Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen Dem Herrn Prediger Wagnitz zugeeignet Halle in der Curtschen Buchhandlung 1803 Vorrede . V orreden sind die Pathenbriefe der Schriftsteller, durch welche sie das Publikum einladen, ihre Kindlein aus der Taufe zu heben. Sie enthalten meistens viel Schönes, aber wenig Wahres. Ueberall findet man in ihnen nur einen Hebel aller schriftstellerischen Anstrengungen, nemlich reinen Drang, das Menschengeschlecht klüger und besser zu machen. Nichts von überspannter Schätzung seiner selbst, von Ehrsucht oder Hab- sucht, von einem Seitenblick auf die Börse des Verlegers, nichts von dem Bestreben, sich durch A 2 Parodoxien an eine lichte Spitze zu stellen, oder einen bedeutenden Maecen zu beschleichen, um sich in dessen Glanze zu wärmen. Ich werde heute von der Regel abweichen und die Wahr- heit sagen. Hat dies Entschuldigung nöthig, so verzeihe man es der Vorrede zu einer Abhand- lung über die Anomalieen des menschlichen Geistes . Freund Wagnitz arbeitet jetzt, wie be- kannt, an dem grossen Plan, Verirrte wie- der zur Vernunft zu helfen . Er bat mich, auch ein Steinchen in irgend eine leere Fuge dieses grossen Gebäudes einzuschieben. Ich nahm seine Aufforderung um so williger an, da dieser Gegenstand in mein Fach schlägt, und das Wohl und Weh der Irrenden an der Tages- ordnung steht, nachdem die moralischen Patien- ten durch einen coup de main an einem sicheren Ort berathen sind. Ich arbeitete also die vorlie- gende Abhandlung für Herrn Wagnitz aus. Allein er wies sie, wie man einem Prediger glauben muss, deswegen zurück, weil sie sich durch mehrere Jahrgänge seines Journals fort- wälzen würde, und sein Verleger nur zweimal im Jahre, und jedesmal nur neun Bogen, für Ar- me, Gefangne, Tollhäusler und andere Subjecte dieses Gelichters drucken lasse. Einen so gro- ssen Zweck, Minderung der Verirrun- gen auf der ganzen Erdfläche , an eine so dürre Convention zu binden, ist allerdings eine Verirrung in dem Verhältnisse zwischen Verfasser und Verleger, die bloss dadurch ge- fallen kann, dass eine vermuthete Dissonanz zwischen Subject und Object sich in einen ge- fälligen Accord auflösst . Doch ich habe bloss zu berichten, durch welche Verirrung meine Abhandlung über die- selbe ihr Daseyn erhielt. Sie sollte in des Herrn Wagnitz Ephemeriden ihren Tag mit flattern. Allein ihre Auswüchse versperrten ihr den Weg zu dieser Ehre. Nun thun aber Amputationen in der Verwandtschaft wehe, besonders an eignen Geisteskindern, und zur Umkleidung derselben in ein systematisches Gewand fehlt es mir an Zeit und Lust. Sie mag also in der leichten Drape- rie auftreten, wie sie für die Ideen und Pla- ne angeputzt wurde. An Herrn Wagnitz habe ich ihr aus einer kleinen Bosheit einen Ge- leits-Brief mitgegeben. Er wies den gebetnen Gast an der Thüre zurück; jetzt ist er in der Verlegenheit, dem Ungebetenen Quartier zu machen. Halle den 1sten Januar 1803. J. C. Reil . Von der Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen . De impossibilitate ita statuo: ea omnia possibilia et praestabilia censenda, quae ab aliquibus perfici possunt, licet non a quibusvis; et quae a multis conjunctim, licet non ab uno; et quae in succes- sione saeculorum, licet non eodem aevo; et de- nique, quae publica cura et sumptu, licet non opibus et industria singulorum. Baco . §. 1. E s ist eine sonderbare Empfindung, wenn man aus dem Gewühle einer grossen Stadt auf einmal in ihr Tollhaus tritt. Man findet sie hier noch einmal, im Geschmack des Vaudeville’s vorge- stellt, und irgendwo in diesem Narrensystem ein bequemes Genus für sich selbst. Das Tollhaus hat seine Usurpateurs, Tyrannen, Sklaven, Frev- ler und wehrlose Dulder, Thoren, die ohne Grund lachen, und Thoren, die sich ohne Grund selbst quälen. Ahnenstolz, Egoismus, Eitelkeit, Habsucht und andere Idole der menschlichen Schwäche führen auch auf diesem Strudel das Ru- der, wie auf dem Ocean der grossen Welt. Doch sind jene Narren in Biçetre und Bedlam offener und unschädlicher, als die aus dem gro- ssen Narren-Hause. Der Rachsüchtige gebeut, dass Feuer vom Himmel falle, und der eingebil- dete Heerführer glaubt, nach einem tollkühnen Plan, den halben Erdball mit dem Schwerdt zu zerstören. Doch rauchen keine Dörfer, und kei- ne Menschen winseln in ihrem Blute. Wie wird uns beim Anblick dieser Horde vernunftloser Wesen, deren einige vielleicht ehe- mals einen Newton, Leibnitz oder Sterne zur Seite standen? Wo bleibt unser Glaube an un- sern ätherischen Ursprung, an die Immaterialität und Selbstständigkeit unseres Geistes und an an- dere Hyperbeln des Dichtungs-Vermögens, die im Drang zwischen Hoffen und Fürchten erfunden sind? Wie kann die nemliche Kraft in dem Ver- kehrten anders seyn und anders wirken? Wie kann sie, deren Wesen Thätigkeit ist, in dem Cretin Jahre lang schlummern? Wie kann sie mit jedem wechselnden Mond, gleich einem kalten Fie- ber, bald rasen, bald vernünftig seyn? Wie kann ein unvernünftiges Thier, das wie der Mensch toll, närrisch und dumm wird, durch ein zerbroche- nes Rad seiner Organisation eine Vernunft verlie- ren, die es nie gehabt hat? Mit jedem Gliede, mit jedem Sinnwerkzeuge des Körpers, wird ein Theil der Seele amputirt. Ein Meer von Ideen in den Archiven der Dichtkunst, die feinsten Spie- le des Witzes, die sinnreichsten Erfindungen, die zartesten Gefühle, die brennendsten Bilder der Phantasie, die heftigsten Triebe, die die Seele unaufhaltbar zum Handeln fortreissen, wären nicht, wenn der Theil des Körpers nicht wäre, der seine Art fortpflanzt. Ein Faser im Gehirn erschlafft, und der in uns wohnende Götterfunke ist zu einem Feen-Mährchen geworden. Die grosse Welt spielt immerhin auf die kleine nach ihrer zufälligen Verbindung mit der- selben. Die empfangenen Eindrücke werden vorgestellt und im Selbstbewusstseyn als Eigen- thum aufgenommen. Sie dringen vorwärts an die Leitschnüre des Nervensystems, bis zum Hauptbrennpunkt der Organisation, und werden von da nach aussen, oder nach andern Regio- nen, innerhalb ihrer Grenzen, reflectirt. Die Aussendinge wechseln; es wechseln die Reflectionspunkte in der Organisa- tion . Diese werden nemlich nach Maassgabe der Thätigkeiten, die jene ehemals erregt haben, immerhin nach andern Orten verlegt. Es con- struirt sich durch sich selbst unvermerkt ein ande- res Instrument. So entstehen meandrische Züge und unvorhergesehne Impulse zur Thätigkeit, die uns als Spontaneität blenden, weil wir ihre Cau- salität, und daher auch ihre bedingte Nothwen- digkeit nicht kennen. Es ist sogar nicht un- wahrscheinlich, dass durch eine eigenthümliche Locomotivität aetherisch-gasförmiger Substanzen, und durch den Wechsel ihrer + und — Natur, die entgegengesezten Pole im Microcosmus umge- tauscht und das Innere der Organisation gleichsam nach aussen gekehrt werden könne. Der Nacht- wandler producirt die nemlichen Handlungen, die wir am Tage nach den Gesetzen der Willens- freiheit bewirken, unter einer anderer Vorzeich- nung, im Schlaf, und in einer illüstren Grösse, die uns in Erstaunen setzt. Er produdirt sie ge- zwungen, als Automat, ohne klares Bewusstseyn und Spontaneität, durch die abgemessenen Reflec- tionspunkte seiner Nerven-Organisation. Wir stellen die Veränderungen in den Vor- höfen unseres Tempels als Lust und Schmerz, und die feinern Spiele im Allerheiligsten als An- schauungen und Imaginationen vor, knüpfen sie, als uns angehörig, in unserem Selbstbewusst- seyn zusammen, und werden dadurch instinctmä- ssig zum Begehren und Verabscheuen getrieben, und beschränkt von Zeit und Raum, durch Ba- stard-Vorstellungen geäft, in welchen wir das Ich und Nichtich wie die Grundfarben in der Grünen verlieren. Eine andere Reflection! Ist unser Verhalten gegen diese Unglücklichsten unserer Mitbrüder der Gesetzgebung der Vernunft gemäss? Leider nein! Indolenz, Habsucht, Eigennutz, Intrigue und kalte Barbarey liegen auch hier, wie überall, im Hintergrunde versteckt und speien die Maxi- men aus, nach welchen die übertünchten Men- schen-Gruppen gegenseitig auf einander wirken. Doch verstösst diese Handlungs-Weise nicht allein gegen die Pflichten, die wir Andern schuldig sind, sondern sogar gegen unser eignes Interesse. Ver- rückte, die sich nicht selbst rathen und dem Be- truge Betrug entgegen stellen können, leiden an einem Gebrechen, das in der Menschheit selbst gegründet ist, dem wir also alle, mehr als jedem anderen, offen liegen, und das wir, weder durch Verstand, noch durch Rang und Reichthum ab- halten können. Moralische und physische Poten- zen, der Anfall eines hitzigen Fiebers und ein unvermeidlicher Stoss des Verhängnisses, der einzelne Familien oder ganze Staaten erschüttert, können uns für immer einen Platz im Tollhause anweisen. Wunderlich treibt das Glück sein Spiel mit dem Menschen. Es windet ihn zum Diadem hinauf, und pfropft denn darauf, wie auf der Kutte des Bettlers, dies Extrem des Missgeschicks. So greifen auch hier Kopf und Schwanz dieser Schlange zusammen. Erst im Jahre 1772, sagt Langermann Diss. de Methodo cognoscendi curandique animi morbos stabilienda, Jenae 1797. p. 3. , sind die Stellen für Wahnsin- nige in den öffentlichen Häusern zu Torgau und Waldheim verdoppelt, und zwanzig Jahre nach- her fehlte es schon wieder an Raum, alle zuströmen- den Narren aus Chursachsen aufzunehmen. „Heil dir, mächtige Tollheit! Heil dir! dein Reich breitet sich aus, deine Macht besiegt alles. Wo- hin das schwellende Seegel den Reisenden trägt, ist nicht der klügste , nicht der beste Mann vor dir frey Penrose’s Flights of Fancy p. 16. .“ So viele göttliche Anlagen zu ho- hen und edlen Thaten, als die Natur in uns gelegt hat, Trieb nach Ruhm, nach eigner Vollendung, Kraft zur Selbstbestimmung und Beharrlichkeit, und Leidenschaften, die durch ihren Sturm für tödliche Schlafsucht sichern; eben so viele Keime zur Narrheit hat sie uns auch zugleich durch die- selben mitgetheilt. Wir rücken Schritt vor Schritt dem Tollhause näher, so wie wir auf dem Wege unserer sinnlichen und intellectuellen Cultur fort- schreiten. Erst muss der physische Mensch krank gemacht werden; damit beginnt die Entbindung des intellectuellen. Eine absolute Macrobiotik übt der Nomade am Kupferfluss aus. Wollt ihr diese; so geht hin, und thut desgleichen. Al- lein unendlich mehr Geist erfordert die Kunst, den Menschen mit sich selbst einig zu machen und die Widersprüche auszugleichen, in welche die Er- haltung des Individuums durch den Anbau der Seele geräth. Sie ist der natürliche Parasit des Körpers und verzehrt in dem nemlichen Ver- hältniss das Oehl des Lebens stärker, welches sie nicht erworben hat, als die Grenzen ihres Wirkungskreises erweitert werden Reil , über die Erkenntniss und Cur der Fie- ber, 4. Bd. §. 25. . Im Zu- stande der Natur, sagt Kant Sammlung einiger bisher unbekannt gebliebe- ner Schriften von Immanuel Kant , heraus- gegeben von Rink . Königsberg 1800. S. 50. , kann der Mensch nur wenig Thorheiten begehen und schwerlich der Narrheit unterworfen seyn. Sei- ne Bedürfnisse halten ihn jederzeit nahe an der Erfahrung und geben seinem gesunden Verstande eine so leichte Beschäftigung, dass er kaum be- merkt, er habe zu seinen Handlungen Verstand nöthig. Seinen groben und gemeinen Begierden giebt die Trägheit eine Mässigung, welche der wenigen Urtheilskraft, die er bedarf, Macht ge- nug lässt, über sie, seinem grössesten Vortheile ge- mäss, zu herrschen. Wo sollte er wol zur Narr- heit Stoff hernehmen, da er, um Anderer Urtheil unbekümmert, weder eitel noch aufgeblasen seyn kann? Indem er von dem Werthe ungenossener Güter gar keine Vorstellung hat, so ist er für die Ungereimtheit der filzigen Habsucht gesichert, und weil in seinem Kopfe niemals einiger Witz Eingang findet, so ist er eben deswegen gegen allen Aberwitz verwahrt. Gleichergestalt kann die Stöhrung des Gemüths in diesem Stande der Einfalt nur selten Statt finden. Wenn das Gehirn des Wilden einigen Anstoss erlitten hat, so weiss ich nicht, wo die Phantasterey herkommen sollte, um die gewöhnlichen Empfindungen, die ihn al- lein unablässig beschäftigen, zu verdrängen. Wel- cher Wahnsinn kann ihm wol anwandeln, da er niemals Ursache hat, sich in seinem Urtheile weit zu versteigen? Der Wahnwitz liegt ganz über seine Fähigkeit. Er wird, wenn er im Kopfe krank ist, entweder blödsinnig oder toll seyn, und auch dieses muss höchst selten geschehen, denn er ist mehrentheils gesund, weil er frey ist, und Bewegung hat. In der bürgerlichen Verfas- sung finden sich eigentlich die Gährungsmittel zu allem diesen Verderben, die, wenn sie es gleich nicht hervorbringen, gleichwohl es zu unterhal- ten und zu vergrössern dienen. Dies sind Gründe, die uns Milde gegen Ir- rende gebieten, aus Eigenliebe, ohne Nächstenlie- be. Dennoch perennirt die Barbarey, wie sie aus der rohen Vorzeit auf uns übergetragen ist. Wir sperren diese unglücklichen Geschöpfe gleich Ver- brechern in Tollkoben, ausgestorbne Gefängnis- se, neben den Schlupflöchern der Eulen in öde Klüfte über den Stadtthoren, oder in die feuchten Kellergeschosse der Zuchthäuser ein, wohin nie ein mitleidiger Blick des Menschenfreundes dringt, und lassen sie daselbst, angeschmiedet an Ketten, in ihrem eigenen Unrath verfaulen. Ihre Fesseln haben ihr Fleisch bis auf die Knochen abgerieben, und ihre hohlen und bleichen Gesichter harren das nahen Grabes, das ihren Jammer und unsere Schande zudeckt. Man giebt sie der Neugierde des Pöbels Preis, und der gewinnsüchtige Wär- ter zerrt sie, wie seltene Bestieen, um den mü- ssigen Zuschauer zu belustigen. Sie sind wie die Pandekten ohne System, oder confus, wie die Ideen ihrer Köpfe, in den Irrhäusern geord- net. Fallsüchtige, Blödsinnige, Schwätzer und düstre Misanthropen schwimmen in der schönsten Verwirrung durch einander. Die Erhaltung der Ruhe und Ordnung beruht auf terroristische Prin- cipien. Peitschen, Ketten und Gefängnisse sind an der Tagesordnung. Die Officianten sind mei- stens gefühllose, pflichtvergessene, oder barbari- sche Menschen, die selten in der Kunst, Irrende zu lenken, über den Zirkel hinausgetreten sind, den sie mit ihrem Prügel beschreiben. Sie können die Plane des Arztes nicht ausführen, weil sie zu dumm, oder sie wollen es nicht, weil sie nieder- trächtig genug sind, ihren Wucher der Genesung ihrer fetten Pensionaire vorzuziehen. Der ge- scheuteste Arzt ist gelähmt, wie der Handwerker ohne Werkzeug Reil über die Erkenntniss und Cur der Fie- ber. Halle 1799. 4. Bd. §. 92. . In den meisten Irrhäu- sern sind die Stuben eng, dumpf, finster, über- füllt; im Winter kalt wie die Höhlen der Eis- bären am Nordpol, und im Sommer dem Brande des krankmachenden Syrius ausgesetzt. Es fehlt an geräumigen Plätzen zur Bewegung, an Anstal- ten zum Feldbau. Die ganze Verfassung dieser tollen Tollhäuser entspricht nicht dem Zweck der erträglichsten Aufbewahrung; und noch weniger der Heilung der Irrenden. Der bunte Haufe ist zu sehr an Schmetterlingssüssigkeiten gewöhnt, um diese Orte des Jammers zu besuchen, und be- gnügt sich mit einigen Anecdoten aus seiner Hei- math, die der Reisende am Spieltisch debütirt. Der Geschäftsmann hat wichtigere Dinge zu be- treiben, und der Staat geht, wie der Pharisäer, kalt und fühllos vorüber. Indess man die Kraft auf die Grenzen stellt und die Schaale deckt, mo- dert im Inneren der Kern. Wo sind die Früchte unserer gerühmten Cultur, Menschenliebe, Ge- meingeist, ächter Bürgersinn und edle Resignation auf eigenes Interesse, wenn es auf Rettung Ande- rer ankommt? Man muss warlich in der Jugend ein warmer Freund der Menschen gewesen seyn, um sie im Alter wie die Sünde zu hassen, wenn man sie kennen gelernt hat. Herrn Wagnitz danken daher alle Edle, denen die Rettung der Nothleidenden in dem Kellergeschoss unseres Zuchthauses am Herzen liegt, und segnen seine Feder, die aus Mensch- heit für die Menschheit schreibt. Vergebens regt sich die Scheelsucht, wenn sie auf Nebenabsichten hinwinckt, und kehrt den Stachel gegen sich selbst. Das Verdienst steigt in gleichen Verhältnissen, als es mehrere Zwecke durch einerley Mittel zu rea- lisiren im Stande ist. Dass er die Verrückten an der der Thür vorbey gieng, um nach einem Decennium von den Verbrechern da zurückzukehren, wo er bequem hätte anfangen können, halten wir gern sei- ner Kunstliebe für die Heilung moralischer Krank- heiten zu Gute. Jene schwarzen Patienten gehö- ren freilich allein für den schwarzen Rock, der ihre Laster und seine fruchtlosen Bemühungen be- trauert. Allein hier thut er wohl, ein Hülfskorps unter seine Fahne zu nehmen, das er zu Streif- zügen und in gefährliche Defilees mit Vortheil gebrauchen kann. Dazu empfehle ich ihm die Zunft der Aerzte. Sie haben Muth und Kraft, weil jeder ihrer bedarf. Sie sind Zöglinge aus der Schule der grossen Natur, die den Menschen vom Menschen nicht trennt, und sehn daher den Kränkungen seiner Rechte mit Unwillen zu. Sie werden grau im Jammer, den sie täglich in seinen grellsten Farben anschaun und sind daher zum Handeln bereit, wenn es auf Beistand der leiden- den Menschheit ankömmt. Sie kennen endlich den Menschen, den sie leider zu oft hinter dem Vorhang schaun, wenn er es im Drange der Um- stände vergisst, die Maske fest zu halten. Der Betrogne entlarvt den Betrüger; der Sünder beich- tet seine eigne Schande, wenn ihm dadurch ge- holfen werden muss; und der Barbar entblödet sich nicht, selbst in dem Angesicht des Todes, zu seyn, was er nicht scheinen mag, sobald der sinn- lose Kranke die Härte seines Herzens zu brand- marken ausser Stande ist. So ist leider meistens B jene gleissnerische Moralität in dem offenen Ge- wühle der Welt nichts Inneres, sondern ein Kunstgetriebe äusserer Verhältnisse. Man schil- dere daher zum Besten der Irrenden ihrer Näch- sten scheussliche Larve, damit sie in diesem Spie- gel erröthen, und nothgedrungen thun, was sie aus innerem Triebe nicht haben thun wollen. Doch genug zur Empfehlung meiner Collegen. Sie möchten sonst auch über die Schnur springen, und den General en Chef zu dieser Unternehmung aus ihrer Mitte wählen wollen. Ich werde, um mich für alle Zunftfehden bestens zu verwahren, mich streng an meinen Leisten halten, und bloss solche Fehler der Irrenanstalten rügen, die dem Aesculap Herzweh machen. §. 2. Kranke werden in ihren Häusern curirt und nur dann in öffentliche Spitäler aufgenommen, wenn sie kein Haus, oder wenigstens in demsel- ben keine Pflege haben. Bloss die Geisteszerrüt- tungen sind von jeher Ausnahmen von dieser Re- gel gewesen. Der Staat legt öffentliche Nar- ren- und Tollhäuser , gleichsam als die Ba- sis aller Vorsorge für Wahnsinnige zum Grunde, welches schon auf die grössere Schwierigkeit der Cur dieser Art von Krankheiten hinzudeuten scheint. Er erspart dadurch an Kostenaufwand, kann seine Aufmerksamkeit in einem Punkt ver- einigen und eine grosse Anstalt leichter als viele kleine überschauen. Für plötzliche Ausbrüche der Raserey sind öffentliche Sicherheits-Oerter nöthig. Meistens gelingt die Cur der Verrükten besser unter unbekannten Menschen und in frem- den Häusern. Die relativen Hindernisse ihrer Herstellung sind in einer öffentlichen Anstalt nur von einerley, hingegen in den Familien so mannich- faltiger Art, als die Familien, denen sie angehö- ren. In Privathäusern fehlen Bäder, Douchen, freie Plätze, und andere Hülfsmittel zur Cur, die in den öffentlichen Anstalten dem Arzt zu Gebote stehen. Aerzte, die Scharfblick, Beob- achtungsgeist, Witz, guten Willen, Beharrlich- keit, Geduld, Uebung, einen inponirenden Kör- per, und eine Miene, die Ehrfurcht gebietet, kurz alle zur Cur Irrender nöthige Eigenschaften besit- zen, sind so selten, dass sie kaum für öffentliche Anstalten, vielweniger für zerstreute Privatkran- ke, gefunden werden können. Eben dies gilt von allen übrigen Offizianten. Doch ich lasse diesen Gegenstand, der zu einer besondern Dis- kussion geeignet ist Reils Fieberlehre 4 B. §. 92. , bey Seite stehen, und neh- me als ausgemacht an, dass in der Regel öffentliche Irrenhäuser die Grundla- ge zur Behandlung dieser Art von Kranken seyn müssen . B 2 Oeffentliche Irrenhäuser haben zweierley Zwecke, beide sind wesentlich verschiedener Na- tur; eben so verschieden muss auch ihre Constru- ction seyn, wenn beide Zwecke in ihnen realisirt werden sollen. Einmal sind sie Aufbewah- rungs-Anstalten solcher Irrenden, die un- heilbar sind. Diese Anstalten müssen nach folgen- den Principien construirt seyn: 1) Den Irrenden verwahren, dass er sich und Andern nicht schade; 2) ihm alle Mittel zum frohen Genuss seines Da- seyns anbieten, die seinem Zustande angemessen sind; 3) endlich ihn, soweit es möglich ist, zur Thätigkeit anhalten. Denn auch die Irrende sind organische und moralische Naturkräfte, die der gute Haushalter nicht ungenutzt liegen lassen soll. Die Organisation dieser Anstalt für Irrende, ein- stimmig mit den aufgestellten Principien, muss ich gegenwärtig bey Seite legen, weil sie mich zu weit von meinem Ziele ableiten würde. Doch werde ich sie zu einer andern Zeit bearbeiten. Ein zweiter Zweck, den wir durch die Irrenhäu- ser zu erreichen suchen, besteht darin, die sub- jectiv-heilbaren Irrenden von ihrer Krankheit zu befreien . Die Aufbewah- rungs-Anstalt bedarf blosser thätiger und recht- schaffener Menschenfreunde. Die Heilanstalt hat ein ganz anderes Personal, zu eignen Zwecken instruirte Aerzte, Prediger und Philosophen, mancherley Mittel und besondere Einrichtungen nöthig, wenn sie ihren Zweck, die Wiederher- stellung der Irrenden, erreichen soll. Bloss von diesen letzten Anstalten und ihrer eigenthümlichen Organisation werde ich gegenwärtig reden. Bis jetzt haben wir beide an sich heterogene Zwecke, gut und böse, in unsere Irrenhäuser amalgamirt und dadurch jene unseligen Zwitter geschaffen, die keinem Zwecke entsprechen. Die Aufgabe, ob überhaupt die Realisirung bei- der Zwecke in einer Anstalt möglich sey: wie sollen wir sie entscheiden? Zuverlässig auf dem Wege, dass wir die separaten Entwürfe zur besten Einrichtung beider Anstalten vergleichen und nach dem Befund das Resultat abziehn, in wie- fern sie sich vereinigen lassen. Allein diese feh- len, wenigstens fehlt der Entwurf zur Einrich- tung einer Heilanstalt, die allen Forderungen in Beziehung auf ihren Zweck entspricht. Ich mei- nes Theils fürchte, das Resultat aus der Ver- gleichung wird dahin ausfallen, dass beide Zwe- cke nicht ohne gegenseitige Aufopferung in einer Anstalt erreichbar sind. Es gehört eine richtige Vertheilung, grosse Anstrengung und ein leises Spiel der Kräfte dazu, Irrende zu heilen. Diese werden wahrscheinlich auf zu viele Punkte zer- streut, wenn sie auch die Verpflegung der Unheil- baren übernehmen sollen. Dann fürchte ich auch, dass die verwirrten Handlungen der Unheilbaren nur zu oft dem Arzte die Plane verderben, die er zur Cur der Heilbaren angelegt hat. Doch auch diese Diskussion setze ich als einen Gegen- stand bey Seite, der ausser meiner Sphäre liegt und bemerke bloss noch, dass wir erst im Besitz beider Plane, sowohl zur Aufbewahrung, als zur bestmöglichsten Heilung der Irrenden seyn müssen, ehe die Irrenhäuser darnach eingerichtet werden können, wenn wir nicht nach der Weise der Abderiten erst das Haus bauen und nachher den Riss dazu anfertigen wollen. Dass uns bis jetzt noch ein Entwurf zur bestmöglichsten Heilmethode der Geisteszerrüt- tung fehle, habe ich bereits oben beiläufig er- wähnt. Die Aerzte bestehn darauf, sie allein durch Arzneien zu heilen. Durch Mohnsaft und Niesewurz soll jede verstimmte Saite des Gehirns zum normalen Ton angeschroben werden. Sie seufzen über den Verlust des Helleboris- mus Arnold vom Wahnsinn und der Tollkeit. Aus dem Englischen, Leipzig 1784. 1 Th. S. 13. und achten der reichhaltigen Ueberreste der psychischen Curmethode und deren Anwen- dung auf Geisteszerrüttungen nicht, die das Alterthum auf uns fortgepflanzt hat. Allein die Grenze ist zu eng gesteckt. Denn wahrscheinlich muss die directe Heilung der Geisteszerrüttun- gen allein durch eine psychische Cur- methode bewerkstelliget werden. §. 3. Was sind psychische Curmethoden? Zum Behuf der Gründung dieses Begriffs muss ich vorher der allgemeinen Differenz der Heilmittel gedenken, als nach welcher die verschiedenen Ar- ten von Curmethoden bestimmt werden. Heil- mittel sind Dinge, durch deren An- wendung auf thierische Körper wir die Krankheiten derselben zu entfernen suchen . Es ist gleich viel, ob diese Dinge kör- perlicher oder unkörperlicher Natur, Substan- zen der Erde, oder ätherische Stoffe sind, die dem ganzen Weltall angehören, ob sie durch me- chanische, chemische oder andere Kräfte wirken. Ihre Realität gründet sich also auf ein Verhältniss, das zwischen ihnen und dem Zweck Statt findet, den sie erreichen sollen. Es giebt daher in der Welt, die als ein Mannichfaltiges nach den Ge- setzen der Causalität existirt, keine Dinge, die ausschliesslich zu dem Zweck vorhanden wären, Krankheiten zu heilen. Ihre Zweckmässigkeit ist bedingt, und so mannichfaltig als die Gegen- stände, auf welche sie angewandt werden. Das nemliche Ding, welches der Arzt zur Heilung der Krankheiten gebraucht, kann auch zu an- dern Zwecken, z. B. zur Zerstörung der Organi- sation angewendet werden, und ist alsdenn, in dieser andern Beziehung, ein Gift . Die Heil- mittellehre hat also in der Reihe der Naturdinge kein bestimmtes Gebiet (dominium), das sie als Eigenthum beherrscht, sondern wählt aus dem Inbegriff aller solche aus, die Behufs des Zwecks der Heilung auf den menschlichen Körper taug- lich sind. Ihr ist in dem Gebiete derselben bloss ein Aufenthaltsort (domicilium) zugestan- den, dessen Umfang nicht absolut begrenzt ist, sondern nach den Fortschritten der Kunst sich verändert, verengert, erweitert. Das nemliche Ding ist ein Nahrungsmittel , wenn es den Verlust an Substanz in einem gesunden Körper er- setzt; eine Arzney , wenn es die verlohrne Ge- sundheit wieder herstellt; und ein Gift , wenn es dieselbe zerstört. Dabey bleibt es, an sich, immer das nemliche Ding. Daher muss jeder Versuch verunglücken, durch die Diätetik, Arzneimittellehre, Toxikologie u. s. w. bestimmte Scheidungslinien in dem Naturreich zu ziehen, und es gleichsam in besondere Provinzen abzutheilen. Den Begriff eines Heilmittels müssen wir also auf seinem letzten Zwecke gründen. Allein ordnen können wir die Heilmittel nicht nach ihren Unterzwecken, weil das nemliche Ding zu verschiedenen Zwecken brauchbar ist, und daher keinen steten Platz im System finden würde. Deswegen ist die Eintheilung derselben in Nahrungsmittel, Arzneien, Gifte, Brechmittel, Wurmmittel u. s. w. fehler- haft, wenn wir uns einbilden, dadurch jedem ärztlichen Instrument seinen eigenthümlichen Ort im System angewiesen zu haben. Ein Einthei- lungsgrund, der sich nicht sowohl auf ihre Zwe- cke, sondern vielmehr auf ihre absoluten Kräfte bezieht, scheint mir daher zur Aneinanderrei- hung derselben in eine systematische Ordnung be- quemer zu seyn. Sie wirken entweder vermöge ihrer chemischen oder vermöge ihrer phy- sisch-mechanischen Eigenschaften. Unter dieser Abtheilung stehn die chirurgischen Mittel; unter jener die Arzneien und Nah- rungsmittel . Hiermit pflegt man die Kette zu schliessen; doch zu früh. Denn es giebt noch andere Dinge, die Heilmittel sind, weil sie Krank- heiten heben; aber weder chemisch, noch me- chanisch, sondern psychisch wirken. Diese Kräfte, die psychisch wirken, liegen auch, wenn sie auf den bestimmten Zweck der Heilung der Krankheiten hinwirken, innerhalb der Grenze der Heilmittellehre. Alle Instrumente derselben wirken daher 1) Chemisch ; die Nahrungsmittel, Arz- neien und Gifte, nach den Zwecken, die sie in der Organisation erreichen. Bromatologie, Diätetik, Pharmakologie und Toxiko- logie , sind unter dieser Abtheilung begriffen. 2) Physisch-mechanisch ; die chi- rurgischen Heilmittel, welche die Akologie in ein System fasst; und endlich 3) Psychisch , wenn sie durch eine be- stimmte Richtung der Seelenkräfte, der Vorstel- lungen, Gefühle und Begierden solche Verände- rungen in der Organisation hervorbringen, durch welche ihre Krankheiten geheilt werden. Die Instrumente dieser Art sind bis jetzt noch in kein System zusammengetragen. Aerztliche Bemühungen auf dem ersten We- ge heissen medicinische , auf dem zweiten chirurgische , auf dem letzten psychische Curen, wohin z. B. die Curen durch erregte Lei- denschaften, Sympathie, Kraft des Vorsatzes, eigene Haltung des Geistes u. s. w. gehören. Doch bemerke ich noch, dass wir die er- wähnten Prädikate theils auf die absoluten Eigen- schaften der Instrumente, die sie an sich haben, theils auf die Art der Wirkungen beziehen kön- nen, die sie im Körper erregen. Nun sind aber die Veränderungen, welche die Heilmittel in der Organisation hervorbringen, fortschreitend , und die letzten Producte derselben können eine von den absoluten Kräften der Heilmittel verschiedene Natur haben. Das Heilmittel fängt die Veränderung an, die Organisation vollendet dieselbe. Die Färberröthe wirkt chemisch, doch macht sie die krummen Beine rachitischer Kin- der gerade, verursacht also eine endliche me- chanische Veränderung. Ferner ist es noch wahrscheinlich, dass die letzten relativen Wir- kungen aller, selbst der psychischen, Heilmittel, in einer Veränderung des Stoffs und seiner Struc- tur bestehn. Daher neue Schwierigkeiten in der Anordnung des Systems. Doch diese Untersu- chungen setze ich bey Seite, da sie zur Philoso- phie der Pharmakologie und allgemeinen Thera- peutik gehören. Wenn demnach die allgemeine Heilkunde, der diese Untersuchung angehört, zwey Curmetho- den, die chirurgische und medicinische , von welcher die diätetische eine Abart ist, nach der Natur und Wirkungsart der Mit- tel , die angewandt werden, festsetzt; so muss sie, wenn sie consequent verfahren will, densel- ben noch eine dritte , die psychische , zu- fügen. Freilich ist diese letzte noch rohes Feld, die aber durch Cultur zu der nemlichen, ja viel- leicht noch höheren Wirksamkeit gesteigert wer- den kann, welche die beiden übrigen Curmetho- den besitzen. In der That ein bedeutender Zu- wachs, durch welchen die Grenzen der Heil- kunde um ein ganzes Drittheil weiter hinausge- steckt werden! Mit demselben öffnet sich dem Kunst- fleisse der Aerzte eine neue Sphäre der Thätig- keit, die ihnen die interessantesten Gegenstände zur Bearbeitung anbietet. Die medicinischen Fakul- täten werden nach dieser Acquisition genöthigt seyn, den vorhandenen zwey Graden noch ei- nen Dritten , nemlich die Doctorwürde in der psychischen Heilkunde , zuzufügen. §. 4. Psychische Curmethoden sind also methodische Anwendungen solcher Mittel auf den Menschen, welche zu- nächst auf die Seele desselben und auf diese in der Absicht wirken, damit dadurch die Heilung einer Krankheit zu Stande kommen möge . Es ist daher in Rücksicht ihres Begriffs gleichgültig, ob sie eine Krankheit der Seele oder des Körpers hei- len; ob das erregte Spiel der Seelenkräfte, zum Behuf der Heilung, durch mitgetheilte Vorstel- lungen und Begriffe, oder durch körperliche Mit- tel, z. B. durch Ruthen, Douchen und Kanonen- donner erregt worden ist. Diese Curmethode ist zwar als eigne Disci- plin, in einem systematischen Zusammenhang und in Verbindung mit den ihr angehörigen Wissen- schaften nie bearbeitet. Doch finden wir hie und da Bruchstücke derselben, die uns die Geschichte der Arzneikunde, aus der älteren und neueren Zeit, aufbewahrt hat. Apparent rari nantes in gurgite vasto. Die Griechen und Römer waren mit ihr nicht unbekannt. Davon überzeugen uns manche Stellen in den Schriften des Hippocra- tes, Celsus und C. Aurelianus . Auch die Araber bedienten sich ihrer zur Heilung der Krankheiten. Mit welchem Glück? das erhellt aus folgender Geschichte. Al-Raschid’s schö- ne Beischläferin hatte sich in den Umarmungen ihres Gebieters mit so vieler Inbrunst gestreckt, dass einer ihrer Arme starr blieb. Man versuchte alles zu ihrer Herstellung; Balsame von Gilead und Mekka flossen in Strömen, Narden und Am- bra dampften in dem Rauchfasse, aber umsonst. Es wurde also ein neuer Arzt, Gabriel , herbei- gerufen. Dieser heilte die Kranke in einem Au- genblick, durch einen psychologischen Versuch. Er stellte sich als wollte er ihren Unterrock be- rühren, und dies in Gegenwart von Zeugen. Schnell entbrannte Zorn in der Brust des schönen Mäd- chens, ihr Krampf schwand, und sie griff mit bei- den Händen auf den verwegnen Frevler zu. Sie war geheilt, der Kaiser aller Gläubigen glück- lich durch die Hoffnung neuer Umarmungen, und der Arzt nicht minder durch 500,000 Thlr., die er für diese Cur geschenkt bekam Gregor. Abul-Pharaji Histor. orient. dynast. Oxoniae 1662. . Aus der neueren Zeit führe ich Kant, Th. Bar- nes, Bolten und einige Andere an Bolten’s Gedanken von psychologischen Cu- ren, Halle, 1751. Imman. Kant von der Macht des Gemüths, durch den blossen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu seyn. In dem Streit der Facultäten, Königsberg, 1798. Th. Barnes über die willkührliche Gewalt, wel- che die Seele über die Sensationen ausüben kann; in Wagner’s Beitr. I, 144. Tabor über die Heil- kräfte der Einbildungskraft, 1786. Skizze einer medicinischen Psychologie, 1787. Scheide- mantel , die Leidenschaften als Heilmittel be- trachtet, Hildburgh. 1787. Siegwart diss. de Symphatia, Antipathia et curationibus sympathe- ticis, Tübing. 1784. Alberti diss. de curationibus . Doch ist es noch nicht lange, dass man die psychische Curmethode auf Geisteszerrüttungen angewandt, und es einzusehen angefangen hat, dass diese Krankheiten vorzüglich durch sie geheilt werden müssen . Ich fange, wie billig, mit der Nation an, die sich die grosse nennt, es aber nicht durch ihre Aerz- te ist. Quantum est inane in rebus humanis! Herr Pinel genoss der schönen Erndte für dies Fach zur Zeit der Revolution, wo nach seinem eignen Geständnisse die Narren in Frankreich häufiger waren, als je zu einer anderen Zeit. sympatheticis, Halae 1730. Salomon diss. de cura morborum per Sympathiam, Ultraject. 1697. Borosagni diss. de potentia et impotentia ani- mae in corpus organicum sibi junctum, Halae 1728. Alberti diss. de medico effectu affec- tuum animi, Halae, 1735. Le Clerc , ergo conferunt curandis magnis morbis animi pathe- mata, Paris 1656. Felix diss. de medicina, nonnunquam ex animi commotionibus capienda, Viteb. 1790. Junker diss. de commotionibus patheticis corpori interdum proficuis, Halae 1733. Langii diss. de animi commotionum vi medica Op. III. Pauli diss. de animi commotio- num vi medica, Lips. 1700. Weltzien diss. de affectuum animi usu medico, Goett. 1789. Busse diss. de imaginationis viribus medicis, Leid. 1698. Will. Falconer dissert. on the Influence of the Passions upon the disordres of the body, London 1788. übersetzt von Michaelis, Leipzig 1789. Wenzels Versuch einer prac- tischen Seelenarzneikunde, Grätz 1801. Sein Werk über den Wahnsinn ist ein Coq à l’ane, üppig in einzelnen Theilen, aber krank im Zu- sammenhang, ohne Principien und Originalität, ob er gleich Nationaldünkel genug hat, sich alles dies anzumassen. Dass wir über kurz oder lang eine systematische Theorie der psychischen Curmethode bekommen werden, glaube ich: aus der Republick? das glaube ich nicht. Die zweite grosse Nation der Erde, die mit mehr Be- scheidenheit das von sich denkt, was jene von sich sagt, hat viele, aber meistens gemeine Arti- kel über den Wahnsinn geliefert. Herrn Crich- ton nehme ich aus, dem ich im Vorbeigehn meine grösste Hochachtung bezeuge. Ihr Vete- ran in der Kunst ihn zu heilen, Herr Willis , soll vorzüglich durch die psychische Curmethode wirken, ist aber so bescheiden, dass er seine Ge- heimnisse für sich behält. Allein ehe noch die grossen Nationen an diesen Gegenstand dachten, standen unter den Deutschen Erhard Wagners Beiträge zur philosophischen Anthro- pologie, Wien 1794. 1ster und 2ter Band. , Lan- germann l. c. und vor ihnen Kloekhof Sämmtliche Schriften, Leipzig 1789. auf, warfen sich dem Schlendrian in den Weg, und predigten ohne Pomp, aber laut und verständlich es allen, die Ohren hatten zu hören, dass der Wahnsinn vorzüglich durch die psychische Cur- methode geheilt werden müsse. Vielleicht könnte es gar diesem, wenigstens an frechen Thrasonen ärmlichen Völckchen gelingen, dies Fach mit dem meisten Glück zu bearbeiten, wenn sie mit ihren Nachbaren einerley günstige Hülfsmittel hätten. §. 5. Die psychische Curmethode hat noch mit mancherley kleinen und grossen, relativen und absoluten Schwierigkeiten zu kämpfen. Wer sich daher ihrer bedienen will, scheint ein vorzügli- ches Talent, grossen Scharfblick, mehr Kennt- nisse und Fertigkeiten nöthig zu haben als jeder andere Heilkünstler, der direct auf den Körper wirkt. Der psychische Arzt hat die verwickelt- sten Verhältnisse zu berechnen. Er kann die ab- solute Kraft seiner Instrumente, nicht wie die Kraft eines Tourniquets oder wie die Grösse eines Rhabarberpulvers, in Zahlen fassen, oder durch Maass und Gewicht bestimmen. Meistens muss er die Eindrücke auf das Vorstellungs- und Be- gehrungsvermögen des Kranken extemporiren, wie es der Zufall heischt und sein Genie zu star- ken und überraschenden Inpromptü’s aufgelegt ist. Noch mehr Spielraum hat der relative Effect der psychischen Mittel. Sie wirken auf das Seelenorgan, also auf einen Theil des Orga- nismus, der unter allen die zartesten Kräfte und diese von so beweglicher Temperatur hat, dass sie sie steigen, fallen und sich verändern durch ihre eignen Wirkungen . Diese Qualität des Seelenorgans enthält den Grund sei- ner Anlagen zu Gewohnheiten und Fertigkeiten; den Grund der Möglichkeit aller, sowol der moralischen als der intellectuellen Erziehung des Menschen. Nun erfolgt zwar dies Ebben und Fluthen der Nervenkräfte nach einer steten Re- gel, so lange sie gesund sind. Aber diese Regel wird aufgehoben, wenn sie erkranken und ihr Wechsel bindet sich nicht mehr an ein allgemeines Gesetz. Daher neue Schwierigkeiten. Wie schwer muss es also für den Künstler seyn, das Produkt zweier Factoren zu berechnen, deren Natur und Grösse einem ewigen Wechsel unterworfen ist. Noch mehr Schwierigkeiten hat die Anwen- dung der psychischen Curmethode auf Geisteszer- rüttungen. In denselben leidet der Brennpunkt des Nervensystems; er leidet an einer solchen dynamischen Intemperatur, dass fremde Erschei- nungen auf normale Eindrücke erfolgen und alle Freiheit des Willens aufgehoben ist. In anderen Seelenkrankheiten kömmt uns der Patient zu Hülfe. Er beobachtet sich selbst und theilt uns seine Erfahrungen über den Einfluss der ange- wandten Potenzen auf sich mit. Er entschliesst sich als freier Mensch zur Vollziehung des vorge- legten Curplans und hält seinen Geist, wie es dem Zweck seiner Genesung angemessen ist. Allein beides kann der Verrückte nicht. Er denkt C und handelt wie ein Kind und entschliesst sich nie freiwillig zur Cur einer Krankheit, von deren Daseyn er, als Verrückter, sich schlechterdings nicht überzeugen lässt. Da es ihm also an inneren Bestimmungsgründen fehlt, so müssen wir ihn von aussenher nöthigen, auf sich wirken zu lassen. Nun setzt aber dieser Zwang theils ein besonderes, fast individuelles Studium der Erfahrungs-Seelen- kunde dieser eigenartigen Geschöpfe voraus, theils beengt er mehr oder weniger die extensive und in- tensive Wirksamkeit der psychischen Curmethode. Dann hat noch die Krankheit selbst keine Stä- tigkeit. Sie wechselt unaufhörlich, steigt, fällt, ändert ihre Form. In den nemlichen Verhält- nissen müssen auch die Seelenkräfte gewechselt haben. Die moralischen und intellectuellen Be- stimmungen des Kranken ändern sich wie die Pe- rioden seiner Krankheit. Der Narr ist im Anfall ein anderes, und ein anderes Wesen im Nachlass. Während des Paroxismus wird der Furchtsame kühn, der Dummkopf beredt, das sanfte Weib eine wüthende Megäre. Der Rasende warnt sei- ne Freunde vor einem Unglück, das er ihnen selbst zubereitet; er sorgt als Freund oder Vater im Nachlass für die, die er im kommenden An- fall zerfleischt. Verrückte hassten ihre Kinder, drohten ihre Eltern mit Schlägen in den Anfäl- len, die sie ausser denselben zärtlich liebten Pinel Abhandlung über Geistesverirrungen, übersetzt von M. Wagner , Wien 1801. S. 20. . Wahnsinnige, die in den Intervallen fromm und gutmüthig sind, werden in den Paroxismen wie von einem bösen Dämon zum Zanken, Zerstö- ren, Schlagen, Stehlen und zu ähnlichen Bübe- reien angetrieben Pinel l. c. S. 21. . Ein grausamer Instinct reitzt andere, wider ihren Willen, und ohne Verwir- rung der Begriffe, gleich reissenden Tigern, ihre Wuth in ihren eignen Eingeweiden oder in dem Blute ihrer Nächsten abzukühlen. Pinel l. c. S. 22. sah einen Menschen, der sich seine eigne Hand abge- hauen hatte, und ohngeachtet seiner Fesseln sich mit den Zähnen seinen Schenkeln zu nähern und sie aufzufressen suchte. Er starb durch Selbst- mord. In dem Stockhause zu Giessen geschah das Nemliche. Der Kranke hatte sich alles Fleisch von den Fingerspitzen bis zur Handwurzel abge- nagt, so dass die Sehnen und die mit der Bein- haut bloss noch bedeckten Knochen nackend da lagen Thoms Erfahrungen und Bemerkungen aus der Arzney-, Wundarzney- und Entbindungs- Wissenschaft. Reils Fieberlehre, 4ter Band, S. 357. . Allein diese Schwierigkeiten in der Anwen- dung der psychischen Curmethode, mögen sie auch noch so gross seyn, sollen uns weder muth- los noch unthätig machen. Nur der Faule scheut C 2 den Löwen im Wege. Manche Hindernisse be- seitiget das Genie des Künstlers in der Ausübung. Hier scheiden sich Theorie und Praxis. Jene giebt die allgemeinen Regeln, diese muss sie den individuellen Umständen anpassen. Um dies Ver- hältniss richtig aufzufassen, muss der Arzt nicht allein den vorliegenden Fall in allen, selbst in seinen verstecktesten Beziehungen, überschaun; sondern auch in Besitz der Regeln seyn, die er auf denselben anwenden soll. Es ist daher ein so trivialer als falscher Gemeinplatz, dass gute Prak- tiker gebohren und nicht gezogen werden müssen. Also unverzagt Hand ans Werk gelegt! Wir wollen mit Männerkraft und Jünglingswärme wirken; in Masse aufstehn, wo die einzelnen Kräfte nicht ausreichen; unsere Anstrengungen in dem Verhältnisse verdoppeln, als die Hindernisse wachsen. Aerzte und Philosophen sollen die Theorie der psychischen Curmethode ihrer Voll- endung immer mehr annähern; und der Staat stif- tet zweckmässige Anstalten, in welchen die Theo- rieen versucht und gute Künstler durch Uebung gebildet werden können. Es werde nur ein be- deutender Mensch durch unsere Arbeiten aus dem Tollhause gerettet; haben wir zuviel für ihn ge- than? §. 6. Psychische Curen sind Wirkungen auf die Seele , Behufs des Zwecks der Heilung einer Krankheit. Sie sind also aus dem Gebiete der praktischen Erfahrungs-Seelenkunde entlehnt, von deren Verhältniss zur Arzneiwis- senschaft ich im Vorbeigehn ein Paar Worte sa- gen muss. Gewöhnlich betrachten die Aerzte sie als Hülfswissenschaft. Allein man kann diesen Be- griff nehmen wie man will. In gewisser Beziehung sind alle zur Arzneikunde gehörigen Disciplinen Hülfswissenschaften; in einer andern sind sie ihr alle eigenthümlich. Sie hat nemlich als solche kein eigenes Gebiet, das durch sich selbst, wie z. B. die Astronomie, begrenzt wäre. Ihr Zweck setzt ihre Grenzen. Sie nimmt also verschiedene Erkenntnissarten, als ihr angehörig auf, wenn sie zur direkten Erreichung ihres Zweckes geeignet sind. Die nemlichen Ansprüche macht sie an die Psychologie und mit desto grösserem Fug, je mehr sie dieselbe in ihr eigenthümliches Interesse verweben kann. Nun steht aber die Psychologie mit demselben in mancherley Beziehungen. Sie ist eine Naturlehrë eines Theils des Gegenstandes, auf welchen der Arzt wirken, den er also auch kennen muss. Wer umfasst das Wesen des Sub- strats der Seelen- und Körperkräfte? Wer darf sich unterfangen, darüber abzusprechen, ob es homogener oder heterogener Natur sey? Und ge- setzt auch, die Seele wäre nichts Körperliches, so greift sie immerhin in dasselbe ein, und ver- rückt dem Arzt seine Zirkel, wenn er ihre ge- heimen Spiele nicht kennt. Dann hat die Seele Krankheiten wie der Körper, die mit einander in einer beständigen Wechselwirkung stehn. Die Psychologie bietet ferner dem Arzte eine eigne Classe von Instrumenten zur Correction der Feh- ler organischer Körper an. Und endlich muss die psychische Curmethode, als Inbegriff von Re- geln, psychische Mittel zu bestimmten Zwecken anzuwenden, aus ihr entlehnt werden. Allein eine solche Psychologie für Aerzte und wahrscheinlich auch von Aerzten, würde einen andern Zuschnitt als die gewöhnlichen ha- ben müssen. Dem Philosophen, als blossem Na- turforscher, genügt es, seinen Gegenstand ohne Rücksicht auf einen besonderen Zweck zu bear- beiten. Für ihn ist es genug, die Phänomene der Seele unter sich in ein System zu verknüpfen. Er hält sich vorzüglich an die Naturlehre der Seele in ihrem normalen Zustande; höchstens fügt er etwan ihre moralischen Gebrechen zu, die den Arzt nichts angehn. Der Arzt bedarf zwar auch, wie der Philosoph, einer Naturlehre der gesunden Seele, damit er eine Norm für die kranke habe. Allein vorzüglich greift die Lehre ihrer Krankheiten und die Methode, sie zu ent- fernen, in seine eigenthümliche Bestimmung ein. Eine Psychologie für Aerzte würde daher ein ganz anderes Ding, ein Inbegriff em- pirisch-psychologischer Erkenntnisse seyn, die mit beständiger Rücksicht des gegenseitigen Einflusses beider Theile des Menschen aufgesucht, und mit dem Heilgeschäfft in der engsten Verbindung gesetzt sind . Es scheint, sie müsse nach eben dem Zuschnitt, wie die Arznei- kunde, die auf den Körper wirkt, also als Phy- siologie und Pathologie der Seele, psy- chische Heilmittellehre und Therapie geordnet werden. Die Physiologie betrachtet die Seelenvermögen, wie sie in der Regel und ihren Naturbestimmungen gemäss seyn müssen, und dient zur Norm in der Reflection über ihren kranken Zustand. Diesen behandelt die Patho- logie , deren Gebiet man nicht zu eng, etwan auf blosse Geistesverkehrtheiten einschränken darf. Denn die Seele leidet weit ausgedehnter, je nachdem ihre Kräfte einzeln oder insgesammt erhöht, erniedrigt, verstimmt, oder in ein fal- sches Verhältniss gesetzt sind. Sie leidet im Alp, dem Nachtwandeln, der Hypochondrie u. s. w. an Zufällen, die mit der Verrücktheit nichts ge- mein haben. In der allgemeinen Seelenpa- thologie würde der Begriff der Seelenkrank- heiten exponirt, und ihr Unterschied von mo- ralischen Gebrechen und körperlichen Krank- heiten festgesetzt. Dadurch werden zugleich ihre Grenzen abgesteckt. Dann müsste in der- selben der logische Eintheilungsgrund der See- lenkrankheiten aufgesucht, und ihre generische und specifische Differenz angegeben werden. Die besondere Pathologie stellt die Arten, also Einheiten auf, die gleichsam die Elemente der zusammengesetzten sind, und also vorher zur Er- kenntniss kommen müssen, ehe die Analysis der letzten möglich ist. Krankheiten der Seele er- regen körperliche, körperliche bringen Seelen- krankheiten hervor. Daher die Differenz der einfachen und zusammengesetzten , der reinen und gemischten Seelenkrankheiten. Zur Pathologie gehört endlich noch die Zei- chenlehre der Seelenkrankheiten, deren spe- cieller Theil in dem Verhältniss von der Patho- logie verschlungen wird, als dieselbe die wesent- lichen Merkmale ihrer Objecte immer richtiger auffasst. Dies und manches andere von der Erkennt- niss des kranken Zustandes. Mit der Entfernung desselben würde sich der zweite praktische Theil der Erfahrungs-Seelenkunde für Aerzte, nemlich die psychische Heilmittellehre und die Therapie beschäfftigen müssen. Jene würde zuerst in ihrem allgemeinen und philosophischen Abschnitt die Vermögen der Seele, auf welche gewirkt werden soll, erörtern müssen, damit die Möglichkeit einer psychischen Heilmittellehre be- griffen werden könne. Dahin rechne ich die Vor- stellungs-, Gefühls- und Willenskraft der Seele, ihr Associationsvermögen, ihre ununterbrochne Thätigkeit im wachenden Zustande, das Fort- schreiten in ihrem Geschäffte, das Verlöschen der gegenwärtigen Ideen, wenn neue entstehn, ihren Haug zur Nachahmung, ihre Anlage zu Gewohn- heiten und Fertigkeiten, als worauf die Gesetze sich gründen, nach welchen die angewandten Eindrücke wirken, und ihr dynamisches Ver- hältniss abändern. Dann zählte sie alle körper- lichen moralischen Mittel auf, die zunächst durch eine zweckmässige Veränderung der Seele wir- ken, und dadurch eine Körper- oder Seelen- krankheit zu heilen im Stande sind. Sie zählte sie vollständig auf, ordnete sie systematisch, und beurtheilte sie in ihren Wirkungen scientifisch, mit Rücksicht auf das Object, welches sie abän- dern sollen. An sie schliesst sich das Seelen- regimen an, das in einer zweckmässigen Hal- tung der Seele, zum Behuf des Heilgeschäffts, in Beziehung ihrer inneren Regungen und der ge- wöhnlichen äusseren Einflüsse auf dieselbe besteht, eine terra incognita, die Diätophilus zuerst und mit dem glücklichsten Erfolg zu bearbeiten angefangen hat. Man findet zwar die Titel einer Seelendiätetik angezeigt, aber keine Bücher da- zu; oder diese Titel mit Büchern, aber von ver- schiednen Verfassern, und daher von einem an- dern Inhalt, als ihre Aufschrift besagt. Einige, doch unvollkommene Bruchstücke des Seelenre- gimes enthalten unsere philosophischen Pathema- tologien. Uebrigens bemerke ich noch, was ich oben bereits im Allgemeinen von diesen Disci- plinen angemerkt habe, dass zwischen der psy- chischen Diätetik und Heilmittellehre kein we- sentlicher Unterschied Statt finde. Die Thera- pie stellt endlich die Verhältnisse zwischen den absoluten Kräften der Mittel und den in Anfrage stehenden Arten der Krankheiten auf. Sie giebt die Regeln, nach welchen die in der Heilmittel- lehre angemerkten Instrumente auf concrete Fälle angewandt werden müssen. Auf dies Verhältniss gründet sich die Theorie der psychischen Curen , die sich um so mehr von der Empirie entfernt, als die Mittelglieder zwischen der ab- soluten Kraft des Heilmittels und ihrem Produkt, der Entfernung der Krankheit, vollständig ge- funden sind. Allein an einer solchen praktischen Erfah- rungs-Seelenkunde für Aerzte, die, als ein drittes Glied im Triumvirat, der Arzneikunde und Chi- rurgie zur Seite treten sollte, fehlt es ganz. Die vorhandnen Bruchstücke psychischer Curen, sind zum allgemeinen praktischen Gebrauch nicht ge- eignet, weil sie unter keine allgemeinen Begriffe aufgefasst sind, und daher in der Anwendung zu viel Genie des Künstlers voraussetzen. Die hohen Schulen könnten, wenn sie erst wären was sie seyn sollten, Pflanzschulen den- kender Aerzte, durch Vorlesungen über die Me- thodologie dieser Disciplin die Bahn brechen. Aber leider sinken manche derselben immer mehr zu Werkstätten herab, in welchen rohe Hand- werker zugehauen werden. Gross ist noch das Feld im Reiche des Wissens, das urbar gemacht werden könnte. Auch fehlt es weder an Kräften noch an Willen. Nur müssen die Aussenverhält- nisse das Streben der Menschen nach Veredlung und Vervollkommnung seiner selbst begünstigen. Mir träumte jüngst, und wer kann davor, dass man träumt, nach einem glücklichén Abend in dem geschlossenen Zirkel einiger Freunde, in dem Lande der Severamben zu seyn. Ich sah da- selbst neben der Armee, die die äussere Sicher- heit besorgte, auch ein literarisches Corps , das aus Chemikern, Anatomen, Botanikern und andern Naturforschern bestand. Der Auditeur, den es zur Zierrath bey sich führte, war ein spe- culativer Naturphilosoph. Es hatte seine Chefs und Handlanger, Denker und Arbeiter, beweg- liche Garnisonen, gute Werbeplätze, und hielt strenge Mannszucht, die unseren Akademien fehlt. Dies Corps bestand auf Kosten des Staats, und war bloss dazu bestimmt, Künste und Wissen- schaften, durch dieselben jeden Zweig des Er- werbs, die Industrie und die innere Wohlfahrt der Landeseinwohner zu fördern. Es unter- suchte die Produkte des Landes, lehrte ihre bessere Benutzung, half den Fabriken und Ge- werben auf, belebte den Betrieb des Ackerbaues und des Handels. Dann suchte es zur Zeit der Musse die Grenzen der Wissenschaften überhaupt, ohne Rücksicht auf direkten Gewinn, zu erwei- tern. Wohin es kam, blühte der Erwerbsfleiss, Wohlstand und Reichthum unter seinen Fusssta- pfen auf. Es vergieng kein Jahr, in welchem es sich nicht durch den Wachsthum des National- glücks ein Monument seiner Existenz setzte, das seinen geringen Aufwand rechtfertigte, wenn grössere Anstrengungen der Staatsfinanzen ent- weder keine, oder eine mit Zerstörung bezeich- nete Spur von sich zurückliessen. §. 7. Es giebt nur zwey Wege, Krankheiten zu heilen, entweder wir tilgen sie direkt, oder entfernen die Ursachen, durch welche sie entstehn. Wir vernichten das Produkt, oder die Kräfte, durch welche es ursprünglich erzeugt und in der Folge unterhalten wird, und die Vegetation zer- stört alsdenn das Produkt. Ein krummer Baum wird gerade, wenn er an eine Stange gebunden, oder dem Windstoss, der ihn krümmt, der Zu- gang vermauert wird. Alle andere Curregeln sind unter diese begriffen. Nach diesen Regeln muss auch der Wahn- sinn geheilt werden. Doch scheint es, dass wir bloss die erste Indication durch Arzneien , aber die zweite, die unmittelbare Tilgung des Wahnsinns, keineswegs durch dieselben erreichen können. Arzneien können den An- drang des Bluts zum Kopf, Verstopfungen des Unterleibes, Würmer im Darmkanal, Reize im Sonnengeflecht und in den Geschlechtstheilen und andere Dinge, die den Wahnsinn erregen, fortschaffen. Sie mögen vielleicht auch dann und wann eine allgemeine Erhöhung der Reizbarkeit des Gehirns in Phrenesieen, oder eine gleich- mässige Abstumpfung derselben im neuen Blöd- sinn heilen können. Doch dies sind seltene Fälle. Denn die körperlichen Reiz- und Besänftigungs- mittel scheinen keinen solchen Einfluss auf das Seelenorgan, wie auf die übrigen Theile des Körpers zu haben. Oft rechnet man ihnen auch zu, was ihnen nicht zugerechnet werden darf. Wenn kalte Bäder, Urtikationen, Brenneisen u. s. w. den Wahnsinn geheilt haben; so ist es vielleicht ganz psychisch, durch Schmerz, Furcht und andere Seelenregungen geschehen. Die direkte Cur des Wahnsinns, oder das ärztliche Einwirken unmittelbar auf den Theil des Organismus, in welchem die Phä- nomene der Verrücktheit zunächst und zurei- chend gegründet sind, muss höchst wahrscheinlich bloss durch die psychische Curmetho- de geschehen. Dies scheint aus der ganzen Ein- richtung des Seelenorgans hervorzugehn. Sein Mechanismus ist höchst componirt und die dy- namische Temperatur seiner Theile verschieden. Dadurch entstehn die eignen Beziehungen dersel- ben auf einander, die wir in der Erregung durch äussere Einflüsse und innere Associationen wahr- nehmen. Nun scheint es, dass Arzneien zwar all- gemein, durch die Vegetationsinstrumente, auf dies Organ wirken, aber Missverhältnisse in seinen Be- ziehungen nicht verbessern können. Mag das Gehirn einmal als ein zusammengesetztes Kunst- werk aus vielen tönenden Körpern gedacht wer- den, die in einer zweckmässigen Beziehung (rap- port) stehn. Wird einer derselben von aussen, durch das Mittel der Sinne, angestossen, so er- regt sein Ton den Ton eines anderen, dieser wie- der einen anderen; und so wandelt die ursprüng- liche Erregung in mäandrischen Zügen und nach bestimmten Kraftverhältnissen durch die weiten Hallen dieses Tempels fort, bis ein neuer Stoss den vorigen Zug aufhebt oder mit demselben zu- sammenfliesst und dem vorigen eine andere Rich- tung mittheilt. Diese Beziehungen der Theile des Seelenorgans unter einander sind auf eine eben so bestimmte Vertheilung der Kräfte im Ge- hirn und dem gesammten Nervensystem gegründet. Wird dies Verhältniss gestört; so entstehn Disso- nanzen, Sprünge, abnorme Vorstellungen, ähn- liche Associationen, fixe Ideenreihen, und ihnen entsprechende Triebe und Handlungen. Die Seelenvermögen können sich nicht mehr der Frei- heit des Willens gemäss äussern. So ist das Ge- hirn wahnsinniger Personen beschaffen. Die Kräfte einiger Gebilde desselben sind über die Norm erhöht, andere in dem nemlichen Verhält- niss herabgestimmt. Daher Mangel an Einklang zwischen denselben, fehlerhafte Fortpflanzung erregter Thätigkeiten und Umsturz der Normalität der Seelenfunctionen. Je thätiger die Phantasie des Verrückten ist, desto weniger kommen die Eindrücke der Sinnorgane zum klaren Bewusst- seyn. Je mehr er an eine Ideenreihe gefesselt ist, desto weniger können andere Platz gewinnen und die fixirten verdrängen. Denn es ist unbedingtes Naturgesetz, dass die distributiven Aeusserungen der Lebenskraft in dem Maasse erlöschen, als ihre Wirksamkeit an einem Ort hervorstechend angestrengt wird. Nun wirken aber die körperli- chen Excitatoren gleichmässig, also auch auf die schon zu empfindlichen Saiten; die beruhigen- den Arzneien stimmen alles, auch die torpiden Fasern, in gleichen Graden herunter. Man kann allerdings den Rasenden durch Mohnsaft zur Ruhe bringen, allein gescheut ist er deswegen nicht, sondern nur ein Narr anderer Art gewor- den. Doch muss man die Sthenie und Asthenie des Vegetationssystems, welches auf das Ganze einfliesst, nicht verwechseln mit der eigenthüm- lichen Energie, die das Gehirn, als ein schon gebildeter Theil, unabhängig von demselben, be- sitzt. Das Vegetationssystem kann zwar zu schwach seyn in Rücksicht der ganzen Oekono- mie, aber doch zu stark auf Einen Theil wir- ken, und denselben mit Kraft überladen. Eine andere Ansicht. Die plastische Natur schafft das Gehirn als eine rohe Masse (tabula rasa) aus einem thierischen Stoff, der ausser den allgemeinen Eigenschaften thierischer Stoffe über- haupt, noch eine Anlage besitzt zu ei- ner eigenthümlichen Ausbildung . Es hat ursprünglich keine Vorstellungskräfte, denn diese können nicht ohne Vorstellungen gedacht werden, sondern bloss Anlage zu ihrem Erwerb, das heisst, eine solche Beschaffenheit, dass sie in ihm wirklich gemacht wer- den können . Ursprünglich entstehn sie durch die eigenthümlichen, aber gezwungenen, Erre- gungen desselben. In der Folge werden sie wei- ter ausgebildet und immerhin modificirt, durch eben diese äusseren Einflüsse und durch die eigen- mächtigen Thätigkeiten, die sie selbst hervorbrin- gen. Die Erregungen sind so mannichfaltig, als die Individuen, in welchen sie Statt finden. Das Gehirn bekömmt also ursprünglich durch Ideen seine Kräfte und die bestimmte Art von Kräften, welche sich verhalten, wie die Erziehung, durch welche seine intellectuelle Anlage entwickelt wird. Es ist also durch sich selbst einem ewigen Wechsel der Kräfte unterworfen, der aber inner- halb der Breite des gesunden Zustandes liegt. Durch Ideen wird das normale dynamische Ver- hältniss des Gehirns gegründet, durch Ideen muss dasselbe rectificirt werden, wenn es gestört ist. Der Zweck der meisten Heilmittel geht da- hin, diejenigen Kräfte abzuändern, durch wel- che anomalische Erscheinungen entstehn. Nun werden aber die Kräfte durch zweckmässig er- regte Thätigkeiten abgeändert. Denn sie sind Resul- Resultate des Stoffs und der Struktur; und die Natur vegetirt (wechselt den Stoff), wenn sie wirkt, ändert also durch ihre Thätigkeiten die Qualität und Quantität der Kräfte ab Reils Archiv für die Phys. 5. B. S. 275. . Un- sere Nase wird bald durch zu starke Gerüche so abgestumpft, dass sie mitten in einer Parfü- meriefabrik nichts riecht. Das Anschaun der Sonne raubt unserer Netzhaut ihre Reizbarkeit so sehr, dass es auf einmal Nacht um uns wird. Gefangene lernen im finstern Kerker, also bey einem sehr geringen Licht sehn. Wenn man auf ein weisses Papier in der Sonne eine Nadel sticht und sie nachher wegnimmt, so sieht man nun an dem Orte des Schattens eine lichtere Stelle. Wenn daher die alienirten Kräfte des Gehirns im Wahnsinn rectificirt werden sollen; so muss das- selbe auf eine so bestimmte Art in Thätigkeit ge- setzt werden, dass dieser Zweck erreicht wird. Nun kann dasselbe aber durch keine anderen Er- regungsmittel in seine specifisch eigenthümliche Action gebracht werden, als durch solche, in deren Gefolge Gefühle, Vorstellungen, Triebe u. s. w. entstehn. Dies geschieht durch die psy- chische Curmethode. Sie erregt das Seelenorgan specifisch, weckt die torpiden, bringt die exal- tirten Theile zur Ruhe. Dadurch wird der In- temperatur der Reizbarkeit des Gehirns eine an- dere Richtung gegeben. So sind wir im Stande D Gleichgewicht und normales Kraftverhältniss in den verschiednen Getrieben des Seelenorgans, Einklang und richtige Beziehung (rapport) der- selben zu einander, dadurch Harmonie der inne- ren und äusseren Sinne, die gehörige Stärke der Phantasie, die äussere und innere Besonnenheit, die richtige Verknüpfung der Ideen unter sich und mit den Funktionen der Willenskraft wieder- herzustellen, wovon die ganze Normalität der Kraftäusserungen der Seele abhängt. Dies sind theoretische Gründe, aus der Na- tur des Seelenorgans hergenommen, die die Be- hauptung unterstützen, dass Gefühle und Vorstellungen, kurz Erregungen der Seele, die eigenthümlichen Mittel sind, durch welche die Intemperatur der Vitalität des Gehirns rectificirt werden müsse . So wie es Krankheiten giebt, die vorzugsweise durch chirurgische Mittel; andere, die durch Arzneien geheilt werden müssen; so scheint die psychische Curmethode vorzüglich zur Heilung der Seelenkrankheiten geeignet zu seyn. Diesem Raisonnement treten die schon gemachten Erfahrungen von ihrer Wirksamkeit bey, und werden dieselbe in der Folge noch mehr bestäti- gen, wenn wir sie häufiger und nach Regeln an- wenden. §. 8. Behufs der psychischen Curmethode, be- sonders in Hinsicht auf Heilung der Geisteszerrüt- tungen, scheint es gerathen zu seyn, wie bereits oben gesagt ist, die Vermögen der Seele, und die Gesetze, nach welchen sie wirkt, einer eigenen, diesem Zweck besonders entsprechenden Ansicht zu würdigen. Der Arzt war meistens nicht Philo- soph, der Philosoph nicht Arzt genug, um die Psy- chologie nach dieser Idee zu bearbeiten. Man rai- sonirt zu viel und beobachtet zu wenig; schaut theils ohne Plan, theils nicht ohne Vorurtheil an; phi- losophirt auf der Stube und vergleicht die gemach- ten Erfahrungen zu sparsam mit der Natur, so dass sie durch die kreisenden Traductionen von einem Verleger zum andern zuletzt ihre ursprüngliche Gestalt verlieren. Gewöhnlich wird die Seele nur in ihrem normalen, selten in ihrem abnor- men Zustand geschildert; und von diesem werden alsdann nicht etwan die einfachen Arten, sondern die verworrenen Gruppen ihrer gänzlichen Zerrüt- tung aufgestellt. Gute Köpfe sollten sich in Nerven- krankheiten selbst beobachten, welches aber, lei- der! selten geschieht. Denn dadurch würde mehr Ausbeute, und diese von einem besseren Gehalt ge- wonnen, als durch das kalte Anschaun der Oberflä- che, welches bloss einer dritten Person möglich ist. Endlich lässt sich von der Narrheit der Menschen in den Tollhäusern weit mehr Nutzen ziehn, als bisher geschehen ist. Man findet sie hier ohne Maske, und sieht, was sie sind und werden kön- nen, wenn das Räderwerk der Organisation in Unordnung gerathen ist. Kurz, man war mit D 2 dem medicinischen Gebrauch der Psychologie zu wenig bekannt, und daher auf ihren Anbau in Rücksicht dieses Zwecks nicht sonderlich be- dacht. Doch hat neuerdings der Herr Professor Hofbauer Untersuchungen über die Krankheiten der See- le und die verwandten Zustände, Halle 1802. 1ster und 2ter Th. einen Versuch dieser Art gemacht, der ganz das systematische Gepräge seiner Ar- beiten hat, und einen trefflichen Beitrag zur end- lichen Gründung einer Theorie der psychischen Curmethode anbietet. In der That ein sonder- bares Zusammentreffen verschiedner Kräfte zur Vollendung eines Zwecks. Soll man hier den Zufall anstaunen, oder den Finger der Vorsehung verehren? Englands, Frankreichs und Deutsch- lands Aerzte treten zugleich auf, das Schicksal der Irrenden zu mildern. Ihnen bieten Philo- sophen und Priester freundlich die Hand, und unsere erlauchten Diener des Staats sind bereit, Entwürfe zu realisiren, die dem Staatsinteresse keine Aufopferung kosten, ihnen Ehre und dem Volke Heil bringen. Mit Frohsinn sieht der Cosmopolit dem unermüdeten Gewühl der Men- schen für die Wohlfahrt ihrer Nächsten zu. Das Abschreckende der Gefängnisse und Zuchthäuser ist beseitigt. Heil unserm Wagnitz ! Sanft ru- he Howard’s Asche! Ein kühnes Geschlecht wagte sich an die gigantische Idee, die dem ge- wöhnlichen Menschen Schwindel erregte, eine der verheerendsten Seuchen von dem Erdball zu vertilgen. Und wirklich scheint es, dass es dem Hafen nahe sey, einzulaufen. Ueber sie alle schwebt, gleich dem Adler, eine sublime Gruppe speculativer Naturphilosophen, die ihre irdische Beute in dem reinsten Aether assimilirt und als schöne Poesien wieder giebt. Möchte doch jeder unter uns glauben und lehren ohne Partheisucht, die Wahrheit auf seiner Strasse verfolgen, aber nicht ungerecht seyn gegen das benachbarte Ver- dienst, und es nicht vergessen, dass an dem gro- ssen Tempel für Menschenglück und Menschen- wohl Hände aller Art arbeiten müssen. Ich will einige Naturalismen über das Be- wusstseyn , die Besonnenheit und Auf- merksamkeit , dies Triumvirat nahe ver- wandter Kräfte der Seele, wagen, in welchen ihre Zerrüttungen ganz vorzüglich sichtbar, und auf welche daher auch die Mittel zur Heilung hauptsächlich gerichtet werden müssen. §. 9. Ich fange mit dem Selbstbewusstseyn , diesem in der Anschauung einfachen, aber in der Zergliederung höchst verwickelten Produkt un- serer Seelenkräfte an, das gleichsam die Grund- veste unserer ganzen moralischen Existenz aus- macht. Denn was wären wir ohne dasselbe? Ein leeres Gleichniss des Spiegels einer See, die auch die fliehenden Gegenstände abkontrefeit, aber die aufgenommenen Bilder nicht festhalten, nicht als Eigenthum sich aneignen kann. Das Wesen des Selbstbewusstseyns scheint vorzüglich darin zu bestehn, dass es das Man- nichfaltige zur Einheit verknüpft, und sich das Vorgestellte als Eigenthum anmasst. So klar wir uns unserer bewusst sind, so wenig sind wir es uns bewusst, wie es zugehe. Ich will es daher versuchen, diesem Vermögen der Seele durch eine Analogie aus dem Gebiete der Organisation näher zu treten. Der Mensch hat Individualität, wenn er gleich höchst theilbar; Einheit, wenn er gleich ein Aggregat der fremdartigsten Organe ist. Knochen, Knorpel, Muskeln, Drüsen, Ein- geweide, wie verschiedner Natur sind nicht diese Dinge? Dazu kömmt noch, dass wir jede der- selben als einen isolirten Körper betrachten kön- nen, der durch sich eine bloss mechanische, keine dynamische Verknüpfung mit dem andern hat. Erst durch das Nervensystem, an dessen Schnüre sie aufgereiht sind, kömmt Einheit in diese grosse Mannichfaltigkeit. Aeste desselben sammlen ein- zelne Parthieen zu Sinnorganen, Eingeweiden, Gliedern u. s. w. auf, und dann erst werden diese verschiednen Getriebe, durch das Gehirn, als den Hauptbrennpunkt des Nervensystems, zu einem Ganzen zusammengehängt. Dieser Ein- richtung, die das mannichfaltige Körperliche zu einem Individuum erhebt, scheint die Ursache des Selbstbewusstseyns verwandt zu seyn, das den geistigen Menschen, mit seinen verschiednen Qualitäten, zur Einheit einer Person zusammen- fasst. Die durch den gesammten Organismus ausgestreckten Aeste des Nervensystems bewirken die Individualität des Körpers, das Gehirn des- selben, von dem sie ausgehn, und wo sie wieder zusammenstossen, die Persönlichkeit. Daher rührt es, dass der Geist jeden Stoff, der ihm ge- geben wird, seiner Organisation gemäss verarbei- tet, und überall Einheit in das Mannichfaltige zu bringen sucht. Er wickelt im Selbstbewusst- seyn den unermesslichen Faden der Zeit in einem Knaul zusammen, reproducirt abgestorbne Jahr- hunderte und fasst die ins Unendliche ausgestreck- ten Glieder des Raums, Bergketten, Flüsse, Wäl- der und die am Firmament hingestreuten Sterne in das Miniaturgemälde einer Vorstellung auf. Er fühlt sich gleichsam selbst in jeder Vorstellung, bezieht, was vorgestellt wird, auf sich, als den Schöpfer desselben, und behauptet dadurch ein Eigenthumsrecht über die Welt ausser ihm, so weit sie vorstellbar ist. In dem Vorgestellten unterscheidet er blitzschnell Subject und Object, und fasst beides eben so schnell, als Veränderun- gen in sich, wieder in einem Punkt zusammen. Er schaut endlich die Welt im Raume, und die Phänomene seiner Seele in der Zeit an, verknüpft diese Formen der Anschauung mit sich in richti- gen Verhältnissen, und fasst dadurch die Zeit und den Raum auf, in welchem er sich wirklich befindet. Von dieser Gruppe mannichfaltiger Erscheinungen, die durch das Selbstbewusstseyn wirklich werden, sind bald diese bald jene Par- thieen mehr erleuchtet. 1) Bald sind wir uns der Vorstellung , als einer Veränderung in uns, in welcher das Mannichfaltige zu einem Bilde synthetisch ver- knüpft ist, mit vorzüglicher Klarheit bewusst. Ueberschreitet dies einseitige Bewusstseyn die Norm: so entsteht ein Zustand, in welchem der Mensch weder das Subject noch das Object mit nöthiger Klarheit beachtet. 2) Oder das Object sticht hervor und das Subject tritt im umgekehrten Verhältniss ins Helldunkel zurück. In diesem Zustande ist der Kenner, der ein schönes Kunstwerk anstaunt. 3) Dann kann das Subject auf dem Ta- bleau am stärksten erleuchtet seyn. Je klärer dies geschieht, das Ich gleichsam in sich selbst zurückkehrt, desto mehr ist die Anschauung der Welt im Schatten gestellt. Neben der Vorstel- lung des Objects bewirkt die Seele noch eine andere ihrer selbst, sie denkt sich als Schöpferin der Vorstellung, und unterscheidet in derselben ihr Eigenthum von dem Antheil der äusseren Einflüsse. Sie denkt sich mehr oder weniger klar, fasst alle oder solche Bestimmungen und Verhält- nisse ihres Selbsts auf, die mit dem Object in der zweckmässigsten Verbindung stehn. Wird z. B. ihr Körper durchs Gemeingefühl krank angekün- diget: so ruft sie augenblicklich ihr Verhältniss zu demselben in Selbstbewusstseyn vor. Zwar sind wir uns in dem gewöhnlichen Geschäfftsgang nicht aller Bestimmungen unserer Person klar be- wusst, um die Kraft nicht auf zu viele Punkte zu zerstreuen. Allein wir haben es doch in unse- rer Gewalt, durch Hülfe der Besonnenheit augen- blicklich alle, oder doch solche persönliche Ver- hältnisse zur Klarkeit zu erheben, die mit unse- rem gegenwärtigen Interesse in der nächsten Bezie- hung stehn. Wir denken uns unsere Eigenschaf- ten, Grundsätze, Maximen, die Metamorphosen unseres Körpers und der Seele, die wir während unsers Lebens bis auf den gegenwärtigen Augen- blick durchlaufen sind, und denken wahr, wenn uns in der That alles dies zukömmt, was wir für das Unsrige halten und in der Synthesis des Be- wusstseyns mit unserer Person verbinden. Das Kind schaut auch an, es schaut sich und die Welt an, aber ohne Verknüpfung. Seine Ideen treiben losgebunden vorüber, wie die Bilder in einem Bach. Es spielt mit seinen eignen Gliedern, wie mit einem fremden Tand. Es fühlt etwas, nemlich sich, es fühlt sich mit Lust oder Unlust, die es zum Lachen oder Weinen reitzen. Aber es weiss es nicht, dass es die Person ist, die die Welt vorstellt und durch sein eignes Selbst angenehm oder unan- genehm afficirt wird. Erst spät er wacht es aus die- sem Zustand der Ungebundenheit und lernt das grosse Geheimmniss, sein eigenes Ich , ver- stehn. 4) Der Mensch schaut die Objekte des äusseren Sinnes unter der Form des Raumes und die Objekte des inneren Sinnes unter der Form der Zeit an. Es fasst das räumliche Ver- hältniss seines Körpers zu den Gegenständen in dem unbegrenzten Totalraum im Bewusstseyn auf, und bestimmt sich dadurch in Rücksicht des Orts, den er wirklich einnimmt. Den wahren Zeitpunkt, in welchem er ist, hält er dadurch fest, dass er den gegenwärtigen Moment mit der Ver- gangenheit und Zukunft in seinem natürlichen Fortschreiten vorstellt. Auf diese Art ist er im Stande sein eignes Selbst als eine in Zeit und Raum bestimmte Person vorzustellen. Dies Be- wusstseyn ist wahr, wenn er sich wirklich in dem Theil des Raums und in dem Moment der Zeit befindet, in welchem er sich als existirend denkt. 5) Wir haben endlich ein Bewusstseyn der Vergangenheit und knüpfen alles, was von der Welt zu unserer Erkenntniss gelangt ist, alle Catastrophen unseres körperlichen und See- lenzustandes, die unser Gedächtniss und die Phantasie reproduciren, an das nemliche beharr- liche Ich, an welches wir unsern gegenwärtigen Zustand knüpfen. Wir schaun als die nemliche Person von dem gegenwärtigen Moment, bis zum ersten dunklen Punkt unserer Existenz rückwärts und immer ferner zurück, je länger wir gewesen sind. Die Kreise von Begebenheiten, die uns umla- gern, mehren und erweitern sich mit der Fortdauer unseres Lebens, wie die Kreise auf einer See, die von einem Steine erschüttert ist. Und diesen individuellen Abschnitt, dessen wir uns, als mit uns verknüpft, bewusst sind, scheiden wir von der unendlichen Totalfolge der Dinge, als uns angehörig , ab. Ohne dies Bewusstseyn des Zusammenhangs unserer Existenz würden wir unbedeutende Ephemeren des gegenwärtigen Augenblicks und gleichsam in so viele Personen zersplittert seyn, als wir Grade an dem grossen Rade der Zeit durchlaufen sind. Dennoch ist dies Ich, das in unserem Bewusstseyn mit so vie- ler Beharrlichkeit fortdauert, in der Wirklich- keit ein höchst veränderliches Ding. Der Greis glaubt, er sey es noch, der vor achtzig Jahren auch war. Doch ist er nicht mehr derselbe. Kein Atom ist von dem allen mehr da, was vor acht- zig Jahren war. Die Zeit hat, mit jedem Schritte vorwärts, an seiner Seele und an seinem Körper genagt, ihn mehr als einmal ganz umgeschaffen, moralische und physische Vollkommenheiten in ihm entwickelt und sie wieder zerstört. Er sieht auf die durchlaufene Bahn wie auf eine zusam- menhängende Linie zurück, obgleich der Schlaf und längere Epochen von kranker Bewusstlosig- keit überall grosse Lücken in seinen Lebensfa- den eingeschnitten haben. In der That eine selt- same Erscheinung, dieser feste Glaube, dass wir immer dieselbe Person bleiben, da uns doch von der Erfahrung die handgreiflichsten Beweise des Gegentheils aufgedrungen werden. In dem Räum- lichen der Organisation ist die nemliche Aufgabe gegeben. Wir glauben von unserer Geburt an bis zu unserem natürlichen Lebensziel immer in dem nemlichen Körper zu bleiben. So wie unsere Person uns selbst nicht unbekannt wird, so wird auch unser Körper keinem in der Familie unbe- kannt. Und doch hat das Kind in den Windeln mit dem Jüngling, und dieser mit dem Greise kei- ne Aehnlichkeit mehr. Der Anflug geschah aber immer an den nemlichen Stock und die Vegetation schritt in so unmerklichen Graden zur Entwickelung und Zerstörung fort, dass wir den ganzen Prozess nicht gewahr geworden sind. Wahrscheinlich würde daher auch das Be- wusstseyn der Succession unserer Existenz einen Stoss erleiden, wenn die Catastrophen stark seyn, Knaben mit einem Schritt ins Greisenalter hin- überhüpfen könnten. Der Organismus wechselt den Stoff, transitorisch und fortschrei- tend , er zerstört ununterbrochen und schafft wieder, was er zerstört hat. Er nähert seine neuen Schöpfungen dem ursprünglichen Typus soweit wieder an, dass das Individuum fortdauert und immerhin zu den nemlichen Veränderungen fähig bleibt. Allein er nähert sie nur dem an, was er zerstört hat; erreicht dasselbe aber nicht vollkommen wieder . Daher der transitorische Wechsel und in demselben der Grund unserer fortschreitenden Metamorphosen. So wälzt sich die Erde um ihre eigene Axe und giebt uns Morgen und Abend verjüngt zurück, die sie uns raubte, schreitet aber bey diesen pe- riodischen Umwälzungen immer vorwärts auf ihrer Reise um die Sonne. So auch ihre Söhne; nur mit dem Unterschied, dass sie ihre Reise nie wiederholen, wenn sie einmal am Ziele sind. Die Bedingungen , welche dies nor- male Bewusstseyn in der Organisation voraussetzt, werde ich unten weitläuftiger anzeigen. Jetzt be- merke ich bloss, dass das Nervengebäude das ein- zige animalische Band ist, durch welches alle übrigen Organe dynamisch verknüpft und auf Vollendung eines Zwecks angewiesen sind. In demselben müssen wir daher auch die Grund- vesten des Selbstbewusstseyns aufsuchen. Jeder Theil dieses ausgebreiteten Systems muss seine Kraft, diese in richtigen Verhältnissen besitzen und mit dem Hauptbrennpunkt des Gehirns zu- sammenstossen, damit sie alle, der Norm gemäss, sich auf einander beziehn und eine freie Wechsel- wirkung unter sich handhaben können. Dann kann jedes Getriebe für sich und hervorstechend wirken, aber auch schnell, nach freier Willkühr, wieder zur Ruhe gebracht und ein anderes, nach einer bestimmten Regel, erregt werden. Dann kann die nöthige Mannichfaltigkeit der Vorstel- lungen, Associationen, Willensfunktionen und Bewegungen zu Stande kommen, ohne dass die Conspiration verletzt wird, in welcher dies bunte Gewühl mit der Einheit des Zwecks stehen muss. Eine Seele, der ein solches Nervensystem zu Gebote steht, kann sich auf alle Punkte zer- streun, aber augenblicklich alle Kraft wieder in sich zusammenziehn. Sie kann alles in ihrem vasten Gebiete überschaun, jeden Vorgang in demselben wahrnehmen, überall hinwirken, durch alle Sinne die Einflüsse der Welt aufneh- men, so die ganze Organisation, und durch die- selbe das Weltall beherrschen. Soviel von dem normalen Bewusstseyn. Durch welche Symptome kündigt es sich aber im ano- malischen Zustande an? Wo finden wir die Krankheit zu diesen Symptomen, und welcher Na- tur ist dieselbe? Wahrscheinlich müssen wir, um auch nur mit einigem Glücke etwas auf diese Aufga- besagen zu können, die Einfachheit der Seele bey Seite setzen und fest an die Zusammengesetztheit des Nervensystems halten. Die Frage: ob auch oh- ne Vermittelung der Nerven Beziehungen zwischen den Theilen des Körpers, z. B. zwischen den Generationstheilen und den hornartigen Organen möglich sind, lasse ich bey Seite liegen. Allein wenn dies auch nicht wäre; so giebt es zuverläs- fig im Nervensystem eigne Heerde (Knoten, Geflechte), durch welche besondere Beziehungen und Zirkel zu Stande kommen, ohne dass sie auf das Gehirn stossen und sich dem Bewusstseyn mittheilen. Diese Heerde stehn zwar in der Regel, mit dem Gehirn in Gemeinschaft; aber durch Krankheiten können sie von demsel- ben abspringen und als Rebellen-Oberhäupter ihre eigenen Züge, unabhängig von dem Gehirne, leiten. Es giebt Thiere, in deren Nervensystem bloss solche abgesonderte Heerde sind, von wel- chen keiner vor dem andern einen Vorzug hat, und welche nirgends in einem gemeinschaftlichen Brennpunkt gesammlet werden. Diese Thiere kann man gleichsam als Multiplikate mehrerer, aneinandergereihter, und zwar so vieler Thiere betrachten, als Nervenheerde, von gleicher Dig- nität, in ihnen vorhanden sind. An einigen, z. B. den Bandwürmern, ist diese Vervielfältigung der Individualität sogar auf ihrer Oberfläche sichtbar. So lange der Mensch gesund ist, sammlet das Nervensystem seine durch die ganze Organisa- tion ausgestreckten Glieder in einem Mittelpunkt. Dadurch wird das Mannichfaltige zur Einheit verknüpft. Allein die Angel der Verknüpfung kann abgezogen werden. Das Ganze wird dann in seine Theile aufgelöst, jedes Getriebe wirkt für sich, oder tritt mit einem anderen, ausser- halb des gemeinschaftlichen Brennpunkts, in eine falsche Verbindung. Der Körper gleicht einer Orgel; bald spielen diese bald jene Theile zusam- men, wie die Register gezogen sind. Es werden gleichsam Provinzen abtrünnig, man verzeihe mir diese bildliche Sprache, die man in der Psy- chologie nicht entbehren kann. In diesem Zu- stande muss die Synthesis im Bewusstseyn verloh- ren gehn. Die Seele ist gleichsam von ihrem Standpunkt weggerückt; unbekannt in ihrer eigenen Wohnung, in welcher sie alles umge- stürzt findet, hat Mast und Ruder verlohren und schwimmt gezwungen auf den Wogen der schaf- fenden Phantasie in fremde Welten, Zeiten und Räume, glaubt bald ein Wurm bald ein Gott zu seyn, lebt in Höhlen oder Palästen und versetzt sich in Zeiten die nicht mehr sind, oder noch kommen sollen Das kranke Bewusstseyn hat mancherley Gestalten, je nachdem diese oder jene Beziehun- gen desselben, allein oder hervorstechend, affi- cirt sind. Zuerst will ich seiner Anomalieen er- wähnen, sofern sie sich vorzüglich durch ein fehlerhaftes Bewusstseyn der Objektivität äussern. Diese Anomalieen entstehn von einem Fehler der Seele oder der Sinne; diese wirken entweder gar nicht oder falsch, jene nimmt die Eindrücke derselben nicht wahr. Der kranke Zustand ist übrigens dem Grade nach verschieden, bald einfach, bald zusammengesetzt. In der Vertiefung geht die ganze Kraft der Seele vor- wärts in der Meditation, daher sie die Aussen- dinge nicht beachtet und an äusserer Besonnen- heit Mangel leidet. Eben so verhält es sich im fixen Wahnsinn, in dem cataleptischen Hinstarren der Seele auf ein Object, in der Entzückung und und im fieberhaften Irrereden. Der Kranke nimmt entweder gar nichts von allen dem wahr, was um ihm herum vorgeht, oder er nimmt die äusseren Gegenstände falsch wahr, und unter- scheidet sie nicht genau von den Phantomen, die seine Phantasie ausheckt. Endlich gehört noch der Traum hieher, in welchem die Sinnorgane schlafen, und daher den Träumer nicht an die Welt heranziehen können. Er wird bald über sein Verhältniss zu derselben mit sich uneins, ver- liert seinen wahren Standpunkt in der Zeit und im Raume, schwimmt fort in das Reich der Möglichkeiten, und hält die Bilderwelt seiner Phantasie für eine reale Welt ausser derselben. Je mehr er sich dem wachenden Zustande nähert, desto mehr kehrt das Bewusstseyn zurück. Der Nachtwandler ist nicht ganz ohne Bewusstseyn seiner Objektivität. Sonst würde es ihm seyn, als wenn er in einem absolut leeren Raume schwebte, wo nirgends fester Fuss gefasst werden könnte. Er würde nicht gehen, stehen oder eine Sache ergreifen können. Die Eindrücke der Aussen- dinge, wie sie auch auf ihn einfliessen mögen, wahrscheinlich durch blosse Reflexion in der Nervenorganisation, ertheilen seiner Phantasie in jedem Moment eine andere Richtung. Doch ist es sonderbar, dass er nur solche Dinge durch die Sinnorgane wahrnimmt, die mit seinem Traum- bilde in Beziehung stehn. Er fühlt feiner als ein Wachender, denn sein Gefühl dient ihm statt des E Gesichts. Dennoch bringen starke Reize auf dasselbe ihn nicht zum Erwachen, sondern er entflieht oder schlägt um sich. Der Bediente des berühmten Nachtwandlers A. Forari rieth den Zuschauern der nächtlichen Actionen seines Herrn leise zu gehn und nicht zu reden, weil er wü- thend würde, wenn ein um ihn her entstandenes Geräusch sich in seine Träume mischte Muratori über die Einbildungskraft des Men- schen, mit Zusätzen von Richerz , Leipzig 1785. 1ster Theil, S. 306. . Die Ursache davon ist die, dass diese Reize dem Nachtwandler fremd sind, weil sie nicht in das Luftgebilde seiner Phantasie passen. Er hält sie für Ungeheuer, die er zu bekämpfen, oder denen er zu entfliehen sucht. Eben diese Kranken, die in gewissen Beziehungen ein so äusserst zartes Ge- fühl haben, sind gegen andere Reize so gefühllos, dass man ihnen, wie Monboddo Antient Metaphysics, London 1782. Mura- tori l. c. 1ster Theil, S. 353. beobach- tet hat, eine Nadel in den Arm stechen kann, ohne dass sie Schmerz äussern. Er folgert hier- aus, dass die Seelen der Nachtwandler zur Zeit des Anfalls auswanderten. Allein schwerlich möchten die Emigranten dann zurückkehren. Vielmehr scheint es, dass die aufgehobne Syn- thesis ihres Bewusstseyns in der genausten Paral- lele stehe mit der aufgehobnen Verknüpfung, die die Getriebe der Organisation im Gehirn haben. Auch im Schlafreden , das dem Nachtwand- len sehr nahe liegt, ist der Mikrokosmus aus seinen Angeln gehoben. Einige Getriebe ruhn, andere wirken, aber ohne Verbindung im Haupt- brennpunkt, sondern durch partielle Associatio- nen unter sich. Das Vorstellungsvermögen pro- ducirt, der Wille wirkt, aber nur auf denje- nigen Theil des Muskelsystems, der die Sprach- organe regiert. Alle übrigen Getriebe sind aus- gehoben aus der Angel, durch welche die Ge- meinschaft des Ganzen bewirkt wird. Im Arzte Unzer’s Arzt, 3. B. 74 St. 343 S. wird die Geschichte zweier Schwestern erzählt, die beide Nachtschwätzerinnen waren, und im Schlaf Gespräche mit einander wechselten. Hier war den gangbaren Getrieben noch ein drittes, das Gehörorgan associirt, durch welches einige Aussenverhältnisse aufgefasst und mit den Spielen der Phantasie in Beziehung gesetzt wurden. Eben weil diese Schlafredner von der Welt schwach oder gar nicht afficirt werden, und selbst die meisten Getriebe ihres Körpers stillstehn: so kann sich die Kraft desto stärker in den gangbaren Getrieben vereinigen. Denn diese Träumer pro- duciren oft sublime Gedanken, eigenthümliche Reflexionen, Vorhersagungen scheinbar zufälliger Dinge, die ein prophetisches Ansehn gewinnen, den Pöbel im Reiche des Denkens in Verwunde- rung setzen, und eine übernatürliche Kraft ahn- E 2 den lassen. Ein Jesuit predigte im Schlaf mit grosser Lebhaftigkeit, trug die geistreichsten Sa- chen vor, und klärte dunkele Gegenstände mit so vielem Scharfsinn auf, dass des Nachts sich viele Personen um sein Bette versammleten, um von seiner Gelehrsamkeit Nutzen zu schöpfen Meiers Versuch einer Erklärung des Nacht- wandlens, Halle 1758, S. 9. 10. . Das Selbstbewusstseyn kann in Ansehung der Subjektivität und der eignen Per- sönlichkeit erkranken. Schlafen wir in ei- nem Zimmer, in welchem eine Wanduhr hängt, ohne daran gewöhnt zu seyn, so hören wir beim Erwachen ihre Schläge, zählen sie wol gar, ohne zu wissen, dass wir es sind, die zählen, und dass es eine Wanduhr ist, die diesen abgemessenen Ton verursacht. Wir haben zwey klare Ideen, die eines tönenden Körpers, die andere eines Wesens, das zählt, ohne im Stande zu seyn, die äusseren Eindrücke in ein richtiges Verhältniss mit unserer Person zu stellen. In Anwandelun- gen der Schwäche weiss der Mensch, dass ge- handelt wird, aber es dringt sich ihm nicht un- gesucht auf, dass er es sey, der handle, sehe, höre, rede. Er muss durch Versuche und Schlüsse gleichsam erst seine Existenz und die Art derselben ausmitteln. Wenn jemanden im Vor- trage der Schlaf überfällt, so hört er sich gleich- sam als einer dritten Person zu, und beurtheilt seine Rede nicht in dem Moment, wo sie gedacht, sondern erst wo sie gesprochen wird. Seine Per- sönlichkeit ist gleichsam verdoppelt, mit der einen redet er, mit der andern horcht er der Rede zu. Auch in Nervenkrankheiten, z. B. nahe vor ei- ner Ohnmacht, unterscheiden wir die Subjekti- vität und Objektivität nicht scharf und schnell mehr, sondern werden von ihnen so schwach afficirt, dass wir an beiden zweifeln und uns immer fragen müssen, ob wir träumen oder Rea- litäten wahrnehmen, ob wir es sind, die em- pfinden und handeln, oder blosse Zuschauer des Empfindens und Handelns eines andern sind. Wir hören den Laut unserer Sprache, sind aber ungewiss, ob dies wirklich unsere oder eines an- deren Sprache sey. Wir fassen bloss die Bilder, die uns durch das Auge mitgetheilt werden; den Sinn der Schrift und der Rede fassen wir nicht mehr. Die Seele schwebt gleichsam in einem Nebel, in welchen sie theils sich selbst nicht fin- den kann, theils die Gegenstände wie aus weiter Ferne wahrnimmt. Als der selige Oberbergrath Goldhagen aus einem Anfall seiner letzten Krankheit, in welchem er abwechselnd an Schlaf- sucht und Irrereden gelitten hatte, am Morgen erwachte, und mehrere Personen seiner Familie um sein Bette sassen, trat auch sein einziges Kind, das er sehr liebte, herein, ihm einen guten Mor- gen zu wünschen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Ey, sagte er, liebes Kind! in- dem er es an der Hand fasste, ich bin zwar nicht das, was man gesund nennt, doch hoffe ich es bald zu werden, da meine Besserung von Stunde zu Stunde zunimmt. Den grossen Arzt seine eigne Gefahr verkennen, und den zärtlichen Va- ter vielleicht so bald von seinem Liebling getrennt zu sehen, rührte die Anwesenden so sehr, dass sie in Thränen ausbrachen, und einer nach dem andern die Stube verliess. Diese Scene machte auf den Patienten einen so starken Eindruck, dass er dadurch augenblicklich zum vollen Be- wusstseyn seines Zustandes kam. Der Contrast, sagte er mir, den die traurigen Gesichter mit meiner geäusserten Hoffnung einer baldigen Ge- nesung machten, wirkte so lebhaft auf mich, dass ich auf einmal aus meiner Verirrung in Ansehung meiner selbst zu mir kam. Ich habe mir diese Nacht viel mit einem gefährlichen Kranken zu schaffen gemacht, an dessen Genesung mir und meiner Familie sehr gelegen war. Ich wusste es, dass er in meinem Hause lag, suchte ihn von einem Zimmer zum andern, nahm eine Person nach der andern von meinen Hausgenossen vor, fand ihn aber nirgends. Jetzt sehe ich, dass ich selbst der Kranke gewesen bin. Dann nahm er verschiedne Geschäffte vor, die theils viele See- lenkraft, theils eine genaue Besonnenheit auf alle Umstände der Personen voraussetzten, mit wel- chen er sie verhandelte, und fiel nachher wieder in seinen vorigen Zustand von Bewusstlosigkeit zurück Reils Krankheitsgeschichte des seligen Ober- bergraths Goldhagen , Halle 1788, S. 32. . Goldhagen hörte, sah und ur- theilte über sich. Doch kam er erst zum vollen Bewusstseyn seines Zustandes durch die bemerkte Disharmonie zwischen seinen Aeusserungen und dem Ausdruck auf den Gesichtern der Anwesen- den. Welche feine Scheidewand trennte jenen Menschen von diesem? Was wurde in jenem ab- geändert, um diesen daraus zu machen? — Einer melancholischen Frauensperson wurde eine Reise zur Zerstreuung vorgeschlagen. Sie packte ein, nahm Abschied, fuhr zwey Tage lang, und äusserte oft ihren Unwillen über die Beschwer- den langer Reisen. Nun warf der Wagen um, und in diesem Augenblick kam sie erst zum vol- len Bewusstseyn. Wo bin ich, rief sie aus, wo sind Mann und Kinder? Erst jetzt sehe ich klar, was ich vorher nur träumte, dass ich von meiner Vaterstadt getrennt und in unbekannte Gegenden verschlagen bin. Pinel l. c. S. 26. forderte einen Wahnsinnigen von gebildetem Geiste mitten in einem Anfall chimärischer Ausschweifungen auf, auf der Stelle einen Brief zu schreiben. Es ge- schah; und der Brief war voll Sinn und Ver- stand. Eine andere Anomalie des Selbstbewusst- seyns der Subjektivität besteht darin, dass wir entweder unsere Persönlichkeit bezwei- feln oder unser Ich mit einer fremden Person verwechseln, fremde Qualitä- ten uns anmassen und unsere eigen- thümlichen Zustände auf andere ver- pflanzen . In einer Gesellschaft schwärmender Studenten befand sich einer, dessen Vater gestor- ben war. Als der Wein zu berauschen anfing, brach plötzlich ein anderer in ein lautes Weinen aus, weil er fest des Glaubens war, er sey derje- nige, dem der Vater gestorben sey. — Eben diese Wirkung hatte der Wein auf einen Wirtembergi- schen Beamten. Sein Schreiber wollte ihn die Treppe herunter führen, allein er schämte sich dessen, riss sich loss und fiel der Länge nach her- unter. Der Schreiber sprang zu, half seinem Herrn wieder auf, und als er wieder auf den Bei- nen stand, bedauerte er den Fall des Schreibers, und erkundigte sich angelegentlich, ob er auch Schaden genommen habe Mauchart’s allgemeines Repertorium für die empirische Psychologie, Nürnberg 1792, 1ster Band, S. 108. . — Ein Candidat, der erst aus dem Irrenhause entlassen war, sass an einem schönen Frühlingsabend am Abhange des Ufers, wo ein vorüberfliessender Strom eine Krümmung bildete. Eine lange hagere Figur. Sein Haar floss in schlichten Locken um sein Haupt und ein Zug des Tiefsinnes schien der herrschende in seiner hohlen, aber scharf gezeichneten Physiognomie zu seyn. Starr sah er vor sich hin in den Fluss, seinen Kopf auf den rechten Arm gestützt. Es schien als beob- achtete er seinen Schatten, den der glatte Spiegel des Stroms im Wiederschein der Sonne zurück- warf. Sie scheinen in tiefes Nachdenken ver- senkt! so redete ein Vorübergehender ihn an. Ich weiss nicht, sagte er, mit langsam abgemessenem Tone, den Zeigefinger an die Nase haltend, bin ich das in dem Strome dort, oder das , indem er auf sich deutete, was hier in den Strom sieht ? Was Sie dort sehn, antwortete ihm der Vorübergehende, scheinen Sie zu seyn: was hier sitzt, sind Sie. Nicht so? Scheinen Sie zu seyn, fiel er ein: Ja wohl, scheinen: Scheinen, das ists! Ich scheine mir zu seyn! Wer doch wüsste, ob, und was er wäre ! Sind Sie nicht, fuhr der Vorübergehende fort, wenn ich fragen darf, Herr **? Sie nennen mich so: Ja es gab eine Zeit, wo ich war , wo ich ganz innig, so wahr, so lebendig mich fühlte. Ich war — jetzt fuhr er auf — der Geist der Welt, einmal der Verderbende. Ich ballte den Donner in meiner Faust, Kraft des Sturms ging vor mir her, mein Athem war Flamme und die Elemente rüttelte ich zusammen in wilder Zerstörung. Hier zogen sich seine Muskeln krampfhaft zusammen, seine Augen rollten fürchterlich. Dann, fuhr er mit anderer Stimme und andern Geberden fort, dann war ich der gute, der freundliche Geist, mein Leben Eine Melodie, mein ganzes Wesen aufgelöst in unaus- sprechliches Gefühl süsser, stiller, überschweng- licher Ruhe und Seligkeit. Alle Segnungen des Himmels und der Erde flutheten sanft in mir, aus mir, in mich zurück. Aber nun, so endete er, nun ists vorbey; nun bin ich der Schatten eines Traumes, verlohren in der Unendlichkeit, su- che mich, und finde mich nirgends . O! über den Wahn des Daseyns. Thränen schlichen jetzt von seinen Augen und schlossen diese rührende Scene Mauchart’s allgemeines Repertorium für empirische Psychologie. 5. B. S. 54. . Die Phänomene der umgetauschten Persön- lichkeit sind so merkwürdig, und alle Versuche, sie psychologisch zu erklären, so unfruchtbar, dass ich mich nicht entbrechen kann, noch ein interessantes Factum dieses Zustandes zu erzäh- len. Ein junges und gefühlvolles Mädchen in Stuttgard, sagt Gmelin Materialien für die Anthropologie, Tübingen 1791, 1ster Band, S. 3. , war von ihrem Geliebten durch Land und Meere getrennt. Sie litt also, und war für analoge Eindrücke des Trübsinns höchst empfänglich. Um die nemliche Zeit brach die französische Revolution aus. Sie las nichts als grausende Scenen, die durch Feuer und Schwerdt, Zwietracht und Bürgerkrieg im Innern Frankreichs entstanden, hörte von zahl- losen Schlachtopfern, die unter dem Beile des Henkers fielen, und sah täglich Flüchtlinge, die in dem Gasthof zum Römischen Kaiser in Stutt- gard einkehrten. In dieser Stimmung ihrer Seele bekam sie ein Fieber, das nach einigen Tagen ohne Crise verschwand; und von dem Augen- blick an fiel die Krankheit auf ihr Seelenorgan. Sie bekam einen periodischen Wahnsinn, in wel- chem sie ihre wahre Persönlichkeit verlohr, und dieselbe mit einer fremden umtauschte. Sie hielt sich für eine auf der Flucht begriffene Französin, die bey ihrem Durchgang durch Stuttgard krank geworden sey, und daselbst im Römischen Kaiser logiere. Die Anfälle traten plötzlich ein. Mit ihrem Eintritt brachte sie ihre sämmtlichen Ver- hältnisse mit ihrer fixen Idee in das vollkommen- ste Ebenmaass. Ihre äussere Besonnenheit, Ur- theilskraft, ihr Scharfsinn, Witz und Gedächt- niss, kurz ihre sämmtlichen Seelenvermögen, waren eher gespannt als abgestumpft, aber nicht mehr Eigenthum des Stuttgardter Mädchens, sondern zum ausschliesslichen Gebrauch der flüchtigen Französin da. Das ganze um sie versammelte Personal wurde, wie durch den Zauberstab einer Fee, in ein anderes verwandelt. Sie hielt die Anwesenden für Bekannte, die von Frankreich kamen oder dahin gingen, für andere Reisende, oder auch für Stuttgardter Einwohner, die sie als eine kranke Fremde, in ihrem Gasthof aus Höflichkeit besuchten. Sie sprach augenblicklich französisch, wenn der Paroxismus begann, mit einer unglaublichen Fertigkeit, nahm den Ton, die Eleganz und alle Manieren einer Französin so natürlich an, dass es Erstaunen erregte. Mit Personen, die die französische Sprache schlecht oder gar nicht redeten, sprach sie teutsch, aber teutsch-französisch , mit einer unnachahm- lichen Fertigkeit. In den ersten Anfällen fiel ihr gar die teutsche Sprache, als wenn sie dieselbe erst erlernet hätte, schwer, hingegen redete sie ihre eingebildete Muttersprache in dem nemlichen Athem mit grosser Fertigkeit. Sie konnte in den Anfällen an kein Verhältniss, z. B. an ihre Ge- burt, erinnert werden, das von der Stuttgardter Persönlichkeit unzertrennlich war; hingegen la- gen alle anderen Reminiscenzen, die mit derselben in keiner solchen Verbindung standen, zu ihrem Gebrauch im Gedächtniss da. Sie beklagte sich über ihr unglückliches Schicksal mit Worten, in einem Ton und mit einer Miene des tiefsten Lei- dens, die allen Anwesenden das Herz brach. Zu andern Zeiten scherzte sie mit vieler Naivität. Ihr kurzsichtiger Arzt sah ihr einmal zu nahe ins Auge, um dessen Zustand zu erforschen. Warum das? fragte sie. Ich bewundere, antwortete er, ihren schönen grossen Augenstern. Was bedeu- tet dieser? fragte sie. Eine grosse Seele, antwor- tete der Arzt. Dann hat ein Kalb, erwiederte sie, auch eine grosse Seele. Uebrigens hatten die Anfälle ihrer Krankheit noch das Merkwür- dige, dass sie sich wie die Crisen magnetischer Somnambülen verhielten. Sie sagte die Zeit derselben, ihre Dauer und Zahl richtig vorher; unterschied das magnetisirte Trinkwasser von dem gemeinen; und empfand von einer magnetisirten Bouteille, die ihr gegen die Herzgrube gehalten wurde, ein grosses Wohlbehagen. In den Inter- vallen erinnerte sie sich keines Zuges der interes- santen Akte, die die Französin während der An- fälle in ihrem Kopfe gespielt hatte; in den Pa- roxismen nichts, was von der teutschen Persön- lichkeit nicht zu trennen war. Hingegen wusste die Französin während des Anfalles alles, was sie in der ganzen Reihe derselben gedacht, ge- sprochen und gehandelt hatte. Die teutsche und französische Persönlichkeit waren zwey verschied- ne Wesen, die keine Bekanntschaft mit einander hatten. Noch eine merkwürdige Erscheinung in ihrer Geschichte. Gmelin war im Stande mit einem magnetischen Zug seiner Hand über ihr Gesicht sie in einem Moment in ihre natürlichen Verhältnisse zu versetzen. Die Französin floh und das ursprüngliche teutsche Mädchen stand wieder da und sah sich mit einer grossen Herzlichkeit erstaunt in dem Kreise ihrer Eltern, Geschwister und Bekannten um. Nun ein entgegengesetzter Zug übers Gesicht; weg war die Teutsche, und die Französin stand wieder an ihrem Platz. Denn ihr Arzt durfte sie in diesem an sich normalen, aber für den conkreten Fall abnormen Zustand nicht beharren lassen, da die Zeit noch nicht ver- flossen war, die die Natur als Bedürfniss für sich, durch ihre Voraussagung, angekündiget hatte. Wer soll diese Geschichte erklären; der Mate- rialist oder der Spiritualist nach den reinen Grundsätzen der Psychologie? Ich fürchte seine Kunst scheitert an diesem Phänomen. Waren hier nicht etwan die elektrischen Lebensströme mit der beharrlichen Materie in Missverhältniss gerathen und dadurch die Polaritäten der Organi- sation umgetauscht? Schon die Annäherungen der Fingerspitzen des Magnetiseurs in ihre Atmo- sphäre veränderten den Standpunkt ihrer Seele. Die innere positive und die äussere negative tauschten sich um. Daun kann noch das Bewusstseyn, sofern es sich durch ein Zusammenfassen al- ler unserer Verhältnisse zur Einheit einer Person äussert , von der Norm ab- weichen. Die Angel der Verknüpfung ist gleich- sam abgezogen, die Maschine in ihre Theilganze aufgelöst, jedes Getriebe wirkt abgesondert für sich, nirgends ist ein gemeinschaftlicher Vereini- gungspunkt und die Produkte schwimmen los- gebunden, gleichsam Niemandem angehörig, in dem Ocean des Universums herum. Die Per- sönlichkeit der Seele geht wie die Individualität des Körpers im Bewusstseyn verlohren. In dem Träumer wirkt die Phantasie allein; in dem Schlafredner Phantasie und Muskelsystem. In der Regel wirken die Sinne zugleich und in rich- tigen Verhältnissen mit dem inneren Sinn. Al- lein in dem Nachtwandler wirken sie einzeln; sein Ohr ist taub, sein Auge blind, aber sein Gefühl ist so scharf, dass er durch dasselbe genauer als ein Wachender unterscheidet. Es entstehn die seltsamsten Irrthümer, täuschende Vorstellun- gen, als wenn die Seele in mehrere Personen ge- theilt, von ihrem Körper getrennt, als wenn alle Organe desselben ihres Zusammenhangs entbun- den und als ein regelloses Chaos durch einander geschüttelt wären. Jene cataleptische Frauensperson hatte in ihrem Anfall das widersprechende Gefühl, als wenn sie zu einerley Zeit in ihrem Körper zu- gegen und nicht zugegen gewesen wäre Reils Fieberlehre, 4. B. 562 S. . Mein ganzes Ich, sagt Herz Moritz Magazin zur Erfahrungs-Seelenkun- de, Berlin 1783, 1. B. 2. St. 70 S. , war mir in dem ersten Momente meiner Rekonvalescenz nicht fühlbar. Beinahe kam es mir vor, als wenn der Gene- sene, ein ganz anderes Subject, neben mir im Bette wäre. Ein anderer Fieberkranker wurde, da er von seiner Fühllosigkeit erwachte, von der Einbildung geplagt, er habe sich ver- doppelt . Der Eine seiner Persönlichkeit, glaub- te er, läge im Bette; der Andere ginge oben in der Studierstube auf und ab. Er zwang sich, bey seinem noch schwachen Appetit, zum Essen, weil er glaubte, für zwey Personen essen zu müssen, nemlich für den, der im Bette läge und für den, der oben herumginge. Dieser Wahn verlohr sich allmälig als sein Körper mehr Stärke bekam Mauchart l. c. 2. B. 121 S. . Ich sah einen Ruhrkranken, dem das Gemeingefühl seinen Körper, in seine Bestandtheile aufgelöst, wie er in den Cabinet- tern der Anatomen aufbewahrt wird, vorlegte. Er sah sein Gehirn, seine Nerven, Sinne, Einge- weide, als in bunter Verwirrung um sich zerstreut liegen. In der Mitte war er, reflektirte über jeden Theil, vorzüglich über den Darmkanal, als die Quelle seiner Schmerzen. Ein ähnliches Beispiel wird beim Mauchart l. c. 3. B. 74 S. erzählt. Ein Arzt litt an Engbrüstigkeit, hatte sich am Kreutz durchgele- gen, einen brandigen Schaden am Fuss und phan- tasierte dabey. Seine keichende Brust nannte er das alte Weib , das heilige Bein den Unter- officier und den in Bandagen gewickelten Fuss das kleine Kind . Nie verwechselte er die Personen in dieser Dreieinigkeit. Als ihm einst sein Kreutz schmerzte, befahl er, man solle dem Unterofficier nach dem Gesässe sehn. End- lich bildete sich noch ein Febricitant ein, dass er nicht für sich, sondern für einen andern zu Stuhle Stuhle gehe. Wenn er deswegen des Tages oft Oeffnung gehabt hatte, so behauptete er doch am Abend hartnäckig, Er sey noch nicht zu Stuhl gewesen. Wir schaun die Veränderungen in uns als neben uns in, knüpfen die Reihe derselben an unser Ich, als an ein beharrliches Etwas an, das denselben zugesehen, sie aber nicht erlitten hat, und bewirken dadurch eine Continuität in der Rückerinnerung unsererer Existenz. Allein auch diese Funktion des Selbstbewusst- seyns kann von der Norm abweichen . Das nemliche Ich kann besondere Epochen seines moralischen Daseyns, als verschiedenen Personen angehörig, von sich trennen und dadurch die Einheit in dem Bewusstseyn seiner Existenz ver- vielfältigen. Darwin Zoonomie, übersetzt von Brandis , Hanno- ver 1795, 2 Abth. 327 S. behandelte einst ein junges, geistreiches Mädchen, das um den an- dern Tag in eine Träumerey verfiel, in deren Anfällen jedesmal die nemlichen Ideen erwach- ten, von denen sie sich in den Intervallen nichts erinnerte. Eine Ideenreihe ging durch die Pa- roxismen, eine andere durch die Intervalle fort, als wenn beide sich durch keine Alternative un- terbrächen, und die Freundinnen dieses Mädchens glaubten daher von ihr, dass sie zwey Seelen haben müsse. Die Nachtwandler sind sich mei- F stens ausser dem Anfall dessen nicht bewusst, was in demselben mit ihnen vorging; erinnern sich aber der Begebenheiten der vorigen Anfälle in dem folgenden. Sie wissen es im Anfall nicht, dass sie auch noch zu einer andern Zeit, im In- tervall existiren. Die Veränderungen der An- fälle reihen sich an eine; und die Erscheinungen der Intervalle an eine andere Person auf. Jede Epoche in der Succession des nemlichen Indivi- duums wird in ein besonderes Bewusstseyn aufge- fasst. Der Zuschauer sieht nur eine, das Indi- viduum unterscheidet in sich zwey Personen. Be- sonders auffallend ist diese Duplicität der Persön- lichkeit in der magnetischen Somnambüle. In der Crise hat sie die klarste Vorstellung ihres körperlichen Zustandes, ein bestimmteres Gefühl ihrer Krankheit und ist dadurch im Stande, ein richtigeres Urtheil über den Eindruck der Aussen- dinge auf dieselbe zu fällen. Sie weiss ausser der Crise von allen dem nichts, was sie in derselben gethan und gesprochen hat. Allein in dem fol- genden Paroxismus tritt die Rückerinnerung al- ler vorigen Anfälle während des ganzen Laufs der Krankheit wieder ein. Somnambülen, die in einen Doppelschlaf fallen, haben gar in der zweiten Periode des Anfalls keine Rückerinne- rung dessen, was in der ersten geschah Heineken Ideen und Beobachtungen, den thierischen Magnetismus und dessen Anwendung betreffend. Bremen 1800, S. 59. . Die Somnambüle ist in der Crise ein anderes, und ein anderes Wesen ausser derselben. Ausser der Crise tritt die ursprüngliche Person wieder ein, die von allen dem nichts weiss, was die Person in der Crise wirkte. Der Mensch des Anfalls und der Mensch des Intervalls sind durch eine Modifikation des Bewusstseyns in zwey sich ganz unbekannte Wesen getheilt. Jedes besteht für sich und spielt seine eigene Rolle, verschieden von dem andern, nur auf einerley Theater. Das Ich muss das nemliche Ich sich als nicht Ich entgegensetzen und dar- über mit sich selbst in Widerstreit gerathen. Nahe verwandt mit diesem Zustande ist ein anderer, in welchem wir uns gewisser Perioden unseres Lebens nicht erinnern, ohne dass sie be- wusstlos waren, uns in Rücksicht einzelner Epo- chen unserer Existenz oder in der Geschichte ein- zelner Glieder unseres Körpers irren und uns heute für ein anderes Individuum halten, als wir gestern gewesen sind. In Nervenkrankheiten kommen Abschnitte vor, von denen wir keine Rückerinnerung haben, und die daher wie weg- geschnitten aus dem Faden des Lebens erscheinen. Der Doctor Osann wurde in einem tiefen Schlaf von einem Boten geweckt, der seines Raths für einen Kranken begehrte. Er liess sich Licht ans Bette bringen, las die Krankheitsge- schichte, schrieb die Antwort und ein Recept, F 2 und bestellte Pferde für den andern Morgen, um den Kranken selbst besuchen zu können. Dann versank er wieder in seinen vorigen Schlaf. Al- lein früh und niemals hat er sich von allen diesem etwas erinnern können und würde die Wahrheit des ganzen Vorgangs in Zweifel gezogen haben, wenn ihn nicht seine Handschrift davon über- zeugt hätte Muratori l. c. I. 242 S. . Nach hitzigen Fiebern besinnen wir uns oft sehr genau des Irreredens und aller Ausschweifungen unserer Phantasie während des- selben, aber schlechterdings der Periode vor dem- selben nicht, wo wir noch vollkommen beson- nen waren. Ich habe diese Beobachtung oft ge- macht und Herz bestätiget sie. „Von der ersten Epoche meiner Krankheit, sagt er Moritz Magazin, 1 B. 2 St. 53 S. , in wel- cher ich Besuche annahm, und mich Stundenlang mit meinen Freunden über meinen wahrschein- lichen Tod unterhielt, erinnerte ich mir nicht das allergeringste. Diese sieben Tage sind gleich- sam aus dem Register meiner Lebensstunden aus- gelöscht. Hingegen ist die zweite, die acht Tage dauerte, von dem ersten Augenblick meiner Ra- serey bis zur Stunde meiner Genesung so lebhaft in meinem Gedächtniss aufbewahrt, dass ich Bild nach Bild und Thorheit nach Thorheit an den Fingern herzählen wollte, wenn es der Mühe lohnte.“ Dann kommen Fälle vor, wo wir die Geschichte der Person überhaupt festhalten, aber die Wahrheit in der Rückerinnerung einzelner uns angehöriger Theile verlieren. Einer der berühmtesten Uhrmacher in Paris, sagt Pinel l. c. 71. , kam auf die Idee ein Perpetuum mobile zu er- finden und wurde durch diese Anstrengung ver- rückt. Die Hauptidee, um welche sich seine Ver- kehrtheit drehte, bestand darin, dass er sich einbildete, sein Kopf sey auf dem Blutgerüste ge- fallen, und unter die Köpfe der übrigen Schlacht- opfer gerathen. Nachher habe der Richter sein Urtheil bereut, jedem seinen Kopf wieder gege- ben, ihm sey aber aus Versehen der Kopf eines seiner Unglücksgefährten auf den Rumpf gesetzt. Dies beschäftigte ihn Tag und Nacht. Seht, sagte er, meine Zähne! die meinigen waren sehr schön, und diese sind faul; mein Mund war ge- sund, und dieser ist unrein. Welcher Unter- schied zwischen diesen Haaren und jenen, die ich vor der Verwechselung meines Kopfs trug. Er wurde endlich durch eine Beschäftigung mit Uhr- machen und durch den Witz seines Gesellschaf- ters geheilt, der das Gespräch auf das Wunder- werck des heiligen Dionysius leitete, der sei- nen Kopf in den Händen getragen und ihn doch geküsst haben soll. Der Uhrmacher vertheidigte die Möglichkeit. Sein Gesellschafter lachte laut auf und antwortete ihm, in einem spottenden Ton, du Narr! womit konnte der heilige Dinoysius seinen eignen Kopf küssen, etwan mit der Ferse? So knüpfen auch andere Kranke, die auf Verwan- delungen ihrer Person oder ihres Körpers fixirt sind, ihren gegenwärtigen Zustand fehlerhaft mit dem vergangnen im Bewusstseyn zusammen. Endlich erwähne ich noch einer Aeusserung des kranken Bewusstseyns, wo es Zeit und Ort nicht festhalten kann . Nach dem Erwachen in einem fremden Hause müssen wir uns oft durch weitgesuchte Merkmale des Be- wusstseyns unserer Person, ihres räumlichen Verhältnisses und der wahren Zeit versichern, welches sich uns im Wachen ohne Mühe auf- dringt. Der Professor Herz glaubte während seines Fiebers mit seinem Bette bald zwischen zwey engen Mauren, bald in einem Stall, bald auf einer Grabstätte, bald auf einem öffentlichen Platze vor dem Lazarethe zu seyn, und wurde von diesem Wahne nicht eher befreit, als bis man ihn aus seiner Stube in sein Lesezimmer brachte, wo die bekannteren Gegenstände das Bewusstseyn sei- nes räumlichen Verhältnisses bald rectificirten Moritz Magazin zur Erfahrungs-Seelenkunde, Berlin 1783. 1 B. 1 St. 44 S. . Ein Zimmermann, dessen Geschichte Arae- teus Artis medicae principes, ex recens. Halleri . Lausannae 1769. T. V. p. 60. beschrieben hat, trieb sein Handwerk zu Hause mit zureichendem Verstande. So bald er aber aus demselben ging, fing er an zu seufzen, sich zu ängstigen und verfiel zuletzt in eine hef- tige Raserey, von welcher er nicht eher geheilt wurde, als bis er in seine Werckstätte zurück kehrte. Das Bewusstseyn seiner Persönlichkeit war so abhängig von den Gegenständen in dersel- ben, dass er es ohne sie nicht festhalten konnte, sondern verwirrt wurde. Im Traume irren wir uns immer in Ansehung des Raums, der Zeit und unserer Person. Wir springen von einem Welttheil zum andern, von einem Jahrhundert ins andere über und spielen jede Rolle vom König bis zum Bettler, die uns die zauberische Phantasie zutheilt. Eben dies geschieht im Wahnsinn, der ein Traum im Wachen ist. Zum Beschluss noch etwas über Schlaf und Traum , ein Paar Erscheinungen der thieri- schen Oekonomie, die soviel Räthselhaftes haben, dass sie uns in das grösste Erstaunen setzen wür- den, wenn sie nicht so alltäglich wären. Sie stehn mit dem Bewusstseyn, dessen verschiednen Zuständen und mit dem Wahnsinn in einer so na- hen Verwandtschaft, und ändern sich gegenseitig in gleichen Verhältnissen von Moment zu Moment ab, dass höchst wahrscheinlich alle diese Erschei- nungen eine analoge Beschaffenheit in der Orga- nisation zur Basis haben. Wir würden daher dem Bewusstseyn und dem Wahnsinn bald auf die Spur kommen, wenn wir erst wüssten, was Schlaf, was Wachen sey. Was mag es wol für eine Revolution seyn, die erst in der Organisation vor sich gehen muss, ehe aus einem wachenden Menschen ein schlafen- der, aus einem schlafenden ein wachender werden kann? Zuverlässig eine sehr merkwürdige. In dem Augenblick, wo der Schlaf entrückt, und das Erwachen wirklich wird, muss der Nerven- mensch mit seinen Anhängen in ein anderes Ver- hältniss treten, eine ganz andere Sympathie zwi- schen den Organen des Mikrokosmus sich begrün- den und das + und — der Erregbarkeit zwi- schen den antagonisirenden Systemen umgekehrt werden. Um uns davon zu überzeugen, dürfen wir nur einmal mit Aufmerksamkeit das wieder aufkeimende Leben beobachtet haben, welches das Erwachen in jede Faser der abgestorbenen Glieder giesst; nur einmal im Anfall des Alps, nahe an der Grenze des Erwachens, mit dem sehnlichsten Wunsch zu erwachen, herumgeirrt seyn, ohne über dieselbe treten zu können; nur einmal Zuschauer der blitzschnellen Rückkehr von den heftigsten Anfällen der Raserey und von den wildesten Zuckungen junger Mädchen, zur Zeit der Entwickelung der Mannbarkeit, zum vollen und frohen Bewusstseyn gewesen seyn. Warum ist der Schlaf unentbehrlich? Nicht etwan deswegen, damit der Organismus durch Ruhe neue Kraft zum Wirken sammle. Gerade das Organ schläft nie, das ein ganzes Säkulum wirkt, ohne auch nur eine Stunde lang auszu- ruhn. Wahrscheinlich schläft bloss das Nervensy- stem und die übrige Organisation nur in so weit, als sie von demselben abhängig ist. Daher hö- ren alle Geschäffte, die allein und unmittel- bar von den Nerven abhängen, Bewusstseyn, Wirkung des äusseren und inneren Sinnes und willkührliche Bewegung im Schlaf auf. Im Ein- schlafen sieht das Auge und das Ohr hört nicht mehr, die Seele fühlt sich, als wäre sie ohne Kör- per. Dann wird auch der innere Sinn geschwächt, die Bilder der Phantasie schwimmen ohne Hal- tung durch einander, bis auch sie verlöscht und mit dieser Catastrophe der vollkommne Schlaf be- gonnen ist. Doch schlafen nicht alle Theile des Nerven- systems zugleich sondern nach und nach ein, und erwachen eben so wieder. Auch schlafen sie nicht alle gleich tief Büttner Diss. de functionibus Organo ani- mae peculiaribus. Hallae 1794, §. 19. . Die zu Tage ausgehen- den Nervenäste, denen die Sinnorgane auf der Grenze des Mikrokosmus angehängt sind, schei- nen tiefer und vollkommner einzuschlafen, als die im Inneren der Organisation sich endenden Nerven, die zum Organ des Gemeingefühls be- stimmt sind. Der Geschmack schläft eher ein als der Geruch; das Gesicht erwacht schwerer als das Gehör; Geschmack und Geruch erwachen am spätesten. Zuerst erschlaffen die Muskeln der Extremitäten; dann die des Nackens; am läng- sten wachen und wirken die Muskeln des Rü- ckens. Eben diese Succession des Einschlafens zeigt sich auch in den Nervenenden, die zu den Eingeweiden gehn. Dieser Zustand des partiellen Schlafs ist zwar gewöhnlich nur transitorisch, aber er kann auch permanent seyn. Das Nervensystem darf nicht immer ganz; es kann auch theilweise schla- fen. In dem nemlichen Verhältniss perenniren dann auch die Funktionen der Seele, deren Or- gan es ist; aber nicht alle, sondern nur einige und diese ohne Synthesis im Selbstbewusstseyn. Es sind nur einige Register des grossen Kunst- werks gezogen. Diese Nerven, jene Theile des Gehirns oder des Rückenmarks wachen in dem vasten Umfang des ganzen Systems und beginnen ihre Spiele für sich. Im Traume wacht die Phantasie, aber die Sinnes- und Bewegungsnerven schlafen. Im Alp beschliesst die Seele Bewegun- gen, aber sie erfolgen nicht, weil der Theil, der sie beginnen soll, keine Gemeinschaft mit den Beschlüssen der Seele hat. Im Schlafwan- deln wacht auch dieser Theil, selbst einige Sinn- organe wachen. Von einem Soldaten erzählt man, dass ihm das geträumt habe, was man ihm während des Schlafs ins Ohr sagte Büttner d. c. p. 118. . Einzelne Nerven des Gemeingefühls erwachen von anhal- tendem Druck und bringen die belasteten Glieder, durch eine mechanische Reflexion in ihnen selbst, ohne Fortpflanzung zum Gehirn, in eine an- dere Lage. Es giebt Menschen, die reiten oder gehn und zugleich schlafen können. Galen de motu muse. L. XI. c. 4. ging einmal des Nachts fast ein ganzes Sta- dium zu Fusse, schlief dabey und erwachte erst, als er sich an einem Stein stiess. In diesem Fall schläft der innere und äussere Sinn, aber einzelne Bewegungsnerven sind in partieller Thätigkeit. Die schlafenden Theile des Nervensystems erwa- chen nie durch Spontaneität, sondern durch Reize von aussen, die entweder das Gemeingefühl oder die Sinnorgane zuführen Büttner d. c. p. 120. . Die Modifikatio- nen des Schlafs stehn also mit den Modifikatio- nen des Selbstbewusstseyns in parallelen Verhält- nissen. Dies stirbt stufenweise ab, wie jenes stufenweise einschläft, und kehrt mit dem allmäli- chen Erwachen gleiches Schritts zurück. Wieder- kehr des vollen Bewusstseyns und Wiederkehr des vollen Erwachens ereignen sich in einem Mo- ment. Hier sind die Getriebe der Organisation in dem Heerd des Gehirns, dort die Vermögen der Seele in dem Brennpunkt der Persönlichkeit wieder zusammengefasst. Der Traum ist Produkt eines partiellen Wachens des Nervensystems. Daher verhält er sich, wie sich die Extensität und Intensität dieses Zustandes verhält. Entweder die Phantasie wacht allein, oder einzelne Sinnorgane, das Bewe- gungsvermögen u. s. w. wachen mit. Daher der Un- terschied zwischen Traum, Schlafreden, Nacht- wandlen. Das Selbstbewusstseyn wankt in seinen sämmtlichen Verhältnissen. Die Phantasie ebbet und fluthet in sich selbst, kein Eindruck der Sinne zügelt sie mehr. Der Träumer hat gar keine Vorstellung seiner Objektivität, und sein Subject denkt er sich falsch. Er hält seine Ge- sichte für reale Objekte, und spielt jede fremde Rolle als sein Eigenthum, die ihm die Phantasie zutheilt, hält Reden, besteht Abentheuer, be- kämpft Hindernisse mit Anstand. Er hält weder die wirkliche Zeit noch den wahren Ort fest, ist bald in der Vorzeit bald in der Zukunft; unter Todten und Lebendigen; durchfliegt Parasangen des Raums in einem Augenblick, und hüpft von einem Welttheil in einen andern über. Die In- tensität der Kräfte ist in dem Maasse gestiegen als ihre Extensität beschränkt ist. Die Bilder der Phantasie haben die Stärke der Sinnesanschauun- gen. Ihr Colorit ist grell. Die Scenen sind wie vom Tageslicht erleuchtet, wenn Tagesscenen geträumt werden. In dem Grade, als das Nervensystem er- wacht, nähert sich der Traum dem Selbstbewusst- seyn. Einer meiner guten Freunde wurde in der Nacht durstig. Die Vorstellung dieser unange- nehmen Empfindung durchs Gemeingefühl ver- setzte ihn in die Gaststube eines bekannten Wirths, der mit selbstgefälliger Gesprächigkeit den Gästen die schäumenden Gläser darbot. Doch blieb der Träumer durstig. Er fragte sich selbst um die Ursache, und fand sie richtig darin, dass er die vollen Gläser nur im Traum sähe. Dann fing er an, über den Traum zu reflectiren, erwog es, ob er eine Tag- oder Nachtscene träume? Es war eine Nachtscene. Der Himmel graute, das Dorf lag in Nebel gehüllt vor ihm, und ein schwindsüchtiges Licht brannte auf dem Tisch. Nun folgte ein Anfall des Alps, den der Träu- mer fürchtete, und nach demselben erst völliges Erwachen. Wie nah war dieser Zustand dem vollen Bewusstseyn! aber doch musste noch ein Schritt geschehen, um dahin zu kommen. Endlich muss ich noch einer sonderbaren Art der Träume erwähnen. Die Schauspie- ler treten auf, die Rollen werden vertheilt; von denselben nimmt der Träumer nur eine, die er mit seiner Persönlichkeit verbindet. Alle an- dere Akteurs sind ihm so fremd, wie fremde Menschen, ob sie gleich, so wie alle ihre Hand- lungen, Geschöpfe seiner eignen, also der nemli- chen Phantasie sind. Man hört Menschen zu, die in fremden Sprachen reden, bewundert die Talente eines grossen Redners und erstaunt über die tiefe Weisheit eines Lehrers, der uns über Gegenstände aufklärt, von denen wir uns nicht besinnen jemals etwas gehört zu haben. John- son stritt sich im Traume mit anderen über die Kunst, witzige Einfälle vorzutragen. Mei- stens wurde er von seinen Gegnern übertroffen Boswell , the life of Johnson. . Dem Herrn van Goens träumte es, in der Schule um den Sinn einer Phrasis gefragt zu werden; er konnte nicht antworten. Sein Nachbar gab alle Zeichen, dass er die Antwort wisse. Dies entrüstete jenen. Der Lehrer ermüdete, fragte endlich den Nachbar und in demselben Moment gab dieser den Sinn der Phrasis treffend an Moritz Magazin, 4 B. 2 St. 89 S. . Lichtenberg Vermischte Schriften, Göttingen 1801, 2 B. 23 S. träumte, auf einer Reise in einem Wirthshaus an der Strasse zu speisen. Ihm gegen über sass ein junger Mann, luftigen Anse- hens, der seine Suppe ass, aber immer den zweiten oder dritten Löffelvoll in die Höhe warf, wieder mit dem Löffel fing und dann ruhig ver- schluckte. Lichtenberg machte dabey seine gewöhnliche Bemerkung, dass dergleichen Din- ge, z. B. von einem Romanenschreiber, nicht könnten erfunden, sondern gesehen werden müss- ten. Dennoch hatte er dies in dem nemlichen Augenblick erfunden. Eine junge und schöne Gräfin starb während der Geburt, sie wurde mit ihrem Kinde in einen Sarg gelegt, und mit einem Leichenwagen in ihr Familienbegräbniss gefahren. Vor dem Einsenken in die Gruft wur- de der Sarg noch einmal geöffnet, die Mutter lag auf dem Gesicht, und war mit ihrem Kinde in einen Klump zusammengeschüttelt. Diese trau- rige Geschichte erzählte Lichtenberg l. c. 2 B. 20 S. je- mandem im Traume, im Beiseyn eines Dritten, dem die Geschichte auch bekannt war. Er ver- gass aber den Umstand mit dem Kinde, der doch gerade ein Hauptumstand war. Nachdem er die Geschichte mit vieler Wärme erzählt hatte, sagte der Dritte: ja und das Kind lag bey ihr, alles in einem Klumpen. Ja , fuhr er gleichsam auffahrend fort, und ihr Kind lag mit im Sarge . Wer erinnerte Lichtenbergen im Traume an das Kind? Warum schuf seine Phautasie einen Dritten, der ihn mit dieser Erinnerung überra- schen, gleichsam beschämen musste? Wie kann das nemliche Ich sich in Personen theilen, die aus ihm selbst Dinge hervorlangen, von denen es nicht weiss, dass sie in ihm waren und die es als fremde Weisheit anstaunt. Wie kann es in dem Moment, wo es noch nichts weiss, es sich vor- hersagen, dass es bald darauf, wo der Lehrer den Nachbar frägt, werde antworten können? Warum irrt es sich nie in dem Zusammentreffen der Antwort und ihrer Erwartung? Dieser Zu- stand, sagt Lichtenberg , ist ein dramati- sirtes Besinnen . Allein die Figuranten sind schon früher da, ehe ihr Schöpfer an den passus gelangt, wo er ihrer bedarf; auch lassen sie ihn nie im Stich, welches doch das Gedächtniss im Wachen oft thut. Ganz analog diesem partiellen Wirken des Nervensystems im Traum und und der Inversion der + und — Vitalität in den antagonisirenden Systemen ist der Zustand, der den Wahnsinn her- vorbringt. In demselben träumt die Seele ohne dass der Körper schläft, die Excitation ist allge- meiner und die Norm kann nicht so schnell als beim Erwachen wieder hergestellt werden. In welchem engen Verhältniss steht nicht das Selbstbewusstseyn mit der Organisation? Sie ist durchs Nervensystem in einzelne Getriebe auf- gesammlet, die ihre besonderen Heerde haben, und diese sind wieder durch den grossen Mittel- heerd des Gehirns zur Individualität verknüpft. Allein diese Verknüpfung kann durch eine Mo- difikation der Erregbarkeit aufgehoben werden. Dann trennen sich die einzelnen Getriebe ab, ruhn oder wirken, wirken isolirt oder associiren sich, ohne Verbindung in ihrem Hauptbrenn- punkt, zu eigenthümlichen Gruppen. So kann der Mensch in Anfällen des Alps, des Nacht- wandelns, der Starrsucht, des Entzückens sich theil- theilweise seiner bewusst seyn; er kann handeln, sich beobachten, über sich reflektiren, ja es sogar überlegen, ob er dies alles im Traume oder als Wachender thue. Doch wacht er nicht und er- kennt es erst in dem Moment des Erwachens, wo die Normal-Sympathie der Getriebe des Mi- krokosmus hergestellt wird, dass er nicht ge- wacht habe. Wir können die sublimsten Werke der höheren Seelenkräfte mit Bewusstseyn, aber auch ohne dasselbe, als blosse Automaten, ver- richten. Wir können als Somnambülen die ge- fährlichsten Oerter ersteigen, durch reissende Ströme schwimmen, die trefflichsten Dichtungen entwerfen und in fremden Sprachen reden. Der Canarienvogel, den wir pfeifen gelehrt haben, weiss nichts von dem Verhältniss der Oscillationen, von dem Rythmus des Tacts und hat keine Er- götzung an der Modulation der Töne. Wir ha- ben Gruppen und Züge des künstlichsten und ver- wickeltesten Muskelspiels in eine fremde Maschi- ne hineingetragen, die sie mechanisch wieder- hallt, wie die Aeols Harfe ihre Gesänge, wenn der Wind in ihre Saiten bläst. Der Virtuose spielt schön, weil er eine Seele hat. Aber eine Flötenuhr spielt ohne dieselbe eben so schön. Sie hatte freilich ihren Meister, aber auch ihr Mei- ster hatte den seinigen. Der letzte Ring in der Kette der Wesen hängt an dem Bette des Jupi- ters. Auch Maschinen müssen die zufälligen Ver- hältnisse äusserer Einflüsse wiederhallen, wenn sie G Empfänglichkeit für dieselben und eine solche Construktion hätten, dass ihre Reflektionspunkte durch ihre eignen Thätigkeiten nach anderen Ge- genden verlegt werden könnten. §. 10. Nahe verwandt mit dem Selbstbewusstseyn ist die Besonnenheit . Jenes ist gleichsam die Grundlage dieser Eigenschaft der Seele, und diese knüpft sich wieder an die Aufmerksamkeit an. Die Besonnenheit merkt die Objekte an, die Auf- merksamkeit hält die angemerkten eigenmächtig fest. Jene ist gleichsam der Compass auf dem Meere der Sinnlichkeit, welcher die Thatkraft der Seele auf den Zweck ihrer Glückseligkeit zusteuert. Ohne Besonnenheit würde sie entwe- der unverrückt, nach dem Gesetze der Stetigkeit, auf einerley Gegenstand haften, oder ohne Leit- stern regellos im Universum herumflattern. Was hier in der Mitte liegt, dass keins von beiden geschieht, ist Besonnenheit. So begegnen sich Centrifugal- und Centripedal-Kraft in der Dia- gonale, und gängeln die Weltkörper durch den leeren Raum, dass sie die Spur, ohne sie zu haben, nie verlieren. Was ist Besonnenheit, und worauf gründet sie sich? Sie ist Fortdauer des Wahr- nehmungsvermögens der Seele, wäh- rend ihrer Anstrengungen, und grün- det sich auf eine Irritabilität für fremde Eindrücke, die dem inneren und äusseren Sinn noch zur Zeit übrig ist, wo er auf ganz andere Dinge haf- tet . Die Seele wechselt ihre Geschäffte. Dies kann sie nicht ohne einen inneren und zureichen- den Grund. Sie wechselt dieselben nach Regeln, die ihr die Besonnenheit an die Hand giebt. Daher die scheinbare Spontaneität in dem Gebrauche ihrer Kräfte nach den For- derungen der Vernunft . Die Seele muss vermöge der Besonnenheit mitten in ihren Anstrengungen, ohne Abbruch derselben, dennoch ein so leises Gefühl gegen die Eindrücke der Welt und ihres Körpers, und gegen die Reproduktionen des Erinnerungsver- mögens beibehalten, dass in richtigen Verhält- nissen jedesmal diejenigen Gegenstände im Be- wusstseyn zur Klarheit kommen, die mit ihrem gegenwärtigen Interesse in Beziehung stehn. Sie muss stättig wirken, aber nicht absolut gefesselt seyn; auf das vorhandene Object haften können und dennoch alle Eindrücke der Welt, die der Zufall vorüberführt und das leise Anpochen des Erinnerungsvermögens fühlen, die vorüberschwe- benden Vorstellungen schnell beäugeln und auf der Flucht ihren Werth schätzen können. Dann lässt sie nichtige Dinge, fast ohne sich derselben bewusst zu werden, bey Seite liegen, hält sich aber auf der Stelle an, und richtet ihre Kraft auf das neue Object, wenn es von einem höhe- G 2 ren Werth ist. Auf diese Art fasst sie auf, was die Vernunft aufzufassen gebietet, was in das allgemeine Interesse aller Menschen, und in ihr individuelles Verhältniss besonders einschlägt. Sie ist im Besitz einer zweckmässigen Locomoti- vität, und ihr Wirken steht mit ihrer Naturbe- stimmung in einem so vortheilhaftem Gleichgewicht, dass jenes sich dieser gemäss äussern muss. Man theilt die Besonnenheit in eine äusse- re und innere ; diese bezieht sich auf die Wahrnehmung der Reproduktionen des inneren, jene auf die Wahrnehmung der Eindrücke des äusseren Sinns. Vermöge der äusseren Beson- nenheit werden die Eindrücke der Welt und des eignen Körpers, sofern derselbe als äusseres Object im Gemeingefühl angekündiget wird, angemerkt und zum Bewusstseyn gebracht. Die Seele lässt, wenn sie mit irgend etwas emsig beschäfftiget ist, die Reize der Welt, als Nebelsterne in weiter Entfernung vorüberschleichen, aber dunkel merkt sie dieselben doch an, und hebt diejenigen augen- blicklich aus der fliehenden Menge aus, die mit ihren Zwecken in Verbindung stehn. Die in- nere Besonnenheit ist die nemliche Fertigkeit der Seele in Rücksicht ihrer inneren Bestimmungen, Vorsätze, Maximen und Pflichtverhältnisse. Wir gebieten Ruhe dem Gedächtniss und der Phanta- sie, um alle Kraft auf einen Punkt zu sammlen, behalten aber doch für solche Reproduktionen dieser Vermögen ein leises Gehör übrig, die in unser gegenwärtiges Interesse einschlagen. Indess sind beide Arten der Besonnenheit in Rücksicht ihres Zwecks nicht verschieden, beide sind durch- gehends von gleicher Stärke in dem nemlichen In- dividuum, erregen sich gegenseitig, und stehn mit einander in beständiger Wechselwirkung. Die Welt erinnert uns an unser Pflichtverhältniss, und dies macht uns aufmerksam auf Theile unseres äusseren Zustandes, die mit demselben in Ver- bindung stehen. Die Funktion der Besonnenheit ist in dem Momente ihres Beginnens un willkührlich . Denn sie fasst auf, was der Zufall vorüberführt. Doch können wir derselben durch die Macht des Vorsatzes einen höheren Grad von Spannung mit- theilen, wenn dies unserm gegenwärtigen Be- dürfnisse angemessen ist. Sie ist gleichsam das Ohr des Geistes, welches wir absichtlich gegen ein Feld richten und von demselben abwenden können. In der Folge wird sie entweder ge- zwungen oder nach Willkühr zur Aufmerksam- keit erhoben. Ihre Grösse verhält sich, wie sich die Reizbarkeit der Seele zur Stärke der Reize ver- hält, die auf sie wirken. Diese können um desto schwächer seyn, je stärker jene ist. Die Grösse des Reizes hängt von der Stärke des Eindrucks, der Lust und Unlust, die er erregt, und von dem Interesse ab, das er für uns hat, sofern wir ihn als Mittel zum Zweck betrachten. Der Schuss einer Kanone, das Krachen des Donners und die Amputation eines Gliedes erregt auch die trägste Besonnenheit. Nicht leicht werden wir wie Semler und Archimedes in unsern Medi- tationen beharren, wenn das Haus brennt oder der Feind in die Stadt eingedrungen ist. Den Jüngling arretirt mitten in den ernsthaftesten Ge- schäfften eine lebendige, den Künstler eine todte Figur; der Correktor vergisst den Sinn der Schrift, wenn er einen Druckfehler, der Gram- matiker, wenn er einen Schnitzer in der Wort- fügung ansichtig wird Hoffbauer l. c. 1 Th. 5 ‒ 31 S. . Doch müssen diese Idiosyncrasieen ihre Grenze haben, wenn die Besonnenheit innerhalb der Norm bleiben; ihr muss eine Aufmerksamkeit zur Seite stehn, die durch ein verständiges Interesse geleitet wird, wenn sie als Mittel zur Glückseligkeit wirken soll. Die Besonnenheit kann auf mancherley Art von der Norm abweichen. Ist die Reizbarkeit des Seelenorgans zu stumpf, so schleichen schwa- che Eindrücke unbemerkt vorüber; ist sie zu zart, so entsteht Flatterhaftigkeit, und Kleinig- keiten fesseln uns, in Beziehung auf ernsthafte Gegenstände. Bald fehlt es an äusserer, bald an innerer Besonnenheit, oder beide stehn nicht mit einander in gehöriger Wechselwirkung. Doch kann man sich eher aus dem Handel ziehn, wenn es an äusserer, als wenn es an innerer Besonnen- heit fehlt. Wer heute schon seiner gestrigen Vor- sätze uneingedenk ist, bleibt unbemerkt; nicht so derjenige, welcher das Taschentuch seiner Nachbarin für sein Hemde ansieht. Endlich setzt die Besonnenheit ein klares Bewusstseyn unseres Sitten- und Pflichtverhältnisses voraus, damit solche Eindrücke aufgefasset werden, die mit die- sen Verhältnissen in richtiger Beziehung stehn. Wir sind auf dem Wege der Narrheit, sobald es unserer Besonnenheit an dieser Beziehung fehlt, wir ihrer Anomalie nicht geständig sind, den Tadel unserer Nebenmenschen nicht achten oder uns wol gar in dem Zustande der Unbesonnenheit wohl gefallen. Diese Darstellung der verschie- denen Modifikationen der anomalen Besonnenheit leitet uns zugleich auf die Krankheiten der Or- ganisation, von welchen sie Symptome sind. Denn in derselben müssen wir ihre Krankheiten suchen. Menge und Mannichfaltigkeit der Reize können freilich auch die Besonnenheit überflü- geln. Aber dies ist nicht Krankheit, so lang es etwas Aeusseres bleibt, und keinen permanenten Fehler im Inneren zurücklässt. Ihre Krankhei- ten entstehn also bald von einer überspannten, bald von einer zu trägen Reizbarkeit des Seelen- organs, von Schwäche desselben, oder von einem ganz fehlerhaften Mechanismus des Nervenge- bäudes, vom Mangel oder von falscher Cul- tur der Seelen-Vermögen. Dann erwähne ich noch einer natürlichen Anlage des Menschen, sich durch seine Phantasie zu zerstreuen, die zur Unbesonnenheit führt. Er lässt gerne seiner Ein- bildungskraft den Zügel schiessen, belustiget sich mit ihren Geschöpfen, hängt sich mit Wärme an dieselben und wünscht ihnen Objektivität. Allein die Besonnenheit weist ihn aus diesem Feenlande in seine natürlichen Verhältnisse zu- rück. Das Kind spielt den König und verleug- net seine Besonnenheit; der Narr hat sie verlo- ren, wenn er glaubt, es wirklich zu seyn. Dem Tiefsinnigen ist sie wie dem Unglücklichen zur Last, der sie für eine Zeitlang durch berauschende Getränke zu unterdrücken sucht. Der Hypo- chondrist hat zu viel, der Schwindsüchtige zu wenig Besonnenheit in Rücksicht des eignen Kör- pers. Jenen erschüttert der unbedeutendste Zufall; dieser speit jeden Augenblick seine aufgelösten Lungen aus und merkt es doch nicht, dass sie krank sind. Der Nachtwandler hat eine Art äusserer Besonnenheit, besonders wenn er an fremden Oer- tern auftritt. Beim Anfange des Spiels befasst er die nächsten Objekte, um sich zu orientiren. Dann liegt der Ort mit allen Gegenständen, in richtigen Raumverhältnissen so lichthell in seiner Phantasie da, dass er alles vermeidet und alles ergreift, was ihm in den Weg kömmt. Das Bild des Orts in seiner Imagination ist dem wirk- lichen Ort so gleich und sein räumliches Verhält- niss zu den Gegenständen in demselben so richtig gefasst, dass er ohne Augen zu sehen scheint. Doch ist seine äussere Besonnenheit beschränkt auf sol- che Objekte, die in das Gespinnste seiner Phantasie passen; denn sonst würde er nicht nachtwandlen. Der selige Semler hatte so wenig äussere Besonnenheit, dass man zur Probe in der Nähe seines Studirtisches eine Gardine anbrannte, ohne dass er es bemerkte. Einem Gelehrten sagte sein Bedienter, dass er sich retten möge, weil das Haus in Flammen stehe. Ey, antwortete er ihm, lasse er mich ungeschoren mit dergleichen Ange- legenheiten, von denen er weiss, dass ich sie meiner Frau überlasse. Nicht weniger unbeson- nen war ein anderer, der das weisse Schnupftuch einer Dame, die sich mit ihm unterredete, emsig an den Ort brachte, wohin das Hemde gehört, weil er es für sein Hemde hielt. Der grosse Welt- weise Newton sass in einer Gesellschaft neben ei- nem Frauenzimmer und ergriff, in Gedanken ver- tieft, den Finger derselben, um sich den brennen- den Taback in seiner Pfeife fest zu stopfen. Erst als das Frauenzimmer vor Schmerz zu schreien an- fing, entdeckte er seinen Irrthum Muratori , 2 Th. 29 S. Tissot sämmtliche Schriften, übersetzt von Kerstens, Leipzig 1784. 5 Th. 500 S. . Ich kenne sagt Ehrhard Wagners Beiträge, 1 B. 129 S. einen gelehrten und vernünfti- gen Professor, bey dem dergleichen Streiche nichts seltenes sind. Einmal wollte er einen guten Freund besuchen. Es war Mondhelle und dieser sahe ihn kommen. Vor der Thüre stand ein Fu- der Heu. Der Kommende wollte gerade auf die Thüre zu, fand das Fuder Heu und versuchte, es wegzuheben. Als es nicht gehen wollte, kehr- te er um, kam wieder und versuchte noch ein- mal, es wegzuheben, und als dies wieder nicht ging, begab er sich zu Hause. Des andern Ta- ges fragte ihn sein Freund, was er denn gestern gemacht habe? Er wusste sich alles zu erinnern, und sagte, der Gedanke, um das Fuder Heu her- umzugehen, sey ihm nicht eingefallen. Schön ist das Gemälde, welches La Brüyere Caractères Chap. XI. Tom. II. von einem höchst unbesonnenen Menschen, einem Herrn von Brancas entworfen hat. Nur ei- nige Züge aus demselben. Menalk , so nennt la Brüyere sein Original, will ausgehen, kommt die Treppe herab, öffnet seine Hausthüre, verschliesst sie hinter sich, und findet jetzt erst, da er schon auf der Strasse ist, dass er noch seine Nachtmütze nicht abgelegt habe. Er betrachtet sich näher und sieht, dass er noch so gut als un- angekleidet sey. — Ein anderesmal geht er un- ter einem Wandleuchter vorbey, und seine Pe- rücke bleibt hängen. Alle Anwesende lachen und sehen ihn an. Menalk lacht lauter als alle, und sieht sich nach dem Kahlkopf ohne Perücke um. Und dieses Schauspiel gab er in den Zim- mern der Königin. — Einmal als er bey einer Dame Visite machte, vergisst er bald, dass er zum Besuch gekommen ist, glaubt sich zu Hause und Besuch von dieser Dame zu haben. Der Besuch bleibt, seiner Meinung nach, lästig lange. Es ist schon tief in der Nacht, und er hat noch nicht gegessen. Er bittet also die Dame bey ihm zu Tische zu bleiben. Diese muss lachen und so laut, dass er wie aus einem Traume erwacht. — „ Sie kommen mir wie gerufen, ich ha- be sie schon lange gesucht ;“ sagte er zu Jemandem, der ihm im Louvre begegnete, nimmt ihn beim Arm und durchstreicht mit ihm mehrere Säle. Nach einer Viertelstunde, wie er seinen Begleiter ins Gesicht sieht, findet er, dass er sich in der Person geirrt, und demselben nichts zu sagen habe. Es giebt Menschen, die in ihre Einfälle so verliebt sind, dass sie dieselben überall ohne Besonnenheit des Orts und ihrer Verhält- nisse auskramen. Ehrhard Wagners Beiträge 1 B. 132 S. kannte einen solchen Mann, aus dem kein kluges Wort mehr kam, und der zuletzt wahnwitzig wurde. Noch erwähne ich zweier Krankheiten der Seele, der Zerstreuung und der Vertie- fung , die sich auf Anomalieen der Besonnenheit und Aufmerksamkeit beziehen. Der Zerstreute will alles beachten, fasst daher das Nothwendige nicht auf und kann keinen Gegenstand hinläng- lich festhalten. Dieser Zustand ist transito- risch , wenn er von überhäuften Eindrücken und flüchtigen Asthenieen; oder habituell , wenn er von einer permanenten Schwäche des Verstandes und der gesammten Seelenkräfte her- rührt Hoffbauer 1 Th. 74 S. . Die Vertiefung ist ein einstweiliger Zustand, der durch ein so festes Anheften aller Seelenkraft auf einen Gegenstand entsteht, dass ausser demselben weder Sinneseindrücke noch Erinnerungen unserer Pflichtverhältnisse zum kla- ren Bewusstseyn gelangen. Sie artet in Grübe- ley , und diese in Grillenfängerey aus, wenn die Grübeley auf unsere Handlungen einen sichtbaren Einfluss hat. Ihre Ursachen sind ver- schieden. Bald fesselt die Grösse des Interesses, bald Schwäche der Seele uns an einen Gegen- stand. Denn ein Mensch, der zu wenig Extensi- tät des Verstandes hat, muss sich allen andern entziehen, wenn er ein Object genau beachten will. Der höchste Grad der Vertiefung in Bezie- hung eines Gegenstandes, der uns durch das In- teresse der Lust anzieht, ist Entzückung , in welcher die Seele gleichsam cataleptisch auf einen Gegenstand hinstarrt, und für alles andere kalt und gefühllos bleibt. Als Beispiele der Vertie- fung habe ich oben schon den seligen D. Sem- ler und Archimedes angezogen. Diesem will ich noch eins, das Hoffbauer l. c. 1 Th. 44 S. ange- führt hat, zufügen. Ich kannte, sagt er, einen Tonkünstler, der seinen Phantasieen am Clavier sich so zu überlassen pflegte, dass er nichts von allem, was neben ihm vorging, wahrnahm. Ein ge- schätzter Freund konnte in sein Zimmer treten, und mit offenen auf ihn gerichteten Augen sahe er ihn nicht. Das Licht konnte, wenn er des Abends spielte, verlöschen, er merkte es nicht. Einstmals, als er seine Freunde an einem Winter- abende mit seinem Spiele unterhielt, löschte ei- ner derselben aus Versehen das Licht aus. Ganz in seine Phantasie vertieft, weiss er nicht eher, dass er sich in einem finstern Zimmer befindet, als bis sein Freund nach einem vergeblichen Ver- suche das Licht wieder zum Brennen zu bringen, ihn in seinem Spiele stört. Die Besonnenheit liegt also in der Mitte zwischen Zerstreuung und Vertiefung . Beide Zustände sind Abweichungen von ihr nach verschiedenen Richtungen. Je weiter der Mensch von dem normalen Standpunkt in der Mitte sich entfernt, desto mehr ist er an dem einem Extrem vertieft, am andern zerstreut und an beiden En- den auf dem Wege zur Verrückung. Der Zer- streute irrt unter einer Menge von Gegenständen herum, ohne einen festzuhalten; der Vertiefte kann sich von dem Objekte nicht losreissen, das ihn gegenwärtig fesselt. Beide fassen daher die Eindrücke nicht auf, die sie nach ihrer gegenwär- tigen Lage auffassen sollten. Doch kann der Mensch beides zugleich, zerstreut und vertieft seyn. Er ist eingeschränkt auf einen gewissen Be- zirk von Gegenständen, fasst aber innerhalb des- selben nirgends festen Fuss. Zuletzt veranlasst ihn dieser Zustand, in dem er seines Zwecks ver- fehlt, über die Grenze zu treten, und führt als- denn zur unbegrenzten Zerstreuung. §. 11. Aufmerksamkeit ist das Vermö- gen der Seele, ihre Kraft willkühr- lich an den Gegenstand zu fesseln, der durch die Besonnenheit angemerkt und aus der Menge zum klaren Be- wusstseyn ausgehoben ist . Die Beson- nenheit lässt den Gegenstand wieder fahren, wenn er ohne Werth ist. Erst durch die Aufmerksam- keit, die die Kraft der Seele auf einen festen Punkt anheftet, wird sie consolidirt. Dies ge- schicht nach einem freien Entschluss, der sich entweder auf Genuss der Lust, oder auf die Er- reichung eines moralischen Zwecks gründet. Je- ner zieht sanft an, diese fesselt uns, auch wenn es uns Mühe macht. Die Lust wirkt stärker, und am stärksten in der Jugend. Das Alter ist schwach an Verstand und liebt die Ruhe. Daher beherrschen wir unsere Aufmerksamkeit in den mittlern Jahren am freisten, wo die Vorsätze des Verstandes stark genug und dem Zuge der Lust überlegen sind. Ihre Krankheiten sind denen gleich, die bey der Besonnenheit bereits angemerkt sind, nemlich Zerstreuung und Vertiefung . Diese überschreitet dieselbe, jene erreicht sie nicht. Sie entspringen von Schwäche des Ver- standes, Mangel an Uebung und von einer fal- schen Schätzung des Werths der Dinge, die uns zu einer thörigten Spende unserer Kräfte ver- leitet. §. 12. Da die Seelenkrankheiten, wie bereits oben gesagt ist, vorzüglich durch Anomalieen des Selbstbewusstseyns, der Besonnenheit und der Aufmerksamkeit sichtbar werden; so will ich zum Beschluss noch einige Gesetze aufstellen, mit welchen diese Vermögen in Verbindung stehn. 1) Der Zustand des Selbstbewusst- seyns und der Besonnenheit ist ab- hängig von dem Zustande des Nerven- systems . Allein welcher Modifikationen ist das Nervensystem fähig, wie werden sie wirklich, wie fliessen sie ein auf das Selbstbewusstseyn? Diese Aufgaben kann zur Zeit niemand vollstän- dig aufklären; ich werde sie daher nur, und nur schüchtern umkreisen. Das Nervengebäude ist eine höchst zusammengesetzte Maschine und von einer solchen Ausdehnung, dass, wenn man dasselbe aus dem Menschen herausheben könnte, es als Nerven-Mensch in gleichen Umrissen da- stehn und den Rückstand als ein caput mortuum zurücklassen würde. Seine peripherische Grenze ist gleich einem entfalteten Fächer gegen die Welt gerichtet. Von derselben kehrt es in sich selbst zurück und sammlet sich wie ein umgekehrter Ke- gel in dem Brennpunkt des Gehirns. Ausser den Geschäfften, die ihm als Bewegungs-, Gefühls-, und Sinnes-Werkzeug eigenthümlich sind, hat die Natur es zum Bande bestimmt, in welchem die zum Bau eines organischen Körpers nöthige Mannichfaltigkeit von Instrumenten zur Einheit eines Individuums verschlungen sind. Es reiht die zerstreuten Organe des Körpers an seine Aeste auf, verbindet sie durch untergeordnete Heerde zu eignen Getrieben und sammlet diese endlich alle in seinen grossen Mittelheerd auf. Hier ist der Knoten der Organisation geschürzt, durch welchen sie sich als Natur-Zweck über die leblose Natur erhebt. Ausser den Kräften, die das Nervensystem von seiner beharrlichen Materie hat, wirkt in demselben höchst wahrscheinlich noch ein ani- malischer Lebensstrom , der nach einer gedoppelten Modifikation seine Einflüsse um- tauscht. Er ebbet und fluthet, häuft sich an und zerstreut sich wieder, wogt von Pole zu Pole, bewegt sich in Zügen und Kreisen, wozu ihm der der Mechanismus des Nervensystems, dessen Kno- ten und Geflechte und seine kleinen und grossen Cirkel behülflich sind. Daher die grosse Beweg- lichkeit in der Temperatur der Nervenkräfte, die Succession ihres Wirkens in den verschiednen Getrieben und der Wechsel der Associationen und Sympathieen, die täglich von andrer Art zu Stande kommen, wenn gleich der Mechanismus des Nervensystems stättig ist. So lang das Nervengebäude diese Construk- tion hat, seine Getriebe das gehörige Maass von Kraft besitzen, und sich richtig auf einander be- ziehn, wirken das Gemeingefühl, der äussere Sinn, die Phantasie und das Gedächtniss der Norm gemäss; und von diesen Vermögen hängt die Integrität des Selbstbewusstseyns ab. Allein wenn diese Ordnung der Dinge, z. B. im anfan- genden Schlaf, zu wanken anfängt, so wankt in den nemlichen Verhältnissen das Selbstbewusst- seyn. Sein Zustand und der Zustand des Nerven- systems bestimmen sich von Moment zu Moment, stehn also mit einander in einer ursachlichen Ver- knüpfung. 2) Das Nervensystem hat nur dann, wenn es wirklich handelt, Kräfte zum Handeln . Wenn es feyert, so ist es auch so weit ohne Kräfte, als es feyert. Schlafende Kräft sind Metaphern; zureichende Ursachen nicht ohne Wirkungen. Es hat also bloss das Vermögen, in jedem Moment Kräfte zum Wir- H ken in sich zu schaffen. Dies geschieht wahr- scheinlich durch den allgemeinen Schöpfungspro- cess der Vegetation , die entweder permanent oder einstweilig ist. Jene erhält die thieri- sche Masse als solche und ihre Fähigkeit zum thierischen Wirken, die wir mit der schnellen Zündbarkeit eines Brennmaterials vergleichen können. Diese einstweilige ist stärker, schafft die momentane Kraft zum Wirken, die ein Wir- ken und hier ein Vorstellen zur Folge hat. Die Phänomene wechseln, wie der Stoff wechselt; sie wechseln am Eisen nach Maassgabe seines Ge- halts an Sauerstoff und Kohlenstoff. Warum? Das ist uns hier und überall unbekannt. Denn wir beobachten nur, was geschieht; aber nicht, warum es nothwendig so geschehen müsse. Es sind also einstweilige Vegetationen in dem vasten Gebiet des Nervensystems möglich, die höchst wahrscheinlich mit dem galvanischen Lebens- strom in Verknüpfung stehn. An dem Ort, wo dies geschieht, wird es lichte. Es heben sich Vorstellungen, die sich auf den handelnden Theil beziehn, aus der Menge zum klaren Bewusstseyn hervor, und ziehn dadurch unsere Besonnenheit und Aufmerksamkeit an. Alles übrige schwimmt, wie die entfernten Gegenstände einer Landschaft, im Helldunkel vorüber. Allein dies Wirken des Nervensystems in seinen verschiednen Getrieben erfolgt nach einer festen Regel , die durch die normale Vertheilung seiner Kräfte gegründet und durch das Auffassen bestimmter Objekte im Selbstbe- wusstseyn und der Besonnenheit angekündiget wird. Sobald dies Verhältniss der dynamischen Temperatur im Seelenorgan wankt, so wankt auch die normale Receptivität für äussere Gegen- stände; es weicht die Ausbreitung der bewirkten Erregungen ab von den Gesetzen der Association. Die Angel der Verbindung ist abgezogen, ein- zelne Getriebe wirken für sich, Nebelsterne drin- gen aus der Tiefe zur Klarheit hervor, und es wird in uns eine Welt sichtbar, von der wir nicht ahndeten, dass sie in uns vorhanden sey. Was sind dunkele Vorstellungen, Vorstellungen ohne Bewusstseyn ? Chi- mären. Doch haben Leibnitzens Anhänger ihr Daseyn sogar durch Schlüsse bewiesen. „Eine Kraft, sagen sie, sey ohne Thätigkeit nicht ge- denkbar, da ihr Wesen im Wirken bestehe. Nun äussere sich das Seelenvermögen durch Vorstel- len; es müsse also auch im Schlafe vorstellen. Weil wir uns aber dessen nicht bewusst sind, so folge daraus, dass wir im Schlafe Vorstel- lungen ohne Bewusstseyn haben müs- sen .“ So richtig der Obersatz seyn mag, so hypothetisch ist der Untersatz, der eine perma- nente Seelenkraft als unbedingt nothwendig vor- aussetzt. Die Seele wird und vergeht in jedem Moment, wie der Körper wird und vergeht und doch derselbe bleibt Nur wenn wir Vorstellun- H 2 gen haben, haben wir die Kraft dazu; ausser der Zeit bloss das Vermögen, diese Kraft schnell in uns zu schaffen. So sind auch die Wiederer- innerungen des Gedächtnisses und der Phantasie, in welchen Vermögen der gesammte Schatz un- serer Erkenntnisse aufbewahrt wird, nicht etwan Produkte schlafender, sondern wiedergebohrner Kräfte. Durch die Erlernung einer Wissenschaft verschaffen wir dem Seelenorgan das Vermögen, für die Zukunft Kräfte eigenthümlicher Art zu erzeugen. Was sind die Vestigia rerum , die man zur Erklärung des Gedächtnisses angenom- men hat, wo haben sie Platz genug in dem Ge- hirne eines Polyglotten-Schreibers, wie dauren sie fort bey dem ununterbrochnen Wechsel des Stoffs, was kömmt zu ihnen hinzu, dass sie sichtbar werden? Zuverlässig sind die vestigia rerum eben so räthselhaft, als das Problem, welches sie enträthseln sollen. Hingegen lehrt die Erfahrung, dass organische Thätigkeiten eine Anlage zur Wiederkehr der nemlichen Kräfte erzeugen, durch welche sie ursprünglich entstan- den sind. In diesem Fall müssen dann auch die nemlichen Vorstellungen mit der Wiederkehr der nemlichen Kräfte wiederkehren. Es bleibt also bloss die Frage zu beantworten übrig, wie zuwei- len Vorstellungen entstehn, die nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht entstehn , und uns daher über ihren Ursprung in Verlegenheit setzen? Allein wenn die Temperatur der Kräfte des Gehirns gesteigert, das Kraftverhältniss seiner Theile aufgelöst, die Angel der Verbindung abgezogen ist, die Ge- triebe einzeln und in dem Grade stärker wirken, als die übrige Maschine ruht; so müssen aller- dings auch eben solche eigenartige Wirkungen erfolgen, und dunkle Parthieen in Klarheit her- vorgehn, die bey einer anderen Erleuchtung des Seelenorgans nicht sichtbar werden konnten. 3) Sofern die Seelenkräfte nicht permanent sind, sondern erst durch die Vegetation geschaf- fen werden, lässt es sich begreifen, warum dazu eine Weile erfordert werde , wenn ein Gegenstand vermittelst der Besonnenheit zum klaren Bewusstseyn gelangen, und durch die Auf- merksamkeit gehalten werden soll. In einer weiten Landschaft erkennen wir bey einer raschen Uebersicht alles verworren, und nur die Gegen- stände deutlich, auf welchen wir länger haften. Eine Kanonenkugel im Fluge wird nicht vorge- stellt, ob sie gleich Fläche genug hat, weil sie in jedem Punkt des Raums eine unendlich kleine Zeit verweilt. 4) Eine Handlung in einem Theil des Nervensystems wirkt als Erre- gungsmittel auf einen anderen . Das Gehirn erregt den Nerven, dieser das Muskelsy- stem; der äussere Sinn die Thätigkeit des inne- ren; eine Vorstellung die andere. Die letzte Art successiver Erregungen im Seelenorgan, sofern es Vorstellungen erzielt, nennen wir Association . Doch ist sie allen übrigen analog, und muss als Art unter die Gattung der Erregungen in der or- ganischen Natur begriffen werden. Vermittelst dieser Einrichtung pflanzt sich eine ursprüngliche, von aussenher erregte Thätigkeit im Nervensy- stem durch seine weiten Hallen, wie die kreisen- den Wellen auf dem Spiegel einer stillen See fort, bis sie ausläuft. Dies geschieht nach einer Regel, die in der jedesmaligen normalen oder abnormen Beziehung der Theile des Ganzen gegen einan- der gegründet ist und durch das Verhältniss der Associationen sichtbar wird. Ist sie ausgelaufen, so muss sie von aussenher wieder angefangen werden, entweder durchs Gemeingefühl oder durch den äusseren Sinn, von welchem dieser an die Welt, jenes an den eignen Körper angrenzt und dadurch die Gemeinschaft des Bewusstseyns mit diesen Objekten begründet. Denn es scheint mir widersprechend, dass ein absoluter Stillestand im Vorstellen durchs Vorstellen, d. h. durch Spontaneität , wieder angefangen werden könne; eine Behauptung, für welche ich meine Gründe aus der Erfahrung an einem anderen Ort anführen werde. Die Vorstellungskraft scheint, wie die Materie, träge zu seyn Gräffe Versuch einer moralischen An- wendung des Gesetzes der Stetigkeit, Celle 1801. . Haben die gesammten Theile des Nervensystems ein richtiges Verhältniss zu einander, welches zum Theil Re- sultat der Erziehung desselben durch seine vorher- gegangenen Handlungen ist, so wirken die Aussen- dinge ein und die erregten Ttätigkeiten breiten sich aus, wie es der Norm gemäss geschehen muss. Es gelangen die Verhältnisse unseres Zu- standes im Selbstbewusstseyn zur Klarheit, die mit unserem Interesse in der nächsten Beziehung stehn. So beginnt der Speisekanal sein wurmför- miges Spiel nur dann, wann er Nahrungsmittel in seine Höhle aufgenommen hat. Er wirkt zur rechten Zeit und seiner Bestimmung gemäss, ohne sich eines Zwecks bewusst zu seyn, nach einer prästabilirten Harmonie, die zwischen seinen Kräften und seinen Zwecken obwaltet. 5) Die Kraft des Nervengebäudes ist, wie überhaupt die Lebenskraft des gesammten Organismus, beschränkt . Sie wirkt nur auf einem Punkt des Gebiets mit Nachdruck und in dem Maasse, wie dies ge- schieht, erlöschen ihre Wirkungen in den übri- gen Gegenden. Die Thatsache steht fest, wenn gleich ihre Ursache uns unbekannt ist. Schmer- zen der Haut ersticken Schmerzen im Inneren; wirkt der äussere Sinn lebhaft, so schweigt der innere; wenn die Phantasie beschäfftiget ist, so kommen keine äusseren Eindrücke zum klaren Bewusstseyn. Bey einer chirurgischen Operation hängt die ganze Kraft der Seele an der Spitze des Messers. Daher hört unser Ohr das Gewim- mer des Kranken nicht. Mag man sich, um den Grund dieses Phänomens bildlich vorzustellen, mit Heineken ein gasförmiges Wesen denken, das die Nerven gleich einem Geist umschwebt, ebbet und fluthet und ihre Thätigkeit vermehrt, wo es sich anhäuft, aber sie in den Theilen ver- ringert, von welchen es abgezogen wird. Die Seele muss also, wenn sie sich einem Geschäffte widmen will, auf alle übrigen Verzicht thun; sie muss dasselbe fahren lassen, wenn sie einen neuen Gegenstand beachten will, d. h. sie muss Behufs der respektiven Thätigkeit nach Will- kühr abstrahiren können . In eben die- ser Einrichtung, die die Seele nöthiget, mehrere Handlungen, nicht gleichzeitig, sondern in der Zeit zu verrichten, ist auch das Gesetz gegründet, nach welchem wir ihre Thätigkeit zu len- ken im Stande sind. Wir dringen ihr neue Ge- schäffte auf; dadurch wird sie gezwungen die vorhandnen schwinden zu lassen; löschen auf die- sem Wege gegenwärtige Ideenreihen aus, und ziehn neue aus der Tiefe hervor. 6) Die Seele muss zwar ihre Kraft, sofern dieselbe beschränkt ist, auf denjenigen Gegen- stand verwenden, welchen sie mit Ernst bearbei- ten will. Doch soll ihr noch soviel Irrita- bilität von der Summe derselben übrig bleiben , dass sie das leise Anpochen des inne- ren und äusseren Sinns wahrzunehmen im Stande ist. Dann schätzt sie die wahrgenommenen Ein- drücke auf der Flucht, hemmt ihre gegenwär- tige Thätigkeit und richtet sie auf die neuen Ge- genstände, wenn sie von Erheblichkeit sind. Ihr Abstraktionsvermögen ist also im eigentlichen Sinn Unvollkommenheit, die nicht zu gross seyn darf. Sie muss den obwaltenden Gegenstand fest- halten, aber nicht absolut an ihn gefesselt seyn; ihre Kraft fixiren, aber derselben doch so vielen Spiel- raum übrig lassen, dass sie augenblicklich auf an- dere angemerkte Objekte von grösserem Interesse gerichtet werden kann. So ist unser Ohr in ernst- haften Meditationen dem Sinn des benachbarten Gesprächs verschlossen, aber dem Eindruck un- sers Namens offen, wenn er in demselben ge- nennt wird. Dies Vermögen setzt theils Stärke, theils eine ausnehmende Empfindlichkeit und Mobilität der Seelenkraft voraus. Einem Men- schen, dem mitten in seinen gegenwärtigen Ge- schäfften nichts entwischt, der höchst besonnen auf alle Regungen des inneren Sinns, und auf alles ist, was von aussen kömmt und schnell von einem Object auf ein anderes überspringen kann, schreiben wir Gewandheit der Seele zu. Dahingegen besitzt derjenige, welcher mehrere Dinge zugleich mit zureichender Stärke beachten kann, der den vorgesteckten Gegenstand mit Nachdruck verfolgt und zugleich alle Verhältnisse seines äusseren und inneren Zustandes, als ein entfaltetes Buch, vor sich offen liegen sieht, sie mit demselben in Verbindung bringt, jeden Zu- fall bemerkt, der auf seine Vorsätze Beziehung hat und in den verwickeltesten Vorfällen einen zweckmässigen Entschluss fasst, neben der Ge- wandheit noch Gegenwart und Grösse des Geistes . Auf die nemliche Beschaffenheit des Nervensystems gründet sich die Besonnenheit und Aufmerksamkeit, innerhalb der Norm, von wel- chen jene Eigenschaften der Seele die vollende- testen Produkte sind. 7) Die Richtung der Kraft auf ei- nen Punkt, oder das Aufmerken und Wirken auf einen Gegenstand, muss im gesunden Zustande eine gewisse Ausdauer haben . In den Sinnorganen ist zur Zeit, wo sie wirken ein gewisser Turgor sichtbar; ein Symptom des gleichzeitigen Vege- tationsprocesses, durch welchen ihr Wirken zu Stande kömmt. Eben dieser Turgor ist wahr- scheinlich in dem Theil des Gehirns vorhanden, der gegenwärtig wirkt. Allein diese einstweilige Vegetation lässt endlich nach, die Reizbarkeit schwindet und die Aufmerksamkeit hört auf. Besonders giebt es gewisse sinnliche Eindrücke, z. B. auf den Geruch, die auch die angestreng- teste Aufmerksamkeit nur für eine kurze Zeit festhalten kann. Mein parfümirter Rock, sagt Montagne Essai Liv. I. Ch. 12. , wirkt bloss im Anfang auf mei- ne, nach dreien Tagen nur auf die Nase meiner Freunde. Doch muss sie eine gewisse Normal- Zeit aushalten. In asthenischen Nervenkrank- heiten ermüdet sie im Vortrage, beim Zuhören und überhaupt im Verfolgen eines Gegenstandes des Denkens. Sie muss zu oft wechseln, zu oft Ruhepunkte haben und nach ihrer Anstrengung bleibt ein Gefühl von Schwäche zurück. Man- gel an Ausdauer und Bedürfniss des Wechsels verursacht Flatterhaftigkeit . Die Seele hüpft vor schneller Ermüdung von einem Gegen- stand auf den andern, ohne einen festhalten zu können. In schwachen und stumpfen Köpfen ist dieser Fehler habituell. Daher scheint die Narrheit durchgehends mit einem hohen Grad von Flat- terhaftigkeit verbunden zu seyn. §. 13. In der Wirklichkeit sind die meisten See- lenkrankheiten Zusammensetzungen . Sie entstehn als unbedeutende Grössen, wachsen aber im Fortwälzen, wie Schneelavinen, zu Massen an, die den ganzen Mikrokosmus bouleversiren. Wir finden sie in Gruppen und Züge, die die Natur aus mehreren Arten in einem Individuum zusammenhäuft. Diese Gruppen bestehn theils aus lauter Seelenkrankheiten, theils aus Krank- heiten von verschiedner Natur. Ihr Causalver- hältniss ist mannichfaltig. Die Seelenkrankheiten sind vor allen ande- ren dazu geneigt, sich zusammenzusetzen. Und davon liegt die Ursache in dem zusammengesetz- ten Bau des Gehirns, in der beweglichen Tem- peratur seiner Kräfte und in der engen Verbin- dung seiner Theile unter sich und mit den übri- gen Getrieben des Nervensystems. In den Gruppen und Zügen sind bloss die Arten absolut bestimmt, aber keinesweges die Regeln ihrer Construktion, die nemlich erst durch das Individuum gegeben werden, in wel- chem sie vorkommen. Wer sie daher für Ein- heiten hält, geräth in Verwirrung, wenn er sie bald in dieser, bald in einer andern Gestalt antrifft. Man muss sie also in ihre Elemente zergliedern, die beständig sind, wenn man zu ihrer Erkennt- niss gelangen will, und daher das Studium der Seelenkrankheiten mit den Arten anfangen . Allein wie werden dieselben aufgefunden? Durch Absonderung der einfachsten Zustände, die in Rücksicht ihrer wesentlichen Merkmale un- wandelbar sind. Dazu wird ein grosser Vorrath zweckmässiger Beobachtungen erfordert. Die Regeln, nach welchen dies geschehen muss, lie- gen ausserhalb meiner Sphäre. Die aufgefund- nen Arten werden vorerst noch, so lang uns die Natur der dynamischen Seelenkrankheiten an sich unbekannt ist, auf die Grundvermögen der Seele bezogen und nach ihrem Einfluss auf das Selbstbewusstseyn, die Besonnenheit und Auf- merksamkeit charakterisirt. Dann sucht man die Gesetze, nach welchen sich die Arten folgen und zusammenhäufen, in der Natur der Seele und ihres Organs auf, wodurch man zugleich zur Erkenntniss der Causal-Verknüpfung gelangt, die sie in den Compositionen unter sich haben. Oben habe ich schon einige einfache Ano- malieen der Seelenvermögen berührt. Jetzt will ich noch ein Paar Fälle zufügen, die sich auf das Fortschreiten der Seele in ihren Wir- kungen beziehn, sofern dasselbe gehemmt oder über die Norm beschleuniget werden kann. 1) Die Seele starrt zuweilen un- verwandt auf ein Object, oder auf ei- nen engen Kreis verwandter Objekte hin , wie ein Thier, das von einer Klapper- schlange ins Gesicht gefasst ist. Sie feiert nicht, sondern wirkt; es fehlt ihr aber die Mobilität zum Fortschreiten in ihren Handlungen. Diesen Zustand derselben werde ich Catalepsie ihres Vorstellungsvermögens nennen. Die Grade derselben sind verschieden. Gesunde Men- schen wiederholen zuweilen ein Wort ohne Wechsel, oder starren unverwandt ein nahe ge- legnes Object an, ohne klares Bewusstseyn ihrer Existenz, und bemerken erst beim Aufhören des Anfalls, dass sie abwesend waren. Sie sind da- bey im Stande, sich zu bewegen und gewöhn- liche Gegenstände wahrzunehmen, doch scheint es, als geschähe dies bloss durch mechanische Reflektionen im Nervensystem. In diesem Zu- stande, den man eine Vertiefung in Gedan- ken zu nennen pflegt, ist der Mensch ohne Ge- danken, kann also auch darin nicht vertieft seyn. Steigt die Catalepsie, so hören alle Wirkungen des Gemeingefühls, der Sinne und der Phantasie auf, die Associationen stocken und alles Bewusst- seyn der Subjektivität und Objektivität geht ver- lohren. Es ist vollkommne Geistesabwesen- heit vorhanden. Der Art ist sie in der Ent- zückung . Meistens ist diese Krankheit inter- mittirend, selten anhaltend; die Paroxismen ver- schwinden schnell, durch jeden neuen Reiz, der in die Sphäre unserer Sinnlichkeit tritt, oder sie dauren länger und sind schwerer heilbar, wenn sie von habituellen Asthenien des Nervensystems entstehn. Alle Kranke, die am fixen Wahnsinn lei- den, sind mehr oder weniger cataleptisch. Sie haben zwar einigen Wechsel ihrer Vorstellungen, der aber nicht über den Kreis hinausgehen kann, in welchem ihr Wahnsinn sie beschränkt. Im Berliner Irrenhause fand ich eine Närrin, die schlechterdings gebähren wollte, und keines an- dern Gedankens fähig war, der nicht mit dieser Idee in Verbindung stand. Ein anderer Ver- rückter in dem nemlichen Hause stellte sich wäh- rend der Verschlimmerungen seiner Krankheit früh in die Ecke des Zimmers, hielt seinen Hut vor die Augen, und blieb bis zum Abend unver- ändert in dieser Stellung. Einige Wahnsinnige, bemerkt Helmont demens idea; Opera. p. 174. , waren sich, nach dem Anfall, der Symptome bewusst, die sie während desselben erlitten hatten. Ihre Seele, sagten sie von sich aus, sey im Anfang desselben bey einem Begriff stehen geblieben, von dem es ihnen vor- gekommen sey, als wenn sie ihn im Spiegel vor sich gesehen hätten. Doch sey es ihnen nicht klar gewesen, dass sie denselben gedacht hätten. Auch würden sie mehrere Tage lang gestanden seyn, ohne es zu wissen, wenn der Anfall sie im Stehen überfallen hätte. Ich kenne eine vornehme Dame, die in ei- nem Anfall von Geisteszerrüttung ein Wort, z. B. meine Cousine , ein anderesmal Louis Sei- ze unaufhörlich, Tagelang, und mit der gröss- ten Geschwindigkeit wiederholt. Dann stellt sie sich, wenn die Starrsucht des Vorstellungsvermö- gens sich auch auf die Organe der Bewegung aus- dehnt, eben so lang an einem Fleck ihres Zim- mers hin, gleich einer Statue, ohne im minde- sten die Stellung ihres Körpers zu verändern. Tissot Sämmtliche Schriften, 2 Th. 34 S. besuchte eine Frau, die zur Brüder- gemeine gehörte und von der Liebe Christi so ent- zündet war, dass sie nichts als ihren Gott sah und dachte. Mein süsses Lamm ! dies war ihr Ausruf, den sie alle halbe Stunden mit nie- dergeschlagenen Augen wiederholte und womit sie alle seine Fragen beantwortete. Noch grösser ist die Starrsucht des Vorstel- lungsvermögens in der Entzückung , in wel- cher der Kranke, wie Paulus , den Himmel über sich offen sieht. Er hängt sich mit aller Kraft der Seele an seine Gesichte, dass ihm nicht ein- mal soviel von derselben übrig bleibt, sich dersel- ben nach dem Anfall zu erinnern. Der Art war der Capuciner, dessen Geschichte Sauva- ges Nosol . T. II. P. 2. 421. erzählt. Man fand ihn kalt und unbe- weglich wie ein Marmorbild, mit dem einen Knie auf der Erde gestützt und die rechte Hand gen Himmel gestreckt. Erst nach vierundzwanzig Stunden erwachte er aus seiner Extase. Tis- sot Sämmtl. Schriften, 5 B. 504 S. wurde zu einem armen und cachekti- schen Mädchen von elf Jahren gerufen. Er fand dasselbe im Bette, starr, mit offnen Augen und Munde. Der Ausdruck des Erstaunens ruhte auf seinem Gesichte. Es hörte, sah und fühlte nichts. Bald nachher bekam es schwache Zu- ckungen im Gesichte, erwachte aus seiner Ent- zückung, wie aus einem tiefen Schlaf und er- zählte seine Offenbarungen und Visionen, in de- nen es Gott, Christum und alle Auserwählte ge- gesehen, gesprochen und sogar geküsst zu haben versicherte, mit einem solchen Enthusiasmus, dass die Eltern und alle Anwesende Freudenthränen über die Seligkeit dieses Kindes vergossen. Schwärmerey und Fanatismus kann diese Krank- heit epidemisch machen Tissot sämmtl. Schriften, 5 B. 493 S. . Den höchsten Grad dieses Zustandes nennt Tissot a. a. O. 504 S. Unempfindlichkeit , in wel- cher die äussern und innern Sinne und das Ver- mögen zu willkührlichen Bewegungen durchaus feiern. Sie entsteht gern von heftigen Leiden- schaften, besonders von plötzlichen Nachrichten einer verunglückten Liebe, die tiefe Wurzel ge- fasst hat. Tissot erzählt drey Beispiele dieses Zustandes. Der eine Fall ist die bekannte Ge- schichte eines Schusters, der vor Gram in diese Krankheit verfiel und von Mutzel durch die Einimpfung der Krätze geheilt wurde. Der zweite Kranke war ein Hypochondrist. Dieser machte die Entdeckung, dass sein Freund ihm ungetreu geworden sey. Er bekam ein heftiges Zittern, blieb siebenundsiebzig Stunden sprach- los, regte kein Glied, nicht einmal die Augen, schlief und schluckte nicht, und leerte nichts aus. Der dritte Fall; ein Mensch verfiel in diesen Zu- stand in dem Augenblick, wo er glaubte aus ei- nem Gefängniss entspringen zu können, in wel- I chem er mit Unrecht sals, aber aufgehalten wur- de und die Hoffnung zur Freiheit auf immer ver- lohr. Dem Kranken entwischte seit diesem un- glücklichen Zeitpunkt kein Wort, kein Seufzer mehr. In seinen Gliedern, sogar in seinen Au- gen, war nicht die geringste Bewegung sichtbar. Man hätte ihn für eine Bildsäule halten können. In eilf Tagen nahm er nichts von Nahrungsmit- teln zu sich. Es wurden Versuche gemacht, ihm flüssige Dinge durch Hülfe eines Trichters einzugiessen; aber umsonst. Er gab alles ohne Gefühl wieder von sich und starb wie einer ein- schläft Mém. du Marquis A *** p. 447. . Ich sah einmal eine andere, aber eben so merkwürdige Wirkung der Furcht auf das Muskelsystem. Ein reicher und rüstiger Mörder wurde unvermuthet in einer fremden Stadt durch Steckbriefe entdeckt und in Verhaft genommen. Er berauschte seine Wächter mit Wein, dass sie einschliefen. Nun versuchte er zu entfliehn und konnte es. Denn das Haus stand gegen den Gar- ten offen und dieser war mit einer niedrigen Mauer von etwan drey Fuss Höhe eingeschlossen. Allein am Morgen fand man ihn noch an dersel- ben herumhüpfend und alle seine Anstrengungen, über dieselbe zu setzen, waren umsonst gewesen. Eben diese Starrsucht, die wir bis jetzt in den Vorstellungsvermögen aufgesucht haben, affi- cirt auch das Bewegungsvermögen des Seelen- organs und wird dann eigentlich nur Catalep- sie genannt. Doch sind beide Arten nahe ver- wandt, wechseln mit einander und begleiten gern andere Geisteszerrüttungen. Auch hat diese Ca- talepsie des Bewegungsvermögens eben so man- nichfaltige Modifikationen, als die Starrsucht der Vorstellungen, von welcher bis jetzt die Rede war. Viele von denen, sagt Haslam Beobachtungen über den Wahnsinn; aus dem Englischen übersetzt, Stendal 1800, 17 S. deren Wahnsinn heftig ist, wiederholen besondere Handlungen eine lange Zeit. Manche hört man die Ketten, mit denen sie angeschlossen sind, Stun- denlang ohne Aufhören schütteln. Andere, die in einer aufgerichteten Stellung verwahrt sind, stampfen den grössten Theil des Tages mit den Füssen auf den Boden. Nachdem diese Kran- ken wieder zu sich gekommen sind, versichern sie, dass die erwähnten einförmigen Handlungen ihnen grosse Erleichterung verschaffen. Tul- pius Observat. med. Lib. I. c. 16. et 17. sahe eine Frau zu Campen , die be- reits fünf Monate unaufhörlich bald mit dem rech- ten, bald mit dem linken Arm auf ihre Knie hämmerte, wie die Schmiede auf den Amboss po- chen, so dass man ihr ein Kissen auflegen musste, damit sie sich nicht verwundete. Kranke dieser Art müssen durch Ableitung geheilt werden. Man reitzt eine ferne Region des Seelenorgans, verschafft demselben dadurch Wech- I 2 sel in seiner Thätigkeit und hebt durch die neu erregte den Zug auf, auf welchen der Kranke hinstarrt. 2) Der obigen Krankheit stehen die Ideen- züge und ihr höherer Grad die Gedankenjagd entgegen. In derselben leidet das Vorstellungs- vermögen an einem doppelten Gebrechen. Die Ideen scheinen theils isolirt und ohne Verknüp- fung zu seyn, die sie nach den Gesetzen der Asso- ciation haben sollten, theils folgen sie sich im Verhältniss mit dem Kraft-Maass des Kranken so schnell, dass es ihm an Weile fehlt, sie festzu- halten, zu beäugeln, zu vergleichen, zu trennen. Es keimen Bilder der Erinnerung, neue Schöp- fungen der Phantasie und tolle und verwirrte Rai- sonnements auf, die die Seele weder fixiren noch lenken kann. Sie gleicht einem Schiffe, das sein Ruder verlohren hat, und dem Spiele der Mee- reswogen gezwungen folgen muss. Die Phanta- sie hüpft ungezähmt, und mit wilder Schnellig- keit von einem Gegenstand auf den andern, so dass ihr regelloses und rasches Spiel bald alle Kräfte verzehrt. Bild auf Bild jagt sich, Ideen und Gedanken drängen ungerufen zu, aben- theuerliche Gestalten kommen aus dem Hinter- grunde der Seele hervor, treiben losgebunden umher und fliehen gleichsam wie leichte Körper im Sturm, oder wie Hecken und Bäume beim schnellen Fahren vorüber. Ihre Eile ist so gross, dass die Worte nicht Geschwindigkeit genug ha- ben, sie auszudrücken, das Gedächtniss wenige derselben festhalten kann. Meistens sind sie ohne Einwirkung auf die Willenskraft. Der Verstand ist passiver Zuschauer, er staunt oft über den ver- wirrten Zustand seiner Oekonomie, ordnet gar Mittel zur Heilung an, aber ohne Erfolg. Di- rect sind wir zwar eigentlich nie Meister unserer Vorstellungen; aber uns stehen indirekte Mittel zu ihrer Leitung zu Gebote. Wir ändern nem- lich die Objekte und erregen neue Ideenreihen, durch welche die vorhandenen modificirt oder getilgt werden. Diese Mittel versagen aber in dem vorliegenden Fall ihren Dienst. Ideenjagden kommen selten einfach, mei- stens in Gesellschaft anderer Nervenkrankheiten, namentlich im Wahnsinn und besonders in der Tobsucht und in der Narrheit vor. Der Tobsüchtige handelt ohne Zusammenhang seiner Handlungen mit Vorstellungen, ohne sich eines Zwecks derselben klar bewusst zu seyn. Daran ist freilich hauptsächlich der blinde Willensdrang schuld. Doch ich habe grossen Verdacht, dass ein isolirter Zustand seiner Vorstellungen und ihre schnelle Flucht auch einigen Antheil an den Aeusserungen seiner Krankheit haben. Er han- delt im Gefolge des Stosses einer Idee, die aber so schnell von einer andern verdrängt wird, dass er zur Zeit der Handlung kein Bewusstseyn der- selben mehr hat. Auch in der Narrheit finden wir dies schnelle Treiben unzusammenhängender Vorstellungen. Pinel l. c. 175 S. erzählt von einem sol- chen Kranken, der mit rascher Geschwätzigkeit von seinem Hut, von seinem Weibe, von Dol- chen, Säbeln, entmasteten Schiffen und grünen Wiesen sprach, und deswegen so wenig Beson- nenheit hatte, dass er die dringendsten Bedürfnisse nicht vorstellte, nicht ass, wenn ihm die Nah- rungsmittel nicht in den Mund gefteckt wurden. Einige von Geisteszerrüttungen Genesene, sagt Haslam l. c. 16 S. , beschreiben ihre Verwirrung als mit grosser Eile des Geistes verbunden. Die Ideen, sagten sie, seyen so schnell vorüber geeilt, dass der nachgestürzte Strom anderer jeden Ge- danken augenblicklich weggeführt habe, den sie festzuhalten sich bemüht hätten. Einem Nerven- kranken war es, als wenn alle Büchsen der Apo- theke auf einer grossen Kurbel geleimt wären, die mit unglaublicher Geschwindigkeit gedreht würde. Die Büchsen mit ekelhaften Ingredien- zien machten ihm Erbrechen. Um sich in diesem Strudel zu halten, musste er es sich lebhaft vor- stellen, als sey er in eine unterirdische Kluft ein- gesperrt, die von Drachen bewacht würde. Eben diese verwirrte Eile in der Erzeugung der Vorstellungen wird auch in dem Theile des See- lenorgans gefunden, der die Bewegungen erzeugt. Und es ist sonderbar, dass diese Flucht der Vor- stellungen und Bewegungen in dem nemlichen In- dividuum, mit der vorher erwähnten Catalepsie abwechselt. Eben die vornehme Dame, von der ich oben gesagt habe, dass sie Tagelang einerley Worte aussprach, oder auf einem Fleck feststand, hatte zu andern Zeiten Anfälle des Veitstanzes, wo sie Stundenlang mit unglaublicher Schnellig- keit herumhüpfte und an die Wände aufsprang. So erzählt Tulpius Observat. med. Lib. I. C. 16 et 17. von einem Verrückten, der wie Quecksilber in ewiger Bewegung war, Tag und Nacht lief, bis er vor Schweiss zerfloss und nicht eher ruhte, als wenn ihn der Schlaf überwältigte. Die nemliche zwecklose Mobilität beobachtete Pinel l. c. 176 S. an einem seiner Kranken. Dieser Mensch, sagt er, belästiget mich und an- dere mit einem überschwänglichen Gewäsche. Wenn er in ein Zimmer kommt, so rückt und kehrt er alle Meubeln von der Stelle, befasst Tische und Stühle mit den Händen, hebt sie auf und schleppt sie von einem Ort zum andern, oh- ne dabey durch irgend einen festen Vorsatz gelei- tet zu werden. Man hat kaum seine Augen wegge- wendet, so ist er schon auf dem nächsten Spatzier- gange in eben der unruhigen Bewegung, er stam- melt einige Worte, räumt Steine weg, rauft Kräuter ab, die er wieder hinwirft, um andere zu pflücken; er kommt, geht, kehrt wieder. Was soll der Kranke bey diesen Ideenjagden zu seiner Haltung thun? Er muss es im Anfall versuchen, laut und langsam zu lesen. Dies Hülfsmittel heftet die in der Irre herumschwär- mende Phantasie auf eine bestimmte Gedanken- reihe, vertheilt die Nervenkraft durch die Bewe- gung so vieler Organe gleichmässiger und zer- streut ihre Anhäufung an einem Orte auf mehrere Gegenden des Nervensystems. Gelingt ihm kei- ne Rede aus eignen Kräften mehr, so soll er be- kannte Reime recitiren, die Finger zählen, an- fangs einfache Gegenstände langsam, sofern dabey vom Aussprechen die Rede ist, in der Folge zu- sammengesetzte Dinge schneller nennen. In noch kritischern Augenblicken, wo er nicht einmal mehr im Stande ist, viele Sylben im Zusammen- hang auszusprechen, muss er sich auf ein Object (Tisch, Stuhl) fixiren, das mit einer Sylbe aus- gesprochen wird, und zugleich dem Auge dassel- be vorhalten. Ist der Anfall so heftig, dass die Sprachorgane und die Fassungskraft für die Re- den anderer gelähmt sind; so soll der Kranke durch eine sinnliche Anschauung, die keiner so zusammengesetzten Kraft als die Aussprache ei- nes Worts bedarf, den wilden Strom der Ideen aufhalten. Dergleichen Hülfsmittel sind z. B. Anschauungen frappanter Gegenstände, fremder Thiere, durchziehender Truppen, oder ein leich- tes Spiel im Brett, das Abschreiben einer Vor- schrift, das Couvertiren interessanter Briefe, der Händedruck eines Freundes, pantomimische Spie- le mit den Kindern, die Musik. Ist der Kranke verrückt und daher keiner eigenmächtigen Ent- schlüsse zu seiner Heilung fähig: so suche man ihn durch starke und sinnliche Eindrücke ge- zwungen auf einen Punkt zu fixiren. §. 14. Nach diesen vorläufigen Digressionen ver- schiednen Inhalts rücke ich der Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen näher, und erwähne vorher noch der Aufgabe, welche Geisteszerrüttete für diese Methode vorzüglich geeignet sind ? Seelenkrankheiten müssen bald durch die psychische, bald durch die körperliche Curme- thode, bald durch beide zugleich behandelt wer- den. Wir müssen bald mit der einen, bald mit der anderen den Anfang machen, je nachdem der Körper oder die Seele zuerst litt, dieser oder jener Theil des Menschen hervorstechend affi- cirt ist. Wer sich daher mit der Heilung der Seelen- krankheiten befassen will, sey beides, Arzt der Seele und Arzt des Körpers, damit er beide Na- turen des Menschen umfasse, ihren gegenseitigen Einfluss richtig schätze und die Kette von Krank- heiten an der Quelle entdecke, wo sich die erste entsponnen hat. Der blosse Seelenarzt trifft schwerlich den rechten Zeitpunkt, wo er mit Vortheil psychisch wirken kann, übersieht die kranke Anlage des Gehirns, die körperlichen Reize, die dasselbe gezwungen erregen und da- durch zuletzt seine normale Dynamik umstürzen. Wie kann ihm die psychische Cur eines fixen Wahns gelingen, der vom Einfluss kranker Ner- ven und geschwächter Eingeweide aufs Gehirn entspringt? Wie ist er im Stande, das Kraftmaass des Körpers richtig zu schätzen, dasselbe durch den Process der Vegetation zu vermehren oder herunterzustimmen? Er stürmt daher mit psychi- schen Reizen, und setzt das matte Gehirn in con- vulsivische Erschütterungen, die es in eine Asthe- nie stürzen, aus welcher es nie wieder hervor- gezogen werden kann. Ihm sind endlich die Mittel unbekannt, den Ton des geschwächten Nervensystems wieder herzustellen. Daher Rück- fälle nach beendigter Cur. Eben so unfähig ist der blosse Körperarzt zur Heilung der Geisteszerrüttungen. Er kann sie nur umgehen, aber dieselben nie direct an- greifen. Denn dies ist allein durch die psychi- sche Curmethode möglich. Es ist ein empören- des Schauspiel, wenn man zusieht, wie übel der handfeste Empiriker mit seinen Geisteskranken umspringt. Gleich einem blinden Maulwurf wühlt er sich in ihre Eingeweide ein, und sucht die Seele auf, wo die Natur die Werkstätte für die niedrigsten Operationen der Thierheit ange- legt hat. Deklinationen des Denkvermögens will er durch Verdünnung eines atrabilarischen Bluts und durch Schmelzung stockender Säfte im Pfort- adersystem berichtigen, Seelenschmerz mit Niese- wurz und verkehrte Gedankenspiele mit Klistir- sprützen bekämpfen. Wehe dem Ebenbilde Got- tes, das unter einen solchen Hobel fällt! Wenn also der Wahnsinn nicht protopathische Krankheit, nicht von moralischen Ursachen ent- standen ist, wenn das Gehirn durch Reize der phrenischen Gegend, des Sonnengeflechts, der Geburtstheile erschüttert wird, oder es der Ve- getation überhaupt an Stoff zur Verarbeitung fehlt, so wirke man zunächst körperlich auf den Körper, und entferne diese Zustände aus der Organisation, durch welche das Seelenorgan er- krankt. Doch scheint selbst diese körperliche Curmethode mehr Salz nöthig zu haben, als ihre Handhaber in den Tollhäusern ihr zu geben wissen. Ich unterscheide einen ätherischen Stoff, eine beharrliche Materie und deren Organisation. Das gasförmige Fluidum ist beweglicher Natur, strömt zu und zerstreut sich wieder, hängt der beharrlichen Materie als + oder — in entgegen- gesetzten Richtungen an, und begründet dadurch einen Antagonismus benachbarter Systeme, der sich durch Handlungen wieder ins Gleichgewicht zu stellen strebt. Von demselben scheint vor- züglich die Conspiration aller Organe zu einem Zweck, die Begründung neuer Sympathieen durch die Gewohnheit, und die bewegliche Tem- peratur der Kräfte in der Organisation, mit welcher ihr Wirken in Verbindung steht, ab- zuhängen. Wenn in diesem Stoffe ein Miss- verhältniss obwaltet, das auf Geisteszerrüttun- gen hinwirkt, so müssen wahrscheinlich Elek- tricität, Galvanismus, Magnetismus, Gefühle, Ideen und andere subtile Mittel zur Wie- derherstellung des Gleichgewichts angewandt werden. Der Krampffisch verliert sein Vermö- gen zu elektrischen Schlägen, wenn man ihn mit einem Magneten in Verbindung bringt. Es ist ein bekanntes Küchen-Phänomen, den Aal durch einen Schlüssel oder ein Stahl, den man ihm an den Kopf legt, zur Ruhe zu bringen. Er liegt still, als wenn er todt wäre, und windet und wälzt sich wieder, wenn man den Stahl weg- nimmt. Noch stärker wirkt der Magnet auf ihn. Er kömmt augenblicklich an den Rand des Ei- mers, worin er ist, wenn man den Magneten in seine Atmosphäre bringt, thut ängstlich und bläst die Kehle auf Göze’s nützliches Allerley, Leipzig 1785, 2 B. 329 S. . Wienholt Heilkraft des Magnetismus nach eignen Beob- achtungen, Lemgo 1802. hat schon den Galvanismus auf Blödsinn und Geistes- stumpfheiten angewandt und Gmelin Mauchart l. c. 4 B. 128 S. heilte durch den thierischen Magnetismus einen perio- dischen Wahnsinn. Die Kranke war ein Mäd- chen von zwanzig Jahren. Ihre Anfälle begannen mit einer glühenden Hitze auf dem Wirbel des Kopfs und mit Kälte in der Peripherie; dann sprach sie verwirrt, sang, schrie, lärmte und trieb läppische Possen. Nun magnetisirte Gme- lin sie, aber ausser den Paroxismen. In den Crisen sagte sie die Zahl der Anfälle, die Zeit ihrer Genesung voraus und bestimmte die Arz- neien, die ihrer Krankheit angemessen wären. Nur einmal magnetisirte er sie unmittelbar im Paroxis- mus. Ein artistischer Strich mit seiner Hand war hinlänglich, sie in einem Augenblick zum vollen Verstande zu bringen. Allein er versetzte sie gleich wieder durch ein entgegengesetztes Ma- növre in den Zustand der Verrücktheit. Sie sagte nachher in einer ihrer Crisen aus, dass die neulich mit Gewalt erzwungene Besonnenheit ihr das Leben gekostet haben würde, wenn sie nicht schnell wieder in ihre Krankheit zurückgeworfen wäre. Dann giebt es Anomalieen in der beharrlichen Materie, die auf die Funktion des Seelenorgans Einfluss haben. Entweder sie beharrt gleichsam in dem ursprünglichen Zustande ihres Entstehens, wo sie mit Wasser überladen ist; das Nervenmark ist zu weich, die Muskelfaser zu dehnbar, die Galle fade und das Generationssystem ohne Ener- gie. Oder sie ist von entgegengesetzter Beschaf- fenheit. Der Eiweiss- und Faser-Stoff sind zu dicht und zu trocken, alle Fasern gespannt, die Geschlechtstheile sehr reizbar und die Galle ist bitter. In diesem Zustande haben die Menschen rasche und starke; in jenem träge und kraftlose Sensationen. Hier sind sie zur Narrheit und zum Blödsinn; dort zum fixen Wahn und zur Tob- sucht geneigt Cabanis rapports du physique et du moral de l’ Homme, à Paris 1802, Vol. I. 398 S. . Allein schwerlich möchte es uns gelingen, diese Anomalieen in der beharrli- chen Materie mit einem compendiösen Griff durch ein französches petit lait oder durch ein Brown’- sches Cordiale aus Opium und Brantwein zu he- ben. Zuverlässig müssen wir hier durch die Ve- getation wirken; diese dadurch leiten, dass wir sie mit allen Aussenverhältnissen des Individuums in das zweckmässigste Gleichgewicht stellen. Wir müssen auf die Lungen und Verdauungsorgane, auf die Ausgabe und Einnahme in der Organi- fation aufmerksam seyn, das Regime in Anse- hung der Luft, der Nahrung, der Bewegung und des Schlafs richtig bestimmen und durch Bäder, Salbungen, Reibungen u. s. w. wirken. Endlich ist die Organisation abhängig von der Vegetation, und ihre Fehler sind unheilbar, wenn sie durch dieselben nicht gehoben werden können. Indess muss selbst in solchen Fällen, wo die arzneiliche Curmethode erstes Bedürfniss ist, die psychicshe, wenigstens das physischeRegime, ihr zur Seite gestellt werden. Beide Methoden bieten sich schwesterlich die Hand. Das angegriffene Gehirn bekömmt zuweilen seinen Ton von selbst wieder, wenn seine stürmischen Bewegungen gedämpft sind; oder der Geist kehrt durch sich zur Ordnung zu- rück, wenn der körperliche Reiz beseitiget ist, der sein Organ ohne Nachlass peinigte. Wenn auch die Kranken zu saftreich oder zu blutarm, zu stumpf oder zu reizbar sind, oder ihr Gehirn mittelbar oder unmittelbar von fremden Körper- Reizen afficirt wird und sie daher vorzüglich der körperlichen Curmethode bedürfen, so wird dieselbe doch, selbst in diesem Fall, da sie sich nie auf die Geisteszerrüttungen selbst, sondern bloss auf ihre Anlagen und Gelegenheiten bezieht, ungemein durch eine zweckmässige psychische Be- handlung gefördert werden. Es ist sogar nicht unmöglich, dass Kranke mit unheilbaren Des- organisationen, in und ausser dem Gehirn, durch psychische Curen von ihrem Wahnsinn geheilt werden können. Diese sind nemlich nicht die Krankheit (zureichende Ursache der Symp- tome), sondern nur Veranlassung zu ihrer Ent- stehung. Ein zerstörter Gehirntheil ist kein Ge- hirn mehr, also auch nicht mehr im Stande, des- sen normale oder abnorme Funktion auszuüben, d. h. Vorstellungen zu erzeugen. Der Wahnsinn hat in diesem Fall nicht in den zerstörten, son- dern in den scheinbar unverletzten Theilen des Gehirns seinen Sitz. Daher werden auch häufig Menschen mit Desorganisationen im Gehirn ge- funden, ohne dass sie verrückt sind. Man muss sogar in solchen Fällen, wo die entfernte Ursache unheilbar ist, sein Augenmerk allein auf den Geist richten, die Heftigkeit der Anfälle zu mindern, sie ganz zu verhüten suchen. Durch diese künst- lich bewerkstelligte Ruhe schwindet die kranke Irritabilität, in welcher der Wahnsinn gegründet ist; sie erlöscht von selbst, wenn sie nicht durch wiederholte Eruptionen von neuem wieder ange- zündet wird. Hieraus erhellt also, dass über- haupt genommen alle Geisteszerrüt- tete, die noch als heilbar anerkannt werden, für die psychische Curmetho- de geeignet sind . Doch müssen solche Gei- steszerrüttungen, die von Leidenschaften, An- strengungen der Seele und anderen moralischen Ursachen entsprungen, einfach und rein dyna- misch (ab intemperie immateriali), also ohne Fehler und sichtbare Desorganisationen in der be- harrlichen Materie sind, ganz allein durch die psychische Curmethode behandelt werden. End- lich scheint es, dass der fixe Wahnsinn mehr als die Tobsucht, Narrheit und der Blödsinn für sie geeignet sey. §. 15. Curen sind überhaupt, also auch psychische Curen nicht ohne Mittel (Werkzeuge) möglich. Die Mittel, durch welche der Arzt psychisch wirkt, wirkt, werde ich psychische Mittel nennen, um sie von den Arzneien und chirurgischen Mit- teln zu unterscheiden. Dies Prädikat lege ich ihnen aber keinesweges in Rücksicht dessen, was sie an sich sind, sondern bloss in Beziehung ihrer Wirkungen auf den Menschen bey, sofern sie nemlich dessen Krankheiten durch zweckmässige Veränderungen seiner Seele zu entfernen im Stan- de sind. Denn an sich können sie körperlicher oder unkörperlicher Natur seyn. Einige dersel- ben sind materielle Substanzen, durch welche der Arzt den Körper auf eine so bestimmte Art verändert, dass die Seele seine Zustände vermit- telst des Gemeingefühls unter der Form der Lust oder des Schmerzes wahrnehmen muss. Diese Zu- stände hervorzubringen und die Seele zu nöthigen dieselben zu beachten, scheint der hauptsächlichste Zweck zu seyn, den wir durch ihre Anwendung beabsichtigen. Weniger ist auf die Fortpflanzung und Ausbreitung der Erregungen im Seelenorgan und auf die unmittelbare Wahrnehmung der Mit- tel selbst berechnet. Andere psychische Mittel sind Reize für die Sinnorgane, die in Rücksicht des beabsichtigten Zwecks mit den vorigen im um- gekehrten Verhältniss stehn. Durch sie suchen wir die Seele nicht sowohl zur Wahrnehmung ihres veränderten Körperzustandes, sondern vielmehr zur Anschauung der vorgesteckten Objekte zu nöthigen und durch die Anschauung das gesamm- te Spiel ihrer Kräfte zu erregen. Andere sind K endlich künstliche Zeichen, die wir dem äusse- ren Sinn mittheilen, um dadurch bestimmte Vorstellungen, Einbildungen, Begriffe und Ur- theile in der Seele zu wecken. Bey den beiden letzten Klassen psychischer Mittel ist es vorzüglich auf eine allgemeine Erregung des Vorstellungs- vermögens und auf die Erregung der Gefühle und Begierden des Kranken durch dasselbe angesehn. Eben so ist es auch in Rücksicht des Begriffes psychischer Mittel gleichgültig, was durch sie ge- heilt wird, Krankheiten der Seele, oder Krank- heiten des Körpers, wenn es nur durch erregte Veränderungen in der Seele geschieht. Denn der Mensch kann auch durch die Macht des Vor- satzes seiner körperlichen Leiden Meister werden. Daher ist nicht derjenige Künstler ein Seelen- arzt , welcher durch psychische Mittel wirkt, sondern bloss der, welcher Seelenkrankheiten heilt, auf welchem Wege dies auch geschehen mag. Die psychischen Mittel sollten wir, neben den chirurgischen und chemischen Heilmitteln in jeder Heilmittellehre, als dritter Theil derselben, und ausserdem noch in jeder empirischen Psycho- logie zum Behuf für praktische Aerzte finden. Allein an beiden Orten suchen wir sie umsonst. Was wir davon in kasuistischen Geschichten ge- heilter Seelenkrankheiten antreffen, sind Bruch- stücke, die daselbst nicht vollendet sind, sondern dies von der Heilmittellehre erwarten, für wel- che sie als Materialien eingesammlet werden kön- nen. Es verdiente daher dieser noch rohe Stoff, den ich hier nur im Vorbeigehn und nur so weit berühre, als er innerhalb meiner Sphäre liegt, es wohl, dass er zu seinem eigenthümlichen Zwecke besonders bearbeitet würde. Wir schreiben den psychischen Mitteln ab- solute Kräfte , sofern wir sie an sich, und relative Wirkungen zu, sofern wir das Product ihrer Kräfte in den Menschen anschauen. Besser, wir beziehn das Product auf seine Fakto- ren, auf jeden desselben, nemlich auf das psy- chische Mittel und auf die Empfänglichkeit der Seele für dasselbe, das, was ihm angehört. Daher ist es so schwer, ja zum Theil unmöglich, die Grösse dieser Faktoren, welche nur im Conflict sichtbar wird, ausser demselben, nach einer allgemeinen Idee, zu schätzen. Der grösste Theil der Kräfte und Eigenschaften psychischer Mittel ist uns bey ihrer Würdigung in der Heil- mittellehre, gleichgültig. An einem Feuerbrande, mit dem wir uns einem Irrenden nähern, um ihn zu schrecken, interessirt uns bloss das aus- strömende Licht, durch welches er dem Auge wahrnehmbar wird. Sein Material, die Einwir- kung des Sauerstoffs auf die combustible Materie und die Intensität seiner Hitze geht uns gar nichts an. Sind die psychischen Mittel vollends geisti- ger Natur, so ist es ganz unmöglich, diese un- körperlichen Grössen an einen körperlichen K 2 Maassstab zu messen. Was ist die Erschütterung der Luft von einem ausgesprochenem Worte an sich, wenn sie nicht wahrgenommen, mit ihr keine Idee, kein Begriff verbunden wird? Wir müssen daher das psychische Mittel, um die Grö- sse seiner Kraft auszumitteln, in dem Moment seines Einwirkens auf die Seele beobachten. Bey diesen Versuchen erhalten wir aber so verschiedne Resultate als die Potenzen verschieden sind, die wir mit einander in Conflict bringen. Nun kön- nen wir zwar das psychische Mittel, wenigstens zum Theil, auf eine bestimmte Qualität und Quantität fixiren; aber von Seiten des Seelen- organs ist dies mit grösserer Schwierigkeit ver- bunden. Denn dasselbe existirt in einem so hohen Grade individualisirt, dass es schwer wird, von demselben eine allgemeine und fixe Norm seiner Receptivität abzusondern, die wir als eine be- stimmte Grösse mit dem psychischen Mittel zu- sammenstellen könnten. In der Arzneimittel- lehre und Akologie helfen wir uns dadurch, dass wir von der individualisirten Empfänglichkeit eine allgemeine Norm abziehn und diese als festen Punkt im Conflict mit den absoluten Kräften des respektiven Mittels aufstellen. Eini- gen, besonders mechanischen Mitteln können wir einen solchen Grad absoluter Kraft beilegen, dass sie jede Resistenz zu überwinden im Stande sind und diese dadurch in der Exposition ihrer Wirkungen gleichgültig wird. Allein die psy- chischen Mittel sind grösstentheils alle von be- schränkterer Wirksamkeit und das Seelenorgan ist in dem nemlichen Grade, als es am weitesten von der todten Natur entfernt liegt, stärker individualisirt als der übrige Körper und beson- ders ist seine dynamische Temperatur in Geistes- zerrüttungen, von welchen hier die Rede ist, so veränderlich, dass es schwer wird, von demsel- ben eine feste Norm seiner Receptivität abzuson- dern. Der Arzt muss sich daher mit den allge- meinsten Beziehungen der absoluten Kräfte psychischer Mittel auf die Empfänglichkeit der Seele begnügen, dem Studium der individuellen Nervenorganisationen eifrig obliegen, beide nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit, mit Hülfe seiner praktischen Fertigkeit, sich gegenseitig an- passen, und nach dem Erfolg es beurtheilen, in wiefern er sich für Fehlgriffe verwahrt habe. So wie es für die Arzneien und chirurgi- schen Mittel eigene Wege , nemlich die äussere Fläche des Körpers und die Zugänge zur innern giebt, durch welche es allein möglich ist, sie mit dem Körper in Gemeinschaft zu bringen, so auch für die psychischen Mittel. Sie müssen der Seele durch das Gemeingefühl und die Sinnorgane , als den einzigen Zugängen zu ihr, mitgetheilt werden. Davon ist aber der Kranke ausgenommen, der sein eigner Seelenarzt ist. Dieser bedarf keiner Mittheilung von aussen, sondern er langt die Mittel zu seiner Genesung aus sich selbst hervor, oder sondert sie ab von den Beobachtungen, die er über seine eigene Person anstellt. Die psychischen Mittel wirken durch Handlungen , die sie im Nervensystem erregen. Handlungen desselben modificiren seine Kräfte, die durch Heilmittel erregten modificiren sie auf eine so bestimmte Art, dass dadurch das dynamische Verhältniss des Seelenorgans, wel- ches in Geisteszerrüttungen krank ist, rectificirt und der Zweck der Gene- sung erreicht wird . Wie dies durch Hand- lungen im Nervensystem möglich sey? Ob durch sie den Strömungen des thierisch ‒ elektrischen Fluidums eine andere Richtung gegeben; dasselbe, wo es sich anhäuft, zerstreut; es in seine ver- schiedenen Polaritäten gespalten und in der Mitte, als in einem Indifferenzpunkt, aufgehoben werden könne? Ob im fieberhaften Irrereden, in der Tob- sucht und in einigen Arten der Catalepsie des Vorstellungsvermögens wirklich dieser Zustand obwalte? Ob auf denselben auch direct durch den Galvanismus und Magnetismus gewirkt wer- den könne? darüber enthalte ich mich alles Ur- theils, da die mangelhaften Thatsachen es nicht verstatten, über Muthmassungen hinausgehen. Unmittelbar können die psychischen Mittel bloss an der Grenze, in die Nervenenden des Gemein- gefühls und der Sinnorgane, einfliessen. Daselbst wird ihre Wirkung, sofern sie ihnen direct ange- hörig ist, vollendet. Alles übrige ist eigenmäch- tige Thätigkeit des Nervensystems. Die in seinen Spitzen angefangene Erregung geht zum Gehirn, breitet sich darin aus und wird als thätiges Bestre- ben zum Handeln wieder zur Grenze zurückge- worfen. Wir sind also nur im Stande, diesen Kreislauf in der Nervenorganisation so weit zu modificiren, als er von dem äussern Impuls ab- hängig ist. Seine fernere Ausbildung richtet sich ganz und gar nach der eigenthümlichen Constitu- tion desjenigen Nervensystems, in welchem er wirklich wird. Mit derselben müssen daher vor- züglich alle psychischen Mittel in ein richtiges Verhältniss gebracht werden. Es kommt also bey der Schätzung der Kräfte psychischer Mittel vorzüglich auf eine richtige Bestimmung der verschiedenen Receptivität aller individuellen Nervenorganisationen an, die in die Sphäre unserer Behandlung treten. Ich übergehe diese grosse Mannichfaltigkeit und will gegenwär- tig nur auf eine ihrer Differenzen aufmerksam machen. Unsere Kranke sind entweder mündig oder unmündig . Beide müssen bey einerley Krankheit durch einen ganz verschiedenen Inbe- griff von Mitteln behandelt werden. Der mün- dige Kranke erkennt entweder selbst die rich- tige Beziehung des vorgeschlagenen Curplans auf seinen Zustand, oder vertraut sie der Geschicklich- keit seines Arztes und wendet denselben in dieser Ueberzeugung nach einer Maxime der Vernunft an, die in Krankheiten Hülfe zu suchen, das Nützliche zu wollen und das Schädliche zu mei- den gebietet. Er hat das Vermögen sich selbst zu bestimmen, bedarf also keines äussern Zwangs und kann deswegen von Mitteln Gebrauch ma- chen, die ihrer Natur nach, keinem Zwang unterworfen werden können. Ihm ist es möglich, seinen Geist im Conflict mit den gewöhnlichen Potenzen, die auf ihn einwirken, eigenmächtig zu halten, wie es dem Zweck seiner Genesung angemessen ist. Er kann endlich durch eine höhere Ordnung psychischer Mittel, die auf den Anbau des Verstandes wirken und dadurch der Freiheit des Willens einen ausgedehnteren Spiel- raum verschaffen, behandelt werden. Ganz anders verhält es sich mit Menschen, die dumm und krank am Geiste und daher unmündig sind. Diesen fehlt das Vermögen zu einer ver- nünftigen Selbstbestimmung. Sie müssen also fast in jedem Moment durch äussere Verhältnisse, die auf die Sinnlichkeit wirken, gehalten, d. h. durch Zwang bestimmt werden, das zu thun, was sie thun sollen. Wir stellen Lust dem Guten, Schmerz dem Bösen zur Seite, ziehn dadurch das Begehrungsvermögen mit jedem Schritt an die rechte Bahn heran und nöthigen die Sinnlichkeit, das zu wollen, was der Verstand billigt. Sofern der Kranke von dem Zweck dieses Verfahrens unterrichtet ist, wird er durch Belohnungen und durch Strafen gezogen. Dies sind die nemlichen Grundsätze, die Aeltern in der Zucht ihrer Kinder und den Staat in der Regierung der meistens unmündigen Volksmasse leiten müssen. Das Problem der Erziehung ist also dadurch noch nicht vollständig gelöst, dass wir solche äussere Einflüsse aufstellen, durch welche es überhaupt möglich ist, böse Anlagen auszurotten und gute zu Fertigkeiten zu entwickeln; sondern beide Momente müssen sich auch verwandt seyn, oder durch ein dazwischen gestelltes Aneignungs- Mittel sich verwandt gemacht werden. Da ich gegenwärtig von der Cur verrückter, also un- mündiger Kranken spreche, die sich durch die Macht des Vorsatzes nicht selbst bestimmen kön- nen, so werde ich mich vorzüglich auf solche Mittel einschränken müssen, die zur Heilung die- ser Patienten geeignet sind. Psychische Mittel sind Reize, die als solche, nichts weiter als das Gemeingefühl und die Sinnorgane erreichen . Wie ge- langen sie aber auf diesen Wegen zur Seele? Welche Vermögen derselben afficiren sie direct? welche indirect? Einige psychische Mittel werden mit dem Körper in unmittelbare Gemeinschaft gebracht, wirken aufs Gemeingefühl, erregen direct nichts als körperliche Lust oder Unlust und werden selten selbst, als Objekte ausser uns, wenigstens nicht durchs Gemeingefühl wahrge- nommen. Dahin möchte ich selbst den Geruch und Geschmack rechnen, deren Erregungen wir schwerlich für etwas mehr als für reine Modifi- kationen unsers Ichs halten würden, wenn das Gesicht und das Gefühl uns nicht überzeugten, dass sie ein Object ausser uns hätten. Andere psychische Mittel sind reale Objekte oder Zeichen und Symbole von Objekten, Vorstellungen, Be- griffen und Urtheilen, die den Sinnen mittelbar durch Luft und Licht mitgetheilt werden. Diese wirken direct unbedeutend, aber desto mehr in- direct, durch Anschauungen, Imaginationen, Begriffe und Urtheile, die sie in dem Vorstel- lungsvermögen erregen. Die erregten Modifika- tionen des Vorstellungsvermögens bringen geistige Gefühle und Leidenschaften verschiedener Art hervor, und im Gefolge derselben entstehn eigene Begierden, die den Menschen bestimmen, nach aussen zu wirken. Während dieses Vorgangs im Seelenorgan ereignet sich manches im Nervensystem, was ganz körperlich ist. Die unmittelbar aufs Gemeinge- fühl einwirkenden Reize, in deren Gefolge nichts weiter als körperliche Lust oder Schmerz ent- steht, die Erregungen in den Sinnesnerven von der Grenze bis zum Seelenorgan, die Oscillatio- nen der Fibern des Gehirns zur Zeit seiner Thä- tigkeit, die Reflexionen der Hirnwirkungen auf die Bewegungsnerven, sind, sofern wir von den gleichzeitigen Vorstellungen absehen, ganz kör- perlich, und gehören daher auch nicht eigentlich unter die psychischen Wirkungen. Doch sind sie, besonders die konvulsivischen Erschütterungen im Gemeingefühl, Modifikationen in dem Zu- stande des Nervensystems, durch welche neue Beziehungen, Fertigkeiten und andere Strömun- gen des animalischen Fluidums zu Stande kom- men können. Allein dies ist die niedrigste, fast bloss thierische Stufe derjenigen Thätigkeit des Nervensystems, durch welche eine Correction sei- nes dynamischen Verhältnisses möglich ist. Mit diesen körperlichen Erregungen im Ner- vensystem sind reine Gefühle, oder reine Vorstel- lungen, oder Gemische von beiden verbunden. Die Vorstellungen breiten sich im Gehirn aus nach den Gesetzen der Association, wecken die Einbil- dungskraft, das Denkvermögen, unsere geistige Gefühle und die Anschauungen des innern Sinns. Im Gefolge der Modifikationen des Gefühls- und Vorstellungsvermögens, und diesen Modifikatio- nen gemäss, wird das Begehrungsvermögen rege, und reflectirt die innern Erregungen im Seelen- organ wieder nach aussen auf die Bewegungs- nerven. Dies geschieht nach Maassgabe der In- dividualität des Seelenorgans, in welchem dieser Umlauf wirklich geworden ist. So entsteht eine fortdauernde und höhere Ordnung von Handlun- gen, unmittelbar in dem Brennpunkt des Nerven- systems, die vorzüglich auf die Temperatur seiner Dynamik einen entschiedenen Einfluss hat. Die psychischen Mittel wirken also direct allein auf das Gefühls- und Vorstellungsvermö- gen der Seele. Auf das Begehrungsvermögen können sie nur indirect, durch die Modifikatio- nen der Gefühle und Vorstellungen, denen dasselbe gezwungen folgt, einfliessen. 1) Wir haben ein Gefühlsvermögen , sofern die Modisikationen unsers gesammten, Ichs in Bewusstseyn als Zustände erscheinen, die wir zu erhalten, oder abzuhalten suchen. Jene sind angenehme diese unangenehme Gefühle. Sie werden in sinnliche und geistige ein- getheilt, je nachdem sie entweder auf den Zu- stand des Körpers oder der Seele bezogen werden. Doch wird das Gefühl, oder das unmittel- bare Bewusstseyn des Subjects zunächst durch den Körper bestimmt. Vom Gehirn, als ihrem Brennpunkt, breiten sich die Nerven durch die ganze Organisation aus und sind zum Theil als Zuleiter zum Gefühls- und Vorstellungsvermögen, zum Theil als Ableiter auf die Bewegungsorgane anzusehen. Einige derselben verlieren sich inner- halb der Organisation, andere gehen zu Tage aus. Diese begründen die Sinnwerkzeuge, jene das Organ des Gemeingefühls und der Bewegun- gen. Beide müssen durch Reize, jene durch die Welt, diese durch den eignen Körper in Thätig- keit gesetzt werden. Die Action geht von der Grenze zum Mittelpunkt und kündiget sich daselbst als Sensation an. Im Gehirn breitet sie sich auf verschiedene Art aus, nach den Gesetzen der Association, zum Behuf der Einbildungskraft und des Denkvermögens. Von da wird sie wieder auf die Bewegungsnerven, also vom Mittelpunkt zur Grenze reflectirt. Diese kreisenden Actionen im Nervensystem, die sich als Seelenwirkungen an- kündigen, können in demselben nicht ohne gleichzeitige Modifikationen seines innern Zustandes wirklich werden. Denn von etwas muss die Action Product seyn. Diese Modifikation nimmt die Seele wahr . Sie schaut nicht bloss die Vorstellungen und Bewe- gungen, sondern auch die körperlichen Thätig- keiten der Nervenmasse an, durch welche sie wirklich werden. Sie schaut dieselben unter der bestimmten Form der Lust oder Unlust an, je nachdem sie leicht oder mit Be- schwerde vollbracht werden. Dies ist aber ab- hängig von der örtlichen oder allgemeinen, tran- sitorischen oder permanenten Gesundheit des Körpers. Die Seele muss, indem sie das Pro- duct wahrnimmt, auch die Ursache wahrnehmen, durch welche es zu Stande kömmt. Gefühle sind also Formen ihrer Anschauungen, die eben so wenig als die Form der Zeit und des Raums von denselben getrennt werden können. Dies Ge- fühl ist daher immer reines körperliches Product , ein behagliches oder unbehagliches Wahrnehmen des Organs im Zustande seiner Wirksamkeit und verschieden von der Vorstellung und Bewegung, die durch diese Wirksamkeit producirt wird. Allein was sind denn geistige Gefühle ? Zuverlässig Phänomene verschiedener Natur, wenn ich nemlich bey dem Wirken der Einbildungskraft und des Verstandes von den gleichzeitigen Spielen absehe, die im Gehirn vor- handen sind. Es sind also Anschauungen der Objekte ohne Gefühle; und Gefühle ohne An- schauung eines Objects möglich. Das erste, wenn die Action habituell ist; das letzte, wenn die Nerven ihre eignen und eigenmächtig entstande- nen Zustände vorstellen oder durch Reize, z. B. durch innere Theile des Körpers, erregt sind, die nicht vorgestellt werden können. Geistige Gefühle sind Produkte einer freien oder gehinderten Wirksamkeit unserer Seelenver- mögen, und beziehen sich entweder auf unsere theoretischen Erkenntnisse, auf den Geschmack, oder auf unsern moralischen Sinn. Wir empfin- den es mit Lust, wenn unsere Einbildungskraft durch ein leichtes Spiel producirt, Vorstellungen erneuert, die ehemals mit Vergnügen verknüpft waren, der Verstand ohne Hindernisse wirksam ist, oder dieselben, wenn sie äussere sind, leicht besiegt, wenn unsere körperlichen und Seelen- Vollkommenheiten uns vorgestellt, unsere Wün- sche erfüllt werden, und unsere Aussenverhält- nisse der Art sind, dass sie unsere Vorsätze unterstützen. Hingegen empfinden wir es mit Unlust, wenn das Spiel der Imaginations- und Denkkräfte erschwert ist, unseren Begierden unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege stehen, unsere Mängel uns vorgehalten werden, oder unsere Aussenverhältnisse so beschaffen sind, dass sie uns Nachtheile fürchten lassen. Ein starker und schöner Körper, ein glänzender Verstand, viele Erkenntnisse, das Bewusstseyn der Tugend und solcher Aussenverhältnisse, die unsere Kräfte vermehren und uns alle Mittel zur Befriedigung unserer Wünsche anbieten, z. B. Ehre und Reich- thum, vergnügen uns; das Gegentheil macht uns Missvergnügen. Indess beurtheilt jeder Mensch den Gehalt seiner Vollkommenheiten und die Be- ziehungen der Welt auf sich nach seiner eigen- thümlichen Ansicht. Daher können zwar die Vorstellungen und Aussenverhältnisse von einerley Art seyn, aber die dadurch erregten Gefühle sind verschieden nach den Personen, in welchen sie wirklich werden. Sind die geistigen Gefühle rein geistig, oder werden die gleichzeitigen Erre- gungen im Gehirn empfunden? Bringen Seelen- reize, in deren Gefolge unangenehme Gefühle entstehn, dieselben durch die erregten Vorstel- lungen oder durch ein abnormes Spiel der Gehirn- fasern hervor? Auf die letzte Art wirken wenig- stens schmerzhafte Eindrücke aufs Gemeingefühl. Sind sie blosse Ansichten der Zustände des Sub- jects, an welchen das Objektive keinen weitern Antheil hat, als dass es ohne diese Zustände nicht wirklich werden kann? Dies übergehe ich, und bemerke noch, dass auch Verrückte geistige Ge- fühle, aber diese von ganz eigner Art haben. Sie werden auch afficirt von sich und von der Welt, aber nach Maassgabe der eigenthümlichen Ansicht dieser Objekte, von demjenigen Stand- punkt, auf welchen ihre Krankheit sie gestelllt hat. In diesem Verhältnisse sollen ihre Gefühle erst noch beobachtet, und die gemachten Beob- achtungen zum Behuf der praktischen Arznei- kunde in dem pathologischen Theil der empiri- schen Psychologie für Aerzte, die noch in Petto ist, verzeichnet werden. Eine solche Darstellung der geistigen Gefühle Irrender, welche an sich schon, als Natur-Produkte, Interesse haben, würde uns noch besonders in den Stand setzen, mit mehrerer Gewissheit auf die Irrenden zu wirken, sofern wir vorzüglich durch ihr Gefühlsvermögen auf sie wirken müssen. Doch zu solchen Beob- achtungen gehören hellere Köpfe, als ich neulich einen traf, der auf meine Aeusserungen über die noch vorhandenen Mängel in den Tollhäusern, mir bestimmt antwortete, das seinige sey nun- mehr vollendet, nachdem der Vorsteher desselben dem übrigen heroischen Apparat noch ein Bade- haus zugefügt habe, in welches alle Irrende nach einem fixen Typus täglich zur Schwemme getrie- ben würden. Und dieser Sünder war ein Lehrer der Jugend. Hätte sein Wasser die Kraft des Teichs Bethesda gehabt, er hätte zuerst darin baden sollen. Fast wäre ich durch ihn an einem Glau- Glaubensartikel, dass bereits an seinem Orte genug für das medicinische Studium gesorgt sey, zum Ketzer geworden. Das Gefühlsvermögen ist unter allen Seelen- vermögen dasjenige, auf welches wir durch psychische Mittel mit dem grössten Vortheil wir- ken können. Wir haben es in unserer Gewalt, dasselbe direct und es auf eine bestimmte Art zu erregen. Dies gilt wenigstens von den körper- lichen Gefühlen, die wir gezwungen und in einer Stärke hervorbringen können, dass sie den Kranken nöthigen, sie zu beachten. Denn es steht nicht mehr in unserer Willkühr, die Gefühle abzuhal- ten, wenn der Zustand des Körpers hervorge- bracht ist, in welchem sie gegründet sind. Der Brechweinstein erregt uns Eckel, auch wenn wir es nicht wollen. Wir reizen die groben Sinn- organe und besonders das Gemeingefühl in einem solchen Grade, dass die Seele dadurch entwe- der angenehm oder unangenehm afficirt werden muss. Wir haben es in unserer Gewalt, eine grosse Zahl von Krankheiten, und durch die- selben die mannichfaltigsten Krankheitsgefühle, Eckel, Jucken, Kitzel, Schmerz, Angst u. s. w., die als Symptome derselben von ihnen unzertrenn- lich sind, hervorzubringen. Gefühle wirken auf das Vorstellungsvermögen, nöthigen dasselbe, die Ursachen der Gefühle aufzusuchen; sie wirken, wenn sie stark sind, auf den innern Sinn, und zwingen ihn, sich selbst, als das Subject der Ge- L fühle, zu beachten. Sie wecken also die äussere und innere Besonnenheit. Sie fixiren die Auf- merksamkeit, ziehn sie auf angenehme Gegen- stände hin, und ab von unangenehmen. Sie wirken auf das Begehrungsvermögen, und durch dasselbe wieder auf den Verstand zurück, sofern die erregten Begierden denselben antreiben, die Objekte der Gefühle zu vervielfältigen, die Mittel zur Erhaltung der angenehmen und zur Entfer- nung der unangenehmen aufzusuchen. Vermittelst des Gefühlsvermögens steht endlich der äussere Zwang und unser Wirken durch Lohnen und Strafen, also alles das Gute, was wir auf diesem Wege erreichen können, in unserer Gewalt. Es hat daher, sofern durch dasselbe alle Verhältnisse des Menschen erst ein Interesse für ihn erlangen, eine Federkraft, durch welche das gesammte Spiel aller übrigen Seelenkräfte belebt und auf bestimmte Zwecke geleitet werden kann. 2) Das Vorstellungsvermögen er- zeugt entweder Vorstellungen, die noch nicht vorhanden waren, oder es erneuert die ehemals vorhandenen wieder. Unter ihm, als produk- tiver Kraft, sind die Sinnlichkeit und der Ver- stand, als reproduktiver das Gedächtniss und die Einbildungskraft begriffen. Durch den äussern Sinn schaun wir Dinge ausser uns, die Welt und unsern Körper, und diese im Raume, und unsern Körper, als den unsrigen, durch das Gemeingefühl an. Das Gemeingefühl ist gleichsam ein Mittelding zwischen dem äussern und innern Sinne, welches den Körper zwar als etwas Aeusseres, aber ihn auch als unseren Körper, und seine Zustände, als die unsrigen vorstellt. Durch den innern Sinn schaun wir unsere Zustände, die nemlich die Ob- jekte desselben sind, unsere Vorstellungen, Ge- fühle, Begierden und Leidenschaften an, wir schaun sie in der Zeit an, und stellen uns durch ihn, als selbst afficirt von unsern eignen Verände- rungen, vor. Durch ihn gelangen wir zur An- schauung unseres eigenen Ichs, also zum Selbst- bewusstseyn, indem wir uns als das Subject aller Veränderungen in uns denken. Die Reize welche ihn erregen, sind weit zarter, als die körperlichen Reize des äusseren Sinnes. Daher setzen sie auch ein leiseres Gefühl voraus, wenn sie zum klaren Bewusstseyn gelangen sollen; daher kömmt der innere Sinn weit später zur Thätigkeit, als der äussere. Der Verstand bringt aus dem Vorrathe vorhandener Vorstellun- gen, als aus seiner Materie zum Denken, neue hervor. Er wirkt in diesem Geschäfft nach einer bestimmten Regel, die wir die Form des Den- kens nennen, vermittelst welcher er den mannich- faltigen Stoff zur Einheit verknüpft, Begriffe, Urtheile und Schlüsse bildet. Unter die reproduktiven Kräfte des Vorstellungsvermögens gehören die Einbil- dungskraft und das Gedächtniss . Dies L 2 weckt ehemalige Vorstellungen wieder mit dem Bewusstseyn, dass es die nemlichen sind, die schon einmal vorhanden waren. Jene knüpft an die vorhandenen andere aus dem Vorrath in der Seele an, nach dem Gesetze der Causalität, der Aehnlichkeit, des Contrastes und nach ihrer Verknüpfung, die sie in Zeit und Raum mit ein- ander hatten. Sie associirt denselben am leich- testen solche, die erst neuerdings associirt waren, die Interesse haben, die ursprünglich durch den Sinn des Gesichts producirt sind. Direct können wir nur auf einen Theil des Vorstellungsvermögens, nemlich auf den äussern Sinn wirken. Wir bringen so starke und inter- essante Objekte in die Sphäre der Sinnlichkeit des Kranken, dass sie ihn nöthigen, sie anzuschauen. Allein der faselnde oder fixirte Kranke achtet derselben wenig, nimmt sie entweder gar nicht wahr, oder lässt sie als ihm gleichgültig bey Seite liegen. Nun ist es aber meistentheils unstatthaft, den Sinnesanschauungen dadurch ein Interesse zu verschaffen, dass wir sie mit dem Inhalt seiner Verrücktheit in Verbindung bringen. Wir müs- sen ihn daher durch Zwang nöthigen, sie zu beach- ten, wie ich unten sagen werde, oder Sinnesan- schauungen, z. B. lange und gellende Töne wecken, die zugleich das Gefühlsvermögen afficiren, oder sie mit zufälligen Gefühlen in eine solche Verbindung stellen, die der Kranke für wesentlich hält, oder endlich solche Objekte vor- schieben, die durch ihre Grösse und Majestät die Besonnenheit wecken. Den innern Sinn und das Denkvermögen des Kranken können wir nicht direct erregen. Der verkehrte Verstand verarbei- tet den gegebenen Stoff nach den anomalen Denk- gesetzen, die durch die Revolution im Gehirn zu Stande gekommen sind. Zur Anschauung der eignen Persönlichkeit gehört ein leises Gefühl und eine Freiheit der Aufmerksamkeit, die dem Ver- rückten fehlt. Eben so können wir auch die reproduktiven Vorstellungskräfte nicht direct in Thätigkeit setzen, und noch weniger ihre Asso- ciation leiten. Sie springen ab auf den Gegenstand des Wahns, von dem wir sie doch zu entfernen suchen. In dieser Rücksicht muss jedesmal der Phantasie, sobald sie auf eine Ideenreihe abspringt, von der wir nicht wollen, dass sie dieselbe ver- folgen soll, ein Stoss von aussen mitgetheilt wer- den, durch welchen sie gleichsam erschrocken zusammenfährt und darüber den Gegenstand fal- len lässt, über welchen sie hinbrütet. Die angemerkten Erregungen im Innern werden, mit dem Bewusstseyn eines thätigen Bestrebens in uns, welches wir das Begeh- rungsvermögen nennen, nach aussen reflek- tirt. Auf dies Vermögen, sofern es gleichsam der Refrain unserer innern Bestimmungen ist, können wir daher auch nicht unmittelbar, son- dern bloss durch die Organisation, das Gefühls- und Vorstellungsvermögens wirken. Nun giebt es aber drey verschiedene Arten, nach welchen der Organismus von innen nach aussen wirken kann, Instinct, sinnliche Begierde und freier Wille , die sich nach den Bestimmungs- gründen unterscheiden, durch welche das Wirken nach aussen zu Stande kömmt. Der Instinct ist ein blinder Drang, der das Thier als Auto- mat handeln lässt, ohne dass es sich dabey ir- gend eines Zwecks weder der Lust noch des ver- ständigen Interesses bewusst ist. Es bewegt sich nach einer Polarität, die seiner Organisation un- auslöschlich eingeprägt ist, wie sich der Magnet gegen Norden dreht, oder wie ein Froschschenkel zuckt, wenn sein Nerve mit dem galvanischen Apparat in Berührung gebracht wird. Diesen Impuls zum Wirken finden wir auf der äussersten Grenze der Animalität in den Kunstfertigkeiten der Thiere am stärksten ausgedrückt. In dem Maasse, als die Organisationen sich dieser niedrig- sten Staffel entwinden und mit Gefühlswerkzeu- gen und Sinnorganen versehen werden, schwindet der Instinct immer mehr, die Sinnlichkeit ent- wickelt sich, mit ihr keimen Vorstellungen von Lust und Schmerz auf, die sich endlich in dem Menschen in ihrer grössten Vollendung ankündi- gen und ihn durch die Freiheit des Willens über die ganze Thierheit erheben. Allein wenn gleich die Natur den Menschen durch die vollkommnere Ausbildung seiner Organisation von den Instincten entbunden hat, so ist es doch möglich, dass er zu ihnen herabsinken kann, wenn sein Körper durch Krankheiten merklich verletzt wird. Eben deswegen kann dieser Zustand auch schwerlich anders, als durch Entfernung der Krankheiten getilgt werden, durch welche er entstanden ist. Das sinnliche Begehrungsvermögen wirkt nach dem Zwecke der erkannten Lust oder Unlust; der Wille nach Vernunft-Maximen, die das Nützliche zu wollen, das Schädliche zu meiden gebieten, wenn es gleich nicht unmittel- bar mit angenehmen oder unangenehmen Gefühlen verknüpft ist. Der Wille ist in sofern frey, als ihn diese Maximen nicht nothwendig zum Han- deln bestimmen. Nachdem ich die Wirkungsart der psychi- schen Mittel gezeigt habe, gehe ich zu den Me- thoden ihres Gebrauchs fort. Diese sind doppelter Art. Die Seele wirkt, wie der Körper, gezwungen durch Erregungsmittel, die ich Reize nenne, sofern alle Erregungsmittel, im medicinischen Sinn, unter diesem Namen be- griffen sind. Diese Reize sind, in Rücksicht ihres Zugangs zur Seele, entweder Einflüsse aufs Gemeingefühl , oder Einflüsse auf die Sinnorgane , oder schon vorhandene Hirnthätigkeiten . In Rücksicht ihres Ver- hältnisses zu ihrem Zweck sind sie entweder normal , oder abnorm , oder Heilmittel . Das erste, wenn sie die Seele ihrer Naturbestim- mung gemäss erregen, das zweite, wenn sie die- selbe krank, das letzte endlich, wenn sie den kranken Organismus gesund machen. Von diesen Reizen können wir einen zwiefachen Gebrauch machen, entweder diejenigen der Seele entziehn, die mit ihr in Gemeinschaft sind, oder andere mit ihr in Gemein- schaft bringen, die es bis jetzt nicht sind . Wir entfernen solche Reize, die sie krank machen und lassen solche zu, durch welche das Spiel ihrer Kräfte in der Art erregt wird, dass dadurch die Heilung einer Krankheit zu Stande kommen kann. Dies kann man die po- fitive , jenes die negative Heilmethode nen- nen. Der direkte Erfolg der positiven Methode ist Erregung , der negativen Beruhigung . Allein Erregungen können auch beruhigen, aber indirect, indem durch sie die vorhandenen Ideen- reihen ausgelöscht werden. Umgekehrt können Beruhigungen durch entzogene Reize neue Thätig- keiten wecken, sofern die Seele den Müssiggang flieht und andere Beschäfftigungen sucht, wenn sie von den vorhandenen zurückgewiesen wird. Ich erwähne zuerst der negativen Me- thode . Sie wirkt durch Entfernung der Reize und setzt daher voraus, dass der Arzt mit allen, normalen und abnormen Reizen bekannt seyn müsse, die die Seele specifisch erregen. Deren giebt es drey Arten, Reize fürs Gemeinge- fühl , für die Sinnorgane und Hirnwir- kungen , die andere Hirnwirkungen oder die Bewegungsnerven erregen. Unter diesen Reizen wirkt diejenige Classe, die das Gemeingefühl afficirt, am stärksten auf das Gehirn. Durch das Gemeingefühl wird der eigne Körper vorgestellt, der die Existenz des Menschen überhaupt, also auch alle Arten derselben begründet und daher das nächste Interesse für ihn hat. Dies Object wird dunkel vorgestellt, und daher der Phantasie zu chimärischen Dichtungen ein freier Spielraum ge- lassen. Mit dem Gemeingefühl steht das Gefühls- vermögen, welches so viel über den Menschen vermag, in einer engen Verbindung. Denn es beruht vorzüglich auf die Zustände des Körpers, und diese werden durchs Gemeingefühl vorge- stellt. Wir können zuweilen durch Entfernung schädlicher Darmreize, durch Abstumpfung zu reizbarer Nerven des Unterleibes und durch Kühlung erhitzter Geschlechtstheile auf der Stelle Anomalieen im Seelenorgan heilen, die durch diese Reize veranlasst sind. Doch diesen Gegen- stand setze ich bey Seite, weil ich ihn in der Folge noch einmal berühren werde. So können wir auch dadurch dem Seelenorgan Ruhe ver- schaffen, dass wir die Sinnesreize mässigen, oder sie ganz entfernen. Durchgehends werden Kran- ke, die in Gefässsiebern phantasiren, oder Wöch- nerinnen, die an Raserey leiden, durch vieles Licht, Gemählde, Spiegel, Geräusch, viele Be- suche, Widersprüche u. s. w. mehr aufgeregt; hingegen in finstern und geräuschleeren Zimmern und in stiller Einsamkeit ruhiger oder gar zur Besonnenheit gebracht. Doch dies geschieht nicht in jedem Falle. Es giebt andere Kranke, denen im anfangenden Schlaf oder wenn es finster wird, Ungeheuer und grässliche Gesichter erscheinen, die wieder verschwinden, wenn die Gegenstände hinlänglich erleuchtet sind. Die fort- schreitenden Hirnthätigkeiten beim Wirken der Phantasie werden nemlich durch die Excitation des äussern Sinnes unterbrochen Item aer nimium lucidus membranam percutit cerebri, immodici splendoris causa. Sit etiam sine ullo picturae figmento, ne visa aegri ex picturis mente accipientes, quae Graeci φαν- τάσματα vocaverunt, plus asperentur, ut in risum solvantur, maxime cum ratione careat, multorum ingressum aut frequentiam prohibere, et pictura occasionem lacerandae mentis acquirere, cum jugi visu falsa cogantur pro veris accipere. Hinc etiam splendidi colores parietum sive stra- minum vel operimentorum prohibendi: resultan- tes enim, ut ita dixerim, percutient visum. Caelius Aurelianus ; Artis medicae princi- pes ex rec. Halleri. Lausannae 1769. T. X. p. 26. . R. Whytt Sämmtliche zur praktischen Arzneikunst gehö- rige Schriften, Leipzig 1771. 471 S. er- zählt von einem Kranken, der von aller Verwirrung frey war, wenn er wachte, aber augenblicklich in Schwärmereien verfiel, wenn er die Augen schloss, ob er gleich nicht schlief. Bald kam es ihm vor, als würde er durch die Lüste ge- führt, bald wieder als wäre sein Kopf die Hände und Füsse vom Rumpf getrennt und diese Bestand- theile, in welche sein Wesen aufgelöst war, flögen nach verschiedenen Gegenden. Nicolai litt im Jahre 1778 an einem Wechselfieber, in welchem ihm schon vor dem Frost colorirte Bilder in halber Lebensgrösse, wie in einen Rahmen gefasst, erschienen. Es waren Arten von Land- schaften, mit Bäumen, Felsen u. s. w. vermischt. Schloss er die Augen, so änderte sich nach einer Minute immer etwas in dieser Vorstellung, einige Figuren verschwanden und andere erschienen. Oeffnete er sie, so war alles weg; schloss er sie wieder, so war eine ganz andere Landschaft da. Eben so verhielt es sich auch mit den Visionen menschlicher Formen, die ihn im Jahre 1791 umringten. Sie verschwanden zuweilen, wenn er die Augen schloss, und waren in der nemlichen Gestalt wieder da, wenn er sie öffnete Berlinische Monatsschrift, May 1799. . De la Roche Zergliederung der Verrichtungen des Nerven- systems, übersetzt von Merzdorff . Halle 1794. I. B. 131 S. erzählt ein Paar Beobachtungen, die eine von Cullen , die andere von Butini , die hier am rechten Orte stehen. Eine Dame glaubte, nach einer langen Nervenkrankheit, am hellen Tage und mit offenen Augen, sie sey mit Teufeln und hässlichen Gespenstern umgeben. Man hielt dies für Krankheit des Gehirns und behandelte sie dieser Idee gemäss, aber ohne Erfolg. Eines Tages lief sie verzweiflungsvoll in ihrem Zimmer herum, und Jemand, der bemüht war, sie zu halten, legte zufällig seine Hand auf eines ihrer Augen. Augenblicklich waren alle Gespenster und mit demselben ihre Angst verschwunden; aber sie kehrten in dem nemlichen Moment zurück, in welchem die Hand vom Auge genommen wur- de. Durch diese Versuche, die man oft wieder- holte, kam man auf ein einfaches Mittel wider ihr Uebel, man band nemlich das Auge zu, wel- ches krank war. Der zweite Fall ist diesem ähnlich. Eine Person sah Phantome bey völliger Besinnung am Ende einer hitzigen Krankheit, an der sie auch starb, die verschwanden, sobald sie die Augen schloss. Zu den im Gehirn vorhande- nen Thätigkeiten, die als Reize andere wecken, haben wir keinen unmittelbaren Zugang. Indess können wir doch vorhandene Ideenreihen dadurch auslöschen, dass wir die Ursachen entfernen, die sie erregen, und vermittelst der Sinnorgane und durch Hülfe des Vorsatzes neue Züge einschieben, durch welche die alten verdrängt werden. In einem gesunden Menschen geschieht dies mit gro- sser Schnelligkeit. Er liest die Verse: diffuge- re nives, redeunt jam gramina campis, arboribusque comae , in demselben Augen- blick tritt sein alter Schulfreund herein; weg sind Schnee, Fluren, Gräser und belaubte Bäume, und eine eben so reichhaltige Gruppe von Ideen hat ihre Stelle wieder eingenommen. Schwerer gelingt dies freilich in verrückten Köpfen, beson- ders wenn man sich mit der Topographie dersel- ben durch das Studium ihrer Associationen nicht hinlänglich bekannt gemacht hat. Dieser Methode, durch Entziehung der Reize des Gemeingefühls, der Sinne, und vor- züglich durch Unterdrückung der innern Thätig- keiten des Gehirns zu wirken, füge ich noch die Gemüthszerstreuung zu, die durch einen, zu diesem Zwecke eigenthümlich geordneten, In- begriff psychischer Mittel wirklich wird. Wir bedienen uns ihrer zur Verhütung und Cur der Verrücktheit, und vollenden dieselbe durch sie in der Reconvalescenz. Der Zweck, den wir durch sie bezielen, ist doppelter Art. Theils suchen wir durch sie den habituell Zerstreuten zu sammlen und an einen bestimmten Gegenstand zu ketten, theils den Kranken, der einer fixen Idee leidenschaftlich nachhängt, von derselben abzuleiten. Den faselnden Narren müssen wir durch Gegenstände halten, die ein hinlängliches Interesse für ihn haben, und gerade so viel Kraft zu ihrer Beachtung erfordern, als er besitzt. Wo eine fixe Idee obwaltet, soll man den Kran- ken entweder von der Nichtigkeit seines Zwecks, oder von der Unmöglichkeit überzeugen, dass er realisirt werden könne, und ihm dieselbe dadurch oder durch Erregung anderer Ideen aus den Au- gen rücken. Allein eins ist meistens so schwer als das andere. Man kränkt seine Eigenliebe, predigt tauben Ohren, oder findet keinen Gegen- stand von einem grösseren Interesse, der im Stande wäre, sich seiner zu bemeistern. In dieser Rück- sicht muss man gleichsam in die Leidenschaft des- selben einstimmen, um nur erst sein Zutrauen und seine Aufmerksamkeit zu gewinnen und ihn dann allmälig durch zweckmässige Zerstreuungs- mittel von seiner fixen Idee ableiten. In der Re- convalescenz, wenn die Seele es wieder in ihrer Gewalt hat, sich der Grillen durch die Macht des Vorsatzes zu entschlagen, die ihrer Gesundheit gefährlich werden können, sind leichte Zerstreu- ungsmittel, Reisen, Gesellschaften und Spiele heilsam, und daher mehr für diese Periode als zur Heilung der Krankheit selbst geeignet. Der Patient heftet eigenmächtig auf Kleinigkeiten seine Aufmerksamkeit, um nach und nach dersel- ben wieder Meister zu werden. Die Art der Zerstreuung ist verschieden. Wir lassen eine un- unterbrochene Folge mannichfaltiger angenehmer und unangenehmer Eindrücke auf das Gemein- gefühl, das Auge und besonders auf das Ohr einfliessen und haben dabey keinesweges die Ab- sicht eine bestimmte Ideenreihe zu wecken, son- dern wollen vielmehr ein leichtes Spiel von Hirn- wirkungen erregen, um dadurch der Seele die Vorstellungen zu entrücken, auf welche sie hin- starrt. Doch gelingt diese Zerstreuung durch die Sinne nur in leichten Fällen. In der Folge und in schweren Fällen suchen wir die Einbildungs- kraft des Kranken und sein Denkvermögen zu erregen. Wir schmelzen die sinnlichen Gefühle mit geistigen, die Befriedigung der Lust mit dem Interesse des Vorsatzes zusammen. Die Zer- streuung durch die Sinne darf nicht grösser seyn, als der Zweck es heischt . Denn von einem Uebermaass und einer zu schnel- len Folge sinnlicher Eindrücke, bey dem wir keinen Gegenstand festhalten können, entsteht ein Gefühl der Ohnmacht, das uns niederdrückt. Das scheinbar zufällige Zerstreuungsmittel ist willkommen; das für den Kranken erfundene ihm meistens widrig. Der durch das Zerstreu- ungsmittel beabsichtigte Zustand der Seele muss demjenigen in allen Verhältnissen so nahe stehen als es möglich ist. Die Seele geht leichter zu verwandten als zu fremden Zuständen über. Es muss daher den Geist in der nemlichen Mensur von Thätigkeit setzen , die er in dem Zustande hat, der durch dasselbe bekämpft werden soll. Es wird ihm nicht so schwer zu einer neuen Action überzugehen, die zwar in Rücksicht der Qualität anderer, aber doch in Ansehung der Quantität von der nemlichen Art ist. Wahrscheinlich hat diese Erfahrung einen physischen Grund. Die Schwermuth wird abge- zogen, durch Gegenstände, die den Verstand beschäfftigen, weil in beiden Fällen ein gehaltner und mässiger Grad von Erregung obwaltet. Wirkt die Seele heftig und stossweise, so muss man ein Zerstreuungsmittel aufsuchen, das ähnli- che convulsivische Erschütterungen hervorbringt und erst nach und nach zu mildern Reizungen übergehen. Dann muss das gewählte Zerstreu- ungsmittel ein der fixen Idee des Kran- ken nahe kommendes Interesse für ihn haben . Spiele würden z. B. schlechte Zer- streuungsmittel für Menschen seyn, die durch Unglück stark gebeugt sind. Hingegen können Gefahren der Ehre und des Vermögens, Krank- heiten der Kinder oder anderer nahen Verwandten anziehen. Doch darf dasselbe auch kein so grosses Interesse haben, als der Ge- genstand, den es tilgen soll, damit derselbe nicht ganz aus dem Auge ge- rückt werde . Die fixe Idee verlöscht nur dann ohne Schaden, wenn wir uns mit ihr be- kannt machen, sie immerhin in der Erinnerung vorrufen und sie wieder für eine Zeitlang schwin- den lassen. Dies verhütet, dass sie nicht habi- tuell wird; jenes, dass sie allmälig ihr Interesse verliert und zuletzt abstirbt. Könnte man das Bewusstseyn eines erlittenen Unglücks, das zur Schwermuth führen kann, für eine Zeitlang ganz unterdrücken, z. B. durch einen langen Schlaf, so wäre damit nichts weiter als Aufschub des zu fürchtenden Uebels gewonnen. Es kehrt nach diesem diesem Intervall in seiner ursprünglichen Stärke wieder. Eine Mutter, die von zwey Kindern eins zur Zeit verlohr, als das andere noch ge- fährlich krank lag, wurde erst dann schwer- müthig als das letzte zu genesen anfing. Daher der Vortheil einer Reise zur Zerstreuung in leich- ten Unglücksfällen. Sie beschäfftigt uns, lässt uns aber dabey Augenblicke übrig, an unser Uebel zurückzudenken. Darin lag vielleicht der Grund, sagt Hoffbauer l. c. I. Th. 176 S. , dass viele Einhei- mische, aber wenig Ausgewanderte durch die französische Revolution um ihren Verstand ka- men. Diese wurden nemlich durch die Reise, durch die anfängliche Sorge für ihren Aufenthalt, und in der Folge für den Erwerb ihres Lebens- unterhalts von dem Andenken an ihr Unglück abgeleitet. Doch blieben ihnen Zwischenräume genug übrig, sich dessen zu erinnern und sich mit demselben zu familiarisiren. Das Zerstreuungs- mittel muss endlich einerley Ton mit der Idee haben , an welche der Kranke gefesselt ist. Oderunt hilarem, tristes; tristemque jocosi; sedatum, celeres; agilem gnavumque, remissi. Eine fröhliche und rauschende Gesellschaft zerreisst einer Mutter das Herz, die durch den Verlust ihres Kindes gebeugt ist. Hingegen sind Men- schen, die das nemliche Unglück erlitten haben, oder einen warmen Antheil an ihrem Verlust M nehmen, die besten Tröster. Sie findet in Unter- haltungen von den Vorzügen ihres verlornen Lieb- lings die meiste Linderung ihrer Schmerzen. Sie fängt an zu schwanken zwischen ihrem Verlust und dem eines andern; und, indem dies geschieht, ist sie um den ersten Grad von ihrer fixen Idee weggerückt Hoffbauer l. c. I. Th. 147-197 S. . Die positive Heilmethode , welche durch Anwendung von Reizen auf die Seele wirksam ist, bedarf fast mehr als die nega- tive, der Beihülfe der psychischen Heilmittellehre. Sie scheint vorzüglich beim Mangel an Thätigkeit, in Asthenieen und wider Starrsucht des Seelen- organs angezeigt zu seyn. Doch kann sie auch, nach dem Gesetze der Ableitung, beruhigen. Dann sind, selbst in activen Seelenzerrüttungen, die Kräfte selten allgemein erhöht. Einige Theile feiern in dem Maasse als andere zu stark wirken und die ruhenden bedürfen der Erregung durch positive Reize. Wie sollen die psychischen Mittel classificirt werden? In der That eine schwierige Aufgabe. Nach ihrem Einfluss auf die verschiedenen Seelen- vermögen? Nein. Denn nur auf das Gefühls- und Vorstellungsvermögen können sie direct wir- ken; auf das Begehrungsvermögen wirken sie secundär. Dazu kömmt noch, dass kein psychi- sches Mittel auf einen bestimmten Inbegriff von Erregungen beschränkt ist. Die Seele pflanzt den angefangenen Zug nach ihrer eigenthümlichen Stimmung fort; die ursprüngliche Erregung eines Seelenvermögens springt schnell auf ein anderes über; der letzte Effect ist der vorwaltende, der ursprüngliche Kaum bemerkbar. Die unvermu- thete Ansicht einer geliebten Person schlüpft schnell durchs Vorstellungsvermögen zu den hef- tigsten Gefühlen über. Die geistigen Gefühle ge- hören zum Gefühlsvermögen; aber sie entstehn durch Mittel, die die Einbildungskraft und den Verstand erregen. Wohin sollen diese kommen? Noch schwieriger ist es, sie nach ihrem absoluten Gehalt zu ordnen. Symbole an sich sind leere Begriffe, die erst durch ihre Beziehung Realität bekommen. Ich habe es daher versucht, den Inbegriff aller psychischen Mittel gleichsam nach ihren vorwaltenden Bestandtheilen zusammenzustellen; d. h. ich habe sie theils mit Rücksicht auf ihre Natur an sich, theils mit Rück- sicht ihres nächsten und direkten Effects auf die Seele in bestimmte Classen abzutheilen gesucht. Nach dieser Idee sind sie unter drey verschiedne Ansichten geordnet und bey jedem einzelnen Mit- tel muss dann die Bedingtheit seiner Wirksamkeit angezeigt werden. Die erste Classe enthält Mittel, die an sich materieller Natur sind, un- mittelbar mit dem Körper des Kranken in Gemein- schaft gebracht werden, und dies in der Absicht, damit derselbe durch sie auf eine bestimmte Art M 2 verändert und sein veränderter behaglicher oder unbehaglicher Zustand der Seele durchs Gemein- gefühl vorgestellt werde. Der Zweck, den wir durch sie beabsichtigen, ist also der, diese benann- ten Körperzustände und deren nächsten Effect auf die Seele, Gefühl einer körperlichen Lust oder eines körperlichen Schmerzes hervorzubrin- gen. Die Perception des Mittels selbst und die Fortpflanzung und Ausbreitung der ursprüngli- chen Erregung im Seelenorgan ist uns meistens gleichgültig. Es ist uns gleichsam nur um den ersten Stoss, um eine transitorische und convulsi- vische Erschütterung des Seelenorgans zu thun. Diese Mittel sind daher vorzüglich bey bösen und hartnäckigen Krankheiten, im Beginnen derselben, und im Anfang der Cur angezeigt, um durch sie den Kranken zu unterjochen, ihn zur Beson- nenheit zu bringen und seine Aufmerksamkeit zu wecken. Die zweite Classe psychischer Mit- tel besteht aus realen Objekten für den äusseren Sinn, besonders für das Auge, Ohr und das Getast. Hier scheint es, als achteten wir der erregten direkten und körperlichen Gefühle, oder der An- schauung des veränderten Körperzustandes wenig, sondern bezielten mehr die Anschauung der Ob- jekte und das, was durch dieselbe im Seelenorgane, vermittelst der Association, wirklich wird, nem- lich das durch sie erregte secundäre und geistige Gefühl, die Erregung der Imagination, der Lei- denschaften und des Begehrungsvermögens. Die letzte und dritte Classe enthält Zeichen, Symbole, Pantomimen und besonders Sprache und Schrift, durch welche wir Vorstellungen, Imaginationen, Urtheile und Begriffe im Seelen- organ zu erregen, die höheren Seelenkräfte zu rectificiren und den Kranken zur eignen Geistes- thätigkeit zu wecken suchen. Dieser Mittel, die theils für leichtere Krankheiten, theils für die Periode der Reconvalescenz geeignet sind, bedie- nen wir uns ausserdem noch dazu, die einzelnen Vermögen der Seele oder besondere Zustände und Aeusserungen derselben, die Aufmerksamkeit, Einbildungskraft u. s. w. zu verbessern, wenn die- selben vor andern einer besonderen Hülfe nöthig haben. Die erste Classe psychischer Mittel soll zur Anschauung eines durch sie erregten Körper- zustandes, die zweite zur Anschauung ihrer selbst führen, die letzte endlich direct Anschauungen bewirken, ohne Beachtung des eignen Körperzu- standes und der Mittel, durch welche sie erregt werden. So schreiten wir durch diese Classen psychischer Mittel, von den äussersten und rohesten Aussenwerken des Nervensystems im Gemeinge- fühl, zu den mehr veredelten Nerven in den Sinn- organen und von da zur Cultur des Seelenorgans selbst im Gehirn, als dem Brennpunkt des ganzen Systems, fort. I. Psychische Mittel, durch wel- che der Zustand des Körpers auf eine so bestimmte Art verändert wird, dass seine Vorstellung vermittelst des Ge- meingefühls im Seelenorgan die Seele auf eine angenehme oder unangeneh- me Art afficirt . Diese Mittel exaltiren und verbessern oder unterdrücken und verletzen die organischen Kräfte, örtlich oder im allgemeinen. Sie fliessen also ein auf den Gesundheitszustand des Individuums und sind in Rücksicht ihrer psy- chischen Wirkungen von doppelter Art; sie brin- gen entweder Wohlbehagen und thierischen Lust oder Schmerz und körperliches Missbehagen hervor. 1) Körperreize, in deren Gefolge thieri- sche Lust ensteht. Hier erwähne ich vorzüglich der Erregung eines angenehmen Lebensgefühls , das als collektive Totalempfindung von dem Eindruck des gesammten gesunden Zustandes der thierischen Oekonomie aufs Gemeingefühl in der Seele ent- steht. In der Regel bekommt dies Gefühl den meisten Verrückten und besonders solchen wohl, die hypochondrisch sind, oder in deren Wahn sich Trübsinn und Schwermuth einmischen. Es ist Product der Gesundheit, entspringt also von jedem Mittel, das diese fördert und erhält, von reiner Luft, gesunden Speisen, Bewegung, Wär- me, Reinlichkeit, Ordnung im Schlaf und in allem, was zum Regime gehört. Also schon in dieser Rücksicht, sofern die diätetische Pflege der Irrenden auf ihre Seele zurück wirkt, ist dieselbe in den Tollhäusern unnachlässig; ist es unnach- lässig, sie durch Zwang an ein System der Ord- nung und Nothwendigkeit. zu gewöhnen, damit sie für dieselbe empfänglich werden. Für eine kurze Zeit, und zu besondern Zwecken kann dies angenehme Lebensgefühl durch Mohnsaft, Wein und überhaupt durch flüchtige Reizmittel, in deren Gefolge eine transitorische Spannung der Kräfte entsteht, geweckt werden. Der Wein und der Mohnsaft , beson- ders der Mohnsaft in kleinen Gaben, der den Magen nicht wie der Wein belästiget, spannen die Kräfte, wie bereits gesagt ist, und dies nimmt die Seele mit Wohlgefallen wahr. Der Mohnsaft steigert in der Regel denjenigen Ton der Seele, auf welchen sie eben gestimmt ist. Er macht uns froh, wenn wir zur Freude, traurig wenn wir zur Traurigkeit, zornig, wenn wir zum Zorn geneigt sind. Dem fixen Wahn theilt er gleichsam Thatkraft mit; er treibt die Kranken an, dieje- nigen Handlungen wirklich zu vollbringen, die ihr Irrsinn ihnen vorspiegelt. Der an Lebens- überdruss leidende Indianer nimmt Mohnsaft und wird dadurch zu einer wüthenden Bestie, die alles mordet, was ihr in den Weg kömmt. Ein solcher Wüthrig wird ein Hamuck genannt, bey dessen Erscheinung alle Wehrlose fliehen und bewaffnete Menschen herbeieilen, um das Unge- heuer zu erlegen Kämpferi Amönitatum Fasc. III. . Daher ist Vorsicht in seinem Gebrauch nothwendig, wenn die Verrücktheit bereits vollkommen ausgebildet und alle Freiheit des Willens beschränkt ist. Eher passt er im Be- ginnen dieser Krankheit, besonders wenn dieselbe durch unverschuldete Unglücksfälle hervorge- bracht ist. Doch auch in diesem Falle pflegt die trübe Stimmung der Seele mit verdoppelter Kraft zurückzukehren, wenn der Rausch und die künstliche Spannung vorüber ist. Ferner bringen Wärme , besonders die Wärme der Sonne und ein sanftes Streicheln und Reiben des Körpers mit der Hand, mit Flanell oder mit einer Fleischbürste einen ange- nehmen Hautreiz hervor. Oft, sagt Parge- ter Theoretisch ‒ praktische Abhandlung über den Wahnsinn; aus dem Englischen, Leipzig 1793. 98 S. habe er die Beobachtung gemacht, dass Kranke in der Tobsucht ruhig und vergnügt wur- den, wenn man ihnen den Kopf schor und den- selben mit einem Tuch rieb. Eben so erregt auch das laue Bad ein angenehmes Gefühl. Ausser- dem hat dasselbe noch den Vortheil, dass es die Haut reinigt, dadurch die Gesundheit, und durch dieselbe das angenehme Lebensgefühl fördert, welches besonders für Wahnsinnige wichtig ist, da sie mehr als andere sich verunreinigen. Man könnte sie daher, wenigstens wöchentlich einmal baden. Diesem füge ich den mässigen Kitzel zu, der durch eine sanfte Reizung der Hautner- ven hervorgebracht wird. Er ist so lange ange- nehm, als er der Willkühr keinen Abbruch thut und die Function des Athmens nicht hemmt. Tissot 4. B. 346 S. bediente sich desselben, und des da- durch erregten Lachens bey schwachen Kindern, um dadurch der englischen Krankheit vorzubeu- gen. Er liess sie auf einen Teppich an die Erde setzen und so lange kitzeln, als es ihnen Vergnü- gen machte, aber gleich die Manipulation ein- stellen, wenn es ihnen nicht weiter behagte. Endlich gehört noch die Manipulation zum Be- huf der Erregung des thierischen Magne- tismus hierher, die unmittelbar durch den sanften Hautreiz und vorzüglich durch die Er- höhung der Lebensfähigkeit überhaupt wirksam ist, welche durch ein angenehmes körperliches Wohlbehagen wahrgenommen wird. Doch hat man mit diesem Mittel bis jetzt noch wenige Ver- suche an Wahnsinnigen angestellt. Das stärkste und angenehmste körperliche Gefühl bewirkt der Genuss des Beischlafs Dehinc etiamsi amor fuerit acquisitus, quid magis probemus erit incertum, utrumne prohi- bendus sit usus venereus, an admittendus. Sed prohibitus indignari magis cogit aegrotantes, cum desiderata producuntur. Item permissus vexat, cum corpore evirato animae quoque sub- stantia turbatur. Caelius Aurelianus; art. med. princ. T. XI. p. 90. . Chiarugi Abhandlung über den Wahnsinn; aus dem Ita- lienischen, Leipzig 1795. 300 S. trägt kein Bedenken, ihn den Verrückten zu verstatten, und glaubt, dass er vorzüglich zur Heilung der Melancholie beitragen könne. Männern kann man durch eine öffentli- che Dirne, Weibern schwerer genügen, weil sie schwanger werden, und ihr Uebel auf die Frucht forterben können. An sich möchte vielleicht ei- ne Schwangerschaft heilsam seyn, als Ableitungs- mittel, und besonders für solche Verrückte, die vor Gram über kinderlose Ehen hysterisch geworden sind, oder an der fixen Idee leiden, dass sie schwanger sind, und gebähren müssen. Die bei- den Pole des Körpers, Kopf und Geschlechts- theile, stehn in einer merkwürdigen Wechselwir- kung. Erschütterungen des einen Endpunkts durch Beischlaf und Schwangerschaft befreien den entgegengesetzten von Anhäufung. Die häufigen Aeusserungen der Geilheit verrückter Personen, sind sie allemal das, wofür sie gehalten werden, Ursache der Krankheit? Können sie nicht auch Wirkungen des nemlichen Zustandes, z. B. einer Ueberladung mit elektrischer Materie seyn, die im Kopf als Tobsucht, in den Geschlechtstheilen als Geilheit repräsentirt wird? In Verrücktheiten, deren Ursache Geilheit ist, kann der Beischlaf als körperliches Heilmittel wirken. Endlich wirkt die physische Liebe noch auf das moralische Ge- fühl des Kranken, bald mit einem guten Erfolg, bald zum Nachtheil desselben. Man gebe dem weltdummen Platoniker, der den Funken eines höheren Wesens in den Tugenden des weiblichen Geschlechts ahndet und darüber zum Narren ward, eine Bordell-Nymphe zur Gesellschaft. Ich zweifle nicht, sie wird ihn von seinem Wahn bekehren, wenn er an sich dessen fähig ist, und ihn bald von dem Gipfel seines Ideals an die Pfütze unreiner Neigungen herablocken. Endlich können wir noch dadurch angeneh- me Körper-Gefühle wecken, dass wir die vor- handenen Schmerzen wegnehmen. Wir kühlen den erhitzten, erquicken den matten, schaffen Ruhe dem angestrengten Kranken. Zu diesem Behuf kann es zweckmässig seyn, ihm absicht- lich Schmerzen zu erregen, um nachher als Erlö- ser von denselben auftreten zu können. Wir lassen ihn frieren, hungern, durften; erwär- men ihn dann, und laben ihn mit Speise und Trank. Durch diese angenehmen Gefühle können wir mancherley nützliche Zwecke in der Cur der Irrenden erreichen. Durch sie ziehn wir den Kranken, den wir vorher durch schmerzhafte Reize zur Besonnenheit und zum Gehorsam ge- bracht haben, wieder an uns heran. Durch sie belohnen wir sein Wohlverhalten und stärken ihn auf diesem Wege. Sie heitern Kranke auf, die trübsinnig sind, und söhnen andere mit der Welt aus, die durch Unglücksfälle gebeugt, und durch böse Menschen verletzt sind. Durch sie sind wir im Stande, die ganze Reihe angenehmer Affekten, gute Laune, Zufriedenheit, Hoffnung, Fröhlich- keit, Philanthropie, Zutrauen, Liebe und Dank- barkeit und mit denselben eben so viele Trieb- federn zu eigenmächtigen Handlungen in der Seele zu wecken. Durch sie können wir endlich in der Reconvalescenz auf die Phantasie und das Associationsvermögen wirken und dem Verstande eine Stütze geben, wenn er für sich allein noch nicht im Stande ist, den Willen zweckmässig zu bestimmen. 2) Körperliche Reize, in deren Gefolge thierische Unlust entsteht. Fast alle unter diese Classe begriffenen Mittel wirken als Krank- heits-Ursachen, und die mit den erregten Krank- heiten verbundenen unangenehmen Gefühle sind die psychischen Effekte der Mittel, durch welche wir den Geisteszerrüttungen zu begegnen suchen. a) Das unangenehme Lebensgefühl , welches tief auf die Seele wirkt und zu dessen Erregung uns ein weites Feld offen steht. Wir haben es in unserer Gewalt, durch Zulassung oder Entziehung verschiedener Potenzen Krankheiten hervorzubringen. Ein grosser Theil unsers Arz- neivorraths, alle Gifte, viele andere mechanische oder chemische Potenzen und die Mittheilungs- methoden verschiedener Krankheitsstoffe sind, Behufs dieses Zwecks in unseren Diensten. Die meisten Krankheiten sind mit Missbehagen, Mat- tigkeit, Eckel, mit den mannichfaltigsten Modifi- kationen des Schmerzes, also mit einem mehr oder weniger unangenehmen Lebensgefühl ver- bunden. b) Hunger und Durst , durch Entziehung der Nahrung, zwey mächtige Gefühle, die bald zahm machen, ohne den Anstrich einer leiden- schaftlichen Grausamkeit zu haben. So kann man auch durch die Entziehung der Wärme, die das Gefühl des Frostes erregt, und durch die Entziehung des Schlafs, wodurch die Falken ge- bändigt werden, wehe thun. c) Niesmittel , besonders von Gummi Guajack und Euphorbium, welche heftige Em- pfindungen in der Nase, eigene Erschütterungen des Körpers und einen starken Ausfluss des Schleims erregen. d) Blasenpflaster, Haarseile , das Abbrennen der Moxa , das glühende Eisen oder brennendes Siegellack , wel- ches in die Hände getröpfelt wird. Meistens ist es zureichend, mit diesen Mitteln zu drohen oder einen leichten Vorschmack derselben zu geben Langermann d. c. 63 S. . Moxa und das glühende Eisen wendet man ge- wöhnlich auf dem Wirbel des Kopfs an. Allein der Ort ist gleichgültig, wenn wir bloss eine psy- chische Wirkung beabsichtigen und die Hirnschaale gefährlich, weil die durchdringende Hitze Ent- zündungen und Abscesse im Gehirn veranlassen kann. e) Das Peitschen mit Brennnesseln auf den Rücken, die Arme und Schenkel, wel- ches einen Nesselausschlag und ein schmerzhaftes Jucken erregt, das auch den Unempfindlichsten sich zu rühren und den Tollkühnen sich zu be- klagen zwingt. Noch giebt es andere Pflanzen z. B. verschiedene Rhus-Arten, die schmerzhafte Hautkrankheiten verursachen. f) Ein starker Kitzel , der unserer Willkühr Abbruch thut. Durch das Bürsten un- ter den Fusssohlen, durch Niesmittel und die Traufe brachte ich einen Wahnsinnigen, aus dem lange Zeit kein Wort zu bringen gewesen war, in wenigen Tagen dahin, dass er sich regte, und die vorgelegten Fragen zu beantworten anfing. Auch Wanzen, Ameisen, Processionsraupen und andere Insecten erregen einen unangenehmen Haut- reiz. Ein Kübel mit lebendigen Aalen, in wel- chen man den Verrückten steckte, ohne dass er wüsste, was in demselben wäre, müsste für sich schon nicht gering, und noch stärker indirect, durch die peinigenden Spiele der Phantasie, auf sein Gefühl wirken. g) Die Krätze , welche man durch Ein- pfropfung erregt, bringt einen unangenehmen, anhaltenden und starken Hautreiz hervor, der vorzüglich wider eine Abstumpfung der Reizbar- keit des Gehirns im Blödsinn, oder in dem soge- nannten dumpfen Wahnsinn nützlich seyn kann. Mutzel Medicinische und chirurgische Wahrnehmun- gen. 2. Aufl. Berlin 1772. Zweite Sammlung. 60 S. heilte durch sie einen Kranken, der unbeweglich, wie eine Bildsäule war, nicht ass noch trank, keinen Laut von sich gab, durch Schläge und andere schmerzhafte Mittel nicht ge- weckt, und durch fünf und zwanzig Gran Brech- weinstein nur einmal zum Erbrechen gebracht werden konnte. Das Tropfbad und das Unter- tauchen im Wasser machte wenig Eindruck auf ihn. Nun wurde die Krätze durch einen Schnitt einge- pfropft. Am dritten Tage nachher entstand ein Gefässfieber, am siebenten Tage brach die Krätze aus und von der Zeit an verminderte sich das Gefässfieber. Am neunten Tage fing der Kranke an zu reden, und bekam allmälig seinen Verstand wieder. Reuss Dispensatorium universale, Argentorati 1786. T. II. 232 S. sah, dass Tobsüch- tige durch die Einimpfung der Pocken; Chi- arugi l. c. 209 S. , dass Melancholische durch Friesel, und Wahnsinnige durch Flechten an den Füssen und durch die Krätze geheilt wurden. h) Unschädliche Arten der Tortur z. B. die Brenkenhoffschen Tröge, das Tropfbad auf den abgeschornen Wirbel des Kopfs, das tor- mentum cum scarabaeo, mure vel capra Man nahm Feuerschröter oder Mäuse, setzte sie auf den blossen Leib und stürzte ein Glas über dieselben, oder bestrich empfindliche Theile des Körpers, z. B. die Fusssohlen, mit einer Salz- lake und liess dieselbe nachher von Ziegen ab- lecken. Jacob Döplers Schauplatz der Lei- bes- und Lebensstrafen. Sondershausen 1693. . i) Züchtigungen durch Ruthenstreiche , die Schmerz machen, aufs Ehrgefühl wirken, und daher nur für Kranke passen, die Strafe ver- dienen. k) Das Wasser , ein Element, für welches der Mensch eine natürliche Furcht hat, und wel- ches auf eine mannichfaltige Art zur Cur der Wahnsinnigen gebraucht werden kann. Das beste Mittel sagt de Haen , die Convulsionen der Be- sessenen zu heben, besteht darin, dass man sie mit kaltem Wasser begiesst. Die Traufe und die Douche wirken theils durch Schmerz, theils durch Schreck, besonders wenn sie auf eine un- vermuthete Art zugelassen werden. Das Stürzen ins Wasser erregt Furcht und Kleinmuth, macht den Halsstarrigen geschmeidig und den Wüthrig zahm. Man kann die Kranken von einem Kahn oder von einer Fähre in den Fluss, oder von ei- nem nem Schiff ins Meer stürzen. Willis liess ein Haus über einen See bauen, welches in dem nemlichen Augenblick zusammenfiel, als die Kranke hineintrat, und sie in die Tiefe versenkte. Es ist ein Hauptmittel, sagt Boerhaave Praecipitatio in mare, submersio in eo continu- ata, quamdiu ferri potest, princeps remedium. Aphor. §. 1123. die Wahnsinnigen ins Meer zu stürzen und sie so lange darin unterzutauchen, als sie es aushalten können. Sofern dies Mittel bloss psychisch wir- ken soll, scheint das lange Untertauchen ohne Zweck zu seyn. Doch fordert v. Helmont Demens idaea p. 228. es als eine nothwendige Bedingung. Nur dann, sagt er, hilft das Stürzen ins Meer nicht wider den Wahnsinn, wenn man die Kranken aus Furcht, sie möchten sterben, zu früh wieder in die Höhe zieht. Ein alter Mann wurde, mit ei- nem Gewicht an den Füssen, so lange ins Wasser versenkt, als zur Hersagung des Psalms Mise- rere Zeit erfordert wird Quos ratio non restituit, temeritas adjuvat. Celsus Lib. III. c. 9. . Wir haben viele Beispiele, dass Rasende und Wahnsinnige ihren Wärtern entsprungen, sich in Brunnen, Flüsse und Seen gestürzt und gesund wieder aus dem N Wasser herausgezogen sind Reil Fieberlehre I. Bd. 429 S. IV. Bd. 483 S. . Ein verrückter Zimmermann, erzählt v. Helmont Demens idaea §. 49. Oper. p. 175. , der des Nachts Gespenster zu sehen glaubte, konnte durch kein Mittel, selbst nicht durch die Wun- derkraft des Grabes der heiligen Dympa geheilt werden. Auf dem Wege von dem letzten Ort zu seiner Heimath riss er sich loss und sprang vom Wagen in eine tiefe Lache am Wege. Er wurde scheintodt herausgezogen, kam wieder zu sich und lebte nachher noch 18 Jahr frey von seinem Wahnsinn. In der Nähe des Tollhauses müssen also Flüsse und Seen und in demselben Anstalten zu Douchen und Traufen, Plongirbäder, Kähne, die auf dem Wasser zerfallen, und was sonst zur be- quemen Anwendung dieses Mittels nöthig ist, vorhanden seyn. Diese und andere Körperreize, welche direct durchs Gemeingefühl allerhand Arten des Schmerzes erregen, passen vorzüglich zum An- fang der Cur und für die erste Periode der Krankheit. Durch sie wird der Irrende unter- jocht, zum unbedingten Gehorsam genöthigt und zur Cur vorbereitet. Sie wecken die Besonnen- heit, nöthigen den Starrsüchtigen, sich umzusehen, und halten den Unstäten an sich, als an die Ur- sache des Schmerzes, fest. Die Gefühle, welche sie erregen, bringen Betrübniss, Muthlosigkeit, Furcht, Biegsamkeit und andere Affekten der Seele hervor, die die Phantasie auf eine eigne Art beschäfftigen und dem Triebe zum Handeln eine nene Richtung mittheilen. Endlich können wir sie noch unter dem Schein der Zufälligkeit zulas- sen, sie dann entfernen, dadurch den Kranken angenehm afficiren und ihn an uns heran- ziehn. In ihrem Gebrauch müssen wir für Wechsel sorgen. Denn das Gefühl ist an sich nichts blei- bendes, sondern veränderlich in jedem Zeit- Moment seiner Existenz, weil das Organ, durch welches es der Seele mitgetheilt wird, durch sein Wirken immerhin seine dynamische Temperatur abändert. Auch muss auf die Empfänglichkeit des Kranken Rücksicht genommen, ihr Effect beobachtet, und in keinem Fall ihr Gebrauch übertrieben werden, damit derselbe nicht in Barbarey ausarte. Hier noch einige Bemerkungen über die Zucht der Wahnsinnigen, welche uns eben durch die benannten Körperreize möglich ist, so- fern wir durch dieselben körperliche Lust oder Unlust hervorzubringen im Stande sind. Durch jene belohnen wir das Gute, durch diese strafen wir das Böse, und ziehen durch eine zweckmä- ssige Vertheilung beider Gefühle den Kranken an die Bahn heran, die ihm nützt und frommt. Von den Fällen, wo es zweckmässig ist, angenehme N 2 Gefühle als Preise aufzustellen, die der Kranke durch sein Wohlverhalten gewinnen kann, werde ich unten noch besonders sprechen. Absichtlich erregte schmerzhafte Gefühle, die wir mit den Untugenden des Kranken in eine solche Verknü- pfung bringen, dass diese jene nach sich ziehn, nennen wir Strafen , wenn der Kranke von ihrem Zweck unterrichtet und denselben zu be- greifen im Stande ist. Dazu wird also erfordert, dass der Kranke Unarten habe, betrügerisch, boshaft, ungehorsam, widerspenstig sey, diese Eigenschaften selbst für Unarten anerkenne, und von dem Zusammenhange der ihm zugefügten schmerzhaften Gefühle mit ihrem Zweck einen klaren Begriff habe. Es giebt Verrückte, die ein boshaftes Herz haben, absichtlich andere Menschen zu plagen suchen und dem widerstreben, was zu ihrer Genesung angeordnet wird. Diese können durch eine zweckmässige Züchtigung ge- bessert werden. Andere kann man dadurch von Unreinlichkeit, Lärmen, Zank und anderen Un- arten abhalten. So erzählt Pinel l. c. 66 S. von An- stalten in Frankreich und Schottland, in welchen die Verrückten durch zweckmässige Züchtigungen bey der geringsten Widerspenstigkeit zum Gehor- sam angehalten werden. Ihnen wird, wenn sie in ihren Behältnissen Lärm machen, sich des Nachts nicht niederlegen, nicht essen wollen, für den andern Tag eine bestimmte Zahl mit dem Ochsenziemer zuerkannt. Diese Züchtigung wird richtig zur Zeit vollzogen, und nach den Umständen wiederholt. Wer sich bey Tische unordentlich aufführt, bekömmt, ehe er sichs versieht, einen Schlag mit einem Stock auf den Finger. Die folgsamen Kranken werden mit irgend etwas belohnt, was ihnen Freude macht. Nur in seltenen Fällen kann man die Züchtigun- gen dazu gebrauchen, Wüthenden Furcht für ihre Vorgesetzte beizubringen und die Ausbrüche ihrer Tobsucht zu zähmen. Dies sind ohngefähr die Fälle, wo Strafen passen. In allen andern Fällen, wo der Kranke keine Strafe verdient, keine Begriffe von derselben und ihrem Verhältniss zur Untugend hat, sinnlos, keiner Furcht oder Correction fähig ist, sind sie zwecklos und als- denn Barbarey. Sie machen diese unglücklichen Geschöpfe furchtsam, misstrauisch und heim- tückisch, vermehren ihre Wuth, stürzen sie in einen unheilbaren Zustand und verwandeln ihre Verkehrtheit in Blödsinn. Die Züchtigungen müssen nicht unmässig und grausam, oder der Gesundheit nachtheilig, sondern dem Zweck angemessen seyn, und gleich unterbleiben, wenn der Zweck wegfällt, oder erreicht ist. Sie werden in der Maasse gemildert und abgeändert, als die Vernunft wiederkehrt. Nie dürfen sie Handlungen seyn, die im Gefolge eines Ausbruchs eigner Leidenschaften entstehn, welches die Verrückten wahrzunehmen meistens wohl im Stande sind. Dies erregt Verachtung. Wir haben aber dafür zu sorgen, dass das Gefühl der Furcht, um seine Wirkungen dauerhaft zu machen, mit dem Gefühle der Achtung verbunden sey. Die Strafe muss nicht ohne Grund gedroht, aber alsdenn auch, und zwar in Gegenwart der andern, vollzogen werden. Dies wirkt auf beide, auf den, der die Strafe empfängt, und auf die Zuschauer. Sie muss von einem eignen Büttel, und nie von Personen vollzogen werden, die den Kranken hauptsächlich zu besorgen haben. Zur Züchtigung nimmt man Ruthen oder Ochsenzie- mer. Zuweilen kann man auch, nach der Em- pfänglichkeit der Kranken, durch Einsperrung, Hunger und Beschimpfung strafen. Die Züchti- gung muss immer nach dem Urtheile der Ober- aufseher zuerkannt und diesem gemäss vollzogen werden. Nie darf es den gemeinen Wärtern er- laubt seyn, nach ihrem Gutdünken zu schlagen. II. Objekte, die dem äusseren Sinn besonders dem Auge, Ohr und dem Getast zur Anschauung vorgehalten werden . Bey diesen Mitteln ist es auf die An- schauung derselben und auf das durch sie erregte Spiel der übrigen Seelenkräfte abgesehn. Wäh- rend dem, dass dies geschieht, ist die Seele ge- nöthigt, diejenige Thätigkeit einzustellen, in welcher sie eben begriffen ist. Wir machen einen doppelten Gebrauch von diesen Mitteln. Entwe- der lassen wir eine ununterbrochene Folge von Objekten, wie die Bilder einer magischen Lampe, vor den Sinnorganen vorübergehn, bey deren An- schauung die Seele sich passiv verhält, bloss von aussen bestimmt und durch die Folge der Vor- stellungen in ihrer Spannung gehalten wird. Oder wir halten nur ein Object vor und rechnen auf die eigenmächtigen Erregungen, die durch die Anschauung desselben in der Seele geweckt werden, auf den Uebergang der Anschauung zur Einbildungskraft, dem Gefühls- und dem Begeh- rungsvermögen. In dem letzten Fall, wenn die Sinnesan- schauungen auf die Erregung des gesammten Spiels der Seelenkräfte berechnet sind, muss man ihnen durch ein mitgetheiltes Inter- esse Leben, und dies auf eine zweckmässige Art zu verschaffen wissen. Sonst lässt der Kranke die Objekte bey Seite liegen, ohne sie besonders zu beachten. Es werden daher auch für diese Reize Kranke erfordert, deren Besonnenheit schon einigermaassen geweckt ist. Ihnen dadurch, dass man sie in Verknüpfung mit der Verrückt- heit des Kranken bringt, Interesse zu verschaffen, ist meistens nicht zweckmässig. Wir müssen da- her dasselbe auf einem andern Wege zu gewinnen suchen. Wir wählen Sinnes- Eindrücke, die an sich und direct angenehme oder unangenehme körperliche Gefühle durch die Action erregen, die sie in den Nerven hervorbringen. Der Art sind z. B. die Eindrücke auf das Geruchs- und Geschmacks- Organ, angenehme oder unange- nehme Gefühle durchs Licht, durch widrige und gellende Töne. Allein sofern dieselben als Kör- perreize bloss körperliche Lust oder Unlust erre- gen, gehören sie zu der vorigen Classe psychi- scher Mittel. Wir müssen ferner zufällige und starke Gefühle mit den Sinnesanschauungen so verknüpfen, dass der Kranke genöthigt wird, bei- de als Gegenstände zu beachten, die im Zusam- menhange stehn und sich daher associiren. Wir wählen Eindrücke, die Furcht oder Hoffnung erregen, z. B. das glühende Eisen; solche, die die Einbildungskraft des Kranken an ihrer empfind- lichen Seite angreifen und seine Leidenschaften erregen, z. B. neue Münzen für den Geizhals; oder erregen endlich Sinnesanschauung, die durch ihre Grösse und Majestät die Aufmerksam- keit anziehn, z. B. nachgemachter Blitz, Donner, Meeresflächen. Die zweite Gebrauchsart dieser psychischen Mittel ist nur bey Kranken statthaft, die bereits unterjocht und an unbedingten Gehorsam gewöhnt sind. Der Erfolg kann von dem grössten Nutzen seyn. Wir schieben den Sinnen eine ununterbro- chene Reihe von Objekten vor, begnügen uns damit, durch sie isolirte Anschauungen derselben zu erregen, ohne auf ihre Fortpflanzung im See- lenorgan etwas zu berechnen. Dadurch suchen wir ein fortdaurendes gleichsam passives Spiel von Thätigkeit in der Seele zu unterhalten und sie während der Zeit zu hindern, sich mit etwas an- derm beschäfftigen zu können. Beispiele werden dies erläutern. Ich setze einen Kranken voraus, der bereits unterjocht ist und alles thut, was ihm befohlen wird. Wir haben verschiedne Behält- nisse, für jeden der Sinne eins, in welchen eine Menge von Objekten in natürlicher oder verjüng- ter Grösse, Naturalien oder Kunstprodukte, Ori- ginalien oder Bildnisse enthalten sind. Aus diesem Vorrath wird ein Pensum nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kranken zu seiner Uebung ausgesucht. Er muss von jedem Objekte den Namen sagen, die einzelnen Merkmale desselben aufsuchen, diese wieder in eine Total- Vorstel- lung auffassen und endlich alles, was er sinnlich wahrgenommen hat, zu Papier bringen. Man giebt ihn Baukasten, die er nach einer gegebenen Vorschrift in eine bestimmte Form ordnen, oder in unregelmässige Figuren zerschnittene Land- schaften, die er nach einer Musterkarte zusam- mensetzen muss. Anfangs wird er zu diesen Uebungen durch eine Person angehalten, für welche er Achtung hat; in der Folge muss er sie für sich vornehmen. Endlich nöthigen wir ihn, ohne Gegenwart der Objekte, aus dem Gedächt- niss sich ihrer Merkmale zu besinnen. Auf diese Weise sind wir im Stande eine zusammenhängen- de Reihe von Anschauungen in der Seele zu er- halten, ohne dass der Kranke Interesse für diesel- ben hat, welches nemlich durch den Zwang vertreten wird. Während der Zeit, dass diesel- ben wirklich sind, muss der Wahn schweigen. Dann haben diese Actionen der Seele noch den Vortheil, dass jede derselben isolirt ist, der In- begriff aller, durch die ununterbrochene Folge, keine Association und der Phantasie keinen Spiel- raum zur Thätigkeit zulässt, und daher der Kran- ke gehindert wird, auf den Gegenstand des Wahns abzuspringen. Die vorzüglichsten Sinnorgane sind das Getast , das Ohr und das Auge . Geruch und Geschmack gewähren weniger reine Anschau- ungen, sondern mehr Gefühle, und gehören daher eigentlich nicht hieher, sondern unter die vorige Classe psychischer Heilmittel. Doch glaube ich, dass man wenigstens mit dem Organ des Geruchs durch ein wohlgeordnetes Etui von Par- fümerieen mancherley nützliche Versuche anstel- len und die Seele auf diese Weise, durch die Unterscheidung der Gerüche, in der Besonnen- heit üben könnte. Aufs Getast können wir allerhand Gegenstände anwenden, die durch Anschauung des Glatten oder Rauhen, des Kalten oder Warmen, des Leichten oder Schweren und besonders durch ihre mannichfaltigen Formen wirken. Zur Zeit, wo dieser Sinn geübt wird, setzt man alle übrigen ausser Thätigkeit, damit er allein zu wirken genöthiget sey. Man bringt z. B. den Kranken in ein stockfinsteres und todt- stilles Gewölbe, das mit den seltsamsten, festen und beweglichen, todten und lebendigen Gegen- ständen angefüllt ist. Der Art wären, wenn grausende Eindrücke erfordert würden, Wind- schläuche, Wassergüsse, Eisssäulen, Pelzmänner, Marmor-Statüen, Todtenhände, die unvermerkt den Bart streichen. Diese Objekte würden durch ihre Wirkung aufs Getast der Phantasie den mannichfaltigsten Stoff zur Uebung darbieten. Für andere Kranke, die reizbar sind, werden Gegenstände gewählt, die nichts schreckhaftes haben. Das Ohr ist eins der Sinnorgane, das man den Eindrücken am schwersten verschliessen kann. Viele seiner Anschauungen sind zugleich mit einem angenehmen oder unangenehmen Ge- fühl verbunden. Durch dasselbe wirkt der Zau- ber der Töne auf uns, die Pythagoras das Element der Geister nannte. Ausserdem hat es noch die hohe Bestimmung, die Sprache aufzu- fassen, fremde Gedanken in der Seele anzuzünden und dadurch das Haupt- Communicationsorgan der Geisterwelt zu werden. Die Schläge von Schwärmern, Pistolenschüsse, Kanonendonner, der gellende Ton eines Blasinstruments, das an- haltende Brummen einer zwey und dreissigfüssigen Orgelpfeife, das langsame Anschlagen an eine grosse und dumpfe Glocke, oder einzelne Schläge auf der türkischen Trommel; alles dies in einem einsamen, hohen, sonoren und finstern Gewölbe kann vielleicht den faselnden Kranken fixiren. Einen andern kann ein wildes und regelloses Chaos von Tönen durch Trommeln, Glocken, Schallmeien, Menschenstimmen, Thiergeheul u. s. w. heilsam seyn Quorumdam discutiendae tristes cogitationes: ad quod symphoniae et cymbala strepitusque proficiunt. Celsus ; art. med. princ. T. VIII. p. 161. . Ein Wahnsinniger wurde dadurch vernünf- tig, dass man in das Zimmer, worin er sich be- fand, ein kupfernes Becken stellte, und durch die Decke tropfenweise Wasser in dasselbe fallen liess. Der sanfte und abgemessene Klang erregte des Kranken Aufmerksamkeit, und lockte einen ruhigen Schlaf herbey Adhibenda aquae destillatio crebra, cujus sonitu saepe aegrotantes inducti somnum capiunt. Caelius Aurelianus ; artis med. principes T. XI. p. 81. Prodest etiam aliquid ad somnum silanus juxta cadens; vel gestatio post cibum, et noctu; maximeque lecti suspensi motus. Celsus L. II. c. 18. Swieten Comm. in Boerhaa- vii Aphor. T. II. p. 335. Cuique vero usitata somnum accerssunt: nautis in cymba decubitus, et in mari navigatio, et littorum sonus, et undarum murmur, et ventorum bombus, et maris navisque odor. Musico tibiarum exercitatio quietem affert, aut lyrae cantus, aut cytharae etc. Aretaeus de curatione morbor. acutorum Lib. I. c. 1. . Ein anderer phanta- sirte heftig, kam aber augenblicklich zu sich, als er einen Rumor hin- und herlaufender Menschen auf der Strasse hörte, und beim Nachfragen er- fuhr, dass das Haus des Nachbarn brenne v. Swieten T. II. 334 S. . Ich erinnere mich irgendwo von einem Katzenclavier gelesen zu haben. Die Thiere waren nach der Tonleiter ausgesucht, in eine Reihe mit rückwärts gekehrten Schwänzen ge- ordnet, auf dieselben fiel eine mit scharfen Nägeln versehene Tastatur. Die getroffene Katze gab ihren Ton. Eine Fuge auf diesem Instrumente, zu- mal wenn der Kranke so gestellt wird, dass er die Physiognomie und das Geberden- Spiel dieser Thiere nicht verliert, müsste selbst Loths Weib von ihrer Starrsucht zur Besonnenheit gebracht haben. Noch herzbrechender ist die Stimme des Langohrs. Schade, dass er bey seinen geringen Talenten doch Künstler-Caprice hat. Allein, da es der Kunst zum Behuf der Jägerey gelungen ist, in den Lockpfeifen die Stimmen so vieler Thiere nachzuahmen, warum sollte es ihr nicht auch möglich seyn, für diese und andere einschnei- dende voces brutorum eigne Instrumente zu erfin- den, die dann, neben der jüngst empfohlnen Drehorgel, in dem Apparat der Tollhäuser ihren Platz finden würden. Vorzüglich erwähne ich an diesem Orte der Musik , die schon den Juden und Heiden 1 Sam. C. XVI. Caelius Aurelianus L. I. morb. chr. c. 5. art. med. princ. als psychisches Mittel wider Geisteszerrüttungen be- kannt war. Sie wirkt durch Mensur und Modu- lation des Tons; wird dem ganzen Nervensystem durch eine physische Erschütterung, und der Seele besonders durch das Organ des Gehörs mitge- theilt. Der Oberhofarzt Kersting in Hanno- ver wurde durch eine Gehirnerschütterung von ei- nem Fall ein halbes Jahr taub, und zwey Jahre blind. Allein sein Gefühl war so erhöht, dass er durch dasselbe grobe Schrift lesen, und die Farben seiner Blumen unterscheiden konnte. Was gegen seine Hand gesprochen wurde, em- pfand er, ja er war sogar im Stande durch Ge- fühle, die man ihm auf diesem Wege mittheilte, Buchstaben und Sylben zu unterscheiden. Seine Empfindungen verglich er mit Bebungen oder Stössen, und sagte, dass ihm diese besonders von dem Buchstaben R bis zur Beängstigung empfind- lich wären Reimarus über die Triebe der Thiere. 348 S. . Doch hauptsächlich wirkt die Musik durchs Ohr auf die Seele, die sich an der Modulation der Töne ergötzt, ihre Bedeutung auffasst, dieselbe mit ihrer Stimmung associirt und die Kunst bewundert. Die Tonkunst spricht durch unartikulirte Töne zu unserem Ohr und T. XI. p. 88. Kausch psychologische Ab- handlung über den Einfluss der Töne und der Musik auf die Seele. Breslau 1782. durch dasselbe unmittelbar zu unserem Herzen, ohne erst, wie die Redekunst, ihren Weg durch die Phantasie, und den Verstand zu nehmen. Sie spannt unsere Empfindungen, macht unsere Lei- denschaften nach einander rege, und lockt sie gleichsam aus dem Hintergrunde der Seele sanft hervor. Die Musik beruhiget den Sturm der Seele, verjagt die Nebel des Trübsinns und dämpft zuweilen den regellosen Tumult in der Tobsucht mit dem besten Erfolg. Daher ist sie in der Raserey oft, und fast immer in solchen Geisteszerrüttungen heilsam, die mit Schwermuth verbunden sind. Bey Starrsuchten des Vorstel- lungsvermögens und Ideenjagden, kann sie aus diesem gefährlichen Spiele retten, die Seele be- weglich machen, oder auf der Flucht ihr einen Ankerplatz anweisen, wo sie sich anhalten kann. Sie ist endlich für Liebhaber in der Reconvales- cenz ein Mittel, das sie beschäfftiget, ableitet, zerstreut und stärkt. Uebrigens fehlt es auch hier an Beobachtungen und Resultaten über diesen Gegenstand. In welchen Fällen und zu welcher Zeit soll die Musik angewandt werden? Welche Art für jeden Fall, und auf was für Instrumenten? Denn es kann kaum bezweifelt werden, dass sie fürs Tollhaus, nach der Stimmung des Kranken zur Starrsucht oder zur Flatterhaftigkeit, nach der Art seines Wahnsinns, nach der eignen Mo- difikation seiner Gefühle und nach der Mensur der Thätigkeit seiner Seele einer besonderen Compo- sition bedürfe und auf eignen Instrumenten ausge- führt werden müsse. Noch muss ich zum Be- schluss ein Paar Beispiele ihrer Wirksamkeit wider Geisteszerrüttungen, aus dem Tissot l. c. 4. Theil. 733 S. anführen. Ein berühmter Tonkünstler und Com- ponist verfiel in ein hitziges Fieber, zu welchem sich am siebenten Tage ein heftiges und anhalten- des Irrereden mit Weinen, Schreien, plötzlichem und schreckhaften Auffahren und einer anhalten- den Schlaflosigkeit hinzugesellte. Nach zwey Tagen äusserte er ein Verlangen, nach einem kleinen Concert in seinem Zimmer. Kaum hatte er die ersten Accorde gehört, so bekam er schon ein fröhliches Ansehn, und die Zuckungen ver- schwanden. Das Heilmittel wurde wiederholt und allemal flohen Fieber und Irrereden solang, als das Concert dauerte. In einer Nacht musste er sich mit einem Gassenlied seiner Wärterin be- helfen, von welchem er auch eine gute Wirkung verspürte. Nach zehen Tagen war er durch die Musik völlig geheilt. Das andere Beispiel betrifft einen Tanzmeister zu Alais, der nach vorherge- gangener Erhitzung in ein Fieber verfiel. Am vierten Tage entstand eine anhaltende Schlafsucht und darauf folgte ein wüthendes und stummes Irrereden, bey dem der Kranke unaufhörlich aus dem Bette zu springen suchte. Einer seiner Freunde nahm die Violine und spielte ihm einige Stücke Stücke vor. Dies machte einen solchen angeneh- men Eindruck auf ihn, dass er sich aufrichtete, und mit den Armen die Manieren des Stücks aus- drückte. Das Rasen hörte auf, der Kranke fiel in einen tiefen Schlaf und während desselben stellte sich eine Crisis ein, durch welche er genas. Den Beschluss dieses Abschnitts mache ich mit Objekten für den Sinn des Ge- sichts , der der Seele am nächsten liegt und auf die Erregung ihrer Vermögen am kräftigsten ein- wirkt. Eindrücke auf diesen Sinn wirken selten direct aufs Gefühl, sondern vorzüglich aufs Vor- stellungsvermögen, durch dasselbe auf die Einbil- dungskraft, wecken den Vorrath von Ideen und gehn auf diesem Wege zum Gefühls- und Begeh- rungsvermögen über. Hier liegt noch ein grosses Feld zur Bearbeitung für die psychische Heilmit- tellehre offen. Allein da die Objekte für diesen Sinn so mannichfaltig und ihr Gebrauch von den verschiedenen Zuständen des Kranken ganz ab- hängig ist, so kann ich mich auf ihr Detail nicht einlassen. Ich bemerke bloss im Allgemeinen, dass jedes Tollhaus zum Behuf ihrer imposanten Anwendung und zweckmässigen Zusammenstel- lung ein für diese Zwecke besonders eingerichtetes, durchaus praktikabeles Theater haben könnte, das mit allen nöthigen Apparaten, Masquen, Maschinerien und Decorationen versehen wäre. Auf demselben müssten die Hausofficianten hin- länglich eingespielt seyn, damit sie jede Rolle O eines Richters, Scharfrichters, Arztes, vom Himmel kommender Engel, und aus den Gräbern wiederkehrender Todten, nach den jedesmaligen Bedürfnissen des Kranken, bis zum höchsten Grad der Täuschung vorstellen könnten. Ein solches Theater könnte zu Gefängnissen und Löwengru- ben, zu Richtplätzen und Operationsfälen formirt werden. Auf demselben würden Donquichotte zu Rittern geschlagen, eingebildete Schwangere ihrer Bürde entladen, Narren trepanirt, reuige Sünder von ihren Verbrechen auf eine feierliche Art losgesprochen. Kurz der Arzt würde von demselben und dessen Apparat nach den indivi- duellen Fällen den mannichfaltigsten Gebrauch machen, die Phantasie mit Nachdruck und dem jedesmaligen Zwecke gemäss erregen, die Beson- nenheit wecken, entgegengesetzte Leidenschaften hervorrufen, Furcht, Schreck, Staunen, Angst, Seelenruhe u. s. w. erregen und der fixen Idee des Wahnsinns begegnen können. Nur ein Paar Beispiele von der Benutzung dieses Sinns zur psychischen Cur der Irrenden. Chiarugi l. c. 384 S. erzählt, dass man einen Tobsüch- tigen an einem Stricke in die Höhe gezogen, ihn dadurch schnell zahm gemacht und bald ganz ge- heilt habe. Man legt zu diesem Behuf dem Kran- ken bequeme Leibriemen an, bringt diese durch Stricke und Flaschenzüge mit einem hohen Ge- wölbe oder mit einem ungeheuren Mastbaum in Verbindung, und zieht ihn in die Höhe, dass er wie ein Himmelsbote in den Lüften schwebt. Der Eindruck wird um desto grausender seyn, je höher der Kranke, oder wenn er über Feuer- brände, über eine tobende See aufgezogen wird. Zum Feste des heiligen Schweisstuchs zu Besan- çon, erzählt Pinel l. c. 263 S. , wurden viele Verrückte hergebracht, die man für Besessene hielt. Eine unzählige Menge Zuschauer stellte sich auf einer erhöhten Bühne, in Gestalt eines Amphitheaters. Die angeblich Besessenen wurden von Solda- ten gehalten und machten rasende Bewegungen. Priester gingen in ihren Ceremonien- Kleidern ernsthaft umher und schickten sich zur Beschwö- rung des Teufels an. Ausserhalb dieses Kreises und in dem Innern der Kirche hörte man melodi- sche Töne, und eine kriegerische Musik. Auf ein gegebenes Zeichen erschien in der Luft zu drey verschiedenen Malen, unter dem Donner der Kanonen von der Citatelle eine Art von Fahne, die das heilige Schweisstuch vorstellte. Und durch dies prachtvolle, feierliche und reli- giöse Schauspiel wurden wirklich manche Wahn- sinnige geheilt. III. Zeichen und Symbole und be- sonders Sprache und Schrift , die bloss dadurch wirken, dass sie die Vehikel sind, durch O 2 welche unsere Vorstellungen, Phantasieen, Be- griffe und Urtheile, als äussere Potenzen, auf den Kranken übergetragen werden. Durch sie nöthigen wir sein Gehirn zu Oscillationen, die denen analog sind, durch welche die mitgetheil- ten Vorstellungen entstanden und von welchen wir voraussetzen, dass sie der Norm gemäss sind. Wiederholte Thätigkeiten werden zu Fertigkeiten. Durch sie suchen wir den Vorrath der Ideen des Kranken zu vermehren, die vorhandenen zu be- richtigen, und dies auf eine Art, wie es dem Zwecke der Correction seiner Seelenvermögen angemessen ist. Durch sie können wir der Seele, unter günstigen Umständen, die nemlichen Er- schütterungen mittheilen, die wir durch die psy- chischen Mittel der beiden ersten Classen beabsich- tigen. Sie können den Starrsüchtigen wecken, den Flatterhaften fixiren, sie können den Kranken zur Besonnenheit und Aufmerksamkeit bringen, ihn unterjochen, jede Leidenschaft, Furcht, Ehr- furcht, Liebe, Zutrauen in ihm hevorrufen. Ja sie müssen meistentheils den erstgedachten Mitteln, durch ihre Verknüpfung mit denselben, gleich- sam erst lebendige Kraft und eine bestimmte Tendenz mittheilen. Das blanke Schwerdt mit einem donnernden quos ego ! wirkt zur Zäh- mung der Rasenden unendlich mehr, als das blanke Schwerdt allein. Doch haben sie ausserdem ihren eigenen und höheren Wirkungskreis. Durch sie beabsichtigen wir nemlich hauptsächlich den An- bau und die Correction der oberen Seelenkräfte, nehmen den Verstand in Anspruch und suchen ihn mit der Sinnlichkeit in ein normales Verhält- niss zu bringen, um der Verrücktheit ein inneres Hinderniss im Wege zu stellen, da alle andern Mittel sie nur palliativ und durch einen äusseren Zwang zu zähmen scheinen. Dies ist eine Funk- tion, die ihnen ausschliesslich eigen ist und durch alle übrigen Mittel nicht erreicht werden kann. Daher passen sie auch nur für Kranke, die noch soviel Seelenkraft haben, dass sie den Sinn der Zeichen fassen können, die zur radikalen Cur vorbereitet, oder auf dem Wege der Genesung sind. Diese psychischen Mittel sind besonders dazu geeignet, den absoluten Anomalieen der einzelnen Seelenvermögen und den relativen Fehlern dersel- ben abzuhelfen, die in ihrer Verbindung sich äussern; die vorspringenden Kräfte zu zähmen, den geschwächten und trägen nachzuhelfen; den moralischen Sinn des Kranken zu wecken; beson- dere Zustände der Seele, ihre Aufmerksamkeit und Besonnenheit zu cultiviren; eigenthümlichen Verirrungen, den schädlichen Neigungen und Trieben der Kranken zu begegnen. Dies setzt genaue Kenntniss der Seele überhaupt und des Seelenzustandes der Verrückten, ihrer Associa- ciationen, Gefühle und Begierden und eine be- stimmte Charakteristik der einfachsten Geistesge- brechen voraus. Dann werden nach den Princi- pien der Erziehungskunde für Irrende, Curen für diese Fälle projektirt, aus deren Inbegriff endlich die Mittel für diesen Abschnitt abgezogen werden müssen. Hier tritt der Psychologe des Tollhauses in seine eigenthümliche Funktion ein, der ausser den allgemeinen Kenntnissen eine genaue Bekannt- schaft mit dem Individuum, Genie, Scharfsinn, Praxis und Schnelligkeit in der Benutzung des Zufalls haben muss. Ein glücklicher Einfall, zur rechten Zeit, ist im Stande den Kranken auf der Stelle zu heilen. Ferner muss der Kranke volles Zutrauen zu seinem Seelen- Arzt haben. Er glaubt alsdenn anfangs auf Auctorität; und dies bahnt den Weg zum Glauben aus Ueberzeu- gung. Es kömmt endlich sehr auf die Wahl der Zeit, auf die Manier des Vortrags, auf Stimme und Geberden und auf die Zusammenstellung dieser psychischen Mittel mit andern an. Diese heben die Wirkung jener, jene die Wirkung dieser Mittel. Der psychische Arzt vermeide alles üppige Wortgepränge; trage seine Ideen und Gründe so deutlich und einleuchtend vor, dass der gemeinste Menschenverstand sie fassen kann. Spricht er zu viel, so hat dies den Nachtheil, dass er dem Kranken als ein Schwätzer erscheint, der kein Zutrauen findet, und der Kranke kann aus Ohn- macht den Schwall nicht fassen und verliert das Wichtige über dem Unwichtigen, weil ihm die Ruhepunkte nicht verstattet werden, die sein schwaches Gehirn nöthig hat. Der Arzt lasse es gut seyn, wenn der Kranke durch einen tiefen Seufzer seinen Gründen Beifall gegeben und da- durch angezeigt hat, dass er für dieselben nicht ganz taub sey. Ist der Kranke ein und abermals seines Irrthums überführt, so darf der Arzt den wiederkehrenden Wahn nicht mit neuen Gründen bestreiten. Er verweist auf die schon gegebenen und mahnt ihn zum Glauben an. Oft wirken die Vorstellungen zwar nicht auf der Stelle; aber nach- her, bey einer günstigern Zeit, fängt der Kranke an sie zu beachten und ihren Gehalt zu mustern. Ist er taub für die ersten triftigen Gründe, so ist er es auch für die folgenden schwächeren. Die matte Urtheilskraft erliegt unter dem Wust von Ideen und fängt in diesem Zustande so sehr an zu schwanken, dass sie auch an dem Begreiflichsten zweifelt. Die Aufmerksamkeit ist beschränkt und kann nur einen gewissen Grad von Anstrengung aushalten. Gelingen diese Versuche durchaus nicht; so stehe man ab, bekämpfe den Kranken erst mit andern Waffen, wirke durch körperliche Gefühle, Arbeit und Zerstreuung auf ihn, und bereite ihn dadurch erst vor zu künftigen neuen Angriffen durch diese höhere Ordnung psychi- scher Mittel. Die Mittel selbst übergehe ich, und begnüge mich den Platz bezeichnet zu haben, wohin sie kommen sollten. Auch scheint es, dass man sich mit allgemeinen Reflexionen über dieselben begnü- gen müsse. Ihr Detail würde wahrscheinlich eine Rüstkammer für leere Köpfe seyn, die davon einen unrechten Gebrauch machten. Es ist genug, dass der Arzt mit allen den allgemeinen Kennt- nissen ausgerüstet sey, die von ihm gefordert wer- den können, wenn er als Arzt der Irrenden auf- treten will. Dann kann er die Ideen extempori- siren, durch welche er den besonderen Modifika- tionen des Wahns begegnen soll. Zum Beschluss noch ein Paar Beispiele. Ein Wahnsinniger in Bicetre hielt sich für einen König, und schrieb seiner Frau in einem befehlenden Ton, dass sie ihn aus seinem Arrest befreien solle. Ein Reconvalescent machte ihm darüber Vorwürfe, die so gut wirkten, dass er den Brief zerriss und einen andern schrieb. Diese Stimmung nützte Pussin , ging zu ihm, machte ihn darauf auf- merksam, dass er kein Souverain sey, weil er seine Gefangenschaft nicht beendigen könne, und unter Wahnsinnigen aller Art bleiben müsse. Am andern Tage setzte er sein begonnenes Werk fort, zeigte ihm das Absurde seines Wahns, stellte ihm einen andern Verrückten vor, der des nemlichen Glaubens sey, und daher allen vernünftigen Men- schen zum Gelächter diene. Diese Vorstellungen erschütterten anfangs den Kranken, dann fing er allmälig an, seine Souverainität zu bezweifeln, nach vierzehn Tagen war er frey von seiner Chi- märe und nach einigen Probemonaten wurde er geheilt entlassen Pinel l. c. 209 S. . Langermann d. c. 64 S. besuchte eine wahnsinnige Person, die sich einbildete, ihren Sohn, den sie sehr liebte, umgebracht zu haben. Es wirkte nicht auf sie, dass man ihr den Sohn vorstellte. Sie bemerkte ihn gar nicht. Nun entfernte Langermann denselben von ihr und sagte ihr, dass ihr Sohn vor Schreck über ihre unsinnige Aufführung todtkrank geworden sey. Dies brachte sie zur Besonnenheit, sie erkundigte sich nach der Grösse der Gefahr, bat um Beistand für denselben und versprach, ihn nicht wieder zu erschrecken. Durch diese Wendung war sie auf einmal von ihrer fixen Idee geheilt. Soviel von der Heilmittellehre psychischer Mittel. Ich wiederhole es noch einmal, dass alles dies rohe Entwürfe sind, die keine andere Tendenz haben, als zu zeigen, wieviel auf diesem Felde noch zu bearbeiten und zu gewin- nen ist. §. 16. Ich komme nun zum schwersten Theil, nemlich zur Heilkunde der Geisteszer- rüttungen durch psychische Mittel , d. h. zu den Regeln, nach welchen obenbenannte Mittel den in der Erfahrung vorkommenden indi- viduellen Krankheitsfällen angepasst werden müssen. Wir stellen die Kräfte der Mittel und die concrete Krankheit mit ihren sämmtlichen innern und äussern Verhältnissen neben einander und gewinnen dadurch die Anzeigen und Gegen- anzeigen. In der That eine missliche Arbeit, da uns die Kräfte der Mittel, das Wesen der Krankheit, ihre Zusammensetzung, ihr Verhält- niss zu den entfernten Ursachen und ihre Modifi- kationen durch die Individualität so oft unbekannt sind. Ich werde daher nur Versuche machen und einige Grundrisse entwerfen, die von der Zukunft erst ihre Vollendung erwarten. Wir sind noch zu arm an Erfahrungen in diesem Fache, um durch sie zu den allgemeinsten Resultaten zu gelangen. Von den vorhandnen habe ich so viele und so allge- meine Regeln abgezogen, als es mir möglich war, und diese durch Beispiele zu erläutern ge- sucht. §. 17. Vorläufig einige allgemeine Regeln , die auf die psychische Curmethode des Wahnsinns überhaupt Bezug haben. 1) Ein zuverlässiges Heilverfahren dieser Krankheit ist nach dem jetzigen Stand unseres Wissens nicht möglich. Die Natur derselben und ihre Causalverhältnisse sind uns wenig bekannt und die Wirkungen der psychischen Mittel so re- lativ, dass wir auf nichts Bestimmtes rechnen können. Weder die Art der Erregung der Seele, wie sie unsern Absichten entspricht, noch die Stärke, Dauer und Ausbreitung derselben steht durch sie in unserer Gewalt. Wir müssen uns daher jetzt noch mit ganz allgemeinen Anweisun- gen begnügen und auf das Talent des Künstlers rechnen, diese den concreten Fällen anzupassen. Daher sollte man vorerst gute Köpfe, die Genie, Scharfsinn, Erfindungsgeist und Philosophie ha- ben, durch Uebung zu einer geläuterten Empirie ausbilden. Diese würden mit Behutsamkeit das Bekannte auf die vorkommenden Fälle anwenden, ihren Irrthum bald einsehen, dadurch zu entge- gengesetzten Methoden geleitet werden und nach und nach von ihren gemachten Erfahrungen allge- meine Ideen absondern, die als künftiges Regula- tiv in der Behandlungsart der Irrenden dienen könnten. 2) Eine Hauptsache ist es, dass der Kranke gleich beim ersten Ausbruch seiner Geisteszerrüt- tung in die Hände eines geschickten Arztes falle. Die Krankheit schreitet fort, ändert ihre Gestalt wird schwerer heilbar mit ihrem Alter und ein Fehlgriff bey den ersten Versuchen kann den Kranken für jeden künftigen Plan unempfänglich machen. Mittel, die in der Frühzeit zuverlässig gewirkt hätten, sind fruchtlos in der Folge. Der Curplan richtet sich also nach dem Gang, Alter, den Metamorphosen der Krankheit und der Heil- methode, die bereits wider dieselbe angewandt ist. Psychische Versuche, die nichts mehr wir- ken, lässt man fahren und vertauscht sie mit an- deren. 3) Alle zum Behuf des Curplans erfundenen psychischen Mittel, Zerstreuungen, Ableitungen u. s. w. müssen dem Kranken als durch Zufall herbeigeführt erscheinen und daher mit Klugheit und Behutsamkeit ausgeführt werden, damit er nichts von Absicht oder Betrug ahnde. In dieser Rücksicht rechne man nicht zuviel auf seinen Stumpfsinn. Er ist gewöhnlich schlauer, als wir es vermuthen, und unterscheidet das Natürliche von dem Künstlichen richtig genug. Sind wir einmal auf Betrug ertappt, so ist das Zutrauen für immer verlohren und jeder künftige Versuch misslingt aus Verdacht eines ähnlichen Be- truges. 4) Verliert derjenige, welcher die Cur des Kranken vorzüglich handhabet, das Zutrauen desselben durch irgend einen Fehlgriff in der Me- thode; so gelingt ihm schwerlich irgend ein künftiger Versuch. Er gehe ab und überlasse sei- nen Platz einem andern Arzt, den sein Irrthum auf einen entgegengesetzten besseren Weg leiten kann. In der Regel wird es gerathen seyn, sol- che Kranke ganz in eine andere Anstalt abzulie- fern. Eben dies gilt auch von dem Fall, wo der Kranke, wegen einer unbekannten Idiosyncrasie, seinen Arzt nicht leiden kann. 5) Den Kranken, der sich ermannt hat, muss man zu halten suchen. In dem Moment, wo er zurücksinken will, setze man ihm gleich eine Stütze. An Mannichfaltigkeit der Mittel darf es daher dem psychischen Arzt nicht fehlen. Jeder wiederkehrende Anfall hinterlässt eine neue Zer- rüttung des Gehirns. Wie niederschlagend ist es daher für den Arzt, sein angefangenes Werk so oft durch Irrthum und Nachlässigkeit anderer wie- der zerstört zu sehn; wie nachtheilig sind die Be- suche bey Privat- Kranken. Das bunte und zweck- lose Gewäsch entkräftet das Gehirn derselben und eröffnet seiner Tendenz zur Anomalie neue Schlupfwege. Wie sehr wäre es zu wünschen, das der Arzt immer um den Kranken seyn könnte und hinlängliche Gehülfen hätte, die mit ihm in ein Ganzes harmonisch zusammenfassten. §. 18. Der erste Angriff auf Geisteszerrüttete muss wahrscheinlich der seyn, sie vorzubereiten, dass in der Folge mit Vortheil psy- chisch auf sie gewirkt werden könne . Es ist hier, wie bey moralischen Gebrechen, mei- stens eine geringe Kunst, abstrakte Hülfen für abstrakte Uebel anzugeben. Manche Geisteszer- rüttungen, die auf Chimären und vorgefasste Urtheile beruhn, würden auf der Stelle geheilt seyn, wenn der Kranke unsern Vorschlägen Ge- hör leistete, sich zerstreute, seine Grillen bey Seite setzte und ihren Ungrund ernstlich prüfte. Allein eben dann, wenn er dies wollte und könnte, würden seine Irrthümer keine Seelenkrankheiten seyn. Er ist entweder nicht zu überzeugen, dass er wirklich leide, oder doch unvermögend, sich durch Mittel zu helfen, die gesunden Menschen in ähnlichen Fällen zur Seite stehn. Der Starr- süchtige ist taub für alles, was mit seiner fixen Idee nicht zusammenhängt; der Flatterhafte kann an kein Mittel gehalten werden, das ihn retten könnte. Es wird sogar dem gesunden Menschen oft schwer, seinen Geist durch die Macht des Vorsatzes zu halten, Furcht, Traurigkeit und ungegründetes Misstrauen durch Vernunftgründe zu bekämpfen, die üppige Phantasie von ihren habituellen Zügen abzuleiten und in ihre Grenzen zurückzuweisen. Wie unendlich schwerer muss dies Kranken seyn, denen entweder aller Vorsatz sich zu helfen fehlt, oder welche nicht einmal überzeugt werden können, dass sie krank sind. Diese muss man durch Zwang nöthigen, sich einer Cur zu unterwerfen, wie man Kinder zum Ein- nehmen der Arzneien zwingt. Eben dies, die allgemeinen Regeln der Individualität anzupassen und den Curplan mit den mannichfaltigsten Ver- hältnissen des bedingten Falls in eine solche Ver- knüpfung zu stellen, dass sein Zweck erreicht wird, erfordert einen Scharfsinn und eine Fertig- keit, durch welche das Genie von dem Kunstpro- dukte und der praktische Arzt von dem theoreti- schen sich unterscheidet. Die Vorbereitung zur psychischen Cur muss durchgehends auch durch psychische Mittel ver- anstaltet werden. Durch sie beabsichtigen wir einen doppelten Zweck. Theils soll sie die Besonnenheit des Kranken wecken , theils denselben zum Gehorsam nöthi- gen . Beides erreichen wir, mit geringen Modi- fikationen, meistens durch einerley Mittel und auf dem nemlichen Wege. Durch starke und schmerzhafte Eindrücke erzwingen wir des Kran- ken Aufmerksamkeit, gewöhnen ihn an unbe- dingten Gehorsam und prägen seinem Herzen das Gefühl der Nothwendigkeit unauslöschlich ein. Der Wille seiner Vorgesetzten muss ein so festes und unabänderliches Gesetz für ihn seyn, dass es ihm eben so wenig einfällt, sich demselben zu widersetzen, als wider die Elemente zu kämpfen. Die Vortheile dieser Vorbereitung zur Erreichung des Zwecks der Cur sind ausnehmend gross. Durch Gehorsam und wiedergeweckte Besonnen- heit muss der Kranke erst empfänglich für alle künftige Operationen gemacht werden. Sie sind also gleichsam die Grundlage des gesammten Heil- geschäffts. Die Mittel zur Erreichung beider Zwecke, Besonnenheit zu wecken und Gehorsam zu er- zwingen, richten sich nach der Individualität des Kranken, dem Grad und der Art seiner Krank- heit nach seiner Erziehung, seinen Gefühlen, kurz nach seinen sämmtlichen inneren Bestimmungen. Jeder Kranke ist ein Subject eigner Art, das wie jedes Kind nach seiner Weise gezogen seyn will. Unbedingte Regeln giebt es daher auch hier, wie überall nicht. Der Arzt muss sie mit Hülfe seiner praktischen Fertigkeit dem individuellen Fall an- passen. Der rohe Naturmensch und der an Druck gewöhnte Sklave kann durch eine harte, der Mann von Bildung und Ehrgefühl durch eine sanftere Behandlung zum Gehorsam gebracht; der gebeugte Menschenhasser durch Güte und Nachgiebigkeit, der trotzige Wüthrig durch Ernst und unnachlässige Strenge gewonnen werden. Im Anfang führen meistens Mittel, die Furcht ma- chen, am schnellsten zum Ziel. Selbst solche Kranke, die durch Güte gezogen werden müssen, fodern in dieser Periode eine ernsthafte Behand- lung, um ihnen Achtung für ihre Vorgesetzte einzuflössen. Sie ähneln den Kindern, die es versuchen, ihren Willen durchzusetzen, aber bald einlenken, wenn ihrem Vorsatze ein schmerz- haftes Hinderniss in den Weg gestellt wird. Ich will einen Kranken setzen, der in einem hohen Grade faselt oder kataleptisch und unver- wandt auf einen Gegenstand hinstarrt und daher der Besonnenheit und alles Bewusstseyns äusserer Nothwendigkeit beraubt ist. Denselben will ich von dieser äussersten Grenze durch alle Stufen der wiederkehrenden Vernunft bis zum ungebundenen Gebrauch derselben aufwärts führen und für jede Periode die Mittel anzeigen, die derselben ange- messen messen zu seyn scheinen. Man verzeihe es mir, wenn ich in der Erfindung der Mittel für diesen hypothetischen Fall der Phantasie freien Lauf lasse. Das aufgestellte Gemählde soll eine blosse Idee seyn, wie ohngefähr gehandelt werden könnte, die in der Wirklichkeit unendlicher Variationen fähig ist. Um den Kranken zu unterjochen muss man ihm zuförderst jede Stütze rauben, damit er sich durchaus hülflos fühle. Man entferne ihn von seinen Verwandten, dem Gesinde, das ihm ge- horchen muss, von seinem Hause und aus seiner Vaterstadt; bringe ihn in ein Tollhaus, in wel- chem ihm weder das Lokal noch die Menschen bekannt sind. Dies spannt seine Erwartung, und um desto mehr, wenn seine Einführung in dasselbe mit feierlichen und schauderhaften Scenen ver- knüpft ist. Er hört bey seiner Annäherung Trommelschlag, Kanonendonner, fährt über Brücken, die in Ketten liegen, Mohren empfan- gen ihn. Ein Eintritt unter so ominösen Vorbe- deutungen kann auf der Stelle jeden Vorsatz zur Widerspenstigkeit vernichten. In der Absicht hat man es auch bereits wirklich vorgeschlagen, die Kranken bey Nacht, oder in verdeckten Wagen, und durch Umwege in die Irrenanstalt zu fahren, um sie dadurch zu täuschen, als würden sie in ferne Gegenden fortgeschafft. Man bringt sie in ein Tollhaus, das sie als Gesunde nie gesehen haben, und schneidet ihnen in demselben alle Ver- P bindung mit ihren Bekannten ab. Schon deswe- gen sollte man es nicht verstatten, dass auch die Tollhäuser der Neugierde zum Tummelplatz und dem Müssiggang zum Zeitvertreib dienen müssen. Die Officianten könnten eine unbekannte und sonore Sprache reden. Der Kranke glaubt dann, unter fremde Nationen gerathen zu seyn. Dies macht ihn muthloser. Er wird die Blössen der- selben nicht so leicht gewahr, die er zu entdecken meistens noch schlau genug ist, und vermuthet hin- ter unverständlichen Tönen mehr Weisheit, als sie wirklich andeuten. Daher, sagt Willis , wer- den Fremde, die auch nicht einmal die Sprache des Tollhauses verstehn, unter gleichen Umstän- den leichter geheilt als Einländer, weil sie voll- kommner isolirt sind. Ferner kommt sehr viel auf Körperbau, Gang, Geberden, Stimme und auf den festen und durchdringenden Blick der Vorgesetzten an. Des D. Willis Miene soll gewöhnlich freundlich und leutseelig seyn, aber sich augenblicklich verändern, wenn er einen Kranken zum erstenmale ansichtig wird. Er ge- bietet demselben Ehrfurcht durch sein Ansehn und fasst ihn scharf ins Auge, als könnte er alle Ge- heimnisse aus dem Herzen desselben ans Tageslicht hervorlocken. So gewinnt er augenblicklich eine Herrschaft über den Kranken, die er hernach mit Vortheil zu seiner Heilung gebraucht. In der Folge lenkt er ein, vertauscht seinen Ernst mit Leutseeligkeit, die Strenge mit Güte und zieht dadurch den Kranken wieder an sich, den er zu- vor gleichsam von sich abstiess. In der Regel müssen wir, wenigstens im An- fang, kurz befehlen und auf eine augenblickliche und pünktliche Befolgung des Befehls dringen. Raisonnements und Ueberredungen durch Gründe sind zweckwidrig. Man befiehlt bloss das, was man bey Widerspenstigkeit durch Gewalt erzwin- gen kann oder verpönt die Befehle und vollzieht dann die Strafe richtig, wenn sie nicht befolgt werden. Andere Dinge, die zu erzwingen nicht in unserer Gewalt stehn, müssen entweder gar nicht oder nur bittweise verlangt werden. Ist es dem Verrückten einmal gelungen, unseren Befeh- len auszuweichen; so macht dies ihn kühn zu neuen Versuchen und hartnäckig für die Folge. In der Erziehung der Kinder befolgen wir die nemlichen Maximen. Pargeter l. c. 41 S. wurde zu einem wahnsinnigen Jüngling gerufen, der mit den Kleidern im Bette lag und sich nicht ausziehen liess. Er ging allein zu ihn, setzte sich in seiner Nähe und sah die Gelegenheit ab, ihn fest ins Auge zu fassen. Nun gab er ein verabredetes Zeichen mit dem Fuss. Zwey Weiber traten her- ein, die Befehl zum Ausziehen bekamen und es ohne Widerrede verrichteten. Einige Kranke haben von dem exaltirten Zu- stand ihrer Kräfte ein so lebhaftes Gefühl, dass P 2 sie des Wahns leben, als könne ihnen nichts widerstehn. Diese überzeugt man vom Gegen- theil. Man ergreift sie mit hinlänglicher Kraft, ohne Rücksicht auf ihr Widerstreben, taucht sie in kaltes Wasser, oder stürzt sie in einen reissen- den Strom. Andere zarte und furchtsame Sub- jekte können durch ein rauhes Anfahren, durch Drohungen oder durch den blossen Anblick einer schauderhaften Scene zum Gehorsam gebracht werden. Ein gewisser Monarch wurde wahn- sinnig. Man nahm ihm allen eitelen Prunk, trennte ihn von seiner Familie und sperrte ihn in einem einsamen Pallast ein. Dann erklärte ihm derjenige, der die Behandlung leitete, dass er kein Souverain mehr, sondern zu gehorchen jetzt an ihm die Reihe sey. Man gab ihm zwey Pagen, die ihn theils bedienen, theils durch ihre Ueber- legenheit an Kräften ihn überzeugen sollten, dass er ganz von ihnen abhänge. Eines Tages empfing er seinen Arzt hart, und sich hatte er mit Koth be- sudelt. Gleich trat einer der Pagen ins Zimmer, ergriff ihn mit drohender Miene um die Mitte des Leibes, warf ihn mit Kraft auf eine Matratze, entkleidete ihn, wusch ihn, zog ihn frisch an, und trat dann wieder auf seinen Posten zurück. Durch dergleichen wiederholte Warnungen wur- de der Kranke bald folgsam, unterwarf sich der Cur und genas durch dieselbe bald völlig Pinel l. c. 205 S. . Den gefesselten Kranken soll man durch Ein- drücke, die auf das Gefühl und die Sinne wirken, den, der noch einigen Gebrauch des Verstandes hat, durch moralische Mittel zum Gehorsam nöthigen. Die sinnlichen Eindrücke müssen bloss rührend, z. B. donnernde Töne seyn, wenn der Kranke sinnlos ist; sie müssen schmerzhaft seyn, wenn er Energie und Widerstand äussert; sie müssen endlich in der Form von Strafen ange- wandt werden, wenn er hartnäckig und boshaft ist. Bey Narren, sagt Lichtenberg , helfen die Stockschläge oft mehr als alle andere Mittel. Durch sie wird die Seele genöthiget, sich wieder an diejenige Welt anzuschliessen, aus der die Prügel kommen. Oft ist es schon genug, zu drohen oder der Phantasie Bilder vorzuhalten, die schrecken. In solchen Fällen, sagt Langer- mann , soll man nach Wintringham ’s Samml. auserl. Abhandl. für pr. Aerzte. 8 B. 282 S. Rath, die Drohungen nicht geradezu an die Kranken richten, sondern sie lieber mit den Umstehenden verabreden. Sie hören doch darauf, argwöhnen keine leere Drohung und thun was man wünscht. Langermann d. c. 62 S. hatte eine unfolgsame und rasende Kranke, die keine Arzney nehmen wollte. Er wandte sich an die Umstehenden, erklärte de- nen, dass er genöthiget sey, die Marter des glühenden Eisens an der Kranken zu versuchen, da gelindere Mittel nichts mehr fruchteten. Er befahl dem Wärter, das Eisen ins Feuer zu legen und ihn zu rufen, wenn sie sich abermals wider- setzen sollte. Sie hatte dies still mit angehört und verweigerte nicht weiter den Gehorsam. Eine andere eitle, stolze und eifersüchtige Närrin folgte in keinem Stücke dem Arzt, tyrannisirte alle Hausgenossen, legte sich nicht zu Bette, sondern tobte des Nachts überall im Hause herum. Lan- germann liess ihr die demüthigende Wahl, ent- weder zu gehorchen, oder sich in eine entfernte Irrenanstalt führen zu lassen. Dann befahl er ihr, gleich ihren koketten Anzug wegzuthun, sich am Abend ins Bette zu legen und wenigstens ruhig zu liegen, wenn sie auch nicht schlafen könne. Dies, sagte er ihr, solle die erste Probe seyn, die sie im Gehorsam zu bestehen hätte. Beides geschah. Endlich müssen oft die Mittel, den Kranken zum Gehorsam zu bringen, nach den Umständen inprovisirt werden. Das Glück, mit welchem dies geschieht, hängt von dem Genie des Künstlers ab. Einige Proben der Art gebe ich als Beispiele. Pussins Frau kam einst zum Zank dreier Ver- rückten, die sich sämmtlich für Ludwig den XVIten hielten und sich über Rechte zum König- thum stritten. Sie nahm einen derselben bey Seite, und fragte ihn in einem ernsthaften Tone, wie er sich mit Menschen streiten könne, die nicht klug wären. Es sey ja bekannt genug, dass er Lud- wig der XVIte sey. Diese Schmeicheley bewog ihn, die andern mit Verachtung zu verlassen, und der Streit hatte ein Ende. Ein anderes mal wur- de ein junger Mensch, der mehrere Monate ruhig gewesen war, plötzlich von einem Anfall seiner Raserey befallen. Er schlich sich in die Küche, nahm das Hackemesser, sprang auf einen Tisch, und drohete jedem den Kopf einzuschlagen, der sich ihm nähern würde. Die Pussin nahm auf der Stelle folgende Wendung: sie schalt ihre Leute, dass sie den Kranken hinderten, mit ihr zu arbei- ten, redete ihm sanft zu, zu ihr zu kommen, und zeigte ihm, wie er sein Instrument gebrauchen müsste. In diesem Augenblick griffen die An- wesenden zu, entwaffneten ihn, und brachten ihn in Verwahrung Pinel l. c. 101 S. . Ein wahnsinniger Soldat in Bicetre wurde wild, weil man ihn nicht, wie es ihm träumte, zur Armee zurückgehen lassen wollte. Er zerriss alles und musste in Banden gelegt wer- den. Man liess ihn acht Tage lang in dieser Lage seine Wuth ausschnauben. Nun kehrte er in sich und sahe ein, dass er zu ohnmächtig sey, seinem Eigensinn zu folgen. Eines Morgens, als der Vorsteher die Runde machte, bat er denselben in einem demüthigen Ton, ihn loszulassen, wenn er ruhig seyn würde. Dies geschah und der Kranke genas Pinel l. c. 63 S. . Ein anderer wollte keine Nahrungs- mittel zu sich nehmen. Herr Pussin näherte sich ihm des Abends in einem schreckenden Auf- zug, von seinen Dienstleuten begleitet, die mit Ketten klirrten, liess ihm eine Suppe vorsetzen, und sagte ihm mit feurigen Augen und einer don- nernden Stimme, dass wenn er sie in der bevor- stehenden Nacht nicht würde verzehrt haben, am andern Tage die grausamsten Martern seiner war- teten. Der Kranke ass nach einem innern Kampf von mehreren Stunden, bekam Schlaf und Kräfte und genas von seinem Wahnsinn. In der Reconvalescenz gestand er die Unruhe und Angst, in welcher er diese Probenacht zugebracht hatte. Sobald der Kranke gehorsam ist, muss jeder Zwang aufhören. Er würde nun zwecklos seyn, Widerspenstigkeit, Hass, Rachsucht und andere gehässige Leidenschaften erregen, zu welchen Wahnsinnige an sich schon geneigt sind. Man geht jetzt allmälig zu dem entgegengesetzten Be- tragen über, handelt offen und freundschaftlich, und belohnt das Wohlverhalten des Kranken durch Dinge, die ihm angenehm sind. Ausserdem, dass man durch den erzwunge- nen Gehorsam gleichsam den Grund zur gesamm- ten Cur legt, gewinnt man durch ihn noch einen anderen bedeutenden Vortheil. Man ist jetzt nemlich in Stande, die Handlungen des Kranken in ein System von Regelmä- ssigkeit zu bringen . Er wird angehalten, zu bestimmten Zeiten zu schlafen, aufzustehen, sich zu reinigen, zu kleiden und zu arbeiten. Es scheint zwar, als könne bey einer Verkehrtheit der Seelenkräfte keine Regelmässigkeit der Hand- lungen zu Stande kommen. Allein dies ist blosser Schein. Denn sie sind nicht unbedingt abhängig von den eigenmächtigen Entschlüssen der Seele, sondern können durch Zwangsmittel gleichsam ausser Verbindung mit dem eignen Willen gesetzt werden. In der Folge wird die ursprünglich er- zwungene Ordnung durch Gewohnheit zur me- chanischen Fertigkeit. Der Verstand ist verkehrt; das Handlen regelmässig. Zum Behuf dieses Zwecks muss man, nachdem vorher der Kranke unterjocht ist, streng auf die gegebenen Vorschrif- ten halten, und nie, selbst in den unbedeutendsten Kleinigkeiten, eine Ausnahme verstatten. Im Spital muss Regel, Reinlichkeit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit herrschen. Dies Vorbild wirkt auf den Kranken und macht es ihm leicht, sich an die nemliche Ordnung zu gewöhnen, die er überall um sich verbreitet sieht. Und welche Vortheile gewinnen wir dadurch? In der That keine geringen. Der Kranke bleibt gesund, sein Gehorsam wird zur Gewohnheit; die Wärter können ihn leichter pflegen und die Ordnung des Spitals erhalten. Sollte man ihn endlich als un- heilbar an die Aufbewahrungsanstalt abgeben müssen: so ist er für dieselbe vortrefflich vorberei- tet. Denn kein Anblick ist empörender als die chaotische Verwirrung, in welcher die Kranken in den meisten Tollhäusern durch einander schwir- ren. Man hat genug daran, um nach nichts weiter fragen zu dürfen. Doch hiervon künftig einmal bey einer anderen Gelegenheit. Diese Mittel, durch welche wir Gehorsam erzwingen, wirken zugleich auch auf das Selbst- bewusstseyn, die Besonnenheit und Aufmerksam- keit des Kranken. Aus Furcht beachtet er die Wiederkehr der Dinge, die ihn einmal zur Furcht brachten. Allein wenn er bereits zum Gehorsam gebracht ist, so versuchen wir es durch eigene Mittel, ihn auf dem Wege der Besonnenheit wei- ter zu fördern. Diese Mittel zur Weckung der Aufmerksamkeit, deren absolutes Vermögen wir nach einer allgemeinen Idee aufgefasst haben, müssen ebenfalls der Empfänglichkeit des in An- frage stehenden Individuums entsprechen, mit sei- ner Seelen-Kultur überhaupt, dem Verhältniss der Sinnlichkeit zu den Verstandeskräften, den hervorstehenden Neigungen desselben und mit der Natur seiner Verrücktheit in ein richtiges Gleich- gewicht gesetzt seyn. In der Regel divergirt die Aufmerksamkeit nur in zwey Richtungen, als Vertiefung im fixen Wahnsinn, und als Flatterhaftigkeit in der Narrheit. Ihre Verhältnisse zum Blödsinn und zur Raserey werde ich unten noch besonders angeben. Beide Anomalieen werden durch einer- ley Mittel behandelt, die nemlich Eindruck machen. Eindrücke fixiren den Flatterhaften und locken den Fixirten von dem Gegenstand ab, auf welchen er hinstarrt. Die Eindrücke müssen in der Regel anfänglich aufs Gefühl wirken, weil dies Körper und Seele am innigsten verwebt und das meiste Interesse für den Menschen hat. Sie müssen ge- rade so stark seyn, dass sie den Kranken nöthigen, das durch sie erregte Gefühl und dessen Objekte zu beachten. Dadurch können wir die Seele eine Zeit lang auf eine neue Art beschäfftigen, und in ihr Ideenreihen erregen, die ganz ausser der Sphäre der Verrücktheit liegen. Und damit ist in der That schon viel gewonnen. Indem die zu reizbaren Hirnfasern zur Ruhe gebracht, die trä- gen erregt werden, kehrt die normale Proportion in der Dynamik des Seelenorgans zurück und der hervorstechende Wahn schwindet. Ist der Kranke beides, gehorsam und aufmerksam, so ist die Bahn gebrochen, zur Uebung der einzelnen Kräfte der Seele und ihrer höheren Vermögen. Einige der Mittel, die wir Behufs der Weckung der Besonnenheit und Aufmerksamkeit anwenden, sind unschädlich, z. B. angenehme Gefühle, gleich- gültige Sinnesanschauungen, Arbeiten, Beschäff- tigungen der Seele und des Körpers, aber in hartnäckigen Fällen nicht zureichend. Dann wählt man stärkere; die aber eben deswegen auch schaden können, und daher mit Vorsicht und nur am rechten Ort angewandt werden dürfen. Wenn der Kranke auf den äussersten Grad sinnlos ist, so müssen erst einige rohe Züge durchs Nervensystem gewagt werden. Er werde durch körperliche Gefühle, starke Sinneseindrücke und durch erschütternde Stösse auf die Phantasie gleich- sam aus seinem Taumel geweckt. Man ziehe ihn mit einem Flaschenzug an ein hohes Gewölbe auf, dass er wie Absalom zwischen Himmel und Erde schwebt, löse Kanonen neben ihn, nahe sich ihm, unter schreckenden Anstalten, mit glühenden Eisen, stürze ihn in reisende Ströme, gebe ihn scheinbar wilden Thieren, den Neckereien der Popanze und Unholde Preis, oder lasse ihn auf feuerspeienden Drachen durch die Lüfte seegeln Si vero consilium insanientem fallit, tormentis quibusdam optime curatur. Ubi perperam ali- quid dixit aut fecit; fame, vinculis, plagis coer- cendus est. Cogendus est et attendere et edis- cere aliquid et meminisse. Sic enim siet, ut paulatim metu cogatur considerare, quid faciat. Subito etiam terreri et expavescere in hoc mor- bo prodest; et fere, quidquid animum vehemen- ter perturbat. Potest enim quaedam fierimutatio, cum ab eo statu mens, in quo fuerat, abducta est. Celsus L. II. c. 18. . Bald kann eine unterirdische Gruft, die alles Schreckende enthält, was je das Reich des Höl- lengottes sah, bald ein magischer Tempel ange- zeigt seyn, in welchen unter einer feierlichen Musik die Zauberkraft einer reizenden Hulda eine prachtvolle Erscheinung nach der andern aus dem Nichts hervorruft. Diese und andere starke Reizmittel des Gefühls, der Sinne und der Phantasie werden den Kranken zum Aufmerken nöthigen, wenn er nicht ganz gefesselt ist. Bey diesem ganzen Vorgang betrachten wir ihn zur Zeit als blossen passiven Zuschauer . Der erste Schritt ist gethan; wir rücken einen weiter vorwärts. Wir wählen andere Reiz- mittel, die immer noch so stark seyn müssen, dass sie den Kranken nicht in seine Unbesonnen- heit zurück fallen lassen, aber dabey ihn zur eignen Thätigkeit nöthigen . Er darf jetzt nicht mehr blosser passiver Zuschauer blei- ben, sondern muss handelndes Subject werden. Dadurch wird nicht allein die äussere sondern auch die innere Besonnenheit und das Selbstbewusstseyn geweckt. Die Mittel dazu sind theils der Art, dass sie ohne Leidenschaft, theils der Art, dass sie durch erregte heftige Leiden- schaften zur Thätigkeit treiben. Die letzten Mittel passen nur für Kranke, die durch gelindere nicht zu halten sind, können empfindlichen Per- sonen schaden und müssen daher anfangs in geringen Gaben und mit Behutsamkeit angewandt werden. Man trifft eine Veranstaltung, die den Kranken nöthiget mit scheinbaren Gefah- ren zu kämpfen . Dies beschäfftigt seine Einbildungskraft, erregt seine Leidenschaften, nöthigt seinen Verstand, Mittel zur Rettung für sich zu erfinden und dieselben zweckmässig aus- zuführen. Ich werde bloss einige Phantasieen hinwerfen, die dem praktischen Arzt als Regula- tiv zur Erfindung ähnlicher Mittel in concreten Fällen dienen mögen. Man bringe den Kranken in ein geschlossenes Terrain, wo dem Auge die Uebersicht des Ganzen überall durch Hecken und Irrgänge verrennt ist. In demselben droht jede Partie Gefahr. Hier fällt eine Traufe auf ihn; er sucht zu entrinnen, aber umsonst, verborgene Sprützen verfolgen ihn mit Wassergüssen. In der Nähe verspricht ein anmuthiges Plätzchen Ruhe und Schutz; er sucht es zu gewinnen, aber ein scheinbar reissendes Thier empfängt ihn, das ihn ängstiget, ohne ihm zu schaden. Er bemüht sich über einen Hügel zu entfliehn, von dessen Spitze er wieder herunter rollt, wenn er sie kaum er- reicht hat. An einem anderen Ort sinkt der Grund, er fällt in eine Grube, aus welcher er nur mit Mühe einen Ausgang findet. Kurz alle Punkte des Lokals sind so eingerichtet, dass sie überall scheinbare Gefahren drohen, die gerade den Grad von Stärke haben, der zur Erhaltung der Aufmerksamkeit zureicht. Sie müssen den Kranken weder verwirrt noch muthlos machen, sondern ihm Hoffnung zu Rettung anbieten und durch dieselbe seine Vermögen in Thätigkeit setzen. Sie müssen ihm Ruhepunkte zur Erholung lassen, wenn er ermüdet ist, mit gelinderen wech- seln und in dem Maasse an Intensität des Ein- drucks abnehmen, als die Besonnenheit zuge- nommen hat. Sobald durch jene Lection die Besonnenheit des Kranken abermals um einen Grad gesteigert ist, wählt man zur Weckung seiner Thätigkeit mildere Reize, die durch keinen zweideutigen Schock, weder auf die Phantasie noch auf die Leidenschaften, gefährlich werden können. Er muss zu Uebungen angehalten werden, die augen- blicklich einige Gefahren bey sich führen, sobald die Aufmerksamkeit entweicht. Man stellt ihn an, Wasser aus einer Grube zu plumpen, in wel- cher gerade soviel zufliesst, als er fördern kann. Es steigt ihm an die Kehle, wenn er nicht fleissig ist. Er muss über schmale Stiege gehn, in einem Kahn sich fahren, reiten. Durch alle diese Uebungen, sofern sie nicht ohne Richtung der Aufmerksamkeit auf dieselben möglich sind, wird dem inneren Feinde Abbruch gethan. In der Folge wählt man furchtsame und widerspenstige Pferde; krumme Wege und bergigte Gegenden. Das Reiten nützt zugleich noch durch Zerstreuung und Erschütterung des Unterleibes. Man unter- richtet den Kranken in Künsten, die für ihn er- lernbar sind und wozu er durch Zwang angehalten werden kann. Ich will nur ein Paar Ideen als Beispiele anführen. Das Schwimmen wirkt als Bad, als Bewegung des Körpers; allein ausser- dem hat es den grossen psychischen Nutzen, dass es durch seine Gefahr aufmerksam macht. Man kann sich desselben wider den anfangenden fixen Wahn, wider den Trübsinn und endlich in der Reconvalescenz mit Vortheil bedienen. Eben so würde ein gemeinschaftliches Exercitium der Wahnsinnigen, wie es ihrer Fassung angemessen ist, zu einer bestimmten Stunde des Tages, wahr- scheinlich auf ihre Correction einen heilsamen Einfluss haben. Es beschäfftigt sie, leitet sie ab, erhält sie gesund, stärkt ihren Gehorsam, weckt ihre Besonnenheit, und gewöhnt sie an Regel und Ordnung. Zu dem Ende würden sie in verschie- dene Classen, nach ihren Fähigkeiten, abgetheilt, zum Gehorchen oder zum Befehlen bestimmt und angehalten in dem Maasse schwerere Evolutionen zu erlernen, als ihre Besonnenheit wiederkehrte. Oben S. oben S. 200. habe ich auch schon Uebungen in der Aufmerksamkeit vorgeschlagen, die man durch Objekte erzwingen kann, welche dem äusseren Sinn dargeboten werden und in Rücksicht ihres Zwecks den benannten nahe verwandt sind. Von denselben kann man bey schwächeren Personen und in den Intervallen zwischen heftigeren An- strengungen Gebrauch machen. In allen Irrenhäuser müssen die Kranken zur Arbeit angehalten werden, welches man durch einen leichten Zwang bewerkstelligen kann, wenn sie erst unterjocht sind Illa communia sunt, insanientes vehementer exerceri debere, multa frictione uti. Celsus Lib. III. c. 18. . Dadurch wird die die körperliche Gesundheit, mit derselben frohe Laune und in dem Tollhause Regel und Ordnung erhalten. Allein ausserdem ist die Arbeit noch ein treffliches Mittel den Irrsinn selbst zu heilen. Sie muss gesund, wo möglich in freier Luft und mit Bewegung und Abwechselung verbunden seyn. Das letzte ist wenigstens in Beziehung auf fixes Wahn nothwendig. Sie muss den Kräften des Kranken und seinen Neigungen angemessen seyn, ihn durch ihr Interesse anziehn und ein so leichtes Spiel der Seelenkräfte unterhalten, dass es gerade zureicht, von der fixen Idee abzuleiten und den faselnden Narren anzuheften. Daher sollte in den Irrenhäusern oder in ihrer Nähe für allerhand Arten von Professionen gesorgt seyn, damit jeder Kranke nach seinen Kräften und nach seiner Nei- gung beschäfftiget werden könnte. Wahrschein- lich ist es uns möglich, solche Abstufungen ver- schiedener Arbeiten zu erfinden, dass fast alle Wahnsinnige, ihren Fähigkeiten gemäss, in Thätigkeit gesetzt werden können. Nur muss der engherzige Finanzier uns nicht ins Tollhaus verfolgen, mit nassen Augen jeden Zopf Wolle ansehn, den der Verrückte verdirbt, oder wol gar den steigenden Ertrag der Anstalt zum Maass- stab ihres steigenden Flors setzen wollen. Irren- häuser sind wie die Schauspielhäuser nicht zum Erwerb geeignet. Für beide muss die Masse auf- opfern. Endlich müssen die Arbeiten noch in dem Verhältniss abgeändert werden, als der Kranke Q in der Cur fortschreitet. Anfangs beschäfftiget man bloss den Körper, nachher auch die Seele; man schreitet von Handarbeiten zu Kunstarbeiten, und von da zu Geistesarbeiten fort. Ein Uhr- macher, dessen ich oben schon erwähnt habe, kam durch anhaltendes Nachsinnen über die Er- findung eines Perpetuum mobile um seinen Ver- stand und bildete sich ein, sein Kopf sey ihm ver- tauscht. Man gab ihm Uhrmacher-Werkzeug und Materialien zur Verarbeitung. Dies leitete ihn von seiner fixen Idee ab, und führte ihn wie- der auf seine ursprüngliche Narrheit, ein Perpe- tuum mobile zu erfinden, zurück, von der er nachher auch geheilt wurde Pinel l. c. 71 S. . In einer spani- schen Stadt Saragossa besteht für Kranke und vorzüglich für Wahnsinnige aller Länder und Religionen ein offener Zufluchtsort mit der ein- fachen Inschrift: Urbis et Orbis . Die Stifter derselben suchten nicht bloss durch mechanische Arbeiten, sondern vorzüglich durch das An- lockende des Feldbaues den Verirrungen des Geistes ein Gegenmittel entgegen zu stellen. Am Morgen sieht man, wie einige Kranke die Dienste des Hauses versehn, andere sich in ihre Werkstätte begeben. Die meisten derselben vertheilen sich, mit Frohsinn, in verschiedene Haufen, unter der Leitung verständiger Aufseher ins Feld, das zum Hospital gehört und übernehmen mit einer Art von Wettstreit die Arbeiten, die jeder Jahreszeit angemessen sind. Sie bauen Waizen, Hülsenfrüchte, Kräuter, besorgen die Erndte, das Dreschen, die Wein- und Olivenlese. Davon haben sie den Vortheil, dass sie am Abend, in ihrem glücklichen Asyl, der Ruhe und des Schlafs geniessen, und viele sollen bloss durch diese einfache Einrichtung wieder zur Vernunft gelangen Pinel l. c. 240 S. . In der Nachbarschaft der Stadt York ist eine Irrenanstalt auf die nemlichen Grundsätze gegründet. Alle Kranke müssen, sobald sie dazu hinlänglich vorbereitet sind, arbei- ten. Die Weiber spinnen, die Männer machen Geräthe von Stroh und Weidenruthen. Dann versuchte der Oberaufseher es auch, ein zum Hause gehöriges Feld durch seine Kranken bearbeiten zu lassen, und legte jedem ein seinen Kräften angemessenes Tagewerk auf. Er bemerkte, dass sie an dieser Beschäfftigung Wohlgefallen hatten, und sich nach derselben am Abend besser befan- den, als wenn sie zu Hause geblieben wären. Delarive sah sie arbeiten. Es waren deren zwölfe bis funfzehn an der Zahl, die so vergnügt und zufrieden zu seyn schienen, als es nach ihrem Zustand möglich war Pinel l. c. 406 S. . Diese Idee, Verrückte zum Feldbau anzuwenden, um sie dadurch zu Q 2 heilen, ist nicht neu. D. Gregory Pinel l. c. 407 S. erzählt, dass ein Pächter im nördlichen Schottland sich einen grossen Namen in der Kunst, Narren heilen zu können, erworben habe. Doch verstand er nichts von der Medicin, sondern war ein Mann von gesundem Verstande, brutal, und hatte den Körperbau eines Riesen. Seine Methode bestand darin, dass er die Kranken zum Ackerbau an- hielt. Einige dienten ihm als Domestiken, andere als Lastthiere. Er spannte sie vor die Egge und vor den Pflug, nachdem er sie vorher durch eine Tracht Schläge, mit denen er sie bey der ersten Widerspenstigkeit bediente, zum Gehorsam ge- bracht hatte. Auch in andern Gegenden Schott- lands soll diese Methode, die Irrenden zum Ackerbau anzuhalten, nur auf eine sanftere Art, von den Aerzten mit vielem Glück angewandt werden. Von den körperlichen und mechanischen Arbeiten schreiten wir, in abgemessenen Verhält- nissen mit der Zunahme der Aufmerksamkeit und der Wiederkehr der Vernunft zu Uebungen des Kranken in Kunst- und Geistesarbeiten fort. Ei- nige derselben sind bereits bemerkt, andere sollen noch angezeigt werden. Diese Uebungen be- ziehn sich mehr oder weniger auf einzelne Seelenvermögen und dienen daher zu- gleich zur besonderen Cultur dersel- ben. Der Seelenvermögen werde ich unten noch einmal in einer anderen Rücksicht erwäh- nen. Hier spreche ich von ihren Uebungen Behufs ihrer Cultur überhaupt; dort erwähne ich ihrer, sofern ihre Anomalieen entfernte Ursache des Wahnsinns sind, und zeige die Mittel an, durch welche ihren Gebrechen in dieser Be- ziehung begegnet werden muss. Uebrigens dür- fen wir uns die einzelnen Seelenvermögen nicht als abgesonderte Grössen denken. Uebungen des einen Vermögens fliessen auf das andere ein; Uebungen der Aufmerksamkeit erregen zugleich die Einbildungskraft. Ich erwähne der Aufmerksamkeit , von der bis jetzt im Allgemeinen die Rede war, hier noch besonders, weil ihr Zustand einen so bedeutenden Einfluss auf das Heilgeschäfft im Wahnsinn hat. Zur Uebung dieses Seelenver- mögens wähle man anfangs einzelne Gegenstände, diese von einfacher Art. Die Mannichfaltigkeit verwirrt den Kranken; seine schwachen Kräfte reichen nicht zu, dieselbe zu beachten. Doch wechsle man mit den Objekten, damit das Einer- ley ihm nicht gleichgültig werde. Beschäfftigun- gen durch Baukasten, Zusammensetzungen zer- schnittener Landschaften, Uebungen der Sinne durch Vorhaltung einer Folge von Objekten sind schon bemerket. Man halte ihn zum Schwimmen, Tanzen, Balanciren, Exerciren, Voltigiren, zum Ringwerfen, Strickspringen und zu anderen gym- nastischen Uebungen an. Sie stärken bei- des, die Kräfte der Seele und des Körpers. In der That verdiente dieser Gegenstand einer eignen Beherzigung. Eine Gymnastik für Wahnsinnige, die nach ihren Bedürfnissen besonders eingerichtet wäre, würde wahrscheinlich viel Gutes stiften. Schade dass sie hier, wie in der Erziehung der Kinder, so wenig benutzt wird Vortreffliche hier zu benutzende Ideen s. Guts- muths Gymnastik für die Jugend, Schnepfen- thal 1793. Ejusdem Spiele zur Uebung und Erholung für die Jugend, Schnepfenthal 1796. Vieth über den nemlichen Gegenstand. . Man unterrichte den Kranken im Mahlen, Zeichnen, Singen, in der Musik und in anderen Kunstfertigkeiten, zu welchen er Anlage hat. Besonders würde ein Concert die Aufmerksamkeit auf einem Punkt zu- sammenhalten. Hier mag noch eine Idee ihren Platz finden. Könnten nicht eigne Schauspiele fürs Tollhaus angefertigt werden? Die Besonnen- sten führten sie auf, die übrigen sähen sie an. Zuverlässig erfordert dies Spiel die pünktlichste Aufmerksamkeit. Dann könnte man durch die Vertheilung der Rollen noch andere Vortheile er- reichen; jeden Narren seine eignen Thorheiten lächerlich machen lassen. Man lässt die Kranken abschreiben, rechnen, auswendig lernen, Cor- recturen lesen. Sie müssen anfangs mechanisch, in der Folge mit Ausdruck vorlesen und zuletzt über den Inhalt dessen, was sie gelesen haben, aus dem Gedächtniss referiren. In Gespächen halte man sie an, immer bestimmt zu antworten. Man veranlasse sie, irgend etwas selbst vorzutragen, Scenen ihres vorigen Lebens bloss geschichtlich oder pragmatisch zu erzählen. In der Folge müssen sie verwickeltere Proben der Aufmerksam- keit bestehn, Bestellungen ausrichten, im Ge- wühle abstrahiren. Man nöthige sie, in ein Tagebuch alle Vorfälle einzutragen, die ihnen begegnen und veranstalte nun heimliche Ereignisse, um sie auf die Probe zu stellen, ob dieselben von ihnen beobachtet sind. Alle diese und andere Uebungen der Aufmerksamkeit und Besonnenheit müssen den Kräften des Kranken angemessen seyn, ihn nicht ermüden, Veränderungen haben und mit Pflege des Körpers, Bädern, Bewegungen, Salbungen u. s. w. abwechseln — et vocis exercitium, quod cuique convenerit. Num literalis enim lectio adhibenda est, quae sit aliqua falsitate culpata, quo interius mentem exerceant aegrotantes. Quapropter interroga- tionibus-quoque erunt fatigandi, ut nunc menda- cii causa, nunc promendi quod quaerimus exer- ceri videantur: tum sibi dimittendi, data lectione, quae non sit intellectu difficilis, ne plurimo la- bore vexentur. Hae enim, si supra vires fuerint, non minus afficiunt quam corporis immodicae gestationes. Item post lectionem aliqua compo- sita vel mimica sunt offerenda, si moestitudine furentes laborent, aut rursum tristitiam vel tra- gicum timorem habentia, si puerili lusu furentes afficiantur. Oportet enim contrarietate quadam . Mit den Uebungen in der äusseren Beson- nenheit steht die Erregung der Thätigkeit des inneren Sinns in einer engen Verbindung. Ist der Kranke erst gewöhnt, die Eindrücke der Welt richtig aufzufassen, so haben wir ihn da- alienationis corrigere qualitatem, quo animi quo- que habitus sanitatis mediocritatem agnoscat. Tunc proficiente curatione erunt pro possibilitate meditationes adhibendae, vel disputationes: sed tunc quoque similiter ordinatae, ut principia levi voce promantur: narratio vero et demonstra- tiones extenta atque majora: tum epilogus di- missa et indulgenti, sicut ii volunt, qui de exer- cenda voce, quam Graeci ἀναφώνησιν vocant, tradiderunt. Adhibendi denique auditores sunt aegrotanti consueti, qui favore quodam aut laude dicta prosequentes dicentis animum laxant. Et- enim jucunda exercitamenta corporis adjuvant sanitatem. Tunc post meditationem vel disputa- tionem deducendus mox est atque perungendus leviter aegrotans, et deambulatione levi moven- dus. Ei autem, qui literas nescit, immittendae quaestiones erunt, quae sint ejus artis propriae, ut rustico rusticationis, gubernatori navigationis: ac si ex omni parte iners fuerit curandus, erunt vulgaria quaedam quaestionibus tradenda, vel calculorum ludus. Habet enim quiddam quod animum exerceat, et magis si peritior aegrotanti colludat. — Et, si quidem philosophorum dis- pütationes audire voluerit, erunt adhibendae. Etenim timorem, vel moestitudinem, aut iracun- diam suis amputant dictis, ex quibus non parvus profectus corpori commodatur. — Utendum etiam peregrinatione terrena atque maritima, et durch vorbereitet, sich als das Subject seiner Ansohauungen und Gefühle zu beachten. Anfangs üben wir sein Selbstbewusstseyn durch convulsivi- sche Erschütterungen, durch heftige Gefühle, im- ponirende Sinnesanschauungen, und durch kraft- volle Stösse auf die Phantasie, die ihn nöthigen, auf diese Vorgänge in sich, also auf sich zu reflek- tiren. Dann veranlassen wir ihn zu feineren Uebungen. Er muss seine inneren Regungen be- obachten, sie vortragen, in seinen Anschauungen sein Subject von den Objekten trennen. Das normale Bewusstseyn der Persönlichkeit ist vorzüg- lich im Wahnsinn angegriffen. Meistens kehrt es am spätsten zurück und bestätigt daher durch seine Wiederkehr die vollkommne Heilung der Ver- rücktheit. Die Kranken können lange schon ver- nünftig reden und handeln, äussern aber keine Betrübniss über ihren vergangenen Zustand und sind solange sich aller Verhältniss ihres Ichs nicht vollkommen bewusst. Auf die Einbildungskraft beziehn sich viele der bereits oben benannten Mittel, die sie animi avocamentis, quibus mentis laxatio fiat. Caelius Aurelianus ; artis med. princ. T. XI. p. 82. Interdum etiam elicienda ipsius in- tentio: ut fit in hominibus studiosis literarum, quibus liber legitur, aut recte, si delectantur; aut perperam, si id ipsum eos offendit. Emen- dando enim advertere animum incipiunt. Quin etiam recitare, si qua meminerunt, cogendi sunt. Celsus L. II. c. 18. erwecken, anstrengen, ihre Flucht anhalten, sie beweglich machen, wenn sie starrsüchtig ist, und ihren habituellen Gängen eine andere Richtung mittheilen. Anfangs muss der Kranke durch Zwangsmittel , durch Arbeit und Beschäffti- gung, durch erregte Gefühle und Sinneseindrücke, die in sein Interesse eingreifen, zu ihrer Uebung angehalten werden. In der Folge erst, wenn der Vernunftgebrauch wiederkehrt, kann er eigen- mächtig , und dann mit weit mehrerem Nach- druck, zu ihrer Cultur mitwirken. Vortreffliche Anweisungen dazu hat Diaetophilus Geschichte einer siebenjährigen Epilepsie u. s. w. 2. Theil. 368-378 S. ge- geben. Uebungen des Gefühlsvermögens , be- sonders in Beziehung auf die edleren Gefühle, an welchen bald die Einbildungskraft, bald der Ver- stand mehr Antheil hat, setzen zuförderst eine genaue Kenntniss der Seelenstimmung des Kran- ken und der mit seiner Zerrüttung in Verbindung stehenden Triebe und Leidenschaften voraus. Wir fördern seine Absichten und Zwecke, nach ihrem mannichfaltigen Inhalt, oder thun das Gegen- theil; rufen Dinge herbey, die er begehrt, ent- fernen andere, die er verabscheut. Wir stellen Hindernisse seinen Wünschen entgegen, die gerade so gross sind, dass er sie nach seiner Meinung beseitigen kann. Dies reizt ihn zur Thätigkeit; die Erreichung des Zwecks macht ihm Vergnügen. Durch Erinnerungen an seine Vollkommenheiten, an seinen Verstand, seine Schönheit und Gelehr- samkeit, an Aussenverhältnisse, die seinen Nei- gungen entsprechen, werden angenehme; durch das Gegentheil unangenehme Gefühle geweckt. Auch das Ehrgefühl des Kranken kann auf verschiedne Art geübt werden. Man bemerkt ihn nicht, behandelt ihn gleichgültig und verach- tet ihn, wenn er sich unartig beträgt; zieht ihn den andern vor, wenn er gut handelt. In einem Narrenhause, sagt Erhard Wagner’s Beiträge etc. 1. Bd. 137 S. wurden die Un- reinlichen an eine Säule gestellt. Dies wirkte; sie fürchteten sich sehr vor dieser Schmach. Wir halten dem Kranken Muster grosser Tugenden vor, aus der alten und neuen Geschichte, machen ihn aufmerksam auf Abschnitte seines eignen Lebens, wo er vernünftig war, bringen ihn mit Menschen zusammen, die seine guten Handlungen loben, seine Narrenstreiche verachten. Andere, die noch viel moralisches Gefühl für Gutes und Böses haben, müssen mit Schonung und Weisheit behandelt, und für die Ansicht solcher Handlun- gen gehütet werden, die sie für unsittlich halten. Dies ist besonders in Beziehung auf Religions- schwärmer wichtig. Uebungen des Verstandes werden der Fassungskraft des Kranken gemäss eingerichtet. Er muss anfangs leichte Versuche im Bilden der Begriffe, Urtheile und Schlüsse machen, Vor- stellungen in ihre Theile auflösen, diese unter sich und mit andern vergleichen, gleichartige Merk- male absondern und sie zu neuen Begriffen zu- sammenfassen. Allmälig schreitet man zu schwe- reren Aufgaben. Anfangs wird der Verstand in Beziehung auf Gegenstände geübt, die gleichgül- tig sind; in der Folge müssen seine besondern Schwächen aufgesucht, Vorurtheile bekämpft, falsche Begriffe von Ehre, Habe, Liebe, Reli- gion u. s. w. berichtiget werden, die mit der ob- waltenden Verrücktheit in Verbindung stehn. Zuletzt muss der Kranke zur Selbstthätigkeit in der Cultur seines Verstandes angereizt werden, das Verhältniss seiner Seelenkräfte ausspähn und diejenigen anbaun, die am meisten zurück sind. Hier hat der Psychologe des Tollhauses abermals ein weites Feld vor sich, das zu bearbeiten ihm besonders obliegt. Zur Cultur des Begehrungsvermögens gelangen wir endlich durch die Cultur der obigen Seelenkräfte. Wir machen rohe Züge durchs Gemeingefühl, die Hang nach Dingen, welche Lust, und Abscheu gegen andere wecken, welche Schmerz verursachen. Wir stellen dem Kranken Objekte vor, die er nach seinen erforschten Nei- gungen begehren oder verabscheuen muss. Ent- fernung des Gegenstandes schwächt die Begierde, wenn sie schwach; entflammt dieselbe, wenn sie stark ist. Endlich suchen wir durch den Anbau der Vernunft die Freiheit des Willens wieder herzustellen, setzen ihr anfangs Gefühle der Lust und Unlust zur Stütze, bis sie das Ruder der Regierung allein zu übernehmen stark genug ist. So gängeln wir den Kranken, von der unter- sten Stufe der Sinnlosigkeit, durch eine Kette von Seelenreizen, aufwärts zum vollen Vernunftge- brauch. Durch die ersten, rohen und körperlichen Eindrücke aufs Gemeingefühl wecken wir ihn aus seinem Taumel und nöthigen ihn zum Gehorsam. Die mechanischen, mit Bewegung verbundenen Beschäfftigungen erhalten ihn gesund, bey Laune, gewöhnen ihn zur Ordnung und zerstreuen ihn durch ein leichtes Spiel der Seelenkräfte. In der Folge wird sein Geist vorzüglich in Anspruch ge- nommen. Seinen Sinnen und der Phantasie wer- den Anschauungen aufgedrungen, die er als pas- siver Zuschauer beachten muss. Dann nöthigt man ihn zur eignen Thätigkeit und übt endlich diejenigen Seelenvermögen besonders, die es am meisten bedürfen. Diese nach bestimmten Zwecken erregte Thätigkeit in den verschiednen Getrieben des Seelenorgans assimilirt sich allmälig die Kräfte, die ursprünglich gleichsam mit Gewalt durch die Stärke der Reize geweckt wurden und stellt das Verhältniss in der Dynamik der Seele wieder her, von welchem der gesunde Menschen- verstand abhängig ist. §. 19. Was hat der Arzt in Beziehung auf die entfernten Ursachen der Geisteszer- rüttungen zu thun? Es versteht sich, dass auch hier nur von einem Wirken durch psychi- sche Mittel die Rede seyn kann. Dies sey die erste Aufgabe, die bey der eigentlichen Cur- methode der Geisteszerrüttungen zu erörtern ist. Denn es giebt, wie bereits oben (§. 7.) bemerkt ist, überhaupt nur zwey Wege, Krankheiten, also auch Geisteszerrüttungen zu heilen; der eine sie selbst, als bestimmte Objekte, zu tilgen, der andere , die Ursachen wegzunehmen, durch welche sie hervorgebracht werden. Im ersten Fall heilen wir sie direct , im anderen indi- rect . Alle andern Curregeln sind Beziehungen auf diese Hauptindikationen und denselben unter- geordnet. Alle Ursachen der Geisteszerrüttungen sind entweder Dinge, die zum äusseren Zustand des Menschen gehören, oder sie sind innere Zustände desselben, mit Ausnahme de s jeni- gen, in welchem die Phänomene der Geisteszer- rüttungen unmittelbar gegründet sind. Beide bewirken einerley, sie verletzen die normale Funktion des Seelenorgans auf eine bestimmte Art. Man betrachtet sie als Anlagen oder als Gelegenheitsursachen , je nachdem sie langsam zu Geisteszerrüttungen vorbereiten, oder dieselben unmittelbar erregen, ihre Entstehung begünstigen, oder dieselbe direct bewirken. Die absolut äusseren Potenzen, welche Wahnsinn verursachen, übergehe ich. Ihr Ver- hältniss zum Wahnsinn ist so einfach und die Mittel, ihnen zu begegnen, sind so leicht zu finden, dass dieser Gegenstand keiner weiteren Erörterung bedarf. Schwieriger und verwickel- ter sind die Beziehungen der inneren Zustände des Menschen auf Geisteszerrüttungen. Wir können sie als Affectionen des physischen, sinn- lichen, moralischen und intellectuellen Menschen betrachten. In der letzten Beziehung gehören auch die psychigischen Entwickelungen des Wahnsinns, nach der Einrichtung der sinnlichen, intellectuellen und moralischen Natur des Men- schen, hierher. Alle relativ inneren Ursachen des Wahnsinns sind Krankheiten des Körpers, die der Seele durchs Gemeingefühl vorgestellt werden, überspannte Reizbarkeit der ganzen Organisation, die meistens mit einer überwiegen- den Sinnlichkeit verknüpft ist, Krankheiten der Sinne, anomalische Instinkte und Triebe, Mangel oder schiefe Cultur des Verstandes, Aberglaube, Unglaube, Schwärmerey, Bigotterie u. s. w., die den Menschen von der Bahn des gesunden Ver- standes wegrücken. Alle entfernten Ursachen der Geisteszerrüt- tungen, sie mögen absolut äussere Dinge oder Zustände der Organisation seyn, sind entweder Zustände des Nervensystems selbst, oder müssen wenigstens durch dasselbe zum Seelenorgan ge- langen. Das Nervensystem ist gleichsam als Aussenwerk des Seelenorgans anzusehn, ist In- strument der Sinnlichkeit, Modifikationsmittel unserer moralischen Fertigkeiten und Gehülfe der Seele. Daher müssen abnorme Einflüsse auf das- selbe oder Krankheiten in demselben die Vermö- gen der Seele mehr oder weniger verletzen. In dieser Rücksicht dürfen wir es weder überhaupt noch in seinen besonderen Verhältnissen aus dem Auge verlieren, wenn wir in der Erörterung und Behandlung der entfernten Ursachen des Wahn- sinns glücklich seyn wollen. Zur gründlichen Erkenntniss und Cur der entfernten Ursachen des Wahnsinns würde es nöthig seyn, dass theils der Zusammenhang der absolut äusseren Potenzen mit dem Gehirn, durch die Vermittelung der Nerven, theils die specifisch eigenthümlichen Krankheiten der Organisation, die die Seelenvermögen verletzen, bestimmt an- gegeben würden. Allein beides ist uns in den meisten Fällen unmöglich. Wir sind daher ge- nöthiget, uns an die Verletzungen der Seelen- kräfte zu halten, durch welche sie sichtbar werden, und die Produkte statt der Ursachen aufzufassen. Allein nach dem Befund jener können wir diese nicht mit Zuverlässigkeit bestimmen. Denn den Seelenvermögen sind keine abgemessenen Grenzen im Nervensystem angewiesen. Die gemeinen Ner- ven ven dienen als Organe des Gemeingefühls und der Bewegung. Einige derselben scheinen ausserdem noch einen bedeutenden Einfluss auf die Erregung der Triebe und Instinkte zu haben. Das Gehirn ist eigentliche Werkstätte des Denkens und ver- ständigen Wollens, das ganze System Organ des Gefühls. Die Funktionen kreuzen sie also über- all, selten kommen isolirte Störungen vor; und wo es geschieht, können wir aus denselben nicht auf eine bestimmte Natur derjenigen Krankheit schliessen, von welcher sie Product sind. Die Seele, als vorstellende Kraft , stellt sich den Zustand ihres Körpers durch den Inbegriff des ganzen Nervensystems, die Welt durch die Sinnorgane vor, und reproducirt in einer mannichfaltigen Ordnung diese Vorstellun- gen des Gemeingefühls und der Sinnorgane, ohne äusseres Object, vorzüglich wol durch die Mit- wirkung des Gehirns. Nach Maassgabe dieser verschiedenen Organe entstehn Vorstellungen des Gemeingefühls , der Sinnorgane und der Imagination . Durch dieselben wird sie sich ihres dreifachen Zustandes, ihrer Verbin- dung mit ihrem Körper, als mit dem ihrigen, mit der Welt, und ihrer eignen Veränderungen be- wusst, sofern sie nemlich obige Vorstellungen als subjektive Zustände in sich zu denken genöthigt ist. Es entstehn innere Gründe, die zum Handeln nöthigen, theils im Gefolge obiger Vorstellungen, theils ohne dieselben, von bloss thierischen, oft R lokalen Impulsen des Nervensystems. Während dieser Vorgänge im Nervensystem schaut die Seele ihr Werkzeug, in seinen Operationen, als taug- liches oder untaugliches Werkzeug an; dies mit Wohlgefallen oder mit Missvergnügen. Dass Krankheiten des Körpers überhaupt, Krankheiten der Nerven und besonders Krank- heiten derjenigen Organe, die zunächst zur Her- vorbringung der Vorstellungen mitwirken, die Funktionen der Seele auf verschiedene Art stören, ja gar Verrücktheit veranlassen können, ist Resul- tat der Erfahrung. Wem sind nicht die auffallen- den Gemüthsveränderungen bekannt, die bey dem Eintritt der Pubertät erscheinen? Wer kennt nicht die wechselnden Launen hypochondrischer Per- sonen? Die schüchterne Niedergeschlagenheit der Onanisten, die zum Selbstmord führt? Den Trieb, der mit dem Pelagra Behafteten, sich ins Wasser zu stürzen? Reize im Unterleibe, Krank- heiten der Eingeweide dieser Höhle, eine anoma- lische Vitalität der splanchnischen Nerven erregen ungewöhnliche Appetite, ängstliche Spiele der Phantasie, Hang zu traurigen Leidenschaften, um- nebeln den Verstand und bestimmen den Willen, nach dunklen Gefühlen zu handeln. Noch mehr Einfluss auf die Seele haben Krankheiten des Ge- meingefühls und der Sinnorgane. Diese Zustände sind für sich im Stande, Wahnsinn zu erregen. Und gesetzt sie haben ihn nicht hervorgebracht, so unterhalten sie ihn, wenn er einmal entstanden ist, erregen einzelne Parthieen desselben, oder geben ihm eine bestimmte Form. Ich erwähne zuerst der Krankheiten des Gemeingefühls als Ursachen der Verrückt- heit. Die im ganzen Körper zerstreuten Nerven erhalten durch die Eindrücke von ihm immerhin eine Thätigkeit im Gehirn, auf welche sich das Urtheil der Seele über den Zustand ihres Körpers gründet. Das Gemeingefühl stellt den gewöhnli- chen Vorgang des Lebens, die Funktionen, durch welche dasselbe wirklich wird, die progressive Entwickelung und nachherige Decrescenz der einzelnen Organe und des ganzen Körpers der Seele vor. Sein Organ ist zugleich das Haupt- organ unserer Sinnlichkeit, sofern die durch das- selbe bewirkten Erregungen in der Seele fast ohne Ausnahme immer mit dem Gefühle körperlicher Lust oder Unlust verbunden sind. Deswegen schliessen sich auch die Instinkte, Appetite und überhaupt das untere Begehrungsvermögen an dasselbe an, sofern nemlich diese Triebe entweder blindlings oder durch eine vorausgesehene Lust oder Unlust uns zum Begehren und Handeln be- stimmen. Das ganze Nervensystem, und besonders die Aeste desselben, welche sich im Innern der Orga- nisation enden, sind Organ des Gemeingefühls; der eigne Korper ist der Reiz, welcher durch seine Eindrücke auf dies Organ wirkt. Hier soll- ten zuförderst die allgemeinen Differenzen der R 2 Organisation überhaupt berücksichtiget werden. Allein in Betreff dieses Gegenstandes fehlt es noch zu sehr an genauen Beobachtungen. Ich führe nur eine derselben an, die sich, so weit wir es einsehn, auf eine Abstufung in der Zartheit derselben bezieht. Es giebt Menschen, die mei- stens ein blondes Haar, ein grosses blaues Auge und eine sanfte Haut haben, welche so delikat organisirt sind, dass sie schon Sugillationen be- kommen, wenn man sie nur derb anfasst. Ande- re, die meistens eine harte Haut, ein festes Fleisch und schwarzes Haar haben, sind von entgegenge- setzter Natur. Zwischen beiden findet eine ana- loge Verschiedenheit statt, wie zwischen dem Fleisch einer Pfirsche und eines Apfels. Diese haben einen starren Sinn; jene sind biegsam, em- pfänglich für das Leiden der Menschheit und mit einer sanft schwärmenden Phantasie begabt. Beide Arten haben ihre eignen Anlagen zu Gei- steskrankheiten. Dann sind einige Nerven des Systems, in Rücksicht ihres Einflusses auf das Seelenorgan, von vorzüglicher Dignität und be- sonders dazu geeignet, diese oder jene Triebe und Leidenschaften zu erregen. Es giebt nemlich Heerde in demselben, welche als untergeordnete Brennpunkte die zum Gehirn eilenden Eindrücke erst in sich sammlen und sie dann verbunden zu demselben fortschicken. Vielleicht reflektiren sie auch einige Eindrücke, ohne sie dem Gehirn und dem Bewusstseyn mitzutheilen. Endlich wirken sie zuverlässig mit bey der Begründung der Sympathie in der Organisation, und mögen daher oft Ursache der anomalen Beziehungen seyn, die in Krankheiten sichtbar werden. Ein solcher Heerd liegt im Generations- system , das dem Gehirn gegenüber steht, nebst demselben die Pole der Organisation bestimmt, von welchen die Gliedmaassen als Strahlen aus- gehn. Beide Endpunkte stehn mit einander in mannichfaltigen Beziehungen. Je vollständiger die Generationstheile ausgeprägt sind, desto un- wirksamer pflegt das Gehirn zu seyn. Wo sie sich in den Individuen ausbilden, entstehn neue Ge- fühle, Triebe, Spiele der Phantasie. Sie wirken auf Unkosten des Gehirns; Saamenergiessungen erregen die Anfälle des Alps und der Fallsucht. Welche nahe Beziehung sie auf die Seelenvermö- gen haben, lehrt die Brunst einiger Thiere, die mit Wuth verbunden ist, der Saamenkoller der Pferde, die Nymphomanie des weiblichen und die Satyriasis des männlichen Geschlechts. Fast nie entsteht der Wahnsinn vor der Pubertät. Da- her hat man auch die Castration wider denselben Cabanis rapports du Physique et du Moral de l’homme, à Paris 1802. T. I. p. 369. ja sogar wider moralische Krankheiten der Seele in Vorschlag gebracht. In England sollten nem- lich die Diebe castrirt werden, um ihnen das Stehlen abzugewöhnen Lichtenberg’s verm. Schr. 2. Bd. 447 S. . Eine besondere Be- ziehung hat dieser Heerd noch auf die Haare, Federn, Nägel, Hörner und andere hornartige Organe. Der Hirsch bekömmt kein Geweih, wenn er vor; wirft es nicht ab, wenn er nach der Pubertät castrirt wird. Es verkrüppelt sich auf der nemlichen Seite, wo man ihm einen Testikel nimmt. Metamorphosen der Geschlechts- theile, ihre Ausbildung in der Pubertät, ihre Decrescenz im Alter, Steigerungen ihrer Reiz- barkeit in der Brunst, Veränderungen ihrer Zu- stände in der Schwangerschaft und endlich die mannichfaltigen Krankheiten derselben erregen die sonderbarsten Erscheinungen, besondere Lau- nen, Idiosyncrasieen, Spannungen der Phantasie, eigne Triebe und Gelüste, die um so heftiger sind, je weniger sie dem Verstande unterworfen werden können. Mit der Pubertät entsteht erst die Ge- schlechtsliebe, Sucht zu gefallen und das Gefühl der Schaam, wovon der Mensch vorher nichts wusste. Das weibliche Geschlecht beharrt mit einer Standhaftigkeit auf seine Entschlüsse, die ihm sonst ungewöhnlich ist. Es ereignen sich merk- würdige Reactionen im Gehirn, die sich als Irre- sinn, Raserey, Exstasen, Zuckungen u. s. w. äussern und meistens das Eigenthümliche haben, dass die Kranken schnell, mit lachender Miene von ihrer Geistesabwesenheit wieder zum vollen Bewusstseyn gelangen. Zuverlässig sind diese Zu- stände Symptome grosser Evolutionen im Körper, die meistens nach einigen Wochen und Monaten von selbst verschwinden und durchgehends durch Arzneien, wenigstens nicht direct, geheilt werden können. Ein Mädchen von funfzehn Jahren, erzählt Dörner Mauchart l. c. 5. Bd. 75 S. , sang in einem Anfall ihrer Krankheit Lieder auswendig und melodisch, deren sie sich ausser demselben nicht erinnerte, und sie noch weniger nach der Melodie singen konnte; denn sie sang schlecht. In einem andern Anfall las sie aus bekannten und unbekannten Büchern mit der richtigsten Deklamation, welches sie sonst nicht konnte. Endlich sagte sie es zuweilen vorher, wer eben in ihr Haus treten würde, ohne sich zu irren. Kurz ihre Seelenkräfte waren in einem Grade erhöht, wie bey einer Clairvoyante. Endlich bestätigen die Weiber, welche in der Schwangerschaft schwermüthig und im Wochen- bette rasend werden, den Einfluss des Genera- tionssystems auf das Gehirn. Doch davon unten mehr. Zwischen beiden Endpunkten der Organisa- tion liegen zwey andere merkwürdige Heerde, die phrenische Gegend und das Sonnen- geflecht . Zur phrenischen Gegend rechne ich das Herz, das Zwergfell, den obern Magenmund und den Magen, welche ihre Nerven vom achten Paar, den Zwergfellsnerven und den grossen sympathischen Nerven bekommen. Bey ihrem Leiden erschlafft das Muskelsystem, es entstehn Mattigkeit, Ohnmacht und Schwere des Kopfs, der Seele fehlt es an Aufmerksamkeit, Denkkraft, Festigkeit in ihren Entschlüssen; sie ist wie in ei- nen Nebel gehüllt. Noch grösser scheint der Einfluss des Sonnengeflechts aufs Gehirn zu seyn. Es entsteht durch zwey halbmondförmige Bogen des Oberbauchgeflechts und des oberen Gekrösge- flechts, in deren Mitte mehrere Knoten liegen, die es gleich einer strahligten Sonne umgiebt. In ihm verweben sich die Stimmnerven, die splanch- nischen Nerven und Aeste des Intercostalnerven. Leidet diese Gegend, das Gallen-Organ, das System der Pfortader, Leber, Milz und Darm- kanal an dynamischen oder organischen Krank- heiten; so wechselt die Laune ohne äussere Ver- anlassung. Der Kranke ist niedergeschlagen, unmuthig, haftet auf Kleinigkeiten, besonders in Rücksicht des eignen Körpers, schwankt zwischen Muth und Muthlofigkeit, Furcht und Hoffnung. Die Phantasie klebt an fixe Ideen, ängstliche Bil- der und heckt die sonderbarsten Missgeburten aus. Die Seele ist scheu, düster, versteckt, hartnäckig in ihren Entschlüssen und mit ganzer Kraft ange- heftet an einzelne Gegenstände, bis sie erschöpft sind. Auch scheint diese Gegend auf das Tem- perament der Menschen und dies auf die Con- stitution ihrer sinnlichen, geistigen und morali- schen Bestimmungen einzufliessen Cabanis l. c. 1. T. 398—484 p. . Endlich beschreibt das Nervensystem noch einige merkwürdige, mit besondern Polaritäten begabte Kreise in der Organisation, die vielleicht als Conductoren inponderabler Flüssigkeiten durch ihre Anastomosen und Geflechte das Ströhmen derselben aufs mannichfaltigste modificiren kön- nen. In dieser Beziehung sind der Stimmnerve, der Zwerchfellsnerve und der grosse sympathische Nerve merkwürdig. Der erste steigt mit einem geschlossenen Bogen an seinem Ursprungsort im Gehirn nieder, bildet in der Brusthöhle mehrere merkwürdige Geflechte, die das Herz, die Lungen, die grossen Gefässe, den Schlund und den obern Magenmund mit Nerven versehen, und vereinigen sich dann wieder an einem entgegenge- setzten Endpunkt im Sonnengeflecht. Er ist in Ansehung seiner Entstehung, Verbreitung und Endigung das im Kleinen, was die sympathischen Nerven im Grossen sind. Der Zwergfells- nerve schliesst oberwärts durch seinen Ursprung vom Zungenfleischnerven und den Cervicalnerven den Bogen und verbindet sich am entgegengesetz- ten Pol im Zwergfell und im Sonnengeflecht. Endlich beschreibet der grosse sympathische Nerve den Hauptkreis von einem Pol der Or- ganisation zum andern, vom Kopf bis zum Steiss- beine. Die Kette ist im Gehirn durch Fäden des fünften und sechsten Paars geschlossen, dann gehn die Schenkel des Bogens auf jeder Seite des Rück- grats am Halse, in der Brust und dem Bauch fort, bilden überall Knoten, anastomosiren über die Wirbelbeine hin von beiden Seiten, erzeugen die splanchnischen Nerven, beschreiben überall kleine Bogen mit den Rückenmarksnerven, ver- weben sich mit den grossen Geflechten der Brust- und Bauchhöhle und enden endlich auf eine merk- würdige Art, theils durch anastomosirende Aeste von beiden Seiten, theils durch das Steissknöt- chen auf dem Steissbeine, in welchem beide sympathische Nerven am entgegengesetzten Pol der Organisation in der Axe des Körpers zusammen stossen. Von dem Steissknoten gehn dann noch einige Fäden aus, die strahlenförmig gegen die Grenze divergiren. Wenn in diesem vasten Umfang des Nerven- systems, sofern es sich in die Theile des Körpers verliert, und dem Gemeingefühl zum Organe dient, kranke Theile auf dasselbe wirken oder die Nerven selbst, einzeln oder in ihrem Inbegriff, erkranken; so entstehn davon die seltsamsten Er- schütterungen des Gehirns, mancherley Störun- gen der Seelen-Funktionen, ein unangenehmes Lebensgefühl und Geneigtheit zur Verrücktheit. Sind die Nerven selbst krank, so stellen sie nicht mehr den Zustand des Körpers, sondern ihre eigene Krankheit vor. Die Seele wird betrogen, sofern sie gewöhnt ist, den Zustand ihres Körpers nach der Leitung des Gemeingefühls zu beurthei- len und kann unter günstigen Umständen in eine Geisteszerrüttung verfallen. Wenn ein Mensch eine Geschwulst im Unterleibe hat, so wirkt die- selbe als Reiz auf die splanchnischen Nerven und erregt auf diesem Wege im Gehirn irgend ein widriges Gefühl, von dem die Geschwulst Object ist. Allein das nemliche Gefühl kann auch von bloss kranken Nerven, ohne Geschwulst entstehn, wenn in ihnen durch Krankheit die nemlichen Zustände wirklich werden, durch welche eine Geschwulst im Gehirn angekündigt wird. In der Regel werden freilich dergleichen Vorgänge uns nicht immer und augenblicklich um den Verstand bringen, solange nur einzelne Reize aufs Gemein- gefühl wirken, oder einzelne Nerven krank sind, und die Seele nicht zu ängstlich auf alle Eindrücke des Körpers achtet. Wir sind im Stande, durch den Gebrauch der Sinne und des Verstandes, die kranken Spiele des Gemeingefühls zu berichtigen, seine Ursachen aufzuklären oder das Gefühl als et- was uns nicht Angehöriges bey Seite zu setzen und darüber zur Ordnung des Tages fortzuschreiten. Allein es giebt andere Verhältnisse, die die Ent- stehung der Geisteszerrüttungen durch ein kran- kes Gemeingefühl begünstigen. An sich stellt es die Objekte des Gefühls dunkel und verworren dar, weil sie verdeckt liegen, nicht nach Will- kühr verändert und durch die Beihülfe der Sinne berichtigt werden können Hübner diss. de oenaesthesi. Halae 1794. §. 15. . Daher bleibt der Phantasie ein freier Spielraum übrig, den Gefühlen eine erdichtete Ursache unterzuschieben. Die ursprünglich örtliche Krankheit wirkt ferner als eine schädliche Potenz auf die Reizbarkeit des ganzen Systems, erhöht sie und macht sie unstät in Rücksicht ihrer Temperatur. Auf diese Art veranlasst eine scirrhöse Gebärmutter Hysterie, ein gereizter Nerve, durch die Dazwischenkunft des epileptischen Hauchs, Fallsucht. Dann zieht die fortdauernde Erregung des Gehirns durchs Gemeingefühl die Aufmerksamkeit des Kranken, besonders wenn er mit hypochondrischer Aengst- lichkeit auf jeden Zufall seines Körpers achtet, in dem Grade an, dass er für alles andere, also auch für die Gründe taub ist, die ihn von seinem Wahn überzeugen können. Dem Gefühle, in welchem das Object nicht klar enthalten ist, wer- den falsche Ursachen, Geschwüre, Geschwülste, Kröten, Eidechsen, Verwandlungen des Stoffs und der Structur untergeschoben. Diese erschlich- nen Urtheile, als Produkte einer kranken Seele, wirken auf sie als Krankheits-Ursache zurück und bestürmen sie mit ihren eignen Geburten. Die herrschende Idee fixirt sich nach den Gesetzen der Gewohnheit. Endlich wird der kranke Theil des Gehirns, durch welchen die fixe Idee zu Stande kömmt, vermöge seiner exaltirten Reizbarkeit, mit jeder anderen Erregung dessel- ben in Sympathie gesetzt. Daher die Association des Wahns fast mit allen übrigen Vorstellungen der Seele, nach den neuen Beziehungen, die durch die Krankheit zu Stande gekommen sind Reil Fieberlehre 4. Bd. 24 u. 65 S. . Aus dieser Darstellung des Gemeingefühls ist es begreiflich, wie Krankheiten desselben Irr- thümer, fixe Ideen, falsche Urtheile und kranke Spiele der Phantasie veranlassen, wie dadurch ab- norme Instinkte, Triebe und Begierden entstehn können, die theils unmittelbare Produkte der verstimmten Organisation sind, theils im Gefolge der falschen Ideen entstehn. Wie leicht können diese Zustände zur Verrücktheit führen, der sie so nahe verwandt sind? Wie oft ist sie unmittel- bares Product kranker Appetite und Instinkte, Folge der Geilheit, Mutterwuth und Hypochon- drie? Und worin anders, als in der Organisation, sind diese Zustände gegründet Hübner d. c. §. 6. u. 7. ? Man setze einen Hypochondristen, dem sein krankes Gemeinge- fühl Knochenschmerzen vorstellt. Er sucht die Ursache derselben in einem versteckten venerischen Gift. Die Idee wird habituell; er beschäfftigt sich unaufhörlich mit ihr und ist deswegen taub für Gründe des Gegentheils. Dem fixen Wahn folgen absurde Handlungen, unzeitiger Gebrauch des Quecksilbers, Selbstmord. Ein Mensch, dem der Fuss von einer Compression der Nerven in der Kniekehle eingeschlafen ist, hat das Gefühl als wenn ihm ein Fuss fehle. Allein er weiss, woher dies Gefühl rührt, hat es schon sonst gehabt, es verschwindet bald wieder, er sieht seinen Fuss mit den Augen und greift ihn mit den Händen. Gesetzt aber dies Gefühl sey von inneren Ursachen entstanden, daure fort, bemeistere sich ganz der Aufmerksamkeit eines Hypochondristen. Kann dann nicht dasselbe ihn veranlassen, dass er seinem Gemeingefühl und der Phantasie mehr, als dem Getast und dem Gesicht traue, dass er sich allmä- lig überrede, der Fuss fehle ihm oder bestehe wenigstens aus einer andern Materie? Von einer ähnlichen Taubheit der Hälfte des Kopfs rührte wahrscheinlich die Krankheit eines Frauenzim- mers her, die sonst vollkommen bey Verstande war, aber sich einbildete, sie habe den halben Kopf verlohren Muratori l. c. 2. Bd. 57 S. . Mir ist es höchst wahrschein- lich, dass aller Wahnsinn, der sich auf veränderte Grösse und Gestalt und auf Umwandelungen des Stoffs des Körpers oder seiner einzelnen Theile bezieht, aus dieser Quelle entspringe. Chiaru- gi l. c. 257 S. erzählt von einer Frau, die sich einbildete, sie sey vom Teufel besessen, der des Nachts mit ihr Wollust treiben wolle? Litt dieselbe nicht vielleicht am Alpdrücken? In allen diesen Fällen, wo ein krankes Ge- meingefühl Ursache der Geisteszerrüttungen ist, muss dasselbe zuförderst durch Arzneien oder psy- chische Mittel geheilt werden. Die Geisteszer- rüttungen schwinden dann meistens von selbst. Durch die Entfernung abnormer Reize aus dem Magen und Darmkanal, durch die Beruhigung der splanchnischen Nerven und des Sonnenge- flechts und durch Kühlung erhitzter Geburtstheile sind wir im Stande, den Wahnsinn auf der Stelle zu heilen. Eine Jungfer verfiel nach einem Ner- venfieber in den Wahn, ihr Kopf, als die Quelle ihrer Schmerzen müsse abgeschnitten werden. Zufällig war man genöthiget, ihr dickes und langes Haupthaar wegzuschneiden, weil es durch die Krankheit in Verwirrung gerathen war. Schon während dieser Operation fand sie sich er- leichtert. Endlich, rief sie voller Freuden aus, schneidet ihr mir den Kopf ab, nun werde ich gewiss gerettet! Und in der That verlohr sich von diesem Augenblick an ihr Wahnsinn und kehrte nie wieder zurück. Wahrscheinlich war der Eindruck des verworrenen Haars aufs Gehirn, die Ursache ihres fixen Wahns gewesen Mém. de la Soc. méd. d’émul. T. II p. 196. . Ein Wahnsinniger bildete sich ein, sein Kopf sey ihm von dem Tyrannen abgehauen. Ueber diesen Verlust war er höchst melancholisch. Sein Arzt Philodotus setzte ihm einen Hut von Bley auf, durch dessen Druck er sich überredete, er habe den Kopf wiederbekommen Alex. Trallianus L. I. c. 17. Art. med. princ. T. VI. p. 91. . Andere Beispiele glücklicher Curen des Wahnsinns, der sich auf ein krankes Gemeingefühl bezog, sollen unten angeführt werden. Cabanis l. c. T. II. p. 78. macht uns einige Hoffnung, über diesen wichtigen Gegen- stand, durch die Heilung der Krankheiten des Körpers die Funktionen der Seele zu rectificiren, seine Gedanken besonders bekannt zu machen. Auch Krankheiten der Sinnorgane kön- nen entfernte Ursache der Geisteszerrüttungen werden. Wir sind gezwungen, Phantome für Realitäten zu halten, wenn unser Auge sie sieht, das Ohr sie hört und die Hand sie fühlt. Doch täuschen Krankheiten der Sinnorgane seltner als Krankheiten des Gemeingefühls. Die Ursache davon ist mannichfaltig. Die Objekte der Sinn- organe interessiren uns weniger als unser eigner Körper, sie liegen ausser uns, gelangen durch mehrere Zugänge zur Seele, werden klärer vor- gestellt und lassen der Phantasie weniger Spielraum zu Erdichtungen über. Die Sinnorgane sind end- lich an so verschiedne Gegenden des Körpers auf- gestellt gestellt und mit Nerven so verschiednen Ur- sprungs versehen, dass ohne gleichzeitige Krank- heit des Gehirns schwerlich eine allgemeine Krankheit aller Sinnorgane gedenkbar ist. Täu- schungen eines Sinnorgans werden daher durch die Wirkung der übrigen und durch das Bewusst- seyn unseres Verhältnisses zur Welt berichtiget. Doch giebt es wirklich Fälle, dass kranke Sinn- organe zur Verrücktheit Anlass geben. Normale Sinnesanschauungen sind durch das Object und die legale Erregbarkeit des Nervensystems, in Ansehung ihrer Form und Materie nothwendig bestimmt. Wenn deswegen die Sinne erkranken, so wird die Welt uns anders, als sie ist, vorge- stellt, der wahre Standpunkt unsers Verhältnisses zu derselben verrückt, und wir verfallen in Wahnsinn, wenn wir die Täuschungen nicht in uns, sondern ausser uns suchen. Der Irresinn im Rausch und in Gefässfiebern scheint zum Theil von Täuschungen der Sinne herzurühren. Die Kranken hören das Geläute der Glocken, das Sausen des Windes, sehen Phantome in einer Klarheit, als wenn sie wirklich wären, oder die wirklichen Objekte in veränderten Farben und Stellungen, Blumen auf dem Rande der Trink- gefässe und Legionen kleiner Teufelchen, die sich auf der Bettdecke herumtummlen. Diese Er- scheinungen verschwinden zuweilen, wenn sie die Augen schliessen, oder wenn die Wahrneh- mung der Gegenstände durch mehreres Licht S gefördert wird. Ein Fieberkranker sah eine rothe Schlange, die auf seinem Bette herumkroch. Galen behandelte ihn mit andern Aerzten, be- merkte das Schlagen der Schlafpulsadern, und die Röthe seiner Augen, sagte ein Nasenbluten vorher, welches auch erfolgte. Der Napel, das Extract des Hanfs und andere Gifte desorganisi- ren die Funktionen des Gesichts und Getastes, ohne dass der Verstand, wenigstens im Anfang, mit leidet. Unter den Wahnsinnigen im Wiener Irrenhause glaubten einige bekannte und unbe- kannte Stimmen zu hören, die sie verläumdeten, beschimpften, ihnen Befehle ertheilten und sie zu allerhand Sünden verleiten wollten. Andere, besonders Taube, die nicht im Stande waren, ihre Täuschungen durch Vergleichung mit wirk- lichen Anschauungen des Gehörsinns zu rectifici- ren, bildeten sich ein, die Töne verschiedner Instrumente zu hören Pinel l. c. 327 S. . So sah Wagner Pinel 328 S. einen Schwerhörigen, der eine im Bette versteckte Leier zu hören glaubte und sich über dies Unge- mach bitter beklagte. Sagte man ihm, dass er sie vorsuchen sollte, so schützte er eine Zauberey vor, die ihn daran hinderte. Der nemliche Kranke bekam ein unerträgliches Jucken am ganzen Leibe. Auch dies bezog er auf eine äu- ssere Ursache, nemlich auf Heuschrecken. Mir sind acht Fälle von Verrückten bekannt, sagt Haslam l. c. 4 S. , die darauf bestanden, sie hätten den Teufel, in der Gestalt eines schwarzen Mannes, mit einem langen Schwanze und mit Bocksfüssen gesehn. Eine Kranke versicherte sogar, sie habe ihn mit einem Bunde Stroh auf den Schultern an ihrem Fenster vorbeigehn sehen und es gehört, dass er die eisernen Ketten zerbrochen habe, mit welchen er von Gott angeschlossen sey. Ein sechs- zigjähriger Mann, erzählt Dufour Versuch über die Krankheiten des mensch- lichen Verstandes. Leipzig 1786. 133 S. , bekam einen grauen Staar, der ihn am Gesicht hinderte, und wurde dadurch wahnsinnig. Erst als der Staar reif geworden war, wurde er wieder sanfter, unterwarf sich der Operation und sein Wahnsinn verschwand. Andere Beispiele von Irresinn durch Sinnes-Krankheiten und ihre Behandlungsart sind bereits oben angeführt s. oben S. 168. Hübner d. c. §. 20. Zolli- kofer diss. de sensu externo. Halae 1794. §. 11 Büttner d. c. §. 30. . Nahe verwandt mit den Sinnesanschauungen sind die Operationen der Phantasie . Wir sind oft nicht im Stande, es zu unterscheiden, ob vor- handene Täuschungen von Krankheiten der Sinne oder der Phantasie herrühren. Ich habe deswe- gen schon an einem anderen Ort die Muthmassung geäussert, dass vielleicht die Phantasie und die S 2 Sinne in Rückficht ihrer körperlichen Natur sich bloss dadurch unterscheiden, dass die Nervenwir- kungen in entgegengesetzten Richtungen, bey jener von Innen gegen die Peripherie durch die Sinnesnerven, bey diesen von der Peripherie zum Inneren statt haben. In den Bewegungsnerven ist diese auf- und niedersteigende Wirkung offenbar, sie wirken von Pole zu Pole, vom Gehirn zur Peripherie und rückwärts. Warum ist das nem- liche nicht auch in den Sinnesnerven möglich? Ueberhaupt ist es noch die Frage, ob nicht bey jedem Wirken des Gehirns, auch bey dem, das man gewöhnlich auf dasselbe beschränkt, nemlich beim Imaginiren, Denken und Wollen, eine Fort- pflanzung gegen die Peripherie, ein Strömen vom Mittelpunkt in alle Nerven, gleichsam eine Entla- dung durch tausend Ableiter stattfinde? Warum kommen die Vorgänge im innersten Heiligthum so deutlich an der Oberfläche, durch die Span- nung der Augen, durch die Physiognomie und Haltung des ganzen Körpers zu Tage, dass die Mahler jene durch diese vorzustellen im Stande sind? Die Haltung des Körpers ist zwar zunächst Product der Stellung des Muskelsystems. Allein was stellt das Muskelsystem in so unendlich ver- schiedene und ausdrucksvolle Formen? Zuver- lässig die Nerven; und diese müssen dazu vom Gehirn erregt seyn. Je stärker die Hirnwirkun- gen sind, z. B. Behufs der Leidenschaften, desto weniger ist die Oberfläche im Stande sie zu ver- bergen. Die Phantasie ist in der Cur der Ver- rücktheit dem Arzte vorzüglich wichtig. Sie übertrifft an Schnelligkeit, mit welcher sie Zeiten und Räume durchfliegt und an zügelloser Freiheit im kranken Zustande, die der eignen und fremden Kräfte spottet, alle andern Seelenkräfte. Daher die vielen furchtbaren Scenen ihrer tumultua- rischen Wirkung im Wahnsinn. In den Ideen- jagden producirt sie ihre Bilder mit einer Ge- schwindigkeit, dass den Kranken vor der Ansicht seiner eignen Werke schwindelt; in der Catalepsie starrt sie, wie angeschmiedet, auf ein Object hin; in andern Fällen stellt sie ihre Bilder in einem so starken Colorit auf, dass der Kranke dieselben von realen Objekten nicht unterscheidet und aus der wirklichen Welt in ein Feenland seiner eignen Träumereien versetzt wird. Dann ist die Phan- tasie dem Arzte auch noch in der Rücksicht merk- würdig, sofern ein grosser Theil der psychischen Mittel durch sie zur Thätigkeit gelangen muss. Sie sollte noch besonders in Kranken, denen ein Sinn fehlt, in allen ihren Verhältnissen, als Gedächtniss, als Dichtungsvermögen, im Traum, im fieberhaften Irrereden beobachtet werden. Ein Blindgebohrner stellte alle Bilder der Phantasie unter der Form der Anschauungen des Getastes und Gehörs vor. Er träumte wie er fühlte und hörte. Die Personen im Traum unterschied er nach dem verschiednen Ton ihrer Stimmen, die Sonne dachte er sich als eine glatte und heisse Scheibe und eine Stadt, wie sich die Häuser der- selben anfühlen. In einigen Arten des Wahnsinns und besonders im Irrereden mit Gefässfieber be- kommen die Bilder der Phantasie die Stärke der Sinnesanschauungen. Noch neulich behandelte ich zwey alte Matronen am hitzigen Fieber. Bey der einen war des Nachts Friedrich der Grosse, bey der andern Buonaparte am Bette gesessen. Verrückte sehen Feuerschlünde, offene Gräber, wiedererstandene Todte, Geister aller Art neben sich. Einer erblickte weisse Gestalten in Umrissen eines Menschen, von verschiedner Grösse um sich her. Die kleinen waren wie Punkte und in so grosser Menge vorhanden, dass sie auf allem, was er vor sich hatte, herumgaukelten, sein Buch über- säten und ihn am Lesen hinderten. Die grossen standen ihm zur Seite, folgten jedem seiner Schrit- te, hauchten ihn, wie der Tod, mit kaltem Athem an. Ueberhaupt habe ich diesen Wahn der Kranken, als würden sie mit frostigem Hauche von allen Ecken her angeblasen, oft gefunden. In diesem kranken Zustande der Imagination müssen wir ihre Produkte mühsamer von Realitä- ten, durch das Bewusstseyn unseres inneren und äusseren Zustandes, durch die Verschiedenheit ihres objektiven oder subjektiven Ursprungs und durch die innere Veränderlichkeit ihrer Merkmale unterscheiden. Dass dies möglich sey, beweist Nicolai’s Beispiel, der seine Phantasmen für das hielt, was sie wirklich waren. Allein der Verrückte, welcher des Verstandes ermangelt, der hier unterscheiden muss, hält seine Gesichte für Wahrheit, verliert sich auf den Grenzen der Subjektivität und Objektivität, und lebt in einer idealischen Welt, in welcher sein Ich beides, den Zuschauer und den Schauspieler macht Büttner d. c. §. 31. . Er handelt wie er denkt, also inkonsequent, nach unseren Ansichten. Was soll zur Correktion die- ser kranken Phantasie geschehen? Einige schätz- bare Hülfen hat Diätophilus 2. Theil. 366 S. angemerkt; aber ihre Anwendung setzt Spontaneität voraus, die dem Verrückten fehlt. Vorzüglich muss man dahin sehn, dass die zügellosen Spiele der Phantasie durch hinlänglich-starke Gefühls- und Sinneseindrücke gezähmt werden. Häufig sind sinnliche und moralische Aus- wüchse Ursache der Geisteszerrüttungen. Die Sinnlichkeit herrsoht, die Einbildungskraft über- flügelt den Verstand, Schein und Irrthum, Aber- glaube und Vorurtheile verrücken die richtige Ansicht solcher Gegenstände, an welchen jeder Mensch warmen Antheil nimmt. Liebe, Ehre, Habe, Religion, Gesundheit und persönliche Si- cherheit treten in einem falschen Lichte hervor. Das Heer der Leidenschaften wird rege und die Vernunft geht durch ihre Stürme zu Grunde. Diesen Uebeln soll man durch Kultur des Ver- standes begegnen, und durch sie die verschied- nen Naturen des Menschen in ihre natürlichen Verhältnisse einsetzen. Man soll die Ideale der Vollkommenheit zum Muster, nicht zum Ziele setzen, und seine Vermögen innerhalb der Gren- zen anbaun, die die Natur ihnen anwies. Man soll sie in richtigen Verhältnissen anbaun, damit keins auf Unkosten des andern zurückbleibe. Man soll die vorhandenen Begriffe berichtigen, sie mit neuen Erkenntnissen vermehren, beides mit Rücksicht ihres nächsten Einflusses auf unser praktisches Leben. Man soll endlich alles vor den Richterstuhl der eignen Vernunft ziehn, nichts auf Auktoritäten glauben, die Lüsternheit des Körpers durch Arbeit und Nüchternheit ab- stumpfen, den Trieb zu geistigen Genüssen we- cken, und in sinnlichen Vergnügungen Maasse halten, als der Bedingung, unter welcher ein dauerhafter Genuss derselben stattfinden kann. Allein von allen diesen Vorschriften lässt sich keine auf Wahnsinnige anwenden. Sie müssen un- terjocht, beschäfftiget und nach und nach durch Zwang zu leichten Verstandesübungen angehalten werden. Endlich erst, in der Rekonvalescenz und zur Verhütung der Rückfälle, kann der Kranke, wenn er seine Spontaneität wieder er- langt hat, zum eignen Anbau des Verstandes ge- leitet werden. Ein bedeutender Gegenstand, an welchem der Verstand so leicht scheitert, ist die Reli- gion . Der Mensch lebt zwar für die Gegen- wart, geniesst sie aber mit Zittern, wenn er nicht Sicherheit für die Zukunft hat. Die Religion wird uns zu früh vor der Reife des Verstandes, wenn wir jeden Eindruck festhalten, sie wird uns als Glaubenssache eingeprägt, über die man nicht vernünfteln soll. Ihr stellt man zwey mäch- tige Leidenschaften, Furcht und Hoffnung, zur Seite, und knüpft dieselbe an Gegenstände, die ausser dem Gebiete der Erfahrung liegen. Wie leicht können daher Dogmen der Theologie, fasche Begriffe von der Gewalt des Teufels, von der Prädestination, von der Versöhnung, von der Strafgerechtigkeit Gottes, von der Ewigkeit der Höllenstrafen einen an Körper und Seele schwachen Menschen, der krank, hypochon- drisch, durch Unglücksfälle gebeugt ist, seine düstere Phantasie in stiller Einsamkeit nährt, und seinen Hang zum Wunderbaren durch mystische Schriften befriedigt, zum Wahnsinn führen? Und wie schwer wird dieser Schwärmer zu be- kehren seyn? Jeder Widerspruch empört ihn, jeden Zweifel hält er für Gotteslästerung. Alle Vernunftgründe scheitern an seiner erhitzten Ein- bildungskraft. Man soll daher dem Wahnsinn aus dieser Quelle vorbeugen, da er so schwer zu heilen ist, den Fanatismus bekämpfen, die Re- ligion von Schwärmerey, Mystik und Pietismus reinigen. Dies ist freilich an manchen Orten so gut gelungen, dass sie selbst über das viele Licht, welches man in sie hineingetragen hat, unsichtbar geworden ist. Doch giebt es auch noch finstere Gegenden; und neue Helden bauen dem Aber- glauben neue Throne. In dem ersten Entstehn dieses Wahnsinns ist Zerstreuung und Ableitung eine Hauptsache; nachher unterjocht man den Kranken, sondert ihn ab, beschäfftigt ihn unun- terbrochen durch Arbeiten, gymnastische Uebun- gen und besonders durch Feldbau. Man bewah- ret ihn für die Ansicht unmoralischer Dinge, und entfernt alles von ihn, was auf Religionskultus Bezug hat. Man prüfe seine Neigung, und suche sein Interesse für Dinge zu gewinnen, die ausser- halb der Religion liegen. Man übe seinen Ver- stand durch gleichgültige Gegenstände. Endlich erst, wenn er wieder zur Besonnenheit gelangt ist, mache man ihn aufmerksam auf die Lebens- geschichte weiser Menschen, deren edle Hand- lungen, auf die Thorheiten der Anachoreten und auf das Unglück, welches der Fanatismus in der Welt angerichtet hat. Man überzeuge ihn davon, dass Brav-Handeln Gott in allen Verhältnissen wohlgefällig sey, und alle Religion dahin abzwe- cken müsse, zuvörderst das Glück der Menschen auf der Erde zu fördern. Zuweilen kann man auch durch erschienene Engel oder durch eine künstliche Entrückung von der Erde in die Sphä- re der Geister einzelne fixe Ideen tilgen, oder ihm auf diesem Wege Befehle zur Zerstreuung, Be- fchäfftigung und andern in den Curplan einstim- menden Handlungen ertheilen. Ob nicht der- gleichen Inspirationen mehr Eingang fänden, wenn die vermeintlichen Geister sich durch den Magne- tismus mit den Kranken in Rapport setzten? Einige Menschen werden durch Vorwürfe verrückt, die sie sich mit oder ohne ihr Ver- schulden über versäumte Pflichten gegen Gott, sich und andere, besonders über Vernachlässigun- gen verstorbner Verwandten und Kinder, machen. Daher ein peinigendes Schuldgefühl ihres eignen Gewissens; die fixe Idee des verletzten Rufs in den Augen anderer Menschen. Sie fürchten und glauben anfangs die Nachstellungen der Justiz, und suchen sich vor denselben in abgelegne Schlupf- winkel ihres Hauses zu verbergen. Allein ihr innerer Feind folgt ihnen überall nach; deswe- gen suchen sie nachher, was sie anfangs flohen, werfen sich dem Nachrichter in die Arme, um durch ihren Tod die beleidigte Gottheit zu ver- söhnen und ihrer Quaal losszuwerden. Hier beuge man bey Zeiten vor, zerstreue den Kran- ken, beschäfftige ihn mit Arbeiten, entziehe ihn dem Cirkel bekannter Verhältnisse, und bestelle ihm im äussersten Fall ein Gericht, das ihm eine Strafe auferlegt, die dazu geeignet ist, ihn zu heilen, z. B. eine Strafe, die mit Reisen, mit grossen Anstrengungen des Körpers verbunden ist. Ein Tagelöhner, der sich während der Re- volution in Frankreich durch einige Reden ver- dächtig gemacht hatte, fürchtete die Guillotine, und wurde wahnsinnig. Pinel l. c. 248 S. verabredet mit drey jungen Aerzten eine Commission, die über seine Verbrechen richten sollte. Sie war schwarz gekleidet; der ganze Apparat erregte Ehrfurcht. Diese lud den Kranken vor, proto- kollirte seine Aussagen und sprach ihn dann, kraft einer Vollmacht der Nation, mit allen Formali- täten loss, welches gute Wirkung that. Ein alter Hagestolz, der einem anderen kühneren zu nahe getreten war, fürchtete dessen Rache. Er ver- liess den Ort, kaufte sich viele Meilen davon auf dem Lande an. Allein die innere Angst blieb. Er glaubte an gedungene Meuchelmörder, die ihm heimlich auflauerten, an bestochne Giftmi- scher unter seinem Gesinde. Er bildete sich ein, sein Feind wolle ihn durch langsame Marter aus der Welt schaffen. Daher schritt er zum Selbst- mord, der aber nicht vollkommen gelang Nach- dem der Tod seines vermeinten Feindes in den Zeitungen angekündigt war, zerstreute man ihn und gab ihn in die Pflege seiner Verwandten, die er liebte. Dies heilte ihn. Andere werden verrückt, weil sie mit zu viel Sorgfalt über die Schönheit, Vollkommenheit und Gesundheit ihres Körpers wachen . Diese nähre man ja nicht mit falschen Hoffnungen, die morgen zusammen- fallen, wenn man seinen Kredit erhalten will. Umgekehrt dient es oft zu ihrer Beruhigung, ihnen die offene Wahrheit zu sagen. Der Profes- sor Moritz war krank und so voller Angst über die Ungewissheit seiner Herstellung, dass dies sein Fieber ununterbrochen unterhielt. Alle Hoffnungen, die ihm sein Arzt Herz machte, fruchteten nichts. Nun erklärte derselbe ihm mit feierlicher Mine, dass er von seiner Krankheit nicht genesen würde. Dies wirkte. Nachdem der erste Schreck vorüber war, wurde er ruhig und genas. Man unterrichte sie in dem Gang der organischen Natur, die aus Spannen langer Existenz der Individuen ihre Kette flicht, und nichts giebt, was sie nicht auch wieder zerstört. Man schildre die Thorheit, über Besorgnisse für die Zukunft den Genuss der Gegenwart zu ver- lieren. Man gewöhne sie allmählich, wirkliche Uebel mit Ruhe anzuschaun, sie als fremde Dinge bey Seite zu setzen und darüber zur Ordnung des Tages fortzuschreiten Kant von der Macht des Gemüths, durch den blossen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Mei- ster zu seyn. Königsberg 1798. und in dem Streit der Facultäten. . Hypochondristen ha- ben ein reizbares Gemeingefühl. Sie empfinden in allen Punkten, wohin sie die Aufmerksamkeit ihrer Seele richten. Sie bilden sich daher ein, alle Krankheiten zu haben, von welchen sie hö- ren. Besonders quält sie der Gedanke verlarvter venerischer Krankheiten, wenn sie sich nicht sicher wissen. In diesem Fall hüte man sich, ihr Nervensystem durch angreifende Arzneien noch weiter zu zerrütten. Man setze sie auf ein gutes Regime, verordne ihnen Medikamente wider die Empfindlichkeit, und verspreche ihnen davon die Genesung ihrer eingebildeten Krankheit binnen Jahresfrist, in welcher die Zeit ihren Wahn ver- tilgt. Fast eben so leicht kann die Besorguiss wegen Sicherheit der Person und des Eigentlrums in tyrannischen Staaten und zu revolutionairen Zeiten zum Wahnsinn führen. Daher die vielen Verrückten während der letzten Anarchie in Frankreich. Wenn Leidenschaften Ursache der Gei- steszerrüttungen sind, welches leider nur zu oft der Fall ist, so hat der psychische Arzt zuerst da- hin zu sehen, sie zu entdecken, wenn sie der Art sind, dass der Kranke sie verheimlichet. Ohne Er- kenntniss der Ursache ist keine Heilung möglich. Sauvages Nosol. T. III. P. 1. p. 232. erzählt die Geschichte einer Frau, die sich aus Eifersucht ermordete. Ihr Arzt hätte sie retten können, wenn er ihre Leidenschaft ge- ahndet hätte. Selbst Verrückte sind im Stande, dieselben zu verheimlichen; sie schützen erdich- tete Uebel vor, um sich hinter denselben zu ver- stecken. Dazu hat freilich der Arzt Menschen- kenntniss, Weltklugheit, Geschmeidigkeit, Be- kanntschaft mit der Lebensgeschichte und den Neigungen des Kranken und Aufmerksamkeit auf jede seiner Aeusserungen nöthig. So entdeckte Galen die Liebe einer römischen Dame zu dem Schauspieler Pylades dadurch, dass ihre Ge- sichtszüge sich veränderten, als einer in der Ge- sellschaft seinen Namen zufällig nannte. Parge- ter l. c. p. 37. nahm eine artige Wendung in einem solchen Fall. Er fasste die schwermüthige Kranke beim ersten Besuch scharf ins Auge, und sagte ihr, dass er bereits vollkommen von der Ursache ihrer Krankheit unterrichtet sey. Wie soll man den Menschen für den nach- theiligen Einfluss der Leidenschaften, besonders in Hinsicht auf Geisteszerrüttungen sichern? Zu- vörderst erstickt man sie nicht, sondern lässt sie austoben. Sie sind gleich einem reissenden Strom, der desto nachdrücklicher wüthet, je enger man ihn eindämmt. Rache, wenn sie gesättiget, Lie- be, wenn sie befriediget wird, sind weniger ge- fährlich; der Traurige findet sich erleichtert, wenn er weinen, der Zornige, wenn er seinen Muth kühlen kann. Im Gegentheil ist der An- griff der Leidenschaften auf unsere Gesundheit um so nachdrücklicher, je stummer sie sind. Dann kömmt sehr viel darauf an, so früh als möglich zu Hülfe zu eilen, wenn man Gefahr ahndet. Wahnsinn von Unglücks- und Todesfällen kann man in der Regel verhüten, wenn man zur rech- ten Zeit, ehe die fixe Idee Wurzel gefasst hat, zweckmässige Mittel zur Zerstreuung des Kran- ken anwendet. Einsamkeit nährt die Grillen; Beschäfftigungen zerstreuen sie, wenn sie der Na- tur der Leidenschaft und dem Grade ihrer Erre- gung angemessen sind. Man besorgt die Befrie- digung der Leidenschaft, entfernt den Gegenstand, der sie erregt, stellt ihr eine andere von gleichem Interesse zur Seite. Endlich muss auch hier die Fackel der Vernunft Licht geben, den Irrthum vertilgen, die Dinge in ihrem natürlichen Zusam- menhang auffassen, ihren wahren Werth bestim- men, und uns über Ereignisse zufrieden stellen, die von der Menschheit nicht zu trennen sind. Die heftigen und transitorischen Leidenschaf- ten können zwar auch Geisteszerrüttungen her- vorbringen. Man kann vor Freude toll und vor Zorn rasend werden. Doch geschieht dies seltner und wenn es geschieht, entstehn Tobsuchten, die sich als akute Krankheiten entscheiden. Auch kann meistens wider diese Ursache während des Wahnsinns nichts gethan werden, weil sie dann längst verschwunden ist. Vielmehr soll man den Hang zu diesen Leidenschaften bekämpfen, um ihren Folgen zu entgehn, dieser Artikel gehört aber nicht hieher, sondern in die Moral. In Fällen, wo ein schauderhafter Eindruck die Tem- peratur des Nervensystems verletzt hat, kann die Wiederholung des nemlichen Eindrucks, nach den Gesetzen der Gewohnheit, seine Folgen tilgen. Ein Ein Mann sah der Enthauptung eines Delinquen- ten zu. Diese Vorstellung erschien unnachlässig im Traum wieder, und ängstigte ihn so sehr, dass er darüber mit Zittern vom Schlaf erwachte. Er nahm sich daher vor, auss neue diesem Schau- spiel zuzusehen. Dies wirkte durch die Uebung seines Muths und durch die Ueberlegung, welche er dabey anstellte. Er wurde von seinen ängsti- genden Träumen befreit Muratori l. c. 2. B. 243 S. . Eher gehören die anhaltenden und nieder- schlagenden Leidenschaften, Indignation, Kum- mer und Traurigkeit über verlohrne Ehre, Freun- de, Güter, Vaterland u. s. w. in das Gebiet des psychischen Arztes, bey der Cur der Geisteszer- rüttungen. Diese Leidenschaften erschüttern fort- daurend die Seele, auch dann noch, wenn sie schon zerrüttet ist. Sie erregen eine gewisse Ato- nie und Trägheit des Nervensystems, dass es nicht mehr auf die Vegetation einwirkt, bringen Ab- nahme der Kräfte, Magerkeit, Gleichgültigkeit, Verachtung des Lebens und eine Art nervöser Abzehrung hervor, die sich nicht selten mit dem Tode endigt Moreau , sur différentes circonstances de ma- ladies, à la guerison desquelles les ressources pharmaceutiques n’ont point eoncouru; suivies de considerations psychologiques et médicales . Wider diese Atonie des Ner- vensystems muss man Stürme in demselben erre- gen, und es durch moralische Reize aus seinem T Schlummer wecken. Man verwickelt den Kran- ken in ganz neue Lagen, ändert seine Lebensart, schickt ihn auf Reisen, lässt ihn heirathen, kün- digt ihm Gefahren seines Vermögens, seiner Ehre, der Seligkeit, des Lebens an. Eine Frau, die sehr thätig gewesen war, und in dem Zirkel der grossen Welt gelebt hatte, verlohr einen Theil ihres Ver- mögens, so dass sie genöthigt war, sich zurück- zuziehn. Gram und Langeweile stürzten sie in die benannte Auszehrung. Nun verlohr sie den Rest ihres Vermögens, und wurde von Mangel und Armuth bedroht. Sie suchte eine Stelle in einer Versorgungsanstalt; Hoffnung und Furcht, Erinnerungen der Vergangenheit und Aussich- ten in die Zukunft bestürmten sie wechselseitig; ihr Nervensystem wurde von neuem erregt und sie genas Mém. de la Soc. médic. d’émulat. T. H. p. 214. . Endlich entsteht von dem anhaltenden Nagen dieser Leidenschaften Schwermuth, Ver- zweiflung und Selbstmord. Die Kranken ver- zweifeln an ihrem Auskommen oder an der Gna- de Gottes. Sie morden sich oder andere; andere, weil sie dieselben für die Ursache ihrer Leiden ansehn, sie von eingebildeten Leiden erlösen wol- len, oder aus Furchtsamkeit sich selbst zu morden, um durch das Schwerdt des Richters zu fallen, sur la consomption. Mém. de la Soc. médic. d’émul. T. II. p. 178. Crichton l. c. T. II. p. 173. Tissot l. c. 2. B. 28 S. Blumen- bach med. Bibl. 1. B. 4. St. 732 S. oder endlich als sinnlose Automaten, die ohne alles Bewusstseyn handeln. Bey diesen nieder- schlagenden Leidenschaften kömmt es sehr darauf an, ob der Kranke geheilt seyn will. Dann kann er des Sieges gewiss seyn. Ein weiser Freund, nicht zu voreiliger Trost, der den Schmerz schärft, Zerstreuungen, die dem Seelen- leiden angemessen sind, können wenigstens soviel thun, dass Zeit gewonnen wird. Und ist diese gewonnen, so entsteht kein Wahnsinn, denn sie tröstet über jeden Verlust. Gegen Geisteszerrüt- tungen vom Verlust der Habe wirken zuweilen Vorspiegelungen neuer Hoffnungen. Schwerer sind die Eindrücke gekränkter Ehre zu tilgen. Heimliche Entfernung in ein unbekanntes Land ist wol das beste Mittel, wenn keine Genugthu- ung möglich ist. Denn der Harm gründet sich darauf, dass die Makel gekränkter Ehre bekannt geworden und nicht getilgt ist. Ein Mann fiel durch unverschuldete Misshandlungen in den fixen Wahn, die ganze Menschheit habe sich wi- der ihn verschworen. Er musste deswegen seines Dienstes entsetzt werden, welches ihn von neuem in seiner vorgefassten Meinung bestätigte. Allein durch eine leutselige Behandlung in dem Kran- kenhause und durch die Versprechung einer an- deren Versorgung wurde er geheilt. Er bekam wirklich nach seiner Herstellung eine andere Stelle, und ist dadurch wahrscheinlich für Rück- fälle gesichert. T 2 Das Heimweh ist eine wahre Gemüths- krankheit, die gerade bey solchen Völkern am leichtesten entsteht, die in der Einfalt ihrer Sit- ten den Begriff ihrer Glückseligkeit an wenige Gegenstände knüpfen, wie die Lappen, die Berg- schotten und Schweizer. Die katholischen Appen- zeller sind blosse Hirten, kleben aber am stärk- sten wie ihre Kühe an die vaterländschen Alpen; die Lappen haben eine so hohe Meinung von den Vorzügen und der Verfassung ihres Landes, dass sie ausser demselben erkranken. Die süsse Rück- erinnerung an Freunde und Verwandte, an die schuldlosen Scenen der Jugend, an unbedeutende Eigenheiten des Vaterlandes, an den Kuhreihen der Schweizer, den Dudelsack der Schotten, fi- xirt die Einbildungskraft, erregt Sehnsucht, diese Schwermuth, wenn sie nicht befriediget wird. Gern bringt auch das Heimweh die oben schon bemerkte schnelle Flucht aller Nerven- und Ve- getationskraft, und eine nervöse Schwindsucht hervor, die aber eben so schnell durch die Hoff- nung der Rückkehr wieder verschwindet. Ein- samkeit vermehrt die Wirkungen des Heimwehs; frühe Beschäfftigungen beugen ihnen vor. Ist dasselbe einmal vollkommen ausgebildet; so ist Rückkehr ins Vaterland das sicherste, oft das einzige Mittel zur Genesung Blumenbach med. Bibl. 1. B. 4. St. 732 S. Mém. de la Soc. med. d’émulat. T. II. 192 S. . Moreau Mém. de la Soc. méd. d’émul. T. II. 192 S. behandelte einen Kranken im Spital an einem chirurgischen Zufall, der plötzlich gleichgültig und niedergeschlagen wurde, Dyspnoe, Magen- krampf und einen langsamen Puls bekam, sich abmagerte und in eine dumpfe Melancholie ver- fiel. Die Ursache dieser schleunigen Umwälzung war Heimweh, das durch das Gehör der Stimme eines Landsmanns entstanden war. Durch das nemliche Mittel suchte ihn Moreau zu heilen. Er billigte seinen Harm, unterhielt sich mit ihm von seinem Vaterland, machte ihm Hoffnung zur baldigen Rückkehr und liess seinen Landsmann zu ihm gehn. Es erfolgten bey traulichen Unterre- dungen über Gegenstände des Vaterlandes reichli- che Ergüsse von Thränen, und der Kranke genas. Schreckhafte Träume können ähn- liche Uebel erregen. Der Kranke fürchtet sie, fürchtet die Nacht, ist ungewiss, ob er träume, oder ob sich sein Bewusstseyn auf Realitäten be- ziehe. Er schiebt, wenn er vollends abergläu- bisch ist, seinen Gefühlen falsche Ursachen, Alpe, Bären, böse Geister, Vampire unter, hält diese Dinge für die Ursache seiner nächtlichen Quaalen, und kann darüber verrückt werden. Meistens ist in diesem Fall körperliche Krankheit, nemlich Alpdrücken vorhanden, das man entweder heilen oder von dessen Natur man wenigstens den Kranken unterrichten muss Reil’s Fieberlehre, 4. B. 524 S. . Anhaltende Schmerzen können auch die Seele zerrütten. Man wecke den Muth, tröste durch Hoffnungen einer nahen Erlösung, tilge die Ursache der Schmerzen, oder stumpfe durch Mohnsaft gegen dieselben ab. Nachher suche man durch Gemüthsruhe, Zerstreuung, Landluft, gute Nahrungsmittel und durch den mässigen Genuss des Weins dem angegriffenen Nervensy- stem wieder aufzuhelfen. Andere werden vor Eitelkeit und Hoch- muth verrückt. Meistens massen sie sich Vor- züge in Dingen an, die entweder keinen Werth haben, oder worin sie von anderen weit über- troffen werden. Darüber verständige man sie. Man zeige ihnen, wie abgeschmackt ihre Leiden- schaft sey. Indem sie der Achtung anderer nachjagen, verlieren sie dieselbe, und werden mit Verachtung für ihre Anmassung gestraft. Allein meistens sind diese Menschen von eingeschränktem Verstande, der durch allgemeine Uebungen ange- bauet werden muss. Oft ist es heilsam, dem auf- geblasenen Thoren seine Ohnmacht und Abhän- gigkeit fühlen zu lassen. Ich hatte einen solchen Kranken in der Behandlung, der in keinem Stücke gehorchte, sein Haus despotisirte, und Herr der Welt zu seyn glaubte. Die erzwungene Nachgiebigkeit vermehrte seine Tollheit. In die- sem Zustande erklärte ich ihm, dass er zu seiner und seiner Hausgenossen Sicherheit Arrestant sey. In dem nemlichen Augenblick traten zwey baum- starke Wachtknechte herein, stellten sich mit mar- tialischer Miene ihm zur Seite und empfingen meine Befehle über ihr Verhältniss zu dem Kran- ken. Sein Auge sing an zwischen mir und seinen Wächtern rechts und links zu schweben, er ver- lohr allen Muth, folgte in allem wie ein zaghaftes Kind und wurde geheilt. Der König Nebu- cadnezar wurde vor Hochmuth ein Narr. Dies ist die stolze Babel , sprach er, die ich er- baut habe, durch meine grosse Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit. Allein der Herr heilte ihn durch Demüthigung. Haut dem Baum um, sprach er durch seinen Propheten, dessen Wipfel gen Himmel, dessen Aeste bis an der Welt Ende reichen, dass alles Fleisch unter ihm Schatten findet. Doch lasst den Stamm mit seinen Wur- zeln in der Erde bleiben. Der grosse König soll sieben Jahre lang im Grase gehn, vom Thau des Himmels nass werden und mit den Thieren von den Kräutern der Erde weiden, bis sein Haar wächst wie Adlers Federn und seine Nägel wie Vogel- klauen Daniel Kap. 4 . Eben so abgeschmackt ist die Leiden- schaft des Geizes . Der Kranke hat nach sei- ner Meinung viel nöthig und kann von seinen Gü- tern nichts entbehren. Er entbehrt indessen wirk- lich ihrer aller, indem er durch Kargheit einen Beschlag auf dieselben legt. Zuweilen kann der Nachahmungstrie b der Menschen Ursache der Verrücktheit werden. In diesem Fall muss man die Vorbilder der Nach- ahmung entfernen, die Vortheile derselben auf- heben, drohen, beschimpfen. Als der Selbst- mord unter den Mädchen von Miletus epidemisch geworden war, machte der Staat ein Gesetz be- kannt, dass die erste, welche wieder Hand an sich legte, nackend auf dem Markt ausgestellt werden sollte. Diese angedrohte Beschimpfung steuerte dem Uebel Plutarchus de virtute muliebr. T. II. . In einem Kloster fielen alle Nonnen zu einer Stunde täglich nieder und er- hoben ein allgemeines Geschrey, das dem Geheul der Katzen ähnelte und zum Aergerniss der Reli- gion mehrere Stunden anhielt. Die Obrigkeit gab Befehl, dass beim ersten Katzengeschrey Sol- daten anrücken und die Nonne durchpeitschen sollten, die laut geworden war. Diese Drohung hob augenblicklich die Eindrücke der Nachah- mungssucht auf die kranke Einbildungskraft Nicole Naturalisme des convulsions; Soleure 1733. . Eine fixe Idee, die ursprünglich von einer be- stimmten Ursache entstanden ist, ändert sich in der Folge mannichfaltig ab, und theilt dadurch der Verrücktheit immer eine andere Form mit. Das Beispiel einer Mutter, die ein Kind verlohren hatte, und sich über versäumte Pflege desselben Vorwürfe machte, habe ich bereits angeführt. Sie glaubte Ursache des Todes des Kindes zu seyn, fürchtete anfangs die Justiz und endlich suchte sie die Strafe derselben. Wahrscheinlich wird sie, wenn sie genest, auf die erste mildere Idee zurückkehren. Ein Uhrmacher, dessen Pi- nel l. c. 71. S. gedenkt, verlohr den Verstand durch An- strengung der Seele über die Erfindung eines Per- petuum mobile. Nachher bildete er sich ein, er sey mit anderen guillotinirt und habe statt des sei- nigen einen fremden Kopf bekommen. Man gab ihm Uhrmacher-Werkzeug; die alte Idee, das Perpetuum mobile zu erfinden, erwachte wieder und er machte den Weg rückwärts zur Genesung, auf welchem er zum Wahnsinn gelangt war. In solchen Fällen, wo die Verkehrtheit gar nichts ähnliches mehr mit ihrer ersten Ursache hat, ist es demohnerachtet nicht überflüssig, auf dieselbe Rücksicht zu nehmen, und den Kranken wo möglich auf seinen ursprünglichen Wahn zurück- zuleiten. Wie soll endlich ein Menschbehandelt wer- den, der durch übermässige Anstrengungen seiner Seele zum Narren geworden ist? Diese Ursache zerstört den Ton der Eingeweide des Unterleibes, durch die sitzende Lebensart und greift das Nervensystem unmittelbar an. Sie macht finster, kleinmüthig, hypochondrisch und endlich toll. Tasso, Pascal, Peter Jurieu und andere sind davon redende Beweise. Man muss diese Kranke salben, reiben, zur Bewegung an- halten. Die Gymnastik, welche Herodikus zuerst zu einem Zweige der Heilkunst gemacht hat, leistet ihnen einen doppelten Vortheil, zerstreut ihr Gemüth und heilt die Stockungen ihres Unter- leibes. Gern fehlt ihnen der Schlaf, den man durch Arbeit und Mohnsaft herbeilockt. Sie müssen entweder einer vollkommnen Seelenruhe genie- ssen, oder ihren Geist mit leichten Gegenständen beschäfftigen und mit denselben wechseln, damit allmälich alle Theile des Seelenorgans in Thätig- keit gesetzt werden. Das Gehirn gleicht einem Acker, der durch die Brache neue Kräfte samm- let. Ihre Diät muss erquickend, nahrhaft und leicht verdaulich seyn. §. 20. Neben der Kur der entfernten Ursachen, wo- durch den Geisteszerrüttungen gleichsam die Wur- zeln behauen werden, muss die psychische Behandlung ihnen selbst, mit Rück- sicht auf ihre verschiedne Natur, an- gepasst werden . Zu diesem Behuf ist es zu- vörderst nothwendig, dass die eigenthümli- chen Formen derselben aufgesucht und nach ihren generischen und specifischen Differenzen be- stimmt werden. Denn dadurch gelangen wir zur Erkenntniss ihrer wesentlichen Verschiedenheit und haben zugleich den Vortheil, die grosse Man- nichfaltigkeit der sonderbarsten Erscheinungen ei- nes volkreichen Tollhauses, die uns verwirren würde, in bestimmte Punkte zu sammlen. Was sind wesentliche , was zufällige Differenzen? Wie unterscheiden sich Arten und Varietäten ? Arten beziehn sich auf verletzte Qualitäten, die einer Thierart überhaupt eigen sind, Varietäten auf Modifikationen derselben durch Individuen der gegebnen Thierart. Arten der Geisteszerrüttungen sind specifisch- eigenthümliche Verletzungen der Dy- namick des Gehirns, in Beziehung auf seine Funktion als Seelenorgan, die sich daher durch einen Inbegriff ste- ter Symptome zu erkennen geben müs- sen . Die Symptome dieser Krankheiten müssen als gestörte Geschäffte der Seele erscheinen, so- fern das Gehirn nach seinen verschiedenen Zu- ständen zur Hervorbringung dieser Geschäffte mit- wirkt. Varietäten entstehn durch das Verhältniss der Verrücktheit zu ihren mannichfaltigen ent- fernten Ursachen, durch die Verschiedenheit ih- rer Stärke und Dauer, durch ihre Zusammense- tzung mit anderen Seelen- oder Körper-Krankhei- ten und endlich durch die Modifikation, welche die abstract gedachte Krankheit erleidet, wenn sie als wirklich in einem Individuum gesetzt wird. Dahin zähle ich auch die Kultur der Seelenkräfte, die so verschieden ist, als es die Individuen sind. Daher hat Chiarugi l. c. 525 S. , wenn er nach Graden und entfernten Ursachen classificirt, Varietäten statt Arten aufgestellt. Es ist hier nicht der Ort, mich auf eine Kritik der Eintheilungsgrün- de Reil’s Fieberlehre, 4. B §. 57. einzulassen, die Arnold Beobachtungen über die Natur, Arten, Ur- sachen und Verhütung des Wahnsinns, aus dem Engl. Leipzig 1784. 1. Th. 34 S. , Sauva- ges Nosol. T. III. P. 1. p. 225. , Erhard Wagners Beiträge, B. 1. 103 S. , Schmid Hufelands Journal der praktischen Arznei- kunde, XI. B. 1. St. , Chia- rugi l. c. 447 ‒ 542 S. und andere Aerzte zur Classifikation des Wahnsinns angenommen haben. Doch be- merke ich im Vorbeigehn, dass nur einer der- selben, nemlich derjenige, welcher sich auf die Verschiedenheit seiner Natur bezieht, zum Behuf der Praxis statthaft sey. Bloss Herrn Hoffbau- ers Reil’s Archiv 5. B. 448 S. Untersuchungen über die Krankheiten der Seele, 1. Th. 286 S. Eintheilung der Seelenkrankheiten will ich mit ein Paar Worten erwähnen. Er will sie nach den einzelnen Vermögen der Seele, die ver- letzt sind, deren abnormes Verhältniss gegen ein- ander und nach der gestörten Gemeinschaft der Seele mit dem Körper ordnen und darnach als Geschlechter Geisteszerrüttungen, Ver- rückungen und Seelenkrankheiten im engern Sinn festsetzen. Allein wird diese Eintheilung in das ganze System aller Krankhei- ten eingreifen? Ist sie nicht auf Symptome gegrün- det, sofern die Verletzungen der Seelenvermögen nicht Krankheiten sondern Produkte derselben sind? Sind die Seelenvermögen in Beziehung ih- res zureichenden Grundes so heterogen, als sie es nach ihren Aeusserungen zu seyn scheinen? Wür- de nicht das dritte Glied in dem bemerkten Ein- theilungsgrund, nemlich die gestörte Gemein- schaft der Seele und des Körpers, fallen, wenn etwan neben dem Körper kein anderes Substrat der innern Seelenvermögen vorhanden wäre? Sind nicht die aufgestellten Kraftverhältnisse in concreten Fällen schwer zu finden? Woher die Phahtasmen, die die Stärke der Sinnesan- schauungen haben; von Hypersthenie der Phan- tasie oder der Sinnorgane? Ich möchte daher Herrn Hoffbauers Ansicht nicht sowol zur Clas- sifikation, sondern vielmehr als Einleitung in das Studium der Arten empfehlen, um darnach ihre Anfänge, Entwickelungen, Ausbreitungen und Einflüsse auf die verschiednen Seelenvermögen zu erörtern. Doch sind wir genöthiget, die Leiden der Seele nach solchen Erscheinungen zu bestim- men, die uns von ihr bekannt sind. Denn von der Verletzung derselben an sich und ihrer gestörten Gemeinschaft mit dem Körper wissen wir gar nichts. Daher beziehn sich auch die meisten Versuche zur Classifikation der Geistes- zerrüttungen mehr oder weniger auf die Verschie- denheit der verletzten Seelenvermögen. Bey diesen absoluten Mängeln unserer Er- kenntniss begnüge ich mich damit, zum prakti- schen Gebrauch für Aerzte vorerst nur einige feste Punkte in das Chaos der Geisteszerrüt- tungen zu stellen. Ich will nemlich solche spe- cisisch eigenthümliche Zustände derselben aufsu- chen, die in sich selbst soviel Charakter haben, dass sie als Arten in jedes System passen müssen, und sie durch Merkmale bezeichnen, durch welche sie überall von jedermann erkannt werden können. Unter dieselben können die meisten Fälle subsummirt werden. Der Rest bleibt so lang als Naturspiel im Chaos zurück, bis wir mit seinem Wesen näher bekannt werden. Die Aerzte fehlten darin meistens, dass sie durch zu viele und ausserwesentliche Merkmale die Gren- zen der Arten zu eng gefasst haben. Denn wenn wir dem Wahnsinn, ausser seinem wesentlichen Merkmal fixer Ideen , noch ein anderes des Trübsinns zufügen, so stossen wir auf Fälle fixer Ideen, denen das letzte Merkmal fehlt, und die deswegen keinen Platz im System finden. Den Grund dieser bestimmten Formen zerrütteter Seelenkräfte im Organismus, als nosologischen Eintheilungsgrund derselben, kenne ich nicht, und bin daher genöthiget, sie wie meine Vorgän- ger durch Merkmale zu bestimmen, die sich auf verletzte Seelenvermögen beziehn. Die Gattungen , unter welche die Arten aufgefasst werden müssen, übergehe ich. Denn es kömmt bey der Classifikation der Krankheiten vorzüglich auf die richtige Begründung der Ob- jekte, und weniger auf ihre Aneinanderreihung an. Doch muss ich einer Differenz der Geistes- zerrüttungen, nemlich ihrer sthenischen oder asthenischen Natur erwähnen, ohne mich darauf einzulassen, ob dieselbe wesentlich oder zufällig, specisische oder generische Differenz sey. Diese Sthenie und Asthenie beziehe ich direct auf die Geisteszerrüttungen. Denn eben diese Zustände im Vegetationssystem sind für sich be- stehende Krankheiten, bedürfen blosser körper- licher Mittel, und stehn nicht selten mit dem Charakter der Geisteszerrüttungen im umgekehr- ten Verhältniss. Oft ist die Seele äusserst wirk- sam in geschwächten Subjekten, oder ihre Thätig- keit wird ganz unterdrückt, wenn das Gehirn durch eine zu grosse Energie der Gefässe mit Blut überfüllt wird. Zuweilen sind die Seelenkräfte in den Gei- steszerrüttungen über die Norm erhöht. Jede Aeusserung derselben athmet Energie, die Bilder der Phantasie sind brennend, ihre Verknüpfun- gen rasch und treffend, die Gedanken kräftig und und die gewählten Mittel dem Zwecke angemes- sen, nur dass der Zweck falsch ist. Ich erwartete, sagt ein von Willis geheilter Wahnsinniger, meine Anfälle mit Ungeduld, denn ich genoss wäh- rend derselben einer Art von Seligkeit. Alles schien mir leicht, kein Hinderniss hemmte mich, weder in der Theorie noch in der Ausführung. Mein Gedächtniss bekam auf einmal eine beson- dere Vollkommenheit. Ich erinnerte mich lan- ger Stellen aus lateinischen Schriftstellern. Es kostete mir im gewöhnlichen Leben viel Mühe gelegentlich Reime zu finden, aber in der Krank- heit schrieb ich so geläufig in Versen als in Prosa. Ich war verschmitzt, sogar boshaft und frucht- bar an Hülfsmitteln aller Art Pinel S. 30 und 370. . In andern Fäl- len scheint alle Energie der Seele erloschen zu seyn; sie starrt wie eine Bildsäule auf einen Ge- genstand hin, fasst die einfachsten Verhältnisse nicht mehr, kann zu keinen Entschlüssen gelangen oder dieselben nicht ausführen. Sonderbar ist es, dass diese Zustände der Sthenie und Asthenie oft schnell und ohne bekannte Ursache, nach dem Lauf der Anfälle, oder gar nahe vor dem Tode in hitzi- gen Fiebern, mit einander wechseln Mens vaticinando idonea. Primum quidem seipsos de vita migraturos praesentiunt, deinde praesentibus sutura denuntiant. Nonnulli vero interdum eorum dictis fidem non habendam pu- tant, sed dictorum eventus homines in eorum admirationem concitat. Aliqui praeterea ex his cum . In der Sthenie Sthenie muss man Reize anwenden, die in Rück- sicht ihrer Natur und Stärke dem Grade der Torpidität angemessen sind; in der Asthenie alle körperlichen und moralischen Eindrücke mässi- gen und besonders die hervorstechend reizbaren Theile schonen. Als Arten der Verrücktheit setze ich vorerst den fixen Wahn , die Wuth , die Narrheit und den Blödsinn Ob es ausser den genannten vier Arten der Geisteszerrüttungen noch eine fünfte, die man Verrückung nennen könnte, gebe, mag ich nicht entscheiden. Kants kleine Schriften von Rink, S. 43. Ein Mensch, der seine Phantasieen für Realitäten und seine Hirngespinste für Er- fahrungen hielte, vielleicht weil sie sich ihm eben so lebhaft als die Anschauungen seiner . cum quibusdam vita defunctis sermonem habent: fortasse quidem ipsi soli prae sensus acumine et puritate eos adesse cernentes: aut forte ipsorum animo viros, cum quibus versaturi sunt, prae- noscente atque enarrante. Quippe antea in lu- tulentis humoribus et caligine demersus erat: quos ubi morbus exhausit et ab oculis tenebras detersit, quae in aere siunt, praedicant exutoque sordibus animo veracissimi vates efficiuntur. Sed quorum succi et ingenium adeo extenuati sunt, hi non diu admodum solent esse supersti- tes; cum eorum vitalis potentia jam in aerem cesserit atque abierit. Araeteus, de causis et signis acut. Lib. II. c. 4. art. med. princ. T. V. p. 31. Andere Beispiele der Art habe ich in meiner Fieberlehre, 4. Th. 370 S. angeführt. U 1. Fixer, partieller Wahnsinn, Melan- cholie . Der fixe Wahnsinn besteht in einer partiellen Verkehrtheit des Vorstel- Sinne darstellen, und diesem gemäss handelte, würde ein Verrückter, ein wachender Träumer seyn. Allein sein Zustand gehörte zum fixen Wahn, so lang er nur einer Chimäre anhinge, wie es meistens in den chronischen Geisteszer- rüttungen zu seyn pflegt, und die topische Ex- altation seiner Imagination würde die Ursache seiner fixen Idee seyn. Ein Mädchen sah immer- hin ein grosses und fürchterliches Gespenst, der toskanische Mahler Spinello den Teufel neben sich, der ihm vorrückte, dass er ihn in einer so scheusslichen Gestalt gemahlt habe. Arnold l. c. 1. Th. 120 und 121 S. Käme es vor, dass die- ser Zustand der exaltirten Phantasie sich auf ihre sämmtlichen Produkte erstreckte, so würde er als eine eigne Art Seelenkrankheit aufgenom- men werden müssen. Das Irrereden im Gefäss- fieber scheint dieser Natur zu seyn. In dem Kopf des Kranken läuft alles wild und tumul- tuarisch durch einander, die durch die Sinne erregten Ideen, ihre Täuschung ohne Object, die Spiele des Gemeingefühls, die Produkte der Imagination, die aufgehobnen Gesetze der Asso- ciation und der durch die Krankheit geschwäch- te Verstand, veranlassen im Seelenorgan eine solche Verwirrung, dass der Kranke gar nicht bey sich zu Hause zu seyn scheint, und es ihm fast unmöglich wird, sein Bewusstseyn an seine Person festzuhalten. Eine Fieberkranke sah, hörte und empfand bey Tage alles abnorm, vor lungsvermögens, die sich auf einen oder auf eine Reihe homogener Gegen- U 2 den Ohren sang, brauste und rauschte es, die Getränke hatten einen fremden Geschmack, vor den Augen lagen Berge, die Objekte hatten die Farben des Regenbogens, der Rand des Trink- gefässes erschien ungleich, als wenn Blumen- kohlköpfe und andere Gewächse daraus hervor- gewachsen wären. In dem reinsten Getränk sah sie Thiere, eine Kreuzspinne, Eidechse und eine Schlange, und wunderte sich, dass auch wir sie nicht sahen. Mit der Exacerbation erschie- nen wirkliche und zahlreiche Phantasmen. Sie sah Thiere, Menschen, Verwandte, Geister ohne Zahl. Einige Zeit sass Friedrich der Grosse, den sie noch kurz vor seinem Tode gesehen hat- te, die ganzen Nächte durch an ihrem Bette, so lebhaft, wie es nur in der Wirklichkeit hätte geschehen können. Sobald es finster im Zimmer wird, oder der Kranke die Augen schliesst, er- scheinen ihm Ungeheuer und grässliche Gesich- ter, die ihn angrinzen. Er erkennt diesen Zu- stand noch selbst als Phantasm, oder lässt sich durch Gründe seiner Freunde, und durch meh- rere Erleuchtung der Gegenstände davon über- zeugen. Er spricht irre, wenn er einschlum- mert, und die Besonnenheit seiner Verhältnisse durch die Entziehung der Sinneswirkungen ge- schwächt ist. Beim Erwachen sagt er, dass ihm sein Irrereden wie ein lebhafter Traum vor- komme. Alles dies sind Spiele einer überspann- ten Thätigkeit in den äusseren Sinneswerkzeu- gen und in den Organen der Phantasie. Reils Fieberlehre, B. 4. §. 67. stände bezieht Melancholia morbus, in quo aeger delirat, eidem fere et uni semper cogitationi defixus. Boerhaave Aphor. §. 1089. , von deren Daseyn der Kranke nicht zu überzeugen ist, und die daher die Freiheit feines Be- gehrungsvermögens beschränkt, und dasselbe gezwungen, seiner fixen Idee gemäss, bestimmt . Beide Merkmale, fixe Ideen und subjektive Ueberzeugung, dass der Wahn Wahrheit sey, gehören wesentlich zur Charakteristik dieser Krankheit. Denn es giebt Fälle fixirter Ideen ohne Wahnsinn. Herr Jör- dens Moritz Magazin, 1. B. 1. Heft, 85 S. konnte ein ganzes Jahr lang den Gedan- ken nicht loss werden, dass er am Schlage sterben werde. Diese Idee quälte ihn Tag und Nacht. Er konnte davon nicht reden, das Wort nicht einmal aussprechen. Ein eiskalter Schauder er- griff ihn, wenn in Gesellschaften von dieser Krankheit geredet wurde. Ein Prediger konnte sich des Gedankens nicht erwehren, über die Kanzel hin ins Auditorium zu springen. Er durf- te deswegen nicht predigen. Andere können die Idee nicht losswerden, ein Kind zum Fenster hinauszuwerfen oder ein Messer zu ergreifen und sich oder andere zu ermorden. Sie sehn es noch ein, dass ihre Idee ohne Vernunft sey, und die Ausführung derselben sie unglücklich machen werde. Doch fühlen sie einen blinden Drang, ihr gemäss zu handlen. Eben so geht es dem Hypochondristen. Ihn quälen fixe Ideen in Be- ziehung auf seinen körperlichen Zustand. Allein er will und kann sich derselben entschlagen, wünscht von ihnen befreit zu seyn, wechselt mit seinen Grillen, glaubt heute an einem Leberscha- den und morgen an einer versteckten Lustseuche zu leiden, kurz seine fixen Ideen bestimmen ihn noch nicht völlig und nothwendig in seiner Handlungs- weise. Er ist also hypochondrisch, aber noch nicht wahnsinnig. Dies Vermögen, den Ungrund der fixen Idee einzusehn, stirbt in unmerklichen Graden ab. Von dem klarsten Bewusstseyn der Täuschung geht es durch ein Intervall des Zweifelns zur völ- ligen Ueberzeugung, die fixe Idee sey reel, also zum Wahnsinn fort. Ausser diesen benannten Merkmalen darf aber auch keins weiter in der Exposition dieser Krankheit aufgenommen wer- den. Denn wenn wir denselben andere Merk- male, z. B. Trübsinn oder Glaube des Kranken, sein Zweck sey nicht erreicht, zufügen; so sto- ssen wir auf Fälle fixer Ideen in der Natur, denen diese Merkmale fehlen, und welche daher im System keinen Platz finden Melancholia est angor, in una cogitatione desi- xus atque inhaerens, absque febre. Araeteus de caus. et sig. morb. diuturn. Lib. I. c. 5. Doch bemerkt Swieten (Comm. §. 1089.) schon, dass diese Definition zu eng sey. . Alles übrige, die Art der fixen Ideen, ihr Einfluss auf das Begeh- rungsvermögen, die Handlungen und Leiden- schaften des Kranken, die Dauer und der Grad des Wahnsinns und sein Verhältniss zu seiner entfernten Ursache sind unbeständig, und daher ausserwesentlich. Noch weniger können körper- liche Erscheinungen, eine blassgelbe Farbe der Haut, atrabilarisches Blut, Zögerung der Aus- und Absonderungen und Unempfindlichkeit des Darmkanals Man gebe dem Kranken, an dessen Gemüthszu- stand man zweifelt, Brechweinstein , sagte einmal ein Arzt und Schriftsteller; diese Feuer- probe entscheidet gewiss, besteht er sie, ohne zu brechen, so ist er melancholisch. Armer Wichmann , wie weit bleiben deine Ideen zur Diagnostik gegen diesen sublimen Gedanken zurück! Dass doch Hogarths Pinsel dem Er- finder dieses Probierkabinets neben Lichten- bergs Vorschlag, die Aerzte durch einen Strick Hunde zu sekundiren, ein Ehrendenkmal stiften möge, das seiner würdig ist. als Merkmale des Wahnsinns ge- stattet werden, der als geistiges Object nicht weiss noch gelb aussieht, und aus einem rothen Blut eben so wenig als aus einem atrabilarischen verstanden werden kann. Die fixe Idee kann so verschieden seyn, als es subjektive und objektive Gegenstände des Vor- stellens und Begehrens giebt. Sie kann ein Hirn- gespinst seyn, das in sich selbst Widersprüche hat, oder einen möglichen Fall des menschlichen Lebens betreffen, der aber unter den vorhan- denen Umständen keine Realität hat. Sie kann sich auf einen bereits erreichten oder noch nicht er- reichten Zweck, dessen Hindernisse grösser oder geringer gedacht werden, auf ein erlittenes oder gefürchtetes Uebel beziehn, ein Gegenstand der Sehnsucht oder des Abscheus seyn. Die Idee fes- felt den Kranken durch ihr Interesse, aber auch ohne dasselbe, sofern sie ihm habituell geworden ist. Bald schwebt sie ihm immerhin gezwungen vor; er hasst sie, kann sie aber nicht losswerden, sie verfolgt ihn wie eine Furie, die ihn unglück- lich macht. Bald fesselt sie ihn durch ihr Inte- resse, sofern er ihr Object als Mittel zum Zweck, als ein Gut oder als ein Uebel denkt, das bereits realisirt oder noch gehofft und gefürchtet wird. Die Grösse des Interesses hängt entweder von dem eingebildeten oder von dem wahren Werth des Objects ab. Am meisten pflegen fixe Ideen zu interessiren, die sich auf Religion, Staatsverfas- sung, Ehre, Habe, Liebe, und Liebe für die eigne Gesundheit beziehn. In der Regel bezieht sich die fixe Idee auf unerreichte Zwecke, auf Güter, die gehofft, auf Uebel, die gefürchtet werden. Die Hindernisse denkt sich der Kranke mehr oder weniger ent- fernbar, sucht sie bald in der Sache selbst, bald in sich oder in seinen Aussenverhältnissen. Da- von hängt ihr Einfluss auf seine Leidenschaften ab. Er verfällt in unthätige Traurigkeit und Ver- zweiflung, wenn sie einen Gegenstand des Ab- scheus, den er nicht entfernen, oder ein Gut be- trifft, das er nicht erreichen zu können glaubt. Bald bringt sie gehässige Leidenschaften, mit Trieb zum Handlen, Hass, Rachsucht, Wuth hervor, wenn er die Unerreichbarkeit seines Zwecks nicht in die Sache selbst, sondern in äussere Ursachen setzt. Bald erregt sie Frohsinn und eine bachanalische Freude, wenn der Kranke den Werth seines Phantoms hoch anschlägt und er bereits im Besitz desselben zu seyn glaubt. So war der Wahnsinn des Kranken, der sich einbil- dete schöne Schauspiele zu sehn Hic ubi cognatorum opibus curisque refectus Expulit Helleboro morbum bilemque meraco, Et rediit ad se. Pol me occidistis, amici, Non servastis, ait; cui sic extorta voluptas, Et demptus per vim mentis gratissimus error. Horatii Epist. L. II. epist. 2. , des Thra- sylaus , der alle Schiffe in dem Hafen von Athen für die seinigen hielt Athenaeus Deipnosoph. Lib. XII. , des Professor Titel Wagners Beitr. 1. B. 114 S. , welcher römischer Kaiser und des Pater Sgam- bari Muratori l. c. 2. Th. 8. S. , der Kardinal zu seyn glaubte, zuver- lässig mit frohen Gefühlen verbunden. Endlich giebt es noch fixe Ideen, die keine unmittelbare Beziehung auf den Kranken haben und daher mit keinen hervorstechenden Leidenschaften ver- bunden sind. Der Art war der Wahn einer Frau, deren Trallianus Lib. I. c. 16. gedenkt, die den Mittel- finger nicht krumm machte, weil sie glaubte, die Welt stütze sich auf denselben. Auch wechseln die Leidenschaften bey der nemlichen Idee, je nachdem der Kranke dem Ziele nahe oder wie- der von demselben zurückgeworfen zu seyn glaubt. Darnach kann er bald froh, bald weh- müthig, unthätig oder angestrengt, ruhig oder wüthend seyn. Trübsinn und Traurigkeit sind also nicht, wie man zu glauben pflegt, nothwen- dige, sondern zufällige Merkmale der Melancho- lie. Auch muss die Kur derselben lediglich allein auf die fixe Idee gerichtet seyn, mit deren Ent- fernung zugleich alle Neigungen, Triebe und Leidenschaften verschwinden, die in ihrem Ge- folge vorhanden waren. Indess, da sich in der Regel die fixen Ideen auf gehässige Gegenstände, auf unerreichbare Güter oder realisirte moralische oder physische Uebel beziehn, so sind unange- nehme Leidenschaften die gewöhnlichen Gefähr- ten derselben. Diese Kranke sehn niedergeschla- gen aus, weinen leicht, lieben die Einsamkeit an grausenden Oertern, finden nirgends Ruhe, schla- fen wenig und hassen ihre Existenz. Selbst die scheinbare Ruhe dieser Kranken ist verdächtig, entweder Verheimlichung ihrer innern Angst oder eine Pause der Erschlaffung, auf welche ein desto heftigerer Sturm erfolgt. Es entspinnt sich Miss- trauen, Hass, Feindschaft und Rachsucht in ih- nen, ja sie gerathen in Wuth, wenn ihnen Ge- genstände vorkommen, die sie als Hindernisse in der Erreichung ihrer Zwecke ansehen. Beson- ders werfen sie diesen Verdacht leicht auf mo- ralische Wesen, und vorzüglich auf ihre Bekannte und Verwandte, weil sie von diesen eher als von Fremden Beziehungen auf sich erwarten müs- sen. Sie schlagen, verletzen oder tödten sie im Gefolge eines Vorsatzes. Wenn sie hingegen ohne Thatkraft sind und die Unerreichbarkeit ihrer Zwecke in dem Gegenstand suchen; so nä- hert sich ihre muthlose Traurigkeit der Verzweif- lung, sie suchen sich selbst zu tödten, begehen Handlungen, die den Tod nach sich ziehn oder bitten die Umstehenden sie umzubringen. Der übrige Zustand der Seelenkräfte hängt von ihrer vormaligen Kultur und dem Grade ihrer nachherigen Verletzung ab. Der Kranke handelt mit Ueberlegung und Thatkraft, unter falschen Voraussetzungen und zu Gunsten eines thörichten Zwecks, wenn er denselben für er- reichbar hält; oder er ist unthätig, wenn er des Gegentheils überzeugt ist. Er ist bloss für seine Idee thätig, und unthätig für alles andere, wenn dieselbe ein grosses Interesse für ihn hat und ihr Gegenstand noch nicht erreicht ist. Im Gegen- theil kann er auch für andre Zwecke thätig seyn, wenn er in dem Wahn steht, dass seine fixe Idee bereits realisirt sey. Uebrigens hat der Kranke mehr oder weniger den freien Gebrauch seiner Seelenkräfte; er urtheilt zuweilen scharf und rich- tig über Dinge, die mit seinem Wahnsinn in kei- ner Verbindung stehn oder handelt und urtheilt der fixen Idee consequent. Ein Wahnsinniger bil- dete sich ein, eine Quaterne im Lotto gewonnen zu haben, die ihm seine Frau vorenthalte. Er miss- handelte sie aufs grausamste und als er darüber zur Rede gestellt wurde, antwortete er gelassen, dass er erst alle Gründe der Vernunft und alle Mittel der Güte, aber umsonst, versucht habe, sie zum Geständniss zu bringen. Es sey ihm da- her nicht zuzurechnen, dass er zuletzt zu harten Mitteln habe greifen müssen Ehrhard (Wagner I, 122.) erzählt auch ein Beispiel von einer Person, die durch das Lotto verrückt wurde. Es bringt daher die Menschen nicht bloss um ihr Geld und um ihre Moralität, sondern auch um ihren Verstand. . Ein Mann, des- sen bereits oben p. 284. gedacht ist, der aus Furcht vor Meuchelmord seines eingebildeten Feindes sich selbst das Leben nehmen wollte, vertheidigte seine Grille, dass ihm nichts entgegengestellt werden konnte. Er bewies aus dem Mangel des Widerspruchs in ihr, dass sie möglich sey, durch viele Thatsachen aus der alten und neuen Ge- schichte, dass sie wirklich sich ereigne. Dass ihm endlich dieser Tod bevorstehe, entwickelte er nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und sei- ner näheren Bekanntschaft mit dem Charakter sei- nes Feindes und aus verschiedenen Proben des Hasses, die er bereits von ihm erfahren habe. Der Pater Sgambari bildete sich ein, Kardinal zu seyn. Der Provincial suchte ihn von diesem Wahn zu befreien; allein er antwortete ihm mit folgendem Dilemma: entweder halten Sie mich für einen Narren oder nicht. Im letzten Fall begehn Sie ein grosses Unrecht, dass Sie mit mir in einem solchen Ton reden. Im ersten Fall halte ich Sie, mit Ihrer Erlaubniss, für einen grösseren Narren als mich selbst, weil Sie sich vorstellen, einen Narren durch blosses Zureden von seinem Wahn überzeugen zu können Muratori l. c. 2. Th. 8 S. . Die fixe Idee, als Product einer zu hoch gespannten Saite im Gehirn, tönt mit bey jeder auch noch so heterogenen Erregung desselben. Daher ihre allgemeine Association mit allen an- deren Thätigkeiten der Seele s. oben p. 268. . Der Kranke knüpft sie mit allerhand Gegenständen zusammen, mit welchen sie nach unserem Dafürhalten keine Verbindung hat. In diesen Fällen giebt es Inter- valle, wo die fixe Idee fehlt; sie erscheint und verschwindet wieder nach gewissen Regeln. Al- lein im höchsten Grade des fixen Wahns schwebt sie dem Kranken überall wie ein Gespenst vor; er hallt sie in jedem Augenblick automatisch wie- der; producirt ununterbrochen dies Phänomen, und ist daher ausser Stande, irgend etwas anders zu wirken. Der Kranke, sagt Bellini de morbis capitis; Chiarugi l. c. 229 S. , be- wegt sich nicht von der Stelle. Sitzt er, so steht er nicht auf; liegt er, so richtet er sich nicht in die Höhe und stellt sich nicht auf die Füsse, wenn er nicht dazu genöthiget wird. Er flieht die Ge- sellschaft der Menschen nicht mehr, antwortet nicht, wenn er gefragt wird, und scheint doch den Gesprächen aufmerksam zuzuhören. Er achtet auf keinen Rath, als ob er taub, nimmt die Objekte des Gesichts und Gefühls nicht wahr, als ob er in Gedanken vertieft wäre, er schläft und wacht abwechselnd, isst und trinkt, wenn ihm etwas vorgesetzt wird. Kurz das ganze Wirken der Seele ist eine langweilige Monotonie; aller Wechsel, der sie im gesunden Zustande cha- rakterisirt, hat aufgehört; sie leidet an einer Starrsucht des Vorstellungsvermögens in ver- schiednen Modifikationen S. oben 126 S. . Dass der fixe Wahnsinn mancherley Modifi- kationen annehmen und in andere Arten von Geisteszerrüttungen übergehen könne, erhellt aus der Einrichtung des Seelenorgans. Einige Kran- ke tragen ihre Idee unaufhörlich vor, andere be- obachten ein hartnäckiges Stillschweigen Jahre- lang, ohne die Geheimnisse ihres Herzens zu verrathen. Zuweilen ändert sich das Object der Verkehrtheit, wovon der psychologische Grund leichter oder schwerer zu finden ist. Der Kran- ke, welcher sich über irgend etwas Vorwürfe macht, fürchtet und flieht den Henker, aber in der Folge sucht er ihn, wenn er durch die Flucht keine Seelenruhe findet, und durch sein Blut die Rache Gottes versöhnen zu können glaubt. In andern Fällen bemüht er sich, seinen ihm lästigen Zustand zu ändern, und da dies in der Wirklich- keit nicht geschehen kann, so versucht er es in der Einbildung, und überredet sich endlich, in der Erreichung seines Zwecks glücklich gewesen zu seyn. Ein Verrückter in Bicetre war sonst ganz vernünftig, nur bildete er sich ein, dass man ihn vergiften wolle, und darüber ward er schwer- müthig. In diesem Zustande beharrte er achtzehn Jahre lang. Dann änderte sich der Gegenstand seiner Verkehrtheit; er bildete sich anfangs ein, ein grosser Herr der Erde und zuletzt der Mit- regierer der Welt zu seyn. Im Gefolge der ver- änderten Idee änderte sich auch die Stimmung sei- ner Seele. Er ward nun so glücklich, als er vorher unglücklich gewesen war Mém. de la Soc. méd. d’émul. T. III. p. 9. . So wechselt auch der fixe Wahn mit andern Arten von Gei- steszerrüttungen, oder geht ganz und gar in die- selben über. Seltner verwandelt er sich in Tob- sucht, häufiger in Narrheit und Blödsinn. Die örtliche Verkehrtheit breitet sich aus, und die heftigen Anstrengungen der Seele stumpfen end- lich ihre Kräfte ab. Der fixe Wahn unterscheidet sich durch sei- ne örtliche Verkehrtheit von der Tobsucht und Narrheit, in welchen die ganze Seele leidet. In der Narrheit sind täuschende Vorstellungen, die der Kranke nicht heftig verfolgt. In der Tob- sucht ist das Nervensystem auf den äussersten Grad erregt, aber die kühnen Handlungen sind, soweit wir es einsehn, nicht sowohl Produkte eines auf- gestellten Zwecks, sondern eines blinden körper- lichen Drangs. Der Blödsinn charakterisirt sich durch Ohnmacht, und kann die Merkmale des fixen Wahns an sich tragen, wenn er aus dem- selben entsprungen ist. Ueber die Natur des fixen Wahns und seiner psychologischen Entwickelung aus dem Wesen unserer Seele habe ich wenig Be- friedigendes in den Schriften über die Seelenlehre gefunden. Das normale Verhältniss in der Dy- namik der Theile des Seelenorgans ist verstimmt. Einige seiner Fasern sind zu reizbar, wirken her- vorstechend, halten den aufgefassten Gegenstand unwandelbar fest, associiren sich mit allen, auch heterogenen Erregungen, und erschöpfen die Summe der Kraft so sehr, dass keine andern Handlungen wirklich werden können. Die Fort- dauer erzeugt Fertigkeit, nach den Gesetzen der Gewohnheit. Die ungeübten Theile rosten ein. Die Seele ist genöthiget, das ihr unablässig auf- gedrungne Object für Wahrheit zu halten, und in diesem Augenblick ist sie verrückt. Der Mensch hat eine natürliche Anlage zu dieser Krankheit, weil er schwerlich auch im gesunden Zustande ganz frey von fixen Ideen ist, die vor dem Richterstuhl der unbedingten Vernunft nicht passiren. Er lässt sie als Axiome stehn, ohne über ihre Haltbarkeit zu reflectiren, aus Gewohnheit, Bequemlichkeit, Schwäche des Alters oder aus überwiegender Stärke des Gefühlsvermögens und der Phantasie im Verhältniss zur Vernunft. Es giebt Arten der Schwärmerey, die das Bürger- recht haben, weil sie zu grossen Unternehmun- gen anfeuern. Dem Nachruhm, welchen wir mit dem Leben erkaufen, kann nicht sowohl die Vernunft, als vielmehr unser Gefühl huldigen. Denn durch das Mittel, wodurch wir ihn erkau- fen, verlieren wir den Genuss des erworbnen Guts. Daher suchten auch die Republiken der Vorzeit nicht sowohl durch Vernunftgründe als vielmehr durch die fixe Idee des Verdienstes um das Vaterland ihre Bürger für die öffentliche Wohlfahrt zu gewinnen. Fränklin glaubte an den prophetischen Geist seiner Träume Cabanis l. c. T. II. 547. und Schwammerdam verbrannte einen Theil sei- ner Manuskripte, weil er Gott durch die zu ge- naue Untersuchung seiner Werke zu beleidigen fürch- fürchtete Cabanis l. c. T. I. p. 170. . Ferner giebt es gewisse Gegen- stände, an welche der Mensch sich mit Wärme hängt, weil sie mit seinem Interesse in enger Ver- bindung stehn und der Organismus hat die Eigen- schaft, dass seine Aktionen um so leichter wieder- kehren als sie oft wiederholt sind. Diese Gegen- stände ziehn ihn ursprünglich durch ihr Interesse willkührlich an und halten ihn in der Folge, in dem Maasse, wie das Interesse verlöscht, durch die Gewohnheit gezwungen fest. Der Art sind des- potische Staatsverfassungen, Inquisitionen, Ty- ranney der Pfaffen, Unglücksfälle, die uns als moralisches Wesen treffen, Beschimpfungen unse- rer Ehre, erlittenes Unrecht, Vorwürfe des Ge- wissens und Verlust solcher Personen, die durch die Bande des Bluts und der Freundschaft mit uns verbunden sind. Allein auch die blosse Gewohn- heit kann Gefühle und Ideen fixiren, die ohne besonderes Interesse wegen einer äusseren Noth- wendigkeit oft wiederholt werden. Ich habe ei- nen alten Mann gekannt, der den grössten Theil seines Lebens mit Korrekturen zugebracht hatte. Er dachte an nichts als an diesen Gegenstand, träumte des Nachts und phantasirte im Fieber da- von. Zugleich muss man die Disposition des Menschen und seine äusseren Verhältnisse mit in Anschlag bringen. Leidenschaftliche Gegenstände gewinnen vorzüglich über Personen eine Herr- X schaft, die von Natur misstrauisch, verschlossen und zu Grübeleien geneigt sind, voller Vorur- theile stecken, an Verstandes-Schwäche leiden und daher den wahren Werth der Dinge zu schä- tzen nicht im Stande sind. Sie glauben leicht an Chimären, die mit der Erfüllung ihrer Wün- sche in Verbindung stehn. Treffen vollends noch mit diesen inneren Zuständen äussere Verhält- nisse z. B. Aufenhalt an öden Orten, Einsamkeit, einförmige Arbeit, Klosterleben u. s. w. zusam- men, die die Phantasie wenig beschäfftigen, so entsteht der fixe Wahn um desto leichter. Dann hat der Mensch einen natürlichen Hang, sich in einem geträumten Zustand zu denken und in Be- ziehung auf denselben das Bewusstseyn seiner wahren Verhältnisse zu verleugnen. Das Kind spielt die Wochenfrau, den Soldaten oder König; wir ergötzen uns an den Fiktionen der Mahler, Dichter und Schauspieler, ja es macht uns selbst in den späteren Jahren des Lebens noch glück- lich, uns eine Welt in der Phantasie zu schaffen, in welcher wir eine glänzendere Rolle als in der wirklichen spielen. Allein unsere Besonnenheit weist uns bald in unsere natürlichen Verhältnisse zurück. Wenn hingegen dieselbe durch Schwä- che des Verstandes, durch eine hervorstechende Stärke der Phantasie, durch eine geschäfftslose Einsamkeit, einseitige Anstrengungen der Seele u. s. w. geschwächt wird; so kann dieser Hang zur Träumerey ein Keim des Wahnsinns werden und irgend eine romanhafte Idee fixiren. Beson- ders scheint aus dieser Quelle jener jovialische Wahnsinn zu entstehn, der sich auf den Besitz vorzüglicher Reichthümer oder besonderer Ehre bezieht. Endlich sucht noch Herr Ehrhard Wagner Beitr. 2 B. 41 S. den Keim zur Melancholie in der Einrichtung unserer Willenskraft, vermöge welcher wir im Stande sind, Vorsätze zu fassen und fest zu halten. Dies geschieht nach Vernunftgründen, dem Pflichtbegriff gemäss, oder ohne klares Bewusst- seyn von Gründen und Zwecken nach Eigensinn. Im ersten Fall können wir der Reflexion freien Lauf lassen und unsere Entschlüsse ändern, wenn wir getäuscht sind; im andern Fall müssen wir uns vor der Kritik der Vernunft verwahren, ihre Untersuchungen abweisen und gleichsam künst- lich eine fixe Vorstellung schaffen. In beiden Fällen wirkt einerley Vermögen, uns selbst zu bestimmen , auf welchem unsere Selbststän- digkeit beruht. Daher der Hang zur Unabhän- gigkeit, dem wir aber, ohne mit uns selbst in Wi- derspruch zu gerathen, nur dadurch genügen können, dass wir dem Moralgesetz gemäss hand- len. Allein da dies nicht so leicht ist, so sucht der Mensch denselben auf dem Wege des Eigen- sinns, mit weniger Anstrengung zu befriedigen. Er hält seinen Vorsatz fest, um seine Selbststän- digkeit in den Augen anderer zu behaupten und X 2 scheut sich, ihn durch die Vernunft zu beleuchten, weil er dieselbe dadurch nach seiner eignen Ueber- zeugung zu verlieren fürchtet. Daher fixe Vorsä- tze, verbunden mit Angst und Befangenheit in Rücksicht ihrer Gültigkeit vor dem Tribunal der Vernunft. Der gefürchtete Widerspruch kann uns zuletzt gar über die Art unserer Existenz un- gewiss machen. Endlich geräth noch der eigen- sinnige Mensch zwischen dem inneren Triebe, sich selbst zu bestimmen und dem Gefühle der ge- zwungnen Bestimmbarkeit durch Aussenverhält- nisse ins Gedränge, weil er seine Vernunft ver- leugnet, die hier allein den Ausweg zeigen muss. Bey der psychischen Kur dieser Geisteszer- rüttung kömmt es bloss allein darauf an, die fixe Vorstellung zu tilgen . Mit ihr schwinden alle Triebe, Begierden und unstatt- haften Handlungen, die von ihr, als von ihrer Quelle, ausströmen. Sobald dieselbe auch nur in längeren Zwischenräumen schweigt und da- durch der zitternden Saite einzelne Ruhepunkte verstattet werden; so vermindert sich ihre her- vorstechende Reizbarkeit, in welcher die kranke Fertigkeit gegründet ist. Mit der Rückkehr des normalen Kraftverhältnisses im Seelenorgan kehrt die Freiheit der Ueberlegung und die Bestimmung des Willens nach den Gesetzen der Vernunft zu- rück. Der Kranke ist im Stande, den Ungrund seiner fixen Vorstellung aufzusuchen, oder sie als etwas Gleichgültiges bey Seite zu setzen, bis sie allmählich von selbst verlöscht. Dazu gehört nun mancherley; Abstumpfung einer zu reizbaren Beschaffenheit des Körpers, die die Aufmerk- samkeit des Hypochondristen zu sehr an densel- ben heranzieht; Entfernung der Gelegenheits- Ursachen im Körper und ausser demselben z. B. Reize des Gemeingefühls, Gegenstände der Lie- be, des Hasses; zweckmässige Hülfen bey der frühsten Entwickelung der fixen Idee, damit sie nicht Wurzel fasse; endlich Vorschiebung solcher Objekte, die nächst dem fixirten das meiste Inte- resse für den Kranken haben, nach den Regeln, die oben bey der Gemüthszerstreuung, als Heil- mittel wider Seelenkrankheiten, angegeben sind. Alle Ideen, die uns durch ihr Interesse fes- seln, verlöschen endlich durch die Zeit , wenn sie durch einstweilige Vorfälle ausser uns und nicht etwan durch permanente Gegen- stände in und ausser dem Körper erregt werden. In diesen Fällen kömmt daher alles darauf an, die Zeit zu gewinnen, die das Uebel zuverlässig heilt, ohne dass bis dahin, durch die überspannte An- strengung des Gehirns, Verletzungen desselben entstehn, die ihrer Natur nach unheilbar sind. Wenn der Verlust irgend eines Glücksguts den Kranken fesselt; so kann die vorgespiegelte Hoff- nung eines bedeutenden Gewinns, oder die Ge- fahr, ein anderes eben so grosses Gut zu verlie- ren, ihn in ein Schwanken zwischen mehreren Objekten versetzen, wodurch die Fixirung auf eins verhütet wird. Der Verlust eines Kindes wird uns wahrscheinlich nicht fesseln, wenn wir in demselben Augenblick in Gefahr gerathen, ein zweites durch Krankheit zu verlieren, das unsere Vorsorge erfordert und dessen langsame Genesung uns Ruhepunkte zur Erinnerung an den erlittenen Verlust verstattet, wodurch wir mit demselben familiarisirt werden. Ein Mensch, der durch einen unerwarteten Glücksfall erschüt- tert wird, kann dadurch gehalten werden, dass man denselben schmälert, ihn von der Möglichkeit des Verlustes oder von der Gefahr eines andern Unfalls überzeugt. Dann muss man den Kranken Gehorsam und Ehrfurcht für die Personen beibringen, die auf sie wirken sollen, ihre Besonnenheit wecken und sie nach den oben angegebenen Regeln zur Kur vorbereiten. Der Arzt muss sich ihrer Herzen bemeistern, bald durch Ernst und Strenge, bald durch Gelindigkeit und Theilnahme an ihren Schicksalen, wenn sie durch Unglücksfälle ge- beugt sind. Dadurch wird er in den Stand ge- setzt, entweder durch Gründe und sanfte Anmah- nungen, oder durch Zwangsmittel, sie anhaltend zu einer Körper- oder Seelenarbeit zu bestimmen, die ihre fixen Ideen verdrängt und Intervalle her- beiführt, in welchen sie von selbst erlöschen. Die Arbeit muss mit Wechsel verbunden seyn, damit der Kranke nicht zu schnell seine fixen Vorsätze mit den unwandelbaren Gegenständen, die bald ihr Interesse verlieren, verweben könne. Sie muss seinen Kräften und Neigungen angemessen seyn, und dadurch ihn anziehn. Sind keine Ge- genstände der Art aufzufinden, die durch ihr natürliches Interesse fesseln, so verschafft man ihnen ein erkünsteltes, durch vorgeschobne und scheinbare Gefahren S. oben 237 S. . Alles dies gelingt in öffentlichen Anstalten besser als in Privathäusern. Zuweilen kann ein plötzlicher und unerwar- teter Eindruck der fixirten Seelenstimmung des Kranken plötzlich eine andere Richtung geben. Ein junger Mensch, der ausser der fixen Idee, er sey ein schwedischer Prinz, vernünftig war, wur- de einer Frau zur Kur übergeben, die sich in der Heilung der Irrenden grossen Ruf erworben hatte. Sie setzte ihn den ersten Mittag neben sich am Tische. Er sprach und handelte lange consequent, bis er auf einmal auf seine fixe Idee absprang. In demselben Augenblick bekam er eine Maulschel- le, dass ihm der Kopf brummte. Diese Behand- lung, die er theils nicht von einer Frau, theils nicht am ersten Tage seiner Aufnahme, gegen die Pflichten der Gastfreundschaft erwartet hatte, wirkte so sehr auf ihn, dass er seiner Grille nie wieder erwähnte. So können auch erregte Lei- denschaften des Schrecks, der Liebe, der Hoffnung, die man auf wichtige Objekte der Religion, der Ehre, der Furcht vor Uebeln grün- det, dazu beitragen, dass die fixe Idee verdrängt werde. Als Orestes den Tod seines Vaters mit dem Blute seiner Mutter Clytemnestra gerächt hatte, fiel er in den Wahn, als wenn die Manen derselben, mit Fackeln und Schlangen be- waffnet, ihn verfolgten. Das Orakel rieth ihm zu einer Seereise mit seinem Freunde Pylades . Er landete in Chersonesus, und kam daselbst in Gefahr, den Göttern des Landes geopfert zu wer- den. Doch entging er dem Tode, und erfuhr, dass er durch seine Schwester Iphigenia ge- rettet sey. Beide Leidenschaften, Schreck und Freude, wirkten so sehr auf ihn, dass er ver- nünftig nach Griechenland zurückkehrte, und die Zügel der Regierung übernehmen konnte. Ein Kaufmann in Frankreich hatte wegen einiger Unglücksfälle im Handel die fixe Idee gefasst, er müsse vor Armuth verhungern. Um die Zeit brach die Reformation in Deutschland aus. Dies zog die Aufmerksamkeit des Kranken stärker an, er vertheidigte das Pabstthum durch Reden und Schriften, und wurde von seinem Wahn geheilt Pinel l. c. 254 S. . Als Achilles über den Tod des Patroclus wüthend geworden war, und die grausamste Ra- che an dem gefallenen Hector ausübte, suchte seine Mutter Thetis der Wuth eine andere Lei- denschaft, Liebe , zur Seite zu stellen, und lenkte durch diesen Umweg ihren Sohn endlich dahin, dass er die Leiche des Hectors seinen Ver- wandten herausgab Homeri Iliad. Lib. XXIV. . Sobald wir unsere Ab- sicht erreicht haben, und der Kranke ausser sei- ner fixen Idee noch an irgend einem andern Ge- genstand haftet, so lasse man ihm Zeit, zwischen beiden zu schwanken, wie eine Korkkugel zwi- schen einem positiven und negativen Körper, bis das Gleichgewicht hergestellt ist. Erst dann helfe man nach, wenn er ganz auf dieselbe zurück- springt. Zuweilen kann man den Kranken überreden, er habe seinen Zweck erreicht, oder ihn durch lebhafte Vorstellungen von der Absurdität seiner Vorsätze überzeugen. Bald widersetzt man sich der herrschenden Idee, bald giebt man ihr nach, wenn es mit Vortheil geschehen kann. Sie ver- löscht zuweilen von selbst, wenn man sie nicht zu bemerken scheint, oder ihr nicht wider- spricht Erunt praeterea multorum ingressus prohibendi et maxime ignotorum. Mandandum quoque mi- nistris, ut eorum errores quodam consensu ac- cipientes corrigant, ne aut omnibus consentien- do augeant furorem, eorum visa confirmantes, aut rursum repugnando asperent passionis aug- mentum, sed inductive nunc indulgeant consen- tientes, nunc insinuando corrigant vana, recta demonstrantes. Caelius Aurelianus , med. art. princ. T. XI. p. 79. — Adversus omnium . Ein Hypochondrist bildete sich ein, seine Lippe sey zu einer ungeheuren Grösse an- geschwollen. Einer seiner Bekannten hielt ihm den Spiegel vor, um ihn von seinem Wahn zu überzeugen, aber ohne Erfolg. Ein anderer gab ihm Recht, tröstete ihn aber, dass das Uebel ver- gehen würde. Schon am anderen Tage behaup- tete der Kranke selbst, dass die Geschwulst sich bereits gesetzt habe Wagner Beitr. l. c. 2 B. 9 S. . Ich sah im Berliner Toll- hause eine Kranke, die sich für schwanger hielt, und sich an alle Thüren drängte, um ins Gebähr- haus zu kommen. Vielleicht wäre sie von ihrer Thorheit geheilt, wenn man sie dahingebracht, ihr durch Darmreize Koliken erregt und ein Kind untergeschoben hätte. Tulpius Observ. Lib. I. c. 16. heilte autem sic insanientium animos gerere se pro cujusque natura necessarium est. Quorumdam enim vani metus levandi sunt: sicut in homine praedivite famem timente incidit, cui subinde falsae haereditates nunciabantur. Quorumdam audacia coercenda est; sicut in his fit, in quibus continendis plagae quoque adhibentur. Quo- rumdam etiam intempestivus risus objurgatione et minis prohibendus est. Quorumdam discu- tiendae tristes cogitationes: ad quod symphoniae et cymbala strepitusque proficiunt. Saepius ta- men assentiendum, quam repugnandum est; paulatimque et non evidenter, ab his, quae stulte dicuntur, ad meliora mens abducenda. Celsus ; Art. med. princ. T. VIII. p. 161. eine Frau, die sich einbildete, sie habe ein leben- diges Mondkalb bey sich, dadurch, dass er ihr eine Arzney gab, die dasselbe austreiben sollte. Einem Mahler, der sich einbildete, seine Knochen seyen so weich wie Wachs geworden, sagte er, dass diese Krankheit den Aerzten hinlänglich bekannt, aber auch heilbar sey. Er versprach, ihn binnen sechs Tagen zu heilen, wenn er folgen würde, doch müsse er anfangs liegen, am dritten Tage einen Versuch zum Stehen machen, und endlich erst am sechsten Tage zu gehen anfangen, wenn die Festigkeit der Knochen hergestellt sey. Dieser Kurplan überredete den Kranken, dass sein Arzt ihm glaube; er glaubte daher auch dem Arzte, dass er nach sechs Tagen gesund seyn würde, und weiter war nichts zu seiner Genesung nöthig. So ward in England eine wahnsinnige Person, die aus Liebe zum Esq. Stith verrückt geworden war, durch die Vermählung mit demselben wie- derhergestellt. Der bereits angezogne Jesuit Sgambari bildete sich ein, er sey zum Kardinal erwählt, und liess sich durch nichts vom Gegen- theil seines süssen Wahns überzeugen. Diese einzige Thorheit abgerechnet, war sein Verstand gesund und zu wissenschaftlichen Untersuchungen aufgelegt. Er schloss jedem, der um seine Be- lehrung bat, den Vorrath seiner Kenntnisse auf, wenn er ihn nur mit dem Titel der Eminenz be- ehrte. Wahrscheinlich wäre er genesen, wenn der Pabst die Barmherzigkeit gehabt hätte, ihn wirklich zum Kardinal zu machen Muratori l. c. 2 B. 9 S. . Meistens ist der Wahnsinn, der auf uner- reichten Zwecken haftet, und daher mit gehässigen Leidenschaften verknüpft ist, leichter zu heilen als der Thor, der im Besitz seiner Zwecke zu seyn glaubt, sich in seiner Lage wohl gefällt, und sie eben deswegen zu erhalten sucht. Man hat hier nicht allein die falsche Voraussetzung, son- dern auch die Vorliebe für dieselbe zu überwin- den. Das letzte kann man dadurch heben, dass man irgend ein physisches oder moralisches Uebel unmittelbar an die Aeusserung seiner Idee knüpft, und zwar so, dass der Kranke das Uebel für eine natürliche Folge seiner Idee hält. Der Narr, der mit Wohlgefallen sich für einen schwedischen Prinzen hielt, trennte sich von dieser Hoheit, als unmittelbar auf ihre Anmeldung eine Maulschelle gefolgt war. Hätte der Pater Sgambari in jedem Augenblick, wo er sich für eine Eminenz hielt, ein ähnliches Uebel erdulden müssen, er würde seiner Würde bald so gramm geworden seyn, als er sie lieb gewonnen hatte. Oben habe ich schon bemerkt, dass der fixirte Wahnsinn unendlich viele Modifika- tionen nach seinen Graden, nach seiner Dauer, Zusammensetzung, entfernten Ursachen und nach der Art und Weise habe, wie er auf das Begeh- rungsvermögen einfliesst, das Interesse anzieht, die Leidenschaften erregt und die Handlungen des Kranken bestimmt. Einige derselben sind höchst wandelbar, und können nicht besonders bemerkt werden, andere fliessen unmittelbar aus der ver- schiedenen Natur der fixirten Vorstellung, und haben mehr oder weniger Einfluss auf das psy- chische Heilgeschäfft. Diese Variationen müssen, wenn sie einige Selbstständigkeit haben sollen, entweder allein nach der specifischen Dif- ferenz der fixen Ideen , oder nach der Wirkung bestimmt werden, die dieselben in der Seele hervorbringen . Auf die erste Regel bezieht sich der Wahn erlangter Reichthümer, eines umgewandelten Körpers, bestimmter Gewissensbisse; auf die andere Le- bensüberdruss, der dumpfe, der rastlose Wahn- sinn. Mir scheint die erste Regel die beste zu seyn, der ich daher vorzüglich folgen will. Doch springt man leicht ab, weil manche fixe Ideen in dem nemlichen Effect, z. B. im Lebensüberdruss, zusammenstossen, den man deswegen gern statt derselben auffasst. Die gewöhnlichsten fixen Vor- stellungen sind Einbildungen grosser Gewinne durch das Lotto und Erbschaften, des Besitzes hoher Ehrenstellen, Furcht für Nachstellungen, oder für Ansteckungen böser Krankheiten, Glau- be an Verwandlungen des Körpers, Gewissens- bisse über verabsäumte allgemeine oder Berufs- pflichten. Die Entstehung dieser Ideen gründet sich auf den Trieb der Menschen zur Selbster- haltung, auf seine Ehrsucht, Habsucht und Eitel- keit. Indess giebt es andere Einbildungen, z. B. dass man schwanger oder todt sey, die Welt auf der Fingerspitze trage u. s. w., deren Ursprung aus den Kräften und der Kultur der Seele nicht so leicht aufgefunden werden kann. Die eigen- thümlichen Wirkungen der fixen Ideen auf die sämmtliche Constellation der Seelenvermögen hän- gen theils von der Natur dieser, theils von der Natur der fixen Ideen ab. a) Fixirte Vorwürfe, die sich der Kranke über begangne Fehler, Hand- lungen oder verabsäumte allgemeine oder besondere Pflichten mit oder ohne Grund macht . Der Einfluss dieses Wahns auf seine Affekten und Handlungen ist verschieden. Einige sind traurig, niedergeschla- gen, stumm, furchtsam, unruhig, rastlos, ge- rathen in Verzweiflung und tödten sich selbst. Andere fürchten und fliehen die Justiz anfangs, drängen sich aber nachher zu derselben, weil ihre Angst fortdauert, und sie ihre Schuld mit ihrem Blute tilgen zu müssen wähnen. Endlich geht die ursprüngliche Idee gern in eine andere, als wenn ihnen von der ganzen Welt nachgestellt würde, über. Ein heller und aufgeweckter Kopf hielt die Widersprüche im Kollegium für Wirkungen der Feindschaft. Dieser Gedanke fixirte sich, er bildete sich ein, man wolle ihn wegen Untreue in seinen Geschäfften bey dem Landesherrn verdächtig machen. Er nahm sei- nen Abschied, ging in ferne Länder, aber über- all sah er sich von Fallstricken seiner Feinde um- geben. Er kehrte zurück, weil er nirgends Ruhe fand, schloss sich ein, brachte zwanzig Jahre in diesem Zustande hin, und da er so lange Zeit ausser Diensten war, so änderte sich seine Idee zuletzt dahin ab, dass man nun seinem Le- benswandel nachspüre Moritz Magazin, 1 B. 2 Heft. 7 S. . Ein alter Mann, der einer Kasse vorstand, glaubte an Defekte in der- selben, ob sie gleich in Ordnung war, und er- säufte sich, als eine Kommission in seine Nähe kam, von welcher er sich einbildete, sie sey zur Untersuchung seines Rechnungswesens herge- kommen. Ein gewisser Klug bildete sich ein, er habe des Königs Friedrich des Zweiten Re- ligiosität in einer öffentlichen Schrift getadelt und denselben dadurch so aufgebracht, dass er alles anwende, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Er sperrte sich in seine Stube ein, verwahrte die Thür mit eisernen Stangen und Stricken, bewaff- nete sich mit Flinten und Pistolen, und brachte Schiessscharten zur Vertheidigung in derselben an. Den Ofen band er mit Ketten und Stricken, damit keiner durchbrechen könne, und baute sich einen neuen, den er innerhalb der Stube heizte, und zugleich zum Kochen und Braten gebrauchte. Seinen Nachtstuhl versah er mit einem künstli- chen Ventil. Kurz er verfertigte mit besonderer Geschicklichkeit alles selbst, was zu seiner Sicher- heit abzwecken konnte Moritz Magazin 1 B. 1 Heft 7 S. . Diese Kranken muss man beschäfftigen, ihnen bessere Ideen von der Güte des menschlichen Herzens beibringen, sie überreden, dass ihre Feinde gestorben sind, oder sie mit denselben in ein solches Verhältniss brin- gen, dass sie nicht nur kein Leides, sondern viel- mehr Wohlthaten von ihnen empfangen. Zu- weilen heilt die Zeit diesen Wahn, wie ich eini- gemal gesehen habe. Schwerer sind die Kranken zu behandeln, die sich über versäumte Pflichten gegen Gott und ihren Nächsten Vorwürfe machen. Man bringe sie vorerst durch Reizmittel aus ih- rem dumpfen Wahnsinn zur Besonnenheit, und suche sie dann über ihren Irrthum aufzuklären, und sie auf die Barmherzigkeit Gottes aufmerk- sam zu machen. b) Einbildungen zu verarmen und vor Hunger sterben zu müssen , oft bey hinlänglichem Vermögen. Sauvages Nosol. T. III. P. I. 379 S. er- wähnt eines solchen Kranken, der nicht aus dem Bette aufstand, um seine Kleider zu schonen. Andere entschliessen sich, lieber gleich und will- kührlich zu verhungern, um es nachher nicht aus Noth zu müssen. Einen solchen Kranken ge- gewann man dadurch, dass man sich nach den Speisen erkundigte, die er gern genossen hatte. Diese kochte man in seiner Gegenwart. Der an- genehme Geruch wirkte so stark auf ihn, dass er von denselben zu essen verlangte. Ueberhaupt muss man diese Kranken für Einsamkeit und Müssiggang hüten, sie überreden, dass sie von fremden Mitteln erhalten werden, sie durch Dinge zerstreuen, von denen sie glauben, dass sie ihnen nichts kosten, und sie mit Arbeiten beschäfftigen, die mit Hoffnung zum Erwerb verbunden sind Quorumdam enim vani metus levandi sunt; sic- ut in homine praedivite, famem timente, in- cidit, cui subinde falsae haereditates nunciaban- tur. Celsus Lib. III. c. 18. . c) Fixe Vorstellungen, die sich auf Verwandlungen des Körpers und der Persönlichkeit beziehn (mania metamor- phosis). Jene entstehenwahrscheinlich ursprüng- lich immer von Krankheiten des Körpers und des Gemeingefühls, denen die Phantasie eine falsche Ursache unterschiebt. Die Verwechselungen der Persönlichkeit sind vielleicht zuweilen psycholo- gischen Ursprungs, doch meistens auch Folgen abnormer Wirkungen des Gemeingefühls und eines kranken Gehirns. Denn wir finden sie zu häufig als Gefährten hitziger und chronischer Nervenkrankheiten. Die Einbildungen sind ver- schiedner Art; geringer, grösser; Möglichkeiten Y oder Absurditäten. Der Kranke glaubt an Ver- wandelungen einzelner Theile oder an eine Me- tamorphose seiner Art, bildet sich ein, in ein Gerstenkorn, einen Krug, Wolf, u. s. w. umge- schaffen zu seyn. Weiber kleben leicht an der Idee, dass sie schwanger sind und gebähren müs- sen. Arnold 1 Theil. 137 S. erzählt von einer Frau, die nach einer an ihr versuchten Nothzüchtigung wahnsinnig wurde, und nachher glaubte, sie wür- de jeden Augenblick von einem Kinde entbun- den. Selbst Männer haben sich für schwanger gehalten Arnold l. c. 1 Th. 136 S. . Hipocrates de aere et aquis. erwähnt einer Melancholie reicher Scythen, die durch vieles Reiten ohne Steigbügel bey ihren merkantilischen Geschäfften, das Vermögen zum Beischlaf verloh- ren hatten, sich einbildeten in Weiber verwandelt geworden zu seyn, und dieser Idee gemäss, weib- liche Kleidungen anzogen, und sich mit dem Spinnrocken beschäfftigen. Die Beispiele von Menschen, die sich für Wölfe und Hunde hielten, dieser Idee gemäss in die Wälder flohen, wie Wölfe heulten, todte Leichname ausgruben und sich mit Menschengerippen herumschleppten, sind in Rücksicht ihres Ursprungs und ihrer Natur nicht genug beobachtet. Einige mögen vielleicht an einem kataleptischen Stumpfsinn, andere an Tob- sucht gelitten haben Pascoli de homine, Lib. II. Sect. 1. c. 13. Schenk Synopsis Lib. I. Sect. 5. c. 4. . Raulin Traité des affections vaporeuses du sexe. Paris 1758 erzählt von einem Hause, in welchem alle Mädchen sich für Katzen hielten, und täglich zu einer bestimm- ten Stunde wie die Katzen zu schreien anfingen. Sie wurden dadurch geheilt, dass man ihnen drohte, diejenige durch Soldaten auspeitschen zu lassen, die sich zuerst wieder hören liesse. Dann gehören die Fälle solcher Kranken hieher, die Reuter, Schlangen, Kröten, Frösche, Mäuse und andere ungewöhnliche Dinge in ihrem Leibe zu tragen, die so viel Harn bey sich zu haben glaubten, dass eine Sündfluth entstehen würde, wenn sie ihn liessen, und endlich solche, die wächserne Nasen, gläserne Beine, oder andere ungewöhnliche Krankheiten zu haben glaubten. Diese Krankheiten gränzen mit dem höchsten Grad der Hypchondrie nahe zusammen Reils Fieberlehre 4 B. 270 S. Ehrhard beim Wagner . l. c. 2 B. 8 S. . Von der Entstehungsart dieser Grillen durch Krankhei- ten des Gemeingefühls habe ich an anderen Or- ten weitläufiger gesprochen Reils Fieberlehre 4. B. §. 48. Hübner d. c. p. 60. . Einige dieser Kranken, glaubt Ehrhard Wagner l. c. 2 B. 15 S. , können viel- Y 2 leicht an einem ganz anderen Wahn leiden, den- selben aber verheimlichen, und ihn durch eine angebliche Metamorphose ihres Körpers zu mas- kiren suchen. Meistens ist es besser, den Grillen des Kranken nicht zu widersprechen, sondern seinen Erzählungen Glauben beizumessen. Die projektirten Heilmittel finden sonst keinen Kredit. Dann sucht man ihn zu überreden, dass er seinen Gefühlen eine falsche Ursache unterschiebe. End- lich räumt man den Reiz weg, der aufs Gemein- gefühl wirkt, oder rektificirt das Organ dessel- ben, wenn es krank seyn sollte. Nur dann ist der Kranke radikal geheilt, wenn er sich über- zeugt hat, dass die Ursache ohne Grund sey, die er seinen Gefühlen unterschiebet. Einen Men- schen, der Hörner zu tragen glaubte, heilte sein Arzt dadurch, dass er Sägen und Messer hervor- langte, und insgeheim Hörner bey sich führte, die während des Sägens hinfielen. Der Kranke sprang geheilt von seinem Sitze auf Muratori l. c. 2 B. 12 S. . Ein an- derer hielt sich für todt, und wollte deswegen nicht essen. Man setzte neben ihm einen Sarg mit einer scheinbaren Leiche, die sich aufrichtete und ass. Der Verrückte sah mit Erstaunen zu, dass auch die Todten essen, ass mit und wurde nachher geheilt Fawzett über Melancholie, aus dem engl. Leipzig 1785. S. 38. . Einen ähnlichen Kranken trug man zum Schein zu Grabe. Unterwegs be- gegneten lustige Bursche der Leiche, die ihr alle Schande nachsagten. Dies brachte den Todten auf, er sprang von der Bahre und wollte seine Lästerer durchprügeln Pargeter l. c. S. 32. . Einen Büchermann mit gläsernen Beinen kurirte seine Magd. Sie warf ihm ein Stück Holz daran. Entrüstet sprang er auf, und entdeckte dadurch, dass die Beine wol nicht von Glas seyn möchten, weil er darauf stehen konnte Arnold l. c. Th. 1. S. 134. . Einem Verrückten ohne Kopf setzte man einen Hut von Bley auf; einem an- dern, der immer zu frieren glaubte, wurde ein Schaafpelz angezogen, der in Brantwein einge- taucht und dann angezündet wurde Sauvages Nosol. T. III. P. I. p. 392. . Perso- nen, die Frösche im Leibe oder Kaninchen im Kopf zu haben glaubten, mussten in ein Gefäss sich erbrechen, in welches heimlich Frösche ge- legt waren, oder einen Kreutzschnitt in die Haut des Kopfs aushalten, nach welchem man ihnen blutige Kaninehen vorzeigte, die aus ihren Köpfen genommen seyn sollten Sauvages T. c. p. 391. . Ein Kranker überredete sich, er trage einen Heuwagen mit zwey Pferden und einem Fuhrmann in seinem Magen. Alle Gegenvorstellungen seines Arztes fruchteten nichts. Ein anderer gab ihm Recht, bedauerte ihn, untersuchte die Magengegend und gab den Ort an, wo er den Wagen und die Rä- der, den Fuhrmann und die Pferde deutlich fühle. Der Kranke fasste Muth. Sein Arzt sprach von Apothekermitteln, die dergleichen Körper verkleinerten und gab ihm ein Brechmit- tel. Dem Kranken wurde übel, der Arzt führte ihn mit dem Kopf zum Fenster hinaus und als er eben im Vomiren begriffen war, fuhr ein Fuhr- mann mit einem Heuwagen zum Hofe hinaus, welchen der Kranke für den hielt, den er im Magen getragen hatte Wenzel l. c. p. 37. . Ein anderer glaubte eine gläserne Nase zu haben, ging deswegen nicht aus, damit sie nicht verunglücken möchte und schlief in einem Stuhl. Sein Arzt schlug ihm zur Sicherheit ein Nasenfutteral vor, und als er dies anlegte, zerbrach er ein Glas, das er heimlich in der Hand führte. Der Kranke hielt die niederfallenden Glasscherben für Ruinen seiner Nase und war ausser sich. Der Arzt versi- cherte, die Natur habe die Glasnase durch eine neuhervorgedrungene fleischerne abgestossen, wie ohngefähr der permanente Zahn den Milchzahn fortschiebe. Er brachte den Spiegel, der Kranke sah noch eine Nase, jeder zupfte, bog und schlug daran; sie blieb stehn, und er war es zufrieden, statt der gläsernen eine dauerhaftere Nase von Fleisch bekommen zu haben. d) Fixe Ideen, die sich auf Aber- glauben beziehn . Nur einige Blümchen von diesem Felde, das besonders in Staaten, wo die Religion sich auf diese Krücke lehnt, am frucht- barsten ist. Dumme Menschen können sich ein- bilden, dass sie besessen oder bezaubert sind, mit dem Teufel im Bunde stehn, durch ihn Wunder thun, Impotenz bewirken und heilen, Kinder krank und gesund machen können, aber dafür auch wäh- rend des Lebens mit ihm Unzucht treiben und nach dem Tode in seine Gewalt kommen müssen. Die Vernunft ist das Gegengift des Aberglaubens; ihre Fackel erstickt die Geburten der Nacht. Man setze sie in ihre Rechte ein. Doch dies ist Sache der Zeit und der Nation. Daher muss der Arzt oft erst zu Paliativmitteln greifen, die Hexen durch Geistliche bannen, die Teufel austreiben und den geschlossenen Bund mit dem Satan auf- heben lassen. Ein Mann, sagt Ehrhard Wagner l. c. 2 B. 17 S. klagte die Polizeibedienten an, dass sie sich, wenn er tränke oder ässe, in der Grösse eines Fingers auf seinen Löffel oder Krug setzten, und ihm alles weg- schnappten, dass er endlich vor Hunger umkom- men müsse. Er wisse zwar wohl, fügte er hin- zu, dass sie diese Künste verstehen müssten, um die Spitzbuben zu fangen. Doch solle die Obrig- keit Sorge tragen, dass sie nicht auch ehrliche Leute plagten. Ein ihm vorgelesener Befehl an die Polizeidiener, sich bey hoher Strafe nicht mehr gelüsten zu lassen, ihn zu verfolgen, be- freite ihn von seinem Wahn. Wagner l. c. 1 B. 284 S. er- zählt von einem Kranken, der sich einbildete, die Teufel sässen in seinen Ohren, raunten ihm die schädlichsten Anschläge ein, und wären jetzt im Begriff, ihn zur Hölle abzuholen. Daher er an einem Orte kniete und betete, und von dem- selben nicht aufstand. Der Geistliche kam, be- tastete seinen Hals und segnete ihn ein. Nun stand er zwar von seinem Platz auf, weigerte sich aber zu essen, weil die Teufel es nicht zuliessen. Der Pfarrer nahm den Kranken in das Pfarrhaus, wo der Satan keine Gewalt habe, und segnete die Speisen besonders ein. Der Kranke ass, erhohlte sich, und wurde nach und nach ganz von seinem Wahn befreit. Wahrscheinlich würde der Geist- liche nicht so glücklich gewesen seyn, wenn er seine Grillen unmittelbar angegriffen hätte. Hie- her gehört auch der Vampyrismus , ein Aber- glaube, der ehemals in Ungarn herrschend war. Ein Vampyr ist eine Person, die wieder aus dem Grabe aufsteigt, die Lebenden würgt, oder ihnen das Blut aussaugt. Ausserdem giebt es noch an- dere Plagen, Erscheinungen und Verfolgungen, die von den Todten gefürchtet werden. Diese und andere Ideen können sich bey Personen fixi- ren, die den Glauben dazu haben. Ein Zucker- bäckergesell, sagt Ehrhard Wagner l. c. 2 B. 25 S. , der sich öfters im Dunkeln mit Zitterschlagen vergnügte, hatte die Erscheinung, als wenn ein Bogen Papier zur Thür herein käme, sich um seine Füsse schlänge und dann wieder hinausflöge. Er sah dies als einen Vorboten seines nahen Todes an, ward traurig, still, verlohr allen Appetit und starb ei- nige Wochen darauf. e) Fixer Wahn, der sich auf reli- giöse Gegenstände bezieht . Der Kran- ke glaubt z. B. Sünden begangen zu haben, die nicht vergeben werden können, bildet sich ein, ursprünglich zur Hölle verdammt zu seyn, ver- zweifelt an der Gnade Gottes. Am hartnäckig- sten sind diese Ideen, wenn sie Folge eines auf einmal erwachenden Gewissens sind. Man halte diese Kranken zur Arbeit an, und entferne alles, was den Anstrich der Religiösität hat. Zuweilen leistet auch die Musik gute Dienste. Ein Wahn- sinniger dieser Art, der an der Gnade Gottes ver- zweifelte, wurde dadurch gerettet, dass Jemand in der Gestalt eines Engels, mit einer brennen- den Fackel in der linken und mit einem Schwerdt in der rechten Hand, des Nachts durch die Decke des Zimmers kam, und ihm im Namen des dreieinigen Gottes Vergebung seiner Sünden ertheilte Sauvages Nos. T. III. P. I. p. 383. . f) Fixer Wahnsinn, der sich auf Liebe be- zieht. Ich übergehe den bloss thierischen Trieb zum physischen Genuss, der durch Krankheit des Körpers so übermässig werden kann, dass er die Vernunft überflügelt, und zu absurden Hand- lungen leitet. Kranke dieser Art müssen eine magere Diät halten, Pflanzen essen, Wasser trin- ken, Eier, Fleisch, Gewürze, gegohrne Geträn- ke und andere reizende Nahrung meiden, im Schweiss des Angesichts ihr Brodt essen, damit der Ueberfluss drängender Säfte zerstreut werde Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris, Cedit amor rebus, res age tutus eris. Ovidius . . Sie müssen die Geburtstheile kühl halten, kalt baden, Kampfer speisen und im Nothfall durch Entledigungen ihre innere Gluth abkühlen Krüger Diss. de matrimonio multorum mor- borum remedio. Francof. ad Viadr. 1749. . Ich spreche hier vorzüglich von der plato- nischen Liebe, die nicht nach wollüstigen Um- armungen strebt, sondern in den moralischen Vollkommenheiten ihres Gegenstandes eine Gott- heit anbetet, und im Besitz desselben das Glück des Lebens setzt. Jugendliches Alter, ein ver- liebtes Naturell und eine überspannte Phantasie macht geneigt zu dieser Phantasterey, die in der Folge, wenn ihr nicht genüget wird, in Lebens- überdruss, dumpfe Melancholie und Narrheit übergehen kann. In Rücksicht der Kur kommt es zuvörderst darauf an, die Liebe zu entdecken, wenn sie ver- heimlicht wird. Dazu hat der Arzt Welt- und Menschenkenntniss nöthig, um die Geheimnisse des Herzens zu ahnen; das Zutrauen des Kran- ken, um sie aus demselben hervorzulocken. Ga- len entdeckte die Liebe einer römischen Dame zu dem Schauspieler Pylades dadurch, dass sie erröthete, als sein Name zufällig genannt wurde. Eine Frau, sagt Sauvages Nosol. T. III. P. I. p. 232. , die ih- ren Mann zärtlich liebte, und das nemliche von ihm glaubte, erfuhr, dass er ihr untreu sey, und beschloss zu sterben. Doch kämpfte lange Re- ligion, Abscheu für Selbstmord und Liebe zu ihren Kindern wider diesen Entschluss, bis sie endlich unterlag. Ihr Arzt, der ihr unstatthafte Dinge aus der Apotheke verschrieben hatte, wür- de sie leicht haben retten können, wenn er die Ursache ihrer Krankheit geahndet hätte. Der Dr. Stütz Med. Annalen, Mai 1802. Correspondenzblatt S. 77. kurirte ein wahnsinniges Mäd- chen, bey der alle Arten anderer Mittel umsonst versucht waren, endlich auf folgende Art. Er bemerkte nemlich, dass es auf alle Mannsbilder, den Wärter, Aufseher u. s. w. verliebte Augen warf, und es gern hörte, wenn man vom Heira- then sprach. Er liess also einen ordentlichen jun- gen Mann zur Kranken gehen, der ihr wohlge- fiel. Dieser versprach, sie zu heirathen, wenn sie ihr ungescheutes Wesen ablegen, und brav und arbeitsam seyn würde. In dem Augenblick schien sie sich ihrer halbzerrissenen Kleider zu schämen, nahm einen gewissen äussern Anstand an, den sie vorher bey Seite setzte, bat um bes- sere Kleidungsstücke, versprach zu arbeiten, Me- dicin zu nehmen. Kurz ein helles Bewusstseyn, geläutert von allen schiefen Ideen und Vorstel- lungen, kehrte in ihre Seele zurück, und sie ward in kurzer Zeit von ihrem Wahnsinn geheilt. Nach der Genesung schämte sie sich ihres vergan- genen Zustandes, und fragte nicht nach dem jungen Manne, der die erste Gelegenheit zu ihrer Genesung gab, wahrscheinlich weil sie es einsah, dass jener ganze Vorgang nicht so ernstlich ge- meint gewesen sey. Die Wege zur Heilung sind verschieden. Man sucht den Kranken zu zerstreuen, ihn von dem Gegenstand seiner Liebe zu entfernen. Man deckt ihm die Mängel desselben auf; Fxige, quod cantet, si qua est sine voce puella, Non didicit chordas tangere, posce lyram. Turgida, si plena est, si fusca est, nigra vocetur, Et potuit dici rustica, si qua proba est. Ovidius . Am schnellsten hilft man gewöhnlich dadurch, dass man die Wünsche des Kranken befriedigt. Die Ehefrau eines Mannes verliebte sich in einen jungen Menschen, und wurde verrückt, als der- selbe verreisen musste. Man entdeckte dies ihrem Manne. Er liess den Jüngling zurückkommen. Von der Zeit an erholte sich seine Frau, und wurde vollkommen wieder hergestellt Wagner l. c. 1. B. 316 S. . Tul- pius Observ. L. I. c. 22. erzählt von einem jungen Engländer, der vollkommen starrsüchtig und unbeweglich wie eine Bildsäule wurde, als er eine unverhoffte abschlägliche Antwort von der Person bekam, die er liebte. Man rief ihm laut ins Ohr, dass er seine Geliebte zur Frau haben sollte; er sprang schnell auf, und war von seiner Starrsucht ge- heilt. Wo dies nicht möglich ist, sucht man den Kranken an einen andern Gegenstand zu ketten. Hortor et, ut pariter binas habeatis amicas, Alterius vires subtrahit alter amor. Ovidius . Zuweilen heilt auch der sinnliche Genuss von der übersinnlichen Liebe. Doch muss man sicher seyn, dass der Kranke sich darüber keine Vor- würfe mache, und auf diesem Wege in eine an- dere, vielleicht noch grössere Geisteszerrüttung verfalle. Hier kann ich nicht umhin, auf ein unge- ahndetes Verbrechen aufmerksam zu machen, das gleich einem verborgenen Krebs im Finstern schleicht, und die Blüthe des Staats würgt. Wol- lüstlinge bestechen die Gunst unerfahrner Mäd- chen durch Geld oder vorgespiegelte Liebe, und überlassen sie nachher ihrem Schicksale. Die verführte Person härmt sich über den Betrug, oder verfolgt die geöffnete Bahn, weil sie nichts weiter an sich verderben kann. Sie stirbt im Spital, oder wird eine Bewohnerin des Tollhauses. Beide Arten, das Leben zu enden, sind gleich schauder- haft. Ein direkter Mord ist nicht so quaalvoll, als ein indirekter durch Wahnsinn oder Lustseu- che und Knochenfrass. Und wie häufig ist we- nigstens der letzte Fall! Ich kenne mittelmässige Städte, die auf diese Art nach einem höchst wahr- scheinlichen Calcul jährlich mehr als funfzig Menschen verlieren. Sicher würden wir vor ei- nem Ort zurückbeben, an welchem sich so viele Meuchelmorde ereigneten! Freilich sollte man es der Gerechtigkeit nicht zumuthen, Angriffe auf Glück, Ehre, Gesundheit und Leben zu ahnden, denen der Mensch durch die Freiheit seines Wil- lens ausweichen kann. Allein die Menschen, von denen hier die Rede ist, kommen meistens nie aus der Unmündigkeit heraus, und die Natur hat ihnen in Betreff der Liebe eine so schwache Seite gelassen, dass sie einer Staats-Pallisade be- dürfen. Nahe verwandt mit der Liebe ist die Eifer- sucht , bey welcher Liebe und Hass, Achtung und Verachtung, Rache und gekränkte Ehre mit einander in Kampf gerathen sind. Der Verstand will, dass wir das nicht achten sollen, was uns verachtet, die Leidenschaft gebietet das Gegen- theil. Dieser Kampf wird vorzüglich peinlich, wenn man nicht von der Untreue des geliebten Gegenstandes überzeugt ist. Dadurch wurde ein Bäcker, der seine Frau im Verdacht des Ehe- bruchs hatte, ohne ihr denselben beweisen zu können, veranlasst, sich beide Hoden wegzu- schneiden, um sie auf die Probe zu stellen, ob sie nach seiner Kastration schwanger werden würde Schenk observ. rar. Lib. I. obs. 5. . Ein anderer Mann glaubte, seine Frau unterhalte sich zu frey auf einem Balle mit andern Männern. Er lief wüthend nach Hause, holte ein Gewehr, und wollte sie erschiessen. Man hielt ihn ab, er wurde verrückt, und verfiel in einen solchen Hass gegen das weibliche Geschlecht, dass er unauf- hörlich auf dasselbe schimpfte, und jedem Frauen- zimmer, das er anfichtig wurde, das nachwarf, was er eben in den Händen hatte. Er starb im Irrhause. Bey der Oeffnung fand man die Häute des Gehirns entzündet, das Gehirn in Eiterung und grösstentheils in eine sulzigte Substanz ver- wandelt Wagner l. c. 1 B. 316 S. . Den Eifersüchtigen überführe man, dass der Verlust seiner Ehre eingebildet oder ge- rächt sey, dass der Gegenstand seiner Eifersucht unschuldig oder seiner Liebe nicht werth sey. g) Lebensüberdruss ist eigentlich nicht fixe Idee, sondern Product, und zwar von meh- reren Arten derselben. Daher muss sich auch die Kur nach der verschiedenen Natur der fixir- ten Vorstellung richten, die Lebensüberdruss erzeugt. Die Melancholie der Engländer charakteri- sirt sich durch Selbstmord aus Lebensüberdruss ohne zureichende Ursache. Der Kranke weiss sich über nichts zu beklagen, aber nichts kann ihn auf der Welt fröhlich machen. Er sehnt sich daher nach einer Veränderung seines Zustandes, die ihm hier unmöglich scheint. Er bestellt sein Haus, macht sein Testament, nimmt Abschied von seinen Verwandten, und bringt sich dann kalten Bluts mit Ueberlegung um. Ich bin in einem glücklichen Zustande, sagte ein Melancho- lischer zu Pinel l. c. 199 S. , ich habe Weib und Kind, die mein Glück ausmachen, meine Gesundheit ist nicht merklich verändert, und demohngeachtet fühle ich mich von einer schrecklichen Begierde hingerissen, mich in die Seine zu stürzen. Er führte nachher seinen Vorsatz wirklich aus. Ein junger Britte, der hoffnungsvolle Sohn eines an- gesehnen Hauses, eben im Begriff, sich mit einem reizenden Mädchen von edler Herkunft zu ver- mählen, hatte an einem Deutschen einen warmen Freund. Diesen besuchte er eines Abends, sprach wenig. Wir sehn uns heute das letztemal, sagte er, das letztemal, Freund, und drückte ihm mit Wärme Wärme die Hand. Warum? fragte der Deutsche. Weil ich morgen sterbe, antwortete der Englän- der. Früh fand man ihn todt in einem Garten; an dem Pistol hing ein Zettel mit den Worten: des Lebens satt und müde Wenzel l. c. 53 S. . Ein an- derer erhing sich; sein Bedienter schnitt ihn ab, und er lebte fort. Am Ende des Jahrs zahlte er dem Bedienten seinen Lohn, und zog ihm zwey Pence ab. Der Bediente fragte nach der Ursache; weil du, antwortete er, einen Strick ohne meine Ordre durchschnitten hast. Viele Selbstmörder waren unverheirathet und in Ausschweifungen der Wollust endlich so abgestumpft, dass sie an nichts mehr Interesse finden konnten. In diesem Fall, wo der Lebensüberdruss durch übermässi- gen Genuss und erkünstelten Kitzel entstanden ist, wird es meistens schwer, solchen verdorbenen Menschen neues Interesse für das Leben beizu- bringen. Wenn Ehrgefühl und Religion nicht mehr wirken, so ist alle Mühe vergebens. Ferner erzeugt der peinigende Gedanke an ein Uebel, dem man nicht entgehen kann, z. B. das Bewusstseyn der Gefangenschaft mit Unmöglich- keit zu entrinnen, leicht Lebensüberdruss und Sehnsucht nach dem Tode. Eben dies bewirken Vorwürfe des Gewissens über wahre oder einge- bildete Verbrechen, Verlust der Ehre, Furcht für Nachstellungen, hypochondrische Vorstellungen Z von dem zerrütteten Zustand des Körpers, Kränk- lichkeit und fortdauernde Schmerzen, Heimweh und andere physische und moralische, wahre oder eingebildete Uebel. Die mit dem Pelagra behafte- ten, sollen einen besonderen Trieb fühlen, sich ins Wasser zu stürzen. Krankheiten des Unterleibes sind gern mit Hang zum Selbstmord verbunden. Endlich kann auch das Beispiel und die Nachah- mung dahinführen. Daher er endemisch und epidemisch seyn kann. Die Madchen von Mile- tus hingen sich haufenweise auf, nicht aus Le- bensüberdruss, sondern wegen einer Art von Schwärmerey, in der sie ihre Glückseligkeit fanden Plutarchus de virtute mulierum T. II. . Primerose erzählt von einem ähnlichen Fanatismus, der zum Ersäufen ver- leitete. Eine Kindermörderin wurde von dem Geistlichen feierlich zum Tode vorbereitet, dies wirkte so sehr, dass der Kindermord sich mehrte, und man die Todesstrafe abschaffen musste, um ihm zu steuren. In diesem Fall helfen angedroh- te Beschimpfungen der Selbstmörder nach dem Tode, die das Ehrgefühl in Anspruch nehmen, dessen falsche Richtung den Selbstmord förderte. Die Schwärmerey der miletischen Mädchen hörte auf, als der Staat das Gesetz bekannt machte, dass die erste Selbstmörderin nackt auf den Gas- sen ausgestellt werden sollte. Ich habe verschie- dene Fälle gesehen, dass Kranke dieser Art nach einem misslungenen Versuch, z. B. nach einer nicht tödtlichen Verwundung, nie einen neuen wagten, und ganz von dieser fixen Idee geheilt waren. In einzelnen Fällen kann dies Mittel viel- leicht auf sie angewandt werden. Man stürzt sie ins Wasser, oder bringt ihnen eine schmerzliche Fleischwunde bey. Pinel l. c. 200 S. wurde bey einem jungen Menschen von vierundzwanzig Jahren zu Rathe gezogen, den der Lebensüberdruss in pe- riodischen Anfällen quälte, welcher aber jedes- mal vor dem Anblick der Gefahr erschrak, ohne seinen Entschluss, sich zu ersäufen oder zu er- schiessen, zu ändern. Der Vorsatz wurde immer erneuert, und wieder aufgeschoben. Ein Uhrma- cher, der sich aus Lebensüberdruss erschiessen wollte, verwundete sich bloss die Wangen. Es entstand ein heftiger Blutfluss. Die Wunde wurde geheilt, und mit derselben die fixe Idee des Selbstmordes Pinel 257 S. . Ein anderer wollte sich in London von einer Brücke in die Themse stürzen. In diesem Augenblick fallen ihn Räuber an. Er bot alle Kräfte auf, ihnen zu entrinnen, und von der Zeit an war der Vorsatz zum Selbstmord ganz aus seiner Seele vertilgt Pinel l. c. 257 S. . Bey Unglücks- fällen, die die Zeit heilt, beim Verlust einer ge- liebten Person, suche man die ersten Ausbrüche Z 2 der Verzweifelung zurückzuhalten, oder dem Kranken einen andern Gegenstand aufzustellen, der sich allmählich seiner bemeistert. Doch ist die Hoffnung gering, wenn der Kranke auch für den Gegenstand kein Interesse mehr hat, der ihn krank machte, sondern bloss der Lebensüber- druss ihm übrig geblieben ist. Zuletzt erwähne ich noch der Mordsucht in der Raserey, die durch einen innern Drang ohne Dazwischenkunft fixer Vorstellungen zu Stande kommt. Die Kran- ken stürzen sich ins Wasser, hängen sich auf, springen zum Fenster hinaus. Bartholin Arnold l. c. Th. 1. 111. erzählt die Geschichte eines Menschen, der am Fleckfieber litt, und sich am Bette aufhing, als seine Wärterin sich auf einige Augenblicke ent- fernt hatte. h) Dem Lebensüberdruss steht die fixe Idee der Todesfurcht entgegen. Sie unterschei- det sich von der Besorgniss der Hypochondristen für ihre Erhaltung dadurch, dass die Kranken meistens gesund sind, wohl aussehen, und es bloss fürchten, dass sie sterben werden. Hin- gegen ist der Hypochondrist durchgehends wirk- lich krank, nur vergrössert er seine Krankheit und fürchtet zu viel von ihr. Einige dieser Kran- ken führen immerhin ihre Todesfurcht im Mun- de, und gerathen über jede unbedeutende Em- pfindung in Angst, weinen oft, wenn sie allein sind und suchen die Personen, welche sie umge- ben, zu überreden, dass sie den Tod nicht fürch- ten, um sie desto eher von der Wirklichkeit ihrer Vorgefühle zu überzeugen. Andere verber- gen ihre Grille mit stummer Hartnäckigkeit und diese sind am unheilbarsten. In der Lebensord- nung machen sie die sonderbarsten Bockssprünge, hüllen sich gegen jedes kleine Lüftchen ein, ge- niessen viele Dinge nicht, oder meiden gewisse Oerter, von denen sie glauben, dass sie ungesund sind. Swieten Comm. in aphor. T. III. p. 475. erzählt von einem übrigens gescheuten Mann, der sich von Niemandem anrüh- ren liess, weil er von der Hundswuth angesteckt zu werden fürchtete. Zuweilen entwickelt sich aus dieser Todesfurcht der Wahn, als stelle man ihnen nach dem Leben, oder sie ergeben sich dem Trunk und den Ausschweifungen der Liebe, weil sie an ihrer Gesundheit nichts weiter verder- ben zu können glauben. Einige heilt man da- durch, dass man ihre Klage nicht bemerkt. An- deren muss der Arzt nachgeben und einen sol- chen Kurplan wider ihre angebliche Krankheit entwerfen, der sie von ihrer fixen Idee ableitet, und sie von früh bis in die Nacht beschäfftiget. Denn diese Krankheit befällt nur reiche und müssige Menschen und flieht vor der Arbeit, die den Armen drückt. Man lässt sie reiten, reisen, zu Schiffe fahren, jagen, gymnastische Uebungen machen. Oft heilt ein Vorfall sie von ihrer Grille, bey dem ihre Habe, Ehre oder Leben auf dem Spiel steht. Dergleichen Lagen kann man zu- weilen durch die Kunst herbeiführen. i) Fixer Wahn, durch Aufopferungen sich bekannt zu machen , die Menschen zu verwirren, sie in Bestürzung zu setzen, un- glücklich zu machen. De Haen führt ver- schiedne Beispiele solcher Kranken an, die durch die beschwerlichsten Mittel die nichtigsten Zwe- cke zu erreichen suchten und sich den grössten Quaalen unterwarfen, um nur ihre Einfälle durch- zusetzen. Ins Julius-Spital zu Würzburg, sagt Ehrhard Wagner 2 B. 28 S. kam eine Weibsperson, der vor ein Paar Wochen zur Ader gelassen war, und gab vor, dass sie eine Geschwulst am Arm hätte. Bey der Untersuchung fand sich nicht weit von dem Ort der Wunde eine Erhöhung, aus der man ein Stück Glas, zwey zusammengedrehete Haarnadeln, und eine abgebrochene Nadel her- auszog. Sie behauptete böse Leute, bey denen sie wohnte, müssten ihr diese Quaal angethan ha- ben, und als sie ermahnt wurde, nicht zu lügen, affectirte sie fürchterliche Krämpfe. Es wurde ihr vorgestellt, dass ihre Aussage untersucht wer- den sollte, und wofern sie die Unwahrheit sagte, würde sie ausgepeitscht und ins Zuchthaus ge- steckt. Dies veranlasste sie, noch an demselben Tage aus dem Spitale zu laufen. Wahrschein- lich hatte dies Weib sich durch die Aderlasswun- de das Glas und die Nadeln, unter die Haut ge- steckt, und die Schmerzen nicht geachtet, um nur die hämische Freude zu haben, Aufsehen zu erregen und andere Menschen unglücklich zu machen. Ich sahe eine ähnliche Weibsperson, die täglich Stücke Holz aus der Scheide verlohr, welches nach ihrer Angabe von einem Fall auf einen Holzhaufen herrühre. Sie musste diesen Betrug, den sie schon an andern Orten mit meh- rerem Glück gespielt hatte, hier mit dem Zucht- hause büssen. Zuvörderst kömmt es bey der Heilung dieser Kranken darauf an, die Bosheit zu entdecken, wozu man bald List, bald eine scheinbare Gelindigkeit anwenden muss. Dann straft man ihre Betrügereien. Bey den Besessenen fand de Haen nichts besser, ihre Konvulsionen zu stillen, als das kalte Wasser, womit er sie be- goss. Doch meistens ist die Bosheit dieser Kran- ken so eingewurzelt, dass sie den Ort verlassen, wo sie entdeckt und bestraft sind, und irgend wo anders ihre Rolle weiter spielen. k) Wahnsinn, der sich auf Schwärmerey bezieht. Entweder das Object selbst ist eine Chi- märe, oder der Kranke verfolgt es mit einem En- thusiasmus, dessen es nicht werth ist. So hat es Menschen gegeben, die sich für begeistert hielten, verborgene Dinge errathen, künftige vorhersagen zu können glaubten. Andere hängen sich an unbedeutende Dinge und suchen sie mit einem Feuereifer zu realisiren oder zu erhalten, der sie selbst zerstört. Sie gehen in ihren Bemühungen zwar mit Ueberlegung, aber ohne alle Rücksicht auf Gefahr für sich und andere zu Werke, ach- ten des Schmerzes, selbst des Todes nicht, so- bald sie glauben, dadurch ihren Zweck erreichen zu können. Sie halten unglaubliche Anstrengun- gungen aus und sind zu unmenschlichen Grau- samkeiten gegen andere Menschen fähig, von de- nen sie glauben, dass sie ihren Vorsätzen entge- genarbeiten. Die gelinderen Grade dieses Wahn- sinns pflegt man mit dem Namen des Eifers zu beschönigen. Seine gefährlichsten Arten sind die- jenigen, die sich auf Staatsumwälzungen und Re- ligion beziehn. Denn sie zerstören Länder und vergiessen Blut in Strömen, welches der Hussiten- Krieg, die sicilianische Vesper, die Bartholomäus- nacht in Frankreich und die republikanischen Hochzeiten in der Vendee beweisen. Meissner erzählt das Beispiel eines Religionsschwärmers, der seine zwey Kinder mordete, um das Opfer Abrahams nachzuahmen. Manche dieser Kran- ken verfallen in Raserey, wenn sie sehen, dass sie ihre Einbildungen nicht realisiren können. l) Noch komme ich am Schluss auf ein Paar Zustände, nemlich auf den dumpfen und rast- losen Wahnsinn, die man zwar als Arten aufge- stellt hat, aber sie enthalten beide keine bestimmte fixe Idee, sondern sind Produkte derselben, Diese besteht in einer rastlosen Unruhe, die den Kran- ken veranlasst, ohne Bewusstseyn eines Zwecks an öden Oertern herumzuirren; jene ist eine Cata- lepsie des Vorstellungsvermögens, durch welche sein Fortschreiten, sein Einfluss auf die Bewe- gungsorgane und die Freiheit des Willens aufge- hoben ist. Beide sind Produkte eines astheni- schen Zustandes der Seelenkräfte. In dem dumpfen Wahnsinn Melancholia errabunda, silvestris, Hydroleros der Griechen, von einem Fisch, der niemals in dem Wasser, wo er wohnt, an einer Stelle bleibt. ist der Kranke unbeweglich wie eine Bildsäule. Er steht, sitzt oder liegt auf einer Stelle, rührt weder Hand noch Fuss, hat die Augen geschlossen, oder starrt kurz und ängstlich herum, ohne die Ein- drücke in ihrer Verbindung wahrzunehmen. Er begehrt weder Speise noch Trank, verschlingt sie aber ohne Besonnenheit, wenn sie ihm ge- bracht werden. Er ist ganz stumm oder antwor- tet kurz und unbestimmt. Zuweilen ist ein durch- dringendes Gebrüll das einzige, was man ihm ablocken kann. Befällt ihn die Krankheit unbe- kleidet, so leidet er auch keine Kleider. Sie entsteht von anhaltenden Meditationen, heftigen und traurigen Leidenschaften, kurz von allen plötzlichen und starken Erschütterungen der See- le, die sie in einen kataleptischen Zustand ver- setzen. Zuweilen kann eine andere Erschütterung die Mobilität des Seelenorgans wieder hervor- bringen. Eine Dame, die in diesem Zustand auf Reisen geführt wurde, kam auf einmal aus ihrem Taumel zu sich, als der Wagen umschmiss. Oft bekommen fortdauernde und unangenehme Reize des Gemeingefühls, das Jucken der Krätze, das Bürsten der Fusssohlen, das Kitzeln gut. Das Ohr kann der Kranke am wenigsten den Ein- drücken verschliessen, daher versucht man die Musik, und zwar eine rauschende, das Trommeln. Ein Melancholischer, der unbeweglich wie eine Säule war, nicht redete und auf nichts um ihn herum achtete, wurde auf folgende Art geheilt. An demselben Ort war ein Mann, der eine be- sondere Fertigkeit hatte, alles nachzuahmen. Dieser musste sich wie der Kranke kleiden, und ging zu ihm in sein Zimmer. Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ganz in seiner Miene und Stellung. Anfangs schien er seinen Gesellschafter nicht zu bemerken; allein endlich haftete sein Auge auf demselben. Der letzte that das nemliche, und ahmte so augenblicklich jede Gebährde, Bewe- gung und Veränderung des Verrückten nach, bis derselbe in Harnisch gerieth, vom Stuhl aufsprang, zu reden anfing und geheilt wurde. Selten geht der Kranke unmittelbar aus diesem Zustande zur Gesundheit über, sondern verfällt vorher in eine andere Art von Melancholie, die dann nach ihrer Natur behandelt werden muss. Der rastlose Wahnsinn steht zwar dem vorigen entgegen, doch wechseln beide gern mit einander. Dem Kranken ist es nirgends wohl, er flieht, und weiss nicht warum und wohin. Er flieht die Menschen, sucht einsame, meistens trau- rige Oerter, schwärmt des Nachts unter den Grä- bern herum, ohne sich eines bestimmten Zwecks bewusst zu seyn. Die Grade der Krankheit sind verschieden. Einige Hypochondristen haben eine innere Angst, die sie nirgends zur Ruhe kommen lässt. Der bekannte Grotthouss gehörte zu diesen Patienten. Wagner Beitr. 1 B. 267 S. beschreibt einen ähnlichen Sonderling, der immer von einem Ort zum andern herumirrt. So lange man ihn als Gast behandelt, spricht er ganz vernünftig; sobald er aber ermahnt wird, an einem Ort länger zu verweilen, so wird er fast rasend, und verflucht seine Feinde, die ihn an seinem Glücke hindern wollen. Auf seinen Reisen sucht er überall Be- förderung; kaum hat er aber irgend ein Aemt- chen erhalten, so denkt er schon an eine Verän- derung, sucht sich von der Stelle, welche er be- kleidet, loszumachen, und geht weiter. Ein Aufenthalt von drey Tagen ist für ihn eine Ewig- keit. Fragt man ihn, wo er hinreise, so giebt er zur Antwort, er suche eine Condition. Er klagt nie über Mattigkeit von den vielen Reisen. Zu- weilen findet sich ein Anfall dieser Krankheit zu Anfang der Pubertät ein, der sich aber meistens verliert. Ursprünglich liegt ihr wol eine physi- sche oder moralische Angst zum Grunde, die endlich eine gänzliche Verwirrung des Verstandes nach sich zieht. Oft kann auch Stolz, der sich nirgends gefällt, oder habituelle Zerstreuung, oder eitle Furcht für Verfolgungen und Nachstel- lungen, oder das Gefühl der Erleichterung kör- perlicher Beschwerden durch Bewegung Ursache seyn. Man vertilge die Furcht des Kranken, und binde ihn an Beschäfftigungen, die ihn anziehen. 2. Tobsucht, Raserey, Furor, Mania . Der Hauptcharakter der Raserey, vielleicht ihr einziger, ist übereilte, rastlose, im höchsten Grade gespannte Thatkraft, die sich in scheinbar eigenmächtigen Handlungen, aber ohne alles Bewusst- seyn eines sinnlichen oder verständi- gen Zwecks äussert, und Product ei- ner abnormen Umwälzung der Orga- nisation ist . Verkehrte Handlungen, die we- der in reinen Vorstellungen gegründet sind, noch in Gefühlen, die mit den Handlungen einen psy- chischen Zusammenhang haben, charakterisiren also die Tobsucht. Das Vorstellungsvermögen ist ohne Einfluss auf die Funktionen des Willens, wenigstens in Beziehung der Handlungen, die der Kranke als Rasender begeht. Er handelt ver- möge eines Impulses, der durch eine specifische Verletzung des Organismus hervorgebracht wird, und den wir, theils weil er nicht Vorstellung, theils seiner Natur nach uns unbekannt ist, blind nennen. Der Kranke erscheint uns als toll- kühn , weil er kein Bewusstseyn der Gefahren, also auch keine Furcht vor denselben hat; sein Trieb zum Handlen als Wuth , weil er zerstört. Ein Mensch, der vor Zorn schäumt, repräsentirt im Miniatur das Bild des Rasenden. Die Raserey charakterisirt sich also durch abnorme Handlungen . Um nun meinen von ihr gegebnen, vielleicht unvollständigen Begriff weiter zu erläutern, muss ich mit ein Paar Wor- ten der Ursachen s. oben 165 S. erwähnen, durch welche die Handlungen der Organisation entstehn. Einige derselben, z. B. das Klopfen des Herzens, die peristaltische Bewegung der Gedärme, die Aus- und Absonderungen, die Zuckungen und Krämpfe in dem Muskelsystem, sind zuverlässig physi- schen oder rein organischen Ursprungs. Von diesen kann hier die Rede nicht seyn. An- dere Handlungen des Menschen entstehn im Ge- folge des Begehrungsvermögens, durch Vorstel- lungen eines Objects, die seine Begierden erre- gen, und ihn bestimmen, das Object wirklich zu machen. Diese setzen Erkenntnisse voraus, wel- che sich entweder auf Gefühle der Lust oder der Unlust, oder auf gewisse unsprünglich-praktische Gesetze beziehn, die der Form der Vernunft an- gemessen sind. Diese sind psychischer Natur. Verletzungen derselben bestimmen die abnormen Handlungen des Melancholischen. Endlich liegen zwischen beiden noch andere automatische , aber scheinbar eigenmächtige Handlungen in der Mitte, deren Ursache ich Instinct oder blin- den Trieb nennen will, weil sie weder mit dem Gefühls- noch mit dem Vorstellungsvermö- gen zusammenhangen, und ohne Erkenntnisse eines Zwecks oder Objects entstehn. Sie sind gegründet in dem ursprünglichen Charakter, der dem Organismus eingeprägt ist, bey den norma- len Instinkten und Kunstfertigkeiten der Thiere, oder Folgen einer kranken Metamorphose des- selben, durch welche er eine andere Richtung, neue Reflektionspunkte und anomalische Bezie- hungen bekommen hat. Hier ist die Pathogenie der Wuth und Tobsucht zu suchen. Es giebt Menschen, die einen unwiderstehlichen Drang zu irgend einer Handlung haben, z. B. sich zum Fenster hinauszustürzen, obgleich die Sinnlich- keit und die Vernunft ihnen das Gegentheil ge- bieten. Diese können also nicht Ursache dersel- ben seyn, weil sie sich sonst selbst widersprechen würden. In der Hundswuth beisst der Mensch wider seinen Willen, und warnt daher seine Ver- wandten, sich für ihn zu hüten. Ich habe ein vierzehnjähriges Mädchen in der Kur gehabt, die an einer merkwürdigen Evolutionskrankheit litt, die aus einer Folge der sonderbarsten Nerven-Pas- sionen bestand. Sie hatte tonische und clonische, allgemeine und örtliche Krämpfe. Sie gähnte einmal acht und vierzig Stunden lang, ein ande- resmal hustete sie eben so lange. Unter diese Er- scheinungen mischten sich auch Anfälle einer krampfhaften Bewusstlosigkeit, die einer Starr- sucht ähnelten. In denselben setzte sie die Hand- lungen fort, in welchen sie eben beim Entstehen des Anfalls begriffen war. Sie ging oder strickte oder wiederholte einige Worte, wie ein Echo, die man ihr kurz vor dem Anfall gesagt hatte, und durch deren Eindruck derselbe erregt war. Welches künstliche Muskelspiel ist nicht dazu nöthig, artikulirte Töne, die einen verständlichen Sinn haben, hervorzubringen, und doch war die ganze Handlung automatisch. Noch merkwür- diger ist die Geschichte eines andern Frauenzim- mers, die ich ehemals als Kranke behandelte. Ihre Anfälle dauern ein bis drey Tage; in den- selben lacht, weint oder singt sie, je nachdem sie so oder anders zu der Zeit gestimmt ist, wo der Paroxismus sie überfällt. Sie singt melodische Gesänge, schön, denn sie ist musikalisch, bey vollem Bewusstseyn, ist aber nicht im Stande, durch die Kraft des Vorsatzes ihrem Gehirnspiel und den Actionen des Stimmorgans Ruhe zu ge- bieten. Das monarchische Regiment im Micro- cosmus ist aufgehoben, und die Parthieen dessel- ben, die den Gesang formiren, haben sich von der Seele unabhängig gemacht. Es sind also Handlungen im Menschen möglich, die den Schein der Spontaneität haben, aber ohne Ge- fühle und Vorstellungen zu Stande kommen. Im Seelenorgan und im ganzen Nervensy- stem tobt ein wilder Orgasmus, der zum Hand- len zwingt, um sich seiner überspannten Kraft, die in jeder Faser zittert, zu entladen. Daher die beständige, angestrengte Thätigkeit des Kran- ken, die Heftigkeit und hastige Eile aller seiner Handlungen. Er wirkt rastloss, wird aber nie befriediget, weil er ohne alles Bewusstseyn eines Zwecks, nach einem blinden Impuls handelt und hat eben deswegen auch keinen Verdruss und kei- ne Zufriedenheit über den Erfolg seiner Handlun- gen. Er wirkt fort, bis er vor Ermattung hin- sinkt und die drängenden Kräfte durch die An- strengung zerstreut sind, oder bis er sich selbst durch die Gefahren, mit welchen er kämpft zer- stört hat. Soviel von der Subjektivität der Handlungen rasender Menschen. Die Handlung als solche, nach ihrer Objek- tivität betrachtet, kann zerstörend, pro- duktiv , oder gleichgültig seyn. Meistens ist sie zerstörend, selten produktiv, weil dazu Weile und Besonnenheit gehört, die dem Rasen- den fehlt. Zum Zerstören treibt ihn schon sein innerer unbehaglicher Zustand, die stürmische Eile und die natürliche Anlage des Menschen zur Grausamkeit, die zwar durch Vernunft, Kultur und Aussenverhältnisse maskirt werden kann, aber im Zustande der beschränkten Vernunft und des des Mangels an Besonnenheit wieder in ihre na- türliche Verhältnisse tritt. Der Rasende zerstört also in der Regel, aber ohne Zweck. Daher ist auch sein innerer blinder Drang nicht bloss auf Mordlust beschränkt, sondern er zerstört todte und lebendige Wesen. Er zerreisst seine Kleider und Betten, zerschlägt die Fenster und zertrüm- mert die Geräthe seines Zimmers. Dass er or- ganische Wesen und unter diesen die Menschen am häufigsten zerstört, mag wahrscheinlich von der dunklen Vorstellung herrühren, dass sie nur Ursachen von Quaalen, und Hindernisse von Zwecken seyn können, gegen welche der Zorn sich mit Grund empören könne. Doch zuweilen äussert sich die Raserey auch durch wilde und unzusammenhängende Ausbrüche eines joviali- schen Muthwillens; oft sind die Handlungen in Rücksicht ihres absoluten Gehalts gleichgültig. Der Kranke lacht heftig und ohne alle Veranlas- sung, schreit, heult, brüllt, springt, läuft, wälzt sich auf der Erde, in seinem eignen Koth, macht die sonderbarsten Gestikulationen, schüttelt die Kette ohne Nachlass. Einige weigern sich hart- näckig zu essen und zu trinken, andere schlingen alles begierig hinter, was ihnen vorkommt, selbst ihren eigenen Koth Vidi maniacum omnia corporis integumenta la- cerasse et nudum stramini incubuisse in loco lapidibus strato, dum asperrima saeviebat hyems, per plures septimanas; quandoque . A a Weil seine Handlungen bloss im Gefolge ei- nes blinden Drangs und ohne Leitung des Vor- stellungsvermögens entstehn, so haben sie auch kein fixes und haltbares Object. Der Kranke wirkt ohne Unterschied auf alles, was der Zufall oder der Unverstand der Menschen ihm ent- gegenführt. Beispiele, dass Rasende sich das Fleisch mit den Zähnen von ihren eigenen Glie- dern abgenagt haben, sind oben S. 35. angeführt. Davon kann weder das Gefühls- noch das Vor- stellungsvermögen Ursache seyn. Ich sah einen Kranken, der wie ein toller Hund in seinen Schemmel biss, und ihn solang zusammenstiess, bis er ihn zerstört hatte. Er mordet sich und an- dere, Bekannte und Unbekannte, unschuldige Kinder und Menschen, die seine Feinde waren. Daher die Erfahrungen, dass Rasende, beson- ders in der Wasserscheu, ihre Verwandte vor dem Anfall, selbst anmahnen sie zu binden, weil in dem Anfall die Ueberlegung aufhört, der blinde per octo dies omni cibo abstinuisse, dein oblata quaevis ingurgitasse avidissime; immo et soe- dissimo spectaculo proprias faeces alvinas de- vorasse, licet optimi cibi suppeterent. Per plures septimanas noctes et dies pervigil hor- rendis clamoribus totam replebat viciniam; et tamen per plures annos supervixit, sedato quidem furore, sed fatuus et omnium rerum immemor. v. Swieten Comm. T. III. p. 521. Drang eintritt, der Freund und Feind nicht unter- scheiden kann. Das Vorstellungsvermögen kann auf ver- schiedene Art, ursprünglich oder secundair mit- leiden. Dem Blödsinn, der Narrheit und dem fixen Wahn kann sich Tobsucht zugesellen, wo dann der concrete Krankheitsfall aus einem Ge- mische dieser und jener Krankheiten besteht. Daher sind die rasenden Handlungen ursprünglich melancholischer Menschen bald Produkte ihrer fixen Ideen, bald Symptome einer mitvorhandnen Tobsucht. Allein das Vorstellungsvermögen ist ausserdem noch bey der Raserey, sofern in der- selben das ganze Nervensystem leidet, mit afficirt. Doch steht in beiden Fällen sein Zustand für sich, und ist nicht Ursache der Wuth. Es leidet in transitorischen Paroxismen, die mit denen der Tobsucht gleichzeitig sind. Unmittelbar zur Zeit, wo die Tobsucht in seinen heftigsten Anfällen ob- waltet, scheint das Vorstellungsvermögen entweder an einer schnellen Flucht der Ideen oder an einer Catalepsie zu leiden, durch welche die Freiheit des Willens beschränkt und gleichsam ausser Verbindung mit den Vorstellungen gesetzt ist. In dem letzten Zustand befindet sich der Rasende, der an der sogenannten stillen Wuth leidet, oder rastloss seine Ketten schüttelt. In dem ersten Fall braust ein loderndes Feuer in der Phantasie, isolirte und lossgebundene Vorstellungen drängen sich zu und fliehn pfeilschnell vorüber, dass die Aufmerk- A a 2 samkeit sie nicht festhalten, der Wille sie nicht zü- geln, das Associationsvermögen sie in keine Ver- bindung bringen und das Gedächtniss sie nicht reproduciren kann. Es entstehn Verspätungen der Handlungen, weil der Wille und das Vermö- gen zu handlen nicht nachkommen, sondern erst von dem Stosse einer Idee wirken, wenn dieselbe längst durch eine andere verdrängt und im Ge- dächtniss erloschen ist. Daher das wilde und zügellose Aufbrausen und der blinde Trieb zu eben so momentanen, isolirten, unzusammenhän- genden, gleichsam convulsivischen Handlungen, die in dem Augenblick, wo sie geschehen, ohne Vorstellung eines Zwecks geschehen. Der Kran- ke ist ohne Besonnenheit, Aufmerksamkeit und Urtheilskraft, weil dazu eine Weile erfordert wird, die ihm fehlt; er nimmt keine oder höch- stens nur solche Eindrücke von Dingen wahr, die ihm als Hindernisse in dem Drang zum Handeln erscheinen. In den milderen Graden wählt er zuweilen Mittel zur Erreichung eines Zwecks mit Ueberlegung, z. B. die Mittel zur Ausfüh- rung eines Mordes, aber die Handlung selbst ist ohne Bewusstseyn eines Zwecks. In gewissen Fällen kann er gar den Schein der Ruhe anneh- men, wenn die äusseren Umstände der Befrie- digung seines inneren blinden Drangs ungünstig sind, er kann sich verstellen, zur List seine Zu- flucht nehmen, um sich und andern zu schaden, wenn er ein äusseres Hinderniss zu bemerken scheint. Allein lange hält dieser Zustand der scheinbaren Ruhe nicht aus. Er fällt die Umste- henden an, wenn sie nicht auf ihrer Huth sind. So kann auch äussere Furcht den Zornigen, die seinem wilden Drang ein Gegengewicht hält, auf einen Augenblick in Schranken halten. Wir fin- den daher bald eine partielle, bald eine allgemeine, bald gar keine Verkehrtheit in den verschiednen Funktionen des Vorstellungsvermögens. In den meisten Fällen sind sie nicht eigentlich verkehrt, sondern vielmehr durch den Zustand der Tobsucht unterdrückt und aufgehoben. In der Wuth ohne Verkehrtheit ist die Seele bis auf einen blinden Impuls zu gewaltsamen Handlungen gesund, der an die Stelle des freien Willens getreten ist. In den Intervallen des Nachlasses und der Ermattung ist das Vorstellungsvermögen entweder gesund, oder mehr oder weniger verletzt. Daher kann ich auch, wie Chiarugi l. c. S. 484. will, weder allgemeine noch partielle Verkehrtheit als Charakter der Tobsucht gelten lassen. Denn gesetzt auch, der Kranke faselte in den Intervallen, so gehört die- ser Zustand nicht zur Tobsucht, sondern zu ande- ren Arten der Geisteszerrüttungen. Die Sitten des Kranken sind aufs sonderbar- ste verändert; das züchtige Weib stösst Zoten aus, entblösst sich, die sanfte Schöne wird eine wü- thende Megäre, der furchtsame Hypochondrist ein kühner Wüthrig, weil er ohne Bewusstseyn von Gefahren handelt. Doch bleibt einiges Be- wusstseyn äusserer Umstände. Ein Mann von Po- situr und Stimme, ein Soldat mit Stock und Degen, ein Anmarsch der Officianten in Masse, setzt ihn in einen kindischen Schreck, und treibt ihn augen- blicklich zu Paaren. Allein auch in diesem Fall muss man auf der Huth seyn, weil er sich verstellen und die Gelegenheit absehen kann, seine Wärter heimlich zu überfallen. Selbst in den freien In- tervallen darf man ihm nicht trauen. Perfect Auserl. Fälle von verschied. Arten des Wahn- sinns; aus dem Engl. Leipzig 1789. 194 S. erzählt einen hieher gehörigen schauderhaften Fall. Eine vornehme Mutter besuchte ihren Sohn im Tollhause, fand ihn ruhig und vernünftig, und liess ihn loss. Es vergingen einige Wochen ohne Spuren von Wahnsinn. Allein an einem Morgen stand er früher als gewöhnlich auf, schwärmte rasend herum, kam nass und schmutzig zu Hause, setzte sich zu seiner Mutter und ergriff, als diese ihm Vorwürfe machte, die Feuerzange aus dem Kamin und erschlug sie. Nach der That blieb er ruhig, entfloh nicht, äusserte auch keine Reue über seine That. Die Absonderungen des Harns und der Trans- spiration sind gering, der Puls hart und krampf- haft, die Empfänglichkeit für Kälte, Hunger, Arzneien meistens vermindert. Einige Tobsüch- tige sollen vielen Trieb zur Wollust haben. Die Krankheit ist acuter oder chronischer Natur. Dies in der Manie, jenes in der Phre- nesie. In ihrem chronischen Zustande hat sie einen remittirenden oder intermittirenden Typus, weil die Organisation dergleichen gewaltsame Anstren- gungen nicht lange und ununterbrochen aushält. Sie gleicht einem Erdbeben, das in Stössen wirkt. Selbst in der Phrenesie giebt es kurze und perio- dische Stürme. Die Anfälle kommen gewöhnlich zu unbestimmten Zeiten, entweder durch innere und eigenmächtige Steigerungen der Erregbarkeit oder durch äussere zufällige Ursachen. Der Kranke wird still, schlafloss, ist wild, da er sonst gelassen; frech, da er sonst züchtig; unerträglich geschwätzig, da er sonst bescheiden war. Durch diese Vorboten kündiget sich der herannahende Anfall an. Ist der Kranke neben seiner Tobsucht auch noch verkehrt, so kann die Raserey aufhö- ren, aber die Verkehrtheit bleibt in den Inter- vallen zurück. Die einzelnen Paroxismen und der Inbegriff aller steigen und fallen. Endlich hat die Tobsucht verschiedene Grade. In einem gelindern Grade spricht der Kranke viel, mit Heftigkeit und meistens nur über einen Gegen- stand. Er murmelt in Gesellschaften, als wenn er allein wäre; spricht laut und gestikulirt, wenn er allein ist, als wenn er Jemanden bey sich hätte. Er geht ohne Plan hastig herum, wenn er frey, oder macht sich alle Bewegungen, die ihm mög- lich sind, wenn er gehemmt ist. Er geht weder sich noch anderen gefährlicherweise zu Leibe, wenn er nicht in seinen Unternehmungen gehin- dert wird. In einem höheren Grade spricht er nicht, sondern schreit fürchterlich, bewegt sich aufs heftigste, wenn er angeschlossen ist, und sucht sich und andere zu tödten. Doch hat er noch einiges Bewusstseyn seiner Handlungen und ihres Werths. Endlich befindet sich der Kranke in dem höchsten Zustand der stillen Wuth , spricht und schreit nicht, steht still, murmelt und knirscht mit den Zähnen. Seine Muskeln sind gleichsam wie vom Starrkrampf befallen, er ist ohne Schlaf. In dieser kataleptischen Dumpf- heit mordet er jeden, der ihm in Weg tritt, ohne Zweck, und weiss nach dem Morde nicht, was er gethan hat. Dieser Zustand der heftigen Ex- altation kann nicht lange dauren, und geht in eine leichtere Raserey, in Blödsinn, oder in den Tod über. Die Krankheit ist einfach, in der Wuth ohne Verkehrtheit; oder zusammengesetzt, wenn sie mit einem allgemeinen oder partiellen Wahn- sinn, mit Narrheit, Blödsinn oder mit einem Ge- fässfieber, z. B. in der Phrenesie, verbunden ist. Nach dieser Schilderung der Phänomene der Tobsucht kann ich sie nicht für eine psychische, sondern muss sie vielmehr für eine körperliche Krankheit halten. Sie ist nicht, wie Boer- haave Aphor. §. 1118. will, ein höherer Grad der Melan- cholie, sondern eine eigne, specifisch von ihr verschiedene Krankheit. Der Melancholische handelt absurd im Gefolge kranker Vorstellungen, der Tobsüchtige im Gefolge eines blinden Im- pulses. Beide können zerstören, wüthen und morden, aber aus verschiedenen Bewegursachen, dieser wie ein Automat, jener nach Zwecken. Auch ist eine innere Angst nicht Ursache der Tobsucht. Sie mag dieselbe oft begleiten, aber nicht immer. Die jovialische Tobsucht ist ohne Angst. In der Brustwassersucht, Pneumonie und verschiednen anderen Krankheiten finden wir ei- nen weit grösseren Grad von Angst, ohne Tob- sucht. Auch würde das Object der Angst kör- perlich seyn, und die Verknüpfung ihrer Vor- stellung in der Seele mit der Tobsucht keinen verständigen Sinn haben. Herr Hoffbauer l. c. 1 Th. 255-261 S. scheint zwar entgegengesetzter Meinung zu seyn, und die Krankheit, von welcher Tobsucht das Phänomen ist, nicht sowohl im Körper als viel- mehr in der Seele zu suchen. Er beruft sich auf das Beispiel eines Zornigen. Allein gerade dies Beispiel möchte ich ihm entgegenstellen. Denn dass bey dieser Leidenschaft der Körper eine sichtbare Veränderung erleide, lehren alle Sym- ptome des Zorns. Ich habe es oft gesehn, dass wenn Hunde und Katzen zum Zorn und zur Wuth gereizt wurden, in einem Augenblick der schwarze Hintergrund ihrer Augen eine grünlich- leuchtende Farbe und gleichsam einen phospho- rischen Schein bekam. Der Zornige handelt nicht nach Vorstellungen, sondern nach einem blinden Drang, dem die Vernunft nicht mehr widerstehen kann. Ein Kranker, der an Satyriasis leidet, handelt absurd, obgleich seine Urtheilskraft rich- tig wirken und ihm die Gefahren der Ausschwei- fung klarer vorhalten mag, als dem Hagestolzen die seinige, den schon ein Fieberfrost überfällt, wenn er mit einem Mädchen in einer Stube allein ist. Höchstens wird das Vorstellungsvermögen Diener des Triebes, da es Erreger und Führer desselben seyn sollte. Auch darf man, wie Herr Hoffbauer l. c. S. 258 und 260. es zu thun scheint, wenn von der zureichenden Ursach der Tobsucht die Rede ist, es nicht verwechseln, ob die Wuth Product des kranken Vorstellungsvermögens ist, oder dasselbe ihrer Gewalt weichen muss. Denn in dem letzten Fall ist die Wuth schon gesetzt, bevor die freie Wirksamkeit der Vernunft beschränkt wird. Dies kann also nicht Ursache von jener seyn, sondern es betrifft bloss ein Verhältniss der Vorstellungs- kraft zur Wuth. Ich halte daher die Krankheit für ganz körperlich; mag aber nichts darüber aussagen, welcher Natur sie sey. Die tobenden Leidenschaften und besonders der Zorn mögen ihr wol sehr nahe liegen. Zuverlässig ist die Er- regbarkeit des ganzen Nervensystems bis auf den äussersten Grad gespannt, die Polaritäten desselben können verrückt, der elektrische Lebensstrom mag seiner Fesseln entbunden, in einem besondren Wogen begriffen und das Spiel der Erregungsmit- tel mit der Erregbarkeit in Disharmonie gerathen seyn. Von diesem Orgasmus überzeugen uns alle Phänomene rasender Personen, ihre wilde und aus- drucksvolle Physiognomie, das funkelnde Auge, welches dem Verderben droht, auf welchem es ruht, die pfeilschnelle Flucht ihrer Vorstellungen, dass keine Worte sie fassen können, ihre kühnen und kraftvollen Handlungen, ihr wildes Schreien, ihre Gewaltthätigkeit gegen sich und andere, ihre ununterbrochene Unruhe, die enorme Kraft der Muskeln, die Ketten bricht und Löwen würgt. Hoffmann de effectu maniaco. Supplem. diss. T. XIII. Chiarug. l. c. 325 S. erwähnt eines Tobsüchtigen, der wenig Licht, keine lebhaften Farben, und nur einen schwachen Schall vertragen konnte, ja so- gar zuletzt von jedem starken Geruch und Ge- schmack in ein Irrereden verfiel. Wie höchst reizbar muss nicht dessen Gehirn gewesen seyn! In dem nemlichen Grade sind auch die Vegeta- tionsprocesse in demselben vermehrt. Die Augen sind roth und feurig, der Kopf ist heiss, die Halsadern schlagen heftig. Daher müssen auch diese Kranke, wenigstens in der Folge, zurei- chende Nahrung bekommen, weil sonst ihre Tobsucht zunimmt, in Blödsinn und Tod über- geht. Durch eben diesen Wechsel des Stoffs wird zuletzt die Marksubstanz sichtbar verändert, leich- ter, härter, auf der Oberfläche mit einem aus- geschwitzten Eiweissstoff überzogen, welches Un- heilbarkeit, Blödsinn und den Tod nach sich zieht. Vielleicht hätten nähere Untersuchungen des Körperzustandes rasender Personen, ihrer Abgänge, der Wärme und ihrer Vertheilung, des Standes der Erregbarkeit durch ein galvanisches Bioscop daurendere Resultate abgeworfen, als die mit ihnen angestellten Phosphorkuren, die nur zu schnell in ihrem eigenen Lichte erstickt sind. Die Ursachen der Tobsucht sind verschie- den. Mittleres Alter, männliches Geschlecht, magerer Körper, cholerisches Temperament, hef- tiger und leidenschaftlicher Charakter, heisses Klima und eine vorhandene Melancholie fördern ihre Entstehung. Schwangerschaft, Geburt, hef- tige Anstrengungen des Seelenorgans, Zorn, Aerger, Schwächungen durch Ausleerungen, Onanie, Gefässfieber, Anomalien der Menstrua- tion und Hämorrhoiden erregen sie wirklich. Merkwürdig ist es, dass diese Ursachen, mehr Beziehung auf den Körper, als auf die Seele ha- ben. So erregen auch alle Pflanzengifte, die den Geist zerrütten, fast durchaus Raserey. Doch dies übergehe ich und erwähne bloss noch einer Beobachtung des Chiarugi l. c. S. 353. , dass ein mit Kochsalz versetzter Wein Tobsucht errege. Selbst der mässige Genuss desselben soll sie in kurzer Zeit hervorbringen. Die Kur der Tobsucht bedarf noch ei- ner grossen Läuterung. Viele Beobachtungen über dieselbe sind unbrauchbar, weil sie sich auf kein haltbares Object, sondern bald auf die wahre Raserey, bald auf jede andere Geisteszerrüttung beziehn, die mit heftigen Handlungen verbunden war. In der Phrenesie entscheidet sie sich, als akute Krankheit, durch sich selbst, zur Gene- sung oder zum Tode, oder sie geht in eine andere Krankheit über. In der chronischen Tobsucht kommt es vorzüglich darauf an, die Geneigtheit zur Wiederkehr der Paroxismen zu heben. Sie ähnelt in dieser Rücksicht den akuten und chro- nischen Fallsuchten. Zuvörderst muss man ihre entfernten Ursachen wegräumen, dann die er- höhte Erregbarkeit direct zu dämpfen suchen, und endlich, in der chronischen Tobsucht, die Geneigtheit zur Wiederkehr der Paroxismen he- ben. Dazu, und besonders zur Ausführung der ersten und letzten Kurregel scheinen nicht sowohl psychische Mittel, als vorzüglich Arzneien geeig- net zu seyn. Doch gehn diese mich nichts an. Ich habe bloss von dem Gebrauch der psychischen Mittel und zwar von ihrem direkten Gebrauch, wider die Raserey selbst, zu sprechen, so fern sie vorzüglich nur für diesen Fall zu passen schei- nen. Zu diesem Behuf muss man in der Regel der im Inneren vorhandenen Erregung freien Spielraum lassen, damit sie sich auf die ihr natürlichste Art äussern könne , aber sich hüten, die irritablen Theile durch heterogene Reize zu ei- ner gezwungenen Thätigkeit zu nöthi- gen . Das Detail wird den Sinn dieser Vor- schrift näher erläutern. Alle Reize, die das Nervensystem und die besonderen Funktionen desselben, Gemeingefühl, äusseren und inneren Sinn heftig afficiren, sind meistentheils nachtheilig. Sie haben zu wenig Harmonie mit der Natur seiner erhöhten Erreg- barkeit und vermehren daher den Tumult dessel- ben. Wir müssen deswegen alle Eindrücke, die das Gemeingefühl heftig und besonders die es un- angenehm erregen, die starke Empfindungen und Schmerzen veranlassen, entfernen. Die Diät muss milde seyn; Gewürze, Wein, andere geistige Ge- tränke und überhaupt alle reizenden Speisen sind in der Regel und im Anfang der Krankheit nach- theilig. Starke Gerüche und ein lärmendes Ge- räusch schaden. Daher das Zweckwidrige in der Einrichtung der meisten Tollhäuser, wo Koben an Koben stösst und diese grausenden Gassen über- all von dem Gerassel der Ketten dumpf wieder- hallen. Die Zimmer der Rasenden müssen we- nig erleuchtet, meistens finster, ohne auffallende Decorationen und Meublen seyn C. Aurelianus Lib. I. morb. acut. c. 9. hat einige artige Bemerkungen über die antiphlo- . Besonders reizbar ist der innere Sinn; daher hüte man sich durch Fehler in der Wartung und Pflege, durch eine rauhe Behandlung, durch Erregung der Lei- denschaften, besonders des Zorns, den Kranken aufzubringen. Man behandle ihn sanft, doch mit Ernst, gebe seinen Wünschen nach, wo es möglich ist und der Widerspruch ihn empört. Doch gilt diese Regel, alle Reize von dem ge- spannten Nervensystem zu entfernen, nicht un- bedingt. Zuweilen hat dasselbe einer Erregung und besonders einer solchen nöthig, die der Qua- lität seiner Erregbarkeit entspricht. Eine sanfte Manipulation der Haut, eine Musik, die mit sei- nen Gehirnschwingungen einerley Ton hat, beru- higet zuweilen. Asclepiades will, dass die Kranken Licht bekommen sollen. Allein Cel- sus Lib. III. c. 18. bemerkt mit Recht, dass einige in einem hellen, andere in einem finsteren Zimmer ruhiger sind und räth daher, die Behandlung nach dem Erfolg zu bestimmen. Daher muss man der gespannten Erregbar- keit freien Spielraum lassen, damit sie sich auf die ihr natürlichste Art äussern könne. Der entstan- dene Anfall entscheidet sich selbst durch den Ex- cess der Thätigkeit und zerstreut die Congestio- nen des Lebensprincips im Seelenorgan, wie ein gistische Behandlung phrenitischer Kranken, besonders in Absicht auf Reize, die das Ge- sichtsorgan afficiren. epileptischer Paroxismus durch seine Convulsio- nen sein Ende bewirkt. Man lasse den Kranken auf einem freien Platz laufen, schreien, toben und zähme ihn nur in so weit, als es seine eigene und anderer Sicherheit erfordert. Daher die falsche Maxime, gerade die Tollen in Koben zu sperren und an Ketten zu legen. In manchen Fällen kann es gar dienlich seyn, sie durch äussere scheinbar zufällige Ursachen zu heftigen Anstrengungen, z. B. zu einem ermüdenden Laufen, zum Ringen und Kämpfen zu nöthigen. Sollten sie dieser Freiheit nicht fähig seyn, so sperre man sie in ein hohles Rad oder in eine Kugel ein, die nach allen Sei- ten beweglich ist, in welchen sie nirgends ein Hinderniss, aber auch nirgends festen Fuss fin- den, ohne auf ein Object zu stossen, das sie zum Zorn reizen könnte. Zuweilen kann man durch Erregung der Furcht zweckmässig wirken. Doch müssen die Mittel dazu, nicht sowohl die Phantasie, durch starke und schreckende Eindrücke auf die Sinn- organe, sondern vielmehr das Gefühl direct afsi- ciren. Daher Feuerbrände und magische Erschei- nungen eher, als das unvermuthete Stürzen ins Wasser, ihres Zwecks verfehlen werden. Des Flaschenzuges, durch welchen ein Rasender in ein hohes Gewölbe aufgezogen und dadurch ge- bändigt wurde, habe ich oben schon erwähnt. Das Stürzen ins Wasser wird auf verschiedene Art angebracht; man wirft den Kranken von einer Fähre in den Strom, oder er fällt durch eine Fall- Fallthür in ein tiefes Plongirbad. Nach Swie- ten und Boerhaave Comm. §. 1125. soll man den Kranken solang untertauchen, bis eine Asphyxie erfolgt. Freilich kann dadurch die Temperatur der Erreg- barkeit abgeändert werden, wenn man nur im Stande wäre, das gehörige Maass richtig zu treffen. Allein mit dieser Behandlungsart der Rasenden collidirt nicht selten die Nothwendigkeit sie zu zähmen . Die meisten Zähmungsmit- tel bringen sie entweder auf, oder hemmen die Aeusserungen ihrer Krankheit, durch welche sie sich des Ueberflusses ihrer Kräfte entladen. Bei- des ist schädlich. Es gehört daher vorzüglich zum Geschäfft des psychischen Arztes, solche Zähmungen zu erfinden, die dies entweder gar nicht oder am wenigsten thun. Das Binden, die Zwangswesten, das Einsperren in Tollkoben und das Anschliessen an Ketten ist meistens zweckwidrig, besonders solang als man noch Hoffnung hat, den Kranken zu heilen. Für un- heilbare Rasende in den Aufbewahrungsanstalten müssen noch eigene Mittel erfunden werden. Die Zähmungen haben keinen andern Zweck, als dass der Kranke sich und andern nicht schade. Ueber denselben dürfen sie also auch nicht hin- ausgehn. Meistens ist ein freier Platz oder ein bewegliches Rad zureichend. In bösen Fällen legt man ihm eine Zwangsweste an, oder einen B b Gurt um den Leib, welcher hinten einen Ring hat, der an einen festen Gegenstand angehängt werden kann. Ueberfällt den Kranken plötzlich ein Anfall seiner Wuth, wenn er in Freiheit ist, so bediene man sich des Halbzirkels Reils Fieberlehre, 4 B. 523 S. , einer Rüstung, durch welche man vor Verletzungen desselben gesichert ist, oder man lasse die Dienst- leute in Masse anrücken. Der Aufseher geht un- bewaffnet voran, gebietet mit drohender Miene und donnernder Stimme, und indem dadurch der Rasende auf einen Punkt geheftet und gleichfam ausser Fassung gebracht ist, greifen die Dienst- leute zu und bemächtigen sich seiner. Ein junger Mensch, der mehrere Monate ruhig gewesen war, wurde plötzlich von einem Anfall seiner Raserey befallen. Er schlich sich in die Küche und nahm das Instrument zum Hacken der Kräuter weg. Den vorhandenen Leuten, die ihn entwaffnen wollten, widersetzte er sich, sprang auf einen Tisch und drohte, jedem den Kopf einzuschlagen, der sich ihm nähern würde. Die Pussin nahm auf der Stelle folgende Wendung: sie schalt die Leute, dass sie den Kranken hindern wollten, mit ihr zu arbeiten, redete ihm sanft zu, zu ihr zu kommen, damit sie ihm zeigen könne, wie er sein Instrument gebrauchen müsse. In diesem Augenblick griffen die Leute zu, entwaffneten ihn, und brachten ihn in Verwahrung Pinel l. c. 102 S. . Züch- tigungen passen meistens nicht für Rasende, höch- stens nur für solche, die noch einige Besonnen- heit haben, boshaft sind, Ruhe affektiren, um nachher heimlich zu schaden. Durchgehends sind die Zwangsweste, das Einsperren, Hunger, oder einige Streiche mit dem Ochsenziemer, die nach einem förmlichen Urtheilsspruch von einer frem- den Person mitgetheilt werden, zureichend, die Kranken bald zahm zu machen. In den Inter- vallen halte man sie zur Arbeit an, gewöhne sie an eine strenge Ordnung und präge ihnen das Ge- fühl der Nothwendigkeit ein, wodurch sie in den folgenden Ausbrüchen leichter zu behandlen wer- den. Was darüber ist, jede zwecklose und kalte Barbarey, ist vom Uebel und sollte durch Publi- cität der öffentlichen Schande Preiss gegeben werden. In wiefern die Ursachen der Raserey, und die Geneigtheit des Körpers, ihre Paroxismen zu wiederholen, durch psychische Mittel gehoben werden können, lasse ich dahingestellt seyn. Wuth ohne Verkehrtheit . Dieser Zustand ist einfache Tobsucht, in ih- rer reinsten Gestalt, ohne alle fremden Zusätze. Alle Seelenkräfte, das Wahrnehmungsvermögen, die Einbildungskraft und der Verstand sind in ih- ren Aeusserungen gesund, bloss einige Handlungen sind abnorm, weil das Vorstellungsvermögen sie nicht, weder nach sinnlichen noch verständigen B b 2 Zwecken, sondern weil ein innerer blinder und or- ganischer Drang sie bestimmt. Der Kranke übt als Automat Grausamkeiten aus, ohne dass Vorstel- lungen der Lust oder Unlust, fixe Ideen oder Täu- schungen der Einbildungskraft ihn dazu leiteten. Seine Vernunft und sein Handlungsvermögen ha- ben ihre Verhältnisse gegen einander umgetauscht; jene ist in Kampf gegen dies gerathen oder gar Subaltern desselben geworden, statt dass sie es bestimmen sollte. Sie kämpft mit dem wilden Instinct zu blutdürstigen Handlungen, ohne ihr Herrscherrecht behaupten zu können, ja sie wird sogar genöthiget, die raffinirtesten Mittel zur Ge- nügung des blinden Drangs aufzusuchen. Der Kranke wählt, weil sein Verstand nicht verkehrt ist, planmässig und mit Ueberlegung die Mittel zur Ausführung seines Vorhabens, Waffen, Ort und Zeit und mordet nun eine bestimmte Person oder jeden Menschen, der ihm in dem Anfall der Wuth vorkommt. Daher sind auch einige dieser Kranken es sich bewusst, an welcher Krankheit sie leiden, wodurch sie sich von allen andern Ver- rückten unterscheiden. Sie fühlen die Annähe- rung des Anfalls, warnen ihre Freunde in dem- selben sich für sie zu hüten, dringen gar auf ihre Einsperrung, kündigen die Abnahme und das Ende ihrer wilden Triebe an und erinnern sich derselben in dem Intervall der Apyrexie. Ja dies Bewusstseyn ihrer traurigen Krankheit kann sie sogar so sehr ängstigen, dass sie darüber in Wahnsinn verfallen. Merkwürdig ist diese Krank- heit noch für den gerichtlichen Arzt und für den Criminalrichter. Wie sollen Handlungen, die aus ihr hervorgehn, zugerechnet werden? Meistens fängt der Anfall mit allerhand körperlichen Phänomenen an. Es entsteht ein Gefühl brennender Hitze im Unterleibe, grosser Durst, verschlossener Leib. Die Hitze steigt aufwärts zur Brust, zum Halse und Kopf, das Gesicht wird roth, die Schlagadern des Halses und der Schläfe pulsiren heftig. Endlich dehnt sich dieser Process bis zum Gehirn aus, und in diesem Augenblick entsteht der blinde und unwiderstehliche Drang zum Morden, wie die Fallsucht erfolgt, wenn ihre vorlaufende Aura das Gehirn erreicht hat. Die Krankheit ist anhaltend, doch meistens periodisch. Die An- fälle kehren zu verschiednen Zeiten bald frü- her bald später wieder. Pinel l. c. 14 und 260 S. sahe Zwischen- zeiten der Ruhe von achtzehn Monaten mit An- fällen, die sechs Monate dauerten, und dieser Typus war so beständig, dass er bis zum Tode anhielt. Ein anderer dieser Kranken war das ganze Jahr hindurch gesund bis auf funfzehn Tage, wo diese blinde Raserey ihn zu seiner eig- nen Zerstörung antrieb Pinel l. c. ebend. . Allen diesen Kran- ken war ein trübsinniger Charakter und eine ausserordentliche Neigung zum Zorn über Klei- nigkeiten eigen. Noch einige Beispiele dieser Krankheit. Ein Wahnsinniger, sagt Pinel l. c. 259 S. , blieb gegen acht Jahre in der engsten Verwahrung; er warf sich stets herum, schrie, drohete und riss alles in Stücke, wenn seine Arme frey waren, ohne den mindesten Fehler in seinen Einbildungen, Wahr- nehmungen, Urtheilen und Schlüssen zu verra- then. Ein anderer Mensch, der in der Erziehung von seiner Mutter vernachlässiget und gewohnt war, allen seinen Launen ohne Zügel der Ver- nunft zu folgen, griff jeden mit Tollkühnheit an, der sich ihm entgegenstellte. Ein Thier, das ihm Verdruss machte, einen Hund, Schaaf oder Pferd tödtete er augenblicklich. In Versamm- lungen gab und empfing er Schläge, und ging gewöhnlich blutig davon. Zur Zeit der Ruhe war er vernünftig, erfüllte alle gesellschaftlichen Pflichten, und zeichnete sich gar durch Werke der Wohlthätigkeit gegen Unglückliche aus. Doch endlich machte eine unbesonnene Handlung seinen Gewaltthätigkeiten ein Ende. Er warf nemlich eine Frau, mit der er sich erzürnte, in einen Brunnen. Zur Strafe wurde er nach Ur- theil und Recht für seine tollen Streiche zu einer ewigen Einsperrung in Bicêtre verurtheilt Pinel l. c. 161 S. . Ich habe kürzlich einen ähnlichen Fall gesehen. Ein gesunder und robuster Bauer vom Lande, der den vollen Gebrauch aller seiner Seelenkräfte hatte, bekam in den letzten Jahren dann und wann ei- nen blinden Drang, alle Menschen mit Steinen zu werfen. Dabey hatte er ein fortdaurendes Brennen im Unterleibe. Er war von einem hef- tigen Temperament; bey einem Dispüt über gleichgültige Dinge griff er seinen Gegner augen- blicklich an die Gurgel, und prügelte ihn durch. Ich bekam ihn in mein Lazareth. Weder in seinen Reden noch Handlungen war irgend eine Verkehrtheit zu entdecken. Auf einmal ent- wischte er heimlich, kam vernünftig zu Hause an, spielte mit seinen Kameraden Karte, und als diese fort waren, schickte er die Magd weg, und er- mordete mit Ueberlegung seine Frau und alle seine Kinder Fieberlehre, 4 Bd. 359 S. . Ein Kranker, sagt Pinel l. c. 88 S. , fühlte anfangs eine brennende Hitze im Innern des Unterleibes, dann in der Brust, und zuletzt im Gesicht; die Wangen wurden roth, die Augen funkelten, die Arterien und Venen des Kopfs schwollen an, und diese nervösen Affektionen theilten sich dem Gehirn mit. Hierauf trat ein plötzlicher Anfall einer tollen Wuth ein, welche ihn unwiderstehlich antrieb, sich irgend einer Angriffswaffe zu bemächtigen, um das Blut des ersten besten, der ihm unter die Augen kommen würde, zu vergiessen. Seiner Aussage nach hatte er einen beständigen inneren Kampf zwischen dem grausamen Triebe des auf Zerstörung gerichteten Instincts und zwischen dem tiefen Abscheu, wel- chen ihm die Vorstellung eines solchen Verbre- chens einflösste, zu bestehen. Es war bey ihm kein Zeichen einer Verletzung des Gedächtnisses, der Imagination oder der Urtheilskraft vorhan- den. Auch gestand er, dass sein Hang zum Morden unwillkührlich sey, dass eines Tages sein Weib, die er zärtlich liebte, beinahe ein Schlachtopfer desselben geworden wäre, und er kaum so viel Zeit gehabt hätte, sie an eine schleu- nige Flucht zu erinnern. Welche Ursachen sollte ich haben, sagte er einstens, den Aufseher unse- res Hospitals zu morden, der uns mit so vieler Menschlichkeit behandelt? Demohngeachtet treibt es mich an, in dem Augenblick meiner Wuth über ihn so, wie über jeden andern, herzufallen, und ihm einen Dolch ins Herz zu stossen. Dieser unglückselige Hang bringt mich zur Verzweif- lung, und bestimmt mich, mir lieber selbst das Leben zu nehmen, als dies Verbrechen an anderen und unschuldigen zu begehn. Wirklich hatte er auch einige Versuche gemacht, sich selbst zu tödten. Als die Mörder, sagt Pinel l. c. 164 S. , von der in den Gefängnissen verübten Metzeley zurück- kehrten, drangen sie mit Gewalt in das Irrenhaus zu Bicêtre, unter dem Vorwand, gewisse Opfer der alten Tyranney zu befreyen, die man daselbst als Wahnsinnige gefangen halte. Sie gingen von Zelle zu Zelle; befragten die Eingesperrten und gingen weiter, wenn die Verrückung offenbar war. Dann stiessen sie auf einen, der in Ketten geschlossen lag, und durch seine Reden voll Sinn und Vernunft, durch seine Klagen über eine em- pörende Ungerechtigkeit ihre Aufmerksamkeit anzog, sich darauf berief, dass er nie ausschwei- fende Handlungen begangen habe, und sie be- schwor, Rächer der Unterdrückung und Befreier der Unschuld zu werden. In dem Augenblick erhob sich ein heftiges Murren gegen den Aufse- her, der sich zu solchen Bedrückungen gebrau- chen lasse. Aller Säbel waren gegen ihn gerichtet. Vergebens berief er sich auf seine Erfahrung, dass es Kranke gebe, die nicht irre redeten, aber doch wegen ihrer blinden Wuth zu fürchten wären. Man antwortete ihm mit Schimpfreden, und ohne den Muth seines Weibes, die ihn gleichsam mit ihrem Körper bedeckte, wäre er durch die Waf- fen dieser Rotte gefallen. Der Kranke wurde lossgelassen, und im Triumph, unter wiederhol- tem Freudengeschrey: Es lebe die Republik! fortgeführt. Allein noch in demselben Augen- blick ergriff den Kranken durch den Anblick so vieler bewaffneter Menschen und ihres lärmenden Getöses seine Wuth; er bemächtigte sich des Sä- bels seines Nachbaren, haute rechts und links um sich herum, vergoss Blut und hätte dies- mal die beleidigte Menschheit gerächt, wenn man sich seiner nicht schnell bemächtigt hätte. Die barbarische Horde führte ihn in seine Kam- mer zurück, und musste der Stimme der Gerech- tigkeit und der Erfahrung nachgeben. Noch führe ich einige kranke Gelüste an, die auch mit Mordlust verbunden sind und als ähnli- che Zustände neben der Wuth ohne Verkehrtheit stehen mögen. Beide sind rein organischen Ur- sprungs, doch darin von einander verschieden, dass jene Gelüste die blutdürstigen Handlungen im Gefolge eines Zwecks, nemlich zu ihrer eig- nen Befriedigung erregen, hier hingegen der Trieb zum Handlen selbst die Krankheit ist. Es hat bekanntermassen Menschen gegeben, die, bloss aus Drang zum Genuss des Menschen- fleisches, Menschen gemordet haben. Sauva- ges Nosol. T. III. P. I. 319 S. erzählt von einer Frau, die einen so un- widerstehlichen Appetit auf die Schulter eines Bäckers bekam, dass ihr Mann genöthigt war, von demselben die Erlaubniss zu erkaufen, dass seine Frau sich mit ein Paar Bissen von derselben sättigen könne. Schrecklicher ist der Fall aus Langens Beobachtungen von einer Frau, die während ihrer Schwangerschaft einen so unwi- derstehlichen Appetit zum Fleisch ihres Mannes bekam, dass sie ihn ermordete, und einen Theil seines Fleisches einsalzte, um es lange geniessen zu können. Die Kur dieser Krankheit scheint nicht so- wohl psychische, sondern vielmehr körperliche Heilmittel zu verlangen. Die Erregbarkeit der Organisation ist verstimmt, ihre normale Sympa- thie in Verwirrung gerathen. Das Vorstellungs- vermögen ist nicht verletzt, darf also auch nicht rectificirt werden, der Kranke kennt und verab- scheut seinen unnatürlichen Hang zur Grausam- keit, ist aber nicht Herr über denselben. Doch mag vielleicht die psychische Kurmethode nicht ganz unbrauchbar seyn. Man behandle den Kran- ken, wie der Staat den Zornigen behandelt, da- mit er nicht andere verletze. Man stelle der Vernunft, die allein dem Triebe nicht das Ge- gengewicht hält, Schreckmittel zur Seite, in de- ren Verbindung sie vielleicht das Gleichgewicht halten kann. Man züchtige den Kranken nach jedem Excess nach Maassgabe der Grösse dessel- ben. Der Bauer, dessen ich erwähnt habe, konnte augenblicklich durch den Stock des Ge- richtsdieners zur Ruhe gebracht werden. Doch darf man dem Frieden nicht trauen, solang die Fehler in der Organisation nicht getilgt sind. Die Kranken ähneln den gezähmten Tigern, die plötzlich wieder von ihrer blutdürstigen Wuth ergriffen werden, wenn sich dazu eine günstige Gelegenheit anbietet. 3. Die Narrheit . Narrheit ist allgemeine Verkehrt- heit und Schwäche der Seelenkräfte, ohne Tobsucht und Blödsinn, doch dem letzten am nächsten verwandt . Durch das erste Merkmahl unterscheidet sie sich von dem fixen Wahnsinn; und von der Tobsucht und dem Blödsinn dadurch, dass ihr die Merk- mahle dieser Krankheiten fehlen. Freilich sind meine Charaktere negativ, und daher ist das Ob- ject nur unter der Voraussetzung bestimmt, dass es ausser den aufgeführten Arten der Geisteszer- rüttungen keine anderen giebt. Auch fühle ich es nur zu gut, dass die Narrheit weniger genau, als die übrigen Arten definirt sey. Vielleicht ist es gar nicht einmal Art, sondern ein Chaos meh- rerer specisisch-verschiedner Zustände, was ich unter diesem Namen zusammengestellt habe. Al- lein mir war vor jetzt nichts mehr möglich. Ich will daher im Allgemeinen schildern, was ich bey diesen Seelenkranken, die weder fixirt, noch tobsüchtig oder blödsinnig sind, gefunden habe. Die Narren haben keine Hauptidee, sondern wechseln damit, und knüpfen in allen Lagen des Lebens Dummheiten an bizarre Streiche Dem pathologischen Narren ist der moralische nahe verwandt. Dieser handelt nach gehässigen Leidenschaften, und wählt aus Mangel des Ver- standes zur Befriedigung derselben solche Mittel, die ihr schnurstracks entgegen wirken. Der aufgeblasene Narr will geehrt seyn und zieht sich . Ne- ben der allgemeinen Verkehrtheit ist eine nahm- hafte Schwäche aller Seelenvermögen und beson- ders der Urtheilskraft vorhanden. In ihrem Vorstellungsvermögen waltet eine für ihre Kräfte zu schnelle Folge der Ideen ob; abentheuerliche Vorstellungen fluthen zu, blitzen auf und ver- schwinden eben so schnell wieder; sie stehn isolirt und ohne Regel da, weil sie nicht gehalten und durch die Association in keine Verbindung ge- bracht werden können. Daher ihre meistens grosse Geschwätzigkeit von Dingen, die weder Sinn noch Zusammenhang haben. Sie reden in einem Athem von Säbeln und Zahnstochern, von Kindern und Hüten, von zerbrochenen Krü- gen und entmasteten Schiffen. Daher eine Menge anderer Fehler, Flatterhaftigkeit, habi- tuelle Zerstreuung, Mangel an Besonnenheit, Ver- gesslichkeit und Schwäche oder Unvermögen der Urtheilskraft. Eben so tumultuarisch und unzu- sammenhängend sind ihre Gefühle und Gemüths- bewegungen. Freude, Zorn und Traurigkeit wechseln mit einander ohne Grund, ohne einen besonderen Eindruck auf das Begehrungsvermö- gen zu machen. Ihre Aufwallungen sind mo- mentan und ähneln dem Zürnen eines Kindes, das durch eine ernsthafte Mine zur Ruhe ver- durch die Verachtung anderer gegen sich den Spott der Welt zu. Der Thor handelt auch nach Leidenschaften, ist aber nicht ohne Ver- nunft, sondern gefesselt durch seine Leidenschaft. Kants kleine Schriften von Rink, 39 S. wiesen wird. So verhält sich auch ihre Thätig- keit. Sie sind regsam und geschäfftig in jedem Zeitmoment, aber ohne erhöhte Kraft, ohne Zweck, ergötzen sich an Spielereien und treiben läppische Possen, wie die Kinder. Ihre Hand- lungen sind isolirt wie ihre Ideen, automatische Muskelspiele, in den mannichfaltigsten Gruppi- rungen, die weder unter sich noch mit den Vor- stellungen einen Zusammenhang haben. Sie wir- ken ohne sich eines Zwecks, der Erreichbarkeit desselben an sich, oder durch die angewandten Mittel bewusst zu seyn. Daher kümmern sie sich nicht über den Erfolg ihrer Handlungen, wie misslich derselbe auch ausfallen mag. Sie sind in der Regel zufrieden, guter Laune, vergnügt, gutmüthig, schaden sich und andern nicht, und können durch ein leichtes Schreckmittel beruhi- get werden, wenn sie aufbrausen Albern ist derjenige, der obgleich er in einem männlichen Alter ist, doch so handelt und re- det, als ein Kind, das noch nicht zu dem Ge- brauch des Verstandes gelangt ist. Der Alberne ist thätig, lebhaft, geschwätzig, aber auf eine kindische und abgeschmackte Art. Er ist nicht unempfindlich gegen alle Eindrücke, aber er fasst sie verkehrt auf, seine Augen sind in Be- wegung, aber in einer unsteten und absichts- losen. Ihn rühren die Dinge, die ihn umge- ben, verkehrt; er lacht, wo er weinen und weint, wo er lachen soll; er schweigt, wo er re- den und redet, wo er schweigen soll. Ade- lung’s Wörterbuch, Eberhard’s Synonymik, Kant’s Anthropologie. . Uebrigens hat diese Krankheit verschiedne Grade und Modifikationen Die kindische Albernheit, der Blödsinn des Alters, niaiserie, radoterie, Paranoia, fatuitas, stoliditas scheinen Benennungen von Seelenzu- ständen zu seyn, die der Narrheit nahe liegen. . Die Verstandes- schwäche ist kleiner oder grösser, bis sie an Blöd- sinn stösst. Einige Kranke haben noch Sinn für gewisse Dinge, vergessen nicht, was man ihnen verspricht, besinnen sich dessen, wie man ihre Narrenstreiche aufnimmt, entziehn sich durch erdichtete Krankheiten den ihnen zugedachten Züchtigungen, und unterlassen Handlungen, von denen sie wissen, dass sie ihnen nicht ungestraft hingehen. Sie haben noch einiges Ehrgefühl, und können durch Schimpf und Verachtung ge- lenkt werden. Die Krankheit ist meistens an- haltend, selten periodisch, wie der fixe Wahn- sinn und die Raserey. Sie ist zuweilen gemischt mit Zügen der Raserey und des fixen Wahns, wenn sie aus denselben entsprungen ist. Sie kann entstehn von jeder Ursache, die das Gehirn schwächt, von Raserey und fixem Wahnsinn. Der gescheute Mensch wird schwerlich ursprüng- lich ein Narr, sondern geht durch Raserey oder Wahnsinn zur Narrheit über. Nur der Dumm- kopf kann, wenn er heftig erschüttert wird, gleich in diese Krankheit verfallen, weil es ihm zu anderen Geisteszerrüttungen an Kraft fehlt. Daher finden wir auch verhältnissmässig mehr Narren unter der ungebildeten, hingegen mehrere Fixirte und Rasende unter der kultivirten Volks- klasse. Ein schönes Beispiel eines Verrückten dieser Art erzählt Pinel l. c. 176 S. , das uns ein treffendes Bild von dem Chaos der Ideen, Entschlüsse, mo- mentanen Regungen und den isolirten und zweck- losen Handlungen der Narren giebt. Diese Per- son, sagt er, nähert sich mir, sieht mich an, und überschwemmt mich mit seinem Geschwätz. Gleich darauf macht er es mit einem andern eben so. Kommt er in ein Zimmer, so kehrt er alles dar- in um, fasst Stühle und Tische, versetzt und schüttelt sie, ohne dabey eine besondere Absicht zu verrathen. Kaum hat man das Auge wegge- wandt, so ist er schon auf einer benachbarten Pro- menade und daselbst eben so zweckloss geschäftig als in dem Zimmer, plaudert, wirft Steine weg, rupft Kräuter aus, geht und geht denselben Weg wieder. Kurz ein ununterbrochner Strom loss- gebundner Ideen bestürmt ihn und veranlasst ihn zu eben so isolirten und zwecklosen Handlun- gen. Ein anderer sprach wechselsweise von sei- nem Hof, Pferden, Gärten und von seiner Pe- rücke ohne auf Antworten zu warten und dem Zuhörer Zeit zu lassen seinen unzusammenhän- genden Reden zu folgen. Er schwärmte wie ein Irrwisch in seinem Hause herum, schrie, schwatz- te, te, quälte seine Dienerschaft mit kleinlichen Be- fehlen, seine Verwandte mit Ungereimtheiten und wusste den Augenblick darauf nicht mehr, was er gesagt und gethan hatte Pinel l. c. 172 S. . Die Kur der Narrheit ist schwer. Denn die bey ihr vorhandene Schwäche und Desorga- nisation aller Seelenvermögen gründet sich ent- weder auf eine ursprüngliche Anlage, oder ist Folge heftiger Erschütterungen des Seelenorgans, Wirkung anderer Geisteszerrüttungen, und daher meistens ein veralterter Fehler. Die Stumpfheit des Verstandes macht die Kranken taub für alle Reize; sie haften auf nichts, wegen der Flucht ihrer Vorstellungen. Im Anfang muss man sie meistens durch Zwangsmittel zum Gehorsam gewöhnen. Diese mindert man in dem Maasse als sie folgsam sind und lohnt nachher durch kleine Annehmlichkei- ten ihre guten Handlungen. In der Regel soll man diese unschädlichen Menschen wie die Kinder ziehn und sie nicht hart behandlen, welches sie nicht verdienen. Dann hält man sie zur Arbeit an, um sie bey ihrer unbeschränkten Zerstreuung an einen festen Gegenstand zu heften. Sobald der Kranke auf diese Art zur direk- ten Kur seiner Krankheit vorbereitet ist, werden psychische Reizmittel gewählt, die mit seinem Fassungsvermögen in gleichen Graden steigen müs- sen. Man legt ihm Beschäfftigungen, Spiele und C c Uebungen vor, bey welchen die Seele wirken muss, und steigt mit diesen Uebungen in dem Maa- sse als ihre Kräfte wachsen. Erst am Ende sucht man die Verkehrtheit des Vorstellungsvermögens zu berichtigen. 4. Blödsinn . Blödsinn ist abnorme Asthenie des Verstandes . Denn die normale in der Kind- heit ist nicht Blödsinn. Er gehört also unter die Lähmungen der Seelenvermögen. Doch sind nur solche Lähmungen Blödsinn, in welchen die Ur- theilskraft über Dinge fehlt, über welche der ge- meine Menschenverstand urtheilen soll. Ob es aber je einen einfachen Verstandes-Mangel gege- ben habe, zweifle ich fast. Fast ohne Ausnahme immer steht die Erregbarkeit und Energie der übrigen Seelenvermögen zugleich auch unter der Norm. Wenigstens ist die Aufmerksamkeit und Besonnenheit in jeder Abart desselben geschwächt. In welchem Causalverhältniss stehn diese mehre- ren Asthenien? Sind sie unabhängig von einander und bloss simultane Zustände einer allgemeinen Stumpfheit des Nervensystems, oder ist die eine Lähmung Ursache der andern? Muss nicht bey einem absoluten Mangel des Gedächtnisses auch das Vermögen zum Urtheilen fehlen? In nosolo- gischer Hinsicht ist dies nicht einerley. Allein da wir in concreten Fällen diese Differenzen zu bemerken oft ausser Stande sind; so haften wir auf dem gemeinschaftlichen Symptom und nennen alles Blödsinn , wo es an Urtheilskraft fehlt, dies mag nun von einer Asthenie des Verstandes an sich, oder von einer Lähmung einzelner oder al- ler Seelenvermögen abhängen, die dem Verstande in seinen Functionen sekundiren müssen. Hin- gegen lassen wir die Asthenieen der einzelnen Seelenvermögen als für sich bestehende Krankhei- ten gelten, solang sie auf das eigenthümliche Ge- schäfft des Verstandes keinen bedeutenden Ein- fluss haben. Mein Begriff des Blödsinns ist allgemein ge- geben. Er begreift also jede Ohnmacht des Ver- standes, als Art oder Abart unter sich, sie mag so oder anders modificirt, aus einer eigenthüm- lichen Schwäche des Verstandes oder aus Ohn- machten anderer Seelenkräfte, die auf denselben einfliessen, hervorgegangen seyn. Wenn also das Wesen des Blödsinns in direk- ter oder indirekter Asthenie des Verstandes besteht, so folgt natürlich, dass wir seine Diagnostik von der Verletzung der eigenthümlichen Functionen des Verstandes, Begriffe, Urtheile und Schlüsse zu bilden , hernehmen müssen. Doch nicht alle schiefe Urtheile, nicht jeder Mangel derselben ist Kennzeichen des Blödsinns. Sie fehlen in der Kindheit, im Schlaf, in der Ohnmacht und dem Scheintod. Sie können schief seyn oder feh- len, weil die Sinne, die Einbildungskraft und das Gedächtniss dem Verstande keine Materialien zur C c 2 Verarbeitung vorstrecken. Der gemeine Mann urtheilt zwar falsch über den Lauf der Gestirne, aber ohne Blödsinn. Denn sein Verstand hat kei- nen Antheil an diesem Irrthum. Wir sehn daher, wenn wir ein Subject in Beziehung auf Blödsinn prüfen wollen, nicht sowohl darauf, ob es Be- griffe, sondern ob es deutliche und allgemeine Begriffe habe, ob es ihm an dem allergemeinsten Stoff zum Urtheilen fehle, den wir bey jedem gesunden Menschenverstand als vorräthig voraus- setzen dürfen. Wir sehn nicht sowohl auf die Normalität des Stoffs, sondern vielmehr auf die Normalität des Verstandes in dem Gebrauch dessel- ben; nicht sowohl auf die Materie, als auf die Form der Schlüsse. Dann müssen die Mate- rialien, an welchen das Vermögen der Urtheils- kraft zu ihrer Bearbeitung geprüft werden soll, nicht sowohl aus der Vernunft, als vielmehr aus dem Gebiete der Erfahrung hergenommen wer- den. Die Wahrheit der Vernunfterkenntnisse muss jedermann zugeben, der ihren Sinn gefasst hat. Er kann zu schwach seyn, denselben zu fassen, allein irren kann er sich nicht im Betreff ihrer und das Gegentheil behaupten. Bey weitem der grösste Theil unserer Erkenntnisse beruht auf Wahrscheinlichkeit. Ihr Gegentheil ist mög- lich, hat gar auch Gründe für sich. Die Prämis- sen unserer Folgesätze sind zum Theil oder insge- sammt nicht gewiss, oder die Conclusionen fol- gen nicht aus ihnen. Hier kömmt es vorzüglich darauf an, Gründe und Gegengründe gegen einan- der abzuwägen, um zu einem richtigen Probabi- litäts-Schluss zu gelangen und eben in diesem Ge- sehäfft kann die Stärke der Urtheilskraft vorzüg- lich erkannt werden. Denn dazu gehört nicht allein, dass die Zahl der Gründe, also eine Mannichfaltigkeit von Dingen beachtet, sondern auch der Gehalt derselben richtig geschätzt und gegen einander abgewogen werde. Es müs- sen also theils alle Momente des gegebnen Falls übersehn, theils jedes derselben scharf ins Auge gefasst werden. Dies erfordert Intensität, jenes Extensitat und Schnelligkeit der Aufmerksamkeit. Extensität derselben fehlt dem Dummen, Extensi- tät und Intensität dem Blödsinnigen Hoffbauer l. c. 2 Th. 67. 83 S. . Allein da der Blödsinn selten einfach, son- dern fast ohne Ausnahme immer mit Asthenieen anderer oder aller Seelenvermögen gepaart und vielleicht indirect in ihnen gegründet ist, so folgt daraus, dass neben den verletzten Functionen der Urtheilskraft auch noch die Phänomene der übrigen verletzten Seelenvermögen vorhanden seyn müssen. Doch bemerke ich, dass diese letzten Er- scheinungen weniger wesentlich sind, nach dem Grade der Asthenie und ihrer Ausbreitung durch wenigere oder mehrere Seelenvermögen varii- ren, also in dem concreten Fall daseyn und feh- len, so und anders seyn können. Dem Blödsinnigen fehlt es an Aufmerk- samkeit, Besonnenheit und Selbstbe- wusstseyn , in einem geringeren oder grösse- rem Grade. Der Mangel dieser Seelenvermögen ist Wirkung oder vielmehr Ursache der Asthenie seines Verstandes. Er fasst keinen Gegenstand scharf genug auf, oder starrt auf einen hin und ist nicht im Stande ausser demselben zu gleicher Zeit irgend einen anderen zu beachten und mit gehöri- ger Schnelligkeit von dem einen zu einem andern fortzuschreiten. Die frappantesten Eindrücke schleichen unbemerkt vor seinen Sinnen vorüber. Der Besuch fremder Personen ändert die gedan- kenlose Mine der Kretinen nicht. Es ist daher auch das erste verdächtige Zeichen eines ange- bohrnen Blödsinns, wenn das Kind auf keinem Gegenstand haftet. Noch grösser ist der Mangel der Besonnenheit und des Selbstbewusstseyns. Be- sonnenheit setzt Extensität der Aufmerksamkeit und ein schnelles Urtheil voraus, um aus der Menge das Wichtige auszuheben. Wer nicht ein- mal die Eindrücke der Welt wahrnimmt, ist noch weniger im Stande sich von denselben zu unterscheiden und jene Veränderungen als Verän- derungen in sich wahrzunehmen. Er fasst die Theile seines Körpers nicht zur Individualität, und seine psychischen Verhältnisse nicht zur Einheit einer Person zusammen, sondern sein ganzes We- sen schwimmt in Trümmern, wie ein aufgelöstes Schiff, im Universum herum. Er fühlt Schmer- zen, weiss aber nicht, dass er es sey, der sie fühlt; nicht er, sondern der Organismus wirkt ihnen convulsivisch entgegen. Die Kretinen, sagt Wenzel Ueber den Kretinismus, Wien 1802, 115 und 133 S. , beissen sich zuweilen selbst und rupfen sich die Schaamhaare aus. Wahrschein- lich geschieht dies nicht ohne Schmerz, aber sie wissen nicht, dass ihre Handlung Ursache dessel- ben sey. Denn sie halten den Theil, welchen sie verletzen, nicht für einen Theil von sich. Auch die Sinne, Imagination und das Gedächtniss blödsinniger Menschen sind ohne Kraft. Daher ihre Armuth an Ideen. Ihre stum- pfen Sinne nehmen wenige Eindrücke wahr, ihre unstätte Aufmerksamkeit hält sie nicht fest und ihr untreues Gedächtniss bewahrt sie nicht auf. Ohne Vorrath von Ideen ist die Imagination leer und die Seele gedankenloss. Wenigstens leiden einige Fexe an Schwäche und Mangel des Ge- ruchs, Gehörs und Gesichts Wenzel l. c. 72-77 und 138 S. . Sie drehn und wenden ein unbedeutendes Spielwerk, das sie in den Händen halten, langsam hin und her und starren es unverrückt an, als wenn sie eine Klapperschlange anstarrten Wenzel l. c. 154 S. . Im Anfang der Krankheit und in ihren leichteren Graden mag dann und wann, wie bey den Narren, eine für ihre Kräfte zu schnelle Flucht der Ideen statt fin- den. Dies schliesse ich aus den leeren Aufwal- lungen und der zwecklosen Geschäfftigkeit einiger Blödsinnigen. Ihr Gedächtniss ist mehr oder weni- ger schwach, dass sie heute nicht mehr wissen, was sie gestern thaten, ja gar ihre Frage vergessen, ehe sie die Antwort bekommen und daher deren Sinn nicht begreifen. Zuweilen warten sie auch die Antwort auf ihre Fragen nicht ab, sondern be- antworten sich dieselben selbst. Bey den Kretinen ist diese Gedächtnissschwäche ursprünglich. Es fehlt am Gefühlsvermögen . Der ästhetischen und moralischen Gefühle will ich gar nicht einmal erwähnen; selbst die sinnlichen Ge- fühle find stumpf. Die vollkommenen Kretinen lassen sich betasten, selbst an Orten, deren Berüh- rung die Schaam verweigert, ohne eine Mine zu verziehn Wenzel l. c. 128 S. . Blödsinnige vertragen grosse Gaben von Arzneien, Hunger und Frost, und die Fexe gar Nadelstiche, ohne Schmerzen zu äussern Wenzel l. c. 129 S. . Einige derselben äussern nicht einmal ein Verlan- gen zu essen, wenn sie die Speisen nicht sehen; ja sie müssen ihnen gar in den Mund gesteckt wer- den, wenn ihre Käuwerkzeuge in eine mechani- sche Bewegung gesetzt werden sollen. Sie essen ohne Auswahl alles mit gleichem Appetit und mit solcher Trägheit, dass man sich unmöglich über- reden kann, sie stillten ihren Hunger mit Wohlge- fallen. Der Reiz zur Leibes-Nothdurft macht kei- nen Eindruck auf ihr Gemeingefühl. Sie entle- digen sich überall, aus Mangel an Besonnenheit; oder gar nicht, aus Gefühllosigkeit, bis die Harnblase und der After von den angesammleten Excrementen zersprengt wird. Mit dem Mangel der Gefühle und Vorstel- lungen steht die Apathie der Blödsinnigen und die Trägheit ihres Begehrungsvermö- gens im Verhältniss. Sie begreifen den Werth der Ehre, Habe, Gesundheit und anderer Glücksgüter nicht und sind daher gefühlloss für diese Gegenstände, die doch durch ihr allgemei- nes Interesse jeden Menschen anziehn. Sie sind entweder ganz ohne Leidenschaften oder ereifern sich über einen leeren Tand, ergötzen sich an Spielwerken und fürchten die Ruthe. Ihre leiden- schaftlichen Aeusserungen sind flüchtige Aufbrau- sungen, die so schnell wieder vergehn als sie ent- standen sind, weil ihre Aufmerksamkeit auf kei- nem Gegenstand lange haften kann. Daher sind sie auch meistens gutmüthig, selten auffahrend und eigensinnig. Selbst ihre sinnlichen Triebe und Begierden, die sich auf körperliche Gefühle der Lust und Unlust beziehn, sind stumpf. Doch sollen einige viele Geschlechtslust und ein grosses Vermögen zum Beischlaf haben. Die Fexe be- friedigen sich selbst oder verbinden sich mit dem Vieh, weil das schöne Geschlecht ihnen nicht so- wohl wegen ihrer Dummheit und Hässlichkeit als vielmehr wegen ihrer Armuth den Zutritt versagt. Ein Kretin bey Hittau mordete sogar ein Mädchen auf der Stelle, weil es seine Wünsche nicht befriedigen wollte Wenzel l. c. 145 S. . Doch in dem äusser- sten Grad des Blödsinns, der weit über Brutalität hinausgeht, schweigt auch der Geschlechtstrieb. Nach diesen Zuständen der Seelenvermögen richtet sich die Sprachfähigkeit der Blöd- sinnigen. In der Regel sprechen sie wenig; in einem höhern Grade ihrer Krankheit murmeln sie vor sich hin, sprechen nur einzelne Worte deut- lich, oder in halbartikulirten Tönen; im höch- sten Grade sind sie ganz stumm, wie eine Säule und unterbrechen periodisch diese dumpfe Stille mit einen unsinnigen Lachen oder mit einem gel- lenden und thierischen Geschrey. Nur wenige Kretinen sprechen alles, einige nur einzelne Wor- te deutlich; andere lallen bloss und geben einen hellen Laut und ein unartikulirtes Gebrüll von sich; andere find endlich ganz stumm Wenzel l. c. 137 S. . Sind die Kranken von Kindheit an blödsinnig, so bleiben sie auf der Stufe der geistigen Ausbil- dung stehn, auf welcher ihre Krankheit sie er- griff. Ich habe eine alte Frau gekannt, die am Ende des ersten Lebensjahrs in den Pocken ihren Verstand verlohr. Sie lallte und lärmte wie ein Kind und spielte am liebsten mit Schlüsseln und Klapperwerk. Die Ursache der verletzten Sprach- fähigkeit ist verschieden; Mangel an Vorstellun- gen, Taubheit, oft auch unmittelbare Verletzun- gen der Sprachorgane durch Kröpfe. Das Muskelsystem der Blödsinnigen ist ohne Reizbarkeit und Energie. Daher ihr Un- vermögen den Körper gebunden und in einer ge- fälligen Form zusammenzuhalten. Hiezu kömmt der Mangel am Wollen, weil es ihnen an Beson- nenheit fehlt. Oben habe ich es bereits beiläufig erwähnt, dass vielleicht selbst während der eigen- thümlichen Actionen des Gehirns, von denen wir glauben, dass sie auf dasselbe beschränkt sind, ein Strom abwärts zum Muskelsystem gehe und dasselbe so bestimmt stelle, dass Physiognomen darin die inneren Vorgänge der Seele erblicken und Mahler sie nach diesem Vorbilde sinnlich dar- stellen können. Im Blödsinn ist die Seele leer, sie bewirkt also auch diese Stellung des Muskel- systems nicht, in welcher sie sich wie in einem Spiegel darstellt. Daher die Gestalt ohne Leben, das matte und unstätte Auge, das keinen Gegen- stand festhält, die gedankenlose Mine und die flache und kraftlose Physiognomie blödsinniger Menschen. Ihre Glieder schwimmen fort, wohin Cohärenz und Schwere sie leiten, ohne Gebunden- heit zu einer gefälligen Form, durch die Energie der Muskeln. Die Backen hängen, der Mund steht offen, der Geifer fliesst aus, der Kopf wa- ckelt, der Rücken ist gebogen, die Arme schlot- tern und der Tropf steht mit gebognen Knieen da, als wenn er auch den letzten Vorzug der Menschen, die aufrechte Stellung, nicht mehr be- haupten könnte. Seine Bewegungen sind träge, ohne Ründung und Gewandtheit. Einige Blöd- sinnige sitzen gar Tage lang auf einem Fleck, oh- ne auch nur ein Glied zu rühren. Dass die Asthenie des Gehirns, sofern es gleichsam der Hauptheerd ist, von welchem alle Reizung des Organismus ausgeht, auch in allen übrigen Functionen des Körpers, in dem Kreis- lauf der Säfte, der Wärme, den Absonderungen u. s. w. sichtbar werden müsse, ist nicht zu be- zweifeln. Doch sind die Erscheinungen aus die- sen Quellen Symptome eigner Krankheiten, die den Blödsinn, als solchem, nichts angehn. Eini- ge andere Symptome desselben will ich unten noch bey den Graden desselben anführen. Der Blödsinn hat fast häufigere, mehr oder weniger zufällige Modifikationen , als jede andere Krankheit. Denn er kann vielleicht, da er bloss symptomatisch bestimmt ist, von Krank- heiten verschiedner Natur Product seyn, welche in diesem Fall, neben dem gemeinschaftlichen Symptom des Blödsinns, noch ihre eigenthüm- lichen Charaktere haben. Er variirt nach seinen nosologischen Verhältnissen, so fern er ursprüng- lich im Verstande, oder durch Asthenieen der übrigen Seelenkräfte entstanden ist, die auf den Verstand übergegangen sind; nach der Ausbrei- tung der Asthenieen durch eins, mehrere oder alle Seelenvermögen; nach seiner Dauer, seinen Graden und Zusammensetzungen. Einige seiner vorzüglichsten Modifikationen will ich anführen. Ich erwähne zuerst der Grade des Blöd- sinns, deren es unendlich viele giebt, die aber nach der Natur intensiver Grössen nirgends einer geometrischen Begränzung fähig sind. Ich werde daher nur einige feste Punkte in denselben hinein- stellen, wozu sich die beiden Endpunkte und die Mitte zwischen beiden am besten passen. Jene be- zeichnen den Anfang und das Ende der Linie, diese theilt sie in gleiche Theile. An diese festen Punkte halten wir, als an Maassstäben die con- creten Fälle und bestimmen die Grösse derselben nach ihrer Annäherung an diesem oder jenen der aufgestellten Punkte. Auch die Kretinen werden in anfangende, halbe oder vollkomme- ne Kretinen getheilt. Der erste Grad ist am schwersten zu be- stimmen, weil er eine Demarkationslinie zwischen gesundem Menschenverstand und anfangendem Blödsinn voraussetzt, die nicht so leicht gefunden werden kann. Zwischen dem Maximum der See- lenkräfte in dem grössten Genie, dessen Verstand die materielle und intellectuelle Welt umspannt, und der untersten Stufe der Brutalität, auf wel- cher der Kretin steht, finden wir nirgends eine natürliche Scheidung. Wir wollen daher eine gewisse Breite beschreiben, die zwischen den gesunden Menschenverstand und den anfangenden Blödsinn fällt. Der Kranke urtheilt noch über Dinge, mit denen er täglich umgeht und die keinen sonderlichen Verstand erfordern, mit nö- thiger Fertigkeit, stockt aber augenblicklich, wenn er neue auch noch so leichte Gegenstände beurtheilen soll, zu denen ihm alle Momente ge- geben sind. Seine Aufmerksamkeit haftet ent- weder nicht scharf genug auf ein gegebnes Ob- ject, oder kann sich nicht auf mehrere mit nö- thiger Leichtigkeit ausbreiten. Daher wenig Be- sonnenheit der Vergangenheit und Zukunft, und Vergessenheit in den gewöhnlichsten Handlungen. Die Leidenschaften sind transitorische Aufwallun- gen ohne Beharrlichkeit, und beziehn sich auf Kleinigkeiten. In einigen Vorsätzen schwankt der Kranke, wo es auf Vernunftgebrauch ankömmt, in anderen beharrt er hartnäckig, die er durch Eigensinn behaupten kann. Eben deswegen hängt er fest an dem, was er einmal gewohnt ist. In den Geschäfften, denen er gewachsen ist, beob- achtet er eine pünktliche Ordnung mit Aengst- lichkeit; bey ungewöhnlichen auch noch so leichten Geschäfften verwirrt er sich leicht. Der mittlere Grad ist von beiden End- punkten gleich weit entfernt. Der Kranke ist nicht ganz sinnloss, sondern fasst noch die ein- fachsten Begriffe, doch ist er zu den gemeinsten Geschäfften unfähig, wenn sie nicht ganz mecha- nisch abzumachen sind. Er ist ohne Leidenschaf- ten, oder hat noch flüchtigere Aufwallungen als im ersten Grade. Seine Aufmerksamkeit ist fast ganz erloschen. Er ist nach den Umständen arg- loss, oder menschenscheu, furchtsam und blöde, besonders gegen fremde Menschen. Er lächelt selbstgefällig, wenn er allein ist, und geniesst ei- ner sichtbaren Wohlbehaglichkeit, die ein Sym- ptom seiner monotonischen Gemüthsstimmung ist. An gewissen äusseren Vorzügen seiner Geburt, des Standes, der Kleidung weidet er sich wie ein Kind, ohne den eigenthümlichen Werth dersel- ben zu begreifen. Zuweilen bemerkt man noch an demselben ein ununterbrochenes Minenspiel, das eine Folge des Wechsels isolirter Vorstellun- gen in ihm ist. Blödsinnige dieses Grades sind schüchtern, misstrauisch, und fliehen den Um- gang der Menschen. Sie sind nur zu oft die Prise des Eigennutzes, der Witzeleien und des Muthwillens anderer Menschen geworden, und fühlen daher die Ueberlegenheit derselben über sich zu sehr. Daher ereifern sie sich leicht über Kleinigkeiten, und finden überall Beleidigungen ihrer Person, weil sie überall böse Absichten vor- aussetzen. Um desto fester halten sie an Gott, von dem sie nicht allein keine Kränkungen fürch- ten, sondern vielmehr Schutz wider dieselben hoffen. Sie sind pünktlich im Singen, Beten, Kirchengehn und in der Erfüllung anderer reli- giöser Gebräuche, so vergesslich sie sonst auch in allen anderen Dingen sind. Doch zuweilen ist der Blödsinnige auch argloss wie ein Kind, traut jedem Menschen das beste zu, und sieht keine Beleidigungen, wo sie wirklich sind. Dies hängt theils von dem Grade des Blödsinns, theils von dem Charakter des Kranken und den Aussen- verhältnissen ab, in welchen er lebt. So wird z. B. ein Blödsinniger, der es erst geworden ist, und deswegen sich nicht selbst überlassen bleiben darf, überall in diesen Einschränkungen Eingriffe in seine Rechte wähnen, und deswegen an eine Verschwörung der Menschen gegen sich glauben. Hingegen wird ein anderer, der von Natur gut- müthig und in einer humanen Vormundschaft auf- gewachsen ist, nirgends etwas Böses ahnden. Dann hat der Blödsinnige eine Neigung, Selbst- gespräche mit sich zu halten, für sich zu reden, in den Bart zu murmeln, oder gar nur die Lippen mechanisch zu bewegen. Wir gebrauchen die Sprache nicht bloss zum gegenseitigen Austausch unserer Ideen gegen einander, sondern auch dazu, unsere Gedanken an diese Zeichen zu heften, sie dadurch gleichsam festzuhalten, deutlich zu ma- chen und einen vor dem andern auszuheben. Worte, die wir hören, leisten unserem Denkver- mögen diesen Dienst vollkommner, als Worte, die wir bloss in der Einbildungskraft vorstellen. Daher das Bedürfniss des gemeinen Manns, alles laut zu lesen; des Blödsinnigen, die Gegenstände auszusprechen, die er vorzüglich beachten will. Auch bey anderen Arten von Geisteszerrüttungen und besonders bey der Narrheit, die dem Blöd- sinn sinn am nächsten liegt, finden wir dies Symptom, dass die Kranken mit sich selbst reden Seims in den Samml. auserl. Abh. für practische Aerzte, 19 B. 597 S. . End- lich ist der Blödsinnige in diesem Grade nicht im Stande, eine Gedankenreihe im Zusammen- hang zu verfolgen, weil seine Aufmerksamkeit starrt oder unstätt ist, sondern er springt ab auf Dinge, die mit dem gegenwärtigen entweder gar keine oder eine entfernte Verbindung haben. Dabey findet er sich nicht wieder auf seinen vo- rigen Standpunkt zurück, weil er in dem folgen- den Augenblick vergessen hat, was er in diesem that Hoffbauer l. c. 2 B. 91-101 S. . In dem äussersten Grade des Blödsinns, von welchem der vollkommne Kretin das leben- dige Beispiel ist, fehlen alle Wahrnehmungen der Sinne, weil sie stumpf sind, oder die Seele keinen ihrer Eindrücke beachtet. Der Kranke hört ein wildes Geräusch, aber überall keinen verständ- lichen Ton, weil er nicht im Stande ist, einen aus der Menge auszuheben, ihn nicht auf seine Ursache zurückzuführen, und dadurch seine Be- deutung einzusehn. Er sieht eine unordentliche Zusammenstellung von Farben und Gestalten, von welchen er keine besonders unterscheidet. Seine Seele ähnelt einem Spiegel, in welchem sich ein todtes Bild der Welt abprägt. Er ist ohne Be- griffe, Urtheile, Gefühle, Leidenschaften, also D d auch ohne Triebe und Willen. Selbst die Ge- fühle des Hungers, Durstes und des Schmerzes sind stumpf und werden dunkel vorgestellt. Der Kranke bewegt sich entweder äusserst träge oder gar nicht, geifert, lässt jedes Glied in der Lage liegen, in welche man es bringt, und es her- unterfallen, wie die Schwere es leitet, wenn es aufgehoben wird. Kurz er lebt zwar, weil er vegetirt, aber ausser dieser ganz allgemeinen Function des Organismus, durch welche er vor Auflösung geschützt wird, ist weiter kein Cha- rakter der Thierheit vorhanden. Wozu diese Unterscheidung der Grade des Blödsinns? Zum Behuf des Erziehers, Arztes und praktischen Rechtsgelehrten. Jenen weist sie die Gränze zwischen Gesundheit und Krank- heit an, und fordert sie zur moralischen und physischen Kur der vorhandnen Gebrechen auf. Der Rechtsgelehrte muss nach den Graden des Blödsinns es bestimmen, ob dem Kranken die Verwaltung seiner und anderer Rechte anvertraut, ob sein Handeln ihm überhaupt und in welchem Grade es ihm zugerechnet werden könne. Der Kranke kann an einem Grad des Blödsinns leiden, wo man ihm zwar die Verwaltung fremder An- gelegenheiten verweigern, aber die Ausübung seiner eignen Rechte ohne Härte nicht nehmen kann. Denn in dem letzten Fall schadet er nur sich; und durch die Beschränkung seiner Freiheit kann ihm ein weit grösserer Nachtheil zugefügt werden. Er kann nemlich dadurch in den fixen Wahn verfallen, als hätten alle Menschen, selbst die Obrigkeit, sich zu seinem Untergang wider ihn verschworen. Nur in dem Fall, dass er Hang zur Verschwendung zeigte, dürfte er in der Ver- waltung seines Vermögens auf die mildeste Art beschränkt werden. Wenn aber der Blödsinn bis zum mittleren Grade gediehen ist, so kann der Kranke auch seine Rechte nicht frey mehr aus- üben. Er muss nach Art der Minderjährigen, oder etwan, wie ein schon herangewachsenes Kind in dem Hause seines Vaters unter Curatel gestellt werden. Auch lässt er sich in diesem Zustande jede Einschränkungen gern gefallen, weil er die Gemächlichkeit liebt, und zu wenig Verstand besitzt, um noch eignen Willen zu haben. Dann muss auch noch auf die Sicherheit des Pu- blikums Rücksicht genommen werden. Zu ge- waltthätigen Handlungen ist der Blödsinnige zwar selten geneigt, wenn er nicht gereizt wird, und in diesem Fall mag derjenige, der ihn reizt, die Folgen seiner Handlungen empfinden. Doch kann dieser Trieb zur Gegenwehr habituell wer- den. Er schlägt und wirft mit Steinen, jeden, der ihm vorkömmt und ohne alle Rücksicht auf die Folgen seiner Handlungen, die er zu berechnen ausser Stande ist. So kann er auch durch Licht, Feuer und andere gefährliche Instrumente der Societät gefährlich werden. Endlich ist er zu Handlungen fähig, die den gebildeten Ständen D d 2 anstössig sind, um welcher willen man ihn ent- fernt halten muss. In criminalistischer Hinsicht muss der Blödsinn in Anspruch genommen wer- den, wenn von der Strafbarkeit der Handlungen die Rede ist, welche er mindert oder aufhebt. Denn zur Strafbarkeit einer Handlung wird er- fordert, dass der Thäter Begriffe von seinen Handlungen habe, die Gesetze kenne, welche sie verbieten, und diese auf seine Handlungen anwen- den könne. Keins von allen ist schwerlich jen- seits des mittleren Grades des Blödsinns möglich; daher derselbe alle Strafbarkeit der Handlungen aufhebt. Hingegen findet in seinem niedrigsten Grade Zurechnung Statt; doch nicht in dem Maasse, als wo der Verstand unverletzt ist. Die Culpa kann dem blödsinnigen Menschen nicht so hoch angerechnet werden, als dem Vernünftigen, der sie leichter vermeiden kann. Mit dem Dolus hat es eine andere Bewandniss. In Rücksicht der Unbekanntschaft mit den Gesetzen muss darauf gesehen werden, ob von Handlungen die Rede ist, die an sich widerrechtlich oder bloss durch ein Gesetz verboten sind. Jenes muss der Blöd- sinnige in dem niedrigsten Grade noch unterschei- den; hingegen kann man nicht von ihm fordern, dass er alle Gesetze wissen soll, die Handlungen verbieten, welche an sich nicht strafbar sind Hoffbauer l. c. 2 B. 132-142 S. . Da es indessen in der Entscheidung dieser Fälle an einem positiven Maassstabe fehlt, so muss immer dem Gutdünken des Schiedsrichters und seinem praktischen Ermessen ein ansehnlicher Spielraum offen gelassen werden. In Rücksicht der Art, wie sich die Verstandesschwäche äussert , unterschei- den wir Dummheit und Blödsinn im en- geren Sinn . Die Frage, ob diese Differenz specifisch oder zufällig sey Hoffbauer l. c. 2 B. 84 S. , übergehe ich, weil sie aus der Nosologie des Blödsinns entwickelt werden muss, von der wir nichts wissen. Ich bemerke bloss, dass beide Differenzen unter dem höheren Begriff der psychischen Asthenieen stehen, welches Herr Hoffbauer l. c. 2 B. 101 S. selbst zugiebt, und es von keiner so grossen Bedeutung sey, ob wir die unter diesen Begriff gefassten Differenzen, wenn sie nur richtig bestimmt sind, Arten oder Varie- täten nennen wollen. Bey dem Dummen scheint die Asthenie vorzüglich ursprünglich in dem Ver- stande selbst, bey dem Blödsinnigen allgemein in allen Seelenvermögen zu liegen Der Blödsinnige befindet sich in einer grossen Ohnmacht des Gedächtnisses, der Vernunft und gemeiniglich auch sogar der sinnlichen Empfin- dungen. Dieses Uebel ist meistentheils unheil- bar. Denn wenn es schwer ist, die wilden Un- ordnungen des gestörten Gehirns zu heben, so muss es beinahe unmöglich seyn, in seine er- . Der Blöd- sinnige kömmt gar zu keinen Urtheilen, selbst nicht zu solchen, für deren Wahrheit der unmit- telbare Augenschein spricht. Dem Dummen fehlt es an Ausbreitung, dem Blödsinnigen an beiden, an Ausbreitung und Schärfe der Auf- merksamkeit. Der Dumme fasst einzelne Mo- mente und urtheilt richtig, wenn es vorzüglich auf das gefasste Moment ankömmt; hingegen kann er keine Mannichfaltigkeit mit nöthiger Schnel- ligkeit beachten und schliesst falsch, wenn dazu ein Abwägen vieler Gründe gegen einander er- fordert wird. Er urtheilt über einfache Objekte, und über Objekte, mit welchen er täglich um- geht, richtig; irrt sich aber leicht in verwickelten und zusammengesetzten Geschäfften, in Geschäff- ten, die zwar an sich leicht, aber ihm unge- wöhnlich sind, und endlich in Geschäfften, die nicht sowohl durch bündige Gründe, als vielmehr durch eine scharfe Muthmassung bestimmt wer- den müssen. Er kann behalten was er liest; aber von dem Gelesenen keinen Gebrauch machen; er kann nachahmen, aber nicht erfinden; in Wissen- schaften, wo es auf strenge Beweise, eher, als storbnen Organe ein neues Leben zu giessen. Die Erscheinungen dieser Schwachheit, welche den Unglücklichen niemals aus dem Stande der Kindheit herausgehen lässt, sind zu bekannt, als dass es nöthig wäre, sich dabey lange auf- zuhalten. Kant’s kleine Schriften, herausge- geben von Rink , Königsberg 1800. 42 S. in solchen, wo es auf Conjektur ankommt, Fort- schritte machen. Der Dumme ist meistens nicht menschenscheu und schüchtern, wie der Blödsin- nige, oft gar dummdreist, weil er die Gefahren nicht übersieht, in welchen er schwebt. Er flieht den, der ihn betriegt, aus einem gekränkten Stolz, nicht, wie der Blödsinnige, aus Sorge für seine eigne Sicherheit. Er ist dummstolz auf Vorzüge, die er entweder gar nicht besitzt, oder die kein vernünftiger Mensch dafür gelten lässt. Seltner ist er religiös, als der Blödsinnige, und dies auf eine andere Art. Er fühlt sich nicht sowohl der Gottheit bedürftig, sondern sucht sie vielmehr durch Schenkungen an Kirchen und milde Stiftungen zu bestechen, und sieht die weit unter sich, welche dies nicht können, weil er es nicht zu fassen vermag, dass Gott das Herz und nicht das Vermögen ansehe. Er redet nicht so oft mit sich als der Blödsinnige, weil er ohne dies Hülfsmittel auf seinem Gegenstand haften kann. Nur wenn er viele Gegenstände beachten will, spricht er für sich, und zwar mit dem Gepräge der Bedächtigkeit. Doch geschieht dies selten, weil er wegen seiner Einseitigkeit selten die Noth- wendigkeit fühlt, auf mehrere Momente Rück- sicht nehmen zu müssen. Er springt auch ab, wie der Blödsinnige, aber auf feste Punkte, da- hingegen der Blödsinnige sich ins Universum ver- liert. Er hat Lieblingsideen, mit welchen er sich viel weiss, die er ohne Rücksicht auf Zeit und Ort vorträgt, und auf welche jeder Umstand ihn abführt Hoffbauer l. c. 2 B. 101-106 S. — Der stum- pfe Kopf ermangelt des Witzes, der Dummkopf des Verstandes. In dem ersten Falle fehlt die Behendigkeit etwas zu fassen, die Ideen zu ver- knüpfen, und die vorhandnen Gedanken schnell in die passlichsten Zeichen einzukleiden. Die Anwendung des Verstandes in der Beurtheilung der Handgriffe, Ränke, Kunstgriffe und Maxi- men, nach denen sich die Menschen gewöhnlich in der grossen Welt behandeln, heisst Ver- schmitztheit, und ihr Gegentheil ist Einfalt. Ein Mensch, dem jene aus Mangel an Urtheilskraft fehlt, heisst ein Tropf, Pinsel. Allein auch dem verständigen und redlichen Mann kann diese Schlauigkeit fehlen. Er mag in dies verwickelte Spiel nicht eindringen, weil es ihm verächtlich ist, oder es hat ihm an Gelegenheit gefehlt, die Welt in der Masque kennen zu lernen, oder er hat eine zu gute Meinung von den Menschen, um sich einen so verächtlichen Begriff von ihnen machen zu können. Er heisst ein guter Mann, und giebt zu lachen, wenn er in die Schlinge der Intrigue und Weltpolitik gerathen ist. Reils Fieberlehre, 4 Band, 317 S. . Dann kann der Blödsinn einfach oder zusammengesetzt seyn. In seiner einfach- sten Gestalt zeigt er sich in der Dummheit, die ohne andere Krankheiten ist. Er ist oft zusam- mengesetzt mit Fallsuchten und Lähmungen. Er kann verbunden seyn mit fixem Wahn und Tob- sucht, dies vorzüglich, wenn er Folge dieser Krankheiten oder mit ihnen aus einer Ursache entsprungen ist. Die Kretinen sind häufig fall- süchtig, zuweilen wahnsinnig und haben in ihrer Verkehrtheit den sonderbaren Hang Feuer anzu- legen Wenzel l. c. 159 S. . Doch finden wir Wahnsinn und Tob- sucht selten in den höheren Graden des Blödsinns, weil ihm die Energie fehlt, die jene Krankhei- ten voraussetzen. Häufiger ist er mit Narrheit gepaart, der er näher verwandt ist. So finden wir ihn meistens in den Tollhäusern, in welchen die Blödsinnigen gewöhnlich ehemalige Verkehrte waren, und durchgehends noch einen Anstrich ihrer ursprünglichen Krankheit an sich tragen. Gewöhnlich wird aber diese Zusammensetzung Blödsinn genannt, wenn die Ohnmacht, Narr- heit wenn die Albernheit, der Aberwitz und die Verkehrtheit hervorsticht. Noch muss ich einer merkwürdigen nosolo- gischen Differenz des Blödsinns erwähnen, die auf seine Prognosis und Heilmethode Einfluss hat. Er kann nemlich entweder in einem Gehirn ge- gründet seyn, das seiner Erregbarkeit zwar be- raubt, aber an seiner Organisation nicht sichtbar verletzt ist, oder er kann davon entstehn, dass das Gehirn zerstört ist. In dem ersten Fall will ich ihn dynamisch , in dem letzten orga- nisch nennen. In beiden Fällen ist das Phäno- men einerley, nemlich Blödsinn , obgleich die Krankheiten, denen es gemeinschaftlich ange- hört, ein seiner Kräfte beraubtes oder ein zer- störtes Organ, höchst verschiedne Objekte sind. Er ist Symptom und so wenig wie die Blindheit specifische Krankheit, die von einer Trägheit oder Zerstörung der Netzhaut, von Verdunkelung der Säfte des Auges u. s. w. entstehen kann. Sind innerhalb der Hirnschaale oder auch ausser- halb derselben Verletzungen der Organisation vorhanden, die zwar als entfernte Ursache das Denkorgan seiner Erregbarkeit berauben, aber doch nicht in demselben selbst enthalten sind; so sind zwar organische Verletzungen da, aber der Blödsinn an sich ist dynamisch. Aecht organisch ist er also nur, wenn die Gehirnmasse in eine andere Substanz verwandelt oder durch Blasen- würmer, Wasserkopf u. s. w. ganz annihilirt ist. Der dynamische Blödsinn ist entweder tran- sitorisch oder anhaltend. Der transitorische entsteht von einem vorübergehenden Raub der Vitalität des Gehirns. So verliert die Netzhaut für einen Augenblick ihre Sehkraft vom An- schauen der Sonne. Es giebt Sinnlosigkeiten und Ohnmachten, die mit einer vollkommenen Feier aller Seelenkräfte verbunden sind. Auch nach Gehirnerschütterungen, heftigen Leidenschaften, Phrenesieen und andern schweren Nervenkrank- heiten kann dieser transitorische Blödsinn entstehn. Häufig ist er in Gefässfiebern. Die Kranken sind ohne Bewusstseyn, achten auf nichts, murmeln vor sich hin und suchen im Bette herum. Oft wechselt dieser Zustand mit Schlafsucht ab, die zur Zeit der Exacerbation des Gefässfiebers eintritt. Endlich erfolgt der Tod durch Schlagfluss, weil das Gehirn aufgelöst wird. Merkwürdig ist es, dass in beiden Fällen der Sinnlosigkeit und der Schlafsucht plötzlich helle Perioden eintreten, in welchen der Verstand vollkommen wiederge- kehrt ist Reils Fieberlehre 4 B. 370 S. . Dann ist vielleicht das Gehirn noch eines Zustandes fähig, den ich mit einem catalep- tischen Krampf vergleichen will, wie er in der vollkommnen Starrsucht und in anderen schwe- ren Nervenkrankheiten vorkommen mag. Er ist auch, wie jene Lähmungen, mit einer Feier aller Functionen des Seelenorgans verbunden, aber dadurch von ihnen verschieden, dass seine Beglei- tung auf Krampf hinweist. Gewöhnlich pflegt man diese Sinnlosigkeiten von unterdrückten Kräften herzuleiten, allein uneigentlich. Entwe- der ist ein transitorischer Raub der Vitalität, oder ein spastischer Zustand des Gehirns vorhanden. Der anhaltende dynamische Blödsinn hat verschiedne Modifikationen. Dem Feuerlän- der fehlt es an Erregbarkeit und normaler Orga- nisation des Gehirns. In anderen Fällen bleibt es auf der niedrigsten Stufe der Erregbarkeit stehn, weil es nicht geübt wird. Daher der Un- terschied der Seelenkräfte zwischen den Lastträ- gern und den gebildeten Ständen des Menschenge- schlechts. Oft ist die Ursache der anhaltenden Stumpfheit des Gehirns unbekannt; vielleicht dem unthätigen Zustande der Gebährmutter vor der Pubertät und im Alter analog. Auch diese Blöd- sinnige können plötzlich von ihrer Krankheit be- freit werden. Irgend eine merkwürdige Umwäl- zung in der Organisation, z. B. das Geschäfft der Pubertät, kann ihre Seelenkräfte aus dem Schlum- mer wecken. Ein Blödsinniger, erzählt Wil- lis Chiarugi l. c. 438 S. , bekam nach einem bösen Gefässfieber so- viel Genie, dass er alle in Erstaunen setzte, die ihn vorher gekannt hatten. Einige leiden Rück- fälle in der heissen Jahrszeit; andere, besonders junge Personen sind Monate, ja Jahre lang blöd- sinnig und verfallen dann plötzlich in eine Rase- rey, die zwanzig bis dreissig Tage dauert. Nach dieser gewaltsamen Erschütterung erfolgt Wieder- kehr der Vernunft Pinel l. c. 42 u. 188 S. . Ein junger Soldat musste gleich nach seiner Ankunft bey der Armee einer blutigen Action beiwohnen und kam durch das Krachen der Artillerie um seinen Verstand. Man liess ihm Blut, die Bandage ging auf, er verlohr noch mehr Blut und verfiel in Blödsinn. Nach einiger Zeit zeigten sich Spuren von Raserey, die achtzehn Tage dauerte. Dann wurde er ruhig und mit dem Ende derselben kehrte der Verstand zurück Pinel l. c. 92 S. . Auch der ursprünglich-dynamische Blöd- sinn wird in der Folge leicht unheilbar. Es ge- sellen sich ihm örtliche Lähmungen im Gesicht und an anderen Theilen, Hemiplegieen und Fall- suchten zu, die mit ihm aus einer Quelle entsprin- gen. Selten werden Blödsinnige, die es von der Geburt an sind, alt. Sie sterben vor dem dreissig- sten, und wenn sie fallsüchtig oder gelähmt sind, vor dem fünf und zwanzigsten Jahre. Die entfernten Ursachen des Blöd- sinns sind verschiedner Art. Alles, was die Kräfte des Gehirns über die Norm anstrengt, kann sie zerstören. Dahin rechne ich heftige Leiden- schaften, Schreck, Freude, anhaltende Grübe- leien über Gegenstände, denen der Kopf nicht ge- wachsen ist und ein planloses Studiren. Kinder, die zu früh und über ihre Kräfte angestrengt wer- den, verfallen leicht in Narrheit oder Blödsinn. Ein Artillerist, erzählt Pinel l. c. 180 S. , legte dem Wohl- farthsausschuss das Project einer Kanone von vorzüglicher Wirksamkeit vor und bekam dar- über ein schmeichelhaftes Schreiben von Ro- bertspierre , bey dessen Lesung er erstarrte und als ein vollkommen Blödsinniger ins Tollhaus gebracht wurde. Zwey Brüder gingen zur Ar- mee, von welchen der eine durch eine Kugel an der Seite des andern getödtet wurde. Der übrig- gebliebne wurde starr wie eine Statue in sein vä- terliches Haus gebracht und der dritte Bruder, der noch zurück war, verfiel durch die Nach- richt von dem Tode seines einen und durch den Anblick der Geisteszerrüttungen des anderen Bru- ders in den nemlichen Zustand Pinel l. c. 180 S. . Gern ist der Blödsinn Folge des Wahnsinns und der Tob- sucht. Fast ein Viertheil der Tollhäusler sind Blöd- sinnige, die ehemals verrückt waren und jetzt noch einen Anstrich ihrer ehemaligen Krankheit an sich tragen. Die überspannten Anstrengungen zerstören anfänglich die Reizbarkeit und nachher die beharrliche Organisation. Dazu kömmt noch die meistens falsche Behandlung des Wahnsinns durch Aderlässe, Purganzen und Brechmittel, die die Naturkräfte vollends zerstört, durch welche eine heilsame Crise hätte zu Stande kommen kön- nen. Die Fallsucht liegt dieser Ursache nahe, die meistens, wenn sie heftig und anhaltend ist, die Seelenkräfte schwächt. Mir sind Fälle bekannt, dass ein einziger Anfall derselben den Kranken um seinen Verstand brachte. Alles, was den Körper sehr schwächt, entnervende Vergnügungen, Aus- schweifungen in der Liebe, tiefer in sich gekehr- ter Kummer, narcotische Substanzen, die Toll- kirsche, das Bilsenkraut und besonders der Mohnsaft bey den Opiophagen im Orient, gei- stige Getränke, Ausleerungen des Bluts und der Lymphe, langer Schlaf können Blödsinn erre- gen. Das Gehirn wird unter allen Organen, die in die Gruppe eines Menschen eingehn, am spätsten reif und dauert am längsten aus. Allein endlich fängt auch an ihm der Zahn des Alters an zu nagen. Das Gedächtniss und der Verstand werden stumpf; der Greis ist geschwätzig, er- götzt sich an Kleinigkeiten und wird wieder ein Kind. Oft sind auch ursprüngliche oder erwor- bene Desorganisationen des Gehirnmarks, Ano- malieen der Gefässe und fehlerhafte Bildungen der Knochen des Körpers Ursache des Blödsinns. Erlittene Gewaltthätigkeiten während der Geburt können ihn veranlassen und es ist zu bewundern, dass dies nicht öfterer geschieht. Denn es ist kaum zu begreifen, dass das breiigte Gehirn beim Durchgang des verlängerten Kopfs durchs Becken, nicht überall zerreissen sollte. Die Vegetation formt es von neuem wieder und beugt dadurch den Geisteszerrüttungen vor. Wasser- suchten des Gehirns, Blasenwürmer, heftige Schläge auf den Kopf, Gehirnerschütterungen, Schlagfluss, Geschwülste in der Hirnschaale sind mit Blödsinn verknüpft. In einem von der Ge- burt an blödsinnigen Menschen fand Willis das Gehirn kleiner als es hätte seyn sollen. Plater erzählt die Geschichte eines Soldaten, der nach einer Verwundung am Kopf blödsinnig wurde. Nach dem Tode entdeckte er eine schwammigte und scirrhöse Geschwulst von der Grösse einer Zwiebel auf dem schwieligten Körper des Gehirns. Malacarne fand bey Blödsinnigen nur dreihun- dert, hingegen bey vernünftigen Menschen acht- hundert Blätter im kleinen Gehirn. Die drehen- den Schaafe werden durch die Einsaugung des Ge- hirns vom Drucke des Blasenwurms blödsinnig und in Menschen sollen Hydatiden die nemliche Wirkung hervorgebracht haben. Die Hirnschaale der Fexe ist nach Malacarne so verengert, dass sie das Gehirn in einem Grade zusammenpresst, bey welchem es unwirksam seyn muss Reils Fieberlehre 4 B. 326 S. . Beim Entwurf des Kurplans zur Heilung des Blödsinns müssen zuvörderst die Krankheiten von welchen er Symptom ist, wohl unterschieden werden. Nur der rein dynamische Blöd- sinn, in welchem die Organisation des Denkor- gans nicht sichtbar verletzt, aber seiner Reizbar- keit beraubt ist, scheint heilbar zu seyn. Im rein organischen Blödsinn ist das Organ, auf welches es beim Denken ankömmt, entweder zerstört oder in eine fremde Materie verwandelt. Dieser Zustand ist absolut unheilbar, sofern er eine Zerstörung der Vegetations-Instrumente voraussetzt, ohne welche keine Umwandlung des kranken Zustandes in einen gesunden möglich ist. Auch ein solcher Blödsinn, der von organischen Verletzungen entspringt, die zwar das Denkor- gan nicht selbst betreffen, aber doch auf dasselbe als entfernte Ursache einfliessen und es seiner nor- normalen Vitalität berauben, ist zwar nicht abso- lut, aber doch meistens relativ unheilbar. Es ist an sich möglich, dass die Beziehungen dieser Desorganisationen auf das Denkorgan aufhören, also auch der Blödsinn aufhört, ohne dass sie auf- hören. Allein in bedingten Fällen geschieht dies selten. Dann sieht man auf die Ausbreitung der Asthenie durch die verschiednen Bestandtheile des Seelenorgans. In der Dummheit, in welcher bloss das Urtheilsvermögen leidet, ist die Hoff- nung der Genesung grösser, als im Blödsinn, der sich auf Asthenie aller Fakultäten der Seele grün- det. Endlich kömmt es auch auf die Grade des Blödsinns an. Nur der erste Grad scheint einer radikalen Heilung fähig zu seyn; die Krank- heit im zweiten und dritten Grad, kann, wenn sie nicht etwan transitorisch ist, entweder gar nicht geheilt oder wenigstens nur gemindert wer- den. In vielen Fällen muss der pharmaceutische Arzt dem psychischen zur Seite treten, ihm vorar- beiten, mit ihm gleichzeitig wirken. Wenn der Kretinismus von Missbildung der Hirnschaale, und diese von Knochenerweichung entsteht; so wird jener ohne Heilung dieses Uebels nicht geheilt werden können und die psychische Kurmethode zum Anfang zweckloss seyn. Die Thäler müssen gelüftet, das Austreten der Flüsse verhütet, die Sümpfe abgeleitet werden. Man muss die jungen Kretinen aus den Thälern auf die Berge tragen, E e bis die Jahre der Kindheit vorüber sind, ihnen nahrhafte Diät und reizende Arzneien verordnen. Blödsinn nach heftigen Anstrengungen des Gehirns erfordert eine leichte und angenehme Beschäffti- gung desselben. Ist er nach hitzigen Krankheiten, Ausleerungen und anderen Schwächungen des Kör- pers entstanden, so verordne man nahrhafte Speisen und stärkende Mittel. Wo es dem Gehirn an Erreg- barkeit und Vegetation fehlt, suche man dieselbe durch physische und psychische Reizmittel zu bele- ben. Der Art sind Senf, Meerrettig, Pfeffer, Vanille, das Einathmen des Sauerstoffgas, die Elektricität, der Galvanismus. Wärme des Kopfs, Reibung des- selben, nachdem er vorher abgeschoren ist, mit Flanell, mit Naphten und anderen geistigen Mit- teln, Tropfbad, Douche, Blasenpflaster auf den Wirbel Reils Fieberlehre 4 Bd. 470 S. . Endlich muss noch der pharmaceu- tische Arzt auf die Naturbemühungen achten, sie unterstützen, Hindernisse derselben aus dem Wege räumen. Die Revolutionen in der Pubertät, hitzige Fieber, Ausbrüche der Raserey können den Blödsinn heilen. Wo sich also dergleichen Erscheinungen äussern, fasse man sie schnell auf, und helfe der Natur auf ihren Wegen, soviel als möglich ist, fort Reils Fieberlehre 4 Bd. 86 §. . Noch mehr wirken psychische Mittel zur Weckung der Erregbarkeit des Gehirns in dem dynamischen Blödsinn, denn sie sind specifisch- eigenthümliche Reize des leidenden Organs. Eben darin liegt es, dass der Gelehrte den Bauer gerade so viel an Seelenvermögen, als dieser jenen an Muskelstärke übertrifft. Welcher Theil der Or- ganisation geübt wird, gewinnt Kraft und Fertig- keit. Die Intensität der Reizmittel soll der Grösse der Stumpfheit entsprechen. Die Uebungen der Seelenkräfte müssen in dem Grade allmählich schwerer gewählt werden, als dieselben zuneh- men. Denn wenn man in dem Uebergange von einer Uebung zur andern zu rasche Sprünge macht, so ist zu besorgen, dass der Kranke durch Anstrengungen, die seine Kräfte übersteigen, ab- geschreckt werde. Ueberhaupt muss man es ihm nicht merken lassen, dass man ihn für schwach hält, sondern vielmehr dahin arbeiten, sein Zutrauen zu seinen Kräften zu vermehren. Zuvörderst weckt man die Besonnenheit des Kranken, besonders wenn er in sich selbst ver- sunken starrt oder auf keinen Gegenstand haftet. Dies finden wir vorzüglich häufig bey den Toll- häuslern, die meistens von anderen Geisteszerrüt- tungen zum Blödsinn fortgegangen sind. Dann hält man sie zu Uebungen an, die vorzüglich auf den Verstand und die Aufmerksamkeit berechnet sind, als denjenigen Vermögen, die im Blödsinn am meisten leiden. Endlich hilft man auch den- jenigen Kräften der Seele nach, die etwan beson- ders zurückbleiben sollten. E e 2 Den Sinnlosen, der keinen Eindruck beach- tet, greift man durchs Gemeingefühl, als den offensten Zugang zum Seelenorgan an, um ihn vorerst nur einigermassen zu fixiren. Die Zu- stände seines eignen Körpers liegen ihm am nächsten; er haftet am ersten auf Eindrücken, die Lust und Schmerz machen. Man reibt und kit- zelt den Kranken, bringt ihn unter die Traufe und Douche, impft ihm die Krätze ein, und er- regt ihm allerhand andere schmerzhafte Gefühle s. oben 188 S. . Man rührt die Sinnorgane durch Niessmittel, durch einzelne gellende Töne, durch grelle Far- ben, durch schaudernde Ansichten des Meeres, des Blitzes, anderer grosser Naturerscheinungen. Man reizt die Leidenschaften und besonders den Zorn des Kranken, vielleicht auch seine Furcht, durch anscheinend drohende Gefahren, um we- nigstens einige Action im Seelenorgan hervorzu- bringen. Doch dies mit Vorsicht. Nun schreitet man zur Kultur der Aufmerk- samkeit fort. Der Blödsinnige haftet auf keinem Gegenstand, der Dumme ist nicht im Stande, seine Aufmerksamkeit auf mehrere Punkte mit gleicher Stärke zu vertheilen. Man wähle also theils Uebungen, die den Kranken an einen Gegen- stand heften, theils ihn leiten, mehrere sich folgende oder gleichzeitige Gegenstände zu be- achten. Die Uebungen, welche man dazu wählt, müssen durch ein natürliches oder künstliches Interesse anziehn, Spiele, die zugleich den Kör- per stärken, also Leibesübungen, oder scheinbare Gefahren seyn, die den Kranken nöthigen, sie und die Mittel zu beachten, die zu seiner Rettung dienen. In der Wahl dieser Uebungen müssen wir bloss ihren Hauptzweck, Weckung der Er- regbarkeit des Gehirns, vor Augen haben, und alle Nebenzwecke, z. B. Erweiterung der Kennt- nisse bey Seite setzen, die uns mit einem unbe- deutenden Vortheil in der Wahl der Mittel ein- schränken würden. Gymnastische Uebungen passen sehr gut. Die Aufmerksamkeit des Kranken wird durch sie genöthiget, mit einer gewissen Schnelligkeit von Moment zu Moment fortzugehen, darf keinen Gegenstand übersprin- gen, aber auch bey keinem zu lang verweilen. In der Folge, wenn der Kranke erst in der Be- achtung successiver Erscheinungen geübt ist, wählt man andere Leibesübungen, bey welchen es vor- züglich auf die Vertheilung der Aufmerksamkeit auf mehrere Punkte zu gleicher Zeit ankömmt. Nun geht man zu wissenschaftlichen Uebun- gen fort. Zum Anfang dient die Mathematik, in welcher es auf strenge Beweise und auf ein stäti- ges Fortschreiten der Aufmerksamkeit von Punkt zu Punkt ankömmt. Durch sie wird also die raisonnirende Vernunft und das Vermögen der Seele den gegebnen Gegenstand festzuhalten ge- übt. In der Folge sucht man die Urtheilskraft in dem Abwägen der Gründe und Gegengründe, in dem Absondern des Allgemeinen von dem Be- sondern und in dem Subsummiren des Speciellen unter Regeln zu üben. Dazu passen vorzüglich die Auflösungen algebraischer Aufgaben Hoffbauer l. c. 2 Th. 143-158 S. . Die Kur des Blödsinns beginnt noch einen Schritt weiter rückwärts. Der Blödsinnige haftet auf keinem Gegenstand, welches der Dumme schon kann. Er muss daher anfangs einen Ge- genstand zu beachten, dann von dem einen zu einem anderen mit einer gewissen Schnelligkeit fortzurücken, und endlich eine Mannichfaltigkeit mit nöthiger Schärfe gleichzeitig zu beachten ge- wöhnt werden. Die höheren Grade des Blödsinns sind schwerlich radikal zu heilen. Doch ist es feh- lerhaft, diese Kranken in der Unthätigkeit ganz zu ersticken, zu welcher sie vermöge ihrer Träg- heit so sehr geneigt sind. Die meisten derselben können unter der Leitung eines geschickten Füh- rers zu Handarbeiten und zur Kultur des Ackers angehalten werden. Selbst die Dummsten unter ihnen sind im Stande, als Lastthiere wenigstens die Egge oder den Pflug zu ziehn. Man stelle nur einige thätige und arbeitsame Menschen an ihre Spitze. Sie schwingen sich dann durchge- hends bald, vermöge des Triebes zur Nachah- mung, zu dem nemlichen Ton hinauf, und sind der anhaltendsten Anstrengungen fähig. Natürlich muss man dabey auf das Kraftmaass der Kranken sehn, sie nicht ermatten und ihnen Zwischenräu- me zur Ruhe verstatten. Gewinnt man auch an Kultur der Seele durch diese Behandlungsart nichts, so bessert man doch ihre physische Ge- sundheit. Die Kranken essen und schlafen besser, wenn sie arbeiten. Die Ordnung im Tollhause gewinnt sehr. Wenzel l. c. 156 S. sah zwey Kretinen, die sich seit der Zeit weit besser befanden, dass man sie zur Arbeit angehalten hatte. Es giebt einige Blödsinnige, die einem be- sonderen Starrsinn und zornigen Aufwallungen über Kleinigkeiten unterworfen sind. Diese be- dürfen einer leichten und zweckmässigen Cor- rektion, nach der Art, wie man eigensinnige Kinder behandelt. Doch hüte man sich, den Unterofficianten irgend eine Härte gegen sie zu verstatten. Eben diese Geschöpfe sind den Aus- fällen der kalten Barbarey am meisten ausgesetzt, weil sie sich nicht zur Gegenwehr stellen. End- lich müssen die Blödsinnigen ihre eigne Abthei- lung haben, damit die fixirten Wahnsinnigen es nicht bemerken, dass man sie mit so elenden Menschen in eine Ordnung stellt. Die Narren können ihnen noch am ersten zugesellt werden, da sie ihnen auch im System am nächsten stehn. §. 21. Was sind helle Zwischenzeiten ? Sie müssen sich auf Perioden des Nachlasses oder der Intermission, oder auf beides zugleich beziehn. Pinel l. c. 14 S. erzählt einige artige Fälle intermittiren- der Geisteszerrüttungen. Ein Kranker war bloss um den anderen Tag, ein zweiter funfzehn Tage im Jahre, ein dritter alle Jahre drey Monate wahnsinnig. Drey Rasende ohne Verkehrtheit waren in zwey Jahren sechs Monate krank und achtzehn Monate frey von ihrem Uebel. Aehn- liche Fälle habe ich bereits an einem andern Orte Reils Fieberlehre 4 B. 71 §. gesammlet. Das Irrereden im Gefässfieber intermittirt am Tage, und kehrt wieder bey Nacht. Menschen, die zum Wahnsinn Anlage haben, sind oft Jahre lang von ihrer Krankheit frey. Diese Intermissionen möchte ich aber eben so wenig als die anfangende Reconvalescenz zu den hellen Zwischenzeiten zählen, wenn sie nem- lich so rein sind, dass auch nicht der leiseste Zug der Krankheit übrig geblieben ist. Nach dem Aufhören der Krankheit kehrt sie entweder bald und in dem nemlichen Zuge, oder nach einer ungemessenen Zeit wieder. In beiden Fällen ist eine Geneigtheit zur Wiederkehr übrig geblieben, die in dem ersten schon durch den bestimmten Lauf der Evolutionen des respektiven Organismus, in dem zweiten Fall hingegen durch äussere Ver- anlassungen zur wirklichen Krankheit gesteigert wird. Dann gehören auch die momentanen Re- missionen in den Anfällen der Raserey, die wie der Sturm in Stössen wirkt; nicht die dumpfen Intervalle, wo der Tobsüchtige, besonders der Tobsüchtige ohne Verkehrtheit, wie ein Zorniger, durch äussere Umstände psychisch gehemmt wird, zu wüthen, nicht zu den hellen Zwischenzeiten. Heinrich Julius von Bourbon , der Sohn des grossen Condé , glaubte in einen Hund ver- wandelt zu seyn, und bellte dem zu Folge wie ein Hund. Eines Tages bekam er seinen Anfall in den Zimmern des Königs. Die Gegenwart des Monarchen gebot seiner Narrheit, ohne sie zu zerstören. Er schlich sich ans Fenster, steckte den Kopf hinaus, unterdrückte seine Stimme, und gebehrdete sich bloss wie ein bellender Hund Duclos Mém. secr. sur les règnes de Louis XIV. . Doch ist es mir wahrscheinlich, dieser Mann habe an dem sonderbaren Aufstossen gelit- ten, welches dem Bellen eines Thiers ähnelt. Denn es wird von ihm gesagt, er sey an Vapeurs krank gewesen. In diesem Fall war das Bellen physisch, und nur in sofern mit einer psychischen Krankheit verbunden, als er es von einer Ver- wandelung seiner Art ableitete. Endlich rechnet man die Zeiten im fixen Wahn, wo es dem Kranken an Gelegenheit fehlt, auf seine fixe Idee abzuspringen, nicht zu den hellen Zwischenzeiten. Ein Wärter führte in einem Tollhause die Frem- den herum, und erzählte denselben mit vieler Vernunft die Narrheiten jedes Kranken. Erst an der letzten Zelle erfuhr man, dass er auch zu den Merkwürdigkeiten des Tollhauses gehöre. Hier, sagte er, sitzt ein Mann, der ein Narr ist, weil er sich für Gott den Sohn hält, ohne es zu seyn. Denn ich müsste es wissen, da ich Gott der Vater bin. Also nur das sind helle Zwischen- räume, wo die Stärke der Krankheit für eine längere Zeit nachlässt, und nicht wo ihre Sym- ptome durch äussere Verhältnisse weniger sicht- bar sind. Die hellen Zwischenzeiten treten langsam oder plötzlich ein. In dem letzten Falle erwachen die Kranken, wie aus einem Traume, von ihrer Zerrüttung zur Besonnenheit. Dies geschieht vorzüglich leicht in der dumpfen Melancholie und im Irrereden mit Gefässfieber Reils Fieberlehre 4 B. 370 S. . Die Tem- peratur der Erregbarkeit ändert sich durch ein Spiel unbekannter Kräfte, die zuweilen von sicht- baren äusseren Einflüssen abhängig sind. Die Zeit der Frühlings- und Herbst-Tag- und Nacht- Gleiche ist ominös. In ihr brechen die meisten und heftigsten Anfälle aus. Kürzere Aufwallungen entstehn, wenn Stürme oder Gewitter sich nähern. Die Kranken sind unruhig, schlafen wenig, gehn mit schnellen Schritten, sprechen für sich, gesti- kuliren, deklamiren, die Rasenden schütteln die Ketten, und unterbrechen eine dumpfe Stille mit einem wilden Geschrey. Kurz alle Phänomene weisen auf einen exaltirten Zustand hin. Die hellen Zwischenräume sind periodisch oder erratisch, kürzer oder länger, reiner oder weniger rein. Doch bleibt immer noch, auch in den reinsten Intervallen, eine Abweichung von dem Einklang der Seelenkräfte zur Einheit der Vernunft übrig. Das Zusammenfassen des Or- ganismus zur Individualität und das klare Be- wusstseyn der Persönlichkeit kehren am spätsten in die zerrissene Seele zurück. Der Kranke ist im scheinbar vollen Gebrauch der Vernunft, doch nicht unglücklich. Denn er hat von dem Um- fang seines Seelenzustandes keine deutliche Vor- stellung. Dadurch unterscheidet sich der helle Zwischenraum von der Genesung. Meistens laufen dem wiederkehrenden An- fall Zufälle vor, die seine Annäherung anmelden. Der Kranke klagt Zusammenschnürungen und ein Brennen in der Magengegend und den Gedärmen, durstet deswegen sehr, hat aber Abneigung gegen Speisen, ist verstopft, unruhig, schlafloss, fährt im Schlaf schreckhaft zusammen. Die Wangen färben sich, das Gesicht glüht, die Halsadern klopfen stärker, das Auge wird roth, die Blicke funkeln. Seine Geberden, die Haltung und Be- wegung seines Körpers sind ungewöhnlich. Er heftet seine Blicke gen Himmel, spricht mit sich, läuft schneller, steht still, nimmt die Mine des Nachsinnens oder einer bedächtigen Ueberlegung an. Einige sind ausgelassen lustig, schwatzhaft und brechen ohne Grund in ein lautes Gelächter aus; andere hingegen weinen ohne Ursache, star- ren auf einen Punkt, und sind versunken in ein düsteres Stillschweigen. Der Phantast hat Visio- nen, dem Verliebten erscheint seine Psyche im Traume in einer himmlischen Gestalt. Der Kranke in der hellen Periode ist ein anderer Mensch, bedarf also auch einer anderen psychischen Behandlung. Er muss jetzt mit mehr Schonung behandelt, und sanft zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten werden, damit er sich an diese Tugenden gewöhne. Aeussere Ursachen, die auf die Wiederkehr seiner Anfälle wirken können, vermeide man sorgfältig. Man verstatte ihm mehr Freiheit, doch sey man auf seiner Huth, und merke auf die Zeichen des herannahenden Anfalls, damit kein Schade geschehe. Denn ihm ist auch bey dem besten Anschein nicht zu trauen. Ein Verrückter führte einen Fremden im Tollhause herum, und nöthigte ihn am Ende an die höchste Gallerie des Hauses zu treten, um einer schönen Aussicht zu geniessen. Hier, sagte er dem Fremden, zeige dich und spring hinunter, wenn du Glauben hast, oder ich werfe dich hin- ab. Der Fremde besann sich, antwortete ihm, die Kunst hinauf zu springen sey grösser, dies wolle er versuchen. Der Verrückte blieb oben, um den Sprung zu erwarten, aber der Fremde schlich sich leise zum Hause hinaus. Ein anderer wurde von seinem Führer bis in die Küche des Irrhauses gebracht. Hier verliess derselbe ihn auf einen Augenblick. Die gegenwärtigen Nar- ren meinten ihre Suppe würde kräftiger seyn, wenn sie den Fremden darin abkochten und wür- den ihren Einfall ausgeführt haben, wenn jener ihnen nicht eingewandt hätte, dass er sich erst ausziehen wolle. Unterdess kam sein Führer zu- rück. Haben die hellen Zwischenzeiten Einfluss auf die Zurechnung? Eine schlüpfrige Aufgabe für den Criminalisten und für den gerichtlichen Arzt. Zuvörderst müssen in dieser Beziehung die Intermissionen, die allerdings der Zurechnung fä- hig sind, unterschieden werden von den Remis- sionen. Wie schwer ist schon dies! Dann bestim- me man den Grad der Remission, der bey inten- siven Grössen nicht positiv bezeichnet werden kann. Ferner kömmt es darauf an, ob die Re- mission scheinbar oder wahr sey. Der Wüthrig ohne Verkehrtheit äussert seine Wuth nicht, wenn die äusseren Verhältnisse ihm ungünstig scheinen S. oben 372 S. . Endlich muss ausgemittelt werden, ob die Handlung in der Remission oder in einem wiederkehrenden Anfall geschehen sey. Und zu- letzt ist noch zu erwägen, ob die in Anfrage ste- hende Handlung mit dem Gegenstand des Wahns eine oder keine Verbindung habe? Allein da es überhaupt schon schwer ist die Gesetze concreter Associationen nachzuweisen, wer vermag dann, es zu entscheiden, ob Vorstellungen und Handlun- gen, die nach unseren Ansichten keine Verknüp- fung haben, diese nicht in einem verrükten Kopf haben können? §. 22. Wie soll der Wahnsinnige in der Reconvalescenz behandelt, wie sol- len die Rückfälle seiner Krankheit verhütet werden ? Wenn er zu genesen an- fängt, so verkürzen sich die Anfälle der Exaltation, kommen seltener und bleiben endlich ganz aus. Er fängt an, seinen Zustand zu ahnden und die Rückkehr des Uebels zu fürchten. Und eben diese Furcht ist eine beruhigende Erscheinung, die auf Wiederkehr des Bewusstseyns der Persön- lichkeit, als dem Merkmale der vollendeten Ge- nesung, hinweist. Auch in dem Gang der kör- perlichen Geschäffte, in den Aus- und Absonde- rungen, der Verdauung, dem Herzschlag, der Wärme u. s. w. ereignen sich mancherley mehr oder weniger sichtbare Veränderungen. Die mo- ralische und physische Erregbarkeit des Kranken ist empfänglicher für den Einfluss normaler Reize. Daher bedarf er einer vorzüglichen Schonung. Sobald die Genesung des Kranken durch diese Erscheinungen angekündiget und in der Fol- ge bestätiget wird, und er anfängt, sein grenzen- loses Elend zu ahnden; so trenne man ihn von den übrigen Kranken im Irrenhause. Man suche ihm seine Krankheit in den gefälligsten Umrissen, als ein hitziges Fieber oder als eine schwere Ner- venkrankheit vorzustellen. Ihr wahres Bild wür- de ihn mit Schauder und namenloser Traurigkeit erfüllen. Besonders verwahre man ihn, dass er nicht solche Epochen seiner Krankheit erfahre, die nach seinem Dafürhalten seine politische Exi- stenz zernichten Welche schauderhafte Folgen die Erinnerung, im Tollhause gewesen zu seyn, haben könne, mag folgende Geschichte lehren. Ein junger Theologe wurde durch das eifrige Studium der Apocalypse toll. Er genas. Man nahm ihn aus dem Tollhause weg, gab ihn in eine Pri- vatpension, und verheimlichte ihm sorgfältig seine Krankheit und seinen ehemaligen Aufent- haltsort. Als er wenigstens dem Schein nach vollkommen genesen war, kam der Vater vom Lande herein, das Genesungsfest seines Sohnes zu feiern. Nach Tische wurde ein Spatzier- gang vorgeschlagen in eine Allee, die vom Tollhause sichtbar war. Auf einmal blieb der Reconvalescent tiefsinnig stehn. Mein Gott, rief er aus, die Gegend ist mir so bekannt, alles umher mir so vertraut, so frisch und so leben- dig in meiner Seele. Diesen Baum da habe ich oft Tage lang beobachtet. Er war meine Uhr. Stund er im Volllichte und warf er seinen ein- geschrumpften Schatten quer durch die Allee, so war es Zeit zum Mittagsessen. Streckte er . Schon der Gedanke im Toll- hause gewesen zu seyn, ist dem besonnenen Manne schrecklich! Doch ist ohne Tollhaus die Heilung schwierig, unmöglich. Wie soll diese Kollision vermittelt werden? Ein wahnsinniger Musikus war auf dem Wege der Genesung, er spielte seine Geige wieder und trieb diese Lieblingsübung acht Mona- ihn gigantisch über das Feld hin, zuckte das Sonnenlicht nur noch schwach auf seinem Wipfel, so war dies die Stunde zum Abend- brodt. Sagen Sie doch, lieber Doktor! fuhr er fort, wo war ich, als ich diese Gegend hier zur Aussicht hatte? Die Gesellschaft suchte ihn abzuleiten, aber umsonst. Laut lachend wies er mit dem Stock gerade auf das Zimmer des Tollhauses hin, wo er zwey Monathe gesessen hatte. Ist dies da drüben nicht die Jammer- klause, sagte er, wo ihr mich armen Schächer so lange gefangen hieltet? Doch die Zeit ist vorüber; desto schöner lacht die Zukunft. Ich habe da drüben doch auch manche selige Stun- de genossen. Wenn ich des Morgens zum Fen- ster hinausblickte und die Lerche hörte, wenn ich Berg und Thal und Stadt und Feld im Schimmer der Morgenröthe und die Sonne dort hinter dem Rebenberg heraufzittern sah, und an die Millionen dachte, denen sie leuchtete! O, da war ich mitten in meinem Jammer glück- lich. Ich dächte, Vater! sagte er, wir be- suchten auf ein halbes Stündchen das Zimmer, wo sein Franz solang in schauernder Einsam- keit sass. Alles Widerstreben war umsonst; das Zimmer wurde geöffnet. Franz weinte, wie ein Kind, als er hineintrat. Ach mein Gott, rief er aus, da steht noch alles an dem nemlichen Orte. Hier die Bettlade; dort das hölzerne Tischgen und der Armen-Sünder- stuhl; das Christusbild hier an der Wand, dort die Monate lang mit auffallendem Nutzen für die Herstellung seiner Vernunft. Nun wurde ein an- derer Verrückter mit ihm an einen Ort gebracht, dessen wilde Ausbrüche seinen Kopf wieder in dem Grade verwirrten, dass er seine Violine zer- schlug und von neuem in einen unheilbaren Wahn- sinn verfiel Pinel l. c. 215 S. . Daher scheint es auch nicht zweckmässig zu seyn, die Reconvalescenten zur Bedienung der Kranken zu gebrauchen, welches die bemahlte Scheibe. Da komme er ans Fen- ster, lieber Vater! und seh er, ob ich wahr ge- sprochen habe. Sieht er den Baum dort in der Allee? und den Weinberg? und den Bach im dämmernden Abendlichte? Hier musste sein Franz am Gitter stehn wie ein Missethäter, hier gebunden liegen wie ein Mörder. Nun schäum- ten die Gedanken seiner empörten Seele über ihre Ufer hin und aus Grabesnacht brach der Entschluss zur schauderhaftesten That, zum Vatermord, hervor. Hier, sagte er, fütterten sie mich mit Wasser und schimmlichem Brodt, hier wälzte ich mich im Staube und rang mit allen Schrecknissen des Todes. Und du ver- schworst dich auch wider mich, Rabenvater! Nun ergriff er ein zinnernes Wassergefäss vom Tisch. Dein Auge rief er aus, ist vertrocknet, du hast keine Mitleidsthräne für deinen Sohn, Kannibale? ha so soll Blut statt der Thränen fliessen! und stiess ihn vor die Stirn, dass er todt niederfiel. Moritz Magazin der Erfah- rungs-Seelenkunde 6 B. 3 St. 90 S. F f nach Thouin in dem Amsterdammer Irrenhau- se geschehen soll Pinel l. c. 212 S. . Der Reconvalescent muss in dem nemlichen Gang der Kur, bey welchem er zu genesen anfing, erhalten werden, bis seine Genesung vollendet ist. Sein durch die Kur bestimmter äusserer Zustand muss nie durch Sprünge, sondern allmählich zu dem freien Zustand übergehn, den er sich nach seiner eignen Willkühr bestimmt. Daher hüte man sich, ihn zu früh aus dem Irrenhause in den Schooss seiner Familie zurückzugeben. Es sind der Bei- spiele zu viele, dass darnach leicht Rückfälle ent- stehn. Der Kranke geht durch einen Sprung von einem äusseren Zustand zu einem anderen über, ehe er noch Festigkeit genug hat. Er kömmt unter Menschen, die ihn, seiner Seelen- schwäche angemessen, nicht mit genugsamer Deli- katesse zu behandlen wissen; er fühlt sich der Kuratel einer höheren Gewalt entlassen, miss- braucht seine Freiheit und Unabhängigkeit und überlässt sich seinen Launen, Aufbrausungen und Fehlern in der Lebensordnung, die ihn leicht in seine vorige Krankheit zurückwerfen. Man su- che den Reconvalescenten zu zerstreuen, ihn mit Gärtnerey, Feldarbeit, Professionen und solchen Künsten zu beschäfftigen, die seine Neigungen anziehen. Dazu muss also jede Irrenanstalt Ge- legenheit haben. Man hüte ihn für heftigen An- strengungen der Seele, Leidenschaften, Schreck, Freude, für jeden Eindruck, der ihn plötzlich und stark erschüttert. Man schone sein Gefühl, das sehr reizbar ist, hüte ihn für Neckereien, Beleidigungen und Verachtung. Der unbedeu- tendste Fehler kann unsere schönsten Hoffnungen zerstören. Ein Bildhauer und Mahler reconva- lescirte; er äusserte den Wunsch zu mahlen. Man gab ihm dazu die nöthigen Materialien und er mahlte verschiedne Personen des Irrenhauses ab. Doch dies griff ihn zu sehr an; der Aufseher schlug ihm vor, ein Bild nach eignen Ideen zu ent- werfen, wo er freien Spielraum hätte. Er bat, weil er auch dazu sich zu schwach fühlte, ihm die Idee durch eine Zeichnung anzugeben, die er zum Muster nehmen könnte. Seine Bitte blieb unerfüllt. Darüber wurde er aufgebracht, zer- brach Pinsel und Palette, zerriss seine Skitzen und erklärte laut, dass er auf immer auf die Aus- übung der schönen Künste Verzicht leiste. Er verfiel von neuem in Raserey, hernach in Blöd- sinn und starb endlich an der Auszehrung Pinel l. c. 217 S. . In der Vorbauung der Rückfälle kömmt es vorzüglich auf die Bestimmung der Frage an: ob physischer oder psychischer Zustand den Hauptantheil an der Entstehung der Geisteszer- rüttung gehabt habe? Ist die Anlage erblich, an- gebohren, in der ersten Bildung gegründet, ist F f 2 eine Geneigtheit zur Wiederkehr in der Orga- nisation, die ursprünglich oder erworben ist, Krankheit des epigastrischen Geflechts, Anlage zur Tobsucht, falsche Leitungen der Irritabili- täts-Temperatur zurückgeblieben; so kömmt es vorzüglich auf körperliche Behandlung an. Der Kranke muss sich für Unmässigkeit in aller Rück- sicht hüten, Lebensart, Klima, Diät verändern, mit dem Körper arbeiten, wenn er vorher mit der Seele gearbeitet hat. Man sey behutsam im Früh- ling, bey heissem Wetter, bey Revolutionen im Körper z. B. Schwangerschaften. Man hüte ihn für Erschütterungen der Seele durch Leidenschaf- ten und für Anstrengungen derselben, besonders solchen, die auf Einen und auf einen abstrakten Ge- genstand gerichtet sind. War die Ursache mo- ralisch ; so muss vorzüglich der Psychologe die Verhütung der Rückfälle bewirken. Er sorge dafür, dass alle Seelenkräfte in richtigen Verhält- nissen angebaut, die Aufmerksamkeit geübt, die Phantasie gezähmt, sie und das sinnliche Begeh- rungsvermögen der Herrschaft des Verstandes unterworfen werden. Er kläre die Begriffe des Kranken über den Werth solcher irdischen Dinge auf, die vorzüglich Ursache leidenschaftlicher Aufwallungen sind. Manche Arten von Ver- rücktheit können in einem hellen Kopf nie Wur- zel fassen. Das Seelenorgan wird gestärkt, wenn es seinen Kräften angemessen, in seinen verschied- nen Provinzen gleichmässig, durch abwechselnde Geschäffte und mit eingestreuten Ruhepunkten angestrengt wird. Die Uebungen der einzelnen Seelenvermögen übergehe ich. Sie sind bereits oben angeführt. Das letzte und höchste Geschäfft des Psychologen sey, dem Kranken selbst Sinn für seine eigne moralische und intellectuelle Kul- tur beizubringen. Ist er mit sich selbst, mit sei- nen Schwächen und Vollkommenheiten vertraut, dann wird er selbst am besten seine Lücken ausfül- len und solchen moralischen Reizen, die er noch nicht wohl verträgt, durch ein sorgfältiges See- lenregime ausweichen, wie es Diätophilus l. c. 2 Th. 165 S. angegeben hat. §. 23. Wie soll ein Irrenhaus eingerich- tet seyn, damit es als Heilanstalt sei- nem Zwecke am vollkommensten ent- spreche ? Es muss so construirt seyn, dass alle Kräfte zur Heilung der Kranken vorräthig sind, harmonisch in einander greifen und nichts ihrem freien Spiele widerstreite. Daher darf es zuvör- derst nur Geisteszerrüttete aufnehmen, die wenig- stens subjektiv heilbar sind, damit nicht durch an- dere sich vielleicht widersprechende Bestimmun- gen sein Hauptzweck verlohren gehe. Diese Trennung heilbarer und unheilbarer Irrenden in besondere Anstalten sey der erste Schritt, mit welchem die Reform unserer Irrenhäuser beginne. Die Aufbewahrungsanstalt muss eine Anstalt für sich seyn. Ihr kann durch eine eigne und weit einfachre Organisation genügt werden. Die Heil- anstalt hingegen muss in Ansehung des Locals, der Organisation und des Personals so eingerich- tet seyn, dass die pharmaceutische, und, wenn meine Ideen über die Kurmethode der Irrenden Haltbarkeit haben, vorzüglich die psychische Kur- methode darin aufs vollkommenste gehandhabet werden könne. Wie wenig entsprechen unsere Irrenanstalten diesen Forderungen! Sie sind Tollhäuser, nicht bloss wegen ihrer Einwohner, sondern vorzüglich wegen des Widerspruchs, in welchem sie als Mittel mit den Zwecken stehn, die durch sie er- reicht werden sollen. Sie sind weder Heilanstal- ten, noch Asyle unheilbarer Irrenden, denen die Menschheit huldigen kann, sondern meistens Spe- lunken, in welchen die Gesellschaft absetzt, was ihr lästig fällt. Hat der Mensch so wenig Ach- tung für das Kleinod, durch welches er Mensch ist, oder so wenig Liebe für seine Nächsten, die es verlohren haben, dass er ihnen zum Wieder- erwerb desselben die Hand nicht bieten mag? Einige derselben sind den Krankenhäusern, an- dere den Armenhäusern, andere gar den Gefäng- nissen und Zuchthäusern angehängt. In allen die- sen Fällen fehlt es an frischer Luft, an Bewe- gung, an Zerstreuung, kurz an allen physischen und moralischen Mitteln, die zur Heilung der Kranken erfordert werden. Welcher Kopf ist im Stande, ein Krankenhaus und zugleich ein Narrenhaus mit nöthiger Schärfe zu beachten! Irrende, die noch einige Besonnenheit haben, müs- sen vollends rasend werden über die Unvernunft ihrer Nebenmenschen, die sie mit Dieben und Mördern in eine Klasse zusammenstellen. Die Zuchtknechte, Stockmeister und Diebeswärter sind meistens rohe Menschen, bey denen Barba- rey an der Tagesordnung steht, und welche oben- drein diese Unglücklichen als eine lästige Bür- de ihrer Amtspflichten betrachten, die sie, um sie auf die kürzeste Art zu besorgen, in feuchte Gewölbe, Gefängnisse und in die Kellergeschosse ihrer Anstalten einsperren. Das nächtliche Ge- brüll der Rasenden und das Geklirre der Ketten hallt Tag und Nacht in den langen Gassen wie- der, in welchen Käfig an Käfig stösst, und bringt jeden neuen Ankömmling bald um das Bischen Verstand, das ihm etwan noch übrig ist. Und doch sind Irrenhäuser, wie bereits oben bemerkt ist, in der Regel nothwendige Er- fordernisse zur Kur der Irrenden. In keinem Privathause kann der Umfang psychischer und physischer Mittel zu ihrer Heilung in der Voll- kommenheit geschafft werden, als in einem Ir- renhause. Die Kranken werden entfernt von den Gegenständen, die sie immer von neuem an ihre fixen Ideen erinnern. Sie sind umringt von lauter fremden Objekten, die ihre Aufmerksam- keit anziehn. Sie fühlen sich ausser dem Schoosse ihrer Familie verlassener, hoffen nirgends eine Stütze ihres Eigensinns und ergeben sich williger allen Vorschriften in einem fremden Hause, wo strenger Gehorsam an der Tagesordnung ist. Narren, Blödsinnige und Rasende gehören ohne Ausnahme alle hinein; und nur selten mag es Melancholische geben, die durch Kummer ge- beugt sind, die Nachstellungen der Menschen fürchten, und noch soviel Besonnenheit haben, dass eine gewaltsame Trennung von ihrer Familie ihnen grössere Nachtheile verursachen, als das Irrenhaus ihnen Vortheile verschaffen kann. Wenn daher unsere Irrenanstalten, wie es nicht bezweifelt werden kann, einer Verbesse- rung bedürfen; so ist es eben so gewiss, dass ihrer Reformation ein vollständiger Plan, nicht al- lein zur pharmaceutischen, sondern auch zur psy- chischen Kurmethode, zum Grunde gelegt werden müsse. Freilich fehlt es noch an einem vollkom- menen psychischen Kurplan. Allein wenn die Irrenanstalten auch nur nach dem jetzigen Maasse unserer Erkenntnisse zugeschnitten würden; so können sie doch schon alles übertreffen, was in der Art unter cultivirten Völkern gefunden wird. Welche Nation soll den Anfang machen? Jeder Patriot wünscht der seinigen diesen Ruhm. Schade, dass wir so wenige treue Beschrei- bungen den Irrenhäuser haben. Sie könnten zur Gründung besserer, zur Vermeidung ihrer Fehler und zur Auffassung ihrer guten Eigenschaften in ein Ideal vortrefflich genutzt werden. Allein die öffentlichen Behörden sehn es wohl ein, dass es ihrer Eitelkeit nicht schmeicheln würde, den Zustand ihrer Anstalten bekannt zu machen. Hier, lieber Wagnitz ! ist noch ein Blümchen zu pflücken, durch eine Entdeckungsreise in dies unbekannte Land. Sie bringen uns Topogra- phieen der Irrenhäuser, psychologische Anekdoten, Schädel seltener Narren, zur Exegese für die Gallsche Physiognomik mit, und können dann in den Sternenkranz ihrer Verdienste diesen Hauptbrillant neben den Zuchthäusern einflechten und in Parallele mit dem Weltumsegler, der höch- stens fremde Thiergerippe und Karten unbekann- ter Küsten zuführt, ihre Apotheose erwarten. Ich will einige rohe Umrisse eines Irrenhauses hinwerfen, das als Heilanstalt wirken soll, und zwar vorzüglich solche, die es als psychische Heilanstalt haben muss. Seine technischen Ein- richtungen, die es mit jedem Spital gemein hat, übergehe ich, und verweise die Leser an Herrn Marcus Von den Vortheilen der Krankenhäuser für den Staat, Bamberg 1790. , Howard Nachrichten von den vorzüglichsten Kranken- häusern in Europa, Leipzig 1791. und Krünitz Encyklopädie 47 Th. . Zuvörderst gebe man der Anstalt den mil- desten Namen, nenne sie eine Pensionsanstalt für Nervenkranke, ein Hospital für die psychische Kurmethode, und lasse nur solche Tollhäuser übrig, die sich vermöge ihrer Verfassung dazu qualificiren. Man verheimliche die Aufnahme der Irrenden, nehme zuweilen auch andere Kranke auf, die der psychischen Heilmethode bedürfen, und scheide augenblicklich die Reconvalescenten von den Kranken, damit jene in dem Spiegel ihrer Gesellschaft ihre Krankheit nicht entdecken. Es ist ein peinigender Gedanke, einmal ein Narr ge- wesen zu seyn. Selten schöpft der Kranke ihn aus sich selbst, denn das Bewusstseyn seiner Per- sönlichkeit ist durch seine Krankheit unterbro- chen. Er schöpft ihn vielmehr aus dem Geständ- niss anderer, die ihn ins Tollhaus brachten. Dann muss die Irrenanstalt als Heilanstalt nur so gross seyn, dass die Kräfte der äusseren und besonders der inneren Administration sie be- streiten können. Schwerlich dürfen mehr als zwanzig Kranke zu gleicher Zeit aufgenommen werden. Nun könnte es zwar scheinen, als wenn die deswegen nöthige Vervielfältigung der Institute in einem narrenreichen Staat seine Kräfte übersteigen möchte. Allein theils kosten kleine Anstalten weniger als grosse, theils wird die Zahl der heilbaren Irrenden im Verhältniss zu den unheilbaren gering seyn, und ihr Aufenthalt in der Anstalt nur auf die Dauer ihrer Krankheit, und nicht, wie bey jenen, auf die Dauer ihres Lebens sich erstrecken. Die Aufbewahrungsan- stalt kann grösser seyn, weil ihre Verwaltung einfacher ist. Die Irrenanstalt muss in einer anmuthigen Gegend liegen, die Seen, Flüsse, Wasserfälle, Berge und Felder, Städte und Dörfer in der Nähe hat. Sie muss Ackerbau, Viehzucht und Gärt- nerey besitzen. Der Garten ist vorzüglich für Kranke, denen man nicht ganz trauen darf. Er sey mit einer Mauer von der Höhe einer Brust- wehr eingeschlossen, auf derselben stehe ein Git- ter, damit die Aussicht nicht ganz gehemmt werde. Eine solche Lage macht es möglich, je- den Kranken zu zerstreuen und zu beschäfftigen, wie es seine Krankheit erfordert. Man kann ihm alle Lebensgenüsse, die stillen Freuden des Landes und die Ergötzung der Stadt verschaffen; ihn durch Gärtnerey und Feldbau oder durch Professionen und Künste des Städters beschäfftigen, nach seinem Bedürfniss An den zwey äussersten Enden des alten Egyp- tens lagen ein Paar dem Saturn geweihte Tem- pel zur Kur Irrender, in welchen Kunst und Natur, Kitzel der Sinne und Zauber der Reli- gion sich vereinigten, durch kraftvolle Eindrücke dem Kranken eine andere Richtung zu geben. Leibesübungen aller Art, angenehme Gesänge, komische Scenen, groteske Tänze, verführeri- sche Gemählde wechselten mit einander, und wurden durch religiöse Anstriche gewürzt. In . Dass übrigens die An- stalt gesunde Luft, keine Sümpfe und Moräste und hinlänglichen Abfluss der Kloaken, kurz alles haben müsse, was von einer gesunden Woh- nung gefordert wird, ist eine Selbstfolge. Ein einziges grosses Gebäude, in welchem alles zusammengefasst ist, hat zwar für die Ver- waltung grosse Vortheile. Das Zusammenseyn aller Gegenstände, die beachtet werden müssen, erleichtert die schnelle Uebersicht. Allein noch grösser sind die Nachtheile. Daher würde ich eher für die Form einer Meierey stimmen, die aus einem Hauptgebäude und mehreren um dassel- be zerstreut liegenden kleinen Häusern bestände. Ein Gebäude von einem Geschoss mit einem Sou- terrain hat viele Vorzüge vor hohen Gebäuden. Diese Construction der Anstalt in der Form einer Meierey erleichtert die nöthigen Absonderungen der Rasenden, Blödsinnigen und Genesenden, und hat das Schauderhafte eines Gefängnisses der Nähe waren blumenreiche Gärten, künst- liche Gebüsche. Die Kranken fuhren auf ge- putzten Schiffen den Nil herab, Musik begleitete sie, sie landeten auf lachenden Inseln, wo ihnen Schauspiele gegeben wurden, die mit Rücksicht auf ihre Krankheit entworfen waren. Es wur- den Reisen angeordnet zu heiligen Oertern, mit eingestreuten Festen, so dass beides, Zerstreuun- gen der Sinne und eine durch Religion gestärk- te Hoffnung sich vereinigten, die Bilder der Schwermuth zu verscheuchen. Se non e vero, almeno ben trovato. Pinel l. c. 196 S. nicht, was von einem einzigen grossen Hause kaum getrennt werden kann. Die Fenster sind ohne eisernes Gitterwerk; Rähme sowohl als Flügel bestehn hingegen aus Eisen, und haben kleine Scheiben. An Fenstern und Thüren sind keine Riegel und Ketten, son- dern Schlösser mit Federn, die beim Zuschliessen sich so verschliessen, dass der Kranke sie nicht öffnen kann. Auf diese Art ist für sein Entwei- chen gesorgt, und ihm die Idee erspart, dass er wie ein Gefangner gehalten werde. Im Erdge- schoss sind Zellen, in welche Kranke kommen, deren Freiheit Gefahr bringen kann. In dieselben fällt das Licht durch ein kleines Fenster, das nach den Umständen geöffnet oder zugemacht wird. Ein kleines Thürchen, welches sich nach aussen öffnet, dient dazu, die Kranken zu be- obachten, und muss so eingerichtet seyn, dass sie es nicht gewahr werden. Die Irrenden und besonders die Narren ha- ben einen widrigen specisischen Geruch, der als Gas und Dampf durch Haut und Lungen ent- weicht, und von Holz und Bleichwänden, wie von Schwämmen, eingesogen und nachher wie- der ausgehaucht wird. Fast alle Personen, die mit topischen Uebeln in mein Lazareth kommen, und übrigens gesund sind, bekommen das Hospi- talfieber, wenn sie auch in leere Zimmer gebracht werden, die lange gelüftet sind. Man muss da- her die Wände und Decken entweder mit gla rten Fliesen besetzen, oder mit Käsesirniss und anderen festen Tünchen überziehn, damit sie nicht ein- saugen und abgewaschen werden können. Die Fussböden werden von Eichenholz gemacht oder mit Marmor gepflastert und dann mit Decken be- legt. Man scheurt, wäscht und räuchert fleissig mit übersäurter Salzsäure Ann. de Chem. T. XXIX. 99 S. . Die Zimmer müssen einfach meublirt seyn, und im Winter mässig erwärmt werden. Einige Kranke vertragen die Hitze des Sommers nicht. Diese bekommen kühle Schlafgemächer im Erd- geschoss, und am Tage einen Aufenthaltsort in Grotten, am Wasser, unter dickschattigen Bäumen. Das Geschirr der Rasenden besteht aus Leder, Holz oder Metall, damit sie es nicht zerbeissen. Ausserdem muss die Irrenanstalt alles in Be- reitschaft haben, was zur pharmaceutischen und psychischen Kur der Irrenden erfordert wird. Dahin rechne ich Traufen, Sturzbäder, Douchen, Höhlen, Grotten, magische Tempel. Es muss einen grossen freien Platz zum Exerciren und zu gymnastischen Uebungen; Anstalten zu Concer- ten, Schauspielen und zu anderen Uebungen der Aufmerksamkeit haben. Es muss eine Vorrich- tung haben, durch welche der Kranke scheinba- ren Gefahren ausgesetzt und dadurch zur Selbst- hülfe aufgemuntert wird. Kurz die Heilanstalt muss alle bereits oben angezeigten Mittel in Be- reitschaft haben, die zur psychischen Kur noth- wendig sind. Diese werden in dem Maasse ver- mehrt, als die psychische Kurmethode erweitert wird, welches leicht geschehen kann, wenn nur in der Wahl des Locals und in der Anlage der Gebäude keine Fehler begangen sind. §. 24. Noch ein Paar Worte über die Policey und innere Verfassung solcher Irrenhäuser, die als Heilanstalten dienen sollen. Hauptsächlich muss dahin durch obrigkeit- liche Vermittelung gesehen werden, dass die Kranken so früh als möglich dem Institut zur Kur übergeben werden. Bey keinen Krankhei- ten ist die Procrastination der Hülfe nachtheiliger als bey Geisteskrankheiten. Ein einziger falsch behandelter Paroxismus kann vielleicht über die Heilbarkeit oder Unheilbarkeit des Krankenent- scheiden. Dann muss der Arzt des Orts nach wohl ab- gewognen Gründen es bestimmen, ob die Tren- nung des Kranken von seiner Familie räthlich und die Abführung desselben in die Irrenanstalt nicht etwan auf seine Krankheit einen nachthei- ligen Einfluss haben könne. Ob der Antrag zur Aufnahme in ein Irren- haus, das Heilanstalt ist, von der Obrigkeit und nach der Vorschrift der preussischen Gerichtsord- nung 1 Th. 38 Tit. §. 1 ‒ 8. geschehen solle, nach welcher die Kran- ken erst durch ein förmliches Rechtserkenntniss für Wahnsinnige erklärt werden müssen, zweifle ich fast. Dadurch würde wahrscheinlich die schnelle Abführung zum Nachtheil der Kur zu sehr verzögert. Die Aufnahme in die Heilanstalt kann auf ein blosses Attest des Arztes provisorisch verstattet werden. Die Sicherheit des Publikums ist nicht gefährdet, wenn nur die Aufnahme in die Aufbewahrungsanstalt, aus welcher keine Erlösung ist, mit aller Vorsicht veranstaltet wird. Mit dem Kranken muss zugleich eine Ge- schichte seiner Krankheit, seines moralischen und physischen Zustandes insgemein, der wahrschein- lichen Ursache seiner Geisteszerrüttung und der Art und Weise, wie sie sich äussert, eingereicht werden, nach einem Schema, welches die Di- rektion noch erst zu entwerfen hat. Unheilbare Kranke dürfen nicht aufgenom- men werden. Werden sie gleich augenblicklich als solche von der Direktion erkannt, oder ent- wickelt sich die Unheilbarkeit ihres Zustandes erst während ihres Aufenthalts in der Heilanstalt; so müssen sie an die Aufbewahrungsanstalt abge- geben werden. Auch diese Handlung, durch welche der Unglückliche nun auf immer seinem Schicksale hingegeben wird, ist so wichtig, dass sie mit der grössten Sorgfalt und Gewissenhaftig- keit verrichtet werden muss. Die Aufsuchung der Merkmale, durch welche der Kranke als Unheilbarer erkannt werden soll, ist medicini- schen schen Inhalts und ein Theil der Semiotik, der noch einer genaueren Erwägung bedarf. Die Bestätigung des ärztlichen Urtheils ist Sache der Obrigkeit, und geschieht am besten nach den Formalitäten, die in den preussischen Gesetzen vorgeschrieben sind. Tollhäuser müssen daher öffentliche Anstal- ten seyn, und unter der speciellen Aufsicht des Staats stehn. Privat-Tollhäuser, wie sie sonst in England waren, sind der bürgerlichen Sicher- heit gefährlich. Mir sind Fälle bekannt, dass selbst in öffentlichen Tollhäusern Menschen ein- gesperrt gewesen sind, die nicht verrückt waren. Wie viel leichter ist dies in Privat-Anstalten möglich, in welchen die Aufnahme ohne öffent- liche Auctorität geschieht, und deren Inhaber keine Untersuchung fürchten dürfen. Sie sind Privat-Gefängnisse, für welche Niemand sicher ist, der zwischen Habsucht und Bossheit ins Ge- dränge kömmt. Der Eingesperrte kann in le- benslänglicher Gefangenschaft verschmachten, ist der grausamsten Behandlung ausgesetzt, selbst nicht seines Lebens sicher, weil diese Oerter ausser der Sphäre der Policey liegen. Ja man hat sogar Fälle, dass bey einer durch öffentliche Auctorität veranstalteten Untersuchung der Privat-Tollhäuser die Kerkermeister derselben die Vernünftigen so lang bey Seite geschafft haben, damit sie über ihre Lage den Beschauern keine Vorstellung ma- chen könnten. G g Ein wichtiges Stück der Policey des Irren- hauses ist die Speiseordnung , die noch einer besonderen Beobachtung bedarf. Die Diagnosis der Sthenie und Asthenie ist ungewiss. Auch kömmt es darauf an, ob man diese Prädikate auf die Vegetationsinstrumente oder auf den dynamischen Gehalt des Seelenorgans bezieht. Im Blödsinn sind zuverlässig die Seelengeschäffte des Gehirns asthenisch, obgleich die Vegetation in den übri- gen Regionen des Organismus mit hinlänglicher Energie von statten gehen kann. Man muss da- her die Wirkungen der Diät noch genauer in den Individuen beobachten, und manchmal aus dem Erfolg auf ihre Statthaftigkeit schliessen. In der Regel hat man vielleicht zu allgemein Geisteszer- rüttete auf eine magere Diät eingeschränkt. Sie passt nur im Anfang der Krankheit, für robuste und vollblütige Subjekte, für Geisteszerrüttungen, fixen Wahn und Tobsucht, die mit Thatkraft verbunden sind; allein selbst in diesen Fällen nicht unbedingt, wie ich noch sagen werde. Diese Kranke trinken Wasser, essen Obst und Gemüse, und schlafen wenig. Narrheit und Blödsinn sind an sich asthenischer Natur, und fordern in dieser Beziehung eine nahrhafte Diät, wenn nicht die Thätigkeit der Vegetationsinstrumente überhaupt das Gegentheil gebietet. Kranke, die schlaff, mager, entkräftet, durch Blutflüsse, Durchfälle, Kummer und andere schwächende Ursachen um ihren Verstand gekommen sind, müssen eine nahr- hafte Diät bekommen. Im Blödsinn und der dumpfen Melancholie kann Tobsucht entstehn, und jene Krankheiten als Krise entscheiden. Diese muss man zuweilen durch eine reizende Nahrung erregen oder unterstützen. Kranke, die rasen, sich stark bewegen, viele Wärme er- zeugen und wenig schlafen, konsumiren unge- heuer durch die beschleunigte Vegetation, und müssen daher mit zureichender und derber Nah- rung versehen werden, wenn sie nicht in Asthenie verfallen sollen. Diese Art Kranke sind des- wegen auch meistens sehr gefrässig. Fehlt es an Stoff in blutleeren Subjekten bey hinlänglicher Verdauungskraft, so gebe man Nahrungsmittel im eigentlichen Sinn, Bier, Getreide-Schleime, Eier, Milch und Fleischspeisen. Fehlt es zugleich an Reiz bey trägen, stumpfen, blassen, gedun- senen und kalten Subjekten, die an schwacher Verdauung leiden und in Schwermuth versunken sind, so soll man den Nahrungsmitteln Reize, Wein, Condimente und Gewürze zusetzen. Als während der Revolution in der Salpe- trière und dem Bicetre die Brodtpor- tionen vermindert wurden, verfielen die Rekon- valescenten von neuem in Raserey, es entstan- den Bauchflüsse und Ruhren, und in zwey Mo- naten starben mehrere als sonst im ganzen Jahre Pinell l. c. 231 S. . Post pleuritidem sanatam, sagt Gili- G g 2 bert Advers. med. Obs. V. vidi hominem ab inanitione delirantem quod probatum fuit curatione delirii, quae tot consistebat in nutritione appropriata. Quand enim comedebat, cessavit delirium, peracta dige stione iterum delirabat; manducando sapiens fie bat. Wie nah sind Essen und Denken, Vegetation und Seelenfunction verwandt! Ein junger Mensch wurde wahnsinnig. Man liess ihm stark und of t Blut, dadurch wurde er so entkräftet, dass er i n Blödsinn verfiel. Pinel Mém. de la Soc. méd. d’émul. T. II. 241 S. verordnete ihm ein nahrhafte Diät. Der Blödsinn stieg zur Verrückt heit, diese bis zur Raserey und nach derselbe n kehrte die Vernunft zurück. So gab Parge ter l. c. 103-108 S. einem solchen stumpfen Kranken zum Frühstück eine Pinte Milch, fünf Unzen Brod t und eine ziemliche Portion Muscatnuss; zum Mittage ein Pfund Fleisch, sechs Unzen Brodt eine Pinte Porter und dabey Pfeffer, Senf und Meerrettig in reichlicher Quantität. Das Abend - brodt war wie das Frühstück. In der Irrenanstalt muss jeder, seinem Ver - mögen und seiner Krankheit angemessen, beschäft - tiget werden. Müssiggang und Faulheit stört all Ordnung. Arbeit macht gesund, erhält den Ap - petit, ladet zum Schlaf ein, und mindert di e Congestionen nach dem Kopf. Sie mindert di e leeren Aufbrausungen und die Verirrungen der Imagination dadurch, dass sie auf sich heftet und die Fülle der Lebensgeister durch andere Wege ableitet. Spinnerey und Wollarbeiten sind zu ein- förmig und ungesund. Die Arbeit muss Wechsel haben, in freier Luft geschehen und mit Bewe- gung verbunden seyn. Anfangs genügt eine bloss mechanische, Land- und Gartenarbeit, in der Folge muss sie mit Anstrengung der Seele, wie die gymnastischen Uebungen, verknüpft seyn. Auf Erwerb darf sie in den Irrenhäusern nicht berechnet seyn. Doch lohnt man die Fleissigen, als wenn sie wirklich etwas verdient hätten, um sie aufzumuntern. Gerechtigkeit und strenge Ordnung muss in den Irrenhäusern in allen Verhältnissen der Kran- ken, in dem Betragen der Dienstleute gegen die- selben, im Essen, Trinken, Schlafen, Reinigen, Kleiden und Arbeiten obwalten. Die beobach- tete äussere Regel wirkt auf sie zurück, ordnet ihren verwirrten Kopf, und flösst ihnen das Ge- fühl der Nothwendigkeit und des Gehorsams ein. Die Gerechtigkeit wirkt ihrem Argwohn, Men- schenhass und ihrem Starrsinn entgegen. Züchti- gungen der Halsstarrigen werden durch den Aus- spruch der Oberen beschlossen und pünktlich voll- zogen; aber eben so pünktlich erfülle man ver- sprochne Belohnungen. Nie muss den Dienstleu- ten es gestattet werden, die Kranken nach ihrer Willkühr zu strafen. Entschuldigungen der Ge- genwehr lasse man nicht gelten. Man halte ihnen keine Barbarey gegen diese Unglücklichen zu gute, sondern strafe und entlasse jeden, der sich derselben schuldig gemacht hat. Des Nachts müssen alle Behältnisse der Irrenden stündlich vi- sitirt werden. Besuche neugieriger Fremden sind in jeder Heilanstalt unzulässig. Wozu ein Schauspiel, das die Phantasie der Kranken erregen, Raserey und Rückfälle veranlassen kann. Pinel l. c. 236 S. führt Beispiele der Art an. Die Wärter pflegen gar die Kranken auf ihre fixen Ideen zu helfen, um die Zuschauer zu belustigen. Selbst Verwandte dürfen ohne Erlaubniss des Arztes keinen freien Zutritt haben. Oft ist vollkommne Sonderung von allen bekannten Gegenständen ein Hauptmo- ment in dem Kurplan. Nur dann kann man die Besuche der Verwandten gestatten, wenn sie zum psychischen Kurplan gehören, und dem Kranken Trost und Hoffnung gewähren. Wer an der Be- schau seiner eignen Narrheit nicht genug hat, mag sich an die Aufbewahrungsanstalten wenden, in welchen die erregten Exaltationen von wenigerem Nachtheil sind. Welche Kranke sollen in die Heilanstalt auf- genommen werden? Heilbare Irrende, wie be- reits oben gesagt ist. Ausserdem könnte man vielleicht noch andere Nerven-Kranke, Hypo- chondristen, Schlafwandler, Enthusiasten und überhaupt solche, die vorzüglich der psychischen Kur bedürfen, aufnehmen. Diese Kranke ge- wönnen wahrscheinlich an Schnelligkeit der Ge- nesung und die Anstalt verlöhre das Ansehen ei- nes blossen Irrenhauses, welches ein bedeuten- der Vortheil ist. Nach welcher Regel sollen die Kranken in der Anstalt geordnet werden? Der Stand kann keinen Unterschied machen. Man hat sie vor- züglich nach ihrer natürlichen Verwandtschaft zu ordnen gesucht. Allein theils ist diese noch nicht zulänglich ausgemittelt, theils zweifle ich, ob das Ordnen nach dieser Regel zweckmässig sey. Wird nicht der Trübsinn des einen, den Trübsinn des andern erregen? ein Rasender den andern wecken? Wird der Narr unter lauter Nar- ren gescheut werden? Eher möchte ich noch den Melancholischen zu einem Narren, als zu einem seines Gleichen stellen? Wenn ich es aber be- zweifle, dass eine Klassisikation nach einer abso- luten Regel statthaft sey; so vertheidige ich damit die verwirrte Mischung nicht, in welcher die Kranken in den meisten Irrenhäusern zusammen leben. Ich glaube vielmehr, dass die möglichste Sonderung am dienlichsten sey; daher die An- stalt nicht zu gross seyn dürfe und die Form ei- ner Meierey haben müsse. Uebrigens muss die Direktion, nach dem Befund der individuellen Umstände, die Subjekte trennen und zusammen- stellen. Soll irgend ein fixer Eintheilungsgrund bestehen, so würde ich denselben am liebsten von dem physischen Kurplan hernehmen. Anfangs be- kömmt jeder neue Irrende seine Lection für sich, bis er an Gehorsam gewöhnt und zur Kur gehö- rig vorbereitet ist. Dann werden mehrere, die auf einer Stufe stehn, zusammen geübet und un- terrichtet. Jede Klasse, bis zu den Reconvales- centen, hat keine Gemeinschaft mit einander, wenn nemlich das Beispiel schaden kann. Dass zugleich in der Klassifikation für die psychische Pädagogik auf Erziehung und Kultur der Seele gesehen werden müsse, der gebildete Stand einer höhern Stufe des Unterrichts bedürfe als der gemeine Mann, versteht sich von selbst. Sollen in dieser Stufenleiter, nach der Annäherung zur Ge- nesung, die Männer von den Weibern getrennt werden? Im Allgemeinen, glaube ich, nein; doch muss dies noch genauer beobachtet werden. Die Rasenden mit und ohne Verkehrtheit bedürfen vorzüglich einer physischen noch zu be- richtigenden Kur und müssen theils dieserwegen, theils wegen des nachtheiligen Einflusses auf die anderen durch ihr Gebrüll und durch die Stö- rung des Schlafs ganz getrennt werden. Man muss sie genau in Beziehung des Einflusses äusse- rer Potenzen, des Lichts, der Gesellschaft, der Speisen beobachten und darnach ihr Regime ord- nen. In den hellen Zwischenzeiten soll man ih- nen Freiheit geben und sie in einem eignen Revier unter einer besonders dazu instruirten Auctorität arbeiten lassen. Was zu ihrer Bändigung und Sicherung geschehen müsse, ist bereits oben gesagt. Irrende, die zugleich fallsüchtig oder mit anderen Nervenkrankheiten behaftet sind, müssen gleichfalls gesondert werden. Die Wahnsinnigen scheuen den Anblick der Fallsucht oder fahren auf den Kranken zu, schlagen und misshandlen ihn. Der Anblick kann die Fallsucht durch den Trieb zur Nachahmung verbreiten. Auch sind diese Kranke meistens unheilbar und daher nicht für die Heilanstalt geeignet. Endlich muss noch ein eignes Krankenhaus vorräthig seyn, wohin die Geisteszerrütteten kom- men, wenn sie von Ruhren, Fiebern und ande- ren Krankheiten befallen werden. Diese Krank- heiten erfordern bloss körperliche Mittel. Doch muss der Arzt auch in der psychischen Kurme- thode erfahren seyn, damit er den Einfluss dieser Krankheiten auf die Geisteszerrüttung beobachte und zur Heilung der letzten davon Gebrauch mache. §. 25. Die Heilanstalt für Irrende an sich ist ein tod- tes Ding. Durch Menschen muss sie gleichsam erst Leben und Federkraft bekommen. Wir geben ihr eine äussere und innere Administration; jene besorgt die allgemeinsten und ökonomischen, diese ihre besondern und technischen Geschäffte. Die äussere Administration überge- he ich, und bemerke bloss, dass sie nicht allein aus öffentlichen Auctoritäten bestehen sollte, die so leicht durch ihren Rang im Staat imponiren und von ihrer Macht Gebrauch machen, wo sie mit Gründen nicht durchdringen können. We- nigstens sollten einige Privatpersonen zugezogen werden, die ohne Eigennutz, aus Patriotismus, für die bürgerliche Societät arbeiten und durch fremde Verhältnisse nicht von ihrer Pflicht abge- zogen werden. Dann muss auch das Personal der inneren Administration in ihr Sitz und Stim- me haben, damit jene nicht Dinge beschliesse, die mit dem Zweck der Anstalt im Widerspruch stehn. Zur innern Administration zähle ich den Oberaufseher, Arzt, Psychologen und die Dienstleute. Die Dienstleute übergehe ich. Sie sind abhängig von dem Oberstab, Maschinen, die er nach seiner Willkühr als Mittel zu seinen Zwe- cken gebraucht. Es kömmt also vorzüglich auf die Bestimmung der Qualitäten des Oberstabs an, von dem, als von ihrer Seele, der Erfolg der An- stalt zunächst abhängig ist. Der Oberaufseher, Arzt und Psychologe müssen folgende allgemeine Eigenschaften, Ta- lent, Kunde ihres Fachs und guten Willen zur Ausübung desselben haben. Sie müssen Beobach- tungsgabe und Scharfblick besitzen, um ins In- nerste der Herzen zu dringen und die verborgen- sten Triebfedern der Verkehrtheit auszuspähn; Schnelligkeit im Auffassen der Gegenstände, im Entschliessen und Inprovisiren, um jedes momen- tane Ereigniss zu nützen; Muth, um die erschüt- terndesten Scenen auszuhalten; Geduld und Be- harrlichkeit, um die misslungnen Versuche solang zu wiederholen, bis sie zum Zweck führen. Der ganze Vorrath von Kenntnissen, von allgemei- ner Menschenkenntniss, Philosophie, Psycholo- gie und Arzneykunde stehe ihnen zu Gebot, der zur Ausübung ihres Fachs erfordert wird. Da- bey fehle es ihnen nicht an Uebung, ihre Kennt- nisse auf concrete Fälle, Behufs des Zwecks der Heilung Irrender, anzuwenden. Ihr Charakter sey unbescholten, ihr Herz edel; Menschenliebe und Pflichtgefühl leite jeden ihrer Schritte; fern sey aller Eigennutz, Liebe für die Kunst und Trieb, das vorgesteckte Ziel zu erreichen, belebe ihre Thätigkeit. Sanftmuth und Ernst wech- sele auf ihrem Gesicht, wie die Umstände es wollen; ihr Herz sey so fern von kalter Barba- rey als von ohnmächtiger Gelindigkeit. Durch Ueberlegenheit ihrer Talente, Mässigung ihrer Leidenschaften und durch Würde in ihrem Betra- gen sollen sie sich die Liebe und Achtung der Ir- renden erwerben. Furcht, als Folge einer tyranni- schen Behandlung, ist mit Hass und Verachtung gepaart. Meistens sind die Verrückten noch klug genug, die Schwäche und den Unverstand ihrer Vorgesetzten bemerken zu können. Ihre Rede sey kurz, bündig und lichtvoll. Die Gestalt des Körpers komme der Seele zu Hülfe und flösse Furcht und Ehrfurcht ein. Er sey gross, stark, muskulös; der Gang majestätisch; die Mine fest; die Stimme donnernd. Am besten scheint es zu seyn, dass diese drey Personen durch keine äussere Rangord- nung von einander getrennt werden. Jeder der- selben verfolge sein eigenthümliches Geschäfft, mit Hinsicht auf den gemeinschaftlichen Zweck, der durch ihr vereintes Wirken erreicht werden soll. Der Oberaufseher besorgt die Oekono- mie des Hauses, Küche, Kleidung, Wäsche, die Hauspolicey, hält die Dienstleute zu ihren Ge- schäfften an und leitet das Ganze so, wie es dem Plane des Arztes und Psychologen zur Kur der Irrenden angemessen ist. Er sey davon satt- sam unterrichtet, dass die Anstalt zur Kur und nicht zur Verpflegung der Kranken da sey. Der Arzt und Psychologe sind die nächsten Kräfte, durch welche die Kur der Irren- den bewerkstelligt werden muss. Sie sind beide Heilkünstler, bloss verschieden durch die Mittel, welche sie anwenden, sofern jener durch phar- maceutische, dieser durch psychische Mittel wirkt. Sie stehn also in einem ähnlichen Verhältniss zu einander, wie der Arzt zum Wundarzt. Auf Namen und Personen kömmt es hier nicht an. Genug dass die Irrenden zum Theil psychisch be- handelt werden müssen, und dass dies nicht an- ders als von einem Menschen geschehen kann, der dazu die nöthigen psychologischen Kenntnisse hat. Es ist gleichgültig, ob diese Kenntnisse in zwey Personen oder gemeinschaftlich mit den ärztlichen in einer Person vereinigt sind, ob der Inhaber derselben Psychologe, Arzt oder Predi- ger heisse. Allein da beide Zweige der Arznei- kunde, die psychische und pharmaceutische, von einem so ungeheuren Umfang sind, dass sie fast die Kräfte eines Menschen überschreiten; so halte ich es für gerathen, zwey Personen im Irrenhause zur Kur der Kranken unter den Namen des Arz- tes und des Psychologen anzusetzen. Der Arzt muss die pharmaceutische Arzneikunde in ihrem ganzen Umfang umfassen, mit der Physiologie des Körpers durchaus bekannt seyn, die Krank- heiten der Seele aus der Pathologie zu seinem Hauptfach gemacht haben, und dabey in der Psychologie nicht unerfahren seyn. Der Psycho- loge hingegen soll in der Philosophie überhaupt zu Hause seyn, die praktische Seelenlehre, auf Arzneikunde angewandt, das Studium der See- lenkrankheiten, die psychische Kurmethode zum Hauptgegenstand seines Wissens gemacht, und von der Medicin überhaupt wenigstens eine allge- meine Ansicht haben. Beide müssen beobachten und untersuchen, dieser die Ursprünge aus der Seele, jener die Ursachen im Körper, den Plan zur Kur gemeinschaftlich entwerfen, und der Arzt dann die Heilung der körperlichen Gebre- chen, der Psychologe die Pädagogik der Seele übernehmen. Nach diesem Verhältnisse werden in der Folge ihre Instructionen angefertiget. Die Psychologen zu diesem Gebrauch müssen erst noch gebildet werden, weil man bis jetzt diese Anwen- dung der Psychologie nicht cultivirt hat. Zu Aerzten würde ich Herrn D. Langermann in Baireuth, Herrn D. Erhard und Meyer in Berlin empfehlen können. Dass diese Posten hin- länglich lohnen müssen, versteht sich von selbst. Es widmen sich sonst keine Männer diesem müh- samen Geschäfft, die Talent haben und überall mit demselben vortheilhafter wuchern können. Die Dienstleute wählt und entlässt der Oberstab nach seiner Willkühr. Er wählt junge rüstige und gewandte Menschen, die Verstand genug haben, den Plan zu fassen, der zur Kur der Irrenden entworfen ist. Oft ist es nöthig, dass ein Kranker eine gewisse Zeit unter bestän- diger Aufsicht stehe. Dazu werden die Dienst- leute angewiesen. Einige derselben müssen im Ackerbau, der Gartenkunst, dem Schwimmen, Drechseln und andern gymnastischen Uebungen erfahren seyn, damit sie die Lectionen ausführen können, die zur Kultur der Irrenden von dem Arzte angeordnet werden. Alte Krieger passen daher nicht zu diesem Geschäfft, und noch weni- ger die Genesenen. §. 26. Irrenhäuser, die nach obigen Grundsätzen ein- gerichtet sind, würden noch zu Pflanzschulen die- nen können, in welchen angehende Aerzte in dem schwierigen Zweig, nemlich der Therapeutik der Seelenkrankheiten unterrichtet würden. Die Zöglinge dienten zugleich als Gehülfen. Die an- gesetzten Aerzte hielten Vorlesungen über Seelen- krankheiten, psychische Kurmethode und empi- rische Psychologie, zum Gebrauch für die prakti- sche Arzneikunde, und hätten dabey die Gele- genheit, ihre theoretischen Vorträge durch Bei- spiele zu erläutern. Auch würde in einem sol- chen Irrenhause eine reiche Erndte für die Psy- chologie gemacht werden können, zu welchem Zweck die Irrenhäuser bis jetzt noch wenig ge- nützt sind. §. 27. Noch fehlt es an einem Moment, das leicht genannt, aber schwer geschafft wird, Geld zur Ausführung dieser Ideen. Der Staat trete als Obervormund dieser Unmündigen an die Spitze ihrer Versorger. Man überzeuge die reichen Capitularen, dass das Uebermaass des Fetts ih- ren Nachfolgern ungesund sey; wecke den Bür- gersinn zu Subscriptionen und Vermächtnissen an diese Anstalten; und lasse den Reichen, der durch sie geheilt ist, für die Armen mit be- zahlen. §. 28. Was für euch, unglückliche Geschöpfe! die das Verhängniss von der Stufe der Menschheit hinunterschleuderte, wo Intelligenz und Aussen- welt am vollkommensten in einander greifen, der Mensch thun müsse, um euch wieder zu sich hin- aufzuheben, das habe ich nach meinem besten Wissen gesagt, und der unbefangene Menschen- verstand richte, ob mein Mund wahr geredet habe. Das höchste Moralgesetz will, dass das geschehe, was mit der Form der reinen Vernunft übereinstimmt, und die Fürsten des Landes sind es, denen eure Sachwalter die Acten zum Spruch vorzulegen haben. Sie nahmen auch euch unter ihre Flügel, als sie sich an die Spitze von Millionen stellten, um sie in einen Körper zu regeln, in welchem Volksglück als höchster Zweck durch alle Glieder der Verwaltung pulsi- ren soll. Leider zertrümmert es oft in dem Wi- derstreit der Kräfte, bis die Staatskörper in rich- tigen Verhältnissen gegen einander gravitiren und wie die Weltkörper in dem leeren Raum, gross und klein, Sonnen und Sterne, in friedlicher Eintracht am politischen Horizont durch Men- schenalter sich fortwälzen. Dann aber, Edle Fürsten ! spiegle sich Eure Regentengrösse in Handlungen, die keinem Theile der Masse die Köpfe zerknicken und dem allein wohlgefällig seyn können, der vom Aequator zu den Polen alle Menschen mit gleicher Güte umspannt. Eure Pflicht gegen Geisteszerrüttete, die als Unmün- dige sich am nächsten an Euer Vaterherz drängen, auch nur bey einem unter Euch geweckt und ihn an die Spelunken hingezogen zu haben, wo- hin die Gesellschaft sie ausspie und sie Eurem Auge entzog, sey mein Lohn; nur einen Bürger geret- tet, tet, aus eines braven Mannes Brust den Dämon der Melancholie verscheucht und das kochende Blut eines rasenden Orlando ’s abgekühlt zu haben, der ohne mich in Banden geschmiedet und in seiner eignen Gluth erstickt wäre, sey meine Bürgerkrone, die bloss den ehrt, der sie giebt den nicht ehren kann, der sie empfängt; die Hoffnung, dass der Faden, den ich angesponnen habe, ins Unendliche ausgesponnen werde und mit jedem Schritte vorwärts den Klauen des Tollhau- ses einen seiner Bewohner entreisse, sey mein Nachruhm, in dem ich fortlebe, wenn der Sturm über meine Gebeine saust. So läuft ein Gedanke unsterblich durch Menschenketten fort, wenn längst das Organ zerstört ist, das ihn zuerst aus- sprach und tritt in neue Associationen wie der Staub in neue Gestalten hervor. Noch eins, ehe ich schliesse. Ich habe in- nerhalb des Gebiets der Arzneikunde geschrieben und den Dilettanten in Regionen geführt, von de- nen er vielleicht nicht ahndete, dass sie inner- halb ihres Bezirks enthalten wären. Möchte dies die mikrologischen und verächtlichen Be- griffe von ihr tödten, die von dem Tross abstie- ben, der mit der Unwissenheit seiner Pepiniere ihre Frechheit erbte. Als höhere Physik, auf den bestimmten Zweck des Heilgeschäffts an- gewandt, kann sie sich nur von ihren Schlacken reinigen und ihre Grenzen erweitern, in dem Maasse, als jene aus ihrem Helldunkel immer H h mehr ans Tageslicht hervortritt. Jene ist aber kaum skitzirt, geschweige denn vollendet. Von diesem Begriff mögen die Akademieen und Bu- reau’s des öffentlichen Unterrichts es entlehnen, was sie ihr schuldig sind; Urtheile zurückneh- men, bey welchen der Genius der Kunst den Rücken wendet, als sey bereits für sie ge- nug gethan ; und Ministerknechte, Speichel- lecker und ohnmächtige Achselträger von den Tribünen stürzen. Hehre Göttin, Natur! wie wenig verstehn es deine Kinder, die du in dem Strome der Zeit wie Funken von dir sprühst, ihre Genealogie nachzu- weisen. Jeder lauert dir aus dem Hinterhalte des Eigennutzes auf und späht in so mannichfalti- gen Geistesfesseln, als derselbe Seiten hat, um- her, bis er den Punkt findet, auf welchem er sein Saugwerkzeug ansetzen kann. Der Kameralist wühlt deine Eingeweide auf, gräbt die Metalle aus deinen Adern, steigert deine Geburten durch Ueberreizung zu Monströsitäten und glaubt, dei- nen Schleier aufgehoben zu haben, wenn er dich nöthigt, eine doppelte Erndte aus deinem Füllhorn über seine Kartoffelfelder auszuschüt- ten. Ein anderer balgt die Thiere aus, läuft wie der Knabe mit der Scheere den Schmetter- lingen nach, sammlet die Leichname der Pflanzen in seine Catacomben ein und glaubt, dich dadurch zu erhaschen, dass er dich, wie eine Wilde, stückweise in sein Kabinet einfängt und den spha- celirten Absätzen deiner Glieder, in welche du dich verzweigst, einen tönenden Namen giebt. Seine Kenntniss ist Kenntniss des Volks, Vokabeln und Anekdoten, die er aus dem Volkskörper, wo sie vereinzelt kreisen, in ein Gefäss gesammlet hat. Dort bricht ein Artist ein Fragment deines Riesenkörpers ab, schlept es wie ein Maulwurf in seine Höhle, experimentirt mit demselben zwar zum Behuf eines Zwecks, doch ohne Sinn, und ergötzt und erschrickt sich über die Convul- sionen desselben, wie ein Kind sich ergötzt und er- schrickt, das auf ein besaitetes Instrument fasst. Vergebens bemüht er sich, wie ein Blinder, der durch die Betastung seiner Stubenwände nie zur Idee des unermesslichen Weltraums gelangt, die abgerissene Kette von Erscheinungen in einem Cy- clus zusammenzuknüpfen und in einer Monade Einheit zu finden, die in der Sphären Gesang wie- derhallt. Viel hat er noch an sich zu bessern, ehe er in die Speichen der Organismen eingreifen, die Natur bevormundschaften, und sich zum Weg- weiser ihrer Verirrungen aufwerfen kann Wie dieser Athlet mit dem physischen, so experimen- tirt jener Dynast mit dem moralischen Menschen. Er zwingt ihn, sich von seinem eignen Geist los- zusagen, formt ihn als Gestaltloses nach einem Typus, der in seiner Phantasie ausgeprägt ist, in Menschengruppen zusammen, in welchen sein Geist wandelt, und glaubt, neben dem Zeus die Zügel zu halten, an welchen die Weltordnung ge- H h 2 gängelt wird. Nur hie und da weilt ein stiller Beobachter, der reines Geistes ist, und in hohen Gefühlen dich um deiner selbst willen zu um- armen strebt. Mit spähendem Blick irrt er durch die Räume deines unermesslichen Körpers zum Focus hin, von welchem deine Ströhmungen ins Weltall ausgehn, sich spalten und wieder zusam- menschmelzen, diesen Widerstreit der Kräfte durch alle Glieder, in den mannichfaltigsten Ver- zweigungen nachweisen, und den ewig regen Pulsschlag erhalten, der Leben in alle Adern der Natur ausgeusst. Er ist es, dieser Zwiespalt der Kräfte, der den Formentrieb im Chaos weckte, das Weltall zu Körpern ballte, ihnen die Bahn anwies, die sie Aeonen lang wandlen, dass sie nicht in todte Eissteppen sich zusammendrängen oder in den leeren Raum hinausranken und die Lichtmagnete der Milchstrasse als eine ungeheure Dunstwolke umlagern. Er ist es, in seinen zar- testen und verwickeltsten Verhältnissen, der den anorganischen Stoff hinaufsteigert aus der todten Welt in die belebte. Leises Schritts wandelt sie hier, die plastische Göttin Natur! und versucht sich zuerst, gleichsam sich selbst nicht trauend, in der einfachsten Forme der Organisation, die sie in den Polypen ausprägt. Eine organische Röhre, in ihr Vegetation und Gestalt, sich selbst Mittel und Zweck, ein beschlossenes Ganze, die erste und rohste Skitze der Individualität, ohne Reflektionspunkte, eine zitternde Gallert, die gleich einem Monochord unmittelbar wiederhallt, was die Aussenwelt in sie hinein ruft. Von dieser einfachsten Gestaltung steigt sie weiter die Stufenleiter der Plastik hinan, schafft nach der nem- lichen Idee, in eine andere Formel aufgefasst, ein zusammengesetzteres Produkt, aus Faktoren in mehrfacherer Zahl und von zarterem Gehalt. Sie setzt Gefässe, sammlet sie in ein Herz; setzt Nerven, Nerven mit Heerden, in jedem Heerd einen Reflektionspunkt für die äusseren Einflüsse innerhalb der Organisation, bis endlich alle von dem einen grossen Heerd des Gehirns , hoch an dem positiven Pole der Organisation, verschlun- gen werden. Durch Individualität trennte sich die Organisation ab von der todten Natur; ihr setzt dieser Dynast Persönlichkeit zu, und nähert sie der Intelligenz an. Mit jedem neuem Faktor gehn neue Arten, in denselben neue Vermögen, mit denselben neue Zwecke zum Gebrauch für die Reflektion hervor. Je mehr das Nervensystem Reflektionspunkte hat, je vollkommner diese sich beziehn, sich asso- ciiren und in einem Hauptbrennspiegel alle zur Einheit aufgefasst werden, desto mehr brechen sich die äusseren Einflüsse innerhalb der Organi- sation, desto später und mehr umgestaltet kehren sie zur Aussenwelt zurück und nähern sich in diesen Metamorphosen der Spontaneität an. End- lich knüpft die organische Plastik Intelligenz mit Natur zusammen. Auch hier ist, wie überall, ewiger Zwiespalt und ewiger Bund. Auf den niederen Stufen tritt die Natur hervor, bis end- lich in der höchsten Potenziirung des Geistes das grosse Kunstwerk der cislunarischen Welt, der Mensch , entsteht, in welchem der Organismus dem Geiste seine innere Seite der Reizbarkeit als Gemüth zukehrt, das der Intelligenz gleichsam zur Aetherhülle dient, in welcher sie zur Aussenwelt herniedersteigt. Mit einem doppelten Janusgesich- te steht er als Grenzgott auf der Scheidung beider Welten. Mit seinem Geist blickt er in die intel- lectuelle, mit dem Gefühle seines Organismus in die materielle Welt hinüber. Mit seinem Auge, hoch an der Stirn, saugt er das Licht von der Welt im Raum ein, mit dem Ohre fasst er die in der Sprache verkörperten Ideen auf und horcht dem Geflüster des Geisterreichs zu. So construirt die Natur das Thierreich nach einer allgebrai- schen Formel, in Gleichungen von verschiedenen Graden, streut ihre plastischen Versuche in allen Potenzen verschwenderisch um sich her aus und löst rückwärts in der Analysis auf, was sie an dem einen Extrem in der Synthesis gab. Diesen Dädalus von Faktoren, den Men- schen , in welchem gleichsam alle Facultäten des Thierreichs zur Individualität und Persönlichkeit aufgefasst sind, soll der Arzt in seinen tausendsäl- tigen Beziehungen und Verhältnissen enträthseln. Und wie am besten? Auf der nemlichen Spur, auf welcher die Natur zu seiner Bildung gelangte. Er steige vom Zoophyten die Stufenleiter der Or- ganisationen hinan und laufe an der Kette der sichtbaren Formen von den einfachsten zu den verwickeltsten fort. Er sondere im Organismus, was ihn erhält, von dem, was sich als Parasit an ihm nährt; die Organe, die auf das eigne Seyn sich beziehn, von solchen ab, die auf ausheimische Zwe- cke gehn. Er fasse die direkten Werkzeuge der Vegetation auf und exponire ihre steigende Vered- lung; rücke weiter zu den Organen fort, die jenen den Stoff bereiten und das Caput mortuum nach seiner Verarbeitung ausspeien. Dann folge erst, was diesem Gerüste der Thierheit, das mit- telbar oder unmittelbar die Möglichkeit des Lebens begründet, angehängt, in der Idee frey, in der Wirklichkeit bestimmt ist, die Differenz der Gat- tungen und Arten setzt, nach aussen wirkt, zur Fortpflanzung, Vertheidigung, zum Erwerb der Nahrung und zum sinnlichen und intellectuellen Genuss dient. Von allen organischen Elementarthei- len, Organen und organischen Systemen, durch die ganze Thierkette, in steigenden Dignitäten, sondere er einen Prototypus ab, zum Regulativ in der Be- urtheilung der Individuen, merke die Modifikatio- nen desselben in den Gattungen und Arten und das dadurch gesetzte und damit in Parallele stehende Hervortreten der Kräfte und Vermögen an. Nach- dem ein richtiger Standpunkt für die Naturlehre nachgewiesen ist, ziehe er Linien durch ihr unge- messenes Feld, vertheile die Provinzen zum Anbau unter die Masse, vermöge sie nach einer Idee zu wirken, bis ein Grosser im Volk aufsteht, der von seiner Veste lichten Höhen die Ebne überschaut, über die Pflöcke wegschreitet, das erworbne Ma- terial sammlet, ordnet, ihm Gestalt giebt. So wird allmählich eine allgemeine Physik des orga- nischen Naturreichs aus dem Chaos hervorgehn, in welcher die Elemente für jede besondere der Arten enthalten seyn sollen. Auf keinem ande- ren Wege als auf diesem, durch Kultur der Na- turphilosophie überhaupt, der Physik der anorga- nischen Natur, der Organomie und der Psycho- logie kann die Naturlehre des Menschen reel ge- steigert werden. Die Arzneikunde wendet sie auf bestimmte Zwecke an, hebt die dazu taugli- chen Theile derselben besonders aus und lehrt die Methode ihres Gebrauchs. Uebrigens darf ich nicht in Abrede seyn, dass wir im Mittelpunkt besser als in der Peri- pherie sehn; die Welt, die wir construirt haben, besser, als die Welt des Weltschöpfers verstehn. Allein wir sind nun einmal nur Schöpfer der unsrigen, nicht Schöpfer der wirklichen Welt; nicht im Mittelpunkt des Weltalls gestellt, son- dern an die Rinde eines Atoms derselben gefesselt. Keiner allein wird die Grenzen der Naturwissen- schaft erweitern, weder der Empiriker, der in den Fesseln der Erscheinungswelt gefangen liegt, und es nicht wagt, ihren Zauber mit dem Hebel seiner Vernunft zu durchbrechen, noch der Egoist, dem die wirkliche Welt ein Lump gegen dieje- nige ist, die er aus seines Geistes Tiefen hervor- zieht, und seiner leichtgläubigen Klike es aufbür- det, dass er durch einige unverständliche Wort- formeln die Mysterien der Natur beschworen habe. Sie wandelt sicheren Schritts ihrer Voll- endung näher, ohne sie zu erreichen, wenn Em- pirie und Speculation sich die Hand bieten, und alle Kräfte, die das Gallsche Schimpforgan vergeudet, vorwärts dem einen Ziele zu streben, das uns alle zieht. Dann habe ich zum prakti- schen Gebrauch geschrieben, welches einen be- schränkten Kreis, besondere Ansichten, mehr oder weniger isolirte Erfahrungen und Fertigkei- ten in der Ausübung voraussetzt, und harre des Lichts, das von oben herab dem Empiriker ent- gegenrückt, und seine dunkelen Stiege erleuchten soll. Bis dahin nütze man, was man hat. Er- trag, sey er auch noch so gering, ist besser als Brache. Man nahm Enzian wider das Fieber, so lange man die China nicht kannte, zog Zähne und Staare, ehe Newton und Keppler waren; Newton und Keppler waren im Besitz der höheren Mechanik, wer aber Zähne und Staare zu ziehen hatte, ging zu Pfaff und Casaa- mata . Inhaltsanzeige . V orrede. §. 1. Das Tollhaus ist im Kleinen, was die Welt im Grossen ist; schwächt unsern Glauben an Im- materialität der Seele. Unser Verhalten gegen die Tollhäusler; warum es nicht zu billigen sey? Barbarey gegen dieselben. Herrn Wagnitz Verdienste um dieselben. §. 2. Oeffentliche Tollhäuser sind die Basis aller Vorsorge für die Irrenden; ihre Vortheile; Zwe- cke als Heilanstalten und Aufbewahrungsanstalten; Organisation der letzteren. Ob es räthlich sey, beide in einer Anstalt zu verbinden? Die Con- struction der Heilanstalten muss sich auf den Plan der zweckmässigsten Kurmethode gründen. §. 3. Psychische Kurmethoden, was sie sind? Be- griff der Heilmittel; ihr Unterschied in chemi- sche, physisch-mechanische und psychische Mit- tel; darnach die Differenz der drey Arten der Kurmethoden, der chirurgischen, medicinischen und psychischen. §. 4. Geschichte der psychischen Kurmethode. §. 5. Schwierigkeiten in ihrem Gebrauch; die Mit- tel haben keine absolute Grösse, das Seelenorgan als Individuum eine sehr unbestimmte Receptivität, besonders bey Geisteszerrüttungen. Kranke dieser Art müssen zum Gebrauch der Mittel gezwungen werden. Die Krankheit selbst hat keine Stättig- keit. §. 6. Die psychische Kurmethode gehört in das Gebiet der praktischen Erfahrungs-Seelenkunde. Diese ist nicht Hülfswissenschaft der Arzneikunde, son- dern Theil derselben. Was eine Psychologie für Aerzte sey? ihre Eintheilung in Physiologie und Pathologie, Heilmittellehre und Therapeutik. Wie sie auf den hohen Schulen cultivirt werden müsse? §. 7. Zwey Wege Krankheiten zu heilen, durch Entfernung ihrer Ursachen und durch direkte Wegschaffung der Krankheit selbst. Die unmittel- bare Tilgung des Wahnsinns muss durch psychische Mittel geschehen. Sie erregen das Gehirn, und durch die Erregung desselben wird die Tempera- tur der Kräfte abgeändert, die im Wahnsinn ab- norm ist. Durch Erregung wird das Seelenorgan ausgebildet, durch dieselbe muss sein kranker dynamischer Zustand auch wieder rectificirt wer- den. §. 8. Die Psychologie muss besonders zum Gebrauch für die psychische Kurmethode bearbeitet werden. §. 9. Selbstbewusstseyn, was es ist? Es verknüpft das Mannichfaltige zur Einheit, und bewirkt dadurch Persönlichkeit. Individualität als Analo- gie. Das Nervensystem bewirkt die Vorstellung der Individualität, das Gehirn die Persönlichkeit. Im Bewusstseyn unterscheiden wir die Vorstellung, das Subject, das Object; fassen durch dasselbe die Zeit und den Raum auf, in welchem wir sind, und knüpfen alles, was sich mit uns in der Ver- gangenheit ereignet hat, an das nemliche beharr- liche Ich unserer Person. In dem Nervensystem müssen wir die Grundvesten des Selbstbewusst- seyns aussuchen; alle Getriebe desselben müssen sich richtig beziehn, im Gehirn als ihrem Brenn- punkt zusammengehängt seyn. Die Abnormitäten desselben rühren von Unordnungen im Nervensy- stem her; diese sammlen sich im Gehirn. Das kranke Selbstbewusstseyn weicht ab in Beziehung auf Objektivität, im Traume, im Nachtwandlen; es weicht ab in Beziehung auf Subjektivität und eigne Persönlichkeit, bey Nervenschwächen, im Irrereden; Zweifel an der Persönlichkeit, Vertau- schung derselben. Beispiele. Abweichung des Selbstbewusstseyns im Zusammenfassen aller unserer Verhältnisse zur Einheit der Person. Beispiele. Krankheiten desselben in Beziehung auf Continui- tät in der Rückerinnerung. Beispiele. Mangel des Bewusstseyns gewisser Perioden unseres Lebens. Beispiele. Fälle, wo das Selbstbewusstseyn Zeit und Ort nicht festhält. Sonderbare Art von Träumen. Aehnlichkeit des Wahnsinns mit dem partiellen Wirken des Nervensystems im Traum. §. 10. Besonnenheit; was sie ist? äussere, innere; ist unwillkührlich im Beginnen; ihre verschiedene Grösse; Krankheiten derselben, ihr Mangel. Man- gel der äussern Besonnenheit. Beispiele. Zer- streuung, Vertiefung. §. 11. Aufmerksamkeit; ihr Unterschied von der Besonnenheit; ihre Krankheiten. §. 12. Gesetze, nach welchen das Selbstbewusst- seyn, die Besonnenheit und die Aufmerksamkeit wirken. Sie sind abhängig von dem Zustand des Nervensystems. Das Nervensystem hat nur Kräfte zum Handlen, wenn es wirklich handelt. Was sind dunkele Vorstellungen? Warum dazu eine Weile erfordert werde, wenn ein Gegenstand durch die Aufmerksamkeit angemerkt werden soll. Eine Action im Nervensystem wirkt als Erregungs- mittel zu einer andern. Die Kraft der Nerven ist beschränkt. Die Seele muss ihre Kraft auf den Gegenstand richten, der der merkwürdigste ist, doch noch so viel Irritabilität übrig behalten, dass sie auch die Eindrücke anderer Gegenstände wahrnimt. Gegenwart, Grösse, Gewandtheit des Geistes; das Richten der Kraft auf einen Gegen- stand muss eine gewisse Ausdauer haben, Flatter- hastigkeit. §. 13. Die meisten Seelenkrankheiten sind Zusam- mensetzungen. Ihre Neigung dazu. Ihre Analysis in Arten. Wie die Arten aufgefunden werden. Starrsucht des Vorstellungsvermögens, Geistesab- wesenheit, Entzückung, Unempfindlichkeit, Wir- kung der Starrsucht der Vorstellungen auf die Be- wegungen. Das Hämmern. Ideenzüge und Ge- dankenjagden, kommen in der Tobsucht und Narr- heit vor. Einfluss derselben auf die Bewegungen. Beispiele. Kur. §. 14. Welche Geisteszerrüttete müssen psychisch geheiltwerden? Unter gewissen Bedingungen, alle. Doch wird auch die körperliche Kurmethode er- fordert; in welchen Fällen und zu welcher Zeit? Nachtheile, die entstehn, wenn eine falsche Kur- methode angewandt wird. Der Arzt der Irren- den muss also beides, Seelen- und Körperarzt seyn. Die körperliche Kur der Irrenden scheint mehr Salz nöthig zu haben; Anwendung der Elektricität, des Galvanismus; gänzlich veränderte Lebensart. §. 15. Psychische Heilmittellehre. Psychische Mit- tel, was sie sind? Begriff eines Seelenarztes. Die psychischen Heilmittel sollen neben den chemi- schen und chirurgischen in der Materia Medica vorkommen, ihren dritten Theil ausmachen. Kräfte der psychischen Mittel, absolute, relative Wege, durch welche sie zur Seele gelangen. Sie wirken durch durch Actionen, die sie im Nervensystem erregen, modificiren dadurch dessen Kräfte. Ihre Anwen- dung auf unmündige und mündige Kranke. Als solche erreichen sie bloss das Gemeingefühl und die Sinnorgane; allein dadurch entstehn Gefühle, Vor- stellungen, Gemische aus beiden. Ihr Einfluss aufs Gefühlsvermögen; angenehme, unangenehme, sinnliche, geistige Gefühle. Gefühl ist Anschauung der Action des Seelenorgans in der Form der Lust oder Unlust. Aufs Gefühlsvermögen können wir mit dem grössten Vortheil durch die psychischen Mittel wirken. Das Vorstellungsvermögen als Sinnlichkeit und Verstand, als Einbildungskraft und Gedächtniss. Direct können wir nur auf den äussern Sinn wirken; nicht auf das Denkvermö- gen und den innern Sinn. Begehrungsvermögen ist refrain unserer innern Functionen. Instinct, sinnliche Begierde, Wille. Einfluss der psychischen Mittel auf das Begehrungsvermögen. Verschied- ner Gebrauch der psychischen Mittel. Negative Methode. Fälle, wo sie anzuwenden ist. Beispiele. Gemüthszerstreuung; Art ihrer Anwendung, Wirkung. Positiver Gebrauch der psychischen Mittel. Wie sollen die psychischen Mittel klassifi- cirt werden? Nach ihren vorwaltenden Bestand- theilen; daher drey Klassen derselben. 1ste Klasse. Reize, die Lust machen; angenehmes Lebensge. fühl, Wein, Mohnsaft, Wärme, Streicheln, thie- I i rischer Magnetismus, Beischlaf; Entfernung der Schmerzen. Wirkungen der thierischen Lust. Reize, die Unlust machen; unangenehmes Lebens- gefühl, Hunger, Durst, Niessmittel, Blasenpflaster, Peitschen mit Brennesseln, starker Kitzel, Krätze, Tortur, Züchtigungen, Anwendung des Wassers, der Traufe, Douche. Ihre Wirkung. Bemer- kungen über die Zucht der Irrenden; ihre An- wendungsart. 2te Classe. Objekte, die dem äu- ssern Sinn vorgehalten werden; wir lassen entwe- der eine Reihe derselben folgen, oder halten nur eins vor. Diesem muss Interesse beiwohnen, da- mit es sich eigenmächtig fortpflanze. Anwendung und Nutzen einer Reihe von Bildern. Einflüsse aufs Getast, aufs Ohr, Katzenklavier, Musik; aufs Gesicht, Theater. Beispiele. 3te Classe. Zei- chen und Symbole und besonders Sprache und Schrift zur Erregung unserer Vorstellungen, Phan- tasieen, Begriffe und Urtheile. Erregungen durch dieselben. Anwendung. Beispiele. §. 16. Therapeutik der Geisteszerrüttungen durch psychische Mittel. §. 17. Allgemeine Regeln. Die psychische Kurme- thode ist noch unvollkommen, daher sehe man auf ihren Effect. Man bringe den Kranken gleich anfangs in die Hände eines geschickten Arztes; applicire die Mittel, als zufällig. Verliert der Arzt das Zutrauen des Kranken, so gehe er ab. Den Kranken, der sich ermannt, muss man zu halten suchen. §. 18. Vorbereitung der Geisteszerrütteten zur Kur. Sie sind Unmündige, müssen also genöthigt wer- den, die Kur an sich zuzulassen. Die Vorberei- tung geschieht auch durch psychische Mittel; sie geht darauf, den Kranken zur Besonnenheit und zum Gehorsam zu nöthigen. Mittel zu diesem Zweck. Man muss ihn so setzen, dass er sich ganz hülflos fühlt. Vorkehrungen zu diesem Be- huf im Tollhause. Man befiehlt Dinge, deren Befolgung man erzwingen kann. Beispiele. Ein- drücke aufs Gefühl und die Sinne. Züchtigungen. Inpromtües. Beispiele. Dadurch werden die Hand- lungen des Kranken in ein System der Regelmä- ssigkeit gebracht. Vortheile davon. Die Mittel, durch welche wir Gehorsam erzwingen, wirken zugleich auch auf das Selbstbewusstseyn, die Be- sonnenheit und Aufmerksamkeit. Erst machen wir bey dem ganz Sinnlosen einige rohe Züge durchs Nervensystem, dann spornen wir an zur eignen Thätigkeit durch scheinbare Gefahren, in welche wir den Kranken bringen. Mildere Reize zur Weckung der Thätigkeit, Reiten, Schwimmen, I i 2 Exerciren. Arbeit in den Tollhäusern; ihr Nut- zen; Beispiele des guten Erfolgs zur Kur der Irrenden. Uebungen der Aufmerksamkeit, Gym- nastik; des innern Sinnes; der Einbildungskraft; des Gefühlsvermögens; des Verstandes; des Be- gehrungsvermögens. §. 19. Kur der Geisteszerrüttungen in Beziehung auf ihre entfernten Ursachen. Eintheilung dersel- ben. Entfernte Ursachen im Gemeingefühl. Ab- stuffungen in der Zartheit des Baues, verschiedne Dignität der Nerven, Heerde in denselben. Ge- nerationssystem, phrenische Gegend und das Son- nengeflecht; Bögen, die der Stimmnerve, der phrenische und der grosse fympathische Nerve beschreiben. Wie Krankheiten des Gemeinge- fühls Geisteszerrüttungen erregen? Beispiele. Kur. Krankheiten der Sinnorgane als Ursach der Gei- steszerrüttungen. Beispiele. Kur. Phantasie, ihr Einfluss auf Seelenkrankheiten; das Wirken der Phantasie pflanzt sich in die Sinnesnerven und die Nerven überhaupt fort. Daher die Stellung des Muskelsystems. Einfluss der Phantasie auf die Kur der Irrenden. Beispiele. Kur. Moralische und sinnliche Auswüchse. Religion. Vorwürfe, die sich der Mensch über etwas macht; zu grosse Achtsamkeit auf die Zustände des Körpers, Hypo- chondrie; Leidenschaften, Entdeckung derselben, Atonie von denselben, wie sie zu heben sey? Heimweh, schreckhafte Träume; Schmerzen, Eitelkeit, Hochmuth, Nachahmungstrieb, Anstren- gungen der Seele. Kur. Gymnastik. §. 20. Direkte Kur der Geisteszerrüttungen. We- sentliche, zufällige Differenzen derselben. Was sind Arten? Hoffbauers Eintheilungsgrund. Sthenische, asthenische Geisteszerrüttungen. Son- derbare Erhöhung der Geisteskräfte in Gemüths- krankheiten. Beispiele. Arten der Geisteszer- rüttungen: 1) Fixer, partieller Wahnsinn, Melan- cholie. Fixe Ideen ohne Wahnsinn. Fixe Idee mit Ueberzeugung, dass sie Wahrheit sey, begrün- det die Melancholie; alle andern Merkmale, z. B. Trübsinn, sind zufällig. Verschiedenheit der fixen Idee; bezieht sich meistens auf unerreichte Zwecke, daher gehässige Leidenschaften und Handlungen; zuweilen aber auch auf erreichte Zwecke, und ist alsdann mit Frohsinn verbunden. Association der fixen Idee mit allen übrigen; Uebergang derselben in andere. Natur des fixen Wahns; Entstehung desselben aus dem Hange der Menschen sich in geträumte Lagen zu versetzen, sich selbst zu be- stimmen. Psychische Cur des fixen Wahns über- haupt; durch die Zeit; durch andere starke Ein- drücke; durch Ueberredung, der Kranke habe seine Zwecke erreicht. Modifikation des fixen Wahns; Kur dieser Modifikationen; fixirte Vor- würfe; Einbildung zu verarmen; Glaube an Ver- wandlungen des Körpers und der Persönlichkeit; Aberglauben; Religion; Liebe; Lebensüberdruss; Todesfurcht; Aufopferungen, um sich bekannt zu machen; Schwärmerey; dumpfer und rastloser Wahnsinn. 2) Tobsucht und Raserey; ihre Natur, Erscheinungen, Zusammensetzungen. Catalepsie und Ideenjagd in der Tobsucht. Sie ist acut und chronisch, hat mehrere Grade, ist körperlichen Ursprungs, ihre Ursachen und Kur. Wuth ohne Verkehrtheit; worin sie bestehe? Erscheinungen, Ursachen, Kur. 3) Narrheit; Begriff; Erschei- nungen; Beispiele; Kur. 4) Blödsinn; ist Asthe- nie der Seelenvermögen; seine Merkmale. Seine Zusammensetzung. Dem Blödsinnigen fehlt es an Selbstbewustseyn, Besonnenheit und Aufmerksam- keit; Sinne, Gedächtniss und Imagination sind schwach; Gefühls ‒ und Begehrungsvermögen stumpf. Sprachfähigkeit; Zustand des Muskelsy- stems. Modifikationen desselben; Grade. Ge- brauch seiner Grade in der Pädagogik und in der gerichtlichen Arzneikunde. Dummheit und Blöd- sinn; wie sie sich unterscheiden? Einfachheit und Zusammensetzung. Dynamischer und organischer Blödsinn; der dynamische ist anhaltend oder tran- sitorisch. Entfernte Ursachen. Kurplan des Blöd- sinns; nach welchen Regeln er zu entwerfen ist. Mitwirkung des pharmaceutischen Arztes. Psy- chische Mittel zur Weckung der Erregbarkeit des Gehirns; Reize auf die Sinnlichkeit; Kultur der Aufmerksamkeit durch scheinbare Gefahren, Gym- nastik, wissenschaftliche Uebungen. §. 21. Helle Zwischenzeiten; was sie sind? treten plötzlich ein; sind periodisch oder erratisch; Vorboten der Paroxismen. Behandlung in der hellen Zwischenzeit; welchen Einfluss sie auf die Zurechnung habe. §. 22. Behandlung in der Reconvalescenz; Ver- hütung der Rückfälle. Man trenne den Recon- valescenten von den Kranken; lasse ihn allmählich zu seiner vorgewöhnten Lebensart zurückgehn; verhüte die Rückfälle nach Maassgabe ihres Ur- sprungs aus der Seele oder aus dem Körper. §. 23. Einrichtung eines Irrenhauses als Heilan- stalt; muss getrennt seyn von der Aufbewahrungs- anstalt; nicht Anhängsel der Armen- und Zucht- häuser seyn; einen milden Namen haben; nicht zu gross seyn; in einer anmuthigen Gegend liegen; die Form einer Meierey haben; in Rücksicht der Fenster, Thüren und Fussboden wohl verwahrt seyn. §. 24. Policey im Irrenhause; Aufnahme der Irren- den in die Heilanstalt; Abgabe der Unheilbaren an die Aufbewahrungsanstalt. Tollhäuser müssen öffentliche Anstalten seyn. Speiseordnung. Ar- beit im Irrenhause; Ordnung; Besuche der Reisen- den. Wie sollen die Irrenden geordnet werden? Fallsüchtige; Krankenhaus für Irrende, die auf eine andere Art erkranken. §. 25. Aeussere, innere Administration. Allgemeine Eigenschaften des Oberstabs. Oberaufseher; Arzt; Psychologe; Dienstleute. §. 26. Irrenhäuser nach obigen Grundsätzen einge- richtet, würden Pflanzschulen für angehende Aerzte seyn können. §. 27. Fond dazu. §. 28. Schlussanmerkungen. Ladenpreis 1 Thlr. 18 Gr.