbauung des Ver- standes bloß als ein Uebel verschreyen und jenen verlasse- nen Stand der Natur fuͤr den wahren Zweck des Menschen ausgeben, vollkommen gegruͤndet seyn. Dem Menschen der in der Kultur begriffen ist, liegt also unendlich viel daran, von der Ausfuͤhrbarkeit jener Idee in der Sin- nenwelt, von der moͤglichen Realitaͤt jenes Zustandes eine sinnliche Bekraͤftigung zu erhalten, und da die wirkliche Erfahrung, weit entfernt diesen Glauben zu naͤhren, ihn vielmehr bestaͤndig widerlegt, so koͤmmt auch hier, wie in so vielen andern Faͤllen das Dichtungsvermoͤgen der Vernunft zu Huͤlfe, um jene Idee zur Anschauung zu bringen und in einem einzelnen Fall zu verwirklichen. Zwar ist auch jene Unschuld des Hirtenstandes eine poetische Vorstellung, und die Einbildungskraft mußte sich mithin auch dort schon schoͤpferisch beweisen; aber ausser- dem daß die Aufgabe dort ungleich einfacher und leichter zu loͤsen war, so fanden sich in der Erfahrung selbst schon die einzelnen Zuͤge vor, die sie nur auszuwaͤhlen und in ein Ganzes zu verbinden brauchte. Unter einem gluͤckli- chen Himmel, in den einfachen Verhaͤltnissen des ersten Standes, bey einem beschraͤnkten Wissen wird die Natur leicht befriedigt, und der Mensch verwildert nicht eher, als biß das Beduͤrfniß ihn aͤngstiget. Alle Voͤlker, die ei- ne Geschichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unschuld, ein goldnes Alter; ja jeder einzelne Mensch hat sein Paradies, sein goldnes Alter, dessen er sich, je nachdem er mehr oder weniger poetisches in seiner Natur hat, mit mehr oder weniger Begeisterung erinnert. Die Erfahrung selbst bietet also Zuͤge genug zu dem Gemaͤhlde dar, welches die Hirtenidylle behandelt. Deßwegen bleibt aber diese immer eine schoͤne, eine erhebende Fiction, und die Dichtungskraft hat in Darstellung derselben wirklich fuͤr das Ideal gearbeitet. Denn fuͤr den Menschen, der von der Einfalt der Natur einmal abgewichen und der gefaͤhrlichen Fuͤhrung seiner Vernunft uͤberliefert worden ist, ist es von unendlicher Wichtigkeit, die Gesetzgebung der Natur in einem reinen Exemplar wieder anzuschauen, und sich von den Verderbnissen der Kunst in diesem treuen Spiegel wieder reinigen zu koͤnnen. Aber ein Umstand findet sich dabey, der den aͤsthetischen Werth solcher Dich- tungen um sehr viel vermindert. Vor den Anfang der Kultur gepflanzt schließen sie mit den Nachtheilen zugleich alle Vortheile derselben aus, und befinden sich ih- rem Wesen nach, in einem nothwendigen Streit mit der- selben. Sie fuͤhren uns also theoretisch ruͤckwaͤrts, indem sie uns praktisch vorwaͤrts fuͤhren und veredeln. Sie stellen ungluͤcklicherweise das Ziel hinter uns, dem sie uns doch entgegen fuͤhren sollten, und koͤnnen uns daher bloß das traurige Gefuͤhl eines Verlustes, nicht das froͤhliche der Hofnung einfloͤßen. Weil sie nur durch Aufhebung aller Kunst und nur durch Vereinfachung der menschlichen Natur ihren Zweck ausfuͤhren, so haben sie, bey dem hoͤchsten Gehalt fuͤr das Herz , allzuwenig fuͤr den Geist , und ihr einfoͤrmiger Kreis ist zu schnell geen- digt. Wir koͤnnen sie daher nur lieben und aufsuchen, wenn wir der Ruhe beduͤrftig sind, nicht wenn unsre Kraͤfte nach Bewegung und Thaͤtigkeit streben. Sie koͤn- nen nur dem kranken Gemuͤthe Heilung , dem gesunden keine Nahrung geben; sie koͤnnen nicht beleben, nur besaͤnftigen. Diesen in dem Wesen der Hirtenidylle ge- gruͤndeten Mangel hat alle Kunst der Poeten nicht gut ma- chen koͤnnen. Zwar fehlt es auch dieser Dichtart nicht an Die Horen. 1795. 12tes St. 4 enthusiastischen Liebhabern, und es giebt Leser genug, die einen Amintas und einen Daphnis den groͤßten Mei- sterstuͤcken der epischen und dramatischen Muse vorziehen koͤnnen; aber bey solchen Lesern ist es nicht sowohl der Ge- schmack als das individuelle Beduͤrfniß, was uͤber Kunst- werke richtet, und ihr Urtheil kann folglich hier in keine Betrachtung kommen. Der Leser von Geist und Empfin- dung verkennt zwar den Werth solcher Dichtungen nicht, aber er fuͤhlt sich seltner zu denselben gezogen und fruͤher davon gesaͤttigt. In dem rechten Moment des Beduͤrfnis- ses wirken sie dafuͤr desto maͤchtiger; aber auf einen sol- chen Moment soll das wahre Schoͤne niemals zu warten brauchen, sondern ihn vielmehr erzeugen. Was ich hier an der Schaͤferidylle tadle, gilt uͤbrigens nur von der sentimentalischen; denn der naiven kann es nie an Gehalt fehlen, da er hier in der Form selbst schon enthalten ist. Jede Poesie nehmlich muß einen unendlichen Gehalt haben, dadurch allein ist sie Poesie; aber sie kann diese Foderung auf zwey verschiedene Arten erfuͤllen. Sie kann ein Unendliches seyn, der Form nach, wenn sie ihren Gegenstand mit allen seinen Grenzen darstellt, wenn sie ihn individualisiert; sie kann ein Unendliches seyn der Materie nach, wenn sie von ihrem Gegenstand alle Gren- zen entfernt , wenn sie ihn idealisiert; also entweder durch eine absolute Darstellung oder durch Darstellung eines Absoluten. Den ersten Weg geht der naive, den zweyten der sentimentalische Dichter. Jener kann also seinen Gehalt nicht verfehlen, so bald er sich nur treu an die Natur haͤlt, welche immer durchgaͤngig begrenzt, d. h. der Form nach unendlich ist. Diesem hingegen steht die Natur mit ihrer durchgaͤngigen Begrenzung im We- ge, da er einen absoluten Gehalt in den Gegenstand legen soll. Der sentimentalische Dichter versteht sich also nicht gut auf seinen Vortheil, wenn er dem naiven Dichter seine Gegenstaͤnde abborgt , welche an sich selbst voͤllig gleichguͤltig sind, und nur durch die Behandlung poetisch werden. Er setzt sich dadurch ganz unnoͤthiger Weise einerley Grenzen mit jenem, ohne doch die Be- grenzung vollkommen durchfuͤhren und in der absoluten Bestimmtheit der Darstellung mit demselben wetteifern zu koͤnnen; er sollte sich also vielmehr gerade in dem Gegen- stand von dem naiven Dichter entfernen, weil er diesem, was derselbe in der Form vor ihm voraus hat, nur durch den Gegenstand wieder abgewinnen kann. Um hievon die Anwendung auf die Schaͤferidylle der sentimentalischen Dichter zu machen, so erklaͤrt es sich nun, warum diese Dichtungen bey allem Aufwand von Genie und Kunst weder fuͤr das Herz noch fuͤr den Geist voͤllig befriedigend sind. Sie haben ein Ideal ausgefuͤhrt und doch die enge duͤrftige Hirtenwelt beybehalten, da sie doch schlechterdings entweder fuͤr das Ideal eine andere Welt, oder fuͤr die Hirtenwelt eine andre Darstellung haͤtten waͤhlen sollen. Sie sind gerade so weit ideal, daß die Darstellung dadurch an individueller Wahrheit ver- liert, und sind wieder gerade um so viel individuel, daß der idealische Gehalt darunter leidet. Ein Geßnerischer Hirte z. B. kann uns nicht als Natur, nicht durch Wahrheit der Nachahmung entzuͤcken, denn dazu ist er ein zu ideales Wesen; eben so wenig kann er uns als ein Ideal durch das unendliche des Gedankens befriedi- gen, denn dazu ist er ein viel zu duͤrftiges Geschoͤpf. Er wird also zwar biß auf einen gewissen Punkt al- len Klassen von Lesern ohne Ausnahme gefallen, weil er das Naive mit dem Sentimentalen zu vereinigen strebt, und folglich den zwey entgegengesetzten Foderungen, die an ein Gedicht gemacht werden koͤnnen, in einem gewissen Grade Genuͤge leistet; weil aber der Dichter, uͤber der Bemuͤhung, beydes zu vereinigen, keinem von beyden sein volles Recht erweißt , weder ganz Natur noch ganz Ideal ist, so kann er eben deßwegen vor einem strengen Geschmack nicht ganz bestehen, der in aesthetischen Din- gen nichts halbes verzeyhen kann. Es ist sonderbar, daß diese Halbheit sich auch biß auf die Sprache des genannten Dichters erstreckt, die zwischen Poesie und Prosa unent- schieden schwankt, als fuͤrchtete der Dichter in gebundener Rede sich von der wirklichen Natur zu weit zu entfernen, und in ungebundener den poetischen Schwung zu verlie- ren. Eine hoͤhere Befriedigung gewaͤhrt Miltons herr- liche Darstellung des ersten Menschenpaares und des Stan- des der Unschuld im Paradiese; die schoͤnste, mir bekannte Idylle in der sentimentalischen Gattung. Hier ist die Natur edel, geistreich, zugleich voll Flaͤche und voll Tiefe, der hoͤchste Gehalt der Menschheit ist in die an- muthigste Form eingekleidet. Also auch hier in der Idylle wie in allen andern poe- tischen Gattungen, muß man einmal fuͤr allemal zwischen der Individualitaͤt und der Idealitaͤt eine Wahl treffen, denn beyden Foderungen zugleich Genuͤge leisten wollen, ist, solange man nicht am Ziel der Vollkommenheit stehet, der sicherste Weg, beyde zugleich zu verfehlen. Fuͤhlt sich der Moderne griechischen Geistes genug, um bey aller Widerspenstigkeit seines Stoffs mit den Griechen auf ih- rem eigenen Felde, nehmlich im Felde naiver Dichtung, zu ringen, so thue er es ganz, und thue es ausschließend, und setze sich uͤber jede Foderung des sentimentalischen Zeitgeschmacks hinweg. Erreichen zwar duͤrfte er seine Muster schwerlich; zwischen dem Original und dem gluͤck- lichsten Nachahmer wird immer eine merkliche Distanz offen bleiben, aber er ist auf diesem Wege doch gewiß, ein aͤcht poetisches Werk zu erzeugen. Mit einem solchen Werke hat Herr Voß noch kuͤrzlich in seiner Luise unsre deutsche Litteratur nicht bloß bereichert, sondern auch wahrhaft erweitert. Diese Idylle, obgleich nicht durchaus von sentimentalischen Einfluͤssen frey, gehoͤrt ganz zum naiven Geschlecht und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den besten griechischen Mu- stern mit seltnem Erfolge nach. Sie kann daher, was ihr zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache, sondern muß mit griechischen Mustern vergli- chen werden, mit welchen sie auch den so seltenen Vorzug theilt, uns einen reinen, bestimmten und immer gleichen Genuß zu gewaͤhren. Treibt ihn hin- gegen der sentimentalische Dichtungstrieb zum Ideale, so verfolge er auch dieses ganz, in voͤlliger Reinheit, und stehe nicht eher als bey dem Hoͤchsten stille, ohne hin- ter sich zu schauen, ob auch die Wirklichkeit ihm nach- kommen moͤchte. Er verschmaͤhe den unwuͤrdigen Aus- weg, den Gehalt des Ideals zu verschlechtern, um es der menschlichen Beduͤrftigkeit anzupassen, und den Geist auszuschließen, um mit dem Herzen ein leichteres Spiel zu haben. Er fuͤhre uns nicht ruͤckwaͤrts in unsre Kind- heit, um uns mit den kostbarsten Erwerbungen des Ver- standes eine Ruhe erkaufen zu lassen, die nicht laͤnger dauren kann als der Schlaf unsrer Geisteskraͤfte; sondern fuͤhre uns vorwaͤrts zu unsrer Muͤndigkeit, um uns die hoͤhere Harmonie zu empfinden zu geben, die den Kaͤmpfer belohnet, die den Ueberwinder begluͤckt. Er mache sich die Aufgabe einer Idylle, welche jene Hirtenunschuld auch in Subjekten der Kultur und unter allen Bedingun- gen des ruͤstigsten feurigsten Lebens, des ausgebreitetsten Denkens, der raffinirtesten Kunst, der hoͤchsten gesell- schaftlichen Verfeinerung ausfuͤhrt, welche mit einem Wort, den Menschen, der nun einmal nicht mehr nach Arkadien zuruͤckkan, bis nach Elisium fuͤhrt. Der Begriff dieser Idylle ist der Begriff eines voͤllig aufgeloͤßten Kampfes sowohl in dem einzelnen Menschen, als in der Gesellschaft, einer freyen Vereinigung der Nei- gungen mit dem Gesetze, einer zur hoͤchsten sittlichen Wuͤrde hinaufgelaͤuterten Natur, kurz, er ist kein andrer als das Ideal der Schoͤnheit auf das wirkliche Leben ange- wendet. Ihr Charakter besteht also darinn, daß aller Gegensatz der Wirklichkeit mit dem Ideale , der den Stoff zu der satyrischen und elegischen Dichtung hergegeben hatte, vollkommen aufgehoben sey, und mit demselben auch aller Streit der Empfindungen aufhoͤre. Ruhe waͤre also der herrschende Eindruck dieser Dich- tungsart, aber Ruhe der Vollendung, nicht der Traͤg- heit; eine Ruhe, die aus dem Gleichgewicht nicht aus dem Stillstand der Kraͤfte, die aus der Fuͤlle nicht aus der Leerheit fließt, und von dem Gefuͤhl eines unendlichen Vermoͤgens begleitet wird. Aber eben darum, weil al- ler Widerstand hinwegfaͤllt, so wird es hier ungleich schwuͤ- riger, als in den zwey vorigen Dichtungsarten, die Be- wegung hervorzubringen, ohne welche doch uͤberall keine poetische Wirkung sich denken laͤßt. Die hoͤchste Einheit muß seyn, aber sie darf der Mannichfaltigkeit nichts neh- men; das Gemuͤth muß befriedigt werden, aber ohne daß das Streben darum aufhoͤre. Die Aufloͤsung dieser Frage ist es eigentlich, was die Theorie der Idylle zu leisten hat. ( Der Beschluß im naͤchsten Stuͤck .)