Daniel Caspers von Lohenstein Großmuͤthiger Feldherꝛ Armini ũs oder Herrmañ, Als Ein tapfferer Beschirmer der deutschen Freyheit/ Nebst seiner Durchlauchtigen Thũßnelda Jn einer sinnreichen Staats- Liebes- und Helden-Geschichte Dem Vaterlande zu Liebe Dem deutschen Adel aber zu Ehren und ruͤhmlichen Nachfolge Jn Zwey Theilen vorgestellet/ Und mit annehmlichen Kupffern gezieret. Leipzig/ Verlegt von Johann Friedrich Gleditschen Buchhaͤndlern/ und gedruckt durch Christoph Fleischern/ Jm Jahr 1689 . Unter Jhrer Roͤm. Kaͤyserl. Majestaͤt sonderbaren Begnadigung. D em D urchlauchtigsten/ G roßmaͤchtigen F uͤrsten und H errn/ H errn F riedrich dem D ritten/ M arggrafen zu B randenburg/ D es H eil. R oͤm. R eichs E rtz- C aͤmme- rern und C hur- F uͤrsten/ in P reußen/ zu M agde- burg/ J uͤlich/ C leve und B erge/ S tettin/ P om- mern/ der C aßuben und W enden/ auch in S chlesien zu C roßen und S chwibuß H ertzogen/ B urggrafen zu N uͤrnberg/ F uͤrsten zu H alberstadt/ M inden und C ammin/ G rasen zu H ohen- Z ollern/ der M arck und R avensberg/ H erꝛen zu R avenstein/ der L ande L auenburg und B uͤtow/ ꝛc. M einem genaͤdigsten C hur- F uͤrsten und H errn. D urchlauchtigsteꝛ G roßmaͤchtiger C hur- F uͤrst/ G naͤdigster C hur- F uͤrst und H err. A Rminius/ vor welchem das W elt-beherꝛschende R om mehrmals gezitteꝛt/ hatte das A bsehen/ seine sieg- haffte W affen/ welche nebst J hm vor mehr als tausend J ahren zu S taub und A sche worden/ wiederum ans T agelicht zu bringen/ und solche Eur. Chur-Fuͤrstl. Durchl. Erlauchtestem Herrn Vater/ b Zuschrifft. hoͤchstruͤhmlichen A ndenckens zu F uͤssen zu legen. D ie- ser deutsche H eld zohe J hmund seinen L andes- L eu- ten das R oͤmische J och recht unerschrocken vom H al- se/ darunter viel K oͤnige seuffzeten/ und wiedmete die eroberten R oͤmischen A dler/ W affen und B eile nach der V arischen S chlacht seinen G oͤttern. W as W un- der: daß er sich mit seinen S ieghafften zu dem grossen Europeischen Friedrich Wilhelm zu wenden begehret? als zu einem viel rechtern GO tt/ weil G ott der G oͤtter die B eherrscher der E rden selbst so nennet; als einem hertzhafften V ertheidiger D eutschlandes; welches wegen der vor wenig J ahren so tapfer ver- fochtenen F reyheit (die gleich denen beym H ellespont auf des P rotesilaus G rabe wachsenden B aͤumen von der herꝛschenssuͤchtigen A ufblaͤhung des gegen uͤber lie- genden J liums schon zu knacken anfieng/) seinen bluti- gen D egen zu kuͤssen/ und gleich dem X enophon/ dessen S ohnin der M antineischen S chlacht vors V aterland ruͤhmlich gestorben/ zu verehren U rsache hat; als einem U berwinder; dessen S iege fast alle vier T heile der W elt geschmecket/ und offt als einen B litz empfinden muͤssen. D ie T ugend ist wol ihr selbst- L ohn und Zuschrifft. braucht keines A nstriechs; G leichwol aber hat H omer des A chilles/ andere anderer H elden G edaͤchtnuͤs biß auf unsere Z eiten erhalten muͤssen. D em Arminius ist sein V aterland diese danckbare P flicht schuldig ge- blieben; und die nach so viel hundert J ahren beym S chlusse dieses loͤblichen V orhabens beschaͤfftigte vaͤteꝛ- liche H and hat das G oͤttliche V erhaͤngnuͤs durch all- zufruͤhzeitigen T od unterbrochen: daß nunmehr der S ohn diesem hochverdienten H elden hierdurch vol- lends ans L icht hilfft/ und solch W erck/ nach dem zu hoͤchstem L eidwesen D eutschlands unser grosser C e- der- B aum/ daran sich manch S taat sicher gelehnet/ nicht ohne erbebenden D onner- K nall in S tuͤcken zer- fallen/ Eur. Chur-Fuͤrstl. Durchl. bey nun- mehr angetretener R egierung/ als einem nichts min- der klugen und hertzhafften N achfolger/ zum schuldig- sten O pfer/ nebst seinem H ertzen/ als der besten B eyla- ge/ in aller U nterthaͤnigkeit liefert. Arminius bleibt nun Z weifels ohne in dem be- ruͤhmten B erlin/ dessen V erherꝛlichung einen August zum B eherꝛscher andeutet/ unteꝛ die H elden aufgethroͤ- b 2 Zuschrifft. net/ welchem Eurer Chur-Fuͤrstl. Durchl. gleich Dero Erlauchtestem Herrn Vor- fahr/ weil von A dlern nur A dler gebohren werden/ aller W elt zur N achfolge lebhafftes B ild/ gleich der S onne bey denen P ersiern oder denen S inesischen K oͤnigen mehr mit verdecktem M unde und A ngesicht stillschweigend zu verwundern/ als duꝛch eine ohnmaͤch- tige F eder abzuzirckeln. D enn T inte und F arbe ist allzuschlecht hieꝛzu; und das A lterthum hat schonlaͤngst seinen P hidias und S ilanion/ W elschland seinen B er- nin/ wir D eutschen aber unsern R auch- M uͤller ver- lohren; wiewol auch diese noch nicht die rechten W erck- zeuge der V erewigung sind; sondern Eur. Chur- Fuͤrstl. Durchl. anbetenswuͤrdige V ollkom̃enhei- ten sahe man voꝛ Dero wuͤrcklichen R egierungschon in die S ternen gezeichnet/ und fester/ als alle in stum- men M armel und A labaster gehauene E hren- S aͤu- len/ in die danckbaren G emuͤther der itzig- und kuͤnffti- gen W elt/ als die lebhaften und unvergaͤnglichen B e- haͤltnuͤße/ gesetzet. A nitzo aber schauet gantz E uropa Eur. Chur-Fuͤrstl. Durchl. in Dero Er- Zuschrifft. lauchtesten Herrn Vatern F ußstapfen voll- koͤmmlich getreten zu seyn; in dem Selbte so wol zu grosseꝛ V erwundeꝛung aller F uͤrsten/ als hohem V er- gnuͤgen aller aufrichtig-gesinnten deutschen H ertzen die deutsche F reyheit zu beschirmen allbereit einen hoͤchst- ruͤhmlichen und die U nsterbligkeit verdienenden A n- fang gemacht haben; also Selbte nicht minder als ein ander Heermann/ wie vor Dero eigene L aͤn- der/ als des gantzen deutschen R eichs W olstand zu sorgen bemuͤhet sind. J ch verhoffe die gluͤckseligsten Z eiten/ und darinnen meinen A ngel- S tern erreichet zu haben/ da in Dero nunmehr durch eine wieder aufs neue aufgegangene S onne bestrahlten H immels- und E rden- K reiße ich meinen wuͤrcklichen S itz gefunden/ in welchem G erech- tigkeit und E riede sich kuͤssen/ K uͤnste und W affen sich umbarmen/ und der heilige G ottesdienst die G rund- feste ist; also ein ieder U nterthan mit mehrerm R echt/ als die E gyptier/ welche ihren S egen weder dem H immel/ noch ihren K oͤnigen/ sondern eintzig dem N ilus zuschreiben/ vor die ewige E rhaltung des zeit- b 3 Zuschrifft. her vom T od und V erhaͤngnuͤs heftig erschuͤtterten Erlauchtesten Chur-Hauses Branden- burg den A llerhoͤchsten hertzlich anzuruffen/ und nebst mir sich gluͤckselig zu schaͤtzen und zu ruͤhmen U rsach hat Eur. Chur-Fuͤrstl. Durchl. Allerunterthaͤnig-gehorsamster Knecht Daniel Caspar von Lohenstein. Vorbericht an den Leser. Hochgeneigter Leser. H Jer stellet sich/ unser vor etlichen Jahren gethanen Ver- troͤstung nach/ nunmehr der Großmuͤthige Armi- nius auf den Schau-Platz der Welt. Er suchet bey denen Sieg-prangenden Helden dieser Zeit guͤnstige Erlaubnuͤs/ Jhm einen Eintritt in dero Ruͤst-Kam- mern zu verstatten; Und lebet der guten Hoffnung: ob Er gleich in der heutigen Kriegs-Kunst/ so wol wegen Aenderung der Zeiten/ als anderer Zufaͤlle und Ge- legenheiten sich nur unter derselben Schuͤler oder/ Lehrlinge zehlen moͤchte/ daß sie ihm dennoch nichts minder seinen theuer-er- worbenen Lorber-Krantz/ als auch eine Stelle in denen Ehren-Saͤlen unter anderer Helden-Bildern goͤnnen/ und ihm den Nahmen eines hertzhafften Feldherrn deßwegen in keinen Zweifel ziehen werden; weil Er die Kriegs- Kunst und Staats-Klugheit zu seiner Zeit an dem Welt-gepriesenen Hofe des maͤchtigsten Kaysers Augustus/ da die Krieg- und Friedens-Kuͤnste gleich- sam mit einander umb den Vorzug kaͤmpften/ vollkommentlich erlernet/ her- nach aber bey Antretung seiner Regierung und obristen Feldhauptmannschafft in Deutschland/ vor die Beschirmung der gleichsam in letzten Zuͤgen liegenden Freyheit/ gegen die stoltzen Roͤmer hoͤchst-ruͤhmlich angewendet; ja nicht allein seinen bedraͤngten Lands-Leuten das schwere Joch der Roͤmischen Dienstbar- keit/ daran einige Roͤmische Kayser so gar selbst einen Greuel gehabt/ gaͤntzlich vom Halse gestreifft/ andere deutsche Fuͤrsten zu gleichmaͤßiger Heldenmuͤthiger Tapferkeit aufgemuntert/ und wider die hochmuͤthigen Roͤmer in Harnisch gebracht/ sondern auch derogestalt siegen gelernet: daß das durch ihn geschwaͤch- te grosse Rom unterschiedliche mahl erzittert/ Augusten sein Gluͤcke zwei- felhafft gemacht/ und von derselben Zeit an das streitbare Deutschland vor un- uͤberwindlich gehalten worden. Man wuͤnschte zwar wol: daß der Herr uͤber Tod und Leben dem seli- gen Herrn Verfasser dieser Geschichte noch so viel Tage zugesetzet/ als Er be- durfft haͤtte/ daß Er seinem Arminius oder Herrmann in diesem Vor- berichte selber das Wort reden/ und Jhm einen Geleits- oder Beglaubigungs- Brieff Vorbericht an den Leser. Brieff in die Welt mitgeben/ auch zugleich seinen itzigen Auftritt bestens ent- schuldigen koͤnnen. Wir wollen aber den hochguͤnstigen Leser indessen an den grossen Lehrmei- ster und Fuͤrsten der Staats-Klugheit/ den Cornelius Tacitus gewiesen haben/ und mit dem vergnuͤgt seyn: daß derselbe als ein auslaͤndischer Ge- schicht-Schreiber und Feind der Deutschen sehr wol geurtheilet/ wie man auch an seinem Feinde die Tugend loben muͤsse. Welch Zeugnuͤs denn um so viel mehr von der Heucheley und Laster der Dienstbarkeit entfernet/ umb wie viel verdaͤchtiger auch der glaubwuͤrdigsten Freunde Urtheil ist; als denen offt wider ihren Vorsatz/ wo nicht Heucheley/ doch allzuguͤtige Gewogenheit anhaͤnget. Dieses hat Er auch damit bewehret: daß Er von unserm Arminius das herr- lichste Zeugnuͤs von der Welt abgeleget und dabey geruͤhmet: Er habe Rom/ das Haupt der Welt/ da es in der groͤsten Bluͤte seiner Macht gestanden/ und schon mit auslaͤndischen Feinden fertig gewesen/ hertzhafft angegriffen/ keine Gefahr gescheuet/ und sich in allen Treffen dergestalt tapfer verhalten: daß Er niemals gaͤntzlich geschlagen/ noch uͤberwunden worden. Warumb aber unser seliger Lohenstein ihm eben die Beschreibung die- ses Helden zu seiner Neben-Arbeit erwehlet/ wollen wir zwar zu ergruͤnden uns nicht bemuͤhen; sondern einem ieden uͤber dessen Ursachen ein freyes Ur- theil abzufassen erlauben; Gleichwol aber dieses melden: daß vornehmlich so wol einige hohe Standes-Personen/ als andere vertraute Freunde ihn hierzu veranlasset und ersuchet: daß Er von unsern Deutschen/ gleich wie andere Voͤlcker von ihren Helden/ auch etwas gutes schreiben moͤchte; als welchen sie insgemein/ gleich wie Homer dem Achilles/ Xenophon dem Cyrus/ und andere Andern zu viel/ wie wir unserer kaltsinnigen Art nach/ den Unsrigen zu wenig zugeeignet. Weil Er denn weder jener Befehl fuͤglich abzulehnen/ noch de- rer Bitte abzuschlagen vor moͤglich/ sondern beyden etwas zu versagen vor ein straffwuͤrdiges Laster gehalten; so hat Er ihm/ nach dem fast alle Hel- den ihre Geschicht-Schreiber uͤberkommen haben/ die Lieb- und Lebens- Geschichte des Arminius/ als welche Er zu seinem Zweck am beqvem- sten zu seyn vermeinet/ zu beschreiben vorgenommen/ damit ja dieser unver- gleichliche Held auch zu dieser Zeit noch einen herrlichen Glantz bey sieinen Lan- des-Leuten bekommen/ und sein Ruhm nicht gaͤntzlich in dem Staube der Ver- gessenheit begraben bleiben moͤchte. Diese deutsche Geschichte nun hat er aus dem Vorbericht an den Leser. dem tieffen Alterthum hervor gesucht/ und selbige in eine solche Ordnung zu- sammen zu bringen sich bemuͤhet/ die dem Leser weder allzutunckel noch ver- druͤßlich fallen moͤchte. Dabey wolle sich aber der bescheidene Leser nicht be- frembden lassen: daß Er nicht den Lateinischen Nahmen Arminius behal- ten/ sondern ihn durchgehends nach der deutschen Sprache Herrmann be- nennet. Massen er sich dißfals/ wie andere in dessen Benahmung seiner Frey- heit gebrauchet; weil beyde Nahmen doch einerley sind/ die meisten deutschen Geschichtschreiber aber seiner unter dem Nahmen Herrmann gedencken. Sonst hat unser seliger Uhrheber in dieser Geschichte/ wie andere Ge- lehrten nach dem Triebe seines Gemuͤths-Geistes dies geschrieben/ worzu er von Natur so viel Lust/ als wegen seiner Amts-Geschaͤffte Zeit und Gelegenheit gehabt. Und wird man Jhm umb so viel desto weniger diese Schreibens-Art uͤbel deuten koͤnnen/ weil nicht allein bey andern Voͤlckern/ sondern auch in un- serm Deutschlande die Edelsten unter den Sterblichen sich dergleichen bedie- net; ja so gar vor wenig Jahren Durchlauchtige Haͤnde einen hoͤchst- ruͤhmlichen Anfang darinnen gemacht und genungsam gezeiget: daß wir nunmehr andern Voͤlckern in der Kunst-Liebe/ wo nicht es zuvor thun/ doch die Wage halten koͤnnen; also/ daß wir der auslaͤndischen Ubersetzungen vor itzo so wenig/ als ihrer deßwegen uͤber uns gefuͤhrten Hoͤhnerey bedoͤrffen werden. Vornehmlich aber hat eine hochgedachte Erlauchte Feder/ und zwar eben in den Cheruskischen Landen/ welche weyland unser Arminius beherꝛ- schet hat/ zu grosser Vergnuͤgung aller edlen Gemuͤther/ mit den wichtigsten Beweiß-Gruͤnden herrlich aus gefuͤhret: daß dergleichen Arbut ein Zeitver- treib des Adels seyn solle/ und demselben insonderheit wol anstehe; in dem der Mensch vielmehr verpflichtet waͤre den Gemuͤths-als Leibes-Ubungen obzu- liegen. Welches auch hoffentlich keine vernuͤnfftige Zunge in der Welt wird wiedersprechen/ noch die geschickteste Feder wiederlegen koͤnnen. Massen es doch allzuwahr ist: daß eine gute Feder einen Edelmann nicht minder in der Hand/ als auf dem Helme zieret. Denn ob zwar der Adel an sich selber ein schoͤner Zierrath und helleuchtendes Kleinod des Menschen ist; so wil es doch aber auch noͤthig seyn: daß Er in das seine Gold guter Sitten und Wissen- schafften versetzet werde; sonst wird er dessen Besitzer eine schlechte Folge des Ansehens oder Hochachtung geben koͤnnen. Die Edlen sollen die Eigenschafft der Adler/ wovon sie nicht ohne Ursach den Nahmen fuͤhren/ an sich haben/ und c sich Vorbericht an den Leser. sich unaufhoͤrlich nach der Sonne der Tugend und guter Kuͤnste schwingen/ und so wol bey Krieg-als Friedens-Zeiten nicht nur den Leib durch die Waffen und anstaͤndige Ritterspiele/ sondern auch den Verstand durch die Buͤcher und das Schreiben uͤben. Denn hierdurch kan sich der Mensch allein edel machen; indem das Gebluͤte nur den Leib/ Tugend und Wissenschafft aber den gantzen Menschen edel macht. Der Adel ist/ wie Salicetus sagt/ eine Tochter der Wissenschafft; und hat/ wie Marius beym Salustius redet/ seinen Uhrsprung aus der Tugend genommen. Er ist des Menschen Ehre; die Ehre aber nach des Aristoteles Ausspruche der Tugend Lohn. Dahero ist es unverantwort- liche Thorheit/ sich bereden lassen/ als ob nach Wissenschafft streben und den Buͤchern obliegen einem Edelmanne verkleinerlich waͤre/ oder daß es Jhn zu andern Ubungen unfaͤhig mache; da doch alle wolgesittete Voͤlcker iederzeit dafuͤr gehalten: daß es ruͤhmlicher sey den Adel von der Tugend/ als von den Ahnen zu zehlen. Deßwegen/ spricht Livius/ habe zu Rom ein ieder/ der nur tugendhafft gewesen/ auch edel werden koͤnnen. Was kan aber den Menschen eher tugendhafft machen/ als gute Kuͤnste und wissenschafften erlernen; als wordurch der Verstand nicht nur geschaͤrffet/ sondern auch das Gemuͤthe/ ja der gantze Mensch ermuntert/ und zu allem guten faͤhiger gemacht wird? Der grosse Alexander ist nicht zu schaͤtzen gewesen: daß Er aus dem Stamm der Macedonischen Koͤnige/ noch der Caͤsar: daß Er aus dem Hause der Julier ge- bohren worden; sondern daß beyde sich durch Tugend und Tapferkeit groß ge- macht haben. Haͤtten selbige auch nicht die Weißheit zur Gefaͤrthin gehabt/ wuͤrde ihr Ruhm einen schlechten Glantz zum Beysatze haben. Denn es ist nichts schaͤndlichers/ als/ so zu reden/ dem Jupiter zu wieder den Bacchus im Haupte/ und die Pallas im Bauche fuͤhren; oder nur bloß allein edel von Ge- bluͤte und leer von Weißheit seyn; daß man so denn nur allein zu dem Gedaͤcht- nuͤs oder Ehren-Bildern seiner Ahnen fliehen/ und von der Vorfahren Glan- tze entlehnen; also es solcher Gestalt nicht viel besser machen muͤsse/ als bey den Alten die Ubelthaͤter/ welche/ wenn sie verfolget wurden/ ihre Zuflucht zu den Altaͤren/ Begraͤbnuͤßen oder Bilder-Saͤulen der Kayser zu nehmen pflegten. Massen solche Menschen nichts besserem/ als denen mit zierlichen Sattel-Decken prangenden Bucephalen vergliechen werden koͤnnen. Aller Gegen-Einwendungen aber ungeachtet/ wird es doch sonder Zweifel noch fer- ner/ so lange tugendhaffte Menschen in der Welt seyn werden/ dabey bleiben: daß die Tugend der beste Adels-Brieff/ und/ wie Pontanus spricht/ scheinba- rer Vorbericht an den Leser. rer als die Sonne sey/ weil jene auch die Blinden/ diese aber sie nicht sehen koͤnnen. Und waͤre zu wuͤnschen: daß alle edle Menschen glauben lernten/ daß es auch noch heute in der Welt/ wie weyland zu Rom/ gehe/ da niemand in den Tempel der Ehren kommen konte/ er muste denn zuvor durch den daneben gebauten Tempel der Tugend gehen; so wuͤrden sich vielleicht ihrer viel dem Gluͤck zu Trotz aus iedem Stande lobwuͤrdig erheben koͤnnen; Allermassen wie der deutsche Homerus unser Opitz von einem gelehrten Ritter Schaff- gotsche/ der einen artlichen Poeten abgegeben habe/ redet: der Stand durch Verstand bluͤhet/ und wer nur Verstand hat/ auch mit Stande/ Gut und Adel begabet wird. Wie denn dessen unser seliger Lohenstein selber ein Beyspiel abgeben kan/ wie diß an Jhm wahr worden/ was Syrach saget: daß die Weißheit Jhn zu Ehren gebracht/ und neben die Fuͤrsten gesetzet hat. Was nun diese seine Arbeit anbelanget/ so wolle der hochgeneigte Leser solche nicht durchgehends vor ein blosses Getichte/ oder so genennten Roman halten. Denn ob man zwar wol gestehen muß: daß die Grich- und Roͤmi- schen Geschichtschreiber nicht so viel wunderliche Zufaͤlle und weitlaͤufftige Umstaͤnde anfuͤhren; so wird man sich doch diß nicht gantz befrembden lassen/ sondern dabey glauben: daß unser Uhrheber viel des jenigen/ was Er nicht bey den Geschichtschreibern gefunden/ theils aus seinen alken Muͤntzen/ theils aus den Uberschrifften und Gedaͤchtnuͤs-Maalen/ die er ihm insonderheit hier- innen uͤberaus wol zu Nutz zu machen gewust/ zusammen gesucht/ solche gehoͤ- riger Orten kluͤglich angewehret/ und also den Mangel damit hin und wieder ersetzet hat. Weßwegen zwar zuweilen ein- oder die andern Umbstaͤnde als er- tichtet zu sein scheinen; doch aber/ daß sie nicht durchgehends vor blosses Fabel- werck zu halten sind/ entweder in der alten oder neuen Geschichte ihre gewisse Ursachen und die Wahrheit zum Grunde haben. Welches der in den alter- thuͤmern und Geschichten bewanderte Leser leicht mercken/ die Raͤthsel aufloͤ- sen/ und die rechten Trauben von den gemahlten zu unterscheiden wissen wird. Es ist zwar unser Uhrheber bey seinen Lebzeiten niemals gesonnen gewe- sen/ diese Geschichte durch den Druck ans Tagelicht zu stellen/ und sich damit den ungleichen Urtheilen der Welt zu unterwerffen. Nicht/ daß er seine Ar- beit iemanden mißgegoͤnnet/ oder sich iemals dergestalt in seine Gedancken ver- liebt haͤtte: daß er andere neben sich vor Kebsweiber gehalten; sondern weil er selbige/ wie alle seine Sachen/ niemals vor etwas geachtet/ was der Welt mitzutheilen wuͤrdig sey. Massen Er dieses alles bloß zu obgemeldter vorneh- c 2 mer Vorbericht an den Leser. mer Personen und guten Freunde eigenen Gefallen und Vergnuͤgung/ in de- nen/ wegen seines muͤhsamen Amptes haͤuffigen Geschaͤffte und schwerer Rechts-Haͤndel/ wenig uͤbrigen Stunden/ besonders aber meistens in seinem Gicht- oder Geduld-Bette zum Zeitvertreib und Gemuͤths-Beruhigung ge- schrieben/ und zuweilen ihnen etwas davon mitgetheilet/ die sich denn mit des- sen Durchlesung nichts weniger/ als er mit der Arbeit belustiget/ und ihn im- mer mehr aufgemuntert haben. Das Absehen dieser Arbeit wird der kluge Leser gleichfals leicht wahr- nehmen koͤnnen: daß er der Welt dadurch einen guten Nutzen zu schaffen ge- trachtet; weil er vornehmlich angemercket: daß ins gemein junge Standes-Per- sonen allzuzeitlich einen Eckel vor ernsthafften Buͤchern zu bekommen/ und lie- ber die mit vielen Eitelkeiten und trockenen Worten angefuͤlleten Liebes-Buͤ- cher/ als den la Motte/ oder den Spanischen Saavedra/ da doch diese Buͤcher ihre Gelehrsamkeit und ihren Nutzen haben/ zu lesen pflegen. Dahe- ro unser Lohenstein auf die Gedancken gerathen: ob man nicht unter dem Zucker solcher Liebes-Beschreibungen auch eine Wuͤrtze nuͤtzlicher Kuͤnste und ernsthaffter Staats-Sachen/ besonders nach der Gewohn- und Beschaffenheit Deutschlands/ mit einmischen/ und also die zaͤrtlichen Gemuͤther hierdurch gleichsam spielende und unvermerckt oder sonder Zwang auf den Weg der Tu- gend leiten/ und hingegen ihnen einen Eckel vor andern unnuͤtzen Buͤchern er- wecken koͤnte. Weßwegen er auch hierinnen allerhand froͤliche und traurige Abwechselungen von lustigen/ verliebten/ ernsthafften und geistlichen Sachen gebrauchet/ umb die Gemuͤther desto aufmercksamer zu machen; auch uͤber diß mehr auf anmuthige Reden/ gute Gleichnuͤße und sinnreiche Spruͤche/ als all- zuweitlaͤufftige Umbstaͤnde und Verwickelungen der Geschichte gesehen. De- rowegen wolle der bescheidene Leser auch nicht uͤbel vermercken/ wenn er da o- der dort einigen Jrrthum entweder in dem Nahmen oder der Zeit-Rechnung befinden moͤchte. Massen der seelige Verfasser wegen seines geschwinden Abster- bens das gantze Werck nicht gaͤntzlich durchlesen koͤnnen/ da Er sonder Zweifel wol noch eines oder das andere ab- oder zugethan haben wuͤrde. Ob Er nun schon seinen Zweck nicht in allem nach Wunsch erreichet haben doͤrffte; so wird Er doch zum wenigsten hierinnen die Bahn gebrochen/ und so wol den Nach- kommen ein Licht aufgesteckt/ als die Lehre eines gewissen Auslaͤnders beob- achtet haben: daß dergleichen Buͤcher stumme Hofemeister seyn/ und wie die Redenden gute Lehren und Unterricht geben; also diese neben denselben durch Vorbericht an den Leser. durch allerhand Beyspiele die Wuͤrckung des Guten/ und die Folge des Boͤ- sen/ die Vergeltung der Tugend/ und die Bestraffung der Laster vorstellen sollen. Dahero/ wenn ja iemanden beduͤncken moͤchte/ als ob ein oder das an- dere Laster zuweilen hierinnen mit schoͤnen oder zu freyen Worten beschrieben waͤre; so wolle doch derselbe ihme von unserm seeligen Herꝛn Uhrhebeꝛ keine uͤbele Gedancken machen/ sondern vielmehr glauben: daß er in der Gerechtigkeit/ in der Tugend und Liebe zu GOtt fest gegruͤndet gewesen/ und wol keinem Christen in der Welt hierinnen nachgegeben. Sein Hertz war von allem Ei- gennutz entfernet; hingegen sein Gemuͤthe desto mehr nach Weißheit begierig und in derselben unersaͤttlich. Deßwegen hielt er iederzeit gleich dem beruͤhm- ten Engellaͤnder Bradfort/ die Unterredung mit gelehrten Leuten/ die er fast taͤglich zu seinen Besuchern wuͤnschte und auch hatte/ vor eine Erqvickung der Seelen/ und sahe es uͤberaus gerne/ wenn sie an seinem Tische vor lieb nah- men/ und durch kluge Gespraͤche ihm seine Speisen wuͤrtzten. Jn Ermange- lung derselben aber waren gute Buͤcher seine unzertrennliche Gefaͤrthen; und war ihm nicht moͤglich einen eintzigen Augenblick muͤßig zu seyn. Denn er schaͤtzte die vergebens hinstreichende Zeit mit dem weisen Demetrius vor den kostbarsten Verlust; und hielt dies/ was andere Arbeit und Muͤhe nennen/ vor ein staͤrckendes Labsal und die allersuͤsseste Gemuͤths-Erleichterung. Daher er- wehlte er ihm außer seinen Ampts- und andern Verrichtungen eine bestaͤndige und immerwehrende Arbeit/ die ihm nach des Himmels Bewegung oder Son- nen-Lauff gleichsam in einem unauffhoͤrlichen Zirckel fuͤhrte. Sie war ihm ein rechtes Spielwerck; also/ daß man wol mit Warheit betheuern kan: daß ihm solche niemals einigen Schweiß ausgepreßt/ noch etwan Verdruß oder Ungeduld erwecket hat. Denn er war in der Arbeit uͤberaus gluͤcklich; Er wuste ihm die schwersten Sachen dergestalt leicht und annehmlich zu ma- chen: daß ihn etwas zu verfertigen fast wenig oder gar keine Muͤhe gekostet. Massen sein Kopff ein rechtes Behaͤltnuͤs der Wissenschafften zu seyn schien/ darinnen er die allerwichtigsten Beweiß-Gruͤnde gesammlet hatte; und zu aller Zeit so wol aus dem Munde/ als der Feder von sich geben/ und gleichsam wie eine Schale den Balsam der Gerlehrigkeit nur immer reichlich ausgiessen konte. Hierinnen aber hat er wie andere als ein Mensch geschrieben/ und als ein rechtschaffener Christ nach seiner Schuldigkeit c 3 geglau- Vorbericht an den Leser. geglaubet; auch eine und die andere Begebenheit bloß zu einem Beyspiel vor- gestellet/ und zwar mit einer solchen Art/ die dem Leser eine Begierde so wol das Gute als Boͤse zu betrachten/ beydes aber zu unterscheiden/ erwecken moͤchte. Denn allzulange auf einer Seite spielen/ oder immer einen Thon hoͤren/ ist den Ohren verdruͤßlich/ und dem Gemuͤthe zu wieder. Zu dem weiß man ja wol: daß den Reinen alles rein ist; und tugendhaffte Gemuͤther auch aus Lesung des Boͤsen wie die Scheide-Kuͤnstler aus gifftigem Napel etwas Gutes zu zie- hen pflegen. Denn weil alles der Veraͤnderung unterworffen ist; und wir Menschen in der Welt meist die Abwechselung der Dinge/ als die Mutter der Vergnuͤ- gung lieben/ ob solche gleich nicht allemal eine freundliche Stirne/ und den Mund voll Bisam hat; So folgen wir billich hierinnen dem Beyspiel des Himmels; der bald truͤbe/ bald klar/ bald stille/ bald stuͤrmerisch zu seyn/ und zuweilen mit Blitz und Donner zu spielen pfleget/ damit etwas gutes daraus folgen koͤnne/ was wir uns weder versehen/ noch dessen Ursachen/ warumb diß oder jenes geschehen/ ergruͤnden koͤnnen. Derowegen wird ihm ein ieder bedachtsamer Leser die auf solche beschriebene Laster allemal gefolgten grausa- men Straffen hierinnen eben so wol/ als in dem heiligen Haupt-Buche zu einer Warnung und Schrecken dienen lassen. Denn haͤtte niemand die Klippen Scylla und Charybdis ausfuͤhrlich beschrieben/ und die See-fahrenden vor der Gefahr gewarniget/ so wuͤrden noch viel Schiffer daran scheitern/ und sie an- itzo niemand so kluͤglich zu meiden wissen. Ein ieder Ort hat seine Wunder- wercke und seine Mißgeburten/ wie seine Tage und Naͤchte; Und wo Sonnen sind/ da giebt es auch Finsternuͤße. Dannenhero wir alle Sachen in der Welt gleichsam als in einem Spiegel beschauen/ die boͤsen meiden/ die guten anneh- men/ und stets gedencken sollen: daß wie alle/ auch die geringsten Laster ihre ge- wisse Straffen; also die Tugenden allezeit ihre herrliche Belohmmgen zu ge- warten haben. Denn beydes das Gute und auch das Boͤse sind gewisse Zah- ler einem ieden/ wie Er es verdienet. Wer boͤse geartet ist/ wird gleichwol boͤse bleiben/ wenn er schon nicht den Arminius gelesen haben wird. Zu dem koͤnte man wol fragen: was koͤnnen die Steine davor/ daß der/ so glaͤsern ist/ sich daran zerstoͤsset? Wer nicht wol versetzen kan/ muß niemals fechten/ noch sich ohne guten Wind zu tieff in die See begeben. Man soll bey Lesung der Buͤ- cher ein adeliches Hertz haben/ und mit Verachtung alles/ was weibisch oder un- edel ist/ bey Seite setzen; hingegen seine Hand wie der unter des Licomedes Jung- Vorbericht an den Leser. Jungfrauen in Weiber-Tracht verborgene Achilles nach wuͤrdigen Sachen ausstrecken. Denn als diese mit Anschauung des vom verkleideten Ulysses zum verkauffen dahin gebrachten Weiber-Schmucks beschaͤfftiget waren/ Achilles bloß nach der darunter verborgenen Wehre grieff/ und also hierdurch vom U- lysses erkennet ward. Mancher lieset zwar die heiligsten Buͤcher/ hoͤret tau- send guter Lehren und nachdruͤckliche Vermahnungen/ dennoch aber wil ihn keines bessern; sondern er unterstehet sich vielmehr wol gar die allerherrlichsten Dinge/ wie Lucianus/ zu einem Gespoͤtte zu machen. Wie denn auch noch heute zu Tage nichts gemeiners in der Welt ist/ als uͤber andere Sachen seltzame Ur- theile faͤllen und tadeln koͤnnen. Ja es giebet so gar Menschen/ welche lieber ohne Zunge als Stichreden seyn wolten; also daß es mancher entweder vor kei- ne sinnreiche Erfindung/ oder ihm vor einen Schimpff halten wuͤrde/ wenn er nicht von iedem Dinge etwas boͤses oder stachlichtes zu reden wuͤste. Denn dadurch meinen dergleichen Leute/ welche sich gleichwol die Warheit zu reden einbilden/ bey der gelehrten Welt vor helleuchtende Sternen angesehen zu wer- den; da sie doch kaum dampfende Pech-Fackeln sind/ welche/ was auch immer ihr Schwefel und Rauch vor Blaͤndungen vorbilden kan/ sich doch ihres Ge- stancks halber selbst verrathen/ und ihre eigene Vertunckelung befoͤrdern. Die- se reden insgemein nie zierlicher/ als wenn sie am uͤbelsten nachreden; und glaͤn- tzen niemals mehrers/ als wenn sie am meisten brennen. Sie sind wie die Loͤ- wen/ welche/ wenn sie einmal Blut von ihren Klauen gelecket/ noch immer groͤssere Begierde darnach haben; oder wie die Scorpionen/ die nur allezeit zu stechen bereit sind. Hingegen haben alle rechtschaffene Gemuͤther iederzeit eine Abscheu vor Spoͤtternzu tragen pflegen; weil ihre Worte und Tinte ein laute- res Gifft ist/ so die Nahmen und alles das/ was sie benennen/ vergifftet. Wie denn jener auslaͤndische Ritter und kluge Raths-Herr zu Venedig gar nach- dencklich hiervon geurtheilet: daß kein ehrlicher Mann mit gutem Gewissen dergleichen weder reden noch schreiben koͤnte; Und gleich wie man Verraͤtherey liebte/ den Verraͤther aber hassete; also man auch Spott- oder Stachel-Reden zwar lobte/ aber vor derselben Uhrheber einen Abscheu truͤge; ja einem derglei- chen Liebhaber an statt des verhofften Lobes gar hoch vernuͤnfftig zur Antwort schrieb: Disteln saͤen und Satyrische Schrifften machen/ waͤre seines Beduͤn- ckens einerley; wenn sodenn Dornen daraus wuͤchsen/ muͤste man nicht das Gluͤcke/ sondern seine eigene Thorheit anklagen. Und ob selbte zwar bey den Zuhoͤrern ein Gelaͤchter erregten/ setzten sie doch gemeiniglich den Uhrheber in Leid. Vorbericht an den Leser. Leid. Dannenhero diese der grosse Alexander recht Koͤniglich verlachet/ Ti- berius verstellet/ und Titus gar nicht angehoͤret; Massen dieses suͤsse Gifft seine eigene Straffe mit sich fuͤhret. Solche Menschen/ so ihren herrlichen Verstand und Vernunfft nur zum Boͤsen und des Nechsten Nachtheil anwen- den/ werden offtmals/ weil sie mit schaͤdlichem Rauch gehandelt/ auch wie des Alexander Severus Diener/ Turinus mit Rauch gestraffet; und koͤnten nicht unbillich ein Beyspiel vom Peryllus nehmen/ als welchen die Goͤttliche Ra- che nicht ohne Ursach straffte: daß/ weil er die schoͤne Kunst aus Ertzt Bildnuͤs- se der Goͤtter und fuͤrnehmer Helden zu guͤssen endlich mißbrauchte/ und dem grausamen Phalaris zu Liebe einen Ertztenen Ochsen/ als ein Werckzeug die Menschen zu peinigen machte/ er auch darinnen zu erst die Wahrheit bewehren/ und seinen verbrennten Leib den hoͤllischen Goͤttern zu einem Schnupff-Pulver werden lassen muste. Gleich wie es nun allerhand wunderlich-geartete Menschen in der Welt giebt; also muͤhen sich einige/ die einen Gran wichtiger als die itzt beschriebe- nen seyn sollen/ nichts/ als unnoͤthige Gruͤbeleyen/ und eitel unnuͤtze Fragen auf die Bahn zu bringen; Und wollen mit einiger Noth wissen: wessen Tochter He- cuba gewesen? was Achilles/ als er unter des Licomedes Jungfrauen verbor- gen gewesen/ vor einen Nahmen gefuͤhret? was vor ein Lied die Syrenen zu singen pflegen? Jn welche Hand Diomedes die Venus verwundet? An wel- chem Fuße Philippus gehuncken? durch wen Augustus des Brutus Kopff nach Rom geschickt? und dergleichen mehr; oder leben gar wie Domitianus: daß sie sich lieber taͤglich etliche Stunden mit einer treflichen Fliegen-Jagt/ als ei- nem nuͤtzlichen Buche zu erlustigen pflegen. Hingegen sind andere wol so gott- loß: daß sie die allernuͤtzlichsten Sachen hassen/ und sich nicht allein unterstehen schaͤdliche und nichtige Dinge/ wie Favorinus das viertaͤgichte Fieber/ Dio die lange Haarlocken/ Synesius die Glatzen/ Lucianus die Fliegen zu loben/ son- dern andere wol gar den Fuͤrsten der Finsternuͤs mit Lobspruͤchen zu verehren. Jhrer viel sind auch/ die nicht nur den Neptun wegen seines der Augen halben nicht recht gebildeten Ochsens/ Minervens Hauß wegen seiner Unbeweglig- keit/ des Vulcanus Menschen-Bild wegen der nicht durchsichtigen Brust zu tadeln; sondern so gar den himmlischen Koͤrper selbst/ als das groͤste Uhrwerck des hoͤchsten Schoͤpffers nach ihrer Einbildung einzurichten und zu stellen sich beduͤncken lassen. Derowegen koͤnnen wir uns umb so vielmehr leicht die Rechnung ma- chen: Vorbericht an den Leser. chen: daß wie nicht alle Sachen allen gefallen; ja das grosse Welt-Licht die Sonne selbst von den Persen angebetet/ von den Mohren hingegen verfluchet wird; noch die besten Speisen iedwedem Munde schmecken; also auch dieser un- ser Arminius nicht nach eines ieden Gehirne eingerichtet seyn; sondern ein ieder nach seiner Einbildung/ oder nach der Gewogenheit zu dessen Verfasser gut oder boͤse davon urtheilen/ und also ihm nicht besser gehen werde/ als des Jupiters Bildnuͤße/ umb dessen Kopff die Spinnen ihr Gewebe ziehen. Denn/ denen Ungeduldigen oder allzu vieles Qvecksilber-habenden wird vermuthlich diese Schreibens-Art zu weitlaͤufftig/ den Ungelehrten zu hoch und historisch/ den Scheinheiligen zu frey/ denen Welt-gesinnten mit zu vieler Weltweißheit und geistlichen Sachen angefuͤllet/ denen uͤbrigen aber auf diese oder jene Art nicht recht seyn/ und da oder dort seine Fehler haben; also/ daß man wol mit dem Ausonius Ursach zu sagen haben moͤchte: wem dieses unser Spiel nicht ge- faͤllig ist/ der lese es mcht; oder wenn er es gelesen/ so vergesse er es wieder; der so er es nicht vergessen moͤchte/ so verzeihe er uns. Allein es wolle der hochgeneigte Leser nur gedencken: daß ein Mensch kei- ner Englischen Krafft fahig ist; ja auch dem Fleische der Heiligen selber Schwachheiten anhangen: und daß man das jenige Buch/ welches lauter gleichgewogene Leser oder Liebhaber bekommen/ und allen Menschen gefallen wird/ unter die sieben Wunderwercke der Welt zehlen/ desselben Verfasser aber zum Oberhaupt und Richter aller Buͤcherschreiber setzen werde. Viel/ die der- gleichen Geschicht-Buͤcher verachtet/ haben weder selber was bessers zu schrei- ben/ noch sonst durch ihr Beyspiel die Welt froͤmmer zu machen gewust. Man hat auch noch niemals weder gehoͤrt noch gelesen: daß es aus ihrem Haupte Gold geregnet haͤtte/ vielleicht/ weil kein Bergwerck darinnen gewesen. Denn ein ieder mag sich nur bescheiden: daß zwar alle Meere Schaum und Sand/ aber nicht Perlen und Korallen herfuͤr bringen koͤnnen. Schluͤßlich aber wolle ja niemand meinen: daß unser Uhrheber die Zeit nur bloß allein an dieses Werck oder seine Poetische Getichte gewendet habe. Wer von seiner andern Arbeit und Ampts-Verrichtungen Zeugnuͤs begehret/ denselben wollen wir nicht allein an das Breßlauische Raty-Hauß/ und den beruͤhmten Welt-klugen Herrn Frantz Freyherrn von Nesselrode/ den Maͤcenas dieser Zeit/ sondern auch an die jenigen/ so ihn gekennet/ gewie- sen haben; als welche hoffentlich ohne alle Heucheley oder Partheyligkeit ihm d das Vorbericht an den Leser. das Ehren-Lob nachzuruͤhmen sich nicht wiedern werden: daß er die kurtzen Jahre seines Lebens/ so wol vor die Stadt/ als die jenigen/ die sich seinem Rath und Beystandes anvertrauet/ treulich und redlich gearbeitet/ seine groͤ- ste Lust in der Arbeit gesucht/ und gnungsam gewiesen/ ja sein Corpus Ju- ris zeugen wird: daß er so wol ein grosser Rechtsgelehrter und kluger Staats- Mann/ als sinnreicher Poet gewesen; und daß man gar wol in der einen Hand der Astrea Wagschale/ in der andern aber auch des Apollo Leyer fuͤhren koͤnne. Denn wo Themis und Minerva in einem Tempel beysammen gestanden/ ha- ben sie allezeit denselben beruͤhmter gemacht/ und einander die beste Handrei- chung thun koͤnnen. Dahero auch eine Erlauchte Person von unserm Lohenstein artlich zu schertzen Anlaß genommen: Es haͤtte das Gluͤcke in Austheilung der Ehren-Aempter entweder geirret/ oder ihm unrecht gethan; in dem es ihn zu einem Staats-Diener nicht einer Stadt/ sondern eines gros- sen Koͤnigs machen sollen/ weil er zu dergleichen Diensten vor andern faͤhig/ und gar fuͤglich des Plinius Baum/ der einen gantzen Garten mit allerhand Fruͤchten vorstellte/ oder auch des Ausonius Bacchus-Bilde/ so von allen Goͤt- tern etwas eigentliches gewiesen/ und er es daher Pantheon/ oder alle Goͤtter genennet/ zu vergleichen gewesen. Dannenhero werden weder Plato/ noch alle die jenigen eigensinnigen Kluͤglinge/ welche der Poesie/ samt allen andern denen Gelehrten mehr schoͤ- nen Zierrath als grossen Reichthum erwerbenden edlen Kuͤnsten eine Grufft zu bauen/ oder zum minsten nur ihrem Purpur einen Schandfleck zu machen bemuͤhet sind/ einen Schluß abzufassen Ursach haben/ keinen Poeten in Rath oder zu weltlichen Ehren-Aemptern zu nehmen. Da doch Rom und Grichen- land nie beruͤhmter gewesen sind/ als da die Poesie auch bey Burgermeistern und andern Grossen zu Hause war. Daher wird es auch hoffentlich unserm Breßlau/ so lange nur gute Kuͤnste und Sitten in der Welt bluͤhen werden/ eben so wenig/ als der Stadt Rom/ weil der Burgermeister Cicero ein grosser Redner daselbst gewesen und Buͤcher geschrieben/ als sonder welche er in der Welt vielleicht weniger bekannt seyn wuͤrde/ niemals zu einiger Schande und Verkleinerung ihres Ansehens gereichen/ wenn man gleich sagen wird: daß Hofmannswaldau/ Lohenstein/ und fuͤr ihnen viel andere ihres gleichen Getichte geschrieben/ und die Poesie zur hoͤchsten Vollkommenheit ge- bracht Vorbericht an den Leser. bracht haben. Die allergroͤsten Helden-Geister sind entweder selber Poeten oder doch grosse Liebhaber/ ja der erste deutsche grosse Kayser Carl/ den Ost und West angebetet/ der Uhranheber der deutschen Tichter-Kunst gewesen. Die Lesung des Homerus Getichte hat dem grossen Alexander mehr Feuer/ als seiner Diener Rath zu Heldenmuͤthigen Entschluͤssungen gegeben; Und es haͤtte ihm jener frembde Bothe/ der mit einem freudigen Gesichte zu ihm kam/ auf seine Frage: Ob Homerus von den Todten auferstanden waͤre? keine froͤ- lichere Zeitung sagen/ als wenn er haͤtte Ja sprechen koͤnnen. Unser Armi- nius kan auch selber Zeugnuͤs ablegen: daß er an dem maͤchtigen Kayser August/ nichts minder einen geschickten Redner und Poeten/ als grossen Herrscher gefunden habe; der auch schon im zwoͤlfften Jahre seiner Groß-Mut- ter Julia eine offentliche Leich-Rede gehalten/ hernach aber bey seiner Kayser- lichen Wuͤrde es seinem hohen Ansehen gantz nicht verkleinerlich geachtet/ daß er so gar seines Staats-Dieners Maͤcenas Tod mit einem Leich-Getichte be- ehret hat. Und ob zwar Plato in seinen Gesetz-Buͤchern uͤbel von den Poeten geredet; so hat er doch mehr den Mißbrauch/ als die Kunst bestraffen wollen; Jm uͤbrigen aber von einem Poetischen Rath so viel gehalten: daß er sie anders- wo Vaͤter und Fuͤhrer der Weißheit/ ja ein Goͤttliches Geschlecht genennet. Jst auch gleich nicht eben mit Absterben der Poeten eine Stadt zu Grunde gegan- gen; so hat man doch zum wenigsten allemal nicht ohne Nachdencken beobach- tet: daß so bald aus einem Orte die darinnen zum hoͤchsten gestiegene Tichter- Kunst sich verlohren/ derselbe auch in kurtzem ein gantz anderes und verstelltes Gesichte bekommen hat. Jedoch damit wir nicht die Graͤntzen einer Vorrede allzuweit ausstecken/ wollen wir dißfals weder eine Lobschrifft noch Schutz-Rede oder Vertheidigung der Poesie machen, sondern nur letzlich den geduldigen Leser hiermit gebuͤhrends ersuchet haben: daß er von unserm seligen Lohenstein gleichfals ein gutes Urtheil faͤllen; indessen aber den Ersten Theil solcher seiner Arbeit gewogen aufnehmen/ und kuͤnfftige Michael-Messe/ geliebts GOTT/ des Andern nebst vollstaͤndigen Registern gewaͤrtig seyn; auch alle Fehler darinnen zum besten kehren/ und gewiß glauben: daß wo er es ja nicht in allem wol getroffen/ doch wol gemeinet/ und nicht allein damals bey den Freu- d 2 dens- Vorbericht an den Leser. densbezeugungen uͤber des itzigen Allerdurchlauchtigsten Koͤnig Josephs in Ungarn hoͤchsterfreulichen Geburt gleichsam aus einem Poetischen Triebe gewahrsaget hat: daß derselbe seines Groß-Anherrn-Vatern/ Kayser Carl des Fuͤnfften Fußstapffen betreten/ alle seine Tugenden und Gluͤcke besitzen/ und nach Anzeigung des anfaͤnglich verlauteten Geburts-Tages/ eben wie dieseꝛ ruhmwuͤrdigste Kayser/ so wol von Sieg als Friede beruͤhmt werden wuͤrde; Sondern er hat auch gleich wie wir/ iederzeit diesen andaͤchtigen Wunsch in seinem Hertzen gefuͤhret: daß der grosse GOTT/ als der hoͤchste Beschir mer und Erhalter aller Koͤnigreiche und Laͤnder unsern itzigen Allerdurchlauchtigsten Oesterreichischen Herrmann/ den Grossen LEOPOLD / einen nichts minder großmuͤthigen Feldherrn/ als preißwuͤrdigsten Beschir- mer deutscher Freyheit in unverrucktem Wolstande erhalten/ fernere gluͤckliche und Siegreiche Waffen wieder alle die deutsche Freyheit kraͤnckende Feinde verleihen/ und unter Seine Fahnen lauter tapfere/ keinen Eigennutz/ sondern nur das Vaterland und die Eintracht liebende Heer - Maͤnner senden/ auch das gantze hochloͤblichste und allerguͤtigste Ertzhauß Oester- reich dergestalt segnen wolle: daß dessen Stamm sich durch die gantze Welt ausbreiten/ seine Zweige aber biß in den Himmel reichen moͤgen. Was Ehren-Getichte. W As ist der kurtze Ruff der mit ins Grab versinckt/ Dafern Er aus der Grufft nicht ewig wider schallet? Ein schneller Blitz/ der zwar von Ost biß Westen blinckt/ Doch bald vergessen ist/ wenn drauf kein Donner knallet/ Ein Rauch der bald verfliegt/ ein Wind der bald verstreichet/ Ein Jrrlicht/ dessen Schein fuͤr neuer Sonn’ erbleichet. Wie bald verkocht in uns die Hand voll kuͤhnes Blut! Wie eilends pflegt das Tacht des Lebens auszubrennen! Noch Hand noch Schaͤdel weist den edlen Geist und Muth. Wer wil den Zunder in der todten Asch’ erkennen? Der welcher unser Lob erhalten solt’ auf Erden/ Muß dess’ in kurtzer Zeit ein stummer Zeuge werden. Was hilffts denn/ daß ein Mensch nach grossem Nahmen strebt/ Wenn sein Gedaͤchtnuͤß nicht kan zu der Nachwelt dringen! Fuͤr Agamemnons Zeit hat mancher Held gelebt/ Dehn Seiner Tugend Preiß zun Sternen koͤnnen bringen; Weil aber kein Homer zu Jhm sich hat gefunden/ Jst Seiner Thaten Glantz in tunckler Nacht verschwunden. Braucht allen Aloe und Balsam Alter Welt/ Bemahlt nach Sothis Art die theuren Leichen-Kittel/ Schnitzt feste Zedern aus mit fremdem Leim verkwellt/ Bezeichnet Tuch und Sarch mit Bildern grosser Tittel/ Wird nicht ein Oedipus die schwartze Brust entdekken/ Bleibt im Verwesen doch Eur Stand und Wesen stekken. d 3 Baut Ehren-Getichte. Baut hohe Graͤber auf/ bedeckt mit einer Last Von Jaspis und Porphir die dorrenden Gebeine/ Schreibt Nahmen/ Thun und Amt in Taffend und Damast/ Jn Holtz/ in Gold und Aertzt/ in festen Stahl und Steine; Zeit/ Moder/ Faͤule/ Rost weiß alles zu entstalten: Des Nachruhms Ewigkeit ist anders zu erhalten. Sucht in des Coͤrpers Glutt fuͤr todten Nahmen Licht/ Es wird sein Glast so bald als diese Flamme schwinden. Ein unverzehrlich Oel wenn sein Gefaͤsse bricht Muß durch die Lufft beruͤhrt samt Eurem Ruhm erblinden. Der Mahler pflegt sein Licht mit Schatten zu erhoͤhen; Jn schwartzen Schriften bleibt die Tugend helle ste- (hen. Weil im Pelaßger Land die Kuͤnste hilten hauß/ Sind seine Lorbeer-Zweig auch unversehrt bekliben. Rom breitte Seinen Ruhm durch Schwert und Feder aus: Was Caͤsar hat gethan das hat er auch geschriben. Der Teutschen Tichterey der Barden Helden-Lider Belebten Mannens Geist Tuiseons Asche wider. Wem waͤr’ Epaminond’ ohn kluge Schrift bekant? Wer wolte nach Athens und Spartens Fuͤrsten fragen? Wo blibe Lysimach der Leuen uͤberwand? Wuͤrd’ auch die Welt was mehr vom grossen Grichen sagen? Es haͤtt’ Jhr Nahme laͤngst wie Sie vermodern muͤssen/ Wenn Sie kein weises Buch der Sterbligkeit entrissen. Jtzt Ehren-Getichte. Jtzt waͤr’ Horatz von Rom auf beyden Augen blind/ Die Flamme kuͤhner Hand die sich so frey vergriffen Und freyer noch gestrafft verrauchet in den Wind/ Duil umbsonst so oft Er Essen ging bepfiffen/ Roms Schutz-Stab Scipio verfaulet und zubrochen/ Wenn nicht ein Livius fuͤr Sie das Wort gesprochen. Doch weil der Eitelkeit ein enges Ziel gestekkt/ Weil Buͤcher auch vergehn und Ehren-Saͤulen wanken/ Sigs-Zeichen fallen umb/ und Grauß den Marmol dekkt/ Weil Schriften sich verlir’n aus Augen und Gedanken/ Muß Sie ein kluger Geist zu Zeiten wider regen Und auf die alte Muͤntz ein neues Bildnuͤß pregen. Eh Guttenberg die Kunst zu schreiben ohne Kil/ Zu reden fuͤr das Aug’ und Woͤrter abzumahlen Jn Teutschland aufgebracht/ als nur ein Rohr vom Nil/ Als Leinwand oder Wachs/ als Blaͤtter oder Schalen/ Als eines Thieres Haut allein gedint zu Schriften/ Werkonte da der Welt ein lang Gedaͤchtnuͤß stifften? Wie sind Polybius und Dio mangelhafft! Was hat uns nicht die Zeit vom Tacitus genommen/ Vom Curtius geraubt/ vom Crispus weggerafft? Was ist vom Ammianin unsre Haͤnde kommen? Viel andre haben zwar von andern viel geschrieben/ Jhr Nahmen aber selbst ist uns kaum uͤbrig blieben. So Ehren-Getichte. So hat der leichte Wind vorlaͤngst darvon gefuͤhrt Was Libys aufgesetzt/ die Barden abgesungen. Wo wird der zehnde Theil von diesem mehr gespuͤrt/ Was noch zu Celtens Zeit geschwebt auf tausend Zungen? Und muß was uͤbrig ist nicht vollends untergehen/ Weil kaum der Teutsche mehr den Teutschen kan verstehen? Manch Ritter edlen Bluts besang was Er gethan/ Obgleich sein Helden-Reim nicht klang in zarten Ohren. Man trifft von alter Zeit mehr als ein Merkmahl an/ Daß unser Schlesien zur Tichterey gebohren/ Wann Silber defsen Fuͤrst/ ein Heinrich/ uns sein Liben (Und anders mehr vielleicht) in Lidern hat beschriben. Die Stuͤkke sind zwar schlecht die auf uns kommen sein/ Und kan man wenig L icht in solchem Schatten finden/ Die Funken geben bloß aus bleichen Kohlen Schein/ Doch sind sie unsren Sinn noch faͤhig zu entzuͤnden/ Und daß die Kinder auch was Ahnen thaͤten/ lernen/ So muß ein neuer Glantz ihr tunckles Grab besternen. Ein fremder schreibt von uns mit ungewisser Hand/ Siht mit geborgtem Aug’ und redt mit anderm Munde/ Jhm ist des L andes Art und Gegend unbekant/ Gemeiner Wahn und Ruff dint Jhm zu falschem Grunde: Oft nimmt Er Ort fuͤr Mann/ und was Er recht soll nennen/ Wird doch der L ands-Mann kaum in seiner Sprache kennen. Rom Ehren-Getichte. Rom klebt die Hoffart an: was nach der Tiber schmekkt Geht Tagus goͤldnen Sand’ und Jsters Perlen oben. W ird nicht der Nachbarn Ruhm durch Eyfersucht beflekkt/ So siht man selten doch den Feind nach Wuͤrdenloben. W eil sich die halbe Welt gelegt zu seinen Fuͤssen/ Hat aller Barbarn Preiß fuͤr Jhm verstummen muͤssen. Des Grichen Buch ist oft ein leerer Fabel-Klang/ Der eingebildte Witz umbnebelt sein Gehirne/ Und weil der Teutschen Schwert Jhm biß zum Hertzen drang/ So scheint Jhm noch der Gram zu stekken in der Stirne. Zeugt nicht von seinem Haß und Jrthum zur Genuͤge/ Daß Er den Galliern schreibt zu der Teutschen Zuͤge? Koͤmmts auf die neue Zeit: wo selbe Francken seyn/ Die haben Teutsch zu sein durch Lufft und Zeit vergessen/ Jhr stoltzer Hochmuth waͤchst/ macht andre Voͤlcker klein/ Und trachtet allen Ruhm sich selber beyzumessen. W il man den Spanier/ wil man den W elschen fragen/ Jhr wen’ge werden uns gleich-zu vom Teutschen sagen. Doch schwaͤtze fremder Feind/ und Neyder was Er wil/ Das Lob der Tapferkeit muß unsren Teutschen bleiben. Jst ihre Redligkeit verschmitzter Nachbarn Spil/ Doch kan sie keine List aus ihrem L ager treiben: Und/ was nicht fremde Faust der W ahrheit wil vergoͤnnen/ W ird noch wol von sich selbst der Teutsche schreiben koͤnnen. e W as Ehren-Getichte. W as aus Minervens Stadt zum Capitol ward bracht/ Des weiß sich unser L and mit Nutzen zu bedinen. Die Strass’ ist zum Parnaß aus Teutschland laͤngst gemacht/ Man siht manch L orber-Reiß bey unsern Palmen gruͤnen. Corinthus und Athen hat Teutsche Faust erstigen: Wer weiß schreibt Sie nicht auch von ihren Ritter-Sigen. Nur umb die Helden ists am meisten itzt zu thun/ Die durch die lange Zeit zum andern mahl gestorben/ An unbekantem Ort’ ohn einig Denckmahlruhn: Doch haben sie nunmehr was Sie gesucht erworben. Begehrt iemand Bericht/ was Teutsche vor gewesen/ So kan Er Lohensteins beruͤhmten Herrmann lesen. Das Feuer dieses Geists ist Teutscher W elt bekant/ Man weiß/ wie Mund und Kil mit Nachdruck konte spielen. W as Er fuͤr L and und Stadt fuͤr Arbeit angewandt/ W ird noch mit mehrem Danck die spaͤte Nachwelt fuͤhlen. W as ich bey dieser Schrift am seltzamsten gefunden/ Jst/ daß Sie die Geburt der seltnen Neben-Stunden. Floͤst Argenis mit L ust der Klugheit L ehren ein; So spuͤrt man solche hir mit vollem Strome kwellen. Entdekkt man hir und dar Poetscher Farben Schein; Der Teutsche pflag sein L ob in Tichterey zu stellen. Hat sich Erlauchte Hand bemuͤht mit Aramenen/ So muß ein L orber auch die Schreibens-Art bekroͤnen. Was Ehren-Getichte. Was sonsten Muͤh und Fleiß aus hundert Buͤchern sucht/ Wird hir als im Begriff mit Lust und Nutz gesunden. Wie Chauz’ und Catte streitt/ Cherusk’ und Frise sucht/ Wie Quad und Hermundur verachten Tod und Wunden/ Vom alten Gottesdienst/ der Fuͤrsten Reyh und L eben Kan dieses edle Werck vergnuͤgte Nachricht geben. Doch bindt sich dis nicht nur an Teutscher Graͤntze Zil; Es zeigt den Kern von Roms und Morgenlands Geschichten. Wer sich gelehrt/ verliebt/ und S tats-klug weisen wil/ S iht was Er nur verlangt in Reden und Getichten. Er kan auch wil Er sich zu suchen unterwinden/ Jn diesem Buche viel von naͤhern Zeiten finden. Den Mann und Ort verkehrt der Zeiten schneller L auff/ Ein neuer S chauplatz zeigt was Vorwelt auch gesehen. L oͤst doch mit Unterscheid manch Nahmens-Raͤthsel auf/ S o findt ihr was vorlaͤngst und neuer ist geschehen. Das Wachsthum Oesterreichs den Ruhm von seinen Helden/ Wird Euch der Unterricht von Herrmanns Vorfahrn mel- den. Ziht itzt die Sein’ an sich der Tiber alte Pracht/ Trachtt durch Gewalt und List zu seyn das Haupt der Erden/ Genung daß Herꝛmañ noch fuͤꝛ Teutschlands Fꝛeyheit wacht/ Daß Varus und Segesth von Jhm besiget werden/ Der Sonn’ aus Oesterreich die Neben-Sonnen weichen/ Die Hochmuth aufgefuͤhrt/ und S tambols Monden bleichen. e 2 Dis Ehren-Getichte. Dis hat der kluge Geist gewuͤntscht und vorgesagt/ Der S ultan Jbrahims verdinten Fall besungen. Wenn Er die Zeit erlebt/ da dieser Wunsch vertagt/ Haͤtt Er mit Herrmañs Lob noch hoͤher sich geschwungen. Er haͤtte dises Buch noch weiter fuͤhren muͤssen/ Und mit dem hoͤchsten Ruhm der Kayser-Sige schlissen. Wir nehmen unterdeß zum frohen Zeichen an/ Daß Jene wie diß Buch solln sein ohn Schluß und Ende. Daß aber auch die Welt den Schatz genissen kan/ Jst dieses Buches S chluß ersetzt durch Freundes Haͤnde. So lange man nun wird der Tugend Ehre geben/ Wird unser Lohenstein in seinen Schrifften leben. Hanß Aßmann von Abschatz. Mir Ehren-Getichte. M Jr/ Bruder/ stehts nicht zu des Bruders Ruhm erheben/ Es waͤren Stoppeln nur/ des Neides Gauckelspiel. Der deutsche Herrmann kan dir tausend Leben geben; Ob schon dein zeitliches noch vor der Welt verfiel. Armin hat Stock und Beil den Deutschen abgerissen/ Und dennoch sahe man: daß Deutschland sein vergaß. Allein’ itzt muß die Welt von ihm und dir erst wissen/ Am meisten/ da der Wurm von beyder Asche fraß. Es dreut der Westen Stern/ so sich sonst Sonne nennet/ Uns Deutschen wiederumb aufs neue Mord und Brand. Wer aber seinen Schein/ des Mohnden Ohnmacht kennet/ Armin am Leopold/ der Deutschen Goͤtter Band/ Wird sehen seinen Glantz zu Regenbogen werden/ Und dieses Schwantz-Gestirn selbst blutig untergehn. Jndessen bleibt dein Leib die Schale zwar der Erden/ Dein Geist bey Sonne/ Mond’ und dem Gestirne stehn. Die Nachwelt ist verpflicht und Deutschland hoch verbunden Der Hand/ so seinen Ruhm aus Grufft und Graͤbern hebt. Umb deines hat Armin Zypressen selbst gewunden/ Und keiner Spinne Kunst dein Sterbe-Kleid gewebt. Du liegest im Armin/ Armin in Dir begraben/ Und Deutschland ist der Stein/ so beyder Asche netzt. Dem Bruder goͤnne nur den Ruhm dabey zu haben: Daß Er ein Ende hat dem deinen nachgesetzt. Hannß Casper von Lohenstein. e 3 Vorstel- Ehren-Getichte. Vorstellung des Lupffer-Tituls. A Uf Deutschland! kanst du noch der fremden Schmach vertragen? Faͤllt dir Qvintilius und Drusus noch zu schwer? Jst das verhaßte Joch noch nicht entzwey geschlagen? Auf Deutschland! ruͤste doch ein außerleßnes Heer. Darf denn ein stoltzer Feind dir Haar und Kleider rauben? Gibt man den Freyheits-Ring so unbedachtsam hin? Auf Deutschland! wafne dich; sonst muß ich sicher glauben/ Daß ich in Sybariß und nicht in Deutschland bin. Die junge Mannschafft wird verwegen hingerissen/ Die Aecker umbgepfluͤgt/ der Landmann ausgeprest/ Da unterdessen Staͤdt’ und Doͤrffer brennen muͤssen/ Jndem sich keine Huͤlff’ und Rettung spuͤren laͤßt. Diß kan zwar ein Segest/ ein Marobod verschmertzen/ Weil Gold und Eigennutz ihr wahres Zil verruͤckt/ Doch zeucht Arminius diß Unrecht ihm zu Hertzen/ Und hat das blancke Schwert vor aller Heil gezuͤckt. Auf Held! Auf Hertzog! geh! ermahne deine Bruͤder/ Bring dein behertztes Roß in den erhitzten Streit. Zeit und Gelegenheit koͤmmt nicht so schleunig wider/ Drumb daͤmpfe/ weil du kanst/ das Gift der Dinstbarkeit. Jhr aber die Jhr noch auf Baͤren-Haͤuten liget/ Und Deutschlands Untergang mit trocknen Augen schaut/ Seid Ehren-Getichte. Seid ihr durch Zauberey in traͤgen Schlaf gewiget? Jst das erfrorne Hertz denn noch nicht aufgethaut? Ach feige! wolt ihr nicht des Nachbarn Hauß erretten/ So wird das Eurige gewiß zu Grunde gehn/ Und der gefaugne Fuß in ungeheuren Ketten/ Und Fesseln/ die Jhr euch selbst angeleget/ stehn. Wie aber seh’ ich nicht den tapfern Arpus eilen? Ganasch und Jubil sind auf gleichen Schluß bedacht. Es denckt sich Sesitach nicht laͤnger zu verweilen/ Schaut wie dem Cattumer das Hertz vor Freuden lacht. Auf Helden! foͤrdert euch! die Bahn ist schon gebrochen/ Der Feldherr geht voran; es muß gefochten seyn; Das Unrecht wird allein durch Feur und Schwert gerochen/ Brecht derowegen keck in Waͤll’ und Laͤger ein. Man hat euch biß hieher durch wunderliche Kuͤnste Recht umb das Licht gefuͤhrt/ und Nasen angedraͤht/ Nun aber zeiget sich ein nichtiges Gespinste/ Das ein geschwinder Ost im Augenblick verweht. Auf denn! Ermuntert euch! denckt an der Ahnen Thaten/ Denckt an die Siges-Pracht/ die euch zu hoffen steht. Kaͤmpft standhaft! Kaͤmpft behertzt! als tapfere Soldaten/ Denckt/ daß euch Well’ und Flut biß an die Lippen geht. Die Nachwelt wird von euch mit Ruhm und Ehre sprechen/ Und wenn ein Tacitus nicht redlich schreiben mag/ So wird ein Lohenstein durch Nacht und Wolcken brechen/ Dergleichen kluge Faust bringt alles an den Tag. Jhr Ehren-Getichte. Jhr moͤgt euch immerhin biß an die Sternen schwingen/ Er folgt/ und laͤst den Kil/ der nichts von Moder weiß/ Biß in das innerste des duͤstren Alters dringen; Diß ist/ versichert euch/ der allerbeste Preiß. Jhm steh’n Tanfanens Hayn und Heiligthuͤmer offen/ Er weiß/ was Libys spricht/ und was Velleda denckt. Jhr habt von Jhm’ allein die Ewigkeit zu hoffen/ Die weder Zeit noch Tod in enge Faͤssel zwaͤngt. Unsterblich-grosser Geist! so lang’ als deutsche Helden/ Und deutsche Tapferkeit auf deutschem Boden bluͤhn/ So lange wird man dich der greisen Nachwelt melden/ Und einen Lorber-Strauch auf deiner Gruft erziehn. Du hast uns schon vorlaͤngst dein Ebenbild gewisen/ Das hohe Trau’rspil zeigt wie deine Feder prangt. Man hat der Schlesier besonders Gluͤck geprisen/ Das sie durch deine Hand in diesem Stuͤck’ erlangt. Last nur Cleopatren und Agrippinen kommen/ Stellt die Epicharis und Sophonisben vor; Du hast dem Sophocles vorlaͤngst den Preiß genommen/ Und Eschyluß beseuffzt/ was er durch dich verlohr. Es will der Seneca dir mehr als willig weichen/ Corneille schaͤmt sich nicht bald hinter dir zu gehn. Und Taßo denckt ihm nicht den Gipfel zu erreichen/ Auf welchem Lohenstein wird eingegraben stehn. Doch Ehren-Getichte. Doch ist es nicht allein mit Reimen ausgerichtet/ Arminius entdeckt die wahre Siges-Bahn. Schau! wie Heliodor sich gantz erschrocken fluͤchtet: Schau! was Barclajus selbst und Scudery gethan; Schau! wie Marini starrt/ wie Sidney sich entsetzet/ Und wie Biondi fast vor Neid zerbersten wil. Sie haben ja vorhin die kluge Welt ergoͤtzet: Jedweder sehnte sich nach ihrem Helden-Spil. Jtzt aber ist es aus: du hast allein gesiget/ Du hast Jtalien und Engelland gezaͤhmt/ Und Franckreich/ das sich sonst nur an sich selbst vergnuͤget/ Zu aller Deutschen Trost/ durch deine Schrifft beschaͤmt. Unsterblich-hoher Geist! wie soll dir Deutschland dancken? Das deiner Trefligkeit so hoch verbunden bleibt. (Schrancken/ Dein Ruhm weiß ausser dem fast nichts von Graͤntz’ und Weil ihn der Zeiten Ruff biß an die Wolcken treibt. Vor diesem haͤtte man dir Tempel und Altaͤre/ Und Saͤulen von Porfyr und Jaspis aufgesetzt. Man thaͤt’ es auch noch itzt/ wenn nicht die frembden Heere Uns bis auf Blut und Marck durch Schwert und Brand ge- Doch bleibt das Vaterland/ wie sehr es ausgesogen/ (schaͤtzt. Wie groß auch immermehr sein Unvermoͤgen ist/ Dem wunderbahren Fleiß/ der schoͤnen Muͤh gewogen/ Die seiner Helden Lob zu ihrem Zweck erkist. Mich daͤucht/ ich sah’ es naͤchst vor deinem Grabe ligen/ Es brach/ fast außer sich/ in diese Woͤrter aus: f Hir Ehren-Getichte. H ir ligt mein theureꝛ S ohn/ mein einiges V eꝛgnuͤgen/ H ir ist mein P aradiß/ mein außerkohrnes H auß. J hr K inder eifert nicht/ daß ich bey dieser B aare M ehr als bey andern bin: ich kenn’ euch alle wol. J ch weiß/ ihr ehret mich: ihr kroͤnet meine H aare: U nd ider foͤrdert diß was er verrichten soll. A llein/ hir muß ich was besonderes ablegen: (bracht. K om̃t! hoͤrt/ was meinen S inn auf diesen S chlus ge- M ich hat Arminius vor Z eiten durch den D egen/ J tzt aber Lohenstein durch S chrifften groß ge- macht. Christian Gryphius. Uber das Bildnuͤs Herrn Daniel Caspers von Lohenstein. H Jer spielt ein edler Stein/ dem Jovis Blitz fast weichet/ Und dem kein Diamant aus Bengala sich gleichet. Dort trotzt Er Tod und Neid/ weil ihn kein Maaß umbgraͤnzt/ Und Erin Gottes Hand als eine Sonne glaͤntzt. F. N. Daniel Daniel Caspers von Lohenstein Heldenmuͤthige Liebes- und Lebens-Beschichte von dem theuren Freyheits-Beschirmer des bedraͤngten alten Deutschlandes Arminius oder Herrmann und seiner Durchlauchtigen Thußnelda/ Erster Theil Jnhalt Des Ersten Buches. D Je Beschaffenheit des Roͤmischen Reichs unter dem Kaͤyser Augustus. Her- zog Herrmann kommt mit denen Deutschen/ vom Qvintilius Varus/ wi- der den Sicambrischen Hertzog Melo/ verschriebenen Fuͤrsten/ in dem Deutschbur gischen Heyn/ zusammen. Tanfanens Heiligthum. Herrmann opffert durch den Priester Libys. Die Leiche der Sicambrischen Fuͤrstin Walpurgis Erster Theil. A wird Erstes Buch wird beerdiget/ welche sich/ umb dem geilen Varus zu entkommen/ im Siegestrome er- traͤnckt hatte. Herrmann richtet den Fuͤrsten ein Gastmahl aus; und ermahnet sie/ ihre versammlete Waffen wider die Roͤmer zu brauchen/ mit Vorbildung ihrer Tyran- ney. Arpus der Catten Hertzog faͤllet ihm bey; und schlaͤgt den Herrmann zum allge- meinen Feld-Herrn fuͤr. Segesthes der Casuarier und Eulgibiner Hertzog gibt die Schuld des Roͤmischen Uberfalls den Deutschen/ widerraͤth den Frieden zu brechen/ sondern den Varus zu verklagen. Haͤlt ihnen den ungluͤcklichen Auffst and der Gallier/ Pañonier und Dalmatier fuͤr/ und daß der maͤchtige Koͤnig Marbod mit den Roͤmern in gutem Verstaͤndnuͤße lebe. Jubil des Bojischen Koͤnigs Brittons/ den Marbod ermordet/ Sohn/ flucht auff den Marbod/ und raͤth solchen selbst zu bekriegen. Ganasch der Chautzen Hertzog mißt dem Segesthes die Ursache bey: daß die Chautzen von Tiberius uͤberfallen worden. Jngniomer der Bructerer Fuͤrst aber entschuldigt Segesthen und besaͤnfftigt sie; und dieser erbeut sich den Uberfall der Roͤmer selbst ein- zurichten. Segimer Segesthens Bruder und alle Anwesende erklaͤren den Hertzog Herrmann zum Feld-Herrn. Jn dem fuͤr der Walpurgis Leiche eroͤffneten Grabe wird eine zweyfache Wahrsagung gefunden. Die Priester setzen den Feld-Herrn auff einen geweyheten Wagen/ und haͤndigen ihm drey alte Kriegs-Fahnen ein. Das Heer nimmt den neuen Feld-Herrn mit Freuden an. Des Feld-Herrn Ruͤstung und Re- de zum Heere. Hertzog Segimer und unter ihm sein Sohn Sesitach/ wie auch Ca- tumer der Cattische Printz fuͤhren den Vortrab. Ein unbekannter Ritter bittet beym Feld-Herrn/ um den Ausschlag kuͤnfftigen Krieges zu erforschen/ gegen einem Roͤmer einen Zweykampff aus/ darinnen der vermeinte Roͤmer mit dem stuͤrtzenden Pferde ohnmaͤchtig zu boden faͤllt/ durch seines Gefaͤrthen Klag-Geschrey fuͤr eine Koͤnigin er- kennet/ und in das Schloß Deutschburg getragen wird. Der Feld-Herr kriegt Nach- richt: daß der Vortrab von Roͤmern uͤberfallen worden/ und Segesthes zum Fein de uͤ- bergegangen sey; worauff er selbten zu Huͤlffe rennt/ Jgniomern und Arpus das Heer nachfuͤhren laͤßt. Segimer verfolgt die weichenden Roͤmer/ und verfaͤllt in dem Deutschmeyerischen Thale auff ihr gantzes Heer/ welches das Laͤger verlassen hatte/ und sich zwischen die Weser und Aeder an die Festung Cattenburg ziehen wollen. Herrmann befiehlet: daß Hertzog Jubil mit einem Theile des Hinterhalts einen Umschweiff neh- men/ und dem Feinde den Weg abschneiden solte. Segimer/ Catumer und Sesitach fechten an einem Furthe wider das gantze Heer. Der Feld-Herr macht ihm einen an- dern Weg/ trifft auff des Varus Leib-Wache und den Eggius. Herrmann reißt die- sen vom Pferde/ wird aber umgeben/ von Adgandestern wieder zu Pferde bracht/ aber von den Roͤmern/ welchen der Segesthes einen neuen Furth gewiesen/ so wohl als Se- gimer gantz umringt. Catumer und Sesitach werden verwundet. Das deutsche Heer entsetzt sie. Der Vortrab zeucht sich zuruͤcke auff eine Flaͤche/ den Roͤmern Platz zu ei- ner Schlacht-Ordnung zu machen; und die Roͤmer dringen wider den Willen ihrer Feld- Obersten nach/ also/ daß sie zu schlagen genoͤthigt werden. Die Roͤmische und Deutsche Schlacht-Ordnung. Segimer fuͤhrt ein Theil der Reuterey/ wird vom Zeno Printzen aus Armenien verwundet/ und muß seine Stelle seinen Sohn Sesitach vertreten las- sen. Ein Ritter geraͤth mit dem Zeno in einen hefftigen Streit/ wird aber zur Erde ge- faͤllt/ Arminius und Thußnelda. faͤllt/ fuͤr Jßmenen des Feld-Herrn Schwester erkennt und gefangen weggefuͤhret. Ze- no und Sesitach sind verliebt in sie; fallen dahero einander grimmig an. Hertzog Ganasch kommt diesem zu Huͤlffe/ faͤllet den Zeno und nimmt ihn gefangen. Die Roͤ- mische Reuterey wird auff dieser Seiten/ und Vala Numonius auff der andern vom Printzen Catumer in die Flucht geschlagen. Eggius/ Vir idomar und Guͤnterich fech- ten imrechten Fluͤgel tapffer. Jngniomer trifft auff sie mit grosser Hertzhafftigkeit. Catumer bricht mit der Reuterey in denrechten Fluͤgel ein/ Viridomar wird von ihm zu Boden gerennet und ertreten. Catumer toͤdtet Hertzog Guͤntherichen. Um den Roͤmischen Adler wird verzweiffelt gefochten. Jngniomer hauet dem Eggius die Hand ab und stoͤst ihm das Schwerdt durch die Gurgel. Der Roͤmische Faͤhnrich ersticht sich selbst. Jngniomer erobert den Adler/ und Catumer der fluͤchtigen Gallier Fahne. Rhemetalies trifft mit seinen Thraciern im lincken Fluͤgel. Hertzog Arpus bringt die Roͤmer in Unordnung. Die Menapier und Bituriger und Cejonius fechten laulicht. Rhemetalies und Arpus gerathen aneinander/ jener wird in Schenckel dieser in Arm verletzt. Printz Sesitach bricht mit der Reuterey in lincken Roͤmischen Fluͤgel ein. Cejonius weichet/ Rhemet alies wird gefangen. Herrmann und Varus treffen mit dem mitlern Groß ihrer Heere zusammen. Des Varus Verrichtungen in Syrien und Deutschland. Wie vortheilhafftig Herrmann die Schlacht-Ordnung gemacht. Die traurigen Anzeigungen bey den Roͤmern fuͤr der Schlacht. Varus/ Caͤditius/ Caͤ- lius/ Britomar/ Arbogast/ fechten auff einer/ die Deutschen auff der andern Seite scharff und zweiffelhafft. Herrmann bemuͤhet sich an Varus zu gerathen/ bricht mit dreyhundert Edelleuten zu Pfer den ins Roͤmische Fuß-Volck. Der Ritter/ welcher fuͤr der Schlacht die fremde Koͤnigin uͤberwunden/ trifft auff den verkleideten Sege- sthes. Jenem zerspringt der Degen/ Segesthestoͤdtet ihm und dieser wieder ihm das Pferdt/ reißt ihm den Helm ab; als er aber: daß es Segesthes sey/ erkennet/ zeucht er den Streich zuruͤcke und laͤßt den Degen fallen. Herrmann will dem Segesthes einen Streich versetzen/ der Ritter aber faͤngt selbten auff und wird selbst verwundet; giebt sich hierauf fuͤr die Fuͤrstin Thußnelde/ Segesthens Tochter/ zu erkennen; faͤllt ihrem Vater zu Fusse/ reicht ihm ein Schwerdt/ und verlangt von seiner Hand zu sterben. Segesthes erken- net sein Verbrechen/ wuͤnscht zu sterben/ wird aber auff des Feldherrn Befehl in Ei- sen geschlagen. Thußnelde wird ohnmaͤchtig und nach Deutschburg bracht. Her- tzog Herrmann nimmt den Caldus Caͤlius gefangen/ verwundet den Varus/ reißt dem Manlius den Haupt-Adler aus. Das gantze Roͤmische Heer fleucht/ Varus ersticht sich selbst. Sesitach steckt seinen Kopff auff eine Lantze. Hertzog Jubil trifft auffs neue auff den Vala Numonius/ den Caͤditius/ Britomarn und Arbogasten/ als sie nach der Cattenburg zu entrinnen vermeinen. Unter diesen wil einer hier/ der andere dort hinaus. Jubil durchrennt den Numonius/ verwundet den Britomar. Die Roͤ- mer verkriechen sich in Wald. Es erreget sich ein hefftiger Platzregen. Der Wald wird rings um mit Deutschen besetzt. Die Deutschen machen sich die Nacht durch lustig mit Wolleben und Gesaͤngen. Ein schrecklicher Sturmwind schlaͤgt viel Baͤume nie- der. Diese erschlagen die Roͤmer mit den ihrigen erbaͤrmlich. Jsmene des Feld-Herrn Schwester wird erledigt. Die Deutschen suchen aus dem Walde den Feind herfuͤr; A 2 pluͤn- Erstes Buch pluͤndern seine Wagen und Feld-Geraͤthe/ erlegen den Rest/ nehmen viel Weiber und Kinder gefangen; kommen fuͤr das Roͤmische Laͤger/ darein Caͤditius und Arbogast mit einem Theil ihres Volcks entronnen. Herrmann macht Anstalt zum Sturme. Catumer setzt durch die Lippe und beschleust auff der andern Seite das Laͤger. Her- tzog Jubil wil gegen die Festung Alison sich ziehen/ verfaͤllt aber auff zwey Legionen Roͤmer unter dem L. Asprenas. Herrmann laͤst Jngniomern fuͤrm Laͤger/ zieht dem Asprenas entgegen. Jubil treibt der Roͤmer Vortrab zuruͤcke. Die im Laͤger ma- chen mit ihren Zeichen: daß Asprenas Stand haͤlt. Fuͤrst Marcomir gehet mit den U- sipetern zum Jubil uͤber. Die Roͤmer setzen Jubiln harte zu/ und muß er sich zuruͤcke ziehen. Asprenas verfaͤllt auffs gantze Deutsche Heer/ erfaͤhrt von einem Gefangenen des Varus Niederlage; zeucht sich also/ indem Caͤcina und Silvanus Plautius mit der Reuterey fechten/ zuruͤck. Die Roͤmische Reuterey wird in die Flucht bracht. Herr- mann erlegt den Plautius. Der Roͤmer Niederlage. Jubil verwundet den Caͤcina/ Printz Sigesmund den Asprenas/ welcher mit dem Uberreste bey anbrechender Nacht sich zwischen die Suͤmpffe/ hernach aber durch den Wald gar zuruͤcke gegen Alison zeucht. Der Marsen Hertzog Malovend schlaͤgt sich durch den Catumer durch/ und kommt ins Roͤmische Laͤger. Catumer laͤßt einen Theil seines Volcks fuͤrm Laͤger/ und gehet mit einem Theil fuͤr Alison. Ganasch verfolgt den Asprenas. Herrmann fodert das Laͤger auff. Malovend widerraͤthet/ Cejonius schleußt sich zu er geben; befiehlt im Laͤger die Waffen uͤber einen Hauffen zu tragen. Malovend und Apro- nius verstecken den dritten Roͤmischen Adler in einen Sumpff. Herrmann bemaͤch- tiget sich des Laͤgers. Cejonius/ Malovend/ und Arbogast werden in Fessel geschlagen/ die Gefangenen eingetheilt und fortgetrieben. Grausamkeit der Deutschen gegen die Gefangenen/ insonderheit der Hermegildis gegen den Titus Labienus/ welcher ihres Ehemanns Moͤrder/ und ihrer Tochter Ehrenschaͤnder gegen sie verthaͤdiget hatte; als auch andere Sach-Redner. Das Laͤger wird geschleifft. Die Fuͤrsten kommen auff die erste Wahlstadt. Mustonius und Qvintus Julius Posthumus/ die des Va- rus Leichnam beerdiget/ werden befehlichet ihn wieder auszugraben. Sie weigern es/ Printz Sesitach aber laͤßt selbten gleichwohl ausscharren. Die Deutschen so in der Schlacht blieben/ werden theils verbrennt/ theils weggefuͤhret. Herrmanns Einzug in Deutschburg. Er wird von Priestern und Jungfrauen herrlich bewillkommt. Ca- tumer und Ganasch kommen beym Feld-Herrn mit unterschiedenen Gefangenen/ dar- unter auch Roͤmische Frauen an/ nachdem sie Alison erobert und den daraus entkom- menen Lucius Caͤditius verfolgt. Des Feld-Herrns gebliebene Grafen werden praͤchtig verbrennt/ und die Asche begraben. Emma des Ritter Waldecks: Wit- tib beerdigt ihres Eh-Herrns Gebeine und erhenckt sich selbst uͤber sein Grab. Der Deutschen Ritterspiele bey den Begraͤbnißen. Herrmann schlaͤgt viel die sich wohl ge- halten zu Rittern. Des Varus Waffen werden in Tanfanischen Tempel gelieffert/ sein Haupt auff Tuiscons Altar gelegt/ die Roͤmischen Adler den Goͤtter nauffgehenckt. Die Gefangenen werden auff hundert Altaren geopffert; viel Koͤpffe aber auͤffgehoben. Malovend/ Apronius und Emilian weꝛden begnadigt Cejonius wird in einem Sumpffe ersteckt. Sextus Catulus verdammt die deutschen Opffer. Caldus Caͤlius schlaͤgt ihm Arminius und Thußnelda. ihm den Kopff mit seinen Fesseln entzwey und hierauff auch Catulus. Fuͤrst Sesi- tach will des Varus Leib nicht auff dem Altare verbrennen lassen. Fuͤrst Siges- mund erzehlt: wie er das Roͤmische Priesterthum verlassen/ und opffert des Varus Leiche selbst auff. Neßelrod ziehet einen Brieff herfuͤr/ den Segesthes fuͤr der Schlacht an Varus geschrieben. Das Kriegs Volck wird auff Segesthen dadurch hefftig er- bittert/ begehret an die Priester ihn zum Tode zu verdammen. Segesthes wird ge- holet/ Herrmann hieruͤber bekuͤmmert. Ganasch dringt auff Segesthens Tod/ Herr- mann redet fuͤr ihn. Segesthes erkennet seine Schuld/ und wil sterben. Libys wird gezwungen auszusprechen: Segesthes muͤsse entweder vom Hencker/ oder/ da er seinem Ursprunge und Buͤrgerrechte abschwuͤre/ von Priestern sterben. Segesthes erkieset vom Hencker zu sterben; bittet aber ihm einen eigenhaͤndigen Tod zu erlauben. Thuß- nelde verdammet den Eigenmord/ und erbeut sich vermoͤge ihrer Landes-Gesetze den Tod fuͤr ihren Vater auch wider ihren Willen auszustehen. Bey aller Anwesenden Erstarrung will sie dem Priester Libys das Opffer-Messer aus der Hand reißen; Herrmann verhindert es. Thußnelda verweiset ihm die Verwehrung ihres Todes/ und entdeckt zugleich ihre zusammen gepflogene Liebe. Libys sireicht die seltzamen Schi- ckungen der guͤtigen Goͤtter heraus und erkennet: daß die Liebe und Verlobung mit dem Feld-Herrn Thußnelden vom erkieseten Tode errette. Segesthes willigt in sei- ner Tochter Heyrath. Der Verlobten Vergnuͤgen/ des Volcks Freude hieruͤber. Ari- nia wirfft zu Befreyung des Fuͤrsten/ Zeno und Rhemetalies ihnen ihren Krantz und Guͤrtel zu. Alle ziehen nach Deutschburg zuruͤcke. Des Ersten Theiles Erstes Buch. K Om hatte sich bereit so vergroͤssert: daß es seiner ei- genen Gewalt uͤberlegen war/ und es gebrach ihm itzt nichts mehr/ als das Maaß seiner Kraͤfften. Denn nach dem Buͤrger ge- wohnt waren/ gantze Koͤnigceiche zubeherꝛschen/ fuͤr Landvoͤgten sich große Fuͤrsten beugten/ die Buͤrgermeister Koͤnige fuͤr ihre Siegs-Wagen spanneten/ konte die Gleichheit des Buͤrgerli- chen Standes ihren Begierden nicht mehr die Wagehalten. Hieraus entspannen sich die in- nerlichen Kriege/ welche dem Kaͤyser Julius das Hefft allein in die Hand spielten/ als der große Pompejus in der Pharsalischen Schlacht seine Kraͤfften/ das Roͤmische Volck aber seine Frey- heit verlohr/ und jenem uͤber Hoffen die Erde zum Begraͤbnuͤße gebrach/ dem sie kurtz vor- her zu Ausbreitung seiner Siege gefehlet hatte. Deñ ob zwar der andere großmuͤthige Brutus/ durch einen in des Julius Brust gestochenen Dolch/ das Joch der Roͤmer zu zerschneiden/ dem Vaterlande die Freyheit/ seinem Geschlechte zum andernmal den Nahmen eines Erloͤsers zuerwerben trachtete/ so schlug doch sein nichts schlimmerer Anschlag viel aͤrger als des ersten Brutus aus. Also haͤnget ein gewuͤnschter Aus- schlag nicht von der Gerechtigkeit der Sache/ nicht von der Kuͤhnheit eines hertzhafften Unter- A 3 fan- Erstes Buch fangers/ sondern von dem unwandelbaren Ge- setze des unerbittlichen Verhaͤngnuͤßes. Wie nun Brutus vom Antonius erdruͤckt war/ also enteuserte sich der furchtsame Lepidus seiner Ho- heit und fiel dem August in einem Trauerkleide zu Fuße. Derletzte unter den Roͤmern Caßi- us toͤdtete sich aus Einbildung eines fremden Todes. Des Sextus Pompejus Kopf schwam im Meere; Cato und Juba fielen lieber in ihre eigene Schwerdter/ als in die Haͤnde des Octa- vius. Anton verlohr sich durch eigene Wolluͤ- ste/ blieb also niemand von den großen uͤbrig als August und sein Anhang. Da nun dieser die Gemuͤther der Kriegsleute mit Geschencken/ den Poͤfel mit ausgetheiltem Getraͤide/ den Adel mit Freundligkeit/ alle mit fuͤrgebildeter Suͤßigkeit des Friedens gewon- nen hatte/ war niemand/ der nicht lieber eine glimpfliche Herrschafft/ als eine stets blutende Freyheit verlangte. Ja die auch selbst im Her- zen die einhaͤuptige Herrschafft verfluchten/ tra- ten von ihrem Anhange und Meinung ab/ nach dem der Stadt Rom Schutz-Gott solche vorher geaͤndert haͤtte. Alle Widerwaͤrtigen erkenneten das Absehen des Verhaͤngnuͤßes/ die toͤdtliche Kranckheit ihrer Buͤr gerlichen Herr- schafft/ und nahmen wahr: daß das zwistige Vaterland nur unter einem Hute zubefriedi- gen/ und die bey denen Buͤrgerlichen Kriegen zerfleischte Freyheit unter einem Fuͤrsten einzu- buͤssen der Roͤmer groͤstes Gluͤcke war. Und biemit fiel das Looß auf den August; gegen wel- chem die sich ihm widersetzende Tugend ungluͤck- seelig; die Tapfferkeit selbst unvermoͤgend ward. Dahero ging nun iederman in seinen Palast/ nach dem/ wie sie selbst sagten/ ihnen das Gluͤcke zu selbtem und zu ihrer Schuldigkeit den Weg gewiesen hatte/ und wohin die Goͤtter vorherge- gangen waren. Ja die der Tugend und frey- en Kuͤnsten hold waren/ schrieben diesem Fuͤr- sten an die Pforte: Wer fuͤr unrecht hielte/ daß der Himmel uͤber seinem Wuͤrbel schwebte/ daß die Sonne so hoch stuͤnde/ haͤtte alleine sich zu be- schweren: daß der wuͤrdigste Kaͤyser waͤre. Sein Verdienst setzte ihn auf eine so hohe Staffel/ wo- hin ihm weder der Unwille seiner Mißgoͤnner nachsteigen/ noch das Auge der Ehrsuͤchtigen nachsehen konte. Feindschafft und Aufruhr erstickte in sich selbst; der Haß gegen ihn ver- wandelte sich in Verwunderung/ die Wider- setzligkeit in Liebe. Und hiemit uͤbertraf dieses Schoskind des Geluͤckes bey weitem den Juli- us. Er kam dem Numa gleich in dem/ daß er den Tempel des Janus nach Erbauung der Stadt zum dritten mal zusperrete/ daran aber: daß er das groͤste Theil der Welt be- herrschte/ uͤberstieg Er so wol alle seine Vor- fahren/ als anderer abgelebter Beherrscher Bothmaͤssigkeit. Die seltzamsten Zufaͤlle spiel- ten ihm mehr als er wuͤntschte in die Hand/ und noͤthigten ihn gleichsam die Graͤntzen sei- nes Gebietes zu erweitern/ ob er gleich das Roͤ- mische Reich in denen uͤberkommenen Schran- cken zu erhalten entschlossen war. Weil die Uberlast nichts minder eine Ursache ist: daß all- zu grosse Herrschafften als uͤberbauete Schloͤsser einfallen/ und grosse Leiber den meisten Schwachheiten unterworffen sind. Alleine wo GOtt und das Verhaͤngnuͤs etwas vergroͤs- sern wil/ da muͤssen auch die Schrancken der Natur sich ausdehnen/ und die Zuͤgel der menschlichen Gemuͤths-Regungen zerreissen; oder es laͤst sich der Ehrsucht nicht so leicht ein Ziel/ als Laͤndern einen Graͤntz-Stein setzen. Das Gluͤcke belegte fuͤr die Roͤmischen Gewalt- haber den hoffaͤrtigen Phrat mit Bruͤcken/ und die Zeit baͤhnete ihnen die sandichten Wuͤsteney- en des innern Libyens; also/ daß die Graͤntze des Roͤmischen Reichs von den weissen Britten/ biß zu den schwartzen Mohren/ von dem Ge- buͤrge deß Caucasus/ biß ausser den Saͤulen des Hercules sich erstreckte; und das Jndische Meer nichts minder die Rubinen der Morgen-Roͤthe/ als das/ worinnen die Sonne zu Golde gehet/ seine Arminius und Thußnelda. seine Perlen dem Kayser zinsete. Weßwegen August nicht so wol umb den Anfang aller von Rom außgehenden Meilen zu rechnen/ als das Reichthum seines guͤldnen Reiches zu be- zeichnen/ auff den Marckt zu Rom eine Saͤule aus Golde setzte. Ja nicht nur das Reich uͤber- stieg die Schrancken allervorigen/ sondern Rom selbst das Maaß aller Staͤdte; dessen Umbkreyß zwey und viertzig Roͤmische Meilen betrug; dessen Haͤuser sechs Millionen Menschen be- herbergten; und derogestalt das uͤbrige Jtalien nicht nur oͤde und einsam machte/ sondern schier aller Voͤlcker der Welt Aufenthalt war; und in einem Tage der vorwitzigen Eitelkeit zehen tau- send Pfund zusammen gelesener Spinnen lie- fern konte. Diesemnach denn die Welt sie fuͤr ihr groͤstes Wunder/ das menschliche Geschlech- te sie fuͤr ihre Gebieterin zu verehren gezwungen ward/ nach dem Gluͤcke und Zeit ihr die Ober- hand und die Ewigkeit entraͤumte. Bey sol- cher Beschaffenheit schickte Phraates dem Kay- ser die dem Crassus und Antonius abgenomme- ne Adler wieder/ und trat ihm gantz Armenien als ein Kauff-Geld des Friedens ab. Die Parther versicherten ihm ihre Treue durch Geissel/ und vertraueten ihm die Auferziehung ihrer Koͤnige. Die herrschsuͤchtige Candace meynte Egypten zu gewinnen/ und buͤssete ihren Koͤniglichen Sitz Tanape ein. Largus drang biß ins Hertze deß gluͤckseligen Arabiens/ und Koͤnig Samos blieb in seinen Sand-Bergen nicht von den Roͤmischen Waffen unbeirret. Der Jndianische Koͤnig Porus schickte nach Rom die ersten Tieger/ Pirimal auß der Jnsel Taprobana Wuͤrtzen/ und Edel-Gesteine/ umb hierdurch sich beym Augustus einzulieben/ und der Roͤmer Freundschafft zu erlangen. Die Deutschen/ welche der Kayser und andere grosse Koͤnige wegen ihrer Treue und Tapferkeit ins gemein zu ihrer Leib-Wache erkieseten/ stunden den Roͤmern in ihren Kriegen zu Dienste. Die Cimbrer beschenckten ihn mit dem bey ihrem Reiche fuͤr das groͤste Heyligthum und Kleinod gehaltenem Tiegel/ und die/ welche ihre Kraͤff- ten uͤber die Gewalt der unsterblichen Goͤtter herauß strichen/ lernten nach und nach ver- schmertzen: daß Drusus deß Kaysers Stief- Sohn durch etliche zwantzig am Rhein-Stro- me erbauete Festungen ihrer Freyheit gleichsam einen Kap-Zaum anlegte; daß Tiberius biß an die Elbe drang/ die Chauzen fuͤr seinem Stu- le die Waffen niederlegten/ ja daß deß Kaysers Feld-Hauptmann Quintilius Varus sie nicht so wol mehr mit den Waffen im Zaume hielt/ als taͤglich nach der Schaͤrffe der Roͤmischen Gesetze/ oder vielmehr nach dem Wahne seiner luͤsternen Begierden verurtheilte. Unter diesem Joche schmachtete die Welt und Deutschland/ so daß nach dem allererst gebaͤn- digten Dalmatien niemand war/ der wider die Roͤmer einen Degen zuckte/ denn der großmuͤ- thige Hertzog Melo mit seinen Sicambern und Angrivariern; als zu dem großmuͤthigen Herr- mann der Cherusker Hertzoge sich ein Ausbund der Deutschen Fuͤrsten (welche Quintilius Va- rus wider den seiner Meynung nach aufruͤhri- schen Melo guten theils verschrieben hatte) eingefunden/ und auf seine bewegliche Aufmun- terungen in dem Deutschburgischen Forst an der Lippe ihre Heer - Spitzen versammlet hatten. Die Sonne trat gleich in die Wa- ge/ und war selbigen Tag schon zu Golde ge- gangen/ nach Mitternacht solte auch gleich der volle Mond eintreten/ als Hertzog Herr- mann die Grossen in dem Haͤyn der Goͤt- tin Tanfana einleiten ließ. Es war ein Thal/ welches ungefaͤhr eine Meilweges im Umb- kreisse hatte/ rings herumb mit steilen Felsen umbgeben/ welche allein von einem abschuͤs- senden Wasser zerthellet waren. An dieser Gegend hatte die andaͤchtige Vor-Welt dem Anfange aller Dinge/ nehmlich dem Schoͤpfer der Welt zu Ehren auf ieder Seiten eine drey- fache Reye uͤberaus hoch und gerade empor wach- Erstes Buch wachsender Eich-Baͤume gepflantzet/ und wie dieses gantze Thal/ also auch insonderheit den in der Mitte gelegenen Huͤgel/ und die in selbtem von der Natur gemachte Hoͤle/ als auch den darauß entspringenden Brunnen fuͤr eines der groͤssesten Heiligthuͤmer Deutschlands vereh- ret/ auch den Glauben: daß in selbtem die An- dacht der Opfernden durch einen Goͤttlichen Trieb gefluͤgelt/ und das Gebete von den Goͤt- tern ehe als anderwerts erhoͤhet wuͤrde/ von mehr als tausend Jahren her auf ihre Nach- kommen fortgepflantzet. Denn die alten an- daͤchtigen Deutschen waren bekuͤmmerter Gott recht zu verehren/ als durch Erbauung koͤstlicher Tempel die Gebuͤrge ihres Marmeis zu berau- ben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Die- semnach sie fuͤr eine der groͤsten Thorheiten hiel- ten Affen/ Katzen und Crocodilen/ ja Knobloch und Zwibeln mit Weyrauch zu raͤuchern; wel- che bey den Egyptiern mehr die auß Jaspis und Porphyr erbaueten/ oder auß einem gantzen Felsen gehauene Wunder-Tempel vorstellten/ als durch derselben Pracht einiges Ansehen ih- rer schnoͤden Heßligkeit erlangeten. Nichts minder verlachten sie die zu Rom angebetete Furcht und das Fieber/ als welche Kranckheiten wol unvergoͤttert/ ja abscheulich bleiben/ wenn gleich zu Uberfirnßung ihrer Bilder und Hey- ligthuͤmer alle Meere ihr Schnecken-Blut/ und gantz Morgen-Land seine Perlen und Edel-Gesteine dahin zinset. Da hingegen eine wahre Gottheit eben so ein auß schlechtem Rasen erhoͤhetes Altar/ und ein mehr einem sin- stern Grabe als einem Tempel aͤhnliches/ aber von dem Feuer andaͤchtiger Seelen erleuchte- tes Heyligthum; wie die Sonne alle duͤstere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze er- leuchtet und herrlich macht; also daß ohne die Gegenwart des grossen Auges der Welt alle gestirnte Himmels-Kreyse duͤstern/ in Abwesen- heit einer wesentlichen Gottheit alle von Rubin und loderndem Weyrauch schimmernde Tem- pel irrdisch sind. Denn ob wol GOtt in und ausser aller Dinge ist/ seine Macht und Herr- schafft sonder einige Beunruhigung sich uͤber alle Geschoͤpfe erstrecket/ seine Liebe ohne Er- muͤdung allen durch ihre Erhaltung die Haͤnde unterlegt/ ob er gleich ohne Außdehnung alles außwendig umbschleust/ alles innwendig ohne seine Verkleinerung durchdringet; und er also in/ uͤber/ unter und neben allen Sachen/ iedoch an keinen Ort angebunden/ noch nach einigem Maasse der Hoͤhe/ Tieffe und Breite zu messen/ seine Groͤsse nirgends ein - sein Wesen nir gends außzuschluͤssen ist; so ist doch unwidersprechlich: daß GOtt seiner Offenbarung nach/ und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht einen Ort fuͤr dem andern/ nicht etwan wegen seiner absonderlichen Herrligkeit/ sondern auß einer unerforschlichen Zuneigung/ ihm belieben lasse/ ja mehrmals selbst erkieset habe. Uber dem Eingange nun dieser ebenfals fuͤr andern erwehlten Hoͤle waren nachfolgende Reymen in einen lebendigen Stein-Fels ge- graben/ iedoch gar schwer zu lesen; weil sie nicht allein mit denen vom Tuisco erfundenen Buch- staben geschrieben/ sondern auch vom Regen abgewaschen und vom Mooß verstellet wa- ren: Jhr Eiteln weicht von hier! der Anfang aller Dinge/ Der ch als dieser Fels und dieser Brunn-Quell war/ Hat hier sein Heyligthum/ sein Wohn-Haus/ sein Altar; Der wil: daß man ihm nur zum Opfer Andacht bringe. Die ist das Eigenthum der Menschen. Weyrauch/ Blut/ Gold/ Weitzen/ Oel und Vieh ist sein selbsteigen Gut. Die Opfer die ihr ihm auf tausend Tischen schlachtet/ Die machen ihn nicht feist/ und keine Gabe reich. Jhr selbst genuͤsset es/ wenn ihr den Schoͤpfer gleich Durch eure Erstlingen hier zu beschencken trachtet. Euch scheint der Fackeln Licht/ ihr ruͤcht des Zimmets Brand; Ja/ was ihr gebt/ bleibt euch mit Wucher in der Hand. GOtt heischt diß zwar/ doch nicht aus luͤsterner Begierde. Denn was er geitzt das Meer ihm an der armen Flut Des Thaues? welcher Stern wuͤntscht ihm der Wuͤrmer Glut/ Die bey den Naͤchten scheint/ und der Rubinen Zierde? Jhr weyht GOtt nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht; Euch selbst zu eurem Nutz/ ihm zur Bergnuͤgung nicht. So Arminius und Thußnelda. Ja auch die Andacht selbst weiß GOtt nichts zu zufroͤmen; Denn eignet sie uns zu gleich seine Gnad und Heil; So hat sein Wolstand doch nicht an dem unsern Theil/ Wie unsre Freude rinnt auß seinen Wolthats-Stroͤmen. Hingegen wie kein Dunst verschrt der Sonnen Licht/ So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht. Der Laͤsterer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden/ Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt. Es ruͤhmt als Nichter ihn was in der Hoͤlle bruͤllt; Wie’s Lob der Seligen preist seine Vater-Gnaden. Den grossen GOtt bewehrt die Kohle/ die dort gluͤht/ So wol/ als die/ die man wie Sterne glaͤntzen sicht. So ists nun Ubermaaß/ unsaͤglich grosse Guͤtte/ Daß GOtt die Betenden hier wuͤrdigt zu erhoͤrn! Weicht Eitele! umb nicht diß Heyl’ge zu versehrn! Denn daß GOtt in diß Thal nur einen Blick außschuͤtte/ Jst groͤß’re Gnad/ als wenn das Auge dieser Welt Den schlechtsten Sonnen-Staub mit seinem Glautz/ erhaͤlt. Jn dieser andaͤchtigen Einfalt bestunden die alten Heyligthuͤmer. Nachdem aber die Roͤ- mer uͤber den Rhein gediegen/ und iede Land- schafften auch so gar dem Kayser Augustus haͤuf- fig Tempel aufrichteten/ liessen die Hartz- und Marßlaͤnder sich von ihrer alten und einfaͤlti- gen Andacht ableiten: daß sie nach der Roͤmi- schen Bau-Art auf diesen Huͤgel einen rundten und praͤchtigen Tempel von viereckichten Stei- nen aufbaueten. Gleich als ob es in der Willkuͤhr der Sterblichen stuͤnde: die Goͤtter nichts minder in gewisse Gestalten zu verwandeln/ wie sie auß denen Gestirnen nicht nur uͤppige Bulschafften/ sondern Baͤren/ Hun- de und andere wilde Thiere in dem Abrisse ihrer tummen Einbildung gemacht haͤtten/ oder auch/ als ob es die Goͤtter mehr ver gnuͤgte/ wenn die Sterblichen ihnen Steine an statt ihrer Hertzen einweyhen/ und mit kostbarer Eitelkeit ihren kaltsinnigen GOttes-Dienst uͤberfirnsen. Wiewol nun an etlichen Orten Deutsch- lands die Sonne unter der Gestalt eines halb- nackten auf einen hohen Pfeiler gesetzten Man- nes/ dessen Haupt mit Feuer-Stralen umb- geben war/ und der auf der Brust ein brennen- des Rad hielt; der Mond unter dem Bildnuͤsse eines Weibes/ mit einem kurtzen Rocke/ einer Kappen mit langen Ohren/ mit gehoͤrnten Schuhen und dem Monden auf der Brust; der Tuisco in der Haut eines wilden Thieres/ mit einem Zepter in der Hand verehret ward; so hatte doch gegenwaͤrtiger Ort noch diese Reinigkeit erhalten: daß sie in diesen ihren ersten Tempel kein Bild ihres GOttes entwe- der nach menschlicher Aehnligkeit/ oder Gestalk eines Thieres setzten. Sintemal sie nicht nur den abscheulichen Mißbrauch der Goͤtter Bil- dung darauß wahrnahmen: daß Praxiteles nach seiner Bey-Schlaͤferin Gratina/ viel an- dere nach der unzuͤchtigen Phryne die Goͤttin Venus/ Phidias nach einem mißbrauchten Knaben Pantauches/ den Olympischen Jupi- ter abgebildet hatten; und wie schwer der Bild- Schnitzer sein eigen Gemaͤchte anbeten koͤnne/ beobachteten/ sondern auch ehrerbietig glaubten: Man koͤnne zwar gewisse Bildnuͤsse zum Zei- chen der daselbst verehrten GOttheit in gemein/ zu welchem Ende im Anfange der Dinge die Sterblichen zu ihrem GOttes-Dienste Lanzen sollen aufgesteckt haben/ die Morgen-Laͤnder ihren Jupiter durch einen grossen rundten ober- halb laͤnglichten/ die Araber durch einen viereckichten Stein/ die Perser durch einen Fluß/ die Druiden durch einen hohen Eich- Baum/ oder durch einen Degen und Gezelt; die Paphier ihre Venus mit einer Kugel ange- deutet haben/ oder zum Unterschiede eines ge- wissen GOttes-Diensts/ der an einem Orte im Schwange gienge/ als durch den Blitz/ daß Ju- piter/ durch den Spieß/ daß Pallas/ durch die Saͤule/ daß Hercules/ durch das wilde Schwein/ daß die Goͤttin Herta/ durch ein altes Schwerdt/ daß Marß/ (welchem die Scythen unter dieser Gestalt ihre Gefangenen opffern) durch einen Sebel/ daß die Diana (womit sie die Taurer abbildeten) allda verehret wuͤrde/ an heiligen Oertern auffstellen/ oder selbte gar nach der Gewohnheit ihreꝛ Vorelteꝛn mit in die Schlach- ten nahmen/ oder zu ihren Heer-Fahnen brau- chen; Die Groͤsse aller himmlischen Geister a- Erster Theil B ber Erstes Buch ber wuͤrde verunehret/ wenn man sie selbst mit zerbrechlichem Ertzt oder Steinen abbilden/ oder in durch Menschen Haͤnde gemachte Mauren einschliessen wolte. Denn der grosse Umkreiß der Welt sey der groͤste/ eine andaͤchtige Seele a- ber der angenehmste Tempel Gottes. Ja das kleineste Mooß/ das an den niedrigsten Stau- den waͤchst/ sey die Groͤsse Gottes fuͤrzubilden groß genug. Der geringste Wurm diene zum Beweißthume seiner lebhafften Gegenwart und unendlichen Versehung. Dahero auch Pythagoras seinen Nachfolgern auffs schaͤrffste verbot/ keinen Ring/ oder was anders/ darein Gottes Bild gegraben waͤre/ zu tragen. Hier- durch auch sie zugleich erinnerte: daß sie ihre Glaubens-Geheimniße von GOtt bey dem al- bern Poͤfel nicht gar zu gemein machen solten. Nichts minder hat Numa verboten/ GOtt durch eines Menschen oder Thieres Bild fuͤr- zustellen/ weil es verkleinerlich waͤre/ das hoͤch- ste Ding mit so geringen zu vergleichen/ und die unsichtbare Unbegreiffligkeit durch die Au- gen denen Sterblichen gemein zu machen. Wie- wohl hernach mit dem Verderb der Roͤmischen Sitten auch diese einschlich: daß sie/ nach Ge- wohnheit der Egyptier/ auch ihrer in Edelge- steine geschnittener Goͤtter Bildniße mit Rin- gen an Fingern trugen. Der Priester Libys/ ein steinalter Mann/ dessen eyßgraues Haar zwar den Schimmel der Zeit/ und die Vergaͤnglichkeit des Leibes/ sein munteres Antlitz aber gleichsam ein Vor- bild der unsterblichen Seele darstellte/ trat aus der Hoͤle diesen Deutschen Helden entgegen/ und erweckte so wohl gegen ihm als diesem heiligen Ort eine ungemeine Ehrerbietung; Zumal die Deutschen ohne diß gegen ihre Priester groͤssere als gegen Koͤnige zu bezeugen gewohnt waren. Seinen Leib/ von den Schultern biß auff die Fuͤsse/ bedeckte ein schneeweißes Gewand/ wel- ches ein Guͤrtel/ darauff die zwoͤlff himmlischen Zeichen gestickt standen/ uͤber den Lenden zusam- men zog. Das Haupt war mit einem Lorber- Krantze umflochten/ in der lincken Hand trug er einen Dreyzancks-Stab; auff dessen mittelster Spitze die Sonne/ auff denen zwey eussersten der Mond und das Feuer abgebildet war. Den unter dem Schatten dieser dreyen natuͤrlichen Geschoͤpffe betete ein Theil der Deutschen eine dreyeinige Gottheit an. Jn der rechten Hand hatte er einen Sprengwedel/ welchen er drey- mahl in das aus der Hoͤlehervor rinnende Qvell- Wasser eintauchte/ und damit die sich naͤhernden Helden bespruͤtzte. Also fort fiel Hertzog Herr- mann fuͤr der Hoͤlen auff sein Antlitz/ und ruff- te mit ausgebreiteten Haͤnden des Orts Gott- heit um Erhoͤrung und gluͤckliche Ausfuͤhrung seines Anschlags an. Hierauff zuͤndeten die Opfferknechte das Feuer auff dem unferne von der Hoͤle auffgerichteten Altare an/ brachten Beile/ allerhand Gefaͤsse mit Wasser zur Reini- gung des Opffers/ und endlich zwey weisse Ochsen herbey; welche um den Hals mit Kraͤn- tzen aus allerhand wohlriechenden Blumen umwunden waren. Der Priester wusch seine Haͤnde aus dem Brunnen/ legte die lincke auff den Kopff des Opffer-Viehes/ seufftzete und be- tete bey sich/ die Augen starr gegen dem auffge- henden Monden haltende. Nach diesem schnitt er ein wenig Haare von der Stirne der Ochsen warff sie mit Weyhrauch vermenget ins Feuer/ und schlingte ihnen einen Strick um den Hals/ mit welchem ohne diß die foͤrdern Fuͤsse gebunden waren. Als nun die Opffer- Knechte selbte damit zu Boden faͤlleten/ nahm der Priester das Messer und stach darmit durch ihre Kehle/ fing das herausspritzende Blut in ei- ne steinerne Schuͤssel auff/ und goß es in die Flamme/ welche davon gantz spitzig in die Hoͤhe klimmete. Endlich schnitt er den gantzen Bauch auff/ besahe das Eingeweide/ zertheilte mit den Veilen die Ochsen/ wusch sie ab/ besprengte die Viertel mit Meel und Saltz/ und verbrenn- te alles zu Aschen. Nach derogestalt vollbrachtem Opfer rief er mit lauter Stimme dem Hertzoge zu: Er solte aufste- Arminius und Thußnelda. aufstehen/ die GOttheit haͤtte sein Gebete gnaͤ- dig aufgenommen/ und das Opfer deutete in allem an: daß das Verhaͤngnuͤß seinem Fuͤrha- ben geneigt waͤre. Hertzog Herrmann sprang hierauf mit gleichen Fuͤssen empor/ neigte sich gegen dem Altare/ und weil sein Hertze so wenig die Freude/ als seine grosse Hoffnung eines gluͤcklichen Außganges verbergen konte/ steckte er seine lincke Hand gegen dem aufgehenden Voll-Mond aus/ und thaͤt ein Geluͤbde: daß er alle edle Roͤmer/ welche von ihm wuͤrden ge- fangen werden/ aufopfern wolte. Hiemit wendete er sich gegen die Fuͤrsten und andere Grossen/ welche unfern von ihm bey dem Opfer auch ihrer Andacht gepfleget hatten/ und ersuch- te sie: daß sie ihm/ als einem Wegweiser hinter den Huͤgel und Tempel nachfolgen moͤchten. Sie hatten aber kaum etliche Schritte fortge- setzt/ als sie von Westen her gegen dem Tempel sich einen Todten-Aufzug naͤhern sahen; wel- ches sie aus aller Begleitenden schwartzen Trau- er-Kleidern und ihren umbhuͤlleten Haͤuptern erkenneten. Zufoͤrderst giengen zwantzig Edel- Leute/ welche die Bilder der Sicambrischen Fuͤrstlichen Ahnen vortrugen; diesen folgten drey Sicambrische Priester mit Opfer-Beilen/ und hierauf alsofort ein mit Blumen-Kraͤntzen uͤber und uͤber bekleideter Sarg/ welcher von zwoͤlf weisse Wachs-Fackeln tragenden Edel- Knaben umbgeben/ und von so viel edlen Jung- frauen getragen ward; die alle so viel Thraͤnen uͤber ihre Wangen fluͤssen liessen/ daß es schien/ als haͤtten ihre Augen sich in das regnende Sie- ben-Gestirne verwandelt. Jhre Vorgaͤnge- rin/ eine ansehnliche Frau/ alleine hatte trockene Augen/ es sahe ihr aber eine heftigere Bestuͤr- tzung aus dem Gesichte/ als welche mit Weinen fuͤrzubilden ist. Der Leiche folgten eine ziemli- che Anzahl Sicambrische Edel-Leute/ und zu- letzt die Opfer-Thiere/ welche auf denen Be- graͤbnuͤssen zwar geschlachtet/ nicht aber ver- brennet/ sondern von denen Leidtragenden verspeiset zu werden pflegen. So bald sie fuͤr den Eingang deß Tempels kamen/ ward die Baare niedergesetzet/ der Sarg eroͤffnet/ in welchem eine eingebalsamte Leiche eines Frauen-Zimmers zu sehen war. Nachdem sie alle gegen der heiligen Hoͤle sich biß auf die Erde niedergebuͤckt/ und ein kurtzes Gebete gethan hatten; kehrte sich die dem Sarche vortretende edle Frau zu denen anwesenden Fuͤrsten/ und fieng nach etlichen tieffen Seufzern halb re- chelnde an zu reden: Wundert euch nicht/ grosse Helden/ wer ihr auch seyd/ daß so viel bestuͤrtztes Frauen-Zimmer und traurige Frembdlinge eu- re heilige Rath-Schlaͤge stoͤren. Unsre Leiche und Sache vertraͤget nichts als Wehklagen; bey de- nen Deutschen aber ist den Maͤnnern nur das Andencken/ denen Weibern das Trauren allein anstaͤndig. Lasset euch vielmehr befrembden: daß mein trockner Schmertz noch das Vermoͤ- gen hat meine Zunge zu ruͤhren. Dieses Ge- rippe sind die geringschaͤtzigen Huͤlsen der uͤber- irrdischen Walpur gis/ der Sicambrischen Fuͤr- stin; welche ich von Jugend auf durch tugend- hafte Erziehung zu bedienen das Gluͤcke/ der boßhafte Varus aber zu ermorden den Vorsatz gehabt hat. Wolte GOtt aber/ dieser Un- mensch haͤtte nur ihr Leben/ nicht aber ihre Tu- gend auszuleschen sich bemuͤhet! Alleine diese Heldin hat das erste an ihr selbst hertzhafft aus- uͤben muͤssen/ womit Varus/ der Keuschheit Tod-Feind/ das andere zu vollbringen gehindert wuͤrde. Denn sie hat lieber in dem Siege- Strome ertrincken/ als mit diesem luͤsternen Hengste in dem Gewaͤsser der Wolluͤste schwim- men wollen. Jch stehe an unsere Walpurgis der Roͤmischen Lucretia zu gleichen/ welche letz- tere/ da sie unschuldig gewest ist/ nicht den Tod/ wenn sie aber nur ihr beliebtes Verbrechen mit dem Blute zu uͤberfirnsen gesuchet/ kein Lob ver- dienet hat. Sintemal die erstere durch zeitliche Abschneidung ihres Lebens-Fadens dem Wuͤ- terich auch das Vermoͤgen sie zu verunehren B 2 abge- Erstes Buch abgeschnidten. Gleichwol aber beredet mich der aus so viel Helden-Gesichtern hervor strahlende Anblick: daß die unbefleckte Wal- purgis zum minsten so wol eine Ursache der Ra- che/ ein Anlaß die gekraͤnckte Freyheit wiederzu- suchen/ fuͤr Deutschland; als die gleichwol besu- delte Lucretie eine Mutter der buͤrgerlichen Herrschafft/ und eine Vertilgerin der Wuͤtteri- che in Rom zu seyn/ verdiene. Ja weil diese großmuͤtige Tochter des Fuͤrsten Melo in ihrem Hertzen einen so grossen Tugends-Eyfer gezeu- get: daß sie an ihrem Leibe die unsinnige Be- gierde des Varus doch mit dem Tode gestraffet hat; wuͤrde ich aller anwesenden Helden Un- willen uͤber mich billich ziehen; wenn ich nur zweifelte: daß sie an dem schuldigen Varus so viel Laster mit gelinderer Straffe belegen/ und dem/ nicht so wol zur Rache seines Hauses/ als dem gemeinen Wesen zum Besten/ wider die Roͤmer hertzhafft streitenden Melo ritterlich bey- springen wuͤrden. Diesem heiligen Heyne hat ihr bestuͤrtzter Vater die Asche einer so heiligen Fuͤrstin gewiedmet/ weil dieser Leib vorher ein heiliges Behaͤltnuͤs einer so reinen Seele gewest. Aber in wie viel ein herrlicher Heyligthum wird mit ihrem Gedaͤchtnuͤsse das Bild der Tugend beygesetzt werden; wenn in denen Hertzen so gros- ser Helden die truͤben Wolcken des Mitleidens einen solchen Blitz gebehren/ welcher den Wuͤtte- rich in Asche verkehret/ und der Nach-Welt ein Beyspiel der ungluͤcklich angefochtenen Keusch- heit hinterlaͤst. Nach dem aber die Leichen ih- rer Ruh/ die from̃en Seelen ihrer Erquickung/ die Boͤsen der Marter nach dem Tode wuͤrdig sind/ und also mit Seufzern begleitet zu werden verdienen/ insonderheit die irrdischen Straffen ein allzu leichtes Gewichte gegen die Schwere eines so grausamen Verbrechens abgeben; so sehet/ was das adeliche Frauen-Zimmer der Si- cambrer fuͤr eine bewegliche Bitte an die Geister des andern Lebens deswegen abgelassen. Hiemit grief sie in den Sarg/ und nahm der darinnen ausgestreckten Leiche ein Schreiben aus der lincken Hand/ und laß folgende Worte daraus: Jhr Geister/ die ihr seyd von GOtt dazu bestellt Der Sterbenden Gebein und Asche zu bewahren/ Last dieser Leiche ja kein Leid nicht widersahren! Denn die hier Eyß ist/ war die Sonne dieser Welt/ Die hier ist Erde/ schloß den Himmel in sich ein; Die Staub ist/ war zuvor ein Wunder-Stern auf Erden. Jedoch sie kan ietzt todt nichts wenigers ja werden/ Die/ weil sie lebend war/ nichts groͤssers konte seyn. Jhr Geister aber ihr/ die ihr Gespielen seyd Der hier gepeinigten und dort erfreuten Seelen. Nehmt an Walpurgens Geist/ der aus des Leibes Hoͤlen Sich mit Gewalt entbrach/ und fuͤr bestimmter Zeit/ Womit ihr keuscher Leib rein/ heilig/ unbefleckt Zu dem was er gewest/ zur Erden in der Erde/ Allein ihr himmlisch Geist ein Stern im Himmel werde/ Der hier schon ein groß Licht der Welt hat aufgesteckt. Jhr Hencker endlich auch/ der Seelen/ die in Koth Das Oel der Tugend kehrn/ des Himmels Schatz verliehren/ Und noch ihr stinckend Gift auf reine Lilgen schmieren/ Thut ja dem Varus an Pein/ Ketten und den Tod. Er hat auch euch versehrt/ denn haͤtt’ er nicht geglaubt: Daß nach dem Tode nichts/ kein Recht/ kein Leben waͤre; Daß weder GOtt noch Geist sich an die Laster kehre/ So haͤtt’ er’s Leben wol Walpurgen nicht geraubt. Alle anwesende Fuͤrsten sahen einander gantz bestuͤrtzt an; denn nicht nur die traurigen Ge- sichter der anwesenden Klage-Weiber/ sondern auch der todten Fuͤrstin Antlitz sie gleichsam mit stummer Zunge zum Mitleiden und zur Ra- che anfleheten. Das Wasser in welchem sie einen halben Tag gelegen/ ehe sie gefunden und heraus gezogen worden/ hatte ihren Leib durch Aufschwellung/ und der Tod ihr fast himmli- sches Antlitz durch den Raub seines Purpers verstellet; gleichwol waren auch in dieser ge- ringsten Uberbleibung nicht schlechte Merck- male ihrer Schoͤnheit und Anmuth zu spuͤren. Denn die Sonnen/ wenn sie gleich untergan- gen sind/ lassen doch noch Kenn-Zeichen ihres herrlichen Glantzes hinter sich. Also wurden anfangs ihre Augen/ hernach ihre Gemuͤther uͤberaus beweget; dahero Hertzog Herrmann diese ihm gleichsam vom Himmel zugeschickete Gelegenheit die deutfchen Fuͤrsten zur Verbitte- rung Arminius und Thußnelda. rung anzureitzen wol wahrnahm; und die fuͤr ih- nen als ein Marmel-Bild unbewegt stehende Vorrednerin ersuchte; sie moͤchte den beruͤhrten Trauerfall ihnen umstaͤndlicher entdecken. Die- se fing alsofort auff unverwendetem Fuße an: die hier liegende Tochter des Hertzogs Me- lo war von der Natur mit allen Schaͤtzen uͤ- bermaͤßig beschuͤttet/ welche das weibliche Ge- schlechte von ihrer milden Hand anzunehmen faͤhig ist. Ja auch ihr Hertze war mit dem Schatze der Maͤnner betheilet/ nehmlich ei- nem Heldenmuthe; also daß ihre Schoͤnheit mit ihrer Anmuth nicht nur ohne Waffen ih- re Anschauer uͤberwaͤltigte; sondern ihr Geist auch faͤhig war Laͤnder einzunehmen. Was muͤhe ich mich aber die heraus zu streichen/ wel- cher Vollkommenheit gantz Deutschland fuͤr- laͤngst erkennet; nunmehr aber an ihr einen so herrlichen Schatz so schaͤndlich verlohren hat? Denn wie es Schlangen giebt/ welche nur die schoͤnsten Blumen anfeinden; und die Kroͤten aus den reinsten Kraͤutern ihr Eyter saugen; al- so hat die Tugend dieser so reinen Fuͤrstin nicht die Anfechtung des geilen Varus zuruͤck zu hal- ten vermocht. Dieser Unmensch zohe mit etli- chen tausend Roͤmern und Galliern durch das Sicambrische Gebiethe nach Alison. Melo nahm ihn als einen Freund und Bundsgenos- sen freundlich auff/ bewirthete ihn auff etlichen seiner Lusthaͤuser/ wohin die Reise zutrug/ auffs hoͤfflichste; und diese seine zu ihrem Ungluͤcke so schoͤne Tochter muste die mit ihm reisende Frau des Lucius Asprenas und etliche andere Roͤme- rinnen/ oder vielmehr Kuplerinnen auffs freundlichste unterhalten. Varus fing mit ih- rer ersten Erblickung alsbald Feuer/ und in einem Tage brandte sein Hertz lichterloh. Wie- wohl nun ihre ihr aus den Augen sehende Tu- gend diesen in seinen stinckenden Hertzen auff- steigenden Dampff haͤtte niederdruͤcken sollen; war doch dieser der Laster gewohnte Mensch so wenig seiner Vernunfft als seiner Begierden maͤchtig; sondern er meinte: daß die Schoͤnheit so selten keusch/ als die Sonne kalt waͤre/ und Walpurgis fuͤr eine Ehre oder Gnade zu ach- ten haͤtte/ wenn ein Anverwandter des Roͤmi- chen Kaͤysers mit ihr seine Lust buͤssete. Ja es war Varus in sich selbst so sehr verliebt: daß er kein Frauenzimmer fuͤr so kaltsinnig hielt/ wel- ches bey seiner ersten Ansprache nicht die Frey- heit; bey der andern Zusammenkunfft die Ver- nunfft verliehren/ und seine Vollkommenheit nichts minder alles Weibsvolck verliebt/ als die Soñe in Mohrenland alle Einwohner schwartz machen muͤste. Nachdem er auch ein und ander mahl in Abwesenheit der Roͤmischen Frauen ge- gen sie ziemlich freye Reden und Geberden ge- braucht/ Walpurgis aber es in Meinung: daß es zu Rom gewohnte Sitten waͤren/ ohne eusser- liche Empfindung hatte hingehen lassen/ bildete er sich ein/ dieser Fuͤrstin Hertze waͤre schon eine von ihm so in die Enge gebrachte Fe- stung: daß sie um sich zu ergeben nur die Ehre verlangte auffgefodert zu werden. Diesemnach er sie dann/ als Hertzog Melo mit des Asprenas Gemahlin in einem Lusthause das Koͤnigsspiel spielten/ bey der Hand nahm/ und in einem schattichten Gange des Gartens mit seinem garstigen Munde durch Abheischung unziemli- cher Liebe nichts minder das Haus seines so wohlthaͤtigen Wirthes/ als die keusche Ohren dieser tugendhafften Fuͤrstin verletzte. Walpur- gis/ welche nichts minder mit Hertzhafftigkeit/ als die Rosen mit Dornen ihre Beleidiger zu verletzen gewaffnet war/ hatte sich bey nahe ent- schlossen diesem unverschaͤmten Tollkuͤhnen mit einem Schimpffe zu begegnen; sie erwog aber alsbald vernuͤnfftig/ was ihrem Vater und al- len Sicambern aus einer zu hitzigen Bewe- gung fuͤr Unheil erwachsen/ und/ nachdem Va- rus so grosse Kriegs-Macht an der Hand hat- te/ in was fuͤr Gefahr und Ungluͤck sie sich durch zu geschwinden Eyfer stuͤrtzen koͤnte. Diesemnach sie denn/ wiewohl mit gantz ver- aͤnderter Freundligkeit dem Varus antwor- tete: Sie muthmaßte aus diesem Vortrage/ B 3 wann Erstes Buch wann sie es nicht vorhin wuͤste: daß er nicht lange in Deutschland gewesen seyn muͤste/ al- wo dieser Schertz gar ungewoͤhnlich waͤre. Der von den Begierden gantz verblendete Va- rus gab nur ein Lachen darein/ meldende: die Roͤmer waͤren gewohnt insgemein Schertz und Ernst mit einander zu vermaͤhlen; und moͤchte sie glauben: seine gegen ihr entglom- mene Liebe waͤre schon zu einem solchen Feu- er worden: daß sie sich mit denen erstern Schalen nicht saͤttigte. Walpurgis zaͤhmte sich noch und versetzte: Sie koͤnte sich seine angegebene Meinung nicht bereden lassen/ weil er nichts minder von denen Deutschen/ als sie von Roͤmern wuͤste: daß beyderseits zwey- fache Ehen verdammlich waͤren. Varus fuhr alsogleich fort und fing an: Jch bejammere die Einfalt der Deutschen/ welche der Him- mel mit uͤbermaͤßiger Schoͤnheit begabt/ a- ber mit gebrechender Wissenschafft selbte zu brauchen gestrafft hat. Sie Roͤmer aber wuͤsten: daß die Ehen nicht unauffloͤßlich; ein Ehweib auch nur ein Wort der Wuͤr- de/ nicht der Vergnuͤgung waͤre; welche al- sofort mehr als die Helffte verschwinde/ oder gar erstickte/ wenn man die Liebe in die Schran- cken des Ehbettes als in einen Kercker ver- sperrete; Sintemahl einem fuͤr dem leicht eckelte/ dessen Genuͤß man taͤglich in seiner Gewalt haͤtte. Die tugendhaffte Walpur- gis faͤrbte sich uͤber so unverschaͤmtem Gegen- satze/ und wolte sich des Varus entbrechen; welcher aber ihr die Hand loß zu lassen wei- gerte/ und sie also ihm zu sagen noͤthigte: Deutschland haͤtte ihm so sehr uͤber seiner Einfalt Gluͤck zu wuͤnschen/ als die wolluͤsti- gen Auslaͤnder uͤber ihrer geruͤhmten Wis- senschafft sich zu betruͤben. Sintemahl kei- ne reinere Unschuld seyn koͤnte/ als die La- ster nicht kennen; welchen so viel Gifft an- klebte: daß ihr Nahme gleichsam anfaͤllig/ wie der Basilisten Auge toͤdtlich waͤre. Da- hero sie ihn ersuchte: daß er ihre als einer Jungfrauen Ohren mit so aͤrgerlichen Belei- digungen verschonen und erwegen solte: wie in Deutschland auch nur die Versehrung der Schamhafftigkeit eine aͤrgere Verletzung als der Tod/ sie aber/ mit der er redete/ nichts minder im Gemuͤthe/ als von Ankunfft ei- ne Fuͤrstin waͤre. Eben dieses/ antworte- te Varus/ ist alleine erheblich genug/ ihr an- dere Gedancken einzureden. Denn die Ge- setze/ welche der Natur und ihren Neigungen Zwang anthun/ sind fuͤr den Poͤfel gemacht. Die blosse Wilkuͤhr der Fuͤrsten aber ist eine Richtschnur/ welche Gutes und Boͤses unter- scheidet. Und der Glantz ihres Ansehens ist so vermoͤgend einer Schwachheit die Farbe der Tugend/ als die Sonne einer truͤben Wolcke des Purpers und Goldes anzustreichen. Nie- drige Gestirne wuͤrden nur von andern verfin- stert/ an die aber/ welche in den obersten Kreissen stuͤnden/ reichten weder Schatten noch Flecken. Nichts minder waͤren die Heldinnen an eine solche Hoͤhe gesetzet: daß ihre Flamme der Liebe entweder gar ohne einigen Rauch der Schande loderten/ oder zum minsten selbte kein irrdisches Auge zu erkiesen vermoͤchte. Diese ungebunde- ne Freyheit nach ihrem Belieben zu leben/ und von dem andern verbotenen Baume zu essen/ waͤre das einige Vorrecht und Vortheil/ die das Gluͤck ihnen fuͤr so viel Sorgen und Schweiß/ womit der Poͤfel verschonet wuͤrde/ zugeschantzt haͤtte. Woriñen die Sitten der Deutschen auch selbst uͤbereinstimmeten; welche dem gemeinen Volcke nur eines/ den Fuͤrsten aber mehr Wei- ber zu heyrathen erlaubten. Die Fuͤrstin Wal- pur gis unterbrach mit einer nicht geringen Un- gedult die allen Fuͤrstlichen Haͤusern verkleiner- liche Lehre; welche er nach seinen unreinen Ge- muͤthsregungen zu erhaͤrten bemuͤhet war. Jst die Keuschheit/ sagte sie/ nicht das edelste Kleinod des gantzen weiblichen Geschlechts/ warumb soll denn der Poͤfel sich mit dieser koͤstlichen Perle zu Arminius und Thußnelda. zu schmuͤcken allein befugt/ denen Heldinnen aber sich mit Unflate der Laster zu besudeln eine anstaͤndige Tracht seyn? Der Koth bleibt heß- lich und so viel mehr kenntbar in Krystallenen Geschirren; und die Laster garstig/ wenn sie schon in Sammet und Gold-Stuͤck gehuͤllet/ oder auf helffenbeinerne Stuͤle gesetzet werden. Die Straalen des Geluͤckes haben so wenig die Krafft aus einem stinckenden Verbrechen eine Tugend zu machen/ als das Gestirne aus Kroͤ- ten-Gerecke oder Frosch-Leich reine Thiere zu gebehren. Warlich es scheines nichts unge- reimter zu seyn; als daß dis/ was in eines Buͤr- gers Hause stincket/ auf der Burg den Geruch des Ambra vertreten; daß ein eytrichter Hader ein gemeines Weib verstellen/ einer Fuͤrstin aber wol anstehen/ daß Hurerey und Ehbruch an Maͤgden gestrafft/ an Goͤttern aber mit dem aberglaͤubischen Griechen-Lande angebetet werden soll. Der Adel hat ja zu seinem Eben- Bilde die Perlen/ welche von dem reinen Thaue des Himmels gezeuget werden/ und ohne ihren gaͤntzlichen Verderb keinen unsaubern Bey- Satz annehmen. Die groͤsten Diamanten/ wenn sie unrein sind/ sind unwerther/ als kleine. Das Feuer/ als das oberste unter den natuͤrli- chen Dingen ist reiner/ als die niedrigern; ja es ist denen Flecken so sehr feind/ daß es viel schwartze Dinge weiß macht/ viel Ungestalten die Farbe des Himmels oder des Gestirnes zueignet/ die unverbrennliche Leinwand von aller Unsauber- keit/ das Gold von Kupfer und Schlacken sau- bert. Wie mag man denn uns den Huͤtten- Rauch schandbarer Geilheit fuͤr ein heiliges Feuer der Liebe verkauffen? Nein fuͤrwar; ich lasse mich nicht bereden: daß die Natur fuͤr den Schmuck des Fuͤrstlichen Frauen-Zim- mers nur Perlen und Rubinen/ der Himmel aber fuͤr das gemeine die Reinligkeit der Keusch- heit/ und das Feuer der Schamhaftigkeit auser- wehlet habe. Jch kan nimmermehr glauben: daß die Edlen deßwegen insgemein aͤuserlich schoͤner und lebhaffter/ die geringern ungestalter und eingeschlaffener sind; womit jene den Ziey- rath der Seele in dem Schlamme der Suͤnden erstecken; diese aber in innerlicher Vollkom- menheit den Vorzug haben moͤchten./ Waͤre es nicht eben so viel/ als die Seide aus Weid/ die Wolle aus Schnecken-Blute faͤr- ben; und in ein Huren-Haus ein Bild aus Golde/ in einen Tempel aus Thone setzen? Wahr ist es zwar: daß in der Welt meist kleine Missethaten gestrafft/ grosse noch mit Lorbeer- Kraͤntzen verehret werden; und der allein ein Ubelthaͤter ist/ der seiner Schwaͤche halben ge- strafft werden kan; aber die gerechte Rache GOttes schlaͤget auf die hohen Haͤupter oͤfter und grimmiger/ wie der Blitz eher in die Gipfel der Gebuͤrge/ und Cedern/ als in nie- drige Thaͤler und auf Krumm-Holtz. Und die Schmach unsers Thuns koͤm̃t auch fuͤr der Welt eher ans Tage-Licht/ denn derer/ welche ihr niedriger Stand verduͤstert: Sintemal un- sere Fehler nicht minder genau als die Flecken des Monden auf einen Finger breit ausgerech- net/ ja unsere mit allem Fleiß verdeckte Schwachheiten eben so wol als die auch unsicht- baren Finsternuͤsse uͤbel gedeutet werden. Zu geschweigen: daß die Laster bey hohem Stande und Ansehen nichts minder als das Gift in dem gestirnten Scorpion unvergleichlich schaͤdlicher/ als in dem irrdischen ist. Sintemal Unterthanen in ihrer Fuͤrstẽ Antlitzern auch die Feuer-Maa- le fuͤr schoͤn halten/ und ihre angebohrne Gebre- chen nachaͤffen; also ihre Laster nichts minder fuͤr Sitten/ als die heßlichstẽ Larven fuͤr eine anstaͤn- dige Tracht añehmẽ. Der fuͤr toller Brunst schier wahnsinnige Varus meynte mit nichts weni- germ/ als mit Worten abgespeiset zu seyn; daher er der tugendhaften Walpurgis unter Augen sagte: Es waͤre da keine Zeit/ und verlorne Muͤh einen Priester oder Weltweisen abzubilden/ son- dern ihr laͤge die unvermeidliche Noth ob/ sich zu erklaͤren: ob sie gutwillig seines Willens leben/ oder Erstes Buch oder Zwangs gewaͤrtig seyn wolte. Weil nun die verwegenen und vollbrachten Laster ins ge- mein gluͤcklich ausschlagen/ hielt es Varus fuͤr eine Thorheit/ nur halb oder furchtsam boßhaft seyn. Diesemnach er denn mit obigen Wor- ten alsbald sie als ein Unsinniger anfiel; sie aber mit grosser Hertzhaftigkeit seinen geilen Beta- stungen Widerstand that. Jch/ sagte diese Frau/ weil mir die Aufsicht uͤber diese Fuͤrstin anvertrauet war/ hoͤrte allein in einer von dem Gepuͤsche verdeckten Naͤhe dieses alles mit ste- tem Hertz-Klopfen an/ und weil ich besorgte: Walpurgis moͤchte uͤbermannet werden/ rieff ich mit einem jaͤmmerlichen Geschrey umb Huͤlffe. Hieruͤber entstand zwischen denen Si- cambern und Roͤmern ein Auflauff und zu- gleich ein blutiges Gefechte; weil sie den Varus und die Fuͤrstin noch in einander so unfreundlich verwickelt antraffen. Hertzog Melo sprang aus dem Lust-Hause selbst herbey; aber Varus hatte das Garten-Thor aufzubrechen und das Kriegs-Volck einzulassen befohlen; welches die wenigen Hof-Leute des Hertzogs leicht zuruͤcke trieb oder erlegte. Wiewol Melo mit schaͤu- mendem Munde/ als ein Tieger-Thier/ dem man seine Jungen raubt/ fochte/ und sein Leben zulassen/ oder sein Kind zu erstreiten ihm vorsetz- te/ biß er von dreyen empfangenen Wunden sich so sehr verblutete: daß er in eine wiewol ihm die- nende Ohnmacht sanck; weil die Grausamkeit dieser Raͤuber ihm schwerlich das Leben gegoͤn- net haͤtte; wenn es nicht schon fuͤr verloren waͤre geachtet worden. Gleichwol aber wolte der Himmel der Boßheit des Varus nicht entraͤu- men: daß sie einer so reinen Keuschheit ein Haarbreit Abbruch zu thun vermocht haͤtte. Denn die Fuͤrstin Walpurgis rieß einem Roͤ- mer ein Schwerdt aus/ und weil Varus sie zu verwunden bey Lebens-Straffe verbot/ war es ihr unschwer/ durch etliche Hauffen ihr einen Weg zu oͤfnen; biß sie an den die eine Seite des Gartens bestreichenden Siege-Fluß kam; in welchen sie sich ruͤckwerts stuͤrtzete/ als sie sich aller Huͤlffe entbloͤst/ ihr Schwerdt zersprungen/ und sich allenthalben umbringet/ und dem unzuͤchti- gen Ehren-Schaͤnder Varus anderer gestalt zu entrinnen keine Moͤgligkeit sahe. Die Roͤ- mer und insonderheit Varus wurden hieruͤber so beschaͤmt und bestuͤrtzt/ daß sie/ gleich als vom Blitz geruͤhret/ erstarreten/ und als wenn die Goͤttliche Rache schon ihnen uͤber dem Na- cken schwebte/ oder etliche Kriegs-Heere ihnen in Eisen waͤren/ uͤber Hals uͤber Kopf sich aus dem Sicambrischen Gebiete fluͤchteten. Denn die Boßhafften erkiesen allererst die Groͤsse ih- res Lasters nach vollbrachter That. Hertzog Melo ward hierauf wieder erfrischet/ und ihm seine Wunden verbunden; welche GOtt so viel zeitlicher heil werden lassen/ daß er wider solche Grausamkeit ein strenger Raͤcher sey. Der eines bessern Gluͤcks wuͤrdigen Walpurgis Leib ward in dem Wasser sorgfaͤltig gesucht/ an selbi- gem Abende noch funden/ und endlich auf unsers Fuͤrsten Befehl/ in Begleitung tausend streit- barer Sicambrer/ anher gebracht. Denn wie ihre reine Seele/ nach abgelegter Buͤrde ver- weßlicher Glieder/ in einem der reinesten Ge- stirne/ daraus sie entsprungen/ oder in einer ander-viel herrlichern Welt/ ietzt ihre Wohnung hat; also verdienet auch ihr heiliger Leib/ daß er in der heiligsten Erde Deutschlands sein Be- graͤbnuͤs erlange. Hertzog Herrmann fieng nach ihrem Schlus- se zu denen andern Fuͤrsten an: Jst dieses nicht eine Begebnuͤs/ welche einen Stein in der Er- den erbarmen moͤchte? Jst die Greuel-That des Varus nicht so abscheulich/ daß sie der Goͤtt- lichen Rache unmoͤglich entkommen kan? Diese heilige und behertzte Todte aber ist uns eine Lehr- meisterin: daß man ehe sich selbst toͤdten/ als sich seiner Freyheit und Tugend berauben lassen/ und daß man laͤnger nicht leben soll/ als so lange es ruͤhmlicher ist zu leben als zu sterben. Viel Voͤlcker halten die Grabe-Staͤdte fuͤr Pforten/ wor- Arminius und Thußnelda. woraus sich die Goͤttlichen Leitungen durch Wahrsagung herfuͤr thun; Lasset uns allein hier wahrnehmen/ daß die Todten denen Lebenden durch ihr Bey-Spiel mehrmals die Augen aufsperren. Ja die Todte sind die getreuesten Spiegel so wol anderwertigen Be- ginnens/ als Wegweiser unser kuͤnftigen Ent- schluͤssungen. Als die andern Fuͤrsten hierzu gleichfalls ihr Wort gaben und Mitleiden be- zeugten/ ward die Leiche der Fuͤrstin Walpurgis von denen Priestern mit Wasser aus dem heili- gen Brunnen besprengt; ieder Fuͤrst streuete eine Handvoll Blumen auf die Leiche/ wuͤntsch- te ihr eine sanfte Ruhe; und Hertzog Herrmann gelobte ihrem Geiste ein fettes Rach-Opfer an ihren Feinden abzuschlachten. Weil nun zu ihrer Beerdigung Anstalt gemacht ward/ ver- fuͤgten die Fuͤrsten insgesam̃t sich in die Cheruski- schen Zelten/ darinnen eine grosse Menge klei- ner Tische/ weil eine iede Person auf einem ab- sondern zu speisen pflegt/ zubereitet/ und mit al- lerhand Speisen theils in silbernen/ theils ertz- tenen/ theils irrdenen Schuͤsseln besetzet. Auf der Erden hin waren allerhand Haͤute von Beeren/ Luchsen/ Woͤlfen/ Fuͤchsen und andern wilden Thieren/ die im Hartz-Walde gefangen werden/ aufgebreitet. Auf diese noͤthigte der Cheruskische Fuͤrst seine Eingeladene sich niederzulassen/ und nam endlich seine Stelle zwischen den zweyen Hoͤrnern der gleichsam in einen halben Mond sich umbkruͤmmender Taffeln. Es war alles nach der Cheruskischen Landes-Art aufs praͤch- tigste angestellt/ und einem ieden Gaste ein mit Silber eingefassetes Horn von Auer-Ochsen mit Biere/ und ein Becher mit Weine/ derogleichen numehro auch durch die Gemeinschafft mit den Roͤmern in Deutschland kom̃en war/ fuͤr gesetzt. Nach fast vollbrachter Mahlzeit ließ Hertzog Herrmann ihm einen gantz guͤldenen Becher reichen/ stand auf/ tranck selbten dem Hertzoge der Catten Arpus zu/ und redete die Anwesen- den mit folgenden Worten an: Edle Deut- schen/ großmuͤthige Bunds-Genossen; Quin- tilius Varus hat uns saͤm̃tlich anher beruffen/ daß wir unsere Schwerdter im Blute unserer Bruͤder und Bunds-Genossen/ der fuͤr Deutsch- lands Freyheit und die Schand-That des Va- rus zu raͤchen ergreiffenden Sicambrer ba- den solten. Aber so sehr sich Varus betrogen finden wird/ wenn er glaͤubt/ daß die Cherus- ker und Catten nicht fuͤr die allgemeine Wol- fart ihre Jrrungen vergessen koͤnten/ auch Fuͤrst Arpus und ich allhier einander selbst aufreiben wuͤrden; so wenig traue ich einigem Anwesen- den Deutschen zu/ daß er glaube/ ich waͤre fuͤr die Roͤmer aufgesessen/ und meine Cherusker wolten wider die Deutschen einen Sebel zuͤcken. Wir wuͤrden nicht mehr unserer Vorfahren Nahmen zu fuͤhren wuͤrdig seyn/ wenn wir die- ses im Schilde fuͤhrten/ oder zeithero nicht mehr vom Verhaͤngnuͤsse waͤren gedruͤckt/ als durch eigene Kleinmuth zu Sclaven gemacht worden. Mein Anherr Koͤnig Teutobach ließ von des Buͤrger-Meisters Carbo und Silan Legionen nicht ein Bein davon kommen/ als selbte sich nur ihren Nachbarn den Galliern naͤherten; und wir koͤnnen die Roͤmischen Adler zwischen dem Rhein und der Elbe fliegen sehen? Teuto- bach/ sage ich/ drang mit mehrem Schrecken als Hannibal durch die felsichte Mauren Jtaliens/ schlug den Manlius und rieb mit dem Caͤvio den Kern des Roͤmischen Adels auf. Woruͤber Rom erzitterte/ und selbigen ungluͤckseligen Tag mit Kohlen in seine Zeit-Register schrieb. Und wir empfinden nicht/ daß zwey Meilweges von hier in dem Hertzen Deutsch-Landes in unsern heiligen Heynen unsere Tod-Feinde ihr Lager und Besatzungen haben? Dem Kayser Julius/ dessen Thaten die Roͤmer selbst mehr fuͤr Goͤtt-als menschlich halten/ boten die einigen Sicambrer/ ihrer Freunde halber/ die beyih- nen uͤber dem Rheine Zuflucht gesucht hatten/ die Spitze/ und sagten ihm statt begehrter Aus- folgung unter Augen: Der Rhein sey die Erster Theil. C Graͤntz- Erstes Buch Graͤntzscheidung zwischen ihrem Gebiete und dem Roͤmischen Reiche. Eben diese behertzten Sicambrer rennen uns auch dismal den Preiß ab; indem der großmuͤthige Melo sich allein an die Roͤmer macht/ und sie uͤber dem Rheine an- tastet/ auch mit etlicher tausend erschlagener Feinde ausgeleschtem Leben seiner tugendhaften Tochter zu Grabe leuchtet. Wir aber lassen die Saale und Elbe zinßbar machen/ die Lippe und Weser mit Festungen besetzen? Kayser Ju- lius schlug ja wol die erste Bruͤcke uͤber den Rhein/ alleine/ nachdem er vernahm/ daß die Catten sich ihm zu begegnen versam̃leten/ kehre- te er zuruͤcke und brach die Bruͤcke ab; meynte auch seinen Ehren gar genug gethan zu haben: daß er achtzehn Tage auf deutschem Bodem haͤt- te rasten koͤnnen. Und wir lassen mehr als so viel Jahre dessen Nachkommen/ von denen wir noch zur Zeit wenige Thaten gesehen/ unsere Ehre kraͤncken/ unsere Guͤter rauben/ und die Wilkuͤhr uͤber unser Leben und Kinder ausuͤben? Die Augen gehen mir uͤber/ wenn ich bedencke: daß unsere Waffen vom Roste gefressen werden/ weñ wir selbte nicht noch in der Roͤmer Diensten ausputzten; daß wir unseꝛe Schwerdter im Blute unserer eigenen Bluts-Verwandten waschen/ uñ sie wie uns unter das Joch der Roͤmer muͤssen spannen helffen. Wolte Gott aber/ wir truͤgen noch das Joch rechtschaffener Roͤmer/ und waͤ- ren nicht Knechte eines einigen uͤppigen Men- schen/ an dem nichts Roͤmisches als der Nahme/ ja der den Roͤmern selbst veraͤchtlich/ und ein Knecht seiner Begierden ist. Gewiß ich halte dafuͤr: daß uns Quintilius Varus nicht so wol Marck und Bein auszusaugen/ als zu Be- schimpfung unserer vorhin so hoch herausge- strichenen Tapferkeit fuͤrgesetzt sey. Sintemal bey uns so viel Goldes nicht zu erscharren/ als in Syrien/ welches er bey seiner armseligen Hinkunft reich gefunden/ bey seinem reichen Abzuge aber arm verlassen hat. Wie/ oder wil Rom durch ihn in unser Vater-Land der warmen Laͤnder a bscheuliche Laster/ welche un- sere Einwohner auch vom Nahmen nicht ken- nen/ unser zwar harter/ dißfalls aber mehr guͤti- ger Himmel nicht vertraͤget/ einspielen/ und un- ser geliebtes Deutschland/ in welchem die Wei- ber maͤnnlicher als anderswo die Krieges- Leute sind/ weibisch machen? Weil ja dieser uͤppige Mensch von Wolluͤsten/ womit die Roͤ- mer ohne dis insgemein denen Unterworffenen mehr als mit ihren Waffen Schaden thun/ zer- rinnen moͤchte. Denn ist in unserer Gegend wol ein schoͤnes Weib fuͤr seinen unkeuschen Anmuthungen verschonet blieben? Was sag ich aber von Anmuthungen? Die Toͤchter des Landes haben nichts minder seiner Geilheit ihre Jungfrauschafften/ als den wolluͤstigen Roͤmischen Weibern ihre gelben Haare zu ih- rer Aufputzung/ als einen Zoll abliefern muͤssen. Jch wil der Roͤmischen Grausamkeit geschwei- gen: daß sie anfangs bey denen Begraͤbnuͤssen wol-verdienter Helden/ nach der Erfindung des Junius Brutus/ ihre Gefangenen umb Leib und Leben zu fechten noͤthigten; her- nach aber auch gemeine Buͤrger solches auf- brachten; ja ihren Geist mit dem Blute sol- cher Fechter zu versoͤhnen in ihren letzten Wil- len verordneten; und endlich auch der Wei- ber Holtz-Stoͤsse mit dieser Grausamkeit ver- ehret wurden. Wie denn Kayser Julius auf dem Begraͤbnuͤsse seiner Tochter viel Deutsche und unzchliche Gallier/ nebst einer grossen Menge wilder Thiere/ sich durch selbst- eignen Kampf aufzureiben gezwungen hat. Mich aͤrgert so sehr nicht/ daß die Buͤrgermei- ster und Einwohner die Antretungen ihrer Aempter/ die Bau-Herren die Außmachun- gen ihrer Gebaͤu/ die Stadt-Voͤgte das Ge- daͤchtnuͤß des von ihnen betretenen Richter- Stules/ ja so gar die Priester ihre Wey- hungen/ die Uberwinder ihre Siegs-Ge- praͤnge mit so blutigem Gefechte gefeyert/ und den schwermenden Poͤfel fast Monatlich/ o- der Arminius und Thußnelda. der zuweilen hundert und zwantzig Tage nach einander mit Auffopfferung vieler tausend Fechter besaͤnfftigt haben. Es laͤst sich noch ver- schmertzen: daß Roͤmische Buͤrger ihre Gast- mahle nicht vor vergnuͤglich halten/ wenn nicht ihr Tisch mit dem Blute der dabey kaͤmpffenden Deutschen bespritzt wird; welche man hierzu vorher mit niedlichen Speisen in gewissen Ge- maͤchern mit Fleiß gemaͤstet hat. Deñ hierdurch ist von unsern Feinden nichts als das Leben ver- sehret worden/ woruͤber ein Uberwinder aller- dings ein Recht erlangt. Aber die Schaͤndung unserer Kinder/ die Verunehrung unser Wei- ber/ und zwar unter dem Scheine der Freund- schafft/ ist ein unverdauliches und nur mit ihrem Blute ausleschliches Unrecht. Was haben un- sere Augen kurtz vorher an der Leiche der tu- gendhafften Walpurgis fuͤr ein Trauerspiel anschauen muͤssen? Warlich ihre stummen Lip- pen haben in ihrer Seele eine solche Krafft der Beꝛedsamkeit/ daß/ weñ ich auch nie gemeint ge- west waͤre der Roͤmer Feind zu werden/ ich mich mit ihnen zu brechen nur dieser Greuelthat hal- ben entschluͤssen muͤste. Diese todte Rednerin ist mir mit ihrer nachdruͤcklichen Betagung der Rache zuvor kommen: daß ich mit wichtigen gruͤnden euch zum Kriege zu bereden uͤberhoben zu seyn scheine. Es ist ein besonder Geheimnuͤß des Verhaͤngnuͤsses: daß es das Laster der Un- zucht nichts minder zum Fallbrete maͤchtigster Reiche/ als zum Fallstricke groͤssester Uberwin- der erkieset. Daher ich festiglich glaube: daß die Schandthat des Varus ihm den Hals bre- chen/ und der Roͤmischen Herrschafft in Deutsch- land einen toͤdtlichen Stoß versetzen werde; weñ wir anders den/ welchen das Schrecken uͤber seiner Boßheit furchtsam/ die Furcht verzagt und taumelnd macht/ durch unsere Unachtsam- keit sich nicht wieder erholen lassen. Meinen aber wir an der Beschimpffung des Fuͤrsten Melo kein Theil zu haben; so behertzigt den un- ermeßlichen Geitz und Grausamkeit dieses Wuͤterichs/ welcher auch dar Schaͤtze gesamm- let/ wo niemand fuͤr ihm einige gesucht; und fuͤr einen Centner Ertzt gerne tausend Deutsche ver- graben hat; in dem er die Kluͤffte unsers Hartz- waldes gleich einem Maulwurffe durchfahren/ und unzehlich viel unser daruͤber schmachten- der Landesleute noch bey Lebzeiten in eine Hoͤlle verdammet hat/ biß er die Gold- und Silber- Adern erfunden/ welche die Natur oder die mehr milden als zornigen Goͤtter fuͤr den uner- saͤttlichen Augen der Menschen verborgen hat- ten. Auch hat nicht nur er sich mit unserm Schweiß und Blute angefuͤllet; sondern zu Be- festigung seines ungewoͤhnlichen Richterstuls uns den durstigen Aegeln der Zancksuͤchtigen Sachredner zum Raube uͤbergeben; welche die Deutschen nicht nur biß auffs Blut ausgeso- gen/ sondern ihnen mit ihren gifftigen Zungen durch Seel und Hertz gedrungen. Jst wohl eine schimpfflichere Dienstbarkeit zu ersinnen; als daß die edlen Deutschen sich von einem ge- ringen Auslaͤnder/ der vielleicht nicht seinen Großvater zu nennen weiß/ muͤßen urtheilen lassen? daß Deutschland seine heilsame Sitten/ welche die Roͤmer ehmahls selbst anderer Voͤl- cker besten Gesetzen weit fuͤrgezogen haben/ zu Bodem treten/ ihm fremde Rechte auffdrin- gen/ oder vielmehr nach andern Begierden ihm Ehre/ Hals und Vermoͤgen absprechen lassen/ auch Beil und Stecken gleichsam zum taͤgli- chen Schrecken fuͤrtragen sehen muß. Daß wir Deutschen in Deutschland unsere Noth- durfft und Gemuͤths-Meinung nicht in unse- rer uhralten Muttersprache fuͤrtragen doͤrffen/ sondern auch Fuͤrsten durch den Mund lateini- scher Knechte und Dolmetscher reden muͤssen? Dieses aber ist grausamer als die Grausamkeit selbst/ und unsern freyen Gemuͤthern unertraͤg- lich/ daß sich dieser auffgeblasene Mensch fuͤr Hoffarth selbst nicht kennet/ und die Edelsten unter uns am veraͤchtlichsten haͤlt. Wie viel Stunden muß offters ein deutscher Fuͤrst/ wel- C 2 chem Erstes Buch chem der Kaͤyser wohl ehmahls selbsten entge- gen kommen/ fuͤr dem Zimmer auffwarten/ ehe Varus ihn mit der Verhoͤr begnadigt? Welch Roͤmischer Obrister/ dem etwan eine Legion an- vertrauet worden/ siehet einen Hertzog in Deutschland/ der ein gantz Volck zu beherr- schen hat/ nicht kaum uͤber die Achsel an? Welcher Rottmeister will nicht den Fuͤrnehmsten unserer Ritterschafft fuͤrgezogen seyn? Behertzigt die- sem nach/ großmuͤthige Helden/ was bey die- sem grossen Ubel euere Klugheit euch vernuͤnff- tig entschluͤssen/ und eure Tapfferkeit behertzt ins Werck setzen heist. Einem grossen Ge- muͤthe sind Armuth/ Fessel und Dienstbarkeit ja noch ertraͤglich/ Beschimpfung aber erdul- den und seine eigene Ehre in Wind schlagen/ heist zugleich die Wurtzeln der Tugend in sich ausrotten. Dahero ist es ruͤhmlicher und suͤs- ser ehrlich sterben/ als schimpfflich das Leben be- halten. Hiemit tranck Fuͤrst Herrmann den Becher aus/ gewehrte ihn dem Hertzoge der Catten/ und setzte bey: dieses Trinck-Geschirre ist ein wer- thes Angedencken meines Großvaters/ Hertzog Aembrichs/ dessen Tapfferkeit die Herrschafft der Eburonen dem Cheruskischen Hause unter- worffen. Dieses war der Mund-Becher des Cotta/ und hernach Aemkrichs Beute/ als er ihn und seine gantze Legion Roͤmer vertilgte und Sa- binus fuͤr ihm die Waffen kleinmuͤthig nieder- legte. Der Himmel gebe: daß ich dir mor- gen des Varus Trinckgeschirre bringen koͤnne! Der Catten Hertzog nahm solchen als ein be- sonderes Gluͤcks-Zeichen und ein Pfand ver- treulicher Freundschafft an; befoͤderte selbten an den Segesthes der Cassuarier und Dulgibiner Fuͤrsten; mit dem Beysatze: er versehe sich/ daß keiner unter den Anwesenden sey/ welcher mehr zu berathschlagen noͤthigachtete: ob das un- ertraͤgliche Joch der Roͤmer von den Achseln des Vaterlandes zu werffen/ und selbtes durch U- berfallung des Varus in die guͤldne Freyheit zu setzen sey. Denn fuͤr einem Wuͤterich haͤtten alle Menschen eine Abscheu; und alle behertz- ten ihn auffzureiben den Vorsatz; sintemahl der Pfeiler seiner Herrschafft nur das Bild der Furcht/ und die Riesen-Seule der Grausam- keitwaͤre. Der ersten verleschende Furcht waͤ- re der Anfang seines Falles/ der letztern Ent- schliessung das ungezweiffelte Mittel seiner Zer- malmung. Varus haͤtte zwar den Deutschen durch seine Blutstuͤrtzungen und Grausamkeit ein nicht geringes Schrecken eingejagt; aber die vermessenste Kuͤhnheit waͤre eine Geburt der kleinmuͤthigsten Furcht/ und eine Tochter der Verzweiffelung. Also wuͤrden auch die Ver zagtesten in diesem Fuͤrhaben nicht feige; Sie a- ber als Helden/ wo nicht durch eigene Ruhms- Begierde/ doch durch die Rache gegen so vieles Unrecht hierzu genugsam auffgemuntert seyn. Die Parther/ welche doch leibeigen gebohren und der Dienstbarkeit gewohnt waͤren/ haͤtten sich wider die Roͤmische iederzeit biß auffs Blut verfochten/ und mit Erlegung des Crassus und Ventidius ihnen nicht so wol das guͤldene Klei- nod der Freyheit/ welches der Deutschen Aug- apffel waͤre/ als einen unsterblichen Nachruhm erworben. Pacorus habe dort daruͤber sein Leben auffgeopffert/ ihm wuͤrde es nichts weni- ger suͤsse seyn/ fuͤrs Vaterland zu sterben. Er habe deßwegen seinen einigen Sohn mit ins Laͤger bracht/ umb den allgemeinen Feind Deutschlands zu bestreiten; welcher nach dem uͤberwundenen Varus die Erstlinge seines Bartes in den Taufanischen Tempel zu lief- fern begluͤckt zu seyn hoffte. Er haͤtte von sei- ner Vorfahren Anspruͤchen und Staats-Ge- setzen abgesetzt/ und den zwischen den Catten und Cheruskern fast ewigen Streit in Freund- schafft beygelegt. Sintemahl der Eigennutz insgemein auch den schwaͤchsten Feinden den Sieg zuschantzte/ und daher so wohl dieser als haͤußlicher Haß dem gemeinen Nutzen nachge- ben solte/ denn wo man gleich rechtschaffene Ur- sache Arminius und Thußnelda. che zur Feindschafft haͤtte/ solte man der Sache/ nicht der Person feind werden. Derenthal- ben haͤtte er iederzeit dem Marcus Brutus in dieser letzten Zeit den ersten Platz unter den Roͤmern ein geraͤumt/ weil er nicht als ein zu hi- tziger Sohn sich auff die Seite des Julius/ son- dern als ein treuer Buͤrger zu dem fuͤr die Frey- heit streitenden Pompejus gesch lagen; ungeach- tet dieser des Brutus Vater auffgerieben haͤt- te; ja auch des Julius Wohlthaten sich hernach nicht verblenden und abhalten ließ/ fuͤr die ge- meine Freyheit seinem Wohlthaͤter den Dolch ins Hertze zu stossen; Wodurch er sich zu einem zweyfach danckbaren Sohne des gemeinen Wesens gemacht haͤtte. Derogestalt waͤre numehro allein die Frage/ wie diß Werck/ wel- ches er fuͤr wichtiger als schwerer hielte/ vor- sichtig zu vollziehen waͤre? Denn ein frommer Fuͤrst waͤre zwar leicht anzugreiffen/ aber ge- faͤhrlicher zu erlegen; weil er todt am meisten geliebt w uͤ rde. Hingegen waͤre ein boͤser Herr- scher zwar schwer anzutasten/ aber sonder Ge- fahr zu stuͤrtzen. Sintemahl ihn nach seinem Tode auch seine eigene Schooß Kinder verdam̃- ten; womit sie nicht fuͤr so boͤse als ihr verlohr- ner Ruͤckenhalter moͤchten geachtet werden. Solchem nach waͤre seine Meinung: der gluͤck- liche Ausschlag hange von Fortsetzung eines ge- schwinden Uberfalls/ und von Anfuͤhrung ei- nes erfahrnen Feldherrn. Langsamkeit sey der Kern in zweiffelhafften Rathschlaͤgen/ Ge- schwindigkeit aber in der Bewerckstelligung eines Schlusses. Uberdiß wuͤrden Auffleh- nungen wider einen Unterdruͤcker gefaͤhrlicher berathschlagt als ausgeuͤbt. Wo es auch ums gemeine Heyl zu thun waͤre/ muͤste niemand sich eigne Vermessenheit oder Ehrgeitz auff- blehen lassen und zu Zwytracht Anlaß geben. Denn seine Leibs-Staͤrcke/ seine Gemuͤths- Kraͤfften und Erfahrung nur seinem eigenen Ehrgeitze wiedmen/ waͤre viehisch oder teuffe- lisch; selbte zugleich dem gemeinen Wesen zum besten anwenden/ stuͤnde Menschen zu; seinen eigenen Vortheil aber gar davon abziehen/ schiene so gar etwas goͤttliches zu seyn. Die sem nach wolte er den gerne fuͤr den hertzhaffte sten halten/ und die Oberstelle demselben ohn Widerrede einraͤumen/ welcher am ersten durch den Wall des Roͤmischen Laͤgers einbrechen wuͤrde. Jnzwischen erklaͤre er sich/ daß er un- ter dem Cheruskischen Hertzoge/ welcher die Roͤmische Kriegs-Art von Grund aus gefasset/ als er unter ihnen selbst einen Heerfuͤhrer abge- geben/ seine Catten willigst in Schlacht-Ord- nung stellen wolle. Das Gluͤcke sey eine Buh- lerin junger Helden. Sein Geschlechte/ sei- ne Tugend/ sein Eyfer fuͤr das gemeine Wesen/ und daß er der Urheber dieses heiligen Buͤnd- nißes sey/ eigne ihm das Vorrecht zu/ und er- klaͤre ihn zu ihrem obersten Feld-Herrn. Er a- ber wolte durch sein Beyspiel lehren: daß ob wohl viel faͤhig waͤren/ einem ein Oberhaupt fuͤrzusetzen/ gleichwohl es selbst nicht uͤber sich leiden koͤnten; dennoch ihm und der deutschen Freyheit nicht zu wider lieffe/ einem Beschirmer des Landes zu folgen/ den man gleich selbst ans Bret gehoben haͤtte. Aller Anwesenden Angesichter schienen dem Arpus Beyfall zu geben/ als Segesthes ihm einfiel: Es waͤre freylich wol zu wuͤntschen Deutschland in voͤllige Freyheit/ das Volck in Sicherheit/ sich in mehr Ansehen zu setzen; al- lein es haͤtten die Deutschen die Roͤmer wider sich selbst/ durch unaufhoͤrliche Einfaͤlle in Gal- lien/ gereitzet. Haͤtte Ariovist sich mit denen gewonnenen Sequanern vergnuͤgt/ die Heduer und alle Gallier ihm nicht wollen unterthaͤnig machen/ dem Julius nicht spoͤttische Antwort zugeboten/ so haͤtten die Roͤmer so wenig/ als vorher/ auf Deutschland ein Auge gehabt. Was haͤtte Aembrich nicht den Roͤmern fuͤr Haͤn- del gemacht/ und fuͤr Schaden zugefuͤgt? daß August den Vinicius mit einem Kriegs-Heere in Deutschland geschickt/ haͤtten die Catten erho- C 3 let/ Erstes Buch let/ indem sie unterschiedene Roͤmische Kauf leu- te/ die guter Meynung zu ihnen kommen/ be- raubet und erschlagen. Den Anfall des Lollius und die Grausamkeit des Drusus haͤtten die Sicambrer/ Usipeter und Teneterer verur- sacht/ welche in Gallien eingefallen/ und viel Roͤmer gekreutzigt/ ja den Lollius gar aufgerie- ben haͤtten. Die Anfaͤnger eines Krieges waͤren nicht eben die/ welche zum ersten den Degen zuck- ten/ sondern die Beleidiger/ welche jene entwe- der zur Nothwehre/ oder zu Ablehnung der ih- nen sonst zuwachsenden Schande noͤthigten. Zu dem haͤtte ihre eigene Zwytracht den Roͤ- mern Thuͤr und Thor aufgesperret; Hertzog Herrmanns eigener Vater Sigimer mit dem Kayser Bindnuͤsse gemacht/ seine eigne Kinder haͤtten unter ihren Fahnen gefochten; numeh- ro/ nach dem fast alle mit den Roͤmern Bindnuͤß und Vergleich getroffen/ waͤre es so wenig ruͤhmlich als sicher/ alsofort Treu und Glauben zu brechen/ welche man auch den Feinden halten muͤste. Waͤre Quintilius Varus aus den Schrancken der Bescheidenheit und des Ver- gleichs geschritten/ muͤste man dieses Ungemach nur mit der Gedult/ als Mißwachs und Unge- witter von GOtt aufnehmen. Laster wuͤrden seyn/ so lange als Menschen; iedoch wechselte Boͤses und Gutes mit einander ab. Zu dem so sey dis nicht dem Kayser noch dem Roͤmischen Volcke beyzumessen. Rom haͤtte uͤber seine Land-Voͤgte schaͤrffere Gesetze gemacht/ und haͤrtere Straffen ausgeuͤbt/ als uͤber frembde Voͤlcker. Als Cornelius Gallus die Egyptier uͤbel gehalten/ und nicht halb so viel als Varus gesuͤndigt/ habe Kayser August/ auf Anklage des einigen Largus/ ihn seiner Wuͤrden entsetzt/ sei- ne Guͤter dem gemeinen Wesen zugeeignet/ ja ihn zum Selbst-Mord gebracht. Man solte durch eine Gesandschafft zu Rom deß Vater- lands Wunden entdecken/ Erleichterung und einen sittsamern Land-Vogt bitten. Nach dem es aber mit Deutschland schon einmal so weit kommen/ koͤnte das Volck aller Beschwerden sich nicht gaͤntzlich enteusern. Die Ruhe der Voͤlcker koͤnne nicht ohne Waffen/ die Waffen nicht ohne Kriegs-Sold/ der Kriegs-Sold nicht ohne Land-Schatzung im Stande bleiben. Zwar koͤnte er den Roͤmern nicht gar recht geben/ we- niger die Verbrechen des Varus vertheidigen/ und die Suͤssigkeit der Rache widersprechen. Alleine diese waͤre nichts minder als die Liebe nur ein Thun gemeiner Leute. Die Vortraͤglig- keit aber waͤre der einige Bewegungs-Kreiß ei- nes Fuͤrsten/ und das Absehen der Klugheit. Beyde solten weder sehen noch hoͤren; wo der Gebrauch dieser Sinnen sie auf einen andern Abweg verleiten wolte. Weil nun die Roͤmer in Deutschland noch allzu maͤchtig/ sie aber mit keinem Hinterhalte versehen waͤren/ deuchtete ihn noch zur Zeit nicht rathsam zu seyn/ alles auf die Spitze zu setzen. Es sey ertraͤglicher unter hoͤherer Gewalt/ als leibeigen seyn. Zwischen Gehorsam und Dienstbarkeit sey noch eine schwere Klufft befestigt. Diese wuͤrden sie Deutschland erst aufhalsen/ da ihr gefaͤhrliches Fuͤrnehmen nicht geriethe. Der Roͤmer waͤren ohne die fast unzehlbaren Huͤlffs-Voͤlcker zu A- lison drey gantzer Legionen/ so viel Fluͤgel Reite- rey/ und noch absonderlich sechs Geschwader Fuß - Volck; alles außerlesene alte Kriegs- Knechte und erfahrne Obristen. Das Laͤger stuͤnde an einem vortheilhaften Orte/ waͤre aufs staͤrckste befestigt; Asprenas laͤge noch mit einem ansehnlichen Heere zwischen der Jsel und der Emße/ und in der Festung Alison/ Tran und Cattenburg starcke Besatzungen. Zu Meyntz/ beym Altare der Ubier/ bey den Nemetern und Vangionen befindete sich noch mehr als ein Kriegs-Heer/ welches in wenig Tagen dem Va- rus zu Huͤlffe kommen koͤnte. Die ordentliche Besatzung des Rhein-Stroms bestuͤnde in acht Legionen und der Donau an vieren. Uber dis laͤge bey Carnumt eine/ bey Bonn und Geldu- ba auf dem Rheine und bey desselbten Einflusse ins Arminius und Thußnelda. in s Meer an dem Britannischen Schlosse drey maͤchtige Schifs-Flotten. Zu geschweigen: daß der Kayser nach Uberwindung des Sextus Pompejus vier und viertzig Legionen zusammen bracht/ zu Lande ohne die viel hoͤher sich erstre- ckenden Huͤlfs-Voͤlcker zeither siebendehalb hundert tausend Roͤmische Kriegs-Leute/ bey Misen und Ravenna/ in Gallien/ auf dem ro- then Meere und dem Phrat ansehnliche Schifs- Flotten unterhalten/ und hiemit alle Laͤnder in einander feste verbunden haͤtte. Zweyhundert neun und viertzig tausend Gallier waͤren unter dem Vercingentorich/ und noch neulich achtmal hundert tausend gewafnete Pannonier und Dalmatier wider etliche Legionen Roͤmer zu ih- rem eignen Verderb aufgestanden/ jene aber ha- be Julius/ diese Tiberius aufs Haupt erlegt und zu Sclaven gemacht. Vergasilaus der Arver- ner Hertzog waͤre daruͤber gefangen/ Koͤnig Ver- eingentorich von seinen eignen Leuten in die Haͤnde der Feinde geliefert/ zum Siegs-Ge- praͤnge geschlept und hernach getoͤdtet/ Corbeus der Bellovaker Fuͤrst erschlagen/ Guturnath/ der seine Cornuter wider den Kayser angefuͤhret/ zu Tode gepruͤgelt/ und sein Kopf durchs Beil abgeschlagen worden. Draxes habe sich aus Verzweifelung zu Tode hungern/ und Lucteri- us in Fesseln verschmachten/ Batto der Dalma- tier Haupt und Uhrheber des Krieges sich auf Gnade und Ungnade ins Tiberius Haͤnde ge- ben muͤssen/ und Pinetes laͤchsete noch in dem Roͤmischen Kercker. Koͤnig Marbod/ ein Herr der Marckmaͤnner/ Sedusier/ Heruder/ Her- mundurer/ Schwaben/ Semnoner und Longo- barden/ dessen Gebiete sich von der Elbe biß zur Weichsel und der Ost-See erstreckete/ der achzig tausend Mann stets auf den Beinen hielte/ ha- be mit ihnen wider die Roͤmer aufzustehen Be- dencken gehabt/ und wer wuͤste/ was der schlaue Tiberius mit ihm zu ihrem Nachtheil fuͤr Ab- kommen getroffen; nachdem die Roͤmischen Kriegs-Obersten gegen ihn vertraͤuliche Nach- barschafft pflegten. Also schiene es rathsamer zu seyn/ daß man noch eine Weile den Mantel nach dem Winde hienge/ und nichts minder Marbods Absehen/ als des Pannonischen Krie- ges voͤlligen Außgang vollends erwartete. Denn es waͤre mit Erlegung des Varus nicht ausgemacht/ sondern die Roͤmische Macht in so langer Zeit so feste beraaset: daß sie ohne Zerber- stung ihrer Widersacher nicht wuͤrde ausgerot- tet/ und ohne Erdruͤckung ihrer Bestuͤrmer schwerlich zermalmet werden. So lange be- raasete Reiche/ wie das Roͤmische waͤre/ wuͤrden vergebens bestuͤrmet; daher muͤste man sie ver- alteꝛn und durch stete Ruhe/ wie die stehenden Wasser/ faul werden lassen. Die oͤftere Be- wegung befestigte nichts minder eine Herr- schafft/ als die Baͤume; hingegen koͤnte man ein Reich nicht aͤrger bekriegen/ als durch den Frie- den; welcher Anfangs ihre Tapferkeit/ hernach sein Wesen/ wie der Rost ungebrauchten Stahl verzehrte. Jhm sey es zwar umb seine greise Haare nicht so leid/ als er Sorge truͤge umb den Wolstand der Erbarmens- wuͤrdigen Nach- welt. Sie aber solten sich aus anderer Bey- spiele spiegeln/ und daraus lernen: daß es rath- samer sey Gehorsam mit Sicherheit fuͤr der Hartnaͤckigkeit mit seinem Verderben erkiesen. Segesthes haͤtte noch laͤnger geredet/ wenn ihm nicht Jubil/ Brittons des letzten Bojischen Hertzogs einziger Sohn in die Rede gefallen waͤ- re. Das Wasser gienge der Deutschen Frey- heit in Mund/ gleichwol zeigte ihnen GOtt und das Verhaͤngnuͤs einen Weg die Roͤmi- schen Fessel von ihren Gliedern zu schleudern/ oder sie gar denen Roͤmern anzulegen. Sin- temal von undencklicher Zeit nicht so viel Fuͤr- sten miteinander vereinbart/ die Roͤmische Macht aber so sehr/ als ietzt/ durch den Panno- nischen Krieg nicht erschoͤpft gewest waͤre. Diesemnach koͤnte er bey sich nicht befinden: daß man die selten-umbkehrende Gelegenheit solte aus den Haͤnden lassen. Diese mit beyden Haͤn- Erstes Buch Haͤnden umbarmen waͤre ein Werck der Klug- heit/ von Verbesserung der Zeit und denen Wun- der-Wercken/ des Gluͤckes aber Huͤlffe und Er- rettung erwarten/ waͤꝛe ein Traum der Einfaͤl- tigen/ und ein Trost der Verzweifelten. Die fuͤrgebildete Gefahr koͤnte nur Weiber von hertz- haften Entschluͤssungen zuruͤcke halten. Denn einem Helden-Geiste waͤr nichtsschrecklich/ als sich gezwungẽ sehen der Boßheit beyzupflichten. Weder die Kinder/ die noch kein Urtheil haͤtten/ noch die Thoren/ welche es verloren/ fuͤrchteten sich fuͤr dem Tode. Solte nun ihnen ihre Ver- nunft und das Heil des Vater-Landes nicht die- se Sorge benehmen; wovon jene Unverstand und Thorheit erledigte? Der Tod waͤre das Ende der Natur/ keine Straffe/ ja vielmehr offt ein neues Leben der Sterbenden/ und ein Heil der Lebenden. Es waͤre nicht nur ertraͤglicher/ sondern auch ruͤhmlicher einmal sterben/ als sein Leben in ewiger Ungewißheit wissen; welches sie taͤglich gleichsam als eine Gnade vom Varus erkennen muͤsten. Denn Sterben waͤre wol die Eigenschafft eines Menschen; umb sein Le- ben aber betteln der Weiber. Haͤtten sie nun als Maͤnner gelebet/ solten sie nicht geringer sterben; wenn es ja der Himmel also uͤber sie be- schlossen haͤtte. Diß waͤre sein Schluß/ und son- der Zweifel ihrer aller als Fuͤrsten/ denen man alle Tage/ wo nicht nach dem Leben/ doch nach ihren Laͤndern grasete. Welcher Fuͤrst aber das Hertze haͤtte ohne Herrschafft zu leben/ haͤtte gewiß keines selbter fuͤrzustehen. Sie edle Deut- schen solten nicht lassen ihr Leben ihre Freyheit uͤberleben/ noch es eine Nach-Geburt ihrer ster- benden Tapferkeit seyn. Sie solten ihnen nicht heucheln/ daß mit Abschaffung des Varus und Erlangung eines glimpflichern Land-Vogts ih- re verschwundene Freyheit wieder jung wuͤrde; welche eben so wohl unter einem vernuͤnfftigen als tummen Oberherrn zu Grabe ginge. Weñ die Roͤmer schon ihnen einen andern Landvogt gaͤben/ wuͤrden sie doch nur die Art ihrer Be- draͤngung/ nicht die Buͤrde veraͤndern; weil sie alle glaͤubten/ daß sie als Aegeln und Peitschen zu denen uͤberwundenen Voͤlckern geschickt wuͤrden. Jeder bildete ihm/ wie Demades ein/ er kriege mit seiner Landvogtey einen Beruff zu einer guͤldenen Erndte; oder er sey verpflichtet sich in eine mit ihren Klauen alles zerreissende oder besudelnde Harpyie zu verwandeln. Denn wie die von der Sonnen erregten Winde das Feld mehr ausdoͤrreten/ als die Sonne selbst; Also maßten sich alle von Fuͤrsten eingesetzte Landvoͤgte insgemein einer strengern Herr- schafft an/ als die Fuͤrsten. Der Kaͤyser moͤch- te ihnen ja guͤldene Berge versprechen/ aber kaum Spreu gewehren; weil die Roͤmer auch gegen die/ welche einen grossen Vortheil uͤber sie erlanget/ Treu und Glauben zu halten nicht ge- wohnet waͤren. Dem Koͤnige Porsena haͤtten sie ja Geissel eingelieffert/ aber wieder entwen- det. Als sie dem Brennus und seinen Deut- schen das fuͤr Rom zum Loͤsegelde versprochene Gold zugewogen/ haͤtten sie sie arglistig uͤberfal- len. Als der Samniter Koͤnig Claudius Pon- tius das Roͤmische Heer in seine Haͤnde und un- ters Joch bracht/ haͤtte der Buͤrgemeister Post- humius einen Frieden eingegangen; das Roͤmi- sche Volck aber nach freygelassenem Heere selb- ten uͤber einen Hauffen geworffen. Washaͤt- ten sie Deut chen sich numehr denn fuͤr gutes zu versehen/ die in den Augen der Roͤmer schon ih- re Sclaven waͤren? Lucullus haͤtte in Spani- en das Cauceische Volck gegen hundert Talent ausgeliefferte Geissel und gestellte Huͤlffs-Voͤl- cker in seinen Schirm genommen/ hernach aber sich arglistig der Stadt bemaͤchtigt/ und zwan- tzig tausend unschuldige Leute meuchelmoͤrde- risch uͤber die Klinge springen lassen. Eben so waͤren alle Ausonier in Jtalien aus einem fal- schen Argwohne/ daß sie auff der Samniter Seite hiengen/ in einem Tage mit Strumpf und Stiel ausgerottet worden. Sylla haͤtte/ nach erscharreten zwantzig tausend Talenten/ Asien/ Arminius und Thußnelda. Asien/ und Paulus/ nach allem ausgepreßten Gold und Silber/ allererst gantz Epyrus aus- pluͤndern lassen. Hortensius haͤtte die aufge- nommenen Abderiten beraubet/ die Fuͤrnehm- sten enthaupten/ die Buͤrger verkauffen/ Plemi- nius der Locrenser Heiligthuͤmer stehlen/ ihr Frauenzim̃er schaͤnden/ Appius den Salamini- schen Rath durch Hunger toͤdten lassen. Jnson- derheit aber noͤthigte die Staats-Klugheit die Roͤmer gleichsam dazu: daß sie in der Grau- samkeit gegen die Deutschen bestaͤndig verhar- reten. Denn Wuͤteriche waͤren so boͤse/ daß ih- nen von nichts mehr als der Tugend Gefahr zu- hinge. Hartnaͤckigkeit befestigte ihre Herrschafft durch Furcht/ ihre Besserung aber stuͤrtzte sie durch Mißtrauen neuer Verschlimmerung. Also muͤste ein Gebietter niemals anfangen grausam zu seyn/ oder niemals aufhoͤren. Alles dis haͤtten sich die Deutschen taͤglich zu befahren. Ja er haͤtte noch kein groͤsseres Merckmal auf- gebuͤrdeter Dienstbarkeit verspuͤret/ als ietzigen Zweifel an einem sieghaften Ausschlage. Wer an den Verlust gedencke/ habe schon halb verspie- let. Daß Deutsche aber von Frembden uͤber- wunden werden koͤnten/ waͤre zeither fuͤr eine Unmoͤgligkeit gehalten worden. Von Galli- ern auf sie einen Schluß machen/ schiene den Roͤmern selbst ungereimt; die sich wider jene zu kaͤmpfen schaͤmeten/ wann sie mit den Deutschen schon eine Hitze ausgestanden haͤtten. Zu dem waͤren die Gallier theils durch eigene Zwytracht verfallen/ theils von Deutschen uͤberwunden worden. Mit den Pannoniern und Dalma- tiern aber waͤre das Spiel noch nicht ausge- macht/ welche vom Marbod schaͤndlich waͤren im Stiche gelassen worden/ weil ein Wuͤtterich/ wie er/ doch kein recht Hertze haͤtte/ ja nicht nur alle andere/ sondern so gar sich fuͤr sich selbst und seinem eigenen Bey-Spiele fuͤrchtete. War- umb solten nun sie diesen scheuen/ der wegen be- gangener Laster aus seinem Hertzen die Zag- heit/ aus seinem Gebiette die Ubelwollenden nimmermehr verbannen koͤnte; und an seinen meisten Unterthanen groͤssere Feinde als an de- nen vertriebenen Bojen und beleidigten Feinden haͤtte. Das Band seiner und des Tiberius Freundschafft waͤre zerrissen worden/ nach dem Hertzog Herrmann beyden die Fuͤrstin Thußnel- de aus den Zaͤhnen geruͤckt haͤtte. Die vier und viertzig Legionen waͤren biß auf fuͤnf und zwan- tzig noch fuͤr dem Dalmatischen Kriege ver- schmoltzen; in diesem aber bey nahe vollends die Helfte/ oder doch der beste Kern drauf gegangen. Die Flotten bestuͤnden meist in schlechtem Vol- cke/ und in gepreßten Außlaͤndern; welche nach Abwerffung des Roͤmischen Jochs eben so wol als die Deutschen seufzeten. Die uͤbrige Macht in denen entfernten Laͤndern und so gar andern Theilen der Welt koͤnten mit Vernunft so we- nig als der Angelstern von seinem Wirbel ver- ruͤckt werden/ da August nicht auf allen Sei- ten Thuͤr und Thor den Feinden oͤfnen wolte. Also moͤchten sie ihnen die leeren Nahmen der erschoͤpften oder theils blinden Legionen keinen blauen Dunst fuͤr die Augen machen/ weniger sich schrecken lassen. Ganasch der Chautzer Hertzog pflichtete dem Jubil bey/ anfuͤhrende: daß wo die Glut eines Wuͤtterichs rasete/ selbte zu leschen sich die Ge- wogenheit eines gantzen Volckes billich gleich- sam durch einen Platz – Regen dahin aus- schuͤttete. Es waͤre zwar den Menschen die Begierde der Neuigkeit angebohren/ aber diese waͤre mit sich selbst so unvergnuͤgt; daß wie sie uͤberdruͤßig worden zu seyn/ was sie vor- her gewest/ also auch stets ihrer gegenwaͤrtigen/ insonderheit aber der veraͤrgerten Beschaffen- heit gram wuͤrde. Diesem nach muͤste ja die ed- len Deutschen das Verlangen/ sich wieder in der uhralten Freyheit zu sehen/ ankommen; welche lobwuͤrdige Begierde auch die wilden Thiere in ihren Waͤldern nicht verlohren haͤtten. Bey welcher Beschaffenheit sie sich nicht solten irren lassen: daß Segesthes ihnen nicht beypflichtete/ Erster Theil. D dessen Erstes Buch dessen Ergetzligkeit allezeit fremdes Unheil/ und anderer Ohnmacht sein suͤssester Lebens-Athem gewest waͤre. Jnsonderheit habe sein Hertz al- lezeit mehr zu den Roͤmern/ als zu den Deut- schen gehangen. Er habe jenen den Durchzug verstattet/ und sey Ursache: daß die Chautzen vom Tiberius so unverhofft uͤberfallen/ ihnen die Waffen abgenommen/ er selbst nebst denen Edlen des Landes fuͤr des Kaysers Richterstuhle sich zu beugen gezwungen worden. Jngnio- mer der Bructerer Fuͤrst/ Hertzog Herrmanns Vetter/ ein so wohl bey den Roͤmern als Deut- schen hochangesehener Kriegs-Held unterbrach/ aus Beysorge erwachsender neuer Uneinig- keit/ Hertzog Ganasches hitzige Rede/ und hielt ihm ein: Die Zufaͤlle waͤren eine weile so ver- wirrt/ der Tugend und offenhertzigem Begin- nen so feind gewest/ daß auch der fuͤrsichtigste auf so glattem Eiße habe gleiten/ und der es am be- sten gemeint/ seine Redligkeit verstellen muͤssen. Ja man waͤre in solche Zeiten eingefallen/ da die Liebe des Vaterlandes fuͤr eines der groͤsten Laster gehalten worden. Numehro aber habe ein guter Einfluß des Gestirnes/ oder vielmehr die kluge Anstalt Hertzog Herrmanns und die eusserste Bedraͤngung der Sicambrer die zer- ruͤtteten Gemuͤther so vieler deutschen Fuͤr- sten/ als ihrer noch nie auff einmahl wider die Roͤmer zusammen getreten/ vereinbart. Nunmehr blickte sie eine so gluͤckliche Zeit an/ da man erndten doͤrffte/ was man daͤchte/ und dis ausuͤben/ was man im Schilde fuͤhrte. Jtzt ereigne sich die Gelegenheit/ da sie alle das Seil der Roͤmischen Dienstbarkeit von den Hoͤrnern abstreiffen/ Segesthes aber die alte Scharte auswetzen koͤnne. Denn eine tapf- fere That wische die Schamroͤthe von vielen begangenen Fehlern ab. Segesthes/ welchem die Roͤmer am meisten traueten/ koͤnne fuͤr dißmahl ihrem Siege eine grosse Huͤlffe ge- ben/ nach dem Varus ihn selbst/ von Herr- mann und andern Fuͤrsten aber nur gewisse Kriegs-Schaaren beruffen haͤtte: daß er wider den Teucterer und Sicambrischen Hertzog Melo/ welcher auff Hertzog Herrmanns gege- benen Einschlag alleine wider die Roͤmer den Harnisch anzuziehen sich hertzhafft gewagt haͤt- te/ mit ihren Huͤlffs-Voͤlckern zu Felde ziehen moͤchte. Also koͤnte Segesthes entweder durch eine vertraute Person/ oder auch selbst dem Va- rus seine und der gefoderten Huͤlffs-Voͤlcker Anwesenheit zu wissen machen/ und hierdurch nicht alleine dem versammleten Kriegs-Hee- re/ welches doch wenig Stunden mehr fuͤr den Roͤmern koͤnne verborgen stehen/ eine destowe- niger verdaͤchtige Naͤherung zu dem Roͤmi- schen Laͤger und einen unversehenen Uberfall zu wege bringen/ sondern wohl gar die Roͤ- mer aus ihrem Laͤger und Vortheil ins freye Feld locken. Man solte nunmehro keinen Au- genblick versaͤumen. An geringer Saͤumniß haͤnge offt der Verlust der gantzen Sache; und die Zeit sey im Kriege am theuersten. An- schlaͤge wuͤrden zwar krebsgaͤngig/ gute Gele- genheit aber komme nicht zweymahl wieder. Man solle das fertige Heer nur immer gegen das Laͤger anziehen lassen. Hertzhafften Leu- ten riegele die Natur alle Pforten auff/ das Gluͤcke stehe ihnen an der Seiten/ und das Verhaͤngniß hielte ihnen den Ruͤcken. Segesthes begegnete/ wiewohl allem Anse- hen nach mit schwermuͤthigen Worten/ dem J- gniomer: er hielte das Werck nochmahls fuͤr ge- faͤhrlich und zu entschluͤssen bedencklich. Es waͤre nicht weniger unzeitig/ was zu fruͤh/ als zu spaͤte geschehe; die Ubereilung aber noch schaͤdli- cher/ als die Versaͤumung. Denn ungeschehe- ne Dinge koͤnte man noch thun/ geschehene aber nicht wieder verwischen. Weßwegen die Klug- heit fuͤr eine Tochter des kalten Gebluͤtes/ die U- bereilung aber fuͤr eine Mutter unzeitiger und daher todter Geburten gehalten wuͤrde; Und muͤste man der Gelegenheit freylich wohl wahr- nehmen/ selbter aber nicht zuvor kommen/ und wenn Arminius und Thußnelda. wenn man seinen Feind zu bekriegen hat/ sich nicht ehe von seinen eigenen Schwachheiten/ als von des Feindes Tugend uͤberwinden lassen. Diese waͤre bey den Roͤmern unvergleichlich/ als welche ihr meistes Leben mit den Waffen hinbraͤchten; allen ihren Ruhm aber durch selb- te erlangten; ja niemand kein Ehren-Amt zu bekleiden faͤhig waͤre/ der nicht zum minsten zehn Jahr zu Felde gedienethaͤtte. Zu geschweigen/ daß die zu Fuß dienenden Kriegs-Leute eher nicht als nach zwantzigjaͤhrigen Diensten er- lassen wuͤrden; und die Roͤmer auch beym Frie- den ihre Wffaen durch stete Kriegs-Ubungen also brauchten/ daß weder selbte noch ihre Tapf- ferkeit verrostete. Nichts destoweniger/ wenn sie alle ja mit den Roͤmern zu brechen fuͤr gut ansaͤhen/ waͤre er nicht gemeint/ mit seinem Be- dencken des mehrern Theils Schluß zu stoͤren/ und sich in seine Gedancken dergestalt zu verlie- ben/ daß er aller andern Urtheil als unrechte ver- werffen solte. Denn man solte in Rathschlaͤgen allezeit das beste rathen/ und doch auch dem/ was man fuͤr schlimm hielte/ beyfallen/ wenn es die meisten billichten. Sintemahl das beste/ wel- chem nur wenig folgten/ schlimmer waͤre als das aͤrgste; welches alle auszuuͤben auf sich nehmen. Daß uͤbrigens Qvintilius Varus ihn und an- dere Huͤlffs-Voͤlcker wider die Sicambrer be- ruffen/ habe ihnen freylich zu einem guten Vor- wand gedienet/ ihre Voͤlcker ohne Verdacht zu- sammen zu fuͤhren. Dahero sey er bereit un- ter diesem Scheine einen Schluͤssel ins Roͤmi- sche Laͤger zu finden. Segemer des Segesthes Bruder schlug hiemit auff seinen Degen/ mel- dende: Wenn ihn auch Segesthes nicht findet/ so ist hier einer verhanden. Und wenn wir dis- mahl den Roͤmern nicht den Weg wieder uͤber den Rhein weisen/ koͤñen wir uns nicht beschwe- ren/ daß es uns an Gelegenheit/ sondern an Hertze und an der Wissenschafft uns selbte nuͤ- tze zu machen/ gemangelt habe. Sie haͤtten ohne diß ihren Feind allzu großwachsen/ und die Flamme zu sehr zu Schwunge kommen las- sen; welche sie gar verzehren wuͤrde/ wenn sie selbter so lange zusehen wuͤrden/ biß die Roͤmische Macht aus Dalmatien ihnen vollends uͤber den Hals kaͤme. Also waͤre die Geschwindig- keit wider geschwinde Kranckheit die heilsam- ste Artzney. Hiermit stimmten alle andere Fuͤr- sten und Grossen ein/ standen von ihren Taffeln auff/ verehrten den Cherustischen Hertzog als ih- ren obersten Feldherrn/ und wuͤnschten ihm gluͤckliche Uberwindung seiner uñ ihrer Feinde. Hertzog Herrmann/ auff welchen numehr aller anwesenden Augen gerichtet waren/ ließ in seinem Antlitze und Geberden nicht das gering- ste Merckmahl eines entweder verwirrten oder freudigen Gemuͤths blicken. Denn ob wohl der Glantz neuer Wuͤrden sonst insgemein die Ver- nunfft nichts anders als die uͤbermaͤßigen Son- nenstrahlen das Gesichte verduͤstern; so war doch diesem Helden; welcher in sich ein auskomment- liches Maaß hatte die gantze Welt zu beherr- schen/ bey diesem neuen Wachsthume nichts neues noch hoffaͤrtiges; Sintemahl dergleichen Auffblehung nichts minder ein gewisses Zeichen einer Gemuͤths-Kranckheit/ als die Geschwulst der Leibes-Gebrechen/ und eine augenscheinli- che Andeutung ist/ daß solche Ehre zu groß fuͤr das Behaͤltniß einer so engbruͤstigen Seele sey. Er gebrauchte gegen die Fuͤrsten eben die Ehrer- bietung als vorher/ und als gegen seines glei- chen. Ja durchgehends stellte er sich so/ als wenn er die Feldherrschafft leichter uͤberkaͤme/ als zu haben verlangte; Massen nur diese letztere Be- gierde zu herrschen eben so wohl kein Mittel in ihrer Bezeugung zu treffen weiß; als das Geluͤcke zwischen Gebot und Fußfall selb- tes zu beobachten pflegt. Daher er sich denn auch erklaͤrete: Er empfinde in sich ein so unbe- schreibliches Vergnuͤgen uͤber der neuen Ein- tracht der deutschen Fuͤrsten und uͤber dem fuͤr die allgemeine Wohlfarth gemachten Schlus- se; diesen auszufuͤhren waͤre sein einiges Abse- D 2 hen/ Erstes Buch hen dieser Versammlung gewest/ und haͤtte er es dem Verhaͤngniße und ihrer Klugheit heim- gestellt: Ob sie ihn hierinnen zu einem Kriegs- Manne/ oder zu ihrem Feld-Herrn gebrauchen wuͤrden. Nach dem ihnen aber das letztere ge- fallen/ thaͤte er hierinnen mehr ihrem Willen/ als seinem Ehr-Geitze ein Genuͤgen. Denn ob wol die verwirrete Beschaffenheit der Zeit/ die besorgliche Mißgunst derer/ welche nach dieser Wuͤrde gestrebet/ und sein noch nicht allzu hohes Alter ihn hievon zuruͤcke ziehen wolten; so uͤber- wiege doch sein Verlangen dem gemeinen We- sen zu dienen alle andere Bedencken; und die Bilder seiner lobwuͤrdigen Vorfahren ladeten ihn gleichsam ein/ lieber mit Schweiß und Blut in ihre Fußstappen und in dis von ihnen gefuͤhr- te Ambt zu treten/ als die Haͤnde seiner Ergoͤtzlig- keit halber auf die Schoos zu legen. Denn die Aufthuͤrmung der Ehren-Saͤul-waͤre ein aber- glaͤubischer Zeit-Vertreib und eine Verschwen- dung der Unkosten; wenn sie allein ein Gedaͤcht- nuͤß dessen/ was die Todten gethan haben/ nicht aber eine Ermahnung seyn sollen/ was denen le- benden zu thun obliegt. Dahero dasselbige Bild/ welche nur etliche Tage gestanden/ aber das Gluͤcke habe/ daß iemand durch ruͤhmliche Nachartung seinem Befehle gehorsamet/ viel hoͤher zu schaͤtzen waͤre/ als eines/ das tausend Jahre wider Lufft und Ungewitter getauret/ aber zum unfruchtbaren Anschauen gedienet hat. Haͤtten seine Vor-Eltern durch ihre Tha- ten zuwege gebracht/ daß sie ihm ihren Stab einhaͤndigten; wolte er sich befleissen durch sein Thun zu behaupten/ daß er ihr Sohn waͤre; nach dem ein ungerathener Sohn eines Helden sich gar keines Vaters zu ruͤhmen haͤtte. Denn keines frembden Sohn koͤnte er vermoͤge der Natur; des Natuͤrlichen aber wuͤste er es wegen seiner Untugend nicht zu seyn/ also/ daß wenn die Todten reden koͤnten/ wuͤrden sie ihn/ wenn er sich ihrer Ankunft ruͤhmte/ entweder Luͤgens straffen/ oder ihn als einen Wechsel-Balg aus dem Geschlechte stossen. Dieses und der Noth- stand Deutschlands zwinge ihn die aufgetragene Wuͤrde willig zu uͤbernehmen. Denn/ wenn das Gebaͤu eines Reiches einfallen wolte/ muͤste der erste der beste seine Achsel unterschieben/ und zu denen Stuͤtzen nicht diß oder jenes Holtz aus- schuͤssen. Bey so gestalten Sachen koͤnte sich niemand entbrechen/ der sich sonst doch ausduͤ- cken wuͤrde/ wenn ihn die Scham - Roͤthe oder der Mangel eines guͤltigen Verwands nicht zu- ruͤcke hielte. Wie er deñ feyerlich sich verwahrte: daß er ihm diese Wuͤrde nicht leichte; ihre Uber- nehmung aber nicht aus Hoffarth/ sondern aus Liebe des Vaterlandes nicht schwer machte. Seine Wercke solten nicht nur seine ietzige Er- klaͤrung beglaubt/ und ihnen wahr machen/ daß er nicht so wol ihr Feld-Herr seyn/ als ihr Bru- der leben/ und als ihr Freund fuͤr sie und das Vater-Land sterben wolte. Denn alle andere Merckmaale der Freundschafft waͤren ungewiß oder verdaͤchtig; die groͤssesten Betheurungen verhuͤlleten offt ein gehaͤssiges Hertze/ die nuͤtz- lichsten Dienste verkleideten zuweilen den Ei- gen-Nutz/ die Freygebigkeit zielte auf anderer Verbindligkeit/ der Gehorsam ruͤhrte nicht sel- ten mehr aus einem Nothzwange als willkuͤhr- lichem Eifer her; wenn aber die Freundschafft mit seinem eigenen fuͤr eines andern Erhaltung verspritzten Blute besiegelt wuͤrde/ waͤre sie al- lem Verdacht eines angenommenen Scheines/ aller nachtheiligen Auslegung/ und allem wi- drigen Urthel uͤberlegen. Bey Außdruͤckung dieser Worte und daruͤber erwachsender Vergnuͤgung trat ein mit der Fuͤrstin Walpurgis Leiche vorhin beschaͤfftigter Priester mit einem freudigerm Gesichte/ als sein Todten-Dienst mit sich brachte/ ins Zelt/ und berichtete: Der Walpurgis Grab waͤre fertig/ mit Bitte: Es moͤchten die Fuͤrsten die Leiche noch mit einer Hand voll Erde beehren/ und ihr merckwuͤrdiges Grabmahl anzuschauen unbe- schwert seyn. Diese waren theils wegen An- dacht/ Arminius und Thußnelda. dacht/ theils aus Begierde das angedeutete Grab zu sehen leicht dazu zu bereden. Wie sie nun an den bestim̃ten Ort kamen/ fanden sie drey Sti- che tief die Erde ausgegraben/ darunter aber ein ansehnliches in einen lebendigen Fels gehauenes Grab. Welches ihnen so viel mehr wunders werth vorkam/ weil nicht allein in so enger Zeit ein solch Grab auszuhauen unmoͤglich/ auch das geringste Meꝛckmal der heꝛausgehauenen Stei- ne verhanden; sondern auch die steinernen Gꝛabmale bey denen Deutschen sehꝛ seltzam wa- ren/ als welche ihre Todten nur in die frische Er- de zu begraben/ und zum hoͤchsten die Graͤber mit Rasen aufzusetzen und zu erhoͤhen pflegen/ entweder weil sie die steinernen und kostbaren Grabmale denen Leichen fuͤr beschwerlich hal- ten; oder weil sie selbte als eine Eitelkeit/ oder auch als eine offt bey denen unwuͤrdigsten miß- brauchte Ehre verschmaͤhen. Sintemal leider bey den Griechen die zwo Huren Glycera und Pythionice so praͤchtige Begraͤbnuͤs-Male/ daß des Miltiades und Pericles selbten nicht den Schatten reichen/ erlangt; zu Rom aber so gar Raben und Pferde nicht so wohl damit beehret/ als die mit Fuͤssen getretene Gedaͤchtnuͤsse der Horatier und Fabier dadurch beschimpfft wor- den. Uberdis hatte dieser Fels und das daran kle- bende Mooß den annehmlichsten Veilgen-Ge- ruch/ der die Anwesenden nicht wenig erqvickte. Jhre Verwunderung aber verkehrte sich gar in eine andaͤchtige Verehrung dieses Orts/ als sie nach der auf den Seiten vollends weggeraͤum- ten Erde gegen Mittag in dieses steineꝛne Grab folgende Uberschrifft eingegraben funden: Dieser Fels/ Dessen Geruch aller andern Blumen uͤbertrifft/ Weil er niemahls mit diesen Fluͤchtlingen vergehet; Dessen Krafft den Cedern vorgehet/ Weil er nicht nur keinen Wurm hecket/ sondern auch nicht herbergt/ ist zum Grabmale einer Fuͤrstin erkiest/ Die wie das Kraut/ welches ehe zerspringt/ als sichs anruͤhren laͤst/ vergangen. Die mit dem Hermelin ehe durchs Feuer als Koth laufft/ Und ehe es sich besudelt/ entseelet. Darff also Dieses Grab kein Opfer der Blumen/ Die Begrabene keines der Thraͤnen/ aber wol tugendhaffte Nachfolger. Sie hatten kaum auf der einen Seite diese durch das Alter und die eingedrungene Erde vertun- ckelte Schrifft zusammen gebracht/ als auf der andern folgende erkieset ward: Die Eroͤffnung dieses Grabes Wird denen Deutschen die Augen aufthun/ Daß sie die Roͤmische Dienstbarkeit abwerffen/ und erkennen werden: Daß ihr Reich zum Schutz-Bilde die Eintracht/ ihr Heer zum Haupte einen Mann doͤrffe. Es ist aber noch Gluͤck und Klugheit bey einem Grabe/ nicht allererst beym Tode sehen lernen. C 3 Alle Erstes Buch Alle Fuͤrsien lasen zwar diese Zeilen/ Hertzog Jubil aber war der erste/ der alle Geheimnuͤße dieser Wahrsagung am ersten ergruͤndete. Sin- temahl er sich der Erzehlung vom Hertzog Herꝛ- mann erinnerte/ welche ihm der Schutz-Geist des Gabretischen Gebuͤrges nicht nur/ daß er ein Erloͤser des dienstbaren Deutschlandes seyn/ sondern auch deßwegen eine in Stein gegrabe- ne Wahrsagung bey dem Tanfanischen Tem- pel gefunden werden wuͤrde/ vorhin angedeutet haͤtte. Weil nun Hertzog Jubil dieses kuͤrtz- lich erzehlte; war die in dieser Wahrsagung ent- haltene Billigung des zum Heerfuͤhrer erwehl- ten Hertzog Herrmanns deutlich genug zu ver- stehen; und weil die erste Schrifft allbereit durch die in diß Grab gelegte Fuͤrstin Walpurgis Sonnenklar wahr gemacht war/ fand die letz- tere so viel mehr Glauben und zohe desto groͤs- ser Vertrauen zu dem neuen Feldherrn und dem kuͤnfftigen Siege nach sich. Weßwegen der gantze Heyn seine Freude uͤber dieser gluͤctli- chen Wahl durch ein allgemeines Frolocken kund machte. Unterdessen hatte der Priester Libys denen vieꝛ schoͤnsten und groͤsten weissen Pfeꝛden/ dereꝛ eine ziemliche Anzahlin selbigem heiligen Heyne erzo gen/ und keines zu irrdischer Arbeit ge- braucht/ auch von sonst keinem Menschen/ als dem Priester/ weder gefuͤttert noch beschritten wird/ das erste Gebiß und Zaum anlegen las- sen/ selbte mit silbernem Zeuge und seidenen Qvasten rother Farbe/ welche bey diesen Voͤl- ckern Krieg andeutet/ belegen und an einen ge- weiheten Wagen spannen/ auch solchen fuͤr den Zelten in Bereitschafft halten lassen. Sie rauch- ten fuͤr Hitze und Schweiß/ da sie doch in etli- chen Tagen nicht aus dem Stalle kommen wa- ren; welches sie dahin ausdeuteten: daß die Schutz-Geister selbiges Orts allbereit auff selb- ten wider die Feinde gestritten haͤtten. Diesem nach die Priester denn auch alsofort dem Feld- herrn mit vielen Seegenspruͤchen drey Kriegs- Bilder/ welche noch die Vorfahren in diesem Heyne aufgehenckt hatten/ und unter den Deutschen/ wie bey den Roͤmern die Adler/ zu Kriegs-Fahnen gebraucht worden/ uͤberreich- ten. Jn dem ersten war ihres Uhranherrns des Tuiscons Haupt/ im andern ein Pferd/ im dritten ein Loͤwe abgebildet. Die Pferde aber fingen hefftig zu schaͤumen und zu wiehern an. Welches Libys und die andern versammleten Priester fuͤr ein uͤberaus gutes Zeichen des Sieges auslegten; sonderlich weil selbte den rechten Fuß zu erst aufhoben/ durch die in der Erde gesteckten Lantzen ohne einige Beruͤh- rung durchrenneten. Daher sie alle so wohl den Hertzog Herrmann als die andern Fuͤr- sten/ welche fuͤr dem Wagen hertraten und dem Heere zueileten/ mit tausend Gluͤckswuͤn- schen begleiteten. Denn diese Anzeigungen versicherten die Fuͤrsten so gewiß des Sieges/ als wenn sie selbten sch o n in den Haͤnden haͤtten. Sintemahl zwar die Deutschen mit den mei- sten Voͤlckern auch aus denen Eingeweiden des Opffer-Viehes/ aus dem Fluge der Ad- ler/ Habichte und Geyer/ aus dem Geschrey der Raben/ der Kraͤhe und Nacht-Eulen/ aus dem Lauffe der Woͤlffe/ Fuͤchse und Schlan- gen/ aus den Wirbeln der Fluͤsse/ aus fallen- den Lufft-Sternen/ und aus Andeutungen de- rer zu erscheinen genoͤthigten Geister kuͤnffti- ge Begebenheiten zu erforschen pflegen; in- sonderheit aber aus der Anzahl vieler ungefehr in die Asche gemachte Striche/ und durch ge- wisse aus einer fruchtbaren Gaͤrthe gekerbe- te und mit unterschiedenen Merckmahlen be- zeichnete Hoͤltzlein/ die der Priester auff ein weisses Kleid ausschuͤttet/ und hernach zu drey- en wieder auff l ieset/ ihr bevorstehendes Gluͤcke zu ergruͤnden vermeinen; so setzen sie doch auff keine Wahrsagung mehr Vertrauen/ als auff die Andeutung dieser geweyheten Pferde. Nicht zwar/ daß sie ihnen eine Wissenschafft dessen/ was das Verhaͤngniß ihnen bestimmet habe/ Arminius und Thußnelda. habe/ zueignen; sondern weil sie dafuͤr halten: Gott bewege durch eine geheime Krafft aus einer Erbarmniß gegen den Menschen diese edlen Thiere/ als ohne dessen Zulassung kein Vogel eine Feder ruͤhren/ kein Pferd einen Fuß auffheben koͤnte. So bald das Kriegs-Volck/ welches in vol- ler Ruͤstung bereit stand/ und nur auff einen Feind loß zu gehen begierig war/ den heiligen Kriegs-Wagen erblickte und daraus erkenn- te/ daß der Krieg und Anfall des Feindes be- schlossen war/ kriegte selbtes gleichsam eine neue Seele und erfuͤllete die Lufft mit einem hei- sern Feld-Geschrey. Als sie aber gewahr worden/ daß Hertzog Herrmann als Feldherr seinen Sitz darauff genom̃en hatte/ machten sie mit Zusammenschlagung ihrer Lantzen/ Spies- se/ Schilde und andern Waffen/ um dadurch ihr Wohlgefallen uͤber solcher Wahl zu bezeu- gen/ ein solches Gethoͤne/ daß auch die naͤch- sten kein Wort von des Jgniomers Rede/ wel- cher ihnen von ihrem Schlusse einen Vortrag thun wolte/ verstehen konten. Womit sie a- ber zu verstehen geben moͤchten: daß sie dis/ was Jgniomer ihnen sagen wolte/ verstuͤnden/ und ihre bey der Wahl eines allgemeinen Her- tzogs habende Stimmen dem Herrmann ein- muͤthig gaͤben; nahmen vier der fuͤrnehmsten Kriegs-Obersten zwey Lantzen auff die Achseln/ legten darauff einen breiten Schild/ hoben den Feld-Herrn von dem Wagen darauff/ und trugen ihn mitten durch ihre Reyhen. Hier- auff senckten sie diesen Kriegs-Stuhl/ womit er ab und zu Pferde sitzen konte. Dieses war ein feuriger Hengst/ welcher/ nachdem er die- sen fuͤrtrefflichen Helden auff sich bekommen/ fuͤr Hoffarth den Erdboden eintreten wolte/ mit seinem Schaͤumen und hitzigen Saͤtzen seine Ungedult aber/ daß es nicht schon in der Schlacht waͤre/ zu verstehen gab. Herrmanns Leib war mit einem glaͤntzenden und zum Theil verguͤldeten Harnische bedeckt/ womit ihn Kaͤyser Augustus beschencket/ als er in Ar- menien bey Einsetzung des Koͤnigs Artavas- des die Roͤmischen Waffen zu seinem Ruhm und des Kaͤysers Nutzen getragen hatte. Jn der rechten Hand fuͤhrte er eine Lantze/ im lin- cken Arm einen laͤnglichten Schild/ auff wel- chem ein springendes Pferd geetzt war/ wel- ches die Cheruskischen Hertzoge noch vom al- ten Hermion her/ aus besonderer Liebe zu den Pferden/ zu fuͤhren gewohnt waren. Um sei- ne Lenden war ein mit Edelgesteinen versetz- tes Schwerdt geguͤrtet/ und an dem Sattel- knopffe hieng ein eckichter Streit-Hammer. Seine braunen und kringlichten Haare hatte er nach seiner Landes-Art ihm uͤber dem Haͤu- pte lassen zusammen binden; den Helm aber/ uͤber welchem ein Habicht mit ausgebreiteten Fluͤgeln zu sehen war/ ließ er ihm seinen Waf- fentraͤger neben bey tragen. Jn solcher Ruͤ- stung stellete er sich gegen das in voller Schlacht- Ordnung stehende Heer/ und redete mit ver- mischter Freundligkeit und Großmuͤthigkeit sie derogestalt an: Edle Deutschen/ vertrauteste Bruͤder. Dem Verhaͤngniße und den Fuͤrsten des Vaterlan- des hat einmuͤthig gefallen/ fuͤr die Freyheit Deutschlands wider der Roͤmer Bedraͤn- gung die Waffen zu ergreiffen/ und mich zum gemeinen Feld-Herrn zu erkiesen. Das letz- te anzunehmen hat mich die Liebe des Vater- landes gezwungen/ nicht meine eigene Ver- messenheit gereitzt. Die Andeutungen der Prie- ster/ die Gerechtigkeit unserer Sache/ die Wol- luͤste unsers weibischen Feindes und eure Tapf- ferkeit/ verheissen mir einen unzweiffelbaren Sieg. Es ist unnoͤthig Maͤnnern ein Hertz einsprechen/ fuͤr derer Thaten mehrmahls Rom erzittert/ durch deren Huͤlffe die Roͤmer al- lein in Gallien Fuß gehalten/ und gegen die Parther gestanden. Der Deutschen ihre Feld- herren werden ihrem Kriegs-Volcke mehr zum Beyspiele als zum Befehlichen fuͤrgesetzt. Jch/ sichert Erstes Buch siehert euch/ behertzte Bruͤder/ wil heute mit meinem Blute lieber drey Spannen Erde ge- gen die Roͤmer gewinnen/ als drey Schritte zuruͤck weichen/ wuͤste ich auch dadurch mein Le- ben auf tausend Jahr zu verlaͤngern. Werdet ihr meinen Fußstapfen nachfolgen/ wird diesen Tag entweder von dem Feinde oder uns kein Gebeine entrinnen. Hiermit ergriff er den Helm/ druͤckte ihn aufs Haupt/ und sprengte mit seinem Pferde von ei- ner aͤusersten Spitze der Schlacht-Ordnung biß zur andern. Das Heer aber schlug noch mit groͤsserm Ungestuͤm die Waffen aneinander; welches bey den Deutschen die Kraͤfftigste Art et- was zu bestaͤtigen/ und die ehrlichste iemanden zu loben ist. Hierauf erregten die theils hoͤrner- ne/ theils aus Messing gegossene krum̃- Hoͤr- ner/ bey noch stiller Nacht/ ein solches Gethoͤne/ daß die Erde erbebte/ und die Luͤfte mit vielfaͤl- tigem Wieder-Schalle erfuͤllet wurden. Hertzog Segimer nahm hiemit den ihm un- tergebenen Vortrab/ und fuͤhrte selbten gerade dem Feinde zu/ unter welchem sein Sohn Sesi- tach tausend junge Cheruskische und Bructeri- sche/ Printz Catumer des Arpus Sohn fuͤnf- hundert junge Cattische Edelleute fuͤhrte/ welche alle/ weil sie noch keinen Feind erschlagen/ eiserne Ringe trugen/ umb in dieser Kriegs-Schule ihr Gluͤck oder vielmehr ihre Tapferkeit zu versu- chen/ und zugleich das Recht zu erwerben ge- meynt waren: daß sie kuͤnftig goldne Ringe tra- gen moͤchten. Als diese bey dem Feld-Herrn vorbey zohen/ welcher alle und iede in genauern Augenschein nahm/ und keinen Hauffen zur Hertzhafftigkeit aufzufrisehen vergaß/ ritte ein gerader wol-ge- wafneter Juͤngling/ der einen mit gruͤnem Laub- wercke ausgeetzten Harnisch/ und im Schilde eine Taube fuͤhrte/ aus der Ordnung/ naͤherte sich dem Feldherrn/ und reichte ihm mit tiefster Ehr- erbiettung einen Zettel/ darauf diese Schrifft zu lesen war: Erlauchter Fuͤrst/ großmuͤthiger Feld-Herr! Die Cherusker sind gewohnt fuͤr ihren Schlach- ten durch Zwey- Kampf eines Einheimischen und eines gefangenen Feindes den Ausschlag des bevorstehenden Treffens zu erkundigen. Goͤñe diesemnach einem ruhmbegierigen Edel- manne/ daß/ nach dem dir die guͤtigen Goͤtter den Sieg schon so augenscheinlich gewiesen ha- ben; daß ich und ein gefangener Roͤmer/ ieder mit Waffen nach seiner Landes - Art allhier zu- sammen schlagen/ und mir deine Augen und Vorbild heute das Gluͤcke des Sieges mitthei- len/ was ich sonst meiner Staͤrcke und Tapfer- keit nicht zutrauen darf. Dem Feld-Herrn kam dieser Anspruch gantz unvermuthet/ iedoch nahm er diese kecke Ent- schluͤssung fuͤr ein sehr gutes Zeichen an/ und sein Hertze empfand gegen diesem Edelmanne eine ungemeine Beweg- und Zuneigung. Er wuͤrde auch nicht die Befchaffenheit seiner Per- son und den Anlaß zu diesem Ebentheuer genau zu erforschen vergessen haben/ wenn er nicht als- bald in die Gedancken gefallen waͤre: daß selb- ter/ umb alleine unbekant und mit dem Helme verdeckt zu bleiben/ sein Verlangen schrifftlich entworffen haͤtte. Dahero lobte er/ ohne eini- ges vorwitziges Ausfragen/ sein Begehren/ und befahl: daß/ da irgend einige gefangene Roͤmer alldar befindlich waͤren/ sie augenblicklich zur Stelle gebracht werden solten. Fuͤrst Arpus/ welcher unferne davon hielt/ vernahm diesen Be- fehl des Feld - Herrn/ naͤherte sich zu ihm/ und ließ alsbald zwey wolgewachsene schoͤne Juͤng- linge zur Stelle bringen/ welche er fuͤr kurtzer Zeit gefangen bekommen/ als die Roͤmer aus der vom Drusus am Berge Taunus aufgerichteten Festung Tranburg auf die Catten gestreifft. Diese fragte der Feld-Herr: Ob einer unter ihnen das Hertze haͤtte mit anwesendem Edel- manne zu fechten? Der Preiß des Sieges sey des gefangenen Freyheit. Hertzog Herrmann hatte diß letzte Wort noch halb im Munde/ als der Arminius und Thußnelda. der schoͤnste unter beyden/ welchem die Anmuth selbsten aus den Augen sah/ versetzte: Er habe niemanden noch einen solchen Tantz versagt. Die Dienstbarkeit sey ihm unertraͤglicher als der Tod. Das Ungluͤcke/ nicht die Liebe seines Le- bens habe ihn lebendig in seiner Feinde Haͤnde geliefert/ in dem er in dem Scharmuͤtzel mit dem Pferde gestuͤrtzt/ und daruͤber gefangen worden waͤre. Wolte ihm der Catten Hertzog seine Waffen wieder langen lassen/ und der Feldherr ihm den Zwey-Kampf erlauben; wuͤrde er es fuͤr eine groͤssere Großmuͤtigkeit aufnehmen/ als er ihm in diesem Nord-Lande zu finden eingebil- det. Alsofort wurden die ihm abgenommenen Waffen/ und ein wol-aufgeputztes Pferd zur Stelle bracht. Die Fertigkeit im Wafnen gab die Lust zu diesem Kampfe und die Hoffnung des eingebildeten Sieges ge- nungsam zu verstehen. Ob nun wol die zum Vortrab geordnete Kriegs-Voͤlcker ihren An- zug beschleunigten/ so blieb doch das gantze Heer/ sam̃t denen Fuͤrsten und Kriegs-Haͤuptern mit aufgesperreten Augen und begierigem Gemuͤthe den Ausschlag zu erfahren unverruͤckt halten. Der numehr fast volle Mond ersetzte an dem heuteren Himmel bey nahe die Stelle der abwe- senden Sonnen. Beyde freudige Kaͤmpfer tummelten ihre Pferde mit ungemei- ner Geschickligkeit/ und hierauf renneten sie wie ein Blitz gegeneinander. Der Gefangene traf mit seiner Lantzen den Deutschen an die rechte Huͤfte/ dieser aber jenen auf die Brust. Jedoch sassen sie beyde so wol zu Pferde/ daß ehe einer sich aus dem Sattel bewegte/ beyde Lantzen in Stuͤ- cke sprungen. Augenblicks wendeten sie sich/ und ergriff der Roͤmer einen Wurff-Spieß/ der Deutsche aber einen Streit-Hammer; alleine der Wurff-Spieß gieng diesem unter dem lin- cken Arm durch/ und ob zwar der Deutsche mit dem Streit-Hammer den Roͤmer an der rech- ten Achsel erreichte/ wuste sich der Roͤmer doch dem Schlage so kuͤnstlich auszuwinden/ daß selb- ter ohne empfindliche Beschaͤdigung abging. Ja er spannte mit ebenmaͤssiger Geschwindig- keit seinen Bogen/ und schoß ruͤckwerts auf sei- nen Verfolger so gerade/ daß/ wenn selbter mit dem Schilde den Pfeil nicht aufgefangen/ ohne Verwundung derselbte seinen Flug nicht wuͤrde vollendet haben. Jnzwischen hatten beyde schon ihre Schwerdter entbloͤsset/ und fielen einander als zwey junge Loͤwen an; iedoch wuste ein ieder des andern Streiche mit solcher Geschickligkeit zu begegnen/ daß bey einer halben Stund die Zu- schauer nichts minder verwundernd als zweifel- haft blieben/ auf welche Seite noch endlich der Sieg ausschlagen wuͤrde. Endlich geluͤckte dem Deutschẽ ein heftiger Streich des Roͤmers Pferd an Hals/ wovon selbtes sich kollernd in die Hoͤhe lehnte/ in einem Augenblicke zuruͤcke schlug/ und der Gefangene/ weil es zugleich einẽ kleinẽ Gra- ben traf/ durch einen heftigen Fall unter das Pferd zu liegen kam. Der Deutsche sprengte bey diesem Zufall etliche mal umb seinen Feind rings umb her/ und nach dem er an selbtem keine Be- wegung sahe/ ritt er gegen dem Feld-Herrn/ be- zeigte selbtem eine tieffe Ehrerbietung/ ihm gleichsam fuͤr den verstatteten Kampf demuͤtigen Danck erstattend/ und rennte Spornstreichs dem vorangegangenen Vortrabe nach. Etli- che der nechsten Zuschauer aber sprangen zu dem Gefallenen/ zohen ihn unter dem schon halb-tod- ten Pferd herfuͤr/ oͤfneten ihm den Helm/ wurden aber kaum einigen Lebens an ihm gewahr. Fuͤrst Jubil/ der unter den Fuͤrsten diesem Falle der nechste war/ und aus diesem Kampfe ihn nicht wenig zu schaͤtzen angefangen/ befahl alsobald ihm den Harnisch zu luͤften/ und durch Eroͤfnung der Kleider ihm Luft zu machen. Als dieses er- folgte/ wurde man aus den Bruͤsten gewahr: daß es ein Frauen-Zimmer war. Hier zu kam nicht nur der Feldherr und andere Fuͤrsten zu ihrer hohen Verwunderung; sondern sie er- staunten auch noch mehr/ als der andere hi erzu gelauffene Gefangene ihm fuͤr Verzweifelung Erster Theil. E die Erstes Buch die Haare ausrauffte/ und nebst anderer jaͤm- merlicher Verstellung/ welche auch einen Seel- losen Stein zur Erbarmnuͤs haͤtte bewegen koͤn- nen/ mehrmals die Worte: O ungluͤckselige Koͤnigin! ausrief. Unterdessen ward man ge- wahr/ daß ihr das Hertz und der Puls noch et- was schlug/ ja als der andere Gefangene sie mit etlichen bey sich habenden Balsamen bestrich/ fieng sie wieder an zu athemen. Woruͤber sein Antlitz und Geberden zwar nicht geringe Freu- de/ zugleich aber auch eine Reue an Tag gaben: daß der uͤbermaͤssige Schmertz die Schrancken der Verschwiegenheit uͤberschritten/ und das Geheimnuͤs ihres Standes entdecket hatte. Hertzog Herrmann und die andern Fuͤrsten haͤtten bey so seltzamer Begebenheit nicht unter- lassen/ von dem Gefangenen die eigentlichere Beschaffenheit/ und was fuͤr Zufaͤlle diese frem- de Koͤnigin in Deutschland gebracht haͤtten/ ge- nau zu erforschen/ wenn nicht ein Ritter mit gantz verhaͤngtem Zuͤgel und keuchendem Pfer- de gerennt kommen waͤre: und ihnen ange- deutet haͤtte/ daß eine Meilweges von dan- nen eine Menge Roͤmischer Reiterey den Vortrab aus einem verborgenen Winckel an- gefallen/ Segesthes/ welcher/ dem Verlaß nach/ unter dem Scheine den Feind zu verkundschaf- ten voran gegangen war/ mit seinen bey sich ha- benden Grafen und tausend Kriegs-Knechten sich zum Feinde geschlagen/ und die Deutschen mit angefallen habe. Hiemit befahl der Feld- herr: daß die Koͤnigin nebst dem andern Ge- fangenen in sein unentferntes Schloß Deutsch- burg gefuͤhret/ ihrer auch auffs sorgfaͤltigste ge- pfleget werden solte. Dem Jnguiomer und Ar- pus vertraute er das Groß des Heeres/ dem Ju- bil und Ganasch den Hinterhalt mit moͤglichster Geschwindigkeit auf den Kampffplatz zu stellen. Er aber/ umb nicht allein der ersten Unordnung zu begegnen/ sondern fuͤrnemlich den Stand und die Beschaffenheit des feindlichen Heeres selbst zuerkiesen/ nahm nebst seinen hundert Grafen tausend Edelleute und Pferde zu sich/ welchen so viel Kriegs-Leute zu Fusse/ die sie zu ihren Leib- Schuͤtzen erkieset hatten/ und wenn sie nur sich mit einer Hand an die Meenen der Pferde an- hielten/ ihnen auch in volle m Rennen gleich lieffen/ und dieser Geschwindigkeit halber mit leichten Schilden aus Weiden-Holtze/ die ein ei erner Ring umbschloß/ mit Helmen aus Leder und nur mit Eisen gespitzten Lantzen geruͤstet waren/ und eilte seinem Vortrab moͤglichst nach. Als er nahe den halben Weg biß dahin hinter sich gelegt/ ward er verstaͤndigt: daß Segimer den Roͤmischen Hauffen/ welcher ihn uͤberfal- len/ nechst dem abtruͤnnigen Segesthes zuruͤck gejaget haͤtte/ hiermit aber in dem Deutschmeye- rischen Thale/ bey dem Flecken Falckenburg auf das gantze Roͤmische Heer verfallen waͤre. Sie haͤtten eine grosse Menge Wagen und Kriegs- Geraͤthe bey sich/ es waͤren durch den Forst eine grosse Menge der dickesten Baͤume umb- gehauen/ und die Moraͤste mit Bruͤcken be- legt zu sehen; dahero habe es das Ansehen: daß die Roͤmer ihr Lager gaͤntzlich verlassen/ und sich zwischen die Weser und die Aeder an die Festung Cattenburg haͤtten ziehen wollen. Muͤste also ihr Anschlag durch den Segesthes vorhero gaͤntz- lich verrathen worden seyn. Der Feldherr/ welchem diese Meynung der Wahrheit sehr aͤhnlich schien/ fertigte alsobald einen Edelmann an den Hertzog Jubil ab/ und befehlichte ihn/ daß er mit dem groͤssesten Theile des Hinter- halts sich gegen Sud-Ost ablencken/ und dero- gestalt dem Feinde nicht allein den Paß abzu- schneiden/ sondern ihm mit Gelegenheit gar an die Seite oder in Ruͤcken zu fallen trachten solte. Seinem Kriegs-Volcke aber sprach er bey dieser verlautenden Flucht der Roͤmer so viel mehr ein Hertz zu/ und hielt ihnen fuͤr: daß ein furcht- sames Heer nur geschlagen/ nicht uͤberwunden werden doͤrfte; weil es von seiner eigenen Ein- bildung schon uͤbermannet/ ieder Ruff des Fein- des schon fuͤr ein Siegs-Geschrey/ seine eigene Be- Arminius und Thußnelda. Bewegung aber fuͤꝛ eine Flucht gehalten wuͤrde. Ja wer auch nur an dem Siege zweiffelte/ der fuͤchte nicht/ sondern versetzte nur die feindlichen Streiche ohne einigen behertzten Angriff; und also raͤumte er insgemein das Feld/ nicht weil er es verspielet/ sondern weil er es verspielt zu haben aus Schrecken glaubete. Hierauff ge- riet Hertzog Herrmann gleich zu hoher Zeit auf die Wahlstatt/ allwo der Vortrab die Macht des gantzen Roͤmischen Laͤgers mit unaussprech- licher Tapfferkeit schon eine Stunde auffgehal- ten hatte. Welches an sich selbst unmoͤglich gewest waͤre/ wenn nicht Hertzog Segimer sich des Vortheils der daselbst vermengten Thaͤ- ler/ Berge und Waͤlder bedienet/ und an einem engen Furthe/ allwo die Roͤmischen Legionen sich nicht voͤllig auff ihn ausbreiten konten/ Fuß gesetzt haͤtte. Catumer und Sesitach thaͤten mit ihren jungen Edelleuten Wunder- wercke von Tapfferkeit/ Segimer aber wie- se alle Kuͤnste eines erfahrnen Feld-Haupt- manns. Herrmann wahrnehmende: daß es wegen dieses Vortheils mit dem Segimer kei- ne Noth hatte/ suchte ihm einen andern Weg/ durch ein Gestrittig an den Feind zu kommen/ um des Segimers Hauffen ein wenig Lufft zu machen/ und hatte das Gluͤcke auff des Qvintilius Varus Leibwache zu treffen/ wel- che Lucius Eggius anfuͤhrte. Beyde erkenn- ten einander an ihrer Ruͤstung/ und dahero drangen sie gegeneinander mit Gewalt durch/ um an einander zu kommen. Denen ihri- gen befahlen sie/ daß sie nicht hauen/ sondern nur stechen/ und insonderheit nach dem Ant- litze zielen solten. Herrmann und Eggius fochten gegeneinander wie zwey wuͤtende Pan- terthiere. Nachdem aber weder Lantzen noch Schwerdter einem unter ihnen einigen Vor- theil uͤber den andern verleihen wolten/ spreng- te Herrmann an den Eggius hart an/ umar- mete ihn so feste/ daß sie beyde zur Erden fie- len. Ob nun zwar Herrmann oben zu lie- gen kam/ war doch die Menge der Roͤmer/ so diesem Roͤmischen Heerfuͤhrer zu huͤlffe kamen/ so groß daß Herrmañ den unter sich gebrachten Eggius verlaßen/ und zu Fuße wider tausend Lantzen uñ Degen sich vertheidigen muste. Fuͤrst Adgandester/ welcher der Oberste unter denen Grafen oder Gefaͤrthen des Feldherrn war/ die/ wie bey den Galliern die so genannten Soldurier aus dem Kerne des Adels von de- nen Deutschen Fuͤrsten nichts minder im Frie- de zur Pracht und allen fuͤrnehmen Hoffaͤm- tern/ als im Kriege zu ihrer Leibwache pflegen erkieset zu werden/ ward dieser dem Feldherrn zustossenden Gefahr inne. Weil nun dieser Gefaͤrthen Pflicht ist/ daß/ wie ihr Hertzog oh- ne Schimpff keinen es ihm darff an Tapffer- keit zuvor thun lassen/ also ihnen eine nicht ge- ringere Schande sey/ des Fuͤrstens Tugend nicht gleiche kommen/ ja ein unausleschliches Brandmahl ihres gantzen Lebens/ ohne den Hertzog lebendig aus der Schlacht kommen; Weßwegen sie auch auff dem Helme einen kohlschwartzen Federpusch fuͤhren; so drang er nicht alleine durch das Gedraͤnge der Roͤ- mer verzweiffelt durch/ sondern ermunterte auch durch sein Beyspiel noch dreißig andere Ritter/ welche wie der Fuͤrst fuͤr den Sieg/ al- so sie fuͤr ihren Fuͤrsten zu streiten/ und ihm alle ihre Heldenthaten zuzueignen verbunden/ und wenn nur einer fuͤr dem andern Ehre einle- gen kan/ dem Tode selbst das blaue in Augen zu sehen gewohnt sind. Diese machten durch ihre gleichsam blitzende Streiche/ deren ieder fast ei- nem Roͤmer das Licht ausloͤschte/ dem Feldherrn ein wenig Lufft/ und Adgandester/ welcher ihm mit seinem Schilde viel Streiche abgeleh- net/ hingegen selbst sieben Wunden hieruͤber be- kommen hatte/ Raum und Gelegenheit/ daß Herrmann wieder zu Pferde kommen konte; indem er selbst von dem seinigen absprang/ und es seinen Feldherrn beschreiten ließ. Dieser war kaum in diesem Stande/ und der von Ver- E 2 blu- Erstes Buch blutung ziemlich matte Adgandester hatte sich kaum wieder auff eines erlegten Roͤmers Pferd geschwungen; und die uͤbrigen Grafen an ihren Hertzog gezogen/ als gegen ihnen ein Ritter in einem gantz verguͤldeten Harnische und Helme/ den ein Pfauen-Schwantz zier- te/ nebst drey tausend Armenischen und Nu- midischen Schuͤtzen/ derer ertztene Helme mit feuerrothen Federn nach Erfindung der Ca- rier glaͤntzten/ ihre Pferde aber/ so wohl als sie/ nach Parthischer Art in staͤhlerne Pan- tzerhemde eingenehet waren/ herfuͤr ruͤckte/ welche die Lufft mit ihren Pfeilen gleichsam schwartz machten; also/ daß/ ob wohl der Feld- herr mit seinem Schwerdte keinen vergebe- nen Streich thaͤt/ daß nicht einer der Feinde entweder das Leben oder die Kuͤhnheit sich ihm zu naͤhern verlohr/ er und seine Helden rings umher mit Feinden umringt waren. Ja/ was noch aͤrger/ so hatte Segesthes den Roͤ- mern welche gleichsam zwischen dem Walde und einer See vorhin eingesperret waren/ durch den Sumpff einen Furth gewiesen; als sie so wohl dem Feldherrn als dem Vortra- be in Ruͤcken kamen. Anbeyden Orten stand es schon auff der eussersten Spitze/ und die Noth war recht an Mann kommen; Fuͤrst Catumer war in einen Arm/ Fuͤrst Sesitach an die lincke Huͤffte verwundet; von des Feld- herrn hundert Grafen hatte mehr als die helf- te ins Graß gebissen/ und von seinen zwey tausenden war mehr als das vierdte Theil er- legt. Eggius fuͤhrte an einer/ und der Arme- ni s che Fuͤrst Zeno an der andern Seite mit ste- ter Abwechselung frischer Voͤlcker die ihrigen nichts minder mit Worten/ als mit ihrem Beyspiel auff die Deutschen an/ welche gleich- wohl wie Mauern stunden/ als Jngniomer und Arpus mit dem Groß des Heeres anka- men/ und die ihrigen/ so von der Menge der Roͤmer/ Armenier/ Numidier/ Nemeter/ Vangionen/ Gallier und Cretenser uͤb e rman- net wurden/ entsetzten. Nunmehro gieng die rechte Schlacht allererst an/ und das Au- ge der Welt stieg gleich an dem blauen Mor- gen-Ecke des Himmels auff seinen verguͤlde- ten Wagen empor: womit es einen Zuschau- er dieser blutigen Schlacht abgeben koͤnte. Der Feldherr/ als er sich nun dem Feinde ge- nugsam gewachsen zu seyn achtete/ ließ an den Segimer Verordnung abgehen/ daß er und seine Voͤlcker Fuß fuͤr Fuß zuruͤck weichen/ und dem Feinde Raum und Platz zu einer voͤl- ligen Schlacht-Ordnung machen solte. Wel- ches er nebst dem Fuͤrsten Catumer und Sesitach iedoch dem Feind allezeit die Stirn bietend/ mit sehr guter Art ins Werck richtete. Der Feind nahm dieses fuͤr eine kleinmuͤthige Flucht auff/ drang an dreyen Orten/ wo nehmlich der Feldherr und Hertzog Segimer gefochten/ Segesthes aber den Furth gefunden hatte/ mit aller Gewalt nach/ also/ daß weder Qvin- tilius Varus/ noch Lucius Eggius/ welcher al- lenthalben das Lob eines vernuͤnfftigen Feld- Hauptmanns und eines behertzten Kriegs- Manns verdiente/ die ihrigen zuruͤck halten konten; weil beyde nicht allein sahen/ daß das Roͤmische Heer sich hierdurch aus dem Vor- theil begab/ sondern auch/ als Varus und Eg- gius uͤber diesen Fluß selbst setzen wolten/ beyder Pferde gleichsam kollernde solches zu thun wei- gerten/ ja so gar Thraͤnen aus den Augen fal- len liessen. Bey welcher Begebenheit sie sich erinnerten: daß auff gleichmaͤßige Art die durch den Fluß Rubico zu setzen widerstrebende Pferde dem Kaͤyser Julius den bey nahe begegnen- den Untergang wahrgesagt haben. Nach- dem es aber nicht zu aͤndern war/ und es un- verantwortlich und noch schaͤdlicher schien/ die Helffte des Heeres/ welches duͤrch die drey Wege auff das freye Feld schon durchgebro- chen war/ im Stiche zu lassen/ musten sie aus der Noth eine Tugend machen/ also die rothe Blut- fan zum Zeichen der Schlacht auffstecken/ das gantze Arminius und Thußnelda. gantze Heer ihre Segen Aexte/ Ketten/ Grabe- scheite/ Sicheln/ Riemen/ und das auff zwan- tzig Tage mit sich genom̃ene zweymal gebackene Brodt abwerffen und uͤbergehen lassen/ also auf verwechselten Pferden folgen/ hierauf auch so gut/ als es die Zeit und der Ort lidte/ in Schlacht- Ordnung stellen. Sintemal fuͤr dismal un- moͤglich war der Roͤmischen Art nach alle Huͤlfs- Voͤlcker an die Spitze/ die leicht geruͤsteten an die Stirne der Legionen/ und die alten Kriegs- Leute zum Hinterhalte zu ordnen. Den rech- ten Fluͤgel/ welcher von einer Legion/ fuͤnftau- send Nemetern/ Tribozern und Vangionen/ welche allererst den Abend vorher ins Roͤmische Laͤger ankommen waren/ und sieben tausend Galliern bestand/ fuͤhrte Lucius Eggius/ Viri- domar der Vangionen/ und Guͤnterich der Tri- erer Hertzog. Jm lincken Fluͤgel war eine Legion Roͤmer/ dreytausend Thracier/ viertausend Ubier und Menapier/ acht- tausend andere Gallier/ und hatte zu Kriegs- Haͤuptern den Cejonius/ Rhemetaltzen einen Fuͤrsten aus Thracien/ den Menapischen Fuͤr- sten Malorich/ und den Hertzog der Bituriger Ambigat. Das mittlere Groß hatte andert- halb Legionen Roͤmer/ zweytausend Usipier/ tau- send Cassuarier/ mit denen Segesthes uͤberge- lauffen/ tausend Juhoner/ zehntausend Gallier/ worinnen Quintilius Varus/ als oberster Feld- herr/ in Person/ Segesthes/ Britomar/ der Ubier Fuͤrst/ und Arbogast der Mediomatrizer Hertzog/ oberste Befehlhaber waren. Die auf achttausend Mann sich belauffende Reiterey fuͤhrte auf der einen Seite Vala Numonius/ auf der andern Zeno ein Armenischer Fuͤrst. Hierunter waren zweytausend Roͤmer/ das an- dere Trierer/ Armenier und Numidier/ welche theils mit ihren Pferden gepantzert/ und mit schweren Waffen versehen waren/ theils aber nackt und mit blossen Bogen geruͤstet/ auf Pfer- den ohne Sattel und Zaum sassen/ und noch ein Bey-Pferd an der Seite lauffen hatten/ von derer einem auf das andere sie mit unglaublicher Geschwindigkeit zu springen/ und mit einem Winck der Spieß-Ruthe selbte meisterlich zu leiten wusten. Zweytausend Cretensische Schleu- derer waren dort und dar zwischeneingespickt/ welche sich ruͤhmten: daß von der Heftigkeit ihres Schleuderns die bleyenen Kugeln in der Luft zerschmeltzten/ und ihre Steine alle Harni- sche durchdringen. Daß also die frembden Huͤlfs- Voͤlcker/ wider die alte Roͤmische Kriegsverfas- sung/ an Fuß-Knechten mehr als zwey-an Rei- terey mehr als dreymal die Anzahl der Roͤmer uͤberstieg. Hingegen vertraute der Feldherr dem Jngniomer den lincken/ dem Arpus den rechten Fluͤgel; Segimer bedeckte mit der Reiterey den lincken/ und Catumer den rechten Fluͤgel; der Feldherr selbst fuͤhrte das Groß in der Mitten/ und Hertzog Ganasch blieb zum Hinterhalte unter einem Huͤgel stehen. Varus aͤnderte das fruͤh gegebene Wort/ und gab anietzt: die Gluͤck- seligkeit/ Herrman aber: die Freyheit. Die- ses ward nur muͤndlich/ jenes aber auf gewissen beschriebenen Hoͤltzlein herumbgegeben. Das Treffen begonte nach erlangter Flaͤche von denen theils an die Spitze gestellten/ theils zwischen die Fluͤgel eingespickten Schleude- rern; kurtz aber darauff von den erstern Fahnen derer dreyfach hinter einander gestellten Hauf- fen/ wiewohl so wohl auff deutscher als Roͤmischeꝛ Seiten im rechten Fluͤgel zum ersten. Alleine die Roͤmer/ welche wegen der in lincken Armen haͤngender Schilde die Deutschen auf der Seite zu bloͤssen/ und ihnen einen besondern Vortheil abzujagen vermeynten/ befunden sich mercklich betꝛogen; weil der Feldher in seinem lincken Fluͤ- gel alle die/ welche linckisch/ oder linck und recht waren/ gestellet hatte; welche ihre Schilde alle in rechten Arm nahmen/ und dadurch die Roͤmer in ihrem gantzen Gefechte verwirreten. Hertzog Segimern u. Catumern mochte weder die Mat- tigkeit von vorigem Kampfe/ noch die empfange- nen Wunden hindern: daß sie nicht auf den E 3 Feind Erstes Buch Feind so hurtig als vor immermehr loß giengen. Die Numidischen Schleuderer und die Arme- nische Reiterey/ welche ihre Pantzer/ umb ihren Feind zu vielen vergebenen Streichen zu ver- anlassen/ mit baumwoͤllenen Roͤcken verdeckt hatte/ thaͤte mit ihren Pfeilen und Wurffspiessen ziemlichen Schaden/ weil doch der Catten aus hanfenen Fadenen gestrickte und in Essig gehaͤr- tete/ oder hoͤrnerne aus Pferdehuf Schuppen- weise mit Drate zusammen gemachte Brust- Harnische und hoͤltzerne Schilde/ nicht wie jener aus staͤhlernen Ringen gemachte Pantzer und lederne Schilde den Stich halten wolten/ und Hertzog Segimer ward von dem Armenischen Fuͤrsten mit einem durch die lincke Achsel so hef- tig verwundet/ daß er aus dem Gefechte sich zu- ruͤcke ziehen und seinem Sohne Sesitach seine Stelle zu vertreten anvertrauen muste. Hin- gegen zertrennete die deutsche Reiterey mit ih- ren langen Spiessen die Roͤmischen Glieder/ zernichteten mit ihren schweren Streit-Ham- mern die dickesten Schilde und die aufs beste ge- haͤrteten Harnische. Jhre mit Wiederhacken ge- spitzte Wurff-Spiesse machten auch die/ welche gleich an keinem gefaͤhrlichen Orte ver wundet waren/ zum Fechten unfaͤhig/ weil sie musten aus dem verletzten Gliede geschnidten werden. Weñ sie selbte nun in Verwirrung gebracht hatten/ sprangen sie von ihren Pferden/ die inzwischen auf ihrer Stelle stock stille zu stehen gewohnt wa- ren/ stachen ihre kurtze Degen theils den Pser- den/ theils den Feinden in ihre Baͤuche/ schwun- gen sich hiermit wieder auf die Pferde/ und bra- chen an einem andern Orte ein; also daß/ wenn Fuͤrst Zeno mit seinen geschwinden Armeniern nicht mehrmals in die Luͤcken geruͤckt/ und den Roͤmern sich zu erholen Lufft gemacht haͤtte/ das Fußvolck bey zeiten wuͤrde bloß gestanden seyn. Dieser Held fiel nicht anders als der Blitz bald dar bald dort ein/ und wie sehr sich Fuͤrst Sesi- tach bemuͤhete mit ihm anzubinden/ diente doch seine ungewoͤhnliche Landes-Art zu fechten/ ihm gegen dem schweren Reisigen Zeuge zu ei- nem besondern Vortheil. Endlich hieng sich einer aus denen Cheruskischen Edelleuten an ihn/ welcher eine leichte mit guͤldenen Blumen bestreuete Ruͤstung fuͤhrte; also/ daß Zeno ihm endlich stand halten muste/ oder sich vielmehr freywillig wider ihn setzte/ als er sahe/ daß ein ei- niger Ritter ihm so auf den Hals gieng; umb zu bezeugen/ daß seine vorige geschwinde Abwech- selungen nicht eine verzagte Flucht/ sondern eine vortheilhaftige Krieges-Art gewesen. Diese zwey rennten mit ihren Lantzen so heftig anein- ander/ daß die Stuͤcke davon in die Luft flogen/ und fingen mit ihren Degen so einen hitzigen Kampf gegeneinander an/ daß die umb sie her- umb fochten/ und auf die Streiche ihres eigenen Feindes genungsam Achtung zu geben hatten/ deñoch ein vorwitziges Auge auf diese zwey Kaͤm- pfer warffen; gleich als wenn an ihrem Siege und Verlust auch eines oder des andern Theils Verderben oder Wolfarth hienge. Als nach langem Gefechte der Armenische Printz wahr- nahm/ daß wegen des Deutschen Hurtigkeit und Vorsicht mit dem Degen nichts auszurichten waͤre/ warff er sein Pferd herumb/ rieß einem Armenier einen Wurff-Spieß aus/ und nach dem der Deutsche einem andern/ der ihn auf der Seite anfiel/ einen Streich versetzen muste/ warf Zeno selbten so gluͤcklich/ daß er dem Deutschen den Schenckel verwundete/ und in den Bauch des Pserdes so tief hinein drang/ woruͤber Mann und Pferd zu Boden stuͤrtzten. Hieruͤber wur- den die Armenier so hochmuͤthig/ als wenn durch diesen gluͤcklichen Streich der voͤllige Sieg er- langet waͤre/ die Deutschen aber so erbittert/ als wenn Zeno den Feld-Herrn selbst erleget haͤtte. Und hiermit gieng das Schlagen aufs neue mit zweyfachem Eifer an. Der Gefallene konte wegen empfangener Wunde von der Erde nicht empor kommen. Sesitach thaͤt zwar das aͤuserste ihm aufzuhelffen; das Gedraͤnge aber war umb ihn so groß/ und Zeno traf mit einem andern Wurff- Arminius und Thußnelda. Wurf-Spiesse des Sesitach Pferd/ daß selbter unter seine Grafen zuruͤck weichen muste. Jn- zwischen waͤre der Gefallene numehro der Ra- che der wuͤtenden Feinde aufgeopfert worden/ wenn nicht zu seinem Gluͤcke ein Pferd ihm den Helm vom Haupte getreten/ und hiemit dem Fuͤrsten Zeno das schoͤnste Antlitz unter der Son- nen ins Auge geworffen haͤtte. Dieser ward hieruͤber gantz erstarrend/ nicht anders als wenn ihm das Haupt der Medusen ins Gesichte ge- fallen waͤre. Bald aber erholte er sich/ und ver- bot den Seinigen alle fernere Beleidigung/ be- fahl auch den Verwundeten alsofort aus dem Treffen wegzufuͤhren. Unterdessen hatte Se- sitach ein frisches Pferd bestiegen/ und kam nun sich an den Zeno aufs neue zu machen/ als er des Hertzog Herrmanns wunderschoͤne Schwester/ die unvergleichliche Jßmene verwundet und in den Haͤnden des Feindes sahe. Denn diese Fuͤrstin hatte sich ihrer Landes-Art nach nebst etlichen andern Frauenzimmern dem Kriegs- Heere mit unkentlicher Ruͤstung eingemischet. Jßmene! Jßmene! rief er/ aus gantzen Kraͤf- ten/ und sprengte damit auf die/ welche sie gefan- gen fuͤhrten/ zu. Alleine der Hertzog aus Ar- menien/ der numehr allererst von seinem Feinde erfuhr/ was fuͤr ein Kleinod in seine Haͤnde ver- fallen waͤre/ begegnete ihm mit unglaͤublicher Gegenwehr/ also daß Jßmene aus den Augen dieses Fuͤrsten gerieth/ und denen Deutschen sie zu erloͤsen alle Hoffnung entfiel. Es war nicht anders/ als weñ Eris einen neuen Zanck-Apfel zwischen diese zwey Helden geworffen/ und selb- ten dem Uberwinder zum Siegs-Preise aufge- setzt haͤtte. Sie fielen einander so rasend an/ gleich als wenn sie aus Mutter-Leibe gegenein- ander Tod-Feindschafft gebracht haͤtten. Weil aber Sesitach numehro gantzer sechs Stunden gefochten hatte/ ihn auch die empfangene Wunde nicht wenig im Fechten hinderte/ wuͤr- de er/ und mit ihm die deutsche Reiterey auf sel- biger Seiten/ diesen hurtigen Feind kaum laͤn- ger bestanden haben/ wenn nicht Hertzog Ga- nasch auf Verordnung des Feld-Herrn/ durch die in der Schlacht-Ordnung zwischen ieden dreyen Fahnen gelassene Strassen/ mit einem Theile seines Hinterhalts ihnen zu Huͤlffe kom- men waͤre. Sesitach hatte von den Wurff- Spiessen des Zeno numehr das andere Pferd verlohren/ und muste sich zu Fusse gegen ihm ver- theidigen/ als der Chauzer Hertzog ihn mit dem Degen in der Faust abloͤsete. Ehe nun Zeno sein recht inne ward/ hieb Ganasch ihm den Zuͤ- gel am Pferde entzwey/ und nach dem er derge- stalt sich nicht wenden konte/ versetzte ihm Ga- nasch mit einem schweren Streit-Hammer ei- nen so harten Schlag ruͤckwerts aufs Haupt/ daß er gantz ertaͤubet auff den Erd-Boden fiel. Die Armenier verlohren mit diesem Schla- ge auch all ihr Hertz/ meynende: daß ihr Fuͤrst entweder von selbtem entseelet/ oder doch von de- nen uͤber ihn sprengenden Pferden zertreten sey. Hiemit fingen sie an gegen die frischen Voͤlcker des Ganasch laulichter zu fechten und endlich die Flucht zu ergreiffen/ also/ daß die Roͤmische Reiterey/ ungeachtet selbter der zum Hinterhalt stehende Fluͤgel von eitel alten Rittern zu huͤlffe kam/ auch nicht laͤnger den Anfall der Deutschen aushalten konte/ und auf selbiger Seiten ihr Fuß-Volck gantz bloß stehen blieb/ den Armeni- schen Fuͤrsten aber in den Haͤnden des Hertzog Ganasches liessen. Ehe diese Begebenheiten sich auf dieser Sei- ten dergestalt zugetragen hatten/ waꝛ Fuͤꝛst Catu- mer schon auf der andern Seiten der Roͤmischen Reiterey Meister worden. Deñ diese war gegen die Deutsche solangsam/ daß die Roͤmischen Rei- ter Fußgaͤnger zu seyn/ die Deutschen aber sich alleine auf Pfeꝛden zu bewegen schienen. Daheꝛo ward Vala Numonius von des Cattischen Fuͤr- sten Lantze auf der rechten Seiten verwundet/ die Roͤmischen und Trierischen Glieder von dem Deutschen Adel durchbrochen/ worauf er zum ersten die schimpflichste Flucht ergriff. Ja der Deut- Erstes Buch Deutschen Tapfferkeit hatte ihm eine solche Furcht eingejagt/ daß er nicht naͤher als am Rheinstrome sichern Stand zu finden trauete. Hingegen fochten Eggius/ Viridomar und Guͤnterich im rechten Fluͤgel zu ihrem unsterb- lichen Ruhme und des Numonius Schande desto hertzhaffter. Denn die Vangionen und Trierer hatten zwar durch Versetzung ih- res Sitzes in Gallien einen gelindern Himmel erkieset/ auch durch lange Gewohnheit mit den Roͤmern umzugehen und mit ihnen sich zu be- freunden/ fast alle Liebe des alten Vaterlands verlernet/ gleichwohl aber groͤsten theils ihre deutsche Tapfferkeit behalten. Und Lucius Eggius war sonder Zweiffel der Ausbund der Roͤmischen Kriegs-Obersten; welcher uͤber des Qvintilius Varus Uppigkeiten offters sein Mißgefallen bezeugt/ und von der anfaͤlligen Seuche so vieler Wolluͤste nicht angesteckt wor- den war/ sondern mit den alten Roͤmischen Sit- ten auch die Kriegs-Zucht bey seinem Volcke/ ungeachtet des Varus Nachlaͤßigkeit/ unverseh- ret behalten hatte. Dieser hielt selbtem nicht al- lein ein: Sie haͤtten dreymahl so viel Pannoni- er und Dalmatier erlegt/ und noch keinem Feinde den Ruͤcken gekehret. Dieser Barbarn gantze Macht bestuͤnde an dem ersten Ungestuͤm- me/ welches keinen Bestand haͤtte/ sondern wenn nur der erste Anfall behertzt uͤberstan- den waͤre/ Anfangs sich in Traͤgheit/ hernach in knechtische Kleinmuth verwandele. Er wol- le bey ihnen Gut und Blut auffsetzen/ und die- sen Tag entweder todt seyn/ oder den alten Preiß der Roͤmischen Waffen behaupten; sondern sein Thun diente auch denen Behertzten zu einem Beyspiel/ denen Verzagten zu einer Auff- munterung. Uberdiß hatte Eggius in das erste Glied der voͤrdersten Kriegs-Hauffen meistentheils alte ausgediente freywillige Roͤ- mische Rittersleute gestellet/ und ihnen zu Hauptleuten so gar Raths-Herren zugeordnet; wie die Roͤmer nur in aͤusersten Nothfaͤllen zu thun pflegeten. Jngniomer hingegen ward durch der gluͤcklichen und tapferer Leute Ge- muͤths-Regung/ nemlich einen Loͤbswuͤrdigen Ehr-Geitz zu ungemeinen Helden-Thaten an- gereitzt/ umb zu erweisen/ daß auch er der ober- sten Feldhauptmannschafft wuͤrdig gewest waͤre. Er selbst begegnete den kuͤhnesten Feinden zum ersten/ lobte die Seinigen/ welche sich ritterlich hielten/ schalt die Kleinmuͤthigen/ troͤstete die Verwundeten/ und halff den Gefallenen auff. Eggius/ welcher die Seinen dort und dar ein- buͤssen und in Unordnung bringen sahe/ ver- wandelte seine Hertzhaftigkeit in ein Wuͤtten. Denn als er einen Hauptmann fuͤr einem Deutschen zuruͤck weichen sahe/ stieß er ihm selbst den Degen in Leib/ rieß ihm den Schild vom Arme/ und war an den gefaͤhrlichsten Orten stets der foͤrderste. Als auch dis nichts verfan- gen wolte/ seine Roͤmer hertzhaft zu machen/ warff er das Kriegs-Zeichen des Drachens mit- ten unter die Feinde. Durch welches Mittel die Roͤmer mehrmals ihre gantz zertrenneten Heere wieder in Stand gebracht; weil sie nicht alleine zu diesen Bildern zu schweren/ sie in Fey- er-Tagen einzubalsamen/ und den Goͤttern gleich zu verehren/ sondern auch die/ welche sie in der Schlacht einbuͤssen/ mit Rutten zu peitschen und zu enthaupten pflegen. Diese Erfindung verursachte zwar keine geringe Veraͤnderung in dem Streite der Roͤmer/ welche freylich wol noch einen verzweifelten Ansatz thaͤten; weil aber Vala Numonius die Flucht ergriffen hat- te/ und Catumer mit einem Theile seines reisigen Zeuges/ welcher nicht den Feind verfolgte/ auf der Seite in den rechten Fluͤgel einbrach/ warff er alle gute Verfassung des Eggius vollends uͤber einen Hauffen/ und rieß dem Casca die er- ste Fahn/ darauf ein Wolff gebildet war/ zu grossem Schrecken der Roͤmer aus den Haͤnden. Viridomar wolte gegen ihm die Ordnung er- halten/ er ward aber zu Boden gerennt/ und von Pferden ertreten. Den Fuͤrsten Guͤnterich schlug Arminius und Thußnelda. schlug Catumer mit einem Streit-Hammer so heftig/ daß ihm Gehoͤre und Gesichte verging/ und stieß ihm den Degen unter dem Pantzer in Leib/ daß er daruͤber seine Seele ausbließ. Hier- mit gediegen die Deutschen biß in das Mittel der Legion/ und waren gleich einem Ameißhauf- fen umb den Roͤmischen Adler zu erobern beaͤm- sigt. Eggius und die Streitbarsten drangen den Jhrigen allhier zu Huͤlffe/ und es mochten weder Spiesse/ noch Hacken/ noch Schwerdter ihnen den Weg verschrencken; gleich als mit diesem Fahne das Schutz-Bild des Roͤmischen Reichs vertheidigt werden solte. Kein Roͤmer wiech hier einen Fuß breit zuruͤcke/ sondern sie fielen von der Menge ihrer Feinde Gliederwei- se/ wo ein ieder gestanden war; und in eines ie- den erlegten Luͤcke trat alsobald ein ander in die Stelle; also daß die Streitenden numehr nicht auf der Erden/ sondern denen todten Leichna- men ihren Kampf-Platz hatten. Jnguiomer selbst/ weil er wol sahe/ daß am großmuͤthigen Eggius das Haupt-Werck des Sieges gelegen war/ machte sich an ihn. Dieser fochte wie ein ver- zweifelter Loͤwe/ welchem man seine jungen rau- ben wil/ und jenem hatte die Begierde eines so treflichen Feindes Meister zu werden Muth und Kraͤfften vergroͤssert. Jedoch konte so grosse Heftigkeit in die Laͤnge nicht austauren. Eggius hatte zwar einen Uberfluß von Muthe/ aber endlich Mangel an Kraͤften/ und er konte kaum mehr athmen/ oder die Glieder ruͤhren/ als Jnguiomer ihm einen so heftigen Streich ver- setzte/ daß mit der Hand ihm auch sein Schwerdt entfiel. Alsobald stieß er ihm den Degen durch die Gurgel. So ungluͤcklich verging dieser Ausbund der streitbarsten Roͤmer/ wo anders ein hertzhafter Tod nicht fuͤr eine allgemeine/ dis aber/ daß er keinen Roͤmischen Adler noch in den Haͤnden des Feindes sahe/ fuͤr seine absondere Gluͤckseligkeit zu achten war. Kein Donner- Schlag/ der einen gantzen Thurn zu Boden wirfft/ kan groͤsseres Schrecken verursachen/ als die Niederlage dieser Roͤmischen Seule. Mit seinem Falle entfiel auch den Streitbar- sten der Muth/ und die Hoffnung ihrer Erhal- tung. Denn wie die einem Heerfuͤhrer zu- stossende Gefahr eine nicht geringe Ursache des Sieges abgibt/ weil ieder ihn zu erhalten seine aͤuserste Kraͤften anstreckt; also ist der Tod des- selben auch die wichtigste Ursache der Nieder- lage/ weil mit seinem Leben iedem schier das Hertze entfaͤllt. Der Fendrich/ als er kaum noch eine Handvoll seiner Vertheidiger umb sich sahe/ umbarmete den ihm anvertraueten Adler/ und stach ihm selbst den Degen in die Brust. Denn was haͤtte eines Roͤmers Leben fuͤr ein aͤrgerer Schandfleck angebrennt wer- den koͤnnen/ als daß ihm der erste Roͤmische Adler in Deutschland waͤre abgenommen wor- den? Jnguiomer ergriff nun selbst den Adler/ Catumer aber rieß fast eben zu einer Zeit einem Gallier ihre Kriegs-Fahne/ auf welcher ein Hahn stund/ aus/ und wie diesen uͤberwunde- nen Huͤlffs-Voͤlckern weder die Ruhms-noch Siegs-Begierde/ sondern die Noth ihres Zu- standes die Waffen in die Hand gegeben hatte/ also vermochten sie so wenig ietzt/ als vorhin iemals der Deutschen Tapferkeit die Waage zu halten. Dahero suchten sie ihr Leben/ als ein besonder Geschencke des Verhaͤngnuͤsses durch eine offene Flucht zur Ausbeute davon zu bringen. Sintemal die Roͤmer ihre Bunds-Genossen stets an die Spitze zu stel- len/ und mit der eroberten Laͤnder Blute die Benachbarten zu uͤberwinden gewohnt waren. Jm lincken Fluͤgel lieff das Spiel nichts gluͤcklicher. Rhemetalces hatte mit seinen Thraciern zufoͤrderst dem ersten Sturme der Deutschen zu begegnen erwehlet. Jhr erstes Ge- schoß/ ehe sie zu den Schwerdtern griffen/ waren Pfeile und leichte Wurff-Spiesse. Daher/ wenn das erste Glied sich verschossen hatte/ es sich biß zur Erde buͤckte/ und so auch das andere Erster Theil. F und Erstes Buch und dritte/ biß das vierdte Glied auch sein Ge- schoß anbracht; da denn die foͤrdersten Glie- der/ welche unter deß ihre Bogen spanneten/ wieder den Anfang machten. Alleine die Deutschen drangen mit ihren langen Spiessen den Thraciern bald so nahe auf den Hals/ daß sie ihr Geschoß nicht laͤnger brauchen konten/ biß die Roͤmer/ welche uͤberaus verbittert wurden/ daß die jungen Cattischen Edelleute/ neben dem deutschen rechten Fluͤgel/ an ihrer Pferde Haͤlse zu zwey und drey Feindes-Koͤpfe henckten/ durch Zusammenruͤckung ihrer Hauffen/ in dem an- fangs ieder Kriegsmann rings um sich her sechs Schuch/ numehr aber nur drey Schuch lang Platz hatte/ denen Thraciern neuen Platz mach- ten. Diese gebrauchten sich darauf einer neu- en Kampf-Art/ steckten auch ein neues Kriegs- Zeichen auf/ nemlich einen Drachen/ dessen sil- berner Kopf mit offenem Rachen die Zaͤhne blaͤckte/ und/ wenn der Wind hinein gieng/ zischte/ der uͤbrige hinausgehende Leib aber recht nach der eigentlichen Beschaffenheit der Dra- chen gemahlet war. Welches denen Catten anfangs seltzam und zaͤuberisch fuͤrkam. Jhre Art zu kaͤmpfen gleichte sich dem Blitze/ weil sie so fertig auf den Feind loß giengen/ und selb- ten durch Pfeile und Wurff-Spiesse beschaͤ- digten/ im Augen-Blicke sich aber auf die Sei- ten zertheilten/ und hinter die geschlossenen Hauf- fen der Roͤmer wider setzten. Alleine Hertzog Arpus und seine Catten gewohnten alsobald beyder Neuigkeiten/ liessen sich also nichts irre machen/ sondern durchdrangen die Roͤmischen Glieder/ verbeugten den Thraciern mehrmals an den Strassen der Roͤmischen Schlacht- Ordnung den Weg/ also/ daß wenn nicht Fuͤrst Rhemetalces seine Voͤlcker wieder zusammen gerafft/ und durch unzehlbare frische Anfaͤlle den Deutschen zu thun/ den Roͤmern Luft ge- macht haͤtte/ dieser Fluͤgel in kurtzer Zeit wuͤrde zertrennet worden seyn. Zumal der Graf von Solms das Gluͤcke hatte/ im ersten Treffen den Roͤmischen Obersten Pansa zu toͤdten/ welchen damalige zwey Monate die Reye traf/ uͤber diese Legion und die fuͤnf andern Obersten zu gebieten. Denn denen Menapiern und Biturigern schie- ne der Streit ein schlechter Ernst zu seyn/ als welche ungewiß waren/ ob der Roͤmische Sieg oder Verlust ihnen eine Erleichterung schaffen/ oder groͤssere Buͤrde aufweltzen wuͤrde. Ja sie waren in ihrem Gewissen uͤberzeugt/ daß die Gallier ihre Freyheit in sieben Jahren mit minderem Schimpf verlohren/ als sie sich gegen- waͤrtig wider die Vertheidiger der Deutschen Freyheit haͤtten zu fechten gebrauchen lassen. Dahero/ wie gegen angedraͤuete Dienstbarkeit am blutigsten und am gerechtesten gefochten wird/ also kuͤhlet sich dar aller Eyfer bald ab/ wo die Kriegs-Leute die Wuͤrckung des Sieges selbst verdammen. Cejonius fochte nichts weniger gantz laulicht/ und buͤssete das Siegszeichen des Elephanten ein/ welches das andere hundert dieser Legion noch unter dem Kaͤyser Julius durch tapfere Zuruͤcktreibung der Pompejischen Elefanten zu fuͤhren ver- dient hatte; weil er dem Quintilius Varus sich aus dem befestigten Laͤger zu begeben be- weglich aber vergebens widerrathen/ und einen traurigen Ausgang selbst vorher wahr- gesagt hatte. Also wird die Ausfuͤhrung eines Rath - Schlusses niemanden gefaͤhr- licher vertraut/ als dem/ der selbten von An- fang verworffen hat. Und die einmal ein- gebildete Furcht laͤst ihr auch durch hand- greiffliche Ursachen ihren einmal gefaßten Aberglauben nicht ausreden. Bey solcher Beschaffenheit war unter den Grossen auf die- ser blutigen Schau-Buͤhne der Thracische Fuͤrst der muthigste/ der das Trauerspiel feurig und mit Aufopferung vieler Todten ansehnlich machte. Der Catten Hertzog nahm daher ihm Ursache/ fand auch unschwer Gelegenheit gegen ihm seine Kraͤfften zu messen. Rhemetalces empfing den Arpus so behertzt/ daß auch die Klein- Arminius und Thußnelda. Kleinmuͤtigen beschaͤmt und noch neben ihm Stand zu halten veranlaßt worden. Beyde verwundeten zugleich einander ihre Pferde/ also daß sie abspringen und mit den Degen zu Fusse gegeneinander streiten musten. Arpus verletzte den Rhemetalces in Schenckel/ dieser jenen in Arm/ und es hatte sich weder einer noch derander einigen erlangten Vortheils zu ruͤhmen/ als der Graf von Nassau das Kriegs-Zeichen/ darauff das silberne Bild des Drusus stand/ dem Petro- nius auswand/ und Sesitach zugleich mit seiner Reuterey nun auch in diesen Fluͤgel einbrach/ welche theils mit ihren Lantzen und viel laͤngern Degen/ als das Fußvolck zu fuͤhren gewohnt ist/ die Glieder zertreñeten/ theils durch die Gewalt der Pferde die Roͤmer zu Boden renneten/ al- so daß Cejonius in das Thal zwischen das Ge- struͤttig zu weichen/ und sich in das verlassene Roͤmische Laͤger zu fluͤchten befahl. Die Roͤ- mer folgten ihrem zuruͤckweichenden Adler/ die Gallier ihren Fahnen nach. Rhemetal- ces blieb allein mit seinen wenigen Thraciern stehen/ und verfiuchte die Zagheit des Cejonius. Alleine was solte diese Handvoll Volck gegen dem Strome eines siegenden Heeres ausrich- ten? Die hartnaͤckichten Thracier wurden fast alle erschlagen/ dem Fuͤrsten Rhemetalces aber/ welcher auf dieser Wallstatt gerne eine ruhm- wuͤrdige Helden-Baare erlanget haͤtte/ ward es nicht so gut/ daß er sterben mochte. Denn Hertzog Arpus befahl/ daß ihn niemand ver- wunden/ sondern lebendig fangen solte. Das mittlere Groß beyder Kriegs-Heere kam am laͤngsamsten zum Treffen/ weil Hertzog Herrmann wahrgenommen/ daß die groͤsseste Macht der Roͤmer darein gestellt war/ und da- her befohlen hatte/ daß seine zwey Fluͤgel sich als zwey Hoͤrner herfuͤr ziehen/ und den Feind bald Anfangs zum Schrecken des langsam zum Gefechte kommenden Kernes in seiner Schwaͤ- che angreiffen solten. Nichts desto weniger war der Streit am allergrimmigsten/ und dahero auch am blutigsten. Sintemal wie in dem Hertzen alle Lebens-Kraͤffte gleichsam in einen Mittel-Punct zusammen gezogen werden; also sich umb beyde obriste Feldher- ren auch die Kraͤffte der Streitenden anein- ander drangen. Denn diese sind in Wahr- heit das Hertz und die Seele eines Heeres/ welche allen andern Gliedern ihre Bewegung mittheilen/ und durch vorsichtige oder schlim- me Anstalt den Ausgang einer Schlacht herr- lich oder erbaͤrmlich machen. Quintilius Varus kam zu dieser Schlacht wider seinen Willen/ und dahero auch mit weniger Hoffnung des Sieges. Jhn trug nicht allein sein Ge- muͤthe nicht zu den Waffen/ und seine Lebens- Art hatte ihm auch keine kriegerische Zunei- gung angewoͤhnt; sondern es hatte so wol sein natuͤrlicher Trieb/ als seine bißherige Verwal- tungen ihn mehr zu Schlichtung der Rechts- Haͤndel/ als Schlacht-Ordnungen zu stellen geschickt gemacht. Denn Syrien/ so lange er Land-Vogt daselbst war/ behielt mit seinem Gehorsam eine bestaͤndige Ruhe/ und seine wichtigste Verrichtungen waren daselbst ge- west/ daß er dem Herodes im Nahmen des Kaysers die Landschafften Trachonitis und Batanee eingeliefert/ die Stadt Caͤsarea dem Drusus zu Ehren koͤstlicher zu erbauen/ mit einem grossen Hafen zu versehen/ eingerathen/ ja zwischen dem Herodes und den Gadaren- sern einen Richter abgegeben/ und jenem des alten Juͤdischen Koͤnig Davids Grab zu er- brechen/ und dadurch seinem Geitze eine Nase zu drehen Anlaß gegeben hatte. Ob auch wol die erschoͤpften Juden zuletzt wider den Varus und Sabinus/ als von welchen sie biß auffs Blut ausgemergelt/ ihre Schloͤsser ihnen abgenommen/ des Herodes verlassene Schaͤtze gewaltsam angegriffen/ ja aus dem Tempel zu Jerusalem der Kirchen - Schatz geraubt worden/ am Pfingst - Feste einen Aufstand erregten/ auch den Sabinus/ Rufus F 2 und Erstes Buch und Gratus/ sambt der dritten Legion in der Burg Zion belaͤgerten/ und Athronges ein gemeiner doch starcker Hirte sich zum Koͤnige auffwarff; so zerstreueten sich doch die Aufruͤh- rer/ als sie nur hoͤrten/ daß Quintilius Varus mit zwey Legionen im Anzuge begriffen/ aus Ptolemais funfzehenhundert/ und vom Koͤnige Aretas noch eine groͤssere Anzahl Huͤlffs - Voͤlcker zu ihm gestossen waren. Woruͤber Athronges gefangen/ und nebst zweytausend Raͤdelsfuͤhrern vom Varus ans Creutze genagelt wurden. Als Varus in Deutschland kam/ war selbtes eben so wol in Ruhe/ dahero nichts minder seines Leibes als Gemuͤthes Beschaffenheit aͤhnlich. Er ver- hing dem Kriegs - Volcke allen Muthwillen und Muͤssiggang. Jederman dorfte ge- kochtes Fleisch/ neugebackenes Weißbrodt/ und andere niedliche Speisen auch zur Unzeit essen/ wenn gleich nicht das allgemeine Zeichen dazu gegeben ward. Nicht nur die Ober- sten/ Hauptleute/ Reiterey/ und die Freywilli- gen waren aller Arbeit enthoben; sondern er ließ auch das gemeine Fuß - Volck/ welches theils numehr uͤber schlechter Arbeit schwitzte und seufzete/ den Schantz-Bau dem gemeinen Kriegs-Gesinde aufbuͤrden. Nach dem das Laͤger nur genung befestigt war/ blieben alle Kriegs-Ubungen nach/ die doch sonst die neu- geworbenen des Tages zweymal/ die alten einmal treiben/ und noch dazu Suͤmpfe trock- nen/ Hafen vertieffen/ Fluͤsse raͤumen/ oder anderwerts hinleiten/ Schiffe und Tempel bauen/ Waffen schmieden/ ja mehrmahls/ umb nur durch Faulheit nicht Leib und Gemuͤthe zu verderben/ vergebene Arbeit ausmachen musten. Die Wachen verminderte er umb die Helfte/ also/ daß sie erst den zehenden Tag herumb kam. Uberdiß ließ er sie sonder Wach - Feuer/ auch noch ohne Schild und Pantzer halten/ und sie dorften die Rundten nicht nach alter Gewohnheit laut ausschreyen- umb die Krieges-Gebieter nicht im Schlafe zu stoͤren. Die Rollen der Kriegs-Leute/ wel- che taͤglich einkommen musten/ durchsahe er kaum des Monats einmal. Er machte unter den Straffen keinen Unterschied/ ließ wider die Roͤmischen Gesetze die Frembden so bald mit Wein-Stoͤcken/ als die Roͤmischen Buͤr- ger mit gemeinen Stecken schlagen. Zohe ihm also bey den Seinigen den groͤsten Haß auf den Hals. Von den Deutschen bildete er ihm ein/ daß in ihnen kein Geist waͤre/ sie auch nichts anders von Menschen als die blosse Sprache und die aͤuserlichen Glieder an sich haͤtten/ und dahero diese ehe mit dem Kap- Zaum der Gesetze/ und der Suͤssigkeit eines an- gewohnten Friedens/ als mit Schaͤrffe der Waffen gedemuͤtiget werden koͤnten. Die schlauen Deutschen/ welche so viel Gehirne im Kopffe als Marck in Gliedern hatten/ staͤrck- ten durch eusserliche Bezeugungen den Varus in seiner irrigen Einbildung. Sie erdichteten allerhand verworrene Rechts-Haͤndel/ trugen sie den Roͤmern fuͤr/ und liessen sich von ihnen/ gleich als wenn die Goͤtter ihnen alleine die Wagschale des Rechts und der Billigkeit an- vertrauet haͤtten/ entscheiden. Die cinander ambesten verstunden/ verstellten ihre Vertrau- ligkeit mit Schmaͤhungen und Gezaͤncke; so denn unterworffen sie sich der Roͤmer Vermit- telung/ lobten ihre Tieffsinnigkeit/ danckten fuͤr ihre Urthel/ verdammten ihres eigenen Va- terlandes wilde Sitten/ welche vorhin alle Zwytracht durch das Faustrecht auszumachen gewohnt gewest waͤren. Ja sie baten mehrmahls von den Roͤmern eine Anzahl Kriegs-Leutel zu Beschirmung ihrer Flecken/ und Ausrot- tung der Raͤuber und Landbeschaͤdiger aus; gleich als wenn sie numehr die Ubung der Waffen gar vergessen/ und alle Degen in Pflug- scharen verwandelt haͤtten. Die Fuͤrsten war- teten Arminius und Thußnelda. teten dem Roͤmischen Land-Vogte offters auff/ verschmertzten alle Bedraͤngniße/ luden die Roͤmer mehrmahls zu Gaste/ machten mit denen geringern grosse Vertrauligkeit/ stri- chen ihnen durch tausend Lobspruͤche gewaltig den Fuchs/ thaͤten ihnen ihre Uppigkeiten nach/ und beredeten sie: daß Deutschland der Roͤmer Ankunfft ihre hoͤfflichere Sittsamkeit/ ihre ge- maͤchlichere Lebens-Art/ und die Verbesse- rung ihres gantzen Zustandes zu dancken haͤtte. Ja erst fuͤr drey Tagen war Hertzog Herrmann/ Segimer/ Segesthes und Ganasch beym Va- rus zu Gaste gewest. Also verlernte Qvinti- lius Varus vollends alle Kriegs-Wissenschafft; und seine Verrichtungen waren mehr eines Stadt-Richters als eines Feldherrn aͤhnlich/ der sein Laͤger mitten in eines streitbaren Feindes Lande hatte/ und weil seine verwehnte Kriegsknechte sich hauffenweise von ihren Fah- nen verlieffen/ nicht nur den Neugeworbenen/ sondern auch wohl denen/ welche zehen Jahr ge- dienet/ des Kaͤysers Nahmen in die Hand mu- ste einbrennen lassen. Dem deutschen Feld- herrn hingegen war die Kriegs-Lust angestam- met/ das Feuer der Großmuͤthigkeit sahe ihm aus den Augen/ und die Erfahrenheit der Waf- fen hatte er theils von seinem tapffern Vater Hertzog Sigmarn/ theils in denen Roͤmischen Laͤgern selbst gelernet. Wie verschmitzt er nun die Gelegenheit die unvorsichtigen und allzusi- cheren Roͤmer zu uͤberfallen/ und die theils schuͤchternen/ theils zwistigen Fuͤrsten auff seine Seite zu bringen/ nichts minder die Schlacht- Ordnung hoͤchst vortheilhafftig zu machen ge- wust; also machte er in gegenwaͤrtigem Treffen zweiffelhafft; ob er mehr ein streitbarer Kriegs- mann/ als ein vernuͤnfftiger Heerfuͤhrer waͤre. Das deutsche Heer war ruͤckwerts Bergauff ge- stellet/ womit dessen Groͤsse auff einmahl den Roͤmern ins Gesichte siel/ und die Menge ihnen ein Schrecken einjagte. Denn in Schlachten werden die Augen am ersten ge- schlagen. Dieses Schrecken bemuͤheten die Deutschen sich auch in die Ohren der Roͤmer einzujagen/ indem sie ihre holen Schilde fuͤr den Mund hielten/ darein aus allen Kraͤff- ten schrien/ und durch den Widerschall das al- lergrausamste Gethoͤne erregten; also/ daß die Roͤmer dafuͤr die Ohren zustopfften/ gleich als wenn sie/ wie die Jndianer in dem Zuge des Bae- chus/ durch das vom Pan angegebene Ge- schrey aus dem Felde wuͤrden gejagt werden. Uberdis kehrten sie ihre Stirne gegen Westen; denn es hatte ihr Feldherr vorher gesehen/ daß die auffgehende Sonne dem Feinde gleich in die Augen fallen/ und sie blaͤnden wuͤrden. Auch befremdete bald anfaͤnglich den Feind uͤberaus: daß die Deutschen nicht wie vorhin verwirret durcheinander fochtẽ/ sondern Glieder und Ord- nung hielten/ auch mit bessern Waffen als vor iemals versorgt waren. Jede unversehene Neu- igkeit aber kan im Kriege ein nicht geringes Schrecken verursachen. Welches in der Roͤ- mer Gemuͤthern so viel ehe fing/ weil unter- schiedene traurige Zeichen sie vorhin bestuͤrtzt ge- macht/ und den Zorn der Goͤtter angedraͤuet hatten. Die Opfferthiere waren den Tag vorhero den Druyden/ welche wegen der Galli- er opffern wolten/ entrissen. An dem einen Roͤmischen Adler hatte sich ein Bienschwarm gelegt; und dem Varus hatte getraumt/ als wenn er mit dem Hertzog Herrmann zu Rom im grossen Schauplatze tantzte und von dem Volcke mit frolockendem Zuruff bewillkommet wuͤrde. Denn ergetzende Traͤume legten sie auff traurige Zufaͤlle aus. Ob nun wohl die Deutschen derogestalt in mehrer Hoffnung und Vortheil standen/ der Graff von Ascanien auch denen Galliern die grosse weiße seidene Fahne/ darein mit Pur- purnen Buchstaben der Nahme des Kaysers geschrieben war/ abdrang/ und sie nebst denen andern auslaͤndischen Huͤlffs-Voͤlckern durch F 3 die Erstes Buch die tapffern Cherusker in Unordnung brachte/ so war doch bey den Roͤmern die Tapfferkeit so tieff eingewurtzelt/ daß selbte weder gar noch auch bey allen sich durch angenommene Up- pigkeit hatte vertilgen lassen. Lucius Caͤditi- us und Caldus Caͤlius fochten als hertzhaffte Kriegsleute/ und fuͤhrten die ihrigen an/ als verstaͤndige Obristen. Britomar und Arbo- gast waren des Kaͤysers und des Gluͤcks Schoß- kinder/ und von ihnen aus Edelleuten in die Wuͤrde der Fuͤrsten erhoben/ also so wohl von der Natur fuͤr ihren eignen Wohlstand als aus Pflicht fuͤr ihre Wohlthaͤter hertzhafft zu fech- ten angereitzt. Den Segesthes und seine Ca- suarier zwang die Furcht verzweiffelt zu fechten. Deñ was kan ein Uberlaͤuffer ihm schrecklichers fuͤrbilden/ als daß er in der verlassenen seinigen Haͤnde verfalle? Ja es war gleichsam ein Zei- chen fuͤr des Qvintilius Varus sich naͤherndem Ende/ daß er dißmahl groͤssere Merckmahle der Tugend/ als sonst iemahls von sich blicken ließ. Denn ein bald ausleschendes Licht giebt einen desto groͤssern Strahl von sich/ und die Winde/ die bald auffhoͤren wollen/ vasen desto hefftiger. Das gantze Kriegs-Volck stieß und schlug so hefftig auff einander/ daß das Gethoͤ- ne der Waffen den Schall der Trompeten und anderer Kriegs-Spiele daͤmpffte/ und sich offt- mals den Schlaͤgen auff Amboßen vergleichte. Bald ward auff einer bald auff der andern Sei- ten durchgebrochen/ und bald zogen die Roͤmer und Gallier/ bald die Deutschen den kuͤrtzern/ und unter beyden fiel keiner/ der vom Feinde das Antlitz haͤtte weggekehret. Ob auch wohl die Numidischen Schuͤtzen in der Deutschen Schilde viel Pfeile so tieff eingeschossen/ daß sie selbte unbrauchbar machten/ verließ doch kei- ner seine Reyhe/ sondern fochte mit entbloͤßtem Leibe. Die Gallier/ welche Varus mit Fleiß zufoͤrderst geordnet hatte/ musten laͤnger als ihr Wille und Gewonheit war/ Stand halten. Denn die Roͤmer standen ihnen am Ruͤcken und wiesen denen Fluͤchtigen selbst die Spitzen. Et- liche Stunden dauerte die Tapfferkeit beyder Theile/ daß der Sieg und Verlust auf gantz glei- cher Wagschale lag. Denn Hertzog Herrmann/ als er alle Fluͤgel wol besichtigt und allenthalben beste Anstalt gemacht/ sich auch auff die andern Heerfuͤhrer zu verlassen hatte/ uͤberlieff nach so langem Gefechte die Ungedult/ daß der Feind allzu hartnaͤckicht ihm den Sieg vorenthielt/ welchen ihm die Priester und die Hertzhafftig- keit seines Heeres doch schon vorher verspro- chen hatten. Dahero vergaß er sich offt/ daß er der Feldherr war/ indem er in die dicksten Hauf- fen der kuͤhnsten Feinde sprengte. Am meisten aber verdroß ihn/ daß er den Roͤmischen Feld- hauptman Varus so lange nicht zu Gesichte be- kommen konte; um mit eigenen Haͤnden denen Rach-Goͤttern Deutschlands eine fette Beute durch Auffopfferung des Roͤmischen Feld- herrns abzulieffern/ und dadurch die Schmach seines Vaterlandes und Geschlechts abzuwi- schen: daß Marcellus nach eigenhaͤndiger Er- legung seines Anherrns des Koͤnigs Virido- mars zum dritten mahl seine Waffendem Fe- retrischen Jupiter auffgehenckt hatte. End- lich erblickte er ihn zu Pferde unfern von dem Roͤmischen Adler der dritten und Haupt-Le- gion haltend. Alleine Caͤditius Caͤlius und Segesthes/ welcher/ um sich unkentlich zu ma- chen/ den Helm verwechselt und seinen Harnisch mit einem Roͤmischen Waffen-Rocke verdeckt hatte/ machten mit fast verzweiffelter Gegen- wehr dem Feldherrn so viel zu schaffen/ daß er dem Varus unmoͤglich beykommen konte. Hierauff entschloß er durch drey hundert Che- rustische Edelleute/ welche er auff einen sonder- baren Nothfall von der andern Reiterey abge- sondert und hinter sein Fußvolck an einen nie- drigen Ort also unsichtbar gestellet hatte/ sein Heil zu versuchen. Hiermit befahl er: daß in der mitten das Fußvolck sich augenblicks tren- nen und daselbst diesem reisigen Zeuge Platz zum Arminius und Thußnelda. zum Einbruche machen solte. Den Roͤmern kam dieser Angriff der Reuterey so unvermu- thet/ gleich als ob selbte aus den Wolcken geren- net kaͤmen. Und weil es unmoͤglich war gegen sie einige Roͤmische Reuterey durckzubringen/ litte ihr bestes Fußvolck unglaublichen Schiff- bruch/ und ihre gantze Verfassung gerieth in hef- tige Zerruͤttung. Unter diesen Edelleuten war auch dieser/ der fuͤr der Schlacht gegen die fremde Koͤnigin den ebentheuerlichen Zweykampf aus- geuͤbt hatte. Dieser setzte ihm fuͤr/ seine Hertzhaff- tigkeit nunmehr auch gegen Maͤnner auszuuͤ- ben/ nachdem er durch eine ohne diß meist nur zufaͤllige Uberwindung eines Weibes mehr Verkleinerung als Ehre erlangt zu haben ihm einbildete. Mit denen Galliern/ deren Haͤupter sich zwischen dem Fußvolcke ebenfals zu Pfer- de befanden/ anzubinden/ war ihm auch nicht anstaͤndig/ als derer erstern Sturm man zwar fuͤr mehr als maͤnnlich/ ihren Verfolg des Kam- pfes aber schlechter als weibisch hielt. Hiemit ge- rieth er an den. Segesthes/ und rennte mit ver- haͤngter Lantze Spornstreichs auf ihn zu. Se- gesthes aber versetzte durch einen hefftigen Hau seines Schwerdts so gluͤckselig/ daß die Spitze der Lantze ohne seine Beruͤhrung zuꝛ Erdẽfiel. Hier- auff verfolgten sie mit den Degen ihren Streit/ diesem Ritter aber sprang nach einem hefftigen Gefechte die Klinge des Degens entzwey/ also daß er sich ohne einige Waffen und dahero in hoͤchster Gefahr befand. Segesthes verfolgte bey deisem Zufalle sein Gluͤcke mit vielfaͤltigen Hieben. Alleine einem Hertzhafften ist kein Degen zu kurtz/ und ein halber lang genug/ denn ein Schritt gegen seinem Feinde und ein unverzagtes Hertze ersetzet/ was einem an Eisen abgehet. Daher zernichtete er Segesthen/ mit geschwindester Fuͤrwerffung des Schildes und Degenstrumpffs/ alle seine Streiche. End- lich aber versetzte dieser dem Pferde einen zwey- fachen Stoß in Hals. Dieses verursachte den Ritter/ daß er/ ehe das verwundete Pferd stuͤrtz- te/ mit einer fertigen Hurtigkeit aus dem Sat- tel sprang/ und nicht nur auff die Fuͤsse zu ste- hen kam/ sondern auch auff dem Boden nebst einem Todten einen entbloͤsten Degen fand/ welchen er des Segesthes Pferde in einem Au- genblicke so tieff in die Brust stach/ daß es also- fort mit seinem Reuter entseelet zu Boden sanck. Der Ritter gebrauchte sich dieses Vor- theils mit hertzhaffter Geschwindigkeit/ sprang dem auff den Ruͤcken gefallenen Segesthes auf den Hals/ und weil er wegen deß unter dem Waffenrocke verborgenen Pantzers ihm etliche vergebene Stiche versetzte/ riß er ihm mit aller Gewalt den Helm vom Haupte/ um den Se- gesthes die Gurgel mit samt dem Kopffe abzu- schneiden. Hilff Himmel! rieff er/ vom Se- gesthes bey seinem ersten Anblicke auffsprin- gend/ und ließ mit einer hefftigen Bestuͤrtzung den auff-ihn gezuͤckten Degen aus der Hand fallen. Die Worte erstarben ihm auff den zit- ternden Lippen/ und seine Glieder worden unbeweglicher als eine Marmel-Seule/ also/ daß Segesthes ihn auffzureiben Zeit und Gele- genheit genug gehabt haͤtte/ wenn nicht seine aus dieser Bestuͤꝛtzung empfundene Verwundeꝛung ihm Vernunfft und Glieder gebunden haͤtte. Bey dieser Begebenheit erblickte Hertzog Herr- mann Segesthens entwaffnetes Angesichte/ und griff ihn aus geschoͤpffter Verbitterung nicht so bald mit empfindlichen Scheltworten: Ha! Verraͤther des Vaterlandes! als mit der Schaͤrffe der bey handen habenden Waffen an. Es wuͤrde auch der in voller Verwunde- rung begriffene Segesthes einen gefaͤhrlichen Streich bekommen haben/ wenn nicht der Ritteꝛ den/ welchen er kurtz vorher hinzurichten so be- gierig war/ mit Fuͤrwerffung beyder Armen gegen diesen unvermerckten Angriff beschirmet haͤtte. Wovon er aber selbst verwundet war/ daß das Blut uͤber die Waffen haͤuffig herab floß. Dem Feldherrn kam diese Begeben- heit eben so seltzam fuͤr/ und fuhr ihn mit grim- migen Erstes Buch migen Worten an: Was ihn dieser Verraͤ- ther und Uberlaͤuffer zu vertheidigen veranlaß- te? Dieser rieß ihm hierauff selbst den Helm vom Haupte/ und gab hiermit zu erkennen/ daß es die unvergleichliche Fuͤrstin Thußnelde/ Se- gesthens einige Tochter war. Urtheile/ fing sie an/ großmuͤthiger Hertzog: ob das Kriegsrecht mich mehr den Feind zu verfolgen und dem Feldherren zu gehorsamen/ oder das Gesetze der Natur den Vater zu beschuͤtzen noͤthige? Sie hatte diese Worte noch halb auff der Zun- gen/ und die Augen gegen den Feldherrn gerich- tet/ als sie schon fuͤr dem gantz verwirrten Se- gesthes fußfaͤllig ward/ und ihm das von der Er- de wieder auffgehobene Schwerdt/ mit Beysez- zung dieser Worte/ reichte: Straffe Segesthes deine boßhafftige Thußnelde/ welche nicht mehr des Tochter-Nahmens werth ist/ nach dem sie das Mordeisen wider ihren Vater gezuckt hat. Rom wird diesen Schandfleck nimmermehr ausleschen/ daß die unmenschliche Tullia uͤber die blutige Leiche ihres schon todten Vaters die bestuͤrtzten Pferde gesprenget hat. Und ich ha- be Deutschland mit diesem Brandmahle besu- delt/ daß ich dem lebenden das Messer an Hals gesetzt. Raͤche Segesthes durch diesen Werck- zeug meines Verbrechens deines Geschlechtes und des Vaterlandes Schande/ welche groͤsser ist/ als warum Virginius seine Tochter auff oͤf- fentlichem Marckte abschlachtete. Diese Re- de beseelte sie mit einer so erbaͤrmlichen Geber- dung und Wehmuth/ daß sie dem Segesthes durch die Seele/ dem Feldherrn durchs Hertze drang/ und bey diesem eine vielfache Empfind- ligkeit/ bey jenem aber verursachte/ daß er wie- der zu sich selbst kam/ und ihr mit dieser Antwort begegnete: Jch empfinde den Zorn der Goͤt- ter und die Bisse meines Gewissens uͤber mein begangenes Laster/ welches so groß ist/ daß das Verhaͤngniß meiner eignen Tochter Klinge wider meine Verraͤtherey zur Rache geschliffen hat. Vollfuͤhre deinen Streich wider den/ der sich selbst verdammet. Kinder sind dem Va- terlande mehr als ihren Vaͤtern schuldig/ und die Gesetze haben denen Belohnung und Eh- renmahle ausgesetzt/ die das befleckte Blut ih- rer straffbaren Eltern dem gemeinen Wesen auffopffern. Der Feldherr fiel Segesthen in die Rede: Es waͤre ein allzugroß Gluͤcke fuͤr ei- nen Verraͤther/ daß er von so edlen Waffen/ entweder einer so unvergleichlichen Heldin o- der eines deutschen Fuͤrsten sterben solte. Das Recht des Vaterlandes habe auff Feinde der Freyheit knechtische Strafen ausgesetzt. Schla- get diesemnach den/ der sich selbst schon verdam- met/ in die Eisen. Du aber/ unvergleichliche Thußnelde/ lasse dich den Verlust eines dem ge- meinen Wesen ohne diß schon abgestorbnen Va- ters nicht jammern. Deine Tugend ist der Vaͤ- terlichen Flecken nicht faͤhig/ und diese darff sich fuͤr keine Waͤyse achten/ welche wegen ihrer Hel- denthaten das Vaterland selbst zu einer Tochter auffnehmen muß. Alsobald waren einige dar/ die dem Segesthes Fessel anlegten; welche die Deut- schen/ um ihre Gefangenen damit feste zu ma- chen/ in die Schlachten mitzunehmen gewoh- net waren; woruͤber Thußnelde theils wegen empfangener Wunde/ theils daß ihres Vaters Zustand ihr so tieff zu Hertzen ging/ in Ohn- macht sanck/ und auff Befehl des Feldherrn mit allerhand Erfrischungen erqvicket/ und nach Deutschburg getragen ward. Der Feind war durch den Verlust Sege- sthens uͤberaus bestuͤrtzt/ Hertzog Herrmann a- ber durch den zweyfachen Sieg dieser deutschen Amazone gleichsam beschaͤmet/ und dahero zu ei- nem so eifrigen Gefechte angezuͤndet/ daß kein Feind seinen Sturm ausdauren konte. Cal- dus Caͤlius/ welcher ihm begegnen wolte/ ward von ihm mit dem Streithammer zu Boden ge- schlagen und daruͤber gefangen. Qvintilius Varus/ als er ihn dem Roͤmischen Haupt-Ad- ler so nahe kommen sahe/ machte sich mit seiner Leibwache/ als denen eussersten Kraͤfften des Roͤmi- Arminius und Thußnelda. Roͤmischen Heers gegen ihm herfuͤr. Dieses waren tausend mit kupffernen Schilden und schupfichten Pantzern aus dem alten Kerne der Roͤmischen Kriegsleute ausgelesene freywillige/ welche schon ihre zwantzigjaͤhrige Dienste aus- gestanden und ansehnliche Kriegs-Aemter ver- waltet/ auch keine Wache oder andere Arbeit mehr zu vertreten/ sondern nur den Feldherrn zu beschirmen hatte/ und auff ihren Schilden den Nahmen des Kaysers mit Golde eingeetzt fuͤhrten. Diese thaten wohl ihr bestes unter ih- rem streitbarem Fuͤhrer Caͤcina; und fochten nach Gelegenheit des engen oder geraumen Oꝛts bald mit ihꝛem kuꝛtzen/ bald mit dem langen Spanischen Degen/ wormit die lincke/ wie mit jenem die rechte Seite versehen war. Alleine die Keckesten wurden unverlaͤngt von der deut- schen Reuterey zu Grunde gerichtet/ und der Feldherr kam dem Varus so nahe/ daß/ ob wohl die Roͤmischen Kriegsleute ihn mit ihren Schil- den auffs moͤglichste verdeckten/ er ihm einen Wurffspieß in die Schulter jagte; dem Qvin- tilius Manlius aber in Hals einen toͤdtlichen Stich versetzte/ und mit eigner Hand ihm den Roͤmischen Adler ausriß. Nachdem auch in- zwischen beyde Roͤmische Fluͤgel gantz aus dem Felde geschlagen waren/ drang Fuͤrst Catumer und Sesitach mit der Reuterey auff den Va- rus loß. Wodurch der letzte noch stehende Rest des Roͤmischen Heeres in oͤffentliche Flucht/ Qvintilius Varus aber in eusserste Verzweif- felung gebracht ward. Denn als er seine noch standhaltende Hand voll Volcks auff allen Sei- ten umringt/ und nirgendshin einige Ausflucht mehr sahe/ bezeugte er endlich groͤssere Hertz- hafftigkeit zu sterben als zu kaͤmpfen/ und re- dete die naͤchsten mit diesen Worten an: Las- set uns/ ihr ehrlichen Roͤmer/ diesen letzten Schlag des veraͤnderlichen Gluͤcks behertzt er- tragen/ und lieber dem Tode frisch in die Au- gen sehen/ als aus einer bevorstehenden Ge- faͤngniß noch einige Erloͤsung hoffen/ und also eine freywillige Entleibung einer knechtischen Dienstbarkeit fuͤrziehen. Der stirbt desto ruͤhm- licher/ der noch einige Hoffnung zu leben uͤ- brig hat. Jch gestehe/ daß uns Segesthes und die Goͤtter unser Verderben vorher gesagt; allein wenn das Verhaͤngniß an unser Gluͤcks- Rad die Hand anlegt/ koͤnnen uns keine ver- traͤuliche Warnungen aus seiner Verfolgung entreissen/ und der Scharffsinnigsten Anschlaͤ- ge werden stumpff und verwirret. Jedoch lasse ich gerne geschehen/ daß der Schluß der Goͤtter mit meinem Versehen bekleidet/ und der Zufall zu meinem Verbrechen gemacht werde. Mein Großvater Sextus Varus hat in der Pharsa- lischen Schlacht durch seine eigene/ mein Vater Varus Qvintilius in dem Philippinischen Kriege durch seines freygelassenen Hand sich lie- berhingerichtet ehe sie sich der Willkuͤhr ihrer Feinde/ die doch Roͤmeꝛ waren/ unteꝛwerfen wol- len. Jchwil es ihnen nachthun/ ehe ich in dieser Barbaꝛn Haͤnde falle/ und euch ein Beyspiel/ deꝛ Nachwelt aber das Urtheil hinterlassen: Ob ich durch meine Schuld/ oder durch ein besonders Verhaͤngnuͤß meines Geschlechts also vergehe. Crassus hat durch seine Niederlage gegen die Parther weniger Schande eingelegt/ als/ daß er nicht/ wie Publius/ Censorinus und Mega- bachus ihm selbst das Leben verkuͤrtzet/ sondern sich in die verraͤtherischen Haͤnde des Surena vertrauet/ und des Maxarthes Sebel die Keh- le dargereichet hat. Von dem Tode mehr Wor- te zu machen/ ist ein Stuͤcke der Kleinmuͤthig- keit. Wie feste ich mir zu sterben fuͤrgesetzt/ koͤn- net ihr dahero schluͤssen/ daß ich niemanden eini- ge Schuld beymesse. Denn sich uͤber Men- schen und Goͤtter beklagen/ stehet nur dem an/ der laͤnger zu leben begehret. Ein Koͤnig aber soll seines Reiches/ ein Knecht seines Herrn/ ein Kriegsmann seines Obersten/ ein Feld-Haupt- mann seines Heeres Wohlstand nicht uͤberle- ben. Hiemit umhuͤllete er mit seinem Gold- gestuͤckten Purpur-Mantel sein Haupt/ und Erster Theil. G stach Erstes Buch stach seinen Degen ihm biß an den Griff ins Hertze. Also verhuͤllete sich auch der ermor- dete Pompejus und Julius; wormit niemand ihre sterbenden Ungeberden sehen moͤchte. Die fuͤrnehmsten und hertzhafftesten thaten es ihrem Heerfuͤhrer nach/ und benahmen durch eigene Entseelungen dem Feinde die Lust und die Eh- re von seinen Streichen zu fallen. Andere/ welche gleich noch genug s ame Kraͤffte zu fechten hatten/ warffen ihr Gewehre weg/ und reich- ten/ aus Verdruß zu leben/ ihre Haͤlse den feindlichen Schwerdtern hin. Zumal von denen neun Obersten dieser anderthalb Legionen/ nur noch einer/ von den neuntzig Hauptleuten mehr nicht als ihrer fuͤnff uͤbrig waren. Die Fluͤch- tigen worden von der Reiterey zu Boden ge- rennt/ die liegenden von den Pferden ertreten/ die stehenden wie das Vieh zerfleischt/ also/ daß das Feld numehro keine Gestalt eines Kampf- plazes/ sondern einer Schlachtbanck fuͤrstellte. Sesitach ward uͤber des Varus und anderer O- bersten eigener Entleibung sehr verbittert/ weil er mit seiner Reiterey sie lebendig in die Haͤnde zu bekommen ihm eingebildet hatte/ und dahero sprang er selbst vom Pferde/ schnitt den Kopf des Varus Leiche ab/ und steckte selbten/ nach der Deutschen und Gallier Gewonheit/ und den Roͤmern desto mehr Schrecken zu machen/ auff eine Lanze. Das gantze Feld ward mit Todten bedecket/ und die zwischen denen Huͤgeln dieses Forstes lauffenden Baͤche von dem Blu- te der Erschlagenen auffgeschwellet/ insonder- heit an denen drey engen Furthen/ wodurch das Roͤmische Heer seine Flucht zuruͤcke nahm. Jhr jaͤmmerlicher Zustand aber ward dardurch vergroͤssert/ daß Vala Numonius und seine zum ersten durchgegangene Reuterey/ Caͤditius/ welcher zwischen denen Paͤssen noch uͤber zwoͤlff- tausend streitbare Maͤnner wieder zusammen gezogen und in Ordnung bracht hatte/ in Mei- nung mit der bald anbrechenden Nacht noch nach der Catten Festung zu entrinnen/ inglei- chen Vritomar und Arbogast mit mehr als zehn tausend Galliern gerade auff den Hertzog Jubil traffen/ welchen der Feldherr dem Feinde in den Ruͤcken zu gehen befehlicht hatte. Es ist unschwer zu ermessen/ was denen Roͤmern die Muͤdigkeit von einer so hefftigen Schlacht/ ei- nem siegenden Feinde auff dem Ruͤcken/ und ei- nem frischen von fornen zu begegnen/ fuͤr Hin- derniß schaffte/ ja was die Furcht/ allwo des Poͤfels Traͤume so wohl als kluger Leute Gut- achten gehoͤret werden/ fuͤr seltzame Meinun- gen auff die Bahn brachte. Einer rieth sich durch den frischen und vielleicht nicht allzugros- sen Hauffen des Hermundurischen Hertzogs durchzuschlagen/ und/ weil doch das zwar naͤhe- re Laͤger keine Sicherheit/ die Festung Alison aber keinen genugsamen Raum und Lebens- Mittel schaffen koͤnte/ den Anfangs schon erkie- seten Weg gegen der Cattenburg oder gar an den Rhein fortzusetzen. Ein ander hielt diß fuͤr ein verzweifelt Werck/ und wolte/ daß/ nach- dem Cejonius mit dem groͤsten Theil des lincken Fluͤgels und dem einigen noch erhaltenen Ad- ler sich wieder in das Laͤger gezogen haͤtte/ man dahin folgen/ sich darinnen biß auff den letzten Mann wehren/ und von denen zwey Legio- nen/ welche Lucius Asprenas nicht allzuweit von ihnen unter seinem Gebiete hatte/ Huͤlffe er- warten solte. Wie nun die Zwytracht in Begebenheiten/ welche keine langsame Rath- schlaͤge erdulden/ der geradeste Weg zum Ver- derben ist; also wartete Hertzog Jubil die Er- oͤrterung ihres Zweiffels nicht aus/ sondern be- diente sich der wider die Uneinigkeit hoͤchst vor- theilhafften Geschwindigkeit. Einem fluͤchti- gen Feinde jagt auch ein rauschendes Blat Schrecken ein. Was solte nicht dieser freudi- ge Held/ mit seinen streitbaren und unermuͤde- ten Voͤlckern/ gegen die/ welche zum ersten aus- gerissen und allhier zwischẽ Thuͤr und Angel wa- ren/ ausrichten? Fuͤrst Jubil traff selbst in Person auff den Numonius/ und durchrennete ihn mit seiner Arminius und Thußnelda. seiner Lantze; also fiel dieser verzagte Ausreisser nicht nur schimpfflicher/ sondern auch eh/ als die/ welche er im Stiche gelassen hatte. Britomar ward von ihm durch einen Wurffspieß hefftig verwundet/ und nachdem von einer Seiten die- ser Hertzog/ auff der andern das gantze obsiegen- de Heer mit aller Gewalt nachdrungen/ muste dieser Uberrest des Feindes in den Wohnstaͤdten der wilden Thiere ihre Sicherheit suchen/ und ein Hauffen hier/ der ander dort sich in die dicke- sten Waͤlder verkriechen. Alleine auch in diesen waͤren sie von ihren Feinden nicht unverfolget blieben/ wenn nicht die stockfinstere Nacht mit einem hefftigen Platzregen eingebrochen/ und die schwartzen Wolcken das sonst volle Mon- den-Licht gantz verduͤstert/ und also dem Tod- schlagen nicht so wohl ein Ende/ als einen An- stand gemacht haͤtte. Der Feldherr ließ bey dieser Begebenheit selbst Befehl und Zeichen geben/ daß die Deut- schen bey so gefaͤhrlicher Finsterniß und schluͤpf- rigem Wetter ihren Feind in die morastigen Waͤlder nicht verfolgen/ sondern mit der auff- gehenden Sonnen der Roͤmer und ihrer Ge- huͤlffen endlichen Untergang erwarten solten. Gleichwohl besetzte er die Waͤlder um und um an denen Orten/ wo er meinte/ daß irgends der dieser Wildnuͤße kundige Feind zu entrin- nen/ ihm einigen Weg suchen doͤrffte. Er verordnete auch/ daß aus denen umliegenden Flecken dem Heere/ welches nun gleichsam den gantzen Forst belaͤgerte/ ein Uberfluß von Le- bensmitteln/ welche der Deutschen Kriegs- Sold sind/ zufuͤhrten. Wie sehr sie nun sonst auch dem Schlaffe ergeben sind/ und von der langen Schlacht ermuͤdet waren/ so ermun- terte sie doch dieser herrliche Sieg dergestalt/ daß wenig oder keiner ein Auge zuthat. Denn die/ welche nicht ihre eigene oder ihrer Angehoͤrigen empfangene Wunden zu verbinden/ noch die Schwachen ins Laͤger zu fuͤhren harten/ mach- ten sich auff der Wahlstatt und um den Forst herum bey etlichen tausend Wach- und Freu- den-Feuern mit Gesundheit-Trincken/ Jauch- tzen und Lobgesaͤngen ihrer Feld-Herren und Heerfuͤhrer lustig. Unter die Kriegsknechte mischten sich nun auch die Barden/ sangen von dem deutschen Hercules vielerley Lieder/ und zohen mit einem freudigen Nachklange ihm endlich doch den großmuͤthigen Herrman fuͤr. So vergnuͤgt sich nun bey diesem Wolleben die Deutschen befanden; so elende ging es de- nen Uberwundenen/ wider welche der Himmel numehro selbst sich verschworen zu haben schien. Deñ den en t standenen Regen begleitete ein solch erschrecklicher Sturmwind/ welcher nicht nur die Aeste und Wipffel der Baͤume zerbrach/ son- dern auch die staͤrckesten Staͤmme mit den Wurtzeln aus der Erden riß/ und sie denen ohne diß halb todtgeschlagenen auff die Haͤlse warff. Die aber/ welche diesem Ungewitter zu entkommen vermeinten/ und aus dem Ge- hoͤltze hervor krochen/ wurden von denen al- lenthalben wachsamen Deutschen wie die Hun- de zerfleischet. Das gantze Gefilde erbebe- te von unauffhoͤrlichem Widerschall/ bald von dem Frolocken der Sieger/ bald von dem Kra- chen der Baͤume/ bald von dem Angst-Geschrey der Zerschmetterten/ und stellte auff einmahl den seltzamen Wechsel der irrdischen Dinge fuͤr/ daß selten einer lachen koͤnne/ wenn nicht der andere weine. Dieses Unheil ward ver- mehret noch durch dieses Hertzeleid/ daß groͤsten theils der Roͤmer ihre Weiber und Kinder/ wel- che sie wider die alten Kriegs-Gesetze der Roͤ- mer bey sich/ und die Nacht zuvor aus dem Laͤ- ger mitgefuͤhret hatten/ von diesem Sturm- Winde uͤberfallen/ die Weiber offt in den Ar- men ihrer Ehmaͤnner/ die saͤugenden Kinder auff den Bruͤsten ihrer Muͤtter zerqvetscht worden. Ja es brach einigen diß jaͤmmerliche Schauspiel dergestalt ihr Hertze/ daß sie/ aus Er- barmniß/ ihrer eigenen Kinder und Ehgatten Elend durch Mord zu verkuͤrtzen sich entschlos- G 2 sen. Erstes Buch sen. Dieser Sturm noͤthigte auch dieselben Armenier/ welche auffdes Zeno Befehl Jsme- nen gefangen hielten/ sich aus der innern Wild- nuͤß herfuͤr zu thun. Bey welcher Begeben- heit sie ihren Vortheil ersah/ dem einen unver- merckt das Schwerdt aus der Scheide zoh/ und durch die Rippen stieß. Die drey andern fielen sie zwar hieruͤber so grimmig an/ aber sie verthaͤidigte sich mit unvergleichlicher Hertz- hafftigkeit. Das hierdurch erregte Geraͤusche zohe eine grosse Menge derer im Walde irren- den Roͤmer herzu/ welche die theils abgehauenen Kieffeꝛn-Aeste/ theils von denen Roͤmischen Wa- gen genommenen Hartzt-Fackeln anfangs zu ihrem Lichte/ nunmehr aber gegen die gleichfals sich alldar versammlete Deutschen zu Schwerd- tern brauchten/ und weil sie sich iederseits auff etliche hundert verstaͤrckten/ in einen vollkom- menen Streit mit einander geriethen. Die Verzweiffelung und das seltzame Feuer-Ge- fechte der Roͤmer aber brachte die Deutschen zum weichen; wiewohl die Fuͤrstin Jsmene/ als eine großmuͤthige Heldin/ dem Feinde stets die Stirne bot/ und denen weichenden Deutschen veraͤchtlich zurieff: Ob sie ein Bienenschwarm waͤren/ welche vom Rauche vertrieben wuͤrden? Ob sie numehr fuͤr einem entwaffneten Feinde zu lauffen fuͤr keine Schande hielten/ den sie den Tag vorhero in seiner besten Ruͤstung geschla- gen haͤtten? Endlich kam der Ritter Waldeck mit zwey hundert Mann seiner Wache darzu/ welche den Feind nach grossem Verlust wieder in Wald trieb/ und diese Heldin zu grosser Freu- de des gantzen Heeres zum Feldherrn brachte. Als es den folgenden Morgen kaum zu tagen anfing/ ließ der Feldherr schon ein Zeichen ge- ben/ diß was von den Feinden nicht/ wegen er- mangelnder Verbindung/ an den Wunden ge- storben/ in Suͤmpfen ersticket/ oder von den Baͤumen erschlagen noch von den wilden Thie- ren zerrissen war/ aus den Hecken und Loͤchern herfuͤr zu suchen und auffzureiben. Also ward dieses Tagelicht nach etlichen tausenden in eine Nacht des Todes verwandelt. Denn wo der schluͤpffrige Erdboden nur einen Fußstapffen ei- nes Menschen zeigte/ folgten ihrer zehen und mehr der Spure nach/ und zerfleischten ohne Eꝛ- baͤrmniß ihre fuͤr Furcht und Kaͤlte zitternde Feinde. Ja es ward gleichsam fuͤr eine grosse Schande gehalten/ wenn einer nicht einen abge- hauenen Feindes-Kopf fuͤꝛ die Fuͤsse seines Obri- sten niederzulegen hatte; also hin und wieder Berge von blutigen Menschenkoͤpffen zu schau- en waren. Nebst diesem unterließ der Feldherr nicht mit geschlossenem Hauffen duch den Weg/ welchen die Roͤmer ihnen durch Umhauung vie- ler Baͤume fuͤr der Schlacht durch den Forst ge- macht hatten/ nachzusetzen/ und traff kurtz nach aufgegangener Sonne auf eineꝛ etwas blancken Hoͤhe auff das groͤste Theil des Roͤmischen Feld- Geraͤthes/ und einer grossen Menge mit Frau- en/ Kindern/ Zelten/ Kriegszeug und anderer Nothdurfft beladenen Wagen/ zwischen wel- chen noch etliche tausend Maͤnner eingeflochten waren. Diese Verwickelung/ der glatte Erd- boden/ und daß Bogen/ Schilde/ Schleudern und ander Gewehre von dem starcken Regen gantz unbrauchbar gemacht worden waren/ be- nahm denen schwergewaffneten Roͤmern alle Moͤgligkeit sich in Ordnung zu stellen/ und ge- gen die mit leichter Ruͤstung und langen Spies- sen versehenen Deutschen zu fechten. Dahero wurden sie ohne grosse Muͤhe niedergehauen/ auch Weiber und Kinder/ welchen nicht deꝛ Feld- herr und andere Fuͤrsten die Gnade der Dienst- barkeit wiederfahren liessen/ von der Schaͤrffe des Schwerds nicht verschonet. Ob die Roͤmer auch wohl an der Einfarth des sich wieder an- fangenden Waldes eine Menge Wagen/ Holtz und ander Geraͤthe anzuͤndeten/ um an dieser Enge denen Deutschen die Verfolgung zu ver- hindern; so waren doch diesen alle Fußsteige und Nebenwege so gut bekandt/ daß sie in kurtzem sich im Gehoͤltze wiedeꝛ an sie hingen/ von welchen einige Arminius und Thußnelda. einige in der Flucht einander selbst uͤber einen Hauffen rennten und beschaͤdigten/ andere uͤber die Stoͤcke oder in Moraste stuͤrtzten/ also daß die Deutschen nicht so wohl zu kaͤmpffen Noth/ als nur niederzumetzgen Gelegenheit hatten. Gegen Abend ward der ohne diß den Tag unauffhoͤrlich gewehrte Regen abermahls mit einem noch schꝛecklicheꝛn Sturmwinde begleitet/ welcher in den Waͤldern das oberste zu unterste drehete/ und dahero selbst die Deutschen zwang sich auff die Flaͤche zuruͤck zu ziehen/ wiewohl sie den Roͤmern den zornigen Himmel zu einem genugsam grausamen Feinde uͤber dem Halße liessen/ und des Nachts die vom Feinde im Sti- che gelassenen Wagen und Beute bey abermah- ligem Wolleben durchsuchten. Des Morgens vermochte sie auch der noch waͤhrende Sturm nicht auffzuhalten/ sondern sie brachen/ wiewohl wegen der haͤuffig uͤber einan- der gefallenen Baͤume/ unter denen viel hundeꝛt ihrer Feinde erbaͤrmlich zerschmettert lagen/ mit grosser Muͤh durch den Forst durch/ und kamen endlich an das zwischen dem Alme- und Lippen- strome befestigte Laͤger der Roͤmeꝛ/ in welches sich Lucius Caͤditius/ Arbogast und noch etliche ande- re Heerfuͤhrer/ mit allen denen/ welche von dieser zweyer Tage Niederlage uͤbrig blieben waren/ eingeschlossen hatten. Der Feldherr stellte alsofort ein Theil seines Heeres in Schlacht-Ordnung/ und ließ durch einen Hauptmann das laͤnglicht viereckichte auch zwar sehr veste/ aber wideꝛ die Roͤmische Art mit Kuͤchen/ Badstuben/ Betten und allerhand Hausrath angefuͤllte Laͤger auffodern/ mit der Bedrohung: daß wenn sie den Sturmbock den Wall beruͤhren liessen/ er so denn von keinen Be- dingungen ihrer Erhebung hoͤren wolte. Er kriegte aber zur Antwort: daß sie sich biß aufden letzten Blutstropffen zu wehren entschlossen haͤtten. Hiermit befahl Hertzog Herrmann also- bald denen Zim̃erleuten/ und einem Theile ohne diß mit Beilen und Aexten versehener Kriegs- leute/ Reißig-Gebuͤnder zu Fuͤllung der Graͤ- ben und Sturmleitern zu Ersteigung der Waͤl- le zu fertigen. Er selbst legte auch/ um sein Volck desto mehr auffzufrischen/ mit Hand an; Zumal bey denen Deutschen ohnediß die Kriegs-O- bersten mehr durch ihr eigenes Beyspiel/ als durch Befehle/ ihre anvertraute Gewalt auszu- uͤben pflegen. Er machte hierauff Tag und Nacht zu Uberwaͤltigung des Laͤgers moͤchligste Anstalt. Jnzwischen ließ er den Hertzog Catu- mer wissen: daß er mit seinem noch hinterstelli- gen Fluͤgel gegen Norden und uͤber den Lippe- strom abweichen/ also verhindern solte/ daß die im Laͤger beschlossenen sich nicht daraus an die so weit nicht entfernte Festung Alison abziehen koͤnten. Hertzog Jubiln aber hieß er mit einem Theil Reuterey durch die Alme setzen/ um disseits der Lippe die Seite gegen Alison zu bedecken. Es war nun schon alles zum Sturme fertig/ zwey aus Heynbuchen hundert und zwantzig Ellenbogen lang gemachte und mit einem star- cken eisernen Widerkopffe versehene/ auch mit einem wider das Feuer durch ein ledernes Sturm-Dach verwahrte Sturm-Boͤcke/ an derer iedem vier tausend Maͤnner ziehen mu- sten/ hatten an zweyen Orten den Wall dreys- sig Ellen breit uͤber einen Hauffen geworffen. Der Graben war an unterschiedenen Orten ausgefuͤllet/ und es waren vier mit Eisen und Alaun wider das Feuer bedeckte Sturmthuͤr- me zum anschieben fertig. Die grossen Stein- schleudern waren an dienliche Orte gepflantzt/ und es solte gleich zum Anlauffen das Zei- chen gegeben werden/ als man den dritten Tag bey der Sonnen Auffgang gegen Westen uͤ- ber der Alme einen starcken Schall von Trom- peten und andern Kriegs-Spielen vernahm/ welchen der daher kommende Wind hefftig ver- groͤsserte/ ein von dem Hermundurer Fuͤrsten zuruͤckjagender Edelmann aber berichtete/ daß zwey Legionen Roͤmer/ welches man aus ihren zwey Adlern erkennte/ nebst etlichen Hauffen Reutern recht gegen ihn anzuͤgen. Der Feldherꝛ G 3 muth- Erstes Buch muthmassete alsbald/ daß Lucius Asprenas/ ein erfahrner Kriegs-Oberster/ des Varus Schwe- ster Sohn/ die zwischen der Jsel oder Nabel und der Emse zertheilte Legionen (wie es sich denn in Wahrheit also auswieß) zusammen gezogen/ und bey der Festung Alison uͤber die Lippe ge- setzt haben muͤste. Dahero ließ er den Hertzog Jnguiomer mit einem Theil Volckes fuͤr dem Laͤger stehen/ theils alles in altem Stand zu er- halten/ theils zu verhindern/ daß die Roͤmer nicht durch den Alme-Strom setzten. Weil auch der heftige West-Wind den Deutschen ge- rade in die Augen gestrichen haͤtte/ wenn er den anziehenden Roͤmern geraden Weges entgegen gegangen waͤre/ lenckte der Feld- Herr Sud- werts ab/ womit er zugleich den halben Wind gewinne/ und das Fuß- Volck nicht durch den Alme-Strom waten doͤrfte. Asprenas/ welcher zwar Nachricht hatte/ daß Quintilius Varus mit den Cheruskern und Hermundurern in Zwytracht und in ein Tref- fen gerathen war/ ihm aber nicht traumen ließ/ daß dieses grosse Heer aufs Haupt erlegt/ weni- ger das Laͤger noch dazu belaͤgert und er so nahe dem Deutschen Heere waͤre/ wolte durch seinen Trompeten-Schall seine Ankunft dem Roͤmi- schen Laͤger kund machen/ ward daher uͤberaus bestuͤrtzt/ als er die vom Hertzog Jubil uͤber den Alme-Strom gefuͤhrte Deutsche Reiterey/ und in deren Fahnen den gekroͤnten Cattischen Loͤwen erblickte. Jhm machte auch alsobald Nachden- cken/ daß diese Reiterey/ als sie seiner ansichtig worden/ stock stille halten blieb/ und nach dem er ohne diß am reisigen Zeuge sehr schwach war/ wuste er nicht/ ob er die Deutschen anzufallen Befehl ertheilen solte. Zumal diese ohnedis harte an dem Pusche hielten/ und er sich eines starcken Hinterhalts besorgen muste. Also blie- ben beyde Theile eine gute Weile/ Asprenas aus Zweifel/ Jubil auf Huͤlffe wartend/ gegeneinan- der stille halten. Gleichwol konte Asprenas sich wenig gutes versehen/ und daher stellte er sein Volck auf allen unversehenen Anfall in Schlacht-Ordnung/ und ließ hiemit einen Vor- trab Reiterey gegen die Deutsche voraus traben/ umb die wahre Beschaffenheit zu erkundigen: ob die Catten dar als Freund oder Feind stuͤnden. Denn weil er noch nicht wuste/ daß diese sich mit den Cheruskern ausgesoͤhnet hatten/ und zu ih- nen gestossen waren/ er auch bey so gar nahem Roͤmischen Laͤger nicht vermuthen konte/ daß ein Feind daselbst seinen Stand haben solte/ war ihm eine Meynung so zweifelbar/ als die andere. Diese aber ward ihm dadurch allzu zeitlich be- nommen/ daß die Catten ohne einige eingebilde- te Wortwechselung den Roͤmischen und theils Usipetischen Reiternin vollem Rennen mit ein- gelegten Lantzen begegneten/ derer etliche von den Pferden renneten/ die wenigen andern aber/ als sich zumal die grosse Menge der Deutschen mehr und mehr aus dem Gehoͤltze herfuͤr that/ das Hasen-Panier aufzuwerffen noͤthigten. Asprenas konte ihm numehr aus der so sichtbar sich vergroͤssernden Anzahl die Rechnung leicht machen/ daß ein der Reiterey gemaͤsses/ und also maͤchtiges Fuß-Volck am Ruͤcken stehen muͤste; dahero war er schon halb und halb entschlossen die Legionen mit guter Art gegen dem nahen Walde an einen wegen dabey liegender Suͤmpfe vor- theilhaften Ort zuruͤck zu ziehen. Hievon aber hielt ihn zuruͤcke/ daß er gleichwohl in dem Roͤmi- schen Laͤger die Roͤmischen Kriegs-Spiele hoͤrte/ auch ihm im Laͤger durch aufgesteckte rothe Tuͤ- cher und Schwenckung vieler Fackeln gewisse Kriegs-Zeichen geben sah/ welche ihn durch bey denen Roͤmern abgeredte Verstaͤndnuͤß genung- sam versicherten/ daß das Laͤger von Roͤmern be- setzt/ aber nicht ausser Gefahr waͤre. Dahero ent- schloß er sich fort und dem Laͤger zuzudringen/ in Hoffnung/ es wuͤrden auff allen Fall die et- wan Belaͤgerten auch das ihrige thun/ und die Deutschen zugleich anfallen. Hiermit gerieth die Reiterey beyderseits an einander/ Caͤcina fuͤhrte die Roͤmische/ und Her- tzog Arminius und Thußnelda. tzog Jubil wolte als der letzte in voriger Schlacht numehro mit seinen Hermundurern und anver- trauten Catten in dieser die erste Ehre einlegen. Ob nun zwar die Roͤmer das ihrige thaten/ so war doch der deutsche reisige Zeug ihnen so wol an der Anzahl als Geschwindigkeit uͤberlegen/ und welches das aͤrgste war/ so ging Fuͤrst Mar- comir mit seinen Usipetern von den Roͤmeꝛn zu den Deutschen uͤber/ also/ daß die Roͤmische Reite- rey gegen den muthigẽ Jubil nicht lange gestan- den haben wuͤrde/ wenn nicht die Acarnanischen und Balearischen Schleuderer ihnen zu huͤlffe geeilet haͤtten. Dieser ihr knechtisches Hand- werck ist von Kind auf das Schleudern/ und kriegen sie von der Mutter kein Brodt/ das sie nicht mit dem Steine getroffen. Sie schlingen die eine Schleuder als eine Zierrath umb das Haupt/ die sie in der Naͤhe brauchen/ die andere als einen Guͤrtel um den Leib/ welche etwas weiter schleudert/ und die/ welche am fernesten traͤgt/ haben sie stets in der Hand und in Bereit- schafft. Sie schwencken sie dreymal umbs Haupt/ treffen mit einem pfuͤndichten Steine oder Bley sechshundert Fuͤsse weit/ was sie wol- len/ und zerschmettern auch denen auffs beste Geharnischten ihre Glieder. Unter diesen waren auch Achaische Schleuderer/ welche an statt der Kugeln Spiesse und Pfeile mit gros- sem Nachdruck warffen. Aber auch diese wuͤrden nicht lange gestanden seyn/ wenn nicht das Roͤmische Fuß-Volck sich genaͤhert und die Reiterey entsetzt haͤtte. Die Legionen drangen gleichsam als Mauren gegen die Deutschen an/ dem Fuͤrsten der Hermundurer worden von de- nen untergespickten Armenischen und Arabi- schen Schuͤtzen/ welche letztern ihre Bogen mit den Fuͤssen spannen/ und Pfeile eines Mannes lang schuͤssen/ zwey Pferde unter dem Leibe er- legt/ weil die Pfeile wegen ihrer zweyfach uͤber einander stehenden oder vierhackichten Spitzen unmoͤglich aus der Wunde zu ziehen waren. Er selbst ward mit einem geschleuderten Stei- ne auf die Brust getroffen; also/ wie hertzhafft gleich dieser Hertzog dem Feinde unter die Au- gen ging/ so war es doch unmoͤglich zwey geschlos- sene Legionen zu durchbrechen. Weil aber die Deutschen gleichwol keinen Fuß breit weichen wolten/ gerieth der Graf von Mansfeld so sehr ins gedrange/ daß ein Roͤmer seinem Pferde den Degen in Bauch stieß/ worvon es zu Boden stuͤrtzte/ zwey andere aber ihm den Schild mit Gewalt vom Arme rissen. Dieser Verlust machte diesen Helden gantz rasend; weil bey den Deutschen keine groͤssere Schande ist/ als den Schild einbuͤssen/ und derselbe so denn weder einigem Rathschlage noch dem Gottes-Dienste beywohnen darff. Er sprang hierauf nicht nur von der Erden/ sondern auch hinter einen Roͤ- mer auffs Pferd/ stieß ihm den Degen durch den Hals/ riß dem davon sterbenden den Schild vom Arme/ und warff den Todten aus dem Sattel/ verfolgte auch den der seinen Schild hatte wie ein Blitz/ biß er ihm das Licht aus- leschte/ und seinen unschaͤtzbaren Verlust mit nicht geringerm Ruhme/ iedoch auch mit nicht wenigern Wunden/ als des Cato Sohn in der Schlacht gegen den Koͤnig Perses seinen ihm entfallenen Degen wieder erlangte. Dieses Beyspiel ermunterte die Deutschen/ daß sie gleichsam wider alle Vernunft und Moͤgligkeit die gantze Roͤmische Macht aufhielten. Nach dem aber Hertzog Jubil dabey mehr Schaden als Vortheil ersah/ gab er denen Seinigen ein Zeichen/ daß sie sich nach und nach auf die lincke Seite ziehen solten. Denn der gerade hinter dem Ruͤcken sich befindliche Wald war zum Treffen des feindlichen Fuß-Volcks vortheil- haftiger/ als seiner Reiterey. Asprenas meyn- te/ er haͤtte numehr schon den Sieg in Haͤnden/ und der Feind habe ihm selbst bereit den Weg in das Roͤmische Laͤger geoͤffnet/ als auf der rechten Seiten Segesthens Sohn/ Fuͤrst Sigismund/ mit der Cheruskischen Reiterey die Roͤmer an- fiel/ und sich zugleich das deutsche Fuß-Volck sehen Erstes Buch sehen ließ. Asprenas erkennte nun allererst seinen Fehler/ und die Gefahr/ in welche seine Verwegenheit das Roͤmische Kriegs-Volck ge- stuͤrtzt haͤtte/ gleichwolließ er seinen Muth nicht alsobald fahren/ sondern war bemuͤhet/ aus der Noth eine Tugend zu machen/ und die Scharte seiner Ubereilung durch Vorsicht und Tapfer- keit auszuwetzen. Er preßte einem mit dem Pferde gestuͤrtzten/ und hierdurch in seine Haͤn- de verfallenen Cattischen Reiter aus/ daß Quin- tilius Varus mit dem gantzen Heere biß auffs Haupt geschlagen/ das Laͤger von Hertzog Jn- guiomern beschlossen/ Hertzog Herrmann aber mit dem siegenden Heere gegen die Roͤmer in sichtbarem Anzuge waͤre. Dahero ordnete er: daß Caͤcina mit seiner Reiterey/ und Sylvanus Plautius mit denen untermengten Schuͤtzen und Schleuderern die andringende deutsche Reiterey aufhalten/ und durch ihr Gefechte de- nen Legionen sich zwischen die Suͤmpfe und den Wald zuruͤckzuziehen Lufft machen solte. Hertzog Jubil und Sigismund worden durch Zuruͤckweichung des Roͤmischen Fuß-Volcks Meister des Feldes/ und wenn einer gegen die Reiterey fochte/ fiel der ander bald dar bald dort in das Fuß-Volck ein/ und thaͤt grossen Scha- den. Der Feldherr sprach dem deutschen Fuß-Volck so beweglich zu/ daß sie ihre Muͤ- digkeit des schon in vierdten Tag waͤhrenden Treffens vergassen/ und auf die Roͤmer traben- de zulieffen/ nach dem sie sie schon fuͤr der einigen Reiterey weichen sahen. Wie geschwinde nun gleich diese fortgieng/ so war es doch seiner Siegs-Begierde vielzu langsam; dahero fuͤgte er sich selbst zu der Reiterey/ und brachte mit sei- nem grimmigen Anfalle die Roͤmische in offent- liche Flucht/ saͤbelte die Schuͤtzen und Schleude- rer meist/ auch unter ihnen den Plautius mit ei- gner Hand nieder. Die foͤrdersten Hauffen der Legionen/ welche zwar allezeit den Deutschen in viereckicht geschlossener Schlacht-Ordnung die Stirne boten/ kamen in nicht geringe Verwir- rung. Weil auch wegen der Suͤmpfe das Roͤ- mische Fuß-Volck nicht mit der auf der Flaͤche gehaltenen Breite sich zuruͤck ziehen konte/ son- dern sich daselbst zertheilen muste/ und also viel laͤngsamer zu weichen vermochte; wurden sie von dem deutschen Fuß-Volcke nun auch errei- chet/ zertrennet/ und wie tapfer gleich Aspre- nas an der Spitze des Fuß-Volcks/ Caͤcina an der Stirne des sich zwischen den Legionen widersetzenden reisigen Zeuges fochten/ fast alles/ was nicht bey Zeite uͤber die engen Furthe der Moraͤste gediegen war/ nieder gehau- en oder ertreten/ Caͤcina auch von dem Jubil im Haupte/ Asprenas vom Fuͤrsten Sigismund mit einer Lantze in Arm verwundet. Es wuͤr- den auch weder Wald noch Moraͤste dem uͤbri- gen Heere einige Sicherheit verschafft haben/ wenn nicht die regenhafte Nacht denen Deut- schen abermals mit ihrer Finsternuͤß die engen Wege uͤber die Suͤmpfe verbeugt haͤtte/ wiewol in selbten auch viel Roͤmer stecken blieben und er- stickten/ die aus den Haͤnden ihres Feindes zu entrinnen vermeynten. Asprenas war nicht weniger durch den gros- sen Verlust seines Volckes bekuͤmmert/ als umb Erhaltung des uͤberbliebenen Heeres sorgfaͤltig. Zumahl er seinem unvorsichti- gen Anzuge selbst grossen theils die Schuld des empfangenen Schadens und der noch vor- stehenden Gefahr gab. Dahero trachtete er durch eine Kriegs-List sein Versehen auszubes- sern; befahl also hin und wieder Wach-Feuer zu machen/ Baͤume abzuhauen/ Graͤben ge- gen dem Feinde/ und in allem solche Anstalt zu machen/ als wenn er an diesem vortheilhaften Orte sich befestigen und also stehen bleiben wol- te. Jnzwischen ließ er im finster nund in moͤg- lichster Stille unter dem Geraͤusche/ so durch das Umbhauen der Baͤume gemacht ward/ die Wagen und das Heergeraͤthe/ samt denen Krancken/ und welche am uͤbelsten zu Fusse wa- ren/ zuruͤcke und nach der Festung Alison gehen/ wel- Arminius und Thußnelda. welchen das Fuß-Volck nach und nach folgte/ und/ weil die Noth auch im stockfinstern sehende Augen hat/ geschwinder und ohne wenigere Vermerckung des Feindes/ als ihm Asprenas selbst eingebildet hatte/ durch den holen und en- gen Weg/ der durch selbigen Wald fuͤhrte/ auf das flache Feld gegen Alison gerieth. Worauf Asprenas die Feuer nach und nach von sich selbst verleschen/ das Geraͤusche in Waͤldern sich ver- mindern ließ/ und mit der zuruͤckbliebenen Rei- terey eilfertig nachfolgete. Hertzog Herrmann hatte inzwischen Nachricht erlangt/ daß Catu- mer mit seinem Hauffen auf Malovenden der Marsen Hertzog auff der andern Seite der Lip- pe getroffen haͤtte/ dieser aber dennoch mit etli- chen Tausenden theils Reiterey/ theils Fuß- Volck in das Roͤmische Laͤger durchgedrungen sey; Catumer also ein Theil zu Beschluͤssung des Laͤgers daselbst gelassen/ und weil ihm etliche Gefangenen entdecket/ daß vorhergehende Nacht Lucius Asprenas mit seiner Kriegs- Macht bey Alison uͤber die Lippe gesetzt haͤtte/ mit dem groͤsten Theile auch diese Festung zu sperren/ und den Feind zu einer Zertrennung zu noͤthigen/ an der Lippe seinen Zug fortgesetzt habe. Ob nun zwar der Feldherr endlich beym Abzuge der Reiterey die Flucht des Feindes durch etliche Kundschaffter erfuhr/ so dorfte er doch/ theils wegen Muͤdigkeit seines Volcks/ theils wegen vernommener Verstaͤrckung des Laͤgers/ theils wegen grosser Finsternuͤß sich durch die gefaͤhrlichen Moraͤste und Waͤlder/ allwo er von dem listigen Feinde leicht haͤtte um- ringet und uͤberfallen werden koͤnnen/ den Feind zu verfolgen nicht wagen/ sondern muste mit dem lichten Morgen neue Entschluͤssungen er- warten. Mit anbrechendem Tage sahen die Deut- schen/ daß Asprenas voͤllig das Feld geraͤumt hatte. Und ob wol ein Theil der Reiterey un- ter Hertzog Ganaschen (denn mit dem gantzen Heere ihn zu verfolgen schiene bey so ungestuͤ- mem Wetter und schlimmen Wegen weder rathsam noch moͤglich) biß an die Festung Alison den Feind verfolgte/ auch von denen/ welche in so schnellem Zuge so eilfertig nicht hatten folgen koͤnnen/ ein ziemliches Theil uͤbereilte und er- legte/ so musten sie doch endlich den Asprenas/ welcher in die Festung Alison alles Heer-Geraͤ- the abgelegt hatte/ durch die Tencterer gegen den Rhein/ allwo einige Voͤlcker auch schon Aufstand zu machen anfingen/ entschlippen lassen. Der Feldherr fuͤhrte das Heer bey so gestalten Sachen wieder fuͤr das Laͤger/ allwo Hertzog Jnguiomer die an zweyen Orten/ bey waͤhren- dem Treffen mit dem Asprenas/ ausfallenden Belaͤgerten/ welche Fuͤrst Malovend tapfer an- fuͤhrte/ mit grossem Verlust zuruͤck getrieben/ und so wol in Verwirrung als Schrecken veꝛsetzt hatte. Bey so sieghafter Zuruͤckkunft des gan- tzen Heeres/ und zerronnener Huͤlffe des Aspre- nas/ und da kaum so viel Kriegs-Leute als Zelten verhanden waren/ in derer iedem ihrer sonst eylf zu seyn pflegen/ geriethen sie in aͤuserste Ver- zweifelung/ sonderlich da die Deutschen die de- nen erschlagenen Roͤmern abgeschnittene Koͤpfe auf ihre Spisse gesteckt hatten/ und selbte theils in die Graben warffen/ theils uͤber die Waͤlle ins Laͤger schleuderten/ theils nach dem Beyspie- le der Kayserlichen Kriegs-Knechte fuͤr Munda/ als Pompejus die Pharsalische Schlacht ver- lohren hatte/ ihnen von derogleichen Koͤpfen Brustwehren und Bruͤcken machten; und wie Hannibal nach der Schlacht bey Cannas fuͤr keine gemeine Rache hielten/ wenn sie uͤber die Baͤuche der Roͤmer zu Sturme lauffen koͤnten. Ob nun wol der Feldherr die Unvermoͤgenheit der Roͤmer ihr Laͤger zu beschuͤtzen wahrnahm; so erwog er doch/ daß die Schlangen auch nach zerknirschtem Kopfe sich mit dem Schwantze wehren/ und einem verzweifelten Feinde ehe ei- ne goldene Bruͤcke zu seinem Abzuge zu bau- en/ als ein erlangter Sieg durch angemaßte Vertilgung desselbten in Gefahr zu setzen sey. Erster Theil. H Da- Erstes Buch Dahero hielt er den Eyfer der hitzigen und zum Sturme begierigen Deutschen mit allem Fleiß zuruͤck/ ihnen einhaltend: Der Krieg muͤste zwar mit einer in die Augen lauffenden Tapferkeit angefangen/ ein herrlicher Sieg aber mit Rath und Vernunft ausgemacht werden. Er hielte fuͤr einen groͤssern Verlust als Gewinn/ wenn er einen Deutschen einbuͤssete/ ob schon hundert Feinde daruͤber ins Gras beissen muͤsten. Er wolte sich des den Belaͤgerten eingejagten noch frischen Schreckens bedienen/ und das gleich- wohl mit einem zehn Schuch hohen/ mit einge- legten weidenen Ruthen und Koͤpfen verstaͤrck- tem Walle/ und nicht nach gemeiner Art mit einem acht Fuß breit- und tieffen/ sondern wol zweyfach vergroͤssertem Wasser-Graben befe- stigte Laͤger/ welches unterdessen an denen von den Sturm-Boͤcken zerstossenen Orten ziem- lich wieder verbauet worden war/ noch einst auf- fodern lassen. Die andern Fuͤrsten stimmten des Feldherrn Meynung bey; ward also der Ritter Nassau ins Laͤger geschickt/ selbtes auff Gnade und Ungnade auffzufodern/ iedoch solte er denen Belaͤgerten keine Zeit zu gewinnen/ noch uͤber einigen Bedingungen langweilig sich zu berathen verstatten. Unterdessen wurden die Sturm-Boͤcke und grosse Stein-wie auch die Feuer-Schleudern wieder zu rechte gemacht/ und das Heer zum Sturme aufgefuͤhrt. Der Marsen Fuͤrst/ als ein noch junger hitziger Herr/ nebst etlichen Roͤmischen Obersten/ widerrieth sich zu ergeben/ entweder umb fuͤr andern hertz- hafft angesehen zu werden/ oder daß er als ein Deutscher sich vom Feinde mehrer Grausam- keit besorgte. Er meynte: Es sey ehrlicher sich/ so lange man noch eine Faust ruͤhren/ und in selbter den Degen halten koͤnne/ wider so grim- mige Feinde ritterlich zu fechten/ als aus Zag- heit in unertraͤgliche Dienstbarkeit zu fallen/ oder wol gar lieber vom Hencker/ als einem redlichen Feinde umbkommen. Nichts sey so arg/ wessen sie sich nicht von einem erzuͤrnten Feinde/ welcher so gar von keiner Behandelung hoͤren wolte/ zu befuͤrchten haͤtten. Sie wuͤrden nichts minder/ wenn sie sich ergeben/ als wenn sie uͤberwunden wuͤrden/ sterben muͤssen. Dieser Unterscheid waͤre es alleine/ daß man auf jene Art die Seele mit Spott/ auff diese tugendhafft ausbliesse. Alles sey so viel mehr unsicher/ iemehr ihm Schimpf anklebte. Muͤste es auch ja gefallen seyn/ waͤre es ruͤhmlicher der Gefahr die Stirne/ als den Nacken darbieten. Ta- pferkeit muͤste auch der Feind loben/ und groß- muͤthige Gegenwehre stuͤnde nicht alleine Hel- den wol an/ sondern sie risse auch offt Ver- zagte aus ihrem Untergange. Sie wuͤrden an Hertzhafftigkeit dem Feinde hoffentlich nichts bevor geben/ an Guͤte der Waffen waͤren sie den Deutschen uͤberlegen; sie haͤtten den Wall zu ihrem Vortheil/ und die Noth/ welche das letzte und beste Gewehre waͤre/ diente ihnen zu einem kraͤfftigen Beystande. Cejonius aber/ welcher die hoͤchste Gewalt uͤber das Laͤger hatte/ rieth das ausdruͤckliche Widerspiel. Es wiese es der Augen-Schein/ daß die Goͤtter diesesmal wider die Roͤmer selbst gekrieget haͤtten. Ja diese haͤtten diß Unheil ihnen durch vielfaͤltige Wunder - Zeichen angekuͤn- digt. Der Blitz habe zu Rom in den Tempel des Kriegs-Gotts geschlagen. Die Gipfel des Apenninischen Gebuͤrges waͤren uͤberein- ander gefallen/ und aus selbten drey Feuer- Saͤulen empor gestiegen. Der Himmel habe zeither offt in vollem Feuer gestanden/ und haͤtten sich unterschiedene Schwantz-Sterne sehen lassen. Es waͤren von Mitternacht her Lantzen in ihr Laͤger geflogen kommen/ die Bienen haͤtten etliche ihrer Opfer-Tische mit Wachs uͤberzogen. Das Bildnuͤß des Sie- ges habe sich fuͤr einem darfuͤr tretenden Deut- schen umbgewendet/ und sein Gesichte gegen Rom gekehret. Umb die Roͤmischen Adler waͤre etlichemal ein blinder Lermen entstanden/ und die Wache sey/ gleich als die Barbarn ein- Arminius und Thußnelda. eingefallen/ daruͤber erschreckt worden. Alles dieses haͤtte der Goͤtter unversoͤhnlichen Zorn/ der Roͤmer unvermeidlichen Verderb angedeu- tet. Varus habe diß alles veraͤchtlich in Wind geschlagen/ wiewol dem/ was das Ver- haͤngnuͤß iemanden schon bestimmte/ koͤnne man nicht entgehen/ wenn man es schon vorher wahrnehme. Dahero waͤre es ihres Orts nu- mehro eine grosse Thorheit/ wider das Verhaͤng- nuͤß zu Felde ziehen/ eine Klugheit der unauff- haltbaren Nothwendigkeit aus dem Wege weichen. Jhrer waͤren noch eine Handvoll gegen das sich noch taͤglich vergroͤssernde Heer der Deutschen. Da nun die gantze Roͤmische Macht gegen diesen Sturm - Wind viel zu ohnmaͤchtig gewest waͤre/ was solten sie wenige und meist hart verwundete ausrichten? Der Deutschen Grausamkeit habe zeithero sich nach den Roͤmischen Sitten mercklich gemiltert. Und da sie auch ihre Kriegs-Art von Ermor- dung der Ergebenen nicht zuruͤcke hielte/ wuͤr- den sie doch ihrer eignen Landsleute und Bluts- Freunde schonen/ welche in Roͤmischer Gefan- genschafft begriffen/ also gleichmaͤssiger Rache unterworffen waͤren. Sie wuͤrden selbst Gott dancken/ gegen sie die Jhrigen auszuwechseln. Der Uberwinder schriebe dem Uberwundenen willkuͤhrliche Gesetze fuͤr. Dahero sey es mehr gewoͤhn-als nuͤtzlich gewisse Absaͤtze zu behan- deln. Denn wer koͤnne dem Sieger die Haͤnde binden/ daß er die verwilligte Abrede nicht breche? Dahero hielte er fuͤr rathsamer sich der Gnade ihrer Feinde/ welche ja noch Menschen/ keine Ungeheuer waͤren/ zu erge- ben/ und durch Streichung der Segel den Jh- rigen und dem Vaterlande sich zu erhalten/ als aus Hartnaͤckigkeit ihm eitele Ehre erzwin- gen wollen und zu Grunde gehen. Er waͤre zwar bereit/ wenn denen Belaͤgerten oder Rom darmit was geholffen wuͤrde/ sich zum Schlacht- Opfer fuͤr sie eigenhaͤndig hinzugeben. Auch schiene die Ergebung schimpflich/ die verzwei- felte Gegenwehr mehr ruͤhmlich zu seyn: Allei- ne diese waͤre doch dem Vater-Lande/ dem sie durch jene noch erhalten wuͤrden/ nicht so nuͤtz- lich. Nun aber waͤre es groͤssere Liebe dem Vaterlande mit seiner Schande/ als mit seinem Tode dienen. Also solten sie sich gegenwaͤrti- ger Noth nur unterwerffen/ welche die maͤchti- gen Goͤtter selbst nicht uͤberwinden koͤnten. Die meisten fielen dem Cejonius bey; also wur- den auch die Tapfersten uͤberstimmet/ wie es ins- gemein zu geschehen pfleget/ wo die Meynun- gen gezehlet/ nicht gewogen werden. Der deutsche Ritter/ welcher ihnen bald an- fangs angedeutet hatte/ daß ihre Ergebung kei- ne Bedingung zuliesse/ ward hierauf fuͤr die Versammlung gebracht/ und Cejonius eroͤffne- te ihm: Nachdem die Goͤtter seinem Feldherrn die Ehre eines so grossen Sieges zugedacht/ muͤ- sten sie der Zeit/ dem Verhangnuͤsse und seiner Tugend weichen: sich also ergeben. Jhnen und allen Uberwundenen sey es ein Trost/ von einem so grossen Helden uͤberwunden worden seyn. Weil es auch ihm so gefiele/ wolten sie durch keine Unterhandlung ihm die Zusage sei- ner Gnade abnoͤthigen. Die Tugend eines hertzhaften Uberwinders sey ein sicherer Pfand der Sanftmuth/ als betheuerliche Worte. Sich selbst uͤberwinden sey der groͤste Sieg/ und eines Siegers groͤster Ehren- Ruhm/ gegen Gefan- gene Erbarmnuͤß uͤben. Ein einig erhaltener Feind sey ein schoͤneres Siegsmahl als tausend todte Leichen. Nichts hingegen besudele die Lorbern eines Uberwinders mehr als das Blut/ wormit sie die Rachgier nach schon abgekuͤhltem Gebluͤte und geendigter Schlacht bespritze. Mit dieser erwuͤntschten Verrichtung und einer guten Anzahl Roͤmischer Geissel kehrte der Ritter zu seinem Feldherrn/ Cejonius aber be- fahl/ daß alle im Lager befindliche Waffen auf einen Hauffen getragen/ die Pforten des Laͤgers aufgesperret/ und ein ieder numehro den Grim̃ des Feindes/ den sie mit Waffen abzulehnen H 2 nicht Erstes Buch nicht vermocht/ mit demuͤthiger Begegnung be- saͤnftigen solte. Fuͤrst Malovend aber/ und Apronius ein Roͤmischer Oberster/ welchen nebst vielen andern uͤber der Entwafnung so vieler tapfern Kriegs-Leute die Augen uͤbergiengen/ und dahero des Cejonius kleinmuͤthige und schimpfliche Entschluͤssung verdammten/ hatten aus Verdruß zwar ihrer eigenen Wolfarth/ nicht aber des noch uͤbrigen Roͤmischen Adlers vergessen. Dahero eilten sie zum Emilian/ der ihn in seiner Verwahrung hatte/ hielten ihm die ihnen allen daraus erwachsende Schande ein/ da dieses guͤldne Kleinod und Zeichen der Roͤmi- schen Hoheit in die Haͤnde des Feindes geliefert wuͤrde; worden also schluͤssig/ solchen in einen im Laͤger befindlichen Sumpf zu verstecken. Hertzog Herrmann wolte bey so gluͤcklichen Begebenheiten weder einige Zeit verlieren/ noch Gelegenheit versaͤumen/ gab alsobald Befehl/ daß die Reiterey/ und ein Theil des Fuß-Volcks ins Laͤger ruͤcken/ die vier Pforten/ ihre Thuͤr- me/ das in der Mitte auf einem Huͤgel stehen- de und gleich einem Tempel mit einem Opfer- Tische versehene Haupt-Zelt des Feldherrn/ welches von Seide und Goldstuͤck war/ auch ge- wuͤrffelte Persische Teppichte zum Fuß-Boden hatte/ das Zeug-Haus nebst andern vornehmen Plaͤtzen besetzen/ und die Waffen der Belaͤgerten in Verwahrung nehmen solte. Als nun diß alles in genungsame Sicherheit gebracht/ ritte er unter der Begleitung Hertzog Jnguiomers/ des Cattischen und anderer Fuͤrsten ins Laͤger; welchen Cejonius fuͤr der Pforte begegnete/ dem Feldherrn die Schluͤssel fußfaͤllig uͤberlieferte/ ihn auch fuͤr sich und die Ergebenen umb eine leidliche Gefaͤngnuͤß und Beschirmung fuͤr den gemeinen Kriegs-Knechten anflehete. Sinte- mal diese schwerlich reine Haͤnde behalten koͤn- ten/ wo der Sieg ihnen zugleich den Werckzeug zur Rache/ und Gelegenheit zur Beute dar- reckte. Die Großmuͤthigkeit eines so grossen Uberwinders liesse sie nichts widriges besorgen/ weil so denn weder Menschen noch Goͤtter ihm den herrlichen Sieg mißgoͤnnen koͤnten. Die vorigen Merckmale seiner Guͤtigkeit haͤtten sie beredet/ daß sie ihre Ergebung einer verzwei- felten Gegenwehr fuͤrgezogen haͤtten/ weil sie glaubten/ es wuͤrden sie so wenig der Deutschen Bothmaͤssigkeit/ als ihn ihrer demuͤthigen Un- terwerffung gereuen. Der Feldherr versetzte ihm: Man wuͤrde nach denen Gesetzen des Va- terlandes/ nach dem Beyspiel der uͤber die Deut- schen ehmals siegenden Roͤmer/ und nach Maaß- gebung der Kriegs-Rechte gegen sie verfahren. Worauf Cejonius/ Fuͤrst Malovend/ Arbogast und alle Grossen in Fessel geschlagen/ die ge- meinen Kriegs-Knechte aber ie zehn und zehn aneinander gekoppelt/ und nebst der gefundenen reichen Beute unter die Uberwinder eingethei- let/ die ins Laͤger zuruͤckgebrachte Schriften des Varus und alle andere Geheimnuͤsse sorgfaͤltig auffgesucht und auffgehoben worden. Es haͤtte einen Stein in der Erden jammern moͤgen/ das erbaͤrmliche Winseln der Gefangenen/ welche an Stricken gleich als Heerden unvernuͤnfti- gen Viehes fortgetrieben wurden/ und nun al- lererst ihre Zagheit zu bereuen/ des Cejonius aber zu verfluchen anfingen. Wiewol nun Hertzog Herrmann und andere Fuͤrsten ihr Volck mehrmals ermahnten/ sie sol- ten sich mit der Beute vergnuͤgen/ hingegen un- barmhertziger Blutstuͤrtzung enthalten; denn es wuͤrde den Schirm-Goͤttern Deutschlandes schon ein austraͤgliches/ und die allgemeine Ra- che vergnuͤgendes Antheil aufgeopfert werden; so war es doch unmoͤglich uͤber so viel tausend ein nichts uͤbersehendes Auge zu haben/ und in ihren kriegerischen Gemuͤthern das Gedaͤchtnuͤß so mannigfaltigen Unrechts/ als einen leicht fan- genden Zunder der so suͤssen Rache zu vertilgen. Deñ etliche stelleten ihre Gefangene auf der ab- gehauenen Baͤume Stoͤcke empor/ und liessen ihre Knaben nach ihnen mit Pfeilen zum Ziel schuͤssen. Viel spisseten die Schaͤdel der Todten auf Arminius und Thußnelda. auf die Gipfel der Baͤume/ oder baueten aus de- nen abgefleischten Knochen Huͤtten. Andere/ und insonderheit die unter dem Feldherrn kaͤmpfen- den Cimbreꝛ/ machten aus denen abgeschnittenen Haaren Stricke/ und hingen ihre Gefangenen darmit an die Aeste. Denn die streitbaren Deutschen lassen insgemein ihre Haare weder Scheere noch Scheer-Messer beruͤhren/ biß sie einen Feind erwuͤr get/ und so denn legen sie mit ihrem Haare zugleich ihr gethanes Geluͤbde ab; gleich als wenn sie so denn allererst ihrem Va- terlande ihr freyes Antlitz zu zeigen/ und sich eines Deutschen Uhrsprunges zu ruͤhmen be- rechtigt waͤren. Die Reiterey hackten vielen die Koͤpfe ab/ und steckten sie theils auf ihre Lan- tzen/ theils auf die Wipfel der Baͤume/ theils schlugen eiserne Haspen in die Koͤpfe/ und hin- gen selbte ie zwey und zwey uͤber den Hals ih- rer Pferde; gleich als wenn diese blutige Merck- male nicht allein die Kenn-Zeichen ihres Sieges waͤren/ sondern auch guͤldene und Purperfaͤr- bichte Ausputzungen uͤbertraͤffen. Am aller- grausamsten aber ward auff die gefangenen Sach-Redner und Gerichts-Anwaͤlde gewuͤ- tet. Es war unter denen Kriegsleuten Her- megildis/ eine Frau Adelichen Standes/ welche nichts minder ihre angebohrne Hertzhafftigkeit/ als die Rache/ theils wegen ihres ermordeten Eh- Herrns/ theils ihrer geschaͤndeten Tochter die Waffen anzulegen bewogen hatte. Denn es hatte Munatius/ ein Roͤmischer Hauptmann/ den ersten wegen eines geringen Unvernehmens und daraus gefaßten aber verstellten Grolles bey seinem eigenen Tische durch Gift hinge- richtet/ sich auch dieser Mordthat/ als eines wider einen plumpen Deutschen ruͤhmlich aus- geuͤbten Kunst - Stuͤckes offentlich geruͤhmet. Ob sie nun wol diese Mordthat bey dem Varus geklaget/ schuͤtzte doch Munatius fuͤr/ es koͤnte wider ihn keine groͤssere Straffe statt finden/ als die Deutschen gegen Frembde und Einhei- mische in solchen Faͤllen ausuͤbten. Diese aber buͤsseten einen Todschlag mit’ einem Pferde oder einem Rinde. Die Klaͤgerin versetzte: Diese Busse haͤtte nur im redlichen Zwey- kampfe/ nicht in heimlichem Meuchel-Morde statt; Varus haͤtte auch den Deutschen die Roͤmischen Straff-Gesetze auffgedrungen; also muͤste der Thaͤter seines Vaterlandes Satzun- gen so vielmehr unterworffen seyn. Als nun Munatius nirgends keine Ausflucht wuste/ und die Klaͤgerin sich gleich eines gerechten Urthels/ dessen sie Varus gegen Abheischung fast ihres gantzen Vermoͤgens versichert hatte/ versahe/ wischte Munatius mit einem Gna- den-Briefe herfuͤr/ welchen seine Freunde ihm auff des Varus selbsteigne Vor-Schrifft beym Kayser zu Rom ausgebracht hatten. Jhre wun- derschoͤne Tochter aber hatte sie dem Antistius/ einem Roͤmischen Juͤnglinge/ gegen sein bey ihr betheuerlich gethanes Versprechen/ daß er beym Varus viel vermoͤchte/ und ihr zu Aus- uͤbung gerechter Rache wider den mit ihm oh- nediß in Feindschafft stehenden Munatius un- fehlbar verhelffen wolte/ nach ihrer einfaͤltigen Landes-Art verlobet; ihm auch ihres Vaters Pferd und Waffen/ ja wider die Gewohnheit der Deutschen noch ein ansehnliches an Guͤ- tern zugebracht. Nach wenigen Tagen aber verhielt er sie gar geringschaͤtzig/ und erklaͤrte offentlich/ daß er sie nicht fuͤr sein Eh-Weib/ sondern fuͤr eine blosse Bey-Schlaͤferin erken- nete. Die hierdurch hoͤchst - bekuͤmmerte Mutter und Freundschafft kamen mit ihrer beschimpften und endlich gar verstossenen Tochter fuͤr den Varus Antistius aber schuͤtz- te fuͤr/ daß die geklagte Heyrath so wol wegen unterlassener Roͤmischen Verlobungs - Ge- braͤuche/ als seines Vatern ermangelnder Einwilligung zu solcher Eh von Unkraͤfften waͤre; ja er hielt sie noch hoͤhnisch/ vorgebende/ daß eine deutsche Sclavin mehr denn zu viel Ehre erlangt haͤtte/ wenn sie ein Roͤ- mischer Edelmann des Bey-Schlaffs wuͤrdigte. H 3 Und Erstes Buch Und hiermit musten sie zwar schimpfflich abzie- hen; solche Ehrenkraͤnckungen aber schrieben sie mit unausleschlichen Buchstaben in das Buch unvergeßlicher Rachgier. Diese Her- megildis nun erblickte unter den Gefangenen ungefehr den Titus Labienus/ wegen seiner Stachel-Reden ins gemein Rabienus genennt/ dessen Schrifften auch vermoͤge eines ausdruͤck- lichen Rathschlusses offentlich zu Rom verbrennt wurden. Dieser hatte sich deßwegen zwar in seiner Ahnen Begraͤbniß lebendig einschliessen lassen/ ward aber vom Kayser daselbst weg und aus Rom geschafft/ kam also zum Varus und gab im Laͤger den vornehmsten Sach-Redner ab/ hatte auch in oberwehnten Rechts-Haͤndeln so wohl den Munatius als Antistius spoͤttisch und anzuͤgerlich vertheidigt. So bald fiel selb- ter der Hermegildis nicht ins Gesichte/ als ihr Hextze Gifft und Galle zu kochen/ die Augen a- ber Grimm und Feuer auszulassen anfingen. Hiermit wechselte sie ihn gegen drey andere Gefangene aus/ um mit seinem Blute so wohl ihren Zorn abzukuͤhlen/ als ihrer besudelten Tochter Flecken abzuwaschen. Der uͤbermaͤßi- ge Eyfer ließ sie wenig Worte machen; dahero ergriff sie den in Fessel geschlossenen Labienus/ schnitt ihm eigenhaͤndig das Glied/ welches sie empfindlich verletzt hatte/ nehmlich die Zunge aus dem Maule/ und nachdem sie selbte grim- miger/ als es die erbitterte Fulvia der Zunge des beredten Cicero mitspielte/ mit Pfruͤmen zerfleischt hatte/ reckte sie selbte mit diesen Wor- ten empor: zische mich mehr an/ du gifftige Nat- ter. Ja sie nehete ihm gar die erblassenden Lip- pen zusammen/ gleich als wenn sie seine Entse- lung noch nicht versicherte/ daß auch sein todtes Schmach-Maul die Zaͤhne auff sie nicht mehr blecken wuͤrde. Dieses Beyspiel verhetz- te viel andere Deutschen gegen die Sach-Red- ner. Einer beschwerte sich/ daß dieser ihm sein Erbgut abgerechtet hette/ unter dem Vorwand/ daß in den eroberten Landschafften aller liegen- den Gruͤnde Eigenthum dem Kaͤyser verfallen waͤre; Ein ander klagte: daß jener eine unred- liche Handlung/ durch welche er um ein gros- ses Theil seines Vermoͤgens betrogen worden/ als guͤltig verfochten haͤtte/ weil die Roͤmischen Rechte die Verfortheilungen/ biß zur Helffte des wahren Preißes/ zulaͤßlich erkennten; der drit- te schmaͤhete einen andern/ der seines Anver- wandten letzten Willen wegen Mangel einer spitzfindigen Zierligkeit umgestossen/ und die Erbschafft dem Land-Vogte verfallen zu seyn ausgefuͤhret haͤtte. Mehr andere verfluchten die von ihnen selbst kostbar gebrauchten An- walde/ welche ihnen ihr letztes Marck ausgeso- gen/ gleichwohl aber die Geheimnuͤsse ihrer an- vertrauten Sache dem Gegentheile zu verra- then sich hatten erkauffen lassen/ und viel ver- zweiffelte Trauerfaͤlle verursacht. Dahero kuͤhlte ieder Beleidigter an den Sachrednern seinen Muth/ und wurden einem Theile die Augen ausgestochen/ einem andern die Haͤnde/ vielen die Zungen und Lippen abgeschnitten/ al- so/ daß/ so viel ihrer nur ausgeforscht wurden/ keiner die Erbarmung seines Uberwinders zu erbitten vermochte/ und der gantze grosse Wald/ wodurch sich das Heer gegen Deutschburg zuruͤ- cke zoh/ nachdem der Feldherr das Roͤmische Laͤ- ger zu schleiffen ein Theil zuruͤck gelassen hatte/ allenthalben blutige Gedaͤchtniße grimmiger Uberwinder behielt. Denn ob wohl einige der Meinung waren/ daß die Deutschen dieses so starck befestigte Laͤger zu ihrer Sicherheit wider die Roͤmer in solchen Stande lassen und besetzen solten/ widerrieth es doch der Feldherr/ mel- dende: der Deutschen Bruͤste waͤren ihre feste- ste Mauren/ die von Steinen erbaueten Waͤl- le aber nur Zuchthaͤuser und Fessel der Dienst- barkeit. Zu dem verlernten auch wilde Thiere ihre Hertzhafftigkeit/ wenn sie eingesperretwuͤr- den. Folgenden Morgen kam der Feldherr mit den andern Haͤuptern auff die erste Wallstatt/ und Arminius und Thußnelda. und wie ieder unter ihnen freudig zu erzehlen wuste/ wo einer und der andere getroffen; wo es am schaͤrffsten hergegangen; wo die Roͤmer am ersten gewichen; wo Segesthes gefallen waͤre; also geriethen sie endlich auch auff die Stelle/ wo sich Qvintilius Varus verzweiffeln- de selbst hingerichtet hatte/ funden aber daselbst zwey Roͤmische Kriegsknechte/ welche eine Gru- be zuscharreten/ und auff bedraͤuliche Befra- gung um ihr Vornehmen/ zur Antwort ga- ben: Sie waͤren in der Schlacht von empfan- gen Wunden fuͤr todt liegen blieben/ als sie aber nach ihrer Ohnmacht wieder zu sich selbst kom- men waͤren/ haͤtten sie den zwar enthaupteten Leib ihres Feldherrn erkennet/ und ihrer Pflicht zu seyn erachtet/ theils mit etlichen zerbrochenen Degen/ theils mit ihren eigenen Naͤgeln ein Grab zu scharren/ und/ nachdem auch die A- meisen und Bienen ihre Todten begruͤben/ ihn zu beerdigen. Die Fuͤrsten lobten zwar ihre Froͤmmigkeit; sonderlich/ da sie fuͤr Schwach- heit wegen des so viel weggelassenen Blutes nicht selbst auff den Fuͤssen zu stehen vermochten; Fuͤrst Sesitach aber war der erste/ der dem Fein- de diese Begraͤbnuͤß-Ehre zu goͤnnen wider- rieth. Als sie nun befehlicht worden den Leich- nam wieder auszugraben/ versetzte einer unter ihnen Mustonius: die Feinde pflegten ja auch den Todten eine Hand voll Erde den Hafen deß entseelten Leibes zu goͤnnen. Die Heleer haͤtten fuͤr unmenschlich und fuͤr eine Verletzung des Voͤlckerrechts gehalten/ wenn man die tod- ten Feinde nicht begruͤbe. Bey denen Atheni- ensern waͤren die Heerfuͤhrer zum Tode ver- dammet worden/ die solches unterlassen; wo- durch Chabrias seine unterlassene Verfolgung der geschlagenen Spartaner entschuldiget; Und der sonst von Natur so grausame Hannibal haͤt- te die Roͤmer sorgfaͤltig beerdigen lassen. Die Deutschen wuͤrden sich mit dem Schandflecke der Parther und Nabatheer zuversichtlich nicht beflecken/ welche aller wohl gesitteten Voͤlcker Fluch verdienten/ daß die ersten die Magen der Woͤlffe und Raubvoͤgel zu Saͤrgen ihrer Todten werden liessen/ und hernach erst die nack- ten Gebeine begruͤben; die andern aber ihre Lei- chen den Misthauffen wiedmeten. Auch trau- ten sie ihnen nicht zu/ daß sie/ wie die Scythen/ des Varus Leiche zum verspeisen verlangten. Des grossen Alexanders Vater haͤtte dadurch seinen Ruhm nicht wenig verkleinert/ daß er nicht nur die Gefangenen/ sondern auch die er- schlagenen Thebaner verkaufft/ und auff ihre Begraͤbniße einen Zoll geschlagen. Wolten sie denen andern todten Roͤmern die Ruhe im Grabe nicht goͤnnen/ solten sie solche doch einem Roͤmischen Buͤrgermeister und Feldherrn nicht verweigern. Und da ihn seine Wuͤrde dessen nicht faͤhig machte/ haͤtte er solches durch seine letzte Großmuͤthigkeit nichts minder als De- mosthenes verdient; welcher von den sonst so sehr erbitterten Syracusiern nur deßwegen ehrlich begraben worden waͤre/ daß er nach verlohrnem Kriegs-Heere mehr Hertz als Nicias bezeuget/ indem er durch sein eigen Schwerdt ihm selbst vom Leben und aus der Dienstbarkeit geholffen. Auch waͤre des Varus Leiche dieser wenige Sand so vielweniger zu mißgoͤnnen/ nachdem ihm ohnediß nicht die letzte Pflicht nach Roͤmi- scher Art durch Einaͤscherung des Leibes ge- schehen koͤnte. Sesitach fuhr den Mustonius an/ Varus waͤre der Erde nicht werth/ und sie solten alsofort ihn ausscharren. Zumahl diese Einscharrung ohne diß nicht den Roͤmern ge- maͤß seyn solte. Haͤtte doch Sylla bey Anien des Marius Asche nicht unbeirret gelassen/ son- dern auffs schimpfflichste zerstreuet. Diesem begegnete der andere Roͤmer Qvintus Julius Posthumus/ des beruͤhmten Landvogts in Dal- matien Sohn: Die Verbrennung waͤre bey den Roͤmern keine unveraͤnderliche Nothwen- digkeit. Das edle Geschlechte der Cornelier haͤtte ausser dem Sylla sich unversehrt in die frische Erde legen lassen. Sie haͤtten weder so viel Erstes Buch so viel Kraͤffte noch Leichtsinnigkeit den Beer- digten auszuscharren/ und ihr gutes Werck nu- mehr mit einem aͤrgern Laster zu besudeln. Bey den Roͤmern und allen wohlgesitteten Voͤlckern waͤren die Begraͤbniße heilig. Die Mutter aller irrdischen Dinge bezeugte so denn/ wenn sie den Menschen von der Natur absonderte/ allererst ihre groͤste Mutter-Liebe/ weil sie die Leichen durch ihre Bedeckung unversehrlich machte. Sie wuͤrden ihnen hierdurch nicht geringern Zorn und Straffe der Goͤtter auff den Hals ziehen als Creon/ welcher den Haͤemon seinen Sohn auff dem Grabe seiner verlobten Antigone sich selbst ermorden/ seine Gemahlin Eurydice sich eigenhaͤndig hinrichten/ und sich selbst in hoͤchster Verzweiffelung haͤtte sehen muͤs- sen/ weil er die Leiche deß vom Eteocles erlegten Polynices wieder ausscharren/ die ihn begra- bende Antigone aber in eine Hoͤle lebendig ein- mauern lassen. Der sonst in allem so gluͤckse- lige Sylla waͤre darinnen allein ungluͤckselig gewest/ daß er des Marius beerdigten Coͤrper ausgegraben/ seinen Kopff zu offentlicher Schau auffgestellet/ und dadurch nicht allein seinen Ruhm besudelt/ sondern seine Leiche auch wi- der des Cornelischen Geschlechts Begraͤbniß- Art/ aus Beysorge ebenmaͤßiger Ausscharrung/ haͤtte verbrennen lassen muͤssen. Wolte man aber den wenigen Sand um ein Stuͤck Gol- des verkauffen/ wuͤrde selbtes nicht mangeln. Ja da Cimon die Freyheit seines im Kercker verschmachteten Vaters Leiche zu beerdigen sich in sein Gefaͤngniß und Fessel schliessen lassen; Sie aber keine Freyheit um ihres Feldherrn Leiche zu kauffen uͤbrig haͤtten/ were er erboͤtig mit seinem Leben auch seine Beerdigung zu ent- behren/ wenn nur des Varus ohne diß durch den abgerissenen Kopff genugsam beschimpffte Leiche nicht wieder ans Tagelicht kommen doͤrf- te. Hertzog Herrmann nahm die tugendhaffte Entschluͤssung dieser zweyen Roͤmer wohl auff/ entbuͤrdete sie deꝛ anbefohlnen Ausgrabung/ und befahl: daß sie in ihrer Gefangenschafft ehrlich gehalten/ und von der Ausgrabung des Va- rus verschonet werden solten; ob schon die Roͤ- mer weder die Graͤber noch die Leichen ihrer Feinde/ noch auch ihre eigene Grabmahle/ wo das Haupt nicht laͤge/ fuͤr heilig hielten. Ob nun wohl des Varus Leiche dergestalt unauff- gescharꝛet blieb/ so ward doch selbte von dem nach- ziehenden ergrimmten Kriegs-Volcke/ und zwar meist auff Anstifftung des Fuͤrsten Sesi- tachs ausgegraben/ und auff einem Karne mit fort geschleppt. Denen andern in der Schlacht umkommenen ward das beste zur Beute abge- nommen/ und blieben ihre Leichen zwischen den erschlagenen Pferden und zertruͤmmerten Waf- fen unbeerdigt liegen. Die aber/ welche von denen Deutschen in der Schlacht geblieben wa- ren/ wurden von ihren Befreundeten oder Ge- ferthen auffgehoben/ auff unterschiedenen auff- gerichteten hohen Holtzstoͤssen nebst ihren Pfer- den und Waffen nach ihrer Lands-Art verbren- net/ und ihre Asche hernach beerdigt. Wiewohl auch viel Leichen hohen Standes von der Wall- statt zu herrlicherm Begraͤbnis-Gepraͤnge weggefuͤhret wurden. Die Deutschen/ welche der Feldherr zu Bewachung der Wallstatt ver- lassen hatte/ betheurten einmuͤthig/ daß bey der Abends-Demmerung die erschlagenen Todten sich auffgerichtet/ und auffs neue mit einander die gantze Nacht durch geschlagen haͤtten/ gleich als wenn ihre Verbitterung sich nicht an einem Tode vergnuͤgen koͤnte. Ja es ereignete sich bey Absonderung der Todten/ daß ihrer unter- schiedene/ welche auff oder nahe an einander la- gen/ einander in dem letzten Grimme Nasen und Finger abgebissen hatten. Der Feldherr war noch eine halbe Meil- weges von Deutschburg entfernet/ als ihm ei- ne grosse Menge Volcks entgegen kam. Zu- foͤrderst gingen die Barden und die heilige Auri- nia mit fuͤnffhundert edlen Jungfrauen. Jene waren mit langen weissen Kleidern angethan/ ihre Arminius und Thußnelda. ihre Haͤupter waren mit Kraͤntzen aus Eiche- nem Laube/ welcher Baum bey ihnen fuͤr heilig gehalten wird/ umgeben/ und sie bliessen mir Krummhoͤrnern die annahenden Sieger freu- dig an/ und vermischten diß Gethoͤne mit des jauchzenden Volcks Frolocken. Diese waren theils mit Himmelblauen/ theils mit Meergruͤ- nen Roͤcken bekleidet/ ihre weissen Haarlocken/ mit welchen der anmuthige Westwind spielte/ waren mit Blumen-Kraͤntzen geschmuͤckt. U- ber ihre Achseln hingen Bogen/ und an der Seite mit Pfeilen gefuͤllte Koͤcher. Jhr Ge- wand verdeckte mit Fleiß die rechten Bruͤste/ da hingegen die lincken gantz bloß zu sehen wa- ren/ um denen streitbaren Siegern gleichsam neue Amazonen fuͤrzubilden. Jhre schnee- weissen Fuͤrtuͤcher hatten sie auffgeschuͤrtzt/ und mit allerhand Blumen angefuͤllt. Jn der Mit- te folgte selbst der Priester Lybis nebst sieben an- dern Priestern in schneeweissen Roͤcken. Bey Naͤherung des Feldherrn/ neigte sich die gantze Schaar gegen Jhm mit grosser Ehrerbiettung/ und er selbst saß vom Pferde ab/ welchem der Priester Lybis mit allerhand andaͤchtigen Ge- behrdungen einen von Lorberblaͤttern/ und mit gesponnenem Golde umflochtenen Siegs- Crantz auffsetzte. Als Hertzog Herrmann hier- auff wieder zu Pferde saß/ gingen Anfangs die Jungfrauen/ hernach die Barden/ endlich Libys und seine Gefaͤrthen fuͤr denen Fuͤrsten her. Diese zuͤndeten in ihren Rauch-Faͤssern Wey- rauch und Agstein an; die Jungfrauen aber straͤueten allerhand Blumen auff den Weg/ und wechselten mit den Barden gegeneinander singende nachfolgende Reimen ab: Die Jungfrauen. Eilt/ wuͤnscht unsern Helden Gluͤcke/ Eilt/ bewillkommt unser Heer/ Das mit Palmen kommt zuruͤcke/ Reich von Ruhm/ von Beute schweer! Singt den Fuͤrsten Sieges-Lieder/ Die so sieghafft kommen wieder! Die Barden. Die Schutzherrn ihres Volcks/ des Vaterlandes Vaͤter/ Die fuͤrs gemeine Heil behertzt zu Felde ziehn/ Die fremde Dienstbarkeit/ Mordstiffter/ Ertzverraͤther/ Bey uns mit Strumpff und Stiel zu tilgen sich bemuͤhn/ Die kan der Himmel nicht Sieg-Huͤlff- und Trostloß lassen/ Noch ihr unendlich Lob der Sonnen Zirckel fassen. Die Jungfrauen. Schmuͤckt mit Blumen Bahn und Wege/ Herrmann hat verdient: daß man Jhm die Haͤnde unterlege/ Und zum Vater ihn nehm’ an. Daß er/ weil er lebt auff Erden/ Schon vergoͤttert moͤge werden. Die Barden. Alcides mahlt uns ab ein Vorbild unsers Fuͤrsten/ Der durch der Tugend Trieb biß zu den Sternen flog. Jhr Zunder hieß sie zwey nach Ruhm und Ehre duͤrsten/ Als beyder Zunge noch an Mutter-Bruͤsten sog. Wie Hercules zerrieß zwey Schlangen in der Wiege/ So jung erwarb auff Neid und Mord-Lust Herrmann Siege. Die Jungfrauen. Nesseln pflegen bald zu brennen/ Und aus zarten Kreilen sind Loͤw und Adler zu erkennen/ Cyrus herrscht als Hirt und Kind. Unsers Herrmanns zarte Jugend Zeigt vollkommnen Witz und Tugend. Die Barden. Alcidens Klugheit siegt beym grossen Scheide-Wege/ Als ihn die Wollust dort/ hier Tugend lockt zu ihr. Rom reitzt auch unsern Held auff seiner Ehrsucht Stege/ Er aber zog das Heil des Vaterlandes fuͤr/ Der Tugend rauhe Bahn/ den Weg voll Dorn und Hecken. Jtzt aber laͤtzt sie Jhn die suͤssen Fruͤchte schmecken. Die Jungfrauen. Disteln sind der Tugend Wiegen/ Bleibt Sie aber standhafft stehn/ Sieht man sie auff Sammet liegen/ Und auff weichen Rosen gehn. Streuet Blumen/ werfft Narcissen/ Zu des grossen Hermanns Fuͤssen. Die Barden. Alcides toͤdtete das wilde Schwein/ den Riesen/ Den Ochsen und den Loͤw/ den Drachen/ den Busir. Des Varus Grausamkeit und Mordlust hat erwiesen: Schwein/ Ochse/ Riese/ Drach’ und das ergrimmste Thier Sey Schatten gegen ihm/ und seiner Hencker Wuͤtten. Fuͤrst Herrmann aber hat den Kopff ihm abgeschnitten. Erster Theil. J Die Erstes Buch Die Jungfrauen. Schande kroͤnt den Ubelthaͤter/ Ehre wahrer Helden Haupt. Fessel sind fuͤr die Verraͤther. Herrmans Scheitel wird umlaubt Mit verdienten Lorber-Krouen/ Seine Tugend zu belohuen. Die Barden. Alcides trieb hinweg des Stymphalus Gefluͤgel/ Das eitel Menschen-Fleisch zu essen luͤstern war; Nahm den Amazonen die Guͤrtel und die Spiegel; Fuͤrst Hermann reißt sein Volck aus groͤsserer Gefahr; Knuͤpfft Schwerdt und Guͤrtel ab/ nicht Weibern/ Kriegesleuten/ Jagt die Raubvoͤgel weg/ und sammlet reiche Beuten. Die Jungfrauen. Eulen muͤssen sich verstecken Fuͤr der Sonnen Glantz und Licht/ Adler sind der Tauben Schrecken/ Menschen siehn fuͤr Goͤttern nicht; Unsrer Helden Spieß und Pfeile Sind den Roͤmern Donnerkeile. Die Barden. Alcides Achsel hat den Himmel unterstuͤtzet/ Der guͤldnen Aepffel Raub frohlockend heimgebracht. Des Monden Brut vertilgt/ das Vaterland beschuͤtzet/ Und den Promotheus von Felsen loßgemacht. Fuͤrst Herrmann tilget Rom/ macht unser Joch zunichte/ Stuͤtzt Deutschland und erwirbt der Freyheit guͤldne Fruͤchte. Die Jungfrauen. Ja/ dem Herrmann ist nichts gleiche/ Freund und Feind gestehet es: Er sey Schutz-Gott unsrer Reiche Unser ander Hercules. Nur daß keine Seulen wissen Seine Thaten einzuschliessen. Die Barden. T uis cons Seele lebt in unsrer Helden Leibern/ Sie fuͤhrt wie Alemann die Loͤwen an der Hand/ Hat Hermion gemacht Kriegs-Helden auch aus Weibern/ So ist dem Herrmann auch die Kunst nicht unbekandt/ Wenn von Thußneldens Schwerdt/ und von Jsmenens Spißen Geharnschte Fuͤrsten falln und ihre Buͤgel kuͤssen. Die Jungfrauen. Grabt der Deutschen Helden Thaten Marmeln/ Ertzt und Baͤumen ein. Diß sind Erndten solcher Saaten. Elbe/ Weser/ Mosel/ Rhein Wird nicht laͤnger Wasser bringen Als mau diesen Sieg wird singen. Nachdem nun endlich der Feldherr mit den andern Grossen auff seinem Schlosse Deutsch- burg ankommen war/ er daselbst die fuͤrnehm- sten Gefangenen in Hafft halten/ das Heer in die nechst angelegenen Oerter biß zu fernerer Entschluͤssung zertheilen/ der Verwundeten wohl pflegen ließ/ sie selbst persoͤnlich heimsuchte und troͤstete/ die tapffern lobte und begabte/ auch fuͤr so herrlichen Sieg den Goͤttern auff den in- stehenden neuen Mond herrliche Opffer zu brin- gen/ und sich seines Geluͤbds zu befreyen Anstalt machte/ kam endlich auch Fuͤrst Catumer sieg- hafft zuruͤcke/ und berichtete: daß er das Schloß Alison/ oder Altzheim/ auff der West-Fuͤrst Ga- nasch auff der Ost-Seiten mit dem Kriegs-Vol- cke/ welches den fluͤchtigen Asprenas verfolgt/ beschlossen haͤtte. Aus diesem habe Lucius Caͤditius auff geschehene Auffoderung ihm schimpffliche Antwort zuentboten: daß so lan- ge er Athem holete/ er von keiner Ubergabe hoͤ- ren; sondern die ihm anvertraute Festung zu ewigen Merckmahle seiner Treue behaupten. oder zu seinem Grabe haben wolte. Da- hero er denn auch zur Gegenwehr und meh- rer Befestigung des Orts Tag und Nacht Anstalt gemacht. Alldieweil sie aber/ diesen vortheilhafftig-gelegenen Platz zu bestuͤrmen/ weder genugsames Fuß-Volck noch Sturm- Zeug bey Handen gehabt/ haͤtten sie aus dem Roͤmischen Laͤger beydes zu bringen Befehl ertheilet. Sie haͤtten aber von einigen im Ausfall erwischten Galliern die Nachricht er- langet: daß die Festung zwar mit Kriegszeu- ge und uͤbermaͤßiger Mannschafft/ welche sich von des Asprenas Heere hinein gefluͤchtet haͤt- ten/ auffs beste versehen waͤre; die Lebensmit- tel aber wuͤrden auffs sparsamste ausgetheilet/ und haͤtte Caͤditius fuͤr/ alles zur Gegenwehr undienliche Volck heraus zu jagen. Sie haͤtten uͤberdiß genau erforschet/ welcher Ge- gend das Kornhaus stuͤnde/ das ihnen denn auch Arminius und Thußnelda. auch ein Gallier nahe hinter der Mauer an- gewiesen. Hierauff haͤtte Hertzog Ganasch und er alsofort Anstalt gemacht/ daß folgen- de Nacht selbiger Gegend zwey hoͤltzerne Seu- len etwas hoͤher als die Mauern der Festung waͤren eingegraben/ und darauff nach Art ei- nes Brunn-Schwengels ein langer Balcken gelegt worden/ mit dessen hinterwaͤrtiger Nie- derziehung gegen der Festung zu ein Korb mit zehn geuͤbten Schuͤtzen waͤre empor gezogen worden. Diese haͤtten/ ungeacht derer von der Mauer auff sie unzehlbar abgeschossenen Pfeile/ mit ihren brennenden Wurff-Spies- sen und Feuer-Pfeilen das Dach des Korn- hauses in Brand gebracht/ und/ wie eiffrig gleich die Roͤmer solches zu leschen bemuͤhet gewest waͤren/ voͤllig eingeaͤschert. Caͤditius haͤtte sein heimliches Ubel derogestalt verra- then/ und uͤber etliche wenige Tage eine so grosse Menge Volcks zu unterhalten kein Mit- tel gesehen/ waͤre also gezwungen worden/ die erste Mitternacht darauff auff der Sud-Sei- ten blinden Lermen zu machen/ auff der Nord- Seiten mit seiner gantzen Macht auszufallen. Dieser waͤre durch die in Bereitschafft stehen- den Hauffen mit blutigem Gefechte durchge- brochen. Er Catumer habe zwar sein gan- tzes Laͤger bald in die Waffen gebracht und den Feind verfolgt/ Hertzog Ganasch waͤre auch mit seinem Kriegs-Volcke durch die verlassene und nun unschwer erbrochene Festung uͤber die Lippe/ und ebenfals dem Feinde in Ruͤcken gegangen/ welcher sie auch mit anbrechendem Tage erreicht haͤtte; Alleine der Morastige Ort/ dahin man mit der Reiterey schwerlich haͤtte kommen koͤnnen/ haͤtte ihnen allen An- griff verwehret. Zwischen solchen Suͤmpfen waͤre er drey Tage bald fort geruͤckt/ bald haͤt- te er wieder Lufft geschoͤpfft/ und bey solchem Zuge theils unertraͤglichen Hunger/ theils weil er bald vor/ bald hinterwerts/ bald auff der Seiten angefallen worden/ empfindlichen Ab- bruch gelitten. Er muͤste seinem Feinde den Ruhm lassen/ daß er durch Erdultung so gros- ser Noth/ mit steter Durchwatung der Pfuͤ- tzen/ mit Abbruch des Schlaffs/ mit unauff- hoͤrlicher Gegenwehr die Unmoͤglichkeit selbst uͤberwunden/ unertraͤgliche Dinge uͤberstan- den/ Caͤditius bey seinem zwar grossen Ver- lust die tauerhafften Deutschen muͤde gemacht/ in seinen Entschluͤssungen weder verwegene Ubereilung/ noch traͤge Langsamkeit began- gen/ endlich wider menschliche Einbildung einen Weg und Furth durch die Lippe gefun- den/ und des Nachts in aller Stille sein mei- stes Volck daruͤber in Sicherheit gebracht/ al- so mit dem Degen in der Faust ihm nicht so wohl einen Weg durch seinen staͤrckern Feind gemacht/ als der Natur selbst abgewonnen habe. Ja es haͤtte geschienen/ als wenn der Himmel sein Elend laͤnger anzuschauen muͤ- de/ und derogestalt mitleidend worden waͤre/ indem er durch etlicher Tage Regen/ bald nach seiner Durchwatung/ den Strom derogestalt angeschwellet haͤtte/ daß Hertzog Ganasch und er sich mit Erober- und Besetzung der Festung Alison/ mit Niederreissung des dem Drusus Claudius zum Gedaͤchtniß daselbst aus Mar- mel auffgerichteten Heiligthums und koͤstlichen Altares/ mit denen zuruͤck gebrachten Gefan- genen/ darunter auch etliche Roͤmische Frau- en waͤren/ haͤtten vergnuͤgen/ und dem Fein- de Zeit sich an den Rhein zu ziehen verstatten muͤssen. Den Tag fuͤr dem Neumonden brachte die Gewohnheit mit/ denen noch etwan uͤbrigen Todten ihren letzten Dienst abzustatten. Denn es hatte eine grosse Anzahl der Grafen/ wel- che auff des Feldherrn Leib bestellet waren/ als auch sonst etliche aus uralten Fuͤrstlichem und viel aus Ritterlichem Stamme ihr Blut fuͤrs Vaterland verspritzet; welche/ ob sie zwar in dem Andencken der Nachwelt ihrer Tugend wegen ewig leben/ doch auch fuͤr ihre Leiber/ J 2 als Erstes Buch als die Wohnstaͤdte so himmlischer Seelen an- sehnliche Gedaͤchtniß-Mahle verdienen. Die- semnach hatte Hertzog Herrmann in dem gros- sen Thale/ rings um den Taufanischen Tem- pel einem ieden einen viereckichten funffzig Schuch hohen/ und zweyhundert Schuch im Umkreiß habenden Holtz-Stoß auffrichten las- sen. Denn grosse Holtzstoͤsse und hocherhabe- ne Graͤber sind nichts minder Kennzeichen hoher Verdienste und Werthhaltung/ als gros- se Schatten Merckmahle grosser Leiber. Die Leichen wurden von der Burg auff erhobenen Stuͤhlen durch eitel Ritter dahin getragen/ welchen in die Hand ein Honig-Kuchen/ in den Mund eine Muͤntze gegeben/ auff das Haupt ein Krantz/ als ein Zeichen der uͤber- wundenen irrdischen Drangsalen/ gesetzt war. Ob nun wohl die Deutschen zeithero bey ih- ren Begraͤbniß-Feyern keine kostbare Pracht gebrauchten/ die Todten mit keinen Kleidern ziehrten/ noch die Holtz-Stoͤße mit wohlruͤ- chenden Salben und Balsamen auffrichteten/ sich auch mit einem aus Rasen erhoͤheten Grab- mahle vergnuͤgten/ und also nicht unweißlich anmerckten: daß aus der Menschlichen Asche/ als dem Merckmahle unser Vergaͤngligkeit/ Ehrgeitz ziehen wollen/ die groͤste Eitelkeit sey; so wolte doch der Feldherr/ bey diesem ungemein herrlichen Siege denen fuͤrs Vater- land ruhmwuͤrdig auffgeopfferten Leichen auch ein ungemeines Gepraͤnge ausrichten. Sie hatten in dem Laͤger einen grossen Vorrath von Zimmet/ Weyrauch/ Myrrhen/ Nar- den und Juͤdischen Balsam/ welchen Varus noch mit aus Syrien bracht/ gefunden. Die- ser ward zu Einsalbung der Leichen und der Holtzstoͤsse verbrauchet. Denn die Deutschen hielten diß fuͤr eine heilsame Verschwendung/ welche ihnen den Zunder zu weibischer Uppig- keit aus dem Wege raͤumte. Jeden Ritters Pferd ward auch geschlachtet/ und nebst seinen gebrauchten Waffen und was dem Verstor- benen sonst etwan lieb gewesen/ mit verbren- net. Die Bluts-Verwandten warffen in die Flamme viel an ihre schon fuͤrlaͤngst verstor- bene Freunde gestellte Brieffe/ in Meinung: daß ihre Seelen hierdurch den Zustand ihrer Nachkommen zu wissen bekaͤmen/ als welche die verbrennten Schrifften zu lesen allerdings faͤhig waͤren. Bey iedem Holtz-Stosse wur- den auch etliche der Gefangenen abgeschlach- tet/ und uͤberdiß musten auff den Graͤbern dieser Helden hundert Paar gefangener Roͤ- mer und Gallier/ auff welche das Loß fiel/ sich zu tode fechten. Ja es fiel die deutsche Ritter- schafft den Feldherrn an: weil die Roͤmer mehrmahls zehn und zwantzig Jahre nach ih- rer Eltern Tode ihre Graͤber mit dem Blu- te derer zum Fechten gezwungener Deutschen/ ja auch Julius seiner Tochter Begraͤbniß da- mit eingeweihet/ andere auch wohl selbst sol- ches in ihren letzten Willen verordnet haͤtten; so moͤchte er doch seines Vaters wahrhafftes und seiner Muttter leeres Grab/ bey dem Taufanischen Tempel/ durch gleichmaͤßiges Blut der Roͤmer verehren. Weil nun der Feldherr diesen so unverdienten Helden uͤbel etwas ausschlagen konte/ befahl er: daß auff ꝛedem Grabe sieben Paar Roͤmer einander auf- opffern solten. Die Freunde der Todten a- ber verscharreten die aus den gluͤenden Koh- len herfuͤrgesuchte Gebeine und Todten-A- sche/ nachdem sie sie mehr mit Thraͤnen als wohlruͤchenden Wassern angefeuchtet hatten/ in die Erde. Auff iedem Grabe richteten sie von Rasen einen hohen Huͤgel auff/ der Feld- herr aber ließ hernach einen Stein dabey se- tzen/ und in selbten das Lob deß daselbst Be- grabenen hinein graben. Unter andern war alldar Emma/ eines Herulischen Fuͤrsten Toch- ter/ des in der Schlacht umkommenen Rit- ters Stirum Wittib. Diese/ nachdem sie ih- rem Ehherrn die letzte Pflicht mit hoͤchster Sorgfalt geleistet hatte/ laß aus den noch al- lent- Arminius und Thußnelda. lenchalben brennenden Holtz-Stosse/ ohne ei- nige Empfindligkeit/ seine noch heissen Beine in einen Krug zusammen. Die in ihrem Her- tzen noch unerloschene und von uͤbermaͤßigem Schmertz zusammen gezwengte Liebe preßte aus ihren Augen so viel Thraͤnen aus/ daß es schien/ als ob ihre gantze Seele darein zerrin- nen wolte/ um nur ihres Eh-Herrn Gebeine damit abzukuͤhlen/ und seine Todten-Asche da- mit einzubalsamen. Als endlich ihre Augen kein Wasser mehr zu geben vermochten/ ver- scharrete sie den Todten-Krug unter eine hohe Eiche/ rieff hiermit: ihr Goͤtter! lasset dieser Asche die Erde leichte seyn! Und ihr heiligen Gebeine/ wuͤrdiget dieselbe zu eurem Opffer/ welche dadurch schon lange genug gelebt/ nach dem sie ihr Leben mit einem solchen Helden zu- gebracht. Nun ich denn meines Ehmanns Hertze in diese Flamme/ und in diesen Krug/ meines aber in diese Asche begraben habe/ wor- zu ist mir dieser Hertzlose Leib laͤnger nuͤtze? Alsofort ergriff sie ein Band/ henckte sich an einen Ast recht uͤber ihres Eh-Herrn Grab. Sintemahl nach der Herulischen Voͤlcker Lan- des-Gewonheit eine Frau ohne hoͤchste Ehren- Verletzung eben so wenig/ als die sich mit ihren Ehmaͤnnern verbrennende Frauen in Jndien lange ihres Eh-Herrn Todt uͤberleben darff. Ja bey den Deutschen insgesamt/ siehet man alleine Jungfrauen heyrathen/ indem selbte nur einem einigen Ehmann einen Leib und ein Le- ben widmen/ aus dem Bette ihrer einmal abge- legten Jungfrauschafft in kein anders schreiten/ und dahero nach ihres Ehmans Tode nach laͤngerm Leben zu seuffzen wenig Ursache ha- ben. Also gelten bey diesen Voͤlckern mehr die guten Sitten/ als in Narsinga und bey andern Voͤlckern die schaͤrffsten Straff-Gesetze/ wo der Priester bey Verstattung der andern Vereh- ligung solches mit einem gluͤenden Eisen auff den Schuldern der Braut versiegelt. Die Fuͤrsten/ Grafen und Ritter/ ja der Feldherr selbst hielten hierauff denen Beerdigten zu Eh- ren Turnier/ Fuß-Kaͤmpffe/ Ring-Kopff-Ren- nen und allerhand andere Ritterspiele/ und Hertzog Herrmann schlug eine gute Anzahl der- selben/ welche in der Schlacht sonderbahre Tha- ten ausgeuͤbt/ zu Rittern; unter denen war Sarweden/ Eberstein/ Helffenstein/ Waldeck/ Bentheim/ Salm/ Reifferschied/ Reckum/ Palland und viel andere tapffere Helden. Nach eingetretenen Neumonden wurden auff des Priesters Lybis Erinnerung alle Ge- fangenen/ alle Waffen und die Koͤpffe von de- nen Erschlagenen zu dem Taufanischen Tem- pel gebracht. Aus denen auff einander geleg- ten Koͤpffen ward gleichsam ein hoher Thurm gebauet/ die Waffen an einem andern Orte auff einen hoher Hauffen anfaͤnglich zusammen ge- tragen/ und von selbten die/ welche Qvintilius Varus gefuͤhret und mit Golde reichlich gezie- ret waren/ ausgelesen/ und in dem Tempel dem Woden/ mit welchem Nahmen sie den goͤttlichen Beystand im Kriege andeuteten/ zu Ehren auf- gehenckt/ die andern abeꝛ von dem Feldherꝛn un- ter die Kriegs-Leute ausgetheilet. Hertzog Herr- mann und Jnguiomer trugen selbst die zwey er- oberten Roͤmischen Adler/ und liefferten selbte mit grossem Gepraͤnge dem Hohenpriester Libys ein/ welcher beyde uͤber zwey Opffertische stellte. Des Varus Haupt ward auff einem dem Tu- isco auffgerichteten Altar als ein Erstling ihres Opffers/ gelegt/ in deßen im Leben uneꝛsaͤttlichen Mund/ wie vormahls es Mithridates dem Manius Aqvilius/ und fuͤr 32. Jahren Orodes dem Crassus/ oder vielmehr Sextimulejus dem Grachus mitgespielet hatte/ zerschmeltztes Bley gelassen/ und den Schutzgoͤttern Deutsch- lands fuͤr erlangten herrlichen Sieg gedancket. Hierauff baueten die Priester um den Tem- pel ringsher hundert Altare aus zusammen- gesetzten Rasen/ alldar allezeit den hunder- sten der Gefangenen denen Goͤttern zu opf- ern. Massen denn alsofort von den Prie- stern ihre Haͤupter mit Wein abgewaschen/ die J 3 andern Erstes Buch andern Glieder mit Wasser besprengt/ hernach gebunden/ geschlachtet/ das Blut in einen Kessel zusammen auffgefangen/ die Leiber verbrennt/ und die Koͤpfe zum theil zur Balsamung auffge- hoben worden. Sintemal die Deutschen die Koͤpfe nach der Egyptier Gewohnheit/ die sie von den Opfern in Nil-Strom warffen/ nicht mit verbrennten/ sondern mit Ceder-Safft einzusal- ben/ und fuͤr der Faͤulnuͤß ihren Nachkommen zum Gedaͤchtnuͤß ihrer Siege zu verwahrẽ/ auch selbte in so grossem Werthe zu halten pflegen/ daß sie selbte nicht/ mit den Moͤrdern des Gra- chus/ umb gleichwiegendes Gold verwechseln wuͤrden. Endlich ward auch Malovend der Marsen Fuͤrst/ Cejonius/ Caldus Caͤlius/ Sextus Catu- lus/ Apronius und Emilian zur Opferung ge- fuͤhret. Als man nun an den Malovend die Hand anlegen wolte/ schuͤtzte er das Recht des Vaterlandes fuͤr/ welches ihn als einen gebohr- nen Deutschen seinen eigenen Goͤttern/ welchen auch von den wilden Scythen nur fremdes Menschen-Blut geopfert wuͤrde/ zu schlachten nicht zuliesse. Ob nun wol Hertzog Ganasch ihm fuͤrwarff: Er habe dem Vaterlande abge- schworen/ dem er das Leben zu dancken haͤtte/ und den letzten Athem schuldig waͤre. Wer wider dis den Degen ausziehe/ verliere sein Buͤr- ger-Recht/ und sey aͤrger zu straffen als Auslaͤn- der; so nam sich doch so wol der Priester Libys als der Feldherr dieses Gefangenen an. Jener/ weil die milden Schutz-Goͤtter Deutschlands ihr eigenes Blut zu verderben Abscheu haͤtten; dieser/ daß so wol der schluͤpferigen Jugend un- vorsichtigen Fehlern/ als denen seltzamen Ver- wickelungen bißheriger Laͤufte etwas von der Schaͤrffe der Gesetze zu enthaͤngen sey. Hin- gegen muͤste gegen die Roͤmer mit der ihnen ge- wohnten Schaͤrffe verfahren werden/ welche nicht nur die gefangenen Menschen toͤdteten/ sondern auch ihre Hunde schlachteten. Cejoni- us zohe fuͤr sich an/ daß er/ Apronius/ Emilian/ und alle andere/ die im Laͤger gewesen/ nicht fuͤr Gefangene/ sondern fuͤr sich gutwillig ergeben- de zu achten waͤren/ welche hinzurichten alle Voͤlcker fuͤr Grausamkeit hielten. Der Feld- herr aber befahl: Es solte zwar dem Apronius/ Emilian und andern Ergebenen das Leben ge- schenckt seyn/ Cejonius aber wuͤrde wegen seiner verzagten Auffgabe des Laͤgers ihm selbst nur zur Schande leben/ und habe mit seinen gegen die Deutschen verdienten Boßheiten einen aͤrgern Tod verdienet; dahero muͤsse er von Henckers- nicht Priesters-Haͤnden sterben. Die Roͤmer haͤtten gegen die Ergebenen mehrmals anders gewuͤtet. Emilianus habe fuͤnfhundert Ergebne aus des Viriats Kriegsleuten in Spanien mit dem Beilhinrichten; Kayser Julius den Fuͤrsten Guturat in Gallien zu Tode pruͤgeln/ und her- nacherst enthaupten; allen/ die sich aus Mangel Wassers mit der Festung Uxellodun ihm erge- ben muͤssen/ und Waffen tragen koͤnnen/ die Haͤnde abhacken/ der noch lebende Augustus in dem buͤrgerlichen Kriege gantze ergebene Staͤdte aushauen lassen. Cejonius warff ein: Maxi- mus Emilianus habe dem Konneba/ einem er- gebenen Strassen-Raͤuber/ Caͤsar auch See- Raͤubern das Leben geschenckt. Er ward aber/ als er mehr reden wolte/ hingerissen/ in einen nicht weit entfernten Sumpf geworffen/ und mit ei- ner auf ihn geworffenen Hurde erstecket. Auf welche Art die Deutschen das Laster weibischer Zagheit zwar offentlich zu straffen/ zugleich aber das Gedaͤchtnuͤß zu verstecken pflegten. Eine in Wahrheit eben so wol verdiente Straffe fuͤr den Cejonius/ als im Mithridatischen Kriege fuͤr den Aquilius/ welcher lieber schimpflich vom Hencker als ruͤhmlich im Streit zu sterben erkic- set hatte. Caldus Caͤlius und Sextus Catulus sahen inzwischen wenig Hoffnung uͤbrig sich von so blutiger Auffopferung zu erledigen/ als welche in der Schlacht verwundet und gefangen wor- den waren. Gleichwol wolte Catulus sein Heil noch versuchen/ redete derowegen den Feldherrn an: Arminius und Thußnelda. an: Er koͤnte nicht glauben/ daß einige Goͤtter an so grausamem Gottes-Dienste Gefallen truͤgen. Die Scythen und Thracier wuͤrden fuͤr die rauesten Voͤlcker insgemein gehalten/ diese aber opferten nur den hundertsten Gefan- genen/ hier aber wuͤrde von denen sonst so hochge- ruͤhmten Deutschen auff alle erbaͤrmlich geraset. Hannibals und Xantippus Grausamkeit sey zwar noch beschrien/ daß jener aus denen erschla- genen Feinden uͤber die Vergellische Bach ihm eine Bruͤcke gebaut/ die Vaͤter mit den Soͤhnen/ Bruͤder mit Bruͤdern zu kaͤmpfen gezwungen/ und hierdurch den Mohren ein Schau-Spiel angestellt habe; dieser/ daß er und die Carthagi- nenser dem Attilius Regulus die Augen-Lieder abschneiden/ und ihn an der brennenden Sonne verschmachten lassen. Alleine beyde haͤtten scheinbare Ursache ihrer Grausamkeit gehabt; der erste/ weil der Roͤmische Rath die Gefange- nen zu loͤsen verboten; die andern/ weil Regulus den Roͤmern den Frieden und seine Auswechse- lung selbst widerrathen haͤtte/ und so wol er als Sempronius dem Feinde gleichsam zu Trotze ins Mohrische Laͤger zuruͤck kommen waͤren. Diesesmal aber waͤre an ihrer Loͤs- oder Ein- wechselung nicht zu zweifeln. Hingegen habe Mithridates nicht allein unsterbliches Lob er- worben/ sondern auch die Roͤmer mit nichts mehrers erschreckt/ als daß er ihre Gefangenen mit einem Zehr-Pfennige versehen und ohne Entgeld frey gelassen. Kayser Julius habe es mit den Pompejischen Gefangenen nicht anders gemacht. Hertzog Ganasch fiel ihm in die Re- de: Alle Gefangene muͤssen sterben. Rom hat selten einem fremden Gefangenen Lufft und Le- ben gegoͤnnet. Vom Marius vermochten die Celtischen Weiber und Kinder nicht das Leben und die Freyheit zu erbitten. Caldus Caͤlius biß hieruͤber die Zaͤhne zusammen/ und fuhr den Catulus mit verzweifelter Geberdung und harten Worten an: Schone deiner! Einem Roͤ- mer stehet es so wenig an das Leben zu erbetteln/ als diese Barbarn einiger Bitte werth sind. Folge meinem Beyspiele/ wo es dir mehr umb Ehre als den ohnmaͤchtigen Athem zu thun ist. Hiermit ergriff er die eisernen Ketten/ wormit er gebunden war/ und stieß selbte so heftig an sein Haupt/ daß er mit Vergiessung seines Bluts und Gehirnes Augenblicks todt zu Bo- den fiel. Ja ehe ein Mensch zuspringen konte/ hatte es Catulus ihm nachgethan; allen hier- uͤber erstaunenden Zuschauern zum Nachden- cken lassend: Ob bey dieser Begebenheit das be- hertzte Beyspiel oder die geschwinde Nachfolge mehrer Verwunderung wuͤrdig sey/ oder ob sie nicht mit groͤsserm Ruhm gestorben als Corne- lius Merula/ der umb/ nicht in des wuͤtenden Marius Haͤnde zu fallen/ mit seinem eignen Priester-Blute des Jupiters Augen bespreng- te; oder als Herennius Siculus/ der seinen Kopf an den Pfosten des Kerckers zermalmte/ und also dem Hencker gleichsam den schimpfli- chen Tod aus den Haͤnden wand. Hierauff ward auch der ausgescharrte Leich- nam des Roͤmischen Feldherrn zu einem Altare geschleppt/ bey welchem Printz Sesitach/ Her- tzog Segimers und Fuͤrst Siegesmund des Se- gesthens Sohn zugegen waren. Der erstere/ welcher wegen einer einsmal geschehenen Belei- digung auf den Varus einen unversoͤhnlichen Haß geschoͤpfft hatte/ spottete nicht allein sein/ sondern wolte auch verwehren ihn als ein un- wuͤrdiges Aaß auff dem Altare zu verbrennen. Fuͤrst Siegesmund aber/ welcher wegen seines abtruͤnnigen und numehro verhaffteten Vaters in groͤstem Bekuͤmmernuͤsse war/ und von denen gegen ihn als einen Verraͤther des Vaterlandes hoͤchst-erbitterten Deutschen ein scharffes Ur- thel befahrete/ bekam hierbey eine Gelegenheit zugleich sich bey den Deutschen einzulieben/ und den Roͤmern einen Dienst zu thun/ oder zum minsten sselbte nicht gar aus der Wiege zu werf- fen. Denn ob wol der schlaue Segesthes/ als er zu den Roͤmern uͤberging/ seinem Sohne mit Fleiß Erstes Buch Fleiß befohlen hatte/ er solte mit einem Theile des Casuarischen Adels auf der deutschen Seite stehen bleiben und fechten; womit/ wenn die Deutschen die Ober-Hand behielten/ der Sohn dem Vater/ da aber die Roͤmer obsiegten/ der Vater dem Sohne Freyheit und Begnadigung erbitten koͤnte; Siegesmund auch in der Schlacht seinen Mann gewehret/ und gute Kenn-Zeichen seines deutsch-gesinneten Gemuͤ- thes von sich gegeben hatte; so vermochte doch diß alles/ entweder wegen kindlicher Liebe/ oder weil sein Gewissen des Vaters Verbrechen selbst zu unnachlaͤslicher Straffe verdammete/ ihm nicht die geschoͤpfte Furcht zu benehmen. Dahero redete er den Sesitach an: Vetter/ du weist/ wie mein Vater mich zu grossen Ehren gebracht zu haben vermeynt/ als er mir wider meinen Willen/ und die angeborne Abscheu fuͤr den Roͤmern das Priesterthum bey dem von den Roͤmern am Rheine aufgerichteten Altare der Ubier nicht ohne grosse Muͤh und Geld zuwege gebracht. Zeit und Alter lidten es damals nicht/ daß ich haͤtte meine innerste Gemuͤths-Mey- nung heraus sagen/ oder mich dem vaͤterlichen Befehle widersetzen doͤrffen. Den ersten Au- gen-Blick aber/ da ich von der Deutschen wider die Roͤmische Dienstbarkeit ruͤhmlich-gefaßten Entschluͤssung nur wenig Wind bekommen/ habe ich vorsaͤtzlich das ewige Feuer ausgelescht/ den Priester-Rock und die Haupt-Binden zer- rissen/ mich uͤber den Rhein gefluͤchtet/ und fuͤr mein Vater-Land mein Blut mit besserm Ruh- me/ als dort die uns geraubten Ochsen/ den Goͤttern aufzuopfern/ entschlossen. Goͤnne mir diesemnach/ daß ich unsern Schutz-Goͤttern dieses von seinem Blute und Vermoͤgen so fette Opfer abliefern/ und jenes irrdische Priester- thum in ein heiliges verwandeln moͤge. Die Gewogenheit des Fuͤrsten Siegesmunds und die Einfalt der umbstehenden Kriegsknechte ließ sich von ihm leicht erbitten/ und der andaͤchtige Libys wolte einen Fuͤrsten von so hohem Gebluͤ- te/ welcher schon einmal zum Priester geweyhet war/ von dieser Verrichtung nicht abstossen/ son- dern befahl/ daß ihm alsobald aus dem heili- gen Brunnen reines Wasser zu Abwaschung sei- ner Haͤnde gebracht ward; warff zu seiner Be- staͤtigung ihm einen weissen Rock uͤber/ und setzte ihm einen Lorber-Krantz auff. Fuͤrst Sieges- mund ward hieruͤber nicht wenig vergnuͤget; weil er hierdurch zum minsten wider die strengen Gesaͤtze/ welche auch der Verraͤther Kinder ge- wissen Straffen unterwerffen/ sich in Sicherheit gesetzt hatte. Hiermit raffte er sich mit der von den Kriegs-Leuten entbloͤsseten Leiche des Va- rus/ warff selbten in die lodernde Flamme des Altars/ und rieff: Grosser Tuisco/ nim dieses Opfer fuͤr die Wolfahrt des Vater-Landes gnaͤ- dig an! Ja! und vertilge die Verraͤther desselbten mit Strumpf und Stiel; brach ihm Nesselrod ein Cheruskischer Ritter ein: Sehet/ und erstar- ret zugleich ihr edlen Deutschen/ uͤber der Boß- heit des meineydigen Segesthes. Hiermit laß er einen Brief/ welchen er in des Varus Klei- dern gefunden/ Segesthes aber die letzte Nacht fuͤr dem Treffen an ihn geschrieben hatte/ mit nachfolgenden Worten ab: Segesthes wuͤntschet dem Quintilius Varus Leben und Sieg/ ihm selbst aber den numehr zu spaͤten Tod/ nach dem er mit dem Hertzog Herr- mann und andern Bundbruͤchigen Fuͤrsten in den Uberfall des Roͤmischen Kriegs-Volcks hat stimmen muͤssen/ welche die zum Schein wider die Sicambrer/ Angrivarier und ihren aufruͤh- rischen Melo versammleten Huͤlffs-Voͤlcker folgenden Tag wider eure Adler anfuͤhren wer- den. Wolte Gott! Varus haͤtte meinen War- nungen so viel Glauben gegeben/ da ich ihm noch fuͤr wenig Tagen rieth so wol mich als den arg- listigen Herrmann nebst seinem Anhange bey seinem Gastmahle in Fessel zu schluͤssen/ als er auff die glatten Versicherungen dieses Aufruͤh- rers mit seinem nun empfindlichen Schaden ge- trauet. Es ist mehr ein thoͤrichter Aberglauben/ als Arminius und Thußnelda. als eine Froͤmmigkeit/ wenn man ihm ein Ge- wissen macht den in seinem Hause uͤber seinem Tische hinzurichten/ welchen sein Verbrechen zum Tode verdammt. Numehro bestehet dein und der Roͤmer Heil in Zusammen- raffung der Roͤmischen Kraͤffte/ und in einer vorsichtigen Zuruͤckziehung von der Lippe. Jnzwischen glaube/ daß ich meine Waffen der Roͤmischen Macht beyzufuͤgen entschlossen sey/ da mir der Feind und das Verhaͤngnuͤß nicht alle Wege verbeugen wuͤrden. Diß abgelesene Schreiben verursachte unter dem Kriegs-Vol- cke ein grosses Getuͤmmel. Einige fragten: Warumb man den Segesthes/ welcher dem Va- terlande das Roͤmische Joch haͤtte an die Hoͤrner schlingen helffen/ welcher Ursache waͤre/ daß Deutschland zu unausleschlichem Spott zwi- schen dem Rhein und der Elbe die Roͤmischen Beile und Ruthen gesehen/ nicht zum Suͤhn- Opfer den Goͤttern des Vaterlandes zum ersten abgeschlachtet haͤtte? Andere rieffen: Bey an- dern Voͤlckern waͤre es halsbruͤchig/ wenn einer wider seines Feld-Obersten Willen den Feind angegriffen/ und gleich gesieget haͤtte. Papirius haͤtte deßwegen den Q. Fabius zum Tode ver- dam̃t/ und Manlius seinen eigenen Sohn mit dem Beile richten lassen. Solte nun Segesthes sein Vaterland ungerochen bekriegt haben? Die vaͤterlichen Gesetze hiessen Verraͤther und Uber- laͤuffer an Baͤume auffhencken. Man solte diesen Eydbruͤchigen herzu schaffen. Sein ho- her Stand vermoͤchte ihn nicht des Todes zu be- freyen/ wo der Deutschen Gesetze nicht zu Spin- neweben werden solten/ darinnen nur Muͤcken und Fliegen hencken blieben/ Wespen und Hor- nissen aber durchrissen. Missethaten stuͤnden Fuͤrsten/ wie Flecken den groͤsten Gestirnen am schimpflichsten an. Segesthens Bestraffung koͤnte auch keine Schande auff seine so hochver- diente Anverwandten waͤltzen. Denn die La- ster besudelten niemanden als den Ubelthaͤter/ und die Ursache/ nicht die Straffe machte einen unehrlich. Deßwegen haͤtte Lucius Brutus seine eigene Soͤhne/ weil sie mit den verjagten Tarquiniern Verstaͤndnuͤs gehabt/ und Spu- rius Cassius seinen nach der Roͤmischen Herr- schafft strebenden Sohn mit Ruthen schlagen/ und des Kopfes kuͤrtzer machen lassen. Mit solchem Ungestuͤm fielen sie an die Priester. Gott und die Vorfahren haͤtten ihnen die Gewalt ge- geben die Missethaͤter in Hafft zu ziehen und zu verurtheilen. Sie solten uͤber den Segesthes ihnen nun Recht verhelffen. Gott koͤnne kei- nen suͤssern Geruch empfangen/ als den Dampf vom kreischenden Blute eines boßhaften Men- schen. Der Feldherr ward uͤber diesem Zufalle in nicht geringe Verwirrung versetzt; sonderlich als er wahrnahm/ daß hierdurch einige Priester/ mit Huͤlffe der verbitterten Kriegsleute/ den Se- gesthes herbey zu schaffen sich bewegen liessen. Und zwar viel/ in Meynung/ dem Feldherrn/ welcher mehrmals vom Segesthes beleidigt worden war/ einen Dienst zu thun/ nach dem insgemein unvergeltete Wolthaten fuͤr Verlust/ geraͤchetes Unrecht fuͤr Gewinn gehalten wuͤr- den. Er selbst konte zwar die Verraͤtherey Se- gesthens unverdammet nicht lassen/ gleichwohl fuͤhlte er schon durch die Beleidigung Segesthens seiner unvergleichlichen Thußnelde Seele ver- wunden/ und diese Empfindligkeit ihm selbst durchs Hertze gehen. Ja diese Bekuͤmmernuͤß wuchs noch mehr/ als Ganasch das durch den Segesthes seinen Chautzern verursachte Unheil wieder auf den Teppicht warf/ und daß auch hun- dert seiner Koͤpfe seinẽ so sehr beschimpften Vol- cke dergleichẽ Schmach zu bezahlẽ viel zu wenig waͤren. Hertzog Jubil pflichtete dieser Meynung nicht nur bey/ sondern zoh auch an: Wem das Vaterland lieb waͤre/ der muͤste solchen Verraͤ- thern gram seyn/ welche auch so gar die haßten/ die sie zu Werckzeugen ihres Vortheils brauch- ten. Solche grosse Verbrechen uͤbersehen/ waͤre ein gewisses Kennzeichen entweder gleichmaͤssi- ger Boßheit/ oder daß man sich fuͤr denen fuͤrch- tete/ welche fuͤr der Gerechtigkeit leben solten. Nicht nur die Lasterhaften/ sondern auch die/ Erster Theil. K wel- Erstes Buch welche bey gemeinen Verwirrungen sich etwas zu entschluͤssen kein Hertze haͤtten/ wuͤrden durch so grausame Barmhertzigkeit zu schaͤdlicher Nachfolge verleitet/ die Unschuld aber schuͤchtern gemacht/ welcher ohnediß stets mehr Gefahr als Ehre zuhinge; da hingegen die Boßhaften noch mit ihren Ubelthaten wucherten. Wenn nun Segesthes das Kauff-Geld/ das ihm die Roͤmer fuͤr der Deutschen Freyheit gegeben/ behielte/ die Deutschen aber seine Verraͤtherey nicht straff- ten/ wer wolte nicht glauben/ daß die Vergeltung numehr der Boßheit/ die Schande der Tugend gewiedmet waͤre; oder/ daß Segesthes diese nicht unbillich verhandelt haͤtte/ welche uͤber ihrer Dienstbarkeit so unempfindlich waͤren. Wie viel ruͤhmlicher waͤre es ihnen/ wenn die Vor- Eltern ihre Freyheit mit so viel Blute nicht be- hauptet haͤtten; weil es ja schimpflicher waͤre/ das erworbene verlieren/ als es gar nicht erwer- ben! Was wuͤrde in Deutschland mehr heilig bleiben/ nun das Vater-Land zu feilem Kauffe ginge? Zu was wuͤrde Recht und Richter mehr nuͤtze seyn/ nun die Verraͤtherey unstraͤfflich waͤ- re? Zu was Ende kaͤmpften sie umb das Joch der Herrschafft abzulehnen/ wenn Segesthes thun moͤchte/ was er wolte? Denn dis waͤre das euserste der Koͤniglichen Gewalt. Wuͤrde man nun am Segesthes ein Bey-Spiel der Rache uͤben/ wuͤrden sich alle/ die was Boͤses im Schilde fuͤhrten/ wie das kleine Gepuͤsche bey einem grossen Zeder-Falle erschuͤttern/ die Redlichen aber von der empor wachsenden Boßheit nicht gedaͤmpft werden. Es waͤre viel schaͤdlicher/ die Laster ungestrafft/ als die Tugend unbelohnet lassen. Denn die Gutten wuͤrden dadurch nur traͤger/ die Boͤsen aber verwegener und schlim- mer. Die meisten Anwesenden billigten diese Meynung durch ein helles Begehren: Man solte denen Gesetzen ihre Krafft/ dem Rechte sei- nen Lauff/ und der Straffe ihr Maaß lassen. Ja das Volck bezeigte mit seinen Ungeberden gleichsam seine Ungedult uͤber der allzulangsa- men Rache. Gleichwol erholte sich Hertzog Herrmann/ drehete sich gegen dem obersten Prie- ster/ als welcher ihm hierinnen am meisten zu statten kommen konte/ meldende: Diese Opfer koͤnten mit einheimischem Blute nicht besudelt werden/ nach dem die Sitten des Vaterlandes nur frembdes Blut heischten. Alleine wie grosses Ansehen er bey iedermann hatte/ so war doch dieser Fuͤrwand die erbitterten Gemuͤther zu beruhigen allzuohnmaͤchtig. Denn Hertzog Ganasch hielt entgegen: Es foderten die Gesetze nicht allein Straffe uͤber die Beleidiger; sondern es solte der Feldherr sich nur sines eigenen Ge- luͤbdes erinnern/ wie er an diesem heiligen Orte den Goͤttern bey aufgehendem Monden ange- lobt/ alle die er gefangen bekommen wuͤrde/ auf- zuopfern. Ja/ antwortete der Feldherr: Aber Segesthes ist nicht in meine/ sondern in seiner eigenen Tochter Haͤnde verfallen/ welche fuͤr das Vaterland mit mehr als maͤnnlicher Tapferkeit ihr Blut aufgesetzet/ durch ihren gluͤcklichen An- fang dem gantzen Heere die unzweifelbare Hoff- nung eines herrlichen Sieges eingebildet/ und dahero zweyfaches Hertze gemacht. Denn der erste Ausschlag gebiehret entweder verzagte Furcht/ oder vermaͤssene Zuversicht. Mit nicht minderm Ruhm hat Fuͤrst Sigesmund seine Liebe zum Vaterlande bezeugt/ und mit seinem Blut die Flecken der vaͤterlichen Schuld abge- waschen. Uber dis haben Sylla und andere Wuͤteriche denen Verstorbenen zu Ehren ehe- mals denen undanckbarsten und schuldigsten Missethaͤtern die verdienten Straffen enthan- gen. Segesthes ward nebst denen zweyen ge- fangenen Fuͤrsten Armeniens und Thraciens auf einem Wagen gleich herzu gefuͤhrt/ als der Feldherr fuͤr den ersten derogestalt redete. Se- gesthes ward hieruͤber nicht wenig beschaͤmt; fiel ihm dahero in die Rede: Er haͤtte diese Verthei- digung weder umb den Feldherrn/ noch seine Begnadigung umbs Vaterland verdienet. Er erkenne die Groͤsse seines Verbrechens erst nach voll- Arminius und Thußnelda. vollbrachter That. Waͤre es nach den vaͤterli- chen Rechten zulaͤßlich/ wolte er hier gerne ein Opfer fuͤr das gemeine Heil werden. Denn dem/ welchen sein Gewissen verdammte/ waͤre der Tod ein Trost/ das Leben eine unaufhoͤrliche Quaal; Sintemal die Gnade einen Verbre- cher zwar der Straffe/ nicht aber seiner Schan- de entbuͤrden koͤnte. Die Priester erstarreten gleichsam hieruͤber; und ob zwar der Feldherr fuͤr Segesthen das Wort nicht reden wolte/ sahen sie ihm doch unschwer an/ wie sehr ihm seines er- kieseten Schwaͤhers Fall muͤste zu Hertzen geben. Denn wie die Liebe ein so nachdruͤckliches Feuer ist/ daß sie staͤhlerne Hertzen erweichet; also laͤst es sich auch am schwersten verbergen/ und ist un- ter allen Gemuͤths-Regungen die unvorsichtig- ste. Ganasch nahm diese Unbewegligkeit der Priester fuͤr eine Kaltsinnigkeit auf; redete sie daher auffs neue an: Jhnen waͤre die Erhaltung der Gesetze/ die Straffe der Laster auff ihre See- le gebunden. Sie solten numehro dem Volcke Recht verhelffen/ und urtheilen: Ob sie den/ wel- cher sich selbst verdammete/ loßsprechen koͤnten? Taugte dieser Missethaͤter nicht zu einem Schlacht-Opfer/ so waͤre dieser heilige Ort doch ihr gewoͤhnlicher Richt-Platz/ wo uͤber der Edlen Leben erkennet und gesprochen wuͤrde. Sie solten erwegen die Eigenschafft des Lasters/ die Beschaffenheit des Verbrechens/ und das den Deutschen hieraus erwachsende Unheil. Grie- chenland koͤnne sich ruͤhmen/ daß Codrus/ umb nur durch seinen Tod das Vaterland zu erhal- ten/ seinen Purpur mit dem Rocke eines Scla- ven verwechselt; der ins Elend verjagte Themi- stocles aber/ womit er dem Xerxes wider sein un- danckbares Vaterland dienen doͤrfte/ habe von einem dem Jupiter geschlachteten Ochsen das Blut ausgetruncken/ und sich selbst fuͤr seine Feinde aufgeopfert. Deutschland aber habe am Segesthes so eine Schlange gebohren/ welche der eigenen Mutter Leib zerfleische. Die Geister seiner ruhmwuͤrdigen Vorfahren/ derer Ge- schlechte er mit so schlimmen Thaten beschwaͤrtz- te/ wuͤrden in ihren Graͤbern beunruhiget wer- den/ da sie nicht durch seine Hinrichtung versoͤh- net/ ja er seinen so tugendhaften Kindern als ein Greuel aus den Augen gerissen wuͤrde. Das Urthel waͤre unschwer wider ihn abzufassen/ nach dem das Gesetze in dem benachbarten Hay- ne an so vielen Baͤumen angeschrieben stuͤnde/ daran man viel geringere Verraͤther und Uber- laͤuffer auffgehenckt sehe. Die Gesetze waͤren ohne folgende Bestraffung der Ubertreter eine Blendung der Einfalt/ und ein Hohn der Boß- haften. Denn keines haͤtte eine so kraͤfftige Guͤt- te in sich/ diese auff den Weg der Tugend zu lei- ten/ die Guten aber folgten ihr ohne Gesetze. Eine zum Argen geneigte Seele waͤre zwar die Mutter/ und braͤchte die Laster auff die Welt/ der solche nicht hinderte/ huͤlffe ihr auff die Beine/ aber der Richter/ welcher sie nicht straffte/ kroͤnete sie gar. Libys befand sich hierdurch uͤberwiesen/ und nach dem er weder einen so hoch- verdienten Feldherrn/ welcher die Stiefmuͤtter- lichen Abneigungen des Gluͤcks mit so vaͤterli- cher Liebe gegen das Vaterland ausgegleicht haͤtte/ betruͤben/ noch iemanden die Gerechtigkeit versagen wolte/ zwischen Thuͤr und Angel. Denn nach dem er durch die Wolthat dieses Helden sich und Deutschland allen Bekuͤmmer- nuͤsses entledigt wuste/ hatte er numehr so viel mehr Kummer um ihm selbst. Hingegen muͤ- sten alle andere Absehen der Gerechtigkeit aus dem Wege treten; sintemal da schon die Gesetze zu Grunde gingen/ wo Gewalt und Ansehen uͤber sie empor stiege. Bey diesem Bedencken legten gleichwohl/ aus einem besondern Ver- haͤngnuͤsse/ die Opfer-Knechte Hand an Segest- hes/ hoben ihn vom Wagen/ und er selbst warte- te nicht so wol mehr auff sein Todes-Urtheil/ als auff was Art selbtes an ihm wuͤrde vollzogen werden. Aller Augen waren auff den Libys gerichtet/ welche durch ihr Stillschweigen ihm numehr das Urthel abzunoͤthigen schienen. K 2 Da- Erstes Buch Dahero dieser Priester sich nur seines Amptes nicht entaͤusern konte/ sondern zu befinden ge- zwungen ward: Es muͤste Segesthes/ da er ein taugliches Opfer seyn wolte/ seinem Vaterlan- de/ Geschlechte und Nahmen abschweren/ oder die irrdische Straffe der Verraͤther ausstehen. Segesthes entruͤstete sich uͤberaus/ und fuhr den Priester mit harten Worten an: Er habe zwar bey dieser der Tugend gehaͤssigen Zeit gesuͤndigt; darumb aber sey bey ihm die Wurtzel der Tu- gend nicht gaͤntzlich ausgerottet/ daß er den Glantz seiner verstorbenen Ahnen lieber mit Fuͤssen treten/ als sich eines schimpflichen Todes entbrechen solle. Der erste und letzte Tag des Lebens mache einen Menschen entweder gluͤck- selig oder veraͤchtlich/ das Mittel lauffe bald in Ruh/ bald mit Sturm dahin/ nach dem das Gluͤck sein Steuer-Ruder fuͤhre/ dahero liege einem Sterbenden keine Sorge mehr ob/ als daß er das Schau-Spiel seines Lebens tugendhaft beschluͤsse. Ein heimlicher Abend trockne die Pfuͤtzen eines schluͤpfrigen Tages auff/ und ein sauberer Grabe-Stein verdecke auch die besu- delsten Lebens-Taffeln. Dahero wolle er lie- ber als ein Deutscher gehenckt seyn/ als ein un- wuͤrdiger Frembdling/ oder vielmehr verstosse- ner/ der Eitelkeit einer ihn nicht rein brennenden Opferung genuͤssen. Das Lob oder die Schan- de eines Todes ruͤhre nicht von dem Ruffe des Poͤfels/ noch von dem eitelen Wahne des irren- den Volckes/ sondern von dem Gemuͤthe des Sterbenden her. Jhrer viel stiegen ruͤhmlicher auff den Raben-Stein/ als mancher Asche in guͤldne Toͤpfe und alabasterne Graͤber verschar- ret wuͤrde. Niemand war/ der/ dieser letzten Entschluͤssung wegen/ Segesthens Laster nicht zum Theil fuͤr vermindert hielt. Weil auch der am Ende des Lebens herfuͤrblickende Schatten der Tugend nicht anders als der Wider-Schein der untergegangenen Sonne den allerschoͤnsten Glantz zu haben scheinet. Gleichwol konte Li- bys nicht vorbey sein End-Urthel zu eroͤffnen: daß Segesthes nach den Gesetzen des Vaterlan- des muͤste hingerichtet werden. Aber/ versetzte Segesthes/ ist es einem Nachkommen des Halb- Gotts Tuisco nicht verstattet/ daß er das Urtheil an sich selbst ausuͤbe/ und/ womit man sein Ver- brechen nicht weibischer Zagheit zuschreibe/ den letzten Athem ungezwungen ausdruͤcke? Denn ich weiß wol/ daß diese ihnen einen schoͤnern Tod anthun/ die noch viel Hoffnung zu leben uͤbrig haben; aber auch diese sind weniger veraͤchtlich/ welche der Nothwendigkeit des unvermeidlichen Todes mit unverwendeten Augen entgegen ge- hen. Libys antwortete ihm mit Nein. Der angethane/ nicht der eigenwillige Tod sey eine Straffe. Dieser sey vielmehr eine Nothwen- digkeit der Natur/ eine Ruhe von der Arbeit/ ein Ende des Elends. Getrauestu dir denn (fing die fuͤr ihres Vaters Leben sorgfaͤltige Thußnel- de an/ welche sich gleich durch die Menge des Volcks zu diesem Trauer-Spiele herzugedrun- gen hatte) einer zu sterben entschlossenen Seele den Weg zu verbeugen/ da uns die Natuꝛ zu dem Tode hundert Pforten eroͤffnet hat? Meinstu/ daß wenn ein Elender die schwache Gemein- schafft des Leibes und der Seelen zu trennen Lust hat/ selbter Gift trincken/ Stricke kauffen/ Mes- ser brauchen/ rauhe Stein-Felsen suchen/ gluͤen- de Kohlen verschlingen/ die Adern zerkerben muͤsse? Das Gluͤcke haͤtte uͤber uns allzugrosse Herrschafft/ wenn wir so langsam/ odeꝛ nur auff einerley Art/ sterben als geboren werden koͤnten; als welches uͤber einen Lebenden alle/ auff einen/ der zu sterben weiß/ keine Gewalt ausuͤben kan. Hat dir nicht Caldus Caͤlius bewiesen/ daß die Fessel/ welche ihm den Eigen-Mord verwehren solten/ sein Werckzeug darzu gewest? Der Raͤu- ber Coma dorffte nichts als seinen eignen Lebens- Athem hierzu/ durch dessen Hinterhaltung er unter den Haͤnden seiner Huͤter und fuͤr den Au- gen des Buͤrgermeisters Rupilius sich ersteckte/ also die Ausforschung um seine Geferten zernich- tete. Aber es sey ferne/ daß Thußnelde dem/ wel- Arminius und Thußnelda. welchem sie das Leben zu dancken hat/ den Selbst-Mord einloben solte. Ein Knecht thut unrecht/ wenn er sich seinem Herrn zu Schaden verstuͤmmelt. Wir sind alle Knechte des uͤber- all herrschenden GOttes/ und also nicht Herren nur eines einigen Gliedes/ weniger unsers Le- bens. Wir sind Ebenbilder des grossen Schoͤ- pfers. Wie moͤgen wir uns denn selbte zu zer- stoͤren erkuͤhnen/ da es das Kupfer-Bild eines sterblichen Fuͤrsten zu verunehren halsbruͤchig ist? Sollen die Menschen nicht zahmer als wilde Thiere seyn? Keines unter diesen aber hat eine so wilde Unart/ daß es sich selbst vorsetzlich toͤdte. Ja es ist eine Schwachheit eines verzaͤrtelten Gemuͤthes/ oder eine Raserey der Ungedult/ we- gen eines heftigen Schmertzens nicht leben wol- len/ und eine Thorheit sich zum Sterben noͤthi- gen/ daß man nicht auff eine andere Art sterbe. Gesetzt nun/ der Hencker setze uns das Messer schon an die Kehle/ soll man darumb dem Hen- cker die Hand zu Vollziehung des Streiches leihen? Lasse den ankommen/ der dich toͤdte. Warumb wilstu frembder Grausamkeit Stelle vertreten? Mißgoͤnnestu dem Hencker die Ehre dich zu toͤdten/ oder wilstu ihn der Muͤhe uͤberhe- ben? Der von dem Goͤttlichen Außspruche selbst fuͤr den Weisesten erklaͤrte Socrates konte nach empfangnem Urthel seinem Leben durch Enthaltung vom Essen oder Gift alsbald ab- helffen; was solte sich aber der fuͤr dem ihm zu- erkenneten Gifte fuͤrchten/ der den Tod verach- tete? Dahero wartete er seines Moͤrders/ ob schon das eingefallene Feyer in Delphos die Vollziehung des Urtheils dreissig Tage auff- schob. Lernet hieraus/ ihr Deutschen/ mit was Ruhm ihr euer heutiges Siegs-Fest durch Ver- dammungen verunehret! Alleine/ heiliger Li- bys/ moͤgen derselben auch die Gewohnheiten des Vaterlandes zu statten kommen/ dessen Ge- setze wider ihren Vater ausgeuͤbet werden? Der Priester ward uͤber so seltzamen Abwechselungen nicht wenig bestuͤrtzt/ und bildete ihm ein/ es wuͤr- de diese Heldin/ welche mit denen in der Schlacht gebrauchten und vom Blute bespritz- ten Waffen angethan erschien/ wegen ihrer Verdienste des Vaters Begnadigung suchen. Dahero ließ er sich gegen sie heraus: Derselben/ welche sich umbs Vaterland so wol verdienet haͤtte/ koͤnten die Wolthaten solcher Rechte keines weges verschrenckt werden. Wolauff denn/ sagte sie/ so stellet den Vater derselben Tochter nur auff freyen Fuß/ welche sich fuͤr seine Be- freyung fuͤr ihn selbst auffzuopfern entschlossen ist. Bey den meisten Voͤlckern stehet in der Willkuͤhr und den Haͤnden der Eltern das Leben und der Tod ihrer Kinder. Jhnen ist erlaubt/ auch zu ihrem blossen Unterhalt fuͤr sie ein bluti- ges Kauffgeld zu nehmen. Warumb soll ihnen nicht auch frey stehen sie fuͤr ihr Leben aufzuo- pfern. Und warumb nicht am allermeisten dem Segesthes seine Tochter? welche ihn mit eignen Haͤnden erwuͤrget/ da sie ihn in der Schlacht in die eurigen geliefert? Lasse diesemnach/ liebster Vater/ mich fuͤr dich schlachten/ und uͤbe an mir aus/ was dir so wol deine vaͤterliche Gewalt ver- stattet/ als meine eigene Verwahrlosung auff- buͤrdet. Dem Segesthes fielen die milden Thraͤnen uͤber die Wangen/ und die Bestuͤrtzung hatte ihn eine ziemliche Weile stum̃ gemacht/ biß er seine Tochter dergestalt anredete: Nein/ nein/ hertzliebste Thußnelde. Haben die Assyrier ihrem Bel/ Carthago dem Saturno fuͤr ihre Wolfarth gleich ihre eigne Kinder geopfert; habe ich zeithe- ro meine Macht etwas rau uͤber dich ausgeuͤbet/ werde ich doch nimmermehr auf diese Grausam- keit verfallen/ die Unschuld/ ja mein eigenes Blut fuͤr mich hinzugeben. Jch habe mit meinem Verbrechen meine vaͤterliche Gewalt verloren/ und bin nun alles aͤuserste unerschrocken zu lei- den entschlossen. Es ist vergebene Ausflucht/ versetzte Thußnelde. Menschen/ welche sich dem schluͤpfrigen Gluͤcke gantz und gar ver- trauen/ verlernen zwar selbst die Natur/ und verwandeln ihre angebohrne Eigenschafften; aber kein Zufall kan das Recht des Gebluͤts aus den Adern vertilgen/ und kein buͤr- K 3 ger- Erstes Buch gerlich Gesetze machen: daß Segesthes nicht der Thußnelden Vater bleibe. Jch heische Recht/ heiliger Libys/ und ich beziehe mich auff das Recht der Kinder hiesigen Landes/ welche fuͤr die Eltern auch wider ihren Willen ster- ben koͤnnen. Mit diesen Worten sanck sie fuͤr dem einen Opffer-Tische zu Boden/ und nach dem sie dreymahl geruffen hatte: Schlachtet die fuͤr ihren Vater willig sterbende Tochter; sahe sie alle Umstehende ringsum mit starren Augen an/ gleich ob sie aus eines iedem Antlitze das in- nerste seines Gemuͤths lesen wolte. Libys verlohꝛ vewundernde hieruͤber Puls und Sprache; Der unbarmhertzige Ganasch ward zu inniglichem Mitleiden bewogen; Jhr Bruder Sieges- mund erstarrte wie ein Stein/ Segesthes sanck ohnmaͤchtig zur Erden/ alle Umstehenden seuff- zeten; Hertzog Herrmann ward von der Liebe und dem Mitleiden so empfindlich beruͤhret/ daß er seine Hertzhafftigkeit viel zu schwach hielt diesem Trauerspiele ohne seine selbst eigne Ver- liehrung zuzusehen/ und womit die bey den Deutschen veraͤchtliche Wehmuth ihm nicht bey dem anwesenden Poͤfel ein verkleinerliches Ur- thel zuziehen moͤchte/ verhuͤllete er sein Antlitz/ gleich als ob diese Begebenheit ihm mehr als dem leiblichen Vater zu Hertzen ginge/ und er schwerer als vor zeiten Agamemnon der Opffe- rung dieser andern Jphigenia zusehen koͤnte. Ja er stand schon auff verwandtem Fusse/ um sich dieser unertraͤglichen Bekuͤmmerniß zu ent- brechen/ als ihn ein heftiger Hall des schꝛeyenden Volcks/ seine Enteusseꝛung zu hemmen/ und sein Gesichte zu eroͤffnen noͤthigte. Da er denn wahꝛ- nahm/ daß die an ihrer Auffopfferung zu zweif- ffeln anfangende Thußnelde auffgesprungen war/ und sich dem erstarꝛten Libys das Schlacht- messer aus der Hand zu winden bemuͤhete. Jhr Goͤtter! rieff er/ und sprang zwischen sie und den Priester/ um mit der Ausreissung des Messers auch ihre selbsthaͤndige Hinrichtung zu verhindern. Unbarmhertziger Herrmann! sprach sie/ und blickte ihn mit gantz gebrochenen Augen/ aus welchen Tod und Wehmuth selbst zu sehen schien/ an/ daß es einen Stein haͤtte erbarmen moͤgen. Unbarmhertziger Herr- mann! fuhr sie fort/ ist diß das schoͤne Kennzei- chen der mir mehrmahls so hoch betheurten Liebe? Mißgoͤnnestu mir fuͤr meine bestaͤndige Zuneigung den Tod/ oder die Ehre fuͤr den Vater zu sterben? Jenes verwehren einem auch die Feinde nicht; dieses aber kan mir die Unsterbligkeit erwerben. Holdselige Thuß- nelde/ fing der Feldherr gegen sie an/ soll der nicht den Streich von deiner Brust abwen- den/ welcher ihm zugleich durch seine Seele gehen wuͤrde? Was wuͤrde dir mit einer eiteln Unsterbligkeit des Nachruhms gedienet seyn/ welche mich zu Grabe schicken/ und nebst mei- nem Ruhme mein gantzes Wesen vertilgen wuͤꝛ- de? Soll ich denn aber/ fuhr sie heraus/ meinen Vater so veraͤchtlich in Wind schlagen und so schimpfflich umkommen lassen? Soll ich das mit Purpur-Tinte in mein Hertz und Adern geschriebene Gesetze der Natur ausleschen/ und die eingepflantzte Waͤrme der Liebe durch kalten Undanck erstecken? Hertzog Herrmann sahe hierauff den Priester Libys schmertzhafft an/ gleich als ob er von ihm ein Huͤlffsmittel er- bitten wolte/ welcher von seiner Bestuͤrtzung sich noch kaum erholen konte. Nach einem langen Stillschweigen fing er als wie aus einer Entzuͤ- ckung an: O allerweiseste Gottheit! wie wer- den doch der Scharffsichtigsten Augen verduͤ- stert/ wenn sie in die Sonne deiner unerforsch- lichen Versehung schauen wollen! Welch ein alberer Schluß komt heraus/ wenn unser thoͤ- richtes Urthel die Schickungen des Verhaͤng- nisses sich zu meistern unterwindet/ und mit dem Poͤfel diß oder jenes fuͤr gut oder boͤse/ fuͤr Gluͤck oder Ungluͤck haͤlt/ was in seinem We- sen und Ausgange nicht so beschaffen ist/ als es eusserlich unserm bloͤden Verstande fuͤrkoͤmmt. Welcher unter uns glaubte nicht/ daß Segesthes in das tieffste Elend verfallen/ Thußnelde in den mitleidentlichsten Zustand gerathen waͤre? Un- sere Arminius und Thußnelda. sere Gesetze halten das einmahl gethane Ster- bens-Geluͤbde eines Kindes vor seine Eltern fuͤr unwiederrufflich/ und es hat kein sterblicher Mensch die Gewalt/ es so denn aus den uner- bittlichen Armen des Todes zu reißen/ oder es von Erfuͤllung des Geluͤbdes zu entbinden. Welche Ariadne wuͤrde uns nun aus diesem gefaͤhrlichen Jrrgarten fuͤhren/ welch Oedi- pus uns diß Raͤtzel auffloͤsen? wenn die goͤttliche Weißheit durch so seltzame Zufaͤlle unsern im finstern nur tappenden Verstand nicht erleuch- tete; Wenn sage ich/ die so empfindliche Bestuͤr- tzung dieses Hertzogs uns nicht die Fenster sei- nes Hertzens eroͤffnete/ und wir so wohl darin- nen/ als in der sterbenden Seele der unvergleich- lichen Thußnelde das Feuer einer reinen Liebe lichterlohe haͤtten heraus schlagen sehen. Laͤ- stert nun mehr das Verhaͤngnuͤß ihr irrdischen Gottes-Veraͤchter/ daß es sich weder um un- sern Ursprung/ noch um unser Ableben/ noch um einigen Menschen bekuͤmmere. Faͤllet mehr fruͤhzeitiges Urthel: daß die Frommen selten Seide spinneten/ die Boßhafften aber meist auff Rosen gingen. Lernet aber ihr An- daͤchtigen/ daß alle Begebenheiten an einer rich- tigen Schnur der goͤttlichen Leitung haͤngen; daß alles/ was uns begegnen soll/ schon vom An- fange her/ zwar nicht in den Stern-Ziffern/ aber wohl in der Hand des Verhaͤngnuͤsses auffge- zeichnet sey; Daß die goͤttliche Barmhertzigkeit unter den bittern Schalen eines scheinbaren E- lendes den suͤßesten Kern unserer Wohlfarth verberge; und meist der garstigste Nebel ge- faͤhrlichster Zufaͤlle sich in einen erfreulichen Sonnenschein verklaͤre. Wisset demnach/ daß unsere guͤtige Gottheit der gewaltigen Liebe al- leine enthangen habe/ den Knoten solcher Ge- luͤbde auffzuloͤsen/ und die Riegel der Opffer- schrancken zu zerbrechen/ wenn mit der Verlob- ten iemand sich in ein den Goͤttern angeneh- mers Ehverloͤbniß einlaͤst. Jst nun nicht sich hoͤchst zu wundern/ wie unsere traurige Cy- pressen sich uͤber aller Anwesenden Einbildung in annehmliche Myrrhen verwandeln? Wie unser gluͤcklicher Feldherr in einem Tage mit Lorbern und Rosen bekraͤntzt wird? Stehe auf Segesthes/ aus dem Schatten des Todes/ aus den Fesseln des Ungluͤcks/ und erfreue dich uͤber die Vertilgung deiner begangenen Fehler/ er- kenne dein und deines Hauses Gluͤcke in Besitz- thum der unvergleichlichen Thußnelde/ und in Verbindung des grossen Herrmanns. Begluͤck- selige mit dem Ubermasse deiner Vergnuͤ- gung unsern unsterblichen Feldherrn/ durch Versprechung deiner holdseligen Tochter/ und unserer neuen Schutzgoͤttin. Verknuͤpffe durch diese Heyrath die Hertzen der großmuͤthigen Cherusker/ und der tapffern Casuarier. Jhr aber/ O ihr uͤberaus gluͤckseligen Verliebten/ warum verziehet ihr nach so fester Verknuͤpf- fung eurer tugendhafften Seelen nunmehro durch inbruͤnstige Umarmung auch die Leiber zu vereinbarn? Wunderschoͤne Thußnelde/ opffe- re numehr deine zarte Seele uͤber den Flammen der unbefleckten Liebe deinem Braͤutigam auff/ der die seinige dir fuͤrlaͤngst gewidmet hat/ und nach dem du deinen Vater durch die Liebe aus dem Rachen des Verderbens gerissen/ so mache auch diesen unschaͤtzbaren Helden von den Stri- cken aller Furcht loß/ und lasse den/ der auff den Grund deiner Tugend geanckert/ mit seiner Hoffnung numehro in Hafen der Vergnuͤgung mit vollem Segel einlauffen. Diese wunderliche Ebentheuer kamen allen Anwesenden nicht anders als ein Traum fuͤr; iedoch bezeugten sie mit Geberden und Jauch- zen ihre daraus geschoͤpffte Freude. Segesthens Ohnmacht verwandelte sich in eine Schwer- muth. Denn die Vergnuͤgung/ welche er uͤber Erhaltung seines Lebens empfand/ war nicht maͤchtig genug/ die wider den Cheruskischen Hertzog eingewurtzelte Gramschafft so ge- schwinde abzulegen/ oder auch nur zu verde- cken; Vielmehr wuchs sie in Segesthens Her- tzen Erstes Buch tzen gegen diesen Helden/ weil er seiner zeither ver worffenen Liebe sein und seiner Tochter Le- ben zu dancken gezwungen ward. Also ist man geneigter/ weniges Unrecht als grosse Wohltha- ten mit gleichem zu vergelten; Ja wenn Wohl- thaten schon die Kraͤffte unserer Vergeltung uͤ- bersteigen/ geben wir statt verbindlichen Dan- ckes unsern Wohlthaͤtern noch Haß zu Lohne. Uberdiß hatte Hertzog Herrmann vorhin nicht so wohl den Segesthes/ als dieser jenen belei- digt/ dahero brachte die Eigenschafft des mensch- lichen Gemuͤthes beym Segesthes mit/ den belei- digten zu hassen/ und zwar/ weil seine Ursachen hierzu unrechtmaͤßig waren/ desto hefftiger. Gleichwohl muste er aus der Noth eine Tu- gend machen/ und so viel moͤglich seine gegen den Feldherrn tragende Feindschafft mit be- truͤglichem Liebkosen bekleiden. Dahero erklaͤr- te er sich: Daß nachdem es den Goͤttern beliebet/ die Gemuͤther des Feldherrn und seiner Toch- ter zu vereinbarn/ liesse er ihm derselben Verlo- bung allerdings gefallen/ und ertheile hierzu seinen vaͤterlichen Willen. Thußnelden stieg nun allererst die Schamroͤthe unter die Augen/ entweder weil sie sich erinnerte/ daß sie nach Art der Sterbenden oder der unvorsichtigen Liebhaber eine allzufreye Zunge gehabt/ als sie die Heimligkeit ihres Hertzens nicht nur dem/ welchen sie liebte/ sondern so vielen Zuschauern offenbahret hatte; oder weil ihre Landes-Art er- forderte ihre Zucht bey Erkiesung eines Man- nes mit dieser Farbe als dem schoͤnsten Braut- schmucke der Jungfrauen zu bezeichnen. Her- tzog Herrmann/ ob er wohl dem Segesthes den Zwang seiner Einwilligung unschwer anmeꝛck- te/ und wohl verstand/ daß der/ welcher ihn vor- hin nie auffrichtig geliebt hatte/ den hervorbli- ckenden Unwillen nicht zum Scheine annahm/ fuͤgte sich doch zu ihm mit hoͤfflichster Ehrerbie- tung/ hob ihn von der Erden auff und danckte ihm/ daß er ihn fuͤr einen wuͤrdigen Braͤuti- gam seiner unschaͤtzbaren Tochter beliebt haͤtte. Hierauff naͤherte er sich zu Thußnelden mit an- nehmlichster Liebes-Bezeugung/ und verwech- selte mit ihr/ zum Zeichen ihrer Verbindung et- liche Mahlschaͤtze; Woruͤber Thußneldens Schamhafftigkeit sie doch so weit nicht verschlis- sen konte/ daß ihr nicht die Vergnuͤgung ihres Hertzens aus den Augen gesehen haͤtte. Kein Mensch/ ausser der schwermuͤthige Segesthes/ war zugegen/ welcher nicht uͤberaus grosse Freude bezeugte/ daß das Verhaͤngniß ein dem Vaterlande so heilsames und zu fried- samer Eintracht des Schwaͤhers und Eydams dienendes Verbindiß gestifftet/ und die so trau- rigen Opffer mit so einem froͤlichen Ausgange begluͤckt hatten. Die Priester sprachen mit an- daͤchtigen Geberdungen tausenderley Segen uͤber die Verlobten/ und es war aller einmuͤthi- ger Schluß/ daß ehesten Tages das hochzeitliche Beylager solte vollbracht werden. Die Fuͤrsten Zeno und Rhemetalces hatten diesen Begebungen gleichsam auff einer Schau- Buͤhne/ zwischen Furcht und Hoffnung/ als de- nen zwey Wirbeln menschlichen Lebens/ lange genug zugesehen/ als/ aus der grossen Menge des frolockenden Volcks/ sich die bey den Deut- schen heilige/ und so wohl wegen ihrer Weiß- heit als Wissenschafft kuͤnfftiger Dingein gros- sem Ansehen sich befindende Aurinia/ welche in eben diesem Heyne/ nebst hundert zu ewiger Keuschheit verschwornen Jungfrauen/ ihren Auffenthalt hatte/ auff einer schwibbogichten Saͤnffte naͤherte/ denen Verlobten/ nach Uber- stehung vielerley seltzamen Zufaͤlle/ grosses Gluͤck und Auffnehmen ihres Geschlechts weissagete; auch/ daß die Goͤtter nunmehro des Bluts uͤberdruͤßig waͤren/ andeutete. Hier- auff riß sie ihren Krantz vom Haupte/ loͤsete den Guͤrtel von ihren Lenden/ und warff beydes zu Beschirmung dieser zweyer Fuͤrsten auff ihren Wagen/ welche Zeichen bey denen andaͤchtigen Deutschen auch die schon Verdammten vom Tode zu befreyen und wider alle Gefahr zu versi- Arminius und Thußnelda. versichern kraͤfftig waren. Eine That in War- heit/ welche dem Beyspiele der Vestalischen Jungfrau Claudia die ihres Vatern Appius Siegs-Gepraͤnge wider des Roͤmischen Zunfft- meisters angemaßte Hindernuͤß beschuͤtzte/ weit fuͤrzuziehen ist! indem diese nur ihres Geschlech- tes Ehrgeitz befoͤrderte/ jene aber zwey Fremd- linge aus Lebens-Gefahr riß. Libys verfuͤgte hierauff/ daß nicht nur diese zwey Fuͤrsten/ son- dern alle noch lebende Gefangene entfesselt wuͤr- den/ und dahero diese zwar in freyerer Bewah- rung blieben/ jene aber/ nachdem sie der heiligen Aurinia als ihrer Schutz Goͤttin weissen Schleyer (welchen sie ihnen selbst darreichte/ weil sonst niemand bey Lebens-Straffe sie an- ruͤhren dorffte) mit tieffster Demuth gekuͤst/ und fuͤr ihre Begnadigung gedancket hatten/ wur- den nebst allen andern Fuͤrsten von dem Feld- herrn in seine Burg eingeladen. Alles Volck begleitete sie mit unauffhoͤrlichen Gluͤckwuͤn- schen/ die Priester mit vielfaͤltigen Segnungen/ und der schon anbrechende Morgen diente ih- nen zu einem anmuthigen Wegweiser/ gleich als wenn das grosse Auge der Welt nicht ehe den Erdboden mit seinem Scheine haͤtte erfreu- en wollen/ als biß mit dem Schatten der Nacht bey vielen auch die Furcht des ihnen fuͤr Augen schwebenden Todes verschwunden waͤre. Der Priester Libys trug inzwischen Sorge fuͤr die A- sche der Abgeschlachteten/ womit selbte mit de- nen noch uͤbrigen Gebeinen in Todten-Toͤpffe gerafft und verscharret wuͤrde. Absonderlich sammlete er die Uberbleibung des Qvintilius Varus in einen steinernen Krug/ vergrub sie/ richtete auch daselbst einen viereckichten Stein mit dieser Uberschrifft auff: Der Syrien bepfluͤckte/ Die frechen Juden band/ Der Deutschen Freyheit druͤckte/ Erlangt kaum diesen Sand. Sein Tod hat/ nicht sein Thun/ ihm noch dis Grab gegeben/ Das Ende kroͤnt ein Werck/ vertuscht ein schlimmes Leben. Jnhalt Des Andern Buches. H Ertzog Herrmanns Vergnuͤgung/ Thußneldens Freude/ Segesthens Schwer- und Malovends Unmuth. Des Fuͤrsten Zeno und Malovends Unterredung vom Koͤnigs- und andern Spielen; insonderheit: Ob diese den Fuͤrsten anstaͤndig/ und der Deutschen Spiel-Sucht verdam̃lich sey. Adgandester deutet im Nahmen deß Feldherrn denen gefangenen Fuͤr- sten die Freyheit sich mit der Jagt zu erlustigen an. Lob des Jagens. Sie fangen es mit der Reiger-Beitze an. Faͤllen einen Uhr-Ochsen. Seltzame Haͤrte ihrer Koͤpfe. Erlegung eines vom Kayser Julius mit einem Halsbande bezeichneten Hirschen/ welcher uͤber den Rhein gesetzt/ weil die Sicambrer ihm die aus Gallien getriebenen Menapier nicht haͤtten wollen ausfolgen lassen/ fuͤr den auff ihn dringenden Catten aber haͤtte muͤssen zuruͤck weichen. Dahero er vorher aus dem Sicambrischen Thier-Garten zu seinem Andencken alle also gezierte Hirsche loßgelassen haͤtte. Der Hirschen Alter und Eigenschafften. Was fuͤr Unterschleif mit falsch-ertichteten Alterthuͤmen vorgehe. L Was Anderes Buch Was die Thiere den Menschen fuͤr Artzneyen gewiesen. Ob die unvernuͤnftigen Thie- re/ wie die Menschen/ Gemuͤths-Regungen haben? Malovend gedencket eines Wun- der-Horns/ welches eine Wald-Goͤttin einem Fuͤrsten seines Geschlechts gegeben. Der Roͤmer Großsprechen von ihren Thaten. Jhre gegen frembde Voͤlcker veruͤbte Boß- heiten/ und Verdruͤckung anderer Siege. Die Fuͤrsten faͤllen viel wilde Schweine/ derer eines Rhemetalcen verwundet. Fuͤrtreffligkeit der Britannischen Tocken und anderer Hunde. Erlegung zweyer Baͤren. Die Treue der Hunde gegen ihre Herren. Alfesleben verlieret bey Ausweidung des Baͤres einen eisernen Ring. Schaͤtzbarkeit gewisser Ringe/ und warumb die Cattischen Edelleute biß zu Erlegung eines Feindes eiserne tragen? Das Recht guͤldne und eiserne Ringe zu tragen/ die Gewohnheit selbte zu verschencken/ an gewissen Gliedern zu tragen/ und gewisse Bilder darein zu etzen. Was die Catten und andere fuͤr Wappen gefuͤhrt. Alfesleben wird von einer Sau verwundet. Andeutungen durch Ringe und andere seltzame Wir- ckungen. Die Fuͤrsten speisen in des Feldherrn Jaͤger-Hause. Beschreibung des Boller-Brunnes/ und anderer wunderbaren Waͤsser. Deutschland waͤre Außlaͤn- dern wider die Wahrheit allzu rauh beschrieben/ und haͤtte sich durch die Gemein- schafft mit den Roͤmern verbessert. Die Natur waͤre mit wenigem vergnuͤgt/ und haͤtte iedem Lande seine Nothdurfft verschafft. Scheltung des luͤsternen Uberflusses. Schaͤdligkeit frembder Gewaͤchse. Ob die Natur deßwegen in allen Landen nicht alles wachsen lasse/ daß eines mit dem andern Gemeinschafft haben solle? Ob der Mensch sein Leben durch Erfindungen zu verbessern/ oder sich mit den blossen Gaben der Natur zu vergnuͤgen habe? Verwerffung der Zaͤrtligkeit und Verschwendung/ und das Lob der menschlichen Abhaͤrtung; iedoch sey die Tugend keine Feindin der Ge- maͤchligkeit. Der Deutschen Uhrsprung. Die Geschichte Hermions des ersten deut- schen Feldherrns aus dem Cheruskischen Geschlechte. Der Kwaden Hertzog Atcoroth hat Mißfallen uͤber Hermions Wahl. Seine Tochter Emma ist verliebt in Hermions Sohn Marß. Hermion nim̃t sich der vom Atcoroth bekriegter Noricher/ nebst dem Fuͤrsten der Rhetier Bato an; schlaͤgt und zwinget ihn/ daß er ihm die Laͤnder zwi- schen der March und Wage/ seinem Sohne Mars die Tochter/ dem Bato sein Wahl- Recht abtreten muß. Seine Gemahlin Kuͤnigundis verleitet den Atcoroth zum Frie- dens-Bruche/ sperret die Emma ein/ und bringt den Mars umbs Auge. Atcoroth wird geschlagen/ erstochen/ Kuͤnigundis belaͤgert/ aber durch den Emma an Mars/ der Jutta des Hermions Tochter an Valuscenes des Atcoroths Sohn geschehene Verhey- rathung Friede gemacht. Hermion uͤberwindet die Sequaner/ und lehret die Wei- ber kriegen. Mars wird nach ihm wider Svasandufaln den Fuͤrsten der Tencterer zum Feldherrn erkieset/ dieser auch von jenem/ und jener vom Fuͤrsten der Alemaͤnner erlegt. Cridifer sein Sohn wird von Dulwigen der Vindelicher Hertzoge gefangen. Nach neun andern wird Vandal der dritte Cheruskische Feldherr. Dieser schlaͤgt Micasirn den Sarmater/ stirbt aber zeitlich. Jhm folgt der kluge und friedsame Her- tzog Ulsing; herrschet lange; vermaͤhlet seinen Sohn Alemann an Vercingentorichs Tochter und macht ihn zum fuͤnften Feldherrn. Lob des Friedens. Ulsings nuͤtzliche Ge- baͤue. Verachtung der unnuͤtzen aber kostbaren/ wie auch der wahrsagenden Stern- seher- Arminius und Thußnelda. seher-Kunst. Die Wissenschafft des Sternenlauffs sey aber nuͤtzlich. Ulsing muß ihm ein Bein abloͤsen lassen und stirbt. Der streitbare Aleman fuͤhret einen Loͤwen mit sich/ erlegt die wildesten Thiere/ versteigt sich in Jagten/ wird von einer Heydexe errettet/ schlaͤgt die Gallier. Kriegerische und Friedsame Fuͤrsten sollen miteinander abwechseln. Die Cheruskischen sind im Heyrathen gluͤcklich. Alemann verehlicht seinen Sohn Hun- nus mit des Britannischen Koͤnigs Tochter/ welcher das Atlantische Eyland erobert. Der Carthaginenser/ Phoͤnicier/ Egyptier/ Nord-Voͤlcker/ Scythen/ Britañier/ Bata- ver/ Friesen Schiffarth dahin. Die Britannier waͤren durch Ungewitter dahin verschla- gen worden. Madoch der Cimbern Hertzog waͤre 300. Jahr ehe dahin gereiset/ und die Sitonier lange vorher fuͤr dem Wuͤterich Harfager in die Atlantische Jnsel geflo- hen. Jhr Reichthum waͤre Ursach/ daß nimmer ein Volck fuͤr dem andern verborgen/ gleichwohl haͤtte das Erdbeben ein gut Theil davon verschlungen. Der Griechen und Roͤmer Schiffarthen/ welche aber sich in das Atlantische Eyland nicht erstrecket. Mar- comir der sechste Cheruskische Feldherr erbt von der Mutter Britannien und viel ande- re Laͤnder; sein Bruder der Noricher Hertzog der Bojen und Kwaden Gebiete. Mar- comirs Kriege wieder Usesivaln der Gallier Hertzog/ wider die Hermundurer/ Catten und den Scythischen Koͤnig Salomin. Er richtet zwey Seulen auff der Atlantischen Jnsel auff/ erobert viel grosse Laͤnder und schaffet die in der Welt so gemeine Menschen- Opfferung darinnen ab. Wuͤrde der Reichs-Urheber und ihrer Vergroͤsserer. Ob A- lexander dem Julius oder dieser jenem vorzuziehen? Marcomirs Siege/ Reisen und Ab- legung seiner Herrschafft. Welche die loͤblichste Vorbereitung zum Tode waͤre. Der Seele sey ein geheimer Zug gegen GOtt/ und ein Verlangen nach der Unsterbligkeit an- gebohren. Jrrdische Ursachen der Abdanckungen. Mit dem Alter verfielen die besten Fuͤrsten. Die Reue folge der Niederlegung der Wuͤrden auff dem Fusse. Marcomir verlaͤst seinem Sohne Hippon die fremden/ seinem Bruder Jngram die deutschen Laͤn- der und die Feldherrschafft. Beyspiele etlicher anderer sich ihres Reichs enteusernder Fuͤrsten. Der Getischen Koͤnige dienstbare Herrschafft. Des Rakimis Abdanckung wegen verfallenen Ansehns bey seinem Volcke. Der siebende Feldherr Jngram und der Dacier Hertzog Decebal bewerben sich widereinander um die Pannonische und Kwadi- sche Hertzogin Hermildis. Decibal verfaͤlscht Jngrams Schild durch Einschiebung ei- nes Bildes der Cimbrischen Fuͤrstin Gandeberge. Beyder Fuͤrsten Turnier. Das Bild wird in des Jngrams zerschmettertem Schilde entdecket und der Hoff wider ihn erbit- tert. Die vermum̃te Hermildis kaͤmpfft wider den Hertzog Jngram/ wird aber von ihmhefftig verwundet. Grausamer Streit Jngramswider Decebaln/ welcher gezwun- gen wird seinen Betrug zu bekennen. Decebal wird vom Hofe verbannt/ erregt aber wider den Koͤnig Lissudaval die Pannonier/ diese erwehlen seinen Sohn Gudwil zum Koͤnige. Gudwils Mißtrauen gegen den Jngram. Gottesdienst der Kihala bey den Kwaden. Jngram betheuret seine Redligkeit/ und ruͤhret einen gluͤenden Rost unver- sehrt an. Jhm wird Hermildis vermaͤhlet. Lissudaval stirbt/ Gudwil wird vom Salomin erlegt. Jngram erbt das Kwadische Reich/ krieget um das Pannonische mit Decebaln. Er siegt/ verfaͤllt aber mit den Scythen in Krieg. Schutz-Bilder gewisser Oerter. Friedebald beschuͤtzt wider den Salomin die Stadt Vindobon; Decebal trit L 2 dem Anderes Buch dem Jngram Pannonien ab/ behaͤlt Dacien. Salomin vertreibt Decebals Sohn und seine Mutter/ nimmt Bregetio ein; Jhm widerstehet aber Jngram. Sein Sohn Klo- domir der achte Cheruskische Feldherr wird von Marcomiren erzogen. Seine Tugen- den und Liebe gegen Riamen Marcomirs Tochter/ welche aber in Friedebalden verliebt/ und unter der ebenfalls in Hertzog Friedebalden verliebten Koͤnigin der Kwaden Olorene Auffsicht ist. Beyder Fuͤrstinnen geheime Eifersucht. Riama gibt Friedebalden ihre Liebe zu verstehen. Marcomir schreibt an Olorenen und Riamen/ wil diese Klodomirn gegen Abtretung der Feldherrschafft vermaͤhlen. Klodomir ist hier zu geneigt/ ihm a- ber selbst Riama unhold. Astinabes der gluͤckseligen Jnseln Koͤnig wirbt um Olore- nen. Koͤnig Jngram verbeut seinem Sohne Klodomir der Feldherrschafft sich zu ver- zeihen. Marcomir schickt Friedebalden wider den Koͤnig Salomin; traͤgt Olorenen Astinabens Heyrath fuͤr/ erfaͤhret aus Hertzog Friedebalds Briefe Olorenens und Ri- amens Liebe gegen den Fuͤrsten Friedebald. Marcomir befehlicht die Riame Klodomirn/ Olorenen den Astinabes zu ehlichen. Marcomirs und Olorenens ungleiches Urthel von Fuͤrstlichen Staats-Heyrathen. Die Fischer ziehen des durch Schiff bruch umkomme- nen Friedebalds Leiche aus de m Wasser/ woruͤber Olorene ohnmaͤchtig wird/ Riame er- starret und beyde erkrancken. Klodomir geraͤth in einer Wildniß in Lebens-Gefahr. Die zwey krancken Fuͤrstinnen werden nach Gades in den Tempel des Esculapius bracht. Friedebalds Geist bittet sie um Vergessung ihrer Liebe und Betruͤbnisses. Jhre Genesung und seltzame Verliebung in die ihnen bestimmten Braͤutigame. Schlaue Wunderwercke der Priester. Der Gottesdienst gebe nicht nur eine Larve der Staats-Klugheit/ sondern auch der Liebe ab. Klodomirs Vermaͤhlung mit Riamen/ des Astinabes mit Olore- nen. Friedebalds Geist bedienet ihren Braut-Tantz/ und weissaget Olorenen. Jhre Einsamkeit wegen des verlohrnen Astinabes. Merckwuͤrdige Unterredung von den Geistern der Lebenden und Todten. Hippon nimmt das Reich des Ast inabes ein. Klo- domirs gluͤckliche Herrschafft und Kriege wider den Salomin und Miles. Nach seinem Tode herrschet der neundte Feldherr Roderich/ krieget wider drey Scythische Koͤnige/ und setzt Deutschland in Ruh/ weigert sich auch auff des Parthischen Koͤnigs Mithri- dates Ersuchen mit den Scythen den Frieden zu brechen. Ruhm des Friedens/ dahin ein verlebter Fuͤrst sein Absehen nehmen soll. Roderich schickt dem Mithridates kostba- re Gegengeschencke. Untersuchung des Goldmachens/ und ob das Reichthum der Pfei- ler eines Reiches sey. Gespraͤche von dem ewigen Feuer. Malorichs des zehenden deutschen Feldherrn kluge Herrschafft. Er erkiest Hertzog Aembrichen zu seinem Reichs- Erben. Die Erscheinung eines schrecklichen Schwantz-Sternes. Deutungen solcher Gestirne und der Erdbeben. Ruͤckkunfft der auff der Jagt gewesenen Fuͤrsten nach Deutschburg/ allwo unterdessen Melo der Sicambrer Hertzog/ Beroris sein Bruder/ und Dietrich sein Sohn mit vielen Gefangenen Roͤmern ankommen waren/ welche sie in der Festung Tranburg/ Mattium/ Segodun/ und Cattenburg/ und in dem mit dem Caͤditius abermahls gehaltenen Treffen bekommen/ und berichtet/ daß die Me- napier und Eburoner wider die uͤber den Rhein getriebenen Roͤmer auffzustehen ge- neigt waͤren. Der Deutschen hieruͤber bezeugte Freude. Das Arminius und Thußnelda. Das Andere Buch. D As Volck kam insgemein mit nicht geringer Freude/ die Fuͤr- sten mit uͤberaus veraͤnderten Gemuͤths - Regungen/ iedoch meist alle mit mehrer Vergnuͤ- gung auff des Feldherrn Burg an/ als sie vorher in den Deutschburgischen Heyn gediegen waren. Hertzog Herrmann sahe sein Vaterland numehr durch seine Ver- nunft und Tapferkeit auff den Stul der guͤldnen Freyheit versetzt/ sein Haupt mit unverwelcken- den Siegs-Kraͤntzen uͤberschattet/ und er solte nun in das Bette der wunderschoͤnen Thußnel- de schreiten; also schien er in beyden heftigsten Gemuͤthsregungen/ nehmlich der Ehrsucht und Liebe den hoͤchsten Zweck erlangt zu haben/ und/ nachdem ein gewuͤntschter Ausschlag alle Ver- druͤßligkeiten uͤberzuckert/ konte er das erlidtene Ungemach so viel leichter ihm aus dem Sinne schlagen. Ja er wuste wider das Unrecht des Segesthes sich keiner ruͤhmlichern Rache zu be- dienen/ als nach so vielen Wolthaten seine Ab- neigung mit moͤglichster Ehrerbietung/ und die menschliche Eigenschafft mit Entaͤuserung alles Unwillens zu uͤberwinden/ nach dem es doch in unser Gewalt nicht stehet/ etwas/ so unserm Ge- daͤchtnuͤsse schon einmal fest eingedruͤcket ist/ gar zu vergessen. Die großmuͤthige Thußnelde ward wegen Errettung ihres verurtheilten Va- ters/ wegen eingelegten Ruhmes ihres Bru- dern/ durch die Vergnuͤgung ihrer inbruͤnstigen Liebe von Freuden dergestalt uͤberschuͤttet/ daß ihr so viel Gutes mehrmals nur zu traͤumen be- deuchtete/ und sie daruͤbeꝛ aus angewohntem Un- gluͤcke zu zweifeln anfing/ mehrmals auch ihre Freudigkeit nicht allzusehr an Tag zu geben sich zwingen muste. Weil sich aber Schwermuth nicht so leicht als Freude verbergen laͤst/ sahe dem Segesthes und seiner stets gesuchten Einsamkeit entweder der Verdruß wider seiner Tochter un- vermeidliche Heyrath/ oder die Erkaͤntnuͤß sei- ner eigenen Schande aus den Augen. Denn die Laster sind ihnen selbst die aͤrgsten Hencker/ und es kan der Leib nicht so blutig mit Ruthen gestrichen werden/ als das Gewissen der Boß- hafften ihre eigene Bangsamkeit peinigt. Ma- lovend empfand zum theil auch einige Wunden dieser innerlichen Quaal/ daß er den Degen wi- der seine Landsleute ausgezogen/ und noch nicht allerdings versichert zu seyn meynte/ ob ihm sol- ches so gar ungenossen ausgehen wuͤrde. Die- se Schwermuth veranlassete den Tencterischen Fuͤrsten Marcomir/ daß er den Fuͤrsten Malo- vend auff seinem Zimmer heimsuchte/ und mit dem Koͤnigs-Spiele die Verdruͤßligkeit der Zeit zu verkuͤrtzen vornahm. Nach weniger Zeit kam Zeno der Pontische und Rhemetalces der Thracische Hertzog darzu/ welchem letztern be- frembdet fuͤrkam/ daß Malovend seine Bekuͤm- mernuͤsse mit einem Spiele zu erleichtern suchte; welches zwar nachdencklich und darinnen Fuͤrst- lich waͤre/ daß es keine knechtische Begierde des Gewinns/ sondern den einigen Ruhm des Ob- siegs zum Zweck; aber keine Bewegung des Lei- bes in sich haͤtte/ und das Gemuͤthe eben so sehr als das wichtigste Fuͤrnehmen beschaͤfftigte/ also in seiner Ernsthafftigkeit nichts weniger als ein Spiel waͤre. Malovend antwortete Rheme- talcen: Der Nahme des Koͤnigs-Spiels redete ihm selbst/ und ihnen/ als Fuͤrsten/ dieses Zeit- vertriebs halber/ das Wort; und weil es aus Morgenland den Ursprung/ auch bey selbigen Voͤlckern das groͤste Ansehen haͤtte/ wunderte ihn so viel mehr/ wie er esfuͤr so veraͤchtlich hielte/ da doch in selbtem/ als in einem Sinnbilde alle Herrschens-Kuͤnste und die oberste Botmaͤssig- keit der Klugheit enthalten seyn solten. Jn welchem Absehen ein Jndischer Koͤnig dem mit L 3 ihm Anderes Buch ihm kriegenden Persischen ein Koͤnig-dieser aber jenem ein Bret-Spiel uͤberschickt; und wie jener die Gewalt der Klugheit/ also dieser die Macht des Gluͤckes dardurch entworffen ha- ben solle. Jm Fall aber auch gleich ihr Spiel nicht die Freudigkeit anderer Lust-Spiele in sich haͤtte/ waͤre seine traurige Eigenschafft ihrer Gefangenschafft so viel anstaͤndiger. Rhemetal- ces versetzte: Er waͤre zwar ein naher Nachbar der Lydier/ welche das Wuͤrffel-Bret- und Ball- Spiel erfunden haben solten/ dißfalls aber waͤre er von ihrer Lebens-Art gantz entfernet/ in dem er zu keinem als denen Kriegs-Spielen einigen Zug haͤtte/ und aus selbten mehr Unlust als Er- goͤtzligkeit schoͤpfte. Sintemal der Mensch zu einer nuͤtzlichen Thaͤtigkeit gebohren/ wie der Himmel zur Bewegung geschaffen waͤre. Die saͤm̃tlichen Spiele aber waͤren wegen ihrer ver- gebenen/ wo nicht schaͤdlichen Bemuͤhung/ fuͤr etwas geringers als den Muͤssiggang zu halten. Jnsonderheit aber hielte er das Spielen einem Fuͤrsten fuͤr unanstaͤndig/ als dessen Ambt waͤre stets mit wichtigen und gemeinnuͤtzigen Dingen unmuͤssig zu seyn. Weßwegen er die vom Me- nedemus dem jungen Antigonus beym Spiele ins Ohr gesagte Lehre als heilsam verehrte: Er- innere dich/ daß du eines Koͤnigs Sohn bist. Zeno brach Rhemetaleen ein: Dieses waͤre ein allzu scharffes Urthel wider die Spiele/ und eine zu strenge Einsperrung der Fuͤrsten. Nach der Meynung des Goͤttlichen Plato verrichte- ten GOtt und die Natur alles spielende; war- um solte alle Ergoͤtzligkeit/ welche doch ein Wetz- Stein der folgenden Arbeit waͤre/ Fuͤrsten ver- wehret seyn? Die Bewegung der Sterne solle sich einer spielenden Harffe gleichen. Ja die Weißheit selbst waͤre nichts besser als ein ver- nuͤnftiges/ und das menschliche Leben grossen theils ein Affen-Spiel. Dahero der den sieben Weisen in Griechenland gleich-geschaͤtzte Koͤ- nig in Egypten Amasis sich mehrmahls zu ver- mummen und einen Narren fuͤrzustellen sich nicht geschaͤmet haͤtte. Es waͤre zu wuͤnschen/ daß man alles dis/ was ein Fuͤrst zu lernen haͤtte/ ihm im Spiele beybringen koͤnte/ wie Parrha- sius alle seine so liebliche Gemaͤhlde mit Singen verfertigte. Sintemal Fuͤrsten ohnedis nicht den Buͤchern/ wie die Sclaven von den Ketten wollen angefesselt seyn/ und alle Gemaͤchte aͤu- serlich entweder dieselbe Anmuth oder Verdruͤß- ligkeit zeugen/ die dem Kuͤnstler in seinem Gehir- ne gesteckt/ wenn ihm die Arbeit entweder schwer oder gut von Haͤnden gegangen. Wenn das Meer am annehmlichsten waͤre/ spielte es mit seinen sanften Wellen/ und wenn das Auge der Welt der Welt seinen Segen austheile/ mit sei- nen Straalen. Die guͤtigsten Fuͤrsten waͤren zu Kurtzweil geneigt/ die allzu ernsthaften aber insgemein die grimmigsten gewest. So gar Socrates und Heraclites haͤtten zu Ephesus un- ter den Kindern des Beinleins/ und der sauer- sehende Cato mit den Wuͤrffeln gespielt. Wie moͤchte man denn Fuͤrsten eine strengere Weiß- heit abheischen? Koͤnig Demetrius haͤtte es ihm fuͤr keine Schande geachtet/ allerhand Schnitz- werck/ der junge Dionysius Wagen und Tische mit seiner Hand zu machen/ und Attalus ertztene Bilder zu giesse. Der Cizicenische Antiochus haͤt- te sich mit tantzenden Tocken/ Koͤnig Aeropus in Macedonien mit Laternen-machen/ Hercules/ Agesilaus und Alcibiades mit Spielen der Kin- der sich erlustigt. Ja/ sagte Malovend/ habe ich doch den umbs Reich so sorgfaͤltigen Kaiser Au- gust nach der Abend-Mahlzeit uͤber Mitternacht mit vierseitigen Wuͤrffeln spielen und dabey zwantzig tausend Groschen verlieren/ und seinen Mitspielern wol dritthalbmal so viel zum Spie- le verehren sehen. Rhemetalces fing an: Diese Freygebigkeit muß dem Spiele noch ein wenig aushelffen. Denn ein Fuͤrst soll niemals spielen/ als mit Vorsatze zu verlieren. Mit was aber ent- schuldigt ihr Deutschen eure Luͤsternheit zum Spielen? Sintemal ich nach der Schlacht wahrgenommen/ daß ihrer viel/ und zwar nuͤch- tern Arminius und Thußnelda. tern bey gutem Verstande/ gegen ein gewisses von den gefangenen Roͤmern auffgesetztes Geld so gar ihre eigene Freyheit auffgesetzt/ und/ unge- achtet der Verspielende staͤrcker und vermoͤgen- der war/ sich in die Knechtschafft des gewinnen- den Spielers ohne Widerrede gestellet haͤtten. Malovend begegnete ihm: Er koͤnte diesen Mißbrauch seiner Landsleute nicht umstehen. Alleine wie schwerlich das Thessalische Thal Tempe/ oder einige Aue der Welt nicht auch ein giftiges Kraut unter ihren Gewaͤchsen naͤhrte/ so waͤre kein so wol gesittetes Volck unter der Son- ne/ welches nicht einige Laster unter dem Nahmẽ der Sitten hausete. Die Lydier verkaufften die Jungfrauschafft ihrer Toͤchter/ ehe sie sie verhey- ratheten/ die Sarder toͤdtetẽ ihre veralternde El- tern/ die Perser entkleideten sich zu ihrer Schwel- gerey/ gleich als wenn sie eine Schlacht liefern solten/ ja Eltern und Kinder heyratheten wider die gleichsam angebohrne Scham und das Ge- setze der Natur zusammen. Die dem Spiele ergebenen Deutschen aber machten gleichwohl aus dem Laster eine Tugend/ nach dem sie in dem Spielen sonder Zwang einigen Gesetzes so stand- hafft Treu und Glauben hielten/ und sich lieber ihrer Freyheit/ als der Wahrheit entaͤuserten. Ausser dem wuͤrde man die Versaͤumung noͤthi- ger Geschaͤffte/ Zwytracht und Gewinnsucht/ als die gemeinsten Mißbraͤuche des Spieles/ in Deutschland so gemein nicht als bey andern Voͤlckern finden. Dahero es mit der Deutschen Spiele schier wie mit den Pfirschken beschaffen zu seyn schiene/ welche in Persien giftig/ in den Nordlaͤndern aber eine gute Speise waͤren. Malovend wuͤrde den Deutschen noch ferner das Wort geredet haben/ wenn nicht gleich Fuͤrst Adgandester in das Zimmer getreten waͤre/ wel- cher denen Gefangenen im Nahmen des Feld- herrn erlaubte/ an dem Hofe ohne geringste Be- strickung sich auffzuhalten/ wenn sie anders nur ihr Wort geben/ sich des Orts nicht zu entbre- chen. Wie nun diese Gnade sie so viel mehr vergnuͤgte/ und gegen den Fuͤrsten Adgande- ster ihre Verbindligkeit auffs beweglichste aus- druͤckte; also wurden ihre Gemuͤther gegen dem Feldherrn auffs hoͤchste verknuͤpfft. Denn es ist keine groͤssere Zauberkunst sich beliebt zu machen/ und andern das Hertz zu stehlen/ als Wohlthat und Leutseligkeit. Der Feldherr hatte die deutschen Fuͤrsten/ wenn ieder der Ruh gepflegt haben wuͤrde/ zu einem herrli- chen Mahl eingeladen/ weil er aber mit ihnen uͤber ihren Reichs- und Kriegs-Haͤndeln dabey zu rathschlagen willens war/ den Zeno/ Rheme- talees/ Marcomir und Malovend absonderlich zu bedienen angeordnet. Weil nun gleiches Alter und einerley Gluͤcke auch die fremdesten Gemuͤther leicht miteinander verknuͤpfft/ ge- riethen diese drey letztern unschwer in eine son- derbare Vertrauligkeit. Folgenden Tag ver- anlassete sie der Feldherr selbst ihnen selbige Ta- ge/ da er theils mit Rathschlaͤgen/ theils mit An- stalt seines Beylagers beschaͤfftigt war/ durch Jagen die Zeit zu vertreiben/ und ihnen allen Kummer aus den Gedancken zu schlagen/ gab auch sie zu unterhalten ihnen den Fuͤrsten Mar- comir zu. Daher noͤthigte sie so wohl dieses hoͤff- liche Anbieten/ als ihr eigener Trieb/ und in- sonderheit die um das schwartze Meer braͤuchli- che Landes-Art folgenden Tag nach der Mor- genroͤthe fuͤrzukommen/ und mit allerhand noͤ- thiger Anstalt in das Hertzogliche Gehaͤge sich zu dieser den Fuͤrsten gewoͤhnlichen und wohl an- staͤndigen Lust zu verfuͤgen. Sintemal sie den Leib hierdurch zu allerhand Muͤhsamkeit abhaͤr- ten/ in Verfolgung des fluͤchtigen Wildes ren- nen/ des Hertzhafften/ fechten/ des Schlauen/ al- lerhand krummen Raͤncken und List mit List be- gegnen/ und die Beschaffenheit eines Landes am besten kennen lernen. Welche Wissenschafft ei- nem Fuͤrsten noͤthiger als die Kenntniß der Ge- stirne ist. Denn diese hat den bedraͤngten Serto- rius mehrmahls errettet/ wenn seine Feinde ihn schon in Haͤnden zu haben vermeinet. Die bey Ver- Anderes Buch Verfolgung eines Wildes sich ereignete Verir- rung ist mehꝛmals eine Wegweiserin des Sieges gewest. Weßwegen iederzeit die streitbarsten Voͤlcker die Jagt geliebet/ und die tapffersten Fuͤrsten mit dieser maͤnnlichen Ergetzligkeit ih- re Herrschens-Sorge erleichtert/ denn auch ihre Erqvickungen sollen Bemuͤhungen seyn. Darius hielt diese so ruhmwuͤrdig/ daß er auff sein Grab ihm als einen besondern Ehren- Ruhm schreiben ließ/ daß daselbst ein fuͤrtreffli- cher Jaͤger begraben laͤge. Etliche grosse Fuͤr- sten haͤtten selbst diese Kunst mit ihrer eigenen Feder zu beschreiben sich nicht geschaͤmet. Die- semnach denn die wider diese an sich selbst gute Ubung geschehene Einwuͤrffe von schlechtem Gewichte zu achten sind/ samb selbte das mensch- liche Gemuͤthe mehr wilde machte/ als sie dem Leibe dienlich waͤre; daß ihre Annehmligkeit ei- nen Fuͤrsten noͤthigern Sorgen abstehle. Sin- temal selbte auff blossen auch den Kern der besten Sachen verderbenden Mißbrauch gegruͤndet sind. Daß aber Saro der Gallier Koͤnig sich uͤber Verfolgung eines Hirschen ins Meer ge- stuͤrtzt/ andere sich in Gebuͤrgen verstiegen/ oder von Gespensten verleitet worden/ ist ihrer eig- nen Unvorsichtigkeit/ oder andern Zufaͤllen/ welche auch in den loͤblichsten Unterfangungen die Hand mit im Spielhaben/ nicht der Eigen- schafft des Jagens zu zuschreiben. Den Anfang dieser Jagt machte der Graf von Uffen/ des Feldherrn oberster Jaͤger-Mei- ster/ an einem sumpfichten Orte mit dem Rei- gerbeitzen. Denn so bald dieser etliche Mitter- naͤchtische Falcken außließ/ erhoben sich eine grosse Anzahl Reiger empor/ welche allhier fuͤr den Hertzog pflegen gehegt zu werden/ also daß sie niemand sonst bey ernster Straffe beunruhigen darff; wiewol sonst das allgemeine Voͤlcker- Recht/ welches den Fang der wilden Thiere ie- dermann gemein laͤst/ in Deutschland unver- sehrt ist. Auff die auffprellenden Reiger wur- den alsofort so viel Falcken/ worunter etliche schneeweisse/ welche bey denen Cimbern und Bosniern gefangen werden/ ausgelassen. Die- se muͤhten sich auffs eifrigste jene mit ihrem Flu- ge zu uͤberklimmen/ und hierauff stiessen sie schriemwerts mit vorgestreckten Klauen auff die niedrigen Reiger mit solcher Heftigkeit herab/ daß ihr Abschiessen gleichsam ein Geraͤusche des Windes machte/ und die Reiger gantz zer- fleischt zur Erden fielen. Wiewol etliche schlaue Reiger die allzu hitzigen Falcken mit ihren uͤber sich gekehrten Schnaͤbeln nicht nur verwunde- ten/ sondern gar toͤdteten. Diese Lust vergnuͤg- te den Hertzog Zeno so sehr/ daß er sich heraus ließ: Plato haͤtte zwar die Fisch- und Vogel- Jagt/ als etwas knechtisches getadelt/ er befindete aber die Reigerbeitze fuͤr eine recht edle Fuͤrsten- Lust. Rhemetalces fing an: Die Thracier haͤtten fuͤr uhralter Zeit diesen Vogel-Krieg hoͤ- her als keine andere Jagt gehalten/ und ihre Koͤ- nige bey der Stadt Amphipolis mit dem Ha- bicht-Fange der Wasser-Vogel ihnen eine un- gemeine Lust gemacht. Zeno pflichtete diesem Lobe gleichfalls bey/ mit Vermeldung/ daß die Jndianer mit ihren abgerichteten Adlern eben- falls das furchtsame Gefluͤgel zu fangen pflege- ten/ aber ihre Lust kaͤme der gegenwaͤrtigen bey weitem nicht bey. Hierauff kamen sie in den nechst daran liegen- den Forst/ darinnen ihnen alsofort unterschiede- ne Rehe auffstiessen/ derer etliche sie mit ihren Pfeilen faͤlleten. Hernach kamen sie auff die Spur eines wilden Uhr-Ochsens/ den sie auch alsofort ereilten. Zeno vermeynte mit seinem Bogen ihn alsofort zu erlegen/ und schoß drey Pfeile hintereinander auff dessen Stirne/ wel- che aber alle ohne Verwundung absprungen. Dieser Fuͤrst verwunderte sich hieruͤber nicht wenig/ meldende: Er wuͤste nicht ob diese Ochsen sich mit Kraͤutern feste gemacht/ oder seine Ar- men alle Kraͤfte verlohren haͤtten. Malovend lachte und sagte: Von Gemsen glaubte man zwar/ daß wenn sie die Doranich-Wuꝛtzel geges- sen/ Arminius und Thußnelda. sen/ sie mit keinem Geschoß verwundet werden koͤnten; von dem Ochsen aber haͤtte er diß nie gehoͤrt. Rhemetalces schos zwey Pfeile/ eben so wol vergebens/ dem Ochsen auff den Kopff/ und dahero mit nichts minderer Entruͤstung. Da fing Malovend an: Sie suchten vergebens diß Thier im Kopfe zu beleidigen/ der so harte waͤre/ daß ein Geschoß ehe durch Ertzt als durch seine Hirnschale gehen wuͤrde. Hiermit traff er den rennenden Ochsen mit einem Wurf- spiesse so gluͤckselig in die Seite/ daß selbter in der Brust vorging/ und dieses Thier entseelt zu Bo- den fiel. Hierauff schoß er einen Pfeil ihm durch den Kopff durch und durch. Welches bey- den andern Fuͤrsten noch seltzamer fuͤrkam/ und mit dessen nunmehr leichter Durchschuͤssung die Krafft ihrer Bogen versuchten. Malovend berichtete sie hierauff/ daß mit dem Leben die Haͤrte des Schaͤdels zugleich verschwinde/ und hiermit verfielen sie auff einen Hirsch von unge- meiner Groͤsse/ und einem Geweyhe von sehr viel Enden. Er verwundete zwar selbten mit einem Pfeile/ es wuͤrckte aber solcher mehr nicht/ als eine schnellere Flucht. Nachdem er auch in diesem Forste eine See erreichte und durch- schwamm/ musten die Fuͤrsten einen Umweg selbten zu verfolgen nehmen/ und womit er ih- nen nicht gaͤntzlich entrinne/ ein paar Strick Winde loß lassen. Diese brachten ihn/ nach- dem er endlich in seinem Lauffe nach Art der Hirschen/ wegen Schwachheit ihres Mast- darms und wegen der Verletzung offtmahls ruhen muste/ zu Stande/ also/ daß er/ keine an- dere Ausflucht sehende/ sich endlich selbst denen Fuͤrsten naͤherte/ ihre Bogen und Pfeile/ gleich als wenn er von ihnen sich keines Leides zu be- sorgen haͤtte/ betrachtete/ und als ein Muster allzu leichtglaͤubiger Vertrauligkeit/ vom Rhe- metalces mit einem Wurffspiesse getoͤdtet ward. Als diese Fuͤrsten abeꝛ diß gefaͤllte Wild betrach- teten/ wurden sie eines am Halse habenden und unter den Haaren ziemlich ins Fleisch gewachse- nen Halsbandes gewahr/ welches sie von den Pferden abzusitzen und selbtes eigentlicher zu er- forschen verursachte. Das sie denn auch aus dichtem Silber gefertigt/ und darauff eingeetzt befanden: Als Julius Caͤsar den Deut- schen ein Gebieß anlegte/ gab er mir die Freyheit. Sie erstarrten fuͤr Ver- wunderung gleichsam uͤber dieser Begebenheit/ und Rhemetalces beklagte uͤberaus: daß seine unvorsichtige Ubereilung dieses denckwuͤrdige Thier/ welches gantzer drey und sechtzig Jahr nur nach getragenem Halsbande unversehret blieben waͤre/ zu unzweiffelbarem Verdruß Her- tzog Herrmanns gefaͤllet haͤtte. Fuͤrst Malo- vend aber fiel ihm in die Rede: Er moͤchte sich hieruͤber keinen Kummer machen. Es wuͤrde der Feldherr ihm hierfuͤr noch grossen Danck sagen. Warum? versetzte Rhemetalces. Ma- lovend antwortete: Weil dieser Hirsch ein ver- druͤßliches Gedaͤchtniß desselben Tages ist/ da die Deutschen ihre Freyheit zu verliehren ange- fangen. Beyde Fuͤrsten wurden dadurch mehr begierig alle Umstaͤnde von ihm zu vernehmen; Worauff er denn ihnen folgenden Bericht er- stattete: Es haͤtten in Deutschland sich die Cat- ten iederzeit fuͤr andern/ so wohl an Streitbar- keit als an Fruchtbarkeit herfuͤr gethan; also/ daß sie alleine uͤber hundert grosse Doͤrffer mit denen darzu gehoͤrigen Landstrichen bewohnet/ alle Jahr aber etliche tausend gewaffnete Maͤn- ner aus ihren Graͤntzen getrieben/ und/ durch ihren Degen neue Wohnplaͤtze zu suchen/ also auch ihre Herrschafft zu vergroͤssern genoͤthigt haͤtten. Dieser Ausbreitung waͤre ihrer Le- bens-Art zu statten kommen. Denn nachdem sie wenigen Ackerbau gepflegt/ sondern nur von Jagten und Viehzucht gelebt/ haͤtte sie der Hunger zur Kriegs-Lust gezwungen/ und sie waͤren von Kindauff die Freyheit lieb zu gewinnen/ die Glieder durch taͤgliche Kriegs- Ubungen zu verstaͤrcken/ Kaͤlte und Hitze mit Erster Theil. M nack- Anderes Buch nacktem Leibe zu vertragen angewoͤhnt worden. Ja/ ungeachtet sie den Roͤmischen Kauffleu- ten mit ihnen zu handeln/ womit sie ihrer Feinde Leuten angewehren koͤñen/ verstattet haͤtten/ lies- sen sie doch biß itzt keinen Wein noch andere zur Uppigkeit dienende Wahren bey ihnen einfuͤh- ren/ womit ihre Tapfferkeit durch keine Wolluͤ- ste verzaͤrtelt wuͤrde. Diese haͤtten nun nahe fuͤr hundert Jahren die Ubier ihnen zinßbar ge- macht/ fuͤr sechs und sechzig Jahren aber die Usi- peter gar aus dem Lande getrieben/ welche/ nach- dem sie durch allerhand Landschafften der An- sibarier/ Angrivarier/ Chamaver/ Bructerer und Marsen/ unter allerhand Kriegs- und Gluͤcks-Zufaͤllen umgeirret/ die auff beyden Seiten des Rheins wohnende Menapier uͤber- fallen/ und sie an der Maaß ihren Herd und Hof auffzuschlagen gezwungen haͤtten. Diese aber waͤren aus dem Regen in die Troffe gefallen/ indem der in Gallien damals siegende Caͤsar sie daselbst nicht leiden/ sondern sie uͤber den Rhein und die Bothmaͤßigkeit der Ubier zu begeben zwingen wollen. Woruͤber es zum Treffen kom- men/ darinnen die Menapier eine schwere Nie- derlage erlitten/ und die uͤbrigen sich zu denen Sicambern haͤtten fluͤchten muͤssen. Weil die- se nun die Menapier Caͤsarn nicht haͤtten aus- folgen lassen wollen/ die von denen Catten ge- druͤckten Ubier beweglich um Huͤlffe gebeten/ er auch ohne Schreckung der Deutschen sich der Gallier nicht versichert gehalten/ haͤtte er eine Bruͤcke uͤber den Rhein gebaut/ und mit sechs Legionen daruͤber in Deutschland gesetzt. Die Deutschen haͤtten unschwer diesen Bruͤckenbau hindern koͤnnen; alleine Sie waͤren auff Rath- geben der Tencterer schluͤßig worden/ etliche Ta- gereisen weit/ mit allem ihrem Vorrathe sich zu- ruͤcke zu ziehen/ und da die Roͤmer sich tieffer ins Land wagen wuͤrden/ selbte nicht allein aus ih- ren Wildnuͤssen rings umher zu uͤberfallen/ son- dern auch ihnen den Ruͤckweg und die Bruͤcke gar abzuschneiden. Weil nun dem Kaͤyser selbst sehr verdaͤchtig fuͤrkommen waͤre/ daß die sonst nicht zu furchtsamen Deutschen ohne ge- ringsten Widerstand die Bruͤcke zu verfertigen verstattet/ und ohne einigen Schwerdschlag ih- ren Sitz verlassen/ haͤtte er die Bruͤcke an bey- den Enden mit starcken Bollwercken verwah- ret/ in Meinung nicht unverrichter Sache den Deutschen Boden zu raͤumen. Alleine nach dem Fuͤrst Catumer den Roͤmischen Vortrab in die Flucht geschlagen/ und etliche Ubier ihm Kund- schafft gebracht/ daß die Catten ein allgemein Auffboth gethan/ und wider ihn im Anzuge waͤ- ren; haͤtte er nicht rathsam befunden/ so lange Stand zu halten/ sondern er haͤtte der Sicam- brer Doͤrffer verbrennt/ den Ubiern auff den Nothfall neue Huͤlffe versprochen/ der Deut- schen Gebaͤue/ und insonderheit einen herrlichen Thiergarten des Sicambrischen Hertzogs ver- wuͤstet. Nachdem er nun in diesem uͤber hundert grosse Hirschen gefunden/ und er in Deutschland ein Gedaͤchtnuͤß seiner Uberfarth zu verlassen gewuͤnscht/ welches von den Deutschen so bald nicht vertilget werden koͤnte/ so haͤtte er iedem Hirsche ein solch Halsband/ mit gleichmaͤßiger Schrifft/ als wir hier fuͤr Augen sehen/ ange- macht/ und selbte frey in die Wildnuͤsse lauffen lassen. Hierauff waͤre er den achtzehenden Tag mit seinem Heere in Gallien gekehrt/ und haͤtte die Bruͤcke/ womit sie den Deutschen nicht selbst zum Einfall diente/ wieder wegge- rissen. Zenofing hierauff an: Er muͤße geste- hen/ daß dis eine gute Art sey in einem feindli- chen Lande/ und da der Feind zumahl wenig Geschichtbuͤcher zu halten pflegt/ sein Anden- cken zu erhalten. Ja versetzte Rhemetalces/ son- derlich wo es wahr ist/ daß eine Kraͤhe neunmahl des Menschen Alter uͤbersteigen und nahe biß an neunhundert Jahr leben/ ein Hirsch dieses aber vier mahl uͤbertreffen und derogestalt wohl drey tausend und fuͤnfftehalb hundert Jahr alt werden solle. Alleine es ist dieses nicht des Kaͤysers erste Erfindung/ sondern er hat es dem gros- Arminius und Thußnelda. grossen Alexander nachgethan/ welcher nach er- langtem Siege wider der Triballer Koͤnig Syr- mus und die Geten/ vielen Hirschen silberne/ auch hernach in Jndien guͤldne Halsbaͤnder um- gemacht. Uberdiß waͤre auch des Diomedes Hirsch allereꝛst zu Zeiten des Koͤnigs Agathocles gefangen worden/ und Kaͤyser August haͤtte an unterschiedenen Orten solche Hirsche mit guͤld- nen Halsbaͤndern und dieser Uberschrifft lauffen lassen: Ruͤhre mich nicht an/ ich stehe dem Kaͤyser zu. Malovend fiel ihm ein; Er koͤnte nicht glau- ben/ daß ein Hirsch so lange leben solle. Auch ich nicht/ antwortete ihm Rhemetalces; Gleichwohl abeꝛleben sie sehr lange/ theils wegen ihreꝛ natuͤꝛ- lichen Leibes-Kraͤfften/ welche auch bey ungestuͤ- mem Meere aus Cypern in Cilicien und Syrien zu schwimmen veꝛmoͤchten; ja mit ihrem Atheme Nattern aus den Steinritzen zu ziehen/ die ver- schlungenen Schlangen im Magen in Stein zu verwandeln/ und gleichsam in einen fleischer- nen Sarge ein steinernes Aas zu vergraben maͤchtig sind; theils wegen mangelnder Galle/ theils wegen ihrer eingepflantzten Wissenschafft wider Gifft und andere Schwachheiten aller- hand heilsame Kraͤuter und Artzneyen zu erkie- sen. Wie sie denn/ um der Bloͤdigkeit ihrer Au- gen abzuhelffen/ so viel schlangen fressen/ hernach sich in die kalten Fluͤsse eintauchen/ biß das Gifft aus dem Magen durch die Augen schwitze. Glei- chergestalt haͤtten die verwundeten Hirschen den Menschen die wilde Poley als ein Kraut gewie- sen/ wodurch die ins Fleisch geschossene Pfeile heraus zu ziehen sind. Dieser gegenwaͤrtige Hirsch koͤnne nu selbst ein Zeugniß ihrer Lebhaf- tigkeit abgeben/ denn er habe diß Halsband schon etliche sechzig Jahr getꝛagen/ und als man es ihm umgemacht/ wird er nicht klein gewest seyn. Ja/ sagte Malovend/ diß kan leicht seyn/ weil ein Hirsch in fuͤnff Jahren zu seiner Vollkom̃enheit gelangt; und wir in Deutschland insgemein da- fuͤr halten/ daß ein Hirsch hundert Jahr lebe. Ze- no brach hierauff ein: Fuͤr hundert Jahren kriegte ein Hirsch wohl keinen Stein im Auge/ aber sonst muͤste er viel laͤnger leben. Denn sein Vater Polemon/ Koͤnig im Pontus/ habe nach einen Hirsch am schwartzen Meer geschla- gen/ auff dessen Halsbande diese Griechische U- berschrifft zu lesen gewest: Alexanders Scytische Beute ist meine Zierrath. Nun aber sind es na- he vierdtehalb hundert Jahr/ seit Alexander in selbigen Laͤndern Krieg gefuͤhret. Es kan viel- leicht wohl seyn/ daß zuweilen ein Hirsch so lan- ge lebe/ begegnete ihm Rhemetalces; aber ich besorge/ es gehe wie in andern Alterthuͤmern viel Unterschleif mit unter/ und habẽ solche Sa- chen meist einen viel juͤngern Vater/ als den sie an der Stirne fuͤhren. Und insonderheit sind die Griechen hierinnen Meister/ welche viel Dinge/ die gestern jung worden/ einer greißen und un- gewissen Zeit Kinder heissen. Sie tichten ihnen nicht allein Helden/ die nie in der Welt gewest; Sie ruͤhmen sich Staͤdte eingeaͤschert zu haben/ die nie gestanden/ und die Stadt Troja/ ja Pri- amus/ Hector und ihre Nachkommen sind noch etliche hundert Jahr hernach in voller Bluͤthe gewest/ als sie solche zerstoͤrt und erlegt zu ha- ben die gantze Welt luͤgenhafft uͤberredet. Sie verhandeln noch itzt den einfaͤltigen Auslaͤndern zwar in der Erde verschimmelte aber neu gegos- sene Muͤntzen/ die ihr Cadmus und Ceerops sol- len haben praͤgen lassen. Und wie lange ist es/ daß ein verschlagener Hetrurier etliche bleyer- ne Taffeln/ auf welche ein alter beruͤhmter War- sager Olemus Calenus die alten Hetrurischen Gesetze und nachdenckliche Wahrsagungen ge- schrieben haben solle/ er aber selbst in eine Hoͤ- le versteckt gehabt/ fuͤꝛ mehr als so viel wiegendes Silber verkaufft. Zeno fiel hier ein/ es hat ein Betruͤger sich nicht unbillich auff einen andern bezogen. Denn so viel ich mich erinnere/ ist diß e- ben der Calenus/ welchen der Rath zu Rom uͤber dem auff dem Tarpejischen Berge gefunde- nen Kopffe zu rathe gefragt/ und der den Bau des Capitolinischen Tempels arglistig nach He- M 2 truri- Anderes Buch trurien zu ziehen getrachtet/ wenn seine Tuͤcke nicht sein eigner Sohn verrathen haͤtte. Jch glaͤube/ fing Zeno wieder an/ daß das Roͤmi- sche Volck schon vorher mit selbigem Kopffe be- trogen gewest sey/ indem viel der nachdenckli- chen Roͤmer dafuͤr halten/ es habe der schlaue Tarquinius/ welcher mit allerhand scheinba- ren Kunststuͤcken seinen blutigen Stul unter- stuͤtzen muste/ es selbst vorher dahin begraben las- sen/ um seinem Tempel-Bau und Herrschafft eine eben so grosse Hoffnung und Ansehen bey dem leichtglaͤubigen Poͤfel zu erwerben/ als die Koͤnigin Elißa bey Auffindung eines Pferde- Kopffs ihrer neuen Stadt zu wege brachte/ wie sie zu Carthago den Grund legte. Rhemetal- ces ließ sich hierauff heraus: Er koͤnte derglei- chen Erfindungen sich leicht bereden lassen. Die gerechtesten Herrscher/ zu geschweigen die/ welche sich mit Gewalt oder Arglist auff den Thron gespielt/ muͤsten das unbaͤndige Volck durch wunderliche Arten in Schrancken hal- ten/ denen hitzigen Koͤpffen einen Kapzaum anlegen/ den Ehrsuͤchtigen einen guͤldnen Ring unter dem Scheine einer Zierrath durch die Nase ziehen/ den Poͤfel mit Schauspielen und anderm unnuͤtzen Zeitvertreib von der Bekuͤm- merung um die Herrschafft abziehen/ und die- sem so wie dem sonst erschrecklichen Wallfische eine Tonne zum Spielen fuͤrwerffen/ die Scheinheiligen mit angenommener Andacht betaͤuben/ den Geitzigen einen aus glaͤntzendem Ertz gebackenen Kuchen zum Verschlingen vor- werffen/ darvon sie hernach zerplatzen. Altein dieses gehoͤret mehr in die geheimen Rathstu- ben/ als auff die Jagt. Rhemetalees fing an: dieser Hirsch hat noch wohl etwas/ welches wir als Weideleute zu betrachten haben/ nehmlich/ daß seine Geweyhe gleichsam mit Mooß und Eppich uͤberwachsen sind/ und wohl neunzehn Ende haben/ welches er fuͤr ein Kennzeichen eines hohen Alters hielte. Malovend antwor- tete: beydes waͤre in Deutschland nichts unge- meines/ und haͤtte er Geweihe mit dreißig En- den gesehen. Hieraus aber waͤre der Hirschen Alter nicht zu nehmen/ welche zwar die haͤrte- sten und fast unter allen Thieren nicht hole Hoͤr- ner haͤtten/ iedoch/ weil selbte nicht an die Hirn- schale angewachsen waͤren/ alle Fruͤhlinge ab- wuͤrffen/ und das eine Horn/ welches zur Artz- ney am dienlichsten seyn soll/ verscharreten. Ja/ sagte Zeno/ er haͤtte diß selbst wahrgenom- men/ und haͤtten die unvernuͤnfftigen Thiere zwar denen Menschen viel nuͤtzliche Artzneyen gewiesen/ nehmlich das Wasser-Pferd das A- derlassen/ der Egyptische Vogel Jbis das Kli- stiren/ die Schwalbe und Schlange die Augen- Kraͤuter/ der Storch den Rutzen des Krauts Wohlgemuth/ die Natter des Fenchels/ die Baͤren die Artzney der Ameisen/ die wilden Tauben des Lorber-Baums/ man sehe aber da- bey ihre sonderbare Mißgunst. Unterschie- dene Voͤgel versteckten ihre Nester/ die Hey- daͤxe verschlinge ihre abgeworffene Haut/ daß sie nicht fuͤr die fallende Sucht gebraucht wuͤr- de; und das furchtsamste aller Thiere/ welches in der Flucht fuͤr Angst wohl scchzig Fuͤsse weit springe/ fiele mehrmals lieber in der Jaͤ- ger Haͤnde/ als es seine Geweihe unvergra- ben liesse. Rhemetalces versetzte: Er hielte diß Beginnen der wilden Thiere mehr fuͤr einen blinden Trieb der Natur/ als fuͤr eine Wuͤr- ckung wahrhaffter Gemuͤths-Regungen. Ze- no antwortete lachende: Ob er die Tauben nie- mahls habe verliebt/ anch nie erzuͤrnet/ einen Hund einmahl neidisch/ das andere mahllieb- kosend gesehen? Ob er die Loͤwen allzeit bruͤl- len/ niemahls kirmeln/ die Turteltauben stets girren oder wehklagen gehoͤret haͤtte? Rheme- talces versetzte: diese Abwechselungen waͤren so wenig ein Beweiß eigentlicher Gemuͤths-Re- gungen/ als diß/ daß sie einmahl Speise/ das an- dermahl Getraͤncke zu sich nehmen. Denn weil wilde Thiere keine Vernunfft haͤtten/ Furcht/ Begierde/ Mißgunst und dergleichen aber Ubeꝛ- schrei- Arminius und Thußnelda. schreitungen der Vernunft-Graͤntzen waͤren; koͤnte in einem Hertzen/ welches keiner Tugend faͤhig waͤre/ und in einem Kopfe ohne Vernunft/ so wenig ein Laster und der Beyfall einer falschen Meynung Platz finden/ als diß/ was kein Leben hat/ sterben. Dannenhero/ wenn ein Thier schiene bald Hofnung/ bald Grimm/ bald Liebe zu erwehlen/ waͤre es ein blosser Schatten wah- rer Gemuͤths-Regungen. Einem Loͤwen kaͤ- me die Eigenschafft des Zornes nicht viel besser zu/ als einer Wolcke/ wenn sie blitzet. Eine Hinde waͤre nicht eigentlicher traurig/ als der Monde/ wenn er verfinstert wuͤrde. Zeno be- gegnete Rhemetalcen: Er hoͤrte wol/ daß er die Stoischen Weisen zu seinem Lehr-Meister ge- habt haͤtte/ welche die in dem Hertzen wohnenden Gemuͤths-Regungen in das Gehirne versetzten/ darinnen derselben so wenig/ als Einwohner im Monden/ zu finden waͤren. Sie schluͤgen sich aber selbst/ wenn sie Kindern/ Narren und vollen Leuten selbige nicht absprechen koͤnten/ welche doch weniger Vernunft/ als Papagoyen und Elefanten haͤtten. Denn bey den Kindern waͤre sie noch ungebohren/ in Rarren todt/ bey Vollen eingeschlaffen. Die ersten weinten aus Unvernunft umb ihre Tocken so bitterlich/ als Oenone umb ihren Paris/ und Priamus umb sein Koͤnigreich. Sie erschrecken fuͤr einer Lar- ve mehr/ als Brutus fuͤr seinem boͤsen Geiste. Der Wahnsinnige zu Athen opferte aus einge- bildetem Eigenthum/ frembder Schiffe halber/ sein abgeschnidtenes Haar dem stuͤrmenden Meer und Winde so willig/ als es die belaͤger- ten Frauen zu Carthago zu Bogen-Sehnen hergaben. Die Vollen zu Syracusa warffen aus getraͤumtem Schiffbruche muͤhsamer alles zum Fenster des Schenckhauses hinaus/ als der Schiffbruch-leidende Ulysses alles uͤber Bord. Rhemetalces wendete ein: Dieser Art Men- schen koͤnte er eben so wenig wahre Gemuͤths- Regungen/ als dem Vieh enthaͤngen/ weil ihnen eben so wenig die Wahl ihrer anklebenden Schwach heit/ als dem Vieh/ ihrer angebohrnen Art zu widerstehen/ mangelte. Der Hase und deꝛ Hirsch waͤꝛen allemal furchtsam/ deꝛ Loͤwe und Tiger allemal grimmig/ und die Tauben koͤn- ten nichts als im̃er liebreitzend seyn. Zeno wideꝛ- sprach diß durch diese Frage: Ob er die Hirschen niemals einen Jaͤger haͤtte toͤdten sehen? Ob nicht Ptolomaͤus sieben paar hoffaͤrtig hertrabende Hiꝛschen an so viel guͤldnen Wagen gefuͤhꝛet/ und Mithridates so viel behertzte zu seiner Leib-Wa- che erkieset habe? Des Sertorius weisse Hindin haͤtte den Ruhm einer Wahrsagerin erworben/ und eine andere in Egypten die Griechische Sprache verstehen gelernet. Haͤtte nicht Ono- marchus mit den zahmen Loͤwen gespeiset/ An- tonius sie fuͤr seinen Wagen gespannet? Hanno haͤtte einen/ wie ein Lamb/ bey der Hand gefuͤhrt/ und dadurch von seinem argwoͤhnischen Vater- lande ihm seine Hinrichtung zugezogen. Men- tor von Syracuse/ Elpis aus Samos und An- droclus haͤtten durch ihre Wolthaten sie zu einer empfindlichen Liebe bewogen. Die Turtel- Taube ergrimmete sich wider den Raben/ betruͤ- bete sich uͤber den Tod ihres Gespielen/ trincke nur truͤbes Wasser/ und sitze auff keinen gruͤnen Zweig mehr. Sollen nun diese Thiere keine wahre Gemuͤths-Regung haben? Sie haben ja alle Sinnen der Menschen/ welche ihnen so wol als uns alles annehmliche und verdruͤßliche empfindlich machen; ja in unterschiedenen uͤber- treffen sie uns noch. Wer wil sich uͤberreden lassen/ daß der Hase fuͤr den Hunden nicht aus Furcht fliehe/ und das Rebhun sich fuͤr dem Ha- bichte nicht aus Schrecken verkrieche? Wer wil an dem Grimme des Loͤwen zweifeln/ wenn fuͤr seinem Bruͤllen die Waͤlder beben/ und tausend Thiere zittern/ oder er Spisse und Degen zer- malmet/ und die Jaͤger zerfleischet? Rhemetal- ces fiel ein: Alle diese Bewegungen der Thiere schritten uͤber keine Graͤntzen/ weil sie keine Ver- nunft zur Anweiserin/ und kein Gesetze zur Richtschnur haͤtten. Zeno antwortete: Es M 3 folgte Anderes Buch folgte hieraus nichts anders/ als daß die ihren Gemuͤths-Regungen den Zaum verhaͤngenden Thiere nicht wie den Zuͤgel der Vernunft zer- reissen/ den Menschen mißhandelten. Unter- dessen waͤren doch beyder Gemuͤths-Regungen nichts minder/ als das Wette-Rennen in einem freyen Felde/ und einer umpfaͤhlten Renne- Bahn/ als der Lauff eines entmanneten und mit einem unwissenden Steuer-Manne verse- henen Schiffes seiner wesentlichen Eigen- schafft nach einerley. Zwischen beyden Regun- gen aber waͤre kein groͤsserer Unterschied/ als zwischen dem Thun eines wilden und eines zu- gerittenen Pferdes/ eines auff dem Seile tan- tzenden/ und eines andern in der Wuͤsten mit dem Nasenhorn-Thiere kaͤmpfenden Elefan- ten. Dem Fuͤrsten Malovend wolte dieser Streit zu lange waͤhren/ daher fing er an: Sei- nem Beduͤncken nach waͤre nuͤtzlicher/ seine Ge- muͤths-Regungen so vernuͤnftig zu leiten/ daß sie mit denen unvernuͤnfftigen Thieren keine Aehuligkeit haͤtten/ als uͤber ihrer Gemeinschafft oder Unterschiede bekuͤmmert seyn. Fuͤrnem- lich aber waͤre zu wuͤnschen/ daß der Mißbrauch der Vernunfft in den menschlichen Hertzen nicht aͤrgere Feindschafft als zwischen Schlangen ge- saͤmet/ und ihre Rachgier nicht schaͤdlichere Waf- fen erfunden/ als die Natur an Klauen/ Zaͤhnen und Hoͤrnern denen wilden Thieren mitgethei- let haͤtte. Nach dem sie aber nicht allein ein ge- hoͤrntes Thier geschlagen/ sondern auch anderer Hoͤrner erwehnet/ koͤnte er gegen sie eines seltza- mern Hornes/ als vielleicht anderwerts einiges Thier haben moͤchte/ unerwehnet nicht lassen/ welches vielleicht so wenig unangenehm zu hoͤ- ren/ als zu der Jagt ungeschickt seyn wuͤrde. Als er nun beyder Fuͤrsten Ohren geneigt zum Anhoͤren vermerckte/ fing er an: Es habe ein Fuͤrst aus seinen Vor-Eltern sich in denen von dannen nicht allzuweit entfernten Friesisehen Wildbahnen einmal verirret/ in selbtem sey eine wolgestalte Wald-Goͤttin auff einem ihm unbe- kandten Thiere zu ihm geritten kommen/ habe ihm ein uͤberaus artiges Horn dargereicht/ und/ daß er den darinnen enthaltenen Tranck aus- trincken solle/ ermahnet/ da er sein Geschlechte in uͤberaus grosse Wuͤrde und Gewalt versetzet wuͤnschte. Der Fuͤrst habe diß Geschirr/ wel- ches auch noch in ihres Geschlechts Schatz-Kam- mer als eine besondere Seltzamkeit auffgehoben wuͤrde/ angenommen/ worauff die Wald-Goͤt- tin fuͤr seinen Augen verschwunden. Er aber habe sich solches auszutrincken nicht wagen wol- len/ sondern sich voller Entsetzung Spornstreichs davon gemacht/ und das Horn uͤberruͤcke ausge- gossen/ wovon dem Pferde/ so weit es bespritzt worden/ die Haare wegge gangen waͤren. Zeno sagte: Es ist diß in Wahrheit eine ungemeine Begebenheit/ und ich moͤchte dis Horn wol se- hen. Malovend vertroͤstete ihn: Er wolte da- zu Anstalt machen; aber er wuͤrde so wenig/ als alle/ die es biß auff gegenwaͤrtige Zeit in Augen- Schein genommen/ nicht er gruͤnden koͤnnen/ ob solch Geschirr aus Horn/ Ertzt/ oder aus was fuͤr einem andern Talge bereitet oder gewachsen sey. Diß ist noch seltzamer/ sagte Rhemetalces/ welches mir die Wahrheit der Geschichte ziem- lich beglaubigt/ und ich werde nicht ruhen/ biß ich diß Wunder-Horn zu Gesichte bekomme. Aber da deine obige Erzehlung von des Kaysers Julius Bvuͤcke und Verrichtuͤg mit der Wahr- heit uͤbereintrifft; wie denn diese an dem Orte/ wo etwas geschehen/ am wenigsten verfaͤlscht bleibt; hat Julius sich keiner so grossen Thaten gegen die Deutschen zu ruͤhmen/ noch den Hir- schen eine so ruhmraͤthige Schrifft anzuhaͤngen/ noch weniger die Roͤmer so viel Wesens darvon zu machen Ursache gehabt; und ich erfahre nun/ daß die Griechen nicht alleine tichten koͤnnen. Freylich wol! antwortete Malovend. Das Geschrey ist mit den Riesen vergeschwistert/ es uͤberschreitet allezeit das rechte Maaß der Wahrheit mit einer Ubermaaß/ es gebiehret al- lezeit Wunder-Wercke oder Ungeheuer/ leget der Arminius und Thußnelda. der Sachen entweder zu viel zu/ oder nim̃t zu viel darvon/ und vermischet das lautere eines Wercks mit einem unechten Beysatze. Haͤtten die Deutschen bey sich so viel Geschicht-Schrei- ber/ es wuͤrden auch des Drusus und anderer Roͤmer Thaten so grossen Ruhm in der Welt nicht haben/ als sie daraus machen. Und daher muthmasse ich/ es verhalte sich mit ihren alten Wunder-Wercken nichts besser. Zeno fiel ihm bey/ und fing an: Die Ferne und das Alterthum waͤren der scheinbarste Firnß der Unwahrheit/ und pflegten nicht nur die Roͤmer/ sondern alle andere Voͤlcker/ insonderheit die Griechen ihre alte Helden und Thaten/ wie die Wald-Goͤtter in des Timantes Gemaͤhlde den Daumen des schlaffenden Cyclopen mit langen Staͤn geln zu messen. Die Eroberung einer mittelmaͤssigen Stadt war bey ihnen ein Wunder-Werck/ die Erlegung eines beruͤhmten Raͤubers machte den Sieger zu einem Hercules. Ja die Wuͤrde der Halb-Goͤtter war fuͤr Zeiten so guten Kaufs/ daß unter den Griechen leicht einer was thun dorffte/ umb vergoͤttert oder unter die Sternen versetzt zu werden. Zu Rom waͤre so gar die Hure Flora/ bey den Marsen die Zauberin Me- dea mit einem Tempel verehret worden. Es ginge ja noch wol hin/ sagte Marcomir/ wenn die Griechen und Roͤmer in Herausstreichung ihres Eigen-Ruhms nur uͤber die Schnure ge- hauen/ nicht aber die Flecken ihrer Ungerechtig- keitanderer Voͤlcker Unschuld/ wie die Spinnen ihren giftigen Unflat reinen Blumen anschmie- reten. Jch wil der Griechen Eitelkeit/ weil sie den Deutschen wenig Leides gethan/ unberuͤh- ret lassen. Die Roͤmer aber haben den Bren- nus und seine Deutschen bey Auszahlung ihres Loͤse-Geldes arglistig uͤberfallen/ die Stadt Alba/ ihr Vaterland/ aus blosser Ehrsucht ver- tilget/ die Samniter wider Treu und Glauben hinters Licht gefuͤhret. Den dritten Krieg wider Carthago haben sie mit groͤsserm Mein- eyd angefangen/ als sie den Mohren niemals aufweltzen koͤnnen. Geitz und Herrschens- Sucht habe ihren Krieg wider den Macedoni- schen Koͤnig Philipp angezuͤndet. Dem Anti- ochus/ welchen sie zur Zeit des Africanischen Krieges unter dem Scheine falscher Freund- schafft auff ihre Seite bracht/ haͤtten sie gantz Asien disseits des Taurischen Gebuͤrges und ze- hentausend Talent ohne rechtmaͤssige Ursache abgezwungen. Dem Koͤnige Perses haͤtten sie in einem Frieden/ so lange er lebte/ Heil und Sicherheit versprochen/ ihn aber bald im Schlaffe erwuͤrget; gleich als wenn dieses Bild des Todes nichts minder ihn aus der Zahl der Lebenden genommen/ und ihr Buͤndnß zer- rissen haͤtte. Den mit leeren Freundschaffts- Schalen sicher gemachten Eumenes haͤtten sie dem Antiochus verkaufft/ den Attalus zum Knechte/ und uͤber sein Eigenthum zum Ampt- manne gemacht; ja durch Einschiebung eines falschen letzten Willen seinem Sohne Aristoni- cus seiner Vor-Eltern Reich mit dem Degen abgerechtet/ und ihn zum Schau-Gepraͤnge gefuͤhrt; gleich als von einem guten Vater ein maͤchtigerer/ fuͤr dessen Boßheit er sich nicht fuͤrchtete/ zum Erben eingesetzt werden koͤnte. Eben so haͤtten sie des Nicomedes und der Rysa Sohn von Bithinien verdrungen. Daß Cras- sus aus unsinniger Gold-Begierde des Pom- pejus und Sylla mit den Parthen getroffenes Buͤndnuͤß ungluͤcklich gebrochen/ wuͤsten die Roͤ- mer selbst nicht genung zu verfluchen. Gegen die Gallier haͤtten sie eine Ursache vom Zaun gebro- chen/ und durch Arglist die unuͤberwindlichen Deutschẽ selbst aneinander gehetzt/ um so wol die Uberwinder/ als die Uberwundenen zu verschlin- gen. Gleichwol aber wolten sie niemals das Was- ser getruͤbt/ sondern nach ihrer Geschicht-Schrei- ber Großsprechẽ/ die halbe Welt/ entweder durch geraͤchetes Unrecht/ oder durch den ihren Bunds- Genossen geleisteten Beystand erobert haben; Gleich Anderes Buch Gleich als wenn nichts minder die Schwaͤchern die Maͤchtigern/ als die Tauben die Geyer zu beleidigen/ nicht aber insgemein diese sich an jene zu reiben pflegten. Uberdis schrieben sie ihre Fehler und Niederlagen mit so fahler Dinte auff/ welche niemand lesen koͤnte; oder schaͤmten sich wol gar nicht ihren Verlust mit Siegs-Ge- praͤngen zu verdecken. Weßwegen er nicht zweifelte/ daß sie die Niederlage des Varus eben so wol verkleinern wuͤrden/ als sie des Lollius ver- tuscht haͤtten. Alle hoͤrten den eifrigen Mar- comir geduldig an/ weil sie entweder den Roͤmern selbst nicht gar hold waren/ oder eines Gefange- nen Schuldigkeit zu seyn hielten/ etwas zu ver- hoͤren. Zeno aber nahm endlich das Wort von ihm/ und sagte: Er wolte weder in einem noch dem andern das Wort reden. Alleine Laster wuͤr- den so lange gefunden werden/ als Menschen. Gute und Boͤse waͤren unter allen Voͤlckern/ wie weisse Leute und schwartze Mohren in der Welt. Die Roͤmer waͤren von allzu grossem Gluͤcke verblendet worden/ bey welchem die kluͤgsten Leute wie die hellesten Augen von der Sonnen Straalen ihr Gesichte einbuͤßten. Bey anwachsender Gewalt schiene/ was vor- traͤglich/ auch recht zu seyn/ und das Geluͤcke machte auch die sittsamsten kuͤhn/ das zu thun/ was man bey niedrigerm Zustande verdamme- te. Unterdessen waͤre das durch das Gluͤcke verderbete Urtheil doch nicht so kraͤftig/ daß man den Lastern nicht ihre Heßligkeit ansehen/ und sich seine eigene Fehler zu ruͤhmen uͤberreden las- sen solte. Die Eigenliebe haͤtte in der einen Hand einen Schwam̃/ damit sie fort fuͤr fort sich zu sau- bern bemuͤhet waͤre; in der andern aber Kohlen/ um andere damit zu schwaͤrtzen; gleich als wenn frembde Besudelung unsern Brandmahlen/ wie die finstere Nacht den Sternen einen Glantz zu geben vermoͤchte. Bey welcher Bewandnuͤß man ihm von den Roͤmern nicht frembde zu ma- chen haͤtte/ daß sie lieber anderer/ als ihre eigene Anklaͤger seyn/ auch ihre eigene Ungluͤcke lieber verhuͤllen/ als durch derselben Eroͤfnung wie die Wunden durch Abreissung der Pflaster ver- aͤrgern wollen. Ausser dem wuͤrden alle merck- wuͤrdige Geschichte insgemein ungleich und durch Ferne-Glaͤser angesehen/ welche von for- nen die Sachen vergroͤssern/ von hinten zu aber verkleinern. Ja es waͤre eine unabtrennliche Eigenschafft der Erzehlungen/ daß selbte mit der Entfernung nicht anders/ als die von einem Gebuͤrge abkugelnden Schneeballen ohne ihre Schuld wuͤchsen. Denn wenn schon Haß oder Gunst sich nicht mit auff die Wag-Schale leg- ten/ so haͤtte doch Gluͤck und Jrrthum mit die Hand im Spiele/ und strichen dem Wesen einen falschen Firnß an. Auch diß/ was an sich selbst groß genung waͤre/ behielte sein Maaß nicht/ sondern der Nahme uͤberwiege die eigene Schwerde. Der grosse Alexander haͤtte selbst gestanden: Man redete mehr von ihm als wahr waͤre. So haben die Deutschen hingegen von ih- nen zu ruͤhmen/ fing Malovend an/ daß sie mehr thun/ als man von ihnen saget. Rhemetalces laͤchelte/ mit Beysetzung dieser Worte: Wir ha- ben es leider/ und du zwar an deinen eigenen Landsleuten wol erfahren. Aber/ Malovend/ so viel aus deinen Worten verlautet/ bistu dei- nem Vaterlande nicht gram/ was hat dich denn bewogen dich auff der Roͤmer Seite zu schlagen? Malovend zoch die Achseln ein und seuffzete. Sie haͤtten ihm auch ferner angelegen die Ursa- che zu eroͤffnen; es brachten aber die Jaͤger gleich vier grosse hauende Schweine gejagt/ welches ihr Gespraͤche unterbrach/ und sie nach ihren Waf- fen zu greiffen noͤthigte. Zeno warff das foͤrder- ste mit einem Wurffspiesse/ alleine es lieff mit selbtem gleichsam ohne einige Empfindligkeit deꝛ Wunden hinweg/ so bald es sein Wasseꝛ gelas- sen hatte. Denn ausser dem koͤnnen sie nicht staꝛck lauffen. Rhemetalces schoß etliche Pfeile auff das andere/ sie vermochten aber nicht einst durch- zudringen. Malovend aber sprang nach seiner Landes-Art eilfertig vom Pferde/ ließ ihm den nech- Arminius und Thußnelda. nechsten Jaͤger ein Eisen langen/ hielt selbtes ge- gen dem dritten Schweine/ welches gantz ver blendet darein lieff/ und mit diesem Fange stein- todt zur Erden fiel. Rhemetalces fing hier- uͤber an: Jch glaͤube/ daß die wilden Schweine in Deutschland keine Augen haben/ daß sie sich so selbst auffopffern. Ja/ sagte Malovend/ wie in der gantzen Welt die Menschen/ welche entweder Furcht oder Begierden verblenden. Hiermit gab er dem vierdten Schweine einen gleichmaͤßigen Fang. Zeno fing hierauff an: Jch sehe wohl/ daß Malovend diß Handwerck besser als wir gelernet/ sprang hiermit/ nach dem er noch unterschiedene grosse Stuͤcke folgen sahe/ vom Pferde/ welchem Rhemetalces bald folge- te. Jener begegnete einem Hauer gleichfalls mit einem Eisen/ welches zwar wohl antraff/ a- ber am Holtze in stuͤcken brach/ also er mit sei- nem Degen sich zu beschirmen gezwungen ward. Diesem gelang es noch aͤrger. Denn das Schwein rennte ihn gar uͤber einen Hauf- fen/ verletzte ihn auch ein wenig in die Huͤffte/ weßwegen die Jaͤger etliche der grossen Britan- nischen Tocken auff sie loß lassen musten. Die- se hielten die Schweine bey den Ohren so feste/ daß man ihnen die Eisen ohne einige Kunst ins Hertze stossen konte. Nachdem nun wohl zwoͤlff Stuͤck erlegt/ fing Zeno an: Jch glaube/ daß P. Servilius Rullus aus diesem Forst entsprossen sey/ weil er zu Rom mit den wilden Schweinen so grosse Verschwendung angefangen/ und der erste gewest/ der iedem Gaste ein gantzes Schwein fuͤrgesetzt. Ja/ sagte Zeno/ und die- se wuͤrden auch wohl dem Apicius das Gewich- te halten/ der keines auffsetzen ließ/ welches nicht tausend Pfund schwer war. Malovend ant- wortete: zum wenigsten hat er diesen Pracht von den Deutschen gelernet/ welche bey ihren Her- tzogs-Wahlen nicht nur gantze Schweine/ son- dern grosse Ochsen braten. Zeno aber fiel ein: Er wundere sich vielmehr/ daß die deutschen Schweine so wohl ihre Landsleute kenneten/ in dem sie nur die Auslaͤnder beleidigten. Malo- vend versetzte diesen Schertz: vielleicht waͤren sie so klug oder guͤtig/ als die Tyrintischen Schlan- gen/ die Nattern am Phrat/ und die Scorpi- onen auff dem Berge Latmus/ von denen man ihn zu Rom im Ernst bereden wollen/ daß sie gegen die Eingebohrnen gantz kirre waͤren/ auch ihnen kein Leid anthaͤten. Jch begehrte ihrer vernuͤnfftigen Unterscheidung/ sagte Rhemetal- ces/ nicht so viel/ als auff die Staͤrcke gegenwaͤr- tiger Hunde zu trauen. Zeno fielihm ein: Er wuͤnschte/ daß diese Gegend noch streitbarere Thiere hegete/ um zu versuchen/ ob diese Hun- de auch Loͤwen und Elefanten bemeistern koͤn- ten/ wie die/ welche der Koͤnig in Albanien und Sophites in Jndien dem grossen Alexan- der verehret haͤtten. Jch weiß/ sie wuͤrden ih- ren Feind nicht scheuen/ antwortete Marcomir. Denn die Gallier holten sie aus Britannien/ und brauchten sie wie die Garamanten in Schlachten an statt der Kriegs-Knechte/ und die Colophonier stelleten sie Gliederweise in die Spitze des Treffens. Die Cimbrer richteten ihre eigene Hunde darauff ab. Rhe- metalces fuhr fort: Jch habe gemeint/ meine Nachbarn die Magneten fuͤhrten nur mit Hun- den Kriege. Ja sagte Zeno; brauchte sie nicht Koͤnig Masinissa zur Leibwache? und noch heu- te zu Tage ist diß in Africa nicht ungemein. Die Roͤmer selbst haben solche als M. Pompo- nius Sardinien eingenommen/ zu Ausspuͤh- rung ihrer in oͤde Oerter gefluͤchteten Feinde gebraucht. Rhemetalces antwortete ihm: al- les diß ist der Hunde Eigenschafft aͤhnlicher/ als daß sie zu Rom auff den Schau-Buͤhnen die Stelle und Verrichtungen der Gauckler ver- treten. Sie sollen uns/ rieff Malovend/ hier zuversichtlich auch ein nicht unangenehmes Schauspiel fuͤrstellen/ und erinnerte sie ruͤck- waͤrts umzuschauen/ allwo die Jaͤger zwey grosse Baͤren gegen sie auffgejagt hatten. Die sich erschuͤtternden Pferde aber hatten dieser Erster Theil. N Thiere Anderes Buch Thiere Naͤherung schon/ ehe sie sie zu Gesichte be- kom̃en/ angedeutet/ weil die Natur beyden einen unversoͤhnlichen Haß eingepflantzt. Die aus- laͤndischen Fuͤrsten wolten etliche von den Brit- tannischen Tocken auff sie loß lassen; Malovend aber meinte/ es waͤre an einer genug. Denn an den andern Baͤr wuͤrde sich wohl ein einigeꝛ Jaͤ- ger machen. Der loßgelaßne Hund griff als- bald den groͤsten Baͤr an/ und machte ihm so viel zu schaffen/ daß er sich fuͤr ihm auff einen Eichbaum fluͤchtete; nach welchen sie hernach mit Pfeilen so lange zum Ziele schossen/ biß er nach vielen empfangenen Wunden herab fiel. Den andern Baͤr aber griff Alfelsleben/ ein von Fußauff gewaffneter Cattischer Edel- mann des Fuͤrsten Adgandesters/ an; gegen welchen sich der Baͤr aufflehnte/ und als er ihn mit den foͤrdern Klauen umarmete/ fiel der Jaͤ- ger mit allem Fleiß zuruͤcke/ und stach ihm ein Messer durch den Bauch ins Hertze/ daß er uͤ- ber ihm steintodt liegen blieb. Ehe sich aber die- ser unter dem Baͤren herfuͤrweltzte/ fing der ihn begleitende Hund erbaͤrmlich an zu winseln/ fiel den todten Baͤren auffs grimmigste an/ und als dieser sich nicht regte/ stuͤrtzte sich der Hund in den nechsten See/ haͤtte sich auch darinnen vor- saͤtzlich ersaͤuffet/ wenn nicht der hinzu lauffende Jaͤger durch sein Zuruffen ihn davon abwen- dig gemacht haͤtte. Sie verwunderten sich al- le uͤber dieser Begebniß/ und sagte Rhemetal- ces/ daß es doch kein ander Thier an Liebe und Treue gegen den Menschen den Hunden gleich thaͤte. Man haͤtte mehr als tausend beruͤhmte Beyspiele/ daß sie fuͤr ihre Herren biß in Tod ge- fochten/ auch nach etlichen Jahren ihre Moͤrder angefallen und entdeckt haͤtten. Ja des Eu- polites Hund waͤre uͤber seinen Absterben er- hungert/ des Xantippus waͤre seinem Schif- fe so lange nachgeschwommen/ biß er ersoffen/ des letzten Darius Hund waͤre sein einiger Todes-Gefaͤrthe gewest/ des Lysimachus und Pyrrhus haͤtten sich in ihre brennenden Holtz- Stoͤße gestuͤrtzet. Die Verzweiffelung dieses getreuen Hundes war kaum vorbey/ als Alfelsleben/ deꝛ den Baͤꝛ in Eil ausgeweidet hatte/ keine geringe Bestuͤꝛtzung von sich blicken ließ. Wie nun dieser dem Jaͤger- meister den Verlust seines eisernen Ringes/ als die Ursache seiner Bekuͤmmernis andeutete/ zo- he Zeno einen koͤstlichen mit Diamanten versetz- ten Ring vom Finger/ und reichte selbten diesem Cattischen Edelmanne/ um dardurch seinen Schaden zu ergaͤntzen. Alfelsleben bezeugte gegen dieser Fuͤrstlichen Freygebigkeit die hoͤff- lichste Demut/ und weigerte sich dieses Geschen- cke anzunehmen/ anziehende/ daß der Werth seines verlohrnen eisernen Ringes durch keinen andern/ auch durch den mit einem koͤstlichen Opal versetzten Ring nicht ersetzt werden koͤnte/ welchen der Rathsherr Monius gehabt/ und so hoch geachtet/ daß er sich lieber damit ins Elend verjagen lassen/ als solchen dem geitzigen Anto- nius abtreten wollen; noch auch um denselben Ring/ um dessen Kauff zwischen dem Coͤpio und Drusus eine Todt-Feindschafft und ein schreck- licher Krieg erwachsen. Rhemetalces fing an: in was denn die Kostbarkeit dieses Ringes be- standen/ weil selbter nur fuͤr eisern angegeben wuͤrde? Ob selbter eine geheime Krafft wie der- selbe Ring in sich gehabt habe/ welchen der Koͤ- nigliche Hirte Gyges in einer Hoͤle einer in ei- nem ertztenen Pferde verwahrten Leiche abge- zogen; sich damit als wie des Pluto oder der Hoͤl- le Helm ebenfals die Krafft gehabt haben soll/ unsichtbar und zum Koͤnige in Lydien gemacht haͤtte? oder ob dieser Ring den Alfelsleben/ wie des Phecensischen Fuͤrsten zwey Ringe/ durch ihren Klang erinnert haͤtten: Ob er diß oder jenes thun oder lassen solte? Alfesleben/ wel- cher in dem Eingeweide des Baͤren seinen Ring bekuͤmmert suchte/ gleichwohlaber das eine Ohr bey dem Gespraͤche dieser Fuͤrsten hatte/ ant- wortete: Wo die Anreitzung der Tugend et- was bessers/ als die betruͤgerischen Kuͤnste der Zauberey waͤre/ wuͤrde sein Ring zweiffelsfrey hoͤ- Arminius und Thußnelda. hoͤher als alle erwehnte/ ja auch als des Eucra- tes Ring/ darinnen des Pythischen Apollo Bild alle Heimligkeiten ihm entdeckte/ und andere zu achten seyn/ krafft welcher Timolaus alle Schwerden erheben/ durch die Luͤffte fluͤgen/ ie- derman einschlaͤffen/ und alle Schloͤsser oͤffnen wolte. Uber diesen Worten fand Alfelsleben den Ring in einem Darme des Baͤres/ welchen er mit grossen Freuden dem ihn zu sehen ver- langenden Fuͤrsten Zeno reichte. Bey dessen erstem Anblicke er anfing: es ist dieser Ring ziemlich weit/ und zum Verlieren gar geschickt. Weil er nun so hoch geschaͤtzt wird/ muthmaße ich/ dessen Weite werde so wohl als der Ring des dem Jupiter zu Rom geweyhten Hohen- priesters etwas sonderlichs anziehlen; in dem dieser ihn erinnerte/ daß er nichts gezwunge- nes fuͤr die Hand nehmen solte. Ja/ sagte Mar- comir/ nichts anders zielet auch dieser deutsche Ring an; daher auch kein Leibeigner solchen bey Lebens-Straffe tragen darff. Uberdiß koͤmmt auch dieser Ring dem erwehnten priesterlichen bey/ daß er mit keinem Steine versetzt ist. Zeno fiel ein: bey andern Voͤlckern aber sind die eiser- nen Ringe der Leibeigenen Merckmahl/ wie die silbernen der unedlen Freyen. Wiewohl bey- de sich aus einem verborgenen Ehrgeitze unter- stehen denen edlen einzugreiffen/ und unter der Farbe oder Schale des Stahles Gold zu tra- gen. Malovend antwortete: Es ist nicht ohne/ daß Eisen und Stahl dem Golde nicht zu ver- gleichen; sondern vielmehr solche Ringe von e- ben dem Metalle/ worvon insgemein die knech- tischen Fessel seyn. Mir ist auch nicht unwis- send/ daß zu Rom die ersten guͤldnen Ringe nur die Botschaffter/ die Raths-Herren/ und die Rathsfaͤhigen Geschlechte/ welche nach der Can- nischen Schlacht alle ihr Gold in den gemeinen Kasten gelieffert/ hernach die Ritterlichen getra- gen/ und daher Mango aus der grossen Menge der abgenommenen guͤldenen Ringe zu Cartha- go die Anzahl der erschlagenen edlen Roͤmer er- wiesen habe. Durch welches Kennzeichen des Cornutus Knechte des Marius den Cornutus zu ermorden befehlichte Kriegs-Leute betrogen; indem sie unter dem Scheine ihres schon entseel- ten Herrn einer gemeinen Leiche guͤldne Ringe angesteckt/ und sie fuͤr des Cornutus zu Gra- be getragen. Wiewohl freylich das Recht guͤldne Ringe zu tragen hernach auff die Kriegs- Hauptleute/ nach diesem auff die außerlesnen Kriegs-Maͤnner/ ferner auff die Edelleute/ wel- che viertzig tausend Sestertier in Vermoͤgen zeigen konten/ verfiel. Ja endlich steckte Ver- res/ wiewohl mit grossem Unwillen des Roͤmi- schen Adels/ seinem Schreiber/ Sylla seinem Schauspieler Roscius/ Kaͤyser Julius dem un- edlen Laberius/ Balbus dem Gauckler Heren- nius Gallus/ Kaͤyser August dem vom Pom- pejus mit der Schiffs-Flotte uͤbergehenden Mena/ und seinem Artzte Musa einen guͤld- nen Ring an; also/ daß zuletzt dieses guͤldne Ge- schencke nur fuͤr ein Zeichen der Loßlassung aus der Dienstbarkeit angenommen ward. Nichts destoweniger ist unlaͤugbar/ daß Pro- metheus/ welcher der Ringe Erfinder gewe- sen seyn soll/ einen eisernen getragen/ und daß bey denen Spartanern ein eiserner Ring ein Kleinod der Edlen/ zu Rom eine Zierde des Koͤ- nigs Numa in seinem ertztenen Bilde war/ daß bey denen alten Roͤmern die gleich mit einer guͤldenen Krone im Siegs-Gepraͤnge einzie- henden Uberwinder/ und insonderheit Cajus Marius/ als der dem Koͤnig Jugurtha an sei- nen Wagen gespannet einfuͤhrte/ doch ei- nen eisernen Ring am Finger truge/ ja die Roͤmischen Gesandten in ihren Wohnungen nur eiserne ansteckten/ die Roͤmer auch noch nur mit dergleichen ihre Braͤute beschencken. Jch habe zu Rom selbst zu der Zeit/ als Kaͤyser August das Volck in zehn und zehn abtheil- te/ die Richter in ansehnlicher Zahl sitzen/ und in der meisten Haͤnden keine andere als eiser- ne Ringe gesehen/ und hat man mich verst- N 2 chert/ Anderes Buch chert/ daß der Roͤmische Adel keine andere tra- gen doͤrffte/ wenn sie der Stadt-Vogt nicht mit einem guͤldenen beschenckt haͤtte/ ungeach- tet die von ihnen uͤberwundenen Sabiner lan- ge vorher insgemein an den Fingern und Ar- men guͤldene mit Edelgesteinen versetzte Rin- ge und Armbaͤnder gefuͤhret. Endlich mag auch der Kaͤyser so heilig geschaͤtztes Bild zu Rom nichts minder in eiserne/ als guͤldene Ringe gepraͤgt werden. Zeno betrachtete in- zwischen Alfeslebens Ring auffs genaueste/ fing hierauff an: Jch finde an diesem Ringe weder Kunst noch Kostbarkeit/ vermuthlich aber wird er wegen einer verborgenen Ursa- che ein Ehrenzeichen des deutschen Adels seyn. Vielmehr ein Merckmahl der Schande/ ver- setzte Marcomir. Denn es muͤssen ihn alle Catten so lange tragen/ biß sie einen Feind uͤberwunden/ gleich als wenn sie durch solche Heldenthat sich von einem Fessel der Verach- tung befreyen muͤsten. Nach dieser Art darff kein Cherusker und Catte auch fuͤr Erlegung ei- nes Feindes weder Haupt noch Bart bescheeren lassen/ gleich als wenn er durch ein dem Va- terlande zu liebe gethanes Geluͤbde das Haar so lange zu tragen verpflichtet waͤre. Her- tzog Zeno fragte: Warum denn dieser junge Edelmann um den Verlust dessen/ was er loß zu werden so sehr wuͤnschte/ so bekuͤmmert ge- wesen waͤre? Weßwegen/ seiner Meinung nach/ er dieses Schmach-Zeichen mehr Ursache in diesen Pfuhl/ als Polycrates und Sextus Pom- pejus ihre Ringe ins Meer zu werffen gehabt zu haben schiene. Marcomir antwortete: Es waͤre denen/ welchen diese Ringe zu tragen von ihrem Fuͤrsten einmahl ausgetheilet worden/ verkleinerlich/ wenn sie selbte verliehreten; gleich als wenn sie das Denckmahl ihrer Tugend und versprochenen Tapfferkeit so geringschaͤtzig hiel- ten und ausser Augen setzten. Zu dem waͤre der Deutschen Gewohnheit/ daß die Fuͤrsten um den Sieg/ die Edlen aber fuͤr den Fuͤr- sten kaͤmpfften/ und die Ehrerbiettung gegen ihre Fuͤrsten so groß/ daß sie fuͤr Ge- winn und Ehre schaͤtzten/ wenn sie mit einem ihnen gleich schaͤdlichen Gehorsam der Fuͤr- sten Befehl befolgten/ und aus einer ihnen zu wachsenden Schande ihm Ruhm und Ehre zu- schantzen koͤnten. Fuͤrnehmlich aber waͤre es dem Alfesleben darum zu thun/ daß er in der letzten Schlacht dreyer Gallier und zweyer von ihm erlegter Roͤmer Koͤpffe eingebracht haͤtte/ und er also folgenden Tag dem Cattischen Hertzoge Arpus diesen Ring als ein Pfand sei- ner numehr bewehrten Hertzhafftigkeit zuruͤck lieffern solte; worgegen er nach der Deutschen Gewohnheit zum Siegs-Lohne mit einem Schwerdte/ einem Vogen/ oder einer Ruͤstung/ zuweilen auch wohl mit einem guͤldenen Rin- ge/ nach des Hertzogs Gefallen und des Sie- gers Verdienste beschencket wuͤrde. Ausser solchen durch Tapfferkeit erworbenen doͤrffte kein deutscher Rittersmann keinen guͤldenen Ring tragen. Rhemetalces fing an: es ist diß sehr loͤblich und dem Carthaginensischen Gese- tze nicht ungleich/ welches verbot/ mehr Ringe anzustecken/ als einer Feldzuͤge gethan hatte. Sonsten waͤren alle erzehlte Dinge der Tapf- ferkeit wohlanstaͤndige Geschencke. Jnson- derheit waͤre die Verehrung der Ringe in dem tieffsten Alterthume schon braͤuchlich gewest. Denn wie diese nicht nur zu Versicherung der Wetten/ der Geluͤbde/ der Heyraths-Schluͤsse gegeben worden; also habe die Stadt Cyrene einen kostbaren Ring schmieden/ das koͤstliche Kraut Silphium/ welches auch unter andern Schaͤtzen dem Delphischen Apollo gewidmet war/ darauff praͤgen lassen/ und solchen ihrem Urheber Battus als ein Zeichen ihrer Danck- barkeit; Philip/ als er wider die Bysantzier zo- he/ dem grossen Alexander/ dieser auff dem Tod-Bette/ als ein Erkaͤntniß seiner treuen Dienste/ oder ein Zeichen des ihm zugeigne- ten Reiches dem Perdiccas/ der krancke Au- gust Arminius und Thußnelda. gust dem Agrippa seinen Ring gegeben. Ma- lovend nahm das Wort von ihm und fing an: Es waͤre die Art mit dem Ringe einem die Nachfolge der Herrschafft zuzueignen/ oder sonst eine ungemeine Vertrauligkeit anzudeu- ten/ wie Alexander gegen dem Hephestion mit seinem an den Mund gedruͤckten Ringe ge- than/ als er ihme Olympiens geheime Schrei- ben zu lesen gab/ auch in Deutschland nicht un- bekant/ und pflegten die Catten diese eiserne Ringe ihrer Ahnen auffs fleißigste zu verwah- ren. Sonst waͤren diese Ringe vielleicht deß- wegen staͤhlern/ weil bey denen alten Deutschen dieses in der Haushaltung und im Kriege nuͤtz- lichere Ertzt in groͤsserm Ansehen/ als das Gold/ auch dem Kriegs-Gotte zugeeignet gewest. Aus welchem Absehen/ und weil die rechte Hand meist die Ausuͤberin der Tapfferkeit seyn muß/ der Daumẽ und mitlere Finger auch der staͤrck- ste ist/ diese eiserne Ringe auch nur in der rechten Hand/ und zwar in oberwehnten zweyen Fin- gern getragen wuͤrden. Da hingegen die mei- sten Voͤlcker die aus blosser Wollust angenom- mene Ringe in der muͤssigern und verborgenern lincken Hand/ und in dem Finger neben dem kleinern/ gleich als wenn nach der Egyptier wie- wohl irrigen Meinung aus diesem Goldfinger eine kleine Ader zu dem vom Golde Staͤrckung empfangenden Hertzen ginge/ truͤgen/ den Dau- men und mittlern Finger damit niemahls be- steckten. Diese Erzehlung vergnuͤgte die frem- den Fuͤrsten uͤberaus/ und nachdem Rhemetal- ces diesen Ring gleichfals wohl betrachtet hatte/ fing er an: Jch finde in diesem Ringe gleichwohl noch etwas/ was Fuͤrst Zeno nicht angemercket/ oder gemeldet; Denn es ist in ihn was gebei- tzet/ welches ich aber noch nicht recht erkennen kan. Fuͤr kein Bild eines Gottes darff ich es nicht annehmen/ weil ich weiß/ daß die Deut- schen mit den Egyptiern dißfals nicht einig sind/ welche des Harpocrates und anderer Goͤtter Bilder gar gemein an Fingern tragen. Ver- mutlich aber wird es iemand beruͤhmtes von die- ses Edelmanns Ahnen oder aus seinen vertrau- ten Freunden seyn. Massen ich in Griechenland und zu Rom diese Gewohnheit wahrgenom̃en/ und bey dem Germanicus den Ring mit des A- fricanischen Scipio eingeetztem Haupte gesehen/ welchen das Volck seinem unwuͤrdigen Sohne/ als er sich die Stadtvogtey zu suchen unterstand/ abgezogen hat. Kaͤyser Julius hat der gewaffne- ten Venus Bild/ von welcher er nichts minder entsprossen/ als seine Aehnligkeit empfangen zu haben vermeinte/ getragen. Jn Griechenland pflegen noch die Nachfolger des Welt-Weisen Epicurus sein Bild in ihren Ringen zu vereh- ren/ in ihre Saͤle zu setzen und auff ihre Trinck- Geschirre etzen zu lassen. Alfesleben antwor- tete hierauff selbst: Es ist weder eines noch das andere/ sondern ein Schild/ und darauff das Haupt des Tuisco/ zu meiner Erinnerung/ daß nichts schaͤndlichers sey als im Kriege den Schild einbuͤssen; und daß alle edele Gemuͤther in die Fußstapffen ihres niemahls uͤberwunde- nen Tuisco zu treten schuldig sind. Zeno fing hieruͤber laut an zu ruffen: diß ist ein so schoͤnes Sinn-Bild/ als dieser junge Ritter tapffer ist. Nichts nicht kan einem einen groͤssern Zug zur Tugend/ als das Anschauen eines beruͤhmten Helden verursachen. Also hat Aristomenes des Agathocles/ Callicrates des Ulysses/ und Kaͤyser August des grossen Alexanders Bild in ihren Ringen getragen/ und Tiberius siegelt schon mit des Augustus. Callicrates hat so gar nach Ulysses Kindern den seinigen ihre Nahmen gegeben/ und das Roͤmische Geschlechte der Macer traͤgt nicht nur in Ringen/ in Trinckge- schirren und Waffen; sondern auch das Frau- en-Zimmer Alexanders Bild mit Perlen/ Gold und Seide gestickt auff ihren Hauben/ Kleidern und Zierrathen. Auch hat mir zu Rom Lucius Macro ein vertrauter des Tiberius eine aus Agtstein gearbeitete Schale/ als das schaͤtzbarste Kleinod ihres Geschlechtes/ gewiesen/ in welche N 3 vom Anderes Buch vom beruͤhmten Pyrgoteles Alexanders Thaten auffs kuͤnstlichste gegraben sind. Rhemetalces/ der noch immer den Ring betrachtete/ brach ein/ und sagte: Jch finde inwendig noch einen in die- sen Ring gegrabenen Loͤwen. Alfelsleben fiel ihm bey/ und berichtete/ daß die Hertzoge der Catten dieses hertzhafte Thier zu ihrem Ge- schlechts- und Feld-Zeichen brauchten/ und deß- wegen alle solche eiserne Ringe damit bestem- peln liessen. So fuͤhren sie/ antwortete Rhe- metalces/ mit dem grossen Pompejus einerley Merckmahl/ weil dieser stets einen mit einem Schwerdte geruͤsteten Loͤwen in einen Sardo- nich-Stein gegraben am Fingeꝛtrug/ und damit siegelte. Massen dieser Ring dem todten Pom- pejus auch vom Achille abgezogen/ dem Kaͤyser Julius mit dem eingehuͤllten Haupte uͤber- schickt/ und damit sein zu Rom unglaͤublicher Tod bestaͤrcket ward. Zeno setzte bey: Eswaͤ- re die Zuneigung gewisser Sinnen-Bilder ie- derzeit im Brauche gewest. Die Egyptischen Kriegsleute haͤtten insgemein einen Kefer/ als ein Bild der Tapferkeit/ weil es keinen Kefer weiblichen Geschlechts gebe/ Areus der Spar- taner Koͤnig einen Adler/ Darius ein Pferd/ Amphitruo den auffgehenden Sonnen-Wa- gen mit vier Pferden/ die Locrer den Abend- Stern/ die Koͤnige in Persien das Bild der Heldin Rhodogune mit zerstreueten Haaren/ welche bey derselben Aufflechtung eine erlittene Niederlage erfahren/ und selbte nicht eher/ als biß nach veruͤbter Rache zuzuflechten sich ver- schworen hat/ Clearchus die tantzenden Jung- frauen zu Sparta/ welche alle Jahre die Carya- tische Diana also verehreten/ Sylla die Erge- bung des Koͤnigs Jugurtha/ und zuweilen drey/ Timoleon ein Sieges-Zeichen/ weil er deroglei- chen Ring in dem Kriege gegen den Jcetes aus dem Looß-Topfe gezogen/ Jntercatiensis des Scipio Emilianus Sieg uͤber seinen eigenen Vater/ Pyrrhus den Agath mit den Musen/ August einen Sphinx/ Seleucus und seine Nachkommen einen Ancker/ Mecaͤnas einen Frosch/ Jßmenias das Bild der Amimone in ihren Ringen gefuͤhret. Unter diesem Gespraͤ- che brachten die Hunde eine grosse Sau aus dem Gesuͤmpfe herfuͤr gejagt/ welcher der wegen sei- nes wiedergefundenen Ringes frohe Alfelsleben mit dem Eisen muthig entgegen ging. Zu al- lem Ungluͤcke aber brach der Stiel entzwey/ und Alfelsleben fiel uͤber einen Hauffen. Die schwere Ruͤstung hinderte ihn geschwinde aufzuspringen die andern aber die Ferne/ ihm im Augenblicke Huͤlffe zu leisten; und also kriegte diese grim- mige Sau Zeit/ diesen hurtigen Edelmann im Bauche und in der Seite/ wo er ungeharnischt war/ gefaͤhrlich zu verwunden/ also/ daß die Jaͤ- ger ihn halb todt in das nechste Jaͤger-Haus zur Verbindung tragen musten. Wie nun alle hieruͤber ein sonderbarhes Mitleiden bezeugten/ fing Rhemetalces an: Jch sehe gleichwohl aus diesem Beyspiele/ daß die aus denen Ringen zu- weilen genom̃ene Andeutungen nicht blosse Ei- telkeiten seyn/ sondern gewisse Geheimnuͤsse in ihren Kreissen verborgen stecken/ wie Polycrates mit seinem Schaden/ Timoleon mit seinem Frommen erfahren/ weil jenem dadurch sein Untergang/ diesem ein herrlicher Sieg wider die Leontiner angedeutet ward. Also sagte Esopus den Samiern mehr denn allzu wahr/ als ein Adler ihren Ring/ damit der Rath zu siegeln pflegte/ mit in die Lufft nahm/ und in eines Knechtes Schooß fallen ließ; sie wuͤrden unter eines Koͤnigs Dienstbarkeit verfallen. Mar- comir begegnete ihm: Er hielte den Verlust des Ringes und Alfelslebens Verwundung fuͤr einen blossen Zufall; und also auch diese der Ringe wie auch andere eingebildete Andeutun- gen fuͤr Aberglauben. Er gestuͤnde gerne/ daß in koͤstlichen Edelgesteinen/ als in welche die Na- tur gleichsam ihre Kunst und Herrligkeit zusam- men gezwaͤnget hat/ nichts minder als der Ma- gnet absondere Kraͤffte in sich haͤtte/ aber nur na- tuͤrliche und der Vernuft gemaͤsse. Daher er denn Arminius und Thußnelda. denn fuͤr ein bloß Getichte hielte/ daß ein in ei- nes Hahnes Magen gefundener Stein den Milo Crotoniates unuͤberwindlich gemacht ha- be. Gleicher gestalt waͤre ihm unglaublich oder eine Zauberey/ daß iemals ein in ein Glas ge- henckter Ring gewisse daran gehaltene Buchsta- ben durch seine Bewegung bezeichnet/ und einen Nachfolger im Reiche angedeutet; daß der welt- weise Eudamus Ringe bereitet haͤtte/ welche die Gespenster verjagt/ die Schlangen-Bisse ver- hindert/ und die Verstorbenen zu erscheinen ge- noͤthigt; Moses aber mit einem/ seinem Egypti- schen Weibe seiner und aller vorhergehenden Vergessenheit beybꝛacht. Weßwegen eꝛ auch diß fuͤr den aͤrgsten Aberglauben hielte/ wenn etliche Wagehaͤlse aus denen vom Kreutze genomme- nen Ketten/ oder von den Klingen der Scharff- richter ihnen zu allerhand verdaͤchtigem Ge- brauche (wie der ruchlose Eucrates gethan ha- ben soll) Ringe schmieden lassen. Rhemetal- ces versetzte: Keine gruͤndliche Ursache koͤnte er so wenig geben/ als die scharffsichtigsten Welt- weisen in vielen andern Geheimnuͤssen. Unter- dessen bekraͤfftigte es die Erfahrung und ihr heu- tiges Beyspiel. Niemanden waͤre iemals ein Stein aus dem Ringe/ oder der Ring selbst zer- sprungen/ dem nicht ein Ungluͤck auff dem Na- cken gesessen. Woraus allem Ansehen nach geflossen zu seyn schiene/ daß die Traurenden/ die Fußfaͤlligen/ die zum Tode verdammten die Ringe abnehmen/ denen Sterbenden aber selbte abgezogen wuͤrden; gleich als weñ ihr Leid keines groͤssern Ungluͤcks Ankuͤndigung aus ihren Rin- gen mehr zu erwarten haͤtte. Jhrer viel haͤtten deswegen umb auff den Nothfall ihrem Leben abzuhelffen/ Gifft in ihren Ringen verwahret. Massen Demosthenes dardurch dem vom An- tipater abgeschickten Moͤrder Archias/ und Hannibal des Flaminius Kriegsleuten zuvor kommen waͤren/ und der Bewahrer des von dem Camillus dem Capitolinischen Jupiter ge- wiedmeten Schatzes haͤtte mit Zerbeissung eines in seinen Ring eingesetzten Steines ihm augen- blicklich sein Leben verkuͤrtzt/ als Marcus Cras- sus daselbst zweytausend Pfund Goldes wegge- nommen. Also durchgraben die eitlen Sterb- lichen nicht allein die Eingeweide der Erde/ und beschinden ihnen so viel Haͤnde/ nur daß eines einigen Fingers Glied glaͤntzend sey/ sondern sie muͤhen sich auch ihre Scharffsinnigkeit zu Be- foͤrderung ihres Todes an zugewehren/ also/ daß wenn in der Tieffe der Erdkugel nur eine Hoͤlle zu finden waͤre/ diese Kaninichen des Geitzes solche fuͤrlaͤngst unteꝛgraben/ und/ wo nicht Eꝛtzt/ doch Schwefel und Gifft daraus geraubet haben wuͤrden. Die Sonne war hiermit schon uͤber den Mit- tags-Wirbel gelauffen/ als Hertzog Herrmanns Jaͤgermeister sie in das unfern davon gelegene Fuͤrstliche Jaͤgerhaus zur Mittagsmahlzeit ein- lud. Dieses war ein sechseckichtes von gebacke- nen Steinen aufgefuͤhrtes/ und mitten in einem lustigen Thiergarten gelegenes Gebaͤue/ darin- nen sie bey ihrer Ankunft unten auff einem ge- pflasterten Voden schon eine fertige Taffel fan- den/ und in dieser Wildnuͤß nicht allein den hun- grigen Magen mit schmackhafter Kost/ als das Gemuͤthe mit annehmlichem Gespraͤche saͤttig- ten. Wie sie aber im besten Essen waren/ er- hob sich in einem Augenblicke unter der Taffel ein Geprudel und Geraͤusche/ das Wasseꝛ spritzte auch bald darauf so heftig in die Hoͤhe/ daß alle an der Taffel sitzende haͤuffig bespritzet/ und darvon auffzuspringen genoͤthigt waren. Dieses Bad verursachte ein nicht weniges Gelaͤchter/ und Zeno fing an: Er haͤtte in dieser sandichten Flaͤ- che keine Wasser-Kunst gesucht. Der Graf von Uffen/ des Feldherrn Jaͤgermeister antwor- tete: Es haͤtte sie die Natur/ keine Kunst an die- sen Ort versetzet. Denn es waͤre diß der be- ruͤhmte Boller-Brunn/ welcher alle Tage zwey- mal zwischen den Sand sich versteckte/ und so vielmal wieder herfuͤr springe/ also nicht anders/ als das Meer Epp und Fluth habe. Sie liessen hier- Anderes Buch hierauff die Taffel hinweg ruͤcken/ umb diesen Wunder-Brunn so viel eigentlicher zu betrach- ten/ und an einem sichern Orte die Mahlzeit zu vollenden. Zeno fing hierauff an: Dieser Brunn kom̃t mir fuͤr/ wie der von mir auff der Reise aus Jtalien besichtigte Fluß Timavus in Histrien/ dessen Strom ebenfalls von dem in die unterirrdischen Kluͤffce sich eindringenden Adriatischen Meere so sehr auffgeschwellet wird/ daß er weit uͤber seine Ufer sich ergeust/ und selbige Landschafft waͤssert. Dahero halte ich da- fuͤr/ daß dieser Boller-Bruñ gleichfalls von dem Aufschwellen des Balthischen Meeres seine Be- wegung hat. Rhemetalees warff ein: Was wird aber fuͤr eine Ursache zu geben seyn/ daß an dem Flusse Baͤtis ein Brunn/ wenn sich das Meer ergeust/ ab- und wenn es faͤllt/ wieder zu- nim̃t? Daß bey den Helvetiern das beruͤhmte Pfeffer-Bad im Anfang des Mayen Wasser be- kom̃t/ im Mittel des Herbst-Monats aber selbtes wieder verliert; daß in dem Pyrenischen Gebuͤr- ge ein Brunn im laͤngsten Tage das Wasser mit grossem Geraͤusch heraus stoͤst/ und weñ der Tag am kuͤrtzsten/ wieder verseuget? Zeno antwortete: Das erstere ruͤhrte her von den weiten und ver- drehten unterirrdischen Wasser-Gaͤngen/ durch welche das eindringende Meer sich so geschwinde nicht durchzwaͤngen kan; das andere aber koͤnte nicht von dem Ab- und Zulauffe des Meeres/ sondern/ seinem Beduͤncken nach/ noch von dem zerschmeltzenden Schnee/ welcher nach und nach mehr/ als die bald abschiessenden Regen/ in die Berge einsincke/ herruͤhren. Wie kom̃ts aber/ sagte Rhemetalces/ daß es in Pannonien und in Histrien eine See gibt/ die des Sommers ver- trocknet und besaͤet wird/ des Winters aber schwimmet und Fischreich ist; und daß in Sy- rien ein Fluß nur den siebenden Tag kein Was- ser hat? Dieses muß aus der Gelegenheit des Orts unzweifelbar entschieden werden/ versetzte Zeno. Denn es koͤnnen wol daselbst solche Hoͤ- len sich befinden/ die entweder den Sommer uͤber/ oder auch nur sechs Tage die zusammen- rinnenden Fluthen auffzufangen faͤhig sind; hernach aber selbtes wie ein ausgedruͤckter Schwam̃ durch gewisse Roͤhrẽ wider von sich ge- ben muͤssen. Malovend fiel ein: Sie wuͤrden vie- ler Tage Arbeit beduͤrfen/ die Wunder auslaͤndi- scher Bruñen und Fluͤsse zu beruͤhren/ wiewol er viel fuͤr Gedichte hielte; als: daß in der Jnsel Caͤa ein Brunn den/ der daraus trincket/ verduͤ- stert/ einer in Cilicien lebhafft/ der Leontische ge- lehrt/ in Sicilien einer weinend/ der ander la- chend/ einer/ ich weiß nicht wo/ verliebt machen/ einer in der Jnsel Bonicca verjuͤngen/ der Fluß Selemnius in Achaien aber der Liebe abhelffen solle. Es lidte es auch nicht die Zeit von Deutsch- lands Wunder-Wassern zu reden; sondern er wolte nur von der engen Gegend nicht ver- schweigen/ daß nahe von dar der Fluß Beche und Lichtenau sich unter die Erde verkriechen/ und unfern von des Feldherrn Burg bey der Stadt Tenderium wieder hervor schuͤssen; wie der Fluß Anas in Hispanien/ Lycius in Asien/ Tigris in Mesopotamien/ Timavus in Histri- en/ und viel andere auch thun sollen. Uber diesem Wasser-Gespraͤche ward die Mahlzeit vollendet/ da sie dann in einen uͤber das gantze Gemach gehenden Saal empor stie- gen/ welcher mit allerhand Zierrathen ausge- putzt war/ und rings herumb uͤber den Thier- garten ein lustiges Aussehen auff die haͤufsig darinnen verschlossenen und miteinander spie- lenden Thiere eroͤffnete; worunter viel von Natur wilde Baͤren/ Woͤlfe/ Luchsen/ entweder durch Gewohnheit gezaͤhmt/ oder ihnen ihre zur Verletzung dienende Waffen benommen wa- ren. Umb den Saal herumb waren in Le- bens-Groͤsse zwoͤlff Helden gemahlet/ derer Waffen genungsam andeuteten/ daß es Deut- sche waͤren. Zeno redete hiermit den Fuͤrsten Malovend an: Jch habe mir Deutschland viel wilder beschreiben lassen/ als ich es ietzt in Au- genschein befinde. Und darff ich mich uͤber die Sitten Arminius und Thußnelda. Sitten der Einwohner nicht mehr so sehr ver- wundern/ nach dem ich auch in ihren Wild- bahnen die wilden Thiere zahmer als ander- werts antreffe. Man hat mich beredet: es waͤre allhier ein unauffhoͤrlicher Winter/ ein immer truͤber Himmel/ ein unfruchtbares Erdreich; die Staͤdte haͤtten keine Mauren/ ihre Wohnungen waͤren Huͤtten/ oder vielmehr Hoͤlen des Wildes/ mit derer Haͤuten sie sich der Kaͤlte kaum erwehren/ und mit der Rinde von den Baͤumen sich fuͤr dem Regen decken muͤsten; das Feld truͤge kein Getraide/ die Baͤume kein Obst/ die Huͤgel keinen Wein. Jch erfahre numehr aber in vielen Sachen das Widerspiel. Diß Gebaͤue liesse sich auch wol bey Rom sehen/ und auff unsere heutige Mahlzeit haͤtten wir auch den Roͤmischen Buͤrgermeister Lucullus/ ja den luͤsternen Gauckler Esopus zu Gaste bitten koͤñen. Deñ haben wir gleich nicht von Jndiani- schen Papegoyen das Gehirne/ keine Egyptische Phoͤnicopter Zungen/ aus dem rothen Meere die Scarus-Lebern/ aus dem Britannischen die Austern/ vom Flusse Phasis die Phasanen/ und Voͤgel/ die reden koͤnnen/ gespeiset/ oder in einer Schuͤssel/ ja in einem Loͤffel eines gantzen Lan- des jaͤhrliche Einkunften verschlungen; so hat man uns doch solch wolgeschmackes Wildpret und Gefluͤgel auffgesetzt/ welches Africa/ die Mutter der Ungeheuer/ nicht der Koͤstligkeiten/ mit allen seinen seltzamen Thieren nicht zu lie- fern gewust haͤtte/ und uns besser geschmeckt/ als jenen Verschwendern ihre unzeitige Gerich- te/ welche an sich selbst weder Geruch noch Ge- schmack haben/ und nur deßwegen/ daß sie kost- bar und seltzam sind/ verlanget werden. Jst unser Fuß-Boden nicht mit theurem Saffran bestreut/ so ist er doch mit wolruͤchenden Blumen bedeckt gewesen. Jch sehe wol/ sagte Marco- mir/ daß unser Deutschland einen so geneigten Beschauer bekom̃en/ der es bey den Auslaͤndern mit der Zeit in groͤsseres Ansehen setzen doͤrfte. Jch gestehe es: Wo mich die Liebe des Vater- landes/ in welchem uns die rauesten Stein- klippen schoͤner als anderwerts die Hesperischen Gaͤrte und das Thessalische Lust-Thal fuͤrkom- m e n/ nicht zu einem ungleichen Urthel verleitet/ daß bey uns das Erdreich nicht so rauh/ der Himmel nicht so grausam/ das Ansehen nicht so traurig sey/ als es die uͤppigen oder durch hoͤren sagen verleiteten Auslaͤnder gemacht. Uber- dis hat Deutschland von der Zeit her/ da die Deutschen mit den Roͤmern in Kundschafft ge- rathen/ viel ein ander Gesichte bekommen/ als es fuͤr hundert und mehren Jahren gehabt. Die/ welche vorhin von nichts als von dem er- legten Wilde und Viehzucht lebten/ haben nun gelernt den Acker bauen/ fruchtbare Baͤume/ ja an der Donau und dem Rhein gar Wein- stoͤcke pflantzen. Wir zeugen itzt so viel eßbare Kraͤuter und Wurtzeln/ wir machen unsere Speisen mit so frembden Wuͤrtzen an/ welche man noch bey unserer Eltern Leben nicht einst hat nennen hoͤren. Alleine ich weiß sicher nicht/ ob diese Verbesserung Deutschlands Auffneh- men oder Verderb sey. Jch bin zwar kein Artzt/ kein Kraͤuter- und Stern-Verstaͤndiger/ ich kan mich aber nicht bereden lassen/ der guͤtigen Natur diese Mißgunst auffzubuͤrden/ daß sie ei- nem Lande was entzogen haͤtte/ dessen man so wol zu seiner Gesundheit als Nothdurft unnach- bleiblich benoͤthiget waͤre. Warlich die Goͤttli- che Versehung/ welche allen wilden Thieren so reichlich ihren Unterhalt verschafft/ ist dem Men- schen so feind nicht gewest/ daß er sein Leben zu er- halten so grosser Kunst und so fernen Zufuͤhrung doͤrffe. Kein Wald naͤhret so unfruchtbare Baͤume/ keine Wuͤsteney so stachlichte Disteln/ welche nicht dem Menschen so wol die Nothdurft der Artzney/ als der Speise gewehre. Jeder- mann koͤnne seine Lebens-Mittel allenthalben und umbsonst finden. Mit Pappeln und Goldwurtz haͤtten sich fuͤrzeiten gantze Voͤlcker ausgehalten/ und Koͤnige nicht so ver- schwenderisch/ als itzt gemeine Buͤrger gelel et. Erster Theil. O Als Anderes Buch Als die Koͤnigin in Carien Ada dem grossen A- lexander viel niedliche Speisen geschickt/ haͤtte er ihr zu wissen gemacht/ daß die Nacht-Reise ein viel besserer Koch zum Fruͤh-Maale/ eine spar- same Mittags-Mahlzeit aber die Wuͤrtze seines Abend-Essens waͤe. Aber nunmehr baute/ nach dem Beyspiele der Sicilier/ fast iedermann aus seinem Leibe der vielfraͤssigen Verschwen- dung einen Tempel. Diese Luͤsternheit und der Uberfluß habe das menschliche Leben aller- erst so theuer gemacht/ und bezahle die Ungesun- desten umb hundertfachen Preiß. Jn welchem Absehen des Zamolxis Meynung allerdings wahr waͤre/ daß alles Ubel und Gute des Leibes aus dem Gemuͤthe des Menschen herfluͤsse. Die Artzneyen/ welche die Reichen aus Ara- bien und Jndien kommen liessen/ braͤche ein Tageloͤhner von gemeinen Stauden ab. Und da der Egyptier und anderer Voͤlcker Goͤtter nur die in ihrem Landstriche ge- wachsenen Fruͤchte ihnen opfern liessen/ waͤ- re der Menschen Luͤsternheit nach frembden Gewaͤchsen zweifelsfrey eine schaͤdliche Uppig- keit. Ein hungriger Magen nehme alles an/ die Natur aber waͤre mit dem schon ver- gnuͤgt/ was sie verlangt. Zeno fiel ihm ein: Es waͤre keine Feindschafft/ sondern ein Geheimnuͤß der Goͤttlichen Versehung/ daß in einem Lande nicht alles wuͤchse/ wormit sie durch solche Duͤrf- tigkeit die entfernten Voͤlcker in ein allgemeines Band und Freundschafft zusammen knuͤpfte. Es ist diß/ antwortete Malovend/ eine annehm- liche Heucheley unserer Schwachheiten/ und ein scheinbarer Fuͤrwand der Wolluͤstigen. Die Uppigkeit alleine hat uns gelehret ihre Graͤntzen uͤberschreiten/ und anfangs nach uͤberfluͤssi- ger/ hernach gar nach schaͤdlicher Kost geluͤsten; welche uns vergiftet/ da sie uns naͤhren soll. Man schaͤtzet die Speisen nach dem Geschma- cke/ nicht nach der Gesundheit; ja man muͤhet sich nicht ohne empfindlichen Eckel frembder Gewaͤchse Bitterkeit und den Gestanck der von dem aͤusersten Meere zu uns geschickter Fische zu gewohnen. Wie lange hat man den aus Jndien gebrachten Zinober zu Rom unter die Artzneyen gemischt/ ehe man erfahren/ daß er selbst Gift waͤre? Wie viel gemeinen Staub haben die Araber bey der Seuche solcher Sit- ten den Auslaͤndern fuͤr Phoͤnir-Asche und ein bewaͤhrtes Gesundheits-Mittel/ diß/ was in Sperlings-Koͤpfen gewachsen/ fuͤr suͤsses Ge- hirne des Phoͤnixes verkaufft; der doch nie- mals als gemahlt in der Welt gewesen ist. Wie viel koͤstliches gleich auch anderwerts zu finden/ so kan ich mich doch schwerlich be- reden lassen/ daß die in den heissen Mittags- und Morgenlaͤndern wachsende Pfeffer/ Zie- met/ Muscaten und andere brennenden Fruͤch- te denen Mitternaͤchtischen Leibern zuschlagen solten. Die Gestirne/ welche uns allhier eine absondere Beschaffenheit von anderer Lands- Art geben/ floͤssen denen hier wachsenden Kraͤu- tern und anderen eßbaren Dingen gleiche Eigenschafften ein. Dahero muͤssen sie uns unzweifelbar gesuͤnder seyn/ als die/ welche mit der Waͤrmbde unsers Magens und dem Trie- be unsers Gebluͤts keine Vergleichung haben. Rhemetalces setzte hierauff nach: Zeno ist mei- nem Vaterlande und meines Himmels Ein- fluͤssen naͤher; also scheinets/ muͤste ich auch sei- ner Meinung naͤher als andern kommen. Denn da die Natur eine Feindin des Uber- flusszes waͤre/ wie Malovend meynte/ wuͤrde er sie dazu selbst machen/ wenn er alle Mit- theilung frembder Land - Gewaͤchse verdam- te. Sintemal sie in vielen Land - Strichen mehr koͤstliche Fruͤchte wachsen liesse/ als die Einwohner verzehren koͤnten. Ja in vie- len unbevolckten Laͤndern finde man die edel- sten Gewaͤchse. Aus den unwirthbaren Sandflaͤchen des grossen Scythiens komme die so nuͤtzliche Rhabarber; aus den un- bewohnten Stein - Kluͤfften Asiens der be- wehrte Bezoar und der kraͤfftigste Mosch. Da- Arminius und Thußnelda. Dahero schiene ihm der Anzielung goͤttlicher Versehung gemaͤsser zu seyn/ aus der milden Hand ihres Uberflusses lieber etwas aufsuchen/ als selbtes ohne Gebrauch verderben lassen. Und ich weiß nicht/ ob in fruchtbaren Laͤndern gelegene Voͤlcker/ welche den goͤttlichen Segen alleine fuͤr sich behielten/ nicht schlimmer han- delten/ als die Phoͤnizischen Kauffleute/ welche wol ehe bey reichen Jahren den ihrem Beduͤn- cken nach allzuhaͤuffig gewachsenen Pfeffer ins Meer geschuͤttet/ wormit diese Wahre nicht zu wolfeil wuͤrde. Marcomir hingegen fiel dem Malovend bey und sagte: Es koͤmt mir fuͤr/ dieser Uberschuß bestehe nicht auf so festem Grunde; oder der Schluß sey davon auch all- zuweit gesucht. Denn mich beduͤnckt/ man schreibe frembden Gewaͤchsen mehr Wunder- wercke zu/ als man an ihnen befindet; Und es halte unser wunderwuͤrdiger Holunder-Baum der Rhabarbar/ unser Hirschhorn und Krebs- Augen dem Bezoar die Wage. Mosch und Zibeth aber ist eine leicht entbehrliche Wuͤrtze der Geilheit. Oder da wir selbtem auch nichts gleichwichtiges entgegen zu setzen haben; Ge- schicht es nicht so wol aus Armuth unsers Erd- reichs/ als aus unsorgfaͤltiger Unwissenheit un- sers eigenen Reichthums/ welche mehrmahls Schaͤtze besitzt/ die sie nicht kennet. Wenn auch kein Volck nach keinen frembden Gerich- ten geluͤstete/ wuͤrde iedes seinen Vorrath aller- dings aufzehren. Jn dem aber die Jndianer aus Europa Weine verlangen/ dieses nach ih- ren Gewuͤrtzen etzelt/ bleibet einem ieden von dem seinigen etwas uͤbrig/ welches doch sonst ie- des Jahr/ oder doch in einem andern bey sich er- eigneten Mißwaͤchsen aufginge. Da aber sich auch irgends ein warhafter Uberschuß er- eignete/ ruͤhret er durch blossen Zufall und durch eigene Verwahrlosung der unersaͤttlichen Menschen her. Zeno brach ein: Wie soll ich begreiffen/ daß die Unersaͤttligkeit als eine Mut- ter des Mangels einen Uberfluß nach sich zie- hen solle? Jn alle Wege/ versetzte Malovend. Wenn der Mensch sich mit dem seinen oder der Genuͤgligkeit vergnuͤgte/ wuͤrde Geitz/ Ehren- Ruhm und Herschenssucht so viel Voͤlcker nicht vertilgen/ so viel Laͤnder nicht Volck-arm ma- chen/ und die Vergroͤsserung des menschlichen Geschlechts hindern; welches von der gantzen Welt Zuwachs selten was uͤbrig lassen wuͤrde. Zugeschweigen: daß man aus frembden Laͤn- dern nicht so oft die Nothdurfft als den Zunder zu Wolluͤsten holet. Wie viel mahl hat Rom und Gallien aus Mangel Getreydes fuͤr Hun- ger geschmachtet/ da es an Wuͤrtzen/ Datteln/ Jndianischen Ruͤssen/ Syrischen Balsamen/ Perlen/ Edelgesteinen/ Purpur und Helfen- bein/ und andern zur Uppigkeit dienenden Sa- chen einen Uberschuß gehabt? Eben jener Mangel/ fuhr Zeno fort/ uͤberweiset dich/ daß ein Land dem andern auch in unentbehrlichen Sachen muͤsse behuͤflich seyn. Du hast Rom gesehen; Kanst du nun glauben/ daß das schma- le Welschland dieser Welt Volck genungsam Brodt geben/ und man ihm seine Kornhaͤuser Egypten und Sicilien verschliessen moͤge! Ma- lovend fragte alsofort: Ob die Natur durch ih- re Fruchtbarkeit/ oder nicht vielmehr Ehrgeitz/ Wucher und Wolluͤste sechzig mahl hundert tausend Menschen in den engen Creyß des gros- sen Roms zusammen gezogen? Weist du aber/ fuhr Rhemetalces heraus/ daß Roth und Hunger deine Cimbern unter dem Koͤnige Teutobach gezwungen in Welschland und Gallien einzubrechen/ an das schwartze Meer sich zu setzen/ ja gar in Asien uͤberzugehen? Ma- lovend antwortete ihm: Mehr das Wasser als der Hunger. Jedoch wil ich endlich wol glau- ben/ daß ein Volck in gewissen Dingen mit dem andern Gemeinschafft haben muͤsse; Auch daß die Natur ein Theil der Welt fuͤr andern Laͤndern auskommentlicher versorget habe/ und daß diß/ was die Natur ohne des Men- schen Zuthat selbigem liefert/ nicht aber der un- O 2 ver- Anderes Buch vergnuͤglichen sterblichen Gemaͤchte und Er- findungen endlich mitzutheilen sey. Wenn die Natur so selzame Vermischungen der Speisen mit Ambra/ so frembdes Getraͤncke von Zucker/ ausgepresten Beeren und Gra- nataͤpfeln/ die Abkochung allerhand Balsam und Biesamkuchen; Die Aufbauung grosser Alabasterner Palaͤste/ und Bergen oder Staͤd- ten gleichsehende Gefilde/ fuͤr noͤthig befunden haͤtte/ wuͤrde die/ welche so vielerhand Speisen wachsen laͤst/ die in den Trauben so koͤstliche Saͤffte kochet/ die das grosse Gewoͤlbe des Him- mels/ die Wunderhaͤuser des Gestirnes/ die unterirrdischen Hoͤlen/ die geheimen Wasser- leitungen des Meeres und der Fluͤsse/ die Adern der Brunnen gebauet/ auch diß/ was die schwa- chen und alberen Menschen ihr nachaffen/ zu bauen maͤchtig und vorsichtig genung gewesen seyn. Die Vorwelt hat ohne Bildhauer und Steinmetzer ruhiglich leben koͤnnen. Es war die gluͤckseligste Zeit/ als noch kein Baumeister war/ als niemand Zuͤgeln brennte und uͤber dem Steinschneiden schwitzte/ da man die De- cken nicht verguͤldete/ den Boden nicht mit Marmel pflasterte/ die Waͤnde nicht mit Per- sischen Teppichten behing; Da man auf Gra- se/ nicht auf kuͤnstlicher geneheter Seide/ oder gewebter Baumwolle saß/ sondern aus vier Gabeln und vier Stangen und qveruͤberge- legten Aesten in einer Stunde ein gantz Hauß bauete; Da Mitternacht sich mit wenigen Schoben fuͤr aller Kaͤlte/ das bratende Moh- renland in gegrabenen Hoͤlen sich fuͤr aller Hi- tze beschirmete; Da man ohne der Serer Handlung/ oder der Wuͤrmer Gespinste/ ohne Toͤdtung der Purpur-Schnecke sich mit Hanf und Haͤuten kleidete; Da man sich mit Piltzen und gemeinen Baumgewaͤchsen vergnuͤgte/ aus lautern Brunnen und unverdaͤchtigen Baͤchen tranck. Zeno brach ihm ein: Er machte die Natur zur Stiefmutter gegen dem Menschen/ da sie doch auch die wilden Thiere fuͤr eine so guͤtige Versorgerin erkennten. Die- se waͤren alsbald/ wenn sie das Tagelicht er- blickten/ bekleidet/ ihrer selbst maͤchtig/ und es wisse von sich selbst eine Biene die Kraͤuter zu unterscheiden/ woraus sie Gifft oder Honig zu saugen habe. Ein Hirsch wisse mit was fuͤr einem Kraute er sich nach der Geburt reinigen solte. Das wilde Schwein wisse/ sich mit Ep- pich/ die Schlange mit Fenchel/ der Baͤr mit Ameissen/ der Elefant mit Oelbaͤumen/ die Holtztaube mit Lorberblaͤttern zu heilen. Der Adler sehe/ der Geyer ruͤche/ der Affe schmecke/ der Maulwurff hoͤre/ die Spinne fuͤhle bes- ser und schaͤrffer als der Mensch. Solte nun deßwegen die Natur diesem unholder als jenem seyn? Nein sicher! Denn die Vernunfft/ als das eigentliche Kleinod des Menschen/ welches ihn allein den Goͤttern aͤhnlich macht/ uͤbertrifft und vertrit alle andere Fuͤrtreffligkeiten der Thiere/ die Staͤrcke des Loͤwens/ die Schoͤn- heit des Pfauen/ die Geschwindigkeit der Pfer- de. Diese muß der Mensch zu seiner Unter- haltung und Wohlstande nichts minder an- wenden; Als das Cameel seinen Ruͤcken/ der Hund seine Fuͤsse/ der Ochse seine Lenden/ die Spinne ihre Kunst/ die Ameiß ihren Fleiß/ die Nachtigal ihre Stimme nicht muͤßig seyn laͤst. Die Natur/ sage ich/ hat uns die Vernunft deßwegen eingepflantzt: daß wir unser Leben dadurch fuͤr allen andern Geschoͤpffen nicht nur tugendhafft/ sondern auch gluͤckselig machen solten. Diese hat den Hammer/ die Saͤge/ die Axt/ die Kelle/ die Spille/ den Weberstul und tausend andere Werckzeuge erfunden: Daß man Haͤuser gebaut/ Wolle gesponnen/ Seide gewebt/ Speisen gekocht/ Artzneyen bereitet/ durch die Schiffarthen ein Ende der Welt mit dem andern vereinbart/ und das duͤrfftige Leben mit tausendfachem Uberflusse beseligt hat. Eine elende Gluͤckseligkeit! rieff Marcomir/ welche den Leib maͤstet/ das Gemuͤthe behuͤrdet/ und die Seele be- sudelt. Arminius und Thußnelda. sudelt. Freylich wohl zeucht die Gemein- schafft mit frembden Voͤlckern/ die Erfin- dung so vielerley Kuͤnst eden Gliedern eine gros- se Gemaͤchligkeit/ der Tugend aber einen un- schaͤtzbaren Verlust zu. Jemehr das Gluͤcke und die Natur dem Leben liebkoset/ ie in gefaͤhr- lichern Zustand versetzt sie es. Was in Rosen verfaulet/ wird in Nesseln erhalten. Die im Elende tauren/ werden von Gluͤckseligkeit ver- derbet. Daher ist die Natur daselbst/ wo sie raue Klippen/ kalte Lufft/ sandichtes Erdreich geschaf- fen/ eben so wenig fuͤr grausam zu schelten/ als die Muͤtter zu Sparta/ die ihre Soͤhne abzuhaͤr- ten selbte fuͤr dem Altar der Orthischen Dia- na biß auffs Blut/ zuweilen auch auff den Tod peitschen lassen. Die Tugend will durch keine weiche Lehre begriffen seyn. Ein Feldherr stellt den ihm liebsten Kriegsknecht an die gefaͤhrlich- ste Spitze; und den schaͤtzen die Goͤtter am wuͤr- digsten/ an dem sie versuchen/ was ein Mensch zu erdulten faͤhig sey. Von guten Tagen zer- fliessen nicht allein unsere Gemuͤther/ sondern die Wolluͤste reissen uns auch gleichsam die Spann-Adern aus unsern Gliedern. Wen in dem Glase-Wagen nie keine rauhe Lufft an- gegangen/ wer die Hand nie in ein kalt Wasser gesteckt/ den Fuß nie auff die blosse Erde gesetzt/ der kan auch ohne Gefahr nicht einen maͤßigen Wind/ ein geringes Ungemach vertragen. Was man aber am haͤrtesten haͤlt/ wird das tauerhaff- teste. Der oͤfftere Sturmwind befestigt die Wur- tzeln und Aeste der Eichbaͤume/ weñ die in wind- stillen Thaͤlern wachsende Pappeln morsch blei- ben. Eines Schiffers Leib vertraͤgt ohne Em- pfindligkeit die schlimmste Seelufft. Der Pflug haͤrtet des Ackermanns Haͤnde/ die Waffen des Kriegsmanns Armen ab; das offtere Wetteren- nen macht eines Laͤuffers Glieder behende. Wie gesund und wohlgewachsen sind die Scythen/ und andere Nord-Voͤlcker/ die in holen Baͤu- men wohnen/ sich mit Fuchs und Maͤuse-Fel- len decken/ mit Vogel-Federn kleiden/ mit Ei- cheln speisen. Wie hoch steigen in ihren Ge- heimnissen die Persischen Weisen/ welche/ um zu den tieffen Nachsinnungen desto geschickter zu seyn/ nichts als Kreßicht assen? Wie viel besser stand es zu Rom/ da das Capitol unver goldet/ und nicht so ansehnlich als itzt des Lucullus Vor- werck/ und des Messala Fischhaͤlter/ da ein Och- se nicht so theuer als itzt ein Fisch war/ da die Samnitischen Gesandten den grossen Curius aus einem hoͤltzernen Nappe gebratene Ruͤben essen fanden/ und er so wenig von ihrem Golde als ihren Schwerdtern zu uͤberwinden war/ da der Zerstoͤrer des Schatzreichen Carthago Pu- blius Scipio nicht einen Scherff von ihrem Reichthume mit seinẽ Aꝛmuth veꝛmischen wolte/ da Lucius Emilius der Uberwinder des Koͤnigs Perses und Macedoniens die im Koͤniglichen Schatze gefundene sechs tausend Talent nicht einmahl anzusehen wuͤrdigte/ ob er schon seinen Soͤhnen so wenig verließ/ daß sie seiner Ehfrau- en die zugebrachten fuͤnff und zwantzig Talent nicht erstatten konten/ als itzt/ da Freygelassene auff Helffenbeinernen Tischen speisen/ da einem vollbraͤtigen Aus geschnittenen kein Vogel und Fisch schmeckt/ keine Blume reucht/ als zur Un- zeit; da einem luͤsternen Gauckler Meer und Lufft zu arm sind neue Speisen genug zu gewe- ren/ da ein verfluchter Pollio seine Murenen mit Menschen-Fleisch maͤstet/ da ein Tullius um einen hoͤltzernen Tisch ein gantzes Vermoͤ- gen gibt/ da ein Raths-Herr aus nichts als ed- len Steinen/ Porcellan oder Cristallen/ denen die Zerbrechligkeit ihren Preiß giebt/ trincken mag/ da die geile Julia an iedem Ohre drey rei- che Erbschafften haͤngen hat/ und weder dem Leibe noch der Scham dienende Kleider traͤgt/ in welchen zu schweren noͤthig waͤre/ daß sie nicht nackt gehe/ und darinnen sie ihren Ehbrechern nicht mehr im Schlaff-Gemacht weisen kan/ als sie auf oͤffentlichen Plaͤtzen zur Schau feil traͤgt. Da man jaͤhrlich wohl zwantzig Tonnen Gol- des den Serern fuͤr Wuͤrtzen und Steine schickt/ O 3 da ein Anderes Buch da ein Fuͤrst zum Begraͤbnisse seiner Ehebreche- rin mehr Weyrauch und Balsam verbrauchet/ als ein Jahr dessen in der Welt waͤchst. Wir Deutschen wusten nichts als von guͤldner Frey- heit/ konten die Laster nicht neñen/ und die wir itzt den Roͤmern nachthun/ als wir auff Rasen Tisch hielten/ und in Stroh- Huͤtten wohneten/ da wir die Eingeweide unserer Gebuͤrge nicht durchwuͤhleten/ und die geitzigen Fremden in den Adern Gold zu suchen veranlaßten/ da wir bey Entzuͤndung unserer Waͤlder Ertzt gefun- den hatten. Urtheilet diesem nach/ was dieser Herrligkeit fuͤr Elend/ wie viel diesem Weitzen Spreu anklebe; und glaͤubet/ daß wie die Ra- tur keines Kuͤnstlers darff/ die noͤthigen Sachen gemein/ die uͤppigen sauer zu erlangen sind/ also die Natur Gott und der Tugend nicht unsers Wollebens halber den Menschen so tieffsinnig gemacht/ und den Verstand verliehen habe. Fuͤrst Zeno laͤchelte/ und wendete sich zum Rhe- metalces/ meldende: Jch sehe wohl/ Marcomir ist ein Weltweiser von der Secte des Zeno/ und er wuͤrde mit dem Diogenes schon den Becher wegwerffen/ wann er iemand aus seinem Hand- Teller trincken sehe. Allein ich lasse mich nicht bereden/ daß die Goͤtter die Tugend zur Straf- fe des Leibes in die Welt geschickt haben/ daß der Schluß der Vernunfft auff eigenes Ungemach ziele/ daß die Wollust alleine des Viehes Gut sey/ daß das Wesen der Tugend in Bitterkeit bestehe/ daß sie nichts als Wasser trincken/ auff Disteln gehen/ im Siechhause liegen und in Be- graͤbnissen wohnen doͤrffe. Sondern ich bin vielmehr der Meinung/ daß der Gebrauch von dem Mißbrauche zu unterscheiden/ die Ro- sen nicht zu vertilgen sind/ weil die Spinne Gifft draus sauget/ und die Artzneyen nicht zu verbieten/ weil die Boßhafften selbte zur Ver- gifftung mißbrauchen/ ja daß es ein Theil der Weißheit sey/ sich der unschuldigen Wollust ohne Laster gebrauchen. Und/ wie es nicht vermuthlich/ daß die Natur so viel koͤstliche Sachen entweder umsonst/ oder nur zur Er- getzligkeit der Boßhafften geschaffen; also ist die Reinigkeit solcher Dinge nicht wegen Un- maͤßigkeit der Verschwender zu verdammen. Mecenas lag allerdings tugendhafft auff Da- masten und Sammet/ und versteckte seine Klugheit mit groͤsserm Nutzen des gemeinen Wesens unter den Schatten seiner kostbaren Lustgaͤrten/ wenn er den Kaͤyser August von dem rauhen Weg der strengen Gerechtigkeit und Blutstuͤrtzung abhielt/ und mit vielerley Kurtz- weilen ihn zu einer sanfften Herrschafft anleite- te/ wenn er mit seinen Wolthaten ihm die Welt zum Schuldner machte/ mit seiner Auffrich- tigkeit verursachte/ daß der vermummte Hoff seine Larven weglegte/ mit seiner Freygebigkeit die Begierde der Geitzigen uͤberlegte/ wenn er sein Haus mit kostbaren Gemaͤhlden/ mit kuͤnst- lichen Bildern aus Corinthischem Ertzte/ mit Cristallinen Geschirren nicht zu seiner Hof- fart Abgoͤtterey ausputzte/ sondern daß er dem/ welcher etwas dran lobte/ was zu verehren hatte. Womit er sicherlich tugendhaffter verfuhr/ als jener Weltweise/ der alle Menschen zu ihren ei- genen Feinden machen wolte/ ihnen selbst nicht allein nichts gutes zu thun/ sondern ihnen Durst/ Hunger/ Frost/ Marter/ ja Strick und Messer einlobte. Alleine nachdem uns Marcomir so viel gutes von dem alten einfaͤltigen Deutsch- lande ruͤhmet/ diese zwoͤlff Bilder aber groͤsten theils nicht dieser Zeit Kinder zu seyn schie- nen/ so wuͤnschten wir wohl von ihrer geruͤhmten Gluͤckseligkeit Wissenschafft und Theil zu ha- ben. Es sind/ antwortete Malovend/ zwoͤlff oberste Feldherren Deutschlands/ und zwar alle Hertzog Herrmanns Voreltern; So viel ih- rer kein Fuͤrstliches Geschlechte aus seinem Hause zu zehlenhat. Und ich muß gestehen/ daß ob wohl die Cherusker Hertzoge meinem Geschlechte/ daraus ich entsprossen/ stets auff- saͤtzig gewest/ doch ihre Thaten fuͤr andern ruhm- wuͤrdig zu achten sind. Zeno fing hierauff an: Es Arminius und Thußnelda. Es ist loͤblich/ die Tugend auch an seinen Fein- den loben/ und ist derogleichen Zeugnis so viel mehr von der Heucheley/ und dem in selbter verborgenen heßlichen Laster der Dienstbar- keit entfernet. Hingegen ist auch der glaub- wuͤrdigsten Freunde Urtheil verdaͤchtig/ weil selbtem auch wider ihren Vorsatz wo nicht ei- ne Heucheley/ doch eine zu guͤtige Gewogen- heit anhaͤnget. Diesemnach wir denn so viel- mehr von ihnen die Geschichte/ und zwar aus keines andern Munde zu vernehmen begierig sind. Malovend antwortete: Er wuͤrde die- ser Helden Verdiensten und des Zeno Sorg- falt ein Genuͤgen zu thun zwoͤlff Monat zur Erzehlung beduͤrffen. Jedoch wolte er hiervon einen Schatten und nicht vielmehr/ als der Mahler allhier gethan/ von ihnen entwerffen. Als nun beyde ihre Begierde anzuhoͤren mit Stillschweigen zu verstehen gaben/ hob Malo- vend an: Wir Deutschen sind insgesamt vom A- scenatz entsprossen/ welcher mit seinen Nachkom- men im kleinern Asien den Sitz gehabt/ von dem die Phrygier/ Bithynier/ Trojaner und Ascani- er/ wie auch die Reiche Ararath/ Minni und A- scenatz den Ursprung haben. Hertzog Tuisco hat mit einer grossen Menge Volcks theils uͤber das enge/ theils das schwartze Meer gesetzt/ und sich aller Laͤnder zwischen dem Rhein und der Rha bemaͤchtigt. Jhm ist im Reiche gefolgt Her- tzog Mann/ Hertzog Jngevon/ und Jstevon/ mit welchen sich Deutschland in viel Hertzogthuͤmer zu theilen angefangen/ sonderlich da zugleich die um das Caspische Meer und die Meotische See wohnenden Cimbrer/ fuͤr der Macht der Scy- then/ mit welcher ihr Koͤnig Jndathyrsus die halbe Welt uͤberschwemmete/ sich fluͤchteten/ und theils in klein Asien/ als ihr altes Vaterland/ theils aber unter dem Fuͤrsten Gomar/ meinem Uhranherrn durch die flachen Sarmatischen Felder sich an der Ost-See niederliessen. Unge- achtet dieser Theilung/ erwehlten die deutschen Fuͤrsten unter ihnen ein gewisses Haupt/ wel- chem sie zwar nicht als einem vollmaͤchtigen Koͤ- nige unterthaͤnig waren/ gleichwol aber in ihren selbsteignen Zwistigkeiten/ und wann sie mit an- dern Voͤlckern in Krieg verfielen/ sich seiner Veꝛ- mittelung und Heerfuͤhrung unterwarffen. An- fangs bestand diese Wahl bey denen gesamten Fuͤrsten/ hernach aber ward solche wegen mehr- mahliger Zwytracht und Langsamkeit siben Fuͤr- sten heimgestellt. Aus den Cheruskischen Hertzo- gen ist Hermion der erste/ der zu dieser Wuͤrde kam/ und auch hier in den Gemaͤhlden. Sechs Fuͤrsten gaben ihm wegen seiner Großmuͤthig- keit/ und zwar derer drey gegen Verlobung sei- ner wunderschoͤnen Tochter einmuͤthig ihre Stimmen/ wie es ein Sternseher vorher dem Koͤnige Jstevon/ an dessen Hofe er erzogen wor- den war/ wahrgesagt hatte; der einige Hertzog der Qvaden Atcoroth/ der vom Hercinischen Gebuͤꝛ- ge an alle zwischen der March/ der Weichsel und der Teiße gelegene Laͤnder beherrschte/ lag wider die Noricher zu Feld und wohnte der Wahl nicht bey. So bald dieser solche Erhoͤhung vernahm/ gab er sein Mißfallen mit vielen ungleichen Be- zeugungen an Tag; ja ließ sich selbst fuͤr einen O- bersten Feldherꝛn Deutschlandes ausruffen; un- geachtet er vorher diese ihm angetragene Wuͤr- de/ auf Einrathen seines obersten Caͤmmerers/ ausgeschlagen hatte. Denn weil Fuͤrst Hermion fuͤr etlichen Jahren in des maͤchtigen Atcoroths Diensten gelebt hatte/ und sein oberster Mar- schall gewest war/ schiene es ihm verkleinerlich zu seyn/ den numehr als sein Haupt zu verehren/ dem er vorhin zu befehlen gehabt hatte. Hinge- gen konte seine Tochter Em̃a ihre Freude kaum verdecken/ als welche sich in Hermions Sohn den Fuͤrsten Marß verliebt/ und ihm heimlich die Ehe versprochen hatte. Hermion ward mit gros- sem Gepraͤnge/ ungeachtet des Atcoroths Wi- dersetzung/ zum Feldherrn ausgeruffen/ es traff sich aber/ daß der Reichsstab unversehens ver- mißt ward/ auff welchem die Fuͤrsten dem Feldherrn die Pflicht zu leisten gewohnt waren. Als diese nun dem Hermion selbte abzulegen an- stunden/ entbloͤssete er seinen Degen/ mit diesen Wor- Anderes Buch Worten: Sehet dar/ ihr großmuͤthigen Helden/ den Stab/ auff welchen unser und alle Reiche gestuͤtzt werden muͤssen. Worauff ihm alle oh- ne Widerrede den Eyd der Treue leisteten. Her- mion aber/ der fuͤr aͤrgste Schande hielt/ sich zwar in der Wuͤrde/ nicht aber in genugsamen Ansehen zu schauen/ empfand des Ateoroths Verachtung in der Seele/ und/ nachdem die damals zu Deutschland gehoͤrigen Noricher sich beym Hermion beweglich beschwerten/ daß der Qvaden Hertzog/ nachdem die Gallier ihren letz- ten Fuͤrsten Durnacin hingerichtet hatten/ unter dem Vorwand eines ihm mit seiner ersten Ge- mahlin Garramis zugebrachten Heyrathguts/ und der von seinem uͤberwundenen Feinde Koͤ- nig Aleb eroberter Kriegs-Beute/ ihnen mit un- rechter Gewalt viel Landschafften abgenommen/ ja biß an die Mure/ den Jnn und das Adriati- sche Meer sich feste gesatzt hatte/ dieser auch auff Hermions Befehl das gewonnene nicht abtre- ten wolte/ fuͤhrte er wider die Qvaden mit Huͤlffe der Rhetier seine Heerspitzen. Hermion und Bato der Rhetier Hertzog geriethen bey der Stadt Vindobon mit dem Atcoroth in eine blutige Schlacht/ und nachdem sein Bundge- nosse Fuͤrst Rangolbebet mit seinen Bastarnen und Daciern zum ersten schimpfflich die Flucht gab/ vermochten die Qvaden nicht laͤnger zu ste- hen/ das gantze Heer ward auffs Haupt geschla- gen/ und Atcoroth selbst entrann mit Noth in Vindobon/ darinnen ihn seine Gemahlin und Kinder Hermion rings um starck belagerte. At- coroth muste diesem nach bey so verzweiffeltem Zustand in einen sauren Apffel beissen/ und dem Hermion nicht allein unter einem Zelte/ dessen kuͤnstliche Seiten-Waͤnde bey solcher De- muͤthigung wegfielen/ fußfaͤllig werden/ sondern auch drey Fahnen mit dreyen Laͤndern in des Hermions Haͤnde lieffern/ dem Fuͤrsten Mars seine schoͤne Tochter Emma verloben/ den Land- strich zwischen der March und der Wage zum Brautschatze/ dem Fuͤrsten Bato sein Wahl- recht und ein Stuͤcke Landes an der Donau ab- treten/ und also den Frieden theuer genug kauf- fen. Alleine seine Gemahlin/ die Herꝛschens- suͤchtige Kunigundis/ eine Tochter des maͤchti- gen Koͤnigs der Reußen und Bulgarn/ welcher sich einen Herrn des gantzen schwartzen Meeres schalt/ ward uͤber diesen Verlust in verzweiffelte Verbitterung gesetzt/ lies auch nicht ab/ biß sie theils mit Liebkosen/ theils mit Fuͤrbildung des unabloͤschlichen Schimpffes/ welche nicht nur ihm und den streitbaren Qvaden/ sondern auch ihrem maͤchtigen Vater zuwuͤchse/ den Hertzog Atcoroth zum Friedensbruch veranlassete. Ja diese hitzige Mutter verdammte ihre dem Prin- tzen Mars verlobte Tochter Emma nebst zehn andern Jungfrauen Fuͤrstlichen Gebluͤts in ei- ne Wildniß auff dem Carpatischen Gebuͤrge/ allwo eine Anzahl der Goͤttin Hertha geweihe- ter Jungfrauen beschlossen waren/ zu Gelobung ewiger Jungfrauschafft; dem Fuͤrsten Mars aber ließ sie heimliches Gifft beybringen/ wo- durch er in grosse Gefahr des Lebens und in Verlust des einen Auges versetzt ward. Her- mion und sein Sohn Mars begegneten mit ih- ren Cheruskern und Rhetiern dem Atcoroth und dem Fuͤrsten Rangolbebet/ welche mit einem viel maͤchtigern Heere nicht allein im Anzuge waren/ sondern auch unterschiedene fuͤrnehme Kriegs-Obersten des Hertzog Hermions besto- chen hatten. Beyde traffen auff einander bey der Festung Medoslan mit fast verzweiffelter Tapfferkeit. Hermion als er seinem umring- ten Sohne zu helffen wie ein Blitz in die Hauf- fen drang/ ward von einem zu diesem Ende vom Atcoroth mit vielen Verheissungen ange- frischtem Qvadischen Ritter Nahmens Thurn (welchen Hermion hieruͤber zwar gefangen kriegte/ abeꝛ seineꝛ Tapferkeit wegen in allen Eh- ren hielt) vom Pferde geworffen und in eusserste Lebens-Gefahr gestuͤrtzt; gleichwol verthaͤidigte er sich zu Fusse so hertzhafft/ biß ihn und seinen Sohn endlich die seinigen/ und insonderheit die Tapf- Arminius und Thußnelda. Tapferkeit des Ritters Regensperg aus so aͤu- serster Gefahr entrissen. Ja weil die Dacier abermahls zum ersten die Flucht gaben/ und Milota/ ein von dem Atkoroth beleidigter Qva- discher Herr/ aus Rachgier sich mit einem Theile des Heeres zum Hermion schlug/ die Kwaden aber in der Cherusker Heergeraͤthe/ solches gleich- sam nach schon erlangtem Siege zu pluͤndern/ einfielen/ wurden sie wieder biß auffs Haupt ge- schlagen/ Atkoroth zwar vom Ritter Emerwerck mit einer Lantze vom Pferde gerennt und gefan- gen/ aber von zweyen Mareomannischen Rit- tern/ derer Bruder er enthaupten lassen/ durch- stochen. Die Staͤdte Eburodun/ Eburum und Kalmnitz ergaben sich dem Sieger; die Fuͤrstin Kuͤnigundis ward in einem festen Berg- Schlosse belaͤgert/ und es schiene numehr mit ihr und dem Qvadischen Reiche geschehen zu seyn/ als ihre Tochter Emma/ welche aus ih- rer Bestrickung in dem Carpathischen Gebuͤrge entkommen war/ in dem Lager ankam/ dem Her- mion zu Fusse fiel/ und durch des Fuͤrsten Mars Vorbitte fuͤr ihre Mutter Begnadigung er- langte. Der Vergleich ward durch die Heyrath zwischen dem Hertzoge Mars und der Fraͤu- lein Emma/ die ihm alle vom Atkoroth erober- te Laͤnder zum Heyrath-Gute einbrachte/ voll- zogen. Hingegen heyrathete des Atkoroths Sohn und Stul-Erbe Valuscones des Hermi- ons Tochter Jutta/ die Koͤnigin Kuͤnigundis aber den schoͤnen Ritter Berg-Rose. Hernach uͤberwand er auch die Sequaner/ allwo ihm aber in einer Schlacht gleichfalls das Pferd erstochen/ und er mit vollem Kuͤraß in eine See zu spren- gen gezwungen ward/ biß ihm der Ritter Ha- nau zu Huͤlffe kam. Dieser Held hat zum ersten die Weiber gelehrt die Waffen fuͤhren/ und die Gewohnheit eingefuͤhrt/ daß der Mann sei- nem Weibe ein gesatteltes Pferd/ eine Lantze und Degen zum Mahlschatze liefern muͤssen. Also ist Hermion der Grund-Stein der hernach so hoch gestiegenen Cheruskischen Herrschafft. Nach Hermions Absterben ward zwar Sua- sandufal/ ein Fuͤrst der Tencterer zum Feld- herrn erwehlet/ nach dem er aber von dem Koͤ- nige der Russen Geld nahm/ selbtem gegen die Sarmater im Kriege beyzustehen/ welches die Deutschen ihnen fuͤr verkleinerlich hielten/ wie- der abgesetzt/ und Hertzog Mars/ der andere in diesen Gemaͤlden/ von fuͤnf der wehlenden Fuͤr- sten zu solcher Wuͤrde erhoben. Suasandu- falward hieruͤber so erbittert/ daß er entweder seine Hoheit behaupten/ oder sein Blut aufopf- fern wolte. Als nun beide maͤchtige Kriegs- Heere in der Nemeter Gebiete auf einander traffen/ drang Suasandufal gantz verzweiffelt durch die geharnischten Hauffen gleich wie ein Blitz durch/ biß er personlich auf den Fuͤrsten Mars traf/ selbten auch nichts anders als ein ergrimmter Loͤw anfiel. Dieser verletzte zwar den Mars in Arm/ Mars aber schlug mit einer vorsichtigen Geschwindigkeit seinen Streitkol- ben dem Suasandufal so starck ins Antlitz/ und verletzte ihn bey das lincke Auge/ daß er vom Pferde stuͤrtzte; Worauf sein Eydam/ ein streitbarer Ritter/ Nahmens Oetingen/ ihm ei- nen so tieffen Hau in Hals versetzte/ daß er mit dem ausspritzenden Blut und Galle seine See- le ausbließ. O ein herrlicher Sieg! rief Rhe- metalces/ wo man mit Schlagung einer Ader so viel Blutstuͤrtzung abwendet/ und auf dem Leichensteine eines mit eigner Hand erlegten Feindes seine Herrschafft befestigt! Ja/ fuhr Malovend fort/ wenn sonderlich die Tapffer- keit des Sieges mit Barmhertzigkeit gekroͤ- net wird/ wie Hertzog Mars that/ welcher hierauf alsofort keinen Menschen mehr zu er- schlagen verbot. Zeno fiel ein: diß ist der groͤ- sie Sieg/ sich dergestalt selbst zu uͤberwinden/ und seinen Stul nicht auf Furcht sondern Liebe bauen/ wormit die Unterthanen fuͤr ihrem Fuͤr- sten/ wenn sie ihn erblicken/ sich nicht als fuͤr ei- nem blutgierigen Panther-Thiere verkrichen/ sondern selbtem als einem wohlthaͤtigen Gestir- Erster Theil. P ne Anderes Buch ne Augen und Hertz zu neigen. Diß begegne- te diesem Uberwinder/ sagte Malovend. Denn die sich ergebenden Feinde richteten ihm auf der Wallstadt eine praͤchtige Siegs-Seule auf; Und weil Hertzog Mars sich der durch die Wahl ihm aufgetragenen Wuͤrde enteuserte/ in dem zwey auf des Suasandufals Seiten ste- hende Fuͤrsten dazu nicht gestimmet hatten/ ka- men sie alle noch einmahl zusammen/ und er- klaͤrten ihn einmuͤthig zu ihrem Haupt und O- bersten Feldherrn. Alleine Hertzog Mars wolte auf einmahl sein Geschlechte allzu maͤch- tig/ ihm die Qvaden und Hermundurer unter- thaͤnig machen/ und seines Vettern des Hertzo- gens der Alemannier Hertzogthum an sich zie- hen; Welches diesen veranlassete/ daß als er bey Ubersetzung des Flusses Ursa seine Gele- genheit ersahe/ ihn im Gesichte seiner auf der andern Seite des Stroms zuruͤcke bliebener Soͤhne und Hofleute mit Huͤlffe dreyer mit- verschwornen Edelleute toͤdtete. Dessen Her- tzogthum aber ward dennoch des Mars Soͤh- nen zu theile. Also ist die Herrschenssucht eine rechte Flamme/ derer Unersaͤttligkeit von dem erlangten Uberflusse waͤchset/ endlich aber doch zu einer Hand voll Asche wird. Hierauf wurden neun andere Fuͤrsten zu O- bersten Feldherrn erwehlet. Denn ob schon etliche Cridifern des Hertzogs Mars Sohn ge- gen Dulwigen den Hertzog der Vindelicher er- kieseten/ ward er doch in einer blutigen Schlacht/ darinnen er mit eigner Hand funfzig streitbare Maͤnner erlegte/ von Hertzog Dul- wigen gefangen. Nach hundert und dreißig Jahren kam der Cheruskische Stamm wieder zu solcher Wuͤr- de/ ist auch biß itzt dabey blieben. Denn es ward Hertzog Vandal Oberster Feldherr der dritte allhier in der Reye. Ja seine Tapffer- keit machte ihn im eben selbigen Jahre zu einem Fuͤrsten der Pannonier und Marckmaͤnner. Und ob wohl einige Marckmaͤnnische Herren/ welche in ihrem Gottesdienste der Eubagen auf den Gruͤnden der Natur befestigten Meinun- gen/ mehr als der Druiden geheimen Offenbah- rungen/ denen Vandal zugethan war/ beypflich- teten/ ihn verworffen/ seine Vertheidig er von einem Thurme herab stuͤrtzten/ und den Sar- matischen Fuͤrsten Micasir zu ihrem Fuͤrsten be- rufften/ so schlug er doch diesen mit Huͤlffe des Hertzogs der Hermundurer auffs Haupt/ also daß die Sarmater ihn umb Fꝛiede bitten/ die Scythen auch/ welche in Pannonien eingefallen waren/ fuͤr ihm zuruͤcke weichen musten. Aber seine Herrschafft endigte sich nach zweyen Jah- ren mit seinem fruͤhzeitigen Tode. Als Ma- lovend mit diesen Worten ein wenig verbließ/ setzte Fuͤrst Zeno bey: Dieser Held dienet uns zu einem Beyspiele/ daß allzugrosses Gluͤcke so ge- schwinde/ als die zwischen den Bergen zusam- menschuͤssenden Regen-Fluthen/ vergehen; und daß Fuͤrsten/ welche der Himmel mit so haͤuffigen Siegen uͤberschuͤttet/ sich denen fallenden Luft- und Schwantz-Gestirnen vergleichen/ welche zwar mit ihrem Blitze den Glantz der ewigen Sternen wegstechen/ in kurtzem aber in Asche zerfallen. Diesem folgte in solcher Wuͤrde/ fuhr Malo- vend fort/ der hier in der vierdten Stelle stehen- de Hertzog Ulsing/ dessen Mutter Cimburgis/ eine Sarmatische Fuͤrstin/ mit flacher Hand einen eisernen Nagel in die Wand schlagen kon- te. Dieser Herꝛwar in der Stern- und Meß- Kunst erfahren; er befließ sich die Heimligkeiten der Natur zu erforschen/ und aller guten Kuͤnste Meister zu seyn/ derer Friede und Ruhe/ wozu ihn seine Zuneigung trieb/ beduͤrftig sind. Sei- ne fernen Reisen hatten ihm eine ungemeine Klugheit zuwege gebracht/ welche er fuͤr die ei- gentliche Kunst eines Feldherrn hielt. Dahero mangelte es ihm nie an klugẽ Rathschlaͤgen/ wel- che sonst meist bey Ungluͤck einem entfallen. Er zohe denen heftigen und grossen Ruff nach sich ziehenden Entschluͤssungen die vorsichtigen fuͤr/ als Arminius und Thußnelda. als durch welche eine Gewalt sicherer behauptet wuͤrde. Denn er hielt es fuͤr eine Schwach- heit/ nach Art der verwegenen Schiffer/ die bey aͤrgstem Sturme aus dem Hafen sich auff die hohe See wagen/ sich mit tapfern Thaten wol- len sehen lassen/ umb ihm nur einen grossen Nahmen zu machen/ wenn schon das gemeine Wesen in Unruh/ das Reich in Gefahr gesetzt wird. Gleich als wenn die Tugend nur in Kriegs-Kuͤnsten/ das Ampt eines Fuͤrsten in der Beschaͤfftigung der Tieger und Raub-Voͤgel bestuͤnde/ und ein unsterblicher Nachruhm mit friedsamer Beobachtung des gemeinen Heils keine Verwandnuͤß haͤtte. Diesemnach die besten Fuͤrsten iederzeit die Ruhe ihrer Voͤlcker der Eitelkeit vieler Siegs-Bogen fuͤrgezogen/ und zwischen dem Ambte eines Fuͤrsten und eines Kriegsmannes einen vernuͤnftigen Un- terscheid gemacht/ hierdurch aber nicht nur Ehre genung bey den Nachkommen/ sondern auch Lie- be bey den Lebenden erworben haͤtten. Auff diese Art beschuͤtzte Ulsing seine Herrschafft drey und funszig Jahr wider viel gefaͤhrliche Anschlaͤ- ge/ verursachte/ daß viel maͤchtige Haͤupter/ und insonderheit der Scythische Koͤnig von dem Flusse Jaxartes und Paroxamisus ihn mit Ge- sandschafften und Geschencken ehrten; ja durch die seinem Sohne Alemann zu wege gebrachte Heyrath mit der Tochter des alten Carnutischen Hertzogs Vercingentorichs/ und daß ihn die Deutschen noch bey seinen Lebetagen zum Feld- herrn annahmen/ machte er ihn groͤsser/ als sich keiner seiner Vorfahren durchs Schwerdt. Also vergroͤsserte Ulsing sein Haus und Reich durch Klugheit mit besserm Rechte und Bestan- de/ als viel andere Fuͤrsten/ die mit blutiger Auf- opferung etlicher hundert tausend Menschen/ Erschoͤpfung ihrer Schatz-Kammern/ Verar- mung ihrer Unterthanen/ mehrmals nicht hun- dert Faden Land gewinnen. Dahero denn mit dem Nahmen des Friedens kein traͤger Muͤs- siggang bekleidet/ weniger bey seinen steten Kriegs-Ubungen die Gemuͤther weibisch und schlaͤfriger gemacht/ hingegen die Tugend und guten Kuͤnste in Auffnehmen gesetzt wurden. Weßwegen er alleine so viel Kraͤntze von Oel- Zweigen/ als ihrer seine Vorfahren von Lorber- Baͤumen/ verdiente. Als Malovend uͤber dieser Erzehlung Athem schoͤpfte/ fing Zeno an: Jch gestehe/ daß die meisten Voͤlcker kriegerisch geartet/ und die edlesten Gemuͤther so voller Feu- er sind/ daß sie so wenig als Scipio vom Hanni- bal die wichtigen Ursachen Friede zu machen annehmen/ sondern vielmehr alles auff die Spi- tze der Waffen zu setzen/ nichts weniger fuͤr ihre Pflicht/ als fuͤr Ehre/ schaͤtzen. Gleich als wenn die Zeit/ als die Raͤuberin ihrer eignen oder geschenckten Guͤter/ zu unvermoͤgend waͤre/ das- selbe geschwinde genung zu zernichten/ was sie reiff zu machen keine Muͤhe gesparet hat. Al- leine/ wenn man Krieg und Friede auff eine Wag-Schale legt/ es sey gleich jener so vortheil- hafftig/ dieser so schlecht als er wolle/ muͤsten auch die/ welche gleich vom Kriege ein Handwerck machen/ und auff desselben Ambosse ihr Gluͤcke schmieden wollen/ dem Friede den Ausschlag des Gewichtes zugestehen. Denn nach dem die Vollkommenheit des Krieges insgemein in Einaͤscherung der Laͤnder/ in Vertilgung des menschlichen Geschlechts bestehet; also seine Ei- genschafft nicht nur dem rechtmaͤssigen Besitz- thume zuwider/ und der aͤrgste Feind der Natur und des Himmels ist/ in dem so denn die Vaͤter ihre Eltern begraben/ die Gerechtigkeit der Ge- walt zum Fuß-Hader dienen muß/ kein Gesetze fuͤr dem Geraͤusche der Waffen gehoͤret wird/ womit Marius seine Verbrechen wider das Vaterland entschuldigte; sondern auch kein Sieg so reich ist/ daß er die Unkosten und den Schaden des Krieges ersetzen koͤnne/ vielmehr aber Boßheit und Froͤm̃igkeit nach einem Richt- scheite gemessen/ ja die Tugend selbst uͤbel zu thun/ und die Treue ungehorsam zu seyn genoͤ- thiget wird; so ist fast wunderns werth/ daß P 2 man Anderes Buch man der Tapferkeit die Ober-Stelle unter den Helden-Tugenden eingeraͤumt habe; welche man billich nur fuͤr eine Werckmeisterin der ei- sernen Zeit solte gelten lassen/ wie der Friede das Kleinod der guͤldnen ist/ welcher als ein Goͤttli- ches Geschencke vom Himmel kommen/ dessen Fußstapfen von Oele trieffen/ und dessen Fluͤgel eitel Segen von sich schuͤtten/ welcher umb die Welt mit Uberflusse zu erquicken die Haͤnde an den Pflug und Wein - Stock legt/ und der Handlung alle Gebuͤrge und Seen oͤffnet. Jn welchem Absehen die Egyptier den Frie- den in Gestalt eines jungen mit Weitzen- Aehren/ Rosen und Lorber-Zweigen gekroͤnten Schutz - GOttes mahlen/ und darmit seine Gluͤckseligkeiten abbilden. Weßwegen auch die/ welche wider den Frieden eine eingewur- tzelte Gramschafft im Hertzen hegen/ zu beken- nen genoͤthigt werden/ daß der Krieg an sich selbst nichts gutes/ sondern eine Kranckheit des gemeinen Wesens/ der Friede aber desselbten Gesundheit/ jener ein Sturm/ dieser ein Son- nen-Schein des Gluͤckes/ und wenn der Krieg nicht umb den Frieden zu befestigen angefan- gen wuͤrde/ solcher kein vernuͤnftiges Begin- nen/ sondern eine Raserey der wilden Thiere sey/ derer keines doch so blutgierig/ als der un- versoͤhnliche Mensch wider seines gleichen wuͤ- tet. Wohin die alten Griechen sonder Zwei- fel gezielet/ als sie der klugen Pallas zwar Helm und Waffen/ aber zugleich den Oel-Baum/ als das Zeichen des fruchtbaren Friedens/ zuge- eignet/ dem streitbaren Achilles auch den fried- fertigen Palamedes fuͤr Troja an die Seite gesetzt haben. Und bey den Roͤmern hat die fuͤnfte Legion nur deßhalben eine Sau zum Kriegs-Zeichen gefuͤhret/ weil man dieses un- saubere Thier denen Friedens - Handlungen zu opfern pfleget. Daher als die Stadt Athen dieses Absehen des Friedens insgemein außer Augen gesetzt/ und niemals/ als in Trau- er-Kleidern/ wenn nemlich selbte/ nach der Ge- wohnheit der stuͤndlich veraͤnderlichen Waffen/ grosse Niederlagen erlidten/ Friede gemacht/ sie ihr Phocion mit Rechte gescholten/ und Rom den Regulus billich verflucht hat/ weil er so hartnaͤckicht der darumb flehenden Stadt Carthago den Frieden zu geben widerrieth/ sich aber dadurch in grausamste Pein/ sein Vater- land in tausenderley Ungluͤck stuͤrtzte. Wie denn das kriegerische Sparta/ welches den Krieg nicht fuͤr den letzten/ sondern fuͤr den ersten Streich des Rechtes und den Kriegs- Gott in Band und Eisen angeschlossen hielt/ wormit er nicht von ihnen entfliehen moͤchte; nichts minder das unruhige Athen/ welches ein ungefluͤgeltes Siegs - Bild fuͤr seinen Schutz-Gott verehrte/ zu gerechter Rache von diesem ihrem Schoos-Kinde in die Roͤmische Dienstbarkeit geliefert worden. Woraus ich den Roͤmern nichts bessers wahrsagen kan/ weil sie anderer Voͤlcker Laster und Blutstuͤr- tzungen nicht nur fuͤr ihr Gluͤcke/ sondern wenn sie anderwerts den Saamen der Zwy- tracht angewehren/ fuͤr grosse Klugheit hal- ten. Denn ob wol insgemein geglaubet wird/ daß bey langer Ruh nichts minder die Tugend weibisch/ als das ungenuͤtzte Eisen rostig werde/ weßwegen Scipio Nasica so sehr die Zerstoͤrung der Stadt Carthago/ als des rechten Wetz-Steins der Roͤmischen Tapfer- keit widerrathen; so ist doch diß eine auff diesen Jrrthum gegruͤndete Meynung/ samb der Frie- de die Waffen zu unterhalten gar nicht faͤhig waͤ- re/ und er nach Anleitung einer alten Roͤmischen Muͤntze die Waffen alsofort zerschmeltzen muͤste; Da doch derselben Ubung gar wohl beym Frie- den geschehen kan und muß; und die streitba- ren Gemuͤther sich/ wie die Deutschen/ in aus- laͤndischen Kriegen koͤnnen sehen lassen/ ohne welche in der Welt fast kein Fuͤrst eine Leibwa- che hat/ noch einigen Krieg fuͤhret. Vielmehr aber Arminius und Thußnelda. aber sind die Friedens-Kuͤnste zu Befestigung eines Reiches dienlich; Massen denn Sparta acht hundert Jahr gebluͤhet/ ehe es seinen Kriegs-Ruhm und damit auch seinen Unter- gang verdienet hat. Endlich verdienet auch die Beysorge/ daß der Poͤfel beym Frieden schwuͤ- rig/ das Volck wolluͤstig/ der Adel wegen Man- gelhoher Befoͤrderung unmuthig wuͤrde/ nicht/ daß man dem Kriege zu-dem Frieden ablegen solle. Sintemal so denn nichts minder der Ge- horsam als das Wachsthum eines Reiches in der besten Vollkommenheit ist; Weil die/ welche etwas zu verlieren haben/ fuͤr Aufstand und Un- ruh Abscheu tragen; Die Unvermoͤgenden a- ber bey allgemeinem Schiffbruche sich von den Stuͤcken des gemeinen Wesens zu bereichern vermeinen. Wenn aber auch aus allzulanger Ruh ein Schaden erwachsen wil/ ist einem Fuͤr- sten nichts leichter/ als dem Muͤßiggange einen Rocken zu finden/ woran er sich zu tode spinne und der Neuerungen vergesse. Wie ich denn dafuͤr halte/ daß die Egyptischen Koͤnige ihre unnuͤtze Spitzthuͤrme nicht so wohl ihrer Be- graͤbnuͤsse halber/ weniger aus Aberglauben/ daß selbte den Menschen eine Leiter in Him- mel/ den Goͤttern auf die Erde seyn/ oder ihr Gedaͤchtniß fuͤr einer besorglichen Ubergiessung der Welt verwahren solten; Sondern vielmehr um ihre muͤßige Unterthanen zubeschaͤfftigen erbauet haben. Gleichergestalt ist glaublicher: Daß die kostbaren Jrrgaͤrte in Creta und Jta- lien zu eben diesem Ende/ nicht aber der Er- bauer Schaͤtze zu zeigen/ und der Nachbarn Mißgunst zu erregen/ so kostbar aufgethuͤrmet worden. Malovend pflichtete in allem dem klugen Ze- no bey/ und erwehnte: Daß der Feldherr Ul- sing um sein Volck so viel besser in Pflicht und arbeitsam zu erhalten/ und dadurch dem Armu- the/ daß es seinen Unterhalt verdienen koͤnne/ Gelegenheit zu verschaffen/ viel ansehnliche aber nuͤtzlichere Gebaͤue/ denn vieler Fuͤrsten thoͤrich- te Wunderwerck e gewest waͤren/ in Grund ge- legt haͤtte. Sintemahl ohne den sichtbaren Nutzen alle Gebaͤue der Fuͤrsten aberwitzige Erschoͤpffungen der gemeinen Schatzkammer/ fluchwuͤrdige Buͤrden der Unterthanen/ und schnoͤde Merckmaale geschwinder Vergaͤnglig- keit waͤren. Diesemnach denn die drey Was- sergraben/ welche ein Arabischer Fuͤrst aus dem Flusse Coris/ um seine Sandwuͤsten anzuwaͤs- sern/ geleitet; Des Selevcus Anstalten das ro- the- und Mittel-Meer/ wie auch die Euxinische und Caspische See zu vereinbaren; Jngleichen die vom Pyrrhus und Marcus Varro fuͤr ge- habte Zusammenbindung Jtaliens und Grie- chenlands uͤber das Adriatische Meer/ des Da- rius und Xerxes zwey Bruͤcken uͤber den Hel- lespont/ der Roͤmer Meer-Taͤmme fuͤr dem Li- lybeischen Hafen vielmehr Ruhms verdienen/ als die Verschwendung desselben Meders/ der das Ecbatanische Schloß aus silbernen Ziegeln mauren/ und Memnons/ der zu der Burg in Susa an statt des Eisens lauter Gold verbrau- chen lassen. Weßwegen auch des grossen Ale- xanders bey so vielem Gluͤcke ungemeine Maͤs- sigung kein geringes Lob verdienet; Jn dem er des Werckmeisters Vorschlag anzunehmen nicht gewuͤrdigt/ welcher aus dem Berge Athos Alexanders Bild zu hauen sich erboten/ wel- ches/ wie ein Opfer-Priester/ mit der einen Hand aus einer grossen Schale einen Fluß aus- schuͤtten solte/ worvon zwey darunter gebauete Staͤdte bestroͤmet werden koͤnten. Rhemetalces fing hieruͤber an: Es haͤtte der Erzehlung nach der Feldherr Ulsing alles so vernuͤnfftig eingerichtet/ daß er seines Gluͤckes wohl werth gewest. Jhn wunderte aber hier- bey nicht wenig/ daß er als ein so kluger Fuͤrst/ der mit so vielen Eitelkeiten angefuͤllten Stern- seher-Kunst beflissen/ und bey dieser ungluͤckseli- gen Wissenschafft eine so vergnuͤgte Herrschafft P 3 gefuͤh- Anderes Buch gefuͤhret. Sintemal sie warhafftig eine Weiß- heit der Aberglaͤubigen waͤre/ und der Schatten des Ungluͤcks dieselben fuͤr andern verfolget haͤt- te/ die von dem Lichte der Gestirne am meisten erleuchtet zu seyn sich eingebildet haben. Wie denn Zoroaster/ welchen die Sternseher fuͤr ihre Sonne hielten/ vom Ninus; Pompejus/ der auf diese Kunst wie auf einen Ancker sich verlas- sen/ vom Kayser Julius/ als dem kuͤhnesten Veraͤchter dieser und anderer Wahrsagungen/ uͤberwunden; Ein Celtiberischer Koͤnig/ wel- cher die tiefsten Geheimnuͤsse des Himmels er- forschet und beschrieben/ von seinem auf der Erde mehr aufachtsamen Sohne des Reichs entsetzet/ und der so genau-eintreffende Thra- syllus auf des Tiberius Befehl getoͤdtet worden. Malovend begegnete dem Rhemetalces: Her- tzog Ulsing haͤtte von nichts weniger gehalten/ als von der eingebildeten Wissenschafft aus den Sternen der Menschen kuͤnfftige Gluͤcksfaͤlle zu erkiesen; sondern er haͤtte allein des Gestir- nes Stand/ ihre Bewegungen und Eigenschaf- ten erlernet; Welche Wissenschafft einem Fuͤr- sten/ der einen uͤber den Staub des Erdbodens sich empor klimmenden Geist besitzen soll/ nicht nur wohl anstehet/ sondern auch mehrmahls grossen Nutzen bracht hat. Wie dann Pala- medes die Griechen bey Troja/ Alexander fuͤr der Schlacht bey Arbelle sein Kriegsvolck/ welches bey einer Mondenfinsternuͤß in grosses Schrecken verfiel/ mit Auslegung der natuͤr- lichen Ursachen mercklich aufrichtete/ andere sich dieser Begebenheit zu Stillung des Auff- ruhrs meisterlich bedienten. Auch ist niemand so unwissend/ daß unterschiedene Gefangene/ durch Ankuͤndigung bevorstehender Finsternuͤs- se/ bey denen barbarischen Voͤlckern ihnen gleichsam ein goͤttliches Ansehen gemacht/ und dadurch sich aus ihren blutduͤrstigen Haͤnden er- rettet haben. Fuͤrsten begreiffen hiermit auch die Gelegenheit ihrer und anderer Laͤnder; Die bevorstehende Witterung/ und aus der Bewe- gung der Sonne viel vernuͤnfftige Richtschnu- ren ihrer Herrschafft. Hingegen hat Nicias und Sertorius aus Unwissen heit der Gestirne und des Windes grosse Niederlagen erlitten. Archelaus ist fuͤr einer Sonnenfinsternuͤß so er- schrocken/ daß er seinem Sohne die Haare ab- scheren lassen/ und sich fuͤr der gantzen Welt ver- aͤchtlich/ Kayser Julius aber durch Auslegung der himmlischen Richtschnuren und Einrich- tung der Jahres-Zeiten sich beruͤhmter ge- macht/ als durch seine dem Erdboden fuͤrge- schriebene Gesetze. Unser Ulsing aber starb mit nicht minderm Ruhme/ im hohen Alter/ zu grossem Leidwesen gantz Deutschlands/ sonderlich weil er ihm noch vorher muste einen Schenckel abloͤsen lassen. Zeno fuͤgte hier abermahls bey: Dieser Fuͤrst dienet uns zum Merckmahle/ daß die Gluͤckse- ligkeit sich niemanden ohne vorbehaltene Eh- scheidung vermaͤhle; und das Verhaͤngniß ei- nem gar an Leib komme/ wenn jene der Vor- sichtigkeit ein Bein unterzuschlagen nicht ver- mocht hat. Jch weiß nicht/ sagte Rhemetalces/ ob man hierinnen dem Verhaͤngnisse/ oder nicht vielmehr den Aertzten die Schuld beymes- sen solle/ derer Unwissenheit durch unsere Hin- richtung sich erfahren/ ihre Verwegenhe it aber sich zur Halsfrau uͤber unser Leben macht. Die- semnach ich diesem klugen Fuͤrsten wohl das Gluͤcke wuͤnschen wolte: Daß er von eines ed- len Feindes Waffen in einem hertzhafften Ge- fechte fuͤrs Vaterland einen schoͤnern Todt er- langet/ und nicht einem unvermutheten Strei- che seines Feindes dem Schermesser der grau- samen Aertzte seine furchtsame Glieder haͤtte hinrecken doͤrffen. Alleine das mißguͤnstige Gluͤcke goͤnnet insgemein den tapffersten Hel- den nicht/ daß sie auf dem Kriegsfelde/ als dem herrlichsten Ehren-Bette ihren Geist in dem Gesichte so vieler Tausenden ausblasen; son- dern der Tod haͤlt es vielmehr fuͤr einen nicht geringen Sieg/ wenn er die groͤsten Lichter der Welt Arminius und Thußnelda. Welt durch Kinder-Blattern/ durch eine uͤbel- geschnittene Wartze/ oder Huͤner-Auge und dergleichen schlechte Zufaͤlle auslescht. Malovend fuhr fort/ und sagte: Die Deut- schen haben insonderheit von einer blutigen Bahre auch stets mehr als einem madichten Siech-Bette gehalten/ auch lieber etwas mit Blute/ als mit Schweiß oder durch kluge Raͤn- cke behauptet. Dahero schlug der fuͤnffte Feld- Herr Hertzog Aleman seinem Vater nicht nach. Er war behertzt und verwegen/ fuͤhrte auch stets einen lebendigen Loͤwen an der Hand/ ja zu Jsi- niska riß er einem sechsjaͤhrigen Loͤwen den Rachen auff/ zohe ihm die Zunge heraus; der Loͤw aber blieb fuͤr ihm entweder aus Schre- cken oder Ehrerbietung wie ein Lamm stehen. Bey den Eburonern erstach er einen uͤber ihn springenden Hirsch/ bey den Rhetiern einen wuͤtenden Baͤr/ und auff denen ihm uͤber aus beliebten Jagten erlegte er viel hauende Schweine und andere grimmige Thiere mit seinem blossen Degen. Weßwegen die Griechen ihn hernach den deutschen Hercules genannt. Jn den steilen Gebuͤrgen hat er sich nach Gem- sen und Steinboͤcken offt so weit verstiegen/ daß er keine Ruͤckkehr gewust; mehrmals haben ihn die abkugelnden Steine und der abschiessende Schnee in hoͤchste Lebensgefahr gesetzt. Merck- wuͤrdig ist von ihm/ daß als er einst auff der Jagt auff der Erde geschlaffen/ ihn eine Hey- daͤx ans Ohr gebissen und erweckt habe/ als in seinen eroͤffneten Mund eine Schlange krie- chen wollen. Jst diß wahr/ sagte Zeno/ so muͤ- sten die Heydaͤxen ihrer selbst und ihrer Jungen mehr als der Menschen vergeßlich seyn. Man haͤlt es fuͤr kein Gedichte/ antwortete Malovend/ und deßwegen soll er eine guͤldene Heydexe zum Gedaͤchtnisse am Halse getragen haben. Er war ein Meister in Zweykampff und Turnie- ren/ in den Schlachten fochte er selbst in der Spitze. Er bewaͤltigte sich der Menapier und Noricher/ zwang die abtruͤnnigen Marnier und Nervier/ nachdem ihn der tapffere Fuͤrst der Hermundurer Treball/ sein und Deutschlands rechter Arm/ aus ihren Haͤnden errettet hatte. Er schlug viel tausend Gallier. Mit den Le- pontiern fuͤhrte er einen blutigen aber ungluͤck- lichen Krieg. Die Bataver aber schlug er auffs Haupt/ und nahm ihnen ihr gantz Gebiete/ aus- ser etliche in Pfuͤtzen ligende Oerter ab. Es ist ein grosses Gluͤcke eines Reiches/ sagte Zeno/ wenn friedsame und kriegerische Herrscher in selbtem mit einander abwechseln. Denn so denn verlernen die Kriegsleute nicht die Ubung der Waffen/ der Adel behaͤlt seine Freyheit und Ansehen/ die grossen Verdienste bleiben nicht nach/ noch ohne Belohnung/ und die im Kriege entkraͤffteten Laͤnder erholen sich wieder bey der Ruh; ja auch diß/ was man durch die Waffen gewonnen/ beraset im Frieden am besten. Die- sem nach denn Rom deßhalben augenscheinlich gewachsen/ daß nach dem hitzigen Romulus der sanffte Gesetzgeber Numa gefolget. Daß hier- auff der kriegerische Tullus die Waffen und die Gemuͤther dieses streitbaren Volcks geschaͤrffet/ und diesen der Baumeister Ancus abgeloͤset; die Pracht des Tarqvinius aber nicht nur dem/ was Ancus gebauet/ sondern auch denen Obrig- keiten ein Ansehen gemacht. Servius hat her- nach durch angelegte Schatzung denen Roͤmern ihre vorher unbekandten Kraͤffte gezeiget/ und der hoffaͤrtige Tarqvinius durch seine Grau- samkeit diese Wohlthat gethan/ daß das Volck das unschaͤtzbare Kleinod der Freyheit liebzu- gewinnen angefangen. Es ist wahr/ fuhr Ma- lovend fort; Aber der Cheruskische Stamm hat insgemein dieses Gluͤcke gehabt/ daß desselbten streitbarste Fuͤrsten zugleich Meister in den Frie- dens-Kuͤnsten gewest/ und insonderheit durch gluͤckliche Heyrathen sich vergroͤssert haben; Al- so daß dieseꝛ Stamm den Liebes-Stern in War- heit fuͤr seinen Gluͤcks-Stern ruͤhmen kan. Massen denn auch dieser Feldherr Alemann seinem Sohne Hunnus Diumfareds des Bri- tanni- Anderes Buch tannischen Koͤnigs Tochter vermaͤhlte/ welcher mit seiner Schiffarth der grossen Tritonischen oder Atlantischen Eylande bemaͤchtigt hat. Das selbige Eiland/ fragte Rhemetalces/ von welchem Plato erzehlet/ daß es auserhalb der Seulen Hereules liegen/ und groͤsser/ als Asien und Africa zusammen/ seyn solle? Jch halte es da- fuͤr/ sagte Malovend/ denn seine Gelegenheit und Groͤsse trifft mit ihm ein. Aber sagte Ze- no/ wird die Erfindung nicht der Stadt Cartha- go zugeschrieben? Jch erinnere mich aus den al- ten Geschicht-Schreibern: daß nach dem die Carthaginenser ihr Gebiete biß an das Phile- nische Altar und in Spanien erstrecket/ sie aus- serhalb der Gaditanischen Meer-Enge (welche sie stets mit einer Schiffs-Flotte besetzt gehalten/ und ausser selbtem alle betretende Frembden er- saͤufft) insgemein nach den Jnseln Cassiterides geschifft haͤtten. Von dar waͤre ein Schiff durch Ungewitter viel Tagereisen weit auff ein grosses Eyland verschlagen worden/ welches hernach durch ihre Fruchtbarkeit/ gesunde Lufft/ An- muth/ Schiffreiche Fluͤsse viel Carthaginenser dahin/ und ihr sandichtes von deꝛ Sonne und ste- ter Kriegsflam̃e brennendes Vaterland zu ver- lassen gelockt haͤtte; also daß die Suffetes in Sor gen gerathen/ es wuͤrde Carthago dieser daselbst so groß gemachten Herrligkeit und der stets beliebenden Neuigkeit halber gar oͤde gelassen/ und ihr Reich dahin versetzt werden. Weßwe- gen sie nicht allein bey Lebens-Straffen fernere Schiffarth dahin verboten/ sondern auch den Hanno mit einer Kriegs-Flotte dahin geschickt/ welcher die daselbst niedergelassenen Carthagi- nenser auff die Schiffe gebracht/ und ungeach- tet ihres erbaͤrmlichen Wehklagens/ daß sie die kaum gekostete Suͤßigkeit dieses neuen Vater- landes verlassen solten/ zuruͤck gefuͤhret haͤtte. Ausser allem Zweiffel/ antwortete Marcomir/ sind die Carthaginenser dahin kom̃en/ sintemal man daselbst hin und wieder Helffenbein/ da doch daselbst, keine Elephanten sind/ gefunden hat; und es ist bekandt/ daß die Roͤmer zu Carthago noch in dem Tempel des Esculapius zwey Haͤute von daselbst gefangenen rauchen Wei- bern gefunden/ welche eben derselbe Hanno/ der gantz Africa umschifft/ alle Meere durch- forscht/ also leicht das Atlantische Eyland fin- den koͤnnen/ zum ewigen Gedaͤchtniß auffge- henckt. Ja man glaubt numehro festiglich/ daß der Carthaginenser Vor-Eltern die Phoͤnicier noch lange Zeit vorhero hinter diese Eylande (die nichts minder als das Libysche Gebuͤr ge und das grosse Meer von dem Phoͤnicischen Koͤnige Atlas den Nahmen bekommen) in das grosse Reich Kekisem/ und dieselben mittaͤgich- ten Laͤnder/ die von dem Faͤrbe-Holtze theils be- ruͤhmt sind/ theils gar den Nahmen haben/ wor- von der Egyptische Priester Santes dem So- lon so viel zu erzehlen gewust/ gedrungen; als wo biß an die Sudische Meer-Enge man von ihnen viel Kennzeichen seit der Zeit angetrof- fen. Jnsonderheit haben die Britannier noch in dieser neuen Welt solche Riesen-Gebeine ausgegraben/ die niemanden mehr als den Phoͤ- nicischen Enackitern und Chettern aͤhnlich ge- sehen. Von diesen Riesen erzehlen noch itzige Einwohner/ daß ihre Vor-Eltern durch goͤtt- lichen Beystand mitten durch die See fuͤr ih- ren Feinden trocken gefuͤhret worden/ und aus den Morgenlaͤndern uͤbers Meer dahin kom- men waͤren/ praͤchtige Gebaͤue und noch sicht- bare Brunnen daselbst gebauet/ endlich durch ihre abscheuliche Laster vom Himmlischen Feu- er ihre Vertilgung erholet haͤtten. Zeno ver- wunderte sich/ und meldete: Er koͤnte nicht be- greiffen/ warum und wie sie in so sehr entfernte Laͤnder gerathen? Ob sie die Sonne auff ihrem Wagen mitgenommen? Malovend versetzte: zum minsten hat ihnen so wohl die Sonne als andere Gestirne den Weg gewiesen. Wie denn auch oberwehnter Koͤnig Atlas fuͤr des Himmels Sohn/ des Saturnus Bruder/ und fuͤr den Erfinder der Sternkunst gehalten/ und Arminius und Thußnelda. und geglaubt wird: daß er/ oder sein Bruder Gadir zum ersten/ die Phoͤnicier aber mehr- mahls/ insonderheit unter dem Koͤnige Hiram aus Jdumaͤa/ und mit ihm die Juden dahin ge- fahren. Die Phoͤnicier hatten auch den Nord- stern zum ersten zum Leitstern ihrer Schiffarth erkieset. Die Ursachen liessen sich auch leicht errathen; nachdem die Phoͤnicier den Noth- zwang ihrer Flucht aus ihrem Vaterlande/ woraus sie vorher in Egypten/ Persien/ Ba- ctrian/ uͤber den Ganges und Jndus/ und das Caspische Meer in Jndien und zu den Scythen Volckreiche Heere geschickt hatten/ selbst bey der Stadt Tingis in eine marmelne Saͤule gegra- ben/ nehmlich sie haͤtten fuͤr dem Antlitze des Raͤubers Josua entlauffen muͤssen. Ob sie nun zwar gantz Africa uͤberschwemmet/ in Spanien Gades/ in Gallien Maßilien/ die Baleari- schen/ wie auch die Hesperischen und Caßiteri- schen Eylande bebauet/ so haben sie doch daselbst nicht immer festen Fuß setzen koͤnnen; Son- dern es haben die Pharusier und Nigriten in Mauritanien alleine 300. ihrer Staͤdte eingeaͤ- schert/ und sie die beruͤhmten sieben gluͤckseligen Jnseln/ die man von den Cananeern hernach die Canarischen geheissen/ zu bebauen/ hernach gar hinter der beruͤhmten Jnsel Cerne/ durch das von Schilf und Kraͤutern gantz uͤberwachsene Atlantische Meer neue Laͤnder zu suchen ge- zwungen/ worvon diese gluͤckseligen Eylande selbst so leer und wuͤste stehen blieben/ daß die Nachkommen so gar nichts mehr vom Gebrau- che des Feuers gewuͤst. Diese Phoͤnicier und Gaditaner waren ebensfalls schon gantz Africa zu umbschiffen gewohnt/ derer zerscheiterte Schiffe mehrmals auf der Mohrenlaͤndischen Kuͤste bey dem Eingange des rothen Meers ge- funden/ und aus dem Zeichen eines Pferdes fuͤr Gaditanische erkennet/ ja von dem Egyptischen Koͤnige Necko die Schiffarth aus dem Nil biß in das rothe Meer gewiesen worden. Der Weg nach dem eusersten Eylande Thule war ihnen eine gebaͤhnte Strasse; nach dem die zwey Tyrier Mantinias und Dercyllides dahin ver- schlagen worden/ wie die in ihren Graͤbern zu Tyrus gefundene Cypressen-Taffeln und des Antonius Diogenes Anmerckungen hiervon sattsames Licht geben. Also ihre Reise nach dem Atlantischen Eylande fuͤr kein solch Wun- derwerck zu halten/ in dem man von den gluͤck- seligen Jnseln bey gutem Winde in funfzehn Tagen unschwer dahin segeln kan. Die Bri- tannier haben diese Laͤnder eben so reich von Golde und Silber/ wie sie Silenus schon dem Midas beschrieben/ ja unterschiedene ausgeleer- te Ertzt-Gruben/ und aus den Adern gehaue- nes Gold/ (worvon doch die Jnnwohner da- selbst nichts gewust/ sondern das Gold aus den Fluͤssen gefischt) nichts minder so dicke Baͤume/ die sechszehn Menschen kaum umklaftern koͤn- nen/ und der Phoͤnicier runde Bauart gefun- den. So diente auch fuͤr die Phoͤnicier zum Beweise: daß beyde Voͤlcker des Koͤnigs Fuͤsse zu kuͤssen/ die Haare biß auf den Wuͤrbel abzu- schneiden/ die Leichen an der Sonne auszu- doͤrren/ und in Haͤusern zum Gedaͤchtnisse auf- zusetzen/ die Jungfrauschafften ihrer Braͤute den Koͤnigen aufzuopffern/ das Hundefleisch fuͤr koͤstliche Speise zu halten/ den Gott Cham oder Chambal unter der Gestalt eines schwar- tzen ein Weib abbildenden Steines zu verehren/ selbtem ihre Kinder beym Feuer zu opffern/ beym Beten die Hand auf den Mund zu legen/ und aus ihren Gliedern Blut zu lassen/ bey Verehrung ihrer Goͤtter uͤbers Feuer zu sprin- gen/ der Sonnen in Gestalt eines Loͤwen zu die- nen gewohnt gewesen/ beyde auch die Mitter- naͤchtischen Gestirne mit einerley Nahmen ge- nennt/ die letzten Erfinder der neuen Welt sol- che in Sitten und natuͤrlichen Dingen aufs ge- naueste befunden haben; wie die Alten das At- lantische Eyland abgemahlt. Rhemetalces fing hierauf an: Dieses sind sicher scheinbare Kennzeichen/ daß die Phoͤnicier dahin gesegelt; Erster Theil. Q aber Anderes Buch aber sollen diese wol allein in solche Laͤnder kom- men seyn? Sie ruͤhmen sich es/ sagte Marco- mir/ und haben deswegen den Hanno unter ih- re Goͤtter gezehlet/ auch sein Bild in die Tem- pel gesetzt. Ja er selbst ließ eine Menge lehrsa- mer Voͤgel abrichten und hernach fliegen/ wel- che ihn in der Lufft fuͤr einen grossen Gott aus- schryen. Jedoch streiten die Egyptier und Scythen mit ihnen ums Vorrecht. Von je- nen ist bekandt/ wie die Egyptischen Priester sich gegen den Solon geruͤhmt haben sollen: daß O- siris damals schon fuͤr neuntausend Jahren die Verwaltung Egyptiens seiner Jsis uͤberlassen/ die gantze Welt durchzogen/ endlich auch sich die- ses Atlantischen Eylandes bemaͤchtigt/ und da- selbst seinen Enckel Neptun zum Koͤnige hinter- lassen haben solte. Ferner sollen zu Thebe an einem Obeliscus/ unter dem Verzeichnuͤsse der Laͤnder/ welche Sesostris und Osmandua beherꝛ- schet/ auch diese fernen Abendlaͤnder begriffen ge- wesen seyn. Welche Sage nicht allein der Raͤu- ber-Jnseln Einwohner daselbst gegen den Alla- megan bestaͤtigt haben/ sondern der Egyptier Buchstaben/ welche theils allerhand Thiere/ theils verworrene Knoten und Schneckenhaͤu- ser abbildeten/ kommen auch mit der Schrifft in Kokisem nicht wenig uͤberein. Dieser Meinung dient nicht wenig zum Behelff: Daß/ ob wol die gar alten Egyptier das Meer den Schaum des Typhan und das Verderben genennt/ die Schif- fer fuͤr wilde Menschen/ die Fische fuͤr Merck- mahle des Hasses gehalten/ sie dennoch hernach der Schiffarth sich sorgfaͤltig beflissen. Nach dem auch Ptolomeus Evergetes von einem ge- strandeten Jndianer die Strasse nach Jndien erfahren/ hat so wol er als seine Gemahlin Cleo- patra unterschiedene Flotten dahin ausgeruͤstet/ welche durch die Meer-Enge zwischen Abalites und Ocelis um das von dem Gewuͤrtze den Nah- men habenden Vorgebuͤrge nach der grossen E- lephanten Jnsel Menuthesias und der beruͤhm- ten Handelstadt in Africa/ nach Taprobana/ nach der Stadt Ganges/ in den guͤldenen Cher- sonesus/ ja biß zu dem eusersten Eylande Jam- boli gefahren/ und viel koͤstliche Waaren nach Arsinoe zuruͤck gebracht. Der fluͤchtige Eudo- xus ist fuͤr dem Koͤnige Latirus aus dem Arabi- schen Meere biß nach Gades gesegelt. Nichts minder waͤre ein von dem Egyptischen Koͤnige Nechus aus der Handelstadt Aduli im rothen Meere abgeschicktes Schiff/ nach dreyjaͤhriger Fahrt umb gantz Africa in den Canobischen Mund des Nilus eingelauffen. Alleine wie fuͤr Zeiten die Scythen denen Egyptiern in ihrem Zwist um ihr Alterthum aus wichtigen Ursa- chen abgewonnen; Also ruͤhmen sich auch die Hunnen/ Fennen/ Hellusier/ Oxioner/ Satma- ler/ Fanesier/ Chadener/ in der eussersten Mitter- nacht/ uͤber dem Berge Sevo bey dem grossen Meer-Nabel wohnenden Deutschen und die Hyperborischen Scythen: daß sie von deꝛ Nord- spitze Rubeas aus dem Eylande Carambutze und Oone/ aus dem Glessarischen Eylande/ aus Thule und Kronen uͤber das gefrorne Amalchi- sche und Sarmatische Meer gelauffen/ die Tau- ten und Mansen auf ihren Jnseln uͤberwaͤltigt/ hernach in das oͤstliche Nordtheil dieser neuen Welt/ darinnen wie bey den Scythen Elend- Thiere und weisse Baͤren/ die Anbetung der Sonnen und das Essen der rohen Speisen an- getroffen wird/ besonders durch Huͤlffe ihrer schnellen Rennthiere/ und derer geschwinde Hir- schen uͤberlauffender Hunde/ gedrungen waͤren/ endlich sich sehr weit gegen Sud gezogen haͤtten. Dahero die Einwohner im Vaterlande des ro- then Faͤrbeholtzes den Hyperboriern/ ihre Spra- che der Fennischen nicht wenig gleiche sey. Die Ursachen waͤren theils ihre Gebuꝛtsart und Ge- wohnheit/ da sie nemlich nirgends lange zu ra- sten/ auch stets inneꝛliche Kꝛiege zu hegen pflegten/ theils/ daß ihꝛ Vateꝛland ihrem fruchtbaꝛen Vol- cke zu enge werden wollen/ welches dahero sein Reich nach Uberwindung des Koͤnigs Vexoris biß an Egypten ergroͤssert/ und Asien dreymal eingenom̃en haͤtte. Zeno fing hieꝛauf an: Er erin- nerte sich nun auch dessen/ was er in Moꝛgenland von Arminius und Thußnelda. von den Ost-Seythen gehoͤret/ wormit er deßwe- gen so lange zuruͤck gehalten/ weil ihm unglaub- lich geschienen/ daß das Atlantische Eyland so weit und ferne sich erstrecken solte. Nachdem er aber hoͤrte: es waͤre groͤsser als Asien und Africa/ hielte er es eben fuͤr das von den Ost-Scythen ihm beschriebene Land. Diese ruͤhmten sich nun: daß ihre Voreltern hinter Caolidenen Zi- pangrern und Goldreichen Chrysen in das west- liche Nord-Theil dieser Welt/ welches entwe- der zusammen reichte/ oder/ welches glaublicher/ nur durch eine schmale Meer-Enge bey dem Asiatischen Land-Ecke Tabin getrennet waͤre/ und mit ihnen die in beyden Theilen gemeinen Hirsche/ Baͤren/ Loͤwen/ insonderheit aber die wunderschoͤnen Voͤgel einen Weg gefunden haͤt- ten. Jhr erster Zug waͤre dahin geschehen von den Tabinern/ Apaleern und Massageten/ wel- che fuͤr den Scythischen Menschen-Fressern in diese neue Welt sich gerettet/ und von den Seren an biß an das Vorgebuͤrge Tabin Scythien wuͤ- ste und oͤde gelassen haͤtten/ derer Nachkommen daselbst noch die Tambier/ Apalatker und Mas- sachuseten genennet wuͤrden. Das andere mal waͤren die wilden Moaln/ Ungern/ Alanen/ Avaren dahin eingefallen/ und daselbst ihre Sit- ten eingepflantzt/ daß nemlich die Chichimecken/ Pileosonen/ Cherignanen und andere Men- schen-Fresser keine Baͤrte/ und nur im Hinter- theil des Kopfs einen Pusch Haare truͤgen/ des Jahres nur einen Feyertag hielten/ nur in be- weglichen Huͤtten wohnten/ Pfeile aus geschlif- fenen Steinen und Fischbeine brauchten/ viel Weiber nehmen und in die Blut-Freundschafft heyratheten/ ihre Leiber und Antlitze mit Loͤwen/ Drachen und Voͤgeln bemahlten/ den Gefange- nen die Haut und Haare vom Kopfe ziehen/ ihre veralteten und erkranckenden Eltern und Ge- schwister toͤdteten und essen/ oder den wilden Thieren fuͤrwuͤrffen/ ihrer Feinde gefangene Weiber nur zum Kinder - empfangen leben liessen/ wormit sie entweder die neugebohrnen/ odeꝛ noch zur Unzeit ausgeschnittenen Fruͤchte zu ihrer unmenschlichen Speise bekaͤmen; daß viel die todten Leichen wider die Kaͤlte in Peltze huͤlle- ten/ in ihre Graͤber Essen setzten/ den verstorbe- nen Fuͤrsten zu Ehren ihre Knechte/ Gesinde und Gefangenen/ derer Zahl sich mehrmals auff viel tausend erstreckte/ schlachteten/ ihre Buͤndnuͤsse mit Blute aus der Zunge und der Hand bestaͤtigten/ ihre Braͤute andere vorher entehren liessen/ Menschen-Blut trincken/ sich mit vielerley Federn schmuͤckten/ daß sie einen Schoͤpfer der Welt anbeteten/ nebst dem aber die Gestirne/ Feuer/ Wasser/ Erde und den Wind verehrten/ bey ihrer Sebel und dem Winde schwuͤren/ die Pipeles/ ein in Stein ge- hauenes Weib/ so/ wie am Flusse Carambutzis geschehe/ mit Blute von geopferten Thieren be- spritzten und selbtes ihnen wahrsagen liessen; endlich ein Stuͤck Tuch zum Kennzeichen ihres Reichs auffhenckten. Rhemetalces fiel dem Zeno hiermit in die Rede und sagte: Die Ubereinstimmung so seltzamer und theils un- menschlicher Gebraͤuche waͤre schwerlich einem miltern Volcke/ als den rauhen Ost-Scythen/ zuzueignen/ und dahero ein glaubhaffter Grund/ daß diese ehe als die West-Scythen und Phoͤ- nicier sich in diese Laͤnder versetzt haͤtten. Ja/ antwortete Malovend/ aber fuͤr die Phoͤnicier streiten/ wo nicht groͤssere/ doch gleichwich- tige Ursachen/ und der grosse Unterschied/ wie auch der unglaubliche Umbschweiff dieses Ey- landes beredet mich festiglich/ daß vielerley Voͤl- cker darein gewandert sind. Denn die im Reiche Kokisem bluͤhenden Kuͤnste der Weber- und Seidenstuͤckerey/ der Goldarbeitung/ die Bau-Kunst/ die tugendhaften Sitten sind un- zweifelbare Andeutungen/ daß sie nicht von den rauhen Scythen entsprossen/ sondern die ihnen in allem fast gleichende Serer/ die Einwohner uͤber dem Berge Jmaus/ die Zipangrier dahin muͤssen kommen seyn. Sintemal die im Rei- che Kokisem selbst berichten/ daß fuͤr 400. Jahren noch daselbst die wilden Chichimeken gewohnt/ die aber welche die Mittags-Laͤnder bewohnen/ Q 2 und Anderes Buch und selbte die vier Ende der Welt heissen/ fuͤr- geben: daß fuͤr eben so weniger Zeit alldort kein Acker-Bau/ keine Staͤdte/ kein Gottes-Dienst/ kein Gesetze gewest/ sondern die Menschen bey den Thieren in Hoͤlen gewohnt/ Wurtzeln und Menschen-Fleisch gefressen/ und mit Baum- Rinden sich gekleidet haͤtten. Es habe aber ihr Vater die Sonne seinen Sohn Manco und Tochter Coya zu ihnen geschickt/ diese waͤren zu erst beym See Teticaka ankommen/ haͤtten bey dem Huͤgel Huanacaut die Haupt-Stadt Cutz- ko gebaut/ und das Volck besser zu leben gelehrt. Dieser Manco ist der erste Jnga/ und allem An- sehn nach ein Frembder aus dem wolgesitteten Asien gewest/ weil er und die Jngen seine Ge- ferten eben wie die Serer weitausgespannte durchloͤcherte Ohren gehabt/ eben so praͤchtig als jene gebaut/ und ihre Koͤnige auffs demuͤthigste zu verehren eingefuͤhrt; also/ daß auch sein Spei- chel von einem ihrer Fuͤrsten mit grosser Ehrer- bietung auffgefangen wuͤrde. Massen denn auch die Epiceriner in Canada/ wie auch die Quantulkaner von weit gegen Westen ent- legenen dahin kommenden in eitel Seide geklei- deten Kauffleuten/ und daß bey Quivira mit Gold und Silber hinten gezierte Schiffe/ der- gleichen die Zipangrier und Serer fuͤhren/ gese- hen worden/ die Californier von baͤrtichten in einer andern Welt wohnenden Leuten zu erzeh- len gewuͤst. Auch haͤtten die/ derer See-Macht einst gantz Ophir/ alle Ost-Jndische Jnseln biß an den Persischen See-Busen und das groͤste Theil Scythiens beherrschet/ biß sie bey Tapro- bana auf einmal achthundert Schiffe eingebuͤsst/ durch das friedsame Meer/ bey denen daselbst ste- ten Winden/ gar leicht in Kokisem und das so ge- nante Land der vier Welt-Ende uͤberschiffen/ die Zipangrier aher auf das an der neuen Welt han- gende Land Sesso noch leichter kommen koͤnnen. Ja die Aricier und Jeenser solten selbst aus dieser neuẽ Welt auf Schiffen/ darauf die Segel Haͤute von Meer-Woͤlffen gewesen/ in Ost-Jndien ge- reiset seyn. Die Zeit/ da die neuen Bewohner des Reichs Kokisem in die neue Welt angelendet/ trifft auch mit derselben ein/ da Uzou/ der grosse Scythen Koͤnig/ zwischen dem Caspischen Mee- re/ dem Flusse Jaxartes und dem Berge Jmaus/ uͤber diß Gebuͤrge gesetzt/ und an dem Strome Oechardus/ Bautisus die Rhabbaneer und an- dere Noͤrdliche Ost-Voͤlcker uͤberwunden hat/ derer fluͤchtiger Koͤnig Tepin sich mit tausend Schiffen in entfernte Laͤnder gefluͤchtet/ welche Menge Volcks nirgend bessern Raum als in dieser neuen Welt gefunden/ und ein grosses Theil dem in sieben Voͤlcker zertheilten Ge- biete der Novatlaker abgegeben hat. Massen denn auch der letztere Koͤnig dieses Volcks/ den unser Feldherr Marcomir gefangen bekommen/ selbst auch diese Ankunfft seiner Voreltern aus entfernten West-Laͤndern/ ihre Anlaͤndung an dem Californischen Gestade/ und ihre Uberkunft/ in ausgehoͤlten Baͤumen uͤber den See-Busen in das Land Astatlan erzehlet hat. Nichts min- der haben ihn etliche daselbst gewesene Britan- nier versichert/ daß diese Frembdlinge in diesen Laͤndern hohe marmelne Thuͤrme/ groͤssere und schoͤnere Pallaͤste/ als in Europa waͤren/ gebauet haͤtten/ ihr Feder-Mahlwerck aber waͤre ein Wunder in frembden Augen. Zeno bestaͤtigte es mit der Scythen und Serer Berichte/ und setzte bey: Jhr Koͤnig nennte sich wie der Serische ei- nen Herrn der Welt/ einen Sohn des Himmels und der Sonnen; Beyder Zierrathen und Wap- pen waͤren Drachen/ Schlangen und ein Regen- bogen; beyde Voͤlcker druͤckten mit Mahlwerck und Sinnen - Bildern aus/ was andere mit der Schrifft. Malovend setzte hierauff als etwas merckwuͤrdiges bey/ daß sie/ als Her- tzog Marcomirs Volck zu ihnen kommen/ gefragt: Ob sie nicht von Osten kaͤmen? weil ihnen ein beruͤhmter Jucutaner Chila Cambel/ und ein ander den Mechoakanern geweissaget: Es wuͤrde ein frembdes Volck aus Morgen- land sie uͤberziehen. Rhemetalces fing hier- auff an: Jch vernehme aus dieser Erzehlung/ daß die Britannier diese neue Welt mehr als fuͤr Arminius und Thußnelda. fuͤr diesem einiges Volck erkundigt/ und daß solche unter der Deutschen Herrschafft bestehe. Dahero muß ich meine Gedancken aͤndern. Sintemahl ich die Atlantische Jnsel zeither fuͤr so wesentlich/ als die Laͤnder im Monden gehal- ten/ von denen darhinter liegenden andern Laͤn- dern aber das minste gehoͤret. Nunmehr/ sag- te Malovend/ ist nichts gewissers; ja es haben seit der Zeit die Britannier und Bataver nebst unsern Friesen gegen Sud noch eine dritte Welt entdecket/ welche an einem Ende durch zwey Meer-Engen von der neuen Welt und dem so genennten Feuer-Lande abgeschnitten wird/ in der man aber noch zur Zeit nichts als die steilen Ufer und etliche wilde Menschen erkun- digen koͤnnen. Zeno fing hierauff an: Wer a- ber hat den Britanniern den ersten Weg dahin gewiesen/ und wie sind die Bataver und Friesen dahin kommen? Der allgemeine Wegweiser/ nehmlich das Ungewitter/ antwortete Malo- vend/ ist es bey dieser letztern Erfindung ebens- falls gewest. Jch erinnere mich nun/ antwor- tete Rhemetalces/ daß ich zu Rom gehoͤret/ es habe ein deutscher Fuͤrst dem Landvogte in Gal- lien Q. Metellus etliche fremde Menschen ver- ehret/ welche mit einem Schiffe aus dem grossen Atlantischen Eylande in die Deutsche Nord- See getrieben worden. Malovend versetzte: Diß ist Hertzog Herrmañs Vater gewesen/ wel- cher sie vorher von dem Hertzoge der Friesen be- kommen. Er hat aber ihre ungefaͤhrliche An- lendung den Roͤmern nur weiß gemacht/ weil selbige Menschen die dahin fahrenden Friesen mit heraus gebracht. Unterdessen bleibet gleich- wohl wahr/ daß auff dem Meere die Schiffe so weit koͤnnen verschlagen werden. Sintemahl schon fuͤr mehr als fuͤnff hundert Jahren bey der Stadt Treva Atlantische Einwohner angelaͤn- det sind/ und andere dergleichen von den Galli- ern im Aqvitanischen Meere auffgefangen wor- den. Gleicher gestalt hat Nocol ein Ligurier/ der bey den Britaniern den Ruhm der letzten Erfindung darvon getragen/ Nachricht von die- ser neuen Welt von einem auff der Hibernischen Kuͤste scheiternden Jberier/ der durch Sturm auff die Britannische Jnsel gediegen/ erfahren. Diese Britannier haben sie zwar nichts minder als vor Zeiten die von Carthago fuͤr allen andern Voͤlckern moͤglichst verschlossen; aber nachdem die Bataver und Friesen mit den Britanniern gantzer achzig Jahr Krieg gefuͤhret/ und ihnen im grossen Meere viel daraus kommende Sil- berschiffe weggenom̃en/ haben sie hierdurch den Schluͤssel und den Weg auch in diese neue Welt gefunden/ und sich vieler grossen Laͤnder be- maͤchtigt. Es ruͤhmen sich aber unsere Cim- bern/ daß mehr als 300. Jahr fuͤr dieser letzten Entdeckung nach Absterben ihres Fuͤrsten Guͤneths sein Sohn Madoch/ aus Verdruß der mit seinen Bruͤdern entsponnenen kriegeri- schen Zwytracht/ mit etlichen Schiffen diese itzt wieder neue Welt erkundigt/ ja zweymahl wie- der zuruͤck kommen sey/ und immermehr seines Land-Volcks dahin gefuͤhret habe. Die War- heit dessen wird dadurch bestaͤrcket/ daß noch itzt die Gnahutemallier diesen Madoch Zungam als einen grossen Helden und Halb-Gott vereh- ren. Nichts weniger bescheinigen unsere Si- tonier/ die das Nord-Gebuͤrge Sevo an dem grossen Weltmeere bewohnen/ daß ihrer em groß theil schon fuͤr acht hundert Jahren fuͤr dem Wuͤteriche Harfager sich auff das Eyland Thu- le gerettet/ von dar uͤber eine Meer-Enge in Kronien oder Groͤnland/ und aus diesem theils zu Lande/ theils uͤber einen See-Busen in die Nord-Laͤnder der neuen Welt kommen waͤren. Jch wundere mich/ hob Rhemetalces an/ daß in dieser Mitternacht nicht nur die Atlantische Jn- sel sondern auch fernere und groͤssere Laͤnder so gar kein Geheimniß sind/ da doch wir und die Roͤ- mer selbst solche fuͤr eitel Traͤume haltẽ/ oder doch der Egyptischen Priester Bericht geglaubt ha- ben/ daß die Atlantische Jnsel durch ein Erdbe- ben und eine grosse Ergiessung der Wasser vom Meere verschlungen worden sey. Maldvend versetzte: Es sey nicht zu verwundern/ daß die- Q 3 selbten Anderes Buch selbten Voͤlcker/ die nicht selbst dahin kommen/ so wenig davon wuͤsten/ weil wegen derselben grossen Reichthums/ in dem man so viel Edel- gesteine und Perlen in den Bergen und Ufern/ so viel Gold im Sande/ ja gantze Berge voll Silber daselbst finde/ alle Voͤlcker iederzeit an- dern die Mittheilung dieser Schaͤtze mißgegoͤn- net. Der berichtete Untergang sey nicht gaͤntz- lich ein Gedichte; Sintemahl die grosse Atlan- tische Jnsel zwar nicht gar wie die Phoͤnicier und Carthaginenser die albere Welt zu ihrem Vortheil beredet/ doch gutentheils zu Grunde gegangen/ und in viel kleine unter und um den himmlischen Krebs-Strich liegende Eylande zertheilet worden. Dieses sey in der grossen Erdkugel nichts neues/ und waͤren so wohl die gegen dem Coryschen Vorgebuͤrge und dem Ey- lande Taprobana Sudwerts liegende 11000. Jnseln fuͤr Alters ein zusammen hangendes Erdreich gewest. Diese neue Welt waͤre auch dergleichen Uberschwemmungen offters unter- worffen/ nachdem selbte unterschiedene so grosse Fluͤsse haͤtte/ deren einer die Erde zu ersaͤuffen groß genug schiene/ und gegen welche die Do- nau/ der Ganges/ der Rhein und Phrat fuͤr kleine Regen-Baͤche anzusehen waͤren. Sol- ten gleichwohl die Griechen und Roͤmer/ fing Zeno an/ dieses Geheimniß nicht ergruͤbelt ha- ben? Fuͤr beyde streitet/ daß ihre Weltweisen aus der Runde des den Monden verfinsternden Schattens/ aus dem unterschiedenen Auffgan- ge der Sonnen/ und aus der Umweltzung des gestirnten Himmels um den unbeweglichen An- gelstern/ die Runde der aus Erden und Meer bestehenden Kugel erwiesen/ und geglaubt ha- ben/ daß auff selbter die Menschen seitwerts wohneten/ und uns die Fuͤsse kehrten. Weil nun die insgemein kundige Welt nicht einmahl die Helffte solcher Kugel begreifft/ haͤtten sie ihnen leicht die Rechnung machen koͤnnen/ daß das an- dere groͤste Theil nicht eitel Wasser ohne Land/ solche Laͤnder aber nicht gantz unbewohnt seyn koͤnten. Absonderlich kommet den Griechen zu statten/ daß sie mit der Stadt Carthago mehr- mahls in vertraulichem-Buͤndnisse gelebt/ daß Menelaus schon durch das Mittel-Meer um gantz Africa gesegelt/ Jndien besichtigt und nach acht Jahren erst wieder nach Hause kom̃en seyn solle. Die Koͤnige Selevcus und Antiochus ha- ben hinter der Caspischen See die Fluͤsse Rha/ Carambucis und unterschiedene Ufer des Mit- ternaͤchtischen Weltmeeres entdecket. Nearchus und Onesicritus des grossen Alexanders Kriegs- Haͤupter das Jndische und Persische Meer vom Einflusse des Ganges um das Coꝛysche sich weit gegen Sud erstreckende Vorgebuͤrge biß zum Phrat ausgeforschet/ nachdem Alexander selbst auff dem Fluße Jndus ins Meer gefahren/ selb- tes mit hineingeworffenen guͤldnen Geschirren versohnet/ auff dem eusersten, Eylande Cilluta der Thetys ein Altar gebauet und geopffert hat- te. Ja Nearchus waͤre gar um Africa herum und durch die Gadische Meer-Enge in Mace- donien eingelauffen. Homerus haͤtte schon von gluͤcklichen Eylanden/ vom Atlandischen Mee- re und der Jnsel Ogygia zu singen gewust. Die Roͤmer aber haben das unwirthbare Gebuͤrge des Caucasus und die Caspischen Pforten nicht aufzuhalten vermocht/ daß sie nicht meiner Vor- Eltern Pontisches Koͤnigreich/ das gegen den grossen Cyrus/ den schlauen Philip/ den grossen Alexander/ den Sopyrion so grosse Thaten aus- gerichtet/ ihnen dienstbar gemacht. Sie haben auch alle Heimligkeiten der Stadt Carthago und darunter insondeꝛheit die beruͤhmten Schif- farths-Beschreibungen des Hanno und Himil- co/ wie nichts minder die Schrifften des Pyneas von Maßilien/ der von den Seulen Hercules biß an den Fluß Tanais alle Laͤnder durchsuchet/ in ihre Haͤnde bekommen/ alle ihre Schiff- und Boots-Leute zu Sclaven gemacht; Mit dem Koͤnige Juba/ der so offt in die gluͤckseligen Ey- lande geschifft/ so gute Kundschafft/ ja selbst in der Schiffarth so grosse Erfahrung gehabt. Sin- Arminius und Thußnelda. Sintemahl bekandt ist/ daß die Roͤmer gegen Mitternacht biß ins weiße Meer in das Vor- gebuͤrge Rubeas/ und biß in die Jnsel Thu- le/ gegen Mittag um gantz Africa gesegelt. Caͤ- lius Antipater ist schon von Ulyßipo biß in das innerste Mohrenland gefahren; Als noch fuͤr wenig Jahren des Kaͤysers Augustus Enckel Cajus auf dem rothen Meere zu thun gehabt/ sind daselbst kenntbare Stuͤcke von zerscheiter- ten Gaditanischen Schiffen/ die um gantz Afri- ca muͤssen gelauffen seyn/ angestrandet. Ein freygelassener des Annius Plocanus/ der den Zoll auf dem rothen Meere vom Kaͤyser im Be- stande gehabt/ ist in funfzehn Tagen bis in den Hafen Hippuros des Eylands Taprobana ge- segelt. Zum Sertorius in Spanien sind Schiffleute aus den gluͤckseligen Jnseln kom- men/ die ihm das Land und desselben Einwoh- ner dergestalt gelobet/ daß er dahin zu fahren und sein Leben darauf zu endigen bey sich be- schlossen. Des itzigen Kaͤysers Landvogt in Egypten hat noch alle Jahr hundert und zwan- tzig Schiffe in Jndien geschickt. Ja da Pu- blius Crassus die viel weiter entlegenen Caßite- rischen Eylande entdecket; Welche zienreiche Laͤnder die Carthaginenser so sorgfaͤltig fuͤr ih- nen verbargen/ daß sie einem Phoͤnicischen Schiffer gerne allen Schaden ersetzten/ der/ um einem ihm folgenden Roͤmischen Schiffe nicht den Weg dahin zu weisen/ mit Fleiß an Africa strandete/ scheinet unglaͤublich/ daß sie von dar nicht eben so wol als die Phoͤnicier in die Atlan- tischen Jnseln solten gedrungen seyn. Zuge- schweigen/ daß Elianus Selenus/ in seinem Ge- spraͤche mit dem Phrygischen Koͤnige Mydas/ ein Eyland von Groͤsse/ Einwohnern/ Sitten und Reichthum dergestalt beschreibet/ daß kein Ey dem andern/ als selbtes dieser neuen Welt ehnlich seyn kan. Ja weil die Hesperi- schen Eylande/ der Alten Beschreibung nach/ viertzig Tagereisen entfernet seyn sollen; muͤs- sen sie nothschluͤßlich dieselben/ welche fuͤr dem festen Lande dieser neuen Welt liegen/ nicht a- ber die gluͤckseligen seyn/ von denen die Gorgo- nischen nur sieben Tagereisen entfernet sind. Und ich erinnere mich zweyer in Ertzt geetzter und in des Mecenas Buͤcher-Saale befindli- cher Taffeln/ derer eine der Milesische Amaxi- mander/ der zum ersten sie erfunden haben soll/ die andere Aristagoras gemacht/ und dem Fuͤr- sten Cleomenes zu Sparta geschenckt/ die dritte Socrates gefertigt/ und dardurch dem so reich beguͤterten Alcibiades den engen Umkreiß Griechenlands/ und den unsichtbaren Son- nenstaub seiner engen Landguͤter zu Maͤßigung seines Hochmuths eingehalten haben soll. Jn diesen habe ich gegen Africa uͤber grosse Eylande und feste Laͤnder/ wiewohl etwas tunckel ver- merckt gesehen. Malovend brach ein: Sollen die Landtaffeln/ die ich fuͤr gar was neues gehal- ten/ gleichwohl so alt/ auch diese des Mecenas nicht etwa neue Nachgemaͤchte seyn? Zeno ant- wortete: Jch zweiffele weder an einem noch dem andern. Denn Mecenas ist in Kennt- nuͤssen der Alterthuͤmer so erfahren gewest/ daß er ihm nicht leicht hat etwas auf binden lassen. Griechenland hat auch nichts so seltzames und werthes besessen/ dessen sie diesen grossen Freund der gelehrten Welt nicht wuͤrdig geschaͤtzt/ oder zum minsten durch eine gegen ihm ausgeuͤbte Freygebigkeit ihnen nicht haͤtten des Kaͤysers Gnade zuziehen wollen. Zumahl auch die/ welche den Mecenas mit etwas beschenckten/ mehr Wucher trieben als Verlust litten; Weil der Genuͤß dessen/ was er besaß/ fast aller Welt gemein/ und seine Vergeltung stets zweymahl uͤberwichtig war. Die Landtaffeln aber sind so alt/ daß man insgemein glaubt/ es sey der von dem Eolus dem Ulysses verehrte Sack/ darinnen die Winde verschlossen gewesen seyn sollen/ nichts anders als ein Widderfell gewesen/ darauf der Abriß des Mittellaͤndischen Mee- res/ seiner Klippen und Winde gestanden. Ma- lovend begegnete ihm: Es laͤsset sich nach eines Din- Anderes Buch Dinges Erfindung vielerley leicht muthmas- sen/ und nach dem Ausschlage auch Traͤume zur Wahrheit machen. Jch glaͤube auch wol/ daß die Griechischen Weisen ihnen von unbekanten Laͤndern in dem Gehirne und auff dem Papiere mancherley Abrisse gemacht/ gleichwol aber dar- von keine Gewißheit erlangt/ weniger solche selbst betreten/ oder nur ins Gesichte bekommen haben. Der Koͤmer wegen ist uͤber obiges noch beyzusetzen/ daß man in der neuen Welt die Roͤmischen Nahmen Titus und Paulus/ ja in einer Silber-Gruben eine Muͤntze des Kaysers Augustus gefunden. Alleine beydes ist Zwei- fels-frey von den Britanniern oder Batavern vorher dahin bracht worden/ und kein einiger gewisser Fußstapfen von einem Roͤmer daselbst anzutreffen/ derer keiner auch/ wie ruhmraͤthig sie gleich sonst sind/ das minste hiervon zu melden weiß. Ja ich habe mir selbst zu Rom sagen las- sen/ daß die Roͤmer zwar nach Anleitung der vom Hanno verfasseten fuͤnfjaͤhrigen Reise-Be- schreibung etliche Schiffe ausgeschickt/ welche aber das wenigste gefunden/ weßwegen man her- nach seinen Ruhm fuͤr ein eiteles Getichte ge- halten hat. Rhemetalces fing an: Jch bin selbst der Mey- nung/ daß weder Grieche noch Roͤmer einigen Fuß in diese andere Welt versetzt habe/ weil bey- de ruhmraͤthige Voͤlcker entweder hiervon gantz stum̃ sind/ oder allzumaͤssig und zweifelhafft dar- von reden. Mit was fuͤr Sorgfalt haben die Griechen nicht auffgemerckt/ daß Dedalus die Sege/ den Hobel/ das Bleymaß/ Theodor von Samos das Richtscheit/ den Drechsler-Zeug und den Schluͤssel/ Perdix nach Anleitung eines Kinnbackens von einer Schlange den Zirckel/ Penthasilea die Axt/ die Beotier zu Cope das Ruder/ Jsis oder Jcarus die Segel/ Dedalus die Segel-Stange und den Mast-Baum/ Piseus die Schiffs-Schnautze/ Griphon der Scythe die eisernen Spitzen/ die Tyrrhener den Ancker/ A- nacharsis die Schiff-Hacken/ Tiphys das Steu- er-Ruder/ Neptun die Schiffs-Thuͤrme/ Glau- cus oder vielmehr der erste Schiffer Saturn die Schiffs-Kunst/ Proteus das Wassertreten/ die Phoͤnicier die Erkiesung beyder Angel-Sterne/ Hippius Tyrius die Last-Schiffe/ die Phoͤnicier den Kahn/ die Jllyrier das Both/ die Cyrener die Renn - die Salaminer die Pferde- Schiffe erfunden haben. Die Roͤmer wissen nicht sattsam heraus zu streichen/ daß Duillius die anfaͤsselnden Schiff - Troͤpfen/ Aprippa die alle Mast-Tauen durchschneidende eiserne Ha- cken und Sicheln zu seinem Siege erdacht habe. Wie solten sie denn die Erfindung einer neuen Welt verschweigen? Wie viel Wesens haben die Alten nicht von ihren geringen/ oder kaum mittelmaͤssigen Schiffarthen gemacht? Daß der Egyptische Koͤnig Vexoris uͤber das schwartze Meer biß zu den Scythen/ Tanais der Scy- then Koͤnig aus der Meotischen Pfuͤtze biß an den Nil/ Memnon aus Mohrenland in Phrygien gesegelt/ waͤre ein Wunder-Werck der Vor- Welt gewest. Dannenhero sie auch die Welt zu uͤberreden gesucht/ daß Sonne und Mond nicht auff Wagen/ sondern auff Schiffen ihren Lauff vollfuͤhrten/ die Geschoͤpfe von der Feuchtigkeit gezeugt und genaͤhret wuͤrden. Weßwegen auch nicht nur in Egypten/ sondern auch zu Rom der Jsis Schiffe zum Gedaͤchtnuͤsse ein jaͤhrliches Feyer begangen wuͤrde. Das mit einem ge- fluͤgelten Pferd bezeichnete Schiff des aus Grie- chenland in Lycien fahrenden Bellerophon hat verdient/ daß der Aberglaube sein Kenn-Zeichen nichts minder als das an dem Colchischen Ufer gewesene Schiff der Argonauten unter die Ge- stirne versetzt. Nicht nur Jason ihr Haupt er- warb den Nahmen eines Beschirmers der Griechen wider die See-Raͤuber/ und das Vor- recht/ daß er alleine sich langer Schiffe bedienen dorfte; sondern das wenige vom Phrixus in ein Widder-Fell eingehuͤllte Gold ward fuͤr einen guͤldnen Widder/ der Steuer-Mann Tiphys fuͤr einen Halb-Gott/ sein Nachfolger Anceus fuͤr Arminius und Thußnelda. fuͤr des Neptunus Sohn/ und der stumme Mast-Baum fuͤr einen Redner ausgeruffen. Das zerbrochene Schiff Argos ward auff der Corinthischen Land-Enge dem Meer-Gotte zu einem Heiligthum gewiedmet/ und darbey jaͤhrlich von gantz Griechen - Lande Lust- Spiele gehalten. Bacchus/ welcher von der Stadt Nysa aus Arabien biß in Jn- dien schiffte/ spannte an seinen Siegs - Wa- gen Tiger an; Gleich als ob er mit Bezwin- gung etlicher Voͤlcker die Natur selbst bemeistert haͤtte/ und richtete an dem Munde des Ganges auf zwey Bergen so viel Saͤulen auf/ als wenn daselbst das Graͤntzmaal aller Schiffarthen waͤ- re. Die Araber und Phoͤnicier preisten ihn fuͤr den Urheber der Schiffarth und Kauffmann- schafft; fuͤr einen Lehrmeister des Sternen- Lauffs/ und verneuerten das Gedaͤchtniß seiner dreyjaͤhrigen Reise mit einem jaͤhrlichen Feyer. Weil aber Hercules sich aus den engen Ufern der Mittellaͤndischen See wagte/ oder auch nur das Eyland Gades erreichte/ schaͤmte sich Grie- chenland nicht zu tichten: daß er daselbst beyde Meere zusammen gegraben, und die Berge Calpe und Abila nicht so wol zu seinen Ehren- Saͤulen/ als zu Graͤntzmaalen des Erdbodens/ und der verwegenen Schiffer aufgerichtet haͤt- te. Ulyssens weltberuͤhmte Umirrungen blie- ben in dem Umkreisse des Mittel-Meeres. Denn daß er nach seiner Heimkunfft vom Neoptolemus wieder vertrieben/ von ihm am Einflusse des Tagus die Stadt Ulyßipo ge- baut/ Britannien und Deutschland befahren worden sey/ ist einer Griechischen Erfindung sehr ehnlich. Malovend brach ein: Jch muß den Griechen hierinnen das Wort reden/ weil wir Deutschen aus glaubhaften Merckmaalen dar- fuͤr halten/ daß Ulysses auf den Rhein kommen sey/ und an dessen linckem Ufer bey den Tenckte- rern die Stadt Aschburg gebauet habe. Ja auf der Deutschen und Rhetischen Graͤntze ist so wol Ulyssens Grab/ als ein ihm und seinem Vater Laertes aufgerichtetes und mit Griechi- scher Schrifft bezeichnetes Altar noch heute zu sehen. Aber freylich ist von Gades/ aus Deutsch- land und aus Britannien noch weit in die At- lantischen Eylande. Rhemetalces setzte bey: Die so weit herrschenden Persier sind noch nicht so weit kommen als die Griechen. Nach Jn- dien haben sie sich an ihrem eigenen Ufer finden muͤssen. Das Caspische Meer hat ihnẽ keine wei- tere Farth/ als in etliche Fluͤsse verstattet. Da- rius/ welcher aus der Euxinischen See bis an den Jster geschiffet/ und eine Bruͤcke daruͤber gebauet/ ist noch fast am weitesten kommen. Die Juͤdischen Schiffarthen haben in der Ost-Seite von Africa/ an dem Praßischen Vorgebuͤrge den Monden-Bergen gegen uͤber auf dem Ey- lande Menuthesias/ Tapabran und dem guͤld- nen Chersonesus sich geendigt. Wiewol auch zuweilen ein oder ander Schiff fernere Reisen gethan haben mag/ ist selbtes mehr aus Zwange des Sturmes als aus Willkuͤhr der Menschen geschehen. Zumahl die meisten Voͤlcker auch nur an den See-Ufern/ und zwar auch nur des Tages hinzurudern sich getrauet; biß endlich sie aus duͤnnen Fellen/ dergleichen die Veneter in Gallien noch brauchen/ hernach aus woͤllenem Gespinste/ endlich aus Leinwand biß auf zwoͤlf Segel ausgespannet/ sich auf das hohe Meer gewaget/ und des Tages die Sonne/ des Nachts den gestirnten Baͤr zum Wegweiser erkieset ha- ben. Malovend setzte bey: Es waͤre schwerlich ein Volck iemahls in der Schiffarth so gut als die Deutschen und Britannier erfahren gewest; daher sie sich uͤber das grosse Welt-Meer nicht haͤtten trauen doͤrffen. Uberdiß taugten die Sternen/ als bey truͤbem Wetter verschwinden- de Zeichen alleine eben so wenig/ als der Alten kleine/ schwache und langsame Schiffe in die Atlantischen Laͤnder zu reisen. Denn es waͤre bekandt/ daß Semiramis zwey tausend Schiffe auf Camelen in Jndien tragen lassen/ welcher Koͤnig Starobates vier tausend nur aus Jndi- Erster Theil. R schem Anderes Buch schem Rohr gemachte entgegen gesetzt. Die Scythen schwaͤrmen auf so kleinen Schiffen herum/ daß sie sie des Winters auf den Achseln in die Waͤlder tragen und darinnen wohnen. Ja der Argonauten so beruͤhmtes Schiff soll so klein gewesen seyn/ daß sie es von dem Jster in die Adriatische See/ oder von der Tanais in das Nordliche Welt-Meer uͤber Land auf den Ach- seln getragen haben sollen. Kaͤyser August hat nach der Schlacht bey Actium aus dem Ha- fen zu Schoͤmis seine Schiffe auf Wagen fuͤnf tausend Schritte weit/ auf die andere Seite des Peloponnesus/ und Cleopatra die ihrigen aus dem Mittel-Meere ins rothe/ drey hundert Stadien weit/ fuͤhren lassen. Dionysius in Sicilien solte das erste Schiff mit fuͤnf Rudern in einer Reyhe gebauet haben. Die Roͤmer haͤtten beym ersten Punischen Kriege nicht ein- mahl ein solch Schiff gesehen gehabt/ sondern der Buͤrgermeister Appius von einem an Jta- lien gestrandeten Schiffe der Mohren ein Mu- ster zu seinen neuen nehmen/ und seine Ruderer zu Lande im Sande hierzu uͤben muͤssen. Duil- lius haͤtte das von dem hernach gecreutzigten Hannibal eroberte Schiff des Koͤnigs Pyrrhus mit sieben Rudern in einer Ordnung fuͤr ein Meerwunder den Roͤmern gewiesen. Dem Eroberer Siciliens Luctatius haͤtte man zu Ehren auf eine silberne Muͤntze ein fuͤnfrudrich- tes Schiff/ als einen grossen Werckzeug seines herrlichen Sieges/ gepraͤget. Zeno versetzte: Seiner Meinung nach haͤtte es andern Voͤl- ckern/ und zwar auch den Alten/ an grossen und starcken Schiffen nicht gefehlet. Die Anfangs aus Semden/ oder Bintzen geflochtene/ oder aus Baumrinde/ holen Baͤumen oder Leder ge- machten Kahne und Floͤssen/ haͤtten sich von Jahre zu Jahre verbessert. Erictetes haͤtte die zwey/ Amimocles die drey/ die Athenienser die vier/ Nesiethon von Salamine die fuͤnf/ Ze- razoras die sechs/ Mnesigethon die acht- und zehnrudrichten Schiffe erfunden; Der grosse Alexander noch vier/ Ptolomeus Soter noch fuͤnf Reyhen darzu gesetzt. Der Staͤdtestuͤr- mer Demetrius waͤre biß auf dreißig/ Ptolo- meus Philadelphus auf viertzig/ Philopater auf funftzig Ruder-Ordnungen kommen. Uber- diß haͤtten ihre Vorfahren schon so starcke Schif- fe gebaut/ daß man hohe Thuͤrme drauf setzen/ und von selbten der Wasser-Staͤdte Mauren uͤbersteigen koͤnnen. Fuͤrnehmlich aber waͤre des Sesostris dem Osiris gewiedmetes/ aus- wendig mit Golde/ inwendig mit Silber uͤber- zogenes zwey hundert achtzig Ellen langes Schiff/ wie auch des Philopators eben so lan- ges/ acht und dreißig Ellen breites/ und vom Hintertheile nur biß ans Wasser drey und funf- tzig Ellen hohes Schiff beruͤhmt/ welches mit vier tausend Ruderern/ mit vier hundert Hand- langern/ und vier tausend Kriegsleuten besetzt/ auch mit zwoͤlf-elligen Bildern vieler Thiere ge- zieret gewest. Sein Lust-Schiff mit zweyen Hinter- und Voͤrder-Theilen waͤre nicht viel kleiner/ aber viel kostbarer gewesen/ weil fast al- les Holtz Cedern/ die Saͤulen der Gaͤnge und die Bette aus Cypressen/ das Pflaster und die Stuͤle aus Helffenbein/ an statt des Eisens eitel ver guͤldetes Ertzt/ die Knoͤpffe der Corinthischen Saͤulen aus Golde/ der neuntzig Ellen hohe Mast mit seidenen Segeln und purpurnen Seilen ausgeruͤstet/ und auf diesem schwim- menden Koͤnigs-Schlosse so wol ein praͤchtiges Heiligthum des Bacchus/ als der Venus/ wie auch eine Hoͤle voller marmelner Bilder von seinen Ahnen gestanden. Noch ein groͤsser Wunderwerck soll das vom Archimedes gebau- te Schiff Syracusa gewest seyn/ welches Hiero dem Ptolomeus schenckte. Es hatte drey Mast- baͤume/ zwantzig Reyhen Ruder/ sechs hohe Thuͤrme/ einen eisernen Wall/ unzehlbare Zimmer/ Badstuben/ Pferde-Staͤlle/ einen fischreichen Teich/ etliche schoͤne Gaͤrte/ etliche grosse Arminius und Thußnelda. grosse Schleudern/ und darunter eine/ welche Steine von drey hundert Pfunden und funf- zehn-elligte Pfeile warff. Das darauf befind- liche Heiligthum der Venus war mit Agath ge- pflastert/ die Thuͤren von Helffenbein/ und alles voller Bilder und Saͤulen. Der andern Zim- mer Pflaster waren kleine vielfaͤrbichte Kiesel- steine/ welche die gantze Geschichte von Troja abbildeten. Dionysius flohe aus Sicilien auf einem Schiffe/ darauf sechs tausend Menschen Raum hatten. Lucullus bauete ein so grosses/ darauf man jagen konte/ und Kaͤyser Julius eroberte in der Pharsalischen Schlacht eines/ darauf ein gantzer Wald fruchtbarer Baͤume stand. Nichts minder ist die Groͤsse der Schif- fe ausser Augen zu setzen/ darauf Kaͤyser August den nach Puteoli versetzten Spitz-Pfeiler des Koͤnigs Mesphees und einen andern wohl hun- dert Ellen langen des Koͤnigs Senneserteus o- der vielmehr des Psammirtaus nach Rom ge- bracht und auf den groͤsten Platz gesetzt hat. Nichts weniger hat es denen Alten an geschwin- den Schiffen nicht gefehlet; und ist insonderheit des Annibals von Rhodis und ein ander Car- thaginensisches beruͤhmt/ welches vielmahl der Roͤmer gantze Schiffs-Flotte ausgefodert/ und durch seine Fluͤchtigkeit geaͤffet hat. Rheme- talces fing an: Jch bin ebenfalls der Meinung/ daß hieran das Hindernuͤß der so fernen Schif- farth nicht liege; Ob ich wohl weiß/ daß der Deutschen und Gallier Schiffe aus eitel eich- nem Holtze/ und zwar mit Fleiß wider Sturm und Wellen sehr starck gebauet/ die Ancker an eiserne Ketten gehenckt/ die Segel aus zusam- men geneheten Haͤuten wilder Thiere gemacht sind. Alleine weil ich aus Malovends Reden so viel abnehme/ daß sie nebst dem Gestirne noch andere Richtschnuren ihrer Schiffarth haben/ moͤgen sie es solchen Vortheils halber vielleicht andern Voͤlckern zuvor thun. Massen man denn insgemein glaubt: daß die Carthaginen- ser dergleichen Kunst gehabt/ und die Serer solche noch haben. Es ist wahr/ sagte Zeno: Denn die Serer wissen durch die Wendung eines gewissen Steines auch in dem untersten Schiffe und bey stockfinsterer Nacht ihre Farth/ wohin sie gehe/ zu erkiesen. Aber moͤgen wir das Geheimnuͤß der Deutschen nicht wissen? Malovend versetzte: Jch bin wohl weder unter den Fischen noch dem Meerschweine gebohren/ und also auch von Natur kein geschickter Schiff- mañ; iedoch meine ich ihnen etwas zu eroͤffnen/ welches zweiffelsfrey auch vielen derer verbor- gen ist/ die gleich ihnen in einen Edelstein ein Schiff mit einem verdreheten Vordertheile und ausgespannten Segeln schneiden lassen/ wenn die Sonne im Loͤwen/ Mars und Saturn a- ber gegen Mittag stehet/ und solchen als einen Gluͤcksstein an dem Finger tragen. Unsere Friesen/ sagte er/ schmieden mit ihrem gerade gegen den Mittag gekehrten Antlitze eine staͤh- lerne Nadel/ und ziehen den gluͤenden Drat auf dem Ambosse unter den Haͤmmern recht ge- gen sich und Mitternacht. Dieselbe Spitze hat hernach diese geheime Krafft/ daß/ wenn man die Nadel in der Mitte feste/ iedoch zum umwenden geschickt macht/ sie sich allezeit gegen Mitternacht wendet/ und also ein richtiger Wegweiser der Schiffer ist. Rhemetalces und Zeno wunderten sich uͤber diesem Geheimnuͤsse nicht wenig/ und fragte dieser: Ob die Krafft dieser Nadel aus natuͤrlichen Ursachen oder aus Zauberey herruͤhrte. Malovend antwortete: Er haͤtte das letztere gute Zeit geglaubt/ weil die Friesischen Schmiede ihn versicherthaͤtten/ daß wenn sie die Nadeln ohne Vorsatz der Spitze einem solchen Zug einzuveꝛleiben schmiedeten/ sie auch solcheꝛ Krafft nicht faͤhig wuͤrden; Gleich als wenn die menschliche Einbildung eine Botmaͤs- sigkeit uͤber die Gestirne haͤtte/ daß sie dem Ertzte gewisse Wuͤrckungen einfloͤssen muͤsten. Nach dem er aber haͤtte wahr genommen/ daß alles ausgekochte Eisen/ ohne Absehn des Schmeltzers/ zweyerley Stuͤcke in sich habe/ derer etliche dem R 2 Nord Anderes Buch Nord/ etliche dem Mittage geneigt waͤren/ und daher die entweder in die Lufft gehenckte/ oder auff dem Wasser schwimmende Eisenfaͤdeme sich bestaͤndig mit dem einen Ende gegen Mit- ternacht/ mit dem andern gegen Sud lenckten/ glaubte er festiglich/ daß dieser Zug aus einem verborgenen Triebe der Natur/ nicht aber aus Zauberey herruͤhrte. Beyde auslaͤndische Fuͤrsten bezeigten sich uͤber dieser merckwuͤrdigen Nachricht sehr ver- gnuͤgt; Rhemetalces aber fing an: Wir sind un- vermerckt aus diesem Forste auffs Meer und aus Deutschland in eine neue Welt geꝛathen/ also weiß ich nicht/ ob wir nicht Zeit zur Ruͤckkehr haben/ da wir heute nicht gar hier verbleiben wollen. Malovend versetzte: Es ist so wenig oh- ne Ursache geschehen/ als dieser sechste Feldherr der grosse Marcomir gemahlet ist/ daß er mit ie- dem Fusse auff einer Weltkugel stehet/ und in ie- der Hand eine Sonne traͤgt. Denn weil sein Vater Hunnus noch fuͤr dem Groß-Vater starb/ erbte er von seiner Mutter alle Britan- nische Reiche und die Atlantischen Eylande/ nach des Groß-Vatern Tode aber die Deut- schen und etliche Gallische Hertzogthuͤmer und die Wuͤrde ihres Feldherrn. Dahero sagte man von ihm/ er beherrschte eine zweyfache Welt/ und in seinem Gebiete ginge die Sonne nicht unter. Ja seine Herrschafften waren so groß/ daß er seinen Bruder mit dem Reiche der Nori- cher betheilte/ der ohne diß mit seiner Gemahlin des Koͤnigs Lissudaval Tochter der Boyen und Qvaden Hertzogthuͤmer uͤberkam. Das Ver- haͤngniß hatte dem Marcomir gleichsam zwey irrdische Neben-Sonnen/ nehmlich den Salo- min der Scythen/ und den Usesival der Salli- er und Cantabrer Koͤnig entgegen gesetzt/ wor- mit er durch beyder Verduͤsterung so viel herr- lichern Glantz erlangen moͤchte. Usesival drang nicht allein uͤber den Rhein/ sondern auch in Hi- bernien/ eroberte Farnaboja/ Olamin und Car- ioma; sondern er erregte auch wider ihn den Hertzog der Hermundurer und Catten/ ja auch das Haupt der Druyden/ unter dem Vorwand/ daß er die Barden und Eustachen zum Unter- gange der alten Druyden in Deutschland hege- te. Alleine der Feldherr Marcomir schlug die Gallier etliche mahl biß auffs Haupt/ eroberte alle abgenommene Plaͤtze/ bemaͤchtigte sich al- ler Landschafften zwischen der Maaß/ eroberte die Vesontier und Caturiger/ kriegte in einer blutigen Schlacht bey Zitin den Koͤnig Usesi- val/ an der Elbe der Hermundurer und Cat- ten Hertzog/ wie auch das Haupt der Druyden gefangen. Den Scythischen Koͤnig Salomin/ der seinen Bruder bey einem von dem Fuͤrsten Jazapol in Pannonien erregten Auffruhre die Staͤdte Carpin und Bregentio erobert hatte/ trieb er von Belaͤgerung der Stadt Vindo- mana mit grossem Verlust weg. Ja als Sa- lomin den Koͤnig in Colchis Aßemules aus sei- nem Reiche vertrieb/ dieser aber zum Marco- mir seine Zuflucht nahm/ schiffte er uͤber das schwartze Meer/ erlegte den neu eingesetzten Fuͤrsten Barsabosar/ eroberte die Haupt-Stadt Phasia/ und befestigte darinnen den Aßemu- les. Hinter der Atlantischen Jnsel ließ er auff zwey erhobene Stein-Felsen zwey gros- se Colossen aus Ertzt/ einen der Sonnen/ den andern dem Monden zu Ehren auffrichten/ und zur Andeutung/ daß ihm seine Reichs- Grentzen noch viel zu gedrange waͤren/ mit goͤldner Schrifft darauff etzen: Der Zirckel der Sonnen ist der Tugend zu enge/ und des Monden zu niedrig. Dieser Uberschrifft/ sagte Zeno/ klebt sicher mehr Hoch- muth an/ als den Thraͤnen des grossen Ale- xanders/ der darum geweinet haben soll/ daß mehr nicht als eine Welt zu seiner Besiegung verhanden sey. Malovend versetzte: Dero- gleichen Auslegung hat Marcomir schon selbst verschmertzen muͤssen/ indem einige uͤber sei- ne Seulen einen Krebs gesetzt mit der Uber- schrifft: Arminius und Thußnelda. schrifft: Auch die Sonnen gehen den Krebsgang; Andere eine Schnecke/ die ihr Schnecken-Haus trug mit dem Beysatze: der Atlas traͤget nicht allein seinen Himmel. Aber Marcomir hat nicht Ursa- che sich seiner Schrifft zu schaͤmen/ sondern viel- mehr seine Siege des grossen Alexanders fuͤr- zuziehen. Denn er erfand und eroberte die uͤberaus grossen Laͤnder Kokisem und Rupe/ in welche man alle von den Griechen iemahls bezwungene Koͤnigreiche setzen kan. Er kam biß an das andere Gestade des grossen Ost- Meeres/ und erlangte diß/ wornach der uner- saͤttliche Alexander vergebens seuffzete. Er entdeckte das Silbervolle Gebuͤrge Opisot/ er- fuͤllte Britannien mit Golde/ und die Welt mit Perlen. Rhemetalces fiel hiermit geschwin- de ein: Jch sehe wohl Malovend ist zeitlich un- ser Meinung worden/ und er ruͤhmet nunmehr/ was er fuͤr kurtzer Zeit verworffen. Dahero wuͤrde er schwerlich seinem Marcomir eine sol- che Schand- und Fluch-Seule auffrichten/ wie Technas in dem Thebanischen Tempel dem Koͤnige Menis/ darum/ daß er bey denen vor duͤrfftigen Egyptiern den Gebrauch des Geldes eingefuͤhret hatte. Zeno fing hierauff an: Jch lerne in Deutschland mehr/ als ich ie- mahls zu Rom erfahren/ und bin so vielmehr begierig von dem sonst so sparsamen Malo- vend die Beschaffenheit dieser so reichen neu- en Welt zu vernehmen; insonderheit: ob man darinnen auch ansehnliche Staͤdte/ wie bey uns/ finde? Malovend antwortete: in der Menge und Festigkeit zwar nicht/ aber an Groͤs- se und Beqvemligkeit geben sie den unsrigen nicht nach/ und haͤtte Marcomir eine in einer saltzichten See gebauete erobert/ welche ihrer Beschreibung nach der Stadt Rom wenig nach- geben muͤste/ weil sie sechzig tausend Haͤuser haͤt- te/ und alle Jahr ihrem Abgotte sechs tausend ihrer Kinder schlachtete. Wie nun Zeno und Rhemetalces hieruͤber ihre Verwunderung mercken liessen/ sagte Malovend: diese Stadt waͤre von Marcomirn noch unglaublich ver- groͤssert und verbessert worden. Aber/ sagte Ze- no: ist denn die abscheuliche Abschlachtung der Menschen auch uͤber das grosse Meer gesegelt/ und bey diesen fremden Voͤlckern eingewur- tzelt? Malovend antwortete: Jn allewege/ und zwar nirgends mehr als allhier/ wo man Kinder zu tausenden schlachtet/ und da es gan- tze Voͤlcker giebt/ welche wenig anders als Menschen-Fleisch speisen. Jedoch waͤre diß von diesen wilden Leuten nicht so sehr zu ver- wundern/ weil sie vermuthlich nicht allein die Carthaginenser in dieser Grausamkeit zum Wegweiser gehabt/ sondern auch solche bey de- nen Voͤlckern/ die fuͤr die sittsamsten wolten an- gesehen seyn/ eingerissen waͤre; und noch darzu fuͤr ein Gottesdienst gehalten wuͤrde. Sinte- mahl die Phoͤnicier dem Saturn die Stadt He- liopolis der Juno/ die Blemies der Sonne/ an- dere andern himmlischen und vermeinten guͤti- gen Goͤttern ihre liebsten Kinder schlachteten; da doch diese Greuel-That denen hoͤllischen Gei- stern zu abscheulich seyn solte/ welchen die grau- same Koͤnigin in Persien Amestris und andere nur fremde Menschen geopffert haͤtten. Wie aber der Roͤmische Rath den Griechen die Menschen-Opfferung abschaffte/ und die Ve- stalischen Jungfrauen an derselben statt alle Jahr dreißig aus kleinen Baum-Ruthen ge- flochtene Bilder in die Tieber werffen/ Ama- sis an statt der Menschen-Verbrennung in E- gypten Wachs-Kertzen anzuͤnden ließ; also hat auch Marcomir durch Einfuͤhrung der Druy- den und ihres itzt sanfften Gottesdiensts diese neue Welt von ihren unbarmhertzigen Goͤt- tern und dem grausamen Aberglauben erledi- get. Marcomir fing hieruͤber an: Jn Warheit Marcomirs Thaten sind den Siegen der maͤnn- lichen Semiramis und des grossen Cyrus fuͤr- zuziehen. Malovend bestaͤtigte es und mel- R 3 dete/ Anderes Buch dete/ daß auch die Deutschen diesen Marcomir fuͤr ihren andern Hercules hielten/ und die Che- rusker waͤren selbst miteinander zwistig/ ob sie dem grossen Hermion/ dem Uhrheber ihrer Ho- heit/ oder dem Marcomir den Vorzug entraͤu- men solten. Rhemetalces sagte: Es ist so schwer zu einem grossen Reiche/ als in die Tieffe des Meeres einen Grund legen/ gleichwol aber hat beydes kein solch Ansehen/ als was hernach mit minderer Muͤh in die Luft gethuͤrmet wird. Hingegen laͤsset sichs leichter weiter gehen/ wo der von den Vorfahren gezogene Faden einen leitet/ und der Eltern Fußstapfen einem den Weg weisen. Ja/ sagte Zeno/ die Uhrheber eines Reichs behalten insgemein wohl den Ruhm/ und zwar billich; wenn aber der Anfaͤn- ger nur einen Entwurff zum Zwerge gemacht hat/ hingegen der Nachfolger hernach einen Riesen bildet/ oder ein durch seine Veralterung gleichsam verfallenes Reich wieder ans Bret bringet/ ist dieser mehr/ als jener/ fuͤr den Uhrheber eines Reichs zu ruͤhmen. Dahero auch die Roͤmer dem Kayser August diese Ehre zueigneten/ und ihn Romulus zu nennen ent- schlossen waren. Marcomir brach ein: Jch halte diesen Ruhm fuͤr ein Urthel der heucheln- den Dienstbarkeit/ und den August wol fuͤr ei- nen/ der durch seine Kuͤnste die Roͤmische Frey- heit zu Boden getreten hat/ nicht aber dem Ro- mulus gleiche/ noch fuͤr einen Uhrheber selbigen Reiches. Sintemal er zwar unzehlbare Roͤ- mer abgeschlachtet/ das Reich aber wenig oder nichts vergroͤssert; auch alle seine Siege durch den Antonius/ Agrippa/ und andere ihn vertre- tende Krieges-Helden erhalten hat. Da aber die Gewalt des Raths ihm alleine zueignen eine so grosse Sache waͤre; warumb waͤre nicht viel- mehr Sylla oder Kayser Julius uͤber ihn zu stellen? Malovend fiel ihm bey/ und meynte: daß unter allen Roͤmern keiner an Helden- Thaten dem Julius zu vergleichen waͤre; ja er glaubte/ daß er den Nahmen des grossen fuͤr Alexandern verdiente. Rhemetalces fing an: Sein Stam̃ ruͤhrte zwar vom Lysimachus des grossen Alexanders Feldhauptmanne her; aber die Thracier und Macedonier waͤren einan- der niemals hold gewest/ und Lysimachus haͤtte auch den Pyrrhus aus Macedonien gejagt; also seine Meynung hoffentlich niemanden verdaͤch- tig seyn wuͤrde. Diese aber ginge dahin/ daß Julius Alexandern nicht das Wasser reichte. Zeno laͤchelte/ und fing an: Es liesse sich zwar uͤber zweyen so beruͤhmten Helden schwer den Ausschlag geben/ und waͤre diß ein be- ruͤhmter Zwist der Roͤmer und Griechen; gleichwol aber hielte er unvorgreifflich den Ju- lius/ wo nicht hoͤher/ doch Alexandern auffs we- nigste gleich. Rhemetalces antwortete: Die Goͤtter haͤtten durch den Traum seiner Mutter Olympia/ durch die in seiner Geburts-Nacht geschehene Einaͤscherung des Ephesischen Tem- pels/ und andere Wunder/ schon Alexanders kuͤnftige Groͤsse angedeutet. Kayser Julius haͤtte Alexandern selbst die Ober-Stelle entraͤu- met/ da er bey seinem Bilde zu Gades bittere Zaͤhren vergossen/ weil er in dem Alter/ da Ale- xander schon die Welt bezwungen gehabt/ noch wenig ruhmbares gethan hatte. Zeno versetz- te: Wenn aus Traͤumen und Wahrsagungen etwas zu entscheiden waͤre/ wuͤrde auch fuͤr den Julius anzuziehen seyn/ daß er seine Mutter beschlaffen zu haben getraͤumet; welches fuͤr die Uberwaͤltigung der allgemeinen Mutter der Erde ausgelegt worden. Sonst waͤre zwar Alexander jenem in den Jahren zuvor kommen; hingegen habe dieser seine Langsamkeit/ wie die langsame Aloe-Staude/ welche in einer Nacht einen hoͤhern Blumen-Stengel/ als die Ceder in etlichen Jahren/ treibt/ mit Groͤsse seiner Wer- cke einbracht. Die sich langsam auffthuenden Gewaͤchse und Gemuͤther waͤren besseꝛ oder zum minsten tauerhafter/ als fruͤhzeitige Fruͤchte und sich uͤbereilende Geister. Jhr Lauff gleichte den Schwantz-Gestirnen/ die alle Gestirne uͤber- lieffen/ aber gar bald eingeaͤschert wuͤrden/ wie es Alexandern ebenfalls begegnet waͤre. Jedoch waͤre Julius nicht deswegen/ daß er sich so lang- sam auffgethan haͤtte/ sondern weil er vorher viel dem Arminius und Thußnelda. dem Alexander nicht im Wege stehende Schwe- rigkeiten uͤberwinden muͤssen/ etwas zuruͤck blie- ben. Dannenhero denn die dem Julius von der Tugend ausgepreßte Thraͤnen/ so wenig als die/ welche Alexander bey Lesung des Homer uͤber den Thaten Achillens vergossen haͤtte/ seinem Ruhme abbruͤchig seyn koͤnten. Haͤtte Alexander uͤber den Siegen seines Vaters geeifert; so haͤtte Julius uͤber dem Gluͤcke des Sylla geseufzet/ von welchem dieser wahrgesagt/ daß dieser Juͤng- ling mehr als einen Marius im Busem stecken haͤtte. Beyde waͤren zwar Liebhaber der Ge- lehrten gewest/ und haͤtten den Wissenschafften obgelegen. Wie hoch haͤtte nicht Alexander den Aristoteles geschaͤtzt/ und des Pindarus wegen haͤtte er nicht nur bey Eroberung der Stadt Thebe seiner Nachkommen Haͤuser/ sondern auch die Buͤrgerschafft erhalten. Aber hierin- nen waͤre ihm Julius weit zuvor kommen. Er haͤtte die Weltweißheit nicht nur geliebet/ son- dern ihm nuͤtze gemacht. Bey dem Begraͤbnuͤsse seiner Mutter Julia/ bey der Verklagung des Dolabella/ bey Loßbittung der Catilinischen Mit-Verschwornen haͤtte er mit seiner Bered- samkeit grosses Ansehen erworben. Was er des Tages ruͤhmlich gethan/ haͤtte er des Nachts zierlich geschrieben. Rhemetalces antwortete: Alexander waͤre ebenfalls gelehrt und beredsam gewest/ aber sie sehen beyde hier nicht als Welt- weisen/ sondern als Kriegs-Helden an. Zeno fragte: welcher Held ohne die Welt-Weißheit zur Vollkommenheit kommen koͤnte? Diese waͤ- re der Leit-Stern der Tapferkeit/ und die Mut- ter der Vergnuͤgung. Aber/ sagte Rhemetalces: Jst dieses eine wahrhaffte oder verfaͤlschte Weiß- heit/ wenn Julius nur des Epicurus wolluͤstige Meynungen fasset/ wenn er weder Goͤtter noch die Unsterbligkeit der Seelen glaubt/ und bey Belaͤgerung Maꝛsiliens an einen ihm am Wege stehenden Baum/ den die Druyden von viel hun- dert Jahren her den Goͤttern eingeweihet/ die Kriegsleute aber selbten nur anzuruͤhren Ab- scheu hatten/ zum ersten die Hand und die Axt an- legt? Welchen Unglauben er aber mit seinem Tode gebuͤsset/ als er seinen und seiner Calpurniaͤ Ungluͤcks-Traum/ des Spurinna und anderer Priester Warnungen veraͤchtlich in Wind ge- schlagen. Hat sich Julius nicht in stetigem Schlamme der Geilheit geweltzet? des Sulpiti- us/ des Gabinius/ des Crassus/ Pompejus/ Bo- gudes und Brutus Ehbette durch Ehbruch be- flecket? Hat er nicht mit Cleopatren Ehre/ Leben und Vaterland in Gefahr gesetzt? und das Be- ginnen mit dem Nicomedes laͤst sich kaum sagen. Also ist das scheinbare Gute am Julius nicht so wol Tugend/ als ihre Larve gewest; welche so viel- mehr schaͤdliches Gifft an sich hat/ ie naͤher sie der Tugend kom̃t/ weil sie so denn/ wie die sich mit schoͤnen Sternen deckenden Schlangen/ desto mehr Unheil zu stiften vermag. Rhemetalces meynte: Es wuͤrde so wol in einem als dem an- dern ihm zu viel beygemessen/ und Er haͤtte sich niemals wie Alexander fuͤr Jupiters Sohn und selbst fuͤr einen Gott ausgegeben. Das letztere aber waͤre die gemeine Schwachheit der Helden/ welche Alexandern ebenfalls in seiner gegen die Barsine/ Roxane und Thais/ ja gar gegen den Bagoas geschoͤpften Brunst befallen haͤtte. Rhe- metalces veꝛsetzte: Die Betheuerung seineꝛ Mut- ter/ der Glaube seines eigenen Vaters/ die Heu- cheley der Ammonischen Priester/ der Wahn da- maliger Zeit/ und das uͤbermaͤssige Gluͤcke haͤt- te Alexandern leicht bereden koͤnnen/ daß sein Ursprung aus dem Himmel waͤre/ dessen Goͤt- ter damals so viel sterbliche Soͤhne auf Erden hatten/ wo es anders nicht eine Staats-Klugheit war/ bey denen aber glaͤubischen Voͤlckern sich durch solchen Ruhm in desto groͤsser Anschen zu setzen. Zeno brach ein: Sie schritten von ihrem gantzen Zweck ab/ wenn sie dieser zweyen grossen Helden Ruhm durch Erzehlung ihrer Gebre- chen verduͤsterten/ derer Verdienste einen solchen Glantz haͤtten/ daß selbter so wenig/ als die Son- ne ihre Flecken/ und die uͤber den Monden er- hobene Gestirne ihren Schatten sehen liessen. Ein grosser Geist haͤtte keinen einkommentli- chern Haushalter als die Freygebigkeit/ und keine schoͤnere Gemahlin als die Freundschafft. Julius Anderes Buch Julius aber habe mit seinen Geschencken nicht nur das Roͤmische Volck und das Kriegs- Heer/ sondern auch frembde uͤberschwemmet/ Rom und andere Staͤdte mit kostbaren Gebaͤu- en gezieret/ und auslaͤndischen Koͤnigen die Ge- fangenen zu tausenden frey gelassen. Julius haͤtte zwar mit niemanden so gar vertraute Freundschafft/ wie Alexander mit dem Ephesti- on und dem Craterus gepflogen/ iedoch haͤtte er mehrmals des Koͤnigs Micipsa Wort im Mun- de gehabt/ daß gute Freunde eine sichere Huͤlffe/ als Heere und Schaͤtze waͤren/ und daher unter freyem Himmel geschlaffen/ wormit sich Oppius des engen Wirths-Hauses bedienen koͤnte. Seinen Freunden haͤtte er das groͤste Unrecht verziehen; seine Freundschafft waͤre niemanden so gefaͤhrlich gewest/ als Alexanders/ der dem Clitus und andern vertrautesten das Licht aus- gelescht/ ja aus blossem Verdachte den hoch- verdienten Parmenio und unschuldigen Philo- tas vorher auf die Folter gespannet haͤtte. Es ist wahr/ sagte Rhemetalces. Aber ist das zu sei- ner Tochter Gedaͤchtnuͤsse dem Volcke gegebene Mahl/ sind die bey erlangtem Bau-Ambte auffgewendete Unkosten nicht mehr eine Ver- schwendung? Hat er durch seine Begabung den Curio und andere nicht bestochen/ und ihnen die gemeine Freyheit abgekaufft? Alexander hinge- gen schenckte aus einer blossen Großmuͤthigkeit denen/ von welchen er nichts als eine Dancksa- gung zu gewarten hatte; Mahler/ Bildhauer/ Tichter und Weisen ließ er in den Schaͤtzen des uͤberwundenen Morgenlandes theil haben. Und diß/ was er seinen besiegten Feinden dem Porus und Taxiles gab/ waren grosse Koͤnigreiche. Ale- xander haͤtte im Eifeꝛ/ welcher bey den Guͤtigsten meist am feurigsten waͤre/ zuweilen sich uͤberei- let; aber diese Scharte hernach durch gantze Meere voll Wolthaten und Bereuungs-Thraͤ- nen ausgewetzt; und/ wenn es der weise Ca- listhenes und das seufzende Heer nicht verweh- ret/ sich selbst durch Enthaltung vom Essen zu Tode gegraͤmet. Ja er haͤtte bey strengem Froste einem halb erfrornen Kriegsknechte seine Koͤnigliche Saͤnfte abgetreten/ und ihn daselbst wieder zu rechte bringen lassen. Den Achilles haͤtte er bey seiner Saͤule gluͤckselig gepriesen/ daß er am Patroclus so einen treuen Freund ge- habt haͤtte. Marcomir brach ein: Er hielte dafuͤr/ daß Julius zu Rom/ und Alexander in Griechenland die Ober-Stelle verdiente/ und daß beyde/ wie die Sonne/ wenn sie mit dem Monden den Kreiß verwechseln solte/ ander- werts nicht so hoch wuͤrden kommen seyn. A- lexanders gar zu grosse Freygebigkeit wuͤrde sich selbst unzeitig/ ihn bey Zeite dem Roͤmischen Ra- the verdaͤchtig/ sein hoher Geist ihn geschwinde zu einem Catilina oder Manlius gemacht/ seine Empfindligkeit dem Sylla die Stirne zu bie- ten veranlast; der behutsame Julius aber nim- mermehr mit fuͤnff und dreissig tausend Mann und mit siebentzig Talenten den grossen und reichen Koͤnig der Persen/ fuͤr dessen einigem Land-Vogte Griechenland zitterte/ anzugreif- fen/ und Asiens Eroberung gewagt/ sondern vorher sich seiner zweifelhaften Nachbarn versi- chert; seine Graͤntze an dem Flusse Granicus be- hauptet/ seine Sorgfalt in der Nacht fuͤr der Schlacht bey Arbelle nicht so feste geschlaffen haben. Sein Kummer eines zweifelhaften Aus- schlages/ welcher dem Pompejus so offt den Frie- den anbot/ haͤtte des Darius angebotene Tochter mit sechs Laͤndern unfehlbar angenommen. Und deswegen meynte ich diesen Streit unvorgreiff- lich dergestalt zu entscheiden/ daß Julius ein we- nig mehr Gehirne/ Alexander aber ungleich mehr Hertze gehabt habe. Rhemetalces versetzte: Das letzte ist ausser allem Zweifel. Denn/ in was fuͤr Gefaͤhrligkeiten hat sich Julius ge- waget? Die Geschwindigkeit der Nervier/ und die Noth bey Alexandria setzten ihn wider seinen Willen in einen zweifelhaften Stand. Und haͤtte ihn Labienus beym ersten nicht entsetzt/ waͤre es umb ihn geschehen gewest. Alexander aber Arminius und Thußnelda. aber ist mit einem Loͤwen-Muthe der Gefahr mehrmahls vorsaͤtzlich entgegen gegangen/ und hat ohne weniger Schrecken als Brutus dem Tode das blaue in Augen gesehen; Da hinge- gen Julius insgemein das gewisse gespielet/ und so wenig als Parmenio in der grossen Schlacht mit dem Darius alles auf die Spitze gesetzt/ we- niger sich alleine in die Stadt der Maller unter so viel tausend Feinde gestuͤrtzt haben wuͤrde. Alexander waͤre allhier und sonst unterschiedene mahl/ Julius aber niemahls gefaͤhrlich ver- wundet worden. Zeno brach ein: weil ein Ver- nuͤnfftiger niemahls/ als in unvermeidlicher Noth/ in der Verwegenheit/ wie kluge Aertzte bey verzweiffelten Kranckheiten aus gefaͤhrli- cher Artzney sein Heil suchen solte/ wuͤste er nicht: ob Alexander seiner Kuͤhnheit/ oder Julius sei- ner Vorsicht halber mehr zu ruͤhmen waͤre. Wiewohl dieser unter den See-Raͤubern/ beym Ungewitter/ und/ ungeachtet aller Ungluͤcks- Zeichen/ fuͤrgenommener Schiffarthen gleich- falls erwiesen/ daß keine Furcht in seinem Her- tzen Raum haͤtte. Rhemetalces begegnete ihm: Die Verwegenheit waͤre das Saltz der Tapf- ferkeit/ und ohne derselben Beysatz waͤre kein Held ein grosser Eroberer worden. Alexander aber haͤtte in zwoͤlf Jahren mehr Landes/ als die Roͤmer in siebenhunderten/ und alle vorige Reiche in mehr als Tausenden gewonnen. Ja/ sagte Zeno: Aber er hat mit den Weichlingen des wolluͤstigen Asiens zu kaͤmpffen gehabt. Rhe- metalces antwortete: Und Julius mit den rei- chen und feigen Galliern/ welche weder Waf- fen noch Schlacht-Ordnung verstanden. Die- se hat er alleine bezwungen; Denn alles andere des Roͤmischen Reichs war ein Gewin der Scipionen/ der Meteller/ des Marius/ des Sylla und des Pompejus/ welche in sechs hun- dert Jahren zusammen gewachsene Macht ihm wenig Stunden der Pharsalischen Schlacht zueigneten. Alexander aber hatte in Persien und Jndien mit keinen Weibern zu thun/ son- dern mit Voͤlckern/ derer eines nur den Crassus erschlagen/ den Antonius uͤberwunden/ und das noch itzt der Roͤmischen Macht das Gewichte haͤlt. Und es kan so wohl fuͤr Alexanders Klug- heit als seine Tapfferkeit kein herrlicher Merck- maal seyn/ denn daß alle seine Kriegs-Obersten/ die aus seiner Schule kommen/ grosse Kriegs- Helden und kluge Koͤnige worden. Zeno fing an: Er gestuͤnde gerne/ daß Ale- xanders Thaten mehr Glantz haͤtten/ aber des Julius nicht wenigern Kern. Jenen haͤtte er als ein Buͤrger zu Rom mehr verstecken/ und das Gold seiner Vermoͤgenheit mit was unan- sehnlichem uͤberfirnßen muͤssen. Sein Krieg wider den Petrejus und Afranius in Spanien waͤre ein Begriff der vollkommensten Kriegs- Wissenschafft; Die Belaͤgerung der Stadt Alesia ein Wunderwerck/ und ein Muster/ da- von alle nachfolgende Belaͤgerungen nur Stuͤckwercke entlehnen; Die Schlacht bey Munda waͤre die schaͤrfste Pruͤfung seiner Hertzhafftigkeit gewest. Jch gestehe/ antwor- tete Zeno/ mit dem Redner Tullius/ daß Ju- lius der erste unter den Roͤmern sey/ aber Ale- xander sicherlich unter den Helden insgemein. Julius beobachtete sorgfaͤltig die sichere Mittel- Bahn; Vernunfft und Vortheil waren seine Wegweiser/ wie Alexanders die Ehre und seine Neigung. Alles sein Absehn ging uͤber die ge- meinen Schrancken. Er hielt es fuͤr eine Schande mit Ohnmaͤchtigen kriegen. Auf der Jagt faͤllete er nichts als Loͤwen/ und er war nie- mahls unerschrockener/ als wenn andere aus Zagheit verzweiffelten/ oder auch die behertzten aus anderer Schwachheit sich verlohren. Die wildesten Barbarn verehreten ihn/ und die U- berwundenen liebten ihn mehr/ als sie ihn vor- her gefuͤrchtet hatten; ja er hatte weniger zu thun mit ihrer Erlegung/ als es ihn Muͤhe kostete/ sie fuͤr Unterthanen anzunehmen; und mit einem Worte: Er war zu einem Herrn der Welt ge- bohren. Malovend fing an: Jn Warheit alle Erster Theil. S entfern- Anderes Buch entfernte Voͤlcker/ welche nur seine Thaten er- zehlen hoͤren/ und darunter auch unsere Deut- schen und Gallier/ haben ihn durch Gesandten zu Babylon dafuͤr verehret; Und der weltbe- ruͤhmte Hannibal hat ihm die erste Stelle unter allen Helden eingeraͤumt. Zeno fiel ein: ja/ und nach dem Pyrrhus hat Hannibal ihm den dritten Platz zugeeignet. Alleine als ihn Sci- pio gefragt: wo er sich hinstellen wolte/ wenn er den Scipio uͤberwunden/ haͤtte Hannibal sich uͤber alle zu setzen vermeinet. Da nun aber Julius dem Scipio vorginge/ koͤnte nach Han- nibals Urthel Alexander nicht dem Julius vor- gezogen werden. Marcomir nahm wahr/ daß dieser Einwurf eine Gelegenheit zu einem neuen Zwiste geben wuͤrde; daher er/ um selb- ten zu unterbrechen/ anfing: Es wuͤrde Ma- lovend seines Marcomirs druͤber vergessen/ welcher Alexandern und dem Julius den Lor- berkrantz nicht wenig zweiffelhaft machen wuͤr- de/ wenn die Zeit und die ihm als einem Deut- schen dißfalls gebuͤhrende Bescheidenheit ihn von einer umstaͤndlichen Vergleichung nicht zuruͤcke hielte; die aber aus Malovends Erzeh- lung unschwer zu machen waͤre. Es haͤtte ied- wedes Volck und eine iegliche Zeit Beyspiele der Tugend/ welche Frembden und der Nach- welt ein Licht zu geben wuͤrdig waͤren. Er wuͤste aber nicht/ ob die Mißgunst oder das Ver- haͤngnuͤß Schuld daran waͤre/ daß man neue und einheimische Sachen mit unachtsamen Au- gen uͤbersehe/ und nur alte und frembde hoch hielte. Er stellte dem Zeno und Rhemetalces alleine zu bedencken anheim: daß Marcomir viertzig Schlachten gewonnen/ und siebentzig Kriege geendigt habe; daß er sechs mahl in Bri- tannien/ sieben mahl in Sarmatien/ zwey mahl in Colchis/ vier mahl in Gallien/ zehn mahl in Pannonien gewesen/ und eilf mahl uͤbers Meer gefahren sey. Wo aber fuͤr etwas son- derlichs zu schaͤtzen waͤre; wenn ein Fuͤrst durch Gemuͤths-Maͤßigung seiner Herrschafft ehe/ als das Verhaͤngnuͤß/ ein Ziel steckte/ so wuͤrde Marcomirs Beschluß/ welcher alle Wercke kroͤnete/ dem Alexander und Julius auser zweif- fel den Vortheil abrennen. Denn jener waͤre von seinen Freunden durch Gifft/ dieser durch das kalte Eisen aufgerieben worden/ als beyder unersaͤttliches Gemuͤthe noch nach groͤssern Dingen duͤrstete/ und ihr Kopff mit vielen Chi- maͤren schwanger ging. Der Feldherr Mar- comir aber haͤtte fuͤr die hoͤchste Gluͤckseligkeit ge- priesen/ wenn einer als ein Fuͤrst gebohren wuͤr- de/ als ein Held lebte/ und als ein Weiser stuͤrbe. Dannenhero haͤtte er nach Besiegung aller sei- ner Feinde sich selbst uͤberwunden; und nach dem er so gelebt/ daß es niemanden/ als die Fein- de des Vaterlands/ gereuen dorfte; auch so lan- ge/ daß er zu Verewigung seines Nahmens den minsten Beysatz der Zeit bedorfte/ bey noch hur- tigen Leibes- und Gemuͤths-Kraͤfften Wuͤrde und Herrschafft nieder gelegt. Seine Siegs- Gepraͤnge verwechselte er mit einer andaͤchtigen Einsamkeit/ seine Reichs-Sorgen mit einer Betrachtung irrdischer Vergaͤngligkeit. Die Nachsinnung uͤber der Unsterbligkeit der See- len/ war zugleich seine Erlustigung und Ehr- sucht. Diese letztere Entschluͤssung/ fing Zeno an/ halte ich fuͤr eine groͤssere Hertzhafftigkeit/ als seine vorgehende. Denn ob schon kein Ort o- der Stand zu finden/ darinnen ein tugendhaff- ter Geist nicht eben so wohl als Diogenes in sei- nem Fasse seine Vergnuͤgung antreffen/ und ihm eine annehmliche Einsamkeit bauen koͤnte; so erfoderte doch die Kunst wohl zu sterben nichts minder Zeit und Sorgfalt/ als das Leben. Die- se aber so lange an sich kommen lassen/ biß die Ohnmacht des Alters und das Gespenste des Todes uns uͤberfalle/ waͤre die schaͤdlichste Schlaff-Sucht. Sintemahl beydes den Men- schen in einem Augenblicke/ wie die Naͤchte die Nachbarn beyder Angelsterne mit einer kohl- schwartzen Finsternuͤß uͤberfiele; Niemand a- ber Arminius und Thußnelda. ber wie die Schlangen mit ihrer Haut die Schwachheiten des Alters abstreiffen koͤnte. Die menschliche Vermessenheit aber bildete ihr ins- gemein noch eine Last voll Kraͤffte zu haben fuͤr/ wenn sie kaum noch ein Loth besaͤsse. Daher koͤnten ihrer so viel keine Erlassung der Arbeit von ihnen selbst erlangen/ die ihnen gleich die Freyheit des Alters und die Gesetze des Va- terlands entraͤumten. Die Ehrsucht lobte ih- nen fuͤr eine groͤssere Suͤßigkeit ein an der Kette liegen und andere anbellen moͤgen/ als seiner Freyheit geniessen/ und keine Sclaven in seiner Gewalt haben. Dahero sicher ein uͤberirrdischer Triebzu seyn schien Purpur und Scharlach von sich werffẽ/ und sich mit Haar und geringer Wol- le decken/ seine Augen von dem Schimmer der schuͤtternden Diamanten und Rubine abziehen/ und auff die Asche der Todtengraͤber werffen. Rhemetalces setzte bey: er hielte dafuͤr/ die Goͤt- ter haͤtten das Hertz in den menschlichen Leib zu einem Uhrwerck gesetzt/ welches mit iedem Schlage den Menschen unauffhoͤrlich seiner Sterbligkeit erinnern solte. Und die/ welche sich uͤber Behertzigung ihrer Eitelkeit erlustigten/ kaͤmen ihm fuͤr wie die Schatzgraͤber/ welche sich erfreueten/ wenn sie auff die Scherben der zer- brochenen Todten-Toͤpffe kommen. Jn War- heit/ sagte Zeno. Denn beyde sind dem gesuch- ten Schatze sehr nahe/ diese dem Jrrdischen/ je- ne der Entbuͤrdung ihrer in dem Siechhause ihrer krancken Glieder angepfloͤckten Seele. Es ist nicht ohne/ sagte Marcomir/ daß die Hoffnung dieser Entbuͤrdung ein grosser Trost der Elenden/ und ihre Seufftzer alleine nach dem Tode als dem Hafen aller Bekuͤmmer- niß gerichtet seyn. Aber unsern in fast unver- aͤnderlichem Gluͤcke lebenden Marcomir muß etwas groͤssers als die mehrmahls kleinmuͤthige Begierde zu sterben zu seiner Entschluͤssung be- wegt haben. Wer wolte glaͤuben/ daß ihrer so viel/ welche in bluͤhenden Jahren/ im Uberflusse des Vermoͤgens/ bey unerschoͤpfften Kraͤfften/ im Angesichte des sie anlachenden Gluͤckes/ sich der weltlichen Ergetzligkeiten darum entschla- gen solten/ weil sie in den abscheulichen Tod so verliebt waͤren/ daß sie den suͤssen Genuͤß des Lebens fuͤr ein Gespenste ansehen/ und fuͤr der lockenden Wollust einen Eckel haben solten? Dannenhero die wahre Ursache schwerlich in den Scherben der stinckenden Todten-Toͤpffe/ sondern vielmehr in was himmlischem zu suchen sey. Denn nach dem zwar unser Leib aus der Erde/ unsere Seele aber/ nach der meisten Weisen Meinung/ aus dem Gestirne oder viel- mehr/ wie wir Deutschen glauben/ von GOtt seinen Ursprung hat; hegt sie gegen diesem ih- rem Brunnen eine nicht geringere Neigung/ als die Sonnenwende gegen die Sonne/ die A- fricanischen Ziegen gegen dem Hunds- und der Magnet gegen dem Noͤrdlichen Angel-Serne/ wenn anders diese heilige Regung nicht durch irrdische Verleitung/ wie der Magnet durch Knobloch/ entkraͤfftet wird. Dieses waͤre die Liebe GOttes/ welche die Seele so vergnuͤgte/ daß ihr alle andere Wollust zu Wermuth/ alle andere Pracht zu Staube wuͤrde. Alle andere Gestirne verschwinden fuͤr der Sonne deꝛ Gott- heit/ welche ohne Verwendung einigen Blicks der Mensch sein Lebetage anzuschauen geschaf- fen waͤre. Diese Liebe waͤre der Geist des Le- bens/ und ohne sie das von andern Reitzungen lodernde Hertz kalt und todt. Sie waͤre das Feuer des Weyrauchs und der Opffer/ ohne welches jener die Lufft stinckend machte/ diese sie mit Rauche schwaͤrtzten/ und die Erde mit Blu- te besudelten. Ja weil die Liebe den Liebenden mit dem Geliebten gaͤntzlich vereinbarte/ so er- langte sie mit der Umarmung Gottes das Be- sitzthum aller seiner unbegreifflichen Reichthuͤ- mer. Seine Gemeinschafft theilte ihr alles mit und verwandelte alles boͤse in das Beste. Das Armuth waͤre ihr Reichthum/ die Kranck- heiten gaͤben ihr Staͤrcke/ das Gifft dien- te ihr zur Artzney und der Tod zur Unsterblig- S 2 keit/ Anderes Buch keit/ als dem wahren Zwecke dieser Liebe/ und der ewigen Gluͤckseligkeit einer reinen Seele. Diese Suͤßigkeit wuͤrckte eine Vergessung al- ler andern vergaͤnglichen Schaͤtze. Alle vo- rige Absehen verrauchten; Das Gluͤcke ver- achtete sie als eine Naͤrrin/ die Wollust stincke sie an. Alle ihre Gemuͤths-Kraͤfften eignete sie GOtte zu; und wenn ihre Siegs- und Koͤnigs- Kraͤntze/ alle Gold-Adern und Edelgesteine nicht zu veraͤchtlicher Sand waͤre/ wuͤrde sie felbte zu seinem Dienst einweyhen. Hingegen waͤren alle ihre zu GOttes Verehrung gesche- hende Bemuͤhungen leichte. Wenn sie an der Ramme zoͤge/ deuchtete sie es ein Spiel zu seyn. Denn seine Guͤte gaͤbe seiner Ohnmacht Kraͤff- te/ und erleichterte die Last ihrer heiligen Ar- beit. Seine Barmhertzigkeit labte ihre Hitze/ ihr Schweiß wuͤrde zu ihrer Erqvickung/ der Dornen-Weg der Tugend verwandelte sich in weiche Rosen/ und ein Tropffen seines Trost- Balsams heilete alle Schmertzen. Die rauhe Hoͤle ihrer erwehlten Einsamkeit gefiele ihr bes- ser/ als die von Porphir und Golde glaͤntzen- den Schloͤsser; die wilden Kraͤuter waͤren ihr eine suͤssere Kost/ als die verschwenderische Taf- fel eines Apicius/ die Galle verliere auff ihrer Zunge die Bitterkeit/ aus einer Hand voll Meer-Wasser trincke sie etwas fuͤsseres als die Milch waͤre/ die vorher ihre irrdische Lippen aus den Bruͤsten der Wollust gesogen haͤtten. Die- se Flamme haͤtte nun auch die der Eitelkeit ab- gestorbene Seele des Feldherrn Marcomirs angefeuret: daß seine Andacht weder in dem greissen Alter noch im Tode erkaltet waͤre/ daß er die Naͤchte mehr der Verachtung der Ehr- sucht/ als dem Schlaffe/ die Tage aber in Be- trachtung der unerschaffenen Sonne zuge- bracht/ und endlich mit Freuden sterbende die Unsterbligkeit seiner Seele begierlich umar- met/ und mit seinen halb todten Lippen schon den Vorschmack eines bessern Lebens gekostet haͤtte. Zeno und Rhemetalces hoͤrten gleichsam verzuͤckt Mareomirn als einem Wahrsager zu. Nach einer Weile aber fing jener an: die- se Geheimnisse waͤren zwar fuͤr ihn zu hoch und er waͤre ein Kind in dieser Weißheit. Es schiene aber freylich wohl bey Mareomirn ei- ne uͤberirrdische Leitung zu seyn/ welcher Er- klaͤrung er ihm mit Gelegenheit auszubitten vorbehielte. Ausser dem koͤnten seines Er- achtens sich auch niedrige Ursachen ereignen/ eben so wohl Zepter und Krone wegzulegen/ als Sosthenes und andere viel sie anzuneh- men verschmaͤhet haͤtten. Ja es duͤnckte ihm eine ruhmswuͤrdige Klugheit zu seyn/ wenn ein Fuͤrst die schwere Last der Herrschafft von seinen Schultern weltzte/ ehe sie der Tod ihm aus den Haͤnden risse/ seine Lebens-Geister erkalteten/ und die Gemuͤths-Kraͤfften weg- fielen. Denn wie das greisse Alter durchge- hends einem lecken Schiffe und faulen Hau- se aͤhnlich waͤre/ also liesse sich von einer zit- ternden Hand das Steuer-Ruder eines Reichs uͤbel fuͤhren/ von trieffenden Augen die ver- borgenen See-Klippen/ die abwechselnden Winde/ die fernen Sturm-Wolcken/ die Un- gewitter andeutenden Gestirne/ welche nie- mahln in dem gefaͤhrlichen See-Busem einer Herrschafft mangelten/ nicht erkiesen; auch von tauben Ohren das Gebelle Seyllens und Cha- rybdens nicht bey Zeite hoͤren. ein allzu al- ter Fuͤrst wuͤrde gleichsam wieder zum Kinde/ er glaͤubte allen Hoff-Heuchlern. Die Boßheit leitete ihn wie ein kleiner Mohr einen grossen Elephanten. Die Diener suͤndigten ohne Fuꝛcht/ liessen ihnen auch noch wohl ihre Verbrechen belohnen. Die gebrechlichen Weiber wuͤrden selbst sein Meister. Ein Beyspiel alles des- sen haͤtte man an dem vorhin so klugen und gluͤcklichen Kaͤyser Augustus fuͤr Augen. Livia spielte mit ihm/ wie mit einem Papegoyen/ zwinge ihn zu Verstossung seiner Bluts-Ver- wand- Arminius und Thußnelda. wandten/ zur Verbannung seines einigen En- ckels Agrippa auf die Jnsel Planasia/ und sei- ner Tochter auf die Jnsel Pandateria; Dringe den Tiberius hingegen ihm zum Sohne und unzweifelbaren Nachfolger im Kaͤyserthum ein; also/ daß der/ welcher vorhin mehr als eine Welt kluͤglich zu beherrschen faͤhig geachtet worden/ itzt seines Hauses nicht maͤchtig waͤre. Daß auch das Gluͤcke/ als eine Buhlerin der Jugend/ ihn verliesse/ haͤtten sie in itziger Niederlage erfah- ren. Der fuͤr Jahren ein Wunder des Volcks gewest/ waͤre itzt ihr Gelaͤchter. Die Unter- thanen hielten seine Befehle veraͤchtlich/ die Feinde seine Gewalt geringe. Die durch frembde Einfaͤlle beschaͤdigten Laͤnder liessen ih- re Liebe sincken/ die bey seines gleichen insge- mein/ bey Fuͤrsten aber allezeit vom Nutzen ge- bohren/ von der Hoffnung unterhalten wird. Die untergedruͤckten Freunde wuͤrden ihm gram/ die Staats-Diener/ weil sie mehr wenige Zeit uͤbrig zu haben meinten/ griffen wie die Habichte desto unverschaͤmter in den gemeinen Schatzkasten/ die freygelassenen verkauften die Rathsstellen/ die Knechte machten ihren Herrn ihnen dienstbar/ und alle beteten die aufgehende Sonne noch in ihrer duͤsternen Wiege an. Allen diesen Spott und Schaden haͤtte Augustus ver- huͤtet/ wenn er wie Marcomir seine Herrschafft nur fuͤr etlichen Jahren abgetreten/ und sich den Mecenas hiervon nicht haͤtte ableiten lassen. Marcomir fing hier auf an: die freywillige und aus irrdischen Ursachen herruͤhrende Abdan- ckung sey bey grossen Fuͤrsten ein so unbekand- tes Wunderwerck/ daß er sich keines merck- wuͤrdigen Beyspiels erinnerte/ auch nicht glaub- te/ daß es iemahls des Augustus Ernst gewesen waͤre. Solte sich doch Marcomirs Sohn und Erbe Hippon einst haben verlauten lassen/ daß sein Vater die Ablegung Cron und Zepters noch fuͤr der Sonnen Untergang bereuet haͤtte; ungeachtet seine Entschluͤssung gewiß aus him̃- lischer Regung geschehen/ er auch in seiner Ein- samkeit nicht einst nach seiner Stul-Erben Ver- richtungen gefragt; sondern seine Haͤnde mit Pflantzung eines Gartens/ seine Gedancken a- ber mit Nachsinnen uͤber der Seelen Unsterb- ligkeit beschaͤfftigt; ja noch bey seinem Leben sein eigen Begraͤbniß-Feyer angestellt haͤtte. Rhemetalces fragte hierauf: Ob sein Sohn Hippon der siebende unter den Gemaͤlden/ und folgender Feldherr gewest waͤre? Nein/ ant- wortete Malovend/ wiewohl Hippon ein so klu- ger Fuͤrst war/ daß wenn Marcomir schon wie der grosse Alexander den besten/ oder wie Pyr- rhus den/ welcher den schaͤrfsten Degen haben wuͤrde/ zum Reichsfolger erklaͤret haͤtte/ er son- der das Recht seines Gebluͤts diese hohe Wuͤrde zu bekleiden wuͤrdig gewest waͤre. Denn es waͤre Jngram/ Marcomirs Bruder/ der sie- bende unter den Gemaͤlden/ ein Herr hohen Verstandes/ grossen Gemuͤths und unerschoͤpf- licher Guͤtigkeit an seine Stelle kommen; weil die Fuͤrsten Deutschlands/ um kuͤnfftiger Zwy- tracht vorzubeugen/ ihn schon fuͤr dreißig Jah- ren zum kuͤnftigen Feldherrn bestimmt hatten. Diesem verließ er seine Laͤnder in Deutschland/ als welcher vorher schon das Reich der Qvaden und Pannonier erheyrathet hatte/ seinem Soh- ne aber trat er die Britannischen Reiche mit de- nen Atlantischen Eylanden und andern ent- fernten Reichen mit grossem Gepraͤnge ab/ uͤ- bergab ihm auch/ wiewohl mit groͤsserer Groß- muͤthigkeit/ als der schon stumme Alexander dem Perdiccas/ seinen Siegelring/ mit der Er- mahnung/ daß er den ihm fuͤr diese fruͤhzeitige Erbschafft und solche ungemeine Wohlthat schuldigen Danck (in dem andere Koͤnige ihren Soͤhnen zwar das Leben/ nicht das Reich zu ge- ben/ sondern nur zu verlassen pflegten) seinen Unterthanen durch vaͤterliche Liebe abstatten solte. Durch den Ritter Nassau aber schickte er seinem Vruder Jngram den Stab und das S 3 Schwerd/ Anderes Buch Schwerdt/ als die Zeichen der deutschen Feld- hauptmannschafft/ mit dieser Erinnerung: Er uͤberschicke ihm hiermit die Cent- ner-Last/ nach welcher alle Sterblichen seufzeten/ die aber niemand/ der sie recht kennete/ aufheben wuͤrde. Es ist wahr/ sagte Rhemetalces/ die Buͤrde der Herrschafft darff Riesen-Achseln/ und gleichwol wuͤntschet sie iedweder Zwerg auf seinen Nacken zu kriegen. Alle wollen lieber in diesen guͤlde- nen Ketten verschmachten/ als bey mittelmaͤssi- gem Gluͤcke stoltzer Ruh und edler Freyheit ge- nuͤssen. Gleichwol aber koͤnte er obiger Mey- nung des Fuͤrsten Marcomirs/ daß der sechste Cheruskische Feldherr der erste waͤre/ welcher die Herrschafft abgetreten/ entgegen setzen/ daß vor wenigen Jahren eine Koͤnigin der Samojeden Thinacris/ und ein Koͤnig der Geten Rakimis/ fuͤr langen Zeiten aber Hierulck und Nidotical zu aller Menschen Verwunderung Kron und Zepter von sich geworffen; welcher letztere doch den Nahmen eines Herrn und die Anbetung der Goͤtter von seinem Volck vorhero angenom- men/ und seine Eitelkeit mit seinen gantz guͤlde- nen Kleidern und Diamantenen Schuhen an Tag gegeben/ ja seine Herrschafft fuͤr ein Goͤtt- liches Geschencke zu achten gehabt haͤtte; weil sie ihm lange vorher von den wahrsagenden Druyden waͤre angedeutet worden. Marcomir antwortete: Ob ich wol diese vier Begebenhei- ten fuͤr seltzamere Dinge achte/ als die Araber ihre Phoͤnixe/ und die Jndianer ihre Einhoͤrner; so duͤnckt mich doch/ es sey nirgend eine gantz freywillige Entaͤuserung gewesen. Denn Ni- dotical ward theils durch ungemeine Unpaͤßlig- keit/ durch Verwirrung seines Gemuͤthes und festeingebildete Zerruͤttung seines Reichs zu die- ser Ent s chluͤssung bracht; Hierulk aber von ihm hierzu beredet/ oder vielmehr uͤbereilet. Die Koͤnigin Thinacris entschloß sich aus Zwange hierzu/ weil sie entweder diß thun/ oder sich einem ihrer angebohrnen Freyheit unertraͤglicherm Gesetze der Vermaͤhlung eines Koͤniges unter- werffen solte/ den nicht sie zu erkiesen/ sondern die Unterthanen schon erwehlt hatten. Dahe- ro hielt sie es fuͤr rathsamer/ sich ehe der Herr- schafft uͤber viel tausend andere zu begeben/ als sich eines andern Gewalt zu unterwerffen. Auch diß letztere halte ich fuͤr ein Wunderwerck/ fing Rhemetalces an. Denn die Ehrsucht schaͤ- met sich nicht/ umb ihre Herrschafft zu befestigen/ alle knechtische Dienstbarkeit auf sich zu nehmen. Alle Larven der Welt waͤren ihr anstaͤndig/ der Bettlers-Mantel nicht zu verschmaͤhlich/ die Gestalt der Schlangen nicht zu abscheulich. Wenn man andere Regungen als Kinder mahl- te/ muͤste man die Begierde zu herrschen zwar als eine Riesin abbilden; gleichwol aber nehme sie wie Hercules die Spindel/ wie Apollo den Hirten-Stab in die Hand. Sie verwandelte sich wie Jupiter in einen Ochsen/ wenn sie da- durch einen Vortheil zu erlangen hoffte. Koͤnig Rakimis aber/ fuhr Marcomir fort/ war zu einer so dienstbaren Herrschafft zu ungeduldig/ welcher sie nicht so wol aus Verdruß uͤber sein Ungluͤ- cke/ als uͤber verkleinertem Ansehen bey seinen Unterthanen mit dem Ruͤcken ausah. Unge- achtet dieses Reich ohne diß dieser Suͤssigkeit/ nemlich der ungebundenen Gewalt/ nicht ge- wohnet/ sondern seine Koͤnige mit vielen Grund- Gesetzen/ und den Stimmen des fast unbaͤndi- gen Adels umbschraͤncket sind. Rhemetalces fuhr heraus: Jch halte denselben/ welcher nach frembder Richtschnur leben muß/ fuͤr keinen Koͤnig; Sintemal das Herrschen darinnen bestehet/ daß alle einem/ nicht einer allen von seinem Fuͤrnehmen Rechenschafft giebet. Jch halte/ sagte Malovend/ den Rakimis auch nur fuͤr einen Schatten eines Herrschers/ der Geten Herrschafft aber fuͤr eine unertraͤgliche Buͤrde/ fuͤr keine Ergetzligkeit. Denn ob ich wol derselben Unart nicht billige/ die Wollust und Uppigkeit fuͤr den Lohn ihrer Herrschafft halten/ Arminius und Thußnelda. halten/ sondern vielmehr den Purper fuͤr ein er- innerndes Sinnen-Bild ausdeute/ daß ein Fuͤrst sein Blut fuͤr sein Volck zu verspritzen schuldig/ auch zwischen Buͤrgern und Knechten ein Un- terscheid zu machen sey; so ist doch auch einem/ der zum Steur-Ruder gesetzt ist/ unertraͤglich/ daß ein ieder Boots-Knecht an solches seinem Gut- beduͤncken nach die Hand anlegen/ ein Unterthan seinem Koͤnige ins Antlitz widersprechen/ ein Unvernuͤnftiger/ ohne Anziehung einiger Ur- sache/ als welches er schon fuͤr eine Dienstbarkeit haͤlt/ die Reichs-Schluͤsse zernichten/ ein Auf- wiegler die Land-Tage zerreissen/ ein Vettler die Koͤnigliche Hoheit mit Fuͤssen treten moͤge. Gleichwol aber fuͤhren diese verderbliche Miß- braͤuche in dem Reiche der Geten/ das hierdurch mehrmals in die aͤuserste Gefahr gaͤntzlichen Un- tergangs verfaͤllt/ den scheinbaren Titul der Freyheit/ und man darff sich wol gar unterste- hen fuͤrzugeben/ daß die Unordnung ein Ancker/ und Uneinigkeit ein Reichs-Pfeiler der Geten sey. Am allermeisten aber war die Koͤnigliche Gewalt zur Zeit Rakimis verfallen/ und des Adels ihm zu Kopfe gewachsen. Denn/ als er nach seines Bruders Lissudaval Absterben das Reich uͤberkam/ hatten schon die Bastarnen ein Theil der Getischen Unterthanen den Kap- Zaum des Gehorsams abgeworffen/ welche Seuche auch andere Treue leichter/ als der schon in einem Gliede fressende Krebs den gesunden Leib vollends einnim̃t. Sein Stam̃ stand auf dem Falle/ indem er aller Kinder/ und hierdurch derselben Schutzwehren entbloͤsset war/ welche ein Reich und die Koͤnigliche Hoheit fester als Kriegsheere beschirmen/ weil doch die besorgte Rache des Nachfolgers auch die Verwegensten schrecket. Der Koͤnig muste dem Adel das Heft der Waffen in die Haͤnde geben/ wodurch ein Koͤnig seine Gewalt schon mit dem Volcke theilet. Weil er wider die Bastarnen wegen uͤbeler Anstalt seiner Befehlshaber etliche Tref- fen verlohr/ die Scythen wegen Zwytracht der Reichs-Staͤnde etliche Plaͤtze eroberten/ die von den Geten selbst ins Land beruffenen Samoje- den das gantze Reich uͤberschwemmeten/ und ihn aus dem Koͤnigreiche jagten; legten sie die Schuld auf ihren Koͤnig/ und buͤrdeten ihm nicht allein die Zufaͤlle des Gluͤcks/ wie der Poͤfel sonst zu thun gewohnt ist/ sondern ihre eigene Verbrechen auf. Ja sein eigner Unterthan Mulobir hielt ihn endlich so veraͤchtlich/ daß er auf ihn den Degen entbloͤssete/ und wider ihn nicht anders/ als einen Feind des Vaterlandes/ zu Felde zog. Zeno laͤchelte und sprach: So wolte ich lieber der Moßineken Fuͤrst seyn/ der nur einen Tag Hunger leiden muß/ wenn seine Anschlaͤge durch Zufall nicht zu gewuͤntsch- tem Zweck gelangen. Es ist ertraͤglicher/ ant- wortete Malovend/ als zwantzig Jahr seiner unbesonnenen Unterthanen Sclave und Fluch seyn/ wie es Rakimis gewest/ gegen dem sie aller- erst ihre schuldige Ehrerbietung bezeugten/ als er sich auch ihre Thraͤnen nicht erweichen ließ/ ihre so gefaͤhrliche Herrschafft zu behalten; welcher er/ wiewol zu spaͤt/ ein sicher und ruhiges Leben vorziehen lernte. Es ist eine nicht ungemeine Begebenheit/ daß die menschliche Boßheit des gegenwaͤrtigen Guten leicht uͤberdruͤssig wird/ also unbaͤndige Unterthanen ihre gegenwaͤrtige Fuͤrsten verdammen/ derer Verlust sie kurtz her- nach bejammern/ oder nach einem seufzen/ den sie kurtz vorher verfluchet. Ein fuͤrtrefliches Beyspiel stellet solchen un- vorsichtigen der oberwehnte siebende Feldherr/ Hertzog Jngram/ fuͤr Augen/ fing Malovend an. Denn ob wohl dieser tapfere Held bey den Deutschen in grossem Ansehen/ und neben dem grossen Marcomir Unterfeldherr war/ sein Bruder ihm auch aus der vaͤterlichen Erbschaft die Norichschen Laͤnder abgetreten hatte; so schaͤtzten ihn doch die Pannonier nicht wuͤrdig ihres Koͤnigs Lissudaval Tochter zu besitzen. Dieser Lissudaval hatte nicht mehr als einen Sohn den Fuͤrsten Gudwil und die Fraͤulein Her- Anderes Buch Hermildis/ eine Fuͤrstin von wunderwuͤrdiger Schoͤnheit/ ungemeinem Verstande/ und maͤnnlicher Tapferkeit. Diese Gaben zohen/ nicht anders als der Agtstein die Spreu/ unter- schiedene tapfere Fuͤrsten und Helden an ihres Herrn Vatern koͤniglichen Hof/ unter diesen auch den Hertzog Jngram/ und den Dacischen Fuͤrsten Decebal. Weil nun beyde Fuͤrsten sa- hen/ daß Hermildis die Eigenschafft des Ma- gnets und der Sonnen Wende hatte/ und wie diese nur den Gestirnen/ also sie nur der Tugend ihre Gewogenheit zuneigete; So diente die Lie- be beyden Fuͤrsten zu einem Wetzsteine/ ihre an- gebohrne Fuͤrtreffligkeiten taͤglich durch ruhm- wuͤrdige Ubungen mehr zu schaͤrffen; und nach dem Hermildis eine Sonne ihres Koͤnigreichs/ ein Begriff aller Tugenden war/ suchte ieder Fuͤrst/ welcher sie fuͤr seinen Leitstern erkieset hat- te/ mit tapfern Thaten ihre Gewogenheit zu er- werben/ iedoch durch selbte stets einer des andern Vollkommenheit zu verduͤstern. Denn die Flamme einer tugendhafften Liebe wecket die eingeschlaffensten Menschen auf/ sie begeisteꝛt die kaͤltesten Gemuͤther. Sie machet die Kloͤtzer rege/ die Cyclopen hoͤflich/ und die Nieder geschla- genen Ehrsuͤchtig. Jn denen aufgeweckten Seelen aber zuͤndet sie eine so ruͤhmliche Eyver- sucht an/ daß selbte auch die Unmoͤgligkeiten uͤ- berwinden/ und entweder Stern oder Asche werden wollen. Lissudaval war zwar uͤber dem Besitzthume eines so edlen Kleinods an seiner Tochter hoch vergnuͤgt/ gleichwol aber bekuͤm- mert/ daß er durch Erwehlung des einen Fuͤr- sten den andern erbittern/ und also diese so schoͤne Helena mit seinem Koͤnigreiche ein ander Troja anzuͤnden wuͤrde. Die Fuͤrstin Hermildis selbst konte uͤber diesen zweyen Hertzogen/ welche alle andere wie zwey Sonnen die gemeinen Sterne verfinsterten/ sich mit ihr selbst eines gewissen Urthels nicht vergleichen/ sondern gab ihrem hieruͤber sorgfaͤltigen Bruder/ entweder aus wahrhafftem Zweifel/ oder aus einer vernuͤnff- tigen Verstellung ihrer Zuneigung/ zu verste- hen: Sie wuͤste einen dem andern so wenig fuͤr- zuziehen/ als eines unter ihren eignen Augen fuͤr dem andern zu erwehlen. Nach vielen sel- tzamen beyder Fuͤrsten Ansehn in gleicher Wage haltenden Begebenheiten riß endlich beym De- cebal die Gedult aus/ und daher gerieth er ent- weder aus selbst eignem Mißtrauen zu sich selbst/ oder/ weil er die Tugenden zeither mehr ange- nommen/ als eigenthuͤmlich gehabt hatte/ von dem Pfad der Ehren/ auf den verzweiffelten Jrrweg der Laster. Alle sein Nachsinnen war nun wie er diesen guͤldnen Apfel nicht mehr so wohl durch seine numehr selbst verdammte Ver- dienste als Arglist zu uͤberkommen/ oder auf dem eusersten Fall auch dem Jngram/ dessen hohes Geschlechte das seine bey weitem uͤberstralete/ dieses Kleinods verlustig zu machen. Denn ei- ne falsche Liebe faͤhret/ wie die grimmige Medea/ mit Drachen/ sie verwandelt nicht nur/ wie die zaubernde Circe/ andere/ sondern sich selbst in reissende Thiere. Jhre Ungedult wird zur Raserey/ und ihre Mißgunst haͤlt eines fremb- den Genuͤß fuͤr unertraͤglicher/ als seinen eige- nen Verlust. Diesemnach Decebal den Jn- gram zum minsten so ungluͤcklich zu machen/ als er selbst zu werden fuͤrchtete/ die drey hefftigen Gemuͤths-Regungen die Regiersucht/ die Ey- versucht/ und Furcht wider ihn in Harnisch zu jagen bemuͤht war. Die Gelegenheit hierzu gab ihm ein grosses Feyer/ welches Koͤnig Lissu- daval auf seiner Tochter der Fuͤrstin Hermildis Geburts-Tag anstellte; darauf nicht allein alle an diesem grossen Hofe anwesenden Fuͤrsten und Herren sich stattlich ausruͤsteten/ sondeꝛn sich auch viel frembde/ um bey den Strahlen dieser Fuͤr- stin ihre Freyheit/ wie die Mutten bey dem Lich- te ihre Fluͤgel zu verlieren/ einfanden. Sinte- mahl es schwer oder unmoͤglich war die Hermil- dis zu kennen/ und nicht verliebt zu seyn. De- cebal/ welcher des Hertzog Jngrams Beginnen aufs genaueste auszuforschen viel Kundschaffter unter- Arminius und Thußnelda. unterhielt/ erfuhr endlich/ daß er ihm bey einem Silberdrechsler einen kuͤnstlichen Schild aus- arbeiten ließ/ darauf eine schoͤne von der Son- nen bestrahlte Perlen-Muschel geetzt/ auff der Schalen aber das schoͤne Antlitz der Hermildis abgebildet/ und der gantze Schild mit dieser U- berschrifft bezeichnet war: Das Beste/ und mein Abgott ist gleichwohl verborgen. Decebal konte aus dieser Nachricht unschwer errathen/ daß Jngram hierdurch so viel sagen wolte: Wie in der Muschel die Perle das koͤst- lichste waͤre/ also liebte er an der Hermildis mehr ihr tugendhafstes Gemuͤthe/ als ihre euserliche Schoͤnheit. Er mißbrauchte aber diese herrli- che Gedancken nicht anders/ als die Hirnse und Spinne die Rosen. Denn er ließ alsofort auf ein duͤnnes Blat das Bildnuͤß einer zur selben Zeit ihrer Schoͤnheit wegen beschrienen Cim- brischen Fuͤrstin Gondeberge mahlen/ welche man insgemein die Mitternaͤchtische Perle hieß; brachte es auch durch die dritte und vierdte Hand der uͤber solchem Schilde arbeitenden Kunst-Meister so weit/ daß nicht allein dis duͤn- ne Bildnuͤß/ ohne Jngrams Wissen/ unter das oberste Blat seines Schildes mit eingemacht/ sondern auch das oberste Blat schwach und zer- brechlich eingeschraubt ward. Hingegen ließ Decebal ihm einen Harnisch/ der uͤber und uͤber voller Feuer-Flammen loderte/ und einen Schild fertigen/ dessen Umkreiß sich gleicher ge- stalt in eitel Feuer-Flammen endigte/ in der mit- ten sich aber in drey Kleeblaͤtter zertheilte/ um hierdurch so wohl seine inbruͤnstige Liebe als die unverwelckliche Hoffnung fuͤrzubilden. Auff iedem Kleeblatte war ein Hertz gemahlet. Das erste lag auf gluͤenden Kohlen/ mit der Uber- schrifft: O suͤsse Einaͤscherung! Jn das andere ließ eine Hand biß zur innersten Spitze ein Bleymaaß/ mit der Uberschrifft: Liebe lie- be nichts seichtes. Das dritte hing zerspal- tet an einem durchgehenden Pfeile aneinander/ mit der Uberschrifft: Jn- und auswendig. Auf den angestellten Tag erschienen beyde Her- tzoge/ nach vielen vorhergegangenen Ergetzlig- keiten mit praͤchtigen Aufzuͤgen/ auf den zu den Ritterspielen bestimmten Schauplatz/ mit nicht andern Gemuͤths-Regungen/ als wenn dieser Tag ihrer Tapfferkeit die Fuͤrstin Hermildis zu einem Siegs-Preiß aufgesetzt haͤtte. Jm Ring- und Kopf-Rennen hielten beyde einander die Wage. Denn im ersten erhielt Decebal/ im andern Jngram aus den Haͤnden ihrer irrdi- schen Goͤttin den Preiß. Jederman war zu er- warten begierig/ wer unter diesen zwey Loͤwen im Turnier die Oberhand behalten wuͤrde/ dar- innen sie einander als zwey geschworne Tod- feinde anfielen. Jngram traf im zusammen- rennen den Decebal auf den Helm/ dieser je- nen/ und zwar mit sonderbarem Fleisse auf den Schild so hefftig/ daß beyde Lantzen in Stuͤcken sprangen. Hiermit griffen sie beyde nach sel- biger Landsart zu ihren Streitkolben; und so sehr sich Jngram bemuͤhete den Decebal am Lei- be zu beleidigen/ so sehr trachtete Decebal des Jngrams Schild zu zerschmettern. Bey sol- cher Beschaffenheit gaben die Zuschauer schon groͤsten theils dem Jngram gewonnen/ als/ nach einem heftigen Schlage des Decebals/ von Jn- grams Schilde das oberste Blat absprang. Das zusehende Volck hielt diß fuͤr seine eigene sinn- reiche Erfindung/ weil sie darauf alsofort ein so schoͤnes Bild ins Gesichte bekamen; Hertzog Jngram aber ward hieruͤber allein so heftig be- stuͤrtzt/ und nach dem er bey Herumdrehung des Schildes eines so frembden Bildnuͤsses gewahr ward/ hielt er sich nicht so wol fuͤr betrogen als be- zaubert. Decebal/ an statt daß er sich solcher Bestuͤrtzung zu seinem Vortheil und Beleidi- gung seines Neben-Buhlers/ dem gemeinen Urthel nach/ haͤtte bedienen sollen/ maste sich ei- ner befrembdenden Verwunderung an/ und ritte unter dem Schein einer gegen den Jngram gebrauchten Hoͤfligkeit aus dem Schrancken. Erster Theil. T Wie Anderes Buch Wie nun Jngram dergestalt stille hielt/ und sich mit sonderbarer Ehrerbietung gegen die koͤni- gliche Schaubuͤhne wendete/ ward iederman und hiermit auch das Fraͤulein Hermildis ge- wahr/ daß auf Jngrams Schilde die allenthal- ben mehr denn zu viel bekandte Cimbrische Her- tzogin Gandeberge abgebildet war/ und uͤber selbter diese Uberschrifft stand: Meine und die Nordische Perle. Jeder Einfaͤltiger/ geschweige eine so verschmitzte Fuͤrstin/ konte uͤ- ber diese und Jngrams erste uͤber die Perlen- Muschel gestellte Uberschrifft und Sinnenbild vernuͤnftig keine andere Ausdeutung machen/ als daß Jngram die Hermildis nur fuͤr die eu- serste Schale/ die Cimbrische Hertzogin aber fuͤr die Perle und seinen Abgott hielt. Dahero ist leicht zu erachten/ wie Hermildis diese eingebil- dete Beschimpffung ihr zu Gemuͤthe zoh. Rhe- metalces fiel ein: Jch bin begierig ihre Empfind- ligkeit zu vernehmen. Denn man sagt/ daß wenn eine erzuͤrnte Taube ein Ey lege/ werde ei- ne Natter daraus gebruͤttet/ und ein erbostes Weib gewinne an Grausamkeit den hoͤllischen Unholden ab. Ja/ antwortete Malovend/ aber gleichwol vermochte Hermildis ihren Ge- muͤths-Regungen einen solchen Zaum anzule- gen/ daß die Zuschauer ihnen einbildeten/ es muͤste Hermildis dieser Bildnuͤsse so genau nicht innen worden seyn. Der Koͤnig nahm diese Begebenheiten zwar wol wahr/ weil er aber aus dem Stegereiffen keine untadelhafte Entschluͤs- sung zu erkiesen wuste/ gebrauchte er sich des un- gefaͤhr fallenden Regens zu einem Vortheil sei- ner Klugheit/ befahl also wegen unsteten Wet- ters vom Turnier abzublasen/ und ließ durch den Herold dessen Fortstellung auf folgenden Morgen andeuten. Weder Hermildis noch Jngram wusten/ wie sie vom Schauplatze ka- men/ also waren beyder Gemuͤther verwirret. Jngram verfluchte den schaͤndlichen und uner- forschlichen Betrug/ Hermildis wuͤtete uͤber so schimpflicher Verschmaͤhung. Decebal hin- gegen lachte in die Faust/ und kitzelte sich uͤber sei- ner so gluͤcklichen Arglist. Fuͤrst Gudwil dach- te auf nichts als eine geschwinde/ Lissudaval auff eine vorsichtige Rache. Denn die Beleidigten sind insgemein blutgieriger als die Aegeln/ und ergetzen sich an abgeschlachteten Leichen mehr/ als die Scharfrichter. Hertzog Jngram war in tiefsten Gedancken begriffen/ so wol den Ur- sprung des Betrugs zu ergruͤnden/ als der Fuͤr- stin Hermildis seine Unschuld zu erhaͤrten. We- gen des ersten ar gwohnte er auf Decebaln/ theils aus seinen Sinnenbildern/ theils aus denen auf den Schild fort fuͤr fort gefuͤhrten Streichen. Wegen des andern aber zweifelte er/ daß Her- mildis von ihm einige Schutz-Schrifft anneh- men wuͤrde. Als er sich nun mit diesen Gedan- cken schlug/ brachte ihm der Ritter Bercka vom Fuͤrsten Gudwil/ und einen Augenblick darauf ein Norichischer Edelmann vom Decebal einen anzuͤgerlichen Absag- und Ausfoderungs-Brief zu einem ernsten Kampffe auf folgenden Tag; darinnen sie die der ihm von niemandẽ feil gebo- tenẽ Fuͤrstin zugefuͤgte Beschimpfung mit nichts wenigerm/ als seinem Blute/ auszuleschen draͤueten. Eine Viertelstunde darauf empfing er durch einen Edelknaben von ihr selbst einen Befehl/ er solte bey Vermeidung grimmigster Rache ihr nicht mehr ins Antlitz zu kommen sich erkuͤhnen. Jngram haͤtte bey so unuͤbersehli- chem Ungluͤcke verzweifeln moͤgen. Er konte ohne Zagheit nicht vom Kampfplatze aussen bleiben/ und gleichwol dorfte er ohne seiner an- dern Seele der holdseligen Hermildis noch groͤs- sere Beleidigung sich dahin/ nemlich fuͤr ihre Au- gen/ nicht gestellen. Die gantze Nacht ward oh- ne Schlaf und mit tausendfachen Abwechselun- gen der heftigsten Gemuͤths-Regungen aller Orts zubracht. Die freudige Sonne hatte allein ruhig ausgeschlaffen/ und die anmuthige Mor- genroͤthe gruͤste den Tag mit lachendem Mun- de. Jhr und allen aber war auf dem Schauplatze noch zuvor kommen ein Ritter in eben einem so feuri- Arminius und Thußnelda. feurigen Harnische/ wie den Tag vorher Dece- bal angehabt. Der Schild allein fuͤhrte ein ander Sinnbild/ nehmlich eine Taube die einen Adler zerriß/ mit der Uberschrifft: Maͤchtige Ohnmacht der Rache. Die Trompeten hatten kaum das erste mahl ein Zeichen zur Ver- sammlung der Ritterschafft gegeben/ als selbte sich mit unglaublicher Menge um die Schran- cken/ wie auch bey dem dritten Ausblasen der schwermuͤthige Koͤnig/ iedoch ohne die Fuͤrstin Hermildis/ als welche sich bey ihrem Herrn Vater mit Unpaͤßligkeit hatte entschuldigen lassen/ einfand. Hertzog Jngram kriegte von ihrem Aussenbleiben durch die seinigen bey Zei- te Wind/ und weil er es dahin andeutete: die Fuͤrstin sey nach erfahrner Ausfoderung mit allem Fleiß aussenblieben/ um/ unbeschadet des Verbots ihres Angesichts/ ihm den Schauplatz zu eroͤffnen/ so erschien er alsofort in einem kohl- schwartzen Harnische. Auff seinem Schilde schwebte ein Salamander in der Flamme/ mit der Uberschrifft: Die unversehrliche Un- schuld. Fuͤrst Decebal erschien in blancken mit goldnen Blumen beworffenen Waffen; Jn dem Schilde war eine Sonne gemahlet/ welche mit ihren Strahlen einen Nebel und darinnen sich befindende Neben-Sonne unter sich dꝛuͤckte/ mit der Uberschrifft: Die obsiegende Wahr- heit. Hertzog Gudwil hatte einen gantz ver- guͤldeten Harnisch/ in seinem Schilde stand der Qvadische Loͤw/ und brach einen Hauffen Pfei- le entzwey/ mit der Uberschrifft: Veraͤchtliche Waffen der Mißgunst. Diese zwey Fuͤr- sten und iederman war bekuͤmmert/ wer der fremde Ritter waͤre/ Hertzog Jngram aber muthmassete aus der Gleichheit des Harnisches: es waͤre Decebal. Daher rennte er nach gege- benen Zeichen wie ein Blitz auf ihn/ und jener be- gegnete ihm mit nicht geringerer Fertigkeit/ bey- de traffen auch so wohl/ daß die Splitter von bey- den Lantzen in die Hoͤh sprangen. Bey der Um- wendung reichten ihre Waffentraͤger ihnen ein paar andere/ welche sie ebensfalls ohne Beschaͤ- digung an einander in Stuͤcken rennten. Jm dritten Rennen ließ Jngram aus einer fast ver- zweiffelten Verbitterung die eingelegte Lantze kurtz fuͤr dem Antreffen sincken/ umarmte seinen Feind/ und riß ihn durch eine unglaubliche Ge- schwindigkeit mit sich vom Pferde/ stieß ihm auch zwischen den Zusammenfuͤgungen den Degen in Leib/ daß er fuͤr todt liegen blieb. Alsofort fing sein vermum̃ter Waffentraͤger ein erbaͤrm- liches Mordgeschrey an: Ach! Hermildis! Her- mildis! ungluͤckselige Fuͤrstin! Hertzog Jngram/ der sich alsbald wieder zu Pferde gesetzthatte/ er- starrte uͤber dieser Stimme wie ein Scheit; und der gantze Schauplatz gerieth in eine Raserey/ als sie nach abgerissenem Helme Hermildens Antlitz erblickten/ aber wenig Zeichen des Lebens an ihr verspuͤrten. Jngram waͤre in diesem Getuͤmmel von dem wuͤtenden Poͤfel in Stuͤ- cke zerrissen worden/ wenn nicht der Koͤnig bey diesem ihn am meisten bekuͤmmernden Zufalle Vernunfft und Maͤßigung seiner Regungen behalten/ auch der Leibwache ihn zu beschirmen befohlen haͤtte. Nach gestilltem erstem Auff- ruhr/ und als die Fuͤrstin sich von der Ohnmacht erholte/ die Wundaͤrtzte gleichergestalt die Ver- letzung nicht fuͤr toͤdtlich hielten/ kamen Hertzog Gudwil und Decebal und baten beym Koͤnige aus/ daß sie gegen den Jngram fechten und Rache ausuͤben moͤchten. Dieser ward hier- durch allererst von seiner Bestuͤrtzung ein we- nig ermuntert/ redete damit den Lißudaval an: Jch wuͤnsche durch mein Blut/ großmuͤthiger Fuͤrst/ meinen Jrthum zu buͤssen/ wenn ich dar- durch nur allein meine durch des Decebals Be- trug oder Zauberey geschaͤndete Unschuld ans Tagelicht bringen koͤnte. Das Verhaͤngniß wird es mir sicherlich/ und dadurch dieses Gluͤ- cke verleihen/ daß der Erlauchte Fuͤrst Gud- wil Decebals offenbahrtes Laster verfluchen/ T 2 und Anderes Buch und mich gegen dem/ welchem ich so hoch verbun- den bin/ zu kaͤmpffen nicht noͤthigen werde. Nach dem Koͤniglichen Verlaub traffen Jn- gram und Decebal als zwey Felsen an einander/ das Gefechte schien mehr als menschlich zu seyn/ denn nach gebrochenen Lantzen und gefaͤlleten Pferden fuͤhrten sie zu Fuße mit ihꝛen Schwerd- tern auff einander ohne einiges Verblasen/ gleich als wenn sie keines Athemholens beduͤrf- ten/ solche Streiche/ welche auffzuhalten Stahl und Harnisch zu wenig waren. Endlich unter- lieff Jngram dem Decebal sein Gewehr/ und nach einem langen Ringen fielen sie mit ein- ander zu Boden; weil aber Jngram das Gluͤ- cke hatte oben zu kommen/ nahm er seines Vortheils so wohl wahr/ daß er dem Decebal den Helm vom Haupte riß/ und ihm den De- gen an die Gurgel setzte/ mit Bedraͤuung: Er wolte ihm nun das Licht ausblasen/ da er nicht die betruͤgerische Verfaͤlschung seines Schildes eroͤffnen wuͤrde. Jn Decebals Gemuͤthe kaͤmpf- te Schande und Liebe des Lebens. Diese aber uͤberwog jene/ und er gestand/ wie schwer es ihm ankam/ mit Erzehlung aller Umstaͤnde zu/ daß auff seine Anstifftung der Blattner der Cim- brischen Hertzogin Bildniß unter das oberste Blat eingeschraubet haͤtte; Welch Bekaͤnt- niß auch alsofort durch den herzu gefoderten Blattner bekraͤfftigt ward. Nicht nur des Koͤ- nigs und des Fuͤrsten Gudwil/ sondern aller anwesenden Gemuͤther wurden hierdurch gantz umgekehrt/ und so viel Jngram Ansehen und Gewogenheit erwarb/ so tieff verfiel Decebal in Haß und Verachtung/ ja Lißudaval ließ ihm alsofort Stadt und Hoff verbieten. Jngrams groͤste Bekuͤmmerniß war die Fuͤrstin ausser Ge- fahr/ und sich bey ihr ausgesoͤhnt zu wissen. Al- leine wenig Tage versetzten sie in eine versi- cherte Genesung/ und ihres Brudern Erzeh- lung der voͤlligen Begebenheiten den Jngram in so grosses Ansehen/ daß sie ihn selbst zur Ver- hoͤr beruffen ließ/ ja/ als er ihr seine Verle- tzung auff den Knien abbitten wolte/ einiges sein Erkaͤntniß nicht annahm/ sondern ihr selbst ein zweyfaches Verbrechen/ so wohl eines uͤbel- gegruͤndeten Argwohns/ als einer ungerech- ten Antastung zueignete. Es ist wunderns- werth/ wie die zwey widrigsten Gemuͤths-Re- gungen Liebe und Rache in einer Seele so ge- schwind abwechseln koͤnnen! Die zeither freye Hermildis ward durch die verbindlichen Liebes- Bezeugungen Hertzog Jngrams nunmehr tief- fer im Gemuͤthe/ als vorher mit seinem De- gen verwundet. Den Koͤnig Lißudaval ver- band er ihn zu einer innerlichen Zuneigung/ den Fuͤrsten Gudwil zu einer bruͤderlichen Vertrauligkeit; und hiermit schien er alle Hin- dernisse die Qvadische Hertzogin zu erlangen uͤberstiegen zu haben/ als Hertzog Decebal bey denen ihm benachbarten und befreundeten Pannoniern den Hertzog Jngram durch eine empfindliche Verlaͤumdung vergaͤllete. Denn er ließ durch einen Betruͤger seine Hand nach- mahlen/ und sein Petschafft nachstechen/ schrieb hiermit in seinem Nahmen einen Brieff an den Obersten Feldherrn Marcomir/ darinnen er die Hoffnung seiner Vermaͤhlung mit der Hermildis Jhm vergewisserte/ wordurch er das Pannonische Reich/ welches fuͤr acht und sechtzig Jahren von ihrem Geschlechte durch angemaßtes unrechtes Wahl-Recht abkom- men waͤre/ wiederum an sich zu ziehen anziel- te. Diesen Brieff haͤndigte er selbst einem Post-Reuter ein/ solchen dem Marcomir zu uͤ- berbringen/ stellte aber etliche Pannonier an/ daß sie einen solchen verdaͤchtigen Brieff-Traͤ- ger nicht allein anhalten/ und ihm die Schrei- ben abnehmen/ sondern selbten auch/ wormit sein Betrug verschwiegen bliebe/ todt schlagen solten. Keine Natter kan so vergifftet sich an- stellen/ wenn sie getreten wird/ als der Adel/ wenn man ihm das Wahl-Recht nehmen/ und ein Arminius und Thußnelda. ein freyes Volck/ wenn man es zu Erb-Un- terthanen/ oder seiner Auslegung nach zu Scla- ven machen will. Daher ist unschwer zu er- achten/ wie die Pannonier/ die ohne diß nicht so viel Schatten einer Dienstbarkeit/ als ein Au- ge Staub in sich vertragen koͤnnen/ wider den Hertzog Jngram erbittert worden. Die Furcht und Einbildung sind ausser dem gewohnt/ eben wie die Fern-Glaͤser/ alle Dinge zu vergroͤs- fern/ und den Sachen eine andere Farbe anzu- streichen/ ja diß/ was etwan geschehen kan/ fuͤr etwas wesentliches zu verkauffen. Dahero war kein Herrschens-Joch so strenge zu ersin- nen/ das sie nicht schon unter dem Jngram auff ihren Achseln zu haben ihnen traumen liessen; und wormit sie ihrer Empfindligkeit so vielmehr Ansehen und Beypflichtung zu wege braͤchten/ stellten sie dem Hertzog Gudwil nicht allein seine eigene Gefahr und die Verdringung von denen Vaͤterlichen Reichen fuͤr/ sondern sie erklaͤrten ihn auch noch bey Lebzeiten Lißudavals zu ihrem kuͤnfftigen Beherrscher. die Qvaden machten bey so scheinbarer Gefahr auch grosse Augen/ und die eifersuͤchtige Herrschens-Sucht ver- wandelte Hertzog Gudwils Freundschafft wi- der den Jngram in einen hefftigen Argwohn. Ja es mangelte nicht an Leuten/ die um sich beym Gudwil in Ansehen grosser Treu zu se- tzen ihm riethen: Er solte nicht allein Jngrams Heyrath mit seiner Schwester stoͤren/ sondern ihm auch das Licht ausblasen. Fuͤrsten solten allezeit den verdaͤchtig achten/ der nach ihnen ihm Hoffnung zum Reiche machen koͤnte. Es waͤre diese Entschluͤssung nicht zu verschieben/ in welcher die Langsamkeit mehr als Verwe- genheit Schaden braͤchte; auch doͤrffte man uͤber dem/ was zur Ruhe des Volcks/ zur Befesti- gung des Throns/ und zu dem gemeinen Heil angesehen waͤre/ ihm kein Gewissen machen/ wenn es schon einen Schein der Grausam- keit an der Stirne fuͤhrte. Die Sueßioner und Senoner haͤtten fuͤr hundert Jahren ihr von den Eubagen/ welche sich wider die alten Druyden aufflehnten/ und ihren Gottesdienst aus den Geheimnissen der Natur ergruͤbeln und befestigen wollen/ zerruͤttetes Reich nicht ehe in Ruhe setzen koͤnnen/ als biß Koͤnig Colusar ei- nes ihrer Haͤupter durch Verlobung seiner Schwester/ das andere mit Verleihung gros- ser Wuͤrden gantz sicher gemacht/ und auff der Koͤniglichen Hochzeit uͤber hundert tausend Eu- bagen unversehens nieder saͤbeln lassen/ den Braͤutigam auch selbst zu Abschwoͤrung des Eubagischen Gottesdiensts genoͤthigt. Ver- zweiffelte Kranckheiten muͤste man mit Giffte heilen/ und in allen grossen Beyspielen stecke ein Gran Ungerechtigkeit/ welche Scharte a- ber durch den gemeinen Nutzen ausgewetzt wuͤr- de. Hertzog Gudwil gerieth hierdurch in ei- nen rechten Kampff seines Gewissens und der Regiersucht. Jenes redete dem Jngram als einem noch nie uͤberwiesenen das Wort; diese aber sprach ihm das Leben ab/ weil einem in Lastern/ die die Herrschafft angehen/ auch nur glaubhaffte Muthmassungen zu verurtheilen berechtigt waͤren. Hertzog Jngram/ welchem diese Verleumdung lange Zeit verborgen blieb, erfuhr selbte durch vertrauliche Nachricht des Ritters Schlick/ und zugleich/ was man dem Gudwil wider sein Leben fuͤr blutige Rath- schlaͤge einbliesse. Gleichwohl behielt dieser Fuͤrst ein der Gefahr gemaͤsses Gemuͤthe/ und weil er durch eine blosse Schutz-Rede den be- reit so tieff eingewurtzelten Verdacht zu vertil- gen nicht getrauete/ noch durch eine heimliche Flucht zwar sein Leben zu retten/ seine Unschuld aber in mehrern Verdacht einzusencken/ und sich dadurch der unschaͤtzbaren Hermildis verlustig zu machen nicht fuͤr rathsam hielt/ ihn auch seine uͤbermaͤßige Liebe alles eusserste zu versuchen veranlassete/ so nahm er seine Zuflucht zu einer vermessenen Andacht. Denn den folgenden Tag Anderes Buch Tag fiel der Neumond ein/ an welchem die Pan- nonier und Qvaden der Gottin Kihala opferten. Diese Goͤttin war ein nacktes auff einem mit zwey Tauben bespannten Wagen stehendes Weib/ in ihrer rechten Hand trug sie die Welt- Kugel/ in der lincken drey Granat-Aepfel/ auf dem Haupte einen Myrthen-Krantz/ aus ihrer Brust ging eine brennende Fackel herfuͤr. Auf ihrem Altare lag ein aus dichtem Golde auf dem einen Gebuͤrge dieser Voͤlcker gewachsener Stab/ darauf die Koͤnige nicht allein dem Reiche ihre Eydes-Pflicht zu leisten/ sondern auch ande- re Grossen des Landes ihre Angeloͤbnuͤsse zu be- schweren pflegten; und wird geglaubt/ daß kein Meineydiger aus dem Tempel lebendig scheiden koͤnte. Wie nun der Koͤnig/ Fuͤrst Gudwil und Hermildis fuͤr diesem Bilde knieten/ und der Priester ein Opfer nach dem andern anzuͤn- dete/ kam Hertzog Jngram unversehens in den Tempel/ legte seine lincke Hand auf den guͤlde- nen Stab/ und schwur mit heller Stimme: Jch ruffe euch Schutz-Goͤtter dieses Koͤnigreichs zu Zeugen/ daß ich das Erbrecht desselben meinem Stamme zuzuziehen/ die Freyheit des Volcks zu unterdruͤcken/ noch auch den Fuͤrsten Gudwil darvon abzustossen niemals/ sondern allein die unvergleichliche Hermildis zu besitzen gedacht. Da auch ich hierinnen meineydig bin/ so werde ich und mein Stam̃ vertilget/ so verzehre mich augenblicks diese Flamme. Hiermit faßte er mit der rechten Hand den gluͤenden Rost/ worauf die Opfer lagen. Alle Anwesenden erstarrten hieruͤber/ und insonderheit/ da sie ihn die Hand gantz unversehrt von dem umbfaßten brennen- den Eisen wegziehen sahen. Weil nun kein Mensch an seiner durch dieses Wunderwerck bewehrten Unschuld zweifelte/ muste sich Hertzog Gudwil schaͤmen/ daß er diese andere Ver- leumbdung sich so leichtglaͤubig hatte einnehmen lassen. Es ist sicher eine vermessene Zuversicht zu seiner Unschuld/ oder ein ungemeines Ver- trauen zu den Goͤttern gewest/ fing Zeno an/ da unter diesem Wunderwercke nicht ein Kunst- Stuͤcke verdeckt gelegen. Was fuͤr ein Kunst- Stuͤcke? versetzte Malovend. Zeno antwor- tete: Machet man aus dem Amianten-Steine Leinwand/ die von der Flamme gereinigt/ nicht verzehret wird; waͤchset auf dem Javischen Ge- buͤrge Holtz/ das nicht verbrennet; leben in den Cyprischen Schmeltz-Oefen uͤber dem zerfluͤs- senden Ertzte gewisse Fliegen unversehrt; leschen die Salamandern mit ihrem Speichel das Feu- er aus/ so ist es auch wol moͤglich/ daß der Mensch seine Glieder durch natuͤrliche Mittel fuͤr dem Brande verwahre. Uberdis sollen nicht weit von Rom in dem Filiskischen Gebiete gewisse Geschlechter/ die Hirpien genennt/ ge- wesen seyn/ welche am Berge Soractes/ wenn daselbst jaͤhrlich dem Apollo geopfert worden/ uͤber die gluͤenden Braͤnde ohne einigen Scha- den baarfuͤssig gehen koͤnnen/ und deßwegen vie- ler Freyheiten genossen haben. Malovend begegnete ihm: Es mag wol seyn/ daß unter de- rogleichen Begebenheiten zuweilen die Kunst oder die Natur spiele; Hertzog Jngrams Be- ginnen aber ward als ein unbegreiffliches Wun- derwerck der sonderbaren Fuͤrsorge seiner Schutz-Goͤtter zugeschrieben; und daher ihm alsofort die Fuͤrstin Hermildis im Tempel mit grossem Frolocken der Qvaden verlobet. Kurtz hierauf starb der Koͤnig Lissudaval/ und betrat Fuͤrst Gudwil beyde Reichs-Stuͤle/ wiewohl mit minderm Gluͤcke/ als Verdienst. Denn Decebal erregte wider ihn den maͤchtigen Roͤnig der Scythen Salomin/ daß er mit einem grossen Heere in Pannonien einfiel. Koͤnig Gudwil begegnete ihm zwar mit Heeres-Krafft/ ward aber bey Zoma geschlagen/ und er selbst kam in einem Morast umb. Nach dessen Tode erkenn- ten die Qvaden zwar alsobald die Fuͤrstin Her- mildis fuͤr eine Erbin des vaͤterlichen Reichs/ uud den Hertzog Jngram fuͤr ihren Koͤnig; die Pannonier aber wurden untereinander zwistig/ und erwehlte ein Theil in Ansehung der Anver- wand- Arminius und Thußnelda. wandnuͤß und seiner Tapferkeit den Jngram/ das andere Theil aber/ theils wegen ihrer Blut- freundschafft/ theils aus Furcht fuͤr der Dacier und Scythen grosser Macht/ theils weil ihnen das vom Decebal gegen den Jngram erregte Mißtrauen noch im Hertzen steckte/ den Dece- bal/ welcher inzwischen ein Sarmatisches Fraͤu- lein Lasabile geheyrathet hatte. Hiermit gerie- then diese zwey Fuͤrsten gegeneinander in Krieg/ das Gluͤcke aber stand auf Hertzog Jngrams Seiten; denn er bemaͤchtigte sich der Haupt- Stadt/ und ließ sich kroͤnen/ verfolgte hierauf mit seinen siegreichen Waffen den Decebal/ und schlug ihn beym Flusse Pathißus aufs Haupt/ also daß er zum Salomin zu fluͤchten ge- noͤthigt ward. Dieser fuͤhrte ein Heer von 300000. Scythen wider den Koͤnig Jngram auf/ drang damit biß ins Hertze Pannoniens/ und belaͤgerte die Stadt Vindobon. Es be- schuͤtzte aber selbte mit unglaublicher Gegen- wehr Friedebald der Alemannier und Vangio- nen Hertzog so lange/ biß Koͤnig Jngram ein ansehnlich Heer zusammen zog. Welchem aber Salomin nicht Fuß halten wolte/ sondern nach Verlust unzehlbarer Stuͤrme und mehr als 60000. Mann ab- und in Scythien zuruͤck zie- hen muste. Jnsonderheit machte die Belaͤger- ten behertzt eine staͤhlerne in einem alten Tempel aufgehenckte Krone/ die der alte Koͤnig Frison dahin gebracht/ und mit seiner Jndianischen Gemahlin Palibothra zum Braut-Schatze be- kommen haben soll/ als ihn Sandrocot aus dem Emodischen Gebuͤrge vertrieben/ und er an- fangs in Egypten/ hernach in Thracien/ endlich in Deutschland sich niedergelassen. Denn sie glaubten/ daß/ so lange diese in ihren Ring-Mau- ren waͤre/ die Stadt nicht zu erobern sey. So gibt diese Stadt/ fing Zeno an/ Rom nichts nach/ welches auf sein Bild der Pallas/ das Eneas aus dem Trojanischen Brande/ Metellus aus dem in voller Glut stehenden Tempel der Vesta errettet/ oder auf den kurtzen Schild/ der unter dem Numa vom Himmel gefallen seyn soll/ so viel bauet. Es sind dergleichen Schutz-Bilder hin und wieder gar gemein/ siel Rhemetalces ein/ und habe ich in der Africanischen Stadt Bockan Hemer auf einem sehr hohen Thurme vier guͤl- dene Kugeln angetroffen/ die 700. Pfund wie- gen/ welche eines Mohrischen Koͤnigs Tochter aus ihren Geschmeiden unter einem besondern Zeichen des Gestirnes hat giessen/ und statt ihres versprochenen Braut - Schatzes auf die 4. Thurm-Ecken setzen lassen/ ja gewisse Geister zauberisch beschworen/ daß sie verpflichtet waͤren/ solche Aepfel und zugleich solches Reich ewig zu bewahren. Allein der Ausgang lehret nicht allein/ daß hierunter viel Aberglauben und Ei- telkeit stecke; wie denn diß Reich ietzt mit seinen Aepfeln unter frembdem Joche schmachtet/ und Troja ist unbeschadet ihres Pallas-Bildes von den Griechen/ Rom unbeschadet seines Ancils von Deutschen erobert worden; sondern der Ursprung und die Wahrheit dieser Schutz-Bil- der ist auch meist zweifel- oder gar luͤgenhafft. Einige Roͤmer wollen selbst nicht glauben/ daß das Roͤmische Palladium das rechte sey/ weil Heraclea/ Lavinium und Luceria das unver- faͤlschte zu haben sich ruͤhmen/ und unter den zwoͤlf Ancilen weiß niemand/ welches das rechte sey. Viel mienẽ auch/ daß Eneas das Palladium vom Diomedes nicht kriegt/ weniger in Jtalien gebracht/ sondern Fimbria es im Mithridati- schen Krieg bekommen habe. Jch glaube selbst/ versetzte Malovend/ daß Friedebalds Tapferkeit das beste Schutzbild der Stadt Vindobon/ und der Ungluͤcks-Stein der Scythen gewesen sey. Durch derselben Verlust und Flucht ward De- cebal gezwungen den Koͤnig Jngram umb Frie- den anzuflehen/ und sich des Pannonischen Rei- ches zu entaͤusern; gleichwol aber blieb dem De- cebal das vorhin zu Pannonien gehoͤrige Dacien mit dem Koͤniglichen Titul und beyderseitiger Bedingung: daß/ wer unter ihnen den andern uͤberlebte/ das Koͤnigreich Pannonien voͤllig haben Anderes Buch haben solte. Wenige Zeit hernach starb Dece- bal. Als nun Koͤnig Jngram/ vermoͤge ihres Bundes/ das Pannonische Dacien wieder for- derte/ schuͤtzte die Koͤnigin Lasabile fuͤr: Decebals abgeredter Ruͤckfall haͤtte den Verstand in sich gehabt/ da einer unter ihnen ohne Kinder stuͤrbe/ und Salomin/ dem Jngrams mehrere Vergroͤsserung Kummer machte/ schickte des Decebals zweyjaͤhrichtem Sohne Festan eine Koͤnigliche Krone und andere kostbare Geschen- cke/ versicherte die Koͤnigin seines Beystandes/ brachte auch die Staͤnde des Reichs theils durch Bedraͤuung/ theils durch Verheissungen/ darzu/ daß sie diesem Kinde die vaͤterliche Krone aufsetz- ten/ sich auch uͤberdis noch ein Theil Pañoniens/ das die Jatzyger bewohnen/ zu ihm schlug. Als nun Koͤnig Jngram mit sieghaften Waffen die Abtruͤnnigen wieder eroberte/ drang Salo- min mit einer neuen Heeres-Macht wieder her- fuͤr/ laͤgerte sich bey Bregetio/ worinnen sich die Koͤnigin Lasabile und ihr Sohn aufhielt. Da- selbst bekleidete er seine Arglist mit betruͤglichen Liebkosungen gegen der Koͤnigin und die Lan- des-Herren/ als dem schaͤdlichsten Gifte recht- schaffener Freundschafft. Endlich ersuchte er die Koͤnigin ihm den Koͤnig ins Laͤger zu schicken/ wormit er ihm selbst die mitgebrachten Geschen- cke einliefern/ und seiner Person Beschaffenheit in Augenschein nehmen koͤnte. Lasabile erschrack uͤber diesem Anmuthen uͤberaus heftig/ und ward nunmehr allzu langsam ihres Jrrthums gewahr/ und daß nichts gefaͤhrlichers sey/ als ei- nen maͤchtigern Nachbar zu Huͤlffe ruffen/ derer Schutz-Fluͤgelmeistentheils von Adlers-Federn sind/ welche dieselben/ so sie fuͤr Gewalt beschir- men sollen/ selbst zerreiben; wie die benachbarten Griechen am Koͤnige Philip empfunden/ der den schwaͤchsten halff/ wormit er anfangs die Besiegten/ hernach die Sieger ihm unterthaͤnig machte. Gleichwohl dorfte sie ihr Mißtrauen gegen dem Salomin/ als welcher mit seinem maͤchtigern Heere/ als dem ihre aͤuserste Kraͤfften nicht gewachsen waren/ im Hertzen ihres Reiches stund/ nicht mercken lassen/ sondern muste ihren Sohn mit lachendem Munde in den Rachen eines Wuͤterichs liefern/ dessen Herrschsucht be- reits hundertmal die Ketten der Bindnuͤsse/ ja die Gesetze der Natur durch Hinrichtung seiner eigenen Soͤhne zerrissen hatte. So bald diß Kind in seiner Gewalt war/ ließ er die Stadt Bregentio bespringen/ zwang durch angedraͤue- te Abschlachtung ihres Sohnes/ und mit dem Vorwand/ daß ihr Land fuͤr Zeiten zu dem von ihm durchs Recht oder Waffen eroberten Geti- schen Reiche gehoͤret haͤtte/ die Koͤnigin/ daß sie ihm das Schloß und andere Pannonische und Dacische Festungen einraͤumen/ und fuͤr eine Gnade erkennen muste/ daß sie mit ihrem Kinde in Sarmatien ziehen dorfte. Also erfuhr diese einfaͤltige Koͤnigin allzu geschwinde/ daß/ da sie meynte unter dem Schatten maͤchtiger Schirm- Fluͤgel zu stehen/ und mit Lilien bedeckt zu seyn/ sie in den Klauen eines Raub- Vogels war/ und auf den biß ins Hertz stechenden Dornen lag; lernete aber allzu langsam/ daß auch bey fast ver- zweifeltem Zustande man frembder Huͤlffe sich nicht bedienen solle von einem ungewissenhaff- ten oder im Gottes-Dienste unterschiedenen Fuͤrsten/ oder der auf das Schutzduͤrftige Land einen Anspruch hat/ oder es ihm vortheilhafftig gelegen ist; sonderlich da die Huͤlffe die eigene Macht uͤberwieget/ und die Huͤlffs-Voͤlcker unter ihren eigenen Heer-Fuͤhrern bleiben/ in Festungen verlegt/ und nicht bald wider den Feind gefuͤhret werden. Ob nun wol dieser Salomin viermal in Person mit dem unzehlba- ren Schwarme der Scythen/ Geten und Ba- starnen Pannonien uͤberschwemmete/ Deutsch- land auch wegen eigener Trennung der Druy- den/ Barden und Eubagen dem Koͤnige und endlich obersten Feldherrn Jngram wenige Huͤlffe leistete/ so thaͤt er doch diesem grausamen Feinde mit seinen Qvaden/ insonderheit der Gothinischen/ Ostschen und Burischen Ritter- schafft Arminius und Thußnelda. schafft so mannliche Gegenwehr/ daß er nach uͤberwaͤltigtem Dacien uͤber dem Flusse Pathis- sus und Arrabon sich nicht feste setzen konte. Und seine Verdienste waren so groß geschaͤtzt/ daß fuͤr seinem Absterben noch sein Sohn Clodomir zu der Deutschen obersten Feldherrn erwehlet ward. Dieser Clodomir/ der achte in den Gemaͤhl- den/ ward erzogen in dem Hofe und Laͤger des grossen Marcomirs. Denn sein Vater wuste wol/ daß einem jungen Fuͤrsten der Staub auf der Renne-Bahn und auf dem Kampf-Platze zutraͤglicher/ als der Ambra-Geruch in dem wolluͤstigen und fuͤr iedem Schatten schichtern- den Frauenzimmer sey; ja daß die Jugend nichts minder als ein Gefaͤsse den Geschmack dessen/ was zum ersten darein gegossen wird/ be- halte. Dieser Marcomir leitete ihn mit seinem Beyspiele als der kraͤftigsten Richtschnure nicht anders zu allen Fuͤrstlichen Tugenden an/ als die Adler ihren Jungen an die Straalen der Son- nen zu schauen mit ihrem Vorfluge Unterricht geben. Sintemal in dem eingebisamten Ge- mache eines Sardanapals auch ein tapferes Gemuͤthe so wenig herrschen/ als ein Adler von der Nacht-Eule die Augen an der Sonne schaͤrffen/ oder die Gipfel der Cedern uͤberfluͤgen lernt. Dieser muthige Held ließ seine Tapferkeit in den Kriegen wider den unruhigen Koͤnig Use- suval uñ den Hertzog der Hermundurer blicken. Seine Beꝛedsamkeit machte/ daß Maꝛcomiꝛ auf den Reichstagen sich seines Mundes und Vor- traͤge bediente; seine Klugheit/ daß er in seiner Abwesenheit ihm die Herrschafft gantz Britan- niens anvertrauete. Daselbst bezwang ihn die unvergleichliche Schoͤnheit der Fuͤrstin Riama/ daß er in heftiger Liebe gegen sie entzuͤndet/ und dardurch seinen Stand taͤglich mit neuen Hel- den-Thaten herrlicher zu machen verursacht ward/ umb dardurch Marcomirs Einwilligung und der Fuͤrstin Gewogenheit zu gewinnen. Diesem seinem Absehen aber wurden zwey heftige Hindernuͤsse in Weg geweltzet. Denn das Hertze dieser Fuͤrstin hatte allbereit von frembdem Zunder/ nemlich den Tugenden Friedebalds/ des Hertzogs der Vangionen/ der die Stadt Vindobon wider den Salomin so herrlich vertheidigt hatte/ heimliches Feuer ge- fangen/ und Marcomir bereuete/ daß er die Ober-Feldherrschafft Deutschlandes in seines Brudern Jngrams Haͤnde hatte kommen las- sen/ und selbte nicht vielmehr seinem Sohne Hippon zugeschantzt. Deßwegen verstellte er seine sonst zum Clodomir und seiner Vergnuͤ- gung tragende Zuneigung/ meynte auch durch seine Flammen einen groͤssern Schatz zu schmeltzen/ nemlich: daß Jngram und Clodomir gegen den guͤldnen Apfel der Riama den deut- schen Reichs-Stab verwechseln wuͤrden. Bey- de diese Klippen aber waren Klodomirn verbor- gen/ und darum desto gefaͤhrlicher. Sein hoher Stand/ seine Anverwandnuͤß/ welche doch bey dem Cheruskischen Hause im Heyrathen moͤg- lichst beobachtet ward/ seine fuͤrtrefflichen Leibes- und Gemuͤths-Gaben/ die beweglichsten Aus- druͤckungen seiner brennenden Seelen waren zu ohnmaͤchtig der Riama Hertze zu erweichen/ ja es schien/ daß/ ie heisser er entzuͤndet war/ sie so vielmehr kaltsinnig und unerbittlich wuͤrde. Diese Fuͤrstin war in der Aufsicht Olorenens Marcomirs Schwester/ des Qvadischen Koͤnig Gudwils Wittiben. Deshalben bemuͤhte sich Klodomir dieser klugen Koͤnigin Gunst zu ge- winnen/ und meynte/ wenn er nur diesen Stein ins Bret bekaͤme/ das Spiel halb gewonnen zu haben. Denn er bildete ihm diesen suͤssen Traum ein/ die Abneigung Marcomirs/ als von dem er sonst in allem uͤbrigen so hoch geschaͤtzt ward/ sey ein blosser Schatten/ welcher von der Kaltsinnigkeit der Fuͤrstin auf ihn fiele. Die Qvadische Koͤnigin war von Klodomirn ihm bey der Riama sein Wort zu reden leicht zu ge- winnen/ weil sie selbst auf den Vangionischen Hertzog ein Auge geworffen/ ihre Eifersucht Erster Theil. V aber/ Anderes Buch aber/ welche mehr als hundert Luchs-Augen hat/ der Riama biß ins Hertze sah/ und aus ihren Blicken/ aus ihren oͤftern Faͤrbungen des Ant- litzes in Abwesenheit des Vangionischen Her- tzogs/ und etlichen andern Umbstaͤnden urtheil- te/ daß Riama ihre verliebte Neben-Buhlerin sey. Wie behutsam nun Olorene ihre Em- pfindligkeiten versteckte/ so hatte doch auch ihre Liebe verbundene Augen/ welche sich aus den strauchelnden Fehl-Tritten unschwer abmercken ließ/ und daher ward Riama eben so geschwinde gewahr/ daß Olorene in den Friedebald verliebt waͤre. Also waren sie zwey gegeneinander die allergenauesten Aufseher/ das Fraͤulein Riama aber darinnen ungluͤcklich/ daß Olorene ihr zu- vor kommen war/ und nicht allein ihm ihre Ge- wogenheit durch nachdruͤckliche Merckmale entdeckt/ sondern auch sein Hertze voͤllig gewoñen haͤtte. Wie nun aber/ daß es allbereit mit dem Friedebald und Olorenen so weit kommen waͤre/ Riamanicht wuste; also war sie bekuͤm̃ert/ wie sie Friedebalden die Wunde ihrer Seele ohne ihre Verkleinerung und Olorenens Wahrnehmung entdecken moͤchte. Denn sie wuste wol/ daß sie hier zum ersten wuͤrde muͤssen die Larve vom Ge- sichte ziehen/ weil Friedebald sonst gegen einer so grossen Fuͤrstin seine heftigste Liebe mercken zu lassen sich nimmermehr unterwinden wuͤrde. Ja ihre Gedancken liebkoseten selbst ihrem Ge- muͤths-Triebe/ und legten die gegen ihr taͤglich bezeugte Ehrerbietungen nebst denen oͤftern Veraͤnderungen des Fuͤrsten Friedebalds/ wel- che aber von Olorenens Regung herkamen/ fuͤr Verraͤther seiner vermummeten Liebe aus. Undendlich bildete sie ihr ein/ es waͤre kein Fuͤrst in der Welt/ der gegen sie nicht solte entzuͤndet werden/ gegen welchen des grossen Marcomirs schoͤne Tochter einen Stral ihrer Gewogen- heit wuͤrde schiessen lassen. Diesemnach ent- schloß sie sich/ ihre bißherige zweydeutigen Gunstbezeugungen dem Friedebald durch ein deutlicher Merckmal klaͤrer auszulegen. Hier- zu ereignete sich Gelegenheit in dem Koͤniglichen Lust-Garten/ allwo Riama/ Olorene/ Klodomir und Friedebald einst ihre Zeit mit allerhand Er- getzligkeiten vertrieben. Als fichs nun traff/ daß Olorene und Klodomir miteinander im Schach spielten/ bediente sich die Princessin Riama sol- chen Vortheils/ und veranlaste den Hertzog Frie- debald mit ihr die Laͤnge aus durch den auf bey- den Seiten mit Palm-Baͤumen besetzten Spa- tzier-Saal zu gehen/ und/ welches unter denen Gemaͤhlden ihm am besten gefiele/ zu urtheilen. Als nun/ nach derselben Betrachtung/ Friede- bald gepreßt ward seine Meynung zu sagen/ lobte er fuͤr allen andern das Bild/ da Nannus der Segobrigier Koͤnig am Rhodan seiner Toch- ter Gyptes Hochzeit machte/ und nach dem ihr vermoͤge der Landes-Art aus den eingeladenen Gaͤsten einen Braͤutigam zu erkiefen verstattet war/ sie dem Protis/ der nebst dem Simos aus Griechenland daselbsthin angelendet/ zum Zei- chen seiner Erwehlung Wasser reichte. Wel- cher denn hierauf aus einem Gaste des Koͤnigs Eydam ward/ und die beruͤhmte Stadt Massi- lien mit seinen Phocensern erbauete. Der Ri- ama schoß bey dieser Erzehlung die Scham- Roͤthe mit vollem Strome ins Antlitz/ ihr festi- glich einbildend/ daß Friedebald nicht allein das Geheimnuͤß ihrer zu ihm tragender Liebe er- gruͤndet habe/ sondern er auch als ein Gast von ihr nichts anders/ als was Gyptes dem Protis gewehret/ aus Gegen-Liebe ersaͤufze. Nach weniger Erholung war ihre Antwort: Sie koͤnne sein Urthel nicht schelten/ und es waͤre eine ungemeine Gluͤckf ligkeit/ wo Liebe und Wahl auf der Wag-Schale zweyer Augen laͤgen. Wie aber die verdeckte Liebe eroͤffnet/ die offenbare verdeckt zu seyn wuͤntschet; also wolte auch Riama sich nicht gantz und gar bloß geben/ fing daher an: Jhrem Gut- beduͤncken schaͤtzte sie noch hoͤher/ die darne- ben Arminius und Thußnelda. ben gemahlte Geschichte/ von deꝛ Qvadischen Koͤ- nigin Bulissa/ welche ihren Reichs-Staͤnden/ die sie entweder zu heyrathen oder Kron und Scepter niederzulegen noͤthigen wolten/ nach daruͤbeꝛ gehalteneꝛ Berathschlagung antwoꝛtete: Sie wolte den ehlichen/ zu welchem sie das Goͤtt- liche Verhaͤngnuͤß versehen haͤtte. Diesen wuͤr- de ihnen ihr wolaufgeputztes und ohne Zuͤgel ge- lassenes schimmlichtes Pferd zeigen. Jhr Merckmal solte seyn/ daß er auf einem eisernen Tische Mahlzeit hielte. Friedebald war luͤstern den Ausschlag dieses Ebentheuers zu ver- nehmen; worauf ihm Riama meldete: Das Pferd waͤre uͤber Berg und Thal zehn Meil- weges gelauffen/ und zehn der fuͤrnehmsten Landes-Herren selbtem mit den Koͤniglichen Zierrathen nachgefolgt. Endlich waͤre es wiehernde bey einem Ackersmanne Nahmens Sarpimil stehen blieben/ der auf seiner umbge- dreheten Pflugschar Brodt und Kaͤse gespeiset. Die Abgeordneten haͤtten hieraus den Schluß des Himmels erlernet und den Sarpimil fuͤr ihren Koͤnig verehret; Sarpimil aber diese Wuͤrde unbefrembdet angenommen/ und seine Reute in die Erde gesteckt/ worauf sie alsofort als eine Haselstaude aufgewachsen. Durch welche wunderliche Begebungen denn der Koͤnigin Bulissa Wahl so vielmehr Ansehens bekommen haͤtte. Mit welcher Erzehlung die Fuͤrstin Riama zu verstehen geben wolte/ daß die Heyra- then im Himmel geschlossen wuͤrden; gleichwohl aber auch durch dis Beyspiel die in ihren Kram dienende Meynung bestaͤtigte/ daß eine Fuͤrstin keinen andern/ als welchen sie selbst erwehlte/ lieben solte. Und diese Erklaͤrung begleitete sie mit einer so durchdringenden Annehmligkeit/ daß selbte auch der Unempfindlichste/ zu ge- schweigen der so tiefsinnige Hertzog Friedebald fuͤr eine Ausdruͤckung ihrer hertzlichen Zunei- gung haͤtte annehmen muͤssen. Jch lasse euch nachdencken/ fuhr Malovend erzehlende fort/ ob Friedebald uͤber dieser unvermutheten Liebes- Eroͤffnung nicht in aͤuserste Verwirrung gera- then solte. Die Gluͤckseligkeit/ daß er auf ein- mal von zweyen unvergleichlichen Fuͤrstinnen geliebet ward/ uͤberschwemmte sein Gemuͤthe derogestalt/ daß weder der Verstand hieruͤber einen Schluß zu fassen/ noch die Zunge etwas auszusprechen maͤchtig war. Und die beschaͤm- te Riama wuste mit nichts/ als einem tieffen Seufzer/ ihr Hertze zu erleichtern. Gleichwol musten sie diese Regungen/ so gut sie konten/ ver- stellen/ denn Klodomir und Olorene stunden gleich von ihrem geendigten Spiele auf/ und kamen auf sie gerade zugegangen. Sie nah- men alsofort Friedebalds und der Riama Ver- aͤnderungen wahr; beyden aber halff ihre Verwirrung ein Edel-Knabe verdecken/ wel- cher von Marcomirn der Riama und Olore- nen eingelauffene Schreiben brachte. Klodo- mir und Friedebald liessen deßhalben diese zwey Fuͤrstinnen alleine/ und verfuͤgten sich mitein- ander an die den Garten durchschneidende/ und zu Beschirmung fuͤr der Sonne mit ei- tel Cypreß-Baͤumen besetzte Bach. Olore- ne erbrach das an sie lautende/ und laß folgen- de Worte: Liebste Schwester. Unser Vertrauen/ das sie stets zu Berathschla- gung unserer groͤsten Reichs-Geheimnuͤsse gezogen/ bewegt uns auch dißmal ihre ver- nuͤnftige Einrichtung zu erbieten/ daß sie Her- tzog Klodomirn gegen Vermaͤhlung unser von ihm begehrten Tochter zu gutwilliger Abtre- tung der deutschen Feldhauptmannschafft an unsern Sohn Hippon bewege; als welche wir ihm nicht allein gutwillig entzogen und Klodomirs Vatern zueignen lassen/ sondern auch unser Recht der Erst - Geburt ausser Augen gesetzt/ als wir das von unserm Vater uns zugefallene Noricum ihm uͤberlassen. Das Schreiben an die Princeßin Riama aber war folgenden Lauts: Liebste Tochter/ Hertzog V 2 Klo- Anderes Buch Klodomirs gegen euch heraus gelassene Liebe ruͤhret nicht allein vom goͤttlichen Verhaͤngnuͤs- se her/ sondern dienet auch zum Heil unserer Laͤn- der/ und zu Erhaltung unsers Hauses. Dahe- ro zweifeln wir nicht/ daß ihr so wohl an so viel Gutem/ als seinen Tugenden und hohen An- kunfft eure Vergnuͤgung finden werdet. Je- doch wird die Koͤnigin Olorene/ an die wir euch deßhalben verwiesen/ hierinnen euch eine treue Wegweiserin abgeben. Lebet also wol. Wie nun Olorene uͤber ihrem Schreiben erfreuet war/ nach dem sie ihre Neben-Buhlerin von ih- rem Ziel abzuziehen Macht und Gelegenheit bekam; also gab Riamen iedes Wort einen Stich ins Hertze/ und sie wuste ihr Elend nicht zu uͤbersehen. Weil nun ieder Augenblick Ver- liebten in Tage sich verlaͤngert/ feyerte Olorene nicht/ sondern fuͤgte sich zu Klodomirn/ von wel- chem Friedebald sich alsofort absonderte/ weil allem Ansehen nach Olorene mit ihm alleine re- den wolte. Diese fing alsofort an heraus zu streichen/ daß sie fuͤr seine Vergnuͤgung zeither mehr/ als er selbst bekuͤmmert gewest waͤre. Da- hero waͤre sie nicht in den engen Schrancken ge- blieben ihm bey Riamen gut in Worten zu seyn/ sondern/ nach dem sie Riamens so grosse Kaltsin- nigkeit verspuͤret/ habe sie das Feuer in der Asche gesucht/ und nunmehr einen Schluͤssel ge- funden Riamens Hertze und die Pforte seiner Gluͤckseligkeit aufzuschluͤssen. Klodomir ward uͤber so froͤlicher Botschafft fast fuͤr Freuden ent- zuͤckt; und nach dem er gegen der Koͤnigin seine Verbindligkeit aufs beweglichste ausgedruͤckt/ war er begierig die Auslegung dieses angeneh- men Raͤtzels zu vernehmen. Olorene fing hier- auf an: Sie habe die ausdruͤckliche Einwilli- gung Marcomirs zu seiner Vermaͤhlung in ih- ren Haͤnden/ welcher sich Riame als eine ver- nuͤnfftige Tochter ohne eusersten Ungehorsam nicht wuͤrde widersetzen koͤnnen. Klodomir kam hieruͤber vollends auser sich/ umarmte buͤ- ckende Olorenens Knie/ und rieff: Guͤtiger Himmel! soll ich am ersten fuͤr deine Guͤte/ daß du mich mit so ungemeinem Gluͤcke uͤber- schwemmest; oder dieser meiner Schutz-Goͤttin fuͤr ihre kluge Vorsorge danckbar seyn! Olore- ne bestillte ihn/ und versetzte: Es waͤre dieses Werck noch nicht ausgemacht/ und haͤtte das Gewebe unsers Gluͤcks keinen so gleichen Fa- den/ daß nicht noch hin und wieder ein Knoten daran zu finden waͤre. Jedoch stuͤnde es viel- leicht in seiner Gewalt/ dem/ was ihm noch am Wege stuͤnde/ selbst abzuhelffen. Klodomir fuhr alsofort heraus: da seine Gewalt sich dahin er- streckte/ waͤre nichts unter der Sonne/ das ihn an der Vollziehung hindern solte. Olorene fiel ihm ein: Er solle sich nicht uͤbereilen. Eshabe in der Welt mehr als einen guͤldenen Apfel/ und die Liebe erlange nicht allezeit unter den mensch- lichen Gemuͤths-Regungen den Obsieg. Was solte diß wol fuͤr ein Kleinod seyn/ antwortete Klodomir/ das ich oder iemand der unschaͤtzba- ren Riame fuͤrziehen solte? Olorene versetzte: Wann die Liebe den Richterstul besitzt/ Nichts; wenn aber Ehrsucht urtheilen soll/ Herrschafft und Wuͤrden. Klodomir stockte hierauf/ fing aber nach einem wenigen Nachdencken an: Jch traue ja wol dem grossen Marcomir zu/ daß ich ihm fuͤr seine Tochter die vaͤterliche Kron und Zepter nicht abtreten solle/ welche er unmoͤglich ungekroͤnet wuͤnschen kan/ weil die Natur ihr einen Koͤnigs-Krantz aufs Haupt zu setzen die Welt verbinden wuͤrde/ wenn das Gluͤcke der Geburt ihr selbten gleich nicht zueignete. Sol- te mir aber Kron und Zepter am Wege stehen oder unfaͤhig machen/ koͤnte ich mich noch wol uͤ- berwinden/ daß ich mich ihrer enteuserte. Nein/ nein/ mein lieber Klodomir/ fing Olerene an: Es ist Marcomirn so wenig anstaͤndig einen ungekroͤnten Eydam zu haben/ als ich dem Fuͤr- sten Klodomir eine so bloͤdsinnige Liebe zutraue/ daß er in etwas mehr/ als in dem unschaͤtzbarn Pur- Arminius und Thußnelda. Purper/ seine Vergnuͤgung finden solte. Kron und Zepter lassen sich leichter schelten/ als weg- werffen. Und es eckelt einem fuͤr diesen nicht so bald/ als man eines schoͤnen Antlitzes uͤber- druͤßig wird. Die uͤbereilende Hitze der auf- wallenden Begierde unterdruͤcket zwar zuwei- len die Begierde zu herrschen; aber diese den Fuͤrsten mehr natuͤrliche Waͤrmde kommt mit der sich von solchen Duͤnsten auswickelnden Vernunfft bald wieder empor. Dahero wird Klodomir wol das Qvadische und Pannonische Reich mit der schoͤnen Riama besitzen koͤnnen. Diß aber/ was Marcomir fuͤr seinen Sohn Hippon verlangt/ ruͤhrt nicht allein ohne diß von seiner Freygebigkeit her/ sondern ist an sich selbst eine Nuß/ die guͤldene Schalen und ein grosses Gewichte/ aber keinen Kern/ und doch viel U- berlast hat. Es ist leicht zu errathen/ daß ich die Feld-Hauptmannschafft Deutschlands meine; die Buͤrde nach der sich Fuͤrsten nicht sehnen doͤrffen/ welche einer unverschrenckten Gewalt gewohnt sind/ und die ihre Freyheit nicht selbst denen Beherrschten dienstbar machen/ ja ihre eigene Laͤnder zu Unterhaltung der noͤthigen Pracht/ und zu Beschirmung dieses so viel- koͤpfichten Leibes erschoͤpffen wollen. Jch be- greiffe selbst nicht/ was Marcomir fuͤr Ansehn habe/ daß er diese eitele Ehre auf die Schultern seines Sohnes zu heben trachtet/ die der Deut- schen Fuͤrsten Eigensinnigkeit ihm mehrmahls so sauer und verdruͤßlich gemacht. Hingegen uͤberkommst du mit der unschaͤtzbaren Riama ei- nen Koͤniglichen Braut-Schatz/ die Anwarth- schafft zu so vielen Koͤnigreichen. Denn diese stehen auf den zweyen Augen seines einigen Sohnes Hippon/ und also aufdem Falle. Die Fuͤrsten sind nichts weniger sterblich als Unter- thanen/ ja es sterben mehr koͤnigliche/ als gemei- ne Geschlechter ab. Dieses ist mein unvor- greiflicher Fuͤrtrag/ Klodomir; Klugheit wird vernuͤnftig unterscheiden/ welche Wageschale den Ausschlag zu haben verdiene. Dieser lieb- kosende Vortrag Olorenens fiel kaum so ge- schwinde in die Ohren Klodomirs/ als sein Ge- muͤthe ihren Bewegungs-Gruͤnden Beyfall gab. Dahero schrieb er noch selbigen Tag an seinen Vater den Koͤnig Jngram/ und/ weil die Buchstaben nicht so/ wie ein redender Mund/ schamroth wird/ schuͤttete er fuͤr ihm sein gantzes Hertze und Absehn aus. Jnzwischen lag Olo- rene der Princeßin Riama an/ daß sie gegen den/ welchen so wohl das Verhaͤngnuͤß als ihr Vater schon zum Gemahlbestimmet hatte/ anstaͤndige- re Bezeugung machen solte. Jhre Landsart und die Schamhaftigkeit ihres Geschlechts noͤ- thigte sie einen Braͤutigam anzunehmen/ nicht zu kiesen. Jhre Jugend bescheide sie der Eltern Urtheil/ ihre Pflicht des Vatern Wahl sich zu unterwerffen/ und die Erhaltung ihrer Hoheit ihrer unzeitigen Zuneigung fuͤrzuziehen. Die Liebe der Jugend waͤre insgemein blind/ daher haͤtte sie einer fremden Leitung von noͤthen/ sie waͤre ein Kind/ also muͤste sie aus Mangel der Klugheit den Gehorsam zur Hoffemeisterin ha- ben. Denn keine Fehltritte waͤren schaͤdlicher als im Heyrathen/ und wer hier irrete/ kaͤme nimmermehr wieder zu rechte. Riamen war dieser scharffe Einhalt ein taͤglich-nagender Wurm im Hertzen/ und sie haͤtte fuͤr Unwillen mehrmals zerspringen moͤgen/ daß ihre Neben- Buhlerin numehr auch ihre Aufseherin worden war. Gleichwohlzwang sie der vaͤterliche Be- fehl diese Gewalt mit Gedult zu ertragen/ und ihre Empfindligkeit nicht mercken zu lassen; wiewohl ihr Gemuͤthe auf Rache und Mittel/ Olorenens Liebe auch einen Stein in Weg zu werffen/ bedacht war. Massen sie denn eine ihrer Cammer-Jungfrauen gewann/ die ihr von Olorenen alle nur erforschliche Heimligkeiten entdeckte. Hieruͤber kam Marcomir selbst in Britannien/ und an den Koͤniglichen Hoff Asti- nabes der gluͤckseligen Jnseln Koͤnig/ um Olo- renen zu werben. Was hier fuͤr seltzame Ver- wickelungen in den Gemuͤthern sich zusammen U 3 floch- Anderes Buch flochten/ ist unschwer zu ermaͤssen. Klodomir liebte Riamen/ sie aber den Friedebald/ der be- reits durch Olorenens Liebe bemeistert war/ und sonder Gefahr zwischen zweyen Stuͤlen niederzusitzen/ ihm keine Veraͤnderung dorf- te traumen lassen. Olorene liebte den Frie- debald/ und er zwar sie/ aber ihre Flamme war ohne einige Hoffnung/ die sich doch sonst mit der Liebe in die Wiege und in den Sarch leget. Sintemahl die Liebe ihr auch bey un- moͤglichen Dingen stets selbst heuchelt/ und ihre Besitzer offtmahls den blossen schlagen laͤst. Astinabes war in Olorenen verliebt/ sie aber seuftzete nach einer andern Seele. Und endlich verwirrete das Spiel noch mehr Jn- grams Antwort auf Klodomirs Schreiben dieses Jnhalts: Der Poͤfel heyrathete nach Wollust/ Fuͤrsten aber zu ihrer Vergroͤsse- rung. Denn das Reich sey ihre rechte Ge- mahlin/ die Gemahlin ihr ehrliches Kebs- Weib/ dessen man sich auch so gar entschlagen muͤste/ wenn es entweder ihre Unfruchtbarkeit und der Mangel der Stamm-Erben erforder- te/ oder der Fuͤrst durch eine neue Heyrath dem Reiche ein stuͤcke Land zuschantzen koͤnte. Es haͤtte das Qvadische und Pannonische Reich der Urheber ihres Stammes/ welcher nunmehr die andere Welt uͤberschattete/ gantz Noricum/ sein Vater gantz Britannien und die Friesischen Landschafften/ welche wuͤrdig waͤren Europens Jndien genennet zu werden/ nicht durchs Schwerdt/ sondern durch Heyrathen erwor- ben. Durch diesen untadelhafften Hamen traue ihm Hippon Marcomirs Sohn Hiber- nien zufischen. Zu allem diesem Aufnehmen haͤtte dem Hermion und seinen Nachkommen die deutsche Feld-Hauptmannschafft geholffen/ welche Wuͤrde so groß waͤre/ daß alle Europaͤi- schen Koͤnige selbter unstriettig die Oberhand einraͤumten/ und diese waͤre darum so viel herr- licher/ weil sie keine knechtische Herrschafft uͤber Sclaven fuͤhrte/ sondern so maͤchtigen Fuͤrsten vorstuͤnde/ welche Koͤnigen den Vorzug nicht entraͤumten. Weil die letztern Gedancken ins- gemein die besten waͤren/ koͤnte er unschwer ur- theilen/ daß Marcomir nunmehr seinen selbst- eigenen Fehler erkennte/ und mit ihrem Scha- den die Scharte auswetzen wolte/ wenn er diese vorhin aus den Haͤnden gelassene Feld-Haupt- mannschafft wieder an seinen Sohn ziehen wol- te. Dahero beschwuͤre er ihn bey seiner kindli- chen Liebe/ er solte diß/ was das Verhaͤngniß und Gluͤcke ihnen einmahl zugeworffen/ ja des- sen Abtretung ohne diß nicht in ihrer Gewalt/ sondern in der unumschrenckten Wahlfreyheit der deutschen Fuͤrsten bestuͤnde/ zu seiner eigenen Verkleinerung/ zum Fluche ihrer Nachkom- men/ und zum Nachtheil der ihnen so wol wol- lenden Deutschen nicht von sich stossen. Bey diesem Ungewitter erfuhr Marcomir/ daß Sa- lomin in Deutschland einbrechen wolte/ daher schickte er den Hertzog Friedebald/ entweder weiler vorhin gegen ihm so grosse Ehre einge- legt/ oder iemand Olorenens Gewogenheit ihm verrathen hatte/ ihm aufs neue den Kopf zu bie- ten. Diese Entschluͤssung kam so unverhofft und geschwinde/ daß er von Olorenen nicht einst vertraͤulichen Abschied zu nehmen Gelegenheit fand. Denn weil Liebe iederzeit von Furcht begleitet wird/ undihr einbildet/ daß ihre selbst- eigene Stivne die Verraͤtherin ihrer Gedan- cken sey/ so wagten sie sich selbst nicht eine einsa- me Zusammenkunfft zu pflegen. Gleichwol verfiel Friedebalds Liebe/ so furchtsam sie war/ in eineunbedachtsame Berwegenheit. Denn als Marcomir und der gantze Hof ihn an den Hafen und biß aufs Schiff begleitete/ druͤckte er Olorenen beyletzter Gesegnung einen Zettel in die Hand/ welchen sie/ weil Koͤnig Astinabes ihr so fort die Hand bot/ mit nicht geringerer Unvorsichtigkeit in Busem steckte/ also/ daß es Marcomir gewahr ward. Astinabes begleite- te Arminius und Thußnelda. te sie biß an ihr Zimmer/ Marcomir aber wolte ihr/ um diese Heimligkeit/ worvon er aus Ey- versucht Riamens schon Wind hatte/ zu er- gruͤnden keine Luft lassen; daher fuͤhrte er sie an ein Fenster gegen dem Meere/ und fing an Astinabes Person und Liebe ihr nachdruͤcklich einzuloben. So sehr nun Olorene Zeit und Aufschub zu gewinnen trachtete/ so sehr ver- mehrte ihre Kaltsinnigkeit Marcomirs Ver- dacht/ also/ daß er endlich unter dem Scheine/ als wolte er ihr die vom Winde verwickelten Haarlocken zu rechte machen/ ihr Friedebalds Brief zwischen den Bruͤsten herfuͤr zog/ und was sie dahin fuͤr Heimligkeit verborgen haͤtte/ laͤchelnde fragte. Olorene wuste fuͤr Bestuͤr- tzung uͤber dieser unvermutheten Begebenheit kein Wort aufzubringen; Marcomir aber be- reuete alsofort seine allzugrosse Freyheit/ und/ wormit er seine Schwester nicht allzusehr be- schaͤmen moͤchte/ wolte er ihr den Zettel wieder einhaͤndigen/ und seine Sorgfalt mit einem kurtzweiligen Vorwitze beschoͤnigen. Olorene aber/ welche sich entweder fuͤr verrathen hielt/ oder doch endlich ihre Gewogenheit lieber durch einensolchen Zufall/ als durch ihr eigenbewegli- ches Bekaͤntnuͤß zu entdecken verlangte/ wei- gerte solchen anzunehmen/ und meldete/ sie wuͤ- ste zwar nicht den Jnhalt dieses ihr unvermu- thet zugekommenen Papieres/ doch laͤge in ih- rem Hertzen keine Heimligkeit verborgen/ wel- che ihre schwesterliche Liebe fuͤr einem solchen Bruder geheim zu halten Ursache haͤtte. Die- se Vertrauligkeit nahm Marcomir mit einer schertzhafften Freyheit an/ und laß daraus fol- gende Zeilen: Jch bejammere/ ewige Beherr- scherin meiner Seele/ daß das Band unserer Gemuͤther/ welches das Verhaͤngnuͤß zusam- men gebunden/ Menschen zerreissen. Wie a- ber? soll die mir abgenoͤthigte Abwesenheit un- ser Buͤndnuͤß aufloͤsen/ welches die Tochter des grossen Marcomirs zu trennen nicht vermocht hat? Nein slcher! die Riegel so grosser Gebuͤr- ge/ die Tieffen des grossen Meeres werden zwar meinen Leib von seiner Sonne entfernen/ mein Gedaͤchtnuͤß aber wird mir ewig das Bild der unvergleichlichen Olorene fuͤrhalten/ und meine Seele sich ihr/ wenn das Tacht mei- ner Hoffnung und ihrer Bestaͤndigkeit ver- glimmt/ aufdem Holtzstosse der Verzweifelung aufopfern. Nach Ablesung dieses Schrei- bens/ geriethen sie beyde in ein langes Still- schweigen/ biß endlich Olorene ihre Tiefsinnig- keit mit folgender Rede ausdruͤckte: Sie koͤnte nicht laͤugnen/ daß sie den Hertzog Friedebald so sehr liebte/ als einer Frauen Gemuͤthe zu thun faͤhig waͤre. Marcomir aber habe selbst das Wasser auf das Rad ihrer Gewogenheit gelei- tet/ da er ihr aufgetragen seine Tochter mit dem Hertzog Klodomir zu verknuͤpfen. Denn weil diese zu Friedebalden eine Zuneigung bezeigt/ habe sie fuͤr rathsam befunden/ anfangs durch angenommene Liebes - Vezeugungen beym Friedebald ihr den Vortheil abzurennen/ und sich seiner zu versichern; Sie habe aber im Ausgange erfahren/ daß kein Feuer sich gefaͤhr- licher anruͤhren lasse/ als die Liebe. Jhre blos- se Anstellung babe sich in kurtzer Zeit in War- heit/ ihr Schertz in Ernst verwandelt. Jedoch hoffte sie/ daß nicht allein dieses Hertzogs unge- meine Vollkommenheit eine Entschuldigung ihrer Schwachheit seyn/ sondern ihre Bestri- ckung Friedebalds die Fuͤrstin Riama von einer haͤrteren Gefaͤngnuͤß befreyet haben wuͤrde. Marcomir ward uͤber so offenhertzigem Be- kaͤntnuͤß fuͤrnehmlich aber seiner Tochter Ria- ma ausbrechender Vergehung uͤberaus bekuͤm- mert/ also daß er aus dem Stegereiffen nichts ge- wisses zu entschluͤssen wuste/ sondern stillschwei- gend/ iedoch nicht ohne Kennzeichen einigen Un- willens von Olorenen Abschied nahm Deꝛ Moꝛ- gen war kaum angebrochen/ als Marcomir Ria- men und Olorenen in sein Gemach beruffen ließ. Die- Anderes Buch Diese leisteten solchem Befehl unverzuͤgliche Folge/ fanden aber zu ihrer groͤsten Bestuͤrtzung Klodomirn und den Astinabes schon in dem Koͤ- niglichen Zimmer/ woraus sie ihnen selbst also- fort ein seltzames Abentheur wahrsagten. Bey ihrer Erscheinung eroͤffnete Marcomir alsofort dieses Urtheil: Gott haͤtte ihn mit einer Schwe- ster und Tochter/ die Reichs-Gesetze Britanni- ens aber mit dieser Gewalt begabt/ daß er selbte nach seinem Gutbeduͤncken durch Verehligung nicht allein versorgen/ sondern auch die Wohl- farth selbten Reichs hierdurch befoͤrdern moͤchte: Weil nun zwey so vortreffliche Fuͤrsten bey ihm um sie Werbung thaͤten/ koͤnte er dem Ver- haͤngnuͤsse nicht widerstreben. Dahero er- klaͤrte er hiermit aus unverschrenckter Gewalt/ daß in breyen Tagen Riame Klodomirn/ und zwar mit Enthengung aller vorigen Bedingun- gen/ Olorene Astinaben offentlich solte ver- maͤhlet werden. Klodomir und Astinabes be- zeugten mit tieffster Ehrerbiettung ihre hieruͤ- ber geschoͤpffte Vergnuͤgung. Riame und O- lorene hoͤrten iedes Wort als einen absondern Donnerschlag an/ iedoch mit einem stillschwei- genden Schrecken/ theils weil die Schamhaff- tigkeit auch denselben Schmertz auszulassen hin- dert/ zu dem man gleich Ursache hat/ theils weil sie besorgten/ daß sie durch ihre Ungeberdung die/ mit welchen sie in ein unauffloͤßliches Buͤndniß treten solten/ nicht zu sehr erherbe- ten/ und daß Marcomir ihre Thraͤnen nicht fuͤr eine Hartnaͤckigkeit auffnehme. Wie nun der Schmertz/ den man nicht mercken lassen darff/ und der Eyfer/ den man in sich fressen muß/ sich in sich selbst vergroͤssert/ also konten sie sich nach genommenem Abtritte Klodomirs und Astinabens gleichwohl nicht enthalten/ daß sie Marcomirn mit Vergiessung vieler Thraͤ- nen zu Fuͤssen fielen und baten: da man ihnen ja die Freyheit in der Angelegenheit/ welche sich an sich selbst nicht zwingen liesse/ verschrencken wolte/ solte man doch ihre Gemuͤther nicht dero- gestalt uͤbereilen/ sondern zu deren Beruhigung einige Zeit entraͤumen. Marcomir aber ant- wortete ihnen mit ernsthaffter Geberdung: Sie solten entwerffen/ was sie der Vollkommen- heit zweyer so grossen Fuͤrsten fuͤr Maͤngel aus- zustellen haͤtten. Sie koͤnten beyde des Her- tzog Friedebalds nicht faͤhig werden/ der einen Zuneigung aber muͤste nicht zu der andern Un- vergnuͤgen ausschlagen. Gemeinen Leuten muͤste man das Joch ihrer Unterthaͤnigkeit da- durch verzuckern/ daß sie nach wohlgestalter Bildung/ nach gleichgesitteter Art und ihrem Triebe heyrathen moͤchten; Koͤnigen aber wuͤr- de es so gut nicht/ und Fuͤrstinnen muͤsten nach dieser Suͤßigkeit nicht luͤstern werden/ sondern sich diesen Kuͤtzel vergehen lassen. Die Wohl- farth des Reichs erforderte mehrmahls einer Helena einen ungestalten Zwerg/ einer klugen Penelope einen albern Traͤumer durch dieses heilige Band anzutrauen. Der waͤre der schoͤnste Braͤutigam/ welcher der Staats- Klugheit gefaͤllt/ und die festeste Schwaͤger- schafft/ die das Reich befestigt. Olorene be- gegnete Marcomirn mit einer hertzhafften Be- scheidenheit: Es waͤre nicht ohne/ daß Koͤnige ihren Toͤchtern und Schwestern insgemein niemahls gesehene/ weniger beliebte Maͤnner auffzudringen pflegten/ und sie zu Pfeilern und Riegeln ihres Staats/ oder auch zu Ha- men fremde Laͤnder zu fischen/ ja zuweilen wohl zu Larven ihrer verborgenen Feindschafft brauchten. Alleine sie erlangten dardurch sel- ten ihren Zweck/ stuͤrtzten aber hierdurch ihr ei- genes Blut in ein ewiges Qval-Feuer. Sin- temahl das Band der Anverwandniß viel zu schwach sey/ die Auffblehungen der Regiersucht zu daͤmpffen/ und die Schwaͤgerschafften/ wel- che nur wenig Personen verknuͤpffen/ den Staats-Regeln zu unterwerffen/ daran so viel tausenden gelegen ist. Sie verhuͤllten zwar auf eine kurtze Zeit die Abneigungen/ waͤren aber viel zu schwach/ den zwischen ein und anderm Fuͤrst- Arminius und Thußnelda. Fuͤrstlichen Hause eingewurtzelten Haß auszu- rotten. Wie vielmahl haͤtten die Cherusker und Catten zusammen geheyrathet/ die hier- durch zugeheilten Wunden waͤren aber also- fort wieder anffgebrochen/ und der Ausgang haͤtte gewiesen/ daß nur ein Haus auff des an- dern Laͤnder Erb-Anspruͤche/ und dadurch Ursachen zu neuen Kriegen zu uͤberkommen ge- sucht/ also Gifft fuͤr Artzney verkaufft haͤtte. Rhemetalces brach hier ein und agte: Olorene haͤtte sicherlich wahr und vernuͤnfftig geur- theilet/ und ihre Meinung bestaͤtigte die Vor- welt mit vielen Beyspielen. Seine Nachbarn die Melossen beklagten noch/ daß Philip Koͤnig in Macedonien ihrem Koͤnige Arrybas seiner Gemahlin Olympias Schwester nur zu dem Ende verheyrathet habe/ wormit er ihn ein- schlaͤffte/ und seines Reichs beraubete. Und wie lange ist es/ daß Antonius dem Kaͤyser Au- gustus mit Vermaͤhlung seiner Schwester O- ctavie ein Bein unter geschlagen/ seine betruͤgli- che Schwaͤgerschafft ihm mit seinem Leben be- zahlen muͤssen? Malovend fuhr hierauff fort in der Rede Olorenens: die Staats-Klugheit haͤt- te zwar unterschiedene mahl das verborgene Gesetze des Verhaͤngnisses meistern/ und eine Vormuͤnderin uͤber die goͤttliche Versehung abgeben wollen/ wenn Koͤnige ihre Toͤchter fuͤr ihrer Verlobung angehalten aller Erb- und Reichs-Anspruͤche sich eydlich zu begeben. Al- lein der Ehrgeitz habe hernach aus einer so heili- gen Betheurung einen Schertz oder Gelaͤchter gemacht/ die erkaufften Rechts-Gelehrten aber sich nicht geschaͤmet durch offentliche Schrifften zu behaupten/ daß solche Enteusserung fuͤr eine unguͤltige Nichtigkeit zu halten sey. Und es stuͤnde so denn nicht in der Gewalt einer Fuͤr- stin/ die Farbe und Liebe ihres Geschlechts und Vaterlands zu behalten. Denn es gluͤckte sel- ten einer Fuͤrstin/ wie jener tieffsinnigen Spar- tanerin/ welche ihren zusammen kriegenden Vater und Ehmann dadurch zur Versoͤhnung gezwungen/ daß sie sich allezeit zum schwaͤchsten Theile geschlagen. Jch wil aus unserm eige- nen Hause/ fuhr Olorene fort ein einiges Bey- spiel zum Beweiß/ daß das Verhaͤngniß mit den menschlichen Rathschlaͤgen und Staats- klugen Heyrathen nur ihr Gespoͤtte treibe/ an- fuͤhren. Keiner unsers Geschlechts hat mehr durch seine Eh/ als Hunnus mit des Koͤnigs Dinfareds Tochter gewonnen. Jhr Vater meinte seine Britannische Reiche seinem ei- nigen Sohne Nojanes hierdurch zu befestigen/ seine Tochter aber auff den Stul der Gluͤckse- ligkeit zu setzen. Das Rad aber schlug in bey- den Absehen gantz um. Britannien sahe die- sen Fuͤrsten kaum anfangen zu leuchten/ als er in Staub und Asche verstel. Hiermit wuchs dem Hunnus nicht allein der Math seiner Ge- mahlin aͤltere Schwester/ die dem Koͤnige der gluͤckseligen Eylande vermaͤhlet war/ von dem Erbtheile Britanniens abzuschippen; sondern solches auch noch dem lebenden Dinfared aus- zuwinden. Er zwang seine Gemahlin/ daß sie nebst ihm zu Kraͤnckung ihres Vaters sich eine Fuͤrstin uͤber Britannien ausruffen ließ/ er schloß seinen Schwehervater von dem Frieden aus/ den er mit den Galliern einging/ er kam wider seinen Willen in Britannien/ machte von ihm seine Raͤthe und Unterthanen/ welche von der untergehenden Sonne meist die Augen gegen die auffgehende richten/ abtruͤnnig; Er forderte von ihm mit Ungestuͤm die Abtretung Caledoniens/ das ihm seine Gemahlin Betisa- le zugebracht hatte/ er verstattete mit genauer Noth und mit schimpflichen Bedingungen sei- nem Schwehervater eine einstuͤndige Zusam- menkunfft; und wie sehr diesem geluͤstete ein- mahl seine Tochter zu schauen/ durffte er sich doch nicht erkuͤhnen nur nach ihr zu fragen. Ob wohl auch dieser grosse Koͤnig fuͤr der Zeit und Noth die Segel strich/ und seiner Tochter Cale- donien abtrat/ war Hunnus doch hierdurch we- der gesaͤttigt noch besaͤnfftigt. Seine Gemah- Erster Theil. X lin/ Anderes Buch lin/ die alles/ was sie ihm an Augen anfahe/ thaͤt/ die gleichsam von seinem Anschauen lebte/ und aus seinen Neigungen ihr eitel Abgoͤtter bilde- te/ gerieth wegen seiner blossen Abwesenheit aus uͤbermaͤßiger Liebe in eine wenige Gemuͤths- Schwachheit. An statt dessen nun Hunnus mit ihr Mitleiden haben solte/ rieff er diese Bloͤdig- keit fuͤr eine gaͤntzliche Unvernunfft aus/ ver- schloß sie in ein Zimmer/ und verdamte sie zu ei- ner traurigen Einsamkeit; ja er ließ sie nicht al- lein seine Reichs-Staͤnde in oͤffentlicher Ver- sammlung fuͤr bloͤdsinnig und zur Herrschafft untuͤchtig erkennen/ sondern zwang auch ihren Vater/ daß er diese schimpffliche Erklaͤrung selbst unterzeichnen/ und dem Hunnus das Hefft alleine in den Haͤnden lassen muste. Die- se seine Grausamkeit ward nach seinem Tode vollkommentlich offenbar. Denn als er in der Bluͤte seines Alters durch Gifft umkam/ und seine Gemahlin sich in der Freyheit befand/ er- wieß sie nicht allein ihren vollkommenen Ver- stand/ sondern auch ein Muster einer unver- gleichlichen Liebe. Denn sie fuͤhrte seine ein- gebalfamte Leiche allenthalben mit ihr herum/ um selbte alle Tage in dem Sarge zu betrach- ten/ und mit Seuffzern und Thraͤnen seine von ihr so bruͤnstig geliebte Asche anzufeuchten; mach- te auch hierdurch vom Hunnus wahr/ dieselbe Weissagung/ daß er laͤnger nach/ als bey sei- nem Leben reisen wuͤrde. So verwirret ging es diesem Staatsklugen Koͤnige/ und so elende dieser vollkommenen Fuͤrstin. Nicht besser traff es der oberste Feldherr Alemann/ der durch Vermaͤhlung seiner Tochter an den maͤchtigen Koͤnig der Gallier Lucosar sich nicht wenig zu vergroͤssern dachte. Denn diese Verknuͤpffung ward zu einem Zanck-Apfel/ und Lucosar ver- stieß sie aus keiner andern Ursache/ als daß er mit der Fuͤrstin Nana die Amorichschen Laͤn- der erheyrathen koͤnte. Ja sein Nachfolger Gudwil verstieß aus gleichem Absehen Lueo- sars Schwester/ um nicht so wohl der ver- wittibten Nana/ als ihres Heyraths-Guts faͤhig zu werden. Diß sind die traurigen Aus- gaͤnge der Ehen/ die die Ehrsucht stifftet/ und die Eigennutz/ nicht auffrichtige Liebe zum Grundsteine haben. Marcomir hoͤrte Olo- renen mit hoͤchster Gedult an/ antwortete a- ber: Er haͤtte alles reifflich uͤberlegt/ und nicht ohne wichtige Ursachen diesen Schluß gefast. Oefftere Zusammen-Heyrathungen unterhiel- ten gute Verstaͤndniß der anverwandten Haͤu- ser. Man versiegelte mit ihnen die Friedens- Schluͤsse/ man zertrennte dadurch gefaͤhrliche Buͤndniße. Da sie nicht selbst den Knoten der Eintracht machten/ so befestigten sie ihn doch. Er habe durch diese Entschluͤssung nicht allein auff die Vortraͤgligkeit seines Reichs/ sondern zugleich auff ihre Vergnuͤgung gezielet. Sie meinten zwar beyde solche mehr in dem Besitz des Fuͤrsten Friedebalds zu finden. Wie a- ber diß an sich selbst unmoͤglich waͤre/ also sol- ten sie erwegen/ daß Klodomir und Astinabes an Tugenden dem Friedebald gleich/ an Macht und Ankunfft aber ihm weit uͤberlegen waͤren. Nun haͤtte das Cherustische Haus ja allezeit von solcher Art Pflantzen gehabt/ welche fuͤr niedriger Vermaͤhlung Abscheu getragen/ und ihr Antlitz keinem andern Gestirne/ als Son- nen nachgekehret haͤtten. Die Palm-Baͤu- me wuͤrdigten keine unedlere Staude ihrer Nachbarschafft und Verknuͤpffung/ und die Magnet-Nadel liesse sich keine andere himm- lische Stralen von dem so herrlichen Nord- und Angelsterne abwendig machen. Wie moͤch- ten sie sich denn durch Erwehlung eines unge- kroͤnten Hauptes so tieff erniedrigen/ die aus einem Geschlechte entsprossen/ das so wenig ge- wohnt waͤre Kinder/ als der Granat-Apf- felbaum Fruͤchte ohne Purpur und Kronen zu haben? Alles dieses solten sie behertzigen/ und nachdencken: ob sie dem/ der Zeither fuͤr sie mehr als ein schlechter Vater und Brudet gesorgt/ etwas uͤbels zutrauen koͤnten/ und ob sein Arminius und Thußnelda. sein fuͤr beyden Fuͤrsten eroͤffneter Schluß sich ohne seine hoͤchste Ehren-Verletzung/ fuͤr wel- cher ehe alles muͤste zu druͤmmern gehen/ ver- aͤndern liesse. Mit diesen Worten entbrach er sich ihrer/ und ließ Riamen und Olorenen in hoͤchster Gemuͤths-Bestuͤrtzung. Beyde mischten allhier ihre Thraͤnen zusammen/ wel- che kurtz vorher einander mit so scheelen Augen angesehen hatten. Also hat die Gemeinschafft des Jammers diese seltzame Krafft/ daß selbte zertrennte Gemuͤther vereinbart. Und diese Eintracht erhaͤrtete/ daß die Haͤnde des Un- gluͤcks staͤrcker/ als die Klauen der Eifersucht sind. Klodomir und Astinabes waren hinge- gen bemuͤht durch Ausuͤbung allerhand erge- tzender Ritterspiele und Kurtzweilen so wohl sich sehen zu lassen/ als ihnen die Zeit zu verkuͤrtzen/ wormit sie hieruͤber ihnen ihren Kummer und Gedancken aus dem Gemuͤthe schlagen moͤch- ten/ und durch hunderterley Arten annehmli- cher Bedienungen suchten sie ihr Hertze zu ge- winnen. Wiewohl nun Riame und Olore- ne die grossen Tugenden dieser zweyen ausbuͤn- digen Herren nicht allein erkennen/ sondern auch daruͤber sich oͤffters verwundern musten/ so sprachen sie doch in Gedancken allemahl Friedebalden den Preiß zu/ entweder weil ihr Hertze von ihm schon vorher besessen war/ o- der weil die Liebe an sich einen Zug zu einer gewissen Hartnaͤckigkeit hat/ daß sie auch et- was koͤstlichers verschmaͤhet/ welches man ihr einnoͤthigen will. Welches so vielweniger zu verwundern/ weil die hefftige Liebe einen Men- schen voͤllig entzuͤcket/ und ausser dem/ was sie liebet/ gegen alle andere Reitzungen unempfind- lich macht/ auch ein liebender selbst diß/ was er vorhin gewest/ zu seyn auffhoͤret/ und durch eine gleichsam zauberische Vereinbarung zu seiner Buhlschafft wird. Nach zweyen Ta- gen fuͤhrte Marcomir sie insgesamt auff ein von dem Hofe sechs Meil Weges entlegenes Lust-Haus. Nach unterschiedenen Ergetz- ligkeiten verfuͤgten sie sich mit einander ans Gestade des Meeres/ und sahen denen Fi- schern/ wie sie daselbst die Fische beruͤckten/ zu. Kurtz hierauff wurden sie inne/ daß die Wel- len etliche Breter und Stuͤcke von zerbroche- nen Schiffen an die Klippen trieben. Die Fischer waren darum sorgfaͤltig/ in Hoffnung groͤssern Gewinn aus fremdem Ungluͤcke/ als durch ihren Fischzug zu erlangen. Massen sie denn auch kurtz hierauff etliche Menschen/ so dem Ansehen nach Boots-Leute waren/ aus dem Wasser fischten und auff ihre Kaͤhne leg- ten. Unter andern brachte die Fluth eine mit koͤstlichen Kleidern angethane Leiche getrieben/ welchen die Fischer alsofort auff Koͤniglichen Befehl ans Ufer tragen musten. Das Was- ser aber hatte sein Antlitz/ und der anklebende Schlamm und Schilff seine Kleider gantz un- kentbar gemacht. Nachdem sie ihn nun ab- sauberten/ und Olorene einen an dem Finger sich befindenden Ring wahrnahm; hob sie un- vermuthet einen hellen Gall an zuschreyen. Hierauff verblaßte sie nicht anders/ als die fuͤr ihr liegende Leiche/ und sanck hiermit in eine tieffe Ohnmacht. Die bestuͤrtzten Umstehenden wusten nicht/ ob sie vor die wahre Veschaf- fenheit dieser Leiche erkundigen/ oder der Ohn- maͤchtigen beyspringen solten. Als diese sich nur ein wenig erholete/ und man sie um die Ursache ihrer Bestuͤrtzung befragte/ seuffzete sie und sprach mit gebrochener Zunge: Ach! Friedebald! Woruͤber die Fuͤrstin Riama alsofort als ein Stein erstarrete/ alle Em- pfindligkeit und Bewegung verlohr/ ausser: daß aus ihren Augen haͤuffige Thraͤnen schos- sen/ und sie also einem Marmel-Bilde in den Wasser-Kuͤnsten wahrhafftig aͤhnlich ward. Die uͤbrigen Anwesenden aber befunden lei- der! nur nach eigendlicher Beschauung des todten Leichnams/ daß es dieser fuͤrtreffliche Held war. Sie kebrten diesem nach mit der Leiche hoͤchst bestuͤrtzt auff das Koͤnigli- X 2 che Anderes Buch che Hauß/ allwo man die gantze Nacht so wol an Riamen/ als Olorenen genung zu reiben und kuͤhlen hatte/ derer Bestuͤrtzung sich in eine voͤllige Kranckheit verwandelte. Diese a- ber und die so hefftige Empfindligkeit Riamens/ welche Klodomirn fast aller Hoffnung seinen Zweck zu erlangen beraubte/ verursachte/ daß er sich des Hoffes/ und zugleich seine hieruͤber sich etwan ereignende Gemuͤths-Schwachheit zu verbergen/ entschlug/ und in denen tiefsten Wildnuͤssen des Jagens bediente. Hieruͤber aber gerieth er in euserste Lebens-Gefahr. Denn als er einst sich von den Seinigen verirrete/ und des Nachts in der Rauchhuͤtte eines Kohlbren- ners herbergen muste/ ward er von diesem Busi- ris und zwey andern Mord-Gesellen unver- hofft angefallen/ derer sich doch seine Tapffer- keit durch ihre Hinrichtung mit seiner einigen Hand erledigte. Dieser Zufall und die Unruh seines Gemuͤthes trieb ihn hierauf wieder an Hof/ allwo Riamens und Olorenens sich taͤglich vergroͤssernde Kranckheit die Kunst aller Aertzte und die Kraͤfften aller Artzneyen zernichtete. Diese euserste Gefahr bewegte den Koͤniglichen Artzt Marcomirn offenhertzig zu entdecken: Es waͤren mehr Kranckheiten des Gemuͤthes/ als des Leibes. Dahero er und alle Aertzte denen Krancken keine Genesung/ ihnen selbst aber nichts als Schande zuziehen wuͤrde. Marco- mir/ welcher ohne diß besser als iemand den Ur- sprung ihres Ubels wuste/ fragte bekuͤmmert: ob denn diese Schwachheiten des Gemuͤthes auch zuweilen toͤdtlich waͤren? Jn allewege/ antwortete der Artzt/ weil die heftigen Gemuͤths- Regungen der Ausfarth der verwirrten Lebens- Geister nichts minder eine Pforte oͤfneten/ als eine Verwundung dem ausschuͤssenden Gebluͤ- te/ dadurch die Seele nach und nach verschwin- de. Also waͤre zu Rom eine Mutter uͤber der unverhofften Erblickung ihres fuͤr todt gehalte- nen Sohnes fuͤr Freuden erblichen. Und der dem Sophocles aufgesetzte Lorber-Krantz/ weil eines seiner Trauerspiele fuͤr andern den Preiß behalten/ waͤre ihm so toͤdtlich/ als das Gifft dem Socrates gewest. Bey so gestalten Sa- chen/ da keine Kraͤuter-Artzneyen des Gemuͤ- thes waͤren/ wuͤrde am rathsamsten seyn/ an statt der Menschen himmlische Huͤlffe zu suchen. Auf der Druyden hieruͤber eingeholtes Gut- achten/ ließ Marcomir beyde Krancken in einen uhralten Tempel des Esculapius/ welcher in ei- nem Jahr mit dem zu Carthago soll gebaut seyn/ bringen/ selbigem durch die dem Heiligthum vorstehende Daunische und Calabrische Priester auf dem Grabe des Podalir sieben Widder opffern/ und auf derselben Felle beyde Fuͤrstin- nen legen. Es ist wunderns werth/ daß die/ welche so viel Zeit kein Auge zugemacht/ diese gantze Nacht in einen sanften Schlaf verfielen. Olorene erwachte zum ersten/ iedoch erst mit der aufgehenden Sonne/ und kurtz nach ihr auch Riame. Beyde wusten nicht/ wie sie dahin kom- men/ ob sie noch in der Welt oder unter irrdi- schen Gruͤften bey den abgelebten Geistern schwebeten. Nach gegeneinander erfolgter Befragung erzehlte Olorene/ sie wuͤste nicht/ obs ihr getraͤumet/ oder ob der Geist des ertrun- ckenen Hertzog Friedebalds ihr wahrhaftig er- schienen waͤre. Dieser haͤtte ihr mit klaͤglicher Gebaͤrdung erzehlet/ daß sein Schiff durch Unvorsichtigkeit der Bootsleute an einen Fel- sen gelauffen und zerborsten/ er aber ertruncken waͤre. Er dulde aber nunmehr unertraͤgliche Schmertzen/ weil ihre und Riamens Seufftzer seine Ruh stoͤrten/ und ihre Thraͤnen ihm eitel bittere Wermuth einschenckten. Dahero bete er sie mit gefaltenen Haͤnden/ sie solte mit so un- besonnener Traurigkeit nicht ihren verstorbe- nen Liebhaber peinigen/ nicht ihrem lebenden Marck und Bein aussaugen/ nicht das gemei- ne Heil hindern/ noch aus uͤbermaͤßigem Hertze- leide unzeitigen Ruhm/ und ihren vom Ver- haͤngnuͤsse noch nicht ausgesteckten Tod suchen. Riame antwortete ihr/ diß koͤnte kein Traum/ oder Arminius und Thußnelda. oder es muͤste gewiß ein solcher/ welchen die Wei- sen Gottes Botschafften hiessen/ gewesen seyn. Denn/ was sie erzehlte/ waͤre ihr gleichsam bey offenen Augen eben so begegnet; sie koͤnte kaum sagen/ wie ihr Gemuͤthe so erleichtert waͤre/ wie so wol von ihrem Hertzen ein grosser Stein ge- weltzet/ als die zum Hertzog Friedebald so tief eingewurtzelte Liebe gantz erloschen zu seyn schie- ne. Uberdiß haͤtte ihr ihr Lebetage/ wie man vom Cleon aus Daunia/ Thrasimedes und dem Atlantischen Volcke schriebe/ nie getraͤumet. Olorene versetzte/ auch sie waͤre gleichsam neu- gebohren/ und sie nehme an ihr wahr eine ab- sondere Schickung der Goͤtter. Diesemnach denn auch die Fuͤrstin Riama nicht Ursache haͤt- te/ diesen ihren erstern Traum fuͤr ein Ster- bens-Zeichen auszulegen/ und doͤrfte sie dahero/ um seine Wuͤrckung zu hindern/ ihn weder der Sonne erzehlen/ noch im Bade abwaschen. Bey diesen Worten trat der Priester in den Tempel/ wuͤnschte ihnen nicht allein zu ihrem bessern Zustande tausend Gluͤck/ sondern un- terrichtete sie auch von allen Begebenheiten/ derer Gedaͤchtnuͤß ihnen durch ihr Leid und Kranckheit gantz entfallen war. Die Fuͤrstin- nen erzeigten ihm grosse Ehrerbietung/ fielen fuͤr dem Altare/ als dem Ursprunge ihrer Ge- nesung/ fußfaͤllig und danckbar nieder. Nach geendigter Andacht fuͤhrte sie der Priester im Tempel herum/ und zeigte ihnen alle sehens- wuͤrdige Seltzamkeiten. Unter andern wieß er ihnen eine Jaspis-Taffel/ welche von Cartha- go in diesen Tempel solle gebracht worden seyn. Auf dieser war die Liebe an einem Myrthen- Baume gecreutzigt zu schauen/ und uͤberdiß standen drey Frauen/ unter denen des Prie- sters Auslegung nach Medea und Dido seyn solten/ welche aus fuͤr sich habenden Koͤrben die angebundene Liebe mit Rosen-Ballen steinig- ten. Olorene lachte uͤber diesem in Stein ge- wachsenen Gemaͤlde/ und fing zu Riamen an: Es muͤsten diese Frauen von der Liebe so sehr/ als sie/ nicht gepeinigt seyn worden. Denn haͤtten jene so viel als sie erduldet/ wuͤrden sie die Haͤnde und Fuͤsse der Liebe nicht angebunden/ sondern durchnagelt/ weniger ihn mit Rosen/ sondern vielmehr mit Dornen zu tode geworffen haben. Gegen uͤber stand eine helffenbeiner- ne Taffel/ auf welcher abgebildet war/ wie der in die Pyrrha verliebte Deucalion sich von dem Leucadischen Felsen ins Meer stuͤrtzte/ und da- durch den unertraͤglichen Brand seiner Liebe ausleschte. Riame sahe Olorenen an/ und sagte: Jch traue numehr dem guͤtigem Escu- lapius in dieser Kranckheit mehr zu/ als dieser Meer-Klippe und dem Flusse Silemnus/ oder auch dem Kraute/ das von seiner Wuͤrckung die vergessene Liebe genennet wird. Jch nichts minder/ versetzte Olorene/ als Marcomir/ der mit Klodomirn und Astinaben unvermerckt in Tempel kommen war/ ihr in die Rede fiel/ und den Priester fragte/ ob Esculapius nur wider/ nicht aber auch zu der Liebe helffen koͤnte? Jn allewege/ antwortete der Priester. Der die schoͤne Epione so sehr geliebt/ kan der Liebe nicht so sehr feind seyn/ und der dem so sehr geliebten und von Pferden zerrissenen Hippolytus/ hier- mit wieß er auf das darneben stehende Bild/ das Leben wieder geben/ vermag auch wohl eine todte Liebe lebhafft zu machen. Klodomir und Astinabes lagen hiermit dem Priester zugleich an/ sie beym Esculapius zu verbitten/ daß da er Riamen und Olorenen von einer Liebe/ welche staͤrcker als der Tod gewest waͤre/ entbuͤrdet haͤt- te/ solte er nunmehro den Balsam einer leben- digen Liebe in ihre Hertzen floͤssen. Sinte- mahl die unsterblichen Goͤtter zwar wohl die muthwillige Liebe aus dem Himmel/ niemahls aber die vernuͤnfftige aus ihren Hertzen ver- stossen haͤtten. Der Priester trat hierauf fuͤr das Altar/ warf auf die daselbst glimmenden Ko- len etliche Handvoll Weyrauch/ worvon ein an- nehmlicher Rauch das gantze Gewoͤlbe gleich einer Wolcken verhuͤllete. Hierauf troͤpfel- X 3 te ein Anderes Buch te ein so erqvickender Thau uͤber den gantzen Tempel herab/ gleich als die Morgenlaͤnder darzu allen ihren Ambra und Balsam verlie- hen haͤtten. Alle Anwesende und selbst Riame und Olorene hielten dieses fuͤr ein absonderes Wunderwerck/ und/ nach dem der Aberglaube die Menschen alles zu uͤberreden maͤchtig ist/ liessen sie sich bedeuchten/ als wenn die anwesen- de Gottheit ihre Gemuͤther gleichsam durch ei- ne Magnetische Krafft zu einer Zuneigung ge- gen Klodomirn und Astinaben zuͤge. Hier- mit fiel Rhemetalces ein: Wie aber? war denn dieser wohlriechende Thau kein Wunderwerck des Esculapius? Malovend antwortete/ das leichtglaͤubige Frauenzimmer hielt es freylich dafuͤr/ ungeachtet die Deutschen sonst des Escu- lapius kaum fuͤr einen Halb-Gott erkennen. Jch bilde mir aber ein/ es sey allhier nichts min- der mit Kuͤnsten zugegangen als es in den Egy- ptischen Tempeln geschiehet/ allwo/ wenn das Feuer auf dem Altare angezuͤndet wird/ die vielbruͤstige Mutter der Goͤtter haͤuffig Milch in einen Marmelnen Kessel spritzet/ und zu Sai Jsis und Osiris Milch und Wein rinnen las- sen/ oder auch/ wenn in dem Lybischen am Croco- dilen-Ufer gebauten Tempel des Esculapius ei- ner hinein trat/ und nur die ertztenen Raͤder an- ruͤhrte/ selbter alsofort mit Weyhwasser bespritzt ward. Rhemetalces begegnete ihm: Solten die klugen Egyptier wol so alber gewesen seyn/ daß sie ihnen einen blauen Dunst fuͤr die Augen machen lassen? Sicherlich/ versetzte Malovend/ sind dieses alles Kunst-Streiche der verschlage- nen Priester gewest/ welche hierdurch den ein- faͤltigen Poͤfel nach ihrem Willen geleitet/ sich zu Halb-Goͤttern/ Egypten aber zum Eben- bilde des Himmels und zu einem Tempel der Welt gemacht. Nach dem Kaͤyser Augustus alldort ihren aberglaͤubischen Gottesdienst ab- geschafft/ habe ich mir selbst in den Altaͤren die heimlichen Roͤhren und Werckzeuge weisen las- sen/ welche von der Hitze des anzuͤndeten Feuers/ oder durch einen andern Trieb die verborgene Feuchtigkeit auszuschuͤtten sind gereget worden. Dem sey aber/ wie ihm wolle/ so gebrauchte sich Marcomir allhier des Aberglaubens gegen Riamen und Olorenen/ ihnen die Liebe zu beneh- men und sie wieder verliebt zu machen. Zeno konte sich des Lachens nicht enthalten/ und fing an: Jch weiß wol/ daß die Staats-Klugen ihre Herschsucht mit dem Mantel der Gottesfurcht verhuͤllen/ und durch Aberglauben das Volck ihnen verbindlich machen. Jch erinnere mich/ daß Numa durch die ertichteten Gespraͤche mit seiner Egeria/ Scipio mit seinen Traͤumen in dem Hause des Capitolinischen Jupiters/ Sulla mit dem fuͤr getragenen Bildnuͤsse des Apollo/ Sertorius mit den Warsagungen seiner weis- sen Hinde/ Minos mit denen vom Jupiter ihm eroͤfneten Gesetzen/ Pisistratus mit seiner ver- mummten Minerva ihre Herrschafft befestigt/ daß die Spartaner ihre Regiersucht und den Krieg wider Athen/ Philippus den Uberfall der Phocenser mit ihrem Kirchenraube beschoͤnet/ ja daß auch der Britannische Koͤnig Dinafer alle seine Begierden mit der Andacht bekleidet; Daß man aber den Aberglauben zum Werckzeuge der Liebe gebrauchthabe/ erinnere ich mich nicht. Jn allewege/ sagte Rhemetalces. Nectabis uͤ- berredete des grossen Philippus Gemahlin O- lympias/ es wuͤrde sie der Hammonische Jupi- ter schwaͤngern/ und sie von ihm einen Sohn/ der die gantze Welt beherrschen solte/ gebaͤhren; brachte es auch durch aberglaͤubische Bethoͤ- rung oder zauberische Verblendung zu wege/ daß sie diesen Betruͤger oftmahls in Gestalt einer Schlangen/ und in Einbildung eines goͤttlichen Beyschlaffs umhalsete. Ja ich hal- te dafuͤr/ daß so wohl des Scipio als des Au- gustus Mutter von der Olympias eben die- sen Fuͤrwand ihre frembde Buhlerey zu ver- bluͤmen gelernt/ und nebst ihren Maͤnnern auch Arminius und Thußnelda. auch die einfaͤltige Nachwelt zu glauben be- redet/ daß beyde von Schlangen gezeugt waͤren/ Scipions Geist auch deshalben in der Linterninischen Hoͤle von einem Drachen be- wacht wuͤrde. Wem ist nichtd as Unthier/ ich mag nicht sagen/ der Unmensch bekant/ der sich fuͤr den Jupiter ausgab/ ja sich des Beyschlafs mit dem Monden ruͤhmte/ und deßwegen seine Schwestern zur Blutschande verleitete? Wer weiß nicht/ daß ein ander die Heyrath einer Vestalischen Jungfrauen mit seinem Priester- thum und einer Wahrsagung/ daß von ihnen goͤttliche Kinder wuͤrden gezeuget werden/ be- maͤntelt? Jch wil geschweigen/ daß ihrer viel den Bund ihrer Liebe unter dem Scheine der An- dacht zerreissen/ das Band der Eh unter dem Schein zu naher Anverwandnuͤß zertrennen/ andere ihre Abneigung oder auch frembden Zunder mit der Gelobung ewiger Keuschheit verdecken. Malovend fiel ihm ein: Es waͤren so schlimme Mißbraͤuche der Gottes-Furcht auch in Liebes-Sachen verdam̃lich; wie er aber fuͤr zulaͤßlich hielte/ sich ihres Scheins zu Nutz des gemeinen Wesens zu bedienen; also haͤtte er es Marcomirn nicht fuͤr uͤbel/ daß er Riamens und Olorenens Aber glauben zu einem so guten Zwecke ihrer so loͤblichen Verehligung gemiß- braucht habe. Es ging sein Anschlag auch so gluͤcklich von statten/ daß beyde alsofoꝛt gleich also auf Goͤttlichen Befehl sich mit Klodomirn und Astinaben zu verknuͤpfen begierig waren. Die Vermaͤhlung ward noch selbigen Tag im Tem- pel mit grossem Frolocken vollzogen/ und unter dieser Freude das Trauren umb den umgekom- menen Friedebald nach und nach vergessen. Also quellen aus keinem Hertzeleide so viel Thraͤ- nen/ welche nicht der Schwam̃ der Zeit aus- trockne/ und es ist keine Liebe in einem Hertzen so beraaset/ daß selbte nicht verwelcken/ oder von einer andern uͤberwachsen werden koͤnte. Wie- wol er hierbey die seltzame Begebenheit nicht verschweigen koͤnte/ daß unter denen Hochzeit- Fackeln/ welche zwoͤlf Edel- Knaben der zum Altar gefuͤhrten Olorene fuͤrtrugen/ sich eine selbst-bewegende Flam̃e eingemischt/ die alles an- dere Licht verduͤsterte. Und ob schon kein Mensch sonst etwas mehrers sahe/ so betheuerte doch so wol Riame als Olorene/ daß selbte der Geist Hertzog Friedebalds in seinen Haͤnden truͤge/ und derogestalt seine so liebe Buhlschafft so wol nach seinem Tode bediente/ als ihre neue Ver- maͤhlung billigte. Eben dieser Geist ist ihr zum andern und dritten mal erschienen/ und hat ihr gerathen/ alle moͤgliche Verhinderungs- Mittel fuͤrzukehren: daß ihr Gemahl Asti- nabes nicht den Zug wider die Mohren fuͤr- nehmen solte/ darinnen er hernach entweder erschlagen oder zum minsten verlohren worden. Weßwegen Olorene auch/ als dieser Geist die traurige Nachricht brachte/ daß sie ihren Asti- nabes nicht mehr sehen wuͤrde/ sich gestorben zu seyn anstellte/ und zum Scheine begraben ließ/ sich aber/ umb ihrem Betruͤbnuͤsse desto freyer nachzuhaͤngen/ in einer bergichten Ein- samkeit so wol ihr Leben als ihre zu den Tod- ten tragende Liebe endigte; wo anders die Geister der Verstorbenen nicht noch diese suͤsse Empfindligkeit behalten/ wie fast der Schatten des erblasten Friedebalds zu behaupten schei- net. Rhemetalces fing hieruͤber an: Jch muß gestehen/ daß das erzehlte eines der merckwuͤr- digsten Ebentheuer sey. Denn ob ich wol weiß/- und die Welt insgemein glaubet/ daß ieder- Mann absonderlich 2. Geister zu unabtrennli- chen Geferten habe/ derer einer entweder mit- ihm gebohren wird/ oder zum minsten sich ihm- bald bey der Geburt zugesellet/ und ihn/ wie- vom Socrates genung bekant ist/ zu allem- Guten reitzet/ und durch Traͤume oder- andere Wege fuͤr Ungluͤck warne/ der- Boͤse aber ihn zum Verderben reitzet/ und/- wie dem Brutus geschehen/ erschrecket;- Bey Anderes Buch Bey welchen erstern Geistes Regung Socrates auf der rechten/ bey des andern auf der lincken Seiten genieset haben soll; so scheinet doch diß/ was Olorenen begegnet/ keine weder ihrem noch des Friedebalds Geiste anstaͤndige Verrichtung zu seyn; zumal das weibliche Geschlechte nur die Juno zu seiner allgemeinen Beschirmerin/ nicht aber/ wie ieder Mann/ absondere Schutz- Geister haben soll/ und Friedebalds erschienener Geist nicht ihm selbst/ sondern andern Men- schen/ nemlich Olorenen und Riamen seine Dien- ste abgeliefert/ da doch die Geister sonst Frem- den/ ja auch Freunden ehe aufsaͤtzig zu seyn scheinen. Massen Augustens Geist des Anto- nius zu unterdruͤcken auch damals bemuͤht ge- west/ als beyde gleich noch in grosser Vertraͤulig- keit lebten. Zeno begegnete Rhemetalcen: Er waͤre der gaͤntzlichen Meynung/ wuͤste auch kei- nen Grund einer bessern aufzufinden/ daß Her- tzog Friedebalds Schutz-Geist und kein anderer Olorenen diesen Liebes-Dienst erzeiget habe. Sintemal unzweifelbar waͤre/ daß die getreuen Schutz-Geister nicht/ wie insgemein die Men- schen/ ihr Freundschaffts-Band mit dem Lebens- Fadem zerreissen/ sondern auch ihren Verstor- benen/ ja den faulen Leichen wolzuthun beaͤm- sigt waͤren/ wie der Geist zu Athen/ der den Athenodor umb die Beerdigung der gefesselten Glieder ersuchet/ und derselbe Geist/ der aus dem abgehauenen Kopfe des Priesters Cercidas re- dete/ und seine Moͤrder zu Ausuͤbung der Ra- che offenbarte. Ob auch schon zwischen Augu- stens und des Antonius Geiste einige Gram- schafft sich ereignet haben soll; so werden selbte Zweifels-frey die hernach ausgebrochene Tod- Feindschafft Augustens und des Antonius vor- gesehen haben. Sintemal die Goͤtter diese Geister nicht nur mit der Wissenschafft kuͤnfti- ger Dinge begabten/ sondern sie auch zu Werck- zeugen ihrer Offenbarungen brauchten. Diese haͤtten in Thessalien durch die Tauben/ in Lybien durch den Widder/ zu Delphis aus dem Drey- Fusse geweissagt/ und waͤren der sonst stummen Dinge redende Zunge gewest. Massen denn die Griechen festiglich geglaubt/ daß/ als die Py- thia so viel fuͤr dem Koͤnig Philipp wahrsagte/ sein Schutz-Geist durch ihren Mund geredet habe. Ja dieser Werck waͤre noch/ die geopfer- ten Thiere derogestalt zuzubereiten/ daß sie mit den kuͤnftigen Begebenheiten uͤbereinstimmeten/ so gar/ daß die Eingeweide auf den Altaͤren mehrmals ohne Lungen und Hertzen ge- funden wuͤrden/ ohne welche doch ein Thier un- moͤglich leben koͤnte. Endlich waͤre dieses Gei- stes der Olorene erwiesene Gewogenheit fuͤr ei- nen dem Friedebald selbst geleisteten Dienst zu achten; weil ein eifriger Liebhaber seiner Buhl- schafft mehv/ als ihm selbst/ wol wil/ und die Liebe der von denen irrdischen Leibern entladenen Seelen alles eitlen Rauches befreyet/ und reiner/ als der Lebenden/ seyn soll. Also haͤtte die Lie- be des Vaterlandes/ die Theseus zu Griechen- land trug/ so viel gewuͤrcket/ daß sein Schutz- Geist in der Marathonischen Schlacht wider die Persen gestritten/ ob schon Griechenland/ wie Rom die Vesta/ und Persien einen feurigen Engel/ und andere Laͤnder andere allgemeine Schutz-Geister gehabt/ welche/ der gemeinen Meynung nach von dẽ 2. grossen Welt-Lichtern und den 12. him̃lischen Zeichen ihre Bewegung haben sollen. Welcher Meynung denn zum Behelf dienet/ daß Malovends Erzehlung nach dieser Geist bestaͤndig Hertzog Friedebalds Ge- stalt behalten habe; zumal solche Geister wegen ihrer grossen Zuneigung nicht leicht eine frembde Gestalt anzunehmen wuͤrdigen/ und ihren duͤn- nen Luft-Leib darmit gegen den sterblichen Au- gen sichtbar machen. Malovend brach ein: Jch solte dieser letzt-angezogenen Gestalt halber meynen/ daß kein Schutz-Geist/ welche an Be- wahrung der nicht nur von boͤsen Geistern/ son- dern auch aber glaͤubischen Zauberern mehrmals angefochtenen Leichen und Todten-Gebeine ge- nung zu thun haben/ sondern vielmehr Hertzog Frie- Arminius und Thußnelda. Friedebalds eigener Geist oder Seele Olore- nen wohlgethan habe. Sintemahl wir von den Jndischen und Chaldeischen Weisen diese gruͤndliche Lehre angenommen/ daß alle Gei- ster/ insonderheit aber die Seelen der Menschen unsterblich sind/ und daß diese alles dis/ was bey ihrem irrdischen Leben fuͤrgegangen/ im Gedaͤchtnisse behalten. Massen die Seele auch nur alleine der gantze Mensch/ sein Leib aber nur der Seele Kercker und Grab ist/ durch welchen als ein duͤsternes Wesen sie das Licht der Warheit zu erkiesen nur verhindert wird. Bey so gestalten Sachen ist kein Wunder/ daß der erledigte Geist nach dem Tode des Leibes so viel thaͤtiger sey; und bezeuget die oͤffte- re Erfahrung/ wie unruhig der Entleibten Geister um ihre Graͤber zu schwaͤrmen/ der Gottlosen Gespenster ihre Wohnungen zube- unruhigen/ der frommen Seelen die betruͤb- ten zu troͤsten mehrmahls bemuͤht sind. Weß- wegen nicht nur die Griechen die Erstlinge ihrer Fruͤchte/ und die Roͤmer der verstorbenen Seelen taͤglich Wein und Weyrauch opffern/ von ihrem Tische ihnen Brosamen lieffern/ sondern auch andere Voͤlcker ihnen Kraͤntze winden und Altaͤre bauen. Ja da die Zau- berer durch vergossenes Blut und Galle die Er- scheinung der Seelen zu wege bringen; Wie vielmehr soll nicht eine so hefftige Regung/ als die festeste Verknuͤpffung der Seelen/ nehm- lich die Liebe ist/ so viel zu wuͤrcken maͤchtig seyn? Zeno antwortete: Es waͤre die Beruffung der Geister eine Blendung oder Betrug/ sintemal weder Steine/ Kraͤuter noch Beschwerungen einigen Zwang uͤber die Geister haͤtten/ wiewol die Boͤsen zuweilen die Aberglaͤubigen mit ihrer gehorsamen Erscheinung bethoͤrten/ und aus de- nen von Menschen geschnitzten Bildern rede- ten/ gleich als wenn sie von ihnen in irrdische Behaͤltnisse eingesperret werden koͤnten. Da- her ging es mit selbter insgemein wie mit denen zweyen Gottesschaͤndern her/ derer einer sich in Saturn/ der andere in Anubis verstellet haͤtte/ um mit denen in die Tempel kommenden Frau- en ihre geile Lust zu buͤssen/ und die schaͤndliche Unzucht noch mit dem Scheine der Andacht zu uͤberfirnßen. Uberdiß haͤtte zwar der Geist des Delphischen Apollo nicht fuͤr gar langeꝛ Zeit aus seinem Dreyfuße geruffen: Er waͤre nur ein Sonnenstaub und das geringste Theil des gros- sen Gottes/ dessen Nahme unaussprechlich/ des- sen ewiges Wesen ein unerschaffenes Feuer/ und doch das Band der gantzen Welt waͤre. Er Apollo waͤre sterblich/ ja er stuͤrbe gleich/ weil das Licht der goͤttlichen Flamme ihn ausleschte. Auch haͤtte ein Geist bey dem Eylande Paxi dem Thamus offenbahret/ daß der grosse Pan ein Fuͤrst unter den Geistern gestorben waͤre. Gleichwohl aber gebe er willig nach/ daß die Seelen der Verstorbenen allerdings unsterblich waͤren/ ob er zwar der Egyptier Meinung dem Buchstaben nach nicht beypflichtete/ daß die Seele schon fuͤr dem Leibe ein absonderes himm- lisches Wesen waͤre/ und durch den gestirnten Krebs/ als die eine Pforte der stockenden Son- ne sich in den menschlichen Leib herab lasse/ weil sie sonst von Gott und dem himmlischen Wesen ihre gehabte Wissenschafft nicht so gar verlieren wuͤrden; also auch hinfaͤllt/ daß sie beym Tode durch die andere Pforte nehmlich den Steinbock wieder empor klimmen/ und sich feste in Himmel versperren. Jnzwischen scheint es doch eben so wohl ein ungereimter Aberglau- be zu seyn/ daß die Menschen sich in umschwer- mende Geister verwandeln/ als daß der Ver- storbenen Seelen/ nach Vergessung des leibli- chen Ungemachs/ wieder in die Bande ihrer ver- weseten Leiber kehren sollen. Und lasse ich mich nicht bereden/ daß die Seelen der Tugendhaff- ten sich viel mehr um unsere Eitelkeiten/ daran so viel suͤndliches klebet/ bekuͤmmern solten. Deñ ob selbten freylich zwar die Schwachheit der Vergeßligkeit/ und die Entaͤuserung aller Liebe nicht beyzumessen ist/ so sind selbte doch mit was Erster Theil. Y wich- Anderes Buch wichtigerm beschaͤfftiget/ weil sie durch einen hefftigern Trieb zu Anschau- und Betrachtung des grossen Gottes/ als die Flamme zu der Em- porglimmung/ und der Magnet zum Eisen gezogen werden. Die verdammten Seelen a- ber sind mit so viel Angst und Schmertzen uͤber- schuͤttet/ daß sie der gewesenen Dinge gerne ver- gessen/ und in ein solch Gefaͤngniß eingesperret/ daß sie die Welt zu beunruhigen ihnen nicht doͤrffen traumen lassen. Wie aber/ versetzte Rhe- metalces/ wenn die Geister/ wormit/ nach des Plato/ und fast aller Weltweisen Meinung/ Lufft/ Erde/ Feuer und Wasser angefuͤllet/ und dieser Elemente Thiere/ ja so gar die Britanni- schen Eylande Sporades von eitel Geistern be- wohnet seyn sollen/ welche die Anlendung der Menschen mit Sturm und Feuer-Fluthen ver- hindern/ und zu nichts mehr/ als aus Bildern und durch Traͤume wahrzusagen einen Zug haben/ oder auch die hoͤllischen/ so wie der zaube- rische Proteus/ der Verstorbenen Gestalt anneh- men? Oder wie wenn in dem Menschen die Seele und der Geist zwey absondere Wesen waͤ- ren? Massen die Griechen von ihrem Hercules bestaͤndig erzehlen/ daß seine Seele im Himmel/ sein Geist in die Hoͤlle/ sein Leib in die Erde ver- setzt worden sey. Zeno antwortete: Er vernein- te nicht die Vielheit der Geister in der Welt/ noch auch daß ein Theil derselben dem Men- schen wohlzuthun geneigt/ wiewohl ihm ihr Dienst wegen Vielheit der boͤsen allezeit ver- daͤchtig waͤre. Dieses die Olorene bedienenden Geistes Gewogenheit beduͤncke ihn auch von all zu zarter Regung fuͤr einen Geist/ und/ weil von geraumer Zeit schier alle Wahrsager-Geister zu verstummen angefangen/ eine zu seltzame Bege- benheit zu seyn. Daß aber des Menschen See- le und Geist zweyerley seyn solte/ waͤre ein Jrr- thum/ und die Meinung vom Hercules ein blosser Aberglaube. Sintemahl der erstere Nahme die Eigenschafft des Wesens/ der an- dere die lebhaffte Regung der Seelen ausdruͤck- te. Nachdem sie aber unter den Lebenden in dieser Sache keinen unverwerfflichen Schieds- mann finden wuͤrden/ muͤsten sie einmahl sich der Geister und Gespenster entschlagen/ wenn Malovend nicht des tapffern Hertzog Klodo- mirs vergessen solte. Rhemetalces nahm alsofort das Wort vom Zeno an/ meldende/ daß er zwar fuͤr seine Mei- nung und der Geister zu den Menschen tragen- der Liebe anzufuͤhren haͤtte/ wie selbte sich so gar mit ihnen zu vermischen luͤstern waͤren; massen Plato/ welchen man von einer Jungfrau ge- bohren zu seyn ruͤhmte/ der grosse Alexander/ Scipio und andere/ von eitel Geistern/ inson- derheit aber Zoroaster von dem beruͤhmten Gei- ste gezeuget worden/ welche ihre Muͤtter in Gestalt der Schlangen oder der Goͤtter ge- schwaͤngert haͤtten. Sintemahl eine Gottes- laͤsterung zu seyn schiene/ daß ein wahrer Gott eine sterbliche Frau beschlaffen solle/ und/ daß Schlangen Weiber schwaͤngern koͤnten/ eben so laͤcherlich waͤre/ als daß die Koͤnige der Go- then einen Baͤr/ und ein Volck am Ganges einen Hund zu ihren ersten Geschlechts-Ahnen haben solten. Alleine er bescheidete sich selbst/ daß seine ungewisse Gedancken Malovends annehmlicher Erzehlung billich den Platz raͤu- meten. Malovend gehorsamte ihrem Verlangen/ und fing an: Astinabes und Klodomir heyrathe- ten zwar einen Tag und unter einerley Stande des Gestirns; Olorene und Riame waren eines Geschlechtes/ und sie saͤmmtlich Liebhaber der Tugend; Aber/ wie auff einerley Zweigen Rosen und Dornen/ Datteln und Schwaͤmme wachsen/ ein Theil eines Baums zu einem an- gebeteten Goͤtzen-Bilde/ das andere zu einem verfluchten Creutze gemacht wird; also waren je- ne Verwuͤꝛfflinge/ diese aber Schoos-Kinder des Gluͤckes. Denn der hertzhaffte Astinabes brach mit einem maͤchtigen Heere in Africa ein/ um den verdrungenen Koͤnig der Mauritanier wie- der Arminius und Thußnelda. der einzusetzen; Diese beyde Koͤnige aber nicht allein/ sondern auch der/ welcher solch Reich be- hauptete/ buͤßten dem gemeinen Ruffe nach ihr Leben in der Schlacht ein/ welche von dem Fal- le dreyer gekroͤnten Haͤupteꝛ einen ewigen Nah- men behalten wird/ und deßhalben noch so viel merckwuͤrdiger ist/ daß sich nach etlichen Jah- ren einer fand/ der sich nicht allein fuͤr den Koͤ- nig Astinabes ausgab/ sondern auch durch so viel Merckmahle und Anzeigungen sein Vor- geben bescheinigte/ daß alle Unpartheyische ur- theilten/ er muͤste entweder der rechte Astinabes/ oder sein Geist in einem andern Leibe seyn. Wiewohl sein Reich inzwischen vom Hippon behauptet/ und dieser als ein Betruͤger aus dem Wege geraͤumet ward. Klodomir hingegen lebte mit seiner Gemah- lin Riama in hoͤchster Vergnuͤgung/ und stand etliche Jahr mit ungemeiner Klugheit Britan- nien fuͤr. Nach seines Vaters Jngrams To- de aber ward er in einem Jahre dreymahl gekroͤ- net. Sein friedliebendes Gemuͤthe brachte die durch die Meinungen der Druyden/ Eubagen und Barden in Deutschland erwachsene Zwy- tracht so fern zu einem Vertrage/ daß sie sich nebst einander ohne Verdammung eines oder des andern Jrrthums zu dulden gelobten. Sei- ne Herrschafft erreichte noch den Sturm des grossen Salomins/ welcher wie er unter dem groͤsten Gethoͤne der Waffen gebohren/ also auch unter derselben Krachen seine Seele aus- zublasen versehen war. Er war auffs neue mit einer unglaͤublichen Macht in das Pannonische Reich eingefallen/ und belagerte Siegestadt. Selbige aber verthaͤidigte Nezir ein Norichi- scher Ritter mit einer unerhoͤrten Tapfferkeit/ welche diesen unersaͤttlichen Wuͤterich lehrte/ daß ein unerschrockenes Helden-Hertz mehr als ein eisernes Bollwerck sey/ und hierdurch verur- sachte/ daß er fuͤr Ungedult im Lager seine Blut- duͤrstige Seele ausblies/ und der/ dessen Ehrsucht Meer und Gebuͤrge nicht hemmeten/ alhier in einer Pfuͤtze Schiffbruch leiden muste. Es richtete aber Salomins arglistiger Heerfuͤh- rer den Leib-Artzt eigenhaͤndig hin/ um seinen Tod so lange zu verbergen/ biß sein Sohn Miles das Hefft der Herrschafft in Haͤnden hatte/ die Belaͤgerten aber/ denen das einge- worffene Feuer numehr allen Auffenthalt und Lebensmittel gefressen/ und derogestalt dem Feinde ein schlechtes Sieges-Mahl uͤbrig gelassen hatte/ sich in den unzehlbaren Hauffen der Belaͤgerer zu stuͤrtzen/ und ihr Leben noch um viel Feindes-Blut zu verkauffen gezwun- gen worden. Also wird zuweilen auch die Tu- gend uͤbermannet/ und die Hertzhafftesten fallen mehrmahls von dem Geschoß eines Verzagten: als welche bey zuhangendem Siege nichts we- niger als die Tapffern/ wagen. Wiewohl in solchen Faͤllen der Sieg so wenig fuͤr Ehre/ als der Untergang fuͤr Schande/ ja die/ wel- che derogestalt umkommen/ wohl fuͤr erschla- gen/ nicht aber fuͤr uͤberwunden zu halten sind. Massen denn dieser blutige Gewinn die Sey- then also entkraͤfftet hatte/ und Klodomirs klu- ge Herrschens-Anstalten dem Miles so sehr unter Augen leuchteten/ daß er es rathsamer hielt/ mit einem so fuͤrsichtigen Feinde Friede zu schliessen/ als den ungewissen Ausschlag ei- nes laͤngern Krieges zu erwarten. Dieses Ansehen brachte auch zu wege/ daß Klodomir von den meisten Staͤnden Sarmatiens zu ih- rem Koͤnige erwehlet ward/ wiewohl Miles/ der ohne seine euserste Gefahr seinen Nachbar nicht konte sehen so groß werden/ theils durch Bedraͤuungen/ theils durch Verheissungen ein Theil der Sarmater zu Erwehlung Tia- bors der Dacier Fuͤrstens beredete. Als nun Klodomir so wohl sein durch rechtmaͤßige Wahl erlangtes Recht mit dem Degen zu be- haupten/ als die durch Tiabors Eindringung ihm zuwachsende Schande mit der Verursa- cher Blute auszutilgen beemsigt war/ setzte das Y 2 Ver- Anderes Buch Verhaͤngniß unvermuthet seinem Leben und Gebiete/ nicht aber seinem noch herrlichen Nachruhme einen Grentzstein. Die Sonne fing nun an zu Golde zu gehen/ und es trat des Feldherrn Jaͤgermeisteꝛ zugleich in den Saal mit Erinnerung: es waͤre hohe Zeit zur Ruͤckkehr/ im Fall sie daselbst nicht uͤber- nachten wolten. Weil aber diese Fuͤrsten diß letz- tere bey ihrem erstern Ausritte zu thun Beden- cken hatten/ befahlen sie ihre Pferde zur Stelle zu bringen. Malovend aber fing an: Jch habe meine versprochene Erzehlung uͤbel eingetheilt/ und ich bleibe noch die Geschicht dieser vier letz- tern Feldherren schuldig. Zu der letztern zwey- en/ nehmlich Aembrichs und Segimers unge- meinen Zufaͤllen bedinge ich mir einen beson- dern Tag aus/ von dem neundten und zehen- den aber/ nehmlich dem Roderich und Malorich wil ich zu Pferde noch etwas weniges erweh- nen. Als sie nun auff dem Ruͤckwege begriffen wa- ren/ fuhr Malovend fort: Beyde diese Feld- herren sind Klodomirs Soͤhne/ und betrat Ro- derich nach seines Vaters Tode alle vaͤterliche Throne; diese befestigte er mit Gerechtigkeit/ Deutschland erhielter durch Vereinbarung sei- ner Glieder in einer herrlichen Eintracht/ und beseligte es mit dem guͤldnen Frieden. Jn Pan- nonien und Dacien aber fuͤhrte er wider drey Seythische Koͤnige/ nehmlich dem Turama/ der nach des Miles seines Vaters Tode auff seinem Grabe fuͤnff Bruͤder abschlachtete/ dem Mehdum/ welcher seinen Thron auf siebenzehn erwuͤrgte Leichen seiner Bruͤder gruͤndete/ und dem Techma/ der seinem eigenen Bruder die Au- gen ausstach/ mit grosser Hertzhafftigkeit Krieg. Er gewann unterschiedene Schlachten/ erober- te etliche verlohrne Festungen/ und insonderheit durch eine besondere Kriegs-List des Ritters Schwartzenburg die durch Zagheit eines Pan- nonischen Edelmanns den Scythen ohne Noth uͤbergebene Stadt Arabo. Er bemaͤchtigte sich eines Theils Daciens uͤber dem Flusse Pathis- sus/ allwo ein Marsingischer Ritter Reder in der Festung Nidavar die gantze Scythische Macht mit unglaublichem Heldenmuthe auff- hielt/ und nach Verlust unzehlbarer Stuͤrme abzuweichen zwang. Er zwang den Koͤnig der Dacier Gundimes zu einem Vergleiche/ krafft dessen nach seinem Absterben ihm seine Laͤnder heimfallen solten/ und als dieser seiner Zusage wider kam/ in dem er seinem Vetter Na- sared seine Herrschafft einraͤumte/ wurden die Dacier und Scythen auffs Haupt geschlagen/ und Nasared selbst muste seine Untreu mit sei- nem Halse bezahlen. Ob sich nun wohl hier- auff Tabisock zum Oberhaupte der Dacier auffwarff/ und vom Koͤnige Techma beschir- met ward/ so zwang doch Roderich jenen/ daß er ihn fuͤr seinen Lehns-Herrn erkennen/ dieser aber einen billichen Frieden eingehen muste. Sintemahl der grosse Mithridates der Par- then Koͤnig um den Tod seines Vaters Arta- bans/ welchen die Thocharischen Scythen in ei- ner Schlacht erschlagen hatten/ wie auch sei- nes Groß-Vaters Phraates/ der eben so um- kommen war/ zu raͤchen/ nicht allein ihnen die vorhin verlohrnen Staͤdte Tauris und Ar- tzirum wieder abgenommen/ sondern auch den Scythischen Bund-Genossen Artavasden geschlagen/ sich seines Armeniens bemaͤchti- get/ und in das Hertze des Scythischen Rei- ches mit Feuer und Schwerdt gedrungen war. Dieser Mithridates schickte eine praͤchtige Ge- sandtschafft an den Roderich mit kostbaren Ge- schencken/ worunter merckwuͤrdig waren ein blauer Topaß so groß/ daß man daraus ein Trinck-Geschirr machen konte/ ein weißer To- paß und ein reineꝛ Amethist/ beyde so groß als ein Ganß-Ey/ ein Persianischer Bogen von Spañ- adern eines Camels mit grossen Diamanten/ zwey Parthische Sebeln mit Damaseener Klin- gen und Rubinen versetzt/ ein gelber Topaß so groß als ein Tauben Ey/ eine Schnure wundeꝛ- grosse Arminius und Thußnelda. grosse Perlen/ drey Carfunckel/ eine Krone von einer Schlange/ und eine grosse Kugel Ambra. Das Ab ehen dieser Botschafft war den Feld- herrn Roderich zu bewegen/ daß er mit dem Techma den Frieden zerreissen/ und mit den Parthen zugleich die Scythen bekriegen solte. Alleine Roderich hielt es Fuͤrstlicher zu seyn/ sein Wort und den gemachten Frieden auch eydbruͤchigen Feinden zu halten/ als mit Ver- minderung Treu und Glaubens seine Reichs- Graͤntzen zu erweitern; zumal auch sich zwischen ihm und seinem Bruder Malorich gleich Zwi- stigkeiten ereigneten/ welchem er lieber Panno- nien abtreten/ als durch bruͤderliche Zwytracht das gemeine Heil in Gefahr setzen wolte. Rhe- metalces fing an zu seufzen und zu ruffen: O ein ungemeines Beyspiel/ daß die Regiersucht nicht alle andere Gemuͤths - Regungen unter- druͤcke! Wie viel hat diese Begierde nicht nur Bruͤder in meinem Thracien geschlachtet! Und wem ist unbekant/ daß nicht wol ehe Unmen- schen fuͤr ihren Bruder-Mord belohnet zu wer- den verlanget? Malovend fing hierauf wieder an zu erzehlen: Roderichs friedliebendes Ge- muͤthe ist deswegen noch mehr Wunderns werth/ weil noch bey Anwesenheit der Parthi- schen Botschafft die Scythen in Pannonien die Festung Decebalia durch Verraͤtherey einzu- nehmen versuchten/ und er also mit ihnen zu brechen einen guten Schein uͤberkam. War- umb nicht Fug und Recht? fiel Rhemetalces ein. Und ich weiß bey solcher Beschaffenheit nicht/ ob ich Roderichs Beginnen mehr fuͤr eine Ver- absaͤumung bequemer Gelegenheit sich in mehr Ansehn und Sicherheit zu setzen/ als eine Ge- muͤths-Maͤssigung halten soll? Friede und Ruh haͤtten freylich wol scheinbare Nahmen; aber man gebe solche zuweilen auch einer schaͤdlichen Traͤgheit. Solche rauhe Voͤlcker pflegten den Frieden fast iedesmals aus angewohnter Lust zum Kriege zu stoͤren; also waͤre leicht zu muth- massen/ daß sie den Krieg aus Liebe eines bestaͤn- digen Friedens nicht aufgehoben. Jhr Abse- hen waͤre allein/ daß sie ihren Feind durch Ruh und Muͤssiggang faul und unbewehrt machen; und weil zu Friedens-Zeit der Adel/ welcher im Kriege mehr Gelegenheit hat sich durch grosse Dienste in Ansehen zu setzen/ mehr den Ruͤcken unter das Joch der Herrschafft beugen muß/ selbtem die Waffen und die Kriegs-Ubungen aus den Haͤnden winden moͤge. Hingegen legten die Scythen/ die ohnedis von guten Kuͤn- sten/ derer man beym Frieden bedoͤrfte/ nichts hielten/ den Sebel niemals aus der Hand/ son- dern/ wie sie keinmal leichte mit zweyen Feinden anbinden/ also behielten sie auch meist einen uͤbrig/ umb niemals aus der Ubung zu kommen. Dahero waͤre auch ein zweifelhafter Krieg bes- ser/ als ein unsicherer oder verdaͤchtiger Friede/ und fuͤr einem schimpflichen Muͤssiggange eine behertzte Gegenwehre zu erwehlen. Zeno ant- wortete: Es waͤre diß ein zu scharffes Urthel wider einen so lobwuͤrdigen Fuͤrsten/ als Rode- rich gewest. Der Krieg komme denen/ die ihn noch nicht versucht/ so suͤsse fuͤr und bey dessen Unge- witter ergetzten sich nur die Kinder uͤber so schoͤ- nen Schlossen/ die Klugen aber beweinten den durch seinen Hagel verursachten Schaden. Der Sieg sey allezeit ungewiß/ und habe das Gluͤck darmit seine Kurtzweil/ daß es allen Kriegen stets einen gantz andern Ausschlag gibt/ als die kluͤgsten Rathschlaͤge vermuthet/ und menschli- che Vernunft hat vorsehen koͤnnen. Uberdiß hoͤre der Krieg niemals auf eine Straffe der Goͤtter/ und auch denen Siegenden verderblich zu seyn. Die Froͤmsten muͤsten wider Wil- len darinnen suͤndigen/ der schaͤrffste und wach- samste Feldherr habe das Kriegs-Volck nicht dergestalt an einem Faden/ daß keine Todschlaͤ- ge/ keine Nothzucht/ kein Kirchen-Raub began- gen werde. Jm Friede allein bluͤheten Recht und Verdienste/ im Kriege wuͤrden unschuldige so wol als schuldige zu Bodem getreten. So haͤtte auch manches Reich offtmals viel heimliche Y 3 Schwaͤ- Anderes Buch Schwaͤchen und Bloͤssen/ die sein eigenes Volck nicht wuͤste/ und der Purpur verdeckte viel ge- faͤhrliche Wunden. Man habe sich fuͤr den Huͤlffs-Voͤlckern zuweilen mehr/ als fuͤr offent- lichen Feinden fuͤrzuschauen. Roderich haͤtteet- liche 30. Jahr die Klauen mit den Scythen ver- mengt/ ihre Kraͤften ergruͤndet/ die Leichtsinnig- keit der Dacier und Pannonier behertzigt/ die innerliche Unruh fuͤr Augen/ sein Bergabge- hendes Alter im Gedaͤchtnuͤsse/ der Herrschens- Kunst Schwerigkeit in Erwegung gehabt; in dem ein Fuͤrst nichts minder als ein Weber zu seinem Gewebe Augen/ Haͤnde/ Armen/ Fuͤsse/ und alle seine Kraͤfte/ welche doch durch Zeit und Sorgen abnehmen/ anwenden/ das Verwirrete verrichten/ das zerrissene ergaͤntzen muͤste. Die- semnach solte ein Fuͤrst/ mit dem es auf die Nei- ge seiner Jahre kommen/ in seinen Entschluͤssun- gen ein gantz anderes Augenwerck haben/ als der/ welcher im bluͤhenden Alter/ bey wachsenden Kraͤfften/ mit feurigen Regungen auf dem Stul sitzt; da er anders sein Reich/ welches durch so viel Tugend und Klugheit kaum in tausend Jahren zu Stande kommen/ nicht durch eine augenblick- liche Ubereilung in Verderben stuͤrtzen/ und fuͤr dem Richter-Stule der Nachwelt/ welche ohne Heucheley urtheilet/ und denen praͤchtigsten Eh- ren-Saͤulen ihre Larve vom Gesichte zieht/ den durch viel Schweiß und Blut kaum er- worbenen Ruhm verspielen wil. Die Kette/ welche einen Herrscher mit den Unterthanen verknuͤpfet/ nuͤtzet sich von Tag zu Tage ab. Denn ich mag nicht sagen/ daß die Begierde des Ruhms/ die Beysorge des Verlusts einen jun- gen Herrn lebhafter und wachsamer mache/ hingegen bey einem bejahrten Fuͤrsten der Zun- der der Ehre verglimme; sintemal das Gemuͤ- the nichts minder als der Leib veraltert und schwach wird/ also daß ihn weder das Gluͤcke aufmuntert/ noch bey seinem ohnedis fuͤr Au- gen schwebenden Abschiede das Ungluͤcke zu Hertzen geht/ und ein Reich bey so gestalten Sachen/ das anfangs einen goͤldnen Kopf ge- habt/ hernach auf thoͤnernen Fuͤssen stehet; son- dern ich ziehe mich allein auf den wanckelmuͤthi- gen Poͤfel/ der das gegenwaͤrtige hasset/ die Ver- aͤnderungen verlanget/ ja sich mit der Neuerung uͤber seiner eignen Gefahr belustigt; also die vieljaͤhrige Herrschafft eines Hauptes ohne Verdruß nicht ertragen kan. Du hast es in allewege getroffen/ pflichtete ihm Malovend bey. Denn Roderich sahe wol/ daß seine greise Haare nicht bey allen Unterthanen be- liebt waren/ daß die meisten die aufgehende Sonne anbeteten/ und seine Herrschafft mehr auf den Ruff/ als auf bestaͤndige Kraͤfften ge- anckert war; ungeachtet er sich der dem Alter meist anklebenden und einen Fuͤrsten ver- hasst machenden Fehler/ nemlich des Geitzes/ der Verschrenckung zulaͤßlicher Ergetzligkei- ten/ der fahrlaͤssigen Hinlassung der Regirung in frembde Haͤnde vernuͤnftig entaͤuserte/ und un- ter andern Zeitvertrieben seine Vergnuͤgung aus Umbarmung des Reichs und Beobachtung des gemeinen Wesens schoͤpfte. Zu dem man- gelten ihm die rechten Pfeiler seiner Herr- schafft/ nemlich Kinder/ welche mehr als Kriegs- Heere/ besser als alle ihrem Eigennutz die- nende/ und den Mantel stets nach dem Winde des Gluͤcks haͤngende Freunde einen Fuͤr- sten beschirmen. Hingegen hatte Malorich schon so viel Jahre nach dem Hefte des Reichs/ und hiermit auch nach seines Bruders Tode gelechset; weßwegen seine Siege ihn mehrmals weniger/ als das Geraͤusche der feindlichen Waffen schlaffen liessen/ ungeachtet Roderich ihn zwar zum Haupte seiner Heere gemacht/ einem niedrigern aber stets die eigentliche Ge- walt anvertrauet hatte. Endlich hat Rode- rich behertzigt/ daß wie ein Schiff von Her- umbwerffung der Segel auch bey gutem Win- de sich erschuͤttert/ und/ wo zwey Stroͤme zu- sam- Arminius und Thußnelda. sammen fallen/ es Wellen gibt; also wenn ein neuer Fuͤrst zum Steuer-Ruder tritt/ und die neue Regierungs-Art sich mit der alten ver- menget/ es nicht sonder Gefahr ist/ und dahero ein absinckender Fuͤrst alle Kriege und Belei- digungen vermeiden/ neue Bindnuͤsse stifften/ die alten verneuern solle/ wie die in den Ha- fen einfahrende Schiffleute die Ruder empor heben. Bey so gestalten Sachen lasse ich mir nicht ausreden/ daß Roderich eine besondere Klugheit begangen habe/ da er mit den Par- then nicht in den verlangten Bund und Krieg schlechterdings eintrat; gleichwohl aber den Botschaffter aufs herrlichste und mit allen ersinnlichen Freuden-Spielen unterhielt/ dem Mithridates hingegen kostbare Geschencke schickte/ worunter die in den Sudetischen Ge- buͤrgen gefundene Granaten/ die denen Mor- genlaͤndischen fuͤrzuziehen/ etliche in den Pan- nonischen Bergwercken aus dichtem Golde gewachsene Corallen - Zincken/ und in den Wein-Gaͤrten an dem Flusse Pathissus aus den Stoͤcken hervorgesproßte guͤldene Reben/ in dem Jser gesischte Perlen/ und zwey vom Roderich aus Kupfer in Gold verwandelte Platten waren. Wie er denn auch sein Bindnuͤß nicht gaͤntzlich ausschlug/ sondern ihn auf Veraͤnderung der Zeit/ und Wegraͤu- mung einiger dem verlangten Kriege im We- ge stehender Hindernuͤsse vertroͤstete. Jch hoͤ- re wol/ fing Zeno an/ du bist auch in dem -Glauben/ daß man die Metalle verwandeln -und das Quecksilber in Silber/ oder gar zu ei- -nem Saamen oder Werckzeuge des Goldes -machen koͤnne. Malovend begegnete ihm: Jch bin sonst nicht so leichtglaͤubig/ auch in die- sem Stuͤcke so zweifelhaft/ als vielleicht nie- mand vor mir gewest; endlich aber haben mei- nen Unglauben meine Augen uͤberwunden/ nach dem ich selbst gesehen/ wie durch einen kaum sichtbaren Staub ein gantzer Tiegel voll Bley zu Golde worden. Zeno laͤchelte hier- zu/ und sagte: Es waͤren in dieser beruͤhmten Betruͤgerey freylich wol auch Leute/ die in der Scheide-Kunst des Ertztes zlemlich ersahren gewest/ hinters Licht gefuͤhret/ und wol ehe Fuͤr- sten zerstaͤubtes Gold fuͤr Bley umb ein schnoͤ- des Geld geliefert worden/ wormit selbte her- nach ihre Leichtglaͤubigkeit solchen Verfaͤlschern so viel theurer bezahlen muͤssen. Malovend versetzte etlicher massen mit einem Eifer: Er koͤnte leicht glaͤuben/ daß viel Einfaͤltige durch Arglist hierinnen bethoͤret worden/ auch daß viel Aufschneider sich dieser Kunst ruͤhmeten/ die das allergeringste darvon nicht verstuͤnden; alleine er habe bey dem von ihm erwehnten Goldmachen das Bley selbst zur Stelle ge- schafft/ und mehr als Luchs-Augen wider allen Unterschleiff dabey gebraucht. Zu dem waͤre Hertzog Herrmans Vatern dem Fuͤrsten Se- gimer eben diß begegnet/ daß ihm ein unbekand- ter Mensch ein gar weniges von diesem Gold- Staube eingeschoben/ wormit er hernach selbst acht Untzen Quecksilber zu dem besten Golde gemacht. Als fuͤr viertzig Jahren der Svio- nen Koͤnig Gotart den so beruͤhmten Krieg an- gefangen/ solte ein dieses Geheimnuͤß wissen- der Kauffmann in der Stadt Treva an dem Flusse Chalusus ihm hundert Pfund des dero- gestalt gemachten Goldes geschenckt haben/ worvon man noch Muͤntze findete/ darauf das Zeichen des Schwefels und Quecksilbers gepregt waͤre. Zeno brach ein: Das letztere waͤre ein denckwuͤrdiges Beyspiel/ nachdem sonst meisten- theils die Goldmacher Gold-arme Bettler ge- west/ viel Fuͤrsten das Marck ihrer Laͤnder hier- uͤber verschmeltzet/ und nach dem ihre betruͤgeri- sche Lehrmeister das in holen Werckzeugen ver- borgene Gold unvermerckt in den Tiegel ge- schuͤttet/ und darinnen es dem Brutus/ der dem Apollo zu Delphis sein guͤldenes Opfer in einem Stabe uͤberbrachte/ wiewohl gar betruͤglich nachgethan/ und also einfaͤltige Fuͤrsten zu hoch- schaͤdlichem Nachschmeltzen verleitet haͤtten. Wegen Anderes Buch Wegen gleichmaͤßiger Verleitung haͤtten Se- gimers acht Untzen Gold wol hundert gekostet. Mit einem Worte/ diese Ertztwandler haͤtten seines Wissens viel Reiche arm/ keinen Armen aber noch reich gemacht/ insonderheit aber etliche Fuͤrsten durch abgeheischene Geschencke hinters Licht gefuͤhrt. Sintemahl diese Betruͤgerey wie das Haupt der Medusen gleichsam alle Menschen in Steine verwandelte/ und ihrer sonst gewohnten Vorsichtigkeit beraubete. Da- her Fuͤrst Jnguiomer einen solchen Schmeltzer gar kluͤglich mit eben dieser Antwort abgefer- tigt/ welche Ennius etlichen Wahrsagern gab/ die von ihm gegen Offenbahrung eines Scha- tzes Geld foderten/ daß sie nehmlich von dem ge- fundenen Reichthume ihren Lohn haben solten. Eben so wenig wuͤsten sie etwas gewisses und einstimmiges von dieser Kunst ans Tagelicht zu- bringen/ sondern sie verdeckten ihren Betrug mit laͤcherlichen Raͤtzeln und Traͤumen/ durch Ertichtung seltzamer Mißgeburthen/ als des gruͤnen Loͤwen/ des fluͤchtigen Hirschen/ des Drachen der seinen Schwantz verschlingt/ der aufgeblasenen Kroͤte/ des Raben-Haupts/ und derogleichen/ selbtem eine Farbe anzustreichen/ und daraus ein heiliges Geheimnuͤß zu machen. Uberdiß laufft wider die Vernunfft/ daß itzige unachtsame Zeit die Wissenschafft der so tiefsin- nigen Vorwelt/ der sterblichen und in dem Ne- bel der Unwissenheit verwickelten Menschen Kunst die unerforschliche Weißheit der Natur uͤbertreffen solle/ welche so viel Jahre uͤber dem in den Ertzt-Adeꝛn so spaꝛsam wachsenden Golde zu kochen/ und die Metalle ihrem Wesen/ Ei- genschafft und Wuͤrckung nach so ferne von ein- ander unterschieden hat; da hingegen diese Schmeltzer sich ruͤhmen/ daß sie in weniger Zeit grosse guͤldne Berge machen/ ja wenn das grosse Welt-Meer eitel Qvecksilber waͤre/ solches al- sofort in Gold verwandeln/ und mit diesem ge- segneten Weisensteine alte runtzlichte schoͤn und jung/ und bey nahe unsterblich machen/ ein un- verbrennliches Oel daraus ziehen/ oder wol gar in einem Brennglase einen lebendigen Men- schen/ so wie er in Mutterleibe waͤchst/ zubereiten koͤnten/ und dahero so wol das Gedichte wegen des Jupiters guͤldenem Regen und der Ruthe des Midas/ als die Kraͤfften und Tugenden des von der Sonnen ausgearbeiteten Goldes weit uͤberstiegen. Dahero hat diß Goldmachen auch bey mir nicht mehrern Glauben/ und ist zweifelsfrey so wahr als diß/ daß die Ameissen in dem Mitternaͤchtischen Jndien grosse Gold- hauffen zusammen tragen sollen. Malovend antwortete: Er gebe gerne nach/ daß unter die- sem Golde viel Schlacke stecke/ und dieser herr- lichen Kunst viel Betrug und Mißbrauch/ wel- cher aber die Sache an sich selbst/ und dessen nuͤtz- lichen Gebrauch nicht verwerflich machen koͤn- ne/ beygemischt sey/ ja ihrer viel sich hierinnen fuͤr Halb-Goͤtter ruͤhmten/ die kaum den Nah- men eines Qvecksalbers verdienten. Viel Un- wissende opfferten auch nicht geringe Schaͤtze dem Rauch vergebens auf; wie denn auch Ro- derich nicht wenig Gold in Nichts verschmeltzt haben soll/ ehe er hinter diß Geheimnuͤß kom- men. Sonst aber waͤre diese Wissenschafft we- gen ihrer vermeinten Neuigkeit nicht verdaͤch- tig zu machen; sintemahl sie vielleicht mit den meisten ums Alterthum striette/ weil die ersten Weltweisen/ nehmlich die Tichter/ solche unter den Schalen der vom Vulean/ vom Proteus/ von dem wiedergebohrnen Fenix/ von der Pan- dora Buͤchse/ denen guͤldnen Apfeln der Ata- lanta und der Hesperiden/ von des Orfeus Hoͤl- lenfarth beschrieben haͤtten; und insgemein ge- glaubet wuͤrde/ daß das guͤldene Fluͤß/ wornach die Argonauten geschiffet/ nichts anders/ als ein in ein Widder-Fell gehuͤlletes Buch gewesen sey/ worinnen die Kunst/ den so geneñten Stein der Weisen zu machen/ beschrieben gewest waͤre. Massen die aͤltesten Egyptischen Priester/ in ih- rer geheimen Bilder-Schrifft/ hiervon gantze Buͤcher geschrieben/ derselben Uhrsprung ihrem drey- Arminius und Thußnelda. dreymal-grossen Hermes/ den Gebrauch allei- ne den Koͤnigen zugeeignet/ die Art der Zuberei- tung hinter die Gedichte vom Osiris/ Horus/ Typhon und der Jsis versteckt haͤtten. Uber- diß gestuͤnden auch die Verneiner dieser Kunst/ daß keine natuͤrliche Ursache verhanden waͤre/ daraus man nothschluͤßlich die Unmoͤgligkeit/ aus geringerm Ertzte Gold zu machen/ erzwin- gen koͤnte. Am wenigsten aber thaͤte diese Wis- senschafft der Natur und ihrem Ansehn einigen Abbruch. Denn wie die Kunst der Natur in vielen Sachen zu huͤlffe kaͤme/ durch Propffun- gen die Baum-Fruͤchte verbesserte/ durch Ver- setzung des Zwiebelwercks das Gebluͤme voll und schoͤner/ durch gewisse Glaͤser Melonen/ und andere Gewaͤchse fuͤr der Zeit reif machte; also vertrete in vielen andern Faͤllen unser irr- disches Feuer die Stelle der Sonnenwaͤrmbde/ ja die Kuͤnstler kaͤmen mit jenem/ welches sie nach Nothdurfft der Sachen erhoͤhen oder min- dern koͤnten/ in Schmeltz- und Ausziehung des Ertzts und der Kraͤuter weiter/ als es die Sonne damit zubringen wuͤste. Unlaugbar waͤre es/ daß Qvecksilber und Alaun das Gold gar ge- schwinde von geringerm Zusatze reinigen/ das irrdische Feuer das Gold reiffer und vollkom- mener machen/ und derogestalt es der Sonne zuvor thun koͤnte. Die Moͤgligkeit geringer Ertzt in Gold zu verwandeln waͤre denen Grund-Gesetzen der Naturkuͤndiger auch ge- maͤß/ nach dem Anaxagoras und Democritus schon fuͤr laͤngst ausgefuͤhret haͤtten: Es waͤren in der Welt alle Dinge so vermischt/ daß nichts waͤre/ was man nicht in iedem andern antrefse. Jnsonderheit waͤren die Metalle in ihrem selbst- staͤndigen Wesen nicht von einander unterschie- den. Saltz/ Schwefel und Qvecksilber sey al- ler ihr Talg/ die Vermischung unterscheidete sie allein/ und daß ein oder das andere von diesen Dingen in einem mehr/ als in dem andern/ reif worden sey. Dahero waͤre dieses keine gantz wesentliche Verwandelung zweyer in dem Selbststande gantz unterschiedene Dinge/ son- dern nur eine Auskoch- oder Ausbruͤtung des Unvollkommenen. Wie denn in Pannonien durch Guͤte desselben Erdreichs das gesaͤete Ro- cken-Korn im dritten Jahre zu Weitzen wuͤrde. Oder/ da auch das Wesen selbst verwandelt wuͤr- de/ waͤre solche der Natur nicht unbekand. Der Augenschein wuͤrde ieden uͤberzeugen/ daß in Pannonien/ unferne von dem Flusse Granua/ in einem Wasser das darein geworffene Eisen zu vollkommenem Kupfer werde. An einem andern Orte werde das Holtz zum Steine. Wie auch die irrdischen Dinge theils durch einen na- tuͤrlichen/ theils durch einen gewaltsamen Tod vergingen/ nicht anders waͤre es mit ihrer Zeu- gung beschaffen/ und gebe die Kunst mehrmals eine Schoͤpfferin ab/ wenn sie an statt des Bruͤ- tens/ durch gewisse Waͤrmbde aus den Eyern Gefluͤgel braͤchte/ und aus todten Dingen Maͤuse/ Kefer/ Froͤsche/ Schlangen und andere lebhafte Thiere machte/ welche ihrer fuͤhlenden Seele halber edler/ als das Gold/ waͤren. Daß diese Wissenschafft aber so seltzam waͤre/ koͤnte ihrem warhaften Wesen nichts benehmen. Weil die Menschen alle Dinge nicht nach ihrer eigentlichen Koͤstligkeit/ sondern nach dem ein oder anders ungemein waͤre/ schaͤtzten/ haͤtte die guͤtige Natur selbst Belieben getragen/ ihre Koͤstligkeiten sparsamer wachsen zu lassen. Die Edelgesteine finde man nur in wenigen Laͤn- dern; der Ambra wuͤrde mit kleinen Koͤrnern aus dem Meere/ und die Perlen aus wenigen Fluͤssen zusammen geklaubt. Es wuͤchse tau- send mal mehr Unkraut/ als Jasmin und Rha- barber. Warum solten denn die warhafften Weisen mit dieser Wissenschafft so verschwende- risch umgehen? Wenn sie dieses Geheimnuͤß dem alberen Poͤfel so gemein machten/ wuͤrden sie nicht allein wider den der Natur geleisteten Eyd/ der den Affen perlene Halsbaͤnder umzu- machen verbiete/ sondern auch wider den Zweck dieser himmlischen Wissenschafft/ welche keine Erster Theil. Z Magd Anderes Buch Magd des unersaͤttlichen Geitzes/ sondern eine Aertztin der menschlichen Schwachheiten/ eine Handlangerin der Natur/ und eine Lobspreche- rin der goͤttlichen Allmacht seyn soll/ ja wider das gemeine Heil suͤndigen/ da sie den Kern alles Ertzts/ den Nothpfennig aller Duͤrfftigkeit/ das Mittel aller menschlichen Geschaͤffte und Um- wechselungen/ so gemein als die Steine auf den Gassen machen/ und gleichsam dadurch des A- ckermanns Hand vom Pfluge/ des Kaufmanns Schiffe vom Meere abziehen/ und die emßige Welt in Muͤßiggang einschlaͤffen/ oder diesem unschaͤtzbaren Ertzte/ welches nicht so wol die ei- gene Guͤte/ als desselben Seltzamkeit schaͤtzbar macht/ seinen Werth entziehen wuͤrde. Fer- ner sey es auch iedem Kuͤnstler so wenig verbo- ten seinen Handgriffen ungemeine Nahmen zu geben/ so wenig es den Sternsehern uͤbel zu deu- ten ist/ daß sie die Gestirne in so seltzame Thiere eingetheilet/ und die Egyptier ihre Geheimnuͤs- se durch Hunde/ Katzen/ Eulen und Schlangen abgemahlet. Noch weniger mache diese Kunst verdaͤchtig/ daß selbte das Gold geschwinder be- reitet/ als es in den Berg-Adern und in seiner Mutter gezeuget wird. Denn/ wie die Ge- stirne in die so tieffen Schachte nicht ohne ein und andere Hindernuͤsse/ derogleichen diese Wissenschafft alle auf die Seite zu thun weiß/ wuͤrcken koͤnte; also waͤre ungewiß/ ob das Gold in Fluͤssen/ welches doch das beste ist/ so langen kochens duͤrffe. Wie wenig Zeit doͤrf- fe auch die Natur zu Zeugung der Goldkoͤrner/ die am Flusse Pathissus in den Wein-Trauben und also der das Gold in die Ertzt-Adern allein verdammenden Meinung nach auser ihrer Mutter wachsen/ und ich selbst in meinen Haͤn- den gehabt habe. Uberdiß mache er die Natur Goldaͤrmer als sie sey. Wie viel Fluͤsse fuͤhr- ten haͤuffiges Gold? Aus wie viel Bergen haue man grosse Klumpen gediegenen Goldes? Welchen Uberfluß habe nicht nur Pannonien? Jn der oben erwehnten neuen Welt waͤre ein grosser Berg Topiso so voller Gold und Silber/ gleich als wenn er durch diesen Stein der Wei- sen darein waͤre verwandelt worden; Und der groͤste Reichthum liege zweiffelsfrey noch un- ter den Klippen oder in Wildnuͤssen verborgen. Endlich habe dieser gesegnete Stein der Weisen die Eigenschafft des Blitzes an sich/ wie aus dem blitzenden Golde zu sehen/ so insgemein zuberei- tet werden kan/ und alles unter sich zerdruͤm̃ert. Wie nun der Blitz mit einem einigen Strahl die groͤssesten Coͤrper in emem Augenblicke durchdringet/ also waͤre es keine Unmoͤgligkeit/ daß wenn eine See voll sich zu dieser Ver- wandelung schickenden Talgs beysammen waͤ- re/ solche hierdurch zu Golde wuͤrde. Wenn eine Schlange einen Riesen/ der Berge feil tra- gen und den Himmel unterstuͤtzen koͤnte/ an die kleine Zehe staͤche/ wuͤrde dieser Gran gleichwol den gantzen Leib einnehmen. Wann die gan- tze Welt von Schwefel und Salpeter zusam- men gesetzt waͤre/ wuͤrde ein einiger Funcken sol- che in Brand stecken. Nach dem auch im Ertzte kraͤfftigere Artzneyen als in Kraͤutern stecken/ das Gold aber das vollkommenste Ertzt/ ja nach der alten Egyptier Urthel die Sonne und dero- gestalt auch das Hertze des Erdbodens ist/ muß die daraus gezogene Artzney alle andere uͤber- treffen/ und da ein allgemeines Mittel wider al- le Kranckheiten zu finden/ solches nichts minder in dem Golde oder vielmehr diesem gesegneten Steine gesucht/ als der Ursprung des natuͤrli- chen Lebens nach Gott/ der Sonne zugeeignet werden. Ferner koͤnne kein unverzehrliches Brenn-Oel fuͤglicher aus was anderm/ als aus dem in ein Oel verwandelten Golde/ weil diß ja in dem feurigsten Schmeltz-Ofen keinen Gran einbuͤsset/ sondern sich vielmehr durchs Feuer koͤstlicher auswuͤrcket/ zubereitet werden. Zeno fiel hier ein: Es liesse sich alles wohl hoͤren/ er wuͤrde aber auch seinem eigenen Auge hierin- nen schwerlich glauben/ also sie wol diesen Tag keinen sie entscheidenden Richter finden. Die ange- Arminius und Thußnelda. angezogenen Zeugnuͤsse der Alten waͤren ihm so verdaͤchtig/ als die neuen Ruhmspruͤche etlicher Betruͤger. Denn Betrug und Luͤgen haͤtten mit der Warheit einerley Alter. Fuͤrnehmlich waͤren die Priester in Egypten Meister im Aufschneiden gewest/ da sonst die glaubwuͤrdig- sten Lehrer des Alterthums kein Wort dieser Wissenschafft gedaͤchten. Die gelehrten Ge- dichte haͤtten in sich den Kern der Sitten-Lehre/ zu dieser getraͤumten Kunst aber wuͤrde sie mit den Haaren und gantz ungereimt gezogen. Hingegen liesse sich aus dem Gedichte/ samb Vulcan die Minerva haͤtte nothzuͤchtigen wol- len/ und aus seinem Samen der Halb-Drache Erichtonius gezeugt worden waͤre/ gar artlich schluͤssen: daß wenn diese Gold-Schmeltzer der Natur Gewalt anthun wolten/ sie nichts als ei- ne nur zu Verfaͤlschung der Muͤntze dienende Mißgeburt zuwege braͤchten. Da aber auch diese Wissenschafft irgendswo anzutreffen waͤre/ solte man allen Goldmachern/ weil dieses Ertzt mehr Menschen als das Eisen toͤdtete/ einen Stein in Hals hencken und ins tiefste Meer werffen/ dem gesegneten Steine aber es nicht besser mitspielen/ als die Einwohner der Stadt Babytace an dem Flusse Tygris/ welche alles Gold um es aus den Augen und dem Mißbrau- che der Menschen zu reissen/ tief verscharreten. Am allermeisten aber muͤste man diesen Stein des Aergernuͤsses Fuͤrsten aus dem Wege raͤu- men. Denn/ weil weder Weißheit noch Herr- schafft die gemeinen Begierden in uns ausrot- tet/ und daher wenig Welt-Herrscher jenes Mohren-Koͤnigs Meinung sind/ daß guͤldene Fessel nur Sclaven anstuͤnden/ insonderheit die denen Koͤnigen obliegende schwere Ausgaben das Verlangen nach diesem so angenehmen Ertzte vergroͤsserten/ waͤren sie weniger als an- dere zu verdencken/ wenn sie alle scheinbare Mittel/ dessen faͤhig zu werden/ untersuchten. Rhemetalces fing an: Jch aber bin der unvor- greiflichen Gedancken/ daß ein Fuͤrst so grosse Ursachen nicht habe viel Schaͤtze zu sammlen. Zwar bescheide ich mich wol/ daß ein Reich ohne Vorrath nicht bestehen koͤnne. Daher die ge- meinen Schatzkammern von den Serern gar kluͤglich Landwehren des Reichs/ der Beschluß/ darinnen von den Scythen das unversehrliche Blut des Volcks genennet wird. Und also Crates/ der sein Vermoͤgen ins Meer warf/ e- ben so wenig als jener Verschwender zu einem Fuͤrsten getaugt haͤtte/ der mit vielem Reich- thum angefuͤllte Schiffe zu Verwahrung eines Hafens in die See senckte/ um seinem Bau den Ruhm der Kostbarkeit zu erwerben. Alleine die Sicherheit einer Herrschafft auf Reichthum bauen/ halte ich vor eine grosse Eitelkeit/ weil die- ses so vieler maͤchtigen Reiche Fallbret/ Armuth aber des so grossen Roͤmischen Grundfeste ge- wesen ist. Lycurgus verbot denen Spartani- schen Buͤrgern allen Gebrauch des Goldes und Silbers/ wormit dieses schaͤdliche Ertz weder ih- re gute Sitten verderben/ noch solch Uberfluß dem Vaterlande die mißguͤnstigen Nachbarn zu Feinden machen moͤchte. Sintemal doch Reichthum und die Hofnung der Beute des Krieges fuͤrnehmste Ursachen waͤren. Hiero frischte mit denen herausgestrichenen Schaͤtzen seine Kriegsleute wider die Sicilischen Wuͤte- riche auf/ derer Raub ihnen mehr/ als ihr Kriegs-Sold/ eintragen wuͤrde. Den Koͤnig in Cypern Ptolomeus haͤtten seine zusammen gescharrete Schaͤtze ums Koͤnigreich gebracht. Kaͤyser Julius waͤre durch der Einwohner Vermoͤgen in Gallien und Britannien gelockt worden. Zu was fuͤr einem grossen Wachs- thume aber stieg Rom empor/ als das Capitol noch mit Schindeln gedeckt war? Die Tugend war niemals in vollkommener Bluͤte/ und die Siegs-Kraͤntze niemals gemeiner/ als da Rom seine Kriegs-Haͤupter vom Pfluge holete. Cras- sus und Lucullus verdienen zwar mit ihrer gros- sen Pracht/ Curius und Fabricius aber mit ih- ren nuͤtzlichen Helden-Thaten den Voꝛzug. Rom Z 2 hatte Anderes Buch hatte bey seinem Unvermoͤgen keinen Mangel/ da gleich ihre Feldherren nicht so viel verliessen/ daß sie konten begraben werden/ sondern der ge- meine Kasten in die Luͤcke treten muste; da Tu- bero aus thoͤnernen Geschirren speisete/ und drey Gewende Ackers eines edlen Buͤrgers auskommentliches Vermoͤgen war; Als Fa- bricius Lucinus den zwey mal gewesenen Buͤr- germeister Cornelius Ruffinus als einen Ver- schwender aus dem Rathe stieß/ weil er zehn Pfund schweres Silbergeschirre gekaufft hatte; da Catus Elius/ welchem die Etolischen Ge- sandten silbern Taffel-Gefaͤsse schickten/ als sie ihn hatten aus irrdenem speisen sehen/ solch Ge- schencke verschmaͤhete/ und sich mit zweyen Be- chern vergnuͤgte/ die ihm seiner Tugend halber aus des uͤberwundenen Perseus Schatze waren verehret worden; ja als noch die Roͤmischen Rathsherren der Carthaginensischen Botschafft ein Gelaͤchter waren/ weil sie alle zusammen mehr nicht als fuͤr eine Taffel zu besetzen Silber- werck hatten. Hingegen ist zu Rom die Tu- gend mercklich verfallen/ nach dem die Asiati- schen Schaͤtze die Roͤmer zu besitzen und zu uͤ- berwinden angefangen/ also gar/ daß das Ar- muth eine Hindernuͤß in Rath zu kommen ab- gab. Welches Unheil Cato vorgesehen/ und wider die Einfuhre des zu Athen und Corinth gewonnenen Raubes so nachdruͤcklich geredet hat. Bey welcher Bewandnuͤß sich nicht zu verwundern ist/ warum die Stadt Gades der Armuth ein Altar zu bauen/ und sie darauf als eine Goͤttin zu verehren gewuͤrdigt haben. Zeno begegnete Rhemetalcen: Es waͤre leicht nachzugeben/ daß grosses Reichthum eben so wol als die Fruchtbarkeit eines Landes arme und duͤrftige Nachbarn zu Ergreiffung der Waffen um sich in einen bessern Stand zu setzen zuweilen angereitzt haͤtte. Nichts desto weni- ger haͤtte das Armuth der Scythen den Cyrus und Alexandern/ das ziemliche rauhe und von Golde wenig reiche Deutschland die Herrsch- sucht der Roͤmer von dem Einfalle nicht zuruͤck gehalten. Jenes aber haͤtte sich nur alsdenn ereignet/ wenn die Einwohner eines Landes zu- gleich weibisch/ und ihr Fuͤrst von weniger Klug- heit und Tapfferkeit gewest. Denn an sich selbst ist Reichthum eine Krone der Weisen/ weil es sie bey der Welt in Ansehn setzt/ ihr offt nie- driges Geschlechte in Adel erhebt/ ja in des ge- meinen Volckes Augen sie allererst zu weisen/ schoͤnen/ tugendhafften und edlen Leuten macht. Denn wie der Schall des Meßings die durch Zauberey beruffenen Geister vertreiben/ die schwermenden Bienen aber vereinbarn soll: Also zeucht hingegen das Vermoͤgen die besten Gemuͤther an sich/ und machet auch die Gehaͤs- sigsten uns zu Freunden. Aus welchem Ab- sehen vielleicht das Getichte den Ursprung ge- nommen/ daß der freygebige Midas/ welcher aus dem Berge Bermius so viel Gold graben ließ/ alles in Gold zu verwandeln vermocht haͤt- te. Daher etliche Weisen dem Golde die ober- ste Herrschafft der Welt zueignen/ welcher alle eigenbeweglich den Eyd der Treue leisteten/ und deswegen des Scythischen Koͤnigs Gesand- ter/ als er von einem Goldmacher sagen ge- hoͤrt/ nicht ungereimt gesagt hat: wenn er war- hafftig diß koͤnte/ wuͤrde sein Koͤnig nothwendig sein Knecht werden muͤssen. Jnsonderheit er- haͤrtete die Erfahrung/ daß das Gold die Spann-Ader einer Herrschafft und im Kriege die Seene der Bogen/ die Schneide der Schwerdter/ und der Schluͤssel aller Festungen waͤre. Tantalus haͤtte mit diesem Marcke der Erden/ welches er aus dem Phrygischen Berge Sipilus gegraben/ seine Herrschafft in seinem Hause der Pelopiden befestigt. Die Gold- Adern des Pangeischen Gebuͤrges in Thra- cien haͤtten den Phoͤnicischen Koͤnig Cadmus zum Meister seiner Zeit/ und das Bergwerck bey Abidus den Priamus zu Asiens Oberherrn gemacht. Carthago haͤtte nicht mit seiner Buͤrgeꝛ Waffen/ sondern mit dem aus der Handlung gezo- Arminius und Thußnelda. gezogenen Gelde/ damit es die zum Kriege ge- worbenen Auslaͤnder besolden koͤnnen/ sein Ge- biete in drey Theile der Welt ausgebreitet. Durch das vom Chrisitis empfangene Gold ha be Koͤnig Philipp den Grundstein zum Mace- donischen Reiche gelegt. Weßwegen er seines Orts fuͤr eine der groͤsten Klugheiten eines Fuͤr- sten hielte/ daß er als ein kluger Hausvater auf einen guten Vorrath desselbten Ertztes bey Zei- ten sinnete/ welches auch die Ameisen/ als die Fuͤrbilder eines wohlbestellten gemeinen We- sens/ zusammen truͤgen/ und fuͤr den Men- schen zu verstecken bemuͤht waͤren/ ja dessen Gewalt gleichsam eine Gleichheit mit der goͤtt- lichen haͤtte/ weil niemand waͤre/ der sich nicht der Botmaͤßigkeit des Goldes unterwuͤrffe. Rhemetalces gab bey diesem gemachten Un- terschiede dem Fuͤrsten Zeno leicht Beyfall/ und setzte bey: Er hielte es zwar nicht mit dem Glauben der Stadt Rhadata/ daß er eine guͤldene Katze anbeten solte; Die Vertilgung des Goldes wolte er aber gleichwohl auch nicht gerne sehen/ weil die Persen solches nicht um- sonst der Sonne/ die Lacedemonier dem Del- phischen Apollo/ als ein mehr den Goͤttern als Menschen gehoͤriges Kleinod gewiedmet/ die weise Natur es aber gantz unversehrlich gezei- get haͤtte/ daß ihm das sonst alles verzehrende Feuer keinen Abbruch thun koͤnte; welch Vor- recht kein ander irrdisches Ding in der Welt haͤt- te. Malovend brach Rhemetalcen ein/ und fragte: Ob denn das unverbrennliche Oel/ wel- ches das ewige Feuer unterhielte/ nicht auch/ wie das Gold/ unversehrlich/ und dem Feuer zu wi- derstehen maͤchtig waͤre. Rhemetalces antwor- tete: Er haͤtte groͤssern Zweiffel/ ob das unver- brennliche Oel und das ewige Feuer iemahls in der Welt gewest/ und von Menschen zu be- reiten waͤre/ als man aus geringerm Ertzte Gold machen koͤnte? Zeno fing an: es waͤre an jenem keinesweges zu zweiffeln. Sintemal gantz Rom zu erzehlen wuͤste/ daß der Buͤrgermeister Cicero in das Grab seiner Tochter Tullia ewi- ges Feuer gesetzt/ und daß an der Tiber in ei- ner Hoͤle/ worein der vom Turnus erlegte Rie- se Pallas gelegt worden/ noch immer eine Lam- pe brenne. So habe er auch in den Egypti- schen Gruͤfften mit seinen Augen solche unaus- leschliche Lichter gesehen. Malovend bege- gnete ihm laͤchelnde: Zeno moͤchte ihm verzeihen/ daß er seinem Unglauben einen andern nun- mehr entgegen setzte. Denn ihm waͤre zwar nicht verborgen/ daß ihrer viel ewige Lichter zu machen sich bemuͤhet/ auch darauff gekommen zu seyn vermeinet haͤtten; es habe aber gleich- wohl damit nicht Bestand gehabt. So sey auch hin und wieder bey Eroͤffnung der Tod- ten-Gruͤffte und Hoͤlen eine unvermuthete Flamme oder lichter Strahl einem ins Gesich- te gefallen; allein es waͤre diß nichts anders/ als die von langer Zeit verschlossene Lufft und fette Duͤnste gewest/ welche von der neu ein- dringenden Lufft gleich wie die Jrrlichter an sump sichten Oertern/ angezuͤndet worden; wie denn auch ohne diß dergleichen Jrrwische gar gemein um die Grabstaͤdte gefunden wuͤrden. Jn Egypten waͤre das Erdreich voll Peches und rinnenden Hartztes/ welches die Priester durch heimliche Roͤhrlein in ihre derogestalt leicht ewige Ampeln leiteten/ darinnen sie un- verbrennliche Tachter haͤtten. Derogleichen Tacht habe auch Callimachus in Athen zu seiner Ampel gebraucht/ welche ein gantz Jahr gebren- net/ und weder vom Winde noch Platz-Regen auszuleschen gewest. Und wuͤrden solche aus dem bekandten Flachse/ der in Arcadien/ fuͤr- nehmlich aber in dem heissesten Jndien wach- se/ allwo man daraus/ wiewohl/ weil er kurtz/ gar schwerlich Leinwand macht/ darinnen der Koͤnige Leichname verbrennet werden/ um ih- re von der Holtz-Asche abzusondern/ zubereitet. Jn dem Scythischen Reiche Tanyu wachse ein Kraut auff Steinen/ welches im Wasser zwar in Koth zerfleust/ im Feuer aber nur gluͤend/ Z 3 doch Anderes Buch doch im wenigsten versehret wird. So lasse sich auch der Amiantenstein/ der in Arabien/ Cypern und auff dem Berge Carystus/ ja auch in un- serm Deutschlande gefunden wird/ in Faͤdeme zerspinnen/ die im Feuer nicht versehret/ sondern darinnen gereiniget werden. Ja man habe so gar Papier davon/ darauff man schreibt/ und wenn man die Schrifft ausleschen wil/ solches ohne Versehrung ins Feuer wirfft. Weil nun diese Tachte ein Oel oder Nahrung der Flam- men haben muͤssen/ und ohne diesen Beysatz beyde vor sich selbst nicht brenneten/ nichts un- verzehrliches und nicht verrauchendes noch zur Zeit nicht gefunden worden waͤre/ ob schon ihrer viel selbtes aus erzehltem Flachse und Steine zu ziehen vergebens sich bemuͤhet/ werde ihm niemand ausreden/ daß so wenig ein ewiges Feuer/ als eine ewige alleine von der Kunst herruͤhrende Bewegung iemahls gewest oder zu machen sey. Rhemetalces brach hiermit ein: Jch besor- ge/ wir werden uͤber dem ewigen Lichte auch den Schein des an sich selbst zwar unver gaͤng- lichen Tagelichts verlieren. Dahero haben wir uns hier laͤnger nicht auffzuhalten/ son- dern den Fuͤrsten Malovend zu bitten/ daß er sich seines Versprechens entbinde/ und uns den Ruͤckstand vom Feldherrn Malorich melde. Dieser/ fing Malovend an/ gelangte zwar nach seines Brudern Roderichs Absterben bey schon ziemlich hohem Alter vollends zu dem Qvadischen Zepter und der Deutschen Feld- Hauptmannschafft; allein er hatte schon lange vorher als ein Heerfuͤhrer in den Pannoni- schen Kriegen seine Klugheit und Tapfferkeit/ welche ihn dieser Wuͤrden wuͤrdig erklaͤrten/ dargethan. Er gerieth mit der Scythen Koͤ- nige Techma/ weil er in Dacien einen ihm nicht beliebigen Fuͤrsten eingedrungen hat- te/ in Zwist/ war auch wohl entschlossen die- ses Unrecht mit dem Degen auszufuͤhren/ allein die deutschen Fuͤrsten waren durch kei- ne bewegliche Ausfuͤhrung zu bewegen/ daß sie zu dem so gerechten Kriege gestimmet haͤt- ten. Daher verneuerte er den vom Rode- rich gemachten Frieden; zumahl die Zwy- tracht zwischen den Druyden/ Barden und Eubagen auffs neue anzuglimmen anfing/ welche hernach unter dem Fuͤrsten Aembrich gantz Deutschland in eine grausame Flamme versetzte. Ob nun wohl derogestalt seine Herrschafft ohne Krieg war/ war er doch niemahls ohne Waffen/ als die gewissesten Siegel einer sichern Ruh. Er verbarg bey seinem hohen Alter das Abnehmen seiner Kraͤf- te/ indem er nicht allein der kraͤncklichen Blaͤs- se seines Antlitzes mit Salben halff/ und sei- ne Schwaͤche mit praͤchtigen Kleidern ver- stellte/ sondern auch offtmahls Ritterspiele uͤb- te/ den Rathschlaͤgen stets persoͤnlich beywohn- te/ neue Staͤdte zu bauen anfing/ und aller- hand fremde Thiere kommen ließ. Er mach- te ihm selbst nichts schwer/ er beschwerte mit nichts die Brust/ was auff die Achsel gehoͤrte/ und verabsaͤumte nichts was dem Volcke sei- nen lebhafften Zustand einreden konte. End- lich deuchtete ihn/ er koͤnte seinem Ansehen kei- ne bessere Stuͤtze untersetzen/ als wegen er- mangelnder Kinder seine Nachfolge nicht in Ungewißheit lassen. Daher nahm er in vol- ler Reichs-Versammlung seines Vaters Bru- dern Sohn Hertzog Aembrichen zu seinem Sohne an/ und erklaͤrte ihn auff seinen To- desfall zum Koͤnige der Marckmaͤnner/ Qva- den/ Pannonier und Noricher. Es ist sicher/ sagte Rhemetalces/ diß eine kraͤfftige Grund- Saͤule eines verlebten Fuͤrsten. Auff diese lehn- te sich auch Kaͤyser Augustus/ als er anfaͤnglich seinen Schwester-Sohn Marcellus/ hernach seinen Eydam Agrippa/ bald hierauf seine En- ckel den Cajus und Lucius/ und endlich den Tiberius an Kindesstatt annahm. Ja auch Fuͤrsten/ die Kinder haben/ thun kluͤglich/ wenn sie Arminius und Thußnelda. sie noch bey Lebzeiten ihnen die Krone auffse- tzen/ und die Voͤlcker vereyden. Bey den Persen darff kein Koͤnig einen wichtigen Zug vornehmen/ er benenne denn vor seinen Nach- folger. Hingegen hat der grosse Alexander einen nicht kleinen Fehler begangen/ sein Reich zergliedert/ Krieg und Blutstuͤrtzung angerich- tet/ als seine Ehrsucht oder Mißgunst den Zanck-Apffel unter seine Grosse geworffen/ daß der Wuͤrdigste nach ihm herrschen solte. Freylich wohl that Malorich kluͤger/ und sei- ne Entschluͤssung bekleidete er mit diesem Vor- trage/ fuhr Malovend fort/ GOtt haͤtte ihm zwar Zeither mehr Kraͤfften verliehen/ als ein solches Alter auch bey denen/ die fuͤrs gemei- ne Heil ihnen nie keinen Schlaff verstoͤrt/ nicht insgemein zu haben pflegte; Gleichwohl hiesse ihn seine Sterbligkeit behertzigen/ daß der Purper so wohl als ein haͤrin Kleid Asche wuͤrde/ die Liebe des Vaterlandes aber ihm einen Sohn erkiesen/ der ein Vater des Reichs werde. Hierzu habe er den Fuͤrsten Aem- brich fuͤr tauglich erachtet/ nicht/ weil er sei- nes Gebluͤtes/ sondern zeither ein redlicher Buͤr- ger gewesen. Er sey in einem solchen Alter/ das die Reitzungen der schluͤpffrigen Jugend uͤberstanden/ und die Schwachheiten des Alters noch so bald nicht zu gewarten habe. Er sey von Ankunfft kein Fremder/ dessen Sitten die vaͤ- terlichen Gesetze verderben/ dessen Anhang die Einheimischen druͤcken/ die Verdienten verdringen koͤnte; sondern aus einem Stam- me/ der zu herrschen gewohnt waͤre/ und sich sonder einige Uberhebung uͤber der nicht neu- en Wuͤrde in Schrancken zu halten wuͤste. Jn seinem Leben finde er nichts zu entschuldi- gen/ und weil er dem Gluͤcke schon auff bey- den Achseln gesessen/ waͤre nicht zu besorgen/ daß er im Widrigen den Reichs-Stab wuͤrde lassen aus der Hand fallen/ im Guten aber sich versteigen/ und zu der Laͤnder Verderb Schloͤs- ser in die Lufft bauen. Wuͤrden die Untertha- nen zu ihm so viel Liebe tragen/ als er Klugheit und Tugend mit auff den Koͤniglichen Stul braͤchte/ so wuͤrde das Volck sich uͤber ihrem Fuͤr- sten/ und der Fuͤrst uͤber seinem Volcke zu er- freuen haben. Das Volck begleitete diesen Schluß mit wiederholten Gluͤcks-Ruͤffen. Als es aber durch ein Zeichen wieder gestillet war/ kehrte sich Malorich zu Aembrichen und hielt ihm ein: Es waͤre nun an dem/ daß/ weil der grosse Lei t des Reiches und so viel Glieder des Volckes nicht ohne Haupt seyn/ und ohne ei- nen/ der den Ausschlag gebe/ nicht in gleichem Gewichte gehen koͤnte/ sein fallendes Alter dem gemeinen Wesen nicht mehr zu dienen vermoͤchte/ als wenn es dem Reiche einen tapf- fern Nachfolger liesse/ sein bluͤhendes aber/ wenn es einen guten Fuͤrsten abgaͤbe. Er solte sich angelegen seyn lassen/ daß er nicht al- lein besser sey/ als er gewest/ und sein Wohlver- halten auch die Hoffnung uͤbertreffe dessen/ der ihn erwehlet/ und den Wunsch derer/ die ihn fuͤr ihr Oberhaupt angenommen. Der setze eine Natter in die Schoos seiner Untertha- nen/ und einen Phaeton uͤber sein Reich/ der einen ungerathenen Sohn zum Nachfolger liesse. Diß Laster aber sinde keinen genugsam schlimmen Nahmen/ wenn ein Fuͤrst mit seinem Nachfolger eifert/ und einen Wuͤterich darzu bestimmt/ wormit er seine Gebrechen hierdurch verkleinere/ und das Volck erst/ wann er todt/ nach ihm seufftzen lerne. Zeno brach hierzwi- schen ein: Dieses gibt man dem Augustus schuld/ daß er an dem ehrsuͤchtigen und grimmigen Ti- berius eine aus Blut und Kalck zusammen ge- ronnene Mißgeburt nach sich zu lassen entschlos- sen sey; Wormit aus ihrer beyder schlimmen Gegeneinanderhaltung ihm ein Nachruhm er- wachse. Malovend fuhr in Malorichs Rede gegen den Fuͤrsten Aembrich fort: Ein Fuͤrst gebohren seyn/ ist ein blosser Zufall/ er- wehlt darzu werden/ eines andern Willkuͤhr/ den Unterthanen aber wohl fuͤrstehen/ ein recht Anderes Buch recht eigner Ruhm. Diesen wirstu ohnfehl- bar erlangen/ wenn du es so machen wirst/ wie du es wuͤnschetest/ daß es ein Fuͤrst/ der uͤber dich herrschte/ anstellen solte. Das Volck be- schloß diese Rede mit abermahligem Jauch- tzen und Freuden-Feuern. Der Him- mel aber steckte kurtz hierauff der Welt eine Trauer - Fackel durch einen abscheulichen Schwantz-Stern an; von welchem man als- bald die Auslegung machte/ daß er nicht allein den Tod des Feldherrn/ sondern auch/ weil er dreißig Naͤchte mit seiner feurigen Ruthe den Kreiß des Himmels durchstrich/ und den Erdkreiß erschreckte/ so vieljaͤhrigen Kriegs- Brand bedeutete. Jch hoͤre wohl/ fing Rhe- metalces an: du seyest des Poͤfels Meinung/ daß die Schwantz-Sterne allezeit was boͤses wahrsagen; welches ob es einen Grund habe/ mir sehr zweiffelhafft scheinet. Jch trauete mir ihrer fast mehr auffzubringen die meiner Meinung sind/ daß sie so wohl in natuͤrlichen Dingen nuͤtzlich/ als in ihren Anzeigungen erfreulich sind. Sintemal sie nichts minder/ als der Denner/ die Lufft von schaͤdlichen Duͤnsten reinigen. Als der grosse Koͤnig Mithridates Eupater gebohren war/ und den Syrischen Thron betrat/ ward seine Groͤsse durch einen Schwantz-Stern angedeutet/ welcher mit sei- nem Schwantze das vierdte Theil des Him- mels einnahm/ die Sonne verduͤsterte/ und siebtzig Tage und Naͤchte so grosse Feuer-Stra- len von sich warff/ daß es schien/ er wuͤrde den Himmel einaͤschern. Des itzigen Kaͤysers gluͤck- liche Heyrath ward auch hierdurch bezeichnet/ ja nicht nur Augustus gab fuͤr/ daß des ersten Kaͤy- sers Seele in selbigen Schwantz-Stern/ weil er gleich in denen ihm zu Ehren angestellten Schauspielen erschien/ verwandelt worden waͤ- re; sondern eine grosse Anzahl der tiefsinnigsten Weltweisen hat stets dafuͤr gehalten/ daß die Schwantz-Sterne Seelen wohlverdienter und noch unter den Gestirnen siegprangender Hel- den waͤren. Andere haͤtten sie gar fuͤr Goͤt- ter gehalten und angebetet. Malovend ant- wortete: Anderer Aberglaube wird mich nicht bereden/ diß fuͤr ein Gluͤcks-Zeichen zu halten/ fuͤr dessen blutigen Stralen/ welche meist eine Straff-Ruthe/ zuweilen Schwerdter und Spieße abbilden/ das Auge Abscheu hat/ und das menschliche Gemuͤthe durch einen gehei- men Trieb alsofort in Schrecken versetzt wird. Die tausendfache Erfahrung hat es fuͤrlaͤngst erhaͤrtet/ daß kein Schwantz Stern iemahls er- schienen/ der nicht Veraͤnderung der Reiche und Blutstuͤrtzungen nach sich gezogen. Weßwe- gen auch unterschiedene ihren Untergang be- sorgende Fuͤrsten selbte mit edlem Blute zu ver- sohnen gemeint; gleich als wenn sie so grimmige Goͤtter waͤren/ welche nicht gemeines Men- schen-Blut zu ihrem Opffer verlangten. Die traurigen Ausschlaͤge waͤren auch weder zu Mithridatens/ noch zu Augustens Zeit aussen blieben. Haͤtte er diesen zweyen Ehrsuͤchtigen Menschen gleich Sieg und Freude mitbracht/ so haͤtten hingegen so viel tausend ins Graß beis- sen oder weinen muͤssen. Die Boßheit der Welt waͤre ein solcher Schadenfroh/ daß sie ins- gemein uͤber andern Thraͤnen lachte. Wenn einer gewinnt/ muͤste der ander verspielen. Des einen Verlust waͤre des andern Vortheil; des einen Schiffbruch des andern Beute. Als das Erdbeben die Stadt Rhodus eingeworffen/ und andere in Asien verschlungen/ waͤre zwi- schen der Jnsel Thenamene und Therasia eine neue ans Licht kommen. Welches die War- sager alsofort ausgelegt: das Roͤmische Reich wuͤrde das Griechische verschlingen. Des einen Ergetzung aber nehme fremden Un- gluͤcke nicht sein Ubel. Der erwehnte blutige Schwantz-Stern habe leider! nicht nur den Feldherrn Malorich ins Grab/ sondern die hal- be Welt in ein jaͤmmerliches Blut-Bad gestuͤr- tzet. Und diesen Unstern habe ein klaͤglicher Einfall eines Rhetischen Berges begleitet/ des- sen Arminius und Thußnelda. sen zerberstende Klippen im Augenblicke eine gantze Stadt begraben; also auff die bald folgen- de Zerruͤttung vieler Koͤnigreiche gleichsam mit dem Finger gewiesen. Zeno verjahete dem Fuͤr- sten Malovend/ daß zwar Schwantz-Sterne und Erdbeben aus natuͤrlichen Ursachen/ und zwar jene aus den feurigen Ausdampffungen der Gestirne/ diese vom Ausbrechen der unter- irrdischen Lufft ihren Ursprung haͤtten; gleich- wohl aber pflegte die goͤttliche Versehung ieder- zeit darmit grosses Unheil anzudeuten. Auff das Versincken der Stadt Lysimachia waͤre al- sofort der Stamm und die Herrschafft dessen/ der sie in Grund gelegt haͤtte/ untergegangen/ und er selbst haͤtte durch der Stieff-Mutter Ar- sinoe Gifft seinen so tapffern Sohn Agathocles unmenschlicher Weise hingerichtet. Als in Sy- rien hundert und siebentzig tausend Menschen verfallen waͤren/ haͤtten die Zeichendeuter die Veraͤnderung des Reichs angekuͤndigt/ und Pompejus die Koͤnigliche Herrschafft in Syri- en auff gehoben. Wie bey Mutina zwey Ber- ge! gegeneinander gerennet/ und Feuer und Rauch gegen einander ausgespyen/ waͤre gantz Jtalien wider Rom auffgestanden/ und fuͤr der Roͤmer Niederlage an der Thrasymener See haͤtte die Erde sieben und viertzig mahl ge- bebet. Malovend setzte bey; Und ihr werdet mit der Zeit von mir vernehmen/ daß nach dem Rhetischen Felsenbruche Deutschland dreißig Jahr erzittert sey. Unter diesem Gespraͤche naͤherten sich diese Fuͤrsten an Deutschburg/ welche sie von einer unzehlbaren Menge brennender Fackeln er- leuchtet sahen/ und ein hefftiges Gethoͤne von Trompeten und Kessel-Paucken hoͤreten. Als sie hinein kamen/ ward ihnen vermeldet/ daß Melo der Sicambrer Hertzog mit seinem Bru- der Beroris und dessen Sohne Dietrich seinen Einzug gehalten/ und eine grosse Menge ge- fangener Roͤmer und Gallier mitgebracht haͤt- ten. Diese Fuͤrsten/ welche wider die Roͤmer vermoͤge der mit dem Hertzog Herrmann ge- pflogener Verstaͤndniß den ersten Auffstand ge- macht hatten/ brachten diese den Deutschen er- freuliche Zeitung mit/ daß weil Qvintilius Va- rus alhier geschlagen/ habe Melo die von dem Drusus auff dem Gebuͤrge Taunus gebauete Festung Tranburg mit stuͤrmender Hand ein- genommen/ seinem Bruder habe sich Mattium und Segodun/ und in ihrem Ruͤckwege auch die Cattenburg an der Aeder ergeben; Hertzog Diet- rich habe mit seiner leichten Reuterey noch den abgematteten Caͤditius ereilet/ selbten geschla- gen/ also/ daß er mit einer geringen Uberblei- bung mit Noth uͤber den Rhein gediegen/ all- wo die Menapier und Eburoner des Roͤmi- schen Jochs uͤberdruͤßig waͤren/ und/ da die Deutschen mit einer mittelmaͤßigen Macht uͤ- ber den Rhein setzen wuͤrden/ wider die Roͤmer zugleich auffzustehen und ihre Waffen mit den ihrigen zu vereinigen sich anerboten haͤtten. Derogestalt haͤtten die Roͤmer disseit des Rheins keine Besatzung mehr/ und haͤtte nunmehr ihre Tapfferkeit ihre Reichs-Grentze dahin wieder erweitert/ wohin sie die Natur durch diesen gros- sen Fluß verleget hatte. Die unbeschreibliche Freude uͤber diesem neuen Siege verstattete den Siegern/ die Bekuͤmmerniß aber denen Uber- wundenen keine Ruh; sondern die gantze Nacht ward von jenen mit Gastereyen und ruhmraͤ- thigen Erzehlungen ihrer Heldenthaten/ welche sie so wie der Roͤmer Verlust nicht groß genug zu machen wusten/ von diesen aber mit Seuff- tzen/ dem Schlaffe aus den Haͤnden gewun- den. Denn der Ruhm und das Geschrey sind Geschwister der Riesen/ die von kei- nem Mittel wissen/ sondern eitel Wunderwer- cke oder Mißgeburten gebaͤhren/ nehmlich des Lobes oder der Verachtung. Biß endlich die schlaͤffrige Morgenroͤthe ihre Augenbranen der Welt eroͤffnete/ diesen von zweyen so widrigen Gemuͤths-Regungen aber ermunterten Leu- ten endlich zufallen ließ. Erster Theil. A a Jn- Drittes Buch Jnhalt Des Dritten Buches. H Ertzog Herrmanns Liebe gegen Thußnelden/ seine Sorge fuͤr das Vater- land und Ermahnung sich wider die Roͤmer des Sieges zu gebrauchen. Feinde solle man angreiffen/ nicht erwarten. Die deutschen Fuͤrsten schluͤssen/ daß Hertzog Ganasch und Melo uͤber den Rhein setzen/ Catumer an der Donau einfallen/ Jnguiomer dem Koͤnige Marbod des Varus Kopf bringen/ und ihn in ihr Buͤndnuͤß ziehen/ Herrmann und Arpus der innerlichen Unruhe abhelffen solle. Herrmann schreibt an die Menapier und Eburoner/ mun- tert sie zum Aufstande wider die Roͤmer auf. Thußneldens Sorge fuͤr die von ihr uͤberwundene Koͤnigin. Sie und die Fuͤrstin Jßmene suchen diese Frembde heim. Aller dreyer beschriebene Schoͤnheit und Vertraͤuligkeit. Jngviomer gesegnet Thuß- nelden. Herrmann und Thußnelde besuchen die Koͤnigin. Jhre Entschuldigung we- gen des zugestossenen Unfalls. Jhr Gespraͤche uͤber des Frauenzimmers Tapferkeit und Faͤhigkeit zu den Waffen. Herrmann eroͤffnet der Koͤnigin/ daß Thußnelde der Ritter waͤre/ mit welchem sie gekaͤmpfet. Verfolgung vorigen Gespraͤches/ und Er- haͤrtung/ daß Tugend und Wollust beysammen stehen koͤnten. Herrmann ziehet die Abhaͤrtung der zaͤrtlichen Bequemligkeit fuͤr. Vom Hertzoge der Gothonen Gott- wald kom̃t ein Gesandter an. Die Koͤnigin besucht Thußnelden/ und wird auf Mor- genlaͤndische Art bedienet. Dieser beyder und Jßmenens Unterredung uͤber der tu- gendhaften Ungluͤckseligkeit. Von der Fuͤrtreffligkeit der Gedult und Hoffnung. Die Koͤnigin beschreibt ihre Andacht in dem Tempel des guten Gluͤckes fuͤr dem Alta- re der Hoffnung. Die daran befundenen merckwuͤrdigen Gegen-Saͤtze/ wordurch die Koͤnigin nicht wenig getroͤstet worden. Diese laͤst durch ihre Gefertin Salonine Thußnelden und Jßmenen ihren Lebenslauff erzehlen. Armeniens und seiner ersten Koͤnige Beschreibung biß auf den Tigranes. Des Artanes geile Gemahlin verhetzet wegen verschmaͤhter Schoͤnheit ihren Ehmann wider den Tigranes/ wie auch Melea- gers Ehweib ihn wider seinen Koͤnig zum Kriege und zur Untreu. Ursache und Vor- wand der Kriege waͤren weit von einander entfernet. Ein Griechischer Artzt haͤtte aus Luͤsternheit nach Atheniensischen Feigen des Xerxes angestifftet. Der gekraͤnckte Got- tes-Dienst/ die durch angethanes Unrecht abgenoͤthigte Rache/ die gefaͤhrete Freyheit/ waͤren aller Kriege Schein-Ursachen. Gleichwohl liesse sich die wahre Ursache und das Absehen eines Krieges nicht stets sicher entdecken. Tigranes schlaͤgt und toͤdtet den Artanes/ erobert Syrien/ heyrathet des grossen Mithridates Tochter/ baut Tigranocerta. Mithridates wird vom Pompejus und Lucullus bedraͤngt/ sein eigner Sohn Machar faͤllt den Roͤmern bey. Tigranes wird von Roͤ- mern bekriegt/ und vom Lucullus geschlagen. Die Griechen in Tigranocerta machen einen Aufstand/ und helffen den Roͤmern hinein. Mithridates und Tigranes schlagen den Fabius/ und erlegen den Triarius. Pompejus jagt Mithridaten in Scy- Arminius und Thußnelda. Scythien. Des Tigranes zwey aufruͤhrische Soͤhne Barzanes und Pharna- ces kommen umb/ der dritte Tigranes fleucht zu den Parthen/ hernach zum Pom- pejus. Tigranes unterwirfft sich dem Pompejus/ und tritt Syri- en ab. Der junge Tigranes wird Koͤnig im kleinern Armenien; dieser toͤdtet seine Stief-Mutter/ stellt dem Vater nach/ wird zu Rom erwuͤrgt. Zwist zwischen dem Parthischen Koͤnige Phraates/ beyder und des Tigranes Vertrag. Tigranes stirbt/ und laͤst Armenien seinem Sohne Artabatzes. Mithridates folgt dem von Scythen erschlagenen Phraates im Parthischen Reiche/ faͤllt in Armenien ein/ wird vom Ar- tabatzes geschlagen/ von Parthen ab- und sein Bruder Orodes eingesetzt. Orodes toͤdtet Mithridaten. Artabatzes und Julius Caͤsar hetzen den reichen Crassus wider die Parther an. Des Crassus uͤbele Kriegs-Anstalt. Er schlaͤgt des Artabatzes Huͤlffe und Rath aus/ durch das bergichte Armenien in Parthien zu dringen/ gehet also durch das sandichte Mesopotamien/ erobert etliche Staͤdte/ verwirfft das Gut- achten des Cassius/ und folgt dem betruͤglichen Araber Agbarus/ der ihn in ein wuͤ- stes Sand-Land Assyriens verfuͤhret/ in welchem Surena den Roͤmern mit 10000. Reitern aufwartete/ und verachtet Artabatzens treue Warnung. Agbarus fleucht zu den Parthen. Crassus und sein Heer geraͤth in grosses Schrecken. Seltzame Leitung des Verhaͤngnuͤsses. Die Parthische Reiterey umbringt die Roͤmer/ verlei- tet durch angenommene Flucht den jungen Crassus mit einer Legion. Dieser und Cen- sorin lassen sich ihre Waffentraͤger toͤdten/ Megabachus ersticht sich selbst/ die uͤbrigen werden von den Parthen erschlagen. Segimer mit seinen Galliern haͤlt sich gegen die Parthen tapfer/ verwundet den Sillaces/ wird aber vom Surena gefangen; macht sich bey ihm so beliebt/ daß er ihm seine Tochter verheyrathet. Die Deutschen wuͤr- den von Frembden insgemein Gallier genennt/ und von Roͤmern anderer Voͤlcker Ruhm und Geschicht-Schreiber verdruͤckt. Eitelkeit des Nachruhms. Die Parther hoͤhnen den Crassus mit seines Sohnes aufgespießtem Kopfe. Des Crassus Ungeber- dung. Egnatius fleucht mit 300. Reitern nach Carras. Verguntejus wird/ ausser 20. sich durchschlagenden Catten/ mit 4. Fahnen erlegt/ 4000. im Laͤger verlassene Roͤmer abgeschlachtet. Das Heer erreicht Carras/ wird aber aufs neue uͤberfallen. Octavius und Petronius werden erstochen. Maxartes hauet dem Crassus den Kopf und die rechte Hand ab. Von 100000. Roͤmern entrinnt kaum der zehende Theil mit dem Cassius. Der Parther Siegs-Feyer zu Selevcia. Unterdessen kriegen Oro- des und Artabazes in Armenien miteinander; dieser kriegt des Orodes Sohn Pacor/ Orodes Artabazens Schwester Sigambis gefangen. Bey der Auswechselung ver- liebt sich Pacor in sie. Durch dieser Vermaͤhlung machen die Parther und Armenier Friede. Sillaces wirfft bey dem Hochzeit-Maale des Crassus Kopf dem Orodes zu den Fuͤssen. Nach langer Verspottung geust dieser ihm zerlassen Gold in Mund. Pacor erobert Syrien biß an Antiochien/ wegen welcher ver- daͤchtigen Siege ihn Orodes zuruͤcke rufft/ und den Surena toͤdtet. Pacor fleucht zum Artabatzes. Cassius und Ventidius erlegen in Syrien den Osaces mit seinem Partischen Heere. Pacor wird in Parthen beruffen. Die Parther stehen dem Pompejus wider den Julius bey/ dem Cassius und Brutus wider den A a 2 Anton Drittes Buch Anton und August. Pacor erobert Syrien/ erlegt den Saxa/ setzt den Juden den Hircan Aristobulen fuͤr. Venditius schlaͤgt den Labienus/ die Parthen und Phar- nabates. Des Venditius Schlacht mit dem Pacor/ darinnen jener diesen eigenhaͤn- dig durchsticht. Orodes graͤmet sich uͤber dieser Niederlage bey nahe zu Tode; sein Sohn Phraates vergibt ihm vollends/ und laͤst seine 29. Bruͤder enthaupten; seinen eigenen Sohn Tiridates aber ersticht er eigenhaͤndig/ wormit er Pacors Wittib/ welche Tiridates liebete/ fuͤr ihm genuͤssen koͤnte. Phraates setzt der Sigambis heftig zu/ als diese sich aber in Fesseln erwuͤrgen wil/ erbarmet sich ihr Bewahrer Maneses/ und fuͤh- ret sie zu ihrem Bruder Artabazes. Dieser macht mit dem Antonius wider den Phraates und Artavasdes der Meder Koͤnig ein Buͤndnuͤß. Phraates ersucht den Antonius umb Zuruͤcksendung des Maneses und erlangt ihn. Anton bricht in Meden ein/ belaͤgert Phraata vergebens. Phraates faͤllt in Armenien/ Maneses beredet Artabazen mit den Parthern einen Stillest and zu machen. Artavasdes erschlaͤgt den Tatian mit zwey Legionen/ nim̃t den Pontischen Koͤnig Polemon gefangen. Phraates und Artavasdes jagen den Antonius von Phraata weg/ welcher mit sei- nem Heere grossen Abbruch leidet/ und den Flavius mit 3000. Deutschen einbuͤßt. Der Roͤmer Durst- und Hungers-Noth. Des Antonius Verzweifelung. Mithri- dates aber Manesens Vetter errettet die Roͤmer durch seinen Rath zweymal aus dem Verderben. Artabazes hilfft den Roͤmern uͤber den Fluß Araxes/ und uͤberwintert sie. Antonius zeucht in Egypten/ macht mit dem Artavasdes und Polemon ein ge- heimes Buͤndnuͤß wider den Artabazes und Phraaten/ verspricht dem Polemon das kleinere Armenien/ wirbt zum Scheine fuͤr seinen Sohn Alexander umb Artabazens Tochter Statira. Durch diese und andere Kuͤnste locket Anton Artabazen in sein Garn/ schlaͤgt ihn in silberne Fessel/ und fuͤhret ihn im Siegs-Gepraͤnge nach Alexandrien/ und laͤst ihn enthaupten/ als er vernim̃t/ daß sein zum Armenischen Koͤnige erwehlter Sohn Artaxias sich mit dem an statt des verjagten Phraates neu - erwehlten Parthischen Koͤnige Tiridates verbunden hat. Antonius vermaͤhlt seinen Sohn Alexan- der mit Jotapen Artavasdens Tochter. Cleopatra schickt Artabazens Haupt dem Kayser August. Die frembde Koͤnigin gibt sich fuͤr die Erato Koͤnigs Artaxias Toch- ter zu erkennen. Ungluͤck sey kein Merckmal der Untugend/ aber etlichen Geschlechtern erblich. Antonius/ Artavasdes/ Polemon/ Archelaus Koͤnig in Cappadocien/ Amyn- tas in Galatien bekriegen den Artaxias. Dieser wird wegen Verraͤtherey seines Feld- Obersten geschlagen/ fleucht zum Tiridates in Parthen. Tiridates gibt dem Artaxi- as Huͤlffe/ vermaͤhlt ihm seine Tochter Olympia. Artaxias schlaͤgt den Medischen Koͤnig Artavasden/ gewinnet Armenien wieder/ verfolgt ihn in Meden/ kriegt Arta- vasden gefangen/ erobert Ecbatana. Beschreibung des Schlosses. Artaxias ero- bert gantz Meden. Olympia gebiehrt ihm im Tempel der Sonnen die Erato und einen Sohn Artaxias. Dieser aber wird auf dem Flusse Lycus bey Zerschmetterung des Schiffes von dem Wasser weggefuͤhret. Klugheit/ nicht Staͤrcke/ gehoͤrt zur Herr- schafft. Geschickligkeit des Frauenzimmers zum Herrschen. Artaxias erzeucht sel- ne Tochter Erato unter dem Nahmen des Artaxias. Jhre kluge Auferziehung. Ar- taxias bleibt zwoͤlff Jahr in Ruh/ weil August anderwerts mit den Daciern und Geten Arminius und Thußnelda. Geten zu kriegen hat. Weil der Comagenische Koͤnig Antiochus den zu den Roͤmern uͤbergegangenen Alexander richten lassen/ sinnet Augustus auf Rache. Sitas der Dentheleter blinder Koͤnig geraͤthet auf Anstifftung seiner Gemahlin Arimanthe mit seinem Bruder in Zwytracht; jenes Gesandter wil diesem vergeben/ wird aber gecreu- tzigt. August fordert ihn deßwegen nach Rom/ Artaxias/ dessen Schwester er hatte/ widerraͤthet es ihm zwar/ gleichwol zeucht er. Der Gesandten Unversehrligkeit. Ob sie ihrer Verbrechen wegen gestrafft werden koͤnten/ oder man sie ihrem Herrn aus- folgen lassen muͤste. Antiochus wird zu Rom enthauptet. Seine Gemahlin bringt ihrem Bruder Artaxias des Antiochus Haupt. August macht den Gefangenen aber herrschsuͤchtigen Artabazen des Artaxias Bruder zum Koͤnige in Comagene. Arta- xias hilfft ihm des Parthischen Koͤnigs Tiridates andere Tochter Antigone heyrathen; wird aber von ihm meuchelmoͤrderisch erstochen. Ungleiches Gedaͤchtnuͤß der tugend- und lasterhafften. Dieser Gewissens-Angst. Tiberius faͤllt mit Artabazen in Ar- menien ein/ Meden ab und untergibt sich dem Ariobarzanes. Erato wird unter dem Nahmen des Artaxias zu Artaxata gekroͤnet. Artaxias sucht bey den Parthen Huͤlffe/ aber umbsonst/ weil Phraates mit den Scythen den Tiridates uͤber- faͤllt und schlaͤget. Tiridates entaͤusert sich hieruͤber des Parthischen Reiches/ gehet mit Artafernen/ dem Feldhauptmanne Artaban und tausend edlen Scythen aus dem Laͤger/ und kriegt unterwegens Phraatens juͤngsten Sohn Artafernes gefangen/ wil in Armeniẽ fliehen/ erfaͤhrt aber/ daß Artabazes selbtes erobert/ Olympia gefangen/ Era- to verjaget/ und Mithridates des enthaupteten Alexanders Sohn in Comagene Koͤnig worden sey. Daher zeucht er in Syrien zum Kaiser/ liefert ihm Phraatens Sohn/ welchen er aber dem Parther wiederschickt/ und unterhaͤlt Tiridaten Koͤniglich. Phraates schickt dem Kaiser die dem Crassus und Antonius abgenommenen Adler wieder. Nachdem inzwischen Olympia Salomin und dem Ariarathen die Erato zu fluͤchten anvertraut/ ziehen diese nach Sinope. Artabazes verliebt sich zu Arta- xata in Olympien; sie willigt ihn zu heyrathen. Ein Erdbeben zerspaltet das zur Verlobung bestim̃te Altar. Artabazes laͤst den erzuͤrnten Goͤttern dreyhundertedle Ar- menier schlachten. Praͤchtige Zubereitung zu der Vermaͤhlung in der Anaitis Tempel. Olympie/ welche der zum Opfer bestimmten Kuh mit einem gluͤenden Eisen in die Brust fahren soll/ stoͤßt es Artabazen durchs Hertze. Sie ersticht sich hier auf selbst/ das Bild der Anaitis umbarmende. Olympien wird im Tempel ein guͤlden Bild aufgerichtet. Tiberius setzt des Artaxias und Artabazens Bruder Tigranes zum Koͤnige in Armenien ein. Tigranes nimmt seinen Sohn Artavasden zum Reichs-Geferten an/ und vermaͤhlet ihn seiner mit Mallien erzeugten Tochter Lao- dice. Des Tigranes Roͤmische Sitten machen ihn den Armeniern verhaßt/ sonder- lich weil er den unzuͤchtigen GOttes-Dienst der Anaitis wieder einfuͤhrt/ und die Mallia und Laodice herrschen laͤst. Tigranes nimmt des verschickten Fuͤrsten Volo- geses Ehweib Dataphernen zu sich; Vologeses wird hier uͤber erbittert/ zeucht zum Phraates/ raͤthet ihm Armenien cinzunehmen/ welches er auch durch Abfall der Ar- menier ihm beynahe gantz unterwirfft. August schickt seinen Enckel Cajus wider A a 3 die Drittes Buch die Parthen in Armenien/ weil Tiberius sich auf Rhodus einsperrete/ und nicht mit in Armenien ziehen wolte. Lob des Feld-Lebens. Jndessen zwingt Phraates den belaͤgerten Tigranes sich mit Mallien selbst zu verbrennen. Gleichwohl kom̃t Cen- sorin in Artaxata/ und erklaͤrt Artavasden fuͤr den Koͤnig in Armenien. Phraates zeucht dem Cajus entgegen/ hindert die Roͤmer an Ubersetzung uͤber den Phrat. Beyde vergleichen sich/ und bestaͤtigen Artavasden. Jhre Gastmahle. Phraates entdeckt dem Cajus die Verraͤtherey des Marcus Lollius/ welchen dieser durch Gifft hinrichtet. Laodice fleucht vom ohnmaͤchtigen Artavasdes in einen Tempel/ der Ar- menische Rath setzt Artavasden ab/ geben dem Gotarzes Laodicen und das Koͤnig- reich. Vologeses schlaͤgt den Censorin. Cajus handelt mit dem Parthen Donnes umb ihm die Stadt Thospia zu uͤbergeben/ wird aber von ihm arglistig verwundet. Donnes fleucht in ein Schloß und verbrennt sich darinnen. Cajus und Phraates vergleichen sich aufs neue/ setzen Gotarzen ab/ und untergeben Armenien dem Medi- schen Koͤnige Ariobarzanes. Cajus stirbt. Seine Grabschrifft. Erato ertraͤgt ihr Ungluͤck hertzhafft/ lebt mit Salomin zu Sinope einsam. Koͤnig Polemon haͤlt den Roͤmern zu Ehren Schauspiele. Ein Delphin todtet einen Crocodil. Meherdates erzehlet ihnen/ wie der Kaiser nach des Koͤnigs Amyntas Tode Lycaonien eingezogen/ wie Scribonius sich fuͤr einen Enckel des Mithridates und einen Sohn des Pharnaces ausgegeben/ also das Bosphorische Reich an sich ziehen wollen. Die Pontische Koͤnigin Dynamis aber entdeckt die Falschheit des vom Seribonius fuͤrgewiesenen Zeugnuͤsses. Scribonius fleucht und ruͤstet sich wider die Vosphorer; auf ihr Anhalten schickt Agrippa ihnen den Pontischen Koͤnig Polemon zu Huͤlffe/ welchen sie aber schon gefangen/ fuͤr einen Freygelassenen des Vedius Pollio erkennet und getoͤdtet. Die Bosphorer greiffen den Polemon an/ werden aber geschlagen. Agrippa setzt dem Polemon die Bosphorische Krone auf/ und ver- maͤhlt ihm die Koͤnigin Dynamis. Erato erscheinet unter dem Nahmen Massabar- zanes mit den zwey Lycaonischen Printzen zu Sinope auf die Rennebahn. Die Pontische Fuͤrstin Arsinoe Polemons Tochter/ koͤm̃t neben den Massabarzanes zu halten. Jhre Zuneigung gegen einander. Arsinoe rennt fuͤrtrefflich/ Massabarza- nes eben so gut. Beyde kriegen die Preiße. Seltzame Liebes-Regungen Arsinoens und der Erato gegen einander. Ein Edelmann des Tigranes erkennt den Massabar- zanes fuͤr den verjagten Artaxias. Diesen verlangt Tigranes ihm ausfolgen zu lassen. Polemon schlaͤgt es zwar ab/ die Roͤmer setzen ihm aber deswegen hefftig zu. Bey selbst-erkieseter Ausfolgung gibt sich der vermeynte Artaxias fuͤr ein Frau- enzimmer zu erkennen/ woruͤber die Roͤmer und des Tigranes Gesandten in hoͤchste Ver- wirrung gerathen. Erato wird ins Königliche Frauenzimmer genommen/ Arsinoe auf den Tod kranck. Celsus sagt der Königin Dynamis: Arsinoe sey im Gemuͤthe kranck. Dynamis erzehlt der Erato ihre und Polemons Faͤlle; wie des Scribonius Schwester sie gegen einander durch Zauberey verschlossen; nach dem Dynamis aber der Diane ihren Guͤrtel opfert/ wird sie schwanger. Beyden traͤumt: Sie wuͤrde eine den Vater toͤdtende Schlange gebaͤhren. Sie gebiehrt aber Zwillinge/ den Zeno und Arminius und Thußnelda. und Arsinoen. Dem Polemon wird gewahrsagt: Seine Tochter wuͤrde sterben/ sein Sohn ihn toͤdten. Polemon entschleust sich seinen Sohn hinzurichten. Dynamis fragt den Sternseher Cheremon umb Rath. Sein und des Sophites Gespraͤche/ uͤber der Wahrsagung aus dem Gestirne. Cheremon legt vorige Weissagungen milderer aus. Polemons Schluß: Sein Sohn Zeno soll ausgesetzet werden. Dynamis aber laͤst ihn am Flusse Tigris erziehen. Arsinoe stirbt/ Dynamis laͤst ihren Sohn holen/ und erzeucht ihn unter dem Nahmen der Arsinoe. Die Goͤtter wahrsagen alles Gu- tes von ihm. Dynamis entdeckt der Erato: daß ihr Sohn aus Liebe gegen ihr kranck sey. Verwechselte Liebes-Erklaͤrung des Zeno und der Erato. Jhre Sorge we- gen des Zeno dem Polemon verborgenen maͤnnlichen Geschlechts. Ariobarzanes der Armenier und Meder Koͤnig kommt nach Sinope/ beschenckt den Polemon/ die Dynamis und Arsinoen. Wirbt umb Arsinoen beym Polemon. Dieser eroͤffnet es der Koͤnigin/ sie voller Schrecken dem Zeno. Dieser bemuͤhet sich mit allerhand Vor- wand den Koͤnig Polemon von dieser Heyrath abwendig zu machen. Polemons und der Dynamis Zwist von Beschaffenheit Fuͤrstlicher Heyrathen. Polemon be- fihlt Arsinoen sich zur Vermaͤhlung fertig zu halten/ und verspricht sie dem Ario- barzanes. Arsinoens Kaltsinnigkeit; ihr Absage-Schreiben an Ariobarzanes. Die- ser gibt dem Polemon den Brief. Polemon weiset ihn der Erato/ und holet sie/ aber vergebens/ aus. Hierauf fordert er die Auslegung des Schreibens von Arsinoen/ und deutet ihr nochmals die Nothwendigkeit der Heyrath an. Arsinoe wil sich toͤdten/ Erato aber hinderts/ troͤstet sie/ und gibt sich ihr fuͤr den gewesenen Koͤnig Artaxias in Armenien zu erkennen. Zeno und Erato schluͤssen mit Einwilligung der Koͤnigin zu entfliehen. Salonine trifft am Ufer des Meeres ihren Ehmann Arta- fernes an/ fuͤhret ihn in Koͤniglichen Garten/ redet mit ihm die Anstalt ihrer Flucht ab. Salonine und Erato kommen des Nachts auf Artafernes Schiff; Artafernes aber holet Arsinoen abgeredter massen aus dem Garten. Folgenden Tag aber werden sie gewahr/ daß nicht Arsinoe/ sondern ihre Kammer-Jungfrau Monima vom Artafernes sey ins Schiff bracht worden/ welche Armidas ein Medischer Edel- mann entfuͤhren wollen. Damon bringt ihnen aus Sinope die Nachricht/ Arsinoe waͤre von einem Meden zu Schiffe nach Sinope in Tempel gebracht worden/ sie haͤtte aber geschworen ehe zu sterben/ als den Ariobarzanes zu heyrathen. Polemon und Arsinoe waͤren in das Behaͤltnuͤß der Priester gegangen/ und uͤber eine Weile haͤtte ein Priester dem Ariobarzanes angedeutet: Die Heyrath koͤnte nicht fortgehen. Worauf Ariobarzanes zornig aus Sinope gereiset. Artafernes selbst kommt aus Sinope zuruͤcke/ mit der Nachricht: Dynamis und Arsinoe wuͤrden todt gesagt. Ariobarzanes haͤtte dem Polemon durch einen Herold Krieg ankuͤndigen lassen. Erato/ Artafernes und Salonine schiffen nach der Stadt Phasis. Der Stadthal- ter Bardanes nim̃t sie und andere entwichene Armenier freundlich auf. Erato wirfft sich fuͤr den Artaxias auf/ zeucht ein ziemliches Heer von den Armeniern/ den Bardanes mit den Colchern an sich/ und bricht in Armenien ein. Weil aber Ariobarzanes im kleinern Armenien eingebrochen/ und Melitene belaͤgert/ wenden sie sich auch dahin/ erobern die Stadt Cergia/ und fahren mit ihren Heeren den Phrat hinab/ steigen zu Drittes Buch zu Teucila aus/ und kommen zu der Schlacht zwischen dem Polemon und Ariobarza- nes. Cosrhoes/ welcher den Pontischen lincken Fluͤgel schon geschlagen/ begegnet dem Ar- taxias/ Bardanes und Artafernes. Ariobarzanes verwundet den Konig Polemon toͤdtlich. Artaxias kom̃t des Polemons Heere zu Huͤlffe/ mit dem Ariobarzanes ins Gefechte/ entdeckt sich ihm/ und nim̃t nach seiner Verwundung ihn gefangen. Sein gantz Heer wird geschlagen. Artaxias troͤstet den krancken Polemon/ stellt die fuͤrnehmsten Gefangenen und den Ariobarzanes selbst fuͤr sein Bette. Pharasma- nes entdeckt dem Polemon/ daß Ariobarzanes sein Sohn sey/ weswegen er diesem ge- schrieben mit dem Polemon ja nicht zu schlagen. Ariobarzanes erzehlt/ daß er auf diß Schreiben mit dem Polemon sich des Friedens halber besprochen; als sie aber sich einer zwischen sie kommender Schlange mit ihren Sebeln erwehren wollen/ haͤtten beyde gegeneinander haltende Heere aus Mißverstande zusammen getroffen. Pha- rasmanes erzehlet: Der zu Sinope unter dem Nahmen der Arsinoe erzogene Zeno sey nicht des Polemon Sohn/ welchen Dynamis der Pythadoris zu erziehen gegeben. Der vom Artaxias aus Armenien vertriebene Koͤnig Artavasdes haͤtte ihm seinen Enckel des Alexanders in Egypten und seiner Tochter Jotape Sohn zu retten anvertraut/ diesen haͤt- te er nach Satala im kleinen Armenien gefuͤhrt/ und die Pythadoris geehlicht; das vom Artavasdes ihm anvertraute Kind aber waͤre gestorben. Weil nun Jotape ihn befehlicht: Er solte ihr ihr Kind nach Antiochia bringen/ haͤtte er von der Pytha- doris den ihr anvertrauten Sohn des Polemon entlehnet/ und Jotapen gebracht. Die- sen von ihr wol erzognen Sohn haͤtte Tiberius hernach zum Koͤnig in Meden eingefuͤhrt. Pharasmanes bestaͤtigte diese Erzehlung mit Weisung des Cassiopeischen Gestirnes auf des Ariobarzanes lincker Schulter. Seltzame Bildungen und Eigenschaften der Geschoͤpfe. Polemon stirbt; das Pontische Heer nim̃t seinen gefangenen Ariobarza- nes unter dem Nahmen des andern Polemon fuͤr seinen Koͤnig auf. Artafernes entdeckt den Armeniern das Geschlechte und die Tugenden der Erato. Diese setzen ihr die Armenische Krone auf. Die Meden aber untergeben sich einem Roͤmischen Landvogte. Unterredung vom Verhaͤngnuͤsse/ dem Gluͤck und freyen Willen. Un- gluͤckseligkeit der Herrschenden. Erato verdammet den unzuͤchtigen Gottes-Dienst der Anaitis/ und schafft selbten in Armenien ab. Sie verfaͤllt hieruͤber in Haß. Der Priester scheinheilige Vertheidigung der Geilheit. Sie verfaͤhret aber wi- der sie mit Schaͤrffe. Orißmanes ein hochmuͤthiger Armenier wirfft auf die Koͤni- gin Erato ein Auge/ erkuͤhnet sich der Koͤnigin den Arm zu beruͤhren/ kriegt aber von ihr einen Verweiß. Gleichwohl schickt sie ihn in Albanien. Selbige Koͤnigin weiset ihm ein trauriges Beyspiel des Hochmuths. Polemon der neue Koͤnigim Pontus wirbt aufs neue umb die Erato/ sie lehnt es aber hoͤflich ab. Orißmanes entdeckt seine Liebe der Koͤnigin/ sie aber verbannt ihn aus ihren Augen. Orißmanes lebt auf sei- nen Land-Guͤtern unter dem Fuͤrwand beliebter Einsamkeit. Uberlegung der Ein- samkeit. Orißmanes flucht gegen die ihn besuchenden Armenier auf die Weiber und ihre Herrschafft/ verleumbdet die Koͤnigin. Die Grossen reden dem Orißmanes zu/ daß er sich des Reichs und versehrten Gesetze annehmen solle. Die Unterbrechung der Arminius und Thußnelda. der Reichs-Gesetze waͤre der Tyrannen Grund-Stein. Orißmanes schlaͤgt zwey Mittel zu Erhaltung der Armenischen Freyheit fuͤr/ entweder die Erato zu stuͤrtzen/ oder sie einem Armenier zu vermaͤhlen. Die Staͤnde machen einen Schluß/ daß die Koͤnigin einen zu ihrem Gemahl erkiesen solte. Erato gibt ihnen eine verzuͤgliche Antwort. Oxarthes lieset ein Schreiben ab vom Orißmanes/ daß Erato wegen des auserkiesten Zeno keinen Armenier ehlichen wuͤrde/ woruͤber die Staͤnde ihr entweder zu heyrathen oder sich des Reichs zu entaͤusern andeuten. Erato legt in der Reichs- Versam̃lung Kron und Scepter nieder. Artafernes und etliche andere wollen sie dar- von abwendig machen/ und Osthanes zwingen Koͤnigin zu bleiben/ welcher bey er- wachsender Zwytracht den Oxarthes als Uhrheber dieses Unheils toͤdtlich verwundet. Erato’/ Salonine und Artafernes reisen aus Artaxata/ vernehmen zu Artemita die Wieder-Einruffung der Koͤnigin/ und den Eigen-Mord des Orißmanes. Sie aber ist zum Umbkehren nicht zu bewegen/ laͤst ihre Liebe gegen den Zeno aus/ eroͤffnet ihre empfangene Weissagung im Phrixischen Tempel. Sie reisen miteinander durch Sy- rien nach Cypern. Beschreibung des Paphischen Tempels. Erato kriegt allda eine gute Wahrsagung; segelt nach Rom. Erato wil mit dem Drusus von dar nach Dalmatien reisen/ wegen gemachten Friedens aber zeucht sie in Deutschland/ wird auf dem Taunischen Gebuͤrge von den Catten gefangen/ und also nach Deutschburg bracht. Gespraͤche von dem Adel/ tugendhaften Unedlen/ und derselben Heyrath. Hertzog Herrmann kom̃t mit den Fuͤrsten in das Frauenzimmer. Der Erato und des Zeno bewegliche Bewillkommung gegeneinander. Betrachtung der Freuden- und Liebes- Thraͤnen. Jubils Gemuͤths-Regung uͤber der Koͤnigin Erato. Erster Theil. B b Das Drittes Buch Das Dritte Buch. U Nter den nachdencklichen Sinn- bildern der Liebe/ verdienet kei- nes weges den letzten Stand ihre vom Canathus Sycionius aus Helffenbein und Golde gebildete Saͤule/ welche auf dem Haupte die Himmels- Kugel/ in der einen Hand einen Granat-Apf- fel/ in der andern ein Maah-Haupt trug. Mit welchem letztern er nichts anders andeute- te/ als daß die Liebe nichts minder/ als eine ge- wisse Art stechen der Nattern/ die allermunter- sten einschlaͤffte/ und ihre wachsame Regungen fahrlaͤßig machte. Jn welchem Absehen die Verliebten bey den Griechen ein gewisses Spiel mit Maah- und Anemonen-Blaͤttern hegen musten. Dieser Einschlaͤffungs-Krafft aber war der großmuͤthige Feldherr Herrmann uͤberlegen/ welcher die Gluͤckseligkeit seiner gegen die vollkommenste Fuͤrstin Thusnelde tragender Liebe bey ihrem Besitz zwar nun- mehr nicht begreiffen/ nichts desto weniger aber die Sorge fuͤr das Heil des Vaterlandes/ als die allerwuͤrdigste Buhlschafft der Helden nie- mahls vergessen konte. Der Krieg und die Liebe theilten gleichsam sein Hertz miteinander/ oder seine angebetete Venus war mit keinem Spiegel und Wollust-Guͤrtel/ sondern/ wie sie die streitbaren Spartaner bey Acro-Corinth gebildet und verehret/ mit Harnisch/ Schild und Spisse gewaffnet. Diesem nach denn der kluge Feldherr folgende Tage mit eitel wichti- gen Rathschlaͤgen nebst denen andern Fuͤrsten beschaͤfftiget war/ wie der erlangte herrliche Sieg die Uberwinder nicht einschlaͤffen und si- cher machen/ sondern vielmehr das Hertz und die Hoffnung der Kriegsleute aufmuntern/ und man durch desselbten vernuͤnfftige Verfolgung die rechtschaffene Frucht von so viel verspruͤtz- tem Blute einerndten/ Deutschland in bestaͤndi- ge Sicherheit setzen/ das verlorne wiedeꝛ gewin- nen/ oder auch gar die so gefaͤhrliche Nachbar- schaͤfft der maͤchtigen Roͤmer in ihres eigenen Landes Gebuͤrge wieder einschrencken moͤge. Herrmann hielt deßwegen eine nachdenckliche Rede in dem versammleten Fuͤrsten-Rathe/ welche anfangs dahin ging/ daß man diesen herrlichen Sieg numehr eifrigst verfolgen/ auch fuͤr erlangter voͤlligen Sicherheit Deutschlands nicht von einander ziehen solte. Sintemahl auch die/ welche die Tapfferkeit der Deutschen zu Eroberung der gantzen Welt faͤhig hielten/ sie dennoch beschuldigten/ daß ihre Versamm- lungen allzu langsam geschehen/ und ihre Rath- schlaͤge allzu zwistig waͤren/ das Verhaͤngnuͤß haͤtte ihnen einen groͤssern Sieg verliehen/ als iemahls ihr Wuntsch gewest waͤre; bey ihnen stuͤnde es nun sich desselbten zu ihrem Vortheil zu gebrauchen. Die groͤsten Helden haͤtten hierinnen verstossen/ und deßwegen ihre ersten Lorber-Kraͤntze sich hernach in traurige Cypres- sen verwandeln gesehen. Der sonst unver- gleichliche Hannibal haͤtte zwar die Roͤmer zu uͤberwinden/ auch in dem fruchtbaren Campa- nien des Sieges zu genuͤssen/ nicht aber selbten ihm nuͤtze zu machen gewuͤst. Koͤnig Antio- chus haͤtte in einem Winter sein sieghafft- und streitbares Heer bey seinem Hochzeit-Feyer zu Chalcis weibisch/ und sein vorig gutes Gluͤcke ihm zum Unsterne und Fallbrete gemacht. U- berdiß waͤre es numehr Zeit die Roͤmer in ih- rem Eigenthume anzugreiffen. Denn es waͤ- re ein Kennzeichen der Furcht/ und ein Be- kaͤntnuͤß/ daß man seinem Feinde nicht ge- wachsen sey/ wenn man selbten erwartet/ und ihm nicht entgegen geht. Der hertzhaffte Pe- ricles haͤtte aus diesem Absehen nicht zu Beschir- mung Arminius und Thußnelda. mung des Athenlensischen Gebietes/ Hanni- bal nicht zu Verwahrung Hispaniens seine Waffen gebraucht/ sondern jener haͤtte das feindliche Sparta/ dieser Jtalien darmit ange- fallen. Die Roͤmer waͤren dadurch so groß worden/ daß sie ihren Feind allezeit im Hertzen angegriffen/ und als gleich Hannibal noch in den Eingeweiden Jtaliens genaget/ haͤtte doch Seipio eben so wol als der in Sicilien schier von den Mohren zuꝛ Verzweifelung gebrachte Aga- thocles das Haupt Carthago mit erwuͤnschtem Ausschlage angefallen/ weil die Africaner hier- durch frembde Herrschsucht zu vergessen/ und ihres Vaterlandes eigenem Feuer zuzulauffen gezwungen worden. Haͤtte Darius des Memnons Rathe gefolget/ und/ an statt der er- sten Schlacht/ in Macedonien uͤbergesetzt/ waͤ- re Alexandern in Persien der gantze Compaß verruͤckt worden. Nichts minder haͤtten die Roͤmer wol Asiens vergessen/ wenn Antiochus nach Hannibals Anschlage sie in der Schwaͤche ihres Jtaliens besprungen haͤtte. Eben so wuͤrden diese allgemeine Raͤuber der Welt in Deutschland weder Klaue/ noch Fuß aufgesetzt haben/ haͤtten die Deutschen nicht ihrer Vor- Eltern Fußstappen uͤber die Alpen vergessen/ welche in Deutschland so viel leichter ihre Waf- fen ausgebreitet/ weil diß ihr Vaterland mit keinen Festungen/ ausser denen von der Natur verliehenen Stroͤmen und Gebuͤrgen versor- get gewest waͤre. Bey welcher Beschaffenheit es die aͤrgste Gefahr nach sich ziehe/ den Feind in seinem offenem Lande zu erwarten/ welcher in einem verschlossenen freylich mehrmals von sich selbst zu Grunde gegangen waͤre. Dannen- her hielte er fuͤr rathsam/ die erschrockenen Roͤ- mer nach ihrem eigenen mehrmals gluͤcklich- ausgeschlagenem Beyspiele selbst in dem ihri- gen heimzusuchen/ und dadurch denen Deut- schen den beschwerlichen Dorn aus dem Fusse zu ziehen. Der Riese Antaͤus waͤre auf seinem Grund und Boden unversehrlich gewest/ wes- wegen ihn Hercules auf frembdes Gebiete haͤt- te locken muͤssen. Mit den Roͤmern aber haͤt- te es das Widerspiel/ welche in der Frembde Loͤ- wen/ in ihrem Vaterlande Schaffe waͤren. Jederman pflichtete des Feldherrn Meinung bey/ und fiel der Schluß dahin/ daß Hertzog Ganasch und Melo uͤber den Rhein setzen/ Her- tzog Catumer an der Donau sein Heil versu- chen/ Jngviomer aber dem Koͤnige Marbod des Qvintilius Varus Kopf als ein Kennzei- chen des so grossen Sieges uͤberbringen/ und selbtem zu einem Bindnuͤsse wider den allge- meinen Feind bewegen solte. Der Feldherr nam nebst dem Hertzoge der Catten inzwischen auf sich/ denen innerlichen Kranckheiten Deutschlandes/ nemlich dem eine zeither zwi- schen den Fuͤrsten eingerissenen Mißtrauen ab- zuhelffen/ und die alte Vertrauligkeit zu befesti- gen. Worzu seine beschlossene Heyrath ie- dermaͤnniglich ein sehr heilsames Mittel zu seyn bedeuchtete/ und daher derselben Vollzie- hung von den Fuͤrsten und dem Volcke so begie- rig verlangt/ als zu der herrlichen Ausrichtung alle moͤgliche Anstalt gemacht ward. Der Feldherr schrieb auch selbst mit eigner Hand an die Menapier und Eburoner: Es haͤtte das Verhaͤngnuͤß ihnen numehro gleichsam den Himmel/ die Erde und die Fluͤsse wieder eroͤf- net/ welche ihnen die Roͤmer zugesperret/ daß sie nicht einmahl haͤtten zusammen kommen/ und einander ihr Leid klagen/ weniger uͤber das gemeine Heil rathschlagen koͤnnen. Nun waͤ- re es die rechte Zeit/ daß sie als ein zun Waffen gebohrnes Volck/ welches zeither gleichsam nackt/ und unter frembder Aufsicht sich haͤtte buͤcken muͤssen/ selbte ihren erschlagenen Fein- den wieder abnehmen. Es doͤrffe keines Fech- tens mehr/ sondern es sey nur noch uͤbrig/ daß sie der Roͤmer leere Festungen/ als die Kapzaͤu- ne freyer Voͤlcker/ und die Ketten der Dienst- barkeit schleifften. Waͤre ja irgendswo noch eine Handvoll Roͤmer uͤbrig/ muͤsten sie selbte B b 2 zu er- Drittes Buch zu erwuͤrgen kein Erbarmnuͤß haben/ weil zwi- schen herschsuͤchtigen und freyen Leuten keine Vertraͤgligkeit/ von ihnen aber als Nachbarn und Bluts-Verwandten nicht nur iederzeit auf den Fall der Noth genugsame Huͤlffe/ sondern gar eine Macht/ welche wie ihre Vor-Eltern mit ihnen in Jtalien zu brechen/ und Rom zu zerstoͤren/ maͤchtig und behertzt waͤre/ zu hoffen sey. Jnzwischen fing die frembde Koͤnigin/ welche von der Fuͤrstin Thußnelda fuͤr der Schlacht im Zweykampfe war zu Boden ge- faͤllet worden/ durch sorgfaͤltige Wartung wie- der an zu genesen. Wie nun Thusnelda/ so bald sie die Beschaffenheit dieser uͤberwundenen vernommen hatte/ aus einer angebohrnen Gut- hertzigkeit mit ihr empfindliches Mitleiden trug/ also unterließ sie nicht/ alles ersiñliche fuͤr- zukehren/ daß sie ihrem Stande gemaͤß/ und nach Erheischung ihrer kummerhafften Be- schaffenheit unterhalten wuͤrde. Sie erkun- digte sich alle Tage mehr als einmahl ihrer Bes- serung bey ihrer Gefaͤrthin/ welche alsofort auch die Mannskleider von sich geworffen/ und fuͤr ein Frauenzimmer sich zu erkennen gegeben hatte/ als mit dieser Koͤnigin Falle auch ihre Heimligkeit offenbar worden war. So bald es nun die Erholung ihrer Kraͤffte/ und der Koͤ- nigin gesuchte Erlaubung verstattete/ hielt es die Fuͤrstin Thußnelda und Jsmene ihre Schul- digkeit zu seyn sie selbst heimzusuchen. Als sie nun einander ansichtig worden/ uͤberfiel eine iegliche so eine nachdruͤckliche Verwunderung uͤber der andern ungemeinen Gestalt/ daß weder eine noch die andere ihre entschlossene Gemuͤths- Meinung alsobald eroͤfnen konte. Thußnel- de hatte ein wolgebildetes Antlitz/ eine klare Haut/ einen Blut-rothen allezeit laͤchelnden Mund/ Himmel-blaue Augen/ aus welchen die Freundligkeit selbst zu sehen schien/ weisse kringlichte Haarlocken/ welche uͤber ihre Ach- seln und aufschwellenden Bruͤste spielten/ und gleichsam mit einander/ oder vielmehr selbst mit dem Schnee um den Vorzug ihrer Farbe strietten. Jhr Leib war lang und geschlang/ ihre Geberden holdselig/ welche mit ihrer An- muth im ersten Anblicke gleichsam aller An- schauer Seelen bezauberten/ und ihnen das Band der Zuneigung anschlingeten. Fast e- ben so war die Fuͤrstin Jsmene gebildet/ auser/ daß ihre Haare ein wenig Goldfaͤrbicht/ ihre Gebehrdung was mehr trauriger/ oder viel- mehr nachsinnend zu seyn schien. Die Koͤni- gin war mehr roͤßlicht/ ihre Haarlocken braun/ ihre Augen groß und schwartz/ und in steter Be- wegung/ welche unaufhoͤrlich Strahlen als ei- nen beweglichen Blitz von sich liessen/ und die Lebhafftigkeit ihres Geistes andeuteten. Das Gesichte schien zwar etwas ernsthafft zu seyn/ die Gebehrden aber vermischten selbtes mit ei- ner durchdringenden Freundligkeit/ also daß es schien/ das Gluͤcke haͤtte hier drey Muster einer unterschiedenen Schoͤnheit mit Fleiß zu- sammen bringen/ und dadurch so wol die All- macht der Natur/ welche dreyen gegen einan- der gesetzten Dingen einerley Wunder und Wuͤrckungen einpflantzen koͤnne/ erhaͤrten/ als der Liebe einen Zanckapfel/ wohin sie greif- fen solle/ aufwerffen wollen. Thußnelde faͤrbte ihre Wangen mit einer zuͤchtigen Scham-roͤthe/ als sie durch ihre Verwunde- rung etwas ihre sonst fertige Zunge gehemmet empfandt/ erholete sich aber bald wieder/ umb- armte die Koͤnigin mit einer so beweglichen An- stellung/ welche auch ohne einigen Wortes Ausdruͤckung ihr ihr hertzliches Mitleiden ein- redete. Diese erste Versicherung bekraͤfftig- te sie mit durchdringenden Worten/ daß sie ih- re Wunden und Ungluͤck in ihrer selbst eige- nen Seele empfinde/ und alle Kraͤfften ihres Gemuͤthes zu ihrer Genes- und Befreyung an- zuwenden begierig waͤre; und wormit sie sol- chen Unrechts-Verzeihung so viel leichter er- langen koͤnte/ haͤtte sie die Fuͤrstin Jsmene zu einer Vorbitterin vermocht. Die Koͤnigin nam Arminius und Thußnelda. nam die Empsahung mit holdseligsten Ge- behrden und verbindlichster Antwort auf/ und betheuerte/ sie waͤre zu ohnmaͤchtig so uͤbeꝛmaͤßi- ge Leutseligkeit und Wolthaten zu begreiffen. Ja sie koͤnte nicht ergruͤnden/ wie zwey so gros- se Heldinnen nicht die Gemeinschafft einer so ungluͤcklichen Auslaͤnderin verschmaͤheten/ nach dem insgemein das Ungluͤck nichts min- der/ als die Pest fuͤr anfaͤllig gehalten wuͤrde. Wiewol sie sich numehr billich aus dem Regi- ster der Ungluͤckseligen auszuleschen schuldig waͤre/ nach dem sie sich unter der guͤtigen Be- schirmung solcher irrdischen Goͤttinnen befin- dete. Sie haͤtte besorgt in die Haͤnde der rau- hesten Voͤlcker und grimmigsten Feinde ver- fallen zu seyn/ so haͤtte sie in ihrer Gefangen- schafft mehr Vergnuͤgung/ als in der Freyheit; in diesen kalten Nordlaͤndern mehr Feuer un- verdienter Freundschafft und Gewogenheit gefunden/ als in den warmen Morgenlaͤn- dern/ oder in ihrem unbarmhertzigen Vater- lande bey Bluts-Verwandten anzutreffen waͤ- re. Ob nun wol sonst bey derogleichen erste- ren Zusammenkuͤnfften man biß zu Ergruͤn- dung ein- und andern Gemuͤthes gerne an sich haͤlt/ so kamen doch diese drey Fuͤrstinnen ein- ander so offenhertzig fuͤr/ daß iede sich euserst be- muͤhete/ ihre aufrichtige Zuneigung in der an- dern Erkaͤntnuͤß fest einzudruͤcken. Worauf denn Thußnelde und Jsmene fuͤr dißmal/ weil die Koͤnigin sich noch schwach und bettlaͤgerig befand/ Abschied nahmen/ und einander ihrer Begierde oͤffterer und foͤrdersamer Wiederer- sehung vertroͤsteten. Sie war kaum in ihr Zimmer zuruͤck kommen/ als der Feldherr und Jngviomer bey ihr eintraten/ und zwar dieser schon reisefertig/ und von ihr Abschied zu neh- men/ und zu der vorstehenden Verehligung mehr als tausendfaches Gluͤck zu wuͤntschen. Thußnelde begegnete Jngviomern mit einer freundlichen Dancknehmung und zierlichem Gluͤckwuntsche zu seiner so wichtigen Reise. Gegen dem Feldherrn aber vermochten Mund/ Augen und Gebehrden nicht genung- sam ihr Hertz auszuschuͤtten. Nach unzehl- baren Liebes-Bezeigungen vergaß sie auch nicht der frembden Koͤnigin Lob aufs beste her- auszustreichen/ wordurch sie beym Feldherꝛn ein sonderlich Verlangen erweckte/ sie zu schauen/ und die von ihr gemuthmaste seltzame Begeb- nuͤsse zu erfahren. Dieses bewegte Thußnel- den/ daß sie bald folgenden Tages bey der Koͤ- nigin Verlaub sie zu besuchen/ und den Feld- herrn mitzubringen ausbat. Die Koͤnigin/ welche diese Ersuchung nicht allein fuͤr ein Gluͤcke/ sondern auch fuͤr eine Staffel zu ihrer Befreyung aufnahm/ wolte ihr Erkaͤntnuͤß auch mit Ubernehmung ihrer Kraͤffte bestaͤtigen; daher machte sie sich uͤber Macht aus dem Bette/ wormit sie dem Feld- herrn und der in ihren Augen so lieben Thuß- nelde mit desto mehr Ehrerbietung begegnen koͤnte. Sie lehnte sich auf die Achseln Salo- ninens/ (also hieß die bey ihr befindliche Frau) um beyde an der Schwellen ihres Vorge- machs zu bewillkommen. Der Feldherr ver- wunderte sich uͤber ihre Gestalt und Annehm- ligkeit/ und befand beydes in groͤßer Vollkom- menheit/ als Thußneldens Erzehlung ihm von ihr fuͤbilden koͤnnen/ weil doch kein Pin- sel der Beredsamkeit eine vollkommene Schoͤn- heit so gut nachbilden kan/ als das lebhaffte Bild sich in die Taffel des Auges eindruͤcket. Ja Thußnelde selbst haͤtte betheuert/ daß ent- weder die Verminderung ihres Betruͤbnuͤsses/ oder ihre aufrechte Darsiellung des gantzen Leibes sie uͤber Nacht um ein gutes Theil schoͤ- ner gemacht haͤtte. Hertzog Herrmann be- zeugte gegen sie alle ersinnliche Hoͤfligkeit/ und erlangte bey ihr den Ruhm/ daß er nichts minder ein geschickter Hoffmann/ als ein tapf- ferer Heerfuͤhrer sey. Sie selbst nahm sich uͤber der Besuchung des Feldherrn etli- B b 3 cher Drittes Buch cher massen einer Verwirrung an. Denn zuweilen ist diese beredsamer/ als die zierlichste Rede das Erkaͤntnuͤß seines Gemuͤthes auszu- druͤcken. Nach vielfaͤltiger Abwechselung ge- gen einander betheuerter Verbindligkeiten/ entschuldigte der Feldherr den ihr in dem Zwey- kampff zugestossenen Zufall/ bat/ sie moͤchte den Deutschen diese Unart nicht zutrauen/ daß sie wider das Frauenzimmer vorsetzlich ihre Degen zuͤckten. Die ungemeine Verstellung ihres Geschlechtes/ oder vielmehr die eigenwil- lige Stuͤrtzung in die Gefahr waͤre dißmal die Ursache eines so schaͤdlichen Fehlers gewest. Die Koͤnigin antwortete mit laͤchelndem Mun- de: So hoͤre ich wol/ der Feldherr halte die Tapfferkeit fuͤr eine dem Frauenzimmer unan- staͤndige Tugend/ und die Waffen fuͤr eine ih- rem Geschlechte nicht gewiedmete Waare. Hertzog Herrmann versetzte: Es haͤtten zwar beyde Geschlechte an allen Tugenden ihr Theil/ und koͤnten die Weiber auch wol gewisser mas- sen und in etlichen Dingen ihre Hertzhaftigkeit bezeigen. Alleine/ wie das weibliche Geschlech- te gewisse Tugenden/ als Keuschheit und De- muth/ in ihrer Vollkommenheit zu voraus be- kommen haͤtte/ als haͤtte die Natur selbtes mit der Buͤrde der Waffen/ als dem Eigenthume der Maͤnner/ verschonet. Der Koͤnigin stieg hieruͤber eine kleine Roͤthe ins Antlitz/ und fing an: Sie wolte sich zu der Natur nicht verse- hen/ daß sie dem Frauenzimmer ein so schlim- mes Recht/ und eine so aͤrgerliche Freyheit durch Entziehung der so herrlichen Tapfferkeit gege- ben habe. Der Feldherr brach alsofort ein: Es waͤre diß Kleinod ihnen nicht gar versagt/ und bliebe/ ausser dem Kriege/ ihnen noch ein weites Feld uͤbrig ihre Großmuͤthigkeit auszu- uͤben. Welche ihre Keuschheit wider die Rei- tzungen der Wollust/ wider den Glantz der blendenden Ehrsucht/ wider den Donner ange- draͤueter Schande/ wider die Pfeile der Ver- laͤumbdung vertheidigen/ welche das Band ih- rer Liebe kein Ungewitter der Truͤbsal/ keine frembde Ablockungen und Fuͤrbildung guͤlde- ner Berge/ keine Widersinnligkeit ihres eige- nen Gebluͤtes/ keine heimliche Verkleinerung/ keine offentliche Verfolgung/ keine Zeit und Abwesenheit vertilgen lassen/ sondern den ein- mahl gefangenen reinen Zunder in ihrem Her- tzen bewahrten; dieselbten uͤbten sicherlich so grosse Heldenthaten aus/ als kaum diese/ die ein geharnischtes Krieges-Volck aus dem Felde schluͤgen/ oder eine Festung eroberten. Jn seinen Augen sey Camme/ des Fuͤrsten in Ga- latien Sinnate Gemahlin eine groͤssere Hel- din/ daß sie den Sinorix fuͤr dem brennenden Altare/ allwo sie sich diesem unkeuschen Meu- chelmoͤrder ihres Ehherrn solte verloben las- sen/ durch einen Gifft-Trunck des erblasten Geiste aufopffert/ als der grosse Alexander/ der die halbe Welt bemeistert. So koͤnne auch eine Frau ihren grossen Geist in Rathschlaͤgen/ ih- re Tapfferkeit in Anordnungen/ ihre Ruhms- Begierde in Pracht der Gebaͤue schauen lassen. Livia sey Augustus taͤgliche Rathgeberin. Fuͤr nicht gar langer Zeit habe eine Koͤnigin Bri- tannien gluͤckselig beherrschet. Die hoͤchste Wundersaͤule in Egypten sey ein Werck einer Koͤnigin. Mausolens Grab/ welches die Kuͤnste aller Baumeister/ die kostbaren Stein- bruͤche gantz Asiens erschoͤpffet; Die haͤngen- den Gaͤrte/ die unvergleichlichen Mauren Ba- bylons waͤren unvergeßliche Zeugnuͤsse der trefflichen Artemisie/ und der grossen Semira- mis. Ja dieser ihre Pracht haͤtte allen Glantz uͤberstiegen/ der einem Manne ie traͤumen koͤn- nen; als sie auf einem ihrer Sieges-Plaͤtze ihr eine Ehren- und Gedaͤchtnuͤß-Saͤule aus dem grossen Berge Bagistan hauen lassen. Die Koͤnigin brach ihm ein: Wol an dem! warum soll denn eine Frau mit dem Degen in der Faust ein Ungeheuer seyn? Warum soll ein Helm/ oder ein Hut voll Federn sie mehr als die Schlangen das Haupt Medusens verstellen? Jch Arminius und Thußnelda. Jch bilde mir ein/ daß das Schwerdt und Bo- gen der behertzten Thomiris/ als sie des uner- saͤttlichen Cyrus Kopf in die Wanne voll Blut geworffen; daß der Spieß und die Sebel der grossen Semiramis/ als sie alle koͤnigliche Ze- pter Asiens unter ihre Fuͤsse trat/ nicht so unan- staͤndlich gewesen sind. Auch duͤncket mich/ daß Omphale/ wenn ihr Hercules die Loͤwen- Haut umgegeben/ nicht so sehr verstellet wor- den sey/ als wenn er ihre Spindel genommen/ oder Sardanapal Polster genehet/ und Tep- pichte gestuͤckt hat. Thußnelda fiel der Koͤni- gin bey/ und meldete/ daß die Sitten Deutsch- landes/ welches iederzeit hertzhaffte Weiber mit in die Schlachten genommen/ der Koͤnigin selbst das Wort redeten. Der Feldherr be- gegnete ihnen/ er koͤnte sie nicht verdencken/ daß beyde ihre eigene und noch so frische Thaten vertheidigten; alleine die allgemeine Gewon- heit/ die mit der Natur in einem Alter waͤre/ haͤtte die Weiber zu haͤußlichen Sorgen/ ja die Natur ihre Leibes-Beschaffenheit zum Kinder gebaͤhren bestimmet. Die Fuͤrstin Thußnel- de wolte diesen Einwurff hintertreiben/ die Koͤ- nigin aber fiel ihr in die Rede: Was hoͤre ich? Haben diese zarten Glieder auch iemahls Waf- fen gefuͤhret? Thußnelde verstummte uͤber die- ser Frage/ und gab mit ihrem bestuͤrtzten Still- schweigen ihr eine verjahende/ der Feldherr a- ber diese deutliche Antwort: Es waͤre nicht an- ders/ sie haͤtte mit in der Schlacht/ und zwar zweyfach ungluͤckselig gefochten/ indem sie erst- lich auf sie die Koͤnigin/ hernach auf ihren eige- nen Vater zu treffen kommen. Die Koͤnigin fing also fort an: Sie wuͤste nicht/ ob sie es fuͤr Ernst oder Schertz annehmen solte/ und ob Thußnelde der Ritter waͤre/ der sie uͤberwun- den haͤtte? Thußnelda fing saͤufzende an: Es waͤre/ leider! wol wahr/ sie koͤnte ihr zweyfach Ungluͤck nicht laͤugnen/ und ihre Beleidigung bey so einer holdreichen Koͤnigin nimmermehr genung abbitten. Aber sie haͤtte sich uͤber sie keiner Uberwindung zu ruͤhmen; denn sie waͤ- re nicht durch ihrer Feindin Tapfferkeit/ son- dern durch einen blossen Fehltritt des Pferdes verungluͤckt. Kein Zufall aber vermoͤchte sich eines Sieges uͤber ein Helden-Gemuͤthe zu ruͤhmen. Die Koͤnigin umarmte und kuͤste hieruͤber Thusnelden so empfindlich/ daß sie daraus ihre hefftige Zuneigung allzugewiß warnehmen konte. Jch erfreue mich/ rief sie/ daß ich von einer solchen Goͤttin uͤberwunden worden. Und was meinet nun der Feldherr/ verstattet ihm die Sitten seines Vaterlandes/ erlaubet ihm seine Liebe einer solchen Heldin den Gebrauch der Waffen abzuerkennen? Jch gebe gerne nach/ daß nicht alleine die niedrigen Seelen ihr Hauß versorgen/ sondern auch die geistigen ein Auge darauf haben sollen. Aber Haͤußligkeit und Tugend stehet so wol neben einander/ als die streitbaren Amazonen aus der lincken Brust die Kinder saͤugten/ und/ wo die rechte gestanden/ den Bogen ansetz- ten/ welche sie mit mehrerm Ruhm wegge- brennet/ als die thun/ welche dem weiblichen Geschlechte die Waffen nehmen/ das ist/ ihnen das Hertz aus dem Leibe reissen/ und die Haͤnde von Armen hauen. Hertzog Herrmann er- klaͤrte sich hierauf: Es waͤre seine Meinung nicht alle streitbare Frauen in die Acht zu erklaͤ- ren/ oder daß keine zu den Waffen geschickt waͤ- re/ ihm traͤumen zu lassen. Des letztern Jrr- thums wuͤrden ihn beyde anwesende Heldin- nen uͤberfuͤhren/ und durch das erstere muͤste er manches Reich vieler Siege und seiner Wohl- farth berauben. Allein es waͤre gleichwol ei- ne seltene Begebenheit/ daß ein Frauenzimmer mit einem so unerschrockenen Geiste/ mit einem anstaͤndigen Eyfer/ und demselben Feuer/ wel- ches einen Helden oftmals/ besonders in grossen Gefaͤhrligkeiten/ auser ihm selbst und uͤber die Schrancken sterblicher Entschluͤssungen verse- tzen muͤsse/ versor get sey. Daher muͤste man aus einer Schwalbe keinen Sommer/ und aus weni- Drittes Buch wenigen Beyspielen kein Gesetze machen/ wel- ches dem weiblichen Geschlechte ohne Unter- scheid die Waffen in die Hand gebe. Nein/ nein/ großmuͤthiger Feldherr/ brach die Koͤni- gin heraus/ wir lassen uns damit nicht besaͤnffti- gen/ daß er gegen uns zwey ein Auge zudruͤcken/ unserm Geschlechte aber die gantze Sache abzu- sprechen vermeinet. Sintemal die kriegeri- schen Amazonen gantze Laͤnder angefuͤllet/ die sie denen sonst so streitbaren Scythen abgeschla- gen. Jch gebe gerne nach/ daß die Großmuͤ- thigkeit eine feurige Tugend sey/ welche sich uͤ- ber die gemeinen empor schwinge/ und die Ehre zu ihrem Augenziel habe. Warum aber soll das weibliche Gesichte nicht auch ihr Hertze zu diesem Gestirne tragen? Die Rennebahn der Ehre und Erbarkeit stehet uns so weit offen/ als den Maͤnnern/ und ich weiß nicht/ wer uns al- lein hier solte Fuß-Eisen gelegt haben. Wir sinden in allen Geschichten eine frische Spur hiervon/ daß Weiber-Lust und Nutzen auser Augen gesetzt/ durch Doͤrner und Steinkluͤff- ten/ durch Flammen und Rad nicht nur nach Ehre/ sondeꝛn wol oft nach einem blossen Schat- ten derselben gerennet/ wenn sie das Gluͤck und seine Geschencke aus einer gefasten Liebe mit Fuͤssen von sich gestossen/ Kron und Zepter/ um ihr Wort zu halten/ verschmaͤhet/ dem Hencker den Nacken geboten/ ehe sie was verkleinerlichs eingegangen/ ihren frischen Leib lieber auf dem Holtzstosse ihrer Maͤnner verbrennet/ als die Schande der Wanckelmuth auf sich kleben las- sen wollen. Jch gestehe es/ die Großmuͤthig- keit erfordere ein tiefsinniges Nachdencken/ und ein verschmitztes Urthel. Aber ich habe noch nicht gehoͤret/ daß der Unterschied des Ge- schlechtes die Kraͤfften der Seelen unterschei- de. Findet man Weiber/ derer Geist sich nicht weit uͤber die Erde schwingen kan/ so sind auch nicht alle Maͤnner gantz himmlisch/ und in beyden ist oft nicht ein Funcken dieses herrli- chen Lichts/ welches den Nebel der Jrrthuͤmer niederschlaͤget/ nicht ein Sonnenstaub war- haffter Klugheit/ die die irrdischen Schwach- heiten unterdruͤcken kan. Es ist auch auser Zweifel/ daß diese Liebe der Ehre/ dieser Ver- stand etwas fuͤrtreffliches zu erkiesen durch ein absonderliches/ und andern gemeinen Tugen- den nicht gemeines Feuer erleuchtet werden muß/ welches den Menschen uͤber sein eigenes Wesen erhoͤhet/ welches ihm den Reitz aller Wollust tilget/ die Empfindligkeit aller Schmertzen benimmt/ die Furcht aller Schan- de und des Todes zernichtet/ ja die Unmoͤglig- keit selbst fuͤr eine Blaͤndung der Zagheit haͤlt. Wer aber unterwindet sich diese Entzuͤckung des Geistes unserm Geschlechte strittig zu ma- chen? Wenn Clelie uͤber die Tyber schwim- met/ und in ein feindliches Laͤger einbricht; wenn Lucretie lieber ihre Bruͤste mit ihrem eig- nen Blute/ als ihren Nahmen mit Unehre be- sudelt/ wenn eine andere lieber sich vom Hen- cker erwuͤrgen/ als ihre Keuschheit beflecken laͤst; wenn eine Mutter lieber ihre Kinder zer- fleischet/ und auf gluͤende Roͤste leget/ als in A- berglauben versincken laͤst; wenn eine Tochtev den von Blut und Gehirne trieffenden Stein/ der das Haupt ihrer Mutter zerschmettert/ den Feinden auf den Hals weltzet; wenn eine Frau das Mordschwerdt aus den Daͤrmern ihres Ehemannes zeucht/ und statt der Thraͤnen und Wehmuth das Blut seiner Feinde verspritzet und Rache ausuͤbet; wenn die ergrimmte Se- miramis ihre halbgeflochtene Haare so lange unausgeputzt haͤngen laͤst/ biß sie ihre auff- ruͤhrische Unterthanen zu Gehorsam bracht; wenn eine andere ihr Hembde auszuwechseln verschweret/ biß sie eine Festung erobert und ihres Geluͤbdes sich loß gemacht. Fuͤr was will es der Feldherr halten? Will er es nicht fuͤr einen großmuͤthigen Eyfer/ fuͤr eine Ent- zuͤckung eines auser sich gelassenen Geistes gel- ten lassen? Der Feldherr ward hierdurch bezwungen der Koͤnigin recht zu geben. Allei- Arminius und Thußnelda. Alleine/ sagt er/ es gehet noch eines ab/ so wohl ihrer Erzehlung/ als dem weiblichen Geschlech- te/ welches zu gluͤcklicher Ausuͤbung der Waf- fen und Tapfferkeit noͤthig ist. Jch wolte es leicht errathen/ fiel die Koͤnigin ihm ein/ daß der Feldherr die uns insgemein vorgeruͤckten Ge- brechen/ nehmlich die Schwaͤche und Zaͤrtlig- keit unser Glieder/ und die uͤbermaͤßige Feuch- tigkeit unsers Leibes meine; welche uns so wohl an Ausuͤbung noͤthiger Kraͤfften/ als an Ge- schwindigkeit der Bewegung hindern sollen. Der Feldherr muste gestehen/ daß sie es getrof- fen. Denn/ sagte er/ man hat scheinbare Merck- mahle/ daß die Tauben so zornig und so kuͤhn als die Adler sind; daß in Hermelinen so viel Tu- gend und Hertzhafftigkeit zu sterben/ als kaum in Loͤwen stecke. Gleichwohl aber stehet die Ohnmacht ihrer Kraͤffte/ der Mangel der Klau- en ihnen im Wege/ daß sie nicht unter die kriege- rischen Thiere koͤnnen gerechnet werden. Da- hero/ im fall sich meine offenhertzige Freyheit keines Anstosses zu besorgen/ und insonderheit von zweyen Fuͤrstinnen/ welche als sonderbare Wunderwercke alle Tugenden unsers/ und kei- ne Schwachheiten ihres Geschlechts an sich ha- ben/ keiner Empfindligkeit zu besorgen hat/ un- terwinde ich mich meine Meinung nicht zu ver- helen/ daß das Frauenzimmer/ welches nichts als Zibeth und Ambra zu ruͤchen gewohnt/ den Staub in Schlachten nicht vertragen; daß Haͤnde/ welche niemahls aus den ausgebisam- ten Handschuhen/ und in kein kaltes Wasser kommen/ schwerlich eine strenge Klinge fuͤhren/ und mit dem Wurff-Spiesse spielen; daß ein Haupt/ welches unter Seide geschwitzet/ und sich unter einem Pusch Blumen gebeuget/ schwerlich einen staͤhlernen Helm tragen; daß ein Leib/ welchen eine kuͤhle Lufft/ oder ein Sonnen- Strahl beleidigt/ weder die rauhen Winde/ noch die Hitze eines blutigen Kampffs vertragen koͤn- ne. Die weichen Lilgen ihrer zarten Bruͤste waͤren nicht geschickt/ die Amboß-Stoͤsse der Streithaͤmmer und Lantzen zu vertragen/ noch die Buͤrde ihres Unterleibs ohne Buͤgel auff und von den raschen Pferde n zu springen. So hoͤre ich wohl/ brach die Koͤnig in ein/ der Feld- herr wil etlicher Pulster-Toͤchter schlimme Sit- ten fuͤr eine unserm Geschlechte angebohrne Unart verkauffen/ und diß/ was eine wolluͤstige Aufferziehung/ oder boͤse Gewonheiten verstel- let/ zu Mißgeburten machen. Das meiste fuͤr- geruͤckte sind Gebrechen der Aufferziehung/ nicht der Natur. Und man hat mehr als ei- nen Sardanapal gefunden/ der nie aus dem Frauen-Zimmer kommen/ der mit seinen Bey- schlaͤfferinnen sich Tag und Nacht auff dem mit Zobeln belegten Fußboden herum geweltzet/ der keine Speise ohne Ambra gegessen/ der ihm selbst Bisam-Suppen gekochet/ der einen Seidenstuͤ- cker abgegeben/ ja der sich selbst zum Weibe ge- macht/ und einem Ausgeschnittenen verhey- rathet/ der auff die Natur und seine Mutter sich erboset/ daß sie an ihm einen Mann gebohren/ welcher nicht im Huren-Hause sich oͤffentlich feil zu haben faͤhig sey. Solte man aber dieser Wechselbaͤlge halber das gantze Maͤnnliche Geschlechte verkleinern? Unsere Leibes-Be- schaffenheit soll ja etwas waͤsserichter/ als der Maͤnner seyn; aber deßwegen sind die Fluͤgel unserer Seele/ welche eben so wohl vom Him- mel entsprungen/ und feuriger Art ist/ in kei- nen so zaͤhen Schlamm eingetauchet/ daß sie sich nicht von dem Wuste der Erden/ und uͤ- ber die Duͤnste des niedrigen Poͤfels empor schwingen koͤnte/ noch auch der Leib so faul und zu ritterlichen Ubungen/ insonderheit zum Rei- ten gantz ungeschickt waͤre. Wormit haͤtte sonst Cloelia und Valeria ein zu Pferde sitzendes Eh- renbild/ welches der Freyheitsgeber Brutus nicht erlangt hat/ erworben? Jch erinnere mich/ daß mein Lehrmeister Dionysius Periegetes mir einst aus dem goͤttlichen Plato diesen Trost fuͤrgelesen/ daß/ wenn der Weiber weichliche Feuchtigkeit durch maͤßige Bewegungen aus- Erster Theil. C c getrock- Anderes Buch getrocknet wuͤrde/ erlange ihr Leib vom Feuer und Wasser eine viel vollkommenere Vermi- schung. Jhre L eib er wuͤrden staͤrcker und ge- schwinder/ und derselben Bewegung waͤre un- gezwungener und tauerhafftiger/ als der Maͤn- ner. Dieses bestaͤrckte er ferner dadurch/ daß alle weibliche Raub-Voͤgel mit ihrem geschwin- den Fluge alle andere kriegrische Thiere im Lauffe/ und beyde im hitzigen Kaͤmpffen die Maͤnnlichen uͤbertreffen. Ja ich setze unserm Lobe sonder Eigenruhm bey/ daß Loͤwen/ Tiger und Adler maͤnnlicher Art nicht so wohl aus einem hertzhafften Triebe/ als aus Hunger/ nicht wegen eines ruͤhmlichen Absehens/ son- dern nur wegen des Raubes mit einer blinden Ungestuͤm/ die weiblichen aber aus einer viel edlern Regung/ zu ihrem Ruhme/ fuͤr Erhaltung ihrer Jungen/ und mit einem bestaͤndigern Nachdrucke kaͤmpffen/ auch sich weder Flam- men nach Stahl von ihrer schuldigen Beschir- mung abschrecken lassen. Die weiblichen Kraͤu- ter und Baͤume sind auch zum Theil kraͤfftiger/ als die andern. Die maͤnnliche Muscaten- Nuß ist zwar groͤsser und laͤnger/ aber sie hat viel weniger Krafft/ als die weiblichen/ und unsere Art Palmen werden in gewissen Faͤllen fuͤr den maͤnnlichen zu Siegs-Kraͤntzen genom- men. Die freudige Thußnelde hoͤrte dieser Schutzrede mit Lust zu/ und ward ermuntert selbter anzuhaͤngen: Warum wirfft man uns nicht auch fuͤr/ daß kein Weibsbild iemahl zu- gleich linck und rechts/ noch/ wie die Maͤnner insgemein/ auff die Glieder der rechten Seiten staͤrcker/ als an der lincken sind? daß wir eh als sie veralten sollen? und andere uns angetichtete Schwachheiten? Welche wir aber als der Groß- muͤthigkeit nichts benehmende Gebrechen ohne unsere Verkleinerung leicht enthaͤngen koͤnten. Denn auch die aͤusserlichen Leibs-Kraͤfften sind nicht nach der Elle der Glieder abzumessen/ sondern wie es nicht genug ist/ daß die Natur dem Stahle solche Haͤrte gegeben/ es muß selb- ten allererst das Feuer gluͤend/ der Schleiff- stein spitzig und zum Degen machen; also muͤs- sen Armen und Schenckel von der Hitze des Gebluͤts/ und von einer maͤßigen Ergiessung der Galle/ als der letzten Anfeuchtung wacke- rer Leute/ und dem Wetzsteine der Staͤrcke be- selet werden. Dahero/ weil dieser natuͤrliche Zunder eine heimliche Abscheu von Riesen-Kno- chen hat/ findet man in so schwaͤmmichten Men- schen/ welche dem Ansehen nach Thuͤrme feil tragen moͤchten/ weder Geschicke noch Bereg- ligkeit/ wie ich selbst zu Rom am Pusion und Secundellen wahr genommen/ derer zwar eilff und einen halben Fuß lange/ aber zugleich bau- faͤllige Coͤrper der Kaͤyser nach ihrem fruͤhen Tode in die Salustischen Gaͤrte begraben ließ. Und weiß ich diese ungeheuere/ aber geistleere Geschoͤpffe nicht besser/ als denen Gebaͤuen zu vergleichen/ die von aussen das Ansehen einer Koͤniglichen Burg/ innwendig aber Winckel an statt der Zimmer haben. Hingegen hat die niedrige Balsam-Staude mehr Krafft in sich/ als die lang-haͤlsichte Fichte. Das kleine in der Serischen Landschafft Kingcheu wachsende Kraut von tausend Jahren dauret laͤnger/ als die Himmel-hohen Cedern/ denen doch kein Blat abfaͤllt/ die kein Wurm anbeist/ indem jenes nimmermehr verdorret. Nun ist das in etlicher Augen so klein scheinende weibliche Geschlechte ja nicht unter die Thiere zu rechnen/ welche keine Galle haben/ sondern man eignet ihnen hier- von zuweilen auch eine Ubermasse zu. Weni- ger fleust von einem edlen Stamme die Bluͤthe des guten Gebluͤts nur auff die maͤnnlichen Zweige/ also daß die Hefen den Toͤchtern uͤbrig bleiben/ sondern es wallet die angebohrne Tapf- ferkeit so wohl in diesen als jenen Adern. Der Granatapffel-Baum traͤgt so wenig Bluͤthen ohne Purpur/ als Fruͤchte sonder Kronen; also wird auff die Toͤchter so wohl/ als ihre Bruͤder das hohe Gebluͤte und der Adel fortgepflantzet. Und alle Helden der Welt haben noch unter den Hertzen Arminius und Thußnelda. Hertzen der Frauen gelegen. Suchen wir a- ber das Gestirne dieser unbegreifflichen Tugend in seinem eigenthuͤmlichen Himmels-Zirckel/ und diese Blume so wohl unsers/ als euren Ge- schlechtes auff ihren eigenen Stengel/ muͤssen wir nicht die Asche des stinckenden Leibes/ noch den Schimmel der faulenden Glieder durch- scharren/ sondern/ weil die Großmuͤthigkeit ei- ne Lebhafftigkeit des Geistes ist/ und ihren Ur- sprung und Sitz in dem Hertzen hat/ muͤssen wir sie nach der Eigenschafft ihrer him̃lischen W hn- statt urtheilen/ und ihr ein Ziel nach dem Maß- stabe der unumschraͤncklichen Seele ausstecken. Diese erscheint zum ersten auff den Kampffplatz/ und zeucht am letzten davon ab. Diese verwen- det kein Auge/ wenn schon der Blitz mit Don- nerkeilen um ihr Haupt spielet/ oder ihr der Himmel auff den Hals faͤllt. Diese sieget auch mit zerschmetteꝛten Gliedern/ und in dem Stau- be des Todes. Jst aber wohl das Hertze der Maͤñer von anderm Talg als das unsrige? Hat eure Seele einen andern Schoͤpffer/ als wir? Sind alle großmuͤthige Helden aus dem Ge- schlecht der Riesen entsprossen? Haben sie alle Armen aus Stahl/ und Schenckel aus Mar- mel gehabt? Bestehet die Tapfferkeit am Aus- reissen der Baͤume/ und Versetzen der Ber- ge? Nein sicher! Junius Valens/ welchen ich Pferd und Wagen mit einer Hand anhalten ge- sehen; Rusticellus/ der seinen Maulesel mit ei- ner Hand empor hob; Milo/ dem kein Mensch einen Finger beugen konte/ werden von mir nicht in die Schau-Buͤhne der Helden gesetzt. Hingegen sind die/ welche die Welt bemeistert/ keine ertztene Colossen gewest. Den itzigen Kay- ser wuͤrde niemand seine Thaten an der Groͤs- se/ welcher nach des Julius Marathus genom- menem Maaße nicht laͤnger/ als fuͤnff Fuͤße und ein drittel ist/ anschauen. Die auch itzt die Roͤmer geschlagen/ den Varus erlegt/ die deutsche Freyheit erhalten/ sind keine Cyclo- pen/ deren Daumen von Satyren mit Sten- geln ausgemessen werden koͤnten. Jm Fall aber ja unsere Leibes-Schwaͤche und Zaͤrt- ligkeit der Glieder eine Hinderniß der Tapffer- keit/ und ein Fehler unsers Geschlechts seyn soll/ wird man uns zuversichtlich das Recht zu den Waffen nicht gar absprechen/ sondern viel- mehr nicht ausser Augen setzen koͤnnen: Daß auch die Sonne nicht ohne Finsterniß/ kein Demant ohne Mangel/ keine Rose ohne Dor- nen sey. Die Koͤnigin fiel Thußnelden mit ei- ner ernsthafften Anmuth in die Rede/ und mein- te: Sie haͤtte ihrem Geschlechte zum Nachtheil allzuviel nachgegeben; sintemahl es dem Frau- enzimmer mehr zum Ruhm als zur Schande gereichte/ daß es mit so schwachen Gliedern Hel- den- und Riesenwercke ausuͤbte. Waͤre also ih- re Schwachheit denselben Maalen zu verglei- chen/ welche durch ihren schwartzen Gegensatz den Glantz einer schneeweissen Schoͤnheit er- hoͤheten. Oder es haͤtte die Natur ihnen die- sen Gebrechen mit sonderbarem Fleiß/ und zu ihrem Besten angehengt/ wormit nehmlich der Neid hieran etwas zu kaͤuen/ das maͤnnliche Geschlechte aber mit ihnen zu eyvern nicht noch groͤssere Ursach habe. Der Feldherr konte sich laͤnger des Lachens nicht enthalten/ sagende: Er sehe wohl/ daß er auff eine so tieffsinnige Be- redsamkeit verfallen waͤre/ welche auch der Waꝛ- heit abgewinnen koͤnte/ und waͤre er nur zu ver- nehmen begierig: Ob sie auch die durch Miß- braͤuche angenommene Zaͤrtligkeiten des Frau- enzimmers heraus zu streichen/ und ihr Wort zu reden auff sich nehmen wuͤrde. Die Koͤni- gin verwechselte diesen Schertz mit einem an- dern/ und fing an: So wenig die Heßligkeit schoͤn/ und der Jrrthum zur Warheit wuͤrde/ wenn man jene schon in Guͤldenstuͤcke kleidete/ dieser aber eitel Centner-Worte zulegte/ so we- nig traute sie des Feldherrn Hoͤffligkeit zu/ daß er zwischen des Frauenzimmers Rein- und Ge- maͤchligkeit/ und den Waffen keine Gemein- schafft dulden koͤnte. Die Tugend sey der Wol- C c 2 lust Drittes Buch lust selbst nicht so feind/ als die Feinde des un- schuldigen Epicurus gerne wolten/ von denen sie sich wunderte/ daß sie nicht den Schoͤpffer der Welt meisterten/ weil er nicht den gan- tzen Erdkreiß entweder unter dem frostigen Baͤr/ oder unter den alles versengenden Hund- Stern gesetzet/ oder daß er es nicht allezeit Winter seyn/ und statt der Rosen Disteln/ statt des Weines Schleen/ statt der Granaten Holtzaͤpffel wachsen habe lassen. Der Tapf- ferkeit Absehen ziele allezeit auff den Sieg/ dieser aber waͤre von der Ergetzligkeit unab- trennlich. Es haͤtten weder fuͤr Alters/ noch heute zu Tage nur diese Schlachten gewonnen/ und Staͤdte erobert/ welche Haͤnde wie Horn/ und Gesichter wie Loͤwen gehabt/ welche die Sonnen-Hitze ausgetrocknet/ und die Kaͤlte abgehaͤrtet habe. Die alten Persier waͤren die groͤsten Zaͤrtlinge/ aber die hertzhafftesten U- berwinder anderer Voͤlcker gewest. Die Hel- den/ welche bey Marathon des gantzen Asiens Kraͤffte erlegt/ haͤtten eitel gekraͤuselte Haare/ eingebalsamte Leiber/ und seidene Roͤcke an- gehabt. Der grosse Alexander haͤtte mehr- mahls in allen Wolluͤsten sich gebadet/ auff ein- mahl vier hundert Heerfuͤhrer auff guͤldenen Sesseln und auffgebreitetem Purper gespei- set/ und bey dem Grabe des weisen Alanus de- nen/ die am meisten trincken wuͤrden/ ansehn- liche Preiße auffgesetzt. Der beruͤhmte Welt- weise Xenocrates haͤtte durch seinen Sieg im Trincken eine vom Dionysius auffgesetzte guͤl- dene Krone erworben. Die klugen Koͤnige der Egyptier haͤtten ihren Gemahlinnen der Stadt Antylla Einkuͤnffte zu Zierrathen ih- rer Guͤrtel gewidmet. Jhm selbst nicht gram/ und gleichwohl hertzhafft seyn/ seiner Gele- genheit/ und gleichwohl der Waffen pflegen/ koͤnte so wohl bey einander stehen/ als die Ro- se bey den Dornen/ als das Honig bey dem Stachel der Bienen. Warum solten die nutzbaren Fruͤchte/ die annehmlichen Blaͤtter an den Baͤumen/ die Tugend ihren Firnß die Anmuth hassen? Das Hertze selbst/ der Sitz der Tapfferkeit waͤre beynahe das weicheste Glied am Menschen/ dessen Fleisch keine Spann-A- dern und Knochen/ weniger Klauen noch Zaͤhne haͤtte. Diesem nach liesse sie ihr nicht ausreden: Es koͤnne sich ein Helden-Geist eben so wohl mit einem zarten Leibe vertragen/ als ein schneiden- tes Schwerdt in eine Sammtene Scheide ste- cken; Es moͤge ein Sieger seine Haͤnde wohl in ruͤchende Handschuch stecken/ und ein Uberwin- der der Welt unter einem Goldgestuͤckten Zelte seyn. Mit einem Worte: Mich duͤnckt/ die Tu- gend koͤnne die Wollust zwar nicht zu ihrer Hof- meisterin/ wohl aber zu ihrer Gespielin vertra- gen/ und sie sehe sauer/ wenn man sie gar zur Magd/ oder zum Scheusale machen wil. Der Feldherr ward ie laͤnger ie mehr ver- wundernd uͤber dieser Koͤnigin tieffsinnigen Schluͤssen/ und derselben artiger Ausdruͤckung; gab daher gegen ihr zu verstehen/ er gaͤbe ihr in alle wege Beyfall/ daß die Tapfferkeit nicht eben rauh und wilde seyn/ Eicheln oder rohes Fleisch essen/ unter freyem Himmel oder auff stets um- irrenden Wagen wohnen/ aus Ochsen-Haͤuten Haͤuser bauen/ nackt oder in Hanffenen Kitteln gehen muͤße:; Sondern die Tugend koͤnne gar wohl ihrer Gelegenheit pflegen/ das Frauen- zimmer sich ihrer Tugend anmassen. Alleine die Erfahrung habe leider gewiesen/ daß die zu- laͤßliche Beqvemligkeit leicht aus dem Geschirre schlage/ die Ergetzung sich in eine haͤßliche Up- pigkeit verwandele. Die Gewaͤchse/ welche in Nesseln sich lange hielten/ verfaulten alsobald in Blumen. Griechenland waͤre an Witz und Großmuͤthigkeit allen Voͤlckern uͤberlegen ge- west/ biß ihre Ordnung zum Uberfluße/ der Ubeꝛ- fluß zur Wollust/ die Wollust zum Laster wor- den waͤre; Und des Aristophanes in einem Schauspiele fuͤrgestellte Froͤsche/ oder des So- phocles Antigone mehr/ als der Krieg wider den Xerxes kostete. Die Gallier solten fuͤr Zei- ten Arminius und Thußnelda. ten hertzhaffter als wir Deutschen gewesen seyn/ welches daher glaublich schiene/ daß die Helve- tier sich zwischen dem Rhein und Mayn/ die Bo- jen aber in dem Hercinischen Walde niederge- lassen/ und die Deutschen uͤberwaͤltigt haͤtten. Es haͤtte sie aber ihr Reichthum unbewehrt ge- macht/ und ihr Wolleben sie so verzaͤrtelt/ daß die Roͤmer/ welche schon einmal mit uns Deutschen angebunden hatten/ es ihnen fuͤr Schande hiel- ten/ wenn sie wolten wider die weibischen Gal- lier gefuͤhret werden. Dahero die verschmitzten Roͤmer durch ein besonderes Kunststuͤcke mehr Voͤlcker durch angewoͤhnte Wolluͤste/ durch Einfuͤhrung warmer Baͤder/ durch Bauung kostbarer Lustgaͤrte/ durch Anrichtung praͤchtiger Gastmahle/ durch Fuͤrstellung lustiger Schau- spiele/ als mit ihren Waffen unters Joch ge- bracht. Sintemal die groben geschwinder ge- ritten sind; durch Wolluͤste aber gewohnt man ehe der Ruhe und des Muͤssiggangs. Hinge- gen hat die unbaͤndigen Scythen ihre rauhe Art so viel tausend Jahr wider den maͤchtigen Vexo- ris/ wider den gewaltigen Cyrus/ wider den gros- sen Alexander erhalten/ und an sie fast alleine haben sich die stoltzen Roͤmer noch nie gewagt. Jhre Einfalt oder Ungeschickligkeit hat ihnen den Schatz des Goldes/ die Geschickligkeit der Kuͤnste/ zugleich aber viel schaͤdliche Laster wolge- sitteter Voͤlcker verborgen. Diese Unwissenheit aber hat ihnen mehr gefruchtet/ als andern die Wissenschafft der Tugend. Ja ihnen und uns sind zu selbsteigener Erhaltung die unschuldigen Sitten nuͤtzlicher gewest/ als den Griechen und Roͤmern ihre heilsame Gesetze. So lange in Deutschland keine andere Schauspiele gewesen/ als da die nacketen Juͤnglinge uͤber blosse Degen und Spiesse sprangen/ und dafuͤr keine andere Belohnung/ als das Wolgefallen der Zuschauer suchten/ hat kein Deutscher einen Roͤmer ge- fuͤrchtet/ noch die Begierden sie ihnen zinß- und dienstbar gemacht. Nun aber kan ich meine selbsteigene Schande nicht verschweigen/ daß ich unter ihnen Kriegs-Sold verdienet. Der Feldherr haͤtte noch laͤnger geredet/ wenn nicht Adgandester/ sein geheimster Rath/ ins Ge- mach kommen/ und ihm die Ankunft eines Ge- sandten von Gottwalden/ einem Hertzoge der an der Weichsel und dem Baltischen Meere gelege- ner Gothonen angemeldet/ und zugleich andere geheime Schreiben abgegeben haͤtte. Diese aber noͤthigten ihn von der Koͤnigin hoͤflichen Abschied zu nehmen/ und weil allbereit die Dem- merung einbrach/ seine wunderschoͤne Braut wider auf ihr Zimmer zu begleiten. Folgenden Morgen hielt der Feldherr mit anbrechendem Tage Fuͤrsten-Rath/ die Koͤnigin aber ließ Thußnelden vermelden: Sie haͤtte auf ihr annehmliches Gespraͤche so wol geruhet/ und darvon so viel Kraͤfften empfunden/ daß sie ihr in ihrem Zimmer aufzuwarten maͤchtig und be- gierig waͤre. Thußnelde beantwortete ihren Edel-Knaben/ derer etliche der Catten Hertzog aus seinen Gefangenen sie wieder zu bedienen loßgelassen hatte: Es waͤre zwar ihre selbsteigene Pflicht sich in der Koͤnigin Zimmer einzufinden/ doch wolte sie lieber etwas ihrer Hoͤfligkeit abbre- chen/ als dem zuentbotenen Befehl widerstreben. Sie erwartete also hoͤchstbegierig die Gelegen- heit ihr die Haͤnde zu kuͤssen. Jsmene fand in- zwischen sich auch bey Thußnelden ein. Bey erfolgender Zusammenkunft umbfingen diese drey Heldinnen einander mit einer so grossen Vertraͤuligkeit/ als wenn sie nicht alleine viel- jaͤhrige Freundschafft mit einander verknuͤpft/ sondern auch selbst das Gebluͤte zusammen ver- bunden haͤtte. Thußnelde hatte fuͤr die Koͤni- gin und ihre Gefertin Salonine alsofort/ weil so wol ihre Sprache als Leute/ daß sie eine Mor- genlaͤnderin waͤre/ kund gemacht hatten/ von Persischen Teppichten ein ihrer Landes-Art und Bequemligkeit dienendes Bette aufputzen las- sen/ fuͤr sich und Jßmenen aber zwey Helffenbei- C c 3 nene Drittes Buch nene Stuͤle nach deutscher Art behalten. Die- se Anstalt machte der Koͤnigin alsofort ein Nach- dencken/ und nach dem sie eine Weile von des vo- rigen Tages Gespraͤchen geredet/ des Feldherrn Tugenden und Hoͤfligkeit uͤberaus heraus ge- strichen/ und seinetwegen Thußneldens Gluͤck- seligkeit gepriesen hatte/ fragte sie Thußnelden: Wie sie darzu kaͤme/ daß sie ihr einen in diesen Laͤndern so frembden Sitz zubereitet haͤtte? Thußnelde antwortete: Sie stuͤnde in denen Ge- dancken/ daß die von Kind-an gewohnte vaͤter- liche Sitten zur Gemaͤchligkeit am dienlichsten waͤren. Wie/ sagte die Koͤnigin/ woher wissen sie denn mein Vaterland? Thußnelde laͤchelte/ und fing an: Es hat mirs nicht allein die Spra- che zum theil verrathen/ daß sie eine Morgenlaͤn- derin sey/ sondern mein Fuͤrwitz/ oder/ wahrer zu sagen/ meine zu ihr tragende Zuneigung ha- ben bey mir eine ungemeine Sorgfalt erwecket/ mich nicht allein umb ihren Ursprung/ sondern auch gantzen Zustand zu bekuͤmmern. Von dem erstern haͤtte sie etwas muthmaßliches/ von dem letztern aber gar nichts ergruͤnden koͤnnen. Die Koͤnigin bemuͤhete sichdiese so geneigte Er- klaͤrung mit einer empfindlichen Dancksagung zu beehren/ und zu vermelden: Sie koͤnte nicht umbstehen/ daß sie eine Morgenlaͤnderin waͤre/ ihr Lebenslauff aber haͤtte so viel Bitterkeit an sich/ daß auch dessen blosse Wissenschafft mitlei- dentlichen Seelen schmertzhafte Empfindligkeit zu erwecken maͤchtig waͤre. Thußnelde bege- gnete ihr: Sie hielte dafuͤr/ daß wie etliche Fruͤch- te eine annehmliche Saͤuere/ also das Mitleiden uͤber dem Leiden der Tugend eine durchdringen- de Anmuth habe. Und die erwaͤhnten Ungluͤcks- Faͤlle waͤren eben ein gewisses Merckmal so wol ihrer Tugenden/ welche in so kurtzer Zeit aller Gemuͤther vn sich gezogen haͤtten/ als der hohen Ankunft. Denn es haͤtte das Verhaͤngnuͤß entweder seine Lust/ oder ein den Leidenden zum besten zielendes Absehen/ nichts weniger das Gluͤcke hoher Gebluͤts - Personen/ als den Glantz nur der zwey grossen/ nicht der klei- ner Himmels-Lichter zu verfinstern. Dieses Ungewitter treffe noch darzu oͤfter die Tugend- als Lasterhaften; nicht anders/ als der Blitz mehr- mals in Kirchen/ als Huren-Haͤuser/ die Schlos- sen den Weitzen/ nicht das Unkraut niederschluͤ- gen. Denen See-Raͤubern diente wohl eh eine Steinklippe zur Windstille/ an der ein Heiliger gescheitert haͤtte. Die Koͤnigin fing an innig- lich zu seufzen: Ja/ sagte sie/ ich habe es/ leider/ allzusehr erfahren/ daß die Unschuld nicht selten Ketten und Bande schleppen/ die Tugend auf dem Blut-Geruͤste vergehen muͤsse/ wenn die Boßheit auf Rosen geht/ und ein Wuͤterich den Koͤniglichen Stul einnim̃t. Ach! aber/ auf was fuͤr Schwachheit verleitet mich meine Un- gedult? Wer wider sein Ungluͤck murret/ geust in das/ was er gerne ausleschen sehe/ nur Oel. Wer mit den Schickungen des Verhaͤngnuͤsses nicht zu frieden ist/ entfrembdet sich von den Goͤt- tern/ suchet sich in sich selbst/ und verlieret sich dar- uͤber. Er schleppet die Kette seines Ungemachs mit grosser Beschwerligkeit nach sich/ die er viel leichter tragen koͤnte. Jßmenen wurden hier- uͤber die Augen nichts minder/ als der Koͤnigin/ waͤßricht/ und fing sie an: Es waͤre wahr/ daß/ wer die Gedult in seinem Hertzen behielte/ wenn ihn das Ungluͤck gleich aller Guͤter beraubete/ doͤrfte sich uͤber keinen Verlust beschweren. Sie waͤre das Oel/ welches alle Hertzens-Wunden heilte/ und der koͤstliche Balsam/ welcher auch die halbtodten wieder beseelte. Ja/ sagte Erato/ diese ohmaͤchtige Tugend hat mich wider das Ungeheuer der Verzweifelung kraͤftiger/ als Perseus Andromeden fuͤr dem grausamen Meer-Wunder vertheidiget; und da der Him- mel selbst mich zu zermalmen gedraͤuet/ hat mir die Hoffnung stets ein gut Hertze gemacht: Wenn es das Ansehen gewonnen/ als wenn das Ver- haͤngnuͤß mich nur deswegen nicht toͤdtete/ weil es mein aͤngstiges Leben zu einem aͤrgern Ubel aufhuͤbe/ hat das Vertrauen auf die Goͤttliche Weissa- Arminius und Thußnelda. Weissagungen mich doch iederzeit aufgerichtet. Diesemnach ich denn gerne eine Beypflichterin der Elpistischen Weisen zu seyn gestehe/ welche die Hoffnung fuͤr das hoͤchste Gut hielten/ und sonder diese das Elend des Lebens fuͤr unertraͤg- lich; hingegen derselben Meynung als irrig verwerffe/ die auch das vollkommenste Gut/ das nicht gegenwaͤrtig ist/ fuͤr kein Gut halten/ weil es allererst kommen soll. Weswegen ich zu Athen in dem Tempel des guten Gluͤckes fuͤr dem Bilde der Hoffnung sieben Tage lang mei- ne Andacht verrichtete. Dieses Heiligthum ist wegen des von dem Bupalus aus Marmel gehauenen/ die Erdkugel auf dem Haupte/ und der Amalthee Horn in der Hand haltenden Gluͤcks-Bildes sehr beruͤhmt/ in welches sich ein Griechischer Juͤngling so sehr verliebt/ daß/ als er dessen von dem Rathe zu Athen nicht umb groß Geld habhafft werden konte/ nach dessen Bekraͤntz- und vieler Thraͤnen Vergiessung selbtes umbarmende sich toͤdtete. Weil nun das Bild der Hoffnung und ihr Altar nahe dar- bey stand/ ward diese von allen/ die das Gluͤcke anbeteten/ ebensfalls verehret. Auf allen vier Seiten des Altar-Fusses sind so viel Wachs- Taffeln/ darein die Betenden mit einem Griffel ihre Wuͤntsche und Geluͤbde zu schreiben pfle- gen. Den sechsten Tag fand ich darinn diese Reime gekritzelt: Welch Wahuwitz zuͤndet hier der Hoffnung Weyrauch an? Die nur die Hungrigen aus leeren Schuͤsseln speist/ Ein Traum der Wachenden/ ein Schatz der Armen heist/ Weil sie mit ihrem Nichts die Einfalt blaͤnden kan. Was hilfft’s/ daß sie mit Noth das Leben uns noch laͤst? Wenn sie sich gegen ihm als einen Hencker zeugt/ Durch Schatten/ Rauch und Wind Begierd und Wuntsch be- treugt/ Ja mehrmals in ein Horn mit unserm Ungluͤck blaͤst. Jch entsetzte mich uͤber dieser verzweifelten Schaͤndung derselben Gottheit/ welche ich als meinen einigen Gluͤcks-Stern/ wie die Afri- canischen Ziegen den aufgehenden Hunds- Stern verehrte. Diesemnach ich aus einem Andachts Eifer wider den verzweifelnden Wall- farther mit folgenden Zeilen meine Rachgier ausließ: Welch Unmensch ist/ der nicht der Hoffnung Weyrauch schenckt? Die doch des Landmanns Pflug/ des Schiffers Ruder regt/ Verliebter Leit-Stern ist/ des Kriegsmanns Faust bewegt/ Halbtodte lebend macht/ Blutarme speist und traͤnckt. Was sie gibt/ ist nicht Nichts; scheint sie gleich nichts zu seyn/ Wer ohne sie verdirbt/ genest durch ihre Hold. Wenn die Verschwenderin das Gluͤcke/ Gut und Gold Uns raubt/ bringt den Verlust die milde Hoffnung ein. Den siebenden Tag/ fuhr die Koͤnigin fort/ war ich die erste im Tempel/ wie ich den Abend vorher die Pfosten desselbten selbst zugeschlossen hatte. Zu meiner hoͤchsten Verwunderung aber fand ich unter meinen Reymen nach folgen- de aufs zierlichste in Wachs gedruͤckt: Die Hoffnung kan nicht fehln/ es muß der Wuntsch bekleiben/ Wenn wir ein Reich verschmaͤhn/ und treu im Lieben bleiben. Diese sich auf meinen Zustand so wol schickende Schrifft befestigte mein Gemuͤthe mehr als vor- hin nichts anders; weil ich sie fuͤr nichts anders/ als fuͤr eine Goͤttliche Antwort hielt/ und ich lasse sie auch noch niemals aus meinen Gedancken. Thußnelde fing hierauf an: Dieser Vor- schmack ihrer Zufaͤlle machte sie so viel luͤsterner den voͤlligen Verlauff zu vernehmen; wordurch der Koͤnigin ein unzweifelbarer Ruhm/ ihr und Jsmenen aber eine vollkommene Vergnuͤgung erwachsen wuͤrde. Die Koͤnigin Erato ant- wortete: Es waͤre wol wahr/ daß die Geschicht- Schreiber so sor gfaͤltig waͤren die ungluͤckseligen in ihre Zeit-Register/ als die Sternseher die Fin- sternuͤsse in ihre Jahr-Buͤcher aufzumercken; iedoch wuͤste sie nicht zu urtheilen: Ob die ruhen- den wie die fallenden Lufft-Sterne mehr Glantz/ oder/ wie der verfinsterte Monde mehr Schat- ten bekaͤmen. Einem Ungluͤckseligen waͤre die Eindenckmachung des vergangenen Ubels zwar so schmertzhasft/ als einem Verwundeten die An- ruͤhrung des Schadens. Daher sie insgemein wie Drittes Buch wie das fuͤhlende Kraut in Egypten geartet find/ welches/ wenn man es anruͤhret/ seine Zweige zuruͤcke/ seine Blaͤtter zusammen zeucht/ oder gar verdorren laͤst. Alleine/ dafern zwo so guͤti- ge Fuͤrstinnen aus dem Nacht-Gemaͤhlde ihrer traurigen Begebnuͤsse einiges Anmuths-Licht zu holen vermeynten/ koͤnten sie ohne den schwaͤr- tzesten Undanck selbtes ihnen nicht entziehen. Jh- re Zuversicht zu so tugendhaften Heldinnen ver- biete ihr auch das geheimste/ was sie unter ihrem Hertzẽ haͤtte/ zu verhelen. Da es ihnendenn belie- big waͤre/ solte ihr das geringste nicht verschwie- gen bleiben/ welches iedoch sie selbst fuͤr Weh- muth ohne Jrrthum schwerlich wuͤrde werck- stellig machẽ. Es solte aber Salonine ihre Stelle vertreten; iedoch/ weil diese Erzehlung zugleich eine Entdeckung ihreꝛ Schwachheiten seyn wuͤr- de/ koͤnte ihr kein groͤsseres Gluͤcke begegnen/ als da die tugendhafte Thußnelde sie hernach der Wissenschafft ihrer Zufaͤlle wuͤrdig machte/ die ohne diß schon durch ihre mehrmalige Seufzer zum Theil verrathen waͤren. Die Gemeinschafft des Ungluͤcks wuͤrde vielleicht beyden zu einer Erleichterung/ Thußneldens Tugenden aber ihr zu einer Richtschnur ihres kuͤnftigen Wan- dels dienen. Thußnelde begegnete ihr: Jhre Feh- ler koͤnten keinen andern Wegweiser/ als zu ei- nem Jrrgarten abgeben/ sonst aber wuͤrde es ihre selbsteigne Erleichterung seyn/ wenn sie fuͤr einer solchen Koͤnigin/ welche aus eigenem Betruͤbnuͤß so viel mehr Zunder des Mitleidens gefangen haͤtte/ ihr gantzes Hertz ausschuͤtten koͤnte. Aller auf Saloninen gerichtete Augen noͤthigten diese numehr gleichsam durch die stum̃e Erinnerung ihre Erzehlung solgender gestalt anzufangen: Jch zweifele zwar nicht/ daß die so kluge Fuͤr- stin Thußnelda durch das Geschrey das in der Welt so beruͤhmte Reich Armenien/ welches nach dem Parthischen allen andern Asiatischen Rei- chen an Groͤsse uͤberlegen ist/ auch zum Theil werde haben kennen lernen. Gleichwohl aber wil ich mit wenigen Worten melden: Seinen Nahmen soll es haben entweder von seinem er- sten Bewohner Togarma/ oder von des Helden Melichus Vaterlande/ einer Thessalischen Stadt Arimenus/ welchen Koͤnig Pelias eben so wol als den seiner Tugend halber zu Hause verdaͤchtigen Jason in Colchis nach dem guͤlde- nen wieder zu schiffen genoͤthiget. Ob sie nun wohl diese gefaͤhrliche Reise gluͤcklich uͤberstan- den/ Jason auch seine Colchische Gemahlin Me- dea verstieß/ und den mit ihr gezeugten Sohn Absyrtus aufopferte/ ward er doch mit seinem rittermaͤssigen Hauffen von des Pelias Kindern wieder aus dem Lande gejagt. Thußnelda fiel ein: Es muͤssen die Griechischen Wuͤteriche mit der denen Herrschenden so sehr verhaßten Tu- gend noch viel gelinder/ als andere/ gebahren/ weil sie sie alleine mit der Landsverweisung straffen/ da sonst insgemein die Tugenden den gewissesten Unter gang nach sich ziehen/ wie Aristodemus bey den Cumanern/ Polycelus von seinem Bruder Hiero/ und Clytus vom grossen Alexander erfah- ren; ja Tyrannen ihren Stul am meisten zu be- festigen sich traͤumen lassen/ wenn sie nur die Tu- gend mit Strumpf und Stiel ausrotten koͤnten. Aber/ fuhr Salonine fort/ vielmal gereichet ihr auch diese Bedraͤngnuͤß nichts weniger/ als der Sturm-Wind der schon halbtodten Flamme zum Vortheil. Jason kam mit der wieder zu sich genommenen Medea in Colchis/ setzte seinen ver- stossenen Schweher-Vater Aetes wieder ins Koͤnigreich ein/ bemaͤchtigte sich vieler Morgen- laͤnder/ oͤffnete dem sonst die Thaͤler ersaͤuffenden Flusse Araxes einen Außfluß in das Caspische Meer/ weßwegen ihm daselbst Goͤttliche Ehre angethan/ und viel Tempel/ besonders ein sehr herrlicher in der Stadt Abderis/ den hernach der Neid des Parmenio eingeaͤschert/ gebauet wor- den. Nach seinem Tode richtete Medius der Meden/ oberwehnter Armenius mit seinen zu- sammen gezogenen Thessaliern das Armenische Reich auf. Nach einer langen Reyhe seiner Nach- kommen bemaͤchtigten die Persen/ hernach die Macedonier/ und endlich die Syrer sich dieses maͤchtigen und von der Natur befestigten Reichs. Sin- Arminius und Thußnelda. Sintemal es von dem Taurischen und Masi- schen Gebuͤrge/ worauf der Schnee so gar ma- dicht wird/ und zuweilen gantze Heere verschlin- get/ von dem Caspischen und Schwartzen Mee- re umgeben/ und von sechs Hauptfluͤssen/ nem- lich dem Phrat/ Tyger/ Cyrus/ Araxes/ Pha- sis/ und Lycus/ derer immer zwey in ein abson- derlich Meer fluͤssen/ bestroͤmet wird. Es hat nebst andern Reichthum nicht nur viel/ sondern die edlesten Pferde/ also/ daß die Parthischen Koͤnige kein anders reiten/ und unter dem Per- sischen Reiche wurden dahin jaͤhrlich zwantzig tausend Fohlen gezinset. Unter oberwehnten Koͤnigen war Hydarnis aus des Orontes Ge- bluͤte der letzte. Als aber der grosse Antiochus von den Roͤmern uͤberwunden ward/ theilten sich zwey seiner Landvoͤgte Artaxias/ und Za- driades in das grosse und kleine Armenien/ wel- che von den Roͤmern auch fuͤr rechtmaͤßige Koͤ- nige erkannt/ hernach aber vom Antiochus E- piphanes vom Reiche verjagt wurden. Ja Artaxias/ der sein Geschlechte vom Koͤnige Barzanes herfuͤhrte/ welcher lange fuͤr dem Ja- son diß Reich beherrscht/ und mit dem Assyri- schen Koͤnige Ninus ein Buͤndnuͤß gemacht hatte/ gerieth selbst in des Syrers Haͤnde. Al- lein sein Sohn Tigranes und Zariadres ruff- ten die Parthen zu huͤlffe/ und gab jener sich selbst/ dieser aber seinen Sohn Artanes So- phen ihnen zur Geissel/ daß sie nach wiederer- langtem Reiche den Parthen siebzig Thaͤler in Armenien abtreten wolten. Antiochus ward hieruͤber so erbittert/ daß er den Artaxias im Gefaͤngnuͤsse hinrichtete/ und Z a riadres starb durch Gifft. Die Waffen der Parthen aber setzten den Tigranes und Artanes wieder auff ihren vaͤterlichen Thron. Tigranes ließ also- fort fuͤrtreffliche Zeichen seiner Herrschens- Kunst und Tapfferkeit von sich blicken/ also daß die Parther selbst daruͤber Nachdencken krieg- ten/ und um seine Kraͤfften zu unterbrechen dem Artanes in Ohren lagen/ daß er mit dem Ti- gꝛanes einen Graͤntz-Stꝛeit/ und zugleich einen Krieg anfing. Wiewol andere diesem Kriege eine viel geheimere Ursache gegeben/ nemlich/ daß des Artanes Gemahlin an den Tigranes Unehre vermuthet/ und/ weil dieser seines wol- thaͤtigen Wirthes Bette nicht besudeln wollen/ habe dieses geile Weib ihre Unkeuschheit in Ra- che verwandelt/ und unter dem tugendhafften Vorwande/ daß Tigranes an sie diese Schand- that begehret haͤtte/ den Artanes die Waffen zu ergreiffen beredet. Die Fuͤrstin Thußnelda fiel Saloninen ein/ und meldete: Es waͤre diß ein denckwuͤrdiges Beyspiel/ daß die Ursachen und der Vorwand eines Krieges meist gantz ab- gesonderte Dinge waͤren. Es fiele ihr hier- bey Meleagers Ehweib ein/ von welcher ihr waͤre erzehlet worden/ daß sein Koͤnig/ als an- dere ihre Liebhaber so viel von ihrer Schoͤnheit und Anmuth zu sagen gewuͤst/ auf sie einst ein Auge geworffen/ auch von derselben/ welche nicht leicht einen verzweifeln/ oder in seiner Lie- be Schiffbruch leiden ließ/ unschwer diß/ was sie wol geringern nicht versagt/ erlangt haben wuͤrde/ wenn der Koͤnig nicht ihre Waare weit unter dem Ruffbefunden/ und sich ihrer ohne Vergnuͤgung entbrochen haͤtte. Den Schimpf dieser in ihren eigenen Augen so ansehnlichen/ und ietzt zum ersten verschmaͤhten Schoͤnheit draͤuete sie ihme ins Gesichte zu raͤchen/ und wie sie ihrem Ehmanne die durch nichts als durch Blut ausleschliche Flecken der ihrer Keuschheit zugemutheten Unehre meisterlich fuͤrzubilden wuste; also war ihre Ehre taͤglich allen denen feil/ welche nur mit Meleagern wider den Koͤ- nig den Degen auszuziehen sich erklaͤreten. Derogestalt ward dieser tapffere Mann ein Aufruͤhrer wider seinen Herrn/ ein Krieges- knecht seines geilen Weibes/ da doch andere die Ursache seines Aufstandes viel weiter herholten/ einer/ daß der Koͤnig in Macedonien in Anwe- senheit der Thessalischen Gesandschafft ihm schimpfliche Worte gegeben; Ein ander/ daß Erster Theil. D d er sei- Drittes Buch er seinem Sohne ein Ehren-Amt versagt/ der Poͤfel aber/ daß die Liebe der Freyheit und des alten numehr unter gedruͤckten Gottesdiensts ihn zum Kriege bewogen haͤtte. Die Arme- nische Koͤnigin setzte bey: Dieses waͤren noch gar wichtige Ursachen eines mittelmaͤßigen Krieges. Den weltberuͤhmten Zug des gros- sen Xerxes in Griechenland/ da er drey mahl hundert tausend Menschen ausgeruͤstet/ Ber- ge abgetragen/ Fluͤsse ausgetrocknet/ Meere ausgefuͤllet/ haͤtte ein Griechischer Artzt der Persischen Koͤnigin durch ihr Einblasen erre- get/ weil er gerne noch einst den Pyreischen Hafen gesehen/ und zu Athen gewachsene Fei- gen gegessen haͤtte/ da doch dieser Qvecksalber seine Reise mit geringern Kosten verrichten koͤnnen; Hingegen Xerxes zu Ursachen seines Krieges anfuͤhrte: Er kaͤme die Griechen aus einer so magern Dienstbarkeit/ die sie von so viel kleinen Wuͤterichen erduldeten/ in eine reiche Freyheit zu versetzen/ ja die unsterblichen Goͤt- ter haͤtten ihn zu seiner Entschluͤssung gebracht/ und die Sonne waͤre der erste Urheber seines Krieges. Freylich wol/ fing Thufnelda an/ auch unser Deutschland hat mit seinem Scha- den erfahren/ daß aus einem kleinen Qvelle grosse Fluͤsse/ aus einem Funcken unausleschli- che Braͤnde/ aus einem uͤbel-aufgenommenem Worte lange Kriege entstanden/ daß eine Tracht einer gewissen Farbe den Adel eines gantzen Volckes zergliedert/ eine auffgerichte- te Saͤule/ ein Sinnenbild/ das andere auf sich gezogen/ viel Aufruͤhre gestifftet/ und daß die heimliche Verschneidung eines Cammerdie- ners manchen grossen Reichs-Colossen von fei- nem Ehrenstande gestuͤrtzt. Also haben so wol die grossen Schauplaͤtze der Koͤnigreiche/ als die Gaucklerbuͤhnen mehrmahls euserlich ein praͤchtiges Ansehen/ wenn man aber hinter ih- re Schirme gucket/ ist ihr gantzes Gebaͤue la- chens werth. Die Koͤnigin pflichtete ihr bey/ und fing an: Nachdem selten ie mand aus blos- ser Liebe der Gefahr/ wie von Deutschen ins- gemein geglaubet wird/ oder aus blossem Dur- ste nach Menschen-Blute/ wie die wilden Thie- re/ seinen Nachbar uͤberzeucht/ sondern Geitz und Ehrsucht die aͤlteste und gemeinste Ursache des Krieges ist/ so hat man sich nicht zu ver- wundern/ daß fast alle mahl von den Herrsch- suͤchtigen die wahre Ursache und das Absehen ihrer blutbegierigen Entschluͤssungen versteckt/ und fast iederzeit die scheinbaren Nahmen des Gottesdienstes/ der Gerechten Rache/ und der Freyheit zum Vorwandt gebraucht werden. Es ist unnoͤthig in das Alterthum zuruͤck zu se- hen. August verdeckte seine Herrschenssucht in dem Buͤrgerlichen Kriege meisterlich mit der Froͤmmigkeit/ welche ihn noͤthigte den Todt seines Vatern Julius wider den Bru- tus zuraͤchen. Antonius gebrauchte sich auch dieser Farbe wider den Decimus/ welcher ihm Gallien anzuvertrauen verhindert hatte; Gleichwohl aber bin ich in denen Gedancken/ daß es nicht allemahl rathsam sey auch in ge- rechten Kriegen/ weder die wahre Ursache/ noch das eigentliche Absehen kund zu machen. Sintemahl der Kern aller kluger Entschluͤs- sungen in derselben Heimligkeit bestehet. Auch der/ welcher die beste Karte hat/ muß insge- mein verspielen/ der ihm darein sehen laͤst. So begreifft auch Volck und Poͤfel nicht allezeit die Gerechtigkeit eines Fuͤrnehmens/ sondern man muß selbten an dem Fademe seines Ei- gennutzes an sich ziehen/ und/ wenn selbter durch widrige Verleitung wilde gemacht wor- den/ ihm selbsten zum besten/ selbten wie die kol- leꝛnden Pferde blaͤnden. Salonine brach ein/ um in ihre Erzehlung wieder einzufallen: Ar- tanes wuste seinen Krieg so kluͤglich nicht auszufuͤhren/ sondern seine Eyversucht blickte bald fuͤr/ seiner Unterthanen Abneigung brach mit seinem Ungluͤcke bald aus. Denn der großmuͤthige Tigranes erlegte ihn in der ersten Schlacht biß aufs Haupt/ und er leschte mit sei- ner Arminius und Thußnelda. ner eigenen Hand der unleidlichen Neben- Sonne Armeniens das Licht aus/ welches vol- lends fuͤr dem Sieger alsofort die Waffen nie- derlegte. Mit dieser vereinbarten Macht nahm er denen auf des Artanes Seite stehen- den Parthern nicht allein die abgetretenen sieb- zig Thaͤler wieder/ sondern er bemaͤchtigte sich auch der Parthischen Staͤdte Ninus und Ar- bela. Diese Siege erwarben ihm des grossen Pontischen Koͤniges Mithridatens Tochter/ und diese Verbindung zweyer so maͤchtigen Reiche in gantz Asien ein so grosses Ansehen/ als kein Armenischer Koͤnig fuͤr ihm nie ge- habt hatte. Die Syrer rufften ihn wider die Bedraͤngnisse ihrer vom Seleucus herstam- mender Koͤnige zum Schutzherrn an/ und hier- durch brachte er alles/ was zwischen dem Phrat und Tiger liegt/ die Atropatener und Gor- dyeer unter sein Gebiete/ ja er bemaͤchtigte sich gantz Syriens und der Phoͤnicier; baute auch zum Gedaͤchtnisse dieser grossen Thaten zwi- schen Jberien und der Stadt Zeugma an dem Flusse Nicephorius die maͤchtige Stadt Ti- granocerta/ beschloß sie mit einer Mauer funf- zig Ellenbogen hoch/ und mit einem fast unuͤ- berwindlichen Schlosse. Hoͤret aber/ wie das Gluͤcke meistentheils nur deßhalben einen be- reichere/ daß es hernach mit ihm durch Abneh- mung einer reichen Beute seine Kurtzweil ha- be/ und wie es seine gestrige Schoß-Kinder heute in Staub und unter die Fuͤsse trete! Ja es vergnuͤget sich nicht am Raube seiner eige- nen Geschencke/ sondern windet einem auch den Gewinn der Tugend aus den Haͤnden. Welche zwey grosse Raͤder des Verhaͤngnuͤsses mit einander viel Jahre gestritten hatten/ ob diß oder jenes unter beyden den Tigranes am hoͤchsten empor heben koͤnte? Jedoch hatte es das Ansehen/ als wenn das Gluͤcke seinen Kraͤfften mißtrauete/ daß es dem Tigranes in seinen selbsteigenen Reichshaͤndeln etwas an- haben wuͤrde/ dahero es seinen so feste beraseten Wolstand nicht so wohl mit eigenen Haͤnden auszurotten/ als durch den Fall eines andern grossen Gluͤcks-Steines in Abgrund zu reis- sen erfand. Der grosse Mithridates war vom Sylla und Lucullus so sehr ins Gedrange ge- bracht/ daß sein eigener Sohn Machar des Bosphors Koͤnig vom Vater absetzte/ und den Lucullus mit einer guͤldenen Krone beschenck- te/ um der Roͤmer Freundschafft zu erlangen. Tigranes aber war viel zu großmuͤthig/ daß er nicht lieber der Roͤmer sieghaffte Waffen ihm uͤber den Hals ziehen/ als seinen zu ihm sich fluͤchtenden Schweher-Vater dem Lucullus haͤtte sollen ausfolgen lassen. Dieser aber kam ihm so unvermuthet auf den Hals/ daß Tigra- nes den/ welcher ihm von der Roͤmer Einfall in Armenien die erste Post brachte/ als einen Aufwiegler des Volcks aufhaͤngen ließ. Thuß- nelde fiel ihr ein: Jch erinnere mich/ daß zu meiner Zeit ein Fuͤrst/ als man ihm von mehr denn zu gewisser Eroberung einer Berg-Fe- stung sagte/ den Boten hoͤnisch fragte: Ob er gesehen/ daß des Feindes Kriegs-Volck gefluͤ- gelt waͤre? Aber der Glaube kam ihm bald in die Hand/ und der Feind ins Hertze seines Her- tzogthums. Nichts anders/ sagte Salonine/ ging es dem Tigranes. Denn sein den Roͤ- mern mit zwey tausend Pferden begegnender Obrister Mithrobarzanes ward von dem Vor- trab zerstreuet/ Mancaͤus in Tigranocerta be- laͤgert/ und das dabey liegende Schloß ging mit Sturm uͤber. Tigranes versammlete inzwischen ein Heer von drittehalb hundert tausend zu Fusse/ und funfzig tausend Reu- tern. Orontes sein Feld-Hauptmann fiel den Belaͤgerern fuͤr Tigranocerta ein/ erloͤ- sete auch das gefangene Koͤnigliche Frauen- zimmer aus ihren Haͤnden. Der Koͤnig a- ber ging gerade auf den Lucullus loß. Wie- wohl ihm nun Mithridates rieth/ er solte keine Schlacht liefern/ sondern/ wie es Lucullus bey der Stadt Cycizum D d 2 ihm Drittes Buch ihm gemacht/ und dardurch sein gantzes Heer zernichtet haͤtte/ nur mit deꝛ Reuterey das Roͤmi- sche Heer hinten und fornen ofters anfallen und muͤde machen/ das Land rings umbher verwuͤ- sten/ und die Lebens-Mittel abschneiden. Al- leine dieses Kunst-Stuͤcke deuchtete dem Tigra- nes nicht genungsam heldenmaͤßig/ und aller Verzug knechtisch zu seyn/ zumal er die Roͤmi- sche Macht/ alser derselben ansichtig ward/ zu Gesandten fuͤr zu starck/ zu Feinden fuͤr zu schwach schaͤtzte. Diesemnach schlug Tigra- nes mit dem Lucullus/ dieser aber erhielt durch eine besondere Kriegslist in Eroberung eines vortheilhafftigen Huͤgels/ und durch halsbruͤ- chiges Verbot/ bey waͤhrender Schlacht keine Veute zu machen/ die Oberhand. Thusnelde fing hieruͤber an: Es ist die erste Staffel zum Verlust die Verachtung seines auch schon halb bezwungenen Feindes/ und die/ welche iemals zu ihrem in den Haͤnden habenden Siege Zu- schauer gebeten/ oder ihren Feind hoͤnisch gehal- ten/ sind meistentheils vom Gluͤcke/ oder ihrer Vermessenheit hinters Licht gefuͤhret worden. Es war wenig Zeit darzwischen/ da Democri- tus/ welchen Qvinctius ihm den Etolischen Rathschluß/ darinnen sie den Antiochus zu huͤlf- fe geruffen hatten/ zu weisen ersuchte/ ihm ver- aͤchtlich antwortete: Er wolte solches ihm in Jtalien zeigen/ wenn er dar sein Laͤger auffge- schlagen haben wuͤrde/ und da er des Qvinctius Gefangener ward. Solonine antwortete: Ja/ und das Mißtrauen ist die andere Staffel des Untergangs. Jene machet nur sein eige- nes Volck fahrlaͤßig/ dieses aber gar zu Fein- den. Hierinnen verstieß Mancaͤus/ als er nach erlangter Nachricht vom Verluste der Schlachtin der belaͤgerten Stadt Tigranocer- ta alle in Griechenland geworbene Kriegs- knechte entwafnete. Denn diese rotteten sich mit Pruͤgeln zusammen/ und als Mancaͤus mit seinen Armeniern auf sie loß ging/ wickelten sie ihnen statt der Schilde die Maͤntel um den lin- cken Arm/ fielen ihren Feind verzweifelt an/ biß sie von den Waffen der Erlegten sich wieder be- wehrt machten/ sich etlicher Thuͤrme an der Stadtmauer bemaͤchtigten/ und den Roͤmern selbst hinauf/ und zu Eroberung dieser reichen Stadt verhalffen. Tigranes suchte hierauf nichts weniger als Lucullus bey den Parthern Huͤlffe; derer Koͤnig solche auch zwar beyden heimlich versprach/ aber keinem schickte/ aus vernuͤnfftiger Erwegung/ daß der Ausschlag des Krieges noch ungewiß waͤre/ und sich einer leicht selbst in das Garn verwickeln/ oder der undanckbare Nachbar auch wol gar seinen Helffer in dem Leime stecken lassen koͤnte/ dar- aus ihn das gegen sich selbst oft allzu unbarm- hertzige Mitleiden errettet hatte. Dessen aber ungeachtet/ brachten die in das kleinere Arme- nien gewichene Tigranes und Mithridates wieder ein maͤchtiges Heer auf die Beine/ schlu- gen anfaͤnglich den Fabius/ der aber durch Freylassung aller Knechte sich wieder erholete/ und den Mithridates mit einem Steine unter dem Auge hefftig verwundete; hernach erleg- ten sie den Triarius aufs Haupt/ welcher des Lu- cullus ihm zu wissen gemachte Ankunfft nicht erwarten/ sondern die Ehre des Sieges alleine davon tragen wolte/ und also mit seiner fruhzei- tigen Stuͤrmung des feindlichen Laͤgeꝛs vieꝛ und zwantzig Obersten/ hundertund funfzig Haupt- leute/ als die Roͤmer kaum iemahls sonst ver- lohren/ auf die Schlachtbanck lieferte. Weß- wegen auch Lucullus zuruͤck gefodert/ und der grosse Pompejus/ der sich gleich durch Vertil- gung der Seeraͤuber in grosses Ansehen gesetzt hatte/ zu Ausfuͤhrung dieses Krieges mit un- verschrenckter Gewalt gemaͤchtiget ward. Pompejus war wideꝛ den Mithridates so gluͤck- selig/ daß dieser zu den Scythen und denen um den Maͤotischen Pfuel wohnenden Voͤlckern seine Zuflucht nehmen muste. Nichts minder schlug er den Koͤnig der Albaner Orozes/ und der Hiberer Artocus/ sammt denen in ihrem Heere Arminius und Thußnelda. Heere vermischten Amazonen/ und drang hier- auf dem Tigranes und seiner Hauptstadt Arta- xata auf den Hals. Tigranes aber/ der in sei- nem eigenen Reiche und Hause so viel Feinde hatte/ hielt es nicht fuͤr rathsam/ die innerlichen Wunden mit euserlichen zu haͤuffen/ und mit dem Pompejus sich in einen gefaͤhrlichen Krieg zu vertieffen. Denn sein aͤltester Sohn Bar- zanes hatte sich wider ihn empoͤret/ und sein Le- ben in einer Schlacht eingebuͤsset. Den an- dern aber/ Pharnaces genennt/ hatte Tigranes auf der Jagt mit eigener Faust durchstochen/ weil selbter ihm/ als mit dem Pferde bey Ver- folgung eines Hirsches stuͤrtzenden Vater nicht aufgeholffen/ sondern vielmehr die vom Haupte gefallene Krone seinem aufgesetzt. Sein drit- ter Sohn Tigranes hatte ihn zwar unter dem stuͤrtzenden Pferde hervor gerissen/ und war deßwegen von dem Vater mit einer guͤldenen Krone beschenckt worden/ alleine kurtz hierauf ward er ebenfalls meyneidig/ und/ nach verlohr- ner Schlacht/ fluͤchtete er sich anfangs zu dem Parthischen Koͤnige Phraates/ der seinem Va- ter Sintricus erst im Reiche gefolget war; her- nach abeꝛ auf des Partheꝛs Eingeben zum Pom- pejus/ ungeachtet er des feindlichen Mithrida- tes Tochter Sohn war/ fuͤhrete auch selbst wi- der seinen eigenen Vater ein Kriegs-Heer in Armenien. Koͤnig Tigranes setzte bey so be- kuͤmmertem Zustande sein Vertrauen auf des Roͤmischen Feldherrn beruffene Treue und Glauben/ lieferte nicht allein Mithridatens Gesandten/ sondern auch sich/ sein Reich/ und die Hauptstadt Artaxata ohne Erlangung einigen sicheren Geleites in des grossen Pompejus Willkuͤhr/ legte seinen Purpur-Mantel ab/ und die Krone knieende zu Pompejus Fuͤssen/ nur daß er seinen abtruͤnnigen Sohn bey ihm anklagen konte/ welcher fuͤr seinem Vater nicht aufstand/ weniger gegen ihm einige Ehrerbie- tung bezeugte/ ja auch bey dem Abendmahle/ dazu Pompejus seinen Vater und ihn einlud/ nicht erscheinen wolte. Also ist die Rachgier maͤchtiger/ als die Staats-Klugheit/ und das Buͤndniß des Gebluͤtes. Tigranes hingegen beschenckte den Pompejus mit 6000. Talen- ten/ und das gantze Roͤmische Heer nach Stan- des Gebuͤhr/ entschuldigte seinen vorigen Krieg mit Mithridatens naher Anverwandniß. Pompejus nam den Tigranes mit dem Bedin- ge/ daß er die in Syrien und Cilicien noch be- satzte Plaͤtze abtrete/ fuͤr einen Freund der Roͤ- mer an/ machte zwischen ihm und seinem Soh- ne einen Vergleich/ kraft dessen jener das gros- se/ dieser das kleinere Armenien beherrschen sol- te. Alleine der junge Tigranes ließ sich etliche meineydige Armenier verleiten/ daß er seiner Stief-Mutter der Koͤnigin Asterie mit Gifft vergab/ und auf seinen Vater wegelagern ließ um ihn zu ermorden. Alleine die Schutzgoͤt- ter Armeniens/ welche unter keinem scheinba- ren Vorwand solche Meuchelmoͤrde billigen/ liessen diesen unmenschlichen Sohn in sein eige- nes Garn fallen. Denn die zu Beschirmung des Koͤnigs mitgegebene Roͤmer nahmen ihn gefangen/ und noͤthigten hierdurch seine Ge- walthaber in etlichen Schloͤssern der Sopheni- schen Landschaft/ daß sie selbte/ und die darein ge- fluͤchtete koͤniglichen Schaͤtze den Roͤmern ein- liefern musten. Ja weil er auch in solcher Be- strickung die Parther aufzuwickeln bemuͤht war/ schickte er mit dem Mitellus Celer ihn in Band und Eisen nach Rom/ allwo er ihn nach gehaltenem Siegs-Gepraͤnge nebst dem Koͤni- ge Aristobulus im Kercker erwuͤrgen ließ. Eine gerechte Rache! rief Thußnelde/ wenn die Boß- heit in das Mordbeil faͤllt/ daß sie andern aufge- stellt. Gerechtester Jrrthum! wenn der Druy- den oberster Priester Sigabor selbst durch Ver- wechselung der Flasche den vergifften Wein zu trincken bekommt/ den er andern eingeschenckt. Wenn die geile Apellis an ihren Gifft-Torten den Tod essen muß/ die sie fuͤr andere gebacken; Wenn die Megarenser/ welche das Athenische D d 3 Frauen- Drittes Buch Frauenzimmer bey dem Eleusinischen Feyer zu uͤberfallen vermeinen/ dem Pisistratus in die Haͤnde gerathen! Durch so viel Siege/ fuhr Salonine abermahls fort/ ward der Parther Koͤnig Phraates gezwungen beym Pompejus um Frieden Ansuchung zu thun. Dieser aber hielt seine Gesandten verkleinerlich/ entzog dem Phraates den Titel eines Koͤniges der Koͤ- nige/ welchen ihm doch sonst der Roͤmische Rath selbst gab/ befahl ihm auch die Corduenische Landschafft dem Tigranes/ mit welchem er deßhalben im Streit lebte/ abzutreten; Ehe er aber noch hieruͤber Antwort bekam/ nahm er sie durch den Afranius ein. Phraates ward hier- durch euserst erbittert/ fiel daher nicht allein mit einem maͤchtigen Heere in Armenien/ sondern beschwerte sich auch durch eine Botschafft uͤber den vom Pompejus erlittenen Schimpf und Unrecht. Hingegen suchte Tigranes verge- bens wider die Parther Huͤlffe/ statt welcher Pompejus drey Schiedes-Richter beyde Koͤni- ge zu vertragen abfertigte/ welche sich denn auch nach etlichen bald auf eine/ bald auf die andere Seite gefallenem Treffen mit einander verein- barten. Sintemahl Tigranes uͤber die vom Pompejus ihm versagte Huͤlffe/ und daß er dem Koͤnige in Cappadocien Ariobarzanes die sei- nem Sohne vorher zugesprochene Sophen- und Gordenischen Laͤnder zuschlug/ unwillig ward/ Phraates aber den Tigranes nicht gar zu Boden zu treten/ sondern ihn vielmehr wi- der die Roͤmische Macht mit der Zeit zu einem Gehuͤlffen aufzuheben/ fuͤr rathsam hielt. Nach dieser Zeit beherschte Tigranes Armenien in gewuͤntschter Ruh/ weil die Roͤmer theils mit Buͤrgerlicher Unruh/ theils mit dem Gallischen Kriege beschaͤfftiget waren/ der Parther Schwerdter aber wurden von den Roͤmischen in der Scheide gehalten/ derer Gewalt sie noͤ- thigte mit ihren Nachbaren in Freundschafft und gutem Vernehmen zu stehen. Endlich starb er auf der Jagt durch einen Fall/ und ließ sein Reich seinem einigen noch uͤbrigen mit des grossen Mithridates Tochter gezeugten Soh- ne Artabazes/ und nebst ihm eine schoͤne Fuͤrstin Sigambis. Jnzwischen ward auch Phraates der Parther Koͤnig von den Griechen und Scythen erschlagen/ ingleichen nach ihm Arta- ban von Tocharischen Scythen im Arme ver- wundet/ daß er davon starb. Nach diesem wol- te sich zwar Pacorus eindringen/ alleine ihn uͤ- berwog Mithridates in Parthen/ welcher alle seine Vorfahren an Großmuͤthigkeit uͤbertraff/ viel Laͤnder seinem Reiche anhing/ und inson- derheit an den Scythen das Blut seiner Vor- Eltern durch unterschiedene Siege raͤchete. Dieser Mithridates zerriß aus Regiersucht endlich auch das beyden Reichen so vortraͤgliche Buͤndniß mit dem Artabazes/ fiel selbtem in Ar- menien/ und wuͤtete mit Feuer und Schwerdt als ein Unmensch/ schonete wedeꝛ der unbewehr- ten Weiber/ noch der Kinder im Mutterleibe. Es uͤberfiel ihn aber Artabazes mit einem flie- genden Heere/ als er mit der Helffte seines Vol- ckes uͤber dem Araxes gesetzt hatte/ hieb selbtes in stuͤcken/ und zwang ihn/ daß er mit der andern Helffte nach Aufopfferung vielen edlen Blutes sich in Hircanien zuruͤck ziehen muste. Dieser ungluͤckliche Zug/ und die in Arme- nien veruͤbte Grausamkeit machte ihn seinem selbst eigenen Volcke so verhast/ daß der Par- thische Reichs-Rath ihn als einen des Reichs un- wuͤrdigen Wuͤterich ab/ und seinen Bruder O- rodes auf den Thron setzte. Der fluͤchtige Mi- thridates kam zu dem vom Pompejus in Sy- rien eingesetzten Roͤmischen Landvogte Gabi- nius/ und bemuͤhete sich ihn wider die Parther aufzuhetzen. Alleine das Gold des aus Egy- pten vertriebenen Ptolomaͤus uͤberwog die Noth und Beredsamkeit Mithridatens/ also/ daß der Landvogtden Parther huͤlffloß ließ/ den Ptolomaͤus aber ohne Vorbewust des Roͤmi- schen Raths/ und wider die Verwarnigung der Sibyllischen Weissagung in Alexandrien wie- der Arminius und Thußnelda. der einsetzte. Jsmene fing hier an: der gute Parthe hat gemeint/ das Gold sey im Kriege zu nichts/ als zu Beschlagung der Schwerdter und zu Stuͤckung der Fahnen nuͤtze/ da doch diß mehr Feinde schlaͤgt/ als der Stahl/ und Mau- ren zermalmet/ welche kein eiserner Bock er- schellen kan/ ja auch den sonst in den menschli- chen Gemuͤthern so kraͤfftigen Aberglauben wegsticht. Salonine fuhr fort: der hierzu freylich nicht genungsam verschmitzte Mithri- dates meinte bey den Babyloniern Huͤlffe zu finden/ welche Stadt ihn zwar aufnahm/ aber vom Orodes lange belaͤgert/ Mithridates auch durch Hunger gezwungen ward sich in des Brudern Gewalt zu ergeben. Alleine der Dampf der Herrschenssucht hatte die Augen des Orodes so verduͤstert/ daß er ihn zwar wol fuͤr seinen Feind/ aber nicht mehr fuͤr seinen Bru- der ansah/ und daher ließ er ihn in seinem An- gesichte ermorden. Also kennen die Men- schen/ welche das Gluͤck an den Gipffel der Eh- ren erhoben/ auch ihr eigenes Blut nicht. Ja da das ausdampffende Blut eines frembden Feindes wie Rosen/ eines ermordeten Buͤr- gers wie Weyrauch reucht/ so uͤbertrifft das Bruder- und Kinder-Blut den suͤssen Geruch des edelsten Balsams. Jmmittelst ward Marcus Crassus zum Roͤmischen Stadthal- ter in Syrien bestellt/ dessen Reichthum ihm einen unleschlichen Durst nach dem Parthi- schen Golde erweckte/ seine Vermessenheit aber hatte in Gedancken schon die Jndianer und Bactrianer verschlungen. Artabazes/ welcher das von den Parthern erlittene Un- recht zu raͤchen verlangte/ nahm dieser Gele- genheit wahr/ und verhetzte durch seine zu Rom habende Botschafft den Crassus mit vielen Ver- sprechungen wider dieses Volck/ welches allei- ne die Roͤmische Hoheit veraͤchtlich hielt. Und Julius Caͤsar wuste in seinen Schreiben/ und durch den jungen von ihm reichlich beschenck- ten/ und mit tausend Reutern abgefertigten Crassus sein Fuͤrnehmen nicht genungsam heraus zu streichen/ nur daß er mit Gallien den Kern des Roͤmischen Kriegs-Volcks in sei- ner Gewalt behielt. Atejus der Roͤmische Zunfftmeister muͤhte sich zwar euserst durch Widersetzung des Poͤfels/ und allerhand aber- glaͤubische Opffer ihn von diesem Zuge zuruͤck zu halten/ gab auch selbten mit vielen Fluͤchen den hoͤllischen Rach-Goͤttern; zu Hierapolis fiel er und sein Sohn uͤber die Schwelle deß der Mutter alles Gesaͤmes zu Ehren gebauten Tempels/ die Warsager und Priester deute- ten ihm allerhand Unheil an/ der erste Roͤmi- sche Adler kehrte sich im fortziehen uͤber den Phrat bey der Stadt Zeugma zuruͤcke/ ja Donner und Sturmwinde muͤhten sich die Roͤmer zuruͤck zu halten. Alleine der vom Verhaͤngnisse herruͤhrende Untergang ist un- entrinnlich/ ja wenn es iemands Gluͤcke um- drehen will/ verwirret es auch seinen Verstand und Rathschlaͤge. Dahero hatte Crassus zu allen Wunderzeichen nicht allein blinde Augen und taube Ohren/ wie er denn auch des Orodes Gesandten Vagises nicht einst zu hoͤren wuͤr- digte/ und ihn mit dieser spoͤttischen Antwort: daß er sein Anbringen in der Stadt Seleucia vernehmen wolte/ abfertigte/ sondern er ver- saͤumte alle Sorge eines fuͤrsichtigen Feld- herrns/ in dem er in Syrien mehr einen Schatz- meister abgab/ und viel Tage im Tempel zu Hie- rapolis mit Abwaͤgung des dahin gewiedmeten Geldes zubrachte/ und aller/ in sonderheit aber des Armenischen Koͤniges guten Rath aus der Acht schlug. Dieser kam mit 6000. Armeni- schen Rittern in das Roͤmische Lager/ ersuchte den Crassus/ daß er durch sein sicheres/ und mit genungsamen Vorrath versehenes Land in Par- then einbrechen moͤchte/ allwo er 10000. ge- harnischte Reuter/ und 30000. Fußknechte in Beꝛeitschaft stehen haͤtte/ welche mit den Roͤmeꝛn nicht uͤber die saͤndichten Flaͤchen/ da der Parthi- sche Reiterey kein Feind gewachsen waͤꝛe/ sondeꝛn durch Drittes Buch durch eitel bergichte Landstriche einbrechen sol- ten. Allein Crassus blieb auf seinem Kopffe durch Mesopotamien zu ziehen/ weil ihn das be- truͤgliche Gluͤcke anfangs anlachte/ und er Ni- cephorium einnam/ Zenodotia einaͤscherte/ den Mesopotamischen Unter-Koͤnig Talymenus Jlaces aus dem Felde schlug/ also/ daß Artaba- zes mit Unwillen nach Hause zog/ besonders da Crassus auch nicht in Mesopotamien uͤberwin- terte/ sondern in das lustige Syrien zuruͤcke zog. Wiewol Cajus Caßius auch nur auf diesen Fall sich der den Parthen stets gehaͤßigen Staͤdte Babylon und Seleucia zu bemaͤchtigen/ und an den Fluß Tygris/ welcher eine Schußweh- re und reiche Zufuhre abgeben/ und so denn zu der Parthischen Hauptstadt Ctesiphon den Weg unschwer oͤfnen koͤnte/ sich zu halten ein- rieth/ folgte doch Crassus dem Arabischen Fuͤr- sten Agbarus/ welcher sich zu dem Crassus/ um nur die Roͤmer ins Garn zu fuͤhren/ geschlagen hatte. Dieser machte von seiner Treue gegen die Roͤmer/ und der mit dem Pompejus aufge- richteten Freundschafft viel Worte/ fluchte auf seinen Nachbar den abtruͤnnigen Araber Al- hauden/ vernichtete hingegen den Koͤnig Oro- des/ welcher bereit sich in Scythien und Hirca- nien gefluͤchtet/ ja die besten Sachen im Stiche gelassen haͤtte. Der verzweifelte Wagehals Sillaces und der weibische Surena waͤren nur noch in Parthen/ nicht/ daß sie das Hertz haͤtten fuͤr den Roͤmern zu stehen/ sondern allein den Ruͤcken der Fluͤchtigen zu bedecken. Dahero/ wolte Crassus noch einen Feind finden/ den er uͤberwinden koͤnte/ muͤste er keinen Augenblick versaͤumen/ und keinen Umweg suchen. Diese Verraͤtherey konte Crassus mit den Haͤnden greiffen. Denn Agbarus fuͤhrte das Roͤmi- sche Heer in ein rechtes Sand-Meer Aßyriens/ wo weder Laub/ noch Graß/ noch Wasser zu se- hen war/ weßwegen ihm auch die verschmach- tenden Roͤmer nicht nur als einem Betruͤger/ sondern auch/ der den Crassus durch Zauberey aller Vernunfft beraubet haͤtte/ alle boͤse Fluͤ- che auf den Hals wuͤntschten. Artabazes mach- te auch dem Crassus zu wissen/ daß Orodes selbst in Armenien mit einer grossen Macht/ der er nicht gewachsen sey/ eingefallen waͤre/ daher koͤnte er keine Huͤlffe schicken/ sondern erwarte- te selbter von Roͤmern/ zumahl der fuͤrtreffliche Held Surena/ dessen fuͤrnehmes Geschlechte alleine die Parthischen Koͤnige zu kroͤnen be- rechtigt waͤre/ der den Orodes aus dem Elen- de auf den Koͤniglichen Stuhl erhoben/ und Seleucien mit seiner Tapfferkeit erobert hat- te/ mit zehn tausend der schnellesten Reuter in der Sandflaͤche auf die Roͤmer lauerte. Cras- sus aber blieb hartnaͤckicht auf seinem verderb- lichen Fuͤrsatze/ wuͤrdigte den Artabazes kei- ner Antwort/ ja draͤuete ihm noch/ daß er ihn im Ruͤckwege zu verdienter Straffe ziehen wolte. Agbarus/ als er nun die Roͤmer im Garne zu seyn meinte/ entritt bey ersehender Gelegenheit zu den Parthen/ worauf die Roͤ- mer ein mehr als natuͤrliches Schrecken uͤber- fiel/ da sie doch noch den ersten Feind erblicken solten. Ja Crassus ward so kleinmuͤthig/ daß er dem Caßius mit Genehmhabung des Heeres die Feldhauptmannschafft abzutreten antrug/ so er aber anzunehmen weigerte. Die Koͤnigin brach hierbey Saloninen ein: Diß ist sicher ein gewisses Kennzeichen/ daß des Crassus Fehler nicht so wohl von seiner Unvernunfft/ als von einem goͤttlichen Trie- be hergeruͤhret haben. Denn in Warheit/ es halset sich offt der menschlichen Klugheit ein verborgener Jrrthum mit Gewalt auf/ dre- het unsere festgesetzten Rathschlaͤge wie Wuͤrf- fel herum/ lachet unserer Weißheit/ ruͤhret die Zufaͤlle wie die Zettel in einem Gluͤcks- Topfe durcheinander/ und zeucht endlich ei- nen solchen Ausschlag ans Licht/ darauf un- ser Wille nie ein Absehen gehabt/ noch un- ser Witz ihm haͤtte traͤumen lassen. Ja/ wenn das Verhaͤngniß die Koͤnigin und Schie- Arminius und Thußnelda. und Schiedes-Richterin aller Dinge uns nicht nur ins Verderben/ sondern auch in Verflu- chung der Lebenden/ und in Schande bey der Nachwelt bringen will; so laͤst es den Allerkluͤg- sten in hoͤchste Thorheit versincken/ und bildet ihm albere Sachen fuͤr heilsame Entschluͤssun- gen vor/ derer sich auch Kinder zu schaͤmen ha- ben. Salomine verjahete es/ und fing an: da die Goͤtter iemahls einen Menschen von seiner Vernunfft kommen lassen/ ist es gewiß dem Crassus geschehen. Denn da gleich sein Heer mit genauer Noth den Strom Balissus erreich- te; ließ er doch wieder aller Obersten Meinung es nicht einmahl verblasen/ weniger die Beschaf- fenheit des Feindes ausspuͤren/ sondern uͤ- bertrieb sie gleichsam ohne Athem-holen so lan- ge/ biß sie auff allen Seiten von der Parthi- schen Reiterey/ welche ihre aus Margianischem Stahl gemachte/ und wie Feuer schimmernde Waffen in der Ferne mit leichten Roͤcken ver- deckt hatten/ itzt aber wegwarffen/ uͤberfallen wurden. Diese hielten den schweren Roͤmi- schen Kriegsknechten gar nicht stand/ sondern er- regten mit ihrem Rennen einen dicken Staub/ wormit der Wind den Sand den Roͤmern ins Gesichte jagte. Alsdenn fielen die Parther erst an/ und so bald sich ihr Feind gegen sie setzte/ dreheten sie ihnen zwar die Fersen/ thaͤten aber in der Flucht mit denen ruͤckwarts geschosse- nen Pfeilen/ wormit sie eine gantze Herde Ca- mele bebuͤrdet hatten/ den aͤrgsten Schaden. Durch diese angenommene Flucht verleiteten sie den jungen Crassus/ daß er mit der Roͤmi- schen Reuterey und Publius mit einer Legion Fußvolck die Parther allzuweit verfolgte/ wel- che alsdenn sie von dem gantzen Heere abschnitt. Der junge Publius Crassus ward gezwungen einen Sandhuͤgel einzunehmen/ und rings um sich her die Schilde fuͤrzusetzen; aber diese Hoͤhe/ auff welcher die zuruͤck und empor stehenden von den Pfeilen so viel leichter verwundet werden konten/ gereichte den Roͤmern selbst zum Ver- derben. Publius und Censorinus/ weil sie mit durchschossener Hand sich nicht mehr wehren kunten/ auch nach zweyer Griechen des Hiero- nymus und Nicomachus Rathgeben sich nach der Stadt Jchne nicht fluͤchten wolten/ liessen sich ihre eigene Waffentraͤger durchstossen/ Me- gabachus trieb ihm selbst das Schwerdt durch die Brust/ die uͤbrigen wurden von den grimmi- gen Parthen zerfleischet/ und mehr nicht als fuͤnff hundert Gefangene auffgehalten. Unter- dessen aber hielt sich Sigimer ein junger Fuͤrst mit seinen tausend halb nackend-fechtenden Gal- ern uͤberaus tapffer/ sie rennten bald mit ihren Lantzen die Feinde von Pferden/ bald sprangen sie selbst herunter/ und hieben den Parthischen Pferden die Seenen entzwey/ daß also Mann und Pferd stuͤrtzen muste. Sigimer verwun- dete selbst den Sillaces in Arm/ und brach durch drey geschlossene Hauffen der gewaffneten Par- ther/ ließ auch den Crassus wissen: daß sein Sohn in eusserster Gefahr/ er mit seiner Reu- terey in dem hitzigsten Gefechte gegen der hal- ben feindlichen Macht/ sie aber ingesamt ver- lohren waͤren/ da er ihnen nicht schleunigst zu Huͤlffe kaͤme. Endlich aber wurden die Gal- lier nicht so wohl durch die Menge der Feinde/ als durch ungewohnten Durst und unleidliche Sonnenhitze uͤberwunden/ und/ weil sie fuͤr Mattigkeit kaum mehr die Glieder bewegen konten/ nieder gehauen. Der unvergleichliche Sigimer/ welchen Surena wegen so grosser Tapfferkeit zu toͤdten verbot/ ward nach erleg- tem Pferde lebendig gefangen. Dieser Fuͤrst machte sich bey den Parthen so beliebt/ und ge- wann des Surena Zuneigung so weit/ daß er ihm seine wunderwuͤrdige Tochter verheyrathe- te. Jsmene konte sich hieruͤber des Lachens nicht enthalten/ und nachdem die Koͤnigin sie be- schwur die Ursache nicht zu verschweigen/ be- kannte sie/ daß dieser Sigimer/ des Feldherrn Herrmanns und ihr eigener Vater/ und Su- renens Tochter beyder Mutter/ die so genenn- Erster Theil. E e ten Drittes Buch ten tausend Gallier alle Deutsche gewest waͤren/ welche die Roͤmischen Geschichtschreiber insge- mein Gallier nennten/ wenn sie nur auff der West-Seite des Rheines gewohnet. Dieser Jrrthum habe den Deutschen den Ruhm man- cher Heldenthaten entzogen/ und fremden Voͤl- ckern zugeeignet. Also sey der Nachruhm nicht allezeit eine Tochter der Tugend/ sondern ein Weckselbalg/ den das Gluͤck einer fremden Mutter einschiebt. Uberdiß haͤtten die Roͤ- mer der Deutschen Großmuͤthigkeit nichts minder/ als der fremden Voͤlcker Sprachen und Schrifften/ darinnen der Sachen wahrer Verlauff auffgezeichnet gewest/ verdruͤckt/ so viel sie gekoͤnnt/ um ihren Siegen desto groͤsse- res Ansehen zu machen. Denn ob wohl Ju- lius Caͤsar nicht verschweigen koͤnnen/ daß die Deutschen ihm die beruͤhmte Schlacht gegen dẽ Vercingetorich bey den Seqvanern gewonnen/ daß sie bey Belaͤgerung der Berg-Festung A- lesia einmahl die schon zertrennten Roͤmer wie- der zum stehen bracht/ das andere mahl dem Feind aus dem Felde geschlagen/ daß Cani- nius ihnen den Sieg wider den Fuͤrsten Dra- xes/ den sie auch selbst gefangen bekommen/ zu dancken gehabt/ daß sie in Caͤsars Alexandrini- schem Kriege das beste gethan/ und uͤber den be- setzten Nil gedrungen/ so ist doch diß alles nicht das hunderste Theil ihrer Verdienste. Die kluge Salonine antwortete; die Tu- gend ist ihr selbst Preißes genug/ und darff nicht nach dem irrigen oder vergaͤnglichen Nachruh- me laͤchsen. Ein gutes Urthel kan den Koth kei- nes Lasters verguͤlden/ und ein boͤses so wenig als die Vergessenheit die Tugend haͤßlich/ oder zu nichts machen. Weßwegen die/ welche mit stand- hafftem Vorsatze auf der Bahn der Tugend wandeln/ so wenig sich die uͤblen Auslegungen des Poͤfels/ als die Reisenden im Sommer sich das Schwirren der Heuschrecken muͤssen irre machen/ noch eines andern unverdienten Ruhm auff Abwege leiten lassen. Also erwarb Fabi- us einen unsterblichen Ruhm/ weil er die Ver- laͤumdung der hitzigen Koͤpffe seiner Langsam- keit halber verachtete/ und lieber sein Vater- land erhalten/ bey seinen klugen Feinden im Ansehen seyn/ als von naͤrrischen Leuten gelobt seyn wolte. Ungeachtet auch der Nachruhm fuͤr ein Besitzthum der Todten gepriesen wird/ so be- stehet doch dieser bloß in der Einbildung der ei- telen Erben/ und die alleine in dem Gedaͤchtnisse schwermende Unsterbligkeit ist ein blosses Ge- spenste des Gehirns/ und ein Jrrlicht der Ehr- sucht. Ja der Ruhm ist nicht selten ein offen- barer Feind der Tugend/ und eine Buhlerin der Unwarheit/ indem das gegenwaͤrtige Lob- wuͤrdige meist von dem Neide gedruͤckt/ die Ge- dichte der Vorwelt aber als Wunderwercke in hohen Ehren gehalten werden/ nach dem es uns insgemein fuͤrkommt/ als wenn jener Licht un- sern Ruhm verduͤstere/ dieses uns aber den Weg zu der Tugend wiese. Aber die verschwinden- de Zeit heist mich wieder zum Crassus kehren/ welchem die Parther seines Sohnes an eine Lantze gespißten Kopff mit dieser hoͤnischen Fra- ge zu schauen brachten: Was dieser tapffere Juͤngling fuͤr Eltern habe? Denn seine bezeugte Tugend liesse sie nicht glauben/ daß der weibische Crassus sein Vater waͤre. Gleichwohl aber wolten sie die Roͤmer selbigen Tag nicht gar auf- reiben/ sondern dem Feldherꝛn eine Nacht seinen Sohn zu betrauren verguͤnstigen. Hiermit wi- chen sie nach etlichen Scharmuͤtzeln bey anbre- chender Nacht etwas von den Roͤmern ab; Cras- sus aber sahe seinem Elende kein Ende/ gerieth in eusserste Verzweiffelung/ verhuͤllte sein Haupt/ und verscharrte sich in Staub. Octavius und Cassius riethen ihm daher das Heer des Nachts zuruͤck zu ziehen. Alleine der Jam̃er ward im̃er groͤsser/ Egnatius fluͤchtete sich mit den beritten- sten dreyhundert Reutern nach Carras/ ent- bloͤssete das Fußvolck/ und ließ seinen Feldherrn schimpflich im Stiche. Verguntejus kam mit vier Fahnen aus dem Wege/ und ward biß auff zwan- Arminius und Thußnelda. zwantzig tapffere Catten/ die sich biß nach Car- ras durchschlugen/ niedergesebelt. Jm verlasse- nen Lager blieben vier tausend schwache zuruͤck/ und worden wie Kaͤlber abgeschlachtet. Das Heer erreichte zwar auch Carras/ allein durch des Andromachus Verraͤtherey/ und einem vom Surena mit den Roͤmern zum Schein ge- machten Frieden/ und gepflogener Unterꝛedung/ fiel es erst in die Falle/ sintemal die Parther/ nach dem sie ihren Feind sicher gemacht/ und ihm Crassus im Nahmen ihres Koͤnigs mit einem koͤstlich auffgeputzten Pferde beschenckt hatten/ sie uͤberfielen. Octavius stieß zwar den/ der ihm zum ersten in Zuͤgel fiel/ todt/ ward aber ruͤckwerts/ und nach ihm Petronius/ durchsto- chen. Maxarthes hieb dem Crassus mit seinem Sebel den Kopff und die rechte Hand ab. Die Kriegsknechte kamen von dem verfolgenden Feinde fast alle um/ oder wurden von den Arabern in ihre Einoͤden verschleppet/ also/ daß von hundert tausend kaum zehen tausend in Armenien/ Cilicien und Syrien entrannen/ welche von dieser grausamen Niederlage die Botschaft zu bringen kaum genug waren. Woꝛ- unter auch Caßius war/ der hernach den Juli- us Caͤsar erstach. Surena hingegen hielt zu Seleucia ein herrliches Siegs-Gepraͤnge/ ie- der Parthe hatte auff seinem Sebel einen Fein- des-Kopff angespißt/ ein dem Crassus aͤhnlicher Gefangener ward in Koͤniglicher Tracht zum Schauspiele gefuͤhret/ welchem eine Menge fuͤrreitender Huren seine Zagheit in schimffli- lichen Liedern fuͤrruͤckten. Unterdessen gieng es in Armenien zwischen dem Koͤnige Oro- des und Artabazes scharff her/ und das Gluͤ- cke hielt ihre Siege fast in gleicher Wagschale. So trug sich auch dieser seltzame Zufall zu/ daß Artabazes den Pacor Orodens Sohn in ei- nem Treffen/ Orodes aber Artabazens Schwe- ster/ die schoͤne Sigambis/ in einem Berg- Schlosse gefangen bekam. Als diese zwey grosse Gefangenen nun an dem Flusse auff einer Jnsel gegen einander ausgewechselt wurden/ ward Pacorus im ersten Augenblicke von Liebe der- gestalt entzuͤndet/ daß er alsofort seinem Vater zu Fuße fiel/ und ihn um ihre Vermaͤhlung an- flehete. Artabazes kriegte gleich die Post von des Crassus Untergange/ sahe also die gantze Parthische Macht ihm auff den Hals dringen/ dahero hielt er es nicht fuͤr thulich diese Gelegen- heit aus den Haͤnden zu lassen/ so wohl einen an- staͤndigen Frieden zu stifften/ als das maͤchtige Haus der Arsacer mit seinem so feste zu verknuͤp- fen. Die Heyrath und Buͤndniß ward noch selbigen Tag geschlossen/ und das Beylager mit hoͤchster Pracht und allen ersinnlichen Er- getzligkeiten vollzogen. Der gelehrte Fuͤrst Artabazes gab selbst durch unterschiedene Ge- dichte seine Vergnuͤgung an Tag/ in derer einem das gluͤckwuͤnschende Armenien einge- fuͤhrt ward/ daraus ich alleine den Schluß er- zehlen wil: Augapffel Persiens/ und Auge dieser Welt/ Schweig/ Sonne/ daß du gebst die Waͤrmde den Gewaͤchsen/ Den Voͤlckern Geist und Licht. Der Parthen Volck und Feld/ Ja ihre Sonne muß nach meinem Labsal laͤchsen. Mein Phrat- und Tiger-Qvell traͤnckt ihren heissen Sand/ Sigambens Liebes-Thau lescht ihres Fuͤrsten Brand. Jch goͤnne/ Sonne/ dir ein weisses Opffer-Pferd/ Daß Griechenland dir Oel/ der Mohre Zimmet bringet/ Doch ist mein Caucasus viel edler Opffer werth/ Mehr Weyrauchs; weil sein Schnee weit deine Glut verdringet. Die Seele brennt bey ihm/ die dort nicht glimmen kan/ Wenn Arsaces sein Hertz steckt meiner Goͤttin an. Doch bleibt Armenien auch Parthens Schuldnerin/ Sein kalter Taurus fuͤhlt des Perseus Liebes-Feuer/ Reisst von Andromeden die schweren Fessel hin/ Erlegt durch seine Huld der Zwytracht Ungeheuer. Sigambis macht Pacorn/ Pacor Sigamben frey/ Daß durch sie beyder Reich verknuͤpfft und einig sey. Es bisamt Parthens Sud so uns’re Waͤsser ein/ Daß Oel und Balsam nur aus ihnen koͤmmt geronnen. So mag iedwedes nur den andern Weyrauch streun/ Die Sonne meiner Fluth/ Araxes seiner Sonnen. Sigambens Seele schmiltzt fuͤr Parthens Liebes-Glut/ Und Arsacens zerrinnt in ihrer Anmuths-Flut. Als nun beyde Koͤnige mit den Verlobten gleich Taffel hielten/ brachte Sillaces des Cras- sus Haupt in das Zimmer/ und warff es dem E e 2 Ora- Drittes Buch Orodes zu Fuͤssen. Die Parthen aber hoben selbtes mit grossem Getuͤmmel empor/ und Sil- laces ward als ein angenehmer Sieges-Bote mit an den Koͤniglichen Tisch gesetzt. Nach diesem ergriff Jason Trallianus/ welcher gleich das Griechische Gedichte vom Pentheus/ wie er von seiner Mutter Agarcen/ und der Schwe- ster zerrissen ward/ aus dem Euripides fuͤrstel- lete/ des Crassus Kopff mit den Haaren/ lieff in Gestalt des wuͤtenden Pentheus darmit auff und nieder/ und sang darzu: Wir haben einen Berg mit Netzen rings umstellt/ Sehr gute Jagt gehabt/ ein feistes Wild gefaͤllt. Als nun in der Ordnung des Reyhens ei- ner zu singen kam: Daß dieser Eber hier Entseelt und Krafftloß liegt/ gebuͤhrt die Ehre mir; sprang Maxarthes von der Taffel auff/ und riß das blutige Haupt dem Jason aus der Faust/ legte es auff eine guͤldene Schuͤssel/ und uͤber- reichte es als ein Zeichen seiner Tapfferkeit dem Orodes. Dieser beschenckte nicht allein den Maxarthes/ sondern auch den Jason mit einem Talent/ und niemand war/ der nicht mit diesem abscheulichen Schau-Gerichte sein Ge- spoͤtte trieb; endlich goß Orodes zerschmeltztes Gold dem Crassus in Mund/ fuͤr gebende/ daß doch sein Golddurst schwerlich mit seinem Leben wuͤrde verloschen seyn. Seine Hand ward auch durch alle Parthische Staͤdte geschleppet/ und allen entgegen kommenden fuͤrgehalten/ um die- sem unersaͤttlichen Gliede etwas zu schencken. Nach diesem ergab sich alles/ was zwischen dem Phrat und Tiger lag/ den Parthen/ und diese fielen unter dem Osaces mit einem fliegenden Heere in Syrien ein/ wurden aber vom Cas- sius leichte zuruͤcke getrieben. Alleine es folgte Fuͤrst Pacor alsbald mit einem maͤchtigern Laͤ- ger/ welchem sich biß an Antiochien alles ergab/ theils weil die Roͤmer wenig Volcks in Syri- en hatten/ theils weil die Syrer mehr den Par- then als Roͤmern geneigt waren. Diese grossen Siege jagten seinem Vater/ der ohnediß wegen seiner Grausamkeit verhast war/ Schrecken und Argwohn ein/ daß er durch Huͤlffe seines sie- genden Heeres ihn vom Throne verdringen moͤchte; verursachte also/ daß ihn Orodes zu- ruͤck forderte. Also ist das Laster/ das einen zum Knechte macht/ nicht so verdaͤchtig/ als die zu herrschen wuͤrdige Tugend. Und ein guter Ruhm ist gefaͤhrlicher/ als eine boͤse Nachrede. Der Koͤnig in Assyrien Balthasar ließ einen jun- gen Edelmann entmannen/ weil eine seiner Kebsweiber nuꝛ seine Gestalt geruͤhmet/ und die/ welche ihn heyrathen wuͤrde/ gluͤckselig geprie- sen hatte. Den Sohn des Gobrias durchstach er mit einem Spiesse/ weil dieser auff der Jagt einen Loͤwen getroffen/ er aber gefehlt hatte. Die Herrschafft aber ist auch so gar gegen ei- gene Kinder eyversuͤchtig. Gegen diese mehr/ als gegen fremde/ fing Jsmene an/ weil sie zu selbter mehr Anspruch haben. Daher in Gal- lien ein gewisser Fuͤrst aus Argwohn/ daß sein erwachsener Sohn ihm mit Gifft nachstellte/ er- hungerte/ ein ander Vater in Hispanien seinem Sohne das Licht ausleschte. Salonine fuhr fort: Orodes machte unter Soͤhnen und Die- nern keinen Unterscheid/ denn er ließ den wegen des grossen Sieges in allzu grosses Ansehen ge- kommenen Surena gar hinrichten/ daß dero- gestalt tapffere Helden sich mehr ihrer grossen Verdienste/ als unwuͤrdige Diener sich ihrer Gebrechen halber fuͤrzusehen haben. Sinte- mal Fuͤrsten leichter aus Veraͤchtligkeit dieser Fehler verzeihen/ als jener Dienste vergelten/ nachdem es ihnen beschwerlicher ist Schulde- ner/ als Glaͤubiger zu seyn. Pacor aber zohe fuͤr Unmuth und aus Furcht gleichen Un- dancks mit seiner Gemahlin zum Artabazes/ und streuete daselbst allerhand Samen zu neuer Unruhe wider die Parthen. Also ist ein unzeitiges Mißtrauen ein Ursprung der Untreu/ und die Empoͤrung ein verdienter Lohn der uͤbel verhaltenen Tugend. Osaces belaͤ- Arminius und Thußnelda. belaͤgerte inzwischen Antiochien/ Caßius aber trieb ihn nicht mit geꝛingem Veꝛlust ab/ und nach dem er hierauff Antigonien zusetzte/ schnitt ihm Cassius und Ventidius durch taͤgliche Schar- muͤtzel die Lebens mittel ab. Als nun der Hun- ger ihn Antigonien zu verlassen zwang/ versteck- te Cassius theils hinter Berge/ theils im Ge- puͤsche/ wodurch Osaces abziehen muste/ seine Voͤlcker; griff ihn hierauff an der Spitze an/ und als beyde Heere im hitzigsten Gefechte wa- ren/ ftelen die versteckten den Parthen in Ruͤ- cken/ erlegten sie auffs Haupt/ ja Cassius selbst den Osaces. Dieser Verlust erhielt etliche Jahr auff der Parthen Seite den Friede/ den Buͤrgerlichen Krieg aber zwischen dem Juli- us und Pompejus auff Seiten der Roͤmer. Weil auch nach des Osaces Niederlage Pa- cor wieder in Parthen beruffen/ und ihm die Kriegs-Macht anvertrauet ward/ blieb Arta- bazes und Armenien ebenfalls ruhig. End- lich wurden doch auch die Parthen vom Pom- pejus in den Roͤmischen Buͤrger-Krieg gefloch- ten/ weil dieser bey ihnen beliebt/ des Julius Gluͤcke aber fuͤr gefaͤhrlich geachtet ward. Als auch schon Caͤsar und Pompejus todt war/ schick- ten sie wider den Antonius und Augustus Huͤlffs-Voͤlcker; ja Pacor brach mit einer grossen Macht in Syrien/ machte mit des Cassius und Brutus Gesandten Labienus ein Buͤndnuͤß/ streiffte biß nach Alexandrien/ und nahm Apamea/ Mylassa/ Alabanda/ ja Cili- cien und vom Phrat biß in Jonien alle Staͤdte ein/ welche meist mit des Brutus Gefangenen/ und also den andern Roͤmern selbst abgeneigten Kriegs-Leuten besetzt waren/ schlug den Feld- Hauptmann Saxa in zweyen Schlachten/ und in Cilicien ihn selbst todt/ setzte den Koͤnig der Juden Hircanus ab/ und seinen Bruder Aristobulus an seine Stelle/ belaͤgerte Ty- rus und Stratonicea/ also daß Antonius/ weil ihn selbst dahin zu ziehen Fulvia zuruͤck hielt/ den Ventidius wider die Parthen schi- cken muste. Dieser kam den Labienus in Ci- licien uͤber den Hals/ ehe er von ihm die ge- ringste Nachricht erhielt; doch standen sie mit ihren Laͤgern nur gegen einander. Denn Ven- tidius erwartete die Legionen/ Labienus die Parthen. Diese aber vereinbarten sich bey ihrer Ankunfft nicht mit ihm/ sondern grif- fen auff einem Berge die mit Fleiß still lie- genden Roͤmer an/ wurden aber von ihrer ge- drungenen Macht uͤber Hals und Kopff her- unter gestuͤrtzet. Labienus muste hierauff we- gen seines Volckes Zagheit des Nachts die Flucht ergreiffen/ und sich verkleidet in Cili- cien verstecken. Demetrius aber/ ein Kaͤyser- licher Freygelassener/ und des Antonius Stadt- halter in Cypern/ spuͤrte ihn aus/ und toͤdte- te ihn. Hierauff schickte Ventidius den U- pedius Silo mit der Reuterey gegen Syrien voran/ Pharnabates aber hatte die Enge deß Amanischen Gebuͤrges eingenommen/ brach- te den Silo ins Gedraͤnge/ und es war na- he mit ihm geschehen/ als Ventidius ohnge- fehr zum Treffen kam/ und den Pharnaba- tes erlegte. Hiermit siel gantz Syrien wie- der in die Hand des Siegers Antiochus in Palestina/ und Malchus der Nabatheer Koͤ- nig/ die den Parthern Huͤlffe geschickt hat- ten/ wurden um grosses Geld gestrafft. Die Phoͤnicische Stadt Aradus alleine setzte sich zu verzweiffelter Gegenwehr. Pacor aber brach- te bald wieder ein neues Heer auff; Hinge- gen pflegte Ventidius mit dem auff der Par- ther Seite hangenden Chauneus/ einem Sy- rischen Fuͤrsten grosse Vertrauligkeit/ hielt mit ihm unterschiedene Rathschlaͤge/ und zwar zu dem Ende/ daß er solche den Par- then verrathen solte. Hierdurch brachte er zu wege/ daß sie nicht bey Zeugma geraden Weges/ sondern an einem stachen Orte uͤ- ber den Phrat setzen/ wormit er inzwischẽn E e 3 sich Drittes Buch sich verstecken konte. Er ließ auch den besten Parthischen Feldhauptmann Thraates mit dem Vortrab/ und den Pacor mit dem gantzen Heer unverhindert uͤber den Fluß setzen/ verschantzte sich auf einem Berge/ und stellte sich an/ als wenn er dem Feinde nicht gewachsen waͤre. Unver- sehens aber uͤberfiel er mit seiner halben Macht den Phraates im besten Wolleben/ und jagte ihn aus dem Felde. Pacor meynte: Die gantze Roͤmische Macht waͤre hinter des Phraates Voͤlckern her/ und siel daher das seiner Einbil- dung nach leere Laͤger des Ventidius an. Ven- tidius aber ließ seine versteckte Legionen aus dem Laͤger und den Cyressischen Puͤschen die Parther vor und ruͤckwerts anfallen. Daß ein unverse- hener Uberfall gegen dreyfacher Macht bestehe/ ward dißmal wahr. Denn die Parthen verloh- ren anfangs das Hertze/ hernach die Schlacht/ und endlich auch ihren Erb-Fuͤrsten Pacor/ wel- chem Ventidius nach Ausuͤbung wunderwuͤr- diger Tapferkeit die Lantze selbst durch die Brust rennte/ und durch Herumbschickung seines ab- gehauenen Kopfes alle uͤbrige den Parthen an- haͤngende Staͤdte eroberte. Der einige Camo- genische Fuͤrst Antiochus entran nach Samosa- ta/ und ward darinnen belaͤgert/ endlich aber/ ob er schon durch den daselbst befindlichẽ sich von dem Wasser anzuͤndẽdẽ Schlam̃ aufs aͤuserste wehr- te/ mit dem Antonius sich zu vereinbarn genoͤthi- get. Orodes kam uͤber dieser den Parthen noch nie begegneten Niederlage halb von Sinnen/ er ließ viel Tage keinen Menschen fuͤr sich/ enthielt sich alleꝛ Speise/ und des redens so lang/ daß man in Gedancken kam/ er waͤre stum̃ worden. End- lich kamen ihm viel Tage die Thraͤnen nicht von den Wangen/ und kein ander Wort aus dem Munde/ als Pacor/ Pacor; ja/ wenn er schlief/ stellte sich ihm sein blutiger Sohn allezeit durch traurige Traͤume fuͤrs Gesichte. Uber diesem Betruͤbnuͤsse ward der ohne diß verlebte Orodes kranck/ jede seiner Beyschlaͤferinnen aber sorg- faͤltig ihren Sohn/ derer dreissig er mit ihnen ge- zeugt hatte/ ihm zum Nachfolger einzuloben. Wie aber das Verhaͤngnuͤß die Parther ins ge- mein zu Vatermoͤrderischen Koͤnigen verse- hen hat; also kriegte auch dißmal Phraates unter allen der schlimste an statt des guͤtigsten Pacor das Heft in die Haͤnde/ welcher seinen wassersuͤchtigen Vater durch eingegebene Wolfs-Milch/ seine neun und zwantzig Bruͤder aber durch das Mord-Beil in einer Stunde hinrichtete. Alleine diese Laster waren fuͤr den unmenschlichen Phraates noch zu wenig/ und die durch Mord erworbene Herrschaft konte mit Gelindigkeit nicht fortgefuͤhret werden. Daher muste er sich auch mit dem Blute seines Sohnes Tiridates besudeln. Seinen ersten Eifer ge- gen ihn verursachte die allen Wuͤterichen ver- haßte Tugend und Tapferkeit ihrer Untertha- nen/ indem Phraates wegen seiner Grausam- keit verfluchet/ Tiridates Nahmen aber weit uͤber des Koͤnigs erhoben ward. Welcher Kum- mer ihn denn zu der Entschluͤssung brachte/ den Tiridates hinzurichten/ wormit die ihm abholden Parthen niemanden aus dem allein Reichs-faͤ- higen Gebluͤte des Arsaces haͤtten/ den sie zum Koͤnige benenneten/ also ihn wider Willen be- halten muͤsten. Hierzu goß seine gegen deß Pacors Wittib die schoͤne Sigambis gefangene Brunst Oel ins Feuer/ in die er so sehr entbrenn- te/ daß er ihrentwegen auch Berenicen/ des Me- dischen Koͤnigs Artavasdes Tochter zu verstossen versprach. Wie nun Sigambis gar nicht in Phraatens Willen kommen wolte/ hingegen durch heimliche Kundschafft ausspuͤrete/ daß sein Sohn Tiridates sich in Sigamben verliebt/ und sich umb ihre Gewogenheit bemuͤht hatte/ machte ihn seine unbaͤndige Begierde gegen Ti- ridaten gantz rasend/ in Meynung/ daß nicht die von Sigamben vorgeschuͤtzte nahe Anverwand- niß/ sondern seines eigenen Sohnes Liebe seiner Vergnuͤgung am Wege stuͤnde. Daher legte er auf alle ihre Tritte Kundschafft/ und wie er er- fuhr/ daß Tiridates mit Sigambẽ in den Koͤnig- lichen Arminius und Thußnelden. lichen Lust-Garten/ umb frische Abend-Luft zu schoͤpfen/ ungefaͤhr zusammen kommen waren/ rennte er als ein wuͤtender Tiger sie mit blosser Sebel an/ stieß selbte seinem eigenen Sohne durchs Hertz/ und ließ die mit Tiridatens Blute bespritzte Sigamben auf einem Schlosse in Band und Eisen schliessen. Jn diesem setzte er Sigambens Keuschheit bald mit Liebkosen und grossen Versprechungen/ bald mit Andraͤuung grausamer Marter zu. Sie aber verhoͤnete das erstere/ und verlachte das andere/ biß ihr in Vertrauen zu wissen gemacht ward/ daß Phraa- tes sie mit Gewalt nothzuͤchtigen und hernach zu Asche verbrennen wolte. Thußnelde fing uͤber- laut an zu ruffen: Hilff Himmel! Mir gehen die Haare zu Berge uͤber dieses Unmenschen grausamen Lastern/ welcher sich schwerlich der grimmesten Thiere/ zu geschweigen eines an- dern Menschen vergleichen lassen. Salonine sagte: Sie wuͤste gleichfalls ihm kein ander Bey- spiel beyzusetzen/ als den Persischen Koͤnig Da- rius/ welcher/ umb seiner Stiefmutter Aspasia vermaͤhlt zu werden/ mit 50. seinen Bruͤdern den Vater Artaxerxes zu ermorden ein Buͤnd- nuͤß machte. Unsere vorerwehnte Sigambis aber gerieth uͤber Phraatens Entschluͤssung in aͤuserste Verzweifelung/ und zu so erbaͤrmlichem Wehklagen/ daß der tapfere Maneses/ einer der fuͤrnehmsten Parthischen Fuͤrsten/ der uͤber solch Schloß und darumb liegendes Land die Aufsicht hatte/ zu Mitleiden gegen ihr bewegt ward/ son- derlich/ da sie sich selbst/ umb ihre Verunehrung zu verhuͤten/ in den Fesseln zu erwuͤrgen be- muͤhete/ und die Hippo/ weil sie haͤtte ins Meer springen/ und ihre Keuschheit unverletzt erhalten koͤnnen/ fuͤr ihr mehr als selig prieß. Daher setzte Maneses alle sein Gluͤck entweder aus der Liebe der Tugend/ oder der Sigambis selbst fuͤr ihre Ehre in die Schantze/ und fuͤhrte sie aus dem Gefaͤnguͤsse zu ihrem Bruder Artabazes/ bere- dete ihn auch/ daß er/ umb dieses Unrecht/ wie auch sich an dem mit den Parthen verbundenen Koͤnige der Meden Artavasdes/ welcher der Sigambis aus Eifersucht fuͤr seine Tochter Be- renicen des Phraates Gemahlin Berenicen Gift beyzubringen getrachtet hatte/ zu raͤchen/ sich mit dem Antonius wider die Parther ver- band/ sonderlich da Sosius und Canidius allbe- reit mit 16. Legionen den Koͤnig in Jberien Pharnabaces und der Albaner Zoberes zu gleich- maͤssigem Buͤndnuͤsse gezwungen hatte. Phraa- tes/ dem am Maneses sehr viel gelegen war/ schickte an Antonius/ der ihm inzwischen die Staͤdte Larissa/ Arethusa/ und Hierapolis ge- schenckt hatte/ eine praͤchtige Botschafft/ trug ihm Frieden an/ und bat ihn umb Zuruͤckschickung des Maneses/ welchen er durch kraͤftigste Eyd- schwuͤre versicherte/ daß/ nach dem er durch Ret- tung der unschuldigen Sigambis mehr lob-als straffwuͤrdig waͤre/ ihm kein Haar gekruͤmmet werden solte. Also muͤssen endlich die schreck- lichsten Wuͤteriche/ welche die Tugend fuͤr einen schlangichten Gorgons - Kopf ansehen/ ihren heilsamen Nachdruck erkennen/ und ihr selber das Wort reden. Antonius ließ also den Ma- neses von sich/ umb Phraaten durch Hoffnung des Friedens mehr einzuschlaͤffen/ brach aber bald hierauf mit anderthalb hundert tausend Mann/ darunter 13000. Armenier und 6000. Gallier waren/ in Atropatenen und Meden ein/ und belaͤgerte in der Haupt-Stadt Phraa- ta Artavasdens Gemahlin und seine Kinder; alleine/ weil Tatian allen Sturmzeug langsam nachfuͤhrete/ vergebens. Hingegen siel Phraa- tes mit seiner gantzen Macht in Armenien; also/ daß Artabazes sein eignes Feuer zuleschen dahin seine Macht zu ziehen gezwungen/ von Roͤmern aber im Stiche gelassen/ und endlich durch Manesen einen Stillestand mit den Parthen zu machen beredet ward. Jnzwischen traff Ar- tavasdes auf den ermuͤdeten Tatian/ er schlug ihn mit 2. gantzen Legionen/ verbrennte allen Kriegszeug und kriegte den Pontischen Koͤnig Polemon gefangen. Phraates und Arta- Drittes Buch Artavasdes stiessen hierauf zusammen/ und schnidten dem Antonius bey Phraata alle Le- bens-Mittel ab/ endlichen aber liessen sie ihm solche wieder zu/ und erklaͤrten sich gegen seine Gesandschafft/ daß sie die Roͤmer aus Gna- de unbeschaͤdigt wolten zuruͤck ziehen lassen. So bald aber die Belaͤgerung aufgehoben ward/ la- gen ihnen die Parthen in Eisen/ wenn auch Mardus ein den Roͤmern getreuer Parthe zu ihrem grossen Vortheil ihnen nicht einen ber- gichten Weg in Armenien abzulencken gewie- sen/ ja zu Versicherung sich selbst haͤtte binden lassen/ und einen sonderbaren Vortheil sich ge- gen die Parthische Reiterey zu stellen gewiesen/ oder auch die Gallier sich so tapfer gehalten haͤt- ten/ waͤre ihres Gebeines nicht davon kommen. Wiewohl ihrer taͤglich viel fuͤr Hunger ver- schmachteten/ oder zum Feinde uͤberlieffen/ dessen unvorsichtige Grausamkeit und Unwissenheit/ daß man feindlichen Uberlaͤuffern Pflaumen streichen/ und seidene Kuͤssen unterlegen solle/ alleine verhinderte/ daß nicht das gan- tze Heer den Antonius verließ. Jnsonderheit wurden die Gallier und andere frembde Huͤlffs-Voͤlcker sehr erbittert/ daß Titius und Canidius den fuͤrtrefflichen Gallischen Fuͤrsten Flavius/ der den Ruͤcken der Roͤmer alle Tage mit unsterblichem Ruhme beschirmete/ unter de- nen ihn uͤbermannenden Feinden alleine baden/ und nebst 3000. Galliern durch das Ungewit- ter der Persischen Pfeile zerfleischen ließ. Jß- mene konte bey dieser Erzehlung sich abermals des Laͤchelns nicht enthalten/ muste auch auf der Koͤnigin bewegliches Ersuchen und Saloninens Stillschweigen bekennen/ daß diese Gallier eitel Deutsche/ und der von den Roͤmern wegen seiner weissen Haare so genante Flavius ihr Bluts- Freund gewesen sey/ der nach der Belaͤgerung Alesiens mit dem Antonius in Jtalien/ und fol- gends in Morgenland gezogen waͤre. Nach diesem Flavius haͤtte auch Ernst Hertzog Herr- manns Bruder derogleichen zum Nahmen be- kommen. Salonine fing hierauf an ferner zu erzehlen: Nach oberwehntem Verlust wuchs den Parthen wieder der Muth/ die Roͤmer aber geriethen in aͤuserste Kleinmuth und Drangsal/ also/ daß das Gersten-Brodt gegen Silber aus- gewogen ward/ und sie so gar mit wahnsinnig- machenden Kraͤutern den Hunger stillen mu- sten/ wiewohl Antonius mit seiner Beredsamkeit und Freygebigkeit sie zu unglaublicher Gedult bewegte/ und mit aufgehobenen Haͤnden in Trauer-Kleidern anruffte: Daß sie das dem Roͤmischen Heere bestim̃te Unheil auf seinen Kopf ausgiessen moͤchten. Endlich haͤtten sie sich vollends auf die Schlachtbanck geliefert/ als sie gegen ein erblicktes Gebuͤrge wegen Durst ihren Zug nahmen/ wenn nicht Manesens Vetter Mithridates sie gewarnigt/ und daß un- ter selbigen Bergen die gantze Parthische Macht auf sie wegelagert/ berichtet haͤtte. Endlich entstund wegen ermangelnden Wassers ein Auf- ruhr im Laͤger/ also/ daß man so gar selbst des Feldherrn kostbare Sachen pluͤnderte. Ja An- tonius gerieth in solche Verzweifelung/ daß er ihm seinen Freygelassenen Rhamnus schweren ließ/ er wolte ihm den Kopf abschneiden/ wormit er weder lebendig in des Feindes Haͤnde geliefert/ noch auch unter den Todten erkeñet wuͤrde. Aber Mithridates kam abermals ans Laͤger/ und ver- gewisserte sie/ daß eine Tage-Reise von dar ein suͤsser Fluß/ und uͤber selbtem das Ziel sey/ wie weit die Parther sie zu verfolgen entschlossen waͤren. Welches denn auch also erfolgte; wie- wohl die Roͤmer 6. Tage noch mit Furcht und Zittern forteileten/ biß sie den Fluß Araxes/ der Meden von Armenien trennet/ erreichten/ da- selbst aber/ und insonderheit die Verwundeten/ unter dem Taurischen Schnee-Gebuͤrge einen neuen Feind/ nemlich die Kaͤlte antraffen. Ar- tabazes haͤtte ohne Schwerdtschlag mit blosser Entziehung des Schiff-Gefaͤsses an dem Flusse Araxes die Roͤmer vertilgen koͤnnen/ Phraates und Artavasdes verwarnigten ihn auch/ daß er dem Arminius und Thußnelda. dem wegen nicht geleisteten Beystandes er grim̃- ten Antonius nicht trauen solte. Alleine dieser redliche Fuͤrst ließ sich seine Schmeichel-Worte einnehmen/ daß er ihm mit allem Fahrzeuge uͤber den Strom halff/ ihm Geld und Lebens- Mittel entgegen schickte/ und das erhungerte Heer in Armenien uͤberwintern lies. Anto- nius selbst zohe in Egypten zu Cleopatren/ und nachdem Artabazes auf sein Ersuchen nicht zu ihm kommen/ und auf das ihm gestellte Fallbret treten wolte/ zohe er auf den Fruͤhling wieder in Armenien/ als sich vorher bey ihm Polemon eingefunden/ und nicht allein fuͤr sich/ sondern auch im Nahmen des Medischen Koͤniges ein Buͤndnuͤß mit ihm wider den Artabazes und Phraates gemacht hatte. Wider jenen/ weil er ihm die Roͤmer uͤber den Hals gefuͤhrt; wider diesen/ weil er mit ihm die Roͤmische Beute un- gleich getheilet/ und seine Tochter Berenizen von sich verstossen hatte. Antonius eignete dem Polemon zur Vergeltung das kleinere Armeni- en zu/ schickte aber Artabazen so viel leichter ins Garn zu locken den Quintus Dellius zu ihm/ und ließ fuͤr seinen mit Cleopatren gezeugten Knaben Alexander um seine Tochter Statira werben/ und umb eine Zusammenkunft anhal- ten. Wie nun der von Maneses aufs neue verwarnigte Artabazes allerhand Außfluͤchte brauchte/ schickte Antonius den Dellius mit eydlicher Versicherung seiner Freund- schafft/ und betheuerlichen Schreiben des Koͤnig Archelaus in Cappadocien/ und des Amyntens in Galatien/ welche er daselbst eingesetzt hatte/ noch einmal zum Artabazes/ folgte aber bald mit seinem Heere auf dem Fusse nach. Artabazes ward hierdurch theils beredet dem Antonius auf seine glatte Worte zu trauen/ theils auch gezwun- gen sein Mißtrauen nicht mercken zu lassen/ fand sich also gutwillig in sein Laͤger ein. An- tonius aber nahm ihn alsobald in Haft/ und gab fuͤr: Er muͤsse sich wegen entzogener Huͤlffe mit einem grossen Stuͤcke Geldes loͤsen/ fuͤhrte ihn also fuͤr die Schloͤsser/ darinnen der Koͤnigliche Schatz verwahret war. Nach dem aber die Stadthalter solche nicht oͤfneten/ der Armenische Adel auch alsofort seinen Sohn Artaxias zum Koͤnige erklaͤrte/ ließ Antonius Artabazen in sil- berne Fessel schliessen/ fuͤhrete ihn mit seiner Ge- mahlin und Kindern in einem Siegs-Gepraͤn- ge nach Alexandrien/ legte sie Cleopatren in guͤl- denen Ketten zun Fuͤssen/ und ließ ihnen endlich in einem Schauspiele den Kopf abhauen/ als er vernahm/ daß sich Artaxias mit dem Parthischen Koͤnige Tiridates verbunden hatte. Denn weil Phraatens grausame Herrschafft alle Er- traͤgligkeit uͤberstieg/ hatten ihn die Parther ver- stossen/ und Tiridaten auf den Reichs-Stul ge- setzet; hingegen vermaͤhlete Antonius des Me- dischen Koͤniges Tochter Jotapen seinem Soh- ne Alexander/ und schenckte ihm ein Stuͤcke Ar- meniens/ welche nach des Antonius Tode Au- gustus ihrem Vater wieder zuruͤck schickte; Cle- opatra aber sendete Artabazens abgehauenen Kopf zum Augustus. Als Salonine allhier ein wenig Athem holete/ fing die Koͤnigin an: Jch besorge/ die holdselige Thußnelda und die schoͤne Jsmene werde aus Unwissenheit/ wohin so viel frembde Geschichte zielen/ unserer Erzeh- lungen uͤberdruͤssig werden/ daher kan ich mich laͤnger nicht enthalten/ ihr zu eroͤffnen/ daß diese Armenische Koͤnige meine Voreltern/ Artaxias mein Vater gewesen/ ich aber die verstossene Koͤnigin Erato sey/ welcher Ungluͤck Salonine nicht gnugsam auszudruͤcken getrauet/ wenn sie nicht die Trauer-Faͤlle meines zum Elende ver- sehenen/ nicht aber so lasterhaften Geschlechtes/ wie die Roͤmer in der Welt von ihm ausgespren- ger/ mit auf die Schaubuͤhne stellete. Thußnelde umbhalsete die Koͤnigin Erato mit Vergiessung vieler Thraͤnen/ und versicherte sie/ daß wie ihres Stammes Trauer-Faͤlle ihr mitleidentlich tief zu Hertzen gegangen waͤren; also schoͤpfte sie mit Jsmenen aus derselben umbstaͤndlichen Erzeh- lung nicht wenige Ergetzligkeit. Denn es haͤtte Erster Eheil. F f das Drittes Buch das menschliche Elend die Eigenschafft des Feu- ers an sich/ welches/ seines Verderbens wegen/ Schaden und weh thaͤte/ gleichwohl aber an- nehmlich anzuschauen waͤre. Also hoͤrete man ins gemein die allertraurigsten Ebentheuer am liebsten. Uber diß machte die Ungluͤckseligkeit ihr Geschlechte bey ihr weder schuldig noch ver- daͤchtig. Das feinste Gold komme so geschwind in den Schmeltz-Ofen/ als das schlimmen Bey- satz hat/ und der Hagel schlage so geschwinde Wei- tzen als Unkraut nieder. Das Verhaͤngnuͤß habe etliche Geschlechter zu grossem Gluͤck/ an- dere zu unaufhoͤrlichem Jammer versehen/ ohne daß es auf die Tugend oder die Laster ein oder des andern ein Auge habe. Dahero erbete man von seinen Eltern nicht nur die Aehnligkeit des Gesichts/ und die Gemuͤths-Regungen/ sondern auch die Gunst und Verfolgung des Gluͤckes; nicht anders/ als die jungen Panther von den alten ihre Flecken/ und die Zibet-Katzen den Geruch. Also habe in Hibernien ein Geschlech- te geherrschet/ dessen Zweige fast alle vom Hen- cker-Beile abgehauen worden. Ja was noch seltzamer: Oftmals klebete einem gewissen Nah- men ein unabsonderlich Ungluͤck oder Schand- -fleck an. Sie habe ihr offt erzehlen lassen/ daß -in Armenien alle Tigranes/ im Pontus alle -Mithridates/ in Persen alle Artaban tapfer/ -aber ungluͤckselig gewest. Jn Gallien waͤren -fast alle Jnducianarer eines gewaltsamen To- -des gestorben/ einer sey in einem Strome er- -schossen/ der andere auf seiner Schwester Bey- -lager im Turnier von seinem Stallmeister -mit der Lantze ins Auge gerennt/ der dritte -von einem Druys in seinem Zimmer/ der vierd- -te von einem Meuchelmoͤrder in seinem Wagen -erstochen worden. Salonine fing an: Da die Fuͤrstiñen ihr wieder gnaͤdiges Gehoͤre verleihen wolten/ wuͤrde ihre folgende Erzehlung die er- mehnte Meynung so viel mehr verstaͤrcken. Als sie saͤm̃tlich durch ihr Stillschweigen zu verste- hen gaben/ daß sie durch ihr darzwischen reden nicht gern einigen Aufschub verursachen wolten/ fuhr sie derogestalt fort: Artaxias der neue Koͤ- nigin Armenien ruͤstete sich nach seines Vatern Artabazes Gefaͤngnuͤsse alsofort moͤglichst zur Gegenwehr/ und ob ihm schon Antonius sein an- gestam̃etes Reich unter gewissen Bedingungen antragẽ ließ/ so wolte er doch nichts zum Schim- pfe seines gefangenen Vaters einwilligen/ son- dern mit Behauptung der Ehre alles zufaͤllige lieber auf die Spitze setzen. Allein es zogen wider ihn nicht alleine die Roͤmer/ sondern auch der Koͤnig in Meden/ dessen Tochter der junge Alexander geheyrathet hatte/ der Koͤnig in Pon- tus Polemon/ dem Antonius das kleinere Ar- menien geschenckt/ und der hernach gar fuͤr einen Bundsgenossen der Roͤmer angenommen ward; Archelaus der Koͤnig in Cappadocien/ und der Fuͤrst in Galatien Amyntas ins Feld. Gleichwohl ließ Artaxias sich diese zusammen- ziehenden Gewitter nicht schrecken/ zohe ihnen also entgegen/ und lieferte ihnen an der Medi- schen Graͤntze eine Schlacht/ in welcher er alle Griffe eines klugen Feldherrn/ und alle Thaten eines tapfern Kriegshelden ausuͤbte. Sieg und Verlust hingen den halben Tag auf einer Wagschale. Denn was dem Artaxias an der Groͤsse des Heeres abging/ ersetzte seine Groß- muͤthigkeit. Diese aber ward von der Leicht- fertigkeit des verraͤtherischen Artabazes/ wel- chem Artaxias den Hinterhalt anvertrauet hat- te/ endlich muͤrbe gemacht/ indem selbter sich zum Feinde schlug/ und mit einem Theile seiner Rei- terey seinem Koͤnige in Ruͤcken siel. Hieruͤber geriethen die Armenier in Unordnung/ und/ nach dem Artaxias durch keine Muͤh sie aus solcher Verwirrung bringen konte/ in die Flucht. Der Koͤnig kriegte selbst drey Wun- den/ diese aber hinderten ihn nicht zu dem Par- thischen Koͤnige Tiridates seine Zuflucht zu neh- men/ als er an dem Flusse Cyrus ein Theil sei- nes Arminius und Thußnelda. nes Volckes wieder versam̃let/ und hin und wie- der gute Anstalt gemacht hatte den Lauff des Sieges dem Feinde zu hemmen. Dieser Tiri- dates nahm den Artaxias freundlich auf/ gab ihm nicht allein ansehnliche Huͤlffe/ sondern vermaͤhlete ihm auch seine Tochter die wunder- schoͤne Olympia. Hiemit kam Artaxias zu grossen Freuden der bedraͤngten Armenier in seinem Reiche wieder an; und weil Antonius inzwischen alle Roͤmische Kriegs-Voͤlcker wider den Augustus abgefordert hatte/ wolte er keine Zeit versaͤumen/ sondern ging auf den Koͤnig der Meden getrost loß. Dieser aber konte fuͤr dem Blitze dieses hurtigen Feindes nicht stehen/ sondern ward nach kaum einstuͤndiger Gegen- wehre fluͤchtig. Die Festungen ergaben sich meist gutwillig dem Artaxias/ und schlugen ihre frembde Besatzung todt. Artavasdes machte sich uͤber Hals und Kopf aus Armenien; allei- ne Artaxias folgte ihm in Meden nach/ ereilte ihn bey der Stadt Ecbatana. Beyde Heere traffen hertzhafft auf einander. Die Arme- nier munterte die Rache/ die Meder ihre fuͤr Augen schwebende aͤuserste Noth auf/ welche auch Furchtsamen ein Hertze macht. Alleine Artaxias drang mit dem Armenischen Adel auf einer/ und Artaban ein Parthischer Fuͤrst mit den Parthischen Huͤlffs-Voͤlckern so ge- waltig auf die Meden/ daß sie gegen der Stadt in offentliche Flucht geriethen. Als Artavas- des nun die Seinigen zuruͤck halten wolte/ traf Artaxias auf ihn/ rennte ihn vom Pferde/ und konte mit genauer Noth verwehren/ daß er von den hitzigen Armeniern nicht getoͤdtet/ oder von Pferden zertreten ward. Artaxias kam also mit dem gefangenen Koͤnige fuͤr die Stadt Ecbatana/ welche sich ohne Gegenwehr der Willkuͤhr des Siegers untergab. Artaxias konte sich uͤber der Pracht dieser Stadt/ und insonderheit des Schlosses/ welches billich un- ter die Wunderwercke der Welt zu rechnen ist/ nicht gnungsam verwundern. Dieses hat der maͤchtige Koͤnig der Meden Dejoces von Grund aus erbauet/ und mit sieben festen Mauern umgeben. Die aͤuserste ist von weissem Marmelsteine/ die andere von schwar- tzem/ die dritte von rothem/ die vierdte von ei- nem Himmel-blauen Alabaster; die fuͤnfte ist von gebackenen Steinen/ welche mit dem aller- hoͤchsten Zinober und Sandarach uͤberglaͤset sind/ die sechste ist gantz uͤbersilbert/ und die sie- bende vergoldet. Die Koͤnigliche Burg inwen- dig ist von dem koͤstlichsten Marmel/ und nach der vollkommensten Bau-Kunst gebauet. Alle Thore sind von Ertzt/ das Pflaster von vielfaͤr- bicht durcheinander eingelegten Steinen berei- tet/ das Dach vergoldet/ daß bey Sonnen- Scheine niemand selbtes anschauen darff. Die Waͤnde sind mit guͤldenen Tapezereyen/ an wel- chen noch gewisse Bilder mit Perlen und Edel- gesteinen gestuͤckt zu sehen/ die Boͤdeme mit Per- sischem Gewebe bedecket. Jn einem der Son- ne gewiedmeten Tempel stehet des Medischen Reichs-Stiffters Arbaces/ wie auch des Dejoces Bildnuͤß in Gold/ und nach ihm alle Medische Koͤnige aus Ertzt in Lebens-Groͤsse gegossen/ oder aus Alabaster gehauen. An dem Schilde des Arbaces war Sardanapal eingeetzet/ wie er mit einer Hand dem Arbaces den Assyrischen Reichs-Stab uͤberreicht/ mit der andern den un- ter sich gemachten Holtz-Stoß anzuͤndet/ mit dieser Uberschrifft: Jhr Meden lernt von uns: Das Reich sey ein Gewebe/ Zu dem die Klugheit spinnt/ daran die Tugend stuͤckt/ Wozu kein Weiber-Arm/ kein knechtisch Geist sich schiekt/ Daß Wollust Zepter naͤhm’/ und Tapferkeit sie gebe. Die kroͤnt nun Arbacen/ stuͤrtzt den Sardauapal/ Setzt Helden auf den Thron/ und Weiber an den Pfal. Unter Dejocens guͤldenem Bilde war die Stadt Ecbatana geetzt mit dieser Uber- schrifft: F f 2 Der Drittes Buch Der Bau hler ist ein Bild Dejocens Hand und Staͤrcke/ Die so viel Staͤdt einriß/ und Laͤnder aͤschert ein. Jn welchem mag nun wol Dejoces groͤsser seyn? Er brach nur Mauren ab/ hier baut er Wunderwercke. Zet malmte Stein und Kalck/ erhoͤhte Gold fuͤr Koth. Jn jenem war er nur ein Mensch/ in dem ein Gott. Alle andere Bilder/ sagte Salonine/ haben dar ihre denckwuͤrdige Uberschriften; ich wil aber alle/ ausser dieselbe/ verschweigen/ welche Arta- vasdes unter des letzthin uͤberwundenen Crassus Kopf/ welchen ein Griechischer Bildhauer aus Alabaster gemacht/ und ihm verehret hatte/ schreiben ließ: Des geitz’ gen Crassus Kopf ist zwar nur schlechter Stein/ Doch ist er guͤldner hier/ als wo er Gold schlingt ein. Die Ergebung der Stadt Ecbatana war ein Wegweiser der andern Haupt-Stadt Phraa- ta/ ja des Koͤniges Artavasdes Gefaͤngnuͤß ein Schluͤssel zu dem gantzen Medischen Reiche/ welches ihren Koͤnig als einen Stoͤrer der allge- meinen Ruh verfluchte/ und dem Artaxias fast Goͤttliche Ehre anthat. Unter andern liessen die Reichs-Staͤnde sein Bildnuͤß aus dichtem Gol- de giessen/ stellten es mitten in den Tempel der Sonnen/ und schrieben darbey: Dem gros- sen Artaxias/ dem dritten Erhalter der Meden. Also liebkoset die Heucheley nicht nur den Lastern/ sondern auch der Tugend. Wenn sie aber ihre Larve wegwirfft/ uͤbt sie ihre Gramschafft nicht minder gegen diese/ als gegen jene aus; gleich als wenn die Tugend nur nach Eigenschafft der Heucheley in nichts wesentli- chem/ sondern auf eitelem Scheine bestuͤnde/ und ihre Schoͤnheit nur betruͤglicher Firnuͤß waͤre/ wie der Verlauff ausweisen wird. Weil nun aber/ wie die Glieder an der Kette/ also auch ein Gluͤck an dem andern haͤngt/ war es nicht ge- nung/ daß Artaxias das Koͤnigreich Armenien wieder gewonnen/ und sich noch darzu zum Her- ren der Meden gemacht hatte/ sondern seine Ge- mahlin Olympia kam auch in den Tempel der Sonnen/ dahin sie sich aus Andacht verfuͤgt hat- te/ mit der hier anwesenden Koͤnigin Erato und einem jungen Herrn/ und zwar gleich mit aufgehender Sonne darnieder/ als die in und ausser des Tempels aus verguͤldetem Kupfer gemachte Himmels - Kugeln entweder durch Zauberey/ oder durch heimliche Krafft solchen Gestirnes feurig und klingend zu werden anfin- gen. Die Wahrsager wusten nicht genung auszusprechen/ wie viel Gutes das Verhaͤng- nuͤß diesen zwey neugebornen Kindern zudaͤchte. Denn uͤber diese merckwuͤrdige Zeit war der Ort der Geburt der Meden groͤstes Heiligthum/ und ein vollkom̃enes Nach-Gemaͤchte des Jndiani- schen Sonnen-Tempels/ welchen Porus dem grossen Alexander zu Ehren gebauet/ sein Bild einmal stehende/ und denn auch zu Roße aus dichtem Golde/ des Ajax aus Helffen-Bein/ sein eigenes dem Leben nach fuͤnf Ellenbogen hoch darein gesetzet hatte/ und darinnen die Saͤulen des Tempels mit Feuerfaͤrbichtem Marmel/ und gleichsam blitzendem Golde ge- zieret/ die Boͤdeme aber mit Perlen eingelegt waren. Jhre Eitelkeit aber kam allzu zeitlich ans Licht. Denn als Artaxias zuruͤck in Ar- menien kehrte/ und auf dem Flusse Tigris durch den Arethusischen See fuhr/ gerieth das eine Schiff/ worauf die Koͤniglichen Kinder waren/ auf einen Steinfels/ daß es zu scheitern ging. Ob nun wol die Bootsleute das Fraͤulein mit Nachschwimmen aus dem Wasser brachten/ so ward doch die Wiege/ darinnen der junge Fuͤrst Artaxias lag/ von dem Strome davon gerissen; und wie fleissig man auch an den Ufern nachsuch- te/ von ihm das geringste Merckmal nicht ge- funden. Die Trauer-Faͤlle sind mitten zwi- schen vielem Gluͤcke am empfindlichsten/ da- hero gieng dieser dem Artaxias so viel mehr zu Gemuͤthe. Denn grosse Gemuͤther ver- moͤgen zwar/ wie die Erdkugel/ bestaͤndig/ aber nicht unbeweglich zu seyn. Helden haben eben so wenig Diamantene Augen ohne Thraͤnen/ und staͤhlerne Hertzen ohne Fuͤhlen/ als andere. Zumahl Olympien bey der Geburt ein Zufall be- Arminius und Thußnelda. begegnet war/ welcher der Wehmutter Urthel nach sie zu kuͤnfftiger Empfaͤngniß unfaͤhig machte. Gleichwol aber beraubte ihn die Groͤsse dieses Hertzeleides nicht seiner durch oͤfftere Zu- faͤlle abgehaͤrteten Klugheit/ und weil seine Liebe gegen Olympien unausleschlich waꝛ/ setzte eꝛ ihm fuͤr/ weder durch die sonst nicht ungewoͤhnliche Heyrath mehrerer Frauen seine eigene durch andere Neben-Sonnen zu verduͤstern/ noch ie- manden anderst/ als diß/ was sie gebohren/ mit der Zeit zu seinem Stuel-Erben zu erklaͤren. Es stand ihm aber am Wege/ daß in Armenien noch kein Weibsbild den Reichs-Apffel in Haͤnden gehabt hatte. Daher berieht er sich mit seinem vertrautesten und hoͤchsten Staats-Diener dem klugen Artafernes/ was bey so gestalten Sachen zu thun waͤre. Dieser urtheilte: Er hielte es in allewege fuͤr eine verdammliche Ketze- rey/ wenn etliche das weibliche Geschlechte fuͤr unfaͤhig der Koͤniglichen Herrschafft schaͤtzten. Die Staats-Klugheit steckte nicht im Barte/ und die Koͤnigliche Hoheit nicht im Sauersehen. Das Gewichte/ welches die Uhr des gemeinen Wesens triebe/ sey die Krafft eines lebhafften Geistes/ und die Geschickligkeit einer scharffsin- nigen Vernunfft/ welche nichts minder in Frau- en-als Manns-Koͤpff e n Raum haͤtten. Das Gestirne der Caßiopea und der Venus sey so schoͤn und kraͤfftig/ als des Theseus und des Mars. Der Kopff mache einen zum Weltwei- sen/ die Zunge einen zum Redner/ die Brust einen zum Ringer/ die Armen zum Kriegsknech- te/ die Fuͤsse zum Lauffer/ die Achseln zum Traͤ- ger/ ein grosses Hertz aber einen zum Koͤnige. Wenn an starcken Spann-Adern das gemeine Heil hinge/ muͤste Griechenland seine Fuͤrsten von den Olympischen Rennebahnen/ und Rom seine Buͤrgermeister aus den Schauplaͤtzen neh- men. Man haͤtte wohl eh Riesen zu Fuͤrsten/ welche Baͤume auszureissen vermoͤchten/ derer Achseln sich doch unter einer mittelmaͤßigen Schwerde der Reichs-Sorgen beugten. Hinge- gen waͤren offtmals kraͤncklichte Fuͤrsten gewest/ die etliche Jahr nie aus dem Zimmer kommen/ oder vom Siech-Bette auffgestanden/ denen a- ber die Last etlicher Koͤnigreiche leichte gewest. Diese waͤren von Zeuge zubereitet/ der zum Kopffe gehoͤrete/ und keine Spann-Adern doͤrf- te/ jene aber von solchem/ der zu Gliedern und Dienern erfodert wird. Diese gehoͤrten zum Steuer-Ruder/ welches nur Klugheit/ keine Staͤrcke erfordert; jene auf die gemeine Ruder- Banck/ da die Armen das beste thun/ die weder der Schweiß/ noch die rauhe Lufft entkraͤfftet. Es ist wahr/ sagte Thußnelde/ es hat in Britan- nien ein Koͤnig Hippo Marcomirs Sohn eine und die andere Welt aus seinem Zim̃er/ welches einem Kranckenhause aͤhnlicher/ als eineꝛ Raths- Stube war/ so kluͤglich beherrscht/ daß man ihn den Salomon seiner Zeit geheissen. Und ich muß unserm Geschlechte/ daß es zum Herrschen ge- schickt sey/ abermal das Wort reden. Jch wil von der Semiramis und Nitocris zu Babylon/ Ar- temisien und Laodicen in Asien/ von der Thomy- ris bey den Scythen den Wundern der Vor- Welt nichts erzehlen. Zu erwehnten Koͤnigs Hippo Zeit regierte in Hibernien Telesbia eine Jungfrau lange Jahre zu der gantzen Welt Veꝛwundeꝛung/ ja sie hielt obe wehntem Koͤnige Hippo dergestalt die Wage/ daß seine kluͤgste An- stalten/ und die maͤchtigsten See-Ruͤstungen zu Wasser wurden. Fuͤr wenigen Jahren hat Ca- nistria den Svionern und Gothen mit grossem Ruhm fuͤrgestanden/ und ihr Reich uͤber zwey Meere erweitert. Die Sitones haben insge- mein Weiber zu Koͤniginnen. Diesemnach deñ hoffentlich unsern Deutschen nicht wird zu ver- argen seyn/ daß sie die Frauen in den wichtigsten Sachen zu rathe ziehen/ und ihr Gutachten mei- stentheils gelten lassen/ festiglich glaubende/ daß diß Geschlechte nichts minder heilig als fuͤrsich- tig sey. Auch sind die Britannier nicht zu schel- ten/ daß sie in der Reichs-Folge kein Geschlechte unterscheiden. Salonine kam hierauff wieder F f 3 an Drittes Buch an den Faden ihrer Erzehlung: Artafernes ha- be den Koͤnig Artaxias durch obige und mehr Gruͤnde in seiner Meinung bestaͤrckt/ daß er das Reich auf seine Tochteꝛ Erato zu bringen Anstalt machen solte; iedoch weil alle Neuerung verdaͤch- tig waͤre/ und einige ehrsuͤchtige Unterthanen ih- re Herꝛschaft zu unterbrechen sich erkuͤhnen doͤrf- ten/ solte er den Schiffbruch seines Sohnes ver- druͤcken/ und das Fraͤulein Erato an des Ver- storbenen Stelle aufferziehen. Artaxias lies ihm diesen Anschlag belieben/ von welchem niemand als der Koͤnig Artafernes/ und ich als Hoffmei- sterin des Koͤniglichen Frauenzim̃ers wuste. Al- so glaubete gantz Armenien und Persien/ daß Erato todt/ und Artaxias lebendig waͤre. Die Lebhafftigkeit/ und die ansehnliche Gestalt dieses Fraͤuleins halff diese Blendung nicht wenig verhuͤllen. Artaxias gab ihr den aus der Stadt Susiana am rothen Meer buͤrtigen Dionysi- us Periegetes/ welchen Kaͤyser Augustus/ um sich der Morgenlaͤnder Beschaffenheit zu erkundi- gen/ mit Fleiß in Armenien zu wohnen befehli- chet hatte/ zum Lehrmeister. Denn es verstand Artaxias wohl: daß alle Schoͤnheit ohne Auff- putzung unvollkommen/ und alle Vollkommen- heit ohne Beyhuͤlffe rauh sey/ ja das Gold selbst muͤsse gefaͤrbt/ die Diamanten geschliffen wer- den. Dahero eine kluge Erziehung das Boͤse verbessere/ dem Guten seine noch ermangelnde Helffte der Vollkommenheit beysetze. Also un- terwieß Dionysius sie nicht alleine in allerhand Sprachen/ und der Platonischen Weltweiß- heit; sondern sie ward auch in allen Ritter spielen auffs fleißigste ausgemustert; also daß an ihr kei- ne Eigenschafft ihres Geschlechtes zu sehen war/ als die Schamhafftigkeit und Anmuth. Jn dieser Lehre blieb Erato biß ins zwoͤlffte Jahr/ und Artaxias in ruhigem Besitz beyder Koͤ- nigreiche. Denn nach dem Augustus den Antonius bey Actium uͤberwunden hatte/ war er mit Behauptung Egyptens/ und mit Demuͤ- thigung der Dacier/ Mysier und Bastarnen be- schaͤfftigt/ welche mit Huͤlffe des Getischen Koͤ- nigs Rotes geschlagen/ ja der Bastarnen Koͤnig Deldo selbsthaͤndig von des Crassus juͤngstem Sohne getoͤdtet ward. Dieser kriegte auch mit den Meden und Serden/ und dem Getischen Koͤnige Dapyx und Zyraxes zu schaffen/ allwo er das Gebuͤrge Ceyra und die Haupt-Festung Genucla nebst denen dem Cajus Antonius vor- hin abgenommenen Fahnen wieder eroberte. So hat auch Augustus mit Einrichtung seines einhaͤuptigen Reichs/ und mit Besetzung der Aemter genung zu thun. Uberdiß draͤuten die Britannier in Gallien einzufallen/ die Canta- brer und Asturier wurden auffruͤhrisch; also daß Augustus wider jene in Gallien/ wider diese nach Tarracon ziehen/ und nachdem sein Feld- haͤuptmann Elius Largus wider den Koͤnig des gluͤckseligen Arabiens Sabos einen un- gluͤckseligen Zug gethan/ und in der Wasser- mangelnden Sandwuͤsten fuͤr Hitze und Durst sein gantzes Heer verschmachtet war/ daselbst die Grentzen besetzen muste. Zu geschweigen sei- ner vielfaͤltigen Haus-Bekuͤmmernisse/ welche ihn an alle Ecken des so grossen Reichs die Roͤ- mischen Heerspitzen zusenden/ und den bey ihm in schlechter Gewogenhiet stehenden Artaxias mit Kriegs-Macht zu uͤberziehen hinderte; also gegen ihm seine Unhold nicht anders auslas- sen konte/ als daß er ihm seine vom Antonius aus Armenien gefangen mit weggefuͤhrte Bruͤder frey zu lassen weigerte; da er doch den Meden die dem jungen Alexander verlobte Jotapen willig abfolgen ließ. Wie aber das Gluͤcke entweder muͤde wiꝛd einen lange mit unverwendetem Au- ge anzuschauen/ oder ihm verkleinerlich haͤlt/ daß es allezeit mit einerley Winde in ein Segel bla- sen muͤsse; also konte auch der Wohlstand des Koͤnigs Artaxias weder fuͤr sich selbst unveraͤn- derlich bleiben/ noch seine Klugheit das sich stets umwaͤltzende Rad des Verhaͤngnißes hemmen. Sehet aber/ wie das Wetter/ so von weitem her uͤber Armenien auffzog! Der Comagenische Koͤ- nig Arminius und Thußnelda. nig Antiochus hatte seinen Blutsverwandten Alexander/ der mit einem Theile des ihm anver- trauten Kriegsvolcks zu den Roͤmern uͤberge- gangen/ und dabey dem mit dem Antonius ge- troffenen Frieden ihm ausgelieffert woꝛden waꝛ/ auff offentlicher Schaubuͤhne andern Aufruͤh- rern zum Abscheu hinrichten lassen. Dieses hielt Augustus fuͤr einen Schimpff des Roͤmischen Volcks/ welches zeither allen fremden Aufwieg- lern Thuͤꝛ und Thor aufgesperret/ und duꝛch selb- te mehr als durch eigene. Kraͤffte in dem truͤben Wasseꝛ der unꝛuhigen Laͤndeꝛ gefischt hatte. Da- heꝛo tꝛug eꝛihmsolche That welche kuͤnftig Mein- eidigen die Lust nach Rom ziemlich versaltzen doͤrfte/ zu raͤchen lange nach/ biß er bey sich ereig- nenden Zwytꝛacht zwischen ihm und seinen Bꝛu- der dem blinden Koͤnige der Dentheleter/ Sitas/ Gelegenheit solche auszuuͤben eꝛlangte. Wie wol ins gemein dafuͤr gehalten ward: daß des Sitas Gemahlin Arimanthe/ mit welcher Augustus die hernach mit seiner Tochter Julia sich als ei- ne Freygelassene auffhaltende/ und bey ihrem ausbrechenden Ehebruche mit dem Julius An- conius sich erhenckende Phorbe durch Ehebruch erzeugt hatte/ den Kaͤyser wider den Antiochus verhetzt haͤtte. Diese Herrschsuͤchtige Ariman- the meinte/ nachdem sie dem Kaͤyser in dem Schooß saͤße/ er ihrem Ehemanne auch schon Huͤlffe wider den Antiochus versprochen hatte/ es truͤge ihr mehr keine Busse alle Laster auszu- uͤben. Daher schickte Sitas/ oder vielmehr sie unter dem Scheine die bruͤderliche Uneinigkeit guͤtlich beyzulegen einen Gesandten zum Anti- ochus/ der von dar vollends nach Rom ziehen/ uñ den Verlauff der Sachen berichten solte. Jm Werck aber kundschaffte dieser des Antiochus Verfassung aus/ und trachtete nicht allein seine Diener zu bestechen/ sondern ihm auch gar Gifft beyzubringen. Diese Verraͤtherey aber ward offenbar/ und Antiochus ließ seines Bruders Gesandten ans Creutz schlagen. Augustus nam diese gerechte Straffe fuͤr eine Verletzung des Voͤlcker-Rechts und des Roͤmischen Volcks/ zu welchem der Gecreutzigte gehen solte/ auff/ und foderte den Antiochus nach Rom/ dafuͤr Red und Antwort zu geben. Artaxias/ dessen Schwe- ster Antiochus hatte/ widerrieth ihm zu erschei- nen/ aber er verließ sich auff seine gerechte Sa- che. So bald er aber nach Rom kam/ ward er fuͤr den Rath gestellet/ und gegen ihm auffgemu- tzet/ wie nicht allein alle Voͤlcker/ sondern auch die Goͤtter das den Botschafftern zugefuͤgte Un- recht mit Feuer und Schwerdt gerochen haͤtten. Als Koͤnig Psam̃enitus in Egypten des Koͤnigs Cambyses Herold niedersebeln lassen/ haͤtten ihn und sein Koͤnigreich die Goͤtter in Camby- sens Haͤnde gegeben/ welcher des Psammenitus Sohne und zwey tausend Memphitischen Knaben Knoͤbel an den Mund legen/ sie zur Schlachtbanck schleppen/ und dem Geiste des Herolds auffopffern lassen. Also haͤtten sie auch den Ariovist gestrafft/ weil er des Julius Caͤsars Gesandten Valerius Procillus in Ketten ge- schlossen und verbrennen wollen. Als die Athe- nienser des Darius Botschafft/ ungeachtet sie ih- nen Erde und Wasser ansprachen/ in ein tieffes Loch steckten/ waͤren sie fast alles ihrigen entsetzt; und als sie des Koͤnigs Philippus todtes Bild (Gesandten aber waͤren lebendige Bilder ihrer Fuͤrsten) mit Harn begossen/ waͤre ihre Stadt mit Asche/ Blut und Saltz besprenget wor- den. Jnsonderheit waͤre es bey den Roͤmern ein loͤbliches Herkommen/ solche Schmach mit des Verbrechers Untergange abzutilgen. Als die Tarentiner den Roͤmischen Botschaffter Lu- cius Posthumius verlachet und besudelt/ haͤt- te Tarent hernach bitterlich weinen und den wenigen Koth mit grossen Stroͤmen Bluts ab- waschen muͤssen. Die gantze Stadt Fidena sey deßwegen eingeaͤschert worden. Sie selbst haͤt- ten ihre eigene Buͤrgeꝛ ihren Feinden zuꝛ Straf- fe ausfolgen lassen/ die sich an ihren Gesandten vergriffen/ als den L. Minutius und L. Mann- lius den Carthaginensern/ den Qvintus Fabius/ und Drittes Buch und Cneus Apronius der Stadt Apollonia. Antiochus schuͤtzte hingegen fuͤr/ der gecreutzig- te Gesandte waͤre kein Roͤmischer/ sondern sei- nes Brudern/ ja nicht ein Gesandter/ sondern ein Auffwiegler und Meuchel-Moͤrder gewest. Zu dessen Beweiß er unterschiedene Zeugnisse und Uhrkunden fuͤrlegte. Die Unversehrlig- keit einer Botschafft waͤhrete nicht laͤnger/ als ihre Unschuld. Alle Freyheiten wuͤrden durch Mißbrauch verspielet. Weil nun das heilige Amt eines Gesandten kein Deckmantel unstraf- barer Boßheit seyn solte/ haͤtte er zu Beschir- mung seiner Hoheit/ und zur Sicherheit seiner selbst billich Urthel und Recht uͤber ihn ergehen lassen. Haͤtten doch die Roͤmer den Tarenti- nischen Gesandten Phileas/ welcher nur durch Bestechung der Auffseher zwey Taren- tinische Geissel von Rom wegspielen wollen/ mit Ruthen gestrichen/ und vom Tarpeji chen Fel- sen gestuͤrtzet. Fuͤr wenigen Jahren haͤtte der Schutzherr Hiberniens des Koͤniglichen Ge- sandten aus den gluͤckseligen Eylanden Bruder wegen eines gemeinen Todschlages enthaupten lassen. Warum solte ein Koͤnig nun nicht den/ der ihm nach Reich und Leben strebt/ den Gesetzen und dem Richterstuhl unterwerffen? Allein ihm ward begegnet: Das Unrecht eines Gesandten ginge auch den an/ zu dem er ge- schickt wuͤrde. Als die Antiater die nach Rom von Sicilien abgesertigte Botschafft eingeker- ckert haͤtten/ waͤren die Roͤmer am ersten wider sie zu Felde gezogen. Haͤtte ein Gesandter was verwuͤrcket/ stuͤnde das Erkaͤntniß seinem Herrn zu/ dem er zu Bestraffung abgefolgt wer- den muͤste. Als der grosse Alexander Tyrus erobert/ habe er zwar zweytausend Buͤrger ge- creutziget/ denen Carthaginensischen Gesand- ten aber kein Haar kruͤmmen lassen/ ob sie schon wider ihn geschickt waren/ und die Stadt gegen ihn zur Hartnaͤckigkeit verhetzt hatten. Als Rom den Phileas gestrafft/ waͤre Tarent schon den Roͤmern unterthaͤnig gewest. An- tiochus zog endlich unterschiedene Schreiben der Koͤnigin Arimanthe heraus/ daraus er beschei- nigte/ daß sie und Koͤnig Sitas an ihres Ge- sandten Lastern Theil und Wohlgefallen/ als er sich von den Mitschuldigen keiner Gerechtigkeit zu versehen gehabt haͤtte. Dessen aber allem ungeachtet/ sprach der Rath ihm auff deß in die Arimanthe verliebten Augustus Befehl den Kopff ab/ welch grausames Urthel auch an ihm unerhoͤrter Weise vollzogen ward. Alleine dieser Streich zielete noch auff einen groͤssern Kopff/ nemlich den Artaxias/ gegen den sich nun mehr durch Hinrichtung sein es Schwagers des Au- gustus Haß so vielmehr vergroͤsserte/ nach dem es des menschlichen Geschlechts Eigenschafft ist/ den zu hassen/ den wir verletzt haben. Gleichwol aber hielt den Augustus die Macht und Tapf- ferkeit des Artaxias/ und das Buͤndniß mit den Parthen zuruͤcke/ sich gegen ihn oͤffentlich Feind zu erklaͤren/ ungeachtet er hoͤrte/ daß des Artaxi- as Schwester mit dem von Rom uͤberkomme- nen blutigen Kopffe ihres Gemahls zum Arta- xias gezogen war/ und ihn um Schirm und Ra- che mit beweglichen Thraͤnen anflehete. Die- semnach sahe er nach durch List ihm ein Bein un- terschlagen/ und befand des Artaxias eigenen Bruder Artabazes/ der nebst dem Tigranes vom Antonius aus Armenien gefangen wegge- fuͤhret/ und zu Bedienung dem Tiberius zuge- eignet war/ zu einem tauglichen Werckzeuge. Denn er war ein Mensch von Natur zu allen Lastern geneigt/ und die Gemeinschafft mit dem Tiberius hatte ihm diese Lehre fest einge- praͤget/ daß des Herrschens wegen nicht nur alle Rechte verletzt/ das Gewissen an Na- gel gehenckt/ sondern auch das Gebluͤte in Galle verwandelt werden muͤste. Dieser ward zu einem schoͤnen Vorwand/ daß der Kaͤyser nur dem Verbrechen des Antiochus nicht sei- nem Geschlechte gram sey/ Koͤnig in Comagene erklaͤret/ und/ die Warheit zu sagen/ Artaxias hierdurch nicht alleine besaͤnfftiget/ sondern auch Arminius und Thußnelda. auch sicher gemacht. Artabazes erschien selbst nach Artaxata/ strich seiner bruͤderlichen Liebe und des Kaͤysers Zuneigung eine schoͤne Farbe an/ ersuchte ihn auch ihm behuͤlfflich zu seyn/ daß der Parthische Koͤnig Tiridates ihm seine andere Tochter vermaͤhlen moͤchte. Artaxias half ihm nicht alleine zu dieser ansehnlichen Heyrath/ sondern er haͤtte ihm gerne die Son- ne zugeeignet/ wenn diß so wohl in seiner Ge- walt gestanden/ als ihn bruͤderlich zu lieben. Jst aber wol ein schwaͤrtzerer Undanck/ ein ab- scheulichereꝛ Meuchelmord iemals gehoͤret wor- den! Artaxias hielt Artabazen mit seiner neuen Gemahlin Antigone durch gantz Armenien koͤ- niglich aus/ und begleitete ihn biß an die Coma- genische Graͤntze. Als sie nun das letzte mahl auf dem ersten Comagenischen Schlosse nicht weit von Samoseta Taffel hielten/ Artaxias auch seine meisten Leute uͤber dem Flusse Phrat gelassen hatte/ die uͤbrigen aber mit Fleiß durch den Wein eingeschlaͤfft waren/ auch sich diesem fuͤrsichtigen Koͤnige Gifft beyzubringen nicht schicken wolte/ stieß der unmenschliche Artaba- zes unversehens einen gifftigen Dolch in des Artaxias Hertze/ und besudelte sich und seine Braut mit dem bruͤderlichen Blute/ und eines solchen Fuͤrstens/ dessen Gedaͤchtniß die Tu- gend unsterblich erhalten wird/ wo sie anders nicht besor get/ daß mit ihm auch des keines Na- mens und Andenckenswuͤrdigẽ Artabazes doͤrf- te gedacht werden. Die Koͤnigin Erato konte sich nicht enthalten/ daß die Wehmuth die Thraͤ- nen Strom-weise aus ihren Augen preste; Thusnelde aber umb sie von so schmertzhaffter Erinnerung auf was anders zu bringen/ warf ein: Sie hielte zwey Dinge fuͤr ungerechte Schickungen des Gluͤckes; eines waͤre: daß/ nachdem der Nachruhm der schoͤnste Preiß der Tugend sey/ der tapffersten Helden Gedaͤcht- niß offt gar ver gessen/ oder doch gar ungeschickt aufgemerckt wuͤrde. Der unvergleichliche Sci- pio sey nur von der groben Feder des Ennius geruͤhmet/ die alten deutschen Heldenthaten aber von niemanden aufgeschrieben worden. Das andere bestehe darinnen: daß/ nachdem die Vergessenheit/ welche alles in den Staub des unsichtbaren Nichts ver graͤbet/ die groͤste Rache wider die Laster ist/ dennoch der Name und das Thun vieler boßhafften Menschen/ welche der Geburt nie werth gewest/ unvergessen bleibt/ und also die Boßheit nichts minder als die Tu- gend die Gewalt iemanden zu verewigen haben soll. Die Ephesier meinten durch ihr Verbot den Namen des ihren Dianischen Tempel an- zuͤndenden Mordbrenners/ weil er dardurch ihm die Unsterbligkeit zu erwerben fuͤrgehabt/ der Nachwelt aus Ohren und Augen zu reissen; Gleichwol hat der beredte Theopompus mehr ihm als den Nachkommen zu Liebe aufgezeich- net/ daß es Herostratus gewesen sey. Pausa- nias erstach den grossen Koͤnig Philipp/ und sein Mord ist nach dem Einrathen Hermoera- tens nicht weniger/ als des Ermordeten Siege/ bekandt. Ja seine Gemahlin Olympias dorf- te diesem ans Creutz geschlagenen Meuchelmoͤr- der noch wol einen Lorber-Krantz aufsetzen/ und Lebenslang bey seinem ehrlichen Grabe ein praͤchtiges Jahr-Gedaͤchtnuͤß halten lassen. Es ist nicht ohne/ antwortete die sich wieder er- holende Erato/ daß viel tugendhaffte Gemuͤ- ther einer gelehrtern oder aufachtsamern Welt wuͤrdig gewest sind/ als in welcher sie gelehet/ da entweder der Mangel der Geschichtschrei- ber/ oder der Undanck der Lebenden/ welchen meist nur die verfaulten Knochen der verstorbe- nen wolruͤchen/ ihrer vergessen. Gleichwol aber traͤget das Verhaͤngniß fuͤr die Tugend so grosse Sorge/ daß der Nachruhm derselben/ de- rer Fleisch in unbekanten Graͤbern stincket oder vermodert ist/ sich noch als eine kraͤfftige Salbe in die gantze Welt zertheilet/ und daß die/ von welchen bey ihren Lebzeiten kaum ihr Nachbar was gewuͤst/ tausend Jahr hernach in der gan- tzen Welt beruͤhmt sind. Worbey ich mich der Erster Theil. G g Rei- Drittes Buch Reimen erinnere/ die in dem Delfischen Tem- pel unter dem Bilde des seine Kinder fressen- den/ und dardurch die Zeit fuͤrbildenden Sa- turnus ein geetzt sind; Worauf Faunus/ der da- selbst fuͤr Zeiten im Nahmen des Saturnus der Helden Gluͤcksfaͤlle geweissagt haben soll/ mit dem Finger zeigte: Den Menschen ist zwar iede Morgenroͤthe Ein Sterbelicht; die Sonn’ ein Todt-Comete; Denn ie der Augenblick eilt mit ihm in das Grab/ Als wie die Stroͤm’ ins Meer’ und Pfeile zu dem Zwecke. Allein/ wie nichts verdirbt/ das nicht was neues hecke; So seil’n sich zwar die Stunden ab; Doch wird ein Tag daraus. Der Monat wird zum Jahre/ Wenn er zwoͤlf mahl sich leget auf die Bahre. Und so ist der Verlust ein Wachsthum selbst der Zeit. Wenn auch nun gleich sich Tugend aͤschert ein/ So scheint doch ihre Grufft ein Fenix-Nest zu seyn. Denn’s Lebens-Todt gebier’t des Nachruhms Ewigkeit. Hingegen kan man freylich wol durch keine gegenwaͤrtige Kaͤyser-Gewalt weder des boͤsen noch guten Gedaͤchtniß vertilgen. Wiewohl sich nun die nach solchem Andencken strebende Boßheit mit ihrer eigenen Schande/ wie der Geyer an stinckenden Aessern saͤttigt; so ist doch diß eine mehr als gifftige Nahrung/ welche macht/ daß man fuͤr beyden Grauen und Ab- scheu hat. Daher haben die Lasterhafften sich so sehr fuͤr der Feder eines Geschichtschreibers/ als die haͤßlichen fuͤr dem Pinsel des Mahlers zu fuͤr chten. Salonine setzte bey: Aber noch vielmehr fuͤr dem unaufhoͤrlich nagenden Wur- me des Gewissens und der goͤttlichen Rache. Jenes fuͤhret wider den Schuldigen taͤglich tausend Zeugen/ es stellet ihm fuͤr einen Richter/ der ihn alle Augenblicke zu Schwerd/ Pfal und Schweffel verdammet; es uͤber giebt ihn einem Hencker/ der ihn stuͤndlich mit Ruthen streicht. Weder Leibwache/ noch Festungen koͤnnen ihn hierwider schuͤtzen. Denn weil wir von Na- tur fuͤr Lastern eine Abscheu haben/ ist das Zit- tern der boßhafften Eigenschafft/ die Furcht bleibt auch in der groͤsten Sicherheit nicht aus- sen/ und sie glauben weder ihren selbst eigenen Schadloß-Buͤrgen/ noch denen/ die durch heuchlerische Lobspruͤche dem Laster eine schoͤne Farbe anstreichen. Der Schlaff kan sie nicht beruhigen/ das Schrecken schleichet mit dem Schatten ihrer Traͤume in ihre innerste Ge- maͤcher; so oft man von frembden Verbrechen redet/ so oft verurtheilt sie das ihrige. Diese Angst bleibt niemahls aussen/ wo gleich die Ra- che der Goͤtter verweilet. Jedoch folget diese doch endlich/ und wenn sie mit einem langsamen Bley-Fusse einen Ubelthaͤter einholet/ so tritt sie ihm desto schwerer auf den Hals. Beydes er- fuhr der Bruder-Moͤrder Artabazes/ welchen von der Zeit so grausamer That niemand mehr lachen gesehen. Er wolte selbte zwar verdruͤ- cken/ und daß Artaxias durch einen Zufall um- kommen waͤre/ die Armenier bereden; alleine die Ubelthaͤter haben meist ihr eignes Antlitz/ o- der wol gar die stummen Spinnen zum Verraͤ- ther/ in dem die Moͤrder in ihren Geweben wol mehrmals ihre Ubelthaten zu lesen vermei- nen/ und einen Fischkopf fuͤr das Haupt eines unschuldigen Todten ansehen. Ja Artabazens eigene Rathgeber behertzigten allererst nach vollbrachter That die Groͤsse des Lasters/ und nach dem der nur/ den sie hasten/ erblichen war/ verwandelte sich ihre vorige Mißgunst in Mit- leiden/ und welche vorhin zu solcher Entschluͤs- sung ein Auge zugedruͤckt/ zohen den Kopf aus der Schlinge/ und verriethen das abscheuliche Beginnen ihres Fuͤrsten. Wie nun Artaba- zes seinen Mord entdeckt sahe/ muste er seinem offenbaren Laster mit Kuͤhnheit zu huͤlffe kom- men. Dahero ruffte er den Tiberius zu Huͤlf- fe/ welcher alsofort mit sechs Roͤmischen Legio- nen in Armenien einbrach. Die Reichsstaͤn- de geriethen bey solcher Bestuͤrtz- und Entfal- lung ihres Hauptes/ wie auch in Mangel eines erwachsenen Nachfolgers in hoͤchste Verwir- rung; Einer wolte mit seinem Rathschlage dar/ der andere dort hinaus/ und also hinderten auch die/ welche es gleich mit dem Vaterlande und des Arminius und Thußnelda. des Artaxias Erben gut meinten/ einander. Die Meden fielen ab/ und setzten den Ariobar- zanes auf den Thron/ welcher durch Gesand- schafft und Geschencke den damals in Asien sich befindenden Tiberius auf seine Seite brachte/ und vom Kaͤyser die Bestaͤtigung seiner Herr- schafft erlangte. So verlautete auch/ daß Au- gustus personlich mit grosser Macht in Asien kommen wuͤrde. Artafernes mein Ehmann brachte es gleichwol in der Eile so weit/ daß E- rato unter dem Namen des andern Artaxias zu Artaxata gekroͤnet ward/ und Astyages mit ei- nem fliegenden Heere dem Artabazes entgegen zog. Er selbst nahm aufs schleunigste seinen Weg in Parthen/ um bey solchem Nothstande vom Koͤnige Tiridates Huͤlffe zu bitten. Aber/ O der ohnmaͤchtigen Kraͤffte/ welche sich auff frembde Achseln lehnen! Denn/ sehet/ gleich als Artabazes in Armenien gedrungen/ war der grimmige von den Parthen vertriebene Phraa- tes mit zwey mahl hundert tausend Scythen/ welche er nach hin und wieder vergebens gesuch- ter Huͤlffe durch grosse Vertroͤstungen gewon- nen hatte/ in Parthen eingefallen/ und hatte theils von denen/ welche die oͤftere Veraͤnde- rung der Fuͤrsten fuͤr den Wolstand des Reichs halten/ oder bey dessen Verwirrung sich hoͤher ans Bret zu bringen vermeinen/ einen grossen Zulauff erlanget. Tiridates raffte zwar in der Eil ein ziemliches Heer zusammen/ und/ weil die Geschwindigkeit in Buͤrgerlichen Kriegen das meiste thut/ wolte er seinem Feinde bey zei- ten begegnen. Artafernes kam mit etlichen hundert Armenischen Edelleuten gleich darzu/ als Phraates und Tiridates im hitzigsten Tref- fen waren/ und fand diesen mit Staub und Blut derogestalt bespruͤtzet/ daß er ihm kaum mehr kenntlich war. Gleichwol hielt er es nicht fuͤr rath sam/ bey so gefaͤhrlichem Zustande den Tiridates durch Eroͤffnung der schlechten Be- schaffenheit in Armenien kleinmuͤthig zu ma- chen/ sondern er vermengte vielmehr seine Waf- fen gleichfalls mit dem Feinde/ und wie klein gleich diese Huͤlffe war/ so machte es doch den Phraates stutzig/ als er Armenier wider sich fechten sahe. Alleine endlich uͤberwog die Men- ge der Scythen die Tapfferkeit des Tiridates/ und er muste sich mit seinem Volcke/ so gut er konte/ nach eines gantzen Tages ritterlichem Gefechte zuruͤck ziehen. Das Schrecken etli- cher Fluͤchtigen brachte den Ruff in das gantze Koͤnigreich/ Tiridates waͤre mit seinem gantzen Heere erschlagen/ und hiermit auch die Furcht unter die dem Tiridates sonst getreue Untertha- nen/ also/ daß eine unzehlbare Menge dem Phraates zufiel/ entweder/ weil dem Sieger ieder geneigt ist/ oder weil sie durch zeitliche Un- terwerfung seine bekandte Grausamkeit besaͤnf- tigen wolten/ welche er itzt/ nach Art der neuen Herrscheꝛ/ mit angenommener Leutseligkeit ver- huͤllte/ und als eine ertichtete Tugend so viel mehr gefuͤrchtet ward. Als nun Tiridates sein Laͤger alle Tage abnehmen/ Phraatens Macht aber wachsen sahe; Massen denn unter einem neuen Herrn der Gehorsam seine Dienste sehr eifrig abstattet/ entschloß er sich auf Artafernens Einrathen dem Phraates lieber das Reich zu raͤumen/ als noch so viel edlen Blutes ohne Hoffnung des Sieges auf die Fleischbanck zu opffern. Daher befahl er/ daß gegen Mitter- nacht sein uͤbriges Heer in Bereitschafft seyn sol- te/ und nachdem er dieses auf einen geheimen Anschlag angesehen zu seyn vermeinte/ trug er ihnen gantz unvermuthet fuͤr: Nachdem die Goͤt- ter ihm das Reich nicht laͤnger goͤnneten/ welches er durch einmuͤthige Stim̃e der Parthen uͤber- kommen/ wolte er dem Verhaͤngnisse aus dem Wege gehen/ und dieses mit gutem Willen ab- treten/ was ihm doch das Gluͤcke aus den Haͤn- den winden wuͤrde. Dahero erliesse er sie ih- rer Pflicht/ und des ihm gethanen Eydes. Je- der solte nach seinem Belieben sich bey dem Phraates aussoͤhnen/ oder sonst sein Heil versu- chen. Er waͤre nun auch auf dem Sprunge G g 2 dahin Drittes Buch dahin zu folgen/ wohin ihn sein Stern oder Un- stern leiten wuͤrde. Auf allem Fall wuͤrden sie und sein Gewissen ihm zeugen/ daß er sein Schwerd in kein unschuldiges Blut der Par- then getaucht habe. Die Fuͤrstin Jsmene fing hieruͤber laut an zu ruffen: Hilf Himmel! aus was fuͤr Bloͤdsinnigkeit hat der so beruͤhmte Ti- ridates/ ehe er voͤllig uͤberwunden worden/ seine so getreue Unterthanen diesem Wuͤterich auff die Schlachtbanck liefern/ sich selbst aber der Herrschafft enteusern koͤnnen? Einem Koͤnige thut es ja nicht so weh sterben/ als seiner Hoheit entsetzt werden. Denn jenes ist nur eine Em- pfindung eines Augenblicks/ dieses aber ein un- aufhoͤrlicheꝛ Todt/ und das uͤberbliebene Athem- holen ein stetes Seufzen. Salonine antwortete: Eben dieser Meinung waͤren die getreuen Par- then gewest. Denn dem Kriegsvolcke gien- gen uͤber dieser seltzamen Entschluͤssung die Au- gen uͤber/ die Obersten umarmten seine Knie/ reichten ihm die Haͤnde/ weisten ihre Narben und baten: Er moͤchte doch das so getreue Heer/ die so wol verdienten und der Wunden gewohn- te Parthen nicht verlassen/ und in des Wuͤte- richs Haͤnde ungerochen fallen lassen. Es sey besser widrigen Zufaͤllen begegnen/ als auswei- chen. Tapffere Leute muͤsten mehr Hoffnung schoͤpffen/ als das Ungluͤcke draͤuen koͤnte/ und die Furchtsamen eilten nur zu kleinmuͤthiger Verzweiffelung. Sie waͤren entschlossen mit einem so frommen Fuͤrsten zu leben und zu ster- ben. Alleine Tiridates hatte als ein kluger Fuͤrst schon seine uͤbrige/ und des Phraates Kraͤfften gegen einander auf die Wage gelegt/ und daraus die Unmoͤglichkeit seinem Feinde fruchtbar die Stirne zu bieten erkennet. Die Chimeren der Herrschens-Begierde streichen zwar leicht auch der Unmoͤgligkeit eine Farbe an/ und die Anbeter des blinden Gluͤckes ver- leiten die Fuͤrsten leicht zu tollkuͤhnen Entschluͤs- sungen; aber ein kluger Fuͤrst haͤlt es fuͤr keine Schande dem Blitze des Himmels auszuwei- chen/ und der Gelegenheit zu erwarten sich wie- der in Stand zu setzen und in Buͤgel zu heben/ insonderheit aber in einer verzweiffelten Sache das Buͤrger-Blut zu sparen. Phraatens Grausamkeit haͤtte die Zeit mit dem Schim- mel der Vergessenheit uͤberzogen/ und die luͤ- sterne Liebe der Neuigkeit das Volck mit Phraaten verbunden. Weil nun aber ein Wuͤterich so wenig als ein Tiegerthier nicht von seiner wilden Art lassen/ ja sein mit Blut erworbenes Reich ohne Mord nicht behaupten kan/ der veraͤnderliche Poͤfel aber/ als ein Ca- meleon unter den Menschen/ und ein Thier/ das den Wirbel des Unbestandes zu seinem An- gelsterne braucht/ so geschwinde hasset/ als lie- bet; meinte Tiridates/ es wuͤrde Phraates bald erkennet werden/ und also seine Herrschafft so wenig als die Zuneigung der Parthen keinen Bestand haben/ und eꝛ also mit mehꝛ Ruhm/ und wenigerm Blute den Koͤniglichen Stul wieder besteigen koͤnnen. Diesemnach er denn seinen Getreuen zur Antwort gab: Er nehme ihre großmuͤthige Erklaͤrung zu Danck auf/ und da noch einige Hoffnung dem Vaterlande zu helf- fen uͤbrig waͤre/ wuͤrde er mit Freuden sich fuͤr selbtes aufopffern. Alleine er haͤtte es nun schon mit dem Gluͤcke versucht/ und das Verhaͤng- niß kennen lernen. Moͤchte er auch gleich durch ihre Tugend Kron und Zepter behaupten koͤn- nen/ so wuͤrde diese Eitelkeit doch durch so viel edles Blut allzu theuer gekaufft seyn. Es sey besser sie dem Vaterlande zum besten erhalten/ als es ihm ruͤhmlich waͤre fuͤr seine Buͤrde ie- manden zu verderben. Sie haͤtten Ehre ge- nung davon/ daß ihre Treue alles mit ihm aus- zustehen waͤre willens gewest. Dahero solten sie nicht laͤnger ihrer Wolfarth und seiner Be- staͤndigkeit am Wegestehen. Traute aber ein und ander nicht beym Phraates Gnade zu fin- den/ so waͤre er nicht darwider/ daß derselbe ihm nachfolgte/ und an seinem Gluͤcke Theil haͤtte. Hiermit gab er und Artafernes dem Pferde die Spor- Arminius und Thußnelda. Sporne/ und ritt aus dem Laͤger fort/ welchem das Kriegsvolck gantz verstummet/ und als wenn es vom Wetter geruͤhret waͤre/ bestuͤrtzt nachsahe. Gleichwohl aber folgten ihm uͤber tausend Pferde von dem fuͤrnehmsten Adel/ wel- che zu Verstossung Phraatens am meisten ge- holffen hatten/ und daher lieber ihre Guͤter/ als Koͤpffe im Stiche lassen wolten. Mit anbre- chendem Tage traffen sie auf ein Geschwader Scythen/ welche sie alsofort umringten/ und von ihren Gefangenen vernahmen/ daß hinter ihnen zwey tausend Phraatische Voͤlcker mit vielen beladenen Camelen im Anzuge waͤren/ welche Phraatens juͤngsten Sohn Tiridates wegen zugestossener Unpaͤßligkeit in eine sich unferne von dar ergebene Festung bringen sol- ten. Koͤnig Tiridates wolte diese Gelegen- heit sich noch zu guter letzte zu raͤchen nicht aus den Haͤnden lassen; Gab daher seinem gewese- nen Feldherrn Artaban das dritte Theil seiner Gefehrten darmit den Scythen zu begegnen/ mit dem Befehl/ er solte alsofort Fuß fuͤr Fuß zuruͤcke weichen/ er selbst aber setzte sich mit ei- nem Drittel hinter einen Sandhuͤgel/ und Ar- tafernes war befehlicht dem Feinde durch einen Umschweif in den Ruͤcken zu kommen/ und/ wo moͤglich/ den jungen Tiridates nicht entwi- schen zu lassen. Der Anschlag lief nach Wuntsch ab; die Scythen gingen auf des Artabans ge- ringen Hauffen/ so bald sie dessen ansichtig wa- ren/ halb blind loß/ wurden auch des Koͤnigs Tiridates bey ihrer unvorsichtigen Verfolgung nicht ehe gewahr/ als biß Artaban festen Fuß setzte/ und Artafernes hinter dem Sandhuͤgel herfuͤr ihnen in die Seite fiel. Hiermit wur- den sie in einer viertel Stunde zertrennet/ und/ weil es ihnen meist um den bey den Kamelen sich befindenden Sohn des Phraates zu thun war/ kehrten sie den Parthen den Ruͤcken/ setz- ten den jungen Tiridates geschwind auff ein Pferd/ in Meinung mit ihm alleine durchzu- gehen/ und ihrem Feinde die uͤbrige Beute im Stiche/ und zu seiner Verweilung zu hinter- lassen. Aber Artafernes kam ihnen schnur- stracks entgegen/ und derogestalt rennten sie meist einander selbst zu Boden/ also/ daß die Parthen nicht so wol zu fechten/ als nur zu wuͤr- gen hatten. Den jungen Tiridates konte Ar- tafernes mit genauer Noth erretten/ daß er nicht von seiner eigenen Reuterey ertreten ward. Nach dieser letzten Rache und fetten Beute nahmen sie ihren Weg gerade nach Ar- menien zu; auf der Graͤntze aber wurden sie von dieser betruͤbten Zeitung erschrecket/ daß Astya- ges mit seinem Heere von den Roͤmern erlegt/ Artaxata durch Verraͤtherey erobert/ die ver- wittibte Koͤnigin Qlympia gefangen/ Artaba- zes gekroͤnet/ Mithridates hingegen ein Sohn des meineydigen Alexanders/ welchem der zu Rom enthauptete Koͤnig Antiochus hatte den Kopf abschlagen lassen/ in Comagena eingesetzt; Erato/ oder der so genante junge Koͤnig Arta- xias durch mich und etliche getreue Armenier gefluͤchtet/ und gantz Armenien unter Artaba- zens Botmaͤßigkeit gebracht worden waͤre. Diesemnach wuste Koͤnig Tiridates aus dem Stegereiffen/ und da ihm Armenien/ Parthen und Scythen verschlossen war/ keinen andern Schluß zu fassen/ als gegen Edessa und Antio- chien in Syrien abzulencken/ bey dem Kaͤyser/ welcher wegen der gegen die Roͤmer veruͤbten Grausamkeit und abgenommener Adler dem Phraates nicht gut seyn konte/ Zuflucht und Schutz zu suchen/ auch ihm den jungen Tirida- tes einzuantworten. Tiridates ward vom Kaͤyser freundlich bewillkommet/ und ob wohl Phraatesbeym Augustus um Ausfolgung sei- nes so genennten Knechtes des Tiridates und seines Sohnes/ Tiridates hingegen um Huͤlffe wider Phraaten anhielt; so schickte er zwar je- nem den Sohn/ das uͤbrige aber schlug er so wol Tiridaten als Phraaten ab/ iedoch ließ er den Koͤnig Tiridates in Syrien Koͤniglich unter- halten. Nachdem auch Augustus hierauf selbst in G g 3 Sy- Drittes Buch Syrlen kam/ und Phraates wegen Tiridatens Einfall sorgfaͤltig war/ schickte jener dem Kaͤyser nicht allein die dem Crassus und Antonius abge- nommenen Adler und noch lebenden Gefange- ne zuruͤcke/ sondern auch seine zwey aͤltesten Soͤhne Unnones und Phraates zur Geissel; o- der vielmehr/ weil er mit seinem gantzen Ge- schlechte bey den Parthen verhast war/ zu ihrer eigenen Versicherung. Welches Augustus fuͤr ein so grosses Werck hielt/ daß er sieghafft unter einer Ehrenpforte in Rom seinen Ein- ritt hielt/ dem raͤchenden Jupiter einen Tem- pel baute/ um die ohne Schwerdstreich wieder bekommenen Adler darinnen aufzuhaͤngen. Jch muß aber zuruͤck in Armenien kehren/ und auf den fuͤrgesetzten Zweck kommen. Als die Post nach Artaxata von des Astyages Niederla- ge und Artabazens Anzuge kam/ nahm die Koͤ- nigin Olympia mich/ und Ariarathen einen ih- rer vertrautesten Raͤthe allein in ihr Zimmer/ stellte uns ihre und ihres Sohnes des jungen Koͤnigs augenscheinliche Gefahr mit heissen und bittern Thraͤnen fuͤr/ beschwur uns auch bey unserer Eydes-Pflicht/ daß wir in dieser eu- sersten Noth sie nicht Trostloß lassen/ sondern/ weil der Wuͤterich Artabazes nach ermordetem Vater auch dessen Sohn nicht leben lassen wuͤr- de/ wir selbten/ unserm Gutbeduͤncken nach/ wohin wir wuͤsten und koͤnten/ retten moͤchten. Sie waͤre entschlossen das Haupt des Reiches Artaxata nicht zu verlassen/ sondern so lange sie athemte/ ihrem grimmigen Feinde die Spitze zu bieten. Ariarathes und ich musten die Ent- schluͤssung dieser wehmuͤthigen Mutter billi- gen/ erboten uns zu aller moͤglichsten Außrich- tung ihres Befehls/ und wurden nach ein- und anderer Berathschlagung schluͤßig uns mit dem jungen Artaxias in die von dem Koͤniglichen Sitze des Pontischen Reichs beruͤhmte Stadt Sinope zu fluͤchten. Jch mag oder kan nicht aussprechen/ mit was fuͤr empfindlichem Hertze- leide Olympia und Erato von einander Abschied nahmen. Die Zunge war nicht maͤchtig eini- ges Wort/ noch die Augen einige Thraͤnen aus- zulassen/ gleichsam als wenn beyde allzugeringe Andeutungen ihrer Liebe und Schmertzens waͤ- ren. Eine so empfindliche Zaͤrtligkeit hatte die Natur mit der Mutter-Liebe in Olympiens Hertze gepflantzet/ welcher sonst das Ungluͤck mit allen Zaͤhnen und Naͤgeln ihres Rades kei- nen Seufzer abzuzwingen vermocht haͤtte. Wiꝛ zohen also aus Artaxata/ und nahm Erato so viel Schwermuth mit sich/ als sie ihrer Mutter O- lympia zuruͤck ließ. Gleichwohl hielten die Schutz-Goͤtter die Hand uͤber uns/ daß wir in geheim aus Artaxata/ und durch allerhand Um- wege uͤber die rauhesten Gebuͤrge in Galatien/ und zu Sinope gluͤcklich ankamen. Viel er- baͤrmlicher aber ging es zu Artaxata mit Olym- pien her/ welcher Tugend das Gluͤcke gegen sie eyversuͤchtig/ die Boßheit aber unsinnig machte. Als Artabazes mit den Roͤmischen Legionen fuͤr Artaxata kam/ fingen die/ auf welche sich die Koͤ- nigin zeither am meisten gestuͤtzt hatte/ an zu wancken/ und denen sie am meisten zugetraut/ veraͤnderten mit dem Gluͤcke auch ihre Gesich- ter und Gemuͤthe. Ja Artabazes war fast ehe mit gezuͤckter Sebel durch Verraͤtherey im Schlosse ihr auf dem Halse/ ehe sie des ersten An- griffs auf die Stadt gewar ward. Dieser/ sage ich/ trat mit feurigen Augen/ mit blutbegieri- gen Haͤnden und giftigem Hertzen in ihr Zim- mer/ in festem Vorsatze die Koͤnigin eigenhaͤn- dig seiner Mord-Begierde aufzuopffern. Hoͤ- ret aber/ was die Tugend uͤber die Grausamkeit/ und die Schoͤnheit auch uͤber die Unmenschen fuͤr eine nachdruͤckliche Herrschafft fuͤhret! So bald Artabazes Olympien erblickte/ welche alle Annehmligkeiten des weiblichen/ und alle Tu- genden des maͤnnlichen Geschlechts besaß/ er- blaste sein Antlitz/ die Sebel sanck ihm auf die Erde/ und sein schaͤumender Mund wuste nicht/ was er sagen solte. Endlich befahl er alleine/ daß sie die Koͤnigin ehrlich verwahren/ und/ wo Arta- Arminius und Thußnelda. Artaxias sich aufhalte/ genau nachforschen sol- ten. Die scharffsinnige Olympia dachte also- fort nach/ an was fuͤr Klippen sich die Zornwel- len dieses blutduͤrstigen Wuͤterichs gestossen ha- ben muͤsten. Alleine sie konte selbte unschwer im Spiegel ihrer unvergleichlichen Schoͤnheit/ und durchdringenden Anmuth/ als ihrer vorhin schon gepruͤften zwey aͤrgsten Feinde/ finden; welche zwey Amazonen nicht nur auf die weiche Schwanen/ sondern auch auf die Tieger- und Baͤren-Jagt zu ziehen/ ja den Panthern die Klauen/ und den Loͤwen die Rachen zu hemmen maͤchtig sind. Die Bluts-Freundschafft kon- te diesen Unmenschen/ der mit seines eigenen Bruders Blute seine Taffel bespritzt hatte/ und nach seinem uͤberbliebenen Erben so scharffe Fragen verordnete/ nicht gezaͤhmet haben. Da- her konte sie ihr an den Fingern ausrechnen/ und/ als sie diesen Wuͤterich nur zum andern mal ins Gesichte kriegte/ ihm leicht an der Stir- ne ansehen/ daß er in sie verliebt worden/ als so viel mehr vernuͤnftiger nachsinnen/ wie sie dem andraͤuenden Sturme seiner Uppigkeit hertz- hafft begegnen solte. Wie nun die Liebe frey- lich das uͤbermuͤthige Gluͤcke zu demuͤthigen be- muͤhet/ und der Sieger ein Leibeigner seiner Gefangenen worden war; Also dachte Olym- pia auf keine Weise wieder uͤberwunden zu wer- den. Jn ihrem schoͤnen Leibe wohnte noch ein groͤsser Hertze; Jhre Keuschheit war mit einer so grossen Hertzhafftigkeit ausgeruͤstet/ daß ihr auch aller Welt Annehmligkeit keine neue Liebe eindruͤcken/ keine hoͤllische Marter sie den Pfad der Tugend zu verlassen/ bewegen konte/ und daheꝛ war ihr fester Schluß/ Artabazens vermu- thetes Liebkosen zu verlachen/ und seinen Draͤu- ungen Hohn zu bieten. Aber die unausleschli- che Liebe ihres Artaxias stellete ihr seinen Geist fuͤr Augen/ welcher sie mit aufgehobenen Haͤn- den und Darzeigung seiner Wunden um Rache gegen seinem moͤrdrischen Bruder anflehete. Wo aber solte die schwache Hindin/ die selbst von den Klauen dieses Wolffes zerrissen zu werden alle Augenblicke besorgen muste/ Rache und Kraͤfften finden? Endlich zeigte ihr die Liebe ei- nen Weg durch die Liebe. Denn als Artabazes das dritte mal zu Olympien in das Zimmer kam/ wischte er ihr selbst die Thraͤnen von den Wan- gen/ verkleinerte ihr die bißherigen Trauerfaͤlle mit dem gewoͤhnlichen Wechsel des Gluͤckes/ und ließ sich heraus: Es haͤtte wol ehe einer/ die in groͤssere Finsterniß gestuͤrtzt worden/ die Son- ne geschienen. Wie er nun an Olympien we- niger Ungebehrdung/ als ihn die Groͤsse ihres Elendes besorgen ließ/ vermerckte/ ward er den vierdten Tag gegen ihr so offenhertzig/ daß er/ ohne Verbluͤmung/ seine Liebe entdeckte/ und wie sie durch ihre Zuneigung die Staffel ihrer koͤniglichen Wuͤrde alsofort wiedeꝛ betreten koͤn- te/ mit hoͤchster Betheuerung seiner Aufrichtig- keit meisterlich und vermessen fuͤrzubilden wu- ste. Sintemal ihm das lachende Gluͤcke ohne diß eingebildet hatte/ daß in der eroberten Stadt Artaxata nichts unuͤberwindliches/ und so gar alle Seelen gegen ihm entwaffnet waͤren. O- lympie muste bey diesem Angriffe alle Kraͤfften ihrer Seele zusammen ziehen/ um die in ihrem Hertzen hellodernde Rache und den Zunder der Tugend verbergen. Denn die annehmlichen Anfechtungen muͤssen mit keiner rasenden Un- gedult uͤberwunden/ noch/ wenn man sich des Gefaͤngnisses erledigen will/ der Kercker-Mei- ster ermordet/ am wenigsten/ um sich des Hals- Eisens loß zu machen/ der eigene Kopf abge- schnitten werden. Dahero ließ sie sich gegen ihm heraus: Sie bescheidete sich wol/ daß wenn sie auch Baͤume ausrisse/ sie ihren Gemahl nicht lebendig machen koͤnte; daß unter Fuͤrstlichen Bruͤdern wol mehrmal Zwist und Feindschafft erwachsen/ und daß es ertraͤglicher waͤre den Sterbekittel an/ als den Koͤniglichen Purpur auszuziehen/ aber ihre Niedrigkeit verbiete ihr wol ihr ein solches Gluͤcke traͤumen zulassen/ daß der so maͤchtige in der Schoß der Roͤmer und des Gluͤckes sitzende Artabazes/ welchem der Kaͤyser seine eigene Tochter nicht versagen wuͤr- Drittes Buch wuͤrde/ auf eine durch Zeit und Kummer verun- gestaltete Gefangene ein Auge werffen/ und von der/ welche kaum noch laͤchsete/ Vergnuͤgung hoffen solte. Der von toller Brunst mehr als blinde Artabazes konte diese ihm nie eingebildete Gluͤckseligkeit kaum begreiffen/ und kroͤnete sei- ne Begierden schon mit einem Braut-seine Ein- bildung mit einem Siegs-Krantze; meinte auch durch oftere Eydschwuͤre uͤber seiner Liebe/ und durch Lobspruͤche ihrer Vollkommenheit den Stein aller Hinderniß aus dem Wege zu raͤu- men. Endlich schloß er: Weil die Sonne und edelsten Gestirne nicht nuꝛ am faͤhigsten/ syndeꝛn auch gleichsam zu einer Verschwendung ge- neigt waͤren ihre vermoͤgende Wolthaten uͤber die Welt auszuschuͤtten/ koͤnte er von einer so schoͤnen Olympie sich nichts anders/ als einer vollkommenen Beseligung versehen. Olympia stellte sich/ als wenn sie seinen Betheuerungen voͤlligen Glauben gaͤbe/ begleitete auch selbten mit ein und andeꝛm annehmlichen Blicke. Wor- mit aber einige Ubereilung ihr Thun nicht ver- daͤchtig machte/ bat sie zu ihrer Erklaͤrung drey Tage Frist/ um durch solchen Aufschub diesen geilen Wolluͤster so viel blind und bruͤnstiger zu machen. Denn wie der schwere und unzeitliche Genuͤß auch die hefftigste Liebe laulicht macht; also wird selbte durch nichts mehr/ als durch Verzug und halb kaltsinnige Bezeugung des Geliebten angezuͤndet. Artabazes muste nach vergebens gesuchter Abkuͤrtzung dieser Bedenck- Zeit in solche Gedult willigen/ ob ihm schon sei- ne unbaͤndige Begierde iedern Augenblick zu einem Tage machte. Nach Verfliessung dieser Zeit/ und zum Scheine hieruͤber gehaltener Be- rathung unterschiedener Armenischer Fuͤrsten/ welche bey Verlust ihrer Koͤpfe Artabazens An- sinnen nicht unloͤblich und unheilsam schelten dorfften/ druͤckte Olympiens Vernunfft alle Duͤnste der Traurigkeit unter sich/ und ihr Ant- litz veꝛmum̃te sich in einen gantz fꝛeudigen Geist/ gab auch Artabazen diese erwuͤnschte Antwort: Sie muͤste es fuͤr eine Schickung der Goͤtter er- kennen/ daß sie/ welche sonst geartet waͤre einen geringen Kummer zu Bergen zu machen/ nicht allein ihre grosse Unfaͤlle so leicht aus dem Sin- ne schlagen koͤnte/ sondern auch dessen Hertze/ dem das Verhaͤngniß und Kriegs-Recht die Gewalt des Todes uͤber ihr Leben verliehen/ mit so heisser Liebe gegen sie geruͤhret wuͤrde. Dahero wolte sie weder der Goͤtter Schickung noch dem Willen Artabazens widerstreben/ nach dem sie zumal durch bestaͤndige Vermaͤh- lung ihre koͤnigliche Wuͤrde mit besserm Recht und groͤsserm Ruhm behielte/ als es die Koͤnigin Kleofis von dem grossen Alexander mit ihrer Lie- be erworben. Jedoch getroͤstete sie sich/ daß/ da Fuͤrst Artaxias ihr Sohn zu Stande gebracht wuͤrde/ Artabazes die Heyrath nicht mit seinem Blute versiegeln/ und dadurch ihre aufrichtige Liebe ausleschen/ sondern nebst dem Leben einen zu seinem Fuͤrstlichen Unterhalt auskom̃entli- chen Landstrich zu verwalten vergoͤnnen wuͤrde. Artabazes kam fuͤr Freuden gantz auser ihm selbst. Denn da die hefftige Liebe gleichsam die Faͤcheꝛ des Gehixnes mit einem schwartzen Rau- che anzufuͤllen/ die warhafften Bilder der Din- ge in den Sinnen zu verstellen/ und die Ver- nunfft in eine gaͤntzliche Thorheit zu versetzen maͤchtig ist; so darf Leichtglaubigkeit und uͤber- maͤßige Freude fuͤr keine Chimere der Liebe ge- halten werden. Wiewol seine Boßheit hierdurch nicht entwaffnet ward/ noch seine Grausamkeit listigen Anschlaͤgen nachzusinnen vergaß. Deñ/ wormit er Olympien so viel mehr ihren Sohn herbey zu bringen bewegte/ er aber durch seine Hinrichtung ihm diesen beschwerlichẽ Dorn aus dem Fusse ziehen moͤchte/ verschwor er sich den Artaxias als sein Kind zu halten/ ihme die Stadt Careathiocerta mit der Sophenischen Land- schaft einzuraͤumen/ ja/ so viel an ihm laͤge/ zu der Medischen Krone seines Vaters zu verhelffen. Welch verguͤldeter Vogel-Leim unschwer alle/ auser eine so nachdenckliche Olympia/ zu fangen faͤhig zu seyn scheinet. Hiermit machte Artabazes alsofort Anstalt zu einem praͤchtigen Beylager/ ver- Arminius und thußnelda. verschrieb so wol hierzu/ als zu Ablegung der Huldigung die Armenischen Reichs-Staͤnde/ welche Olympiens Untreu heimlich biß in die Hoͤlle verfluchten. Die Nacht fuͤr dem Ta- ge/ da die Vermaͤhlung geschehen solte/ entstand ein erschreckliches Erdbeben/ welches etliche Ge- baͤue in Artaxata uͤber einen Hauffen warff/ und/ welches nachdencklich/ den steinernen Opfer- Tisch/ fuͤr welchem die Vermaͤhlung geschehen solte/ mitten entzwey spaltete. Woruͤber die Gottsfuͤrchtige Olympia ihr anfing ein Ge- wissen zu machen/ daß sie/ wiewohl aus einem guten Absehen/ zu Aergernuͤß der Welt ihren Ehherrn so liederlich ausser Augen zu setzen sich angeberdete. Zu geschweigen/ daß ihr einkam: Die Goͤtter wolten sie hierdurch fuͤr einem un- gluͤcklichen Ausschlage ihres Fuͤrnehmens war- nigen. Uberdiß war ihr sehr bedencklich/ daß Artabazes die Vermaͤhlung nicht in demselben Theile des Tempels/ wo die keusche Anaitis/ nehmlich Diana verehret/ und worein fuͤr Zei- ten Aspasia zu ewiger Keuschheit verbannet ward/ sondern in dem Heiligthume der geilen Anaitis oder Venus vollziehen wolte. Alleine ihre Vernunft erholete sich alsobald/ und ihre Großmuͤthigkeit deutete dißz Wunder-Zeichen fuͤr sich aus; Artabazes hingegen/ weil die Brunst nicht allein das Gemuͤthe zerruͤttet/ son- dern auch einen der aͤuserlichen Sinnen berau- bet/ ließ es anfangs ausser aller Acht/ nach dem aber die gantze Stadt solches so gar groß machte/ und auf allerhand Art den erzuͤrnten Himmel zu beguͤtigen suchte; sintemal der Poͤfel ohne diß alles/ was ihre Unwissenheit nicht begreifft/ zu Wundern macht/ und furchtsame Gemuͤther zum Aberglauben geneigt sind; wolte Artaba- zes alleine nicht fuͤr einen Veraͤchter der Goͤtter angesehen seyn/ befahl also aus einer teuffelischen Andacht die 300. in der Schlacht noch gefange- ne Armenier hinzurichten/ und durch Aufopfe- rung dieses edlen Blutes den Grim̃ des Him- mels von seinem Kopfe abzulehnen. Olympia haͤtte uͤber dieser wilden Aussoͤhnung Blut wei- nen/ und fuͤr Leid sich in Asche verscharren moͤ- gen; aber sie muste nun mit lachendem Munde/ mit spielenden Augen/ mit freudigem Geiste in Purper voll schuͤtternden Diamanten und bren- nender Rubinen in dem Tempel der hochheili- gen Anaitis erscheinen/ dahin sie auf einem ver- guͤldeten Siegs-Wagen von vier schneeweissen Pferden gefuͤhrt ward. Sie fand den Artaba- zes schon in der Mitte als einen Gott auf einem praͤchtigen von Edelgesteinen bedecktem Thro- ne sitzen/ neben welchem ihr nicht ein geringerer Sitz bereitet stand. Diese kluge Koͤnigin gab einen so ungemeinen Glantz von sich/ daß es schien: Es haͤtte Kunst und Natur miteinander sie so herrlich auszuschmuͤcken eine Geluͤbde ge- than. Die Comagener selbst/ welche zeither im Hertzen des mit der Olympie Schwester An- tigone vermaͤhlten Artabazens Liebe geunbilligt hatten/ fuͤhlten sich uͤberwiesen/ daß ihr Fuͤrst in einem schoͤnen Gefaͤngnuͤsse verstrickt/ und seine Liebes-Kette aller irrdischer Kronen wuͤrdig waͤ- re. Jnsonderheit gruͤßte sie Artabazen mit ei- ner so durchdringenden Anmuth/ daß nicht ei- ner aus so viel tausend Zuschauern nur muth- massete/ daß unter ihren Sonnen-Straalen so ein schrecklicher Blitz versteckt/ diese Freund- ligkeit nur angenommen/ und so freye Geber- dung gezwungen waͤre. Der Priester hatte das Feuer auf dem Altar nur angezuͤndet/ und die zwey weissen zum Opfer bestim̃ten Kuͤhe wa- ren schon an beyde Hoͤrner des Altares angebun- den/ als siebenmal sieben der auserlesensten in Himmel - blaueu Damaß gekleideten Jung- frauen mit gluͤenden Rauch-Faͤssern/ darein sie Weyrauch und andere wolruͤchende Sachen streuten/ fuͤr Artabazen/ und siebenmal sieben der edlesten in Purper und Gold gekleideten Knaben/ welche in der rechten Hand brennende Wachs-Fackeln/ an der Seite Koͤcher und Bo- gen trugen/ fuͤr Olympien mit tieffster Ehrerbie- tung zu knien kamen/ und hierauf sie fuͤr den Erster Theil. H h Opfer- Drittes Buch Opfer-Tisch begleiteten. Nach vielen andaͤch- tigen Geberdungen und Besprengungen mit Balsam und wolruͤchenden Waͤssern/ reichte der Priester/ oder vielmehr der unheilige Laster- Knecht dem Artabazes ein in der Spitze gluͤen- des Eisen/ mit welchem er/ nach selbigen Heilig- thums Gewohnheit/ der auf der lincken Seiten des Opfer-Tisches angebundenen/ und zum Opfer bestim̃ten Kuh durch die Brust fahren muste. Als Artabazes dieses mit grosser Schein- heiligkeit verrichtet hatte/ gab der Priester einen eben so gluͤenden Pfriemer Olympien/ umb es mit dem andern Opfer-Vieh eben so zu machen. Hoͤret aber eine seltzame Umbkehrung! Die Liebe ladet den Tod ein zu einem allgemeinen Freuden- und Koͤniglichen Hochzeit-Feste. Die Tugend wird zu einer Ruhms-wuͤrdigen Betruͤgerin und Erbarmnuͤß-werthen Moͤrde- rin/ die Verlobten zum blutigen Opfer ihres sich fuͤr der Bestaͤtigung zertrennenden Bindnuͤsses. Denn es hob Olympie die Augen gegen dem Bilde der Anaitis empor/ sie holete einen tieffen Seufzer/ und ehe es einige Seele der so viel tau- send Umbstehenden gewahr ward/ stieß sie das feurige Eisen dem neben ihr knienden Artabazes durch die Brust/ daß er ohn einiges Lebens-Zei- chen stein-todt zur Erden sanck/ und derogestalt von derselben Hand das Leben einbuͤßte/ die mit ihren Augen ihn vorher schon seines Hertzens und der Vernunft beraubet hatte. Jhr Ant- litz verlor in einem Augenblicke die Rosen voriger Annehmligkeit/ die Freundligkeit schien numehr mit den Augen alle Zuschauer zu erstechen; die Blumen/ mit welchen sie bekraͤntzt war/ ver blaß- ten mit ihren Wangen/ und der gantze Tempel schien mehr anietzt von einem Donner-Straal/ als vorhergehende Nacht vom Erdbeben beruͤh- ret zu seyn. Jhre Hand reckte das gluͤende/ und von Artabazens anklebendem Blut noch zi- schende Eisen als ein Siegs-Zeichen empor/ gleich als weñ die Goͤttin der Liebe sich mit der Fa- ckel der Megera/ und die selbstaͤndige Schoͤnheit mit den Waffen des Todes in ihr ausgeruͤstet haͤtte. Denn ihr vor lachender Mund schaͤumte Zorn und Galle/ brach auch endlich in diese Worte aus: Umbirrender Schatten meines Artaxias/ und ihr Schutz-Goͤtter des durch so viel Blut befleckten Armeniens/ nehmet von meiner schwachen Hand dieses wolruͤchende Opfer des schlimsten Bluthunds zu euer Rache/ zu des Vaterlands Aussoͤhnung und meiner Reinigung an! Jhr Sterblichen aber glaubet/ daß ich niemals dieses Wuͤterichs Sclavin/ wohl aber seine unversoͤhnliche Tod-Feindin gewest sey/ und daß ich/ ob meine Rache gleich das Gluͤ- cke gehabt seine Scharffrichterin zu seyn/ den- noch nimmermehr aufhoͤren werde seinem Gei- ste eine hoͤllische Unholdin abzugeben. Hierauf veraͤnderte sie wieder ihre gantze Gestalt/ gerieth gleichsam durch eine Goͤttliche Verzuͤckung in ein Paradis aller Wolluͤste/ und nach dem sie das Bild der Goͤttin Anaitis eine Weile mit starrenden Augen angesehen/ auch etliche andaͤch- tige Seufzer aus der Tieffe ihres Hertzens geho- let hatte/ fing sie an: Heiligste Goͤttin/ was wer- de ich dir nun wol fuͤr ein Danck-Opfer bringen: daß du mein der Rache und Liebe bestim̃tes Opfer in diesem dir alleine gewiedmetem Tempel/ an dem Fusse deines Altares hast so gluͤckselig ab- schlachten/ und mit so schwartzem Blute dieses Bluthundes dein heiliges Bild besprengen las- sen? Sihe da/ nim die weder durch Mord noch Geilheit befleckte Seele der sterbenden Olympie an/ und vereinbare sie mit dem Geiste ihres Ar- taxias/ welche zeitheꝛ so sehnlich nach einander ge- laͤchset haben. Hierauf umbarmte sie mit der lincken Hand das guͤldene Bild der Anaitis/ mit der rechten aber ergrieff sie einen im Ermel ver- steckten Dolch/ und stach ihn in ihr Hertz/ also daß wie ein Strom das Blut auf die Goͤttin heraus spritzte/ sie aber mit laͤchelndem Antlitze/ und mit nicht minderer Vergnuͤgung als ein Feldherr/ der nach gewonnener Schlacht in waͤhrendem Siegs-Gepraͤnge von seinen Wunden stirbt/ als Arminius und Thußnelda. als ein Marmel-Bild stehende den Geist aus- bließ. So hertzhafft besiegte diese Heldin die Liebe/ die Wollust/ den Ehrgeitz/ und die Furcht des Todes/ welches doch die abscheulichsten Fein- de beyder Geschlechter sind/ zu einem unver geß- lichen Merckmale/ daß die Maͤssigung des Ge- muͤthes auf den Nothfall so geschickt zu den Waf- fen/ als sonst friedfertig sey. Allen Zuschauern band das Schrecken die Glieder/ das Gebluͤte geran in ihren Adern/ also daß sie unbeweglicher/ als das todte Bild der Anaitis standen; bald Olympien als ein Muster der ehlichen Treue/ bald Artabazen als ein Beyspiel Goͤttlicher Ra- che ansahen; alle Sterblichen aber hernach die- sen Ort/ der von dem Blitze Goͤttlichen Zornes geruͤhret worden/ fuͤr zweyfach heilig verehrten. Dem Priester fiel das Messer/ den Knaben die Fackeln aus den Haͤnden/ und leschten sich in de- nen zum Opfer bereiteten Kesseln aus/ welche nun nicht mehr alleine mit Milch und Weine/ sondern dem heiligen Blute der keuschen Olympie gefuͤllt waren. Als sie aber endlich wieder zu sich selbst kommen/ eilte iedweder mit Furcht fuͤr groͤsserm Ubel aus dem Tempel/ einige dem Artabazes wol wollende waren zw ar uͤber Olympien erbittert/ sie aber hatte durch ih- ren großmuͤthigen Tod sich dahin geschwungen/ wo ihr weder Rache noch Mordlust einiges Leid mehr anthun konte. Die meisten aber verfluch- ten Artabazens Unthaten/ danckten den gerech- ten Rach-Goͤttern fuͤr so scheinbare Bestrafung/ und hoben die Helden-Thaten Olympiens uͤber alle Tapferkeiten der Vor-Welt. Daher/ wie Artabazes schlecht/ und in der Stille beerdiget ward/ also baute man Olympien ein praͤchtiges Grabmahl aus Marmelstein/ setzte ihr Bildnuͤß aus gediegenem Golde in den Tempel neben die Goͤttin Anaitis/ in dessen Fuß der Priester nach- folgenden Lob-Spruch setzen ließ: Heb’/ Rom Lucretien biß an das Stern-Geruͤste! Weil sie in Adern-Brunn den kalten Stahl gesteckt/ Nach dem sie vom Tarquin durch Ehbruch ward befleckt. Hier dringt ein reiner Dolch durch unbefleckte Bruͤste. Lucretie ließ zu/ vorher die schnoͤden Luͤste; Olympie hat nichts von geiler Brunst geschmeckt Die ihren Helden-Arm zu strenger Rach’ außstreckt Eh’ als zum erstenmahl sie Artabazes kuͤßte. Lueretie verschenckt dem Schaͤnder nur den Thron/ Hier buͤßt der Fuͤrsatz ein Lust/ Ehre/ Leben/ Kron. Die Nachwelt wird gestchn/ die beoder Bild wird sehen: Gold/ Ertzt und Marmel sey Olympien zu schlecht/ Lucrezen Holtz zu gut/ Lucrezen sey nur recht/ Olympien zu viel durch ihren Stich geschehen. Die allgemeine Ruh noͤthigte doch endlich die Armenischen Reichs - Staͤnde auf ein neues Haupt zu sinnen; und obwol etliche getreue Lieb- haber des Vaterlandes ihr Absehen auf den rechtmaͤssigen Stul-Erben/ nemlich den gefluͤch- teten jungen Artaxias hat t ẽ/ so waren ihnen doch die Haͤnde von den Roͤmischen Legionen gebun- den/ gleichwohl riethen sie solchen selbst dem Kai- ser zu ihrem Koͤnige fuͤrzuschlagen. Es stand aber Vologeses/ einer von den Fuͤrsten Armeni- ens auf/ eroͤffnete der gantzen Versam̃lung/ daß er/ und etliche andere Staͤnde/ welchen Artaba- zens Bruder-Mord ein Greuel gewest waͤre/ dem Kaiser seine abscheuliche Laster geklagt/ und weil sie unter einem solchen Unmenschen nicht zu leben getrauten/ umb einen andern Koͤnig/ und zwar den Augustus so viel eher zu gewin- nen/ umb den andern Bruder des Artaxias/ nemlich den Tigranes gebeten haͤtten. Hier- auf laß er ein eigenhaͤndiges Schreiben des Kai- sers ab/ des Jnhalts: Er habe des Armenischen Volcks Bedraͤnguͤsse behertzigt/ und an Artaba- zens Lastern ein Mißfallen/ daher sey Tiberius Nero mit noch vier Legionen im Anzuge/ und be- fehlicht den Artabazes des Reichs wieder zu entse- tzen/ und den verlangtẽ Tigranes auf den Thron zu erheben. Dieser Brief verbot ihnen mehr an Artaxias zu gedencken/ sondern noͤthigte sie viel- mehr/ wie sie den Tiberius bewillkommen moͤch- ten/ fuͤrzusinnen. Zumal noch selbigen Tag die Post kam: daß Tiberius und Tigranes schon aus Macedonien uͤber den Fluß Strymon in Thracien gesetzt/ und daselbst bey der Stadt Philippis ein seltzames Ebentheuer uͤberstanden H h 2 haͤtten/ Drittes Buch haͤtten/ in dem sie auf der Wahlstatt/ wo der Kai- ser und Antonius mit dem Brutus und Cassius geschlagen/ ein erbaͤrmliches Heulen und Feld- Geschrey gehoͤret/ auch aus dem Altare/ welches Antonius in seinem Laͤger aufgerichtet/ eine helle Flamme haͤtten gesehen empor klimmen. Nach weniger Zeit kamen sie beyde mit grosser/ wiewohl nach Artabazens Tode/ und da nir- gends kein Feind war/ mit vergeblicher Macht an/ und setzte Tiberius dem Tigranes selbst die Krone auf; ja/ wormit er sein Haus so vielmehr bey dem Reiche befestigte/ nahm er seinen Sohn Artavasdes zum Reichs-Geferten an/ und weil seine Tochter Laodice von grossem Verstande/ aber Herrschenssuͤchtigem Geiste war/ vermaͤhl- te er diese beyde Kinder/ welche er mit Mallien einer Baase der schoͤnen Terentia gezeugt hatte. Diese Mallia war im Verdacht/ daß Augustus mit ihr zugehalten/ Tigranes aber sie aus blossen Staats - Ursachen geheyrathet hatte. Es war aber nach des Tiberius Ruͤck- kehr/ welcher von seinem Zuge groß Wesen machte/ auch deswegen zu Rom absondere Opfer hielt/ Tigranes wenige Zeit in Armeni- en: da die Armenier/ welche mehr gewohnt waren Koͤnige von Rom zu bitten/ als zu be- halten/ ihm und seinem gantzen Hause/ als Frembdlingen abgeneigt/ und endlich als Wol- luͤstigen/ feind zu werden anfingen. Es miß- fiel ihnen am Koͤnige/ daß er ieden alsbald fuͤr sich ließ/ und sich mit den niedrigern zu gemein machte/ daß er selten ritt und jagte/ selten Gastmahle hielt/ und sich meist auf der Saͤnfte tragen ließ; die geringsten Dinge ohne Ver- siegelung niemanden traute; sonst aber in der Herrschafft allzu wenigen Ernst spuͤren ließ. Welches alles zwar zu Rom/ aber den Ar- meniern unbekandte Tugenden waren/ und deswegen frembde Laster hiessen. Denn Voͤl- ckern/ welche der Dienstbarkeit gewohnt/ ist die edelste Freyheit verdruͤßlicher/ als Freyen die Dienstbarkeit. Jnsonderheit war ihnen Mallia/ der junge Artavasdes und Laodice ein Greuel in Augen/ und die Vermessenheit kam so weit/ daß sie von Mallien/ als des Augustus Kebsweibe Lieder machten/ ja einsmals des Nachts an die Pforte der Koͤniglichen Vurg schrieben: Nicht aͤrgert euch daß zwey Geschwister ehlich sind. Er ist nur’s Koͤnigs Sohn/ sie ist des Kaisers Kind. Denn obwohl Koͤnigliche Hoͤfe entweder nur die/ welche zu gehorsamen wissen/ einlassen/ oder sie darzu machen; insonderheit aber die Mor- gen-Laͤnder der Knechtschafft gewohnet/ an ih- ren Fuͤrsten alles zu billigen/ und es nachzu- thun beflissen sind/ und die Heucheley nichts minder/ als die Treue fuͤr eine den Koͤnigen schuldige Schatzung halten; so koͤnnen doch auch diese dienstbare Voͤlcker nicht die Aufhe- bung der vaͤterlichen Sitten/ ja auch ihre Ver- besserung nicht vertragen; am wenigsten aber den zum Herrn leiden/ der durch Entschlagung der Reichs-Sorgen sie gleichsam ihr Herr zu seyn nicht wuͤrdiget. Hierinnen aber verstieß Tigranes am aͤrgsten/ indem er zweyen uͤppi- gen Weibern/ nemlich der Mallia und Laodicen das Heft in Haͤnden ließ. Diesen zu Liebe fuͤhrte er den in Lydien anfangs aufgekommo- nen/ und bey den Persen/ Meden und Arme- niern eingerissenen/ hernach aber vom vorigen Tigranes abgeschafften Mißbrauch wieder ein/ da die edlesten ihre Toͤchter der Goͤttin Anaitis wiedmeten/ welche unter dem Scheine eines Gottes-Dienstes gemeine Unzucht trieben/ und so denn allererst als fuͤr andern heilige Frauen begierig geheyrathet wurden. Wie schlaͤfrig nun Tigranes im herrschen war; so viel eifriger be- zeugten sich Mallia und Laodice. Denn sie vergaben die hohen Aempter/ besichtigten die Graͤntzen und Festungen/ musterten das Kriegs- Volck/ machten Reichs-Satzungen/ versam̃le- ten die Staͤnde/ schrieben Steuern aus; Wenn Tigranes etwan auf einem Lust-Hause sich mit einem geilen Weibe belustigte. Unter diesen war Arminius und Thußnelda. war auch die schoͤne Datapherne Vologesens Ehweib/ welcher zum ersten dem Tigranes den Armenischen Reichsstab zugedacht hatte. Die- sem gab er zu Lohne/ daß er sein Ehweib anfangs zu heimlicher Buhlerey verleitete/ hernach aber/ weil die anfangs verstohlnen und furchtsamen Laster nach und nach immer kuͤhner werden/ verschickte er Vologesen in Gesandschafft zum Ariobarzanes in Meden; und in seiner Abwe- senheit nahm er Dataphernen gar nach Hofe. Vologeses erfuhr in Meden die Untreu seines Weibes/ gleichwohl aber wartete er seiner Ge- schaͤffte aus/ und kam mit vergnuͤgter Verrich- tung zu Artaxata an; verstellte auch alle Em- pfindligkeit wegen des ihm angefuͤgten Un- rechts. Nach abgelegten Bericht ließ er sich bey seiner Gemalin anmelden. Diese veꝛwegene Eh- brecherin aber lies Vologesen schimpfflich ant- worten: Der Koͤnig haͤtte den Schluͤssel zu ihrem Zimmer/ und das Siegel zu ihrem Leibe. Hier- uͤber brach Vologesen die Gedult aus/ so daß er Dataphernen verfluchte/ und den Tigranes er- suchen ließ: Er moͤchte ihm seine Gemahlin fol- gen lassen; kriegte aber vom Koͤnige zur Ant- wort: Er solte sich noch bey Sonnenscheine auff seine Landguͤter begeben/ oder man wuͤrde ihn ins Tollhaus einsperren. Gleich als weñ es um die Ehre seines Eh-Weibes zu eyfern eine groͤs- sere Unsinnigkeit waͤre/ als sich mit einer frem- den Unehre besudeln. Vogoleses zohe aus Ar- taxata voll Gifft und Galle/ und nahm den gera- den Weg in Parthen zum Phraates. Weil er aber vielleicht behertzigte/ daß aus eines Ehbre- cherischen Weibes Laster einem Manne keine Schmach zuwachse/ oder dieser Fleck mit desselb- ten Verhuͤllung verwischt werde; und damit es nicht schiene/ als wenn er mit des Phraates Waffen und Gefahr nur seine Beleidigung raͤchen wolte/ trug er ihm alleine umstaͤndlich fuͤr: wie schwuͤrig Armenien wider den mit Roͤ- mischen Kuͤnsten und Lastern angefuͤllten Ti- granes; wie schimpfflich es allen Morgenlaͤn- dern waͤre/ daß des Kaͤysers Leibeigene/ welche so viel Jahr in der Dienstbarkeit gelebt/ bey ih- nen zu Koͤnigen eingesetzt wuͤrden; und noch in solcher Wuͤrde schlechten Roͤmischen Landvoͤg- ten zu Gebote stehen/ ja fuͤr ihnen die Knie beu- gen muͤsten; Wie das von den Roͤmern nun an- gefesselte Armenien der Schluͤssel in das sonst durch die Sandflaͤchen genugsam sichere Par- then waͤre/ welchem der Kaͤyser eben so wohl ein Seil an die Hoͤrner zu legẽ anzielte. Daheꝛ waͤꝛe es nun/ da Tigranes ein Weib/ Artovasdes ein Weichling/ oder gar/ wie etliche muthmasten/ ein Verschnittener waͤre/ da der gantze Adel zum Aufstande fertig stuͤnde/ die Roͤmischen Legionen anderwerts zu thun haͤtten/ hohe Zeit durch ei- nen schleunigen Krieg Armeniens Wohlfarth/ Parthens Sicherheit zu beobachten/ sein Haupt mit einer neuen Krone/ seinen Nahmen mit un- sterblichem Nachruhme zu bereichern. Koͤnig Phraates hoͤrte Vologesens Vortrag begierig an/ und ob ihm wohl im Wege stand/ daß er durch Bekriegung Armeniens den Kaͤyser belei- digen wuͤrde/ der in seinen Haͤnden seine zwey aͤltisten Soͤhne hatte/ so uͤberwog doch seine Re- giersucht die Vater-Liebe/ und hatte er auff al- len Fall noch seinen liebsten Sohn Tiridates zum Stichblate und Kron-Erben uͤbrig. Da- her schickte er Vologesen mit sechs tausend leich- ten Reutern in Armenien voran; er aber folgte mit einem maͤchtigen Heere auff dem Fuße nach/ und schrieb an den Kaͤyser: daß er von sei- nen bedraͤngten Freunden in Armenien um Huͤlffe wider den grausamen Tigranes ange- flohen worden waͤre; also ziehe er alleine dahin selbigem Volcke ihre vorige Freyheit und alten Gottesdienst wieder zu geben; ausser dem be- gehrte er sich mit Armenien nicht zu vergroͤssern. Ehe aber dieses Schreiben nach Rom kam/ siel die Parthische Macht in Armenien/ allwo die meisten Staͤdte Vologesen die Schluͤssel entge- H h 3 gen Drittes Buch gen brachten/ und die besten Festungen Thuͤr und Thor auffsperreten; also daß Phraates nur genugsam zu besetzen/ und wenig zu fechten fand. Augustus kriegte die Nachricht hiervon/ und Phraatens Schreiben auff einen Tag/ als er seinen zwey muthwilligen Enckeln des Agrip- pa Soͤhnen Cajus und Lucius in den Rath zu kommen erlaubt/ dem Cajus auch das Priester- thum/ hingegen dem Tiberius auff fuͤnff Jahr die Zunfftmeisterschafft zugeeignet/ durch diß letztere aber seine Enckel mehr beleidiget/ als durch das erste vergnuͤgt hatte. Der Kaͤyser/ der ohnediß deshalben unwillig war/ schrieb im Ey- fer einen hefftigen Brieff an Phraates/ darin er ihm gar den Koͤniglichen Titel entzog/ und aus Armenien zu ziehen anbefahl; welchem aber Phraates noch hoffaͤrtiger antwortete/ dem Kaͤyser wie einem Buͤrgermeister schrieb/ sich aber selbst einen Koͤnig der Koͤnige nennte/ und/ daß die Parthischen Waffen sich keine Feder ja- gen liessen/ bedeutete. Jnzwischen trug der Kaͤy- ser dem Tiberius den Zug in das abgefallene Armenien auff/ dieser aber/ weil er denen in der Schooß des Kaͤysers sitzenden und frechen Juͤnglingen aus dem Wege zu weichen fuͤr rathsamer hielt; oder weil er mit der Julia sei- nem Ehweibe nicht laͤnger hausen konte/ (welche die Freyheit alle einem Weibe moͤgliche Laster zu thun oder zu leiden nach der Groͤsse ihres Gluͤ- ckes ausmaß/) lehnete solches bescheidentlich ab/ und verlangte: daß er auff der Jnsel Rhodus in Ein amkeit der Weltweisheit obliegen/ und von bißherigen Reichs-Sorgen Lufft schoͤpffen moͤchte. Wiewohl nun der Kaͤyser und Livia ihn hiervon abwendig zu machen bemuͤhet war; Jener zwar dadurch/ daß das gemeine Wesen seiner vonnoͤthen haͤtte/ und die Suͤßigkeit des Feld-Lebens ein grosser Geist denen nuͤtz- und ruͤhmlichen Sorgen fuͤr die Wohlfarth des Va- terlandes sich nicht solte abstehlen/ und keine ihm mehrmahls aus eitelem Argwohn eingebildete Verdruͤßligkeit seinen Zirckel verruͤcken lassen. Livia aber: daß die Enteusserung vom Hoffe nicht nur sein Ansehen und Gewalt unterbre- chen/ sondern die durch so viel Sorgen in Grund gelegte Hoffnung der Reichs-Folge durch seine Abwesenheit verschwinden wuͤrde. Denn die Voͤlcker/ welche gleich die Sonne als einen Gott verehren/ vergaͤßen ihre Andacht gegen sie/ weñ sie nicht gesehen wuͤrde; So war doch Tiber hiervon nicht abwendig zu machen; sondern ant- wortete Livien: daß das tollkuͤhne Beginnen des Cajus und Lucius ein Verlangen in Rom nach ihm/ dessen man schon uͤberdruͤssig waͤre/ und ihn auch bey denen/ die ihn gegenwaͤrtig haßten/ beliebt machen wuͤrde. Gegen den Kaͤyser a- ber fuͤhrte er an: Seine bißherige Bemuͤhung haͤtte nichts minder einer Erholung/ als Baͤu- me und Aecker der Ruh von noͤthen. Sinte- mahl August nach der Faͤhigkeit seiner uner- muͤdlichen Achseln als ein zweyfacher Atlas nicht anderer Kraͤffte messen muͤste. Wie er nun frische Lufft zu schoͤpffen unnachbleiblich vonnoͤthen haͤtte; also wuͤste er keine anstaͤndige- re als das Landleben zu erkiesen. Die ersten Helden in Griechenland haͤtten sich auch im Kriege fuͤr Troja dadurch erholet; und wie Au- geus bey den Griechen/ also Hercules in Jta- lien die Tingung und andere Vortheile des A- ckerbaues gewiesen; ja so gar vier Koͤnige/ nehm- lich Hieron/ Philometor/ Attalus und Arche- laus diese Kunst schrifftlich abzufassen gewuͤr- digt. Die Persischen Koͤnige waͤren im Frie- de nichts minder um ihre fruchtbaren Gaͤrte und Auen/ als zur Kriegszeit um die Waffen be- kuͤmmert gewest. Semir amis haͤtte mit ihren haͤngenden Gaͤrten sich beruͤhmter/ als mit so viel Siegen gemacht. Xenophon/ welcher am Cyrus ein Muster eines vollkommenen Fuͤrsten fuͤrbilden wollen/ setzte seinen gewohnten Auf- fenthalt aufß Land/ und in die Persischen Lust- waͤlder. Der vermeinte Urheber des Muͤssig- gangs Epicur haͤtte nicht nur zu Athen in der Stadt Lustgaͤrte angelegt; sondern Tarqvinius zu Arminius und Thußnelda. zu Rom auch darinnen gewohnt/ und seinem Sohne daraus mit denen gekoͤpfften Maah- Haͤuptern die blutgierige Lehre zuentboten; Cu- rius aber nach uͤberwundenem Pyrꝛhus mit sei- nen sieben Huben Ackers/ mit der schlechten Kohl- und Ruͤben-Kost sich so vergnuͤget/ daß er das von Samnitern ihm geschickte Gold anzu- nehmen nicht gewuͤrdigt. Das Schoos-Kind des Gluͤcks Sylla waͤre seiner Siegs-Gepraͤn- ge uͤberdruͤßig worden/ und haͤtte um auff sei- nem Cumanischen Vorwerge der Fisch- und Jagt-Lust zu geniessen die hoͤchste Gewalt in Rom nieder gelegt. Dem Scipio und Lelius waͤre es annehmlicher gewest in Campanien die Baͤume/ als in Africa die sieghafften Kriegs- Schaaren in Ordnung zu stellen; und beyde haͤtten zuletzt freudiger an dem Meer-Ufer mit den Muscheln/ als in Spanien mit der Beute der Mohren gespielet. Ja der Kaͤyser August selbst haͤtte seinem Kriegs-Gefehrten Agrippa in dem Eylande Mitylene/ und dem vertraute- sten Mecaͤnas in der Stadt Rom gleichsam ei- ne entfernte Einsamkeit erlaubet. Also hoffte er durch seine Treue und Gehorsam eine kurtze Erhol- und Lufftschoͤpffung verdient zu haben. Sintemal auch die unausleschlichen Gestirne der Ruh benoͤthigt waͤren/ und ihren Schein mit ihrer Verhuͤllung abwechselten. Dieser bestaͤndige Vorsatz gewann endlich/ oder vergnuͤgte vielmehr den Kaͤyser/ daß er in des Tyberius Reise willigte. Denn weil er des Agrippa Soͤhne zu sehr verduͤsterte/ war Au- gust gleichsam mit seinem Stieff-Sohne fuͤr sei- ne Enckel eyversuͤchtig; und Tiberius selbst pflegte hieruͤber zu schertzen: Er wuͤrde das Al- ter der Egyptischen Spitz-Thuͤrme bey Hofe nicht erreichen/ weil er/ wie viel kleiner er auch waͤre/ mehr Schatten als jene von sich wuͤrffe. So bald nun Tiberius Rom gesegnete/ warff die uͤbermaͤßige Liebe des Kaͤysers dem Cajus ei- ne solche Geschickligkeit zu/ daß er ihm den Aꝛme- nischen Krieg anzuvertrauen faͤhig hielt. Sin- temahl die Neigung zu seinem Gebluͤte nichts minder als Selbst-Liebe insgemein auch einem untuͤchtigen Wunderwercke zutrauet. Ehe aber die Roͤmische Macht in Armenien anlang- te/ kam Phraates fuͤr die Stadt Artaxata/ und beaͤngstigte theils dieser Feind/ theils die auffsaͤ- tzigen Armenier/ theils sein boͤses Gewissen den wolluͤstigen Tigranes derogestalt/ daß er dem Roͤmischen Buͤndnuͤße abzusagen/ und mit Phraaten Armenien zu theilen sich erbot. Als aber diß nicht verfing/ und die Parthen der Stadt mit Stuͤrmen hefftig zusetzten/ sich/ um nach einem weibischen Leben auch durch einen maͤnnlichen Tod seinem wahrhafften Ebenbilde dem luͤsternen Sardanapal gantz aͤhnlich zu weꝛ- den/ mit seiner wolluͤstigen Mallien auff einen Holtzstoß setzte/ und nach dem eines das andere toͤdtlich verwundet/ sich mit einander verbrenn- ten/ und also der Grausamkeit ihres Uberwin- ders entrissen. Artaxata lag nun in letzten Zuͤgen/ und stand auff der Ubergabe; als Censo- rinus mit seinen zweyen Legionen des Nachts/ ehe es die Parthen gewahr wurden/ hinein kam; und weil Cajus ohne diß vom Kaͤyser Befehl hat- te/ den weibischen Tigranes ab/ und seinen Sohn an die Stelle zu setzen/ um dadurch die Gemuͤ- ther der Armenier wieder ein wenig an sich zu ziehen; erklaͤrte er alsofort Artavasden zum Koͤnige Armeniens. Wie nun Cajus an die Armenische Grentze ankam/ ward Phraates gezwungen Artaxata zu verlassen/ und dem Ca- jus entgegen zu ziehen/ wie denn auch beyde Hee- re an dem Fluß Phrat bey Metilene gegenein- ander zu stehen kamen. Allwo die Roͤmer zwar mit Gewalt an einem seichten Furthe uͤber den Fluß setzen wolten/ aber mit grossem Ver- lust zuruͤck getrieben wurden. Als Ca- jus ihm derogestalt die Stirne bieten sahe/ sich auch an des Crassus und des Antonius Nieder- lage spiegelte/ ließ er dem Phraates zu guͤtlicher Hinlegung ihrer Zwistigkeitẽ eine Unterredung antragen; massen sie beyde denn auch auff einer mitten Drittes Buch mitten im Strome gelegener Jnsel mit einer ge- wissen Anzahl Volcks ankamen. Der Par- the betheuerte: daß er mit dem Roͤmischen Vol- cke/ welchem er so gar seine zwey liebsten Soͤhne freywillig anvertr auet haͤtte/ die Freundschafft zu er halten verlangete/ Cajus hingegen hatte e- ben so wenig Lust die Wuͤrffel einer Schlacht auf den Teppicht zu werfen/ und also wurden sie mit einander eins: daß zwar des Tigranes Sohn Artavasdes Armenischer Koͤnig sey/ und so wol den Parthischen Großherrn/ als den Kayser fuͤr seine Oberherren erkeñen/ die Atropaten und Acilisenische Landschafft mit der festen Stadt Artagera aber Phraaten fuͤr die Kriegs-Kosten eigenthuͤmlich verbleiben solte. Dieser Friede ward mit zwey praͤchtigen Gastmahlen/ derer das erste Cajus an dem Syrischen Ufer des Flusses dem Phraates/ das andere auff dem Ar- menischen Phraates dem Cajus zu ehren hielt/ beschlossen. Als auch sie durch den Wein er- waͤrmet/ und mit einander vertraͤulich worden/ weiste Phraates dem Cajus unterschiedene ge- heime Schreiben/ darinnen Marcus Lollius/ welchen doch Augustus dem Cajus zu seinem ge- heimsten Rathe und Obersten Hoffmeister zu- gegeben hatte/ ihm gegen ein grosses Stuͤcke Goldes alle Roͤmische Kraͤfften und Anschlaͤge verrathen hatte; welchem Cajus alsofort Gifft beybringen ließ. Als nun derogestalt alles strit- tige abgethan zu seyn schien/ kam von Artaxata diese seltzame Zeitung: daß so bald Censorinus mit dem groͤsten Theile seines Volcks aus selbi- ger Stadt auff einen Anschlag ausgegangen waͤre/ haͤtte die Koͤnigin Laodice sich Artavas- dens entbrochen/ und in den Anaitischen Tem- pel gefluͤchtet; auch auff des Koͤnigs Wiederfo- derung zu entbieten lassen: Sie wolte lieber in der Einsamkeit/ als in dem Bette eines Ohn- maͤchtigen so viel kalte Naͤchte zubringen. Wie nun Artavasdes sie mit gewaffneter Hand haͤt- te wollen aus dem Tempelnehmen/ haͤtte sein juͤngerer Bruder Gotarzes und nebst ihm eine gute Anzahl Armenischer Edelleute dem Koͤni- ge mit entbloͤsten Degen abgetrieben; ja Go- tarzes sich alsofort in den Reichs-Rath verfuͤgt/ und in wenig Stunden wider Artavasden ein Urthel ausbracht/ Krafft dessen er fuͤr unfaͤhig des Reichs und der Eh erkennet; in ein auff dem Caspischen Meere entferntes Eyland wegge- schlept/ Gotarzes hingegen auff den Thron/ und Laodice in sein Bette erhoben worden. Censori- nus waͤre zwar mit seinem Volcke zuruͤck geeilt/ Gotarzes aber habe ihm die Pforten verschlos- sen; Vologeses haͤtte ihn auch mit einem Theile Armenier und Parthen uͤberfallen/ und mit grossem Verlust aus dem Felde geschlagen/ also daß von den zwey Legionen ihrer wenig in das Gebuͤrge entronnen waͤren. Diese unvermu- thete Veraͤnderung warff einen neuen Zanck- Apffel auff den Teppicht/ und veranlaste den Cajus: daß nach dem ihm einige einhielten/ er habe sich durch so grosse den Parthen gethane Verwilligung/ insonderheit durch Abtretung der vortheilhafftigen Stadt Artagera uͤberei- let/ er den Parthischen Stadthalter Donnes Adduus zu bestechen/ und zu Ubergebung der ihm anvertrauten Festung Thospia zu verleiten trachtete. Dieser nahm den Schein der Ver- raͤtherey an/ und bestim̃te einen gewissen Ort zu Behandlung des Wercks. Wie nun Don- nes bey der Zusammenkunfft sechs hundert Ta- lent zu seiner Belohnung forderte/ dieses aber dem Cajus vervielte/ reichte ihm Donnes ein Verzeichniß/ darinnen die zu Thospia ver- wahrten grossen Schaͤtze auffgezeichnet waren; und als Cajus sich in solchen begierig ersahe/ versetzte ihm Donnes eine hefftige Wunde ins Haupt/ worvon er zu Boden fiel; und ehe die entfernten Roͤmer herbey kommen kunten/ schwung er sich auff sein fluͤchtiges Pferdt/ auff welchem er zweiffelsfrey entronnen waͤre/ wenn er nicht mit selbtem gestuͤrtzet haͤtte. Gleichwohl aber erreichte er noch ein von den Parthen besetztes festes Schloß/ welches als er es Arminius und Thußnelda. es nicht laͤnger gegen die Roͤmer zu halten ge- traute/ dieser treue Diener mit samt sich einaͤ- scherte. Weil aber weder Parthen noch Roͤ- mer dem Gotarzes gut waren/ ward dieser Zwytrachts-Axt noch ein Stiel gefunden/ daß Ariobarzanes der Koͤnig in Meden/ zu welchem ohne diß wegen seiner fuͤrtrefflichen Leibes-Ge- stalt/ und tapfferen Gemuͤthes die Armenier ihr Hertze trugen/ auf die dem Artavasdes behan- delte Bedingungen das Koͤnigreich Armenien haben solte. Dieser erschien nach weniger Zeit in beyden Laͤgern/ legte auch wegen Armenien so wol den Parthen/ als den Roͤmern die Hul- digung ab. Die empfangene Wunde hinge- gen machte des Cajus Leib nicht alleine zu Kriegs-Ubungen/ und das Gemuͤthe zu nach- dencklichen Rathschlaͤgen gantz ungeschickt/ sondern als er mit Unwillen wider seinen ge- machten Schluß nach Rom zuruͤck kehren solte/ starb er davon in der Syrischen Stadt Lincyra Emesa/ allwo sein Grabmahl noch mit einer viereckichten Spitz-Saͤule/ aus dessen Fusse ein Brunn entspringt/ zu sehen/ und daran zu le- sen ist: Dem Abgott des August/ des Roͤm’schen Halb-Gott’s Bei- nen Gibt dieser schlechte Sand und Qvell ein Grabmahl ab. Die Nachwelt schelte nicht des Cajus seltzam Grab! Der Todt ist ja nur Staub/ das Leben nichts als weinen. Als diese seltzame Umwechselungen sich in Ar- menien ereigneten/ ließ das Gluͤcke nicht ab/ auch mit der Fuͤrstin Erato und mir seine Kurtz- weil zu treiben. Die schlimmen Zeitungen unsers verwirrten Vaterlandes/ und insonder- heit der Todt der grossen Olympia erschollen in die gantze Welt/ und hiemit auch fuͤr unsere Ohren. Alleine die zwar noch so zarte/ aber behertze Erato vertrug alle diese Ambos-Schlaͤ- ge des druͤckenden Verhaͤngnuͤsses mit unver- aͤndertem Gesichte/ und unerschrockenen Her- tzen. Wenn ich sie troͤsten solte/ kam sie selbst meiner Schwachheit zu Huͤlffe/ und hielt mir ein: Alle Dinge und Begebenheiten in der Welt haͤtten zweyerley Antlitze/ und wenn et- was einem abscheulich fuͤrkaͤme/ ruͤhrte es nur daher/ daß man selbtes nicht vor/ sondern hin- terwaͤrts ansehe. Der Verlust ihres Reiches schiene der Ehrsucht ein unermaͤßlicher Scha- de zu seyn; Dieser aber entbuͤrdete ihr Gemuͤ- the von einer Zentner-Last tausend unruhiger Sorgen. Der Todt ihrer Mutter kaͤme wei- bischer Wehmuth fuͤr als ein unertraͤgliches Hertzeleid; aber die Tugend/ als die Sonne der kleinern Welt/ kroͤne ihre Leiche in ihren bey- den Himmels-Zirckeln/ nemlich in dem Ge- wissen/ und in dem Urthel der Menschen mit unverwelckenden Siegs-Kronen. Ja der durch die Bruͤste ihrer leiblichen Mutter fah- rende Dolch kaͤme ihrer Empfindligkeit nicht haͤßlich fuͤr/ nachdem er von dem gluͤenden Ei- sen/ welches dem Artabazen durch die Adern dringet/ einen so herrlichen Glantz bekommt/ und die Rache sich in dem hoͤchsten Blute des Bruder-Moͤrders/ welches das Oel der Be- leidigten ist/ so annehmlich abkuͤhlet. Uberdiß zohe ihr die holdselige Erato fast aus allen Bit- terkeiten eine Ergoͤtzligkeit/ und ihre Bedraͤng- nuͤß ward fast mit ieder einlauffenden Nachricht erleichtert/ wenn sie hoͤrete/ wie keiner der un- rechtmaͤßigen Besitzer ihres vaͤterlichen Thro- nes feste sitzen bliebe/ sondern immer einer dem andern das Hefft aus den Haͤnden winde. Da- her/ ob wir wol uns anfangs ziemlich eingezo- gen hielten/ indem wir nicht wusten/ wessen wir uns zum Koͤnige Polemon/ weil er von den Roͤ- mern fuͤr einen Freund und Bundsgenossen aufgenommen war/ zu versehen hatten/ so war uns doch unsere Einsamkeit ertraͤglich. Denn weil alleine die Laster schrecklich sind/ und mit ihrer Langsamkeit an den Hertzen ihrer eignen Liebhaber nagen/ war unsere Unschuld alle- zeit wohl gemuthet/ und diese machte uns so behertzt/ daß wir einsmahls/ als wir hoͤrten/ daß der Koͤnig Polemon zweyen von Rom nach Sinope angekommenen Rathsher- Erster Theil. J i ren Drittes Buch ren zu Ehren etliche Schauspiele halten wolte/ uns in den Schauplatz auch einfanden. Wir kamen gleich dem Koͤnige und dem Statilius Taurus und Junius Silanus/ welchem jener mit unser Verwunderung die Oberstelle einge- raͤumt hatte/ gegen uͤber zu stehen. Unferne davon befand sich auch die Koͤnigin Dynamis/ mit ihrer wohlgewachsenen Tochter Arsinoe. Mitten im Schauplatze standen zwey Mar- mel-Saͤulen/ auf der einen war das Bild Au- gustens/ auf der andern des Vipsanius Agrip- pa aus Corinthischem Ertzte. Jn den Schau- spielen wurden erstlich Woͤlffe/ Luchse/ Baͤren/ Panther und Loͤwen zum Kampffe aufgefuͤh- ret/ hernach aber ward der Schauplatz durch et- liche tausend durcheinander spritzende Roͤhren wol zwoͤlf Schuh hoch mit Wasser angefuͤllet/ und aus dem einen Gatter ein Crocodil/ aus einem andern ein Delfin heraus gelassen. Es ist unbeschreiblich/ wie hefftigen Grimm diese zwar von der Natur mit ungleichen Kraͤfften/ aber mit gleichverbitterter Feindschafft ausge- ruͤsteten Thiere gegen einander bey ihrer ersten Erblickung bezeugten. Der Crocodil ver- folgte den Delfin aufs euserste/ dieser aber tauch- te bald unter das Wasser/ bald wich er auf die Seite/ also/ daß jener wegen seines starrenden Ruͤck grades/ und weil er sich mit dem gantzen Leibe nicht ohne Langsamkeit umwenden kon- te/ den Delfin zu ereilen nicht vermochte. Hin- gegen spitzte der Delfin seine auf dem Ruͤcken habende scharffe Fluͤßfeder/ und nach einer lan- gen und lustigen Jagt gerieth es ihm unter dem Wasser so wol/ daß er dieses sein einiges Waf- fen dem sonst unverletzlichem Crocodil in den Bauch stieß/ worvon er mit einem grossen Stro- me Blutes das gantze Gewaͤsser anfaͤrbete/ und mit dem wieder abgelassenen Wasser todt auf dem trockenen Boden zu liegen kam. Bey diesen vielfaͤltigen Kurtzweilen machte ihm ein neben mir sitzender Edelmann Gelegenheit mit mir zu sprechen/ und seine Frcundligkeit ver- anlaste mich auch ein und anders von ihm zu er- forschen. Dieser erzehlte mir/ daß diese zwey Roͤmische Rathsherren/ nach dem der Koͤnig in Lycaonien und Gallo-Grecien Amyntas ge- storben waͤren/ mit Ausschluͤssung seiner Soͤhne selbige Laͤnder fuͤr den Roͤmischen Rath einge- zogen haͤtten. Weil denn sie nach Sinope ih- ren Weg zugenommen/ waͤre er nebst dem ei- nen Lycaonischen Fuͤrsten nachgefolgt/ um den bey den Roͤmern hochangesehenen Koͤnig Po- lemon um eine Fuͤrbitte zu ersuchen/ daß doch des Amyntas Kindern wo nicht gar/ doch ein Theil ihres vaͤterlichen Reiches gelassen werden moͤchte. Jch ward erfreuet uͤber dieser Nach- richt/ sintemal Koͤnig Artaxias mit dem Amyn- tas in vertraͤulicher Freundschafft gelebt hatte/ gleichwol aber wolte ich mich/ wer wir waͤren/ nicht bald bloß geben/ sondern meldete auf seine hoͤfliche Erkuͤndigung/ wir waͤren Edelleute aus Albanien/ welche aus blosser Begierde frembde Laͤnder zubeschauen/ fuͤr wenig Tagen in Sinope ankommen waͤren; bezeugte gleich- wol gegen ihm moͤglichste Zuneigung mit ihm in mehrere Kundschafft zu gerathen. Hierauf fiel ich auf die zwey Saͤulen/ und fragte inson- derheit: Warum des Agrippa Bildnuͤß in die- sem Schauplatze gesetzt worden? Der Lycao- nier/ der sich Meherdates nennen ließ/ antwor- tete mir: Polemon haͤtte wohl Ursache beyde Bildnuͤsse zweyfach in den Schauplatz zu setzen/ weil er beyden das Besitzthum des Bosphori- schen Reichs zu dancken haͤtte. Denn mir wuͤr- de vielleicht wissend seyn/ daß der gewesene Per- gamenische Koͤnig Mithridates des Darius Sohn/ der in Egypten ihm treulich beygestan- den war/ dem Julius Caͤsar seine wunderschoͤne Schwester Dynamis zu seiner Ergetzligkeit uͤ- bergeben/ hingegen habe der Kaͤyser ihm nach dem uͤberwundenen Pharnaces Galatien ge- schenckt/ auch ihm wider des Pharnaces Bos- phorischen Landvogt Asander/ ungeachtet er seinem Herrn meineydig worden und auf der Roͤmer Arminius und Thußuelda. Roͤmer Seite getreten war/ den Krieg aufge- tragen/ und sich der Bosphorischen Laͤnder zu bemaͤchtigen freygelassen. Dieser Asander a- ber habe beym Augustus sich derogestalt einge- liebt/ daß er ihm die Dynamis verheyrathet/ und in dem Bosphorischen Reiche bestaͤtigt. Welcher denn auch den sieghafften Pharnaces/ nach dem er die Phanagoreser uͤberwunden/ Sinope eingenommen/ den Calvisius geschla- gen hatte/ mit Huͤlffe des Danitius aus Asien vertrieben/ und/ als Phaꝛnaces mit einem neuen von Scythen und Sarmatern zusammen ge- lesenen Kriegs-Heere wider den Asander den Krieg verneuert/ die Stadt Theodosia und Panticapeum erobert/ seine an Pferden noth- leidende Reuterey geschlagen/ und den biß auff den letzten Mann tapffer streitenden Pharna- ces getoͤdtet hat. Hier zwischen waͤre Scribo- nius kommen/ und sich fuͤr des grossen Mithri- datens Sohn/ des Pharnaces Enckel und rechtmaͤßigen Stul-Erben ausgegeben/ und weil er ihm etwas aͤhnlich geschienen/ und sei- nen Betrug durch allerhand scheinbaren Fuͤr- wand zu bemaͤnteln gewuͤst/ haͤtte er beym Au- gustus es durch allerhand Schelmstuͤcke so weit gebracht/ daß er vom Kaͤyser das Bosphorsche Reich bekommen/ und der derogestalt verdrun- gene Asander sich daruͤber zu todte gegraͤmet o- der gehungert. Nach dessen Tode haͤtte der so gluͤckliche Betrug ihn so verwegen gemacht/ daß er die verwittibte Dynamis zu ehlichen verlan- get. Diese habe ihre Abscheu fuͤr dem Scri- bonius/ welcher mit den Kaͤyserlichen Huͤlfs- Voͤlckern das Heft in Haͤnden hatte/ moͤglichst verborgen/ und ihn zu heyrathen versprochen/ da er in der Reichs-Versammlung erhaͤrten koͤnne/ daß er Mithridatens warhaffter En- ckel/ und des Pharnaces Sohn waͤre. Dieser brachte alsofort einen praͤchtigen Brief herfuͤr/ an dem der Medusen in Gold gepraͤgter Kopf/ den Pharnaces eben wie sein geruͤhmter Ahn- herr Perseus zu seinem Siegel brauchte/ hing/ und dieses Jnhalts war: Nach dem sein Va- ter Mithridates fast alle seine Kinder ermor- det/ auch durch seinen fuͤrgenommenen Einfall in Gallien die Roͤmer zu Tod-Feinden seines gantzen Geschlechts gemacht haͤtte/ waͤre er ge- noͤthigt worden fuͤrzusinnen/ wie ihr uhralter Stamm fuͤr gaͤntzlichem Untergange behuͤtet wuͤrde; habe daher das Volck dem Vater selbst abtruͤnnig gemacht/ ihm nach dem Leben ge- standen/ die Roͤmer gewarniget/ auch/ um ihre Freundschafft so viel leichter zu gewinnen/ und/ da er ja selbst noch vom Vater hingerichtet wuͤr- de/ doch einigen Erben verliesse/ mit einer edlen Roͤmerin Scribonia sich vermaͤhlet. Nach dem auch zwar sein erster Anschlag waͤre verra- then worden/ haͤtte ihm doch Menophanes vom Vateꝛ das Leben eꝛbeten/ und eꝛ endlich das gan- tze Heer auf seine Seite gebracht/ daß sie ihn im Felde fuͤr ihren Koͤnig erklaͤret/ in Mangel ei- ner bessern eine papierne Krone aufgesetzt/ und Mithridaten in solche Verzweiffelung bracht/ daß er seine zwey Toͤchter Mithridatis und Nyssa der Koͤnige in Egypten Braͤute mit Giffte hingerichtet/ und als das Gifft bey ihm nichts wuͤrcken wollen/ sich durch die Faust des Gallier Fuͤrstens Bituit/ durchstechen habe las- sen. Weil ihn aber Pompejus fuͤr seine den Roͤmeꝛn durch Aufopfferung seines eigenen Va- ters erzeigte Wolthat schlechter/ als er ihm ein- gebildet/ belohnet/ in dem er ihm nicht das Pon- tische/ sondern nur das Bosphorische Reich ge- lassen/ und hiervon noch die Phanagorenser ausgenommen/ habe er mit den Roͤmern zu brechen/ und sich an die Parthen zu hencken fuͤr- genommen. Weil diese nun dem Roͤmischen Gebluͤte Spinnen-feind waͤren/ haͤtte er fuͤr rathsam und noͤthig befunden/ seine Heyrath mit der Scribonia noch geheim zu halten. Jn- zwischen waͤre ihm das Ungluͤck mit den Roͤ- mern begegnet/ daß er bey dem Berge Scotius aufs Haupt geschlagen/ gefaͤhrlich verwundet/ und nach Sinope zu fliehen genoͤthigt worden. J i 2 Als Drittes Buch Als er nun zu den Scythen ferner zu fliehen fuͤr gehabt/ waͤre ihm Scribonia mit heissen Thraͤnen zu Fusse gefallen/ und ihn beweglichst ersuchet/ daß er entweder ihre Eh offenbar ma- chen/ oder sie und ihr Kind toͤdten moͤchte. Al- leine er waͤre darzu nicht zu bereden gewest/ son- dern er habe ihr/ und ihrem noch an ihren Bruͤ- sten haͤngendem Sohne Scribonius auff den Todesfall gegenwaͤrtiges Zeugnuͤß/ daß Scri- bonia seine Gemahlin/ und diß Kind sein Sohn waͤre/ ertheilet. Dieser ausfuͤhrliche Brief hat- te einen grossen Schein/ und wie Kaͤyser Augu- stus sich vorher hierdurch bethoͤren lassen/ also war keiner unter den Reichs-Raͤthen/ der nicht diesem Scribonius Glauben beymaß. Der Koͤnigin Dynamis aber alleine wolte diß nicht in Kopf. Dahero nahm diß schlauhe Weib den Brief selbst in ihre Haͤnde/ und nach dem sie alle Buchstaben aufs genaueste betrachtet/ fing sie in einem Augenblicke uͤber laut an zu ruffen: Es glaube niemand diesem Verfaͤlscher/ dessen Be- trug numehr am Tage liegt. Als nun alle Augen und Ohren auf sie richteten/ redete sie ferner: Sehet/ dieser Brief soll nach der ver- lohrnen Schlacht bey dem Berge Scotius/ und als der Kaͤyser mit dem P. Servilius Jsau- ricus Buͤrgermeister in Rom gewest/ geschrieben seyn; Da doch der Jnhalt dieses Brieffes sich grossen Theils etliche Jahr hernach/ und wie Qvintus Fufius/ und Q. Calenus die Buͤr ger- meister-Wuͤrde vertreten hat/ zugetragen. Die Anwesenden erinnerten sich dessen alsofort/ sahen aber mehrer Gewißheit halber in den Zeit-Registern nach/ welche mit der Koͤnigin Einwurffe uͤberein traffen. Hingegen ver- stummete Scribonius bey so unverhoft entdeck- ter Falschheit/ wuste auch/ wie sehr er sich be- muͤhete/ nichts/ welches den Stich halten kon- te/ aufzubringen. Endlich erbot er sich diesen in dem blossen Umstande der Zeit bestehenden Jrrthum durch andere Uhrkunden zu verbes- seꝛn/ und eꝛlangte damit Uꝛlaub aus dem Reichs- Rathe zu gehen. Er aber verwandelte seine Be- weiß-Fuͤhrung in eine offenbare Flucht aus der Stadt Panticapeum/ zohe sein im Lande ver- legtes Kriegs-Volck zusammen/ und meinte seine Gewalt und Heyrath mit den Waffen zu rechtfertigen/ weil seine Rechts-Gruͤnde nicht den Stich halten konten. Die Reichs-Staͤn- de griffen durch Aufmunterung zur Gegen- wehr/ machten auch die gantze Begebenheit dem Vipsanius Agrippa/ der damals gleich zu Chalcedon sich befand/ zu wissen/ und baten die- ses unwuͤrdigen Koͤnigs entuͤbrigt zu seyn. A- grippa trug alsofort dem anwesenden Koͤnige Polemon/ der seinem Vater Mithridates in- zwischen im Pontischen Reiche gefolget war/ auf/ wider den Scribonius den Bosphorern Huͤlffe zu leisten. Wie aber Polemon in solches Land ankam/ hatten sie schon selbst den Scribo- nius an dem Flusse Psychrus zwischen dem Co- raxischen Gebuͤrge gefangen bekommen/ und von ihm diß Bekaͤntnuͤß ausgepresset: Er sey ein Freygelassener des Vedius Pollio gewest/ und habe Bekandtschafft gehabt mit demselben/ welcher sich zu Rom des Antonius und der Octavia Sohn zu seyn geruͤhmt/ Augustus a- ber zur Ruderbanck haͤtte schmieden lassen. Nach der Zeit waͤre er in Asien kommen/ und haͤtte gesehen/ wie gluͤckselig ein seinem Be- duͤncken nach wenig verschmitzter Cappadocier die Person des Koͤnigs Ariarathes gespielet/ und mit seiner blossen Aehnligkeit dessen fast al- le Morgenlaͤnder uͤberredet haͤtte/ da doch mehr als zu gewiß war/ daß Marcus Antonius bey Einsetzung des Koͤnigs Archelaus den Aria- rathes hingerichtet hatte. Diese zwey Ver- faͤlscher haͤtten ihm die Bahn gebrochen/ und das Bildnuͤß des Mithridates/ dem er aͤhn- lich zu seyn vermeinet/ zu seiner Erfindung sich fuͤr des Pharnaces Sohn auszugeben/ An- laß gegeben. Worauf sie denn diesem Scri- bonius Arminius und Thußnelda. bonius mit seinem Reiche den Kopf abgeschnit- ten/ und ins Meer geworffen. So bald nun die Bosphorer die Ankunfft des Koͤnigs Polemon vernahmen/ besorgeten sie sich/ er wuͤrde als ein Bundsgenosse der Roͤmer ih- nen zum Koͤnige aufgedrungen werden/ da sie lieber einem einheimischen gehorsamt haͤtten/ also zohen sie auf Anstifften des Meleagenes/ der sich auf die Bosphorsche Krone selbst ver- spitzte/ dem Polemon mit Heeres-Krafft ent- gegen/ griffen ihn unverwarnigt an/ wurden aber aus dem Felde geschlagen. Es war a- bor dieser Verlust nur eine Ursache zu groͤsse- rer Verbitterung/ und eine Fackel hefftiger Kriegs-Flammen. Nach dem aber Pole- mon den Meleagenes in einem Treffen erleg- te/ und die Zeitung kam/ daß Agrippa selbst mit einem maͤchtigen Heere schon zu Sinope dem Polemon zu Huͤlffe ankommen war/ leg- ten sie die Waffen nieder/ baten selbst/ daß der hertzhaffte Polemon ihr Koͤnig seyn moͤchte. Also setzte Agrippa ihm mit Genehmhaltung des Kaͤysers nicht alleine die Bosphorsche Kro- ne auf/ sondern vermaͤhlte ihn auch mit der schoͤnen Koͤnigin Dynamis. Jch danckte fuͤr so annehmliche Erzehlung diesem freundlichen Edelmanne/ und veran- laste mit moͤglichster Ehrerbietung ihn mit uns fernere Gemeinschafft zu pflegen. Wie wir nun fuͤr dißmahl von ihm Abschied nah- men/ und aus dem Schauplatze giengen/ ward Erato unter der Menge Volcks unvermu- thet meines Artafernes gewar. Alleine/ ob wir wohl auff dem Fusse ihm nachfolgeten/ verlohr er sich doch unter dem Gedraͤnge aus unserm Gesichte/ und wir konten zu meinem groͤsten Hertzeleide ihn durch keinen Fleiß finden oder ausforschen. Folgenden Morgen kam Me- herdates in aller fruͤh mit denen zwey Lycao- nischen Fuͤrsten in unser Hauß/ und berichte- ten uns/ wie Polemon diesen Tag den Roͤmi- schen Rathsherren zu Liebe allerhand Rennen von seiner Ritterschafft halten wuͤrde/ berede- ten uns auch/ daß Erato/ welche zu Sinope den Nahmen Massabazanes annahm/ nebst ihnen auf der Rennebahn in gleichfoͤrmiger Ruͤstung zu erscheinen sich entschloß. Als wir in die Schrancken kamen/ bezeugten wir fuͤr dem Koͤnige/ der Koͤnigin Dynamis und den Roͤmern/ welche auf einer mit Gold durch- wuͤrckten Persischen Tapecereyen umhange- nen Buͤhne dem Rennen zuschauen wolten/ moͤglichste Ehrerbietung. Wir wunderten uns uͤber der Abwesenheit der Fuͤrstin Arsinoe/ wurden aber bald gewahr/ daß selbte unter dem Schalle der Trompeten/ als eine Amozo- nin ausgeruͤstet/ sich gleichergestalt in die Schrancken verfuͤgte. Hierauf machte sie alsbald den Anfang aus dem fuͤr der Koͤnigli- chen Buͤhne von zweyen Herolden gehaltenem Loß-Topffe einen Zettel zu heben/ auff denen die Zahl/ wie die Ritter nach der Reye rennen solten/ vermerckt war. Jhr folgten die an- wesenden Fuͤrsten und Ritter/ derer uͤber fuͤnf hundert waren/ nach/ und traf sich das Loß/ daß die Lycaonischen Fuͤrsten die ersten/ die Fuͤrstin Arsinoe und Massabazanes aber die allerletzten Zettel bekommen. Weil nun sie von den Herolden in die Reyhe nach denen ge- hobenen Zetteln gestellt wurden/ kamen Arsi- noe und Massabazanes harte neben einander. Beyde konten Anfangs einander nicht ge- nungsam anschauen/ ja in beyden erregte sich eine geheime Zuneigung/ und ein solcher Trieb ihrer Gemuͤther/ woruͤber sie ihnen selbst keine gewisse Auslegung zu machen wusten. Als nun der juͤngste Lycaonische Fuͤrst Masna- emphtes im Rennen den Anfang machte/ und dieser/ auser dem Pfeil-Schuͤssen/ alle andere Rennen traf/ machte ihr Arsinoe Gelegenheit mit dem Massabazanes zu reden/ den Mas- J i 3 naemph- Drittes Buch naemphtes zu loben/ und den Massabazanes um seinen Zustand zu fragen. Dieser gab sich/ wie ich vorhin gegen dem Meherdates gethan/ nachmahls fuͤr einen Albanischen Edelmann aus/ den an diesen beruͤhmten Hoff mehr der Vorwitz was denckwuͤrdiges zu sehen/ als eini- ge Nothwendigkeit gebracht haͤtte. Arsinoe antwortete ihm: Es waͤre solch Vornehmen nicht fuͤr einen Fuͤrwitz/ sondern eine Regung eines tapffern Gemuͤthes zu halten/ und beduͤn- cke sie/ es habe die Tugend die Art etlicher Pflantzen an sich/ welche in ihrem eigenen Erd- reiche nicht wachsen koͤnnen/ sondern ihre Voll- kommenheit nach geschehener Versetzung auff einem frembden Baͤte erlangen muͤsten. Und haͤtte sie deßhalben ein sonderbares Belieben an denselben Edlen/ welche ausser Landes/ wo weder die Liebe der ihrigen sie verzaͤrtelte/ noch die Heucheley ihre Laster streichelte/ ihr Gluͤck suchten/ und ihren Ruhm vergroͤsserten. Weß- wegen Massabazanes sich von ihrem Herrn Vater aller Koͤniglichen Gnade versichern solte. Unter derogleichen annehmlichen Ge- spraͤchen vollendeten die Ritter ihre Rennen; und es war keiner/ dem nicht zum minsten ein Streich gefehlet hatte. Die Fuͤrstin Arsinoe machte sich daher geschickt das ihrige zu thun. Das erste Ziel war ein Scythen-Kopff/ nach demselben warf sie den Wurf-Spieß so gluͤck- lich/ daß selbter recht in das lincke Auge traff; Das andere war ein einaͤugichter Cyclopen- Kopff/ diesen hieb sie mit ihrer Sebel in einem Streich ab/ fing selbten auch mit der Spitze ihres Sebels/ daß er daran stecken blieb. Das dritte war ein Ring/ den sie mit der Lantze/ nach dem sie sie vorher durch einen Wurf in der Lufft dreymahl umgedrehet/ fast in dem in- nersten Zirckel abnahm. Das vierdte war ein auf einer 60. Ellenbogen-hoher Saͤule aufge- stellter Drache/ denselben traf sie mit dem Bo- gen so wohl/ daß der Pfeil im Rachen stecken blieb. Das fuͤnffte war eine von Thon berei- tete/ und in unterschiedene Kreisse eingetheilte Scheibe/ in diese traf sie aus der Schleuder mit einem Steine in den andern Kreiß/ also/ daß ihr kein einiges Treffen mißlang/ und sie bey dem umstehenden Volck ein grosses Freuden- Geschrey erweckte. Massabazanes war al- lein noch uͤbrig/ der rennen solte/ und es ließ ihm niemand traͤumen/ daß dieser unbekandte Frembdling der Fuͤrstin den hoͤchsten Preiß strittig machen solte. Sie vergebe mir aber/ großmuͤthige Thußnelda/ daß ich meine Koͤ- nigin Erato ehe ins Antlitzloben/ als der War- heit ablegen soll. Massabazanes erschien als ein Blitz-geschwinder Falcke auff der Renne- bahn/ er warf seinen Wurf-Spieß dem Scy- then-Kopffe ins rechte Auge/ hieb den Kopf des Polyphemus ab/ und stach ihm im fallen seine Sebel in das eintzele Auge/ er nahm mit der Lantze den Ring im Mittel weg/ er schoß den Drachen ins lincke Auge/ und traf das weisse in der Scheibe mit seinem abgeschleuderten Stei- ne. Die Zuschauer wurden gezwungen ihn eben so wohl mit einem Freuden-Geschrey zu beehren/ wormit das vorhergehende nicht so wohl den Schein einer Heucheley gegen ihre Fuͤrstin/ als einen Zuruff der Tugend uͤberkaͤ- me. Die zwey Roͤmischen Rathsherren/ de- nen Koͤnig Polemon das Urthel des Sieges/ und die Austheilung der Preisse anvertraut hatte/ konten anders nicht befinden/ als: Es haͤtte Arsinoe und Massabazanes einander die Wage derogestalt gehalten/ daß sie durch ein neues Rennen gleichen muͤsten. Arsinoe gab sich hingegen selbst: daß Massabazanes den Preiß exworben; Sie muste aber gleichwohl sich dem Erkaͤntnuͤsse unterwerffen/ und ihr wiederholetes Rennen/ in dem sie abermahls gar nicht fehlte/ gab ihr ein gnungsames Zeug- nuͤß/ daß ihr Sieg nicht einem ungefaͤhrlichen Zufalle/ sondern ihrer Geschickligkeit zuzu schrei- Arminius und Thußnelda. schreiben waͤre. Aller Zuschauer sorgfaͤltige Augen waren nun auf den Massabazanes ge- richtet/ welcher den Scythen-den Cyclopen- Kopff/ den Ring/ den Drachen in noch groͤsse- rer Vollkommenheit/ als das erste mahl traf/ bey dem letzten Ziel aber zu der Schleuder die lincke Hand brauchte/ und/ wie iederman es unschwer urtheilen konte/ mit Fleiß die Schei- be fehlete umb der Fuͤrstin den Preiß zu lassen; Gleichwohl aber den Staͤnder mit dem ge- schleuderten Steine traf. Das Volck beglei- tete beyde abermahls mit Jauchzen/ und Sta- tilius Taurus reichte hierauf Arsinoen den hoͤchsten Preiß/ welches war ein Lorber-Krantz dichte mit Diamanten besetzt; Junius Sila- nus aber dem Massabazanes den Zier-Preiß/ nehmlich eine mit Rubinen umwundene Myr- then-Krone. Hierdurch gerieth Massabaza- nes/ oder vielmehr Erato bey Hoffe in grosses Ansehen/ also/ daß daselbst nichts sonderliches vorgehen konte/ es muste Massabazanes dar- bey seyn. Der Koͤnig und die Koͤnigin be- zeugten ihm alle ersinnliche Gnade/ gleichsam/ als wenn der Vorzug eines Fuͤrsten bloß in dem beruhete/ daß er den Menschen mehr gu- tes thun koͤnne/ als niedrigere; Arsinoe ver- mochte auch fast ohne ihn nicht zu leben/ alle aber insgemein urtheilten/ es waͤre Massaba- zanes von groͤsserm Gebluͤte/ als er sich ausge- be. Also hat die Tugend die Krafft des Ma- gnets in sich/ welche auch die frembdesten Ge- muͤther an sich zeucht/ und wie aus dem Klan- ge das Ertzt/ aus der Schwerde das Gold/ wenn schon sein Glantz euserlich durch ein ge- ringeres Ansehn benommen ist/ erkennet wird; also verrathen auch tapffere Thaten eine hohe Ankunfft/ und die Wuͤrde eines Helden-Gei- stes. Erato hingegen empfand einen nach- druͤcklichen Zug gegen Arsinoen/ also daß sie nicht weniger eine Freudigkeit bey sich em- pfand/ wenn sie ihr Antlitz zu schauen bekam/ als wenn die betruͤbte Welt nach der duͤster- nen Nacht die annehmliche Sonne aufgehen siehet. Seine Enteuserung aber von Arsi- noens Augen/ war eine Verduͤsterung seiner sonst angebohrnen Freudigkeit/ ja die Tage selbst mehr als verdruͤßliche Naͤchte/ in wel- chen ihm gleichwohl die Traͤume das annehm- liche Bild dieser Halb-Goͤttin mehrmahls fuͤrs Gesichte stelleten. Diese Unruh des Ge- muͤthes ward endlich zu einer voͤlligen Schwachheit/ und wie sehr gleich Erato sol- che Gemuͤths - Veraͤnderung verbluͤmte/ so lieffen sie doch mit der Zeit in die Augen und Auffmerckung. Ja sie konte endlich selbst mir laͤnger nicht verschweigen/ daß das Abseyn von Arsinoen ihr eine fast unertraͤgliche Mar- ter waͤre. Dieser Fuͤrtrag/ und die zugleich eroͤffnete Ursache ihrer Beunruhigung kam mir uͤberaus seltzam fuͤr. Denn/ da mir nicht die Gleichheit des Geschlechtes im Wege ge- standen haͤtte/ waͤre die Kranckheit leicht zu errathen gewest. Sintemahl die Liebe kein eigenthuͤmlicher Kennzeichen hat/ als die Be- gierde der Vereinbarung. Denn durch sie wird der Geist gleichsam aus ihrer eigenen in eine frembde Seele verzuͤcket/ und diese hoͤret auff in dem Coͤrper/ den sie beseelet/ zu leben/ wormit sie in dem/ den sie liebet/ einen ver- gnuͤgtern Auffenthalt finde. Weil auch die Liebe der Uhrsprung der Freude und Ergetz- ligkeit ist/ kan ein Liebhabender nirgend an- derswo/ als da/ wohin er sein Absehen hat/ einige Wollust finden. Alle andere Lust- Haͤuser/ ja der Himmel selbst/ ist ihnen ein Siech- und Trauer-Hauß; die Anmuth stin- cket sie an/ alle anderswohin zielende Ge- dancken sind ihnen irrdisch und verwerfflich/ ja die Seelen werden ihren eigenen Leibern gram/ daß sie an selbten gleichsam angefaͤs- selt sind/ und sie beduͤncken ihnen fremb- de Wirths-Haͤuser/ ja wohl gar ver- druͤß- Drittes Buch druͤßliche Gefaͤngnuͤsse ihrer Freyheit/ und bangsame Todten-Gruͤffte zu seyn/ in welchen ihre Vergnuͤgung vergraben liege. Alle die- se Wuͤrckungen der Liebe sahen der Erato aus den Augen/ und schienen aus ihrem Thun; Sie war in den Jahren/ da diese Suͤßigkeit zu kaͤumen/ und dieser Zunder zu glimmen an- faͤngt. Aber/ daß ihre Neigung auf eine Fuͤr- stin abzielete/ war meiner Vernunfft ein un- aufloͤßlicher Knoten; und die der Liebe so aͤhn- liche Bezeugungen konten sie allhier unmoͤg- lich Mutter nennen. Hoͤret aber auch die an- dere Helffte dieses Wunderwercks. Denn ich erfuhr durch vertraute Hand/ daß/ da Era- to disseits nach Arsinoen seuffzete/ jene nach Massabazanen laͤchsete. Da Erato bey ihr ein nagendes Feuer der Zuneigung in ihrem Hertzen fuͤhlete/ Arsinoens Seele loderte/ und in lichten Flammen stand. Wiewol auf Ar- sinoens Seiten/ welche die Fuͤrstin Erato fuͤr einen der vollkommensten Helden hielt/ dieser Traum sich von mir leicht auslegen ließ/ in dem die Liebe sich mehr als zu viel selbst verrieth. Diese wunderbare Verwickelung der Gemuͤ- ther und Begebenheiten machte mich uͤberaus bekuͤmmert. Als ich aber Tag und Nacht einen Fadem suchte beyden Fuͤrstinnen aus die- sem Jrrgarten zu helffen/ fuͤhrte das Ver- haͤngnuͤß uns aus diesem Jrrgange in einen betruͤbten Kercker/ und verwandelte unsere Verwirrung in schmertzhaffte Bekuͤmmernuͤß. Denn es hatte der Armenische Koͤnig Tigra- nes zum Taurus und Silanus nach Sinope einen seiner Edelleute abgefertigt/ dieser aber dem Rennen zugesehen/ und die Fuͤrstin Era- to/ oder vielmehr den in Armenien so genenn- ten Artaxias erkennet/ und bey seiner Ruͤck- kunfft solches dem Koͤnige entdecket. Weil nun die/ welche sich unrechtmaͤßig in ein Reich eingedrungen/ ewige Todtfeinde derselben sind/ die dazu Recht haben; uͤberdiß die blutduͤrstige Mallia und Laodice dem Tigranes beweglich fuͤrhielten/ was fuͤr Gefahr ihm fuͤrstuͤnde von einem so streitbaren Juͤnglinge/ der unter fuͤnf hundert geuͤbten Rittern das beste gethan haͤt- te/ und dessen feuriger Geist sich nimmermehr in die Schrancken eines gehorsamden Unter- thanes wuͤrde einriegeln lassen/ schickte Tigra- nes nicht allein eine ansehnliche Botschafft mit kostbaren Geschencken an den Koͤnig Pole- mon/ sondern schrieb nichts minder an den Ti- berius/ als Taurus und Silanus um den Pon- tischen Koͤnig zu bewegen/ daß er ihm den jun- gen Artaxias/ als seinen und der Roͤmer Feind ausfolgen liesse. Als diese Gesandtschafft zu Sinope einzog/ hielten wir uns moͤglichst ein- gezogen um nicht erkennet zu werden/ unwis- sende/ daß wir bereits verrathen und im Gar- ne waͤren. Denn noch selbigen Abend ward unser Hauß rings umher mit einer starcken Wache besetzt. Kurtz darauf brachte ein ver- kleideter Edelknabe von der Princeßin Arsinoe einen verschlossenen Zettel an die Princeßin E- roto mit diesen Zeilen: Arsinoe an den Fuͤrsten Artaxias. Der Tag/ welcher meinem Jrrthume diß erfreuliche Licht giebet/ und die Vermuthun- gen aller derer/ die die Tugend zu schaͤtzen wis- sen/ vergewissert/ daß der unvergleichliche Massabazanes kein schlechter Albanischer E- delmann/ sondern der Enckel des grossen Ti- granes sey/ setzet mich zwar aus einer nicht ge- ringern Bekuͤmmernuͤß. Aber ich zittere zu schreiben/ daß der Armenische Koͤnig ihn aus meiner Gemeinschafft/ und in seine unbarm- hertzige Haͤnde fordert. Mein Vater/ der zwar die Versicherung seiner Person nicht ab- zuschlagen vermocht/ ist iedoch allzugroßmuͤ- thig den auf die Fleischbanck seinem Feinde zu liefern/ der durch seine Tugend eines gerechten Koͤniges Gewogenheit/ und die Liebe deꝛ gantzen Welt Arminius und Thußnelden. Welt verdienet. Diß Schreiben gab nach ei- ner hefftigen Bestuͤrtzung uns nicht geringen Trost/ und ob wir wohl noch tausenderley Ge- fahr fuͤr Augen sahen/ verliessen wir uns doch so sehr auff Arsinoen/ als ein Schiffer beym Sturm auff seinen Ancker. Folgende Tage ward uns in Vertrauen zuwissen gemacht; wie die Armenische Botschafft beym Koͤnige die rech- te Verhoͤr gehabt/ und im Nahmen des Tigra- nes angefuͤhrt habe: Es waͤre den Rechten der Voͤlcker/ und denen zwischen den Armen- und Pontischen Koͤnigen auffgerichteten alten Ver- traͤgen gemaͤß/ daß keiner des andern Feinde hausen/ sondern selbte ausgefolget werden sol- ten. Es waͤre Weltkuͤndig/ wie uͤbel dem Ari- stodicus von Cuma seine unzeitige Barmhertzig- keit bekommen/ als er den dem Koͤnige Cyrus mit einem grossen Schatze entlauffenen Pacty- as seinem Sardischen Land-Vogte Tabalus nicht aushaͤndigen wollen/ da doch der Didyme- ische Apollo und Branchus/ als die Cumaͤer sie hieruͤber zu Rathe gezogen/ diß Ausfolgungs- Recht gebilliget hatte. Dahero versehe sich Koͤ- nig Tigranes unfehlbar: daß Polemon ihm den jungen Artaxias als seinen Feind und Unter- than nicht vorenthalten wuͤrde. Polemon aber habe fuͤrgeschuͤtzt: Es haͤtte Apollo gleichwohl/ als Aristodicus die an dem Tempel nistenden Sperlinge aus dẽ Nestern verjagt/ und dem ihm fluchenden Abgotte seinen vorigen Spruch ent- gegen gesetzt/ seinen Befehl nur auf gehausete U- belthaͤter/ derogleichen Artaxias nicht waͤre/ ge- deutet; ja die Cumaͤer haͤtten den Pactyas gleichwohl nicht unmittelbar den Persen einge- antwortet/ sondern ihn auff die Jnsel Chius ver- wiesen/ da ihn den allererst die Einwohner sei- nen Feinden geliefert. Nach dem der Gesand- te darauff bestanden/ habe Koͤnig Polemon zu seiner Entschluͤssung Bedenck-Zeit genommen/ und den Gesandten versichert/ daß inzwischen die begehrte und fuͤr einen Feind angegebene Person in sicherer Hafft bestrickt waͤre. Nach der Zeit hatte der Koͤnig alle Kunststuͤcke des Ti- granes Anmuthen abzulehnen herfuͤr gesucht/ nehmlich die Gesandten mit Jagten/ Schau- spielen und andern Kurtzweilen auffgehalten/ auch dort und darhin zu reisen Gelegenheit ge- sucht/ um nur fernere Verhoͤr abzulehnen; und/ nach dem die Botschafft sich darmit nicht laͤnger wollen aͤffen lassen/ fuͤr geschuͤtzt: Er muͤste es als eine Sache von grosser Nachfolge mit den be- nachbarten Koͤnigen berathen/ inzwischen koͤn- ten die Gesandten zuruͤck kehren/ seine ihnen vielleicht auf dem Fuße folgende Botschaft wuͤr- de seine vernuͤnfftige und vielleicht nicht unan- genehme Entschluͤssung nachbringen. Hinge- gen versehe er sich/ daß auff solchen Fall Tigra- nes auch des Meleagenes Anhang/ welche in dem Bosphorschen Kriege wider ihn die Waf- fen gefuͤhret/ und hernach sich in Armenien ge- fluͤchtet hatten/ unter denen Lycosthenes ein Schoos-Kind des Tigranes war/ ausfolgen lassen wuͤrden. Alleine es haͤtten die Gesand- ten auff einen endlichen Schluß gedrungen/ ih- res Koͤnigs Befehl/ daß sie ohne den nicht zuruͤ- cke kehren doͤrfften/ fuͤrgeschuͤtzt/ und die Aus- wechselung des Lycosthenes und andere ge- gen dem Artaxius ausdruͤcklich anerboten. Des- sen ungeachtet haͤtte die Fuͤrstin Arsinoe dem Koͤnige fort fuͤr fort in Ohren gelegen: Es waͤre wider der Pontischen Koͤnige Hoheit einen Fuͤr- sten/ der zu Sinope in seiner Verfolgung eine Frey- und Schutz-Stadt zu finden vermeinet/ ausser dem verhofften Schirm nicht allein zu lassen/ sondern auch einen Unschuldigen in die Klauen eines Wuͤterichs zu lieffern. Es lief- fe wider das Recht und die Gewonheit der Voͤl- cker/ und diene das Beyspiel des Kaͤysers/ welcher dem Phraates den fluͤchtigen Tiridates keines- weges haͤtte ausantworten wollẽ/ ihm zu einem Wegweiser. Ob nun wohl die zwey Roͤmischen Rathsherren Taurus uñ Silanus auf die Seite des Tigranes hingen/ souͤberwog doch die Groß- muͤthigkeit Polemons/ und die Anmassung Ar- Erster Theil. K k sinoͤens Drittes Buch sinoens alle andere Absehen/ also: daß die Arme- nische Botschafft wegen der verlangten Auslief- ferung des Artaxias abschlaͤgliche Antwort kriegte. Alleine das Ungluͤck wolte der Red- ligkeit dieses tapffern Koͤnigs nicht aus dem Wege treten. Denn noch selbigen Tag lieffen vom Tiberius Schreiben ein/ welche dem Po- lemon die Ausfolgung des Artaxias beweglich einhielten/ und die Roͤmischen Rathsherren be- fehlichten darzu eusserst befoͤrderlich zu seyn. Po- lemon erschrack uͤber des Tiberius Brieffe/ noch mehr aber uͤber des Taurus und Silanus heff- tigem Fuͤrtrage. Gleichwohl aber saͤtzte er ih- nen entgegen: Er versehe sich zu ihnẽ als Roͤmern nicht/ daß sie ihn noͤthigen wuͤrden die Gast- Goͤtter seines Hauses zu beleidigen/ und daß er dem Artaxias einmahl gegebene Koͤnigliche Wort: Er moͤchte bey ihm sichern Auffenthalt haben/ brechen solte. Treu und Glauben waͤ- re zu Rom ein solches Heiligthum/ welches da- selbst auch denen gehalten wuͤrde/ welche gleich solches vorher verletzet/ und ob schon dem gemei- nen Wesen daraus einiges Unheil zugehangen. Sie haͤtten den Hanno/ der auff der Roͤmer Wort zu ihnen kommen/ unverhindert zuruͤck gelassen/ ungeachtet die Carthaginenser den Ge- sandten und Buͤrgermeister Cornelius Asina in Ketten geschlossen hatten. Wie moͤchte man denn ihm zumuthen seinen Gast und Freund zu bestricken. Zumahl ihm unbewust waͤre: daß dieser Artaxias die Roͤmer iemahls beleidiget/ ein Sohn aber nicht Theil an der Schuld seines Vaters haͤtte. Antiochus haͤtte eh wider den mit den Roͤmern gemachten Friedens-Schluß handeln/ als an seinem Gaste dem Hannibal durch seine Ausfolgung eine Leichtsinnigkeit be- gehen wollen; indem er ihn gewarnigt sich aus dem Staube zu machen. Alleine die Roͤmer setzten ihm entgegen/ Polemon haͤtte den Mas- sabazanes/ fuͤr den er sich faͤlschlich ausgege- ben/ keinem Artaxias die Gast-Freyheit er- laubet. Man habe nicht nur auff die Ver- sicherung seiner Feinde/ sondern auch derer zu dencken/ die es allem Ansehen nach werden/ und die gemeine Ruh stoͤren koͤnten. Frem- de Koͤnige waͤren einem seine Feinde ausfolgen zu lassen nicht schuldig; und deßhalben waͤre der Kaͤyser Phraaten den Tiridates zu lieffern nicht schuldig gewest/ aber wohl die Bundge- nossen. Daher haͤtte Antiochus unrecht/ Pru- sias aber loͤblich gethan: daß er den Hannibal habe greiffen lassen/ und den Roͤmischen Ge- sandten lieffern wollen/ wenn er ihnen nicht mit Gifft waͤre zuvor kommen. Diesem setz- ten sie ausdruͤckliche Bedrohunger bey: daß/ nach dem Polemon hierdurch wider seine Bundgenossenschafft handelte/ wuͤrde er fuͤr ei- nen Beschirmer der Roͤmischen Feinde ange- sehen werden. Polemon fand sich derogestalt zwischen Thuͤr und Angel. Denn auff einer Seite stritte fuͤr uns seine Ehre und unsere Schutz-Goͤttin Arsinoe/ auff der andern Sei- ten wider uns die Furcht fuͤr der Roͤmischen Macht/ und die Gefahr seines Koͤnigreichs. Wie nun diß alles uns zu Ohrẽ kam/ entschloß sich E- rato lieber freywillig in die Gewalt ihres Fein- des/ als einen so redlichen Koͤnig in so grosse Ge- fahr zu stuͤrtzen; Ließ auch solches dem Koͤnige ausdruͤcklich beybringen/ welcher inzwischen noch diesen Vorschlag ersonnen hatte: daß er auffden eussersten Fall den Artaxias nicht dem Tigranes/ sondern denen weniger grimmigen Roͤmern mit Begleitung einer beweglichẽ Vor- schrifft an den Kaͤyser und Tiberius ausfolgen lassen wolte. Endlich kam Erato und ich nach langer Uberlegung unsers bevorstehenden Un- gluͤcks auff die Entschluͤssung/ lieber die Heim- ligkeit ihres zum Erbarmniß mehr dienenden Geschlechts zu offenbaren/ als auff die mehr- mahls fehlgeschlagene Gnade der Roͤmer zu fus- sen. Wie es nun an dem war/ daß Maßabar- zanes dem Taurus und Silanus eingehaͤndi- get werden solte/ und fuͤr dem Koͤnige und ihnen erschien/ fing er mit einer fꝛeudigen Anmuth an: Es Arminius und Thußnelda. Es befremdete ihn/ daß nicht nur Tigranes/ son- dern auch die so klugen Roͤmer entweder auff das ungewisse Geschrey/ oder auff blosses Angeben eines Kundschaffers so feste gefusset/ und daß Maßabarzanes Artaxias waͤre/ geglaubet haͤt- ten. Seine Unschuld habe keine Scheu weder in der Gewalt eines grimmigen Wuͤterichs/ noch der so guͤtigen Roͤmer zu seyn. Allein er waͤre der nicht/ fuͤr den man ihn ansehe; also be- sorgte er sich noch weniger/ daß man ihn zum Schlachtopffer eines fremden ihm unbekandten Verbrechens hingeben wuͤrde/ wodurch zwar Tigranes seinen Thron/ weil Armenien viel- leicht noch ein Auge auf den entronnenen Arta- xias haben moͤchte/ befestigen/ die Roͤmer aber/ die Schutz-Goͤtter der Unschuldigen/ beleidigen wuͤrde. Der Koͤnig Polemon und die Roͤmer sahen einander eine gute Weile stillschweigend an; liessen daher des Tigranes Gesandten Sin- nates darzu kommen/ und befragten ihn: Ob er den gesuchten Artaxias auch eigentlich kennte? Dieser antwortete: nein. Denn er waͤre mit dem Tigranes stets zu Rom/ und lange Jahre nicht zu Artaxata gewest. Allein es waͤre Sinorix bey der Hand/ der den Koͤnig dessen vergewissert haͤtte. Sinorix war kaum uͤber die Schwelle ins Zimmer getreten; als Maßabarzanes ihn anredete: Bistu der Verlaͤumder/ der der Un- schuld fremde Laster auffhalset/ wo anderst Arta- xias nicht redlicher ist als du/ der du mir eine fal- sche Larve einer Person/ die ich nicht kenne/ fuͤr- machest? Sinorix ward anfaͤnglich etwas be- stuͤrtzt uͤber dieser hefftigen Anredung/ wolte auch eher nicht antworten/ biß er Maßabarzanen wol und eigentlich betrachtet hatte. Denn Maßa- barzanes Kuͤhnheit machte ihm gleichwol Nach- dencken: Ob ihn nicht sein Auge haͤtte betruͤgen moͤgen. Wie er ihn aber auffs genaueste be- trachtet; fing er an: Es moͤchte ja wohl die Na- tur zu weilen einen Menschen dem andern aͤhn- lich machen/ aber er finde in seinem Antlitze solche unfehlbare Merckmalhe/ daß/ dafern er dißmal irꝛete/ er seinen Kopf/ der ihm lieb waͤꝛe/ wolte veꝛ- lohren habẽ. Maßabarzanes lachte/ und fing an: Wenn ich so rachgierig waͤre/ als du verlaͤumde- risch bist/ haͤttestu ihn bereit sicher verspielet. Hie- mit wendete er sich zum Koͤnige Polemon/ und bat ihn um Verlaub/ daß er in das unentfernte Zimmer der Koͤnigin sich verfuͤgen moͤchte/ da- selbst wolte er einen unwiderleglichen Be- weiß fuͤrzeigen/ und den Sinorix augenschein- lich zu schanden machen. Der guͤtige Koͤnig konte diß ihm nicht abschlagen; wiewohl er und die Roͤmer nicht ersinnen konten/ was fuͤr Beweiß moͤglich zu finden sey/ der des Sinorix Zeugniß/ welcher aus Armenien noch tausend ihm beystimmende Zeugen auffzubringen sich vermaß/ hintertriebe/ und des Maßabar- zanes Verneinung erhaͤrtete. Als Maßa- barzanes nun in der Koͤnigin Zimmer kam/ bey der sich die seinetwegen hoͤchstbekuͤmmerte Fuͤr- stin Arsinoe auffenthielt/ fiel er vor ihnen auf die Knie/ und fing an: Gnaͤdigste Koͤnigin/ die Ver- laͤumdung des Sinorix/ welche einen Fremd- ling dem Blutduͤrstigen Tigranes auffopffern will/ zwinget mich fuͤr selbter/ als einer Schutz- Goͤttin meiner Unschuld ein Geheimniß zu ent- decken/ welches ich lieber auch vor den Goͤttern verhelet haͤtte. Hiermit riß sie ihr Kleid auf/ und wieß der Koͤnigin und Arsinoen ein paar so schoͤ- ne Bruͤste/ als sie iemahls ein Auge gesehen/ oder ein vollkommenstes Frauenzimmer haben kan. Die Koͤnigin erstaunete uͤber so unvermutheter Begebenheit/ noch mehr aber die schoͤne Arsinoe: also/ daß sie eine gute Weile kein Wort auffzu- bringen wuste. Die nunmehr offenbarte Era- to nahm die grosse Veraͤnderung Arsinoens ge- nau wahr/ und weil sie von ihrer Liebe gut genug wuste/ muthmaßte sie/ ihre Bestuͤrtzung ruͤhre daher/ daß weil sich nunmehr Maßabarzanes in ein Weib verwandelte/ sie hierdurch ihre Liebe zu Wasser werden sehe. Nachdem aber beyde sich ein wenig erholet/ fing Crato an: Gebet nun/ ihr meine Schutz-Goͤtter/ einer ungluͤckseli- K k 2 gen Drittes Buch gen Jungfrauen/ die die Begierde der Tugend und ein grosses Absehen ihrer Eltern in ein Mannsbild verstellet hat/ wider die Falschheit des Sinorix ein Zeugniß: daß sie nicht Maßa- barzanes/ weniger der verfolgte Artaxias sey. Der guthertzigen Koͤnigin fielen die Thraͤnen aus den Augen/ und sie kunte sich nicht enthal- ten/ daß sie nicht die Erato mit hundert Kuͤssen umhalsete; Arsinoe aber blieb hierbey voll Nachdenckens unbewegt gleichsam als eine Marmel-Seule stehen/ verlohr sich auch un- vermerckt aus dem Zimmer. Die Koͤnigin befahl hierauff alsofort ihrem Frauenzimmer: daß sie den eingebildeten Maßabarzanes also- fort ihrer Tugend gemaͤß auffs praͤchtigste an- kleiden musten. Als dieses in moͤglichster Eil vollbracht ward/ nahm die Koͤnigin diese Fuͤr- stin bey der Hand/ und fuͤhrte sie in das Koͤni- gliche Zimmer/ darinnen die verlassenen Per- sonen mit Ungedult den verlangten Ausschlag erwarteten. Dieser aber als sie nun den ein- gebildeten Artaxias in ein Frauenzimmer ver- wandelt/ und die unfehlbare Warheit aus de- nen mit Fleiß halb entbloͤßten Bruͤsten sahen/ verwirrte nicht nur den Koͤnig und die Roͤ- mer/ sondern auch den Sinnates/ und inson- derheit den Sinorix; daß jene kein Wort re- den konten/ dieser aber fuͤr Scham und Schan- de sich augenblicks aus dem Zimmer ent- brach. Der Koͤnig ward uͤber diesem Eben- theuer hertzlich erfreuet/ die Roͤmer aber und gantz Sinope verwundernd uͤber der Schoͤn- heit und Tapfferkeit dieser zwar unbekandten Fuͤrstin; welche aber ihren hohen Stand durch ihre Tugend genugsam ausfuͤhrete. Sinorix ließ sich nicht mehr schauen/ und Sinnates mu- ste mit einer Nase abziehen. Erato aber erfreu- te sich uͤber so gluͤcklichem Ausschlage/ dem Sie- ge ihrer Klugheit. Denn diese ist die Hebam- me der Gluͤckseligkeit und Vergnuͤgung. Eines allein lag ihr noch auff dem Hertzen/ nehmlich die Sorge uͤber der an Arsinoen verspuͤhrten hefftigen Veraͤndeꝛung. Zumal da Erato/ welche nunmehr in dem Koͤniglichen Frauenzim̃er blei- ben muste/ und von der Koͤnigin alle ersinnliche Gnaden/ von der Fuͤrstin Arsinoe aber noch hefftigere Liebesbezeugungen genaaß/ gleichwol an ihr eine ungewoͤhnliche Traurigkeit verspuͤr- te. Diese verwandelte sich in wenigen Tagen in eine Kranckheit/ und machte sie gar bettlaͤge- rig. Endlich wuchs die Unpaͤßligkeit so sehr/ daß die Aertzte an ihrer Wiedergenesung zu zweif- feln anfingen; woruͤber der gantze Hoff in un- ermaͤßliches Trauren versetzet ward. Taurus und Silanus hatten selbst mit dieser so anmu- thigen Fuͤrstin ein hertzliches Mitleiden; und weil sie den beruͤhmten Artzt Cornelius Celsus/ welchen man seiner Fuͤrtreffligkeit wegen den Lateinischen Hippocꝛates nennte/ bey sich hatten/ ward er endlich auch zu Rathe gezogen. Dieser aber konte so wenig als die andern sich in die Kranckheit finden/ weniger bey solcher Un- wissenheit helffen. Nach hunderterley Anmer- ckungen ihrer Veraͤnderung nahm er wahr/ daß wenn einige von dem Frauenzimmer/ und dar- unter Erato ums Bette standen/ der Puls schnel- ler zu schlagen anfing/ ihre Farbe und gantze Beschaffenheit sich aͤnderte. Gleichwohl aber konte er hieraus ihm wenig nehmen/ noch auff den Grund kommen. Nach dem er aber mit Fleiß anmer ckte/ daß dieser Umstand allezeit ei- nerley Veraͤnderung machte/ und die Koͤnigin bey sich taͤglich vermindernden Lebens-Hoff- nung sehr erbaͤrmlich thaͤt/ ihr die Haare aus- rauffte/ den Goͤttern und der Natur fluchte/ ihre Kleider zerriß; diese eine Stieff-Mutter schalt/ welche dem Menschen bey seiner Geburt nur deshalben den Verstand entziehe/ daß er das gute des anfangenden Lebens nicht recht genuͤße/ bey dem Sterben aber gebe/ daß er die Bitterkeit des Todes so viel mehr schme- cken muͤste/ zohe dieser nachdenckliche Artzt die Koͤnigin auff die Seite/ entdeckte ihr sei- ne Anmerckung und sagte: Er hielte es mehr Arminius und Thußnelda. mehr fuͤr eine Gemuͤths - als Leibes-Kranck- heit/ und wenn solche Veraͤnderung in An- wesenheit einiges Mannes geschehe/ wolle er keck sagen: Es waͤre die Kranckheit/ daran Era- sistratus den Liebhaber der Stratonice geheilet haͤtte. Wolte sie nun die Ursache der Kranck- heit ergruͤnden/ und ihrer Tochter das Leben er- halten/ muͤste sie die Heimligkeit ihres Hertzens erforschen. Der klugen Dynamis war mehr denn zu viel gesagt/ und sie konte ihr numehr die Kranckheit an den Fingern ausrechnen. Gleich- wohl aber noch gewisser auf den Grund zu kom- men/ gieng sie mit unterschiedenen ihres Frau- enzimmers zu Arsinoen/ merckte aber in ihrem Beyseyn an ihr nichts veraͤnderliches. Hier- auf trat sie alleine mit der Erato fuͤr ihr Bette; alsofort dorfte sie Arsinoen nicht an Puls fuͤhlen; denn ihre Gemuͤths- und Leibes-Aen- derung brach an allen Gliedern aus. Nach so augenscheinlichen Merckmalen fuͤhrete sie die Fuͤrstin Erato mit sich/ verschloß sich mit ihr in ihr geheimstes Zimmer; daselbst redete sie/ ihre Augen voll Thraͤnen/ und ihre Brust voll Seuf- zer habende/ derogestalt an: Wenn ich/ unver- gleichliche Erato/ nicht ihrer hohen An- kunft halber durch so viel Tugenden/ wor- mit sie der guͤtige Himmel ausgeruͤstet hat/ vergewissert waͤre/ wuͤrde ich entweder den Vorwitz begehen ihren Ursprung zu erforschen/ welchen sie vermuthlich aus wichtigen Ursachen verhelet/ oder ihr ein Geheimnuͤß zu entdecken anstehen/ welches meinem eigenen Gemahl ver- borgen ist. Nachdem man aber fuͤr den Goͤt- tern und der Tugend sicher sein Hertz ausschuͤt- tet/ und ihre Guͤtigkeit mich aus dem Pfule des Verderbens/ mein Kind Arsinoen aus dem Ra- chen des Todes zu retten alleine maͤchtig ist; wol- le die ihren Ohren nicht beschwerlich seyn lassen mich zu hoͤren/ welcher mitleidentlich Hertze ich so geneigt weiß mir zu helffen. Als nun Erato mit Zunge und Geberden ihr Mitleiden und Verbuͤndligkeit beweglich bezeuget hatte/ fuhr die Koͤnigin Dynamis fort: Als ich den Koͤnig Polemon geheyrathet hatte/ liessen die Goͤtter zu/ daß des Scribonius Schwester durch Zau- berey uns zwey Ehleute eben so/ wie es fuͤr Zei- ten dem Koͤnige Amasis mit der Laodice bege- gnet/ gegen einander verschloß. Polemon/ welcher uͤber diesem Zufalle nebst mir hoͤchst be- kuͤmmert ward/ nahm seine Zuflucht zu der Per- sischen Diana/ welche in der Cilicischen Stadt Castabala verehret wird. Die Wahrsager- Weiber/ welche daselbst uͤber den gluͤenden Rost und Kohlen/ darauf die Opfer angezuͤndet wer- den/ baarfuͤssig ohne Verletzung gehen/ trugen der Goͤttin unser Geluͤbde fuͤr/ und kriegten zur Antwort: Jch solte meinen Guͤrtel der Jung- fraͤulichen Diana wiedmen/ so wuͤrde ich schwan- ger werden/ es solte ihm aber Polemon den De- gen schleiffen. Ob uns nun wol das letztere ziemlich tunckel fuͤrkam; so leisteten wir doch dem Goͤttlichen Befehl Gehorsam/ und ich be- fand mich in einem Monat schwanger. Wie wir nun auf dem Ruͤckwege bey der Stadt Se- leucia unter dem Berge Taurus vorbey zohen/ wolten wir bey der beruͤhmten Charoneischen Hoͤle nicht vergebens vorbey ziehen/ sondern wir verehrten den Geist denselben/ und schlugen des Nachts darinnen unsere Lager-Stadt auf/ umb durch einen Traum wegen des Mittels unser Genesung bestaͤrckt zu werden. Estraͤumte uns aber allen beyden: Jch ginge mit einer Schlan- ge schwanger/ die an iedem Orte einen Kopf haͤt- te/ derer einer den Polemon staͤche/ der andere seine Mutter kuͤßte. Eben dieses traͤumte uns zu unserer hoͤchsten Verwunderung wenige Zeit hernach zum andern mal in dem Pergameni- schen Tempel des Esculapius. Wir blieben also mit Furcht und Hoffnung bestricket biß zu meiner Geburts-Zeit ruhig/ wurden aber hertz- lich erfreuet/ als ich eines wolgestalten Sohnes und Tochter genesen war/ die wir Zeno und Ar- sinoe benahmten. Gleichwohl aber konte mein Koͤnig ihm den Traum nicht aus dem K k 3 Sin- Drittes Buch Sinne schlagen/ daher reisete er selbst in den Epi- rischen Eichwald bey der Stadt Dodona/ allwo Jupiter in einem alten noch vom Deucalion ge- baueten Tempel kuͤnftig Ding wahrsagte. Wie er nun nach verrichteter gewoͤhnlichen Andacht fragte: Was er fuͤr Gluͤck oder Ungluͤck von sei- nen neugebohrnen Zwillingen zu hoffen haͤtte/ antworteten ihm die daselbst singenden Tauben: Die Tochter wird alsbald die Mutter kuͤssen/ Der Sohn das Blut des Vaters selbst vergiessen. Als nun Polemon uͤber dieser Weissagung be- stuͤrtzt war/ und die Goͤtter umb Erklaͤrung mit vielen Seufzern anflehete/ hob sich das guͤldene Bild des Jupiters/ welches oben auf dem Tem- pel stand/ auf/ und schlug mit seiner eisernen Ruthe an die vings herumb aufgehenckten ertz- tene Tiegel/ welche eben vorige Reymen von sich lauten liessen. Der Koͤnig wolte mit dieser be- truͤbten Zeitung nicht nach Hause kehren/ son- dern schiffte aus Griechenland geraden Weges in Africa/ und durch das fast unwegbare Sand- Meer zu dem Ammonischen Jupiter bey den Troglodyten; wohin dem grossen Alexander die Raben/ dem Bachus ein Widder den Weg ge- wiesen hat. Daselbst wusch sich Polemon aus dem Sonnen-Brunnen/ welcher des Morgens und Abends laues/ des Mittags eißkaltes/ umb Mitternacht siedendheisses Wasser hat; opferte hierauf sieben Widder/ verrichtete alles/ was zu selbigem Gottes-Dienste gehoͤrig ist/ und bat ihm seiner Kinder Zufaͤlle zu offenbaren. Die Priester nahmen des Jupiters Bild/ welches wie ein Seeweiser aus weissem Marmel/ oben mit einem Widder-Kopfe gemacht/ auf der Sei- te mit Smaragden und andern Edelgesteinen gezieret war/ setzten solches auf einen guͤldenen Nachen/ an welchem eine grosse Menge silber- ner Schuͤsseln hingen/ und hinter dem eine grosse Anzahl Frauen und Jungfrauen allerhand Lob- Lieder sangen. Auf des Koͤnigs angebrachte Frage verdrehete der Abgott die Augen/ schuͤttel- te den Kopf/ raschelte mit den umbhangenden Hammel-Fellen/ und/ welches zu verwundern/ brauchte der Priester zu Auslegung dessen/ was Jupiter andeutete/ eben die von dem Dodoni- schen Jupiter ausgesprochene Worte. Wie- wohl nun die Wahrheit der Hammonischen Wahrsagungen durch die dem Egyptischen Koͤ- nige Themeuthes/ dem Getulischen Jarbas/ dem Hannibal und viel andern ertheilte Weissagun- gen bewaͤhrt war; so ließ sich doch Polemon nicht vergnuͤgen/ sondern er berieth sich auch mit dem Pythischen Apollo in Beotien/ dessen Heilig- thum von einer Ziege erfunden worden. Wie nun die Pythia nach zweyen ihm geopferten weissen Pferden aus dem Brunne Cassiotis/ welcher die angezuͤndeten Fackeln auslescht/ die ausgeleschten anzuͤndet/ getruncken/ und den Wahrsager-Geist bekommen/ auch sich bey ein- brechender Demmerung uͤber die heilige Hoͤle auf den guͤldenen Dreyfuß gesetzt hatte/ kriegte sie einen Jaͤscht fuͤr dem Mund/ und fing an eben diese Wahrsagung/ welche fuͤrzeiten dem The- banischen Koͤnige Lajus geschehen war/ auszu- schaͤumen: Wenn nicht die Goͤtter wolln/ so zeuge doch kein Kind/ Nachdem dir selbst dein Sohn ein Sterbeus-Netze spinnt. Mit diesen betruͤbten Offenbarungen kam Po- lemon wieder zu Sinope an/ ich stelle zu ihrem vernuͤnftigẽ Nachdencken/ zu was fuͤr Hertzeleid fuͤr mich/ sonderlich/ da sich der Koͤnig entschloß meinen einigen Sohn hinrichten zu lassen. Die ehliche und Mutter-Liebe kaͤmpfte in meinem Hertzen gegen einander/ weil jene aus den Goͤtt- lichen Wahrsagungen selbst die Gefahr meines Gemahls/ diese meines Kindes Untergang fuͤr Augen sahe. Jch hielt ihm aber gleichwohl ein; wie die albern Rathschlaͤge der Menschen die unvermeidlichen Schluͤsse des Verhaͤngnuͤs- ses zu stoͤren sich vergebens anmaßten/ als aus dem Beyspiele Astyagens/ der seiner Tochter Mandane gantz Asien uͤberschattende Frucht wollen Arminius und Thußnelda. wollen toͤdten lassen/ und des Lajus/ der seinen mit der Jocasta erzeugten Sohn dem Tode wiedmete/ zu sehen waͤre. Uber diß mißbrauch- te die menschliche Boßheit nicht selten sich Goͤtt- licher Weissagungen zu ihrem Vortheil. Pha- lantus waͤre seiner Herrschafft vom Apollo so lange versichert worden/ biß er weisse Raben se- hen/ und in seinem Getraͤncke Fische finden wuͤr- de. Sein Feind Jphiclus aber/ dem diß ver- kundschafft worden/ haͤtte durch den bestochenen Larca ihm mit dem Wasser kleine Fische in Wein mischen/ und Jphiclus zugleich eine Menge uͤbergipste Raben fluͤgen lassen. Hierdurch waͤre der aberglaͤubische Phalantus sich dem Jphiclus ohne Noth zu ergeben verleitet worden. Nach dem aber auch diß nicht ver- fangen wolte/ sagte Dynamis/ verschrieb ich in moͤglichster Eil den Egyptischen Sternscher Cheraͤmon an Hof/ welcher bey vielen seiner Wissenschafft halber beruͤhmt/ bey nicht weni- gern aber auch seiner Eitelkeiten halber verachtet war; massen er durch das Gedichte/ daß der Vogel Phoͤnix 7000. Jahr lebte/ und andere Thorheiten sich in der Welt schon genungsam bekandt gemacht hatte. Nichts desto weniger eroͤffnete ich dem Cheraͤmon meines Sohns Ge- burts-Stunde/ wormit er aus dem Gestirne alle Zufaͤlle seines Lebens aufs fleissigste ausrech- nen solte. Es konte diß aber nicht so verholen geschehen/ daß es nicht die Koͤniglichen Raͤthe er- fuhren/ und dem Polemon fuͤrtrugen: Wie ge- faͤhrlich es waͤre/ uͤber dem Zustande der Fuͤrsten die nichts minder betruͤglich-als aber glaͤubische Leute zu Rathe fragen; oder auch gar solche de- nen Goͤttlichen Offenbarungen/ welche Pole- mon allenthalben einstimmig befunden haͤtte/ entgegen zu setzen. Die beruͤhmtesten Chaldeer haͤtten einmuͤthig den grossen Pompejus/ den Crassus und Caͤsar versichert/ daß sie mit grossem Gluͤcke und Ruhm in hohem Alter auf dem Bet- te sterben wuͤrden; sie also zu vielen kuͤhnen Ent- schluͤssungen verleitet/ ihre Unwahrheit aber waͤ- re mit aller dreyer grausam verspritzten Blute aufgezeichnet. Jnsonderheit waͤre dieser Che- raͤmon auf derogleichen Betrug abgerichtet/ und haͤtte er den grossen Pompejus gewarnet: Er solte sich fuͤr dem Cassius huͤten. Wie er nun hernach in einem Nachen von gantz andern er- mordet worden/ haͤtte Cheraͤmon seinen Fehler damit entschuldiget/ er haͤtte keinen Menschen/ sondern den Berg Cassius/ unter welchem er ge- storben und begraben waͤre/ verstanden. Jch kam zu meinem Gluͤcke gleich darzu/ und hoͤrte diese Beschuldigung des Cheraͤmons/ welchen ich eben dadurch fuͤr glaubwuͤrdig ruͤhmete. Sintemal nicht seine Wahrsagung/ sondern des Pompejus uͤbeler Verstand zu tadeln waͤre. Die Goͤtter selbst pflegten in ihren Weissagun- gen selten noch so verstaͤndlich zu reden/ und muͤ- sten allenthalben solche Offenbarungen nach- dencklich uͤberlegt werden. Polemon aber blieb gegen mich gantz unbeweglich/ allem Vermu- then nach mehr aus einem Staats-Geheimnuͤs- se/ als aus Mißtrauen gegen dem Cheraͤmon. Denn weil an Wahrsagung kuͤnftiger Dinge so viel gelegen/ und die/ welche solche zu wissen ge- glaͤubet werden/ bey dem Volcke in allzugrossem Ansehen sind/ haben iederzeit alle kluge Oberher- ren diese Wissenschafft an sich gezogen. Also haͤttẽ Amphilochus und Mopsus ihren Argivern/ He- lenus und Cassandra des Priamus Kinder ihren Phrygiern/ die aus den Weisen erkiesete Persi- sche Fuͤrsten alleine bevorstehende Begebenhei- ten/ wie selbte fuͤr ihre Herrschens-Rath gedie- net/ angekuͤndigt. Numa bediente sich zum Scheine seiner Wahrsagungen einer erdichteten Gemeinschafft mit der Egeria; und vom Tullus Hostilius glaubten die Roͤmer/ daß der Donner ihn deshalben erschlagen haͤtte/ weil er die Ge- heimnuͤssẽ/ wordurch der Jupiter Elicius zu er- scheinen beruffen werden koͤnte/ nicht recht beob- achtet. Nichts minder ist die Wahrsagerey auch hernach zu Rom/ als die hoͤchste Gewalt/ fuͤr et- was Koͤnigliches gehalten/ uñ mit selbter verein- bart; Drittes Buch bart; hingegen/ daß die Stadt nicht durch andere Weissagungen irre gemacht/ oder gar ausser den Schrancken des Gehorsams versetzt wuͤrde/ ha- ben die Obern die Sibyllinischen Buͤcher ver- brennen/ und die Wahrsager mehrmals aus der Stadt vertreiben lassen. Mit Noth brachte ich es endlich so weit/ daß Koͤnig Polemon einen seiner Raͤthe Sophites befehlichte/ des Chere- mon Wissenschafft zu durchforschen. Dieser rechtfertigte ihn alsofort: Ob er ein Sternseher waͤre/ und wo er seine Kuͤnste gelernet haͤtte? Cheremon antwortete dem Sophites gleichsam veraͤchtlich: Er waͤre zwar nach Sinope nicht kommen seines Thuns halber Rechenschafft zu geben; nachdem er in Egypten fuͤr einen halben Gott gehalten wuͤrde. Jedoch koͤnte er nicht laͤugnen/ daß er mit dem Verhaͤngnuͤsse ein ver- traͤuliches Verstaͤndnuͤß/ und den Sternen taͤg- liche Gemeinschafft haͤtte/ und nichts minder ei- nen Wahrsager unter den Menschen/ als einen Gesetzgeber im Himmel abgebe; auch versichert waͤre/ daß sein Nahme nicht mit tunckelern Sternen/ als der Guͤrtel des Orions daselbst eingeschrieben werden wuͤrde. Sophites frag- te weiter: Woher er diese Wissenschafft erler- net? Aus dem Buche der Verstaͤndigen/ ant- wortete Cheremon/ nemlich dem Himmel/ dessen Sterne alle Buchstaben waͤren/ woraus die Weisen alle Geheimnuͤsse der Natur und die Schluͤsse des Gluͤckes so unschwer lesen koͤnten/ als die ersten Menschen nach dem Stande der Gestirne in denen saͤndichten Einoͤden/ und noch ietzt die Schiffenden haͤtten reisen lernen/ und die Weisen der ersten Welt auch die Sprache der Thiere verstanden. Worbey er aber mit dem Socrates gestehen muͤste/ daß die Erfah- rung bim̃lischer Dinge ohne Goͤttliche Huͤlffe und Erleuchtung sich nicht erlernen liesse. So- phites erkundigte ferner: Mit welchen Volckes Schrifft denn diese him̃lische eine Verwandnuͤß haͤtte/ und wordurch die Anfaͤnger selbte verste- hen lernten? Cheremon fing an: Die sieben grosse Jrr-Sterne waͤren die laut-alle andere die stummen Buchstaben. Der kluge Cham haͤtte das A. B. C. in 7. ertztene und 7. irrdene Saͤulẽ aufgezeichnet/ wormit selbte weder Feuer noch Wasser vertilgen moͤchte. Der sinnreiche Jdris aber haͤtte ein von dem andern Menschenin einẽ versiegelten Stein verschlossenes Buch gefundẽ/ darinnen die allerklaͤrste Auslegung enthalten gewest/ und aus welchen die Egyptier so viel tau- send Jahr ihre Heimligkeiten geschoͤpfet haͤtten. Sophites fuhr fort: Woher sie eines so grossen Alters der Welt versichert waͤren; ob sie selbte wegen ihres Ursprungs fuͤr ewig/ und ihrer Tauerhaftigkeit nach fuͤr unver gaͤnglich hielten? und ob er auch unter denen Leichtglaubigẽ waͤre/ daß die Babylonier von 470000. Jahren den Lauff der Sonnen aufgezeichnet haͤtten? Che- remon versetzte: Alle Dinge/ ausser Gott/ haͤtten ihren Anfang; das Alter der Welt wuͤsten sie aus denen 20000. Buͤchern des Hermes/ in welchen keines Sternes Bewegung von Anfang der Welt aussengelassen waͤre. Das Alter der Welt wuͤrde sich auf 36525. Jahr erstrecken/ weil in so vieler Zeit der voͤllige Lauff des Gestirnes sich endigte/ und umb ein allgemeines Ende zu machen alles in den ersten Stand verfiele. So- phites fragte ferner: Ob denn die Sterne allein in der Welt die natuͤrlichen Regungen des Ge- waͤchses/ des Gewitters/ der Fruchtbarkeit/ in dem Menschen nur uͤber den Leib/ oder auch uͤber sein Gemuͤthe/ uͤber den Willen und die Regun- gen der Seele einige Gewalt haͤtte. Cheremon antwortete: Die Sternen haͤtten so wohl uͤber ein als das andere eine vollkommene Botmaͤs- sigkeit. Sophites versetzte: So hoͤre ich wohl/ die Sternen haben nicht nur eine blosse Nei- gung/ sondern einen voͤlligen Zwang uͤber uns. Sintemal alle Wissenschafften keinen zufaͤlli- gen/ sondern einen nothwendigen Schluß in sich haben. Hat denn aber der Mensch keinen frey- en Willen der Tugend oder dem Laster beyzu- fallen/ auch keinen Verstand Gutes und Boͤses zu Arminius und Thußnelda. zu erwehlen in sich? Denn wie unschwer nach- zugeben/ daß die Sternen uͤber den menschli- chen Leib als ein irrdisches Theil der Welt wuͤr- cken koͤnnen; also nachdem die Seele ein Fun- cken des Goͤttlichen Lichtes/ und von einem hoͤ- hern Ursprunge/ als die Sonne selbst ist; wie koͤnnen die niedrigern Gestirne uͤber das hoͤhere wuͤrcken? Wenn die Seele sich nicht selbst der Knechtschafft des Leibes unterwirfft? Cheraͤmon sahe den Sophites ernsthaft an/ und sagte: O ihr albern Menschen/ die ihr euer Gluͤcke/ euer Klugheit/ und eure gute Wercke eurem freyen Willen zueignet. Beydes haͤnget an den Ket- ten des unveraͤnderlichen Verhaͤngnuͤsses/ wel- ches durch die Sternen die Menschen/ wie ein Gauckler die Tocken durch ver- borgene Draͤte beweget. Dieses Verhaͤngnuͤß haben die Weisen durch das Faß der Pandora/ wie die Bewegung der Jrr-Sterne durch des Orpheus siebenseitige Leyer abgebildet/ indem jene den Seelen bey der Geburt des Menschen nach der Anschaffung des Himmels Boͤses und Gutes zueignet. Die Hoheit der Seele klim- mete zwar hoͤher/ als die Gestirne/ keines weges aber uͤber dem Verhaͤngnuͤsse/ welches das Ge- muͤthe und der Wille Gottes waͤre. Diesem- nach auch die Goͤtter an die Nothwendigkeiten des Verhaͤngnuͤsses/ wie Prometheus an den Felsen des Caucasus angebunden waͤ- ren. Es ist diß/ sagte Sophites/ eine ge- faͤhrliche Lehre/ welche den vernuͤnftigen Menschen zu einem wilden Thiere/ und zu einem Leibeigenen des Himmels ma- chen. Denn ob er zwar selbst sich bescheide/ daß die so wunderwuͤrdigen Begebenheiten der Welt nicht ungefaͤhr geschehen/ dem menschli- chen Willen und Klugheit auch in der Wahl es vielmal fehl schluͤge/ und daher etwas uͤberirrdi- sches uͤber uns das Gebiete fuͤhren muͤste; so glaubte er doch nicht/ daß dieses von denen Sternen/ welchen Gott doch einen gewissen Lauff fuͤrgeschrieben/ und ein solches Ziel gesteckt haͤtte/ wenn man selbten auch schon das Band anderer natuͤrlichen Ursachen beysetzte/ herruͤh- ren koͤnte oder muͤste; sondern/ daß die Vernunft zwischen boͤs- und guten eine unverschrenckte Wahl habe/ ungeachtet selbte ihrer Bloͤdigkeit halber vielmal den unrechten Dreyfuß anruͤhre- te/ ein Weiser aber der Neigung des Gestirnes uͤberlegen sey. Weil er aber wohl wuͤste/ daß dieser Stritt unter den Menschen keinen un- verwerfflichen Richter haͤtte/ so wolte er inzwi- schen dem Cheraͤmon seinen eingebildeten Ster- nen - Zwang enthaͤngen. Nachdem aber Cheraͤmon nicht laͤugnen koͤnte/ daß die Chaldeer und Egyptier so gar in der Zahl und in dem Stande der zwoͤlff him̃lischen Zeichen einander zuwider waͤren/ diese derselben zwoͤlff/ jene nur eilff machten/ ihre Graͤntzen auch sonst gar nicht miteinander uͤbereinstimmten; die Serer uͤber diß uͤber 500. Gestirne mehr/ als die andern zwey und die Araber zehlen; gleicher Gestalt auch etliche Sternseher den Mercur zu einem weiblichen/ andere zu einem maͤnnlichen Gestir- ne/ die dritten zu einem Zwyter machten; eben dieser Stern dem einen vor/ dem andern hinten nach ginge; ihrer viel denen Mitternaͤchtischen/ viel denen gerade uͤber unserm Wirbel stehen- den Sternen die nachdruͤcklichste Wirckung zu- eigneten; wie waͤre moͤglich/ daß aus diesen wi- drigen Meynungen/ welche doch die Sternseher fuͤr ihre Grundfeste hielten/ einige unfehlbare Gewißheit/ ja nur eine glaubhafte Muthmas- sung gezogen werden koͤnte? sondern ieder Ver- nuͤnftiger koͤnte leicht urtheilen: daß es mit der Sternseher Wahrsagung eben eine solche Eitel- keit haͤtte/ wie mit den Aufmerckern des Vogel- Geschrey- und Fluges; es ginge auch mit bey- den einerley Betrug fuͤr. Die Nacht-Eulen waͤren fast allen Voͤlckern ein Ungluͤcks- Vo- gel; die Athenienser und Scythen verehrten ihn als einen gewissen Siegs- und Gluͤcks-Boten; und haͤtte Agathocles/ welcher beym An- fange der Schlacht eine vorhin verwahrte Erster Theil. L l Menge Drittes Buch Menge Eulen fliegen lassen/ seinem Heere da- mit ein groß Hertze gemacht; die Carthaginenser aber keine geringe Niederlage erlidten. Die unabmaͤßliche Groͤsse der Gestirne/ der unbe- greiffliche Umbkreiß des Himmels haͤtte sich noch durch kein Ferne-Glaß einem richtigen Meß- Stabe untergeben; weniger die Berge/ Thaͤ- ler/ Seen/ und der Talg der Sternen/ und ob in selbten eben so wohl Menschen oder andere Thie- re wohntẽ/ ergruͤndet werden koͤñen/ also daß fast keines einigẽ Sternsehers Rechnung mit der an- dern uͤbereinstimmte; wie solten sie denn die ver- borgene Eigenschaft/ und die Wuͤrckung den Steꝛnen so leichte absehen/ welche ihnen so wenig in die Stirne/ als den Kraͤutern auf die Blaͤtter geschrieben waͤre? Die Araber stellten den Egy- ptiern/ diese denen Chaldeern in ihren Grund- festen unzehlbare Fehler aus. Die Gestirne selbst veraͤnderten nicht allein ihren Stand/ mas- sen der aͤuserste Stern in dem Schwantze des kleinen Baͤres numehr kaum 4. Staffeln von der nordlichen Angel-Spitze entfernt waͤre/ wel- chen die Alten dreymahl so weit darvon setzten; der gestirnte Stier stuͤnde/ wo fuͤr Zeiten der Widder gestanden haben solte; die Sonne solte vier und zwantzig mal ihrer Breite weit von der Erde erhoͤhet gewest seyn/ die ietzund nur achtzehn mal von selbter entfernt waͤre/ wie auch der Bewegungs-Kreiß des Kriegs-Sterns von der alten Anmerckung hauptsaͤchlich veraͤndert seyn. Wie waͤre es nun moͤglich/ daß die so veraͤnderten Gestirne ihre alte Wuͤrckung be- halten solten/ da die von dem Gebuͤrge in die nechste Flaͤche/ zu geschweigen die aus Europa in Asien versetzte Kraͤuter ihre gantze Eigenschaft veraͤnderten? Zumal die Sternseher selbst glaubten/ daß die Guͤte und Boßheit eines Ge- stirnes mehr aus dem Orte/ wo er stuͤnde/ als aus seiner Eigenschaft zu urtheilen/ insonderheit aber der Mercur bey den gluͤcklichen Sternen gluͤck- lich/ bey den argen boͤse; hingegen der Saturn/ dessen Grausamkeit die alten so gar mit Men- schen-Opfern versoͤhnet haͤtten/ in dem Hause des Loͤwen gluͤcklich waͤre. Wie viel tausend Sternen stuͤnden nur in der Milch-Strasse/ welche unserm Gesichte nur als ein Nebel fuͤrkaͤ- men? Welche Vermessenheit aber wolte sich ruͤhmen/ daß sie ihnen ihre Wuͤrckung absehen koͤnte/ welche sie so gewiß/ als die sichtbaren Ster- ne haben muͤsten/ wo es anders wahr waͤre/ daß Gott und die Natur nichts umbsonst schaffe. Wie offt wuͤrden die grossen Him̃els-Lichter von finstern Flecken verduͤstert/ wie viel Sterne haͤtte man im Him̃el sich zeigẽ/ und wieder verschwin- den sehen/ welche hoͤher gestanden und groͤsser ge- west/ als der Monde? Solten diese daselbst keine Veraͤnderung machen/ welche den Erd-Boden in so grosse Verwunderung setzten? Sintemal ja die kleinsten Kraͤuter nicht ohne Wuͤrckung waͤren/ und offt fuͤr die groͤsten Kranckheiten dieneten. Wie viel unausleschliche Sternen haͤtte man auf den Schiffarthen in dem Sud- Lande des Himmels kennen gelernet/ und durch die Ferne-Glaͤser umb den Jupiter und Saturn neue Jrr-Sternen erkieset/ von denen die Alten nichts gewuͤst; aus derer Buͤchern ihr doch alle eure Geheimnuͤsse schoͤpfet. Jn wie viel Dingen betreuget uns nicht das Gesichte/ die Unvollkommenheit der Ferne-Glaͤser/ die un- sichtbaren Duͤnste in der Luft/ welche dem Stande und der Gestalt der Gestirne eine gantz andere Farbe anstreichen/ und den Stern- sehern zu mehrern Jrrthuͤmern Ursach geben/ als es Jrr-Sterne im Himmel hat. Die- semnach es ihm keine geringere Vermessenheit zu seyn schiene/ bey solcher Unwissenheit aus dem Gestirne der Menschen Verhaͤngnuͤß urtheilen wollen/ als der vom Apion angezogene Wahr- sager beging/ der aus des Apelles Gemaͤhlden auch der von ihm sonst nie gesehenen abgemahl- ten vergangenes und kuͤnftiges Urthel andeute- te; oder auch die/ welche mit gewissen Edelgestei- nen Arminius und Thußnelda. nen die Goͤtter aus dem Himmel/ die Geister aus der Hoͤlle beruffen/ und wenn einem ein Stein aus dem Ringe springt/ daraus ein nicht allein unvermeidliches Ungluͤck erzwingen/ son- dern auch deßwegen den wichtigsten Anschlag abbrechen. Cheraͤmon antwortete: Er koͤnte nicht laͤngnen/ daß viel unter denen Sternsehern irrige Meynungen von den Sternen haͤtten/ daß die Ferne und die Bloͤdigkeit des menschli- chen Verstandes nicht alles im Himmel so genau auszuecken wuͤste/ und derogestalt der Himmel den meisten ein unaufloͤßliches Raͤtzel waͤre. Alleine/ es waͤre daraus ein mehres nicht zu er- zwingen/ als daß ihre Wissenschafft nicht voll- kommen/ sondern auch mit Fehlern vermischt waͤre. Massen denn auch keine Sternse- her/ als die Egyptier/ die Geburt der Schwantz-Gestirne vorher sehen/ und die Zeit ihrer kuͤnftigen Erscheinung anzukuͤndi- gen wuͤsten. Diese Unvollkommenheit aber hinge aller Weißheit und Kuͤnsten an; die Aertzte zanckten sich ja so sehr uͤber den Ur- sachen und Kennzeichen der Kranckheiten/ als uͤber der Eigenschafft der Kraͤuter und des Ertztes. Die Staats-Klugen machten uͤber einer Entschluͤssung die Rath-Stuben mehr- mals zu einem Jrrgarten widriger Meynun- gen. Gleichwohl verwuͤrffe niemand die gantze Artzney-Kunst/ und die mehrmals fehltretende Staats-Klugheit. Warumb waͤre man denn ihrer Wissenschafft so aufsaͤtzig? Warumb wolte man denen Offenbarungen der Gestirne nichts glauben/ da so viel Voͤlcker die Sprache der Esel und Baͤume/ den Flug der Voͤgel/ und das Geschwaͤrme der Gespenster fuͤr unfehlba- re Weissagungen annehmen? Keine einige waͤre noch so vollkommen durchsucht/ daß die besten Meister nicht noch taͤglich was zu ler- nen/ oder ihre Unwissenheit zu beklagen haͤtten. Die gruͤndliche Wissenschafft von dem Lauffe und der Wuͤrckung der sieben grossen Jrr- Sternen/ und der zwoͤlf Zeichen des Thier- Kreisses waͤren schon genung eines Menschen fuͤrnehmste Zufaͤlle vorzusehen; ob wohl frey- lich die kleineren Sterne in geringern Dingen auch ihren absonderen Zug haͤtten. Jhre Wuͤr- ckungen haͤtte die Welt durch die Erfahrung eben so/ wie die Eigenschaften der Kraͤuter geler- net. Sophites brach hier ein: Wie kan die Er- fahrung allhier ein gewisser Lehrmeister seyn/ nachdem die Sternseher selbst gestehen/ daß der gestirnte Himmel niemals einerley/ sondern stets einen gantz andern Stand darstellet? und daß ein ieder Stern/ so klein er sey/ nichts min- der als ein iedes Kraut/ seine gantz absondere Eigenschaft habe. Cheraͤmon versetzte: Es ist genung/ daß die fuͤrnehmsten Gestirne offt- mals sich miteinander vereinbaren/ oder nach einerley Art einander entgegen stehen. Ste- hen doch die Kraͤuter an einem Orte/ und in der Nachbarschafft dieser oder jener Gewaͤchse besser/ als am andern; sie haben unterschie- dene Witterung/ auch nach der Landes-Art von dem Gestirne nicht gleichen Einfluß/ gleich- wohl muͤssen die Aertzte die Kraͤfften der Kraͤuter/ wie die Sternseher das Vermoͤgen der anders gestellten Gestirne zu unterscheiden wissen. Die Unwissenheit etlicher in diesen Laͤndern unsichtbaren Sterne thaͤten ihrer Weißheit schlechten Abbruch/ weil die uͤber unserm Haupte stehende Gestirne uͤber uns die kraͤfftigsten/ die so weit entfernten aber eben so wol/ als die unsichtbaren Finsternuͤsse schlechte Einfluͤsse haͤtten. Sophites warff ein: Wie kom̃ts denn aber/ daß nach der mei- sten Sternseher Meynung die bey eines Men- schen Geburt im Morgen aufgehende/ nicht aber die gleich uͤber unserm Wirbel stehende/ oder auch nicht vielmehr die bey der Empfaͤng- nuͤß scheinende Gestirne dem Gebohrnen die Beschaffenheit ihres gantzen Lebens anordnen sollen? Zumal die Kinder mehrmals in der L l 2 Ge- Drittes Buch Geburt etliche Stunden stehen; Viel so gar lebendig aus den todten Muͤttern ge- schnidten wuͤrden. Cheraͤmon antwortete: Es waͤren zwar einige Sternseher dieser Meynung/ die Erfahrung aber eine Lehrmei- sterin gewest/ daß wie die aufgehende Sonne mit ihren Straalen die Welt gleichsam le- bendig machte; also waͤren auch alle andere Gestirne in ihrem Aufgange am kraͤftigsten. Der Morgen waͤre das rechte Theil des Himmels/ die Morgenlaͤnder waͤren die tieff- sinnigsten Leute/ in Morgenland wuͤchsen die Edelgesteine/ und die wolruͤchenden Dinge/ und die auch im Nord - und West - Striche befindlichen Gewaͤchse waͤren doch gegen Morgen wolruͤchender und kraͤfftiger. So- phites fiel ein: Es waͤren aber die bey der Geburt aufgehenden Gestirne den meisten Menschen unbekant/ die wenigsten verstuͤnden nicht/ wie sie aufzumercken waͤren; die andern versaͤumten diese Sorgfalt/ und rechneten ihre Geburts - Stunde nach Anzeigung der ins- gemein unrecht gehenden Uhren; gleichwohl aber haͤtten die Sternseher kein Bedencken einem ieden Wahrsager abzugeben. Cheraͤ- mon gab zur Antwort: Auf einen falschen Bericht koͤnte freylich keine Gewißheit ge- gruͤndet werden. Gleichwohl aber koͤnten sie/ wenn schon die Geburts-Stunde so genau nicht beobachtet worden waͤre/ aus etlichen merckwuͤrdigen Zufaͤllen desselben Menschen genau ausgerechnet werden. Sophites lachte/ und fing an: Diß ist in Wahrheit sehr weit ge- sucht/ und aus einer Ungewißheit die andere gezogen; zumal die Sternseher selbst fuͤrgeben/ daß zweyerley Stand der Gestirne doch ei- nerley Gutes oder Boͤses verursachte. Ge- setzt aber/ daß die Sternseher allezeit der wah- ren Geburts-Stunde versichert werden; wie kom̃t es denn/ daß aus zweyen auf einmal ge- bornen Zwillingen der eine ein Schoos-Kind des Gluͤckes/ der andere ein Verwirffling der Welt ist? Daß die zu einer Zeit ans Tage- Licht kommende Proclus und Euristhenes in allem so weit als Morgen und Abend von ein- ander entfernet sind? Daß Hector und Poly- damas einerley Geburts-Stunde/ aber gantz widrige Verhaͤngnuͤsse haben? Wie gehets zu/ daß in einem Augenblicke zwey auf die Welt kommen/ derer einer ein Koͤnig wird/ der andere sein Lebtage ein Sclave bleibt? Cheraͤ- mon stockte hieruͤber ein wenig/ fing aber an: Die Gestirne haͤtten eine so geschwinde Be- wegung/ daß fast unmoͤglich zwey Menschen einen Augenblick der Geburt haben koͤnten/ in welchem doch der Stand der Sternen sich ver- aͤnderte. Uberdiß muͤsten die Wuͤrckungen der Gestirne nicht so juͤdisch/ sondern mit Ver- nunft angenommen werden/ also/ daß nachdem die/ welche im Steinbocke gebohren werden/ wenn selbtem die Krone gegen Morgen steht/ zu der Herrschafft einen kraͤftigen Zug haben/ nicht eben Koͤnige in Persien werden muͤssen/ sondern/ wenn sie in ihrer Stadt den hoͤchsten Gipfel erlangen/ zu Sparta Fuͤrsten/ zu Rom Buͤrgermeister werden/ diß/ was der Himmel wahrsaget/ allerdings erlangt ha- ben. Wenn ein Fuͤrst im Wassermanne/ welcher Fischer macht/ oder im Orion/ der die Jaͤger haͤgt/ in der Harffe des Orpheus/ als dem Hause der Musen gebohren wird/ ist es schon genung/ daß er zu selbigen Ubungen eine heftige Zuneigung habe/ nicht aber muß er sich seiner Hoheit entaͤusern/ und aus fischen und jagen ein Handwerck machen. Durch diesen Fuͤrwand/ fing Sophites an/ laͤst sich aber der Fehler gar nicht verhuͤllen: daß durch Schiffbruch/ durch Eroberung einer Stadt/ Gewinnung einer Schlacht viel hun- dert/ in Asien durch Versinckung vieler Staͤd- te/ in Rhetien durch Einfallung eines Berges/ in der Mutinensischen Gegend durch einen Kampf Arminius und Thußnelda. Kampff zweyer Berge so viel tausend Men- schen umkommen/ welche unmoͤglich einerley/ oder dem Sternen-Stande nach gleiche Ge- burts-Stunden koͤnnen gehabt haben. Che- raͤmon erblaßte und erstummete uͤber diesem Einwurffe; nach einem langen Nachdencken aber fing er an: Es haͤtten die Gestirne zwey- erley Einfluͤsse/ nehmlich auff gantze Theile des Erdbodems/ und denn auch absondere auff gewisse Menschen. Jener Art waͤre: daß das gestirnte Drey-Eck denen Nord-Voͤlckern ei- ne verdruͤßliche Kaͤlte und Langsamkeit ein- pflantzte/ und daß Saturn ein sorgfaͤltiger Vorsteher der Staͤdte waͤre. Daher vom Ta- rutius Firmanus auch der Stadt Rom ihre Zu- faͤlle aus den Sternen waͤren wahr gesaget wor- den. Aus welchem Grunde zweiffelsfrey A- naximander und Pherecydes die bevorstehenden Erdbeben vorher angekuͤndiget haͤtten. Nach dem nun in der gantzen Natur die eintzelen Ur- sachen denen allgemeinen wichen/ und mit dem Umtriebe des Himmels sich auch die ihre abson- dere Bewegung habende Jrrsterne muͤsten um- weltzen lassen; waͤre kein Wunder/ daß der ein- zelen Menschen absondere Einfluͤße dem allge- meinen Einflusse weichen/ und also in Pest/ Erdbeben und Kriege auch die mit umkommen muͤsten/ welchen das Verhaͤngniß gleich nicht absonderlich derogleichen Ungluͤck bestimmet/ und seinen Willen sich in solch Ungluͤck zu stuͤr- tzen geneiget haͤtte. Sind denn die Sterne und die Welt vernuͤnfftige Thiere/ wie dem Plato getraͤumet hat? Jst dieses himmlische Heer/ sagte Sophites/ mit einem gewissen Gei- ste beseelet: daß es bey sich einen gewissen Rath halten/ einen Schluß machen/ und unser Ge- muͤthe derogestalt zwingen oder beherrschen koͤn- ne? Cheraͤmon fing an: die Sterne haben kei- nen andern Geist/ der sie reget/ als das Ver- haͤngniß. Sophites setzte ihm ferner entgegen: dieses aber ist ja noch veraͤnderlich/ und laͤsset seinen Schluß durch unsere Demuth erwei- chen. Denn ausser dem wuͤrde zwischen un- ser Froͤmmigkeit und Boßheit kein Unterscheid/ und unsere den Goͤttern gewidmete Andacht so wenig/ als das Bellen der Hunde gegen den Monden nuͤtze seyn. Nach dem auch die Ge- stirne taͤglich so veraͤnderliche Stellungen ma- chen; warum solten die nachfolgenden nach- druͤcklichen Vereinbarungen der Gestirne nicht auch das Gluͤcke der Menschen aͤndern/ weil selbte ja in der Welt das Gewitter; und die blos- se Art der Speisen eines Menschen angebohrne Beschaffenheit gleichsam gantz umzudrehen maͤchtig sind. Cheremon versetzte: Wir setzen das Verhaͤngniß in alle wege uͤber den Lauf der Ge- stirne/ wie den Fuhrmann uͤber die den Wagen ziehenden Pferde. Wie nun selbtes in alle wege dem Feuer die Gewalt zu brennen/ der Schwer- de die Eigenschafft unter zu sincken benehmen/ den gemeinen Lauf der Gestirne aͤndern/ den Zuͤgel der Sonne hem̃en/ und der elben Schat- ten verruͤcken kan; also kan es auch aus wichti- gẽ Ursachen den ordentlichen Einfluß der Ster- ne aͤndern. Worbey denn die Seele des Men- schen auch etwas/ wiewohl nicht ohne scheinba- re Ohnmacht beytragen/ und derogestalt Socra- tes zwar die ihm vom Gestirne zuhengende Un- art verbessern/ gleichwohl aber nicht den gewalt- samen Gifft-Todt verhuͤten kan. Sophites fing laͤchelndean: Jch sehe wohl/ daß deine Mei- nung die Haͤrte anderer Sternseher/ und die unveraͤnderliche Nothwendigkeit der Sternen- Einfluͤsse/ denen sie auch die Goͤtter unterworf- fen/ in etwas miltert. Wormit zugleich alle nicht eintreffenden Weissagungen der Stern- seher entschuldiget werden koͤnnen. Cheraͤmon widersprach alsobald dieses letztere. Sintemal diese Aenderungen des Verhaͤngnuͤsses sehr sel- tzam/ und fuͤr Wunderwercke zu halten waͤren/ damit die Unwissenden ihre falsche Wahrsagun- gen nicht zu entschuldigen/ und derogestalt aus L l 3 ihrer Drittes Buch ihrer Wissenschafft eine Ungewißheit zu machen haͤtten. Diesemnach denn einem warhafften Weisen unter hunderten nicht leicht ein Bey- spiel fehlen koͤnte. Weßwegen die Persen auf eine solche Wahrsagung so feste gebauet haͤtten/ daß sie ihrer Koͤniglichen Wittib schwangern Leib gekroͤnet/ und ihrer noch ungebohrnen Frucht einen Mannes-Nahmen gegeben. Hin- gegen haͤtte der grosse Alexander mit seinem To- de den Unglauben gebuͤsset/ daß er wider der Chaldeer Warnigung sich die Griechischen Weisen bereden lassen nach Babylon zu kom- men. Ohne die Wissenschafft der Sternen koͤnten auch weder Aertzte/ noch Schiff und A- ckers-Leute verfahren. Die Jndianer naͤhmen in wichtigen Reichs-Sachen allezeit die Gestir- ne zu Rathe. Alle Weltweisen haͤtten diese Wissenschafft/ weil sie uns gleichsam uͤber un- sere Menschligkeit empor huͤbe/ und uns kuͤnf- tige Faͤlle/ um desto bessere Vorsicht zu haben/ vorher zeigte/ so hoch gehalten/ daß Pythago- ras geurtheilet: GOtt haͤtte den Menschen er- schaffen/ und die Natur ihn so gerade empor wachsen lassen/ daß er den Himmel anschauete. Anaxagoras haͤtte einen Zweiffelnden: Ob es gut waͤre zu leben/ oder nicht/ zu Betrachtung des so schoͤnen Himmels verwiesen. Epicur/ der so wolluͤstige Weltweise/ haͤtte seine groͤste Wollust in diesem wunderschoͤnen Garten ge- funden/ dessen Blumen niemahls verwelckten/ welche nichts von gruͤner Farbe an sich haben/ weil diese eine verderbliche Feuchtigkeit in sich hat/ und ein Merckmahl nur der irrdischen Hoffnungen/ wie der Himmel ein Behaͤltniß der Gluͤckseligkeit ist. Diese Verantwortung/ oder auch meine thraͤnende Augen/ sagte Dyna- mis/ bewegte den Sophites/ daß er des Cheraͤ- mons Gutachten zu hoͤren den Koͤnig beredete. Cheraͤmon abeꝛ sagte den dritten Tag dem Pole- mon: Er sehe aus dem Gestirne/ daß man vor- her schon die Goͤtter gefraget; Sie aber eben diß/ wohin die Sternen zielten/ geantwortet haͤtten. Jhre Antwort aber wuͤrde schlimmer ausgelegt/ als die Meinung waͤre. Sintemal Polemons Sohn durch seine Heldenthaten des Vaters Ruhm/ nicht aber sein Lebens-Licht ausleschen wuͤrde. Diese dem Polemon zwar verdaͤchtige Weissagung brachte es gleichwohl so weit/ daß sich der Koͤnig erklaͤrete/ er wolte sei- ne Faust nicht in seinem eignen Blute waschen/ noch den Goͤttern in ihren Verhaͤngniß-Stab greiffen. Jedoch muͤste er der Goͤtter War- nung nicht schlechter dings in Wind schlagen/ sondern dis Ungluͤcks-Kind ausgesetzt/ und des- sen Erhalt oder Verderbung dem Himmel heimgestellet werden. Dieser Schluß ward zwar alsofort vollzogen/ ich ließ es aber insge- heim eine vertraute Edelfrau an dem ziemlich weit von hier entfernten Flusse Melas nicht fer- ne von der Stadt Zyristra im kleinern Armeni- en aufferziehen. Hierauff zohe der Koͤnig nach Rom/ ich aber lernte inzwischen mit meinem hoͤchsten Hertzeleide die Goͤttliche Weissagung von meiner Tochter verstehen. Denn sie er- kranckte/ starb/ und kuͤßte also fruͤhzeitig ihre Mutter/ nehmlich die Erde. Dieser Fall be- stuͤrtzte mich derogestalt/ daß ich meinem Jam- mer kein Ende/ noch ausser meinem noch uͤbrig gebliebenen/ aber vom Vater und Verhaͤng- nisse verworffenen Sohne keine Ergetzligkeit zu finden wuste. Daher ließ ich insgeheim selbten zu mir bringen/ dessen Anmuth mich derogestalt bezauberte/ daß ich mich entschloß ihn nicht wie- der von mir zu lassen/ solte ich auch selbst ein Opffer seiner Grausamkeit werden. Also ward ich schluͤßig der noch nicht jaͤhrigen Toch- ter Tod dem Koͤnige zu verschweigen/ und die- sen nicht aͤlteren als unkenntlichen Sohn unter dem Scheine eines Maͤgdleins bey mir zu er- ziehen. Welches sich so viel leichter thun ließ/ weil in Persen/ Meden/ und Armenien die Vaͤ- ter ihre Kinder ohne diß nicht eher/ als biß sie sie- ben Arminius und Thußnelda. ben Jahr alt sind/ zu beschauen pflegen. Gleich- wohl aber behertzigte ich die meinem Ehgemahl angedraͤuete Gefahr/ und nahm mir daher eine Reise mit diesem Kinde fuͤr in die Jnsel Delos/ auff welcher niemand sterben noch gebohren werden darff/ zu dem beruͤhmten aus lauter Och- sen- und Widder-Hoͤrnern gebauetem Altare des Apollo/ trug ihm daselbst meinen Sohn mit bittern Thraͤnen/ weil ohne diß allda kein Blut geopffert werden darff/ fuͤr/ und kriegte zur Antwort: Bewahre/ was du traͤgst/ es wird ein Edelstein Der Welt/ des Koͤnigs Schirm und deine Freude seyn. Wer war froher als ich/ uͤber so erwuͤnschtem Ausschlage/ gleichwohl hielt ich mit bruͤnstiger Andacht und Seufftzen eine gantze Nacht an/ und fragte; warum denn die Goͤtter vorher so viel Ungluͤck von diesem Kinde wahrgesagt haͤt- ten? Hierauff ließ sich Apollo verlauten: Wo Witz zu alber ist/ wo Vorwitz tappt im Blinden/ Schafft das Verhaͤngniß Rath. Gott kan stets Huͤlffe finden. Jn dieser erfreulichen Warsagung bekraͤfftig- ten mich hernach auch die Priester des Bran- chus/ und die Wahrsager-Weiber des Thyrxei- schen Apollo/ welcher an dem Orte/ wo mein Sohn aufferzogen werden solte/ einen bewehr- ten Brunnen hat. Endlich auch der Jsmeni- sche Apollo zu Thebe/ aus dem beruͤhmten guͤl- denen Dreyfuße/ den Helena bey ihrer Ruͤckkehr von Troja ins Meer geworffen/ die Coischen Fischer gefangen/ und dem Milesischen Tales/ dieser aber dem Solon gelieffert/ welcher solchen hernach/ weil er den Titel des weisesten zu fuͤh- ren sich zu unwuͤrdig schaͤtzte/ dem allein weisen Apollo wiedmete. Nach dem es denn im Pon- tus die Landes-Art mittebringt/ daß Leute von hohem Geschlechte auch ihre Toͤchter in allen Ritterspielen ausuͤben lassen/ konte die Auffer- ziehung meiner maͤnnlichen Tochter so viel bes- ser geschehen/ und dorffte er also nicht brache lie- gen/ noch seine Tapfferkeit auff den weichen Pulstern des Frauenzimmers weibisch werden. Wie sie denn/ hertzliebste Erato/ mit Augen gese- hen/ daß bey ihm der Zunder der Tugend nicht verglommen/ sondern zu solcher Vollkommen- heit gediegen sey. Aber ach! ihr unbarmhertzi- gen Goͤtter! wie moͤgt ihr uns doch mehrmahls nur darum eine so grosse Hoffnung machen/ daß ihr uns hernach in desto gꝛoͤssere Verzweiffelung stuͤrtzen koͤnnt! wie moͤgt ihr den Anfang des Jahres unter tausend anmuthigen Blumen/ den Tag auff dem Purper-Bette der lachen- den Morgenroͤthe/ den Menschen in der anmu- thigen Kindheit und gesunden Jugend lassen gebohren werden/ nur daß man die verwelcken- den Blaͤtter mit Schnee/ den Tag mit dem Schatten der traurigen Nacht/ das Leben mit dem Schauer des grausamen Todes hernach verhuͤllen sehe! Uber diesen Worten uͤber- schwemmte die Wehmuth die Koͤnigin Dyna- mis mit so viel Thraͤnen und Seuffzen/ daß sie kein Wort mehr auffbringen konte. Daher fing Erato/ welche inzwischen tausend Auffwal- lungen des Gebluͤts uͤberstanden hatte/ als sie Arsinoen in einen Helden verwandelt zu seyn hoͤrte/ mitleidentlich an: Man muͤste der gewal- tigen Hand des unveraͤnderlichen Verhaͤngnis- ses nur stille halten/ und ihre Raͤtzel nicht fuͤr der Zeit verkleinerlich auslegen. Die Sonne sey ein heller Spiegel Gottes/ darein sterbliche Au- gen entweder gar nicht sehen/ oder doch zum minsten alles nur duͤstern oder umgekehrt er- kiesen koͤnten. Hingegen muͤsten wir uns be- scheiden: Der Monde sey ein Ebenbild der Menschen/ in dem beyde itzt wachsen/ itzt abneh- men/ bald gebohren werden/ bald sterben/ ge- stern in der Voͤlle/ heute in nichts bestehen. Bey- de kein Licht von sich selbst haben/ sondern von ih- rer Sonne borgen/ und wenn sie am vollkom- mensten sind/ nicht nur ihre Flecken und Maͤn- gel am meisten zeigen/ sondern auch von dem Schatten der nahen Erdeund der anklebenden Eitel- Drittes Buch Eitelkeit verfinstert werden. Die Tugend al- leine sey/ die uns nicht nur nach dem Tode vere- wige/ sondern auch im Leben aus augenscheinli- chem Verderbẽ reisse. Ja sie glaube festiglich/ daß die Gefahr fuͤr der Tapfferkeit schichtern werde/ daß der sonst unverschaͤmte Tod fuͤr Helden ent- weder furchtsam oder ehrerbietig sey/ und das Gluͤcke selbst der Tugend den Schirm trage/ und einen Schild fuͤrhalte; Sonst waͤre Hercu- les nicht den Schlangen/ Kaͤyser Julius dem Ungewitter/ Alexander den Spiessen so vielmal entronnen/ fuͤr dem grossen Mithridates nicht das Gifft unkraͤfftig worden/ und die Pfeile fuͤr seine Fuͤsse gefallen. Unter diese Reihe waͤ- re nun auch Fuͤrst Zeno zu rechnen/ daher solte sie seinethalben mehr die Goͤtter durch An- dacht gewinnen/ als durch Ungedult erherben. Ach! fieng die Koͤnigin Dynamis an/ so muß ich die unver gleichliche Fuͤrstin Erato auch unter die Zahl der Goͤtter setzen/ und ihr den Tempel des Esculapius einweihen. Denn an ihrem Fin- ger haͤnget der Lebens-Faden meines Sohnes/ welchen ihre Gewogenheit als eine guͤtige Klo- tho laͤnger spinnen/ ihre Unhold aber/ als eine unerbittliche Atropos im Augenblicke zerreissen kan. Erato wuste nicht alsofort dieses Raͤtzel auszulegen. Denn ob zwar der Koͤnigin Erzeh- lung ein grosses Licht gab/ warum die Natur sie und Arsinoen zu einer verwechselten Gewogen- heit gezogen/ und Arsinoe bey Entbloͤssung ihrer Bruͤste so grosse Veraͤnderung gefuͤhlet hatte/ so waꝛ ihr doch verborgen/ dz Dynamis diese Heim- ligkeit von ihrem fast schon sterbenden Sohne ausgespuͤꝛet hatte. Daheꝛo konte sie nicht anders/ als gegen der Koͤnigin sich heraus lassen: die Wohlthaten/ die sie genossen/ waͤren von einem so grossen Masse/ daß ihre Danckbarkeit sie nim- mermehr ausschoͤpffen koͤnte. Ausser dem Ver- pflichteten die Verdienste ihres Sohnes die gantze Welt fuͤr seine Erhaltnng zu sorgen; also wuͤnschte sie auch mit ihrem Verlust selbtem zu helffen/ erwartete also nur den Befehl von der- selben/ welche ihrer Schwachheit ein so grosses Ding zutraute. Alleine die Hoffnung waͤre meist eine grosse Verfaͤlscherin der Warheit/ in dem die Einbildung sich stets mit dem Verlan- gen vermaͤhlte/ und geringe Kraͤfften nach dem Masse des genommenen Absehens urtheilete. Die Koͤnigin antwortete ihr: Es ist wahr/ daß sich Vollkommenheiten leichter in Gedancken abbilden/ als im Werck erreichen lassen; aber ich wil ihr/ schoͤnste Erato/ nicht allein das Wunder- werck und die Wuͤrckung ihrer Vollkommen- heit/ sondern auch ihr Vermoͤgen einen Ster- benden lebendig zu machen so klar zeigen/ daß sie das erste wird mit Augen sehen koͤnnen/ im letz- ten aber sich uͤberwiesen erkennen muͤssen. Hier- mit nahm Dynamis die Erato mit der Hand und fuͤhrte sie fuͤr des Zeno Bette/ welcher denn alsofort seine Farbe und Pulß zu veraͤndern/ und weil die Zunge zu schwach oder zu ver- schaͤmt war/ mit den Augen das Leiden seiner Seele auszusprechen anfing. Hiemit hob die Koͤnigin wehmuͤthig an: Siehet sie nun/ voll- kommenste Erato/ daß die Wunden meines nun fast die Seele ausblasenden Sohnes von ihrer Verletzung herruͤhren? Daß ihre Tugen- den anfangs mit einer unzertreñlichen Freund- schafft sein Hertz gewonnen/ ihre unver gleichliche Schoͤnheit aber selbtes durch die Liebe in ein un- ausloͤschliches Feuer versetzt hat? Wie schwach Fuͤrst Zeno gleich war/ so erholte er sich doch gleich als aus einem Traume/ also daß seine zit- ternde Lippen nach einem tieffen Seuffzer diese Worte abliessen: Jhr Goͤtter! hat Dynamis das Geheimniß meines Geschlechts/ ihr aber meine allen Menschen verschwiegene Flamme des Hertzens ans Licht gebracht? Wormit durch das erste unser Haus in Schrecken oder Zerruͤt- tung versetzet/ durch das letztere aber der Welt wissend werde/ daß Zeno von der Hand der unschuldigen Erato getoͤdtet sey. Welches Ge- heimniß ich/ um eine solche Goͤttin nicht zu belei- digen/ so gerne mit in das Grab genom̃en haͤtte/ so ger- Arminius und Thußnelda. so gerne die Sonne/ wenn sie zu Golde gehet/ ihren Untergang mit Wolcken verhuͤllet. E- rato gerieth uͤber dieser Begebenheit in solche Verwirrung/ daß ihre Beredsamkeit nicht ein Wort/ weniger so viel/ als der Sterbende zu reden wuste. Jhre Verwirrung verwandel- te sich in tieffe Seufzer. Denn diese sind al- leine der Liebe stumme Sprache/ wie die Blaͤsse ihre eigentliche Farbe. Schmertz und Trau- rigkeit aber wird von ihr nur zu ihren Dollmet- schern entlehnet. Massen denn die Ungluͤck- seligen niemals seuffzen/ als wenn sie an den Verlust dessen dencken/ was sie geliebt haben. So bald sich die Lippen/ wordurch ihr bedraͤng- tes Hertze die innerliche Hitze ausgelassen und die frische Lufft zu desselben Abkuͤhlung an sich gezogen hatte/ schlossen/ liessen die mitleidentli- chen Augen einen reichen Thau der Thraͤnen von sich fallen/ um hierdurch gleichsam das aͤng- stige Hertze zu erleichtern. Denn wie die von der anbrechenden Morgenroͤthe verursachte Daͤmmerung sich bey der uͤber unserm Augen- Ziel empor zeigenden Sonnen in hellen Tag verwandelt; also ward der Erato vorige Ge- wogenheit durch das ihr aufgesteckte Licht von des Fuͤrsten Geschlechte numehr zu einer war- hafften Liebe. So sehr nun die Schamhaff- tigkeit ihres Geschlechtes ihr verbot solche also- fort mercken zu lassen; so sehr lag ihr der er- baͤrmliche Zustand des Fuͤrsten/ und die Gefahr seines Lebens an/ durch eine unbarmhertzige Vorstellung ihm das Licht nicht vollends aus- zuleschen. Die bekuͤmmerte Dynamis nahm diese Veraͤnderung fuͤr eine Enteuserung ihrer Zuneigung an/ deßwegen wolte sie durch eine feurige Zuredung einer kaltsinnigen Entschluͤs- sung zuvor kommen; kehrte sich dahero mit die- sen Worten zu ihr: Holdseligste Erato/ sie sie- het allhier die Gewalt der Liebe/ daß ihre Fackel die Ketten eigener Wolfarth/ die Garne des Gluͤckes/ ja die Leib und Seele zusammen knuͤpfenden Faͤdeme verbrennen koͤnnen. Jn ihrer Guͤtigkeit liegt es nun zu zeigen/ daß die Liebe zwar so starck als der Tod/ aber nicht des Todes Liebhaberin sey; ja daß die ungewaffne- te Liebe Gifft/ Eisen und allen Werckzeug des Todes zu zermalmen vermoͤge. Sie erweise/ daß ihre Haͤnde gesund machen koͤnnen/ was ih- re Augen gekraͤncket/ daß ihre Freundligkeit heile/ was ihre Schoͤnheit verwundet/ ja daß sie mit einem suͤssen Blicke zwey Wunderwercke auszuuͤben vermoͤge; nehmlich einen todten Verliebten lebendig/ und eine verzweiffelnde Mutter gluͤckselig machen. Der Erato brach uͤber diesen Worten und denen darauf sich er- giessenden Mutter-Thraͤnen das Hertze/ und bezwang sie/ daß sie dem Fuͤrsten auf ihre Ge- walt die Hand druͤckte. Denn nach dem die Vereinbarung der Seelen der einige Zweck der Liebe/ wie die Ruhe die Endursache aller Bewegungen ist; so bemuͤhen sich auch die eu- sersten Glieder solcher Seelen-Vereinbarung behuͤlfflich zu seyn. Weßwegen die Weltwei- sen die Liebe gar nachdencklich mit einem Ban- de in der Hand ab gebildet haben. Erato deu- tete durch diese Vermaͤhlung der Haͤnde an/ daß sie so gar ihren Leib gerne mit des Fuͤrsten zu- sammen schmeltzen wolte/ wormit sie mit ihm den Brand seiner Kranckheit fuͤhlen/ oder ihm erleichtern moͤchte. Sintemahl auch nur auf- richtige Freundschafft eine Gemeinschafft so wohl des Gluͤck-als Ungluͤcks hat. Theseus setzt dem Pirithous alle seine Siegs-Kraͤntze auf/ ja die Hoͤlle weiß sie nicht von einander zu trennen. Bias fuͤhlet so empfindlich die Be- raubung seines Vaterlandes/ ungeachtet er fuͤr sich die Entsetzung irrdischer Guͤter fuͤr keinen Verlust haͤlt; er empfindet seiner Buͤrger Schiffbruch auf festem Lande; die Ketten/ wel- che seine Freunde in Schenckeln schleppen/ faͤsseln ihn im Gemuͤthe und in der Seele. Mit dieser umschloß der Fuͤrst hingegen noch enger seine geliebte Erato/ weil seine Glieder hierzu zu ohnmaͤchtig waren/ machte sich also der Erster Theil. M m Son- Drittes Buch Sonnen/ als dem verliebtesten Geschoͤpffe der Welt aͤhnlich/ welche/ weil sie in einem Tage alles heimsuchen muß/ was sie liebt/ und nir- gends ihrer Kugel einen Stillstand erlauben darf/ ihr lebhafftes Licht mit den Sternen/ wie zwey einander anschauende Verliebten durch die Augen/ ihre Waͤrmbde mit dem geliebten Erdbodeme/ ihre schoͤne Farbe mit Golde/ Per- len und Edelgesteinen/ als denen Gestirnen der Vorwitzigen/ und den andern Sonnen der Geitzigen vereinbart. Erato/ welche nicht al- lein wuste/ daß so gar der leblosen Dinge Zu- neigung die Vereinbarung verlange/ als die Fluͤsse mit dem Meere/ das Eisen mit dem Ma- gnet/ die Spreue mit dem Agsteine sich zu ver- maͤhlen verlangte/ sondern dessen selbst in ihrer leidenden Seele uͤberwiesen ward/ sahe diese Re- gungen dem Krancken mit hefftigem Mitlei- den an/ konte sich also mit genauer Noth er- muntern/ daß sie den Fuͤrsten derogestalt anre- dete: Die Hoffnung waͤre eine Mutter/ oder zum minsten eine staͤte Gefaͤrthin vernuͤnffti- ger Liebe/ die Verzweiffelung aber eine Toch- ter des Hasses. Diesem nach moͤchte er doch sein Gemuͤthe beruhigen/ da er sie nicht in Un- ruh stuͤrtzen wolte/ und sich nicht selbst hassen/ da sie an seine Liebe anckern solte. Seine Maͤßigung wuͤrde ihr ein Kennzeichen seiner Gewogenheit/ und eine Weissagung beyder- seitiger Vergnuͤgung seyn. Hiermit wolte sie ihre Hand zuruͤck ziehen/ der Fuͤrst aber druͤckte sie vorher an seinen Mund/ worauff sie sich aus dem Zimmer begab/ und den Fuͤrsten Zeno halb genesen/ die Koͤnigin aber/ die der Schmertz vorher gleichsam entzuͤckt hatte/ in ungemeiner Vergnuͤgung verließ. Ob nun wol Fuͤrst Zeno eine grosse Erleichterung em- pfand/ so verschwand doch seine Bekuͤmmernuͤß nicht auf einmahl/ sondern es blieb in seinem Gemuͤthe so wie auf dem Meere nach dem Un- gewitter noch einige Unruh uͤbrig. Denn es konte bald sein Hertz die allzu geschwinde Be- gluͤckung nicht begreiffen/ und kam ihm der E- rato holdselige Erklaͤrung mehrmahls nur als ein Traum fuͤr/ bald nam er ihre Bezeugung nur fuͤr ein angenommenes Liebkosen/ oder fuͤr ein durch die Koͤnigin angestelltes Mittel zu sei- ner Genesung an/ bald besorgte er eine Ver- aͤnderung ihres Gemuͤthes/ oder auch des allzu glitschrichten Gluͤckes. Denn die Liebe hat zur Gefaͤhrtin die Einbildung/ die erste Bewe- gung der Seele/ und die allerunruhigste Ei- genschafft des Menschen. Diese hat zu ihrem Dienste mehr als hundert Mahler/ welche nicht nur das Ebenbild dessen/ was man liebet/ ihr auff vielerley Weise fuͤrstellt/ sondern auch den Schatten allerhand gefaͤhrlicher Zufaͤlle beyse- tzet. Ja wenn alle andere Gemuͤths-Kraͤff- ten mit dem Verliebten eingeschlaffen sind/ so bilden doch die Traͤume ihm alles noch viel sel- tzamer fuͤr; welche/ ob sie zwar blind gebohren/ auch stets im finstern sind/ sich doch ohne Licht und Wegweiser nicht verlieren/ und mit Huͤlf- fe der Liebe zu ihrer Buhlschafft den Weg fin- den. Gleichwohl erlangte Zeno durch eine mittelmaͤßige Nacht-Ruh so viel Kraͤfften/ daß er folgenden Tages an die Erato etliche Zeilen schreiben konte. Welche Erato mit einer sol- chen Anmuth beantwortete/ daß ihm dadurch aller Nebel seines noch nicht gar verschwunde- nen Zweiffels an ihrer Gegen-Liebe vertrieben ward. Die Koͤnigin aber kam zu ihr ins Zim- mer/ verehrte sie als ihre einige Huͤlffs-Goͤt- tin/ umbhalsete sie als ihre eigene Tochter. Durchlauchte Fuͤrstin! die Welt/ fing sie an/ ist erstaunt uͤber der Liebe der Britannischen Fuͤr- stin Lelebisa/ der Gemahlin des mit dem gros- sen Mithridates verbundenen Gallischen Fuͤr- sten Edwards. Denn als dieser von einem giftigen Pfeile verwundet/ und von den Aertz- ten befunden ward: Er koͤnte nicht als durch den Tod eines andern/ welcher das gifftige Ey- ter Arminius und Thußnelda. ter aus seiner Wunden saugte/ beym Leben er- halten werden; Dieser gewissenhaffte Fuͤrst a- ber lieber sterben/ als durch eines unschuldigen Untergang leben wolte/ meinte seine ruhm- wuͤrdigste Lelebisa/ das Todes-Urthel der Aertz- te gienge sie an/ und sie koͤnne sich durch nichts mehr/ als durch einen so tugendhafften Todt unsterblich machen. Dahero band sie ihrem eingeschlaͤfften Eh-Herrn die Wunde sanffte auf/ und sog nichts minder mit einem bruͤnsti- gen Hertzen/ als einer geitzigen Zunge das Gift und den Tod gluͤcklich aus der Wunden. Die Goͤtter aber/ oder das Feuer ihrer Liebe zer- theilte das Gifft derogestalt/ daß Edward ge- heilet/ Lelebisa aber davon nicht verletzt ward. Wie viel mehr aber muß ich nicht erstarren uͤ- ber dem mitleidenden Hertzen der Erato? Wel- che gegen meinen Sohn einige Verbindligkeit nicht gehabt/ und mit ihrer Gefahr/ da anders der Koͤnig unsere Geheimnuͤsse ergruͤnden sol- te/ ihn vom Tode errettet; welche zu seiner Ge- nesung nicht alleine ihre Zunge/ sondern das Feuer ihrer zarten Seele verleihet; welche ei- nen Sterbenden anfaͤngt zu lieben/ wormit sie ihn und seine Mutter beym Leben erhalte. E- rato begegnete der Koͤnigin mit nicht geringern Kennzeichen ihrer Gewogenheit gegen sie/ und ihrer ungefaͤrbten Liebe gegen dem Fuͤrsten Ze- no/ welchen sie hernach mit einander mehr- mahls besuchten. Es wuͤrde uns/ fuhr Salo- nine fort/ der Tag/ mir aber Worte gebrechen/ alle die zwischen diesen zweyen gewechselte Lie- bes-Bezeugungen zu erzehlen. Mich duͤnckt aber/ es sey bey dieser Geschichte fuͤr itzt genung zu wissen/ daß beyde mit einer so reinen und hertzlichen Liebe gegen einander verknuͤpft wur- den/ als eine tugendhaffte Seele anzunehmen iemahls faͤhig werden kan. Thusnelde fiel Saloninen ein: Es ist die Vollkommenheit ih- rer Liebe unschwer zu ermessen/ nach dem das Verhaͤngnuͤß selbst mit die Hand im Spiele ge- habt/ und diese zwey Seelen schon gegen einan- der der Zunder der Liebe gefangen; als ihnen die Gesetze der Natur im Wege gestanden/ und die eingebildete Gleichheit des Geschlechtes ih- rer Zuneigung einen Ruͤgel vorgeschoben. Es ist wahr/ fuhr Salonine fort/ diese zwey Liebha- ber uͤbermeisterten derogestalt die Unmoͤglig- keit. Denn es stehet die goͤttliche Versehung gleichsam der Tugend zu Gebote. Alleine der Himmel hatte nun zwar die Hindernuͤsse der Natur auff die Seite geraͤumt; aber diese An- dromede lag noch mit schweren Ketten ange- faͤsselt; von denen sie zu entbinden auch ein The- seus zu schwach schien. Denn wer solte so viel goͤttliche Weissagungen unkraͤfftig machen? Wer solte den Koͤnig Polemon bereden den in seiner Schoß zu behalten/ von welchem ihm sein Untergang bestimmet war? Die Koͤnigin Dynamis/ und selbst Zeno wurden/ weun sie dieser Schwerigkeit nachdachten/ und diesen Stein des Anstossens fuͤr Augen sahen/ auch wie leicht ihre Liebe sich/ und das Geschlechte der vermummeten Arsinoe verrathen liesse/ mehrmahls selbst kleinmuͤthig; also daß Erato ihnen zuweilen ein Hertz zusprechen muste/ meldende: Sie solten sich die truͤbe Lufft nicht erschrecken lassen; nach dem ihnen der Him- mel so ein heiter Antlitz gezeigt haͤtte. Es haͤt- te nichts zu bedeuten/ daß das Meer wuͤtete/ nach dem sie ja die Sternen anlachten. Man muͤste dem Gluͤcke der grossen Tochter des e- wigen Verhaͤngnuͤsses etwas heimstellen/ und diese Mutter durch Mißtrauen ihm nicht selbst zur Stiefmutter machen. Ja/ sagte die sorg- faͤltige Dynamis: Jch halte es freylich fuͤr eine so grosse Thorheit/ seine Rathschlaͤge auf lau- ter Ungluͤck gruͤnden/ als seine Vergnuͤgung in der Traurigkeit suchen. Aber wir erfah- ren doch/ daß das Gluͤcke meist den unwuͤr- digen buhle/ und die Fehler ihres Gemuͤ- thes mit gewuͤntschten Zufaͤllen/ wie eine M m 2 ver- Drittes Buch verschmitzte Mutter die Maale ihrer heßlichen Tochter mit Perlen verdecke/ mit der Tugend aber eifere/ und ihr insgemein ein Bein unter- schlage. Mit diesen Gedancken schlug sich die Koͤnigin fort fuͤr fort/ und vermochte ihr sol- che weder die Zeit/ noch die hertzliche Vergnuͤ- gung/ die Polemon aus Arsinoens und der E- rato Tugenden und Vertraͤuligkeit schoͤpffte/ aus dem Sinne zu bringen/ noch die kluge E- rato auszureden. Hoͤret nun/ wie es nicht al- lezeit eine Wuͤrckung weibischer Furcht/ son- dern oft eine Warnigung der Goͤtter sey/ wenn einem ein Ungluͤck ahnet/ und wie die Unruh in einer Uhr den Verlauff der Zeit/ also das schla- gende Hertz einem die Naͤherung seines Unter- gangs andeutet; ja wie aus einem Regenbogen zuweilen ein schrecklicher Blitz kommen kan/ als in der schwaͤrtzesten Wolcke stecken mag. So bald der schoͤne und tapffere Ariobarzanes die Armenische Krone auf sein Haupt kriegte/ und mit der Medischen sie vermaͤhlte/ war er bedacht auch im Bette nicht einsam zu seyn/ und seinen Stul mit erqvickenden Rosen zu be- streuen. Er warf seine Augen in der gantzen Welt herum; allein es konte weder die Liebe ihm ein schoͤner/ noch die Staats-Klugheit ein vortheilhafftiger Bild/ als in dem benachbar- ten Pontus die weltberuͤhmte Fraͤulein Arsi- noe aussehen. Weil er aber weder dem blos- sen Geruͤchte von ihren Tugenden/ noch dem entferneten Pinsel wegen ihrer Gestalt/ noch der Gewonheit der meisten Fuͤrsten/ die ihre Wahre meist unbeschaut/ oder mit zugemachten Augen kauffen/ und es aufs Gluͤcke wagen muͤs- sen/ trauen wolte; kam er mit einem uͤberaus praͤchtigem Aufzuge nach Sinope/ wiewohl unter dem Fuͤrwand/ daß er in Griechenland reisen/ und daselbst dem Jupiter ein gewisses Geluͤbde ablegen/ in der Durchreise aber mit dem Polemon ihrer Vorfahren Buͤndnuͤsse verneuern wolte. Dem gantzen Hoffe aber ward alsbald nachdencklich/ daß er dreißig mit den seltzamsten Kostbarkeiten beladene Camele mit sich fuͤhrte/ derer zehn er dem Koͤnige Pole- mon/ zehen der Koͤnigin Dynamis/ und zehen der Fuͤrstin Arsinoe mit aller ihrer Last vereh- rete. Unter des Koͤniges Geschencken waren etliche Faͤsser Chalydonischer Wein/ welchen die Pers- und Medischen Koͤnige alleine trin- cken; vor zwoͤlf Zimmer Babylonische von Seide und Gold nach dem Leben der Geschich- te genehete Tapeten/ zwantzig helffenbeinerne Bilder der abgelebten Armenischen Koͤnige/ und das Gemaͤhlde des Protogenes/ welchem zu Liebe allein Koͤnig Demetrius die belaͤgerte Stadt Rhodos nicht angezuͤndet hat. Der Koͤnigin Geschencke waren Persische Gold- stuͤcke/ und Jndische Edelgesteine/ und darun- ter des Polycrates unschaͤtzbarer Sardonich- Stein/ den ihm des nachstellenden Gluͤckes allzu freygebige Hand aus dem Meere zuruͤcke bracht hatte; Dynamis ihn aber hernach Li- vien/ und diese ins Heiligthum der Eintracht verehrte. Fuͤr die vermeinte Arsinoe kam al- lerhand Arabisches Rauchwerck/ aus Gold/ Seide und Perlen gestuͤckte Kleider/ und in- sonderheit ein gantzer Perlen-Schmuck/ derer keine weniger als hundert und sechzig Gersten- Koͤrner wog. Der Koͤnig Polemon empfing ihn/ wie beyder Koͤniglicher Stand/ und ein so freundliches Anmuthen eines so maͤchtigen Nachbars erforderte. Er ward/ weil beyder Koͤnige oberste Staats-Diener die Bedingun- gen des neuen Buͤndnuͤsses mit einander uͤber- legten/ mit Jagten/ Schauspielen/ Rennen/ und allen ersinnlichen Kurtzweilen unterhalten/ welche ihm nicht alleine uͤberfluͤßige Gelegen- heit eroͤfneten/ alle Beschaffenheit Arsinoens wahrzunehmen/ sondern auch einen Zuschauer ihrer wunderwuͤrdigen Tapfferkeit abzugeben. Denn ob sie zwar bey solchen Feyern aus einer nachdencklichen Vorsicht mit Fleiß ihre Tu- gend verstellen wolte; so ward selbte doch/ wie es mit ihrer Belohnung/ nehmlich dem Ruh- me/ Arminius und Thußnelda. me/ und den Sternen bey der Nacht zu gesche- hen pflegt/ nur mehr sichtbar. Jeder Augen- blick verursachte in seinem Gemuͤthe eine Ver- wunderung/ in seinem Hertzen eine Wunde/ also daß ihn bedaͤuchtete/ daß der sonst so groß- sprechende Ruff/ welcher kein Mittel weiß/ sondern aus allem entweder Wunderwercke o- der Mißgeburten macht/ nur dißmal durch sein Schau-Glaß ruͤckwaͤrts gesehen/ und so wohl die Schoͤnheit als die Verdienste Arsinoens verkleinert haͤtte. Dahero kam sein Vorsatz numehr leicht zum Schlusse/ daß er um Arsi- noen werben wolte/ als welche uͤber ihre eigene Vollkommenheiten ihm mit der Zeit noch drey Kronen/ nemlich die Pontische/ die Bosphor- sche/ und des kleinen Armeniens/ als einen Brautschatz zuzubringen hatte. Die grosse Eh- renbezeugung/ wormit ihm Polemon und Dy- namis entgegen ging/ und Arsinoens gegen ihm bezeugte Holdseligkeit/ ja seine eigene Groͤsse und Fuͤrtreffligkeiten uͤberredeten ihn leichtlich/ daß er zu Sinope keine Fehlbitte thun koͤnte. Wie nun die Koͤniglichen Raͤthe das neue Buͤndnuͤß miteinander abgeredet/ die Koͤ- nige auch selbst alle Bedingungen genehm ge- habt hatten/ und sie nun in dem Tempel es bey- derseits beschweren solten; zohe Ariobarzanes den Koͤnig Polemon an ein Fenster/ welches ein anmuthiges Aussehen aufs Meer hatte/ umar- mete ihn hierauf mit grosser Ehrerbietung/ und trug ihm fuͤr: Er waͤre dem Polemon aufs hoͤchste verbunden/ daß er die alte Freundschafft zwischen den Pontischen und Armenischen Koͤ- nigen zu beyder Haͤuser Sicherheit und ihrer Voͤlcker Wolfarth auf festen Fuß gesetzt haͤtte. Er betheuerte bey den Goͤttern/ welche die Raͤ- cher verletzter Buͤndnuͤsse waͤren/ es solte nicht mehr seines/ als des Pontischen Reiches Wohl- stand seine Sorge und Absehn seyn. Nach- dem nun aber solche Verbindungen am kraͤff- tigsten durch das Band des Gebluͤtes besiegelt/ und mit dem heiligen Rechte der Heyrathen verknuͤpft wuͤrden; in diesem Absehn auch sein Ahnherr der grosse Mithridates dem Armeni- schen Koͤnige Tigranes seine Tochter vermaͤh- let haͤtte/ baͤte und hoffte er/ es wuͤrde Polemon ihn seiner Tochter Arsinoe faͤhig machen/ und ihn fuͤr seinen Sohn anzunehmen wuͤrdig schaͤ- tzen. Der Pontische Koͤnig nahm diesen Fuͤr- trag mit unveraͤnderter/ iedoch freundlicher Gebehrdung an/ haͤtte auch diese allerdings thuliche Heyrath alsofort geschlossen/ wenn er nicht hiervon mit der Koͤnigin Ehrenthalben zu sprechen/ seiner Hoheit/ und der Wuͤrde sei- ner Tochter/ wormit selbte nicht fuͤr allzu feile Wahre geschaͤtzet wuͤrde/ anstaͤndiger zu seyn gemeinet. Deßhalben nahm er uͤber dieser wichtigen Entschluͤssung Bedenck-Zeit/ gab ihm aber dabey eine Erklaͤrung: Er wuͤntsch- te beyde koͤnigliche Haͤuser aufs festeste zu ver- binden. Polemon kam vom Ariobarzanes ge- raden Fusses zu der Koͤnigin/ und eroͤffnete ihr sein Anbringen/ woruͤber sie derogestalt er- schrack/ daß sie selbtes nicht fuͤr den Augen des Koͤnigs verbluͤmen konte. Dieser fragte also- fort: Warum sie uͤber einer Sache sich entsetzte/ daruͤber sie sich zu erfreuen Ursach haͤtte? Ario- barzanes hohes Gebluͤte/ sein zweyfaches Reich/ seine Leibes- und Gemuͤths-Gaben waͤ- ren solche Dinge/ darum die vollkommenste Fuͤrstin selbst zu buhlen Ursach haͤtte/ und die Staats-Klugheit koͤnte dem Pontischen Reiche keine vortheilhafftigere Heyrath aussinnen. Dynamis antwortete: Sie muͤste gestehen/ es haͤtte diese Vermaͤhlung einen grossen Schein/ iedoch wuͤste sie die Ursache nicht zu sagen/ war- umb sie ihr Sinn so wenig zum Ariobarzanes truͤge. Ob es vielleicht daher ruͤhrte/ daß alle Armenische Heyrathen dem Pontischen Stam- me ungluͤcklich gewest waͤren. Dahero baͤte sie/ der Koͤnig wolle sich nicht darmit uͤbereilen/ sondern ihr wenige Zeit nachzusinnen/ und Ar- sinoen daruͤber zu vernehmen erlauben; Jn- zwischen aber auch die Goͤtter daruͤber/ alter M m 3 Ge- Drittes Buch Gewohnheit nach/ zu Rathe ziehen. Die Koͤ- nigin kam hierauf/ als eine todte Leiche in Arsi- noens Zimmer/ allwo sich Erato gleich aufhielt. Jhr blosser Anblick war schon ein Vorbote ih- rer traurigen Zeitung/ welche sie zitternde/ mit diesen Worten aussprach: Ach/ Arsinoe/ wir sind verlohren! Beyde erstummeten hieruͤ- ber/ und erwarteten mit bebendem Hertzen das uͤber ihr Haupt aufziehende Ungewitter. Ach/ Arsinoe/ fing die Koͤnigin an/ Polemon will dich Ariobarzanen verheyrathen. Kein haͤrter Donnerschlag/ als dieser/ konte in ihren Ohren erschallen. Denn/ was hatten sie fuͤr erhebliche Ursache eine so ansehnliche Heyrath auszuschlagen? Wie konten sie aber ohne eu- serste Gefahr dem Koͤnige Arsinoens Geschlech- te offenbahren? Welcher nunmehr der goͤttli- chen Weissagung so viel mehr glauben wuͤrde/ nach dem Arsinoe solche Streitbarkeit von sich zeigte? Sie sannen hin und her/ konten aber kei- ne den Stich haltende Ursache diese Heyrath zu verweigern ersinnen. Hieruͤber kam der Koͤ- nig selbst ins Zimmer/ und fragte Arsinoen: Ob sie von ihrer Mutter die auf sie geworffene Liebe Ariobarzanens vernommen haͤtte? Er zweiffelte nicht/ daß sie dieses grosse Gluͤcke/ als ein Geschencke der Goͤtter mit freudigem Gei- ste annehmen wuͤrde. Er haͤtte inzwischen bey dem Tempel des Pilumnus und Picum- nus seine Andacht verrichtet/ und es sey ihm zum Zeichen ihrer gluͤcklichen Vermaͤhlung ein an dem lincken Fusse lahmer Habicht auf- geflogen. Arsinoe fiel ihm alsofort zu Fusse/ umarmte seine Knie/ und fing an: Sie wuͤste/ daß es ein halsbruͤchiges Laster waͤre/ sich dem Befehle eines so holden Vaters/ der fuͤr seines Kindes Wohlstand so eiffrig sorgte/ zu widerse- tzen. Nach dem sie aber (unwissend aus was fuͤr einer verbor genen Gramschafft) ihr Hertze nimmermehr uͤberwinden koͤnte/ den Ariobar- zanes zu lieben; Jhr des grossen Mithridates dem Armenischen Koͤnige Tigranes verheyra- thete Tochter Asterie/ mit dem ihr vom Stieff- Sohne eingeschenckten Gifft-Glase stets fuͤr den Augen schwebte/ und ihr ein noch elenderes Ende weissagte; baͤte sie/ es moͤchte die vaͤterli- che Liebe ihre Vergnuͤgung der Staats-Klug- heit dißmahl fuͤrziehen. Heyrathen solten ja eine Vereinbarung der Hertzen seyn; ausser der waͤren sie fuͤr eine Ehscheidung ihrer Ruh und Gluͤckseligkeit zu halten. Die Vermaͤb- lungen wuͤrden erstlich im Himmel/ hernach in den menschlichen Hertzen geschlossen. Durch den Einfluß des Gestirnes gaͤbe das Verhaͤng- nuͤß darbey sein Wohlgefallen oder Unwillen zu verstehen; jenes/ wenn es die Gemuͤther gleichsam zusammen verzauberte/ diesen/ wenn einem etwas auch sonst annehmliches zu wider waͤre. Ariobarzanes gaͤbe zwar einen gros- sen Schein der Tugenden von sich; aber wer koͤnte in wenigen Tagen einen recht ausholen? Es gaͤbe in dem Meere des menschlichen Le- bens viel Seichten und Sandbaͤncke; man muͤste allezeit mit dem Bley-Masse in der Hand fortsegeln/ wo anders die Hertzen der Men- schen so/ wie die See/ ein Bley-Maß anneh- men. Die Augen solten Fenster der Seele seyn/ sie waͤren aber ihre Larven/ welche unter der Gestalt einer Taube offt einen Basilißken vermummeten; und das schwartze Saltzwasser des Meeres gaͤbe vielmahl einen hellen Silber- Schein von sich. Daher waͤre es numehr noͤ- thiger und schwerer/ die Eigenschafften der Ge- muͤther/ als der Kraͤuter zu erkennen. So haͤt- ten ja auch die Goͤtter seine Scheutel mit dreyen Kronen bereichert; welches sicher mehr ein U- berfluß des Gluͤckes/ als eine zu ergroͤssern noͤ- thige Macht waͤre. Solte sie nun als das ei- nige Kind einen Auslaͤnder heyrathen/ wuͤrde das Pontische Reich seinen alten Glantz verlie- ren; und/ da es itzt das Haupt zweyer andern Koͤnigreiche waͤre/ muͤste es kuͤnfftig ein schlech- ter Anhang des Medischen Zepters/ eben so/ wie Armenien wiederfahren sey/ werden. Die Pon- Arminius und Thußnelda. Pontischen Voͤlcker wuͤrden diese auslaͤndische Heyrath/ als ein Seil/ wordurch ihnen das Joch der uͤppigen Meden an die Hoͤrner ge- schlinget wuͤrde/ mit Unwillen ansehen/ oder auch die Vereinbarung so vieler maͤchtigen Rei- che den Roͤmern und Parthern Nachdencken machen/ und solche mit Gewalt zu zertheilen Anlaß geben. Die Roͤmer haͤtten wider den grossen Mithridates keine andere Ursache zum Kriege/ als die Furcht fuͤr seinen zwoͤlf Koͤnig- reichen gehabt/ als sie Nicomeden den Bithy- nischen/ und Ariobarzanen den Cappadocischen Koͤnig wider ihn aufgehetzet; und hernach zwey und vierzig Jahr wider ihn gekrieget. Eben so wuͤrde der Uhrsprung des Peloponnesischen Krieges der sich allzu sehr ver groͤssernden Stadt Athen beygemessen; und derer den Degen zum ersten zuͤckenden Spartaner Furcht fuͤr eine rechtmaͤßige Ursache des Krieges wider Athen/ und ihr Angriff fuͤr eine Nothwehre gehalten. Die Roͤmer hatten nach dem andern Punischen Kriege den Koͤnig Philip in Macedonien zu uͤ- berfallen keine Ursache sonst gehabt/ als seine verdaͤchtige Kriegsruͤstung. Weil nun ein mit- telmaͤßiges Reich sicherer und leichter zu beherr- schen waͤre/ sonderlich kuͤnfftig von ihr einem Frauenzimmer; als ein uͤbermaͤßig grosses/ wel- ches von einem grossen Geiste beseelet/ mit vielen Armen beschuͤtzt werden muͤste; weil ein grosses Reich seine Fuͤrsten sicher/ seine Feinde veraͤcht- lich/ die Einwohner wolluͤstig/ die Tapfferkeit stumpf/ die Kriegsleute weich/ die Unterthanen faul machte/ also aus sich selbst sein Verderben/ wie aus dem Eisen der Rost/ aus dem Holtze sei- ne fressende Wuͤrmer/ entspringe; in die ent- fernten Laͤnder die koͤniglichen Schluͤsse zur Un- zeit kaͤmen; ja wie grosse Riesen schweren Faͤl- len/ also weite Reiche geschwindem Untergange unterworffen waͤren; so schiene es/ ihrem schwa- chen Verstande nach/ rathsamer zu seyn/ das Pontische Reich numehr in seinen unbeneideten Graͤntzen zu erhalten. Der verschmitzte Koͤnig nam unschwer wahr/ daß diese Einwuͤrffe Far- ben/ nicht Ursachen ihrer Verweigerung waͤ- ren. Dahero begegnete er ihr mit ziemlich ernst- hafftem Gesichte: ihre Gramschafft waͤre eine unzeitige Einbildung/ und ein vergaͤnglicher Eckel. Dahero waͤre nach diesem so wenig die Wuͤrde eines Liebhabers/ als nach einem ver- dorbenen Magen die Guͤte einer Speise zu ver- werffen. Es haͤtten zuweilen Gemuͤther die Art des Magnets an sich/ die zu rostigem Eisen einen Zug/ und fuͤr Diamanten einen Abscheu haͤtten. Die Zuneigung geluͤsterte mehrmahls nach der Haͤßligkeit/ wie manches schwanger Weib nach unartigen Speisen; und der Hart- naͤckigkeit waͤre die Vollkommenheit so wenig gut genung/ als einem vergaͤllten Maule die suͤssesten Granat-Aepffel. Die Regungen der Sinnen muͤsten dem Urthel der Vernunfft nicht zuvor kommen/ und der Geist sich nicht zu fleischlicher Ver gnuͤgung erniedrigen. Aller Voͤlcker Einstimmung waͤre ein unverwerffli- cher Zeuge fuͤr Ariobarzanens Tugenden/ und die Welt ein Schauplatz seiner Helden-Thaten. Uberdiß mache bey Buͤrgern die Liebe/ bey Koͤ- nigen die Staats-Klugheit die Heyraths-Be- redungen. Dieser waͤre gemaͤß ein Reich so hoch empor zu heben/ daß dem Neide die Augen ver- gingen an selbtem hinauf zu sehen/ und so groß zu machen/ daß es ohne frembde Huͤlffe der un- rechten Gewalt maͤchtiger Nachbarn die Spi- tze bieten koͤnte. Seine und Ariobarzanens zusammenstossende Kraͤfften waͤren noch kaum genung den Parthern oder Roͤmern zu bege- gnen; fuͤr denen er keine Buͤrgen haͤtte/ daß sein Buͤndnuͤß mit ihnen ewig tauren wuͤrde. Das Pontische Reich wuͤrde fuͤr dem Medischen nichts minder als Armenien seinen Vorzug be- halten; und seine Voͤlcker wuͤrden nicht einem frembden Lande/ sondern ihrer angebohrnen Fuͤrstin zu gehorchen haben. Weßwegen man mit Ariobarzanen gewisse Bedingungen ab- reden muͤste. Waͤre es denn aber nicht rath- Drittes Buch rathsamer/ versetzte die Koͤnigin Dynamis/ Arsinoen einem Pontischen Fuͤrsten zu vermaͤh- len/ welchem die Liebe zu diesem Reiche von der Geburt/ die Wissenschafft seiner Rechte und Sitten mit der ersten Auferziehung eingefloͤst worden/ welcher der Einwohner Gewogenheit durch treue Dienste erworben/ dem Polemon solche Erhoͤhung zu dancken/ und nicht nur Ar- sinoen/ sondern auch das ihm zugleich mit ver- maͤhlete Pontische Reich zulieben Ursach haͤtte. Koͤnig Polemon begegnete ihr: Ungleiche Hey- rathen waͤren auch unter denen Unterthanen ungeschickt. Die Frauen und Jungfrauen zu Heraclea haͤtten sich lieber selbsthaͤndig getoͤdtet/ che sie sich auf des Wuͤterichs Clearchus Befehl seinen unedlen Dieneꝛn vermaͤhlen wollen. Wie viel weniger waͤre seiner hohen Ankunft anstaͤn- dig/ noch dem Reiche vortraͤglich seine eigene Tochter an einen Unterthanen zu verheyra- then. Die aus dem Staube empor steigenden wuͤsten selten ihr Gluͤcke zu begreiffen/ und ihre Begierden zu maͤßigen. Die an dem Glantze der Sonnen gewachsenen Fruͤchte waͤren de- nen im Schatten stehenden/ und die Wercke hocherlauchter Fuͤrsten des Volckes vorzuzie- hen. Diesemnach wuͤrden die Unterthanen ihrer bey zeite uͤberdruͤßig. Denn wie schwer es fiele einem Bildhauer seinen von ihm ausge- hauenen und vergoͤldeten Goͤtzen/ den er im Walde als ein Klotz gesehen/ anzubeten/ wenn er schon auf einem Altare stuͤnde; so schwer kaͤme es die Unterthanen an/ sich fuͤr einem Ober- herrn zu buͤcken/ der vorher ihres gleichen/ oder wol niedriger gewest waͤre. Dynamis wagte es noch einmal/ wiewol gleichsam zitternde dem Koͤnige diesen Gegensatz zu thun: Wie die gar zu niedrigen Heyrathen in alle Wege zu ver- dammen waͤren; also waͤren die/ da man denn all zu hoch hinaus gewolt/ insgemein sehr un- gluͤcklich gewest. Der so niedrige Toͤpffers- Sohn Agathocles haͤtte Sicilien so klug/ als kein einiger Koͤnig beherrscht; darinnen aber haͤtte er verstossen/ und seine Soͤhne gleichsam selbst vom Throne gestuͤrtzt/ als er seine Toch- ter Lanassa dem grossen Koͤnige Pyrrhus ver- maͤhlet/ der hernach seinen Sohn Helenus einzuschieben bemuͤht war. Die hohe An- kunfft waͤre wohl ein grosses Klemod/ es haͤt- ten aber viel grosse Geschlechter viel Eitelkeit und schlimmen Beysatz an sich. Die Athe- nienser ruͤhmten sich so alt als die Erde/ und aus sich selbst entsprossen zu seyn. Die Arca- dier wolten die Erde noch/ ehe der Mond ge- schienen/ bewohnt haben. Die Julier zu Rom wolten vom Sohne des Eneas/ und die Antonier vom Hercules entsprossen seyn. Aus diesem Aberglauben hielten viel fuͤr loͤblicher ei- ne Lais aus dem Geschlechte der Heracliden/ als eine niedrig-entsprossene Penelope zu hey- rathen. Ungeachtet die Schoͤnheit die Au- gen/ das Reichthum die Haͤnde vergnuͤgte/ der Adel aber in blosser/ und offt falscher Einbil- dung bestuͤnde; Sintemahl kundig waͤre/ daß Koͤniginnen nicht nur/ wie des Koͤnigs Agis Gemahlin Timaͤa von einem edlen Alcibia- des/ sondern von einem haͤßlichen Mohr und Fechter waͤren geschwaͤngert worden. Ajax haͤtte deßwegen Ulyssen nicht unbillich verla- chet/ als er sich einen Enckel des Eacus ge- ruͤhmt. Hingegen haͤtte der Maͤngel der Ankunfft dem tapffern Pericles/ und dem gros- sen Pompejus an ihrer Tugend keinen Ab- bruch gethan. Alleine es doͤrffte alles diesen Kummers nicht; nach dem noch etliche Enckel des grossen Mithridates des Machares Soh- ne/ und andere Fuͤrsten Koͤniglichen Geschlech- tes im Reiche verhanden waͤren. Koͤnig Po- lemon verfiel uͤber diesen Worten in den festen Argwohn/ samb Dynamis mit einem dieser Fuͤrsten schon eine geheime Eh-Beredung ge- troffen haͤtte; daher er mit feurigem Eyffer ihre Rede unterbrach: Was? soll ich einem Verraͤther seines Vaters/ wie Machares gewest/ meine Tochter geben? Will man Arminius und Thußnelda. man mir einen Eydam aufsdringen/ dessen Va- ter von seinem eigenen zum Tode verdammet worden? Nein sicher/ dein Anschlag wird dir sicher in Brunn fallen: ich will meine Tochter mit nichts unedlerm vermischen/ als ihr Ur- sprung ist. Der vollkommenste Leib bildet eine Mißgeburt ab/wenn man ihm einen Cyclopen- Kopff auffsetzt. Bley und Zien/ ja auch das Silber selbst/ verunehret und vergeringert das Gold/ wenn es untereinander geschmeltzet wird. Man setzt Marmel und Jaspis-Bilder nur in der Goͤtter und Koͤnige/ nicht in Geringerer Wohnungen. Die Natur ist auffs eusserste bemuͤht/ daß nichts ungleiches zusammen wach- se. Eben dieses soll die Klugheit/ fuͤrnehmlich aber in der Liebe beobachten/ welche von den Al- ten fuͤr blind und ein Kind gehalten worden/ weil sie am meisten vorsichtiger Leitung vonnoͤthen hat. Jch versehe mich also zu Arsinoen/ wo ich sie anders fuͤr meine Tochter halten soll/ sie wer- de nicht von der Art deß den Poͤfel abbildenden Epheus seyn/ welcher/ so bald eine Hasel-Stau- de/ als einen Dattelbaum umarmet. Edle Pflantzen kehren ihr Haupt gegen den Him- mel; Die Rosen schliessen ihr Haupt nur der an- wesenden Sonne auff; die Palmen vertragen sich mit keinem geringen Gewaͤchse. Ja der todte Magnet-Stein folget keinem geringern/ als dem so hoch geschaͤtzten Angelsterne. Und Polemons Haus solte sich zu den Nachkommen des knechtischen Machares abneigen? Die Niedrigkeit des Gemuͤthes ist wie alle andere Schwachheiten nichts minder als die Seuchen anfaͤllig. Zwey Tropffen boͤsen Gebluͤtes ste- cken den gantzen Leib an/ und eines einigen Fi- sches Farbe schwaͤrtzet ein groß Theil des Meeres. Das menschliche Gemuͤthe ist gear- tet wie das Thier/ das alle Farben annimmt; am leichtesten aber die Schwaͤrtze der Boßheit. Hat es seine Neigung zu Napel/ so vergifftet sichs. Liebet es Unflat/ so besudelt es sich. Die besten Schnaten verlieren ihre Guͤte/ wenn man sie auff einen herben Stamm pfropffet. Das Feuer verlieret seinen Glantz/ wenn es mit Wasser oder Erde vermischt wird; Aus Vereinbarung eines Menschen und Pferdes wird ein haͤßlicher Centaur/ und die niedrigen Vermaͤhlungen sind ein ewiger Schandfleck hoher Geschlechter/ welchen Koͤnig Hiero in Si- cilien mit allen seinen tugendhafften Thaten/ auch bey der Nachwelt nicht auszuleschen ver- mocht hat. Diesem nach ist diß mein End- und unveraͤnderlicher Schluß/ daß Arsinoe den edel- sten Fuͤrsten der Welt/ den grossen Ariobarzanes heyrathen soll. Und ich befehle dir/ Arsinoe/ dich ohne einigen Worts-Einwand darzu fertig zu halten. Des Vaters und der Goͤtter Wil- le hat keinen Richter uͤber sich. Jhre Vorsor- ge ist die vernuͤnfftigste und treueste/ welche sich weder durch eigenen Duͤnckel/ noch durch ande- rer Traͤume verbessern laͤst. Hiermit ging Polemon unwillig aus dem Zimmer/ ließ sie in vollem Jammer stehen/ und versprach noch selbigen Tag dem Ariobarzanes seine Arsinoe. Der Heyrath-Schluß und das neue Buͤndniß ward von beyden Koͤnigen in dem Tempel des Friedens auff dem Alta- re der Eintracht unterschrieben und besiegelt/ auch alle Anstalt zu dem Koͤniglichen Beyla- ger gemacht/ als inzwischen Arsinoe/ Dyna- mis und Erato ihrem Kummer kein Ende/ ihren Thraͤnen keine Maas/ und ihrem Un- gluͤcke keinen Rath wusten. Beyde Koͤnige kamen aus dem Tempel in ihr Zim̃er/ und wie- wohl Dynamis und Arsinoe ihre Traurigkeit zu verbergen sich eusserst bemuͤheten/ sahe sie ih- nen doch beyden mehr als zu viel aus den Au- gen. Ariobarzanes kriegte hieruͤber Nachden- cken/ und vermeinte Arsinoen durch die hoͤff lich- sten Liebkosungen zu gewinnen/ welche ihm aber mit einer gezwungenen oder vielmehr kaltsin- nigen Freundligkeit begegnete. Diese Neu- igkeit verstoͤrte ihm die Ruhe der Nacht und des Gemuͤthes/ noch mehr aber ein Schreiben/ Erster Theil. N n wel- Drittes Buch welches er des Morgens auff seiner Taffel fand/ diese s Jnhalts : Arsinoe an den Koͤnig Ariobarzanes. Jch gestehe es/ daß Ariobarzanes der gantzen Welt Herrschafft/ des Zuruffs aller Voͤlcker/ und so viel mehr meiner Liebe wuͤrdig sey; aber alles diß/ ja die Goͤtter selbst/ weniger der Zwang meines Vaters sind nicht genug ihn derselben faͤhig zu machen.. Forsche nicht von mir die Ursache meiner Kaͤlte/ denn die Liebe entspringet mehr vom Einflusse des Gestirns/ als von der Wuͤrde eines Dinges. Der beste Ambrareucht einem wohl/ dem andern stinckt er. Glaube a- ber/ daß selbte alsofort deine Flammen ausloͤ- schen/ aber in Sinope ein groͤsseres Feuer an- zuͤnden wuͤrde. Uberwinde dich also/ und pres- se dir keine unmoͤgliche Liebe aus/ die deine Voll- kommenheit so hoch in Ehren haͤlt; da du auch diß letztere nicht verlieren/ oder gar vergaͤllen wilst. Die suͤssesten Pomerantzen geben Vit- terkeit von sich/ wenn man sie allzusehr aus- druͤckt. Es ist eine grosse Klugheit unterschei- den koͤnnen/ was man fuͤr Karte wegwerffen o- der behalten soll/ eine groͤssere Kunst/ sich einer Sache entschlagen/ die mit uns entweder keine Vereinbarung leidet/ odeꝛ uns selbst den Ruͤcken kehret; die hoͤchste Gluͤckseligkeit aber/ nichts ver- langen/ was man nicht haben kan. Dieser deut- liche Brieff legte Ariobarzanen den Traum von Arsinoens Kaltsinnigkeit aus. Liebe und Ra- che kaͤmpfften in seiner Seele die Wette. Seine Ehre rieth ihm dieser Veraͤchtligkeit mit Be- schimpffung zu begegnen/ seine Begierde aber Arsinoens Hertze zu gewinnen; Aber iede Zeile benahm mit der fuͤrgeschuͤtzten Unmoͤgligkeit ihm alle Hoffnung/ und stuͤrtzte ihn in eine halbe Verzweiffelung. Bey dieser Verwirrung ward ihm angesagt: Der Koͤnig Polemon waͤ- re unterweges ihn zu besuchen/ folgte auch fast auff dem Fuße ins Zimmer. Ariobarzanes konte sich kaum erholen ihm vernuͤnfftig zu be- gegnen/ weniger sich berathen/ ob er dem Koͤni- ge hiervon etwas melden solte? Wie nun Pole- mon alsofort seine Bestuͤrtzung wahrnahm/ und dessen Ursache mitleidentlich erkundigte/ reichte ihm Ariobarzanes der Arsinoe Brieff. Polemon muthmaßte alsobald bey erkennter Handschrifft was arges/ erblaßte bey der ersten Zeile/ und nach dem er das Schreiben durchlesen/ blieb er gleich als veꝛzuͤckt in vollem Nachdencken stehen; Ob eꝛ schon sonst in Gluͤck uñ Ungluͤck eineꝛley Gesich- te zu behalten wuste/ und ihm nicht leichte durch seine Empfindligkeiten/ welches die rechten Fenster des Gemuͤths sind/ins Hertze sehen ließ. Ariobarzanes sahe ihn starr an/ und sagte end- lich: Diese wenige Zeilen sind entweder voller Geheimniße/ die wir beyde nicht wissen/ oder voller Retzel/ die ich nicht auffloͤsenkan. Pole- mon laͤchelte/ und fing an: Man verkleidet zu- weilen ein seichtes Absehen mit dem Ansehen ei- nes heiligen Geheimnisses; Jedoch wird es zu- versichtlich keines Wahrsagers duͤrffen/ hinter diß verborgene zu kommen/ und keiner Zaube- rey/ die vorgeschuͤtzte Unmoͤgligkeit moͤglich zu machen. Hiermit nahm Polemon Abschied/ und Arsinoens Schreiben mit sich/ legte auch in seinem Zimmer alle Worte auf die Wage. Je mehr er aber nachdachte/ ie tunckeler schien ihm der Brieff und ie weniger konte er ergruͤnden/ warum Arsinoe so verzweiffelt Ariobarzanens Heyrath zuhintertreiben suchte. Er argwohn- te zwar noch: Es muͤste Ariobarzanen iemand vorkommen seyn/ und sich Arsinoens Gewogen- heit bemaͤchtiget haben; aber Arsinoens Schrei- ben daͤuchtete ihn auff etwas gantz anders zu zielen. Endlich fiel ihm ein Arsinoens unge- meine Vertraͤuligkeit mit der Erato/ hinter welcher ein sonderlich Geheimniß/ oder zum minsten die Wissenschafft/ warum Arsinoe fuͤr Ariobarzanen so grosse Abscheu truͤge/ ste- cken muͤste. Mit dieser Sorgfalt kam er un- angesagt in der Erato Zimmer/ welche denn noch halb unangekleidet war. Wormit nun Po- Arminius und Thußnelden. Polemon diese ungewoͤhnliche Uberfallung rechtfertigte/ oder auch vielleicht was erfischete/ wiese er der Erato Arsinoens Schreiben/ von dem sie aber ohne diß schon Wissenschafft hat- te/ beschwerte sich uͤber seiner Tochter zu sei- nem Schimpff und ihrem Unheil gereichen- de Widersetzligkeit/ und beschwor sie endlich/ daß/ da sie so tieff in Arsinoens Hertze gesehen/ sie ihm die Ursache nicht verschweigen solte. E- rato begegnete dem Koͤnige mit tieffster De- muth/ schuͤtzte fuͤr: Sie haͤtte sich ohne Vorwitz nicht unterstehen wollen/ Arsinoen etwas aus- zulocken; doch sehe sie/ daß/ wenn nur Ariobar- zanes Nahme genennet wuͤrde/ sie sich entsetzte/ und uͤber der Heyrath auffs eusserste graͤmte/ welches ihren Kraͤfften in die Laͤnge auszustehen unmoͤglich fallen doͤrffte. Der Koͤnig fuͤhrte sie hierauf mit sich in Arsinoens Zimmer/ welche mit verfallenen Wangen/ thraͤnenden Augen/ und tieffaͤugichtem Gesichte betroffen ward. Nichts destoweniger zohe er ihren Brieff herfuͤr/ und befahl ihr: Sie solte rund heraus bekennen/ was ihr Ariobarzanens Eh unmoͤglich machte/ und das in ihrem Schreiben angedeutete Feu- er/ welches in Sinope angezuͤndet werden sol- te/ auslegen. Arsinoe fiel ihm abermahls mit erbaͤrmlichen Geberden zu Fuͤssen/ sagte/ sie waͤre zwar Meisterin ihres Willens/ aber kei- ne Gebieterin uͤber die Natur und das Ver- haͤngniß/ welche sie vom Ariobarzanes gleich- sam mit den Haaren wegzuͤgen. Mit dem Feuer haͤtte sie auff ihre Begraͤbniß-Fackeln gezielet/ weil diese Heyrath doch ihr Tod seyn/ dieser aber Ariobarzanens Begierden aller- dings ausleschen wuͤrde. Jhr Wunsch und Verlangen waͤre diesem nach zu sterben/ sie wolte von Hertzen den Tod als ein Geschen- cke der Goͤtter/ und ein Gifft-Glaß mit Freu- den fuͤr eine Koͤnigliche Mitgifft aus den Vaͤ- terlichen Haͤnden annehmen. Wolte er sie a- ber der Goͤttin Vesta zu ewiger Jungfrau- schafft wiedmen/ wolte sie mit dem ewigen Feu- er auch eine ewige Danckbarkeit in ihre See- le bewahren. Diese Erklaͤrung thaͤt sie so wehmuͤthig/ daß/ wie harte gleich Polemon war/ ihm die Augen uͤbergingen/ und er mit etwas sanfftmuͤthiger Bezeugung sie fragte: was denn die Ursache ihrer wider einen so vollkommenen Koͤnig geschoͤpffter Todtfeindschafft waͤre? Ar- sinoe antwortete: Sie hegte derogleichen in ih- rem Hertzen nicht/ sondern sie haͤtte vielmehr ein grosses Vergnuͤgen an seinen Tugenden; aber unmoͤglich waͤre es ihr einmahl ihn zu lieben. Polemon fing an zu ruffen: Jhr Goͤtter! Was ist denn unter einem solchen vergnuͤgen- den Wohlgefallen und der Liebe fuͤr ein Unter- scheid? Arsinoe antwortete: Jch weiß wohl/ allerliebster Herr Vater/ daß die Liebe allezeit die Gewogenheit zur Mutter/ diese aber jene nicht allezeit zur Tochter habe/ und mein an dem Ariobarzanes habendes Belieben doch nimmermehr die Liebe in meinem Hertzen ge- behren werde. Polemon fragte: Was denn ihrer Liebe im Wege stuͤnde? Worauff Arsi- noe anfing: Jhr von dem Verhaͤngniß gelei- teter Wille. Denn das Wohlgefallen be- maͤchtigte sich eines Menschen mit Gewalt und wieder seine Zuneigung. Man muͤsse die Tugend und Schoͤnheit auch in seinem Feinde werth halten/ und die Gramschafft muͤste mehrmals die Gaben der Natur und des Gemuͤths mit denen schoͤnsten Farben in die Taffel seines Hertzens mahlen/ ja die Stiffter des aͤrgsten Unrechts innerlich der Gerechtig- keit beyfallen. Diese Gewogenheit zuͤndete sich in einem Augenblicke wie ein Blitz an/ sonder einige vorhergehende Berathschlagung; insonderheit erstreckte sie sich auff alle Reich- thuͤmer der Natur/ auff Blumen und leblo- se Edelgesteine/ die gleich keiner Gegen-Liebe faͤhig sind. Die Liebe aber/ wie sie ein sich lang- sam entzuͤndendes Feuer/ und allererst der Schoͤnheit Enckelin waͤre; die Berathschla- gung zur Amme/ und den Willen zum Leiter N n 2 haͤtte/ Drittes Buch haͤtte/ also waͤre sie mit sich selbst nicht so ver- schwenderisch/ sie vereinbarte sich nicht mit al- lem/ was ihr ins Gesicht fiele/ sondern nur mit dem/ was sie fuͤr ihres gleichen hielte/ und was sie wieder lieben koͤnte. Weßwegen auch kein ander Thier als der Mensch wahrhafftig lieben/ die Schoͤnheit eines Sternes/ einer Perle/ eines Pferdes werth geachtet/ nichts a- ber/ als das Antlitz und der Geist eines Men- schen/ eigentlich geliebt werden koͤnte. Wenn nun das Verhaͤngnuͤß nicht unsern Willen/ wie der Magnet das Eisen iemanden zu lieben zuͤge/ waͤre es uns selbst zu uͤberwinden un- moͤglich. Polemon ward hieruͤber verdruͤß- lich/ und befahl ihr/ sie solte ihr diese Traͤume aus dem Sinne schlagen/ und von ihrer Eigen- sinnigkeit/ welche ihr eitel Ungeheuer fuͤrbilde- te/ abstehen/ auch sich zu dem/ was ihr bestes/ und nun nicht mehr zu aͤndern waͤre/ beqve- men. Der Nahme des Todes waͤre zwar suͤsse/ sein Wesen aber die bitterste Aloe. Wer in ewiger Einsamkeit leben koͤnte/ muͤste ent- weder ein halber Gott/ oder ein gantz unver- nuͤnfftiges Thier seyn. Mit diesen Worten entbrach sich Polemon ihrer/ und versicherte den Ariobarzanes/ daß die Vermaͤhlung auff die bestimmte Zeit solte bewerckstelliget wer- den. Es waͤre nichts seltzames/ daß alberen Maͤgdgen fuͤr dem Ehstande eckelte/ dessen Suͤßigkeit sie hernach nicht genung zu schaͤtzen wuͤsten. Die langsame Liebe waͤre wie das am langsamsten wachsende Metall/ nehmlich das Gold/ die bewehrteste; hingegen verschwin- de die hefftigste am geschwindesten. Denn die Fackel/ die allzusehr lodert/ koͤnne nicht lange tauren. Arsinoe blieb inzwischen in einer un- ermeßlichen Betruͤbniß/ und verzweiffelten Ungedult. Jch sehe/ fing sie an/ daß einem Ungluͤckseligen auff dem Meere das Wasser/ auff der Erden ein Grab/ in dem Leben der Tod gebricht. Aber wie sehr er vor mir fleucht/ wil ich ihn doch finden/ und hiermit griff sie nach einem Messer/ welches ihr aber Erato ausriß/ und ihre Verzweiffelung mit nachdruͤck- licher Einredung straffte. Jst diß die Tugend/ sagte sie/ welche der einfallende Himmel auch nicht von ihrem Sitze zu stuͤrtzen maͤchtig seyn solte? Jst diß die Liebe/ welche sich mit der E- rato in ein Grab zu legen ruͤhmete? Kan aus Entdeckung ihres Geschlechts ihr was aͤrgers als der Tod zuhaͤngen/ wenn schon Polemon die Vater-Liebe in grausamste Mord-Lust ver- wandelt? Jst es nicht Thorheit sterben wollen/ um nicht zu sterben? Sie sage es dem Koͤnige unter Augen/ daß sie nicht Arsinoe/ sondern der verworffene Zeno sey/ derdem Polemon das Licht ausblasen soll! Sie lasse ihr und mir das Urthel des Todes sprechen! Es ist besseꝛ von den Haͤnden eines unbarmhertzigen Vaters sterben/ als durch Selbst-Mord dem Verhaͤngniße an seinen Richterstab greiffen. Ach nein! Holdseligste Era- to/ sagte Arsinoe: Es ist nicht allein um meinen Hals/ sondern auch um den guten Nahmen meiner Mutter der Koͤnigin Dynamis/ und um die unschaͤtzbare Geniessung ihrer Liebe zu thun. Erato versetzte: Es waͤre weder noͤthig dem Tode ein so unzeitiges Opffer zu lieffern/ noch der Koͤnigin Ruhm zu versehren. Die hertzliche Liebe einer barmhertzigen Mutter/ und die Erhaltung ihres verstossenen Sohnes/ koͤnne mit dem Titel eines Lasters nicht ver- unehret werden. Auch habe die Natur den Auffenthalt der Tugend nicht in Sinope ein- geschlossen. Die gantze Welt waͤre der Tapf- ferkeit Vaterland. Die Unschuld muͤste zu- weilen dem Verhaͤngniße/ zuweilen einer hitzi- gen Ubereilung dessen/ gegen welchem uns die Natur die Gegenwehr verbeut/ ausweichen. Die Goͤtter aber liessen die Tugend nirgends aufftreiben/ sie haͤtten ihr deñ schon vorher einen beqvemen Sitz ausersehen. Sie selbst habe diese himmlische Vorsorge zu preisen. Denn als ihre Unter- Arminius und Thußnelda. Unteꝛthanen die Armenier sie verstossen/ haͤtte sie der Pontus willigst aufgenommen/ und mit der Liebe des vollkom̃ensten Fuͤrsten beseliget. Wie? fing Arsinoe an/ sind die Armenier ihre Unter- thanen? Jn allewege/ antwortete Erato. Und es hat Sinorix nicht geschielet. Denn ich bin der junge Artaxias/ den die Liebe seiner Mutter fuͤr einen Fuͤrsten/ wie ihre den Zeno fuͤr ein Fraͤulein auferzogen hat. Arsinoe vergaß uͤber dieser erfreulichen Zeitung alles ihres Leides/ und umbarmete die Erato mit einer unermaͤß- lichen Empfindligkeit. Erato aber warnigte sie/ ihre Liebes-Bezeugungen anietzo zu verschie- ben/ und fuͤr ihre Wolfarth bekuͤmmert zu seyn. Einmal wuͤste sie kein ander Mittel/ als eine heimliche Flucht zu ersinnen; und da die Koͤni- gin hierzu stimmete/ oder sie selbst nichts sicherers wuͤste/ wolte sie darzu in allewege gerathen ha- ben. Das Werck ward hierauf mit der Koͤni- gin uͤberlegt/ welche/ in Mangel anderer Huͤlffe/ ihr die Flucht gefallen ließ. Der Anschlag und die Anstalt der Reise ward niemanden/ als mir vertraut/ weswegen ich mich ungesaͤumt an das Gestade des Meeres verfuͤgte/ uns dreyen ein Schiff zu bestellen. Zu meinem grossen Ge- luͤcke lendete gleich ein Schiff am Hafen an/ dessen Entladung ich aus blosser Begierde der Neuigkeit sehen wolte. Denn unter so viel hundert daselbst anckernden Schiffen hatte ich nur die Wahl auszulesen. Alleine meine Freude war unermaͤßlich/ als ich den ersten/ der aus solchem Schiffe ans Ufer sprang/ fuͤr mei- nen Artafernes erkennte. Wormit ich nun seiner mercklichen Freude und Empfangung zuvor kaͤme/ nahm ich die Gelegenheit in acht unvermerckt hinter ihn zu treten/ und/ ehe sich seine Augen vergehen konten/ ihm hinterruͤcks ins Ohr zu sagen: Laß dich nicht mercken/ daß du Saloninen kennest/ sondern folge mir auf dem Fusse nach. Artafernes verbarg seine Ge- muͤths-Regungen derogestalt/ daß er sich nicht einst umbsahe/ gleichwohl aber meinen Fuß- stapfen behutsam nachging. Jch wieß ihm den Weg in den nahe am Hafen liegenden Koͤnigli- chen Garten/ biß wir in einem verdeckten Spa- tzir-Gange einander mit erfreuter Umbhalsung zu bewillkommen Gelegenheit fanden. Jedoch befand ich es fuͤr rathsam/ so wohl dieser Ergetz- ligkeit abzubrechen/ als den Vorsatz beyderseitige Zufaͤlle zu erfahren/ auf bequemere Zeit zu spa- ren. Jch meldete ihm dannenher mit wenigen Worten: Daß die unumbgaͤngliche Nothdurft erforderte die nechstfolgende Nacht die Armeni- sche und Pontische Fraͤulein nebst mir aus Sino- pe zu fuͤhren; also solte er mir ohne Umbschweiff entdecken: Ob er Herr des angelaͤndeten Schiffes waͤre/ und darmit zu diesem wichtigen Fuͤrnehmen helffen koͤnte. Er erbot sich also- fort meinen Willen zu vollziehen. Wohl dem/ sagte ich/ so machet alles zur Abreise fertig/ ich wil mit der Fuͤrstin Erato in maͤnnlicher Tracht mich schon gegen Abend in euer Schiff spielen/ umb Mitternacht aber werdet ihr in diesem Gange die Fuͤrstin Arsinoe abzuholen wissen. Mit diesem Verlaß schieden wir von sammen; ich aber brachte alsofort meine gluͤckliche Anstalt beyden Fuͤrstinnen zu/ und redete mit ihnen alles ab/ was hierbey zu thun noͤthig schien. Gegen Abend ging Erato und ich unser Gewohnheit nach in den Garten/ in welchen wir oben aus unserm Zimmer 2. Manns-Kleider/ und etliche andere Nothdurfft geworffen hatten. Wir kleideten uns in einer nahe dabey gemachten Spring-Hoͤle umb/ und versteckten unsere Weibs-Kleider unter die daselbst verdeckten Wasser-Roͤhre/ kamen auch unvermerckt auf das Schiff/ allwo uns Artafernes eine bequeme Lagerstatt anwieß/ welcher wir uns aber nicht bedienen wolten/ biß wir Arsinoens Uberkunfft vergewissert waͤren/ wiewohl etlicher Naͤchte ge- stoͤrte Ruh uns sehr schlaͤfrig gemacht hatte. Ge- gen Mitternacht fuͤgte sich Artafernes an den bestim̃ten Ort/ und wenige Zeit hernach kam er zu uns mit der froͤlichen Zeitung/ daß er Arsi- N n 3 noen Drittes Buch noen gluͤcklich uͤberbracht/ und in ein absonder- lich Zimmer zur Ruh gelegt haͤtte. Wir ent- schlugen uns zu Verhuͤtung allen Verdachts bey den Schiffleuten/ und alles Aufsehens aus den nah-anliegenden Schiffen/ der Bewillkom- mung/ sonderlich weil Arsinoe mehr als wir des Schlaffes benoͤthigt war. Artafernes ließ die Segel aufziehen/ und weil wir ihm freygestellet hatten zu fahren/ wohin ihm beliebte/ schiffte er mit gutem Winde immer der Thracischen See- Enge zu. Wir schlieffen die uͤbrige Nacht und ein Stuͤcke des Tages durch/ biß uns Artafer- nes aufweckte/ und anzeigte: Arsinoe waͤre schon etliche Stunden wachend. Erato und ich eil- ten mit unser Ankleidung/ und/ wormit uns Arsinoe nicht zuvor kaͤme/ eilten wir ihrem Ge- mache zu. Wir erstarreten aber als steinerne Bilder/ als wir statt Arsinoens ihre Kammer- Jungfrau Monime fuͤr uns fanden. Erato erholte sich gleichwohl/ und meynte/ daß sie viel- leicht mit Arsinoen kommen waͤre; fragte da- her: Was sie hier machte? Alleine Monime/ welche uͤber unser Erblickung steinerner als wir war/ verstummte. Nach etlicher Zeit erholete sie sich gleichwohl/ und weil sie die Fuͤrstin Erato erkennte/ fiel sie ihr zu Fuͤssen/ und bat umb Gnade/ sie wolte ihr Verbrechen willigst beken- nen. Weder Erato noch ich wusten uns hier- ein zu schicken. Gleichwohl wuste die Fuͤrstin alsofort aus dem Stegereiffen eine kluge Ent- schluͤssung zu machen/ nahm daher eine ernst- haffte Geberdung an sich/ und befahl ihr: Sie solte ihre Schuld aufrichtig heraus beichten/ so wolte sie bey ihrer Fraͤulein fuͤr sie eine Vor- bitte einlegen. Monime bekante hierauf: Es haͤtte Armidas/ ein Edelmann des Ariobarza- nes/ welchem sie die Ehe versprochen/ ihr Vater Maxartes aber nicht haͤtte zugeben wollen/ mit ihr abgeredet/ daß er sie in dem Koͤniglichen Gar- ten diese Nacht/ da wegen der auf den Morgen bestimmten Koͤniglichen Vermaͤhlung alles un- tereinander ginge/ abholen/ und auf einem dazu bestellten Schiffe nach Armenien entfuͤhren haͤtte wollen. Jn dieser Meynung waͤre sie auf diß Schiff kommen; sie sehe aber/ daß ein gluͤcklicher Jrrthum sie von dem fuͤrgehabten Verbrechen/ welchem sie ietzt allererst nachdaͤch- te/ abgezogen habe. Erato verwieß ihr ihr Fuͤrha- ben/ gab ihr aber noch einen guten Trost zu ihrer Aussohnung. Wir gediegen hiermit nebst dem Artafernes wieder in unser Gemach/ und wegen Arsinoens in unaussprechlichen Kum- mer; nachdem wir ihm auch kuͤrtzlich unsere Ebentheuer erzehlet/ berathschlagten wir: Was bey so verwirreten Dingen zu thun? Artafer- nes erkundigte beym Schiffer: Ob man nicht irgendswo an einem unentfernten Ufer anlaͤn- den koͤnte? welcher als er es verjahete/ erbot er sich in Sinope/ welches wegen des umbschifften Leptischen Vorgebuͤrges kaum zehen Stadien vom Ufer entfernt waͤre/ zuruͤck zu kehren/ und der Sachen Beschaffenheit auszuforschen. Wir kamen ans Ufer/ fanden auch daselbst einen be- quemen Felsen/ hinter dem wir nicht alleine fuͤr allem Sturme/ sondern auch fuͤr allen Augen des Landvolcks sicher liegen bleiben konten. Ar- tafernes ging zu Fusse nebst seinem getreuesten Diener gerade auf Sinope zu/ und nahm von der Fuͤrstin Erato an Arsinoen und die Koͤnigin Dynamis ein Schreiben mit/ worinnen sie dem Artafernes in allem sich zu vertrauen ersucht ward. Nach dem Mittage kam Damon des Artafernes Getreuer zu uns zuruͤcke/ mit dem Berichte/ daß/ als Ariobarzanes und Polemon sich schon in dem Tempel der Derceto befunden/ und alles zur Vermaͤhlung fertig gewest waͤre/ haͤtte man allererst Arsinoen vermisset/ welche zwar allenthalben gesucht/ aber nirgends gefun- den wuͤrde. Mit dieser Nachricht kehrte er zu- ruͤcke nach Sinope/ stellte sich aber mit dem an- brechenden Morgen wieder ein/ und verstaͤndig- te uns/ es haͤtte noch vorhergehenden Tag ein Medischer Edelmann Arsinoen auf einẽ Schiffe zuruͤcke und in den Tempel bracht. Wie nun die Priester auf des Koͤnig Polemons Befehl der Goͤttin Derceto oder Adargatis die Fische und Tau- Arminius und Thußnelda. Tauben zum Opfer abgeschlachtet/ und zu der Vermaͤhlung schreiten wollen/ haͤtte Arsinoe/ an statt/ daß sie nach Gewohnheit der Braͤute der Goͤttin lincke Hand fassen und kuͤssen sollen/ ih- ren Fisch-Schwantz mit beyden Haͤnden umb- griffen/ und geschworen/ daß sie ehe sterben/ als Ariobarzanen vermaͤhlt seyn wollen. Hier- auf waͤre sie in das Behaͤltnuͤß der Priester ge- gangen/ Koͤnig Polemon ihr dahin nachgefolgt. Wie sie nun eine gute Weile darinnen verschlos- sen gewesen/ und Ariobarzanen in vollem Grim̃/ das Volck aber in heftigem Verlangen des Aus- gangs hinterlassen haͤtten/ waͤre ein Priester her- aus kommen/ und Ariobarzanen bescheidentlich fuͤrgetragen: Es haͤtte sich eine wichtige Hinder- nuͤß ereignet/ daß die Heyrath ihren Fortgang nicht erreichen koͤnte. Ariobarzanes haͤtte also- fort gefragt: Ob auch Polemon solche billigte? Als solches der Priester verjahet/ waͤre er fuͤr Zorne schaͤumende aus dem Tempel gerennet/ und/ nach dem er sich kaum eine halbe Stunde auf der Koͤniglichen Burg verweilet/ waͤre er mit allen den Seinigen aus Sinope gezogen. Polemon haͤtte Abschied von ihm nehmen/ ihn auch/ als er laͤnger zu bleiben nicht beredet wer- den koͤnnen/ begleiten wollen: Ariobarzanesaber haͤtte ihn nicht einst fuͤr sich zu lassen gewuͤrdigt/ sondern Fluch und Draͤuen ausgeschuͤttet. Diese Zeitungen konten wir nun unschwer auslegen: daß Arsinoe vom Armidas fuͤr Monimen ange- nommen/ und in sein Schiff aus Jrrthum kom- mẽ/ hernach von ihr ihr Geschlechte eroͤffnet wor- den waͤre. Den drittẽ Tag kam Artafernes selbst zu ruͤcke/ und erzehlte uns ferner: daß nach Ario- barzanes Wegzuge kein Mensch weder in noch aus der Burg gelassen/ gleichwohl von einẽ ver- trauten Freund/ den er vorhin zu Sinope kennen lernẽ/ berichtet werdẽ wollen: Es muͤste ein groß Geheimnuͤß entdeckt seyn/ ja man muthmassete gar/ daß Dynamis und Arsinoe schon todt waͤ- ren. Eine Stunde fuͤr seinem Abzug waͤre ein Herold von Ariobarzanen in Sinope kommen/ und habe auf dem grossen Platze fuͤr der Burg mit hellem Halse geruffen: Hoͤre Jupiter/ hoͤret ihr Pontischen Voͤlcker/ der Meden und Arme- nier Koͤnig/ der mit eurem ein Buͤndnuͤß zu ma- chen hieher kommen/ auch seine Tochter zur Ge- mahlin zu erlangen versichert/ hernach geaͤffet/ und nicht einst die Ursache solcher Reue zu erfay- ren gewuͤrdigt worden/ wil die ihm angethane Schmach durch einen gerechten Krieg raͤchen. Hiermit habe er das mit dem Polemon neu auf- gerichtete Buͤndnuͤß heraus genommen/ zerris- sen/ und eine Lantze in das Burg-Thor geworf- fen. Der Koͤnig habe auch noch selbige Stun- de diese Fehde durch schleunige Posten in seine Laͤnder verkuͤndiget/ und sich allenthalben zur Gegenwehre zu ruͤsten anbefohlen. Wir alle waren hieruͤber aufs aͤuserste bestuͤrtzt/ Erato aber wolte sich uͤber dem verlauteten Tode Ar- sinoens/ oder vielmehr ihres geliebten Zeno gar nicht troͤsten lassen. Wir redeten ihr aufs be- weglichste ein/ hielten ihr fuͤr: Wie die Goͤtter sie zeither offt aus augenscheinlichem Untergan- ge erloͤset/ sie auch alle Stuͤrme des Ungluͤcks mit ihrer Großmuͤthigkeit uͤberwunden haͤtte. Es waͤre nicht genung durch einen unvergleichli- chen Anfang sich zum Gotte machen/ hernach die Haͤnde sincken/ und die menschlichen Schwachheiten blicken lassen. Ein schoͤner Kopf und ein heßlicher Schwantz machte die Sirenen zum Ungeheuer. Ehre und Ruhm veralterten nicht weniger/ als andere irrdische Dinge; denn die Gesetze der Zeit vertruͤgen kei- ne Ausschluͤssung. So wohl der Adler als Phoͤnix muͤsten sich verjuͤngen umb ihren Vor- zug zu behaupten/ ja die Sonne selbst alle Tage eine andere Bahn erkiesen/ wormit die stete Neu- igkeit sie beym Ansehen erhielte/ und gleichwohl haͤtten so viel Weltweisen ihr eine Ver geringe- rung beygemessen. Fuͤr diesem Abfalle haͤtte die Tugend keine Befreyung/ so bald sie zuzu- nehmen aufhoͤrete/ nehme sie wie der Monde ab. Diese geschaͤrffte Einredungen brachten sie endlich Drittes Buch endlich ja so weit/ daß sie sich zwar nicht der Trau- rigkeit/ iedoch der Verzweifelung entbrach/ und mit uns berathschlagte: Wo wir denn unsere Flucht hinnehmen solten? Artafernes schlug die volckreiche Stadt Phasis fuͤr/ dahin sie in sechs Tagen zum laͤngsten schiffen/ und wegen der da- selbst der Kauffmannschafft halben sich aufhal- tender unzehlichen Frembdlinge unerkennet bleiben koͤnten. Das umbliegende Land Col- chis habe Mithridates Eupator seinen eigenen Koͤnigen zum ersten abgezwungen/ sey auch her- nach mit dem Bosphorischen Reiche auf den Koͤnig Polemon kommen. Von daraus koͤn- ten sie in wenig Tagen uͤber das Moschische Ge- buͤrge in Armenien gelangen/ und wohin sie der Lauff des neuen Krieges beruffen wuͤrde. Denn es solte ja die Fuͤrstin Erato nicht die Hoffnung ihr vaͤterlich Reich wieder zu behaupten fahren lassen. Als er mit dem Tiridates aus Parthen in Syrien sicher ankommen/ dieser aber in Hi- spanien zum Kaͤyser/ der daselbst wider die Can- tabrer und Asturier gekrieget/ gezogen waͤre/ haͤtte er uns fast in der halben Welt/ auch zu Si- nope aufgesucht/ und als er uns nir gends finden koͤnnen/ sich in Armenien gewaget/ auch daselbst eine so tief eingewurtzelte Liebe gegen das Gebluͤ- te des Artaxias/ hingegen einen so grossen Haß wider den auslaͤndischen Ariobarzanes ange- troffen/ daß zum Aufruhre der Armeniern nichts als ein Haupt oder Anfuͤhrer mangelte. Wir schifften also mit gutem Winde nach Phasis/ laͤndeten den siebenden Tag daselbst an/ nach dem so wol ich als Erato uns wieder fuͤr Maͤn- ner ausgekleidet hatten. Der Koͤnigliche Stadt- halter in Colchis war Bardanes/ des alten vom Mithridates dahin gesetzten Moaphernes Sohn/ ein Mann von grosser Tapfer- und Leutseligkeit. Weil nun ohne diß gantz Colchis von gefluͤchteten Armentern/ die die Meden/ entweder weil sie Auslaͤnder/ oder allzu aufge- blasen und wolluͤstig waren/ zu ihren Oberher- ren nicht vertragen konten/ erfuͤllet war/ trugen wir kein Bedencken uns ebenfalls fuͤr verjagte Armenier auszugeben/ sonderlich/ da eben selbi- gen Tag mit uns die Post vom angekuͤndigten Kriege Ariobarzanens nach Sinope kam. Bardanes machte alle ersinnliche Anstalt aus denen am schwartzen Meere gelegenen Land- schafften/ die ihm alle biß an den Mund des Flusses Tanais anvertrauet waren/ ein maͤchti- ges Kriegsheer aufzubringen/ und/ weil er wohl verstund/ daß Armenien nicht leichter als durch Armenien bezwungen werden konte/ zoheer die- se durch Freundligkeit und grosse Vertroͤstun- gen an sich/ wohl wissende/ daß ein gutes Wort eines hoͤhern so viel gilt/ als eine Wolthat eines Menschen/ der unsers gleichen ist/ und ein freundlicher Anblick eines Fuͤrsten uͤberwiege ein ansehnliches Geschencke eines Buͤrgers. Hiemit gediegen auch wir in seine Freundschafft/ und genossen von ihm alle Ehre. Wie wir aber nach dem allenthalben so kundbaren Kriege eine so grosse Uberkunft der Armenier wahrnah- men/ welche alle lieber Pontisch als Medisch seyn wolten/ wurden wir schluͤssig uns der Armeni- schen Graͤntze zu naͤhern; erwehlten also unsere Wohnstadt zu Jdeeßa einer Stadt in dem Mo- schischen Gebuͤrge/ wo der vom Phrixus der Morgenroͤthe zu Ehren gebauete Tempel uns nicht allein zu unser Andacht/ und wegen der da- selbst beruͤhmten Weissagungen zur Richtschnur unsers Vorhabens/ sondern auch auf allem Fall zur Sicherheit dienen konte. Daselbst zohe E- rato alsofort die Larve vom Gesichte/ und gab sich den Armeniern fuͤr den jungen Artaxias zu er- kennen. Es ist unglaublich/ wie in so weniger Zeit diese aller Mittel/ als der Spann-Adern des Krieges entbloͤssete Fuͤrstin ein Heer versam̃- lete/ welches sich im Felde zu weisen nicht schaͤ- men dorfte. Koͤnig Polemon hoͤrte diesen Ab- fall der Armenier/ und die Herfuͤrthuung des gefluͤchteten Artaxias nicht mit geringer Vergnuͤgung/ befahl dem Bardanes selbtem nicht allein allen Vorschub zu thun/ sondern auch Arminius und Thußnelda. auch mit den Colchisch- und Meotischen Voͤl- ckern zu ihm zu stossen/ und in Armenien einzu- brechen/ er stuͤnde mit einem ansehnlichen Heere schon an dem Flusse Melas/ und wolte daselbst dem Ariobarzanes die Stirne bieten. Dieser hatte hingegen nicht vergessen bey sich alle Ver- nunft/ aus Meden und Armenien alle Kraͤfften zusammen zu ziehen/ wormit Polemon seine Draͤuungen nicht fuͤr glaͤserne Donner-Keile halten moͤchte. Erato und Bardanes kriegten Nachricht/ daß Ariobarzanes mit 200000. Mann in das kleinere Armenien eingebrochen waͤre/ und an dem Flusse Melas und Phrat die Haupt-Stadt des kleinen Armeniens Melite- ne belaͤgere; auch eine ansehnliche Parthische Reiterey vom Phraates folgen solte. Dahero/ weil sie den Koͤnig Polemon dieser Macht nicht gewachsen zu seyn meynten/ aͤnderten sie ihren nach Artaxata/ als dem Hertzen des Koͤnigreichs fuͤrgenommenen Zug/ umb den Meden in Ruͤ- cken zu gehen/ und den Ariobarzanes zu zwin- gen/ daß er seine Macht zertheilen muͤste. Wir reiseten gantzer 7. Tage/ sonder einigen Feind zu sehen/ weniger einige Gegenwehre zu finden/ besetzten hinter uns alle Paͤsse; den achten Tag kamen wir fuͤr die Stadt Cergia/ und machten Anstalt zu derselben Belaͤgerung. Die Arme- nier aber kamen des Nachts heimlich aus der Stadt/ und brachten auf kleinen Nachen etliche hundert auf dem Flusse Phrat hinein/ welche mit Gewalt sich der einen Pforte bemaͤchtigten/ daß der neue Artaxias mit der Reiterey hinein- brechen konte. Bey Eroberung dieser grossen Stadt kriegten wir genungsam Schiffe das gantze Heer den Strom hinab gegen Melitene zu fuͤhren. Welches sonder alle Hindernuͤsse auch geschahe/ weil die Staͤdte auf der rechten Hand des Stromes saͤm̃tlich dem Polemon ge- hoͤreten/ und von ihm besetzt waren. Zu Ana- liba aber erfuhren wir/ daß Ariobarzanes bey Naͤherung des Polemon die Melitenische Be- laͤgerung aufgehoben/ und gegen Mardara wi- der den Polemon sich gewendet haͤtte. Diese Nachricht bewegte den Artaxias und Bardanes/ daß sie zu Teucila ihre Heere eilends aussetzten/ und dem Arwbarzanes in Ruͤcken gingen. Den andern Tag kamen wir dem Medischen Kriegs- heere auf die Spur/ und den drittẽ nach Mittags brachte uns unser Vortrab/ und etliche von ih- nen gelieferte Gefangene die Zeitung/ daß Ario- barzanes und Polemon unferne in einer hitzigen Schlacht miteinander begriffen/ die Pontischen Voͤlcker aber schon in Verwirrung bracht/ ja des lincke Fluͤgel in die Flucht gediegen waͤre. Erato und Bardanes stellten unverzuͤglich ihr Heer in Schlacht-Ordnung/ und Artasernes erlangte die Ehre/ daß er mit 6000. leichten Reitern dem Feinde voran einbrechen muste. Wiewohl nun dieser ruͤckliche Einfall den Meden nicht anders/ als wenn ihnen neue Feinde vom Him- mel stelen/ fuͤrkam/ so schwenckte sich doch ihr rechter Fluͤgel/ welchen ein alter erfahrner Par- thischer Kriegsheld Coßrhoes fuͤhrte/ nachdem er vorwerts keinen Feind mehr hatte/ alsofort her- umb/ und begegnete dem Artafernes derogestalt/ daß er etwas zuruͤck weichen muste. Hiermit thaͤt sich Erato und Bardanes mit ihrem auser- lesenen Heere herfuͤr/ welches den Cosrhoes an- faͤnglich stutzig machte. Er sprach aber den Seinen ein Hertze zu/ theilte seinen Fluͤgel gegen des neuen Feindes Schlacht-Ordnung aufs beste ein; und hiermit ging die andere blutige Schlacht an. Die Sonne ging zwar unter/ aber beyde erhitzte Feinde wolten ihre Sebeln nicht einstecken. Es ist unmoͤglich die Blut- stuͤrtzung/ die theils ritterlichen/ theils verzwei- felten Thaten so wohl auf ein als dem andern Theile zu erzehlen. Denn die Nacht verdeckte viel/ und war der aufgehende Monde allzu duͤ- ster so vielen Tapferkeiten ihr gehoͤriges Licht zu geben. Daher verlaͤngerte die Hartnaͤckigkeit der erbitterten Feinde ihr Wuͤten biß auf den andern Tag. Beyder Koͤnige Vorsatz war zu siegen/ oder zu sterben. Jnsonderheit fochte der Erster Theil. O o belei- Drittes Buch beleidigte Ariobarzanes mit dem lincken Fluͤgel gantz verzweifelt gegen den Koͤnig Polemon/ weil er nunmehr bey sich ereignendem neuen Feinde ohne Faͤllung des Pontischen Hauptes an seinem bereit in Haͤnden gehabten Siege selbst zu zweifeln anfing. Diesemnach setzte er mit dem Kerne seiner aus Medischen und Ga- latischen Rittern erkieseter Leibwache in den Hauffen/ wo die Koͤnigliche Pontische Haupt- Fahne wehete. Weil nun Polemon zum wei- chen viel zu edel war/ kamen beyde Koͤnige selbst- haͤndig an einander/ und Ariobarzanes traf mit einem Wurff-Spiesse den Pontischen Koͤnig so sehr/ daß er ohnmaͤchtig zu Boden fiel. Sein Volck ward hieruͤber so bestuͤrtzt/ daß es gleicher gestalt die Flucht ergriffen/ und seinem Feinde den voͤlligen Sieg eingeraͤumet haͤtte/ wenn nicht Erato/ oder ietzt wieder der junge Artaxias/ nach dem Bardanes und Artafernes dem Cos- rhoes genungsam schien gewachsen zu seyn/ sei- nen Fluͤgel genommen/ und dem Polemon zu Huͤlffe kommen waͤre. Dieser machte den Pontischen Voͤlckern nicht alleine Lufft ihren Koͤnig aus den feindlichen Haͤnden und unter den Pferden herfuͤr zu ziehen/ sondern auch ein Hertze die Wunden ihres Fuͤrsten/ und den Schimpf ihres Verlusts zu raͤchen. Ariobar- zanes aber kriegte als ein großmuͤthiger Loͤw durch Erblickung seines zweyten Feindes ein zweyfaches Hertze/ und bemuͤhte sich nach Faͤl- lung des Pontischen Koͤnigs auch den neuen Heerfuͤhrer zu stuͤrtzen. Erato hob bey der ietzt gleich wieder aufgehenden Sonnen mit allem Fleiß den Helm empor/ umb sich dem Ariobar- zanes zu erkennen zu geben; rief hiermit: Sihe hier deinen Neben-Buhler/ der wie er dir Arsi- noen aus den Klauen gerissen hat/ also nun auch deinen uͤbermuͤthigen Geist ihrer betruͤbten See- le zu gerechter Rache aufopfern wird. Ariobar- zanes/ der die Fuͤrstin Erato also gleich erkennete/ gerieth hieruͤber in hoͤchste Verwirrung/ und die ihn in der Seele beissende Anredung machte ihn fast rasend. Beyde griffen einander wie wuͤ- tende Panther an/ das abfluͤssende Blut aus ih- ren Wunden verminderte keinesweges ihre Kraͤfften/ noch die Bemuͤhung ihren Athem/ sondern beydes vergroͤsserte ihre Verbitterung. Endlich gelang der Erato ein Streich ihres Schwerdtes zwischen den Harnisch in Ariobar- zanens Arm/ und schwaͤchte ihn derogestalt/ daß ihm der Degen entsanck. Erato schrie hierauf: Wisse nun/ daß die Goͤtter denen so lohnen/ die sich in frembde Koͤnigreiche dringen/ und daß ich in allewege der von dir und dem Tigranes ver- folgte Artaxias sey. Ariobarzanes wolte sich nach so hefftiger Verwundung zwar zuruͤcke zie- hen; aber/ weil die Meden an allen Enden zer- trennet waren/ ward er von seinem Feinde um- ringet/ und/ nachdem Erato ihn zu toͤdten ver- bot/ ihr Gefangener. Die noch wohlberittenen Meden und auf seiner Seite stehende Armenier raͤumten das Feld; alle andere aber wurden entweder erlegt oder gefangen. Erato muste selbst der Blutstuͤrtzung steuren/ welche allent- halben herumb ritt/ mit Stimme und Geber- den wehrte/ daß die Uberwundenen nicht alle durch die Schaͤrffe der Sebeln aufgerieben wur- den. Nach derogestalt erlangtem Siege war der Erato erste Sorge den Zustand des Koͤnigs Polemon zu erkundigen. Deßhalben verfuͤg- te sie sich unter sein Gezelt/ traf ihn daselbst zwar lebend an/ die Wund-Aertzte aber gaben ihm gantz verlohren. Erato bezeugte ihr hertzliches Mitleiden uͤber des Koͤnigs Verwundung/ wuͤntschte iedoch ihm Gluͤcke zu einem so herrli- chen Siege/ befahl auch/ umb ihm noch fuͤr dem Tode eine kurtze Freude zu machen/ die Gefan- genen ins Zelt zu fuͤhren. Jch erfahre nun erst/ antwortete ihr Polemon/ mit gebrochener Stimme/ daß ich an ihr den Schutz-Gott der Pontischen Herrschafft bewirthet habe. Wol- te Gott! daß das Verhaͤngnuͤß nicht allhier mit meinem Leben auch meine danckbare Erkaͤntniß dieses Beystandes/ und die Gewalt ihre Ver- maͤh- Arminius und Thußnelda. maͤhlung mit meinem Sohne einzurichten ver- schnidten. Alleine es werden die unsterblichen Goͤtter auch nach meinem Tode alles diß weiß- licher einrichten/ als es meine Vernunft auf dem Blate seiner Gedancken entwerffen konte. Jch sterbe gleichwohl vergnuͤgt/ nach dem die seltzamẽ Zufaͤlle dieser Schlacht mir augenscheinliche Kennzeichen des unver aͤnderlichen Verhaͤngnis- ses abgeben/ und ich mein Reich aus so grosser Gefahr und Dienstbarkeit errettet sehe. Erato machte nach menschlicher Gewohnheit dem Koͤ- nige auch bẽy verzweifeltem Zustand noch einige Lebens-Hoffnung/ setzte aber bey: Da es ie ja den Goͤttern gefiele seinẽ Heldengeist der Welt nicht laͤnger zu goͤnnen/ so stuͤrbe er doch Koͤniglich/ und auf dem Bette der Helden. Er ginge unter wie die Soñe/ welche noch der Erden wolthut/ und sie erleuchtet/ wenn sie schon selbst verfinstert wuͤrde. Er haͤtte seinen Lebens-Athẽ daran gesetzt/ wor- mit so viel tausend ungluͤckselige wieder Lufft schoͤpfen koͤnten. Sein Fall erhielte nicht nur gantze Geschlechter/ sondern 3. Koͤnigreiche auf den Beinẽ/ ja seine todte Leiche waͤre gleich sam ein Ancker/ der Asien fuͤr dem aͤusersten Schiffbru- che bewahrete. Unter dieser Rede des Artaxias ward Ariobarzanes und viel andere fuͤrnehme Gefangenen fuͤr des Polemons Bette gebracht. Unter diesen war ein ansehnlicher eißgrauer Mann/ welcher bald den Polemon/ bald den A- riobarzanes hoͤchst-erbaͤrmlich ansahe/ und seine Wangen mit haͤuffigen Thraͤnen uͤberschwem- mete. Polemon hatte ein hertzliches Mitleiden mit diesem Greise/ und weil seine Geberdung ein groͤsser Leid/ als seine Gefaͤngnuͤß verursachen konte/ anzuzeigen schien/ fragte er umb die Ursa- che; redete ihm auch zugleich ein: Ein Held muͤ- ste in beydem Gluͤcke einerley Gesichte behalten; in der Gedult bestuͤnde die halbe Weltweißheit/ zudem waͤre er ein Gefangener der Menschen/ keiner Tieger-Thiere. Pharasmanes (also hieß dieser Alte) seufzete/ und fing an: Seine Thraͤnen ruͤhrten von keiner Kleinmuth/ weil sein Hertze das Ungluͤck sein Lebtage wol haͤtte verdaͤuen lernen/ sondern vom Mitleiden uͤber einen so ungluͤckseligen Vater/ und einen Erbar- mens-wuͤrdigen Sohne her. Polemon frag- te: Wen er denn meynte? Pharasmanes ant- wortete: Den auf dem Todten-Bette vergehen- den Polemon/ welchem die unbarmhertzigen Goͤtter nur deshalben am Ariobarzanes ei- nen so tapfern Sohn gegeben haͤtten/ wormit er durch seine eigene Faust sterben koͤnne. Der ohnediß von so viel verspritztem Blute entkraͤff- tete Polemon erschrack hieruͤber so sehr/ daß er in Ohnmacht sanck/ und man durch langes Kuͤhlen ihn kaum ein wenig wieder zurechte bringen konte. Hierauf redete er den Pharasmanes zitternde an: Er solte einem Sterbenden doch nicht die Warheit verschweigen/ sondern aufrich- tig melden: Ob Ariobarzanes sein Sohn waͤre/ und wie er diß seyn koͤnte? Jch rede die unver- faͤlschte Wahrheit/ versetzte er; aber ich sehe/ daß es ein unveraͤnderlicher Schluß der Goͤtter ge- wesen/ daß Ariobarzanes seinen Vater toͤdten muͤste. So bald ich zu Cyropolis/ wo ich Koͤ- niglicher Stadthalter gewest/ den zwischen dem Polemon und Ariobarzanes sich anspinnenden Krieg vernommen/ ist mir mein Hertze kalt wor- den/ und Ariobarzanes wird zu sagen wissen/ was fuͤr einen beweglichen Brief ich/ weil ich Alters halber so schnelle nicht reisen konte/ ihm geschrieben/ und ihn umb sein und seines Stam- mes Wolfahrt willen gebeten: er wolle es zu kei- ner Thaͤtligkeit zum minsten so lange nicht kom- men lassen/ biß ich selbst ins Lager kaͤme/ weil ich ihm ein keiner Feder vertrauliches Geheimnuͤß zu entdeckẽ haͤtte. So viel er ietzt nun ihm erzeh- len liesse/ waͤre das Schreibẽ nicht allein zu rech- te kom̃en; sondern es haͤtten auch beyde Koͤnige eine guͤtliche Unterredung miteinander beliebet/ er wuͤste aber nicht/ was fuͤr ein Zufal diesen heil- samen Fuͤrsatz in so ein jaͤmmerlich Blut-Bad verwandelt. Es ist wahr/ hob der bißher gantz verstummete Ariobarzanes an. Dieses fried- O o 2 lie- Drittes Buch liebenden Alten Ermahnung/ die ich so wenig als Goͤttliche Weissagungen niemals in Wind geschlagen/ bewegte mich dir/ Polemon/ Frie- dens Vorschlaͤge zu thun. Und wisse/ liebster Pharasmanes/ wir zwey kamen alleine zwischen beyden in voller Schlacht-Ordnung haltenden Heeren zusammen/ wir waren auch schon bey nahe eines/ als zwischen unsere Fuͤsse eine Schlange gelauffen kam/ welche uns noͤthigte unsere Sebeln zu bloͤssen/ und/ umb uns ihrer zu erwehren/ auf selbte zu hauen. Unsere zum Streit begierige Heere bildeten ihnen ein/ wir tasteten einander an/ fielen daher Augenblicks als der Blitz an einander/ und/ weil der Grimm weder Augen noch Ohren hat/ mochten wir we- der mit Zureden noch Zeichen sie zuruͤcke halten/ sondern/ nachdem dieser Sturm schon unmoͤglich zu hemmen war/ muste ieder nur auf seiner Sei- te das beste thun. Pharasmanes fing uͤberlaut an zu ruffen: Jhr grimmigen Goͤtter! Habt ihr/ oder die hoͤllischen Unholden diese Schlange dißmal ausgeschickt? Habt ihr diesem unfuͤssig- tem Thiere dessenthalben solche Geschwindigkeit gegebẽ/ mir aber entzogẽ/ wormit jenes das Gift der Zwytracht unter euch streuen/ ich aber durch meinen Bericht nicht den abscheulichen Vater- Mord verhuͤten moͤchte! Wormit mich aber niemand eines Getichtes beschuldige/ so ver- schweige/ Polemon/ dem hiervon nichts wissen- den Ariobarzanes nicht/ daß dir die Koͤnigin Dynamis auf einmal einen Sohn und Tochter gebohren? Jst es nicht wahr/ daß dir die Goͤtter wahrgesagt: Du wuͤrdest von deines Sohnes Haͤnden sterben? Sage/ hat dich diß nicht be- wegt diß Kind von deinem Hofe zu schaffen/ nach- dem die Mutter ihm kaum das Leben erbitten konte? Hat dir aber Dynamis mitlerzeit nicht offenbaret/ so wird sie es noch thun muͤssen/ daß sie diß Soͤhnlein der Pythodoris einer nicht weit von hier wohnenden Frauen zum erziehẽ anver- trauet? Hat sie dich nicht berichtet/ daß/ als du zu Rom gewest/ dein Toͤchterlein Arsinoe verstor- ben/ sie aber das verstossene Soͤhnlein wieder nach Hofe genommen/ und unter dem Nahmen Arsinoe auferzogen habe? Polemon verwun- derte sich/ wie Pharasmanes in allem so genau eintreffe; gestand auch/ daß Dynamis ihm letzt- hin/ als Ariobarzanes Heyrath eben deßwegen ruͤckgaͤngig worden/ diese Umbwechselung eben so zugestanden haͤtte. Pharasmanes fuhr hier- auf fort: Aber so wol du/ als Dynamis/ stecken in einem grossen Jrrthume/ wenn ihr glaubet/ daß das von der Dynamis zuruͤck genommene Kind das eurige gewest sey. Hoͤret nun den wahrhafftigen Lauff der Dinge:Als der beruͤhm- te Koͤnig der Meden Artavasdes von dem Ar- menischen Koͤnige Artaxias und seinen Parthi- schen Huͤlffs-Voͤlckern aus Armenien verjagt/ und nach Verlust der Staͤdte Arsacia/ Cyropolis/ Europus/ biß an die Stadt Ecbatana ins Ge- draͤnge getrieben ward/ trug er in Mangel selb- eigener Soͤhne/ fuͤr seinen kaum jaͤhrichtẽ Enckel Ariobarzanes/ welchen seine dẽ jungẽ Alexander des Antonius und der Cleopatra verheyrathete Tochter Jotape zu Alexandria geborẽ/ der Kaiser ihm aber mit ihr zuruͤck in Meden geschikt hatte/ grosse Sorge; befahl daher mir diß Kind auf alle Weise und Wege aus den Haͤnden der Feinde zu retten. Jch nahm meine Zuflucht alsofort in des Koͤnigs Polemons Geviete/ und ließ mich in der Haupt-Stadt des kleinern Armeniens Satala nieder. Daselbst ward ich bekant mit oberwehntem Pythodoris/ derer Ehherꝛ ein Jahr vorher verstorben war/ und/ weil gantz Meden frembde Dienstbarkeit trug/ verlohr ich alle Begierde in mein Vaterland zu kehren/ hey- rathete also diese edle Armeniern. Wenige Wo- chen darnach starb das mir vom Artavasdes an- vertraute Kind/ woruͤber ich in Trost-loses Trau- ren versanck. Dieses ward vergroͤssert durch einen Befehl von der Koͤnigin Jotape/ daß ich von Stund - an mit dem jungen Ariobarzanes nach Antiochia kommen solte/ weil der Kaiser sie mit ihrem Kinde in Schutz genommen haͤtte. Jch Arminius und Thußnelde. Jch wuste meinem Leide kein Ende/ weil Jota- pe mir leichte die Verwarlosung ihres Kindes zurechnen konte. Noch mehr aber war es mir um Jotapen zu thun/ welche zweiffelsfrey fuͤr Leide sterben wuͤrde/ wenn sie mit diesem Kinde den gantzen Medischen Stamm abgestorben se- hen solte. Ein ander gemeines Kind Jotapen fuͤr ihren Sohn unterzustecken/ und vielleicht mit der Zeit selbtes zu einem Koͤnige der Meden und meinem selbst eigenen Herrn auffzuthuͤr- men/ schien mir ein allzu leichtsinniger Be- trug/ und ein Fallbret der allgemeinen Wohl- farth zu seyn; Weil doch im Gebluͤte des Poͤ- fels kein Helden-Feuer steckt. Diesem nach setz- te ich auffs beweglichste an die Pythodoris/ daß sie mir des Polemons ohne diß verworffenes Kind/ als von welchem sie mir die Heimligkeit kurtz vorher eroͤffnet hatte/ zustellen/ ich aber Jo- tapen uͤberbringẽ koͤnte. Pythodoris kam schwer daran/ gleichwohl aber gewan ich sie durch aller- hand dienliche Ursachen; insonderheit/ daß die- ser Verwuͤrffling seiner Eltern zu seinem Gluͤ- cke in einen andern ansehnlichen Stammbaum eingepflantzet/ Polemon durch diese Entfer- nung in mehr Sicherheit gesetzet wuͤrde. Al- so zohe ich mit diesem Knaben nach Antiochia/ welches Jotape mit tausend Kuͤßen fuͤr das ihrige annahm/ und dem damahls sich daselbst befindenden Tiberius ihn als den letzten Zweig von des Astyages Gebluͤte bestens empfahl. Tiberius/ ob er zwar sonst dem Geschlechte des Antonius nicht gut war/ ließ dennoch uͤberaus grosse Gewogenheit gegen Jotapen und ihren Sohn spuͤren/ brachte ihr auch beym Kayser einen jaͤhrlichen ihrem Herkommen anstaͤndi- gen Auffenthalt/ eben so/ wie ihn der verjagte Koͤnig der Parthen Tiridates gegeben hatte/ zu wege. Dieser Tiridates halff auch selbst nicht wenig zu tugendhaffter Erziehung des vermeinten Ariobarzanes. Wie nun Koͤnig Artaxias von seinem Bruder Artavasdes meu- chelmoͤrderisch hingerichtet/ also die Medische Krone erledigt ward/ schickte Tiberius etliche Legionen mit Jotapen und ihrem Sohne in Meden/ ließ den Reichs-Staͤnden die Tapffer- keit dieses aus ihrem Koͤniglichen Gebluͤte ent- sprossenen Fuͤrsten fuͤrhalten; Tiridates thaͤt auch das seinige darbey/ und also kam er anfaͤng- lich auff den Medischen/ hernach durch Huͤlffe des in Armenien vom Kaͤyser geschickten Cajus auff den Armenischen Thron. Jedes Wort dieser Erzehlung rieß die Zuhoͤrer/ insonderheit den Polemon und Ariobarzanes in tieffe Ver- wunderung/ fuhr Salonine fort; alle sahen ein- ander stillschweigend an/ wusten auch fast nicht sich zu besinnen/ ob ihnen traͤumte/ oder Pha- rasmanes Mehre erzehlte. Dieser aber wen- dete sich zum Polemon mit diesen Worten: Jch weiß nicht/ ob ich dieses Stillschweigen fuͤr ein Zeichen des Zweiffels oder Beyfalls annehmen soll? Jch will aber meine Erzehlung durch den Augenschein wahr machen. Jst es nicht wahr/ Polemon/ daß die Nachkommen des grossen Mithridates das Zeichen der Caßiopea mit auf die Welt bringen? Polemon verjahete es nicht allein/ sondern wieß solches auch auff sei- nem lincken Arme. Wohlan denn/ es weise A- riobarzanes nur sein linckes Schulterblat/ so wird sich eben dieses klar zeigen. Ariobarzanes schuͤttelte das Haupt/ und meinte/ daß er von diesem Geheimnisse/ welches er doch an seinem eignen Leibe tragen solte/ nichts wuͤste. Pha- rasmanes blieb darauff feste beruhen/ und drang darauff/ daß er sich an solchem Orte entbloͤssen solte. Als dieses erfolgte/ wieß er zu aller An- wesenden hoͤchster Verwunderung auff Ario- barzanens Schulter eben so rothe und in glei- cher Ordnung stehende Stern-Mahle/ wie sie die Caßiopea am Himmel/ und Polemon auff dem Arme hatte. Dieses unwidersprechliche Kennzeichen erweichte die Hertzen beyder Koͤ- nige/ daß sie mit tausend Thraͤnen einander umhalseten/ insonderheit aber Ariobarzanes fußfaͤllig seine Beleidigung dem Vater und den O o 3 Goͤt- Drittes Buch Goͤttern abbat. Die Fuͤrstin Thußnelda fiel Saloninen in die Rede: diese Geschichte ist gewiß seltzam und denckwuͤrdig/ aber noch mehr wunderns-werth duͤncken mich die erzehlten Stern-Mahle zu seyn. Wiewohl ich weiß/ daß Kaͤyser Augustus so/ wie etliche seiner Vor- fahren/ den gestirnten Baͤr auff der Brust habe/ und ich erinnere mich/ daß in Sarmatien ein Geschlechte sey/ in welchem alle eine Baͤren- Tatze mit aus Mutterleibe bringen. Saloni- ne begegnete ihr: die bestaͤndige Fortpflantzung einerley Zeichens ruͤhrte Zweiffelsfrey aus kei- nem andeꝛn Ursprunge/ als woheꝛ die so gemeine Aehnligkeit der Eltern und Kinder kaͤme. Sie haͤtte aber einst von einem Chaldeer gehoͤret: Daß ieder Mensch desselbigen Gestirns Merck- mahle an sich truͤge/ was bey seiner Geburt gleich auffginge; die Unachtsamkeit aber der Leute liesse es aus der acht solche wahrzunehmen. Erato wolte nach so langem Zuhoͤren endlich auch einmahl ihre Zunge loͤsen/ und fing an: Die Natur spielte in Muscheln/ welche an Vielheit der Farben und kuͤnstlicher Vermi- schung die Gemaͤhlde des Apelles wegstechen; an Steinen/ darinnen man nicht nur gantze Landschafften/ sondern auch voͤllige Geschichte sehe; an Pflantzen/ welche Schaafe und andere Thiere/ ja Menschen maͤnn- und weiblichen Geschlechts abbildeten; im Gesaͤme/ im Ge- wuͤrme so wunderlich; also waͤre sich so sehr nicht zu verwundern/ daß in der kleinen Welt-Karte der gantzen Natur dem Menschen man so seltza- me Bildungen antreffe. Sie haͤtte sich iederzeit noch mehr verwundert uͤber etlichen einem und dem andern Geschlechte angestammten Wuͤr- ckungen; als daß die Ophiogenes im Hellespont die Schlangenbisse mit blosser Anruͤhrung der Hand/ die Psyllen in Africa mit dem Speichel geheilet/ daß die Einwohner der Stadt Tenty- ra in Egypten eine angebohrne Gewalt die Crocodile zu zaͤhmen haben; daß Exagonus zu Rom/ als er in ein gantz Faß voll Schlangen ge- worffen/ ihnen alle Krafft zu schaden genom̃en; daß der Epirotische Koͤnig Pyrrhus mit seiner grossen Zaͤhe durch blosses Anruͤhren alle Schwaͤre des Mundes/ und die Koͤnige in Gal- lien biß auff des Jnduciomarus Soͤhne mit dem Finger alle Kroͤpffe vertrieben. Saloni- ne laͤchelte/ und sagte: Jch wuͤrde durch die Aus- fuͤhrung dieser seltzamen Wuͤrckungen/ welche fast in allen Welt-Geschoͤpffen zu finden sind/ verhindert werden/ den Faden meiner Erzeh- lung abzuschneiden; also muß ich mit ihrer gnaͤ- digen Erlaubniß vollends nicht zuruͤck lassẽ:daß der ungluͤckselige Polemon zwischen den Umar- mungen und Kuͤssen seines Sohnes den Geist ausbließ/ das Pontische Kriegs-Heer aber Ario- barzanen unter dem Namen des zweyten Pole- mon fuͤr ihr Haupt/ und also die Uberwinder ih- ren Gefangenen fuͤr ihren Koͤnig erklaͤrten. Hingegen trug Artafernes/ als er sahe/ daß das weibliche Geschlechte der Erato schwerlich laͤn- ger verschwiegen bleiben konte/ den Armeni- ern fuͤr : Sie haͤtten die Heldenthaten ihres Ar- taxias numehr gesehen/ von welchem er aber nicht verhalten koͤnte/ daß nach dem Verlust des warhafften Fuͤrsten Artaxias ihr Koͤnig seine Tochter Erato fuͤr seinen Sohn auffer- zogen habe. Alleine die Klugheit und Tapf- ferkeit/ die zwey Grund-Seulen der Koͤnigrei- che/ waͤren so wohl ein als anderm Geschlech- te gemein. Das Frauenzimmer habe das Hertz eben da/ wo es die Maͤnner haͤtten/ und dieser ihres waͤre von keinem bessern Zeuge als jener. Jhre weichen Haͤnde waͤren nicht nur fuͤr Sei- de und Wolle gewiedmet/ sondern auch zu den Schwerdtern und Lantzen geschickt. Ja man spuͤrte die absondere Schickung des goͤttlichen Verhaͤngnißes/ daß wenn dieses ein zu Grun- de sinckendes Reich wieder auffrichten wolle/ selbtes weder die Armen der Riesen/ noch die Koͤpffe der Staatsklugen/ sondern zu Demuͤthi- gung der Sieger/ zu Erholung der Uberwunde- nen/ zu Wieder bringung der Freyheit/ und Er- Arminius und Thußnelda. Ergaͤntzung des Schiffbruchs schwache Weiber und zarte Maͤdgen erkiese. Zwar haͤtte die Fuͤr- stin Erato alle Tugenden der Maͤnner/ und kei- ne Schwachheiten des weiblichen Geschlechts an sich/ also/ daß sie laͤnger als Semiramis ihr Geschlechte wuͤrde verborgen halten koͤnnen; a- ber ihre Redligkeit vertruͤge keine Larve/ ihre Vollkom̃enheit doͤrffte keinen falschen Schein/ und sie wuͤste/ daß wie die zum Schein ange- nommenen Tugenden schaͤdlicher/ als die oͤffent- lichen Laster/ also auch die Verstellungen seines Geschlechtes Kennzeichen eigenen Mißtrau- ens und verdaͤchtige Blaͤndungen der Arglist waͤren. Mit diesem nachdruͤcklichen Einhalt brachte es Aꝛtafernes bey denen ohne dis geneig- ten Armeniern unschwer dahin/ daß sie die un- vergleichliche Erato fuͤr eine rechtmaͤßige Stuel-Erbin ihres Vaters Artaxias/ und fuͤr eine Koͤnigin Armeniens erklaͤrten/ ihr auch auf der Wahlstatt/ als der Schau-Buͤhne ihrer Wunderwercke die Krone auffsetzten. Massen denn Ariobarzanes/ oder nunmehr Polemon solche ihr als ein rechtmaͤßiges Erbtheil eigen- beweglich abtrat. Nachdem zumahl die Goͤt- ter ihm so unverhofft die Pontischen Koͤnigrei- che zugeworffen hatten. Wiewohl kurtz hier- auff die Meden/ nachdem sie vernahmen/ daß A- riobarzanes nicht des Artavasdes Enckel/ son- dern ein Fremder waͤre/ und ein Geschrey aus- kam/ daß er auff dem Ruͤckwege nach Sinope bey Durchschwemmung eines Flusses ertrun- cken waͤre/ sich seiner Herrschafft entschuͤtteten/ und aus blosser Begierde der Neuigkeit sich lie- ber einem Roͤmischen Landvogte zum Sclaven machen/ als eines tugendhafften Koͤnigs Unter- thanen bleiben wolten. Hingegen ward die Koͤnigin Erato zu Artaxata mit unbeschreibli- chem Frohlocken des Volckes angenommen. Als Salonine uͤber dieser Erzehlung ein wenig Athem holete/ fing die Fuͤrstin Jsmene an: Wenn ich am Ariobarzanes die unvermeidliche Entleibung seines Vaters Polemon/ am Pole- mon die vergebliche Vorsorge diß zu vermeiden/ was ihm so vielmahl war geweissaget worden; an der Fuͤrstin Erato die ihr fast nie getraͤumte Er- hoͤhung bey mir erwege/ werde ich gleichsam wi- der Willen zu glauben gezwungen/ daß der Mensch nicht seines Gluͤcks Schmied sey/ noch daß sein Begiñen und desselbten Ausschlaͤge ih- ren Hang von seinem freyen Willen/ sondern dieser einen unveraͤnderlichen Zwang/ und al- le Begebenheiten ihre Bewegung und Ge- wichte von dem Verhaͤngnisse habe. Denn ich glaube nicht/ daß iemand unter uns noch so vor- sichtig/ als Polemon ihm seinen Sohn vom Lei- be gehalten; daß iemand unbarmhertziger/ als Dynamis gegen ihr Kind gewest; daß einige un- ter uns die ohne Meldung der Ursache geschehe- ne Verweigerung seiner Braut unempstndli- cher/ als Ariobarzanes/ auffgenommen/ oder sich zu einem Vergleiche friedlicher geschickt haͤtte/ als das Verhaͤngniß die Schlange schickte die geschlossene Eintracht zu zerbeissen. Welch Bey- spiel aber nicht nur alleine diese Meinung be- glaubiget/ sondern sie sind unzehlbar; also musten die doch so vorfichtigen Dorienser wider Willen den Codrus umbringen/ und der sich doch fuͤr die- sem ihm wahrgesagten Laster nach Rhodis fluͤch- tende Althaemenes seinen ihm nachkommenden Vateꝛ den Koͤnig in Creta toͤdten. Salonine ant- wortete: Manche Zufaͤlle haben freylich wohl den Schein/ als wenn sie von einer Nothwen- digkeit des Verhaͤngnisses herruͤhrten/ in dem die darwider angewehrten kluͤgsten Anstalten nichts fruchten/ die allermeisten aber zeigten schier augenscheinlich/ daß sie nur ungefehr ge- schehen/ daß Gott/ welcher insgemein als die erste Ursache aller andern das Verhaͤngniß selbst waͤre/ sich um die irrdischen Dinge zu be- kuͤmmern ihm allzu verkleinerlich hielte/ indem sonst die Boßhafften nicht Schoos-Kinder/ die Frommen aber Verwuͤrfflinge des blinden Gluͤcks Drittes Buch Gluͤcks seyn wuͤrden. Ja wenn auch unsere Vernunfft einige Botmaͤßigkeit uͤber unser Thun haͤtte/ wuͤrden die Albern nicht uͤber dem gewuͤnschten Ausschlage ihrer tummen Anschlaͤ- ge frolocken/ die Weisen aber die kluͤgsten Ent- schluͤssungen zu Wasser werden sehen. Als ich nach so vielen der Koͤnigin Erato und mir be- gegneten Gluͤcks-Wechseln unvermeidlich mit dem weisen Epicur die Versehung des Ver- haͤngnisses fuͤr nichts anders/ als fuͤr Traͤume der Wachenden/ und einen elenden Trost kran- cker Gemuͤther/ ich mag nicht sagen/ fuͤr aber- glaͤubige Maͤhrlein alter Weiber zu halten ge- zwungen werde. Die Koͤnigin Erato fiel Sa- loninen selbst in die Rede/ sie fragende: Was fuͤr ein Unstern ihre hohe Vernunfft in einen so ver- dammlichen Jrrthum verfallen liesse/ welchem sie in ihren heilsamen Lehren mehrmahls selbst widersprochen? Ob sie sich nicht auff die nach- dencklichen Trost-Reden besinnete/ mit welchen sie die Ohnmacht ihres bestuͤrtzten Gemuͤthes auffgerichtet? Ob sie die Bewegung der Ster- ne/ den Lauff der Sonne/ das Wachsthum der Fruͤchte/ und die eintraͤchtige Ubereinstimmung der Natur fuͤr nur ungefaͤhr nicht aber viel- mehr in so richtiger Ordnung geschehende Din- ge erkennete? Salonine versetzte: Die Erfah- rung machte einen immer kluͤger/ mit den Jah- ren und dem Himmel aͤnderte man die Ge- dancken/ und die letzten Meinungen waͤren ins gemein die besten. Auch waͤre unverneinlich/ daß in dem Lauffe der Natur alles in der Ord- nung seinen Fortgang behielte/ wie der Schoͤpf- fer der Welt solche Anfangs in ihr grosses Uhr- werck eingepflantzt. Es hinge alles wie die Ringe oder die Glieder in einer Kette anein- ander/ und haͤtte es dieser allerweisseste Werck- meister derogestalt befestiget/ daß kein Drat zer- reissen und kein Glied zerbrechen koͤnte. Viel anders verhielte sichs aber mit des Menschen Gemuͤthe und Willen/ welchem das Verhaͤng- niß seine Freyheit gelassen/ und die Willkuͤhr zu seinem Fuͤhrer gemacht haͤtte/ wie der Steuer- mann in einem Schiffe waͤre. Wie nun die- se allzu blind waͤre allezeit den rechten Weg zu erkiesen/ und daher so viel Anstalten in Brunn fielen; also waͤren sie so wetterwendisch/ und deß- wegen alle kuͤnfftige Dinge so ungewiß/ daß Car- neades gemeint/ Apollo haͤtte von selbtem/ aus- ser in denen vom Lauffe der Natur eintzig her- ruͤhrenden Begebenheiten/ keine Wissenschafft. Dannenhero Tiresias aus den Eingeweiden de- nen von der Pest vergehenden Thebanern nicht zu wahrsagen wuste/ wer der Todschlaͤger des Lajus waͤre; also/ daß bey solcher Unwissenheit der Wahrsagergeist/ des Lajus Geist durch Zau- berey aus der Hoͤlle beruffen werden muste. Aus welchem Grund nicht wenig Weisen so gar dem Jupiter der kuͤnfftigen Dinge Wissenschafft abgesprochen haͤtten; sintemal diese gleichsam des Menschen freyem Willen einen Kapzaum anle- gen/ oder selbten vielmehr gar auffheben wuͤrde. Denn was Gott gewiß vorsehe/ muͤste unver- aͤnderlich; also/ daß selbte nicht dem veraͤnder- lichen Willen des Menschen unterworffen seyn/ und koͤnte er nicht/ diß nicht thun/ was er schon vorher gewiß wuͤste/ daß es gesche- hen wuͤrde. Jsmene brach Saloninen hier abermahls ein: Jhre eigene Geschichts-Er- zehlung uͤberwiese sie durch die dem Polemon begegnete Wahrsagungen/ daß Gott alles kuͤnff- tige/ was gleich nicht von der Ordnung der Na- tur herkaͤme/ sondern insgemein dem Gluͤcke zu- geschrieben wuͤrde/ eigentlich wuͤste/ und daher wuͤrde der Mensch freylich durch solche unver- aͤnderliche Voꝛsehung gezwungen eines odeꝛ das ander zu thun/ waͤre also die Tugend mehr eine Gabe/ die Boßheit eine Straffe des Verhaͤng- nisses/ als ein Werck unsers freyen Willens. Ja das Verhaͤngniß binde so gar die Goͤtter/ und haͤtte Jupiter selbst seinen Sohn Sarpedon aus den Haͤnden des Patroclus/ und den Banden des Todes Arminius und Thußnelda. Todes durch viel Bemuͤhung zu erretten nicht vermocht; als welcher selbst an das Spinnwerck der Parcen nichts anders/ als ein Sclave an die Faͤssel angebunden/ und dem Verhaͤngnuͤsse/ welches er einmal als ein Gesetze dem Himmel fuͤr geschrieben haͤtte/ allezeit zu folgen schuldig/ und also einer Nothwendigkeit unterworffen waͤre. Zumal Unwissenheit/ und Veraͤnderun- gen des Willens einer Gottheit unanstaͤndige Schwachheiten waͤren. Dieses waͤre der aͤl- teste Glaube in der Welt; und daher finde man niemals in denen vermerckten Versammlun- gen der Goͤtter/ die blinde und unbestaͤndige Goͤttin des Gluͤckes/ welche mit dem Verhaͤng- nuͤsse nicht bestehen koͤnte/ sondern nur ein Ge- spenste irrdischer Gedancken waͤre. Die aber/ die sie endlich zu einer Tochter des Jupiters machten/ haͤtten damit nichts anders angedeu- tet; als daß die vom Verhaͤngnuͤsse geschlossene Nothwendigkeit in den Augen der unwissenden Menschen ein Zufall des Gluͤckes schiene zu seyn. Dahero der kluge und tapffere Ti- motheus seine grosse Thaten durchaus nicht fuͤr ein Geschencke des Gluͤckes/ noch diß fuͤr eine Gottheit erkennen wolte; Sondern/ als seine Neider ihn als einen Schlaffenden abmahlten/ bey welchem das Gluͤcke Wache hielte/ in einem Netze allerhand Festungen an sich zuͤge/ und ih- ren Fang in des Timotheus Schoß ausschuͤtte- te/ begegnete er ihnen mit dieser scharffsinnigen Antwort: Haͤtte er diß schlaffende ausgerich- tet/ was wuͤrde er allererst ausuͤben/ wenn er wachen wuͤrde? Salonine warf ein: Der viel groͤssere Timoleon/ der das sich erschuͤtternde Sicilien auf festen Fuß gesetzt/ und das feste Carthago erschuͤttert/ haͤtte alle seine Siege dem Gluͤcke gedanckt. Die Roͤmer haͤtten sie fuͤr ihre erstgebohrne Gottheit verehret/ ihr die meisten Priester und Heiligthuͤmer gewiedmet/ ihr groͤssere Kraͤffte als der Tugend zugeetgnet/ und sie fuͤr die oberste Uhrheberin des Roͤmi- schen Reichs erkennet. Zu Smyrna haͤtte sie ihr eine Himmels-Kugel auf dem Haupte tra- gendes/ und ein Horn des Uberflusses haltendes Bild in einem herrlichen Tempel aubeten se- hen; welches die Priester selbst dahin ausgedeu- tet haͤtten/ daß sie alles beherrschte und fruchtbar machte. Die Koͤnigin Erato hielt sich numehr auch genoͤthigt ihr Wort dazu zu geben/ und fing an: Es ist unglaublich/ daß Timoleon/ die Roͤmer/ oder einige Weltweise iemahls unter dem Nahmen des Gluͤckẽs diß/ was der Poͤfel daraus macht/ verstanden habe. Denn dieser nennet alles diß/ was ungewiß ist/ das Gluͤcke; bildet ihm auch ein/ alles diß sey Ungewißheit/ was das Verhaͤngnuͤß entweder fuͤr menschli- chen Augen verbirgt/ oder ihr bloͤdes Gesichte nicht erkiesen kan. Da hingegen alle Klugen/ welche iemahls das Gluͤcke als was goͤttliches angebetet/ geglaͤubt haben: daß eben diß/ was auf der Erde das Gluͤcke heist/ im Himmel das Verhaͤngnuͤß oder die goͤttliche Versehung ge- nennt werde. Haͤtte der angezogene Timo- leon alles sein Beginnen blinden Zufaͤllen zu- geeignet/ wuͤrde er schwerlich eines Priesters Traum sich haben bewegen lassen/ auf einem ab- sondern Schiffe die Ceres und Proserpina in seinem Kriegs-Zuge nach Sicilien zu fuͤhren. Er wuͤrde selbst nach Delphis nicht gereiset seyn/ und dem Apollo seine Andacht aufgeopf- fert/ weniger wuͤrde ihn daselbst im Tempel zu einem Gluͤcks-Zeichen eine Opfer-Binde von den aufgehenckten Geschencken sein Haupt um- schlinget/ und er gleichsam von der verehrten Gottheit einen Sieges-Krantz zu vorher uͤber- kommen haben. Die Roͤmer haͤtten aus kei- nem andern Absehen dem Gluͤcke als einer erstgebohrnen/ ferner als einer starcken/ als ei- ner vielbruͤstigen/ und als einer himmlischen Goͤttin so viel Tempel gebaut; als in dem ersten die ewige/ in dem andern die allmaͤchtige/ in dem dritten die milde Gottheit der Versehung/ in dem letzten aber ihren Uhrsprung abzubilden; als welche von den meisten Menschen alleine Erster Theil. P p ange- Drittes Buch angeruffen/ und uͤber alle andere Goͤtter gesetzt wuͤrde/ welche in allen Dingen das Kraut al- leine machte. Dahingegen alle Kluge das Gluͤcke des Poͤfels/ welcher selbtes so bald wie- der laͤstert/ und ihm seine eigene Fehler aufhal- set/ als anbetet/ fuͤr ein blosses Unding verworf- fen/ weniger selbtem geopffert haben. Und erinnere ich mich eines Gemaͤhldes dreyer so ge- nennten Naͤrrinnen/ darinnen die Weißheit die erstere/ nehmlich die Verlaͤugnerin der Goͤt- ter ins Tollhauß an eine Kette/ die andere/ nem- lich die weissagende Sternseherin in eine Klau- se zum Gebrauche der Niesewurtz/ die dritte/ nehmlich das gantz entbloͤste Gluͤcke ins Zucht- Hauß zur Ruthe verdammte. Die Fuͤrstin Thusnelde meinte aus Begierde die unterbro- chene Geschichts-Erzehlung von der Koͤnigin Erato vollends zu vernehmen; dem erwachse- nen Stritte einen rechtmaͤßigen Ausschlag zu geben/ sagte also: Sie waͤre dißfalls der Koͤni- gin Meinung/ daß kein ander Gluͤcke/ als die goͤttliche Veꝛ sehung den Nahmen einer Gott- heit/ diese aber keine Laͤsterung verdiene/ son- dern in ihren Wercken lauter Gewißheit und Gerechtigkeit stecke; ob sie schon niemand mit seinem Verstande zu erreichen vermoͤchte. Jn dem Haupt-Stritte aber daͤuchtete sie/ daß so wol ein als das ander Theil den Bogen seiner Meinung zu hoch spannte. Denn das goͤttli- che Verhaͤngnuͤß waͤre zwar der erste Bewe- gungs-Grund aller Dinge; Gott sehe all un- ser Thun unveraͤnderlich vorher/ und haͤtte es gesehen/ als die Natur sein Kind/ und nichts zu etwas worden waͤre. Alleine dieses alles haͤtte keinen Zwang in sich/ und buͤrdete dem Men- schen keine Nothwendigkeit diß gute/ oder jenes boͤse zu thun auf; sondern es behielte unser Wil- le seine vollkommene Freyheit. Denn Gott haͤtte nur deßhalben unser Gluͤck und Ungluͤck so gewiß vorher gesehen; weilihm zugleich oder vorher schon unter seine Augen geleuchtet hat/ was wir von der Geburt biß in den Todt boͤses oder gutes entschluͤssen wuͤrden. Unsere heu- tige/ oder die von der Nachwelt Gott bestimm- te Andacht waͤre ihm so wenig neu/ als diß/ was uns oder den Nachkommen begegnen soll. Jene siehet das Verhaͤngnuͤß als die Ursache/ dieses als die veꝛdiente Wuͤrckung vorheꝛ. Daheꝛ es die groͤste Unvernunfft waͤre/ wenn die ruch- lose Verzweiffelung es fuͤr einerley halten wol- te: ob man boßhafft oder tugendhafft sey? Und wenn sie ihr Thun einem getraͤumten Noth- zwange des Himmels unterwirft. Sehen nicht die Sternseher auf tausend Jahr die Son- nen- und Monden-Finsternuͤsse/ und zwar un- veraͤnderlich vorher? Gleichwol aber haben sie nichts weniger/ als einen Zwang uͤber die Ge- stirne. Wir sehen von denen Leuchte-Thuͤr- men den Schiffbruch eines auff Stein-Felsen vom Ungewitter getriebenen Schiffes fuͤr Au- gen. Wer wolte aber diesen insgemein mit- leidenden Zuschauern den Zwang solchen Un- gluͤcks beymessen? Diesem nach der weise Zeno dem Diebe/ welcher mit der Versehung sein La- ster zu entschuldigen vermeint/ vernuͤnfftig ge- antwortet: Daß er auch zu der Straffe ver- sehen waͤre. Dieses ist meine einfaͤltige Mei- nung/ iedoch eine vielleicht desto unschuldige- re. Sintemahl allzu verschmitzte Außle- gungen in so tieffinnigen Dingen selbte mehr verfinstern/ als erklaͤren; und wo Fragen von Gott mit einlauffen/ eine fromme Einfalt mehr Ruhmes verdienet/ als ein scharfsinniger Vor- witz. Jederman ward hierdurch derogestalt bestil- let/ daß weder Jsmene noch Salonine dieser klugen Fuͤrstin einigen Gegensatz zu thun rath- sam hielt; sondern diese kam wieder auf ihre Ar- menische Koͤnigin/ und erzehlte/ wie sie ihre Herrschafft auff die Pfeiler der Gerechtigkeit und Guͤte gegruͤndet/ hierdurch aber den Ruhm erworben haͤtte: Das Armenische Reich waͤre unter ihr so wohl/ als vorher niemahls befestiget worden; ja es haͤtte nach so langer Unruh aller- erst Arminius und Thußnelda. erst Erato das sich stets umbweltzende Rad des Gluͤckes zum Stande gebracht. Aber/ ries sie/ ach! daß die Tugend und Gluͤckseligkeit nicht einerley Geburts-Stern haben! daß Ho- heit und Bestand so gar abgesagte Feinde sind! daß die Kronen auswaͤrts einen so herrlichen Glantz/ in sich aber so viel Stacheln einer uner- traͤglichen Schwerde haben! Erato seuffzete hierzu/ und fing an: Ja leider/ ich habe es in kurtzer Zeit erfahren/ daß die Unvernunfft nach Zeptern strebe/ die man wegwerffen solte; daß der Poͤfel die anbete/ welche er zu beweinen haͤt- te; daß die Thorheit nur die Gluͤckseligkeit in Gestalt einer gekroͤnten Koͤnigin abmahle. Der Neid zehlet alle Koͤrner Weyrauch/ die die Unterthanen ihrer Herrschafft anzuͤnden/ die Mißgunst verwandelt kein Auge von den Opf- fern/ die man den gekroͤnten Haͤuptern schlach- tet; aber die Raͤder ihrer Unruh/ die Naͤgel ih- rer Sorgen/ die Thraͤnen/ welche ihre Larve/ die Wunden/ die ihr Purpur verdeckt/ und die Fallbreteꝛ ihres Untergangs uͤbersiehet sie. Jch/ ich habe leider allererst erfahren/ daß Kron und Zepter nichts als ein Werckzeug der Gaucke- ley/ und der Purper nur zum euserlichen An- sehn/ und bloͤde Augen zu betruͤgen so glaͤntzicht sey; daß in diesem Schauspiele es/ wie in den andern/ der Zuschauer besser habe/ als der einen Beherrscher der Welt auf der Schaubuͤhne fuͤr- stellet. Thusnelde/ theils Saloninen wieder zu der Geschichte zu bringen/ theils die Koͤni- gin Erato von ihrer Empfindligkeit abzuzie- hen/ zohe die Achseln ein/ und sagte: Wir alle/ die wir auf die Staffeln der Ehre treten/ muͤs- sen uns keine Zufaͤlle seltzam fuͤrkommen lassen/ sondern aus denselben/ wie ein Kriegsmann aus vielen Wunden/ und ein Schiffer aus oͤffte- ren Stuͤrmen unsern Ruhm ziehen. Der Fuͤr- sten-Stand ist so wenig als hohe Gebaͤue den Ungewittern unterworffen; Der Scharlach der Koͤnige hat so wol als der Purper der Rosen sei- ne Dornen/ und hohe Haͤupter rinnen so wohl von Thraͤnen/ als Gebuͤr ge von Qvell-Wasser. Es giebt so wohl Krancke in Pallaͤsten/ als in Siechhaͤusern; beyde aber sind in viel besserm Zustande/ als die gluͤckseligsten Missethaͤter. Diesem nach muͤssen wir mit unser Gedult uns unsere Bitterkeiten versuͤssen; und durch unse- re Hertzhafftigkeit den schwachen ein Licht auf- stecken. Denn in Warheit die Tugend hat nichts minder auf dem Throne mehr/ denn in einem Fasse des Diogenes Gelegenheit durch ihr Beyspiel andern fuͤrzuleuchten/ als ein ho- her Pharos irrenden den Weg zu weisen. Ja/ fing Erato mit ein weiniger Bewegung an: Es lassen sich alle Betruͤbnuͤsse vergessen/ alle Un- gluͤcks-Pillen verschlingen; aber die Berlaͤum- dungen/ da man uns Laster antichtet/ da man uns der Welt als Ungeheuer fuͤrbildet/ koͤnnen auch die groß muͤthigsten nicht verkaͤuen. Thuf- nelde antwortete: Ein gutes Gewissen ist auch diese/ so wohl als Strausse das Eisen/ zu ver- daͤuen maͤchtig. Weder Krone noch Tugend hat einen Schirm-Brief wider die Laͤsterung. Die Hunde bellen den reinen Monden an/ und die Grillen schwirren wider den Himmel. Man hat den schoͤnsten Gestirnen Nahmen und Gestalten wilder Thiere zugeeignet; ja es ist fast kein Stern/ dem man nicht einen Feh- ler/ oder eine schlimme Wuͤrckung beymist. Gleichwol aber uͤben sie keine Rache; die Son- ne scheinet so wohl uͤber die Mohren/ die sie ver- fluchen; als uͤber die Persen/ die sie anbeten/ und die Gestirne erleuchten die Erde/ die sie mit ihren aufsteigenden Duͤnsten verftnstert. Je- doch will ich ihre Beschwerde keines Unrechts beschuldigen/ biß Salonine den Fuͤrhang von dieser Trauer-Buͤhne werde weggezogen ha- ben. Diese richtete sich wieder in ihre Erzeh- lung ein/ und meldete: Die erste Herrschung der Erato hatte/ ausser dem/ daß sie des Fuͤrsten Zeno/ ja dieser eines Koͤniglichen Vaters und dreyer Kronen durch Erkaͤntnuͤß des Ariobar- zanes beraubet war/ einen heuteren Himmel; P p 2 ihre Drittes Buch ihre erste Zeit war ein rechter Fruͤhling voller Blumen ohne Stacheln und Bitterkeit. A- ber es zohen bald truͤbe Wolcken auf/ und die Waͤrmuth fand sich unter die suͤssen Gewaͤchse. Hoͤret aber/ wie die Spinnen aus dem gesun- den Saffte der Rosen so ein schlimmes Gifft saugen koͤnnen! Der Bruder-Moͤrder/ der wol- luͤstige Artabazes hatte bey seiner Herrschaft den verdammten Gottesdienst der Anaitis/ oder vielmehr den schaͤndlichen Greuel wieder einge- fuͤhrt/ welchen der grosse Tigranes in gantz Ar- menien abgeschafft/ da die edelsten Armenier ih- re schoͤnsten Toͤchter in der Anaitis Tempel/ und in die dabey zu aller Uppigkeit angerichte- ten warmen Baͤder gestellen musten; welche daselbst Finger-nackt hunderterley geile Stel- lungen machten/ die unzuͤchtigsten Spiele von der Ehebrecherischen Venus und dem schaͤndli- chen Priapus fuͤr stellten/ ja ihre Keuschheit und Jungsrauschafften iedem geilen Frembdlinge gleich als ein den Goͤttern gefaͤlliges und zu ih- rer desto bessern Verheyrathung dienendes Opfer zu liefern schuldig waren. Die tugend- haffte Erato konte dieses abscheuliche Beginnen bey ihrer Jungfraͤulichen Herrschafft weder als eine lasterhaffte Gewonheit/ noch weniger aber als einen Gottesdienst verhaͤngen. Dahero schalt sie dieses Beginnen in offentlicher Reichs- Versammlung nicht nur als ein Aergernuͤß al- ler wolgesitteten Voͤlcker/ sondern auch als eine Abscheu unvernuͤnfftiger Thiere; als welchen die Natur dieses versteckt haͤtte/ was ihre Toͤch- ter allen Frembdlingen zu entbloͤssen sich nicht schaͤmeten. Als Polyxena des Achilles Geiste haͤtte geopffert werden sollen/ waͤre sie das min- ste um ihr Leben/ darmit aber am hoͤchsten be- kuͤmmert gewest/ daß bey ihrem Falle keines ih- rer Glieder aͤrgerlich zu liegen kommen moͤchte. Kaͤyser Julius haͤtte bey seiner Ermordung ihm deßhalben mit der lincken Hand seinen Rock unter die Knie gehalten. Denen Milesischen Jungfrauen haͤtte man ihren angemasten Selbst-Mord durch keine andere Bedraͤuung/ als daß sie finger-nackt zu offentlicher Schaue gelegt werden solten/ abgewoͤhnen koͤnnen. Denen Armeniern aber solte die Feilbietung ihrer geheimsten Glieder nicht nur anstaͤndig/ sondern so gar eine Andacht/ und ein in die Hei- ligthuͤmer gehoͤriges Gewerbe seyn; da doch zu Rom in dem Tempel der Cybele fuͤr den Kin- dern so gar die Gemaͤhlde der maͤnnlichen Thiere verdeckt wuͤrden/ und des Lycurgus Ge- setze die jungen Leute zu Sparta gezwungen haͤtte/ ihre Haͤnde auf den Strassen unter den Maͤnteln zu behalten. Auf den Spielen der Flora zu Rom haͤtten nur die gemeinen Huren sich entbloͤsset; gleichwol haͤtten sie sich geschaͤ- met in Anwesenheit des Cato nackt zu seyn. Jn Armenien aber waͤre diese unverschaͤmte Unver- nunfft ein Vorrecht des Adelichen Frauen zim- mers/ und sie hielten es fuͤr einen Ruhm in dem Angesichte ihrer Fuͤrsten desto geiler sich zu ge- behrden; Da doch anderer Voͤlcker Poͤfel ein unverschaͤmtes Weib fuͤr eine ungesaltzene Speise hielte. Jn Jndien wuͤchse eine so em- pfindliche Pflantze/ daß sie bey Naͤherung eines Mannes ihre Blaͤtter zuschluͤsse/ und gleichsam ihre innere Beschaffenheit sehen zu lassen sich schaͤmete. Jhre Jungfrauen aber entbloͤsten auch Knechten ihre Bruͤste und Geburts-Glie- der/ welche Xenocrates an sich selbst zu beruͤh- ren/ und andere schamhaffte Leute nur zu sehen Scheue getragen haͤtten. Wie viel schaͤndli- cher aber waͤre ihre Jungfrauschafften denen geilesten Hengsten aufopffern; welche zu Thebe eine Jungfrau nicht fuͤr die Macedonische Kro- ne dem Nicanor vertauschen/ sieben Milesische auch lieber ihr Leben/ als diß ihr Kleinod ver- lieren wollen. Nicht nur die Goͤtter/ welche theils ein sonderbares Gefallen an denen ihnen zugewiedmeten Jungfrauschafften truͤgen/ theils auch selbige selbst ewig gelobt haͤtten; son- dern auch die wildesten Thiere entsetzten sich fuͤr so unkeuschen Baͤlgen. Der in Griechen- land Arminius und Thußnelda. land zahm-umbirrende Baͤr haͤtte nie keinen Menschen/ als das ihn wolluͤstig-betastende Maͤgdlein beleidiget und zerrissen; die Goͤttin Diana aber deßhalben die Einwohner gezwun- gen ihr jaͤhrlich eine gewisse Anzahl Jung- frauen zu wiedmen. Jn den Africanischen Jungfrau-Spielen doͤrfte keine unreine Jung- frau sich einmischen/ sondern die Minerva schickte es/ daß alle Versehrten durch einen Steinwurff getoͤdtet wuͤrden. Alle Voͤlcker- Rechte erklaͤrten die aus Jrrthum mit ihnen ge- schlossenen Ehen fuͤr nichtig. Die Armeni- schen Toͤchter aber meinten durch ihre Un- keuschheit sich bey der Anaitis einzulieben/ und durch ihre Schande so viel bessere Heyrathen zu verdienen. Dieses waͤre ein unausleschlicher Schandfleck des gantzen Volckes/ eine Aerger- nuͤß aller Auslaͤnder/ ein ewiger Spott der Herrschafft/ und eine Verhoͤhnung der Goͤt- ter; also wolte sie entweder nicht Koͤnigin/ oder dieses abscheuliche Beginnen muͤste abge- stellt seyn. Sie ließ auch noch selbigen Tag die Lust-Baͤder an dem Tempel/ oder vielmehr die Hurenhaͤuser biß auf den Grund einreissen/ und war diß ihr erstes Gesetze: daß der mit sei- ner Tochter derogleichen Uppigkeit fuͤrzuneh- men sich geluͤsten lassen wuͤrde/ solte seiner Ehre und Wuͤrden verlustig/ die Toͤchter aber mit der Straffe der entweiheten Vestalischen Jungfrauen belegt seyn. Alle Tugendhaffte hoben diese heilsame Anstalt biß in Himmel/ a- ber weil die Zahl der Boßhafften jene iederzeit uͤbertrifft/ machte sie sich bey den meisten ver- hast; Wiewohl die Tugend ein solches Ansehen hat/ daß sich auch die lasterhafftigsten schaͤmen muͤssen sie offentlich zu schmaͤhen. Unterdes- sen wie es Schlangen giebt/ die ihr Gifft auff nichts als das schoͤnste Gebluͤme speyen/ und Hunde/ die den Monden nur/ wenn er voll ist/ anbellen/ also laͤsterten ihrer viel heimlich die Koͤnigin in ihrem lobwuͤrdigsten Fuͤrnehmen/ fuͤrgebende: Fuͤrsten solten ohne wichtige Ur- sachen/ koͤnten auch ohne Vermessenheit in de- nen zum Gottesdienste gehoͤrigen Dingen nichts aͤndern. Diese Art waͤre von uhralten Zeiten in Armenien eingefuͤhret/ von so viel klu- gen Koͤnigen in ihrem Werthe gelassen/ von vielen Voͤlckern/ nehmlich den Lydiern/ Voll- sinern/ einem grossen Theile Jndiens/ und in Africa in dem Tempel Siccuth Benoths an- genommen und gebilligt worden. Am aller- unnuͤtzesten aber machten sich die abgeschafften Anaitischen Priester/ welche bey ihrem abscheu- lichen Gottesdienste sich nicht nur am suͤndlich- sten befleckten/ sondern noch mit ihrer und an- derer Uppigkeit wucherten; in dem nicht nur die weltlichen Maͤnner bey ihrem Eintritte/ sondern auch die von ihnen selbst gebrauchten Jungfrauen ein gewisses fuͤr die Wollust zin- sen musten. Diese liessen wider die so keusche Koͤnigin ein so unverschaͤmtes Buch heraus/ dessen Jnhalt zu melden ich mich schwerlich uͤ- berwinden koͤnte; wenn diß nicht die wichtig- ste Ursache der Armenischen Unruh gewest waͤ- re/ und ich mich nicht bescheidete/ daß keuschen Ohren alles keusch/ und die Schamroͤthe/ wel- che vielleicht so Erlauchter Fuͤrstinnen Wan- gen faͤrben doͤrffte/ nur bey denen Lasterhaffter. eine Schande/ bey denen Tugendhafften aber eine Zierde sey; Sie auch auß Entwerffung frembder Uppigkeit so wenig etwas boͤses/ als die Bienen aus Napel Gifft saugen koͤnnen. Wie nun Erato Saloninen einen Winck gab/ fuhr sie fort diesen Jnhalt der Schrifft kuͤrtzlich zu entwerffen: Der Koͤnigin Erato angenom- mener Eifer waͤre eine blosse Scheinheiligkeit. Die euserlichen Dinge des Gottesdienstes muͤ- sten nicht nach seinen euserlichen Schalen/ son- dern nach ihrer heiligen Bedeutung geurtheilt werden/ sonst haͤtten die so klugen Egyptier laͤngst ihre Zwibel und Katzen/ die Syrer ihre Fische aus dem Tempel werffen muͤssen. Ein P p 3 uner- Drittes Buch unerfahrnes Weib koͤnte ihr nicht mehr Klug- heit/ als so viel Weisen/ und nicht mehr Heilig- keit/ als gantze Voͤlcker zumessen. Die Ent- bloͤssung der Geburts-Glieder waͤre mehr un- gewoͤhnlich/ als unverschaͤmt; am wenigsten aber eine Abscheu der Natur/ oder ein Ver- brechen. Die ersten Menschen waͤren insge- samt nackt gewest/ und das groͤste Theil Jn- diens/ ja fast gantz Africa gienge nicht anders. Die Bloͤsse waͤre das angenehmste Kleid der Unschuld/ die Kleider aber grossen Theils Huͤl- len der Hoffarth. Die Geburts-Glieder waͤ- ren bey nahe die vornehmsten/ unter allen die nuͤtzlichsten/ deßhalben aber nicht die haͤßlich- sten; dahero sie etliche Weltweisen nebst dem Hertzen fuͤr nicht schlechte Theile/ sondern fuͤr absondere Thiere zu halten/ oder auch den Sitz der eigentlichen Lebens-Rrafft eben so/ wie in den Lampreten und Neun-Augen/ dahin ein- zusperren vermeint haͤtten. Andere haͤtten ihnen einen sechsten Sinn zugeeignet/ dessen kein ander Glied/ eben so als wie die Zunge/ nur des Geschmacks faͤhig waͤre. Fuͤrnehmlich aber haͤtte sich keines Volckes Andacht geschaͤ- met diese Glieder zu Sinnbildern ihres Gottesdienstes zu gebrauchen. Diese haͤtte dem maͤnnlichen unter dem Nahmen des Pria- pus eine Gottheit zugeeignet; Bacchus mit zwey solchen Bildern seine Stief-Mutter Ju- no beschencket. Sintemal hierdurch die wuͤr- ckende Zeugnuͤß-Krafft der goͤttlichen Verse- hung sinnreich angedeutet wuͤrde. Jn diesem Absehen truͤgen die Egyptischen Frauen auff dem von der Jsis angestellten Feyer des Osy- ris Geburts-Glied offentlich herum/ mahlten auch den Priapus so haͤßlich/ als kein Esel von Natur gebildet waͤre/ um dadurch seine Frucht- barkeit oder uͤbermaͤßige Zeugungs-Krafft zu beehren/ oder gar zu verewigen. Denen E- gyptiern thaͤten es die Griechen nach/ und in Jtalien wuͤrde ein grosses Bild dieses Gliedes dem Wein-Gotte zu Ehren um die Felder und durch die Staͤdte auff einem zierlichen Wagen gefuͤhrt. Zu Lavinium muͤste eine der keu- schesten Frauen selbtem einen Krantz aufsetzen; welches/ aufer dieser zum Weinwachse dienen- den Andacht/ doch keine gemeine Hure/ auff den Schauspielen in dem Gesichte des Frauen- zimmers sich unterwinden doͤrfte. Zu Rom wuͤrde der Syrer Beel Phegor oder Priapus unter dem Nahmen des Mutinus Tetinus verehret/ und ritten die verliebten Frauen und Jungfrauen fuͤr ihrer Hochzeit vorher auff sei- nem Gliede/ gleich als wenn sie ihre Keusch- heit vorher einem Gotte ablieferten. Jn an- dern Orten hingen die Frauen solche Bilder an den Hals/ oder an die Lenden. Die Sy- rischen Weiber spielten mit selbtem/ als wie mit denen durch verborgene Draͤte tantzenden Tocken. Des Mercurius Bild/ das nichts anders als ein Abriß der gantzen Natur waͤre/ wuͤrde allezeit mit stehender Ruthe gemahlet. Das weibliche Geburts-Glied waͤre ebenfalls nichts minder der Brunnqvell der Nachkom- men/ als ein Sinnen-Bild/ welches den Uhr- sprung der empfangenden Fruchtbarkeit an- deutete. Die Frauen der reinlichen Voͤlcker versorgten wegen des erstern es mit den koͤst- lichsten Balsamen. Die in Africa zierten es mit guͤldenen Ringen/ und angehenckten Kleinodten. Wegen der andern Ursache wuͤr- de es auff dem Thesmophorischen Feyer zu Syracuse verehret/ und ein derogestalt gebil- deter Kuchen oder Kaͤse in Sicilien herumb getragen/ verspeiset/ aus einem solchen glaͤ- sernen Gliede getruncken; bey andern Voͤl- ckern es in der Gestalt eines Dreyecks ange- betet. Der Egyptische Koͤnig Sesostris haͤt- te bey denen weibischen von ihm bezwungenen Syriern das Weibliche/ bey streitbaren Voͤl- ckern das Maͤnnliche seinen Goͤttern zu Danckmahlen seiner Siege auff hohen Saͤu- len Arminius und Thußnelda. len auffgethuͤrmet. Die Egyptischen Wei- ber ihre Heimligkeit mit auffgehobenen Roͤ- cken dem neuen Apis viertzig Tage nach ein- ander an statt eines Opffers gezeiget. Ja die Wahrsagungs-Krafft waͤre durch diesen Eingang vom Apollo denen Sibyllen und an- dern weissagenden Weibern eingepflantzt wor- den. Wiewohl auch die Jungfrauen in dem Anaitischen Heiligthume ihre Leiber gemein machten/ geschehe es doch nicht so wohl aus Begierde der Wollust/ als der Goͤttin zu Eh- ren. Aus der End-Ursache aber muͤste die Guͤte eines Fuͤrhabens geurtheilt werden. Weil nun derogestalt die Unschamhafftigkeit nichts minder zu einer Tugend/ als das Gifft zu einer Artzney werden koͤnte; so waͤre Epi- menides nicht zu schelten/ daß er ihr zu Athen Altare und Opffer verordnet haͤtte. Aus gleichmaͤßiger Anleitung waͤre sonder Zweif- fel der Volsinier Gesetze herausgeflossen: daß Frauen und Wittiben ohne einige Busse be- schlaffen werden moͤchten/ kein Edler aber ei- ne Jungfrau heyrathen doͤrffte/ die nicht vor- her ein Knecht der Jungfrauschafft beraubt haͤtte. Diesemnach waͤren der Armenischen Jungfrauen Gitten fuͤr keine unerhoͤrte Neuig- keit zu halten/ weniger ihr Gottesdienst als eine Verunehrung der Goͤtter/ sondern viel- mehr die gleißnerische Koͤnigin von der Herr- schafft zu verwerffen; als welche durch diesen heuchlerischen Anfang nur Gelegenheit such- te alle Grund-Gesetze der Armenier zu vertil- gen. Die Koͤnigin schaͤtzte diese Gotteslaͤsterung keiner Vertheidigung werth/ als welche von dem Gesetze der Natur und dem Urthel aller wohlgesitteten Voͤlcker fuͤr laͤngst verdammt war; verfuhr aber gegen diese aufruͤhrische Affter-Priester mit Schwerd und Feuer/ un- geachtet ihr etliche einhielten: wie gefaͤhrlich es beydem Poͤfel waͤre/ solche der Einbildung nach heilige Leute gar aus der Wiege werf- fen. Denn sie anckerte ihr Vertrauen auf ihr gutes Gewissen/ und die niemanden scheuen- de Gerechtigkeit. Alle Verlaͤumbdungen verlachte sie; ihr feltiglich einbildende: Daß wie das Gold im Wasser schwerer wiege/ als sonst; also setzte der Schaum falscher Ver- laͤumbdung der Tugend mehr im Gewichte bey/ als sie selbten benaͤhme. Weil aber der Verlaͤumbdung Gifft aͤrger als der Schlan- gen ist; und in den Augen des Volckes auch der reinsten Unschuld von ihren Kohlen etwas schwartzes anklebt; gab sie der Ruhmswuͤrdi- gen Koͤnigin keinen geringen Stoß. Weil aber dieses einige Laster sie zu stuͤrtzen noch zu ohnmaͤchtig war/ muste die Hoͤlle noch ein an- ders/ den Grundstein ihrer Vergnuͤgung und der gemeinen Wohlfarth zu verruͤcken/ dem er- stern zu Huͤlffe ausruͤsten. Es war einer der vornehmsten Fuͤrsten in Armenien Orismanes/ ein Mann von trefli- chem Ansehn und grosser Tapfferkeit. Er hatte nicht allein Leibes-Gaben/ mit denen er sich weisen/ sondern auch Gemuͤths-Kraͤfften/ dardurch er dem gemeinen Wesen dienen kon- te. Massen er denn in dem Aufstande wider den Ariobarzanes das seine ruͤhmlich gethan hatte. Aber unter diesem Pflaster lag ein schaͤdlicher Ehrgeitz/ und eine hefftige Einbil- dung verhuͤllet. Erato merckte zwar etwas hiervon; denn seine ruhmraͤthige Zunge ver- gaß zuweilen/ daß die Vollkommenheit in un- serm Hertzen/ das Lob auff frembden Lippen seine Zelt aufschlagen solte. Aber/ weil sie entweder solche fuͤr Auffschwellungen seiner noch hitzigen Jugend/ oder doch auch die mit Gebrechen vermengte Tugenden aller Ehren werth hielt/ stand er bey ihr in gros- sen Gnaden/ und ihre ohne diß angestamm- te Holdseeligkeit thaͤt nach dem Ar- tafer- Drittes Buch tafernes ihm mehr/ als wohl andern zu Liebe. Diese reine Zuneigung der Koͤnigin bildete dem Orismanes seltzame Gesichter in sein Ge- hirne. Denn weil er sich selbst fuͤr laͤngst in sich verliebthatte/ uͤberredeten ihn seine suͤsse Traͤu- me unschwer/ es muͤsten auch alle andere sich in ihn verlieben. Thusnelde brach laͤchelnde ein: Aller Menschen Selbst-Liebe ist Thorheit/ a- ber der Maͤnner ihre/ weil sie sich nicht in euser- liche Schoͤnheit/ wie die Weibeꝛ insgemein/ son- dern in die Gaben des Gemuͤthes verlieben/ ist schimpflicher und unheilbar. Denn die Schwachheit nimmt den Qrt ein/ woraus die Artzney kommen solte. Jch habe etliche Nar- cissen gekennet/ welche geglaubt/ daß die tu- gendhaffteste und kaltsinnigste Frau sie das erste mahl nicht ohne Verliehrung ihrer Freyheit/ das ander mahl nicht ohne Einbuͤssung ihrer Vernunft anschauen koͤnne/ ja daß das Frauen- zimmer leichter den Hunds-Stern und den Sudwind/ als ihre Gegenwart ohne Schaden vertragen koͤnne. Salonine versetzte: Jn Warheit/ Orismanes gehoͤret in dieser ihre Reye. Der Koͤnigin Hoͤfligkeit nahm er fuͤr Liebreitz/ ihre Wolthaten fuͤr einen Zinß ihrer uͤberwundenen Keuschheit an. Die Koͤni- gin hingegen urtheilte von ihm alle Tage weni- ger; weil die Selbst-Liebe eines Menschen Geringschaͤtzigkeit am meisten verraͤthet/ in dem sie wie der Agstein nichts als leichte Spreu an sich zeucht. Bey solchem Zustande hielten ein und andere Merckmahle/ fuͤrnehmlich aber der Koͤnigin Tugenden und Hoheit des Oris- manes sich selbst uͤbersteigende Gedancken/ o- der vielmehr derselben Auslassung gute Zeit zuruͤcke. Endlich aber trieb ihn entweder der Vorwitz der Koͤnigin Gemuͤths-Meinung auszuspuͤren/ oder seine uͤbermaͤßige Begier- de so weit: daß/ als die Koͤnigin in ihrem Lust- Garten in eine Hoͤle sich zu erfrischen abstieg/ und sich nach der Landes-Gewohnheit auff die Achsel des Orismanes lehnete/ er sich unterstund mit der Hand unter ihren Arm zu greiffen/ umb dem Scheine nach ihr Abstei- gen zu versichern. Weil diß aber in Arme- nien niemanden als den Fuͤrsten Koͤniglichen Gebluͤtes erlaubet/ und der Numidischen Koͤ- nige Art zu vergleichen ist/ die keinen Men- schen als ihre Bluts-Freunde einigen Kusses wuͤrdigen; machte ihm Erato ein sauer Ge- sichte/ und fing an: Es kan ein Mensch sich mehr nicht verstellen/ als wenn er weist/ daß er ein Mensch sey. Ein kluger Mann ist fuͤr was mehr/ einer aber/ der seine Schwachhei- ten zeiget/ fuͤr was weniger/ als einen Men- schen/ zu halten. Hiermit wieß sie zugleich auff den in dem Eingange gemahlten Fall des Jcarus/ dem die Fluͤgel zerschmeltzten/ als er an die Sonne ruͤhren wolte. Orisinanes ward hieruͤber nicht wenig beschaͤmet/ entschul- digte aber seine Vermessenheit: Es waͤre ihm vorkommen/ als ob der Koͤnigin auff den glat- ten Marmel-Staffeln ein Fuß haͤtte entglei- ten wollen. Erato beruhigte sich darmit/ und ließ seine Kuͤhnheit fuͤr einen Jrrthumb dißmahl hingehen; setzte aber bey: Der ist kein Thore/ der Thorheiten begeht/ sondern der die begangenen nicht verdecket. Man versie- gelt gemeine Brieffe/ wie viel mehr soll man es mit den Gebrechen des Gemuͤths machen. Alle Menschen thun Fehltritte/ aber mit dem Unterschiede: Daß die klugen ihre begange- nen Jrrthuͤmer verbluͤmen/ die albern aber auch die Fehler verrathen/ die sie thun wol- len. Kurtz hernach brauchte sie ihn noch zu ei- nem Gesandten an Antiopen die Koͤnigin in Albanien/ welche des Orismanes Hochmuth wahrnahm/ und daher einst unter andern Ge- spraͤchen an einem Fenster ihm den auff einem Thurme aufgesteckten Kopff ihres gewese- nen groͤsten und liebsten Rathes Trebosse- rex zeigte und beysetzte: Sehet Orisma- nes/ Arminius und Thußnelda. nes/ also muͤssen der Koͤniginnen hochmuͤthige Schooß-Kinder erhoͤhet werden. Denn die Koͤpffe/ welche im Leben mit eitel Winde schwanger gegangen/ koͤnnen nirgends als in der Lufft ihr Begraͤbniß haben. Orismanes antwortete: Es ist besser also sterben/ als deroge- stalt leben/ daß man hundert Jahr nach seinem Tode von uns nichts zu sagen wuͤste. Wie Orismanes mit guter Verrichtung zu- ruͤck nach Artaxata kam/ kriegte er von der Koͤ- nigin/ wie anfangs/ ein holdes Auge/ welches deñ seine anfaͤngliche Einbildung in ihm wieder ver- neuerte. Kurtz hierauff kam vom Pontischen Koͤnige/ (der nunmehr den irrigen Nahmen Ariobarzanes abgelegt/ und den Nahmen Po- lemon angenommen hatte/) eine praͤchtige Botschafft an/ durch welche er um die Koͤni- gin Erato warb. Seine Mutter die Koͤnigin Dynamis schrieb selbst eigenhaͤndig an sie/ und erinnerte sie schertzhafft ihres Versprechens/ daß sie ihr ihren Sohn zu lieben versprochen haͤt- te/ welches nicht die eingebildete Arsinoe/ son- dern der damahls genennte Ariobarzanes waͤre. Niemand in Armenien war/ der nicht festi- glich glaubte/ daß Erato dieses maͤchtigen Koͤ- nigs Heyrath mit beyden Haͤnden ergreiffen wuͤrde; Orismanen aber bekuͤmmerte es de- rogestalt/ daß er haͤtte moͤgen von Sinnen kommen. Aber in der Erato Hertze war das Bild und Gedaͤchtniß deß Fuͤrsten Zeno de- rogestalt eingepregt/ daß es weder seine Ab- wesenheit/ noch sein Fall aus der Kindschafft des grossen Polemon vertilgen/ und ein anders anzunehmen faͤhig war. Also gab sie der Botschafft mit gantz Armeniens Verwunde- rung abschlaͤgliche Antwort; wiewohl sie ihr Nein mit ungemeinen Lobspruͤchen Polemons/ mit kostbarer Beschenckung der Gesandten/ mit scheinbaren Entschuldigungen so verguͤl- dete/ daß die Botschafft gleichwohl vergnuͤgt wegzoh/ und Polemon statt der Liebe sich mit der Koͤnigin Hoͤffligkeit vergnuͤgen muste. Die- se Abfertigung bließ den Orismanes dergestalt auff/ daß/ nachdem er ihm keine Ursache aus- dencken konte/ warum Erato den Polemon verschmaͤhet haͤtte/ ihm traͤumen ließ/ der Koͤ- nigin Kaltsinnigkeit gegen den Polemon ruͤh- re von den Flammen einer ihr von ihm einge- druͤckten Liebe. Und ob er sich wohl seines ersten uͤbel angebrachten Vorwitzes erinnerte/ ließ er ihm doch traͤumen/ daß Erato so viel veraͤnderliche Gesichter als der Monde haͤtte/ und sie ihn nun mit vollem Lichte anlachete. Diesem nach erkuͤnhte er sich kurtz darauff nach Herausstreichung seiner Ankunfft und seiner Verdienste der Koͤnigin von Hefftigkeit seiner Liebe/ und wie ihre Heyrath dem Reiche so vor- traͤglich seyn wuͤrde/ Erwehnung zu thun. Erato erblassete fuͤr Zorn uͤber der Vermes- senheit dieses hochmuͤthigen Dieners. Denn/ nach dem die Liebe zwischen denen Liebenden eine Gleichheit machet/ nahm sie des Orisma- nes Thun fuͤr eine Kuͤhnheit auff/ welche den Knecht gegen seine Frau auff die Wagschale legte/ oder einen Zwerg gegen einen Riesen mit einerley Meß-Stabe abzumessen gedaͤch- te. Weil er nun in ihren Gedancken so weit unter ihr stand/ nahm sie sein Beginnen nicht so wohl fuͤr einen verwegenen Flug einer Nacht-Eule gegen dem Sonnen-Lichte/ als fuͤr eine Erniedrigung ihrer selbst auff/ und da- her wuͤrdigte sie sein ander Laster nicht mehr wie das erstemahl mit ihrem Munde zu be- straffen. Jhr blosser Anblick aber war schon ein Donnerschlag in seinem Hertzen. Wie sie ihm aber den Ruͤcken kehrte/ fing sie an: Ge- he/ laß dich meine Augen nicht mehr sehen/ wo sie dir nicht sollen todtlich seyn. Orisma- nes erkannte allererst nach begangenem Laster seine Groͤsse/ zohe also bestuͤvtzt aus Artaxata auff seine Land-Guͤter; iedoch entdeckte er kei- nem Menschen seinen Fall/ wohlwissende/ daß die Koͤnigin schwerlich seine Vermessenheit ie- Erster Theil. Q q man- Drittes Buch manden vertrauen wuͤrde. Denn die La- ster/ welche zu des Veleidigten Verkleinerung ziel e n/ werden auch von denen gerne verschwie- gen/ welche gleich Ursache solche zu raͤchen haͤt- ten. Weil nun eine ungewohnte Einsam- keit einen mittelmaͤßigen Geist einschlaͤffet/ ei- nen feurigen aber mehr anzuͤndet/ wuͤrckte die Entbrechung des Hofes beym Orismanes Un- gedult/ diese eine gifftige Rachgier. Seine Ehrsucht hielt ihm ein/ daß Fuͤrsten angefange- ne Laster nicht geringer schaͤtzten/ als die voll- brachten/ und daß diese nur mit Gefahr an- gesponnen/ mit Belohnung aber vollbracht wuͤrden. Zugeschweigen/ daß er nichts fuͤr thulicher hielt/ als mit seiner Herrschafft anzu- binden; weil auch das Unterliegen denen Be- siegten zum minsten einen Nahmen macht/ und also vortheilhafftig ist/ wenn sie von grossen Helden bezwungen werden. Diesem nach cntschloß er sich entweder durch seine List sei- nen Zweck zu erlangen/ oder durch seine Ver- zweiffelung seiner Abguͤnstigen Untergang zu verursachen. Wormit er aber solches so viel leichter ins Werck richtete/ verbarg er mit sei- ner Ungnade auffs sorgfaͤltigste seinen Ehr- geitz und Absehen. Denen/ welche ihn heim- suchten/ und die Ursache seiner Abziehung vom Hoffe eꝛkundigten/ machte er tausend Lobspruͤ- che der Einsamkeit. Jch/ sagte er/ habe mich der Eitelkeit der Welt entschuͤttet/ um der Ruhe meines Gemuͤthes zu geniessen. Weil ich weiß/ daß sich das Gluͤcke zwar auff eine Zeit zu Dienste vermiethe/ sich aber nieman- den leibeigen gebe; stehet mir nicht an mit ihm ein ewiges Buͤndniß zu machen. Der Hoff ist ein Himmel/ der keine andere als Jrr-Sterne hat; daher mag ich die Farth meines gantzen Le- bens nicht nach seinem Angelsterne richten. Er ist ein Gluͤckstopff/ der unter tausenden kaum einen beschriebenen Zettel hat; daher mag ich so vielmal nicht fehlgreiffen. Jch gehe mit nie- menden um als mit den Weisen der Vorwelt/ welche weder meinen Schwachheiten heucheln/ noch in ihr Rathgeben einigen Eigennutz einmi- schen. Wenn der wolluͤstige Hoff mit seinen Sorgen in steter Wache ist/ geniesse ich der suͤs- sesten Ruh/ weil ich wohl weiß/ daß Gott und die Sternen fuͤr mich auff der Hutte stehen. Jch weiß/ die Enge meines Land-Gutes ist ein Schrancken nicht nur uͤber die Ferne Armeni- ens/ sondern so weit meine Augen tragen. Jch eigne mir mit reiner Unschuld den Genuͤß fremder Guͤter zu/ sonder meinen Nachbarn davon das wenigste zu versehren. Sintemal ich derselben mich ohne Geitz und Verschwen- dung nach den Gesetzen der Natur/ und auff eine solche Art gebrauche/ welche ehe/ als Kunst und Mißbrauch selbte verfaͤlscht/ und aus dem gemeinen Eigenthume alles fremde gemacht hat/ im Schwange ging. Jn meinem Ar- muth bin ich reicher als der Koͤnig der Par- then/ und/ wenn ich eine Fruͤh-Rose/ oder einen reiffen Apfel einem von meiner Hand gepflantz- ten Baume abbreche/ bin ich vergnuͤgter als der Kaͤyser/ wenn er in einem Siegs-Gepraͤnge ihm Lorber-Zweige um die Schlaͤffe windet/ o- der von hundert Voͤlckern ihre Reichthuͤmer zum Zinse einzeucht. Jch verlache in mir das Ungemach des gefaͤhrlichen Hoffes/ den Staub und Poͤfel der Staͤdte/ die Angst der Ehrsuͤch- tigen/ und die Thorheit der Hoͤfflinge/ welche den Kern ihres Lebens einem Fuͤrsten/ oder wohl offt ihren unwuͤrdigen Schooß-Kindern/ die Hefen des Alters aber/ wo es ihnen auch noch so gut wird/ den Goͤttern wiedmen. Die Fe- dern/ wormit die Hoͤfflinge vielleicht so ge- mein ihre Haͤupter bedecken/ weil es bey Ho- fe fast immer windicht ist/ brauche ich viel nuͤtz- licher zum Entwurff meiner der Weißheit nachhaͤngenden Gedancken. Jch lebe mit mir selbst vergnuͤgt/ und ich habe allzu spaͤt ge- lernet/ daß ein Weiser keines andern beduͤrf- fe/ und daß alles/ was auffer ihm ist/ Uberfluß sey. Die Grossen des Reichs/ die ihn haͤuffig besuch- Arminius und Thußnelden. besuchten/ und sich von ihm so selten/ als der Mercur-Stern vor der Sonne entfernten/ hielten dem Orismanes ein: Niemand als GOtt/ der sein Reichthum in seinem eigenen Wesen besaͤsse/ koͤnte in sich selbst/ und in seiner eigenen Einsamkeit seine Vergnuͤgung finden. Denn GOtt alleine gingen seine Wercke ohne Werckzeug und Bemuͤhung von Haͤnden/ und alles diß/ was gleich von ihm herfluͤsse/ bleibe doch in ihm/ als in einem unerschoͤpfflichen Brunnen unvermindert. Ein Mensch aber sey durch eine gemeine Duͤrfftigkeit an den an- dern gebunden/ ja ieder sey nicht so wohl ein abgesonderter Leib/ als ein Gliedmaß der all- gemeinen Gesellschafft/ und deßwegen darvon unzertrennlich. Ein Mensch koͤnne ihm so we- nigselbst helffen/ als ein Auge sich selbst sehen. Die Einsamkeit waͤre der Beleidigung und dem Mangel mehr als die Gemeinschafft unter- worffen/ jene aber waͤre der Gerechtigkeit/ diese der Handreichung/ und ein Mensch der Gesellschafft nichts minder als Feuer und Was- sers benoͤthiget. Uber diß sey die Einsamkeit der aͤrgste Rathgeber/ und man koͤnne bey nie- manden gefaͤhrlicher/ als alleine bey sich selbst seyn. Wenn aber auch schon ein Weiser so weit kommen waͤre; daß er fuͤr sich selbst zu suͤndigen sich schaͤmete/ oder auch keinen aͤusser- lichen Beystand duͤrffte/ so solten wir doch uns selbst nicht dem Vaterlande stehlen/ dem wir gebohren waͤren/ noch fuͤr den Menschen das Licht verstecken/ das die milde Natur in uns angesteckt haͤtte. Die groͤsten Koͤstligkeiten haͤt- ten ohne ihre Anwehrung/ das Marck der Er- den in seinen Adern keinen Fuͤrzug fuͤr Schaum und Asche/ und die Tugend machte sich durch ihre Vertuschung zu nichts/ oder zum Laster. Alle Sachen wuͤrden geschaͤtzt nicht nach ihrem Wesen/ sondern nach ihrem Aussehen. Was man nicht sehe/ sey so viel/ als wenn es nicht waͤre. Etwas aber seyn/ und selbtes auch im Wercke zeigen/ waͤre ein zweyfaches Wesen. Nach dieser Einrede gab Orisma nes allererst Gifft und Galle von sich/ und wendete fuͤr: Er koͤnte es laͤnger auff seinem Hertzen nicht behalten/ daß seine eigene Mißhandlung/ und die daraus erwachsende Bestuͤrtzung ihn in sol- che Einsamkeit eingesperret haͤtte. Denn er habe durch Beliebung der weiblichen Herrschafft Armenien mehr Schaden gethan/ als alle sei- ne Ahnen nichts gutes gestifftet/ und es wuͤr- den alle seine Geschlechts-Nachkommen die- se Scharte nicht auswetzen. Ein Weib waͤ- re das erste Ungeheuer der Natur/ welche stets das Maͤnnliche Geschlechte zu zeugen ge- meint waͤre; also daß das weibliche nur durch Mißrathung gebohren wuͤrde. Wenn nun an einem Weibe was gutes waͤre/ koͤnte man es fuͤr ein Wunderwerck halten. Daher die Scythen auch den blossen Nahmen Weib fuͤr so unflaͤtig hielten/ daß sie sich selbten zu nen- nen schaͤmten. Die weiblichen Gottheiten waͤren so gar in dem Kreisse der Vollkommen- heiten/ nehmlich im Himmel voller Gebrechen/ und Jupiter waͤre von seiner Juno so geqvaͤ- let worden/ daß er sie einmahl aus dem Rei- che stossen/ und sie schwebend in die Lufft hen- cken muͤssen. Das erste Weibsbild auff Er- den haͤtte Jupiter zur Straffe des menschli- chen Geschlechtes zubereiten lassen/ als er uͤ- ber den Diebstal des Prometheus so ergrimmt gewest waͤre. Die Schoͤnen hegten in ihren Ant- litzen zwar eine Sonne/ alle aber in ihrem Leibe die Befleckung/ und in ihren Hertzen den Unbestand des Monden. Jhr Kopff gin- ge allezeit mit Eitelkeit/ wie ihr Gemuͤthe mit Geilheit schwanger. Und weil die Alten ge- glaubt/ daß diß sonst so fruchtbare Geschlech- te in nichts mehr als in Gebaͤhrung der Weiß- heit unfruchtbar waͤre/ haͤtten sie der klugen Pallas kein Weibsbild zur Mutter zugeei- gnet. Zu Athen haͤtte man wegen ihrer Unver- nunfft keinen wichtigern Handel als einen Scheffel Gerste zu kauffen verstattet. Wegen Q q 2 ihrer Drittes Buch ihrer Leichtsinnigkeit waͤren ihre Zeugnisse bey vielen Voͤlckern/ und fuͤrnehmlich in wichtigen Sachen verwerfflich. Der beruͤhmte/ aber all- zu weibische Weltweise/ der sich nicht enthalten konte dem Kebsweibe des Hermias zu opffern/ haͤtte gezwungen gestehen muͤssen/ daß sie zu maͤnnlichen Aemtern unfaͤhig/ und ihnen oder den wilden Thieren nachzuarten einerley waͤre. Die alten Roͤmer haͤtten deßwegen sie nicht buͤr- gerliche Guͤter miterben lassen/ und Voconius habe verbothen/ daß man ihnen etwas uͤber das vierdte Theil seines Vermoͤgens verma- chen doͤrffe; also wuͤste er nicht/ wie ihm gewesen waͤre/ daß er die Erato auff den Armenischen Thron haͤtte befoͤrdern helffen? Aller Weiber Herꝛschafft waͤre deꝛ Freyheit Ende/ und deꝛ Rei- che Untergang gewest. Olympias haͤtte nicht wie eine Koͤnigin/ sondern henckermaͤßig uͤber das Blut der Edlen gewuͤttet. Der kluge Antipa- ter aber auff dem Todt-Bette seinen Macedoni- ern/ als eine goͤttliche Wahrsagung vorgetra- gen/ daß sie in eusserstes Ungluͤck verfallen wuͤrden/ da iemahls ein Weib uͤber sie zu herr- schen kaͤme. Ja auch dieselben Voͤlcker/ wel- che der Dienstbarkeit gewohnt waͤren/ haͤtten den den Weibern geleisteten Gehorsam nicht nur fuͤr eine der Freyheit widrige Unart/ sondern auch fuͤr was aͤrgers/ als eine Knecht- schafft gehalten. Mit diesem haͤtte den Laͤn- dern das Ungluͤck gebluͤhet. Hecube haͤtte den Priamus uͤberredet/ oder vielmehr bezau- bert/ daß er den Griechen die geraubte Helena nicht wiedergegeben/ und hiermit haͤtte sie Tro- ja eingeaͤschert. Arsinoe haͤtte mit ihrer Geil- heit das Cyrenische Reich zerruͤttet/ Parysa- tis das Persische mit Kinder- und Bruͤder- Blute uͤberschwemmet. Semiramis wuͤrde zwar von der Vor-Welt fuͤr einen Ausbund der Koͤniginnen/ und eine behertzte Taube ausgestri- chen/ aber sie haͤtte durch Koͤnigs-Mord den ihr auf fuͤnff Tage verguͤnstigten Assyrischen Stuel an sich gebracht/ sie waͤre ein schaͤdlicher Raubvo- gel der Welt/ und ein Pful grausamster Laster ge- west/ welchen anders nicht/ als durch das Mord- Eisen ihres eigenen Sohnes haͤtte abgeholffen werden koͤnnen. Zwar muͤste er bekennen: E- rato haͤtte unvergleichliche Leibes- und Gemuͤts- Gaben; aber es waͤren die Weiber den Seri- schen Rosen gleich/ welche alle Tage ihre weisse Farbe in Purper verwandelten/ und bey ihrem Glantze einen stinckenden Geruch haͤtten. Ja wenn Weiber am vollkommensten waͤren/ haͤt- ten sie doch/ wie der Voll-Monde/ die groͤssesten Flecken. Livia haͤtte anfangs den Ruhm ge- habt/ daß dieses verschmitzte Weib dem Kaͤyser August die heilsamsten Rathschlaͤge an die Hand gebe; numehr aber beschuldigte man sie/ daß sie ihrer Ehrsucht und Grausamkeit nicht mehr maͤchtig/ und ein Brunn alles Unheils waͤre. Erato haͤtte alle Tugenden einer Koͤnigin/ aber auch alle Lasteꝛ eines Weibes. Jene waͤrẽ bekant/ weil sie mehr als diese in die Augen lieffen/ diese verborgen/ weil sie sie so meisterlich zu verstecken wuͤste. Zu dem koͤnte er nicht laͤugnen/ daß weil die Schwachheiten der Fuͤrsten so wie die Ver- finsterungen der grossen Gestirne allezeit den Voͤlckern Schrecken einjagten/ er der Koͤnigin Fehler selbst haͤtte verdruͤcken helffen. Nach dem er aber ihre Rachgier gegen die Vorsteher des Reichs/ welche die Freyheit nicht wolten zu Boden treten lassen/ thre Uppigkeit/ welche deß- halben zeither alle Heyrathen ausgeschlagen/ und also die Wollust der Befestigung des Thro- nes fuͤrgezogen/ laͤnger nicht zu verdecken ge- wuͤst/ ja er wegen seiner aufrichtigen Einrathun- gen offtmals scheel angesehen/ wegen seiner ihm von Gott verliehenen Gaben beneidet worden waͤre; haͤtte er es fuͤr ehrlicher gehalten/ sich des Hofes zu entbrechen/ ehe ihn selbter als einen Verhaßten/ wie das Meer einen todten Leich- nam auswuͤrffe/ oder ihn der Grim̃ der Koͤnigin gar einaͤscherte. Denn der Fuͤrsten Zorn waͤre wie der Blitz/ den man eher empfinde/ als hoͤrte/ von ihren Schlaͤgen sehe man eher das Blut/ als die Arminius und Thußnelda. die Wunde. Ja ein einiges Wort eines Koͤ- nigs waͤre mehrmals wider seinen eigenen Wil- len toͤdtlich; und haͤtte wohl ehe ein die Streu- Buͤchse vergreiffender Diener seines doch un- entruͤsteten Fuͤrsten Erinnerung ihm so sehr zu Hertzen gezogen/ daß man ihn fruͤhe todt im Bet- te gefundẽ. Jhre nichts minder gefaͤhrliche Liebe wendete sie durch blossen Zufall einẽ zu/ und zoͤgẽ sie mit Verdruß wieder ab. Deñ wenn sie ieman- den aufs neue hold wuͤrden/ eckelte ihnen fuͤr dem ersten Schoß-Kinde. Ja sie fielen wie die Fieber von aͤuserster Hitze in aͤusersten Frost/ und ihrer Gnade wandelte sich wie in etlichen zum liegen nicht taugenden Weinen die groͤste Suͤssigkeit in den schaͤrffsten Essig. Hingegen sey nichts sicherers einem Diener als die Schlaf-Sucht/ und einem Unterthanen die Ablegung der Ver- nunfft. Brutus sey unter diesem Scheine aus der grausamsten Blutstuͤrtzung des Tarquin und der Tullia ausgeschwommen. Die Tu- gend aber ziehe nach sich den gewissesten Unter- gang. Des Gobrias Sohn waͤre vom Koͤnig Baldasar durchstochen worden/ weil jener auf der Jagt einen Loͤwen getroffen/ dieser gefehlt haͤtte. Einen andern haͤtte man verschnidten/ weil seine Schoͤnheit von einer Koͤniglichen Dir- ne gelobet worden. So kuͤnstlich machte Oris- manes aus seinem eigenen Laster ein frembdes/ und die Straffe seines Verbrechens zu einer Entaͤuserung eines unempfindlichen Weltwei- sen. Thissaphernes und etliche andere Fuͤrsten des Reichs bezeugten uͤber dieser so scheinbaren Beschuldigung ein grosses Leid uͤber Armenien/ und ein Mitleidẽ gegen dem Orismanes; gleich- wohl aber hielten sie ihm ein: Es waͤre unverant- wortlich beym Sturme die Hand vom Steuer- Ruder sincken lassen. Die Liebe des Vaterlandes erforderte seine Wunden zu heilen/ nicht eigene Gemaͤchligkeit zu suchen. Brutus haͤtte fuͤr des Vaterlãdes Freyheit sich der Vernunft beraubt/ Genucius das Elend gebauet/ Codrus fuͤr sein Heil sich zum Selaven gemacht/ Curtius fuͤr seine Erhaltung sich in den Feuer-Pful/ Decius in das feindliche Heer gestuͤrtzt/ die Philenischen Bruͤder fuͤr seine Erweiterung sich in Sand be- graben/ Themistocles/ ehe er seinen Degen wider seine Landsleute zuͤcken wollen/ sich selbst durch Einschluckung giftigen Ochsen-Blutes aufge- opfert. Des Brasidas Mutter haͤtte die Wol- farth der Stadt Sparta der Ehre ihres Sohnes vorgezogen; des Pausanias Mutter den ersten Stein zu Vermauerung der Freyheit zugetra- gen/ dahin sich ihr verraͤtherischer Sohn gefluͤch- tet hatte. Timoleon haͤtte umb sein Corinth in Freyheit zu erhalten seinen eigenen Bruder durchstochen; und Orismanes wolte seiner Zaͤrt- ligkeit nicht ein wenig weh thun/ wormit Arme- nien wohl sey? Orismanes erkiesete lieber den Schatten einer traurigen Ruh/ als er das ge- meine Heil so vieler Voͤlcker umbarmete? Der schlaue Orismanes stellte sich/ als wenn diese Einredung ihm tieff zu Hertzẽ ginge/ und nachdẽ er eine gute Weile gleichsam nachdenckende stille geschwiegen/ fing er an: Jch weiß zwar wohl/ daß nicht wenig Weisen die Staats-Klugheit/ nicht die Natur zu einer Mutter der Vater- lands-Liebe machen; und daß diese mehr von den Eltern uns eingebildet/ als mit der Geburt ein- gepflantzt waͤre. Denn ein Kluger waͤre ein Buͤrger und Einheimischer in der gantzen Welt/ und koͤnte seine Freyheit nicht wie leibeigene A- ckers-Leute an gewisse Kloͤsser Erde ankleiben lassen. Wie viel weniger waͤre der verbunden/ der entweder in Ruhe sicher seyn/ oder sein Gluͤ- cke anderwerts in Grund legen koͤnte/ durch Unterstuͤtzung des baufaͤlligen Vaterlandes sich mit ihm zu zerdruͤmmern. Die Natur selbst haͤtte in Africa einen Baum wachsen lassen/ dessen genossene Frucht einem die Vergessenheit seines Vaterlandes beybraͤchte; Zweifels-frey uns zu lehren/ daß es zuweilen nicht nur rathsam und zulaͤßlich/ sondern eine hertzhafte Klugheit sey seiner Heimeth den Ruͤcken kehren. Gewisse Pflantzen haͤtten in frembdem Erdreich bessern Q q 3 Ge- Drittes Buch Gedieg/ und bey Auslaͤndern waͤren die schaͤtz- barsten Sachen gantz unschaͤtzbar. Allein wenn er gleich fuͤr sich gerne nachgeben wolle/ daß we- der Furcht noch Unlust uns von der Sorge fuͤr das gemeine Heil zuruͤck halten solte/ daß kein schoͤnerer Tod sey als fuͤrs Vaterland sterben; daß Orismanes ihm nichts mehr wuͤntschen koͤn- te/ als den Ruhm sein Leben zu Beschirm-seinen Tod zu Behaltung Armeniens anzugewehren; wer wuͤrde ihm Buͤrge seyn/ welche Un- schuld koͤnte ihn vertheidigen/ daß Orismanes nicht entweder als ein Heuchler die Laster des Hofes verhangen/ oder als ein Uhrheber selbte gestiftet haͤtte? Sintemal der Poͤfel die schlimme Herrschafft nicht dem Fuͤrsten/ sondern den Staats-Dienern zumißt; die Fuͤrsten aber ihre eigene Verbrechen ihren Raͤthen aufhalse- ten/ und umb sich zu erhalten/ selbte dem Volcke zu einem Schlacht-Opfer auslieferten; wie der in Hibernien enthauptete Forstard/ und der in Jberien zerfleischte Condelar ihm ein trauriges Vorbild abgaͤben. Tissafernes begegnete ihm: Ein Reichs-Rath solte sich seiner selbst gantz ent- aͤusern/ und ohne Auszug sein gantzes Wesen dem Reiche wiedmen. Dahero muͤste er nicht allein seinen Eigen-Nutz/ und sein Leben/ son- dern auch den Schatz seiner eigenen Ehre ausser Augen setzen. Die Tugend waͤre ihr selbstei- gener Lohn/ und ihrer Guͤte wuͤrde weder durch Verlaͤumbdung noch durch Beschimpfung was entzogen. Die Unschuld wuͤrde im Ochsen des Phalaris nicht schwartz. Socraten hinge weder sein Gifft-Glas/ noch die ihm zugemaͤsse- ne Abgoͤtterey einigen Fleck an. Und die Tugend/ wenn sie schon ans Creutz geschla- gen wuͤrde/ findete noch eine Olympia/ welche sie wie den Pausanias mit einer guͤldenen Kro- ne verehrete. Es waͤre nichts ungemeines in der Welt/ daß der/ welcher hier als ein Verraͤ- ther an Galgen gehenckt/ anderwerts fuͤr einen Vater des Vaterlandes und fuͤr einen Maͤrty- rer des Staats gepriesen wuͤrde. Des Bru- tus und Cassius Kaͤyser - Mord hiesse einem ein Schelm - Stuͤck/ andern das heilsamste Beginnen. Denn weil in der Welt so viel Boͤsen als Guten/ so wohl der Unvernunft a l s der Klugheit die Richter - Stuͤle eroͤfnet waͤren; koͤnte unmoͤglich ein gleichstimmiges Urtheil erfolgen. Sie haͤtten gesehen Koͤpfe in guͤldene Todten - Toͤpfe vergraben/ und mit marmelnen Leich - Steinen bedecken/ diegestern zum Scheusale auf einẽ Thurme aufgesteckt gewest/ von der Sonne ausgedoͤr- rt/ von den Wolcken befeuchtet worden. Andere die gestern in Alabaster gelegen/ wuͤrdẽ heute auf den Scheiter-Hauffen geworffen. Also gebe oder nehme frembdes Urthel weder den Lastern noch den Tugenden einige Schaͤtzbarkeit. Jnsonder- heit abeꝛ waͤre Armenien ja nicht in so veꝛzweifel- tem Zustande/ daß die Tugend wider die Ge- walt der Herrschafft sich keines Beystandes zu getroͤsten haͤtte. Orismanes haͤtte auf seiner Seite die Reichs-Staͤnde/ diese aber die alten Gesetze des Vaterlandes/ welche maͤchtiger waͤ- ren/ als die Herrschafft der Menschen und sterb- licher Koͤnige. Es ist wahr/ sagte Orismanes/ daß/ so lange die Gesetze feste stehen/ kein Reich wancken/ die Freyheit nicht zu Grunde gehen koͤnnen. Denn die Seele und Krafft eines Reiches stecket in den Gesetzen; sie sind ein Schild wider aͤuserliche Feinde/ und ein Schirm wider die aus unserer eigenen Gemeinschaft uns zu Kopfe wachsende Wuͤteriche. Aber Erato hat die Taffeln unserer Gesetze/ und zwar die unversehrlichsten/ welche nemlich den Gottes- Dienst angehen/ schon zu Bodem geworffen/ und mit Fuͤssen getreten; wir aber hier zu unter dem Scheine einer andaͤchtigen Keuschheit ein Auge zugedruͤckt. Weñ aber die Gesetze schon einmahl entkraͤfftet/ oder verwirret/ ja nur ein wenig gebeugt werden/ ist ihre gaͤntzliche Zernichtung fuͤr der Thuͤre/ und die Herrschsucht hebet sie un- schwer mit einem einigen Ansatze vollends gantz aus den Angeln. Ein Kluger darff nicht so Arminius und Thußnelda. so dann allererst die Ohren spitzen: ob sich von serne ein Kriegs-Geschrey hoͤren/ oder truͤbe Wolcken aus der Nachbarschafft blicken lassen. Denn weil so denn der Gesetze Schutz ge- schwaͤcht ist/ sind Heucheley/ Kuͤhnheit und Geld schon starck und verwegen genung der Freyheit auf den Fuß/ und die alte Herrschens-Art in Grund zu treten. Denn die/ welche dem Va- terlande fuͤr den Riß stehen sollen/ lassen sich be- stechen/ oder durch hohe Aempter verblenden. Durch diese machen sich auch die groͤsten Gemuͤ- ther einem Fuͤrsten zu Knechten/ in Hoffnung/ daß sie uͤber viel andere ihres gleichen zu herr- schen haben werden. Durch das schaͤdliche Gistdes Geitzes/ welcher auf Zusammenschar- rung des Geldes alleine bedacht ist/ und alles an- dern vergißt/ wird nichts minder der Leib als das Gemuͤthe der tapfersten Leute weibisch gemacht. Am allermeisten aber werden die Grossen eines Reichs bezaubert/ wenn man sie selbst des Gesetz- Zwanges erledigt. Denn hierdurch kriegen die Herrscher freye Hand nicht nur fuͤr sich/ son- dern Weibern/ Kindern und Freunden das Garn dieses so noͤthigen Bandes abzustreiffen. Die Grossen im Rathe/ welche doch Vormuͤn- den der Gesetze seyn solten/ muͤssen so denn selbst bey sich ereignender Spaltung zwischen dem Fuͤrsten und den Gesetzen jenen Pflaumen strei- chen/ diese beugen/ und also die heilsamsten Stif- tungen sonder grosses Bedencken im Urthel uͤ- berwunden werden. Wir haben kein neuer und merckwuͤrdiger Beyspiel fuͤr uns/ als des Kaisers August/ welcher bey seiner falsch-ange- stellten Abdanckung dem Rathe zu Rom/ als ein einiges Erhaltungs-Mittel/ nachdruͤcklich einrieth: Sie solten ja an ihren alten Gesetzen das minste nicht aͤndern lassen; gleichwohl aber der erste und aͤrgste Zerstoͤrer derselben war/ in- dem er des Agrippa Soͤhne/ als sie noch nicht den Kinder-Rock abgelegt hatten/ zu Buͤrger- meistern/ den Juͤngling Marcell seiner Schwe- ster Sohn zum obersten Priester/ seine Stief- Soͤhne zu Feld - Herren machte. Alles diß haͤtte Erato fuͤr laͤngst ins Werck gerichtet/ wenn ihr nicht der Werckzeug gefehlet haͤtte. Unterdessen waͤre es genung/ daß sie Meisterin der Armenischen Grund-Gesetze/ und also ihrer aller Halsfrau worden waͤre. Denn die Frey- heit eines Volckes/ welche die Armenier fast al- leine unter allen Morgenlaͤndern erhalten; waͤ- re noch sorgfaͤltiger/ als ein junges Palm- oder Dattel-Baͤumlein/ auf die Beine zu bringen. Sie muͤste stets mit neuen Gesetzen befeuchtet/ und mit der Axt der Rechts-Schaͤrffe alle Raͤu- ber/ wie schoͤn sie auch zu wachsen schienen/ abge- hauen werden. Tissafernes versetzte: Jhm waͤre zwar ausser des Anaitischen Gottesdiensts Abschaffung keine andere Durchloͤcherung ei- nigen Gesetzes bekandt; wenn aber auch gleich in einig anderes von der Koͤnigin ein Eingriff geschehẽ waͤre/ muͤste man doch hieraus nicht also- fort eine gaͤntzliche Veraͤnderung der Herschens- Art besorgen. Diese waͤre ein so schwerer Stein/ welchen kein Weib umzuweltzen vermoͤchte/ zu- mahl er von so viel hundert Jahren her so feste beraset waͤre. Jhre Herrschafft waͤ- re zu solchem Absehen viel zu neu. Denn/ wenn man ein Reich umgiessen wolte/ muͤste es nach und nach/ und so unvermerckt ge- schehen/ als der Zeiger an den Uhren/ oder die Erdkugel sich umwendet. Es muͤsse niemand mehr leben/ der sich des alten Zustandes erinner- te/ und desselbten Suͤssigkeit geschmeckt haͤtte. Den ob zwar der Eigennutz uͤber die Menschen eine fast unablehnliche Gewalt haͤtte/ so gebe es gleichwohl noch ehrliche Leute/ welche die Frey- heit fuͤr unschaͤtzbar halten/ und das ihnen dafuͤr angebotene Kauff-Geld wie die Macedonier die vom grossen Alexander zu Abbissung der abge- nommenen Uppigkeiten angezielte Geschencke verschmaͤhen. Derogleichen lebten nun auch sicherlich unter denen Armeniern/ welche vori- ger guͤtiger Koͤnige Herrschafft nicht nur ge- daͤchten/ sondern auch genossen haͤtten; und auff Drittes Buch auff derer Beystand er sich auff den Nothfall zu verlassen haͤtte. Orismanes brach hierauff aus: Wenn ich mich auff so kluge und tapffere Leute zu verlassen habe/ bin ich entschlossen al- les zu thun/ was das Vaterland von mir hei- schet/ und so viel Freunde rathen/ da ich mich an- ders ihres Beystandes zu versichern habe/ nach dem meine einigen Haͤnde hierzu viel zu ohn- maͤchtig sind. Oxathres einer der Reichs-Raͤthe hob an: Es waͤre die aͤrgste Leichtsinnigkeit von uns/ wenn wir in Ausuͤbung dessen/ was wir selbst einrathen/ die Hand abzuͤgen. Entdecke uns daher deine Meynung/ durch was fuͤr ein Mittel dem Reiche und uns zu helffen/ und de- nen Gefaͤhrligkeiten zu begegnen sey. Orisma- nes antwortete: Er wuͤste mehr nicht als zwey Wege/ derer einer aber verwerfflich/ der andere von ihm so lange zu verschweigen waͤre/ biß ihm Oxathres oder ein ander Fuͤrst eine seiner Toch- ter veꝛmaͤlet haͤtte. Oxathres versetzte: Wer wird dem Orismanes sein Kind versagen? Also habe kein Bedencken uns beyden etwas zu verschwei- gen. Hier auf fing Orismanes an: Das ver werff- liche Mittel ist die Koͤnigin Erato aus dem Wege zu raͤumen. Denn man hat from̃e Fuͤrsten wohl zu wuͤntschen/ boͤse aber wie Hagel/ Mißwachs und andere von Goͤttern herruͤhrende Zufaͤlle zu vertragen. So viel ihrer an den Julius Hand ge- legt/ sind erbaͤrmlich umbkom̃en/ ja etliche haben mit eben dem Dolche/ den sie dem Julius in die Brust gestossen/ ihrem verzweifelnden Leben ab- geholffen. Asteloth/ der dem Caledonischeu Koͤni- ge mit seinem Leben auch die Krone zu rauben vermeynte/ ward/ der erhaltenen Warsagung nach/ mit einer gluͤnden Krone gekroͤnet. Denn es sind doch Koͤnige Statthalter der Goͤtter auf Erden/ die in der Welt keinen Richterstuhl ha- ben/ weniger iemand ihre heilige Glieder zu ver- letzen befugt ist. Uber diß ist unlaugbar:daß Era- to bey ihren Fehlern so viel unvergleichliche Tu- gendẽ habe/ welche so wenig als ein fruchtbarer Baum wegen eines duͤrren Zweiges auszurottẽ sind. Zu geschweigen/ daß mehrmals boͤse Men- schen gute Herrrscher abgeben/ und ihre Laster zum Nutze des Reiches anwenden/ und ihre Un- terthanen mehrmals zu ihrem Besten durch Be- trug hinters Licht fuͤhren. Dahero einige der Meynung sind/ daß nur gemeine Leute/ nicht Koͤnige/ des Boͤsen sich zu entaͤusern haͤtten/ wor- aus man Gutes hoffete; andere an einem Fuͤrstẽ Ehrgeitz und Ungerechtigkeit so wenig fuͤr schelt- bar hielten/ als man einem Adler den Raub/ ei- nem Loͤwen den Grim̃ zum Fehler aussetzte; ja ihrer viel fuͤr eine herrschaftliche Tugend hiel- ten/ wenn Fuͤrsten auch in Lastern denen Nie- drigern nichts nachgaͤben. Sintemal Anaxar- chus den grossen Alexander schon beredet haͤtte/ daß ein Fuͤrst nichts Boͤses zu thun vermoͤchte/ sondern so gar die Laster unter seinen Haͤnden ihre boͤse Eigenschaften einbuͤßten/ und weil er thun moͤchte/ was ihm beliebte/ sich in was gutes verwandelten. Wiewohl ich diese Abwege von der Tugend den Fuͤrsten nur wie den Aertzten das Gift zur Artzney in aͤuserster Noth und in verzweifelten Kranckheiten erlaubt zu seyn glau- be. Uberdiß wuͤrde schwerlich Erato so leicht und ohne Aufruhr des gantzen Reiches/ ihrer Wuͤrde entsetzt werden koͤnnen/ als der Rath zu Sparta ihrẽ Koͤnige Agesilaus eine Geld-Busse auflegten/ weil er aller Buͤrger Hertzen gestohlẽ/ und die Liebe der gantzen Stadt ihm zugeeignet hatte. Sintemal Erato dem Agesilaus hieriñen schon zuvor kommen waͤre. Das andere Mittel fuͤr zuschlagen solte ich wol billich anstehen/ damit es nicht schiene/ als wenn mein fuͤr des Reiches Heil abgegebeneꝛ Rathschlag ein Auge auf meine selbsteigene Vergroͤsserung haͤtte. Aber weil ich mich so einer hohen Staffel unfaͤhig erken- ne/ und keiner unter euch ist/ dem ich nicht den Vorzug einraͤume/ wil ich lieber auch mit Ver- dacht das Gute entdecken/ als mit Ruhm dem Vaterlande zum Schaden das minste verschwei- gen. Arminius und Thußnelda gen. Der Koͤnigin Fehlern ist anders nicht/ als durch eine kluge Heyrath abzuhelffen/ und Ar- menien anders nicht/ als durch einen einheimi- schen Braͤutigam zu helffen. Weiber und Reben duͤrffen wegen ihrer angebohrnen Schwachheit zu ihrem Wohlstande einen Ul- men-Baum oder Stuͤtze/ daran sie sich lehnen/ oder darumb winden koͤnnen. Und wir/ da wir nicht entweder einem geringern gehorsamen/ oder/ wie unter dem Ariobarzanes eines frembden Volckes Sclaven werden wollen/ koͤn- nen keinen Auslaͤnder unsere Koͤnigin ehlichen lassen. Der Pontische Koͤnig hat schon sein Heil versuchet/ und es haben sicherlich alle Nach- barn auf die Krone Armeniens ihr Absehen. Die Koͤnigin aber gar unverheyrathet lassen/ wuͤrde zwar dem Reichs-Rathe zu Vergroͤsse- rung seiner Gewalt und Ansehens/ aber hier- durch zu innerlicher Unruh dienen/ja man wuͤr- de ihren Fehlern Luft machen sich zu vermehren; und weil mit ihr endlich der alte Koͤnigliche Stam̃ gar verfiele/ moͤchte ihr Tod dem Reiche schaͤdlicher/ als ihr Leben seyn/ nachdem entwe- der die Zwytracht unter denen Grossen den Reichs-Apfel zum Zanck-Apfel machen/ und buͤrgerliche Kriege erregen/ oder den Roͤmern Gelegenheit geben wuͤrde denen Armeniern wie Syrien einen aufgeblasenen Land-Vogt aufzu- dringen. Daher hielte er fuͤr heilsam und noͤthig darzu zu thun/ womit Erato foͤrdersamst an einẽ Fuͤrsten des Reichs/ darinnen man ihr die Wahl lassen koͤnte/ sich vermaͤhlen muͤste. Des Oris- manes Ansehen/ Rede und Geberden waren so durchdringend/ daß ihm alle Beyfall gaben/ und sie in der ersten Zusammenkunft einen Reichs- Schluß machten/ auch selbten der Koͤnigin in versam̃letem Rathe fuͤrtrugen: Sie solte/ und zwar bey noch waͤhrender Reichs-Versam̃lung/ einen Fuͤrsten des Reiches zu ihrem Gemahl erwehlen/ nachdem die gemeine Wolfarth ihren freyen Wohlstand nicht laͤnger vertruͤge/ und die Unterthanen nach einẽ Reichs-Erben seufzeten/ dessen Wohlstand nicht vertruͤge/ daß der Nach- folger ungewiß waͤre/ indem sonst ihr Reich stets frembdem Ehrgeitze ein Ziel abgebe/ und Erato selbst nicht sicher den Reichs-Stul be- saͤsse. Sintemal der grosse Alexander sich selbst haͤtte beklagen muͤssen/ daß der Mangel der Kinder ihn bey Frembden veraͤchtlich gemacht/ ja unter seinen eigenen Macedoniern Unei- nigkeit und Verraͤtherey verursacht haͤtte. Der Koͤnigin kam diese vermessene Gewalts-An- massung ihrer Unterthanen uͤberaus unver- muthet fuͤr; gleichwohl verdruͤckte sie ihre hef- tige Gemuͤths-Bewegung/ wohl wissende/ daß wenn Unterthanen sich schon unterwinden ihren Haͤuptern an das Heft zu greiffen; ihre Kuͤhn- heit sich ins gemein in Raserey verwandelt/ und sie gar gegen ihnen die Degen zuͤcken. Diesemnach antwortete sie ihnen: Sie naͤhme ihren Schluß mehr fuͤr eine Liebe gegen sie und ihr Geschlechte an/ als sie muthmassen wolte/ daß sie ihrer Koͤniglichen kein Gesetze vertragenden Hoheit etwas zu entziehen an- zielten. Sintemal die Goͤtter dem Volcke weder Gewalt noch Verstand uͤber Fuͤrsten zu urtheilen verliehen haͤtten. Gleichwohl waͤre es in alle Wege gut so wohl einen Gehuͤlfsen in der Herrschafft/ als gewisse Nachfolger im Rei- che haben. Aber die Freyheit der Heyrathen vertruͤgen weder solche Maaßgebung/ noch ihre Wichtigkeit so gefaͤhrliche Ubereilung. Sie wolte dem Wercke nachsinnen/ und sich dessen entschluͤssen/ was Armenien nuͤtzlich und ihr anstaͤndig seyn wuͤrde. Nachdem auch fuͤr dißmal alle noͤthige Reichs-Sachen erledigt waͤren/ solten die Staͤnde biß zu ihrer Wieder- Beruffung sich von sammen/ und ieder nach Hause ziehen. Hiermit ging die Koͤnigin aus dem Saale/ und ließ die Staͤnde theils in Be- stuͤrtz-theils in Verbitterung; gleichwohl hat- ten sie Bedencken dißmal wider der Koͤnigin Erster Theil. R r Ver- Drittes Buch Verbot laͤnger vereinbart zu bleiben. Wie sie nun schon aufgestanden waren/ bekam Oxar- thes vom Orismanes ein Schreiben/ darinnen er berichtete: Er habe numehr aus dem Koͤni- glichen Pontischen Hofe/ und zwar aus der Koͤ- nigin Dynamis Frauenzimmer das Geheim- nuͤß erfahren: Warumb Erato dem Ariobarza- nes einen Korb gegeben/ welches ihn muth- massen ließ/ daß sie sich schwerlich einen inlaͤndi- schen Fuͤrsten zu heyrathen wuͤrde bereden las- sen. Denn sie waͤre durch Liebe an den ver- meynten Fuͤrsten Zeno/ welchen Polemon so lange Zeit fuͤr seine Tochter/ Dynamis fuͤr ih- ren Sohn gehalten/ verknuͤpfet/ daß sie diesem eingeschobenen und Zweifels-frey von niedriger Ankunft entsprossenẽ Menschẽ schwerlich einen wuͤrdigern fuͤrziehen wuͤrde. Oxarthes laß diß Schreiben/ wiewohl mit Verschweigung des O- rismanes/ alsofort der gantzen Versammlung fuͤr/ brachte es auch so weit/ daß sie der Koͤnigin als einen neuen Reichs-Schluß fuͤrtragen lies- sen: Weil sie keines geringen Auslaͤnders Knechte seyn/ noch unter der weiblichen Herr- schafft laͤnger schmachten koͤnten; solte sie sich entweder vorigem Schlusse unterwerffen/ oder Kron und Zepter niederlegen. Die Koͤnigin ward durch diese verzweifelte Verwegenheit hochbestuͤrtzt/ iedoch fragte sie den Oxarthes/ welcher das Wort fuͤhrete: Was fuͤr einen ge- ringen Auslaͤnder meynst du wohl/ wird Erato sich vermaͤhlen/ welche den maͤchtigen Ariobarzanes verschmaͤhet? Dieser unver- schaͤmte Raͤdelsfuͤhrer begegnete ihr alsofort: Wir fuͤrchten den so genennten Fuͤrsten Zeno zu Sinope. Erato erblaßte uͤber dieser Ant- wort/ und konte nicht ersinnen/ wie sie diß Ge- heimnuͤß ihrer Liebe ausgespuͤrt haͤtten; ver- setzte aber gleichwohl: Es ist wahr/ daß ich die- sen unvergleichlichen Fuͤrsten so wohl meines Bettes/ als aller Welt-Kronen wuͤrdig schaͤtze. Sage du aber/ daß ich keinen meiner Vermaͤh- lung wuͤrdig schaͤtze/ den nicht die Sonne/ wie mich/ nicht spaͤter als einen Fuͤrsten/ denn einen Menschen/ beschienen hat. Den Staͤnden melde auch/ daß ich morgen auf dem grossen Reichs-Saale sie selbst beantworten wolle. Folgenden Tages kam Erato in praͤchtigster Kleidung/ uͤber und uͤber mit den koͤstlichsten Edelgesteinen bedecket/ die Krone auf dem Haupte/ den Zepter in der Hand tragende/ in den bestim̃ten Ort. Sie lehnete sich auf den Artafernes/ zwey andere ihr getreue Fuͤrsten trugen das Schwerdt und den Reichs-Apfel vorher/ und sie setzte sich auf den aufs herrlich- ste erhobenen Thron. Der Saal war mit viel tausend Menschen also angefuͤllet/ daß kein Apfel zur Erden konte/ welchen allen die Be- gierde zu vernehmen/ was die Koͤnigin fuͤr einen Gemahl erkiesen wuͤrde/ ein unbewegliches Stillschweigen auflegte. Hierauf fing sie mit einer freudigen Geberdung und holdseli- gen Stimme an: Wenn die freywillige Wahl der Armenier mir nicht meiner Voreltern Krone aufgesetzt haͤtte/ wuͤrde ich noch zu zweifeln haben: Ob das Erb-Recht und der letzte Wille meines Vatern Artaxias genung gewest waͤre mir diesen Thron zuzueignen/ welchen fuͤr mir noch kein Weib besessen hat. So aber wissen die Goͤtter/ und eure Gewissen uͤberzeugẽ euch/ daß sich Erato nicht zur Krone gedrungen/ nach wel- cher die meisten Sterblichen so begierig seufzen/ weil sie nicht wissen/ daß sie so schwer/ und nichts als ein Zirckel sey/ der keinen Mittel-Punct der Ruh in sich habe. Unsere Vorfahren haben bey Kroͤnung ihrer Fuͤrsten nachdencklich ein- gefuͤhrt/ daß der neue Koͤnig anfangs Feigen/ hernach Terebinthen-Beeren essen/ endlich ei- nen Becher sauere Milch austrincken muͤsse. Denn der Anfang des Herrschens ist anfangs suͤsse/ das Mittel herbe/ das Ende aber versau- ert gar. Jch selbst habe in weniger Zeit er- fahren/ Arminius und Thußnelda. fahren/ die Herrschafft uͤber andere sey eine edle Dienstbarkeit; auch mich beflissen zu er- weisen/ daß ich den Zepter zu Beschirmung des Volckes fuͤhrte/ meiner Wuͤrde aber nicht zu meiner Uppigkeit mißbrauch- te; daß meine Sorgfalt ersetzte/ was mei- nem Geschlechte abgehet/ und daß euch eu- rer Wahl/ mich aber meiner Wachsamkeit fuͤr eure Wolfarth nicht gereuen moͤchte. Denn nachdem in Armenien eine Neuigkeit ist/ einer Koͤnigin gehorsamen/ habe ich mich mehr umb eure Liebe/ als umb eure Dienstbarkeit bewor- ben. Jch habe nach euren Gesetzen gelebt/ die ich keinen unterworffen bin; denn die Will- kuͤhr der Koͤnige ist selbst Gesetzes genung/ die Goͤttin der Gerechtigkeit lehnet sich stets an den Richter-Stuhl des Jupiters; Jnsonderheit wenn sie der Natur gemaͤß sind/ welche ich allemal fuͤr meine Richtschnur/ und fuͤr das auch uͤber Fuͤrsten herrschende Recht gehalten/ und so wohl des Seleucus/ als der Parthischen Wei- sen Meynung verdammet: Unter denen jener alles Recht sprach/ was ein Koͤnig seinen Unter- thanen fuͤrschriebe; wenn es schon wie seines Sohnes mit der Stiefmutter vollzogene Eh wider Zucht und Erbarkeit lieffe. Diese aber bey gebilligter Heyrath des Cambyses mit sei- ner Schwester fuͤrs hoͤchste Gesetze ruͤhmte: Ein Persischer Koͤnig haͤtte alles zu thun Macht/ was ihm beliebte. Aber ich sehe wohl/ daß ihr/ die ihr an die Gesetze gebunden/ nicht nur ohne sie seyn/ sondern der Gesetzge- berin selbst fuͤrschreiben wollet. Jhr wollt mich an eine Heyrath binden/ die in der Will- kuͤhr ieglichen Buͤrgers steht. Glaͤubt aber/ daß wie Unterthanen nichts groͤssers als ihren Ge- horsam verlieren/ also unmoͤglich/ ein Koͤnig seyn und gehorchen beysammen stehen koͤnne. So wenig die Menschen dem Gestirne Gesetze geben/ und den Lauff der Sonnen einrichten moͤgen; so wenig stehet Unterthanen zu/ das Fuͤrnehmen ihrer Obrigkeit zu meistern. Jhr meynet: Der Koͤnig sey uͤber das Volck/ aber das Heil des Reichs uͤber den Koͤnig. Unter- sucht ihr aber auch/ daß weniger Koͤpfe Ehrgeitz der Uhrheber dieses Fuͤrwands/ der Ungehorsam der Reiche Untergang sey? Jedoch/ ich wil mein Urthel nicht so vieler Meynungen fuͤrzie- hen/ und euch ein Beyspiel zeigen/ daß dieser der maͤchtigste Koͤnig sey/ der uͤber seine Be- gierden vollmaͤchtig zu gebieten hat. Daß derselbe die meisten Unterthanen habe/ der sich der Vernunft unterwirfft/ welche uͤber alles eine allgemeine Herrschafft hat/ und daß Erato ein großmuͤthiger Hertze habe/ als jener Hetru- rische Landmann/ der sich gegen dem Kaͤyser August fuͤr ein empfangenes Unrecht bedanck- te/ weil er es nur aus Jrrthum/ ich aber gegen euch wohl bedacht thue. Sehet! hiermit lege ich Kron und Zepter nieder; nehmet sie hin/ und gebet sie einem wuͤrdigern. Des Gehor- sams darff ich euch nicht entlassen/ ihr habt selbten mir selbst schon entzogen. Wormit ihr aber von mir noch einer Zugabe geniesset/ erklaͤre ich mich/ daß ich numehr als eine Buͤr- gerin verantworten wil/ was ich als eine Koͤ- nigin gesuͤndigt zu haben von iemanden be- schuldigt werden moͤchte. Bin ich schon die letzte meines Geschlechtes/ die Armenien be- herrschet hat/ hoffe ich doch die erste in der Welt zu seyn/ die ihr Koͤnigreich ohne wenige- re Empfindligkeit von sich stoͤst. Alle Zu- schauer waren anders nicht/ als wenn sie der Blitz geruͤhret haͤtte. Alle verstummeten/ sahen einander an/ Oxarthes und etliche an- dere Aufruͤhrer aber wurden mit Scham- Roͤthe uͤbergossen. Denn die Boßheit wird mehrmals so wohl durch unverhoffte Errei- chung ihres boͤsen Zwecks/ als durch Fehl- schlagung ihrer arglistigen Anschlaͤge beschaͤ- met. Der einige Artafernes erholete sich/ und fiel der von dem Stuhle niedersteigenden T t 2 Koͤni- Drittes Buch Koͤnigin mit vielen Thraͤnen zun Fuͤssen/ sie beweglichst ersuchende: Sie moͤchte von ihrem Vorsatz abstehen/ und Armenien ihr liebes Va- terland nicht verwaͤyset lassen; sie moͤchte aus ihrer Erleichterung Armenien nicht so grosse Verwirrung zuziehen/ noch aus dem ihr Ruhm erwerben/ woraus dem gantzen Reiche eine unausleschliche Schande erwuͤchse. Un- terschiedene andere thaͤten es Artafernen nach/ und meynten sie durch Herausstreichung der Koͤniglichen Herrschafft/ und ihrer von so vielen verlangten Suͤssigkeit von ihrem Vorsatze ab- wendig zu machen. Erato aber begegnete ihnen: Die/ welche die Koͤnigliche Wuͤrde nicht kennten/ und fuͤr eine halbe Vergoͤtterung hielten/ moͤchten sich umb sie draͤngen. Sie aber haͤtte die Armenische Krone mit einer sol- chen Gemuͤths-Maͤssigung bekommen/ als wenn ihr iemand einen Feilgen- oder Rosen- Krantz geschenckt haͤtte; also stiege derselben Verlust ihr auch wenig zu Hertzen. Sie er- innerte sich wohl/ daß zweyen Haͤuptern der Stoischen Weltweisen/ welche doch die Un- empfindligkeit fuͤr ihren Abgott hielten/ dem Pythagoras nemlich und Zeno die Herrschafft so sehr unter die Augen geleuchtet haͤtte/ daß sie so gar mit Gewalt derselben sich zu bemaͤchti- gen bemuͤht gewest waͤren; Plato haͤtte sie fuͤr eine Goͤttligkeit/ ein ander fuͤr eine guͤldene Erndte gehalten; sie aber pflichtete einer gantz andern Weltweißheit bey/ welche der- selben Wahnwitz verwuͤrffe/ die lieber auf Goldenstuͤck krancken/ als auf Stroh gesund seyn; die mit suͤssem Gifte sich lieber toͤdten/ als durch bittere Rhabarber genesen wolten. Ja wenn auch die Herrschafft an ihr selbst noch so anmuthig waͤre/ wuͤrde doch numehr/ da man sie ihr aufzudringen gedaͤchte/ nichts minder/ als die Leyer des Arion und Orpheus/ weil sie beyde aus Noth und Zwang anstim- men muͤste/ alle Liebligkeit verlieren/ ungeach- tet jener die Ehre hatte von denen ihm aufhalsenden Delfinen aus dem Schiffbruche errettet/ dieser von denen zusammen gelock- ten Thieren verehret zu werden. Denn aller Zwang vergaͤllete iedwede Suͤssigkeit. Hiemit drang die unerbittliche Erato auf das Thor zu/ umb sich aus dem Saale zu begeben. Osthanes ein junger Armenischer Fuͤrst hin- gegen vertrat ihr mit entbloͤßtem Degen den Weg/ und redete sie an: Das Verbuͤndnuͤß zwischen einem Fuͤrsten und seinem Volcke waͤre so feste/ daß so wenig die Unterthanen ihren Koͤnig des Reichs entsetzen/ so wenig dieser ohne jener Willen sich des Herrschens entaͤusern koͤnne. Also solte die Koͤnigin Fuß halten/ und ihrer Ruh das gemeine Heil fuͤrzie- hen. Erato laͤchelte/ und fing an: Mein Freund/ dringe mir diß nicht auf/ was ich alleine wegwerffe/ die meisten in diesem Gemache aber aͤuserst verlangen; was mir so vieler Naͤchte Schlaf verstoͤret/ und worumb ich morgen wieder in Sorgen stehen muͤste/ daß man es mir wieder aufs neue aus den Haͤnden winde. Das Volck hat durch seine Vorsteher mich meiner Pflicht erlassen/ da sie die ihre verseh- ret. Meynst du aber/ daß die/ welche zwey Reiche ohne Seufzen verlaͤsset/ fuͤr einem ruͤhm- lichen Verluste ihres Lebens erzittern kan? Uber dieser Wort-Wechselung entstand eine heftige Zwytracht/ indem der Adel den fuͤr einen Reichs - Verraͤther ausruffte/ der die Koͤnigin zu solcher Entschluͤssung verur- sacht haͤtte. Die Reichs-Raͤthe trennten sich auch selbst/ und nachdem etliche den Oxarthes fuͤr den Uhrheber angaben/ wen- dete Osthanes seine Sebel von der Erato ab/ und versetzte dem Oxarthes einen selchen Streich/ daß ihn Erato noch seine Seele ausblasen sahe. Hieruͤber entstand ein allgemeines Blut- Bad/ der Reichs-Saal ward in eine traurige Schlacht-Banck verwandelt/ und die Armeni- er Arminius und Thußnelda. er wurden den ersten Augenblick inne/ daß ein Reich ohne Oberhaupt/ eine Weltohne Son- ne/ ja eine lebendige Hoͤlle sey. Bey dieser Uneinigkeitgewann Erato Zeit sich so wohl aus dem Saale/ als auff denen bereit bestellten Pferden aus Artaxata zu retten. Weil ich und Artafernes Sie nun von ihrem Fuͤrsatze zu bringen nicht vermochten/ ungeachtet wir ihr den bereit erfolgten Tod des Raͤdelsfuͤhrers und anderer Auffwiegler fuͤrstellten/ und daß Armenien sie in wenig Stunden mit groͤsserm Frolocken/ als das erste mahl auff den Stuel he- ben wuͤrde/ vertroͤsteten/ und sie uͤber Hals und Kopf aus Artaxata eilte/ wolten wir sie nicht ver- lassen/ noch den ungewissen Ausschlag der in- nerlichen Unruh erwarten; sondern gaben uns mit der Erato auff den Weg/ wiewohl nicht sonder Hoffnung/ es wuͤrden nach gestuͤrtzten Aufruͤhreꝛn die Staͤnde sie wieder einrufen/ und wir so vielmehr sie auff einen andern Sinn zu bringen Gelegenheit finden. Wir reiseten al- le in Manns-Kleidern/ und daher unkenntlich/ dem Gordieischen Gebuͤrge zu; woraus der Phrat und Tiger entspringt/ als wir auch in die Stadt Artemita kamen/ ward durch einen Herold ausgeruffen: Der Urheber der Ver- raͤtherey wider die Koͤnigin waͤre erforschet/ nehmlich Orismanes/ welcher sie und das Reich dadurch zu erlangen getrachtet/ aber auch durch verzweiffelten Eigen-Mord nichts minder seine eigene Straffe/ als die Unschuld der Koͤnigin ausgefuͤhrt haͤtte. Dahero wuͤrde die fluͤchti- ge Erato von ihren getreuen Unterthanen er- suchet: Sie moͤchte zuruͤck kehrenden vaͤterli- chen Thron besitzen/ und ihren Zwistigkeiten vollends abhelffen. Wir lagen ihr auffs neue an/ aber umsonst; denn ob wir wohl daselbst ei- nen Tag auszuruhen fuͤrgehabt/ setzte sie doch selbige Stunde noch ihre Reise ferner und schleu- niger als vorhin fort. Folgenden Tag kamen wir gegen den Mittag an eine angenehme Bach/ welche ein mit tausenderley Blumen und Kraͤutern ausgeputztes und von vielen da - selbst wachsenden Amomum eingebiesamtes Thal zertheilet/ die Huͤgel waren mit eiteln Myrthen-Oel- und Lorber-Baͤumen beschattet/ also daß dieses Paradieß die Koͤnigin amꝛeitzte da- selbst die Mittags-Hitze vorbey gehen zu lassen. Erato fing bey solcher Ruh an/ ihre numnehr er- langte Gluͤckseligkeit zu preisen/ um dardurch uns beyden/ derer Augen stets voller Wasser standen/ die so tieff eingewurtzelte Traurigkeit ein wenig auszureden/ ja sie betheuerte/ daß die gantze Zeit ihrer Herrschafft sie keine so froͤliche Stunde gehabt/ als sie an dieser anmuthigen Bach geniesse. Sie prieß ihre neuerlangte Befreyung von den guͤldenen Faͤsseln ihrer all- gemeinen Dienstbarkeit/ in welcher das unschul- dige Leben unauffhoͤrlicher Arbeit/ das lasterhaf- te ewiger Schmach/ beydes grossen Gefaͤhrlig- keiten unterworffen/ ja noch ungemeine Gluͤck- seligkeit waͤre/ sich dieser Last ohne einen blutigen Untergang entbuͤrden koͤnnen/ und wenn man von dieser abschuͤßigen Hoͤhe nicht gestuͤrtzt wuͤr- de/ sondern gemach absteigen moͤchte. Bey dieser Gelegenheit redete ich die Koͤnigin an: Es waͤre nur unbegreifflich/ daß der blosse Auff- stand der unbedachtsamen/ aber schon zur Reue gebrachten Staͤnde/ noch auch die der Herv- schafft anklebende Beschwerligkeit ihr die vaͤter- liche Krone so vergaͤllet haben solte; es muͤste eine groͤssere Ursache in ihrem Hertzen verhor- gen liegen/ welche sie wider ihre angebohrne Guͤtigkeit so sehr verhaͤrtete. Erato begegne- te mir: Liebste Salonine/ kenntest du Koͤ- nigliche Kronen so wohl inn- als auswendig/ du wuͤrdest keine auffheben/ wenn du schon mit dem Fuße dran stiessest. Der grosse Kaͤy- ser August hat sich nicht ohne Ursach derselben entschuͤtten wollen; und ich halte die Ursachen des Agrippa/ der ihm solches gerathen/ wich- R r 3 tiger Drittes Buch tiger und loͤblicher/ als des Mecenas/ der ihm diesen loͤblichen Vorsatz wieder ausgeredet. Antiochus hat auch so thoͤricht nicht gethan/ als er sich gegen die Roͤmer/ nach dem sie ihn seines gantzen Gebietes disseit des Taurischen Gebuͤrges entsetzten/ bedanckte/ daß sie ihm ei- ner so grossen Uberlast und vieler Sorgen ent- buͤrdet haͤtten. Gleichwohl aber gestehe ich/ daß die Liebe des gemeinen Heils mir die- se Last erleichtert/ ich auch wegen meiner Ge- maͤchligkeit dieses Geschencke der Goͤtter nicht weggeworffen haͤtte. Solte dir aber/ ver- trauteste Salonine/ wohl schwer fallen die Haupt-Ursache dieser meiner Entschluͤssung durch ein weniges Nachdencken zu errathen. Hastu den unvergleichlichen Fuͤrsten Zeno so geschwind aus dem Gedaͤchtnisse bracht/ dem ich zu Sinope meine gantze Seele gewiedmet/ und dessen Abwesenheit mich seit der Zeit keine Nacht ruhen/ noch auch aus der groͤsten Er- getzligkeit die geringste Vergnuͤgung hat schoͤpf- fen lassen? Oder trauestu meinem Gemuͤthe zu/ daß ich nicht ihn/ sondern sein Gluͤcke ge- liebt? daß/ nach dem er auffgehoͤrt des Pole- mon Sohn/ und ein Erbe der Pontischen Koͤ- nigreiche zu seyn/ bey mir auch sein Gedaͤcht- niß verschwunden sey? Nein sicher! Jch wer- de seinethalben noch zehen Ariobarzanes und alle Armenische/ ja aller Welt Fuͤrsten ver- schmehen; Wenn schon seine Tugenden mein Gemuͤthe und deinen Zweiffel nicht uͤberrede- ten/ daß/ ob er schon kein Kind der Dynamis/ doch aus Fuͤrstlichem Stamme entsprossen sey. Jst dir seine eigene Fuͤrtreffligkeit nicht Be- weises genug/ so will ich dir ein unverwerf- liches Zeugniß der Goͤtter fuͤrlegen. Denn wisse/ daß ich nach meiner Ankunfft in die Stadt Jdersa in dem Phrixischen Tempel der Morgenroͤthe/ woraus Jason den guͤlde- nen Widder geholet/ diese Antwort bekommen habe: Wenn Zeno nicht mehr wird seyn Polemons sein Sohn/ Wirstu Armeniens gekroͤnte Fuͤrstin werden. Wenn du verlassen wirst den vaͤterlichen Thron/ Wird Zeno dich befreyn/ viel aͤngstiger Beschwerden. Wenn man dich wieder wird zur Koͤnigin einweih’n/ Wird er ein Koͤnigs Sohn und selbst auch Koͤnig seyn. Was meinest du nun wol Salonine/ ob ich nicht Ursach habe/ mich so wol dem Verhaͤn gnisse gut- willig zu unterwerffen/ als auf die fernere Huͤlf- fe der Goͤtter zu verlassen/ welche bereit die Helf- te dieser so deutlichen Weissagung wahr gemacht haben. Nicht nur ich/ fuhr Salonine fort/ son- dern auch Artafernes verwundern sich uͤber diesen goͤttlichen Offenbaꝛungen uͤbeꝛaus/ schoͤpf- ten auch von demselben Augenblicke an kraͤffti- gen Trost. Ja ich konte mich nicht enthalten uͤberlaut zu ruffen: Jhr guͤtigen Goͤtter! Ach lasset doch unverlaͤngt geschehen/ daß Fuͤrst Zeno dieser bestaͤndigen Koͤnigin/ bey der die Liebe die Ehrsucht/ den groͤssesten Abgott der Welt uͤberwindet/ von ihren aͤngstigen Beschwerden befreye! Wir zogen hierauff fort/ kamen sonder einige denckwuͤrdige Begeben- heiten uͤber das Taurische Gebuͤrge nach E- dessa/ von dar durch die Cyrrestische Landschafft noch Antiochia an dem Flusse Orontes in Sy- rien/ und endlich von dar uͤber Meer nach Pa- phos in Cypern/ wo der beruͤhmte Tempel der Venus zu sehen ist. Selbigen soll Cyniras an den Ort gebauet haben/ wo diese aus dem Meere nach der Geburt steigende Goͤttin ih- ren Fuß zum ersten mahl hingesetzt. Thamy- ras aus Cilicien hat darinnen zum ersten/ und seine Nachkommen hernach lange Zeit geweis- saget. Die itzigen Priester rechnen ihren Ur- sprung von Cynira her. Erato wolte die Gelegenheit nicht versaͤumen hier ihre An- dacht zu verrichten. Wir begleiteten sie in den herrlichen Tempel/ welcher dreyfach mit Myr- tenbaͤumen umgeben/ aus eitel weissen Mar- mel recht in die Rundte/ und eben so wie der Dianen Tempel zu Ephesus vierhundert fuͤnff Arminius und Thußnelda. fuͤnff und zwantzig Schuch lang gebaut/ in- wendig mit dichtem Golde uͤberzogen/ aber mit keinem Dache belegt war. Denn es hat die- ses Heiligthum diß besondere Wunderwerck/ daß weder Regen noch Thau selbtes befeuch- tet. Das Thor hat Phidias aus Ertz gegos- sen/ und darinnen wie die gebohrne Venus auff einer Purpur-Muschel von vier Meer- Schweinen ans Ufer abgeladen wird/ auffs kuͤnstlichste gebildet. Uber dem Thore stehet auff einem viereckichten Agathsteine folgen- de Uberschrifft: Die Liebe wird verehrt in diesem Heiligthume/ Die Mutter der Natur und Schoͤpfferin der Welt/ Die Jrrthum fuͤr ein Kind des kalten Meer-Schaums haͤlt. Weil eh/ als Ertzt/ Crystall/ Kraut/ Schwefel/ Baumwerck/ Blume/ Corall/ Stein/ Thier gewest/ ihr Wesen schoir bestand. Ja dieses All von ihr den ersten Trieb empfand. Die floͤßt den kraͤfft’gen Thau der Fruchtbarkeit in alles/ Was Regung/ Seele/ Trieb und Wachsthum in sich fuͤhlt. Die schafft: daß/ was nur lebt/ auff seines gleichen zielt. Die schwaͤngert Wasser/ Lufft/ den Bauch des Erden-Balles/ Ja Sternen geußt sie Oel/ den Reben suͤssen Wein/ Den Wurtzeln Farb’ und Safft/ den Hertzen Anmuth ein. Schaͤmt aber euch/ die ihr Vernunfft und Urthel habet/ Daß/ da nicht wildes Vich aus dem Geschirre schlaͤgt/ Da Panther/ Loͤw und Pferd kein falsches Feuer hegt/ Nur ihr verfaͤlscht/ wormit euch die Natur begabet. Wenn Mißbrauch ihre Milch in Gifft und Geilheit kehrt/ Und/ was euch naͤhren soll/ wie Mad’ und Krebs verzehrt. Flieht/ Jrrdische/ von hier/ die ihr unreine Luͤste Fuͤr Toͤchter und Gespiel’n der Goͤttin bettet an! So wenig als Rapel aus Rosen wachsen kan/ Jaßmin aus Schwaͤmmen bluͤhn/ und Balsam qvelln aus Miste; So wenig kan die Pest / fuͤr der man muß vergehn/ Der Geilheit Mißgeburt in heil’ gen Tempeln siehn. Was ihr fuͤr Liebe ruͤhmt/ ist Eyter von den Drachen/ Was ihr zur Goͤttin macht/ ist ein Gifft-athmend Weib. Sie feißt’s Gewissen aus/ sie toͤdtet Seel und Leib. Ja wer die Wollust wil zu einem Gotte machen/ Jst wie/ der Knobloch/ Aff/ Hund/ Katzen/ Crocodil’ Jn Goͤtter; Dchs’ und Baͤr in Sterne wandeln will. Jhr Seelen aber kommt/ ihr unbefleckten Hertzen/ Die ihr den keuschen Geist nur einer Seel’ ansteckt! Denn wie mein Opffer-Tisch wird durch kein Blut befleckt/ Wie man mich nur bestrahlt mit Schwanen-weissen Kertzen: So muß bey dem/ der Uebt/ auch Leib und Seele rein/ Ein Hertze das Altar/ die Tugend’s Opffer seyn. Dem Eingange gegenuͤber stehet die Helffenbei- nerne Venus des Praxiteles/ welche mit der zu Gnidus um den Vorzug streitet/ und darein sich Macareus so unsinnig verliebet. Unten an dem Fuße dieses Wunderbildes waren diese Reime zu lesen: Soll Paris und Adon/ weil diese nur allein Die Venus nackt gesehn/ diß Bild gefertigt haben? Nach dem die Aehaligkeit so eigentlich trifft ein. Weil aber so belebt sich zeigt diß todte Bein; So fragt sichs: ob ein Gott diß Wunder ansgegraben? Denn es kan ja kein Mensch beseelen Horn und Stein. Sagt: was Praxiteles sein Meister nun muß seyn? Auff der rechten Hand stehet eben dieser Goͤttin Bild/ wie sie die Himmels-Kugel auff den Ach- seln traͤgt/ aus Alabaster vom Phidias gemacht/ auff der lincken des Alcamenes aus Marmel/ einen guͤldenen Apffel in der Hand haltend/ da- mit er den Agoracritus uͤberwunden. Der o- berste Priester Sostratus begegnete uns auf der Schwelle mit etlichen andern/ und ließ die zum Opffer von uns bestimmten drey Boͤcke/ als das hier angenehmste Opffer/ nachdem er sie eusser- lich wohl betrachtet/ und tauglich befunden/ von uns abnehmen. Er selbst fuͤhrte uns fuͤr das in der Mitte unter freyem Himmel stehende Altar/ fuͤr welchem wir nieder knieten/ nachdem wir vorher einen guͤldenen Groschen darauff ge- legt/ und eine Hand voll Saltz in das daselbst brennende Feuer gesprenget. Das daruͤber erhoͤhete Bild der Goͤttin war nicht in Men- schen-Gestalt/ sondern ein aus Gold gegossener Circkel/ der vorwerts am weitesten war/ ein- werts aber immer enger in einen gar kleinen Umkreiß zulieff. Des Priesters Auslegung nach/ ist die Venus also gebildet/ entweder weil so wohl die groͤsten als kleinsten Geschoͤpffe der Natur durch ihren Einfluß erhalten wuͤrden/ oder ihr Gestirne eben so wie der Monde ab und zunehme/ wenn es der Erden am weitesten ent- Drittes Buch entfernet/ voll und am groͤsten/ bey Naͤherung der Erden aber hoͤrnricht und am kleinsten waͤ- re. Der Priester ließ von denen geschlachteten Boͤcken nur die im Weine rein abgewaschene eussersten Theile der Glieder und Eingeweide auff das Altar bringen/ denn es mit keinem Blu- te bespritzt werden darff. Zweyfelsfrey/ weil die Liebe selbst der Ursprung alles Blutes/ oder auch gar nicht blutbegierig ist. Nach dem der Priester alle Faͤserlein/ und insonderheit die Stuͤcke von den Lebern genau beschauet/ streu- te er eine Schuͤssel voll Weyrauch in die Flam̃e/ kehrte sich hierauff um und fing zur Erato an: Die Goͤttin haͤtte ihr Gebeterhoͤret; Sie wuͤr- de zwar noch allerhand Zufaͤlle uͤberwinden muͤssen/ aber das Verhaͤngniß daͤchte ihr mehr zu/ als ihre Gedancken itzt begreiffen/ oder ih- re Hoffnung fassen koͤnte. Nach dieser erfreu- lichen Ankuͤndigung fuͤhrte uns Sostratus in eine Halle/ und zeigte uns alle dieselben un- vergleichlichen Schaͤtze/ welche die Vorwelt/ und in selbter auch ihre Vor-Eltern der Goͤttin ver- ehret. Unter denen aber allen den Vorzug verdienet das aus dichtem Golde gegossene Bild der reutenden Hipsicratea/ welches zu ewi- gem Gedaͤchtnisse ihrer unzertrennlichen Be- gleitung ihr Gemahl der grosse Mithridates die- sem Heiligthume gewiedmet. Erato nahm nebst uns Abschied/ und wir segelten mit gutem Win- de nach Rom. Sintemahl sie in diesem allge- meinen Vaterlande der Voͤlcker vom Fuͤrsten Zeno einige Nachricht zu erhalten hoffte. Wie wir nun zu Rom zwar vom Zeno das wenigste vernahmen/ Erato aber mit des Tiberius Soh- ne dem jungen Drusus vertraͤuliche Freund- schafft machte/ und dieser seinem Vater und dem Germanicus in den Dalmatischen Krieg fol- gen wolte/ entschloß sich Erato in seiner Gesell- schafft zu reisen/ und mit ihm daselbst ihr Gluͤck zu versuchen. Wie wir aber in Rhetien ka- men/ kriegte Drusus vom Tiberius Zeitung/ daß der Dalmatische Hertzog Bato und sein Sohn Sceva sich den Roͤmern ergeben/ und al- so dieser Krieg ein Ende bekommen haͤtte. Hier- bey war ein Befehl an Drusus/ daß weil krafft einer vom Koͤnige Marbod ertheilten vertraͤuli- chen Warnigung die Deutschen wider die Roͤ- mer einen Auffstand fuͤrhaͤtten/ solte er sich in das Laͤger des Qvintilius Varus nach Deutsch- land verfuͤgen/ und daselbst in die Fußstapffen seines Vettern des sieghafften Drusus treten/ welcher die auffruͤhrischen Gallier im Zaume gehalten/ die sie verleitenden Sicambrer uͤber den Rhein getrieben/ die Bataver und Usi- peter gedemuͤthiget/ die Friesen/ Chauzen und Cherusker zum Gehorsam bracht/ bey der in die Lippe fliessenden Alme die Festung Elsens/ als einen Kapzaum selbigen rauhen Voͤlckern angelegt/ die Bructerer auff der Emse ge- schlagen/ funffzig Schantzen an Rhein gelegt/ diesem Flusse den dritten Ausgang ins Meer eroͤffnet/ und mit den Roͤmischen Adlern biß an die Elbe gedrungen waͤre. Erato wol- te diese Gelegenheit das so beruͤhmte Deutsch- land zu beschauen nicht aus Haͤnden lassen/ und also reiseten wir mit dem Drusus nach Meintz/ allwo er seines in Deutschland von einem Bein-Bruche verstorbenen Vettern praͤchtiges Begraͤbnuͤß-Mahl betrachtete/ und auff seinem Altare opfferte. Von Meintz reisete Drusus und wir mit ihm auff das Gebuͤrge Taunus/ und besahen gleicher ge- stalt die daselbst vom ersten Drusus auffge- baute Festung. Wie wir aber von dar/ in willens zu dem andern Altare des Drusus an der Lippe und Alme zu gelangen/ bey die Stadt Mattium kamen/ wurden wir/ die wir von keinem Kriege nicht wusten/ gantz unvermuthet von den Catten uͤberfallen/ ja der junge Drusus im ersten An- falle mit seinem Pferde uͤber einen Hauffen ge- rennet. Wenn auch Erato und Artafernes nicht so tapffer den Catten begegnet haͤtten/ waͤre Dru- Arminius und Thußnelda. Drusus unzweiffelbar ertreten/ oder gefangen worden. Aber in dem Erato sich so sehr bemuͤ- hete den Drusus aus dem Gedraͤnge zu brin- gen/ fiel sie mit ihrem Pferde in einen Sumpf/ ward also von den Catten nebst mir/ die ich mei- ne Koͤnigin nicht in dem Stiche lassen wolte/ gefangen. Drusus entkam auf das Gebuͤr ge; ob Artafer nes sich mit ihm gefluͤchtet/ oder todt blieben/ stehe ich noch zwischen Furcht und Hoffnung. Wir aber sind von dem Hertzoge der Catten als Gefangene in das deutsche Laͤger/ und endlich hieher unter die Schutz-Fluͤgel so einer tugendhafften Fuͤrstin gebracht worden. Hiemit beschloß Salonine ihre Erzehlung/ die holdselige Thusnelde aber umarmte sie mit beweglicher Versicherung/ sie haͤtte mit nichts so sehr/ als durch den Fuͤrtrag so wunderwuͤrdi- gen Begebenheiten verbunden werden koͤnnen. Gegen der Erato aber betheuerte sie: Es waͤre ihr hertzlicher Wuntsch/ daß sie in Deutschland der Angelstern ihrer Vergnuͤgung wieder er- blicken moͤchte/ der ihr auf dem schwartzen Mee- re aus dem Gesichte kommen waͤre. Sie muͤ- ste aus denen von ihr erzehlten Tugenden meh- rentheils Wunderwercke machen; aber dieser finde sie keinen genungsam wuͤrdigen Nahmen/ daß sie Kron und Zepter verschmehet um ihrer Treue keinen Abbruch zu thun; daß sie den so bestaͤndig geliebet/ von dem sie zweiffeln koͤnte: Ob sein Stand ihres Geschlechtes faͤhig waͤre. Denn die Warheit zu sagen/ wie hoch ich die Tugend schaͤtze/ wiewol ich weiß/ daß ihre Voll- kommenheit in ihrem eigenen Wesen bestehe/ und sie so wenig einen Beysatz/ als ein vollkom- mener Edelstein eine Folge duͤrffe; so traute ich mir doch nicht zu mein Gemuͤthe zu uͤberwin- den/ daß selbtes sich einem gantz und gar eignen solte/ der nicht Edelgebohren waͤre; wenn auch schon der Neid selbst an ihm keinen Tadel zu fin- den wuͤste. Ja wenn ich auch schon aus Jrr- thum mich so ferne uͤbereilet haͤtte/ wuͤrde ich trachten meinen Fuß aus diesem Garne unver- merckt zuruͤcke zu ziehen. Denn meinem Ve- duͤncken nach erfordert so wol Liebe als Freund- schafft eine Gleichheit; und wie hohe Ankunfft den Niedrigen einen Zunder der Liebe abgiebt; also hindert ein niedriger Uhrsprung bey den Edlen/ daß eine entglimmende Gewogenheir zu keiner Liebe werde. Zwar ist mir nicht unbe- kandt/ daß auch bey uns deutschen Koͤniginnen ihre Lieb haber von der Pflugschaar genommen; daß die Scythischen und Serischen Koͤnige ih- re Gemahlinnen insgemein auch aus dem nie- drigsten Poͤfel erkiesen; aber ich weiß nicht/ ob ihre Wahl mehr fuͤr tugendhafft zu achten/ als des Paris Beginnen fuͤr leichtsinnig zu schelten sey; da er nach erfahrnem Fuͤrsten-Stande sei- ne Hirten-Buhlschafft Oenone verschmaͤhete. Denn wie die Rosen niemahls ohne Purper bluͤhen/ die Granat-Aepfel nie ohne Kronen wachsen; also soll eine Fuͤrstin auch nie nichts anders lieben/ als was Purper und Kronen in sich hat. Die Koͤnigin Erato begegnete ihr: Jch habe mich der Rechtfertigung einer so nie- drigen Liebe nicht anzumassen/ weil ich an nichts weniger/ als an des Fuͤrsten Zeno hoher An- kunfft zweifele. Aber mich duͤnckt/ daß die so holdselige Thusnelde ein allzu strenger Richter uͤber die Liebe sey; wenn sie die Tugend eines niedrigern nicht fuͤr Liebens-wuͤrdig/ oder/ wahrhaffter zu sagen/ nicht fuͤr edel haͤlt; Da doch diese der Brunn alles Adels ist. Jch lobe den Wahnwitz nicht/ daß eine Kaͤyserin sich in einen Fechter/ eine Koͤnigin in einen Mohren/ eine Fuͤrstin sich in einen Zwerg verliebt. Jch widerspreche nicht/ daß wie auff den hoͤchsten Gebuͤrgen die reineste Lufft/ also in hohen Staͤmmen insgemein fuͤrtreflichere Gemuͤths- Gaben anzutreffen/ und daß die mit Fuͤrstli- chem Gebluͤte vermaͤhlte Tugend einen zwey- fachen Glantz habe/ und also der niedrigern fuͤr- zuziehen sey; Aber ich kan auch nicht enthengen/ daß eine Fuͤrstin einen zu lieben Abscheu tragen solle/ der durch seine Tugend sein Geschlechte Erster Theil. S s adelt/ Drittes Buch adelt/ und den ersten Stein zu seinem Gluͤcke leget. Sonst haͤtte Astyagens Tochter Man- dane nicht dem Cambyses/ die Edle Hersilia nicht den Tullus Hostilius/ des Damascon Wittib nicht Agathoclen/ und des itzigen Kaͤy- fers Tochter nicht den Agrippa lieben koͤnnen. Sicher/ die Liebe hat allzu viel Zaͤrtligkeit an sich/ als daß sie diesem scharffen Gesetze sich un- terwerffen solte. Die hohen Cedern sind der Ehrsucht/ die niedrigen Myrten- und Rosen- straͤuche der Liebe gewiedmet; Diese aber hat mit jener keine vertraͤgliche Gemeinschafft. Die der Liebe ein Sinnbild zueignen/ bilden sie wie keinen Adler ab/ die nur in der Schooß des Jupiters/ oder auf dem Taurischen Gebuͤrge nisten/ sondern wie Bienen/ die an dem Saffte und der Seele der niedrigen Blumen sich ver- gnuͤgen; die den Thau des Himmels nicht ver- schmaͤhen/ wenn er schon in die tiefsten Thaͤler auf sich buͤckende Kraͤuter gefallen ist. Ja auch die Liebe/ die zwischen hohen Haͤuptern sich ent- spinnet/ enteusert sich bey ihrer suͤssen Genuͤs- sung aller euserlichen Herrligkeit; Sie suchet ihre Ergoͤtzligkeit nicht in den Zinnen der Pal- laͤste/ sondern in den Wohnstaͤdten der Hirten; nicht in dem Gepraͤnge des Hoffes/ sondern in einfaͤltiger Vertraͤuligkeit. Uber diß schiene der Fuͤrstin Thusnelde Meinung auch der Wuͤrde des weiblichen Geschlechtes einen Ab- bruch zu thun. Denn da ein Edler durch seine Heyrath eine Unedle adelte; warum solte diese Krafft dem Frauenzimmer verschraͤnckt seyn? Warum solten sie nicht ihren Adel auf die Ge- schlechts-Nachkommen fortpflantzen/ die zu der Fortzeugung mehr Gebluͤte und Sorge/ denn die Maͤnner/ beytruͤgen? Diesemnach die E- pizephyrier den Adel gar vernuͤnfftig von den Muͤttern herrechneten; die Lycier ihre Kinder nach den muͤtterlichen Ahnen/ als denen edel- sten Vor-Eltern nenneten; und die Egyptier ihren Koͤniginnen mehr Ehre/ als den Koͤnigen erwiesen; in Jndien die Schwester-Kinder so gar die Soͤhne von der Reichs-Folge ausschluͤs- sen. Die Fuͤrstin Thusnelde antwortete hier- auf: Jch will nicht in Abrede seyn/ daß auch tapffere Leute von gemeinen gezeuget werden. Dieses aber geschiehet vielleicht so selten/ als de- nen Reigern auf ihren Koͤpfen die so kostbaren Koͤnigs-Federn/ und denen Schlangen Kro- nen wachsen. Dahingegen die alten Ge- schlechter nichts minder von tapfferen Soͤhnen; als in Jndien die alten Steinklippen von Schmaragden und Tuͤrckißen reich sind. Die an der Sonne gewachsenen Fruͤchte sind schmackhaffter/ als welche an dem Schatten reif worden. Und wenn man auf den Adel tapfferer Helden nicht ein besonderes Absehn nehmen wolte; was wuͤrde endlich zwischen Kindern der Menschen und unvernuͤnfftiger Thiere fuͤr ein Unterschied bleiben? Man ver- ehrt ja das Alterthum in den todten Ehren- Saͤulen wohlverdienter Leute/ warum nicht auch in ihren lebenden Ehrenbildern/ nehmlich den Nachkommen? Diese schuldige Ehrerbie- tung macht/ daß diß/ was ein Edler gethan/ stets ansehnlicher sey/ als was ein neuer Mensch ausgerichtet. Denn wo die Tugend in einem Geschlechte einmahl recht eingewurtzelt ist/ koͤn- nen desselbten Nachkommen so schwer in eine boͤse Unart verfallen; als die Mohren-Muͤtter weisse Kinder gebaͤhren; ungeachtet ihre Schwaͤrtze keine unabsonderliche Eigenschafft selbiger Menschen ist. Diesemnach denn der Adel gar billich fuͤr einen Lorber-Krantz zu hal- ten/ welchen nicht alsbald die ersten Verdienste zu wege bringen/ sondern die verjaͤhrende Zeit denen Geschlechtern nach und nach aufsetzt/ wenn die ruͤhmlichen Thaten gleichsam schon zum Theil vergessen sind. Dannenhero muß ich unvermeidlich unserm Geschlechte ablegen/ und fuͤr das maͤnnliche nachgeben: daß/ nach dem die Fruͤchte nicht so sehr nach den Stamme eines Baumes/ als nach dem Propfreisern fal- len/ ungeachtet jener allen Safft zum Wachs- thume Arminius und Thußnelda. thume hergeben muß; die Art der Kinder/ und also die Fortpflantzung des Adels mehr denen Vaͤtern/ als Muͤttern zuzueignen sey. Jene sind doch nach aller Voͤlcker Rechte die Uhrhe- ber/ diese aber der Beschluß der Geschlechter. Alldieweil aber kein Zweiffel ist/ daß ein auf ei- nen edlen Stamm gepfropffter koͤstlicher Zweig die allervollkommensten Fruͤchte traͤgt/ muß ich die Gewohnheit der Deutschen nothwendig vertheydigen/ welche keinen fuͤr vollkommen edel hielten/ noch zu hohen Aemptern befoͤrdern/ der nicht von Vater und Mutter Edel geboh- ren ist. Wiewohl sie in dem Kriege/ als aus welchem der Adel seinen Uhrsprung nimmt/ sol- ches nicht so genau beobachten/ sondern man in Erwehlung der Heerfuͤhrer bloß auf ihre Tu- gend und Thaten das Absehn hat. Die Fuͤr- stin Jsmene ward von einem geheimen Triebe gleichsam gezwungen Thusnelden einzubre- chen: Sie meinte zwar von beyden Seiten gut von Adel zu seyn; nichts desto weniger unter- stuͤnde sie sich nicht ihr selbst diesen Ehrgeitz bey- zumessen/ daß es keine Unedle ihr nicht in vie- lem zuvor thun solte. Dahero daͤuchtete sie ih- res Vaterlandes Gewohnheit selbst allzu stren- ge/ ja hochschaͤdlich zu seyn/ weil sie durch Aus- schluͤssung der Unedlen von den hoͤchsten Ehren- stellen vielen Tugendhafften Leuten den Weg verschraͤnckte/ dem gemeinen Wesen viel guts zu thun. Zeugeten Leute von niedriger Ankunft nicht allezeit grosse Helden; so waͤren die Kin- der der Edlen auch oft von aller Tugend leer/ welche doch alleine der Adel/ wie die Speise das Leben/ erhielte. Vieler Fuͤrsten Soͤhne waͤ- ren ihren Vaͤtern so unaͤhnlich/ daß dieser Ver- dienste jenen nur ihre Fehler fuͤrruͤckte/ und ih- rer tapffern Ahnen verrauchte Bilder/ ja gleich- sam lebhaffte Steine ihnen Krieg ansagten/ und als Unwuͤrdigen den keinem Erb-Rechte unterworffenen Adel abstreiten wolten. Da nun dieser ohne Verdienste als dem Uhrsprun- ge solcher Wuͤrde ein eiteler Schatten/ ein Verfolg tapfferer Thaten herrlicher/ als eine lange Reye beruͤhmter Ahnen waͤre; da alle Menschen von einem entsprossen seyn sollen/ und also den Fuͤrsten der gantzen Welt zum Ahnherrn haben; da kein koͤnigliches Geschlech- te so alt und ansehnlich waͤre/ welches nicht nie- drige Leute/ die man nicht einst vom Nahmen kennet/ unter seinen Vor-Eltern haͤtte; ja der groͤsten Helden Nachkommen insgemein gleich- sam in ihr erstes Nichts verfielen/ und daher die von den Edlen Roͤmern auf den Schuhen ge- tragene Monden gar nachdencklich das Wachs- thum und das Abnehmen des Adels abbildeten; da unsere Geschlechts-Register so leicht dem Jrrthume und unterschlieffe unterwunden waͤ- ren/ gestuͤnde sie frey heraus: daß sie bey haben- der Wahl zwar einen tugendhafften Fuͤrsten allen andern fuͤrziehen/ einen lasterhafften aber/ ja auch so gar einen mittelmaͤßigen einem tapf- feren Unedlen im heyrathen unfehlbar nachse- tzen wuͤrde. Sintemahl dieser/ ungeachtet sei- ner niedrigen Anherokunfft/ ihren Ahnen viel naͤher kommen wuͤrde/ als die/ welche nur vom Gebluͤte Edel sind/ und in sich einen Geist des Poͤfels haben. Die Hertzogin Thusnelde war schon zu ei- nem neuen Gegensatze geschickt; als die Graͤf- fin von Horn eine Jungfrau aus ihrem Frauen- zimmer ihr andeutete: daß der Feldherr mit unterschiedenen Fuͤrsten schon im Vorgemache waͤren/ sie heimzusuchen. Also ward ihr Gespraͤ- che unterbrochen um selbte zu empfangen/ wel- che auch gleich in ihr Zimmer eintraten. Mit dem Feldherrn kamen Hertzog Arpus/ Sege- stes/ Jubill/ Rhemetalces/ Malovend/ und endlich auch Zeno; dessen aber Erato nicht ehe innen ward/ biß sie sich mit den andern bewill- kommet hatte. Wie diese zwey aber einander erblickten/ verlohren sie beyderseits Farbe/ Sprache und Bewegung. Alle Anwesenden/ denen die Nahmen und die Geschichte so wohl des Zeno/ als der Erato/ also auch die Ursache S s 2 die- Drittes Buch dieser augenblicklichen Veraͤnderung unbe- kandt war; sahen einander an/ nicht wissende: Ob sie beyder Schrecknuͤß fuͤr eine Wuͤrckung der Feindschafft/ oder Gewogenheit auslegen solten/ biß der gleichsam aus einer Ohnmacht sich erholende Zeno fuͤr der Erato auf die Knie sin- ckende/ zu ruffen anfing: Jhr Goͤtter! wuͤr- digt ihr den ungluͤckseligsten Zeno/ daß er noch einmahl den Schatten seiner Seelen-Beherr- scherin erblicke? Oder ist Deutschland so gluͤckse- lig ein so wol getroffenes Fuͤrbild der Armeni- schen Koͤnigin zu besitzen? Die Koͤnigin Erato erholete sich nun gleicher gestalt/ iedoch konte sie sich nicht maͤßigen ihn zu umarmen/ von der Er- den aufzuheben/ und zu beantworten: Nein/ nein/ mein liebster Zeno; du siehest weder die Armenische Koͤnigin/ noch ihren Schatten; a- ber wol deine getreueste Erato. Zeno fing al- sosort nach solcher Ausdruͤckung voller Bestuͤr- tzung an: O seltzame Blaͤndung irrdischer Zu- faͤlle! darf wol ein Verwuͤrfling der Welt/ den das Gluͤcke nicht nur dreyer Kronen/ sondern durch die in der Welt erschollene Erkaͤntnuͤß Ariobarzanens fuͤr den Sohn des Polemon/ seines Standes/ seines eingebildeten Uhr- sprungs beraubet/ dem das Verhaͤngnuͤs nichts als das Leben zu einer Straffe uͤbrig gelassen/ seine Augen gegen einer so erlauchteten Sonne aufzuheben sich erkuͤhnen? oder darf der/ dem die Goͤtter selbst den Ruͤcken gekehrt/ der sich weni- ger als ein an die Ruderbanck geschmiedeter Sclave auszufuͤhꝛen weiß/ ihm etwas von Tꝛeue oder Liebe einer gekroͤnten Koͤnigin traͤumen las- sen? Erato ließ hieruͤber entweder fuͤr Freuden/ oder fuͤr Mitleiden einen reichen Strom von Thraͤnen uͤber die Wangen rinnen; und ant- wortete ihm: Solte die/ welche vom Fuͤrsten Zeno in ihrer Erniedrigung/ ja ehe er sie geken- net/ so hertzinniglich geliebt worden/ von ihm itzo so leichtsinnig absetzen; nach dem sein Uhꝛsprung von unserer Unwissenheit alleine verdecket wird? Ventidius/ der die Ehre gehabt zum er- sten mahl in Rom uͤber die Parther ein Siegs- Gepraͤnge zu halten/ der in eben dem Tage des Koͤnigs Sohn erlegt/ als der edle Crassus so viel tausend edle Roͤmer eingebuͤsset/ hat sei- nen Vater niemahls erfahren. Soll man der Sonnen ihre Ehre entziehen/ wenn sie Wolcken umbhuͤllen? Oder soll unsere reine- ste Liebe sich in eine Ehrsucht verwandeln/ und nicht auf die Tugend ihr Absehen haben/ son- dern mit dem veraͤnderlichen Gluͤcke bald diese/ bald jene Larve fuͤrnehmen? Jch weiß ja wohl/ daß irrdische Abzielungen einen Menschen ihm selbst so unaͤhnlich machen koͤn- nen/ als er keinem frembden ist; daß die Ehr- sucht heute mit der Fersen stoͤst/ die die Schein-Liebe gestern gekuͤsset; daß die itzt wohlruͤchenden Rosen uns morgen anstincken. Aber die Goͤtter werden meine Seele fuͤr dieser Schwachheit/ oder vielmehr fuͤr diesem Schand- flecke behuͤten; daß mein itziger Unbestand den Anfang meiner reinen Liebe zur Heucheley ma- chen; mich aber der Welt als ein Muster der Leichtsinnigkeit fuͤrstellen solte. Tugend und Liebe sind beyde von so hoher Ankunfft/ daß ihr alle Wuͤrden weichen/ alle Vortheil aus dem Wege treten muͤssen. Zeno ward uͤber so hold- seliger Erklaͤrung gantz auffs neue begeistert/ und nach dem eꝛ keine seine Regung genungsam- ausdruͤckenden Worte fand/ seufzete er und kuͤste die Schnee-weissen Haͤnde der itzt zweyfach be- lebten Erato. Alle anwesenden Fuͤrsten sahen diesen und mehrern Liebes-Bezeugungen er- freuet zu/ und ihre Zuneigung zu beyden Ver- liebten machte sie ihrer Vergnuͤgungen nicht wenig theilhafftig. Denn die sonst so eiversuͤchti- ge Liebe erlaubet gleichwol der Freundschafft/ daß diese sich uͤber ihren Er getzligkeiten belusti- gen moͤge. Und es ist ein Beysatz der Gluͤck- seligkeit/ wenn wir uns nicht allein selbst/ son- dern auch andere gluͤckselig schaͤtzen. Wie nun die Fuͤrstin Thußnelde noch immer der Koͤni- gin Erato die Thraͤnen uͤber die Wangen schuͤs- sen Arminius und Thußnelda. sen sah/ fing sie gegen ihr an: Jch weiß wol/ daß die Thraͤnen insgemein nach den Seuff- zern/ wie ein sanffter Regen nach einem war- men Thau-Winde zu folgen/ und die Liebe sich so wohl als ihre Rosen mit derselben Thaue zu erfrischen/ oder auch durch so eine geleuterte Fluth die Entzuͤckung der Seele auszulassen pflege. Jch bin aber der Gedancken gewest/ daß die Thraͤnen alleine der Betruͤbten Liebes- Kinder/ und die Traurigkeit ihre Weh-Mut- ter waͤre. Nach dem ich nun mir unschwer einbilden kan/ mit was fuͤr einer Vergnuͤgung die Koͤnigin Erato den Fuͤrsten Zeno bewill- kommt haben muͤste; so lerne ich numehr/ daß die Thraͤnen eben so wohl ein reines Blut freu- diger Seelen seyn/ die ein verliebtes Hertze/ welches seine Freude nicht in sich beschluͤssen kan/ uͤber die Ufer der Augen auszugiessen ge- zwungen wird. Salonine/ welche ihrer Koͤ- nigin Gedancken mercklich zerstreuet zu seyn wahrnahm/ vertrat sie durch folgende Ant- wort: Es waͤre nicht ohne/ daß das Lachen insgemein eine Gefaͤrthin der freudigen/ das Weinen aber der bekuͤmmerten Liebe waͤre; welches so denn sonderlich bey der Verliebten Zertrennung herfuͤr zu qvellen pflegte. Denn weil die Verliebten sich so ungerne von einan- der entferneten/ stiegen ihre Seelen so gar biß zu den Augenliedern empor/ um ihre Buhl- schafft zum minsten so weit/ als das Gesichte truͤge/ zu begleiten. Weil nun diese Tren- nung der vereinbarten Seelen ihre wahrhaff- te Verwundung waͤre; so guͤssen sich die Thraͤ- nen aus selbten eben so haͤuffig aus; als wie das Gebluͤte aus einem zergliederten Leibe herfuͤr spruͤtzete. Alleine bey einer unversehenen Wie- derersehung der Verliebten entzuͤndete und oͤf- nete sich ihr Hertze/ die Seele vereinbarte sich abermahls mit ihren Aug-Aepffeln; und waͤre begierig sich durch ihre annehmliche Stralen mit dem/ was sie liebet/ zu vereinbarn. Weil nun die Augen allzu unvermoͤgend waͤren/ das gantze Wesen der Seele in einen andern Leib uͤberzugiessen; zuͤge sich so wohl von Liebe als Zorn in diesen irrdischen Sternen eine Menge feuriger und nasser Geister zusammen/ welche die von kalter Traurigkeit verstopfften oder ver- frornen Roͤhre des Hertzens oͤffneten/ und die herfuͤr kugelnden Wasser-Perlen uͤber die Wangen/ wie die im Fruͤhlinge von den lauen Sonnen-Strahlen eroͤffneten Wolcken die sanfften Regen abtroͤpffelten. Daher auch die von der Freude mit Gewalt ausstuͤrtzenden Thraͤnen kalt/ die langsam herfuͤr qvellenden Trauer-Zaͤhren aber heiß waͤren; bey obiger Bewandnuͤß aber es keines Verwundeꝛns doͤrf- te/ daß die Einwohner des Hesperischen Ey- landes das Weinen fuͤr ein Merckmahl ihrer groͤsten Freuden angewehren solten. Jsme- ne fing an: Salonine weiß von der Verliebten Thraͤnen so tiefsinnig zu urtheilen/ daß es schei- net/ sie muͤsse hierinnen schon das Meister- Stuͤcke gemacht haben. Jch haͤtte meiner Einfalt nach solche Thraͤnen fuͤr nichts an- ders/ als einen Schweiß der Seele zu halten wissen; welche von dem Feuer der Liebe und Freude/ als denen zwey hitzigsten Gemuͤths- Regungen ausgeprest wuͤrden. Dahingegen die kalte Furcht das Hertze einzwaͤnge/ und darmit auch allen Thraͤnen ihren Lauff ver- stopffte. Rhemetalces nahm das Wort von ihr und sagte: Jch hoͤre wohl/ diese schoͤne Fuͤr- stin sey eine Beypflichterin des Plato/ wel- cher der Seele nicht nur Fluͤgel/ sondern auch den Geistern leibliche Empfindungen zugeei- gnet hat. Jsmene versetzte: Jch bin zwar das ungelehrteste Kind in der Liebe/ und traue daher meine darinnen vorfallende Jrrthuͤ- mer nicht zu verfechten. Nichts desto weni- ger glaube ich/ daß die Seelen empfindli- cher/ als die Leiber sind; ja weil nichts unbeseeltes etwas fuͤhlet/ die Glieder S s 3 aber Drittes Buch aber nur vermittelst der Seelen Empfindligkeit haben/ solte man fast die Leiber fuͤr unempfind- lich halten/ die Empfindligkeit aber alleine der Seele zueignen. Und ob wohl das Thraͤnen- Wasser kein selbst-staͤndiges Wesen der Seele ist/ so scheint es doch so wenig ungereimt zu seyn/ daß man es fuͤr einen Brutt der Seele/ als den Regen fuͤr ein Gemaͤchte der die Duͤnste an sich ziehenden Gestirne haͤlt. Die Fuͤrstin Thusnelde pflichtete Jsmenen bey/ daß die Thraͤnen-Ver- giessung nicht aus einem Gebrechen des Leibes/ noch von einer uͤbelen Beschaffenheit der Feuch- tigkeiten/ sondern von der Bewegung der ver- nuͤnfftigen Seele gezeuget wuͤrden/ daher auch kein ander Thier/ als der Mensch alleine ei- gentlich weinen koͤnte. Dieses aber waͤre ihr mehr nachdencklich: warum die so weise Natur die Thraͤnen so wohl zu Freuden-als Trauer- Zeichen erkieset habe? Jubil antwortete: Viel- leicht zu einer Unterrichtung/ daß das mensch- liche Leben mit Freuden und Traurigkeit stets abwechsele/ und unser Hertze in beyderley Be- gebenheit einerley Gebehrdung und Empfind- ligkeit haben solte. Aber/ wie kommt es/ daß das Frauenzimmer zum weinen viel geneigter/ als die Maͤnner sind? Thusnelde versetzte: Vielleicht meinen einige/ daß die Weiber eine Verwandschafft mit dem feuchten Monden/ die Maͤnner mit der trockenen Sonne haben; und jene daher auch kleiner und kaͤlter sind/ und also sie mehr Zeug zu Gebaͤhrung der Thraͤ- nen in sich haben. Rhemetalces siel ihr ein: Wo ihre Geburt der Seele zuzueignen ist/ kan der Thraͤnen Uberfluß aus nichts anderm her- ruͤhren/ als daß das Frauenzimmer eine zaͤrte- re und empfindlichere Seele/ also auch hefftige- xe Gemuͤths-Regungen habe; und also auch die Koͤnigin Erato dem Fuͤrsten Zeno in der Liebe und Freude uͤberlegen sey. Salonine hielt es ihrer Schuldigkeit zu seyn sie zu verre- den/ und begegnete ihm: Jch glaube zwar/ die Liebe sey eine ruhmswuͤrdige Tugend/ denn sonst wuͤrden die Griechischen Welt-Weisen ihr schwerlich zu Athen im Eingange ihrer hohen Schule ein Altar aufgerichtet haben. Die- semnach ihre Staͤrcke so sehr/ als die Groͤsse in Perlen geruͤhmt zu werden verdienet. War- um will man aber hierinnen dem Fuͤrsten Zeno seinen Preiß zweiffelhafft machen. Sintemal ja die sich an ihm gezeigete Ohnmacht eine kraͤff- tigere Entzuͤckung der Liebe ist/ als die Thraͤ- nen. Denn die Lebens-Geister/ die gleichsam die Seele der Sinnen/ und der zweyte Anfang des Lebens sind/ zerstreuen sich daselbst so sehr/ daß selbtes kein ander Merckmahl/ als ein schwaches Hertz-Klopffen behaͤlt; welches nichts anders/ als ein aͤngstiges Schlagen und Huͤlffe-Ruffung der vergehenden Seele ist. Diese Ohnmacht der Verliebten ereignet sich nur bey der uͤbermaͤßigen Begierde oder Freu- de; wenn das Hertze auff einmahl alle seine Pforten angelweit aufsperrt/ daß die Geister/ die so fluͤchtigen Werckleute der Bewegung/ die Federn in dem Uhrwercke der Sinnen/ mit ei- nem Hauffen heraus brechen um mit dem Ge- liebten sich zu vereinbarn/ und hiermit dem Hertzen alle Krafft/ und dem Liebenden schier gar die Seele entziehn. Unter diesem Gespraͤche verwandte Hertzog Jubill bey nahe kein Auge von der mit dem Fuͤrsten Zeno sich unterhaltenden Erato. Denn er empfand eine ihm unbekandte Regung uͤber der Schoͤnheit und Großmuͤthigkeit dieser un- vergleichlichen Koͤnigin. Der Feldherr aber nahm fuͤr eine absondere Begluͤckseligung des Himmels auf/ daß er nicht allein so eine grosse Koͤnigin/ und einen so tapffern Fuͤrsten in seine Bekandtschafft kommen lassen; sondern daß sie auch in seiner Burg/ die sie vielleicht fuͤr einen traurigen Kercker angeblickt haͤtten/ durch ein sonderbar Verhaͤngnuͤß und ihre Vereinba- rung alle Gemuͤths-Beschwerden ablegen koͤn- ten/ die sich in ihrem beliebten Vaterlande an- gesponnen haͤtten. Nach seinen und der an- dern Arminius und Thußnelda. dern Fuͤrsten gegen sie verwechselten Hoͤfligkei- ten ersuchte er sie allerseits diesen Abend mit ihm Taffel zu halten; worzu er selbst die Fuͤr- stin Thusnelden/ Zeno seine so lange Zeit mit tausenderley Hertzeleid vermiste Erato/ Hertzog Jubil Jsmenen/ und Malovend Saloninen auf den grossen Saal fuͤhreten/ und nahe biß an Mitternacht die Zeit mit anmuthigen Gespraͤ- chen und Schertz-Reden verkuͤrtzten; welche a- ber allein der Erato und dem Zeno durch die Begierde einander ihre inzwischen ausgestan- dene Ebentheuer zu erzehlen zu lang werden wolte; biß endlich nach saͤmtlicher Abschei- dung der angenehme Schlaff sie ihrer Sorgen und vielfaͤltigen Gemuͤths-Regungen auff ei- nerley Art erledigte; dem Hertzoge Jubil hin- gegen durch allerhand Traͤume das Bildnuͤß der wunderschoͤnen Erato noch tieffer/ als vor- her seine Augen/ in denen die Liebe insgemein zum ersten jung wird/ ins Gedaͤchtnuͤß und Gemuͤthe praͤgete. Jnhalt Des Vierdten Buches. T Hußnelde/ Jßmene/ die Cattiche Hertzogin und Fraͤulein nebst Sa- loninen werden in begieriger Erwartung der zwischen der Koͤnigin E- rato und Fuͤrsten Zeno vorgegangenen Ebentheuer von Adgandestern des Feldherrn obristem Staats-Rath zu dem Taufanischen Tempel/ allwohin des Drusus zu Alison von den Deutschen noch uͤbrig gelasse- ne Heiligthuͤmer gebracht werden sollen/ verleitet/ vom obristen Prie- ster Libys mit gewoͤhnlicher Ehrerbietigkeit in solchen gefuͤhret/ und aldar die vier Haupt-Stroͤme Deutschlandes/ die Donau/ der Rhein/ die Elbe und die Weeser nebst des Drusus in Lebensgroͤsse aus Marmer gehauenem Bildnuͤsse mit aller- hand schoͤnen seine herrliche Siege und Thaten in sich haltenden Denckspruͤchen gezeiget/ uͤber welcher sonderbaren Kunst und Erfindung sich die gantze Versammlung zwar er- goͤtzet/ sich aber zugleich befrembdet/ wie diese ruhmraͤthigen Bilder zu Verkleinerung ihres Vaterlandes Schutz-Goͤtter in ihr Heiligthum gesetzet werden koͤnten/ welchen Hertzog Herrmann versetzet: daß die Tugend auch bey Feinden zu loben/ und zu guter Nachfolge dienen muͤsse/ welchen alles widrige Urtheil uͤberwiegenden Gruͤnden des Feldherrn der Priester Lybis beypflichtet/ und die Tugend nicht anders als die Sonne uͤberall einerley und zu verehren wuͤrdig schaͤtzet; und kommt hierauf unter so vielen er- tichteten Goͤttern auf ein eintziges goͤttliches Wesen/ welches alles einstimmig ordne/ schaffe und erhalte. Ob nun wohl der Priester Libys den sterblichen Menschen keine Vergoͤtterung zugestanden/ sondern ihr ruhmbares Andencken in die Hertzen der Le- benden/ als die besten Tempel und schoͤnste Ehren-Saͤulen gesetzet wissen will; So kan er doch nicht alle euserliche Gedaͤchtnuͤß-Mahle/ als dem rechten Sporn lauer Gemuͤ- ther/ Vierdtes Buch ther/ und also auch des Drusus Bild nicht so/ wie die ihren reinen Gottesdienst benach- theiligende Altar-Taͤffel aufzurichten widersprechen/ welche letztere der Feldherr hierauf zerbrechen/ den Hertzog Jubil/ Arxus/ Siegismund und Melo aber zur Berathschla- gung wichtig eingelauffener Schreiben in Tempel beruffen laͤst. Fuͤrst Adgandester Rhemetalces und Malovend besprachen sich indessen bey Zermalmung dieser herrlichen Taffel von des Drusus Ruhme/ der Bunds-Genossenschafft und denn auch von den Gruͤnden der Vernunfft und Gesetzen der Natur. Drusus wird wider die den Roͤmern verhaste Feinde die Rhetier geschicket. Kaͤyser August zu Lugdun auf dem Wagen der Sonnen in Gestalt des Apollo durch die ihm aufgerichtete mit eitel von der Sonnen und den Haupt-Stroͤmen Galliens hergenommenen auf ihn und den Julius zielenden Sinnbildern ausgezierte Ehrenpforte in den vom Adginnius am Rhodan aufgebaue- ten Tempel aufs praͤchtigste eingeholet. Die Gallier werden wider die Roͤmer schwuͤ- rig/ durch des Drusus Vorsichtigkeit aber bald wiederum zum Gehorsam gebracht; Jngleichen die Moriner nebst den Batavern von diesem vergeblich bekriegt: welche letz- tern von den streitbaren Catten entsprossen/ ihren Sitz zwischen dem Rheine und Nord- Meer erkieset/ dem Schutz der Britannier sich anfaͤnglich unterworffen/ nachgehends aber dieses harte Joch vermittels ihres tapffern Hertzogs Eganors und seines Sohnes Eisenhertz sich wiederum zum freyen Volcke gemachet. Dieser ihre grosse Handlung und Schiffarth hat sie in der gantzen Welt bekandt/ ihre Hertzhafftigkeit sie fast zwischen allen Voͤlckern zu Schieds-Richtern und Bundsgenossen der maͤchtigen Roͤmer ge- macht/ biß sie endlich von den klugen Britanniern/ ja selbst dem Hertzoge Wodan durch die Suͤßigkeit der Ruhe und des Gewinns eingeschlaͤfft/ der Waffen vergessen/ vom Drusus ploͤtzlich uͤberfallen/ und in kurtzer Zeit fast des halben Theils ihrer Herrschafft entsetzet worden. Enno ein alter Staats-Mann bringet die Fuͤrstliche Herrschafft als die aͤlteste und heilsamste Herrschens-Art wider das neue Staats Gesetze zum Vor- theil des Cariovalda und Frohlocken des Poͤfels wieder auf den Teppich/ worauf dieser einen der vornehmsten Raͤthe und den gemeinen Redner wider Urthel und Recht aus ei- nem blossen Verdacht erbaͤrmlich abschlachtet. Jnzwischen nehmen die Sicambrer/ Usipeter und Catten aus einer sonderbaren Staats-Klugheit gleichwol wahr: daß sie sich von den herrschenssuͤchtigen Roͤmern nicht einzuschlaͤffen/ sondern des Drusus sieg- hafften Waffen zu widersetzen Ursach haͤtten/ wordurch des Drusus Heer denn von den Batavern abgezogen/ von jenen aber wegen des Ober-Gebiets und Mißtr aͤuligkeit wei- ter nichts fruchtbares ausgerichtet wird/ als/ daß ein Stillstand der Waffen zu ein und anderm hoͤchsten Nachtheil erfolget. Drusus unterfaͤnget sich gegen die Friesen und Catten eines nicht minder gluͤcklich als verzweiffelten Werckes durch Vereinbarung ei- nes Rhein-Arms mit der Nabal und Aufbauung der Festung Drususburg/ uͤberwin- det die bey einem sonderbaren Feyer versammleten Friesen nach hartem Gefechte seiner eigenen Verwundung/ und des gefangenen Fuͤrsten Cheudo großmuͤthigen Antwort. Er Drusus ergoͤtzet sich an der ins Nord-Meer sich ausgiessendem Emße/ wie nicht weni- ger an denen vom Hertzoge Wodan dabey aufgerichteten und auf sich selbst deutenden Saͤulen. Die hier aus geschoͤpffte Selbst-Liebe und Heucheley ver anlasset ihn auch die Chaͤutzen zu uͤberfallen/ die ihn aber mit hoͤchstem Verlust und gaͤntzlicher Niederlage der Arminius und Thußnelda. der Friesen gantz krafftloß wieder nach Rom schicken/ von dar ihn Eifer und Rache bald wieder zuruͤcke diesen und den Usipetern auff den Hals ziehen/ welche erstern sich auch nach hertzhaffter Gegenwehr dennoch dem Roͤmischen Joche unterwerffen/ und durch ploͤtzlichen Uberfall des Cherustischen Gebiets zu Deutschburg des Feldherrn Segimers zwey Soͤhne mit ihrer Mutter Asblaste dem Drusus zur Beute werden muͤs- sen. Der Feldherr Segimer der Sicambrische Hertzog Melo ziehen die Catten in ihr in einem heiligen Haͤyne mit der Roͤmer Blute gleichsam bezeichnetes Buͤndniß/ schneiden dem an die Weser geruͤckten Drusus/ welcher Fluß seiner eigenen in Stein gegrabenen Worte nach der Zweck seiner Siege war/ die Ruͤckkehr ab/ in welchem blutigen Fechten die Roͤmer 12. Fahnen der Nervier/ 8. der Friesen/ 20. der Gallier nebst einem Roͤmi- schen Adler einbuͤßen/ Anectius vom Arxus/ Senectius vom Melo erlegt und Drusus vom Segimer verwundet wird/ so/ daß er sich nach Alison fluͤchten muste/ von dar er nach Rom zum Siegs-Gepraͤnge beruffen/ und vor ihm her des Feldherrn Gemahlin Asblaste mit ihren zwey Kindern auff einem goldnen Wagen mit 4. weissen Pferden ge- fuͤhret wird. Von dieses des Drusus mehr den Deutschen zum Schimpff als ihm zu Ehren gereichenden Siegs-Gepraͤnge kommt Adgandester auff Rhemet alces und ande- rer Fuͤrsten instaͤndiges Anhalten auff der Octavie des Kaͤysers Schwester Tochter die schoͤne in einen Edelmann Nahmens Murena verliebte dem Drusus aber von der Livia und Augustus zugedachte Antonia/ wie diese ihre Liebe unter einer in dem ihr verehrten Vorwerg bey Baje zahm gemachten Fisch Murene so kluͤglich verstecket. Wie sehr sich beyde gleich vor der auffsichtigen Octavie und schlauen Livie in acht nehmen/ so muß doch eine im Saal des Weihers gefundene stumme Taffel/ und bald darauff die durch widri- gen Zufall erfolgte Verwechselung der Brieffe ihrer Liebe Verraͤther seyn. Octavia und Antonia gerathen durch Umstuͤrtzung des Schiffes in Lebens-Gefahr/ werden aber vom Murena wunderbar errettet; Die verwechselten Brieffe zwischen Julien und An- tonien gegen einander ausgewechselt/ diese auch von jener bey bevorstehenden zu Pu- teoli angestellten Schau-Spielen/ wobey Hertzogs Segimers Gesandter der Ritter von der Lippe das beste gethan/ alles Vorschubs in ihrer geheimen Liebe zwar versichert/ un- ter dem vermeinten Murena aber dem Drusus faͤlschlich in die Haͤnde gespielet/ wor- uͤber sie in halbe Verzweiffelung gesetzet wird. Jnzwischen wird Drusus in der am so genannten Spiegel-See der Goͤttin Diane gelegenen Hoͤhle Egenia von seiner Mutter wegen eines an die Julia gefertigten Brieffs gerechtfertiget/ diese Stadtkuͤndige La- ster nebst andern ihrer Ehe verhinderlichen Geheimnissen/ dagegen die wunder wuͤr di- ge und mit allen Tugenden vergesellschafftete Schoͤnheit der Antonie/ die ihm mit der Zeit den Kaͤyserlichen Thron zum Braut-Schatze zu bringen wuͤrde/ ihm vor Augen gestellet/ endlich auff des Kaͤysers vorgezeigten Befehl zu der letztern Entschluͤssung auch bewogen/ und diese wenige Tage darauff nach denen der Diane geschlachteten Opffern zu Rom durch ordentliches Beylager mehr mit Liviens und Juliens/ als der Vermaͤhlten Freude praͤchtig vollzogen wird. Dem Drusus steckt Juliens Liebe noch immer im Kopffe; Julia dagegen der Zeither in Kummer und Einsamkeit vergrabe- nen Murena zu geniessen dencket auff alle ersinnliche Mittel/ wird aber von der be- Erster Theil. T t gleich- Vierdtes Buch leidigten Antonia mit gleicher Muͤntze bezahlet und der Liebe des Murena entzogen/ gleichwohl aber durch die Staassuͤchtige Livia mit tausenderley Erfindungen an ihren andern Sohn den Tiberius mit Verstossung der frommen und schwangern Vipsania vermaͤhlet; diese mit unablaͤßlichen Geilheiten schwanger gehende Julia zuͤndete nicht weniger Eifersucht bey ihrem Gemahl/ als neue Liebes-Flammen in dem Gemuͤthe des Drusus an; bauet am Rheine die nach ihrem Gemahl benahmte Stadt Tiberich/ ihr selbst zu Ehren und des am Rhein stehenden Drusus mit besserm Fug zu geniessen/ an der Ruhr die Stadt Juͤlich. Dieser faͤllt auffs neue die Catten wieder an/ wird auch von ihrem am Ufer hertzhafft fechtenden Hertzoge Arpus selbst verwnndet; Dennoch a- ber von diesem wegen der den Romern zu Huͤlffe kommenden Ubiern sich in die Waͤlder zwischen die Fulde und Weser zu setzen vor rathsam gehalten/ allwo ihn Drusus ungeir- ret lassen/ sich gegen dem Maͤyn wider die Hermundurer zuruͤcke ziehen/ vor der grossen Macht des Marobods seine kriegerische Waffen in Friedens-Zeichen verwandeln/ ja die- sesund des Schwaͤbischen Koͤnigs Vannius erlangte Feindschafft mit allerhand kostba- ren Geschencken verehren muß. Nach diesem Erfolg sucht er seine Rache an denen von fremder Huͤlffe entbloͤßten Cheruskern auszuuͤben/ setzet uͤber die Weser biß an Hartz-Wald/ nach gefundenem Widerstande wendet er sich gegen die Elbe/ diesen noch von keinem Roͤmer iemahls betretenen Fluß zu uͤber setzen; Allein die Gespenster muͤßen sich seinem Ehr geitze in Weg legen/ und die durch Opffer vergeblich versohnten Schutz- Goͤtter des Flusses ihm seinen Bruͤckenbau hindern. Die dißfalls sor gfaͤltigen Rhe- metalces und Adgandester sich unter einander besprechende Fuͤrsten: Ob diese vom Dru- sus und vielen andern erzehlte gleichstimmige Begebniß wahrhafftig geschehen und was davon zu glauben sey? vergesellschafftet der ihnen zuhoͤrende Priester Libys/ ertheilet ihnen seine Gedancken uͤber die denen Menschen/ Landschafften/ Bergen/ Staͤdten/ Tempeln und Fluͤssen zugeeignete Schutz-Goͤtter/ wie von diesen in Roth- faͤllen augenscheinliche Huͤlffe erfolget/ also um so viel weniger zu beleidigen/ noch durch was widriges zu verjagen waͤren/ ja es zeigte der schlechte Ausgang des Dru- sus: daß diese durch keine vermeinte Kuͤnste/ wohl aber durch unsere eigene Laster ent- rissen werden konten/ dafuͤr wohl gar einige Menschen in ihren Geburtstaͤgen von ihrem sichtbaren Schutz-Geiste oder durch Traͤume gewarnet worden. Der hier auff unverrich- teter Sache sich wieder zuruͤck ziehende Drusus findet seine uͤber die Weser geschlage- ne Bruͤcke nicht allein zernichtet/ sondern auch von seiner dabey gelassenen Besatzung nichts mehr als ihre Todten-Knochen. Die wieder ergaͤntzte Bruͤcke steckt der im Hartz-Walde stehende Segimer durch sonderbare List wieder in Brand/ erleget das hier- durch getheilte feindliche Heer biß auffs Haupt/ den Drusus bey nahe selbst durch Stuͤr- tzung seines verwundeten Pferdes. Dessen gefaͤhrlicher Beinbruch wird durch den zuschlagenden Brand unheilbar/ die Gefahr dem Tiberius durch schnelle Botschafft beybracht/ welcher ihn kuͤmmerlich zu Maͤyntz noch lebend antreffen und ihm den letz- ten Abschieds-Kuß geben kan. Die anwesende Julia druͤckt ihm die Augen zu/ mit ih- ren Thraͤnen waͤscht und salbt sie zugleich seinen Leib ein/ biß er vollends nach Rom gebracht/ alldar oͤffentlich gewiesen/ vom Kaͤyser selbst seiner Thaten halber geruͤh- met/ Arminius und Thußnelda. met/ durch die vornehmsten der Roͤmischen Ritterschafft auff das Feld Mars getra- gen/ allda verbrennet/ die Asche ins Kaͤyserliche Begraͤbniß gesetzet/ ja ihme und al- len seinen Soͤhnen nicht allein der Nahme des Deutschen gegeben/ sondern auch statt des ihm bestimmten Siegs-Gepraͤngs andere Feyer und Gastmahle angestellet/ zu Rom und am Rheine Ehrenbogen auffgerichtet/ die Mutter Livia aber in die Zahl derselbigen Muͤtter/ die drey Kinder gebohren/ gezehlet worden. Unter dessen nim̃t Segi- mer die vor unuͤberwindlich geschaͤtzte Festung Altheim am Rheine ein/ draͤuet auch einen Einfall den Galliern/ also: daß Kaͤyser August den Batavern ihre Laͤnder und Staͤdte an der Maaß wieder abtreten/ Segimern durch annehmliche Friedens- Vorschlaͤge besaͤnfftigen und die uͤbrigen Bundes-Genossen befriedigen muß. Uber dieser des Adgandesters Erzehlung laͤufft die unvermuthete Nachricht ein: daß die Fuͤrstin Thußnelde nebst ihren Gefaͤhrtinnen aus dem Lust-Garten mit Gewalt ge- raubet worden/ worauff der nebst dem Fuͤrsten Jubil im Tempel sich befindende und daruͤber hoͤchst bestuͤrtzte Hertzog Hermann augenblicks seine Leib-Wache auff- beut und samt den uͤbrigen Fuͤrsten den Raͤubern nacheilet/ von welchen/ und daß Fuͤrst Zeno toͤdtlich verwundet/ die an einen Baum gebundene Solonine/ ingleichen einige uͤbereilete Lombardische Soldaten Bericht ertheilen/ auch: daß Segesthes und Marobod diesen verzweiffelten Anschlag ausgefuͤhret/ und an dem Furthe der Weser mit 6000. Pferden der Raͤuber erwartete; Worauff Hertzog Herrman sich gleichfals verstaͤrcket/ und/ ehe er es vermeinet/ mit des Feindes Hinterhalt ein Tref- fen halten muß/ biß er endlich gar auff sie stoͤst/ viel zur Beute machet/ und nach Er- blickung seines Leit-Sterns der Thußnelde selbst den Marobod als ein wuͤtender Loͤ- we anfaͤllt; von der Menge aber endlich uͤbermannet/ gefangen und von dem un- danckbaren Segesthes mit einer schimpfflichen Ketten als ein Knecht geschlossen wird/ auff welche erblickte Schmach Thußnelde als eine ihrer Jungen beraubte Baͤrin dem naͤchsten Lombarder den Degen ausreisset und durch dessen tapffern Gebrauch den Feld-Herrn aus den Ketten/ ein unter dem Rhemetalces darzu kommender Ritter Horn aber ihn auff sein Pferd bringet/ daß er den Marobod/ jener aber den Se- gesthes hurtig anfallen kan; Worauff dieser ihm uͤbel bewuste und hefftig verwun- dete Fluͤchtling eines schimpfflichen Todes halber; Marobod aber gleichfals verwun- det mit Hinterlassung seiner herrlichen Beute/ die er letzt noch durch einen verzweif- felten Bogen-Schuß zu verderben suchet/ sich aus dem Staube machen und mit den seinigen den Platz raͤumen muß. Jndessen halten Hertzog Melo und Jubil mit dem Marsingischen Hertzoge Taxis und des Sarmatischen Koͤnigs Jagello Sohn Boris einem halben Riesen ein hartes Gefechte/ darinnen Melo zweymahl verwundet sich zuruͤck ziehen/ und Jubil die Hitze vollends allein aushalten muß/ biß er endlich des Boris Pferd verwundet und zugleich den Reuter mit seiner schweren Ruͤstung uͤber und uͤber stuͤrtzet/ wie er ihm aber vollends das Lebens-Licht auszuloͤschen im Wer- cke ist/ wird er durch ein unvermuthetes auch bald hierauff erkanntes Geschrey der sich gegen einige blancke Sebel der Sarmater beschirmenden Koͤnigin Erato hier- von ab/ und ihr zu Huͤlffe gezogen/ daran er aber von zweyen zu des Boris Leib- T t 2 Wache Vierdtes Buch Wache abgerichteten und von dessen Waffentraͤger wider ihn loßgelassenen weissen Baͤren mercklich gehindert/ wegen der Koͤnigin selbst in groͤsten Kummer gesetzt/ ja letzt von dem noch uͤbrig lebenden Baͤren bey seinem groͤsten Ungluͤck auff gantz wunderbare Weise in den Ort gebracht wird/ allwo sich die kaum noch athmende Koͤnigin mit den geilen Sarmatern aͤrgert/ sie aber hiervon alsbald mit der Feinde eigenen Waffen erloͤset/ und auff zweyen in Wald verlauffenen gesattelten Pferden wieder zu seinen durch den Fuͤrsten der Hermundurer entsetzten Cheruskern bringet. Thußnelde dancket ihrem vom Blut bespritzten Hertzog Herrmann mit tausend Thraͤnen vor die Erloͤsung/ verflucht die Untreu ihres Vaters; der Feld-Herr aber leget auff der Wage seiner Vernunfft dem vergessenen Unrecht vor der Rache das Gewichte zu. Nicht weniger faͤllt die Koͤnigin Erato dem Hertzog Jubil in die Armen/ und erhebt ihn unter vielen Lobspruͤchen vor ihren Schutz-Gott/ wird a- ber von ihm wie vorhin mit ruͤhmlicher Tapfferkeit/ also auch nunmehr mit aller gegen gesetzten Hoͤffligkeit verfochten. Diese Begebnuͤß giebet zugleich Anlaß zu ei- nem unwidersprechlichen Urtheil: daß Tugend und Laster nicht dem Einfluß der Ster- nen/ am wenigsten aber gewissen Laͤndern zuzuschreiben/ sondern ieder Ort seine Wunderwercke und Mißgeburten nicht weniger als seine Tage und Naͤchte habe: Ja wo Sonnen/ es nicht an Finsternißen; Wo Menschen/ es nicht an Ungeheuern fehle/ deren Grausamkeit alle vernunfftslose Thiere zu entwaffnen/ und gegen die Koͤni- gin Erato die sonst raasenden Baͤren mehr Barmhertzigkeit als die Sarmatischen Unmenschen vorzukehren gewohnet. Uber diesem Gespraͤche kommen unvermuths einige vom Adgandester und Malovend geschlagene Marckmaͤnner dem Feld-Herrn in die Haͤnde/ welcher/ an statt: daß er dem fluͤchtigen Koͤnig Marobod vollends vertilgen koͤnnen/ ihm durch einen Brieff ersprießliche Friedens-Mittel anzutra- gen/ und seine uͤber ihres Vaters des Segesthes Untreu hoͤchst bekuͤmmerte Thuß- nelde dadurch moͤglichst zu troͤsten bemuͤhet ist. Thußnelde erzehlet ihren und der Koͤnigin Erato vorgegangenen Raub/ des Fuͤrsten Zeno dabey erwiesene Tapffer- keit/ Saloninens Ungemach/ Segesthes und Marobods uͤber sie ergangene Ent- schluͤssungen mit hoͤchster Gemuͤths-Beschwer/ und wie sie endlich zu Deutschburg anlangen; kommt Hertzog Hermanns Bruder Flavius mit hoͤchster Frende des gantzen Hofes auff etlichen Post-Pferden alldar an/ und uͤberbringet von Rom die grosse Bestuͤrtzung uͤber des Varus erlittenen Niederlage/ so den fuͤnfften Tag/ weil insgemein dem Ruff Fluͤgel angehefftet werden/ schon alldort kundig worden; Augustus verlieret durch sein hierbey bezeigtes Ungeberden das Ansehen bey den deutschen Fuͤrsten/ die ihn des Tages zuvor aller widrigen Zufaͤlle Meister/ ja der gantzen Welt Beherrschung wuͤrdig geschaͤtzet; Jedoch redet diesem der Feld-Herr alleine noch das Wort/ und zwar: daß zuweilen auch der Hertzhafftigste dem Gluͤ- cke und der Natur ausweichen/ bey Helden die Furcht und Tapfferkeit eben so wohl als in Wolcken Feuer und Kaͤlte sich vereinbaren muͤste. Flavius erzehlet seine Be- gebniß und Aufferzichung zu Rom/ der Romer insonderheit des jungen Lucius la- sterhafftes Leben und Geilheit. Jn dieses jungen Fuͤrsten Hertze haͤlt die Lehre des welt- Arminius und Thußnelda. weisen Athenodors und der heuchlerische Hoff einen rechten Kampff-Platz. Jener bemuͤhet sich ihm auff tausenderley Art die Wollust zu vergaͤllen; Ein ander von der Staats-suͤchtigen Livia erwehlter Welt-Weiser Aristippus aber floͤste ihm dage- gen solche ins geheim durch seine verzuckerte Worte und verteuffelte Hand-Griffe ie mehr und mehr ein/ biß solche endlich vom Sotion einem frommen Druyden ver- rathen/ Flavius nebst dem Cajus und Lucius/ welcher an den hitzigen Morinnen sein eintziges Vergnuͤgen/ an allem weißen Frauenzimmer als todten Bildern einen Eckel gehabt/ von diesem Laster-Balge entrissen/ dieser aber nebst seiner ergriffenen unzuͤchtigen Gesellschafft auffs Kaͤysers Befehl erwuͤrget/ in die Tiber geworffen/ und alle Epicurische Weltweisen aus Rom und Welschland verbannet werden. Der Kaͤyserin Livia Geburts-Tag wird zu Rom mit allerhand Auffzuͤgen auffs praͤchtigste begangen/ Lucius dabey in die Dido des Juba und jungen Cleopatre Toch- ter/ weil er ohne dem einen sonderbaren Zug zu den schwartzen Morgenlaͤndern gehabt/ hefftig verliebet; Flavius aber/ welcher sich ihn von seinen schwartzen Gottheiten ab- zuhalten/ und die Weißen vor jenen mit allerhand Gruͤnden zu erheben bemuͤhet/ auch das Urthel durch die Schieds-Richter nebst dem Nahmen Flavius erhellet/ von ihr mit mehr Stralen der Bewogenheit begluͤcket/ dagegen von seinem eiffer- suͤchtigen Neben-Buhler; dieser von der darzu kommenden Dido/ Dido vom jungen Agrippa durch einen Dolch; Agrippa vom Micipsa der Dido Edelknaben durch ei- nen Pfeil toͤdlich verwundet wird; die Verwundeten werden alle von einem Bri- tannischen Artzt nicht so wohl durch Verbindung der Wunden/ als des mit einem ge- wissen Staube bestreuten Dolches wiederum geheilet/ der Artzt aber/ um/ daß die- ser den Flavius sein Huͤlffs-Mittel zugleich mit geniessen lassen/ mit eben diesem Moͤrder- und schaͤdlichen Werckzeuge vom Lucius in Leib gestochen/ welche That dem Kaͤyser zu hoͤchster Empfindligkeit/ und den Flavius ausser Rom in Sicherheit zu wissen veranlasset/ so nach schmertzlichem Urlaub bey der Dido unter dem Koͤnig Juba und Cornelius Cassus wider der Getulier Hiempsal zu dienen bald begierig/ und die Dido in Rumidien wieder zu sehen gewaͤrtig ist. Juba laͤst dem Gefan- genen Himilco den Kopff abschlagen und solchen dem die Stadt Azama beschuͤtzen- den Hiarba mit gleichmaͤßiger Bedraͤuung uͤberbringen/ welcher ihm hundert Koͤpffe gefangener Numidier unter dem Vorwand sonderbarer Freygebigkeit und eines schuldigen Danck-Opffers zur Gegen-Gabe lieffert. Wodurch die Numidi- er noch mehr erhitzet und die Getulier durch einen vom Flavius ersonnenen listigen Streich vermittels der Alraun-Wurtzel in seinem verlassenen Laͤger eingeschlaͤffet/ hier- auff uͤberfallen/ gefangen und der ertoͤdteten Koͤpffe dem Juba zur Beute uͤberbracht werden/ von welchen dieser Koͤnig einen grossen Berg schuͤtten/ mit den Gefange- nen die Stadt Antotala bestuͤrmen/ alles darinnen niederhauen und den Deutschen zu Ehren die Stadt Tumarra/ allwo Flavius diesen Sieg erhalten/ Germana heissen laͤst. Nach gaͤntzlich erlegter Feinde und des Hiempsals eigener Person se- tzet zu Cirtha des vergoͤtterten Juba durch kuͤnstliches Zugwerck von der Cleopatra zubercitetes Bild seine Krone dem in Tempel siegreich zuruͤck kommenden Koͤnige Ju- T t 3 ba; Vierdtes Buch ba; Zwey andere aber dem Cornelius Cassus und Flavius zwey mit Diamanten und Rubinen durchflochtene Lorber-Kraͤntze auf; dieser letzte findet in dem seinen einen verwirreten Zettel/ nachgehends aber in dem Tempel der Getulischen Diana unter die- sem Bilde seine unter andern zum Schlacht-Opfer schon fertig stehende geliebte Dido/ welche uͤber des Flavius Anblick in Ohnmacht weggetragen/ eine andere in ihre Stelle verordnet/ auch vom Juba folgenden Tag im Tempel in Beyseyn des Priesters uͤber den zu Rom ihr begegnenden Verlauff befraget wird. Da sie denn mit aller Bestuͤr- tzung des Lucius zu Massilien an sie versuchte Thaͤtligkeiten/ davon sie sich nicht anders/ als durch das Geluͤbde ewiger Jungfrauschafft loß reissen koͤnnen/ nebst Ver- achtung ihrer Goͤtter und Stuͤrmung des Tempels/ woruͤber ihm Dianens gerechte Rache das Lebens Licht ausgeblasen/ erzehlet: Welch gezwungenes Geluͤbde Flavius als unguͤltig verwirfft/ der oberste Priester dagegen widerspricht/ und die Dido dabey zu sterben verurtheilet/ woruͤber der Koͤnig und Flavius betruͤbt aus dem Tempel gehen/ Cornelius Cassus aber nach Rom wegen der gezwungenen Getulier zum Siegs Gepraͤnge kommen muß. Flavius erzehlet: Daß er unter Furcht und Hoff- nung noch ein gantzes Jahr bey dem Koͤnige Juba zu Hofe geblieben/ die Getulier auf Anstifften der Garamanten aber bald hierauf wiederumb wegen des in Lybien ge- aͤnderten Acumonischen Gottes-Dienstes wider die Roͤmer die Waffen ergriffen/ so Koͤnig Juba unter seines des Flavius tapfern Anfuͤhrung mit Eroberung vieler Staͤdte/ des Micipsa eigenhaͤndiger Erlegung/ und des Amilcars am so genanten Sonnen-Brunnen erfolgten Gefangenschafft bald wiederumb daͤmpfet/ worauf Qvirinius zu Rom/ Juba und Flavius zu Cirtha/ dieser letztere mehr uͤber die Feinde als seine Seelen-Beherrscherin sieghaft einziehet: Denn an statt/ daß ihre annehmliche Bewillkommung seine Freude vermehren soll/ eroͤffnet sie ihm durch ein Schreiben/ daß sie ihre Jungfrauschafft einem geilen Priester opfern muͤssen/ welche Greuel-That Flavius an dem obersten und uͤbrigen ihm vergesellschaftenden Priestern mit eigenhaͤn- diger Ausschneidung ihrer Mannheit/ zum Zeugnuͤß ihrer kuͤnftigen Keuschheit zu raͤchen/ und dem Juba in einem Abschieds-Briefe solches zu seiner Nachricht zu eroͤff- nen nicht umbgehen kan/ darauf er wieder nach Rom kehret/ vom Kaͤyser und Tiberius wegen seiner vor die Roͤmer in Africa geleisteten guten Dienste wohl empfangen/ des Kaͤysers Leibwache zum Haupte vorgestellet/ bald aber wiederumb mit dem Tiberius und Rhemetalces entgegen dem Bato/ Dysidiat/ und die die Roͤmer gluͤcklich bekriegen- de Dalmatier gesendet wird. Der widrige Lauff dieses Krieges bringet den Tiberius in einigen Verdacht/ den jungen Agrippa hingegen ans Bret/ welch ihrem Sohne hoͤchst-schaͤdliche Neben-Sonne die argdenckliche Livia bald wieder verfinstert. Jn- zwischen wendet der in Pannonien geschickte Germanicus allen moͤglichen Fleiß an/ dem Bato einen gluͤcklichen Streich zu versetzen/ welcher auch vermittels des Flavius und Deutschen Tapferkeit/ ingleichen durch des Feindes Zwytracht dergestalt erfolget/ daß Dysidiat den Tiberius umb Frieden anflehen muß/ nach welch gluͤcklichen Er- folg Tiberius/ Germanicus und Flavius mit Freuden und erlangten Sieges-Kraͤn- tzen wieder nach Rom kehren/ Bato aber vom Dysidiat wegen seiner Verraͤtherey ge- Arminius und Thußnelda. gespissct wird/ welche der Kaͤyser vor einen neuen Friedens-Bruch annim̃t/ den Dysidiat aufs neue uͤberziehet/ Tiberius die Festung Anderium/ Germanicus durch des Flavi- us Huͤlffe die von den inwohnenden Weibern aufs aͤuserste beschuͤtzte Stadt Arduba erobert/ und endlich die Dalmatier/ Pannonier/ Dacier und Sarmater nach vielen harten Treffen/ woruͤber der tapfere Silan sein Leben einbuͤsset/ am Jster und Drave- Strom gaͤntzlich erleget/ Dysidiat aber dergestalt ins Enge gebracht wird/ daß er zu den Fuͤssen des Tiberius mit Darreichung seines Kopfes umb Gnade bitten/ und sein gantzer Anhang sich unter des Kaisers Gehorsam beugen muß/ welcher Ursachen halber denn vor den Tiberius und Germanicus zu Rom neue Siegs-Gepraͤnge/ vor den Fla- vius und den auf dem Bette der Ehren gestorbenen Silan zwey Sieges-Bogen in Pannonien aufgerichtet/ und auf der Wallstadt den sich dabey sonderlich wol gehal- tenen Deutschen zu Ehren die Stadt Deutschburg aufgerichtet worden. Die inzwi- schen zu Rom erschollene grosse Niederlage des Varus/ dessen Ursache Hertzog Herr- mann sein des Flavius Bruder gewesen/ habe alle seine Dienste vertilget/ die deut- sche Leibwacht abzuschaffen/ und aus Furcht mit andern Deutschen erschlagen zu wer- den/ dem Kaͤyser Ursach zu geben/ ihn nach dem Eylande Dianium zu senden/ an dessen Ufer er unversehens mit der Dido angelendet/ ihr mit tieffster Ehrerbietigkeit bege- gnet/ beyder Unfall nochmals beklaget/ und dabey berichtet habe/ daß Juba den ober- sten Priester mit Loͤwen zerreissen/ die andern aber alle entmannen lassen: Sie waͤre er- heblicher Ursachen halber nach Rom gereiset/ ihm aber zu seiner Flucht das eine Schiff abgetreten/ dessen er sich mit Vergiessung vieler Thraͤnen bedienet/ und also mit seinen zwey Deutschen Edelleuten zu Massilien angelanget. Nach dieser Erzehlung und des Flavius von der Fuͤrstin Thußnelde/ Jßmene/ und uͤbrigem Cattischen Frauenzim- mer erlangtem Handkuß/ scheidet diese vornehme Gesellschafft von einander. Das Vierdte Buch. D As Schimmer der schlaͤfrigen Morgenroͤthe hatte noch nicht den Schatten der Nacht ver- trieben/ noch die aufgehende Sonne die Gestirne gar ver- duͤstert/ als die vielfache Sorg- falt schon dem Hofe den Schlaf aus den Augen gestrichen; insonderheit aber die Liebe in unterschiedenen Gemuͤthern alle Ge- muͤths-Regungen ausgelescht hatte. Fuͤr- nehmlich aber machte die Begierde der Koͤnigin Erato und den Fuͤrsten Zeno wache/ umb ihre beyderseits uͤberstandene Zufaͤlle zu vernehmen. Thusnelde und Jsmene/ wie auch die Cattische Hertzogin und Fraͤulein wurden auf dieser An- leitung nach Erfahrung solcher Ebentheuer gleichfalls luͤstern; Weswegen sie saͤm̃tlich mit Saloninen sich in den eine Stunde von der Her- tzoglichen Burg gelegenen Lust-Garten verfuͤg- ten/ umb in ihren Erzehlungen von niemanden gestoͤret zu werden. Adgandester aber des Feldherrn obrister Staats-Rath brachte selb- tem/ Vierdtes Buch tem/ als er mit dem Hertzoge Jubil/ Arpus/ Sigismund/ Melo/ Rhemetalces/ Malovend sich auf der Reit-Bahn befand/ die Nachricht: daß zu Folge seines Befehls die fuͤrnehmsten Stuͤcke des dem Drusus zu Ehren in der Fe- stung Alison aufgebauten/ von den Deutschen aber abgebrochenen Heiligthum zu dem Tanfa- nischen Tempel gefuͤhrt worden waͤren. Dieses veranlaßte sie insgesam̃t sich dahin zu verfuͤgen/ den Feldherrn zwar/ daß er darmit die bey sich entschlossene Anstalt verfuͤgte/ die andern Fuͤrsten aber der Vorwitz diß beruͤhmte Gedaͤchtnuͤß- Mahl eines in der Welt so beruffenen Heldens zu sehen. Der oberste Priester Libys bewillkom̃te beym Eingange des Thales diese Fuͤrsten mit gewoͤhnlicher Ehrerbietung/ fuͤhrte sie hierauf zu dem Tempel/ fuͤr welchem die Drusischen Denckmale niedergesetzt standen. Es waren die vier Haupt-Fluͤsse/ die Donau/ der Rhein/ die Elbe und die Weser aus Marmel kuͤnstlich gehauen/ uͤber denen das Bildnuͤß des Drusus aus Ertzt mehr als in Lebens-Groͤsse gegossen stand. Sie lehnten sich mit den lincken Armen auf grosse Wasser-Gefaͤsse/ daraus ihre Stroͤ- me geschossen kamen; mit der rechten Hand aber reichte die Donau dem Drusus einen Myrten- Krantz empor/ in dessen inwendigem Kreisse ein- gegraben war: Dem Bezwinger der Aufruͤhrer. Der Rhein langte ihm einen Krantz aus Eichen-Laube/ mit der Umbschrifft: Dem Erhalter der Buͤrger. Die We- ser einen Lorber-Krantz/ mit denen Worten: Dem Uberwinder der Feinde. Die El- be einen Krantz aus Oel-Zweigen/ mit dem Beysatze: Nach verjagtem Feinde. Des Drusus Bild hatte eine dreyfache verguͤlde- te Krone/ darinnen ein Mauer-ein Laͤger- und Schiff-Krantz artlich durcheinander geflochten war/ auf dem Haupte/ in welchen kuͤnstlich ge- praͤget stand: Nach erstiegenen Mauern/ nach erobertem Walle/ nach dem Schiffs-Siege. Dieses Gedaͤchtnuͤß- Mahl hatte mitten in dem achteckichten Heilig- thume gestanden. Von seinem Altare aber war alles zermalmet/ ausser denen silbernen Opfer- Gefaͤssen/ und einer silbernen Taffel/ welche die foͤrderste Seite des Altar-Fusses abgegeben hatte; in diese war mit erhobenen Buchstaben nachfolgende Uberschrifft gegossen: Dieses Heiligthum der Tugend und des Drusus Claudius/ beyder unzertrennlicher Geferten/ ist/ auf Befehl des Kaisers/ dessen Reich er erweiterte/ aus Andacht der Roͤmer/ die er wieder in Freyheit zu setzen trachtete/ mit den Haͤnden der Feinde/ derer Gemuͤther er ehe/ als ihre Haͤlse fesselte/ in Deutschland aufgerichtet. Die Donau betet ihn an/ Weil er die rauhen Vindelicher/ die unwirthbaren Rheten/ die kuͤhnen Pannonier gezaͤhmet/ Der Rhein fuͤrchtet ihn/ weil er seine Ausfluͤsse dreyhoͤrnricht gemacht/ seine niedrige Ufer mit Taͤmmen umbschrencket/ seinen Nachbarn durch funfzig Festungen einen Kapzaum angelegt. Die Arminius und Thußnelda. Die Weser verchret ihn/ die er unter den Roͤmern am ersten uͤberschritten/ und allhier zwischen ihr festen Fuß gesetzt. Die Elbe bewillkommet ihn/ weil sie fuͤr ihm keinen Roͤmer gesehen hat. Das Nord-Meer verwundert sich uͤber ihm; weil er auf selbtem die ersten Roͤmischen Flacken aufgesteckt. Seiner Tapfferkeit schafften weder die Feinde mit ihren Waffen/ die Gebuͤrge mit ihren Klippen/ die Fluͤsse mit ihren Stroͤmen/ die Lufft mit Gespenstern/ noch die Traͤume mit ihren Schrecknuͤssen einige Hindernuͤß. Ja die Natur war nicht nur zuschwach ihm ir gendswo einen Ruͤgel fuͤrzuschieben/ sondern er selbst aͤnderte die Graͤntz-Mahle der Natur; in dem er den Rhein mit der Jsel vermaͤhlte/ in Deutschland neue Eylande machte/ den Nachkommen aber den Weg zeigete/ durch Zusammenschneidung der Arar und Mosel/ das grosse Welt-Meer mit dem Mittellaͤndischen zu vereinbarn. Seine Gestalt bezauberte die Hertzen der Anschauer/ seine Tugend gewan die Gewogenheit des Himmels/ welche von nichts als seiner Sanfftmuth uͤbertroffen ward. Denn/ ob er zwar wie der Blitz alles ihm widerstrebende zermalmete/ so versehrte er doch nichts/ was sich dem uͤthigte. Ob er schon die Sicambrer durchs Schwerd/ die Us i peter durch Feuer verheerte/ so nahm er doch die Schwaben freundlich auf/ Er riß den Cheruskern die Palmen aus den Haͤnden/ wormit er den Friesen Oelzweige einhaͤndigte. Er vergnuͤgte sich an dieser gezinßten Ochsenhaͤuten/ und versorgte die Schwaben mit einem tauglichen Koͤnige. Seine eigene Feinde netzten seine Asche mit Thraͤnen/ weil niemand bey seinem Leben uͤber ihn hatte weinen doͤrffen. Seine Wolthaͤtigkeit hatte kein Maaß/ seine Großmuͤthigkeit kein Ziel; Wenn die guͤtigen oder mißguͤnstigen Goͤtter in weiblicher Gestalt/ mit der er auch unter den Sterblichen zu kaͤmpffen verkleinerlich hielt/ selbtes an dem Ufer der Elbe/ nicht so wol seinen Wercken/ als seinem Leben gesteckt haͤtten. Dann/ Erster Theil. U u nach Vierdtes Buch nach dem er sich durch seine Thaten allzu zeitlich vergoͤttert hatte/ verlangten die Goͤtter seinen Geist unter ihrer Zahl zu haben/ der Ruhm sein Gedaͤchtnuͤß bey der Nachwelt zu v e rewigen/ das Gluͤcke sein Thun aus irrdischen Zufaͤllen/ das Heil seinen Leib aus den Banden sterblicher Schwachheit zu reissen. Das ewige Rom hob seine Todten-Asche in Gold auf. Die Huͤlsen seines Leibes wuͤrdigten die Kriegs-Obersten auf ihren Achseln zu tragen/ Tiberius sie vom Rheine biß an die Tiber zu Fusse zu begleiten. Das Roͤmische Volck haͤtte sein Leid nicht zu maͤßigen gewuͤst/ wenn nicht sein Geist seinen Sohn beseelet/ und am Germanicus der Welt eine neue Sonne aufgegangen waͤre; also sich iederman beschieden haͤtte: daß zwey Drusus und zwey Sonnen einander nicht vertragen koͤnten. Diese allhier veraͤchtlichrinnenden Fluͤsse verehren nicht so wohl seinen Schatten auf diesem Opffer-Tische/ worzu die Adern des Hartz-Waldes ihr erstes Ertzt und Marmel gaben; als sie durch diß Ehren-Mahl sich selbst der Welt bekandt machen. Denn die Tugend versetzt nicht nur die Helden/ sondern auch die Fluͤsse unter die Gestirne. Als diese gantze Versammlung alles nach- dencklich durchlesen/ und die Kunst dieser Denckmahle betrachtet/ fing Hertzog Arpus an: Jch muß bekennen/ daß die Erstlinge unserer Berg-Schaͤtze in keine ungeschickte Hand ge- diegen; aber es hat nicht allein der Roͤmische Hochmuth/ sondern auch ihre Abgoͤtterey der Hand den Griffel und das Polier-Eisen gefuͤh- ret/ die diese Steine ausgehauen/ und diese Buchstaben geetzt hat. Diesemnach bin ich be- gierig zu vernehmen/ zu was Ende der Feldherr diese Stuͤcke zum Tempel unserer Goͤtter zu bringen erlaubet habe. Hertzog Herrmann begegnete ihm: Sein Absehn waͤre diese Bil- der im Eingange des Tanfanischen Tempels aufzurichten. Der Catten Hertzog versetzte: Er nehme des Feldherrn Erklaͤrung fuͤr einen Schertz auf; sintemahl er nicht begreiffen koͤn- te/ daß weder diese ruhmraͤthige Bilder ohne Verkleinerung der Deutschen Freyheit unzer- malmet bleiben/ noch ohne Beleidigung des Vaterlandes Schutz-Goͤtter bey ihrem Heilig- thume stehen koͤnten. Der Feldherr antwor- tete: Es waͤre sein angedeutetes Absehn sein rechter Ernst. Man muͤste wegen seines eige- nen Vortheils der Tugend keine Kuͤrtze thun. Drusus haͤtte durch seine Helden-Thaten ver- dient/ daß ihn die Lebenden geliebt/ die Nach- kommen verehret haͤtten. Und er wolle eben deßwegen diese Denckmahle in die heilige Hal- le setzen/ wormit die Deutschen daraus ein Bey- spiel der Tugend/ und eine Warnigung fuͤr in- nerlicher Zwytracht schoͤpffen moͤchten. Wie man wegen einer beliebten Person ihre Laster nicht lieben solte/ also muͤste man wegen einer unangenehmen der Tugend nicht gram wer- den. Hertzog Arpus fing an: Er waͤre in dem mit dem Feldherrn einig/ daß man auch die Tu- gend am Feinde hoch schaͤtzen/ und als ein Bild der Nachfolge anschauen solte; Er tadelte auch nicht/ daß man in Siegs-Gepraͤngen/ oder auch in Leichbegaͤngnuͤssen die Bilder der uͤber- wundenen Voͤlcker truͤge/ und dem Sieger zu Ehren aufstellete; aber dem koͤnte er nicht bey- stim- Arminius und Thußnelda. stimmen/ daß man die zu sein und seines Vol- ckes Schande aufgerichtete Gedaͤchtnuͤß- Mahle stehen lassen/ und hierdurch diese Goͤ- tzen der Ehrsucht verehren solte. Solche Bil- der ruͤckten mit ihrer stummen Zunge alle Au- genblicke den Deutschen ihre Fehler fuͤr/ und rissen ihnen taͤglich die Wunden auf/ daß sie nimmermehr verheilen koͤnten. Sie machten den Landes - Fuͤrsten veraͤchtlich/ den Adel schwuͤrig/ das Volck furchtsam/ und den Poͤfel unbaͤndig. Dieser Ursache halben/ und wor- mit er durch Verdunckelung der Persischen Geschichte alleine der Griechen Helden-Tha- ten in Ansehn setzte/ nicht aber aus einer wolluͤ- stigen Verleitung der Thais/ habe der grosse Alexander mit der Persischen Haupt-Stadt al- le ihre Ehrenmahle eingeaͤschert; der grosse Pompejus des Mithridates guͤldene Wagen/ des Pharnaces und anderer Pontischer Koͤnige Bilder/ Augustus der Ptolomeer Saͤulen aus den Augen selbiger Voͤlcker gethan/ und zu Rom in Schmeltz-Ofen geworffen. Uber diß waͤre die Aufrichtung solcher Saͤulen bey de- nen/ die solches thaͤten/ ein Aberglaube/ die es a- ber verstatteten/ ein unertraͤglicher Ehr-Geitz. Denn so schaͤndlich es einem Buhler waͤre/ sich mit der Magd seiner Braut gemein machen/ so unanstaͤndig waͤre es auch/ wenn man seine Lie- be nur halb der Tugend/ halb ihrer Magd/ nehmlich der eiteln Ehre/ zutheilte. Ja weil diese Verehrung allein den Goͤttern keinem sterblichen Menschen zukaͤme/ massen auch die allerersten zu Rhodis den Goͤttern waͤren ge- wiedmet/ und vom Cadmus bey den Griechen in die Tempel gesetzt worden; haͤtte Gott an vielen/ theils durch ihre Zermalmung seinen Zorn ausgeuͤbet/ theils selbte zu Merckmahlen irrdischen Unbestandes und Andeutungen him̃- lischer Rache gebrauchet. Die Saͤule des Hie- ro waͤre eben den Tag herunter gefallen/ als er zu Syracuse umkommen. Aus des Sparta- nischen Hiero Bilde waͤren beyde Augen gefal- len/ als er kurtz hierauf bey Leuctra ins Graß gebissen. Die vom Lysander erhobenen Ster- ne waͤren vergangen/ und das Antlitz seines Marmel-Bildes mit wildem Kraͤutichte uͤber- wachsen/ ehe er mit dem gantzen Atheniensischen Heerevon den Lacedemoniern erschlagen wor- den. Gleichergestalt waͤre diese unmaͤßige Ehre offt der Ehrsucht zu einer Schiffbruchs- Klippe und zur Ursache eines gemeinen Auff- standes worden. Als des Britannischen Koͤ- nigs Hippon Stadthalter der Hertzog Bala/ nach erhaltenem Siege wider die Menapier/ Eburoner/ Moriner/ Advaticher und Nervier/ sein Bildnuͤß/ das zweyen den Adel und das Volck bedeutenden Bildern auff dem Halse stand/ aus Ertzt haͤtte aufrichten lassen/ haͤtte er selbige schon gefaͤsselte Voͤlcker zu einem ver- zweiffelten Abfall/ seinen Koͤnig um so viel Laͤn- der/ sich um die Gnade des Koͤnigs/ und in Verachtung des Hoffes bracht. Das Bild waͤre selbst wieder abgebrochen/ und die unzeiti- ge Ehre in Schimpfverwandelt worden. Zu- weilen haͤtten auch diese Saͤulen einen Drit- tern den Hals gekostet. Dionysius habe den Antiphon lassen hinrichten/ weil er gesagt/ diß waͤre das beste Ertzt/ woraus der zweyen Ty- rannen-Vertreiber des Harmodius und Aristo- gitons Saͤulen gegossen waͤren. Hingegen waͤre Cato zu loben/ daß er fuͤr eine groͤssere Eh- re geschaͤtzt haͤtte/ wenn man seinetwegen ge- fragt: warum er kein/ als weßwegen er ein Eh- ren-Bild haͤtte? Und Mecaͤnas habe nichts weniger dem Kaͤyser kluͤglich gerathen: Er sol- te ihme durch Wohlthaten unsichtbare Saͤu- len in die Hertzen der Menschen/ keine Gold- oder silberne aber in Rom aufsetzen; als Augu- stus nicht allein die ihm anderwerts aus Silber gegossene Bilder zerschmeltzet/ und dem Apollo Dreyfuͤsse daraus gefertigt/ sondern auch ande- rer aberglaͤubige Heucheley mehrmahls ver- lacht habe. Denn als einsmahls die Stadt Tarragon ihm durch eine Gesandschafft zu wis- U u 2 sen Vierdtes Buch sen gemacht/ daß auf einem dem Kaͤyser zu Eh- ren aufgerichteten Altare ein Palmbaum auff- geschossen waͤre; haͤtte er so wohl ihren Aber- glauben/ als diß Wunderwerck/ welches ein alberer Fuͤrst vielleicht in der gantzen Welt haͤt- te ausruffen lassen/ verlachet; in dem er den Abgeschickten nichts anders geantwortet/ als/ er sehe wohl/ daß sie ihm auf seinem Altare we- nig Opffer verbrenneten. Und da ja auch Menschen durch ihre Tugenden solche Ehre verdienten; so waͤre doch solche nicht den Fein- den/ am wenigsten aber von den Deutschen ein- zuraͤumen. Ein Serischer Koͤnig eines neuen Stammes habe seinem Geschlechte fuͤr verkleinerlich geschaͤtzt/ wenn die Nachwelt et- was aͤlters/ als von seinen Thaten wissen solte/ und daher alle Buͤcher verbrennt; Wie moͤch- ten denn sie Deutschen ohne Spott ihrer Fein- de Bilder gantz lassen? Die weder dem Tuisco noch dem Mann ihren eigenen Uhrhebern ei- niges gemacht/ ja nicht gerne solche den Goͤt- tern zu fertigen erlaubten; sondern ihre Hel- den mit nichts/ als einem Liede verehreten. Der Feldherr hoͤrte den Catten-Hertzog ge- dultig aus/ setzte ihm aber entgegen: Es waͤre seine Meinung nie gewest den Ehren-Saͤulen das Wort zu reden/ welche vom Aber glauben oder Heucheley Unwuͤrdigen aufgerichtet wuͤr- den. Er verlache die Abgoͤtterey der Grie- chen/ die der Phryne Bild in den Delphischen Tempel gesetzt; der Alexandriner/ die der schoͤ- nen Sclavin Balestia Tempel gebauet/ des Caͤcilius Metellus/ der der unzuͤchtigen Flo- ra Bildnuͤß in dem Heiligthume des Castors aufgestuͤrtzt; insonderheit aber des grossen Ale- xanders/ der der Pythionice/ welche drey mahl eine leibeigene Magd/ und eine Hure gewest/ ein praͤchtiges Grabmahl zu Babylon/ der un- keuschen Glicera zu Tharsus eine ertztene Saͤule/ ihm aber selbst und den Seinigen kein Gedaͤchtnuͤß aufgerichtet hat. Auch haͤtten die Saͤulen der Boßhafften/ oder die die Ehr- sucht ihr selbst und zu anderer Verkleinerung aufgesetzt/ so wenig Bestand/ so wenig das La- ster durch einen angeschmierten Firnß zur Tu- gend werden/ oder Eigen-Ruhm zu seiner Vergroͤsserung ausschlagen koͤnte. Des De- metrius Phalereus 360. Saͤulen haͤtten die Ehre nicht gehabt/ daß sie der Schimmel ver- stellt oder der Rost gefressen haͤtte; denn sie waͤ- ren alle noch bey seinen Lebzeiten abgebrochen und in stinckende Schachte geworffen worden. Des Demas ertztene Bilder haͤtte man zu Nacht-Scherben umgegossen. Hingegen hielte er in allewege wohlverdiente Ehren- Saͤulen fuͤr eine herrliche Belohnung; ja fuͤr einen Saamen der Tugend/ welche man zu- gleich ausrottete/ wenn man ihr allen Preiß entzoͤge. Dieser waͤre weder Frembden zu entziehen/ noch diese Beehrungs-Art fuͤr einen Greuel der Goͤtter zu schelten. Alexander haͤtte dem Aristonicus/ einem nach tapfferm Gefechte in der Schlacht umbgekommenem Cytherschlaͤger eine Saͤule aufzusetzen kein Be- dencken gehabt. Ja der heilige Numa waͤre von den Goͤttern dem weisen Pythagoras und dem tapffern Alcibiades zwey Saͤulen in Rom aufzurichten befehlicht worden. Ja es diente zu einer Vertheidigung seines itzigen Begin- nens/ daß die Roͤmer ihres geschwornen Ertz- Feindes Hannibals Bild an dreyen Orten ih- rer Stadt aufgerichtet haͤtten. Vielen haͤt- ten solche Ehren-Bilder den Trieb der Tu- gend eingepflantzt/ den ihnen weder das Ge- bluͤte ihrer Eltern/ noch der Fleiß ihrer Lehr- meister einfloͤssen koͤnnen. Dem Theseus haͤt- ten die Tempel des Hercules/ dem Themisto- cles die Saͤulen des Miltiades den Schlaff verstoͤrt und zu Helden-Thaten angefrischet. Denn weil das Beyspiel frembder Ehre die Nahrung und der Zunder der eiversuͤchtigen Tugend ist/ werde ein feuriger Hengst von dem Schall Arminius und Thußnelda. Schall der Trompeten nicht so sehr zu der Schlacht als ein edles Gemuͤthe durch fremb- den Ruhm aufgemuntert. Sintemahl wie der Himmel grosse Helden in ihrem Leben dem Vaterlande zu Mauern/ nach ihrem Tode a- ber zu einem allgemeinen Spiegel des Adels und einem Muster ihrer Lebens-Art bestim- met; also laͤst ein edler Geist sich nicht beruhi- gen/ wenn er in ihre Fußstapffen tritt/ sondern er brennet fuͤr Begierde es ihnen noch vorzu- thun. Der in dem Grabe schlaffende/ ja wol laͤngst vermoderte Achilles weckte den grossen Alexander alle Nacht auf/ daß/ wie er/ dem muͤt- terlichen Geschlechte nach/ von ihm entspros- sen war; also er ihn in Thaten uͤbertreffen moͤchte. Er sahe sein Bildnuͤß keinmahl/ daß ihm nicht Thraͤnen aus den Augen fielen; nicht so wohl Achillens Sterbligkeit/ als seine eigene Langsamkeit zu beweinen/ daß er nicht schon beruͤhmter als jener waͤre. Wiewohl an ihm scheltbar bleibt/ daß er auch an Grausam- keit ihm uͤberlegen seyn wolte; als er an statt des todten Hectors den lebendigen Betis umb die Stadt Gatza schleiffte. Was nun Achilles dem Alexander war/ war dieser dem Kaͤyser Julius. Denn weil jener die Morgenlaͤnder bezwungen/ wolte dieser der streitbaren Abend- Welt Meister werden; also: daß/ da er ihn nicht uͤbertroffen/ doch zweiffelhafft gelassen/ ob der grosse Alexander nicht kleiner als Julius gewesen sey. Kaͤyser August haͤtte zwar an- fangs mit einem Sphynx gesiegelt/ von guter Zeit aber brauchte er nur das Bild des grossen Alexanders/ nicht so wohl/ daß selbtes ihm Gluͤ- cke zuziehen/ als eine Aufmunterung zu groß- muͤthigen Entschluͤssungen abgeben solte. Er selbst muͤste betheuren/ daß Marcomirs seines Anherrns Schatten ihm als ein Gespenste offt fuͤr dem Gesichte umirrete; ja daß die Tugend seiner Feinde ihm taͤglich neue Fuͤrbilder auff- stellete. Dahero er auch diese zu stuͤrmen fuͤr ein Merckmahl eigener Schwachheit hielte. Rom haͤtte die Ehren-Saͤule des hoffaͤrtigen Tarqvinius auch/ nach dem man ihn als einen Feind des Vaterlands verjagt/ nicht nur im Capitol stehen lassen/ sondern so gar des Uhr- hebers ihrer Freyheit des Brutus darneben ge- stellt. Als etliche Roͤmer haͤtten des Philope- menes Siegs-Bilder in Griechenland abbre- chen wollen/ weil er ihr Feind gewest waͤre/ und so wol dem Qvinctius als Attilius grossen Abbruch gethan hatte/ waͤre es von dem groß- muͤthigen Mumius verwehret worden; und der/ welcher sich auff die Kunst und Kostbarkeit der Corinthischen Ertz-Bilder nicht verstan- den/ haͤtte doch sie als Merckmahle der Tu- gend zu schaͤtzen gewuͤst. Ja er haͤtte es fuͤr verantwortlicher gehalten/ die Haupt-Stadt Achajens/ die Zierde Griechenlands/ die Schatz-Grube aller Koͤstligkeiten und die Gebieterin zweyer Meere einzuaͤschern/ als eines hertzhafften Feindes Bildnuͤß zu be- schimpffen. Kaͤyser Julius haͤtte die Gallier geliebt/ daß sie seines Feindes des Brutus Bild auch nach seinem Tode in Ehren gehalten haͤt- ten. Diese Beehrung gereichte auch nicht allein dem Verehrer zu Lobe/ sondern auch zum Vortheil. Also haͤtte Julius mit Auff- richtung der vom Poͤfel herabgestuͤrtzten Bil- der des Sylla und Pompejus seine eigene befestigt. Endlich verliere das Crystall bey uns nicht seinen Werth/ daß es aus den steilesten Klippen gehauen wuͤrde; Die rauen Schalen benaͤhmen denen Diaman- ten/ die ungestalten Muscheln den Perlen nichts von ihrem Preiße. Wir kauffen die Rhabarbar von denen wildesten Scythen/ Ambra/ Musch und andere Kostbarkeiten von den Menschen-Fressern. Also koͤnte er nicht begreiffen/ warum die Tugend sie anstincken solte/ weil sie nicht auff eigenem Miste gewach- sen waͤre? Der Purper der Rosen behielte U u 3 sei- Vierdtes Buch seinen Glantz und Geruch auf den doͤrnricht- sten Stoͤcken/ die Tugend unter den ungeheu- ersten Voͤlckeꝛn/ und bey den grimmigsten Fein- den. Als der Feldherr seine Rede beschloß/ schienen die Anwesenden meist seiner Meinung beyzufallen. Denn grosser Fuͤrsten Worte sind eitel Urthel/ und haben das Gewichte des Goldes. Dahero uͤberwiegen sie auch die Meinungen der beruffensten Weltweisen. Welches hier so viel leichter sich ereignete/ weil Hertzog Herrmann mit so guten Gruͤnden diß behauptete/ was die meisten Voͤlcker fuͤrlaͤngst mit ihrem Beyspiele gebillicht hatten. Sin- temahl auch sonst der Fuͤrsten Jrrthuͤmer gar leichte Beyfall kriegen; weil man insgemein den Mantel nach dem Winde richtet/ und nicht so wol mit den Fuͤrsten als mit ihrem Gluͤcke re- det/ um sich durch Beyfall beliebt zu machen. Der tapffere und kluge Hertzog der Catten/ wel- cher wol verstand/ daß ein hartnaͤckichtes Wi- dersprechen eines andern Urtheil verkleinerte/ also verdruͤßlich waͤre/ und man dahero nichts minder eigenes als frembdes Widersprechen verhuͤten solte/ fand sich gleichfalls drein. Die- sem folgte der oberste Priester Libys/ welcher sich gegen dem Fuͤrsten buͤckte/ und nach dem er Uhrlaub etwas fuͤr zubringen gebeten hatte/ an- fing: Er hielte es in allewege mit dem großmuͤ- thigen Ausschlage des Feldherrn. Die Natur haͤtte zwar nach dem Unterschiede der Laͤnder die Eigenschafften der Geschoͤpffe und der mensch- lichen Leiber; die Gewohnheit auch ihre Sit- ten unterschieden; aber die Tugend waͤre nicht anders als die Sonne uͤberall einerley und zu verehren wuͤrdig. Er haͤtte deßhalben bey Durchreisung Jndiens selbige Einwohner ge- priesen/ daß sie des grossen Alexanders Siegs- Bogen nicht beleidigt haͤtten/ sondern noch ver- ehrten. Jedoch haͤtte er darbey zu erinnern/ daß der Mißbrauch die den Helden gebuͤhrende Ehre bey den meisten Voͤlckern sehr verunrei- nigt/ und also auch der Aberglaube dieses Denck- mahl des Drusus befleckt haͤtte. So lange die Griechen die Nahmen ihrer Helden in der Mi- nerva Schleyer gestuͤckt/ die Roͤmer ihre in den Saliarischen Liedern besungen haͤtten; waͤre denen uͤber den Poͤfel sich schwingenden Gei- stern ihre anstaͤndige Ausrichtung geschehen. Die Vergoͤtterung aber der Todten/ und da ih- nen die Roͤmer traͤumen liessen/ daß die Adler der Kaͤyser die Pfauen der Kaͤyserinnen See- len von den Holtzstoͤssen in den Himmel truͤgen/ daß der Julius in ein Gestirne verwandelt wor- den waͤre/ daß man sie nach ihrem Absterben/ ja den Augustus noch bey Lebzeiten mit Tempel und Opffer-Tischen verehren muͤste/ waͤre zwar ein Geheimnuͤß der Staats-Klugheit/ um die Fuͤrsten fuͤr aller Beleidigung so viel mehr zu versorgen; aber eine Erfindung der Ehrsucht/ und fuͤrnehmlich derer/ welche hernach selbst ver- goͤttert zu werden verlangten/ also ein irrdischer Gottesdienst und eine laͤcherliche Andacht. Der Fuͤrst Rhemetalces fiel dem Priester ein: wie die Laster einen Menschen derogestalt verstelle- ten/ daß er/ wo nicht gar zum Vieh/ doch Halb- Vieh Halb-Mensch wuͤrde; also wuͤrde man durch die Tugend wo nicht gar/ doch zum theil vergoͤttert. Deßhalben glaͤube er/ daß Zoroa- ster/ Plato und andere tiefsinnige Weisen durch die der menschlichen Seele zugeeigneten Fluͤ- gel/ welche sie aus den Gestirnen herab und wieder hinauf fuͤhrten/ anders nichts als die Tugend und die Krafft ihrer Vergoͤtterung verstanden haͤtten. Zumal da sie ausdruͤcklich lehrten: es buͤste die Seele solche Fluͤgel durch Wollust ein. Seine Meinung bestaͤrckte das Alterthum der Vorwelt und die Einstimmung der Voͤlcker. Die Egyptier eigneten den See- len die Sternen zur Wohnung und ein goͤttli- ches Wesen zu; weßwegen ihre Pyramiden auch nichts/ als ihren Helden zu Ehren gebaue- te Altaͤre waͤren. Die Scythen haͤtten ihren Toxaris/ die Carthaginenser ihren sich in das Opffer-Feuer stuͤrtzenden Amilcar und die sich ver- Arminius und Thußnelda. verscharrenden Philenischen Bruͤder/ die Sa- laminier den Ajax/ die von Egina den Eacus goͤttlich verehrt. Athen habe dem Cecrops/ dem Theseus/ dem Menestheus und Codrus/ die Spaꝛtaneꝛ dem Hyacinthus/ dem Agamemnon/ dem Menelaus/ die Arcadier dem Epaminon- das/ die Archiver dem Perseus/ die von Delphis dem Neoptolomeus/ die Chersoniter dem Mil- tiades/ die von Levce dem Achilles Tempel und Altaͤre gebauet. Wer haͤtte nicht in frischem Gedaͤchtnuͤsse/ daß Juba bey den Mohren/ Selevcus bey den Syrern/ Disares bey den Arabern/ Philippus und Alexander bey den Macedoniern/ Romulus zu Rom/ und Bele- cus von den benachbarten Norichern als Goͤt- ter angeruffen wuͤrden. Ja den Deutschen wuͤrde nachgesagt/ daß sie den Tuisco und den Mann goͤttlich verehrten. Zu dem haͤtten viel Voͤlcker diese Verehrung weder in das maͤnnliche Geschlechte noch allein auff Helden eingeschrenckt; ja auch frembder Tugend selbte nicht mißgegoͤnnt. Carthago erkennte die Dido/ Babylon die Semiramis/ Phasis Me- deen/ Memphis Arsinoen/ Sparta Helenen/ Athen Erigonen/ Rom die Acca Laurentia und Deutschland die Herta und die noch-lebende Aurinien fuͤr eine Goͤttin. Uberdiß waͤren nicht allein die sich fuͤrs Vaterland aufopffern- den Toͤchter des Erechtheus zu Athen/ und die neun Musen vom Leßbischen Koͤnige Macaris vergoͤttert; sondern es haͤtten die Zinser auch dem Homerus weisse Ziegen geopffert/ die Me- tapontier den Pythagoras angebetet/ die von Stagira dem Aristoteles ein Fest gefeyret; die Jndier rufften ihren Lehrmeister Cambadaxi/ und seine Thracier den Getischen Gesetzgeber Zamolxis an/ daß er nach dem Tode ihre Seele aufnehmen wolle. Dem Paris stehe weder sein feindliches Vaterland/ noch sein Raub im Wege/ daß er nicht von den Laconiern fuͤr einen Gott gehalten wuͤrde. Die Macedonier haͤt- ten dem Eneas/ die Umbrier dem Diomedes/ die Rhodier dem Kleptolemus kostbare Heilig- thuͤmer aufgerichtet. Des Ulysses Altar solle in Britannien/ ja auch am Rheinstrome zu se- hen/ und von seinem Vater Laertus eine Uber- schrifft daran zu lesen seyn; ja er selbst habe so wohl auf des itzigen Kaͤysers/ als des grossen Alexanders Altaͤren am Boristhenes opffern ge- sehen. Also wuͤrden die Deutschen so wenig alle dem Drusus noch auch andern Roͤmern aufgerichtete Opffer-Tische zu zerstoͤren/ als diese Meinung von der Vergoͤtterung der gan- tzen Welt auszureden maͤchtig seyn. Der Priester begegnete dem Thracischen Fuͤrsten mit einer demuͤthigen Annehmligkeit/ beydes letztere waͤre zu bejammern. Der A- berglaube haͤtte gemacht/ daß man drey und vierzig Hercules/ drey hundert Jupiter und zusammen dreißig tausend Goͤtter zaͤhlte/ und so gar unbeseelte Sachen/ als die Cappadocier das Messer/ wormit Jphigenia solle geopffert worden seyn/ die Spartaner die Schale von dem vermeinten Ey der Leda/ Rom die Anci- lischen Schilde/ die Jndianer einen Affen- Zahn fuͤr goͤttlich verehrten. Alleine alles diß waͤre so wenig/ als die Vielheit der Jrren- den fuͤr einen Grundstein der Warheit zu legen. Die menschliche Seele habe von dem Brunn aller Dinge dem einigen und ewigen Gotte zwar den Schatz der Unsterbligkeit/ aber kein goͤttliches Wesen bekommen. Dieses sey un- versehrlich/ unverderblich und unveraͤnder- lich/ und von dem Wesen der Seele so weit/ als die Sonne von einem Feuer-Funcken/ als das Meer von einem Tropffen Wasser unter- schieden. Die Seele besudelte sich mit vielen Lastern/ und sey in dem zerbrechlichen Ge- schirre des Leibes vielerley Leiden unterworf- fen/ auch als ein unvollkommeneres Geschoͤpf- fe von dem vollkommenen Schoͤpffer gantz zweyerley. Diesemnach koͤnne auch der goͤtt- liche Vierdtes Buch liche Dienst auff keinen sterblichen Menschen noch seine sterbliche Seele/ die GOTT ihre Tauerung zu dancken habe/ ohne eine dem un- endlichen Wesen zuwachsende Verkleinerung/ so wenig/ als die Verehrung eines Koͤnigs auff seinen Knecht/ erniedrigt/ ja aus einem Men- schen weniger ein GOtt/ als aus einem unver- nuͤnfftigen Thiere ein Mensch/ gemacht werden. Zu dem waͤren die Wohlthaten der Menschen/ welche etwa ein Volck gepflantzt/ eine Stadt erbauet/ das Vaterland beschirmet/ die Weiß- heit gelehret/ eine nuͤtzliche Kunst erfunden/ ge- gen die unermaͤßliche Guͤte des Schoͤpffers und des Erhalters aller Dinge/ nicht als ein Stroh- halm gegen das grosse Welt-Gebaͤue/ zu rech- nen. Auch vernehmen die herrlichsten Seelen/ sie haͤtten gleich/ nach des Plato Meinung/ ihren Sitz/ bey den Gestirnen/ oder/ nach der Stoi- schen Schule/ beym Monden/ oder/ wie Arius wolte/ in der Lufft/ oder/ nach des Pythagoras Glauben/ in andern Leibern/ so wenig die ihnen zugeschickte Anruffungen; sie ruͤchen so wenig den angezuͤndeten Weyrauch/ sie sehen so we- nig die brennenden Opffer; als in ihrer Ge- walt stuͤnde den Flehenden zu helffen/ die Be- fleckten zu reinigen/ die Boßhafften zu straf- fen. Diesemnach/ wie Gottes unverneinli- che Eigenschafft waͤre/ die Ewigkeit ohne Uhrsprung und Unermaͤßligkeit/ welche sei- nen Mittel-Punct allenthalben/ seinen eu- sersten Zirckel aber nirgends habe/ also folge: daß so wenig zwey Ewigkeiten und Unermaͤß- ligkeiten neben einander stehen/ und in eine/ den ermaͤßlichen Dingen allein anstaͤndige/ Zahl und Zeit verfallen; so wenig auch mehr als ein GOtt seyn/ noch in der Zeit und den engen Schrancken der Welt eine neue Gott- heit entspringen koͤnte. Dieses waͤre der aͤl- teste und deßhalben auch der wahrhafftigste Glaube der ersten Welt; Und ob schon Unver- stand und Boßheit solchen hernach abscheulich verfaͤlscht haͤtte/ waͤre doch dieser Strahl auch in der aͤrgsten Finsternuͤß der aberglaͤubischen Zeiten nicht gantz verduͤstert worden. Denn es haͤtte nicht nur Pythagoras einen GOtt/ als einen unumbschrencklichen Geist/ Par- menides ein einiges unbewegliches und unbe- greiffliches Wesen/ Zoroaster ein einiges Feuer/ welches alles gezeuget haͤtte/ Antisthe- nes einen einigen natuͤrlichen GOtt/ sondern auch so gar diß gelehret/ daß wie die Natur und alles Geschoͤpffe nicht so wohl ein Fuͤr- hang/ der das goͤttliche Wesen verstecke/ als ein heller Spiegel waͤre/ in dem die sonst blin- de Welt schauen koͤnte/ es sey wahrhafftig ein GOtt/ es sey iedwedes Geschoͤpffe ein Zeug- nuͤß von GOtt/ wie der Schatten ein Merck- mahl eines verhandenen Leibes; die Sonne mahle diß mit ihren Strahlen/ der Mensch mit seiner Vernunfft/ die Erde mit ihrer Fruchtbarkeit/ der Himmel mit seiner Wuͤr- ckung/ die gantze Natur mit ihrer Ordnung/ als klaren Pinseln/ denen/ die nicht sehen/ son- dern nur fuͤhlen/ deutlich fuͤrs Gesichte; also auch durch das Licht der Natur bey so unauff- hoͤrlicher Eintracht so vieler tausend unterschie- dener ja widriger Dinge/ und da nicht eine Feder eines Sperlings/ ein Blatt einer Ey- che/ eine Schupffe eines gewissen Fisches/ mit einer andern Art/ durch Gleichheit vermischet wuͤrde/ erhaͤrtet werden koͤnte: es sey mehr nicht als ein einiger GOtt/ der alles einstim- mig ordne/ schaffe und erhalte. Wiewohl nun diß/ was die Sterblichen in dem Glauben eines Gottes haͤtte bestaͤrcken sollen/ so/ wie die Unerschoͤpfligkeit der Brunnen/ die gleiche Unaufhoͤrligkeit der Fluͤsse uns uͤberwiese/ daß das Meer alles dessen einiger Uhrsprung sey; gleichwohl albere Menschen nicht begreiffen koͤnten/ wie so viel Dinge moͤglich von ei- nem Uhrsprunge herruͤhren/ und das grosse Last-Schiff der weiten Welt von einem Arminius und Thußnelden. einem Steuer-Manne geleitet werden koͤnte/ also aus der Vielheit der Wuͤrckungen auf die Menge der Ursachen einen Schluß gemacht/ den Werckzeug fuͤr den Meister angesehen; so waͤre erfolget/ daß die Sonne/ der Himmel/ die Gestirne/ die Lufft/ das Feuer/ das Wasser/ ja alle Wolthaten Gottes/ als die Eintracht/ die Liebe/ der Sieg/ die Freyheit/ gleichsam als ab- sondere Goͤtter verehret worden. Nichts desto weniger haͤtten nicht allein dieselbten/ welche weiter als der albere Poͤfel gesehen/ wohl wahr- genommen/ daß alle diese Umbkreisse mehr nicht als einen Mittel-Punct/ so viel Baͤche nur einen Brunn/ und die Welt nur einen Gott haͤtte; son- dern es haͤtten auch gantze Voͤlcker die Erkaͤnt- nuͤß eines einigen Gottes behalten. Dieses wuͤrde bey den Juden am reinesten angetroffen/ und die Egyptier zu Thebais haͤtten unter so viel abgoͤttischen Nachbarn ihren einigen Gott Kneph/ den Schoͤpfer der Welt/ behalten. Die Griechen/ als sie unter so unzehlbaren goͤttlichen Nahmen so vieler Voͤlcker gleichwohl nur ein Wesen verborgen zu seyn erblicket/ dessen rech- ten Glantz aber unter so viel Nebel nicht recht erkiesen koͤnnen/ haͤtten dem unbekandten Gotte zu Athen/ ja auch Augustus zu Rom ein Altar aufgebauet. Wiewohl er auch die/ die Gott anfangs so vielerley Nahmen gegeben/ ihn mit so vielerley Art des Gottes-Diensts ver- ehret/ nicht so wohl fuͤr Abgoͤtter hielte/ als des unvernuͤnftigen Poͤfels schlimmer Auslegung den Anfang des Aberglaubens beymaͤsse. Worzu er die Mißgunst der ehrsuͤchtigen Prie- ster rechnete/ welche umb ihnen ein desto groͤsser Ansehen zu machen den Gottes-Dienst zu lau- ter Geheimnuͤssen machten/ und hinter Retzel und tieffsinnige Sinnen - Bilder versteckten. Weshalben man in Egypten in allen Tempeln des Jsis und Serapis/ den Harpocrates oder Sigaleon finde/ der mit zweyen auf den Mund gelegten Fingern die Heimligkeiten der Goͤtter verschwiegen zu halten andeutete/ und zu Rom haͤtte es den Valerius Soraus das Leben geko- stet/ daß von ihm ihr Schutz-Gott waͤre aus- geschwaͤtzt worden. Bey den Deutschen duͤrfte niemand den Wagen der Hertha/ welcher mit einem Fuͤrhange verdeckt ist/ anruͤhren. Bey den Juden der Hohe-Priester allein in das in- nerste Heiligthum eingehen. Ja die Egypti- schen und Serischen Priester gebrauchten sich in Goͤttlichen Dingen so gar einer absondern Sprache/ und einer gantz andern Schreibens- Art; gleich als wenn die Priester nur den wah- ren Gott/ die Koͤnige nur die Natur/ der Poͤfel aber die vergoͤtterten Menschen anzubeten wuͤr- dig waͤren. Wie denn bey den Seren niemand als der Koͤnig dem Himmel und der Erde opfern doͤrfte. Hinter diese Geheimnuͤsse waͤren gleich- wohl von Zeit zu Zeit unterschiedene/ theils durch Nachdencken/ theils durch der Priester Offenbarungen kommen. Massen denn der grosse Alexander derer ein gantz Buch voll von den Egyptischen/ Cyrenischen/ Persischen und Jndianischen Priestern heraus bracht/ und an seine Mutter Olympia uͤberschickt haͤtte. Und er wolte nicht so wohl Eigen-Ruhms als der Wahrheit wegen nicht verschweigen/ daß wie der Aberglaube einerley Abgotte vielerley Nah- men zugeeignet/ als unter der Ceres/ Cybele/ Minerva/ Venus/ Diana/ Proserpina/ Juno/ Bellona/ Hecate/ Rhamnusia/ Jsis/ Dago/ Derceto/ Astarte/ den einigen Monden/ unter dem Phoͤbus/ Apollo/ Mercurius/ Osiris/ Adargatis die einige Sonne verstanden haͤtte; also die nachdencklichen Priester aller Voͤlcker/ unter viel seltzamen Nahmen/ als die Roͤmer/ unterm Jupiter/ die Cyrener/ unter dem Am- mon/ die in der Atlantischen Jnsel/ unter dem Pachakamack und Usapu/ die meisten aber/ als die Juden/ Epyptier/ Seren/ Jndianer/ Celti- berier und Deutschen/ unter keinem Nahmen/ den einigen Schoͤpfer der Welt fuͤr den wahren Gott erkenneten/ dessen Nahmen auszudruͤcken weder einige Buchstaben/ noch einiges Wort/ Erster Theil. X x weni- Vierdtes Buch weniger einiges Bild zu finden waͤre. Der be- ruͤhmte Tempel zu Jerusalem/ der zu Gades und das Heiligthum des Berges Carmel ver- wuͤrffen alle Bildnuͤsse/ weil das unsichtbare Wesen Gottes nur mit den Gemuͤths-Augen zu schauen/ und die innerliche Furcht und An- dacht die tieffste Ehrerbietung waͤre. Oder da ja auch ir gendswo der wahre Gott durch etwas fuͤr gebildet wuͤrde/ zielete solcher Entwurff bloß auf eine Wolthat/ oder auf eine gewisse Offen- barung. Weswegen einsmals der beruͤhmte Jndianische Brachmann/ Zarmar/ der sich her- nach in Anwesenheit des Kaͤysers Augustus zu Athen lebendig verbrennet/ seine Einfalt ver- lacht/ und als er sich/ bey verspuͤrter tieffsinniger Weißheit/ uͤber die Vielheit ihrer Goͤtzen und Goͤtter verwundert/ ihn unterrichtet haͤtte: Der grosse und einige Gott habe sich nicht nur durch die geringsten Geschoͤpfe/ durch Kefer/ Schne- cken/ Fliegen/ Schlangen und Wuͤrmer offen- baret; sondern er sey auch selbst in allerhand Gestalten auf der Welt/ hier so/ dort anders/ er- schienen. Wie nun diese unterschiedene Erschei- nung seine Gottheit nicht zergliederte/ also ge- schehe diß noch weniger durch ihre Bilder und vielfache Verehrungen. Jedoch koͤnte er dis- falls desselben Weltweisen Meynung nicht bey- pflichten: daß Gott an dem vielfachen Unter- schiede des Glaubens und des Gottes-Dienstes ein Gefallen truͤge. Aus Beypflichtung dieser Einigkeit hiessen die Assyrischen Priester Gott anders nicht/ als Adad/ nemlich Den Einigen. Ja in den Sybillinischen Buͤchern wuͤrde Grie- chenland/ wegen Vielheit der Goͤtter und ihrer ver goͤtterten Menschen/ stachlicht durchgezogen. Und ob schon die Auslaͤnder von den Deutschen insgemein ausgaͤben/ daß sie drey Goͤtter/ nem- lich die Soñe/ den Mond und das Feuer anbete- ten; so laͤge doch/ unter diesen dreyen Bildern/ durch die sich Gott dem Mann/ ihrem Uhr-An- herrn offenbaret haͤtte/ ein heiliges Geheimnuͤß einer dreyfachen Einigkeit verborgen; welches zu er gruͤbeln dem menschlichen Geiste so unmoͤg- lich/ als seine Augen in die Sonne zu schauen ge- schickt waͤren. Denn menschlich darvon zu re- den/ wie der Monde von der Sonnen sein Licht/ das in den natuͤrlichen Leibern aber befindliche Feuer von Sonn und Mond seinen Ursprung haͤtte/ und alles diß auf gewisse Maaß dreyerley/ und gleichwohl ein Wesen/ und eines Alters waͤ- re; also sey aus dem Goͤttlichen Wesen eine an- dere Person/ aus beyden auch die dritte/ iedoch von aller Ewigkeit her/ entsprossen/ und doch die Goͤttliche Einigkeit hier weder zergliedert noch vermehret worden. Auch waͤre die Her- tha bey den Deutschen keine absondere Goͤttin/ sondern ein unsichtbares Sinnen-Bild der Ge- meine/ die diesen reinen Gottes-Dienst/ welcher durch die weissen Ochsen bedeutet wuͤrde/ in ihren Hertzen unbefleckt behielten. Die Aurinia aber waͤre/ so wol als andere Heldẽ bey dẽ Deutschen/ zwar durch herrliche Gedaͤchtnuͤß-Lieder vereh- ret/ kein Mensch aber bey ihnen iemals unter die Zahl der Goͤtter gerechnet/ weder einigem Koͤ- nige damit geheuchelt worden. Denn ob ih- nen wohl die Auslaͤnder beymaͤssen/ daß sie ihren Mercurius/ Mars/ wie auch die Jsts anbete- ten/ und daß sie diesen Gottes-Dienst von Frembden angenommen haͤtten/ aus einem auf- gerichteten Renn-Schiffe erzwingen wolten/ er auch nicht laͤugnete/ daß ein Theil der Deutschen in diesen Jrrthum durch etliche Druiden versetzt worden waͤre; so wohnte doch denen Verstaͤn- digern eine viel andere Meynung und Ausle- gung dieser Sinnen-Bilder bey. Zudem haͤt- ten auch nebst ihnen viel Voͤlcker die Vergoͤtte- rung der Todten/ darinnen die Griechen den Anfang gemacht/ verdammet. Die Afrieaner/ ausser den Augilen und Nasamonern/ welche ihre Eltern anrufften/ und auf diß/ was ihnen bey ihren Graͤbern traͤumete/ grosse Stuͤcke hielten/ haͤtten sich dieser Abgoͤtterey allezeit ent- halten. Die Persen waͤren bey ihrer Sonne blieben/ Arminius und Thußnelda. blieben/ biß sie auf Alexanders Befehl dem He- phaͤstion/ und hernach ihm haͤtten Tem- pel bauen muͤssen. Diese Anruffung der See- len waͤre auch nur nach und nach/ und aus einem Mißbrauche dessen/ was Anfangs/ zum blossen Gedaͤchtnuͤsse der Todten und zum Trost der Uberlebenden/ angezielt worden/ ent- sprungen/ und die Helden-Ehre zu einer An- dacht/ die Trauer-Mahle zu einem Opfer wor- den. Ja diese Andacht sey anfangs nur in ei- nem Hause/ bey der Blut-Freundschafft/ und bey naͤchtlicher Fuͤrsetzung Weyrauchs/ Weines und Brodts/ in die Graͤber/ verblieben/ wormit sie die der Speise noch duͤrftige Seelen zu laben vermeynt; hernach aber habe die Ehrsucht der Lebenden die todten Koͤnige in Gestirne verwan- delt/ und mit ihren neugebacknen Nahmen die fuͤr etlich tausend Jahren gestandenen him̃lischen Zeichen verunehret/ endlich sie gar zu grossen Goͤttern/ und die letzte Begraͤbnuͤß-Pflicht zum Gottes - Dienste gemacht/ wormit die Abgoͤtter eines Gottes Soͤhne odeꝛ Bruͤder wuͤr- den/ ja sie auch wohl hierdurch aus dem rechten Gottes-Dienste ein Gespoͤtte machten. Wie man denn wohl ehe denselbten/ dem man giftige Schwaͤmme zu essen gegeben/ oder fuͤr einen Narren gehalten/ vergoͤttert; Julius Procu- lus auch/ daß er den Romulus in Goͤttlicher Gestalt gesehen habe/ meyneidig getichtet haͤtte. Dieselben aber/ welche sich besorgt/ daß die kluͤge- re Nachwelt ihren Aberglauben verlachen wuͤr- de/ haͤtten selbten durch die Veraͤnderung der Nahmen/ in dem sie aus dem Romulus einen Quirin/ aus Leden eine Nemesis/ aus der Cir- ce eine Marica/ aus dem Serapis einen Osiris gemacht/ zu vertuschen/ oder ja seinen eigenen Ehrgeitz darmit zu verhuͤllen vermeynet/ wie nechsthin Augustus/ der nicht so wohl zu Liebe dem Romulus/ als die Jahre seines gluͤckseli- gen Alters zu bezeichnen/ einen dem Quirin gewiedmeten Tempel/ von sechs und siebentzig Saͤulen/ aufgerichtet. Alleine die Thorheit werde durch keine Einbildung zur Weißheit/ kein Jrr-Licht durch Verblendung zur Sonne und kein Sterblicher durch Aberglauben zu ei- nem Gotte. Alle Anwesenden/ insonderheit aber Rheme- talces/ der bey denen seiner Einbildung nach wilden Deutschen/ einen so vernuͤnftigen Got- tes-Dienst zu finden/ ihm nicht hatte traͤumen lassen/ hoͤrten der anmuthigen und nachdenck- lichen Rede des Priesters/ gleich als er ihnen lauter Weissagungen oder him̃lische Geheim- nuͤsse entdeckte/ mit Verwunderung zu. Wor- mit aber des Thracischen Fuͤrsten Einwurff nicht allzu unvernuͤnftig schiene/ redete er den Priester sehr ehrecbietig an: Er waͤre/ von Goͤttlichen Geheimnuͤssen zu urtheilen/ allzu unvermoͤgend; bescheidete sich auch/ daß die Demuth und heilige Einfalt Gott annehm- licher/ als eine vermaͤssene Nachgruͤbelung waͤre. Weswegen ihm iederzeit die Beschei- denheit des weisen Simonides gefallen haͤt- te/ welcher dem Koͤnige Hieron/ auf sein Be- gehren das Goͤttliche Wesen auszulegen/ nach vielen Frist-Bittungen/ endlich geant- wortet haͤtte: Je laͤnger er diesem Geheimnuͤsse nachdaͤchte/ ie mehr ereigneten sich Schwe- rigkeiten/ etwas gewisses von Gott zu entde- cken. Ja er glaubte: daß es Gott selbst nicht gefiele/ wenn der menschliche Vor- witz ihn/ nach dem irrdischen Maͤß-Stabe der eitelen Vernunft/ ausecken wolte. Denn Gott waͤre freylich dißfalls der Sonne gleich/ wel- che sich durch nichts anders/ als ihr eigenes Licht/ entdeckte/ hingegen aber der Menschen Augen verblendete/ welche sie gar zu eigen betrachten und ausholen wolten. Ja zwi- schen Gott und dem Menschen waͤre ein viel entfernter Unterscheid/ als zwischen dem grossen Auge der Welt/ und der schielenden Nacht-Eule. Weswegen die Spartaner Zweifelsfrey aus ruͤhmlicher Bescheidenheit dem verborgenen X x 2 Ju- Vierdtes Buch Jupiter opferten/ die zu Elis und zu Athen den unbekandten Gott anbeteten. Diesemnach haͤtte er weder das Hertze noch Vermoͤgen einem so heiligen Priester zu widersprechen/ sondern wolte mit dem armseligen Tiresias lieber gar nicht/ als mit dem Athamas und Agave/ welche ihre Feinde fuͤr Loͤwen und Tieger ansahen/ Gott fuͤr was ansehen/ was seinem Wesen und Eigenschafften unanstaͤndig waͤre/ auch daher nicht billigen/ daß man der verstorbenen Helden Seelen den dem hoͤchsten Gott schuldigen Anbe- tungs-Dienst zueignen/ und den Hercules auff den Thron des Jupiters setzen solte. Aber/ nachdem die Sonne Neben-Sonnen/ dieses Auge der Welt den Monden/ Augustus neben sich die Verehrung des Tiberius/ ohne Vermin- derung ihrer Hoheit/ vertruͤgen/ hielte er dafuͤr/ daß die mindere Verehrung der Helden der hoͤch- sten Anruffung des unbegreifflichen Gottes kei- nen Abbruch thue/ als welcher auch Menschen/ die er geliebet/ mehrmals haͤtte lassen die Sonne still stehen/ die Sterne gehorsamen/ und das Meer aus dem Wege treten. Libys laͤchelte und versetzte: Es liesse sich von menschlichem Unterschiede auf den Gottes - Dienst keinen Schluß machen. Der eingeworffene Vereh- rungs-Unterscheid kaͤme ihm fuͤr/ wie die Ent- schuldigung der geilen Julia/ welche ihren Ehbruͤchen diesen Firnß angestrichen/ daß sie ihren Ehmann/ den Agrippa/ doch am hertzlich- sten liebte/ auch lauter ihm aͤhnliche/ keine frembde Kinder gebaͤhre/ weil sie eher nicht/ als nach voͤllig belastetem Schiffe/ andere Wahren aufnehme/ oder/ nachdem sie schon schwanger/ frembden Begierden willfahrte. Alleine diese umbschraͤnckte Uppigkeit bliebe so wol eine Ver- letzung der Eh-Pflicht/ als die Anruffung der so genanten Halb-Goͤtter eine Abgoͤtterey. Denn wo die Sonne der ewigen Gottheit schiene/ muͤ- sten alle andere Sternen auch der ersten Groͤsse gar verschwinden. Sintemal doch die Sterb- lichen nur mit aͤusserlichen Gedaͤchtnißmahlen/ Gott aber allein mit dem innerlichen Opfer der Seelen zu verehren waͤre. Wie nun des Priesters letztes Ausreden ein allgemeines Stillschweigen nach sich zoh; rede- te der Feldherr den Priester an: ob er denn nun fuͤr zulaͤßlich/ oder gar verwerfflich hielte/ des Drusus Denckmale in der Halle des Tanfa- nischen Tempels auffzusetzen? Libys antworte- te: Gemeine Menschen pflegten in ihren Rath- schlaͤgen den Vortheil zu ihrem Augen-Ziel zu haben; Fuͤrsten aber muͤsten ihr Absehen auff den Nachruhm richten. Diesen aber befestigten die am gewissesten/ die sich ihrer Sterbligkeit be- scheideten/ und ihrer hohẽ Pflicht so weit ein Ge- nuͤgen thaͤten: daß die Nachkommen von ihnen sagten: Sie haͤtten ihren Ahnen keine Schan- de angethan/ dem Volcke vorsichtig fuͤrgestan- den/ in Gefahr sich unerschrocken bezeugt/ und fuͤr das gemeine Heil in Haß zu verfallen sich nicht gescheuet. Dieses waͤren die rechten Tem- pel/ die man derogestalt ohne Abgoͤtterey/ in die Hertzen der Lebenden bauete/ die schoͤnsten und unvergaͤnglichen Ehren-Seulen. Denn wel- che aus Marmel gehauen werden/ bey der Nachwelt aber Fluch verdienen/ wuͤrden gerin- ger als schlechteste Graͤber gehalten. Gleich- wohl aber waͤren eusserliche Gedaͤchtniß-Maa- le nicht gaͤntzlich ausser Augen zu setzen. Denn sie munterten ein laues Gemuͤte wie ein Sporn ein traͤges Pferd auff. Und fuͤr sich selbsten waͤ- ren selbte denen Helden nicht allein zu goͤnnen/ sondern sie moͤchten auch selbst darnach streben. Denn weil die Verachtung der Ehre auch die Verachtung der Tugend nach sich ziehe/ waͤre die sonst in allem verwerffliche Unersaͤttligkeit alleine bey dem Nachruhme zu dulden. Und man verhinge wohlverdienter Leute Nachkom- men nicht unbillich/ daß sie so wohl wegen ihres Andenckens/ als in ihren Begraͤbnissen/ fuͤr dem Poͤfel etwas besonders haͤtten. Einige kalt- gesinn- Arminius und Thußnelda. gesinnte hielten zwar den Nachruhm fuͤr einen Rauch; aber dieser waͤre die suͤsseste Speise der Seelen/ wie der von den Opffern auffsteigen- de Dampff eine Annehmligkeit GOttes. Al- le andere Dinge verleschten; das Gedaͤchtnuͤß der Tugend aber erleuchtete die fernsten und fin- stersten Zeiten. Dieses herrlichen Glantzes hal- ber haͤtten die Alten/ welche die Ehre fuͤr eine Gottheit gehalten/ selbter eben so/ wie dem Sa- turn/ oder der durch ihn vor gebildeten Zeit/ mit blossen Haͤuptern geopfert; gleich als wenn nur diese zwey Gottheiten nicht verfinstert werden koͤnten. Mit einem Worte: Jn dem Nach- ruhme bestuͤnde alleine die irrdische Gluͤckselig- keit/ und die Ehre waͤre die einige Koͤstligkeit/ wormit man Gott selbst beschencken koͤnte. Ja der tugendhaften Gemuͤther Vegierde/ nach ih- rem Tode ein ruͤhmliches Andencken zu behal- ten/ waͤre kein geringer Beweiß fuͤr die Unsterb- ligkeit der Seelen. Jn solchem Absehen koͤnte wohl geschehen/ daß das Bild des Drusus alldar aufgesetzt wuͤrde; die Altar-Taffel aber gereich- te zu Abbruch ihres reinen Gottes-Diensts. Die Fuͤrsten nahmen des Priesters Urtheil/ als einen Goͤttlichen Außspruch an/ und der Feldherr be- fahl hierauf/ des Drusus Bild aufzurichten/ die Taffel aber zu zerbrechen. Bey dieser Unterredung lieffen dem Feld- herrn wichtige Schreiben ein/ welche veranlaß- ten/ daß er sich mit dem Hertzog Jubil/ Arpus/ Sigismund und Melo zur Berathschlagung in Tempel verfuͤgte/ den Fuͤrsten Adgandester aber zu Unterhaltung des Fuͤrsten Rhemetalces und Malovends hinterließ/ welche inzwischen der Zermalmung der herrlichen Taffel zuschaueten. Rhemetalces fragte hierauf den Adgandester: Ob diß alles/ was in der Uberschrift vom Drusus erwehnt wuͤrde/ der Warheit gemaͤß waͤre? Die- ser antwortete: Seine und der Deutschen Red- ligkeit waͤre nicht gewohnt eigene Fehler zu uͤber- firnßen/ fremden Ruhm aber mit dem Schwam̃e der Mißgunst zu verwischen; also muͤste er geste- hen daß daꝛan wenig zuviel geschriebẽ waͤꝛe. Die- ser Drusus/ sagte er/ des Nero rechter/ des Kaͤy- sers Stieffsohn/ den Livia erst nach der mit dem Kaͤyser schon erfolgten Vermaͤhlung gebohren hatte/ hat wenig Roͤmer seines gleichen gehabt/ keiner aber in Deutschland mehr ausgerichtet. Seine Geschickligkeit uͤbereilete das Alter/ und der Verstand kam den Jahren zuvor. Deß- wegen erlaubte ihm auch Augustus/ daß er fuͤnff Jahr eher/ als es die Gewonheit zu Rom mit- brachte/ oͤffentliche Aemter bediente. Wie er denn auch alsofort als Tiberius der damahlige Roͤmische Stadtvogt mit dem Kaͤyser in Galli- en zoh/ sein Amt inzwischen ruͤhmlich vertrat. Kurtz hierauff ereignete sich/ daß/ nach dem der Marckmaͤnner Koͤnig die Bojen/ ein Volck dem Ursprunge nach aus Gallien/ aus ihrem Sitz an der Moldau/ Elbe und Eger vertrie- ben/ dieses aber sich bey den Rhetiern und Vin- delichern mit dem Koͤnige Segovesus nieder- gelassen hatte/ diese vermischten Voͤlcker theils aus angebohrner kriegerischen Art/ theils weil ihre Felsen ihnen zu enge werden wolten/ nicht nur in Gallien zum oͤfftern Einfaͤlle thaͤten/ son- dern auch gar aus Jtalien Raub holeten/ ja von den Roͤmern selbst Schatzung foderten und ihrer Stadt draͤueten. Uber diß hielten sie alle durch ihre Laͤnder reisende und mit den Roͤmern/ nicht aber mit ihnen verbundene Personen an; setzten denen sich daruͤber beschwerenden Nachbarn entgegen: Es waͤre bey ihnen ein altes Her- kommen/ daß wer nicht ihr Bundes-Genosse waͤre/ oder ihnen Schatzung gebe/ fuͤr Feind gehalten wuͤrde. Rhemetalces fing an: Jch hoͤ- re wohl/ die Rhetier sind derselben Weltweisen Meinung/ welche den insgemein geglaubten Wahn/ samb die Natur die Menschen durch einen geheimen Zug vereinbarte und zu Unter- haltung der Gemeinschafft triebe/ verdammen/ sondern die fuͤr einander habende Furcht sie in X x 3 Gesell- Vierdtes Buch Gesellschafft/ Doͤrffer und Staͤdte versammle- te. Adgandester begegnete ihm: Wenn er die Beschaffenheit gegenwaͤrtiger Zeit und die Nei- gungen itziger eisernen Menschen recht uͤberleg- te/ muͤste er dieser denen Rhetiern beygemessener Meinung beypflichten. Deutschland waͤre von undencklicher Zeit gespalten/ und ein Volck gegen dem andern wie Hund und Katze gesin- net gewest. Die einige Furcht fuͤr den Roͤmern haͤtte sie nun endlich mit einander verknuͤpffet/ welche wegen ihrer anhaͤngender Kaͤlte die Ei- genschafft des Wassers haͤtte/ indem diese nicht nur das sonst zerfliessende Wasser/ sondern auch die widrigsten Dinge durch Zusammenfrie- rung/ jene aber die aͤrgsten Feinde gegen die von einem Drittern andraͤuende Gefahr vereinbaꝛ- te. Rhemetalces veꝛsetzte: deꝛ meisten Weltwei- sen einhellige Meinung waͤre doch/ daß weder die Ameisen noch die Bienen zu der Versamm- lung so sehr als der Mensch geneigt waͤren. Die- sen haͤtte die Natur ohne Waffen geschaffen/ al- so waͤre er eines gemeinen Beystandes mehr als andere Thiere benoͤthigt. Er wuͤrde der wil- den Thiere taͤgliche Beute/ und sein Blut ihre gemeinste Speise seyn/ wenn ihn die Vernunfft und Gesellschafft nicht beschirmete. Diese a- ber eignete ihm die Herrschafft uͤber die staͤrck- sten Elephanten und die unbaͤndigsten Panther zu. Sie befreyete ihn von Kranckheiten/ staͤrck- te ihn beym Alter/ linderte seine Schmertzen; ja mit ihr wuͤrde die Einigkeit des menschli- chen Geschlechts und das Leben selbst zertrennet. Weil nun iedes Thier einen natuͤrlichen Trieb zu seiner Erhaltung haͤtte/ muͤste der Mensch auch selbten zur Gesellschafft/ als dem einigen Mittel seiner Erhaltung haben. Die Einsamkeit waͤre dem Tode aͤhnlicher als dem Leben; jener aber waͤre das schrecklichste in der Welt/ und die Zernichtung der Natur. Wie koͤnte solcher nun der Mensch nicht gram seyn? Auserhalb der Gemeinschafft waͤre die Zunge/ der alleredleste Werckzeug der Vernunfft/ und das den Menschen am meisten von andern un- terscheidende Merckmahl/ nichts nuͤtze. Sol- te sie deßhalben die kluge Mutter der Welt umsonst geschaffen haben? Das Feuer der Lie- be muͤste ohne Gesellschafft erleschen/ das Band der Freundschafft sich zernichten/ die Fort- pflantzung nachbleiben und durch die allge- meine Furcht das gantze menschliche Geschlech- te in sein altes Nichts vergraben werden. Ma- lovend hielt sich schuldig zu seyn Adgandesters anzunehmen/ setzte also Rhemetalcen entge- gen: Die Furcht ist kein so grausames Un- thier als sie insgemein gemahlet wird. Sie hilfft in unterschiedenen Kranckheiten; Sie oͤff- net die Blase/ vertreibt das Schlucken/ der Gicht und das viertaͤgichte Fieber; Laͤst die Meer-Spinne die schwartze Feuchtigkeit ent- gehen/ die sie von dem Garne deß Fischers e- ben so wohl als den Menschen aus dem Ne- tze der Feinde errettet. Sie verwandelt im Cameleon so offtmahls die Farben/ ohne wel- che Veraͤnderung er sich nicht lange erhalten koͤnte. Die Hindinnen sind nicht faͤhig zu em- pfangen und traͤchtig zu werden/ wenn sie nicht der Blitz vorher furchtsam gemacht. Die Furcht loͤsete des jungen Croesus stumme Zun- ge; Sie ist eine Gefaͤhrtin kluger und in die Ferne kuͤnfftiger Zufaͤlle sehender Koͤpffe/ und daher war Aristippus auff der See beym Sturme furchtsamer als niemand anders. Ja die Furcht ist eine Wehmutter der Tapffer- keit/ in dem ein alles fuͤrchtender Mensch auch alles faͤhig zu wagen ist/ und die aͤlteste Urhe- berin der Andacht/ denn sie hat den Men- schen zum ersten gelehret/ daß ein Gott sey. Weßwegen sich so vielweniger zu verwundern/ daß die Roͤmer der Furcht nicht nur Altaͤre/ sondern die Spartaner ihr einen Tempel ge- baut/ und an selbten den Richter-Stul ihrer Fuͤrsten gelehnet haben. Warum sol te sie denn Arminius und Thußnelda. denn zu einer Stiffterin menschlicher Gemein- schafften unfaͤhig oder zu ohnmaͤchtig seyn? Die verwechselte Liebe der Menschen hat si- cher wenig Staͤdte gebauet. Denn so heiß sie gegen sich selbst ist/ so kalt ist sie gegen an- dere. Waͤre diese uns von der Natur einge- pflantzt/ warum liebt man nicht einen Men- schen wie den andern? Warum hat man fuͤr so vielen eine innerliche Abscheu? Die Selbst-Liebe um uns entweder zu liebkosen o- der Nutzen zu schaffen/ ist die einige Ursache/ warum wir uns nach ein oder anderer Ge- sellschafft sehnen. Versammlet uns das Ge- werbe/ so suchen wir unsern Gewinn/ des an- dern Bevortheilung. Kommen wir in Amts- Sachen gleich zusammen/ hat die Furcht mehr ihr Auge auff des andern Thun/ als auff Befestigung einiger Vertraͤuligkeit/ und das Mißtrauen gebiehret mehrmahls Spal- tungen als Freundschafft. Wollen wir mit andern die Zeit vertreiben/ schoͤpffen wir die groͤste Vergnuͤgung aus fremden Gebrechen/ aus Verkleinerung der Abwesenden/ und wenn wir durch Erlangung groͤssern Ansehens und Vermoͤgens unsere Furcht auff andere Schul- tern legen. Ja unter dem Scheine der Weiß- heit und der Vegierde zu lehren oder zu ler- nen/ verbirget sich die Eitelkeit eigener Eh- re/ und das Verlangen andern zu Kopffe zu wachsen; und mit einem Worte: der Mensch hat mehr Neigung uͤber andere zu herrschen/ als sie zu Gefaͤhrten zu haben. Aus dieser eingepflantzten Herschens-Begierde erwecket das Mißtrauen insonderheit bey den Schwaͤ- chern Furcht/ diese aber stifftet grosse und tau- erhaffte Versammlungen. Sintemahl uns die Einsamkeit nur wegen dessen/ was unse- rer Selbst-Liebe abgeht/ verdruͤßlich ist; und bey ermangelnden Erhaltungs-Mitteln gleich- sam ein Zwang der Natur/ oder bey Erkiesung ein und andern Vortheils die Vernunfft dem Menschen die Gesellschafft auffnoͤthigt/ worzu er doch seiner angebohrnen Art nach so geschickt nicht ist/ als zur Einsamkeit. Denn diese erhaͤlt ihn in der Gluͤckseligkeit des Friedens und in seinem Wesen; Ausser der aber geraͤthet er als- bald in Krieg. Sintemahl die Menschen nie- mahls das erstemahl und fuͤr gemachten Buͤnd- nissen zusammen kommen/ da nicht der Arg- wohn Schildwache halte/ das Mißtrauen im Hertzen koche/ und die Vernunfft auff Beschir- mungs- oder Uberwaͤltigungs-Mittel vorsin- net; Also aller Menschen erster natuͤrlicher Zu- stand gegen alle andere kriegerisch ist/ ungeach- tet Vorsicht oder Heucheley insgemein diese Ei- genschafft verbluͤmet. Rhemetalces fragte hier- auff: Ob er denn derogestalt der Rhetier ge- gen alle Menschen und Voͤlcker/ die sie gleich nie beleidigt haͤtten/ tragende Feindschafft bil- ligte? Adgandester antwortete: Er begehr- te der Rhetier Thun nicht zu vertheidigen. Denn ob wohl die Neigungen der Menschen an sich selbst kriegerisch waͤren/ so haͤtte doch die Natur durch die Vernunfft ihnen diß Gesetze zugleich eingepflantzt/ daß man einem andern nicht thun solte/ was man selbst von ihm nicht gern erdul- dete. Die Regungen und das Recht der Natur waͤren gantz unterschieden. Uberdiß koͤnte die Selbst-Liebe neben der Gemeinschafft/ und die eigene Erhaltung ohne des andern Unterdruͤ- ckung gar wohl stehen; ja jene muͤste wegen des Menschen Schwaͤche und Duͤrfftigkeit diese zu Gefaͤhrten haben/ und ihre Hefftigkeit maͤs- sigen/ wormit der Mißbrauch nicht das Band der Gesellschafft zertrennete. Wenn auch schon der Mensch sich in genugsame Sicherheit gesetzt haͤtte/ so waͤre er doch auch denen/ welche zu sei- ner Erhaltung nicht faͤhig oder noͤthig find/ auff den Hals zu hucken nicht berechtigt. Ja auch frembder uns zu vertilgen nicht ge- meinter Vortheil gaͤbe zum Kriege uns kein Recht. Ein Wettelaͤuffer waͤre befugt alle eusser- Vierdtes Buch eusserste Kraͤfften anzugewehren/ um andern vorzukommen; nicht aber denen ihn uͤberei- lenden ein Bein unterzuschlagen. Jeder Mensch moͤchte sich um seine Nothdurfft bewer- ben/ aber sie nicht andern arglistig oder mit Ge- walt nehmen; ungeachtet die Natur dem Men- schen das Urthel/ was er zu seiner Erhaltung be- doͤrffe/ frey gelassen/ und anfangs alle Dinge iederman frey gemacht haͤtte. Denn jenes sol- le der gesunden Vernunfft und dem angezoge- nen Gesetze gemaͤß seyn; und weil das Recht al- ler Menschen zu iedem Dinge nur eines ieden Genuͤß verhindern wuͤrde/ waͤre hernach das durch die Gemeinschafft eingefuͤhrte Eigen- thum von ihr gebilligt/ und derogestalt dem Krie- ge ein Zaum angeleget worden/ welcher der Er- haltung der Menschen ungezweiffelt zuwider; also der Mensch denen/ die ihm zu schaden nicht gemeinet sind/ vermoͤge obigen Gesetzes/ gutes zu thun/ und also ihre Gemeinschafft zu unter- halten verbunden waͤre. Zu welcher Verbind- ligkeit auch allein genug zu seyn schiene/ daß der andere so wohl ein Mensch als er waͤre. Denn diese Gleichheit hebe alle Fremdigkeit auff/ saͤnf- tige alle widrige Meinungen und gebe einen fe- sten Fuß zu allgemeiner Freundschafft ab. Die Griechen haͤtten ihrem Jupiter nicht unbillich den Zunahmen eines Freundes/ eines Gefaͤr- then und eines Gastfreyen zugeeignet/ und ihn gepriesen/ daß er diese Eigenschafften auch den Menschen mittheilte/ wormit sie durch verwech- selte Wohlthaten ihrer Selbst-Liebe so vielmehr ein Genuͤgen thaͤten. Sintemahl auch die Eh- re vielen andern genutzt zu haben uns selbst die suͤsseste Vergnuͤgung ist. Je mehr ihrer nun unserer Huͤlffe geniessen/ ie weiter erstreckt sich unser Ruhm. Weßwegen die nur gegen ein- tzele Menschen tꝛagende Freundschafft mehr von des menschlichen Geschlechts Schwachheit/ als von der Einsetzung der Natur den Ursprung hat; und deßwegen Hercules/ welcher allen Menschen ohne Unterscheid durch seine Thaten wohlzuthun bemuͤht gewest/ fuͤr allen andern Helden unter die Sternen versetzt worden. Ma- lovend warff ein: was ist denn die Natur fuͤr ei- ne zaͤnckische Stieff-Mutter/ daß sie dem Men- schen einen kriegerischen Trieb einpflantzet/ gleichwohl aber Gesetze der Eintracht fuͤrschrei- bet? Adgandester unterbrach diesen Zwist/ und fing an: Seinem Urtheil nach haͤtte der Mensch eine natuͤrliche Neigung zu der haͤußlichen Ge- meinschafft/ die buͤrgerliche aber haͤtte ihren Ur- sprung aus der Furcht/ und der Vorsorge bevor- stehendes Ubel abzuwenden. Jene haͤtte zu ihren Grundfesten die Begierde der Vermeh- rung und daher die Gemeinschafft des Maͤnn- und Weiblichen Geschlechts/ wie auch die ein- gepflantzte Liebe der Eltern gegen ihre Kinder und der Bluts-Verwandten gegen einander. Diese haͤußliche Gemeinschafft ist schon genug den Menschen zu vergnuͤgen und gluͤckselig zu machen. Sintemal die Natur mit wenigem vergnuͤgt/ der Uberfluß aber eine Mißgeburt grosser Staͤdte ist. Bey dieser Gemeinschafft waͤren die ersten Menschen blieben; welche ins- gemein in holen Baͤumen und Waͤldern ge- wohnt. Die Scythen haͤtten noch ihren Auff- enthalt auff Wagen/ die Araber in Ziegen- Huͤtten/ welche sie bald dar bald dort auffschluͤ- gen. Eben so haͤtten die wenigsten Deutschen Staͤdte/ die meisten vertruͤgen nicht/ daß der Nachbar an ihre Haͤuser anbauete; sondern sie waͤren nach Gelegenheit eines Brunnens/ Pu- sches/ Feldes oder einer Bach weit von einandes zerstreuet. Viel wohnten auch noch in den Hoͤ- len der Berge/ und bedeckten sie des Winters mit Miste. Bey solcher Beschaffenheit haͤtte die Natur gar nicht/ sondern die Wollust alleine vonnoͤthen gehabt dem Menschen die Begierde zu buͤrgerlicher Gemeinschafft einzupflantzen/ ungeachtet der Mensch eine Faͤhigkeit an sich hat/ daß er zum buͤrgerlichen Wandel ausge- arbei- Arminius und Thußnelda. beitet werden koͤnne. Fuͤr sich selbst aber und seinem Ursprunge nach kan er ausserhalb der Staͤdte vergnuͤgt/ tugendhafft und also gluͤck- selig leben. Dahero auch ein guter Mann und guter Mensch weit vonsammen unter- schieden sind; und es sich in einem verwirre- ten Stadt-Wesen treffen kan/ daß ein guter Buͤrger kein guter Mann seyn doͤrffe. Ja weil die haͤußliche Gemeinschafft allem Man- gel der Lebens-Mittel und den Verdruͤßligkei- ten der Einsamkeit abzuhelffen vermag/ hinge- gen aber die Buͤrgerliche ein Verbuͤndniß ist/ welches Kinder und albere Leute nicht einge- hen koͤnnen/ auch ohne Gesetze unmoͤglich be- stehen kan/ welche den Menschen/ sein Ver- moͤgen/ seine Ehre und Leben derselben Zwan- ge unterwerffen/ ihm also viel/ worzu er kei- ne Lust hat/ auffnoͤthigen/ seinen frechen Be- gierden einen Kapzaum anlegen/ und gleich- wohl manchen zu keinem das gemeine Wesen fuͤrnehmlich suchenden Buͤrger machen/ schei- net die buͤrgerliche Gemeinschafft eine Berau- bung der natuͤrlichen Freyheit/ und also der Natur mehr zuwider als ihr Werck zu seyn. Zumahl der Mensch unter allen Thieren das ungezaͤhmteste ist; und an kriegerischer Zwy- tracht die rasenden Tieger uͤbertrifft/ welche gleichwohl unter sich selbst einen ewigen Frieden halten; jener aber nicht nur auff seines gleichen/ sondern wider sein eigenes Blut wuͤtet/ durch Geitz/ Hoffart und Ehrsucht/ derer verein- barten Regungen sonst kein Thier faͤhig ist/ nicht nur die andern Glieder einer Stadt un- terdruͤcket/ sondern Gott selbst verachtet; also/ daß die Natur nur deßhalben aus einer vorsich- tigen Erbarmniß den Menschen am allerlang- samsten groß wachsen laͤßt/ wormit er nicht zu geschwinde zu einem unbaͤndigen Ungeheuer werde/ und durch kluge Aufferziehung zu ei- nem tauglichen Buͤrger ausgeschnitzt werden koͤnne. Diese angebohrne Unart der Menschen hat unter dem gantzen Geschlechte ein Miß- trauen und Furcht/ diese aber die buͤrgerliche Gemeinschafft/ die Erbauung der Staͤdte/ die Befestigung gewisser Plaͤtze/ den Gerichts- Zwang und die hoͤchste Gewalt gestifftet/ wor- mit man so wohl wider Fremder als Einhei- mischer unrechte Gewalt sicher sey; Nachdem das Gesetze der Natur wegen der Menschen allzu hefftiger Gemuͤths-Regungen sie in den Schrancken der Billigkeit zu halten viel zu schwach/ und ihr Urthel theils wegen so gros- sen Unterschieds der Meinungen zu zweiffel- hafft/ theils wegen uͤbermaͤßiger Selbst-Liebe gar zu unrecht ist. Malovend und Rhemetalces nahmen entwe- der aus wahrhafftem Beyfall/ oder aus Begier- de Adgandestern auff seine angefangene Erzeh- lung zu bringen/ seine Erklaͤrung fuͤr einen ge- rechten Entscheid an. Diesem nach er denn folgender massen darinnen fortfuhr. Die Rhe- tier waren ein Beyspiel der von den Gesetzen der Natur abirrenden Menschen/ und daß die Furcht eine Mutter der Rache und Grausam- keit/ auch die buͤrgerliche Gemeinschafft mehr- mahls der Natur abgesagte Feindin sey. Denn als die Roͤmer einst etliche Rhetier durch List in ihre Haͤnde bekamen und toͤdteten/ machten diese ein Gesetze/ daß niemand bey Verlust seines Lebens einen in seine Gewalt gediege- nen Roͤmer leben lassen dorffte/ ja sie verschon- ten nicht der unzeitigen Knaben in Mutter- leibe/ nachdem sie durch Zaubereyen erforschten/ ob die schwangern Weiber Knaben oder Maͤgdlein truͤgen. Diesem nach schickte der Kaͤyser diesen Drusus mit einem Heere gegen sie; welchem sie aber bey dem Tridentinischen Gebuͤrge die Stirne boten/ iedoch weil die Roͤmer ihnen an Art der Waffen uͤberlegen waren/ den Kuͤrtzern und sich zuruͤck ziehen mu- sten. Nichts destoweniger streifften sie noch immer in Gallien/ welches den Kaͤyser noͤthig- te den Drusus mit einem frischen Heere ih- nen entgegen zu schicken/ und Tiberius selbst Erster Theil. Y y setzte Vierdtes Buch setzte ein anders uͤber den Brigantinischen See/ und kam den Rhetiern in Ruͤcken; al- so nach dem sie vor und hinterwerts angegrif- fen wurden/ sie nach unterschiedenen harten Treffen in die Gebuͤrge zuruͤck wichen. Nach dem aber Tiberius Taxegetium/ Cur/ Bri- gantz/ Vemania/ und Viaca/ Drusus Paero- dun/ Abudiacum/ Esco/ Ambra/ Jsarisca und Clavenna einnahm/ und an dem Lech in der Stadt Damasia etliche tausend Roͤmische Ge- schlechter niedersetzte/ hingegen die streitbar- sten Rhetier in Jtalien hin und wieder zerthei- lete; musten sich diese Voͤlcker nach mehrmahls fruchtloß versuchten Auffstande nur endlich fuͤr dem Drusus demuͤthigen und das Roͤmi- sche Joch auff sich nehmen. Allein die in Gal- lien versetzten Rhetier thaͤten den Roͤ- mern daselbst unbewaffnet mehr Schaden/ als vorhin in ihrem Vaterlande. Denn sie nahmen der Gelegenheit wahr den Galliern ihre schimpffliche Dienstbarkeit stachlicht zu verweisen/ und sie so gar fuͤr Werckzeuge und Fesseltraͤger der Roͤmischen Herrschafft zu schelten; nach dem man so gar fremde der Freyheit zugethane Voͤlcker in Gallien gleich- sam in ein genugsam sicheres Gefaͤngniß braͤch- te. Wie nun diese Einhaltung unterschiedenen fuͤrnehmen Galliern tieff zu Gemuͤthe ging; also unterliessen auch die benachbarten und zum Theil in Gallien noch vermischten Deutschen nicht/ insonderheit die Sicambrer und Usipe- ter/ denen der gluͤckselige Streich wider den Lollius schon einst gegluͤckt war/ ihnen in Oh- ren zu liegen. Unter andern aber trug sich zu: daß als der Kaͤyser Augustus aus Spa- nien in Gallien ankam/ der Roͤmische Land- pfleger alle Fuͤrsten in Gallien nach der Stadt Lugdun an dem Rhodan verschrieb/ den Kaͤy- ser daselbst mit desto groͤsserer Pracht zu be- willkommen. Drey Tage nach des Kaͤysers Ankunfft fiel sein Geburts-Tag ein. Ob nun wohl August sich zu Rom aller uͤbermaͤßigen Ehre entschlug/ so verhing er gleichwohl/ daß man daselbst seinen Geburts-Tag als heilig mit Lust-Spielen und Jagten feyerte. Die Ritterschafft hielte allerhand Rennen/ und die Zunfften sammleten so gar das gantze Jahr in eine Lade die Unkosten zu unterschiedenen Freuden-Zeichen. Alle Staͤnde gingen mit grosser Ehrerbietung zu dem Pful des Cur- tius/ und warffen dem Gott Summanus fuͤr das Heil des Kaͤysers eine Gabe hinein. Und an diesem Tage durffte kein Ubelthaͤter verur- theilet/ weniger abgethan werden. Alleine in denen uͤberwundenen Laͤndern hatte die Heucheley der Landvoͤgte diese Fest-Tage viel herrlicher zu halten eingefuͤhret/ auch August solches mehrmahls gebillicht/ welcher fuͤr ein Geheimniß seiner Herrschafft hielt sich zu Rom kleiner/ anderwerts aber groͤsser/ als er war/ zu machen/ und dort fuͤr einen Buͤrger/ anderwerts fuͤr einen Gott angesehen seyn wolte. Jnsonderheit meinte dißmahl der Land- vogt Qvintus Adginnius was ungemeines aus- zuuͤben/ verschrieb also alle Fuͤrsten und einen Ausschuß des Adels nach Lugdun/ welche den Kaͤyser nebst zwey Roͤmischen Legionen auffs praͤchtigste einholeten. Ausserhalb der Stadt war eine kostbare Ehren-Pforte gebauet/ wel- che mit allerhand von dem Phoͤnix genomme- nen Sinne-Bildern bemahlet war. Auff der rechten Seiten stand das Bild des Kaͤysers/ uͤber ihm war eine Welt-Kugel/ und darauff ein Phoͤnix gemahlet/ mit den Worten: Der einige in dem einigen. Neben ihm stand ein Phoͤnix/ der gerade in die Sonne sa- he/ mit der Veyschrifft: Gleich und gleich. Auff der andern Seite flog ein junger Phoͤ- nix/ der eines andern verbrenntes Nest auff ein der Sonne gewiedmetes Altar legte/ mit der Uberschrifft: Heute dir/ morgen mir. Bey Arminius und Thußnelde. Bey dem Fuße spreußte ein Phoͤnix die Fluͤ- gel/ und drehete den gestirnten Thier-Kreyß mit einem Fuße herum. Die Worte dabey waren: Jch veraͤndere die Zeiten. Oben in der Spitze schwebte ein Phoͤnix/ unter ihm hingen die Adler ihre Fluͤgel. Die Uberschrifft war: Der Koͤnige Koͤnig. Auff der lin- cken Hand stand das Bild Galliens/ uͤber selbtem aber ein sich verbrennender Phoͤnix/ mit der Uberschrifft: Jch verginge/ wann ich nicht vergangen waͤre. Auff der einen Seite war ein Phoͤnix den die Sonne mit Strahlen uͤberschuͤttete/ mit der Beyschrifft: Anderer Verzehrung meine Speise. Auff der andern Seite ein den Hals empor streckender Phoͤnix/ der darum seinen auff Art eines Halsbandes habenden guͤldenen Kreiß zeigete/ mit den Worten: Meine Bande meine Zierde. Oben in der Spitze warff ein Phoͤnix Zimmet und Wey- rauch auff ein brennendes Altar/ mit der U- berschrifft: Meine Opffer meine Gene- sung. Das erste Sinnebild war ein zerbro- chener Spiegel/ in dessen iedem Stuͤcke die Sonne vollkommen sich bespiegelte/ mit den Worten dabey: Verminderung ohne Ab- gang. Das andere war ein hol ausgeschlif- fener Brenn-Spiegel/ in dessen Mittel- Puncte die Sonnen-Strahlen sich vereinbar- ten/ mit dem Beysatze: Je enger ie kraͤff- tiger. Das dritte war der verschlossene Tem- pel des Janus mit der Uberschrifft: Er zeigt sich durch die Verschluͤssung. Das vierdte Sinne-Bild war der zusammenge- fuͤgte Tempel der Tugend und der Ehren/ mit der Beyschrifft: Durch Staub zum Gestirne. Die dritte Ehren-Psorte stand fuͤr dem Koͤniglichen Hause/ das dem Kaͤy- ser zur Wohnung bestimmt war/ und auff den Rhodan ein weit und anmuthiges Aussehen hatte. Weil sichs nun gleich traff/ daß die Sonne zu Golde ging/ war die Uberschrifft daran: Die Sonne sinckt ins Meer/ so bald August zeucht ein. Denn eine Stadt vertraͤgt nicht zweyer Sonnenschein. Der Kaͤyser war in Gestalt des Apollo gebil- det und ward auff dem Wagen der Sonnen von vier weissen Pferden gezogen. Die gan- tze Ehren-Pforte war mit eitel von der Son- ne genommenen Sinne-Bildern angefuͤllt. Die am Morgen lieblich auffgehende Sonne hatte eine Uberschrifft: Eigenbeweglich und umsonst. Die am Mittage den gan- tzen Erdkreiß uͤberstralende diese Worte: Unermuͤdet und allenthalben. Bey der alle Gestirne mit Lichte betheilenden Son- ne stand: Alle von einem. Bey der den Schnee zerschmeltzenden und die Kraͤuter er- qvickenden: Jch vertilge und erqvicke. Der einen Regenbogen machenden Sonne war beygeschrieben: Mahlwerck eines Blickes. Der die zwoͤlff himmlischen Zei- chen durchwandernden Sonne stund beygesetzt: Eines nach dem andern. Die aller groͤste Pracht aber hatte Adginnius in dem bey Zusammenrinnung des Rhodans und der Araris dem Kaͤyser Julius und Augustus zu Ehren aus weissem Marmel gebauten Tem- pel sehen lassen/ dahin der Kaͤyser folgenden Tag auff dem Rhodan in einem gantz uͤber- goldeten Schiffe gefuͤhret/ und mit mehr als tausend andern Schiffen begleitet ward. Der Kaͤyser warff/ als er den ersten Fuß in das Schiff setzte/ einen koͤstlichen Ring in den Rho- dan/ entweder auch hierinnen es dem grossen Y y 2 Alexan- Drittes Buch Alexander nachzuthun/ der nach Eroberung der Stadt Hamatelia dem Meere opfferte/ oder aus einer wahrhafften Andacht/ nachdem nicht nur die Messenischen Koͤnige den Fluß Pamisus/ die Phrygier den Meander und Marsyas/ die Egyptier den Nil goͤttlich ver- ehrten/ sondern auch die Roͤmer glaubten/ daß die Goͤtter und die Gestirne sich von de- nen aus dem Meere und den Fluͤssen daͤmpf- fenden Feuchtigkeiten naͤhreten. Uber der Pforte des Tempels stand in eine ertztene Ta- fel gepreget: Denen zwey Goͤttern der vier Gallien. Der Tempel war nach Art des Tugend- und Ehren-Tempels zu Rom in zwey Theile abgetheilet. Jn dem ersten stand des Cajus Julius Bild zu Pferde aus Ertzt gegossen in der Mitten. Unter dem Pferde lagen allerhand in Ertzt gleichfalls ge- etzte Kriegs-Waffen; und an einem Marmel- nen Fußbodeme war zu lesen: Als Mars in Gallien nahm Caͤsars Thaten wahr/ Sprach er. Jch sehe nun/ wo ich den Krieg sol lernen. Nahm also uͤber sich sein Thun/ Amt und Gefahr/ Und Caͤsars Seele ward der Kriegs-Gott bey den Sternen. Auff der einen Seiten des viereckichten Tem- pels stand das Bildnis des Belgischen Galli- ens. Die Wand war in zwey Felder abge- theilet. Jm ersten war des Julius mit dem Koͤnige Ariovist gehaltene Schlacht zwischen der Araris und dem Rheine/ und insonder- heit wie der verwundete Ariovist in einem kleinen Nachen sich uͤber den Rhein fluͤchtete/ und zwey Gemahlinnen nebst einer Tochter im Stiche/ die andere dienstbar machen ließ/ abgebildet. Darunter war in Stein gehauen: Arioviften trifft mein erster Donnerschlag; Der Deutschland zitternd macht und Gallien ertaͤubet. So kan ein Helden-Arm ausuͤben einen Tag/ Was ewig eingepregt in Ertzt und Sternen bleibet. Jm andern Felde war die hefftige Schlacht mit den Nerviern zu sehen/ da diese gantz ver- zweiffelt fochten/ aus den todten Leichnamen Brustwehren machten/ und das Roͤmische Heer zu weichen noͤthigten/ Kaͤyser Julius aber einem gemeinen Kriegs-Knechte den Schild vom Ar- me riß/ an die Spitze sich stellte/ den Sieg des Feindes hemmte/ ja fast den Nahmen der Ner- vier vertilgte. Darbey war auffgezeich- net: Sind Persens und sein Schild als Sterne zu erhoͤhen/ Weil Atlas und ein Fisch verwandelt wird in Stein; Muß Caͤsar und sein Schild verkehrt in Sonnen seyn/ Weil tausend Nervier fuͤr ihm wie Marmel stehen. Auff der andern Seite war das Bild des A- qvitanischen Galliens auffgerichtet/ und an dem ersten Felde der Wand kuͤnstlich eingeetzt das ho- he mit sechs Fuͤsse tieffem Schnee bedeckte Ge- bennische Gebuͤrge/ uͤber welches Kaͤyser Juli- us die Arverner wider alle menschliche Einbil- dung uͤberfiel. Darunter stand: Verkreuch dich Hannibal mit deinem Alpen steigen/ Weil Mensch und Sommer dir dort einen Fuß-Pfad zeigen; Gebennens Schnee-Gebuͤrg’ ist Gꝛmsen auch zu boch/ Doch findet Julius durch Klipp’ und Schnee ein Loch. Jn dem andern Felde stand die Eroberung der uͤberaus festen Stadt Uxellodun; da Kaͤyser Julius nach vergebens gebrauchtem Schwerdt und Feuer einem starcken Brunnen das Was- ser entzoh/ und durch Durst die Belaͤgerten zur Ubergabe zwang/ hernach aber allen/ die Waffen getragen hatten/ die Haͤnde abhauen ließ. Die Beyschrifft war: Jn dem Uxellodun in Caͤsars Haͤnde faͤllt/ Als er dem ew’gen Qvell die Adern abgeschnitten; Erweist der Kaͤvser sich mehr einen Gott als Held/ Denn Goͤtter koͤnnen ja nur der Natur gebieten. An der dritten Seite des Tempels stand das Bild des Celtischen Galliens/ und im ersten Felde der Mauer war zu sehen Caͤsars wunder- wuͤrdige Belaͤgerung der unuͤberwindlichen Festung Alexia/ und derselben Auffgabe. Die Schrifft dabey war: Kein Arminius und Thußnelda. Kein Weg das Auge traͤgt kaum auf Alexens Klufft/ Doch schwingt sich Caͤsar hin/ zermalmt Thor/ Mauern/ Riegel. Nicht ruͤhmt des Daͤdalus zur Flucht geschickte Fluͤgel/ Denn Goͤtter nehmen nur ein Schloͤsser in der Lufft. Jn dem andern Felde der Mauer aber die Ergebung der Carnuter/ und die Aushaͤndi- gung ihres Fuͤrsten Guturvat/ welcher dieses und andere Voͤlcker wider die Roͤmer aufge- wiegelt hatte/ und deshalben mit Pruͤgeln und einem Fallbeile hingerichtet ward. Unter demselben war zu lesen: Als sich Carnut empoͤrt/ kom̃t Caͤsar/ siht und siegt/ Fuͤr seinem Schatten faͤllt fußfaͤllig es zun Fuͤssen/ Siht wie sein Haupt entseelt von Bell und Pruͤgeln liegt. Denn knechtschen Meyneid muß ein Fuͤrst auch knechtisch buͤssen. An der vierdten Ecke des Tempels sahe man das Bild des Narbonischen Galliens/ und in dem einen Felde die Schlacht des Kaͤysers mit dem Koͤnige Vercingentorix/ und wie nach der- selben Verlust dieser mit seinem Volcke und Laͤger sich selbst dem Kaͤyser ergibet/ und fuͤr sei- nem Stule fußfaͤllig Helm und Waffen nie- derlegt. Die Worte darbey waren: Nicht Vercingentorix/ gantz Gallien liegt hier/ Wirfft Helm und Zepter weg/ weicht Caͤsarn Hertz und Seele; Rufft: Caͤsar halt’ ihm selbst der Voͤlcker Opffer fuͤr/ Weil er in Menschen-Tracht die Gottheit so verhoͤle. Jn dem andern Felde war die unvergleich- liche Belaͤgerung der Stadt Massilien fuͤrge- bildet/ und wie nach verzweifelter Gegenwehr sie ihre Ruͤstung/ Waffen/ Geschuͤtze/ Geld und Schiffe dem Kaͤyser demuͤthig eingeliefert/ die Stadt aber nicht wegen ihrer Verdienste/ son- dern wegen ihres Alterthums/ weil sie die Pho- censer noch gebauet/ begnadigt wird. Darun- ter stand: Massilien erstarrt fuͤr Caͤsars Ungewitter/ Wenn er wie Mavors Glut/ wie Zevs Blitz auf sie schneyt/ Doch faͤsselt er sie mehr durch seine Guͤtigkeit. Denn Grim̃ zwingt Mauern nur/ Sanftmuͤthigkeit Gemuͤther. Dieses Vor-Tempels an eitel kriegerischen Dingen bestehende Pracht aber ward weit uͤber- troffen von dem Friedens-Tempel des Kaisers Augustus. Wie in dem erstern die Zierrathen eitel eisenfaͤrbichte Waffen/ das Laubwerck nur Lorbern waren; also waren im andern aller- hand Blumen/ insonderheit viel Hoͤrner des Uberflusses in Marmel und Ertzt geetzt. Das Laubwerck bestand an eitel Oel- und Myrten- Laube/ und war alles ziervergoldet. Fuͤr der Pforte stand ein Spring-Brunnen/ in welchem die Schale aus Porphir/ das Bild der Natur aber/ welches aus den Bruͤsten mit grosser Hef- tigkeit/ darein das klaͤreste Brunn-Wasser spritz- te/ war aus Corinthischem Ertzte gegossen/ die Schale trugen vier aus Alabaster gehauene Delphinen. Die mitten zertheilte Pforte war aus Ertzt/ und darauf Bacchus mit seinen Wein-Reben/ und Ceres mit Weitzen-Eeren gegossen. Daruͤber stand in Marmel ge- hauen: Dem Kaͤyser Augustus/ Der Gallier grossem und guͤtigem Jupiter/ baute dieses Qvintus Adginnius/ Der Stadt Rom und des Kaͤysers Priester/ bey der Zusammen-Fluͤssung des Rhodans und der Araris. Y y 3 Dieser Vierdtes Buch Dieser Tempel war Kugel-rund gebauet; in der Mitten stand aus Corinthischem Ertzte des Kaͤysers Augustus Bildnuͤß/ welchem alle Kennzeichen des Jupiters und der Sonne bey- gefuͤgt waren. An dem marmelnen Fusse stand: Laß Caͤsarn/ wenn er stirbt/ zu einem Gotte werden/ Ein Schrecken Galliens/ des Himmels Kriegs-Stern seyn. August wird eine Sonn’/ ein Gott noch hier auf Erden; Er und der Friede baut/ was Furcht und Krieg reist ein. Die Abtheilung des Tempels aber war fuͤnf- fach/ und in einer ieden eine Geschichte des Ju- piters in Marmel eingehauen/ welcher aber al- enthalben ein dem Kayser August gantz gleiches Antlitz hatte. Jn iedem Fuͤnfeck war einer von den Haupt-Fluͤssen Galliens/ nemlich der Rho- dan/ die Garumne/ die Ligeris/ die Seene und die Maaß abgebildet/ welche aus ihren Kruͤgen grosse Stroͤme Wassers ausgossen. Jm ersten lag die Maaß/ allenthalben mit Schilff umb- wachsen/ oben saß August bey einer Taffel/ ein fliegender Adler aber nahm ihm mit dem Schnabel ein Theil der Speise vom Teller/ mit der Beyschrifft: Nicht wunder dich August/ daß dir ein Vogel frist Die Speisen aus der Hand. Er kennt dich/ wer du bist. Und du kanst/ was es fuͤr ein Vogel sey/ ermaͤssen. Denn Adler pflegen nur mit Jupitern zu essen. Jm andern Fuͤnfeck saß die Seene/ umb und umb mit tausenderley Art Muscheln umbleget/ und der noch junge Jupiter ward mit Honig von den Bienen ernaͤhret/ welche nach und nach ihre Eisen - Farbe in Gold - gelbe verwandelten. Daruͤber war zu lesen: Warumb wird Gallien am Golde so sehr reich/ Nach dem’s dem Kaͤyser zinßt? Es grub ja vor kaum Eisen/ Nicht fragt? denn Jupiter macht/ wenn sie ihn nur speisen/ Der Bienen Eisen-Farb auch schoͤnstem Golde gleich. Jm dritten Felde lag die Ligeris auf einem mit Mooß bewachsenen Felsen; uͤber ihr war Jupiter gemahlet/ wie er den Thurm des Acri- sius durchbricht/ und sich als ein guͤldner Re- gen in die Schoos seiner hierdurch geschwaͤn- gerten Danae ablaͤßt. Darunter war geschrie- ben: Entsetze/ Gallien/ dich fuͤr dem Kaͤyser nicht/ Der guͤldne Friede kommt/ wenn er gleich stuͤrmt und wuͤtet. Wenn Jupiter durch Ertzt/ durch Thuͤrm und Mauern bricht/ Wird Danae mit Gold und Segen uͤberschuͤttet. Jm vierdten Theile lag der Fluß Garumna/ das Haupt hatte er wie Bacchus mit Reben und Wein-Laube umbhuͤllet. Jn selbigem Felde war die Geburt der Pallas aus dem Gehirne Jupiters eingehauen/ mit der Bey- Schrifft: Die Weißheit steigt hier hoch. Warumb? August regirt. Denn Pallas wird gebohrn aus Jupiters Gehirne. Saturnens guͤldne Zeit wird aber auch verspuͤrt! Denn dieser Zevs hier beut dem Vater nicht die Stirne. Jm fuͤnften Theile lag der Rhodan auf ei- nem mit eitel Corallen - Zapfen bewachsenen Felsen. Jm Felde war der in einen Schwan verwandelte Jupiter gebildet/ wie er die Leda des Tyndarus Gemahlin schwaͤngert/ welche hernach zwey Eyer gelegt/ aus derer einem Pollux und Helena/ aus dem andern Castor und Clytemnestra hervor kommen. Darun- ter war gezeichnet: Warumb mag wohl August so Gallien bebruͤtten? Nicht: daß es Eyer ihm aus Golde legen soll. Als Zevs die Leda zwingt/ thut es ihr selber wohl. Zwey Helden haben sich aus ihrem Ey geschnidten. Viel tausend aber hoͤrt man Franckreich Mutter nennen. Was macht es? Jupiter ward ein unfruchtbar Schwan. Der Kaͤyser aber ist ein unermuͤdet Hahn/ Und die vier Gallien vier gute Lege-Hennen. Als Arminius und Thußnelda. Als der Kaͤyser bey dem Tempel aus dem Schiffe trat/ bewillkommte ihn der ihm zuge- eignete Priester Cajus Julius Vercondaridu- bius/ ein Heduer der Geburt/ nebst sechs andern Priestern/ welche iedem denen dem Kaͤyser fuͤr- tretenen Fuͤrsten eine weisse mit Oel - Laube umbwundene und brennende Fackel einhaͤn- digten. Mitten im Tempel war bey seinem Bildnuͤsse ein hoher Thron aufgebauet/ darauf sich der Kaͤyser setzte. Alsofort ward auf denen darinnen stehenden fuͤnf Altaren von wolruͤ- chendem Holtze ein Feuer angezuͤndet. Die Fuͤrsten der Gallier/ und nach ihnen der Adel/ gingen nach der Reyhe/ neigten sich fuͤr dem Augustus/ kuͤsseten gegen ihm ihre rechte Hand/ dreheten sich hierauf linckwerts (welches bey den Galliern die groͤste Andacht ist) zu denen Altaren/ und warff ieder eine Handvoll Wey- rauch in die heilige Flamme. Jch mag/ fuhr Adgandester fort/ alle aber- glaͤubische Heucheleyen/ die daselbst fuͤrgingen/ nicht erzehlen. Uns ist alleine genung/ daß viel Gallier diese ihre schmaͤhliche Dienst- barkeit einen sterblichen Menschen goͤttlich zu verehren in ihrem Gemuͤthe verfluchten/ die zuschauenden Sicambrer und Rhetier aber die Gallier als Knechtische Sclaven ver- schmaͤheten/ und alle auf den Julius Caͤsar und den Augustus gerichtete Sinnen-Bilder und Uberschrifften zu ihrer aͤrgsten Ver- kleinerung auslegten. Wordurch denn nach dem Abzuge des Kaisers ihrer viel auf- gewecket wurden/ das Roͤmische Joch abzu- werffen/ sonderlich da der Sicambrische Hertzog Anthario ihnen wider die Roͤmer mit aͤusersten Kraͤfften beyzustehen ver- sprach. Dieser Aufstand/ sagte Malovend/ ist eine noch allzu geringe Straffe des Kaͤy- sers gewest/ welcher durch angenommene Verehrung der Priester keine absondere Eh- re Gott uͤbrig gelassen. Sintemal entwe- der keine blindere Thorheit/ oder keine schaͤndlichere Vermessenheit seyn kan; als wenn ein elender Mensch/ der im Leben sich mehrmals nicht der Laͤuse/ nach dem Tode nicht der Maden erwehren kan/ sich zu ei- nem unsterblichen Gotte machen/ und seinen Staub und Asche mit denen unversehrlichen Gestirnen verwechseln wil. Zeno ant- wortete Malovenden: Er haͤtte selbst eine Abscheu fuͤr dem/ daß ein Sterblicher sich den unsterblichen Goͤttern gleichen solte. Allei- ne weil die Menschen sich durch Wohl- that den Goͤttern aͤhnlich machten/ schiene so aͤrgerlich nicht zu seyn/ wenn man seine Wolthaͤter/ derer Verdienste man nicht ver- gelten koͤnte/ auch etlicher massen mit einer denen wolthaͤtigen Goͤttern zu liefern ge- wohnten Danckbarkeit betheilte. Haͤtten doch die Epyptier den Schlangen - verzeh- renden Vogel Jbis/ und andere wilde Thie- re wegen des ihnen zuwachsenden Nutzens vergoͤttert. Sonst aber koͤnte er sich schwer- lich bereden/ daß iemals ein Mensch so albe- rer Gedancken gewest waͤre; sondern es haͤt- te von Anfang die Unwissenheit des Poͤfels/ welcher die herrlichen Thaten der Helden als etwas irrdisches zu begreiffen nicht gewuͤst/ in dem sie alle andere Menschen nach ihrer Faͤhigkeit ausgemaͤssen/ ihnen etwas Goͤtt- liches mitgetheilet zu seyn vermeynet; her- nach haͤtte entweder das danckbare Anden- cken empfangener Wolthaten/ zuweilen auch wohl die Heucheley/ und endlich die Staats - Klugheit/ welche das unbaͤndige Volck durch nichts besser in den Graͤntzen des Gehorsams zu halten gewuͤst/ die Halb- Goͤtter in der Welt aufbracht. Niemand aber haͤtte seines Wissens irgendswo geglaubt/ daß Vierdtes Buch daß unter solchen Helden und den ewigen Goͤttern kein Unterscheid seyn solte. Malo- vend versetzte: Beyder Verehr- und Anbetung waͤre gleichwohl gantz gleich. Jn Gallien waͤre keinem Gotte ein so herrlicher Tem- pel als dem Augustus aufgerichtet/ und jenem in einem Jahre nicht so viel Wey- rauch/ als diesem in einem Tage verbren- net worden. Kaͤyser Julius haͤtte sich auf einem Wagen dem Capitolinischen Jupi- ter entgegen setzen lassen. Anfangs waͤ- re freylich zwar die Goͤtter und Helden- Verehrung unterschieden gewest; diese haͤt- te in Bildern/ jene in Opfern/ diese in Kuͤssen/ jene in der Anbetung bestanden/ weil man die von uns entfernten Goͤt- ter nicht wie Menschen erreichen koͤnnen. Hernach aber haͤtten die Angilen und Nasa- monen in Afriea die verstorbenen See- len/ die Persen ihren Cyrus als wahre Goͤtter zu verehren den Anfang gemacht. Die Griechen haͤtten der Lampsace anfangs nur eine Saͤule/ hernach aber Altaͤre aufge- richtet; die Areadier ihren Arcas anfangs nur in einen Stern/ den Aristaͤus aber folgends in Jupitern verwandelt. Jedoch waͤren bey allen Voͤlckern die groͤsten Hel- den noch so bescheiden gewest/ daß sie die Goͤttliche Ehre von ihren heuchelnden Un- terthanen erst nach ihrem Tode zu em- pfangen sich vergnuͤget/ erwegende: daß die Goͤttligkeit noch glaublicher einem Men- schen nachfolgen/ als ihn begleiten koͤnne/ und daß zu Befestigung dieses Aberglau- bens so viel Zeit verlaufsen muͤsse/ wor- mit man sich des verstorbenen Schwach- heit nicht mehr erinnere/ oder zum min- sten selbte nicht mehr sehe. Zumal mit dem Tode auch die der Tugend allezeit aufsaͤtzige Mißgunst erlischt/ und die sie schwaͤrtzende Verlaͤumbdung verrecket; hin- gegen die Nach - Welt iedem nicht nur seinen verdienten Ruhm wieder erstattet/ sondern auch aus der Helden irrdenen Bildern Heiligthuͤmer zu machen geneigt ist. Augustus aber habe die Gottheit bey seinem Leben von denen Galliern anzu- nehmen sich nicht gescheuet/ welche doch nicht das Vermoͤgen haben ihnen selbst ei- nen Koͤnig zu machen; Da es doch ein unermaͤßlich schwererers Werck ist einem den Himmel/ als ein Koͤnigreich zuzuschan- tzen. Zeno warff hierwider ein: August waͤre der erste nicht gewest/ der solches bey seinem Leben verstattet haͤtte. Der grosse Alexander haͤtte als des Jupiters Sohn angebetet zu werden verlanget/ und den solches widerrathenden Callisthenes pei- nigen und kreutzigen lassen. Philadel- phus haͤtte seine und der andern Ptolo- meer Bilder auf guͤldenen Wagen neben dem Bacchus und andern Goͤttern mit unglaͤublicher Pracht auffuͤhren/ Kayser Julius unter der Goͤtter Bildern seines tra- gen/ auch alle Goͤttliche Ehre anthun las- sen. Nichts desto weniger waͤre dieses al- les vermuthlich mehr aus einer Staats- Klugheit/ als aus einer thummen Einbil- dung einer wahrhaften Goͤttligkeit gesche- hen. Sintemal diese alle die Goͤtter selbst angebetet/ Julius auch sein auf der Erd- Kugel stehendes Ertzt-Bild mit der Uber- schrifft eines Halb-Gottes bezeichnet haͤt- te. Jnsonderheit waͤre August nicht zu bewegen gewest ihm in Rom einiges Hei- ligthum bauen zu lassen; haͤtte auch Li- viens Bild nicht in der Gestalt der Juno aufrichten lassen wollen; auch als ihm der Rath die von denen uͤberwundenen Voͤlckern angebotene Vergoͤtterung gleichsam aufge- drungen/ sich erklaͤret/ daß sein Ehrgeitz nicht diese Anbetung/ sondern seine Liebe des Vater- lan- Arminius und Thußnelda. landes nur des Raths Vorsorge billigte; welche meinte/ daß durch diese Kuͤnste dem Roͤmischen Reiche ein Ansehn zuwuͤchse; und die Welt sich weniger einem Gotte als Menschen unterthaͤ- nig zu seyn schaͤmen wuͤrde. Die Persen und des Atlantischen Eylandes Jnwohner bezeug- ten gegen ihrem Koͤnige nur deßhalben einen so blinden Gehorsam/ weil jene glaͤubten/ daß er die Stuͤtze des Himmels und der Erde/ sein Fußwasser aber eine heilige Artzney wider viel Kranckheiten waͤre; Diese aber daß er liesse Sonne und Monde scheinen. Malovend fiel ein: Er koͤnte einen frommen Betrug der Staats-Klugheit nicht verwerffen/ als durch welchen Numa/ Scipio/ Lucius Sylla/ Ser- torius/ Minos und Pisistratus ihrem Thun und Gesetzen gleichsam ein goͤttliches Ansehn gemacht; Er verargte den Griechen nicht die Aufrichtung des Trojanischen Pferdes/ denen Phoͤniciern und Zazinthiern den von den Goͤt- tern ihrem Fuͤrgeben nach im Traume befohl- nen Tempel- oder vielmehr Festungs-Bau/ daraus sie sich gantz Hispaniens bemaͤchtigt; Aber Gott die Wuͤrde der Gottheit/ und die Ehre der Anruffung abstehlen/ waͤre eine ver- dammlichere Boßheit/ als ein aͤrgerlicher Jrr- thum/ daß der Gottesdienst nur eine Erfin- dung der Staats-Klugheit waͤre. Denn die- se steckten nur in dem Finsternuͤsse der Unwis- senheit; jene aber waͤren die wahrhafftesten Rie- sen/ die den Himmel vorsetzlich stuͤrmeten/ und der Salmoneus/ der mit seinem Donner den Jupiter zum Streit ausforderte. Diesem- nach auch sie von der goͤttlichen Rache durch Blitz eingeaͤschert zu werden verdienten; und haͤtten alle vernuͤnfftige Weisen solche eitele Vergoͤtterung verspottet/ der Rath zu Athen auch den Demas gar recht mit einer Geld-Bus- se belegt/ weil von ihm der sterbliche Alexander bey denen Olympischen Spielen als ein GOtt eingeschrieben worden waͤre. Ja Leonnatus haͤtte sich nicht gescheuet/ einen den Alexander anbetenden Persen ins Antlitz zu verhoͤhnen; und Hermolaus haͤtte nebst denen andern Edel- Knaben deßhalben den eitelen Alexander zu er- wuͤrgen sich verbunden. Gleichwol aber/ ver- setzte Zeno/ ist der Delphische Apollo selbst so ei- versuͤchtig nicht gewest/ in dem er den Griechen gerathen den Hercules zu vergoͤttern. Adgan- dester begegnete ihm: Es hat der Delphische Wahrsager-Geist wol eher dem Koͤnige Phi- lip und andern liebgekoset. Weil aber August selbst wol ehender mit dem Agrippa/ Alexander mit seinem Hephestion wegen allzu grossen An- sehens geeivert hat; und kein Stern in Anwe- senheit der Sonne sich einigen Glantz von sich zu geben erkuͤhnet; moͤchten die armen Sterb- lichen sich wol selbst bescheiden/ daß sie gegen GOtt Spreue/ und keiner Goͤttligkeit faͤhig sind; der angebetete Darius/ Xerxes und Ar- taxerxes auch leider ein Gelaͤchter der ohnmaͤch- tigsten Menschen worden/ als den ersten die Scythen/ den andern zwey Griechische Staͤd- te/ den dritten Clearchus und Xenophon gleich- sam in ein Bocks-Horn gejaget. Hertzog Zeno merckte/ daß die Eitelkeit der Vergoͤtterung allen Deutschen ein Dorn in Augen waͤre; also brach er von derselben Ent- schuldigung ab/ und ersuchte den Fuͤrsten Ad- gandester in seiner annehmlichern Erzehlung fortzufahren. Dieser verfolgte sie dergestalt: Das Buͤndnuͤß ward zwischen denen durch des Agrippa strenge Verfahrung/ und des Licin- nius Geitz und unmenschliche Schinderey ohne diß vorher verbitterten Gallier dem Sicambri- schen Hertzoge Anthario und den Fuͤrsten der Ubier Beer-Muth ins geheim/ und insonder- heit durch Unterhandlung der uͤber des Augu- stus Vergoͤtterung eivernden Druyden beschlos- sen. Alleine die Roͤmer kriegten hiervon zeit- lich Kundschafft; und der zu Beobachtung der Deutschen und Gallier zuruͤck gelassenen Dru- sus beruffte unter dem Scheine des Augustus Feyer abermahls zu begehen/ die Fuͤrsten der Erster Theil. Z z Gal- Vierdtes Buch Gallier nach Lugdun. Diese fanden sich so viel fleißiger ein/ ie weniger sie ihren Anschlag verrathen zu seyn besorgten/ oder wegen ihrer so beflissenen Dienstbarkeit sich einigen Arges versahen. Aber die sie beschluͤssenden Faͤssel lehrten sie allzu zeitlich/ daß man bey Anspin- nung eines gefaͤhrlichen Beginnens alles Ver- trauen aus dem Hertzen verbannen muͤste. Weil sie aber auf Andraͤuung noch schaͤrffern Ver- fahrens nicht nur ihre Soͤhne und Bluts-Ver- wandten den Roͤmern wider die Pannonier und Dalmatier zu kriegen einlieferten; also der Kaͤyser mit ihnen nicht nur Huͤlffs-Voͤlcker/ sondern auch Geisel uͤberkam/ wie nichts min- der alle Geheimnuͤsse des Buͤndnuͤsses erfuhr/ wurden sie nach desselbten Abschwerung wieder auf freyen Fuß gestellt. Wordurch sie aber das Mißtrauen bey den Roͤmern und die Ver- aͤchtlichkeit bey den Bunds-Genossen nicht ab- lehneten; ja so gar verursachten/ daß die Si- cambrer und Usipeter sich mit dem Drusus in ein Buͤndnuͤß einliessen. Weil aber die obbestrickten Gallier den Her- tzog der Moriner Erdmann beschuldigten/ daß er ebenfalls theil an ihrem angezielten Aufstan- de gehabt haͤtte; oder die Roͤmer in Gallien kei- ne umschrenckte Gewalt vertragen konten/ kuͤn- digte ihm Drusus unter einem gantz andern Vorwande/ nehmlich/ daß die Helffte seiner Laͤnder mit seiner aͤltesten dem Licinnius ver- heyratheten Tochter an seinen Eydam verfal- len waͤre/ den Krieg an. Diese Moriner wa- ren nebst den Batavern das einige Volck in Gallien/ welches nicht der Roͤmischen Botmaͤs- sigkeit schlechterdings unterworffen war. Kaͤy- ser Julius und Labienus hatten zwar ihnen zwey Schlachten abgewonnen; aber die feste Beschaffenheit ihres suͤmpfichten Landes und ihre der Streitbarkeit vermaͤhlte Vorsicht hat- te/ auser einer den Roͤmern verwilligten leidli- chen Schatzung/ sie noch grossen Theils bey ih- rer Freyheit erhalten; also/ daß weder Agrip- pa/ noch August selbst/ bey ihrer Anwesenheit ein Bein unterzuschlagen vermochten. Als nun Drusus mit den Morinern anband/ auch sich etlicher Plaͤtze bemaͤchtigt haͤtte/ hemmete eine Gesandschafft der Britannier und Bataver/ welche schon funfzig tausend Kriegs-Leute auff den Beinen/ und zu Beschirmung der Mori- nerfertig hatten/ den Lauff der Roͤmischen Sie- ge; noͤthigten auch den Drusus/ daß er/ um nicht das mißtraͤuliche Gallien gantz in Gefahr zu se- tzen/ mit den Morinern einen billichen Frieden schluͤssen muste. Drusus ward uͤber der Fehlschlagung seines eingebildeten Sieges so verbittert/ daß er sich haͤtte in die Finger beissen moͤgen; insonderheit aber meinte er gegen die Bataver seine Galle und Rache auszugiessen berechtigt zu seyn. Dieses Volck war von den streitbaren Catten entsprossen/ hatte wegen haͤußlicher Unruhe sein Vaterland verlassen/ die zwischen dem Rheine und dem Nord-Meer gelegene Pfuͤtzen ausgetrocknet/ und solch Eyland zur Wohnung erkieset. Weil sie aber von Anfangs weder an Mannschafft noch Kriegs-Geraͤthe sonderlich starck waren/ musten sie sich unter den Schutz der Britannier begeben/ welche damahls vom Einflusse des Rheins biß an die Seene Meister der Gallischen Kuͤsten waren. Als aber die Britannier eine schwerere Hand ihnen aufleg- ten/ als die freyen Deutschen zu tragen gewohnt waren/ beschwerte sich der Bataver Hertzog E- ganor gegen dem Britannischen Koͤnigs/ und schrieb ihm zu: Er moͤchte sich entweder seiner Haͤrtigkeit/ oder seiner Herrschafft enteusern. Es moͤchte wohl seyn/ daß anderer Voͤlcker Koͤ- nige nur den Goͤttern Red und Antwort zu ge- ben gewohnt waͤren; Die Deutschen aber for- derten auch von ihren Gebietern Rechenschafft; und fromme Fuͤrsten hielten es fuͤr einen Ruhm/ die Gesetze und das Urthel ihrer Unterthanen uͤber Arminius und Thußnelda. uͤber sich zuleiden. Der Koͤnig/ welchem ent- weder von seinen Land-Voͤgten die geklagte Bedraͤngung ausgeredet ward/ oder weil er ei- ne umschrenckte Gewalt nicht fuͤr Koͤniglich hielt/ verwieß die Bataver an statt verhoffter Erleichterung zu der Schuldigkeit ihres Ge- horsams. Dieses jagte nicht nur die Bataver in den Harnisch/ sondern Eganor bewegte alle denen Britanniern unterthaͤnige Gallier zum Aufstande. Wiewol nun der kluge und tapf- fere Eganor Meuchelmoͤrderisch hingerichtet ward; verfolgte doch sein Sohn Eisenhertz den Krieg wider die Britannier so gluͤckselig/ daß diese jene fuͤr freye Leute erkennen musten. Die Bataver/ wie ein kleines Antheil Galliens sie gleich besassen/ erlangten hierdurch ein grosses Ansehen/ und den Ruhm/ daß sie nicht nur un- ter den Galliern/ sondern allen an dem Rheine wohnenden Voͤlckern die tapffersten waͤren. Weil nun ihr Eyland endlich so wohl ihrer Mannschafft zum Unterhalte/ als ihrer Tugend zur Graͤntze viel zu enge war/ lagen sie taͤglich denen benachbarten Galliern in Eisen/ und machten sie durch stete Uberfallung zinßbar. Jn denen Nord-Voͤlckern ging zu sagen kein Rauch auf/ da sie nicht als Mittler erbeten wor- den/ oder sie sich selbst zu Schieds-Richtern auf- warffen/ und denen hartnaͤckichten einen Frie- den vorschrieben. Durch Schiffarthen und Handlung machten sie sich nichts minder ver- moͤgend/ als in der gantzen Welt bekandt. Ob auch wol hernach Kaͤyser Julius gantz Gallien einnahm/ wagte er sich doch nicht/ die Bataver in ihrem Lande anzutasten. Ja weil sie fuͤr die besten Schwimmer/ und die fuͤrtrefflichsten Reuter beruͤhmt waren/ suchte er nicht alleine durch Gesandschafft und Geschencke ihre Freundschafft; sondern brauchte sie auch in sei- nem Britannischen und Buͤrgerlichen Kriegen um zweyfachen Sold fuͤr Huͤlffs-Voͤlcker. Un- ter dem Kaͤyser August stiegen sie so hoch/ daß Agrippa im Nahmen des Kaͤysers sie nicht nur fuͤr Freunde und Bruͤder der Roͤmer aufnahm/ und zum Gedaͤchtnuͤsse dieser Verbindung an dem Ufer/ wo der Rhein ins Meer faͤllt/ eine von Rom uͤbersendete Marmelne Saͤule mit der Uberschrifft: Das Volck der Bataver/ der Bruͤder des Roͤmischen Reichs/ aufgerichtet ward; sondern August erkiesete sie auch zu seiner Leibwache. Derogestalt schienen die Bataver an den hoͤchsten Gipffel der Ehre und Gluͤckseligkeit gelanget zu seyn; Ob zwar im Wercke bey ihnen wahr war/ daß Herr- schafften offt mehr dem Ruffe/ als dem Wesen nach auf festen Fuͤssen stehen. Denn wie dem Britannischen Koͤnige ein Reichs-Rath diesen schlauen Anschlag gegeben hatte/ daß die Bata- ver/ wie ihre unbewegliche Pfuͤtzen/ durch Ruhe verderben muͤsten; Also ereignete sich freylich/ daß die Bataver theils durch Sicherheit/ in dem sie ihre Macht so feste beraset zu seyn vermein- ten/ daß sie allen Nachbarn die Spitze bieten koͤnten/ theils durch die vortheilhaffte Kauff- mannschafft guten Theils der Waffen und ih- rer streitbaren Art ver gassen. Worzu sie nicht allein die Suͤßigkeit des Gewinns/ sondern die von denen listigen Britanniern an die Hand ge- gebene Gelegenheiten; ja der Batavischen Fuͤrsten eigne Anleitungen verfuͤhrten; als welche ebenfalls durch Verzaͤrtelung der Ba- taver ihre vorhin mercklich verschrenckte Ge- walt zu vergroͤssern anzielten. Jnsonderheit gab Hertzog Waldan durch Einfuͤhrung ge- wisser Handlungs-Gesellschafften auch dem A- del Anlaß/ sich in die Handlung zu verwickeln. Und ob wohl der Catten Gesandter dem Bata- vischen Adel die Gewohnheit ihrer Vor-El- tern/ welche alle Kauffmannschafft bey Verlust des Kopffes aus ihren Graͤntzen verbanneten/ wie auch daß das Gewerbe die hertzhafftesten Gemuͤther verzagt/ und nach der Suͤßigkeit auch eines unanstaͤndigen Friedens luͤstern machte/ einbielt; so setzten doch die Werck zeuge Z z 2 des Vierdtes Buch des Fuͤrsten Wodan diesen Erinnerungen ent- gegen: Die Kauffmannschafft waͤre der alten Scythen und fast aller Voͤlcker bestes Gewer- be gewest. Die Phoͤnicisehen Handelsleute haͤtten sich durch ihr Gewerbe zu Fuͤrsten/ die Stadt Tyrus zu einer Beherrscherin vieler Laͤnder/ und Carthago bey nahe zum Haupte der Welt gemacht. Der grosse Gesetzgeber Solon/ und die beruͤhmtesten Weltweisen De- mocritus und Socrates haͤtten sich zu handeln nicht gescheuet/ und der goͤttliche Plato waͤre durch den in Egypten getriebenen Oel-Handel reich worden. Dem Thales haͤtte die Ver- maͤhlung seiner Sternkunst und Kauffmann- schafft grossen Wucher einbracht. Die Roͤmi- sche Ritterschafft haͤtte durch Kauffmannschafft ihren Glantz behalten; Lucius Petius zu Pa- normus/ Qvintus Mutius zu Syracusa dar- durch ein grosses erworben. Kaͤyser Julius waͤre eines Wechslers Enckel/ und der Koͤnig Tarqvinius Priscus/ so wol als der grosse Buͤr- germeister Cicero/ eines Kauffmanns/ nehmlich des Damarats Sohn gewest/ ja Tarqvinius selbst und deꝛ gꝛosse Pompejus haͤtten Handlung getrieben. Die uͤber des Adels Auffnehmen eifernde Fuͤrsten haͤtten durch Abschneidung des Gewerbesselbtem arglistig die Fluͤgel zu ver- schneiden getrachtet/ und solches dem kleinmuͤ- thigen Poͤfel zugeschantzt. Haͤtten Curius/ Scipio und andere grosse Helden/ wie auch fast aller Voͤlcker Adel dem Feldbaue als einer der Ritterschafft anstaͤndigen Bemuͤhung obgele- gen; warum solte die Kauffmannschafft/ welche die Hand in Seide/ Gold/ Perlen und den e- delsten Gewaͤchsen haͤtte/ selbter verkleinerlich seyn? Die Handlung waͤre ja ein Grundstein eines Reiches; welche das Vermoͤgen als die Spann-Adern des gemeinen Wesens beytra- gen muͤste. Die Griechen haͤtten das Schiff der Argonauten als ein Sinnebild der Kauff- mannschafft unter die Gestirne versetzt; weil sie wol gesehen/ daß sie ein beweglicher Angel- stern eines Landes waͤre. Hiermit erreichte Fuͤrst Wodan seinen Zweck; die Bataver wur- den wohl/ wie die andern Gallier/ reicher/ aber auch weibischer. Weil nun Wodan nicht oh- ne Mißgunst wahrnahm/ wie die Gallier dem Kaͤyser auf sein Wincken zu Gebote stunden/ die Britannier auch dem/ was sie ihren Koͤni- gen an Augen ansahen/ durch Befolgung zuvor kamen; ward er verdruͤßlich/ daß er mehr ein Diener/ als Gebieter der Bataver seyn/ und nach der Deutschen Art nur mit seinem Bey- spiele/ nicht mit Befehle sie zu Beliebung eines oder des andern Dinges bringen solte. Daher fing er an nach und nach etwas weiter zu greif- fen. Die Wohlthaten seiner Vorfahren hat- ten ohnediß dem Volcke eine Liebe gegen sein Geschlechte eingefloͤst; diese aber ist nicht selten eine Stief-Mutter der Freyheit und eine rechte der Dienstbarkeit. Also war fast iederman sei- nen Befehlen zu gehorsamen geneigt; und ie begieriger einer zu dienen war/ ie mehr ward er vom Volcke gepriesen/ und vom Fuͤrsten erho- ben. Das Gluͤcke bot seinem Vorhaben gleich- sam die Hand/ weil zwischen denen Eubagen/ die die Bataver zu ihren Priestern und daher auch zu ihren vornehmsten Leitern hatten/ sich uͤber gewissen Meinungen Zwist entspan/ und sie dardurch ihre alte Gewalt schwaͤchten. Jn diese Zwytracht wickelte sich Hertzog Wodan unter dem Scheine sie zu vereinbaren/ in der Warheit aber sich/ nach der Roͤmischen Kaͤyser verschmitzten Beyspiele/ zum obersten Priester zu machen. Die kluͤgern Vorsteher des Lan- des merckten numehr/ wohin Wodan zielte; da- her waren sie bemuͤht dieser Fluth bey Zeiten einen Tamm entgegen zu bauen; und schlug der edle Bisuar/ den die Bataver fuͤr einen goͤttli- chen Wahrsager hielten/ allerhand kluge Mit- tel fuͤr; wordurch Wodan unvermerckt in den Schrancken voriger Fuͤrsten/ die Bataver aber bey ihrer alten Freyheit erhalten werden moͤch- ten. Unter andern rieth er/ daß die zwistigen Euba- Arminius und Thußnelda. Eubagen nicht ihnen selbst Recht sprechen/ son- dern fuͤr einer allgemeinen Landes-Versamm- lung verhoͤret und entschieden werden solten. Wodans Anhang beschuldigte Bisuarn hieruͤ- ber/ daß er dem neuerlichen Jrrthume bey- pflichtete/ und dardurch die Herrschafft der Ba- taver zu zerruͤtten vorhaͤtte. Wie nun die neue Meinung der Eubagen als irrig verdammt ward/ also sprach und schlug man Bisuarn den Kopff ab. Aller ferne sehenden Bataver Koͤpf- fe erschuͤtterten sich uͤber dem Falle dieses Haupts; ihre Hertzen flossen mehr von Thraͤ- nen/ als ihre Augen; weil aber das gemeine Volck/ das ohnediß sich uͤber so blutigen Schlacht-Opffern zu ergetzen pflegt/ auff Wo- dans Seite stand/ war niemand so behertzt/ daß er hieruͤber seine Empfindligkeit haͤtte blicken lassen. Die Wunden der Beleidigten heilte die Zeit nach und nach zu; Die Freyheitlieben- den gewohnten endlich des Gehorsams/ und nie- mand war/ der den tapffern Wodan nicht zu herrschen/ und seine Verdienste nicht einer gros- sen Vergeltung wuͤrdig schaͤtzte. Also erlang- te dieser Fuͤrst fast eine vollmaͤchtige Botmaͤßig- keit/ und verließ sie seinem Nachfolger Dago- bert. Dieser machte zwar durch seine Ver- maͤhlung mit des Caledonischen Hertzogs Toch- ter sich vermoͤgender/ aber auch verdaͤchtiger. Jnsonderheit wuste er nicht so wol als Wodan in gefaͤhrlichen Entschluͤssungen frembdes Was- ser auf seine Muͤhle zu leiten/ und ihm den Vor- theil/ andern aber den Haß zuzueignen. Wie er nun die seinem Vorhaben widrige Stadt Batavodur mit der ihm anvertrauten Kriegs- Macht zu uͤberrumpeln vergebens versuchte; Also starb er hier auf unverlaͤngt/ entweder aus Gramschafft uͤber seinem entdeckten aber feh- lenden Anschlage/ oder etlicher Meinung nach durch Gifft. Denn insgemein wird uͤber un- vermutheten Todes-Faͤllen der Fuͤrsten also ge- urtheilt/ gleich als wenn sie nicht denen gemei- nen Gesetzen der Sterbligkeit unterworffen/ o- der insgesamt ein Ziel der Verraͤtherey waͤren- Sein Tod zohe vielen/ welche die alte Freyhei t noch in ihrem Hertzen besassen/ die Larve vom Gesichte. Denn nach dem doch ein niemahls fehlender Schluß des Verhaͤngnuͤsses ist/ daß von dem Vorhaben der Fuͤrsten nichts ver- schwiegen bleiben kan; daß die Waͤnde ihrer ge- heimsten Zimmer und Schlaffgemaͤcher aus- wendig der Nachwelt als helle Spiegel fuͤr Au- gen stellen/ was inwendig im verborgensten be- gangen wird; so ist insonderheit der Tod/ wenn alle andere stumm bleiben/ ein Verraͤther ihrer Geheimnuͤsse/ welcher durch das Horn des ge- meinen Ruffes der gantzen Welt kund macht/ was mehrmahls der oberste Staats-Rath nicht gewuͤst hat. Welche Begebnuͤß Fuͤrsten allei- ne eine genungsame Ursache seyn solte/ nichts niedriges in ihre Gedancken zu fassen/ als von welchem hernach die Welt ewig reden wird. Ja weil das Geschrey von so schnellem Gewaͤchse ist/ daß es uͤber Nacht aus einem Zwerge zum Riesen wird/ und bey Abwegung der Ge- muͤths-Eigenschafften die Verlaͤumbdung dem Gewichte des Guten iedesmahl ein Steinlein unvermerckt weg nimmt und dem Boͤsen zu- legt; ereignete sichs auch/ daß vom Dagobert ausgesprengt ward/ er haͤtte mit den Caledo- niern und Roͤmern ein Verstaͤndnuͤß gehabt/ wie er die Bataver ihm als Leibeigne unterthaͤ- nig machen koͤnte. Alldieweil denn das Boͤse insgemoin glaubhaffter als das Gute ist/ und uͤ- ber den gemeinen Ruff auch die reineste Un- schuld schwerlich einen Richter findet; blieb dem verstorbenen Dagobert viel nachtheiliges auff dem Halse. Sein verlassener Sohn Cario- valda/ ein Kind von wenigen Monaten/ war ohnediß der Herrschafft unfaͤhig/ und verfiel un- ter die Vormuͤndschafft derer/ welche der Frey- heit geneigt und der Herrschafft Spinnenfeind waren. Also ward Cariovalda nicht nur mehr Buͤrgerlich als Fuͤrstlich erzogen/ sondern es ward die gantze Herrschens-Art umgekehret; in Z z 3 dem Vierdtes Buch dem nicht nur wie in Gallien/ vermoͤge der von denen Maßiliern bekommenen Richtschnur/ der Adel/ sondern auch ein Ausschuß des gemei- nen Volcks zu der Herrschafft gelassen ward. Ja etliche Eiverer fuͤr die Freyheit machten ein eidliches Buͤndnuͤß/ daß sie Dagoberts Ge- schlechte nimmermehr ihnen so sehr zu Kopffe wachsen lassen/ noch dem jungen Cariovalda die Waffen und hoͤchsten Aemter des Landes in die Haͤnde geben wolten. Massen denn auch alle Festungen nicht so wohl im Kriege erfahrnen Edeln/ als welche im Verdacht waren/ daß sie allezeit einen Hang zu Fuͤrstlicher Herrschafft/ und eine Abscheu fuͤr der Buͤrgerlichen haͤtten/ sondern mehr niedrigern und daher umb leich- tern Sold dienenden Leuten anvertrauet wur- den. Denn die buͤrgerliche Herrschafft ist ge- neigt zur Sparsamkeit und geschickter zu Un- terhaltung des Friedens/ als des Krieges. Da- her wuchs auch bey den Batavern die Hand- lung und das Reichthum also/ daß dieses die Hi- bernier und Sitonen in die Augen stach/ und dem Drusus Anlaß gab/ diese den Batavern/ welche/ seinem Angeben nach/ numehr so wol ih- nen als den Roͤmern in den Schiffarthen Graͤntzen und Gesetze fuͤrschreiben wolten/ auf den Hals zu hetzen. Die Bataver kriegten von des Drusus Ungewogenheit zwar Wind; Sie konten iedoch einige erhebliche Ursache ei- nes Krieges nicht ersinnen; gleich als wenn selbte nicht wohl ehe die Herrschenssucht vom Zaune zu brechen pflegte. Die Catten/ Si- cambrer und Usipeter warnigten zwar die Ba- taver/ boten ihnen auch wider die Roͤmer ein Buͤndnuͤß an; aber das erste vermehrete nur mehr ihren Argwohn/ als ihre Kriegs-Verfas- sung/ und das letztere anzunehmen war ihrer Kargheit wegen gefoderter Huͤlffs-Gelder be- dencklich; da doch auch die/ welche/ frembdes Geld nicht zu begehren/ beym eignen sparsam/ bey des gemeinen Wesens Guͤtern geitzig zu seyn der Schuldigkeit erachten/ keine Ver- schwendung heilsamer halten/ als die zu Erhal- tung der alten Bundsgenossen geschiehet. Viel derer/ die im Rathe sassen/ und zwar die Frie- dens-nicht aber die Kriegs-Kuͤnste verstunden/ hatten ihre unfaͤhige Anverwandten zu Kriegs- Haͤuptern in die Festungen eingeschoben; ande- re heuchelten ihnen selbst mit dieser schaͤdlichen Einbildung: Gott und die Natur haͤtte die Vataver so befestigt/ daß/ da Kaͤyser Julius uͤber ihre Fluͤsse und Suͤmpffe zu kommen sich nicht getrauet haͤtte/ Drusus viel zu ohnmaͤchtig waͤ- re denen etwas abzujagen/ welche von den Cat- ten entsprossen/ denen die unsterblichen Goͤtter nichts anhaben koͤnten. Drusus/ der inzwi- schen alle deutsche Fuͤrsten durch Gesandschaff- ten der Roͤmer vertraͤulicher Nachbarschafft versichert/ viel hohe Bataver mit Geschencken gewonnen/ ja den Fuͤrsten der Ubier und Tenck- terer gar in ein Kriegs-Buͤndnuͤß gebracht hat- te/ zohe mit drey maͤchtigen Kriegs-Heeren an; die festesten und fast unuͤberwindlichen Graͤntz- Staͤdte Grinnes/ Vada und Arenacum gien- gen ohne einige Gegenwehr/ theils aus Verraͤ- therey der bestochenen Gewalthaber/ theils aus Mangel genungsamer Besatzung/ theils aus Gebrechen des nicht herzugeschafften Kriegs- Vorraths uͤber. Der zu Vertheidigung des Rheinstroms bestellte Kriegs-Oberste wieß den Roͤmern selbst den Furth. Also ward in Mo- nats-Frist das halbe Gebiete der Bataver gleichsam ohne Schwerdschlag eingenommen. Jederman fluͤchtete in die Eylande der einver- leibten Taxanter; und wenn nicht noch einige treue Leute das Land mit Durchstechung der Taͤmme/ wiewol mit unschaͤtzbarem Schaden/ unter Wasser gesetzt haͤtten/ waͤre die Haupt- Stadt Batavodurum/ und die gantze Herr- schafft in die Haͤnde der Feinde verfallen. Hier- an war es aber noch nicht genung/ sondern auff der andern Seite zohe noch ein Wetter auf/ in dem der Hibernier Koͤnig/ ungeachtet seines mit den Batavern unlaͤngst verneuerten Buͤnd- nuͤs- Arminius und Thußnelda. nuͤsses/ mit einer maͤchtigen Kriegs-Flotte sie/ wiewohl mit schlechtem Vortheil/ antastete. Denn die Bataver/ Taxandrer und Friesen/ welche wegen ihrer grossen Handlung die erfah- rensten See-Leute waren/ und bey so fernen Schiffarthen wider die See-Raͤuber den Was- ser-Krieg geuͤbt hatten/ schlugen die Hibernier nicht allein aus der See/ sondern es zohen auch Himmel und Winde wider sie in Krieg. Un- terdessen schwebten die Bataver gleichwohl in dem gefaͤhrlichsten Schiffbruche. Der Ver- dacht unter ihnen selbst stieg so hoch/ daß keiner dem andern trauete/ und ein ieder sich fuͤr seinem Nachbar als einem Verraͤther fuͤrchtete. Also ward alles gute Verstaͤndnuͤß zerruͤttet/ alle noͤ- thige Anstalt versaͤumet/ die Kluͤgsten verwir- ret/ und die Hertzhafftesten feige gemacht. Der zur Enderung geneigte Poͤfel fing anfangs an nach der Fuͤrstlichen Herrschafft zu seuffzen/ bald darauf aber darnach zu schreyen/ und den jungen Cariovalda eigenmaͤchtig um seine Be- schirmung anzusuchen. Der Rath spitzte zu diesem nachdencklichen Ansinnen gewaltig die Ohren; und ob zwar/ vermoͤge eines neuen Staats-Gesetzes/ niemand bey Verlust des Kopffs die Fuͤrstliche Herrschafft auff den Tep- picht bringen solte/ auch all gemeiner Meinung nach/ alle Fuͤrstlich gesinnte aus dem Rathe aus- gemustert waren; so erkuͤhnte sich doch Enno/ ein alter von Adel/ der dreyer Fuͤrsten Helden- Thaten noch mit seinem Auge gesehen hatte/ in der Versammlung aufzustehen/ und diesen Vortrag zu thun: Die Liebe des Vaterlandes verknuͤpffte einen iedern auch wider die Gesetze sich aufzulehnen/ wenn sie dem gemeinen We- sen anfingen schaͤdlich zu seyn. Denn man schnidte auch Arm und Bein ab/ wenn der sich darein fressende Krebs den gantzen Leib anste- cken wolte. Dieses noͤthigte ihn wider diß zu reden/ was dem Fuͤrsten Cariovalda an Be- herrsch- und Erhaltung der Bataver hindern moͤchte. Er fuͤrchtete nicht die auf solche Frey- heit gesetzte Straffe. Denn er wuͤrde von den Haͤnden des Scharff-Richters ruͤhmlicher/ als in einer blutigen Schlacht fuͤrs Vaterland ster- ben. Diß aber koͤnte dißmahl nicht anders/ als durch einhaͤuptige Herrschafft erhalten wer- den. Diese waͤre der Bataver und aller Voͤl- cker aͤlteste und heilsamste Herrschens-Art. Rom haͤtte sich selbter mit dem Tarqvinius zwar entschlagen/ bey seiner Verwirrung und Abfall aber haͤtte es von dem gaͤntzlichen Unter- gange nicht anders errettet und zu einem kraͤff- tigen Leibe werden koͤnnen/ als daß sie den Ju- lius sich ihnen zum Haupte machen liessen. Das gantze gemeine Volck der Bataver wider- setzte sich itziger Freyheit und dem Rathe; die sich also zertrennenden Glieder vermoͤchte aber nur einer vereinbaren/ dem sich niemand zu wi- dersetzen berechtiget waͤre. Diß aber haͤtte in vieler Herrschafft nicht statt. Bey geschwin- den Kranckheiten/ wie die gegenwaͤrtige Zwy- tracht und Verfallung der Bataver waͤre/ muͤ- ste man kraͤfftige Mittel brauchen. Keine Herrschens-Art aber haͤtte mehr Nachdruck/ als die einzele/ wo die Gewalt zu schluͤssen in e- ben dem Haupte beruhete/ das der Hand die Ausuͤbung anbefehlen koͤnte. Vieler Herr- schafft waͤre nur so lange vortraͤglich/ als Tu- gend/ Arbeitsamkeit und gute Sitten im Schwange gehen. Wenn die aber verfallen und bey einschleichender Ungleichheit die Ed- lern/ Reichern oder Geschickten andere uͤber- laͤstig werden/ also das Armuth den Poͤfel zu unrechtem Gewinn/ das erduldete Unrecht zur Rache/ die Verschmehung zu verzweiffelten Entschluͤssungen zwinget; muͤste zwischen bey- den ein vermoͤgender Mittler/ Richter und Beschirmer aufwachsen/ wo nicht beyde einan- der zermalmen solten. Die vorige Gleichheit haͤtte unter den Batavern aufgehoͤret; die Kauffleute waͤren zu reich/ die Handwercker zu Vierdtes Buch zu arm/ der Adel zu sehr gedruͤckt. Die Spar- samkeit waͤre in Eitelkeiten der Kleider/ der Haͤuser/ der Blumen und Gemaͤhlde zur Berschwendung/ die guten Sitten zu La- stern/ ihr eintraͤchtiger Gottesdienst zu einer vielkoͤpfichten Schlange seltzamer Meinungen worden. Der meisten Gemuͤther waͤren nicht hertzhafft und streitbar genung zu einer Herr- schafft des Volckes; die wenigsten geneigt de- nen fuͤrtrefflichern zu gehorsamen; Die Ver- moͤgenden waͤren alle selbst zu herrschen begie- rig; Die Schwaͤchern nach der Dienstbarkeit luͤstern/ jene spotteten der Obrigkeiten/ diese der Freyheit; jene thaͤten boͤses aus Verwoͤh- nung/ diese aus Noth; Also haͤtte muͤssen ge- genwaͤrtige Zerruͤttung erfolgen; ja wenn auch das Vaterland nicht so auff der Schuͤppe stuͤnde/ erforderte die Eigenschafft so widriger Neigungen/ daß sie alle einem Cariovalda un- terthaͤnig wuͤrden. Alle Anwesenden im Ra- the hoͤreten ihn gedultig/ sahen einander an/ niemand aber erkuͤhnte sich ein Wort darzu zu sagen/ biß der gemeine Redner auftrat/ und zwar seine Rede von dem Lobe der unschaͤtzbaren Freyheit anfing; Als er aber der meisten Raths- herren vorhin ausgeleuterte Gesichter gleich- sam von einem Unwillen uͤberwoͤlcken sahe; wendete der verschlagene Redner seinen Schluß dahin/ daß man bey euserster Noth solch guͤlde- nes Kleinod der Freyheit/ wie die Schiffenden ihre koͤstliche Ladung/ um das Schiff nur zu er- halten/ ins Meer werffen/ und durch gutwil- lige Unterwerffung des unvermeidlichen Herr- schers Gemuͤthe besaͤnfften/ also ein Theil oder nur einen Schatten der alten Freyheit nebst Maͤßigung der Dienstbarkeit erhalten muͤste. Derogestalt muͤste man freylich der Neigung des Volckes folgen; oder vielmehr durch Aus- ruffung des Cariovalda fuͤr ihren Fuͤrsten denen hefftigern Thaͤtligkeiten des Volckes vorkom- men. Gleichwol aber stellte er zu der gegen- waͤrtigen Landes-Vaͤter Nachdencken: Ob nicht dem Cariovalda die Herrschafft nach Art der Roͤmischen Dictatorn nur auf gewisse Zeit anzuvertrauen/ auch mit gewissen Gesetzen zu umschrencken waͤre? Enno aber begegnete diesem nunmehr mit einer hertzhafften Frey- heit: Cariovalda wuͤrde sich nicht weigern die Eydes-Pflicht und Verbindung gegen die Ba- taver nach dem Beyspiele und der Maßgebung seines Vaters und Großvaters abzulegen. Nimmermehr aber wuͤrde er seine Achseln ih- rem gebrechlichen Staat unterschieben/ wenn er nach uͤberstandener Noth einer verkleinerli- chen Absetzung zu erwarten haͤtte. Die Roͤ- mer haͤtten nur zu solcher Zeit/ wenn ein Theil des gemeinen Wesens zerruͤttet gewest/ einem auf gewisse Zeit die oberste Gewalt anvertrauet. Bey itzigem Zustande der Bataver aber draͤue- ten alle Waͤnde den Einfall; daher muͤsten sie/ wie die Roͤmer zuletzt/ einen bestaͤndigen Fuͤr- sten/ keinen veraͤnderlichen Verwalter ha- ben. Niemand war im gantzen Rathe/ der nicht gleichsam mit zusammen klopffenden Haͤnden dem Enno beyfiel; ieder wolte unter den Abgesandten seyn/ die dem Cariovalda die neue Herrschafft antragen/ oder dem Volcke andeuten wolte. Als auch Cariovalda im Rath erschien/ welchen das Volck mit unzehl- barem Zulauff und tausenderley Gluͤckwuͤn- sehen begleitete/ trachtete ieder durch Ausdruͤ- ckung seiner uͤber dieser neuen Wahl geschoͤpff- ten Vergnuͤgung dem andern vorzukommen. Die gemeinsten Lobspruͤche waren/ daß das Veꝛ- haͤngnuͤß zu Hohne des Gluͤckes/ als einer wi- drigen Stiefmutter den Fuͤrsten Cariovalda zum Vater des Vaterlandes erkieset/ und seine Tapfferkeit zu einer gesicheren Graͤntz-Fe- stung/ als ihre grossen Fluͤsse und Lachen dem Feinde entgegen gesetzt haͤtte. Mit die- sem Fuͤrsten gienge bey so grossen Ungewit- tern den Batavern ein heilsames Gestirne der Wohlfarth auff. Das Volck doͤrffte nunmehr nur um den Fuͤrsten/ nicht mehr um das Arminius und Thußnelda. das ihm allzusehꝛ angelegene Heil bekuͤm̃eꝛt seyn. Als auch Cariovalda den Eid seiner Vor-Eltern willig ablegte/ rieff der gantze Rath: die Groͤs- se dieses Fuͤrsten waͤre nicht nach der engen Herr- schafft der Bataver; die vollkommenste Ge- muͤths-Maͤßigung aber wohl nach seinem Ehr- geitze abzumessen. Also pfleget iederman und zwar die/ welche vorhin die hartnaͤckichsten Ei- verer fuͤr die Freyheit gewest/ bey veraͤnderter Herrschafft in die Dienstbarkeit des neuen Fuͤr- sten zu rennen. Je edler einer von Geschlech- te/ ie ansehnlicher er an Verdiensten oder Wuͤr- den ist/ ie tieffer demuͤthigt er sich und verhuͤllet wie die Sterne gleichsam fuͤr der auffgehenden Sonne seinen Glantz; wormit er dem Fuͤrsten nicht verdaͤchtig sey/ noch sein im Hertzen insge- mein steckender Unwille nicht aus einer Kaltsin- nigkeit herfuͤr blicke. Je unfaͤhig- oder boßhaf- ter auch der Fuͤrst ist/ ie niedrigere Unterwerf- fung erfordert theils seine Eigenschafft/ theils der Unterthanen sicherheit/ wormit jener sich nicht fuͤr veraͤchtlich oder verhaßt zu seyn einbil- de/ und diese zu unterdruͤcken sich entschluͤsse. Cariovalda brachte durch so willigen Gehor- sam/ und die Huͤlffe der Menapier die verwor- renen Sachen der Bataver gleichwohl etlicher massen wieder zu Stande/ die noch uͤbrigen Paͤsse wurden besetzt/ und die Hibernier wur- den zum andern mahl aus der See geschlagen. Dieses Gluͤcke vergroͤsserte hingegen die Ver- bitterung des Volcks gegen die vorige Herr- schafft. Ein gemeiner Mann beschuldigte ei- nen der fuͤrnehmsten Raͤthe/ daß er die fliehen- den Hibernier zu verfolgen verhindert/ und dem Cariovalda nach dem Leben gestanden haͤtte. Die erste war eine offenbare Verlaͤumdung/ das andere eine Anklage ohne Beweiß. Gleich- wohl nahmen ihn die Richter in Hafft/ der Poͤ- fel aber kam dem Urthel durch eine unmenschli- che Zerfleischung sein und des gemeinen Red- ners zuvor. Also weiß der blinde Poͤfel weder die Tugend von den Lastern zu unterscheiden/ noch in Liebe und Haß Maß zu halten; sondern es wird der gestern mit Frolocken bewillkomm- te Camillus/ Themistocles und Cimon heu- te ins Elend verstossen/ dem grossen Miltia- tes/ dem Griechenland die Freyheit zu dan- cken hatte/ wird nicht nur ein Krantz von Oelblaͤttern versagt/ sondern er muß so gar im Kercker verschmachten. Der redliche Nuncius wird von dem wuͤtenden Volcke zer- fleischet/ daß es dem schlimmsten Buͤrger die be- stimmte Wuͤrde zuschantzen koͤnne. Denn wie bey einer buͤrgerlichen Herrschafft auch die groͤ- sten Wohlthaten und Verdienste von nieman- den als ihm geschehen geschaͤtzt/ sondern wegen Vielheit derselben/ denen sie zu gute kommen/ gleichsam zu Soñen-Staube werden; Also ma- chet hingegen der Verdacht iede Muͤcke zum E- lephanten/ und es ist kein Buͤrger so geringe/ der nicht meine/ daß durch einen schlechten Feh- ler an ihm die Hoheit der Herrschafft verletzt worden sey. Unterdessen ward durch Vertilgung anderer hohen Baͤume/ welche gleichwohl noch einigen Schatten auff den Cariovalda warffen/ seine Botmaͤßigkeit mehr ausgebreitet und befestigt. Hingegen ist unschwer zu urtheilen: Ob die neue Eintracht der Bataver/ oder die kluge Anstalt des Cariovalda/ oder auch das mit seinen eige- nen Geschoͤpffen endlich eiffernde Gluͤcke dem siegenden Drusus in Zuͤgel fiel/ und seinen Er- oberungen/ wiewohl nicht fuͤr seiner Ehrsucht ein Grentzmahl steckte. Gleicher Gestalt stieß sich die Macht der Ubier und Tenckterer an der Stadt Baduhenna/ davon ein Cattischer San- qvin die Belaͤgerer mit ihrem grossen Verlust und seinem Ruhme abschlug. Jnzwischen nahmen die Sicambrer/ Usipe- ter und Catten gleichwohl wahr/ daß es nicht rathsam waͤre/ die Roͤmer in der Nachbarschafft maͤchtiger werden zu lassen; Jnsonderheit aber riethen die Catten/ entweder aus einer alten Zu- neigung zu den Batavern/ oder aus einer ver- Erster Theil. A a a nuͤnff- Vierdtes Buch nuͤnfftigen Staats-Klugheit: Es solten die Deutschen mit den Batavern diesen nach Uber- windung der Rhetier alleine noch uͤbrigen Thamm/ zwischen der Roͤmischen und Deut- schen Herrschafft/ nicht zerreissen lassen. Durch der Bataver Thore wuͤrden sie in das Hertze Deutschlandes einbrechen/ ja ihnen gleichsam in Ruͤcken gehen koͤnnen. Die Natur waͤre hierinnen selbst ihr Wegweiser/ welche/ wormit zwey Meere nicht zusammen braͤchen/ die dar- zwischen stehenden Vorgebuͤrge mit so steilen Felsen befestigt haͤtte; Oder auch heute durch die Wellen an diesem Ecke wieder ansetzte/ was die Fluth gestern an jenem Ende abgespielt haͤt- te. Wiewohl nun einige Fuͤrsten unter ihnen sich auff keine Seite schlagen/ und den Aus- gang als Zuschauer des Spieles erwarten wol- ten; insonderheit auch die Roͤmer durch ihre Ge- sandten alle deutsche Fuͤrsten ihrer bestaͤndigen Freundschafft versichern liessen; und deßwegen die Ubier und Tenckterer allen andern entge- gen setzten: daß die empfangene Beleidigung keines weges aber die Furcht fuͤr dem sich ver- groͤssernden Nachtbar eine rechtmaͤßige Ursa- che des Krieges waͤre; so hielt ihnen doch der großmuͤthige Hertzog der Usipeter und Estier ein: Die Freyheit waͤre ein so edles Kleinod/ wel- ches zu erhalten alle eusserste Mittel zulaͤßig waͤren. Eine vernuͤnfftige Beysorge solches ein- zubuͤssen/ rechtfertigte alle Beschirmungs-Mit- tel/ wenn die Furcht anders nicht eine weibische Kleinmuth/ und insonderheit der siegenden Nachbar herrschenssuͤchtig/ und zu ungerechtem Kriege geneigt waͤre. Weil nun die Roͤmer ihnen ein Recht die gantze Welt zu beherrschen einbildeten/ sie nicht einst eine Ursache des wider die Bataver angesponnenen Krieges zu sagen wuͤsten; mit ihrer Eroberung aber sich zu Her- ren des Nord-Meeres und zum Gesetzgeber gantz Europens machten/ die Deutschen aber bereit hundert mahl unrechtmaͤßig beleidiget haͤtten; so solten sie sich ja ihrer Nachbarn Unterdruͤckung zu Hertzen gehen/ und der herr- schenssuͤchtigen Roͤmer Versicherungen nicht einschlaͤffen lassen. Jndem die Beleidigten immer das angethane Unrecht vergessen/ oder vielmehr aus einer knechtischen Zagheit ver- schmertzet/ und sich nur immer das wuͤrcklich an- gegriffene Volck ihnen zur Gegenwehre gestellt hatte/ waͤre ihrer so vielen das Joch an Hals geleget worden. Den Deutschen wuͤrde al- lein die dem Ulysses verliehene Gnade jenes Cyclopen zu statten kommen/ daß er ihn zu- letzt fressen wolte. Die es mit keinem Theile hielten/ machten sich beyden zum Raube und dem Uberwinder zur Beute. Die Theba- ner haͤtten mehr? als die Feinde gelitten/ als sie bey des Xerxes Einbruch in Griechenland den Mantel auff zwey Achseln getragen/ hin- gegen die Etolier es dem Buͤrgermeister Qvinctius zu dancken/ daß sie auff seine Be- redung sich mit den Roͤmern wider den Anti- ochus eingelassen. Diese hertzhaffte Entschluͤs- sung der Deutschen ward mit einer grossen Tapfferkeit ausgeuͤbt. Die Deutschen setzten mit Gewalt uͤber den Rhein/ ob schon die Fuͤr- sten der Ubier und Tencterer ihnen allenthalben die Uberfarth verweigerten/ wo sie den Fein- den den Weg gewiesen hatten. Drusus/ welcher ohne diß denen Trevirern und andern von den Deutschen entsprossenen Galliern nicht trau- en dorffte/ ward gezwungen ausser wenigen Besatzungen seine gantze Kriegs-Macht aus dem Gebiete der Bataver zu ziehen/ und den Deutschen am Rheinstrome entgegen zu setzen. Weil nun Cariovalda bey dieser Erleichterung die Haͤnde gleichsam in die Schooß legte/ aus- ser daß er die Stadt Fletio einnahm/ und das verlassene Traject besetzte/ hingegen Drusus etliche frische Legionen an sich zoh; wurden die Sicambrer und Usipeter gezwungen sich zu- ruͤck uͤber den Rhein zu begeben. Drusus folg- te selbten mit Huͤlffe der Ubier und Tencterer; Und nach dem der Deutschen Buͤndnis entwe- der Arminius und Thußnelda. der noch nicht recht zusammengeronnen/ oder sie wegen des Ober-Gebiets im Kriege mit einander zwistig waren/ wo nicht gar Verdacht gegen einander hegten/ gingen ihre Kriegs- Voͤlcker zuruͤck und von sammen. Dem Dru- sus konte das Gluͤcke keinen groͤssern Vor- theil als diese Zwytracht der Feinde zuwerffen; gleichwohl wuste er nicht/ ob sie nicht aus ei- nem geheimen Verstaͤndnisse derogleichen Un- einigkeit annehmen/ und/ um ihn in ein Netze zu locken/ ohne Noth zuruͤck wichen. Daher uͤbte er alleine seine Rache durch Einaͤscherung etlicher Flecken aus/ und gab fuͤr: Er wolte sei- ne zwistige Feinde nur ihrer eigenen Auffrei- bung uͤberlassen/ weil er kein Jaͤger waͤre/ daß er das Wild in unwegbaren Wildnuͤssen auff- suchte. Alldieweil aber Drusus auskundschaffte: daß der Theudo der Friesen/ und Ganasch der Chautzen Hertzog denen Batavern grossen Vorschub gethan hatte/ auch die Deutschen Fuͤrsten zu einem allgemeinen Buͤndnisse an- reitzeten; Er auch uͤber diß wahrnahm/ daß die Bataver bey ihrem etliche Jahr getriebe- nen Kriegs-Handwercke wieder auff die alten Spruͤnge kaͤmen/ und/ wie vor Zeiten die Thebaner von denen Lacedemoniern/ also die Bataver von den Roͤmern die Ubung der Waffen erlerneten/ und daher den Krieg mit ihnen auff eine Zeitlang abzubrechen/ oder sie vielmehr einzuschlaͤffen fuͤr thulich hielt/ wie nichts minder vernuͤnfftig uͤberlegte/ daß die Roͤmer denen Deutschen nichts anhaben wuͤr- den/ wenn sie ihnen nicht ans Hertz kaͤmen/ welches aber anderer Gestalt nicht als uͤber das Nord-Meer/ und durch Bemaͤchtigung ei- nes grossen Stromes geschehen koͤnte; Als be- schloß nach getroffenem Stillstande mit den Batavern er bey den Friesen und Chau- tzen einen unversehenen Einbruch zu thun/ in der Hoffnung/ daß wenn ihm dieser Anschlag von statten ginge/ sein Ruhm aller andern Roͤmer Siegs-Kraͤntze verduͤstern wuͤrde. Sin- temahl die Friesen unter den Deutschen so be- ruͤhmt waren/ und sie keinem sterblichen Men- schen an Treue und Tapfferkeit nichts bevor gaben; wolte Drusus sein Heil versuchen/ an ihnen Ehre einzulegen. Nachdem ihm aber vorwerts die tieffen Moraͤste/ auff dreyen Sei- ten das Meer/ die Flevische See/ und der Em- se-Strom am Wege stand/ unterfing er sich eines verzweiffelten Wercks mit erwuͤnsch- tem Ausschlage. Denn er machte einen tief- fen und breiten Graben acht tausend Schritte lang/ und fuͤhrte einen Arm des Rheines in die Nabal oder Sala/ baute aldar eine Fe- stung Drususburg/ und vergroͤsserte von dar biß in die Flevische See den Busem des Flus- ses; also/ daß er mit den grossen Schiffen dar- ein/ und ferner um Frießland in das grosse Meer schiffen konte. Weil auch hierdurch das Land der Bataver und Caninefater/ wel- ches sonst jaͤhrlich von dem Rheine uͤberschwem- met ward/ einen grossen Vortheil erreichte; lies- sen es jene nicht ungerne geschehen/ diese aber ihnen nebst den Roͤmern daran recht sauer werden. Rhemetalces fiel dem Adgandester hier ein: Es haͤtte es Drusus ihm in alle We- ge fuͤr ein grosses Gluͤcke zu schaͤtzen/ daß sei- ne Tugend hierinnen die Natur uͤbertrof- fen/ und die von dem goͤttlichen Verhaͤngniße gesetzte Grentzen einem so grossen Strome veraͤndert haͤtte. Die Goͤtter haͤtten durch ih- re Weissagungen nicht allein derogleichen Fuͤr- nehmen den Menschen wiederrathen/ sondern auch ihre daruͤber bestehende Hartnaͤckigkeit mehrmahls mit Ernst unterbrochen. Seso- stris waͤre gemeint gewesen/ das rothe und Mittellaͤndische Meer zusammen zu fuͤhren/ haͤtte aber uͤber hundert und zwantzig tausend Menschen daruͤber sitzen lassen. Darius/ Ptolomeus und Cleopatra haͤtten sich eben- falls ohne Frucht unterwunden/ und man se- he noch bey der Stadt Arsinoe die Merckmah- A a a 2 le ver- Vierdtes Buch le vergebener Hoffnung. Jch habe deroglei- chen unnuͤtze Arbeit in Augenschein genommen/ wo Seleucus Nicanor das Caspische und schwartze Meer zu vereinbaren gesucht. Als die Gniedier ein anhaͤngendes Stuͤcke von Carien abschneiden wollen/ haͤtte es ihnen A- pollo zu Delphis nicht nur untersagt/ sondern die Steine waͤren denen/ die durch selbige Fel- sen hauen wollen/ in die Augen gesprungen/ also/ daß sie davon abstehen musten. Pyr- rhus habe vergebens aus Epirus in Calabrien/ Xerxes uͤber den Hellespont eine Bruͤcke zu machen/ Diomedes das Gaganische Vorge- buͤrge von festem Lande abzureissen sich bemuͤ- het. Daher wolte er es weder selbst wagen/ noch einem andern rathen/ es dem Drusus nachzuthun/ und die Natur zu meistern/ wel- che allen Dingen der Sterblichen am besten gerathen/ und so wohl ihren Ursprung/ als Ausfluß am weisesten eingerichtet haͤtte. Ja es wuͤrde durch solche Veraͤnderung gleichsam die uͤber Stroͤme und Berge herrschende Gott- heit/ denen die Vorwelt Heynen geweihet/ und Altaͤre gebauet/ beleidiget. Adgandester ant- wortete dem Thracischen Fuͤrsten: Wenn aus blosser Ehrsucht/ oder einen wenigen Umweg zu verkuͤrtzen/ Felsen durchbrechen/ aus blosser Eitelkeit Berge abtragen/ oder seltzame Gestal- ten daraus bilden/ und einen unbedachtsamen Eifer uͤber einem etwan ertrunckenen Pferde schiffbare Stroͤme in seichte Regenbaͤche zerthei- len/ wie es Cyrus mit dem Flusse Gyndes ge- macht/ wegen eines freyern Aussehens von ei- nem Lusthause hohe Huͤgel wegraͤumen/ oder zu blosser Vergnuͤgung des Auges auff fruchtba- ren Flaͤchen rauhe Klippen uͤber einander tra- gen wolte; muͤste er dem Rhemetalces in alle- wege beyfallen. Aber wenn derogleichen Wer- cke zum allgemeinen Nutz/ oder aus Noth/ und zu Abwendung allerhand Ungemachs/ angefan- gen wuͤrden/ hielte er sie in alle wege fuͤr loͤb- lich; Und da die Klugheit hierbey das Richt- scheit fuͤhrte/ wuͤrden sie auch mit gewuͤnschtem Ausschlage/ ihr Stiffter aber mit unsterbli- chem Nachruhme beseligt. So wenig eine Mutter ihrem Kinde mit der Geburt zugleich alle Vollkommenheiten beylege; so wenig habe die Natur auch ihre Geschoͤpffe deroge- stalt gefertigt/ daß sie dem menschlichen Nach- dencken nichts daran zu verbessern uͤbrig gelas- sen. Sie habe ja so viel wilde Baͤume gezeugt/ daß die Kunst ihnen durch Pfropffung huͤlffe. Dem Agsteine und den schoͤnsten Diamanten muͤsten die rauhesten Schalen abgeschliffen/ das Gold aus haͤßlichen Schlacken geschmeltzet/ die Perlen allererst durchloͤchert werden. Der Mensch werde halb wild gebohren/ ja die Weiß- heit selbst sey anfangs eine Baͤuerin/ und die gantze Welt Barbarn gewest. Warum solte menschlicher Witz nicht auch an rauhe Gebuͤr- ge und unbeqveme Fluͤsse Hand anlegen doͤrf- fen? Welche die Natur mehrmahls selbst den Lauff der Stroͤme aͤndert/ ja durch Erdbeben/ unterirrdische Winde und andere Verruͤckun- gen der aus dem Meere in die Gebuͤrge ge- henden Wasserroͤhre/ neue Fluͤsse machet/ und die Felsen in Seen verwandelt? Er wolte sich mit keinen Ungewißheiten/ als daß der Phoͤ- nicische Hercules bey Gades/ das Mittellaͤndi- sche und das grosse Welt-Meer/ der Cimmeri- sche die Ost- und West-See zusammen gegra- ben haben solle/ behelffen. Allein es habe nicht nur Drusus mit dem Rheine/ sondern auch Marius mit dem fast gantz versaͤndeten Rho- dan/ den er an einem andern tiefferen/ und fuͤr dem Sturme sicheren Orte ins Meer geleitet/ es gluͤcklich ausgefuͤhrt. Cyrus habe durch Ableitung deß Flusses Phrat sich der Stadt Babylon/ Kaͤyser Julius mit Zertheilung des Flusses Sicoris/ Hispaniens bemaͤchtigt/ Se- gimer mit Schwellung der Ocker die Haupt- Stadt der Campsacer erobert. Fuͤr weniger Zeit habe Grubenbrand/ der fuͤrtreffliche Her- tzog der Sicambrer/ Longobarder und Estier/ den Arminius und Thußnelden. den Viader mit der Spreu vereinbart/ und auch die Schiffarth in die Elbe und West- See; Vercingetorich der Gallier Koͤnig aber den Fluß Garumna mit dem Mittel-Meere verknuͤpffet. Daß die Goͤtter sich solchen Un- terwindungen nichts minder als Jupiter der von den Riesen fuͤrgenommener Zusammen- tragung der Berge widersetzten/ waͤre ein Wahn der Aberglaͤubigen/ oder ein Fuͤrwand der Faulen. Zum letzten gehoͤrte das Gedich- te/ daß die Gespenster die Arbeiter/ als Tu- isco die Donau und den Meyn in einander lei- ten wollen/ weggetrieben haͤtten; Zum ersten/ daß eben damahls/ als er diß mit der Arar und Mosel fuͤrgenommen/ diß was im Tage gear- beitet worden/ die Schutz-Goͤtter selbiger Fluͤs- se des Nachts wieder eingerissen haͤtten. Jn dem jenes Traͤume oder Gedichte der Werck- leute/ hier aber der viele Regen und der Schwaͤmmichte Bodem die Ursacher gewest. Jnsgemein zernichtete diese Wercke die unbe- dachtsame Fuͤrnehmung einer Unmoͤgligkeit/ oder nebst uͤbeler Anstalt zufaͤllige Hinderniße. Also haͤtte Darius die Vereinbarung des rothen- und Mittel-Meeres nahe zu Wercke gerichtet/ und seinen Graben dreyßig Ellen tieff und hundert breit schon biß auff 38000. Schritte vollendet gehabt; Er haͤtte aber/ um Egypten nicht zu ersaͤuffen/ zuletzt abstehen muͤssen/ nachdem er allzuspaͤt wahr genommen/ daß das rothe Meer wohl drey Ellen hoͤher ge- legen waͤre. Gleicher gestalt haͤtte der hohe Phrat sich mit dem niedrigen Tigris/ der duͤr- re und felsichte Bodem den Avernischen See mit dem Munde der Tiber nicht wollen ver- maͤhlen lassen. Silem der Scythen Koͤnig waͤ- re nahe daran gewest/ die Tanais an die Wolge zu haͤngen/ wenn es die Massageten nicht mit Gewalt verwehret haͤtten. Ein Todesfall waͤ- re Ursach/ daß in Persien nicht die Fluͤsse Miana und Tirtiri/ und mit diesen das Caspische und Persische Meer aneinander verknuͤpfft worden. Aber wir muͤssen den Fluͤssen ihren Lauff lassen/ und mit dem Drusus auff seinem neu- en Strome zu den Friesen schiffen/ welcher denn uͤber die Flevische See mit hundert Schiffen gluͤckselig segelte/ und als sich die Friesen von den Roͤmern nichts traͤumen lies- sen/ sondern in dem Baduhennischen Heyne ein sonderbares Feyer begingen/ seine Kriegs- Voͤlcker unverhindert ans Land setzte. Dru- sus/ welcher wohl wuste/ was im Kriege an der Geschwindigkeit gelegen war/ ließ ihm durch die Gefangenen alsofort den Weg zu dem Friesischen Heiligthume weisen. Die in der Andacht begriffenen/ wiewohl nicht gaͤntz- lich entwaffneten Friesen griffen alsofort zur Gegenwehr; Und weil Theudo ihr Hertzog ih- nen mit tapfferem Beyspiel vorging/ fochten sie wie Loͤwen/ also daß/ ungeachtet die mit voͤl- liger Ruͤstung versehenen Roͤmer fuͤr den so unversehens uͤberfallenen Friesen einen gros- sen Vortheil hatten/ ihrer dennoch viel erlegt/ Drusus und viel Kriegs-Obersten auch ver- wundet wurden. Endlich aber musten sie der Menge der Roͤmer nachgeben/ und nachdem alle ihre in der Eil gemachten Ordnungen durchbrochen waren/ ihr Heil durch die Flucht in dem Gehoͤltze und den Suͤmpffen zu suchen/ sonderlich der Hertzog Theudo hefftig verwun- det und hieruͤber gefangen ward. Nach erlang- tem Siege wolte Drusus seinen Durst aus dem unfern von ihm sich befindenden Brun- nen kuͤhlen/ und mit seinem eigenen Helme dar- aus Wasser schoͤpffen; Es rieff ihn aber der ge- fangene Theudo an/ und verwarnigte ihn/ daß er durch solch Wasser seiner Gesundheit nicht Abbruch thun solte. Drusus goß das geschoͤpf- te Wasser zur Erden/ und fragte: Wer er waͤre? und warum ihm denn solches schaden solte? Theudo antwortete: Er waͤre der Friesen Her- tzog/ diß Wasser aber ein gifftiger Brunn/ von welchem den Trinckenden die Zaͤhne ausfielen/ und die Gelencke in Knien auseinander gin- A a a 3 gen. Vierdtes Buch gen. Wie nun andere Gefangene diesen Be- richt bestaͤrckten/ wunderte er sich uͤber der Red- ligkeit dieses gefangenen Fuͤrsten; welche des Roͤmischen Raths uͤberwog/ da sie ihren Feind den Koͤnig Pyrrhus selbst fuͤr Gifft warnig- ten/ als sein Artzt Timochares ihm zu verge- ben antrug. Wormit aber Drusus so viel- mehr erforschte: Ob Theudo aus Heucheley um dardurch seinen Uberwinder zu besaͤnfftigen/ o- der aus Großmuͤthigkeit/ ihn gewarniget haͤt- te/ fragte er ihn: Warum er wider die Roͤmer die Waffen ergriffen/ und den Batavern Huͤlf- fe geleistet haͤtte? Theudo antwortete mit laͤ- chelndem Munde/ und unveraͤnderter Stim- me: Weil ich die Roͤmer fuͤr allzu herrschens- suͤchtig/ die Friesen aber fuͤr unuͤberwindlich ge- halten. Als nun Drusus ferner erkundigte: Ob er diesen seinen Fehler nunmehr bereuete? versetzte Theudo: Kein Unfall vermoͤge die Tu- gend so zu verstellen/ daß man sich derselben schaͤmen/ oder gereuen lassen solte. Auff fer- nere Frage des Drusus/ wie er in seiner Ge- faͤngniß verhalten wolte seyn; erklaͤrte sich Theu- do sonder die geringste Veraͤnderung des Ge- sichtes und der Geberden./ wie er meinte/ daß es dem Sieger vortraͤglich/ und der Uberwun- dene wuͤrdig waͤre. Drusus sahe uͤber so hertz- haffter Antwort diesen unerschrockenen Fuͤrsten eine gute Weile an/ und nach einem nachdenckli- chen Stilleschweigen fragte er ihn ferner: Ob er wohl mit seinen Friesen dem Roͤmischen Volcke treu verbleiben wolte/ da ihm selbige laͤnger zu beherrschen verstattet wuͤrde? Theu- do antwortete so ernsthafft als vorher/ und als wenn es ihm gleich gielte/ ob er wieder zur Herrschafft kommen moͤchte oder nicht: Ja/ so lange die Roͤmer die Friesen als auffgenom- mene Freunde und Bunds-Genossen/ nicht als Knechte handeln wuͤrden. Drusus war hie r uͤber so vergnuͤgt/ daß er ihm alsofort die Ketten abnehmen ließ/ die Gefangenen loß- gab/ und den Theudo gegen Versprechen wi- der die Roͤmer nicht mehr zu kriegen und jaͤhr- lich tausend Ochsenhaͤute zu zinsen/ in seiner voͤlligen Herrschafft bestetigte. Malovend brach dem Adgandester ein: Es solte ein Fuͤrst in allewege sein Antlitz nicht mit seinem Gluͤ- cke veraͤndern/ sondern dem Widrigen und dem Uberwinder gerade ins Gesichte sehen. Denn die Kleinmuͤthigkeit des Uberwunde- nen waͤre dem Sieger selbst schimpflich/ sei- ne Hertzhafftigkeit aber gereichte ihm zur Eh- re/ und dem Bezwungenen zur Wohlfarth. Da hingegen die Furcht den Grimm des Fein- des nicht mildert/ noch das Schrecken ieman- den aus der Gefahr zeucht/ sondern vielmehr sein Gegentheil muthiger/ die Seinigen aber kleinmuͤthig macht/ welche aus dem Antlitze ihres Fuͤrsten/ wie aus denen umbhaubten Gipffeln der Berge das bevorstehende Unge- witter wahrnehmen. Alles diß begegnete dem so verzagten Pompejus/ welchem nicht so viel der Verlust der Schlacht/ als daß er ihm die Kennzeichen eines Roͤmischen Feldherrn selbst abnahm/ schadete/ und durch seine Erniedri- gung eines Verschnittenen Hand wider sich be- hertzt machte. Ja es schaͤmte sich Emilius/ daß er an dem fußfaͤlligen Perseus einen Knecht/ keinen Fuͤrsten uͤberwunden hatte. Der Roͤmische Rath konte die Rede des weibischen Prusia nicht aushoͤren/ sondern verspeyete seine Zagheit/ als er in Sclaven-Kleidern und mit beschornem Kopffe fuͤr den Roͤmischen Gesand- ten zu Bodem fiel/ sich einen Freygelassenen deß Roͤmischen Volcks/ die Rathsherren aber seine Goͤtter schalt/ und die Schwelle des Rath- hauses kuͤßte. Hingegen hat der gefangene Hermundurer Hertzog Socas durch seine Großmuͤthigkeit sein Leben und Ehre errettet/ als er Marcomirn/ ungeachtet schaͤrffster Be- draͤuungen/ die belaͤgerte Festung Elbburg auf- zugeben seinen Kriegsleuten nicht befehlen wol- te; Auch als ihm uͤber dem Schach-Spiele das Leben abgesagt ward/ er sich daran nichts irren Arminius und Thußnelda. irren ließ/ sondern einen mit ihm spielenden Cattischen Fuͤrsten fortspielen hieß. Adgan- dester fuhr hierauff in seiner Erzehlung fort: Drusus war von dem durch seine Großmuͤ- thigkeit ebener Gestalt geneseten Hertzog Theu- do durch gantz Frießland herum gefuͤhrt/ und ihm alles Merckwuͤrdige gezeiget. Letzlich ka- men sie an den Mund der Emse/ und auff das Eyland Birhanis oder Fabaria/ um welche sich dieser Strom in das Nord-Meer außgeust. An ieder Ecke war eine von uͤberaus grossen Steinen auffgerichtete Seule/ oder vielmehr uͤbereinander getragener Berg zu schauen. Unten war in einem glatten Stein ein Bild eines alten Schiffers gegraben/ der uͤber die Schultern eine Loͤwen-Haut hencken hatte/ in der rechten Hand eine Keule/ in der lin- cken einen Bogen trug. An der Seite hieng ein Koͤcher/ durch das euserste der Zunge ging eine von Gold und Agstein gemachte Kette. Auff dem obersten Spitz-Steine war diese ein- gegrabene Uberschrifftzu lesen. Wodan zeichnete mit diesen Seulen das Ende seiner und den Anfang groͤsserer Helden-Thaten. Denn die Tugend leidet keinen Grentzstein/ Und das Ziel der Vorwelt soll seyn der Ansprung der Nachkommen. Drusus laß an beyden Seulen die gleichstim- mige Schrifft mit hoͤchster Vergnuͤgung/ und mehr als zehnmahl; fing hierauff zum Hertzog Theudo an: Er finde hier so wohl zwey neue Seulen des Hercules/ als sein Bildnis; also sol- te er ihm sagen: Ob Hercules auch bey den Frie- sen gewest/ und diese Seulen auffgerichtet habe. Theudo antwortete? Weil die alten Deutschen sich mehr bemuͤhet haͤtten tapffere Thaten aus- zuuͤben/ als auff zuschreiben/ und deßhalben ihre denckwuͤrdigste Sachen in Vergessenheit kom- men/ oder durch vielfaͤltige Kriege und daher ent- standene Feuersbruͤnste/ in Frießland auch durch oͤfftere Uberschwemmung des Meeres viel Gedaͤchtnis-Mahle waͤren vertilget wor- den/ wuͤste er ihm von diesem Helden kein genug- sames Licht zu geben. Nachdem aber nicht so gar weit von dar an dem Munde der Schelde des Magusanischen Jupiters Tempel zu fin- den waͤre/ schiene es glaublich/ daß dieser Wodan der Deutschen Hercules waͤre/ welchen die Kluͤ- gern Deutschen nicht/ wie die Auslaͤnder ihnen einbildeten/ fuͤr einen Gott/ sondern fuͤr einen großmuͤthigen Helden verehreten; Und/ wenn sie eine Schlacht anfingen/ zu Auffmunterung des Kriegsvolcks seine Thaten zu singen pfleg- ten. Diesem waͤren auch zwischen dem Emse und dem Seste-Strom mehr derogleichen stei- nerne Berge/ und an der Lippe ein grosser Wald zugeignet. Jedoch waͤre er der Meinung/ daß nicht nur ein Hercules sich in der Welt so be- ruͤhmt gemacht/ sondern iedes Volck seinen ei- genen gehabt/ die Ubereintreffung der Hel- den-Thaten aber ihrer vielen einerley Nah- men beygelegt haͤtte. Drusus brandte bey solcher Besichtigung fuͤr Begierde uͤber die Seulen dieses Deut- schen Hercules seine Siege zu erstrecken; und er nahm die gefundene Uberschrifft wo nicht fuͤr eine auff ihn zielende Wahrsa- gung/ doch zum minsten fuͤr eine Auffmun- terung an. Denn es kan kein Brenn-Spie- gel Vierdtes Buch gel noch eine Schlange von den Strahlen so sehr als ein tugendhaftes Gemuͤthe von an- derer Ruhme erhitzt werden; ja die Ehrsucht ist begierig so wol diß/ was sie zu ruͤhmlichem Be- ginnen aufgewecket/ durch groͤssere Thaten zu verduͤstern/ als das Feuer seinen Zunder/ und die Natter ihre Mutter zu verschlingen. Die- semnach lieff er mit seiner Schiff-Flotte umb Frießland herumb/ fiel darmit die von den Chautzen besetzte Jnsel Birchanis an/ machte sich auch derselben stuͤrmender Hand Meister. Von dannen segelte er in den Einfluß der Je- de/ und zwar als die Fluth am hoͤchsten war/ kam also mitten in dem Gebiete der Chautzen an. Diese Ankunfft war ihrem Hertzoge Ga- nasch/ den sie alle in der Schlacht und an des Feld-Herrn Hofe wohl haben kennen lernen/ von etlichen Fischern zeitlich zu wissen gemacht worden. Daher verfuͤgte er sich mit seinen an der Hand habenden Kriegsleuten auf eine der von den Wurtzeln der Baͤume zusammen ge- flochtenen und schwimmenden Jnseln/ an wel- che die Roͤmer anzulenden sich eiffrigst bearbei- teten. Als nun von etlichen Schiffen das Kriegsvolck zu Lande kommen war/ ließ Her- tzog Ganasch die Seinigen solches bewegliche Land fortstossen; fiel hieruͤber die angelaͤndeten Roͤmer/ die nun allererst sich von den andern abgeschnitten und auf einem schwimmenden Lande sahen/ so grimmig an/ daß alle ausge- stiegene entweder von den Waffen aufgerieben/ oder ins Wasser gestuͤrtzt wurden. Hierauff befahl er den Seinigen: daß sie sich auf ihren Nachen begeben/ und zwar etlicher massen sich gegen die Roͤmischen Schiffe zur Gegenwehr setzen; allgemach aber zuruͤck weichen solten. Bey diesem Gefechte fiel das Wasser bey der Eppe nach und nach ab; also/ daß Drusus mit seinen grossen Schiffen auff den Grund gedieg; Hertzog Ganasch hingegen und seine Chautzen mit Geschoß/ und insonderheit brennenden Pech-Toͤpffen selbten hefftig zusetzte/ viel Roͤ- mer erlegten/ und unterschiedene Schiffe in Brand brachten. Und es waͤre dißmal umb die Roͤmer gethan gewest/ wenn nicht das Was- ser endlich so weit weggefallen waͤre/ daß auch die Nachen im Schlamme stecken blieben/ zu Fuße aber zu fechten nicht vortraͤglich oder moͤg- lich schien/ und die Chautzen sich auff ihre ge- machte Sandhuͤgel zuruͤck ziehen musten. So bald nun der Bodem gantz trocken worden/ setzte zwar Drusus sein Kriegsvolck von den Schif- fen ab/ umb weiter hinein ins Land festen Fuß zu setzen; Aber Hertzog Ganasch traff mit seiner geschwinden Reuterey/ welche mit großen aus Muscheln zusammen gemachten Schilden be- deckt/ und mit langen Spießen gewaffnet war/ auf die Roͤmer/ welche denn mit ihrem langsa- men Fußvolcke wenig ausrichten konten/ son- dern grossen Abbruch litten. Der Verlust waͤ- re auch noch groͤsser gewest/ wenn nicht Ganasch mit allem Fleiß die Roͤmer mehr abzumatten/ als zu erlegen/ also sich mehr stetem Lermens/ als einer Schlacht zu bedienen/ und so lange/ biß die Fluth aus der See wieder aufschwellen wuͤrde/ den Feind aufzuhalten/ fuͤr rathsamer befunden haͤtte; in Meynung so denn durch Feuer ihre Feinde mit Strumpf und Stiel auszurotten. Drusus sahe diesen Anschlag des Feindes und seinen Untergang wol fuͤr Augen; Gleichwol wuste er nicht zu erkiesen: Ob es rathsamer waͤ- re/ sich tieffer ins Land zu wagen/ und also die zu- ruͤck gelassenen Schiffe in Gefahr zu lassen; o- der daselbst stehen zu bleiben/ und der sechs tau- send Friesischen Huͤlffs-Voͤlcker zu erwarten/ die in kleinen Nachen uͤber die Emse zu setzen/ und so denn auff dem Lande zu ihm zu stossen versprochen hatten. Wie nun Drusus in diesem Kummer schwebte; uͤberfiel ihn noch ein groͤsserer/ indem die Chautzen mit mehr als hundert Nachen hinterruͤcks die letztern auff dem Grunde noch stehenden Schiffe Arminius und Thußnelda. Schiffe mit ihren Feuer-Toͤpffen anfielen/ und derer etliche in Brand brachten; Also die Roͤ- mer auf allen Seiten zwischen Thuͤr und An- gel schwebten. So fing auch das Wasser an sich schon wieder zu zeigen/ und den Roͤmern den endlichen Untergang anzudraͤuen; massen die Chautzen sich bereit wieder mit ihren Kahnen und Feuerwercken zu Anzuͤndung der in dem seichten Wasser unbeweglichen Schiffe fertig machten. Drusus ließ gleichwohl das Hertze nicht fallen/ sondern erzeigte sich allenthalben als einen tapfferen Kriegs-Held/ und als einen vorsichtigen Feldherrn. Bey solchem ver- zweiffelten Zustande liessen sich endlich die Kriegs-Zeichen der Friesischen Huͤlffs-Voͤlcker sehen/ welche auff die Chautzen/ die bey dem be- reit zehnstuͤndigen Gefechte auch nicht Seide gesponnen hatten/ gerade loß giengen/ und dardurch den Roͤmern ein neues Hertze zum fechten machten. Aber wie ein kluger Feld- Oberster sich auff alle unversehene Zufaͤlle ge- schickt macht/ also hatte auch Hertzog Ganasch einen starcken Hinterhalt hinter etlichen Huͤ- geln stehen/ die er alsofort befehlichte/ denen Frie- sen die Stirne zu bieten. Diese hatten ihnen nicht eingebildet/ die Chautzen in so guter Ver- fassung/ die Roͤmer aber im Gedraͤnge und an einem so schlimmen Orte zu finden. Ob nun wohl Hertzog Theudo mit seinem Kriegs-Vol- cke tapffer ansetzte/ so sahe er doch wol/ daß ihm nicht nur die Chautzen uͤberlegen waͤren/ son- dern das allgemach ausschwellende Wasser sie beyde von einander trennen/ und also in die Ge- walt ihrer Feinde liefern wuͤrde. Diesemnach lenckte er bey waͤhrendem Treffen so viel immer moͤglich gegen die Roͤmer ab/ wormit sie zusam- men stossen/ ihre Schiffe als das einige Mittel ihres Heiles beschirmen/ und endlich so gut sie koͤnten mit Ehren aus diesem Schiffbruche zu- ruͤck kommen koͤnten. Hertzog Ganasch nam diß Absehn alsofort wahr; und also vermochten die Friesen keinen Fuß breit fortzu ruͤcken/ den sie nicht mit Aufopfferung vieler Todten bezah- len musten. Zumal die Chautzen auf sie/ als Deutsche mehr/ als auff die Roͤmer/ erbittert waren/ und sie so viel grimmiger anfielen. Die Roͤmer breiteten ihren rechten Fluͤgel zwar ge- gen die Friesen so viel moͤglich aus/ um beyde Voͤlcker an eine Schlacht-Ordnung zu hen- cken; aber es kostete sie viel edlen Blutes. End- lich kamen sie gleichwol zusam̃en/ als die Roͤmer schon fast biß an die Knie im Wasser standen. Hertzog Theudo gab hierauf alsofort dem mit Blut und Schlamm bespritzten/ und fast nicht kennbaren Drusus zu verstehen: Es waͤre nicht laͤnger Zeit dar zu stehen/ sondern er solte/ so gut er koͤnte/ sich mit den Roͤmern auff die Schifse wieder verfuͤgen/ er wolte inzwischen mit seinen des Wassers mehr gewohnten Friesen die Fein- de so viel moͤglich aufhalten. Drusus erstarrte uͤber der Treue dieses kaum versohnten Fein- des/ umarmte ihn also mit diesen Worten: Er wolte zwar seinem Rathe folgen und die Seini- gen sich auf die Schiffe fluͤchten lassen; Aber die Goͤtter moͤchten ihn in diese Leichtsinnigkeit nicht verfallen lassen/ daß er sich von eines so treuen Freundes Seite solte trennen lassen. Wie nun die Roͤmer sich an ihre Schiffe zuruͤck zohen/ drangen ihnen die erhitzten Chautzen mit aller Gewalt auff den Hals; also/ daß/ wie maͤnnlich gleich die Friesen nunmehr fast biß in den Guͤrtel im Wasser stehend ihnen begegne- ten/ sie doch in eine offentliche Flucht gediegen; und derogestalt die theils ihnen nachwatenden/ theils auf Nachen sie verfolgenden Chautzen sie wie unbewehrte Schaffe abschlachteten/ oder auf ihren Schiffen verbrennten/ theils auch ersaͤuff- ten/ und die/ welche gleich einem Messer des To- des entranen/ doch durch einen andern Werck- zeug entseelet wurden. Die Friesen und mit ihnen Drusus und Theudo musten endlich auch der Gewalt und dem Grimme der Chautzen weichen/ und auf ihr Heil bedacht seyn/ also auf die Schiffe sich zuruͤck ziehen. Die Chautzen Ester Theil. B b b aber Vierdtes Buch aber waren so erbittert/ daß sie biß an Hals ins Wasser ihnen nachsetzten/ die noch festen Schif- fe anzuͤndeten oder mit Beilen Loͤcher darein hackten; theils mit denen etwan ertapten Schiff-Seilen die sich hebenden Schiffe anhiel- ten; ja wenn schon ihnen eine Hand abgehackt war/ mit der andern ja mit den Zaͤhnen die Ab- farth verwehreten. Allem Ansehn nach waͤre auch kein Schif und keine Gebeine von den Roͤ- mern darvon kommen/ wenn nicht die hertzhaf- ten Friesen ihnen zur Huͤlffe erschienen waͤren/ und nicht allein ein Nord-Ost-Wind/ sondern auch der gleich einfallende Neu-Mond mit Aufschwellung des Salpeter- und saltzichten Wassers die Fluth ehe und hoͤher/ als sonst ins- gemein allhier geschiehet/ uͤber die flachen Ufer ergossen/ und die Abfarth der noch etwan uͤbri- gen funfzig Schiffe beschleuniget haͤtte. Also muste Drusus nach Verlust des Kerns und groͤ- sten Theils seiner Kriegs-Leute nach der Jnsel Birchanis traurig zuruͤck segeln/ und/ weil fast niemand unverwundet blieben/ daselbst/ und bey den treuhertzige n Friesen ausruhen/ endlich an den Rhein zuruͤck kehren/ und von dar sich nach Rom/ allwo er abermahls zum Stadtvogt er- wehlet ward/ und dem Kaͤyser aus denen so treuen Friesen eine auserlesene Leibwache mit- nahm/ bey anbrechendem Winter begeben. Un- terdessen raͤumten die Roͤmer alle Plaͤtze/ welche sie nicht nur in dem Eylande/ sondern auch auff dem Gallischen Gebiete der Bataver erobert hatten/ auser der Festung Carvo und Blariach an der Maaß; welchen erstern Ort aber Cario- valda belagerte und einnahm; ungeachtet es schien/ daß die Roͤmer selbten leicht haͤtten entse- tzen koͤnnen. Welche zwischen beyden sich ereig- nenden Lauligkeit fast iederman uͤberredete/ daß Drusus und Cariovalda insgeheim mit einan- der verglichen waͤren; nur/ daß dieser solches we- gen besorgter uͤbelen Nachrede verhoͤlete/ daß er die aus blosser Guthertzigkeit fuͤr die Bataver kriegende Deutschen im Stiche liesse. Nachdem aber der großmuͤthige Drusus wol verstand/ daß der Poͤfel in seinen Rathschlaͤgen sein Absehn nur auf seinen Nutzen und Gemaͤch- ligkeit habe; ein Fuͤrst aber nach einem guten Nachruhme unersaͤttlich streben solle; sintemal der Tod beyden gemein/ jener Grab aber durch Ver gessenheit/ dieser durch Ehren gedaͤchtnuͤsse von einander unterschieden ist; so war es ihm un- moͤglich/ in dem wolluͤstigen Rom lange zu ra- sten. Denn ein grosser Geist findet nicht an- ders/ als die Sonne in steter Bewegung/ seine Ruh; und er wil lieber wie ein Lufft-Gestirne sich in Gestalt eines strahlenden Sternes einaͤ- schern/ als wie ein truͤber Nebel die Thaͤler be- bruͤten. Uberdiß nagte die Rache wegen desletz- tern Verlustes Tag und Nacht an seinem Her- tzen; die nach Art einer geneckten Biene ihrem Feinde einen Stich beyzubringen trachtet/ soll sie gleich selbst daruͤber ihr Leben einbuͤssen. Au- gustus aber hatte ebenfals Lust darzu. Denn er wolte seinem Vater dem Kaͤyser Julius/ der zweymal eine Bruͤcke uͤber den Rhein geschla- gen/ nichts nachgeben; Wiewol er diese seine ei- gene Ehrsucht mit dem Vorwand bekleidete/ daß er die Deutschen nur dem Julius zu Ehren und der von ihm gebrochenen Vahne nachzufol- gen bekriegte. Diesemnach kam der Drusus am Fruͤhjahre mit einem frischen Kriegsheere wie- der am Rheine an/ schlug eine Bruͤcke daruͤber/ und fiel bey denen Usipeten ein/ in willens durch selbte und die Tencterer bey den Chautzen einzu- brechen. Die Usipeter und die Sicambrer lang- ten bey des Drusus verlautender Ankunfft alle Nachtbarn/ und insonderheit die Catten umb Huͤlffe an; zumal die Usipeten ja den Catten ihr Land geraͤumt/ und ihnen am Rheine mit Ver- treibung der Menapier durchs Schwerd einen Auffenthalt gesucht hatten. Gleichwohl aber blieben aus denen benachbarten die Catten allei- ne mit ihren Huͤlffs-Voͤlckern aussen; entweder weil sie den Usipeten/ als von ihnen verletzten/ gram waren/ oder die allgemeine Gefahr weder so Arminius und Thußnelda. so nahe/ noch so groß/ oder sie doch alleine sich zu vertheidigen fuͤr maͤchtig genung hielten. Jn- zwischen kam Drusus nebst den Ubiern und Tencterern den Usipeten mit der gantzen Macht uͤber den Hals/ und wurden diese ge- drungen mit den Roͤmern zu schlagen. Alldie- weil aber die gantze Roͤmische Macht einem klei- nen Theile des zwistigen Deutschlandes weit uͤ- berlegen war/ und so wol ein zertheiltes Reich als ein zerbrochenes Schiff zu Grunde gehen muß; zohen die tapfferen Usipeter/ wie hertzhaft sie auch ihrem Feinde begegneten/ den kuͤrtzern. Ja weil diese selbst wahr nahmen/ daß das Ver- haͤngnuͤß und Gluͤcke gleichsam selbst den Roͤ- mern zum besten die Uneinigkeit unteꝛ die Deut- schen saͤete/ musten sie mit dem Drusus/ so gut sie konten/ abkommen/ und das Roͤmische Joch uͤ- bernehmen. Weil nun die Sicambrer aus Un- gedult/ daß die Catten von der allgemeinen Frey- heit und Wohlfarth die Hand abzohen/ ihnen selbst eingefallen waren/ schlug Drusus in hoͤch- ster Eil uͤber die Lippe eine Bruͤcke; und nach dem solch Land aller streitbaren Mañschafft ent- bloͤst war/ durfte es weder Kunst noch Schwerd- schlags sich desselbten zu bemaͤchtigen. Massen sie sich alsofort der Gnade eines so starcken Fein- des unterwarffen; Drusus auch um sich ihrer so viel mehr zu versichern etliche Festungen auff- baute. Hieran aber ließ sich Drusus nicht ersaͤt- tigen; sintemahl die Herrschenssucht eben so wie ein Fluß/ ie mehr er Baͤche in sich schlucket/ desto mehr uͤberschwemmet und wegreisset/ also brach er durch der Tencterer Landschafft in das Cheruskische Gebiete ein; und zwar so unver- muthet/ daß sie zu Deutschburg den jungen Fuͤr- sten Herrmann und Flavius des Feldherrn Se- gimers zwey Soͤhne mit ihrer Mutter Asblaste des Fuͤrsten Surena aus Parthen Tochter ge- fangen bekamen. So geringschaͤtzig ist in den Augen der Ehrsucht das Ansehn voriger Freundschafft/ welche die Cherusker lange Zeit mit den Roͤmern sorgfaͤltig unterhalten hatten; Jn dem Gesichte des Gluͤckes aber selbst eigene Gefahr/ die ihm Drusus durch so vieler streit- baren Voͤlcker Beleidigung zuzoh/ und endlich auf der Wagschale des Krieges das Recht/ wel- ches die Roͤmer zu kraͤncken kein Bedencken hat- ten/ weil die habende Gewalt bey Fuͤrsten ein rechtmaͤßiges Mittel ist sich mit fremdem Gute zu bereichern. So bald Segimer nun/ der mit dem Sicambrischen Hertzoge Melo gegen die Catten zu Feldelag/ und sich ehe des Himmel- als Roͤmischen Einfalls versehen hatte/ diese be- stuͤrtzte Zeitung empfing; machten diese zwey Fuͤrsten mit den Catten einen Stillestand der Waffen; Weil aber die zwey auff der Roͤmer Seite stehenden Obersten der Nervier Sene- ctius und Anectius bey den Catten einen Ein- fall thaͤten/ und unter dem Scheine einer unent- behrlichen Nothdurfft einen Raub von vielem Vieh in das Roͤmische Laͤger wegfuͤhrten/ wur- den die Catten so erbittert/ daß sie alsofort den Stillestand in einen Frieden verwandelten/ und mit dem Segimer und Melo sich wider die Roͤmer verbanden. Dieses Buͤndnuͤß be- staͤtigten sie in einem heiligen Heyne/ schlachte- ten darbey zwantzig von den Roͤmern gefange- ne Hauptleute/ machten auch mit einander die Eintheilung gehoffter Beute (so viel trauten sie ihrer Tapfferkeit zu) derogestalt/ daß die Cherusker die Pferde/ die Catten das Gold und Silber/ die Sicambrer die Gefangenen haben solten. Kurtz hierauff kriegten diese Bunds-Genossen Nachricht/ daß Drusus et- liche tausend sich in der Eil zu Beschirmung des Landes zusammen gethane Cherusker bey dem Flusse Arhalon in die Flucht geschlagen/ an der Lippe und Alme eine Festung und praͤchtiges Siegs-Zeichen/ welches wir hier ge- sehen/ auffgerichtet hatte/ und geraden Fusses auff die Weser zueilte/ allwo er allem Ansehen nach uͤberzusetzen gedaͤchte/ weil er in dem Deutschburgischen Heyn viel Nachen haͤtte fertigen lassen und selbte mit sich fuͤhrte. Se- B b b 2 gimer/ Vierdtes Buch gimer/ Arpus und Melo wurden hieruͤber schluͤßig dem Feinde seinen Lauff zu lassen/ und ihm sodenn den Ruͤckweg an der Weser abzu- schneiden; richteten also ihren Weg gerade der Lippe zu. Jnzwischen kam Drusus an der Weser an dem Ende der Cassuarier/ wo der Dimmel-Strom darein faͤllt/ an/ setzte ein Theil seines Volckes in den Nachen uͤber den Strom/ um daselbst sich zu verschantzen/ wormit er so viel sicherer eine Bruͤcke/ ohne die er einem Roͤmi- schen Feldherrn uͤberzukommen verkleinerlich hielt/ schlagen koͤnte. Es waren auch schon et- liche Pfaͤle eingestossen; als ein Schwarm Bie- nen sich an den einen Roͤmischen Adler legte. Dieser Zufall jagte den Roͤmern und selbst dem Drusus in Erinnerung/ daß ihnen/ als Hanni- bal sie bey dem Trasimenischen See geschla- gen/ und dem Pompejus/ als er die Pharsali- sche Schlacht verlohren/ eben diß begegnet war/ ein solches Schrecken ein/ daß er alsobald zum Abzuge blasen ließ/ und ihm fuͤr seinem Zuruͤck- zuge nicht die Zeit nahm/ ein ander Gedaͤcht- nuͤßmaal seiner Anwesenheit an der Weser zu lassen/ als etliche grosse Steine; darein er gra- ben ließ: Biß hieher kam Drusus/ dem das Verhaͤngnuͤß und seine Vergnuͤ- gung die Weser dißmal zu einem Zwe- cke seiner Siege setzten. Denn wie ei- nem grossen Gluͤcke nichts schaͤdlicher/ als unaufhoͤrliches Wachsthum; also ist der groͤste Sieg/ die Waffen mit Sanfftmuth/ die Gluͤckseligkeit mit Gesetzen/ die Uberwindung mit Liebe maͤßigen. Er war aber kaum eine kleine Tagereise gegen dem Rheine fortgeruͤckt; als die Kundschaffter ihn berichteten/ daß alle Ruͤck- wege von den Deutschen besetzt waͤren/ welche er in ihrem Vortheil und denen zum Uberfall so beqvemen Waͤldern anzugreiffen nicht fuͤr rath- sam hielt/ sondern an einem dienlichen Orte theils auszurasten/ theils die eigentliche Ver- fassung der Feinde zu erforschen/ insonderheit aber Anstalt zu machen/ daß die bey Arenacum am Rheine stehende Legion mit den Ubiern bey den Catten einfallen/ und also die feindliche Macht zertheilen moͤchte/ stille liegen blieb. Zu- mahl er mit nicht geringem Schrecken erfuhr/ daß Hertzog Segimer theils durch Einhaltung wichtiger Ursachen/ theils durch Andreuung gaͤntzlicher Ausrottung der Ubier und Tenckte- rer Hertzoge zu Abbrechung des Roͤmischen Buͤndnuͤsses/ und auff die Seite der Deutschen gebracht haͤtte. Die Deutschen aber liessen sich bey Wahrnehmung dieser Kriegs-List nichts irre machen; sondern bemuͤheten sich mit der Cherußkischen und Sicambrischen geschwinden Reuterey/ in dem das bey den Deutschen am hoͤchsten geschaͤtzte Cattische Fußvolck auf der Hute stehen blieb/ dem etwan anfallenden Fein- de die Stirne zu bieten/ den Roͤmern alle Le- bens-Mittel abzuschneiden. Diese Bedraͤng- nuͤß und der annahende Winter zwang den Drusus sich zu entschluͤssen/ daß er irgendswo mit Gewalt durchbrechen wolte. Hiermit zoh er bey anbrechender und regenhaffter Nacht aus dem Laͤger in moͤglichster Stille auf: also/ daß die deutsche Reuterey erst folgenden Tages hier- von Kundschafft erlangte/ und es denen dort und dar zertheilten Voͤlckern so bald nicht zu wissen machen konten. Folgenden Tag lag er aber- mals stille/ und wie er vorher gegen die Tenckte- rer seinen Weg einzurichten geschienen; also lenckte er folgende Nacht recht gegen die Usipe- ter ab/ und traf mit anbrechendem Morgen bey Arfeld auff den Hertzog Arpus; welcher ob er wohl nicht die Helffte so starck war/ dennoch die Roͤmer zwischen dem Gehoͤltze mit unaufhoͤrli- chem Scharmuͤtzel so aufhielt/ daß sie langsam fortkommen konten. Ein paar Stunden darauf kam Hertzog Melo mit 8000. Sicambrern den Catten zu Huͤlffe/ also/ daß Drusus nunmehro Stand zu halten/ und eine rechte Schlacht zu lie- Arminius und Thußnelda. liefern gedrungen ward. Worzu er sich so viel leichter entschloß/ weil er sich noch staͤrcker/ als die Deutschen zu seyn schienen/ befand/ dieses auch fuͤr ihre voͤllige Macht schaͤtzte. Beyde Theile vergassen nichts/ was klugen Feld-Ober- sten/ und tapffern Kriegsleuten oblieget/ gleich- wol aber musten die wenigen Deutschen nach et- licher Stunden blutigem Gefechte sich ein we- nig zuruͤck ziehen/ sonderlich da die Roͤmer in ei- nem engen und tieffen Thale standen/ da die deutsche Reuterey ihnen wenig Abbruch thun konte. Gegen den Mittag aber kam der Feld- herr Segimer/ der mit seinen Cherußkern an ei- nem andern Orte dem Feinde aufgewartet hat- te/ darzu. Worauf sich denn alsofort das Blat wendete; indem den ohne diß schon ermuͤdeten Roͤmern gegen einem so frischen Feinde das Hertze entfiel/ den Catten und Sicambrern aber wuchs; also/ daß/ wie sehr gleich Drusus die Sei- nigen mit zusprechen und seinem Beyspiele an- frischte; sie doch anfangs zu weichen/ hernach/ als Segimer insonderheit den Drusus verwundet/ Arpus den Anectius/ und Melo den Senectius erlegt hatte/ und unterschiedene Kriegshaͤupter mehr gefallen waren/ zu fliehen anfingen. Die Schlacht veraͤnderte sich deßhalben in ein Schlachten/ und wuͤrde wedeꝛ Drusus noch sonst ihrer viel aus den Haͤnden der Deutschen ent- ronnen seyn/ wenn sie nicht auf der Seite einen Furth gegen der mit Roͤmischem Volcke be- setzten Festung Alison/ als wohin Drusus sein ei- niges Absehn gerichtet hatte/ gefunden/ die an- brechende Nacht aber die Verfolgung der Deut- schen gehemmethaͤtte. Drusus kam zu Alison verwundet und nicht mit der Helffte des Kriegs- Volckes an; das meiste Fußvolck/ alles Krieges- Geraͤthe/ 12. Fahnen der Nervier/ 8. der Frie- sen/ 20. der Gallier/ und ein Roͤmischer Adler/ welcher aber in einen Sumpf verborgen wor- den/ blieb im Stiche; und nach dem er selbige Festung starck besetzet/ nam er durch das Gebiete der Usipeter und Tenckterer seinen Weg an den Rhein/ und befestigte daselbst Antonach. Dieser herrliche Sieg der Deutschen aber ward zu al- lem Ungluͤcke abermahls durch ihre gewohnte Zwytracht zernichtet; indem die Uberwinder uͤ- ber so reicher Beute uneinig wurden; und also den Feind gaͤntzlich aus Deutschland zu vertrei- ben/ die Usipeter wieder in Freyheit zu setzen ver- schlieffen/ Drusus aber ward zu einem Siegs- Gepraͤnge nach Rom beruffen/ dahin er sich dañ auch mit Antonia seiner Gemahlin/ nach wel- cher er die von ihm am Rheine an der Cattischen Graͤntze gebaute Festung Antonach nennte/ und denen gefangenen Kindern Hertzog Segimers erhob; daselbst mit grossem Siegsgepraͤnge den Einzug hielt/ und auff dem guͤldenen von vier schneeweissen Pferden gezogenen Wagen fuͤr sich Asblosten mit ihren zweyen Kindern sitzen/ unter ihnen aber neben den Vorder-Raͤdern den Werckzeug/ wormit die zum Tode verdamme- ten abgeschlachtet wurden/ hengen hatte; zur Anzeigung/ daß Siegern uͤber die Gefangenen die Willkuͤhr des Lebens und des Todes zustehe. Der Roͤmische Rath empfing ihn mit grosser Ehrerbietung/ und weil seine Stadt-Vogtey zu Ende war/ ward er zum Unter-Buͤrgermeister uͤber Gallien und Deutschland erklaͤret; den Titel des obersten Feldherrn rief ihm zwar das Kriegsvolck zu; Augustus aber stand an/ ihm sol- chen noch offentlich ertheilen zu lassen. Drusus hingegen hielt dem Kaͤyser zu Ehren kostbare Schauspiele; und an seinem Geburts-Tage auf dem Marckte in Rom eine Jagt von allen nur ersinnlichen Thieren/ ließ ihm auch zu Ehren viel Egyptische und andere Sinnbilder fuͤrtra- gen/ davon der Abriß hernach in den vom Sylla zu Preneste erbauten Gluͤcks-Tempel gebracht worden. Rhemetalees brach Adgandestern ein: Er koͤnte nicht begreiffen/ wie die Deutschen we- gen der Beute mit einander zerfallen/ daruͤber sie ja vom Anfange mit einander Abkommen ge- troffen; und wie Drusus nach einer so grossen Niederlage ein Siegs-Gepraͤnge habe halten B b b 3 moͤ- Vierdtes Buch moͤgen? Adgandester beantwortete ihn: die rei- che Beute/ die man bey einem Feinde weiß/ ist ja wol ein Sporn/ der das Kriegsvolck anfaͤnglich zur Tugend und tapfferem Gefechte aufmun- tert. Die Begierde darnach machet/ daß man das euserste gedultig ausstehe. Aber wie solcher Uberfluß oft zu ungerechtem Kriege Anlaß giebt; wie denn Crassus deßhalben die Parther uͤber- sallen/ auch biß zu den Bactrian- und Jndianeꝛn zu dringen im Schilde fuͤhrte; und die Hispani- schen Reichthuͤmer die Carthaginenser zu sich lockten; Also verursachet selbter in Schlachten meist grosse Unordnung und Gefahr; indem die streitenden bey sich nur wenig ereignendem Vortheile mehr auf die Beute als aufs Treffen bedacht sind/ vielmal auch schon umzingelte Koͤ- nige und Fuͤrsten/ als den Triphon und Mithri- dates/ durch Wegwerffung ihres kostbaren Ge- raͤthes aus den Haͤnden ihrer Feinde/ die sie schon im Sacke gehabt/ entrinnen lassen. End- lich gebieret auch die gluͤckliche Uberkommung der Beute zuletzt mehr Schaden als Gewinn. Denn die in Carthago und Corinth eroberte Reichthuͤmer haben alle gute Sitten in Rom verderbet; die itztreichen Gallier waren streitba- rer/ da sie arm waren/ und die von den Deut- schen dißmal den Roͤmern abgeschlagene Beute verderbte das gantze Spiel des Krieges. Denn ob sie zwar wegen der Pferde/ der Gefangenen/ des Goldes und Silbers sich vorher verglichen hatten; so war doch wegen der Waffen/ die sie erobern wuͤrden/ nichts ausgenommen. Wor- von die Catten/ welche am laͤngsten gefochten/ den Sicambrern ein geringes/ diese aber den Cherußkern gar kein Theil verstatten; die Che- rusker hingegen/ als welche die Oberhand und ihren Fuͤrsten zum Feldherrn hatten/ nach ihrer Willkuͤhr damit gebahren/ und insonderheit Segimer zu Ausloͤsung seiner Gemahlin und Kinder die fuͤrnehmsten Gefangenen haben wolte. Uber dem Siegsgepraͤnge des Drusus aber wundert man sich in allewege billich/ wenn man die alten Sitten und Gesetze der Roͤmer fuͤr Augen hat; welche solches niemanden ver- statteten/ der nicht auff einmahl zum minsten 5000. Feinde/ und zwar nicht Knechte oder See- Raͤuber/ sondern freye Voͤlcker und ohne son- derbaren Verlust uͤberwunden hatte. Weßwe- gen selbter auch bey den Einnehmern so wol die Anzahl der erlegten Feinde/ als der gebliebenen Buͤrger eidlich anzeigen muste. Gleichergestalt ward dem Fulvius und Opimius diese Ehre verweigert/ weil jener zwar Capua/ dieser Fre- gella wieder erobert/ aber mit nichts neuem das Reich vermehret hatte. Zugeschweigen/ daß auch Scipio wegen eingenommenen Hispaniens/ und Marcellus nach erobertem Syracusa diß entbehren musten/ weil sie nur als Buͤrger und ohne Bekleidung hoher Aempter alles diß aus- gerichtet hatten. Gleichergestalt war solche Freude in buͤrgerlichen Kriegen/ indem das ei- gene Blut mehr zu beweinen ist/ nicht erlaubet. Dahero zohe Nasica und Opimius/ nach Erle- gung der Grachen/ Qvintus Catulus/ nach Daͤmpffung des Lepidus/ stille in die Stadt. Antonius/ als er den Catilina erleget/ wischte das Buͤrgerblut von allen Schwerdtern ab; Und ob gleich Sylla den Marius/ Sulpitius/ Cumma/ Narbanus/ Scipio/ Telasinus und Lamponius geschlagen hatte; so ließ er doch in seinem Siegs-Gepraͤnge keines dieser/ sondern nur Mithridatens und fremder Staͤdte Bilder ihm fuͤrtragen. Ja Fulvius Flaccus/ und mehr alte Roͤmer entschlugen sich selbst dieser verdien- ten Ehre. Nach der Zeit aber/ da die Tugend nicht mehr fuͤr ihren eigenen Preiß gehalten ward/ sondern der Ehrgeitz an statt des Wesens nach einem Schatten zu greiffen/ und dem albe- ren Poͤfel einen blauen Dunst fuͤr die Augen zu machen anfing; ertichtete man Eroberungen vieler nicht einst gesehener Laͤnder; wenn etwan eine Handvoll Raͤuber erlegt/ oder ein geringes Nest eingenommen war/ ruͤhmte man sich gros- ser Siege uͤber gantze Voͤlcker; und daß man unuͤber- Arminius und Thußnelda. unuͤberwindliche Festungen bemeistert haͤtte. Wenn aber die Roͤmer selbst aus dem Felde ge- schlagen wurden/ bekleideten sie ihre Schande mit dem Nahmen einer klugen Zuruͤckziehung/ und mit Verdruͤckung ihres Verlustes. Massen sich denn einige nicht schaͤmten bey des Crassus Parthischer/ und des Lollius Deutscher Nieder- lage/ da der fuͤnfften Legion Adler verlohren gieng/ sich noch eines Vortheils zu ruͤhmen. Jn- sonderheit wolte ieder hochtrabender Roͤmer der tapfferen Deutschen Meister worden seyn. Da- hero bedienten sie sich der zaghafften Uberlaͤuf- fer/ kaufften von allerhand Barbarn großge- wachsene Knechte/ noͤthigten sie/ daß sie etliche deutsche Woͤrter erlernen und nachlallen/ ihre Haare nach unserer Art lang wachsen lassen/ und roͤthen musten; kleideten sie in deutsche Tracht/ und ruͤsteten mit diesen blinden Gefan- genen ihre Siegs-Gepraͤnge aus. Auf diese Weise gieng es nun auch bey diesem Feld- und Einzuge des Drusus her/ und diente die gefan- gene Aßblaste mit ihren Kindern zu einer glaub- hafften Beschoͤnigung. Rhemetalces setzte bey: Jhn beduͤnckte/ daß Eigenruhm und Verkleinerung anderer Voͤl- cker nicht neu/ sondern ein altes Laster der Roͤ- mer/ ja der Schein ihre erste Farbe gewesen sey. Des Romulus Geburt und Todes-Art; des Numa Gespraͤche mit der Goͤttin Egeria; die Weihung des vom Himmel gefallenen Schil- des; die wunderlichen Thaten des Marcus Cur- tius/ des Horatius Cocles/ der Clelia/ und des Mucius Scevola/ waͤren grossen Theils Ge- dichte. Von ihren ungemeinen Tugenden schriebe niemand als sie selbst/ hingegen wuͤrden die Thaten des Porsenna/ der Gallier/ der Car- thaginenser/ des Pyrrhus/ uñ anderer aufs moͤg- lichste verkleinert; den Griechen die Unwahr- heit/ den Mohren Untreu/ den Syrern die Up- pigkeit/ den Deutschen und Thraciern die Grau- samkeit/ ja allen Fremden alle die Laster beyge- messen; die doch nirgends mehr als zu Rom im Schwange giengen. Wiewol die Roͤmischen Geschichtschreiber sich hin und wieder selbst ver- reñten/ sich des Geitzes schuldig gaͤben/ unrecht- maͤßiger Gewalt die Vergroͤsserung ihres Rei- ches zuschreiben/ und/ daß der letztere Krieg wi- der Carthaͤgo aus keiner rechtmaͤßigen Ursache/ sondern bloß aus neidischer Mißgunst gegen ein so grosses Reich erhoben/ mit zweydeutigem Versprechen die Schiffs-Flotte ihr aus den Haͤnden gewunden/ daß der Lusitanische Heer- fuͤhrer Viriat von des Pompilius erkaufften Meuchelmoͤrdern erleget/ daß vom Aqvilius die Pergamenischen Brunnen zu Austilgung de- rer dem Aristonicus anhaͤngenden Feinde wider das Recht der Voͤlcker vergiftet/ daß vom Sul- la mit der Fackel in der Hand sein Vaterland zu erst angezuͤndet worden waͤren/ zustuͤnden. Malovend fiel hieruͤber ein: Sonder zweif- fel haben alle Voͤlcker ihre Fehler/ wie ein iedes Gestirne seine Flecken; nur/ daß sie in einem sichtbarer sind als beym andern. Sonst aber ist sich uͤber dem Gepraͤnge und der Hochhaltung des Drusus so sehr nicht zu verwundern. Denn die Heucheley ist so alt als die Welt; welche schon bey den ersten Menschen aus einem Apffel mehꝛ als einem Klumpen Goldes machte. Die Hel- den-Nahmen waren gemeiner/ und der Adel wolfeiler bey der Vorwelt/ als itzt. Wenn einer ein wild Schwein erlegte/ hieß er ein Hercules. Wegen Erfindung der Phrygischen Buchsta- ben ist der Phrygische/ wegen der Angebung der Purpur-Farbe ist der Tyrische Jupiter zum Halb-Gotte worden. Wenn einer einen Moͤr- der umbrachte/ hat man ihn fuͤr einen Riesen- Bezwinger/ und wenn einer ein Raub-Nest eingenommen/ fuͤr einen grossen Weltbezwin- ger gehalten; und durch Gedichte aus einem Floh ein Elefanten gemacht. Es ist wahr/ sagte Adgandester/ daß nichts minder fuͤr Zeiten; als heute zu Tage viel mit Ehren-Kraͤntzen gros- sen Ruhms begabt worden/ ihrer wenig aber selbte verdienen. Alleine die Zeit entbloͤsset doch endlich Vierdtes Buch endlich ihre Unwuͤrdigkeit; und die Wahrheit ist von solchem Nachdrucke/ daß selbte weder Feinde noch Heuchler vertilgen koͤnnen. Da- hero denn auch die Roͤmer selbst wider Willen frey heraus sagen/ daß den Auslaͤndern nicht so wol die Herrschafft/ als die Laster der Roͤmer un- ertraͤglich waͤren. Also ereignete sich nach obi- gem Abzuge des Drusus aus Deutschland/ daß die Roͤmische Besatzung aus Antonach und Bin- gium den Catten mit taͤglichen Raubereyen be- schwerlich waren. Wie nun diese nach aller Voͤlcker Rechte Gewalt mit Gewalt ablehne- ten; und mehrmals die Roͤmer den kuͤrtzern zo- hen; von Drusus/ welcher gleich damals nebst dem Qvintius Crispinus Buͤrgermeister war/ Anlaß zum dritten mal sein Heil in Deutschland zu versuchen; sonderlich da die Catten und Che- rusker selbst wider einander in Haaren lagen/ und Deutschland seine Haͤnde in eigenem Blu- te wusch. Diese Gelegenheit brauchte Drusus zu einer Schein-Ursache eines neuen Zuges in Deutschland; ungeachtet der Blitz in den Capi- tolinischen Tempel schlug/ und die vom Drusus aufgehenckte Sieges-Zeichen auf den Bodem fielen; Also die Wahrsager ihm wenig gutes andeuteten/ der Kaͤyser ihn auch ungerne von sich ließ; wiewohl Drusus viel einen andern Dorn im Fusse stecken hatte; dessen Erzehlung aber vielleicht anzuhoͤren der Versammlung be- schwerlich fallen doͤrffte. Als nun aber Rhemetalces und die andern Fuͤrsten Adgandestern anlagen/ diese Heimlig- keit ihnen nicht zu verschweigen; vollfuͤhrte er seine Erzehlung folgender Gestalt: Der be- ruͤhmte Marcus Antonius/ dessen Geschlechte vom Hercules seinen Uhrsprung haben soll/ hat mit Octavien des Kaͤysers Augustus Schwe- ster zwey Toͤchter erzeuget; derer eine Domi- tius-Enobarbus heyrathete. Die andere und juͤngste Nahmens Antonia/ war von der Natur mit fuͤrtreflicher Schoͤnheit begabt/ und so wol der einige Trost ihrer Mutter/ als ein Schoß- Kind des Kaͤysers. Weil nun die Schoͤnheit/ als die Mutter der Anmuth fuͤr sich selbst eine geschwinde Jaͤgerin abgiebt/ die Augen und Hertzen leicht in ihre Garne bringt/ und man auf dasselbe Bild so viel mehr die Augen wirfft/ das eine so grosse Sonne bestrahlet; entzuͤndete Antonia viel Hertzen/ ehe sie noch selbst wuste/ was sie fuͤr Feuer in sich selbst stecken hatte. A- ber sie erfuhr zeitlich genung/ daß nichts anfaͤlli- ger als die Liebe waͤre; und daß kein Licht von dem andern so geschwinde Feuer/ als eine zarte Seele diese suͤsse Empfindligkeit des andern Al- ters fange. Denn als einsmahls an des Kaͤy- sers Geburts-Tage der Kern des Roͤmischen Adels sich mit praͤchtigen Aufzuͤgen/ Rennen/ und andern Freuden spielen sehen ließ; Gewan ein junger wohlgebildeter Edelmann Lucius Muraͤna den Preiß/ und zugleich das Hertze Antoniens. Seine Gestalt/ seine hohe Ankunft/ und seine Tapfferkeit schaͤtzte sie anfangs ihres Ruhmes/ hernach ihrer Gewogenheit wuͤrdig. Diese Bluͤte der Liebe aber verwandelte sich nach und nach unvermerckt in einen vollkomme- nen Liebes-Apffel. Nachdem aber das Gluͤcke insgemein der Liebe ein Bein unter zuschlagen gewohnet ist; fuͤhlte Antonia nicht so geschwinde in ihrer Seele diesen anmuthigen Zunder; Als der Kaͤyser und Octavia auff Anstifftung der Livia ihr einen Vorschlag thaͤten sich mit dem Claudius Drusus zu verheyrathen. Dieser Vortrag war in Antoniens Ohren ein rechter Donnerschlag/ und ein rechter Wirbelwind/ der ihre Ruhe des Gemuͤthes in voͤllige Unru- he versetzte. Wie aber die Liebe eine geschwinde Erfinderin ist; Also war die junge Antonia also- fort so klug/ daß sie mit ihrer Jugend und aller- ley anderm Fuͤrwand ihre Entschluͤssung ins weite Feld zu spielen wuste. Jnzwischen wuchs ihre Liebe gegen den Muraͤna von Tag zu Tage/ und zwar so viel hefftiger/ weil sie Drusus durch seine Liebesbezeugungen zuverdringen suchte; sie aber ihr Hertze gegen keinem Menschen/ am wenig- Arminius und Thußnelda. wenigsten aber gegen dem Muraͤna ausschuͤttẽ/ und also ihr Gemuͤthe erleichtern konte. Denn sie hatte an Octavien eine genaue/ an des Dru- sus Mutter Livia aber eine noch schaͤrffere Auf- seherin/ fuͤr denen sie sich nicht ruͤcken dorfte. Alleine hoͤret/ wie die Liebe auch einen hundert- aͤugichten Argus zu verblaͤnden maͤchtig sey. Mecenas des Kaͤysers vertrautester Freund bat ihn einmal auf sein an dem Flusse Ania ge- bautes koͤstliche Lust-Haus/ welches so wohl we- gen seiner Gelegenheit/ in dem man darauf ge- gen die Sabinische Landschafft/ die Praͤnestini- schen/ Labicanischen/ und Tusculanischen Aecker uͤbersehen konte/ als wegen seiner fuͤrtrefflichen Marmel-Saͤulen/ ertztenen Bilder/ seltzamen Gewaͤchse/ von welchen ein angefuͤllter Garten das Gebaͤue an dreyen Ecken umbgab/ wegen der im ersten Vorhofe stehender drey herrlicher Spring-Brunnen/ und insonderheit wegen der annehmlichen Gesellschafft/ indem Mecenas daselbst die gelehrtesten Leute selbiger Zeit unter- hielt/ fuͤr ein irrdisches Paradis von den Roͤ- mern/ und uͤberdiß vom Kaͤyser wegen der lieb- reitzenden Terentia beliebet ward. Jn der Ge- sellschafft des Kaͤysers war seine Gemahlin Li- via/ ihre Soͤhne Drusus und Tiberius/ Anto- nia und unter dem Roͤmischen Adel/ die den Au- gustus bedienten/ Lucius Muraͤna. Nebst viel- faͤltigen Kurtzweilen stellte Mecenas in dem dar- an gelegenen tieffen Thale eine Fischerey an/ und es muste iede anwesende Person ihm aus den ge- fangenen Fischen eine Art auslesen/ und zu seinẽ Lobe etwas auf die Bahn bringen. Antonia er- wehlte ihr eine grosse Murene/ und meldete: Es koͤnte kein Frauenzimmer einiger Art Fische nicht holder seyn als dieser/ welche dem weiblichẽ Geschlechte so zugethan waͤre/ daß auch keine maͤnnlichen Geschlechtes waͤre. Jhre Schlauig- keit gehe allen Fischen fuͤr/ und diene zur Lehre dem Frauenzimmer/ daß dieses so sehr dem Ha- men der Wolluͤste/ als jene dem Garne und Zi- schen der Fischer zu entgehẽ verschmitzt seyn solle. Cajus Hircius waͤre aller Fluͤche werth/ daß er zum erstẽ zwar fuͤr die Murenẽ dienende Weiher angerichtet/ derer aber auf einmal 6000. zu des Kaͤysers Sieges-Mahle ausgewogen habe. Hingegen habe Hortensius ihre Huld erworben/ daß er eine von ihm lange bewahrte und endlich abgestandene beweinet habe. Nichts weniger haͤtte sie Lucius Crassus geschaͤtzt/ als er einer ein Halsband von Edelgesteinen angemacht; welche als seine aufgeputzte Buhlschafft ihn an der Stimme eigentlich erkennet/ ihm zugeschwom- men waͤre/ aus seiner Hand Speise genommen/ und hierdurch nach ihrem Tode verdienet haͤtte/ daß er umb sie als seine Tochter in der Trauer gegangen waͤre. Der Kaͤyser laͤchelte uͤber der Antonia freymuͤthigem Vortrage/ und verehrte ihr des Hortensius vorhin erkaufftes Vorwerg bey Bajaͤ/ das sie mit hoͤchster Dancksagung an- nahm/ und alsofort ihre kostbaren Ohr-Gehaͤn- cke ab- und ihrer ausgelesenen Murene anmach- te; ja hierauf sich in das geschenckte Vorwerg verfuͤgte/ daselbst diese Murene in den Weiher einsetzte/ einen absonderlichen Waͤrter darzu be- stellte/ umb den Weiher ein kostbares Gesimse von rothem Marmel-Steine fertigen/ und dar- ein graben ließ: Ruͤhmt euern heil’ gen Fisch/ die ihr durch Zauberey Und Liebes-Traͤncke meynt ein freyes Hertz zu rauben. Es mag auch Lycien von seinem Fische glauben/ Daß er zukuͤnftig Ding zu melden faͤhig sey. Der Jndus-Strom erheb’ auch seinen langen Fisch/ Der unausleschlich Oel den Persen gibt zum kriegen; Lucull mag Silber gleich des Scarus Lebern wiegen/ Die Auster mache werth zur Unzeit Crassus Tisch; Arion streich heraus den willigen Delfin/ Und Bajens See den/ der ein Kind traͤgt auf dem Ruͤcken. Es mag auch Pollio mit Fischen sich erquicken/ Die er mit Menschen-Fleisch pflegt grimmig zu erziehn. Betraure deinen Fisch/ Orata/ wie ein Kind/ Pythagoras verehr ihr angebornes Schweigen. Es mag sich Syrien fuͤr zweyen Fischen neigen/ Weil Gatis und ihr Sohn darein verwandelt sind; Erster Theil. C c c Es Vierdtes Buch Es bet’ Egyptenland Hecht’/ Aal’ und Karpen an; Die Barben ess’ Octav’ fuͤr Jupiters Gehirne/ Es steig’ aus Boͤthens Pful der Wallfisch ins Gestirne/ Weil er aus seiner Fluth der Venus Kind gewan; Nehmt ihr zwey guͤldnen Fisch’ auch’s Himmels Thier-Kreiß ein/ Weil Venus und ihr Sohn sich so verstellet haben/ Als sie fuͤr Typhons Grimm die Flucht ins Wasser gaben; Die Purpur-Muschel mag der Wollust Abgott seyn/ Weil sie der Achsel Glantz/ dem Halse Perlen gibt; Es schaͤtze Julius gemeine Milch-Murenen/ Die ihm muß Hireius zum Sieges-Maale lehnen; Antonia ist in vernuͤnftige verliebt. Diese seltzame Liebe zu einem Fische/ und die Kirrung dieser Murene/ welche Antonia ge- wehnte daß sie sich auf ihr Zuruffen an das Ufer naͤherte/ und ihr aus den Haͤnden aaß/ verursach- te viel vorwitzige Roͤmer sich in dieser lustigen Gegend oftmals einzufinden/ und mit diesem freundlichen Fische ihre Kurtzweil zu haben. Unter diesen fand sich auch offtmals Lucius Mu- raͤna/ welchem Antoniens Liebs-Bezeugung bald anfangs nachdencklich vorkommen war. Wie er nun folgends die eingegrabene Schrifft zu Gesichte bekam; uͤberlaß er selbte wohl zehn- mal/ und insonderheit bedauchte ihn/ daß der letz- te Reim ihm das voͤllige Raͤthsel aufloͤsete/ nem- lich/ daß Antoniens Kurtzweil ein blosses Sin-- nen-Bild/ und die darschwimmende Murene nur das Zeichen/ er aber selbst der bezeichnete waͤre. Wie er sich nun theils mit diesen suͤssen Gedancken eine gute Zeit gekuͤtzelt/ theils auch mit der Beysorge allzu vermessener Einbildung lange geschlagen hatte; sintemal Hoffnung und Furcht an der Spille der Liebe die zwey Wirtel sind/ mit denen sich das Gemuͤthe der Liebhaber herumb drehet/ ereignete sich/ daß Antonia mit ihrer Mutter Octavia und Mecenas zu dem Weiher kam/ und den Muraͤna daselbst sich auf das Gelender auflehnende auch gantz ausser sich und unbeweglich antraffen. Er ward ihrer auch ehe nicht gewahr/ als biß Antonia die Mu- rene mit dem Munde lockte/ und diese aus dem Wasser empor sprang; worauf er mit einig maͤssiger Veraͤnderung gegen ihnen die gebuͤh- rende Ehrerbietung bezeugte. Octavia fragte ihn hierauf: Ob die Verwunderung oder die Zuneigung zu diesem Fische ihn so eingenom- men/ und unempfindlich gemacht haͤtte? Mu- raͤna antwortete: Es habe ihn zugleich beydes uͤbermeistert; denn dem/ was eine so schoͤne Fuͤr- stin liebte/ koͤnte man ohne ihre Beleidigung nicht gram seyn; zu verwundern aber waͤre sich uͤber derselben Leutseligkeit/ daß ihre Gunst auch diß nicht verschmaͤhete/ was von ihrer Wuͤrdig- keit doch so weit entfernet waͤre. Antonia ver- setzte mit einer freundlichen Geberdung: Jhrem Urthel nach haͤtte er sich so viel weniger uͤber ih- rer/ als der alldar schwimmenden und ihr so lieb- kosenden Murene zu verwundern/ so viel mehr die Gewalt etwas zu erwehlen und zu un- terscheiden dem Menschen fuͤr einem unvernuͤnftigen Thiere zukaͤme. Muraͤna begegnete ihr: Es waͤre aber dem natuͤrlichen Triebe und der Vernunft/ derer ersteres die Thiere so gut/ das andere aber in weniger Maaß besaͤssen/ gemaͤß/ daß das unwuͤrdigere das wuͤr- digere/ dieses aber nicht eben jenes liebte. Bey- des erhaͤrtete der Elefant zu Alexandria des Aristophanes Nebenbuhler/ der dem von ihm geliebten Maͤgdlein mit der Schnautze aufs freundlichste liebkosete/ und sie taͤglich mit Obste beschenckte; der Drache/ welcher ein Etolisches Weib taͤglich besuchte/ inbruͤnstig umbhalsete/ und in die Ferne ihr nachzoh; der Stier/ welcher in die Lauten - Schlaͤgerin Glauce/ und die Gans/ die in Egypten in einen Knaben verliebt war; ein Panter-Thier habe des Philinus Va- ter alle Gewogenheit erzeiget; und ein Drache den Thoas in Arcadien aus den Haͤnden der Raͤubeꝛ errettet; eine Schlange in Egypten eines ihreꝛ eigenen Jungen getoͤdtet/ weil es ihꝛes Wiꝛ- thes Sohn umbgebracht; eine Woͤlffin habe den Romulus und Remus/ eine Hindin den Cyrus/ viel Arminius und Thußnelda. viel andere grausame Thiere den vom Hispani- schen Koͤnige Gargoris weggeworffenen Habis gesaͤuget/ und die Bienen in Sicilien des Hiero- clytus Auswuͤrffling Hiero gespeiset. Jnson- derheit aber waͤre nichts minder den Delfinen und Murenen die Liebe gegen dem Menschen/ als den Pfauen gegen die Tauben/ und den Tur- tel-Tauben gegen die Papegoyen eingepflantzt. Die Delfinen naͤhmen sich so gar des menschli- chen Seufzens an/ ergetzten sich uͤber ihrer Stimme/ und kaͤmen den Schiffen entgegen ge- schwommen. Ja ob schon die Beruͤhrung der Erde ihr Tod waͤre; so folgten sie doch so weit de- nen lockenden Menschen nach. Und also waͤre einer auf dem trockenen Sande erblichen/ der einen Knaben aus der Stadt Jassus/ Diony- sius genennt/ fuͤr Liebe nicht lassen wollen/ wel- chen hernach der grosse Alexander zum Priester des Neptunus bestellet haͤtte. Bey eben dieser Stadt Jassus/ und bey Naupact habe ein Del- fin sich an dem flachen Ufer hingerichtet/ weil sie einen auf ihnen reitenden Knaben bey entstande- nem Ungewitter abfallen und ertrincken lassen. Und an dem nechst angelegenen Lucriner-See waͤre noch das von dem Kaͤyser gebauete Be- graͤbnuͤß eines fuͤr Sehnsucht entseelten Delfins zu sehen/ der einen Knaben taͤglich von Bajaͤ nach Puteoli und zuruͤcke geschiffet/ nach des Knabens Tode auch sein ihm verdruͤßliches Le- ben aufgegeben haͤtte. Aus den Murenen haͤtten einige den Lucius Philippus/ den Horten- sius und Hircius hertzlich geliebet/ und ein denck- wuͤrdiges Beyspiel sehe man alldar fuͤr Augen: Also er glauben muͤste/ daß wie die groͤssesten Thiere/ als Elefanten und Cameele/ fuͤr dem Menschen Furcht truͤgen/ weil die Natur ihren Augen die Eigenschafft eines Vergroͤsserung- Glases eingesetzt haͤtte/ wormit sie uns fuͤr groͤs- ser/ als wir wahrhaftig waͤren/ ansehen; also ha- be sie auch gewissen Thieren einen solchen gehei- men Trieb/ wie das Eisen gegen dem Magnet- Steine oder die Sonnenwende gegen der Son- ne hat/ eingepflantzt; hingegen aber waͤre an Antonien als eine ungewoͤhnliche Ubermaaß ih- rer Guͤte zu ruͤhmen/ daß sie eine unwuͤrdige Murene mit ihrer Gegen-Liebe eben so wie die Sonne die suͤmpfichten Thaͤler mit ihren Straalen beseligte. Nach dem auch Antoni- ens Leutseligkeit ihren Augen keinen sauern Blick zu erlauben faͤhig ware; betrauerte er/ daß die Murene ihre grosse Gluͤckseligkeit nicht genung erkennen koͤnte. Zumal wie sonst alle Murenen vom Essig-Geschmacke rasend/ also diese Geliebte von einem einigen unholden Straale verzweifelnd werden wuͤrde. Anto- nia sahe es dem Muraͤna an den Augen an/ daß er einen Blick in die Heimligkeit ihres Hertzens gethan hatte; und weil Octavia sich mit dem Mecenas gleich auf die Seite wendete/ warff sie auf ihn einen so anmuthigen Straal/ der ihm durch Marck und Adern ging/ und vollends den Nebel alles seinen Zweifels zu Boden druͤckte: Diesen begleitete sie mit folgendem Jnnhalt: Es haͤtten ja wohl ehe hohe Haͤupter an geringe- ren Thieren/ denen sie zu Ehren gantze Staͤdte und praͤchtige Grabmahle gebauet/ Crassus/ Hortensius und Hircius an Murenen so gar ihre Erlustigung gehabt/ daß sie selbte fuͤr un- schaͤtzbar gehalten/ ja fuͤr sie die Klage angelegt haͤtten. Zu dem wuͤste niemand als sie von der Wuͤrde ihrer vernuͤnftigen Murene zu urthei- len. Uber dieser Erklaͤrung hatte Muraͤna noch theils seine Seufzer zu verdruͤcken/ theils die Veraͤnderung seines Gemuͤthes und Gesich- tes nicht mercklich zu machen; und daher ward er genoͤthiget/ sein Gespraͤche mit Hoͤfligkeit ab- zubrechen. Weil nun Octavia und Mecenas mit einander in einen Lustgang/ Antonia alleine sich in einen andern Weg schlugen/ erkiesete Mu- raͤna/ welchen die der anfangenden Liebe ankle- bende Furcht sich Antonien beyzugesellen nicht erlaubte/ den drittern. Und als er einen Scheide- Weg wahrnahm/ welchen Antonia nothwendig treffen muste; schrieb er mit dem Stabe daselbst C c c 2 in Vierdtes Buch in Sand: Jch liebe. Nachdem nun die scharffsichtige Liebe nicht leicht eine Spur uͤber- sihet; fiel diese kurtze Schrifft Antonien alsofort in die Augen/ welche/ als sie Octavien und den Mecenas ihr von ferne folgen sahe/ unter der an- genommenen Betrachtung etlicher auslaͤndi- ser Gewaͤchse die Schrifft hin und wieder treten- de mit ihren Fußstapfen ausleschte; hiermit aber die Liebe in dem Hertzen des hierauf merckenden Murena zweyfach anzuͤndete. Octavia/ An- tonia und Mecenas fuhren hierauf mit einan- der auf das bey Baje auf einem Berge gelegene Vorwerg des Kaͤysers Julius/ das funfzehn Ellen lange Marmel-Bild seines Schutz-Got- tes zu schauen/ welches Augustus fuͤr etlichen Tagen daselbst hatte aufrichten lassen/ und in kriegischer Gestalt in der rechten Hand eine Opfer-Schuͤssel/ in der lincken ein Horn des Uberflusses hielt; die Uberschrifft war daran: Dem Schutz-Gotte des Kaͤysers Ju- lius. Von dar verfuͤgten sie sich in das kost- bare Vorwerg des Marius/ allwo Mecenas wegen daselbst in den warmen Baͤdern wieder erlangter Gesundheit dem Esculapius aus Ertzt eine Saͤule aufrichten ließ. Jnzwischen aber verfuͤgte sich Lucius Murena nach Puteoli/ und ließ daselbst den Weiher der Antonia/ als wenn er brennte/ und mit den Flammen die darinnen spielende Murene uͤberschuͤttete/ mit in einander versetzten vielfaͤrbichten Steinen ab- bilden/ und in eine weisse Marmel-Taffel dar- unter graben: Jhr Motten/ die ihr blind in heisse Fackeln fluͤget/ Die Fluͤgel euch sengt weg/ vergleicht euch ja nicht mir. Weil ihr vom ersten Straal bald eingeaͤschert lieget; Mein Brand und Leiden geht dem eurigen weit fuͤr. Jch brenn’ in dieser Fluth/ wormit ich mich osst kuͤhle/ Und meine Liebes-Brunst nur so viel laͤnger fuͤhle. Jhr Salamander weicht der leuchtenden Murene; Jhr koͤnnt ja wohl bestehn in Flammen/ weil ihr kalt. Das Wasser aber/ das ich mir nur hier entlehne/ Jst nicht mein Element/ Feu’r ist mein Aussenthalt. Die Glut/ die ihr lescht aus/ schlaͤgt uͤber mir zu sammen/ Die Liebe steckt mein Hertz/ ich diese Fluth in Flammen. Jhr Wuͤrmer/ die ihr lebt in siedend-heissen Qvellen/ Und euch vom Schwefel naͤhrt/ die ihr von Kaͤlt’ erbleicht; Glaubt: daß der kalte Teich hier Zunder hegt der Hoͤllen/ Daß ener Feuer-Kost weit meiner Speise weicht. Denn ihr speist nur den Mund mit Schwefel/ ich mein Hertze Mit Liebe/ welcher Glut gleicht keine Schwefel-Kertze. Dieses Bild und Gemaͤhlde schickte er nach seiner Verfertigung durch etliche unbekante Leu- te zu oberwehntem Weiher/ und ließ/ unter dem Vorwand/ daß es Antonia bestellet haͤtte/ solches in dem daran stehenden Spatzier-Saale aufsetzen. Wie nun Octavia/ Antonia und Mecenas dahin zuruͤcke kamen/ fanden sie diese Neuerung/ und Antonia nicht ohne sonderbare Entsetzung. Jedoch weil sie ihr leicht an den Fingern ausrechnen konte/ woher dieses Eben- theuer kaͤme/ verstellte sie so viel moͤglich ihre Gemuͤths-Veraͤnderung/ und gab auf Octa- viens Befragung fuͤr: Sie haͤtte fuͤr etlicher Zeit diese Reime in dem Saale gefunden/ und weil sie solche fuͤr des Virgilius Maro Gemaͤch- te hielte; so haͤtte sie so wohl ihm zu Ehren/ als ihrer Murene zu Liebe/ das Bildnuͤß fertigen lassen. Sie konte sich aber an dieser Schrifft nicht satt lesen/ und ie laͤnger sie selbter nachdach- te/ ie klaͤrer stellte selbte die heftige Liebe/ ja so gar den darinnen deutlich ausgedruͤcktẽ Nahmẽ des Lucius Murena fuͤr Augen. Ob nun wohl bey- der Liebe taͤglich zunahm/ sonderlich da dieses Feuer im Hertzen so feste verschlossen blieb; so er- eignete sich doch keine sichere Gelegenheit solche gegeneinander auszulassen/ biß auf den anmu- thigen April/ da bey Baulis das Fest der Ve- nus von dem Roͤmischen Frauenzimmer be- gangen ward. Der Kaͤyser Julius hat daselbst der gebaͤhrenden Venus als der Mutter der Julier einen so herrlichen Tempel/ als der zu Rom ist/ gebauet/ darinnen ihr ein Wagen uͤber und uͤber mit Britannischen Perlen gestuͤcket/ geweihet/ und darein ihr kuͤnstliches vom Arche- silaus gefertigtes Marmel-Bild/ welches zwey- mal die Lebens-Groͤsse uͤbertrifft/ und in der rechten Hand eine Welt-Kugel/ in der lincken drey Arminius und Thußnelda. drey Pomerantzen-Aepfel haͤlt/ gesetzet. Alle dahin kommende Frauen sind aufs koͤstlichste aufgeputzet/ tragen Kraͤntze von Myrten/ haben einen Korb voller Rosen an der lincken Seite hencken/ welche sie in dem Tempel hin und wie- der ausstreuen. Wie nun Antonia sich unter ihnen gleicher gestalt fand; bediente sich Mure- na der bey diesem Feyer braͤuchigen Freyheit/ fuͤgte sich Antonien an die Seite/ und legte dar- ein einen Zettel/ mit Beysatz dieser Worte: Goͤttliche Antonia/ verschmaͤhe nicht dieses Zeugnuͤtz meiner unausleschlichen Liebe. An- tonia nahm des Zettels also fort wahr/ steckte ihn also unvermerckt in den Busem/ und ant- wortete dem Murena mit einer liebreitzenden Geberdung: Die Antwort wirst du auf den Abend fuͤr dem Tempel in dem Rachen des Me- deischen Drachen finden. Murena war hier- uͤber fuͤr Freuden fast verzuͤcket; verfuͤgte sich also bey anbrechender Nacht zu der aus Ertzt gegossenen und von zwey Drachen gezogenen Medea/ die Kaͤyser Julius von der Stadt Cy- zicnum umb 1200000. Sestercier gekaufft/ und daselbst bey dem Brunnen des Cupido gestanden hatte/ welcher denen daraus trinckenden die Lie- be vertreiben soll. Er fand auch an dem bestim̃- ten Ort einen Zettel/ und kehrte darmit mit Freuden-Spruͤngen in sein Gemach. Als er ihn aber oͤffnete/ fand er dariñen folgende Zeilen: Es ist nicht ohne/ him̃lische Julia/ daß der Kaͤyser und die Staats-Klugheit mir eine ande- re annoͤthige/ und daß Antonia der Liebe nicht unwuͤrdig sey. Aber sie urtheile: Ob die Wahl nicht mehr meiner Seele und dem Verhaͤngnuͤs- se/ welche beyde ihr ihre Stimmen geben/ gebuͤh- re? und ob die Vergnuͤgung frembder oder sei- ner eigenen Augen Beyfalle folge. Die gantze Welt schaͤtzet uns vergebens gluͤckselig/ weil wir uns solches nicht selbst uͤberreden koͤnnen/ und das groͤssere Licht verduͤstert das kleinere. Da- hero wird Drusus so lange Antonien nicht er- wehlen/ so lange ihn Julia nicht verstoͤsset. Murena war uͤber Lesung dieser Zeilen an- fangs hertzlich bekuͤmmert/ weil er nicht fand was er gesuchet; dahero er bald unverwandten Fusses zu der Medea kehrte/ aber yon Antonien das wenigste nicht antraff/ und deshalben sich mit zweifelhaften Gedancken schlug: Ob Anto- nie ihrem Versprechen nicht nachkommen/ oder ihre Schrifft in eine frembde Hand verfallen waͤre/ welches erstere er/ wie sehnlich er darnach geseufzet hatte/ nunmehro nicht geschehen zu seyn wuͤntschte. Gleichwohl vergnuͤgte ihn uͤberaus: daß er hinter die geheime Liebe des Drusus und Juliens des Kaͤysers Augustus Tochter/ und des Vipsanius Agrippa Wittib/ kommen war/ und hierdurch Antonien so viel mehr vom Drusus zu entfrembden verhoffte. Diesemnach schrieb er alsofort einen andern Zettel/ in Hoffnung/ daß sich solchen Antonien zu zubringen Gelegenheit ereignen wuͤrde. Der Jnnhalt war: Wo nicht ein Zufall der Goͤttlichen Antonie Hand in frembde Haͤnde geliefert/ oder meine Unwuͤrdigkeit die Zuruͤckziehung ihres Ver- sprechens verursacht hat; muß die zauberische Medea selbte in die Beylage verwandelt/ oder der Himmel durch Entdeckung solchen Geheim- nuͤsses die Untreu des Drusus entdeckt haben. Die Goͤtter/ welche den unter der Schein-Liebe verkleideten Betrug so wunderlich aus Licht bringen/ wollen die Augen der unver gleichlichen Antonie eroͤffnen/ daß sie dem moͤge ins Hertze sehen/ der sie biß in Tod lieben/ ja solch sein Ein- aͤschern mit Vergnuͤgung erdulden wird. Es war bey nahe Mitternacht/ als er diesen Zettel geschrieben hatte/ und sich an das Gestade des Lucrinischen See-Busens verfuͤgte/ umb Puteoli uͤberzufahren; weil auf den Morgen der vom Calpurnius dem Kaͤyser Augustus zu Ehren gebaute und mit hundert Corinthischen Saͤulen gezierte Tempel eingeweihet werden solte. Die See war bey grossem Zulauffe des Roͤmischen Volckes/ und Anwesenheit des Kaͤy- sers mit etlich hundert hin und wieder fahrenden C c c 3 Schiffen Vierdtes Buch Schiffen bedecket/ der Himmel aber von dem hellen Lichte des Vollmonds erleuchtet. Muraͤna war nicht weit vom Ufer abgefahren/ als eine von dem Berge Vesuvius auffsteigen- de schwartze Wolcke den Monden umhuͤllete/ die Lufft stockfinster machte/ und einen harten Sturm erregte; also/ daß die Schiffleute nicht so geschwinde die Segel einziehen konten/ als von diesem groͤssern Schiffe ein anders uͤberse- gelt und umgestuͤrtzt ward. Bey solchem Un- gluͤcke vernahm der oben auff dem Bodeme des Schiffes stehende Muraͤna unter andern Ge- schrey eine klaͤgliche Weibs-Stimme/ welche rieff: Ach! Antonia! Dieses Wort brachte al- sofort den Muraͤna in die verzweiffelte Ent- schluͤssung/ daß er in die See sprang/ der geschei- terten Antonia beyzuspringen. Der Himmel selbst schiene diesem ruͤhmlichen Vorsatze die Hand zu reichen/ als welcher sich fast selbigen Augenblick ausleuterte; Und das Monden- Licht ließ ihn fast alle in der See schwimmende Menschen unterscheiden. Hiermit ergriff er mit iedem Arme ein Frauenzimmer/ und durch seine Geschickligkeit lendete er mit beyden an sei- nem nunmehr nach abgeworffenen Segeln still- stehenden Schiffe an. Die Boots-Leute half- fen auch/ daß so wohl beyde auffgefischten Frau- enzim̃er als Muraͤna ins Schiff gezohenwurdẽ. Jene erkennte man alsobald fuͤr Octavien und Antonien; woruͤber Muraͤna so verwirret war/ daß er nicht wuste/ ob er sich uͤber seiner Huͤlffe erfreuen/ oder/ weil beyde mehr todt als lebendig schienen/ uͤbeꝛ solchem Hertzeleide zu tode graͤmen solte. Nachdem man sie aber vorwerts legte/ wormit das Wasser ihnen aus dem Munde wieder abschiessen konte/ ihnen auch mit Erwaͤr- mung und kraͤfftigen Labsalen beysprang/ erhol- te sich anfangs Antonia/ und hernach auch ih- re Mutter. Jnzwischen laͤndeten sie zu Puteo- li an/ allwo dieser Zufall die Nacht mit Fleiß verschwiegen gehalten ward/ wormit weder der Kaͤyser erschrecket/ noch dieser zweyer noch mat- ten Frauenzimmer noͤthige Ruh verstoͤret wuͤr- de. Wie nun aber fruͤh sich eine unglaubliche Menge Volcks bey Einweihung des Tempels einfand/ ward alsofort ruchtbar: wie die in die See gestuͤrtzte Octavia und Antonia vom Muraͤna waͤre errettet worden? Dahero such- te nach vollbrachter Einsegnung der Kaͤyser mit der Livia beyde heim/ ließ auch den Muraͤna da- hin holen/ und bezeugte gegen die Schiffbruch leidenden uͤber ihrer Erhaltung grosse Freude/ gegen dem Muraͤna aber grosse Verbindlig- keit. Livia schertzte auch hierbey: weil Antonie zeither einer Murene so viel Annehmligkeit er- wiesen/ haͤtten die Goͤtter sie billich durch Mu- raͤnen aus dem Rachen des Todes gerissen. Octavia/ welche allererst spaͤt erfuhr/ wer ihrer beyder Lebens-Erhalter gewest waͤre/ wuste mit Worten gegen ihm ihre Danckbarkeit nicht auszudruͤcken/ Antonia aber muste ihre Em- pfindligkeit mehr verstellen/ und ihre Schul- digkeit nur durch einen und andern annehmli- chen Blick oder Seuffzer zu verstehen geben. Nach dem Abschiede des Kaͤysers und der Kaͤy- serin nahm Muraͤna die Gelegenheit wahr/ An- tonien das uͤberkommene Schreiben des Dru- sus/ und das seinige unvermerckt zuzustecken. Als dieser nun aber ebenfalls zuruͤck kehren wolte/ stieg die liebreitzende Julia an der Pforte des Hauses gleich vom Wagen um Antonien zu besuchen. Diese redete den Muraͤna laͤ- chelnde an: Es haͤtte die Goͤttin Diana/ wel- cher Stelle sie unter der Zahl der zwoͤlff Goͤt- ter bey Einweihung des neuen Tempels und Auffnehmung des Augustus vertreten hatte/ ihr ihm etwas zuzustellen anvertrauet; reichte ihm hiermit einen Zettel/ darinnen er diese Worte fand: Nachdem es sich nicht geziemet denen Ur- theln der Natur zu widerstreben/ welche mit ih- rer Klugheit alle unsere Spitzfindigkeit uͤber- trifft; so mag ich laͤnger nicht laͤugnen/ daß ich den Muraͤna mehr/ als seinen Nebenbuhler/ ja/ Arminius und Thußnelde. ja hertzlicher als mich selbst liebe/ und daß seine Befehle hinfort werden meine Richtschnur seyn. Mir ist die Eigenschafft des verliebten Frauenzim̃ers wohl bekannt/ daß sie ihren Lieb- habern ihr Hertz verschluͤssen/ und sie zwischen Thuͤr und Angel der Furcht und Hoffnung zu halten pflegen. Solche Unempfindligkeit aber ist eine Tochter der Grausamkeit. Daher soll man seine Liebhaber entweder bald ver- werffen/ oder seine Bedienung ihm nicht un- ertraͤglich machen. Muraͤna/ ob er wohl die Handschrifft Anto- niens nicht kannte/ zweiffelte an nichts weni- gern/ als/ daß dieser Zettel (als welchen Julia vielleicht nicht/ von wem er kaͤme/ verstanden/ oder aus Hoͤffligkeit und wegen der am Dru- sus habenden Vergnuͤgung ihr zugestellet haͤt- te) die Antwort Antoniens/ und unter dem Ne- benbuhler niemand als Drusus verstanden waͤ- re; zumahl solche sich so wohl auff seine Zuschrifft schickte/ die er Antonien in Korb geworffen hatte. Muraͤna und die andern Besucher waren von Antonien kaum aus dem Zimmer kom- men/ als sie Murenens Schreiben mit hoͤch- ster Vergnuͤgung/ des Drusus aber mit solcher Verwunderung durchlaß/ daß sie der eintreten- den Julia nicht einst inne ward. Weil nun Ju- lia nicht allein mit Antonien in grosser Vertrau- ligkeit lebte/ sondern sie auch eines uͤberaus frey- en Gemuͤthes/ und allen Vorwitz mit ihrer Annehmligkeit zu verhuͤllen geschickt war/ frag- te diese sie unvermuthet: was ihr Drusus/ fuͤr dessen Hand sie solches ansehe/ fuͤr annehmli- che Empfehlung zugeschrieben haͤtte? Antonia war hieruͤber entroͤthet/ versetzte aber alsofort: Gewißlich/ sie ist von solcher Beschaffenheit/ daß sich Julia daruͤber nicht wenig zu erfreu- en hat. Jn alle wege/ antwortete Julia/ weil Antonie wohl weiß/ daß ich als eine einsame Wittib einiger Erfreuungen wohl von noͤthen/ sonst aber auch Theil an aller ihrer Vergnuͤ- gung habe. Antonie begegnete ihr: Aber Ju- lia wird mir noch mehr dancken/ daß ich keines an gegenwaͤrtiger hoffen darff. Hiermit reich- te sie der Julia des Drusus Brieff. Diese laß ihn ohne alle Veraͤnderung durch/ und fing hier- auff zu Antonien an: Sie erkennte fuͤr eine sonderbare Vertraͤuligkeit/ daß sie ihr dieses Schreiben nicht hinterhalten wollen. Alleine sie doͤrffte sich uͤber des Drusus vorhin bekand- te Liebes-Erklaͤrung so wenig verwundern/ als Antonia mit ihr eifern/ sintemahl ihr un- verborgen waͤre/ daß nicht Drusus/ sondern die leuchtende Muraͤne ihr Hertz beherrschete. An- tonia thaͤt/ als wenn sie es von ihrem Fische ver- stuͤnde; antwortete diesemnach: Jn alle wege; und/ weil sich niemand vielleicht so sehr in einen Fisch verlieben wird/ habe ich mich noch weni- ger fuͤr Eifersucht zu besorgen. Julia laͤchel- te/ und hob an: Jch besorge/ der Kaͤyser/ dem Calpurnius heute den Tempel eingeweihet/ doͤrffte mit ihr eiffern. Denn Antonia habe fuͤr Errettung ihres Lebens diesen Fisch mehr zu vergoͤttern Ursache/ als die Egyptier ihren Oxirinchus/ oder Calpurnius den Kaͤyser. An- tonia faͤrbte sich uͤber dieser Auslegung/ und sahe wohl/ daß ihre Heimligkeit verrathen war/ redete daher Julien an: Sie moͤchte ihr doch nicht verschweigen/ welcher gestalt sie ihr in das innerste ihres Hertzens gesehen haͤtte. Julia ver- setzte alsofort: Mir hat es die Zauberin Medea entdecket; zohe auch hiermit Antoniens eigenes Schreiben heraus/ dieses Jnhalts: Jch bin zu ohnmaͤchtig dem Verhaͤngnuͤsse und dem himmlischen Triebe meiner Seele laͤn- ger zu widerstreben. Deine Tugend hat mei- ner Freyheit obgesiegt/ und ich gestehe/ daß meine Lucrinische Murene nur das Vorbild derselben sey/ die mein Hertze an dir zeitlicher in geheim angebetet hat. Aber lasse dir zu deiner Vorsicht dienen/ daß unsere Flammen so tieffer im Hertzen/ als das ewige Feuer in Todten-Grufften verschlossen bleiben muͤssen/ da sie nicht verleschen sollen. An- Vierdtes Buch Antonia/ als sie sich durch ihre Handschrifft uͤberzeuget sahe/ und nunmehr wahrnahm/ daß ihre Zettel und des Drusus Schreiben mit ein- ander verwechselt worden waren/ meinte sie durch voͤllige Ausschuͤttung ihres Hertzens Ju- liens Gemuͤthe/ als welches sie ohne diß dem Drusus verknuͤpfft zu seyn hielt/ so viel mehr zu gewinnen. Also ließ sie sich heraus: Sie em- pfinde zwar in ihrer Seele die unergruͤndliche Leitung der Goͤtter zu dem Murena/ und das Verhaͤngnis haͤtte es nicht umsonst geschicket/ daß sie dem/ den sie vor so inbruͤnstig geliebet/ noch die Erhaltung ihres Lebens dancken/ und also auch das Ungluͤcke ein Band zu Befesti- gung ihrer Liebe weben muͤste; sie erkennte auch fuͤr eine guͤtige Schickung des Himmels/ daß Drusus/ welchen die Menschen ihr sonst zuei- gneten/ eine Abneigung fuͤr ihr/ und sein Hertze ihrer so lieben Freundin gewiedmet haͤtte/ ge- gen welcher sie seinethalber zu eyfern ihr nie- mahls wuͤrde in Sinn kommen lassen/ weil sie wohl wuͤste/ daß die Natur zum Hohne der Lie- bes-Goͤttin Julien zu einer Gebieterin uͤber al- ler Maͤnner Hertzen gemacht/ und die Macht alle Seelen zu bezaubern/ iedoch auch die Guͤ- tigkeit iederman wohlzuthun verliehen haͤtte. Dieses letztere erwartete sie mit Ertheilung ei- nes heilsamen Rathes/ nachdem es so grosser Behutsamkeit ihre Liebe fuͤr der auffsichtigen O- ctavie zu verbergen/ kluger Anstalt der Livia Absehen zu unterbrechen doͤrffen wuͤrde/ weß- wegen sie in tausenderley Kummer stuͤnde/ und nicht mehr als eine viertel-Sunde den Murena in einer geheimen Unterredung fuͤr allerhand Gefaͤhrligkeiten zu verwarnigen wuͤnschte. Ju- lia nahm Antoniens Offenhertzigkeit fuͤr ei- ne neue Verbindligkeit auff; haͤndigte gegen Empfang des von Drusus an sie gerichteten Schreibens Antonien das ihrige ein/ und sprach ihr mit einer sonderbaren Freudigkeit zu/ sie moͤchte ihr hieruͤber keinen Kummer ma- chen/ sondern sich ihr vertrauen/ so wolte sie folgenden Tag sich mit dem Muraͤna zu un- terreden ihr eine sonst iederman verschlossene auch unerforschliche Pforte eroͤffnen. Es waͤ- ren ja Antonien so wohl der deutschen Bot- schafft zu Ehren vom Kaͤyser gemachte Anstalt zu den Schau-Spielen/ als die Beschaffenheit des grossen Schauplatzes zu Puteoli unver- borgen/ welchen der Kaͤyser wegen des eins- mahls vom Poͤfel beschimpfften Rathherrn/ dem niemand keinen Raum gemacht/ deroge- stalt gebauet haͤtte/ daß wie iede Person von hoher Ankunfft/ also auch sie beyde ihren ei- genen abgesonderten Platz und Eingang von aussen/ die Sitze ihrer Fenster und Fuͤr- haͤnge/ ja unten vielfaͤltige verborgene Zimmer und Gemaͤcher haͤtten. Wenn nun das Frau- enzimmer bey Aufftretung der nackten Fechter und Ringer/ da es ohne diß schon insgemein duͤstern wuͤrde/ sich zuruͤck zu ziehen pflegte/ wol- te sie mit ihrer Erlaubnuͤs durch ihre vertrau- te Leute schon die Anstalt machen/ daß Antonia in den untern verhangenen Zimmern ihren liebsten Murena vertraͤulich wuͤrde sprechen/ und ohne einigen Verdacht von sich lassen koͤn- nen. Die treuhertzige Antonie umarmte Ju- lien und stellte ihr frey alles nach ihrem Gut- befinden einzurichten/ mit Bitte/ daß sie selbst auch von ihnen unentfernet seyn wolte. Julia fuhr mit tausend Freuden von Antonien; schick- te auch noch selbigen Abend durch einen ihrer Edelknaben an Murena diesen Zettel: Nach dem seine Getreue sich mit ihm/ vol- kommenster Murena/ wegen wichtiger An- gelegenheiten zu bereden hat/ beliebe er morgen bey angehendem Ringen sich durch meinen Ein- gang in das untere Zimmer des Schaupla- tzes zu verfuͤgen/ welches er fuͤr sich nicht we- niger/ als das innerste meines ihm gewiedme- ten Hertzens offen finden wird. Dem Drusus schickte Julia in ihrem eige- nen Nahmen einen Zettel eben dieses Jnn- halts. Folgenden Tages drang sich alles Volck/ Arminius und Thußnelda. Volck/ was nur zu Puteoli war/ in den Schau-Platz/ also/ daß alle Strassen gantz einsam blieben. Julia foderte auch selbst An- tonien ab/ und wormit der gemachte Anschlag ihr so viel weniger Verdacht verursachen koͤn- te/ wenn ja iemand die Enlassung des Mure- na wahrnehme/ erbot sie sich mit ihr die Stel- len im Schau-Platze zu verwechseln. Es dienet hieher nicht/ sagte Adgandester/ die trefflichen Schauspiele zu erzehlen; diß aber kan ich gleichwohl nicht verschweigen/ daß Her- tzog Segimers Gesandter der Ritter von der Lippe damahls zwey wilde Ochsen mit einem Spieße von seinem Sitze herunter auff einen Wurff getoͤdtet habe. Ungeachtet dieser und anderer vergnuͤgender Begebnisse/ machte doch die Gemuͤths-Unruhe der verliebten Julia und Antonia nicht allein die lustigen Schau-Spie- le/ sondern auch die annehmliche Gesellschafft mehr vergnuͤgt/ als die sonst traurige Einsam- keit verdruͤßlich. Das Verlangen machte ihnen ieden Augenblick zum Jahre/ und das offtere Auff- und zuziehen der goldgewuͤrckten Fuͤr- haͤnge verrieth gleichsam ihre Ungedult. So bald nun das Ringen angehen solte/ trat An- tonia von ihrem Fenster wie andere Frauen- zimmer ab/ fuͤgte sich/ der Julien Abrede nach/ ins untere Gemach/ allwo sie bey schon tun- ckelem Abende von ihrem eingebildeten Mu- rena auffs freundlichste bewillkommet und um- armet ward. Die Liebe/ welche in solchen Begebenheiten eine stumme Rednerin ist/ und daß beyde ohne diß laut zu seyn wegen der nahe daran stossenden fremden Zimmer nicht fuͤr rathsam achteten/ verursachte/ daß dieser zweyer gehender Liebhaber Jrrthum/ oder viel- mehr Juliens Arglist laͤnger als eine Viertel- stunde verborgen blieb. Ja die keuscheste Anto- nia ward nach Geniessung unterschiedener Kuͤsse endlich uͤberwunden/ daß sie dem/ wel- chem sie sich bereit selbst gewiedmet hatte/ auch einen Kuß zu geben unterwand/ mit beyge- fuͤgten Worten: Erkenne hieraus/ liebster Mu- rena/ zu was fuͤr kuͤhner Entschluͤssung mich die Hefftigkeit meiner Liebe verleitet. Uber die- sen Worten vernahm sie einen tieffen Seuffzer/ und fuͤhlte/ daß der sie bißher Umfassende die Armen sincken ließ. Antonien kam diese Ent- eusserung seltzam und verdaͤchtig fuͤr; also strich sie den Fuͤrhang/ der fuͤr einer in der Mauer ver- tiefften Ampel hieng/ auff die Seite/ welches Licht ihr den leibhafften Drusus fuͤr Augen stell- te/ beyde aber in ungemeine Bestuͤrtzung setzte. Nach dem sie eine gute Weile wie Marmelbil- der gegen einander gestanden/ erholte sich end- lich Antonia/ und fing an: Gehe hin Drusus/ ich glaube/ daß du/ wie ich/ nicht aus Vorsatz/ sondern aus Jrrthum gesuͤndiget hast; Glau- be aber/ wo du der Unschuld kein Laster auff- buͤrden wilst/ daß ausser dir kein Mensch ie Antonien gekuͤsset habe/ oder ihr lebtage mehr kuͤssen werde. Sey auch vergewissert/ daß meine Seele niemahls uͤber deiner Kaltsinnig- keit empfindlich/ noch gegen der goͤttlichen Ju- lie eiffernd seyn wird. Denn da der Himmel zweyerley Einfluͤsse vertraͤgt/ und ein Stern verliebt/ der andere abgeneigt macht; habe ich nicht Ursache mich zu verwundern/ daß er wie der Magnet zweyerley Ertzt; also Drusus An- tonien verwirfft/ und Julien erwehlet. Ja wenn diese zu lieben ein Laster waͤre/ wuͤrde der Hoff gantz Rom verjagen/ und sich selbst zur Wuͤste- ney machen muͤssen. Weil sich dieses allhier begab/ umhalsete Muraͤna in einem andern fin- stern Zimmer Julien/ und sie ihn mit einer sol- chen Empfindligkeit/ als eine so hefftige Liebe verursachen kan. Sie beantwortete des Mu- raͤna endliche Anredungen mit nichts als ver- liebten Seuffzern/ und stillschweigenden Kuͤs- sen. Wie nun aber eine ziemliche Zeit vor- bey gegangen war/ hob Muraͤna endlich an: Hat dich denn/ liebste Antonie/ deine Lie- be gantz stumm gemacht? und vermag sie mir die angedeuteten wichtigen Angelegenheiten nicht Erster Theil. D d d fuͤr- Vierdtes Buch fuͤrzutragen? Julia fing nach einem tieffen Seuffzer an: Wundere dich nicht/ Muraͤna/ daß die/ welche dich hundert mahl bruͤnstiger als Antonie liebet/ daß die/ derer gantze Seele in dir lebet/ kein Wort auffbringen koͤnne. Mu- raͤna vernahm mit hoͤchster Bestuͤrtzung/ wie er verfuͤhret sey/ zohe damit den Vorhang e- benfalls weg/ und sahe/ die fuͤr Begierde glaͤn- tzende Julia vor sich stehen; fragte hierauff mit etlichmaßiger Entruͤstung: wie sie darzu kaͤme/ daß sie sich an derselben Platz und Recht stelle- te/ die ihn dahin beruffen haͤtte? Julia ant- wortete fuͤr ihm auff die Knie sinckende: Aller- liebster Muraͤna/ uͤbe deinen Zorn uͤber die zu deiner Vergnuͤgung aus/ die sonst nichts gesuͤn- diget hat/ als daß sie ihre Seele dir selbst auff dem Feuer der eussersten Liebe auffopffert; denn diese nimmt auch Wunden fuͤr Liebeskosungen auff. Glaube aber/ daß du hier eben diese fin- dest/ die dich hieher beruffen hat. Ach Mu- raͤna! Zuͤrnestu mit mir/ daß mein Geburts- Gestirne alle Regungen in mir nach dem Ein- flusse deiner Vollkommenheit erweckt? Fuͤrch- testu nicht/ daß die Liebe mit groͤsserer Grau- samkeit ihre Verachtung raͤchet/ als sonst ihre Kraͤffte sind? Ach Muraͤna! bey dir stehet es ja wohl/ daß du mich verschmaͤhest; aber so wenig es in meiner Gewalt beruhet/ dich nicht zu lie- ben/ so wenig kan auch deine Gramschafft es verhindern. Mit diesen Worten umarmte sie auffs neue Muraͤnen/ der ihr aber einbrach: Wenn du mich liebtest/ wuͤrdest du mich nicht in Untreu zu stuͤrtzen trachten; und wenn du dir nicht selbst unhold waͤrest/ wuͤrdestu deine Ver- gnuͤgung nicht in der Unmoͤgligkeit suchen. Die Liebe ist derselbe Vogel/ welcher nicht als von sei- nes gleichen gefangen werden kan/ nehmlich der Gegenliebe/ welcher du nicht faͤhig werden kanst/ weil sie einer andern verpfaͤndet ist. Ju- lia versetzte: Jst Antoniens Liebe mir zuvor kommen in der Zeit/ so uͤberwiegt sie meine im Gewichte/ und ist gegen meiner kalt Wasser. Hat Antonie ehe geliebt/ so liebe ich hefftiger. Ach Muraͤna! meinestu/ daß uns die Goͤtter hier vergebens zusammen gebracht? meinestu/ daß der Kaͤyser und Octavia nicht fuͤrlaͤngst Antonien dem Drusus verlobet? Und wer weiß/ ob du nicht noch heute erfaͤhrest/ daß An- tonia den Drusus eher als dich umarmet ha- be? Arglist wird sicher nicht besser verbergt/ als unter dem Fuͤrhange der Einfalt; und die Ein- bildung setzet die Falschheit bey uns mehrmahls in solch Ansehen/ daß man sich auch mit offenen Augen verblaͤnden laͤst. Was am wenigsten vermuthet wird/ verleitet uns am geschwinde- sten. Ach Muraͤna! Hiermit erblaßte Julia; und sie waͤre ohnmaͤchtig zu Bodem gesuncken/ wenn sie nicht Muraͤna erwischt/ und mit Bal- samen erqvicket haͤtte. Wie er sie sich aber wieder erholen sahe/ hob er an: Julia uͤberwinde dich/ schone meiner/ hoffe auff die Zeit/ vertraue den Goͤttern/ und gedencke/ daß die Wunden der Liebe nicht alle mit dem Eisen geheilet wer- den/ das sie zum ersten gemacht hat. Und hier- mit trat er nicht weniger verwirret aus ihrem Zimmer und dem Schau-Platze/ als er Julien bestuͤrtzt sitzen ließ. Jch lasse euch nachdencken/ in was fuͤr Wel- len das Hertze Muraͤnens uͤber so seltzamen Zu- falle gewallet haben muͤsse. Aber es war hier- mit bey weitem nicht ausgemacht. Denn als er aus dem Schau-Platze schriet/ trat Antonie gleich auff ihre Saͤnffte; und ob er ihr gleich ins Gesichte fiel/ schlug sie doch augenblicks das Antlitz von ihm weg/ zohe auch uͤberdiß die Fuͤrhaͤnge fuͤr/ daß er sie darinnen nicht sehen konte. Wie er auch zu Hause etliche Stun- den seinem Kummer nachgehangen hatte/ a- ber weder sein Elend uͤbersehen/ noch selbtem abhelffen konte/ ward bey ihm ein Freygelasse- ner angesagt/ der ihn selbst in Person sprechen wolte. Dieser uͤbergab ohne einiges Wort dem Muraͤna ein Schreiben/ kehrte auch unverwandten Fußes zuruͤck. Muraͤna oͤff- nete Arminius und Thußnelda. nete es alsobald/ und laaß darinnen nachfol- gendes: Unsere Liebe hat entweder eine seltzame Schi- ckung der Goͤtter/ oder eine Boßheit der Men- schen entzwey gerissen. Ja/ was noch aͤrger/ Antonia hat sich beflecket/ also/ daß Muraͤna mit ihr mehr keine Gemeinschafft haben kan. Deñ die einen fremden kuͤsset/ ist nicht faͤhig von einer so reinen Seele mehr Liebe zu geniessen. Heuchele mir nicht/ daß ich unschuldig sey. Die Hermelinen seuffzen nach ihrem Tode/ wenn sie auch wider Willen sich besudeln; Und nach dem die Vorsicht ein hundertaͤugichter Waͤch- ter der Keuschheit seyn solte/ ist der bloße Jrr- thum bey dem Urthel-Tische der Liebe verdam̃- lich/ und der von fremder Verleitung herruͤh- rende Fehler unausleschlich. Vergnuͤge dich daran/ daß sie dich gelieber/ so lange es die Tu- gend verstattet/ und daß sie dich fuͤr dem er- kieset/ den ihr die Ehrsucht fuͤrschlug. Muthe mir aber dißfals ferner nichts zu/ wormit weder Antonia nach verletzter Liebe auch die Hoͤfflig- keit beleidigen/ noch Muraͤna an vergebener Hoffnung Schiffbruch leiden/ und mit Unge- dult sich anderwaͤrtiger Begluͤckseligkeit un- wuͤrdig machen muͤste. Muraͤna gerieth uͤber diesem Absagungs- Brieffe Antoniens in halbe Verzweiffelung/ nach etlichen ohne Trost in tieffer Einsamkeit hingelegten Tagen und ohne Schlaff verlohr- nen Naͤchten erkuͤhnte er sich bey Hofe einzufin- den/ um noch etwan aus Antoniens Antlitze/ nicht anders als aus seinem Geburts-Gestirne seine Erhaltung oder Untergang zu erkiesen. A- ber da ging der Welt wohl dreymahl ihre/ dem Muraͤna aber niemahls seine Sonne auff/ und es war von der sonst nicht so einsamen Antonia kein Schatten zu sehen/ biß daß der Kaͤyser und der gantze Hoff nach Rom auffbrach/ und er An- tonien von dem Drusus an der Hand ins Schiff begleiten/ fuͤr ihm selbst auch nicht undeutlich die Augen niederschlagen sahe. Muraͤnen haͤtte hieruͤber das Hertze zerspringen moͤgen/ und er ward genoͤthiget um seine Schwachheit nicht zu zeigen/ sich aus dem Gesichte des Volckes zu ent- ziehen/ ja er verlohr sich auch endlich gar fuͤr al- ler Roͤmer Augen. Unterdessen aber sann Julia/ ihren Ausschlag in Rom vollends auszufuͤhren/ nach; worzu ihr denn die Natur genugsamen Witz/ ihre hefftige Liebe mehr deñ zu viel Kuͤhnheit/ ihre ausbuͤndi- ge Schoͤnheit und Anmuth/ darmit sie sonst/ wen sie nur wolte/ bezauberte/ satsame Gelegenheit verliehe; Weil sie aber gleichwohl Muraͤnens Meister zu werden nicht getrauete/ so lange An- tonia entweder bey Leben/ oder in der Freyheit Muraͤnen zu lieben gelassen wuͤrde/ ihr auch so wohl die Herrschsucht Liviens/ als ihr Absehen/ daß Drusus Antonien heyrathen solte/ unver- borgen war; ließ sie einmahls/ als sie aus Livi- ens Zimmer ging/ gleich als wenn sie solches un- gefehr heraus zoͤge/ das vom Drusus an sie ab- gelassene Schreiben fallen. Die voꝛwitzige Livia/ die ohne diß auff der wolluͤstigen Julia Buhle- reyen fleißige Kundschafft legte/ nahm solches zwar wahr/ verschwieg es aber/ und hob selbtes/ als Julia schon weg war/ begierig auff. Sie hatte aber kaum mit eusserster Gemuͤths-Ver- aͤnderung ihres Sohnes eigene Handschrifft/ und daraus so wol seine gegen Julien ausgelas- sene Liebe/ als die Abneigung gegen der in ihren Augen allzu liebenswuͤrdigen Antonia wahr- genommen; Als sie dem Kaͤyser des Drusus Beginnen fuͤrtrug. Die vorhin zwischen bey- den getroffene Abrede/ und daß sie allerdin- ges den Kaͤyser in Haͤnden hatte/ brachte un- schwer zu wege/ daß Augustus mit eigener Hand Livien auff ein Papier schrieb: Es ist mein ge- messener Wille/ daß Drusus sich alsofort an Antonien vermaͤhlen soll/ weil es zu Befesti- gung des Reichs/ zum Auffnehmen unsers Hau- ses/ und beyder selbst eigenem Wohlstande gerei- chet. Denn die kluge Livia meinte/ der dem Kaͤy- ser ohne diß in der Schooß sitzende Drusus habe D d d 2 nicht Vierdtes Buch nicht noͤthig seine Hoffnung zum Kaͤyserthume durch Heyrathung der Julia zu befestigen. Weil aber es gefaͤhrlich schien/ so ein grosses Absehn nur auff zwey leicht verfallende Au- gen zu stellen/ wolte sie ihrem andern Sohne dem Tiberius gleichfals ans Bret helffen/ und also arbeitete sie an einer Vermaͤhlung des Tiberius mit Julien. Livia machte ihr folgenden Tag eine Lust-Reise auf des Kaͤysers Vorwerg/ wel- ches zwischen dem Aricinischen Walde/ und dem See/ den man den Spiegel Dianens nennet/ gelegen ist; nahm dahin aber niemanden als ih- ren Sohn den Drusus/ und Octavien nebst An- tonien zu sich. Des Morgens war sie unter dem Scheine der Andacht gar fruͤh auf/ und die gantze Gesellschafft muste mit ihr uͤber den See in den gegen uͤber liegenden Tempel fahren/ darinnen die Goͤttin Diana/ welche sich in die- sem rundten See offt bespiegelt haben soll/ inson- derheit von denen/ die zu heyrathen vorhaben/ andaͤchtig verehret wird. Nach verrichtetem Gebete/ welches sie mit Fleiß zeitlicher als Octa- via und Antonia abbrach/ nahm sie ihren Sohn Drusus bey der Hand/ und fuͤhrte ihn in die na- he darbey gelegene Hoͤle der Egeria/ sie setzte sich auf das Marmel-Bild des Neptunus/ Drusus auf das der Thetys/ derer iedes ein starckes Qvell von sich spritzte. Hier auf fing Livia an: Du weist/ lieber Sohn/ daß die Mutter-Liebe eine der heftigsten Gemuͤths-Regungen unter aͤllen Muͤttern/ ich aber die sorgfaͤltigste fuͤr ihre Kinder sey. Denn du irrest/ da du dir einbil- dest/ daß meine Schoͤnheit oder ander Liebreitz den Kaͤyser mir biß auf diese Stunde so unabsetz- lich verknuͤpfet halte/ welcher des Servilius J- sauricus holdselige Tochter seine Braut noch fuͤr der Vermaͤhlung nicht aus Staats-Sucht/ des Antonius schoͤne Tochter die junge Fulvia/ noch ehe er sie erkennet/ nicht wegen Zwytracht mit ihrer unvertraͤglichen Mutter/ die frucht- bare Scribonia nicht wegen ihrer Eifersucht/ sondern alle drey aus blosser Luͤsternheit und Eckel verstossen hat. Glaube hingegen viel- mehr/ daß ich wegen deiner alle Verdruͤßligkei- ten verschlucket/ alle Verlaͤumbdungen der vom Kaͤyser verstossenen Scribonia verschmertzet/ alle Schleen des Ungluͤcks ihm verzuckert/ und mich mehrmals zur Magd gemacht habe/ umb mich nicht so wohl in der Wuͤrde einer Kaͤyserin/ als dich in dem Vortheil eines Kaͤyserlichen Sohnes zu erhalten. Der Himmel hat in meine Segel alle gute Winde blasen lassen/ also/ daß Augustus sich nicht so wohl einen Herrn der Welt/ als ich mich eine Beherrscherin des Kaisers zu ruͤhmen habe. Eines fehlet mir nur noch zu meiner vollkommenen Gluͤckseligkeit/ nehmlich die Unsterbligkeit/ welche mich uͤber die Staffeln alles irrdischen Wohlstandes erhebe. Diese suchet nun zwar die Heucheley in der eitelen Vergoͤtterung/ ich und die Wahrheit aber in ruͤhmlichen Nachkommen. Denn wie kan ich mich bey der Welt und Nachwelt scheinbarer verewigen/ als wenn ich meine Kinder und Kin- des-Kinder auf den Roͤmischen Kaͤyser-Stuhl setze? Diese Wuͤrde/ hertzliebster Drusus/ haͤn- get dir zu/ nicht nur vom Verhaͤngnuͤsse/ und meiner Fuͤrsorge/ in der ich so gar deinen Bru- der Tiberius/ welchem das Alter sonst das Vor- Recht zueignet/ dir nachgesetzet; sondern schon selbst von der Zueignung des Kaͤysers. Alleine der Grund des Gluͤckes ist so voller Truͤbsand/ daß in selbtem schwerlich ein Ancker haftet; und die Gewohnheit der Fuͤrsten ist so wetterwendig/ daß selbte mehr als mit einem Nagel muß ange- heftet werden. Du bist mit dem Augustus ja durch mich verknuͤpfet; aber solte ich das Haupt legen/ doͤrfte so wohl meine Hoffnung als dein Aufnehmen verfallen. Diesemnach habe ich auf eine neue Verbindung mit ihm gesonnen/ keine aber ist nachdruͤcklicher als des Gebluͤtes. Fremde Tugend ist in unsern Augen Zwerges- Art/ aus unserer Anverwandten Mittelmaͤssig- keiten aber machen wir Wunderwercke. Schaue dich nun selbst in dem grossen Schau- Platze Arminius und Thußnelda. Platze der Weltumb; ich zweifele/ daß weder die Liebe noch die Ehre dir eine vollkommenere Ge- mahlin auslesen koͤnne/ als die der Kaͤyser und ich dir bestimmet/ nehmlich die unvergleichliche Antonia. Diese hast du nunmehro ohne fer- nere Zeitverlierung zu erkiesen/ da du den Kaͤy- ser vergnuͤgen/ mich erfreuen/ und dein eigenes Gluͤcke befestigen wilst. Drusus fiel nach beschlossener Rede Livien zu Fusse/ und fing ge- gen ihr an: Jch wuͤrde/ allerliebste Mutter/ fuͤr ihr erstummen muͤssen/ wenn gleich Kinder an- dern Muͤttern ihre Wolthaten verdancken koͤn- ten. Denn ich erkenne die Ubermaaß ihrer Verdienste/ und das Unvermoͤgen meiner Ab- schuldung. Sie hat mich geleitet zur Tugend/ und das Thor aufgeschlossen der Ehren. Jch erkenne ihre wohl-gemeynte Abzielung/ und ich werde uͤber ihren Urtheln keinen hoͤhern Richter suchen. Aber nachdem hohe Wuͤrden zwar durch Verbindnuͤsse befestiget/ durch die Tugend aber erworben werden muͤssen/ duͤncket mich/ ich wuͤrde durch Ubereilung mich selbst stuͤrtzen/ da ich nicht den Ansprung von der Tugend nehme. Meine Kriegs - Ubungen sind allererst Erstlinge der Tapferkeit/ keine Thaten/ die einen Kaͤyserlichen Stuhl be- haupten koͤnten/ welcher auf Klugheit und Hertzhaftigkeit gegruͤndet werden muß; welches letztere zwar angebohren/ das erstere aber durch Erfahrung erlanget werden muß. Die hierzu noͤthigen Ausuͤbungen aber wuͤrde Zweifels-frey hindern/ wo nicht gar stoͤ- ren eine uͤbereilte Heyrath/ als der wahrhafte Stein des Anstossens derer/ die auf der Renne- Bahn der Ehren gleich ruͤhmlich einlegen/ ja auch einen guten Vorsprung haben. Denn ein sich verheyrathender giebet dem Gluͤcke/ wel- ches sonst uͤber die Tugend nichts zu gebieten hat/ schon den Zuͤgel in die Hand. Da er vor nichts als Ehre zu gewinnen trachtete/ fuͤrchtet er hernach nichts als sein Weib und Kinder ein- zubuͤssen/ welche ihm bey allen kuͤhnen Unter- fangungen fuͤr dem Gesichte herumb irren/ und nicht anders als traurige Gespenste alles Un- gluͤck wahrsagen. Er ist luͤstern nach dem Rau- che von Jthaca/ und verspielet daruͤber etliche Laͤnder; er seufzet nach seiner Penelope/ und vergisset des unsterblichen Nachruhms; er wa- get keine Schlacht unter dem Vorwand des er- mangelnden Befehls von Hofe; er hebet Belaͤ- gerungen der schon sich zur Ergebung verstehen- den Festungen auf/ wormit er nur das Bette seines ihn in geheim beruffenden Ehweibes be- steigen koͤnne. Er schaͤtzt es fuͤr Grausamkeit seinem Hause Abbruch thun/ wenn er schon sein Vaterland daruͤber in Stich setzt. Sein Kum- mer bestehet in dem/ was er seinen Kindern ver- lassen/ und wie er seinen Soͤhnen die Anwart- schafft der Aempter zuwege bringen moͤge; sie moͤgen gleich darzu geschickt seyn oder nicht. Antonius ist durch Cleopatren von der hoͤchsten Staffel in Abgrund verfallen; und der grosse Mithridates hat/ umb sich selbst den Fesseln und Untergange zu entziehen/ seine Sebel in seiner eigenen Gemahlinnen Blute waschen muͤssen. Ja das Oppische und andere Gesetze hat den Landvoͤgten ihre Ehe-Weiber in die zu Verwaltung anvertrauten Laͤnder mitzuneh- men verboten. Sintemal dieses Geschlechte beym Frieden Uppigkeit/ beym Kriege Schre- cken/ beym Aufbruche Unordnung/ bey den Maͤnnern Mißbrauch der Schatzungen/ bey den Unterthanen Schwuͤrigkeit verursacht/ und/ wie viel Schwachheiten selbtem gleich ankleben/ doch bey gutem Gluͤcke sich aus Ehrgeitz des Ge- bietens anmasset. Nach dem sich denn die dem Vaterlande und denen Seinigen schuldige Lie- be so schwer eintheilen laͤst/ zweifele ich nicht/ es werde die/ von der ich nicht nur das Leben/ son- dern auch den Reitz zur Tugend erlangt/ ihr mehr meine zu ruͤhmlichen Entschluͤssungen dienende Freyheit gefallen lassen/ als selbten durch fruͤh- zeitige Verheyrathung einen Kapzaum anlegen. Livia begegnete dem Drusus: Er thue dem hei- D d d 3 ligen Vierdtes Buch ligen Ehstande Gewalt und Unrecht an/ wenn er wegen etlicher Fehler eine an ihr selbst so gute Sache verdamme. Aus dem besten Weine machteder Mißbrauch den schaͤrffsten Essig/ und aus den gesuͤndesten Speisen das schaͤdlichste Gift. Ein tugendhaftes Ehweib verlerne alle weibliche Laster bey Anmassung maͤnnlicher Verrichtungen. Es waͤre ohne Noth der tapfern Semiramis und der streitbaren Ama- zonen zu erwehnen. Wie vielmal habe in den Roͤmischen Laͤgern eine Frau die Stelle des Feldherrn vertreten/ die tapfern Kriegsleute aufgemuntert/ die Armen begabet/ die Krancken gepfleget/ die Verwundeten verbunden? Bey den rauhen Deutschen/ derer Hertzhaftigkeit er bereits erfahren/ schluͤsse der Mann sein Weib nicht aus den Schrancken der Tugend/ noch aus den Gefaͤhrligkeiten des Krieges. Sie waͤre eine unabtrennliche Gefertin seiner Bemuͤ- hung und Ebentheuer/ und sie streite neben ihm in den Schlachten; ja sie bringe zu Aufmunte- rung seiner Hertzhaftigkeit ihm nichts als ein ge- satteltes Pferd und eine Ruͤstung zum Braut- Schatze zu. Man habe fuͤr etlicher Zeit erstar- ret/ wie daselbst eine Fuͤrstin im Krieges-Rathe so kluͤglich vorgesessen/ die Heere gemustert/ die Lauff-Graͤben besichtigt/ die Befestigung ange- geben/ die Stuͤrme angeordnet/ ihr Hembde zu Pflastern fuͤr ge q vetschte Kriegs-Leute zer- schnidten/ und gewiesen/ daß Blitz und Schwerdter nicht allein fuͤr die Maͤnner ge- wiedmet sind. Dencke diesemnach zuruͤcke/ mit was fuͤr Rechte du den Eh-Stand schiltest/ und unserm Geschlechte beymissest/ daß es einen Riegel der Tugend fuͤrschuͤbe/ und ein Werck- zeug der Laster sey? Jener hat freylich seine Be- schwerden/ aber auch seine Gemaͤchligkeiten. Der wahrsagende Apollo gab dem weisen So- crates zur Antwort: Er moͤchte sich verheyra- then oder nicht/ so wuͤrde er bereuen/ was er thaͤ- te. Das Verhaͤngnuͤß gibet unsern Ansehlaͤ- gen den Ausschlag/ nicht unsere Behutsamkeit. Wenn die Stadt Athen gleich die schlim̃sten Rathschlaͤge erwehlte/ richtete doch die Minerva alles zum Besten. Dieses heisset dich dein bißhe- riger Gluͤcks-Stern ebenfalls hoffen. Der Eh- Stand/ das Ansehn der Kinder ist mehrmals ein Sporn zur Tugend und tapferen Helden-Tha- ten. Der grosse Julius hat alle seine Thaten ausgeuͤbet/ nach dem er sich mit des Piso Toch- ter vermaͤhlt gehabt. Jch selbst bin mit dem Augustus in die Morgen- und Abend-Laͤnder gereiset. Kan man mich aber beschuldigen/ daß ich ihm einigen Verdruß/ seinen wichtigsten Reichs-Geschaͤfftẽ einige Hindernuͤß verursacht habe? Hingegen wirst du es mit der Zeit erfahrẽ/ was eine Frau ihrem aus der Schlacht kom̃endẽ und ermuͤdeten Ehmañe fuͤr eine Erleichterung schaffe. Uberdiß untersucht man zu spaͤt und umbsonst/ ob diß thulich sey/ was schon der ver- fuͤget/ dem man schlechter Dinges zu gehorsamen schuldig ist. Mit diesen Worten reichte Livia ihrem Sohne des Kaͤysers Befehl. Drusus faͤrbte sich etliche mal uͤber den wenigen Zeilen; fing hierauf an: Er waͤre versichert/ daß Augu- stens Vorsorge zu seinem Besten angezielet sey. Aber nach dem die Wichtigkeit des Werckes Zeit und Nachdencken/ Heyrathen einen gantz freyen Willen erforderten; versehe er sich weder einiger Ubereilung noch einigen Zwanges. Livia begegnete ihm: Des Kaͤysers und mein Absehen ist dir heute nicht neu/ und es ist seit dei- ner Wissenschafft mehr Zeit/ als drey Hey- raths Berathungen erfordern/ verstrichen. Die Freyheit nach seinem Belieben zu heyrathen ist ein Vorrecht des Poͤfels. Der Adel aber/ der in so viel andern den Vorzug hat/ muß ihm die- sen Kitzel vergehen lassen. Denn wo dem Rei- che und der gemeinen Ruhe etwas daran ge- legen/ bestehet die Wahl der Braut bey dem Fuͤrsten/ nicht bey dem Urthel eines luͤsternen Auges. Es ist Klugheit/ sich so wohl Fuͤrsten/ als das Verhaͤngnuͤß bey der Hand leiten/ nicht mit den Haaren ziehen lassen. Die Goͤtter ha- ben Arminius und Thußnelden. ben dem Kaͤyser das hoͤchste Urthel uͤber alle Din- ge gegeben/ dem Drusus aber nur die Ehre ei- nes Gehorsams uͤbrig gelassen. Drusus ver- setzte: Er wuͤste in alle Wege die neue Art der Dienstbarkeit/ daß hohe Haͤuser aus der Hand der Fuͤrsten ihre Liebsten empfangen muͤssen/ wormit diese entweder ihre Buhlschafften wohl angewehrten/ oder vermoͤgende Geschlechter durch Vermaͤhlung armer oder niedriger Dir- nen/ in mittelmaͤssigen Schrancken behielten/ oder durch Antrauung ihrer Baasen/ welche ei- nen Koͤniglichen Unterhalt erforderten/ ihnen ein und andere Schwung-Feder ausraufften. Wiewohl nun alles diß in gegenwaͤrtigem Falle nicht eintraͤffe; iedoch die Guͤtigkeit des Kaͤysers ihn etwas bedenckliches besorgen/ ja sich auch die- se Gewalt der Fuͤrsten nicht iegliche Heyrath zu erlauben weder tadeln/ noch hintertreiben liesse; so waͤre doch noch niemals in Schwung kom- men/ daß man einem wider Willen zu heyrathen schlechter dings aufbuͤrdete. Denn diese An- noͤthigung haͤtte in sich ungleich mehr Dienst- barkeit/ als jene Verweigerung. Und die Ge- setze erlaubten diesen Zwang auch so gar nicht der vaͤterlichen Gewalt. Livia stund mit Entruͤ- stung auf/ und fing an: Drusus/ Drusus/ kanst du es wohl uͤbers Hertz bringen/ einer dich so hertzlich liebenden Mutter Einrathung so veraͤchtlich in Wind zu schlagen? Traust du es wohl zu verantworten/ dessen Gewalt der vaͤter- lichen nachzusetzen/ welchen iedermann fuͤr den Vater des Vaterlandes verehret? Drusus ant- wortete mit tieffster Demuͤtigung: Jch ent- schluͤsse mich zu verehlichen/ allerliebste Mutter/ wenn sie es ja fuͤr gut ansihet. Aber warumb redet sie mir nicht das Wort bey der unver- gleichlichen Julia? Und da mir der Kaͤyser so wohl wil; warumb goͤnnet er mir nicht lieber seine Tochter/ als seine Baase? Livia begegnete ihm mit mehrer Heftigkeit: Meynst du/ ich wisse nicht/ daß hier der Hund begraben liegt/ und daß die Gestalt der dich doch verschmaͤhenden Julia dich gefesselt habe? Hiermit zeigte sie ihm den gefundenen Brief. Aber laß dir diese Einbildung nur bey Zeite vergehen/ und schlag dir so schaͤdlich und unmoͤglich Ding alsbald aus dem Sinne. Mache dir aus einer fluͤch- tigen Schoͤnheit keinen Abgott; zuͤnde der in deinem Hertzen keinen Weyrauch an/ welche ihren Leib zu einem stinckenden Grabe vieler Uppigkeiten machet. Meynst du bey Julien einen Uberfluß der Annehmligkeit zu finden/ welche ihre zwey Maͤnner Marcellus und A- grippa/ fuͤr laͤngst abgemẽyet? Wolte aber Gott! es waͤre keine frembde Sichel in ihre Erndte kommen! Aber leider! diese irrdische Sonne hat ihre Straalen iedermann gemein gemacht/ in dem aber hat sie es der Sonne nicht nach- thun wollen/ daß wie diese niemals ohne die Morgen - Roͤthe aufgehet/ also sie sich aus Schamhaftigkeit iemals gefaͤrbet haͤtte. Hin- gegen verschmaͤhest du die noch frischen Knospen Antoniens/ welcher die Keuschheit selbst aus den Augen siht/ und die/ welche der Kaͤyser fuͤr seine Tochter aufgenommen/ weil er Julien solcher Ehre nicht mehr wuͤrdig schaͤtzt. Jch bin froh/ daß du keine blinde Liebe zu Antonien traͤgst/ weil du sie ehlichen sollst. Denn die unvernuͤnftige Begierde ist ein Leitstern zu einer ungluͤcklichen Heyrath/ und verliebt seyn ein wahnsinniger Geferte der Ehleute. Die- ser erstes Kind ist die Eifersucht/ und das ande- re Haß. Die Eh soll eine Art der vollkom- mensten/ und also auch der tauerhaftesten Freundschafft seyn. Weil nun aber der Verliebten Trieb ein schneller Feuer ist/ als der Blitz/ welcher zwar alles einaͤschert/ aber selbst bald verschwindet; hat selbter keine Geschick- ligkeit den unverzehrlichen Zunder einer so bestaͤndigen Vereinbarung lange zu unterhal- ten. Die unter der Asche glimmenden Kohlen halten laͤnger Feuer/ als die in der Glut Vierdtes Buch Glut krachenden Wacholder-Straͤuche; und daher dienet die lodernde Julia zwar besser zur Buhlschafft/ die laue Antonia aber ist unzeh- lich mal geschickter zur Gemahlin. Jene darff nur glaͤntzende Schalen; diese aber muß im Kerne gut seyn. Jst deine gute Ver- nunft aber nicht geneigt diesen wichtigen Un- terscheid zu beobachten/ so wird zuversichtlich deine Tugend der Natur Krieg anzubieten nicht gemeynt seyn. Die Natur/ sage ich/ ver- beut dir die Gemeinschafft/ wie vielmehr das Ehband mit Julien/ nach dem du mich ja zwin- gest ein Geheimnuͤß auszuschwaͤtzen/ was nur ich und noch eine Seele weiß. Ach! mein Drusus! wie weit irrest du/ wenn du dir ein- bildest/ daß du ein Sohn des Tiberius Nero heist. Nein Drusus/ weit gefehlt! Erkenne heute den Kaͤyser fuͤr deinen Vater. Und daß Livia dem Augustus ehe vermaͤhlt gewest/ ehe er sie aus dem Hause des Nero in seines genommen hat/ daß die schwangere Livia im dritten Monden ihm keinen Stief-Sohn gebohren. Ob nun wohl Livia hier etwas an- hielt/ sahe sie doch Drusus alleine ohne eintzi- ges Wort groß an/ also/ daß sie fortfuhr: Er- wege nun/ liebster Sohn/ was der Kaͤyser fuͤr Macht uͤber dich habe? was Augustus fuͤr Liebe und Sorge fuͤr dich trage? und warumb er dir mit Antonien das Kaͤyserthum fuͤr dei- nem aͤlteren Bruder Tiberius/ ja die Sonne zuzuneigen entschlossen sey? warumb er dir deine Schwester nicht vermaͤhlen koͤnne? Dru- sus sanck hierauf fuͤr Livien abermals nieder/ mit beygesetzten Worten: Jch dancke den Goͤttern und ihr/ daß sie mich heute zu einem Sohne eines so grossen Kaͤysers machen. Jch unterwerffe mich schuldigst seinen und ihren Verfuͤgungen. Jch erklaͤre mich Antonien zu heyrathen. Aber ich sorge/ daß Antonie schwerlich mich zu ehlichen belieben werde. Darfuͤr lasse mich sorgen/ antwortete Livia/ und ging hiermit aus der Hoͤle. Wie sie nun vernahm/ daß der Priester der Dianen/ welcher allhier gar mit dem Titul eines Koͤ- nigs beehret ward/ mit Octavien und Anto- nien gegen dem Nemorensischen Lust-Walde/ in welchem Diana den zerrissenen und wie- der zum Leben gebrachten Hippolytus der Egeria anvertrauet haben soll/ gegangen waͤ- re; folgte sie ihnen nach/ fand sie auch neben einem Brunnen beysammen auf einem vom Wetter niedergeschlagenen Myrten-Baume sitzen. Wie sich Livia nun neben sie verfuͤgt hatte/ hob sie an: Liebste Antonia/ sie weiß/ was der Kaͤyser von Kind auf zu ihr fuͤr Zunei- gung gehabt/ und wie ruͤhmlich er die Stelle ihres ungluͤckseligen Vaters vertreten habe. Jch aber betheure bey der Gottheit/ welcher dieser Pusch geweihet ist/ und in Beyseyn die- ses heiligen Priesters/ daß ich mit Octavien eifere/ da ihre muͤtterliche Liebe meine uͤber- wiegen solte. Jn was aber moͤgen wohl Eltern ihre Fuͤrsorge mehr an Tag geben/ als in gluͤcklicher Vermaͤhlung ihrer Kinder? Und wen kan Antonia erwuͤntschter heyrathen/ als der mit der Zeit den hoͤchsten Gipfel in der Welt besteigen soll? Sie kan unschwer urthei- len/ daß ich den Drusus meyne. Jch mag ihm als Mutter nicht das Wort reden/ Rom aber und die Welt redet es. Und der Kaͤyser hat mir in Mund gelegt meine ietzige Aus- schuͤttung des Hertzens. Das Antlitz Octavi- ens gibt ihr schon ihre Einwilligung zu verste- hen. Also erwarte ich nur von ihr eine mir und dem Kaͤyser annehmliche und ihr selbst er- sprießliche Erklaͤrung. Antonia roͤthete sich uͤber diesem unvermutheten Vortrage etliche mal/ und nach dem sie ihre Mutter angesehen/ auch einen tieffen Seufzer geholet hatte/ ant- wortete sie: Jch bin verbunden diß/ was das Verhaͤngnuͤß beschlossen/ der Kaͤyser befiehlet/ Livia verlanget/ Octavia genehm hat/ und Dru- sus belieben wird/ zu vollziehen. Livia umb- halsete mit Freuden Antonien/ und machte daß Arminius und Thußnelda. daß sie sich saͤmtlich mit einander wieder in Tem- pel Dianens verfuͤgten; unferne aber darvon fuͤr ein gluͤckseliges Zeichen wahrnahmen/ daß ihñen zwey Turteltauben entgegen geflogen kamen. Wie nun Drusus auf Liviens Verfuͤ- gung auch im Tempel erschien/ eroͤfnete sie ihm ihre bey Antonien nach Wunsch verrichtete Werbung; und also musten beyde/ Drusus und Antonia/ derer iedes auf des andern Unwillen sich verlassen hatte/ fuͤr dem Altare der Diana ihr Verloͤbnuͤß vollziehen. Und nach dem sie Dianen zwey weisse Ochsen/ dem Pilumnus a- ber auf einem nahen Huͤgel eine Ziege geopffert hatten/ kehrten sie zuruͤck in das Vorwerg des Kaͤysers/ und den dritten Tag nach Rom/ all- wo das Beylager mehr mit Liviens und Ju- liens/ als der vermaͤhleten Freude aufs praͤch- tigste vollzogen ward. Denn die Liebe des Drusus war gegen Julien derogestalt einge- wurtzelt/ daß er Liviens Vorgeben/ als wenn er und Julie der Scribonia Tochter vom Vater Geschwister/ und beyde des Augustus Kinder waͤren/ mehr fuͤr eine kluge Erfindung/ als fuͤr Warheit aufnahm. Antonien aber blieb Ju- lie ein steter Dorn in Augen; in dem sie die Zer- stoͤrung der Liebe zwischen ihr und dem Lucius Muraͤna/ dessen Verbergung ihr Angeden- cken nicht ausleschte/ der arglistigen Julia allei- ne zuschrieb. Hingegen vermochte die Vielheit der Lieb- haber Julien dero gestalt nicht zu ersaͤttigen/ daß sie nicht so wol den Drusus in seiner gegen ihr gefangenen Liebe unterhielt/ und wormit sie nicht gar verleschte/ nach und nach mehr Zunder verlieh; als nach dem unerforschlichen Muraͤ- na Tag und Nacht seufzete. Unter ihren an- wesenden Liebhabern aber war bey ihr keiner mehr gesehen/ als Julius Antonius/ ein Roͤmi- scher Juͤngling hohen Geschlechtes/ grossen Vermoͤgens/ und ausbuͤndiger Schoͤnheit. Diesen hatte sie mit ihrem Liebes-Reitze deroge- stalt bezaubert/ daß sie ihn mit einem Augen- winck/ wie der Mohr den Elefanten/ gleich als an einer Schnur leiten konte. Nebst dem war er entweder so verblendet/ daß er Juliens Zu- halten mit andern Liebhabern fuͤr eine in blosse Hoͤfligkeit eingeschrenckte Freundligkeit ansah; oder die seine Liebe uͤberwiegende Ehrsucht ver- ursachte/ daß er zu Juliens Uppigkeiten ein Au- ge zudruͤckte; nach dem er ihm nebst Juliens Heyrath von kuͤnfftiger Besitzung des Kaͤyser- thums was suͤsses traͤumen ließ. Julia merck- te des Julius Antonius Absehn nicht allein w o l/ sondern sie wuste auch meisterlich ihn mit dem Winde dieser Eitelkeit zu speisen. Endlich meinte er: Er saͤsse nicht allein Julien/ sondern dem Gluͤcke selbst in der Schooß; Als sie es beym Kaͤyser durch Vorbitte/ bey denen vorher- gehenden Buͤrgermeistern/ Qvintus Fabius/ und Qvintus Elius Tubero durch ihre fast ie- derman feile Schoͤnheit zu wege brachte/ daß Julius Antonius Roͤmischer Buͤrgermeister ward. Diesem aber schrieb sie zugleich alsobald fuͤr/ daß er den wiewol abwesenden Lucius Mu- raͤna zum Stadtvogte erkiesen/ und ihn durch offentliche Ausschreibungen im Roͤmischen Rei- che darzu laden muste. Hierdurch ward Mu- raͤna/ der inzwischen aus Verdruß sich in das Cilybeische Gebuͤrge versteckt/ und zu einer freywilligen Einsamkeit verdammt hatte/ ge- zwungen nach Rom sich zu verfuͤgen/ und die ihm vom Vaterlande aufgetragene Aempter/ derer sich ohne Unehre seines Geschlechtes nie- mand entbrechen dorfte/ aufbuͤrden zu lassen. Muraͤna war kaum nach Rom kommen/ als Julia alle Kuͤnste ihres Liebreitzes herfuͤr suchte sein Hertz zu erweichen. Sie verschloß ihre Ohren fuͤr aller voriger Liebhaber Anbetungen/ und alle Roͤhren ihrer gewohnten Annehmlig- keit gegen gantz Rom/ um solche nur uͤber den unerbittlichen Muraͤna auszuschuͤtten; entwe- der weil sie noch keinen Menschen so inbruͤnstig/ als diesen/ liebgewonnen hatte/ oder weil sie es ihr fuͤr einen grossen Abbruch hielt/ da einigen Erster Theil. E e e Men- Vierdtes Buch Menschens Kaltsinnigkeit sich ihres Liebreitzes erwehren solte. Die Magnet-Nadel wendet sich so begierig nicht nach dem Angelsterne; die Sonnenwende nicht nach dem grossen Auge der Welt; als ihre Begierde auf den Muraͤna ge- richtet war. Sie brauchte tausenderley Erfin- dungen sich in die Versammlungen/ wo er be- findlich war/ einzuspielen; Und wie sehr er sich ihrer zu entschlagen bemuͤhet war/ wuste sie ihn doch unterschiedene mal so kuͤnstlich zu besetzen/ daß er ihrer einsamen Beredung sich nicht ent- brechen konte. Einsmals kamen sie in den Gaͤr- ten an der Tyber/ welche Kaͤyser Julius dem Roͤmischen Volcke vermacht hatte/ zusammen; da sie denn alles euserste ihn zu gewinnen ver- suchte. Julia brachte den Muraͤna gleich zwi- schen den vom Ascalon nach Rom gebrachten Bilde der gewaffneten Venus/ und des Traͤze- nischen Hippolytus zu Stande. Siehest du wol/ fing sie an/ Muraͤna/ was das Verhaͤng- nuͤß auf beyder Seiten deiner Hartnaͤckigkeit fuͤr heilsame Warnigungen fuͤrstelle? Glaubst du noch/ daß die Liebe nur ein nacktes Weib/ nicht eine gewaffnete Goͤttin sey; welche ihre Ver- schmaͤhungen zu raͤchen nicht vermoͤge? Muͤssen ihr nicht die maͤchtigsten Goͤtter Beystand lei- sten/ und der kalte Neptun seine Meer-Ochsen leihen/ daß sie an dem unholden Hippolytus ih- re Rache ausuͤben? Wenn ich nicht wuͤste/ daß Muraͤna einsmals ein Gefangener der todten Antonia gewest waͤre/ muͤste die lebhaffte Julia sich nur bereden/ Muraͤna haͤtte von sich selbst eine so grosse Einbildung/ daß er sich selbst unter allen Sterblichen nur liebenswerth/ die gantze Welt aber fuͤr veraͤchtliche Spreu hielte. Wie aber/ haben dich seit der Zeit deine Meinungen bezaubert/ daß du alle andere zu verwerffen/ und allen Liebreitz zu verlachen entschlossen bist? Haͤltest du es fuͤr einen Schandfleck einem Frauenzimmer den geringsten Stand in dei- nem Hertzen zu entraͤumen? Oder wilst du die Liebe der brennenden Julie zu einem Sieges- Zeichen deines unempfindlichen Hochmuths aufrichten? Augen/ Mund und Bruͤste leereten alle ihre Koͤcher der Anmuth aus/ um diesen un- erbittlichen oder steinernen Menschen zu bemei- stern. Daher/ wie der haͤrteste Marmel endlich von den Regen-Tropffen abgenuͤtzet/ und das fe- steste Ertzt von oͤfterem Anstreichen eines weiche- ren Seiles zerkerbet wird; also erweichte endlich entweder die heftige und bestaͤndige Liebe so einer irrdischen Goͤttin/ oder die Hofnung kuͤnfftiger Dinge/ welche alles viel herrlicher fuͤrbildet/ wenn das Gluͤcke einem die gehabten aus den Haͤnden reist/ fuͤrnehmlich aber die Anwartschaft hoͤchster Ehrenstaffeln/ des Muraͤna steinernes Hertze/ daß er Julien anfaͤnglich anzuschauen/ hernach zu hoͤren/ ferner ihr guͤnstig zu werden/ und endlich sie zulieben anfing. Hoͤret aber/ wie die Eifersucht auch nach erloschener Begierde und aller verschwundenen Hoffnung noch so schaꝛfsichtig und miß guͤnstig sey. Die keu s che An- tonia/ welche nunmehr mit ihrem Drusus sich veꝛgnuͤgte/ und des Muraͤna zu genuͤssen die Un- moͤgligkeit fuͤr Augen sahe/ war gleich die erste/ die Muraͤnens verliebte Veraͤnderung wahr- nahm/ und das groͤste Unvergnuͤgen schoͤpffte/ daß sie Julien mit dem Siegskrantze der Liebe prangen/ und aus ihrem unwiederbringlichen Verluste ihre Nebenbuhlerin so bereichert sahe. Nachdem sie nun ihr von der Kaͤyserin Livia un- schwer fuͤrbilden konte/ daß ihr Absehn mit Ju- lien weit anders wohin/ als auf den Lucius Mu- raͤna gerichtet war; entschloß sie nach langem zweiffelhafften Nachdencken sich an Julien mit eben dem zu raͤchen/ wormit sie von ihꝛ beleidiget worden war. Muraͤna hat nach seiner Zuruͤck- kunft nach Rom der nunmehr aus des Drusus Armen unabtrennlichen Antonia das von der Julia empfangene Liebes-Schreiben/ welches er fuͤr Antoniens hielt/ zuruͤck gesendet/ gleich als wenn er sie dardurch aus sonderbarer Hoͤflig- keit ihꝛes ihm gethanen Verbuͤndnuͤsses befreyen wolte; Antonia aber allererst hieraus er gruͤbelt/ daß Arminius und Thußnelda. daß durch Julien die Verwechselung im Schau- Platze zu Puteol mit Fleiß angestifftet worden waͤre. Diesemnach ereignete sich/ daß Muraͤna und andere junge Roͤmer in denen Servilischen Lustgaͤrten mit Julien und anderm Frauen- zimmer sich in allerhand Kurtzweil-Spielen be- lustigte/ und von ieder Person der zu ihrer aller Richterin erkieseten Livia ein Pfand eingeliefert ward; welches sie hernach wiewohl mit verbun- denen Augen wieder verwechselte/ und von der Person/ die es zu sich genommen hatte/ nebst ei- nem Sinnspruche zuruͤck empfing. Antonia wolte diese Gelegenheit nicht aus den Haͤnden lassen/ und als ihr ungefehr Muraͤnens Hand- schuch zukam/ steckte sie an statt des Sinnspru- ches der Julia Schreiben darein. Wie nun Li- via in denen verwechselten und zuruͤck bekom- menen Pfaͤndern die Sinnspruͤche/ um uͤber ein- oder andern Theiles Scharfsinnigkeit zu urtheilen/ eroͤfnete/ und auf Juliens Schreiben kam/ verstummte sie eine gute Weile; iedoch verstellte sie ihre Veraͤnderung moͤglichst; also/ daß selbter auser Antonien niemand eigentlich gewahr ward. Gleichwol brach sie kurtz hierauf das Spiel ab/ zohe den Kaͤyser auff die Seite/ und weiste ihm seiner Tochter Handschrifft; nichts weniger ihr einbildende/ als daß Antonia solches ihr zugesteckt/ sondern vielmehr/ daß es Muraͤna vergriffen haͤtte. Augustus/ welcher nach der Art grosser Fuͤrsten sich mehr um diß be- kuͤmmerte/ was in denen entferntesten Welt- Enden als in seinem Hause sich zutrug/ ward uͤ- ber Julien heftig erbittert. Denn ob er zwar sei- ne Tochter vorher/ nachdem ihr erster Ehmann Marcellus auff Liviens Anstifften vom Artzte Antonius Musa durch kalte Baͤder getoͤdtet war/ dem vom niedrigerm Uhrsprunge herruͤh- renden Agrippa vermaͤhlet hatte; so war er doch schon vorher mit dem Kaͤyser beschwaͤgert; in dem er der Octavia Tochter Marcella zur Eh gehabt/ seine Siege wider die Gallier/ sein Meer-Bau bey Bajaͤ/ sein See-Sieg wider den Damochares und Sextus Pompejus/ seine hohe Wuͤrden/ und das mehrmahl verwaltete Buͤrgermeister-Ampt hatten ihn auch schon auf eine so hohe Staffel erhoben/ daß Muraͤna/ wie viel edler er gleich von Gebluͤte war/ sich dem Agrippa nicht gleichen dorfte; ja die Staats- Sucht selbst den Kaͤyser noͤthigte ihm entweder seine Tochter/ oder ein Glaß voll Gifft zu geben. Zugeschweigen/ daß der Kaͤyser auf den Muraͤ- na nicht allzuviel traute; weil sein Bruder Varro Muraͤna sich mit dem Fannius Caͤpio wider ihn verschworen hatte. Diesemnach for- derte der Kaͤyser Julien in eine Laubhuͤtte fuͤr sich/ und fragte alsobald/ was sie mit dem Lucius Muraͤna fuͤr vertraͤuliches Verstaͤndnuͤß haͤtte? Diese/ welche ihr von nichts weniger/ als dem an den Muraͤna fuͤr laͤngst geschriebenen Brief- fe traͤumen ließ/ machte ihr die Beschuldigung gantz fremde. Augustus legte ihr aber alsofort ihre eigene Hand fuͤr; woruͤber sie zugleich blaß und stumm ward; alsofort aber dem Kaͤyser zu Fusse fiel/ und/ daß sie auf Muraͤnen ein Auge gehabt haͤtte/ zugestand. Augustus verbot ihr hierauf bey Straffe des Lebens alle Gemein- schafft mit dem Muraͤna/ verließ also Julien in enserster Bestuͤrtzung/ und kehrte zu Livien zu- ruͤcke um mit ihr zu berathschlagen/ wie solcher unzeitigen Liebe Juliens abzuhelffen waͤre. Livia/ welcher ihre luͤsterne Art allzu sehr kundig war/ versicherte den Kaͤyser/ daß er von Julien noch groͤssere Schwachheiten zu besorgen haͤtte; da er ihrer Freyheit nicht einen Ruͤgel fuͤrschie- ben wuͤrde. Denn die sterblichen Menschen waͤ- ren selten genungsam vorsichtig denen Begier- den zu gebieten/ welchen das Gluͤcke selbst zu Ge- bote stuͤnde. Daher waͤre ihr Rath: Es solte Au- gustus sie aufs neue verheyrathen/ und also mit einem Hammer so wol ihre unzeitige Liebe straf- fen/ als ihr ihr eigenes Gluͤcke schmieden. Au- gustus gieng eine gute Weile im Garten voller E e e 2 Nach- Vierdtes Buch Nachdencken auf und nieder/ kam hierauf wie- der zu Livien mit diesen Worten: Es ist nie- mand Juliens faͤhig als ihr Sohn Tiberius. Die Kaͤyserin ward hieruͤber mit einer so uner- maͤßlichen Freude uͤberschuͤttet/ daß wie viel sie gleich wider beyderley Gluͤcke vermochte/ den- noch Noth hatte solche zu verstellen. Diese Empfindligkeit aber bekleidete sie mit diesem be- fremdenden Einwurffe: Mit was Rechte oder Schein koͤnte der Julien ehlichen/ dem die so schoͤne Vipsania Agrippina/ die Marcus A- grippa mit des Pomponius Atticus Tochter ge- zeugt haͤtte/ vermaͤhlet waͤre? Augustus begeg- nete ihr: Mit eben dem Rechte/ als die Juno Ju- pitern verlassen/ und die Stadt Stymphalus fuͤr den Himmel erkieset/ als Penelope vom U- lysses sich getrennet und nach Spaꝛta gefluͤchtet/ endlich ich selbst Scribonien verstossen/ und sie geheyrathet habe. Dannenhero solte sie ohne einige Zeitverspielung dem Tiberius seine Ent- schluͤssung einhalten/ und auf allen Fall zum End-Urthel eroͤfnen/ daß das gemeine Heil ei- nem Buͤrger viel naͤher/ als sein liebstes Ehe- weib angetrauet waͤre. Livia war zu dem/ was sie hertzinniglich verlangte/ unschwer zu bere- den; denn ob sie wol wuste/ daß ihr Sohn Dru- sus vom Kaͤyser zum Reiche bestimmt war; so goͤnnte sie doch entweder dem Tiberius diese Wuͤrde lieber/ oder sie wolte auf den Fall/ da die irrdischen Zufaͤlle dem einen den Compaß ver- ruͤckten/ fuͤr beyde Soͤhne den Grund legen/ als ihre Hoffnung lieber mit zwey/ als einem An- cker befestigen/ und fuͤr ihr eigenes Gluͤcke eine Zwickmuͤhle behalten. Wie sie nun vernahm/ daß Tiberius auf das an dem Albanischen See liegende Vorwerg des Pompejus gereiset war/ folgte sie ihm noch selbigen Tag nach/ fand ihn aber in dem unferne darvon aufgebauten Tem- pel der Venus/ welcher auf Liviens Nachfrage/ was ihn fuͤr eine Andacht dahin triebe/ antwor- tete: Sie wuͤste ja wol/ daß seine Gemahlin ho- hen Leibes gienge/ also haͤtte er der gebaͤhren- den Venus daselbst fuͤr gluͤckliche Genesung schuldige Opffer gebracht. Livia laͤchelte und fing an: Jn Warheit/ ich kan dich besser als hie- fige Priester versichern/ daß die Goͤttin dich er- hoͤret/ und dir mehr/ als du verlanget hast/ zuge- dacht habe. Tiberius ward durch diese Rede und Liviens uͤberaus freudige Gebehrdung sein Gluͤcke zu vernehmen begierig; welchem sie denn auch endlich entdeckte/ daß ihm der Kaͤyser Julien vermaͤhlen wolte. Tiberius nahm es Anfangs fuͤr Schertz auf/ und fragte: Ob denn der Kaͤyser in Rom mehr als eine Frau zu ehli- chen verstatten wolte? Livia versetzte: Zwar dieses ist der Kaͤyser nicht gemeinet; aber unsere Sitten erlauben wohl/ und ich selbst diene dir zum Beyspiele/ daß man wol eine weg lassen/ und eine neue erkiesen moͤge. Tiberius er- schrack uͤber dieser Auslegung/ und wie bedacht- sam er gleich sonst in seinen Entschluͤssen ver- fuhr; so trieb ihn doch seine Liebe so sehr/ daß er in die Worte ausbrach: Die Goͤtter wollen mich in diesen Wanckelmuth nicht einsincken lassen/ daß ich meine getreueste Vipsania/ die Mutter meiner einigen Hoffnung nehmlich des jungen Drusus/ und die itzt wieder in so hei- ligen Banden gehet/ undanckbar verstossen; auch fuͤr eine so keusche Gemahlin die geile Julia erkiesen solte! Livia brach ihm ein: Er solte zu- ruͤck halten von der so verkleinerlich zu sprechen/ die des Kaͤysers Tochter und seine unvermeidli- che Braut waͤre; auch der Wahrheit durch Leichtglaͤubigkeit eitelen oder verlaͤumdischen Ruffes nicht alsobald Abbruch thun. Tiberius antwortete: Seine Einwendung bestuͤnde nicht auf fremdem Argwohn/ sondern auf eige- ner Erfahrung; indem Julia noch bey Lebzei- ten des Agrippa gegen ihm selbst feil gemacht hatte/ was eine ehrliche Frau fuͤr allen/ auser ih- rem Ehherrn/ verborgen halten solte. Livia be- gegnete ihm: So viel mehr hastu die Groͤsse der Liebe/ die Julia zu dir traͤgt/ zu ermessen. Aber warum redest du/ oder ich mit dir von der Liebe/ wel- Arminius und Thußnelda. welche nur der Alberen ihr Leitstern ist? Bist du wol iemahls so einfaͤltig gewest/ daß du ge- glaubt/ ich haͤtte deinen Vater den Nero verlas- sen/ weil ich den Augustus inbruͤnstiger als ihn geliebet? Die inbruͤnstigste Liebe verlieret ihr Wesen/ und verwandelt sich in eine Chimere/ welche mit der Zeit so gar aus dem Gedaͤchtnuͤs- se verschwindet/ wenn es um Ehre und Herr- schafft zu thun ist. Kanst du sie aber nicht aus dem Hertzen loß werden/ so dencke nur/ daß auch ich dem Nero nicht gram worden sey/ als ich gleich schon in dem Bette des Kaͤysers geschlaf- fen? Zwischen Liebe und Heyrath ist eine grosse Klufft befestiget. Jene hat freylich ihr Absehn auf Vergnuͤgung/ diese aber aufs Aufnehmen. Liebe diesemnach/ wie du wilst/ deine Vipsania/ aber ehliche Julien und mit ihr die Anwart- schafft zum Kaͤyserthume. Lasse Vipsania aus deinem Hause/ aber nicht aus deinem Gemuͤ- the. Behalt den jungen Drusus und was sie ferner gebaͤhren wird/ zu deinem Kinde; wie ich dich und den Drusus behalten habe. Goͤnne endlich der eine Handvoll verstohlener Wollust/ die dir die Herrschafft der Welt zum Braut- Schatze einbringt. Denn in Warheit diese ist wichtiger als der eitele Wind aller verzweif- felten Liebhaber/ und hat mehr Nachdruck/ als alle scharffsinnige Einwendungen. Der be- stuͤrtzte Tiberius versetzte seiner Mutter: wie kan ich mir einige Hoffnung zum Kaͤyserthume traͤumen lassen/ wenn ich durch meine unzeitige Ehscheidung mir gantz Rom gehaͤßig mache? Was Julius und August bey ihrer schon befe- stigten Herrschafft gewagt/ laͤst sich von einem Buͤr ger nicht nachthun/ der den hoͤchsten Gipf- fel zwar im Auge/ nicht aber in seinem Besitze hat. Die Gesetze und Beyspiele stehen mir im -Wege. Romulus erlaubt einem Manne sein -Weib nur zu verstossen/ wenn sie die Eh gebro- -chen/ den Kindern vergeben/ oder falsche Schluͤssel gebrauchet. Daher auch viel hun- dert Jahr zu Rom von keiner Ehscheidung zu hoͤren gewest waͤre; biß Spurius Carbilius we- gen Unfruchtbarkeit/ Publius Sempronius wegen Anschauung der Begraͤbnuͤß-Spiele sein Ehweib verstossen. Seine fruchtbare und unschuldige Vipsania aber haͤtte das minste ver- brochen. Bey welcher Beschaffenheit auch Kaͤyser Julius weder durch den Ehrgeitz verlei- tet/ noch durch des Sylla Draͤuungen haͤtte be- wegt werden koͤnnen/ seine liebste Cornelia des Cnina Tochter zu verlassen. Und ob wohl freylich unterschiedene mal einige aus liederli- chen Ursachen ihre Weiber verstossen/ Cato sei- ne aus Freundschafft dem Hortensius abgetre- ten haͤtte; waͤre doch dieser Mißbrauch vom August selbst allererst nachdruͤcklich abgestellet worden. Livia lachte nur zu des Tiberius Ein- wuͤrffen/ und fragte: Ob er sich selbst nicht kenn- te/ wer er waͤre? Und ob er nicht verstuͤnde/ wem die Gesetze geschrieben wuͤrden? Tibe- rius aber antwortete: Es waͤre dem Kaͤyser und ihm selbst daran gelegen/ daß auch die grossen denen Gesetzen gehorsamten. Denn ein Fuͤrst buͤste all sein Ansehen ein/ wenn er das seinen Befehlen angefuͤgte Unrecht nicht raͤchen koͤnte. Er zeigte mit nichts mehr seine Schwaͤche/ als wenn er den Verbrechern durch die Finger se- he. Wenn aber die Gesetze zu Spinnweben wuͤrden/ welche die Wespen und grossen Flie- gen zerrissen; kehrte sie der Poͤfel hernach gar ab/ und trete nicht so wol sie/ als den Gesetzgeber selbst mit Fuͤssen. Livia ward hieruͤber nun- mehr unwillig/ und fing mit einer ernsthafften Verstellung an: Es ist der Klugheit nicht ge- maͤß uͤber dem zu gruͤbeln/ worinnen uns statt der Wahl nur der Gehorsam uͤbrig ist. Der Gesetzgeber der Kaͤyser will es einmahl so ha- ben/ dessen Gewalt du kein Maaß setzen must; wo du nicht deine kuͤnfftige verkleinerlich ein- schrencken wilst. Tiberius wuste Livien hier- auf nichts als tieffe Seufzer entgegen zu setzen; endlich bat er/ ihm so viel Zeit zu erlauben/ daß er seiner Vipsania Gemuͤthe einen so schweren E e e 3 Stoß Vierdtes Buch Stoß zu verschmertzen faͤhig machen moͤchte. Als diß ihm schwerlich erlaubt ward/ trug er es in eben selbigem Tempel seiner Gemahlin mit der empfindlichsten Wehmuth und mit betheu- erlicher Versicherung/ daß seine Liebe durch kei- ne Zertrennung erleschen wuͤrde/ fuͤr. Vipsa- nia aber nahm diese Verstossung/ weil sie die Unvermeidligkeit leicht ermessen konte/ mit einer solchen Bezeugung auf/ daß man ihr we- der einige Kaltsinnigkeit ihrer Liebe/ noch eini- ge Kleinmuth bey hartem Ungluͤcke zumessen konte. Als sie aber nach Rom gelangten/ und Tiberius von Vipsanien nun Abschied nehmen solte; sintemahl der Kaͤyser inzwischen Julien ohne lange Gewinnung ihres Willens befch- licht hatte sich zu der Vermaͤhlung mit dem Ti- berius fertig zu halten; Uberwog beyderseitige Wehmuth alle Kraͤfften der Standhafftigkeit/ also/ daß sie einander mit nichts als heissen Thraͤ- nen und stummen Kuͤssen gesegnen konten. Ja als Tiberius und Julia auch schon einander an- getraut waren/ konte er seineꝛ Vipsania unmoͤg- lich vergessen; ihre Gestalt schwebte ihm gleich als einem Gespenste Tag und Nacht fuͤr den Augen/ er bereuete tausendmahl ihre Verlas- sung; ja als er sie einmal in dem von ihrem Va- ter allen Goͤttern gewiedmetem Tempel nur ungefehr zu Gesichte kriegte/ sahe er selbte mit so starren Augen an/ daß ihm darvon die Augen- lieder aufschwollen; und die solches erfahrende Livia hierauf sorgfaͤltig verhuͤten ließ/ das Vip- sania ihm nicht leicht wieder zu Gesichte kom- men solte. Hier entgegen blieb gegen Julien seine sich anfangs anspinnende/ und nach dem sie ihm auf der Ruͤckreise aus Pannonien zu Aqvi- leja einen Sohn gebahr/ etwas ergroͤssernde Liebe dennoch laulicht; endlich/ als diß Kind zeitlich starb/ ward sie kalt/ und verschwand gar/ also/ daß Tiberius sich ihrer/ so viel moͤglich/ ent- schlug; sonderlich/ da er sahe/ daß Julia in Rom nichts von ihren gewohnten Uppigkeiten nach- ließ; und dieses alle Augenblicke mit einer neuen Gemuͤths-Enderung schwanger gehende Weib zwar alle Farben/ niemahls aber die Weisse der Tugend nach Art des Cameleons anzunehmen faͤhig/ und derselben schoͤnen Griechin aͤhnlich war/ welcher man den Zunahmen einer Uhr gab/ weil sie sich keinen Liebhaber laͤnger besitzen ließ/ als biß die Wasser-Uhr ausgelauffen war. Gleichwol bezeigte sie gegen den Tiberius ie- derzeit eine so feurige Liebe/ daß sie ihm auff den gefaͤhrlichsten Reisen in die rauesten Laͤnder/ in- sonderheit zu den Pannoniern/ welche nach ver- nommenem Absterben ihres ersten Uberwuͤn- ders des Agrippa aufstanden/ und nach der von den Deutschen erlittenen Niederlage des Mar- cus Lollius/ darinnen die Roͤmer den Adler der fuͤnfften Legion einbuͤsten/ in Deutschland nach- folgte. Und weil sie bey diesen fremden Voͤl- ckern so viel Gelegenheit zur Uppigkeit nicht fand/ hierdurch den eiversuͤchtigen Tiberius ein wenig besaͤnfftigte. Denn ob zwar die Eiffer- sucht insgemein eine Geburt der hefftigsten Lie- be/ wie die Vermehrung der Galle uͤbermaͤßig genossener Suͤßigkeit ist; Tiberius aber Julien nie mit einiger Ader geliebt hatte; so war er doch entweder aus einer angebohrnen Gramschafft/ oder aus Einbildung/ daß durch Juliens Geil- heit seine Ehr und Ansehen anbruͤchig wuͤrden/ oder welches am glaublichsten: weil er keinem Menschen Juliens zu genuͤssen goͤnnete/ dieser Schwach heit uͤbermaͤßig unterworffen. Wel- che neidische Unart/ wenn sie mit der Eifersucht sich vermaͤhlet/ auch mit dem Tode nicht aufhoͤret; daher jene zwey Roͤmer in ihrem letz- ten Willen verordneten/ daß nach ihrem Abfter- ben ihre zwey schoͤnen Weiber auf dem ersten Fechterspiele einander toͤdten solten/ und He- rodes/ als er einsmahls zum Kaͤyser reisete/ hinterließ einen Befehl seine wunderschoͤne Mariamne zu ermorden/ wenn er nicht zuruͤcke kaͤme. Ja weil Livia dem Tiberius seine Ei- versucht weder durch das Beyspiel ihrer eigenen Ubersehung/ noch durch angezogene Ursachen ausre- Arminius und Thußnelda. ausreden konte/ sondern er ihr zu seiner Ver- theidigung entgegen setzte: daß die Natur selbst diese Gemuͤths-Regung billichte/ wenn sie die in Mutterleibe noch befindliche Zwillinge zweyerley Geschlechtes absonderlich in eine Haut einhuͤllete und fuͤr einander bewahrte; Li- via sich also zu Rom wegen Juliens aͤrgster Haͤn- del/ und so gar eine Zerfallung des Tiberius mit dem Kaͤyser besorgte/ in dem doch der eiversuͤch- tigen Rache die heftigste und schnelleste ist; und deßhalben das Bild der Nemesis zu Smyrna mit den Fluͤgeln des Liebes-Gottes ausgeruͤstet war/ so veranlast sie den Tiberius/ daß als er gleich nach Rom kehrte/ und die Last des deut- schen Krieges seinem Bruder Drusus uͤberlassen muste/ doch Julien unter dem Scheine foͤrder- samster Ruͤckkehr bey dem Altare der Ubier zu- ruͤck ließ. Julia/ ob sie wol euserlich diese Ab- sonderung schmertzlich empfand/ verlangte doch im Hertzen ferne von ihm zu seyn; sonderlich/ weil des Drusus gegen ihr tief eingewurtzelte Liebe durch diese beqveme Gelegenheit und bey so unverdaͤchtigem zusammen-seyn aufs neue weiderum zum heftigsten entbrannte/ und so wol der Eckel fuͤr dem gramhaftigen Tiberius/ als die ihr allzu sehr versaltzene Genuͤssung des in Syrien von dem Kaͤyser ihrent wegen entfern- ten Muraͤna ihre Liebe gegen dem holdseligen Drusus vergroͤsseꝛte/ und ihre vorige umschweif- fende Zuneigungen nunmehr gleichsam in ei- nen Mittelpunet zusammen drang; wo anders nicht auch die gegen Antonien gesassete Rach gieꝛ/ weil sie nach eingezogener Nachricht vom Mu- raͤna ihr die Zerstoͤrung ihrer Liebe beymaß/ Ju- lien reitzte ihren Drusus zu lieben/ um hierdurch Antonien so viel mehr zu beleidigen. Also wird die so heilsame Liebe mehrmals nicht nur zu eineꝛ Larve der Herschsucht/ sondern auch zu einem Dolche der Rachgier mißbraucht. Massen denn Antonia dieses Verstaͤndnuͤß zwar merckte/ aber weder ihren Eheherrn zu beschimpffen/ noch ih- rer Nebenbuhler in Anlaß zu geben/ daß sie sich noch mehr uͤber ihrer Verschmehung kuͤtzeln koͤnte/ vernuͤnftig verstellte. Sintemal die Ei- fersucht nur eine sinnreiche Erfindung sich selbst zu qvaͤlen/ und ein Wetzstein fremder Begierden ist. Hierdurch aber richtete Antonia gleichwol nichts anders aus/ als daß Julien gar nicht nach Rom geluͤstete/ sondern etliche Jahre/ und wor- mit die Ursache so viel weniger mercklich war/ auch/ wenn Drusus im Winter nach Rom kehr- te/ in Deutschland verharrete/ und in dem Bel- gischen Gallien nicht weit vom Rheine ihrem Gemahl zu Ehren die Stadt Tiberich/ ihr selbst an der Ruhr die Stadt Julich erbaute; Hinge- gen zohe Julia den luͤsternen Drusus staͤrcker als der Nordstern den Magnet an sich. Dahero er auch als Buͤrgermeister den dritten Zug/ nicht so wol wider die Deutschen/ als der unersaͤttlichen Julie zu genuͤssen/ fuͤrnahm/ und sich keine wi- drige Andeutungen/ noch des Augustus Wider- rathungen abhalten ließ. Welcher den aus dem Deutschen Kriege erwachsenden schlechten Vor- theil/ aber mercklichen Verlust nunmehr zu uͤ- berlegen anfing/ und daher diesen Krieg der Fi- scherey mit dem guͤldenen Hamen vergliech/ in der mehr zu verlieren/ als zu gewinnen waͤre. Sintemal die blinde Liebe so sehr in ihr Verder- ben/ als die Motte in die sie zwar anlockende a- ber verzehrende Flamme rennet. Wie nun Drusus zu Maͤyntz/ wo der Maͤyn in Rhein faͤllt/ ankam/ fand er die nach ihm lech- sende Julia schon daselbst auf ihn waꝛtend/ welche ihn den Rhein hinab fuͤhrte/ unter dem Schein ihm ihre zwey neuangelegten Staͤdte zu zeigen/ in der Warheit aber seiner Liebe viel laͤnger und freyer zu genuͤssen. Ja er baute zu Gelduba am Rheine denen drey Heldinnen und der Lie- be ein Heiligthum/ in welches er der Julie Bildnuͤß setzte/ und ihr/ unter dem Scheine solcher Gottheiten/ nach dem Beyspiele der Spartaner opfferte; welche durch diesen Got- tesdienst andeuteten/ daß man fuͤr Ergreiffung der Waffen alle guͤtliche Mittel versuchen sol- te. Drusus brauchte sich dieser wolluͤ- stigen Vierdtes Buch stigen Reise gleichfals zu einer Kriegs-List/ um vielleicht die alte Meinung und das Gedichte wahr zu machen/ daß die Liebe die scharfsinnigste Erfinderin unter den Goͤttern/ und Mercur niemals nachdencklicher gewesen sey/ als wenn ihr annehmliches Feuer nichts minder seinen Verstand erleuchtet/ als sein Hertze entzuͤndet haͤtte. Denn er stellte sich/ als wenn er mit sei- ner Kriegs-Macht wieder bey den Sicambrern einbrechen wolte; weßwegen die Catten/ unge- achtet ihres letztern Zwistes wegen der Beute/ ihnen etliche tausend der am besten berittenen Mannschafft/ treuhertzig zu Huͤlffe schickten. Sintemal die sich mit einander beissenden Tau- ben nicht geschwinder mit einander vereinbaret werden koͤnnen/ als wenn sich ein Habicht/ der sie alle zu zerreissen vermag/ empor schwingt. Ehe sichs aber die Deutschen versahen/ oder Kundschafft erlangen konten/ setzte Drusus bey Antonach die Roͤmischen Legionen/ und Galli- schen Huͤlfs-Voͤlcker uͤber/ und brach bey den Catten mit voͤlliger Macht ein. Hertzog Ar- pus bot mit seinen versammleten Catten den Roͤ- mern die Stirne/ und wolte weder seine denen Sicambrern zu Huͤlffe geschickte Voͤlcker/ noch auch andern Beystand erwarten/ entweder weil er die Roͤmer nicht fuͤr so starck/ oder sich alleine dem Feinde genungsam gewachsen hielt/ und deßwegen in Zuruͤcktreibung der Roͤmer die Ehre alleine einlegen wolte. Also gieng das Treffen beyderseits mit grosser Tapfferkeit an/ Hertzog Arpus fochte wie ein Loͤwe an der Spi- tze seiner hertzhafften Catten. Aber weil der Roͤmer wohl viermal mehr als der Deutschen waren/ wurden sie uͤbermannet/ und Arpus mit seinem Heere zuruͤck zu weichen gezwungen; welches wie allhier gegen die Deutschen/ also fast allezeit der Roͤmer Vortheil gewest/ daß ihre Feinde sich nicht mit einander um die gemeine Erhaltung berathen haben/ sondern in dem sie eintzel weise gefochten/ alle nach einander uͤber- wunden worden. Gleichwol aber hatten diß- mal sich die Roͤmer schlechten Vortheils zu ruͤh- men; indem ihrer so viel/ wo nicht mehr als der Deutschen geblieben waren/ und die Catten an der Lahne wiederum festen Fuß setzten/ um des Feindes Uberkunfft zu verwehren. Drusus ward uͤber dem/ daß eine Handvoll der Deut- schen ihm so viel zu schaffen machten/ erbittert; hielt auch die so kostbare Erhaltung des Feldes mehr fuͤr Verlust als Sieg; und die Beschir- mung dieses kleinen Flusses fuͤr eine grosse Schande der Roͤmer. Weßwegen er folgen- den Tages seinem in voller Bereitschafft stehen- den Heere andeutete: Er wolte in dreyen Stun- den Meister beyder Ufer seyn/ oder selbst sein Be- graͤbnuͤß im Flusse haben. Hiermit setzte er an dreyen Orten an/ wormit er die schwaͤchere Macht der Feinde so viel mehr zertheilte. Die Gallier als geringgeschaͤtzte Fremdlingen/ wel- che wie die angepfloͤckten Kraͤhen auch denen Deutschen den ihnen angeschlingten Strick der Dienstbarkeit um den Hals zu werffen bemuͤht waren/ musten den ersten Angriff thun/ und weil die Catten mit unglaublicher Gegenwehr keinem einen Fuß aus dem Wasser zu setzen er- laubten/ gleichsam mit ihren Leichen den Roͤ- mern drey Bruͤcken uͤber den Fluß machen/ al- so/ daß von viel tausend Galliern wenig uͤbrig blieben/ welchen nicht entweder von den Waf- fen der Deutschen das Licht ausgelescht/ oder von dem Wasser verduͤstert ward. Als nun aber die Roͤmischen Legionen folgten/ und Drusus selbst mit der Reuterey an einem neuen Furthe durchbrechen wolte/ gieng die Schlacht allererst mit erbaͤrmlicher Blutstuͤrtzung an. Arpus wolte mit seinen Catten keinen Fuß breit Erde dem Feinde einraͤumen/ und Drusus nicht ab- ziehen/ und solte das Roͤmische Heer auch mit Strumpf und Stiel vertilget werden. Er selbst hielt zu Pferde mitten im Strome/ umb den Seinigen ein Beyspiel zu seyn; Hertzog Arpus aber gegen ihm am Ufer; ja endlich kamen sie einander so nahe/ daß der Cat- ten Arminius und Thußnelda. ten Hertzog den Drusus in lincken Arm ver- wundete; Gleichwohl wolte er keinen Fuß breit zuruͤck weichen/ weil er wohl wuste/ daß ein Feldherr in dem Kriegs-Spiele zwar ein Re- chenpfennig von eben dem Ertzte/ als andere Kriegsleute sey/ aber etliche tausend gemeine Pfennige gelte/ und ein demselben begegnender Zufall den seinigen ein unermaͤßliches Schre- cken dem Feinde eine zweyfache Hertzhafftig- keit zuziehe. Nach einem sechsstuͤndigen hart- naͤckichten Gefechte aber und als die Roͤmer schon an dem Siege verzweiffelten/ hatten die den Roͤmern noch um einen wiewohl zweyfa- chen iedoch schaͤndlichen Sold dienenden und der Orten mehr kundige Ubier wohl eine Mei- le weges von diesem Schlacht-Platze weg/ einen andern gar nicht besetzten Furth gefunden/ und den Roͤmischen Hinterhalt an sich gezogen/ wel- cher nunmehr die Catten auff der Seite anfiel. Hertzog Arpus/ als er sahe/ daß bey solcher Be- schaffenheit gegen der grossen Menge der Roͤ- mer laͤnger zu stehen mehr eine verzweiffelte Unvernunfft/ als eine Tapfferkeit waͤre/ gab seinen Catten ein Zeichen sich nach und nach zu- ruͤcke in die verhauenẽ Waͤlder zu ziehen/ in wel- che wegen allzu grossen Verlusts und Abmat- tung der Roͤmer Drusus sie nicht verfolgen kon- te/ sondern vielmehr des Arpus vorsichtige Zu- ruͤchweichung einem mittelmaͤßigen Siege vor- ziehen/ und fuͤr eine Hem̃ung seines Einbruchs ruͤhmen muste. Wie denn Drusus in War- heit an dem Lahnstrome stille zu stehen/ und aus den Besatzungen noch eine Legion nebst zwoͤlff tausend Galliern zu Huͤlffe zuruffen gezwungen ward. Mit dieser neuen Verstaͤrckung drang Drusus seinem Feinde nach/ welcher inzwischen sich mit etlich tausend Sicambrern und seinen ihnen zu Huͤlffe geschickten Voͤlckern verstaͤrckt/ und an der Eder gesetzt hatte. Allhier kamen sie mit einander das drittemahl zu schlagen. Hertzog Arpus bediente sich abermahl dieses Flusses zum Vortheil. Denn er hatte seine Schlacht-Ordnung gestellet/ daß eꝛ mit dem lin- cken Fluͤgel an die Eder stieß/ mit dem rechten an die alsbald hinter ihm darein fluͤssende Fulde et- liche Meilen oberhalb der Stadt Stereontium/ uͤber welche beyde er etliche Bruͤcken geschlagen hatte/ um auff allen Fall daruͤber sich zuruͤck zu ziehen. Weil nun die Catten derogestalt auff beyden Seiten versichert standen/ daß die Fein- de nicht einbrechen/ noch auch/ weil die Stirne der Schlacht-Ordnung nicht allzu breit war; Drusus sich seiner Menge voͤllig bedienen kon- te/ war diese Schlacht so grimmig/ als keine vor- her. Drusus und Arpus kamen dreymahl in Person an einander; und so tapffer jener vor sei- ne Siegs-Ehre fochte/ so behertzt begegnete ihm Arpus fuͤr die Freyheit seines Volckes. Das Blutvergiessen waͤhrete vom Auffgange der Sonne biß in Abend/ und gleichwohl hatte sich keiner des Sieges zu ruͤhmen. Der Roͤmer waren so viel blieben als der Catten/ der Gallier aber ungleich mehr/ welche Drusus an die Spi- tze stellte/ und den Feind durch die Eder anzu- greiffen befehlicht hatte/ und gleichsam aus ih- rem Verluste denen Roͤmern einen Gewinn zu- zu ziehen vermeinte. Beyde Feldherren waren verwundet/ und die Kriegs-Heere blieben nur drey Bogen-Schuͤsse weit von einander halten/ mit beliebtem Stillestande die Nacht uͤber ihre Todten zu beerdigen. Eine solche Guͤlte hat der Friede in sich/ daß auch die Feinde dessen mitten unter dem Geraͤusche der Waffen nicht entpehren koͤnnen. Hertzog Arpus aber/ weil er seiner Ehren genug gethan zu haben vermein- te/ auch wohl sahe/ daß seine Voͤlcker gros- sen theils sehr verwundet/ und durchgehends abgemattet/ hingegen viel Roͤmer noch nicht einst zum Treffen kommen waren/ brauch- te sich dieses Stillstandes zu einer neuen Kriegs- List/ welcher sich die Persen/ weñ sie in der Flucht die sie verfolgende Feinde bekaͤmpffen/ bedienen/ und dadurch die Scythen die groͤste Ehre einzu- legen vermeinen/ wenn sie andern den Ruͤcken Erster Theil. F f f kehren/ Vierdtes Buch kehren/ und ihnen gleichwohl den groͤsten Ab- bruch thun. Jedoch ließ er mit dem fluͤchti- gen Demosthenes in der Hoffnung sich kuͤnfftig besser zu halten/ den Schild nicht im Stiche; sondern die gantze Nacht anfangs alles Kriegs- Geraͤthe/ hernach die Verwundeten und das Fußvolck uͤber den Fluß gehen; und endlich folg- te er mit der Reuterey nach/ zuͤndete die Bruͤcken hinter sich an/ und zohe sich an die Weser. Dru- sus/ welcher ihm einbildete: er haͤtte den Arpus zwischen diesen zwey Fluͤssen im Sacke/ ward am Morgen allererst bey Abweichung der letz- ten Hauffen dieser klugen Zuruͤckziehung ge- wahr; hatte auch Bedencken einem so listigen und tapfferem Feinde zwischen die Fluͤsse und Waͤlder tieffer nachzugehen; sonderlich da er vernahm: daß die Catten sich abermahls an ei- nen so vortheilhaften Ort zwischen die Fulde und Weser gesetzt/ und am Ruͤcken ebenfals etliche Bruͤcken geschlagen hatten. Diesem nach ent- schloß sich Drusus auch einmal mit dẽ Hermun- duren/ welche wie die Catten gleicher gestalt ein Theil der Schwaben waren/ anzubinden/ und sein Heil zu versuchen; richtete also seinen Zug gegen Mittag und gegen dem Meyn/ von dar wendete er sich gegen der Saale; fand auch zu seiner Verwunderung etliche Tagereisen we- der einigen Widerstand/ noch einige Menschen. Denn in denen Waͤldern waren alle Flecken verbrennet. Endlich aber gerieth sein Vortrab nahe biß an den Hermundurischen Saltz-See; aus welchem sie an statt des mangelnden Meer- Wassers das von ihnen so genennte Saltz-Oel schoͤpffen/ solches in einen grossen Hauffen gluͤender Kolen giessen/ und also denn das durch Feuer und Wasser gleichsam zusam̃en gebacke- ne Saltz von der Asche absondern. Diesen Ort/ als welchen die Natur mit einem so herrlichen Schatze begabet/ auch mit diesem ge altzenen ei- nen andern suͤssen See unmittelbar verbunden hat/ halten die Hermundurer fuͤr den heiligsten in der Welt/ und glauben/ daß Gott nirgends wo so geschwinde das Gebet der Sterblichen er- hoͤre; dahero sie auch wegen Besitzung dieses Saltz-Sees und etlicher anderer Saltz-Brun- nen mit den Catten und Cheruskern offtmahls Kriege gefuͤhret. Nahe hierbey/ sage ich/ stiessen etliche Hermundurer/ so den Feind ausspuͤhren solten/ auff des damahligen Buͤrgermeisters des Qvintus Crispinus Sohn/ der den Roͤmi- schen Vortrab fuͤhrte. Wie nun er sich dieser wenigen leicht bemaͤchtigte/ also zwang er ihnen endlich durch Draͤuen und Marter aus: daß der Marckmaͤnner Koͤnig Marobod zwischen der Saale und dem Saltz-See mit siebentzig tau- send außerlesenen Fußknechten und dreißig tau- send Reutern wartete. Vannius aber/ ein Qva- discher Fuͤrst/ welcher durch Marbods Huͤlffe das Koͤnigreich der Qvaden und Schwaben zwischen der Donau/ dem Flusse Marus/ und dem Reiche der Bojen unlaͤngst erobert hatte/ stuͤnde nicht weit darvon/ und haͤtte dieser allen seinen Unteꝛthanen befohlen/ sich gegen deꝛ Saa- le zuruͤck zu ziehen. Drusus stutzte nicht allein uͤber dieser Zeitung/ sondern ward auch bekuͤm- mert/ daß er von dieser grossen Macht nicht um- geben und auffgerieben werden moͤchte. Weil er aber gleichwohl nicht begreiffen konte/ war- um die Hermundurer/ welche eine so grosse Macht an der Hand gehabt/ so ferne gewichen waͤren; fragte: warum sie denn ihr Land selbst so sehr verwuͤstet haͤtten? Nostitz/ ein gefange- ner Edelmann/ antwortete dem Drusus: Bey den Deutschen waͤre es Herkommens/ daß ein ieder der gemeinen Wohlfarth zum besten sich ihres Vermoͤgens gerne verlustig mach- ten. Wenn diesem nach ihr Fuͤrst es fuͤr vor- traͤglich hielte/ steckte ieder Einwohner auff sei- nen Besehl das Feuer mit Freuden unter sein eigenes Dach/ weil sie sich bescheideten: daß ein Fuͤrst eben so wohl als die Sonne manchmahl beschwerlich seyn muͤste; welche mehrmahls ei- nem Reisenden den Schweiß austriebe/ unter- dessen die Erndte reiff machte/ die Welt beseelte/ und tausenderley Nutzen schaffte. Schwere Sa- chen senckten sich in die Tieffe/ als ihrem ordent- lichen Arminius und Thußnelda. lichen Ruh-Platze; Gleichwohl erhuͤben sie sich offt empor/ wormit in der Natur nichts leer blie- be; also muͤsten Unterthanen sich dem gemeinen Wesen zum besten auch zuweilen ihrer suͤssen Ruh und Wohlstandes enteussern. Am besten aber waͤre/ daß die Deutschen den Verlust ihrer wenigen Guͤter leicht wieder schaffen koͤnten. Warum aber dißmahl ihre Fuͤrsten die Flucht und die Einaͤscherung ihrer Wohnungen ver- ordnet haͤtten/ stuͤnde ihnen nicht zu auszugruͤ- beln. Ausser Zweiffel aber waͤre es aus wichti- gen Ursachen/ und zu ihrem Besten geschehen. Weil diese Aussage dem Drusus noch im̃er mehr Nachdencken machte/ schickte er an den Koͤnig Marobod/ und ließ ihm fuͤrtragen: Weil er wol wuͤste/ wie Kaͤyser August den Marobod/ als er in seiner Jugend zu Rom sich auffgehalten/ so lieb und werth gehabt/ und wie hoch er ihn noch zur Zeit schaͤtzte/ waͤre er dahin nicht kommen die alte Freundschafft zu verletzen/ welche vielmehr die Groͤsse beyderseitigen Gluͤcks befestigen sol- te. Augustus habe ihm vielmehr eingebunden das gute Vernehmen zwischen ihnen zu unter- halten. Nachdem aber die Hermundurer so viel- mahl in das Gebiete der Roͤmer eingefallen waͤ- ren/ und ihre Bunds-Genossen mit Raub und Brand beschaͤdiget haͤtten/ waͤre er genoͤthiget worden ihrer Vermessenheit zu steuern/ und deß- halben in ihre Graͤntzen geruͤcket. Dafern auch dem Marobod hieruͤber ausfuͤhrlicher zu han- deln eine muͤndliche Unterredung beliebte/ moͤchte er hierzu Zeit/ Ort und Art benennen. Marobod entbot dem Drusus zuruͤcke: Er haͤtte gegen die Roͤmer sich in Andencken der ihm zu Rom erwiesener Wohlthaten stets also bezeiget/ daß er sie niemahls zum Kriege veranlasset. Da- fern man sich aber an ihn reiben wolte/ haͤtte er genugsame Macht und Hertze ihnen zu begeg- nen. Er wolte aber gegen den Mittag an der Bach/ welche zwischen beyden Heeren hinfluͤsse/ nur mit hundert Pferden sich einfinden/ und da- selbst vernehmen/ was er an ihn ferner zu brin- gen haͤtte? Drusus fand sich ein wenig fuͤr der Zeit an dem bestimmten Ort ein; daher Koͤnig Marbod sich daselbst einzufinden weigerte/ weil es ihm verkleinerlich schiene zum Drusus als ei- nem Vornehmern zu kommen. Wiewohl nun Drusus die Hoheit des Roͤmischen Volckes und das Ansehn des Kaͤysers fuͤr sich anziehen ließ/ entbot ihm doch Marobod zuruͤcke: Er waͤre in Deutschland diß und ein mehrers/ als Augustus zu Rom. Und da sein Vorfahr Koͤnig Ariovist zum Kaͤyser Julius zu kommen fuͤr verkleiner- lich geschaͤtzt; wie viel weniger stuͤnde ihm an zu eines Kaͤysers Feldhauptmanne zu kom̃en/ fuͤr- nehmlich aber allhier in Deutschland/ da er Koͤ- nig/ Drusus aber entweder ein Gesandter/ oder ein Gast/ oder ein Feind waͤre. Uber diß haͤtte er beym Drusus nichts zu suchen; wenn also Dru- sus bey ihm nichts anzubringen vermeinte/ koͤn- ten sie beyde der Zusammenkunfft gar entpeh- ren. Endlich ward durch Unterhandlung er da- hin verglichen: daß Drusus von dem Orte ab- weichen/ und beyde zugleich auff die verglichene Stelle zusammen kommen musten. Jhre Leute liessen sie eines Bogenschusses weit hinter sich/ sie aber trennte nichts als die schmale Bach. Dru- sus fing nach beyderseitiger freundlichen Be- gruͤssung zum ersten an die Gewogenheit des Kaͤysers/ die Friedens-Begierde des Roͤmischen Volckes gegen ihn auszustreichen. Weil nun aber die unbaͤndigen Hermundurer leicht einen Zanck-Apffel zwischen sie werffen doͤrfften/ ver- langte er einen Vorschlag/ wie diese am fuͤglich- sien im Zaume gehalten/ und aller besorglichen Zwytrachtbey zeite vorgekommen werden koͤn- te. Marobod antwortete: Es waͤre ihm nicht un- angenehm die Freundschafft der Roͤmer; Weil aber nechsthin der Roͤmische Landpfleger zu Car- mut ihm und seinem Bundsgenossen der Qva- den Koͤnige Vannius/ der nicht weit hinter ihm stuͤnde/ und der Roͤmischen Macht in Pannoni- en Abbruch zu thun Kraͤffte genug haͤtte/ schlech- te Bezeugung ihrer Freundschafft gethan/ und sich weitaussehender Anschlaͤge verlauten las- sen; darzu ihm dieser Einbruch des Drusus F f f 2 nicht Vierdtes Buch nicht unbillich bedencklich fuͤrkaͤme/ thaͤte Dru- sus gar wohl/ daß er alle Gelegenheit der Unei- nigkeit aus dem Wege zu raͤumen trachtete. Die einmahl zerbrochene Freundschafft waͤre her- nach unauffhoͤrlichem Mißtrauen unterworf- fen/ liesse sich auch weniger als ein zerfallenes Glaß vollkoͤm̃lich ergaͤntzen. Dieselbten hegten mit einander den bestaͤndigsten Frieden/ die ihre Kraͤfften noch nicht gegen einander versucht haͤt- ten. Der Hermundurer Streiffen lobte er nicht/ es waͤre aber eine so tieff eingewurtzelte Art die- ses streitbaren Volckes/ welches schwerlich durch einiges Mittel/ am wenigstẽ abeꝛ durch die Waf- fen vertilget werden koͤnte. Nachdem aber die Hermundurer ihn fuͤr ihren Koͤnig angenom̃en/ und er ihren vorigen unruhigen Fuͤrsten vertrie- ben/ wolte er darob seyn/ daß der Roͤmer Be- schwerden/ so viel moͤglich/ wuͤrde abgeholffen werden. Drusus nahm diese Erklaͤrung fuͤr be- kandt an/ und bat/ daß Marobod den Vannius zu ihnen beruffen moͤchte. Als diß erfolgte/ redete Drusus ihn an: Sein Antlitz und Geberdung bestaͤtigten bey ihm das gute Urthel/ welches Koͤ- nig Marobod von ihm gefaͤllet haͤtte/ da er ihn zum Koͤnigreiche der Qvaden waͤre befoͤrderlich gewest. Diesemnach erklaͤre er ihn im Nahmen des Kaͤysers ebenfals fuͤr einen Koͤnig der Qva- den/ fuͤr einen Freund des Kaͤysers/ und treuen Bunds-Genossen der Roͤmer. Hiermit befahl Drusus alsofort/ daß so wohl dem Marobod/ als dem Vannius ein schoͤnes mit einer goldgestuͤck- ten Decke/ und mit guͤldenem Zeuge geputztes Pferd/ ein mit Edelgesteinen versetzter Degen/ eine Lantze/ und ein guͤlden Halsband mit des Kaͤysers Bildniße herbey gebracht ward. Wor- mit sie also nach gewechselten Versicherungen ihrer Freundschafft von sam̃en schieden/ die Roͤ- mer aber von ihrem Drusus hierauff ruhmraͤ- thig aussprengten/ daß er den maͤchtigen Koͤnig Maꝛobod zũ Fꝛieden gezwungen/ auch den Qva- den und Schwaben einen Koͤnig fuͤrgesetzt haͤtte. Diesem nach entschloß sich Drusus/ der ver- moͤge des mit dem Marobod getroffenen Ab- kommens/ das Gebiete der Hermundurer raͤu- men muste/ seine Rache an den Cheruskern aus- zuuͤben/ darzu er nimmermehr eine bessere Ge- legenheit hoffen konte/ als sie ihm itzt die zwischen dem Marobod/ und ihnen schwebende Mißhel- ligkeit an die Hand gab. Also richtete er seinen Zug recht gegen die Weser/ welche von aller Be- satzung entbloͤsset war/ indem der von so vielen innlaͤndischen Kriegen abgemergelte Segimer sich mit dem uͤbrigen Kriegsvolcke im Baceni- schen Walde/ so wohl wegen der Marckmaͤnner/ als Roͤmer verhauen hatte/ aus Veysorge: Es haͤtten Marobod und Drusus bey ihrer Zusam- menkunfft wider die Cherusker ein Buͤndniß ge- macht/ und ihn vor und hinterwerts anzugreif- fen mit einander abgeredet. Sintemal die Zu- sammenkunfft grosser Fuͤrsten nichts minder/ als die Vereinbarung grosser Gestirne/ nach- druͤckliche Wuͤrckungen nach sich zu ziehen pfle- gen. Drusus schlug eine Bruͤcke uͤber die Weser/ befestigte sie/ und ging mit dem gantzen Heere uͤ- ber. Weil er nun alle Flecken leer fand/ versuchte er zwar in den Hartzwald ein zu brechen; aber er muste mit Verlust abweichẽ/ indem die der heim- lichen Wege kundigen Cherusker die Roͤmer bald vor/ bald hinterwerts anfielen/ und von denen hohen Klippen und schattenreichen Gipffeln der Baͤume unversehens verletzten. Hiervon wen- dete er seinen Zug gegen der Elbe/ mit Vorsatz uͤber diesen beruͤhmten Fluß zu setzen/ und hier- durch allen fuͤr ihm gewesenen Roͤmern/ derer keiner noch diesen Strom gesehen hatte/ den Preiß abzurennen. Welches ihm deñ auszurich- ten nicht schwer schien/ weil Deutschland zwi- schen der Weser und der Elbe fast gantz Volck- leer war/ und sich die Einwohneꝛ entwedeꝛ in den Bacenischen Wald/ oder in die Jnseln gefluͤchtet hatten. Alleine wo menschliche Armen zu schwach sind einem ungestuͤmen Gluͤcke die Stirne zu bieten/ hauen die Goͤtter selbst einem einen Span ein/ wo das Verhaͤngniß seine Deichsel anderwerts hin zu drehen beschlossen hat. Drusus kam zwar ohne einigen feindli- chen Arminius und Thußnelda. lichen Anstoß an die Elbe; alleine/ als er noch ei- ne Tage-Reise davon entfernet war/ und er des Nachts seinen Zug fortsetzte/ legte sich ein schwar- tzes Gespenste in einem Walde ihm uͤber den Weg/ also daß das Pferd mit Schaͤumen zuruͤck prellte/ und weder durch Sporn noch Ruthe uͤber solchen Pfad zu bringen war. Nach dem er auch in dem unbesetzten Flusse eine Bruͤcke zu bauen anfing/ uͤberschlug sich das Schiff/ und ertrancken die meisten/ welche den ersten Pfal einstossen wolten. Drusus war hieruͤber be- stuͤrtzt/ und nach dem er ihm einbildete/ daß der Schutz-Gott dieses Flusses oder Landes ihm zu wider waͤre/ baute er selbtem am Ufer ein Altar von Rasen und Mooß/ verordnete selbtem ge- wisse Priester/ welche ihn durch Wuͤntsche und Beschwerungen/ und insonderheit durch Opfe- rung der am Ufer gewachsenen Disteln ge- schwinde zu erscheinen noͤthigen solten. Dru- sus selbst streute allerhand waͤßrichte Kraͤuter in das Feuer/ strich die Hoheit dieses edlen Stro- mes hoch heraus/ gelobte ihm nicht nur daselbst/ sondern auch zu Rom einen Tempel zu bauen/ und zu seiner Verehrung groͤssere Andacht/ als die Deutschen ihm iemals gewiedmet haͤtten/ an- zurichten. Dieser neue Gottes-Dienst ward des Abends bey der Demmerung verrichtet/ weil diese Zeit denen Wasser-Goͤttern am ange- nehmsten seyn soll. Wie nun Drusus und die Priester auf eine sonderbare Erscheinung war- teten/ flohe unversehens dem Drusus eine Nacht-Eule uͤber dem Kopfe weg/ von welchen geglaͤubet wird/ daß selbte zwar der unholden Goͤtter Abneigungen und kuͤnftiges Un- gluͤck ankuͤndigten/ zugleich aber als Bilder der Weißheit den Menschen eroͤffneten/ wie sie allen Trauer-Faͤllen gluͤcklich entkommen solten. Es war aber kaum dieser Ungluͤcks-Vogel fuͤr- bey/ als an dem andern Ufer der Elbe sich ein die Laͤnge eines Menschen wohl zweyfach uͤbertref- fendes Weib empor streckte/ und mehr als uͤber die Helfte des Gtromes gegen dem Drusus ge- watet kam. Sie war fingernackt/ die Augen glaͤntzten wie gluͤende Kohlen ihr im Kopfe/ die Haare hingen ihr gantz verworren uͤber die Bruͤste und Schultern/ und wie sie stehẽ blieb/ hob sie ihre rechte Hand gegen dem Drusus draͤuen- de auf/ und fing mit einer holen Stimme gegen ihm an: Drusus/ Drusus/ bilde dir nicht ein/ daß der Trieb deiner Ehrsucht staͤrcker sey/ als die Schutz-Goͤtter dieses maͤchtigen Stromes/ noch daß dein Hochmuth das Ziel des Verhaͤng- nuͤsses uͤberfluͤgen koͤnne. Weiche diesemnach alsofort zuruͤcke/ denn hier ist das Ende deiner Thaten und deines Lebens. Jedes Wort die- ses Geistes war ein Donner-Schlag in den Oh- ren und dem Hertzen des Drusus. Rhemetalces brach ein: Es ist unschwer zu glauben/ nach dem ich diese Begebnuͤß selbst nicht ohne Erschuͤttern anhoͤre/ dafern anders dieser Begebung voͤlliger Glaube beyzumaͤssen ist. Denn die Wunderwercke doͤrffen wegen offter Verfaͤlschung genauere Pruͤfung als die Muͤntze. Jch selbst habe in Egypten mit mei- nen Augen gesehen/ daß die Crocodile etliche sich im Nil badende Knaben an dem Geburts-Ta- ge des Apis verschlungen haben/ da doch ihre Priester der gantzen Welt weiß machen wollen/ daß sie umb selbige Zeit sieben Tage lang zahmer als die Laͤmmer waͤren. Man hat mich zu Rom verlachet/ als ich nach dem Orte gefraget: Wo die Vestalische Jungfrau Valeria Maxi- ma zu Bewehrung ihrer Keuschheit aus der Ti- ber das Wasser geschoͤpft haͤtte/ welches sie in ei- nem loͤchrichten Siebe in den Tempel der Goͤtter-Mutter getragen. Ja der sonst glaub- haftesten Geschicht-Schreiber Buͤcher sind von gantz unglaublichen Dingen/ welche auch fuͤr Traͤume zu alber scheinen/ angefuͤllet/ also/ daß nach dem schon ein Loͤwe in Peloponnesus/ ein Mensch und Ochse anderwerts vom Himmel gefallen seyn soll/ wir mit ehstem eine Land-Kar- te des Monden mit den Gemaͤhlden derer darin- nen wohnenden Thiere zu erwarten haben. So F f f 3 leicht- Vierdtes Buch leichtglaubig sind die Menschen/ und wir schei- nen in nichts nachdencklicher zu seyn/ als wenn wir einander eine Unwahrheit aufbinden wol- len; ja unsere Einbildung ist bemuͤhet offt selbst unsere Sinnen zu betruͤgen/ und einen blauen Dunst fuͤr die Augen zu mahlen. Adgande- ster antwortete: Die Wahrheit waͤre eine Buͤr- gerin des Himmels/ und eine seltzame Gaͤstin auf Erden/ also nicht Wunder: daß man sie nicht allezeit und allenthalben antreffe. Auch wuͤste man/ mit was fuͤr Aberglauben und Falschhei- ten die Roͤmer so wohl ihre Ungluͤcks-Faͤlle als Fehler zu bekleiden pflegten. Nichts desto weni- ger waͤre das erzehlte dem Drusus mehr deñ all- zu gewiß begegnet/ und koͤnte er ihnẽ etliche noch lebende Deutschen fuͤrstellen/ welche an dem an- dern Ufer der Elbe eben diß mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist merckwuͤrdig/ hob Rhe- metalces an/ und eine sichere Buͤrgschafft der Wahrheit. Sintemal sonst insgemein so wun- derbare Erscheinungen nur von einem Men- schen gesehen/ andern aber/ die gleich nahe darbey stehen/ die Augen verschlossen werden. Gleich als wenn nur die/ welche etwas Goͤttliches an sich haben/ Geister sehen/ und mit Goͤttern sich selbst besprechen koͤnten. Aber soll ich dieses Weib fuͤr einen Gott oder fuͤr einen Menschen halten? Adgandester versetzte: Diese Frage zu eroͤrtern waͤre fuͤr ihn zu hoch/ und gehoͤrte in die Schule der Geistligkeit; iedoch fiele ihm bey: daß ein derogleichen Weib auch dem Catuman- dus erschienen waͤre/ und ihn von Belaͤgerung der Stadt Massilien abgemahnet; er aber solche hernach in dem Tempel fuͤr die Goͤttin der Mas- silier erkennet/ und mit einer guͤldenen Kette be- schencket haͤtte. Durch diese Entschuldigung war der Priester Libys/ der kurtz vorher aus dem Tempel zuruͤck kommen war/ und der letztern Erzehlung unvermerckt zugehoͤret hatte/ veran- lasset/ sich mit diesen Worten herfuͤr zu thun: Seine Begierde so eines tapfern Fuͤrsten Sorg- falt zu vergnuͤgen/ noͤthigte ihn ihre Unterre- dung zu stoͤren. Seinem Urthel nach aber waͤre dieses Gesichte weder fuͤr einen rechten Gott/ noch fuͤr einen schlechten Menschen zu halten. Rhemetalces umbfing den Priester mit einer ehrerbietigen Hoͤfligkeit/ und lag ihm an: daß er durch seine Erklaͤrung ihrer Unwissenheit ab- helffen moͤchte. Libys begegnete ihm hier auf mit einer besondern Annehmligkeit: Zwischen Gott und dem Menschen waͤre etwas mitleres/ nehmlich die Geister. Denn Gott als der ei- nige Mittel-Punckt/ aus welchem der Circkel aller Dinge wie aus einem unerschoͤpflichen Brunnen grosse Stroͤme entsprungen waͤre/ haͤtte nicht nur den grossen Welt-Coͤrper als den Schatten und das Bild seiner unsichtbaren Gottheit mit einem obersten Geiste beseelet/ welcher die widrigen Glieder derselben gleich als eine von allerhand Art Saiten zubereitete Harf- fe durch annehmliche Zusammenstimmung in Eintracht erhaͤlt/ und insgemein die Natur genennet wird; sondern dieser sorgfaͤltige Vater hat iedem Theile und Gliede der Welt zu seiner Erhaltung einen Geist absonderlich zugeeignet. Die tieffsinnigen Egyptier schreiben der ver- staͤndlichen/ der him̃lischen und unterirrdischen Welt zwoͤlff Haupt-Geister/ ja den Gestirnen alleine acht uñ viertzig oberste Herrscher zu/ derer zwoͤlff gute nach Zoroasters Lehre vom Orima- zes/ zwoͤlff boͤse aber vom Arimanius zu Besee- lung der Welt als eines Eyes erschaffen seyn sollen. Die unterirrdische Welt solle abermals vier Haupt-Geister bewirthen/ derer einer Osi- ris dem Feuer/ der andere Jsis oder Hertha der Erde/ der dritte der Lufft/ der vierdte dem Was- ser fuͤrstehen solte. Aber hierbey hat es die Guͤ- te des unbegreifflichen Gottes nicht bewenden lassen. Jedes Land/ ieder Berg/ ieder Fluß/ iede Stadt/ ieder Mensch hat seine gewisse Schutz-Geister. Egypten verehret nicht nur fuͤnf allgemeine/ sondern iede Landschafft einen absonderlichen/ und zwar ieden in einem abson- deren Tempel. Die Persen zuͤnden ihren feu- Arminius und Thußnelda. feurigen Weyrauch an/ die Syrer opfern ihrem waͤßrichten. Und unser Deutschland ist so we- nig als Jtalien oder Thracien seines Schutz- Geistes entbloͤsset. Die Phoͤnicier schauen nicht nur den Berg Carmelus/ und die Emesse- ner/ die Cappadocier und Dacier ihr Gebuͤrge als ein Antlitz des ewigẽ Schoͤpfers an/ und ver- ehren ihre Geister theils mit Tempeln/ theils mit anderer Andacht/ weil sie die Berge an sich selbst fuͤr die herrlichsten Tempel halten; sondern auch Rom glaͤubt: der uns hier im Gesichte lie- gende Meliboch ihre absondere Geister in sich hegen. Jch geschweige der Waͤlder und Thaͤ - ler/ und beruͤhre nur die sich mehr hieher schicken- de Brunnen und Fluͤsse. Gewißlich haͤtte das Auge des Gemuͤthes in ihnen nicht absondere Geister wahrgenommen/ wuͤrden die Egyptier ihrem Nilus nicht so viel Saͤulen und Tempel gebauet/ die Messenier ihrem Pamisus/ die Phrygier dem Meander und Marsyas/ der grosse Alexander dem Meere geopfert/ die Roͤ- mer den Vater Tiberin nicht verehret haben. Der Brunn Clitumnus wuͤrde von Umbriern/ ein ander von Samiern/ das Qvell Arethusens von Griechen/ und die Unsrigen von den Bojen und Catten nicht fuͤr heilig gehalten werden. Und die Stadt Puteol wuͤrde ihrem grossen Schutz-Gotte kein so praͤchtiges Gedaͤchtnuͤß- Mahl mit einer so herrlichen Uberschrifft gestiff- tet haben. Jch gebe gerne nach/ daß viel durch ihre Vergoͤtterung allzuweit gehen/ aber das er- zehlte Beyspiel unserer Elbe ist ein genungsames Zeugnuͤß/ daß diese Geister nicht zu beleidigen sind/ sie auch aus Goͤttlicher Zulassung eine ge- wisse Beschirmungs-Macht haben muͤssen. Auch ist nicht unbekandt/ wie die Stadt Apollo- nia mit dem Schutz-Bilde des Flusses Aaͤn- tes/ welches ihnen die Epidaurier alleine zu Huͤlffe verliehen/ die Jllyrier in die Flucht ge- trieben habe. Die Thebaner haben wider die Leuerenser einen herrlichen Sieg mit Huͤlffe ih- res so genanten Schutz-Geistes Hercules erfoch- ten; dessen Tempel zu Thebe sich bey angehender Schlacht eroͤffnet/ dessen darinn aufgehenckte Waffen sich verlohren/ und also seine Abreise an- gedeutet/ seinen Beystand in der Schlacht aber das ungemeine Schrecken der Feinde bewaͤhret haͤtte. Daher auch unsere Vorfahren/ als sie nach der den Roͤmern bey dem Flusse Allia zu- gefuͤgten grossen Niederlage die Stadt Rom er- oberten/ und die Rathsherren auf ihren Stuͤlen unbewegt sitzen fanden/ nicht ohne Ursache sich entsetzten/ weil sie sie anfangs fuͤr die Roͤmischen Schutz-Geister ansahen. Jch geschweige/ daß die Griechen den Schutz-Geist der Stadt Troja durch ihre Beschwerungen auf ihre Seite ge- bracht habẽ sollen. Welchẽ es die Roͤmer/ wie ietzt vom Drusus erzehlet worden/ nachthun; hingegẽ aber den Nahmẽ und Eigenschafft ihres Schutz- Geistes Romanessus so sorgfaͤltig verbergen; ja ihre geweihtẽ Bilder/ als den Ancilischen Schild durch Nachmachung so viel anderer verstecken. Rhemetalces fiel ein: Aber da die Geister einem Orte derogestalt entzogen werden koͤnnen/ war- umb hat es dem Drusus so sehr fehl geschlagen? Der Priester antwortete: Wer kan ohne Ver- blendung der Augen in die Sonne/ und ohne Verduͤsterung des Gemuͤthes in das viel hellere Licht des Goͤttlichen Verhaͤngnuͤsses sehen? Jch weiß wohl/ daß derogleichen Mißrathungen vom Aberglauben einer ungeschickten Vereh- rung zugerechnet werden. Denn dieser bildet ihm ein: Einem Geiste muͤste eine Wiedehopfe/ einem andern ein Kirbis/ insonderheit kein frembdes oder des Geistes Wesen widriges Ge- waͤchse/ ingleichen alles mit gewisser Geberdung und in seltzamer Tracht geopfert; ja es koͤnte ohn ein Maulwurffs-Hertze keine gewisse An- deutung erbeten; auch muͤsten die Saͤulen/ in welche die Geister zum Wahrsagen gebannet werden solten/ aus gewissem Zeuge bereitet und unterhalten werden. Wordurch Koͤnig Phi- lipp in Macedonien die Pythia/ oder so gar des Apollo Wahrsager-Geist gewonnen haben solle. Aber Vierdtes Buch Aber mir sind diese Thorheiten ein Greuel/ und ich glaube/ daß unser Schutz-Geist durch keine frembde Kuͤnste/ wohl aber durch unsere Laster uns entrissen wird/ und daß so denn der Goͤttli- che Beystand von uns und unserm Lande Ab- schied nim̃t/ wenn unsere unreine Hertzen mehr zu keinem Tempel eines reinen Goistes taugen/ wenn unsere Fluͤsse/ unsere Berge/ als die von der Natur gesetzte Schutzwehren der Laͤnder mit Blute und Unrecht besudelt sind. Diesemnach dañ auch fuͤr keine Strengigkeit des guͤtigẽ Got- tes anzuziehẽ ist/ wenn er verhaͤnget/ daß Staͤd- te und Menschẽ nichts minder von einem boͤsen/ als einem guten Geiste begleitet werdẽ/ oder: daß vieler Meynung nach/ iede Stunde der Woche eines besonderen Geistes bald heilsamer bald schaͤdlicher Herrschafft unterworffen/ und daher unser Gluͤck und Thun auch so ofter Veraͤnde- rung unterworffen seyn solte. Denn der iedem Menschen noch in Mutter-Leibe zugeeignete Schutz-Geist/ welcher keinen Augen-Blick sich von ihm entfernet/ sondern zu unserer Geburt behuͤlfflich ist/ und nicht/ nach etlicher Meynung mit uns gebohren/ oder aus dem Geburts-Ge- stirne herunter gelassen/ weniger aber von uns sterblichen Menschen geschaffet wird; ja der uns auf den Haͤnden traͤgt/ und biß man die Seele ausblaͤset/ als ein unabtrennlicher Gefaͤrte be- gleitet; auch wohl gar nach dem Tode/ wenn des verstorbenen Boßheit sie nicht selbst verbannet/ ein Beschirmer des Hauses bleibet/ und den un- srigen uns zu Liebe zu Dienste stehen/ ist solchen widrigen Geistern nicht nur gewachsen/ sondern auch uͤberlegen/ wenn selbter nur in schuldigen Ehren gehalten/ fuͤrnehmlich aber nur mit ei- nem helligen Leben versoͤhnet wird; weswegen unsere Vor-Eltern in ihren Geburts-Tagen ihren Schutz-Geist mit Wein und Blumen be- schenckten; massen mir denn auch ein Edelmann aus der Jnsel Thule/ dessen Geschlechte nebst et- lichen andern alldort von Gott die Gnade haben sollen/ die den Menschen zugeeignete Geister in Gestalt allerhand Thiere mit Augen zu sehen/ betheuerlich erzehlet/ daß ihnen sonderlich an eines ieden Menschen Geburts-Tage die Augen eroͤffnet wuͤrden. Diese Gabe soll auch So- crates gehabt/ und durch Beyhuͤlffe seines Schutz-Geistes viel ihm durch Zeichen oder Traͤume vorangedeutete Unfaͤlle abgelehnet/ ja sein eignes ihm so abgeneigtes Geburts-Gestir- ne uͤbermeistert haben. Und ist derogestalt ir- rig/ daß iedes Menschen Geist die Eigenschafft seines Sternes haben solle. Denn dieser war bey dem Socrates irrdisch/ und zur Uppigkeit geneigt; jener aber feurig/ welcher ihn zu Nach- sinnung him̃licher Dinge/ zu Ausuͤbung der Tugend an- und von allem ver gaͤnglichen ab- leitete. Uber diß deutet unser Schutz-Geist uns mehrmals unser gutes Gluͤcke an/ wie dem Curtius Rufus in Africa von seinem in einer schoͤnen Weibes-Gestalt ihm erscheinenden Geiste begegnete; er wecket uns zu einer er- sprießlichen Entschluͤssung auf; wie dem Kaͤyser Julius geschahe/ welchen/ als er uͤber den Fluß Rubico zu setzen Bedencken trug/ die Schilff- Pfeiffe eines grossen Menschen-Vildes auf- munterte/ und ihm uͤber den Strom den Weg zeigte. Daß aber unser Schutz-Geist mit uns nicht verschwinde/ sondern auch nach unserm Tode fuͤr uns und die Unsrigen wachsam sey/ hat die Erfahrung uns mehrmals augenschein- lich erwiesen. Jn der Marathonischen Schlacht fochte der Schutz-Geist des Theseus mit hell- glaͤntzenden Waffen fuͤr die Griechen wider die Persen. Jn der Philippischen Schlacht der Geist des Kaͤysers Julius wider seinen Moͤrder den Cassius/ und ein anderer Geist erstieg fuͤr die furchtsamen Roͤmer den Wall der Brutier und Lucaner. Die Geister des Pollux und Castors brachten auf ihrem mit Schweiß und Staub be- sudelten Pferden die froͤliche Botschafft von dem bey dem Viturnischẽ See erhaltenẽ Siege nach Rom. Des in dem Sicilischen Kriege von des Augustus Krieges-Volcke enthaupteten Gabi- nius Arminius und Thußnelda. nius Haupt deutete dem Sextus Pompejus an: daß die him̃lisch- und unterirrdischen Geister des Pompejus Wehklagen erhoͤrt/ und er einen gewuͤntschten Ausschlag zu hoffen haͤtte. Aus dem todten Leichname des Buplagus mahnete sein Geist die Roͤmer von der Grausamkeit ge- gen seine Syrier ab. Des von dem rasenden Wolffe gefressenen Publius nur uͤbrig gelasse- nes Haupt/ welches hernach in den neu-erbau- ten Tempel des Lycischen Apollo gebracht ward/ sprach seinen Roͤmern ein Hertz ein/ und ver- mahnete sie zur Tapferkeit. Als die Aetolier ihres verstorbenen Fuͤrsten Polycritus mit seiner Locrensischen Frauen erzeugtes oben maͤnn- unten weibliches Kind als eine Andeutung eines zwischen beyden Voͤlckern bevorstehenden Krie- ges zu Versoͤhnung der Goͤtter verbrennen wolten/ kam des Polycritus Geist/ redete seinem Kinde das Wort/ und warnigte sein unbarm- hertziges Vaterland fuͤr dem daraus entstehen- den Unheil. Ja als er das Volck von seinem Schlusse nicht abwendig machen konte/ und er sein Kind/ umb es aus ihren blutduͤrstigen Haͤn- den zu reissen/ selbst zerrieß und verschlang/ rede- te dieses Kindes Schutz-Geist aus dem nur noch uͤbrigen Kopfe beweglich die Buͤrger an/ daß sie dem blutigen Kriegs-Verderben sich zu entbre- chen von dar weg/ und auf eine Zeitlang in eine der Pallas heilige Stadt ziehen solten. Der dem Athenodorus mit so viel Ketten sich zeigende Geist konte nicht ruhen/ biß sein ermordeter Leichnam aus gegraben/ und an einen geweihten Ort geleget ward. Der Tod war nicht maͤchtig die Liebe der schoͤnen Philinion des Demostrates und der schoͤnen Charito Tochter auszuleschen/ sondern ihr Geist beseelte noch die schon begrabe- ne Leiche umb ihren geliebten Machates zu um- armen. Hier entgegen wird unser Schutz- Geist auch noch im Leben durch lasterhaftes oder dem Verhaͤngnuͤsse widerstrebendes Beginnen von uns verjaget/ und schichtern gemacht. Wel- ches alleine/ nicht aber einige Zwytracht der gu- ten Geister Ursache seyn kan/ daß des Antonius Geist sich fuͤr des Augustus Geiste gefuͤrchtet haben solle. Oder wenn wir unsern Schutz- Geist von uns weggestossen/ krieget unser feind- licher Luft uns zu betruͤben und zu erschrecken; wie dem Brutus zweymal/ als er nehmlich aus Asien in Europa mit seinem Heere uͤbersetzen wolte/ und den Tag fuͤr der Schlacht in den Phi- lippischen Feldern begegnete. Ein solcher Geist brachte den Tarquinius und die Hetru- rier in Schrecken und Flucht/ als er bey waͤh- render Schlacht mit den Roͤmern aus dem Ar- sischen Walde ruffte: Ein Hetrurier ist mehr als der Roͤmer todt blieben/ welche auch den Siegbehalten werden. Und des Dions boͤser Geist deutete mit seinem Hauskehren ihm sein und seines Sohnes Todt an. Also muthmasse ich/ daß das dem Drusus in unserer Elbe bege- gnete Gesichte entweder sein boͤser/ oder dieses Flusses Schutz-Geist gewesen seyn muͤsse. Aber fing Rhemetalces abermals an/ ward dem Dru- sus auch wahr/ was dieser Geist oder Gespenste ihm angedeutet hatte? Jn alle wege/ antworte- te Adgandester. Denn solch sein Schrecknuͤß ward bald mit mehrern bestaͤrcket. Folgende Nacht umbrennten sein Laͤger etliche Hauffen grausam-heulender Woͤlffe; mitten im Laͤger/ darein doch bey Leibes-Straffe kein Weib kom- men dorfte/ ward ein jaͤmmerliches Winseln von Weibern gehoͤret/ und etliche Luft-Gestirne wurden gesehen/ gleich als wenn der Himmel mit solchen Lichtern dem kurtz dar auf sterbenden Drusus/ wie die Sterblichen ins gemein ihren Leichen mit waͤchsernen Todten-Fackeln zu Grabe leuchten wolte. Rhemetalces warff ein: Er liesse die Erscheinung des deutschen Schutz-Gottes billich an seinem Orte/ an de- nen andern Begebenheiten stuͤnde er nicht un- billich an/ weil er sehe/ daß kein grosser Mann iemals gebohren oder gestorben waͤre/ da nicht entweder die Liebe zu dem Todten/ oder der Haß wider die Verdaͤchtigen solche Wunderwercke Erster Theil. G g g auf Vierdtes Buch auf die Bahn gebracht/ oder ungefaͤhrliche Zu- faͤlle dahin aberglaͤubisch ausgedeutet haͤtte. Des Romulus Empfaͤngnuͤß und Tod soll durch einer Sonnen-Finsternuͤß/ des Mithri- dates Geburt und Herrschens-Anfang durch ei- nen Schwantz-Stern/ welcher siebentzig Tag und Naͤchte mit seinen Flammen das vierdte Theil des Himmels bedecket habe/ angedeutet seyn. Da doch solche aus dem unveraͤnderli- chen Lauffe der Gestirne sich begeben muͤsten. Der Tempel zu Ephesus solte wegen Abwesen- heit der bey des Alexanders Geburthandreichen- den Diana verbrennet seyn/ da doch die Goͤtter allenthalben gegenwaͤrtig/ oder zum minsten auch in die Ferne zu wuͤrcken vermoͤgend seyn solten. Als Carneades sich mit Gift hingerich- tet/ soll der Monde sich verfinstert haben/ da doch diß/ wenn Carneades gleich noch hundert Jahr gelebt haͤtte/ nicht nachblieben waͤre. An- derer Ungluͤck solten frembde Voͤgel angekuͤn- digt/ oder andere Thiere beweinet haben; da doch der Mensch alleine nur Thraͤnen vergiessen kan. Alleine/ wie dem allem sey/ glaube ich/ daß die blosse Einbildung des Todes ein Schwantz - Gestirne/ welches dem Leibe den Untergang draͤuet/ der Seele aber ein zur Tu- gend wegweisender Leit-Stern sey; Drusus auch durch das ihm begegnete Gesichte zu keiner ge- meinen Schwermuth/ also zu seltzamen Einbild- und furchtsamen Entschluͤssungen verleitet wor- den. Adgandester fuhre fort: Jch wil daruͤber nicht streiten/ ob dem Drusus die erzehlten Din- ge begegnet sind/ oder getraͤumet haben. Diß aber ist gewiß/ daß Drusus folgenden Tag mit seinem Heere aufbrach/ und seinen Ruͤckweg ge- gen dem Rheine nahm/ nach dem er in einen grossen am Ufer aufgerichteten Stein hatte ein- graben lassen: Das Ziel des Claudius Drusus/ welches ihm das Verhaͤngnuͤß setzte/ weil sein Feind keines zu machen/ seine Tugend aber nicht inne zu halten wuste. Die Roͤmer kamen biß an die Weser ohn Hindernuͤß; fanden aber ihre befestigte Bruͤcke abgebrochen/ und nichts als die Todten- Knochen von ihrer Besatzung. Welches sie in eine noch groͤssere Bestuͤrtzung setzte; zumal nie- mand verhanden war/ der ihnen nur die Art so erbaͤrmlicher Niederlage erzehlen konte. Wie sie nun beemsigt warẽ eine neue Bruͤcke uͤber diesen Fluß zu schlagen; fielen umb Mitternacht ein Hauffen von fuͤnff hundert Cheruskischen Edel- leuten den Roͤmern ein/ erlegten die Wache/ rennten alles was ihnen begegnete im Laͤger zu Bodem/ zohen sich auch/ als sie das gantze Laͤger in Lermen gebracht/ und etliche hundert Feinde erlegt hatten/ ohne einigen Verlust zuruͤcke. Weil nun ein Sieg des andern Werckzeug ist/ und dieselben/ welchen das Ungluͤck mit seinen Bley-Fuͤssen gleich lange auf dem Ruͤcken her- umb getreten hat/ wieder aufrichtet/ so ermun- terte dieser gluͤckliche Streich den Feldherrn Segimer ebenfalls/ daß er die Roͤmer beym Ubersetzẽ des Flusses anzugreiffen sich entschloß; sonderlich da er vom Marobod/ daß er sein Kriegsheer Sudwerts gezogen haͤtte/ vom Dru- sus aber/ daß bereit das dritte Theil uͤber die Bruͤcke gesetzt waͤre/ Kundschafft einzog. Die- semnach zohe er sein gantzes Heer aus dem Hartz- walde gegen eben selbigen Strom/ und befehlich- te etliche Wagehaͤlse/ daß sie drey mit Pech/ Schwefel/ und anderm brennenden Zeuge an- gefuͤllte Schiffe des Nachts Strom-ab fuͤh- ren/ und darmit die Roͤmische Bruͤcke zernich- ten solten/ mit der Abrede/ so bald er das erste ihm mit einer Fackel gegebene Zeichen von einem Berge erblicken wuͤrde/ wolte er mit gesam̃ter Macht das Roͤmische Laͤger anfallen. Der Anschlag ging nach Wuntsch von statten. Denn/ weil die Nacht sehr truͤbe war/ die auf den Schiffen sich auch nur den Strom ab treibne Arminius und Thußnelda. treiben liessen/ und mit den Rudern kein Geraͤu- sche machten/ ward der Feind ihrer nicht ehe ge- wahr/ als biß die Deutschen an die Bruͤcke an- stiessen/ und die Brand-Schiffe anzuͤndeten. Die Roͤmer lieffen hierauf beyderseits der Bruͤ- cke zu/ umb das Feuer zu leschen/ als Hertzog Segimer an einem Orte des Laͤgers Lermen machte/ an zwey andern aber mit aller Macht einbrach/ also geriethen sie alsobald in Verwir- rung/ und wusten nicht/ an welchem Orte sie zur Gegenwehr eilen solten. Drusus befahl selbst das Laͤger anzuzuͤnden/ umb den Feind von sei- nem eignen Volcke zu unterscheiden/ welches einander hin und wieder selbst verwundete/ und zu Bodem rennete. Weil nun aber die Roͤmer mehr auf die Flucht als Gegenwehr bedacht wa- ren/ und daher einander selbst in das Wasser drangen/ und von der in der mitten brennenden Bruͤcke abstuͤrtzten/ drang Drusus mit seiner Leibwache herfuͤr/ um durch sein Beyspiel den furchtsamen ein Hertz zu machen. Hingegen war der Feldherr Segimer von seinem Adel nicht zu erhalten/ daß er/ ungeachtet seiner damals ihm zustossenden Schwachheit sich ebenfalls an die Spitze seines Kriegsvolcks stellte. Rhemetalces fieng hieruͤber an: Die Feldherrẽ/ welche zugleich Haͤupter und Herren des Krieges waͤren/ ver- gaͤssen aus Eifer in den Schlachten gemeini- glich das Ambt eines Kriegs-Obersten/ und eines Fuͤrsten. Denn da diese/ wie Jupiter auf dem Jdischen/ und Neptun auf dem Samothraci- schen Gebuͤrge der Trojaner und Griechen Schlacht/ oder wie Xerxes auf dem Egaleischen Gipfel dem Salaminischen See-Treffen/ von aller Gefahr entfernet zuschauen solten/ zuͤckten sie sich unzeitig herfuͤr/ vertreten die Stelle ge- meiner Kriegs-Leute/ und beobachten nicht/ daß ein ungluͤcklicher Streich dem Treffen ein boͤses Ende/ und dem Reiche das Garaus machen koͤnne. Es ist nicht ohne/ antwortete Adgan- dester/ daß/ wenn auf einer Schlacht nicht das Hauptwerck des gantzen Krieges/ das Heil oder der Untergang des gantzen Reiches beruhet/ und derselbten Ausschlag an einem zweifelhaften Fa- deme haͤngt/ ein Fuͤrst sich nicht muthwillig in Gefahr stuͤrtzen solle. Sintemal es auch bey Niedrigen eine Unvernunft ist/ sich uͤber der Ge- fahr erfreuen/ und nicht erwegen/ ob aus selbter uns einiger wuͤrdiger Lohn zuwachse. Wenn aber Freyheit und Dienstbarkeit eines Volckes auf der Wag-Schale liegen/ und es umb des Fuͤrsten Ehre/ die Wolfarth des Vaterlandes zu thun ist/ muß kein Fuͤrst einige Gefahr zu groß/ keinen Tod zu schrecklich/ und sein Blut nicht zu koͤstlich schaͤtzen; sondern bey verzweifel- ten Faͤllen durch seine Verwegenheit der Klein- muth und dem Ungluͤcke einen Riegel vorschie- ben. Denn jene wuͤrde dardurch beschaͤmet und lebhaft; diß aber scheute sich selbst mit einer verzweifelten Kuͤhnheit anzubinden. Also haͤt- te Sylla sein fluͤchtiges Heer wider den Orcho- menes in Beotien zu Stande/ und den Sieg auf seine Seite bracht/ als er sich selbst in das Gedraͤnge des Feindes gestuͤrtzet. Haͤtte Ale- xander nicht mit seinen Macedoniern die Ge- fahr getheilet/ und das wichtigste auf seine Achsel genommen/ wuͤrde er nicht biß an das Ufer des Ganges gedrungen/ und Caͤsars Siegs-Ruhm in der Bluͤthe verdorben seyn/ wenn er bey schon halb verspielter Schlacht nicht einem Haupt- manne den Schild ausgerissen/ und dem Nach- drucke der Nervier einen Stillestand geboten haͤtte. Dahero bey so gefaͤhrlichem Zustande der Cherusker/ dem Segimer seine wohlbedaͤch- tige und wohlausgeschlagene Herfuͤr zuͤckung nicht als ein Fehler ausgelegt/ sondern von denen ohne dis die Gefahr liebenden Deutschen fuͤr ei- ne Ubermaasse der Tapferkeit ewig gepriesen werden muͤste. Denn er schlug sich durch des Drusus Leibwache hertzhafft durch/ und ver- wundete des Drusus Pferd mit einem Wurff- Spiesse so sehr/ daß er sich mit ihm uͤberschlug/ und das rechte Schienbein entzwey brach. Des Drusus Fall brachte die erschrockenen Roͤmer G g g 2 in Vierdtes Buch in Verzweifelung/ diese aber auch die Furchtsam- sten zu Zorn und Kuͤhnheit. Jnsonderheit meynten sie ihnen ein unausleschliches Brand- maal zuzuziehen/ da ihr Feldherr in des Fein- des Haͤnde verfallen solte. Und ob wohl hieruͤ- ber viel der tapfersten Roͤmer ins Gras bissen/ liessen sie doch nicht nach/ biß sie den Drusus un- ter dem Pferde herfuͤr und aus dem Gedraͤnge/ auch auf einem Nachen uͤber die Weser brachten. Segimer muste hingegen nach einem stuͤndigen Gefechte wegen ihm von seiner empfangenen Wunde zuhaͤngenden Schwachheit aus der Schlacht weichen. Weil nun das Roͤmische Heer ohne diß staͤrcker als die Deutschen waren/ auch bereit zu tagen anfieng/ der Tag aber die Schwaͤche der Cherusker ans Licht bringen wuͤr- de/ rieth er seinem Kriegs-Obersten/ daß sie dem Feinde Lufft machen solten sich uͤber die Weser zu ziehen. Denn wenn Drusus seine Kraͤfften mit Vernunfft brauchen koͤnte/ hielten sie ihnen die Waage; wenn er sie aber mit Verzweifelung vergroͤsserte/ wuͤrden sie ihnen uͤberlegen seyn. Deshalben solte man einem ins Gedrange ge- brachten Feinde lieber eine guͤldene Bruͤcke bauen/ als alle Ausflucht abschneiden. Also zohen die Deutschen sich nach und nach wieder ab; iedoch ließ Segimer dem Drusus durch ei- nen Gefangenen sagen: Er wolte aus Erbarm- nuͤß den Roͤmern erlauben/ daß sie selbigen Tag unverhindert vollends uͤber den Fluß setzen moͤchten; von dem aber/ was den folgenden Tag noch betreten werden wuͤrde/ solte kein Gebeine darvon kommen. Die Roͤmer/ ob sie wohl diese verdaͤchtige Guͤte der Deutschen nicht be- greiffen konten/ wurden gleichwohl uͤberaus froh/ uͤberlegten das abgebrennte Theil der Bruͤcke mit Balcken und Bretern/ so gut es die Zeit lidte/ wormit das Fußvolck uͤberkommen konte; die Reiterey aber muste meist durch den Fluß setzen; und/ wormit die Deutschen sie nicht so bald wieder uͤberfallen moͤchten/ brand- ten sie selbst vollends die Bruͤcke ab/ reiseten auch Tag und Nacht/ biß sie den Rhein erreichten/ und zu Antonach nach verlohrnem Kerne ihres Heeres wieder ankamen. Unterdessen aber/ weil der Schaden des Drusus sich sehr gefaͤhrlich anließ/ ward dem Tiberius durch rennende Bo- then dieses Ungluͤck zu wissen gemacht/ welcher nach geendigtem Pannonischen Kriege sich zu Ticin aufhielt. Wormit sie auch so viel eh ein- ander sehen moͤchten/ ließ er sich/ wie schwach er von dem nunmehr durch zugeschlagenen kalten Brand unheilbaren Schaden war/ nach Meyntz tragen/ allwo er den dreissigsten Tag nach der Verwundung/ als Tiberius eine Stunde vor- her daselbst ankommen/ und in Tag und Nacht auf drey Post-Wagen zwey hundert tausend Schritte uͤber die schrecklichen Gebuͤrge und Wildnuͤsse mit einem einigen Geferten Antaba- gius gereiset/ auch auf des kaum noch athmen- den Drusus Befehl von den Legionen als ihr Feldherr bewillkom̃t war/ und ihm den letzten Abschieds-Kuß gegeben hatte/ mit der Hoffnung noch groͤsserer Thaten seine Seele ausbließ. Die anwesende Julia druͤckte ihm die Augen zu/ und ihre Augen wuschen seinen Leib mit einem Strome haͤuffiger Thraͤnen ab. Denn ob zwar sonst die Schamhaftigkeit auch einen rechtmaͤssigen Schmertz verbir get/ so zohe doch ihr allzu empfindliches Hertzeleid ihrer Liebe die Larve vom Gesichte/ welche nur im Anfange/ und so lange ihr kein ungemeiner Zufall aufstoͤst/ fuͤrsichtig ist. Die Leiche ward koͤstlich einge- balsamt/ und nicht nur von den Kriegs-Ober- sten/ und denen Raths-Herren der Staͤdte/ wor- auf sie zukam/ nach Rom getragen/ sondern Tiberius selbst stuͤtzte darbey seine Achseln unter/ und ließ sich seiner gegen Julien geschoͤpften Eifersucht noch gegen dem Drusus allererst sich entspinnenden Ver- drusses nicht mercken/ umb Livien nicht zu erbittern/ noch den Kaͤyser zu beleidigen. Gleich- Arminius und Thußnelde. Gleichwohl aber/ weil mit denen taͤglichen bey Bewillkomm- und Abschiednehmung gewoͤhn- lichen Kuͤssen/ welche die annehmliche Julia/ in Meinung/ daß vieler Gewohnheit den La- stern ihre Heßligkeit benehme/ allererst zu Rom auffbracht hatte/ vielerley Geilheit bedecket und entschuldiget ward/ lag er dem Kaͤyser in Ohren/ daß er diese Aergerniße durch oͤffent- liches Verbot abschaffen moͤchte. Bey der Stadt Meyntz richtete ihm das Kriegs-Heer ein praͤchtiges Denckmahl auff. Zu Rom ward seine Leiche auff dem Marckte auff einem ho- hen Pracht-Bette gewiesen/ und daselbst vom Tiberius/ auff der Flaminischen Renne-Bahn aber vom Kaͤyser selbst seine Thaten heraus gestrichen/ der Leib von den fuͤrnehmsten aus der Roͤmischen Ritterschafft auff das Feld des Mars getragen/ daselbst verbrennet/ die A- sche in das Kaͤyserliche Begraͤbniß beygesetzt/ ihm und seinen Soͤhnen der Zunahme des Deutschen vom Rathe gegeben; an statt des ihm bestimmten Siegs-Gepraͤnges ein ander Feyer angestellet/ dem Roͤmischen Volcke auff dem Capitol ein Gastmahl ausgerichtet/ zu Rom und am Rheine koͤstliche Ehren-Bogen auffzurichten anbefohlen/ und Livia die Mut- ter des Drusus und Tiberius unter die Zahl derselbigen Frauen gezehlet/ die drey Kinder gebohren hatten. Unterdessen nahm Hertzog Segimer die von den Roͤmern fuͤr unuͤberwind- lich gepriesene Festung Altheim an dem Rhei- ne ein/ dreuete auch einen Einfall in Galli- en/ also daß Kaͤyser August denen Batavern alle abgenommene Laͤnder und Staͤdte an der Maaß vollends abzutreten/ den Segimern durch annehmliche Friedens-Vorschlaͤge zu besaͤnfftigen/ den Catten allen Schaden zu erstatten/ und die Sicambrer von der auffge- buͤrdeten Schatzung zu befreyen gezwungen ward. Adgandester hatte noch die letzten Worte auff der Zunge/ als ein mit verhangenem Zuͤ- gel Spornstreichs gegen sie auff einem Schlaͤ- gebaͤuchenden Pferde rennender Reuter aͤngst- lich nach dem Feldherrn fragte/ und endlich dem Fuͤrsten Adgandester vermeldete/ die Fuͤrstin Thußnelde waͤre nebst ihrer Geferthin aus dem Lustgarten mit Gewalt geraubet und hinweg gefuͤhret worden. Diese bestuͤrtzte Zeitung konte Adgandester nicht verschweigen/ sondern fuͤgte sich alsofort in den Tempel sol- ches zu berichten. Alle erschracken uͤberaus heff- tig/ fuͤrnehmlich aber Hertzog Herrmann und Jubil standen/ als wenn sie der Blitz geruͤhret haͤtte. Denn ob wol die Liebe die lebhaffteste Ge- muͤths-Regung ist/ so beraubet doch keine den Menschen geschwinder seiner Sinnen und na- tuͤrlichen Kraͤffte/ als wenn das Schrecken ihr den Verluft ihres Absehens unversehens fuͤr- bildet. Gleichwohl erholeten sie sich alßbald/ und verwandelte sich das Erschrecknis bey dem Feldherrn in einen hefftigen Zorn; beym Fuͤr- sten Jubil aber in eine Begierde sich beyde der Koͤnigin Erato durch ihre Erloͤsung ihr beliebt zu machen. Was gilt es/ fing Herrmann an/ und mich werden meine Gedancken nicht betruͤ- gen/ daß Segesthes der Urheber dieses verraͤ- therischen Raubes sey? Hiermit eilte er aus dem Tempel/ setzte sich mit seiner Leib-Wache nicht allein zu Pferde denen Raͤubern nachzueilen/ sondern Hertzog Jubil/ Melo/ Adgandester/ ja auch Rhemetalces und Malovend folgten ihm auch auff der Fersen nach. Denn diese fremde gefangene Fuͤrsten hielten ihrer Schul- digkeit zu seyn/ daß sie ihre Tapfferkeit ihrem so wohlthaͤtigen Fuͤrsten zu Liebe sehen liessen. Ausser dem erlaubte diese Eilfertigkeit nieman- den bey dem Boten die Umstaͤnde des Rau- bes zu erkundigen; sondern nach dem man ihm ein frisches Pferd gegeben/ waꝛd er befehlicht nur den geraden Weg dahin zu zeigen/ wohin die Raͤuber ihre Flucht genommen hatten. Wie sie nun bald nahe an Deutschburg kamen/ stiessen nach und nach wohl tausend Pferde zu ihnen/ die G g g 3 bey Vierdtes Buch bey erregtem Geschrey sich fertig gemacht hat- ten; wiewohl Saloninens Bericht nach die Raͤuber/ welche sie an einem Baum feste ange- bunden gelassen/ ihr auch den Mund verstopfft/ den Fuͤrsten Zeno aber toͤdtlich verwundet hat- ten/ schon etliche Stunden zu ihrem Vorsprun- ge ihrer Flucht hatten. Gleichwohl aber ka- men sie auff die Spur/ und behielten selbte wohl vier Stunden lang recht gegen dem Weser- Strome zu/ biß sie endlich an einem Schei- de-Wege sich nach Anleitung des Huffschlages auch zu theilen genoͤthiget waren. Der Feld- herr mit dem Hertzog Melo und Adgandestern behielt die rechte/ Hertzog Jubil mit Rhemetal- cen und Malovenden die lincke Hand. Gegen der Sonne Untergang ereilte der Feldherr etli- che zwantzig Reuter/ welche die Muͤdigkeit ih- rer Pferde ihren Geferthen laͤnger gleiche zu reiten verhindert hatte. Diese vermeinten sich zwar in dem dicken Walde auff die Seite zu verschlagen/ weil es wider eine so grosse Men- ge ihrer Verfolger zu fechten eine verzweiffelte Thorheit schien. Alleine ihre Verfolger um- ringten sie alsofort/ daß die meisten nicht abwei- chen konten/ die uͤbrigen wurden auch vollends aus den Hecken herfuͤr gesucht. Auff gesche- hene scharffe Rechtfertigung: wer sie waͤren/ und wo das geraubte Frauenzimmer hinkommen? meldeten sie: Sie waͤren Longobarder/ Koͤnig Marobods Unterthanen und von der Be- satzung der an der Elbe liegenden Festung Lau- burg. Fuͤnff hundert daselbst liegende Reuter waͤren befehlicht worden/ Tag und Nacht biß an ein in dem Deutschbur gischen Walde gelege- nes Thal ihren Zug zu nehmen; allwo sie noch nahe drey tausend Pferde/ und zwar ihren ei- genen Koͤnig und einen Hertzog der Cassuari- er/ dessen Nahmen ihnen unwissend/ angetroffen haͤtten; von denen sich kein Mensch ausser die- ses rings umher mit einem dicken Walde um- gebenen Thales haͤtte herfuͤr thun doͤrffen/ un- geachtet sie 3. Tage daselbst sich verborgen gehal- ten; Diesen vierdtẽ Tag aber fruͤhe eine Stunde nach der Sonnen Auffgange waͤre ein reñender Bote kom̃en/ und nach dem dieser dem fremden Hertzoge nur drey Worte ins Ohr gesagt/ waͤre er mit dreißig außerlesenen und am besten berit- tenen Edelleuten auffgewest; Koͤnig Maro- bod haͤtte mit tausend Reutern/ darunter auch sie gewest/ ihm gefolget/ waͤre aber in dem Ende des Waldes gegen Deutschburg verborgen ste- hen blieben. Ungefehr aber nach einer Stun- de waͤren die dreißig Pferde Spornstreichs in Wald zuruͤcke kommen/ und haͤtten auff zwey Zelter-Pferden zwey weinend- und heulende Frauenzim̃er zuruͤcke bracht. Worauff ihr Koͤ- nig und alles Kriegs-Volck mit grosser Ver- gnuͤgung und Eilfertigkeit zuruͤck gekehret waͤ- ren; also/ daß sie mit ihren abgematteten Pfer- den ihnen nicht laͤnger haͤtten folgen koͤnnen. Weil nun fast ieder absonderlich hieruͤber ver- nommen ward/ und sie allesamt mit einander uͤ- berein stimmten/ etliche sich auch verschnapten/ daß Koͤnig Marobod an dem Furthe der We- ser/ wo sie alle durchgesetzt/ noch sechs tausend Pferde stehen haͤtte; stellte der Feldherr diesen Gefangenen voͤlligen Glauben zu/ schickte auch alsofort einen Edelmann mit Befehl zuruͤcke/ daß aus den naͤchst herum gelegenen Plaͤtzen/ in denen das Kriegs-Heer zertheilet lag/ alles/ was nur in der Eil auffsitzen konte/ ihm folgen sol- te. Er aber ließ sich die vernommene Menge der Feinde nicht schrecken sie zu verfolgen/ son- derlich reitzte ihn die Verbitterung wider den Segesthes/ an dessen Anstifftung er nicht mehr zweiffelte/ nachdem Koͤnig Marobod selbst die- sen Anschlag auszufuͤhren sich erkuͤhnet hatte/ welcher bey der Fuͤrstin Thußnelde sein Neben- buhler allein/ und beym Segesthes ieder zeit sehr hoch am Brete gewest war. Etliche Stunden in die Nacht kam der Feldherr auff eine schoͤne mit einer rauschenden Bach zertheilte Wiese/ dar- auff er/ wiewohl nicht ohne Unwillen mit sei- nen Leuten/ weil die Pferde nicht mehr recht fort wolten/ Arminius und Thußnelda. wolten/ ein wenig auszurasten gedachte/ und umwechselungsweise die Pferde auszaͤumen zu lassen gezwungen ward. Denn ob es zwar so stockfinster war/ daß die Cheruster einander mehrmahls in die Augen griffen/ und einander uͤbern Hauffen rennten/ und den Weg mit den Haͤnden erkiesen musten; so erleuchtete doch das in dem Hertzen des Feldherrn brennende Feuer der Liebe seine Augen/ daß er ihm einbildete nicht weniger/ als gewisse Thiere auch im finstern zu sehen. Sintemal so wol diese scharffsichtige Ge- muͤths-Regung/ als die Seele selbst in den Au- gen ihren fuͤrnehmsten Sitz hat. Nach Mitter- nacht sagte ihm seine Vorwache an/ daß sie von ferne ein Gethoͤne der Waffen/ ein Geraͤu- sche der Pferde/ und Geschrey streitender Leute hoͤrten. Diese Nachricht brachte alsofort ie- derman zu Pferde/ und der Feldherr befahl/ daß man alsobald mehr Kuͤhn-Fackeln anzuͤnden/ und ieglicher sich hertzhafft zu fechten fertig ma- chen solte; Adgandester muste auch mit seinem Vortrabe alsobald sich gegen solchem Getuͤm- mel naͤhern/ welches/ weil es nicht vorwerts/ son- dern auff der lincken Seite zu seyn schien/ mit grossem Ungemach geschach/ weil sie durch un- terschiedene Moraͤste/ und einen dicken Kiefer- und Tannen-Wald sich durcharbeiten musten. Das sich ihnen immer ie laͤnger ie mehr naͤhern- de Gethoͤne machte sie so vielmehr begieriger ihr Handgemenge darbey zu haben. Endlich er- reichten sie bey begiñender Tagung den Kampf- Platz/ welches ebenfals eine sumpffichte und zum Treffen ungeschickte Wiese war; daher auch die meisten von den Pferden abgestiegen waren/ und zu Fusse kaͤmpfften. Der erste Anblick zeugte alsobald aus der Tracht/ daß die Cheruster und ein Theil Catten unter dem Hertzog Jubil/ mit denen Marckmaͤnnern und langbaͤrtichten Einwohnern der zwischen der Elbe und der Spreu gesessenen Voͤlcker einander in Haaren waren. Dieser ihre Menge war auch jenen wenigern weit uͤberlegen; dahero sie sich auch zu ihrer Gegenwehr nur der vortheilhafftigen Enge an dem Walde bedienen muste. Die An- kunfft des Feldherrn aber aͤnderte alsbald die Beschaffenheit des Treffens/ als er und die zwey andern Fuͤrsten mit ihrem Hauffen dem Feinde großmuͤthig in die Seite fielen. So bald Her- tzog Jubil dieser Huͤlffe wahrnahm/ drang er sich zu dem Feldherrn durch/ ihm vermeldende: Es waͤre nicht rathsam/ daß sie ins gesamt hier im Gefechte bleiben solten. Denn Koͤnig Maro- bod und Segesthes haͤtten bey verspuͤrter Ver- folgung nur diesen verlohrnen Hauffen um sie auffzuhalten/ und inzwischen mit ihrer reichen Beute zu entwischen am Ruͤcken gelassen. Also waͤre am rathsamsten hier nur so viel Volck/ welches dem Feinde an einem so engen Orte zur Noth gewachsen waͤre/ zu lassen. Sie aber muͤ- sten mit dem kerne ihres Volckes dem Haupt- Feinde in Eisen liegen. Der Feldherr lobte diesen Rath; Befahl daher dem Fuͤrsten Adgan- dester/ daß er nebst Malovenden allhier dem Feinde begegnen solte. Er aber und alle an- dere Fuͤrsten lenckten mit tausend Pferden recht- waͤrts/ schnitten also diesen feindlichen Hauffen vom Koͤnige Marobod und Segesthes ab. Ge- gen den Mittag holten sie ihren desthalben gantz unvermutheten Feind ein/ welcher auch desthal- ben/ ausser einer mit fuͤnffhundert Pferden be- stellter Wache/ in einem anmuthigen Thale ausruhete. Der Anfall der Wache brachte alsbald alles feindliche Kriegsvolck in Lermen; allein/ weil die Cheruster/ um desto groͤsseres Schrecken zu machen/ an vier Orten angriffen/ und gegen einem unversehenen Feinde zweyfa- che Mannschafft nicht zu stehen vermag/ konten die Marckmaͤnner und Langbaͤrte sich unmoͤg- lich aus ihrer Unordnung verwickeln/ und daher hatten die Cheruster mehr zu metzgen als zu fech- ten. Zumahl die Gerechtigkeit der Sache den fuͤr sie kaͤmpffenden noch ein Hertze macht/ dem ihm uͤbel bewusten aber die Helffte nimmet. Der Feldherr hatte auch das Gluͤcke von einem Huͤ- gel Vierdtes Buch gel eine Saͤnffte zu erblicken/ in welcher er seine himmlische Thußnelde eingekerckert zu seyn ihm einbildete. Daher machte er mit seinem Schwerdte/ als einem unauffhoͤrlichen Blitze durch Niederschlagung alles dessen/ was sich ge- gen ihm setzte/ einen Weg dahin; kam auch also nahe/ daß er Thußnelden sein einiges Kleinod dieser Welt mit ihren thraͤnenden Augen er- blickte. Hieruͤber gerieth er gantz ausser sich; indem eines Liebenden Seele mehr in dem ist/ was sie liebet als was sie beseelet; also/ daß ob wohl Koͤnig Marobod und Segesthes in Person mit fuͤnff hundert auffs beste gewaffneten Edel- leuten alldar in Bereitschafft standen/ er doch sich fuͤr allem seinem Volcke herfuͤr brach/ und den Marobod als ein wuͤtender Loͤw anfiel. Die Schwerdter waren nicht zu zehlen/ die uͤber ihn gezuͤckt wurden/ welche auch sein Pferd deroge- stalt verletzten/ daß er selbst aus dem Sattel spꝛin- gen/ und sich zu Fuße beschirmen muste. Aber was konten zwey Armen gegen tausend ausrich- ten? Denn ob er schon fast mit iedem Schlage einen Feind seiner rachgierigen Liebe auffopf- ferte/ ward er doch/ nach dem die Seinigen ihn gantz aus dem Gesichte verlohren hatten/ uͤber- mannet/ zu Bodem getreten/ und auff Maro- bods Befehl gefangen. Der verdam̃te/ und aus Hertzog Herrmanns blosser Gnade nur noch le- bende Segesthes ward durch seine Rache auch so ferne verleitet/ daß er ihm selbst eine Kette an den Hals warff/ und ihn als einen Knecht fortschlep- pen ließ. Diese Schmach erblickte die vorhin weinende/ itzt aber wuͤtende Fuͤrstin Thußnelde; welche von ihrem Herrmann so wenig als die Turtel-Taube von ihren Eyern/ kein Auge ver- wendet/ sondern durch ihre Strahlen sein Gluͤ- cke aus zubruͤten vermeinet hatte/ nunmehr aber alle Feinde mit ihren Augen erstechen wolte. Daher sprang sie als eine ihrer Jungen beraub- te Baͤrin aus der Saͤnffte/ riß einem derer sie verwahrenden Longobarder den Degen aus/ und ob sie wohl ungewaffnet/ ja mit hinderli- chen Frauen-Kleidern angelegt war/ versetzte sie doch zweyen Marckmaͤnnern von denen/ die den Feld-Herrn gebunden hielten/ ehe sich ie- mand dessen versahe/ zwey so grimmige Strei- che/ daß sie todt zur Erden fielen. Die uͤbri- gen geriethen hierdurch in Schrecken und Flucht/ weil sie Thußnelden mehr fuͤr eine Kriegs-Goͤttin/ als ein sterbliches Frauen zim- mer ansahen. Hiermit riß sie dem Feldherrn die unwuͤrdige Last der Kette vom Halse/ der sich denn Augenblicks mit dem Schilde und Degen eines Erschlagenen waffnete; Und weil er diese Bestrickung fuͤr die groͤste Schmach sei- nes Lebens hielt/ solche mit einem haͤuffigen Strome feindliches Blutes auszuleschen alle Leibes-Kraͤfften anwendete. Denn Liebe und Rache hatten ohne diß vorher sein Gemuͤthe auffs eusserste angestecket. Die großmuͤthige/ und numehr gleichsam aufs neue lebende Thuß- nelde bemuͤhete sich ihrem gewiedmeten Helden alle Streiche nachzuthun/ und schlug auff die bey dem Marobod fechtenden Marckmaͤñer ge- trost loß/ welche darum so viel mehr ausrichtete/ weil Marobod diß wahrnehmende den seini- gen bey Leibes-Straffe verbot/ sie nur wieder zu fangen/ nicht zu verwunden. Es ist un- moͤglich zu beschreiben/ was diese zwey Hel- den gegen die grosse Menge ihrer Feinde fuͤr Thaten ausuͤbten. Jnzwischen aber hatte Fuͤrst Rhemetalces und die ihm zugegebenen Cheruster die Gefahr und den Nothstand des Feld-Herrn wahrgenommen/ und also ih- nen mit Blut und Leichen den Weg zu sei- ner Errettung gebaͤhnet; Ja endlich drang der Ritter Horn harte an ihn/ sprang vom Pferde/ wormit sich Hertzog Herrmann dessen bedienen/ und dem auff ihn dringenden Marobod begeg- nen konte. Wie nun diese zwey mit einander hertzhafft anbanden/ geriethen Rhemetalces und Segesthes an einander. Beydes Gefech- te war wuͤrdig von der gantzen Welt gesehen zu werden. Segesthes aber ward an den rechten Ell- Arminius und Thußnelda. Ellbogen hefftig verwundet; Daher/ und weil er den schlimsten Tod vor Augen sahe/ wenn er noch einmal gefangen wuͤrde/ machte er sich zum ersten aus dem Staube. Der inzwischen auch verwundete Koͤnig Marobod versuchte zwar alle sein Heil zu siegen/ kriegte aber von des Feldherrn Wurffspiesse noch eine Wunde in die Achsel/ und also muste er mit verfluchter Ver- lassung seiner in der Hoffnung schon verschlun- genen Thußnelda auch aus dem Gefechte sich zu- ruͤcke ziehen. Hiermit kriegte der Feldherr Platz die ungewaffnete Thußnelda aus so gefaͤhrli- chem Gedraͤnge zu bringen. Weil aber die Liebe in gekroͤnten Haͤuptern all zu zart und un- gedultig/ des geliebten Dinges Verlust uner- traͤglich ist/ und kein Zorn rasender/ als derselbe zu seyn pflegt/ welcher eine hefftige Liebe zur Mutter hat; schoß der erboste Marobod bey sei- ner Zuruͤckweichung einen Pfeil iedoch verge- bens nach der schoͤnen Thußnelde. Die Marck- maͤnner fochten hierauf alsobald laulichter/ hin- gegen wuchs den Cheruskern wegen theils wie- der erstrittener Beute/ und daß etliche neue Hauffen ihnen zu Huͤlffe kamen/ das Hertze; wiewohl die Longobarden mit solcher Hartnaͤ- ckigkeit stritten/ daß sielieber sterben/ als einen Schritt aus ihrem Gliede weichen wolten. Endlich gaben die Marckmaͤnner die Flucht/ welche der Feldherr all zuweit zu verfolgen nicht fuͤr rathsam hielt/ weil er seinen geraubten Schatz dem Feinde wieder abgeschlagen/ und von den Gefangenen den grossen Hinterhalt an der kaum drey Meilweges von dar entfern- ten Weser ausgeforscht hatte/ zumal ihm die all- zu zeitliche Flucht des sonst so streitbaren Maro- bods all zu verdaͤchtig fuͤrkam. Diese Zuruͤckhaltung war auch so viel noͤthi- ger und heilsam/ weil der hertzhaffte Jubil in- zwischen in euserster Noth badete. Denn die- ser war mit seinem in dreyhundert Maͤnnern bestehenden Hauffen auf dreyhundert streitbare Marsinger unter ihrem Hertzoge Tapis/ dessen Sitz an dem Flusse Guttalus in der Stadt Bu- dorigum ist/ und dessen Gebiete sich an solchem Strome von dem Marcomannisehen Gebuͤr- ge biß an die Bartsch erstrecket/ gestossen. Jhre Sprache bezeuget/ daß sie von Uhrsprunge Schwaben sind. Neben diesen hielten noch fuͤnf hundert Sarmater den Hertzog der Her- mundurer warm; welch Volck zwar zu Fusse nichts taugt/ zu Pferde aber ist es so schnell/ daß wenn es mit seinen uͤber Stock und Stein ren- nenden Hauffen anfaͤllt/ auch die geschlossenste Schlacht-Ordnung zertrennet wird. Diese fuͤhrte des Sarmatischen Koͤnigs Jagelle Sohn/ dessen Reich sich von der Weichsel biß an den Fluß Tanais/ und vom Baltischen biß an das schwartze Meer/ und die Meotische Pfuͤtze erstreckte. Jhre Grausamkeit haben auch die Roͤmer schon unter dem Lucullus im Thraci- schen Kriege/ und noch fuͤr weniger Zeit Augu- stus erfahren/ nach dem sie uͤber die gefrorne Donau den Roͤmern oftmals eingefallen/ und grossen Schaden gethan/ also daß der Kaͤyser ih- retwegen den Lentulus mit dreyen Legionen zu Besetzung selbigen Flusses halten muͤssen/ biß endlich durch Vermittelung des Dacischen Koͤ- nigs Cotisan die Roͤmer und Sarmater mit ein- ander einen Frieden gemacht/ als jene zu dem Jagello nach Kiov/ diese aber zum Kaͤyser biß in Hispanien nach Tarracon eine praͤchtige Ge- sandschafft abgehen lassen. Dieses Koͤnigs Sohn Boris/ ein zwantzig jaͤhriger streitbarer Fuͤrst/ hatte sich an des Koͤnigs Marobods Hoffe etliche Monat auf gehalten/ und um seine schoͤne Tochter Adelmund geworben; also um ihm durch seine Tapfferkeit Gunst und Ansehn zu erwerben/ sich diesem eilfertigen Anschlage des Koͤnig Marobods zugesellet. Hertzog Jubil und Melo musten bey solcher Beschaffenheit sich auch in zwey Hauffen theilen/ und also nahm dieser den Marsingischen Hertzog/ jener den uͤ- ber alle andere hervorragenden und mit einer abscheulichen Ruͤstung alles grausame draͤuen- Erster Theil. H h h den Vierdtes Buch den Boris auf sich. Auf beyden Seiten ward alle Tapfferkeit und Kriegs-List herfuͤr gesucht. Nach langem Gefechte ward Hertzog Melo vom Marsingischen Fuͤrsten in die lincke Seite/ hernach von dem Ritteꝛ Hohbeꝛg an dem rechten Arm verwundet/ und mit ihm sein Hauffen fuͤr denen an der Menge ihnen weit uͤberlegenen Feinden etwas zuruͤck zu weichen gezwungen. Gleicher gestalt kamen Hertzog Jubil und Bo- ris an einander/ welcher auf eine gantz seltsame Art sein um und um mit eisernem Bleche be- hencktes Pferd mit dem Zuͤgel im Munde lenck- te. Anfangs brauchte er an statt der Lantze einen langen an dem Sattel feste gemachten staͤhler- nen Pantzerstecher/ welchen er mit der rechten Hand in vollen biegen rennende auff seinen Feind richtete; dem aber Hertzog Jubil/ weil er diß Gewehre ihm auff die Seite abzulehnen nicht getraute/ kluͤglich auswich. Ob er nun zwar hingegen den Boris mit der Lantze zu er- reichen vermeinte/ beugte sich doch dieser Sar- mate mit einer grossen Geschwindigkeit auf die andere Seite; Hierauf ließ er seinen Schild auf die Seite haͤngen/ ergriff mit beyden Haͤnden eine uͤberaus lange Sebel/ und schlug auff den Fuͤrsten der Hermundurer mit grossem Unge- stuͤme loß/ also/ daß er fuͤr diesen Riesenstreichen sich zu beschirmen grosse Muͤh hatte. Nach vielen ver gebenen Streichen kriegte endlich die- ses ungeheure Gewehre den Schwung/ also/ daß es ihm aus den Haͤnden entfuhr. Jubil meinte bey dieser Gelegenheit ihm eines zu ver- setzen/ aber Boris bedeckte mit seinem uͤberaus breiten Schilde seinen gantzen Leib/ warf sein Pferd herum/ und buͤckte sich zugleich so tief an Bodem/ daß er eine andere daselbst liegende Sebel aufhob/ und mit seinem Feinde aufs neue anband. Jubil hingegen suchte alle Meister- streiche herfuͤr diesem geschwinden Feinde einen Vortheil abzurennen/ und infonderheit sein Pferd zu erlegen/ weil er wol sahe/ daß des Bo- ris Ruͤstung und Waffen zu einem Fußgefechte ungeschickt waren; Zumal diese List vielen Che- ruskern neben ihm wider die Sarmater wohl gluͤckte. Ob nun wohl der abhaͤngende Har- nisch viel tapffere Streiche zernichtete; so gerieth ihm doch endlich einer derogestalt/ daß er des Boris Pferd an einen Vorder-Schenckel heff- tig verwundete/ worvon er uͤber und uͤber stuͤrtz- te. Hertzog Jubil sprang Augenblicks vom Pferde um seinem Feinde vollends den Rest zu geben; als er ein jaͤmmerliches Geschrey eines Frauenzimmers hinter sich im Walde erblickte/ und als er sich umwendete/ die Koͤnigin Erato mit einem Stocke gegen zwey mit blancken Sebeln sie antastende Sarmater sich beschir- men sahe. Dieser Nothstand machte/ daß er des gefallenen Boris vergaß/ und der Koͤnigin zu Huͤlffe eilete; fuͤr welchem sich ihre Feinde al- sofort in die Hecken verbargen. Herentgegen sahe er zwey grausame weisse Baͤren/ welche Boris gezaͤhmet/ und gleichsam zu seiner Leib- wache abgerichtet/ sein Waffentraͤger aber bey seines Herrn ersehener Stuͤrtzung loß gelassen hatte/ auf ihn zurennen/ welches ihn noͤthigte/ sich an einen dicken Baum an zulehnen/ wormit er nicht zugleich vor- und ruͤck waͤrts angegriffen wuͤrde. Bey dieser Sorge hatte er noch eine groͤssere fuͤr die sich nahe bey ihm befindende und unbewehrte Koͤnigin/ welche aber/ entweder aus goͤttlicher Beschirmung/ oder weil die Baͤ- ren dem weiblichen Geschlechte leichte kein Leid thun/ zu seiner grossen Vergnuͤgung unange- tastet blieb; iedoch von denen zwey vorigen Sarmatern aufs neue uͤberfallen/ und in das Gepuͤsche fort geschlept ward. Wiewohl er nun kein ander Gewehr/ als seinen Degen bey der Hand hatte/ auch in halbe Verzweiffelung gerieth/ daß er die in so grosse Ehren- und Le- bens-Noth verfallene Erato nicht retten konte/ so hielt er doch die Baͤren ihm eine gute Zeit vom Leibe/ verwundete auch beyde in ihre Maͤu- ler. Dieses aber verursachte bey ihnen keine Furcht/ sondern vielmehr ein grausames Wuͤ- ten; Arminius und Thußnelda. ten; insonderheit da der Hertzog dem einen Baͤ- ren den Degen tief in die Brust stache. Wie er nun uͤber dem heraus ziehen zerbrach/ sprang der andere Baͤr gleichsam seines Gefaͤrthen Tod zu raͤchen/ ihn so gewaltig an/ daß er bereit mit einem Knie zu Bodem fiel. Wie nun die- ser auch in der groͤsten Lebens-Gefahr und bey Ermangelung allen Gewehres gantz unver- zagte Held kein ander Mittel sahe diesen grim- migen Klauen zu entkommen/ sprang er mit ei- ner unglaublichen Geschwindigkeit dem Baͤ- ren auf den Hals/ hielt sich auch mit Haͤnden/ Beinen und Zaͤhnen so fest an/ daß sich dieses wilde Thier seiner ungewoͤhnlichen Last nicht entschuͤtten konte. Weil nun Jubil/ nach dem er sich feste genung zu sitzen vermeinte/ den Baͤr mit seinem noch behaltenen Degenstrumpffe moͤglichst neckte/ und zu verwunden trachtete/ nahm dieses erboste Thier in sein erstes Vater- land/ nehmlich in den dickesten Wald seine Zu- flucht/ brachte ihn aber aus sonderbarem Ver- haͤngnuͤsse des Himmels eben an selbigen Ort/ wo sich die nunmehr kaum noch athmende Koͤ- nigin mit den geilen Sarmateꝛn aͤrgerte/ und in Mangel anderer Waffen mit Zaͤhnen und Naͤ- geln ihre Ehre vertheidigte. Also fuͤhret das unerforschliche Verhaͤngnuͤß seine Schluͤsse durch wilde und zahme Thiere aus; und Her- tzog Jubil hatte bey nahe diesem wuͤtenden Baͤ- re so viel zu dancken/ als Paris dem so guͤtigen/ der ihn auf dem Berge Jda gesaͤuget; und A- rion dem Delfine/ der ihn durch das Meer nach Corinth getragen haben soll. Hertzog Jubil konte ihm zwar nichts anders einbilden; als daß der Baͤr bey seinem Absteigen ihn aufs neue an- fallen wuͤrde; Gleichwol hielt er fuͤr ruͤhmlicher von einem unvernuͤnfftigen Thiere zerfleischet werden/ als eine so tugendhaffte Koͤnigin in den Klauen dieser die Grausamkeit des Baͤres weit uͤbertreffender Raubvoͤgel zu lassen/ und hier- durch sich selbst zum Unmenschen machen. Da- her griff er mit beyden Haͤnden nach einem vorwaͤrts ersehenem Aste/ und ließ den Baͤr un- ter sich seine blinde Flucht vollstrecken; welcher denn auch ohne einiges Umsehen nach seinem Reuter den dicksten Hecken zueilte. Hertzog Jubil wuste diese goͤttliche Huͤlffe mit keinem an- genehmern Opffer seinem Gott abzugelten/ als daß er Augenblicks denen sich auf der Erde mit der Koͤnigin umweltzenden Sarmatern zueil- te/ einem auch/ ehe er sein inne ward/ die Sebel von der Seiten wegrieß/ und selbte beyden in den Wanst stieß/ worvonsie zugleich ihre tolle Brunst abkuͤhleten/ als ihre viehische Seelen den hoͤllischen Rachgeistern ablieferten. Die ihres Hauptes inzwischen entbloͤsten Cherusker zohen nicht wenig den kuͤrtzern/ waren auch von dem Hertzoge Tapis und dem wieder zu Pferde gebrachten Fuͤrsten Boris schon in Verwir- rung und zum weichen gebracht; als Hertzog Jubil/ der in dem Walde zwey aus dem Tref- fen entlauffene Pferde erwischt/ und nebst der Koͤnigin sich darauff gesetzt hatte/ wieder gleich- sam vom Himmel fallende den Seinigen zu Huͤlffe kam. Sein erster Anblick erneuerte auch der Ermuͤdesten entfallene Kraͤfften; Gleich- wol aber wuͤrden sie von der Menge endlich uͤ- bermannet worden seyn/ nach dem Hertzog Me- lo sich wegen vieler Wunden hatte muͤssen weg- tragen lassen/ Hertzog Jubil auch aus sieben wiewol nicht gefaͤhrlichen Wunden seine Kraͤf- ten ausblutete/ ja aus denen Cheruskern nicht einer mehr unbeschaͤdigt blieben war; wenn nicht nach der Flucht Koͤnig Marobods und des Segesthes Hertzog Herrmann und Rhemetal- ces mit ihrem Hauffen dem Fuͤrsten der Her- mundurer und denen nothleidenden Cherus- kern zu Huͤlffe kommen waͤren. Dieser An- kunfft verkehrte alsbald das Spiel. Denn Her- tzog Tapis und Boris/ welche inzwischen mit den ihrigen auch nicht Seide gesponnen hatten/ sahen wol/ daß diese neue Huͤlffe ihnen uͤberle- gen waͤre; machten ihnen auch alsofort die Rechnung/ daß Marobod an der andern da- H h h 2 selbst Vierdtes Buch selbst zwar unsichtbaren Seite die Flucht gege- ben haben muͤssen. Ja wenn sie auch schon ger- ne laͤnger gegen die Cherusker gestanden haͤt- ten/ so konten sie doch nicht mehr das offentliche Ausreissen ihrer Marckmaͤnner und Sarma- ter/ welche sich ohne diß in ihren Kriegen mehr- mals der Flucht zu einer Kriegslist brauchen/ und also selbte kein mal fuͤr Schande halten/ ver- wehren. Dahero musten diese zwey streitbare Helden nur auch zu diesem Erhaͤltnuͤsse der furchtsamen ihre Zuflucht nehmen/ und sich troͤ- sten/ daß die Klugheit zuweilen auch hertzhafften zu weichen raͤthet; und bey verzweiffeltem Zu- stande der Gefahr selbst in die Waffen rennen/ eine viehische Hartnaͤckigkeit/ keine Tugend sey. Die Cherusker hingegen waren in ihrer Ver- folgung nicht zu hemmen; in Meinung/ daß die/ die Furcht im Hertzen truͤgen/ auch ein Merckmahl auf den Ruͤcken bekommen muͤsten. Ob nun wol denen Marckmaͤnnern und Sar- matern von dem Hinterhalte Marobods eine starcke Huͤlffe entgegen kam; so wolten sie doch nicht ihren Verfolgern die Stirne bieten/ son- dern brachten unter ihre Gehuͤlffen anfangs ein Schrecken/ hernach ein gleichmaͤßiges Flie- hen; biß den Cheruskern theils die Muͤdigkeit ihrer Pferde/ theils die einbrechende Nacht end- lich auchden Zuͤgel anhielt. Die nunmehr erledigte Fuͤrstin Thußnelda konte sich nicht enthalten ihren gantz mit Blut bespruͤtzten Feldherrn thraͤnende zu umfangen/ und fuͤr ihre Erloͤsung Danck zu sagen. Hertzog Herrmann nahm selbte mit unaussprechlichen Hertzens-Freuden an/ und ermahnte sie diese mehr goͤttliche als menschliche Errettung mit Frolocken/ nicht mit Thraͤnen zu erkennen. Thußnelda antwortete: ihre Zunge koͤnte frey- lich ihre Freude der Seele nicht aussprechen/ daß sie nicht allein aus den Haͤnden des grausa- men Marobods gerissen/ sondern auch in den Armen ihres liebsten Herrmanns aufenthalten waͤre; aber wie solte sie nicht nur mit Thraͤnen/ sondern vielmehr mit Blute beweinen/ daß das Geschencke des Lebens als die groͤste Wohlthat eines verletzten Menschen ihren Vater Se- gesthes nicht haͤtte gewinnen/ und von einem so boͤsen Fuͤrnehmen zuruͤck halten koͤnnen. Der Feldherr versetzte: Sie solte sich an der Guͤte des Himmels vergnuͤgen. Wer die goͤttliche Gewo- genheit zur Mutter haͤtte/ koͤnte die Hold eines unbarmhertzigen Vaters leicht enthehren. Auch koͤnte Segesthes ihm nimmermehr so viel Leides anthun; als er ihm ihr zu Liebe ver gessen wolte. Ja nach dem er nunmehr Segesthen zweymal uͤberwunden haͤtte/ koͤnte er mit keinem Ruhme sich die Schwachheit des Zornes uͤberwaͤltigen lassen. Freylich wol/ begegnete ihm Thußnelda/ ist diese Vergessenheit empfangener Beleidi- gung ruͤhmlicher als das beruͤhmte Gedaͤchtnuͤß des Cyneas; weil diß eine blosse Gabe der Natur/ jene eine edle Wuͤrckung der Tugend ist. Auch ist die Rache eben so wol ein Laster/ als die Ver- letzung/ nur daß jene es dieser in der Zeit zuvor thut. Jene empfindet nur die Suͤßigkeit eines Augenblicks/ Sanftmuth und Vergebung aber so lange/ als das Leben und Andencken tauert. Jene verletzet nur den Leib ihres Feindes/ diese aber ihre eigene Seele; ja sie kan seinem Verle- tzer nichts anders rauben/ als was ihm die Zeit ohne diß entziehen wird. Großmuͤthige Verzei- hung hingegen wird durch unsterblichen Nach- ruhm verewigt. Dieser hat niemanden iemals/ jener aber die meisten unzehlich mal gereuet/ alle verhast gemacht/ und nicht wenig auch einer gleichmaͤßigen Rache unterworffen. Also ward des Achilles Sohn Neoptolemus/ weil er den Priamus dem Jupiter auf seinem Altare abge- schlachtet hatte/ vom Orestes nicht unbillich dem Apollo ab gethan. So richtet ihr auch die Grau- samkeit in ihrem eignen Hertzen eine Folter auf. Denn wie die grimmigen Thiere fuͤr einem Schatten/ eine abschelenden Blate/ einem unge- meinen Geruche erschrecken/ die Loͤwen sich auch fuͤr einer aufsprin genden Mauß erschuͤttern; also fuͤrchtet sich ein grausameꝛ Fuͤrst fuͤr eben so vielẽ/ als andere fuͤr ihm. Aber stehet es wol in unserer Gewalt Arminius und Thußnelda. Gewalt ein so grosses Unrecht zu vergessen? Giebet uns nicht so wol unsere eigene Sicher- heit/ als der natuͤrliche Trieb das Rachschwerd in die Hand/ wenn unsere Guͤtigkeit unsern Feind nicht besaͤnftiget/ sondern nach Art der abzugelten unmoͤglichen Wolthaten/ ihn nur noch mehr erbittert? Oder kan die Liebe gegen derselben unversehrt bleiben/ wenn ihꝛ Ursprung nichts als Gift und Galle kochet? Und mit was fuͤr einer Bach voll Thraͤnen mag Thußnelde ihren eigenen Schimpf abwaschen; nach dem Segesthes sein gantzes Geschlechte mit solcher Untreu besudelt? Keine Flecken sind schwerer zu vertilgen/ keine Verbrechen geben einen haͤßli- chern Gestanck von sich/ als welche nach Verraͤ- therey ruͤchen. Der Feldherr umarmte Thuß- nelden aufs neue/ mit beweglicher Bitte: Sie wolte doch ihr und der Tugend kein so ungerech- tes Urthel faͤllen/ wenn sie ihr fremde Schuld des Segesthes aufhalsete. Das Licht der Tugend al- lein haͤtte nur diesen Voꝛzug; und begreiffe so viel in sich/ daß sie auch andere mit ihrem Glantze be- theilte; das Wesen der Laster aber bestuͤnde in Finsternuͤß/ und erstrecke sich ihr Schatten nicht uͤber das Maaß der Verbrecher; Daher koͤnte zwar fremdes Feuer unsere eigenthuͤmli- che Guͤter/ aber fremde Schuld nicht unsern ei- genen Ruhm verzehren. Uberdiß wuͤrde die Groͤsse ihrer Liebe ihr schwerlich zu glauben ver- statten/ daß die Seinige durch einigen Zufall der Welt vermindert werden koͤnte. Tugend und ungefaͤlschte Liebe waͤren in dem/ dem Gestirne zu vergleichen/ daß kein Nebel noch Ungluͤck ih- nen das Licht ausleschen koͤnte; darinnen aber uͤbertraͤffen sie es/ daß sie allzeit im Wachsthum blieben. Wie aber koͤnte sein guter Ruhm mehr ins Abnehmen kommen/ als weñ er durch Rach- gier selbten verfinsterte? Alle Begierden ver- blendeten zwar die Augen des Gemuͤths/ den Geitzigen machte sein ersehner Vortheil uͤber- sichtig/ ein Geileꝛ saͤhe den Fꝛosch fuͤꝛ eine Diana/ ein Hoffaͤrtiger die Riesen fuͤr Zwerge an/ ein Heuchler machte aus Kohlen Kreide/ ein Ver- laͤumder aus Kreide Kohlen; ein Zorn- und Rachgieriger aber sey stock blind/ und stuͤrtze sich oft ehe als seinen Todfeind in den erschrecklich- sten Abgrund; ja er rechne es ihm fuͤr einen gros- sen Gewinn/ wenn er seinen Feind mit seiner ei- genen Leiche erdruͤcken koͤnne. Bey waͤhrender dieser annehmlichen Unter- redung wuste die Koͤnigin Erato ihre Verbind- ligkeit gegen dem Hertzoge Jubil nicht genung- sam auszudruͤcken/ also daß sie auch ohne einige Bedenckligkeit ihres Geschlechtes in seine Um- armung rennte. Sintemal man sich gegen dem aus Schamhaftigkeit nicht zu zwingen hat/ wel- chem man die Behaltung der Ehre und Scham zu dancken verbunden ist. Sie nennte ihn ihren Schutz-Gott/ ihren Erhalter/ ihren Vater/ ja dem sie so viel mehr verknuͤpft waͤre/ so viel sie ih- re Ehre hoͤher/ als ihr Leben schaͤtzte; weil er mit dem Blute der geilen Sarmater nicht nur ihre viehische Begierde/ sondern auch das Andencken ihrer schwartzen Unterfangung ausgewischt haͤtte. Er habe sein Leben fuͤr ihre Keuschheit in die Schantze gesetzt/ wormit sie ihr Lebtage nicht fuͤr der Welt und ihrem eigenen Andencken schamroth/ oder vielmehr ihre Haͤnde in ihrem eigenen Blute haͤtte waschen doͤrffen. Denn da diese rasende Unmenschen ihꝛ gleich nach geraub- ter Ehre den Lebens-Athem uͤbrig gelassen haͤt- ten/ wuͤrde sie selbtem als einer Marter ihrer rei- nen Seele doch durch eine Wunde aus zufahren Luft gemacht haben. Wiewol sie zu den Goͤttern der Zuversicht gelebt/ sie wuͤrden ihr ehe den Le- bensfadem abgerissen/ oder sie der Vernunft und aller Sinnen beraubet/ als eine solche Schmach zu erleben und zu empfinden uͤber sie verhan- gen haben. Hertzog Jubil war uͤber dieser freymuͤthigen Erkaͤntnuͤß derogestalt erfreuet/ daß er der Koͤnigin Gunst-Bezeigung nicht nur fuͤr eine weit uͤberwichtige Vergeltung sei- ner Wolthaten schaͤtzte/ sondern auch seine hier- aus geschoͤpffte Vergnuͤgung aller seiner uͤ- berstandenen Gefaͤhrligkeiten schier vergaß. Er raffte diesemnach itzt alle Kraͤfften seiner H h h 3 Hoͤflig- Vierdtes Buch Hoͤfligkeit/ wie vorhin seiner Tapfferkeit zusam- men/ einer so liebreichen Koͤnigin annehmlich zu begegnen. Er strich ihre gegen die gewaf- neten Sarmater erwiesene Hertzhafftigkeit mit so hohen Lobspruͤchen/ als es ihre herrliche That verdiente/ und mit so lebhafften Farben heraus/ daß der Feldherr seine Thußnelda und die an- dern Fuͤrsten/ (welche ihre uͤberstandene Eben- theuer zu vernehmen begierig waren) alles gleichsam noch einmal geschehen sahen. Er verkleinerte seine Verdienste/ indem das Gluͤ- cke ihm in allem Thun die Hand gefuͤhret/ und einen wilden Baͤren ihm zum Pferde und Weg- weiser gemacht haͤtte; solte ja aber seine Tapffer- keit etwas darbey gethan haben/ waͤre ihr un- vergleichliches Beyspiel fuͤr den Zunder zu hal- ten/ welcher seinen Geist zu behertzten Ent- schluͤssungen angesteckt haͤtte. Dahero waͤre seine That nicht so wol aus eigner Wuͤrdigkeit/ als nur wegen so erfreulichen Ausschlages/ da eine so tugendhaffte Koͤnigin aus einer so ab- scheulichen Antastung errettet worden/ zu schaͤ- tzen. Hingegen uͤberstiege ihre zusammen ver- maͤhlte Tapfferkeit und Keuschheit das Lob al- ler Sterblichen/ zumal die einige Keuschheit oh- ne diß fuͤr eine groͤssere Hertzhafftigkeit/ als aller Welt-Eroberer Helden-Thaten zu achten waͤ- re. Fuͤrst Rhemetalces brach hier ein: Er waͤre verwundert uͤber dieser grossen Heldin/ und der Neid selbst wuͤrde ihrem Ruhme ehe was beysetzen muͤssen/ als einen Gran wegneh- men koͤnnen. Aber diß koͤnne er nicht begreif- fen/ wie die Keuschheit die eigenthuͤmliche Tu- gend des schwaͤcheren Geschlechtes eine groͤssere Hertz hafftigkeit/ als die Tapfferkeit der Helden abgeben solle? Jene haͤtte ja meist ihre Anfech- tung nur von anmuthigem Reitze und zucker- nen Worten/ ihr Kampff geschehe in wohlruͤ- chenden Zimmern; und die ihr am hefftigsten zusetzten/ kuͤsseten ihrem Feinde die Haͤnde/ leg- ten sich ihm unter die Fuͤsse/ verschmertzten alle Beleidigung/ gehorsamten ihrem Augenwinck/ opfferten ihm Seuffzen und Thraͤnen/ und nicht selten ihre hellodernde Seele auff dem Al- tar der Verzweiffelung auff. Also haͤtte die Keuschheit mehr das Ansehn einer gebietenden Kaͤyserin/ als einer streitenden Amazone. Sie liesse sich mehrmals die tiefste Demuth nicht er- bitten; sie aber gebiete wol uͤber Koͤnige/ und la- che derer/ die alle ihre Kraͤfften mit eben solchem Vortheil an ihre Unbarmhertzigkeit/ als das Meer seine Wellen an eine steile Klippe an- schlagen. Hingegen muͤsse die Helden-Tu- gend so vielen Todten die Stirne bieten/ als es Pfeile in den Koͤchern der Feinde/ und Spitzen an Degen eines versammleten Kriegs-Heeres habe/ sie muͤsse uͤber unwegbare Felsen/ durch ungruͤndbare Stroͤme/ auf geharnschte Mau- ern/ wider Feuer und Schwerdter/ und den Donner der Geschuͤtze behertzt ansetzen/ welche in der Welt groͤssere Schrecken und Moͤrde stiffteten/ als der natuͤrliche Blitz aus den Wol- cken. Diese gewinne Schlachten/ erobere Fe- stungen/ erwerbe Zepter und Kronen/ und zeh- le ihre Uberwundene nach tausenden. Die hold- selige Thußnelda begegnete dem Thracischen Fuͤrsten mit einer durchdringenden Anmuth/ daß nicht so wol die Selbstliebe ihres Geschlech- tes/ als die Warheit sie noͤthigte/ dem Fuͤrsten Jubil beyzufallen. Denn wenn man die eu- serliche Bemuͤhung des Leibes/ und ansehnliche Geschickligkeit der Glieder/ weil die Tugenden ja nicht in Fleisch und Beinen/ sondern im Ge- muͤthe ihren Sitz haͤtten/ wegnehme/ wuͤrde wenig mehr scheinbares fuͤr die Helden uͤbrig bleiben/ daß ihre Tapfferkeit sich der Hertzhaff- tigkeit einer keuschen Frauen fuͤrzuͤcken solte. Diese muͤste zu ihrer Ausuͤbung nicht immer die Sebel in der Hand/ Stahl und Feuer uͤber dem Kopffe/ blutige Haͤnde und feurige Augen ha- ben/ noch auf Leichen und Asche gehen. Jedoch waͤre die Keuschheit nicht nur eine Tugend des Krieges/ sondern auch des Friedens; und zwar eines so harten/ welcher weder einen Stille- stand Arminius und Thußnelda. stand/ noch daß man sich auff keine Seite des Feindes schluͤge/ verstattete/ sondern in dem man sein Lebenlang kaͤmpffen/ und entweder sterben oder siegen muͤste. Die Keuschheit haͤt- te zwar zu ihrem Sinnbilde die weichen Lilgen/ aber sie muͤste mit Disteln umgeben seyn. Ja ihrem Beduͤncken nach waͤre die Rose ihr fuͤgli- cher zuzueignen/ welche nicht nur an ihrer Far- be verschaͤmt/ sondern mit so viel Doͤrnern ge- waffnet ist. Unter den Thieren waͤre das groͤ- ste und zum Kriege geschickteste/ nemlich der E- lefant/ auch das keuscheste/ welches von keinem Ehebruche wuͤste. Die Keuschheit habe so viel Feinde/ als das menschliche Gemuͤthe unziem- liche Regungen; und so viel mehr gefaͤhrliche/ als sich mit Anmuth und Tugend vermummen/ und daher weniger kentbar und schwerer zu- ruͤck zu treiben waͤren/ als welche einen mit Dreuen und Schnauben zum Kampff ausfor- dern. Also lasse sich der sonst wider den Ham- mer bestehende Marmel von weichen Regen- Tropffen abnuͤtzen; und der allen starcken Thie- ren so schreckliche Loͤwe von einer Wespe uͤber- winden. Dahero sey Hercules/ nach dem er die Ungeheuer der Welt und der Hoͤlle uͤberwaͤl- tiget/ Alexander und Julius/ nach dem sie so viel Voͤlcker bestritten/ so viel Reiche zermalmet/ von der Liebe untergedruͤckt worden/ und ihr Helden-Geist niedriger gewest/ als welchen die Keuschheit von noͤthen habe. Ja die Natur schlage sich mit ihrem Triebe/ unsere eigene Sinnen mit ihrer Kitzelung auf die Seite die- ser so annehmlichen Widersacher; eroͤfneten ih- nen verraͤtherisch die Pforte des Hertzens; dahe- ro wie die unvermerckte Krafft des Magnets das so schwere und unbewegliche Eisen ohne un- sere Gewaltsamkeit an sich zeucht/ also werde der Liebreitz auch leicht Meister unsers Willens/ und vereinbare sich mit unser Zuneigung. Hin- gegen habe die Tapfferkeit keine so schlaue und schleichende/ sondern nur einen oͤffentlichen Feind/ nemlich die gewaltsame Antastung; und nebst ihr die Natur selbst zum Beystande; welche fuͤr Abwendung aller Beleidigung allezeit Schildwache haͤlt/ und das Boͤse abzulehnen dem Gemuͤthe einen angebohrnen Trieb/ iedem Gliede eine absondere Faͤhigkeit zu Beschir- mung des gantzen Leibes eingepflantzet hat; wenn die Keuschheit von niemanden als der ei- nigen Veꝛnunft ihre Waffen zuentlehnen weiß. Also sey in alle Wege der Tapfferkeit viel leich- ter einem Riesen die Stange zu bieten/ als der Keuschheit die Zuneigungen des Gemuͤthes zu zwingen/ das Verlangen der Seele/ den Trieb der Sinnen zu daͤmpffen/ die Vergnuͤgung als ein so scheinbares Gut aus den Haͤnden zu schla- gen/ ja der Wollust obzusiegen/ einer so hartnaͤ- ckichten und zugleich liebkosenden Feindin/ wel- cher weder die Gewalt der Starcken/ noch das Nachdencken der vorsichtigsten etwas leicht an- hat/ ob sie schon nicht mit Schwerd und Feuer/ sondern mit Blumen und Schneeballen an- greift. Jch geschweige/ daß die Liebe und Wol- lust insgemein noch viel maͤchtige Feinde auf den Kampf-Platz bringe; als den Geitz/ durch Aus- schuͤttung koͤstlicher Perlen/ unschaͤtzbarer Edel- gesteine/ und des guͤldenen Regens/ wordurch man auch unzehlbare Schloͤsser aufsprenget/ und zu Danaen durch eiserne Riegel dringet; die Schmach und Schande/ wenn man der wi- derspenstigen Keuschheit grausamste Laster und knechtische Buhlschafft anzutichten draͤuet/ die Ehrsucht/ wenn man ihre ungemeine Wuͤrden/ Purpur und Anbetungen vieler Voͤlcker ver- heisset/ ja endlich den so grausam aussehenden Tod/ wenn ein bruͤllender Tarqvin einer Lucre- tia den Dolch ans Hertze setzt; wenn ein Wuͤte- rich auf einer Seite sein aus Sammet und At- las bereitetes Bette/ auf der andern Seite der Hencker Rad und gluͤende Zange fuͤrleget; also die Keuschheit alle annehmliche Eitelkeit groß- muͤthig verachten/ alles schreckliche mit einer unbeweglichen Gedult ausstehen/ beydes aber durch eine mehr als heldenmaͤßige Hertzhafftig- keit uͤberwinden/ ja mit ihrem eigenen Messer dem Nothzwange toller Brunst zuvor kommen/ und Vierdtes Buch und ihre Bruͤste mit reinem Blute beflecken muß; wormit man die Lilgen der Keuschhelt un- besudelt in Sarch lege; Massen denn ohne der- gleichen Anfechtungen sich keine fuͤr keusch zu ruͤhmen/ sondern entweder fuͤr eine von der Ge- burtsart her frostige/ oder fuͤr eine von den La- stern selbst verschmehete zu halten hat. Der Feld- herr brach allhier seiner Thußnelden ein: Die Keuschheit doͤrfe in alle wege ein grosses Hertze/ und unverzagte Entschluͤssungen; aber diß koͤn- ne er nimmermehr billichen/ daß sie wider sich selbst ihre Rache ausuͤben/ und ein fremdes Laster an ihrem unschuldigen Leibe straffen solte. Denn da das Gemuͤthe in eines andeꝛn Uppigkeit nicht gewilligt habe/ waͤre durch Zwang weder die Seele besudelt/ noch dem guten Nahmen ein sol- cher Schandfleck angehenckt worden/ welcher mit so scharffer Lauge seines eigenen Blutes ab- gewischt werden muͤsse. Jhm waͤre zwar nicht unbekandt/ wie hoch die Roͤmer den Selbstmord ihrer Lucretie heraus strichen; er finde aber dar- an nichts ruhmwuͤrdiges/ als daß sie mit ihrem Messer das Joch der koͤniglichen Tyranney zerkerbet habe; und daß wie aus Aureliens Bau- che der Julius und die Roͤmische Dienstbarkeit geschnitten/ also aus Lucretiens Wunde die Freyheit des Volckes gebohren worden. Auser dem aber/ da sie Tarqvin mit Gewalt veruneh- ret/ waͤre sie keines Todes schuldigs da sie aber zugleich gesuͤndigt/ ihre Reue zu spat/ und ihre Verzweiffelung keines Lobes wuͤrdig gewest. Die Koͤnigin Erato konte sich nicht enthalten/ der in ihren Augen so hoch gesehenen Lucrekia das Wort zu reden/ und nach des Feldherrn ge- betener Erlaubnuͤß entgegen zu setzen: Keusch- heit und Lilgen waͤren von solcher Reinligkeit/ daß diese auch in ihrem Stiele/ jene in ihrem Lei- be keinen Fleck erduldete. Die Lilge streckte ihr Haupt unter den Blumen/ die Keuschheit unter den Tugenden am hoͤchsten empor/ wormit jene von dem Schlamme der Erden/ diese der Laster nicht besudelt wuͤrde. Die Lilge habe eine Farbe wie Schnee/ einen Geruch uͤber Bisam/ eine Krone von Gold; die Keuschheit muͤsse nicht al- leine den Glantz der Unschuld/ sondern einen al- len Verdachts befreyten Geruch eines guten Namens haben/ wenn sie den Krantz der Ehren erwerben wolte. Wie nun aber die Lilge alleine/ wenn sie unberuͤhrt bleibt/ ihren Geruch behiel- te/ durch Betastung aber selbten in Stanck ver- wandelte; also muͤsse die Keuschheit auch die Be- ruͤhrung ihrer Glieder von einem geilen Finger verhuͤten/ wo sie ihrer Ehre keinen Abbruch thun wolle; oder da ihre euserste Sorgfalt sie endlich fuͤr der Verwelckung nicht laͤnger be- freyen/ und mit ihrem kraͤfftigen Geruche die Giftsaugenden Schlangen von dem Genuͤsse ihres Jungfrauen-Honigs verjagen koͤnte/ doch mit ihrem Blute ihr einen neuen Ruhm gebaͤh- ren/ wie die Lilge sich aus ihren abfallenden eige- nen Thraͤnen saͤme und fortpflantze. Die Fuͤr- stin Thußnelda fiel der Koͤnigin ein: Sie billig- te allerdinges ihre Lehre/ aber nicht das darzu aufgestellte Beyspiel. Denn sie liesse Lucretien gerne fuͤr eine Austreiberin der Tyrannen/ fuͤr eine Mutter der buͤrgerlichen Freyheit/ nicht a- ber fuͤr ein vollkommenes Muster der Keuschheit gelten. Sintemal sie fuͤr ihrer Befleckung den angesetzten Dolch des Tarqvin/ nicht aber nach verwundeter Sache ihr Messer in ihren Bruͤ- sten haͤtte empfinden sollen. Weil ja eine mit Schrecken erpreste Beliebung zwar kein freyer/ aber gleichwol ein Wille; ein zuͤchtiges Hertze aber ein so durchsichtiges Crystall waͤre/ welches keinen Schatten gebe/ und ein so heller Spiegel/ daß er vom Anhauchen/ von einem geilẽ Anblicke Flecken bekaͤme. Diesemnach waͤre mit viel rei- neren Leibern/ mit viel keuscheren Seelen nach der vom Marius erlittener Niederlage das deutsche gefangene Frauenzimmer gestorben/ da sie in einer Nacht/ als sie Marius der Goͤttin Vesta nicht wiedmen wolte/ durch eigenhaͤndi- gen Tod aller fremden Brunst zuvor kamen. Da aber ja von einem Wuͤterich der Keuschheit die Haͤnde gehunden wuͤrden/ koͤnte sie so deñ al- lereꝛst ein behertzteꝛ Tod alleꝛ Schande befreyen. Also Arminius und Thußnelda. Also waͤre eine Fuͤrstin ihres Geschlechtes von einem Ungeheuer anfangs in Band und Eisen geschlagen/ hernach aber als sie vergebens um durch einen ruͤhmlichen Todt ihrer Schande fuͤr zukommen/ aus einem hohen Zimmer herab ge- sprungen/ in seinem Bette/ worfuͤr sie Pfal und Holtzstoß lieber beschritten haͤtte/ zu ihrer Ent- weihung angebunden/ und aus hieruͤber ge- schoͤpfftem Hertzeleide ihre reine Seele auff dem Grabe ihres vorher ermordeten Ehherrn aus- geblasen worden. Fuͤrst Rhemetalces/ nach- dem er mit Verwunderung so tugendhafften Geschicht- und Entschluͤssungen zugehoͤret hat- te/ fing hierauff an: Er und die uͤbrige Welt muͤsten bey solcher Beschaffenheit nicht nur ih- ren Meinungen beypflichten/ sondern auch ih- ren Tugenden aus dem Wege treten. Armeni- en aber/ fing Hertzog Jubil an/ wuͤrde sich nun- mehr mit der Heldenthat ihrer Erato auch den Deutschen zu gleichen und andern Voͤlckern fuͤr zu zuͤcken haben. Jn alle wege fuhr der Feldherr fort/ denn die Tugend ist an keine Ecke der Welt angepfloͤcket. Wie unter einem guͤti- gen Himmel und einem gluͤckseligen Gestirne solcher Art Menschen gebohren werden/ die un- ter-dem kalten Angelsterne wohnen; Also wer- den in dem eyßichten Nord auch solche gezeuget/ wie die/ so die Sonne uͤber ihrem Wuͤrbel haben. Mir ist zwar nicht unbewust/ daß die Stern- verstaͤndigen die Weltkugel in sieben der Brei- te nach genommene Landstriche abtheilen/ den ersten/ der durch die Jnsel Meroe geht/ dem Sa- turnus/ und desthalben groben/ argwohn- und verraͤtherischen Leuten/ den andern bey der E- gyptischen Stadt Siene dem Jupiter/ und dar- um klugen andaͤchtigen und ehrliebenden Ein- wohnern/ den dritten/ der Alexandria beruͤhrt/ dem Mars/ und also kriegerischen und unruhi- gen Menschen zueignen. Uber dem vierdten/ unter dem Rhodis und halb Griechenland gele- gen/ setzen si die Sonne/ darinnen gelehrte/ be- redsame un zu allen Kuͤnsten geschickte Leute wohnten; Den fuͤnfften/ welcher Jtalien be- greifft/ stellen sie unter den Einfluß der Venus/ und machen darinnen Wollust und Uppigkeit zur Herrscherin. Den sechsten/ der Gallien in sich hat/ soll Mercur unter sich/ und also veraͤn- derliche und unbestaͤndige/ iedoch denen Wissen- schafften ergebige Einwohner; Der siebende a- ber/ der uns Deutsche und Britannien erreicht/ des Monden Eigenschafft haben/ und deßhalben traurige/ und nur zur Kauffmañschafft und Ga- stereyen geneigte Leute bewirthen. Alleine wie ich unschwer enthenge/ daß die Wuͤrckung der Gestirne uͤber die Beschaffenheit der dort oder dar sich befindlicher Leiber eben so wie uͤber die Erde selbst eine grosse Gewalt ausuͤbe; wiewohl auch diese nach ihrem Unterscheide jener Wuͤr- ckung verhindert; Daher es auch unter dem mittelsten Sonnen-Zirckel nicht allenthalben gluͤendheiß/ sondern recht mittelmaͤßig/ gegen Mitternacht nicht allenthalben unertraͤglich kalt ist/ also ist das edelste Kleinod des Gemuͤths die Tugend/ welche ihren Ursprung nicht aus den Sternen/ noch aus den Duͤnsten der Erden sondern aus einem uͤberirrdischen Saamen/ wel- chen die Goͤttliche Versehung in Mutterleibe noch in unsere Seelen eingeust/ und eine gute Aufferziehung fortpflantzet/ nicht in gewisse Winckel des Erdkreißes zu verriegeln. Zwar ists nicht ohne/ daß ein Volck tugendhaffter sey als das andere/ und daß zu gewisser Zeit gewisse Laster/ wie manche Kranckheiten/ mehr im Schwunge gehen. Allein es ist kein Ort und keine Zeit so ungluͤckselig/ daß eitel Klodier/ kein Cato leben solte. Jedes Land hat seine Wun- werwercke und seine Mißgeburten nichts weni- ger/ als seine Tage und seine Naͤchte. Keines ist/ welches nicht seinen Hercules/ und seine Lucretia auff die Schaubuͤhne stellen koͤnne. Und wo Sonnen sind/ giebt es auch Finsterniße. Ob wir Deutschen nun wohl dem beruͤhmten Armenien eine so koͤstliche Perle/ als ihre Koͤnigin Erato ist/ nicht mißgoͤnnen/ so rechnen wir es doch fuͤr Erster Theil. J i i ein Vierdtes Buch ein Gluͤcke Deutschlandes/ daß selbte mit einem so herrlichen Strahl ihrer Tugend unser Deutschland beseligt/ und ihre Heldenthat zu ei- nem Beyspiele unser Nachkommen fuͤr gebildet habe. Die Koͤnigin faͤrbte uͤber diesem Ruhme ihre verschaͤmte Wangen/ schrieb ihr Beginnen/ da es ja eines Ruhmes wuͤrdig waͤre/ dem Ein- flusse Deutschlandes/ welches so vieler Voͤlcker gemeine Laster auch nicht nur von Nahmen keñte/ alles ihr gegebene Lob aber der Hertzhaff- tigkeit des Fuͤrsten Jubils zu/ dessen Tugend nicht nur so viehische Menschen/ sondern auch die grausamsten Thiere bezwungen/ und den Nah- men eines neuen Hercules verdienet haͤtte. Die Fuͤrstin Thußnelde fiel ein: Jch weiß sicher nicht/ ob ich wilde Thiere oder boͤse Menschen fuͤr grausamer halten solle. Denn ob gleich die Na- tur diese nicht wie die Baͤre mit starcken Tatzen/ wie die Loͤwen mit starcken Klauen/ wie die Ti- ger mit scharffen Naͤgeln/ mit einem Ruͤssel wie die Elefanten/ mit Hoͤrnern wie die Ochsen/ mit Zaͤhnen wie die hauenden Schweine/ mit Sta- cheln wie die Bienen ausgeruͤstet/ so hat sie es doch nicht so wohl aus Miß gunst gethan/ weil die Vernunfst alle Waffen uͤberwieget/ als die Menschen aus Mißtrauen allzu grossen Miß- trauens entwaffnet. Sintemal die Verlaͤum- der eine viel gifftigere Zunge als die Nattern/ wormit sie auch die reinsten Lilgen begeiffern/ die Betruͤger viel kruͤmmere Anschlaͤge/ als die Hoͤr- ner der Auer-Ochsen sind/ wormit sie auch die Fuͤrsichtigen beschaͤdigen/ die Neidischen schaͤdli- chere Augen als Basilißken haben/ und mit ih- ren Blicken die Unschuld zu erstechen trachten. Der Athem der Drachen ist nicht so toͤdtlich als der Heuchler/ die Hunds-Zaͤhne nicht so spitzig als der Zornigen/ keine Egel so blutduͤrstig als die Tyrannen. Also sind im Menschen nicht nur aller Ungeheuer Waffen vereinbart/ sondern da diese zum hoͤchsten uns nur des Lebens zu entsetzen maͤchtig sind/ so rauben uns diese noch Ehre/ Friede/ Gut/ Vergnuͤgung/ das Gewis- sen/ und endlich gar die Seele/ durch Laͤstern/ Krieg/ Diebstal/ Ehbruch/ Verfuͤhr- und Ver- zweiffelung. Bey welcher Bewandniß sich nicht zu veꝛwundern ist/ daß so viel Weltweise ge- glaubt: die Menschen haͤtten nichts uͤberirrdi- sches an sich/ sondern sie waͤren wie die wilden Thiere von sich selbst aus der Erde gewachsen. Massen denn ein Mensch dem andern offt un- aͤhnlicher als einem Affen/ und gehaͤßiger als den Schlangen ist. Daher Socrates mit ihm selbst nicht eins gewest ist: Ob er ein Mensch oder an- der Thier waͤre/ und deß wegen nachdencklich ge- dichtet/ daß er auff dem Vogel-Eylande wegen deß daselbst eingewurtzelten Hasses wider die Menschen/ sich habe fuͤr einen Affen ausgeben muͤssen. Jch muß es gestehen/ fing Hertzog Jubil an/ diese zwey Baͤren bezeugten allhier gegen einer solchen anbetens-wuͤrdigen Goͤttin mehr Barmhertzigkeit und Ehrerbietung/ als die Sarmatischen Unmenschen; ja der eine fuͤhrte mich so gar zu ihrer Errettung. Und ob sie wohl gegen mich ihre Klauen gewetzet/ so ist doch diß nicht so wohl fuͤr eine Grausamkeit zu schel- ten/ sondern vielmehr als eine Vertheidigung ihres Herrn/ welcher sonst sein Leben diß- mahl nicht darvon gebracht haͤtte/ zu loben. Fuͤrst Rhemetalces setzte bey: Es waͤre in alle wege die That dieser zwey so wohl abgerichte- ten und treuen Baͤren so schlecht nicht anzuse- hen. Jn Epiro habe zwar ein Hund den Moͤr- der seines Herrn angegeben/ ein ander sich mit seinem Lisimachus verbrennen/ Masinissa sich von Hunden bewachen lassen/ einander sich mit seinem in die Tiber geschmissenen Herrn er- saͤuft. Die Colophonier und Castabalenser haͤtten Hunde in ihren Schlachten an die Spitze gestel- let/ zwey hundert Hunde haͤtten einen Koͤnig der Garamanter durch ihre Tapfferkeit wieder in sein Reich gesetzt. Der grosse Mithridates habe zwar Hunde/ ein Pferd/ einen wilden Ochsen/ und einen Hirsch/ Hanno einen Loͤwen im Laͤger zu seiner Bewahrung abgerichtet/ welches als ein Arminius und Thußnelda. ein Zeichen angezielter Ober-Herrschafft uͤber Carthago ihn seinen Kopff gekostet/ Marcus Antonius habe nach der Pharsalischen Schlacht zur Andeitung/ daß die hertzhafftigsten Roͤmer sich einem knechtischen Joche unterwerffen wuͤr- den/ gezaͤhmte Loͤwen an seinen Wagen gespan- net/ und sey darmit in Rom gefahren; von denen so wilden Baͤren aber habe er noch nicht gehoͤret/ daß selbte zur Leibwache waͤren gebraucht/ und zum Kriege abgerichtet worden. Der Feldherr antwortete: Es waͤre in denen Nordlaͤndern diß nichts ungem eines; massen die Baͤren all- dar zum Tautz und anderer Gauckeley geweh- net wuͤrden. Auch hielte er darfuͤr/ daß die Baͤren in Thracien nicht grimmiger seyn muͤ- sten/ weil in dem benachbarten Phrygien ja des Priamus wegen eines Traumes in das Jdi- sche Gebuͤrge verworffener Sohn Alexander von einer Baͤrin soll gesaͤuget worden seyn. Rhemetalces versetzte: Jch hoͤre wohl/ daß der Feldherr meiner Nachbarschafft mehr als ich selbst kundig sey. Jedoch faͤllt mir zu Bestaͤr- ckung obiger Meinung ein/ daß es die Men- schen den wilden Thieren weit zuvor thun/ wie Cyrus von einem Hunde/ Pelias von einer Stutte/ Egisthus von einer Ziege/ Romulus von einer Woͤlffin/ Koͤnig Habis von einer Hinde/ Midas von Ameisen/ Hiero und Plato von Bienen/ ja Pythagoras gar von ei- nem Aspen-Baume ernehret worden sey; als die unbarmhertzigen Eltern ihnen die Lebens- Mittel entzogen. Es ist zu bejammern/ antwor- tete der Feldherr/ daß vernuͤnfftige Menschen wilder als wild sind/ daß ein Thier ins gemein nur einer uͤbeln Art/ als der Fuchs der Arglist/ der Hund der Zwistigkeit/ der Esel der Traͤg- heit/ der Hase der Furchtsamkeit/ der Panther der Grausamkeit/ der Mensch hingegen aller Laster faͤhig sey. Und da kein Unthier ein anders toͤdtet/ wenn es nicht Hunger oder Beleidigung darzu noͤthiget/ der Mensch alleine das heilige Eben- bild Gottes den andern im Schertz und Kurtz- weil in offentlichen Schau-Plaͤtzen mit Lachen und Frolocken der Zuschauer ermordet. Ja weñ man den Abriß deß menschlichen Lebens genau betrachtet/ scheinet selbter fast alle zehn Jahr eine neue Gestalt eines Thieres abzubilden/ und biß zum zehenden Jahre einen Papagoyen/ und ein spielendes Eichhorn/ biß zum zwantzigsten einen stoltzen Pfauen/ biß zum dreißigsten einen hitzi- gen Loͤwen/ biß zum viertzigsten ein arbeitsames Kamel/ biß zum funffzigsten eine listige Schlan- ge/ biß zum sechzigsten einen neidischen Hund ab- zugeben/ und derogestalt biß er wieder zum Kin- de wird/ sich von Jahre zu Jahre mehr zu ver- schlimmern/ und ie mehr sein Verstand zunim- met/ sich seines edlen Schatzes der Vernunfft nur weniger zu gebrauchen/ oder kraͤfftiger zu mißbrauchen. Die tugendsame Thußnelde seuf- zete hieruͤber/ und zweiffelsfrey uͤber dem Begin- nen ihres Vatern Segesthes/ und hob an: Wol- te Gott! daß der Mensch dieses mehr als him̃li- sche Licht der Natur/ welches in uns alle Nebel der Unwissenheit/ allen stinckenden Dampff der Laster erleuchten und zertreiben soll/ mit Nach- haͤngung seiner boͤsen Luͤste nicht verfinsterte! Wolte Gott! daß er alle sein Thun nach dieser Richtschnur richtete! Denn die Vernunfft ist in Warheit der Probierstein/ an dem man alle Be- gebnuͤsse streichen/ alles Boͤse und Gute unter- scheiden muß. Sie ist die Magnet-Nadel/ wel- che sich allezeit gegen dem Angelsterne der Tu- gend wendet. Diese ist des Menschen eigenthuͤm- liches Gut/ das die Natur ihm zuvoraus ge- schencket hat; Alle andere Gaben besitzen auch andere Thiere. Einen Leib haben auch die Stei- ne/ ein Leben auch die Gewaͤchse/ die Bewegung auch das Gewuͤrme/ eine Schoͤnheit auch die Pfauen/ eine Stimme auch die Papagoyen/ eine Staͤrckere der Loͤw/ eine schaͤrffere der Adler/ eine lieblichere die Nachtigal. Die Elephanten uͤber- treffen den Menschen an der Staͤrcke/ die Hir- schen an Geschwindigkeit/ die Affen am Ge- schmacke/ die Spinne am Fuͤhlen/ der Geyer am J i i 2 Ge- Vierdtes Buch Geruche/ der Luchs am Gesichte/ das wilde Schwein am Gehoͤre. Der Mensch aber alle Geschoͤpffe/ auch die Gestirne am Gebrauch der Vernunfft/ nehmlich der Tugend. Uber diesen Worten vernahmen sie ein star- ckes Geraͤusche/ welches die Fuͤrsten das Frau- enzimmer auff die Seite zu bringen/ und sich zu Pferde zu setzen verursachte. Bald hier auf sa- ben sie aus dem Gehoͤltze eine Menge fluͤchtiger Marckmaͤnner spornstreichs hervor kommen/ welche von denen Cheruskern unter dem Fuͤr- sten Adgandester und Malovend verfolgt wor- den/ hier aber ihrem zweyten Feinde in die Haͤn- de fielen. Wie nun diese wenige Uberbleibung alsofort umringet ward/ und sie keine Ausflucht sahen/ warffen sie alle die Waffen von sich/ und unter gaben sich der Gnade ihrer Uberwinder. Der Feldherr ließ sie nach Kriegsbrauch gefan- gen nehmen und in Verwahrung halten. Nach dem er auch von Adgandestern verstand/ daß nach etlicher Stunden hartnaͤckichtem Gefech- te sie wohl ein paar tausend harte hinter ihnen herziehende Cherusker entsetzet/ und den Feind in gegenwaͤrtige Flucht getrieben haͤtten; ward er mit den andern Fuͤrsten schluͤßig den Koͤnig Marobod vollends zu verfolgen und aus seinem Gebiete zu treiben. Diesem nach fertigte er zwey tausend Pferde von denen/ welche wenig oder gar nicht gefochten hatten/ unter etlichen seinen Kriegs-Obersten ab/ dem Feinde noch selbige Nacht nach zusetzen. Die Fuͤrsten aber mit denen abgematteten be- gaben sich in die kaum eine halbe Meile von dar entfernte Stadt Tulisurgium/ wohin die Ver- wundeten zu ihrer Pflegung/ die Todten a- ber zu ehrlicher Beerdigung gebracht wurden. Es begunte aber kaum ein wenig zu tagen/ als der Feldherr mit seinen ausgeruheten Che- ruskern schon wieder zu Pferde saß/ und biß an den Weser-Strom fortruͤckte; daselbst aber von einem aus seinem Vortrabe zuruͤck geschickten Edelmanne benachrichtiget ward/ daß Koͤnig Marobod mit seiner geringen Uberbleibung/ welche nicht entweder von der Schaͤrffe der Schwerdter gefallen/ oder wegen Muͤdigkeit nicht folgen koͤnnen/ uͤber die Weser gesetzt/ und so eilfertig sich gefluͤchtet haͤtte/ daß er schwerlich zu ereilen seyn wuͤrde. Weil nun der Vortrab nach dem Urthel derer/ die die fluͤchtigen Hauffen gesehen haͤtten/ dem Feinde uͤberfluͤßig gewach- sen zu seyn schien/ zumal insgemein drey Fluͤch- tige nicht gegen einem aus den Uberwindern ste- hen/ hielt es deꝛ Feldherꝛ nicht vor rathsam einem so schwachen Feinde selbst/ uñ mit so hohen Haͤup- tern und mehrer Macht nachzusetzen/ sondern er schrieb an Koͤnig Marobod folgenden Jnhalts: Ob zwar das Fuͤrstliche Cheruskische Haus und seine Bundsgenossen von den Marckmaͤn- nern durch vielerley Beleidigung zu Ergreif- fung der Waffen waͤre gereitzet worden/ habe doch die Liebe des Vaterlands/ und die Sorge fuͤr die allgemeine Freyheit ihm allezeit die Ein- tracht gerathen. Sintemal der Degen zwar/ wenn man will/ ausgezogen/ nicht aber einge- steckt werden koͤnne; und sie beyderseits einen solchen Feind an der Seite haͤtten/ der sich der Deutschen Uneinigkeit zu seinem Vortheil meisterlich zu bedienen wuͤste. Er habe zeither wegen dieses gemeinen Besten unter schiedene Feindseligkeit unerschrocken uͤbernommen/ und die ihm von den Roͤmern angebotene guͤlde- ne Verge veraͤchtlich gehalten/ da er nebst ihnen mit dem Marobod brechen wolte. Also befrem- de ihn nicht wenig gegenwaͤrtiger wider alles Fried- und Kriegs-Recht fuͤr genommene Ein- fall/ und zwar zu der Zeit/ als er und andere recht deutsch gesinnte Fuͤrsten so wohl fuͤr seine als ihre eigene Erhaltung zu Felde gelegen/ und das schon in fremder Dienstbarkeit schmachtende Deutschland aus den Fesseln gerissen haͤtten; ja da der Fuͤrst Jngviomer unterwegens waͤre ihn aller Freunoschafft zu versichern/ und ein neues Buͤndiß fuͤrzuschlagen. Die Entfuͤh- rung seiner mit ihres Vatern Willen ihm ver- lobten Arminius und Thußnelda. lobten Braut beleidige nicht nur das Recht der Freundschafft/ der Voͤlcker und der heiligen Eh/ sondern auch die Gottheit/ fuͤr welcher Al- tare das Eh-Verloͤbniß vollzogen worden/ und welche das ihr angefuͤgte Unrecht zu raͤ- chen nicht vergesse. Daher mangele ihm nunmehr weder erhebliche Ursache noch Kraͤf- ten/ mit seinen sieghaften Waffen dieser Beleidi- gung gerechter Rache zu uͤben; daraus die Sterblichen ins gemein einen grossen Wucher suchten/ Gott auch selbst deshalben fuͤr uns sorg- faͤltig waͤre. Jedoch wolte er noch einmal hier- zu ein Auge zudruͤcken/ und glauben/ daß Se- gesthes der Uhrheber/ die Heftigkeit seiner Liebe nur der blinde Wegweiser dieses Anschlages ge- wesen sey; der allgemeine Nachtreter unbe- dachtsamer Erkuͤhnungen nemlich die Reue ihm aber schon auf den Fersen folge. Daher wolle er das gemeine Heil seinem absondern Unrechte vor-die abgefertigte Botschafft nicht zuruͤcke ziehen; also ihm zum Uberflusse noch die Wahl lassen: Ob er das fuͤr geschlagene Buͤndnuͤß fuͤr die Freyheit des Vaterlandes belieben/ oder ihm und seinen Bundsgenossen einen verderblichen Krieg abnoͤthigen wolle? Er moͤchte aus des vorhergehenden Tages Begebenheit nachden- cken/ daß man zum Kriege noch anders gefaßt aufziehen muͤsse/ als zu einem Treffen; und daß die Buͤrger-Kriege die blutigsten und ungerech- testen/ als welche ohne schlimme Stuͤcke weder angefangen noch ausgefuͤhret werden koͤnten. Dieses Schreiben stellte der Feldherr einem Marsingischen Ritter/ Zedlitz/ zu/ umb solches seinem Koͤnige zu uͤberbringen/ er ließ auch nebst ihm alle Gefangene/ welche er biß an die Marck- maͤnnische Graͤntze/ wo die Saale und Elbe zu- sammen fleust/ durch 500. Pferde begleiten und beschirmen. Hierauf kehrten sie allerseits mit neuem Sie- ge und unermaͤßlichen Freuden zuruͤcke/ ausser daß die Koͤnigin fuͤr die Wunden ihres hertzlieb- sten Zeno grossen Kummer trug/ ob sie schon ei- nige zuletzt nachkommende Edelleute versicher- ten/ daß die Beschaͤdigung so gefaͤhrlich nicht waͤre/ als man anfaͤnglich gefuͤrchtet. Denn weil ins gemein boͤse Botschafften so viel moͤg- lich vergeringert werden/ finden selbte auch stets nur einen zweifelhaften Glauben. Jn der zar- ten Seele der edlen Thußnelde aber war der traurige Kummer noch viel empfindlicher ein- gewurtzelt/ weil sie ihre eigene Ehre durch ihres Vaters Untreue befleckt zu seyn meynte. Da- her/ ob sie zwar mit ihrem laͤchelnden Munde ihre iñerliche Gemuͤths-Vergnuͤgung zu eroͤff- nen/ und ihn mit einem Strome der Annehm- ligkeit zu uͤberschuͤtten sich bemuͤhte/ waren doch die ihre Freudigkeit unterbrechenden Seufzer Verraͤther ihres mit eitel Schwermuth uͤberla- denen Hertzens. Ja die Augen selbst vermoch- ten die Qvellen der Traurigkeit nicht zu versto- pfen/ daß nicht zuweilen die Thraͤnen ihre la- chende Wangen befeuchteten. Hertzog Herr- mann fuͤhlete diese Schmertzen zweyfach in sel- ner Seele/ weil sie mit Thußneldens durch die heftigste Liebe vereinbaret war. Diesemnach noͤthigte ihn sein eigenes Mitleiden Thußnelden Lufft/ und sie ihrer gewohnten Großmuͤthigkeit eindenck zu machen/ also ihr einzureden: daß sie durch uͤbermaͤssige Kleinmuth ihrem erhaltenen Tugend-Ruhme keinen so grossen Abbruch/ sei- ner Liebe aber kein so grosses Hertzeleid anthun moͤchte. Denn es waͤre kein aͤrger Ubel/ als kein Ubel vertragen koͤnnen. Ein Weiser freuete sich auch in einem gluͤenden Ochsen; das weiche Holtz wuͤrde nur wurmstichig/ und ein niedriges Gemuͤthe durch Widerwertigkeit zu Bodem geworffen. Er wuͤste zwar/ daß die Natur in Thußnelden der Welt ein Muster der Voll- kommenheit/ ihm aber einen Leit-Stern zur Tugend fuͤrstellen wollen; nichts desto weniger wuͤrde sie zweifels-frey selbst empsinden/ daß wie der Wind die Lufft/ die Glut das Ertzt/ der Sturm das Meer; also das Ungluͤck die Ge- muͤther von aller Unreinigkeit saubere. Ach! J i i 3 sag- Vierdtes Buch sagte Thußnelde/ ich weiß und fuͤhle nunmehr allzu sehr meine Schwachheit. Jch lerne/ daß das Verhaͤngnuͤß Anfechtungen habe/ welche Riesen Furcht einjagen/ und auch marmelnen Saͤulen Schweiß austreiben koͤnnen. Es ist nicht ohne/ versetzte der Feldherr? Aber zuletzt gereichet alles dem/ der alles diß uͤberwindet/ zum Vortheil. Beym Blitze werden nur von den Muscheln die Perlen empfangen/ die Myrrhen rinnen nur durch die Wunde/ welche das Baum-Messer in seiner Mutter-Staude macht; der Wein-Stock wil geschnidten/ und gewisse Baͤume behauen seyn/ wenn sie Fruͤchte tragen sollen. Nicht andere Eigenschafft haͤtte das unter der Truͤbsal sich am tapfersten bezei- gende Gemuͤthe des Menschen; und wuͤrde man vom Hercules/ wenn keine Ungeheuer gewest waͤren/ so viel ruͤhmliches nicht zu sagen wissen. Was ein oder ander Mensch absonderlich aus- stuͤnde/ gereichte zu Erhaltung des gemeinen Wesens. Die Natur selbst befoͤrderte ihre Geburten durch eine Verderbung vorher gewe- sener Dinge. Wer nur immer gluͤckselig seyn wolte/ verlangte die Welt nur auf einer Seite/ das Geluͤcke nur vorwerts/ und die Natur nur halb zu kennen. Er wolte/ wenn andere bere- gneten/ keinen Tropfen auf sich fallen lassen/ und bey allgemeinem Schiffbruche nur sein Segel in Hafen bringen. Thußnelde roͤthete sich hieruͤber/ und versetzte: Sie koͤnte ohne Un- vernunft sich keines Vorzugs fuͤr andern Men- schen/ noch einer Freyheit von der Botmaͤssig- keit des Geluͤckes sich anmassen; aber ihr Un- stern schiene mit Fleiß dahin ausgeruͤstet zu seyn/ daß er sie in dem Mittel ihres Hertzens/ nemlich in dem Behaͤltnuͤsse der allein unversehrlichen Ehre/ verwunden/ und bey vermeynter Erlan- gung ihres hoͤchsten Wohlstandes einaͤschern wolte. Hertzog Herrmann begegnete ihr mit einem ihm aus den Augen herfuͤrbrechenden Mitleiden: Es waͤre zwar eine gemeine Ketze- rey der Menschen/ daß sie/ denen es ein wenig wol ginge/ sich fuͤr die Schooß-Kinder/ die ein we- nig ungluͤcklichen aber sich fuͤr die Verwuͤrfflin- ge des Himmels ausruffeten. Den Hoch- und Kleinmuth vertruͤgen als Riesen und Zwerge keine Mittelgattung im menschlichen Leben. Allein es waͤre das Ungluͤck dem Menschen so gemein/ als die Schwaͤrtze dem Raben. Weswe- gen einige Weisen in dem Weinen eine merck- wuͤrdigere Eigenschafft und Unterscheidung von andern Thieren bey dem Menschen zu fin- den vermeynet/ als in dem Lachen/ oder auch gar in der Vernunft. Denn sie waͤren ins gemein in Wahrheit denen traurigen Wacholder- und Fichten-Baͤumen zu vergleichen/ welche keine Bluͤthen truͤgen/ und also aller Merckmale des freudigen Lentzes beraubt waͤren. Jhr gantzes Leben/ wenn es gleich die Wollust zuweilen ver- zuckerte/ waͤre vergaͤllet/ und sie wuͤsten von keinẽ Honige; den nicht der Tod durch Aufhebung ihres Elendes verursachte/ oder die Tugend aus ihren eigenen Wermuth-Blumen saugte. Da- hero der tieffsinnige Democritus den verzwei- felnden Koͤnig Darius beym Verlust seiner schoͤnsten Gemahlin/ nach versprochener Leben- digmachung dieses seines todten Abgottes/ durch diese nachdenckliche Erinnerung zur Vernunft gebracht: Er solte dreyer niemals ungluͤckseli- ger Nahmen auf der Verstorbenen Grab ein- atzen lassen. Welche Darius aber so wenig in seinem grossen Gebiete/ als der Himmel iemals unter seinem weiten Dache gehabthat. Unter dieser allgemeinen Ungluͤckseligkeit machte doch der Himmel die tugendhafte Thußnelda seinem geringschaͤtzigen Urtheil nach/ sie aber ihn tau- sendfach gluͤckselig. Das Verhaͤngnuͤß mach- te alle schlimme Anstiftungen ihrer Feinde zu Wasser/ und alle zernichtete Fall-Stricke zu Sieges-Zeichen. Sie besaͤsse den/ welchen man von ihr zu trennen Himmel und Erde be- weget/ und die Hoͤlle beschworen haͤtte. Alle Verfolgung gelangte ihrer Unschuld zur Mit- leidung/ und ihrem Nahmen zum Ehren-Ruh- me. Arminius und Thußnelda. me. Sintemal auch die nicht ohne Schuld leidenden die Gewogenheit/ als wie der verfin- sterte Monde die Augen der Menschen an sich zu ziehen/ und die Ungluͤckseligsten gegen sich nichts minder eine Verehrung/ als Erbarmnuͤß zu erwecken pflegten. Also wiche man eben so gern einem Blinden/ als einem Koͤnige aus dem Wege; und die Alten haͤtten die von dem Donner beruͤhrten Oerter zu Heiligthuͤmern eingeweihet. So wuͤrde sie wohl/ antwortete Thußnelde/ einer der groͤsten Tempel in Deutschland werden/ ungeachtet sie sich fuͤr keine Gott zu wiedmen wuͤrdige Hecke hielte. Sintemal das Ungluͤck seine aͤuserste Kraͤfften an ihr pruͤfete/ und eines alle Tage dem andern die Hand reichte. Massen sie denn ihr Vater Segesthes zeither fast so vielen Goͤtzen zun Fuͤs- sen geleget/ als seine Veraͤnderung ihm neue An- schlaͤge an die Hand gegeben haͤtte. Der Feld- herr begegnete ihr: Gleichwohl haͤtte er unter diesen ihrer beyder Wuntsch billigen/ und dar- durch bestaͤrcken muͤssen/ daß/ wie vieler abson- derlich toͤdtlichen Gifte Vereinbarung heilsam/ also mehrmals ein Ubel des andern Artzney waͤ- re. Wenn auch der Sturmwind und das Un- gluͤcke so gar arg rasete/ waͤre es ein Merckmahl der aͤuserst angewehrten Kraͤfften/ und daß bey- de bald aufhoͤren wuͤrden. Die schwaͤrtzeste Wolcke waͤre durch die letzthin erhaltene vaͤter- liche Einwilligung zu ihrer Heyrath zertrieben; sintemal zwar nicht das Recht der Natur/ den- noch der Voͤlcker der Eltern Beyfall zu der Kin- der Verehligung erforderte; alle uͤbrigen/ wel- che Arglist oder Verlaͤumbdung erdaͤchten/ waͤ- ren nur unter die so geringschaͤtzigen Verdruͤß- ligkeiten zu rechnen; welche Telemachus und die Egyptischen Weiber durch das Kraut Ne- penthes in die Vergessenheit zu vergraben ge- trauten. Nach dem aber in allen diesen Unfaͤl- len das unveraͤnderliche Verhaͤngnuͤß seine Hand haͤtte/ und unsere Feinde nur Werckzeu- ge des Goͤttlichen Zornes waͤren/ stuͤnde es uns ja besser an/ uns der unvermeidlichen Noth zu unterwerffen/ als ein Sclave unsers verzaͤrtelten und offt der Natur unvertraͤglichen Willens zu seyn. Der Himmel wolte zuweilen unsere Vergnuͤgung durch die Schaͤrffe der Wider- wertigkeiten/ wie die uͤbermaͤssige Suͤssigkeit durch eine annehmliche Saͤure verbessern/ ja zu- weilen durch einen Sturmwind uns in Hafen der Gluͤckseligkeit treiben. Also pflegten die Aertzte zuweilen selbst ihren Krancken ein Fieber zu machen/ umb gefaͤhrlichere Schwachheiten abzuleiten. Gleicher gestalt haͤtten die Rho- dier bey Einfallung ihres Colossus aus dem gut- hertzigen Beytrage ihrer Nachbarn mehr Vor- theil/ als aus dem Erdbeben Schaden empfun- den. Einigen haͤtte ein in der Schlacht sie ver- wundender Pfeil ihr Geschwuͤre eroͤffnet/ wel- ches die Aertzte mit einigem Finger an zuruͤhren sich gefuͤrchtet haͤtten. Mit einem Worte: Die so suͤsse Milch haͤtte ihren Ursprung aus Blute/ und der Honig aus bitterem Klee/ und die groͤsseste Ergetzligkeit aus uͤberstandenem Ungluͤcke. Thußneldens Hertze ward nicht so wohl durch die Krafft der angezogenen Gruͤnde/ als durch das Ansehen des Redners selbst geruͤh- ret/ daß sie eine merckliche Gemuͤths-Beruhi- gung von sich blicken ließ. Gleichwohl aber giengen ihr die Augen noch uͤber/ und sie gab die- se Ursache ihrer Wehmuth zu verstehen/ daß sie all ihr Ungluͤck zu vergessen verbunden waͤre/ weil das Verhaͤngnuͤß sie durch die Liebe des Feldheꝛꝛn mit tausendfacher Gluͤckseligkeit uͤber- schwemmete. Alleine/ diß stiege ihr noch allzu- sehr zum Hertzen/ daß ihr Unstern so viel andere Unschuldige mit druͤckte; oder/ daß fuͤr die Wie- derbringung ihres Heiles andere so viel leiden muͤsten. Wie denn die holdselige Koͤnigin Era- to nur deshalben/ daß sie sich an sie einen zer- brechlichen Rohr-Stab gelehnet haͤtte/ in die Gefahr verfallen waͤre/ Hertzog Herrmann/ Jubil und Malovend ihr Blut verspritzet/ viel andere auch/ und vielleicht der großmuͤthige Zeno Vierdtes Buch Zeno ihr Leben gar aufgeopferthaͤtten. Her- tzog Jubil begegnete ihr mit einer freymuͤthigen Ehrerbietung/ und weil die Koͤnigin Erato sich ihrer Saͤnfte naͤherte/ versicherte er sie/ daß Her- tzog Zeno ausser aller Gefahr/ sonst aber mehr Helden fuͤr eine so tugendhafte Fuͤrstin zu sterben verbunden waͤren/ als das thoͤrichte Griechen- land fuͤr eine unkeusche Helena auf die Schlacht- banck in Phrygien geliefert haͤtten. Hertzog Malovend antwortete: Der den Griechischen Helden zu gewachsene Nachruhm machte nichts desto weniger ihre Baare gluͤckselig/ und die/ welche fuͤr die unsterbliche Thußnelde iemals ih- ren Degen gezuͤcket/ wuͤrden gleichfalls nimmer- mehr vergessen werden; zumal sie das Gluͤcke gehabt haͤtten so viel Zuschauer ihrer Helden- Thaten zu haben. Nach dem aber der geruͤhm- ten Tapferkeit des Fuͤrsten Zeno so viel Zuschau- er abgegangen waͤren; wuͤrde es zu ihrer allge- meinen Vergnuͤgung/ und zum verdienten Preise dieses Helden gereichen/ wenn sie der Wis- enschafft solcher Begebnuͤß theilhaftig wuͤrden. Als nun auch die andern Fuͤrsten ihre Begier- de den Verlauff des geschehenen Raubes zu ver- nehmen mercken liessen/ erzehlte die liebreiche Thußnelda: Sie waͤre fruͤh mit der Koͤnigin Erato/ dem Fuͤrsten Zeno und Saloninen in den Fuͤrstlichen Lust-Garten bey Deutschburg ge- fahren/ in Meynung von erwehntem Fuͤrsten die vertroͤstete Erzehlung seiner wundersamen Zufaͤlle zu vernehmen. Wir setzten uns/ sagte sie/ zu dem Ende auf den Umbgang des letztern Lust - Hauses/ theils dem annehmlichen Spring-Brunnen/ allwo aus vier ertztenen Wallfischen vier grosse Stroͤme Wasser in die marmelne von so viel unterbuͤckenden Meer- Goͤttern gehaltene Schale ausspritzẽ/ zu zuschau- en/ theils auch unsere Augen in die selbige Ge- gend gleich eines Krantzes umbgebende Huͤgel und Waͤlder auszutreiben. Der Fuͤrst hatte nach etlichen andern annehmlichen Unterredun- gen kaum seine Geschichte beruͤhret/ als wir aus Deutschburg einen zu Pferde spornstreichs dem dicksten Walde zurennen sahen/ uns aber als von allen Feinden weit entfernet/ hieruͤber das we- nigste bedenckliche traͤumen liessen; wiewohl wir hernach aus dem Ausschlage gemuthmasset/ daß durch eben selbten unsere Anwesenheit in dem Lust-Garten verrathen sey worden. Wenige Zeit hernach kamen aus drey unterschiedenen Ecken des Waldes etwan zwoͤlf Pferde gegen Deutschburg Fuß fuͤr Fuß geritten/ die wir aber ebenfals/ zumal sie auf Cheruskische Art bekleidet waren/ aus der Acht liessen/ und des Fuͤrsten Ze- no anmuthiger Erzehlung Sinnen und Gemuͤ- the wiedmeten. Der Feldherr brach ein: Es ist sicher eine hoͤchst vermessene That/ aus unserm mit so viel tausend Mann besetztem Fuͤrstlichen Laͤger bey hellem Tage mit so weniger Mann- schafft einzubrechen/ und Erlauchte Personen freventlich anzutasten. Aber es gehen keine Anschlaͤge gluͤcklicher von statten/ als derer man sich am wenigsten versihet/ und der Vernunft am wenigsten aͤhnlich sind/ entweder weil das Gluͤcke seine Oberhand uͤber alle Klugheit hier- durch bezeugen/ oder diese uns fuͤr aller Unacht- sam - und Sicherheit warnigen wil. Thuß- nelda fuhr fort: Bey dieser letztern verlohren wir sie ein par Gewende lang unter der ziemlich hohen Gartẽ-Mauer aus dem Gesicht und Ge- dancken/ wurden ihrer auch nicht ehe gewahr/ als biß derer sechs oben auf der Mauer stan- den/ an einer angehenckten Leiter von Stricken in Garten stiegen/ das nahe darbey sich befin- dende Thor innwendig aufriegelten/ und noch wohl zwantzig andern den Eingang oͤffneten. Wir eilten wider des Fuͤrsten Zeno Vermah- nung die Stiege an dem Lusthause herab/ in Hoff- nung/ wir wuͤrden dieser Gewalt noch durch die Flucht in den innern Garten entkommen/ oder zum minsten durch unser Geschrey ieman- den eher als an diesem allzu weit entfernten Theile erruffen koͤnnen. Allein diese Raͤuber hatten so gute Kundschafft der sich daselbst befin- Arminius und Thußnelda. befindenden Lustgaͤnge/ daß sie uns zuvor kamen/ und wir ihnen recht in die Haͤnde lieffen. Fuͤrst Zeno/ ob er zwar ohne Schild und Helm/ mit seinem blossen Degen bewaffnet war/ grieff die Raͤuber mit einem unverzagten Helden-Muthe an/ massen in unserm Beyseyn er zwey den Staub zu kuͤssen zwang/ und ihrer wohl fuͤnf verwundete. Alleine weil ihrer wohl zwoͤlff andere ihm den Zutritt zu uns mit Degen und Spiessen verwehrten/ banden die andern der Koͤnigin Erato und mir die Haͤnde zusammen/ schleppten uns aus dem Garten/ und hoben uns mit Gewalt auf zwey Pferde/ ungeachtet die Koͤnigin in tieffe Ohnmacht sanck/ als sie im Zu- ruͤckschauen den Fuͤrsten Zeno von den Strei- chen der ihm zusetzenden Meuchel-Moͤrder zu Bodem sincken/ Saloninen aber an einen Baum anbinden sah. Aber/ ob schon Erato gantz unbeseelet war/ und von zweyen neben ihr reitenden Boͤsewichtern mit Noth auf dem Pferde erhalten werden kunte; waren doch diese Raub-Voͤgel wie die Steine unempfindlich/ und eben so stum̃. Daher wir allererst in dem Walde die Stifter dieser Entfuͤhrung erfuhren/ als wir den Koͤnig Marobod und Segesthes in voller Ruͤstung und Bereitschafft antraffen/ die- ser aber mir/ daß ich jenem als meinem unver- aͤnderlichen Braͤutigam nur gutwillig folgen; der Koͤnigin aber/ daß sie die Beherrscherin sei- ner Seele in so wenigen Tagen worden waͤre/ und sie unser beyder Heil und Vergnuͤgung am meisten suchten/ andeutete. Jch lasse so empfind- liche Gemuͤther/ als solche Erlauchte Helden haben muͤssen/ urtheilen/ wie mir und der sich den gantzen Tag fast nicht von ihrer Ohnmacht erholenden Koͤnigin muͤsse zu Muthe gewesen seyn/ da wir den Fuͤrsten Zeno fuͤr todt hielten/ Saloninen angebunden/ und dardurch allen Trost/ daß unser Raub so bald entdeckt/ und uns einige Huͤlffe nachgeschickt werden wuͤrde/ ver- schwunden sahen. Gewißlich/ setzte Erato darzu/ weil ich damals mehr todt als lebendig gewest/ habe ich meine Seelen-Angst nicht recht empfunden/ sondern sie allererst dazumal recht angegangen/ als mich die zwey verdam̃ten Sar- mater soschaͤndlich angetastet. Und kan ich be- theuern/ daß ich selbst nicht weiß/ ob sie mich aus der Senfte gerissẽ/ oder wie ich sonst daraus kom- mẽ oder in ihre Haͤnde verfallen sey. Allem Anse- hen nach aber haben sie sich bey anderer hitzigem Gefechte ihres Vorcheils bedienen/ und ihren Muthwillen an mir gewaltsam ausuͤben/ und sich so denn aus dem Staube machen wollen. Unter diesen Gespraͤchen kamen sie/ nach zweymal abgewechselten frischen Pferden/ wie- wohl schon eine Stunde in die Nacht/ nahe bey Deutschburg an/ allwo sie von denen versam̃le- ten Kriegshauffen/ und von der Menge des Volcks/ welches sich das Hertzogliche Beylager theils zu bedienen/ theils zu beschauen/ in die Stadt nach und nach eingefunden hatte/ mit Jauchzen und Frolocken bewillkom̃t/ und mit tausenderley Gluͤckwuͤntschung uͤber der Erloͤ- sung Thußneldens und den neu-erlangten herr- lichen Sieg/ in die Fuͤrstliche Burg begleitet wurden; darinnen nach vorher eingelauffener guter Zeitung und erschollenem Geschrey/ wel- ches nicht selten der Geschichte zuvor kom̃t/ ein herrliches Mahl bereitet worden war/ zu wel- chem alle anwesende Fuͤrstliche Personen und Kriegs-Haͤupter sich einfunden/ ausser Hertzog Melo/ welcher wegen seiner empfangenen Wunden erst folgenden Tag auf einer Saͤnfte nachkam/ und der Koͤnigin Erato/ die bey dem Feldherrn dißmal sich abzusondern/ und in dem Zimmer des Fuͤrsten Zeno zu speisen Verlaub erlangte. Den andern Tag fruͤh ließ der Feld- herr nach gehaltenem Rathe die Fuͤrsten aber- mals in dem nechsten Thier-Garten zur Taffel einladen. Die Fuͤrsten waren schon in dem Speisesaale versam̃let/ als dem Feldherrn angesagt ward/ daß ein frembder Fuͤrst nur mit etlichen Post- Pferden ankommen waͤre/ und bey ihm Verhoͤr Erster Theil. K k k zu Vierdtes Buch zu erlangen suchte. Wie nun Hertzog Herr- mann ihn in selbigen Saal zu leiten befahl/ und er ihm im Vorgemache entgegen kam/ trat sein eigner Bruder Ernst oder Flavius hinein/ wel- cher von dem Feldherrn und denen andern deut- schen Fuͤrsten alsobald erkennet/ mit grossen Freuden und hertzlicher Umbarmung bewill- kommet ward. Weil nun die Speisen allbereit auf der Taffel standen/ musten sie beyderseits ih- ren Freud- und Freundschaffts-Bezeugungen etwas abbrechen/ und sich an die Taffeln setzen. Der Feldherr bezeigte sich uͤberaus lustig/ und gab zu vernehmen/ daß er gegenwaͤrtigen Tag fuͤr den andern seiner gluͤckseligsten hielte/ indẽ er nicht allein wider einen maͤchtigẽ Koͤnig einen so herrlichen Sieg/ sondern auch seinen Aug-Apfel die wunderschoͤne Thußnelda und seinen liebsten Bruder wieder erlanget haͤtte. Diese Erklaͤrung machte den Fuͤrsten Flavius begierig/ den Verlauff selbigen Tages zu ver- nehmen/ welchen denn der Feldherr mit aus- fuͤhrlicher Erzehlung vergnuͤgte/ und insonder- heit des Fuͤrsten Zeno/ Rhemetalces und Malo- vends Tapferkeit hoch heraus strich/ und melde- te/ daß Hertzog Malovend diesen Tag seinen Fehler/ daß er wider sein Vaterland die Hand aufgehoben/ getilget/ die andern zwey Fuͤrsten aber umb Deutschland verdienet haͤtten/ daß sie fuͤr Fuͤrsten ihres Reichs erklaͤrt/ und mit dem Rechte und Freyheit der Deutsch-Eingebornen beschencket wuͤrden. Massen denn auch nach der andern Fuͤrsten Einstimmung der Feldherr zum Zeichen ihrer Annehmung in den deutschen Fuͤrsten-Stand/ iedem eine Fahne/ eine Lantze/ und ein koͤstliches Schwerdt uͤberreichte/ von ih- nen beyderseits auch mit grosser Vergnuͤg- und Dancksagung angenommen ward. Hierauf gab Hertzog Arpus auch dem Flavius seine Sorgfalt uͤber seiner so unvermutheten Ankunft zu verste- hen; iedoch verlangte er mehr nicht/ als nur: Ob ihn ein guter oder boͤser Stern von Rom in sein Vaterland geleitet haͤtte/ zu vernehmẽ/ da er die Ursache offentlich zu entdecken Bedencken truͤge. Flavius antwortete: Er muͤste gestehen/ daß er aus әiner geheimen Ursache ungerne von Rom gewichen waͤre. Die ihn aber hierzu genoͤthiget/ waͤre denen nicht zu verschweigen/ von denen sie selbst herruͤhrte. Arpus ward hieruͤber noch begi- riger; bat daher/ weil sie derogestalt zu sagẽ taug- te/ sie ihnen nicht zu verschweigen. Flavius antwortete: Die zu Rom erschollene Niederlage des Varus habe den Kaͤyser derogestalt er- schreckt/ daß er alle unter seiner Leibwache/ oder auch nur Reisens und Handels wegen zu Rom sich befindende und zu den Waffen geschickte Deutschen auf unterschiedene entlegene Jnseln/ die unbewehrten aber aus Furcht/ daß sie einen Aufstand anstiften moͤchten/ ausser der Stadt Rom geschafft haͤtte. Jch war auch auf die Jnsel Dianium gebracht/ von dar ich durch Beystand eines Frauenzimmers mich dieses Gefaͤngnuͤsses entbrochen habe. Arpus fragte: Wenn er denn von Rom weg waͤre/ und wie es moͤglich seyn koͤnte/ daß bey seiner Anwesenheit in Rom man schon die Niederlage des Varus gewust haben koͤnne? Flavius antwortete: Sie haͤtten daraus keines weges zu zweifeln/ sondern sich zu versichern/ daß diese boͤse Zeitung schon den fuͤnften Tag zu Rom gewest/ er aber noch wohl vier Tage hernach aus Rom geschie- den sey. Rhemetalces fiel ein: Obes durch ein Wunderwerck zu Rom so zeitlich kund worden/ wie er ihm denn erzehlen lassen/ daß die Schlacht in Macedonien/ in welcher Paulus den Perses uͤberwunden/ und in welcher Marius die Cim- brer geschlagen/ zu Rom/ und des Taurosthenes Sieg und Kroͤnung zu Egina an eben dem Ta- ge/ als solche weit darvon geschehen/ von Ge- spenstern waͤren angekuͤndigt worden. Glei- cher gestalt solle der Griechen Platerischer Sieg in Beotien wider den Mardonius in eben dem- selben Tage auf dem Vorgebuͤrge Mycale kund worden/ und eine Ursache des wider die Persen erlangten See-Gefechtes gewesen seyn. Den Sieg Arminius und Thußnelda. Sieg der Lorrer wider die Crotoniaten in Jtali- en sollen eben selbigen Tag die Stadt Corinth/ Athen/ und Sparta/ die Pharsalische Schlacht viele entfernte Oerter/ des Kaͤysers August Si- cilische Uberwindung Rom erfahren haben. Flavius versetzte: Es haͤtten zwar unzehlich viel Wunderzeichen ein grosses Ungluͤck zu Rom angedeutet/ indem der Blitz in den Tempel des Mars geschlagen/ gantze Wolcken voll Heu- schrecken in Rom kommen/ und von Schwalben aufgezehret worden; in dem Apemnius und Al- pen die Gipfel der Berge eingebrochen und ge- gen einander gefallen/ daraus drey Feuer-Saͤu- len aufgefahren/ der Himmel etliche mal in vol- lem Feuer gestanden/ etliche Schwantz-Sterne zugleich erschienen waͤren. Alleine diese Zei- tung waͤre durch die schnelle Post/ welche Kaͤy- ser August in ordentlichen Stand gebracht haͤt- te/ dahin kommen. Denn ob wohl vorhin die Roͤ- mer auch unterschiedene mahl sich reñender Bo- then gebrauchet/ in dem Sempronius Grach- chus in Griechenland von Amphissa nach Pella den dritten Tag/ Vibullius zum weit entfern- ten Pompejus in kurtzer Zeit/ Marcus Cato den fuͤnften Tag von Hydrunt nach Rom/ Julius Caͤsar den achten von Rom an Rhodan auf ab- gewechselten Pferden kommen/ und ieglichen Tag hundert tausend Schritte gereiset haͤtten; so waͤre doch diese schnelle Post allererst von ietzi- gem Kaͤyser ordentlich eingefuͤhrt/ welcher durch gantz Jtalien/ ausserhalb der gemeinen Land- Strassen/ absondere schnur-gerade Kriegs- Wege mit breiten Steinen gantz gleiche habe pflastern lassen/ also/ daß die Post-Wagen gar leichte und fluggeschwinde fortgerollet wuͤrden. Rhemetalces antwortete: Es waͤre diese Erfin- dung mit denen schnellen Wagen besser und ge- maͤchlicher als des Cyrus darzu auf ieder Tage- Reise bestellte Angar-Pferde und Staͤlle/ auf denen sich die Bothen offt zu Tode rennten/ oder die Pferde stuͤrtzten/ und zu schanden wuͤrden. Uber diß waͤre von der Lippe den fuͤnften Tag et- was nach Rom zu bringen eine solche Geschwin- digkeit/ welche alle vorhin erzehlte und die von den Persen uͤbernommenen uͤbertreffe; ja er koͤnte dieser/ weder des Hannibals/ der nach verspielter Schlacht gegen den Seipio in zwey Tag- und Naͤchten drey tausend Stadia weit nach Adru- met/ noch auch kaum des Koͤnigs Mithridates/ welcher in einem Tage tausend Stadia/ derer acht eine Roͤmische Meile machen/ gereiset soll seyn/ vergleichen. Es ist wahr/ versetzte Flavi- us; iedoch meyne ich/ daß derselbige Freygelasse- ne/ der zu meiner Zeit von Rom in sieben Tagen nach Tarracon zum Kaͤyser in Spanien gerit- ten/ und der Philippides/ welcher von Mara- thon nach Athen noch selbigen Tag kommen/ und mit diesen Worten: Seyd gegruͤßt/ wir haben uͤberwunden/ seine muͤde Seele ausgebla- sen hat; nicht laͤngsamer/ als der in fuͤnf Tagen von der Lippe nach Rom kommen kan/ gereiset sey/ und so gute Pferde/ oder der Persischen Koͤ- nige Dromedarien/ die in einem Tage funfzehn- hundert Stadien gerennet haben sollen/ gehabt haben muͤsse. Aber es haͤtten diese schnelle Post nicht allein die Pferde/ sondern guten theils die Stimme der Menschen verrichtet. Denn nach dem die Gallier und Deutschen schon fuͤr langer Zeit gewohnt waͤren in wichtigen Zuͤgen gewisse Menschen/ die helle Stimmen haͤtten/ hinter- und so weit von einander/ als des andern Ruffen zu vernehmen waͤre/ zu stellen/ da im- mer einer dem andern die Zeitung zuschreyet/ al- so/ daß in des Kaͤysers Julius Kriege diß/ was fruͤh bey der Belaͤgerung Genab vorgieng/ des Abends in der Averner Graͤntze schon vernom- men ward; so habe Kaͤyser Augustus eben dieses von dem Rhein an/ an allen bergichten Orten/ wo man mit den Post-Pferden so geschwinde nicht rennen kan/ angeordnet. Rhemetalces be- danckte sich fuͤr so gute Nachricht/ mit dem Bey- satze: Er erinnere sich numehr/ daß in Persien fuͤr Zeiten auch derogleichen auf die Berge und Huͤgel gestellte Postschreyer braͤuchig gewest K k k 2 waͤren/ Vierdtes Buch waͤren/ und insonderheit sich derselben Eumenes derogestalt bedienet haͤtte/ daß er in einem Tage dreißig Tagereisen weit etwas haͤtte zu wissen machen koͤnnen. Und als Xerxes in Grie- chenland Krieg gefuͤhret/ haͤtte er von Athen biß nach Susis derogleichen Ruffer ausgesetzt/ durch welche man in acht und viertzig Stun- den in Persien erfahren/ was in Griechenland geschehen waͤre. Peucestes haͤtte eben des gros- sen Alexanders Tod in einem Tage dem eusser- sten Persien zu wissen gemacht. Der Feldherr setzte bey/ diese Post-Art waͤre wohl die schnellste/ aber sehr ungewiß; indem ein widriger Wind selbte auff einmahl vernichtete/ die Erfahrung auch oͤffters mit Schaden gewiesen haͤtte/ daß die darzu bestellten Leute eine Sache gantz un- recht vernommen/ und mehrmahls das Wi- derspiel an den bestimten Ort berichtet wor- den waͤre. Denn eines einigen uͤbeles Ge- hoͤre verfaͤlsche aller andern Zungen. So liesse sich auch hier durch nichts berichten/ an des- sen Heimligkeit offtmahls so viel gelegen waͤre. Noch ungewisser waͤren die in Sicilien braͤuch- liche Fackeln/ der man sich auch nur des Nachts bedienen koͤnte. Weil sich auch so gleiche We- ge zu bereiten/ wie Augustus gethan/ allzu kost- bar/ die bergichten Laͤnder aber darzu gar nicht geschickt waͤren/ hielte er es mit den Scythischen und Sarmatischen Pferden/ derer sie etliche zwantzig Stuͤck auff der Rennebahn gesehen/ welche/ wie unansehnlich sie gleich waͤren/ in ei- nem Tage/ und zwar wohl zehn Tage hinter einander sonder einige Uberlast hundert Roͤmi- sche/ oder fuͤnff und zwantzig deutsche Meilen/ auff eussersten Nothfall auch/ wenn man sie den Tag vorher nicht uͤberfuͤtterte/ noch halb so weit lauffen koͤnten. Rhemetalces wunderte sich hier- uͤber/ und sagte/ diese Pferde waͤren mit Golde nicht zu bezahlen/ und eines praͤchtigen Grab- mahls besser werth/ als die Kraͤhe des Egypti- schen Koͤnigs Marrha/ die er allenthalben hin Brieffe zu tragen abgerichtet hatte. Hertzog Jubil fiel ihm ein: Jch halte diese Pferde we- niger wunderns-werth/ als den Philippidas/ der im Persischen Kriege in zwey Tagen von Athen nach Sparta/ zwoͤlff hundert und sechzig Stadia weit/ um Huͤlffe zu bitten; und noch mehr den Euchidas/ der in einẽ Tage das heilige Feuer zu holẽ von Athen nach Delphis und wie- der zuruͤck also tausend Stadia weit zu Fuße ge- lauffen. Ja unglaublich scheint/ daß des gros- sen Alexanders Bothe Philonides von Sicyon nach Elis hundert funffzig Roͤmische Meilenin neun Stunden gegangen/ und auch alsobald zuruͤcke gekehret sey/ also gleichsam die Sonne uͤberlauffen habe. Wiewohl ich darfuͤr halte/ daß es neun Sommer-Stunden gewesen/ und daß man damahls eben wie itzt die Roͤmer/ den langen und kurtzen Tag in zwoͤlff Stunden ab- getheilet/ und selbte/ nach dem der Tag lang oder kurtz ist/ verlaͤngert oder verkuͤrtzt habe. Eben so unglaublich scheint/ daß Philip ein edler Juͤngling den grossen Alexander fuͤnff hundert Stadia weit in voller Ruͤstung begleitet/ und das ihm vom Lysimachus offt angebotene Pferd anzunehmen geweigert habe. Sonsten aber halte ich die Botschafft durch das Gefluͤgel sehr hoch/ nuͤtzlich/ und nicht allein den geschwin- desten Pferden/ sondern auch denen in den eus- sersten Nordlaͤndern braͤuchigen Rennthieren/ welche taͤglich dreißig deutsche Meilen/ und also alle Pferde der Welt uͤberlauffen/ uͤberlegen zu seyn. Sintemahl sie keinen kruͤmmenden Um- weg machen doͤrffen/ auch uͤber Seen und Fluͤs- se fliegen/ durch keine Laͤger/ Mauern und Bollwercke auffgehalten werden koͤnnen. Und wie in Egypten die Taubẽ insgemein zu Brief- traͤgern gebraucht werden/ also weiß ich bey de- nen benach barten Batavern/ wie auch in Sy- rien eine beruͤhmte Stadt/ welche bey ihrer Be- laͤgerung sich derselben nuͤtzlich bedienet hat. Mir ist aber auch nicht unbekandt/ versetzte. Rhe- metalces/ daß eine andere Festung dardurch zur Ubergabe gebracht worden/ als eine solche Post- Tau- Arminius und Thußnelda. Taube wegen Muͤdigkeit sich im feindlichen Laͤ- ger auff eine Fahne nieder gesetzt/ mit ihren Huͤlffs-Brieffen erwischet/ ihr andere widrige Brieffe angebunden/ und darmit in die Stadt zu fliegen frey gelassen worden. Der Feldherr redete darzwischen: Es waͤren diese Botschaff- ken freylich wohl eben so zweiffelhafft/ als der Hunde/ welche mehrmahls durch feindliche Laͤ- ger mit nuͤtzlicher Nachricht durchkommen/ zu- weilen aber auch zum Schaden erwischt worden waͤren. Jedoch liessen sie sich sicher gebrauchen/ wenn man gezifferte Brieffe schriebe/ die nie- mand/ als der sie empfangen solte/ lesen koͤnte. Hertzog Flavius fing hierauff an: Er hielte fuͤr rathsam/ daß ein Fuͤrst alle seine Brieffe/ an de- nen etwas gelegen/ und welche in feindliche Haͤnde fallen koͤnten/ mit solchen unkenntlichen Buchstaben schreiben solte; wie denn Kaͤyser Au- gust seines Wissens dieses Geheimniß mit ei- nem andern/ gewisse Kennzeichen abzureden/ er- funden; Kaͤyser Julius noch nur/ wenn er was Geheimes ir gends wohin schreiben wollen/ ei- ner andern daselbst ungemeinen Sprache Buchstaben gebraucht haͤtte. Jnsonderheit haͤtte er nach der Niederlage des Lollius iedem Landvogte eine absondere Art Zieffern zu gehei- mer Brieffwechselung uͤberschicket/ auch ihre jaͤhrige Verwaltungen durchdringend noch auf ein Jahr verlaͤngert/ wormit selbte als der Laͤn- der erfahrne/ und derer die Voͤlcker schon ge- wohnt waͤren/ alles so viel leichter in Ruh erhal- ten koͤnten. Der Feldherr fing hierauff an: Die Tieffsinnigkeit der Menschen er gruͤbelt nunmehr nicht alleine die Geheimniße der Schrifften/ sondern sie erfindet auch Angeln das verborgenste aus denen verschlossensten Hertzen herfuͤr zu ziehen. Er haͤtte in seiner vaͤterlichen Erbschafft die Kunst in einem Buche verzeichnet gefunden/ wie man die gezifferten Brieffe auffschluͤssen koͤnte/ und waͤre der Feld- herr Segimer darinnen ein Meister gewest/ welchem niemals einiger Brieff zu handen kom- men waͤre/ den er nicht ausgelegt/ und dar- durch den Nahmen des deutschen Oedipus er- worben haͤtte. Unterdessen waͤre gleichwohl die geheime Schreibens-Artin keinerley Wei- se zu verwerffen/ weil in Griechenland selbten mehr als einer gefunden wuͤrden/ die die Raͤth- sel eines Sphynx auffzuloͤsen wuͤste. Sonst a- ber merckte er aus des Flavius Erzehlung/ daß der Deutschen Sieg gleichwol zu Rom nicht ge- ringes Schrecken verursacht haben muͤsse. Fla- vius antwortete: Er versicherte sie/ daß es groͤs- ser gewest/ als da Hannibal fuͤr den Roͤmischen Thoren gestanden. Jn gantz Jtalien haͤtte al- les nach Rom gefluͤchtet/ in Rom aber alles ge- zittert und gebebet/ indem die fremden Huͤlffs- Voͤlcker alle mit drauff gegangen/ die Grentz- Festungen des Volcks entbloͤsset/ die junge Buͤr- gerschafft zu Rom durch den Pannonischen und Deutschen Krieg gantz erschoͤpfft waͤren/ ja zu Rom schon die gemeine Rede gegangen/ daß die Deutschen geraden Weges gegen Rom anzoͤ- gen/ und schon nahe unter den Alpen stuͤnden/ um ihrer Vorfahren Fußstapffen nach zu tre- ten/ und die vom Marius empfangene Wun- den zu raͤchen. Ob nun wohl der Keyser zu Be- setzung des Gebuͤrges neue Werbungen ange- stellet/ haͤtte doch fast niemand des rechten Al- ters wider einen so tapffern Feind sich wollen einschreiben lassen/ also daß der Kaͤyser die sich weigernden Buͤrger zum Loß gezwungen/ und aus denen/ die noch nicht dreißig Jahr alt/ den fuͤnfften/ aus denen aͤltern den zehenden/ aller Guͤter und Ehren entsetzt; ja als auch diß noch nicht geholffen/ etliche toͤdten lassen. Das dem Tiberius wegen des Pannonischen Krieges be- stimmte Siegs-Gepraͤnge und andere Schau- Spiele haͤtten muͤssen nachbleiben; und es waͤ- ren in Rom alle Plaͤtze mit starcken Wachten wider allen besorglichen Auffruhr besetzt wor- den. Der Kaͤyser selbst/ der vorhin bey vielen grossen Ungluͤcksfaͤllen nicht nur ein unveraͤn- dertes Gesichte behalten/ sondern auch um sein unerschrockenes Gemuͤthe zu zeigen Gefaͤhr- ligkeiten gewuͤnschet/ und darbey seine Ehrsucht K k k 3 aus- Vierdtes Buch aus geuͤbet haͤtte/ waͤre gantz verzweiffelt mit dem Kopffe wider die Thuͤr-Pfosten gelauffen/ ruffende: Qvintilius Varus/ schaffe mir die ver- lohrnen Legionen wieder. Er haͤtte drey Ta- ge nie gespeiset/ drey Naͤchte nicht geschlaffen/ wider Gewonheit sein Haar und Bart nicht be- scheren/ den Tag der Niederlage in das schwar- tze Zeit-Register/ wormit man jaͤhrlich daran die erzuͤrnten Goͤtter versoͤhnte/ einzeichnen lassen. Dem Jupiter haͤtte er nebst zugesagten grossen Schauspielen viel andere Geluͤbde gethan/ da er das gemeine Wesen in einen bessern Stand setzen wuͤrde. Alle deutsche Fuͤrsten hoͤrten diese Betruͤbniß ihrer Feinde mit Freuden an; Her- tzog Arpus aber fing an: Augustus hat durch diese Zagheit bey mir ein grosses Theil seines Ansehens verlohren/ und ich halte diesen Abend wenig von dem/ den ich gestern der gantzen Welt Beherrschung wuͤrdig schaͤtzte. Denn was mag einem Fuͤrsten unanstaͤndiger/ seinem Reiche schaͤdlicher seyn/ als wenn er ieden Gluͤcks- Wechsel sein Gesichte/ und mit iedem Winde seinen Lauff aͤndert? Wer fuͤr Truͤbsalen die Augen niederschlaͤgt/ macht selbte gegen ihn nur behertzter; wer aber selbten mit unver- wandten Augen ins Gesichte sihet/ machet offt- mahls Tod und Hencker stutzend. Die Klein- muͤthigkeit reißt keinen aus der Gefahr/ wohl aber die Hertzhafftigkeit. Aus den waͤßrich- ten Augen eines Fuͤrsten erkennet das Volck die Groͤsse bevorstehenden Ubels/ wie aus um- woͤlckten Bergen das Ungewitter/ verlieret also das Hertze/ laͤst die Haͤnde sincken/ und faͤllt in Verzweiffelung. Hingegen hat ein Fuͤrst man- cher Furcht und daraus erwachsender Gefahr dadurch abgeholffen/ wenn er seine Wunden verbunden/ nicht gewiesen hat. Massen der mei- sten Reiche und Kriege Befestigung nicht so wol auff der Groͤsse der Kraͤfften/ als ihrem grossen Nahmen gegruͤndet ist. Haͤtte Pompejus nach der Pharsalischen Schlacht sich nicht so weibisch und kleinmuͤthig gebaͤrdet/ wuͤrde es ihnen an Kraͤfften nicht gemangelt haben/ dem Julius die Wage zu halten. Weniger haͤtte ein verschnit- tener Knecht sich gewagt einen so tapffern Held abzuschlachten. Hingegen haͤtte der gefangene Porus dem grossen Alexander nicht so unver- zagt geantwortet/ wuͤrde er ein Sclave/ kein Koͤ- nig blieben seyn. Es ist schimpff- und schaͤdlicher seinen Muth als eine Schlacht verlieren. Die- ses kan wegen uͤberlegener Feinde/ wegen Vor- theilhafftigkeit seines Standes/ oder durch Ver- sehung der seinigen geschehen. Ja Staub/ Wind und Sonne verdienen offtmahls den Siegs- Krantz/ und das Gluͤcke den Nahmen/ daß es sey ein Meister aller Ausschlaͤge/ und eine Ge- bieterin uͤber die Schlachten. Der Verlust des Muths aber ruͤhret von unserer eigenen Schuld her. Sintemal weder Gluͤcke noch sonst iemand einige Herrschafft uͤber unser Gemuͤthe hat. Dieses ist allen Regungen gewachsen/ laͤsset sich nicht wie geschlossene Glieder mit Lantzen/ und feste Mauern durch Sturmboͤcke durch brechen/ es vertreibet alle Furcht und vergeringert alles Ubel/ wenn es nur beherzigt/ daß nichts als unse- re Fehler den Nahmen eines Ungluͤcks verdie- nen/ und daß es ruͤhmlicher sey/ ohne sein Verse- hen etwas verspielen/ als duꝛch Laster oder blossen Zufall viel gewinnen. Diesemnach wie ein Fuͤrst sich beym Gluͤcke nicht uͤberheben/ noch bey gu- tem Winde die Haͤnde in die Schoos legen muß/ also soll er auch beym Sturme ihm nicht den Compaß verruͤcken lassen/ sondern mit wachsa- men Augen/ steiffen Haͤnden/ unerschrockenem Hertzen seiner vorigen Richtschnur nachgehen/ gleich als weñ seine Klugheit diesen Sturm lan- ge vorher gesehen haͤtte/ und kurtz zu sagen/ die Noth kleiner machen als sie ist. Freylich wol/ ver- setzte der Feldherr/ ist es ein grosser Fehler/ wenn ein Fuͤrst ihm zur Unzeit in die Karte sehen laͤst/ was er fuͤr ein boͤse Spiel habe/ oder weñ ein An- cker gerissen/ das Schiff selbst fuͤr verlohꝛen aus- rufft/ oder wol gar in Grund bohret. Diese Zag- heit uͤberfaͤllet auch insgemein dieselben/ welche allzulanges Gluͤcke/ oder allzugrosse Vermes- senheit auff seine Kraͤfften in Sicherheit einge- schlaͤfft/ Arminius und Thußnelda. schlaͤfft/ gleich als sie sich mit jenem auff ewig ver- maͤhlet/ oder diese mit dem Feinde nur zu spielen/ nicht zu fechten haͤtten/ also ihnen nichts weniger als einen Unfall habe traͤumen lassen/ weniger auff den Fall/ da etwas umschluͤge/ vorsichtige Anstalt gemacht. Dieses stuͤrtzte den Pompejus/ welcher in der Pharsalischen Schlacht in seinem Gemuͤthe sich ehe uͤberwunden gab/ als er im Felde angegriffen ward. Es faͤllte die Spar- taner/ als die Athenienser ihnen wider vermu- then Pylus und Cythere wegnahmen. Deñ wie soll ein niemahls verwundeter Fechter/ ein nie zu Bodem gelegener Ringer/ ein Schiffer/ der nie keinen Sturm ausgestanden/ das erste mahl da- fuͤr nicht erschrecken? Und es scheinet/ daß die ge- wohnten Siege der Roͤmer dißmahl das Schre- cken uͤber des Varus Niederlage zu Rom frey- lich ver groͤssert habe. Allein ich bin gleichwohl der Meinung/ daß es in solchen Gefaͤhrligkei- ten/ welche den Staat leicht uͤber einen Hauffen werffen koͤnnen/ oder da das Volck allzu sicher o- der zu vermessen ist/ es so wenig einem Fuͤrsten rathsam sey ein groß Ungluͤcke/ als einem Kran- cken sein Ubel zu verschweigen. Wenn ein Schiffer den Wellen nicht mehr gewachsen/ ruft er aͤngstiglich alle Schiffende/ daß sie entweder mit Hand ans Ruder legen/ oder ihre Goͤtter um Huͤlffe anruffen. Wenn ein Fuͤrst zu allem Un- gluͤcke unempfindlich ist/ scheints/ daß er entwe- der keine Liebe zu seinem Volcke/ oder keine Acht auff sein Reich habe/ oder aus dem Blitze der zor- nigen Goͤtter ein Gelaͤchter mache. Ein treues Haupt eines Landes fuͤhlet alle Wunden der Glieder/ und alle Thraͤnen seines Volcks gehen einem Vater des Vaterlandes durchs Hertz. Die Natur hat allen Thieren als ein Mittel ih- rer Erhaltung das Fuͤhlen eingepflantzet/ die Staats-Klugheit den Fuͤrsten eine Empfind- ligkeit. Die Krancken sind so denn in eusserster Gefahr/ wenn ihnen nichts mehr weh thut/ und die Fuͤrsten/ wenn ihrem Reichs-Coͤrper ein Glied nach dem andern ohne Empfindligkeit abgerissen wird. Es giebt Sardanapaln/ welche sich mehr um niedliche Speisen/ als umbs Laͤger bekuͤmmern; Die auff Erfindungen sinnen/ daß sie das gantze Jahr frische Feigen/ alle Monden neue Blumen haben; den Sommer in Spreu/ Schnee und Eiß/ und drey Jahr die Weintrau- ben gut behalten/ daß sie auff einen Stamm zeh- nerley Fruͤchte pfropffen/ und in einem Apffel Pomerantzen und Granat-Aepffel mit einan- der vermaͤhlen; hingegen sich uͤber einer verlohr- ne Schlacht kuͤtzeln/ meinende: Es haͤtte dem schwuͤrigen Poͤfel eine Ader muͤssen geschlagen werden; Aus dem Verlust einer eingebuͤsten Stadt noch einen Wucher machen/ weil sie als alzuweit entlegen gar zu viel zu erhalten gekostet/ die/ wenn sie ein fruchtbar Land verspielet/ dar- fuͤr halten daß in den uͤbrigen noch Weitzen ge- nug wachse/ wenn des Nachbars Haus brennet/ das ihrige noch weit genug entfernet schaͤtzen. Da denn insgemein heuchlerische Diener aus solcher Schlaffsucht eine Großmuͤthigkeit ma- chen/ und diese Blindheit fuͤr ein Staats-Ge- heimniß verkauffen. Denn es hat noch nie ein so schlimmer Fuͤrst gelebt/ dem seine Hoffheuchler nicht den Titel eines Helden gegeben/ den die Kluͤgern auch eine gute Zeit vertragen und seine Fehler zum bestẽ gedeutet/ ungeachtet er nach sei- nem Tode kaum fuͤr ein Mittelding zwischen Mensch und Vieh angesehen worden. Es ist in alle Wege wahr/ antwortete der Catten Her- tzog/ daß ein Fuͤrst seines Reiches Wunden fuͤh- len/ sein Ungluͤck nicht gar verstellen/ und das ge- meine Feuer zu leschen iederman beruffen solle. Daher koͤnte er nicht schelten/ daß Augustus uͤber so grossem Veꝛluste seine Empfindligkeit bezeigt/ insonderheit aber die Sorgfalt die Reichs-Gren- tzen zu versichern nicht vergessen haͤtte. Alleine seine erzehlte Ungeberdung waͤre nicht maͤnn- lich/ weniger Fuͤrstlich. Denn ein Fuͤrst solle wie ein kluger Schiffer auch bey dem gefaͤhrlichsten Ungewitter nie erblassen/ noch die Groͤsse der Noth mercken lassen/ wenn er nicht seine Gehuͤl- fen verursachẽ wolte/ daß sie aus Veꝛzweiffelung die Haͤnde sincken lassen/ und die Augen mit un- nuͤtzen Vierdtes Buch nuͤtzen Thraͤnen beschaͤfftigen muͤssen. Die Furcht waͤre die Eigenschafft eines Lasterhaff- ten/ und das Schrecken eines Sclavens. Alle andere Ubel haͤtten ihr Maaß/ und das Ungluͤck sein gewisses Ziel. Die Furcht alleine uͤberschrit- te alle Grentzen/ und vertruͤge keinen Zaum der Vernunfft. Andere Schwachheiten fuͤhlten nur diß/ was sie wuͤrcklich und wesentlich beleidigte; die Furcht aber machte das kuͤnfftige oder auch nur getraͤumte Boͤse gegenwaͤrtig. Sie verwan- delte den Schatten von einem Zwerge in einen Riesen; wie die unter gehende Sonne einen Ro- sen-Strauch in eine Ceder. Sie sehe einen glaͤn- tzenden Nachtwurm fuͤr ein Jrrlicht an; Sie zitterte fuͤr ihrer nichtigen Einbildung/ wie Pi- sander fuͤr seiner eigenen Seele. Sie benehme dem Gesichte die Farbe/ dem Haupte die Ver- nunfft/ dem Leibe das Hertze/ dem Munde die Beredsamkeit. Sie machte auch die Treuesten wanckelmuͤthig/ und noͤthigte auch den Guten den Jrrthum der Boͤsen auff. Sie unterscheide- te nicht die heilsamen Eriñerungen kluger Leu- te/ und die Meinungen des albern Poͤfels. Sie zerstoͤrte alle Ruh und Eintracht/ und gebe ei- telem Ruffe mehr Gehoͤre als der Warheit. Ja sie erdichtete ihr selbst/ was ihr doch zuwider waͤ- re. Sie triebe einem die grauen Haare in einer Nacht heraus; Sie entlieffe wie das grosse Heer des Xerxes fuͤr dem furchtsamsten aller Thiere/ nemlich einem Hasen; fluͤchtete sich wie die maͤch- tige Kriegs-Flotte der Jnsel Samas bey dem Flusse Siris fuͤr dem Geraͤusche etlicher auff- fliegender Rebhuͤner/ oder stuͤrbe wohl gar fuͤr Aengsten wie die Wasser-Heuschrecke/ wenn sie den Meer-Fisch zu sehen kriegt/ der von vielen Fuͤssen den Nahmen hat. Ein Fuͤrst aber nehme durch seine einige Zagheit tausend ihm folgenden Loͤwen das Hertze/ und stuͤrtzte sein gantzes Volck mit einer kleinmuͤthigen Gebehrdung ins Ver- zweiffeln/ wie die verfinsterte Sonne die gantze Welt in Schrecken. Diesem nach muͤste er alle Furcht von sich verhannen. Denn wer das we- nigste davon im Hertzen haͤtte/ waͤre unsaͤhig sol- che andern einzujagen. Denn die Crocodile und Feinde lieffen nur fuͤr denen sie verfolgenden; hingegen verfolgten sie alle Fluͤchtigen. Der Feldherr setzte dem Hertzog Arpus entgegen: Er wolte des Augustus Verstellung zwar nicht das Wort reden; aber er koͤnte den Deutschen schweꝛ- lich so sehr heucheln/ daß der Kaͤyser hierdurch bloß die Verfallung seines Gemuͤths entdecket/ nicht aber vielmehr ein unerforschlich Geheim- niß verborgen haben solte. Er kennte den August gar zu gut/ August aber so wohl der Roͤmer als Deutschlands Kraͤfften. Waͤre es eine Klugheit sein Ungluͤck verkleinern/ so koͤnte desselbten Veꝛ- groͤsserung zuweilen auch wohl ein Streich der Staats-Verstaͤndigen seyn. Wie viel Leute wuͤrden nur durch eusserste Gefahr vorsichtig ge- macht/ und durch Donner und Blitz aus dem Schlaffe ihrer Sicherheit auffgeweckt? Die Thoren hielten den nur fuͤr einen tapffern Hel- den/ der sich fuͤr nichts fuͤrchtete. Daher sein Vor- fahr Marcomir/ dessen Hertze gewiß keine wei- bische Zagheit zu beherbergen faͤhig gewest waͤre/ uͤber eines Großsprechers Grabschrifft/ Krafft welcher er sich niemahls fuͤr etwas gefuͤrchtet ha- ben solte/ lachte und urtheilte: der Verstorbene muͤste niemahls ein Licht mit den Fingern ge- putzt haben. Denn die Steine haͤtten allein diese Unempfindligkeit; Die Unwissenden schreckte kein Blitz; die Wahnsinnigen lieffen nur wie die thummen Schaafe ins Feuer/ und die wilden Zelten haͤtten nicht ihre Hertzhafftigkeit/ son- der ihre blinde Unvernunfft an Tag gegeben; als sie die unversehrlichen Wellen des sie uͤber- schwemmenden Meeres mit ihren Waffen zu- ruͤck treiben wolten. Man muͤste dem Gluͤcke und der Natur zuweilen aus dem Wege gehen. Diese haͤtte in den hertzhaftesten Thieren uns einen Spiegel der Klugheit fuͤrgehalten/ wenn sie gemacht/ daß der Loͤwe sich fuͤr dem Geschrey eines Hahnes/ der Elefant fuͤr dem Gruntzen eines Schweines/ oder fuͤr dem Ansehn eines Widers/ der Tiger sich fuͤr dem Gethoͤne einer Paucke/ der Wallfisch fuͤr Zerstossung der Bo- Arminius und Thußnelda. Bonen sich entsetzet. Und bey den Helden waͤ- re mehrmals die Furcht und Hertzhafftigkeit e- ben so wol/ als in den Wolcken Feuer und Kaͤlte vereinbarlich. Aratus Sicyonius haͤtte durch seine Thaten bey den Griechen den Ruhm eines unver gleichlichen Feld-Hauptmannes erwor- ben/ gleichwol haͤtte ihm bey allen Treffen das Hertze mehr/ als dem furchtsamstẽ Kriegsknech- te geklopfft; und er haͤtte offt seine Untergebe- nen aͤngstig gefragt: Ob er auch selbst wuͤrde treffen muͤssen? Er wolte einen andern tapffe- ren Kriegs-Mann nicht nennen/ welcher bey angehender Schlacht aͤrger/ als ein Aespenlaub gezittert; diesen Gebrechen der Natur aber einsmals gegen einem/ der ihm einen Harnisch anzulegen gerathen/ aber derogestalt artlich ab- gelehnet haͤtte: Er doͤrfte keiner solchen Waf- fen. Denn das Fleisch zitterte und scheute sich nur fuͤr dem Gedraͤnge/ darein es sein feuriges Hertze einzwaͤngen wolte. Dahero waͤre die Meinung nicht durchgehends anzunehmen/ daß kein furchtsamer iemahls ein Siegszeichen aufgerichtet/ noch das Gluͤcke zum Beystande gehabt haͤtte. Griechenland glaubte/ daß die Furcht denen Goͤttern selbst anstaͤndig waͤre; als welche sich fuͤr dem Riesen Tiphaus in Egy- pten gefluͤchtet/ und in wilder Thiere Gestalt versteckt haͤtten. Das Verhaͤngnuͤß brauchte das Schrecken bißweilen zu einem boͤsen Wahr- sager/ und wenn selbtes eine goͤttliche Schi- ckung waͤre/ muͤsten auch eiserne Hertzen beben/ und die Kinder der Goͤtter so wol/ als Ajax/ He- ctor und Amphiaraus fliehen. Also haͤtte Pan bey des Bacchus Heere durch ein blosses Ge- schrey/ und desselbten Wiederschall dem Jndi- schen/ eine blosse Einbildung dem Xerxischen/ und eine unerforschliche Ursache des grossen A- lexanders Heere/ als es gleich mit dem Darius schlagen sollen/ eine uͤber-natuͤrliche Furcht ein- gejagt/ daß sie wie unsinnige Menschen sich ge- berdet. Gleichwol waͤre bey den letzten solche bald mit Weglegung der Waffen verschwun- den/ und ihr Schrecken mit einem herrlichen Siege gekroͤnt worden. Dahero waͤre die Furcht nicht nur zuweilen unvermeidlich/ son- dern auch nuͤtzlich; und wuͤrden auch die tapffer- sten Leute durch geschwinde Zufaͤlle erschrecket. Denn ob zwar ihre Ubermasse freylich wol alle Weißheit aus dem Gemuͤthe raubete/ und ein ungetreuer Lehrmeister unsers Fuͤrhabens ist; so waͤre doch die maͤßige eine Mutter der Vor- sicht/ diese aber der Gluͤckseligkeit/ und eine Schwester der Klugheit. Sintemal die furcht- samen insgemein auch die Nachdencklichsten sind. Und wie der Camelion nur/ wenn er furchtsam ist/ zu seiner noͤthigen Erhaltung die Farben veraͤnderte/ und die Hindinnen nur/ wenn es donnert/ traͤchtig wuͤrden; Also lehre- te auch nur eine vernuͤnfftige Beysorge fuͤr Un- gluͤcks-Faͤllen kluge Anschlaͤge/ und vielerley Anstalten zu erfinden; und das gemeine Heil fruchtbar zu machen. Die uͤbermaͤßige Furcht selbst waͤre mehrmals zu was gutem dienlich; indem sie durch die Verzweiffelung unmoͤgliche Dinge ausuͤbete; Und der uͤber seines Vaters Croͤsus Lebens-Gefahr erschreckende Sohn sei- ne ihm von der Natur gebundene Zunge auff- loͤsete/ wormit sein Band der Liebe dem Vater den Lebens-Fadem verlaͤngere. Ja die Furcht waͤre mehrmals so heilsam/ daß man selbte an- nehmen muͤste/ wenn man sie am wenigsten haͤt- te. Mit dieser haͤtte Ventidius den Pacorus mit seinen Persen/ diese aber den Antonius uͤber- wunden. Die Staats-Klugen brauchten die Furcht oft zum Werckzeuge der Ruhe und Si- cherheit. Sie waͤre der einige Nagel/ welcher die Gesetze hielte/ weil die wenigsten aus Liebe der Tugend nicht suͤndigten. Sie waͤre das Siegel der Friedens-Schluͤsse und Buͤndnuͤs- se/ ein Kapzaum unbaͤndiger Voͤlcker/ welche bey verschwindender Furcht also gleich wieder zu den Waffen griffen/ und das gemeinste Band der Unterthanen. Denn man muͤste alle die mit ihr zwingen/ welche durch Wolthat nicht zu Erster Theil. L l l gewin- Vierdtes Buch gewinnen waͤren. Dahero die Roͤmer die Furcht fuͤr so goͤttlich gehalten/ daß/ wie sie in der Welt die erste Andacht gestifftet; also sie ihr selbst Altaͤre gebaut und geopffert haͤtten. Mit einem Worte: ein Fuͤrst muͤste allezeit klug/ ins- gemein hertzhafft/ zuweilen furchtsam/ aber nie- mals verzagt seyn. Jch muß es gestehen/ fing Flavius an/ daß die Furcht mich nichts minder aus der Roͤmer Haͤnden errettet habe/ als sie die Hirschen der Grausamkeit der Jaͤger zu ent- reissen pfleget. Hertzog Herrmann bat hier- auf den Flavius: Er moͤchte doch/ wie er so gluͤcklich von Rom in Deutschland entronnen/ kuͤrtzlich entwerffen. Rhemetalces aber setzte bey: Er moͤchte doch seine auch vorher ihm zu Rom begegnete Zufaͤlle darbey nicht gaͤntzlich vergessen. Denn er wuͤste wol/ daß wie Africa eine Mutter taͤglicher Mißgeburten/ also Rom seltzamer Zufaͤlle waͤre/ und insonderheit Fremden. Flavius antwortete: Aus seinen waͤre zwar kein Wunderwerck zu machen; ie- doch wolte er seine merckwuͤrdigste Begebnuͤsse ohne Umschweif beruͤhren/ um theils der Anwe- senden Verlangen zu vergnuͤgen/ theils ihre Gedult nicht zu mißbrauchen. Hiermit fing er an: das Verhaͤngnuͤs machte unsere ungluͤck- liche Gefangenschafft dardurch gluͤckselig/ daß uns Drusus nicht mit zum Siegs-Gepraͤnge/ sondern der Kaͤyser/ weil mein Bruder Herr- mann ihn bey Mniturne aus dem Wasser er- rettete/ uns neben dem jungen Agrippa und Germanicus in Rom einfuͤhrte. Jch genoß allenthalben dasselbe mit/ was Hertzog Herr- mann durch seine Tugend verdiente/ worvon ich viel denckwuͤrdige Begebnuͤsse erzehlen muͤ- ste/ wenn ich mich nicht bescheidete/ daß seine Ar- men wohl grosse Thaten auszuuͤben geschickt sind/ seine Ohren aber ihre Erzehlung nicht ver- tragen koͤnnen. Einmal neigte mir ja mehr das Gluͤcke/ als meine Geschickligkeit ein Mit- tel zu/ des Kaͤysers Gewogenheit etlicher mas- sen zu erwerhen/ als ich auf einer vom Drusus angestellten Jagt ein wildes Schwein aufhielt/ daß es den fallenden Kaͤyser nicht verletzen kon- te. Der Kaͤyser war uͤber meiner Auferzie- hung und Unterweisung in der Bau-Rechen- und Meß-Kunst/ wie auch in ritterlichen U- bungen mehrmals so sorgfaͤltig/ daß uns ieder Fremder ehe fuͤr des Augustus Enckel/ als fuͤr Gefangene angesehn haben wuͤrde. Jch haͤt- te den Kaͤyser vielleicht auch wohl zuweilen in unsern Pruͤsungen vergnuͤgt/ wenn mein Thun nicht allemal von meinem Bruder und dem Germanicus waͤꝛe verduͤstert worden. Wie- wol diese Verduͤsterung gleichwol zu meinem Vortheil gereichte; weil mein eingeschlaffener Geist aus Eiffersucht ermuntert/ und mein Gemuͤthe durch zweyer so lebhaffter Fuͤrsten Beyspiel gleichsam rege zu werden gezwungen ward. Sintemal die Laster nicht nur anfaͤllig find; sondern auch die Tugend/ wie des Apollo Leyer/ welche einen Stein/ an dem sie gehan- gen/ singend gemacht/ und des Orpheus Grab/ bey welchem die Nachtigaln eine viel suͤssere Stimme bekommen haben sollen/ ihre Gefaͤu- then mit ihrer Koͤstligkeit betheilet. Auser die- sem waren Herrmanns Verdienste so groß/ daß die Schaͤtzbarkeit der Roͤmer ihre Gewogenheit nicht gar auf ihn ausschuͤtten konten/ sondern wie die Sonne mit ihren Stralen auf unfrucht- bare Klippen/ mich Unwuͤrdigen damit bethei- len musten. Jn dessen Ansehn ward mir auch Mecenas hold/ und der Kaͤyser hieß mich nebst meinem Bruder des verbrennten Drusus Asche in der Julier Begraͤbnuͤß tragen. Welche Verrichtung zwar in Deutschland einen Schein der Dienstbarkeit haben kan/ in Rom aber eine der groͤsten Ehren ist/ welcher nur die Rathsherren faͤhig sind. Uber diß ward ich zu allen Gemeinschafften gezogen/ in denen sich des Kaͤysers Enckel Lucius und Cajus befan- den; und ich hatte das Gluͤcke/ daß ich mit diesen unbaͤndigen Juͤnglin gen niemals zerfiel; und weil ich zuweilen mit etwas verhieng; erlangte ich Arminius und Thußnelda. ich bey ihnen so viel Ansehen/ daß mein Wieder- rathen sie offt ehe/ als des Kaͤyfers strenge Dreuungen von ihren wilden Entschluͤssungen zuruͤck hielt. Es ist wahr/ sagte Hertzog Ar- pus; Man muß an grossen Hoͤffen allezeit ver- mummte Antlitzer haben/ und das freudig mit machen/ darfuͤr man die groͤste Abscheu hat. Junge wilde Fuͤrsten muß man auch/ wie die Wallfische fangen; denen man das in die Seite eingejagte Seil nachlaͤst/ und wenn sie schwach oder muͤde worden sind/ sie aller erst zu dem sonst uͤber einen Hauffen gerissenen Schiffe ziehen muß. Hertzog Flavius fuhre fort: Jch darff meine uͤber diese zwey Fuͤrsten gewonnene Bot- maͤßigkeit wol nicht meiner Klugheit zueignen/ weil ich meiner selbst noch nicht maͤchtig/ und mein Thun ein steter Fehltritt war. Jch mei- ne aber/ daß mein Vortheil von einer Ver- wandschafft unser Gemuͤther/ und von der Ein- tracht der Neigungen den Uhrsprung hatte/ welcher Wuͤrckungen offt so seltzam sind/ daß sie der Unwissenheit des Poͤfels mehrmahls eine Zauberey heisset. Diese Verwandnuͤs bere- det ohne Worte/ und bemaͤchtiget sich der Ge- muͤther ohne Verdienste; ohne sie aber ist alle Tugend ohnmaͤchtig/ und alle Bemuͤhung ver- gebene Arbeit. Dieser verborgenen Neigung hilfft nichts mehr auff die Beine als eine Be- fleissung sich in die zu schicken/ mit denen man umgehet. Denn wenn man mit den Woͤlffen heulet/ mit den Affen spielet/ mit den Eichhoͤr- nern tantzet; wird man nicht nur allenthalben beliebt/ sondern diese kluge Verwandlung ma- chet/ daß hernach alle andere einem so fertigen Proteus auch was kluges nachthun. Lucius war kaum dreyzehn Jahr alt/ als er schon eine hefftige Neigung der Geilheit von sich mercken ließ. Welches mir als einem Deutschen so viel seltzamer vorkam/ als welche sehr langsam diesen Trieb der Natur fuͤhlen/ und fuͤr dem dreißig- sten Jahre auch zulaͤßlicher Liebe pflegen fuͤr Schande achten. Welches/ als ich es damals auf Anstifften unsers Lehrmeisters Athenodorus dem Lucius erwehnte; so wol ihm als seinen Roͤ- mischen Gefaͤrthen anfangs unglaublich/ her- nach ein Gelaͤchter war. Sintemal diese uns Deutschen fuͤr halbe Mißgeburten schalten/ denen unser gefrorner Himmel mehr Schnee als Blut in die Adern gefloͤst haͤtte. Jch aber hing ihnen im lachenden Muthe diesen Schand- fleck an/ daß ihre unzeitige Luͤsternheit ihre Kraͤfften erschoͤpffte/ ehe sie erstarreten; und im Fruͤhlinge unreiffe und sauere Aepffel abbreche/ welche die Deutschen im Sommer in ihrer suͤs- sen Vollkommenheit zu genuͤssen pflegten. Hiervon ruͤhrete/ daß diesich zur Unzeit abmer- gelnden Roͤmer gleichsam halbe Zwerge blie- ben; Hingegen der Baum-langen Deutschen Kinder als halbe Riesen heꝛwuͤchsen/ und sichtba- re Beweißthuͤmer der Elterlichen Leibes-Kraͤf- ten fuͤr Augen stellten. Bey solcher Maͤßi- gung haͤtten die Deutschen auch in der Wollust selbst einen Vortheil. Denn sie behielten biß ins greise Alter das unerschoͤpfliche Vermoͤgen der Jugend. Dahingegen bey denen/ welche durch zu fruͤhe Begierden ihnen und der Natur Gewalt anthun/ eben so zeitlich entkraͤfftet wuͤr- den/ wie gewisse Baͤume ehe verdorren/ wenn man ihnen die Bluͤthen abbricht; Als wenn man ihre Aepffel reif werden laͤst. Jnsonder- heit aber war der bey dem Kayser so sehr beliebte Athenodor von Canaan in Sicilien/ theils nach Anleitung seiner Stoischen Weltweißheit/ theils wegen Verbindligkeitgegen dem Kaͤyser/ fuͤr viel genossene Wolthaten beflissen den Lu- cius von dem Wege der Wollust abzuleiten. Dieser weise Mann ward entweder dem August zu Liebe/ oder auch wegen seiner Lehre und tu- gendhafften Lebens halber fuͤr einen halben Gott verehret. Denn ob zwar anfangs die Stoischen Weisen/ als Nachfolger des unver- schaͤmten Diogenes als hoffaͤrtige/ hals- starrige und unruhige Veraͤchter der Obrigkeit gantz verachtet waren; so erlangten sie doch nach L l l 2 und Vierdtes Buch und nach durch ihre Maͤßigung/ und insonder- heit/ als man ihre Weißheit nicht in Schalen zierlicher Worte/ sondern im Kerne der von ih- nen stets eingelobten Tugend bestehen sahen/ ein so grosses Ansehen/ daß man sie unter allen gleichsam nur alleine fuͤr Weltweisen/ oder sie nur fuͤr Maͤnner/ die andern Weisen aber fuͤr Weiber hielt. Dahero August diesen Atheno- dor nach Rom/ wie vorher der Parthische Koͤnig den weisen Demetrius von Athen/ nach Baby- lon die Stoische Weißheit daselbst fortzupflan- tzen holen und unterhalten ließ. Dieser gute Athenodor hatte schier von der Wiege an dem Cajus und Lucius den Grund der vom Zeno und Cleanthes befestigten Lehre eingeredet/ daß das hoͤchste Gut des Menschen waͤre/ den Schluͤssen der Vernunfft zu folgen/ nach der Richtschnur der Natur/ nemlich nach dem Wil- len Gottes zu leben/ mit ihm selbst eintraͤchtig und vergnuͤgt zu seyn/ und sich aller hefftigen Gemuͤths-Regungen/ welche in dem Men- schen einen buͤrgerlichen Krieg erregten/ zu ent- schlagen; welche die Vernunfft nicht im Zuͤgel fuͤhrte und zu Ermunterung der sonst laulichten Tugend angewehrte. Aber beyden war diese Lehre zu schwer auszuuͤben. Denn der heuch- lerische Hoff/ und die Stadt/ worinnen alle La- ster Buͤrgerrecht gewonnen/ wo nicht den Nah- men der Tugend erworben hatten; redeten in einer Stunde ihnen mehr aus/ als ihnen Athe- nodor in zehn Tagen mit genauer Noth bey- bracht hatte. Als er nun sonderlich den Lucius einen unmaͤßigen Tꝛieb zuꝛ Geilheit haben sahe/ befließ er sich die sonst gewohnte Maͤßigung sei- ner uhrspruͤnglich strengen Lehre bey Seite zu setzen/ und die Wollust mit Stahl und Schwe- fel anzugreiffen. Einen gantzen Monat lang sagte er dem Lucius schier nichts anders fuͤr/ als was das Frauenzimmer ihm verhast/ und bey der Welt kohlschwartz machen konte. Es hieß ihm ein unvollkommenes Thier/ eine Mißge- burt der Natur/ welches schwerlich fuͤr einen Halb-Menschen zu achten waͤre. Ein haͤßlich Weib waͤre eine Abscheu der Augen/ ein schoͤnes eine helle des Hertzen. Die Liebe machte aus ihr einen Wuͤterich/ die Verachtung einen Tod- feind/ die Erzuͤrnung eine hoͤllische Unholdin. Jhre Regungen wuͤsten von nichts mittelmaͤßi- gen/ und vertruͤgen uͤber sich keine Vernunfft; ihre Gedancken duldeten keine Bestaͤndigkeit/ ihre Begierden keinen Zaum/ ihr Haß keine Versohnung. Auch was Tugend an ihnen schiene/ waͤre ein Blaster/ kein Wesen/ und ein blosser Fuͤrniß der Laster. Sie waͤre niemanden getreu/ als aus dringender Noth/ keinem Men- schen hold/ als zu ihrem Vortheil/ und nur keusch aus Furcht der Schande oder der Ver- stossung. Sie betruͤge ihren besten Freund mit lachendem Munde/ sie versteckte ihr scha- den-frohes Gemuͤthe mit falschen Thraͤnen/ die Unwarheit mit glatten Worten/ das Gifft ih- res neidischen Hertzen mit verzuckertem Liebko- sen. Jhre grimmige Augen verwandelten die thoͤrichten Liebhaber in Stein/ ihre holden An- blicke bezauberten sie. Jhre Kuͤsse verruͤckten auch den Weisesten die Vernunfft/ und ihre Uppigkeit machte sie zu Unmenschen. Ja die Weißheit haͤtte mit dem weiblichen Geschlechte eine solche Unvertraͤglichkeit/ daß ihre Goͤttin nicht von einem Weibe/ sondern nur aus dem Gehirne Jupiters haͤtte koͤnnen gebohren wer- den. Jn selbtem kaͤmen alle Laster/ wie die Striche in dem Mittel eines Kreisses zusam- men; also/ daß Plato mit sich Rath gehalten/ ob er die Weiber nicht fuͤr eine Mittelgattung zwischen Mensch und Vieh halten solte. Die aber/ welche der Unzucht den Zuͤgel schuͤssen lies- sen/ waͤren grimmere und garstigere Thiere/ als die/ welche vom Raube und eitel Unflate lebten. Denn die Wollust waͤre der wahrhaffte Pro- metheus/ welcher zu Fertigung seines Men- schen den Grimm des Loͤwen/ die blinde Unart wilder Schweine/ die Grausamkeit der Tiger/ die Zagheit der Hinde/ die Betruͤgligkeit des Fuch- Arminius und Thußnelda. Fuchses/ und den Wanckelmuth des vielfuͤßich- ten Meerfisches genommen haͤtte. Sie staͤche ihr selbst die Augen aus/ daß sie weder Schande noch Gefahr sehen/ sondern desto blinder und verzweiffelter in den Pful aller Laster rennen koͤnte. Sie liesse sich anbeten als einen Ab- gott; und wuͤrde hernach ein Hencker ihrer ei- genen Priester. Sie aͤscherte Staͤdte und Laͤnder ein/ darinnen man sie beherbergt/ und auf Gold und Purpur gelegt haͤtte; Sie besu- delte mit Mord und Blut das Ehbette/ und die Taffeln der Eltern; und ersteckte wie die Schlangen die Kinder ihres gutthaͤtigen Wir- thes. Jhre Augen toͤdteten wie die Basilisken ohne Verwundung/ ihr Athem vergifftete/ was er anhauchte; ihre streichelnde Haͤnde haͤt- ten Kreile wie die Egyptischen Maͤuse/ welche mit ihrem Krimmen die Eingeweide zerfleisch- ten. Jhre Armen erwuͤrgten wie die Affen mit ihren Umhalsungen. Jhr Mund bliesse wie jener Wald-Gott kalt und warm heraus; und ihr Hertze naͤhrete/ wie gewisse Berge/ bald feu- rige Stroͤme bruͤnstiger Liebe/ bald eusersten Schnee des bittersten Hasses. Sie rotte alle andere Tugenden mit Strumpfund Stiel aus/ und brauche die besten Wissen schafften zu einem Richtscheite nach der Kunst zu suͤndigen/ und auch in der Boßheit dem Poͤfel uͤberlegen zu seyn. Alles diß/ was die hefftige Ungedult dem Athenodor wider die Wollust und das weibliche Geschlechte heraus lockete/ merckte Lucius fleißiger auf/ als nichts vorher. Hier- durch machte er seinem Lehrmeister keine geringe Hoffnung der in seinem Gemuͤthe noch glim̃en- den Funcken der Tugend. Alleine Lucius ver- fuͤgte sich ins geheim fast taͤglich zu dem weltwei- sen Aristippus/ welcher sich fuͤr einen Nachfol- ger des Epicur ausgab/ und dahero vom Mece- nas an der Tiber einen Garten geschenckt be- kommen; auch an dessen Thuͤre/ eben wie vorhin Epicur/ angeschrieben hatte: Hier werden die Gaͤste wol bewirthet; denn hier ist die Wollust das hoͤchste Gut. Jn der Warheit aber pflichtete dieser Aristippus dem Aristippus bey/ der ein Uhrheber der Cyreni- schen Weltweisen war/ und die Wollust des Lei- bes fuͤr das hoͤchste Gut hielt; Also von dem E- picur so weit als schwartz und weiß entfernet war. Sintemal diesen alleine die Verleum- dung zu einem Freunde der Faulheit/ und die zu einem Beschirmer der Uppigkeit machen wol- len/ welche ihre Laster in der Schoß der Welt- weißheit verber gen wollen. Dahingegen Epicuꝛ nur dieselbe Wollust billigt/ welche man aus der Tugend schoͤpffet; und daher der Wollust eben diß Gesetze vorschreibt/ was Zeno der Tugend. Dahero er auch selbst sein nur mit Wasser und Brod unterhaltenes Leben in der hoͤchsten Maͤßigkeithingebracht/ das euserliche Gluͤcke fuͤr einen seltenen Gefaͤrthen eines Weisen ge- halten/ auch zuweilen selbst den Schmertz ver- langet hat/ wenn er zumal sich besorgt/ daß auff die Wollust einige Reue folgen doͤrffte. Un- geachtet er nun seine verdammte Lehre stets mit den Meinungen des Epicur verhuͤllete/ so schwam ihm der Honig der Wollust doch immer auf der Zunge; also/ daß Lucius fuͤr dem Athe- nodor einen hefftigen Eckel/ zu dem Aristippus aber eine desto groͤssere Zuneigung empfing. Diesemnach brachte er den Vermerck der von Athenodor heraus gelassenen Heftigkeiten zu Livien/ und verlangte durch sie beym Kaͤyser verbeten zu werden/ daß er sich eines so rauchen Lehrers entschlagen/ und mit bescheidenern ver- sorgt werden moͤchte. Livia zohe entweder aus einer weiblichen Schwachheit/ oder aus einer vorhin schon wider ihn gefasten Gramschafft des Athenodorus Lehre fuͤr eine sie selbst antastende Schmaͤhung an ; verklagte ihn beym Kaͤyser/ und drang darauf/ daß er und alle Stoische Weisen aus Jtalien gejagt werden solten. Wie- wol sie nun diß nicht bey dem Kaͤyser auswuͤr- cken konte/ sondern er ihr zur Antwort gab: Man muͤste mit dem Socrates streiten/ mit dem L l l 3 Car- Vierdtes Buch Carneades zweiffeln/ mit dem Diogenes zuwei- len uͤber die Schnur hauen/ mit dem Epicur sich beruhigen/ mit dem Zeno die Natur uͤber- wuͤnden lernen/ und also ihm einen ieden Wei- sen nuͤtze machen; so brachte sie es doch dahin/ daß weder Cajus noch Lucius ihn ferner hoͤren dorften. Hingegen/ weil ihr und ihrem auff den Tiberius gesetztem Absehen daran gelegen war/ daß beyde Kaͤyserliche Enckel in den La- stern ersteckt wuͤrden; half sie mit des Mecenas Einrathen dem Aristippus zu der Unterrich- tung des Cajus und Lucius/ wie auch meiner. Dieser Verfuͤhrer trug uns anfangs zwar den besten Kern der Epicurischen Weißheit fuͤr/ und wuste der Tugend meisterlich eine Farbe anzustreichen; Gleichwol aber hing er derselben stets diesen Schandfleck an/ daß sie nicht wegen ihr selbst/ sondern nur wegen ihrer viel edlern Tochter/ nemlich der Wollust zu lieben waͤre. Hernach kam er auff natuͤrliche Dinge/ und lehrte uns/ daß die Welt/ nicht nach des Hera- clitus Meinung/ aus Feuer/ nicht/ wie Thales lehrte/ aus Wasser/ noch wie dem Pythagoras traͤumte/ aus Zahlen/ sondern aus eitel durch- einander schwermenden Sonnen-Staͤublein/ ungefehr zusammen gewachsen/ am allerwe- nigsten aber nach des Aristoteles Meinung und Einbildung ewig waͤre. Auff diesen Schluß gruͤndete er ferner/ daß die Goͤtter sich um die Welt und die Menschen unbekuͤmmert/ also die vom Plato geruͤhmte goͤttliche Vorsor- ge und Versehung ein blosser Traum waͤre/ ja die Goͤtter haͤtten nicht einmahl den Sinn der Tugend wol zu thun/ weniger Waffen und Macht die Boͤsen zu beschaͤdigen. Die See- len der Menschen verrauchten mit dem sterben- den Leibe/ und haͤtten nach dem Tode weder Lust noch Straffe zu er warten. Dahero waͤre die Entschlagung aller Bekuͤmmernuͤß/ die Ruhe des Gemuͤthes das hoͤchsie Gut der Sterblichen/ wie der Muͤsiggang der Goͤtter. So viel wagte er sich dem fast unzehlbaren Hauf- fen seiner sich taͤglich zu ihm draͤngenden Lehr- linge fuͤrzutragen. Und wenn iemand uͤber etwas ihm einen Zweifel erregte; wuste er durch spitzige Unterscheidungen seine Saͤtze so meister- lich herum zu drehen/ daß es schien/ als wenn er die Goͤtter angebetet/ die Menschen allerdings tugendhafft wissen wolte. Als er aber den Ca- jus und Lucius so gar geneigt zur Wollust sahe; ließ er sie und mich einmal in das innerste Theil seines bewohnten Lusthauses zu absonderer Un- terweisung leiten. Wir fanden daselbst an ihm gleichsam einen gantz andern Menschen. An statt des langen Mantels trug er nach Griechi- scher Art einen seidenen Rock der Edelen. Die Platte seines kahlen Kopffes war mit falschen Haaren bedeckt. An den Armen und Fingern trug er guͤldene Geschmeide und Ringe mit E- delgesteinen. An den Fuͤssen hatte er gestickte Schuh mit kleinen Monden. Und von der Tracht der Weltweisen war nichts/ als der lan- ge Bart uͤbrig; welcher aber mit Fleiß ausge- kaͤmmet/ und eingebalsamt; die Lippen mit Zinober geschmuͤckt/ die Naͤgel verguͤldet/ und von seinen itzt Rosenfaͤrbichten Wangen das sonst aufgeschmierete Bleyweiß/ welches sie in seiner Schule sonst blaß machte/ abgewaschen war. Der Saal/ darinnen er lehrte/ war mit allem nur ersinnlichen Vorrathe der Ver- schwendung/ insonderheit aber mit denen geile- sten Bildern ausgeschmuͤckt. Fuͤr dem Unter- richte erqvickte er uns mit denen kraͤfftigsten Labsaln. Er badete uns mit wohlruͤchenden Wassern/ falbete uns mit Syrischen Balsamen/ und verschwendete allen Vorrath des uͤppigen Asiens. Hierauf machte er eine weitschweiffige Rede von seiner gegen uns tragenden Gewo- genheit/ und daß diese ihn noͤthigte wiewol mit seiner Gefahr das Geheimnuͤß der wahren Weltweißheit zu offenbaren. Nach dem er uns nun gleichsam nach diesem verborgenen Schatz seufzen sahe; fing er an/ aller Weltweisen Mei- nungen als Jrrthuͤmer zu verdammen/ und als Betruͤgereyen zu verfluchen. Die wahre Weiß- heit waͤre/ wissen/ daß kein Gott waͤre. Socra- tes Arminius und Thußnelda. tes haͤtte zwar zum Scheine zuweilen Gottes/ als eines unveraͤnderlichen Lichtes/ gedacht; a- ber/ weil er selbst nichts davon gehalten/ beyge- setzt: Er waͤre ein Wesen ohne Leib. Er haͤtte zwar aller andern Weltweisen Meinungen widerlegt; aber selbst keinen Satz gemacht/ sondern sich nur mit seiner Unwissenheit ge- ruͤhmt; und deßwegen haͤtte ihn der Wahrsager- Geist Apollo fuͤr den weisesten Menschen aus- geruffen. Zwar haͤtte er oft einer hohen Weiß- heit/ welcher aber der Poͤfel nicht faͤhig noch wuͤrdig waͤre/ erwehnet; diese aber waͤre nichts andeꝛs gewest/ als die oben eꝛwehnte; und haͤtte eꝛ sie mir etlichen hohen Geistern/ wie wir waͤren/ eroͤfnet. Gleichwol aber waͤre er verrathen/ und wegen Entdeckung eines Geheimnuͤsses/ welches nur herrschende Fuͤrsten wissen solten/ vom Rathe zu Athen zum Tode verdammt wor- den. Plato/ und die nachfolgenden Weisen waͤ- ren Heuchler gewest/ und haͤtten aus Furcht gleicher Belohnung die Warheit zu bekennen sich nicht gewagt. Epicur haͤtte zwar denen scharfsichtigen wieder ein Licht aufgesteckt; und weil er zu Athen nicht sagen doͤꝛffen/ daß es keine Goͤtter gebe; habe er gelehret: Es waͤre keine goͤttliche Versehung. Gleich als wenn nicht dieses letztere auch das erstere aufhuͤbe. Sinte- mal ein Gott ohne Versehung weniger als ein Klotz odeꝛ Stein den Nahmen eines Gottes ver- dienet. Alleine Aristippus von Cyrene haͤtte die vom Socrates gefaste Weißheit allererst recht ans Tagelicht gebracht/ und fortgepflantzt; nach dem er der Goͤtter als eines Undinges gar nie erwehnet/ und nichts minder durch die Lehre/ als durch sein Beyspiel/ da er in dem Bette der geilen Lais/ und an der Taffel des verschwende- rischen Dionysius alleine seine Lust gesucht/ al- les vergangene vergessen/ alles kuͤnfftige verach- tet/ und sich nur des gegenwaͤrtigen erfreuet/ al- len Klugen die Augen aufgesperret/ und durch das Leben auch derer/ die ein widriges mit dem Munde lehren/ erwiesen/ daß die Wollust des Leibes das einige und hoͤchste Gut des Menschen sey. Hierauf trat auf sein gegebenes Zeichen ein uͤberaus schoͤnes/ aber fingernacktes Frauen- zimmer in den Saal und uns ins Gesichte. Ari- stippus aber fing an: Sehet ihr nun/ ihr Fuͤr- sten der Jugend/ das schaͤndliche Ungeheuer des wahnsinnigen Athenodorus. Duͤncket euch die- se nackte Lehrerin nicht ein kluͤger Weiser zu seyn/ als der sich fuͤr wenig Jahren zu Athen wahnwitzig verbrennende Jndianer? oder der thumme Empedocles/ der sich in den feurigen Berg Etna stuͤrtzte? Warlich/ entweder euch muß der Sauertopf Athenodor oder eure Au- gen berruͤgen. Diese aber werden euch zuver- sichtlich uͤberweisen/ daß ein schoͤnes Weib das groͤste Wunder der Natur/ ein Paradiß der Au- gen/ das wuͤrdigste Buch eines Weisen/ und ein wesentlicher Begriff himmlischer Ergetzligkei- ten/ und eine wahrhaffte Gottheit unter den Menschen sey. Ohne sie werden die Maͤnner ihnen selbst feind; von ihnen aber werden die Kaͤltesten/ wie die Erde von der Sonnen/ ange- feuert/ und sie opfern ihre Hertzen keiner Gott- heit wuͤrdiger/ als diesem Geschlechte. Sie sind der unerschoͤpfliche Brunnen der Fortpflan- tzung/ und die Vollkommenheit der Natur. Deßhalben wuͤrde zu Rom Jupiters Priester mit dem Tode seines Eheweibes auch ein Wit- tiber seines Priesterthums und zu opffern unfaͤ- hig. Darum darf in dem Heiligthume der Cy- bele oder der Goͤtter-Mutter kein Thier/ wel- ches nicht weiblichen Geschlechtes ist/ gebildet seyn. Jn dem grossen Feyer der Ceres zu Athen wird das weibliche Geburtsglied verehret; weil durch desselbten ergetzende Anschauung Ceres den Verlust ihrer Tochter vergessen haͤtte. Dieses Sinnenbild aber deutete nichts an- ders als den unschaͤtzbaren Werth der Wol- lust an. Ohne sie ist das Leben bittere Wermuth/ und die eingebildete Weißheit nur Thorheit. Als er uns dieses seiner Mei- nung nach feste genung eingedruͤckt zu ha- ben Vierdtes Buch ben vermeinte; wie er denn wohl wuste/ daß kein Schweffel ein so geschwinder Zunder des Feuers/ als die Jugend der Laster sey; leitete er uns in ein ander Gemach; darinnen wir zwey marmelne Bilder/ des Bacchus und der Ve- nus/ derer erstem zwoͤlf wie Wald-Goͤtter/ dem andern wie Liebes-Goͤtter geputzte Knaben bald raucherten/ bald darum nach einem verbor- genen suͤssen Gethoͤne tantzten; in der Mitte a- ber eine Taffel mit den seltzamsten Speisen be- deckt/ um selbte acht mit Persischen Teppich- ten bekleidete Bette antraffen. Wie wir uns nun auf seine Noͤthigung auf vier Bette geleh- net hatten/ fanden sich so viel gantz nackte Frauenzimmer neben uns auff die noch leeren Bette; und zwoͤlf andere ebenfals nackte Dir- nen bedienten uns insgesamt an der Taffel. Nach dem diese aufgehoben war/ hegten sie zu uns allerhand geile Taͤntze mit denen unver- schaͤmtesten Stellungen. Cajus und Lucius verlohren sich dann und itzt in die Neben-Ge- maͤcher; und ich selbst wuste mich kaum zu be- sinnen/ ob mir traͤumete/ oder ob ich in dem Meer der selbst-staͤndigen Wollust badete. Jn dieser Entzuͤckung brachten wir in dem fest ver- schlossenen Garten den halben Tag und die Helffte der Nacht zu/ biß uns Aristippus selbst erinnerte/ fuͤr dißmahl unsere Lehre zu beschlies- sen; Bey der Gesegnung aber erinnerte: wir solten nun die eigene Erfahrung als den kluͤg- sten Richter urtheilen lassen: Ob des Aristip- pus hoͤchstes Gut nicht besser als des gramhaff- ten Athenodorus sey? Ob des Crates Tasche/ des Antisthenes Kappe/ des Diogenes Faß/ des Zeno Stab wuͤrdiger/ als des Epicurus Lustgarten zu achten waͤre? Wiewohl alle diese Heuchler nur euserlich wie die Schauspieler sich in den Mantel der Tugend huͤlleten; im Her- tzen aber der Wollust beypflichteten/ und in ge- heim sich mit derselben vermaͤhlten. Plato haͤtte sich dardurch allzu sehr verrathen/ da er ge- lehrt/ daß die Weiber allen Maͤnnern gemein seyn solten. Als Crates einmal eingeschlaf- fen/ haͤtte man in seiner Tasche noch tausend guͤldene Darier gefunden; ungeachtet er all sein Reichthum als Koth weggeworffen zu haben sich ruͤhmete. Dem Antisthenes waͤren aus seinen zerrissenen Hosen offtmals Wuͤrffel und Karten gefallen. Diogenes waͤre an Alexan- ders Hoffe uͤber dem Diebstahle eines guͤldenen Bechers betreten/ und in seinem Schuͤbsacke das Bild der unkeuschen Lais gefunden wor- den; ungeachtet er nur aus dem Hand-Teller zu trincken/ und die Weiber mit dem Stabe von seinem Fasse wegzutreiben pflegen. Eu- clides waͤre in Weibskleidern zu Athen im Hurenhause angetroffen worden; als er unter dem Vorwand den Socrates zu hoͤren von Megara dahin zur Nachtzeit geschlichen. Py- thagoras haͤtte in den Armen seiner Theano/ Socrates auff den Bruͤsten der Aspasia und ih- rer Dirnen gelechset/ durch welcher feil gehab- te Schoͤnheit sie den Peloponnesischen Krieg an- gezuͤndet haͤtte. Der scharffe Gesetzgeber So- lon haͤtte nicht nur der sich gemein machenden Venus einen Tempel gebaut/ sondern auch mit unkeuschen Weibern Gewerb getrieben. Des Parthaoins fuͤr einen Weltweisen geruͤhmter Sohn wolte eine schoͤne Taͤntzerin nicht neben sich niedersitzen lassen; als sie aber hernach feil geboten ward/ bot er nicht nur das meiste dar- fuͤr/ sondern raufte sich auch mit andern um sie. Fliehet daher diese Thoren/ folget dem viel wei- sern Epicur/ welcher mit seiner holdseligen Leontium den Zucker dieser Welt genoß/ und dem Aristippus/ welcher auf denselben Bruͤsten schlief/ von welchen alle Mahler zu Corinth das Muster ihrer zu bilden noͤthigen Bruͤste nah- men. Opffert die Bluͤten eurer kraͤfftigen Ju- gend der ergetzenden Wollust/ und dencket/ daß sie im Alter welck wird; nach dem Tode aber keine mehr uͤbrig sey. Mit Arminius und Thußnelda. Mit diesem abscheulichen Unterrichte nah- men wir von dem Verfuͤhrer Aristippus Ab- schied/ und kamen mit Verwunderung des Ho- fes/ daß Cajus und Lucius sich so sehr in die Weltweißheit verliebt haͤtten/ nach Hause. Fol- genden Tag fanden wir uns wieder gar zeitlich in des Aristippus Garten/ da er denn uns und der verhandenen grossen Menge der Zuhoͤrer fuͤrtrug: Ein Weiser solte in allem/ was er thaͤte/ sein Absehn allein auf seine eigene Vergnuͤgung haben. Daher doͤrffte der/ welcher am Muͤssig- gange Ergetzligkeit spuͤrte/ sich nicht mit Erler- nung schwerer Dinge quaͤlen/ ein Geitziger doͤrffte gegen niemanden freygebig seyn/ ein Furchtsamer nicht in Krieg ziehen/ ein Unacht- samer sich umb Gott nicht bekuͤmmern. Zu- letzt gab er uns ein Zeichen/ daß wir uns wieder in seine geheime Schule einfinden solten. Cajus und Lucius waren schon in das Lust-Haus hin- ein/ und ich auf der Schwelle/ als ich fuͤhlte/ daß mich einer hinterruͤcks bey dem Kleide zuruͤck zoh. Als ich mich umbwendete/ sahe ich einen alten Mann/ dessen Antlitz eine sonderbare An- dacht/ seine Geberden aber eine grosse Bestuͤr- tzung andeuteten. Dieser fing mit aufgehobe- nen Haͤnden an: Tritt zuruͤcke/ edelster Flavius/ von der Schwelle deines Untergangs. Hier- mit ergriff er mich bey der Hand/ und fuͤhrte mich halb gezwungen und halb gutwillig in den duͤstersten Gang des Gartens/ daselbst fiel er mir umb den Hals/ kuͤßte und benetzte mich mit einem reichen Strome bitterer Zaͤhren. Hier- auf sahe er gegen dem Himmel/ und fieng an:: Ewiger Gott! lasse nicht zu/ daß der Sohn des frommen Fuͤrsten Segimers in den Klauen ei- nes so schaͤndlichen Gottes-Veraͤchters/ und sei- ne Seele von diesem Ertzt-Moͤrder umbkom- me! Jch/ der ich anfangs gleich uͤber der Kent- nuͤß und hertzhaften Ansprache dieses Greises mich verwunderte/ ward nunmehr durch einen geheimen Trieb zu einer absondern Ehrerbie- tung gegen ihn gereget/ und es schien ihm eine uͤberirrdische Lebhaftigkeit aus den Augen zu se- hen. Daher ich anfing: Sage mir/ Vater/ woher du mich kennest/ und was mir fuͤr ein Un- gluͤck vorstehe? Ach! fing er seufzende und zwar nunmehr in deutscher Sprache an: Es ist hier kein Ort dir alles zu offenbaren. Meine Sprache versichert dich/ daß ich dein Lands- mann/ und diese meine Betheuerung/ (hiermit legte er seine Hand ihm flach aufs Haupt/) daß ich ein treuer Knecht deines Vaters Segimers/ Aristippus aber der verfluchteste Unmensch und euch den hoͤllischen Unholden zu einem fetten Schlacht-Opfer zu liefern vorhabens sey. Hier leidet die Zeit nicht mehr Worte zu machẽ. Wilst du dich aber erhalten wissen/ so entferne dich au- genblicks aus diesem Garten/ und suche mich morgen fruͤh in dem Tempel der Jsis/ welchen der Kaͤyser unlaͤngst an den Ort/ wo vorhin der vom Julius eingerissene gestanden/ zu bauen er- laubet hat. Hiermit setzte sich dieser Greiß in einen Kahn auf die Tiber/ und fuhr davon; ich aber verfuͤgte mich in die grosse Renne-Bahn/ und brachte den Tag mit allerhand Ritterspielen zu/ umb mich der von des vorhergehenden Tages seltzamer Begebnuͤß/ oder dieses Alten Erinne- rung zuhaͤngenden Traurigkeit zu entschlagen. Umb Mitternacht kam Lucius in mein Zimmer fuͤr mein Bette/ und wuste mir die beym Aristip- pus genossene Lust/ welcher die erstere nicht das Wasser reichte/ nicht genungsam heraus zu strei- chen. Denn er haͤtte sie mit eitel jungen Moh- ren und Mohrinnen bedienet/ gegen welcher feu- rigem Liebes-Reitze des weissen Frauenzimmers Anmuth nur fuͤr Schnee zu achten waͤre. Jch konte mich uͤber diesem Vortrage nicht enthalten uͤberlaut zu lachen und zu fragen: Was Aristip- pus fuͤr eine Beredsamkeit sie zu bereden gebrau- chet/ daß die Raben schoͤner als die Schwanen waͤren? Sind die Raben nicht schoͤner/ versetzte Lucius/ so sind sie doch wahrhaftiger zum Reden/ als die Schwanen zum singen geschickt/ und also anmuthiger. Warumb aber solte nicht auch Erster Theil. M m m Schoͤn- Vierdtes Buch Schoͤnheit und Schwaͤrtze bey einander stehen koͤnnen? Meynest du/ weil deine Deutschen/ wie auch du/ so weiß sind/ daß die Mohren in allen Augen so heßlich seyn? Weist du nicht/ daß die Venus in Africa eben so aus schwartzem/ wie zu Athen von weissem Marmel gebildet wird? Ja die Griechen selbst geben nach/ daß diese Mutter der Schoͤnheit und Liebe mit ihrem Vulcan ein Mohren-Kind gezeugt habe. Jch antwortete: Nach dem die Gewohnheit auch etwas abscheu- lichem eine bessere Farbe anstreicht/ und den Augen ihre erste Empfindligkeit benim̃t; ja die Liebe gar ins gemein verbundene Augen hat/ ist mir nichts frembdes/ daß die Wald-Goͤtter ihre rauche und Ziegenfuͤssichte Geferten/ und die halbgebratenen Mohren ihre beraucherte Weiber oder vielmehr ausgeleschte Kohlen fuͤr schoͤn halten? Jch aber werde mir solche Farbe niemals fuͤr schoͤn verkauffen/ noch auch michs so gar die nackten und schwartzen Weltweisen in Jndien bereden lassen. Mein Auge ist mir diß- falls nicht allein ein unverwerfflicher Richter; sondern die Roͤmischen Frauen sind meine un- zehlbare Zeugen/ welche durch so viel Kuͤnste ihre gelbe Haut in eine lebhafte Schnee-Farbe zu verwandeln/ und ihre schwartze Haͤupter mit den weissen Haaren des Deutschen Frauenzimmers auszuschmuͤcken bemuͤhet sind. Ja/ sagte Lu- cius/ iede Farbe hat ihre Vollkommenheit. Was weiß ist/ muß sehr weiß seyn/ wenn es schoͤn seyn soll. Also ist die Schwaͤrtze auch schoͤn/ wenn sie nicht fahl/ sondern vollkommen schwartz ist. Der schwartze in Mohrenland und bey denen Landesleuten den Lagionen wachsende Marmel waͤre beliebter/ als der weisse des Eylands Paros. Auch ich/ versetzte ich/ halte viel von schwartzen Steinen; und Dia- manten selbst sind nicht schoͤn ohn schwartze Fol- gen und finstere Straalen. Aber unter dem Frauenzimmer halte ich es mit dem weissen. Das Meer hat in sich nichts koͤstlichers/ als die weissen Perlen; der Himmel der Begriff aller Schoͤnheit weiß von keiner schwartzen Farbe. Lucius begegnete mir: Er hat dieser in alle wege zu seiner hoͤchsten Pracht von noͤthen. Denn seine Gestirne sind so gar unsichtbar/ wenn ihn der Pinsel der Nacht nicht schwartz anstreicht. Jch brach ihm ein: Der Schatten hilfft wohl unserm bloͤden Gesichte/ aber dem Lichte und den Sternen theilt er keine Zierde mit. Die Sonne das schoͤne Wunderwerck der Natur ist der Schwaͤrtze so feind/ daß Nacht und Schatten fuͤr ihr in ewiger Flucht seyn muͤssen. Gleichwohl wird bey den Phoͤ- niciern/ versetzte Lucius/ ein schwartzer Stein als das Ebenbild der Sonnen unter dem Nahmen des Eliogabalus angebetet. Also muͤssen die Gestirne mit dieser Farbe keine so unleidliche Eigenschafft hegen. Die Jndi- schen und theils Griechischen Goͤtter verlangen ein schwartzes Lam̃/ oder eine solche Kuh zu ih- rem Opfer. Alles diß/ antwortete ich/ ruͤhret schwerlich von einer beliebten Verwandschafft/ vielmehr aber daher/ daß ein heßlicher Gegen- Satz der Schwaͤrtze ihrer Zierde einen Firnuͤß anstreichen soll. Massen denn die Diamante schwartze Schalen/ die Perlen tunckele Mu- scheln/ und die Gold-Adern nicht finstere Be- haͤltnuͤsse und duͤstere Schlacken verschmaͤhen. Jch hingegen versetzte: Das von der Unrei- nigkeit gelaͤuterte Ertzt und die saubersten Ge- schoͤpfe sind am weissesten. Das Licht ist ein Merckmal der Vollkommenheit/ und daher auch diß vortrefflicher/ was dem Lichte am aͤhn- lichsten ist. Das weisse aber ist nichts anders als ein ruhendes Licht/ wie das Licht eine thaͤti- ge Weisse. Dahero ich/ ausser dem Lucius/ noch keinen Verliebten von den schoͤnen Kohlen seiner beraͤhmten Buhlschafft/ wohl aber von dem Alabaster des Halses/ dem Helffenbeine des Leibes/ und den Perlen der Bruͤste Lobspruͤche gehoͤrt haͤtte. Vielleicht aber doch/ sagte Luci- us/ von dem schoͤnen Finsternuͤsse schwartzer Augen/ Arminius und Thußnelda. Augen/ und von dem einẽ kohlschwartzen Pferde/ das die nachdencklichen Tichter nicht ohne Ursa- che vor den Wagen der Soñe gespañt/ und viel- leicht dardurch angedeutet haben/ daß ein Weib ohne schwartze Augen unvollkommen schoͤn sey. Jch antwortete: Schwartze Augen stechen in alle Wege wohl ab/ aber nur in einem weissen Antlitze/ unsere blauen aber schicken sich in beyde. Da man aber von einem so kleinen Theile des Leibes einer Farbe den Vorzug zueignen wol- te/ wuͤrde die weisse den Obsieg behalten/ weil niemand weissere Zaͤhne haͤtte/ als die Mohren/ auch an ihnen nichts zierlicher waͤre als die Zaͤh- ne. Jch muß dem Flavius/ versetzte Lueius/ seine Meynung lassen. Jch aber bin ein Nach- komme des Kaͤysers Julius/ welcher nichts min- der/ als Anton an der braunen Cleopatra/ mit welcher er nicht nur biß in Mohrenland gerei- set/ sondern sie gar nach Rom mitgenommen/ mehr als an der Schwanen-weissen Martia Ergetzligkeit genossen/ und die Mohrin Euroe der den Schnee beschaͤmenden Servilia fuͤrge- zogen. Perseus haͤtte nicht nur die schwartze Andromede geehlicht; sondern sie waͤre so gar in den Himmel unter die Gestirne gesetzt zu wer- den gewuͤrdiget worden. Massen denn die einander zusagende Abtheilung der Glieder/ und wenn iedes an seinem Orte steht/ mehr als die blosse Farbe so wohl ein Frauenzimmer/ als eine Saͤule vollkommen machen. Dahero die Griechen zu Abbildung einer vollkommenen Schoͤnheit verlangt haͤtten/ daß Euphranor das Haar/ wie seine Juno gehabt/ Polygnotus die Augenbrauen und Wangen/ wie er der Cassan- dra zu Delphis zugeeignet/ Apelles den uͤbrigen Leib/ nach dem Muster seiner Pacata/ Aetion die Lippen/ wormit seine Roxane pranget/ mah- len solte. Hierauf haben die Egyptier Zwei- fels-ohne gesehen/ als sie zu ihrem beruͤhmtesten Memnons-Bilde so schwartzen Stein/ als er im Leben gewest/ zu nehmen kein Bedencken gehabt. Es muß alles/ antwortete ich/ beysammen ste- hen. Denn die Vollkommenheit hat mit kei- nem Gebrechen Verwandschafft. Diese/ ver- setzte Lucius/ ist schwerlich unter der Sonnen zu finden/ und theilet die vorsichtige Natur einem dieses/ dem andern was anders zu. Massen ich dich denn versichere/ daß die zarte Haut der Mohren fuͤr weiche Seide/ der weissen Weiber aber hingegen fuͤr Hanff anzufuͤhlen/ diese aber im Lieben wo nicht todt/ doch eißkalt/ jene hinge- gen lebhaft/ und mit einem Worte Buhlschaff- ten voll Feuer sind. Jch weiß hiervon nicht zu urtheilen/ fing ich an/ weil ich keine Mohrin nie betastet/ auch von der Liebe selbst nicht zu sagen weiß: Ob sie dem Schnee oder dem Feuer ver- wandt sey? Du wirst beydes morgen pruͤfen koͤnnen/ antwortete Lucius/ wo du dich unser Gluͤckseligkeit nicht wie heute entbrechen wilst. Hiermit sagten wir einander gute Nacht; ich aber konte aus einer ungewoͤhnlichen Unruh des Gemuͤthes kein Auge zuthun/ stand also mit dem ersten Tagen auf/ und eilte in den Tempel der Jsis. Dieser war laͤnglicht-rund von eitel rothfleckichtem Egyptischem Marmel gebaut; das in der Mitte stehende Bild der Jsis war von Thebe hingebracht/ war aus Porphyr/ hat- te auf dem Haupte einen dreyfachen Thurm/ wollichte Haare/ am Halse das Zeichen des Krebses und Steinbocks/ zwoͤlff Bruͤste/ in der rechten Hand eine Cymbel/ in der lincken einen Wasser-Krug/ nackte Fuͤsse/ darmit sie auf ei- nem Crocodil stand. Die Priester opferten auf dem Altare gleich etliche Gaͤnse. Der mich den Tag vorher bestellende Alte war meiner bald gewahr/ winckte mir also/ daß ich selbtem durch eine Pforte folgen solte. Dieser leitete mich in einen langen gewoͤlbten Gang/ und endlich in ein kleines Heiligthum/ darinnen zwar ein Altar/ aber kein Bild zu sehen war. Jn diesem noͤthigte mich der Alte auf einen dreyeckichten steinernen Stul niederzusitzen; M m m 2 fing Vierdtes Buch fing auch alsofort an: Entsetze dich nicht/ mein Sohn/ daß du in diesem Heiligthume weniger annehmliches/ als in des Boßhaften Aristippus Garten zu sehen bekommest/ darinnen aber keine Frucht zu finden/ die nicht von einem schaͤdli- chern Drachen/ als welcher die Aepfel der Hespe- riden bewacht hat/ verwahret/ oder vielmehr ver- giftet werden. Jch bin Sotion/ von Geburt ein Cherusker/ von Ursprung ein Cattischer Fuͤrst/ von Glauben ein Druys/ von Lebens- Art ein Pilgram/ ein Knecht des Cheruskischen Hauses/ des Libys Bruder/ welcher ietzt ober- ster Priester in dem Tanfanischen Tempel seyn soll. Meine mit Begierde der Weltweißheit vermischte Andacht hat mich schon fuͤr gerau- men Jahren aus meinem Vaterlande in Thra- cien gelocket/ theils des beruͤhmten Zamolxis von dem Pythagoras gelernete/ und zu denen Druyden und biß zu denen Hyperborischen Voͤlckern von ihm gebrachte Weißheit zu be- greiffen; theils auch mich umb das Gluͤcke zu bewerben/ daß ich durch meine Aufopferung zum Gesandten der Thracier an den Halb- Gott Zamolxis erkieset werden moͤchte. Das Looß fugte auch meinem Verlangen; weil ich aber ein Auslaͤnder war/ ward ich von dem Gluͤcke eines so herrlichen Todes und eines ewigen Nachruhms verdrungen. Jch wen- dete mich hierauf nach Athen; weil ich aber daselbst die wahre Weißheit/ welche der Jude Phereeydes des Pythagoras Lehrer in Grie- chenland bracht/ in die Striche des immer wei- nenden Democritus/ und in die Spitzfindig- keiten des Protagoras verwandelt fand/ fuhr ich in Syrien/ verrichtete ein gantzes Jahr meine Andacht in dem heiligen Tempel der Juden zu Jerusalem/ darein mir aber nicht ehe der Eingang verlaubt ward/ als biß ich nach dem Beyspiele des Pythagoras mich be- schneiden/ und wie jener seine Tochter Sara/ also ich mich Moses nennen ließ. Von dar kam ich in Epypten/ und nach einer sieben Jahr mit dieses Landes Priestern gepflogenen Vertraͤuligkeit reisete ich nach Cyrene/ aus welcher Stadt alleine so viel Welt-Weisen/ als aus gantz Griechenland kommen seyn sollen. Daselbst habe ich den Verfuͤhrer Ari- stippus angetroffen. Ob nun wohl diese Stadt noch von des alten Aristippus gelehrten Uppigkeiten angesteckt ist/ also/ daß man daselbst keinen Wein ohne eingemischten Balsam trin- cket/ und auch Maͤgde sich mit dem koͤstlichsten Veilgen-Oel und Rosen-Salbe einbisamen; also ihnen Plato einiges Gesetze zu geben sich nicht unbillich geweigert hatte; so waren doch seine Unterfangungen so abscheulich/ indem Ehbruch/ Blutschande/ unnatuͤrliche Brunst die geringsten Laster waren/ welche dieser geile Bock und unverschaͤmte Hund der al- bern Jugend durch seine verdam̃te Lehre und aͤrgerliches Beyspiel eingefloͤst hatte/ daß er in Hafft genommen/ und als ein Knecht seiner fchaͤndlichen Begierden mit seiner von gar- stigem Unflathe der Unzucht stinckenden Gefertin der Hure Cyrene/ welche darin- nen zwoͤlff neue Stellungen erfunden zu haben sich ruͤhmte/ und ein zauberisches Kraut verkauffte/ welches zu siebentzigmali- gem Beyschlaf faͤhig machte/ zum Creutze verdammt. Weil aber zu Cyrene die obrig- keitliche Macht denen Lastern nicht gewachsen war/ wurden diese zwey Ubelthaͤter von einem Hauffen verwegener Buben dem Scharffrichter aus den Haͤnden gerissen/ und durch ein fertiges Schiff entfuͤhret. Jch nahm von Cyrene als einer Spiel- Tonne aller Laster zeitlich meinen Abschied/ und bin fuͤr acht Monden zu Metapont ankommen/ alldar ich in Beschauung des von dem Pythagoras bewohnten/ und zu seiner Zeit stets mit sechs hundert Schuͤ- lern angefuͤllten Ceres-Tempels/ und an- derer Arminius und Thußnelda. derer heiligen Alterthuͤme zubracht/ auch selbst noch unterschiedene geheime Anmerckun- gen von dem Oenuphis und Souched/ die Py- thagoras zu Hieropolis gehoͤret/ und von dem Ezechiel/ welcher ihn zu Babylon unterwiesen/ wie auch von seinen Nachfolgern dem Zelevcus/ Charonda/ und Archytas zu meinen Haͤnden gebracht habe. Von dar haben mich zwey bekandte Egyptische Priester mit anher nach Rom gebracht/ und mir nebst zwey andern hier gefundenen deutschen Druyden/ weil sie mei- nen/ daß wir eben wie sie/ die Jsis anbeten/ und ihr Schiff verehren/ und von den von mir geruͤhmten Pythagoras hochhalten/ dieses klei- ne Heiligthum erlaubet haben. Weil nun mei- ne Sorgfalt die Lehren hiesiger Weltweisen zu erforschen mich angetrieben/ bin ich auch hinter den Betrug des verfuͤhrerischen Aristippus kom- men/ und weil mir deine Gestalt etwas Deut- sches zu seyn geschienen/ man mir auch ehege- stern gesagt/ daß du ein Sohn des deutschen Feldherrn Segimers waͤrest/ hat mein hertzli- ches Mitleiden mich so kuͤhn gemacht/ daß ich auch mit meiner Gefahr dich aus dem Abgrun- de des Verderbens zu reissen entschlossen. Hier- mit fing er an: Das wahre Wesen/ die vaͤterli- che Vorsorge und Versehung Gottes/ die Unsterbligkeit der Seelen/ die Bestraffung der Boͤsen/ die Belohnung der Frommen/ die Schaͤtzbarkeit der Tugend/ die Freudigkeit ei- nes guten/ die Qvaal eines lasterhafften Gewis- sens aus unumstoßlichen Gruͤnden wider des Epicurus und Aristippus verdammte Lehre auszufuͤhren; ja diesen Betruͤger selbst aus des Epieurus eigenen Saͤtzen zu widerlegen; iedoch um vielleicht der Schwachheit meiner Jugend zuhelffen/ der Wollust so ferne das Wort zu reden/ daß ihr maͤßiger Genieß mit der Tugend keine Todfeindschafft hegte/ jene aber wie die E- hefrau zu lieben/ diese wie ihre Magd zu dulten waͤre. Nach diesem Beschluß dieser seiner heilsamen Lehre umarmte mich Sotion auffs neue/ und beschwur mich bey denselbigen Gei- stern meiner frommen Ahnen/ daß ich von ihrem heiligen Gottesdienste/ von den heilsamen Sit- ten meines Vaterlandes/ und von dem Pfade der Tugend keinen Fußbreitt absetzen/ und den Aristippus furchtsamer als Schlangen und Nattern fliehen solte; wo ich mich nicht in eine ewige Pein gestuͤrtzet/ und mein altes Geschlech- te erloschen wissen wolte. Das Hertze schlug mir bey waͤhrender Rede wie die Unruh in einer Uhr; das innerste meiner Seele ward gereget/ und mich beduͤnckte nicht so wohl einen Menschen/ als einen Gott zu hoͤ- ren. Daher verfluchte ich den Aristippus/ und verschwur seine Schwelle nim̃ermehr zu betre- ten. Die andern zwey Druyden kamen im- mittelst auch darzu/ liebkoseten mir auffs freund- lichste/ und waren bemuͤhet mich mit tausend gu- ten Lehren wider die Versuchungen der Wollust auszuruͤsten. Woruͤber ich mich derogestalt vergnuͤgt befand/ daß ich mit ihnen das ohne Auffsetzung einigen Fleisches aus lautern Kraͤu- tern und Gesaͤme bereitetes Mittags-Mahl einnahm. Uber dieser Mahlzeit reitzte mich mein Vorwitz zu fragen: Ob alle Druyden sich des Fleisch-Essens enthielten/ und ob sie es aus der vom Pythagoras herruͤhrenden Meinung thaͤten/ daß der Verstorbenẽ Seelen in den Thie- ren wohneten? Der eine Druys/ von Geburt ein Celte/ veꝛjahete/ daß sich alle eꝛleuchtete Druyden des Fleisches enthielten/ iedoch nicht aus ange- zogener und vielen noch zweiffelhafften Ursache. Wiewohl diese Meinung laͤngst fuͤr dem Py- thagoras von denen Nord-Voͤlckern ange- nommen/ und insonderheit vom Zamolxis fort- gepflantzet worden. Wenn diß zweiffelhafft ist/ wundere ich mich/ daß sich die Druyden des Fleisches enthalten/ da doch die sonst so stren- gen Stoischen Weltweisen solches essen/ und Di- ogenes so gar rohe Fische zu essen sich nicht ge- scheuet hat. Sotion fiel ein: Bey mir hat die Wanderung der Seelen in Thiere keinen Zweif- M m m 3 fel. Vierdtes Buch fel. Aber auch ausser dem halte ich fuͤr mehr wunderns-werth/ daß iemahls ein Mensch ei- nes Thieres Aaß nur anzuruͤhren/ ja gar ihrer toͤdtlichen Wunden Eyter/ oder der Gebeine Marck auszusaugen und das Blut ihrer A- dern zu essen sich erkuͤhnet habe? Welches ich nichts anderm als dem Mangel des Getrey- des in der sich mit Eicheln speisenden ersten Welt zuschreiben kan; Weil ich angemerckt: was viel Menschen fuͤr einen Eckel fuͤr noch nie gesehenen Krebsen/ Schild-Kroten/ Meer- Spinnen und Austern gehabt/ welche doch der kostbaren Taffeln niedlichste Speisen sind. Sonder Zweiffel haben auch die/ wel- che zum ersten ihre Schwerdter in Menschen- Blut getauchet/ mit Toͤdtung der Thiere/ und zwar anfangs grimmiger Tyger/ wilder Schweine/ schaͤdlicher Baͤren den Anfang ge- macht/ biß die der Grausamkeit gewohnte Menschen/ nach Art der Athenienser/ welche zum ersten den Verleumder Epitideus getoͤd- tet/ hierdurch aber den tapfern Theramenes und weisen Polemarchus zu toͤdten gelernet haben/ auch zu den frommen Laͤmmern und nuͤtzlichen Rindern kommen sind. Dahero auch Empe- docles den Griechen/ und der Roͤmische Rath Ochsen und Kuͤh zu schlachten/ ja auch den Goͤt- tern zu opffern ihrer Nutzbarkeit halber vor Al- ters verboten hat. Mich beduͤncket auch/ ja meine Natur sagt mirs gleichsam/ daß sie nicht nur unter den Menschen ein Band der Liebe/ sondern auch zwischen Menschen und Vieh zum minsten eines des Friedens und des Mit- leidens gestifftet habe. Die Elephanten lassen von sich keine geringe und schlechte Merckmah- le der mit uns gemein habender Vernunfft bli- cken. Die Papagoyen und Schalastern thun uns so gar die Sprache nach; Zwischen uns und den Affen ist eine ziemliche Aehnligkeit. Weß- wegen zu Athen auch auff eine Straffe gesetzt war/ die nur einem lebenden Widder die Haut abzohen. Jch brach hier ein: Fressen doch aber Loͤwen/ Baͤren/ Woͤlffe und Crocodile die Men- schen/ und zerreissen also dieses vermeinte Buͤndniß der Natur. Sotion antwortete: Vermuthlich haben es ehe die Thiere von denen einander selbst fressenden/ und also grimmigern Menschen/ als diese von jenen gelernet; Wie- wohl die Menschen die Vernunfft von dem ab- halten solte/ was die unvernuͤnfftigen Thiere aus grossem Mangel oder aus Rache zu thun genoͤthiget werden. Zudem toͤdten wir mehr zahmes als wildes Vieh. Wir essen keine Drachen/ Loͤwen/ keine Tiger noch Woͤlffe; hingegen verschwenden wir tausend Lerchen auf einer gethuͤrmten Schuͤssel; Wir erwuͤrgen auf ein Gastmahl die Fasanen zu hunderten/ und koͤnnen ohne unzehlbare Leichen nicht so wohl unsere grimmige Magen/ als unsere unbarm- hertzige Augen saͤttigen; und lassen uns weder der Voͤgel Blumen und Tapezerey wegstechen- de Schoͤnheit/ noch ihre und der Schaffe umb Erbarmniß bittende Stim̃e von unser Blutbe- gierde abwendig machen/ sondern ermorden die edlen Phoͤnicopter/ die wunderschoͤnen Pfauen/ daß wir nur von jener hunderten einen einigen Bissen niedlicher Zungen/ von diesen eine Scha- le Gehirne haben; Von dem Scarus-Fische und Hechten essen wir nur die Lebern/ von den Murenen nur die Milch/ und in einem Loͤffel verschlingen wir hundert Seelen mit hundert Sonnen-Fischen; welche wir nur deßwegen nicht groͤsser wachsen lassen/ wormit unsere Verschwendung nicht zu wenigen Thieren das Leben und Licht ausloͤsche; da doch ein iedes un- ter diesen/ ja auch eine Fliege ihrer fuͤhlenden Seele halber edler/ als die Sonne ist. Wer wolte sich aber erkuͤhnen den allerkleinesten Stern auszuloͤschen/ wenn es schon in seinem Vermoͤgen stuͤnde? Ja wir maͤsten nicht nur die unschuldigen Thiere zu ihrem Tode/ wormit wir selbte nicht aus einem Eyfer/ sondern mit gar gutem Vorbedacht zu schlachten schei- nen. Wir kappen oder entmannen sie auch/ wor- Arminius und Thußnelda. wormit sie selbst unserer Luͤsternheit so wohl feister werden/ als ihre ausgeschnittene Glie- der uns zum Zunder der Geilheit dienen; da doch unser enger Mund keinen scharffen Schnabel/ noch einen weiten Rachen; keine lan- ge Zaͤhne/ die Naͤgel keine spitzige Kreilen/ der Leib keine so grosse Staͤrcke/ und der Magen keine so kraͤfftige Verzehrung hat/ daß wir zu Umbring- und Verzehrung des Viehes ge- schickt waͤren. Daher nicht nur solch Fleisch gesotten/ gebraten/ mit Eßig gebeitzt/ sondern auch nicht anders/ als eine zu begraben noͤthige Leiche mit Morgenlaͤndischem Pfeffer/ Zimmet und Muscaten eingewuͤrtzet/ und unserm Ma- gen verdaͤulich gemacht werden muß. Wie- wol auch das auffs beste zugerichtete Fleisch eben so wohl als der Wein zwar den Leib staͤrckte/ das Gemuͤthe aber entkraͤfftete; Also/ daß dieses wie ein angefuͤlltes Ertzt-Geschirre nicht klingen/ wie ein mit Feuchtigkeit uͤberschwemmtes Auge nicht sehen/ und die umwoͤlckte Sonne nicht leuchten koͤnte. Wie viel mehr Abbruch muß nun die Seele und der Verstand leiden; da man wie alle andere also auch diese Speise nicht zur Nahꝛung/ sondern zu Erregung kuͤtzelnder Be- gierden zurichtet. Die fremden Fische ersaͤufft man im Cretischen Weine; die Jndianischen Huͤner ersteckt man in ihrem eigenen Gebluͤte; die Schweine toͤdtet man mit gluͤenden Eisen/ daß man zugleich ihres Fleisches und Blutes genuͤsse; ja daß man mit beyden auch die ver- mischte Milch und den Safft unzeitiger Fruͤch- te schmecke/ tritt man denen traͤchtigen Baͤr- Muͤttern auff ihre Eiter und toͤdtet sie. Zu ge- schweigen/ daß diese Fleisch-Begierde ein Weg- weiser gewesen/ daß nicht nur etliche wilde Voͤl- cker ihre verstorbene Eltern und Freunde ver- zehret haben/ sondern auch noch etliche ihre Ge- fangenen schlachten und essen. Hingegen ha- ben nicht nur viel Weisen/ sondern gantze Voͤl- cker eine eingepflantzte Abscheu fuͤr vielerley Fleische bey sich empfunden; massen die Juden keine Schweine und Hasen/ die Egyptier keinen Jbis/ die Jndier keine Kuh/ die Syrier keine Fische und Tauben essen/ und allhier zu Rom Jupiters Priester kein rohes Fleisch nur anruͤh- ren darff. Mit diesen und andern Gespraͤchen brachten wir die Zeit biß auf den Abend zu/ da ich denn al- lererst mit vertroͤsteter Wiederkehr Abschied nam; auf dem Morgen aber vom Lucius verlacht ward/ daß ich des vorigen Tages Lust/ welcher bloße Erzehlung mir eine grosse Abscheu fuͤr so viel unnatuͤrlichen Uppigkeiten erregten/ ver- saͤumet haͤtte. Dieser lag mir hernach beweglich an/ daß ich folgenden Abend sie zu dem Aristip- pus vergesellschafften moͤchte/ welcher allbereit hundert edle Roͤmische Juͤnglinge in sein gehei- mes Heiligthum auffgenommen haͤtte/ und sie selbige Nacht dem Bacchus und der Venus ein- segnen wolte. Jch muͤhete mich moͤglichst/ den Lucius von fernerer Vesuchung des Aristippus/ insonderheit aber von der vorhabenden Einwei- hung abzuhalten. Alleine/ weil die Wollust zwar einen schluͤpffrigen Eingang/ aber einen mit zaͤhem Leime beworffenen Ausgang hat/ o- der ihr Gifft die Vernunfft gantz einschlaͤffet/ wolte Lucius ihm weder eines noch das andere erwehren lassen/ sondern schuͤtzte sich sonderlich damit/ daß der Kaͤyser August zu Athen sich der viel verdaͤchtigern Ceres einsegnen zu lassen kein Bedencken gehabt haͤtte; ja derogleichen Ein- segnungẽ/ ob sich schon selbte mit der Wollust ver- maͤhlten/ doch Beweißthuͤmer der Unschuld/ und den Goͤttern angenehm waͤren. Also verfuͤg- ten sich Cajus und Lucius zum Aristippus/ ich a- ber noch vorher mit einer hefftigen Empfindlig- keit zu meinem Sotion/ welcher mir meinen Un- muth alsofort ansahe/ und um die Ursache frag- te. Weil ich nun einem so heiligen Manne nichts zu verschweigen getraute/ eroͤffnete ich ihm mein Mitleiden uͤber das Verderben der zweyen jungen Fuͤrsten Cajus/ Lucius/ und hun- dert anderer edlen Juͤnglinge. Sotion erstarr- te uͤber Vierdtes Buch te uͤber dieser Zeitung/ und uͤber eine Weile fing er erst an: Jst es nicht einerley Missethat einen ersaͤuffen/ oder einen Ersauffenden/ wenn man kan/ nicht aus dem Wasser ziehen? Jch finde mich in meinem Gewissen verpflichtet der O- brigkeit des Aristippus schreckliche Einweihung zu entdecken/ welche nicht ohne grausame der Natur selbst widerstehende Laster geschehen kan. Ob nun zwar ich und beyde andere Druyden hierbey allerhand Bedencken hatten; war doch Sotion nicht zu erhalten/ sondern eilte zum Vuͤrgermeister Lucius Cornelius/ erzehlte ihm des Aristippus gantzes Leben/ und sein Fuͤrha- ben; iedoch verschwieg er/ daß unter der Roͤmi- schen Jugend/ welche er selbige Nacht der Hoͤlle verloben wolte/ des Kaͤysers Enckel waͤren. Cornelius wolte anfaͤnglich dem fremden Soti- on wenig Glauben beymessen/ die fuͤrstehende Gefahr aber und Sotions unerschrockene Be- theurung uͤberredete ihn endlich/ daß er zwar den Sotion in Verwahrung behalten ließ/ er selbst aber zum Kaͤyser sich verfuͤgte und ihm fuͤr- trug: Es waͤre ein aͤrgerer Auslaͤnder in Rom/ als derselbe Grieche/ welcher fuͤr hundert und zwey und achzig Jahren in Hetrurien/ hernach in die Stadt eingeschlichen waͤre/ das schaͤndliche Feyer des Bacchus ins geheim eingefuͤhrt/ den Minius und Herenius Cerrinius zu Prie- stern/ die Puculla Minia zur Priesterin ein- geweyhet/ und biß sieben tausend Maͤnner und Weiber durch Unzucht/ Mord/ Gifft und tausend schreckliche Laster dem Bacchus verlobet haͤtte. Weil nun auff damahlige Anzeigung der Freygelassenen Hispala und des jungen von seiner eigenen Mutter Duronia der Hoͤlle ge- wiedmeten Ebutius wider alle Verschwornen mit Schwerdt und Feuer verfahren worden waͤre; waͤre kein Augenblick zu verspielen/ wor- mit diesem noch abscheulicherm Ubel vorgebeu- get wuͤrde. Augustus billichte des Buͤrgermei- sters Gutachten/ und befahl dreyen Hauptleu- ten/ daß sie mit einem Theile der Leibwache des Aristippus Garten in aller Stille besetzen/ von der Seite der Tiber selbten ersteigen/ die Ge- baͤue auffbrechen/ das Fuͤrhaben der darinnen Betretenen erforschen/ und selbte/ insonderheit aber den Aristippus in Hafft nehmem solten. Dieser Befehl ward wegen des in dem Lusthau- se mit Paucken und Hoͤrnern veruͤbten Getuͤm- mels so unvermerckt volbracht/ daß die Wache ohne einigen Menschens Warnehmung in den grossen Saal kam/ darinnen ein Auffzug des Bacchus uñ der Venus von eitel nackten Juͤng- lingen und Weibern mit abscheulich-garstigen Unzuchts-Bildungen gehalten ward/ Aristip- pus aber/ dessen Leib keinen Finger breit/ ausser das Haupt mit einem Reben- und Myrten- Laubenen Krantze bedeckt war/ einen auff dem Altare stehenden Priapus mit Weine bespritzte/ und zu seiner teufflischen Einsegnung den Anfang machte. Cajus selbst bildete den Bac- chus/ die geile Cyrene die Venus/ und Lucius den Cupido ab. Es ist leicht zu ermessen/ was die Leib-Wache uͤber Erblickung dieser beyden Fuͤrsten/ diese Versammlung aber uͤber dem Eintreten der Wache fuͤr Schrecken uͤberfallen habe. Cajus und Lucius wolten durch ihr ho- hes Ansehn/ die andern durch Herfuͤrsuchung der Waffen die Wache abweisen; aber der an- gedeutete Kaͤyserliche Befehl/ und die fuͤr Au- gen stehende Macht schlug aller Hertzen zu Bo- dem; wo anders wolluͤstige Leute noch eins in ihrem Busem haben. Sintemal kein Messer so sehr/ als Geilheit einen Menschen zu entman- nen faͤhig ist. Dem Cajus und Lucius wurden allein ihre Kleider gereicht/ und auff einem Wagen nach Hofe gebracht. Aristippus a- ber ward mit drey hundert andern beyderley Geschlechtes so/ wie sie betreten wurden/ fort- geschlept/ und eintzelich in die Gefaͤngnisse ge- sperret. August erschrack uͤber seiner Enckel Verbrechen so sehr/ daß er etliche Naͤchte nicht schlaffen konte/ und etliche Tage keinen Men- schen/ als Livien vor sich ließ/ welche sich uͤber des Arminius und Thußnelda. des Cajus und Lucius Verfallung im Hertzen erfreuete. So boßhafft ist die Ehrsucht/ daß sie mit eigner Boßheit sich empor zu schwingen; an- dere aber mit ihrer in Abgrund zu druͤcken vor hat. Der Kaͤyser befahl endlich nach langem Nachdencken: Man solte den Aristippus/ Cy- renen und alle ihre Gefaͤhrten/ wie auch die Mohrischen Weiber und Knaben im Kercker erwuͤrgen/ ihnen Steine an Hals hencken/ und sie des Nachts in die Tiber werffen. Nachdem auch August selbst dem Cajus und Lucius das Gesetze geschaͤrfft/ und ihnen bey nachbleiben- der Besserung die Verweisung in das ungesun- de Sardinien angedraͤuet hatte/ wurden sie/ und zwar/ wormit das Verbrechen nicht einem Ubersehen an dem andern gestrafft zu werden schiene/ alle Roͤmische Gefangene loß gelassen. Alle Epicurische Weltweisen wurden aus Rom und Jtalien verbannet. Sotion hingegen kam bey den Roͤmern in grosses Ansehen/ und beym Kaͤyser in solche Gnade/ daß er die Weißheit oͤffentlich lehren/ die Druyden auch den halb- zerstoͤrten Tempel der Bellona/ weil man dar- innen viel mit Menschenfleische gefuͤllte Toͤpffe gefunden hatte/ ergaͤntzen/ und fuͤr sich und an- dere Auslaͤnder ihren gewohnten Gottesdienst uͤben dorfften. Denn den Roͤmischen Buͤr- gern wolte der Staatskluge August weder die- sen noch einigen andern fremden zulassen. Ca- jus und Lucius faßten mich zwar in Verdacht/ als wenn von mir Aristippus und sein boͤses Be- ginnen angegeben worden waͤre/ aber der Kaͤy- ser hatte dißfals selbst Sorgfalt fuͤr mich; indem er durch einen mir in ihrer Anwesenheit gege- benen empfindlichen Verweiß/ daß ich auch des Aristippus Verleitung gefolget haͤtte/ mich aus dem gefaßten Argwohne kluͤglich ver- setzte. Cajus und Lucius wurden durch diese Be- gebniß genoͤthiget ihre Unart zwar zu verber- gen/ aber nicht maͤchtig sich selbter zu entaͤus- sern. Denn die in dem Hertzen eingewur- tzelten Laster sind schwerer als Unkraut aus geilem Erdreiche auszurotten. Ja die Men- schen haben durchgehends mehr den Firniß/ als das Wesen der Tugend an sich. Dahe- ro denn beyde junge Fuͤrsten/ als der Eyfer des Kaͤysers verrauchte/ und seine gewohnte Leutseligkeit zu ein und anderm Fehler ein Au- ge zudruͤckte; insonderheit aber das Beyspiel des Hofes und die kuplerische Heucheley sie wie- der auff die alten Wege verleitete/ sie dem Athe- nodor zwar ihre Ohren; aber denen Wolluͤ- sten ihre Hertzen verliehen. Wormit aber meine Zunge nicht scheine ein Register frem- der Schwachheiten zu seyn/ und daß ich mich mit anderer Kohlen weiß brennen wolte/ will ich alleine diß/ worvon zugleich mein Gluͤcks- Fadem gehangen/ beruͤhren. Lucius war durch des Aristippus Verleitung so verwehnt/ daß er gleichsam fuͤr allem weissen Frauenzimmer ei- ne Abscheu/ zu denen Morischen aber einen hefftigen Zug hatte. Daher er ihm etliche schwartze Sclavinnen kauffte/ selbte in einem Garten unterhielt/ und sich diesen Maͤgden zum Knechte machte. Es trug sich aber zu/ daß Koͤnig Juba/ welchem August die junge Cleopatra vermaͤhlt/ und das Koͤnigreich Nu- midien wegen seines Vaters Juba ihm gelei- steten treuen Beystandes eingeraͤumet hatte/ seine Tochter Dido nach Rom schickte/ um die Roͤmischen Sitten zu fassen/ und bey dem Kaͤy- serlichen Hause sich beliebt zu machen. Die- se war eine Fuͤrstin von sechzehn Jahren; aber von reiffem Verstande. Sintemal die Ein- wohner der heißen Laͤnder ohne diß tieffsinni- ger/ als kalte Voͤlcker/ diese hingegen hertz- haffter/ als jene seyn sollen. Sie war zwar ih- rer Numidischen Landes-Art nach schwartz; a- ber die Anmuth leuchtete ihr aus den Augen/ die Freundligkeit lachte auff ihrem Munde; dessen Lippen nicht nach Morischer Art auff- geworffen/ sondern wie alle andere Glieder ihr rechtes Maaß und ihre vollkommene Ein- theilung hatten. Lucius hatte diese Fuͤrstin so geschwinde nicht gesehen/ als die Kohlen ihres Erster Theil. N n n Lei- Vierdtes Buch Leibes seine Seele in Brand und Flamme versetzten. Diesemnach er sich aller andern Vergnuͤgung e n entschlug/ und seine vorhin auff tausend Gegenwuͤrffe zerstreuete Neigun- gen gegen der Dido als in einen Mittelpunct zusam̃en zoh; also ihr anfangs durch Hoͤfligkeit seine Freundschafft/ hernach durch Seufzer und andere stumme Beredsamkeiten seine Liebe zu verstehen gab; endlich durch ersinnlichste Auff- wartungen ihre Gewogenheit zu erwerben be- muͤhet war. Unter andern fugte ihm das Gluͤ- cke/ daß als der Hoff der Kaͤyserin Livia Ge- burts-Tag feyerte; ihm die Dido zu bedienen durchs Loß zufiel. Der Auffzug geschahe des Abends auff der Tiber. Des Kaͤysers Schiff war gebildet wie ein Ochse/ welcher von denen verborgenen Rudern unter dem Wasser dero- gestalt beweget ward/ gleich als er durchs Was- ser schwimme. Livia saß in Phoͤnicischer Tracht oben an dem Halse wie eine Koͤnigin in Purpur gekleidet/ und mit vielen tausend Diamanten gekroͤnet. Sie hielt sich an eines seiner guͤldenen Hoͤrner an/ welche mit vielem Blumwercke umkraͤntzt waren. August stell- te den Jupiter fuͤr/ Mecenas den Apollo/ Te- rentia die Venus/ und andere Roͤmische Raths- Herren und Frauen die andern Goͤtter/ wel- che auff allerhand Art Livien bedienten. Die Heldinnen aber preiseten durch allerhand Lob- Gesaͤnge die von Jupiter auff einem eben so gebildeten Schiffe geraubete Europa/ und ver- bluͤmeten hierunter/ wie August auch dem Ti- berius Nero Livien/ und zwar noch schwanger/ aus seinem Bette genommen habe. Cajus fuͤhrte die junge Livia des Drusus Tochter auff einer Muschel/ er selbst bildete die Sonne fuͤr/ wel- che mit ihren Stralen sie schwaͤngerte/ und Li- via die Venus/ welche gleich gebohren und von denen um sie herumschwimmenden Meer- Goͤttinnen fortgestossen/ von denen geschwaͤntz- ten Sirenen aber ihre Schoͤnheit und Lust singende geruͤhmet ward. Lucius aber stellte den Wein-Gott/ und Dido eine schwartze Ve- nus/ oder vielmehr die Schiffarth des Anto- nius/ und ihrer Großmutter Cleopatra nach Cilicien fuͤr. Denn seines Schiffes Vorder- theil war auffs zierlichste gemahlet/ das Hin- tere gantz verguͤldet/ die Segel aus Purpur/ die Ruder versilbert/ welche von eitel Saty- ren nach dem Falle der von zwoͤlff Heldinnen gespieleten Lauten und andern lieblichem Ge- thoͤne bewegt wurden. Auff dem Schiffe war um den Mast herum ein Gold-gestecktes Zelt auffgespannt/ die Seiten aber unten entbloͤsset/ daß man darunter die Fuͤrstin Di- do in Gestalt der schwartzen Arcadischen Ve- nus/ welcher zwoͤlff kohlschwartze Liebes-Goͤt- ter mit Pfauen-Schwaͤntzen Lufft zufachten/ und den Fuͤrsten Lucius in Gestalt des gekroͤn- ten/ und auff einem zweyerley Wein von sich spritzenden Fasse sitzenden Bacchus/ welchen zwoͤlff Vachen mit Schalen bedienten/ se- hen konte. Zwoͤlff andere Mohren sassen und streuten in die mit gluͤenden Kolen gefuͤll- ten Rauchfaͤsser Weyrauch; zwoͤlff Mohren- Weiber aber spritzten allerhand wohlruͤchen- de Wasser und Balsame umb sich. Das Schiff war mit etlich tausenden allerhand Bildungen fuͤrstellenden Wachs-Lichtern be- steckt/ und an der Spitze des Mastbaumes waren mit eitel Flammen die Nahmen Luci- us und Dido/ an dem Hintertheile des Schif- fes/ Bacchus und Venus/ an dem Vordern/ Antonius und Cleopatra ausgedruͤckt. Mit einem Worte: Gantz Rom hielt des Lucius Auffzug fuͤr den allerpraͤchtigsten. Bey die- sem nun hatte Lucius uͤberfluͤßige Gelegen- heit der Dido seine Liebe fuͤrzutragen/ und um die ihrige sich zu bewerben/ weil er/ wenn schon etwas von ihr fuͤr eine zu kuͤhne Freyheit auffgenommen werden moͤchte/ alles mit dem uͤbernommenen Schau-Spiele entschuldigt werden konte. Dido muste dem Kaͤyser zu ge- fallen/ und diesen Auffzug nicht zu verstellen/ umb Arminius und Thußnelda. umb mehr/ als sie vielleicht im Hertzen ge- meint war/ dem Lucius liebkosen. Wiewohl auch die Ehrsucht ihm das Wort redete; in- dem Dido sich niemahls hoͤher/ als an diesen vermutheten Erben des Kaͤysers/ und des hal- ben Roͤmischen Reichs/ haͤtte vermaͤhlen/ o- der zum minsten ihre vaͤterliche Krone Numi- diens in Africa ansehnlich vergroͤssern koͤn- nen. Zu dieser Hoffnung schien ihr nicht we- nig zu dienen die Heucheley des an dem Ufer der Tiber als Mauern stehenden Volckes/ welches dem Lucius und der Dido tausend Lob-Spruͤche und Gluͤck-Wuͤnsche zuruffte. Folgende Tage war der Dido Gebehrdung gegen ihn zwar viel laulichter; nichts destowe- niger unterhielt sie ihn mit moͤglichster Hoͤff- ligkeit/ also/ daß solcher Nachlaß mehr einer behutsamen Klugheit/ als einer kalten Unge- wogenheit aͤhnlich zu seyn schien. Daher sich Lucius unschwer selbst gar bald beredete/ daß der Dido Hertze gegen ihn nicht weniger Fen- er/ als seines gegen ihr hegete. Denn ob wohl sonst das Frauenzimmer hierinuen leicht- glaͤubiger/ die Maͤnner aber mißtraͤulicher sind; sintemahl diese die Klugheit warniget/ jenes aber das grosse Vertrauen auff ihre Schoͤnheit/ und die gewohnte Anbetung auch derer/ die sie zu lieben ihnen nie traͤumen las- sen/ verleitet; so bildete ihm Lucius dißmahl aus einer Schwachheit des noch unreiffen Ver- standes/ oder in Meinung/ daß alle Weiber der Welt zu Sclavinnen eines jungen Kaͤy- sers gebohren/ oder er vollkommener/ als niemand in Rom waͤre/ diß festiglich ein/ ohn welches er sich nicht gluͤckselig schaͤtzen kon- te. Alldieweil denn Liebe eine so gewaltsa- me Regung ist/ daß sie die Seele peinigt/ das Hertze aͤngstigt/ die Vernunfft verwirret/ des Willens sich bemaͤchtigt/ und also den Men- schen auser sich selbst versetzt und in ihm nichts minder feind als unvorsichtig macht; konte ich und andere/ insonderheit die schlaue Livia dem Lucius die Heimligkeit seines Gemuͤths gar leicht an der Stirne ansehen/ und in seinem Gesichte lesen. Denn die Blaͤße des Gesich- tes/ die Seuffzer des Hertzens/ die verworre- ne Umbschweiffung der Augen sind allzu ge- schwinde Verraͤther der Verliebten. Livia/ welche nichts lieber wuͤnschte/ als daß Lucius und Cajus durch seltzame Vergehungen des Kaͤy- sers unmaͤßige Gewogenheit verspielen/ und des Roͤmischen Volcks Haß auff sich laden moͤchte/ goß sie/ so viel an ihr war/ Oel in diß Feuer/ und that des Lucius wahnsinniger Liebe allen Vorschub. Dido wuste hingegen meisterlich eine angebehrdete Liebhaberin ge- gen dem Lucius fuͤrzustellen. Denn ob es zwar sonst leichter ist/ aus etwas nichts/ als aus nichts etwas zu machen/ so ist es doch theils der Boß- heit/ theils der Klugheit nicht so schwer/ eine falsche Liebe zu tichten/ als eine wahrhaffte zu verbergen. Massen auch der Leib schwerer eine schmertzhaffte Wunde verbeisset/ als er sich verwundet zu seyn stellen kan. Unterdessen ward doch ich/ weil mich Lucius insgemein mit zu seiner geliebten Dido nahm/ ich weiß aber nicht/ aus was vor Anlasse so scharffsich- tig/ daß mir Didons Bezeigungen gegen dem Lucius eine blosse Larve der Liebe zu seyn schien. Hierinnen ward ich von Tage zu Tage im- mer mehr gestaͤrckt/ weil ich sahe/ daß Dido in seiner Anwesenheit mir nicht viel kaͤltere/ in seinem Abseyn aber viel nachdruͤcklichere Bezeugungen that. Weßwegen mich auch mei- ne Einfalt verleitete/ daß ich dem Lucius mei- ne Muthmassung offenhertzig entdeckte/ und ihn von so heisser Brunst gegen einen so schwar- tzen Schatz abwendig zu machen mich erkuͤhn- te. Lucius aber verlachte mich als einen/ der in Ergruͤndung der Liebe ein Kind/ und ein unfaͤhiger Richter uͤber die Schoͤnheit waͤre. Wenn mein Hertze von jener/ und meine Au- gen von dieser etwas verstuͤnden/ wuͤrde ich be- kennen/ daß die eine wahrhaffte Enckelin der- N n n 2 sel- Vierdtes Buch selben Cleopatra waͤre/ welcher ihrer viel ihr Leben willig auffgeopffert haͤtten/ um nur eine einige Nacht ihrer Liebe zu geniessen. Und ihm solte seines eben so wenig gereuen/ wenn er bey der Dido gleicher Gluͤckseligkeit faͤhig wuͤrde. Jch versetzte zwar: Rom wuͤrde sol- cher Gestalt bald oͤde/ und die Welt Maͤnner- arm werden/ wenn so schwartze Gottheiten Menschen-Opffer verdienten. Denn die Schoͤneren wuͤrden so denn zu ihrer Versoͤh- nung gantze Staͤdte zu ihrer Abschlachtung verlangen. Er wuͤste zwar/ daß nichts Schoͤ- nes so schoͤn/ als diß/ was man liebte/ waͤre; weil die Einbildung Apellens Pinsel beschaͤm- te/ und die Gewonheit selbst das Urtheil der Natur verdammte. Daher auch von Hiber- niern die Sprenckeln/ von Thraciern die Mah- le/ von Mohren die pletschichten Nasen und von den Einwohnern der Jnsel Taprobana die langen durchloͤcherten Ohren fuͤr einen Ausbund der Schoͤnheit gehalten wuͤrden. Al- leine diese Einbildung koͤnte der wahren Schoͤn- heit so wenig/ als die naͤchtliche Finsterniß der Klarheit der Sternen Abbruch thun. Weniger Menschen seltzames Urthel koͤnte die Schwaͤrtze so wenig zu einer Vollkommenheit/ als ein Bild- hauer einen Stein oder Baum zum Gotte ma- chen. Es wuͤrde aber besorglich in kurtzer Zeit dem Lucius mit seiner Mohrin/ wie der etwas verlebten Helene mit ihrem Spiegel gehen/ wel- che mit heissen Thraͤnen beweinte/ daß er ihꝛ Ant- litz nicht so schoͤn wie vor zehn Jahren abbildete. Denn wie die neidische Zeit Helenen gleichsam selbst der Helene raubte; also wird eine andere Schoͤnheit und ein reifferes Urthel der Dido in den Augen des Lucius bald eine andere Farbe anstreichen. Mit diesem Zwiste brachtẽ nicht nur wir beyde offtmahls viel Zeit zu/ sondern Cajus schlug sich auch zu mir/ welcher sich inzwischen in eine schoͤne Cimbrische Sclavin verliebt hatte/ und selbte seine schoͤne Clytemnestra hieß/ weil sie so schneeweiß war/ als wenn sie ebenfalls/ wie jene und Helena aus einem von der Leda geleg- tem Ey geschaͤlet worden waͤre. Jnsonderheit verfielen sie einmahl in Servilischen Gaͤrten mit einander in diesen Wort-Streit/ allwo in ei- nem Gange die Andromeda aus schwartzem/ und Helena aus weissem Marmel einander gegen uͤber standen. Da denn Cajus fuͤr die Far- be seiner Buhlschaft anfuͤhrte/ daß selbte die Leib- Farbe nichts minder der Hoheit/ als Schoͤnheit waͤre. Daher sie die Alten der Soñe gewiedmet; Pythagoras seinem Gotte ein schneeweisses Ge- wand zugeeignet/ der grosse Alexander nur eine weiße Krone getragen/ die Jndianer aber solche Fahnen fuͤr ein Kennzeichen der Freundschafft/ und fast alle Voͤlcker fuͤr ein Merckmal des Frie- dens erkieset haͤtten. Die weiße Farbe verdiente auch nur alleine den Nahmen einer Farbe/ oder weil alle andere von ihr den Ursprung nehmen/ zum minsten den Ruhm/ daß sie aller Farben Mutter waͤre/ als welche aus Vermischung des Lichtes und des Schattens ihren unzehl- baren Unterscheid bekaͤmen. Hingegen waͤre die Schwaͤrtze die abscheuliche Leichen und Tod- ten-Farbe/ ja sie verdiente nicht einst diesen Nah- men; denn sie waͤre an sich selbst nichts wesentli- ches/ sondern wie die Finsterniß der Nacht ein blosser Mangel des Lichtes/ oder vielmehr der Tod aller andern Farben/ ein Schatten der Hoͤl- le/ und daher eine Andeutung des Ungluͤcks. Weswegen die Scythischen Koͤnige nicht er- laubten/ daß ihnen einigeꝛ schwaꝛtzgekleideter ins Gesichte kom̃en doͤrffte. Lucius setzte ihm entge- gen/ die weisse Farbe waͤre aller Voͤlcker in Jn- dien Trauerkleid/ und eine Schwachheit der Na- tur. Massen denn alle weißen Thiere viel ohn- maͤchtiger waͤren als die schwartzen. Deꝛ Elefant wuͤꝛde von deꝛ ihn blendenden weissen Farbe wil- de und wuͤtend; und in Mohꝛenland mahlte man die boͤsen Geister nur weiß. Die in dem Schnee wachsenden Kraͤuter blieben alle bitter/ hingegen waͤre das schwartze Erdꝛeich das fruchtbarste. Jn den kaltẽ Nordlaͤndern/ darein die Natur nichts minder Arminius und Thußnelda. minder Unfruchtbarkeit/ als die Finsternuͤß ver- bannt haͤtte/ waͤren die Baͤren/ die Feldhuͤner/ die Falcken/ die Hasen/ ja selbst die Raben weiß. Also klebete an allem weissen eine Unvollkommenheit/ insonderheit aber ein kalter Geist in weissen Wei- bern. Dahero sie nur/ wie Galathea von einem einaͤugichten Polyphemus/ welcher sein Lebtage nichts schoͤners als Milch und Kaͤse gesehn und geschmeckt haͤtte/ geliebt zu werden verdienten. Also wunderte er sich nicht/ daß in Africa die Braͤute noch ihre Haͤnde und Fuͤsse uͤber ihre na- tuͤrliche Farbe/ ja so gar viel Frauenzimmer ihre weisse Zaͤhne/ und die Sarmatischen ihre Naͤ- gel an Haͤnd und Fuͤssen schwaͤrtzten. Jch ward hieruͤber gezwungen mich meines Vaterlands und unsers weissen Frauenzimmers anzumas- sen/ und so wohl fuͤr jenes Fruchtbarkeit/ als die- ser Schoͤnheit zu fechten. Als ich nun gleich mit diesen Worten schloß: Weisses Frauenzim- mer waͤre so ferne dem schwartzen/ als der Tag den Naͤchten/ und ein leuchtendes einem verfin- sterten Gestirne vorzuziehen; kam eine weisse Taube geflogen/ und setzte sich auf das schwartze Bild Andromedens. Welches ich und Cajus/ daß die Goͤttin der Liebe mit diesem ihr heiligem Vogel den Obsieg der weissen Farbe uͤber der schwartzen andeutete; Lucius aber dahin aus- legte/ daß sie durch ihre dahin befehlichte Taube der schwartzen beypflichtete. Uber diesem un- serm Streite streckten die Fuͤrstin Dido und Servilia ihre Haͤupter hinter dem in selbigem Gange zusammen geflochtenen Laubwercke her- fuͤr/ allwo sie ihrem Farben-Kampfe zugehoͤret hatten. Massen denn Dido so wohl mir/ als dem Cajus/ als so offenbaren Feinden ihrer Leib- Farbe einen gerechten Krieg anzukuͤndigen be- rechtigt zu seyn sich heraus ließ/ wenn ihr eigenes Hertze nicht wider sie einen Aufstand erregt/ und der weissen Farbe beygefallen waͤre. Mit derogleichen Schertz vertrieben wir die Uber- bleibung selbigen Tages. Worbey ich denn aus einigen Geberdungen wahrnahm/ daß diß/ was Dido zwar schertzweise und mit lachendem Munde wider den Lucius fuͤr den Ruhm der weissen Farbe fuͤrbrachte/ als meist gar nach- dencklich/ was ernsthaftes hinter sich verborgen hatte. Wie wir auch von einander Abschied nahmen/ und mir Servilia selbst die Hand reck- te sie zum Wagen zu fuͤhren; sagte sie gemaͤhlich zu mir: Flavius ist heute gluͤckselig/ daß er mit seiner Schoͤnheit einer Koͤnigin Hertz bemeistert/ und es ihr zu einem Feinde/ ihm aber zur Scla- vin gemacht hat. Jch konte mich nicht enthal- ten mich daruͤber zu roͤthen; da sie denn fortfuhr: Jch sehe wol/ seine weisse Farbe vermaͤhle sich mit einer mitlern/ wormit er mit Didons schwartzer so viel leichter zum Vergleich komme. Jch wol- te ihr antworten; alleine sie wendete sich mit Fleiß zum Cajus/ und verließ mich also in ein weniger Verwirrung. Nach etlichen Tagen stellte Lucius einen Tantz an/ darinnen die Far- ben umb den Vorzug stritten. Jch muste dar- innen die weisse vorstellen/ er aber vertrat seine beliebte schwartze; welcher auch von dem zum Richter erkieseten Hercules Melampyges/ den Marcus Lollius uͤbernahm/ ein aus eitel schwaͤrtzlichten Blumen geflochtener Krantz zu- erkennt und aufgesetzt/ und von denen neun Mu- sen ihr oder eigentlicher der Fuͤrstin Dido ein Ruhms-Lied gesungen ward. Wenige Tage hernach stellte Cajus einen gleichmaͤssigen Far- ben-Tantz an/ welche alle wie Wasser-Nym- phen und Meer - Goͤtter aufgeputzt waren; da er mich denn abermals zur weissen/ und das Looß die Dido zum Richter der schwartzen Far- be erkiesete/ und in der Fuͤrbildung der Cassiopea mir einen von weissen Lilgen gemachten Krantz aufzusetzen gezwungen ward. Hiervon habe ich zu Rom/ und folgends so gar in meinem Va- terlande den Nahmen Flavius bekommen/ und ist mein wahrer Nahme Ernst dardurch gleich- sam gar erloschen. Denn nicht nur Cajus und Lucius kleideten sich und ihre Hofe-Leute nach der Gewogenheit/ die jener zur weissen/ dieser N n n 3 zur Vierdtes Buch zur schwartzen Farbe trug; sondern das Roͤmische Volck spaltete sich ihnẽ zu Liebe gleichsam in 2. 3. widrige Farbenbuhler/ also/ daß in denen Schau- Plaͤtzen mehrmals/ insonderheit wenn Cajus und Lucius den Spielen beywohnten/ sich hier- uͤber Zwist ereignete/ und ein Theil dieser/ das ander Theil der andern Farbe so wohl mit ihren Kleidern als Ruhmspruͤchen beypflichtete. Die- semnach der Kaͤyser selbst dieser weit aussehenden Uneinigkeit zu begegnen kein kluͤger Mittel wu- ste/ als andere Farben ans Bret/ und in Ansehn zu bringen/ und dardurch dem Poͤfel entweder seine Eitelkeit zu zeigen/ und zu bestillen/ oder doch die mehrere Verwirrungen/ wie die schwer- menden Bienen durch den Rauch zu beruhigen. Er stellte diesemnach Livien an/ daß sie einen solchen Tantz hielt/ in welchem sie die Farben als Schaͤferinnen aber mit eitel Sclavinnen auf- fuͤhrte/ darunter sie selbst als eine Blumen-Goͤt- tin der gruͤnen den Siegs-Krantz aufsetzte. Zu- letzt aber folgte ein Tantz von zwoͤlff gruͤn-ge- kleideten Naͤrrinnen/ dardurch sie die Erweh- lung einer gewissen Farbe gleichsam als eine Thorheit durchzoh; diß aber darmit vorsichtig verbluͤmet ward/ daß zwar die gruͤne Farbe mit allen andern eine Verwandnuͤß habe/ und also hochschaͤtzbar/ ja gleichsam der fruchtbaren Na- tur allgemeine Leib-Farbe sey/ aber doch von der Gewohnheit zum Aufzuge der Narren gebrau- chet werde. Servilia hielt auf des Kaͤysers Befehl einen Tantz/ darinnen vier und zwantzig Zwerge so viel Farben in Gestalt der Gestirne auffuͤhreten/ und nach dem Stande der zwoͤlff him̃lischen Zeichen kuͤnstliche Stellungen mach- ten. Sie kroͤnete selbst in Gestalt der Juno die blaue Himmel-Farbe mit einem Hyacinthen- Krantze. Zuletzt aber erschienen so viel Todten- Gerippe/ welche anfangs die Eitelkeit der aͤngst- lichen Steroͤligkeit durch seltsame Geberden ab- bildeten/ hernach aber/ welches die zum Tode und Trauren geschicktesie Farbe waͤre/ sich miteinan- der zancktẽ/ endlich die blaue Farbe darzu erweh- leten/ als welche ohn diß bey den meisten Morgẽ- Laͤndern die Kleidung der Leidtragenden waͤre. Livia/ des Drusus Tochter/ folgte mit einem Tantze/ darinnen sieben Laster sieben Farben fuͤrstellten. Die Heucheley war weiß/ die Grau- samkeit roth/ die Hoffart gruͤn/ der Neid blau/ der Haß schwartz/ die Ehrsucht braun/ die Eifersucht gelbe geputzt/ und diese ward von dreyen Unhol- din zur Koͤnigin erwehlet/ und ihr Haupt mit gelben Blumen geschmuͤckt. Endlich beschloß Lollia mit einem von zwoͤlff Holdinnen und so viel Liebes-Goͤttern gehegtem Tantze/ darinnen sie nicht so wohl als eine angeberdete als wesent- liche Venus/ die rothe Liebes- und Herrschaffts- Farbe mit einem Rosen-Krantz beschenckte/ wel- chen aber der Neid/ der Haß/ die Eifersucht/ die Unfruchtbarkeit/ als die Tod-Feinde dieser suͤssen Regung ihr abrissen/ und ihr einen Dornen- Krantz aufsetzten. Bey diesen oͤftern Versam̃lungen ließ Dido gegen mir allezeit meiner Einbildung nach etwas blickẽ/ welches mich einiger ge- gen mich tragenden Gewogenheit zu versi- chern schien/ und mir Terentiens Raͤthsel ausleg- te. Jch aber/ der ich einige Empfindligkeit der Liebe noch nie gefuͤhlet hatte/ mich auch nicht des Lucius Eifersucht zu erregen sehr behutsam an- stellen muste/ begegnete ihr mit einer ziemlich kaltsinnigen Hoͤfligkeit. Den Morgen nach dem letzten Tantze brachte mir ein unbekandter Knabe auf dem Reit-Platze einen Puͤschel weis- ser Blumen/ daraus ich nach derselben genauer Beschauung folgende Zeilen laß: Weil der weisse Flavius nichts minder ein Hertze/ als ein Vaterland voller Schnee hat; bin ich genau zu glauben veranlaßt worden/ daß alles weisse nicht nur unempfindlich/ sondern auch ohne Seele sey. Nach dem mir aber diese Blumen den letzten Jrrthum benommen/ habe ich mich verbunden geachtet ihn durch dieser Leb- haftigkeit zu erinnern d aß nicht alles/ was weiß ist/ Schnee seyn musse. Dieses Arminius und Thußnelda. Dieses seltsame Schreiben veranlaßte mich nach dem Uberbringer mich umzusehen/ aber er war unvermerckt verschwunden/ welches mir so viel mehr Nachdencken machte. Servilia und Didons Augen aber hatten mir bereit einen gar zu guten Vorschmack von Didons Zuneigung gegeben/ also/ daß ich mir gar geschwinde eine vortheilhaftige Auslegung von der Fuͤrstin Di- do Liebe machte. Unterdessen geluͤstete mich diese Schrifft wohl zehnmal zu lesen/ iedes Wort liebkosete mir in Gedancken/ und redete mir gleichsam ein/ daß es eine unverantwortliche Unhoͤfligkeit waͤre/ einer so annehmlichen Liebes- Erklaͤrung keine geneigte Erwiederũg abzustat- ten. Jch brachte den Tag in verwirrter Ein- samkeit/ die Nacht in Unruh zu. Auf den fol- genden begegnete mir Dido/ als sie mit Livien in den allen Goͤttern zu Ehren gebauten Tempel fuhr/ da sie mir denn noch einmal so schoͤn/ und vielmal so liebreitzend/ als andere mal fuͤrkam/ also daß ich durch einẽ geheimẽ Trieb mich genoͤ- thigt befand ihr dahin zu folgen. Sie kniete fuͤr dem Bilde der him̃lischen Venus/ und ließ selbter etliche weisse Tauben aufopfern. Meine An- wesenheit aber stahl der Goͤttin von Didons Augen mehr annehmliche Blicke ab/ als sie der- selben oder andere Andacht ihrem Bilde lieferte. Als Livia auch fuͤr dem Altare des guten Gluͤckes aufstand/ und der Dido ein Zeichen gab ihr zu folgen/ sagte diese im vorbeygehen laͤchelnde zu mir: Sie haͤtte der Liebe die weisse Taube/ wel- che auf der schwartzen Andromeda Haupte ge- sessen/ geopfert/ daß sie mein Hertze von dem Hasse der Schwaͤrtze abwendig machen moͤchte. Diese Worte begleitete sie mit einer so durch- dringenden Anmuth/ daß sich meine Seele gleichsam durch eine Zauberey gantz und gar veraͤndert befand. Des Nachts stellten mir die Traͤume/ des Tages mein Verlangen un- aufhoͤrlich das Bild der Dido/ als einen Anbe- tens-wuͤrdigen Abgott fuͤr. Hatte ich sie einen Tag nicht gesehen/ dorffte ich mich folgende Nacht keines Schlafes getroͤsten; hatte sie mich aber ihres Anblicks gewuͤrdigt/ so wuste ich meine Freude nicht zu begreiffen. Derogestalt ward mein Leben eine bestaͤndige Unruh. Mit einem Worte: Jch war verliebet/ und mir lag ein schwerer Stein auf dem Hertzen/ welchen ich durch eine der Fuͤrstin Dido auf des Mecenas Vorwerge geschehende Bekaͤntnuͤß abzuweltzen vermeynte. Aber der nichts minder brennen- den Dido mir statt der Antwort auf meine Stimme gegebener Kuß verwirrete mir vol- lends alle Vernunft/ daß ich noch nicht weiß/ was ich damals fuͤr Abschied von ihr genommen habe. Meine und ihre Flamme ward in bey- den Hertzen immer groͤsser/ also/ daß wir sie fuͤr dem nichts minder angesteckten Lucius zu ver- bergen alle moͤglichste Sorgfalt/ und dardurch unser Vergnuͤgung ein grosses abbrechen mu- sten/ wo anders die Heimligkeit nicht minder eine Verzuckerung/ als ein Zunder der Liebe ist. Alleine/ ist es wohl moͤglich die Liebe zu verste- cken/ da das gemeine Feuer durch die festesten Steinkluͤffte mit ausgespienem Schwefel und Hartzt; ja durch die unergruͤndlichen Meere herfuͤr bricht/ und seine Fluthen siedend macht? Lucius/ welcher sich umb der Dido Liebe so gar durch verzweifelte Mittel bewarb/ kriegte von einer Zauberin die Nachricht/ daß einer/ welcher seiner Buhlschafft am unaͤhnlichsten waͤre/ sei- nem Absehn allein im Wege stuͤnde. Der oh- ne diß gegen mich argwoͤhnische Lucius machte ihm hieraus alsofort einen unzweifelten Schluß/ daß ich und Dido einander liebeten. Dieser Verdacht machte ihn zum genauesten Aufmercker unser Geberdungen/ und hiermit auch zum Ausspuͤrer unser Hertzen. Weil nun die Heftigkeit meines Gemuͤthes keine mittel- maͤssige Entschluͤssungen vertrug/ setzte er ihm fuͤr/ mir das Licht des Lebens auszuleschen/ und ihm den Schatten/ welcher seiner Vergnuͤgung am Lichte stuͤnde/ aus dem Wege zu raͤumen. Weil er aber wohl wuste/ daß der Kaͤyser mir ge- neigt war/ wolte er vor bey der Dido das aͤuserste versuchen. Diesemnach setzte er als ein Eifer- sichtiger Vierdtes Buch sichtiger an sie mit hoͤchster Ungestuͤm/ sagte ihr unter Augen/ wie thoͤricht sie einen frembden Selaven fuͤr einen Roͤmischen Fuͤrsten und be- stim̃ten Nachfolger des Kaͤysers liebte/ wolte auch ein fuͤr alle mal ihre endliche Entschluͤssung wissen. Worbey er sich nicht hemmen konte/ so wohl Fluͤche auf mich/ als Bedraͤuungen wi- der ihren Vater Juba unvernuͤnftig heraus zu stossen. Dido sahe wohl/ daß weder Hoͤfligkeit noch bescheidene Antwort diesen verzweifelten Liebhaber beruhigen wuͤrde; und weil sie mei- nethalben am meisten bekuͤmmert war/ muͤhte sie sich nur ihm meine Liebe auszureden/ und von mir die besorgliche Gefahr abzulehnen/ und fuͤr sich alleine Zeit zu gewinnen/ sagte ihm also: daß wenn er Buͤrgermeister zu Rom seyn wuͤrde/ wolte sie anfangen ihn zu lieben. Denn ehe stuͤnde es ihr als einer Koͤnigs-Tochter nicht an. Lucius war mit diesem Versprechen zu frieden/ und also bemuͤht/ diese Wuͤrde ie ehe ie besser zu erlangen. Also stiftete er an/ daß Cajus und er/ wiewohl ohne Zulassung des Kaͤysers/ in den grossen Schau-Platz kamen/ das heuchelnde Volck beyden mit grossem Frolocken und Lob- Spruͤchen empfing/ auch den Kaͤyser anflehete/ daß er diese mit ihrer Tugend den Mangel der Jahre ausgleichende Fuͤrsten aller Wuͤrden faͤ- hig erkennen moͤchte. Sintemal August selbst im zwantzigsten/ Marius im achtzehenden Jah- re Burgermeister worden/ Cajus aber beynahe so alt/ und Lucius wenig juͤnger waͤre. Hieruͤ- ber ward Lucius so verwegen/ daß er den Kaͤyser offentlich ansprach: Er moͤchte seinen Bruder Cajus zum Burgermeister erklaͤren; in Hoff- nung/ daß das Volck ihn so denn zu des Cajus Geferten begehren wuͤrde. Der Kaͤyser schoͤpfte zwar hieruͤber nicht geringen Unwillen/ und sagte: Marius waͤre durch Gewalt/ er aber aus Noth zu dieser Wuͤrde kommen/ welche die Vaͤ- ter fuͤr dem drey und viertzigsten Jahriemanden anzuvertrauen verboten haͤtten; gleichwohl aber machte er den Cajus zum Priester/ und dem Lu- cius erlaubte er zugleich/ daß er in den Rath/ in die grossen Schauspiele/ und in die Gastmahle der Burgermeister mit erscheinen dorfte. Hier- mit meynte Lucius der Dido Bedingung schon ein Genuͤgen gethan zu haben. Wie nun der Kaͤyser mit den Fuͤrnehmsten des Hofes sich auf des Lucullus Vorwerge befand/ nahm Lucius in dem Garten bey dem grossen Spring-Brun- nen Gelegenheit die Fuͤrstin Dido umb ein Merckmal ihrer Liebe anzusprechen; ihr zum Beyspiel fuͤrhaltende/ daß sie doch nicht un- empfindlicher/ als die aus todtem Marmel ge- hauenen Bilder seyn moͤchte/ welche mit so gros- sem Uberflusse gesunden Wassers nicht nur die durstigen Menschen labten/ sondern auch Blu- men und Kraͤuter erquickten. Die verschmitz- te Dido hingegen wolte des Lucius damalige Beschaffenheit fuͤr keine Wuͤrde eines Roͤmi- schen Burgermeisters gelten lassen/ sondern wie- se ihm eine Marmel-Taffel an dem Umbschrote des Brunnens/ darinnen Penelope mit naͤchtli- cher Zuruͤckwebung ihrer Tages-Arbeit/ und andern Entschuldigungen ihre Buhler biß ins zwantzigste Jahr aufhielt; Welches den unge- duldigen Lucius derogestalt beleidigte/ daß er sich ihr mit heftigster Entruͤstung entbrach. Sinte- mal er mit der ihm vom Kaͤyser erlaubten Frey- heit ihm schon die Herrschafft uͤber alles Frauen- zimmers Seelen eingeraumt zu seyn einbildete. Zu allem Ungluͤcke begegnete ich ihm ungefehr etliche wenige Schritte von dem Brunnen/ da er deñ mir/ der ich mich des geringsten Unwillens nicht versah/ einen unvermerckt herfuͤr gezuͤckten Dolch in die Seite stach/ worvon ich fuͤr todt zu Bodem fiel. Dido/ welche diß wahrnahm/ sprang gantz verzweifelt herzu/ riß den Dolch mir aus der Wunde/ und gab darmit dem Lucius einen Stich in Hals. Wie nun sie hierauf mich/ oder vielmehr meine vermeynte Leiche mit vielen Thraͤnen auf dem Erdboden umbarmte; der junge Agrippa aber den Lucius in der Naͤhe gur- geln hoͤrte/ oder auch wohl den von der Dido dem Lucius gegebenen Stich gesehen hatte/ sprang er herzu/ zohe dem auf der Erde zap- pelnden Arminius und Thußnelda. pelnden Lucius den Dolch aus der Wunde/ und stach ihn der Dido zwischen das Schulterblat hinein. Micipsa/ ein die Dido bedienender Edelknabe/ ward dessen gewahr; ergrief also seinen Bogen/ und verwundete mit einem Pfei- le Agrippen ins Bein. Hieruͤber entstand ein grosser Lermen/ und kamen alle im Garten An- wesende/ ja der Kaͤyser selbst mit Livien herbey; welcher uͤber denen auf der Erden fuͤr todt aus- gestreckten/ und haͤuffiges Blut von sich lassen- den vier Verwundeten aufs euserste bestuͤrtzt war. Die Sorge fuͤr ihr Leben verschob die Untersuchung dieser Begebnuͤs. Gleichwohl wurden alle Deutschen und Mohren gefaͤng- lich eingezogen. Agrippens und der Dido Verletzung ward fuͤr nicht so sehr gefaͤhrlich; meine und des Lucius aber fuͤr toͤdtlich befunden. Agrippa kam derogestalt bald zu rechte; Dido aber/ als sie meinen Zustand vernahm/ riß ihr selbst die Pflaster von der Wunde/ und sagte of- fentlich/ daß sie mich nicht zu uͤberleben begehr- te: Jnzwischen schoͤpfften die Wund-Aertzte auch von des Lucius Genesung einige Hofnung; woruͤber Dido fast unsinnig ward/ und in ihrer Raserey tausend Fluͤche und Draͤuungen auff den Lucius ausschuͤttete; welcher inmittelst mit einem Wundfeber uͤberfallen/ und sein Aufkom- men sehr zweiffelhafft gemacht ward. Endlich gab sich ein Britannischer Artzt beym Kaͤyser/ an/ der uns beyde in kurtzer Zeit zu heilen bey Verlust seines Kopffes versprach. Weil uns nun die Aertzte gantz verlohren gaben; ließ uns der Kaͤyser dieses gefangenen Britanniers Willkuͤhr uͤbergeben/ ihm auch nebst seiner Freyheit ansehnliche Belohnung versprechen. Dieser riß so wol dem Lucius als mir alle Pfla- ster ab/ und wusch unsere Wunden mit einem gewissen Weine aus. Hernach forderte er den Dolch/ von welchem wir waren beschaͤdigt wor- den; sauberte selbten aufs fleißigste/ salbete ihn ein und verband ihn mit einem genetzten Tuche; unsere Wunden aber verhuͤllete er nur mit ei- nem trockenen. Jn wenig Stunden vergieng nicht nur mir und dem Lucius/ sondern auch der Dido/ welche durch ihr Pflaster-abreissen ihren Schaden wiederum sehr veraͤrgert hatte/ alle bißherige Hitze. Nach dem dieser Artzt drey- mal unser Wunden ausgewaschen/ und so viel mal den Dolch mit einem gewissen Staube be- streut und verbunden hatte/ wurden wir nicht nur der Schwulst/ sondern auch der Schmertzen erledigt. Als dieses Lucius wahrnahm; frag- te er den Britannier: Ob denn die Verbindung des Beleidigung-Waffens der Wunde durch natuͤrliche Wuͤrckung zu statten kaͤme? Als der Artzt diß verjahete/ und daß diese Heilung ver- mittelst einer geheimen Verwandnuͤß gewisser Dinge geschehe; ja dessen Warheit dardurch bewaͤhrete/ daß wenn er den verbundenen Dolch uͤber das Kohlfeuer hielt/ den Lucius seine Wun- de hitzte; Bey dessen Annetzung aber wieder schmertzloß ward; fragte Lucius ferner: Ob alle mit diesem Dolche gemachte Wunden zugleich heileten? und wie der Britannier abermals diß bestaͤtigte/ fuhr er fort: Ob er denn nicht machen koͤnte/ daß nur seine darvon heil/ des Flavius a- ber aͤrger wuͤrde; verneinte es der Artzt und mel- dete: Er haͤtte an diese unbarmhertzige Kunst noch nie gedacht. Uber diesem Bescheide fuhr Lucius auf/ rieß dem Artzte den Dolch aus der Faust/ und stach ihn selbst dem Artzte in Bauch/ mit Beysetzung dieser verzweiffelten Worte: Jch will lieber mit meinem Feinde sterben/ als ihn mit mir genesen sehen. Alle Umstehenden erschracken hieruͤber euserst; der Britannier a- ber zohe ihm unerschrocken den Dolch aus dem Leibe/ wischte selbten ab/ und verband ihn aufs neue. Jch und Dido empfanden um selbige Zeit unglaubliche Schmertzen/ nicht anders/ als wenn wir in unsere alte Wunde einen neuen Stich bekaͤmen. August schoͤpffte uͤber des Lu- cius erfahrnen Grausamkeit einen hefftigen Unwillen; ließ also den Lucius nicht allein be- wachen/ sondern auch binden; wormit er nicht in Erster Theil. O o o meh- Vierdtes Buch mehrere Verzweiffelung gerathen moͤchte. Jn- zwischen ward es mit mir/ und weil Dido hier- von Nachricht kriegte/ mercklich besser; ja wir geneseten beyde eher als Lucius. Diesemnach denn der Kaͤyser nicht fuͤr rathsam hielt/ mich laͤnger in Rom zu lassen; wormit er so wol mei- ner Sicherheit rathen/ als auch dem unbaͤndi- gen Lucius keinen Stein fernern Anstosses am Wege liegen lassen moͤchte. Weil nun mein Bruder Hertzog Herrmann in Asien sich so ver- dient machte; gleichwol aber er mich in Deutsch- land ziehen zu lassen Bedencken trug; stellte er mir frey/ wohin ich unter dem Roͤmischen Ge- biete mein Kriegs-Gluͤcke versuchen wolte. Es machten dazumal gleich die Cantabrer in Hispa- nien wider die Roͤmer/ und in Africa die Getu- lier wider den Koͤnig Juba einen Aufstand. Jch erkiesete ohn einiges Bedencken dem Koͤnige Juba zu dienen/ und der vom Kaͤyser ihm zur Huͤlffe erkiesete Cornelius Cossus bat mich selbst aus/ daß ich unter ihm die Waffen fuͤhren moͤch- te. Dido/ welche bey ihr fest beschlossen hatte/ aus Hasse gegen dem Lucius nicht in Rom zu bleiben/ und bereit an ihren Vater Juba um Er- laubnuͤß nach Hause zu kehren geschrieben hat- te/ ward uͤber dieser Entschluͤssung hoͤchst er- freuet/ und versicherte mich/ daß sie sich nichts in der Welt aufhalten lassen wolte mich in Numi- dien zu umarmen. Nach dreyen Tagen nahm ich von Rom und der mich mit viel Thraͤnen ge- segnenden Dido Abschied/ wir wurden aber/ als wir kaum das Lylibeische Gebuͤrge aus dem Ge- sichte gebracht/ mit einem heftigen Sturme be- fallen/ etliche Schiffe auff denen Aegatischen Steinklippen zerschmettert/ ich selbst strandete auf dem Eylande Terapsa/ wiewol biß auff fuͤnf Personen alle Leute gerettet wurden. Deroge- stalt kam ich wol zehn Tage laͤngsamer als Cor- nelius Cossus in Numidien an/ welcher mich be- reit gantz fuͤr verlohren geschaͤtzt hatte. Das uͤ- brige Roͤmische Heer/ und darunterfuͤnf hundert mir unter gebene Deutschen und Gallier waren inzwischen in dem Olcachitischem Seebusem an- gelendet. Cornelius Cossus und die obersten Befehlhaber/ darunter auch ich war/ reiseten hierauf nach Cirtha voran/ allwo wir in Abwe- senheit des Koͤnigs Juba von der Koͤnigin Cleo- patra wol bewillkommt wurden. Nach dreyer Tage Ausruhung/ folgten wir dem nach Getu- lien auff dem Flusse Pagyda eilenden Heere. Welch Land aus keiner andern Ursache/ als aus Andencken der alten Freyheit/ vom Juba abge- fallen war/ und noch darzu die Lybier uͤber dem Gebuͤrge Thambes und Mampsarus an sich gezogen hatten. Sintemal fuͤr Zeiten beyde Voͤlcker keinem Gesetze noch Votmaͤßigkeit un- terworffen waren. Wiewol nun Juba aus dem unfruchtbaren Getulien wenig Einkuͤnften zoh; ja ihnen die Besetzung der Graͤntzfestungen/ und er zu denen Wartegeldern/ welche er denen zu seinen Kriegsdiensten bestellten Getuliern jaͤhr- lich reichte/ noch zubuͤssen muste; wolte er doch ehe sein euserstes dran setzen/ als einen Fußbreit sandichter Erde verlieren. Also vermindert die Armuth eines Landes gar nicht die Begierde zu herrschen/ als welche ein Brut der Ehren/ nicht des Geitzes ist. Unterwegens erfuhren wir/ daß Juba mit seinem gantzen Heere in die Flucht geschlagen worden/ und er selbst in der Stadt Vegesela belaͤgert waͤre. Dahero eilten wir so viel mehr gegen den Feind; welcher aber bey unser ver nommener Ankunfft zuruͤcke gegen Uciby und von dar zwischen das Gebuͤrge Au- dus wich. Juba versammlete zwar so denn sei- ne zerstreuten Numidier grossen Theils wieder zusammen; aber die fluͤchtigen Getulier/ welche ohnediß auser wenigen Festungen keine bestaͤn- dige Wohnungen hatten/ waren nicht gemeinet gegen die Roͤmer stand zu halten/ sondern uns nur muͤde zu machen. Wie sie denn auch uns gantzer sechs Monate derogestaltumtrieben und abmatteten/ daß wir nicht laͤnger in Getulien stehen konten/ sondern uns in Numidien zuruͤck ziehen musten. Alleine der Feind lag uns Tag und Arminius und Thußnelda. und Nacht in Eisen/ und thaͤt uns durch Ein- faͤlle mehrmals Schaden. Endlich hatte ich mit meiner deutschen Reiterey das Gluͤcke ihnen ei- nen Streich zu versetzen/ und ihres neu aufge- worffenen Fuͤrsten Hiempsals Brudern Himil- co/ welche beyde sich des Jugurtha Enckel ruͤh- meten/ bey der Stadt Lampesa gefangen zu be- kommen. Wie wir nun nach einer zwey monat- lichen Ruh wieder ins Feld zohen/ und gegen Sitiphis einbrachen/ die Getulier uns aber wie- der wie vormals aͤffeten/ zwang Juba dem Hi- milco durch Umgebung eines gluͤenden Man- tels zu offenbaren/ wohin die Getulier ihre Le- bensmittel versteckten. Sintemahl wir nir- gends keinen Vorrath fanden/ der Feind aber niemals keinen Mangel hatte. Hiermit erforsch- ten wir eine grosse Maͤnge Sandgruben und Hoͤlen/ darin Hiempsal viel Weitzen/ Datteln/ Granat-Aepffel und Wein verborgen hatte/ worvon doch niemand als Hiempsal und seine Fuͤrnehmsten wusten. Wie nun dieser Vorrath zu einem grossen Vortheil des Roͤmischen und Numidischen Kriegsvolckes diente; also gerie- then die Getulier hieruͤber in grosse Noth; also/ daß sie meist nur von Heuschrecken und duͤrren Kraͤutern leben musten. Juba und Cornelius wurden derogestalt schluͤßig die Stadt Azama zu belaͤgern. Hiempsals ander Bruder Hiarba war darinnen oberster Befehlhaber. Diesem ließ Juba andeuten/ daß er auf den Fall seiner ver- weigerten Ergebung den gefangenen Himilco in seinem Gesichte abschlachten wolte. Hiarba aber ließ dem Juba zur Antwort wissen: Er koͤn- te ihm und dem Hiempsal keinen groͤssern Ge- fallen thun. Denn weil Himilco sich als ein furchtsames Weib fangen lassen; haͤtte er den Spieß zum Lohne seiner Zagheit wol verdienet. Weil er aber ehrsuͤchtig gewest/ waͤre Hiempsal einer grossen Sorge entuͤbrigt/ und er Hiarba als der juͤngste haͤtte so denn eine Staffel naͤher zur Herrschafft. Juba/ welcher nicht mit einem rechtschaffenen Feinde/ sondern mit aufruͤhri- schen Unterthanen zu kriegen vermeinte/ ließ auf einen Huͤgel gegen der Stadt Antabole uͤ- ber/ ein Geruͤste bauen/ und dem Himilco den Kopf abschlagen. Diesen schickte er dem Hiarba mit einem Zettel/ welcher ihm ein gleichmaͤßiges Verfahren andraͤuete. Hiarba hingegen ließ 100. gefangene Numidier enthaupten/ gab die Koͤpffe dem Boten und ließ ihm melden: Er muͤste eines so grossen Koͤnigs Freygebigkeit mit Wucher vergelten/ und weil bey den Numidieꝛn braͤuchlich waͤre/ daß ihre Fuͤrsten 100. Loͤwen auf einmal opfferten; koͤnte er auch den Juba mit nicht weniger Koͤpffen verehren. Hieraus erwuchs eine verzweiffelte Verbitterung/ eine ernste Belaͤgerung/ und eine euserste Gegen- wehr. Juba und Cornelius unter gaben mir die gantze Reuterey/ um das Numidische Laͤger mit noͤthiger Zufuhre zu versorgen/ und alle Einfaͤl- le zu verhuͤten. Als ich nun einsmals 400. mit Weitzen und Mehl beladene Kamele ins Laͤger zu fuͤhren bemuͤht war; erlangte ich Kundschaft/ daß die Getulier mich allenthalben umsetzt haͤt- ten. Jch war bekuͤmmert nicht so wol zu entkom- men/ als diesen Vorrath zu retten. Alle Numi- dier riethen den Wein und den Weitzen in Sand lauffen zu lassen/ die Kamele zu erstechen/ und uns an einem Orte durch zuschlagen. Alleine ich sahe zu allem Gluͤcke daselbst viel Alraun-Wur- tzel wachsen. Dahero befahl ich alsobald selbte auszurauffen/ und so gut man konte auszupres- sen. Diesen Saft ließ ich mit dem groͤsten Thei- le des Weines vermischen/ aber die Lagen/ Bla- sen und andere Behaͤltnuͤsse zeichnen. Wir wa- ren mit unser Arbeit kaum fertig/ als die Getu- lier sich an dreyen Orten herfuͤr thaͤten. Jch ließ zwar etliche Geschwader leichte Reuter mit den ersten Hauffen treffen; befahl aber nir- gends Fuß zu halten/ und als die Getulier mit voller Macht anstachen/ ließ ich den gantzen Vorrath im Stiche. Des Feindes grosser Mangel an Lebens-Mitteln/ und die Erobe- rung der reichen Beute machte/ daß ich wenig oder gar nicht verfolget ward; also mich etliche Meilen darvon in einem Palmen - Pusehe O o o 2 sicher Vierdtes Buch sicher setzen konte. Um Mitternacht als ich meinte/ daß der mit der Alraun-Wurtzel ver- mischte Wein/ welcher auch/ wenn er nur neben ihr waͤchst/ zwar nicht giftig wird/ aber eine hef- tige Einschlaͤffungs-Krafft bekommt/ seine Wuͤrckung gethan haben wuͤrde; machte ich mich in aller Stille auf/ und kam an den Ort meines Verlustes: Daselbst fand ich etliche theils leere/ theils belastete Kamele/ umirren; welches mir ein gewuͤnschter Vorbote eines son- derbaren Vortheils war. Jch ruͤckte nur zwey Stadien der Spure nach fort/ da fand ich die Getulier in einem Palmen-Gepuͤsche ohne ei- nige Wache theils schwermend/ meist aber schlaf- fend. Diesemnach ließ ich die Helffte meiner Reuterey in zweyen Theilen auf allen Nothfall fertig stehen; die andere Helffte aber theilte ich wol in zwoͤlf Hauffen/ welche auf die noch wa- chenden loß giengen. Es ist ohne Noth hier- von viel Ruhmes zu machen. Denn es waren wenige/ die an die Gegenwehr gedachten/ son- dern nur die Flucht ergrieffen. Also schlachte- ten wir zwoͤlf tausend Getulier ohne Verlust ei- nes einigen Mannes ab. Etliche zwantzig von meinem Volcke waren alleine verwundet. Drey tausend schlaffenden nahmen wir nur aus Kurtzweil ihre Pferde und Waffen von der Sei- te/ welche auff den Morgen bey ihrer Erwa- chung fußfaͤllig um ihr Leben bitten musten. Den groͤsten abgenommenen Raub/ nebst funf- zehn tausend meist Lybischen Pferden eroberten wir wieder; also/ daß ich bey meiner Annaͤhe- rung zu unserm fuͤr Antotale stehendem Heere anfangs ein grosses Schrecken/ hernach aber ei- ne viel groͤssere Freude erweckte. Massen mich denn Juba mit beyden Armen umschloß/ mich seinen Bruder nennte/ und mit kostbaren Waf- fen beschenckte; wiewol ich den Titel des Bru- ders in eine vaͤterliche Gewogenheit zu verwan- deln bat und erlangte. Weil nun meine Deut- schen der Getulier Koͤpffe an die Pferde gebun- den/ die Numidier aber sie auf die wie der erober- ten Kamele gepackt/ und ins Laͤger gebracht hat- ten; ließ Juba gegen Antotale einen grossen Berg von der Erschlagenen Koͤpffen aufbauen/ durch etliche Gefangene aber den Belaͤgerten die boͤse Zeitung des grossen Verlustes zubrin- gen. Aber Hiarba steckte auch Mauern und Thuͤrme voll von denen Koͤpffen der erwuͤrgten Roͤmischen und Numidischen Gefangenen. Juba ließ hingegen die gefangenen Getulier zehn und zehn zusam̃en schmieden/ und brauchte sie im Stuͤrmen zu der Seinigen Vormauer. Gleichwol verzog sich die mit allen ersinnlichen Kriegs-Streichen eifrigst fortgesetzte Belaͤge- rung biß in sechsten Monat/ in welchem endlich die hartnaͤckichten Feinde uͤberwaͤltiget/ und alle lebende Seelen in Antotale durch die Schaͤrffe der Schwerdter vertilget wurden. Die Stadt Thubutis und Aegea giengen hier- auf gleicher gestalt uͤber. Hiempsal muste hier- uͤber gegen dem Flusse Ampsa weichen; ich brachte ihn aber an selbtem unter der Stadt Tu- marra wieder zu Stande/ und nach einem ver- zweiffelten Gefechte in die Flucht. Die Ge- tulier setzten wol durch den Strom/ weil aber die Deutschen geschickter als sie waren durch die Fluͤsse zu schwaͤmmen/ wurden ihrer viel theils im Wasser/ theils auf dem Ufer erschlagen. Hiempsal ward selbst verwundet/ und konte mit genauer Noth nebst wenigen auf das Buzarische Gebuͤrge entrinnen. Juba folgte mit dem Groß seines Heeres nach/ kam aber zum Siege zu spaͤt/ iedoch fand er sich so vergnuͤgt/ daß er die Stadt/ bey welcher ich diß Gluͤcke gehabt/ den Deutschen zu Ehren Germana heissen ließ. Mit diesem Siege ward zwar Juba des flachen Getuliens Meister/ aber die in und uͤber dem Buzarischen/ Thambischen und Atlantischen Gebuͤrge wohnenden Phorusier/ Siranger/ Nisibes/ schwartzen Getulier und Natembres stellten sich gegen dem Juba in moͤglichste Ver- fassung/ und versahen Hiempsaln mit einem neuen Heere. Nach etlicher Monate Ruh drangen wir/ wie wol nicht ohne Verlust vielen edlen Blutes/ ins Gebuͤrge ein. Unter andeꝛn zeich- Arminius und Thußnelda. zeichneten drey hundert Deutschen mit ihrem Blute einen Felsen/ auf welchem Juba den er- sten festen Fuß setzte. Nach eines gantzen hal- ben Jahres gleichsam wechselweise ausschlagen- den Treffen brachten wir an dem Flusse Ghir den Hiempsal mit seinem Heer ins Gedraͤnge; nach einer sehr blutigen Schlacht aber in die Flucht. Weil ich nun wahrnahm/ daß Hiem- psal abermals durch den Strom entrinnen wol- te/ kam ich ihm zuvor/ verbeugte ihm den Weg; da ich denn das Gluͤcke hatte/ daß er mir selbst in die Haͤnde lief. Alleine ungeachtet er schon gantz von Blute trof/ wolte er sich doch nicht er- geben/ sondern wehrte sich so lange/ biß er von Pfeilen und Schwerdtern gantz zerfleischet mit seinem Pferde zu Bodem fiel/ und beyde mit einander den Geist ausbliessen. Mit dem Falle dieses Hauptes entgiengen allen Kriegs- Gliedern ihre Kraͤfften. Die Getulier/ wel- che unter dem Marius zum ersten/ nunmehr auch zum andern mal die Roͤmischen Kraͤfften gefuͤhlet hatten/ wurden verzagt/ oͤfneten ihr Land vollends dem Uberwuͤnder/ erlangten auch gegen Versprechung/ daß sie alle Jahr zehn tausend Pferde und eine grosse Menge weissen Saltzes/ dessen sie viel mit denen gar schwartzen Mohren in gleichem Gewichte und Gold verwechseln/ nach Cirtha liefern wolten/ voͤllige Gnade. Hiermit kehrte Koͤnig Juba siegreich nach Cirtha. Fuͤr der Pforten ward er von der Koͤnigin und vielen Priestern bewill- kommt/ und von ihnen nebst uns in den Tempel gefuͤhret/ welcher seinem vergoͤtterten Vater Juba zu Ehren gebauet war; der so getreu dem Scipio wider den Kaͤyser Julius beystand/ und/ um nicht in des obsiegenden Feindes Haͤnde zu fallen/ von seinem Freunde Petrejus in einem Gefechte zu sterben erwehlte. Bey dem darin- nen gehaltenen grossen Sieges-Gepraͤnge hat- te Cleopatra das Bild des vergoͤtterten Juba mitten in Tempel stellen/ und durch verborge- nes Zugwerck bereiten lassen/ daß als der leben- de Juba bey selbtem vorbey gieng/ das Bild sei- ne mit Lorbern durchflochtene Krone von seinem Haupte nahm/ und dem Koͤnige aufsetzte. Auf beyden Seiten standen zwey andere Bilder nehmlich der Luft und des Feuers/ welche von den Africanern ebenfals goͤttlich geehret wer- den. Das erste setzte dem Cornelius Cossus ei- nen mit Diamanten/ das andere mir einen mit Rubinen gezierten Lorber-Krantz auf. Wie ich nun nach vollbrachtem Feyer in meinem Zimmer den Lorber-Krantz abnahm/ und be- trachtete/ ward ich darinnen eines Zettels ge- wahr/ darinnen ich folgende Zeilen laß: Die/ welche tausend mal geseufzet dem un- vergleichlichen Flavius einen Myrthen-Krantz aufzusetzen/ hat bey ihrer Verdamnuͤß noch den Trost fuͤr ihrer eusersten Verzweiffelung dem- selben/ welcher ihre Seele vorlaͤngst uͤberwun- den gehabt/ diesen Siegs-Krantz aufzuwinden. Ein Unstern/ oder ich weiß nicht/ ob der Men- schen oder der Goͤtter Grausamkeit hat sie zu ei- ner blutigen Priesterin einer so wilden Gottheit gemacht/ daß/ wo mein einiger Abgott Flavius sich nicht diesem Ungeheuer sie zu entreissen er- bitten laͤst/ sie sich selbst zwar nicht der Getuli- schen Diana/ wol aber dem unsterblichen Fla- vius eigenhaͤndig aufzuopffern/ und mit ihrer Uhr-Anfrau Dido auf einem von der Liebe ange- zuͤndeten Holtzstosse einzuaͤschern entschlossen ist. Jch/ sagte Flavius/ laß diese Zeilen wol zehn mal; und ob ich wol auf die Numidische Fuͤrstin Dido muthmaste; wuste ich mir doch auf die dar- innen begriffene Geheimnuͤsse keine sichere Auslegung zu machen. Sintemal ich in der Meinung war/ daß/ weil kurtz nach meiner Ab- reise Lucius vom Kaͤyser nach Spanien geschickt worden/ unter wegens aber zu Maßilien gestor- ben war/ Dido sich noch in Rom aufhielte. Jch schlug mich die gantze Nacht mit unruhigen Ge- dancken/ der Morgen aber steckte mir etlicher massen ein Licht auf; indem Koͤnig Juba mich in meinem Zimmer besuchte/ und erkundigte: O o o 3 Ob Vierdtes Buch Ob ich nicht der Gottesdienste der Getulischen Diana beywohnen wolte. Auf meine Befra- gung unterrichtete er mich: Es haͤtte Jugurtha/ als er wider den Marius Krieg gefuͤhrt/ und die Getulier ihm so treulich beygestanden/ der von den Getuliern zu ehren gewohnten Diana ei- nen herrlichen Tempel aus rothem Marmel zu bauen angefangen; Hiempsal/ welchen Marius nach uͤberwundenem Jugurtha zum Koͤnige in Numidien und Getulien gemacht/ weil er ihm in seiner Flucht Auffenthalt in Africa gegeben/ haͤtte auch etwas daran gebauet/ wie auch nach dessen geschwindem Tode sein Sohn Hiarbas; alleine/ weil dieser als ein Gemaͤchte des Ma- rius/ auf des Sylla Befehl vom grossen Pom- pejus bekriegt und gefangen; Hingegen sein Großvater Hiempsal/ als der noch einige Zweig von Masanissens Stamme/ mit beyden Kro- nen Numidiens und Getuliens beschenckt waꝛd/ haͤtte die Ehre gehabt/ diesen koͤstlichen Tempel auszubauen. Weil er nun die Getulier als ein wildes und meist rohes Fleisch mehr mit An- dacht/ als durch einigen andern Kapzaum ihm zu verbinden noͤthig hielt/ diese aber der Diana ihre selbst eigene Kinder auf dem Berge Atlas zu opffern pflegen; ließ er die in Gestalt eines Loͤ- wen gemachte/ und von den Getuliern als ihr ei- niges Heil- und Schutzbild mit unglaublicher Andacht angebetete Diana von dem Atlanti- schen Gebuͤrge auff einem mit zwoͤlf Loͤwen be- spannten Wagen in Begleitung halb Getu- liens anher nach Cirtha bringen/ und um die Ge- tulische Grausamkeit theils zu miltern/ theils ih- nen nicht gar zu abzule gen/ fuͤhrte er einen sol- chen Gottesdienst ein/ wie die Griechen selbten fuͤr Alters der Taurischen und Brauronischen Diana hielten/ die sich nur mit der Feinde Blut vergnuͤgte. Hiempsal haͤtte zwar gerne/ wie Lycurgus/ selbten dahin ein gerichtet/ daß an statt der Abschlachtung die Menschen nur gegeisselt und die Goͤttin mit dem ausrinnenden Blute versohnet werden moͤchte. Alleine die Getulier setzten sich hartnaͤckicht darwider/ vorgebende: da die Taurische Diana/ wenn man ihr nicht von genungsam edlen und schoͤnen Knaben Blut geopffert/ sich zum Zeichen ihrer Ungnade so schwer und unbeweglich gemacht haͤtte/ daß sie die Priesterin nicht haͤtte von der Stelle heben koͤnnen; wuͤrde die viel maͤchtigere Getulische Diana mit so geringschaͤtzigen Opffern so viel mehr unvergnuͤgt und ergrimmet seyn. Also haͤtte es Hiempsal und Juba sein Vater nur dar- bey bewenden lassen muͤssen; ob wol die Roͤmer mehrmals wider diese Menschen-Opfferung gemurret. Diesemnach denn auch er/ da er die Getulier nicht anders wieder zu einem Aufstan- de veranlassen wolte/ heute aus den Getuliern selbst die Erstlinge der Gefangenen aufopffern muͤste. Weil nun bey den Deutschen gleichmaͤs- sige Opfer waͤren; zweiffelte er nicht/ daß ich sol- chem beyzuwohnen Belieben tragen wuͤrde. Ungeachtet ich nun zwar ein und anderes Be- dencken haͤtte haben koͤnnen/ reitzte mich doch die Begierde meines Raͤthsels Auslegung zu erfah- ren/ daß ich mit dem Koͤnige Juba selbigen Tag mich in den Tempel der Getulischen Diana ver- fuͤgte. Denn die Opfferung darff nur des Nachts geschehen. So bald wir in den Tempel traten/ erhob sich ein grausames Gethoͤne von Paucken und Jagthoͤrnern. Der oberste Prie- ster besprengte uns daselbst mit Wasser/ welches aus dem Atlantischen Gebuͤrge dahin gebracht werden muß/ und leitete uns zu dem in der mit- te stehenden Altare; bey welchem wir uns auff den flachen Erdbodem niedersetzen musten. Die oberste Priesterin stand wie eine Diana beklei- det auf dem Fusse des Opffer-Tisches fuͤr einer grossen ertztenen Wanne/ uͤber welcher denen hundert in gruͤne Seide gekleideten Gefange- nen die Gurgeln abgeschnitten werden solten. Die Menge der brennenden Fackeln entdeck- ten mir im ersten Anblicke meine geliebte Dido. Nach wenigen Augenblicken ward auch sie mei- ner gewahr/ und sahe sie mich eine gute weile mit Arminius und Thußnelda. mit unverwendeten Augen an. Bald aber dar- auf ließ sie das Schlacht-Messer aus der Hand fallen/ fing an ihre Geberden und Antlitz zu ver- stellen. Endlich fiel sie gar zu Bodem/ und in Ohnmacht. Juba und alles Volck erschrack uͤ- ber diesem Zufalle so viel mehr/ weil die Men- schen-Opfferung an sich selbst schrecklich genung ist. Die Getulischen Priester aber/ um ihren Gottesdienst nicht verhast zu machen/ legten es fuͤr eine goͤttliche Entzuͤckung aus. Gleichwol trugen sie sie von dem Altare weg/ und kleideten in moͤglichster Eil eine andere Priesterin zu sol- chem Opffer aus/ welches mit jaͤmmerlichem Winseln der Sterbenden/ mit grosser Verwir- rung des Volckes/ und mit so hefftiger Bestuͤr- tzung des Koͤnigs geschah/ daß er unerwartet des Ausgangs sich desselbten entbrach/ und nach der Halle/ in welcher Dido lag/ leiten ließ. Jch folg- te uͤber eine Weile dem Juba nach/ und sahe/ daß sie sie durch reiben und Balsame wieder ein we- nig zu rechte gebracht hatten. So bald sie mich aber nur wieder erblickte/ fiel sie nicht alleine wieder in die erstere Ungebehrdung/ sondern uͤ- ber eine Weile rief sie bey ihrer Entzuͤckung: Flavius/ Flavius! Jederman sahe mich hieruͤ- ber an/ und ich selbst hatte keine solche Botmaͤs- sigkeit uͤber mein Antlitz/ daß selbtes haͤtte meine Liebes- und Mitleidens-Regung verbergen koͤnnen. Juba/ welcher hierunter ein gewisses Geheimnuͤß verborgen zu seyn muthmaste/ be- fahl der Dido in einem geheimern Zimmer des Tempels wahrzunehmen/ mich aber nahm er bey der Hand/ leitete mich aus dem Tempel/ und fuͤhrte mich mit sich nach Hoffe in sein innerstes Gemach. Daselbst beschwur er mich bey der Redligkeit/ worvon alle Voͤlcker die Deutschen ruͤhmten/ daß ich ihm die Ursache der mit seiner Tochter sich ereignenden Zufaͤlle eroͤfnen solte; weil nicht nur meine selbst eigene Veraͤnderung meine Wissenschafft verrathen/ sondern der Di- do Mund mich selbst fuͤr den Ausleger erklaͤrt haͤtte. Diese Beschwerung noͤthigte mich ihm rund heraus meine und ihre Liebe zu bekennen; auch alles zu erzehlen/ was sich zwischen uns und dem Lucius in Rom zugetragen hatte/ mit dem Schlusse/ daß mich nichts minder vergnuͤgt und gluͤckselig/ als seine Tochter gesund machen wuͤr- de/ wenn er sich mich fuͤr seinen Eydam anzu- nehmen wuͤrdigen wolte. Juba hoͤrte mich mit Gedult und genauer Aufmerckung an; an statt der Antwort aber holete er aus der innersten Seele einen tieffen Seufzer. Endlich fing er an: Er hoͤre wol/ daß ich von den letzten Begeb- nuͤssen der Dido und denen Getulischen Gese- tzen keine Nachricht haͤtte. Daher/ wolte er auf den Morgen/ wo moͤglich/ mir hiervon noͤthige Wissenschafft zu wege bringen. Wir nahmen hierauf von einander Abschied; aber die Nacht ward meinen Gedancken zu einem rechten Zir- ckel der Unruh; wiewol ich daraus nicht wenig Hoffnung schoͤpffte/ daß Juba meine Erklaͤrung so gar guͤtig auffgenommen hatte. Auff den Morgen sehr fruͤh fuͤgte sich Juba in den Tem- pel der Dianen/ guter fuͤnf Stunden darnach ließ er mich auch dahin beruffen. Man leitete mich durch selbten in ein unterirrdisches/ gleich- wol aber durch ein oben in der mitte des Gewoͤl- bes einfallendes Licht ziemlich erleuchtetes Ge- mach/ in dessen Mitte eine aus Egyptischem Porphyꝛ gebildete Diana aus den Bruͤsten in ei- ne weite Marmel-Schale Eißkaltes Wasser spritzte/ und den Ortaufs annehmlichste erfrisch- te. Darinnen fand ich zwischen dem Koͤnige und dem obersten Priester meine Dido sitzen. Die Traurigkeit sahe ihr aus den Augen/ und mach- te sie nicht nur stumm/ sondern gar unbeweglich. Der Priester bewillkom̃te mich freundlich/ fing aber alsbald an: die grosse Bestuͤrtzung der Prie- sterin/ uñ die unablaͤßliche Bitte des Koͤnigs haͤt- te mir den sonst iederman verschlossenẽ Eingang in diß Heiligthum nur zu dem Ende zu wege ge- bracht/ daß ich darinnen die erheblichen Ursachen vernehmen moͤchte/ warum ich den Zunder mei- neꝛ Liebe in meinen Heꝛtzen gaͤntzlich zu vertilgen bedacht Vierdtes Buch bedacht seyn; uͤbrigens aber derogestalt an mich halten solte/ daß die nichts minder rachgierige als alles sehende Diana ihren Grimm uͤber mich aus zuschuͤtten/ wie auch die Priester mich nach ihren heiligen aber scharffen Gesetzen zu straffen nicht gezwungen wuͤrden. Als ich dem Priester mit Ehrerbietung gedanckt/ fing die beaͤngstig- te Dido an: Verzeihe mir/ Flavius/ daß mein itziger Zustand den/ welchen ich mehr als mich selbst geliebt/ so kaltsinnig willkommen heist. Daͤmpffe in deinem Hertzen die vor suͤssen/ nun- mehr aber nuꝛ miꝛ eitele Pein gebaͤhrende Flam- men. Denn die Unmoͤgligkeit stehet unser Lie- be selbst im Lichten/ und die Goͤttin dieses Ortes befiehlet in selbte mehr und kaͤlteres Wasser zu giessen/ als diß Bild allhier ausspritzet. Dieses redete sie mit einer solchen Empfindligkeit/ daß ich nicht wuste/ ob in mir die Liebe oder das Mit- leiden hestiger waͤre. Gleichwol konte ich mich nicht bereden lassen/ daß es Didons gantzer Ernst waͤre mir die Liebe gantz auszureden; weil mir ein gantz widriges die in dem Lorberkrantze gefundene Schrifft andeutete/ und so wohl der Ort/ als die Anwesenheit des Priesters mir die- sen Vortrag verdaͤchtig machte/ daß Dido mit gebundener Zunge redete. Daher fing ich an: Unver gleichliche Dido/ machet mich denn ihre Verstossung/ oder die Mißgunst einer Goͤttin so ungluͤckselig? Jch kan wol dencken/ daß du nicht ohne Geluͤbde der Diane Priesterin wor- den bist. Aber hast du mir nicht ehe/ als ihr eines gethan/ nemlich mich ewig zu lieben? Muͤssen mir also die Goͤtter dieses Ortes/ wo sie anders gerecht sind/ nicht selbst das Vorrecht uͤber dich zuerkennen? Der Priester entruͤstete sich uͤber diesen Worten/ gebot mir zu schweigen/ und fing an: Wilst du thoͤrichter an der Gerechtigkeit Dianens zweiffeln/ welche am gerechtesten ist/ wenn es die alberen Menschen am wenigsten glauben? Wilst du ohnmaͤchtiger Mensch mit den Goͤttern ums Vorrecht kaͤmpffen/ welche uͤber dich die Gewalt des Lebens und des Todes/ als uͤber ihren Leibeigenen haben? Jch entschul- digte meinen Jrrthum mit tieffer Demuͤthi- gung/ so gut ich konte/ und bat nur/ daß mir Di- do doch nur zu meinem Troste erzehlen moͤchte/ wie sie zu Vergessung des mir/ und zu Beschluͤs- sung des der Diane angelobten Geluͤb des kaͤme. Als der Priester diß durch ein Zeichen willigte/ fing Dido an: Wenige Zeit nach seinem Ab- schiede von Rom erhielt ich die traurige aber nun leider zu spat falsch erscheinende Zeitung/ daß Flavius mit seinem Schiffe/ und allen Men- schen darauf/ zu Grunde gegangen waͤre. Dieses Schrecknuͤß setzte alle meine Vernunft aus ih- ren Angeln; also/ daß ich weiter weder um mich einige Bekuͤmmernuͤß zu fuͤhren ver gaß/ ob mir schon von meinem Herrn Vater die Erlaubnuͤß von Rom zu verreisen und wieder nach Africa zu kehren einlief. Als aber Lucius mich mit neuen Versuchungen beunruhigte/ fing ich an wieder an meine Heimreise zu gedencken/ schickte mich auch derogestalt darzu/ daß ich den siebenden Tag von Ostia abzusegeln gedachte. Jch hat- te kaum an drey oder vier Orten Abschied ge- nommen/ als unvermuthet heraus brach/ daß in zweyen Tagen Lucius mit dreyen Schiffen in Spanien segeln/ und das Roͤmische Krieges- Heer wider die Cantabrer fuͤhren solte/ welche wider die Roͤmer mit einer verzweiffelten Ver- bitterung die Waffen ergriffen hatten/ weil ih- re Gesandten zu Rom lange Zeit mit Bestaͤti- gung ihrer Freyheit geaͤffet/ hernach von einan- der in gewisse Staͤdte abgesondert/ und endlich so schimpflich gehandelt worden waren/ daß sie ihnen selbst aus Verdruß vom Leben geholffen hatten. Des Lucius Reise erreichte auch den drit- ten Tag ihren Fortgang/ und ließ er bey mir noch alle mir zugezogene Verdruͤßligkeiten ent- schuldigen. Den 3. Tag darauf schied ich in Be- gleitung vieler edlen Frauen von Rom biß nach Ostia/ den 4. aber fuhr ich von dar an der Thuß- kischen und Ligustischen Kuͤste hin biß nach Mas- silien; theils weil ich die weltberuͤhmte Anmuth des- Arminius und Thußnelda. desselbigen Ufers genuͤssen/ theils diese von den Roͤmern selbst so beliebte/ und fuͤr einen kurtzen Begrieff gantz Griechenlands geruͤhmte Stadt zu besehen luͤstern war. Massen mich denn auch die Reichthuͤmer ihrer fernen Handlung nicht in geringe Verwunderung zohen/ die Reinligkeit der Griechischen Sprache/ welche sie von dem Alter ihrer unter dem Tarquinius geschehenen Erbauung zwischen eitel Galliern gantz rein behalten hatten/ und die Menge ihrer Weltweisen nebst der lustigen Gegend uͤberaus erquickten. Aber diese Lust ward mir in weni- gen Tagen durch eine Nachricht zeitlich versal- tzen/ daß Lucius/ welcher bey Aphrodisium mit seinen Schiffen mir vergebens vorgewartet haͤt- te/ endlich auf meine Spur/ und gleichfalls in Massilien ankommen waͤre. Jch mag hier nicht die Umbstaͤnde meiner Bekuͤmmernuͤsse und des Lucius Anfechtungen erzehlen. Genung ist es zu wissen/ daß Lucius zu Massilien wie der Kaͤyser selbst angebetet ward/ und ihm alles zu Gebote stand. Daher es ihm unschwer fiel mir und meinem Schiffe die Ausfarth aus dem Ha- fen zu verwehren. Nach dem er meiner Keusch- heit durch die allerglattesten Liebkosungen und Versprechung guͤldener Berge vergebens zuge- setzt hatte/ verfiel dieser geile Hengst in die Rase- rey/ daß er in einem Lusthause Gewalt an mich legen wolte/ wordurch ich genoͤthigt ward von selbtem einen kuͤhnen aber gluͤcklichen Sprung zu thun. Denn ich kam durch Huͤlffe meiner auf mein Geschrey sich naͤhernden Leute aus dem Garten. Weil ich mich aber nirgends sicher wuste/ nahm ich meine Zuflucht in den nah von dem Uhrheber selbiger Stadt/ nemlich dem Peranus/ gebauten Tempel der Dianẽ/ dar- innen alleine 300. Griechische Jungfrauen un- terhalten; aber/ weil die Massilier unter dem Scheine der Gottesfurcht niemanden einigen Muͤssiggang entraͤumen/ in der Weltweißheit und denen Geheimnuͤssen des Gottes-Dienstes aufs sorgfaͤltigste geuͤbet werden. Sie nahmen mich willig in den Vorhof/ und nachdem ich mich gebadet/ und mit gantz neuen Kleidern angethan hatte/ in den Tempel auf; sintemal so wohl allhier als zu Tarent niemand sonst diß Heiligthum be- schreiten darff. Lucius begehrte mich zwar als seine Verlobte mit grossem Ungestuͤm und Draͤuen heraus; nach dem ich aber die Ober- Priesterin eines widrigen betheuerlich versicher- te/ schlug sie ihm meine/ als ihrer Freyheit verle- tzende Ausfolgung rund ab. Als er auch ihr mit mehr schimpflichen Worten zusetzte/ sagte sie dem Lucius in die Augen: Es waͤre diß ein Tem- pel der keuschen und glimpflichen Diane. Da- hero moͤchte er mit seinem geilen Ansinnen sich nach Athen zu dem Tempel der Unverschaͤmig- keit/ und mit seinen Schelt-Worten zu dem Heiligthume der Verachtung verfuͤgen. Hier- mit ließ sie den Tempel fuͤr ihm zuschlagen; der wuͤtende Lucius aber denen drey Obersten unter denen sechshundert Tumuchen oder Rathherren anbefehlen: Sie solten der Ober-Priesterin das auf dem Rathhause verwahrte Gift zu ihrem verdienten Eigen-Morde schicken/ und mich aus dem Tempel schaffen. Der Rath entschul- digte sich aufs beste/ daß solch Gift nur dem/ wel- cher es selbst verlangte/ und genungsame Ursache zu sterben andeutete/ gegeben wuͤrde; an dem Tempel aber doͤrfften sie sich ohne ihren unge- zweifelten Untergang nicht vergreiffen/ dessen Schatten auch die Veraͤchter selbiger Gottheit toͤdtete. Lucius lachte uͤber diesem Vortrage/ und sagte: Es waͤre dieser Aberglaube vielleicht so wahr/ als daß derselbẽ Leiber/ welche einmal in den Arcadischen Tempel des Jupiters einen Fuß gesetzt haͤtten/ so verklaͤrt wuͤrden/ daß sie hernach an der Sonne keinen Schatten mehr von sich wuͤrffen. Wie er denn auch ferner hoͤnisch fra- gete: Ob solcher Tempel auch nicht/ wie von dem unbedeckten Heiligthume der Cyndiadi- schen Diane getichtet wuͤrde/ nicht beregnete und beschneyete? Und derogestalt beharrete er halsstarrig auf seinem Verlangen. Der Rath Erster Theil. P p p umb Vierdtes Buch umb den Lucius etwas zu besaͤnftigen schickte das Gift der obersten Priesterin; woruͤber die gewei- heten Jungfrauen in hoͤchste Bekuͤmmernuͤß/ ich aber in groͤste Verwirrung gerieth/ und die Prie- sterin aufs beweglichste ersuchte: Sie moͤchte das Gift mir zu trincken gebẽ/ und hierdurch auf ein- mal so wohl ihrem/ als meinẽ Kummer abhelffẽ. Aber sie war unerbittlich/ sondern sie tranck das Gift selbst aus/ und fing an: Jch weiß gewiß/ daß es die Aertztin Diana mir nicht wird schaden lassen/ und durch diß Wunderwerck dem Got- tes-Veraͤchter Lucius eine ewige Hertzens- Angst einjagen. Wir erstarreten alle uͤber die- sem Beginnen und Glauben/ noch mehr aber uͤber dem wunderwuͤrdigen Ausschlage/ in dem die Priesterin die geringste Veraͤnderung nicht davon empfand. Lucius ward hiervon zwar benachrichtigt/ aber er antwortete nichts anders/ als daß die Massilier ihn viel zu alber ansehen/ wenn sie ihren Betrug ihm unter einem thoͤrich- ten Aberglauben aufzubinden vermeynten. Dahero solten sie mich ihm gestellen/ oder er wol- te selber den Tempel stuͤrmen. Diese Ent- schluͤssung versetzte die gantze Stadt/ insonder- heit aber die geistlichen Jungfrauen in kein ge- ringes Schrecken/ und mich in Furcht/ man wuͤrde mich bey aͤuserster Gefahr aus dem Tem- pel stossen. Dahero ließ ich mich nach abgeleg- tem Geluͤbde ewiger Jungfrauschafft zu einer Priesterin einweihen/ umb der besorglichen Ver- stossung/ und des Lucius toller Brunst vorzu- kommen. Hilff Himmel/ rieff ich/ sagte Fla- vius von sich! Hat gleichwohl der uͤppige Ne- benbuhler Lucius das Gluͤcke gehabt/ daß er durch Verursachung dieses Geluͤbdes mich auf mein Lebtage ungluͤckselig gemacht? Nach mei- nem mit gleichsam tauben Ohren angehoͤrten Wehklagen/ erzehlte mir Dido ferner: Der Rath und zwey Priester des Jupiters liessen den zu Stuͤrmung des Tempels sich ruͤstenden Lu- cius beweglich abmahnen. Der Rath hielt ihm ein: Daß Lucius hierdurch ihre Goͤtter erzuͤrn- te/ die alte Freũdschaft beyder Voͤlcker beleidigte. Sintemal Massilien mehr fuͤr eine Schwester/ als eine Magd der Stadt Rom zu halten waͤre. Denn sie haͤtte bey ihrem Ursprunge mit den Roͤmern ein ewiges Buͤndnuͤß gemacht/ selbtes nie versehret/ und in Gluͤck und Ungluͤck sich ih- re treueste Freundin bezeigt. Sie waͤre/ als Brennus sie verbrennet/ umb Rom im Leide ge- gangen/ haͤtte alles Gold zum Loͤsegelde des Ca- pitolium vorgeschossen/ und sie haͤtten zu Rom auf den Schauspielen unter den Raths-Herren ihren gleichen Sitz. Dahero die Stadt nicht nur zu Beschirmung ihrer Heiligthuͤmer in Aufruhr gerathen/ sondern der Kaͤyser selbst die- se Gewalt-That ungnaͤdig empfinden wuͤrde. Die Priester aber dreuten ihm die unnachbleib- liche Rache der Goͤtter an/ und machten ihm eingedenck: Wie Brennus die Stuͤrmung des Delphischen Tempels und den Raub des Gol- des daraus so schrecklich gebuͤsset haͤtte. Pro- serpina haͤtte am Pyrrhus die Entweihung ihres Sicilischen Heiligthums mit Umbschlagung al- les Gluͤckes und seinem Untergange ernstlich ge- raͤchet. Jhre Diana aber waͤre nichts anders als Cynthia im Himmel/ und Proserpina in der Hoͤlle. Die Persen waͤren in der Potideischen Belaͤgerung durchs Wasser erbaͤrmlich umb- kommen/ weil sie einen Tempel des Neptun verunehret/ und Amilcar haͤtte nach Beraubung der Erycinischen Venus we- der Stern noch Gluͤcke mehr gehabt. Den Goͤttern und ihrer Rache waͤren aber auch die Roͤmer unterwuͤrffig. Diese waͤren durch ei- nen gewaltsamen Sturm beschaͤdigt worden/ als sie sich erkuͤhnet nur etliche heilige Bilder von Delphis nach Rom zu fuͤhren. Die geweihe- ten Jungfrauen aber waͤren lebhaftere und also heiligere Bilder der Goͤtter/ als die Marmel- und guͤldenen. Clodius waͤre gar recht an der Pforte des der Cybele gewiedmeten Hauses er- schlagen worden/ weil er zu Rom in ihren Tem- pel vermessentlich gegangen. Griechen und Egy- Arminius und Thußnelda. Egyptier wuͤsten: Daß wer nur sich die Ge- heimnuͤsse der Jsis zu schauen geluͤsten liesse/ als- bald stuͤrbe/ und Appius/ welcher nur die Frey- gelassenen zu des Hercules Gottes-Dienste zu- gelassen/ waͤre blind worden. Wie viel aͤrgere Straffe wuͤrde nun seine Gewalt-That und Jungfrauen-Raub ihm auf den Hals ziehen? Zumal der Roͤmer/ welcher bey Eroberung der Stadt Carthago dem Apollo nur den Mantel abgenommen/ die Hand/ und Flavius Flaccus/ weil er die von der Lacinischen Juno Tempel ab- gerissene Zuͤgel auf das Heiligthum des reitendẽ Gluͤckes decken lassen/ beyde Soͤhne und sein Leben eingebuͤsset. Lucius lachte zwar nur zu allem dem/ sagte dem Rathe/ daß sie dem Kayser Julius als Uberwundene sich ergeben/ und aus Geferten zu Unterthanen gemacht haͤtten. Die Priester hoͤhnete er mit dem Beyspiele des Dio- nysius/ welcher mit dem Raube der Locrischen Proserpina gluͤcklich nach Hause geschifft waͤre/ des Olympischen Jupiters goͤldenẽ Mantel mit grossem Wucher um einẽ woͤllenen eingetauscht/ und zu Epidaur den Esculapius seines goͤldenen Bartes beraubet haͤtte. Die Priester seufzeten hieruͤber/ und nahmen mit diesen Worten ihren Abschied: Gott ersetze mit der Groͤsse die Lang- samkeit seiner Rache! Welche Worte doch beym Lucius einẽ solchẽ Nachdruck hattẽ/ daß er 3. Ta- ge sich gantz stille hielt/ und iedermann nun das Ungewitter vorbey gegangẽ zu seyn glaubte. All- dieweil aber die Furcht fuͤr Gott/ wo sie nicht eine andaͤchtige Liebe zum Grunde hat/ als eine seich- te Pfuͤtze von der Hitze boͤser Begierden leicht ausgetrocknet wird; unterstand er sich in der vierdten Nacht mit dreyhundert reichlich be- schenckten Roͤmischen Kriegs-Knechten der Di- anen Tempel heimlich zu ersteigen. Weil aber alle Nacht hundert Jungfrauen in selbtem/ und hundert Hunde in dem Vorhofe wachen/ ent- stund alsofort ein heftiger Lermen im Tempel/ und die Priesterin befahl von den Zinnen Stei- ne und brennende Fackeln auf die Stuͤrmen- den zu werffen. Lucius ward hiervon selbst ge- troffen/ stuͤrtzte also von einer hohen Leiter hinab/ und brach neben noch zwoͤlffen den Hals. Die uͤbrigen wurden mit solchem Schrecken befallen/ daß sie ihre todte Geferten im Stiche liessen/ und nur alleine die Leiche des Lucius mit sich nahmen. Etliche erzehlten hernach/ daß sie auf der Spitze des Tempels die mit Schwefel und Pech wider sie kaͤmpfende Diana gesehen haͤtten. Welches/ ob es wahr gewest/ oder aus Furcht geglaubet worden/ ich nicht zu eroͤrtern weiß. Ob nun zwar der Rath zu Massilien/ umb den Kaͤyser nicht zu erbittern/ die Todten in aller Stille auf die Seite bringen ließ/ und der Roͤmer Vor- wand/ daß Lucius an einem Schlagflusse gestor- ben waͤre/ moͤglichst bestaͤrckte; so machten doch die Massilier ein grosses Wunderwerck daraus/ zohen selbtes auch demselben weit fuͤr/ da ihre Minerva dem Koͤnige Catumand im Traume erschienen war/ und ihn die Belaͤgerung der Stadt Massilien aufzuheben gezwungen hatte. Jch selbst ward dardurch in meinem Geluͤbde nicht wenig bestaͤrcket/ und blieb daselbst/ biß mein Herr Vater auf erlangte Nachricht von meinem Geistlichen Stande mich von der Ober- Priesterin zu einer Priesterin unser Getulischen Diana ausbitten/ und anher abholen ließ. Dido beschloß hiermit und einem Beysatze vieler tau- send Thraͤnen ihre Erzehlung/ welche verursach- ten/ daß mein Hertz inwendig blutete/ und ich im Eifer heraus brach: Der Dido Geluͤbde und Priesterthum ist von keiner Giltigkeit/ weil es den Jrrthum zum Vater/ und die Furcht zur Mutter gehabt. Sintemal sie das von meinem Tode falsch erschollene Geruͤchte darzu verleitet/ und die Furcht fuͤr dem wuͤtenden Lucius ihr ihr Angeloͤbnuͤß abgezwungen hat. Der Priester widersprach mir/ und sagte: Die den Goͤttern geschehende Versprechungen waͤren nicht nach den Handlungen der Menschen zu urtheilen. Sie blieben unaufloͤßlich/ denn sie gereichten al- lezeit den Menschen zum Besten. Daher P p p 2 koͤnten Vierdtes Buch koͤnten sich diese niemals uͤber einige Bevorthei- lung beschweren. Also solte Dido nur ihre Vergnuͤgung in der Andacht suchen. Dido waͤre einmal Priesterin/ diß muͤste sie sterben. Also muͤste ich mir das Andencken dessen/ was sie vorhin gewest/ und meine Liebe mir nur aus dem Sinne schlagen. Denn ausser der Vergeßligkeit haͤtten die Sterblichen kein Recht uͤber geschehene Dinge/ und vergangene Sa- chen. Hiermit gab er so wohl dem Koͤnige als mir ein Zeichen zu unserer Entfernung. Dido aber begleitete mich mit so wehmuͤthiger Geber- dung/ daß ich mich laͤnger der Thraͤnen nicht enthalten konte. Jhr stummer Mund flehete mich beweglichst umb Errettung an/ und meine Augen bemuͤheten sich ihr selbte stillschweigende zu versprechen. Nach dem ich mit dem Juba auf sein Gemach kam/ ließ er auch seine Gemah- lin Cleopatra kommen/ erzehlete mir die grosse Muͤh/ welche er und der Priester gehabt seine Tochter von hundert verzweifelten Entschluͤs- sungen zuruͤcke zu halten. Er betrauerte/ daß es mit der Dido so weit kommen waͤre/ und so wohl er als Cleopatra betheuerten/ daß/ wenn die Goͤtter hierinnen ein Mittel schickten/ sie fuͤr groͤstes Gluͤcke schaͤtzen wolten/ wenn ich ihre Tochter zu einer Gemahlin wuͤrdigte. Diese Zuneigung und andere Hoͤfligkeiten hielten mich zu Cirtha zuruͤcke/ als gleich Cornelius Cossus mit der meisten Roͤmischen Macht wie- der nach Rom zoh/ allwo man seine Verrichtung so hoch hielt/ daß ihm der Kaͤyser/ wie vorher dem Statilius Taurus/ dem Lucius Antroni- us/ und Cornelius Balbus ein Africanisches Siegs-Gepraͤnge und des Getulischen Zunah- men verstattete. Jch/ fuhr Flavius fort/ brachte bey nahe ein gantzes Jahr an des Juba Hofe/ und zwar die Tage mit allerhand Mohrischen Kriegs-Ubun- gen/ die Naͤchte aber mit stetem Nachdencken zu/ die unter dem Scheine einer heiligen Wuͤrde angefaͤsselte Dido zu erloͤsen. Drey mal hatte ich/ das Gluͤcke sie auf gewissen Fest-Tagen zu sehen und einmal auch so wohl von ihr einen geheim en Zettel zu bekommen/ als ihr einen zuzusiecken/ darinnen ich alles aͤuserste fuͤr sie zu thun ange- lobte. Jnzwischen machten die Getulier auf Anstiftung der Garamanten und Marmarider einen neuen Aufstand. Die letzten ergriffen des- halben wider die Roͤmer die Waffen/ weil August in gantz Lybien des Ammonischen Jupiters Got- tes-Dienst deshalben verbieten ließ/ daß er durch seine denen kringlichtẽ Hoͤrnern insgemein glei- che Wahrsagung seinen Enckel Cajus in Arme- nien zu schickẽ/ und daruͤber einzubuͤssen verleitet hatte. Auch haͤtte der Landvogt im Befehl aus dem uhralten noch von dem Baechus erbauten Tempel den kostbaren Widder nach Rom zu schicken/ welcher mit eitel gelben Edelgesteinen uͤbersetzt ist/ die die Egyptier die heiligen Widder- Hoͤrner heissen/ und Goͤttliche Traͤume verur- sachen soll. Die Lybier schlugen die Roͤmer aus der Stadt Ammon und Mareobis/ und die Priester versicherten sie/ daß ihr Hammon sie so wohl von den Roͤmern erretten wuͤrde/ als er dem ihn zu vertilgen anziehenden Cambyses funfzig tausend Persen mit Sande bedeckt haͤtte. Durch diese eifernde Andacht kamen auch die Garamanten mit ins Spiel/ und Micipsa der zu ihnen geflohene Sohn des von dem Juba er- schlagenen Hiarba reitzte auch die Getulier auf/ welche wegen der ihnen geraubten und nun- mehr schlecht verehrten Diana wider die Numi- dier groͤssere Ursache des Krieges haͤtten/ als die Marmarider wider die Roͤmer. Der dem Ca- jus zur Aufsicht mitgegebene Publius Quiri- nius/ welcher zwar von schlechter Ankunft zu La- vinium entsprossen/ aber zu dem groͤsten Krieges- Ruhme/ und so gar zur Wuͤrde des Roͤmischen Buͤrger meister-Ampts gestiegẽ war/ auch wegen der in Ciliciẽ eroberten Hamonadensischẽ Schloͤs- ser zum Siegs-Gepraͤnge gelassen worden war/ kam nach des Cajus Tode und dem Parthischen Frie- Arminius und Thußnelda. Frieden aus Asien nach Paratonium an/ schlug unter dem Gebuͤrge Aspis die Lybier/ eroberte Mareotis und Am̃on wieder. Koͤnig Juba aber und ich brachen mit leichter Muͤh/ weil alle vor- theilhaftige Oerter mit Numidiern besetzt wa- ren/ in Getulien ein. Nach dreyen leichten Treffen wiech Micipsa zu den Garamanten/ welche wir an dem Flusse Garama zum stehen zwangen/ und sie mit Erlegung etlicher zwantzig tausend in die Flucht schlugen/ und die vormals vom Cornelius Balbus eroberte Haupt-Stadt Garaman eroberten. Unterdessen hatte Qui- rinius die Marmarider voͤllig zum Gehorsam bracht. Daher fuͤhrte er auf dem Flusse Ciay- phus sein Kriegsvolck auf dreyhundert seichten Schiffen in die schoͤnste und fruchtbarste Land- schafft des gantzen Africa Cieyps/ und uͤber das so lustige Gebuͤrge/ die Huͤgel der Chariten ge- nennet/ vollends in das Reich der Garamanten. Diese sahen sich nun auf beyden von ei- nem maͤchtigen Feinde umbzuͤngelt/ und deroge- stalt in hoͤchsten Aengsten/ sonderlich weil die Roͤ- mer wegen der betruͤglich ermordeten Roͤmi- schen Besatzungen keinen Garamanter leben liessen. Nach dem sie sich nun die Brunnen des Landes mit Sande zu bedecken bemuͤhten/ weil zu uns taͤglich Landes-kuͤndige Uberlaͤuffer kamen/ ergaben sich in einem halben Jahre die Staͤdte Negligemela/ Rapsa/ Thube/ Tabidi- um/ Nathabut/ Nitibrum/ Tapsagum/ Pege und Boin/ und hiermit das halbe Koͤnigreich. Quirinius nahm Matelge/ Zazama/ Baracum/ Baluba und Balsa mit Sturm ein/ und endlich belaͤgerten wir den Garamanten-Koͤnig Asdru- bal/ und den Micipsa in der Stadt Debris. Diese unterliessen nichts/ was zu einer Gegen- wehr gehoͤret. Es kamen aber meine durstige Deutschen/ welche an vielen Orten Brunnen zu finden gruben/ auf eine unter der Erde von eitel Porphyr gemauerte Wasserleitung/ welche wir alsofort den Belaͤgerten abschnidten/ und zu grosser Erquickung unsers Heeres verbrauch- ten. Jn weniger Zeit lidten jene grosse Noth vom Wasser. Denn ob wohl sie in der Fe- stung einen Brunn hatten/ so diente doch das von Mittag biß zu Mitternacht heiß hervor quel- lende Wasser zu keiner Durstleschung. Das von Mitternacht biß zu Mittag rinnende kalte war fuͤr eine so grosse Menge Volck und Pferde nicht zulaͤnglich/ auch wegen seines vielen Schwefels ungesund; daher auch so wohl Men- schen als Vieh haͤuffig zu sterben anfingen/ und in unserm Laͤger sich viel Uberlaͤuffer einfanden. Diese berichteten uns/ daß folgende Nacht alles/ was Waffen tragen koͤnte/ auszufallen/ und sich durchzuschlagen entschlossen waͤre. Daher zoh ich an dem bestim̃ten Orte alle Wachen zuruͤcke/ oͤfnete die Verbauungẽ der Wege/ umb dem ver- zweifelten Feind Lufft zur Fluchtzu machen. Jch versteckte aber zweyerley starcke Hinterhalte/ de- rer einer bey erfolgendem Ausfall alsbald in die Stadt drang/ der andere den Fluͤchtigen in Eisen lag. Diesen letzten fuͤhrte ich selbst/ und hatte das Gluͤcke den Micipsa eigenhaͤndig zu toͤdten/ den Koͤnig Amilcar gefangen zu kriegen. Der Ritter Gleichen/ Oberster uͤber die Deut- schen/ bemaͤchtigte sich aber des Thores. Und hiermit ward auch diesem Kriege in zweyen Jahren ein Ende gemacht; Sintemal die uͤbrigen Staͤdte uns vollends die Schluͤssel schickten. Wir betrachteten alle mit einan- der den seltzamen Sonnen-Brunn/ welchen die Garamanten Goͤttlich verehren/ auch uͤber selbten einen rundten Tempel ohne Dach/ der Sonnen zu Ehren von rothem Marmel ge- bauet haben. Jedoch gestehen die Garaman- ter selbst/ daß der Troglodytische Sonnen- Brunn noch wunderbarer sey/ weil er am Mit- tage eiß-kalt und suͤsse/ umb Mitternacht bruͤh- heiß und bitter ist. Die Griechen aber meynen ihren des Mittags verseigenden und stets kal- ten Jupiters-Brunn beyden weit vorzu- ziehen/ weil er die angezuͤndeten Fackeln auslescht/ die ausgeleschten aber anzuͤndet. P p p 3 Qui- Vierdtes Buch Qvirinius und Juba theilten das Garamanti- sche Reich mit einander/ und schafften diesem halb viehischem Volcke die Gemeinschafft der Weiber und andere wilde Unarten bey Lebens- Straffe ab. Jener zohe sieghafft/ und mit zwey- fachem Ruhme nach Rom/ weil er das ihm ver- laubte Siegs-Gepraͤnge unterließ/ und sich des gegebenen Zunahmens Marmaricus und Ga- ramanticus nicht gebrauchen wolte. Jch kam mit dem Juba gleichfals wieder in Numidien/ welcher mich neben ihm auff einem mit sechs E- lefanten bespannten guͤldenen Siegs-Wagen zu Cirtha einzufahren noͤthigte. Aber diese Freude war viel zu schlecht meinem nun wieder auffwachendem Liebes-Kummer abzuhelffen/ denn die steten Kriegs-Geschaͤffte nur ein wenig eingeschlaͤfft hatten. Jnsonderheit goß die der Diana in meinem Ansehen opffernde Dido a- bermahls mehr Oel in das Feuer meines Her- tzens als sie Weyrauch in die gluͤenden Kohlen des Opffer-Tisches streuete. Dahero Juba und Cleopatra so wohl mit mir/ als ihrer nichts minder verliebten und mit Unwillen opffernden Tochter Mitleiden hattẽ/ mir auch alles eusserste zu versuchen anboten/ was zu meiner Vergnuͤ- gung gereichen moͤchte. Hierauff fuͤgten sie sich fast taͤglich in den Tempel/ und ward einen gan- tzen Monat lang mit den Priestern uͤber der Di- do Befreyung Rath gehalten. Nach solcher Zeit kamen Juba/ Dido/ und der oberste Priester des Morgens fruͤh bey auffgehender Sonnen voller Freuden in mein Schlaffgemach/ weckten mich auff/ weil mir gleich traͤumte: Wie ein Falcke mir eine an dem Meer-Ufer gefundene herrli- che Perlen-Muschel aus den Haͤnden riße/ selb- te empor fuͤhrte/ und nachdem er die darinnen gewesene koͤstliche Perle verschlungen/ sie wieder in meine Schoos fallen liesse. Uber dieser Be- gebung erwachte ich/ und vernahm mit grosser Vergnuͤgung die gewuͤnschte Zeitung/ welche mich meines Traumes und aller Sorgen ver- gessen ließ. Wie mir denn auch die grosse Hoff- nung den Beysatz nicht verdruͤßlich machte/ daß unser Beylager noch drey Monat verschoben werden muͤste. Den dritten Tag ward ein gros- ses Feyer in dem Dianischen Tempel gehalten. Der Diana wurden hundert Loͤwen geopffert/ hundert zehnjaͤhrige edle Maͤgdlein auff Athe- niensische Art eingeweyhet/ und selbte auff zehn mit Baͤren bespannten Wagen in Tempel ge- fuͤhret. Die den Tempel ringsum bewachen- den drey hundert Loͤwen wurden nach Getulien geschickt/ uñ in der Wuͤsteney frey gelassen. Den vierdten Tag ward Dido auff einem praͤchtigen Siegs-wagen nach Aphrodisium in den an dem Meer-Strande stehenden Tempel der Aphro- ditischen Venus gefuͤhret/ welcher sie daselbst auf gewisse Zeit eingeweyhet werden solte. Mir kam zwar nachdencklich fuͤr/ daß ich bey solchem Auf- zuge der Fuͤrstin Dido Haupt mit fremden Haaren bedeckt; und uͤber diß/ daß die Abschnei- dung der Haare ein Zeichen des Traurens/ und ein Opffer der Schiff bruch-leidenden ist/ sie noch in der traurigsten Bestuͤrtzung sahe; meine Liebe aber/ welche insgemein zwar argwoͤhnisch/ aber auch leichtglaͤubig ist/ ließ sich leicht durch den Vorwand beruhigen/ daß die Traurigkeit zwei- felsfrey nur aus einer verliebten Ungedult we- gen verschobener Hochzeit herruͤhrte/ ihre Haare aber haͤtte sie an statt ihrer Jungfrauschafft Di- anen zuꝛ Veute lassen/ wie bey denen Troͤzeniern die Heyrathenden ihre dem Hippolytus/ und bey den Assyriern der Derceto wiedmeten. Also haͤtte schon Orestes auf Befehl der Goͤtter der Tauri- schen Diana einen Tempel bauen/ undseine ab- geschnittene Haare darein lieffern muͤssen. Man uͤberredete mich zwar auch/ daß Dido in selbi- gem Tempel drey Monat ihre Andacht verrich- ten muͤßte; ein ins geheim dahin abgeschick- ter Deutscher aber brachte mir die Nachricht/ daß sie bald die andere Nacht von Aphrodisi- um weg gesegelt waͤre; Welches mich so un- ruhig machte/ daß/ als Cleopatra von mir die Ur- sache meiner ungewohnten Ungedult zu wissen ver- Arminius und Thußnelda. verlangte/ ich ihr diß/ und meine deßhalben ge- schoͤpffte Bekuͤmmerniß rund heraus entdeckte. Sie aber gab mir laͤchelnde diese scheinbare Ant- wort: Es waͤre wahr/ daß sie eine Wallfarth in den Lyceischen Tempel bey der Stadt Troͤ- zen verrichten/ und daselbst ihr Geluͤbde abstat- ten muͤste. Sie wuͤrde aber auff bestimmte Zeit unfehlbar zu Cirtha seyn. Und haͤtte man we- gen der ohne diß bey mir verspuͤrten Traurig- keit nur diese Entfernung verhoͤlet. Jch war hiermit abermahls vergnuͤgt; ungeachtet ich mehrmahls fuͤrhatte/ ihr in Griechenland zu folgen. Juba unterhielt mich inzwischen mit allen nur ersinnlichen Ergetzligkeiten/ mit Jag- ten auff die Loͤwen und Elefanten/ wie auch mit Mohrischen Ritterspielen auff. Die drey Mo- nat waren noch nicht gar verflossen/ als Dido wieder zu Aphrodisium anlaͤndete; dahin ich denn sie zu bewillkommen selbst eilete. Sie war zwar in dem Tempel noch verwahret/ ie- doch kriegte ich Erlaubniß sie darinnen in An- wesenheit der Priesterin zu sprechen. Die Trau- rigkeit war bey ihr noch nicht verschwunden/ ihr gantzes Thun war vermischt von Kaltsinnig- keit und Liebes-Bezeugungen/ welche aber im- mer wider ihre vorhin gewohnte Freyheit und Freudigkeit etwas gezwungenes an sich hatten. Als ich das dritte mahl mit ihr sprach/ und die Priesterin anderwerts hin Augen und Gemuͤth wendete/ steckte sie mir ein Schreiben mit einer solchen Empfindligkeit zu/ daß an statt der ihr auff der zitternden Zunge ersterbenden Woͤrter sie ihre Wehmuth mit einem Zeugnisse etlicher hundert Thraͤnen erhaͤrtete. Nachdem ich wie- der in mein Zimmer kam/ erstarrte ich mehr deñ der in Stein verwandelte Atlas/ als ich darin- nen folgende Zeilen laß: Wenn ich dich/ edler Flavius nicht so sehr lieb- te/ wuͤrde ich mich deiner Liebe nicht berauben. Nim also diese meine selbsteigene Verungluͤck- seligung fuͤr ein unverfaͤlschtes Zeugniß auf/ daß ich lieber gehasst und verstossen seyn wil/ als mei- ne Liebe mit einiger Unreinigkeit besudeln. Ach leider! aber/ ist gleich mein Leib/ so ist doch mei- ne Seele nicht beflecket. Der Wahn des A- berglaubens/ und der Zwang meiner verleiteten Eltern hat mich mir selbst zu einem Greuel/ und dir zu einer unwuͤrdigen Anbeterin ge- macht. Denn ich habe die dir gewiedmete Jungfrauschafft einem geilen Priester der zu Cirtha so unzuͤchtigen Diane opffern muͤssen. Alleine dieser Verlust war noch zu wenig. Man spottete noch der Geschaͤndeten/ und machte sie aus einer Verunehrten zu einer Naͤrrin. Denn man schickte mich in Argia/ badete mich bey der Stadt Nauplia in dem Brunnen Canathus/ in welchem alle Jahr Juno ihre Jungfrau- schafft wieder bekommen soll. O des abscheu- lichen Aberglaubens! daß auch die Goͤtter den Schwachheiten der Begierden unterworffen/ und des Abbruchs ihrer Vollkommenheit faͤ- hig seyn sollen! O des albern Wahnwitzes! daß das Wasser/ welches ja zuweilen einigen Schwachheiten des Leibes abhilfft/ den Ver- lust dessen/ was die Natur und die Goͤtter nicht ergaͤntzen koͤnnen/ erstatten solle! Hoͤre mich diesemnach auff zu lieben/ Flavius; wormit du von mir geliebt zu seyn nicht allzu wuͤrdig blei- best. Verstoß mich Flavius/ und enteussere dich einer solchen Braut/ welche mit Ehren weder einer keuschen Gottheit Priesterin blei- ben/ noch eine Ehefrau werden kan. Erlaube mir aber nur aus Erbarmniß/ daß die/ welche du einsmahls die Beherrscherin deiner Seele zu nennen wuͤrdigtest/ deine Magd und Leibei- gene sterben moͤge. Jch ward/ sagte Flavius/ uͤber dieser Greuel- That des Priesters beynahe rasend. Bald ver- fluchte ich den abscheulichen Priester/ bald schalt ich die wahnwitzige Dido; bald verwandelte sich mein Grimm in das wehmuͤthigste Mitleiden. Also brachte ich gantzer zwey Tage und Naͤchte zu. Endlich uͤberwand die Begierde mich an dem Priester zu raͤchen meine andere Gemuͤths- Re- Vierdtes Buch Regungen. Jch sann nunmehr auff Mittel und Wege meinen Grimm an ihm auszuuͤ- ben; als ein deutscher Edelmann mir wissend machte/ daß der Diana oberster Priester mit noch sechs andern nach Aphrodistum ankom- men waͤre/ daselbst der Diana zum Danckmal ein Heiligthum einzuweihen/ und die Fuͤrstin Dido nach Cirtha zu begleiten. Keine erwuͤnsch- tere Zeitung konte mir damahls zu Ohren kom- men. Jch verstellte daher moͤglichst meinen Schmertz und meinen Eiver/ veranlaßte auch die Dido/ daß sie zur See und auff dem Fluße Pagyda nach Cirtha zu kehren schluͤssig ward. Weil nun ohne diß mir weder die Landes-Ge- wonheit/ noch Hoͤffligkeit zuließ meinen Auff- enthalt auff dem die Dido fuͤhrenden Schiffe zu haben/ nahm ich die sieben Priester auff mein meist mit lauter Deutschen besetztes Schiff. Meinen Vorsatz zu vollziehen schien mir Him- mel und Wind gleichsam seine Huͤlffe anzubie- ten. Denn dieser beunruhigte ein wenig das Meer/ daß die Schiffe von einander etwas ent- fernet wurden/ und die Wolcken umhuͤlleten des Nachts den Monden/ daß sie einander aus dem Gesichte kamen. Hiermit befahl ich mit meinem Schiffe an der gantz nahen Jnsel Ca- lathe anzulaͤnden. Daselbst trat ich mit etlichen meiner Getreuesten aus/ und ließ die Priester auch dahin leiten. Jch hieß aber ausser dem Obersten sich alle andere entfernen/ und fragte ihn mit ernsthafftem Gesichte: Durch was fuͤr ein Mittel sich Dido von ihrem Geluͤbde be- freyet haͤtte? Er erblaßte und verstummte zu- gleich; endlich aber fing er an: Es liesse sich die- ses Geheimnis niemanden offenbahren. Aber/ versetzte ich/ die offenbaren Laster wohl bestraf- fen. Du unheiliger Mensch! hat dir nicht ge- grauset deine tolle Brunst mit der Andacht einer keuschen Goͤttin zu verlarven? Hastu dich nicht entroͤthet eine so reine Fuͤrstin mit dem Unflathe deiner Unzucht zu besudeln/ und die mir gewied- mete Myrthen in so traurige Cypressen zu ver- wandeln? Der Priester stand nicht anders/ als wenn er vom Blitz geruͤhret waͤre; gleichwol er- holete er sich und fing an: Was er gethan/ waͤre aus keiner Geilheit/ sondern nach dem Willen Dianens/ nach der Stifftung des Alterthums/ nach den Sitten der meisten Morgenlaͤnder/ und mir selbst zu Gefallen geschehen. Die Jung- frauschafft bestuͤnde ohne diß mehr in einer ein- faͤltigen Einbildung/ als in einem wahrhafften Wesen der Natur. Ja in Africa und Jndien hielte man sie mehr fuͤr einen Fehler/ als fuͤr was schaͤtzbares. Dido haͤtte sie auch nicht ihm/ son- dern nur durch ihn/ als ein Werckzeug Dianen auffgeopffert/ und er hiervon nicht die wenigste Lust/ wohl aber die Goͤttin ihre Vergnuͤgung geschoͤpffet. Diese haͤtte ihn/ er aber die Dido so heilig uͤberschattet/ daß ihre Reinigkeit so we- nig haͤtte Flecken/ als der Amianthen-Stein in der Flamme Rauch oder Versehrung fangen koͤnnen. Er glaubte nicht/ daß ich die ihrer Di- anen geschehene Opfferung der Jungfrauschafft scheltbarer als der Jndianischen Goͤtter/ und wie sie auff den Eleysinischen Feyern durch hoͤltzerne Goͤtzen geschehe/ halten wuͤrde. Ja zu allem Uberflusse haͤtte das heilige Wasser des Brunnen Canathus alles unreine abgewa- schen. Woran so viel weniger zu zweiffeln waͤ- re/ weil die Egyptier durch das Bad der Jsis/ die Perser durch das des Mithra/ die Grie- chen durch die Apollinar- und Eleusinischen Besprengungen/ und insonderheit durch das Wasser des Flusses Jlissus so wohl alle See- len-als Leibes-Flecken abwischen. Jch ward verdruͤßlich diese scheinheilige Thorheiten anzu- hoͤren/ unterbrach sie also und sagte ihm: Er sol- te seine thoͤrichte Wasser-Wuͤrckungen nur die uͤberreden/ die aus dem Paphlagonischen Brun- nen sich vollgetruncken haͤtten/ und deutete ihm an: Weil er ja so eine heilige Suͤnde began- gen zu haben vermeinte/ wolte ich keine Straf- fe an ihm ausuͤben/ als die ihre Goͤtter selbst vollzogen haͤtten. Weil sich Attis geluͤsten las- sen Arminius und Thußnelda. sen des Midas Tochter der in ihn verliebten Cy- bele vorzuziehen/ waͤre er von dieser eyversichti- gen Goͤttin gezwungen worden/ ihm unter ei- nem Fichten-Baume mit einem geschaͤrfften Kieselsteine sein Geburts-Glied abzuschneiden. Hiermit legte ich ihm Stein und Messer fuͤr/ eben diß an ihm zu vollbringen/ wormit er ein desto keuscher Priester seiner Diane/ aber ein nicht so schaͤdlicher Raͤuber der fuͤr ihn nicht ge- wiedmeten Jungfrauschafften seyn moͤchte. Der Priester machte hieruͤber zwar tausend Schwuͤrigkeiten; aber meine Andraͤuung grausamern Verfahrens noͤthigte ihn sich der Schaͤrffe meines ihm gegebenen Gesetzes wuͤrcklich zu unterwerffen. Gleichwohl ließ ich durch meine Wundaͤrtzte ihn sorgfaͤltig ver- binden/ forderte die andern sechs Priester vor mich/ verwieß ihnen ihren abscheulichen Got- tesdienst/ und sie zur Nachfolge an das Beyspiel des getreuen Combabus welcher fuͤr der ihm anvertrauten Begleitung der Koͤnigin Stra- tonice/ sich selbst entmannete/ und diese in Ho- nig/ Myrrhen und ander Gewuͤrtze verwahre- te Wahre dem Koͤnige Selevcus unter seinem Siegel anvertraute/ daß sie ihm konte hernach ein Zeugniß seiner Treue und Keuschheit/ eine Widerlegung der Verlaͤumder/ und fuͤr des Selevcus Eyfersucht eine sattsame Beschir- mung seyn. An den Koͤnig Juba schrieb ich: Nach dem die Deutschen fuͤr Aberglaube und Unehre einen Eckel haͤtten/ koͤnte er seine geschaͤndete Tochter nicht in ein Fuͤrstliches Eh- bette erheben. Er entschuldigte des Juba Leichtglaͤubigkeit/ und haͤtte Mitleiden mit dem Ungluͤcke der zu beweinen wuͤrdigen Dido. Sei- ne an dem Priester veruͤbte Rache wuͤrde er nicht fuͤr uͤbermaͤßig schelten/ weil er nur diß ge- strafft/ wormit er gesuͤndigt/ und ihn nichts mehr/ als das Vermoͤgen mehr zu verbrechen/ selbst von sich zu thun/ angehalten haͤtte. Diß sein Beyspiel solte dem Juba ein Wegweiser seyn/ wie er kuͤnfftiger Zeit fuͤr so schnoͤden Ver- leitungen seiner unzuͤchtigen Priester sicher seyn koͤnte. Haͤtte Cybele zum Gedaͤchtniße ihres geliebten Attis ein Gesetze machen koͤn- nen/ daß alle ihr dienende Priester bey Trom- peten-Schall entmannet werden muͤsten; so haͤtte er seiner mehr liebwerthen Tochter halber mehr Ursache alle Numidische auff gleiche Art zum Dienste der keuschen Diana faͤhiger zu ma- chen. Diesen Brieff gab ich denen aus dem Schiffe gesetzten Numidiern/ hinterließ sie mit den Prie- stern auff dem Eylande Calathe; ich aber segel- te mit meinen uͤbrigen Deutschen gerade nach Drexena in Sicilien. Nachdem ich nun so wohl hierinnen/ als in Campanien alles Merck- wuͤrdige besehẽ hatte/ kam ich wieder nach Rom; da mich deñ so wol der Kaͤyser als der inzwischen ans hoͤchste Bret gestiegene Tiberius sehr wohl auffnahmen; weil nicht nur Cornelius Cossus/ sondern auch der beym Tiberius sehr hoch ge- sehene Qvirinius von mir viel gutes berichtet/ und meine Dienste im Africanischen Kriege aus Gewogenheit mercklich vergroͤssert hatten. Jch kam gleich nach Rom/ als Tiberius kurtz vorher aus Deutschland kommen war/ und nebst dem Sentius Saturninus sich mit diesen Voͤlckern verglichen hatte. Dieses halff mir/ daß der Kaͤyser mich zum Haupte uͤber die zu sei- ner Leib-Wache erkieseter Batavischen Reiterey setzte. Weil aber sich wenige Zeit der hefftige Krieg in Dalmatien anspann/ und Tiberius dieses gefaͤhrliche Feuer zu leschen dahin bestim- met war/ muste ich mit denen in Roͤmischen Kriegsdiensten befindlichen Deutschen nur auch dahin. Batto hatte gleich bey Certissa an der Sau die Roͤmer aus dem Felde geschlagen/ die Breuzen und Teraunizer/ zwey Pannonische Voͤlcker ihm beyfaͤllig gemacht/ und nach Ero- berung der Staͤdte Citalis und Budalia die an dem Flusse Bucantius gelegene Haupt-Stadt Sirmium belaͤgert; ja Bato Dysidiatus hatte mit seinen Dalmatiern alles zwischen dem Flus- Erster Theil. Q q q se Te- Vierdtes Buch se Tedarius und Tillurus biß an Apollonia und das Eyland Pitiea entweder erobert oder ver- wuͤstet/ und die einige noch uͤbrige Stadt Salo- na belaͤgert; aber wegen einer von einem Wurff- Steine empfangener hefftigen Wunde dafuͤr abziehen muͤssen/ iedoch die Roͤmer zweymahl geschlagen; ja er gleichsam als ein Blitz biß an die Grentzen Jtaliens gedrungen/ hatte die Staͤd- te Nauport/ und Tergestis/ als zwey Schluͤssel nach Rom in seinen Haͤnden/ welches fuͤr Schre- cken zitterte/ sonderlich als der Kaͤyser selbst im Rathe meldete: der Feind koͤnte in zehn Tagen fuͤr Rom stehen. Also stand es in Dalmatien und Pannonien; und in Macedonien wuͤtete Pinnes/ als der Landvogt in Jllyris/ auch nach seinem Gefallen/ als Meßalinus mit der zwan- zigsten Legion und vier tausend Galliern dem Dysidiat entgegen eilete/ uñ ich ihm mit tausend Deutschen/ Tiberius aber mit einem groͤssern Heere folgte. Messalinus traff den Feind bey dem Tempel des Diomedes fuͤr sich; und weil er entweder zu hitzig war/ oder die Ehre des Sieges alleine davon tragen wolte/ ward er von dem zwar noch verwundeten/ aber die Dalmatier hefftig anfuͤhrenden Dysidiat zu- ruͤck getrieben/ daß er mit ziemlichem Verlust uͤber den Fluß Natiso weichen muste. Jch kam folgenden Tag zum Messalinus/ und nach dem wir erfuhren/ daß die Dalmatier auch uͤ- bersetzten/ stellten wir uns in einen vortheilhaff- tigen Ort/ lockten den Feind zu einem neuen Treffen/ und hatten das Gluͤcke den Dysidiat auffs Haupt zu schlagen/ welcher nach Verlust mehr als zwoͤlff tausend Mann/ weil wir ihm stets in Eisen lagen/ biß uͤber den Sau-Strom zu weichen gezwungen ward. Weil nun in- zwischen der Mysische Landvogt Caͤcina Seve- rus den Bato auch die Belaͤgerung fuͤr Sir- mium auffzuheben genoͤthigt hatte/ stiessen bey- de Bato zusammen; und nach dem so wohl Ti- berius als Rhemetalces mit einem neuen Hee- re sie gleichsam umringte/ zohen sie sich zwi- schen das Almische von den Roͤmern so genenn- te Claudische Gebuͤrge. Rhemetalces lockte zwar ein Theil des Pannonischen Heeres auff die Flaͤche/ und versetzte selbtem einen ziemli- chen Streich; nachdem aber er und Severus mit seinem gantzen Heere seinem Mysien/ in welches die Dacier und Sarmaten eingefal- len/ Ariopolis erobert/ und viel offene Oerter angezuͤndet hatten/ zueilen muste/ Tiberius mit dem Messalin zu Sescia zwischen der Sau und dem Flusse Colapis uͤberwinterte, kriegte der Feind Lufft/ spielte zwischen der Sau/ der Drave und Jster allenthalben den Meister/ und brachte fast gantz Pannonien auff seine Seite. Unterdessen gewanen Rhemetalces und Rasciporis mit ihren Thraciern zwar in Macedonien dem Pinnes eine Schlacht ab/ alleine er verstaͤrckte sich mit seinen Dalmati- ern auff dem Skandischen Gebuͤrge und an dem Flusse Drilon; aus welchen sichern Be- haͤltnißen sie denn Macedonien mit unauffhoͤr- lichen Einfaͤllen beunruhigten. Jch ward wohl befehlicht denen Pannoniern mit der Deut- schen und Gallischen Reuterey moͤglichsten Ab- bruch zu thun; und ich traff auch etliche mahl mit ziemlichem Vortheil. Weil aber die Feinde mir an Macht weit uͤberlegen/ auch so fluͤchtig als die Deutschen waren/ hingegen tausend Schlipploͤcher zum Uberfall und Entkommen wusten/ war unmoͤglich was hauptsaͤchliches auszurichten. Aulus Caͤcina und Silvanus Plautius setzten zwar aus Asien fuͤnff frische Legionen zu Lissus aus/ und der Koͤnig in Thra- cien stieß mit zehn tausend Reutern zu ihnen/ aber Pinnes und Bato boten ihnen an dem Flusse Clausula die Stirne/ schlugen die Thra- cier zum ersten in die Flucht/ erschlugen fast alle Huͤlffs-Voͤlcker/ zertrennten drey Roͤmische Legionen/ erlegten viel Obersten/ eroberten viel Fahnen/ und trieben das uͤbrige Heer biß nach Lissus. Weil nun Tiberius und Meßalin bey Sescia gleichsam unbeweglich lagen/ und schier Arminius und Thußnelda. schier alle Anschlaͤge Krebsgaͤngig wurden/ verfiel Tiberius beym Kaͤyser in Verdacht: daß er/ um die Waffen stets in seinen Haͤnden zu behalten/ diesen Krieg mit Fleiß verzoͤgerte. Daher entschloß er sich den jungen Agrippa in Dalmatien zu schicken; Aber Liviens Arg- list wendete alle Kuͤnste an/ den Tiberius ei- ner solchen Neben-Sonne zu entuͤbrigen/ brach- te es auch so weit/ daß nicht allein statt des Agrippa der vom Tiberius fuͤr einen Sohn angenommene Germanicus in Pannonien geschickt/ sondern auch Agrippa/ weil er wegen dieser Ubergehung Livien ihre Stieffmuͤtter- liche Feindschafft/ dem Kaͤyser aber die Vor- enthaltung seiner vaͤterlichen Guͤter fuͤrruͤckte/ auff das Eyland Pcanasia verwiesen ward. Germanicus kam mit einem maͤchtigen Heere in Pannonien/ denn der Kaͤyser hatte nicht nur Freygebohrne darzu geworben/ sondern auch bey damahliger Theurung viel tausend Freygelassene um Getreyde zu Kriegs-Dien- sten erhandelt. Dalmatien und Pannonien ward von so viel Roͤmischen Heeren zwar gleichsam uͤberschwemmet/ sintemahl zehn Roͤ- mische Legionen/ siebentzig Fahnen Huͤlffs- Voͤlcker/ vierzehn Fluͤgel Reuterey/ ohne viel tausend Freywillige zusammen kamen/ welche aber wider die tapffern Pannonier wenig denckwuͤrdiges ausrichteten/ als daß sie weit und breit Pannonien einaͤscherten/ um die/ wel- che sie mit Waffen zu uͤberwinden nicht getrau- eten/ durch Hunger zu zaͤhmen. Severus ruͤckte zu dieser Zeit/ nachdem die Dacier und Sarmater wieder uͤber die Jster in das ber- gichte Dacien gewichen waren/ aus Mysien zwischen dem Flusse Pathissus und Jster durch das Gebiete der Metanaster und Jazyger den Pannoniern auff den Hals/ setzte bey Sali- num uͤber den Jster/ bey Caͤsarea uͤber den Fluß Urpan/ schlug sein Laͤger an dem Vol- ceischen See auff/ kam also dem Vato recht in Ruͤcken. Dieser aber zohe in Eil den Dysi- diat an sich/ uͤberfiel gantz unversehens des Se- verus umb Triccana Barbis/ und Serbium in aller Sicherheit sich erfrischendes Heer/ und trieb es biß unter den Wall. Weil aber von Flexum den Tag zuvor die vierzehende Le- gion ins Laͤger ankommen war/ welche den Fluͤchtigen mit der alten Besatzung zu Huͤlffe kam/ musten die Pannonier sich zuruͤck ziehen. Germanicus und ich hatten zu selbiger Zeit mit einem Theile unsers Heeres gegen die Dalmatier zu schaffen/ und das Gluͤcke/ daß wir die Maceer und Dindarier unter dem Ge- buͤrge Carvancas aus dem Felde schlugen; welchen Sieg Germanicus selbst der Deut- schen Tapfferkeit zueignete. Gleicher gestalt ging die feste Stadt Lopsica/ darein der Feind fast allen Vorrath des Landes gebracht hatte/ durch die Staͤrcke eines Hermundurischen Ritters Polentz/ oder Pulio uͤber. Hiermit geriethen die Dalmatier und Pannonier in eusserste Noth der Lebens-Mittel/ und von de- nen gegessenen rohen Kraͤutern und Wurtzeln rissen viel schaͤdliche Seuchen/ wie nichts min- der die Zwytracht bey ihnen ein. Denn Ba- to der Breutzer Fuͤrst liefferte gegen empfan- genes Versprechen/ daß er selbiges und das Skordiskische Fuͤrstenthum bekommen solte/ den Fuͤrsten Pinnes und die Festung Aleta in des Tiberius Haͤnde. Welches den Dysidiat noͤ- thigte dem Tiberius Frieden anzubiethen/ wel- cher denn auch von ihm zu einer Unterredung ein frey Geleite bekam/ und dem Tiberius auff die Frage: Warum sie wider die Roͤmer auff- gestanden waͤren? antwortete: Weil sie ihre Heerden zu bewahren nicht Hirten und Hun- de/ sondern Woͤlffe brauchten. Dysidiat schloß also einen fuͤr die Dalmatier und Pannonier ziemlich ertraͤglichen Frieden. Tiberius und Germanicus zohen mit grossem Siegs-Ge- praͤnge/ und der Kaͤyser/ welcher/ umb dem Kriege desto naͤher zu seyn/ unterdessen sich zu Arminium auffgehalten hatte/ mit grossen Q q q 2 Freu- Vierdtes Buch Freuden nach Rom; allda er auch mich mit einem Siegs-Krantze beschenckte. Jnzwi- schen konte Dysidiat dem Bato seine Verraͤ- therey nicht vergessen/ daher belaͤgerte er ihn mit denen ihm ebenfalls gramen Breutzen in der Festung Serota/ verdammte ihn nach der- selben Eroberung zum Tode/ und ließ ihn als einen Verraͤther in Spieß stecken. Der Pan- nonische Landvogt nahm diß fuͤr einen neuen Friede-Bruch auff/ uͤberzohe die Breutzer/ und zwang sie mehr durch Feuer als durchs Sch werdt auffs neue um Frieden zu bitten; den Dysidiat aber nach Arduba in Dalma- tien zu weichen. Alldieweil aber beyde Voͤl- cker von den Roͤmern aͤrger als iemahls vor- her gedruͤckt und ausgesogen wurden; flehe- ten sie den Fuͤrsten Dysidiat abermahls umb Beschirmung ihrer Freyheit an/ uͤberfielen die Roͤmischen Besatzungen/ und brachten den Silan bey Velcera ziemlich ins Gedrange. Germanicus eilte mit frischen Voͤlckern in Dalmatien/ buͤssete aber in der Stadt Rheti- um/ darein ihn die fluͤchtigen Dalmatier arg- listig lockten/ durchs Feuer etliche tausend Mann ein. Diese aber ersetzte er kurtz her- nach mit Eroberung der vormahls vom Ti- berius vergebens belaͤgerten Stadt Seretium. Weil aber Dysidiat sich taͤglich verstaͤrckte/ und mit vier Heeren gegen die Roͤmer kriegte/ schickte der Kaͤyser noch drey Kriegs-Heere unter dem Tiberius dem Silan und Lepi- dus in Pannonien; Er selbst aber und darun- ter ich schlugen sich zum Germanicus. Si- lanus kriegte an dem Flusse Arrabo/ Silan an der Drave mit ihren Feinden zu schaffen/ und wurden nach etlichen Treffen bey Carro- dum/ Bolentium und Limusa Meister. Ti- berius und Germanicus drangen mit dem Kaͤyser durch der Flanater/ Japuͤder und Ma- zoer Gebiete dem Dystdiat biß ins Hertze Dal- matiens/ und ward er selbst in der fast unuͤber- windlichen Festung Anderium an dem Flusse Jader belaͤgert. Der Kaͤyser ruhete bey die- ser Belaͤgerung in der Naͤhe zu Salona aus. Jch will hier nicht die Kuͤnste des schlauen Tibe- rius erzehlen; genug ist es/ daß er den Dysidiat/ als er seine Dalmatier vergebens zu einem neu- en Frieden zu bewegen bemuͤhet war/ dahin brachte/ daß er sich heimlich aus der Festung stahl/ und die Seinigen verließ; auch nach eus- serster Gegenwehr den Feind endlich zur Er- gebung zwang. Unterdessen schlug Germani- cus nebst mir etliche mahl den Feind/ und nahm das gantze Gebiete der Epetiner/ Phryger und Karier biß auff die Haupt-Stadt Arduba ein. Diese Belaͤgerung setzte Germanicus mit so viel hertzhafftigerm Eyfer fort/ als er dem Tiberius in der Belaͤgerung der Stadt Anderium/ von welcher dieser jenen mit Fleiß entfernet hat- te/ nichts nachzugeben begierig war. Die Stadt Arduba war fast umb und umb von dem uͤberaus strengen Strohme Tillurus um- geben; in welchem die Roͤmer mit ihren sonst braͤuchigen Schiff-Floͤssen/ oder an die Schen- ckel gebundenen und auffgeblasenen Ochsen- Blasen und Ziegen-Haͤuten uͤber zu kommen vergebens versuchten. Germanicus wuste ihm hierinnen weder Huͤlffe noch Rath/ und al- so foderte er von mir ein Gutachten. Jch aber/ weil ich bereit wahrgenommen hatte/ daß der Strohm nicht allenthalben an die Stadtmau- ern striche/ sondern an etlichen Orten ein ziemli- cher Platz Erde unbewaͤssert an den Mauern hinge/ erbot mich folgende Nacht unter der Stadt-Mauer mit meinen Deutschen festen Fuß zu setzen. Dieses bewerckstelligte ich auch gluͤcklich. Deñ ich laß mir 200. des Schwim̃ens erfahrne Deutschen aus; iedem gab ich ein Gꝛab- scheit/ ein Holtz oder Bret/ welches sie mit uͤber den Fluß zu bringen getrauten. Mein Vor- gang/ die truͤbe Nacht/ und das grosse Geraͤu- sche des Stromes machte/ daß wir unvermerckt uͤber- Arminius und Thußnelde. uͤberkamen/ vorwerts uns mit einer fuͤr uns aufgeworffener Brustwehre/ uͤber uns mit ei- nem von Bretern gemachten/ und fuͤr den Brand mit Erde beschuͤttetem Dache/ wider alle Gewalt verwahrten. Woruͤber die Belaͤger- ten derogestalt bey der Tagung erstauneten/ daß sie sich zu ergeben schluͤssig waren. Weil aber mehr als tausend Uberlaͤuffer in der Stadt wa- ren/ welche an aller Gnade verzweifelten/ und also alles aͤuserste auszustehen vorhatten/ ent- stand in der Stadt ein Aufruhr. Jedoch schlu- gen sich die mehr maͤnnlichen Weiber zu den letz- ten/ und fielen ihren eigenen Maͤnnern/ Bruͤ- dern und Soͤhnen in die Haare. So bald ich der innern Unruh innen ward/ ließ ich durch meine schwimmende Deutschen etliche Seile uͤber den Strom ziehen/ an welchen nicht nur meine uͤbrige Landsleute/ und ein paar tausend Roͤmer/ sondern auch der benoͤthigte Sturm- Zeug uͤbergebracht werden/ und wir schier ohne allen Widerstand die Stadt Arduba ersteigen konten. Die Dalmatischen Weiber liessen nunmehr von ihren eigenen Anverwandten ab/ und fielen uns wie wuͤtende Unholden an; nach- dem sie aber ihrer Ohnmacht gegen unsere Waf- fen gewahr wurdẽ/ stuͤrtzten sie sich meist alle mit ihren in der Eil erwischten Kindern/ theils in die von ihnen selbst angezuͤndeten Haͤuser/ theils uͤber die Mauern und in den Fluß Tellurus. Sin- temal ihnen ertraͤglicher schien alles/ als das edle Kleinod der Freyheit zu verlierẽ. Also ging diese fuͤr unuͤberwindlich geruͤhmte Festung schier oh- ne Verlust uͤber; und mit ihr entfiel fast allen Dalmatiern vollends das Hertze/ also/ daß sie entweder sich selbst willig ergaben/ oder vom Vibius Posthumius vollends unschwer be- zwungen worden. Die Pannonier aber wur- den aufs neue von Daciern und Sarmatern durch eine Huͤlffe von 40000. Mann aufge- frischt/ welche die beruͤhmte Stadt an dem Jster zu den Colossischen Saͤulen genannt/ mit einer grossen Niederlage der Roͤmer dem Severus ab- gewannen/ und biß an die Mansvetinische Bruͤ- cke an der Drave alles unter ihre Gewalt brach- ten. Dieser neue Feind ermunterte auch die zwi- schen dem Gebuͤrge Ardius und dem Flusse Dri- nus uͤberaus vortheilhaftig gelegene und so wohl ihrer Kriegs-Wissenschafft als Harnaͤckigkeit halber beruffene Daoriser/ wie auch die streitbarẽ Disitiates/ daß sie unter dem jungen Pinnes wi- der die Roͤmer die Waffen ergriffen. Wider diese letztern ward der neu - erwehlte Dalmatische Landvogt Vibius Posthumius/ Lepidus und Ju- nius Blesus geschickt/ welche fast mit gaͤntzlicher Vertilgung dieser Voͤlcker dem Kriege ein Ende machten. Mich aber schickte der Kaͤyser mit dem Licinius Nerva Silianus wider die Dacier und Sarmater/ weil die Deutschẽ/ des Augustus Ur- theil nach/ diesen geschwinden Feinden am besten zu begegnen wuͤsten. Jch setzte bey Leucomũ uͤber die Sau/ bey Anciana uͤber die Drave/ in Mey- nung bey Varronianum auch uͤber den Jster zu kommen/ und nicht nur dem sich aus Dacien taͤglich vermehrenden Feinde alle fernere Huͤlffe/ sondern auch die Ruͤckwege uͤber den Jster abzu- schneiden. Es setzten sich aber die Pannonier und zehntausend Dacier bey Animascia uns in Weg; also/ daß ich mit meinẽ Vorzuge gezwun- gen ward zu schlagen. Jch gebrauchte mich aber des von dem Ventidius gegen die Parther so gluͤcklich angewehrten Vortheils/ daß ich mit meinem Kriegs-Volcke einen Huͤgel besetzte/ von dem ich die mich angreiffenden Feinde Sporn- streichs und mit verhengtem Ziegel als ein Blitz anfiel; also nicht allein die viel tausend abge- schossenen Pfeile der Dacier uͤberhin gehen ließ/ sondern auch die foͤrdersten Feinde uͤber einen Hauffen rennte/ und durch die Tapferkeit der einigen Deutschen in kurtzer Zeit die Dacier und Pannonier in Unordnung und in die Flucht brachte. Wie wir aber vernahmen/ daß der Feind zu Varronianum und Mursella sich Q q q 3 starck Vierdtes Buch starck verschantzt hatte/ wurden Silvan und ich schluͤssig zu Mursa zuruͤck uͤber die Drave/ und zu Korbach uͤber den Jster zu gehen. Dieses verrichteten wir ohne einigen Widerstand. Weil aber der Feind nunmehr inne ward/ daß wir ihm in Ruͤcken zu kommen vermeynten/ hielt er fuͤr nothwendig/ ehe als wir uns einigen festen Ortes bemaͤchtigten/ zu Varronian ebenfalls uͤber den Jster zu setzen/ und uns mit gantzer Macht auff den Leib zu gehen. Dieser kam uns den dritten Tag mit 60000. Mann ins Gesichte. Daher Silan und ich uns harte an den Jster-Strom recht gegen uͤber/ wo die Drave in den Jster faͤllt/ in Schlacht-Ordnung stellten/ wormit die star- cke feindliche Reiterey die Sarmater das Roͤmi- sche Fußvolck nicht umbgebẽ und an beydẽ Sei- ten anfallen koͤnte. Wie wir auch wahrnahmen/ daß die Pannonier den rechten/ die Dacier den lincken Fluͤgel erwehltẽ/ der Sarmater aber bey- de Fluͤgel auf der Seite deckten; also ich die Helffte unser Reiterey denen an dem Jster vergebens gestellten Sarmatern an ihrem lincken Fluͤgel genungsam zu seyn meynte; setzte ich alle Stall- Buben zu Pferde/ und stellte die Helffte dersel- ben bey unserm lincken Fluͤgel/ allwo Silan mit der vierzehenden Legion am Jster gegen den Feind genungsam feste stehen konte. Die Helfte der Deutschẽ und Gallier Reiterey aber/ wie auch 2000. unnuͤtzes Gesindlein stellte ich hinter ei- nen auf der rechten Hand gelegenen Berg. Wir traffen mit unserm lincken Fluͤgel wegen Vortheilhaftigkeit des Ortes mit Fleiß zum er- sten. Da denn unser Anschlag bald gewuͤntscht ausschlug/ indem/ als die Roͤmische Legion mit fest geschlossenen Gliedern gegen die Pannonier andrang/ die Sarmatische Reiterey derogestalt ins Gedrange kam/ daß sie sich nicht ruͤhren kon- te/ auch die Ordnung der Pannonier selbst dort und dar verwirrte. Daher entschloß sich zwar ihr Fuͤhrer Fuͤrst Popel in den Strom zu setzen/ in Meynung in selbtem herunter zu schwem̃en/ und unserm lincken Fluͤgel in Ruͤcken zu kom- men; Aber es hinderte diß theils das hohe Ufer/ theils/ weil ich derogleichen vorgesehẽ/ meine An- stalt/ in dem ich an dem seichten Ufer in der Eil hatte Grabẽ aufwersfen/ oder hoͤltzerne Schlaͤge fuͤrmachen lassen. Jnzwischen kam auch unser rechter/ und des Feindes lincker Fluͤgel ins Ge- fechte. Unsere an die Spitze gestellten Griechen und Asiatischen Huͤlffs-Voͤlcker lidten zwar von den hartnaͤckichten Daciern etwas Abbruch/ ie- doch ließ ich bald Deutsche/ bald Roͤmer an die Luͤ- cke tretẽ/ und erhielt also die Schlacht-Ordnung feste/ daß die Dacier muͤde worden/ ehe die dritte Legion/ welche dem Lucius Apronius vertrauet war/ recht zum Fechten kam. Die Reiterey der Gallier und Thracier lidt zwar auch von den geschwinden Sarmatern Noth; wenn aber die Deutschen auf sie traffen/ raͤumten sie Augen- blicks den vorhin erlangten Vorthel. Als nun derogestalt beyde Heere miteinander im heftig- sten Treffen waren/ kamen 50. mit Pannoni- ern geladene Schiffe den Strom herab/ welche theils des Silans Legion und unsern gantzen lincken Fluͤgel in der Seite mit allerhand Ge- schoß angriffen/ theils auch unterwerts Volck mit Aexten aussetzten/ die die Graben fuͤlle- ten/ die Schlag-Baͤume zerhieben/ und also der Sarmatischen Reiterey am Ufer auszusetzen/ und unsern lincken Fluͤgel hinterwerts anzufal- len Gelegenheit machten. Silan wendete zwar/ als unsere blinde Reiterey nemlich die Stallbuben die Flucht nahmen/ ein Theil des lincken Fluͤgels umb und gegen die Sarmater; aber weil er von dreyen Seiten bestritten ja er auch selbst von denen eindringenden Sar- matern mit einer Sebel im Haupte heftig verwundet ward/ gerieth der gantze lincke Fluͤgel in Unordnung. Mein rechter hatte fuͤrsich selbst genung zu thun; also befahl ich/ daß unsere hin- ter einem Huͤgel stehende Reiterey dem lincken Fluͤgel zu Huͤlffe eilen/ die gantze blinde Reite- rey aber umb den Berg herumb gehen/ und de- nen gegen mich fechtenden Daciern in Ruͤcken ein- Arminius und Thußnelda. einzufallen draͤuen solte. Der Ritter Zimbern fuͤhrte die deutsche Reiterey mit unvergleichli- cher Hertzhaftigkeit an/ und zwang die Sarma- ter/ daß sie uͤber Hals und Kopf in Jster spren- gen musten. Jch kam auch selbst dem lincken Fluͤgel zu Huͤlffe/ und vertraute dem Avronius den rechten/ setzte denen schiffenden Pannoniern 500. Thracische und Cretische Schuͤtzẽ entgegen/ brachte also den lincken Fluͤgel wieder in Stand. Hingegen wurden die Dacier und Sarmater in ihrem lincken Fluͤgel von unser sich hervorthu- enden blinden Reiterey derogestalt geschreckt/ daß diese die offentliche Flucht zu ergreiffen/ jene aber in Verwirrung zu gerathen anfingen. Ritter Pappenheim hielt nicht fuͤr rathsam die fluͤchtigen Sarmater zu verfolgen/ sondern ging dem Dacischen Fußvolck in die Seite/ Apro- nius drang ihnen vorwerts auf den Hals und also ging der gantze lincke Fluͤgel uͤber einen Hauffen/ zumal der Dacische Fuͤrst Deldo selbst todt blieb. Die Pannonier im rechten Fluͤgel verlohren hiermit ihren vorigen Vortheil/ das Hertze und das Feld. Das Gefechte ward nunmehr in ein Wuͤrgen verwandelt. Von dem Feinde blieben 18000. ohne die sich in den Jster stuͤrtzten/ auf der Wallstadt todt/ 10000. wurden gefangen. Dysidiat entran zwar auf einem Nachen/ iedoch ließ er uns seinen Gehor- sam/ und seinen Sohn Sceva zur Geissel anbie- then. Jch aber/ weil der tapfere Silan folgen- den Tag von den empfangenẽ Wunden sein Le- ben auf dem Bette der Ehren beschloß/ verwieß ich ihn an den zu Segesthe des Ausschlags er- wartenden Tiberius/ welcher anfangs den Sce- va/ hernach den ihm zu Fusse fallenden Dysidi- at/ welcher sein verwuͤrcktes Haupt zur Abschnei- dung willig darreichte/ zu Gnaden annahm. Gantz Jllyris/ Dalmatien und Pannonien kam hiermit zu voͤlligem Gehorsam/ Dacien und die Sarmater in Schrecken. Germanicus brach- te dem Kaͤyser selbst die froͤliche Zeitung/ welcher mit dem Tiberius zu Rom im Siegs-Gepraͤn- ge einzuziehen kostbare Anstalt machte/ den Ger- manicus mit einem Lorber-Krantze/ und mit der Wuͤrde der Stadt-Vogtey/ mit der Faͤhig- keit nunmehr Buͤrgermeister zu werden/ und nach den Buͤrgermeistern im Rathe seine Mey- nung zu sagen beschenckte; mir und dem Silan aber zwey Sieges-Bogen in Pannonien auf- fuͤhren/ ja auf die Wallstatt eine Stadt zu bauen/ und sie den Deutschen zu Ehren Deutschburg zu nennen befahl. Jch kam derogestalt vergnuͤgt nach Rom/ und ward allenthalben nunmehr nicht so wohl fuͤr einen Deutschen/ als fuͤr einen Roͤmer gehalten. Nach dem aber den fuͤnften Tag nach des Kaͤy- sers Ankunft die traurige Zeitung von der grossen Niederlage des Varus/ und daß mein Bruder Uhrheber dieses grossen Ver- lustes waͤre/ nach Rom kam; also die deutsche Leibwache abgeschafft/ alle andere Deutschen entweder vom Poͤfel erschlagen/ oder aufs Kaͤy- sers Befehl in Hafft genommen wurden/ ver- rauchten auch in einem Augenblicke alle meine Verdienste. Man brachte mich noch selbigen Tag nach Ostia/ setzte mich auf ein Schiff/ und segelte mit mir nach dem Eylande Dianium. Der Kaͤyser ließ mir zwar andeuten/ daß es zu meiner selbsteigenen Sicherheit/ und nur biß der schwirige Poͤfel sich wieder beruhiget habẽ wuͤr- de/ geschehe; alleine ich hielt es fuͤr ein einsames Gefaͤngnuͤß. Den andern Tag nach meiner Dahinkunft ging ich an dem Meer-Ufer in traurigen Gedancken/ als ich unversehns zwey frembde Schiffe anlaͤnden sah. Bald darauf ward ich in einen Stein verwandelt/ als die Numidische Fuͤrstin Dido ans Land trat. Diese ward mein so bald als ich kaum ihr gewahr/ iedoch war ihre Veraͤnderung nicht so heftig; daher sie sich mir naͤherte/ mich aufs holdeste gruͤßte/ und nach dem sie allen ihren Leuten sich zu entfernen einen Winck gegeben hatte/ umb meinen Zustand fragte. Jch ward scham- roth uͤber derselben Freundligkeit/ die ich durch meine Verschmaͤhung beleidigt zu haben ver- meynte; gleichwohl begegnete ich ihr mit moͤglich- Vierdtes Buch moͤglichster Hoͤfligkeit/ und entdeckte ihr mei- ne Beschaffenheit aufs kuͤrtzeste. Nach einem tieffen Seufzer fing sie an: Unvergleichlicher Flavius/ glaube/ daß ich dein Ungluͤck mehr als du selbst empfindest/ und daß ich dich als eine irꝛ- dische Gottheit verchre/ weil ich dich zu lieben unwuͤrdig bin. Meine bißherige Zufaͤlle ver- dienen nicht dein Gehoͤre; troͤste aber deine Ra- che/ daß Juba den obersten Priester auf dein Zu- schreiben habe die Loͤwen zerreissen/ und die an- dern Priester der Diane saͤm̃tlich entmannen lassen. Jch bin aus erheblichen Ursachen auf der Reise nach Rom begriffen/ hier aber ange- fahren/ umb in dem hiesigen Heiligthume Dianen ein Geluͤbde abzustatten. Wormit du aber glaubest/ daß ich deine Magd im Wercke sterben wolle/ so trete ich dir das andere Schiff zu deiner Flucht ab. Erwehle selbst einen Ort/ wo du hin wilst. Jch verlange selbten nicht zu wissen. Mache hieruͤber keine Schwerigkeit/ und lasse allen Kummer mir zuruͤcke. Jch ward hierdurch derogestalt geruͤhret/ gleich als ich eine Goͤttin fuͤr mir reden hoͤrte. Die Thraͤnen fielen mir aus den Augen/ welche ich statt einer Dancksagung ihr zuruͤcke ließ/ und mit meinen zwey deutschen Edelleuten/ die man mir ja noch gelassen hatte/ das Schiff betrat. Dido befahl dem Schiffer mir nicht anders als ihr selbst zu gehorsamen. Nach dem ich von ferne noch einst den traurigsten Abschied von ihr genommen hatte/ erwehlte ich nach Massilien zu fahren/ da ich auch den andern Tag anlaͤndete/ und von dar auf verwechselten Pferden durch Gallien nun- mehr so gluͤcklich allhier ankommen bin. Hertzog Herrmann schoͤpften uͤber dieser Er- zehlung uͤberaus grosse Freude/ die andern Fuͤr- sten aber nicht geringe Verwunderung. Der Tag war hieruͤber grossen Theils verstrichen; und weil Hertzog Flavius Erlaubnuͤß bat der Fuͤrstin Thußnelde und Jsmene/ wie auch dem Fuͤrstlichen Cattischen Frauenzimmer die Haͤn- de zu kuͤssen/ schied diese fuͤrnehme Versam̃lung mit hoͤchster Vergnuͤgung von einander. Jnnhalt Arminius und Thußnelda. Jnhalt Des Fuͤnfften Buches. D Je Gleichheit der Gemuͤther/ welche einen nicht wenigern Zug hat als an- dere gewisse Verwandnuͤß unter sich habende Dinge/ bringet auch vor dißmal den Feld - Herrn/ Hertzog Flavius/ Jubil/ Arpus/ Catumer/ Rhemetalces und Malovend in Begleitung der Thußnelde/ der Koͤnigin Erato/ Jßmene und Saloninen in des verwundeten Zeno Zimmer zu- sammen. Dieser wuͤntschet dem Feld-Herrn uͤber den erhaltenen Sieg und der erloͤseten Thußnelde vielfaͤltiges Gluͤck/ kommet zugleich auf das im Traumzu seiner Genesung dienende wunderbare Gesichte; Salonine und Rhemetalces aber auf den Schluß: daß das Pflaster der Liebe allen andern Gesundheits-Kraͤutern vorzuzie- hen. Der Feld-Herr giebet Beyfall und bestaͤtiget: daß offtmals der Krancken feste Hoffnung der Hand des Artztes zu Huͤlffe komme/ gebr auchten Kraͤutern frembde Kraͤffte zuwuͤchsen/ und die Einbildung allerhand Kranckheiten und Gebrechen zu hei- len/ ja so gar in Bildung der Geschoͤpffe die Natur zu bemeistern maͤchtig sey. Fuͤrst Ze- no kommt auf Ver anleitung der liebreichen Erato auf die Erzehlung seines Ursprungs/ Auferziehung und Ankunfft nach Sinope/ dahin ihn die Hinterlistigkeit des Armides gefuͤhret/ und zur erfolgenden Vermaͤhlung dem Koͤnige Ariobarzanes in die Haͤnde gespielet/ darzu denn alsbald alle Zubereitungen im Tempel gemacht/ der Koͤnig in sei- nem Vorsatz von des Zeno Vater dem Polemon unterstuͤtzet; die Koͤnigin Dynamis a- ber wegen der ihr hierinnen bewusten Heimligkeit/ der vermeinten Arsinoe/ in hoͤchstes Bekuͤmmernuͤß gesetzet wird. Diese Arsinoe ist in der Kindheit zu Rom gestorben/ und in das Begraͤbnuͤß des Großvaters Mithridates geleget/ nachmals unter dessen Per- son Zeno auferzogen worden. Polemon erschrickt uͤber diesem von der Dynamis ihm geoffenbahrten Sohne als einer Schlangenbrut/ wil ihm auch im Tempel das Schlacht-Messer in Leib stossen/ wenn ihn nicht des Priesters Arm daran verhindert. Polemon und Dynamis streiten hier auf mit einander uͤber dem Haß und Liebe/ ob sol- che nur von der blossen Einbildung/ oder von einem geheimen Triebe der Natur her- ruͤhren/ darinnen sie das unvermeidliche Verhaͤngnuͤß entscheidet/ die Dynamis nebst dem Zeno aber aus dem Tempel ins Gefaͤngniß bringet/ in welches der wuͤtende Vater Polemon mit einem blancken Dolche/ den er von seinem Schutz-Geiste empfangen zu haben sich ruͤhmet/ einbricht/ um seinen Sohn aufzuopffern/ dessen Standhafftigkeit den Vater in Furcht und Verwirrung endlich aber zu der Entschluͤssung bringet: daß er durch den Koͤnigl. Stadthalter Nicomedes der Dynamis die Freyheit/ dem Zeno da- gegen die augenblickliche Entfernung von Sinope ankuͤndigen laͤst. Nicomedes erzeh- let die dem Polemon im Schlaffe zugestossene Einbildung/ und daß der von seinem Schutz-Geiste empfangene Dolch des Mithridates gewesen/ mit mehrer Ausfuͤhrung was von Traͤumen zu halten? Diese Erzehlung unterbricht Salonine durch Aufloͤsung/ der Wundbinden/ und Pruͤfung des wolangeschlagenen neuen Pflasters. Worauf Erster Theil. R r r alsbald Fuͤnfftes Buch alsbald Zeno wieder in der Erzehlung fortfaͤhret: wie er in seiner gewoͤhnlichen Frauen Tracht von seinen zweyen Edelleuten vergesellschafftet zu Schiffe gegangen/ in die be- ruͤhmte See- und Handels-Stadt Dioscurias/ um allda desto unkenntlicher zu seyn/ ge- schiffet/ von denen am Strome Hippanus und Tyras wohnenden See-Raͤubern ange- fallen/ diese aber durch tapffern Widerstand endlich uͤberwunden/ und nach erobertem Schiffe fußfaͤllig von denen Gefangenen in seiner Frauen Kleidung vor die Fuͤrstin Ar- sinoe erkennet/ ja als eine Schutz-Goͤttin verehret/ die auf dem Raub-Schiff zugleich erloͤsete Panthasilea aber vor der Amazonischen Koͤnigin Minothea Schwester und einzige Tochter des Albanischen Koͤnigs Zobers mit Hindansetzung ihres vaͤterlichen Reichs gehalten worden. Er Zeno/ weil er bey seiner verkleideten Gestalt den Koͤnig der Meden und Armenier Ariobartzanes nicht haͤtte ehlichen wollen/ haͤtte ihn der Pon- tische Koͤnig Polemon aus allen seinen Reichen verbannet. Panthasilea versprichts mit Ausschuͤttung vieler Mitleidungs-Thraͤnen ihn bey der Koͤnigin Minothea anzu- bringen. Hierauf kommt Flavius und Rhemetalces auf die Numidier alten Egypti- er und andere Voͤlcker/ bey welchen die Maͤnner den weiblichen/ die Weiber aber den maͤnnlichen Verrichtungen obgelegen. Panthasilea erzehlet ihren Ursprung/ und wie des deutschen Koͤnigs Alemanns als ihres Uhranherrns Tochter Vandala die erste Kaͤmpfferin zu Pferde/ ja aller Amazonin Mutter gewesen. Dieser sparsamen Liebes- Wercke in ihrer mit des Bojus Sohne Tanausis gefuͤhrten Ehe; Jhre hertzhaffte Ant- wort und Tapfferkeit gegen den Egyptischen Koͤnig Vexoras oder Sesostres in Jberien bey der Stadt Harmasis/ allwo die Egyptier die geruͤsteten Weiber vor eitel Gespenster angesehen/ und nebst ihrem hierbey verwirreten Koͤnige Hertz und Feld verlohren. Zum Zeichen dieses Sieges und vieler darauf folgenden Laͤnder bauet ihr Vandala zwischen die Stroͤme Jris Thermedan ans Meer zu ihrem Koͤnigl. Sitze die Stadt Themischra; Tanausis aber nach Eroberung des kleinen Asiens/ Syriens/ Mesopotamiens und As- syriens Hirapolis und Bethsan/ welcher guten Laͤnder wegen die Gothen ihres kalten Vaterlands/ ja Frauen und Kinder ver gessen. Vandala setzet den uͤberwundenen Sa- cken einem Scythischen Volcke ihre Base Zerina zur Koͤnigin vor/ und fuͤhret dar durch auch bey den rauhen Meden die Amazonische Herrschafft ein. Sie eilet den Gotischen ihrer Maͤnner entbloͤsten Frauen in Cappadocien zu Huͤlffe/ und giebet alsbald dem zweiffelhafften Siege an dem Fluße Jris seinen erwuͤntscheten Ausschlag/ bauet dahin wegen ihrer unter waͤhrendem Kampffe aufgeflochtener Haarlocken die durch Grichi- sche Redens-Art so benamte Stadt Komana/ ingleichen der Kriegs-Göttin unter dem Nahmen der Taurischen Diana einen praͤchtigen Tempel/ darinnen nachgehends Aga- memnon seiner Tochter Jphigenie Opffer-Meße aufgehoben. Die Gotischen Frauen toͤdten ihre zu Hauße gebliebene und der Schlacht sich entzogene Maͤnner vollends/ neh- men den Nahmen der Amazonen und die ersten Gesetze der Vandala an/ welche ihnen die zwey tapffersten Frauen Marpesia und Lampeto zu Koͤniginnen fuͤrsetzet/ diese brennen ihnen selbst/ den Bogen desto besser zu gebrauchen/ die rechte Bruͤste ab/ und nennen sich Tochter des Kriegs-Gotts und der Diana. Endlich stirbt nach vielen Siegen in ihrem Reiche Vandala/ und laͤst das Gedaͤchtniß einer Goͤttin der Tapfferkeit hinter sich. Marpesiens sieghaffte Waffen biß in das Caucasische oder nachgehends nach ihr genenn- te Arminius und Thußnelda. te Marpesische Gebuͤrge unterbricht ein Assyrischer Pfeil/ ihre Tochter Gorgonia ver- folget ihre Siege/ von welcher die so genannten mit Schlangen behangene Gorgonische Schilde und Waffen den Nahmen bekommen/ wird aber auch letzt durch Hinterlist vom Perseus erleget. Nach ihr herrschet die Koͤnigin Myrine/ diese uͤberwindet die Syrer durchs Schwerdt/ die Cilicier durch Schrecken/ bauet auch unterschiedene Staͤdte/ biß sie ebenmaͤßig in der Schlacht wider die Thracischen Koͤnige umkommet. Lampeto und ihre Tochter Antiope wird nicht weniger sieghafft und in die Hoͤhe eines so ruͤhmlichen Urtheils gestellet: daß eine Amazone zu uͤberwinden so wenig/ als den Himmel mit Fingern zu erreichen moͤglich/ und dem Hercules einer Amazonen Guͤrtel vor ein schwe- rers Werck/ als das goldene Fell aus Colchis zu holen auferleget sey. Die von den A- mazonen hart bekriegte und fast uͤber den Hellespont getriebene Griechen bauen diesen ihren Feinden zum ewigen Gedaͤchtniß die Stadt Amazonia auf. Panthaseleens Lie- be gegen den Koͤnig der Mysier Telephus des Hercules und der Auge Sohn bringet das Amazonische Reich in Aufstand; faͤllt aber doch gleichwol bald die aufs neue Troja be- aͤngstigenden Grichen wieder an/ darunter die hertzhaffte Koͤnigin Tamyris dem Scy- thischen Koͤnige Madyes wider den Cyrus zu Huͤlffe kommt/ ihres erwuͤrgten Sohnes Rhodobates wegen viel tausend Persen erleget/ gegen den Koͤnig selbst aufs grausamste wuͤtet/ und dardurch allen Voͤlckern ein Schrecken einjaget/ auch behauptet: daß kein ander als Koͤnigl. Gebluͤte ins kuͤnfftige den Thron betreten solle. Die Koͤnigin Tha- lestris sendet wider des Koͤnigs Artaxerxes Ochus verschnittenen Meuchelmoͤrder Ochus Bagoas und den sich zum Koͤnige aufgeworffenen Darius Codman tausend Amazo- nen/ welche des Gotischen Koͤnigs Sit alces Tochter Syeda zwar hertzhafft fuͤhret/ aber toͤdlich verwundet/ vom Atropates gefangen/ dem grossen Alexander verehret/ und all- dar dem die Großmuͤthigkeit der deutschen verfechtendem Fuͤrsten Anthyr vermaͤhlet wird/ mit dem sie wieder in Deutschland zuruͤcke reiset. Zeno bekommt Nachricht von der Fuͤrstin Thußnelde: daß diese zwey Helden-Leute nicht allein gluͤcklich im Vater- lande ankommen/ sondern ihnen auch die Heruler zwey steinerne Ehren-Bilder aufge- richtet/ die Syeda als eine Ceres verehret/ und ihr jaͤhrlich geopffert haben. Von die- sem uhralten Stamm haben die noch heutiges Tages bluͤhenden Hertzoglichen Wappen den Bucephals Kopff geerbet. Die Koͤnigin Thalestris wird vom Alexander mit List hintergangen/ endlich gar von ihm geschwaͤngert; die Koͤnigin Erato von der Fuͤrstin Thußnelde zu einiger Erzehlung ihres Helden-Stammes/ beyde aber dardurch gegen einander zu sonderbaren Hoͤfligkeiten gebracht: biß endlich Rhemetalces von diesen Heldinnen/ ingleichen von der hertzhafften Teuta ausfuͤhrlicher zu erzehlen vom Zeno selbst ersuchet/ auch vom Feld-Herrn darinnen unterstuͤtzet wird: wie ihr Vater Ba- san ein Sicambrischer Koͤnig seinen einzigen Sohn Sedan wegen Ehbruchs getoͤdtet/ und dardurch Deutschland in Krieg verwickelt habe. Der Jllyrier Koͤnig Agron beut ihm seine Freundschafft und Beystand an: worauf Koͤnig Basan mit seiner streitbaren Tochter Teuta/ und zwar er durch seine Klugheit/ die Fuͤrstin mit ihrer Tapffer-Koͤnig Agron durch seine Streitbarkeit den Feinden obsieget. Basan erlegt eigenhaͤndig den Koͤnig Thabor; Teuta den Heerfuͤhrer der Sarmaten/ und Agrons Heldenthaten bringen ihm die Vermaͤhlung der Teuta auf der Wahlstatt zu wege. Rhemetalces R r r 2 faͤhret Fuͤnfftes Buch faͤhret in Erzehlung der Jllyrier und des sie bekriegenden klugen Koͤnig Philipps in Ma- cedonien/ welcher zu aller benachbarten Fuͤrsten geheunten Rathhaͤusern einen golde- nen Schluͤssel gehabt/ und zu der grossen Welt-Beherrschung Alexanders den Grund- stein geleget/ weiter fort: an wen nemlich nach seinem Tode die Koͤnigl. Gewalt Jllyri- ens verfallen; wie Eacidus Koͤnig in Epirus aus dem Reiche verjagt; sein zweyjaͤhri- ger Sohn Pyrrhus zur Aufopfferung von dem wuͤtenden Volcke verfolget/ endlich vom Glaucias dem Koͤnig der Jllyrier und seiner Gemahlin Beroe wider den Macedo- nischen Koͤnig Cassander in Schutz genommen/ und nebst seinen Soͤhnen auferzogen/ letzt im zwoͤlfften Jahr auf den vaͤterlichen Thron gesetzet worden. Dem Glaucias folget sein Sohn Pleuratus/ diesem aber der Hoffnungs-volle Agron der Teuta Eh- gemahl/ welche die Mydioner wider die unruhigen Etolier durch eine ansehnliche Ge- sandschafft um Huͤlffe anflehen. Teuta als ein Kriegsknecht verkleidet gehet ohne wis- sen des Koͤnigs zu Narona zu Schiffe/ setzet in Etolien aus/ erleget sie nebst dem Etoli- schen Zunfftmeister; kommt nicht allein mit reicher Beute/ sondern mit noch groͤsserm Ruhme zuruͤcke/ weil ihr die Mydioner eine Ehren-Saͤule als ihrer Erloͤserin aufsetzen. Uber dieser plotzlichen Freude stirbet ihr Ehgemahl Agron/ und laͤst einen einzigen von einer Grichin gezeugten Sohn Nahmens Pines. Teuta herrschet in dessen Minder- jaͤhrigkeit uͤber die massen wol/ demuͤthiget die sie antastende Eleer und Messenier/ nimmt auch gar die Stadt Phoenitz in Epirus mit stuͤrmender Hand ein/ wird aber in vollem Siege wegen der erlangten Nachricht/ daß die Jnsel Jssa und die Stadt Epi- damnus sich den Dardanern ergeben/ zuruͤck in Jllyrien geruffen: da sie alsbald die Aufwiegler wiederum zum Gehorsam bringet/ sich aber zu Rom uͤber die den Meineydi- gen gethane Huͤlffe beschweret. Sie stoͤst den vom Eylande Jsso abgeordneten Calempo- rus wegen seiner bey der Verhoͤr allzuscharff gebrauchten Worte mit eigener Hand tod/ den Roͤmischen Gesandten aber laͤst sie im Ruͤckwege hinrichten/ zwey Stadt-Tho- re zu Dyrrachium erobert sie mit List/ das Eyland und die feste Stadt Corcyra bekom̃t sie zum Sieges-Preiße/ welche der Roͤmische Buͤrgermeister Cajus Fulvius durch gu- tes Verstaͤndniß mit dem Stadthalter wieder einnimt. Gleichwol erhaͤlt der Teuta Hertzhafftigkeit beyden Roͤmern noch einen vortheilhaftigen Frieden/ weiset Demetrium mit seiner an sie muthenden Liebe schimpflich ab/ welcher sie als eine treulose Stief Mut- ter deßwegen bey der Tritevta des jungen Fuͤrsten Pines rechten Mutter/ hernach auch bey den Roͤmern aufs neue verhasst macht: daß sie ihn zum Vormund erkieset/ die un- vergleichliche Koͤnigin Teuta aber durch ein paar uͤberschickte gifftige Handschuch toͤdtet/ und also den Demetrius durch ihre Vermaͤhlung zum Stiefvater/ kurtz hier auf aber zu ihrem eigenen Meuchelmoͤr der machet. Thußnelde und Erato stellen wechselsweise den Unterscheid zwischen der Tugend und dem Gluͤcke oder Verhaͤngnuͤße vor. Fuͤrst Zeno verfuͤhret seinen von der Panthasilea erhaltenen Bericht/ und wie des Gothischen Koͤ- nigs Coriso Amazonische Tochter Syrmanis durch List den Roͤmern wieder entnom- men; kommt hier auf auf die sonderbaren Merckmahle der Argonauten und den Tem- pel der Medea; Hertzog Herrmann aber wie diese insonderheit Hercules/ Jason und Medea mit dem entwen deten goldenen Widder sich vor dem Colchischen Koͤnige fluͤchten muͤssen; Fuͤrst Zeno/ wie er mit Panthasilea von Discurias aufgebrochen/ zu Ampsa- lis Arminius und Thußnelda. lis von denen Amazonen insonderheit der Koͤnigin Minothea empfangen/ mit aller- hand Lustbarkeiten und Jaͤgereyen ergetzet worden/ ruͤhmet zugleich ihre Tugenden und grossen Reichthum. Der Koͤnigin Minothea und Panthasilea Liebe gegen den gefangenen Fuͤrsten Oropastes/ und dessen wiederum gegen den verkleideten Zeno. O- ropastes lehnet der Koͤnigin Minothea Liebe durch ein der Goͤttin Diane gethanes Ge- luͤbde hoͤfflich ab/ verfaͤllt aber durch der einen Hirsch verfolgenden Panthasilea nach- denckliche Antwort in das groͤste Ungluͤck/ durch welches er seine Mannheit/ wie Pan- thasilea die Augen/ von der erzuͤrnten Koͤnigin Minothea verlieren soll. Hertzog Herꝛmañ Jubil und Flavius nehmen hierbey Anlaß auf die Schoͤnheit und Vortreff ligkeit der Augen zu kommen. Fuͤrst Zeno eroͤffnet dem Dropastes sein bevorstehendes Ungluͤck und fliehet nebst der Schwester Syrmanis uͤber die hoͤchsten Gebuͤrge. Sie finden in dieser ihrer Flucht allerhand Seltzamkeiten/ ja vermoͤge der in Stein und Felßen alldar eingegrabenen Reimen und Lob-Spruͤche gleichsam ein irrdisches Paradieß; daß auch Oropastes und seine Schwester Syrmanis ihr Leben allda zuzubringen sich entschluͤssen. Diesen Fremdlingen erzehlet der Priester Meherdates ihren Gottesdienst/ und sein der Koͤniglichen Wuͤrde gleichendes Priesterthum. Fuͤrst Zeno kommt wiederum auf sei- ne zuruͤck gebliebene Rede: wie er mit dem Oropastes und Syrmants auf die Spitze des Berges Caucasus zu dem Tempel des Prometheus gereiset/ wie hoch solcher sey/ und was sie allda angetroffen/ auch wie weit sie dar auf ihr Augenmaaß getragen; was vor Herrligkeiten und Kunststuͤcke sie in solchem Tempel angetroffen/ und wie endlich sie der Priester in seine Hoͤle zu einer koͤstlichen Blumen- und Kraͤuter-Mahlzeit eingeladen. Hier auf den Augenblick auch dem Hertzog Herrmann die bereitete Tafel angekuͤndiget/ dem noch schwachen Zeno zu Liebe aber in seinem Zimmer auf Roͤmische Art nicht so wol der Schwelgerey als Beqvemligkeit wegen iedem auf einem Bette bey der Tafel zu spei- sen Anschaffung geschiehet. Dabey kommt der Deutschen Speise-Art nicht weniger auf den Teppich als die Speisen auf die Tafel/ und die aufgetragenen fremden Fische ge- ben zu mehrer Verwunderung Anlaß: daß gewisse Voͤlcker Wuͤrmer/ Heuschrecken/ Nattern/ Schlangen vor die besten Leckerbißichen halten. Die Tafel wird mit aller- hand fremden Koͤstlichkeiten besetzet/ die sie mit herrlichem Weine wie auch sonst aller- hand Gesundheits-Waͤssern begiessen/ und dabey von dem Gebrauch und Mißbrauch der starcken Getraͤncke denen darinnen Meister spielenden Voͤlckern/ von dem Unter- scheid gekochter und ungekochter auch anderer Waͤsser/ zu reden Gelegenheit nehmen. Diesen langwirigen Wortwechsel unter bricht bey aufgehobener Tafel das so gar unge- meine und von seiner Natur des Holtzes wunderbar gebildete Tischblat. Zeno kommt wieder auf den Priester Meher dates und den von ihm genommenen Abschied/ auch/ daß er wegen des zersprungenen Caucasus und des erst bewunderten Tempels Abstuͤr- zung nebst seiner Gefaͤhrten bald um sein Leben kommen/ wie hiervon nichts mehr/ als des Prometheus beschriebener und an einer Seite zerschlagener Leichenstein/ zu Verfuͤh- rung ihrer Reise aber wegen zerfallener Klippen fast kein Ausgang mehr uͤbrig gewesen; nach ihren muͤhsamen und gefaͤhrlichen Auswickelung sie zum grausamen Strudel kommen/ welcher das schwartze und Caspische Meer unsichtbar vereinigen/ und solches Wunder ein vom Mithridates beschriebener Fisch/ wie ein Delphin zwischen dem Cas- R r r 3 pisch- Fuͤnfftes Buch pisch- und Persischen/ dem rothen und Mittel-Meer/ der West- und Ost-See gethan/ de- nen Einwohnern entdecket haben soll. Zeno/ Oropastes und Syrmanis erlittener heff- tige Sturm auf dem Caspischen Meer/ und Syrmanis dabey mit unterlauffende Un- gedult/ wie nicht weniger ihre wunderbare Errettung; die Furcht vor den Scythen und die ihnen aufgebuͤrdeten Kriegsdienste; ihre Verhor vor dem Koͤnige Huhansien am Fluße Ganges; dessen sein Aufzug/ Art und Kleidung;-seine Freundlichkeit und grosses Versprechnuͤß; sein schneller Bruͤckenbau uͤber den Fluß Ganges; die Ankunfft an die Serischen Graͤntzen/ dieser elende und duͤrre Beschaffenheit/ der Scythen daher verursachte erbaͤrmliche Durstleschung. Koͤnig Huhansien argwohnet der Syrmanis Geschlecht/ ja dieser/ der mit Uberwindung des Serischen Reichs schwanger gehet/ wird ein Gefangener der Liebe/ die ihm seine gute Vernunfft als einen Wetzstein der Tapffer- keit vorstellet. Fuͤrst Zeno wird von einem Scythischen Fuͤrsten des Serischen Reichs Beschaffenheit nebst der Ursache des gegenwaͤrtigen Krieges verstaͤndiget/ und daß un- ter ihren Koͤnigen vornemlich Hoangti und Yvas die Erfinder vieler himmlischen und fast aller Handwercks-Kuͤnste waͤren/ weßwegen sie auch von den Jnwohnern hochge- halten und lebendig vergoͤttert worden: Massen die Wohlfarth des Reichs ins gemein von frommen und verstaͤndigen Fuͤrsten als ein unausbleiblicher Seegen zu hoffen. A- lexanders des Großen in Asien am Fluße Hyppanis aufgebaute und theils zu seinem Ruhm/ theils zu seiner Verkleinerung uͤberschriebene Altaͤre. Die 300. deutsche Mei- len oder 10000. Serische Stadien lange Mauer vom Koͤnige Tschin oder Fius am Ost- Meer erbauet. Der Serer und Scythen eingepflantzte Widrigkeit so groß: daß diese beyde Voͤlcker auch nicht auf einerley Art in Mutterleibe zu liegen/ und gebohren zu werden gewohnet. Die Europeer werden von allen hoffaͤrtigen Serern nur einaͤu- gicht/ die andern Voͤlcker alle aber vor blind gehalten. Die Sud-Tartern im Koͤnig- reich Nackia unterwerffen sich der Serischen Bothmaͤßigkeit/ und bringen zum Zeichen ihres Gehorsams diesen Koͤnigen jaͤhrlich eine weisse Phasan-Henne. Der Sud-Tar- tern hefftige Niederlage auf dem Berge Jn vom Serischen Feldhauptmann Gveicing erlitten; ihre Gewohnheit beym Sebel und der Nacht-Eule zu schweren so heilig als das Pallas-Opffer der Athenienser. Die maͤchtige Stadt Siucheu am Fluße Kiang von redenden Papegoyen beruͤhmt wird durch eine dieser Voͤgel unglaͤubliche Pro- pheceyung zur Ubergabe gebracht. Von diesen und dergleichen wahrsagenden Voͤ- geln kommt Zeno wiederum auf der Serer Land/ und ausgehauenen Wunder des Ber- ges Fexao und Tunghuen. Der Serer Lebens-Art gibt ihnen Anlaß zu uͤberlegen: ob die Weltweißheit bey den Waffen stehen koͤnne? Hartes Gefechte zwischen beyden Koͤnigen Huhansien und Jvan; des ersten gefaͤhrliche Verwundung/ dessen toͤdtlicher Streich von der Syrmanis siegreichen Haͤnden/ die ihr durch gewisse Abgesandten deß- wegen angetragene Koͤnigliche Wuͤrde nimmt sie mit hoͤchster Bescheidenheit an. Der Serer Meinung von Beschaffenheit der Seelen und der Gemuͤths-Ruh. Jhr vor- nehmstes Geschencke 12. im gantzen Koͤnigreich ohne Maal und Flecken ausgelesene und mit den koͤstlichsten Edelgesteinen gezierte Jungfrauen an den Koͤnig Huhansien/ die er aber als ein teutscher Fuͤrst hertzhafft ausschlaͤgt/ und hier durch diese zur Verlobung e- wiger Jungfrauschafft/ sich aber in die Liebe der Syrmanis/ die er nunmehr aus vielen Kenn- Arminius und Thußnelda. Kennzeichen vor die Weltberuͤhmte Tochter des Koͤnigs Catisons urtheilet/ versetzet/ sie auch alsbald der Landes-Art nach auf entbloͤsten und geschrenckten Scythischen Sebeln vor die Koͤnigl. Braut ausruffen/ wie nicht weniger den Getischen Koͤnig durch Ge- sandten insonderheit den Oropastes um die Einwilligung ansuchen laͤst. Huhansien vergist bey der Liebe nicht seine Siege; er erobert die fast unuͤberwindliche Stadt Ham- fung durch Sturm/ den Fuͤrst Zeno kroͤnet er wegen der ersten Ersteigung und Toͤdtung des Serischen Helden Pingli mit Lorbern/ welche ihm aber von den verzweiffelten Serern bald hier auf mit Blute gefaͤrbet/ Huhansien und Syrmanis auch selbst dabey/ iedoch mit erhaltener Wahlstatt verwundet werden. Diese beyde kommen nebst dem Zeno bey Betrachtung des Wunder- oder Frauen-Berges Yonin auf die in Stein und Holtz befindlichen seltzamen Bildungen der Natur/ insonderheit macht dieser letzte auf Befehl des Koͤnigs mit seinen bey sich habenden Scythen ihm Berg/ Klippen und Steine wegsam/ daß sie die Feinde auch mehr fuͤr Goͤtter als Menschen ansehen. Hertzog Her- mann lobet am Zeno die Maͤßigung seiner hierdurch erlangten Ehren-Maale/ weil ein vernuͤnfftiger Diener niemals aus seinen Thaten ihm einen Ruhm erzwingen/ sondern alles der Leitung seines Fuͤrsten zuschreiben solle. Mit Eroberung der Stadt Qvan- chung wird ihnen auch der alle andere der gantzen Welt uͤbersteigende Koͤnigliche Schatz zu Theil. Jvens Leiche auf Koͤnigs Huhansiens Befehl nebst einer in Jaspis gegrabe- nen herrlichen Grabschrifft nach der Serer Art in ihrer Ahnen Grufft praͤchtig beyge- setzt/ um zu zeigen: daß sich auch die gerechteste Rache nicht uͤber eines Feindes Tod er- strecken solle. Huhansien wird um Frieden angeflehet/ solcher auch durch den hierzu Gevollmaͤchtigten Zeno mit erwuͤntscheten Bedingungen beschlossen. Fuͤrst Zeno und Hertzog Herrmann halten an der ungemeinen Frucht barkeit des Gebuͤrges Lie/ welches wegen des frommen Xuno weder Dornen noch Unkraut tragen soll/ wahr zu seyn: daß die Froͤmmigkeit der Fuͤrsten einem gantzen Lande Seegen/ seine Laster aber Goͤttliche Straffen zuziehe. Der weltweise Cheucung wird wegen seiner sonderbaren Geheim- nuͤße/ insonderheit wegen der entdeckten Krafft des Magnets/ den sie den Hercules. Stein nennen/ bey den Seerern Goͤttlich verehret/ das Bild des Flußes Kiang aber gleich dem Rhodischen Sonnen-Colossus nebst seinen denckwuͤrdigen Uberschrifften der Haupt-Stadt Suchem/ des Koͤniglichen Sitzes Moling und Porcellanenem Thurme vom Zeno mit groͤster Verwunderung betrachtet/ seine oͤffentliche Verhoͤr aufs praͤch- tigste vorgenommen/ und der auf seidenes Pappir geschriebene Friedens-Schluß vom Serischen Koͤnige ihrer Art nach beschworen/ endlich der Gesandte mit vielen Geschen- cken an den Koͤnig Huhansien wieder abgefertiget. Seine Zuruͤckreise uͤber die reiche Handelstadt Uching und Schlangen-Gebuͤrge Kutien an die von ihm mit Sturm ero- berte feste Stadt Junchhang/ und endlich wiederum ins Koͤnigl. Lager Huhansiens. Luckiang der weißen Elephanten Enthaltniß/ dieser ihre Kaͤmpffens-Art/ und von diesen dem Zeno zugestossene Gefahr; Seine eingewurtzelte Liebe gegen die Koͤnigin Erato vertreibet alle vom Huhansten und denen Jndianern ihm angetragene Gluͤcks- und Eh- ren-Strahlen. Perimals gefangene Gemahlin wird durch vielmal sie uͤberwiegende Perlen und Edelgesteine von ihren Unterthanen ausgeloͤset/ auch noch so viel ihrer Er- loͤsung wegen von den Fruͤchten dieses unschaͤtzbaren Landes ihren Goͤttern und den Armen Fuͤnfftes Buch Armen gegeben. Zeno berichtet/ wie er der Jndianer Weiber sich so freudig mit ihren verstorbenen Maͤnnern auf dem Holtzstoß verbrennen sehen/ und dieses alles aus einem verborgenen Egyptischen und Brahminischen Gottesdienst/ davon wie auch von Wan- derung der Seelen ihnen der Priester Zarmar viel Erzehlungen machet. Zeno erlegt bey dem goldreichen Eylande Catucaumene ein von seltzamer Gestalt sich dem Schiffe naͤherndes Seeweib/ uͤberlaͤst dardurch dem klugen Nachdencken der Welt: was von Syrenen oder der gleichen Meer-Wundern zu halten? Des Kaͤyserlichen Stadthal- ters Cornelius Gallus zu Heliopolis mit einer allzu ruhmraͤthigen Uberschrifft von ihm selbst aufgerichtete Sonnenspitze lehret: daß alle neblichte Neben-Sonnen/ welche ihre rechte Fuͤrsten-Sonne uͤberscheinen wollen/ sich in ver gaͤngliche Regentropffen ver- wandeln muͤssen. Die Anlendung in der herrlichen Krocodil-Stadt bey dem Behaͤlt- nuͤß des fruchtbaren Nils/ und dem dabey befindlichen vom Koͤnige Meris erbauetem wunderwuͤrdigen Jrrgebaͤu. Der Nilus fuͤhret sie von einem Wunder zum andern/ und also auch von dar nach Memphis zu den alten Grabe-Spitzen/ dem sieben Wun- dern der Welt/ oder vielmehr zu den zerfallenen Uberbleibungen der Eitelkeit. Die Gesandtschafft langet uͤber Babylon zu Marmacus in der Samischen Sybillen Ge- burts-Orte gluͤcklich an/ in dessen vornehmsten Tempel sie das ertztene Bild der Ceres und Pythagoras des vollkommensten Weltweisen und hall-Gottes mit allerhand sinn- reichen Uberschrifften nebst seinen eifrigen Nachfolgern antreffen; kommen von dar auf die Jnsel Paris zum schoͤnen Tempel des Pallas/ nachgehends an den Munychischen und Pyreischen Haafen zu denen noch sichtbaren Merckmahlen des raaserischen Sylla/ biß sie die Begierde vollends zu Theseus Tempel/ zum Grabe Menanders und Euripi- des/ ja zu dem Heiligthume des vergoͤtterten Socrates fuͤhret/ dessen Porphyrenes Bild und Grab sie mit einer Hand voll Narcissen und Hiacynthen verehren. Der Ge- sandten Ankunfft; Kaͤysers Augustus praͤchtiger Einzug in dem Augapffel Grichen- lands der aller Kuͤnste und Weißheit vollen Stadt Athen, dabey der Kaͤyser in Gestalt des Saturns und anderer Goͤtter; Livia der Astrea und Ceres; beyde endlich aus Gold in des Jupiters und Juno Stelle gesetzet werden. Alle Tempel muͤssen dar geoͤffnet und den Goͤttern von wegen des Gottes Augustus geopffert/ Ringen/ Rennen/ alle er- sinnliche Lust- und Schau-Spiele begangen seyn. Des Jndianischen Gesandtens Ver- hoͤr beym Kaͤyser/ von da er an den tugendvollen Hoͤfling und Staats-Mann Mece- nas des Kaͤysers Schooßkind zum Bescheid verwiesen wird. Jhr Gespräch bey der Tafel uͤber die gesunden und ungesunden Speisen; des Kaͤysers persoͤnliche Besuchung; Me- cenas eroͤffneter Bilder-Saal; seine Freygebigkeit gegen die Jndianischen Gesandten; deren erkenntliche Danckbarkeit durch allerhand mit gebr achte und von der Natur wunder barer weise gebildete Seltzamkeiten/ daruͤber sich Mecenas kaum so sehr erfreu- en/ als Zeno sich uͤber dessen scharffsinnigem Prometheus vergnuͤgen kan. Nach Ma- selipals abgelegter Verhoͤr werden ihnen alle Gedaͤchtnuͤße der Stadt Athen/ insonder- heit die Tempel mit ihren Heiligthuͤmern und Gottesdienste der alles in sich begreiffen- den geschleyerten Jsts gezeiget. Die Gesandschafft vom Zarmar zu des Plato Grabe und seiner von den Spartanern allein unverletzten hohen Schule gefuͤhret. Zarmars Lehre gegen die Atheniensischen Weltweisen insonderheit den sich vor andern herfuͤr- thuen- Arminius und Thußnelda. thuenden Cheremon von Beschaffenheit der Seele und einem einzigen Goͤttlichen We- sen: die er auch mit Aufopfferung seines zeitlichen und Erwartung eines gluͤckseligern bewehret. Seine Asche wird zu Athen als ein Heiligthum verwahret/ Masulipat be- urlaubet; Zeno aber wegen seiner entbehrten Erato als ein umirrender Stern in Grie- chenland gelassen/ iedoch nicht gar aus dem Creiße der Vernunfft und vorsichtigen Klugheit geleitet. Das Fuͤnffte Buch. D Je wundersame Zusam- men-Neigung zweyer an sich selbst unterschiede- ner Dinge/ stecket nicht allein in Steinen/ in Ertzt und Pflantzen/ son- dern auch in den Seelen der Menschen. Der Magnet zeucht nicht so begierig das Eisen/ der Agstein die Spreu/ das Gold das Qvecksilber an sich; die Reben ver- maͤhlen sich mit dem Ulmenbaume nicht so ger- ne/ als etliche Gemuͤther an einander verknuͤpf- fet sind. Dessen einige und wahrhaffte Ursa- che ist alleine bey beyden die Verwandschafft ih- rer Aehnligkeit. Denn auch die unbeseelten Dinge haben wo nicht einen Trieb/ doch eine Geschickligkeit sich mit ihres gleichen zu verein- barn. Jn einem Siebe samlet sich unter un- zehlbarem Gesaͤme mehrentheils einerley zu- sammen. Das sich aufschwellende Meer wirft die runden Kiesel an einem/ die laͤnglichten an einem andern Orte uͤber einen Hauffen. Wie viel mehr ist nun solcher Zug in beseelten zu fin- den. Der Weinstock hat die Eigenschafft aus der Erde die Suͤßigkeit/ die Wolffsmilch das Gifft/ die Kolokinthen die Bitterkeit an sich zu ziehen. Nach dem nun aber des Menschen Geist durch die Kraͤfften der Vernunfft aller anderer Dinge Neigungen weit uͤberlegen ist; darf es keiner Verwunderung/ daß einige ihrer Aehnligkeit halber entweder in Tugenden/ oder auch in Lastern so feste an einander/ als die Schnecken und Austern an ihren Muscheln und Haͤusern kleben. Jedoch weil eine Tu- gend mit der andern/ nicht wie die Laster zusam- men zwistig sind; ist keine festere Verbuͤndnuͤs nicht anzutreffen/ als zwischen denen der Tu- gend geneigten Seelen. Derer waren nun vorigen Tag eine ziemli- che Anzahl zusammen kommen/ welche/ weil die Tugend nicht so/ wie die Boßheit hinter dem Berge zu halten/ und ihre Haͤßligkeit inwendig nein zu kehren Ursach hat/ durch ihre ausgelasse- ne Vertraͤulig keiten einander ziemlich ausge- nommen hatten. Jhre Gemuͤths-Aehnlig- keiten reitzten sie also stets um einander zu seyn; Die Hoͤfligkeit aber/ und das Mitleiden ver- band sie den von seinen Wunden noch nicht ge- nesenen Fuͤrsten Zeno/ welcher sich den Tag vorher uͤber seine Kraͤfften ausgemacht und nebst andern Fuͤrsten dem Frauenzimmer auf- gewartet hatte/ in seinem Gemach heimzusu- chen. Also verfuͤgten sich der Feldherr/ Her- tzog Flavius/ Jubil/ Arpus/ Catumer/ Rheme- talces und Malovend in Thußneldens Zim- mer/ da sie denn bey ihr die Koͤnigin Erato/ Js- menen und Saloninen antraffen/ und weil sie selbst darzu Anlaß gaben/ sie zum Fuͤrsten Zeno fuͤhreten. Dieser empfing solche annehmliche Gesellschafft aufs freundlichste/ wuͤnschte dem Feldherrn uͤber dem neuen Siege/ und der Er- loͤsung seiner unvergleichlichen Thußnelda Gluͤck; Auf erfolgende Befragung um seinen Erster Theil. S s s Zu- Fuͤnfftes Buch Zustand aber ließ er sich heraus: Es muͤsse Deutschland einen viel gnaͤdigern Himmel als andere Laͤnder haben; Denn uͤber die grosse Sorgfalt/ welche der Fuͤrstliche Hoff seiner Genesung halber fuͤrkehrete/ haͤtte er diese Nacht in einer uͤberaus sanfften Ruhe erfah- ren/ daß die Goͤtter selbst um seine Gesund- heit bekuͤmmert waͤren/ nachdem ihm gegen Morgen eigentlich getraͤumet haͤtte: Wie ein Frauenzimmer ihm die Binden von den Wun- den aufgemacht/ selbte besichtiget/ und/ nach- dem sie daran eine uͤbermaͤßige Geschwulst und Jucken verspuͤret/ gemeldet haͤtte: Es waͤre der Degen mit Ziger-Kraute vergifftet gewest. Daher waͤren die Wunden mit andern/ als zeither gebrauchten Mitteln zu heilen; sie sey auch alsofort weggegangen/ habe gestossene Raute gebracht/ und sie ihm aufgelegt. Sie verwunderten sich uͤber dieser Erzehlung nicht wenig/ Salonine aber fing an: Sie hielte die- sen Traum in allewege fuͤr eine goͤttliche Of- fenbahrung/ und haͤtte sie ihr nicht allein er- zehlen lassen/ daß/ als Ptolomaͤus fuͤr der Stadt Hamatelia durch ein gifftig Geschoß verwundet/ und nunmehr an seinem Leben ge- zweiffelt worden/ dem fuͤr diesen tapfferen Krie- ges-Obristen so sehr bekuͤmmertem Alexander zu seiner Genesung ein dienliches Kraut eben- fals im Traume gewiesen worden sey/ sondern sie haͤtte auch in Syrien in einem Seraphi- schen Tempel gesehen/ daß krancke Leute dar- innen nach verrichtetem Gebete eingeschlaf- fen/ und eine Artzney im Schlaffe zu verneh- men gehoffet. Rhemetalces fiel ihr bey/ und meldete: Es haͤtten die Syrer nicht allein die- sen Glauben/ sondern die Griechen verehrten den Esculapius nichts minder fuͤr einen GOtt der Wahrsagungen/ als der Artzney. Die Egyptier erzehlten fuͤr eine unfehlbare War- heit/ daß Jsis ihren Krancken durch Traͤume ihre Artzneyen offenbarte. Die Carier ruͤhm- ten sich/ daß sie eben diß von ihrer angebeteten Hemithea im Schlaffe erfuͤhren. Hiermit gieng Salonine unverruͤckten Fusses in Gar- ten/ brachte zerqvetschte Raute/ und Erato leg- te nach vorher erhaltener Genehmhabung des Wund-Artztes/ welcher dieses Kraut ruͤhmte/ und/ daß die wenigsten Eigenschafften der Kraͤu- ter noch unergruͤndet waͤren/ zugestand/ sol- ches selbst auf des Fuͤrsten Zeno Wunden. Die- ser fing hieruͤber schertzweise an: Er haͤtte dar- zu ein grosses Vertrauen. Denn zu Rom haͤt- te man gantzer sechs hundert Jahr alle ihre Kranckheiten auch nur mit einem Kraute/ nehmlich mit Kohle gluͤcklicher/ als hernach mit theurer Vermischung vieler auslaͤndischer Ge- waͤchse geheilet. Wie viel heilsame Artzneyen waͤren auch nicht dem Menschen von Thieren gewiesen worden? Wenn aber auch schon sein Traum ein eiteler Wahn/ und diß Kraut fuͤr sich selbst zu seinen Wunden nicht dienlich waͤre/ muͤste es doch von so schoͤnen Haͤnden/ und einem so mitleidendem Hertzen eine neue Krafft em- pfangen. Die Koͤnigin Erato faͤrbte sich uͤber diesem Lobe/ und versetzte: Sie wuͤste zwar wol/ daß die Natur ihren Gliedern keine Wuͤrckung der Wund-Kraͤuter verliehen haͤtte/ da aber hertzliche Liebe die Krafft zu heilen/ oder Wun- der zu thun haͤtte/ wolte sie an nichts weniger/ als an der Wuͤrckung dieses gemeinen Krautes/ und an des Fuͤrsten Genesung zweiffeln. Hier- uͤber netzte sie die Pflaster mit einem Strome voll Thraͤnen/ gleich als wenn ihre zarte Seele auch ein Theil zu dieser Artzney beytragen muͤ- ste. Hertzog Jubil fing hieruͤber an: Das Gluͤ- cke eine so vollkommene Fuͤrstin zu seineꝛ Aertztin zu haben/ und nichts mindeꝛ von so schoͤnen Haͤn- den verbunden/ als von so himmlischen Augen bethauet zu werden / solte einen luͤstern machen kranck zu werden. Rhemetalces pflichtete ihm bey/ und sagte: Bey Aertzten von solcher Be- schaffenheit koͤnte er so viel leichter anderer Aertz- te Meinung annehmen/ daß wie die bunte Far- ben-Vermengung der Tulipanen von ihren Kranck- Arminius und Thußnelda. Kranckheiten herruͤhrte; also etliche Schwach- heiten den Menschen theils schoͤner/ theils ver- staͤndiger machten. So ist/ versetzte Jubil/ unter so guͤtige Kranckheiten sonder allen Zweif- fel die Liebe zu rechnen; welche/ wo nicht dem Leibe eine Zierrath/ doch den Gliedern eine Geschickligkeit beysetzt/ fuͤrnehmlich aber dem Geiste ein Licht anzuͤndet/ und den Ruhm ver- dient ein Wetzstein der Tugend genennet zu werden. Der Feldherr brach ein: Jch gebe das letztere gerne nach; diß aber ist der Liebe viel zu verkleinerlich/ daß sie mit dem Nahmen einer Kranckheit verunehrt werden wil. Jubil ant- wortete: zum minsten muͤssen wir enthengen/ daß sie eine Mutter der Kranckheiten sey/ wo es wahr ist/ daß Antiochus aus Liebe gegen der Stratonica todt-kranck worden. Der Feld- herr versetzte: Nicht die Liebe/ sondern der seiner Liebe angethane Zwang/ und in dem er diß/ was sich so wenig/ als das Feuer verbergen laͤst/ in seinem Hertzen verdruͤcken wolte/ setzte den An- tiochus in so erbaͤrmlichen Zustand. Durch die Liebe aber seiner Stratonica/ ja durch einen ei- nigen Anmuths-Blick/ ward er gleichsam in ei- nem einigen Augenblicke gesund. Also eignet Fuͤrst Zeno der Erato nichts neues zu; wenn er von dem Einflusse ihrer Gewogenheit ihm zu genesen Hoffnung macht. Zeno danckte fuͤr die Vertheidigung seiner Meinung/ und setzte bey: Die Liebe wuͤrde in Asien und Griechen- land fuͤr die Erfinderin aller Kuͤnste/ und also auch der Artzneyen gehalten; Ja der schlaue Mercur waͤre niemals verschmitzter gewest/ als wenn ihm das Feuer der Liebe seinen Ver- stand erleuchtet haͤtte. Jn der Stadt Egira stuͤnde das mit einem Horne des Uberflusses ge- bildete Gluͤcke der Saͤule der Liebe recht an die Seite gesetzt; weil diese gleichsam eine Schmie- din der Gluͤckseligkeit waͤre. Diesemnach waͤre keines weges fuͤr so eitel zu schaͤtzen/ daß eine kraͤfftige Liebe heilsame Wuͤrckung stiff- ten/ das Gifft aussaugen/ und gleichsam den Tod selbst bezaubern koͤnne. Es sey diß so viel weniger zu verwundern/ sagte der Feldherr/ weil iede Einbildung fast in allen Dingen so wunderseltzame Macht haͤtte/ und mehrmals das Andencken einer gebrauchten Artzney/ o- der das Anschauen ihres Behaͤltnuͤsses/ eben diß/ was sie selbst zu wuͤrcken pflegte. Diesem- nach glaube er/ daß des Krancken feste Hoffnung nicht selten den Jrrthuͤmern der Aertzte zu Huͤlf- fe komme/ und gebrauchten Kraͤutern fremde Kraͤfften zueigne; weil die Erfahrung bezeug- te/ daß offimahls verzweisselte Kranckheiten durch schlechte Worte/ und seltzame Kennzei- chen/ denen er an sich selbst die geringste Wuͤr- ckung nicht entraͤumte/ oder vielmehr durch des Krancken starcken Glauben geheilet worden. Dieser waͤre die einige Ursache gewest/ daß des Scythen Toxaris Saͤule zu Athen/ und das Bild des Polydamas auff dem Olympischen Kampf-Felde die Anruͤhrenden/ wie auch das vierdte Buch der Homerischen Jlias/ die/ welche darauf schlieffen/ vom Fieber befreyete. Der Psyllen in Africa/ der Marsen in Jtalien/ der Ophiogenes in Asien Gifft-Aussaugungen haͤt- ten den festen Glauben zu ihrem festen Grunde. Sonder Zweiffel ruͤhrte auch aus einer solchen Einbildung her/ daß Pyrrhus mit seiner grossen Zehe im rechten Fusse die Miltz-Kranckheit/ die Pannonischen Koͤnige die Gelbesucht/ die Can- tabrischen die Besessenen/ die Britannischen die hinfallende Sucht/ der Gallier Fuͤrsten die Kroͤpffe geheilet haben sollen. Was die Ein- bildung im Kinder-zeugen koͤnne/ und wie von dieser die Aehnligkeit derselben ihren Ur- sprung habe/ erhaͤrtete das beruͤhmte Beyspiel der Mohrischen Koͤnigin Persina/ die vom starren Ansehen einer Marmelnen Androme- da wider die Landes-Art ein schneeweisses Kind gebohren/ also in Verdacht des Ehe- bruchs und Gefahr des Lebens verfallen waͤre. Der Fuͤrst Zeno fiel dem Feldherrn bey/ daß die Einbildung nicht nur bey den Menschen/ S s s 2 son- Fuͤnfftes Buch sondern auch bey wilden Thieren ihre wunderli- che Wuͤrckung habe. Denn daß die Schlangen sich von den Beschwerern in einen Kreiß ban- nen liessen/ oder die Ohren fuͤr ihrer Stimme verstopfften/ ruͤhrte nicht von dem Nachdrucke der Worte und Zeichen/ sondern von einer blos- sen Bestuͤrtzung. Was aber die Einbildung bey den Menschen wuͤrcke/ haͤtte er bey den A- mazonen verwundernd wahrgenom̃en/ indem er derselben unterschiedene gesehen/ welchen auf der rechten Seite keine Bruͤste gewachsen. Daher ihrer viel fuͤr ein Gedichte der Vorwelt hielten/ daß sie/ um sich des Bogens desto beqve- mer zu gebrauchen/ die Bruͤste auf der rechten Seite weg brennten; oder es muͤste diese Ge- wohnheit bey ihnen nun gar veraltet und ab- kommen seyn. Sewiß aber waͤre es/ und haͤtten seine Augen ihm unbetruͤgliche Zengen abge- geben/ daß die Natur ihnen zu diesem beliebeten Gebrechen itzt selbst die Hand reichte; dessen Ursache/ seinem Beduͤncken nach/ nichts andeꝛs/ als die Einbildung waͤre. Die Koͤnigin Era- to konte sich nicht enthalten/ zu fragen: Wie und wenn er unter die streitbaren Amazonen verfal- len? Zeno antwortete: Diese begehrte Nach- richt waͤre ein grosses Stuͤck seiner ihm bege- gneten Ebentheuer; derer Erzehlung er mit ih- rer Erlaubnuͤß itzt abzulegen erboͤtig waͤre. Die Fuͤrstin Thußnelda fing hierauf an: Sie saͤhe es allen Anwesenden an den Gesichtern an/ daß sie seine Zufaͤlle zu vernehmen hoͤchst begie- rig waͤren. Sie selbst haͤtte darnach gleichsam eine absondere Sehnsucht. Aber wer moͤchte ohne Grausamkeit ihm solche Bemuͤhung bey seiner Schwachheit zumuthen? Zeno versetzte: Er empfinde an ihnen/ daß Zuneigung und Mitleiden anderer Wunden allezeit gefaͤhrli- cher und groͤsser macht/ an ihm hingegen nun- mehr wenig Schmertzen/ und keine sonderliche Schwachheit/ welche ihm und zu deroselben Vergnuͤgung sein Hertz auszuschuͤtten/ verhin- derlich seyn koͤnte. Wie nun alle Anwesenden ihr Verlangen selbst bestaͤtigten; zumal sie an ihm eine sonderbare Lust zu solcher Erzehlung verspuͤrten; fing der Fuͤrst Zeno nach einem tieffen Seufzer an: Jch kan aus der Vertraͤuligkeit dieser hold- seligen mir die Ohren goͤnnenden Versamm- lung und andern Umstaͤnden die Reehnung mir leicht machen/ daß die liebreiche Erato meinen Uhrsprung/ meine seltzame Auferziehung/ ihre Ankunfft nach Sinope/ unser wunder wuͤrdige Liebe/ und die unvermeidliche Entschluͤssung/ daß wir die Nacht fuͤr der zwischen dem Medi- schen Koͤnige Ariobarzanes und mir bestimmten Vermaͤhlung mit einander weg segeln wolten/ ausfuͤhrlich erzehlet habe; daher ich von ihrem vermutheten Schlusse den Anfang meiner fer- nern Begebenheit nehmen will. Jch fuͤgte mich auf bestimmte Zeit in den Koͤ- niglichen Garten/ fand auch/ Saloninens An- deutung nach/ den mir bestimmeten Leiter. Die- ser fuͤhrete mich zu folge gepflogener Abrede auf ein Schiff/ und ein darinnen wohl aufgeputztes Zimmer/ um daselbst meine Ruhstadt zu haben. Also fort zohen die Bootsleute die Segel auff/ schifften mit gutem Winde aus dem Hafen/ und weil ich so wol selbst der Ruhe von noͤthen hatte/ als meine hertzliebste Erato in ihrem Schlaffe nicht stoͤren wolte/ war ich um ihren und Salo- ninens Wolstand unbekuͤmmert. Ward auch/ nach dem ich mich kaum auf die von koͤstlichen Persischen Tapeten bereitete Lagerstatt verfuͤ- get/ von einem festen Schlaffe befallen. Die Sonnehatte wol schon zwey Stunden an unser Helffte des Himmels gestanden/ als mich be- deuchtete etliche tieffe Seuffzer zu hoͤren; daher ich aus dem Schlaffe aufffuhr/ meinen uͤber dem Gesichte habenden Flor wegstrich/ und zu mei- ner hoͤchsten Bestuͤrtzung den Armidas/ welchen ich unter des Ariobarzanes Edelleuten zu Si- nope oͤffters gesehen hatte/ auch aus seiner Me- dischen Kleidung so viel leichter erkennte/ fuͤr mir auf den Knien liegen sah. Wie befremdet mir Arminius und Thußnelda. mir diß nun zwar fuͤrkam; so verspuͤrte ich doch an dem Armidas eine viel hefftigere Bestuͤr- tzung/ als er mein Antlitz erblickte/ also daß er als ein todter Stein fuͤr mir erstarrete. Die- femnach ich meine Veraͤnderung so viel moͤglich verstellte/ und den Armidas mit ernster Ge- behrdung rechtfertigte: Wer ihm erlaubet haͤtte in diß Zimmer zu kommen? Und was er bey mir zu suchen haͤtte? Nach einem ziemlichen Stillschweigen bewegte er nach Medischeꝛ Lan- des-Art sein Haupt zur Erden/ kuͤssete meine Fußstapffen/ und bat allein um einen gnaͤdigen Tod/ nach dem er seinen Kopff verwuͤrgt zu ha- ben freywillig wol gestehen muste. Diese sei- ne Demuͤthigung veranlaste mich noch mehr ihm haͤrter abzuheischen: wie er dahin kommen? und was sein sterbenswuͤrdiges Verbrechen waͤ- re? Hierauf hob er endlich an: Er wolte nicht verschweigen/ daß er sich in meiner Adelichen Jungfrauen eine/ nehmlich die Monime ver- liebet/ und/ weil ihr Vater/ Maxartes/ sie ihm nicht verehlichen wollen/ sie auff diesem Schiffe zu entfuͤhren mit ihr abgeredet haͤtte. Statt der Monime waͤre nun ich selbst ihm/ er koͤnte nicht begreiffen/ aus was fuͤr Zufaͤllen/ in die Haͤnde gefallen. Daher er seinen Leide kein Ende wuͤste. Er koͤnte aber alle allwissenden Goͤtter zu Zeugen ruffen/ daß er sich an mir nicht aus Vorsatz/ sondern blossem Jrrthume versuͤndiget haͤtte. Diesen wolte er alsobald verbessern/ und den Seinigen befehlen/ daß sie den Lauf gegen Sinope zuruͤck richten solten. Jch erschrack uͤber diesem Schlusse auffs neue nicht wenig/ iedoch weil mir aus dem Stege- reiffen keine scheinbare Ursache solches abzuleh- nen nicht einfiel/ verwieß ich ihm/ iedoch mit mehrerm Glimpffe sein Beginnen/ vertroͤstete ihn auch selbtes/ so viel moͤglich/ zum besten zu wenden; Jtzt solte er sagen/ wohin der Lauf des Schiffes gerichtet waͤre? Armidas antwortete: recht nach dem Flusse Absyrtus/ auff welchem er biß unter das Moschische Gebuͤrge auszuse- tzen/ und von dar vollends in Armenien zu kom- men ihm fuͤrgesetzt haͤtte. Jch fing hierauf ge- gen ihn an: So doͤrffte dein Jrrthum mich gleichwohl nicht weit von meinem fuͤrgesetzten Wege ableiten/ weil ich wegen wichtiger Schwuͤrigkeiten/ die meine Mutter wider mei- ne Vermaͤhlung mit deinem Koͤnige erreget/ mich heimlich in sein Gebiete zu fluͤchten mit dem Ariobarzanes abgeredet. Diesemnach ist mein Wille/ daß du den geraͤdesten Weg gegen Armenien inne haͤltest/ und dem Volcke auf die- sem Schiffe von mir/ oder meinem Anschlage noch zur Zeit das minste nicht entdeckest. Ar- midas thaͤt/ als wenn meine Erklaͤrung ihn uͤ- beraus vergnuͤgte/ ließ mich also in dem Zimmer gantz alleine/ und/ weil ich um mich nicht zu verrathen nicht einst auffs Schiff kam/ darfuͤr halten/ als wenn wir unsern vorigen Weg ge- gen Morgen verfolgten/ da ich denn mich auff dem Lande aus seinen Haͤnden zu winden schon Mittel zu erfinden getraute. Und derogestalt war ich nicht mehr um mich/ sondern nur um meine verlohrne Erato bekuͤmmert. Wir wa- ren aber meines Beduͤnckens uͤber fuͤnf Stun- den nicht gefahren/ als ich vermerckte/ daß das Schiff anlendete/ und Armidas kam/ mich be- fragende: Ob mir auszusteigen beliebete/ nach dem wir bereit in den Sinopischen Hafen ge- diegen waͤren? Jch erschrack mehr als iemals uͤber dieser unvermutheten Zeitung/ fuhr auch den Armidas alsofort an: Wer hat dir/ ver- raͤhtrischer Boͤsewicht/ erlaubet/ zuruͤck zu keh- ren? Armidas entschuldigte es: Er haͤtte zwar anfangs meinem Befehl nachzukommen ge- meinet/ nachdem er aber der Sache reiffer nach- gedacht/ wie Koͤnig Polemon gleichwol diesen Tag zur offentlichen Vermaͤhlung bestimmet/ hingegen in Sinope unter den Meden verlau- tet haͤtte/ daß ich den Ariobarzanes ungerne heyrathete/ waͤre ihm meine einsame Flucht be- denck- und unverantwortlich fuͤrkommen/ also haͤtte ihn seine Pflicht gezwungen/ das Schiff S s s 3 um- Fuͤnfftes Buch umzukehren/ und anitzt von seinem Herrn/ an den er bereit durch einen Nachen hiervon Nachricht ertheilet/ ferneren Befehl zu er- warten. Er hatte noch nicht ausgeredet/ als unterschiedene hohe Beamptete/ so wohl des Koͤnigs Polemon/ als Ariobarzanes ins Schiff traten/ und mir andeuteten: Es waͤre im Tempel alles zur Vermaͤhlung fertig/ beyde Koͤnige selbst schon anwesend/ und wuͤrde ich mit hoͤchster Begierde erwartet. Jch haͤtte fuͤr Unlust vergehen moͤgen/ auch wuͤrde mich niemand lebendig aus dem Schiffe bracht ha- ben/ da ich nicht noch in dem wider alle Ge- waltthat und Beleidigung befreyten Heilig- thume eine Ausflucht zu finden/ oder Huͤlffe von den Goͤttern zu erbitten gehoffet. Also folgte ich denen Leitenden in die Halle des Tem- pels/ da mir ein praͤchtiges Braut-Kleid ange- leget/ und ich so denn ferner in den innersten Tempel gefuͤhret ward. Das in- und um den Tempel versammlete unzehlbare Volck fro- lockte/ als mein Hertze Blut weinte/ und die Koͤnigin Dynamis in dem innersten Gemache der Priester/ in unaufhoͤrliche Ohnmachten fiel; Koͤnig Polemon/ der dem Altare gegen uͤber auff einem hohen Stuhle saß/ bewillkommte mich mit einem zornigen Blicke/ und ich muͤhe- te mich alle Galle meines Hertzens durch mei- ne Augen uͤber den neben ihm sitzenden Ario- barzanes auszuschuͤtten. Alles dessen unge- achtet/ gab der Koͤnig den Priestern ein Zei- chen/ daß sie der Goͤttin Derceto/ die ihr ge- wiedmeten Fische abschlachten/ selbige uͤber dem heiligen Feuer sieden/ roͤsten/ und in de- nen an iedem Pfeiler angehenckten Rauchfaͤs- sern den Weyrauch anzuͤnden solten. Ario- barzanes-stieg von seinem mit Gold und Pur- pur ausgeputzten Sitze herab/ und stuͤtzte sich auff die Achseln der Koͤniglichen Stadthalter in den Laͤndern Bogdomanis und Timonitis. Sein eigener Unter-Koͤnig zu Ecbatane trug das ewige Feuer/ der zu Thospia eine guͤldene Schale voll Syrischen Balsams/ die Stadt- halter zu Tigranocerta und Satala zwey Schuͤsseln mit guͤldenen und silbernen Fischen fuͤr ihm her; welches der Koͤnig alles der Goͤt- tin ablieferte/ und den Balsam in das Opffer- Feuer goß. Er fassete auch die rechte Hand der Goͤttin/ und der oberste Priester winckte mir/ daß ich nun auch mein Opffer/ nehmlich ein paar weisse Tauben herzu bringen solte. Jch aber ergriff der Derceto von silbernen Schoppen glaͤntzenden Fisch-Schwantz/ welches eine Ab- schwerungs-Art ist/ und fing an: Heilige Der- ceto/ die du wegen unrechter Gewalt dich in den See bey Ascalon gestuͤrtzet/ und von den Fi- schen erhalten worden bist/ nimm auch mich all- hier in deine Schutz-Armen/ und beschirme mich wider die Gewalt dieses Fremdlings/ wel- chen ich/ bey deinen Augen schwerende/ nimmeꝛ- mehr ehlichen kan. Alle Zuschauer wurden uͤber dieser meiner Enteuserung bestuͤrtzet/ der oberste Priester ließ das in der Hand gehaltene Rauchfaß fallen; Ariobarzanes schaͤumte fuͤr Zorn/ und Koͤnig Polemon sprang von seinem Stuhle zu dem Opffer-Tische/ ergrief das Schlachtmesser/ und wolte es mir in die Brust stossen. Ein Priester aber erwischte ihm den Arm/ und ermahnte ihn/ daß er mit Blutver- giessen nicht das Heiligthum entweihen/ und der Goͤttin Rache/ derer Zorn ohne diß aus al- len Opffern herfuͤr blickte/ nicht auff sich laden solte. Zwey andere Priester fuͤhrten mich in ihr eigenes Behaͤltnuͤß/ darinnen die Koͤnigin Dynamis sich in Thraͤnen badete/ wenn ihr noch die stete Ohnmacht so viel Kraͤfften uͤber- ließ. Der Koͤnig mit dem obersten Priester folgten mir auf dem Fusse nach/ und weil jener fuͤr Ungedult kein Wort fuͤrbringen konte/ er- mahnte mich dieser bey der Gottheit/ die selbi- gen Tempel bewohnte/ die Ursache meiner Ab- scheu fuͤr dem so tapfferen Ariobarzanes zu ent- decken. Arminius und Thußnelda. decken. Jch sahe die Koͤnigin mit bestuͤrtzten Augen und Gemuͤthe an/ sie aber erholete sich/ und fing an: Fordert von mir diese Re- chenschafft/ und hoͤret auff/ der Natur Ge- walt anzuthun. Denn so wenig ihr aus kal- ten Brunnen Feuer schoͤpffen koͤnnet/ so we- nig werdet ihr diesen meinen Sohn ohne Greuel einem andern Mann verheyrathen. Polemon sprang uͤber diesem Berichte auff/ und stieß diese Worte gegen der Koͤnigin aus: Was sagst du? Jst diß nicht meine Tochter Arsinoe? Nein sicher/ versetzte sie/ selbige ist schon/ als du zu Rom gewest/ in ihrer Kind- heit verblichen/ und du wirst ihren eingebal- samten Leib noch in dem Begraͤbnuͤsse Mi- thridatens finden. Aber wie ist dieser denn dein Sohn? fragte Polemon. Dynamis ver- setzte: Eben so/ wie er deiner ist. Denn nach dem Arsinoe gestorben/ hat meine Mutter- Liebe unsern Sohn/ welchem du den Nah- men Polemon/ ich Zeno gab/ von seiner Am- me Pythodoris abgefordert/ und unter dem Schein unserer Tochter aufferzogen. Jhr Goͤtter! ruffte Polemon/ hast du eine Schlan- ge in deinem Busen auferziehen koͤnnen/ von der du der unfehlbaren Goͤtter Ausspruch wohl gewuͤst hast/ daß ich von ihr solte verschlungen werden? Von der mir die Wahrsagung schon heute wahr wird/ in dem mein uͤber ihr ge- schoͤpffter Eiffer mir zweiffels frey mein Leben verkuͤrtzet/ und mich in die Grufft stuͤrtzen wird? Dynamis antwortete: Glaubst du wohl/ daß/ da der Goͤtter Wille ihren Worten gemaͤß ist/ selbter durch menschliche Klugheit zu hinter- treiben sey? Hast du den Ausspruch des wei- sen Pittacus nie gehoͤret/ daß die Goͤtter selbst sich dem Nothzwange des Verhaͤngnuͤsses zu widersetzen allzu ohnmaͤchtig sind? Magst du deinem eignen Sohn eine Schlange/ und dardurch dich selbst einen Vater eines so giffti- gen Thieres schelten? Kanst du das Erbar- men einer empfindlichen Mutter fuͤr ein so ar- ges Laster verdammen? Welche doch diß/ was sie neun Monden unter dem Hertzen getra- gen/ mit so viel Schmertzen gebohren/ mehr als ein Vater zu lieben berechtiget ist. Oder hast du ihm nicht selbst das Leben geschencket? Polemon versetzte: Aber nicht verstattet/ ihn unter meinem Dache zu beherbergen. Bist du aber deinem Ehherrn nicht mehr Liebe/ als deinem Ungluͤcks-Kinde schuldig gewest/ fuͤr welche andere gluͤende Kohlen verschlungen/ und um den Wolstand ihres Reiches und Ge- mahles zu erhalten ihre Soͤhne auff gluͤenden Roͤsten geopffert haben? Jch gestehe es/ Pole- mon/ antwortete die ihm zu Fusse fallende Koͤ- nigin/ daß auff der Wagschale der Muͤtter- und Ehelichen Liebe diese uͤberschlagen solle. Aber wie schwer ist zwischen beyde sein Hertz nach dem rechten Maaß abtheilen! sonderlich wenn die Erbarmnuͤß einem Theile ihr heimli- ches Gewichte beylegt? Wie viel Vaͤter haben ihre Kinder mehr als sich selbst geliebet? Ario- barzanes in Cappadocien nahm seine Krone vom Haupte/ und setzte sie in Beyseyn des gros- sen Pompejus seinem Sohn auf. Octavius Balbus wolte lieber in die Haͤnde seiner ihn verfolgenden Moͤrder fallen/ als seinen zuruͤck gebliebenen Sohn nicht noch einmahl sehen. Und du wilst uͤber meiner Mutter-Liebe mit deinem Sohne eiffern? Glaube aber/ hertz- liebster Polemon/ daß/ da ich mein Kind mit einer/ ich dich sicher mit zweyen Adern ge- liebt/ und von einem so tugendhafften Geiste deines eigenen Fleisches mich keiner so grim- men That besorget/ sondern vielmehr eine sanfftere Auslegung uͤber die meist schwer- deutige Wahrsagungen gemacht habe. Jch habe erwogen/ daß unsere Gefahr nicht so wohl von der Boßheit unserer Wieder- sacher/ als von dem unversehrlichen Fade- me unserer Versehung den Hang habe; Ja Fuͤnfftes Buch Ja daß unsere Beschuͤtzung mehr vom Him- mel/ als unser Vorsicht herruͤhre. Diese kanst du sicherer nicht erlangen/ als wenn du dich dem ohne diß unuͤberwindlichem Ver- haͤngnuͤsse gedultig unterwirffst/ und nicht durch Grausamkeit gegen dein Kind die Goͤt- ter als unsere Vaͤter wider dich mehr verbit- tert machst. Glaube nur/ daß diese durch un- serer mißtraͤulichen Klugheit Abwege uns schnurgrade auff den Pfad ihrer unveraͤnderli- chen Schluͤsse leiten! Polemon begegnete ihr mit noch ernsthafftem Gesichte: Uberrede diese Traͤume wen anders/ und lobe einem leicht- glaͤubigern deine Liebe ein. Die Sonne er- leuchtet ja wohl die Schwantz-Sternen nichts minder/ als andere Gestirne; Aber was ist zwischen jener und dieser ihrem Feuer/ zwi- schen deiner Liebe gegen den Zeno/ und der gegen mich nicht fuͤr ein Unterscheid? Unser Großvater Mithridates dienet uns zum Vor- bilde. Denn weil seine Gemahlin Strato- nice nur ein festes Schloß mit seinen Schaͤtzen dem Pompejus uͤbergeben hatte/ durchstach er in denen von ferne zuschauenden Augen sei- ner Mutter ihren und seinen Sohn Xiphar/ und ließ ihn unbegraben liegen; Und ich soll fuͤr mein eigen Leben nicht eiffern? Gehet a- ber/ und saget dem Ariobarzanes/ daß zwi- schen seine Vermaͤhlung was grosses kommen sey/ wormit seine Ungedult sich nicht gegen uns uͤber noch mehrere Aeffung beschweren doͤrffe. Hierauff kehrte Polemon mit nie- der geschlagenen Augen auff die Burg; ver- ließ also Ariobarzanen in wuͤtender Raserey/ die Koͤnigin in aͤngstigster Bekuͤmmernuͤß/ mich im Zweiffel: Ob ich den Polemon fuͤr meinen Vater/ oder fuͤr meinen Todtfeind halten; ob ich zu Sinope bleiben/ oder mich fluͤchten solte. Ehe ich mich aber eines endli- chen entschluͤssen konte/ kam der Hauptmann uͤber die Koͤnigliche Leibwache/ und sagte so wohl mir als der Dinamis an/ daß wir ihm auf Koͤniglichen Befehl folgen solten. So bald wir nun von der Schwelle des Tempels tra- ten/ wurden wir von einer Menge Krieges- Volckes umgeben/ und zu empfindlichem Be- truͤbnuͤsse der uns begleitenden Priester auff die Burg in einem fest verwahrten Thurm/ zu dem der Koͤnig selbst die Schluͤssel behielt/ verwahret. Jch stelle einem ieden zum Nach- dencken/ wie uns diese Gefaͤngnuͤß bekuͤmmer- te. Denn wenn Fremder hefftigste Beleidi- gung den Geschmack der Schleen hat/ schmeckt ein von seinen Anverwandten empfangenes maͤßige Unrecht bitterer als Wermuth. Sin- temahl nicht das Wasser/ wohl aber das Ge- bluͤte sich in Galle zu verwandeln faͤhig ist; und aus dem suͤssesten Honige der schaͤrffste Es- sig gezogen wird. Weil aber das Mitleiden fuͤr die unschuldige Koͤnigin mir am tieffsten zu Hertzen ging; hatte ich meines Nothstandes schier vergessen/ biß uns nach Mitternacht das Schwirren der eisernen Riegel und Thuͤ- ren bey so unzeitiger Eroͤffnung des Thur- mes einen neuen Schauer einjagte. Massen denn auch also fort der unbarmhertzige Pole- mon mit einem blancken Dolche nebst etlichen von der Leibwache zu uns hinein getreten kam. Sein Antlitz war als ein weisses Tuch erblas- set/ seine Glieder und Lippen zitterten/ und aus den Augen sahe zugleich Furcht/ und ihre zwey Toͤchter/ Verzweiffelung und Grau- samkeit. Hilff Himmel! schriehe die Koͤni- gin/ welch hoͤllischer Mord-Geist reitzet ihn selbst zum Moͤrder seines Fleisches und Blu- tes zu machen? hat er seine Unbarmhertzigkeit gegen andere Menschen zeither darum gespa- ret/ daß er sie itzt mit vollen Stroͤmen uͤber sein unschuldiges Kind ausschuͤtte/ und sich denen Jndianischen Einhoͤrnern gleich mache/ welche mit allen andern wilden Thieren in Friede le- ben/ und nur wider seines gleichen wuͤten? Pole- Arminius und Thußnelda. Polemon antwortete: Mein eigner Schutz- Geist hat mich aus dem bangsamen Schlafe er- wecket/ mir diesen Dolch in die Haͤnde gegeben/ und hierdurch dem Vater-Moͤrder vorzukom- men ermahnet. Daher bereite dich/ Zeno/ nun- mehro behertzt zu sterben/ nach dem es das Ver- haͤngnuͤß also schicket/ und die Goͤtter es befeh- len. Jch/ fuhr Zeno fort/ war meines Lebens schon uͤberdruͤssig/ und ich sahe ohne diß nichts/ als den Tod fuͤr mir/ welches/ nach verlorner Erato/ mich meines Jammers erledigen konte. Daher fiel ich fuͤr dem Polemon auf die Knie/ rieß die Kleider von meiner Brust weg/ und redete ihn an: Glaube/ Polemon/ daß/ wie ich dir im Leben zu gehorsamen mich alle- zeit gezwungen/ ausser da mir die Natur selbst einen Riegel fuͤrgeschoben; also ich dir auch ster- bende nicht wil zuwider seyn. Glaube/ daß ich von dem/ dem ich das Leben zu dancken/ auch den Tod zu erdulden mich schuldig erkenne; daß ich vergnuͤgter meinẽ letztẽ Athem ausblase/ als daß man mich Lebenden als einen Vater-Moͤrder fuͤrchte; daß ich dardurch nicht so wohl meinen Ruhm als meine Liebe vollkommen zu machen gedencke/ wenn ich die Vater-Hand kuͤsse/ die mich zu toͤdten das Eisen zuͤckt. Stoß also/ stoß Polemon/ durch das hier nicht fuͤr Schre- cken/ sondern aus Liebe schlagende Hertze; aber beleidige nicht mehr die so unschuldige Dyna- mis Stoß zu! stoß zu/ Polemon! und zwei- fele nicht/ daß ich behertzter sterben/ als du mich toͤdten wirst; ja daß ich dir deine zitternde Hand selber zu fuͤhren nicht scheue. Hiermit kuͤssete ich die gewasfnete Hand Polemons/ war auch selbst bemuͤhet selbige mit dem Dolche gegen mei- ne Brust zu ziehen. Dynamis hatte hieruͤber in voller Ohnmacht liegende/ Sinnen und Ver- stand verloren. Polemon holete aus/ mir ei- nen starcken Stoß zu versetzen; im Augenblicke aber sprang er mit hoͤchster Entsetzung zuruͤcke/ ließ den Dolch fallen/ drehete sich auch ohne eini- ge Wort-Verlierung umb/ und eilete aus dem Thurme/ also/ daß er nicht einst der Wache/ ob sie uns wieder verschliessen solte/ Befehl ertheile- te. Jch wuste derogestalt nicht/ wie mir/ weni- ger wie dem Koͤnige geschehen war. Jnsonder- heit wuste ich die Ursache nicht zu ergruͤnden/ welche dẽ Polemon von Ausuͤbung seines so blu- tigen Vorsatzes gehemmet haben muͤste/ ausser/ daß ich auf meinen willfertigen Gehorsam zu sterben muthmassete. Sintemal Grim̃ und Eifer eben so wie die stuͤrmenden Meeres-Wel- len alles/ was sich mit Haͤrtigkeit widersetzet/ zer- druͤmmern; aber jene an der Demuth/ diese in dem weichen Sande des Ufers sich besaͤnftigen. Nach weniger Erholung rieb ich an der Koͤni- gin/ brachte sie auch endlich wieder zu sich selbst/ nach dem sie eine gute Zeit mich fuͤr einen Geist gehalten hatte. Jhre muͤtterliche hierauf er- folgte Umbarmungen kan ich nicht ausdruͤcken; iedoch vermochte diese Freude sich auch der Furcht fuͤr neuem Ubel nicht zu entschuͤtten/ weil sie noch weniger als ich auszulegen wuste/ was fuͤr ein Trieb den vollen Stoß des Polemons zuruͤck gezogen haben muͤsse. Wir lebten zwi- schen Furcht und Hoffnung oder vielmehr in ei- nem Mittel-Dinge des Todes und des Lebens/ unter der Umbwechselung mit Thraͤnen und Kuͤssen zusammen biß an den hohen Mittag; da ward unser von der Wache inzwischen wieder versperrtes Gefaͤngnuͤß eroͤffnet/ und kam Ni- comedes/ der Koͤnigliche Stadthalter zu Libyssa/ wo der beruͤhmte Hannibal begraben liegt/ mit freudigem Antlitz/ und gleichwohl weinen- den Augen zu uns hinein getreten. Seine ver- mischte Geberdung deutete auf eine gleichmaͤs- sige Verrichtung. Denn er kuͤndigte der Koͤ- nigin die Freyheit/ mir aber einen Befehl an: Daß ich noch fuͤr der Sonnen Untergang Si- nope raͤumen solte. Jch war mit dieser Stra- fe vergnuͤgt/ Dynamis aber uͤber meiner Be- raubung hertzlich bekuͤmmert. Weil sie denn zu Nicomeden ein sonderbares Vertrauen hat- te/ hat sie/ er moͤchte ihr nicht verschweigen/ was Erster Theil. T t t seit Fuͤnfftes Buch seit unser Bestrickung fuͤrgegangen waͤre/ und was den Koͤnig zu der naͤchtlichen so blutduͤrsti- gen Uberfallung veranlaßt haͤtte. Dieser kon- te anfangs fuͤr Weinen kein Wort aufbringen/ hernach aber erzehlte er: Wie die Stadt uͤber der Strengigkeit Polemons uͤber uns erstaunet/ iedermann fast eine absondere Ursache/ bey Un- wissenheit der wahrhaften/ der verhinderten Heyrath mit dem Ariobarzanes ertichtet/ dieser aus Sinope halb rasend sich begeben/ dem Po- lemon den Krieg angekuͤndigt/ der oberste Prie- ster aber unsere Befreyung beweglichst gesucht/ ja die Sache in ziemlich guten Stand gebracht haͤtte. Alleine es waͤre der Koͤnig/ bey welchem er vorige Nacht im Vorgemache selbst die Wa- che gehabt/ aus dem Bette aufgesprungen/ haͤt- te auf ihn geruffen/ und umbstaͤndlich erzehlet/ Es haͤtte ihn sein Schutz-Geist aufgewecket/ ihm angedeutet: Es waͤre nun nahe dabey/ daß er von seinem Sohn aufgerieben werden solte. Al- so wolte er ihn nicht allein dem Thaͤter fuͤrzu- kommen/ und ehe er sich seines Gebietes entbraͤ- che/ desselbten sich zu entbrechen vermahnet/ son- dern ihm auch hierzu seines Großvatern des Mithridatens Dolch eingeantwortet halẽ. Jch/ sagte Nicomedes/ wolte ihm dieses als einen eitlen Traum ausreden. Polemon aber widersprach es/ bezohe sich auf seine wachende Augen/ und insonderheit waͤre das unfehlbare Kennzeichen der Dolch dar/ derogleichen keiner im Zimmer nicht gewest waͤre/ ja er erkennete ihn auch fuͤr den/ der auf Mithridatens Grabe gelegen haͤtte. Wenn aber auch diß gleich nur ein Traum waͤ- re/ bliebe es doch/ aller Weisen Urthel nach/ eine vom Himmel geschickte Warnigung der Goͤt- ter. Socrates selbst haͤtte aus einem Traume erfahren/ daß er in dreyen Tagen sterben wuͤrde/ und es dem Eschines entdeckt. Der grosse Py- thagoras haͤtte gelehrt/ daß ein Mensch in seinen Traͤumen sich wie in einem Spiegel betrachten solte. Der weise Periogetes/ welchen ich in der Eil hatte ruffen lassen/ antwortete dem Koͤnige: Ja/ aber des Pythagoras Meynung waͤre nicht/ daß man/ wie etliche tumme Atlantische Voͤlcker nur den Morpheus fuͤr seinen Gott halten/ und alles thun muͤste/ was einem traͤumte. Denn sonst wuͤrde denen Sabinern/ welchen alles traͤumte/ was sie wolten/ kein Laster zu verweh- ren gewest seyn. Traͤume koͤnten wohl eine Nachricht von der Beschaffenheit des Leibes/ und von den Neigungen des Gemuͤthes abge- ben. Dahero ein Mensch nach dem Urthel des Zenon/ sich aus den Traͤumen ausnehmen koͤn- te: Ob er in der Tugend zugenommen/ oder nicht. Sintemal/ wo dem Epicur zu glauben/ ein Weiser ihm allezeit/ ja auch/ wenn ihm traͤu- met/ aͤhnlich ist. Jndem aber/ was vom Gluͤ- cke oder Verhaͤngnuͤsse herruͤhrte/ koͤnte man ohne Aberglauben auf keinen Traum fussen. Daher auch der so erfahrne Hippocrates an die Hand gaͤbe/ wie man durch Opfer sich von der Beschwerligkeit der Traͤume erledigen solle. Polemon vergaß aller sonst gegen dem Perioge- tes zu bezeigen gewohnten Bescheidenheit/ und fuhr ihn an: Was bringst du vor ketzerische Leh- re auf die Bahn? Verneinest du die Vorsorge der Goͤtter/ daß sie auch durch Traͤume uns fuͤr kuͤnftigem Ungluͤck warnen? Verwirffst du die durch Traͤume geschehende Goͤttliche Weissa- gungen in des Amphiaraus Tempel bey Athen/ und in dem Heiligthum der Pasichea zu Spar- ta? Meynst du auch/ daß ich der erste sey/ der den ihm im Traume gleichsam mit Fingern gezeig- ten Feind aus dem Wege geraͤumet habe? Smerdes muste uͤber seines Bruders Camby- ses Klinge springen/ als diesem traͤumte/ daß er sich auf seinen Stul setzte. Astyages gab sei- nen Enckel Cyrus dem Harpagus zu ermorden/ weil er aus seiner Tochter Leibe einen gantz Asien uͤberschattenden Wein-Stock wachsen sahe. Des Harpagus Ungehorsam aber brachte den Astyages umbs Leben und Reich/ und erhaͤrtete die Gewißheit so wichtiger Traͤume. Perioge- tes verlohr hierdurch nicht den Muth dem Koͤ- nige Arminius und Thußnelda. nige derogestalt zu begegnen: Es moͤchten die Goͤtter ja wohl zuweilen durch Traͤume was offenbaren/ aber sicherlich gar selten. Nimmer- mehr aber liesse er sich bereden/ daß sie den Kin- der-Mord billigen/ weniger durch Traͤume ver- ordnen solten. Zwar muͤste unter so viel tau- send eitelen Traͤumen ja zuweilen einer eintref- fen. Denn wenn tausend Blinde nach dem Ziele schuͤssen/ wuͤrden schwerlich alle fehlen/ son- dern einige ungefehr treffen. Xerxes haͤtte sei- ne Eitelkeit nicht genung zu bejammern gewuͤst/ daß er/ auf Verleitung eines zweyfachen Trau- mes/ und seiner eiteln Ausleger den Krieg wider Griechenland angehoben. Waͤren die Traͤume Goͤttliche Warnungen/ wuͤrde gewiß den Nar- ren und Boßhaftigen nicht mehr/ als den From- men und Weisen/ am wenigsten aber auch dem Viehe traͤumen. Ja sie wuͤrden ihre Meinun- gen viel deutlicher sagen/ und sie nicht in so duͤste- re Nebel verstecken/ daß uns die uͤber der Aus- legungs-Art so sehr zwistige Wahrsager nicht entweder nach ihren Neigungen/ oder uns nichts minder zu verfuͤhren/ als Pflaumen zu streichen Anlaß nehmen koͤnten. Worzu des Kaͤysers Julius Traum/ indem er seine Mutter beschlief/ ein merckwuͤrdiges Beyspiel abgibt. Sinte- mal die ihm liebkosenden Roͤmer hierdurch ihm die Herrschafft uͤber unser aller Mutter die Er- de wahrgesagt zu seyn glaubten. Dahingegen Hippias/ welcher ihm laͤngst vorher diese Blut- Schande traͤumen ließ/ nichts weniger als ein solcher Welt-Beherrscher ward. Polemon schien hieruͤber der Vernunfft wieder ein wenig Raum zu geben; warff aber ein: Sein Traum/ wo ein so klarer Befehl der Goͤtter auch so ge- ringen Nahmen vertragen koͤnte/ waͤre so deut- lich/ daß er keiner Auslegung doͤrffte. Auch waͤre ausser Zweifel/ daß Koͤnige/ und insonder- heit etliche Geschlechter in gewissen Dingen was besonders uͤber den Poͤfel haͤtten. Jhre Schutz- Geister waͤren gewiß staͤrcker und sorgfaͤltiger/ als gemeiner Leute. Jnsonderheit haͤtte der Koͤnigliche Pontische Stam̃ einen Traum zum Grund-Stein seines Gluͤckes. Denn dem Antigonus in Syrien haͤtte getraͤumet: Er saͤe- te Gold/ sein Diener Mithridates aber erndtete es ein/ und fuͤhrte die Frucht in Pontus. Die- ses Traumes halber haͤtte Antigonus ihn zu toͤdten getrachtet/ Mithridates aber sich in Cap- padocien zu fluͤchten genoͤthigt gesehen/ allwo ihm das Gluͤcke die Hand geboten/ sich des Pon- tischen Reiches zu bemaͤchtigen. Eben dieser Traum/ versetzte Periogetes/ dienete zum Un- terricht: Daß kein menschlicher Witz verhuͤten kan/ was die Goͤtter auszuuͤben im Schilde fuͤhren. Ausser dem vertruͤge Polemons Traum allerdings eine und zwar sehr gute Aus- legung; Sintemal die meisten Traum-Deu- ter festiglich darfuͤr hielten/ daß alle Traͤume auf das Widerspiel zielten. Polemon besaͤnftete hieruͤber sein Gemuͤthe/ und versprach dem Zeno kein Leid zu thun/ wenn nicht der ihm von dem Geiste eingehaͤndigte Dolch aus des grossen Mithridatens Begraͤbnuͤsse kaͤme/ welches ihm der grosse Pompejus zu Ehren in Sinope auf- gerichtet haͤtte. Jch/ sagte Nicomedes/ hielt nichts weniger/ als dieses glaublich/ und erbot mich daselbst die Wahrheit zu erforschen. Aber Polemon fuͤgte sich aus Mißtrauen selbst da- hin/ und wir befanden leider! zu unserer aͤu- sersten Erstaunung/ daß auf Mithridatens Grufft der dargelegene Dolch fehlte. Dieses Wunder versetzte uns ins hoͤchste Schrecken/ den Koͤnig aber brachte es/ alles Einredens ungeachtet/ zu der festen Entschluͤssung/ seinen Sohn auf selbsteigene Veranlassung der Goͤtter hinzurichten. Wir sahen aber/ fuhr Nicome- des fort/ den Koͤnig mit groͤsserer Bestuͤrtzung aus dem Gefaͤngnuͤsse zuruͤck kehren. Er warff sich mit hoͤchster Verwirrung auf sein Bette/ befahl mir biß zu Tage nicht von ihm zu weichen. Wie ich nun eine Weile seiner T t t 2 Unruh/ Fuͤnfftes Buch Unruh/ welche ich fuͤr eine Bereuung seines Kinder-Mords annahm/ zugesehen hatte/ fing Polemon endlich an: Ach! ihr grimmigen Goͤtter! ach! Nicomedes! wir sind verlohren! Nach unterschiedenen verwirrten Reden ent- deckte er mir endlich auf meine Befragung: Er habe seinen Sohn nicht getoͤdtet. Denn als er gleich ausgeholet haͤtte/ ihm den Stoß zu geben/ waͤre eben der Geist/ der ihm gleich vor- hin den Dolch eingehaͤndiget/ mit grausamer Gestalt darzwischen gesprungen/ habe ihm den Dolch aus den Haͤnden gerissen/ und gesagt: Halt! diß ist weder dein Sohn/ noch ein Tod- schlaͤger. Nach solcher Erzehlung waͤre Pole- mon gegen den Morgen endlich eingeschlaffen/ nach seiner Erwachung aber haͤtte er den Priester erfordern lassen/ mit ihm eine lange Unterredũg gepflogẽ/ und ihn endlich mit dieser Botschafft zu ihnen abgefertigt. Dynamis und ich entsatzten uns uͤber Nicomedens Vortrag/ sonderlich aber/ da wir selbst den noch am Boden liegenden Dolch betrachteten/ und selbten gleicher gestalt fuͤr Mithridatens erkenneten. Am allermei- sten aber stieg mir zu Hertzen/ daß der dem Po- lemon erschienene Geist mich zwar wider die be- sorgte Mord-Lust vertheidiget/ mir aber zugleich seine Kindschafft abgesprochen haben solte. Da- hero umbhalsete ich mit vielen Thraͤnen die Koͤ- nigin/ wuͤntschte/ daß diesem meinem unschaͤtz- baren Verluste/ da ich mit einem so maͤchtigen Vater zugleich eine so holdselige Mutter ein- buͤssete/ mein Tod von der Hand des Koͤnigs zuvor kommen waͤre. Dynamis aber kuͤßte mich mit der hertzlichsten Empfindligkeit/ als eine Mutter thun kan/ und/ umb mir diesen Kummer auszureden/ fragte sie: Ob ich einem luͤgenhafften Gespenste mehr als dem wahrhaf- testen Kennzeichen der inbruͤnstigften Mutter- Liebe Glauben geben wolte? Das Aufwallen ihres muͤtterlichen Hertzen gegen mich koͤnte sie so wenig zu einem frembden Kinde ziehen/ als die Magnet-Nadel fuͤr den Angel-Stern ein frembdes Gestirne erkiesen. Sie koͤnte sich auf die Treue der tugendhaften Pythodoris so sehr/ als auf ihr eigenes Augenwerck verlassen. Ja wenn es auch schon wahrhaftig heraus kaͤ- me/ daß ich nicht ein Sohn ihres Leibes waͤre/ so wuͤrde ich es doch ewig in ihrem Gemuͤthe bleiben. Sintemal der/ welcher durch seine Tugend ein Koͤnigs-So hn zu seyn verdien- te/ wenn er es schon nicht waͤre/ sich doch hoͤhe- rer Ankunfft ruͤhmen moͤchte/ als der/ welcher es nur von Geburt/ nicht aber durch Verdien- ste waͤre. Jch/ ob ich zwar uͤber meiner Kind- schafft selbst zweifelte/ und auf den gebrechlichen Grund der von der Natur eingepflantzten Mutter-Liebe wenig fussete/ wolte mich doch nicht selbst eines so hohen Ursprungs berauben/ noch die Koͤnigin durch meine Enteuserung mehr betruͤben. Und also brachten wir die uͤbrige Zeit meines verguͤnstigten Darbleibens mit eitel liebreichen Umbarmungen zu/ biß mit der niedergehenden Sonne nach und nach das Licht von der Welt/ ich aber mit tausend Thraͤ- nen von der Dynamis Abschied zu nehmen ge- zwungen ward. Salonine brach hier ein: Wir muͤssen nun auch die Wuͤrckung unsers neuen Pflasters erkundigen. Also muste Zeno mit seiner Erzehlung anhalten/ und die Wund- binden aufloͤsen lassen. Die Schwulst hatte sich zu aller Anwesenden Verwunderung in so kurtzer Zeit fast gantz gesetzt/ und/ des Zeno Andeuten nach/ aller Schmertz gestillet/ daher band ihm Salonine frische Raute auf. Die Fuͤrstin Thußnelde aber fing an: Jch verwun- dere mich uͤber dem so heftigen Liebes-Triebe der Dynamis/ und weiß daher nicht: Ob die grosse Liebe der Eltern gegen ihre Kinder nicht mehr von der Einbildung/ als einem geheimen Triebe der Natur eingepflantzt werde/ nach- dem ich gleichwohl aus der Koͤnigin Erato Erzehlung so viel erfahren/ daß nicht er/ Zeno/ sondern Ariobarzanes fuͤr ihren und Polemons wahrhaften Sohn erkennet worden sey; also die Arminius und Thußnelda. die Zuneigung der Eltern ihre Kinder deroge- stalt nicht erkenne/ wie die Wuͤnschel-Ruthe von einer Hasel-Staude das vergrabene Gold und Silber/ die von einem Eschbaume verbor genes Ertzt andeutet. Es ist wahr/ antwortete Zeno/ ich habe hernach bekuͤmmert erfahren/ wie Ariobarzanes den Polemon auf seinem Tod- Bette fuͤr seinen Vater erkennet/ also diß Ge- spenste wahr geredet habe/ und ich so arm wor- den sey/ daß ich weder Vater noch Mutter zu nennen weiß/ und wenn ich nicht zu dem all- gemeinen Ursprunge der Menschen gehoͤrete/ mich aus einem Steine entsprossen zu seyn schaͤtzen muͤste. Aber ich wil mich nicht ver- sehen/ daß mein und der Dynamis Jrrthum die Gesetze der Natur zerreissen/ oder die an- geborne Zuneigung zu einer blossen Einbildung machen werde. Wenn das menschliche Ge- muͤthe ausser der Kinder-Liebe sonst keine Zunei- gung/ sondern wie der Magnet nur zum Ei- sen/ der Agstein nur zur Spreu einen Trieb haͤtte/ wuͤrde sie ihre denen Augen unkenntliche Kinder Zweifels-frey erkiesen/ und das Hertze uͤber ihrer Erblickung viel anders zu schlagen anfangen. So aber werden wir von der Gleich- heit unserer Geburts-Art/ von der Tugend/ von Aehnligkeit der Gestalt/ oder von einem geheimen Einflusse des Gestirnes offt zu eines gantz frembden Menschens Liebe gezogen/ also/ daß da uns weder das Gebluͤte noch andere Gaben reitzen/ wir mehrmals selbst die Ursa- che unserer Gewogenheit nicht finden koͤnnen. Diese Vielheit der Gemuͤths - Regungen machet also unsere Unterscheidung schwer und zweifelhaft/ hebt aber der Eltern inner- lichen Trieb nicht auf. Uns wuͤrden sonst die unvernuͤnftigen Thiere beschaͤmen/ wenn die wilden Baͤren fuͤr ihre Jungen biß aufs Blut kaͤmpfen/ wenn die Panther lieber in die Eisen der Jaͤger rennen/ als ihre Frucht im Stiche lassen/ wenn die Loͤwen gegen de- nen zu Laͤmmern werden/ die ihnen zu ihrem Brute verhelffen; wenn die Stoͤrche die juͤngern auf ihren Fluͤgeln tragen; an- dere Vogel mit ihrem eigenen Blute heilen; die Adler die ihrigen gegen die Straalen der Sonne abrichten; wenn die Wallfische ihren Brut in ihren Rachen fuͤr sich naͤhernden Raub- fischen wieder einschluͤssen/ und nach dem die Gefahr fuͤruͤber/ selbte gleichsam zum andern mal gebaͤhren. Zwar ist nicht ohne/ daß eine kraͤfftige Einbildung der Natur mit ihren Wuͤr- ckungen ziemlich nahe kommet/ daß offt Muͤtter fremde Wechsel-Baͤlge/ und Vaͤter die ihnen durch Ehebruch eingeschobene Kinder mit der zaͤrtlichsten Empfindligkeit lieb gewinnen! aber deshalben ist dieser ihr unverfaͤlschter Trieb so wenig zu verwerffen/ als der Glantz denen Gestirnen abzusprechen/ weil auch die Jrr- wische ihrer Straalen sich bedienen. Die Fuͤrstin Thußnelda warff hierwider ein; Warumb aber fressen so viel Thiere ihre eigene Jungen? Warumb zerschlagen so viel Voͤ- gel ihre eigene Eyer? Warumb ermordet Ly- simachus seinen tapfern Sohn Agathocles? Warumb nagelt Maleus seinẽ Sohn Cartalus ans Creutze? Warumb setzet Ptolomeus Physcon seinen zergliederten Sohn Menephiten der Mutter Cleopatra fuͤr ein Geruͤchte auf? Warumb richtet Laodice ihre fuͤnff mit dem Ariarathes erzeugte Kinder mit Gifft hin? Und wer weiß alle Kinder- oder auch Va- ter- und Mutter-Moͤrde zu erzehlen? Nach- dem gantze Voͤlcker an dem Caspischen Mee- reihre verlebte Eltern erhungern/ die Bactrianeꝛ aber sie gar von den Hunden auffressen lassen. Freylich wohl/ versetzte Zeno/ giebt es unter den Menschen eben so wol undanckbare Kuckucke/ grausame Nattern/ Spinnen und Scorpionen/ die ihres eigenen Geschlechts und Blutes nicht schonen. Dessen aber ungeachtet/ bleibet doch der Natur gemaͤß/ daß die Eltern und Kinder T t t 3 einan- Fuͤnfftes Buch einander lieben/ und daß/ so lange bey ihnen die Vernunfft recht auffgeꝛaͤumt bleibt/ dieses heim- liche Feuer unausleschlich sey. Wo aber die La- ster die Oberhand genommen/ und die Men- schen sich auff die Spitze des Gluͤcks setzen/ zie- hen sie nicht nur ihre Menschheit/ sondern die gantze Natur aus. Und also ist kein Wun- der/ daß die geilen Muͤtter ihre Toͤchter/ die herrschsuͤchtigen Soͤhne ihre Vaͤter nicht mehr kennen/ und in Kerckern veꝛfaulen lassen. Deñ die in dem menschlichen Gemuͤthe auffsteigen- den lasterhafften Auffdampffungen verduͤstern nicht nur die Vernunfft wie dicke Nebel die Sonne; sondern sie gebaͤhren Ungeheuer/ wie die Schwefel-Duͤnste feurige Lufft-Drachen. Ja da die wilden Thiere nur insgemein von ei- ner uͤbeln Neigung/ als die Panther von Grau- samkeit/ der Fuchs von Betruge/ die Natter von Undanck/ der Hund von Geilheit/ die Heydechse von Mißgunst heruffen sind; so ist ein mißrathener Mensch ein Begriff aller La- ster. Aber nach diesen Mißgeburten muß der vernuͤnfftige Mensch so wenig abgemahlet/ als die in den faulenden Leichen wachsenden Wuͤr- mer fuͤr eine rechtschaffene Menschen-Brut ge- halten werden. Thußnelda antwortete: Jch gebe gerne nach/ daß bey solchen Unmenschen die Regungen der Natur sich verlieren/ diese auch nach einer so krummen Richtschnur nicht abzumessen sind; aber woher ruͤhret es/ daß ver- nuͤnfftige Eltern einem Kinde geneigter/ als dem andern/ oder wohl gar so Spinnen-feind sind/ daß sie es kaum fuͤr den Augen leiden koͤnnen/ daß auch tugendhaffte Soͤhne fuͤr ihren Eltern einen Abscheu haben; Massen ich in Jtalien ei- nen Edelmann gekennet/ der/ wenn er seines Vaters ansichtig war/ erblaßte/ und sich mehr als der Elephant fuͤr dem Widder/ der Loͤw fuͤr einem Hahne/ die Hauß-Schlange fuͤr einem nackten Menschen/ die Natter fuͤr einem Zwei- ge von Buchen/ der Agstein fuͤr Oel/ der Wein- stock fuͤr dem Epheu entsetzte. Fuͤrst Zeno ver- setzte: Es sind dieses seltzame Absaͤtze der Natur/ welche so wohl Kriepel und Mißgeburten des Gemuͤthes/ als des Leibes zuweilen gebieret; daraus man so wenig einen Schluß machen/ als ergruͤnden kan/ warum ein Mensch keine Katze/ ein ander keine Maus sehen/ warum die- ser keine Zwiebelessen/ jener keinen Wein trin- cken koͤnne? Hertzog Herrmann setzte bey: Sonder allen Zweiffel wird der seinem Vater so verhasste Sohn ihm an Gestalt und Gemuͤ- the sehr unaͤhnlich gewesen seyn. Denn wie die Aehnligkeit auch zwischen Fremden eine Vereinbarung stifftet; Also ist die Unaͤhnlig- keit so wohl zwischen Menschen als andern Ge- schoͤpffen eine Ursache des Hasses. Hiervon ruͤhret die Uneinigkeit zwischen dem Magnet und Demant. Deßhalben stoͤsset der Moh- rische Stein Theamedes das Eisen so behertzt von sich/ als es der Magnet an sich zeucht. Der Weinstock kan den Kohl nicht neben sich leiden/ und ist dem Lorber-Baume so todtfeind/ als das Rohr dem Farren-Kraute/ und die Fische dem Oelbaume. Die Unaͤhnligkeit pflantzet das Schrecken dem Schwane fuͤr dem Drachen/ dem Meerschweine fuͤr dem Wallfische/ dem Loͤwen fuͤr dem Hahne/ dem Elephanten fuͤr dem Widder/ dem Pferde fuͤr dem Kamele ein. Welch letzteres den Cyrus zum Uberwin- der des Croͤsus machte. Das Geschrey des E- sels toͤdtet so gar die Jungen der Flachs-Fincken und erschellet ihre Eyer. Ja dieses Vogels und der Goldammer Blut sollen sich nicht einst mit einander vermischen. Und die staͤrcksten Raub-Voͤgel muͤssen/ wenn sie uͤber den kleinen Camelion fluͤgen/ auff die Erde fallen. Keine andere Beschaffenheit hat es mit den Menschen/ ja mit gantzen Voͤlckern/ derer einige einander/ theils durch einen geheimen Zug geneigt/ theils Spinnen-feind sind. Diese ihre Aehnlig- keit und Ungleichheit ruͤhret grossen Theils von Arminius und Thußnelda. von der Art ihrer Laͤnder/ noch mehr aber ih- rer Eltern her. Daher vertragen sich die Me- den und Armenier/ wie auch die vielerley Scy- then so wohl mit einander. Die Europeer und Asiatischen Voͤlcker/ wie auch die Mohren und Roͤmer koͤnnen zusammen gar selten stehen. Zwischen den Galliern und Celtiberiern/ zwi- schen den Britanniern und Caledoniern ist fast ein unauff hoͤrlicher Krieg; Weil der erstern Vaterland einander gantz gleiche/ der andern gantz ungleiche ist; Auch von denen hierbey sehr viel wuͤrckenden Sternen unterschiedene Ein- fluͤsse hat. Zeno pflichtete dem Feldherrn bey/ und meldete: Er haͤtte auff seinen Reisen eben diß angemerckt/ und so bald er uͤber das Euxini- sche Meer kommen/ den grossen Unterscheid zwischen desselbten Sud- und Nord-Nachbarn verspuͤhrt; Hingegen bey denen se weit entfern- ten Serern etlicher Voͤlcker nahe Verwand- niß mit seinem Vaterlande wahrgenommen. Weil nun der Anwesenden Stillschweigen ihm eine Andeutung ihres Verlangens zu seyn schien/ fuhr er in seiner Erzehlung fort: Jch verfuͤgte mich noch selbigen Abend mit zwey- en Edelleuten/ und einem Knaben/ und zwar in meiner gewoͤhnlichen Frauen-Tracht/ in ein Schiff/ nicht so wohl/ weil es an einen von mir erkieseten Ort fahren wolte/ sondern weil es seegel-fertig war/ um mich nur desto geschwin- der dieses ungluͤckseligen Ufers zu entbrechen. Nachdem wir bereits die gantze Nacht Nord- Ostwerts gesegelt hatten/ erfuhr ich aller- erst vom Schiffer/ daß der Lauff gegen der Moschischen Kuͤste auff die beruͤhmte See- und Handels-Stadt Dioscurias zwischen dem Flusse Anthemus und Charus gerichtet waͤre; Allwo man taͤglich wohl dreyhunderterley Voͤl- cker anzutreffen pfleget/ und die Roͤmischen Kauffleute hundert Dolmetscher zu Auslegung dreyhundert alldar im Schwange gehender Sprachen unterhielten. Welches mir so viel lieber war/ weil ich in einer Versammlung so vieler Voͤlcker nicht nur desto unkenntlicher zu bleiben/ sondern auch so viel mehr mein an- derwaͤrtig Gluͤck zu finden verhoffte. Nach- folgenden Tag gegen Abend fing der auffm Mastkorbe sitzende Boots-Knecht an zu ruffen/ wir solten die Waffen ergreiffen/ und uns zum Streit fertig machen/ denn er sehe ein Raub- Schiff seinen Lauff recht gegen uns zu richten. Dieser Ruff erregte im Schiffe ein nicht gerin- ges Lermen/ und/ weil es nicht sonderlich zum Kriege ausgeruͤstet/ darzu kaum dreißig bewehr- te Maͤnner darauff waren/ bey den meisten em- pfindliches Schrecken. Diesemnach ich zu Ver- wunderung der Schiffenden nicht allein mich selbst zum Gefechte fertig machte/ sondern auch denen Kleinmuͤthigen ein Hertze zusprach; nebst dem zugleich erkundigte: Woher man in sol- cher Ferne so genau erkiesen koͤnte/ daß diß e- ben ein Raub-Schiff seyn muͤste? Der Schiff- herr/ welcher aus der Stadt Tanais buͤrtig war/ sagte mir: Es waͤre dieses unschwer an der Art der Schiffe zu erkennen/ welche die auff denen in dem Flusse Boristhenes sich befindli- chen haͤuffigen Jnseln/ und an dem Strome Hippanis und Tyras wohnenden Raͤuber zu fuͤhren pflegten. Dieses waͤre ein von Kind- auff zum Kriege abgerichtetes Volck/ dessen Reichthum zu Hauße allein in Viehzucht be- stuͤnde/ also alles andere auff dem Euxini- schen Meere suchte/ ja an die daran stossenden Laͤnder mit seinen flachen Schiffen anlaͤnde- te/ und mehrmahls reiche Beuten darvon braͤch- te. Sie erkennten theils der Geten/ theils der Sarmater Koͤnig fuͤr ihren Ober-Herrn/ a- ber mehr zum Scheine als wesentlich. Denn sie gaͤben ihm nicht allein keine Schatzung/ er- wehlten ihnen selbst ihre Obersten und Richter/ sondern die Koͤnige liessen ihnen auch selbst jaͤhr- lich ein gewisses von allerhand Haus- und Krie- ges - Geraͤthe austheilen; iedoch haͤtte er in Krie- Fuͤnfftes Buch Kriegen wider andere Feinde sich auff ihre Tapfferkeit zu verlassen/ und waͤren durch sie unterschiedene grosse Thaten ausgewuͤrcket worden. Unter diesem Gespraͤche naͤherte sich dieses Raub-Schiff/ welchem ich wegen seiner Kleinigkeit noch nicht zutrauen konte/ daß es uns antasten wuͤrde. Mir kam aber der Glaube zeitlich in die Hand; denn so bald uns der Feind nur erreichen konte/ begruͤßte er uns mit seinen Pfeilen/ worvon einer alsbald in meinem Schil- de stecken blieb/ und einen neben mir in Arm veꝛ- letzte. Sein Schiff war oben rings umher mit einem Tuche umspannet/ Daß wir die An- zahl der uns anfallenden nicht erkiesen konten. Wir hingegen thaten mit unsern Bogen gleich- fals das beste/ wo wir nur einen unserer Feinde erblickten/ und der Schiffer bemuͤhte sich mit un- serm als einem viel groͤssern Schiffe das feindli- che zu uͤbersegeln/ aber wegen Schlau- und Ge- schwindigkeit der Raͤuber vergebens. Nachdem wir wohl eine Stunde gegen einander mit dem Pfeil-Gefechte zubracht/ auch bey uns unter- schiedene gefaͤhrliche Wunden bekommen hat- ten/ und ich sahe/ daß disseit der Herr des Schif- fes die Seinigen nur zu eigener Beschirmung nicht zum Angriffe des Feindes anwieß/ welches so viel ist/ als einem wohl uͤberwunden zu wer- den/ aber nicht zu uͤberwinden Macht geben; fing ich an: Wir haͤtten durch unsere Zagheit dem Feinde nur ein Hertze gemacht/ wuͤrden auch dergestalt uus durch eigene Schuld gar verlieren. Denn wer im Kriege nur seiner Haut wehrte/ und den Feind nicht in seinem ei- genen Lager und Lande suchte/ haͤtte schon halb verspielet. Also waͤre mein Rath/ daß/ weil al- lem Ansehen nach sie uns an der Zahl nicht uͤber- legen waͤren/ wir unser Schiff an das ihrige fe- ste zu machen trachten solten. Wie schwer er nun hierzu zu bereden war/ so folgte er doch end- lich meinem Rathe/ als ihm selbst ein Pfeil in Schenckei zu stecken kam. Weil unsere biß- herige Fechtens-Art einer Kleinmuth allzu aͤhn- lich/ und der Feind hierdurch vermessen ge- macht war/ gieng der Anschlag desto leichter/ und hiermit der rechte Streit mit den Schwerd- tern an. Dieser waͤhrete eine lange Zeit/ ohne ein oder des andern Theils Vortheil/ die Tod- ten und verwundeten waren fast gleiche; Wie- wohl die Geten durch ihren Eifer und Behen- digkeit wiesen/ daß sie das Kriegs-Handwerck wohl verstuͤnden/ und diesem Theile/ darunter ihrer viel diesen Tag wohl das erstemahl die Waffen fuͤhrten/ weit uͤberlegen gewest waͤren/ wenn ich und meine zwey Edelleute nicht fuͤr die Luͤcke gestanden haͤtten. Wie ich nun mit dem Obersten deꝛ. Raͤuber/ und zweyen andern/ welche mich ihnen allein fuͤrnahmen/ genugsam zu thun hatte/ ward ich eines Frauenzimmers im feindli- chen Schiffe gewahr/ welche von unten empor stieg/ einem Geten hinterruͤcks das Schwerdt aus der Hand riß/ und seinem Nachbar einen solchen Streich versetzte/ daß er todt zu Bodem fiel. Dieser Streich kehrte alsbald etliche Se- beln des Feindes gegen diß Frauenzimmer/ die sich aber maͤnnlich vertheidigte. Weil ich nun sie ohne Schild/ und daher in hoͤchster Gefahr sahe/ versuchte ich gegen meinen Feind das eus- serste/ brachte auch dem Obersten Raͤuber ei- nen so gluͤcklichen Streich an/ daß er mit sei- ner Hand auch die Sebel muste fallen lassen. Jch wolte mich dieses Vorteils bey Zeiten bedienen/ besprang daher das feindliche Schiff/ und be- nahm mit einem andern Streiche einem Fein- de das Leben/ und das Frauenzimmer der ihr ziemlich nahenden Todes-Gefahr. Meine Geferthen wurden hierdurch behertzt/ der Feind aber/ nachdem mehr als die Helffte erlegt war/ so verzagt/ daß sie die Waffen wegwarffen/ fuͤr mir/ ich weiß nicht aus was fuͤr Ansehen/ zu Fusse fielen/ und das Leben baten/ wel- che alsofort gebunden und verwahret wur- den. Rhe- Arminius und Thußnelda. Rhemetalces fiel ein: Diß sind die herrlichsten Merckmahle eines Gebieters/ welche einem die Tugend und die Natur eingepraͤget. Zepter und Kronen hingegẽ nur Tockenwerck des Gluͤckes/ welches einẽ Knecht so wenig zum Koͤnig/ als ein Perlen Halsband einen Affen zum Menschen machen kan. Hingegen sahe man dem Cyrus auch in der Hirten-Hoͤle seinen hohen Ursprung und sein Helden-Gemuͤthe an. Und als Kaͤyser Julius gleich von den See-Raͤubern gefangen war/ jagte er ihnen doch Furcht und Schrecken ein. Denn in Warheit/ wer zum Herrschen ge- bohren ist/ verliert auch in Ketten und Banden nicht seine Botmaͤßigkeit; einem dienstbaren Geiste aber machen auch hundert Kronen kein Ansehen. Zeno gab diß alles nach; entschul- digte diese auff ihn gemachte Auslegung/ fuhr also fort: Der Herr des Schiffes und alle andern wu- sten mir nicht genug zu dancken/ noch auch was sie von mir als einem Weibsbilde urtheilen sol- ten/ wenn nicht einer unter den Schiffenden mich fuͤr die Fuͤrstin Arsinoe erkennet/ und mich also durch seine unzeitige Ehrerbietung allen Anwesenden bekandt gemacht haͤtte; Welche denn insgesamt mir zu Fusse fielen/ darfuͤr hal- tende/ daß der Himmel mich ihnen zu einer ab- sondern Schutz-Goͤttin zugeschickt haͤtte. E- ben diesen Titel legte mir das erloͤsete Frauen- zimmer bey/ welches mich mit Thraͤnen umb- balsete/ und nicht genug ihre Verbindligkeit auszudruͤcken wuste/ daß sie von mir aus den Klauen dieser Raubvoͤgel erloͤset worden waͤ- re. Jch versetzte gegen ihr/ daß ihre eigene Tapfferkeit ein Werckzeug unsers Sieges ge- west waͤre/ und wuͤrde sie meinen geringen Dienst uͤberfluͤßig abschulden/ wenn ich allein wissen moͤchte/ wie sie in diese Noth verfallen waͤre/ und wem ich dißmahl zu ihrer Freyheit geholffen haͤtte? Penthasilea/ also nennte sie sich/ gab mir zu verstehen: Wenn mir beliebte ihr ei- nen Ort zu unserer Einsamkeit anzuweisen/ wolte sie mir in allem Vergnuͤgung leisten. Nachdem ich nun Vorsorge gethan/ daß/ was von dem Raube Penthasileen zustaͤndig waͤre/ abgesondert/ und ihr wieder zugeeignet/ das uͤ- brige aber fuͤr gute Beute ausgetheilet wuͤrde/ fuͤhrte ich sie in mein Gemach des Schiffes/ dar- innen sie mir eroͤffnete: Sie waͤre der Amazoni- schen Koͤnigin Minothea Schwester/ und eine Tochter des Albanischen Koͤnigs Zober/ welcher nebst dem Koͤnige Pharnabazes in Jberien wi- der des Antonius Feldhauptmann Canidius Krieg gefuͤhret/ und/ als er von selbtem geschla- gen worden/ sich nach Ampsalis/ der Amazoni- schen Haupt-Stadt/ biß ihn Moneses mit dem Antonius wieder ausgesoͤhnet/ gefluͤchtet/ und daselbst ihre Mutter Androgyne geschwaͤngert haͤtte. Bey welcher sie in ihrer Kindheit ver- moͤge der Amazonischen Reichs-Gesetze/ welche den Vaͤtern alles Recht uͤber ihre Toͤchter ent- ziehen/ haͤtte verbleiben muͤssen/ hernach aber haͤtten sie die angewohnten Sitten/ und die Suͤßigkeit ihrer Freyheit so eingenommen/ daß ob wohl ihr Vater/ Koͤnig Zober/ ohne Soͤhne gestorben/ sie nach dem vaͤterlichen Reichs Er- be nie gefragt/ sondern eine Amazonin blieben waͤre. Jch war begierig von dieser Fuͤrstin die wahre Beschaffenheit ihres Reichs zu erfor- schen/ welche sie sonst insgemein aus einer be- sondern Staats-Klugheit fuͤr den Auslaͤndern auffs sorgfaͤltigste verhoͤlten. Daher gab ich ihr mit einem freudigen Antlitz zur Antwort: Jch vernehme mit grosser Vergnuͤgung/ daß die vertriebenen und ungluͤckseligen Maͤnner bey denen Amazonen/ die doch in der Welt fuͤr die grausamsten Feinde des Maͤnnlichen Geschlechtes ausgeschrien wuͤrden/ ihren Auff- enthalt findeten; Also haͤtte veꝛmuthlich eine ver- stossene Fuͤrstin/ und insonderheit ich/ die ich zwar nicht vom Gebluͤte/ aber wohl vom Gemuͤthe ei- ne Amazonin waͤre/ derogleichen sich zu getroͤ- sten. Sintemahl ihr alle Anwesenden auff dem Schiffe wuͤrden erzehlen koͤnnen/ daß weil Erster Theil. U u u ich Fuͤnfftes Buch ich den Koͤnig der Meden und Armenier Ario- barzanes mit Verlust der guͤldnen Freyheit nicht haͤtte ehlichen wollen/ haͤtte mich der Pontische Koͤnig Polemon aus allen seinen Reichen ver- bannet/ und also segelte ich nunmehro auff gutes Gluͤcke dahin/ wohin mich die Goͤtter und mein Verhaͤngniß beruffen wuͤrden. Penthasilea schuͤttete mitleidende gegen mich aus ihren kohl- schwartzen Augen einen Hauffen nasser Perlen/ umarmte und versicherte mich/ daß die Koͤnigin Minothea mich als ihr Kind oder ihre Schwe- ster auffnehmen wuͤrde/ da ich meine Zuflucht dahin zu nehmen sie wuͤrdigen wuͤrde. Es waͤ- re ihr zwar nicht unwissend/ was der falsche Ruff den Amazonen fuͤr wilde Sitten andichtete/ wie sie nehmlich alle neugebohrne Knaben Mutter- moͤrderisch toͤdteten/ denen Maͤgdlein die rechte Brust mit einem gluͤenden Eisen versehrten/ wormit die Bruͤste sie mit der Zeit nicht an dem Gebrauch des Bogens verhinderten/ oder der rechte Arm dadurch desto mehr Staͤrcke bekaͤme/ daß sie aus Erfindung der Koͤnigin Antianira die erwachsenen Maͤnner laͤhmeten/ wormit sie zum Kriege ungeschickt/ zur Geilheit desto faͤhiger wuͤrden; Allein es wuͤrde mich mein er- ster Augenschein in ihrem Reiche ein anders be- reden/ indem ich darinnen viel wohlgestalte Kna- ben/ die biß ins siebende Jahr sorgfaͤltig auffer- zogen/ und so denn ihren Vaͤtern heimgeschickt wuͤrden/ die Amazonen meistentheils zweybruͤ- stig/ viel vollkommene Maͤnner/ welche nur nicht Waffen tragen/ und die Reichs-Aem- ter bedienen doͤrfften/ sondern der haͤußlichen Wirthschafft/ der Kinderzucht/ und anderer sonst den Weibern obliegende Geschaͤffte ab- warten muͤsten/ antreffen wuͤrde. Flavius brach ein: Jch erinnere mich/ daß ich derogleichen verkehrte Lebens-Art auch in der Numidischen Stadt Tesset angetroffen/ wo nur die Weiber den freyen Kuͤnsten oblie- gen. Ja/ sagte Rhemetalces: Jn Egypten ist es voriger Zeit uͤblich gewest/ daß die Maͤn- ner gesponnen/ genehet und gewuͤrcket/ die Weiber aber maͤnnliche Geschaͤffte verrichtet haben. Nicht anders liegen auch die Gelo- nes in Meden der Uppigkeit ob/ schmincken und balsamen sich ein; ihre Weiber aber ver- richten alles wichtige. Jch will nicht zweif- feln/ sagte Zeno/ daß weil die Amazonen lan- ge Meden beherrschet/ die Gewonheit von ih- nen den Ursprung habe. Ubrigens ermunterte ich Penthasileen nicht nur durch mein fleißiges Auffmercken in ihrer annehmlichen Erzehlung fort zu fahren/ sondern ich ersuchte sie auch be- weglichst/ mir den wahrhafften Ursprung ih- res Reiches nicht zu verschweigen/ nach dem ins gemein so unterschieden hiervon gere- det wuͤrde. Penthasileens Willfaͤhrigkeit uͤ- berwog mein Verlangen/ also fing sie hier- auff gegen mir an: Unser erster und warhaff- ter Ursprung ruͤhret von der Fuͤrstin Vandala her/ des Deutschen Koͤnigs Alemans Tochter/ welcher zu seiner Leibwache/ oder vielmehr zum Zeichen seiner uͤber Menschen und Thiere ha- bender Herrschafft stets einen Loͤwen an der Hand fuͤhrte. Als dieser starb/ theilten seine drey Soͤhne/ Norich/ Hunnus und Bojus die vaͤterlichen Reiche vom Boristhenes biß an Rhein alleine unter sich; Welches ihre mehr als maͤnnliche Schwester Vandala/ welche am allerersten unter den Menschen zu Pferde ge- stiegen/ und so wohl das Reiten/ als Kaͤmpffen zu Pferde erfunden hat/ nicht verschmertzen konte/ sondern als ihre Bruͤder ihr ein gewis- ses Erbtheil abzutreten weigerten/ ein grosses Heer von allerhand Weibern versammlete/ und zwischen denen Brunnen der Weichsel und des Guttalus mit dem Bojus eine Schlacht wagte/ selbten auch aus dem Felde schlug. Dieser Sieg verursachte/ daß aus allen Enden des deutschen Reichs eine unzehlbare Menge Wei- ber/ welche entweder der maͤnnlichen Herr- schafft uͤberdruͤßig waren/ oder durch die Waffen Ehre einzulegen getraueten/ der Fuͤrstin Van- dala Arminius und Thußnelda. dala zulieff. Diese Macht/ oder vielleicht auch die Abscheu fuͤr groͤsserm Blutver giessen brach- te zu wege/ daß die drey Bruͤder ihrer Schwester Vandala den Strich zwischen der Weichsel und dem Guttalus einraͤumten. Es verliebte sich aber in diese tapffere Vandala des Bojus Sohn/ Tanausis/ welchen sein Vater zum Koͤ- nige der damahls um die Meotische Pfuͤtze wohnenden Gothen gemacht hatte. Diesen tapffern Held vergnuͤgte zwar die Koͤnigin Vandala/ iedoch war sie nicht zu bewegen/ daß sie ihn als ihren Ehherrn bey sich behalten/ und die Herrschafft uͤber ihr maͤnnliches Frau- enzimmer mitgetheilet haͤtte; sondern er muste darmit vorlieb nehmen/ daß sie ihm alle Jahr einen Monat bey ihr zu bleiben erlaubte/ die Soͤhne/ die sie gebahr/ ihm folgen ließ/ die Toͤch- ter aber fuͤr sich behielt. Eben zu selbiger Zeit bemeisterte sich fast gantz Asiens der Egypti- sche Koͤnig Vexores/ Sesostres/ oder Sethos. Nachdem dieser das Reich der Aßyrier unter dem Koͤnige Sosarin/ und der Sycioner un- ter dem Jmachus ihm zinßbar gemacht/ schick- te er an den Tanausis einen Herold mit Be- fehl/ daß er sich seiner Herrschafft gleichfals un- terwerffen solte. Dieser Deutsche Koͤnig der Gothen ließ dem Vexores zur Antwort wis- sen: Es waͤre grosse Thorheit/ daß eines so rei- chen Volckes Koͤnig durch Krieg bey denen et- was suchen wolte/ die die Sebel fuͤr ihr groͤstes Reichthum hielten/ also alldar zwar keine Beu- te/ wohl aber Verlust und ein zweiffelbarer Kriegs-Ausschlag zu besorgen waͤre. Nach dem ihn aber ja so geluͤstete/ mit den Gothen anzubinden/ wolten sie selbsten ehestens bey ihm seyn. Weil nun Tanausis der Koͤnigin Van- dala Ehrsucht wohl wuste/ machte er alles diß ihr eilfertig zu wissen/ welche mit ihrem Weiblichen Heere sich nicht saͤumete den Gothen zu Huͤlffe zu kommen. Die grossen Stroͤme des Bori- sthenes/ des Pantycapes/ des Pacyris/ und Gerrhus/ und der Cimmerische Bosphorus/ waren ihrer Ruhms-Begierde allzu geringe Hinderniße in Asien zu dringen. Tanausis/ welcher mit einem starcken Heere uͤber die Fluͤs- se Tanais/ Marabius/ Rhambites/ Psoͤpis/ und Varadan gesetzt/ und solche unter dem Coraxischen Gebuͤrge stehen hatte/ kam ihr biß in die Stadt Apaturus mit den fuͤrnehmsten seiner Gothischen Fuͤrsten entgegen; baute auch hernach wegen ihrer daselbst genossenẽ Vergnuͤ- gung der Liebe einen praͤchtigen Tempel. Hier- auff zohen sie mit einander an der Nord-Seite des Caucasischen Gebuͤrges/ und kamen in Jbe- rien/ bey der Stadt Harmastis gegen der Egy- ptier Vortrab zu stehen. Die Fuͤrstin Vanda- la bat ihr gegen diesem wolluͤstigen Feinde allein zu fechten aus. Der unverschene Anblick eitel geruͤsteter/ und so maͤnnlich anfallender Wei- ber jagte denen Egyptiern alsbald ein grausa- mes Schrecken ein. Denn/ weil sie nicht glaub- ten/ daß dieses schwache Geschlechte solcher Tapfferkeit faͤhig waͤre/ sahen sie sie fuͤr Ge- spenster an. Weil nun in Schlachten das Au- ge am ersten uͤberwunden wird/ dieses aber so denn dem Hertzen leicht den Muth benimmt/ schlug Vandala nach weniger Stunden Ge- fechte den Feind aus dem Felde; welches in das grosse Koͤnigliche Heer nicht einen geringen Schrecken vorher jagte. Dieses traffen die Deutschen in Colchis an dem Flusse Hippus an. Beyde Heere wurden des Nachts in Schlacht-Ordnung gestellet/ wormit sie bald/ wenn es begunte zu tagen/ mit einander an- binden koͤnten. Vandala fuͤhrte den rechten/ Tanausis den lincken Fluͤgel. Die auffgehen- de Sonne warff durch ihren Widerschein von der Egyptier guͤldenen Waffen/ goldgestuͤckten Kleidern/ und Pferde-Decken denen Deut- schen und Gothen einen solchen Widerschein in die Augen/ daß sie bey nahe verblaͤndet/ und daher so wohl Vadala als Tanausis die Stir- ne ihrer Schlacht-Ordnung etwas seitwerts zu lencken genoͤthigt wurden. Beyde Heer- U u u 2 fuͤh- Fuͤnfftes Buch fuͤhrer nahmen daher Anlaß ihr Volck auffzu- frischen; Vexores: daß der Feind nicht einst den Glantz ihrer Waffen vertragen koͤnte; Vanda- la und Tanausis aber/ daß sie mit keinen abge- haͤrteten Kriegs-Leuten zu fechten/ sondern nur auffgeputzte Tocken/ und eingebiesamte Weiber zu erlegen haben wuͤrden. Alleine den Egy- ptiern schauerte fuͤr Schrecken schon die Haut/ als sie die deutschen Amazonen auff eitel schwar- tzen Pferden/ und mit schwartzen Schilden ge- ruͤstet/ die Gothen aber auff weißen Pferden mit Kohlen-beraͤhmten Gesichtern und Ar- men wie der Blitz andringen sahen. Es ist freylich wohl rathsamer/ fing Rhemetalces an/ mit starcker als praͤchtiger Ruͤstung versehen seyn. Denn das Eisen/ nicht das Gold ist von der Natur zu Waffen gezeuget. Und die Federn dienen wohl den Voͤgeln zur Flucht/ aber nicht den Kriegsleuten zum Gefechte. Es waͤre wahr/ sagte Hertzog Herrmann/ und wuͤ- sten die Deutschen insonderheit nicht viel von die- ser den Feind nur zum Raube reitzenden/ und an sich seilbst beschwer- und hinderlichen Eitelkeit. Gleichwohl aber waͤre die Auffputzung der Kriegs-Leute nicht schlechterdings zu verwerf- fen; und haͤtten die zwey grossen Helden Phi- lopoͤmen und Kaͤyser Julius die ihrigen praͤch- tig ausgeruͤstet. Der koͤstliche Granat-Aepffel- Safft steckte in schoͤnen/ die Diamanten in heßlichen Schalen/ und ein Helden-Hertze thaͤ- te in beyden Wunder. Zeno meldete/ die- sesmahl in dem schlechtesten Auffzuge. Uber- diß ereignete sich/ daß/ als die Schlacht nur angegangen war/ Vexores von dem ober- sten Priester aus Memphis die traurige Zeitung bekam/ daß des Koͤnigs Bruder und hinterlas- sener Stadthalter die Koͤnigin veraͤchtlich hielte/ mit des Koͤnigs Buhlschafften sich befleckte/ und die Herrschafft an sich zu reissen trachtete. Die- ses Ungluͤck verwirrte den Vexores derogestalt/ daß er seinen Kriegs-Obersten gantz widrige Befehl ertheilte/ und also sein eigenes Heer in Unordnung brachte. Hingegen fiel auff einer Seite Tanausis/ auff der andern Vandala die Egyptier wie Loͤwen an/ an denen sie aber mehr zu schlachten/ als mit ihnen zu kaͤmpffen hatten. Alles was sich nicht an das Tauri- sche Gebuͤrge/ oder die Nacht versteckte/ kam durch die Schaͤrffe des Schwerdtes um. Der Koͤnig kam mit Noth auff den Fluß Phasis/ und auff selbtem uͤber das Euxinische Meer/ in den Fluß Halys/ daselbst stieg er aus/ ging zu Lande durch Galatien/ und Lycaonien/ biß an den Fluß Cydnus/ auff dem er in das Cilici- sche Meer schiffte/ und bey Cypern vorbey gleichsam ohne Umschauen in Egypten ankam. Polemon fing an: Es ist diß ein merckwuͤr- dig Beyspiel/ daß ein Feldherr mit einem un- bekandten Feinde nicht leicht schlagen/ auch nicht alles an die Spitze einer einigen Schlacht se- tzen solle. Ja/ sagte Hertzog Hermann/ auch/ daß ein Heerfuͤhrer nicht allein ein grosses Her- tze/ sondern auch in der groͤsten Verwirrung einer Schlacht einen auffgeraͤumten Kopff ha- ben muͤsse; welcher alle boͤse Zeitungen ver- daͤuen und verhoͤlen/ ja Zufaͤlle und das Un- gluͤck selbst zu seinem Vortheil gebrauchen koͤn- ne. Also munterte der hertzhaffte Brennus sei- ne bey waͤhrender Schlacht von einem Erd- beben erschreckende Deutschen auff: Sie sol- ten nur tapffer ansetzen. Denn wie solte der Feind gegen denen stehen/ fuͤr welchen die Er- de zitterte. Und der großmuͤthige Marcomir hielt einsmahls sein Heer/ von welchem etliche Geschwader durchgingen/ mit diesen wenigen Worten in gutem Stande: Es ist gut/ daß sich die Weiber bey zeite von den Maͤnnern ab- sondern. Hertzog Jubil setzte bey/ daß Ariovist zu der dem Kaͤyser Julius gelieferten Schlacht einem ihm die Zeitung bringenden Kriegsknech- te/ daß seine Gemahlin getoͤdtet waͤre/ unveraͤn- dert geantwortet habe: du wirst mein Kebs- Weib meinen. Denn ich weiß von keiner an- dern Gemahlin/ als meinem Reiche; diß aber beste- Arminius und Thußnelda. bestehet nicht in Berg und Thaͤlern/ sondern in denen hier hertzhafft fechtenden Seelen. Ze- no fing an: Also haͤtte ihm Vexores auch helf- fen/ und mit seinem Gluͤcke nicht alsbald gar die Vernunfft verlieren sollen. Der Koͤnigin Vandala/ und dem Tanausis hingegen wuchs mit dem Gluͤcke die Klugheit/ allen Deut- schen aber durch diesen so leichten Sieg der Muth/ und durch die reiche Beute die Begier- de mehr zu erlangen. Dahero bemaͤchtigte sich Vandala der zwischen dem Taurischen/ und Moschischem Gebuͤrge/ wie auch dem Euxi- nischen Meere gelegener Laͤnder/ besetzte die Stadt Phasis/ Sebastopolis an dem Flusse A- cinasis/ die Stadt Absyrtus an dem Fluße Ab- sarus/ Baute Xylina zwischen dem Flusse Py- xites/ und Pritanus/ besetzte die Fluͤsse Adie- nus/ Ophis/ Nyssus/ und Melanthius/ ja brach- te biß an den Fluß Halys die gantze See-Kuͤ- ste unter ihr Gebiete; zwischen die Stroͤme Jris/ und Thermodon aber baute sie ans Meer zu ihrem Koͤniglichen Sitze die Stadt Themi- scyra. Tanausis aber theilte sein Heer in zwey Theil/ mit einem drang sein Bruder Par- thes uͤber den Caucasus in Hircanien/ und durch die Caspischen Pforten in Meden/ wel- chem sich des Vexores Unter-Koͤnig Sorim gut- willig unterwarff. Dieser richtete daselbst von seinem Nahmen das beruͤhmte Volck und Herr- schafft der Parthen und Bactrianer auff. Das andere Theil fuͤhrte Tanausis in Cappadocien und Lycaonien/ daselbst liessen die Gothen ihre Weiber/ Kinder und Alten unter dem Schirm der beyden Fuͤrsten Ylinos und Scolopitus zu- ruͤcke/ uͤberschwemmeten nicht nur das kleinere Asien/ sondern auch Syrien/ Mesopotamien und Assyrien; Sie waͤren auch biß in Egypten gedrungen/ wenn sie die Pfuͤtzen von dem uͤber- lauffenden Nil nicht zuruͤcke gehalten haͤtten. Tanausis baute in Syrien Hierapolis uñ Beth- san/ und die Liebligkeit selbiger Laͤnder verur- sachte/ daß die Gothen nicht nur ihres kalten Vaterlandes/ sondern auch der ihrigẽ in Cappa- docien ver gaßen; Ungeachtet sie ihre verlassenen Frauen beweglich zuruͤck rufften/ und aus den Nachbarn andere Maͤnner zu erkiesen draͤue- ten. Die Koͤnigin Vandala fuͤhrte inzwischen mit den Sacken/ einem Scythischen Volcke Krieg/ uͤberwaͤltigte sie/ und drang ihnen zur Koͤ- nigin ihre Base/ die schoͤne und streitbare Zarina auff/ welche hernach die Meden/ und andere rauhe Voͤlcker demuͤthigte/ selbten mildere Sit- ten angewoͤhnete/ und unterschiedene Staͤdte bauete/ also auch unter den Scythen die Frau- en-Herrschafft/ unter den Amazonen aber die Tugend und Tapfferkeit durch dieses Gesetze be- festigte/ daß keine/ die nicht drey Feinde erlegt/ und zwar nur alsdeñ/ weñ sie vorher ihren Got- tesdienst verrichtet/ mit einem Manne Gemein- schafft haben dorffte. Weßwegen sie nach ih- rem Tode vergoͤttert/ und mit Auffrichtung ei- ner Himmel-hohen steinernen Saͤule verehret ward. Als Vandala mit den Sacken kaum fertig ward/ bey diesem Kriege aber sie fast alle ihre Macht aus dem kleinern Asien zuruͤck ge- gen Norden gezogen/ und zu Ampsalis ihren Sitz erkieset hatte/ kriegte sie von denen in Cap- padocien gelassenen Gothischen Frauen Nach- richt: Nachdem die benachbarten Pamphilier/ Paphlagonier und Armenier/ die Gothischen Weiber in Cappadocien aller Mannschafft ent- bloͤsset/ und von ihren Maͤnnern gantz verlassen gesehen/ waͤren sie mit gesamter Hand bey ihnen eingefallen/ haͤtten auch beyde Fuͤrsten Ylinos und Scolopitus erlegt/ also waͤre es um sie ge- schehen/ da sie ihnen nicht schleunige Huͤlffe lei- stete. Vandala machte sich unverruͤcktes Fus- ses mit einem Theile ihrer streitbaren Weiber auff/ uͤber das Euxinische Meer/ stieg zu The- miscyra aus/ und traff die Gothischen Frauen an dem Flusse Jris in einem hitzigen Gefechte mit ihren Feinden an. Jhre schneidenden Schwerdter gaben dem zweiffelhafftem Siege bald einen Ausschlag; Die Feinde wurden mei- U u u 3 sten- Fuͤnfftes Buch stentheils nieder gehauen/ und hierdurch daselbst ein neues Weiber-Reich auffgerichtet. Van- dala baute auff der Wallstatt eine Stadt/ und nennte sie zum Gedaͤchtnisse/ daß bey waͤhren- der Schlacht sich ihr die Haarlocken auffgefloch- ten/ sie aber solche biß zum Ende fliegende ge- lassen hatte/ nach angenommener Griechischen Redens-Art Komana. Jn dieser Stadtrich- tete sie von eitel rothem aus dem Taurischen Gebuͤrge gehauenem Marmel der Kriegs- Goͤttin unter dem Nahmen der Taurischen Di- ana einen praͤchtigen Tempel auff/ ordnete hundert Priesterinnen dahin/ darunter die O- berste nach der Koͤnigin die hoͤchste Gewalt im Reiche hatte; Sechs tausend Gefangene mach- te sie zu Opffer-Knechten/ welche aber auff ge- wisse Feyer einander selbst auffreiben musten. Die Griechen und alle andere Voͤlcker verehre- ten hernach dieses Heiligthum fuͤr allen andern/ und Agamemnon wiedmete darein das Opffer- Messer/ wormit seine Tochter Jphigenia ab- geschlachtet worden war. Weil auch einige bey ihnen nachbliebene Maͤnner nicht mit in die Schlacht kommen waren/ toͤdteten die Go- thischen Weiber sie vollends/ und nahmen hier- von den Nahmen der Amazonen und die erstern Gesetze der Vandala an; welche ihnen die zwey tapffersten Frauen Marpesia und Lampeto zu Koͤniginnen fuͤrsetzte/ die ihnen ihre rechten Bruͤste den Bogen desto besser zu gebrauchen weggebrennet hatten/ und sich des Krieges-Got- tes und der Diane Toͤchter nannten/ die erste auch einem Theile des Caucasischen Gebuͤrges/ aus dem die Fluͤsse Corax und Astelephus ent- springen/ ihren Nahmen zugeeignet hatte/ weil sie die daselbst einbrechenden Scythen so hertz- hafft zuruͤck geschlagen. Vandala selbst aber kehrte wieder in ihr Nordliches Reich/ alldar sie nach vielen Siegen endlich starb/ von den ihrigen aber fuͤr eine Goͤttin und Fuͤrbild der Tapfferkeit in unerleschlichem Gedaͤchtniße behalten ward. Lampeto und Marpesia aber uͤbten ihr Frauenzimmer an statt des veraͤchtli- chen Spinnens in Ritter-Spielen/ theilten sich in zwey Heere ab; Marpesia bemaͤchtigte sich Armeniens/ und nennte denselbigen gantzen Strich des Caucasus nach ihrem Nahmen das Marpesische Gebuͤrge/ wiewohl sie hernach bey einem Einfall der Assyrer durch einen Pfeil toͤdt- lich verwundet ward/ iedoch erst nach erlangtem Siege ihren Helden-Geist auffgab. Dieser ihre Tochter Gorgonia verfolgte ihre Siege/ fuhr auf dem Tigris uͤber das Persische/ und nach Eꝛ- legung der Araber uͤber das rothe Meer/ allwo sie dem Egyptischen Koͤnige Horus der Jsis Sohne ihre Tochter Myrina auff eine gewisse Zeit vermaͤhlte/ und ein Buͤndniß auffrichtete. Von dar zohe sie durch die Cyrenische Wuͤsten in Numidien/ baute zu dem Tritonischen See eine Stadt/ und unterwarff ihr theils durch Tapffer- keit/ theils durch Schrecken/ indem die von ihr so genannten Gorgones ihre Schilde und Waffen mit Schlangen behingen/ viel Voͤlcker; Ward aber endlich durch Arglist vom Perseus erlegt. Nach ihr maßte sich der Herrschafft die Koͤnigin Myrina an/ schlug die Einwohner in Cercene/ worauff sich die andern Atlantischen Voͤlcker ihr gutwillig untergaben. Von dar drang sie wieder in Arabien/ bemaͤchtigte sich der Syrer durchs Schwerdt/ der Cilicier durch Schrecken/ baute die Staͤdte Cyme/ Pitame/ Priene und Mitilene. Blieb endlich in der Schlacht mit den Thracischen Koͤnigen Sipylus und Mopsus; Nach welcher Tode diese Amazonen wieder in Lybien zuruͤck kehrten. Lampeto eroberte inzwi- schen auff der andern Seite Galatien/ Pisidien/ Cilicien/ und ein Theil Syriens/ baute die Stadt Smyrna/ Cuma/ Myrina/ Paphus/ Ephesus/ und der Diane Wunder-Tempel; Ja endlich drang sie biß in Thracien. Vandalens Nachfolgerinnen aber machten ihnen auff der Nord-Seite des Euxinischen Meeres biß an den Einfluß der Tanais alle Voͤlcker dienst- bar. Marpesien folgte ihre Tochter Orithia/ welche Arminius und Thußnelda. welche ewige Jungfrauschafft gelobte/ und die Stadt Sinope baute; der Lampeto ihre Toch- ter Antiope/ welche zwey mit ihren Thaten die Welt also erfuͤlleten/ daß es eine Amazone zu uͤberwinden so unmoͤglich/ als den Himmel mit den Fingern zu erreichen gehalten ward. Wie denn deshalben Bacchus in dem Tem- pel zu Samos etlicher von ihm erlegter Ama- zonen Gebeine als ein grosses Wunderwerck aufhenckte. Daher als Hercules in Griechen- land nach unterschiedenen grossen Verrichtun- gen/ und insonderheit/ daß er das goldene Fell aus Colchis geholt/ und den an dem Caucasus an- geschmiedetẽ Prometheus loßgemacht hatte/ sich beym Koͤnige noch groͤsserer Streiche vermaß/ legte dieser ihm auf/ einer Amazonischen Koͤni- gin Guͤrtel zu bringen. Hercules nahm die- ses auf sich/ und die Gelegenheit in Acht/ als Orithia mit den meisten Amazonen uͤber den Phrat gesetzt war/ zohe den Kern des Griechi- schen Adels/ unter denen Theseus/ Enneus/ Thoas/ Sokoan/ Artolicus/ Demeleon/ Phlo- gius die fuͤrnehmsten waren/ an sich/ segelte mit neun langen Schiffen durch die Thracische Meer-Enge uͤber das Euxinische Meer in den Fluß Thermodon/ schlug also des Nachts un- vermuthet bey der Stadt Themiscyra ein Laͤ- ger auf. Des Morgens schickte Anti- ope zu den Griechen/ sie fuͤr Freunde halten- de/ welche nach Gewohnheit ihrer Lan- des - Art ihrer Liebe zu genuͤssen dahin kommen waͤren/ allerhand Erfrischungen sie zu bewillkommen. Hercules und Theseus nahmen selbte an/ luden die Amazonen mit allerhand Liebes-Bezeugung auf ihre Schiffe/ wordurch sich der Koͤnigin Schwester Hippoly- te nebst etlichen andern blenden/ und also vom Theseus/ der sich Augenblicks in sie heftig ver- liebte/ fangen ließ. Hierauf forderte Hercules noch den Guͤrtel der Koͤnigin/ oder er waͤre ent- schlossen solchen mit Gewalt zu nehmen. Die Amazonen/ wie wenig ihrer gleich einheimisch waren/ wolten ehe ruͤhmlich sterben/ als ihrem Ruhme durch Zagheit einigen Schandfleck an- brennen/ oder auch nur sich in die Mauren zu Themiscyra einsperren lassen. Daher fielen sie auf die in voller Schlacht-Ordnung stehenden Griechen aus/ nach dem sie vorher geloset/ wie sie hintereinander auf den großmuͤthigen Hercules treffen solten. Die Griechen aber uͤberfiel eine sol- che Furcht/ daß Hercules dem Schrecken als einẽ Gotte opfern muste. Jsmene fing hieruͤber an zu laͤcheln/ und zu melden: Die Schwachheit unsers allzuviel redenden Krancken veranlassete mich die Thorheit der sonst so klugen Griechen zu verlachen/ daß sie diß fuͤr Gottheiten vereh- ren/ was wir Deutschen fuͤr Schwachheiten/ oder gar fuͤr Laster haben. Dergleichen aller- dings die von dem schrecklichen Hercules ange- bethene Furcht ist. Ja/ sagte Rhemetalces/ und zu Athen stehen noch zwey Tempel/ derer einer der Verachtung/ der andere der Unscham- hafftigkeit gewiedmet ist. Thußnelde fragte halb-entruͤstet hieruͤber: Heist diß aber nicht unverschaͤmt seyn? und ist es nicht eine offenbare Gottes-Verachtung/ wenn man durch eine so laͤcherliche Andacht nur des Himmels spottet? Rhemetalces als ein Griechischer Nachbar roͤ- thete sich ein wenig uͤber diesem Eifer. Wormit er nun nicht fuͤr einen/ der an diesem Aberglau- ben Theil haͤtte/ angesehen haben moͤchte/ hob er an: Er wuͤntschte/ daß die Athenienser ehe/ als sie so verdam̃liche Tempel gebaut/ mit den Elea- ten den weisen Xenophanes zu Rathe gefragt haͤtten; welcher auf ihre Befragung: Ob sie laͤnger der Morgenroͤthe mit Heulen und Weh- klagen opfern solten? ihnen vernuͤnftig antwor- tete: Wenn sie die Morgen-Roͤthe fuͤr eine Goͤttin hielten/ waͤren die Thraͤnen nichts nuͤ- tze; waͤre sie aber eine Verstorbene/ so verdiente sie kein Opfer. Jsmene fragte: Was richtete Hercules aber mit seinem furchtsamen Opfer aus? Zeno sagte: Mit seinen von der Medea empfangenen Zaubereyen/ welche ihn unver- wundlich Fuͤnftes Buch wundlich machten/ sonder Zweifel mehr/ als mit seinem thoͤrichten Gottes-Dienste. Wiewohl ich darfuͤr halte/ daß der gewuͤntschte Ausschlag weder eine falsche Andacht rechtfertige/ noch ein widriger den rechtmaͤssigen verwerfflich mache. Denn die gerechten Goͤtter haben mehrmals so viel Ursache uns/ als die Eltern ihren Kindern ihre Bitten zu versagen; denen Boͤsen aber ihre sie ins Verderben leitende Wuͤntsche zu geweh- ren. Jsmene versetzte: Kriegte denn aber Her- cules keine Wunde? Zeno antwortete/ aus Pen- thasileens Berichte: Keine/ aber wohl viel hefti- ge Streiche/ deren aber keiner durchdrang. Rhe- metalces brach ein: Jch traue gleichwohl dem Hercules nicht zu/ daß seine Festigkeit von Col- chischen Kuͤnsten hergeruͤhrt haben solle/ weil die Gemsen- und Siegwurz/ die in dem Her- tzen der Gemsen gefundene Kugel/ und etliche andere natuͤrliche Kraͤuter einen fuͤr allen Wun- den versichern sollen. So muͤssen/ sagte Ju- bil/ die fuͤr Troja verwundete Venus/ und an- dere Goͤtter schlechte Kraͤuter-Verstaͤndige/ und ohnmaͤchtiger als die Zauberin Medea gewesen seyn/ daß sie sich auch nicht un- verwundlich haben machen/ und Jupiter selbst seinen Sarpedon nicht erretren koͤnnen. Zeno antwortete: Dem sey/ wie ihm wolle/ so blieb er doch fast alleine nur unversehret. Denn Anti- opens Schwester Malpadia traff auf den The- seus/ welcher der Griechen lincken Fluͤgel fuͤhr- te/ verwundete ihn auch zwar an dreyen Orten/ sie ward aber von der Menge der Griechen um- ringet und gefangen; Aella traff auf den Her- cules/ von welchem sie aber verwundet/ und aus dem Treffen zu weichen genoͤthiget ward. Dieser folgte die tapfere Philippis/ welche Hercules bald im ersten Anbinden erlegte. Nach diesem griffen ihn Prothoe/ welche auf einmal hinter einander fieben Helden uͤberwunden hatte/ Euribea/ Cele- no/ Eurybia/ Phobe/ welche sonst mit ihren Pfei- len auf ein Haar traffen/ ferner Deianira/ Aste- rie/ Marpe/ Tecmessa/ Auge/ und die zu ewiger Jungfrauschafft verlobte Aleippe an. Alle die- se wurden entweder vom Hercules verwundet oder erschlagen/ also/ daß sie alle darfuͤr hielten/ es muͤsse mit Kraͤutern zugehen/ oder er kein ver- wundlicher Mensch seyn. Endlich wolte An- tiopens andere Schwester Manalippe ihr letztes Heil an ihm versuchen/ verwundete ihn auch an die Huͤffte; sie fiel aber endlich auch in seine Haͤnde/ also/ daß die Koͤnigin Antiope sich mit den uͤbrigen Amazonen in Themiscyra fluͤch- ten/ und/ wolte sie anders ihre Schwester Mena- lippe loß haben/ sie mit ihrem Guͤrtel bey dem Hercules auswechseln muste/ welcher denn nach erlangtẽ Siegs-Zeichen mit seinen groͤsten theils auch verwundeten Griechen nach Hause kehrte/ unterwegens aber gleichwohl durch eine Krie- ges-List sich der Stadt Sinope bemaͤchtigte/ und daselbst den Artolycus zum Fuͤrsten einsetz- te/ dessen Schiff an einer Steinklippen zerbro- chen ward. Die andere Schwester Hippolyte aber/ wegen welcher sich Soloon aus verzweifel- ter Liebe in den Fluß Thermodon stuͤrtzte/ war durch kein Mittel zu befreyen/ sondern sie ward dem Theseus/ die wunderschoͤne Auge auch dem Hercules selbst vermaͤhlet. Als Orythia die- sen Raub und schimpfliche Niederlage vernahm/ munterte sie ihre Amazonen zur Rache auf/ ih- nen vorhaltende/ wie vergebens sie sich des Pon- tus und Asiens bemaͤchtiget haͤtten/ da die Grie- chen aus ihrem Hertzen einen solchen Raub zu holen sich unterwinden moͤchten. Sie ersuchte auch der Koͤnigin Vandala Tochter Hipsierate/ und den Gothischen Koͤnig der Parthen Sagil des Parthes Sohn umb Huͤlffe/ jene versprach ihr in kurtzer Zeit/ so bald sie nur aus ihrem Scy- thischen Kriege zuruͤck kommen wuͤrde/ 20000. auserlesene Amazonen zuzuschicken; alleine weil Koͤnig Sagils Sohn Panasagor mit 40000. Pferden zur Orythia stieß/ wolte sie Hipsicratens Huͤlffe nicht erwarten/ sondern zohe geraden Weges in Phrygien/ und weil Priamus ihr den Durchzug verwehrte/ schlug sie sein Heer aus dẽ Felde/ woruͤber aber ihre Tochter Myrnita todt blieb. Arminius und Thußnelda. blieb. Hierauf setzte sie uͤber den Hellespont/ und drang von dar biß in Peloponnesus. Gantz Griechenland hatte daselbst unter der Haupt- Fahne der Athenienser seine Kraͤffte versamm- let/ als es aber zum Treffen kam/ gerieth Ory- thia mit dem Fuͤrsten Panasagor wegen des Vorzugs in Zwist/ und zohe dieser sich in sein Laͤger zuruͤcke. Dessen ungeachtet/ band Ory- thia und ihre Amazonen mit den Griechen tapf- fer an/ und blieb der Sieg einen halben Tag zweiffelhafft/ biß daß Orythia nach eigenhaͤndi- ger Aufopfferung vieler Feinde/ und insonder- heit Hippolytens/ welche fuͤr ihren Ehherren Theseus der Griechen Feldherrn an der Spitze wider ihre Schwestern am verzweiffeltesten fochte/ toͤdtlich verwundet ward. Ob sich nun wol hierauf das Gluͤck wendete; brachten doch die hertzhafftesten Amazonen ihre Koͤnigin aus dem Gedraͤnge der Feinde/ und zohen sich zu- ruͤck-weichende in Panasagors Laͤger/ darin- nen Orythia mit Vergnuͤgung/ weil sie Hippo- lyten erlegt hatte/ nach Vermahnung der A- mazonen zur Tapfferkeit/ und Benennung ih- rer Tochter Penthasilea zum Reiche dieses Le- ben gesegnete. Die abgematteten Griechen wolten sich nicht wagen das Laͤger anzutasten/ sondern liessen den Feind ohne einige Verfol- gung wiedeꝛ uͤber den Hellespont in Asten setzen/ und bauten zum ewigen Gedaͤchtnuͤß auff den Siegs-Platz die Stadt Amazonia. Pentha- silea verliebte sich im Ruͤckwege in den Koͤnig der Mysier Telephus/ des Hercules und der Auge Sohn/ und behielt ihn etliche Monat bey sich. Welche Liebe denen Amazonen aus Rachgier gegen dem Hercules hoͤchst verdaͤchtig und also verdruͤßlich war/ ungeachtet Telephus ihnen beym Ubersetzen allen Vorschub gethan/ hingegen den Griechen/ als sie zur Belaͤgerung der Stadt Troja zohen/ sich entgegen gesetzt/ den Fuͤrsten Timander getoͤdtet/ und/ als er dem fluͤchtigen Ajax und Ulysses nachrennende mit dem Pferde stuͤrtzte/ von den Pfeilen des Achil- les eine toͤdtliche Wunde bekommen hatte/ die auch anders nicht/ als mit Verbindung des ver- wundenden Eisens/ zu heilen waꝛ. Dieser Lie- bes-Zwist kam endlich so weit/ daß Penthasilea Monotapen/ als sie ihr allzu hefftig einredete/ durchstach/ und hierdurch das Amazonische Reich in offentlichen Aufstand wider sich versetz- te/ also/ daß sie mit einem Theile der ihr wohl- wollenden Amazonen sich in Mysien fluͤchten muste. Wie nun Troja von den Griechen aufs aͤrgste bedraͤnget/ Hector auch schon vom Achil- les erlegt war/ meinte Penthasilea sich so wol an den Griechen zu raͤchen/ als einen unsterblichen Nahmen zu erwerben; Zohe also den Troja- nern zu Huͤlffe/ erlegte daselbst etliche tausend Griechen/ das unveraͤnderliche Verhaͤngnuͤß aber schickte es/ daß sie nur auch von dem Schwerdte des grimmigen Achilles fallen mu- ste. Unterdessen wurden die Amazonen in Cap- padocien wegen der Herrschafft uneins/ die be- nachbarten Voͤlcker hingegen fielen von ihnen ab/ und machten wider sie/ als welche gleichsam zu ewiger Schande der Maͤnner sie so lange mit Fuͤssen getreten hatten/ starcke Buͤndnuͤsse; also/ daß sie sich endlich entschlossen selbige Laͤnder zu verlassen; zohen daher durch Colchis zu ihren Schwestern/ die unter den Nachkommen der Koͤnigin Vandala zwischen dem schwartzen und Caspischen Meere noch uͤber viel Voͤlcker herr- schen. Unter der Reyhe dieser Koͤniginnen war auch die hertzhaffte Tamyris/ welche dem Scy- thischen Koͤnige Madyes/ mit dem sie einen Sohn Rhodobates gezeuget hatte/ wider den Cyrus zu Huͤlffe kam. Denn nachdem dieser Asien und alle Morgenlaͤnder uͤberwaͤltiget hatte/ stach ihn auch der Kuͤtzel der Scythen Meister zu werden. Madyes schickte seinen Sohn Rhodobates mit einem ansehnlichen Hee- re an den Fluß Araxes den Persen die Uber- kunfft zu ver wehren; Tamyris aber rieth/ den Feind unverhindert uͤberzulassen/ und selbten zwischen die Engen des Taurischen Gebuͤrges Erster Theil. X x x zu Fuͤnfftes Buch zu locken. Rhadabates folgte im ersten/ als a- der Cyrus nach zweyen Tagereisen aus ange- nommener Furcht sein mit Wein und koͤstli- chen Speisen angefuͤlletes Lager verließ/ be- maͤchtigte sich dieser junge hitzige Fuͤrst desselb- ten/ darinnen sein gantzes Heer in Wein und Schlaff alle Tapfferkeit vergrub/ des Nachts von den Persen uͤberfallen/ und biß auff den letz- ten Mann nieder gemetzget ward. Die Koͤni- gin Tamyris suchte den Trost uͤber den Ver- lust ihres einigen Sohnes nicht in weibischen Thraͤnen/ sondern in Rache; wiech daher mit ihrem Heere biß uͤber den Fluß/ welcher nicht weit von dem Caspischen Meere in Araxes faͤllt/ und von des Cyrus erfolgter Niederlage her- nach seinen Nahmen bekommen. Die uͤber- muͤthigen Persen nahmen ihnen fuͤr nicht zu ru- hen/ biß sie ihr Reich biß an den Jaxartes oder Tanais erstreckt haͤtten/ setzten also unbedacht- sam uͤber den Fluß Cyrus/ allwo die Koͤnigin Tamyris mit ihren Amazonen sie aus allen Ecken des Gebuͤrges uͤberfiel/ und zweymahl hundert tausend Persen niedersebelte/ also/ daß nicht einer darvon kam/ der die Nachricht von dieser Niederlage in Persen zu bringen ver- mocht haͤtte. Cyrus selbst ward gefangen/ und an ein Creutz genagelt/ hernach ihm der Kopff abgeschlagen/ welches Tamyris in einen Kessel voll Blutes warf/ mit den Worten: Saͤt- tige nun allhier du unersaͤttlicher Wuͤterich dei- nen Blutdurst. Koͤnig Amorges/ welcher mit seinen Sacken den Persen zu spaͤt Huͤlffe leisten wolte/ ward gleichfals aufs Haupt geschlagen/ daß er mit Noth entran. Wie nun deroge- stalt die Amazonen mit ihrem Ruhm und Tha- ten die gantze Welt/ mit ihrem Gebluͤte die groͤ- sten Reichs-Stuͤle erfuͤlleten/ daß sie nicht leicht von Feinden mehr angetastet wurden/ sondern auch andere Voͤlcker sie zu ihrer Herrschafft er- kieseten; massen denn die Koͤnigin Semira- mis in Assyrien/ Cleosis in Jndien des Amazo- nischen Uhrsprungs sind; Also haben unsere Koͤniginnen genau beobachtet/ daß sie keinen/ der nicht ein Koͤnig/ oder aus Koͤniglichem Ge- bluͤte ist/ ihrer Liebe genuͤssen lassen/ wormit kein unedles Blut auff den Amazonischen Stul komme. Nach der Zeit trug sichs zu/ daß die Koͤnigin Thalestris auff bewegliches Flehen des Persischen Koͤnigs Arses/ dessen Vater Arta- xerxes Ochus von seinem verschnittenen Ba- goas ermordet/ sein Fleisch den Maͤusen zu fres- sen gegeben/ die Beine zu Degen und Mes- sergriffen verbrauchet worden waren/ wider diesen Fuͤrsten-Moͤrder und den auffgeworffe- nen Koͤnig Darius Codomann/ selbtem tausend Amazonen zu Huͤlffe schickte. Diese fuͤhrte des Gothischen Koͤnigs Sitalces hertzhaffte Tochter Syeda/ welche aus Begierde der Tu- gend zu den Amazonen kommen war. Alldie- weil aber die furchtsamen oder meineidischen Persen den Arses und die Amazonen im Stiche liessen/ wurden sie von den Feinden umringt; Bagoas/ und die fast toͤdtlich verwundete Fuͤr- stin Syeda mit noch hundert Amazonen vom Medischen Unter-Koͤnige Atropates gefan- gen/ von diesem aber kurtz hernach dem den Darius uͤberwindenden grossen Alexander ver- ehret. Dieser großmuͤthige Fuͤrst nahm sie mit grosser Hoͤfligkeit an/ und versetzte sie noch selbigen Tag in die Freyheit; wiewohl sie selbst Lust hatten eine Zeit unter seinen Fahnen zu kriegen. Weil nun die Macedonischen Fuͤr- sten sie taͤglich bedienten/ und uͤber ihrer Tapf- ferkeit sich verwunderten/ ward die wieder ge- nesene Fuͤrstin Syeda mit einem Deutschen Fuͤrsten Anthyr bekandt/ dessen Vater noch uͤber die Heruler herrschte/ die Mutter aber aus dem Koͤniglichen Amazonischen Stamme herruͤhrte/ und mit der Koͤnigin Thalestris Geschwister Kind war. Dieser junge Fuͤrst war mit der Deutschen Gesandschafft zum Ale- xander kommen/ welche zwischen ihm und dem Geti- Arminius und Thußnelda. Getischen Koͤnige Syrmus vermittelte/ auch ihm unter Augen sagte/ daß die Deutschen sich fuͤr nichts als fuͤr Einfallung des Himmels fuͤrchteten. Weil nun dieser junge Fuͤrst Anthyr grosse Gewogenheit von Alexandern genossen/ und unter einem so grossen Helden durch tapffere Thaten sich beruͤhmt zu machen begierig war; zohe er mit drey hundert deut- schen Edelleuten ihm in Asien nach/ und er- langte durch seine Hertzhafftigkeit nicht min- dern Ruhm/ als des Koͤnigs Gewogenheit. Welcher denn auch/ als ihm Anthyr sein An- liegen eroͤffnete/ bey der Fuͤrstin Syeda ihre Gegen-Liebe/ und endlich eine Heyrath zwi- schen beyden Deutschen Fuͤrstlichen Personen zu wege brachte. Anthyr aber ward bald nach dem Beylager von denen Herulen und Va- rinen zur Herrschafft beruffen/ weil seines Va- tern Todt ihm diese eroͤffnet hatte; welcher denn mit denen Amazonen nach genommenem Urlaub von Alexandern unter einer Beglei- tung zwey tausend Macedonier biß an unsers Reiches Graͤntze/ bey der Koͤnigin Thalestris gluͤcklich ankam/ von dar aber mit seiner Ge- mahlin Syeda durch Sarmatien und uͤber das Venedische Meer in ihr Vaterland ver- reisete. Ob nun diese zwey/ fuhr Zeno fort/ in Deutschland ankommen/ wuste mir Pen- thasilea nicht zu sagen; Jch solte aber vielleicht allhier hiervon einigen Grund erlangen. Es ist wahr/ antwortete die Fuͤrstin Thußnel- da alsofort: Denn dieser zwey Helden-Leute wird Deutschland nimmermehr vergessen; weil sie nicht nur Stargard/ und andere Staͤd- te gebauet/ sondern durch ihre Thaten ver- dienet/ daß die Heruler ihnen zwey steinerne Ehrenbilder aufgerichtet; Welche noch als An- reitzungen zu ruͤhmlicher Nachfolge von denen Deutschen in hohen Ehren gehalten werden. Des Anthyrs Bild ist in Riesen-Groͤsse/ hat auff dem Helme einen guͤldenen Greiff. Der Schild aber bildet halb einen Ochsen/ halb einen Pferde-Kopff ab/ welchen ihm der gros- se Alexander aus koͤstlichem Ertzte etzen lassen/ und zum Gedaͤchtnuͤsse verehret/ weil er den Marden das abgenommene Pferd Bucephal wieder abgeschlagen. An dem Bilde der Koͤnigin Syeda hencken die Haare biß an die Waden herab/ beyde Haͤnde haͤlt sie hinter dem Ruͤcken/ in einer einen guͤldenen Apffel/ in der andern gruͤne Wein-Reben mit Trau- ben. Weil sie diese Fruͤchte mit aus Asien gebracht/ und zum ersten in Deutschland an der Donau zu pflantzen gelehrt haben soll. Dahero sie von den Herulen fast als eine Ce- res verehret/ und jaͤhrlich ihr geopffert wird. Diesen seinen Eltern folgte ihr Sohn/ Anar/ nicht nur im Reiche/ sondern auch in Tu- genden nach; welcher die Sarmatische Fuͤr- stin Oraja zur Ehe nahm/ und mit ihr nicht geringere Ehren-Saͤulen verdiente. Ja dieses Gebluͤte und Tugenden leben noch itzt in dem Helden-Stamme der Herulischen/ Rugischen und Varinischen Hertzoge/ welche noch alle obigen Bucephals Kopff in ihren Schilden fuͤhren. Diese gute Nachricht/ sag- te Zeno/ bekraͤfftigt mir gewaltig Penthasi- leens gantze Erzehlung; welche denn mir zu- gleich vermeldete/ daß Alexander der Fuͤrstin Syeda an die Koͤnigin Thalestris einen freund- lichen Brieff uͤberschickt/ und sie zu sich be- weglich eingeladen haͤtte. Aus dieser Ver- anlassung waͤre die Koͤnigin Thalestris/ welche doch vorher seinen Feld-Obristen Sopyrion mit seinem gantzen Heere in Albanien erschla- gen hatte/ mit drey hundert Amazonen dem grossen Alexander biß in Hircanien nachge- zogen/ und dreyzehen Tage/ biß sie sich von ihm schwanger befunden/ bey ihm verhar- ret. Von dieser Thalestris waͤre sie und ihre Schwester die Koͤnigin Minothea des Jberischen Koͤnigs Pharnabazes Tochter X x x 2 noch Fuͤnfftes Buch noch uͤbrig. Die andern Amazonen pflegten meist im Fruͤhlinge auf die Graͤntzen ihres Rei- ches sich zu verfuͤgen/ und alldar den Albanern/ Jberiern/ Gargarensern und Scythen beyzu- wohnen. Die Amazonen haͤtten auch noch dem Mithridates wider den Lucullus ansehnli- che Huͤlffe geleistet unter seinem Feld-Haupt- manne Taxiles/ und dem grossen Pompejus nebst dem Jberischen Koͤnige Artocus/ und dem Albanischen Orezes nicht geringen Abbruch ge- than. Die Fuͤrstin Thußnelda fiel dem Zeno in die Rede: Jch hoͤre wol/ es habe Zeno sich so sehr in die Tugend der streitbaren Amazonen verliebet/ daß sein Gedaͤchtnuͤß nicht eines von den Ge- schichten ihrer Tapfferkeit ihm entfallen lassen. Denn/ ob schon Freundschafft und Liebe einan- der so gar nahe verwand sind/ daß selbte offt Ge- schwister abgeben/ jene auch gegen dieser mehr- mals Mutterstelle vertrit; so sind sie doch/ was das Andencken betrifft/ einander insgemein himmelweit entfernet/ indem die Freundschafft ihre der Ewigkeit wuͤrdige Wohlthaten nur in leichten Staub/ die Liebe aber ihre ungefaͤhrli- che Handlungen in den Marmel der Unver geß- ligkeit eingraͤbet. Aber/ warum vergisset Fuͤrst Zeno den Uhrsprung seiner geliebten E- rato auch denen Amazonen zuzurechnen/ nach- dem ihre gegen mich ausgeuͤbte Thaten schon ihr Geschlechte verrathen hat. Die Koͤnigin Erato faͤrbte sich uͤber diesem Lobe/ und versetzte: Sie koͤnte nicht leugnen/ daß ihre Vor-Eltern von muͤtterlicher Seite ihren Stamm von A- mazonen herrechneten/ und es waͤre in Mor- genland fast kein Fuͤrstliches Hauß/ welches nicht etliche Amazonische Schilde zwischen ih- ren Geschlechts-Kleinoden zeigete. Aber sie wuͤrde durch das Andencken ihres Zweykampfs nicht allein ihrer Unfaͤhigkeit halber beschaͤmt/ also/ daß sie entweder an so streitbarer Ankunfft zweiffeln/ oder/ ob sie nicht als eine Mißgeburt ihres Uhrsprungs Tugenden nicht geerbet haͤt- te/ sich uͤber das Verhaͤngnuͤß beklagen muͤste/ sondern wuͤrde zugleich gezwungen in ihrem Hertzen der tugendhafften Thußnelda einen sol- chen Siegs-Krantz aufzusetzen/ dessen keine be- hertzte Tamyris wuͤrdig waͤre; weil sie mit ih- ren Waffen sich zwar ihrer Glieder bemaͤchti- get/ durch ihre gegen eine uͤberwundene Fein- din aber gebrauchte Sanfftmuth sich zu der Ge- bieterin ihrer durch euserliche Gewalt unzwing- baren Seele gemacht haͤtte. Diese ihre Tu- genden beglaubigten ihr mehr/ als das Zeugnuͤß der bewaͤhrtesten Geschichtschreiber/ daß die A- mazonen aus deutschem Gebluͤte entsprossen. Denn in ihren Augen waͤre Thußnelda zwar nicht an Grausamkeit/ wol aber an Tapfferkeit die vollkommenste Amazone. Thußnelda be- gegnete der Koͤnigin: Es haͤtten alle irrdische Dinge zweyerley Farben/ nachdem man selbte entweder gegen dem Schatten/ oder ans Licht stellte; alles menschliche Beginnen aber zweyer- ley Gesichter/ also/ daß sie uns bald schoͤn/ bald ungestalt fuͤrkaͤmen/ nachdem nehmlich entwe- der die Klugheit/ oder die Zuneigung der Men- schen/ oder auch wol gar der blosse Zufall eines fuͤr dem andern hervor zeigte. Diesem letztern alleine/ nicht eigener Geschickligkeit habe sie beyzumessen/ daß sie von einer so vollkommenen Koͤnigin nicht waͤre uͤberwunden worden. Das Gluͤcke habe die Gewohnheit/ daß es die- selben/ welche es ohne Schuld mit vielen Ubeln druͤcket/ zuweilen mit Zuwerffung eines unver- dienten Obsieges von gaͤntzlicher Verzweiffe- lung zuruͤck ziehe. Oder/ daß ihre Ungluͤcks- Wolcke durch einen entgegen gesetzten Son- nenschein so viel mehr scheinbar werde. Ja ein Loth des Gluͤckes uͤberwiege einen Zentner der Geschickligkeit. Also waͤre es eine Ubermaß ihrer Gewogenheit/ nicht ein Verdienst eigener Wercke/ daß man Thußnelden nur mit dem Titel einer Amazonin wuͤrdigen wolte. Nein/ nein/ Durchlauchte Fuͤrstin/ fing Rhemetalces an; Arminius und Thußnelda. an; auch ich muß ihr ihrer gegen die Roͤmer aus- gewuͤrckter Thaten halber unter allen die Ober- stelle bedingen. Ja ich wundere mich nun nicht mehr uͤber die hertzhafftige Teuta/ nun ich von dem Wunder unserer Nachbarschafft so viel le- bendige Abrisse in der Schoos des streitbaren Deutschlandes finde. Die Koͤnigin Erato vergaß aus Begierde dieser Neuigkeit/ der Fuͤr- stin Thusnelda Gegensatz zu beantworten; Lag daher Rhemetalcen mit einer beweglichen Hoͤff- ligkeit an: Er moͤchte ihr doch die ihr unbekandte Teute bekandt machen. Rehmetalces erklaͤrte ihr die Begierde zu gehorsamen; Aber sie wuͤr- den entwedeꝛ hieruͤbeꝛ die annehmlichere Erzeh- lung des Fuͤrsten Zeno vergessen/ oder ihn doch in selbter irre machen. Zeno schlug sich also fort auff die Seite seiner Erato/ und bat: Er moͤch- te nicht allein sie hierinnen vergnuͤgen/ sondern ihm auch hierdurch Gelegenheit eroͤfnen ein we- nig zu verblasen. So wird mein Verlangen des Fuͤrsten Zeno selzamere Begebenheiten vol- lends zu vernehmen eine beqveme Verdeckung meiner Unberedsamkeit seyn/ sagte Rhemetal- ces/ denn ich werde mit einer unverhofften Kuͤr- tze abbrechen/ und mich bescheiden/ daß kurtze Reden/ wenn sie gut sind/ zweyfache Guͤte ha- ben; ungeschickte aber durch ihre Kuͤrtze die Helffte ihres Tadels verlieren. Diese Teuta hat zur Zeit/ als Arsaces ein verstossener Sohn des Koͤnigs Aschki in Scythen und einer Ama- zonischen Koͤnigin der Parther Reich in Per- sien aufgerichtet/ als eine Koͤnigin gantz Jllyri- cum beherrschet. Jhr Vater soll Basan/ ei- nes Sicambrischen Koͤnigs Sohn gewesen seyn; von dem/ und wie es mit Verheyrathung der Teuta hergegangen/ uns der Feldherr besser/ als ich iemanden unterrichten wird. Hertzog Herrmann uͤbernahm alsofort diese Vollfuͤh- rung/ und berichtete: Es waͤre Koͤnig Basan des Sicambrischen Fuͤrsten Melo Anherr/ ein Feldherr der Deutschen/ und ein so strenger Handhaber der Gerechtigkeit gewest/ daß/ sei- nem Urtheile nach/ er dem Lucius Brutus/ und dem Spurius Caßius vorzuziehen waͤre; in- dem diese wegen ihrer wider das gemeine We- sen veruͤbte Verbrechen ihre Kinder/ Basan a- ber/ weil er eines Sicambrischen Edelmanns Ehfrau durch Ehbruch beflecket/ seinen Sohn Sedan getoͤdtet haͤtte. Da es doch bey andern Voͤlckern nicht ungemein waͤre durch Unzucht und Ehebruch gleichsam sich als einen Sohn des Fuͤrsten sehen zu lassen. So ungluͤckselig nun Koͤnig Basan in diesem seinem Sohne war; so viel mehr Freude sahe er an seiner Toch- ter Teuta/ welche nicht nur alle Tugenden des weiblichen Geschlechtes vollkommentlich besaß/ sondern es auch an Tapfferkeit denen streitbar- sten Helden zuvor that. Jhre Vollkommen- heit erwarb ihr die Liebe des Volck es/ ihre Tu- gend den Ruhm der Auslaͤnder/ und dieser die Beruhigung des Vaterlandes. Denn nach- dem Koͤnig Basan an seinem einigen Sohne Sedan das strenge Todes-Urthel ausgeuͤbt hat- te/ hoben unterschiedene deutsche Fuͤrsten ihre Haͤupter nach der Wuͤrde der Feldhauptmann- schafft empor. Also gebahr dieser Ehrgeitz nicht allein einen buͤrgerlichen Krieg/ sondern brachte auch die Sarmater und Dacier mit ins Spiel/ daß Deutschland als ein siecheꝛ Leib nicht nur von innerlichen Wuͤrmern gefressen/ son- dern auch von euserlichen Pfriemern zerfleischet ward. Ja Rache und Mißgunst verblaͤndete die Deutschen so sehr/ daß sie uͤber Vertilgung ihrer eigenen Mitglieder jauchzeten/ das in ih- ren eigenen Staͤdten und Saaten wuͤtende Feuer mit Freuden toben sahen/ und lieber ei- nes nur Knechte unter sich leidenden fremden Fessel kuͤssen/ als eines einheimischen Fuͤrsten vaͤterliche Herrschafft erdulden wolten. Ba- san steckte derogestalt zwischen Thuͤr und An- gel; Denn die Auslaͤnder wuͤteten auf die euser- lichen Glieder Deutschlands/ seine eigene X x x 3 Lands- Fuͤnfftes Buch Landsleute aber in seinen Eingeweiden; wie- wol er sein graues Haupt mit Abtretung seiner Wuͤrde zur Ruh zu legen mehrmals entschlossen war/ wenn ihn nicht die Freyheit und Liebe sei- nes zu seinem Verderben gleichsam sporen- streichs rennenden Vaterlandes zuruͤck gehal- ten/ und ihm alle Beschwerligkeiten erleichtert haͤtte. Die gantze Sache stand nun schier auff der Spitze/ Koͤnig Basan fuͤhrte seine Sicam- brer/ das Haupt seiner Widerwaͤrtigen/ Tha- bor der Sedusier und Vangionen Koͤnig mit seinen ihm anhaͤngenden Daciern und Sar- matern/ stellten ihre Heere gegen einander in Schlacht-Ordnung/ und es hatte bey Gegen- einanderwaͤgung beyderseitigen Machten das Ansehen/ daß der seinen Feinden schwerlich an Macht gewachsene Basan den kuͤrtzern ziehen wuͤrde; Als ihm der Jllyrier Koͤnig Agron sei- ne Freundschafft und Beystand zuentbieten ließ/ welcher er ihn in dreyen Tagen mit seiner Heeres-Krafft wuͤrcklich zu leisten versicherte. Koͤnig Basan zohe zu Koͤnig Thabors Ver- wunderung nebst seiner streitbaren Tochter Teuta sein Heer durch eine besondere Krieges- List uͤber den Maͤyn zuruͤcke; vereinbarte sich auch mit den Jllyriern so unvermerckt/ daß die ihn gleichsam als einem verzagten fluͤchtigen hi- tzig-folgendem Feinde dessen nicht einst inne wurden/ biß Koͤnig Basan in einer neuen Schlacht-Ordnung sein fast zweyfach vergroͤs- sertes Heer dem unvorsichtigen Feinde entge- gen stellte. Dieser unvermuthete Anblick siegte anfangs denen Augen/ hernach die Klug- heit Basans/ die Tapfferkeit der Fuͤrstin Teu- ta/ und die Streitbarkeit des Koͤnigs Agron de- nen Waffen der Feinde ob. Basan erlegte eigenhaͤndig den Koͤnig Thabor/ Teuta den Heerfuͤhrer der Sarmaten/ und Agron ver- diente durch seine Helden-Thaten/ daß ihm die Fuͤrstin Teuta auff der Wallstatt vermaͤhlet ward. So viel weiß ich von dieser Heldin deutschen Verrichtungen zu erzehlen; das be- ste wird Fuͤrst Rhemetalces fuͤrzutragen wis- sen. Dieser fuhr fort: Der Jllyrer Reich hat Ri- phat gegruͤndet/ welchen einige irrig Jllyrius heissen/ und fuͤr des Cyclopen Poliphemus und Galateens Sohn halten. Jhre Tapfferkeit ist von uhralten Zeiten beruͤhmt; also/ daß sie denen behertzten Molossen in Epirus mehr- mahls obgesieget/ und in einer Schlacht ihrer uͤber zehn tausend erleget. Hierauff haben sie den Meister uͤber die streitbaren Macedonier gespielet/ und ob sie zwar einsmahls von die- sen/ als sie der Anblick ihres mit in die Schlacht genommenen Koͤnigs Europus eines noch zar- ten Kindes zu verzweiffeltem Gefechte veran- laste/ eine schwere Niederlage erlitten; so ha- ben sie gleichwohl ihr Haupt wieder empor ge- hoben/ den Koͤnig Amyntas ihnen zinsbar ge- macht/ und ein Theil Macedoniens erobert. Nach dem aber die Jllyrier unter einander selbst zwistig waren/ also/ daß die Scordiscier die Triballen aus dem Lande und biß uͤber den Jster an das schwartze Meer verjagten/ ja die Andierer und Liburnier/ wie auch die Taulan- tier und Parthiner solch Reich gar unter einan- der theileten/ und jene den Clitus/ diese den Bardylis zu ihrem Koͤnige erwehlten/ brauch- te sich der schlaue Philipp dieser Gelegenheit/ und zwang nach einer blutigen Schlacht/ in welcher er zwar siegte/ aber nebst dem Verlust seines besten Adels verwundet ward/ und nach Eroberung der Stadt Lissus am Flusse Dri- nus und dem Meere/ dem Bordylis alles/ was er in Macedonien besaß/ abzutreten. Wie nun aber ein Fluß nur so lange sein Ansehn/ daß man selbten nicht durchwaten koͤnne/ be- haͤlt/ biß man einen Furth dardurch gefunden; Also haͤltman ein Reich nicht laͤnger fuͤr unuͤ- berwindlich/ als biß selbtes einmahl einen Hauptstreich versehen. Dieses bewog Phi- lip- Arminius und Thußnelda. lippen denen Jllyriern immer ie laͤnger ie mehr auff den Fuß zu treten; diese Geringschaͤtzung aber die Jllyrier/ daß sie wider Philippen mit meinen Thraciern und Poeoniern ein Buͤnd- nuͤß machten. Aber Koͤnig Philipp/ welcher zu aller benachbarten Fuͤrsten geheimen Rath- haͤusern einen guͤldenen Schluͤssel hatte/ kam ihnen mit seinem auserlesenen Heere zuvor/ und schlug/ ehe sie sich mit einandeꝛ vereinbarten odeꝛ in Ordnung stellten/ anfangs die Thracier/ her- nach die Jllyrier und Poeonier. Ja weil das Verhaͤngnuͤß durch diesen Philip zu der gros- sen Welt-Herrschafft Alexanders den Grund- stein legen wolte/ dessen staͤhlernem Rade menschlicher Witz und Tapfferkeit vergebens zwischen die Speichen trit/ und so wenig als ein Fels die Ausbrechung eines Qvelles oder die Herfuͤrwachsung eines Cederbaumes verhin- dert; so brachte er es durch seinen gluͤcklichen Parmenio so weit/ daß sie ihn grossen theils fuͤr ihren Oberherrn erkennen musten. Wie- wohl sie nun bey seinem Tode nach ihrer Frey- heit seuffzeten/ und unter dem Koͤnige der Tau- lantier Glaucias nach dem Degen die Banden ihrer Dienstbarkeit zu zerschneiden grieffen; so war ihnen doch Alexander als ein Blitz auf dem Halse/ und legte durch Besetzung ihrer Fe- stungen ihnen einen solchen Zaum an/ daß sie nur der Noth/ und dem Verhaͤngnuͤsse stille hal- ten/ also unter ihren Uberwindeꝛn den Ruhm ih- rer Tapfferkeit zu erhalten trachten musten. Massen sie denn Alexandern in dem Persischen Kriege ansehnliche Dienste gethan/ und fuͤr der erstern Schlacht mit dem Darius von Alexan- dern mit einer absonderlichen Rede beehret wor- den. Nach Alexanders Tode ward ein Theil des Koͤnigreichs Jllyris dem Philo zu theile; welchen aber Koͤnig Glaucias bald wieder des Reiches entsetzte. Dieser beherrschte seiner Vor-Eltern Reich mit grosser Klugheit/ und setzte sich bey seinen Nachbarn in grosses Anse- hen; also/ daß nach dem der Koͤnig in Epirus Eacides wegen unaufhoͤrlicher Kriege mit den Macedoniern dem Volcke verhast/ und aus dem Reiche verjagt/ ja sein nur zwey Jahr alter Sohn Pyrrhus zur Auffopfferung vom Vol- cke gesucht ward/ Androclites und Angelus diesen Knaben zu ihm fluͤchteten. Welcher/ als er fuͤr den Glaucias und seine aus der Eaci- der Geschlechte entsprossene Gemahlin Beroe auff die Erden nieder gesetzt ward/ und der Koͤ- nig aus Beysorge den Macedonischen Koͤnig Cassander allzu sehr zu beleidigen/ ihn anzuneh- men anstand/ von der Erden aufstand/ anfangs das Altar/ hernach des Glaucias Mantel er- griff/ und durch seine Thraͤnen erweichte/ daß er den Pyrrhus nicht allein aufnahm/ und mit seinen Soͤhnen auferziehen ließ/ sondern auch Cassandern/ welcher gegen seine Ausfolgung ihm zwey hundert Talent bot/ abweiste/ und wie er zwoͤlf Jahr alt war/ ihn mit einem maͤch- tigen Heere in Epirus fuͤhrte/ den Koͤnig Alce- tas erlegte/ den Pyrrhus aber auff seinen vaͤter- lichen Stul setzte. Dem Glaucias folgte sein Sohn/ Pleuratus/ welcher denen Athenien- sern behuͤlflich war/ daß sie die ihnen vom De- metrius auffgedrungene Besatzung ausschlu- gen/ und sich in Freyheit versetzten. Dieser verließ nach einer friedsamen Herrschafft/ ob schon sein benach bartes Macedonien und Epi- rus sich gleich sam taͤglich in frischem Blute ba- dete/ den Koͤnig Agron; dessen Kindheit schon den Jllyriern grosse Hoffnung seine zu Land und Wasser aber in Bereitschafft stehende Land- und See-Macht den Nachbarn grosses Aufsehn verursachte. Denn er bemaͤchtigte sich im ersten Jahre seiner Herrschafft des Eylands/ Pharos und Corcyra/ der herr- lichen Stadt Epidamnus an dem Flusse Pa- lamnus/ und eines grossen Theils von Epirus. Welches alles noch mehr vergroͤssert ward/ als er aus Deutschland sieghafft zuruͤcke kam/ und zum Siegs-Preiße die streitbare Fuͤrstin Teuta zur Gemahlin nach Hause brachte. Denn Fuͤnfftes Buch Denn sie waren kaum in dem Koͤniglichen Sitze ankommen/ als die Mydionier durch eine herr- liche Gesandschafft sich uͤber ihre unruhige Nachbarn die Etoler beklagten/ daß/ weil sie sich ihrer Poͤfel-Herrschafft nicht haͤtten unter- geben wollen/ sie von ihnen mit grosser Heeres- Krafft belaͤgert wuͤrden/ und dahero wider diese unrechte Gewalt Huͤlffe baten. Weil nun Koͤ- nigen die Vergroͤsserung buͤrgerlicher Herr- schafft ohne diß stets ein Dorn in Augen ist; U- berdiß Koͤnig Demetrius in Macedonien ihm ein grosses Stuͤck Geldes fuͤr diese Huͤlffe dar- schoß; ruͤstete Agron in aller Eil hundert Schif- fe mit fuͤnf tausend außerlesenen Kriegsleuten aus. Die Koͤnigin Teuta wolte alsbald bey ihrer Ankunfft ihr einen Nahmen machen; Und daher verkleidete sie sich in einen gemeinen Kriegsknecht/ und segelte ohne Vorbewust des Koͤnigs aus dem Hafen zu Narona mit darvon. Wie sie nun nach dreyen Tagen um Mitter- nacht an das Mydionische Vorgebuͤrge kamen/ gab die Koͤnigin sich dem verordneten Kriegs- Haupte zu erkennen/ und befahl ihr allhier sein Ampt abzutreten. Hiermit befahl sie alsofort sich dem Ufer zu naͤhern/ und auff Booten das Kriegsvolck in moͤglichster Eil und Heimligkeit auszusetzen; Alsofort aber alle Schiffe und Na- chen vom Ufer wegzufuͤhren/ mit der Andeu- tung/ daß sie entweder auff dem Lande siegen/ oder sterben/ keines weges aber sich ihres Schif- zeuges zu schaͤndlicher Flucht mißbrauchen wol- te. Nach diesem machte sie die Schlacht-Ord- nung/ untergab dem Cleomenes das Fußvolck/ sie aber fuͤhrte die Reuterey. Die Etolier sa- hen zu ihrer hoͤchsten Bestuͤrtzung/ als es anfing zu tagen/ ein fremdes Krieges-Heer harte an ih- rem Walle stehen. Jhre Vermessenheit ver- leitete sie gleichwol/ daß sie ihr Kriegsvolck ge- gen die Jllyrier aus dem Laͤger fuͤhrten. Al- leine dieser/ und insonderheit der einer Loͤwin gleich kaͤmpffenden Teuta Tapfferkeit brachte die Etolier/ welchen die belaͤgerten Mydionier auch in Ruͤcken fielen/ bald im ersten Angrieffe in Verwirrung/ und kurtz hierauf in die Flucht. Von denen aber wenig Reuter entranen/ alles Fußvolck ward erschlagen oder gefangen/ und unter diesen auch der Etolische Zunfft-Meister. Also kehrte die Koͤnigin mit reicher Beute/ aber groͤsserm Ruhme eilfertig zuruͤcke; welcher die Mydionier eine Ehren-Saͤule aus Ertzt auf- richteten/ mit der Beyschrifft: Der goͤttli- chen Teuta/ der Mydionier Erloͤserin. Koͤnig Agron/ der inzwischen um die verlohrne Koͤnigin sich halb todt gegraͤmet hatte/ ward durch ihre sieghaffte Zuruͤckkunfft mit so uͤber- maͤßiger Freude uͤberschuͤttet/ daß er davon/ und nicht wie die miß guͤnstigen Etolier von ihm aus- sprengten/ an dem durch Schwelgerey verur- sachtem Seitenstechen den Geist aufgab. Al- so kan das Gemuͤthe zu seinem Verderb nichts minder mit etwas gutem uͤberschuͤttet/ als der Leib durch gesunder Speisen Uberfluß gekraͤn- cket werden. Er verließ einen zwey jaͤhrigen Sohn Pines/ welchen er vorher mit einer Grie- chin erzeuget hatte; die Koͤnigin Teuta aber un- gesegnet. Denn es schien/ als haͤtte die Natur diß/ was es an Gemuͤths-Gaben ihr zuviel ge- geben/ durch Unfruchtbarkeit am Leibe wieder abbrechen/ und jene Ubermaß mit diesem Ge- brechen ausgleichen wollen. Teuta verwalte- te das Reich mit einer maͤnnlichen Klugheit/ und einer heldenmaͤßigen Tapfferkeit. Denn als die Messenier und Einwohner in Elis/ wel- che in dem Jllyrischen oder Jonischen Meere ihr Gewerbe und Schiffarth trieben/ sich wei- gerten auf Corcyra den gewoͤhnlichen Zoll ab- zugelten/ und deßhalben etliche Schiffe als ver- fallen eingezogen wurden; schickten die Eleer mit Zuziehung der Epirer unterschiedene Raub-Schiffe aus/ welche auf der Liburnischen Kuͤste so gar die koͤniglichen Segel antasteten. Die Koͤnigin befahl hingegen alle fremde Schif- fe auffzubringen/ eilte selbst mit einer Kriegs- Flot- Arminius und Thußnelda. Flotte in Peloponnesus/ durchstreiffte und ver- wuͤstete der Eleer und Messenier Landschafft/ ruͤckte hierauf in aller Eil fuͤr die Stadt Phoͤnice in Epirus/ und nahm selbte durch Huͤlffe der darinnen liegenden 800. Gallier/ mit welchen sie heimliches Verstaͤndnuͤß hatte/ mit stuͤrmen- der Hand ein. Zu der Uberwundenen Erin- nerung/ daß/ wer Verraͤther zu seinen Gehuͤlf- fen wuͤrdigt/ von selbten billich betrogen werde. Denn diese von ihnen hoͤchst unvernuͤnftig zur Besatzung eingenommene Gallier waren we- gen Untreu aus ihrem eigenen Vaterlande/ und wegen Beraubung des Erycinischen Tem- pels aus den Roͤmischen Diensten verstossen worden. Ob nun wohl hieruͤber gantz Epirus die Waf- fen ergrieff/ und an dem bey Phoͤnice fluͤssenden Strome ein Laͤger gegen der Koͤnigin aufschlug/ so musten sie doch ihre maͤchtige Heeres-Krafft theilen/ und gegen der Enge bey Antigonia ein Theil abfertigen/ weil der Jllyrische Feldhaupt- mann Seerdilaidas mit 5000. frischen Jllyri- ern daselbst einzubrechen im Anzuge war. Als Teuta dessen/ und daß die sichern Feinde im Schlaf und Schwelgerey vertiefft waͤren/ ver- nahm/ machte sie des Nachts eine Bruͤcke uͤber den Fluß/ gieng mit ihrem Volcke in hoͤchster Stille uͤber/ uͤberfiel mit dem Tage die Epirer/ und schlug sie durch eine grosse Niederlage aus dem Felde. Diese rufften mit grossem Weh- klagen und Fuͤrstellung eigener Gefahr die Eto- lier und Achaͤer zu Huͤlffe; als nun aber die Koͤ- nigin Teuta mit dem Scerdilaidas im Wercke war/ ihre Feinde anzugreiffen/ kriegte sie von Hause Nachricht/ daß die Jnsel Jssa/ die Stadt Epidamnus und ein Theil Jllyriens sich den Dardanern unterworffen haͤtte. Dieses noͤ- thigte die Koͤnigin mit den Griechen einen ehr- lichen Frieden zu schluͤssen/ welche denn mit un- saͤglicher Beute an Silber/ Vieh und Sclaven in Jllyris zuruͤck kehrete/ nachdem fuͤr ihren Waffen gantz Gricchenland erzittert war. Nach ihrer Heimkunfft brachte sie die meisten Aufruͤh- rer alsofort in die Flucht/ und alles/ ausser Epida- mnus und Jssa/ zum Gehorsam. Sie schickte auch nach Rom eine Bothschafft/ umb sich uͤber den ihren aufruͤhrischen Unterthanen geleisteten Beystand zu beschweren; welche aber schlechtes Gehoͤr/ und alleine diß zum Bescheide kriegte/ daß die Jllyrier durch Antastung etlicher Brun- dusischer Schiffe zum Kriege Anlaß gegeben haͤt- ten. Hierentgegen als Teute wider ihre Abtruͤn- nigen zum Gehorsam zu bringen bemuͤht war/ kamen Coruncanius von Rom/ und Calempo- rus von dem Eylande Jssa als Gesandten bey ihr an/ welche beyde sie bey der Verhoͤr mit ziem- lich harten Worten antasteten. Daher sie den Gesandten der Jnsel Jssa/ die sie fuͤr Aufruͤhrer und keiner Gesandschafft faͤhig zu seyn hielt/ aus Eifer mit eigener Faust durchstach; den Roͤmi- schen zwar fortreisen/ auf dem Wege aber gleich- falls hinrichten ließ. Alldieweil auch die Stadt Dyrrachium mit dem Demetrius unter der Decke lag/ segelte sie mit hundert Schif- fen dahin ab/ welche unter dem Schein frisch Wasser zu holen/ mit ihren in den Kan- nen versteckten Degen sich zweyer Stadt-Tho- re bemaͤchtigten/ endlich aber/ als sie wider die allzu grosse Macht sie nicht laͤnger behaupten konten/ zuruͤcke zohen/ und umb das Ceruanische Vorgebuͤrge auf das Eyland Corcyra zusegel- ten. Nach ihrem Aussteigen/ und fuͤrgenom- mener Belaͤgerung der Stadt/ schickten die Eto- ler/ Achaͤer/ die Staͤdte Appollonia und Dyr- rachium eine ansehliche Kriegs-Flotte nach Cor- cyra; welcher aber die Koͤnigin Teuta mit ihrer und der Acarnaner ihrer Bundsgenossen Schif- fen begegnete/ unterschiedene feindliche und dar- auf den beruͤhmten Acheer Marcus von Cary- na versenckte/ viel eroberte/ und nach dem alle uͤbrige die Flucht nahmen/ das Eyland und die feste Stadt Corcyra zum Siegs-Preiße bekam. Wie sie nun hierauf Jssa und Dyrrachium aufs neue belaͤgerte/ lendete der Roͤmische Bur- Erster Theil. Y y y ger- Fuͤnfftes Buch germeister Cajus Fulvius mit 200. Schiffen unversehens zu Corcyra an/ welchen der Koͤni- gin Stadthalter daselbst/ aus Verdruß einem frembden Weibe zu gehorsamen/ und weil er aus etlicher Verlaͤumdũg die Koͤnigliche Gnade gegẽ ihn etwas sincken sahe/ dahin beruffen hatte/ und den Roͤmern nicht nur Corcyra und Pharos ein- lieferte/ sondern auch verhalff/ daß sie/ nach dem Arlus Polsthumius noch mit 22000. Mann von Brundusium uͤbersetzte/ die Stadt Apollonia/ Dyrrachiũ/ und Jßa/ nach aufgehobener Belaͤ- gerung die Pforten oͤffneten/ die Parthiner und Atintaner/ den Roͤmern sich ergaben/ die Stadt Nutria/ wiewohl mit grossem Verlust/ stuͤrmend einnahmen. Teuta ließ bey der Untreu der Jhri- gen und so widrigem Gluͤcke gleichwol nicht den Muth fallen/ sondern setzte sich an dem Flusse Rizon und der Stadt Buthoa feste/ brachte es auch dahin/ daß die Roͤmer gegen Abtretung des- sen/ was sie Sud-Ostwerts gegen Epirus erobert hatten/ welches alles sie dem Demetrius zur Verwaltung einraͤumeten/ und gegen Verspre- chen/ daß die Jllyrier die frembden Kuͤsten nicht mehr durch Raub-Schiffe beunruhigen wolten/ mit ihr einen noch ertraͤglichen Frieden eingien- gen. Muste also diese streitbare Koͤnigin diß- mal zwar/ wiewohl sonder ihre Verwahrlosung/ in einen sauren Apfel beissen; iedoch erwarb sie daraus den Ruhm einer besondern Klugheit/ weil doch der Friede denen Siegern zwar schoͤn anstehet/ denen schwaͤchern aber den meistẽ Nu- tzen schafft. Wie nun die Roͤmer hierauf mit den Celten am Po in Krieg verfielen/ verrauch- ten bey dem undanckbaren Demetrius der Roͤ- mer Wolthaten; daher verleitete er nicht allein die Jstrier und Atintaner der Roͤmer Joch von den Achseln zu streiffen/ sondern unterstund sich auch der Koͤnigin Teuta seine Liebe und Ehe an- zutragen. Diese nahm solche Kuͤhnheit fuͤr eine unverschaͤmte Beschimpfung an/ und ließ dem Demetrius zur Antwort wissen: Deutsche Fuͤr- stinnen waͤren ungewohnet sich zu ihren Knech- ten zu legen/ noch weniger aber Teuta einen Verraͤther zu umbhalsen. Dieser schlechte Bescheid verwandelte seine Liebe in aͤrgste Galle. Denn diese beyde sind so nahe/ als Honig und Stachel an der Biene beysammen. Wormit er aber seine Rache so viel leichter ausuͤben moͤch- te/ gewan er das Hertze der Tritevta des jungen Fuͤrsten Pinnes Mutter. Dieser bildete er anfaͤnglich fuͤr: Mit was Unrechte die Stief- Mutter Teuta sich der Jllyrischen Herrschafft mit ihrer Ausschluͤssung anmaßte/ und wie ihr Sohn in aͤuserster Reichs- und Lebens-Gefahr schwebte; sintemal die Stiefmuͤtter weniger als die Nattern ihr Gift von sich ablegen koͤnten. Hiermit brachte er anfangs zuwege/ daß auf ihr bewegliches Anhalten die Roͤmer den Deme- trius/ welcher die Larve eines keiner schaͤdlichen Gemuͤths-Regung unterworffenen Weltwei- sen ihm meisterlich fuͤrzumachen wuste/ zum Vormuͤnden des Fuͤrsten Pines erklaͤreten/ und ihm seine Auferziehung nebst der Tritevta an- vertraueten. Allein seine Wercke entlarveten zeitlich seinen Drachen-Kopf/ und wiesen/ daß die/ welche von der Tugend und der Unempfind- ligkeit die groͤsten Streiche machen/ meist der Stein-Fels aller anstossenden Neigungen/ und der Strudel aller Laster sind. Denn er verleitete die einfaͤltige Tritevta/ nach dem das weibliche Geschlechte insgemein den Schimmer fuͤr die Guͤte einer Sache haͤlt/ in kurtzer Zeit dahin/ daß sie die unver gleichliche Koͤnigin Teu- ta durch ein paar zugeschickte vergiftete Hand- schuch/ wiewohl unwissend/ toͤdtete/ hernach die- sen Meuchelmoͤrder in ihr Ehe-Bette nahm/ und den/ welcher vorher die Koͤnigin Teuta als eine Stiefmutter verdaͤchtigte/ als einen Stief- vater aus blinder Liebe umbarmete/ ohne Nach- dencken/ daß die Tyger durch keine Kirrung vollkommen zahm werden; sondern daß sie so denn/ wenn sie ihre Zaͤhne verstecken/ mit ihren Klauen die Unvorsichtigen zu zerreissen geden- cken; und daß die Schlangen/ wenn sie schon bey Arminius und Thußnelda. bey ihrer Beschwerung ihr Gift weglegen/ selb- tes doch bald/ wenn sie aus dem Zauber-Kreisse kommen/ wieder an sich ziehen. Dieses war das traurige Ende der wunder-wuͤrdigẽ Teuta/ iedoch war von den Hochzeit-Fackeln der einfaͤl- tigen Tritevta so wenig verbrennet/ daß der Uberrest ihr noch konte zu Grabe leuchten. Denn weil die Herrschens-Sucht der Ursprung dieser Heyrath war/ ward Tritevta fast ehe Lei- che als Gemahlin. Der Hochzeit-Tag/ der doch auch Sclaven heimlich ist/ und ihren Ket- ten einen annehmlichen Klang zueignet/ umb- woͤlckte sich schon mit tausenderley Unvergnuͤ- gen. Ja sie war in des Demetrius Bette kaum warm worden/ als sie von seiner eigenen Faust durchstochen schon in dem Sarche erkal- ten muste. O ihr Goͤtter! rieff hieruͤber die holdselige Koͤnigin Erato. Warumb ist das Verhaͤng- nuͤß dem weiblichen Geschlechte so aufsaͤtzig? Oder warumb ist das Gluͤcke gegen die Tu- gend so eifersichtig? Warumb preßt das Elend die Thraͤnen aus den schoͤnsten Augen? Und warumb verduͤstert der Rauch der Betruͤbnuͤsse die reinesten Kertzen edelster Seelen? Die be- hertzte Thußnelda antwortete ihr: Lasset uns weder dardurch der Tugend was ab-noch dem Verhaͤngnuͤsse was auflegen. Jene hat ihre Vergnuͤgung nicht in dem Tocken - Wercke des Gluͤckes/ sondern in der Ruhe des Gemuͤ- thes; nicht in der Ergetzligkeit des Poͤfels/ son- dern in der Freude des Gewissens. Auch die durch gerechteste Goͤttliche Versehung in eine untadelhafte Ordnung versetzte Natur hat ihren herrlichsten Geschoͤpfen gleichsam eine Ungluͤck- seligkeit angekleibet. Keine gemeine Ster- nen/ sondern nur die zwey grossen Lichter des Tages und der Nacht haben ihre scheinbare Flecken/ und sind der Verfinsterung unter- worffen. Der Blumen Koͤnigin die Rose pranget zwar mit dem schoͤnsten Purper/ sie wird aber von den Dornen am aͤrgsten ver- wundet/ sie leidet am meisten von der Hitze des Mittags/ und von den Sturmwinden der Mitternacht. Die Perlen werden in der Schoß des Ungewitters gezeuget/ und die Co- rallen wachsen in dem bittersten Meer-Wasser. Hingegen bluͤhen Napell und andere giftige Kraͤuter auf keinen Distel-Stengeln/ und was der Poͤfel fuͤr Gluͤckseligkeit haͤlt/ ist eine Dienst- barkeit der Wolluͤste. Durch diese werden wir verderbet; ja sie hecket in uns schaͤdlichere Wuͤr- mer/ als ein stets unbewegter Leib Maden. Das Ungluͤck aber ist nicht nur die Artzney wi- der die Wassersucht des Gemuͤthes/ sondern die Anleitung zur Tugend. Keine Laster haben eine solche Anmuth/ daß sie nicht endlich ihre elgene Liebhaber anstincken. Und wenn ein Boßhafter auf Sammet liegt/ so foltert ihn doch sein Gewissen; wenn sein Nahme gleich mit Gold an marmelnen Ehren-Saͤulen ste- het/ so verwandelt sie doch die Zeit in Kohlen. Ein unschuldiges Leben aber gibt einen so an- nehmlichen Geruch von sich/ welcher auch in den garstigsten Kerckern die fauleste Lufft einbisamt/ also/ daß wir keinen Athem an uns ziehen; wel- cher nicht zugleich unserer reinen Seele ein Lab- sal/ der Nachwelt aber ein erquickend Gedaͤcht- nuͤß abgebe. Dahero mag die Boßheit es uns so sauer machen/ als sie kan/ weil die Hoff- nung zu siegen alle Verdruͤßligkeit des Kam- pfes verzuckert/ so zeucht die Tugend ihre Ru- he aus der Widerwertigkeit/ und sie findet ihre Erlustigung mitten in der Unruh. Also hat die Zeit in ihrem Rade keinen Ungluͤcks-Na- gel/ welcher der Unschuld nicht einen Weiser auf eine gluͤckselige Stunde abgebe; und das Gluͤcke kan auf sie kein so schaͤles Auge haben/ welches sie nicht in einen Sonnen-Schein zu verwandeln wisse; denn auch das schlim̃ste muß ihr zu Ausuͤbung ihrer Gedult dienen. Y y y 2 Wenn Fuͤnfftes Buch Wenn endlich auch Gluͤcke und Natur ihr gar viel abgewinnt/ so sind es eitele Tropfen Wasser. Denn die Tugend zwinget ihre Feinde/ daß sie sich mit Thraͤnen oder einer Handvoll Bluts vergnuͤgen muͤssen/ welche sie aber vorher von der Natur uͤberkom̃en. Ja selbst in der Verzweifelung unter gluͤnden Zangen und siedendem Oele troͤstet sie doch ihr Gewis- sen/ und die Hoffnung eines herrlichern Lebens. Der Hencker selbst wird wider Willen ihr Er- loͤser/ und der letzte Schlag zerbricht ihre Fessel/ endiget ihre Pein/ nicht aber ihr Leben. Denn in Wahrheit/ so wenig ein Fuͤrst sein Bild aus Golde giessen laͤst/ daß er es in einen finstern Stall setze/ so wenig hat die Goͤttliche Weiß- heit ihr Bildnuͤß in reine Seelen gepraͤget/ daß es nur in der Welt in dem Elemente der Thraͤnen und Doͤrner/ zur Schaue/ oder viel- mehr zur Plage stehen solte; sondern sie wer- den in dem Schmeltz-Ofen dieser finstern Eitel- keit von den Schlacken ihrer Schwachheiten gesaubert/ wormit sie in einer unendlichen Ewigkeit desto herrlicher glaͤntzen moͤgen. Die Koͤnigin Erato umbarmte Thußnelden mit diesen Worten: Jch empfinde aus ihren heilsamen Lehren nichts minder ein grosses Licht/ als aus ihrem Beyspiele eine freudige Aufrichtung meines Gemuͤthes/ wider die Verfolgungen des Gluͤckes. Freylich muß man/ wenn ich es recht bedencke/ dem Goͤttli- chen Verhaͤngnuͤsse/ wie ein Blinder seinem Leiter an die Hand gehen. Das Licht unsers Verstandes ist so tunckel/ daß/ wenn wir dar- durch uns selbst erleuchten wollen/ nicht weit ohne toͤdtlichen Fall kommen koͤnnen. Die- semnach muß ich aus eigener Erfahrung enthaͤngen/ daß das Wehklagen uͤber unsere Trauer-Faͤlle nicht weniger unrecht/ als un- nuͤtze ist. Wir machen unsern Unverstand zum Laster/ wenn wir der Goͤttlichen Verse- hung anmuthen/ ihre unveraͤnderliche Rath- schluͤsse umbzustossen. Wir sind mit sehen- den Augen stock-blind/ wenn wir zu Erleuch- tung unsers abschuͤssigen Lebens ein heller Licht begehren/ als dasselbte/ welches die Son- ne erleuchtet/ und die Circkel der Sternen ab- mißt. Aber mich verlangt/ hertzliebster Ze- no/ daß er nun wieder durch Verfolgung seiner Zufaͤlle nicht so wohl unserer Begierde der Neuigkeit abhelffe/ als mein zuweilen klein- muͤthiges Gemuͤthe durch sein bestaͤndiges Bey- spiel aufrichte. Fuͤrst Zeno antwortete ihr: Sie waͤre ge- schickter andern ein Vorbild ihrer Standhaf- tigkeit abzugeben/ als es von andern zu neh- men; und er vermerckte wohl/ daß weil ihre Thaten nichts weibisches an sich haͤtten/ belu- stigte sie sich zuweilen ihre Reden ihrem Ge- schlechte aͤhnlich zu machen. Er wolte aber durch Fortsetzung seiner unterbrochenen Er- zehlung ihnen willigst gehorsamen; nur wuͤntschte er/ daß sie derogestalt von seiner Er- zehlung vergnuͤgt wuͤrden/ als er von Pentha- sileens. Denn dieser ihre haͤtte alsofort in ihm eine heftige Begierde gewuͤrcket das Reich der streitbaren Amazonen selbst zu beschauen/ wel- ches er der liebreichen Penthasilea auch alsofort zu verstehen gegeben/ icdoch vorhero/ wie sie in die Haͤnde der rauberischen Geten verfallen waͤ- re/ ihm vollends zu eroͤffnen gebeten. Diese/ fuhr Zeno fort/ bemuͤhte sich aufs beste mich zu vergnuͤgen/ fuhr dahero fort zu erzehlen: Es haͤtte des Getischen Koͤnigs Cotiso Tochter Syrmanis/ welchem Kaͤyser Au- gustus seine Julia haͤtte verheyrathen wollen/ sich deshalben/ daß sie des Kaͤysers Gemahlin oder vielmehr sein Kebs-Weib werden sollen/ zu den Amazonen gefluͤchtet/ dieser haͤtten ihre Sitten so beliebt/ daß/ ob wol Cotiso vielmahl mit Arminius und Thußnelda. mit Versicherung: Es haͤtte sich alle Feind- schafft zwischen dem Kaͤyser und ihm zerschla- gen/ sie zuruͤck begehret/ sie doch diese cdle Frey- heit zu verlassen nicht zu bereden gewest waͤre. Wie nun ihr Vater alle Hoffnung seine Tochter in Guͤten wieder zu erlangen verzweiffelt/ habe er solches durch List/ nachdem er durch offent- lichen Krieg es gleichfals nicht wagen doͤrffen/ auszuuͤben getrachtet/ und weil ihm verkund- schafftet worden/ daß die vornehmsten Amazo- nen um diese Jahres-Zeit den sehr alten an dem Ufer dieses Meeres dem Achilles zu Ehren ge- bauten Tempel zu besuchen/ darbey allerhand Ritterspiele zu uͤben/ und Ergoͤtzligkeiten zu su- chen pflegten/ etliche Schiffe auff den Anschlag seine Syrmanis wegzunehmen ausgeruͤstet. Diese haͤtten sich etliche Tage vorher zwischen die am Ufer sich haͤuffig befindenden Stein- Klippen versteckt; Und als die Amazonen nach verrichteten Opffern und Ritterspielen gegen dem Abende um frische Lufft zu schoͤpffen an dem Meere gantz unbewaffnet sich erlustiget/ waͤren die Geten mit blancken Degen herfuͤr geplatzet/ da denn sie fast am ersten waͤre er- wischt/ und weil die Raͤuber sie ihrem nachma- ligen Berichte nach/ wegen ihrer praͤchtigen Kleider fuͤr die Koͤnigin angesehen haͤtten/ auff das Schiff mit Gewalt getragen/ und hier- auff fort gefuͤhret worden; Ubrigens wuͤste sie nicht/ wie es mit den andern abgelauffen seyn wuͤrde. Mit diesen und andern annehmlichen Er- zehlungen vertrieb mir Penthasilea/ sagte Zeno/ die Zeit/ biß wir nach etlichen Tagen endlich gluͤcklich in die Herrliche Stadt Dioscurias an- kamen. Jn dieser sind noch unterschiedene Denckmahle von den Argonauten/ insonder- heit aber der Tempel der Medea/ und ihre aus Ertzt gegossene und rings umher mit Schlangen umflochtene Seule zu sehen. Nebst derselben stehet eine andere des juͤngern Mar- sus/ des Gothischen Koͤnigs Tanausis Sohn/ welcher Meden/ nachdem sie am Jason und sei- nen Kindern die grausame Rache ausgeuͤbt/ dem Hercules aber von seiner Raserey geheilet hatte/ geehlicht/ und mit sich in Deutschland gefuͤhret/ allwo sie von den Marsen unter dem Nahmen Anguicia noch verehret werden soll. Hertzog Herrmann fiel dem Fuͤrsten Zeno allhier ein/ und sagte: Es waͤre wahr/ daß die Marsen der Medea Gedaͤchtniß verehrten/ und insonderheit von ihr ruͤhmten/ daß sie sie wider die Schlangen/ wegen welcher ihr Land damahls fast nicht zu bewohnen gewest waͤre/ ein bewaͤhrtes Mittel gelehret haͤtte. Ausser dem aber berichteten die Marsen/ daß Hercules/ Ja- son/ und Medea selbst bey ihnen ausgestiegen weren. Denn wie sich die Argonauten mit dem entwendeten guͤldenen Widder gefluͤchtet/ ha- be der Colchische Koͤnig Eetes alsobald mit einer Schiffs-Flotte den Mund der Thracischen See-Enge besetzet; Weßhalben sie durch die Cimmerische See-Enge in die Meotische Pfuͤ- tze/ von dar auff dem Flusse Tanais nahe biß zu seinem Ursprunge gefahren/ daselbst ihre Schiffe uͤber Land in den Fluß Rah/ aus dieser in den Fluß Vagus getragen/ darauff in das grosse Nord-Meer/ endlich bey Gades wieder in das Mittellaͤndische Meer/ und ferner in Griechenland geschiffet waͤren. Fuͤrst Zeno kam hiermit wieder in seine Er- zehlung/ daß er und Penthasilea/ wie sie alle Seltzamkeiten zu Dioscurias beschauet haͤtten/ nach der Stadt Pytius uͤber den Fluß Corax/ von dar endlich durch die vier hundert und ach- zig Stadien lange Mauer/ welche die Colchier wider den Einfall der Amazonen an dem Ber- ge Caucasus gebauet/ ihren Weg uͤber ein Theil selbigen Gebuͤrges genommen/ auch den andern Tag gluͤcklich auff die Amazonischen Grentzen ankommen/ und Penthasilea mit grossen Freu- den bewillkommet; von dar in die am Flusse Y y y 3 Bor- Fuͤnfftes Buch Borgis liegende Stadt Ampsalis begleitet wor- den waͤre. Das Geschrey/ sagte Zeno/ kam unserer Ankunfft zuvor/ und also die Koͤnigin Minothea von Masetica uns entgegen; Wel- che mich als eine Erloͤserin ihrer Schwester gleichsam auff den Haͤden trug/ und uns er- zehlte: wie sie bey dem Einfalle der Geten zu den Waffen kommen/ selbte uͤberwaͤltiget/ ja Koͤnig Cotisons eigenen Sohn den Fuͤrsten Oropastes selbst gefaugen bekommen haͤtten. Die erste Frucht unserer Ankunfft war/ daß Oropastes seiner engen Bestruͤcknis erlediget ward; nach- dem sie sich bloß seiner um ihn gegen Pentha- sileen auszuwechseln so wohl versichert hatten. Hierdurch erfolgte/ daß dieser tapffere Fuͤrst zu mir eine ungemeine Zuneigung gewann/ weil ich sein Volck uͤberwunden/ und ihnen seine Beute abgeschlagen hatte. Denn die Frey- heit ist alleine der unschaͤtzbare Schatz unter den Jrrdischen. Jch wuͤrde etliche Tage doͤrffen zu Erzehlung aller Ergetzligkeiten/ die uns die Amazonen mit Hirsch-Luchs- und Biber- Jag- ten/ welche sich auch in dem See-Strande auf- halten/ mit Reiger- und Phasan-Beitzen/ die allhier ihr rechtes Vaterland haben/ mit Ritter- Spielen und Durchschwemmungen der Fluͤs- se/ darinnen sie es allen andern Voͤlckern zuvor thun/ anstelleten; Also daß weder ich mich an- ders wohin/ noch auch Oropastes nach Hause sehneten/ und daher die Entschlagung ihres Vaterlandes der Fuͤrstin Syrmanis nicht fuͤr uͤbel haben konten. Mich vergnuͤgte inson- derheit/ daß diese Amazonen viel anderwerts herrschende Laster auch mit den Nahmen nicht kannten/ und also dieser ihre Unwissenheit viel heiliger/ als sonst in der Welt die Erkentniß der Tugend ist; daß ihre Sitten mehr gutes/ als an- derwerts heilsame Gesetze stifften. Jnsonder- heit ist ihnen die Anbetung Gold und Silbers/ des Abgottes so vieler Menschen gantz unbe- kandt, daher sie in die Baͤche/ welche vom Cau- casus abschiessen/ und vielen Goldsand mit sich fuͤhren/ zwar Schaaff-Felle hencken/ und da- mit Gold sammlen; solches aber mehr zur Lust/ als zum Geitze anstellen. Denn ihr groͤstes Reichthum ist ein schnelles Pferd/ ein guter Bo- gen und ein Zobelner Peltz. Unter dieser ihrer Unschuld aber/ sind gleichwohl Liebe und Rache die hefftigsten Gemuͤths-Regungen. Diese verwandeln unsere Vergnuͤgung allzu ge- schwinde in ein klaͤgliches Trauer-Spiel. Denn die Koͤnigin Minothea und Penthasilea verlieb- ten sich in den Fuͤrsten Oropastes; Oropastes a- ber/ ich weiß nicht aus was fuͤr einem seltzamen Triebe/ in mich. Jch merckte diese Regung dem Oropastes zeitlich an/ iedoch verstellte ich meine Wahrnehmung so lange/ biß er seine Neigung nun nicht mehr mit Veraͤnderung der Farbe und Seuffzern/ sondern mit deutli- cher Ausdruͤckung zu verstehen gab. Da ich mich denn Anfangs seiner Gesellschafft auff al- le ersinnliche Wege entschlug/ hernach seiner Lie- be durch bewegliche Abmahnung abzuhelffen mich bemuͤhete/ und den Oropastes zu behertzi- gen ermahnte/ daß ich aus Haß gegen die Lie- be meine Eltern und Vaterland verlassen/ und den Ariobarzanes verschmaͤhet/ inzwischen zwar Erde und Lufft/ nicht aber mein Gemuͤthe ver- aͤndert haͤtte. Aber ich befand/ daß die/ welche eine hefftige Liebe mit allzu grosser Kaltsinnig- keit zu stillen vermeinen/ eben diß ausrichten/ als die mit Oel das Feuer leschen; und daß es rathsamer sey/ selbte mit Glimpff nach und nach abzukuͤhlen/ und sie sich an laulichter Be- gegnung wie die Wellen des stuͤrmenden Mee- res auff dem weichen Bette des kleinen San- des abschlagen lassen. Weil nun Oropastes derogestalt sein gantz Hertze mir gewiedmet hatte/ blieb nichts fuͤr die brennende Minothea und Penthasileen uͤbrig/ welche beyde fuͤr Lie- be haͤtten zerschmeltzen moͤgen/ sonderlich aber die letztere/ welche ihren Brand fuͤr der Koͤ- nigin auffs vorsichtigste verdecken muste. Mi- nothea konte sich endlich nicht enthalten/ auff ei- ner Arminius und Thußnelde. ner Jagt in einer erkieseten Einsamkeit fuͤr dem Fuͤrsten Oropastes/ welcher zeither von allen ih- ren Anmuths-Blicken die Augen nieder schlug/ fuͤr ihren Seuffzern die Ohren verstopffte/ ihr gantzes Hertze auszuschuͤtten/ ihm alle ihre Schoͤnheiten zu entbloͤssen/ alle ihre Annehm- ligkeiten zusammen zu raffen/ und endlich ihre Rede zu schluͤssen: Vermoͤchte er sie nicht aus Zuneigung zu lieben/ so solte er aus Erbar- mung sie nicht sterben lassen/ oder doch selbst der annehmliche Werckzeug ihres Todes seyn/ und mit ihren eigenen Pfeilen/ (diese legte sie ihm mit Bogen und Koͤcher zun Fuͤßen) ih- rem elenden Leben abhelffen. Oropastes er- schrack uͤber dieser verzweiffelten Entschluͤssung/ wuste auch nicht/ wie er der so hefftigen Koͤnigin vernuͤnfftig begegnen solte. Nach etlicher Zeit Nachdencken/ ersuchte er sie: Sie solte dem Ver- haͤngnisse nicht in den Zuͤgel fallen/ sondern seinen weisen Schickungen in Gedult und Hoff- nung den Lauff lassen. Vernunfft und Zeit waͤren die zwey Dinge/ ohne welche weder die Vergnuͤgung noch die Gluͤckseligkeit reiff wer- den koͤnte. Er waͤre des Stromes ihrer Ge- wogenheit/ mit der sie ihn uͤberschuͤttete/ nicht wuͤrdig/ und er bejammerte sein Ungluͤcke/ daß ein unversehrliches Geluͤbde/ das er auff ge- wisse Zeit in dem beruͤhmten Tempel Dianens an dem Ausflusse des Flusses Tyras bey seiner Absegelung gethan hatte/ ihn hinderte dieser ihm angebotenen Suͤßigkeiten nicht zu geniessen. Ja weil er bey einer so vollkommenen Koͤnigin eine solche Ubermaß ihrer Gnade nicht verdienet haͤtte/ truͤge er nicht unbilliges Nachdencken/ daß die Goͤtter ihn hierdurch versuchten: Ob er sei- ne Vergnuͤgung nicht ihrer Furcht vorziehen wuͤrde? Die Koͤnigin Minothea muste sich mit dieser wichtigen Entschuldigung beruhigen; stieß also nach langem Stillschweigen die Worte aus: Jch nehme es fuͤr bekant an/ Oropastes/ daß dein Geluͤbde nur auff eine gewisse Zeit ziele/ und daß ich in Hoffnung der Zeit und dem Ver- haͤngniße auswarten solle. Glaube aber/ daß ich dich aus meinen Reichs-Grentzen nicht lassen werde/ biß das Ziel deines Geluͤbdes erreichet worden sey. Hiermit verfolgte die Koͤnigin die Jagt/ und ließ Oropasten nicht in geringer Be- stuͤrtzung zuruͤcke; Welcher in tieffem Nachsin- nen fast ausser sich gesetzet war/ als ihn ein durch das Gestrittig dringender Hirsch gleichsam aus dem Schlaffe erweckte/ welchem Penthasilea sporn-streichs nachsetzte/ und selbten mit einem Wurffspiesse gluͤcklich erreichte/ gleichwohl mit dem in seinẽ Ruͤcken steckenden Eisen seine Flucht verfolgete. Oropastes redete Penthasileen an: Jhr Wurff waͤre gewiß ein Meisterstreich ge- west/ und muͤsse er sich wundern/ daß dieses so hefftig verwundete Thier noch so fluͤchtig seyn koͤnte. Penthasilea versetzte: Wunder dich viel- mehr Oropastes uͤber mir/ daß ich noch lebe; denn ein viel schaͤrffer Geschoß steckt mir nicht nur im Ruͤcken/ sondern im Hertzen. Wie nun aber Oropastes nur stille schwieg/ und sie starr ansahe/ hob sie abermahls an: O unbarmhertzi- ger Oropastes! wie bistu doch viel grimmiger wider meine Seele/ als wir Amazonen gegen das fluͤchtige Wild. Uber diesen Worten er- blickte sie von ferne ihre einen Luchs verfolgen- de Schwester die Koͤnigin; Daher sie zu Ver- meidung Verdachts sich Oropastens entbre- chen/ und der Spur ihres Hirschens nacheilen muste. Oropastes sahe nun wohl/ daß Mino- theens Hefftigkeit ihm nicht mehr Zeit ließ Fuß fuͤr Fuß in dem Liebes-Gewerbe gegen mich fort zu schreiten; Daher druͤckte er in einem mir bestimmten Schreiben die Pein seines Hertzens mit so bruͤnstigen Worten aus/ daß selbte gleich- sam fuͤr Feuer raucheten/ und/ da ich nicht selbst seines Geschlechts gewest waͤre/ mich/ wo nicht zur Liebe/ doch zum Mitleiden bewegt haben wuͤrden. Unter andern klagte er darinnen uͤber meine schwartze Augen/ aus derer Finsterniß ein unauffhoͤrlicher Blitz seine Seele verwun- dete; Wie sie denn wohl wissen/ daß die Verlieb- ten Fuͤnfftes Buch ten nicht nur beredsam sind; sondern auch aus mittelmaͤßigen Dingen unver gleichliche Wun- derwercke zu machen und aus gemeinen Brun- nen Nectar und Honig zu schoͤpffen wissen. Zuletzt schloß er: Jch moͤchte doch den nicht ohne Hoffnung vergehen lassen/ welchen eine Koͤnigin fruchtloß anbetete. Mir ging Oro- pastens Zustand zu Hertzen/ und ich haͤtte ihm so gerne von seinem Jrrthum und Gemuͤths- kranckheit/ als deꝛ in ihn verliebten Penthasileen zu ihrer Vergnuͤgung geholffen; wenn ich an- ders mich haͤtte wagen doͤrffen die Larve meines Geschlechtes von dem Gesichte zu ziehen. Die- sem nach entschloß ich mich dieses Schreiben Oropastens der Fuͤstin Penthasilea/ welche uͤ- beraus schoͤne schwartze Augen hatte/ durch ei- ne unbekandte Peꝛson unter seinem Nahmen zu- zufertigen/ theils ihr Gelegenheit zu geben sich dessen zu ihrem Vortheil uͤber den Oropastes zu bedienen/ theils durch meine so scheinbare Untreu ihm seine Liebe gegen mich zu vergaͤl- len/ und also zweyerley Wunden vielleicht mit einem Pflaster zu heilen. Hoͤret aber/ wie mein Wohlmeinen so ungluͤcklich ausschlug! Die Koͤnigin und Penthasilea waren nebst denen fuͤrnehmsten Amazonen an dem Flusse Jca- rusa auff einem Lusthause/ allwo sie ein Goͤt- termahl angerichtet/ und/ was diese oder jene fuͤr eine Person vertreten solte/ geloset hatten. Penthasilea ging allezeit in gruͤner Kleidung/ und wie die Diana ausgeputzet; Zu allem Un- gluͤck aber war dißmahl das Loß derogestalt ge- fallen/ daß Penthasilea die Juno/ Minothea aber Dianen fuͤrstellte. Der von mir zum Bothen erkiesete Edelknabe kommt bey schon anbrechender Nacht in der Demmerung da- hin/ wo sie in einem Garten sich mit allerhand Spielen erlustigten/ verkennet in solcher Tracht die Koͤnigin fuͤr Penthasileen/ welche ohne diß ausser den schwartzen Augen einander sehr aͤhn- lich waren; Giebet also im Nahmen Oropa- stens sein Schreiben der Minothea. Diese nimmt/ voller Freude und Begierde den Jn- halt aus einer so ungemeinen Bothschafft zu er- fahren/ solches an/ sondert sich alsbald von ih- ren Geferthen ab/ erkennet aber bey dessen Durchlesung alsbald den Jrrthum des Abge- bers/ wendet sich also unverruͤckten Fusses zu ihm/ und fraget: An wen Oropastes diß Schreiben abzugeben besohlen? Dieser giebt nach meinem Befehl in voriger Meinung/ er rede mit Penthasileen zur Antwort: An nie- manden/ als an Penthasileens selbst eigene Haͤn- de. Wohl! antwortete ihm die Koͤnigin/ brin- ge deinem Herrn zur Antwort wieder/ was dich deine Augen bald selbst unterrichten werden. Hiermit wandelte Minothea ihr Antlitz in ein Gesichte einer rasenden Unholdin/ ging hierauf in den Hauffen ihrer Gespielin und fing an: Es ist nun genug gekurtzweilt/ wir muͤssen auch ein Trauer-Spiel beginnen; Greiffet und bin- det diese hochmuͤthige Juno/ welche uns nicht so wohl die Krone vom Haupte/ als das Hertze aus unser Brust zu reissen gedencket. Alle A- mazonen erstarrten/ und haͤtten diesen Befehl fuͤr eine lustige Erfindung zu einem neuen Spiel angenommen/ wenn die Augen der Koͤ- nigin nicht fuͤr Grimme Feuer ausgelassen/ und ihr Mund fuͤr Boßheit gegeiffert haͤtte. Also/ nachdem bey denen Amazonen der Unge- horsam/ oder auch nur die Ursach oder Ausle- gung uͤber einen Koͤniglichen Befehl zu begeh- ren ein sterbenswuͤrdiges Laster ist/ musten sie Minotheens Urthel an der fuͤr Schrecken er- stummenden Penthasilea vollziehen. Die wuͤt- tende Koͤnigin aber ergriff einen Pfriemer/ und stach der unschuldigen Schwester ihre wunder- schoͤne Augen aus mit beygesetzten Worten: Thut mir nun mehr Eintrag bey dem unbeson- nenen Oropastes. O des grausamen Urthels! O der kohlschwartzen Rache uͤber die weisse Un- schuld dieser schwartzen Augen! fing die Fuͤrstin Thußnelda uͤberlaut an zu ruffen. O der un- menschlichen Schwester/ gegen welcher Pan- ther- Arminius und Thußnelda. ther- und Tiger-Thiere fuͤr zahm und guͤtig zu halten sind! Jch gestehe es/ sagte Jubil/ daß ich kein rasendes Thier dieser Caucasischen Woͤlf- fin/ ausser dem eyversuͤchtigen Wald-Esel zu vergleichen weiß; welcher alle seine von der Mutter nicht bey zeite versteckte maͤnnliche Jungen aus der Beysorge entmannet/ daß sie seine Neben-Buhler werden wuͤrden. Auch diese Vergleichung/ sagte Zeno/ reichet noch nicht an die Grausamkeit der Minothea; Weil es sonder Zweiffel aͤrger ist/ iemanden die Augen ausstechen/ als entmannen. Wie- wohl sie/ um sich zu einem Muster einer voll- kommenen Unholdin zu machen bey ihren ei- genen Augen und Haaren schwur: daß sie O- ropasten eigenhaͤndig entmannen wolte. Her- tzog Jubil versaͤtzte: Minothea muͤste eitel Ei- genschafften einer Schlange/ und ausser der eus- erlichen Gestalt nichts Menschliches an sich ge- habt haben. Jedoch waͤre seinem Urtheil nach der Schwur uñ der Fuͤrsatz ihren kurtz vorher so sehr geliebten Oropastes so schaͤndlich zu verstuͤm- meln eine unmenschlichere Grausamkeit/ als die Beraubung der Augen. Denn ob zwar diese dem Menschen der Beschauung tausen- derley Schoͤnheiten insonderheit der Sonnen/ weßhalben etliche Weisen das menschliche Ge- schlechte erschaffen zu seyn geglaubet/ entsetzte; so gereichte doch dieser Verlust zu einer Ent- fernung mehr Verdruͤßligkeiten und Aerger- niße. Derer gaͤbe es in der Welt so viel/ daß einige die Schlaff-Zeit/ da man die Augen zu- thaͤte/ fuͤr das beste Theil des Lebens hielten. Viel durch das Gesichte sich sonst zerstreuen- den Kraͤfften der Seelen blieben in den Blinden beysammen/ verbesserten ihre andere Sinnen/ ja so gar ihre Vernunfft; also/ daß weil die Na- tur/ als eine guͤtige Mutter den Gebrechen in einem/ mit andern Vortheilen zu ersetzen be- flissen waͤre; Die Blinden insgemein leiser hoͤ- reten/ empfindlicher fuͤhlten/ und uͤberaus ver- schmitzt waͤren. Weßwegen der alle Weltwei- sen uͤbertreffende Democritus sich selbst des Ge- sichts beraubet haben soll/ damit seine verschlos- sene Augen des Gemuͤths zum Nachdencken ge- schickter werden moͤchten. Der blinde Tire- sias haͤtte in die Begebenheiten kuͤnfftiger Zeiten einen so reinen Blick als kein Sehender/ und aus allen diesen es eben so wenig iemand dem blin- den Homerus nachgethan. Appius Clodius haͤtte zwar den Staar/ aber wenn ihm iemand fuͤrkommen waͤre/ dem er es haͤtte nachthun sol- len/ in Ergruͤndung wichtiger Dinge mehr/ als Luchs-Augen gehabt. Die weise Natur machte in Mutterleibe die Augen am letzten/ als welche der Mensch unter allen Gliedern noch am besten entbehren koͤnte. Viel kleine Thiere haͤtten gar keine Augen/ des Maul- wurffs waͤren mit einem Felle uͤberzogen/ also nichts nuͤtze; und das grosse Wunder der Wall- fisch waͤre so uͤbersichtig/ daß er einen kleinen Fisch zum Fuͤhrer doͤrffte. Jm Scythischen Chersonesus kaͤmen die Kinder/ wie man von Hunden glaubte/ blind auff die Welt; Jn J- berien unteꝛm Caucasus solten ihrer viel nicht im Tage/ sondern nur des Nachtes sehen. Ja un- sere Luͤsternheit suchte gar offt mit der Dido in Finsternissen ihre Ergetzligkeit/ und die Andacht in den duͤsternen Tempeln ihre Entzuͤckung von der Eitelkeit. Hertzog Herrmann setzte seuffzen- de bey: Wir blinde Menschen sind auch nicht einst faͤhig in die Sonne zu sehen; Wenn uns aber der Tod unsere bloͤde Augen wird zuge- schlossen haben/ hoffen wir ein so verklaͤrtes Ge- sichte zu erlangen/ welches in das grosse Licht der ewigen Gottheit zu sehen faͤhig seyn wird. Fla- vius fing an: Auff diß Geheimniß muß sonder Zweiffel die bey so vielen Voͤlckern angenom- mene Gewohnheit zielen/ daß die Priester de- nen auff die Holtzstoͤsse gelegten Leichen/ ehe sie verbrennet werden/ die vorher von ihren Freunden zugedruͤckte Augen auffsperren. Ze- no wendete sich gegen die zwey letztere Fuͤrsten/ meldende: Es waͤren dieses heilige Gedancken; Erster Theil. Z z z aber Fuͤnfftes Buch aber hoffentlich nicht zu Verminderung deß von der Minothea durch Ausstechung so schoͤner Augen begangenen Lasters angesehen. Wie- wohl er versict ert waͤre/ daß ein so edler Fuͤrst/ wie Jubil waͤre/ seine Vergnuͤgung in kei- nem andern Finsterniße/ als zweyer so schwar- tzen Augen/ wie sie die ungluͤckselige Pentha- silea gehabt und geliebt/ finden koͤnte. Das Gesichte waͤre im Leibe der edelste Sinn/ wie der Verstand in der Seele; Und darum stuͤn- den die Augen auff einer so ansehlichen Hoͤ- he. Es waͤre der gewisseste und geschwindeste Sinn. Denn das Gehoͤre waͤre mehrmahls denen Verleitungen der Unwarheit unter- worffen/ und die Augen kaͤmen mit ihrer Botschafft bey dem gemeinen Sinne viel zei- tiger an/ als die Ohren und das Fuͤhlen. Al- le andere Sinnen waͤren irrdisch/ das Fuͤhlen haͤtte die Eigenschafft der Erde/ das Ruͤchen des Feuers/ der Geschmack des Wassers/ das Gehoͤre der Lufft; das Auge alleine waͤre den Sternen aͤhnlich/ und also was Himmlisches; Ja weil es in einem Augenblicke aus der Tief- fe der Erden uͤber viel tausend Sternen einen unbegreifflichen und geschwindern Flug als die Sonne selbst thun koͤnte/ gleichsam was goͤtt- liches. Die Natur haͤtte sonder Zweiffel auch das Gehirne als den Sitz deꝛ Vernunft von dem Brunnen des Lebens/ nehmlich dem Hertzen nur deßhalben ins Haupt entfernet; Wormit sie nur eine Nachbarin der Augen/ als Fenster der Seele seyn moͤge/ zwischen beyden aber waͤre eine sichtbare Verknuͤpffung. Sintemal die eus serste weisse Schale des Auges von der eussersten und haͤrtern Haut des Gehirnes; die innwen- dige duͤnnere schwaͤrtzlichte Trauben-Haut des Auges von der weichern Haut des Gehirnes das aͤdrichte Augen-Netze und Spiegel aus dem selbstaͤndigen Wesen des Gehirnes durch die Augen-Spann-Ader den Ursprung haͤt- ten/ und also beyde aneinander hingen. Ja die Augen waͤren die Leiter und Pforten der Liebe; Ohne welche man die Welt fuͤr eine Wuͤsteney/ das Leben fuͤr einen verdruͤßlichen Traum halten muͤste. Wer wolte nun zwei- feln/ daß einen blind machen eben so viel sey/ als einen Lebenden in ein Grab verschluͤssen? Denn ob zwar der Verlust eines Auges im Menschen nicht/ wie in einem Schweine/ den Verlust des Lebens nothwendig nach sich zeucht; So waͤre doch das Leben der Blinden nur ein Schatten des Lebens/ und ein Blin- der nichts besser als die in denen unter-irrdi- schen Fluͤssen befindliche Fische/ welche An- fangs blind/ hernach gar zu Steine wuͤrden/ ja ein Todter unter den Lebenden. Die Na- tur haͤtte die Augen/ um diese unschaͤtzbare Werckzeuge in Sicherheit zu setzen/ so tieff zwi- schen die Gebeine versetzt/ auch mit Augen- brauen/ Liedern/ und zweyfachen Augen-Wim- pern verwahret/ uͤber diß fast alle Thiere mit zweyen Augen versehen/ wormit/ wenn ja ei- nes Schaden litte/ das andere ihnen das un- schaͤtzbare Sehen erhielte/ und das unvergleich- liche Meisterstuͤcke das Haupt um keiner an- dern Ursache wendbar gemacht/ denn daß die Augen allenthalben sich umschauen koͤnten. Jhre Runde waͤre ein Zeugniß ihrer unwi- dersprechlichen Vollkommenheit/ ja die Stoi- schen Welt-Weisen gaͤben dem Gesichte gar den Nahmen eines Gottes. Ein entmann- ter Mensch hingegen litte an nichts/ als an sei- nen Nachkommen und an Wellust Abbruch. Wie viel aber waͤren nicht von Natur/ son- dern aus eigener Willkuͤhr und Geluͤbde un- fruchtbar? Zudem waͤren jene nicht aller Ver- gnuͤgung entnommen/ wo die allem Vieh ge- meine Wollust bey dem Menschen nicht mehr in Verachtung/ als in Werth zu ziehen ist. Die geilesten Weiber vergnuͤgten sich mehr mit der Verschnittenen Langsamkeit und dem Schatten der Wollust/ als mit einer maͤnnli- chen Zuthat. Unter diesen waͤre Cambabus bey der Syrischen Koͤnigin Stratonica so be- liebt Arminius und Thußnelda. liebt gewest/ daß sich ihm und ihr zu Liebe die meisten Hoͤfflinge haͤtten verschneiden lassen. Die Assyrier haͤtten denen Persischen Koͤnigen jaͤhrlich eine gewisse Anzahl ausgeschnittener Knaben zinsen muͤssen. Alle diese behielten nicht nur ihre Haare und helle Stimme le- benslang unversehrt/ ihre Schoͤnheit und ge- sunden Kraͤffte biß ins hohe Alter; Weßwe- gen auch die allen andern unentmannten Menschen und Thieren toͤdtlichen Schwefel- Duͤnste bey Hieropolis in Asien ihnen nichts schadeten/ sondern ihr Gehirne der Sitz der Weißheit bliebe ihnen unvermindert/ welches sonst zu Zeugung des Saamens seine beste Kraͤffte beytragen muͤste. Daher waͤren sie ie- derzeit bey allen Morgenlaͤndischen Reichen die hoͤchsten im Brete; ja nicht nur oberste Raͤthe/ sondern auch Heerfuͤhrer gewest/ und von den Persischen Koͤnigen ihre Augen und Ohren genennet worden. Zu geschweigen/ daß ihrer viel aus Andacht sich selbst verschnit- ten/ weil sie in solcher Beschaffenheit eben so den Goͤttern reine Opffer zu bringen vermeinten/ als die verschnittenen Thiere viel niedlichere Speisen als andere abgeben. Dahero die Mutter der Goͤtter in dem Weltberuͤhmten Phrygischen Heiligthume nur Verschnittene zu ihren Priestern wuͤrdigte. Ja der weise Aristoteles haͤtte den Hermias/ dieses seines Mangels unbeschadet/ so hoch gehalten/ daß er ihm wie einem Gotte zu opffern kein Beden- cken gehabt. Jubil begegnete dem Fuͤrsten Zeno mit einer besondern Annehmligkeit: Er merckte wohl/ daß Fuͤrst Zeno mehr aus den Gesetzen seines Vaterlandes/ als der Natur urtheilete/ und hierdurch unvermerckt seinem Asien das Wort reden muͤste. Alleine die Deutschen hielten nichts minder als die Roͤ- mer die Entmannung fuͤr eine haͤrtere Straf- fe/ als den Tod selbst. Daher Kaͤyser Julius sich nicht haͤtte uͤberwinden koͤnnen des gros- sen Mithridates Sohn Pharnaces zu begna- digen/ weil er von denen gefangenen Roͤmern etliche haͤtte verstimmeln lassen. Die zu ewi- ger Fortpflantzung so begierige/ ja keinen Au- genblick ohne Bezeugung sich befindende/ son- dern stets schwangere und zugleich gebaͤhren- de Natur muͤste fuͤr dieser Verstimmelung nothwendig die eusserste Abscheu haben. Da- her sie auch in Zubereitung des Weiblichen Geschlechts so vorsichtig gewest waͤre/ daß zwar/ wie Semiramis die Maͤnner/ also An- dramytis die Weiber zu verstimmeln am er- sten bemuͤht gewest/ sie doch hierdurch ihrer Fruchtbarkeit nicht koͤnnen beraubet werden. Wer vernuͤnfftiges moͤchte auch den Raub der nichts minder edelsten/ als zu Erhaltung der Welt hoͤchst noͤthigen Geburts-Krafft ge- gen den Gewinn einer glatten Haut/ etlicher gekraͤuselten Haar-Locken/ und einer weibi- schen nur zur Wuͤrtze der Uppigkeit dienenden Stimme verwechseln? und sich zu etwas ma- chen lassen/ was weder den Nahmen eines Mannes/ noch eines Weibes fuͤhren kan/ und in dem die Natur sich fuchet/ aber nicht findet? Wer wolte sich bereden lassen/ daß durch ein Messer etwas schoͤner werden solte/ welches/ wenn es so gebohren wuͤrde/ eine Mißgeburt hiesse? Uber diß waͤre die Unfrucht- barkeit des Gemuͤthes meistentheils mit der des Leibes verschwistert; ja es schiene schier wider die Vernunfft zu seyn/ daß ein Entmannter die maͤnnliche Tugend der Tapfferkeit an sich ha- ben solte. Weniger schickte sich was so ge- brechliches zum Gottesdienste; Und koͤnten bey den Deutschen so wohl als bey den Hebre- ern weder die gekappten Thiere Opffer/ noch die Verschnittenen Priester abgeben. Sin- temal was in den Augen der Menschen unvoll- kommen waͤre/ Gott ohne Verkleinerung nicht gewiedmet werden koͤnte. Hierdurch aber meinte er keinesweges denen schwartzen Augen der schoͤnen Penthasilea einigen Abbruch zu thun/ noch dem Fuͤrsten Zeno zu verargen/ daß Z z z 2 er Fuͤnfftes Buch er uͤber der Verfinsterung zweyer so schoͤner Gestirne seinen gerechten Eyver auslaͤst; wo anders nur die schwartzen zwey Sonnen der Koͤnigin Erato nicht eyversuͤchtig zu werden vermeinten. Zeno ward gezwungen uͤber die- sem Schertze zu laͤcheln/ Erato aber sich zu roͤ- then; Und zwar jener zu seiner Schutzrede an- zufuͤhren: Er liebte die Koͤnigin Erato so sehr/ daß sie mit niemanden als ihrem eigenen hohen Stande zu eyfern uñ zu besorgen Ursache haͤtte; dieser habe etwan so viel Theil an meiner Seele/ als ihre andere Vollkom̃enheiten. Erato versetz- te: das erstere waͤre ein blosses Gluͤcks-Geschen- cke; alles andere aber an ihr so mittelmaͤssig/ daß sie nicht schweren wolte: Ob die aus den schwartzen Augen der schoͤnen Amazone gepflo- genen Pfeile des Fuͤrsten Zeno Schluͤsse fieder- ten; Jhr aber wuͤrde ja niemand zutrauen/ daß sie mit einer so ungluͤckseligen Todten eyfern sol- te. Ja wenn Penthasilea auch noch gegen- waͤrtig den Fuͤrsten Zeno mit ihren schoͤnen Augen begluͤckseligte/ wuͤrden ihre kleinen Lichter so wenig mit ihren zu eyfern die un- besonnene Vermessenheit/ als die Sternen in der Mittel-Strasse mit dem grossen Auge des gestirnten Ochsens sich zu vergleichen Ursache haben. Flavius brach ein: Unsere Augen wi- derlegen zwar der Koͤnigin von ihren eigenen Augen gefaͤlltes Urthel/ und wir sehen wohl/ daß sie sie auch im Ansehen der Sonne gleich wissen will; welche/ wenn sie uͤber unserm Wir- bel stehet/ am kleinesten zu seyn scheinet. Alleine ist es denn der Eiversucht Eigenschafft/ daß sie nur mit ihres gleichen in Krieg ziehe? Weil sie eine Schwester der Mißgunst ist/ solte ich mei- nen/ daß sie mit dieser die geringen Gestirne verachten/ aber die grossen Monden-Kugeln an- bellen solte. Die Koͤnigin antwortete: Jch hal- te diß fuͤr eine unrechte Schwester der Eyfer- sucht/ oder vielmehr fuͤr eine Mißgeburt blinder Begierden. Wenn ein Kampff nicht zur Toll- kuͤhnheit/ oder zum Gelaͤchter werden soll/ muß er gegen seines gleichen seyn. Eine Juno und Pallas mag wohl mit einer Venus/ aber keine Arachne mit einer Minerve/ kein Marsyas mit einem Apollo/ und kein Thersites mit einem A- chilles eifern. Thußnelde brach mit einem U- berflusse ihrer angebohrnen Anmuth ein: Jch begehre mich zwar nicht wider diß Gesetze der Gleichheit auffzulehnen; dennoch doͤrffte sie die- ser tieffsinnigen Gesellschafft nicht verschweigen/ daß die blauen Augen ihr eine Vollmacht auff- getragen haͤtten/ zu erforschen: Warum die schwartzen ihnen allenthalben den Vorzug zu- eigneten? Sintemahl die blauen ja mit der Far- be des Himmels/ die schwartzen mit der Hoͤlle prangeten; jene vielmehr Feuer/ diese mehr Wasser in sich haͤtten. Die schwartzaͤugichte Erato ward durch solche Hoͤffligkeit genoͤthiget/ die Seite ihrer eigenen Augen zu verlassen/ und denen blauen Augen Thußneldens das Wort zu reden. Daher sagte sie: Jhre angefuͤhrte Ur- sachen spraͤchen den Himmelblauen Augen bil- lich den Preiß zu. Jn ihren Augen waͤren auch keine schoͤnere Edelgesteine/ als die Saphi- re; keine schoͤnere Blumen als die Hyacinthen/ in der Mahlerey nichts kostbarers/ als das vom Lasurstein kommende blaue/ an welcher Farbe/ und der ihr gantz nahe kom̃enden gruͤnen die Au- gen selbst sich allein erqvickten; Hingegen weisse Dinge das Gesichte zerstreueten/ schwartze die Augen-Strahlen zu sehr in die Enge draͤngten/ die Roͤthe aber die Augen entzuͤndete und blen- dete. Gleicher gestalt staͤchen die Pfauen mit ihres Schwantzes blauen Augen der Schoͤn- heit aller andern Voͤgel die Augen aus. Das schoͤne blaue waͤre gleichsam der Schmeltz der Regenbogen; ja die schwartzen Augen selbst koͤn- ten in ihrem den Aug-Apffel umgebenden Re- genbogen dieser Himmel-Farbe niemahls gantz entbehren. Nein/ nein/ rieff die Fuͤrstin Jsmene. Die Koͤnigin wolte mehr ihren deutschen Augen/ als der Wuͤrde der schwar- tzen liebkosen/ welche schon fuͤr allen Richter- Stuͤlen Arminius und Thußnelda. Stuͤlen das Recht wider alle andere Ar- ten erlanget haͤtten. Diesem nach waͤre es nun nicht mehr umb den Jnnhalt/ son- dern nur umb die Ursache des allenthalben/ insonderheit aber von der Liebe angenommenen Urtheils die Frage. Aller Anwesenden Augen noͤthigten die Koͤnigin von Jsmenen das Wort zu nehmen/ und sich zu erklaͤren: Sie wuͤste we- der von angezogenem Ausspruche/ noch weniger von der Beypflichtung der Liebe etwas; welche/ wenn es anders wahr waͤre/ daß die Mutter aus dem blauen Meere ihren Ursprung haͤtte/ von Rechtswegen fuͤr schwartzen die blauen zu erkiesen schuldig gewest waͤre. Salonine fiel ein: Soll sie denn die/ welche sie unter ihrer ei- genen Stirne getragen/ selbst andern veraͤchtlich nachgesetzt habẽ; da sie keiner andern Goͤttin den Preiß der Schoͤnheit zu entraͤumen willens ge- west ist? Erato antwortete: Jch erinnere mich wohl/ daß Pallas von ihren grossen blauen Augẽ beruͤhmt ist/ und daß der Glantz blauer Augen ei- nes tieffsinnigen Geistes Merckmal sey; daß aber die Liebe schwartze gehabt/ darvon hab ich keine Gewißheit/ ungeachtet die Mahler/ welche ihre Unwahrheiten zu vertreten einen alten Frey-Brief haben/ solche/ ich weiß aber nicht aus was fuͤr einem Grunde schwartz bilden. Auch weiß die gantze Welt/ daß das uns vom Apelles hinterlassene Ebenbild der Venus aus vielen schoͤnen Antlitzen zusammen gezogen/ des Praxiteles nach der Phryne/ und des Adiman- tus nach des Koͤnigs Demetrius Schwester Phile gebildet worden. Wenn ich aber ja fuͤr die schwartzen Augen was vortraͤgliches sagen muß; weiß ich nichts anders/ als daß sie wegen ihres vielen Wassers bey Tage/ die blauen aber wegen mehrern Feuers in der Nacht heller sehen sollen. Aber auch die Sternen leuchten nur bey Nacht. Thußnelda fiel ein: Und die Sonne nur bey Tage; ja wo Sonnen und schwartze Augen sind/ kan und darff keine Nacht seyn. Daher ich glaube/ daß wie diß die schoͤn- sten Diamanten sind/ welche die schwaͤrtzesten Straalen von sich werffen/ weswegen man auch denen allzu lichten schwartze Folgen unterlegt; also auch die diesen Edelsteinen gleiche Augen der Ausbund aller andern. Erato versetzte: Jch verstehe mich zwar nicht auf die Edelgesteine/ welches die reinsten sind; diß aber bestaͤtigen alle Naturkuͤndiger/ daß in schwartzen Augen die Crystallen-Feuchtigkeit viel Erde in sich habe/ welche von der angebornen Waͤrmbde nicht ge- nung gelaͤutert werden kan. Dahero die in heissen Laͤndern wohnende Mohren/ Jndianer und Syrer fast alle schwartze/ die Nordlaͤnder aber meist graue und blaue Augen haben; wenn ich aber von Gleichheit solcher Dinge die Schaͤtz- barkeit der Augen messen solte/ wuͤrde ich/ mei- ner Neigung nach/ auch hierinnen den blauen Augen den Vorzug zu geben gezwungen/ weil in meinen Augen die Perlen schoͤner als alle Edelgesteine sind/ dieser Schoͤnheit aber meist in blaulichtem Glantze bestehet/ als in einem schein- baren Zeugnuͤsse/ daß die Perlen mehr vom Himmel als vom Meere an sich haben. Fuͤrst Zeno meynte seiner Erato beyzuspringen/ mel- dete also/ daß die klugen Serer die vielfaͤrbichten Augen fuͤr die vollkommensten hielten/ und in- sonderheit von ihrem hoch-schaͤtzbaren Koͤnige Yaus ruͤhmten/ daß er so gar vielfaͤrbichte und wie Regenbogen spielende Augenbranen gehabt haͤtte. Jsmene fing an: Unter die Fuͤrtrefflig- keit der Augen wird fuͤrnehmlich gerechnet: daß ein ander sich darinnen wie in einem erhobenen Spiegel besehen koͤnne. Weswegen man die Verschwindung dieses Gegenscheins fuͤr ein unfehlbar Sterbens-Zeichen haͤlt/ und glaubt/ daß drey Tage fuͤr iedes Menschen Tode man sich nicht mehr in des Sterbenden Augen be- spiegeln koͤnne. Weil nun die aus tunckelem Stale geschliffene/ alle glaͤserne Spiegel uͤber- treffen/ ja diesen durch Anschmeltzung duͤsternen Bleyes noch geholffen werden muß/ ist ausser allem Zweifel: daß die schwartzen Augen denen Z z z 3 sich Fuͤnfftes Buch sich bespiegelnden ihr Antlitz viel vollkommener/ als andere/ entwerffen muͤssen. Welches die Koͤnigin Erato/ wenn sie daran zweifelte/ als- bald in den schwartzen Augen ihres Zeno versuchen koͤnte. Ja/ allerdings/ sagte Thuß- nelde/ denn sie wird zugleich in diesem le- bendigen Spiegel ihren Gluͤcks-Stern wahrhafter erkiesen koͤnnen/ als die/ welche in Achaien fuͤr dem Tempel der Ceres in einem biß an das Wasser eines heiligen Brunnes gelasse- nen Spiegel ihre kuͤnftige Kranckheit/ Tod oder Genesung zu erfahren verlangen. Zeno war begierig nun wieder an seine Erzehlung zu kom- men/ fing also an: Er sehe wohl/ sie wuͤrden uͤber ihrem Augen-Stritte nicht einig werden/ es waͤre denn/ daß die/ welche vollkommen schoͤn seyn solte/ wie der Serische Koͤnig Fohi/ und Xu- nus/ und etliche Scythische Voͤlcker das grosse Gluͤcks-Zeichen/ nemlich/ in iedem Auge zwey Aug-Aepfel/ und zwar einen schwartzen und blauen haͤtte. Jhm aber haͤtten die erstarreten Augen seines zuruͤckkommenden Edel-Kna- bens schon seine ungluͤckliche Verrichtung wahr gesagt/ ehe er noch berichtet/ daß in der Koͤnigin Minothea grauen Augen Grimm und Rache/ nicht nur Pferde/ (wie die Thibier im Pontus in ihren Augen haben sollen/) sondern eitel Ty- ger und Drachen gebildet haͤtten/ also aus ihnen eitel Mord und schwartzes Ungluͤck gefahren waͤre/ und die in ihrem Gesichte aufgezogenen kohlschwartzen Wolcken ihm und dem Oropastes nichts als Blitz und Untergang draͤueten. Weil nun/ der Naturkuͤndiger Meynung nach/ in den Augen keine eigentliche Farbe wahrhaf- tig seyn/ sondern nur zu seyn scheinen solte; uͤber- diß die Verliebten meist uͤbersichtig waͤren/ und nicht so wohl was schoͤnes liebten/ als was sie lieb- ten/ fuͤr schoͤn hielten/ wuͤrde die hohe Versam̃- lung ihm hoffentlich erlauben/ von ihrem Augen- Streite Urlaub zu nehmen; wormit sie erfah- ren moͤchte/ wie er und Oropastes sich von den toͤdlichen Basiliskẽ-Augen der erzuͤrnten Taube Minothea entfernet haͤtten. Jch lasse aber/ fuhr Zeno fort/ so viel empfindliche Hertzen urthei- len: Jn was fuͤr eine Bestuͤrtzung mich der Be- richt meines Spornstreichs zuruͤckkommenden aber kaum zu reden maͤchtigen Knabens versetzt habe/ daß mein unvorsichtiges Beginnen der so holdreichen Penthasilea ihre Augen/ und mit selbten wohl gar das Leben genommen haͤtte. Weil ich denn den Fuͤrstẽ Oropastes ebenfalls in nicht geringer Gefahr zu seyn achtete/ entschloß ich mich/ ihm meinẽ Zustand/ und diesen seltzamẽ Verlauff voͤllig zu entdecken. Wie ich nun in sein Zimmer kam/ traff ich seine Schwester Syrmanis an/ welche die gantze Nacht geritten war/ und ihm bereit seine Gefahr berichtet hat- te. Wir entschlossen uns also ohne lange Be- rathschlagung mit einander/ und zwar umb so viel sicherer durchzukommen/ nicht gegen das Euxinische Meer/ sondern in das Taurische Ge- buͤrge zu fluͤchten; welches wir auch/ nachdem wir zwey Tage und zwey Naͤchte nicht von Pferden gesessen waren/ hernach mit erhandel- ten andern Pferden nach dreyer Tage und Naͤchte moͤglichster Forteilung erreichten/ und in einer Hoͤle/ unter welcher der Fluß Borgis entspringet/ bey etlichen Wurtzel-Weibern ei- nen Tag ausruheten. Wir gaben fuͤr/ daß wir nach Gewohnheit der dort herumb wohnenden Voͤlcker/ aus einer besondern Andacht den Tem- pel des Prometheus besuchen wolten/ der auf denselben Stein-Fels gebauet ist/ worvon ihn Hercules soll loßgemacht haben; erlangten auch unter diesem heiligen Scheine etliche Amazoni- sche Weiber zu Wegweisern. Diesen Vor- wand bestaͤrckten wir durch die denen Amazo- nen/ Massageten und Armeniern gewoͤhnliche Aufopferung unserer Pferde der Sonnen zu Ehren/ als welche wir ohne diß uͤber die steilen Kluͤffte nicht fortbringen konten/ sondern Schuh aus rauchem Ochsen-Leder umb nicht zu gleiten an- Arminius und Thußnelda. anziehen/ und nur zu Fusse unsere Reise fortse- tzen/ ja uns mit Wurtzeln/ Kraͤutern und Milch etliche Tage behelffen musten. Nach dem wir zehn Tage uͤber die hoͤchsten Gebuͤrge/ und un- serm Beduͤncken nach offtmals durch die Wol- cken gestiegen waren/ auch unterweges aus den Brunnen der beruͤhmten Fluͤsse Abascus/ Corax und Astelephus zu trincken das Gluͤcke gehabt hatten/ kamen wir endlich in ein sehr fruchtba- res/ und zu unserer hoͤchsten Verwunderung mit Reben und Oelbaͤumen uͤberdecktes Thal/ darinnen ein einfaͤltiges Volck wohnhaft ist/ welches uns mit allerhand Erfrischungen er- quickte/ und diesen Winckel der Welt fuͤr das gluͤckseligste Land preisete/ darein von undenckli- cher Zeit die Begierde der Menschen keinen Feind gefuͤhret haͤtte. Wir traffen uͤber die in unsern Landen bekanten herrlichen Fruͤchte und Thiere allerhand uns unbekante Arten/ und un- ter andern einen mit unzehlbaren Farben Fe- dern geschmuͤckten und einen Purpur-rothen Schnabel habendẽ Vogel an/ welcher von einer Blume waͤchst/ und nicht laͤnger lebet/ als die Blume tauret/ also/ daß er gleichsam fuͤr eine fliegende Blume zu halten ist. Gleicher Ge- stalt fanden wir ein Gewaͤchse in Gestalt eines Lammes/ das auf einem Stengel wuchs; eine den Jaßminen im Geruch gleich kommende/ an Groͤsse und Vielheit der Blaͤtter sie aber weit uͤbertreffende Blume Mogorin/ derer eine ein gantz Haus einzubisamen genung ist; Rosen/ welche ihre Farben bald in Schnee/ bald in Pur- pur verwandeln; eine Frucht/ da Citronen und Pomerantzen streiffweise sich in einem Apfel ver- maͤhlen; und endlich ein Kraut/ dessen Genuͤs- sung traurige lustig macht/ ja die Tieger-Thie- re/ die es allhier gab/ waren gantz zahm/ und die Schlangen eben so wohl von keinem Gifte/ als die Einwohner/ ausser der Liebe/ von den schaͤd- lichsten Gemuͤths-Regungen/ nehmlich/ Ehr- sucht/ Geitz und Rachgier nicht eingenommen/ also/ daß diese Landschafft mit Rechte der Garten der Welt/ und ein Meister-Stuͤcke der Natur genennet zu werden verdiente. Auch Oropa- stes und Syrmanis daselbst so gar ihr Leben zu- zubringen schluͤssig wurden; mir auch/ welchem ohne diß der Himmel meines Vaterlandes so unguͤtig gewest war/ und dem in Abwesenheit meiner Erato alle Gestirne finster und schrecklich fuͤrkamen/ leicht die uͤbrige gantze Welt vergaͤllet haben wuͤrde/ wenn mich der innerliche Magnet nicht gezogen haͤtte meine Sonne auch unter dem eysichten Wirbel-Sterne aufzusu- chen. Gleichwol schlug ich nicht aus mich in diesẽ Paradise von meinen uͤberstandenen Verdruͤß- ligkeiten ein wenig zu erholen. Denn wo wir hinkamen/ waren wir angenehme Gaͤste/ die Gaͤrten und Aecker waren so wenig durch Graͤntzmale/ als alle Beduͤrftigkeiten durchs Eigenthum unterschieden/ sondern der Uberfluß aller Dinge machte hier alles gemein/ diese Gemeinschafft aber stellte die Wahrheit der er- tichteten guͤldenen Zeit/ das von Milch und Ho- nig fluͤssende Land der gluͤckseligen Jnseln oder des so sehr beruffenen Eylands Taprobane fuͤr; also/ daß wir seines Reichthums halber derselben Vorwitz verlachten/ die umb die unnuͤtzen Spitz-Thuͤrme Egyptens zu sehen/ oder ei- nen guͤldenen Widder zu holen alle Unlust und Gefahr des Meeres ausstuͤnden/ wegen seiner Einwohner aber es uns nicht anders als jenem von Corinth nach Sparta kommenden fuͤrkam/ daß wir alldar die ersten rechten Men- schen sehen. Die Einwohner wusten wenig von unsern Goͤttern/ sondern stunden wegen etlicher von andern Voͤlckern erfahrner Nach- richten in denen Gedancken/ daß/ ausser ihnen/ die gantze Welt das Gluͤcke fuͤr seinen Gott anbetete/ und ieder Mensch nach dem Triebe des blinden Gluͤckes insgemein aus seiner thoͤ- richten Einbildung/ offtmals auch aus schaͤnd- licher Mißgeburt ihm einen Abgott/ die meisten Laster aber zu einem Gottes-Dienste machte. Es ist wunder/ sagte Hertzog Herrmann/ daß diese Fuͤnfftes Buch diese heiligen Leute/ da ihnen niemand ande- rer Voͤlcker Thun aufrichtig entdeckt/ glauben/ daß sie Menschen sind/ weil sie insgemein im Boͤsen andere Thiere uͤbertreffen. Noch mehr aber befrembdet mich/ daß sie in den Kreiß ihrer Ruhe aus der andern stuͤrmerischen Welt einigen Frembden einlassen. Allein ich bin wohl begierig dieses unschuldigen Volckes Gottes - Dienst zu vernehmen. Zeno fuhr fort: Als wir eben diß von ihnen ver- langten/ fuͤhrten sie uns in die Mitte ihrer Landschafft/ und zeigten uns auf einem lusti- gen mit fruchtbaren Baͤumen und kraͤfftigen Kraͤutern bewachsenem Huͤgel ihren einigen Tempel. Dieser war ein von dreyhundert Himmel-hohen Cedern umbsetzter Umbkreiß. Jn der Mitte stand das alabasterne Bild ihrer einigen Goͤttin/ nemlich der Natur. Den ei- nen Fuß hatte es auf einer ertztenen/ den an- dern auf einer glaͤsernen Kugel/ hiermit auf den Erd- und den Wasser-Kreiß zielende. Das. Haupt war mit der Sonne bekleidet/ an der Stirne hing der Monde/ das Halsband war eine Reye fuͤnckelnder Sterne; umb den Leib trug sie einen Guͤrtel/ darauf die zwoͤlff him̃lische Zeichen gepraͤget waren. Aus der rechten Brust spritzte sie Wein/ aus der lincken Milch/ aus dem Geburts-Gliede Wasser/ wel- ches sich in einer Schale von Agat zusammen vermischte/ und in einer verborgenen Roͤhre auf das Altar der Goͤttin geleitet ward. Auf der aͤusersten rechten Hand stand das Zeichen des Schwefels/ und in selbter hielt sie eine nie verleschende Ampel; unter dem lincken Arme ein Horn des Uberflusses/ welches mit tausen- derley Fruͤchten und Blumen erfuͤllet war. Jn dem lincken Hand-Teller war das Zeichen des Saltzes/ und aus einem Glase troff fort fuͤr fort Oel in die Schale. Auf dem rechten Fusse stand das Zeichen des Quecksilbers in der Mitten/ und umb selbtes herumb des Gol- des/ des Silbers/ des Kupfers/ des Zienes/ des Eisens/ und des Bleyes. Auf dem lincken Fusse des Spießglases/ des Salpeters/ und an- derer Berg-Gewaͤchse. Zwischen den Zehen stachen Corallen-Zapfen/ Purpur und Per- len-Muscheln/ rauhe Diamante und andere Edelgesteine herfuͤr. Der Ruͤcken war uͤber und uͤber/ nach Pythagorischer Art mit eitel Ziffern bezeichnet; als welcher lehrte/ daß die gantze Natur von nichts als Zahlen bestuͤnde. Dieses Sinne-Bild der Natur/ und die Freundligkeit des uns anweisenden Priesters vergnuͤgte uns uͤberaus/ veranlaßte auch uns ihn so wohl umb den Ursprung dieses Gottes- Diensts/ als die Art der Verehrung zu fragen. Der Priester unterrichtete uns: Dieser Gottes- Dienst waͤre so alt als die Natur selbst/ und darumb auch der reineste/ ja nicht allein den Menschen/ sondern allen Geschoͤpfen gemein. Denn nicht nur der Mensch mit seiner Spra- che/ die Nachtigal mit ihrem Gesange/ sondern auch die Loͤwen lobten mit ihrem grausamen Bruͤllen/ die Pferde mit ihrem Wiegern/ die geringschaͤtzigen Raben mit ihrem unartigen Geschrey/ das Gewuͤrme mit seinem ohnmaͤch- tigen Athem - holen ihren Schoͤpfer. Nicht nur die Sonnenwende durch ihre Umbwen- dung/ das Gewaͤchse Acacia/ wenn es seine Blaͤtter von Mitternacht biß an Mittag auf- nach der Zeit aber zuschleust; ein ander Kraut/ wenn es mit der untergehenden Sonne ver- welcket/ mit der aufgehenden wieder gruͤnet/ ein anders bey untergehender Sonne seine ho- he Farbe in blaue Trauer-Farbe verwandelt/ ein anders des Abends seine Blaͤtter in eine Knospe zusammen zeucht/ fruͤh aber wie- der ausbreitet/ bezeugeten ihre Andacht ge- gen ihrem Ursprunge; sondern auch der Trauer-Baum/ der des Tages seine Blaͤt- ter abwirfft und welck wird/ des Nachts hingegen frische wohlruͤchende Blumen bekom̃t/ Arminius und Thußnelda. bekommt/ der Glantzbaum der des Nachts mit seinem Scheine die Finsternuͤß erleuchtet/ ja alle und iede Kraͤuter gaͤben mit ihren wunder- wuͤrdigen und dem unachtsamen Menschen noch grossen theils verborgenen Wuͤrckungen ihre Danckbarkeit gegen ihrem ewigen Schoͤpf- fer zu verstehen/ und dienten Gott unbefleckter als die alberen Menschen/ welche das durch ei- ne unzertrennliche Einigkeit in einander ver- knuͤpffte Wesen der Natur/ oder vielmehr den eintraͤchtigen Einfluß des Schoͤpffers zerglie- derten/ und wenn dieser die Sonne/ ein ander die Sternen/ der dritte die Erde/ der vierdte das Wasser/ der fuͤnffte das Feuer/ etliche nur Baͤume und Steine anbeteten/ das Stuͤck- werck fuͤr das gantze verehreten/ oder vielmehr Gott den alles beseelenden Geist in ein so enges Gefaͤsse einsperveten. Da doch sie mit Augen wahrnehmen/ daß die Zeder einen groͤssern Raum zu seinem Wachsthum/ als der Jsop be- duͤrffe. Ja der Mensch/ das unvollkommene Nachbild Gottes liesse sich nicht in einen Wald wie der Elefant/ nicht in eine Wiese/ wie das Pferd/ nicht in einen Seebusem/ wie der Wall- fisch/ nicht in einen Teich/ wie der Schwan/ nicht in eine Pfuͤtze/ wie der Frosch/ noch auch allein in die weite Lufft/ wie der Adler einrie- geln/ sondern die Erde sey ihm zu seichte; er durchgrabe ihre innersten Eingeweide/ daß Gold und Silber seinen Geitz saͤttige; Er baue Wolcken-hohe Schloͤsser in die Luͤffte/ seinen Hochmuth zu vergnuͤgen; Er fahre uͤber/ und in die Tieffen des Meeres/ um seiner Eitelkeit Perlen/ Corallen und Ambra zu opffern; ja sei- ne Gedancken meisterten den Lauff und die Wuͤrckung der Gestirne; sein Nachdencken loͤ- sete die Raͤhtsel auff/ die die ewige Versehung mit verborgenen Ziffern in die Himmels-Kreis- se verzeichnet; und die Schrancken der Natur waͤren der Groͤsse seines Gemuͤthes/ oder seinen unmaͤßigen Begierden zu enge. Wie viel weniger koͤnte nun ein Stern/ oder was gerin- gers/ ein genungsamer Begriff einer uner- maͤßlichen Gottheit seyn? Diesemnach waͤre zwar eine Eichel/ aus der so ein grosser Baum wuͤchse/ eine Biene/ die so kuͤnstlich baute/ eine Ameisse/ die so sorgfaͤltig waͤre/ eine Schnecke in ihrem Wunder-Hause/ eine Muschel/ in der die Natur mit so viel Farben spielet/ ein kleiner Stein/ der das Zu- und Abnehmen des Mon- den fuͤrbildet/ ein glaͤntzender Nachtwurm mit seinem Wunder-Lichte ihnen ein genungsamer Beweiß einer wahrhafftigseyenden/ kein Ge- schoͤpffe aber/ ja die gantze Welt selbst nicht ein anstaͤndiges Behaͤltnuͤß einer unumspannlichen Gottheit. Es sey zwar die Groͤsse der Himmels- Bogen mit der Geschwindigkeit der darinnen geschehenden/ und die Blicke der Augen uͤberei- lenden Bewegungen unbegreiflich; Die Schoͤn- heit und Eigenschafften der zwar nicht nach der Schnur oder dem Zirckel eines Feldmessers ge- setzten-aber mit einem gewissen Lauff und durch- dringenden Tugenden begabten Gestirne/ in dem wie iedes Kraut/ also auch ieder Stern sei- ne absonderliche Wuͤrckung hat/ unermaͤßlich; die zwey grossen Lichter Sonne und Monde/ derer jene die Erde erwaͤrmte und trocknete/ dieser die Meere benetzte/ und die Pflantzen be- thaute/ jene den Tag/ dieser die Nacht erleuchte- te/ jener dem Jahre/ dieser den Monaten ihr Maaß gaͤbe/ waͤren zwar die zwey Wagscha- len der Zeit/ die zwey Pfeiler/ an denen die Wunder der goͤttlichen Versehung geschrieben waͤren; Alleine wie ein hundertaͤugichter Mensch viel zu wenig Augen haͤtte den Himmel genungsam zu betrachten; also waͤren die fuͤnff Sinnen viel zu wenig die Fruchtbarkeit der Er- de/ welche taͤglich mit neuen Gewaͤchsen unse- rer eckelnden Zaͤrtligkeit abhuͤlffe/ zu genuͤssen/ oder nur in einer Rose die Schoͤnheit zu be- schauen/ die Vielheit der Blaͤtter zu zehlen/ mit dem Geruche sich zu erqvicken. Der U- berfluß der unzehlbaren Gewaͤchse waͤre ein Kennzeichen ihrer Freygebigkeit/ der grosse Erster Theil. A a a a Unter- Fuͤnfftes Buch Unterscheid/ da kein Kraut dem andern/ kein Blat eines Baumes/ keine Feder eines Sper- linges einem andern gantz ehnlich ist/ sey ein Merckmal der goͤttlichen Weißheit/ die Ab- wechselung der Zeit/ des Gewitters/ und daß die Stauden nicht auff einmal/ sondern nach und nach ihre Bluͤten und Fruͤchte braͤchten/ wor- mit es uns so viel mehr genoßbar wuͤrde/ bezeich- ne seine vaͤterliche Liebe. Die Lufft floͤsse uns zwar mit iedem Athem-holen einen Hauch der goͤttlichen Gnade ein; Befruchte mit ihrem Anblasen die Erde/ ergoͤtze und speise uns mit dem Gesange und dem Fleische so unzehlbarer Voͤgel; ja die goͤttliche Versehung habe zweif- felsfrey den Vogeln alleine fuͤr allen andern Thieren eine so annehmliche Stimme/ keinem einigen aber das wenigste Gifft beygelegt/ um den Menschen zu ermuntern/ daß er so viel mehr seine Zunge zum Lobe Gottes an- wenden/ und seine Seele fuͤr allem Giffte/ wel- ches allein denen auf der Erde krichenden Thie- ren anklebet/ rein behalten; Und wie das maͤnnliche Gefluͤgel allezeit schoͤner als das weibliche ist; also auch unser Geschlechte aller weiblichen Schwachheiten frey/ und diesem ein Leitstern zur Tugend seyn solle. Es waͤren die Gebuͤrge die Gebeine der Erden eine Kette der Natur/ welche derselben Glieder aufs kuͤnst- lichste an einander hielte; Ein Behaͤltnuͤß des goͤttlichen Reichthums/ darinnen das Ertzt ge- schmiedet/ die Brunnen von dem Meer-Saltze geleutert/ von denen die Wolcken zertheilet/ auf denen die hohen Baͤume zu Haͤusern und Schiffen gefaͤllet wuͤrden. Es sey zwar das Meer ein Spiegel der goͤttlichen Allmacht/ dessen gethuͤrmte Wellen/ welche die Sternen zu bekriegen schienen/ doch keinen Fußbreit Erde verschlingen koͤnten/ da ihnen doch die Natur nichts als Staub zu einer Mauer ent- gegen gesetzt haͤtte/ dessen unergruͤndliche Tief- fe niemahls uͤberlieffe/ ob gleich so viel tausend schifbare Stroͤme so viel tausend Jahr hinein gelauffen waͤren. Es waͤre eine unerschoͤpfli- che Speisekammer/ welches dem Menschen so viel unzehlbare Fische gebieret/ daß/ nachdem sie der gantze Erdkreiß nicht aufzuzehren mag/ sie einander selbst auffressen muͤsten; Es waͤ- ren die nimmer verseugenden Fluͤsse ein Fuͤr- bild der goͤttlichen Ewigkeit/ die Artzt- und Heilbrunnen seiner Barmhertzigkeit/ die Wun- der-Qvellen ein Anweiser/ daß etwas sey uͤber den gemeinen Lauff der Natur/ nehmlich ein verborgener/ und seinem Wesen nach in seine unerreichliche Unbegreiffligkeit eingehuͤlleter/ aber in den Geschoͤpffen augenscheinlich offen- barter Schoͤpffer/ der zwar unsern Augen ent- fernet/ seinen Wercken nach aber uns so nahe/ als wir uns selbst waͤren/ dessen Willen wir so sehr in unserm Thun widerstrebten/ so sehr er unser Hertz durch einen innerlichen Trieb zu seiner Liebe und Erkaͤntnuͤß nicht anders als der Nordstern die Magnet-Nadel/ der Mittel- punct die Schwerde/ die Hoͤhe das Feuer an sich zuͤge/ also/ daß man zwar Laͤnder ohne Feuer/ keines aber ohne die Wissenschafft/ daß ein Gott sey/ angetroffen haͤtte; und noch niemahls ein Vernunfft-faͤhiger Kluͤgling gefunden wor- den/ der das geringste Geschoͤpffe zu tadeln ge- wuͤst/ oder an der so vollkommenen Natur etwas zu verbessern ihm getrauet haͤtte. Denn die/ welche die so guͤtige Natur nicht fuͤr eine Rechte/ sondern fuͤr eine Stieff-Mutter zu schelten sich erkuͤhnet; und die Thiere alles Gif- tes/ das Feld alles Unkrautes/ die Lufft aller Muͤcken/ die Zeit alles Winters befreyt zu seyn verlanget/ waͤren nicht ihre Kinder/ sondern unvernuͤnfftige Wechselbaͤlge. Die sie aber tadelten/ daß sie den Floͤhen mehr Beine als den Elefanten/ der Raupe mehr Gelaͤncke als dem Krokodil/ der Kraͤhe ein viel groͤsseres Al- ter als dem Menschen gegeben/ verdienten als Unsinnige mehr als Prometheus in staͤhlernen Fesseln auff dem Caucasus angeschmiedet zu werden. Jch fiel/ fuhr Zeno fort/ dem Prie- ster Arminius und Thußnelda. ster in die Rede/ und sagte: So hoͤre ich wohl/ dieses Bild sey nicht das Abbild euerer Goͤttin/ und ihr haltet die Natur auch selbst nicht dar- fuͤr. Jn keinerley weise/ antwortete mir der Priester. Diese Saͤule ist ein Spiegel der Natur/ die Natur aber Gottes. Jene ist die Harffe/ welche dieser stimmet; jene eine Strahl seiner uͤberschwenglichen Herrligkeit/ nicht a- ber die selbststaͤndige Gottheit/ welche/ ob sie zwar alles erfuͤllt/ erhaͤlt/ erleuchtet/ erwaͤr- met/ erfreuet/ beseelet/ schwaͤngert/ doch keine Verwunderung in ihrem Wesen/ keinen Ab- fall in ihren Kraͤfften leidet. Ob sie zwar auch in der Seele des Menschen mit Kraͤfften des Verstandes/ in den Gestirnen durch Waͤrmde/ Licht und andere Einfluͤsse in der irrdischen Welt durch Bewegung und Fruchtbarkeit wuͤrcket/ ja iedem Kraute etwas absonderliches einfloͤst/ so bestehet sie doch nur in einer einigen Einigkeit/ als aus welcher so vieler widriger Dinge Eintracht rinnet. Diese Einigkeit ist eine Mutter eines so unzehlbaren Vorraths/ welcher nirgends einigen Gebrechen zeigt/ gleichwol aber in aller dieser Menge keinen un- nuͤtzen Uberfluß hat. Sie wuͤrcket in dem gros- sen mit nichtbeschwerlicher Bemuͤhung/ als in dem kleinen; Sie reget so leicht einen Wald voll Elefanten/ und ein Meer voll Wallfische/ als einen Ameiß-Hauffen. Alleine sie ist in grossen Dingen nur derogestalt eine so grosse Kuͤnstlerin/ daß sie gleichwol nicht kleiner in dem kleinen sey. Ja sie hat in dem kleinen mehr- mahls solch Belieben/ daß sie nirgends mehr gantz/ als in den kleinsten Geschoͤpffen zu seyn scheinet. Wormit aber gleichwol diese Gott- heit sich nicht selbst verkleinere/ noch ihre Uner- maͤßligkeit gegen das grosse eine Abneigung zei- gen moͤchte/ hat sie in der Welt die grosse Son- ne/ das Hertze und Mittelpunct der Welt/ das unverseigende Qvell alles Lichtes zu ihrem Spiegel aufgethuͤrmet. Denn wie diese allein machet/ daß man alle Sachen siehet/ sich aber doch selbst nicht recht sehen laͤst/ wie dieser ihr Glantz alle andere Lichter verduͤstert; Also er- oͤfnet auch Gott allen Thieren die Augen/ und dem Menschen den Verstand/ beydes aber kan ihn nicht sehen/ und alle andere Abgoͤtter sind gegen ihm verduͤsterte Schatten. Herentge- gen ist der Monde der Spiegel der kleinern Welt/ nehmlich des Menschen/ in dem beyde bald ab-bald zunehmen/ bald gebohren/ bald be- graben werden/ bald alles/ bald nichts sind/ bey- de ihr Licht nicht aus sich selbst/ sondern von der Sonne nehmen; wenn sie am vollkommensten sind/ die meisten Flecken haben/ und von der Er- de verfinstert werden. Wie der Monde alle- zeit sein Antlitz gegen der Sonnen kehret/ und seinen Morgenthau der Sonnen zu einem taͤ- glichen Opffer liefert; also soll das menschliche Hertze auch sich niemals von dieser Sonne der Gottheit abwenden/ sondern seine Seufzer und Gedancken ihr zu einem suͤssen Geruch andaͤch- tig abliefern. Dieses ist das rechte von GOtt verlangte Opffer/ welcher ihm nur zu einem eu- serlichen Kennzeichen das siebende Theil ihres Zuwachses auf dem nahe alldar stehenden Alta- re darreichen laͤst; massen die Kinder im Fruͤh- linge die siebende Blume/ die mannbaren Juͤng- linge und Jungfrauen im Sommer die sieben- de Garbe alles Getreydes/ die Maͤnner das siebende Theil aller Baum-Gewaͤchse zu brin- gen pflegen. Mit diesem wenigen seines eige- nen Geschenckes vergnuͤgt sich Gott/ damit der Mensch so viel mehr ihm sein gantzes Hertze zu wiedmen Ursach haben moͤge. Wir hoͤrten die- sen Eisgrauen (erzehlte Fuͤrst Zeno ferner) mit grosser Vergnuͤgung an; und weil er so wohl Griechisch redete/ bat ich ihn meinem Vorwitze zu ver geben/ und mir zu sagen: Ob er ein Einge- bohrner in diesem Lande/ oder ein Fremder waͤ- re? Dieser antwortete: Er waͤre Meherdates/ ein gebohrneꝛ Armenier/ des Comanischen Prie- sters Archelaus/ mit dem Sylla und Gabinius vertraͤuliche Freundschafft gepflogen haͤtte/ leib- licher Sohn/ dem Pompejus nicht allein zu die- sem Priesterthume verholffen/ sondern auch ein A a a a 2 ansehn- Fuͤnfftes Buch ansehnliches Gebiete unterworffen haͤtte. Die- se Wuͤrde waͤre der Koͤniglichen in vielem so na- he/ daß er jaͤhrlich auch zwey Tage die Koͤnigli- che Krone truͤge/ und alle Koͤnigliche Gewalt ausuͤbte/ daß er Fuͤrstliche Einkommen genuͤs- se/ und allein sechs tausend Opffer-Knechte un- terhielte; in vielem giengen sie auch gar uͤber den Koͤnig/ indem dieser ihn als einen Vater verehrete/ von ihm nicht allein Erinnerungen annehmen/ sondern er auch die Beschwerden des Volckes wider den Koͤnig entscheiden muͤ- ste. Uberdiß waͤre das Gluͤcke ihm so an die Hand gegangen/ daß durch sein Anstifften der Koͤnig in Cappadocien Ariarathes vom Anto- nius waͤre getoͤdtet/ ihm aber selbigen Reiches Krone aufgesetzt worden. Ja/ ob er wol in der Schlacht bey Actium dem Antonius beygestan- den/ haͤtte er sich doch bey dem Augustus ausge- foͤhnet/ und derogestalt eingeliebet/ daß er ihm noch das kleinere Armenien und Cilicien ge- schencket. Wie er aber derogestalt dem Gluͤ- cke gar in der Schooß zu sitzen vermeinet/ haͤtte es ihn uͤber Hals und Kopff herab gestuͤrtzet/ in- dem ihn der Landvogt in Syrien Titus beym Kaͤyser derogestalt ver gaͤllet/ daß er sich fuͤr den Roͤmischen Waffen und des Titus Nachstellun- gen in das Taurische Gebuͤrge fluͤchten muͤssen/ uͤber welches ihn ein Armenier in diese gluͤckse- lige Gegend gefuͤhret; Gottes wunderbare Versehung aber und die mehr hieraus/ als aus seiner Geschickligkeit sich entspinnende Zunei- gung dieses hier wohnenden Volckes ihn zu ei- nem Priester der Natur gemacht/ also seinen vorigen eitelen Gottesdienst allhier in einen viel heiligern und gluͤckseligern verwandelt haͤtte. Allhier habe Gott und die Natur allererst seiner angenommenen Blindheit abgeholffen/ die Larve dem Gluͤcke vom Gesichte gezogen/ und mit dem Elende zeitlicher Wuͤrden und koͤnigli- cher Hoͤffe die Herrligkeit der Gemuͤths-Ruh/ und einer vergnuͤglichen Einsamkeit entdecket; also/ daß ihn nun nach nichts weniger als seinem mit so viel Seufzern erworbenem/ und so unver- hofft ihm aus den Haͤnden gewundenem Zepter geluͤstete. Wormit er auch hieruͤber fuͤr uns so viel mehr sein Gemuͤthe ausschuͤttete/ fuͤhrete er uns zu einem nahe darbey gelegenen Steinfelß/ darein er nachfolgende Gedancken/ von denen ich mir gegenwaͤrtige Abschrift auff gehoben/ mit grosser Muͤhe eingegraben hatte: Du Wetterhahn der Welt/ du Fallbret unsers Lebens/ Du Gauckelspiel der Zeit/ Geluͤcke/ gute Nacht! Die Menschen zuͤnden dir den Weyrauch an vergebens; Und dein taub Ohr giebt nie auf Wunsch und Andacht acht. Wenn du einmal dein Rad/ wir eine Hand umdrehen/ Sehn wir Colossen falln/ und schweres Ertzt verwehen. Jch aber schaͤtze dich weit uͤber Gangens Schaͤtze/ Du irrd’sches Paradiß/ du Hafen suͤsser Ruh/ Weil hier kein Wuͤterich giebt knechtische Gesetze/ Weil die Natur uns hier laͤst allen Willen zu/ Wo die Begierde nie aus dem Geschirre schlaͤget/ Vergnuͤgung und Vernunfft sich in ein Bette leget. Verdammter Heyrath-Schluß/ unselige Vermaͤhlung! Wo Geitz ein guͤlden Aas bebruͤtet Tag und Nacht; Wo der sonst todte Schatz nur lebt zu unser Qvaͤlung/ Wo Uberfluß uns arm und unersaͤttlich macht; Wo wir wie Tantalus beym Reichthum Hunger leiden/ Des Nachbars dicke Saat’/ und fettes Eyter neiden. Hier herrschet die Natur/ die wenig nur verlanget/ Die laͤst die Wurtzel nicht des Boͤsen wurtzeln ein. Kein Berg-Marck ist das so wie Pomerantzen pranget/ Woran die Fruͤchte Gold/ die Bluͤte Perlen seyn; Ja eingebalsamt Gold/ das Ambra von sich hauchet/ Und Perlen die man recht zur Hertzens-Staͤrckung brauchet. Die guͤldnen Berge sind kein Merckmal guͤldner Laͤnder/ Wo Gold in Fluͤssen schwimmt/ da rinnt auch Uppigkeit. Diß Ertzt heckt aus den Geitz/ der Geitz gebiehrt Verschwender; Wo man das Gold nicht kennt/ da ist die guͤldne Zeit. Und da die eiserne/ wo man schaͤrfft Stahl zu Degen/ Und nicht das Eisen schmeltzt zu Pflugschar’n und zu Eegen. Wiewol der Acker traͤgt hier Weitzen und Getreide/ Wo gleich kein Pflug streicht hin/ die Eege nicht faͤhrt ein. Der Baum/ der anderwaͤrts bringt Wolle/ giebt hier Seide/ Die Kiefer koͤstlich Oel/ der Schleedorn suͤssen Wein. Der Zucker waͤchst auff Schilff/ die Buche traͤgt Muscaten/ Die Mantel Dattelkern/ der Apffelbaum Granaten. Die Ameiß sammlet hier zusammen Weyrauch-Koͤrner/ Die Holder-Staude treifft von Balsam und Jasmin/ Die Disteln stehn voll Lilg- und Rosen ohne Doͤrner/ Und auf Wacholdern sieh’t man Nelck’ und Zimmet bluͤh’n/ Die Arminius und Thußnelda. Die Maͤuse nehr’n Ziebeth/ der Mosch schmiltzt von den Ziegen/ Der Hirsch zeugt Bezoar/ den Honig machen Fluͤgen. So herrlich lebt man hier/ wenn dort der Tisch der Fuͤrsten Das kaum erschwitzte Brodt oft halb verschimmelt giebt; Wenn oft selbst Koͤnige bey voller Taffel duͤrsten/ Aus Sorge: Daß iemand wo ihnen Gifft einschiebt. Wenn man fuͤr eigner Wach’ und Sklaven sich erschuͤttert/ Und als ein Aspenlaub fuͤr Schatten bebt und zittert. Hier aber wohnt die Ruh und sicheres Vergnuͤgen/ Die Einfalt weiß vom Mord und vom vergifften nicht. Die Tieger sind hier zahm/ der Wolf spielt mit den Ziegen/ Und keine Natter kan hier bleiben/ welche sticht. Betrug und Arglist heist bey Hof’ ein Meisterstuͤcke. Hier weiß man nichts von List/ als wie man’s Wild beruͤcke. Bey Hofe weiß ein Greiff zur Taube sich zu machen/ Ein Fuchs ist mit der Haut der Laͤmmer angethan/ Der Panther scheint ein Schoͤps/ die Geyer und die Drachen Sieh’t man fuͤr Voͤgel offt des Paradises an; Alleine dieses Fell/ die Federn und die Sitten/ Sind Angeln nur/ wofuͤr sich niemand weiß zu huͤtten. Oft wenn das Auge weint/ da kuͤtzelt sich das Hertze/ Ein Todfeind macht ihm dort die Freundschaffts Larve fuͤr. Der Mord-Dolch wird versteckt in eine Hochzeit-Kertze/ Und in Liebkosenden steckt offt ein Tieger-Thier. Uns schwimmt das innerste des Hertzens auf dem Munde/ Dort geust man Oel in Glut/ hier aber in die Wunde. Die Liebe selber wird bey Hof’ ein Ungeheuer/ Die Tochter der Natur zur Mißgeburt der Welt. Geitz/ Ehrsucht/ Geilheit macht da nur ein todtes Feuer/ Das nicht zum Hertzen dringt/ und selten Farbe haͤlt. Denn niemand frey’t der Braut/ die ihm/ er ihr zugegen/ Der buhlet um ein Ampt/ ein ander ums Vermoͤgen. Hier aber weiß man nichts von so verfaͤlschten Lieben/ Gestalt und Tugend ist hier nur das Heyrath-Gut. Die Ehberedung wird dort aufs Papier geschrieben/ Das Hertz’ ist hier der Brieff/ die Tint’ ist beyder Blut; Ja man vergraͤbet hier auf einmal und zusammen/ Die Asche der Gebein’ und auch der Liebes-Flammen. Den sonst verhasten Nord hoͤr’n wir mit Anmuth wuͤtten/ Weil er gesunde Lufft/ uns keinen Schiffbruch bringt. Wir doͤrffen Haab und Gut niemals in’s Wasser schuͤtten/ Weil uns kein Vorwitz sticht/ auch kein Gebrechen zwingt/ Roch zu nichts-nuͤtzem Glaß und ungesunden Speisen/ Den Erdkreiß zu umfahr’n nach Ost und West zu reisen: Granaten-Aepffel geh’n fuͤr Koͤnigliche Zierden/ Jhr Krantz sticht Kronen weg/ die Knospe den Rubien/ Wenn jener ihr Besitz schafft aͤngstige Begierden/ Kan man aus dieser Safft und kraͤfftig Labsal ziehn. Der/ und die Rosen sind dem Purpur uberlegen; An diesem klebet Blut/ an jenem Thau und Segen. Der Sorgen-Wurm heckt sich in Seiden-Wurms Geweben/ Die Unschuld fuͤhlt kein Leid in unser schlechten Tracht. Wo Gold und Schnecken-Blut die Achseln rings umgeben/ Wird offt das Hertze kalt/ das Antlitz blaß gemacht. Wir huͤlln zwar nur den Leib in weisse Laͤmmer-Felle; Doch fuͤhl’n wir in der Seel’ auch keine Pein und Hoͤlle. Last Fuͤrsten im Pallast auf glattem Marmel gleiten/ Von Sammet und Damast fruͤh ohne Schlaff aufstehn/ Wozu sie ihnen doch Maah-Traͤncke zubereiten; Wir woll’n auf Kraͤutern ruhn/ auf weichen Rosen gehn/ Mit der itzt muͤden Sonn uns froh zu Bette machen/ Und mit der Morgenroͤth’ erst wiederum erwachen. Bey Hofe trinckt man Gifft aus kostbaren Krystallen/ Wir suͤssen Wein aus Tohn/ rein Wasser aus der Hand. Die Mißgunst schenckt dort ein der Tugend aͤrgste Gallen/ Auf unsern Wiesen ist auch Wermuth unbekandt. Dort sticht der Scorpion des Neides/ hier nur Bienen/ Wofuͤr ihr Honig uns doch muß zum Labsal dienen. Ein Hencker prest uns dort den Safft aus Marck und Beinen/ Ein Bluthund saugt das Blut aus unser Adern-Qvell; Weiß Kuͤnste fettes Oel zuziehn aus duͤrren Steinen; Und endlich uͤbers Ohr den Nackten auch ihr Fell. Hier milckt man bloß die Milch/ und laͤst die Woll’ abscheren/ Die Kuͤh und Schaffe nur durch Uberfluß beschweren. Ein allgemeiner Brunn/ der eine Stadt vergnuͤgen/ Der ein volckreiches Land zur Nothdurfft traͤncken kan; Wird dort vielmal erschoͤpfft/ ist oft wol gar versiegen/ Wenn ein verschnitten Knecht setzt seine Gurgel an. Der Stein und Ertzt verdeut/ das keine Glut verzehret/ Und wie die Egel sich mit fremdem Blute nehret. Man sieht Verleumdung dort der Unschuld Lilgen schwaͤrtzen/ Der Heuchler falscher Firnß verwandelt Koth in Gold. Hier faͤlscht kein Honig nicht den Mund/ kein Gifft die Hertzen/ Niemand ist Tugenden gram/ noch den Lastern hold. Ein haͤßlich Antlitz prahlt dort gar mit Fleck und Mahlen/ Allhier ist nichts geschminckt/ auch keine leere Schalen. Der Wind ist nicht so sehr veraͤnderlich im Mertzen/ Als sich des Hofes Gunst des Gluͤckes West verkehrt. Wenn er mit Zweigen scheint zu spielen und zu schertzen/ Sieht man/ daß er wie Blitz in Staͤmm’ und Zedern faͤhrt. Die fruͤh des Poͤfels Gott/ der Fuͤrsten Schoßkind waren/ Die schleppt ein Henckers Knecht des Abends mit den Haaren. Der Rosen Purpur-Haupt/ der edlen Lorbern Wipffel/ Entgehn des Hofes Sturm/ des Gluͤckes Wettern nicht. Denn es sucht Ruhm daraus/ wenn’s Himmelhohe Gipffel Zerschmettert/ Riesen faͤll’t/ und grosse Maste bricht; Wenn’s denen/ die sich huͤlln in Gold und Edelsteine Giebt Ruder in die Hand/ legt Ketten an die Beine. Ja wem gleicht sich der Hof mehr als gemahlten Schiffen/ Die Fessel scheinen Gold/ die Ruder Helffenbein. A a a a 3 Ob Fuͤnfftes Buch Ob diese gleich von Schweiß/ auch offt von Blute trieffen/ Mein’t ieder doch ein Herr/ kein Ruderknecht zu seyn/ Ob dessen Fuß gleich nur von Banden wird gekraͤncket/ Ein Hoͤfling aber liegt an Seel und Geist umschraͤncket. Bey uns ist iederman sein Herr/ sein Fuͤrst/ sein Koͤnig; Man dringet uns kein Joch/ auch wir niemanden auf. Jedweder ist vergnuͤgt/ und keiner uns zu wenig/ Der Tugend lassen wir den Preiß/ der Zeit den Lauff. Wer fuͤr’s gemeine Heil wil Schweiß und Witz anwenden/ Dem hilfft man selbst ans Bret und traͤgt ihn auf den Haͤnden. Es ist des Gluͤckes Rad recht eine Toͤpffer-Scheibe/ Die aus geringem Lett’ oft guͤldne Goͤtzen dreht. Und ihre schnoͤde Gunst gleicht einem geilen Weibe/ Die Kriepel haͤlß’t und kuͤß’t/ und Zwerge nicht verschmaͤht. Hier ist die Tugend nur gesehn und hoch erhoben/ Dort schimmert Schein und Spreu/ hier Schwerdt und Wesen oben. Auch der drey Kronen traͤgt/ den Stul auf Tugend gruͤndet/ Verfaͤll’t in Staub und Koth/ wird aller Pracht beraubt. Dem man itzt Weyrauch streut/ und Sieges-Kraͤntze windet/ Dem trit ein Scherge noch fuͤr Morgens auf sein Haupt. Hier fuͤrchtet niemand nicht/ Volck/ Richter/ Hencker/ Buͤttel/ Ein einig Wechsel haͤngt uns zu/ der Sterbekittel. Von dem sind aber auch Pallaͤste nicht befreyet/ Und zwar mit herberm Ach und aͤngst’ ger Furcht umhuͤllt. Denn sie sind zu Altarn der Eitelkeit geweihet; Jhr sterblich Koͤnig ist ihr schnoͤdes Goͤtzen-Bild. Wir aber seh’n dem Tod’ hertzhafftig ins Gesichte/ Denn er versetzt das Bild der Tugend erst ins Lichte. Dort tobet Gluͤck und Neid auch auf die Ehren-Mahle; Zermalmt Ertzt und Porphir/ wirfft Bilder in den Schach. Der Schutz-Herr gestern hieß/ der steckt heut auff dem Pfahle/ Der ihn vor segnete/ rufft ihm itzt/ Schelme/ nach. Hier meiß man nichts von Fluch der andrer Ruhm versehre. Die Andacht klimmt zu Gott/ die Tugend strebt nach Ehre. Saloninen lieffen uͤber diesen Reimen tau- send Thraͤnen uͤber die Wangen/ welche bey derselben Schlusse sie mit diesen Worten recht- fertigte: Warlich/ dieser Meherdates muß den Hoff gewiß auch in- und auswendig haben kennen lernen/ weil er ihn mit so lebendigen Farben abzubilden gewuͤst. Aber ach! nein/ wer wil diese Mißgeburt abbilden/ welche die Larve niemals vom Gesichte legt/ und gleichwol alle Stunden verwechselt/ welche durch aller- hand-falfchen Schein das Antlitz verstellet/ und ihr Hertze auszuschuͤtten fuͤr aͤrgsten Schiff- bruch haͤlt/ welche nichts mehr zu verlangen sich angebehrdet/ als worfuͤr sie die heftigste Abscheu hat/ ja niemanden bey ihr seinen freyen Willen laͤst/ als alleine darinnen/ daß sie sich zu freyge- lassenen Knechten des Hoffes machen moͤgen. Aber auch dieses thun sie aus keiner Freyheit/ sondern aus dem Nothzwange der sie faͤsselnden Begierden. Denn keine Fliege strebet so sehr nach Honige/ kein Raubvogel eilet so sehr nach einem Aasse/ keine Egel duͤrstet so sehr nach Blu- te/ keine Ameisse eilet so sehr mit dem gefunde- nen Weitzen-Korne in ihr Laͤger/ ungeachtet sie ihrer Groͤsse nach die Geschwindigkeit der Son- neuͤbereilet; als die Hoͤflinge sich nach ihrer er- baͤrmlichen Dienstbarkeit sehnen/ welche doch von grossem Gluͤcke zu sagen haben/ wenn sie sich ihr Lebtage mit dem Traume suͤsser Hoff- nung/ dem Brodte der Elenden speisen koͤnnen/ nicht aber ihrer unertraͤglichen Folterung durch das Messer der Verzweiffelung abzuhelffen ge- zwungen werden. Rhemetalces fing an: Die- se Gedancken des Meherdates sind sicher/ wei- ser und heiliger/ als das Thun seines Vaters Archelaus/ da er in Armenien sich bey seiner Priesterlichen Wuͤrde in die weltliche Herr- schafft einmischete/ ja diese Suͤßigkeit ihn endlich so gar luͤstern machte/ daß er an den Cappadoci- schen Zepter die Hand zu legen/ und seinen recht- maͤßigen Koͤnig Ariarathes darvon arglistig zu verdringen sich unterstanden. Seiner Boß- heit aber haͤtte des Himmels gerechter Rache seine wolverdiente Erniedrigung ein Ziel ge- setzt/ und dardurch seinen Sohn angewiesen/ daß die Priesterliche Wuͤrde nicht mit die Hand im Spiele irrdischer Dinge/ keine Stimme im Fuͤrsten-Rathe/ und den Fuß nicht auff dem Richterstuhle haben solle. Hertzog Zeno bege- gnete dem Feldherrn mit einer sonderbaren Be- scheidenheit: Er koͤnte dem Archelaus freylich das Wort nicht reden/ daß er den Ariarathes aus eigener Herrschenssucht ein Bein unterge- schlagen/ und sich in seinen Purpur gehuͤllet haͤt- te; Arminius und Thußnelda. te; Aber die Priesterliche Wuͤrde so enge einzu- sperren/ oder vielmehr sie gar unter die Fuͤsse zu treten/ schiene ihm nicht rathsam zu seyn. Sie waͤren die Boten und Ausleger des goͤttlichen Willens/ ja gleichsam die Unterhaͤndler und Friedens-Stiffter zwischen GOtt und den Menschen; Sie waͤren Schutzsaͤulen der Rei- che/ nichts minder als die Koͤnige/ welche das Volck mit ihrer Andacht/ Gebete und Fasten beschirmeten/ als Koͤnige mit den Waffen. Die Aufhebung ihrer Hand haͤtte wol ehe unter den hochmuͤthigen Feinden eine groͤssere Niederla- ge verursacht/ als viel tausend Lantzen und ge- harnschte Helden-Armen. Jhre Hirtenstaͤbe haͤtten wol ehe Meere zertheilet/ Mauern nie- der gerissen/ Erdbeben/ Blitz und Hagel aus den Wolcken erreget; Wie der wuͤtende Bren- nus mit seinen Galliern bey dem Delphischen Tempel erfahren. Wie viel mal haͤtte eines einigen Priesters blosses Ansehen dem grim- migsten Feinde den Muth genommen/ und sei- ne Rachgier in Sanfftmuth verwandelt? Wie offt haͤtte ihre Aufmunterung den allerverzag- testen ein Hertze gemacht? Jhre bewegliche Einredung zwistige Fuͤrsten mit einander ver- soͤhnet. Ja den unbaͤndigen Poͤfel/ fuͤr welchen die groͤsseste Macht kein genungsamer Kap- zaum waͤre/ vermoͤge ein Priester gleichsam mit einem Nasen-Bande zu leiten/ wohin er wolle. Daher koͤnne er der Cappadocier alles Herkom- men so sehr nicht verdammen/ daß sie dem Co- manischen Priester so grosse Gewalt eingeraͤu- met haͤtten. Die benachbarten Koͤnigreiche/ Albanien/ Jberien und Cappadocien verehre- ten seine Hoheit/ erholeten sich bey ihm/ wie bey einer goͤttlichen Wahrsagerey Rathes/ liessen ihnen auch von ihm alle ihre Priester benennen/ oder zum minsten bestaͤtigen. Diese Vereh- rung der Priester waͤre fast allen andern Voͤl- ckern gemein. Bey denen Egyptiern waͤren die Priester alleine der geheimen Weißheit wuͤr- dig geschaͤtzt worden. Sie haͤtten fuͤr allem an- dern Volcke eine absondere Schrifft und Spra- che. Zu der Koͤniglichen Hohheit haͤtte daselbst niemand gelangen koͤnnen/ der nicht vorher ein Priester gewest waͤre. Die Koͤnige richteten sich nach ihren Maßgebungen/ und es haͤtte Darius/ als gleich die Persen Egypten unter ihre Botmaͤßigkeit gebracht/ sich nicht erkuͤhnen doͤrffen wider eines Priesters Willen sein Bild uͤber die Saͤule des Sesostris zu setzen. Ja die Egyptier trauten ihren Priestern zu/ daß sie uͤ- ber die Goͤtter selbst nicht geringe Gewalt haͤt- ten/ und diese auf ihre Beschwer- und Draͤuun- gen/ daß sie die Geheimnuͤsse der Jsis verrathen/ die zerfleischten Glieder des Osiris dem Tiphon fuͤrstreuen wolten/ nicht geringes Absehen ha- ben muͤsten. Wie viel Voͤlcker/ und so gar die durchtriebenen Roͤmer glaubten/ daß der ober- ste der Priester auch der oberste unter den Men- schen sey/ weßwegen er nicht nur keiner Miß- gunst/ keinem Hasse/ keiner Eigennuͤtzigkeit/ sondern auch alleine dem Verhaͤngnuͤsse unter- worffen waͤre/ und die Sternen uͤber sein Thun keine Gewalt haͤtten. Bey den Egyptiern/ Persen und Griechen/ zu Sparta und ander- waͤrts sey nichts minder die Priesterliche Wuͤr- de der Koͤniglichen gleich. Die Roͤmer hielten den Priester des Jupiters fuͤr ein lebendig und heiliges Ebenbild seiner Gottheit/ fuͤr eine Zu- flucht aller Bedraͤngten; also/ daß wenn ein Ubelthaͤter zu seinen Fuͤssen sincke/ muͤsse er sei- ner Fessel erlediget/ und er doͤrffe selbigen Tag weder geschlagen noch getoͤdtet werden. Bey den Mohren habe nicht nur Koͤnig Sabacus auf der Priester Befehl Zepter und Krone weg gelegt/ sondern alle ihre Herrscher entaͤuserten sich solcher Gewalt/ wenn es ihr oberster Prie- ster fuͤr gut befindete. Diesemnach haͤtten die Juden/ die Egyptier/ und letzlich die Roͤmischen Kaͤyser die koͤnigliche Gewalt mit der Priester- lichen Wuͤꝛde als einem festen Pfeiler unterstuͤ- tzet. Auch waͤre ihm andeꝛs nicht wissend/ als daß wie bey den Britañ- und Gallieꝛn die Druyden/ also Fuͤnfftes Buch also bey den Deutschen ihre Priester in hoͤchster Ehre/ und den Fuͤrsten gleich gehalten wuͤrden; also daß sie nichts minder als die Koͤnige keinen Gesetzen/ und keinem weltlichen Gerichts- Zwange unterworffen waͤren. Der Fuͤrsten Kinder wuͤrden wie bey den Persern und Se- rern ihrer Auferziehung anvertrauet/ sie schlich- teten der hohen und des Volckes Zwistigkeiten durch Urthel oder Vermittelung; insonderheit richteten sie uͤber Todt-Schlaͤgen/ uͤber Erb- schaffts- und Graͤntz-Streitigkeiten/ sie setzten den Tugendhafften ihre Belohnung/ den Boͤsen ihre Straffen aus; und fuͤrnehmlich die groͤsse- ste unter allen/ nehmlich die Ausschluͤssung von dem offentlichen Gottesdienste; weßhalben sol- che Menschen von den andern wie die Pest ge- flohen wuͤrden. So waͤren sie auch aller An- lagen/ aller Ritterdienste und Frohnen befreyet; und sie erkennten in der Welt niemanden/ als das von ihnen selbst erwehlte Haupt/ dieser aber niemanden als Gott uͤber sich. Daher koͤnte man nicht die Priesterschafft von der obersten in eine so niedrige Staffel herab setzen/ zugleich a- ber eines der festesten Bande/ wormit der Poͤfel in Furcht und Gehorsam gehalten wuͤrde/ zer- reissen. Hertzog Herrmann hoͤrete den Fuͤr- sten Zeno wol aus/ nahm sich aber Rhemetal- cens derogestalt an: Jhm waͤre die Fuͤrtrefflig- keit des Priesterlichen Amptes so wohl als das Ansehen bey den meisten Voͤlckern nicht unbe- kandt. Alleine wie der Koͤnige Macht in eu- serlicher Gewalt/ und in Beherrschung der Lei- ber bestuͤnde; also haͤtten die Priester nur mit den Seelen der Menschen zu thun. Weil nun aber diese nicht mit Stahl und Eisen/ sondern nur durch Vernunfft und der Warheit ehnliche Schluͤsse beherrschet wuͤrden/ masten sich die Priester irrdischen Zwanges zu Unrechte an. Jhr Ampt zielte nicht auf Krieg/ sondern auff den Friede des Gemuͤthes; Daher waͤre auch ihr Stab nicht spitzig zum beleidigen/ sondern oben krum gebogen/ daß die Fallenden sich dar- an anhalten koͤnten. Priester versetzten durch den Glantz ihrer Tugenden sich in eine solche Herrligkeit/ machten ihnen hierdurch so viel Ge- muͤther verbindlich/ daß sie keines weltlichen Armes nicht beduͤrfften/ zumahl es ieden Fuͤr- stens Pflicht waͤre/ selbte zu vertheidigen. So uͤbel es nun jene empsindeten/ wenn diese ihren Fuß aufs Altar erhuͤben/ so ungeschickt waͤre es/ wenn jene fuͤr eine Muͤtze einen Helm aufsetz- ten. Weßwegen auch die alten Roͤmer fuͤr ab- scheulich hielten/ daß die/ welche einmahl auch bey gerechten Verdammungen eines Ubelthaͤ- ters gesessen hatten/ den Goͤttern ein unbesudel- tes Opffer darreichen solten. Des Hercules Priester bey den Coern/ und des Alcis bey den Naharvalen muͤsten seinem Beduͤncken nach deßhalben in weiblicher Tracht opffern/ daß sie sich aller maͤnnlichen Sorgen zu entschlagen indenck leben solten. Auch waͤre er versichert/ daß bey der ersten Welt die Priester weder in den geheimen Rath der Koͤnige eingedrungen/ noch den Richterstuhl uͤber das Volck betreten/ noch mit fliegenden Krieges-Fahnen aufgezo- gen waͤren. Etlicher Priester Ehrsucht und Vorwitz/ unterschiedener Fuͤrsten Unachtsam- keit/ oder auch etlicher/ die sich mit Unrecht und Mord auf den Thron gesetzet/ ihre Furcht und Gewissens-Angst/ und endlich des Poͤfels A- berglaube habe der Priesterschafft das Hefft grosser Laͤnder und Koͤnigreiche in die Haͤnde gespielet/ und ihre einsamen Gruͤffte in hohe Palaͤste verwandelt. Der Schein/ daß geist- liche Stifftungen von Blut und fremdem Rau- be reinigten/ haͤtte vieler Koͤnige Schatzkam- mern erschoͤpffet. Die Lehre/ daß/ was man in die Hand der Priester legte/ in die Schooß der mildreichen Goͤtter fiele/ haͤtte gantze Laͤn- der arm/ die Priesterschafft wolluͤstig gemacht. Der Fuͤrwand/ daß Heyrathen und Eyde Ge- wissens-Sachen waͤren/ und von denen unter- sucht werden muͤsten/ welche die Sorge der Seelen uͤber sich haͤtten/ haͤtte ihnen den Schluͤs- sel Arminius und Thußnelda. sel zur Gerichts-Stube eingehaͤndigt. Der Eifer des Gottes-Dienstes habe sie zu Reichs- Cantzlern/ zu Hertzogen/ Fuͤrsten/ und geheim- sten Raͤthen gemacht/ und die/ welche fuͤrzeiten nur denen Kriegsheeren ein Hertze zugespro- chen/ waͤren endlich gar zu Heerfuͤhrern worden. Ja etlicher der Freyheit gehaͤssigen Fuͤrsten ei- gene Anstalt haͤtte mit Haͤnd und Fuͤssen geholf- fen/ daß die Priesterschafft unter sich selbst ge- wisse Haͤupter empor gehoben/ weil sie diese als Werckzeuge der Dienstbarkeit wider die Frey- heit des Volcks zu brauchen angezielet/ welche bey durchdringender Gleichheit der gehorchen- den erhalten wird/ ihrer weniger Bothmaͤssigkeit aber der Koͤniglichen Macht am naͤhesten kom̃t und am dienlichsten ist. Wolte aber Gott! es waͤre die Priesterschafft noch in diesen mittel- maͤssigen Schrancken blieben. Denn wo ha- ben sie nicht ihnen fast alle liegende Gruͤnde zins- bar gemacht? Jn wie vielen Laͤndern besitzen sie nicht das dritte Theil des fettesten Bodens/ und der gewissesten Einkuͤnfte? Wo aber ent- ziehen sie sich nicht von den allgemeinen Mitlei- dungen anderer treuen undviel aͤrmerer Unter- thanen? Wo machen sie nicht das Seil der weltli- chen Herrschaft von ihren Hoͤrnern loß? An wie vielen Orten lassen sie sich die allgemeinen Richtschnuren nicht binden? Aus wie vielen Richter-Stuͤlen verstossen sie nicht alle Weltli- che/ und wo schwingen sie ihre Fluͤgel nicht uͤber die Grund-Gesetze der Reiche/ und uͤber die Ho- heit der Koͤnige? Haben sie nicht die ersten Stim- men bey ihrer Wahl? An wie viel Kronen empfangen Fuͤrsten Kron und Zepter aus ihren Haͤnden? Jch wil der uͤppigen Priester auf der Atlantischen Jnsel/ denen aller Braͤute Jung- frauschaften geopfert werden muͤssen/ der grim̃i- gen in Mohrenland/ auf derer Befehl sich sein Koͤnig hinrichten muß/ geschweigen/ und allein von dem Comanischen Priester in Armenien fragen: Ob Sesostris fuͤr so uͤbermuͤthig zu schel- ten sey/ daß er vier Koͤnige an seinen Siegswa- gen angespannet/ oder Tigranes/ daß er ihrer vier zu seinen Aufwaͤrtern hatte/ oder auch jener Scythe/ der einen grossen Fuͤrsten zum Fuß- Schemmel brauchte/ als dieser Comanische Prie- ster/ welcher nicht nur seinem/ sondern auch frem- den Koͤnigen Gesetze fuͤrschreibet/ und ihnen in Anstalten des Gottes-Dienstes die Haͤnde bin- det? Welchem Ariarathes die Fuͤsse kuͤssen/ und seine Ferse auf seiner Koͤniglichen Scheitel er- dulden muͤssen? Zu geschweigen/ daß uͤbermaͤs- siges Reichthum und Gewalt sich mit inbruͤnsti- ger Andacht/ und also mit der Priester eigenen Pflicht nicht vertraͤget/ sondern sie bey dem Be- sitzthume zur Uppigkeit verleite; Ehrsuͤchtigen aber Anlaß gebe nach diesem guͤldenen Apfel durch alle verbotene Kuͤnste zu streben. Ju- lius hatte gegen dem Lentulus das Recht gebeu- get/ den Poͤfel angebetet/ und nahe sein gantzes Vermoͤgan verschencket/ daß er nur den Quin- tus Catulus/ und Publius Jsaurius/ welche nebst ihm sich umb das Priesterthum bewarben/ wegstechen konte. Diese Pest sey auch leider bey den Deutschen eingerissen. Denn seine Vorfahren haͤtten nicht nur aus einer allzugros- sen Gutwilligkeit verhangen/ daß die Misse- thaͤter zu binden/ zu schlagen/ oder zu toͤdten nie- manden als den Priestern freystehe; sondern es habe auch Segesthes sein Gewissen an Nagel gehenckt/ die deutsche Freyheit auf die Schippe gesetzt/ daß er seinem Sohne Siegmund nur das Ubische Priesterthum zuwege gebracht. Endlich waͤre es so weit kommen/ daß solche ehrsuͤchtige hohe Priester sich selbst vergoͤttert/ ihnen selbst ge- wisse Priester/ welche diese Wuͤrde vorher theuer erkauffen muͤssen/ angenommen/ und die nied- lichsten Opfer von Samischen Pfauen/ Persi- schen Huͤnern/ Fasanen/ und Phoͤnicopter-Zun- gen zu liefern angeordnet haͤtten. Diese Miß- braͤuche zu unrecht angemaßter Gewalt haͤtte jener Koͤnig zu Meroe mit Hinrichtung aller Erster Theil. B b b b Prie- Fuͤnfftes Buch Priester/ die sich der Gewalt des Lebens und des Todes uͤber ihn angemaßt/ nicht ohne Ursache abgestellt/ und er wuͤste nicht/ ob die Albaner so sehr zu tadeln waͤren/ daß sie ihre Priester/ wenn sie sie vorher wohl aufgemaͤstet und eingebalsamt haͤtten/ selbst zum Opfer schlachteten. Weil aber diese Leute insgemein gefaͤhrlicher als gluͤ- endes Eisen anzuruͤhren waͤren/ haͤtte der kluge Aristobul bey den Juden/ der weise Anius bey den Lateinern/ der verschmitzte Midas bey den Phrygiern/ und die Roͤmischen Kaͤyser durch kluͤgere Erfindung sich selbst zu obersten Prie- stern gemacht/ und die entwendete Gewalt wieder an sich gebracht. Kaͤyser August haͤtte mit Schmertzen nach dem Tode des Priesters Lepidus geseufzet/ weil er ohne sein Priester- thum sich noch nicht des Roͤmischen Reiches voͤl- lig versichert zu seyn erachtet. Der fuͤnfte deut- sche Feldherr sein Uhr-Anherr Alemann habe gleicher gestalt schon wahr genommen/ daß die allzu grosse Gewalt der Priester/ und die allzu- sehr umbschraͤnckte Herrschafft der Feldherrn der deutschen Macht einen grossen Abbruch thaͤ- te. Dahero/ wenn Alemann/ seinem Absehen nach/ das oberste Priesterthum haͤtte an seine Krone heften/ und auf seine Nachkommen fort- pflantzen koͤnnen/ waͤren die Deutschen hierdurch erschrecklicher/ als durch seines Enckels des gluͤckseligen Marcomirs unzehlbare Siege und Helden-Thaten worden. Ja er wuͤrde sein Vaterland mehr/ als durch Beysetzung etlicher Koͤnigreiche vergroͤssert haben/ wenn er nur sei- ne heilsame Anschlaͤge ins Werck zu setzen durch den ihn uͤbereilenden Tod nicht waͤre verhindert worden. Denn es war bereit unter der Hand/ daß dieselben Stifftungen/ die von denen unver- wendlichen Guͤtern des Reiches wider die alten Grund-Gesetze geschehen waren/ zuruͤck gezo- gen/ iedoch die er hobenen Nutzungen ver gessen/ und wo die Prie sterschafft ja ohne solche ihr Auskommen nich thaben moͤchten/ andere Guͤ- ter erkaufft/ und ihnen zugeschlagen werden sol- ten. Nebst diesem solte man alle bereit besesse- ne geistlichen Guͤter in die Land-Taffel einzeich- nen und untersuchen: Ob selbte auskommentlich oder nicht; jenen so denn weder durch Behand- lung noch durch einige Freygebigkeit mehrere an sich zu bringen erlauben/ diesen aber den Maͤngel durch anderer Uberfluß und dersel- bten Zuschlagung ersetzen. Ferner solten die kostbaren Wallfarthen und Geluͤbde nach Car- nutum dem beruͤhmten Sitz der Druyden in Gallien/ wordurch nicht alleine Deutschland aller Mittel erschoͤpft/ sondern denen weibischen Galliern gleichsam zinsbar gemacht wuͤrde/ abgestellet seyn; am wenigsten auch von dar ei- nige Bestaͤtigung unserer Priesterthuͤmer ge- sucht/ sondern von dem Feldherrn/ welcher von der Faͤhigkeit derer darzu beruffenen besser/ als Auslaͤnder urtheilen koͤnte/ erlanget werden. Nichts minder hatte Alemann fuͤr/ die uͤbermaͤs- sige Anzahl der Priester/ wordurch dem Vater- lande/ an dessen Erbauung und an noͤthigen Kriegsleuten viel entginge/ auf die Helffte ein- zuziehen/ der unbedachtsamen Jugend/ welche ins gemein entweder durch Uberredung/ oder durch eigene Ubereilung sich allzu fruͤhzeitig dem Altare wiedmete/ bey ihrẽ reiffen Alter aber ver- gebens bereuete/ das fuͤnf und zwantzigste Jahr zur Faͤhigkeit ein Geluͤbde zu thun auszusetzen/ die denen Geistlichen zufallenden Erbtheile dem gemeinen Wesen zum Besten anzuwenden/ und die Eltern/ die ihre Kinder in solchen Stand tre- ten liessen/ mit alsbaldiger Abstattung in den Reichs-Kasten zu bebuͤrden. Seit der Zeit sind unterschiedene Haͤupter zwar auch auf diese Gedancken gefallen; aber es hat selbte entwe- der die innerliche Unruhe gestoͤret/ oder die Miß- braͤuche haben durch Laͤnge der Zeit so feste Wur- tzel gefaßt/ daß sie solche auszurotten selbst ver- zweifelt. Zumal man in diesen Kranckheiten stuͤrmerische Artzneyen ohne diß mit hoͤchster Ge- fahr Arminius und Thußnelda. fahr brauchet; vielmehr aber man diese vorher durch allerhand Liebkosungen einschlaͤfen muß/ denen man unempfindlich ein- oder ander Glied abschneiden wil. Zeno fing hierauf an: Die Priester hoͤrten nicht auf Menschen zu seyn/ und also waͤre kein Wunderwerck/ daß einige zu weit gingen/ oder sich in etwas vergriffen. Waͤren doch die Koͤnige leicht zu zehlen/ und die Nahmen der grossen Staats-Diener haͤtten in einem Rin- ge raum/ welche nicht uͤber die Graͤntzen ihrer rechtmaͤssigen Gewalt geschritten waͤren. Die- semnach liesse sich wegen etlicher oder vieler Prie- ster mißbrauchten Macht/ oder uͤbel angewehr- ter Guͤter der saͤmtlichen Priesterschafft weder die Ehren-Staffeln verschliessen/ noch die Brun- nen der Freygebigkeit verstopfen. Am aller- wenigsten haͤtte Deutschland Urfache darzu; allwo die meisten Priester sich selbst der duͤrftig- sten Armuth und der gehorsamsten Demuth verlobten. So haͤtte er auch bey denen fuͤr- nehmsten Druyden/ welche gleich mit bey dem Steuer-Ruder des Vaterlandes/ unter den Fuͤrsten saͤssen/ eine in Asien ungemeine Be- scheidenheit/ und eine solche Liebe des gemeinen Wesens gefunden/ daß sie mit Freuden ihre aͤl- teste Stiffs-Einkunfften fuͤr das Heil des Vol- ckes ausgeleeret/ und das Armuth mit ihrem Uberflusse versorgt haͤtten. Also waͤre die Prie- sterschafft wohl ein Meer/ in welches viel Fluͤsse ihr Wasser zinseten; aber aus selbtem auch alle Brunnen ihr Wasser/ entweder durch offene Roͤhren ihrer Freygebigkeit/ oder durch die ver- borgenen Adern des Goͤttlichen Segens/ welche die Priester durch ihre Andacht immer rinnend machten. Wie viel ungluͤckseliger waͤre Asien und Comagene/ wo die Priester tau- send Goͤtter verehrten/ und durch tausenderley Erfindungen sich muͤheten blutsaͤugende Aegeln des Volckes zu seyn. Welche Priester waͤren in der Welt beruͤhmter/ als die nackten Brach- manen Jndiens? Gleichwohl aber bestuͤnde bey ihnen nicht nur die Fuͤrstliche Herrschafft und Oberkeitliche Gewalt/ sondern ihr Wille waͤre einestrenge Richtschnur aller andern Menschen/ und dieser Willkuͤhr an jener Gesetze durch ein Seil des allerstrengsten Gehorsams angefaͤsselt. Die Haͤnde waͤrẽ ihnẽ gebunden/ ihre Vernunft verduͤstert/ daß niemand nichts/ als durch die Augen der Brachmanen zu sehen glaubte. Ohne ihr Erlaubnuͤß doͤrfften sie nichts essen/ ihnen nicht die Haare abschneiden/ noch sich in dem hei- ligen Ganges baden/ noch sonst einig Geluͤbde abgelten. Sie verkaufften nicht nur denen Heyrathenden das Wasser dieses unerschoͤpfli- chen Stromes zehnmal theuerer/ als ander- werts den besten Wein; sondern auch den Kuͤh- Mist wiegen sie den Einfaͤltigen als ein groß Heiligthum gegen zweymal so viel Gold aus. Die Duͤrstenden muͤsten ehe erduͤrsten/ als ohne eines Brachmans Einwilligung aus einem of- fenen See trincken; und die wohl zwantzig Tage-Reisen weit vom Ganges entlegene Leute waͤren von denen Brachmanen ihr versiegeltes Wasser gegen einer schweren Schatzung zu ih- rem Labsal zu holen verpflichtet. Wenn ein Jndianer was verliere/ muͤste er zur Straffe sei- ner Unachtsamkeit eben so viel seinen Priestern bezahlen/ oder er wuͤrde bey Nachbleibung dessen als ein Verfluchter aus der Gemeine gestossen/ aus welcher ohne diß wenig in ihre Tempel kom- men/ und niemand aufer denen Brachmanen ih- rer Goͤtter Bilder anruͤhren doͤrffte/ gegen wel- che Deutschland wegen seiner bescheidenen und glimpflichen Priesterschafft sich gluͤckselig zu schaͤtzen/ und ihren zuweilen mit unterlauffenden Schwachheiten/ wie kluge Aertzte gewissen Kranckheiten/ etwas nachzusehen haͤtte. Denn das hohe Priesterthum mit Gewalt an sich zu reissen/ oder ihnen die Fluͤgel allzu sehr zu ver- schneiden/ waͤre ein im Gewissen nichts minder bedenckliches/ als in der Ausuͤbung schweres und der gemeinen Ruhe gefaͤhrliches Werck. Daher wolte er dem Feldherrn nimmermehr B b b b 2 rathen Fuͤnftes Buch rathen diese Flamme anzuruͤhren. Was lan- ge Jahre so weichlich gehalten worden/ waͤre schwer zu etwas haͤrterem ohne Gefahr zu ge- wehnen. Und also sey es besser ein Auge zuzu- druͤckẽ/ als ohne Frucht etwas verzweifeltes ver- neuern. Denn die Wieder-Einfuͤhrung der altẽ Schaͤrffe und besserer Sitten sey schaͤdlich und unzeitig/ wenn selbte erstarret/ unsere Kraͤfften aber abgenommen haͤtten. Und es sey so denn mit einer solchen Herrschafft/ wo die Gebrechen zu Sitten worden/ wie mit alten siechhaften Lei- bern beschaffen; da die Artzney die schaͤdlichen Feuchtigkeiten nur rege machte/ und den sonst noch eine gute Weile angestandenen Tod be- schleunigte. Das Volck selbst sey durch die Laͤnge der Zeit schon dahin gebracht/ daß sie die Gebrechen der Priester ietzt so sehr liebten/ als sie fuͤr Alters ihre Andacht und Tugenden werth gehalten. Den Adel kitzelte es/ daß sie dem aͤl- testen Sohne ihre Guͤter verlassen/ die juͤngern durch die Wuͤrde eines Priesterthums abstatten/ und derogestalt den Glantz ihres Geschlechtes erhalten/ oder auch erhoͤhen koͤnten. Daher wuͤrde unter seinen Raͤthen und den Werck- zeugen seines Vorhabens niemand seyn/ der nicht Theil an diesem Ubel/ und zu diesem Ber- ge einen Karn voll Erde getragen haͤtte. Auch gaͤbe es unter den Unterthanen solche Leute/ welche den Veraͤnderungen so gram waͤren/ daß ihnen fuͤr ihrer erlangten Freyheit eckelte. Die von der grausamsten Dienstbarkeit kaum er- loͤseten Roͤmer haͤtten die Tarquinier wieder einzuruffen sich geluͤsten lassen. Und ein ver- wehntes Volck fluchtete nichts minder dem/ der seine Wolfarth suchte/ als die am Feber kranck liegenden denen/ welche ihnen bey waͤh- render Hitze das schaͤdliche Wasser zu geben verweigerten: Er wuͤste zwar wohl/ daß auch durch linde Mittel kluge Fuͤrsten vielem Ubel abhuͤlffen. Alleine auch alle eingewurtzelte Kranckheiten des Leibes nehmen selbte nicht an/ sondern erforderten Staͤrcke/ Reinigun- gen und scharffes Aderlassen. Wie viel we- niger waͤren die so hoch entbrennten Be- gierden des Gemuͤthes mit laulichten Saͤff- ten zu leschen. So fuͤhlete auch keine Spin- ne so geschwinde/ wenn nur ein Finger einen Faden ihres Gewebes anruͤhrete/ als die Prie- sterschafft/ wenn man ihren Freyheiten mit einem Tritte zu nahe kaͤme. Also sey es bes- ser bey so zweifelhaftem Ausschlage so kraͤfftige Schwachheiten nicht anruͤhren/ als es durch unzeitigen Eifer offenbar machen/ daß wir selbten nicht gewachsen sind. Denn fuͤr dero- gleichen Gesetzen wird noch immer mit Furcht/ es werde verboten werden/ gesuͤndigt. Wenn es aber nach dem Verbot den Ver- brechern ungenossen ausgehet/ verschwindet nicht nur alle Furcht und Scham bey den Unterthanen/ sondern auch alles Ansehen bey dem Fuͤrsten. Aber/ fuhr Zeno fort/ ich muß wieder auf den Lust-Garten meines Gebuͤrges kommen; dar- innen Oropastes/ Syrmanus/ und ich/ zwar eine gute Zeit unser Ergetzligkeit pflegtẽ/ endlich aber theils aus Andacht/ theils aus Begierde der Neuigkeit/ auf die Spitze des Caucasus/ und in das Heiligthum des Prometheus zu kommen verlangten. Wir reiseten einen gantzen Tag in diesem lustigen Thale uͤber allerhand mit Wein/ Oel- und Granat- Aepfel-Baͤumen bedeckte Huͤgel; des andern Tages kamen wir auf ein neues Gebuͤrge/ welches zwar uͤberaus hoch/ gegen der aber uns nun fuͤr dem Gesichte liegenden Spitze des Caucasus/ nur gleichsam fuͤr Maulwurffs- Hauffen anzusehen war. Mit dem Abende kamen wir an den Fuß des Berges/ und nach dem wir nur etliche Stunden geru- het/ stiegen wir mit unsern Maul-Thie- ren Berg-auf/ weil die Hitze des Tages daselbst fast nicht zu reisen verstattet. Am Mor- Arminius und Thußnelda. Morgen musten wir wegen angehender Ge- higkeit die Maulthiere zuruͤcke/ und unsere Erfrischungen durch etliche Bergleute tragen lassen. Gegen Mittag verminderte sich die Waͤrmde nach und nach/ und wir kamen end- lich in eitel Schnee und Eiß; die Lufft war auch so kalt gegen Abend/ daß wir ein Feuer machen/ uns und unser bey nahe gefrornes Getraͤncke waͤrmen/ und bey einem hellen Qvell/ welches eines Armes dicke/ und wohl drey Maͤnner hoch aus der Spitze eines Stein-Felsens em- por spritzte/ uͤbernachten musten. Befunden auch/ daß unsere Krafft-Wasser alle Staͤrcke verlohren/ der Wein aber mehr Krafft bekom- men hatte. Folgenden Tag singen wir mit auffgehender Sonnen an wieder empor zu klim- men/ kamen in einen dicken Nebel/ welcher unsere Kleider fast durch und durch annetzte/ nach Mittages aber in eine helle sehr duͤnne/ aber/ weil die Sonnen-Stralen so hoch von der Erde nicht zuruͤck schlagen koͤnnen/ uͤberaus kalte Lufft/ und eine Stunde vor Abend auff die verlangte Spitze des Caucasus/ welche dem Bley-Maße nach vier hundert und acht Sta- dien/ oder ein und funffzig tausend Schritte hoch ist. Diese hat eine Flaͤche etwan einer halben Meile in sich/ wir empfanden den wenigsten Wind nicht/ und zu unser hoͤchsten Verwun- derung oben in dem weissen Sande mit einem Stabe folgende Reime gantz unversehrt ge- schrieben: Der hohe Fels hier ist des Weisen Ebenbild. Man lacht hier wenn es blitzt/ wenn Schloß und Hagel faͤllt; Wenn bald der heisse Sud versengt die Unter-Welt/ Bald sie der kalte Nord in Frost und Schnee einhuͤllt. So macht den Weisen auch kein Unfall kalt noch heiß/ Kein Neid/ kein Schwamm der Zeit/ lescht seine Zirckel aus. Denn Tugend ist sein Thun/ ein himmlisch Geist sein Hauß/ Das stets hat Sonnenschein/ und nichts vom Winter weiß. Diese Beschaffenheit bestetigte unsern Glau- ben/ daß die Opffer-Asche auff dem Peloponesi- schen Berge Cylene ein gantz Jahr unverwehet bliebe; und daß beyde Gipffel den dritten Strich der Lufft erreichten/ wegen welcher Abtheilung halber die Griechen sonder Zweiffel den Tem- pel der Lufft dreyen Gottheiten eingesegnet haͤt- ten. Wirkonten von dieser unglaublichen Hoͤ- he zu unser hoͤchsten Belustigung beyde das schwartze und Caspische Meer/ nicht aber die Meotische Pfuͤtze/ wie nach des Aristoteles Be- richt insgemein von diesem Berge geglaubet wird/ erblicken; Welche beyde aber ein viel duͤ- sterners Ansehen hatten/ als die herum liegende Berge/ weil diese die Sonnen-Strahlen fester und gewaltsamer zuruͤck schlagen/ jene aber sol- che gleichsam in sich schlucken/ und also keinen Widerschein geben. Die andern Taurischen Berge/ auff welchen die weit unter uns schwe- benden Wolcken lagen/ kamen uns wie schnee- weisse niedrige Huͤgel/ und ein Regenbogen wie unser Fuß-Schemmel fuͤr; Auser der uns nach Sud recht gegen uͤber liegende Berg Ararat/ auff dem ein grosses Schiff stehen sol/ worauff sich der Scythische Deucalion mit seiner Asia und Kindern/ auff Einrathung seines Vaters Prometheus fuͤr der allgemeinen Suͤndfluth soll errettet haben. Wovon die Griechen her- nach getichtet/ daß dieses Schiff nach Wegwei- sung einer ausgelassenen Taube auff dem Ver- ge Parnassus angelendet/ ja das uͤbrige Wasser zu Athen in einen Schlund eingeschlucket wor- den waͤre/ woruͤbeꝛ sie hernach dem Olympischen Jupiter einen Tempel gebauet/ darein sie jaͤhr- lich einen von Honig und weitzenem Mehle gebackenen Kuchen als ein Opffer zu werffen pflegen. Dieser Berg Ararat/ sagte Zeno/ schien so hoch/ wo nicht hoͤher/ als der Caucasus zu seyn/ soll abeꝛ/ nachdem durch Erdbeben et- liche Kluͤffte davon abgespalten sind/ nicht mehr bestiegen werden koͤnnen. Nach dem wir nun auff dieser stillen Hoͤhe uns nicht lange auffzuhalten vermochten/ weil uns der Athem wegen Duͤnnigkeit der Lufft uͤ- beraus verlag/ also daß wir nasse Tuͤcher fuͤr den Mund halten musten/ hieraus also wahr B b b b 3 befun- Fuͤnfftes Buch befunden/ daß man durchs Athemholen von der Lufft/ als durch Speise und Tranck aus Erd und Wasser Nahrung schoͤpffete/ uͤ- berdiß es auch allbereit ziemlich finster zu wer- den anfing/ und wir unwahr zu seyn erfuh- ren/ daß auff dem Gipffel dieses Berges die Sonnen-Stralen fast die gantze Nacht durch schimmerten/ und es darauff vier Stunden laͤnger Tag seyn solte; so machten wir uns auff der Seite gegen Sud in ein Thalher- unter/ zu dem uhralten Tempel des Prome- theus/ darinnen zu uͤbernachten. Der abschuͤs- sige Weg noͤthigte uns gleichsam von der Hoͤ- he eben so springend herunter zu eilen/ wie man in Africa einen gewissen Berg tantzend zu uͤbersteigen genoͤthiget seyn soll/ wenn man nicht vom Feber befallen werden will/ oder vielmehr eines Weisen Lebens-Art seyn soll/ daß er den Pfad aller Beschwerligkeiten mit einem freudigen Geiste wandele/ und durch kei- ne Unruhe die Ruhe seines Gemuͤthes stoͤren lasse. Vorerwehnter Tempel ist in einen gan- tzen auff der Flaͤche dieses Thales liegenden Stein-Felß entweder von einem kuͤnstlichen Werck-Meister gehanen/ oder von der Natur selbst ausgehoͤlet. Er ist groß/ inwendig ku- gelrund/ und empfaͤngt von einem oben durch den sich zusammen welbenden Felß gebroche- nem Lufft-Loche nur ein weniges Licht. Wenn Agrippa diesen Tempel/ oder seinen Abriß ge- sehen haͤtte/ wolte ich kuͤhnlich sagen/ daß er nach diesem Muster zu Rom sein Pantheon gebauet. Jn der Mitte stehet ein steinern Altar/ darauff liget eine Erdkugel/ welche uͤber die uns bekandte Laͤnder/ Meere und Fluͤsse mit vielen neuen bezeichnet ist; Uugeachtet diese Kugel sonder allen Zweiffel viel aͤlter ist/ als die ins gemein fuͤr die aͤlteste gehaltene Land- Charte Anaximanders. Sie uͤbertrifft an Voll- kommenheit auch die kupfferne Taffel des A- ristagoras/ und die vom grossen Alexander in den Tempel des Ammonischen Jupiters ver- ehrete goldene/ welche doch alle Laͤnder/ Mee- re und Fluͤsse auffs genaueste fuͤr Augen stellen solte; wo anders unsere itzige Abrisse nicht man- gelhafft sind. Der Fuß/ darauff die Kugel liegt/ ist mit einer Eins beziffert; Gleich als diese dem Menschen bekandteste Kugel der Meß- stab aller andern Coͤrper seyn solte. Uber der Erd-Kugel stehet das aus dichtem Golde ge- gossene Bild der Sonne/ auff seinem rechten Fusse die Ziffer 140. weil sie so vielmahl groͤs- ser als die Erde seyn soll. Wiewohl einige Weltweisen sie fuͤr hundert sechs und sechzig tausend mahl groͤsser halten. Hingegen Epi- cur ihm hat traͤumen lassen/ daß weder die Son- ne noch andere Sternen groͤsser waͤren/ als sie uns unser Augen-Maaß fuͤrbildete; ja einige gar auff den Wahn gerathen sind/ daß wie der Stern im Auge keine wesentliche Kugel/ sondern nur ein rundes Loch in der mitlern Augen-Haut sey; Also die Sonne nur ein klei- ner Platz des obersten Feuer-Himmels/ wel- cher so weit in die Runde eroͤffnet stuͤnde. Auff dem lincken Fuße ist ein Jahr verzeichnet/ weil sie in dieser Zeit alle zwoͤlff himmlische Zeichen durchlauffet/ also/ daß kein Theil des Erdbodens laͤnger oder weniger als das ande- re bestrahlet wird; Ob schon unter den An- gel-Sternen das gantze Jahr nur ein Tag und eine Nacht eines halben Jahres lang zu ver- spuͤhren ist. Auff dem Nabel sind sieben und zwantzig Tage vermercket; weil in so vielen sich die Sonne um ihren eigenen Mittelpunct herum drehet/ wormit sie nicht nur der Erde/ aus allen ihren vielfaͤltigen Schatzkam̃ern ihren Reichthum zu neigen/ und sie mit ihrer tau- sendfachen Besaͤmungs-Krafft uͤberschritten; sondern auch einem ieden Jrrsterne seiner Ei- genschafft gemaͤsse Strahlen und Tugenden/ aus ihren unzaͤhlbaren Roͤhren nicht anders/ als das Meer durch seine Bewegung und Ein- drin- Arminius und Thußnelda. dringung in die Hoͤhlen der Berge die Erde bey Kraͤfften erhaͤlt/ einfloͤssen moͤge. An der Seite haͤnget ein Bogen mit Koͤcher und Pfeilen/ ihren fuͤr unsern Augen noch mehr als Pfeil geschwinden Lauff/ und ihre durch- dringende Krafft darmit abzubilden. Sinte- mal/ da gleich die Sonne nicht um den Erd- kreiß rennet/ wie die Weltweisen insgemein glauben/ daß ihr geschwinder Lauff vom mensch- lichen Verstande nicht zu begreiffen sey; Jn dem sie in einer Stunde uͤber neun hundert/ drey und funffzig Breiten des Erdbodens weit fortrennen muͤsse; So koͤmmt doch ihre Her- umweltzung um ihren eigenen Wirbel und Mittelpunct/ welches laͤngsten in sieben und zwanzig Tagen/ oder vieler Meinung nach al- le 24. Stunden geschiehet/ aller irrdischen Ge- schwindigkeit zuvor. Jhre Wirckung aber dringt biß in den Abgrund des Meeres/ biß in den Mittelpunct der Erde/ und schwaͤngert gleichsam durch eine angenehme Vermaͤhlung alle fruchtbare Dinge/ die verborgensten Ertzt- Adern/ die kaͤltesten Kristallen und Schnecken/ und das Marck der rauesten Felsen. Jn der lincken Hand hat es eine Leyer/ weil die Be- wegung der Sonne nicht allein einen ange- nehmen Klang von sich abgeben; sondern auch die widrigen Wuͤrckungen anderer Gestirne/ und gegeneinander streitenden Eigenschafften der Elemente vereinbaren soll; Also daß die Sonne selbst so wohl aus dem Erdbodem/ als aus denen andern sechs Jrr-Sternen ihren Einfluß annimmt/ von welchen ihr rinnen- des Meer nach Erheischung der Natur zuwei- len als durch einen Sturmwind beweget/ zu- weilen auch sein uͤbermaͤßiges Auffsieden be- saͤnfftiget wird. Nebst diesem Sonnenbilde stehet das himmlische Zeichen des Loͤwen/ als ihr rechtes Erhoͤhungs-Haus abgebildet. Mit den Armen haͤlt es uͤber dem Haupte eine uͤ- beraus grosse von Berg-Cristallen zwar geschlif- fene/ an sich selbst aber nicht glatte/ sondern hin und wieder nichts minder als die Erde von Ber- gen/ Thaͤlern/ Meeren und Fluͤssen gantz hoͤck- richte Kugel/ durch welche man etliche Reyhen Berge gleich als einen Ruͤckgrad/ Rippen und Gebeine/ als Behaͤltnisse ihrer Vereinbarung gehen/ auch aus solcher Kugel offtmahls Strah- len/ Dampff und Wolcken ausschiessen siehet. Welches mir der Priester selbigen Tempels dahin auslegte/ daß die Sonne/ das warhaffte Element des eigentlichen Feuers/ dieses aber in seiner warhafften Eigenschaft sonst nirgends/ sonderlich aber unter dem Monden nicht zu fin- den waͤre/ und dannenhero die Sonne theils aus einem harten feurigen Kalcke/ theils aus einem fluͤssenden Flammen-Meere bestuͤnde/ welches dem im Schmeltz-Ofen gluͤendem Golde zu ver- gleichen waͤre; und dannenher bey seiner mehr- mals hefftigen Vewegung nicht nur feurige Duͤnste ausdampffte/ sondern wie die Feuer- speyenden Berge grosse Stroͤme Glutt von sich ausstiesse; welche hernach sich entweder in einen Feuer-Regen verwandelten/ und sich al- so wieder zu ihrem Ursprunge zuͤgen/ und der Soñe gleichsam zur Speise dieneten/ hierdurch aber die vielfaͤltigen Flecken an der Sonnen- Kugel/ wie auch ihre Erblassung/ und daß sie ih- re guͤtige Einfluͤsse nicht so leichtlich der Erde mittheilen koͤnte/ verursachten; Oder gar ihr hartzichtes Wesen also zusammen kleibten/ daß daraus Schwantz-Gestirne erwuͤchsen/ welche/ nachdem ihr Talg geschwinde oder langsam sich einaͤscherte/ ihre Dauerung/ und gleich als auff Erden die Jrrwische oder die fluͤgenden Dra- chen ihren Untergang haͤtten. Dieser Erzeh- lung nach/ sagte Rhemetalces/ fehlen die Stoi- schen Weltweisen sehr weit/ weñ ihrer Meinung nach die Sonne aus dem Meere/ der Mond aus suͤssen Wassern/ die andern Sternen aus den Duͤnsten der Erde ihre Nahrung ziehen sollen. Noch aͤrger aber irret Cleanthes/ wenn ihm die Sonne deßhalben nicht den Krebs- und Stein-Bocks-Kreiß uͤberschreiten kan/ daß sie sich Fuͤnfftes Buch sich nicht von ihrer Speise entferne. Allerdings/ fuhr Zeno fort/ ist beydes weit gefehlt. Sinte- mahliedem Dinge nur diß/ woraus es seinen Ursprung bekommen/ zur Nahrung dienet; die Sonne aber eben wie die Erde in ihrem eigenen Kreyße ihren Unterhalt findet. Sonsten ist/ des Priesters Angeben nach/ das dicke Wesen in der Kugel des Sonnenbildes aus Amianten- Stein/ und Jambolischem Holtze/ das fluͤssende aber von dem Oel derselbigen Feuer-Wuͤrmer/ die in den Schmeltz-Oefen gezeuget werden/ be- reitet; Also/ daß es unauffhoͤrlich ohne einige Verminderung brennet/ zum Zeichen/ daß die Sonne zwar nichts minder als die Erde und an- dere Gestirne aus verzehrlichem Wesen bereitet ist/ auch ihr Abnehmen/ Gebrechen/ und jaͤhrli- che Kranckheiten erduldet/ derogleichen sie al- lererst fuͤr weniger Zeit gelitten/ und ein gantz Jahr gantz verblaßt geschienen haͤtte; Gleich- wohl aber einen solchen Talck an sich haͤtte/ wel- cher dem duͤnnen Sonnen-Feuer eine bestaͤn- digere Nahrung giebet. Da aber auch gleich solch Feuer etwas abnaͤhme/ wuͤrde es durch die haͤuffigen Sonnen-Roͤhren nicht anders/ als der abnehmende Schwefel in denen unauff- hoͤrlich brennenden Bergen/ von dem Zuflus- se aus denen fernen Berg-Adern reichlich wie- der ersetzet. Der Priester stellt die/ welche der Soñe opffern wollen/ und eine Hand voll Wey- rauch in eine guͤldene mit Rubinen und Chry- solithen versetzte Schuͤssel/ etliche Handvolln Weyrauch und Myrrhen streuen muͤssen/ um das Altar herum; Hierauff zuͤndet er eine mit Lorber-Zweigen umflochtene Fackel an/ rei- chet sie dem/ welcher ihm am naͤchsten ist/ dieser dem folgenden/ biß sie wieder an den Priester zuruͤck kommt. Alsdenn zuͤndet er den Wey- rauch an; da denn zugleich zweiffels frey durch ein verborgen Rohr das Oel oder der Zunder in der Sonnen-Kugel vermehret wird/ weil sich alsdenn derselben Glantz vergroͤssert. Diese hat an sich nichts minder/ als das durch sie abgebil- dete grosse Tage-Licht von dreißig biß an funfzig scheinbare Flecken/ welche gantz bestaͤndig blei- ben/ und die dichten nicht fluͤssenden Glieder oder Gebeine der Sonne sind/ zwischen wel- chen vielmehr glaͤntzend und fluͤssendes Wesen sein Behaͤltniß hat; Wiewohl/ weil die Son- ne und diese Kugel sich um ihren eigenen Mit- telpunct umwendet/ auch diese Flecken einmal anders als das andere ins Gesichte fallen/ aber doch nach sieben und zwantzig Tagen wieder kommen. Ausser diesen giebt es unzehlbare/ bald vergaͤngliche/ wiewohl gegen anderer Ge- stirne Duͤnsten sehr helle Flecken/ welches nichts anders als aus ihren Hoͤlen und von dem auf- schwellenden Meere aufschuͤssende Fackelnsind/ durch die die innern Sonnen-Kraͤffte in ihren eussersten Rand getrieben werden; zum Theil auch durch ihren Dampff verhindern/ daß die flammenden Sonnen-Strahlen die Erde und andere Jrrsterne nicht zu hefftig entzuͤnden. Hinter dem Altare siehet eine zugespitzte Seule/ an der folgende Uberschrifft zu lesen ist: Des grossen Gottes Bild/ der/ weil er dem Gesichte Unsichtbar ist/ sich uns in diesem Spiegel weist. Das Auge dieser Welt/ das Sud und Nord macht lichte/ Das ieden Tag sein Kind/ die Naͤchte Toͤchter heißt. Das Hertze der Natur/ der Brunn der Lebens-Geister/ Die Himmel/ Erd und Meer beseel’n mit ihrer Krafft. Des Schoͤpffers milder Arm/ sein reich Almosen-Meister/ Der Bettlern Speise giebt/ und Raben Nahrung schafft. Der Ursprung allen Licht’s/ von dessen Fackel zuͤndet Der tunckeln Ampeln Oel iedweder Jrrstern an/ Fuͤr welchem der Gestirn’ entlehmer Glantz verschwindet/ So weit der Fluͤgel sie der Nacht nicht decken kan. Das unerschoͤpffte Ovell der Waͤrmde/ die in Thieren/ Jn Pflantzen/ in Gewuͤrm’/ in Ertzt und Steinen steckt. Der Schatz/ wo Perlen/ Gold und edie Stein herruͤhren/ Das Thier/ das Purpur hegt/ Zibeth und Ambra heckt. Der Strohm der Fruchtbarkeit/ der/ daß auf Sarg und Bahre Nicht Welt und Vor welt liegt/ durch sein Gesaͤm’ erhaͤlt. Die Richtschnur ieder Zeit/ der Maͤßstab aller Jahre/ Der Fruͤling/ Sommer/ Herbst und Winter giebt der Welt/ Das Meer/ aus welchem Freud und Reichthum koͤmmt geroñen/ Jst’s Bild/ dem man allhier steckt Weyrauch an: Der Sonnen. Um Arminius und Thußnelda. Um dieses herrliche Sonnen-Bild sind um den rundten Tempel herum in einer wohl ab- getheilten Entfernung sechs andere zu sehen. Das erste Bild war silbern/ stand auf zwey weis- sen Ochsen/ hatte auff dem einen Fuße 29. Ta- ge/ 12. Stunden/ und 44. sechzigtheil; Auff dem andern 27. Tage/ 7. Stunden/ 42. sech- zig theil zum Merckmahle seines Lauffs. So hoch ist der Vorwitz des Menschen gestiegen/ daß er den Himmel auff einen Finger/ die Er- de auff ein Haar/ und die Zeit gleichsam auff ei- nem Augenblick abzumessen vermist! Seine glaͤserne Kugel uͤber dem Haupte war kaum das zwey und vierzigste Theil so groß als die Erd-Kugel; denn so viel kleiner soll der Mon- de seyn; Wiewohl ihm ihrer viel auch das neun und dreißigste Theil der Erde zueignen. Die- se hatte in sich so wol ein irrdisches als ein waͤsse- richtes Wesen; welches letztere gegen dem Sud- lichen Rande sich als ein grosser Brunn in viel Baͤche zertheilete/ und gleichsam unter- schiedene helleuchtende Spiegel abbildete. Sie ware auch voll Meere/ Fluͤße/ Jnseln/ Berge/ Waͤlder und Thaͤle/ und daher ent- springender unzehlbarer Flecken/ welche theils daraus/ daß die Strahlen von der Sonnen- Kugel in solche Tieffe nicht fallen koͤnnen/ theils aus dem Monden-Meere entspringen; auch/ weil dieses sich nichts minder als das irrdische Meer aus seiner eigenen Natur/ und von der Krafft der Sonnen-Strahlen/ bald hin bald her beweget; ja der Monde sich von Ost gegen West/ und wieder zuruͤcke weltzet/ nicht einmal wie das andere aussehen/ sondern/ nachdem die Monden-Kugel gegen den Sonnen-Strah- len/ oder dem Auge des Menschen stehet/ sich veraͤndern. Gleichwohl war sein silberfarbe- ner Schein/ nicht nur wenn er voll/ sondern auch/ wenn er nur wie eine Sichel aussah/ der schoͤnste und dem Augenmasse nach/ groͤs- seste nach der Sonnen fuͤr allen andern Stern- Kugeln. Zu den Fuͤssen dieses Bildes stand das himmlische Zeichen des waͤßrichten Kreb- ses; Jn der rechten Hand hatte es eine weis- se Wachs-Fackel/ in der lincken einen Wasser- Krug oder Thau-Horn. Sintemal der Mon- de nicht nur die Nacht erleuchtet; sondern auch die gantze Erd-Kugel/ welche sonst von der Hitze der Sonne bald zu Staube werden wuͤrde/ an- feuchtet; und zwar alsdenn/ wenn die Sonne das Monden-Meer im Neu- und Voll-Mon- den am hefftigsten bewegt/ am meisten bethauet; also/ daß aus der Monden-Kugel nichts min- der als aus der Erde viel/ iedoch weit duͤnnere Duͤnste auffsteigen/ das Meer sich bey Epp und Flut hoͤher auffschwellet/ Fluͤsse anlauffen/ die Pflantzen mehr Safft kriegen/ Krebse und Mu- scheln voͤller werden/ das Gehirne feuchter wird/ und insonderheit die Blutlosen Dinge den Geist des Monden empfinden. Das andere Bild des Mercurs war von einem aus getoͤdtetem Qvecksilber zusammen gefuͤgten Talcke bereitet; welches mit einem Fusse auff einem steinernen Hahn/ mit dem andern auff eine Ertztene Schlange trat. Sei- ne uͤber dem Haupte schwebende Kugel war neunzehn mahl kleiner als die Erd-Kugel/ und kriegte auch nur zuweilen/ wenn die Sonnen- Kugel am aller dunckelsten leuchtete/ einen Ascherfarbenen Gegenschein. Auff einer Sei- ten standen die gestirnten Zwillinge/ auff der andern die Jungfrau. Diß Bild hatte in der lincken Hand einen Zirckel/ in dessen Mit- te das Bild der Sonnen stand; weil dieser Jrr- Stern seinen Lauff um die Sonne verrichtet/ und von selbter sich keinmahl uͤber acht und zwanzig Staffeln entfernet/ wird also er gleich- sam in ihre und der Venus Stralen stets ein- gehuͤllet; daher auch seine Kugel meist auff bey- den Seiten lichte ist/ wenn die Venus nicht zu- weilen zwischen ihn und die Sonne tritt. Jn der rechten Hand trug diß Bild einen Herolds- Stab/ mit zwey gegeneinander gekehrten Schlangen/ weil dieses Gestirne/ sonderlich Erster Theil. C c c c wenn Fuͤnfftes Buch wenn es mit der Sonne vereinbaret ist/ oder sein Geist durch ihre gerade einfallende Strah- len beseelet wird/ denen irrdischen Dingen eine Lebhafftigkeit einfloͤst/ die Thiere/ und voraus den Menschen tieffsinnig machet. Auff dem einen Fuße dieses Bildes stand die Ziffer sechs; weil dieser Stern in so wenigen Stunden sich um seinen eigenen Mittelpunct umdrehet/ und also auff der Erden gleichfalls bald voll bald hoͤrnricht zu seyn scheinet. Das dritte Bild der Venus war von Kupf- fer/ stand mit einem Fuße auff einem Marmel- nen Schwane/ mit dem andern auff einer A- labasternen Taube. Die rundte Kugel uͤber seinem Haupte war zwar nur das sechste Theil so groß als die Erd-Kugel/ iedoch nimmt selbte gleicher gestalt ab und zu; uͤbertrifft aber mit dem Glantze seiner weißgelblichten Strahlen alle andere Sterne/ ausser denen zwey gros- sen Welt-Lichtern; also/ daß selbter so gar ei- nen ziemlichen Schatten von sich wirfft. Die- ses Bild hatte auff einer Seiten den himmli- schen Ochsen/ auff der andern die Wage/ in der Hand einen Zirckel/ in dessen Mittelpun- cte gleichfals die Sonne abgebildet war; weil dieser Jrr-Stern um die Sonne lauffen/ bald uͤber bald unter ihr stehen/ auch sich keinmahl allzu weit von ihr entfernen soll; sondern bald ihr Vorlaͤuffer/ bald ihr Nachfolger/ bald Morgen-bald Abend-Stern ist/ und dahero seinem Stande nach auff der Erde bald klein/ bald groß/ und wie der Monde Monatlich; also dieser jaͤhrlich bald voll/ bald halb/ bald wie eine Sichel sich sehen laͤst; Auch nach Art der Sonne bald ihre hoͤckrichten gleichsam aus Diamanten bestehenden Gebuͤrge/ bald ihr aus rinnendem Crystall sich sanffte ruͤhrendes Meer beweget/ Zierde und Annehmligkeit denen irrdischen Dingen einfloͤsset/ und gleichsam eitel Musch und Ambra von sich hauchet. Das vierdte Bild des Mars war auß hell- geschliffenem Stahle/ stand mit einem Fuße auff einem Bocke/ mit dem andern auff ei- nem Wolffe; Weil dieser Jrr-Stern aller- hand stinckende Einfluͤsse hat/ und woͤlfichter Art ist/ in den Adern schwartzes Gebluͤte/ im Hertzen Gifft und Galle kochet. Auff dem rechten Fuße stand die Ziffer 14. als das Maß/ wie viel mahl er groͤsser als die Erde seyn soll. Auff der lincken sein Bewegungs-Ziel/ nehm- lich/ 1. Jahr/ 321. Tage/ 22. Stunden/ und 24. Sechzigtheile; Auff der Seiten das Zei- chen des himmlischen Schuͤtzens und der Fi- sche/ als seine zwey Haͤuser. Jn der lincken Hand hatte dieses Bild einen rundten gantz gluͤenden und die obere Kugel bestrahlenden Schild/ in der rechten einen Pfeil/ wormit dieser Jrr-Stern auch sonst bezeichnet wird. Mit dem ersten zwar/ weil er nebst der Son- nen auch zum Theil sich durch sein eigenes Feuer erleuchtet; daher auch sein Schein/ wel- cher sonst blasser als der Mond seyn wuͤrde/ blutroth ist; Auch wegen dieses seines eigenen Scheines seine Kugel zuweilen als halb ge- spalten scheinet/ nachdem er sich nehmlich um seinen eigenen Mittelpunct herum drehet/ und dem Erdbodem ein oder andere Seite zeiget/ wormit er seine schaͤdliche Wuͤrckungen uͤber die Erde nicht allezeit in gleicher Hefftigkeit ausuͤbe. Massen er denn uͤber diß in der Mitten einen rundten so grossen Wirbel und Schlund/ als wohl gantz Africa ist/ ingleichen ein finsteres schwartz-gelbes Pech-Meer hat/ darinnen der Zunder/ den dieses feurige Ge- stirne zu taͤglicher Zehrung darff/ zwischen de- nen Schwefel-Bergen/ und der aus Huͤtten- rauch und funckelnder Ertzt-Erde gemach- tem Gerippe erhalten/ und durch die geheimen Roͤhren in die unterirrdischen Hoͤlen dieses Feuerspeyenden Etna geleitet wird. Jn der rechten Hand fuͤhrete diß Bild einen Pfeil/ und Arminius und Thußnelda. und aus dem Munde fuhr der Blitz/ weil er nicht alleine kein mahl rund aussiehet/ vielmehr aber allezeit grosse Spitzen oder Borsten aus seinem Coͤrper vorragen hat; sondern weil sei- ne Schaͤrffe allenthalben durchdringet/ er gleich- sam als ein wuͤttender Vulcan alle schaͤdliche Waffen zum Verderb der Welt schmiedet/ das Haupt schwindelnd/ die Glieder zitternd/ die Leber hitzig/ das Hertze klopffend/ die Thiere rasend macht/ die Gewaͤchse versaͤnget/ die Brunnen versaͤugen laͤßt/ fruͤh alles verbren- net/ des Abends alles austrocknet/ gifftige Winde/ aussaugende Lufft/ Donner und Wetter verursacht. Daher er auch von eini- gen Weisen das kleine Ungluͤck der Welt/ und ein Gott der Zerstoͤrung geheissen worden. Auff den Achseln trug diß Bild eine blaugel- be hoͤckerichte Schweffel-Kugel/ oder vielmehr einen Feuer-ausspeyenden Berg; weil der hie- durch bezeichnete Jrr-Stern unauffhoͤrlich stinckenden Rauch und Feuer schaͤumet/ das waͤsserichte Theil eitel siedendes Hartzt kochet/ um seine Kugel schwartze Nebel und Wolcken erreget/ und durch solche unauffhoͤrliche Auff- schwellung seine Eigenschafften als aus einem Schmeltz-Ofen heraus floͤsset/ auch allen an- dern Geschoͤpffen eindringet; Wiewohl diese Duͤnste sich endlich in einen Regen verwan- deln/ und also um dieses Wuͤten ein wenig zu besaͤnfftigen/ wieder zu ihrem Ursprunge absincken. Jedoch kriegte diese grausame Ku- gel von denen fuͤr ihm stehenden erstern und dritten/ wie auch von dem hinter ihm folgen- den Jrr-Sterne offtmahls einen annehmlichen Gegenschein. Denn wie die grosse Harffe der Welt zu ihrer annehmlichen Zusammenstim- mung allerhand ungleiche und widrige Sei- ten erfordert/ die Erde aus unterschiedenen streitbaren Dingen vereinbaret ist; also hat der Himmel auch dieses kriegerischen Gestirns von noͤthen/ um im Winter die Kaͤlte zu miltern/ und der offtmahls gleichsam Wassersuͤchtigen Erde zu Huͤlffe zu kommen. Ja wie kein Gifft zu finden/ daß nicht auch zur Artzney werde/ wie das gifftige Gewuͤrme seinen Nu- tzen schafft/ die Spinne in der Lufft/ die Kroͤ- te auff der Erde/ der Scorpion aus den Wun- den/ die gruͤnen Kaͤfer aus den Pest-Druͤsen das Gifft an sich ziehen; Also zeucht auch die- ser Stern die schaͤdlichen Einfluͤsse aller andern wie ein rechter Miltz an sich/ und verbraucht selbte zu seinem Zunder. Auch hat die Na- tur weißlich geordnet/ daß der Zirckel dieses Sternes/ der in seiner Naͤherung zuweilen beym Eintritt des Wassermanns und der Fi- sche ein grosser Haar-Stern zu seyn scheinet/ um die Sonne/ die Venus und den Mond gehe/ womit er zuweilen von der Erde sehr weit entfernet werde. Das fuͤnffte Bild des Jupiters war aus fuͤnckelndem Zihn/ stand mit einem Fuße auff einem mit Blitz ausgeruͤstetem Adler/ mit dem andern auff einem Hirschen. Auff dem Fus- se war das Ziel seines Lauffes mit 11. Jahren/ 315. Tagen/ 17. Stunden/ und 14. Sechzig- theilen bezeichnet; Neben diesem Bilde war das Zeichen des gestirnten Schuͤtzen und der Fi- sche. Auff dem Nabel sahe man 284. Tage eingepreget/ weil dieser Jrr-Stern in solcher Zeit sich um seinen eigenen Mittelpunet/ wie ein Rad um die Axe umwenden soll; Wormit er die heilsamen Kraͤffte beyder Seiten den an- dern Gestirnen und der Erde mittheilen moͤ- ge. Jn der Hand trug diß Bild einen mit Oel-Laube umflochtenen Zepter; denn dieses Koͤniglichen Gestirnes Einfluͤsse (wenn selbte nur nicht durch den darzwischer: tretenden Coͤrper des feindlichen Kriegs-Sternes auff- gehalten werden) wigen den Menschen Ehre/ Herrschafft/ einen freudigen Geist und Klug- heit zu; Sie ermuntern in Thieren die Lebens- Geister/ in Gewaͤchsen stifften sie Fruchtbar- keit/ in der Lufft heimliches Wetter/ sanffte Regen/ anmuthige Winde; im Auffgange C c c c 2 ver- Fuͤnfftes Buch vermehren sie die Waͤrmde/ im Niedergan- ge die Feuchtigkeit; Jm Sommer maͤßigen sie die Hitze/ im Winter den Frost; ja weil die Tieffen dieses Gestirns mit eitel Ambragriß an- gefuͤllet sind/ bestehen seine Ausdampffungen in eitel wohlruͤchendem Balsam/ welche in der Erden alle kraͤfftige Gewuͤrtze/ Oele und Hartz- te zeugen/ und alle der Jndier Stauden ein- biesamen. Daher er nicht unbillich der gros- se Gluͤcks-Stern/ und das Horn des Uber- flusses geheissen wird. Dieses Bild trug uͤber seinem Haupte einen absonderlichen Himmel mit vier unterschiedenen Zirckeln. Jn der Mitte stand eine hellglaͤntzende/ auch die Erde wohl vierzehn mahl an der Groͤsse uͤbertreffen- de/ um den eussersten Rand etwas hoͤckrichte Kugel/ welche gegen der Sonnen mit ihrem Liechte dem Abends-Sterne nichts nachgiebt. Auff der abgewendeten Seite war sie gleich- wohl auch ziemlich lichte/ weil dieser Jrrstern nicht nur von der Sonnen/ sondern auch von seinem eigenen Liechte erleuchtet wird. Umb diese Kugel von Ost gegen West gingen un- terschiedene etwas tunckele theils gerade theils gebogene Guͤrtel; Weil dieses Gestirne von solchen dem Taurus verglichenen Gebuͤrgen in gewisse Striche abgetheilet/ zwischen diesen das dariñen mehr glaͤntzende/ und sich unauffhoͤrlich bewegende Silber-Meer bewahret/ auch nur an etlichen Orten von etlichen See-Engen durchschnitten wird. Diese Stern-Berge/ welche schmal/ bald breit/ bald weit/ bald nahe beysammen/ bald schnurgleiche/ bald gekruͤmt scheinen/ nach dem diese sich von Nord gegen Sud sich umweltzende Kugel uns im Gesichte stehet/ halten in sich allen Saamen der herrli- chen Tugenden/ welche allen andern Elemen- ten desselbten mitgetheilet/ und gleichsam von eitel lieblichen West-Winden ausgehauchet werden. Diese schoͤne Kugel krieget ferner noch einen absonderlichen Glantz von ihren vier in denen vier Zirckeln um sie herum ste- henden Stern-Geferthen/ welche saͤmtlich von West gegen Ost/ und zwar die innersten und nechsten immer geschwinder als die eussersten herum lauffen/ und ihrem Haupt-Gestirne ihr theils eigenes/ theils von der Sonne geborg- tes Licht mittheilen; sonderlich der erste und drit- te/ welche uͤberaus helle schimmern/ und gleich- sam gegen den andern zweyen Monden zwey kleine Sonnen sind. Ja weil die Sonne die- ses grosse und hohe Gestirne nicht voͤllig er- leuchten kan/ zum theil ihre Stelle verderben/ und aus der Tieffe desselbten alle Kraͤfften em- por ziehen: wiewohl der erste und naͤchste an Groͤsse den rechten Monden/ der andere dem Mercur/ der dritte der Venus/ der vierdte der Erde gleich kommt; iedoch nachdem sie ihrem und dieses grossen Gestirnes Lauffe nach zu stehen kommen/ bald nahe beysammen/ bald weit von einander/ gegen Nord groß/ und als wenn sie unten/ gegen Sud viel kleiner/ und als wenn sie uͤber dem Jupiter stuͤnden/ auch nach dem Stande der Sonnen bald wie volle/ bald wie wachsend- oder abnehmende Monden aussehen/ auch zuweilen vom Schat- ten des Jupiters verdeckt; hingegen/ weil aus dieser Gestirne hellen Duͤnsten sich auch auff eine zeitlang neue Hartzt-Sternen zeigen/ zu- weilen an ihrer Zahl vermehret werden. Das sechste Bild/ war ein aus Bley gegos- sener alter Greiß; seine Stirne voller Run- tzeln/ die Wangen eingefallen/ alle Glieder schwach und sonder Lebhafftigkeit; Die Augen hatte er unter sich geschlagen/ und die Beine schienen zur Bewegung gantz ungeschickt. Deñ der hiermit fuͤrgebildete hoͤchste und langsam- ste Jrr-Stern hat an sich alle Schwachheiten des langsamen Alters/ daher auch 29. Jahr/ 162. Tage/ 7. und 36. sechzigtheil Stunden ver- streichen/ ehe er einmal um seinen Zirckel herum kom̃t. Diß Bild stand auff einem Drachen und Baͤ- Arminius und Thußnelda. Baͤren/ hatte auf dem Fusse die Ziffer 22. als das Maaß seiner Groͤsse/ wiewol andere diesen Jrr- Stern mit seinen zweyen Armen oder Gefer- ten 165. mal groͤsser als die Erde schaͤtzen. Auf der Seite stand der gestirnte Steinbock/ und der Wassermann. Jn der rechten Hand hatte es eine Sichel/ in der lincken einen Rauch-Topf/ weil die in diesem Jrr-Sterne sich befindende graue Erde und Bley-Berge/ wie auch das gleichsam aus eitel Spießglase sich langsam bewegende todte Meer aus seinen Hoͤlen/ und auftochen- dem Hartzte unaufhoͤrlich stinckendẽ schwartzen Rauch ausdampfet/ als die rechte Kugel der Ver- wirrung alles verduͤstert/ mit seiner Todten- Sichel aber alles heilsame abmeyet/ durch seine Kaͤlte die Lebens-Waͤrmde auslescht/ Feber gebieret/ die Feuchtigkeiten zaͤhe machet/ giftige Nebel/ Ungewitter/ Schiffbruch/ Unfruchtbar- keit und Kaͤlte verursachet/ sonderlich/ wenn er sich unserm Scheitel naͤhert/ oder mit dem krie- gerischen Jrr-Sterne in ein Horn blaͤßt; daher er billich der grosse Ungluͤcks-Vogel/ der kalte und trockene Feind der Natur/ und das Vorbild der Zeit/ welche ihre eigene Kinder auffrißt/ ge- nennt wird. Uber dem Haupte schwebte eine grosse dunckele Kugel/ welche vorwerts von der Sonnen/ auf der Seiten aber auch von zwey kleinen Kugeln/ die ihn gleichsam zu einem drey- leibigten Geryon machen/ erleuchtet wird; wie- wohl beyde Geferten/ nach dem man stehet nicht stets als von der mittelstẽ grossen Kugel gantz ab- gesondert/ sondern nur/ als angefuͤgte Armen/ handhaben/ und halbe Monden; also die mitle- re Kugel wie ein laͤnglichtes Ey/ oder/ wenn die eine kleinere Kugel vor-die andere hinterwerts stehet/ gar nicht gesehen werden. Sintemal umb diesen Jrr-Stern zwey kleinere Jrr- Sterne/ derer ieder nur halb so groß ist/ ieder in seinem absondern Circkel von West gegen Ost aufwerts herumb lauffen/ wormit sie mit ihrem eignen Lichte/ weil die uͤberaus weit entfernte Sonne seinen grossen Coͤrper nicht genungsam erleuchten kan/ alle seine ihnen nach und nach zu gewendete Theile/ indem sie und dieser Jrr- Stern sich ebenfalls umb ihren Mittel-Punct umbweltzet/ erhellen/ und seine traurige Ein- fluͤsse durch ihre absondere Wuͤrckungen besee- len helffen; ohn welche die schwere Bley-Kugel gantz unbeweglich und finster seyn wuͤrde; wie- wohl/ wenn sie diesem Jrr-Sterne ihre eben- falls an sich habende irrdische dunckele Seite zu- wenden/ selbter gleichsam verschwindet/ oder er auf seinen beyden Seiten mit zwey wesentli- chen/ nicht aber von einem blossen Schatten herruͤhrenden duͤsternen Henckeln umbgeben wird; hingegen wenn eine Kugel gleich mit ih- rem lichten Theile vor ihm steht/ selbten so we- nig als ein kleines Licht einer groͤssern Flam- me Schimmer verfinstert. Diesen Jrr- Stern als den allerschaͤdlichsten hat die Natur in eine unermaͤßliche Hoͤhe/ nehmlich nahe funfzig tausend Breiten der Erde weit/ uͤber die Erdkugel gesetzet/ womit seine maͤchtige Wuͤrckungen desto schwaͤcher waͤren/ auch von Heilsamkeit des Jupiters/ von der Lebhaftigkeit der Sonne/ und der Feuchtigkeit der Erden gelindert wuͤrden. Wiewohl sie nichts min- der als Napel/ Wolffs-Milch und dieselbigen Artzney-Kraͤuter/ welche uͤbel ruͤchen/ in Ein- geweiden reissen/ dem Magen Eckel schaffen/ oder auch die gifftigen Brunnen/ die Schwe- fel-Baͤder/ und siedende Fluͤsse auf Erden/ ja Nacht-Eulen und Fleder-Maͤuse noͤthig und nuͤtze sind. Denn ob die Saturnischen Ein- fluͤsse zwar in denen Leibern/ welche einen ihres Giftes faͤhigen Zunder in sich haben/ grossen Schaden thun; so saubern sie doch andere ih- nen nicht so sehr Zugethane darvon/ und trei- ben die boͤsen Feuchtigkeiten in das ihnen von der Natur bestim̃te Glied zum Heil der andern Eingeweide. Sintemal was in dem Men- schen der Magen ist/ der die Speise verdaͤuet/ und iedem Eingeweide sein zustaͤndiges Theil zueignet/ das ist in der Welt die Erde; die C c c c 3 Werck Fuͤnfftes Buch Werckstatt der Feuchtigkeiten ist in den Thie- ren das Gehirne/ in dem Himmel der Monde; der Austheiler der Lebens-Geister ist in der kleinen Welt das Hertze/ in der grossen die Sonne; die Leber theilet den Gliedern mit dem Gebluͤte Krafft und Staͤrcke mit/ der ge- stirnte Jupiter allen Geschoͤpfen/ die Lunge schoͤpfet Lufft/ und kuͤhlet die Hitze des Hertzens ab/ wie der Mercur unter den Gestirnen; die Nieren sind das Sieb/ welches das reine von dem unreinen unterscheidet/ und der Werck- zeug der Fruchtbarkeit; dieses wuͤrcket auch in der Welt die gestirnte Venus; und wie die Galle das bittere und schweflichte Gebluͤte an sich zeucht; also macht es im Himmel der Kriegs-Stern; ja wie der Miltz alle andere schaͤdliche Feuchtigkeit dem Leibe zum besten theils in sich zeucht/ theils durch die Stulgaͤn- ge abtreibet; also ist es in der grossen Welt mit dem gestirnten Saturn beschaffen; zu geschwei- gen/ daß er auch die fluͤchtigen Geister hemmet/ alles uͤberfluͤssige zusammen zeucht/ und den Menschen zu Erforschung nachdencklicher Dinge bereitet. Alle diese sechs Kugeln waren nur vorwerts glaͤntzend/ ausser daß die des Saturn und Ju- piters von den Geferten/ des Mars aber von seinem eigenen Feuer auf der Abseiten etwas erhellet wurden/ weil sie von der Sonnen-Ku- gel ihren Schein bekommen/ und alle als klei- ner hinter sich einen zugespitzten Schatten werffen. Man nahm in allen diesen Kugeln gleichsam Erde/ Lufft/ Feuer und Wasser wahr/ ob wohl dieser Dinge Vermischung bey einem Sterne viel anders/ als beym andern/ zu seyn schien. Sintemal iedes Element in einem ieden Gestirne eine besondere Eigenschafft ha- ben soll. Daher auch so wohl die Jrr-als andern Sterne ihre Ausdampfungen haben/ daraus zuweilen Schwantz- oder Haar-Ge- stirne/ nach dem die Sonne sie durchstraalet/ entstehen; welche/ ob sie wohl lange Zeit/ ja biß zwantzig Jahr scheinen/ nach dem ihr Wesen nehmlich feste und hartzicht ist/ wie man in der Cassiopea/ auf der Brust des Schwanen und andern Gestirnen wahr genommen/ doch endlich verschwinden; nach dem der Mittelpunct iedes Sternes eine magnetische Krafft in sich hat/ welche/ wie es die Erde und alle Eingeweide in den Thieren thun/ alles seinem Wesen gleich- geartete an sich zeucht; also daß da ein Stuͤck von dem Monden mit Gewalt auf die Erde kaͤme/ selbiges so wohl zu dem Monden klim- men/ als ein Stein aus dem Monden zur Er- de fallen wuͤrde. Und daher fuͤr ein blosses Getichte zu haltẽ waͤre/ wenn Licinius Silanus gesehen haben wil/ daß ein Maͤgdlein aus den Sternen gefallen/ und selbtes nahe bey der Erde in eine Fackel verwandelt worden waͤre; Wie auch/ daß einst ein Loͤwe aus dem Mon- den in Peloponnesus abgestuͤrtzet haͤtte. Hinge- gen billichte der Priester dieses Ortes nicht nur die Meynung des Pythagoras und des Xeno- phanes: daß es im Monden Staͤdte/ vollkom- menere Menschen/ und funfzehen mal groͤssere Thiere gaͤbe als auf der Erden. Ja daß da- selbst in der Hoͤle der Hecate der hier abgeleb- ten Seelen uͤber ihr Thun Rechenschafft geben/ und ihre Straffe oder Belohnung empfangen muͤsten/ indem daselbst das rechte Elysische Thal anzutreffen waͤre; sondern es wuͤrden auch die uͤbrigen Gestirne/ gegen derer Herrligkeit unse- re Erde fuͤr Koth/ und gegen ihrer unbegreiff- lichen Groͤsse fuͤr ein Saam-Korn zu achten waͤre/ bewohnet/ welche aber ihren Leibern und Gemuͤthern nach/ uns gantz ungleich/ hingegen ihrer Wohnung nach geartet waͤren. Glei- cher gestalt sind die Seren und Scythen von dieser Meynung nicht entfernet/ daher der Tatter Xaucung den Serischen Koͤnig Hiao- rus unschwer beredete/ daß er ihm seine ver- stor- Arminius und Thußnelda. storbene und im Monden wohnende Changoa alle Nacht zu seinem Beyschlafe herunter lock- te. Als auch gleich dessen Betrug offenbar ward/ wolte er doch biß in den Monden einen Thurm bauen lassen. Welche Thorheit ihm nicht ehe auszureden war/ als biß der Bau- Meister das gantze Serische Reich zur Grund- legung forderte. Hertzog Herrmann brach Schertz-weise ein: Jch erinnere mich/ daß die Einwohner des Atlantischen Eylandes nach ih- rem Tode in die Sternen versetzt zu werden glaͤuben; also werdẽ diese vermuthlich ihre Buͤr- ger seyn. Alleine hat Democritus diese bewohnte Stern-Kugeln auch unter seine viel Welten gerechnet? Oder hielt dieser Priester/ des Plato Meynung nach/ die Welt/ die Erde und Ster- ne fuͤr beseelte/ und mit allen Sinnen begabte Thiere? Zeno antwortete laͤchelnde: Es wuͤr- de Pythagoras diesem Priester solche Geheim- nuͤsse unter dem Siegel des Stillschweigens vertrauet haben/ weil er gegen ihn damit hin- ter dem Berge gehalten. Es mangelte aber gleichwohl noch zur Zeit nicht an Vertheidi- gung beyder Meynungen. Und erinnerte er sich/ daß etliche das eine Nasen-Loch der Erde/ in das Thronische Nord-Meer/ andere in die Mitte des Caspischen Nord-Meeres versetz- ten/ und daß die Erde durch selbte Athem hole- te/ erhaͤrteten; andere Epp und Fluth des Meeres fuͤr der Erde Lufft-Schoͤpfung/ das Erdbeben fuͤr die Schuͤtterung dieses Thieres hielten/ alle aber aus der Hegung so vieler be- seelten Dinge ihr eigenes Leben behaupten wol- ten. Des Democritus Meynung aber haͤtte nicht nur unzehlbare Nachfolger/ sondern Epi- cur haͤtte gar gelehret/ daß taͤglich neue Wel- ten entstuͤnden und untergingen. Ja Metro- dor haͤtte ihm dieses so fest eingebildet/ daß er es so ungereimt zu seyn geachtet/ wenn nur eine Welt alles All begreiffen solte/ als wenn auf einem grossen Felde nur eine Aehre wuͤchse. Daß auch dessen von langer Zeit nicht etwan der albere Poͤfel/ sondern die groͤsten Leute bere- det gewest/ gibt uns der grosse Alexander ein merckwuͤrdiges Beyspiel/ welchem des Anaxar- chus hieruͤber gefuͤhrter Beweiß so tieff zu Her- tzen ging/ daß er bittere Thraͤnen daruͤber ver- goß. Nach Betrachtung dieser Bilder/ fuhr der Fuͤrst Zeno fort/ zeigte uns der Priester ein in dem Tempel haͤngendes Muster des grossen Weltbaues/ daruͤber ich mich zum hoͤchsten ver- wunderte. Denn nach dem ich zumeinem Lehr- meister einen Chaldeischen Sternseher/ einen Griechischen Weltweisen/ und einen Egyptischẽ Priester gehabt/ bin ich vom ersten unterrich- tet worden/ daß die Erde der Mittel-Punct der Welt sey/ und diese lieffe im ersten Circkel der Monde/ im andern Mercur/ im dritten Ve- nus/ im vierdten die Sonne/ im fuͤnften Mars/ im sechsten Jupiter/ im siebenden Saturn herumb. Eben dieses fast hat mich der Platoni- sche Weltweise gelehrt/ ausser daß er die Son- ne in andern/ den Mercur in dritten/ die Venus in vierdten Circkel setzte. Der Egyptische Priester hat in dem mich nur etwas sonders bereden wollen/ daß die Sonne zwar im an- dern Circkel umb die Erde lieffe; aber Mercur und Venus rennten nicht umb die Erde; son- dern ihre zwey Circkel/ derer innersten Mer- cur/ den aͤusersten Venus inne hielte/ gingen mit ihrem Lauffe umb die Sonne/ als ihre Trabanten/ welche sich keinmal weit von ihr entferneten. Jn diesem Welt-Gestelle aber war alles verruͤckt. Denn der Mittel- Punct war die Sonne/ umb diese lieff im er- sten Kreisse Mercur/ im andern Venus/ im dritten rennte die von mir fuͤr den unbe- weglichen Mittel - Punct gehaltene Erde/ und umb diese in einem absondern kleinen Cir- ckel der Monde herumb. Den vierdten Kreiß hatte Mars/ den fuͤnften Jupiter/ umb wel- chen Fuͤnfftes Buch chen in vier Circkeln vier Sternen umblieffen/ den sechsten Saturn/ umb den in zwey Circkeln zwey Sterne umbeileten/ inne. Mein Vor- witz trieb mich dem Priester einzuhalten/ daß es ja wider den Augenschein lieffe/ wenn man die taͤglich auf- und nieder gehende Sonne unbeweglich machen/ die Erde aber/ ausser dem Mittel-Puncte der Welt/ welches aus denen rings herumb darauf fallenden schwe- ren Dingen zu ermessen waͤre/ ruͤcken wolte. Wie solten auch auf der wanckenden Erde Menschen und Thiere sicher stehen/ oder dar- aus so viel Baͤume und Pflantzen wachsen/ da sie sich bewegen solte/ nachdem das Wesen/ in welches die Kraͤfften aller Gestirne einfluͤssen solten/ ja ruhig seyn muͤste? Der Priester ant- wortete mir laͤchelnde: Jch solte meinen bloͤden Augen nicht zutrauen/ das Mittel des uner- maͤßlichen Welt-Gebaͤues zu erkiesen/ welches sie ohne ein Circkel-Maaß in keinem Kreisse eines Fingers lang so genau treffen koͤnten. Meinen falschen Augenschein die Bewegung der Dinge zu unterscheiden/ solte ich aus ei- nem Schiffe wahrnehmen/ da mich beduͤncken wuͤrde: Das Ufer fliehe fuͤr mir/ und ich nicht fuͤr ihm. So geschehe auch die Bewegung der Erde in viel mehrer Gleichheit/ als eines Schiffes bey dem besten Winde/ darinnen alles so unverruͤckt bliebe/ wenn es auf der See fort segelte/ als wenn es im Hafen an- gebunden stuͤnde/ ob schon die Erde wohl mehrmals sich erschuͤtterte/ offtmals nicht nur Berge einbraͤchen/ sondern auch an einen fernen Ort gar fortgesetzet wuͤrden. Und die/ welche gantze Jahre auf dem Meere sich herumb schuͤttelten/ wuͤrden sich uͤber keinen Abgang der einfluͤssenden Sterne zu beschwe- ren/ vielmehr aber zu bezeugen haben/ daß in denen darauf stehenden Gefaͤssen die irren- den Pflantzen nichts minder als die in der grossen Erdkugel eingewurtzelt waͤren/ wuͤchsen. Uber dis haͤtte nicht nur die Erde/ sondern auch die Sonne und alle Sternen ihren ab- sonderen Mittel-Punct/ in welchen alles zu- ruͤck fiele/ was aus ihr empor kommen waͤre. Hingegen waͤre es nicht allein moͤglicher und der Vernunfft gemaͤsser/ daß die Erdkugel alle vier und zwantzig Stunden sich umb sei- nen Wuͤrbel umbwendete/ alle Jahre aber ein- mal umb die Sonne herumb lieffe; als daß dieses unbegreifflich-grosse Geschoͤpfe und so viel tausend unmaͤßliche Gestirne sich so ge- schwinde/ als es menschlicher Verstand nicht fassen kan/ umbrennen solten; sondern es wuͤr- de nach fortgesetztem Grunde/ daß die Welt hier wahrhaftig abgebildet waͤre/ die Rech- nung mit der Bewegung der Sternen/ der Mond- und Sonnen-Finsternuͤsse viel genauer eintreffen. Wie wir nun/ sagte Zeno/ mit unser Ver- wunderug dieses Priesters Unterricht fuͤr eine unzweifelbare Wahrheit anzunehmen schie- nen/ gab er uns Anlaß das Gewoͤlbe des Tempels genauer zu betrachten/ und zu schau- en: Ob das daran gebildete Gestirne mit un- sern gestirnten Himmels - Kugeln uͤberein treffe? Jch ward aber bald gewahr/ daß die mir bekandten 48. oder 50. him̃lischen Bilder unzehlich viel mehr Sternen in sich hatten/ in- dem meine Lehrmeister mit dem Ptolemeus ihreꝛ nur 1022. gezehlet. Jnsonderheit nahm ich in dem neblichten Theile des Orions ihrer zwoͤlff/ zwischen seinem Guͤrtel und Degen achzig/ zwischen seinen Schenckeln mehr als fuͤnf hundert/ in der Krippe sechs und dreissig/ umb das Sieben-Gestirne vierzig/ und in allen Zeichen eine grosse Menge neuer Ster- nen wahr; in der Milch-Strasse war die Zahl unzehlbar/ und der Priester versi- cherte mich/ daß im einigen Orion mehr Sternen/ als man ihrer ins gemein am Arminius und Thußnelda. am gantzen Himmel zehlte/ ja ihrer in dieser Strasse allein uͤber hundert tausend waͤren; de- rer keiner doch so wenig als das kleineste Aeder- lein in dem menschlichen Leibe umsonst geschaf- fen/ sondern in der Welt seine absondere Wuͤr- ckung/ ja iedes Kraut seinen eigenthuͤmlichen Stern haͤtte. Jch erstarrte aber/ als er mir gegen Sud funfzehn gantz neue Sternbilder/ davon ich vorhin nichts gesehen noch gehoͤret hatte/ zeigte. Daher ich fuͤr grosser Begierde alsofort ihre Nahmen zu wissen verlangte/ aber zur Antwort bekam: Es wohnte in diesem Tempel weder Heucheley noch Ehrgeitz/ welche sich nicht vergnuͤgten/ Huren/ Ehebrecher/ Moͤrder in Marmel und Helffenbein zu bilden/ sondern sie auch nebst wilden Thieren unter die Sternen versetzt haͤtten; daher haͤtten auch we- der diese noch andere Sternen in diesem Tem- pel so irrdische Nahmen/ noch so eitele Einthei- lung; Er koͤnte aber aus ihrem Stande leicht wahrsagen/ daß man mit der Zeit Schlangen/ Fluͤsse/ Fliegen/ Fische/ Dreyecken/ Thiere/ Kraͤhen/ Phenixe/ Pfauen und andere Gefluͤ- gel daraus machen wuͤrde. Er machte auch unter diesen Sternen/ welche insgemein fuͤr un- bewegliche in einen Crystallenen dichten Him- mel eingeschraubte Coͤrper hielte/ aber in der da- selbst durchdringlichen dinnesten Lufft eben so wol ihre richtige/ wiewol unsern entfernten Au- gen unsichtbare Bewegung haͤtten/ nur nach ih- rem Wesen und Eigenschafften einen Unter- scheid/ daß etliche rechte Sonnen/ unter denen der Sirius die groͤste/ waͤren/ welche die um sich herum irrenden wiewol in unser Gesichte nicht fallende/ und von unserer Sonne zu erleuchten unmoͤgliche Monden mit ihrem Lichte betheil- ten/ auch aus ihren feurigen Ausdampffungen viel durchsichtige Schwantz- und Haar-Sterne zeugeten/ wiewol man ihren Schwantz und Haare nicht so wie unter denen Jrrsternen er- kiesen koͤnte; weil sie mehr als hundert mal wei- ter von der Sonne/ als die Sonne von der Er- den stuͤnden. Diese Weite verursachte gleich- fals/ daß nachdem diese stillstehenden Sternen sich zwar nicht von Ost gegen West alle Tage umwendeten; Gleichwohl aber der gantze ge- stirnte Himmel jaͤhrlich ein gutes Stuͤck von West gegen Ost/ wie die Erdkugel alle Tage fortruͤckte/ man kaum in hundert Jahren solche Fortruͤckung mit den Augen vermerckte. Des- sen waͤre ein klares Zeugnuͤß der mitternaͤchtige Angelstern/ welcher sich kaum drey Himmels- Staffeln weit um seinen Mittelpunct zu dre- hen schiene; Da doch dieser enge Umkreiß in Warheit mehr als der Zirckel des Mars in sich begrieffe. Aus welchen Geschoͤpffen wir die Unermaͤßligkeit des ewigen Schoͤpffers/ wel- cher ist der rechte Mittelpunct der gantzen Na- tur/ und der vernuͤnfftigen Seele ermessen/ und also wie die vernunfftlosen Dinge nach ihrem/ also so viel mehr wir/ in derer Gemuͤthern Gott ein so grosses Licht des Verstandes aufgesteckt haͤtte/ nach unserm Mittelpunctuns ziehen sol- ten. Wir hatten uns uͤber dem unzehlbaren Ge- stirne schier muͤde gesehen/ als der Priester uns wiederum zum Altare fuͤhrte/ und uns das Mar- melbild des Scythischen Koͤnigs Prometheus zeigte/ welches mit beyden Haͤnden die zwey Hoͤrner desselben faßte/ die Augen aber starr auf die Sonnen-Kugel richtete. Dieser/ sagte der Priester/ ist es/ der auf diesem hohen Gebuͤrge sein gantzes Leben in Betrachtung der Sonne und Sternen/ gleich als wenn er nach jenes Weltweisen Meinung hierzu alleine geschaffen waͤre/ zubracht haͤtte; worvon das Getichte ent- sprungen waͤre/ daß er auf dem Caucasus vom Mercur an eine steinerne Saͤule gefaͤsselt wor- den. Dieser Steinfels waͤre die Saͤule/ seine himmlische Gedancken waͤren die Fessel/ und er habe einem hierbey nistenden Adler/ wenn er sich ausser seinem Gesichte in die Hoͤhe geschwun- gen/ mißgegoͤnnet/ daß er nicht/ wie dieser un- verstaͤndige Vogel/ dem Gestirne naͤher kom- Erster Theil. D d d d men Fuͤnfftes Buch men koͤnte. Dieses waͤre der Adler/ welcher ihm taͤglich sein Eingeweide gefressen zu haben gedichtet wuͤrde. Hier habe Prometheus nicht nur durch den Augenschein/ wie in denen nie- drigern Wolcken aus dem Dampffe der schwef- lichten Duͤnste und salpetrichten Feuchtigkeiten Donner und Blitz gezeuget wuͤrde/ sondern auch durch sein tieffes Nachsinnen und kuͤnstli- che Schau-Glaͤser die Eigenschafften der Ster- nen/ und den Abgrund der hellen Himmels- Lichter erforschet/ und andern Menschen ent- decket. Deßhalben haͤtte die Nachwelt fuͤrge- geben: Er waͤre durch Huͤlffe der Minerva in Himmel gestiegen/ haͤtte an dem Wagen der Sonne eine Ruthe angezuͤndet/ und hiermit das Feuer auf den Erdbodem bracht. Uber dieser Unterred- und Betrachtung des Tempels/ war der Abend nahe herbey kommen/ und wir haͤtten daruͤber schier des Essens ver- gessen/ wenn uns der Priester nicht ein gutes Theil den Berg hinab in eine zu seinem Auf- fenthalt dienende Hoͤle/ zu seiner gewoͤhnlichen Kraͤuter-Speise eingeladen/ und mit dem koͤst- lichen Wasser eines daselbst aus einem rothen Felsen entspringenden Brunnens erqvicket haͤtte; welches uns in Warheit besser schmeckte/ als das Wasser aus dem Flusse Lyncestis/ das wie der Wein truncken machen soll; oder auch aus dem Brunnen des Bacchus selbst/ wenn es schon den siebenden Tag gewest waͤre/ da er alle- mahl mit Wein qvellen soll. Hertzog Herr- mann fing an: Es ist gleich Zeit/ daß wir auch unser deutsches Wasser kosten. Denn der Graf von Leuningen hatte dem Feldherrn gleich an- gemeldet/ daß auff seinen Befehl in des Zeno Vorgemach die Taffel/ und zwar dem noch schwachen Zeno zu Liebe auf Roͤmische Art be- reitet waͤre/ daß ieder Gast sich zur Taffel auff einem Bette legte. Hier mit verfuͤgte sich die saͤmtliche Versammlung dahin. Der Feld- herr entschuldigte bald anfangs/ daß zwar der Tisch/ aber nicht die Geruͤchte nach Roͤmischem/ weniger nach Asiatischem Uberflusse bereitet seyn wuͤrde. Sintemal er selbst zu Rom gese- hen/ daß bey einer Mahlzeit zweytausend seltza- me Fische/ und sieben tausend Voͤgel aufgesetzet worden waͤren. Die Persischen Koͤnige aber solten auf ein Abend-Essen viertzig Talent auf- wenden/ und tausend Thiere abschlachten lassen. Denn die Deutschen waͤren nicht gewohnt/ wie diese wolluͤstige Fuͤrsten/ in die Welt Ausspuͤrer niedlicher Speisen auszusenden/ noch grosse Silber-Preisse fuͤr die Erfinder neuer Wolluͤste aufzusetzen/ sondern hielten vielmehr dafuͤr/ daß der Geruͤchte Uberfluß Eckel verursachte/ und das Essen hinderte. Hierauf ward zum ersten von frischen Neun-Augen vor gelegt; Erato/ welche ihr Lebtage keine solche Fische gesehen/ hatte Bedencken sie anzunehmen/ und fing an: was sie mit diesen Wuͤrmen machen solte? Rhe- metalces/ ob sie ihm gleich eben so fremde waren/ fing laͤchelnde an: Es waͤre nichts ungemei- nes/ daß man Wuͤrmer aͤsse. Seine Nach- baꝛn/ die Thracier/ hielten die weissen Holtzwuͤr- mer mit den schwartzen Koͤpffen fuͤr Leckerbiß- lein. Flavius setzte bey: Und die Africaner nicht nur die Heuschrecken/ sondern auch die gruͤnen Heydaͤchsen. Zeno bestaͤtigte es/ und meldete/ daß sie um den Berg Athos die Nat- tern aͤssen/ und deßhalben insgemein biß hun- dert und viertzig Jahr zu leben glaubten. Die Candeer in Africa speiseten auch meistentheils Schlangen. Nachdem aber der Feldherr die Fremden versicherte/ daß die Neun-Augen Fi- sche waͤren; genassen sie selbte mit sonderbarem Vergnuͤgen. Noch vielmehr aber hielten sich Zeno und Erato an die aufgesetzten Biber- Schwaͤntze und Klauen/ welche sie fuͤr die koͤst- lichste Speise des Euxinischen Meeres/ Deutschland aber fuͤr das rechte Vaterland der seltzamsten Koͤstligkeiten hielten; als sie Aeschen/ uñ ein Stuͤcke von einem Stoͤr auftragen sahen/ und selbten aus denen gegen den Kopf gekehrten Schupffen erkenneten. Rhemetalces fing auch an: Arminius und Thußnelda. an: Es haͤtte diß schoͤne Stuͤcke wol verdienet/ daß sein Kopf wie zu Rom mit einem Krantze/ und von bekraͤntzten Schallmeyern waͤre aufge- tragen worden. Wie denn auch die Beotier die Aale mit Kraͤntzen ziereten/ und sie ihꝛen Goͤt- tern opfferten. Rhemetalces hatte kaum aus- geredet/ als man auf des Feldherrn Winck ei- ne Schuͤssel rothe Aale aufsatzte; Welches die fremde Gaͤste noch mehr verwundernd machte. Hertzog Herrmann aber befahl einem ieden Gaste eine Schale mit einem koͤstlichen am Flusse Pathissus gewachsenem Weine zu ge- ben/ und erinnerte sie solche zu genuͤssen; weil nur die lebenden Fische im Wasser/ die todten aber in etwas heisserem schwimmen. Daher muͤsten sie des Fuͤrsten Zeno seinem Wasser er- theilten Ruhm fuͤr dißmal etwas miltern. Rhe- metalces fing an: Er haͤtte gleichwol in Pan- nonien bey Saline in bruͤh-heissem Wasser-Fi- sche schwimmen sehen. Auch solte das Wasser zur Verdaͤuung besser seyn/ als der Wein. Fuͤr- nehmlich aber waͤre der Hunger der beste Koch/ und der Durst der beste Kellermeister. Daher doͤrfte man sich nicht wundern/ daß schlechtes Wasser dem Fuͤrsten Zeno nicht nur besser als der so hoch beschriehne Nectar geschmecket haͤt- te/ sondern auch wol bekommen waͤre. Er haͤt- te sich gleichfals offt darmit gelabet/ und er koͤnte dem Pindarus ohne grosses Bedencken enthen- gen/ daß das Wasser unter den Elementen/ was das Gold unter den Metallen waͤre. Unter- dessen aber waͤre doch dem so grossen Geschencke der Natur dem Saffte der edlen Reben sein Vorzug fuͤr dem Wasser nicht zu entziehen/ son- dern vielmehr zu enthengen/ daß der Wein eine Milch der Alten und der Liebe/ ja ein Oel des Lebens/ und eine Artzeney der Krancken genen- net zu werden verdiente. Jn welchem Absehn Vacchus zu Athen als ein Artzt; ja sein Ge- waͤchse selbst in Africa fuͤr einen Gott verehret wuͤrde. Jederman muͤste den Wein fuͤr einen Zunder der Hertzhafftigkeit/ und fuͤr ein heilsa- mes Mittel wider die Traurigkeit gelten lassen. Dahingegen das Wasser betruͤbt/ und etliches gar/ wie das aus dem Brunnen Salmacis/ wei- bisch machte. Zeno versetzte: Er waͤre kein abgesagter Feind des Weines/ und hielte es fuͤr Verleumdung/ daß einige ihn fuͤr ein im Holtze der Reben verfaultes Wasser schielten. Er hielte ihn auch fuͤr eine Hertzstaͤrckung/ und eine der koͤstlichsten Artzneyen; aber nicht fuͤr ein dienliches Getraͤncke. Denn er grieffe die Le- bens-Geister an/ erhitzte das Gebluͤte/ zerruͤtte- te das Gehirne/ zerstoͤrete die Fruchtbarkeit/ und schwaͤchte die Kraͤfften der Vernunfft. Da- her die Griechen die Schrifften des Demosthe- nes dem/ was Eschines schrieb/ nicht wegen sei- ner bessern Geburts-Art vorzohen/ sondern weil dieser Wasser/ jener Wein tranck. Und ob zwar hierinnen die Maßhaltung eine Graͤntz- scheidung zwischen dem Nutzen und Schaden seyn solte; so bezeugte doch die Erfahrung/ daß diesen Unterscheid zu beobachten schwerer als die Aus-Eckung eines Zirckels waͤre. Die uns angebohrne Luͤsternheit setzte dem Glase der Ge- sundheit einen Becher der Freundschafft bey/ und das dritte schenckte man zu Erfreuung des Gemuͤthes ein. Hiermit erschlieche uns ein halber Satz zur Trunckenheit/ wordurch ein Mensch schon nicht mehr seiner maͤchtig waͤre/ sondern dem Schwelgen freyen Zaum verhien- ge. Auf diese Art haͤtte die Trunckenheit sich gantzer Voͤlcker bemaͤchtiget/ daß sie bey ihnen den Nahmen der Sitten/ und das Vermoͤgen viel zu trincken den Ruhm einer Tugend er- langt. Da doch der Mensch dardurch sich gleich- sam zu was aͤrgerm/ als einem Vieh machte; sintemal/ kein Thier auser dem Menschen/ ohne und uͤber den Durst trincke. Daher die Roͤmer allen Weibern/ die Carthaginenser allen Krie- gesleuten das Weintrincken so scharf verboten/ daß es bey ihnen dem Ehebruche/ bey diesen der Verraͤtherey gleiche gestrafft ward. Pytha- goras haͤtte die/ welche sich des Weines nicht D d d d 2 gaͤntz- Fuͤnfftes Buch gaͤntzlich zu enthalten gewuͤst/ aus seiner Schule gestossen; und Pittalus ein Gesetze gegeben/ daß ein in der Trunckenheit begangenes Laster zweyfach gestrafft werden solte. Jn den Opf- fern der Sonne/ welche doch diesen Safft selbst allein kochte/ und zubereitete/ waͤre es nicht zu- laͤßlich einigen Tropffen Wein beyzumischen/ und in den Tempel der Juno dorfte man keinen dem Bacchus gewiedmeten Epheu bringen; Zu einer heilsamen Lehre/ daß insonderheit Fuͤrsten/ und die/ welche uͤber andere Menschen Aufsicht haben/ sich dessen zu enthalten haͤtten. Daher der grosse Alexander mit seinem Heere einen weiten Umweg genommen haͤtte/ wor- mit er es nicht uͤber den weinreichen Berg Ny- sa fuͤhren doͤrfte/ weil er solches unversehrt daruͤ- ber zu bringen nicht getrauete Denen uͤber die Gesetze sonst erhabenen Koͤnigen in Jndien waͤre der Wein durch ein Gesetze verboten/ und ein Weiser haͤtte den Weinberg nachdencklich die Haupt-Stadt der Laster genennet. Her- tzog Herrmann laͤchelte/ wendete sich gegen den Hertzog Arpus/ und fing an: Jch mercke nun allererst/ daß Zeno sich bey den Catten aufge- halten/ und ihm ihre Sitten nicht uͤbel gefallen haben muͤssen/ welche eben so wenig/ als die von ihnen entsprossenen tapfferen Nervier in Gal- lien einigen Wein/ als wordurch man nur wei- bisch und zur Arbeit untuͤchtig gemacht wuͤrde/ in ihr Land zu fuͤhren bey Lebens-Straffen ver- bieten. Hertzog Arpus antwortete: Jch be- sorge vielmehr/ daß seine Scheltung der Trun- ckenheit nichts minder meine Catten/ als alle andere Deutschen zu treffen anziele. Sinte- mal wir fast in der gantzen Welt deßhalben schwartz sind/ es auch in Warheit wenig anders ist/ als daß es bey den Deutschen keine Schande sey/ Tag und Nacht mit trincken zugebracht ha- ben. Hertzog Herrmann setzte bey: Es ist lei- der wol wahr/ daß die Deutschen im Truncke ihre Schwaͤche zeigen. Gleichwol aber wuͤr- dꝛ ihnen viel uͤber die Warheit beygemessen; insonderheit waͤre es eine offenbare Verlaͤum- dung der Roͤmer/ daß sie einen Knaben um ei- nen Eymer Wein vertauschten; Bey denen Gastmahlen ihnen die Stirne aufritzten/ das Blut daraus in den Wein rinnen liessen/ und aus ihren Hoͤrnern zu Bestaͤtigung ihrer Freundschafft einander zubraͤchten. Und ob er wol seiner Landsleute Laster nicht entschuldi- gen/ weniger zu Tugenden machen wolte; so hielte er doch das Trincken nicht fuͤr das aͤrgste. Den Deutschen waͤre angebohren/ aufrichtig und streitbar zu seyn. Nach des Plato Berich- te aber/ waͤren alle streitbare Voͤlcker/ als Scy- then/ Persen/ Zelten/ Spanier und Thracier zum Truncke geneigt/ und die Warheit solte im Weine begraben liegen. Jn welchem Absehn die Griechen die Sieger auf den Spielen des Bacchus mit dreyfuͤßichten Trinck geschirren beschenckten/ gleich als wenn die Trinckenden so wahr/ als die Wahrsagerinnen aus dem Dreyfusse des Apollo redeten. Zeno entschul- digte sich in alle Wege/ daß er die Deutschen an- zugreiffen nie gemeint gewest waͤre; auch nicht glaubte/ daß sie im Trincken allen andern Voͤl- ckern uͤberlegen seyn solten. Die Parthen suchten Ehre aus vielem Trincken/ und haͤtten der Scythen Gesandten von ihnen geurtheilt/ daß ie mehr sie in sich schuͤtteten/ ie mehr duͤrstete sie. Die Persen haͤtten ihrem Erloͤser dem tapffern Darius als eine besondere Lobschrifft auf sein Grab geetzt/ daß er ohne sein Ungemach viel zu trincken vermocht. Der grosse Alexan- der haͤtte Saͤuffern ein Talent zum Siegs- Preisse aufgesetzt/ mit dem Proteus in die Wet- te getruncken/ und durch den Wein ihm selbst den Tod verursacht/ gleich als sich Bacchus hier- durch an ihm wegen Zerstoͤrung der Stadt The- be haͤtte raͤchen wollen. Die Sybariten hiel- ten fuͤr Schande/ diß was sie auff dem Bretspie- le gewonnen/ anders wohin/ als auf Wein an- zulegen. Sie noͤthigten einander so viel mal ihre Schalen auszuleeren/ als der Wuͤrffel ih- nen Arminius und Thußnelda. nen ein Gesetze fuͤrschriebe. Sie schaͤmeten sich nicht dem sich ausschuͤttenden Magen Ge- walt anzuthun/ und diß zu fuͤllen/ was die Na- tur leer zu haben sich muͤhte; gleich als wenn sie zu Verderbung des Weines gebohren waͤren/ und dieser edle Safft nicht anders als durch ih- ren Wanst ausgeschuͤttet werden koͤnte. Un- ter diesem versoffenen Volcke haͤtte sich Smin- derydes geruͤhmet/ daß er in zwantzig Jahren nie haͤtte gesehen die Sonne aufgehen. Bey den Griechen waͤre das Trincken ein uhraltes Handwerck/ und es haͤtte Homer nicht so eigent- lich den Schild Achillens als das Trinck geschir- re des zum Truncke geneigten Nestors beschrie- ben. Bey ihren Gastmahlen wuͤrde aus ei- nem grossen Kessel iedem Gaste durch ein abson- derliches Silberroͤhr so viel Wein zugefloͤst/ daß selten einer genung schlingen koͤnte. Alcibia- des selbst haͤtte nicht nur wegen seiner Tapffer- keit in Schlachten/ sondern auch im Sauffen ei- nen beruͤhmten Nahmen erlangt. Die zwey grossen Weisen Socrates und Plato waͤren von ihrem Trincken beruffen; Arcesilaus und La- cydes haͤtten sich gar zu tode gesoffen/ und So- lon waͤre hundert mal uͤber sein eigenes Gesetze gefallen/ darinnen er die Trunckenheit der O- brigkeit bey Lebens-Straffe verboten. Eben so sehr waͤre dieses Laster bey den Roͤmern einge- rissen; welche allererst eine Kunst erfunden/ ihn durch einen Lagersack zu seigen/ also dem Wei- ne seine Staͤrcke zu nehmen/ und ihn gleich- sam zu entmannen/ daß sie dessen nur so viel mehꝛ trincken koͤnnen. Marcus Antonius haͤtte von seiner Trinck-Kunst ein gantz Buch ge- schrieben. Des Cicero Sohn waͤre zu Rom fuͤr einen so grossen Saͤuffer/ als sein Vater fuͤr einen Redner gehalten worden. Tiberius selbst waͤre ein so grosser Held in Glaͤsern/ als im Fel- de/ und hielte den Torqvat nur wegen seiner sel- zamen Sauff-Kuͤnste in seiner Bestallung. Rhemetalces fing an: Er solte seinen in diese Zeche gehoͤrigen Thraciern nur nicht heucheln/ als bey welchen so wol Weiber als Maͤnner das Volltrincken/ und so gar die Kleider mit Wei- ne netzen/ den Titel des gluͤckseligsten Lebens verdiente. Hertzog Arpus versetzte: seinem Beduͤncken nach/ waͤre die Trunckenheit die- sen Voͤlckern/ welchen die Natur durch den Weinwachs einen so reichen Zunder hierzu ver- liehen haͤtte/ ehe als den Deutschen zu verzeihen/ derer euserste Graͤntzen/ und zwar nur noch fuͤr weniger Zeit durch blosse Luͤsternheit mit Reben waͤren belegt worden; da die Deutschen doch vorhin geglaubt/ daß sich bey ihnen so wenig Wein pflantzen/ als auf dem Eylande Tenos sein Brunnwasser sich mit Weine vermengen liesse. So aber haͤtten die Deutschen mit vie- lem Nachdencken ergruͤbelt/ wie sie auch das Wasser truncken machen/ und diß also die Ei- genschafft des starcken Flusses Erganes uͤber- kommen moͤchte; da sie nehmlich ihr Bier aus Gersten und Hopffen kochten. Welche Er- findung alleine seinen Wunsch zuruͤcke hielte/ daß alle Wasser in der Welt die Eigenschafft des Clitorischen Brunnes haben moͤchten/ dessen der/ der nur einmal daraus getruncken haͤtte/ nicht einmal den Wein ruͤchen koͤnte. Jedoch wolte er gerne zu frieden seyn/ wenn die Deut- schen sich mit den Koͤnigen in Persien vergnuͤ- gen wolten/ welche sich des Jahres nur einmal an dem Feyer ihres Gottes Mithra voll trin- cken dorften. Antiochus in Syrien/ und My- das in Phrygien haͤtten gantze Brunnen mit Weine angefuͤllt/ wormit jener seinen Uberfluß zeigen/ dieser den Silenus berauschen koͤnte. Alles diß aber waͤre Kinderspiel gegen der Ver- schwendung des Serischen Koͤnigs Rieus/ mit welchem auch der erste koͤnigliche Stammbaum Hiaa untergegangen. Denn er haͤtte einen grossen/ und zur Schiffarth faͤhigen Teich gra- ben/ und mit Weine fuͤllen lassen; woraus im- mer wechselsweise drey tausend Menschen auff Hundes-Art sauffen/ und hernach im nechsten Walde die an die Baͤume gehenckten und ge- D d d d 3 brate- Fuͤnfftes Buch bratenen Ochsen/ Hirsche und wilde Schweine verzehren muͤssen. Zeno fing an: Hertzog Arpus erinnerte ihn durch sein Verlangen der Maͤßigkeit dessen/ was die Serer von ihrem unvergleichlichen Koͤnige Yvus ruͤhmten; daß/ als sie ihm den neuerfundenen aus Reiß gemach- ten koͤstlichen Tranck zu kosten gebracht/ klaͤg- lich geruffen haͤtte: Wehe meinem Stamme und dem Koͤnigreiche/ welche beyde durch dieses suͤsse Gifft vergehen werden! Rhemetalces sag- te: Derogestalt sind die Deutschen nicht die er- sten/ oder wenigstens nicht alleine/ die ihnen neue Traͤncke erdacht haben. Denn uͤber die Serer kochten die Mohren aus Hierse/ die Pannonier/ Spanier und Egyptier aus Wei- tzen eben dieses Getraͤncke/ welche letztern es gar von ihrem Osiris gelernt haben wolten. Seine Thracier machten aus Gesaͤme gewisser Kraͤuter/ die Babylonier aus Pflaumen/ die Jllyrier aus Baumknospen/ die Jndianer aus Datteln und Zucker-Rohre/ die Africaner aus Granat-Aepffeln starcke Getraͤncke. Ja die Scythen trincken sich auch durch den Rauch ge- doͤrreter Kraͤuter voll. Hertzog Herrmann setzte bey: Diese Einzieh- und Ausblasung des Rauches waͤre fuͤrnehmlich in dem Atlantischen Eylande gemein/ woher sie die Friesen auch in die Wasser-Laͤnder Deutschlandes gebracht haͤt- ten; und wuͤste er nicht/ ob die Atlantier von den Scythen/ oder diese von jenen/ diesen duͤrren und stinckenden Tranck bekommen haͤtten. Am allerselzamsten aber waͤre/ daß die Einwoh- ner des Eylands Thule ihren Fischthran/ oder die von den Wallfischen geschmeltzte Fettigkeit allen Weinen der Welt weit fuͤrziehen. Sonst aber muͤste er nur von seinen durstigen Deut- schen gestehen/ daß sie zu Unterhaltung der Trunckenheit noch aus gepresten Aepffeln und Honige einen starcken Meth jaͤhren liessen; zu ihrem gemeinsten Getraͤncke aber Milch und Wasser brauchten. Diese zwey/ sagte Zeno/ sind sonder Zweiffel wol die aͤltesten/ und daher auch die gesuͤndesten Traͤncke. Massen denn der Wein so gar von eingemischtem bittern Meer-Wasser/ oder wenn man die mit Most gefuͤlleten Faͤsser eine weile im Meere schwim- men laͤst/ besser werden soll. Thales Milesius haͤlt das Wasser gar fuͤr den Uhrsprung aller Dinge/ die Egyptier fuͤr einen Gott/ und die meisten Voͤlcker verehren die warmen Brun- nen/ und die Qvelle grosser Fluͤsse. Ja in dem Heiligthume des Clarischen Apollo/ wie auch des zu Colophon macht das aus seiner Hoͤle ge- trunckene Wasser auch die ungelehrten Priester so geschickt/ daß sie in gebundener Rede aufs zierlichste wahrsagen. Seine Artzney-Kraͤff- te sind nicht zu zehlen. Daher Melampus die Vermischung des Weines mit dem Wasser auf- bracht hat; und sein Genuͤß ist so kraͤfftig/ daß nicht nur die Heuschrecken davon alleine leben/ sondern auch viel Menschen/ ohne andere Spei- se/ sich lange erhalten haben. Denn wie Phi- linus von lauter Milch; also haben Moschus/ Anchimolus und Lamprus von eitel Wasser ne- ben wenig Feigen und Myrthen-Fruͤchten ge- lebt. Der Feldherr fing hieruͤber an: Er waͤ- re ebenfals nicht nur ein Freund/ sondern auch ein Koster der Wasser; wiewol niemand eines oder des andern Guͤte durch den Geschmack bes- ser als die/ welche keinen Wein trincken/ zu un- terscheiden wuͤsten; Es waͤren aber die Mei- nungen von Gesundheit derselben so unterschie- den/ daß er sich nicht recht daraus zu wickeln wuͤste. Die Griechen ruͤhmten das Attische/ die Persen ihr Euleisches/ die in Asien das Do- nyleische/ die Phrygier ihr warmes bey Tra- gasta/ die Sicilier ihr kaltes im Brunnen Are- thusa/ die Sarmater ihr dinnes im Borysthe- nes/ die Stadt Nissa ihr fettes Wasser/ welches sie so gar an statt des Oeles brauchten/ fuͤr das beste. Zwar waͤren die Wasser aus schlam- michten und gegrabenen Brunnen/ wie auch die Salpeter- und saltzichten/ und die das Ertzt angreiffen/ oder langsam das Gesaͤme kochten/ wie Arminius und Thußnelda. wie auch das stillestehende verwerflich. Daher die Corinther aus dem eißkalten Brunnen beym Contoporischen Vorgebuͤrge das Wasser nicht ehe trincken/ als biß es ziemlich weit aus selbtem hervor geflossen waͤre. Und das koͤstliche A- chillische Wasser bey Milet solte/ wenn es stille stehen muͤste/ saltzicht werden; Das unterirrdi- sche aber/ welche die Sonne nie beschiene/ taugte noch weniger; also/ daß in Cappadocien das ge- suͤndeste Wasser/ welches gleich stehende gut blie- be/ verduͤrbe/ wenn es unter die Erde lieffe. E- ben so wenig hielte man von den faͤrbichten. Denn wie der rothe Wein/ der gelbe Honig/ das gruͤne Oel/ der schwartze Balsam/ also waͤre das Milch-weisse Wasser auch das beste. Ja auch den wolruͤchenden Brunn in Mesopota- mien zu Cabura wolten wenig loben; weil eben so wol das gar nichts ruͤchende/ als das nichts schmeckende Wasser das beste seyn solte. Her- tzog Malovend bestaͤtigte es/ und zohe als was merckwuͤrdiges an/ daß da die Sonne sonst das Wasser so sehr verbesserte/ gleichwol das von de- nen Sonnenstrahlen empor gezogene/ und her- nach aus der Lufft herab fallende so wenig nuͤtze waͤre. Sintemal das aus Schnee und Schlos- sen zerlassene so gar eine Gifft bey sich haben/ der Tau die Kraͤtze verursachen/ das Regenwasser aber wegen bey sich habenden Schlammes am geschwindesten faulen/ und also auf die Schiffe nichts taugen solte. Alleine diese geschwinde Faͤulnuͤß/ versetzte Jubil/ halten viel Aertzte fuͤr ein Merckmal ihrer Heilsamkeit. Daher sie das Regenwasser etliche mal mit Fleiß faulen lassen/ und allemal reinigen/ also hernach sol- ches fuͤr gesuͤnder/ als alle andere ruͤhmen. U- berdiß haͤtten die Alten/ insonderheit aber/ wenn sie truncken gewest/ Schnee zu trincken/ oder auch solchen mit Weine zu vermischen/ grosses Belieben gehabt. Des grossen Alexanders Taffel waͤre niemals leer davon gewest; und haͤtte er im heissen Jndien/ bey Belaͤgerung der Stadt Petra/ in dreißig mit Eichenem Laube bedeckten Gruben den Schnee zu seinem Ge- traͤncke aufs sorgfaͤltigste verwahren lassen. Es waͤre diß nichts altes/ antwortete Hertzog Herr- mann/ indem er zu Rom etliche hundert Eiß- Gruben und Behaͤltnuͤsse des Schnees gese- hen/ welchen zu erhalten die Spreu eine deßhal- ben so viel mehr wunderwuͤrdige Eigenschafft haͤtte; weil sie in sich durch ihre Waͤrmde das unzeitige Obst reif machte. Den Schnee aber und das Eiß brauchten die Roͤmer bey ihren Mahlzeiten/ nicht nur des Sommers den Wein damit in Flaschen aufzufrischen/ sondern sie wuͤrffen beydes/ und zwar auch im Winter/ nach dem sie die vom Rooste noch gluͤhenden Biltze oder andere scharf gepfefferte Speisen sie- dendheiß veꝛschlingen/ in ihꝛ Getraͤncke/ wormit sie mit dem noch unzergangenen Eiß und Schnee ihre erhitzte Magen abkuͤhleten. Ja es waͤre diß nicht etwan was besonders grosser Leute zu Rom/ sondern der Poͤfel waͤre auch so luͤstern/ daß der Schnee ihme zur Unzeit eine Wuͤrtze seiner Uppigkeit abgeben muͤste. Wor- durch man denn daselbst eine Gelegenheit aus- gesonnen haͤtte/ das gemeine Wasser zu kauffen; nachdem es dieser wuchersuͤchtigen Stadt ver- druͤßlich waͤre/ daß man die Lufft/ die Sonne/ oder sonst etwas umsonst haben solte. Allein es waͤren alles diß nur Erfindungen der ver- schwenderischen Wollust/ welche ihrer Luͤstern- heit so wol das Leben und die Gesundheit willig aufopfferte. Zeno fing an: sonder allen Zweif- fel muß dieses kalte Getraͤncke die natuͤrliche Waͤrmde sehr daͤmpffen/ und die Rohigkeit des Eises und Schnees sehr schaͤdlich seyn; wo es anders wahr ist/ daß die gekochten Wasser am gesuͤndesten sind/ die Schmertzen der Wunden stillen/ und daß auch die schaͤdlichen Wasser/ wenn man sie halb einsieden laͤst/ trinckbar wer- den. Ja ich halte nichts gesuͤnders zu seyn/ als das Getraͤncke der Seren/ welche nichts als uͤ- ber ein gewisses Kraut siedend-heiß gegossenes Wasser/ so warm es ihr Gaumen und Zunge ver- Fuͤnfftes Buch vertragen kan/ niemals aber nichts kaltes trin- cken/ und daher auch nicht einst die Nahmen der Darm- und Glieder-Gicht/ des Steines/ und etlicher anderer unserer schmertzhafftesten Kranckheiten kennen. Hertzog Herrmann wunderte sich hieruͤber/ und fragte: Ob sich denn mit so heissem Getraͤncke der Durst wol leschen liesse? und wie es den Auslaͤndern zuschluͤge? Beydes gar wol/ antwortete Zeno; und haͤtte ihm hernach die Aenderung vom warmen zum kalten/ als die erste vom kalten zum warmen Ge- traͤncke viel baͤnger gethan. Sonst haͤtten sie in Asien wol auch eine gute Art/ daß sie gutes Wasser abkochten/ hernach in Brunnen oder Hoͤlen abkuͤhleten; aber es kaͤme der Serischen nichtbey. Ja/ sagte Flavius/ auch zu Rom wird diß itzt fuͤr eine tiefsinnige Erfindung ge- halten/ daß sie/ um den schaͤdlichen Beysatz des gemeinen Schnees und Eises abzusondern/ ab- gekochtes Wasser in Glaͤsern zu Eiß oder Schnee gefrieren lassen/ und sodenn in anderm Getraͤncke mit genuͤssen; auch glauben/ daß es so denn nicht nur gesuͤnder/ sondern das gekoch- te Wasser viel schneller gefriere/ im Gewichte leichter sey/ auch viel kaͤlteres Eiß daraus wer- de. Solte denn aber/ fragte Fuͤrst Catumer/ ein Wasser leichter als das andere/ und zwar das leichtere das gesuͤndeste seyn? An dem ersten/ antwortete Rhemetalces/ ist nicht zu zweiffeln; das Wasser des Boristhenes schwimmt im Flus- se Hippanis seiner Leichtigkeit halber augen- scheinlich oben; das Pangaische ist im Winter um ein dritte Theil schwerer als im Sommer. Und die Griechen/ welche auff einer gewissen Wasser-Wage alle Wasser in Griechenland gewogen/ haben das Wasser im Brunnen Pi- rene das leichteste zu seyn befunden. Es mei- nen zwar etliche/ antwortete der Feldherr/ daß weil das Eretrische gute/ und das Amphiarati- sche boͤse Wasser einerley Schwere haͤtte/ nicht das Gewichte/ sondern diß das gewisseste Kenn- zeichen gesunden Wassers sey/ wenn selbtes ge- schwinde warm/ und bald wieder kalt wuͤrde/ o- der im Winter lau/ im Sommer Eiß-kalt waͤ- re. Aber die meisten pruͤfften seine Guͤte aus der Leichtigkeit/ als einem Merckmale/ daß es keinen irrdischen Beysatz habe. Daher denn das Fluͤßwasser denen Brunnen/ fuͤrnehmlich aber den felsichten Qvellen vorzuziehen waͤre. Unter den Fluͤssen aber verdienten den Preiß/ welche/ wie unsere gesunde Donau/ von Abend gegen Morgen lauffen/ weil diese die Sonne fuͤr andern herrlich laͤuterte und leichter machte. Ja/ sagte Rhemetalces/ deßhalben lassen die Koͤ- nige in Thracien ihr Trinckwasser aus dem Jster bringen. Alleine die von Mittag gegen Mitternacht lauffenden Fluͤsse haben eben so ge- sund- oder noch gesuͤnder Wasser. Weßwegen die Egyptier ihr leichtes/ und nur halb so viel Feuer als andere/ zu seiner Abkochung doͤrffen- dendes Nilwasser fuͤr das gesuͤndeste in der Welt/ und welches so gar unfruchtbare Frauen fruchtbar/ und ihre Leibes-Fruͤchte staͤrcker machte/ halten/ diesen Strom ihren Goldfluß/ ihren Jupiter heissen/ und goͤttlich verehren. Daher schickte Ptolomeus Philadelphus seiner dem Antiochus verheyratheten Tochter Bere- nice das Nil-Wasser stets in Assyrien mit grossen Unkosten zu. Zeno versetzte: die Persier hal- ten gleichwol das Wasser ihres Flusses Cho- raspes bey Susa noch viel leichter und besser/ welches nicht nur der Koͤnig alldar trincket/ son- dern auch abgekocht auf seine ferneste Reisen in silbernen Gefaͤssen auff Maul-Thieren mit sich fuͤhren laͤst. Hertzog Malovend brach ein: Er haͤtte sich berichten lassen/ daß die Persischen Koͤ- nige ihr gruͤnes Wasser/ welches nur sie und ih- re aͤltesten Soͤhne trincken doͤrfften/ aus Brun- nen schoͤpfften. Zeno antwortete: Es koͤnte beydes wol beysammen stehen/ und wuͤrden die- se wolluͤstige Koͤnige ihr Getraͤncke zweiffels- frey nicht seltener/ als ihr Hof-Lager veraͤndert haben; indem sie zu Susa den Winter/ zu Ec- batena den Sommer/ zu Persepolis den Herbst/ und Arminius und Thußnelda. und zu Babylon den Fruͤhling hingebracht. Die Jndianischen Koͤnige aber trincken bestaͤn- dig das Ganges-Wasser/ dessen ieder Becher ei- ne Untze leichter seyn solte als alle andere Wasser der Welt. Allein ich habe doch hernach bey den Serern/ (welche meines Erachtens die dinn- schaͤlichsten Zungen Wasser zu kosten haben/ und nicht leicht aus einem Brunnen trincken/ ehe sie das Wasser auff einer kuͤnstlichen Wage abge- wogen/) in der Landschafft Xensi zwey Fluͤsse Jo und Kiemo angetroffen/ welche wegen Leich- tigkeit keine Spreu oder Holtz/ weniger einiges Schiff tragen. Welche Umstaͤnde mich bere- den/ daß in selbten das leichste Wasser der Welt sey. Jch moͤchte wissen/ sagte der Feldherr: Ob diß schwerer oder leichter sey/ welches unsere Friesen in dem Mittags-Theile der Atlanti- schen Jnsel uͤber dem Andischen Gebuͤrge an- getroffen/ und auff der Wage viel leichter/ im Geschmacke viel koͤstlicher/ und zweiffelsfrey viel gesuͤnder/ als das Nil/ das Choraspes/ und Ganges-Wasser befunden haben. Jch will/ sagte Zeno/ weder mit den Friesen/ noch mit sonst iemanden wegen ihres Ge- schmacks einen Rechts-Streit anfangen/ wor- mit wir nicht jenen Philoxenus/ der ihm zu die- ser Pruͤfung eines Geyers Kehle/ und eines Kranchens Hals wuͤnschte/ oder die wegen ihrer scharffen/ und zum Theil drey gespitzten Zun- ge alle andere Thiere am Geschmack uͤbertref- fende Schlangen zu unserm Schieds-Richter zu erkiesen gezwungen werden. Dem Jupi- ter aber kan schwerlich sein Nectar besser schme- cken/ als mir das Wasser des Caucasus/ dessen Suͤßigkeit mich wieder zu dem Fuͤrsten Oropa- stes/ und der Syrmanis zu kehren reitzet; unge- achtet wir hier hundert mahl koͤstlicher/ als auff dem Caucasus/ oder auch Apicius bey seinen Ka- mel-Fuͤssen/ Huͤner-Kaͤmmen/ Pfauen- und Nachtigal-Zungen gessen haben/ und dieser ed- le Wein mit allen in der Welt um den Vorzug kaͤmpffen kan; Hingegen uns dort die von dem Priester genossene Kost bald ziemlich versaltzen ward. Der Feldherr danckte fuͤr die Willfaͤ- rigkeit des Fuͤrsten Zeno/ entschuldigte/ daß ihr Wasser-Gespraͤche Ursache gewest waͤre/ daß sie weder satt gessen/ noch auch getruncken haͤtten. Weil aber die allermaͤßigsten Griechen bey ih- ren Mahlzeiten ein Glaß voll Wein den Gra- tien/ das andere der Venus/ das dritte dem Dio- nysius/ und zum Beschlusse noch wohl das vierd- te dem Mercur zu ehren; Die Asiater aber das erste zur Gesundheit/ das zweyte zur Wollust/ und endlich eins zum Schlaffe/ oder den sie ver- sor genden Goͤttern zuzutrincken pflegten; moͤch- ten sie doch ihnen ein wenig wohl seyn lassen/ und durch allzu strenge Maͤßigkeit seiner Sparsam- keit keinen Vorruck thun. Alle anwesende/ aus- ser der seiner Wunden halber fuͤr sich selbst ent- schuldigte Zeno/ trancken ein Glaß auff gutes Gluͤcke des Feldherrn aus; welcher hiermit die Taffel auffheben hieß. Erato aber verwun- derte sich uͤbeꝛ dem entdeckten Tischblate/ welches von wellichtem Flaser-Holtze war/ und mit sei- nen Augen zugleich einen Pfauen-Schwantz fuͤrbildete. Daher rieff sie: wie die seltzame Pan- ther-Taffel in Deutschland kommen waͤre? Der Feldherr antwortete ihr laͤchlende: Aus dem naͤchsten von Orlen-Baͤumen gar reichen Wal- de/ aus derer Staͤmmen oder Wurtzeln dero- gleichen Flasern Brete haͤuffig geschnitten wuͤr- den. Rhemetalces fing an: Jch selbst haͤtte diß fuͤr außerlesenes Zeder- oder Zitronen-Holtz an- gesehen; ja ich muß auffrichtig gestehen/ daß die- ses Blat die zwey zu Rom fuͤr unschaͤtzbar gehal- tene Taffeln beschaͤmet/ derer iede Koͤnig Juba fuͤr 15000. Sestertier verkaufft. Noch weniger reichen ihm die zwey kostbaren Taffeln des Kaͤy- sers/ die er aus des Cicero Erbschafft/ und vom Asinius Gallus bekommen/ das Wasser. Es ist wahr/ sagte Zeno: auch die Heilffenbeinern Taf- feln der Jndianer waͤren hier der Zierde halber in keine Gleichheit zu ziehen. Thußnelda warff ein: Aber jene sind nicht/ wie unsere/ der Faͤulniß Erster Theil. E e e e unter- Fuͤnfftes Buch unter worffen. Zeno versetzte: Jch glaube/ daß diese bestaͤndiger als jene sind; weil das Helffen- bein mit der Zeit gelbe wird. Alleine welchem irrdischen Dinge laͤsset sich mit Bestand einige Bestaͤndigkeit/ ausser in dem Unbestande/ zueig- nen? Wuͤrmer und Faͤulniß sind nicht nur Werckzeuge der Eitelkeit/ und Scharffrichter der alles fressenden Jahre. Was kein Holtz- Wurm ausfressen/ keine Feuchtigkeit verfaͤu- len kan/ wird durch Sturmwinde zerdruͤmmert/ durch Blitz eingeaͤschert/ durch Erdbeben zer- nichtet. Die Brunnen vertrocknen/ die Stei- ne werden zu Staube/ und gantze Gebuͤrge wer- den uͤber einen Hauffen geworffen; wie mir der grosse Caucasus ein grausames Schauspiel fuͤr Augen gestellet hat. Denn nachdem wir bey unserm wohlthaͤtigen Priester des Prometheus die Nacht uͤber wohl ausgeruhet hatten/ nahmen wir fruͤh Abschied/ gingen durch ein steinichtes Thal/ stiegen hierauff einen andern gaͤhen Berg hinauff/ in willens daselbst eine Hoͤle zu beschau- en/ in welcher Hercules/ und seine nach Col- chis gereisete Gefaͤrthen ihre Gedaͤchtnisse ver- lassen haben sollen. Wir waren noch nicht gar auff der Spitze/ als der Fels unter uns zu beben/ und der gantze Berg gleichsam wie eine haͤngen- de Wagschale hin und wieder zu wancken an- fing. Der Himmel war helle und heiter; die uns rings umher umgebende Berge aber spey- ten mit grossem Gekrache Blitz und Flammen aus. Der hoͤchste Gipffel des Caucasus brach entzwey/ und uͤberschuͤttete mit seinem Grause die darbey liegenden Thaͤler; mit dem Rauche aber/ den er aus seinem itzt auffgespaltenen Ra- chen ausstieß/ verfinsterte er das weite Gewoͤlbe des Himmels/ und die durchdringenden Strah- len der Sonne. Der Tempel des Prometheus fiel mit seinem felsichten Fusse in das Thal her- ab/ durch welches wir erst gegangen waren; also daß das grosse Welt-Gebaͤue sich nunmehr in sein Nichts zu verwandeln schien. Jch stelle zu iedes Nachdencken/ wie wir gezittert/ da die Klip- pen zitterten/ und wir die Berge zerbersten/ die Steine zeꝛschmeltzen sahen. Unseꝛ Antlitz erblaß- te/ die Zunge verstummte/ das Hertze schlug/ als wenn es sich aus dem in so grosser Lebensgefahr schwebenden Leibe reißen wolte/ und unsere Bei- ne waren nicht mehr starck genug uns auff den Fuͤssen zu erhalten; daher wir auff den Erdbo- dem fielen/ und unter der Furcht/ daß wir von denen einfallenden Gebuͤrgen bald in dem Ab- grunde der Erden wuͤrden begraben werden/ al- ler Sinnen beraubet wurden. Jch weiß nicht zu sagen/ wie lange wir in dieser Ohnmacht gele- gen/ oder wie lange der Lauff unsers Lebens all- hier gehemmet gewest. Gleichwohl kriegte ich zum ersten meine Siñen wieder/ und raffte mich aus dieser Asche/ darmit wir inzwischen gantz waren bedeckt worden/ wieder auff; Oropastes aber und Syrmanis blieben noch gantz fuͤr todt liegen. Weil ich nun den Goͤttern fuͤr Erhal- tung meines Lebens nicht besser als durch huͤlff- bare Beyspringung und Liebe gegen meinen Gefeꝛthen zu dancken wuste/ eilte ich einer unfer- ne von dem Berge abschuͤssenden Bach zu/ schoͤpffte daselbst in meine Haͤnde Wasser/ brach- te auch endlich durch Kuͤhl- und Reibung zuwege/ daß anfangs Oropastes/ und hernach die Fuͤrstin Syrmanis wieder zu sich selbst kamen; wiewohl sie eine lange Weile kein Wort reden konten. Endlich sprachen wir einander wieder ein Hertze zu/ fielen auf unsere Antlitzer/ um unsern Schutz- Goͤttern Danck zu sagen/ und fuͤr fernere Be- schirmung andaͤchtig anzuruffen. Wir verwun- derten uns hierauff uͤber der seltzamen Veraͤn- derung der gantzen Gegend/ welche wir nicht ge- kennt/ sondern uns vielmehr in ein ander Land versetzt zu seyn gemeinet haͤtten/ wenn nicht wir die Stuͤcke von dem herab gestuͤrtzten Promethi- schen Tempel erkennet haͤtten. Weil denn der Berg/ dar auff wir waren/ auff der Seite/ dahin wir wolten/ auch abgespalten und unwegbar worden war/ kehrten wir/ theils aus Noth/ theils aus Vorwitz/ den Graus des herrlichen Tem- pels Arminius und Thußnelda. pels zu bescha uen/ wieder in das Thal/ fanden a- ber alles denckwuͤrdige entweder in Staub ver- wandelt oder unter die Klippen vergraben; Aus- ser des Prometheus Leichenstein/ den wir doch im Tempel nie wahr genommen hatten/ lag an einen Stein angelehnet/ dessen obeꝛste Seite uns mit seiner Schrifft benachrichtigte/ wo er her- kommen waͤre. Denn es war darauff zu lesen: Prometheus nicht/ sein Staub liegt nur in dieser Hoͤle; Sein lebend Leib war schon in dieses Berges Klufft Versperrt; die Sternen warn die Wohnung seiner Seele. So war er halb gebohrn dem Himmel/ halb der Grufft. Auff der andern und inwendigen Seite war eingegraben: Schilt nicht/ o kleine Welt/ auff Untergang und’s Grab; Dein Talg ist ja nur Staub/ dein Grund ein Thoͤnern Fuß Auch stuͤrmst du auff dich selbst/ vergiebst durch Uberfluß Gesunder Speisen dir; frist’s Hertze dir selbst ab Durch Ehrsucht/ Rache/ Geitz. Dein laͤngster Maͤßestab Haͤlt dreyzehn Spannen kaum; da der Verhaͤngniß - Schluß Der grossen Welt nicht schont/ wenn auch’s Gestirne muß Verschwinden/ das der Nacht so Licht als Leben gab. Die Sonn’ ist selbst nicht frey von Fleck und Eitelkeit/ Der Himmel schrumpffet ein/ wird ein vermodernd Kleid/ Der Sternen Oel verseugt/ die Tempel stehn entweih’t Die Fluͤsse trocknen aus/ der Berge Marck verstaͤubt. Allhier war ein Stuͤcke vom Steine abgebro- chen/ und also mangelte der Schluß dieser Rey- me. Weil wir denn ohne diß wegen Mattigkeit uñ einbrechendeꝛ Nacht allhieꝛ uͤbernachten mu- sten; grub ich mit einem daselbst befindlichen spi- tzigen und harten Steine folgende Worte darzu: Die Graͤber fall’n in’s Grab. Was frißt nun nicht die Zeit? Nun auch die Asche nicht uneingeaͤschert bleibt. Ob wir nun wohl nach der mehr durch unru- hige Traͤume/ als durch sanfften Schlaff hinge- brachte Nacht/ nicht Ursache hatten/ an diesem gefaͤhrlichen Orte viel Zeit zu verspielen; so weiß ich doch nicht: ob unsere Erbarmung uͤber dieser Verwuͤstung/ oder unser Vorwitz/ welcher auch in denen Einaͤscherungen und in zermalmetem Grausse herrlicher Gebaͤu etwas schoͤnes zu fin- den ihm eingebildet/ uns noch einen halben Tag in Beschauung des zerdruͤmmerten Tempels aufhielt. Hierauff erinnerte uns die Begierde unsers Magens auf unsere Speise und hiermit auch auff Enderung unsers Ortes vorzusinnen. Dem erstern Vergnuͤgung zu schaffen/ fanden wir nichts/ als etliche Wurtzeln. Dahero haͤtten wir uns gerne in das von uns verlassene Para- diß zuruͤck gezogen/ wenn uns das Erdbeben durch Abspaltung so vieler Stein-Klippen nicht alle Wege verschrenckt haͤtte. Die Fuͤrstin Syr- manis kam in dieser Einoͤde wiederum die Liebe ihres Vaterlandes an/ fuͤr welcher ihr so lange geeckelt hatte. Daher rieth der ihr beystim̃ende Oropastes/ wir solten unsern Weg nach Nord- west einrich ten/ da wir entweder an die Bruñen des Flusses Hippus oder Agrus kom̃en wuͤrden/ welche beyde in diesem Gebuͤrge ihren Ursprung haͤtten/ und durch das Land Colchis in das Euxi- nische Meer ihr Wasser ausschuͤtteten. Wir be- fahlen unsern wenigen Bedienten an den Fel- sen hinauff zu klettern und zu erkundigen: Ob wir daselbst aus diesem steinernen Gefaͤngniße einige Ausflucht finden koͤnten? Aber nachdem sie mit eusserster Lebens-Gefahr sich verstiegen/ wurden sie theils durch die Unmoͤgligkeit ferner zu kommen genoͤthiget/ theils durch unsere Zei- chen verursachet mit noch groͤsserer Gefahr zu- ruͤck zu kehren. Weil wir nun durch unsere eus- serste und beynahe verzweiffelnde Muͤhwaltung nirgend anders/ als Ostwerts aus dem Crantze dieser unsaͤglich hohen Berge endlich einen Weg selbte zu uͤbersteigen fanden/ musten wir hier nur den Leitungen der Natur/ nicht unsers Willens folgen. Wiꝛ kamen den dꝛitten Tagan eine ziem- lich starcke Bach/ welche gegen der Sonnen Auf- gang von den Gebuͤrgen abschoß. Dieser folg- ten wir/ als unser Einbildung nach einer Weg- weiserin zu dem Caspischen Meere/ und dannen- hero auch in eine von Menschen bewohnte Land- schafft; Welche letztere wir auch nach zweyer Tage beschwerlicher Reyse erlangten/ auff der uns gleichwohl etliche von unsern Pfeilen erleg- te Gemsen zur Speise aushalffen. Daselbst nah- men wir wahr/ wie diese Bach nebst etlichen an- E e e e 2 dern Fuͤnfftes Buch dern hieher zusam̃enlauffenden Fluͤssen von ei- ner uͤberaus hohen Tieffe mit schroͤcklichem Ge- raͤusche verschlungen wurden. Es grausete ei- nem/ wenn man in diesen Strudel sahe; die sonst einfaͤltigen Einwohner aber versicherten uns/ daß diese Tieffe ein Theil der unterirrdischen Hoͤle waͤre/ durch welche das Caspische uñ schwaꝛ- tze Meer unsichtbar sich mit einander vereinbar- ten. Wir hielten diß zwar fuͤr einen Traum der einfaͤltigen Jberier/ bey denen wir uns nunmehꝛ befanden; und glaubte ich dieser zweyen Meere Verbindung so wenig als vorhin/ daß der Grie- chische Fluß Pyrꝛhus zu Syracusa in den Bꝛun- nen Arethusa/ der Phrygische Fluß Meander in dem Peloponesischen Strome Asopus/ der sich verschlingende Phrat in dem Flusse Nilus seinen Ausgang haben solte; wie wir aber gleichwohl mehr aus Schertz als Ernst nach dem Grunde dieser Meinung fragten/ berichtete uns ein Eiß- grauer Mann/ daß man offtmahls in diesem Strudel eine gewisse Art Schilff/ welches nur im Caspischen Meere wuͤchse/ und eine gewisse Art Fische/ die nur im schwartzen Meere sonst zu finden waͤren/ finge. Uber diß hatte er in seiner Jugend auff seinen Reisen selbst angemercket/ daß das Caspische Meer bey wehenden West- winden sich hoch angeschwellet/ hingegen das schwartze bey dem Ostwinde uͤberaus hefftig sich beweget und gebrauset haͤtte. Welches keine an- dere Ursache seyn koͤnte/ als daß der ordentliche Ausfluß des Caspischen Meeres durch die West- winde gehindert/ durch die Ostwinde aber gewal- tig befoͤrdert wuͤrde. Uberdiß nehme das Caspi- sche rings um mit der Erde umfangenes Meer funffzehn Haupt-Fluͤsse ein/ gleichwol aber lief- fe es nicht uͤber; also diese unbegreiffliche Menge Wasser sich ja irgends wohin verlieren muͤste. Endlich waͤre ein unfehlbares Zeugniß dieser verborgenen Zusam̃en fluͤssung/ daß fuͤr etlichen Jahren ein Fisch im Caspischen Meere waͤre ge- fangen worden/ an dessen Schwantze ein guͤlde- ner Ring gehangen haͤtte/ mit dieser Uberschrifft: Mithridates gab mir zu Sinope die Freyheit und dieses Geschencke. Der Feldherr fiel dem Fuͤrsten Zeno in die Rede/ mel- dende: Es waͤre die Zusammenverbindung der Wasser eines von denen groͤsten Wundern der Welt/ und glaubte er: daß wie in dem menschli- chen Leibe keines der kleinesten Aederlein waͤre/ das nicht seinen richtigen Gang zum Hertzen haͤtte; also waͤre auch in der Erdkugel kein Bruñ/ keine Bach/ keine See/ die nicht an dem grossen Welt-Meere hinge/ und daher muͤsten alle Fluͤs- se/ die nicht ins Meer sich ergiessen/ sondern un- ter die Erde sich verschlingen/ alle Meere und Seen/ welche keine eusserliche Einfarth ins Meer haͤtten/ durch unterirrdische Vereinba- rung an selbtes verknuͤpfft seyn. Ja ihn habe sein Lehrmeister aus wichtigen Gruͤnden bere- det/ daß das Caspische Meer nicht nur mit dem Schwartzen/ sondern gar mit dem Persischen/ das rothe mit dem Mittel-Meere/ in ihrem Deutschlande die West-mit der Ost-See/ und viel andere mit einander verborgene Gemein- schafft haͤtten. Zu Alexandria habe ihm auch ein Priester erzehlet/ daß ein schoͤner Delphin/ wel- chem Ptolemaͤus eine guͤldene Taffel mit seinem Namen angehenckt/ und wieder ins rothe Meer versetzt/ wenig Tage hernach bey dem Einflusse des Nils im Mittel-Meere gefangen worden waͤre. Fuͤrst Zeno pflichtete dem Feldherrn bey/ und sagte: die Natur waͤre freylich wohlder rech- te Baumeister/ die Kunst nur ein Pfuscher/ oder ein Affe. Denn sie haͤtten unterweges noch die ohnmaͤchtigsten Merckmahle derer von Selev- cus Nicaner gefuͤhrter tieffen Graben gesehen/ in welchen er das Caspische und Euxinische Meer haͤtte zusammen leiten wollen. Nach dieser und der Einwohner Anleitung waͤren sie in Albani- en zu dem Flusse Cyrus kom̃en/ auff selbigem zu Schiffe hinunter gefahren/ auf der lincken Sei- te die beruͤhmte Stadt Cyropolis lassende/ biß wo dieser Fluß in den Arares faͤllt/ mit welchem er sich hernach durch einen Mund in das Caspi- sche Meer stuͤrtzet. Weil mir aber bedencklich war/ allzu tieff in das Medische Gebiete uns zu Arminius und Thußnelda. zu machen; reiseten wir Nord-Ostwerts zu Lande zu der beruͤhmten Stadt Terebynth/ welche der grosse Alexander an das Caspische Meer/ und an das Ende des von dem Caspischen Gebuͤrge sich dahin erstreckenden Armes/ nebst noch einer Mauer uͤber das Gebuͤrge/ vierhundert Sta- dien lang/ wider die Amazonen und andere Nord-Voͤlcker gebauet hat. Allhier wurden wir schluͤssig uͤber das Caspische Meer gegen dem Fluffe Rha/ der mit siebenzehn Stroͤmen in selbiges Meer faͤllt/ und auf selbtem biß da- hin/ wo er sich dem Tanais auf wenige Mei- len naͤhert/ alsdenn auf diesem Strome uͤber die Meotische und das Euxinische Meer zum Bo- risthenes/ oder Hippanis als des Fuͤrsten Oropa- stes und seiner Schwester Syrmanis Vater- land zu schiffen. Wir segelten anfangs mit gutem Winde; des Nachts aber wurden wir von dem starcken hin und wieder schlagen des Schiffes erwecket/ indem sich ein harter Nord- West-Wind erhob/ welcher sich in weniger Zeit in den grausamsten Sturm-Wind verwandel- te. Das brausende Meer hob uns mit seinen Wellen bald biß an die Wolcken empor/ wel- che uns theils mit einer neuen See zu besaͤuffen/ theils mit unaufhoͤrlichem Blitze einzuaͤschern draͤueten; bald stuͤrtzte es unser Schiff in den ab- scheulichsten Abgrund/ an welchem in wenigen Stunden der Mast abbrach/ und zu unserm aͤrgsten Schrecken den umb die gemeine Wohl- farth aͤuserst bemuͤhten und wohlerfahrnen Schiffer toͤdtete. Das Steuer-Ruder ging kurtz hierauf auch entzwey/ die Ancker waren nicht zu gebrauchen/ und die Boots-Knechte liessen aus Verzweifelung Haͤnde und Muth sincken; zumal ohne diß nichts mehr auf dem Schiffe zu thun war/ als daß wir das darein spritzende Wasser ausplumpeten/ und hin und wieder die Fugen der Schiffs-Taffeln verstopf- ten. Kein Mensch war zu sagen auf dem Schiffe/ welcher noch einige Hoffnung des Le- bens uͤbrig behielt; ja ihrer viel wuͤntschten nur einen geschwinden Untergang/ umb sich nur der mehr empfindlichen Todes-Furcht zu entbre- chen/ welche allemal empfindlicher ist/ als der Tod selbst. Ja die Fuͤrstin Syrmanis selbst brach nach zweyer Tage Ungewißheit: Ob wir lebendig oder todt waͤren/ die Gedult aus/ daß sie sich uͤbers Verhaͤngnuͤß beschwerete: War- umb sie die zornigen Goͤtter nicht lieber durch Erdbeben unter den Promethischen Tempel be- graben haͤtten/ als daß der Schlag iedweder Welle ihr den Tod nicht anders als eine Schlag- Uhr die Zeit andeutete? Jch redete ihr also ein: Sie moͤchte doch ihr Klagen maͤssigen/ um durch Ungeduld den gerechten Zorn der Goͤtter nicht mehr zu erheben. Diese muͤsten durch deroglei- chen Sterbens-Glocken uns zuweilen unserer Sterbligkeit erinnern/ weil wir auf die Anzei- gung der von der Natur in unsere Brust ge- pflantzten Uhr so wenig Achtung gaͤben. Denn ieder Schlag unsers Hertzens deutete uns nicht weniger/ als die wuͤtenden Wellen die Naͤhe- rung unsers Endes an. Jedwedes Athemho- len solte nichts minder als der uns schreckende Donner in Ohren klingen/ und uns zum Schiff- bruche zubereiten. Welche Vorbereitung bey den Sterblichen alle Augenblicke fertig seyn sol- te/ weil unser Hertz und Lunge ein Compaß ohne Nadel/ und eine Uhr ohne Weiser waͤre/ nach- dem wir weder Ort noch Zeit unsers Ablebens vorsehen koͤnten. Wer aber derogestalt berei- tet waͤre/ und durch die Tugend sein Gewissen beruhigt haͤtte/ der schwebete mit lachendem Munde zwischen Donner und Sturmwind; er blickte mit einerley Gebehrdung den Rachen des Abgrunds und den Hafen des Lebens an; er zwinckerte mit keinem Augenliede fuͤr dem To- de/ und er veraͤnderte nicht einst die Farbe fuͤr dem Hencker. Fuͤrst Oropastes stim̃te meinen Troͤstungen mehrmals bey/ und Syrmanis entbrach sich ja zuweilen ihrer Traurigkeit; aber die Laͤnge der Gefahr/ und die Schwachheit ih- res Geschlechtes rieß ihr bey Zeite wieder ihre Wunden auf. Sie haͤtte wohl/ sagte sie/ ehe- mals mit unverwendetem Aug-Apfel dem To- E e e e 3 de das Fuͤnfftes Buch de das blaue in Augen gesehen; aber diß waͤre ja allzu schrecklich/ wenn man weder sterben/ noch genesen koͤnte; wenn der Tod uns als ein Ge- spenste vor dem Gesichte herumb irrete/ das Le- ben aber durch blasse Furcht uns beunruhigte. Dieses waͤre das grausamste aller schrecklichen Dinge/ und ein unvermeidliches Fallbret der bestaͤndigsten Gemuͤther. Oropastes versetzte ihr: Die schon einmalige Beunruhigung ihres Gemuͤthes ziehe so viel Duͤnste niedriger Ein- bildungen empor. Der klaͤreste Brunn wuͤr- de durch wenigste Aufruͤhrung/ das edelste Ge- muͤthe durch geringe Ungedult truͤbe; und/ wie ein Quell sich durch nichts besser/ als wenn man selbtes in Ruh liesse/ ausklaͤrete; also besaͤnftigten sich Zorn/ Furch/ und andere truͤbe Gemuͤths- Regungen nicht besser/ als mit der Zeit von sich selbst. Die Gedult waͤre eine Mutter der Hoffnung/ diese der Klugheit. Ein Kluger aber siegete uͤber alles/ und er machte sich zum Meister uͤber Wellen und Sterne. Biß in fuͤnften Tag waͤhrete dieser elende Zustand/ als sich der Sturm nach und nach legte/ uns aber noch zur Zeit schlechte Hoffnung unserer Erloͤ- sung machte/ nachdem wir des Mastes und des Steuer-Ruders beraubt/ und also in der blossen Willkuͤhr dieses unguͤtigen Meeres lebten. Ob wir uns nun derogestalt als ein aller Spann- Adern beraubter Leib weder mit Segel noch Rudern forthelffen konten; so vermerckten wir doch aus dem hin- und wieder schwimmenden See-Schiffe/ daß unser Schiff durch den noch strengen Nord-West-Wind starck fortgetrieben ward. Nach vier Tagen erblickten wir von ferne ein Gebuͤrge/ iedoch unter zweifelhafter Beysorge: Ob es nicht Wolcken waͤren/ biß wir nach der zwischen dem Angel der Furcht und Hoffnung bingelegter Nacht uns nahe am Ufer sahen/ kurtz aber darauf mit unserm Schiffe am Boden feste zu stehen kamen; welches denn auch also fort von den Wellen zerstossen ward/ und sanck/ also/ daß ein ieder nunmehr mit Schwim- men sich zu retten gezwungen ward. Oropa- stes und ich/ haͤtten leicht ans Ufer kommen koͤn- nen/ wenn die Vorsorge fuͤr die zwar sonst des Schwimmens wohl erfahrne/ aber durch bißhe- rigen Sturm und Kummer gantz abgemattete Fuͤrstin Syrmanis zuruͤck gehalten haͤtte; wel- che/ ungeachtet unserer Huͤlffe/ so viel Wassers eintranck/ daß wir sie fuͤr todt ans Ufer/ und durch viel Muͤh kaum wieder zum Athem-ho- len brachten. Wir hatten uns bey einem ge- machten Feuer kaum ein wenig abgetrocknet und gewaͤrmet/ als wir einen Schwarm Reiter mit verhencktem Zuͤgel dem Rauche nach auf uns zurennen sahen; Weil wir nicht wusten/ an welchem Ende der Welt wir waͤren/ konten wir auch von diesen Leuten nichts urtheilen. Jhre Kleidung aber verrieth sie alsofort/ daß sie Nomades/ ein Scythisch Volck waren. Diese rechtfertigten uns also fort anfangs in ihrer/ her- nach in der etwas veraͤnderten Parthischen Sprache/ wer wir waͤren/ und wie wir dahin kommen? Wie sie nun unsern Schiffbruch/ und daß wir Armenier waͤren/ (denn hierfuͤr hielte ich rathsam/ uns auszugeben/ weil die Scythen der von ihnen ausgetriebenen Parthen/ diese aber der Armenier gleichsam angebohrne Feinde sind/) verwandelte sich die ihnen von uns zugedachte Raubsucht in Mitleiden. Dahero verstaͤndigten sie uns/ daß wir in der Landschafft Sogdiana/ zwischẽ dem Flusse Oxus und Japartes/ nicht ferne von der Stadt Za- haspa uns befindeten. Dieses Land haͤtte fuͤr Ale- xandern nebst denẽ auf der linckẽ Hand des Flus- ses Oxus gelegenẽ Bactrianeꝛn Oxyartes beherꝛ- schet/ dessen Tochter Roxanen Alexander geehli- chet. Nach Alexanders Tode haͤtte sich Theodo- tus uͤber tausend Bactrianische Staͤdte/ und uͤber alles/ was zwischen dem Oxus und Jaxartes lie- get/ zum Koͤnige aufgeworffen. Diesem haͤtte sein Sohn gleichen Nahmens/ und endlich En- cratides gefolget/ welcher letzte wider den Jndia- nischen Koͤnig Demetrius unerhoͤrte Tapferkeit ausgeuͤbet/ indem er 60000. Feinde/ welche ihn in der Arminius und Thußnelda. in der Festung Maracande 5. Monat belaͤgert/ mit 300. Reitern zernichtet/ hernach sich Jndi- ens biß an Ganges gar bemaͤchtiget haͤtte. Wie aber des Encradites Sohn und Reichs-Geferte Zariaspes die Unterthanen allzu harte gehalten/ waͤren die Sogdianer von ihm abgefallen/ und als Zariaspes endlich gar seinen Vater ermor- det/ uͤber seinen blutigen Leib/ gleich als uͤber ei- nen besiegten Feind mit den Pferden gespren- get/ und die Leiche zu begraben verboten/ haͤtten die uͤber dem Jaxarthes wohnenden Nomades/ und Mithridates/ der Parther Koͤnig/ das Ba- ctrianische Reich unter einander getheilet/ und den unferne von dar fluͤssenden Oxus zu ihrer Reichs-Graͤntze gemacht. Jtzo beherrschte dis Land der grosse Koͤnig der saͤm̃tlichen Scythen/ dessen Gebiete sich von dem Flusse Rha biß an das Reich des Koͤnigs Sophites/ welcher sich dem grossen Alexander ohne Schwerdt-Streich un- terworffen/ erstreckete. Hierauf deutete uns der ansehlichste unter diesen Scythen an/ daß wir ih- nen zu ihrem von dar nicht weit entfernten Fuͤr- sten folgen muͤsten; wordurch die mit uns ge- strandetẽ Gefaͤrthen nicht wenig erschrecket wur- den. Dieses nahm vorerwehnter Scythe wahr; daher redete er uns aufs freundlichste zu: Wir moͤchten kuͤhnlich alle Furcht und Verdacht sin- cken lassen. Sie wuͤsten gar wohl/ daß einige Auslaͤnder sie nur fuͤr Halb-Menschen hielten/ welche alle Frembdlinge schlachteten/ sich mit ih- rem geroͤsteten Fleische speiseten/ und aus ihren Hirnschaͤlen traͤncken. Alleine die Erfahrung wuͤrde ihnen die Scythen nicht nur als vollkom- mene Menschen/ sondern auch als die gerechtestẽ unter allen Sterblichen fuͤrbilden. Jnsonderheit solten sie nicht glaͤuben/ daß man daselbst wider sie grausamer/ als die ihrer verschonende wilde Wellen seyn wuͤrde. Wir kamen nach ein paar Stunden an den beruͤhmten Strom Oxus/ an dessen Ufer der Koͤnigliche Stadthalter uͤber Sogdiana sein Zelt aufgeschlagen hatte. Dieser bewillkom̃te uns mit freundlichen Geberden/ und nachdem er unser Vaterland und Unfall verstanden/ ließ er uns alsofort eine Trachtvoll Speisen/ unter denen gesaͤuerte Pferde-Milch und gebratenes Cameel-Fleisch die koͤstlichsten Geruͤchte waren/ auftragen. Hierauf tranck er uns dreyen selbst eine Schale Wasser aus dem See Kia zu/ wor aus der Fluß Ganges entsprin- get/ welches alle Grossen bey den Scythen holen lassen. Nach vielen erwiesenẽ Hoͤfligkeiten sagte er uns: Weil der grosse Koͤnig der Scythen Hu- hansien gegen die Seren einen maͤchtigen Zug fuͤr haͤtte/ zu dem er bey dem Ursprunge des Flus- ses Ganges zu stossen befehlicht waͤre/ muͤsten wir zwar nach ihren Reichs-Gesetzen/ welche alle streitbare Frembdlingen in Koͤnigs-Dienste noͤ- thiget/ dem Koͤniglichen Heerlager folgen; er versicherte uns aber/ daß der Koͤnig/ als ein Lieb- haber der Auslaͤnder/ uns gnaͤdig empfangen/ und ehrlich verhalten werde. Als wir nun aus der Noth eine Tugend machen/ und also unsere Freywilligkeit dem Zwange vorkommen muste/ ließ er uns etliche schoͤne Pferde/ und einen Vor- rath Scythischer Waffen herzu bringen/ wor- durch wir uns nach eigener Wahl ausruͤsteten. Wir reiseten also drey Tage harte an dem Ufer des Oxus/ aber weil wir alles Wasser mit uns fuͤhren musten/ nicht ohne grosse Beschwerlig- keit/ und derogestalt bey einem so grossen Stro- me in grosser Armuth des Wassers. Sintemal das in dem Flusse Oxus so schwer und so truͤbe/ daß man von dessen offterẽ Genuͤß gefaͤhrlich er- krancket. Den vierdten Taglenckten wir uns Nordwerts/ und reiseten uͤber eine saͤndichte Flaͤ- che/ welche aber durch unzehlich viel aus dem Flusse Oxus abgeleitete Baͤche/ die seinen be- ruͤhmten Strom so sehr vermindern/ daß seine gaͤntzliche Versaͤndung mit der Zeit zu besorgen/ bewaͤssert/ auch sein sonst untrinckbares Wasser durch so vielen Sand mercklich gelaͤutert und verbessert ward. Den siebenden Tag lendeten wir nicht ferne von dem Sogdianischẽ Steinfels an/ welcher 30. Stadia hoch seyn soll/ und eine unuͤberwindliche Festung auf sich hat/ die Ale- xander durch Verraͤtherey erobert. Wir uͤber- nach- Fuͤnfftes Buch nachteten in der Stadt/ oder/ vielmehr in dem Steinhauffen der von Alexandern eingeaͤschertẽ Stadt Branchis; folgenden Tag aber erreichten wir die beruͤhmte Stadt Buchara/ bey welcher sich ein ander Sogdianischer Fuͤrst mit 10000. Mann zu uns schlug. Nachdem wir einen Tag ausgeruhet/ kamen wir nach dreytaͤgiger Reise in der Sogdianischen Haupt-Stadt Sa- marcanda an dem Flusse Jsarlo an. Allhier stieß die gantze Sogdianische in mehr als 100000. streitbaren Maͤnnern bestehende Macht zu- sammen/ welche der Koͤnigliche Stadthalter mu- sterte/ hernach der Lebensmittel halber/ die ohn dis großen theils auf Kamelen mit gefuͤhret werden muste/ wieder in drey Hauffen vertheilte/ und ge- gen die Landschafft der Tacken ihren Zug einzu- richten befehlichte. Wir reiseten wohl zwantzig Tage/ biß wir nach Cascar unter das Gebuͤrge Jmaus kamen/ welches sich von dem Mitter- naͤchtischen Welt-Meere an/ bis an das Gebuͤr- ge Paropamisis/ welches die Macedonier/ Ale- xandern zu Ehren/ den Caucasus hiessen/ und von dar biß uͤber den Fluß Oxus/ als ein Ruͤckgrad/ sich erstrecket/ auch endlich in Bactriana mit dem Taurischen Gebuͤrge sich verknuͤpfet. Allhier stieß das Heer wieder zusammen/ als welches durch eine gefaͤhrliche Enge uͤber das Gebuͤrge/ von welchem etliche hundert fehltretende Camee- le und Pferde in die tieffsten Abgruͤnde stuͤrtze- ten/ ziehen muste. Wir brachten hieruͤber zehn Tage zu; iedoch nach dem das Heer an den Fluß Caradrus kam/ auf welchem alles Heer-Geraͤ- the zu Schiffe gefuͤhret werden konte/ ward selb- tes einer grossen Last entbuͤrdet/ und dadurch der Zug mercklich beschleuniget. Wo dieser Strom sich nun mit dem Ganges vereinbaret/ traffen wir den Koͤnig Huhansien an/ welcher mit 200000. Scythen/ darunter aber auch viel Sarmater und Deutsche waren/ an dem Flusse Jaxarthes Strom-auf gezogen war. Dieser grosse Koͤnig gab uns unter einem baumwoͤllenẽ Gezelt Gehoͤre. Auf dem Haupte hatte er statt einer Krone einen guͤldenen Wieder-Kopf/ sein Kleid war ein purpurfaͤrbichter Seidenrock/ mit schwartzen Fuͤchsen durchfuͤttert/ die Sebel hatte allein einen guͤldenen Grieff und Beschlaͤge mit Edelgesteinen versetzt. Denn die Scythen wuͤrdigen alleine zu den Waffen/ zu keiner an- dern Uppigkeit dieses seltzame Ertzt. Nach dem er von uns ietzigen Zustand Asiens/ und des Roͤ- mischen Reiches erforschet/ auch von uns die Er- klaͤrung ver nommen hatte/ daß wir unter seinen Fahnen fechten wolten/ ordnete er uns einen reichlichen Unterhalt an allerhand Lebens-Mit- teln/ beschenckte uns mit seidenẽ Roͤcken/ Sebeln und Bogen/ und schwur bey dem Winde und seiner Sebel/ daß er nach gluͤcklich verrichtetem Feldzuge uns mit reichen Geschencken in Ar- menien liefern wolte. Er ließ noch selbige Nacht an einer Bruͤcke uͤber den Ganges arbeiten/ welche zu unser Erstaunung folgendẽ Tag gegen Abend fertig war. Wo der Ganges/ sagte Hertzog Arpus/ so groß als unser Rhein ist/ mag Kaͤyser Julius sich verkriechen/ dessen in zehn Tagen uͤber unsern Strom geschlagene Bruͤcke die Roͤmer fuͤr ein halbes Wunderwerck halten. Jn alle Wege/ antwortete Zeno. Denn der Gan- ges ist/ wo er am schmaͤlesten/ 100. Stadien breit/ und an diesem Orte staͤrcker als der Nil/ und der Jster zusam̃en. Daher er des Huhansiẽ Bruͤckẽ- Bau fuͤr etwas wichtigers/ als Darius uͤber den Thracischen Bosphorus/ und des Xerxes hielte/ welcher sich dem Neptun Fessel angelegt zu habẽ geruͤhmet/ weil er uͤber den Hellespont eine Schiffbruͤcke geschlagen; fuͤr Alexanders gegen der Stadt Tyrus gebautem Tamme haͤtte sich zwar das Meer entsetzt/ und Neptun seine Wall- fische darwider ausgeruͤstet; aber es waͤre ein Werck von 7. Monaten gewest. Des Pyrrhus und Varro Vorhaben von Apollonia aus Grie- chenland nach Hydrunt in Jtalien/ uͤber das A- driatische Meer einen Weg zu baͤhnen/ waͤre in den ersten Knospen der Einbildung ersticket. Lu- cullus haͤtte zwar die auf dem Lande abgetragene Berge in die See gesenckt/ und Lusthaͤuser drauf gesetzt; oder vielmehr aus dem Meere Land/ und aus Arminius und Thußnelda. aus dem Lande Meer gemacht/ also den Nahmen des langroͤckichten Xerxes bekom̃en; aber auch diese Verschwendung waͤre weder dem Nutzen/ noch der Geschwindigkeit halber mit Huhan- siens Wercke zu vergleichen/ welcher gleichwol acht Tage mit Ubersetzung des Heeres theils auf Schiffen/ theils uͤber die Bruͤcke zu thun hat- te. Wiewol noch ein absonderes Heer von de- nen dem Huhansien biß an das Nord-Meer un- terthaͤnigen Scythen gegen die Serer anzog. Wir setzten hierauf uͤber das Gebuͤrge des Pa- ropamisus unsere Reise schleunigst fort/ und ka- men nach zwey Monaten qver uͤber die lange Sandwuͤsteney Lop nicht ferne von der Seri- schen Graͤntze an. Wir konten in dieser Ein- oͤde/ welche weder Wasser/ Laub noch Graß hat/ sondern hin und her nur etliche stachlichte Kraͤuter und Hecken zeuget/ uns uͤber die Haͤr- tigkeit der Menschen und des Viehes nicht ge- nungsam verwundern. Das mitgefuͤhrte Wasser reichte kaum fuͤr das Kriegesvolck/ also musten Pferde und Kamele ungetraͤnckt sich mit den duͤrren Kraͤutern/ die Scythen aber sich mit dem Pferde-Blute vergnuͤgen/ welches sie aus- sogen/ wenn die Natur von sich selbst/ oder sie ih- ren zu sehr erhitzten Pferden zur Ader liessen. Hertzog Rhemetalces fiel ein: Die in dieser Wuͤsten reisenden solten billich die Eigenschafft jenes Griechen von Argos haben/ den sein Leb- tage nie duͤrstete/ auf der weiten Reise zu dem Ammonischen Jupiter nur saltzichte Speisen aß/ und gar nicht/ ja auch sonst sehr selten tranck. Zeno setzte bey: Casyrta Lasionius wuͤrde sich e- benfals gar wol zu uns geschicket haben/ welcher in dreißig Tagen nichts tranck/ auch nichts feuchtes aß; gleichwol aber Wasser von sich ließ. Es waͤre beydes viel/ sagte der Feldherr/ und duͤnckt mich/ es haben die Griechen beydes nichts minder/ als die Hyperborier vergroͤssert/ welche ihren Abaris niemals haben wollen essen oder trincken sehen. Die Natur waͤre zwar mit wenigem vergnuͤgt; Aber der Mensch koͤn- te so wenig als ein Cameleon/ der gemeinen Sage nach/ von der Lufft/ noch von den Son- nenstrahlen leben. Sintemal die Erfahrung diesen Jrrthum verrathen/ und gezeigt haͤt- te/ daß diß Thier Wuͤrmer und Fliegen verzehrte. Zeno fuhr fort: Wir uͤberstan- den durch der obersten Befehlhaber kluge Vor- sicht/ und sparsame Austheilung der Lebens- Mittel gleichwol diesen beschwerlichen Weg/ ohne sonderbaren Verlust/ an Menschen oder Vieh. Wiewol auch die Serer zwischen die- ser Wuͤsten und ihren Graͤntzen alles versaͤngt/ verheeret/ und die Scythen verjagt hatten/ so hatten diese doch ihren meisten Vorrath unter die Erde vergraben/ und sich in die Gebuͤrge verstecket/ welche nunmehr herfuͤr ruͤckten/ und diesem Heere uͤberfluͤßige Lebens-Mittel entge- gen brachten. Der Koͤnig schlug sein Laͤger an die zwey Seen/ durch welche der beruͤhmte Saffran-Fluß fleust/ stellte es daselbst in zwey Schlacht-Ordnungen; und es musten beyde Heere zu Bezeugung ihrer Tapfferkeit/ und wie sie sich nunmehro bald gegen ihre Feinde verhalten wolten/ durch ein blindes Treffen an- deuten. Also musten auch wir unsere Krieges- Ubungen schauen lassen/ welche den Koͤnig de- rogestalt vergnuͤgten/ daß er iedem unter uns tausend Nomadische Scythen von seiner Leib- wache unter gab. Jedoch hatte Huhansien bey unserem Gefechte von der Syrmanis eine Muthmassung gefast/ daß sie nicht maͤnn-son- dern weiblichen Geschlechtes waͤre; daher er nach und nach so viel mehr auf ihre Leibesgestalt und Gebehrden Achtung gab/ und endlich mich zur Rede setzte: warum wir fuͤr ihm ihr Ge- schlechte verbergen wolten? Also solte ich ihm ge- rade zusagẽ/ wer sie waͤre. Jch erschrack uͤber die- ser unvermutheten Ansprache; wuste also nichts anders in der Eil zu sagen/ als daß sie Oropa- stens Schwester waͤre/ welche aus Anreitzung der Tugend/ die Welt zu beschauen/ und sich durch tapffere Thaten beruͤhmt zu machen sich ihnen zugesellet haͤtte. Huhansien fragte mich etliche mal: Ob er auf meine Erzehlung trauen Erster Theil. F f f f doͤrffte? Fuͤnfftes Buch doͤrffte? mit der Erinnerung/ daß die Unwahr- heit in eines Sclaven Munde eine Schande/ in eines Edelmannes eine unausleschliche Un- Ehre/ bey den Scythen aber ein sterbens-wuͤr- diges Laster waͤre. Als ich ihm nun selbtes be- theuerte/ Oropastes es auch nicht allein mit sei- nen Worten/ sondern fuͤrnehmlich mit scheinba- rer Ehrligkeit bestaͤtigte; Ließ er die Syrma- nis fuͤr sich kommen/ erzeigte selbter uͤberaus grosse Ehrerbietung/ verordnete ihr eine Fuͤrst- liche Bedienung zu. Wir selbst kamen hier- durch in groͤsseres Ansehen/ ob wir uns gleich nur fuͤr Edelleute aus gaben/ auch die Ursache so grosser Gnaden nicht ergruͤnden konten. Al- leine die Liebe hat die Aehnligkeit des Himmels. Dieser ist ein versiegeltes Buch fuͤr allen Gei- stern; tausend Weisen haben mit ihren Fern- Glaͤsern die Heimligkeit ihres Wesens noch nicht zu erforschen vermocht. Unterdessen leuchtet doch seine Annehmligkeit in aller Au- gen. Nicht anders war es mit der Liebe des Scythischen Koͤnigs beschaffen. Er muͤhte sich seine Neigung gegen der Syrmanis so sehr zu verbergen/ als die Beschaffenheit der Liebe an ihr selbst unbekandt ist. Gleichwol aber ver- huͤllete ihr Band nur seine/ nicht aber unsere Augen. Denn wir wurden bey Zeiten/ Syr- manis aber noch zeitlicher inne/ daß Huhansien ein Auge auf sie hatte. Seine Hoͤfligkeit ver- wandelte sich in wenig Tagen in Liebkosung/ und nach und nach in eine inbruͤnstige Liebe. Denn ob zwar diese die Fluͤchtigkeit und Em- pfindligkeit der Liebe in sich hat/ und ihre Mut- ter die Gewogenheit wie die Regenbogen in ei- nem Augenblicke gezeuget wird/ so unterwerf- fen sie doch alle kluge Leute der Berathschla- gung/ und eroͤffnen ihr allererst die Pforte des Hertzens nach einem vernuͤnfftigen Urthel. Die Schoͤnheit der Syrmanis legte hierzu zwar den ersten Grundstein; aber ihre Tugend machte es vollends aus/ und den Koͤnig Huhan- sien zu einem Gefangenen/ als seine Gedancken mit Uberwindung des Serischen Reiches schwanger giengen. Weil aber nur die thum- me Liebe ein verfuͤhrisches Jrrlicht; die ver- nuͤnfftige aber ein Leitstern zur Tugend/ und in- sonderheit ein Wetzstein zur Tapfferkeit ist; vergaß Huhansien nicht der Waffen. Denn dieser großmuͤthige Fuͤrst meinte/ daß die Uber- windung der Seren ein Werckzeug seyn wuͤr- de/ auch der tugendhafften Syrmanis Hertze zu gewinnen. Der Koͤnig ließ hiermit sein Heer uͤber das Damasische Gebuͤrge fortruͤcken/ welches zu aller Verwunderung schlecht besetzet war/ und wir kamen fast ohne Schwerdschlag in das Koͤnigreich Suchuen. Von diesem er- zehlte mir ein Scythischer Fuͤrst/ daß nach dem Koͤnige Sophites/ welcher sich dem grossen Ale- xander ergeben haͤtte/ seine Nachkommen selb- tes beherrschet/ iedoch allezeit die Scythischen Koͤnige fuͤr ihre Schutzherren erkennet haͤtten. Fuͤr ungefehr zwey hundert und viertzig Jahren aber haͤtte der großmaͤchtige Koͤnig der Serer/ der das Geschlechte Tschina auf den Koͤniglichen Stul erhoben/ und sein grosses Reich mit diesen Nahmen genennt/ aus angebohrner Feind- schafft gegen die Scythen (als welche schon fuͤr zwey tausend drey hundert Jahren unter dem gluͤckseligen/ in iedem Auge zwey Aug-Aepffel habenden Koͤnige Xunus in das Hertze des Se- rischen Reiches eingebrochen waͤren) die damals darinnen herrschenden Fuͤrsten Pa und Cho vertrieben/ und solches Volck/ welches aber noch immer nach der viel gerechtern Herrschafft der Scythen seufzete/ bezwungen. Jch ward durch diese Erzehlung uͤberaus begierig von der Beschaffenheit des Serischen Reiches/ und der Ursache itzigen Krieges mehrern Grund zu er- fahren. Daher dieser leutselige Fuͤrst mir auf mein Ansuchen erzehlte: Es waͤren schon bey nahe 3000. Jahr/ als Fohius/ der erste Koͤnig/ oder Himmels-Sohn (diesen Rahmen gaͤben sie ihren Beherrschern) das Serische Reich ge- stifftet/ und mit heilsamen Gesetzen versehen/ also Arminius und Thußuelda. also verdient haͤtte/ daß die Serer ihm keinen sterblichen Vater zueigneten/ sondern fuͤr gaͤ- ben: Es waͤre seine Mutter/ als sie im Lande Xensi in einen grossen Fußstapffen getreten/ von einem Regenbogen geschwaͤngert worden; Gleich als ein guͤtiger Fuͤrst dem Leibe nach zwar von einem Menschen/ dem Gemuͤthe nach aber vom Himmel/ als auf dessen Lauff er sich auch uͤberaus wol verstanden haͤtte/ seinen Uhr- sprung gehabt haben muͤste. Nach ihm haͤtten die Serer einen andern erwehlet/ welcher we- gen erfundenen Ackerbaues und ausgeforschter Eigenschafften aller Kraͤuter/ Ximumgi oder der geistliche Ackersmann genennet/ von seinem untreuen Unter-Koͤnige Hoangti aber nach hundert und viertzig jaͤhriger guͤtigster Herr- schafft getoͤdtet worden waͤre. Ob nun wohl Hoangti derogestalt durch Mord und Gewalt sich auf den Koͤniglichen Stul gedrungen/ so haͤtte er doch hernach zu einem wunderwuͤrdigen Beyspiele gewiesen/ daß auch eine durch Laster erworbene Herrschafft mit Tugend und Sitt- samkeit behalten werden koͤnte. Denn er haͤt- te Maaß/ Gewichte/ die Koͤniglichen Kleinode/ aus Anschauung der Blumen die Mahler- und Faͤrbe-Kunst/ das Schnitzwerck/ die Toͤpffer- Arbeit/ die Muͤntze/ die Sing- und Rechen- Kunst/ die Sinesische sechzig jaͤhrige Kreiß- Rechnung und Kriegs-Ubungen erfunden; sich in blau und gelbe/ als die Farben des Himmels und der Erde/ gekleidet. Dieses alles/ noch mehr aber die Liebe seines Volckes/ haͤtte die Flecken seines schlimmen Anfangs mit Golde uͤberstrichen/ die Gemuͤther der Unterthanen ihm verknuͤpfft/ und verursacht/ daß sie ihnen zu denen Unsterblichen lebendig versetzt zu seyn glaͤubten/ und zu seinem unvergeßlichen Ruh- me alle Koͤnige seinen Nahmen Hoangti/ wie des Arsaces alle Persische/ und des Ptolemaͤus alle Egyptische fuͤhrten. Diesem waͤre gefol- get sein Sohn der friedsame Xaohavus/ dessen gluͤckliche Herrschafft die Erscheinung des seltza- men Sonnen-Vogels angedeutet/ er auch deß- halben der Weisen Kleider mit darauf gestuͤck- ten Voͤgeln/ der Kriegsleute mit Loͤwen und Tigeꝛn zu bezeichnen/ und derogestalt alle Wuͤr- den und Staͤnde sichtbarlich zu unterscheiden verordnet haͤtte. Wie aber keine Rose ohne Dornern/ kein groß Gestirne ohne Flecken/ und kein schoͤner Leib ohne Mahl waͤre; also haͤtte diese reine Herrschafft der Zauberer Kienli mit erschreckenden Nachtgespenstern und Abgoͤtte- rey besudelt. Von welcher aber der folgende Koͤnig Chuenhious/ des Hoangti Brudern Sohn/ das Reich wieder gesaubert/ die Reichs- Staͤnde nach dem Beyspiele zu seiner Zeit ver- einbaret-gewester fuͤnf Jrrsterne mit einander in Eintracht versetzt/ und theils zu Befestigung der Koͤniglichen Hohheit/ theils zu Verhuͤtung einschleichenden Aberglaubens ein Gesetze ge- macht haͤtte/ daß niemand als der Koͤnig dem o- bersten Himmels-Koͤnige opffern doͤrffte. Der sechste Koͤnig waͤre gewesen sein Vetter Cous/ der Vater des unvergleichlichen Yaus/ welcher im vierdten Monden/ als seine Mutter kurtz vorher im Traum einen rothen Drachen das Zeichen grossen Gluͤcks gesehen/ waͤre gebohꝛen worden. Dieser heilige Fuͤrst haͤtte als ein klu- ger Stern-verstaͤndiger die Jahr-Rechnung verbessert/ einen sechs fachen hohen Reichs- Rath gestifftet/ das Gespinste der Seidenwuͤr- mer/ und die Weberey aufbracht/ die ersaͤufften Laͤnder getrocknet/ zu der Sinesischen Welt- weißheit den ersten Stein gelegt/ durch seine Froͤmmigkeit aller von der zehn Tage nie un- tergehenden und also alles versengenden Sonne entstehenden Noth abgeholffen; ja auf Einra- then seines getreuen/ und die Koͤnigliche Wuͤr- de selbst verschmaͤhenden Dieners Sungous den tugendhafften Ackersmann Xunus/ seinen ei- genen ob schon wolgerathenen Soͤhnen fuͤrge- setzt/ und ihn anfangs zum Gefaͤrthen im Reich angenommen/ hernach zu seinem Stul-Erben verlassen. Hertzog Herrmann brach hier ein: F f f f 2 Jenes Fuͤnfftes Buch Jenes waͤre ein Beweiß/ daß ein Weiser auch die Sternen bemeisterte; dieses aber so ein herr- liches Beyspiel/ daß es alles Gewichte des Ruh- mes uͤberwiege. Denn da ein Fuͤrst keine nuͤtz- lichere Sorge fuͤrkehren koͤnte/ als sich um einen tauglichen Nachfolger bekuͤmmern; so waͤre diß eine unver gleichliche Wolthat/ wenn man selb- ten nicht aus seinem Geschlechte/ sondern nach der Nothdurfft des Reiches erkiesete. Es sey ein blosser Zufall ein gebohrner Fuͤrst seyn/ die Geburt ersetzte den Mangel der Tugend nicht; die Wahl aber eines Fuͤrsten haͤtte diesen unver- gleichlichen Fuͤrzug/ daß sie keinen/ als einen tauglichen auff den Stul heben koͤnne. Es ist beydes freylich wahr/ sagte Zeno. Jnsonder- heit haben kluge und fromme Fuͤrsten gleichsam eine Botmaͤßigkeit selbst uͤber den Himmel. Und ruͤhmten die Serer von ihrem Koͤnige Tangus dem Uhrheber des Stammes Xanga; daß als es sieben Jahr nie geregnet/ und die Wahrsager angedeutet haͤtten/ daß durch eines Menschen Gebete und Tod der Himmel ver- sohnet werden muͤste/ dieser Vater des Reichs sich zum gemeinen Opffer angeboten/ aber durch seine Andacht einen fruchtbaren Regen erbeten haͤtte. Gleichergestalt waͤre der Jrrstern Mars durch des Koͤnigs Caus Andacht drey Himmel-Staffeln weit zuruͤck getrieben wor- den: wormit er nicht das himmlische Zeichen Sin/ unter dessen Schutze sie das Serische Reich zu seyn glaͤuben/ beruͤhret haͤtte. Auff diese Art/ fing Malovend an/ bedingen etliche Voͤlcker des Atlantischen Eylandes ihnen bey Erwehlung ihrer Koͤnige nicht so alber/ daß er ihnen auch solle die Sonne scheinen/ und die Wolcken regnen lassen. Zeno fuhr fort: bey dem Koͤnige Xunus waͤre diese Bedingung so wenig vergebens gewest/ als sonst alle von ihm vorher gefaͤllete Urthel/ und geschoͤpffte Hoff- nungen eintraffen. Dieser waͤre aus Liebe sei- nes Erblasters drey Jahre nie von seinem Gra- bekommen. Seine Herrschafft koͤnte ein Vor- bild aller andern seyn; Er haͤtte im Reiche oͤf- fentlich verkuͤndigen lassen/ man doͤrffte seinen Befehlen nicht gehorsamen/ weil er Koͤnig/ son- dern wenn sie den Rechten gemaͤß waͤren; Sei- ne Leibwache doͤrfften ihre Spitzen nuꝛ so lange/ als er ein Vater des Landes waͤre/ fuͤr ihn/ wenn er aber iemanden unbilliche Gewalt anfuͤgte/ wider ihn kehren. Er haͤtte die einbrechenden Scythen aus seinem in zwoͤlf Landschafften ab- getheilten Reiche geschlagen/ die Graͤntzen er- weitert/ die uͤberlauffenden und das Land ersaͤuf- fenden Fluͤsse mit Thraͤnen eingeschraͤnckt/ Schiffreiche Stroͤme durch hohe Gebuͤrge ge- leitet/ Seen ausgetrocknet/ trockene Laͤnder mit Stroͤmen versorget/ und fuͤr seinem Tode mit gleichmaͤßiger Ausschluͤssung seiner Soͤhne Y- rus/ einen Sohn des vorher am Leben gestraff- ten Qvenius zum Reichs-Erben benennet/ der sich zwar der Koͤniglichen Hoheit zu enteusern getrachtet; Aber/ weil die Ehre wie der Schat- ten die darnach strebenden fleucht/ den fliehen- den aber nachfolget/ auf des Volck es Begehren solche nur uͤbernehmen muͤssen. Dieser waͤre dem Xunus nichts minder an Thaten/ als an Wuͤrde gleich kommen. Denn er haͤtte zu un- saͤglichem Nutzen durch das Reich viel herrliche Fahrten gegraben/ grosse Stroͤme durch Berge geleitet/ See-Buseme zu Acker gemacht/ die Tingung derselben gelehret/ seine Fehler ihme zu sagen verlanget/ und die im Reiche noͤthige Verbesserungen zu erinnern/ gewisse Andeu- tungen verordnet/ auch durch seine Wolthaten verdienet/ daß die Serer sich seinem Geschlech- te Hiaa als Erb-Unterthanen unterworffen. Aus diesem waͤren siebzehn tapffere Koͤnige kommen/ welche vier hundert ein und viertzig Jahr geherrschet haͤtten. Hernach waͤre diese Wuͤrde auf acht und zwantzig Koͤnige aus dem von dem klugen und maͤßigen Fuͤrsten ent- springenden Stamme Xanga kommen/ und bey selbten sechs hundert Jahr blieben; Biß Koͤnig Faus ein streitbarer Held den Stamm Cheva Arminius und Thußnelda. Cheva ans Bret gebracht/ und mit sieben und dreißig Nachfolgern acht hundert und sechs und siebentzig Jahr ausgeschmuͤckt haͤtte. Unter diesem Stamme waͤre der grosse Alexander biß an die Serische Reichs-Graͤntze eingebrochen/ als aber die grosse Macht und Zuruͤstung der Serer in seinem Heere erschollen/ ja daß A- grammes ein Serischer Unter-Koͤnig alleine mit zwantzig tausend Reutern/ zwey hundert tausend Mann Fußvolck/ zwey tausend Wagen/ und drey tausend Elefanten die Graͤntzen be- setzt haͤtte/ waͤre durch keine Bitte/ Zorn oder Zurede sein Kriegsvolck weiter zu bringen ge- west/ und also an dem Ufer des Flusses Hypa- nis/ so wie fuͤr ihm Semiramis und Cyrus in dem Sogdianischen Lande/ Alexander auch selbst/ als er den ersten Fuß in Asien gesetzt/ ge- than/ zwoͤlf Altare mit hohen aus viereckichten Steinen funfzig Ellenbogen hoch gebaueten Thuͤrmen zum ewigen Gedaͤchtnuͤsse aufgerich- tet. Massen er/ Zeno/ denn selbst an dem groͤ- sten zugespitzten Thurme diese von Alexander in Stein gegrabene Schrifft gelesen haͤtte: Der/ den kein Krieg erschreckt/ noch Ruh geschlaͤffet ein/ Kein Schatz ersaͤttigt hat/ steckt hier ein Ziel dem Siege; Daß nur die Nachwelt noch was zu bezwingen kriege/ Wie wol selbst die Natur/ die ihm die Welt zu klein/ Die Sonne schuff zu groß/ haͤlt seinen Lauff zuruͤcke. Um seinen Siegs-Krantz kaͤmpft die Tugend und das Gluͤcke. Es haͤtte aber ein Koͤnig aus dem Chevischen Stamme/ nach dem er dem Androcot wider den Koͤnig Seleucus Nicanor beygestanden/ und Jndien von dem Macedonischen Reiche abge- rissen/ auf die andere Seite solchen Thurmes eingraben lassen: Fuͤr dem Europa bebt/ und Asien sich buͤcket/ Dem auch die Renne-Bahn der Sonnen enge scheint/ Der uͤber Eitelkeit der Erde seufzt und weint/ Hat hier ber Eitelkeit ihr Siegel eingedruͤcket An seiner Siege Ziel. Mensch/ zeuch die Segel ein! Der Geist ist doch der Welt zu groß/ der Leib zu klein. Der vierdte Erb-Stamm waͤre Tschina/ dessen Haupt aber Koͤnig Tschin/ oder Xius ge- wesen/ der fuͤr zwey hundert Jahren die drey hundert deutsche Meilen-lange/ dreißig Ellen hohe/ funfzehn dicke und mit vielen Thuͤrmen und Bollwercken versehene Mauer in fuͤnf Jahren von Ost gegen West/ und zwar bey dem Einflusse des Stromes Yalo etliche Stadien weit ins Meer auf viel mit Eisen angefuͤllt- und versenckte Schiffe wider die offt einbrechenden Scythen gebauet/ ihren Vorfahren auch gros- sen Abbruch gethan haͤtte. Daher ob schon die- ser Stamm mit dreyen Koͤnigen in viertzig Jah- ren verschwunden/ der andere Nachfolger Cu vom Hyangiod dieser aber von einem Rauber Lieupang/ welcher hernach den fuͤnfften Stam̃ Hanya aufgerichtet/ erwuͤrget worden waͤre; so haͤtten doch des Xius herrliche Thaten solche Kuͤrtze/ wie die Herrligkeit der auf einmal her- ausschuͤssenden koͤstlichen Blumen die eintzele Fruchtbarkeit der hierauf verwelckenden Aloe reichlich erstattet. Nach dem Lieupang mit sei- nem niedrigen Stande auch alle Laster wegge- leget/ und die Serer als ein kluger Fuͤrst lange Zeit beherrschet gehabt/ waͤre sein Sohn Hyao- xus das Haupt der Serer worden. Dieser haͤt- te das Reich Corea erobert/ hernach mit den Scythischen Koͤnigen blutige Kriege gefuͤhret. Zeno fuhre fort: Jch danckte diesem Scythi- schen Fuͤrsten fuͤr so umstaͤndliche Nachricht; Ersuchte ihn aber mir die Ursache des gegen- waͤrtigen Krieges/ zwischen denen zwey maͤch- tigsten Koͤnigen Huhansien/ und Jven zu ent- decken. Denn ob ich mich zwar bescheide/ daß Unterthanen sich uͤber der Gerechtigkeit ihres Herren Waffen zu bekuͤmmern kein Recht/ son- dern nur schlechter Dinges seinen Heer-Fah- nen zu folgen Ursach haͤtten; so schiene es doch Auslaͤndern nicht anzustehen/ daß sie wissentlich einem ungerechten Kriege fremder Voͤlcker sich einmischten. Derogleichen er aber von einem so guͤtigen Koͤnige/ als er den Huhansien haͤtte erkennen lernen/ nicht vermuthete. Tanian der Scythische Fuͤrst war hierzu sehr willfertig; F f f f 3 fing Fuͤnfftes Buch sing also an: Es ist die Feindschafft gewissen Voͤlckern wie etlichen Thieren angebohren. Diese hat von etlichen tausend Jahren/ oder viel- mehr von ihrem Ursprunge her/ eine Trennung zwischen den Serern und Scythen/ oder/ wie sie uns nennen/ den Tattern gemacht. Jch weiß nicht/ ob diese Tod-Feindschafft dem Unterschei- de der Laͤnder/ oder der Widerwertigkeit unserer Gestirne zuzueignen sey. Denn sie ist so groß/ daß man insgemein glaubt/ die Serer und Tat- tern laͤgen nicht auf einerley Art in Mutterlei- be/ wuͤrden auch auf zweyerley Weise gebohren. Wenn auch die Serer iemals sich einer Tatte- rischen Landschafft bemaͤchtigt/ oder sie gefan- gen weg gefuͤhrt; haben diese aus Abscheu fuͤr den wolluͤstigen und grausamen Seren sich ih- rer Weiber enthalten/ daß sie denen Serern nur keine Sclaven zeugten. Wie nun der Un- terscheid der Gestalt freylich wol eine augen- scheinliche Anzeigung ist/ daß die Natur selbst zwischen beyden Voͤlckern einen Unterscheid gemacht/ auch sie durch Gebuͤrge/ grosse Stroͤ- me und Sandwuͤsten von einander gesondert habe: Also tragen die einander fast in allen Sa- chen widrige Sitten/ und die Tracht/ beson- ders aber der Haare/ welche die Serer mit gros- ser Sorgfalt hegen/ wir aber abscheren/ sehr viel zu dieser Zwytracht. Den groͤsten Haß a- ber nicht nur der Tattern/ sondern aller andern Voͤlcker ziehen ihnen die Serer durch ihren un- ertraͤglichen Hochmuth auf den Hals; indem sie alleine nur zweyaͤugicht seyn wollen/ die Eu- ropeer fuͤr einaͤugicht/ alle andere Voͤlcker fuͤr blind/ oder fuͤr Thoren halten. Sie versper- ren allen Fremden/ als ihrer Gemeinschafft Unwuͤrdigen/ den Eintritt in ihre Graͤntzen/ verschrencken ihnen alles Gewerbe/ und heben durch ihre Verschluͤssung alles unter den Voͤl- ckern uͤbliche Recht auff. Dieses ist die erste wahrhaffte Ursache gewest/ warum fuͤr zwey und zwantzig hundert Jahren die Tattern un- ter dem Koͤnige Xunus das erste mal in das Se- rische Reich eingefallen. Die Gelegenheit hierzu gab eine grosse Menge aus dem Reiche verbannter Serer. Sintemahl Xunus die Landes-Verweisung aus dem Reiche/ als eine das Hals-Gerichte weit uͤbertreffende Straffe einfuͤhrte. Diese Verjagten gaben den Tat- tern alle Anleitung in das Serische Reich ein- zufallen/ und sich der Beute ihres Uberflusses zu bereichern. Mit diesen Einfaͤllen fuhren die Tattern wider die Serer als Feinde des mensch- lichen Geschlechtes fort/ biß der kluge Koͤnig Yvus/ unter dessen gluͤckseliger Herrschafft es drey Tage Gold geregnet haben soll/ den Tat- tern alle Jahr eine Botschafft zu ihm zu schi- cken/ und daꝛbey sich deꝛ Kauffmannschafft zu ge- brauchen erlaubte. Wiewol auch hernach ei- nige Koͤnige solche Gesandschafften stoͤrten; so ließ sie doch Koͤnig Js nicht alleine wieder zu/ sondern er fuͤhrte auch ein/ daß die Tatterischen Botschafften durch sein gantzes Koͤnigreich frey gehalten wurden. Hierauf aber ereignete sich ein neuer Zwist zwischen beyden Voͤlckern/ weil die Tattern dem aus dem Reiche verjagten Kieus bey ihnen zu wohnen erlaubten. Wie- wol es der kluge Koͤnig Tangus vermittelte/ daß es zu keinem Kriege kam. Nach dem aber folgende Koͤnige denen Tattern abermahls Thuͤr und Thore versperreten; brachen sie durch das Damasische Gebuͤrge in Suchuen ein/ und verheerten auf beyden Seiten des grossen Flus- ses Kiang/ biß an das Siangische Gebuͤrge al- les; zohen aber/ als Koͤnig Chungting ihnen et- liche maͤchtige Heere entgegen schickte/ mit un- schaͤtzbarer Beute zuruͤck. Unter dem from- men Koͤnige Uuting geriethen beyde Voͤlcker abermahls mit einander in besser Verstaͤndnuͤß; sonderlich/ als die Serer hernach mit denen Nord-Tattern des Koͤnigreiches Niulhan und Yen/ welche auff der Brust schuß-freye Kupf- fer-Spiegel/ die Schwerdter auff dem Haupte tragen/ zu schaffen kriegten/ welch letzteres Reich auch Tiyeus durch seinen Feld-Haupt- mann Arminius und Thußnelda. mann Kileus eroberte/ und dem Serischen ein- verleibte. Ja die Vertraͤuligkeit ward so groß/ daß zwey West-Tatterische Bruͤder zu des Se- rischen Koͤnigs Cheus tapfferen Feld-Haupt- manne Changus in Xensi reiseten/ und sich sei- nem Ausspruche unterwurffen; wer unter ih- nen das vaͤterliche Reich beherrschen solte? Weil ieder es dem andern aufdringen wolte. Rhemetalces fiel seufzende ein: O ein unver- gleichliches Beyspiel der Gemuͤths-Maͤßi- gung! Lasset uns alte herrschsuͤchtige/ welche/ um einen Tag dieser scheinbaren Dienstbarkeit zu genuͤssen/ sich der ewigen Unruh wiedmen/ oder sich und ihr gantzes Geschlechte aufopffern/ in die Sitten-Schule der vergnuͤglichen Scy- then weisen! Zeno versetzte: Auch die Serer haͤtten gleichmaͤßige Beyspiele. Denn nach des Koͤnigs im Reiche U Xenugkungs Abster- ben/ haͤtte der aͤlteste Sohn Chufan dem juͤng- sten Cichaus mit Gewalt den Purpur angezo- gen. Dieser aber haͤtte sich um der ihm nicht zukommenden Wuͤrde zu entbrechen gefluͤchtet/ und insgeheim einen Ackersmann abgegeben; also daß der aͤlteste auff des Volckes Begehren wider Willen haͤtte herrschen muͤssen. Jndem des Koͤnigs Yven grosser Feldherr Fanlius/ welcher fast alle vom Reiche abgespaltene Laͤn- der erobert/ waͤre zwey mal aus dem Hoffe ent- lauffen/ und haͤtte bey Drehung einer Toͤpffer- scheibe die Unbestaͤndigkeit des wanckelhafften Gluͤcks-Rades ausgelacht: Eben so merck- wuͤrdig waͤre gewest/ daß die Sud-Tartern im Koͤnigreiche Nankiao/ itzt Gannan genennet/ durch die Tugenden des Koͤnigs Faus/ und Chingus bewogen worden durch eine Gesand- schafft sich der Serischen Botmaͤßigkeit freywil- lig zu unter geben/ und zu dessen Zeugnuͤsse dem Chingus eine weisse Fasan-Henne zu lieffern. Hierauf kam Zeno wieder in des Scythischen Fuͤrsten Tanian Erzehlung: Auf diese lange Wetterstille brach ein grosses Ungewitter aus. Denn Mous der fuͤnffte Koͤnig des Stammes Cheva hatte bey seinen Tugenden eine unmaͤs- sige Begierde zu reiten/ und auf dem Streit- Wagen zu rennen. Weil nun die Tattern es damals in beyden der gantzen Welt zuvor tha- ten/ meinte er/ daß sein Ruhm einen grossen Abbruch leiden wuͤrde/ wenn er nicht seine Kraͤf- ten mit den Tattern gemaͤssen haͤtte. Also fiel er/ wie wol wider den trenen Rath seines klugen Schweher-Vaters Cigung/ bey denen um die Brunnen des Saffran-Flusses wohnenden West-Tattern mit einem maͤchtigen Heere ein. Diese hoben ihre fluͤchtige Zelten mit al- lem Vorrathe auf/ und zohen sich damit zwi- schen den Berg Jmaus/ und das Damasische Gebuͤrge; aus welchem sie bald da/ bald dort/ den Serern in die Seite oder in Ruͤcken fielen/ und grossen Schaden zufuͤgten; also daß Mous mit Verlust vielen Volckes und seines Ansehens zuruͤck zu ziehen gezwungen ward/ und nichts anders zum Vortheil hatte/ als daß hernach die heilsamen Rathschlaͤge des Cigungs bey ihm mehr Ansehn gewahnen. Die Tattern waren hierdurch so erbittert/ daß sie hernach lange Jah- re die Serer mit unzehlichen Einfaͤllen beun- ruhigten. Wider den Koͤnig Jeus aber uͤbten sie eine merckwuͤrdige Rache aus. Dieser ward von einer schoͤnen Dirne Paousa/ welcher Mut- ter von dem Schaume eines Drachens soll ge- schwaͤngert worden seyn/ so eingenommen/ daß er seine Gemahlin aus dem Ehebette/ und sei- nen Sohn Jkieus vom Reichsstuhle verstieß. Dieser flohe zu seines Vatern Bruder Xin/ in die Landschafft Xensi; wider welchen Koͤnig Jeus/ weil er ihm seinen Sohn nicht ausfolgen lassen wolte/ die Waffen ergriff. Xin ruffte die West-Tattern zu Huͤlffe/ gegen welche Jeus ohne diß zu Felde lag. Dieser hatte/ um sei- ner niemahls lachenden Paousa eine Lust zu machen/ durch seine Krieges-Losung/ nehm- lich das Feuer etliche mahl Lermen gemacht/ und sein Krieges-Heer in die Waffen ge- bracht. Unter diesen Kurtzweilen ruͤckte Xin Fuͤnfftes Buch Xin und Jkieus mit dem Tatterschen Heere an des Koͤnigs Jeus Laͤger. Als dieser nun gleich durch die gewohnte Flamme sein Heer auffor- derte/ blieb doch selbtes in Meinung/ daß es a- bermals der Koͤnigin zu Liebe angestellte Freu- den-Feuer waͤren/ in seiner suͤssen Ruh unbe- weglich. Hieruͤber brachen die Tattern ins Laͤger ein/ zertraten und zerfleischten/ was ih- nen in voller Unordnung begegnete; erschlugen auch den Koͤnig selbst mit seiner Paousa. Xin und Jkieus erschracken zwar selbst uͤber der gros- sen Niederlage der Serer/ flohen also davon/ und boten den Tattern mit einem frischen Heere die Stirne. Alleine diese trieben den neuer- wehlten Koͤnig Jkieus zuruͤcke/ bemaͤchtigten sich der grossen Laͤnder Xensi/ Suchuen/ Jnu- nan und Qvecheu. Jkieus muste sich mit den Ost- und der andere Sohn des Jeus Pnigus mit den Sudlaͤndern vergnuͤgen; ja das gantze Serische Reich ward zerrissen. Sintemal der Koͤnigliche Stadthalter Tschi in Xantung/ zu in Huqvang und Kiangsi/ und Tschyn in Xan- si sich zu Koͤnigen aufwarffen. Weil aber die Tatterschen Koͤnige die eroberten Laͤnder in viel Theile zergliederten/ ersahe Siangkung ein Nachkomme des Pferde-Hirten Ficius seinen Vortheil und versetzte denen Tattern einen un- vermutheten Streich/ eroberte auch die Land- schafft Xensi/ mit welcher er sich vergnuͤgte/ und den Grund zu der folgenden Herrschafft seines Stammes Tschina legte; alles andere aber/ was er einnahm/ dem Koͤnige Pingus abtrat. Von dieser Zeit an war nichts minder das allzu- viel Haͤupter habendo Scythische/ als das zer- gliederte Serische Reich uͤber drey hundeꝛt Jahr lang in eitel innerliche Kriege zerspaltet/ also/ daß beyde die uͤber Leschung ihres eigenen Hau- ses beschaͤfftiget waren/ kein fremdes anzuzuͤn- den Zeit hatten. Unterdessen wuchs das Ge- schlechte Cnia mit Huͤlffe der Tattern in Xensi/ Xansi/ und Honan so groß/ daß es allen Nach- barn schrecklich ward. Die Furcht fuͤr dieser aufsteigenden Macht verband wider ihren Fuͤr- sten dem Serischen Koͤnige Xicin fuͤnf angraͤn- tzende Serische Koͤnige zusammen; er erlegte sie aber alle fuͤnffe auffs Haupt. Jn Suchuen hatten zwey Tatterische Fuͤrsten Pa und Xo sich mit einander durch einen langwierigen Krieg abgemergelt; suchten endlich ohne Erwegung/ daß die zwistigen Tauben der zu Huͤlffe geruffe- nen Adler/ und die mit einander kaͤmpffende See-Schnecke und Reiger der Fischer Beute werden/ bey dem Cinischen Koͤnige Huͤlffe/ wel- cher den letzten erlegte/ und den/ der geholffen/ zu seinem Unterthanen machte. Weil nun dieses Tschinischen Koͤnigs Sohn Chaosiang den Se- rischen Koͤnig Tschi/ und Gvei uͤberwaͤltigte/ und die maͤchtige Stadt Jyang einnahm/ hiel- ten die West-Tattern fuͤr rathsam dieser an- wachsenden Macht zu begegnen; fielen also in Xensi ein/ und machten obigen Serischen Koͤ- nigen Lufft/ daß sie nebst dem Koͤnige Han sich wider ihn aufs neue ruͤsten konten/ und er ihnen die Landschafft Xansi biß an den Saffran-Fluß wieder abtreten muste. Diese liessen zwar die Tattern alleine im Stiche/ weil aber der Tschi- nische Koͤnig diesem streitbaren Volcke wenig abgewinnen konte/ auch auf das Serische Reich sein einiges Augenmerck hatte/ machte er mit ih- nen gleichsam Frieden. Hingegen streute er unter die Serischen Koͤnige so viel Zwytracht/ daß sie einander selbst aufrieben/ und weil sie ein- tzelhafft mit ihm kriegten/ alle uͤberwunden wurden; ja das oberste Haupt der Serer fuͤr ihm fußfaͤllig ward. Aber der Tod besiegte den Chaosiang in seinem hoͤchsten Siegs-Gepraͤn- ge/ und des Fous Bruder Cheukiung brachte mit Huͤlffe der Tattern und der andern wieder ab- fallenden Serischen Koͤnige wider seinen Sohn Ching oder Xius ein maͤchtiges Heer auf. Al- leine wie vieler Fuͤrsten Buͤndnuͤsse/ weil ieder nicht den gemeinen/ sondern den Eigen-Nutz sucht/ wie die gezogenen Gewebe sich leicht ver- wirren; also diente der Serer und Tattern Sieg Arminius und Thußnelda. Sieg ihnen nur zur Uneinigkeit/ und zum Ver- derben. Xius gebrauchte sich dieses Vortheils in unvergleichlicher Geschwindigkeit/ welche eben so eine Mutter der Gluͤckseligkeit/ wie die Zeit ihre Stiefmutter ist. Der Himmel selbst schien allenthalben sein Beystand zu seyn; also/ daß er in weniger Zeit der Mitternaͤchtischen Landschafften Meister ward. Fasous/ der Koͤ- nig in Zu oder in Hukwang und Kiangsi bot ihm nur noch die Stirne. Aber des Xius Feldhauptmann Vangcien gewan ihm eine solche Schlacht ab/ daß die Balcken auf dem Fel- de in Menschẽ-Blute schwamen. Er selbst ward gefangen/ und nach Serischer Art mit seinem gantzen Geschlechte ausgerottet. Also ward Xius der Uhrheber des Koͤniglichen Tschinischen Stammes fuͤr 200. Jahren ein vollmaͤchtiges Haupt uͤber das Serische Reich/ welches er auch nach seinem Geschlechte Tschina nennte/ und umb aller vorigen Fuͤrsten Gedaͤchtnuͤsse zu ver- tilgen alle Serische Buͤcher verbreñen ließ/ wor- durch er ihm aber bey den Nachkommen ewigen Fluch/ und seinen Vorfahren mehr Ehre zuwe- ge brachte. Weil aber Xius durch Muͤssig- gang seinen neuen Unterthanen nicht Luft ließ auf Empoͤrungen zu gedencken/ und sein Reich wider die streitbaren Tattern/ als von welchen er nunmehr alleine Gefahr zu besorgen hatte/ baute er aus der Landschafft Xensi von dem Ufer des Saffran-Flusses an/ biß an das Ost-Meer obenerwehnte 10000. Serische Stadien lange mit vielen Thuͤrmen verstaͤrckte und so feste Mauer/ daß die Arbeiter/ wo man irgends einen eisernen Nagel einschlagen konte/ zum Tode verdam̃t wurden. Sie ist so breit/ daß 8. Pferde darauf neben einander gehen koͤnnen/ und wird von 1000000. Menschẽ bewacht. Diese Mauer und der innerliche Krieg der Seren/ da nehmlich Lieupang den Tschinischen Stamm bald mit des Xius Soͤhnen ausrottete/ hernach aber mit dem Koͤnige in Zu und andern genung zu schaffen hatte/ machte zwischen den Serern und Tattern einen ziemlichen Stillstand. Nachdem aber Lieupang die West-Tattern vollend aus Su- chuen/ ja gar uͤber den gelben Fluß zu vertreiben Anstalt machte; brach ihr Bunds-Genosse der Nord-Tartern Koͤnig in die Landschafft Xansi durch die ungeheure Mauer mit 500000. Mann ein. Lieupang schickte ihnen zwar seinen gluͤcklichen Hansin/ welcher aus einem armẽ Fi- scher ein unvergleichlicher Feldhauptmann wor- den war/ mit einem maͤchtigen Heere entgegen; alleine die Tapferkeit der Tatterischen Reiterey zertrennete nichts minder das Serische Fuß- volck/ als des Hansin Gluͤcke/ welches ihn nur deshalben mit so viel Siegs-Kraͤntzen bereichert hatte/ damit es auf einmal ihm eine desto reichere Beute abnehmen koͤnte. Denn er ward nicht allein aus dem Felde geschlagen/ sondern auch in der Stadt Maye belaͤgert/ und von dem hertz- haften Koͤnige Maotun gezwungen/ daß er sich und die Uberbleibung seines Heeres den Tattern ergeben muste. Die Haupt-Stadt Taitung und ihr gantzes Gebiete unterwarff sich diesen Uberwuͤndern. Wie nun aber Maotun ver- nahm/ daß Koͤnig Lieupang mit den meisten Kraͤfften des Serischen Reiches gegen ihn an- zoh/ nahm er mit Fleiß eine furchtsame Anstalt an/ setzte sich also in dem Thale Thai an den Fluß Kiuto/ und versteckte den Kern seines Heeres in das Gebuͤrge Cinhi/ also/ daß die Serischen Kundschaffter dem Lieupang die einstimmige Zeitung brachten: Es bestuͤnde das Tatterische Heer in eitel halb-bewehrtem Rauber-Gesinde. Ob nun wohl der erfahrne Leuking ihm die Tat- tern anzugreiffen nachdencklich widerrieth/ ward er doch als ein Verraͤther in Band und Eisen geschlagen. Lieupang/ weil er dem verschantz- ten Tatterischen Heere nicht beykommen konte/ theilte sein Heer in zwey Theile/ ließ mit dem ei- nen den Koͤnig Maotun beobachten/ mit dem andern aber ging er fort/ nahm Quanguu wie- der ein/ und belaͤgerte Taitung. Maotun ließ ein geringes Theil seines Heeres im Thale Erster Theil. G g g g Thai Funfftes Buch Thai stehen/ ging mit fast allen seinen Kraͤfften in aller Stille zuruͤck uͤber das Gebuͤrge/ und kam unverhoffter als der Blitz dem Serischen Koͤnige Lieupang auf den Hals/ jagte ihn mit grossem Verluste von Taitung weg in das Ge- buͤrge Peteng. Der darinnen belaͤgerte Lieu- pang ward gezwungẽ von dem Maotun demuͤ- thig Frieden zu bitten/ und ihn mit tausend Cent- nern Silber zu erkauffen. Weil aber die be- truͤglichen Serer den Tattern in das Silber viel Bley eingeschmeltzt hatten/ brach Maotun aufs neue ein/ und versetzte dem Lieupang ein solches Schrecken/ daß er ihm den Leuking mit grossen Geschenckẽ entgegen schickte/ und ihm/ so gut erkoͤnte/ Friedẽ zu schluͤssen Vollmacht gab. Dieser ward derogestalt getroffen/ daß die Se- rer noch so viel Silber zahlten/ und der Serische Reichs-Erbe Hoejus des Maotuns Tochter heyrathen solte. Das erste ward gehalten; die Tatterische Koͤnigs-Tochter aber ward be- truͤglich/ wiewohl mit Unwillen der beyden Feld-Hauptleute Hansin und Chinhi/ einem andern Serischen Fuͤrsten beygelegt. Wie nun dieser mit einem starcken Heere ge- gen die einen neuen Einfall draͤuenden Tat- tern geschickt ward/ redete er den Hansin auf wider den undanckbaren und betruͤglichen Lieu- pang sich zum Koͤnige aufzuwerffen. Aber dieser Anschlag ward entdeckt/ und durch Han- sins Hinrichtũg der Anschlag im kaͤumẽ ersteckt; Chinhiaber zu den Tattern zu fliehen genoͤthigt/ mit derer Beystand er biß an seinen Tod den Se- rern genung zu schaffen machte. Nach sei- nem Tode brachen die Nord - Tattern aufs neue in Xamsi ein/ und muste des Koͤnigs Hoe- jeus Mutter Liuheva des Koͤnigs Maotun Sohn mit Verlobung ihrer Tochter/ und ei- nem reichen Braut-Schatze versoͤhnen. Weil aber diß letzte Versprechen nicht voͤllig erfolgte/ schickte der Tatterische Koͤnig seine Braut der Liuhera mit einem schimpflichen Schreiben zuruͤcke. Dieses ehrsuͤchtige Weib/ welche nach ihres Sohnes Absterben selbst die Se- rische Herrschafft an sich zoh/ meynte zwar Baͤume auszureissen/ und die Tattern mit Strumpf und Stiel auszurotten; aber ihr Feldhauptmañ Kipus daͤmpfte ihren unzeitigen Eifer/ und versicherte sie: Wer an den Tattern zum Ritter werden wolte/ muͤste in iedweder Brust ein Maͤnner-Hertze haben. Ungeach- tet sie nun ihrem Enckel Uen das Serische Reich abzutreten gezwungen ward/ vergassen doch die Tattern nicht ihrer Rache/ sondern uͤberschwemmeten gantz Xansi biß an des al- ten Koͤnigs Jvus Geburts-Stadt und Koͤnig- lichen Sitz Pingyang. Ob sie nun zwar/ als der Feldherr Siang mit sieben hundert tausend Serern auf sie loß ging/ fuͤr rathsam hielten/ mit ihrer Beute nach Hause zu kehren; ver- knuͤpften sie sich doch mit den West-Tattern/ und brachen diese in Xensi/ jene in Xansi ein. Koͤnig Uen und sein beruͤhmter Heerfuͤhrer Afu zohen beydẽ mit 3. maͤchtigen Heeren entge- gen/ gleichwol aber hatten sie nicht das Hertze mit ihnen zu schlagen/ sondern sie besetzten alleine die Paͤsse/ schnidten ihnen alle Zufuhre ab/ noͤthigten also hierdurch nach dem Beyspiele des langsamen Fabius die Tattern/ daß sie nach aufgezehrtem Vorrathe und Einaͤsche- rung beyder Laͤnder sich zuruͤcke ziehen musten. Uen starb kurtz hierauf/ und folgte ihm Hia- cking; gegen diesen brachen die Nord-Tartern in das Land Ki oder Yen/ und die von Westen in Suchuen ein/ kehrten auch mit reicher Beu- te nach Hause. Alleine hiermit ward auch ihrem Gluͤcke ein Ziel gesteckt/ als welches nie- manden noch seiner Bestaͤndigkeit halber eini- gen Buͤrgen gesetzt hat. Fuͤr Ursachen dieser Enderung lassen sich nicht so wohl die Ein- fluͤsse der Sternen/ als diese Umbstaͤnde anzie- hen/ daß die Tattern durch ihr stetes Kriegen die vorhin weichen Seren abgehaͤrtet/ und durch Arminius und Thußnelda. durch lange Ubung zu Kriegesleuten gemacht hatten/ diese auch an Vermoͤgen und Menge des Volcks/ als denen zwey Spann - Adern eines Reiches denen wegen steten Reitens zum Kinderzeugen nicht so geschickten Tattern weit uͤberlegen waren; insonderheit aber diese durch Zertheilung ihres Reiches sich allzu sehr geschwaͤcht hatten. Jhr Unstern aber ging ih- nen mit des Hiaokings Sohne dem Koͤnige Hiaovus auf/ wiewohl anfangs mit zweifel- haftem Lichte. Denn weder das Gluͤcke noch die Natur ist gewohnt von einer aͤusersten Spitze auf die andere einen Sprung zu thun. Hiaovus hatte mit den Tattern bey Antre- tung seines Reichs mit Versprechung eines jaͤhrlichen Soldes einen ewigen Frieden ge- macht. Als er es aber nundurch Gesetze und seine getreuen Landvoͤgte genungsam befestiget hatte/ rieth ihm Quei/ oder vielmehr seine Ehr- sucht/ daß er nunmehr ein so schimpfliches Buͤndnuͤß zerreissen moͤchte. Gleichwohl traute er seinen Kraͤfften nicht zu/ durch offe- nen Krieg diesem behertzten Feinde einige Fe- der auszuziehen; sondern schickte den Ligvang und Puve mit zweyen Heeren ab/ unter dem Scheine/ die Wache an der langen Reichs- Mauer abzuloͤsen/ und er selbst folgte mit drey hundert tausend Mann biß nach Maye. Weil aber die Tattern durch einen Gefangenen hiervon Wind kriegten/ begegneten sie ihnen mit unerschrockenem Muthe. Hiaovus meynte die Tattern zwar durch Bestraffung des Quei zu bestillen; alleine sie hielten fuͤr schimpfliche Kleinmuth der Seren Meyneid ungeraͤchet zu lassen. Hiermit trieben sie drey Serische Heere uͤber Hals und Kopf zu- ruͤcke. Wie aber Ligvang/ welchen sie denn seiner Geschwindigkeit halber den fluͤgenden Heerfuͤhrer nennten/ mit noch einer staͤr- ckern Macht ankam/ riethen ihnen ihre Wahr- sager sich zuruͤcke zu ziehen; Ohne daß die Serer sie ausser der Mauer zu verfolgen das Hertz hatten. Hierauf schickte Hiaovus den Chenkiang/ das von dem Koͤnige Xius erober- te/ aber inzwischen wieder abgefallene Reich Junnan einzunehmen; welches er nicht allein mit grossem Gluͤcke verrichtete/ sondern auch noch darzu die zwey Reiche Tavon/ und Ta- kiam zwischen denen Fluͤssen Caor/ Cosmin und Martaban eroberte/ und derogestalt die Seri- sche Herrschafft biß an das Jndianische Sud- Meer erweiterte. Dieser gluͤckliche Streich und die Einrathung des Feldhauptmanns Gveicing/ welcher den Feind in seiner Graͤn- tze erwarten fuͤr schaͤdliche Kleinmuth/ sein Pferd aber an des Feindes Zaum binden/ fuͤr ruhmbare Klugheit hielt/ bewegte den Hiaovus zu der Entschluͤssung die Tattern zu uͤberzie- hen/ welche nur in ihrem Neste wie Cacus in seiner Hoͤle von einem Hercules erleget werden koͤnten. Weil nun das West-Tatterische Reich Tibet unter dem Amasischen Gebuͤrge alle Tat- tern schier mit herrlichen Pferden ausruͤstete/ de- rer Wiegern nicht einst die schlechten Serischen Pferde vertragen kunten/ fiel der Schluß/ ihnen am ersten diese Ruͤst-Kammer abzuschneidẽ. Also zohen wider sie durch Xensi vier solche Kriegs- heere auf/ derer iedes/ wie des Xerxes/ Berge abzutragen/ und Fluͤsse auszutrincken maͤchtig war. Die West-Tattern musten fuͤr dieser Menge sich theils in die Damasischen Gebuͤr- ge/ theils uͤber den Saffran - Fluß begeben. Wormit nun die Seren in der Tatterischen Flaͤche festen Fuß setzen/ und im Fall der Noth irgendswohin eine sichere Zuflucht finden moͤch- ten/ baute er in der Tarterey Tanyu etliche Schantzen/ und an den Saffran - Fluß ein grosses viereckichtes/ und mit vielen Vorra- then versorgetes Laͤger. Weil nun die Tat- tern wohl sahen/ daß ihnen hierdurch ein ge- waltiger Kapzaum angeleget ward/ versuchten sie durch oͤfftere Uberfaͤlle das Werck zu hin- dern; und als dis nicht verfing/ mit ihrem gantzen Heere zu treffen. Alleine Gveicing G g g g 2 ver- Fuͤnftes Buch versetzte ihnen auf dem Berge Jn einen solchen Streich/ als sie noch keinen erlitten hatten. Viertzig tausend Tattern/ und der Koͤnig in Tanyu mit allen Fuͤrsten blieben todt auf der Wallstatt/ und funfzig tausend wurden gefan- gen. Daher die Tattern auch noch zur Zeit niemals ohne Thraͤnen selbigen Berg uͤbersteigen. Der Serische Koͤnig kam fuͤr Freuden selbst dahin/ und stieg aus Vorwitz auf die hohen Gebuͤrge zwischen Tanyu und Tibet. Auf der Jagt fing er ein grosses Thier mit einem Nasenhorne/ welches die aber- glaͤubigen Serer fuͤr eine Andeutung mehrer Siege hielten; daher auch Hiaovus von dieser Zeit allererst die Jahre seiner Herrschafft zu rechnen anfing/ und des erschlagenen Koͤnigs Hirnschale brauchte er zum Trinck-Geschirre. Von dar schickte Hiaovus ein Heer gegen Mitternacht/ welches die Tattern abermals aus dem Felde schlug/ und ihr Land biß an die Berge Yenchi und Kilien achthundert Stadien weit verwuͤstete/ und dẽ Koͤnig Hoensieus zwang sich mit seinem Lande den Serern zu unter- werffen. Wordurch die Landschafft Xensi un- ter den vorhin graͤntzenden Saffran - Fluß biß an die an der Westlichen Wuͤsten Xamo liegende schwartze See/ und das Gebuͤrge Kin/ uͤber den Fluß He erweitert und mit der be- ruͤhmten Stadt Socheu verschen ward. Weil nun die Herrschens-Sucht wie das Feuer un- ersaͤttlich/ und ein Sieg des andern Werck- zeug ist/ schickte Hiaovus auf einmal 3. maͤchtige Heere aus. Queicing brachte auf der Ost-Seite des Berges Jmaus in Barolybien zweytau- send Stadien weit biß an das Gebuͤrge Tien- quen alles unter seine Gewalt; und ob er wohl daruͤber sich unter die weiten Sandflaͤchen nicht wagen wolte; so erboten sich doch alle Tattersche Fuͤrsten biß an das nordliche Welt- Meer zur Zinsreichung. Kinping drang in das Reich Barrapheliot/ uͤber die Sand-Wuͤ- sten Xamo und den Berg Lankius vier tausend Stadien weit/ und kriegte uͤber die erschlage- nen siebentzig tausend Tattern gefangen; bau- te auch daselbst die Staͤdte Jungya und Lieny- ung. Liquang fiel in Nord-Ost hinter das Land Corea gegen Yesso ein; allwo er aber we- gen des grossen Sandes wenig oder nichts aus- richtete/ und aus Eifersucht gegen die andern zwey Sieger ihm selbst die Kehle abschnidt. Hiaovus machte diese 2. Heerfuͤhrer zu Koͤnigen uͤber die eroberten Laͤnder/ welche aber den Koͤ- nig der Serer fuͤr ihr Haupt erkennen musten. Weil aber den Tattern der Knechtischen Serer eiserne Hand unertraͤglich war/ fluͤchteten sich viel tausend in das Koͤnigreich Tibet/ Usußang/ Kiang/ und andere in Suchuen und Junnan graͤntzende Tatterische Laͤnder. Nachdem nun die West-Tattern/ des Hiaovus Verlangen nach/ ihnen nicht den Auffenthalt verwehren wolten/ schickte er anfangs den Gveicing/ her- nach den Cham gegen die Koͤnige U/ und Sum/ mit starcker Heeres-Krafft/ welche ihre/ zwischen den Fluͤssen Tatu/ Kinxa/ und dem hohen Ge- buͤrge Umuen liegende Laͤnder eroberten/ und der Landschafft Suchuen biß an das Gebuͤrge Lin einverleibten. Er selbst Hiaovus wendete sich gegen Sud/ fuͤhrte auf den Fluͤssen Lukiang und Lonsang 2. Heere mit sich/ bemaͤchtigte sich des Reiches Laos/ und erweiterte sein Reich nicht nur mit Eroberung des Landes Tungking biß an das grosse Sud-Meer/ sondern nahm auch das Eyland Hainan ein/ und kam mit einem grossen Schatze von Perlen durch Fokien siegs- prangende zuruͤcke. Diese grosse Siege veran- laßten den Koͤnig Hieutu in Tibet/ daß er sich ebenfalls dem Serischen Reiche unterwarff. Dessen Sohn Geli Hiaovus an seinen Hof nahm/ ihn anfangs zu seinem obersten Stall- meister/ hernach zu seinem fuͤrnehmsten Rathe machte/ und ihn fuͤr einen Eingebohrnen erklaͤr- te/ und den Nahmen Kin gab. Hingegen stelen die gefluͤchtetẽ Tattern aus dem Reiche Samahã taͤglich den Serern in Tanyu ein/ worvon Hiao- vus Arminius und Thußnelda. vus den Koͤnig durch einẽ Gesandten Suvus ab- mahnen/ und ihn aller guten Nachbarschaft ver- sich ern ließ. Weil aber der zu ihm geflohene Se- rer Gveli ihn als einen Kundschaffter angab/ ward er auffdas Eiland Tarata in dem Nord- Meer geschickt/ und zu einem Schaaf-Hirten gebraucht. Hiaovus zohe diß zu raͤchen mit eylff starcken Heeren durch die Sand-Wuͤsten Xamo; die Tattern aber raͤumten das Feld/ ver- schlossen sich in die Gebuͤrge/ und lachten den sie zum Streit ausfordernden Hiaovus aus/ wel- cher aus Verdruß zuruͤcke zoh/ und dem tapffern Feld-Hauptmanne Laus die Kriegs-Macht uͤ- bergab. Dieser drang in das Gebuͤrge Sinuck/ und brachte zwar den Koͤnig in Tanyu in die Flucht; Weil aber der Koͤnig in Samahan hin- ter ihm das Gebuͤrge einnahm/ und ihm alle Zu- fuhr abschnitt/ gerieth er in so grosse Noth/ daß Anfangs sein Unter-Feldherr Qvoncan zu den Tattern uͤberging/ und hernach Laus selbst mit seinem gantzen Heere sich ergeben muste. Hiao- vus verlohr hiermit das Hertze die Tattern fer- ner zu bekriegen; sondern verwahrte nur die Flaͤ- che zwischen der Serischen Mauer und dem Gebuͤrge Kin. Der Koͤnig in Samahan oder Samarkanda unsers Koͤnigs Huhansien Großvater erlangte hingegen unter allen Tat- tern ein so grosses Ansehen/ daß alle benachbar- te Koͤnige ihn heimsuchten/ und als einem un- uͤberwindlichen Helden zu Ehren Kuͤhe opffer- ten/ ihn auch zu ihrem allgemeinen Schutz- Herrn erkieseten. Des Hiaovus Sohn und Reichs-Erbe/ welchem der Vater den Tatter Geli Kin zum obersten Feldherrn verordnete/ machte uͤber dieser zusam̃enwachserden Macht der Tattern grosse Augen/ und suchte unter dem Scheine den Gefangenen Suvus zu loͤsen eine Verneuerung des Friedens. Des Hiaovus Enckel Koͤnig Siven kriegte zwar eine Lust sich wie sein Groß-Vater durch einen Tatterischen Krieg beruͤhmt zu machen/ sein oberster Rath a- ber widerrieth es ihm auffs beweglichste und hielt ihm ein: die wider die Tattern erhaltenen Siege kosteten die Serer mehr edles Blut/ als sie Wasser gewonnen haͤtten. Viel gluͤckliche Streiche erwuͤrben einem Fuͤrsten wohl den ho- len Schall des Nachruhms; aber ein unver- nuͤnfftiges Beginnen waͤre genugsam ihn des Reiches/ das Volck der Ruhe zu berauben/ und den Fluch der Nachwelt seinem Gedaͤchtnisse auffzuhalsen. Derogestalt/ und weil Huhan- siens Vater als ein gerechter Herr die andern Tatterschen Fuͤrsten zur Ruhe anleitete/ blieb der Friede mit dem Koͤnige Siven/ und dem itzi- gen Haupte der Serer Juen noch feste stehen; die Tattern mochten auch mit ihrer Wurtzel Ginse/ mit Mardern/ Bibern und Zobeln nach Socheu frey handeln. Alldieweil aber itziger Koͤnig Juen mehr gelehrt als klug ist/ seiner Ge- mahlin Cieyva alles verhaͤnget/ auch schon ihren Sohn Gaus fruͤhzeitig zum Reichsfolger erklaͤ- ret/ seinen treuen Lehrmeister Siaovang auff Verleitung der Heuchler hat verderben/ und die Landschafften Quangsi und Hainan abfal- len lassen/ ja sich selbst seinem Diener Hien zum Sclaven gemacht hat/ ist mit dem Koͤnige Huhansien das Eintrachts-Band liederlich zer- rissen worden. Denn als fuͤr einem Jahre zwey an die Landschafft Xensi graͤntzende Koͤni- ge der Tattern in ihrem Gebuͤrge auff Bisam- Ziegen jagten/ die Serischen Graͤntz-Bewah- rer aber hiervon Kundschafft erlangten/ fielen sie unvermerckt dahin aus/ und nahmen beyde sich keiner Feindseligkeit versehende Fuͤrsten ge- fangen. Jhr Schutz-Herr Huhansien schickte eine Botschafft ab ihre Befreyung in der Guͤte zu suchen/ und sich uͤber den Friedensbruch zu beschweren; Alleine sie ward nicht einmal einge- lassen/ sondern ihr ins Gesichte gesagt: Man waͤ- re den Barbarn nicht laͤnger als es die Staats- Klugheit erforderte/ Treu und Glauben zu hal- ten schuldig. Die Gefangenen wurden auch enthauptet/ und ihre Koͤpffe an den Westlichen Anfang der Serischen Mauer auffgesteckt. G g g g 3 Die- Fuͤnfftes Buch unertraͤgliche Schmach haͤtte Huhansien zu raͤ- chen bey deꝛ Sebel und Nacht-Eule geschworen/ welche die Tattern so klug uñ so heilig/ als die der Pallas opffernden Athenienser verehrten/ sich auch alsbald mit denen verhandenen Kraͤfften auffgemacht/ die Serer nicht allein aus denen in Tebet und Ususang habenden Orten getrie- ben/ sondern auch in Xensi die Grentz-Festung Socheu erobert/ folgends uͤber den Saffran- Fluß gesetzt/ und auff dem Gebuͤrge Pexe den belagerten Leanghoejus mit seinem halben Se- rischen Heere durch Durst getoͤdtet. Weil a- ber hieruͤber Juen seines gantzen Reiches Macht auff gefuͤhret/ haͤtte nunmehr auch Hu- hansien alle seine Kraͤfften zusammen gesucht/ und fast alle Tatterische Koͤnige in sein Buͤnd- niß gebracht. Weil nun die Nord-Tattern gleichfals in Xensi oder Xansi/ sein anders Heer aber durch Tibee einbrechen solten/ versehen sie sich eines erwuͤnschten Fortganges; sonderlich weil die Gerechtigkeit der Sache ihrer Kriegs- Wage den Ausschlag gaͤbe. Dieses/ sagte Ze- no/ waͤre die Erzehlung des Scythischen Fuͤrsten gewest. Unsere Reise aber anreichend/ so bald das Scythische Kriegs-Heer uͤber das Damasische Gebuͤrge an den Fluß Lu kam/ fuͤhrte Koͤnig Huhansien selbtes in so schneller Eyl auff etlich tausend kleinen Schiffen Strom ab/ und kam uͤber den See Mahu (der diesen Nahmen von einem einst darauff gesehenen Drachen-Pfer- de bekommen haben soll) so unversehens fuͤr die vom Koͤnige Hiaovus erbaute Stadt Jangko/ daß die Einwohner meinten/ wir fielen ihnen vom Himmel auff den Halß. Dieses Schre- cken oͤffnete uns alsobald die Pforten der Stadt/ und wir segelten nun mit allhier eroberten groͤs- sern Schiffen auff dem strengen Fluße Mahu hinunter/ und kamen fuͤr die maͤchtige Stadt Siucheu/ dessen Mauern von diesem und dem Flusse Kiang bestrichen werden. Diese stellten sich zwar Anfangs zu tapfferer Gegenwehr/ und wir wuͤrden Noth gehabt haben/ diese von der Natur so wohl befestigte Stadt zu erobern/ weñ sie nicht ein thoͤrichter Aberglaube/ welcher die Furchtsamsten in Loͤwen/ die Hertzhafftigsten a- ber in Hasen zu verwandeln vermag/ in deꝛ Scy- then Haͤnde geliefert haͤtte. Diese Stadt/ sagte Zeno/ ist uͤberlegt mit redenden Papagoyen und andern Voͤgeln. Von diesen kam drey Tage nach einander ein Papagoy auff die Spitze des fuͤrnehmsten Tempels zu sitzen/ und rieff mit heller Stimme: Wuͤrden sie die Stadt nicht er- geben/ so wuͤrde keine Seele den Scythischen Schwerdtern entrinnen. Huhansien erfuhr diese Begebenheit von einem Uberlaͤuffer; Da- her schickte er auff den Morgen eine Tafel/ dar- auff eben diese des Papagoyens Worte geschrie- ben waren/ nebst einer brennenden Fackel und blutigem Schwerdte zum Zeichen ihrer Einaͤ- scherung und Unter gangs in die Stadt. Weil nun die Serer glauben/ daß die Seelen der ab- sterben den Menschen in ein ihrem Leben gleich geartetes Thier/ der Weltweisen aber fuͤrnehm- lich in solche beredsame Vogel fahren; Uber diß die Ubereinstim̃ung des Ausfoderungs-Schrei- ben und des wahrsagenden Papagoyen merck- wuͤrdig uͤberein traff/ schickten sie noch selbigen Tag zwoͤlff Mandarinen heraus/ welche dem Huhansien einen Fußfall thaten/ und ihm die Stadt ergaben. Also ist die Vernunfft auch der scharffsichtigsten Weltweisen/ wenn selbte nicht von der goͤttlichen Versehung geleitet wird/ ein Compaßohne Magnet-Nadel. Hu- hansien zohe in die Stadt/ nicht als wie zu Fein- den/ sondern als seinen geliebten Unterthanen ein; kein Scythe dorffte einigem Einwohner ein Haar kruͤm̃en; er ver geringerte ihnen ihre Schatzung/ und alles Thun dieses guͤtigen Koͤ- niges schien denen Uberwundenen ein Wun- derwerck/ weil selbter ihnen mehr Wohlthaten erzeigte/ als sie von einem Lands-Vater haͤtten hoffen koͤnnen. Wie nun Huhansien von die- ser Stadt mit viel Koͤstligkeiten/ als edlen Stei- nen Arminius und Thußnelda. nen/ Porcellanen/ Ambra/ dem rothen Adler- Holtze/ der allein in Suchuen waͤchset/ und Tschina-Wurtzel bewillkommet ward/ brach- ten sie auch zugleich oberwehnten Papagoyen mit/ welchen der Koͤnig in ein guͤldenes Keficht einschlosse/ und der Fuͤrstin Syrmanis verehrte. So bald diese ihn in ihre Haͤnde empfing/ rieff der Papagoy uͤberlaut: Syrmanis wird den Koͤnig Jven toͤdten. Jederman erstaunte hier- uͤber/ und selbst Syrmanis/ zumahl er vor nie- mahls ihren Nahmen gehoͤrt hatte; sie verkehr- te aber ihre Schamroͤthe in einen hoͤfflichen Schertz. Der Ausgang aber wieß hernach/ daß dieser verstaͤndige Vogel nichts als die Warheit geredet hatte. Jst diß immermehr moͤglich? fing Flavius an zu ruffen; so verwun- dern sich die Roͤmer nicht ohne verdiente Verla- chung uͤber ihren Papagoyen/ welcher den Kaͤy- ser Augustus gegruͤsset; und so muͤssen die aus Jrrthum fuͤr gantz unvernuͤnfftig gehaltene Thiere zuweilen mehr/ als wir mit unserer Klugheit/ kuͤnfftige Dinge vorsehen/ weil ich mich erinnere/ daß die Ameißen/ welche dem schlaffenden Midas Weitzen-Koͤrner/ die Bie- nen/ die dem noch kindlichen Plato Honig in Mund getragen/ jenem sein Reichthum/ diesem seine herrliche Weltweißheit angekuͤndiget. Rhe- metalces fing an: Jch weiß nicht/ ob dieser Pa- pagoy durch andere Kunst geredet haben moͤge/ als die Dodonischen Wahrsager-Tauben/ oder die vier guͤldenen Voͤgel/ welche die Zauberer zu Babylon auff das Koͤnigliche Schloß ange- bunden/ diese aber das Volck durch eine abson- dere Krafft zur Gewogenheit gegen die Koͤni- ge angelockt haben sollen. Kuͤnfftiger Dinge Wissenschafft waͤre kein Werck der Vernunfft/ weniger der Thiere; ja die Goͤtter selbst wuͤsten nicht alle/ was kuͤnfftig geschehen solte/ und ihre Wahrsager irrten vielmahl. Die Vernunfft aber waͤre eine Tochter des Himmels/ ein Fun- cken des goͤttlichen Lichts/ und also nur dem Menschen verliehen; welche in ihm fast diß/ was Gott in der Welt wuͤrckte. Diesemnach denn nicht wenig Weisen gar auff die Meinung kom- men waͤren/ daß nur der Mensch eine Seele/ welcher eigentliches Wesen im Nachdencken be- stuͤnde/ andere Thiere aber gar keine haͤtten/ son- dern sich nur durch den Trieb ihres Gebluͤtes/ wie die gezogenen Tocken durch den Drat be- wegten. Ja wenn man auch schon in selbten eine der Vernunfft aͤhnliche Unterscheidung wahrnehme/ waͤre selbte doch fuͤr nichts bessers/ als die Bewegung der Uhren zu achten/ die bey ihrer blinden Unvernunfft die Stunden richti- ger/ als der kluͤgste Mensch andeuteten. Hertzog Arpus siel ein: ich weiß zwar nicht aus was fuͤr einem Triebe dieser Papagoy geredet haben mag. Allen Thieren aber alle Wuͤrckungen/ ja auch den Schatten der Vernunfft abzuspre- chen/ duͤnckt mich fuͤr sie ein zu strenges Urthel zu seyn. Haͤtte Praxiteles seiner Marmelnen Venus eine geheime Krafft alle Beschauer zur Liebe zu reitzen einpregen/ Archytas eine hoͤltzer- ne Taube fluͤgend/ die Egyptier redende Bilder durch Kunst zubereiten koͤnnen/ muͤste man der grossen Werckmeisterin Gottes der Natur viel- mehr zutrauen/ daß sie denen lebendigen Thie- ren/ welche der weise Epicur Spiegel Gottes genennet/ etwas edlers eingepflantzt habe. Sie beflisse sich allezeit das beste zu zeugen/ und iedes Ding zur hoͤchsten Vollkommenheit zu bringen. Daher ereigneten sich nicht nur in den Thieren augenscheinliche Anzeigungen der Vernunfft/ sondern auch in den Pflantzen so klare Merck- mahle des Fuͤhlens/ daß Empedocles nicht nur in ihnen den Unterscheid des Maͤnn- und Weib- lichen Geschlechtes verspuͤret/ und wie so wohl andere Gewaͤchse/ als die Granat-Aepffelbaͤu- me ohne Vermengung beyderley Geschlechts- Wurtzeln keine Fruͤchte braͤchten/ angemerckt; sondern es haͤtte Plato/ Anaxagoras/ Democri- tus und Pythagoras ihnen/ als mit einer gewis- sen Seele versorgten Thieren/ an statt eines blin- den Thieres/ eine vernuͤnfftige Neigung zuge- eignet. Fuͤnfftes Buch eignet. Sintemahl die Pflantzen nichts min- der/ als die Thiere durch den Mund ihrer Wur- tzeln Nahrung an sich saugten/ ihre eingewur- tzelte Feuchtigkeiten sorgfaͤltig erhielten/ durch die Rinden Hartzt und andere Unsauberkeiten ausschwitzten/ traͤchtig wuͤrden/ des Winters gleichsam so lange als die Baͤren und Ratzen schlieffen/ im Fruͤhlinge sich ermunterten/ und zu gewisser Zeit ihre Freude und Traurigkeit bezeigeten. Zeno bestaͤtigte diß/ und meldete: Er haͤtte diß allzudeutlich in Jndien wahrge- nommen/ allwo er den so genennten/ und einem klein blaͤtterichten Pflaum-Baume nicht un- aͤhnlichen Trauer-Baume mit Augen betrach- tet; welcher auff iedem seiner woͤllichten Blaͤt- ter einen roͤthlichen Stiel/ und darauff vier rund blaͤttrichte Knospen haͤtte/ auff welchen fuͤnff weisse/ der Granat-Aepffel-Bluͤthe nicht ungleiche aber noch viel annehmlicher ruͤchende Blumen/ und endlich Fruͤchte in Gestalt gruͤner Hertzen wuͤchsen. Mit diesem Reichthume a- ber prangte dieser Baum nur des Nachts/ bey auff gehender Sonne aber liesse er nicht nur al- len Schmuck seiner Blumen fallen/ sondern der Baum selbst stuͤnde den Tag uͤber mit sei- nen Blaͤttern gantz welck. Hingegen wuͤch- se daselbst ein dem weiblichen Farren-Kraute aͤhnlicher Dorn-Strauch/ welcher des Tages/ ie heisser die Sonne staͤche/ ie schoͤner er gruͤnete/ und seine Blaͤtter allezeit diesem beliebten Him- mels-Auge zukehrete/ herentgegen fuͤr Traurig- keit gleichsam in der betruͤbten Nacht erstuͤrbe. Daß aber die Pflantzen ein nichts minder em- pfindliches Fuͤhlen/ als die Thiere an sich haͤt- ten/ wiese der Jndianer mit gelben Blumen prangendes und verschaͤmtes Fuͤhl-Kraut/ des- sen Blaͤtter sich bey einer nur naͤhernden Hand/ oder Beruͤhrung vom Staube welcken/ und zusammenschluͤssen. Welchem eine Krafft nicht nur die Liebe einzupflantzen/ sondern auch die verlohrne Schamhafftigkeit zu erstatten zuge- eignet wird; seinem Geheimnuͤsse aber ein Wei- ser in Jndien so fleißig nachgedacht/ daß er dar- uͤber unsinnig worden. Ein ander Kraut in Jndien laͤsset von Anruͤhren die Blaͤtter gar fallen; ja auff dem Eylande Taprobana lauffen die von einem Baume gefallenen Blaͤtter/ wenn man daran stoͤsset/ auff zweyen kleinen Fuͤssen davon; Und die Blaͤtter der Staude Charito- blepharon werden vom Anruͤhren gantz harte. Hertzog Herrmann fuͤgte bey: Es haͤtten ihm die Friesen von eben derogleichen fuͤr dem An- ruͤhren erschreckenden Pflantzen/ und deren vom Anfuͤhlen verwelckenden Gerste-Stengeln des Atlantischen Eylandes umstaͤndliche Nachricht ertheilet. Allein man doͤrffte das Fuͤhlen der Kraͤuter nicht aus so fernen Landen holen/ in seinem Garten wuͤchse eines/ dessen Frucht vom Anruͤhren zerspringe/ und daher den Nah- men haͤtte: Ruͤhre mich nicht an. De- nen deutschen Foͤrstern wuͤrde man auch kuͤm- merlich ausreden/ daß die Baͤume eine Em- pfindligkeit haͤtten; als welche allein die Ursache waͤre: warum in dem ersten unvermutheten Hau die Axt viel tieffer in Baum dringe/ als hernach/ da der leidende Baum sich so viel moͤg- lich verhaͤrtete. Fuͤr die Meinung aber/ daß die Pflantzen beseelte Thiere waͤren/ oder aber zum minsten es zwischen den Thieren und Pflantzen/ wie zwischen den Menschen und Thieren eine Mittel-Gattung gaͤbe/ schiene nicht wenig zu streiten/ daß aus denen in das Meer fallen- den Baum-Blaͤttern bey den Orcadischen Ey- landen/ Endten; bey den Serern in dem See Vo Schwalben; und in Griechenland aus den Feigen Wuͤrmer wuͤchsen. Zeno sagte: Jn Scythien habe ich mit meinen Augen ein Ge- waͤchse mit einem Lamme/ und in Suchuen bey der Stadt Chingung Baͤume gesehen/ welche die Blume Thunghoa tragen/ auff derer ieder ein vollkommener Vogel mit einem Zinoberfar- benem Schnabel waͤchst; aber mit der verwel- ckenden Blume nichts minder sein Leben/ als Schoͤnheit einbuͤst. Hertzog Arpus fing an: Aus Arminius und Thußnelda. Aus allem diesem laͤst sich nun so vielmehr schluͤs- sen/ daß die Natur in denen vollkommenern Thieren so viel weniger eine Stieff-Mutter ge- wesen/ und sie mit einem gewissen Lichte des Ver- standes betheilet haben muͤsse. Denn ob zwar sie keinesweges dem Menschen/ welcher gegen sie seiner Weißheit halber fuͤr einen Gott zu hal- ten/ zu vergleichen waͤren; so bliebe doch ein ge- ringer Verstand eben so wohl ein Theil der Ver- nunfft/ als ein Zwerg so wohl ein Mensch/ als die Riesen. Man spuͤrte an ihnen den Ver- stand/ das Gedaͤchtniß/ und die Wahl ihres Wil- lens. Diß aber waͤren die saͤmtlichen Kraͤfften der Vernunfft. Der Wolff fiele nicht zwey mahl in eine Grube; der Fuchs kaͤme sein Leb- tage nicht wieder dahin/ wo ein Fußeisen gele- gen; die Hunde stritten biß auff den Tod fuͤr ih- ren Herrn und Wohlthaͤter; die Tauben gaͤben so wohl/ als jene verschmitzte Kraͤhe des Koͤnigs Martes/ in Egypten richtige Briefftraͤger ab; die Huͤner warnigten ihre Jungẽ fuͤr dem Sper- ber; die Ameißen versorgten sich uͤber Winter/ bissen die Weitzkoͤrner an/ daß sie nicht kaͤumen/ und begruͤben ihre Todten; die Kranche hielten wechselsweise Wache; die Ochsen uͤbten sich vor- her zum vorstehenden Streite; die Loͤwen gin- gen um den Jaͤgern zu entrinnen/ ruͤckwerts in ihre Hoͤlen/ und zuͤgen im Gange ihre Kreilen ein; die Cilicischen uͤber den Taurus fliegende Gaͤnse nehmen Kieselsteine in die Schnaͤbel/ daß sie ihr gewohntes Geschrey nicht den auff- wartenden Adlern verrathe; die Cretensischen Bienen machten sich/ wenn es windicht/ mit Sandsteinlein schwerer. Die Vogel bauten ihre Nester so kuͤnstlich/ und nachdem ein Land heiß oder regenhaft/ an einem Orte oben am an- dern unten offen; die Papegoyen hiengen sie/ um ihre Jungen fuͤr den Schlangen zu bewahren/ mit Faͤdemen an die Baͤume; die Affen lernten in Africa auff der Floͤten und Laute spielen; die Kranche kuͤndigten den Winter/ die Stoͤrche und Schwalben den Sommer an. Das Schwein haͤtte das Ackern/ die Spinne das Weben/ der Esel das Hacken der Weinberge/ und viel Thiere die meisten Artzeneyen erfunden. Es sind diß schon die Gedancken des Anaxago- ras gewest/ versetzte Rhemetalces/ welcher aber den Thieren nur einen in ihnen wuͤrckenden Verstand enthangen/ selbst aber nachgeben muͤs- sen/ daß ihnen keine Faͤhigkeit etwas mehrers/ als ihnen angebohren ist/ zu begreiffen verlie- hen sey. Zu welchem letztern doch der Kern der Vernunfft steckte; weil der Mensch selbst von der Geburt her einem ungehobelten Hol- tze und ungeschliffenem Steine aͤhnlich waͤre; woraus der Fleiß als die rechte dem Prome- theus an der Hand stehende Minerva allererst ein Bild des Mercur machen muͤste. Jnson- derheit mangelt es den Thieren an dem vor- nehmsten Werckzeuge der Vernunfft/ nehm- lich der Sprache/ welche das einige Mittel ist/ so wohl seine Gedancken zu entdecken/ als von andern zu vernehmen. Hertzog Jubil begeg- nete ihm/ beydes schiene ihm sehr zweiffelhafft zu seyn. Sintemahl die Thiere zwar keine Spra- che der Menschen/ aber doch eine solche haͤtten/ daß sie einander verstuͤnden; ja auch nach und nach die Sprachen der Menschen verstehen lernten/ und also mehr von der Vernunfft/ als Anaxagoras wahrgenommen/ in sich stecken ha- ben muͤsten. Melampus/ Tiresias und Tha- les haͤtten sich geruͤhmt/ daß sie die Rede der Thiere verstanden/ und hiervon kaͤme der Ruff/ daß die Schlangen vor Alters geredet haͤtten. Daher lehrten so wol die Schwalben und Nach- tigalen die Jungen ihren Gesang/ als die Stoͤr- che und Adler ihren Flug; Wie sollen sie aber nicht was anders zu begreiffen faͤhig seyn/ da sie selbst fremde Sprachen lernen? wie die dem Pto- lomaͤus aus Jndien geschickte Hinde die Grie- chische/ und der aus eben diesem Vaterlande kommende Papegoy die Britannische/ welcher aus des Koͤnigs Fenster in die Temse fiel/ und um zwantzig Pfund einen Kahn zu bringen ruf- Erster Theil. H h h h te; Fuͤnfftes Buch te; hernach aber dem Schiffer nur einen Stie- ber zu geben einrieth. Hanno und Apsephas haben beyde allerley Voͤgel abgerichtet/ daß sie geruffen: Hanno ist ein Gott/ Apsephas ist ein Gott. Jn Griechenland habe ich redende Kraͤ- hen gesehen/ zu Rom Droßeln/ und in unserm Deutschlande sind die sprechenden Stahre nicht ungemein. Ja auch das Weinen und Lachen/ die dem Menschen alleine als was sonderbares zu- geschriebene Eigenschafften/ sind etlichen Thie- ren gemein. Nicht nur die Papagoyen/ son- dern auch gewisse gelbe Voͤgel in Jndien lachen so artlich/ daß es kaum vom Menschlichen zu entscheiden ist. Die Africanischen Esel vergies- sen so wohl Thraͤnen fuͤr Muͤdigkeit/ als die Crocodile aus Heucheley. Die Pferde haben nicht nur fuͤr Wehmuth ihren todten Achilles/ sondern auch den ermordeten Kaͤyser Julius be- weinet. Auch die Augen der Elephanten trief- fen von diesen Mitleidungs-Zehren/ welchem Thiere fuͤr allen andern Vernunfft und Ver- stand zugeeignet werden muͤste/ wenn man sie schon allen andern absprechen koͤnte. Es ist wahr/ sagte Zeno; Jch selbst habe von Elephan- ten Dinge gesehen/ welche ich schwerlich glaubte/ wenn mich dessen nicht meine Augen uͤber- redet haͤtten. Daß sie ihre Muttersprache ver- stehen/ und sich darinnen zu allem anweisen las- sen/ ist das geringste. Jch habe in Jndien sie etliche Worte/ dardurch sie ihren Willen eroͤff- net/ reden gehoͤret; ja auch in den Staub mit der Schnautze schreiben sehen. Daher ich nun ausser Zweiffel setze/ daß einer zu Rom Grie- chisch geschrieben: Jch habe den Celtischen Raub zur Einweihung getragen. Sie lassen sich zum Kriege und allen andern Kuͤnsten abrichten/ und einen Knaben mit einen kleinen Eisen nach Belieben leiten. Sie halten um die Jndischen Koͤnige die Leibwache; fallen zu be- qvemern Auff- und Absteigen auff die Knie/ buͤ- cken sich fuͤr ihren Herren mit grosser Ehrerbie- tung; und wie hertzhafft sie kaͤmpffen/ habe ich so wol/ als der wider den Porus streitende Alexan- der erfahren. Ja auch die Wilden machen unter sich Schlachtordnungen gegen Thiere und Jaͤ- ger/ nehmen die Schwachen in die Mitte/ ver- lassen keinmahl die Matten/ und ziehen die Pfei- le aus den Wunden vorsichtiger/ als die erfah- rensten Aertzte. Sie lernen die Fechter- und Schwimmens-Kunst/ spielen mit dem Balle/ schießen nach dem Ziele/ tantzen nicht nur nach den Kreißen und fuͤrgemahlten Wendungen/ sondern auch auff dem Seile/ und thun in den Schauspielen den Gaucklern alle Kuͤnste nach/ oder zuvor. Sie vergessen in zehn und mehꝛ Jah- ren nicht angethane Beleidigungen/ und sparen ihre Rache biß zu beqvemer Gelegenheit/ betruͤ- ben sich hingegen zuweilen uͤber ihrer Leiter Ab- sterben so sehꝛ/ daß sie sich selbst durch Enthaltung vom Essen toͤdten. Sie wissen derer auff sie be- stellten Knechte Betruͤgereyen artlich zu entde- cken; und wie keusch sie sonst nicht allein unter sich selbst sind/ sondern auch denen Ehebrechern alles Leid anthun/ verlieben sie sich doch in die Menschen auffs hefftigste. Sie sind so Ruhm- begierig/ daß ich einen sich auff des Koͤnigs An- leitung in den Strudel des Ganges/ also in den augenscheinlichen Tod stuͤrtzen sehen. Welcher derogestalt so merckwuͤrdig zu achten/ als jener Elephant Ajax des Koͤnigs Antiochus/ der aus Scham mit Fleiß erhungerte/ weil er es ihm den andern Elephanten in Uberschwimmen eines Flusses zuvor thun ließ/ und ihn hernach mit sil- bernem Zeuge ausputzen sahe. Sie beerdigen ih- re Todten/ und wormit gleichsam den Menschen weder Weißheit noch Andacht zum Vorrecht bleibe/ so glaͤuben die Jndianer feste/ daß die Ele- phanten auch von dem/ was im Him̃el geschehe/ Wissenschafft haͤtten; Jch aber habe mit Augen gesehen/ daß sie die auffgehende Sonne und den neuen Monden anbeten. Wer wolte nun nicht nachgeben/ daß etliche Thiere nicht einen der menschlichen Vernunfft zwar nicht gleichkom- menden- Arminius und Thußnelda. menden-iedoch einen ihr nicht gantz unaͤhnlichen Verstand haben? Sintemahl diß/ wormit der Mensch alle andere Thiere uͤbertrifft/ mehr was goͤttliches/ als menschliches ist. Der Papegoy unserer Gethischen Fuͤrstin Syrmanis redet mir hierinnen noch ferner das Wort/ von dem ich schier zu erzehlen vergessen haͤtte/ daß/ als er uͤ- ber die Graͤntze des Serischen Reichs gefuͤhret ward/ zu reden anfing: Jch bin ein Serischer Vogel/ und schaͤtze ausser meinem Vaterlande keines wuͤrdig/ daß sie meine Stim̃e hoͤren solle. Woꝛauff er alsofort im Kesichte sich erstieß. Der Feldherr fing an: dieser Papegoy hat besser als Alexanders Pferd und sein Hund Peritas/ wel- chen er zu Ehren 2. Staͤdte in Jndien gebaut/ ein Ehrenmahl/ und ein koͤstlicher Begraͤbniß/ als nechsthin ein Rabe zu Rom/ verdienet. Die- sem Papegoyen muß ich einen von den Friesen aus der Atlantischen Jnsel gebrachten/ und mei- nem Vater Segimer verehrten Vogel an die Seite setzen/ welcher/ wo nicht der verstaͤndigste/ doch gewiß der schoͤnste Vogel in der Welt ist/ und daher besser als der Pfau ein außer wehlter Vogel der Juno/ und des Koͤnigs der Mohren/ zwischen dem See Zaire/ und dem Meere zu seyn verdienet/ in dessen Gebiete niemand ausser ihm bey Verlust des Lebens und der Guͤter eini- gen Pfauen halten darff. Er war aber auff dem Bauche und der Helffte der Fluͤgel morgenroth/ der Ruͤcken und das uͤbrige der Fluͤgel himmel- blau/ der lange Schwantz fleischfarbicht/ mit bleich-gruͤn und glaͤntzender Schwaͤrtze unter- mengt. Der Kopff hatte wellicht und ruͤckwaͤrts gekraͤuselte Federn von Rosenfarbe/ und von ei- nem gelb-rothen Feder-Pusche eine Krone/ die wie gluͤende Kolen schimmerte/ die Augen breñ- ten wie Rubinen unter schneeweissen Augenlie- dern. Was aber das wunderwuͤrdigste war/ ver- stand uñ redete er in 3. Sprachen die Worte ver- staͤndlicher/ als die abgerichtestẽ Papegoyen aus. Nach aller Anwesenden hieruͤber geschoͤpfften Verwunderung und Urthel: daß dieser Pape- goy ihm sein Grabelied gewisser/ als die Schwa- nen zu singen gewust/ erzehlte Zeno ferner: Als Koͤnig Huhansien zu Siucheu alles in gute Ord- nung gestellt hatte/ waͤre er wegen der im Stre- me Kiang befindlicher Strudel und Steinklip- pen auff der lincken Seiten des Flusses zu Lan- de/ gegen der Haupt-Stadt Chunking fortge- ruͤckt. Nachdem das Heer den ersten und andern Tag durch eine uͤberausfruchtbare Gegend biß an den Fluß Chung kommen/ haͤtten sie den drit- ten Tag das Laͤger unter dem hohen Berge Thunghuen auffgeschlagen/ an dem er sich da- mals nicht satt sehen/ noch itzo ohne hoͤchste Ver- wunderung zuruͤcke gedencken koͤnte. Denn ob wohl die Serer insgemein auff den Gebuͤrgen ihren Abgoͤttern und Helden zu Ehren koͤstliche Bilder aufsetzten/ uñ insonderheit die aus Stein gehauene Seule des Abgotts Fe/ ein Elefant/ ein Loͤw/ eine Glocke und Drommel auff dem Berge Xepao in der Landschafft Junnan be- ruͤhmt und wuͤrdig zu schauen waͤren; Ob auch wohl des beruͤhmten Baumeisters Dinostratus Erbieten/ daß er aus dem Berge Athos des gros- sen Alexanders Bild/ welches mit einer Hand ei- ne grosse Stadt/ mit der andern einen Fluß oder See fassen wolte/ dessen Wasser den Einwoh- nern zu taͤglichem Gebrauch auskommentlich seyn solte/ insgemein fuͤr eine großsprecherische Unmoͤgligkeit gehalten wuͤrde; so haͤtte doch aus dem viel groͤssern Berg Tunghuen ein alter Koͤ- nig den Goͤtzen Fe mit geschraͤnckten Beinen/ und in die Schooß gelegten Haͤnden gefertiget/ dessen Hoͤhe und Groͤsse daraus zu ermessen waͤ- re/ daß man Augen/ Ohren/ Naßloͤcher und den Mund daran uͤber 2. deutscher Meilen davon erkiesen koͤnte; also/ daß ihm weder der aus einem Steine gehauene Egyptische Sphynx/ dessen Kopff 122. Fuͤsse dick/ 143. lang/ und 162. hoch seyn soll/ noch auch der Fuß in der andern Spitz- Seule oder dem Begraͤbnisse des Koͤnigs Ama- sis aus zweyen Steinen/ deren ieder 30. Fuͤsse dick/ und 1400. lang ist/ und darein die Woh- H h h h 2. nungen Fuͤnfftes Buch nungen der Priester gehauen sind/ einigerley Weise den Schatten reichten. Auff dem Na- gel der kleinen Zehe im rechten Fusse lese man folgende Uberschrifft: Laß/ dreymahl grosser GOtt/ diß Zwerg-Bild dir belieben/ Das der/ den du gemacht zum Groͤsten in der Welt/ Dir hier aus Andacht hat zum Denckmahl auffgestellt. Jst doch dein Bild so gar in Sand und Kraut beklieben/ Jn Schneckenhaͤuser ein-dein Nahm und Lob geschrieben/ Weil deiner Weißheit auch/ was klein ist/ wohlgefaͤllt; Die auch Colossen nur fuͤr Ameiß-Haussen haͤlt/ Und steile Berge kan wie Asch’ und Staub durchsieben. So schau nun nicht das Werck/ nur deinen Werckzeug an/ Der dir mehr seinen Geist/ als diesen Steinfels weihet. So viel dem Menschen Gott Vernunfft und Kraͤfften leihet/ So viel ist’s/ was er ihm auch bau’n und wiedmen kan. Haͤlt doch dein Bau/ die Welt/ dir selber nicht’s Gewichte/ Und dein blaß Schatten steckt in Stern- und Sonnen-Lichte. Der Koͤnig Huhansien/ fuhr Zeno fort/ hielt sich theils um sein Kriegs-Heer durch die Fruͤch- te dieser Gegend und die aus diesem Goͤtzen ent- springende Baͤche zu erfrischen/ theils dieses Wunderbild genau zu betrachten zwey Tage darbey auff/ verrichtete fuͤr ihm seiner Lan- des-Art nach sein Opffer/ kriegte aber den drit- ten von einem uͤberlauffenden Serer die Nach- richt/ daß Koͤnig Juen/ welcher wegen falscher Kundschafft seine gantze Macht in die Land- schafft Xensi gezogen hatte/ nach verlautetem Einbruche in Suchuen/ nur ein Theil seines Kriegs-Volcks alldar zur Beschirmung ge- lassen/ er aber mit der groͤsten Macht sich auff den Strom Sung gesetzt/ und bey der Stadt Chunking/ wo selbter in den Fluß Kiang faͤllt/ ausgeladen haͤtte/ also nun nahe an ihm mit dem gantzen Heere in vollem Anzuge waͤre. Auf den Abend ließ sich schon der Serer Vortrab sehen/ mit welchem die berittensten Scythen nur etli- che Scharmuͤtzel ausuͤbeten. Um Mitter- nacht stellte Huhansien und seine Feld-Obersten in der bey Piexan liegenden zwey hundert Sta- dien langen Flaͤche das Kriegs-Heer schon in Schlacht-Ordnung; iedoch derogestalt/ daß ein grosses Theil des Volcks hinter dem Berge Chungpie verborgen stand. Als es begunte zu tagen/ sahen wir schon/ daß Koͤnig Juen mit sei- nen vier mahl hundert tausend Serern in voller Schlacht-Ordnung gegen uns ankam. Oropa- stes/ ich und die als eine Amazone ausgeruͤstete Syrmanis musten nahe bey dem Koͤnige blei- ben. Es ist unmoͤglich zu beschreiben die grau- same Blutstuͤrtzung; Die Serer waren zwar an Menge staͤrcker/ und thaͤten durch ihre vortheilhafftige Gewehre/ insonderheit durch viel von Gewalt des Feuers geschossene Bley- Kugeln grossen Abbruch. Die in denen saͤn- dichten Wuͤsteneyen/ aber mehr ausgehaͤrte- ten Scythen/ waren doch denen durch Uber- fluß ihres von Fruchtbarkeit schwimmenden Landes/ und durch uͤbermaͤßige Ubungen der Weltweißheit halb weibisch gemachten Serern uͤberlegen. Wie? sagte Rhemetalces/ soll die Weltweißheit/ welche das Gemuͤthe wider alle Zufaͤlle befestiget/ welche einen erst zum Man- ne macht/ welche als eine unersteigliche Mauer durch keinen Ruͤstzeug des Gluͤcks uͤbermeistert werden kan; welche die Foltern der Hencker ver- lachet/ fuͤr der Sichel des Todes und den schim- mernden Klingen der Feinde kein Auge verwen- det/ eine Mutter weibischer Zagheit/ und eine Vorlaͤufferin des Untergangs seyn? Der Feld- herr nahm sich des Zeno an: die rechte und un- verfaͤlschte Weltweißheit/ welche das Gemuͤthe durch Tugend ausarbeitet/ die Richtschnur des Lebens/ was zu thun oder zu lassen sey/ fuͤrschrei- bet/ bey dem Steuer-Ruder der Vernunfft sitzet/ und durch die stuͤrmenden Wellen des truͤben Welt-Meeres gluͤcklich durchfuͤhret/ ist in alle- wege ein eisernes Bollwerck der Koͤnigreiche/ nicht ihre Verzaͤrtlerin. Aber insgemein tauch- ten die Menschen nur einen Finger in ihre Leh- re/ weil diese im Anfange herber als Wermuth/ die liebkosenden Wolluͤste aber ihnen suͤsser als Zucker schmeckten. Also umbhuͤllten ihrer viel sich mit dem Mantel der Welt-Weisen/ derer Gemuͤthe mit Uppigkeit angefuͤllt waͤ- re. Uberdiß mengte man allerhand schein- bare Waare unter ihre Wuͤrtzen/ welche zwar Arminius und Thußnelda. zwar an sich selbst nicht falsch/ aber zum Miß- brauch uͤberaus diente. Dieses waͤre die Be- redsamkeit/ die Dichter - Bau - Stern- und Meß-Kunst/ ja alle dieselben Wissenschafften/ welche an sich eine angeborne Liebligkeit haͤtten/ die Ruhe liebten/ dem Kriege und rauhen Arten feind waͤren. Durch diese verlernte man die Krieges-Ubungen/ der Leib wuͤrde verzaͤrtelt/ das Gemuͤthe eingeschlaͤft/ das Volck zu Schau- spielen und andern Kurtzweilen verliebet/ und den tapfersten Leuten unvermerckt das Hertz aus der Brust/ und das Schwerdt aus den Haͤnden gerissen. Durch dis Kunst-Stuͤcke haͤtte Cy- rus die Lydier/ Aristodemus die Cumaner ge- baͤndiget/ indem jener ihnen Pferde und Waf- fen genommen/ hingegen Wirths- und Huren- Haͤuser aufgerichtet; dieser aber der Buͤrger Soͤhne biß ins zwanzigste Jahr im Frauen- Zimmer unter Bisam und Balsam erzogen/ welche zuvor im zehnden schon in das staubichte Lager genommen worden. Denen Roͤmern waͤre es bey Menschen Gedencken mit den Bri- tanniern/ welche sie Tempel/ Raths-Haͤuser/ und Baͤder zu bauen/ sich in der Lateinischen Beredsamkeit zu uͤben/ Lust-Spielen und Ga- stereyen zu ergeben angewoͤhnet/ gluͤcklich ange- gangen/ daß sie ihnen unter dem Schein der Hoͤfligkeit das Seil der Dienstbarkeit an die Hoͤrner geschlingt. Dieses haͤtte seine Vorfahrẽ/ als sie in Griechenland und Gallien eingebro- chen/ beweget/ daß sie von Verbrennung ihrer Buͤcher abgelassen/ weil sie nach und nach wahrgenommen/ daß sie daraus wohl gelehrt/ aber auch weibisch worden. Und er erin- nere sich zu Rom gehoͤrt zu haben/ daß Cato stets im Munde gefuͤhret: Rom haͤtte seine Freyheit verlohren/ als die Kuͤnste der Griechen bey ihnen Buͤrger-Recht gewonnen. Ja er habe zuwege gebracht/ daß drey beruffene Griechische Redner alsofort wieder waͤren nach Hause geschickt wor- den. Rhemetalces versetzte: Dieses ist nicht die Schuld dieser herrlichen Kuͤnste und Wissen- schafften/ sondern derselben/ die sich ihrer schaͤnd- lich mißbrauchen. Soll man aber darumb alle Rosen-Straͤuche ausrotten/ weil die Spin- ne Gift daraus sauget; oder gar den Gottes- Dienst aufheben/ weil die Thorheit ihn zum Aberglauben macht? Die Lehre der Tugend und Sitten ist freylich wohl der Kern der Welt- weißheit/ die Tugend aber selbst nicht so unbarm- hertzig/ daß sie dem menschlichen Gemuͤthe alle Anmuth mißgoͤnnen/ und iede Ergetzligkeit ver- stoͤren solte. Die Oelbaͤume vertruͤgen neben sich die Myrthen/ der Wein - Stock das an- nehmliche Blumwerck. Und ich moͤchte selbst in keiner Stadt wohnen/ in welcher alle Woh- nungen Zeughaͤuser oder Ruder-Baͤncke waͤ- ren. Soll man aber dieser Weißheit gram wer- den/ weil der Mißbrauch ihr Leid anthut? Jch meyne vielmehr/ daß ihre Unschuld nichts min- der zu beweinen sey/ als eine Jungfrau/ welcher die Geilheit Unehre zumuthet. Fuͤrst Zeno ant- wortete: Jch habe in meiner Erzehlung weder die sauersehende/ noch auch die anmuthige Welt- weißheit verdammet; sondern allein die Serer getadelt/ daß sie dieser allein umbarmet/ die Kriegs-Kunst aber zur Thuͤre hinaus gestossen/ und hierdurch ihr maͤchtiges Reich/ fuͤr dessen Kraͤfften gantz Asien zittern solte/ zum Raube schwaͤcherer Voͤlcker gemacht. Wiewohl ich gestehe/ daß sie dieses mal ihren Mann noch ziem- lich gewehret: Dahero denn auch die Schlacht den halben Tag mit gleichem Gluͤcke abwechsel- te/ biß Zingis ein Scythischer Fuͤrst nebst dreissig tausend auserlesenen Nomaden und Sarma- tern hinter dem Berge Chungie herfuͤr kam/ und den Serern recht in Ruͤcken fiel; da denn zwar jene einen Vortheil zu kriegen schienen/ iedoch brachte der tapfere Koͤnig Juen durch sei- ne Hertzhaftigkeit/ und die neue Huͤlffe des Se- rischen Hinterhalts alles wieder in gleiches Ge- wichte. Weil nun der in gelben Kleidern allein prangende Koͤnig Juen fast allenthalben/ wo es am gefaͤhrlichsten schien/ an der Spitze fochte/ H h h h 3 und Fuͤnfftes Buch und seine Haupt-Fahne dahin zudringen ließ; hielt Koͤnig Huhansien es ihm fuͤr eine unaus- leschliche Schande/ diesem kuͤhnen Feinde nicht selbst die Stirne zu bieten. Also musten die fuͤr ihn fechtenden Voͤlcker Platz machen/ und er drang mit seiner Leibwache gerade auf den Seri- schen Koͤnig loß. Diese zwey Koͤnige fielen einander selbst als Loͤwen an/ gleich als sie eine absonderliche Tod-Feindschafft gegen einander truͤgen. Oropastes und ich kamen auf zwey Fuͤr- sten des Gebluͤtes zu treffen/ worfuͤr wir sie aus ihren mit guͤldenen Drachen gestuͤckten Kleidern erkennten. Und ich hatte das Gluͤcke einen mit meinem Sebel zu erlegen; Oropastes aber seinen Feind mit einem Spiesse vom Pferde zu rennen. Jnzwischen hatte Koͤnig Juen/ ob ihn schon Huhansien mit einem Pfeile in die Len- dẽ verwundet/ durch ein verborgenesFeuer-Ge- wehr dem Koͤnig Huhansien 2. Bley-Kugeln in den rechten Arm geschossen/ daß er nicht mehr seine Sebel brauchen/ und also aus dem Streite mit nicht geringem Schrecken der Scythen wei- chen musten. Die Fuͤrstin Syrmanis/ als die nechste darbey/ hatte zu grossem Gluͤcke den dem Koͤnige Juen stets an der Seiten kaͤmpfenden hoͤchsten Reichs-Rath/ der zu seinem Kennzeichen eine Binde mit vielen Edelgesteinen fuͤhrte/ durchrennet; Dahero als sie den Koͤnig Juen dem weichenden Huhansien nachdringen sahe/ brachte sie mit einer unglaublichẽ Geschwindig- keit dem Juen einen toͤdtlichen Streich bey/ daß er todt vom Pferde fiel. Die umb ihn fechten- den Serer erschracken hieruͤber so sehr/ daß sie erstarreten/ gleich als sie alle der Blitz geruͤhret haͤtte. Oropastes rieß bey dieser Gelegenheit dem Reichs-Faͤhnriche das einen guͤldenen Dra- chen fuͤrbildende Koͤnigliche Reichs-Fahn aus/ und schmisse es zu Bodem. Hierdurch gerieth das gantze Serische Heer in Unordnung/ und nach dem die Leibwache noch wohl eine Stunde lang umb die Fahn und die Koͤnigliche Leiche verzweifelt/ aber vergebens gefochten hatte/ wor- uͤber ich in die Achsel/ Syrmanis in die Hand verwundet ward/ hingegen unser aͤuserster Hin- terhalt aufs neue den Serern in die Seite fiel/ gerieth alles in Verwirrung/ und weil die Furcht auch die Tapferen/ wie der Krebs die gesunden Glieder nach und nach einnim̃t/ bald darauf in offentliche Flucht. Kein Scythe steckte die- sen Tag eine Sebel ein/ die nicht vor in Se- rischem Blute gewaschen war/ und die Mitter- nacht leschte noch nicht dieser verbitterten Feinde brennende Mord-Begierde aus. Das einmal einreissende Schrecken benim̃et den Augen das Gesichte/ den Ohren das Gehoͤre/ und der Ver- nunfft allen Verstand; daher die Scythen nicht allein die an denen zwey Haupt-Fluͤssen Pa und Kiang liegende herrliche Stadt Chunking ver- liessen/ sondern sich auch des Vortheils dieser zwey Fluͤsse/ an welchen sie mit geringer Macht noch einmal so viel Scythen haͤtten aufhalten koͤnnen/ entaͤuserten. Die Stadt Chunking schickte mit der Morgen-Roͤthe dem Koͤnig Hu- hansien die Schluͤssel zu den Stadt-Thoren ent- gegen; welcher/ ungeachtet seiner Verwundung/ gegen Mittags zu Pferde seinen uͤberaus praͤch- tigen Einzug hielt. Die Haͤuser auf den Stras- sen waren mit eitel Gold-gestickten Teppichten bekleidet/ die Spring-Brunnen spritzten eitel eingeambert Wasser aus/ die Strassen waren mit eitel hier haͤuffig wachsenden Blumen Meu- tang bestreut/ welches eine weißlichte mit Pur- pur vermischte uͤberaus grosse und aller Dornen befreyte Rose ist/ und von den Serern fuͤr die Koͤnigin der Blumen gehalten wird. Bey der Koͤniglichen Burg uͤbergaben die Mandarinen dem Koͤnige Huhansien die daselbst befindliche Koͤnigliche Krone/ und andere Zierrathen. Auf den Morgen kam der Koͤnig selbst in das Zim- mer der Fuͤrstin Syrmanis/ fuͤhrte sie an der Hand/ und setzte sie nebst sich auf einen guͤldenen von vier schneeweissen Pferden gezogenen Sie- ges-Wagen/ und zohe mit noch groͤsserer Pracht auf den nahe bey der Stadt gelegenen Lustberg Lungmuen/ auf welchem ein von weissem Mar- mel Arminius und Thußnelda. mel gebauter inwendig mit dichtem Golde uͤber- zogener und mit vielfaͤrbicht eingelegten Por- phiren und Agathen gepflasterter Tempel ste- het/ in welchem die Koͤnige dieses Sophitischen Reichs fuͤr Alters gekroͤnet/ und fuͤr dem Wuͤte- rich Tein/ welcher/ umb aller seiner Vorfahren Gedaͤchtnuͤß auszutilgen/ von ihm aber einen Anfang aller Geschichte zu stiften/ alle Schriff- ten und Denckmahle verbrennen lassen/ wohl 30000. Buͤcher von dem Priester Scyulo ver- borgen und erhalten worden. So bald er da- hin kam/ trat er mit der Fuͤrstin Syrmanis fuͤr das Altar/ auf welchem die Priester von eitel wohlruͤchendem Adler- und Zimmet-Holtze/ das ein Regenbogen beruͤhret hatte/ ein Feuer mach- ten. Hierauf reichte er der Syrmanis eine Agtsteinerne Schale mit Weyrauch/ und er- mahnte sie/ daß sie dem grossen Himmels-Koͤni- ge darmit opfern solte. Syrmanis/ unwissende/ daß dieses denẽ Koͤnigin dieses Reiches allein zu- kaͤme/ und selbte durch derogleichen Opferung fuͤr das Haupt des Landes erklaͤret wuͤrde/ streu- te den Weyrauch freymuͤthig in die Flam̃e. Die- ses war kaum geschehen/ als die mit Fleiß anher gefuͤhrten theils gefangenen/ theils sich ergebendẽ Fuͤrsten und Mandarinen in Suchuẽ der Syr- manis zu Fusse fielen/ ihre Haͤupter biß zur Er- de neigten/ hernach sie/ wiewohl mit helffenbei- nernen Taffeln fuͤr dem Munde/ wormit sie ihr Athem nicht beruͤhrte/ fuͤr die Koͤnigin in Su- chuen gruͤßten. Also nimmet man auch fremb- de Herrschafften/ nur weil sie neu sind/ mit Fro- locken an. Diesen folgten vier Scythische Fuͤrsten/ welche die Syrmanis nahmen/ und auf einen mit unzehlbaren Edelgesteinen schim- mernden Stul hoben. Koͤnig Huhansien ward von vier andern auf einen gleich uͤber ste- henden getragen. Der Tempel erbebte von dem Frolocken des Volckes/ Syrmanis aber wuste nicht/ wie ihr geschahe/ biß nach einem Handwinck alles stille ward/ der Koͤnig aber zu reden anfing: Das Gluͤcke/ das Recht der Waf- fen/ und unsere Tugend hat uns zum Meister in Suchuen gemacht. Man muß aber durch Klugheit behalten/ was man durch Tapferkeit erworben hat. Jene erfordert die Belohnung grosser Verdienste/ und eine weise Einrichtung der Ober-Herrschafft. Beydes dieses aber eignet der unvergleichlichen Syrmanis die Krone Su- chuens zu. Diese gebuͤhret dir/ weil du dem grossen Fuͤrsten der Scythen das Leben erhal- ten/ dem Serischen aber hertzhaftig genommen hast. Du aber wirst selber dich nicht entziehen/ weil das Verhaͤngnuͤß dir uͤbermaͤssigen Ver- stand solche zu tragen/ und einen Helden-Geist sie zu beschuͤtzen verliehen hat. Freue dich aber nunmehr erst gluͤckseliges Suchuen/ daß du ei- ner Koͤnigin gehorchest/ welche Saltz im Gehir- ne/ Zucker im Munde/ Feuer im Hertzen/ und den Blitz in Haͤnden fuͤhret. Jst sie nicht von Geburt eine Koͤnigin/ so hat sie die Natur durch ihre Faͤhigkeit/ und die Tugend durch Verdienst hierzu gemacht. Fuͤrstliche Hoheit und Freund- ligkeit aber sind augenscheinlich in ihr Antlitz ge- praͤget. Dieses annehmliche Ansehen verknuͤpft durch eine geheime Krafft die Hertzen der Unter- thanen ihr nicht allein zum Gehorsam/ sondern so gar die Seelen der Herrschenden zur Vereh- rung. Begluͤckselige dich also/ Suchuen/ mit deinem Schiffbruche/ welcher dir was bessers gegeben/ als genommen hat/ Die haͤrtesten Donner-Schlaͤge/ wie schrecklich sie scheinen/ zie- hen nach sich eine reiche Fruchtbarkeit. Ver- gnuͤge dich aber/ grosse Syrmanis/ an diesem Reiche. Einer Ceder ist zwar ein kleines Ge- faͤsse/ einem grossen Gemuͤthe aber der geringste Winckel der Welt seine Tugend auszuuͤben zu enge. Nichts ist fuͤr klein zu schaͤtzen/ wo ein grosser Nahme Raum finden kan. Die Fuͤr- stin Syrmanis/ ob sie zwar dieser Begebenheit sich auf diesen Tag am wenigsten versehen hatte/ hoͤrete den Koͤnig Huhansien mit unveraͤndertem Gesichte/ und sonder das geringste Merckmal eines verwirrt- oder frolockenden Gemuͤthes aus. Jhre Geberden zeigten keinen Hochmuth/ und bey aller dieser Neuigkeit schien an ihr nichts neues/ Fuͤnfftes Buch neues/ gleich als sie mehr herrschen koͤnte/ als ver- langte. Sie erklaͤrte sich hierauf mit einer an- nehmlichen Erbietung: Das weibliche Ge- schlecht waͤre die Centner-Last eines Reiches auf seine Schultern zu heben allzu unvermoͤgend; ihre geringe Dienste aber allzu unwuͤrdig/ daß sie ihr den Siegs-Preiß zueignen solte/ wel- chen die Tapferkeit des grossen Huhansien/ und die Waffen der streitbaren Scythen mit ihrem Blute erworben haͤtten. Sie bestaͤrckte in die- ser Meynung das Beyspiel des in diesem Reiche so sehr beruͤhmten Fuͤrsten Sungous/ welcher dieses Ampt seinem grossen Verstande uͤberlegen zu seyn gemeynet. Bey ihrer Unfaͤhigkeit wuͤ- ste sie doch dieses: daß es einem Unvermoͤgenden ruͤhmlicher waͤre/ sich einer angetragenen Buͤr- de zu entaͤusern/ als einem Vermessenen die uͤbernommene schimpflich einzubuͤssen. Bey solcher Beschaffenheit wuͤrde sie fuͤr eine Gnade annehmen/ da der Koͤnig sie ihre Schwachheiten auf dem grossen Schauplatze der Welt zu ent- bloͤssen nicht in Gefahr setzen/ seinen eigenen Siegs-Preiß aber nicht in die Schantze schlagen wuͤrde. Da aber der Befehl des Koͤnigs so un- erbittlich/ als der Schluß des Verhaͤngnuͤsses unveraͤnderlich waͤre/ muͤste sie sich bescheiden/ daß wie den Goͤttern auch schlechte Opfer ange- nehm waͤren/ und sie ihre untuͤchtigen Werck- zeuge geschickt machten; also wolle Huhansien durch Erhoͤhung ihrer Niedrigkeit die Groͤsse seiner Gewalt zeigen/ ihren Gehorsam seinem eigenen Vortheil vorziehen/ und durch seine Be- schirmung eine Ohnmaͤchtige zu Beherrschung eines so grossen Volckes faͤhig machen. Jedoch wuͤrde sie auf allen Fall unter dem Schatten der Koͤniglichen Wuͤrde das Ampt einer wesent- lichen Stadthalterin des grossen Huhansiens be- kleiden. Die 4. Scythischen Fuͤrsten uͤberlie- ferten der neuen Koͤnigin hierauf die Koͤnigli- chen Kleinode/ welches war ein blau und gelber Bund mit einem Pusch Reiger-Federn und grossen Diamanten ausgeschmuͤckt/ ein mit Rubinen uͤber und uͤber versetzte Sebel/ ein goͤl- dener Koͤcher und Bogen mit Smaragden gantz bedeckt/ und das Koͤnigliche Siegel/ darein ein Drache gegraben/ welchem alle/ die zu der Koͤ- niglichen Verhoͤr gelangen wollen/ ja auch der Koͤnig selbst bey seiner Wahl tieffe Ehrerbietung bezeugen muͤssen. Das allerschaͤtzbarste aber war eine kuͤpferne verguͤldete Kugel/ auf welcher einen Helfte die Landschafft Suchuen/ auf der andern aber die Gestirne/ welchen diß Land un- terworffen/ sehr kuͤnstlich gestochen waren. Die- se Kugel war zwar nicht von denselbigen 9. Ge- faͤssen/ welche Koͤnig Jvus schon fuͤr 2200. Jahrẽ als Merckmale seiner 9. Laͤnder hatte bereiten lassen/ und wormit als einem heiligen Geheim- nuͤsse den Koͤnigen die Herrschafft des Reiches uͤbergeben ward. Alleine es war ein Gemaͤch- te des Fuͤrsten Xius/ der allererst fuͤr 200. Jahren von dem Fuͤrsten Xo und Pei/ welche beyde mit ihrem Vater sich dem grossen Alexander unter- warffen/ Suchuen erobert/ und also des Yvus Reichs-Geschirre mit Vergroͤsserung des Rei- ches vermehret/ Huhansien aber solche unter dem Geraͤthe des Koͤnigs Juen erobert hatte. Alles Volck/ welches die Eroberung dieser Gefaͤsse fuͤr eine Goͤttliche Zuwerffung des Reiches hielt/ verwandelte bey Erhebung der Fuͤrstin Syrma- nis sein Stillschweigen in ein Frolocken/ und be- gleitete den Koͤnig der Scythen und die neue Koͤnigin mit hoͤchster Pracht und Gluͤcks-Zu- ruffungen wieder nach Chunking. Also zeitlich verwandelte sich das Traurẽ/ welches doch einem so neuen Betruͤbnuͤsse/ als der schmertzhafte Tod ihres erschlagenen Koͤniges war/ wohl anstehet/ in Freuden; ja/ weil so wohl die Serer als Persen ihre Reichs-Haͤupter nicht ohne Geschencke be- gruͤssen/ ward die Koͤnigin Syrmanis in wenig Tagen mit tausenderley Gaben gleichsam uͤber- schuͤttet. Massen denn auch den sechsten Tag von der an der Graͤntze des Reiches Huquang liegen- genden Stadt Jungning/ und von der fuͤr- nehmsten Haupt-Stadt Suchuens Chnigtu/ an dem Flusse Kin/ in welcher Gebiete ein Brunn wie das Meer ab- und zunimmt/ und Arminius und Thußnelda. und eine Bach von dem Berge Tafung sechzig Stadien hoch abfaͤllt/ nicht nur Zeitung/ daß sie die dahin geschickten Scythischen Krieges- Voͤlcker zur Besatzung eingenommen hatten/ sondern auch Gesandschafften mit grossen Ki- sten Bisam/ welcher an dem Nabel eines kleinen Rehes waͤchst/ seltzamen Affen/ und andern Kost- barkeiten ankamen. Das herrlichste Geschencke unter allen aber waren zwoͤlf wunder-schoͤne Knaben/ welche die Fuͤrsten des Reichs zu Be- dienung der neuen Koͤnigin im Lande auserle- sen hatten. Diese waren aufs herrlichste mit den groͤssesten Perlen um den Hals und die Ar- men/ auf dem Haupte mit einem von Diaman- ten schimmernden Krantze ausgeputzt. Vier derselben waren mit Purpur bekleidet/ mit Koͤ- cher und Bogen ausgeruͤstet/ der eine uͤberliefer- te der Koͤnigin Syrmanis eine Krone/ der an- der einen Koͤnigsstab/ der dritte eine grosse guͤl- dene Muͤntze/ auf welcher sie mit einem neuen Nahmen nemlich einer Tochter der guͤldenen Abendroͤthe gepreget stand; der vierdte ein guͤl- denes Zeit-Register/ in welchem der Anfang der Jahres-Rechnung von dem Tage ihrer Herr- schafft angefangen ward. Diese vier waren Lehrlinge aus der Schule des fuͤr fuͤnfftehalb hundert Jahren bluͤhenden weltweisen Confu- tius; dessen Lehren so unzweiffelbar/ als ein goͤttlicher Ausspruch verehret werden. Sie zie- len fuͤrnehmlich auf eine gluͤckselige Reichs- Herrschafft/ verehren kein Bild/ nur einen ei- nigen Gott den Erhalter der Welt/ und halten der Gottlosen Seelen fuͤr sterblich. Die an- dern vier Knaben waren blau angethan/ einer trug in einem guͤldenen Korbe die wolruͤchensten Blumen/ der ander auf einer Porcellanen Schuͤssel die geschmacktesten Fruͤchte/ der dritte in einer Crystallenen Schale ein koͤstliches Ge- traͤncke/ der vierdte in einem Porphirenem Ge- faͤsse Ambra/ Zibeth und Bisam. Diese wa- ren aus der Schule der Tausi/ welcher Weltwei- sen Urheber Lauzu mit dem Confutius zu einer Zeit gelebt/ und neun mal neun Jahr in Mut- terleibe gewesen seyn soll; auch gelehret hat/ des Menschen hoͤchstes Gut waͤre die Wollust/ weil die Seele mit dem Leibe verschwinde. Die letztern vier Knaben hatten alle ein Rubinenes Hertz auf der Brust hencken/ in den Haͤnden guͤldene Zirckel/ und legten selbte wie vorige Knaben zu der Koͤnigin Fuͤssen. Sie waren Lehrlinge der Bonzier/ die von dem klugen Tschaka herruͤhren/ welchen fuͤr weniger Zeit des letztern Serischen Koͤnigs Vater durch An- leitung eines Traumes aus Jndien holen las- sen/ und mit welchem seine Mutter im Traume einen weissen Elefanten/ wie Olympias eine Schlange sehende/ soll schwanger worden seyn/ und ihn durch die Seite gebohren haben. Sie glaͤuben mehr als eine Welt/ die Versetzung der Seelen aus einem Leibe in den andern; sie sind bemuͤhet allein um die Vollkommenheit des Geistes/ und ihr hoͤchstes Gut ist die Ruhe des Gewissens. Dahero die Serer insgemein von diesen dreyen zu urtheilen pflegen: Die Gelehr- ten beherrschen das Reich/ die Tausi den Leib/ die Bonzier das Hertze. Rhemetalces fiel dem Fuͤrsten Zeno hier in die Rede: Jch wundre mich/ wie die Lehre des unwissenden und wolluͤ- stigen Epicurus der rechten verhasten Nacht- Eule unter den andern Weltweisen auch zu den Serern kommen sey? Hertzog Herrmann setzte ihm alsofort entgegen: Jch vertheidige nicht die Serer und andere unvernuͤnfftige Ausleger die- ses Weltweisen; aber seiner eigenen Unschuld habe ich mich billich anzumassen. Er hat geir- ret/ wie alle Weltweisen in andern Stuͤcken; wo es anderst wahr ist/ daß er unsere Seelen fuͤr sterblich gehalten/ und keine goͤttliche Vorse- hung geglaubt; nicht aber vielmehr/ wie sich wider seinen Verleumder Nausiphanes aus vielen andern Lehren muthmassen laͤst/ die Eitelkeit der Griechischen Abgoͤtter verworf- fen/ die Vielheit der Gottheiten als den Grund aller ihrer Tempel und Andacht uͤber einen Erster Theil. J i i i Hauf- Fuͤnfftes Buch Hauffen zu werffen angezielet; der lasterhafften Seelen kuͤnfftige Angst aber durch ihre Sterb- ligkeit angedeutet hat. Massen denn auch ei- nige seiner Feinde gestehen/ daß er nicht so wohl die Versehung Gottes/ als daß das ewige/ un- sterbliche und allerguͤtigste Wesen einiger Schwachheit der Sorgfalt unterworffen sey/ geleugnet habe. Ja alle dieselben/ welche seine vielleicht unrecht-verstandene Lehren verdam- met/ oder seine drey hundert selbst gemachte und nir gends ausgeschriebene Buͤcher vielleicht nie gar/ und mit Bedacht gelesen haben/ seine tu- gendhaffte und maͤßige Lebens-Art aller andern Weltweisen Wandel fuͤr gezogen. Denn E- picurus hat zwar die Wollust auf den Koͤnigs- Stul des hoͤchsten Gutes erhoben/ nicht aber die uͤppige und schlammichte/ sondern die ruhige/ welche aus dem Besitzthum der Tugend und in- sonderheit aus der suͤssen Erinnerung dessen/ was man voriger Zeit gutes gethan hat/ ent- springet; also auch zwischen Fesseln und Folter- banck ihre unabtrennliche Gefaͤhrtin ist. Die- se Wollust ist sicher nichts anders/ als die Beru- higung des Gemuͤthes/ und die Freude eines guten Gewissens. Wenn es hagelt und stuͤr- met/ wenn der Himmel einbricht/ und der Erd- bodem berstet/ bleibet sodenn das Hertze der Un- schuld unbeweglich/ und ein tugendhafftes Le- ben balsamet in den stinckenden Kerckern die verfaulte Lufft ein/ welche eine reine Seele durch den Athem in sich ziehen soll. Dannenhero verhuͤllten Geilheit und Schwelgerey nicht al- lein mit dem Mantel des Epicurus ihre Gifft- Druͤsen/ sondern sie besudelten auch mit ihrem Unflate seine Reinligkeit. Er selbst verschmaͤ- hete die weibische Wollust/ welche einige Reue nach sich ziehen koͤnte/ und sehnte sich nach den Schmertzen/ deꝛ das Gemuͤthe erleichterte. Er hielt die Angst in dem gluͤhenden Ochsen des Phalaris fuͤr Suͤßigkeit/ und das Feuer koͤnte/ seinem Urthel nach/ ihn zur Noth ja wol bren- nen/ aber nicht uͤberwuͤnden. Es koͤnte ein streitbarer Arm ja wohl in Seide eingehuͤllet/ und ein unerschrockener mit Sammet bekleidet seyn. Das Gluͤcke habe keine Herrschafft uͤber einen Weisen/ weniger Gewalt selbten umzu- drehen. Dieselben waͤren nichts minder straf- bar/ die ihren Tod wuͤnschten/ als die ihn nicht verlangten. Zumal jenes nothwendig von einem boͤsen Leben den Ursprung haben muͤste. Kurtz zu sagen: Epicurus waͤre die selbststaͤndige Maͤßigkeit/ aber die Verleumdung haͤtte ihm ein Huren-Kleid angezogen/ und ihn auff das Faß des schwelgerischen Bacchus gesetzt. Sei- nem Urthel nach aber habe Epicurus nicht wei- ter/ als Zeno/ welcher die rohe Tugend an sich selbst zum hoͤchsten Gute gemacht/ vom Zwecke gefehlet/ da doch solches aus beyder/ nehmlich der Tugend und der daraus erwachsender Wol- lust Zusammenfuͤgung bestuͤnde. Bey welcher Bewandnuͤß er dem Epicur als einem noch nie Uberwundenen die Ertztene Ehren-Saͤule nicht abbrechen helffen koͤnte/ die ihm sein Va- terland nach dem Tode aufgerichtet haͤtte. Zeno fing an: Jch muß von diesen Weltwei- sen nun wieder nach Chunking zu dem grossen Koͤnige der Scythen kehren/ fuͤr welchem/ nach reicher Beschenckung der Koͤnigin Syrmanis/ eine herrlich ausgeputzte Frau erschien/ und zum Zeichen/ daß sie das Reich Suchuen abbildete/ dessen Wapen auf ihrem Schilde fuͤhrte. Jhr folgten zwoͤlf Jungfrauen/ alle mit entbloͤsten Bruͤsten und wie Liebes-Goͤttinnen mit Rosen- Kraͤntzen auf den Haͤuptern ausgekleidet. Das Reichthum der an ihnen schimmernden Edel- gesteine muͤhte sich zwar der Zuschauer Hertz zu gewinnen/ aber ihre lebhaffte Schoͤnheit stach die Pracht der todten Steine weit weg/ und ihre anmuthige Gebehrdung gab ihnen noch darzu eine herrliche Folge. Wie sie alle fuͤr dem Koͤ- nige Huhansien nieder gesuncken/ redete ihre Fuͤhrerin den Koͤnig an: Sie uͤbergaͤbe ihm hiermit zwoͤlf Geschoͤpffe der Natur/ an welchen der Neid keinen Tadel/ und tausend Augen nicht Arminius und Thußnelda. nicht ein Mahl eines Nadelknopfs groß finden wuͤrden. Diese haͤtte Gott allein in Suchuen darum lassen gebohren werden/ wormit es einen vollkommenen Koͤnig vergnuͤgen/ das Reich a- ber sich ihrem Uberwinder mit etwas ungemei- nem verbinden koͤnte. Der Koͤnig Huhansien laͤchelte uͤber diesem unvermutheten Geschen- cke/ und nach dem er sie alle wol betrachtet/ gab er der gegen uͤberstehenden Syrmanis einen freundlichen Anblick/ fing hierauf an: Jch er- kenne zwar aus diesem den Serischen Koͤnigen zu bringen gewoͤhnlichen Geschencke die Zunei- gung ihrer Gemuͤther; Aber die Scythen sind gewohnet aus Liebe ihnen ihre Ehegatten zu er- kiesen/ nicht ihrer Geilheit zu Gefallen einen Menschen-Zoll aufzurichten. Auch ist bey ih- nen das Band der Hertzen die Tugend/ nicht die Gestalt; denn der Purpur kroͤnet so wol Un- kraut als Rosen; Die Heydechse pranget nichts minder mit Sternen/ als der Himmel. Und die Natter nistet am liebsten unter die Balsam- Staude. Die Entweihung so schoͤner Kinder duͤncket mich grausamer zu seyn/ als das Gebot des Scedasus/ dessen entleibtem Geiste Pelopi- das/ da er anders zu siegen vermeinte/ eine Jungfrau aufopffern solte; und der aberglaͤubi- gen Griechen/ die das Ungewitter mit der Jphigenia Blute zu stillen vermeinten. Bey- des aber haben die Goͤtter verwehret/ welche dort eine Stutte/ hier einen Hirsch zum Loͤse- geld aufgenommen. Fuͤrsten sind in der Welt Ebenbilder Gottes; also stehet ihnen so wenig zu die Entehrung keuscher Seelen/ als der Tod- schlag der Leiber. Welche ihrer tollen Brunst hierinnen den Zuͤgel verhengen/ machen sich zu Jndianischen Teuffels-Goͤtzen/ derer schand- baren Hoͤltzern die Braͤute ihre Jungfrauschafft opffern muͤssen. Die Geilheit hat den Sie- gern insgemein den Siegs-Krantz aus den Haͤnden gewunden/ und Koͤnige in Staub ge- treten. Nicanor hat zu Thebe nicht ehe seine gefangene Buhlschafft/ als eine selbst haͤndig- ermordete Leiche umarmet. Jener uͤberwuͤn- dende Macedonier hat mit den Kuͤssen einer ge- schaͤndeten Jungfrauen seine Seele durch eine ins Hertz empfangene Wunde ausgeblasen. Unzucht hat Sardanapaln ins Feuer gestuͤrtzt/ Troja eingeaͤschert/ die Tarqvinier aus Rom vertrieben/ und den Antonius zu Grunde ge- richtet. Kehret diesemnach nur zuruͤcke/ ihr Ausbund der Jugend/ welche nicht ihr Vorsatz verleitet/ sondern die Mißbraͤuche des Vater- landes verderben wollen. Trachtet durch Ver- nunfft eure Gemuͤther schoͤner zu machen/ als die Natur eure Glieder geschmuͤckt hat; weil auch eine Englische Helena ohne den Purpur der Schamhafftigkeit heßlicher ist/ als die runtz- lichte Penelope. Eine keusche Seele schreitet begieriger in das Ehebette eines Schaͤffers/ als in das Zimmer Koͤniglicher Kebsweiber. Denn die Pracht der Welt und das Gluͤcke der Men- schen hat ein falsches Licht/ an dem nichts tauer- hafft/ als der Unbestand ist. Die Tugend al- leine hat Bestand und Vergnuͤgung. Die Keuschheit hegt die empfindlichste Ergetzligkeit; Sie ist der herrlichste Aufputz der Schoͤnheit. Wollust aber gebieret Reue und Eckel. Also musten nach gegebenem Zeichen zu hoͤchster Verwunderung aller Anwesenden diese hieruͤ- ber zugleich verstummenden irrdischen Goͤttin- nen den Koͤniglichen Saal raͤumen. Jch ge- stehe es/ sagte Rhemetalces/ diese Enteuserung ist hundertfach ruͤhmlicher/ als Xenocratens/ der die geilen Umhalsungen der allgemeinen Phry- ne so theuer nicht bezahlen wollen/ und des Sci- pio/ der die zu neu Carthago gefangene Braut ihrem Luccejus unversehrt aushaͤndigte. Jn al- le Wege/ versetzte Zeno. Dannenher diese recht Koͤnigliche Entschluͤssung nicht allein dem Hu- hansien die Gemuͤther der Serer/ welche der Keuschheit die Oberstelle aller Tugenden zu- eignen/ ihren Liebhabern nicht selten Ehren- und Sieges-Vogen aufsetzen/ und den nach sei- ner Gemahlin Tode nicht wieder heyrathenden J i i i 2 Koͤnig Fuͤnfftes Buch Koͤnig Chungting noch itzt nicht sattsam zu ruͤh- men wissen/ ihm aufs festeste verknuͤpffte sondern sie ziehe auch eine kraͤfftigere Wuͤrckung als der Blitz nach sich/ welcher die gifftigen Thiere ent- gifftet/ die nicht-gifftigen aber vergifftet. Denn diese zwoͤlff Jungfrauen/ welche zum theil sich schon in Gedancken mit dem grossen Huhan- sien inbruͤnstig umhalset hatten/ gelobeten ewi- ge Jungfrauschafft; Die zeither aber gegen des Koͤnigs Liebkosungen allzulaue Syrmanis empfand augenblicklich eine Erweichung ihres Hertzens/ hernach eine ungemeine Zuneigung/ und endlich die vollkommene Krafft der Liebe; also/ daß sie Noth hatte selbte zuverhoͤlen. Al- leine weil es leichter ist eine Schlange im Bu- sen/ das Feuer in der Hand/ als die Liebe im Hertzen zu verbergen/ nahm der Koͤnig in we- niger Zeit nichts minder die Veraͤnderung ih- rer vorigen Unempfindligkeit/ als ihrer Blicke und Bezeigungen wahr. Und weil nichts mehr als die Liebe leichtglaͤubig macht/ so uͤber- redete ihn seine Einbildung/ daß er ihre Zunei- gung taͤglich mehr als den zunehmenden Mon- den wachsen sehe. Jn dieser stillen Hoffnung zohe der Koͤnig mit dem Groß seines Hee- res/ nach dem er den Sogdianischen Unter- Koͤnig bey deꝛ Stadt Qveicheu/ die Gꝛaͤntze Su- chuens mit hundert tausend Mann zu beobach- ten/ und ferner in dem Reiche Huqvang einen festen Fuß zu setzen/ hinterlassen/ an dem Flus- se Sung Strom-auf biß zu der lustigen Stadt Ganhan. Daselbst belustigte sich der Koͤnig in dem Gebuͤrge Co/ welches mit eitel Granat- Aepffel- und Pomerantz-Baͤumen bedeckt ist; von dem man den zwoͤlf-spitzichten/ und mit neun Saltz-Brunnen versehenen Berg Nan- min gleichsam zum Gegensatz selbiger Frucht- barkeit liegen siehet. Wie nun die Koͤnigin Syrmanis sich uͤber dem mercklichen Unter- scheide dieser Gegend uͤberaus wunderte/ hole- te Huhansien aus seinem tiefsten Hertzen einen beweglichen Seuffzer/ und fing an: Ach voll- kommenste Syrmanis! Glaͤubet sie wol/ daß jener rauhe Fels/ und diese von Fruchtbarkeit trieffende Huͤgel einander unehnlicher sind/ als der Lust-Garten ihres Antlitzes/ und die Unbarmhertzigkeit ihres steinernen Hertzens? Zweiffelt sie/ daß jene Saltz-Brunnen von so viel Wasser/ als meine Augen uͤber ihr heim- liche Thraͤnen vergossen/ nicht wuͤrden suͤsse gemacht worden seyn? Da doch ich noch zur Zeit kein Kennzeichen einer Empfindligkeit wahrnehmen kan. Unvergleichliche Syr- manis! Jch erkenne ja wohl/ daß kein Sterb- licher ihrer Liebe/ und die Herrschafft der Welt nicht ihrer Vollkommenheit faͤhig sey; Aber verschmaͤhe nicht Huhansien/ welcher in seiner Seele dir einen Tempel gebauet/ in welchem er dir sein selbsteigenes Hertz aufopf- fert/ und die Oberherrschafft der Scythen un- terwirfft/ derer Siegen die Goͤtter kein Ziel/ den Reichs-Graͤntzen die Natur kein Maß ge- setzet hat. Syrmanis uͤberwand bey dieser zwar unvermutheten Ansprache alle empfind- liche Aufwallungen ihres Gemuͤthes; ungeach- tet sie Huhansien recht in ihre Bloͤsse traf. Da- her neigte sie sich mit tieffster Ehrerbietung/ und antwortete dem Koͤnige ohne die mindeste Veraͤnderung des Antlitzes: Großmaͤchti- ger Huhansien/ ich wuͤrde diesen Fuͤrtrag fuͤr einen Schertz/ wo nicht fuͤr einen Traum anzu- nehmen haben/ daß der/ dessen Herrschafft die Welt zu enge/ dessen Tugend der Himmel zu niedrig ist/ seine Gewogenheit auf die unwuͤr- dige Syrmanis absencket/ wenn ich nicht be- reit erfahren haͤtte/ daß es dem Haupte der Scythen ein geringes sey/ Koͤnigreiche zu ver- schencken/ und daß seine Gnade nicht mehr auff seine Freygebigkeit als auff der beschenck- ten Wuͤrdigkeit ziele. Zwar benimmet der niedrige Fuß einem hohen Colossen/ und ein tieffes Thal einem spitzigen Felsen nichts von seiner Groͤsse/ und die Sonne streicht auch irrdischen Dingen ein Licht an. Aber Heyra- then Arminius und Thußnelda. then erfordern eine anstaͤndige Gleichheit. Die Natur selbst bleibt bey ungleicher Vermi- schung entweder unfruchtbar/ oder sie gebieret seltzame Mißgeburten. Wie viel gekroͤnte Haͤupter haben durch niedrige Vermaͤhlung den Haß der Koͤniglichen Bluts-Verwandten/ durch fremde den Auffstand der Unterthanen/ beyde aber den Untergang ihres Reichs verur- sacht? Jedoch bekuͤmmert mich nicht der Man- gel eines grossen Braut-Schatzes. Denn wer alle Tage eine halbe Welt gewinnen kan/ dem darff man keine Koͤnigreiche zubringen. Aber ich besitze auch nicht die Schoͤnheit Roxa- nens/ die den grossen Alexander bezauberte/ noch die Tapfferkeit einer Semiramis/ welche dem Gemuͤthe Huhansiens beystimmete/ das den Donner des Himmels nicht fuͤrchtet/ und das Gewichte der Erdkugel uͤberwieget. Wuͤr- de nun nicht diese uͤbermaͤßige Wuͤrde den we- nigen Zunder meiner Tugend/ wie allzu kraͤff- tige Nahrung die natuͤrliche Waͤrmde eines schwachen Magens erstecken? Ziehe dannen- hero/ Huhansien/ deine Gedancken zuruͤcke/ welche insgemein unsere Vernunfft versuchen/ und unsere Klugheit pruͤfen; Ob wir auch faͤ- hig sind gegen unsere Gluͤckseligkeit genung- sam vorsichtig zu seyn. Hoͤre mich/ deiner ge- gen mich tragender Liebe halber/ auf zu lieben; wormit sie bey dir nicht zum Eckel/ bey mir zur Verachtung werde. Heyrathen sind ohne diß nichts minder ein Schwamm der Liebe/ als die Zeit der Wohlthaten. Nim diß nicht an fuͤr ein Mißtrauen zu deiner Bestaͤndigkeit. Unverdiente Ehre fuͤhlet ihre eigene Schwaͤ- che/ und erfuͤllet das Hertze der Unwuͤrdigen mit dem Schatten der Furchtsamkeit. Und in Warheit/ ich wuͤrde bey besorglich herfuͤrbre- chender Unfaͤhigkeit so wenig Gedult haben meine Verstossung zu verschmertzen/ als ich mich itzt eines Verdienstes ruͤhmen kan/ den Koͤnig der Scythen zu umarmen. Schilt nicht diese meine Kleinmuth. Vorhergehende Furcht vermindert die folgenden Ubel/ wenn sie sie schon nicht ablehnet. Vorgesehene Streiche sind weniger schmertzhafft/ und der muß stets mit dem Bleymasse in der Hand/ und mit Miß- trauen im Hertzen fortsegeln/ den das Gluͤcke in seinen Nachen hebet. Koͤnig Huhansien ward durch diese Ablehnung nichts minder als die Flamme durch Oel angezuͤndet. Dannenhero wendete er all sein Vermoͤgen an/ das Gemuͤ- the der Syrmanis zu gewinnen/ und selbtes von dem Nebel aller Bedenckligkeit auszuklaͤ- ren; also/ daß sie sich laͤnger nicht uͤberwinden konte/ ihre Gemuͤths-Regungen zu verdruͤ- cken/ sie fiel ihm also zu Fusse mit diesen Schluß-Worten: Hier lieget/ Huhansien/ deine Syrmanis/ nichts minder zu deinem Willen/ als zu deinen Fuͤssen. Jch schuͤtze nun nicht mehr fuͤr unsere Ungleichheit; Denn der die Maͤchtigen unterdruͤcken/ die Hoffaͤrti- gen ins Joch spannen kan/ vermag auch der Veraͤchtligkeit ein Ansehn beyzulegen. Die Liebe faͤngt bißweilen Zunder von unsern Ge- brechen/ wie ein schoͤnes Antlitz herrlichen Schein von gewissen Maalen. Jch bin zeit- her durchs Verhaͤngnuͤß der Goͤtter deine Magd und Gefangene gewesen; Jch will von nun an seyn deine Braut auff deine An- schaffung/ und sodenn deine Gemahlin/ wenn mein Vater der Gethen Koͤnig Cotison es er- lauben wird. Glaube aber/ daß die/ welche dich in ihrer Erniedrigung hertzlich geliebet hat/ dich auf dem hoͤchsten Throne der Welt allererst anbeten werde. Huhansien unterbrach voller Freuden ihre Rede: Was sagst du/ holdseligste Syrmanis? Umarme ich hier die weltberuͤhm- te Tochter des Cotison/ welche das Bette des grossen Augustus verschmaͤhet/ und den unwuͤr- digen Huhansien erwehlet hat? Mit diesen Wor- ten konte er sich laͤngeꝛ nicht maͤßigen sie inbruͤn- stig zu umarmen. Sie aber/ um ihn alles Zweif- fels zu benehmen/ zohe herfuͤr etliche Schrei- ben des Kaͤysers Augustus/ sein und ihr mit J i i i 3 Dia- Fuͤnfftes Buch Diamanten neben einander koͤstlich versetztes Bildnuͤß/ welches sie stets an ihren Leib gebun- den trug/ und daher noch aus dem Schifbruche mit zur Ausbeute davon gebracht hatte. Der Koͤnig wuste seine Vergnuͤgung nun nicht mehr zu begreiffen/ weniger seine Liebe zu verhelen; Daher kehrte er nach etlichen Umarmungen mit der Koͤnigin Syrmanis aus demselben Luststuͤcke zuruͤcke an einem annehmlichen Springbrunnen/ wo er seine Scythische Fuͤr- sten/ mich und Oropasten verlassen hatte. Sein erstes Wort war/ sie solten die Syrmanis nicht mehr als Koͤnigin in Suchuen/ sondern als des Gethischen Koͤnigs Tochter/ das Haupt der Scythen/ und als die Braut Huhansiens verehren. Wie seltzam nun diese geschwinde Verlobung Oropasten und mir fuͤrkam/ so ge- schwinde zohen die Scythischen Fuͤrsten ihre Sebeln aus/ schrenckten selbte so artig gegen einander zusammen/ daß Syrmanis auf ihren blancken Klingen einen ungefaͤhrlichen Sitz be- kam. Massen sie denn andere darauf Ehrer- bietig erhoben/ sie zu dem nicht weit entfernten Heere trugen/ und sonder einiges Wortverlie- ren durch diese einige Landes-Art zu einer Koͤ- nigin der Scythen erklaͤreten. Das wegen allbereit ausgeuͤbter Tapfferkeit ihr uͤberaus ge- wogene Heer empfing sie mit unbeschreiblichen Frolocken. Jnzwischen umarmete sich der Koͤnig mit Oropasten/ und endlich auch/ weil er ihm meine Beschaffenheit kuͤrtzlich zu entdecken noͤthigte/ mit mir. Wir kehreten hiermit alle gleichsam als gantz neue Menschen in die Stadt Ganhan; allwo der Koͤnig bald folgenden Morgen den Unter-Koͤnig der Sacken mit tausend Pferden in Gesandschafft an den Ge- thischen Koͤnig Cotifon abfertigte/ und auff be- wegliches Ansuchen endlich auch/ wiewol unter versicherter Zuruͤckkehr/ Oropasten nach mehr als Koͤniglicher Beschenckung mit zu reisen er- laubte/ um durch ihn so viel mehr die vaͤterliche Einwilligung zu ihrer Heyrath zu erlangen. Nach dem diese Stadt der Syrmanis gehul- digt hatte/ und die herum liegenden Festungen besetzt waren/ verfolgten wir unsern Zug zu der an dem Flusse Kialing liegenden Stadt Pasi/ allwo die Gesandten der grossen Stadt Jnping an dem Flusse Feu/ welche ein rechter Schluͤssel des Reichs gegen das Scythische Reich Sifan ist/ nicht allein die Schluͤssel ablieferte/ sondern auch eine Gesandschafft des Koͤnigs in King/ welches mit eitel Bergen umfestigte Reich nie- mals denen solches gantz umschluͤssenden Se- rern gehorchet/ mit der Koͤnigin Syrmanis ein Buͤndnuͤß schloß. Die Begierde die Herr- schafft durch die Waffen zu erweitern/ und durch Geschwindigkeit die Mutter des Gluͤcks/ in Kriegen sich vollends des Reiches Xensi zu be- maͤchtigen/ ehe die Serer durch neue Heeres- Krafft selbiges entsetzten/ verbot uns alle Ra- stung; also muste das Heer fast Tag und Nacht uͤber den Fluß Tung/ unter dem Gebuͤrge Juntai/ das wegen seiner Hoͤhe den Nahmen des Wolcken-Stuls bekommen/ und so ferner forteilen/ biß es der Koͤnig auf der Xensischen Graͤntze unter dem fruchtbaren Gebuͤrge Ta- pa ausruhen ließ. Denn Huhansien erlangte Kundschafft/ daß zwar sein durch die Wuͤste Kal- mack oder Xamo/ in das Koͤnigreich Xensi/ welches zeither im̃er der Koͤnigliche Sitz gewest/ ein gebrochenes Heer nach dem Abzuge Koͤnigs Juen sich der festen Graͤntz-Stadt Xamheu bemaͤchtigt/ hingegen die Serer in der von eitel Felsen wie mit einer Mauer umgebenen Fe- stung Ninghia/ und an dem gantzen Saffran- Strome/ uͤber welchen bey Ninghia von einem Berge zum andern die in einem einigen Bogen bestehende viertzig Ruthen lange/ und nur von oben biß ans Wasser funfzig Stangen tieffe Wunder-Bruͤcke gehet/ feste gesetzt/ wie nichts minder nach verlautetem Anzuge der Scythen/ mit einem drittern Heere zwischen beyden Fluͤs- sen Han/ und denen daran stossenden Gebuͤr- gen verschantzt haͤtten. Huhansien traute ihm sonder Arminius und Thußnelda. sonder Krieges-List hier ferner in Xensi nicht durchzubrechen; Daher gab er seinem Heer oͤf- fentlich zu verstehen/ daß er nicht mit Wasser und Klippen Krieg zu fuͤhren verlangte/ sondern linck- und west-werts gegen der herrlichen Stadt Cungchang/ wo der beruͤhmte Koͤnig Fo- hius gebohren und begraben ist/ seine Mutter aber einen Ehren-Tempel aus eitel Porphyr hat aufrichten lassen/ abzulencken und den Feinden sodenn in Ruͤcken zu gehen gedaͤchte. Unter diesem Vorwand schickte er zwantzig tau- send Massageten biß an den Fluß Sihan vor- an/ und durch etliche kleine Hauffen ließ er ge- gen das feindliche Laͤger Kundschafft einholen; ja derer etliche mit Fleiß in die Haͤnde der Se- rer verfallen. Weil nun nicht allein alle Ge- fangenen einmuͤthig zusammen stimmten/ son- dern auch der Scythen Entschluͤssung der Ver- nunfft sehr ehnlich schien; hoben die Serer mit hoͤchst unvernuͤnfftiger Ubereilung mit Zuruͤck- lassung kaum zwantzig tausend Mann ihr Laͤ- ger auf/ um den Scythischen zwischen dem Ge- buͤrge Poching/ auf welchem das unfruchtbar- machende Kraut Hoaco waͤchst/ und dem Berge Loyo/ wo ein uͤberaus grosser steinerner Loͤw aus dem Rachen ein starckes Qvell ausspritzt/ fuͤr zu- beugen. So bald dieser Auffbruch dem Koͤni- ge Huhansien verkundschafftet ward/ eilte er mit seinem gantzen Heere auff die fast unuͤberwindli- che und von Bisam und Zinober uͤberaus reiche Stadt Hanchung zu/ wo Lieupang der Stiffter itzigen Koͤniglichen Geschlechtes Hanya zum ersten wider das Hauß Tschina die Waffen er- griffen/ schwemmte in Gesichte des hieruͤber er- starrenden Feindes/ der uͤber diesen Fluß nur mit Schiffen zu uͤberkommen moͤglich hielt/ mit der Reuterey durch den Strom Han. Alles was sich widersetzte/ fiel durch die Schaͤrffe der Scythischen Sebeln. Ehe nun das Fuß- Volck auff denen eroberten Schiffen auch uͤber- gesetzt ward/ berennte er die Stadt/ um ihr alle Huͤlffs-Voͤlcker abzuschneiden/ rings herum. Weil aber Pingli/ der Enckel des grossen Hel- den Changleang/ in selbter das Oberhaupt war/ setzte er ihm fuͤr ehe mit seinem Blute die gluͤen- de Asche der Stadt auszuleschen/ als mit Zag- heit die tapfferen Helden-Thaten seines Groß- vaters zu besudeln/ und daselbst eine Schand- Saͤule zu erlangen/ wo jener den herrlichsten Ehren-Tempel verdienet hatte. Ob nun zwar Huhansien anfangs durch sorgfaͤltigste Verscho- nung seiner hierum liegender Land-Guͤter und Lusthaͤuser den Pingli bey den Serern zu ver- daͤchtigen vermeinte; Hernach als dieser zu Ab- lehnung solchen Fallstricks/ wie fuͤr Zeiten Pe- ricles zu Athen/ seine Guͤter dem gemeinen Wesen zueignete/ gegen ihm seine grosse Ver- sprechungen mit schrecklichem Draͤuen ver- mischte/ da er sich seinen sieghafften Waffen laͤn- ger widersetzte; entbot er ihm doch hertzhafft zur Antwort: Worte waͤren nur ein Schatten von den Wercken. Diese waͤren Maͤnner/ jene waͤren Weiber; Er aber versichert/ daß seine siegende Tapfferkeit ihn entweder zum Helden/ odeꝛ sein Tod zum Gotte machen wuͤꝛde. Huhan- sien ward hieruͤbeꝛ erbitteꝛt/ wiewol er endlich die Tugend in seinem Feinde lieb gewinnen muste; ob schon ihm etliche Stuͤrme zu seinem grossen Schaden abgeschlagen wurden. Die Scythen wendeten alle Kraͤfften und Krieges-Wissen- schafften an/ die Mauren zu zerschmettern/ die Stadt mit fliegendem Feuer zu aͤngstigen/ die Bollwercke zu untergraben; aber die Tapffer- keit der Belaͤgerten trat als die festeste Mauer iederzeit in die Luͤcke/ biß endlich fast alle Weh- ren zerschellet waren/ und Koͤnig Huhansien/ in Meinung/ daß an dieser Eroberung das gantze Reich Xensi/ an seiner Abtreibung aber auch der Verlust des eroberten Koͤnigreichs Suchuen hienge/ oder weil das Feuer und das edle Laster/ nehmlich die Begierde seine Gewalt zu erwei- tern/ durch die Nahrung nur gereitzet/ nicht er- saͤttigt wird/ und den Fuͤrsten insgemein nicht diß/ was sie besitzen/ sondern was ihnen abge- het/ Fuͤnfftes Buch het/ beliebet/ in Person die Seinigen zum Sturm anfuͤhrete/ den Feind durch unaufhoͤr- liches Anlauffen abmattete/ und endlich sich der Stadt stuͤrmender Hand bemaͤchtigte. Jch hatte das Gluͤcke der erste auff der Mauer zu seyn; aber den Unfall/ daß der verzweiffelte Pingli/ weil er sich alles Ermahnens unerach- tet/ nicht ergeben wolte/ als gleich schon die ero- berte Stadt in ihrer eigenen Beschirmer Blute schwam/ er aber fuͤr Mattigkeit und von em- pfangenen Wunden laͤchsete/ von meinem De- gen fiel. Huhansien setzte mir in dem Gesich- te des gantzen Heeres einen Lorber-Krantz/ dem fuͤr der Zeitaber entseelten Pingli eine Ehren- Saͤule auf/ mit der Uberschrifft: Zollt diesem Helden-Lob/ nicht ungluͤcksel’ ge Zehren/ Mit diesem balsamt nur die Liebe Graͤber ein. Aus Helden-Asche bluͤhn die guͤldnen Ehren-Aehren/ Die ein ver nuͤnfftig Feind sich schaͤmet abzumey’n. Klagt nicht den fruͤhen Todt/ das kurtze Ziel der Jahre; Sein ewig Ruhm vertraͤgt der Zeiten Maͤßstab nicht. Gluͤckselig! dem sein Volck pflantzt Lorbern auf die Bahre; Noch seliger/ den selbst sein Feind hebt an das Licht! Die Scythen waren noch in Blutstuͤrtz- und Pluͤnderung dieser grossen Stadt begriffen; als dem Huhansien angedeutet ward/ daß die Serer/ welche die Belaͤgerung dieser Stadt von den Fluͤchtigen erfahren/ beym Berge Tung zuruͤcke uͤber den Fluß Han gesetzt/ die Scythische Vorwache zuruͤcke getrieben haͤt- ten/ und in voller Schlacht-Ordnung gegen die Stadt anzuͤgen. Der Koͤnig befahl mir also fort mit denen noch im Laͤger auff allen Fall un- verruͤckt gebliebenen Kriegs-Voͤlckern dem Feinde die Stirne zu bieten. Jnzwischen brachte er in der Stadt durch gewoͤhnliche Kriegs-Zeichen sein Volck unter ihre Fahnen. Jch war kaum ein paar Stadien aus dem Laͤger fortgeruͤckt/ als der Serer Vortrab auff mich mit grosser Ungestuͤm zu treffen kam. Sie ver- folgten auch ihren Angriff mit einer so bestaͤn- digen Tapfferkeit/ daß einer nicht unbillich ge- zweiffelt haͤtte: ob wir hier eine gantz andere Art Feinde gefunden/ oder ein neuer Helden-Geist nach so grossem Verlust in die Serer gefahren waͤre. Also ist die Verzweiffelung der rechte Wetzstein der Tapfferkeit/ und die euserste Noth machet einen ungewaffneten wider vier ge- harnschte zu fechten faͤhig. Hingegen reitzte der mehrmals erhaltene Sieg/ welcher auch die Verzagten endlich behertzt macht/ die Scythen zu groͤsserer Tugend an. Jch drang nach blu- tigem Gefechte endlich in die Mitte dieses Vor- zugs/ und riß dem Feinde die Haupt-Fahne/ an welcher zweiffels-frey eine rechtmaͤßige Be- schirmung anzudeuten/ ein mit einem Adler kaͤmpffender Schwan nebst diesen Worten: Jch fordere nicht/ aber ich schlags nicht aus/ gemahlet war/ aus den Haͤnden. Aber das grosse Heer der Serer/ welches deserlegten Koͤnigs Juen Bruder der unverzagte Zinem fuͤhrete/ brachte den Vortrab bald wieder in Ordnung und uns ins Gedraͤnge; also/ daß ich zu rechter Zeit vom Koͤnige Huhansien und der streitbaren Syrmanis entsetzt ward. Jn sei- ner Haupt-Fahne fuͤhrte Zinem einen gekroͤn- ten Drachen der Serischen Koͤnige Kennzei- chen/ welcher etliche ihn antastende Schlangen verschlang/ mit der Beyschrifft: Ohne euch/ waͤre ich nicht/ was ich bin. Beyderseits war so grimmig gefochten/ daß ich gestehe/ nie- mals sonst auser nechsthin unter dem Varus in einem heisseren Bade gewesen zu seyn. Jch kriegte fuͤr der Sonnen Untergange drey Wun- den; Huhansien und Syrmanis/ welche Wun- der thaten/ und mehrmals unter den Feinden verwickelt waren/ daß man sie nicht wuste/ wur- den gleichfals verletzt; und dennoch vermochte weder die Mattigkeit noch die Nacht die verbit- terten Feinde von einander zu trennen/ biß sich nach Mitternacht entweder der Himmel beyder erbarmte/ oder so vielem Blutvergiessen nicht laͤnger zuschauen konte/ indem es mit einer kohl- schwartzen Wolcke das Monden-Licht verhuͤll- te/ Arminius und Thußnelda. te/ und also gleichsam selbtes Gestirne ein Trau- er-Kleid anzoh. Beyde Heere wichen also mit einem verstockten Stillschweigen zuruͤcke. Auf den Morgen aber wurden wir gewahr/ daß Zi- nem sich gar uͤber den Fluß Han zuruͤcke gezogen hatte. Die leere Wallstatt stellte uns allererst recht das grausame Schauspiel der Schlacht mit mehr als 100000. Leichen fuͤr; etliche tausend gekoͤpfte Struͤmpfe wusten ihre Haͤupter/ ande- re ihre abgehackte Armen/ Haͤnde und Beine nicht zu erkiesen: Viel hatten ihren Geist mit den Eingeweiden ausgeschuͤttet/ andere ihre Seele unter den todten Pferden ausgeblasen. Nicht wenig waren von der raschen Reiterey zertreten/ oder unter der Last der auf sie fallenden Leichen ersticket. Etliche hielten noch mit den Zaͤhnen die sie entseelende Feinde/ weil ihnen keine geschicktere Waffen uͤbrig blieben waren. Zum Theil waren sie lebendig von dem haͤuffigẽ Staube begraben; viel bissen fuͤr Verbitterung in das Graß/ weil die Ohnmacht sie verhinderte ihren Feind zu erreichen; und eine Menge der Verwundeten seufzete/ rechelnde nach der Zer- trennung des Leibes und der Seele/ weil sie bereit mit allzu langen Schmertzen auf dem Scheide- wege des Lebens und Sterbens geschwebet hat- ten/ und wegen jenes Bitterkeit dieses fuͤr ihre Wolfarth erkieseten. Ja der Tod hatte allhier fast so vielerley Gesichter angenommen/ als die Zahl der Todten oder noch Sterbenden aus- machte; also/ daß Koͤnig Huhansien und Syr- manis sich selbst nicht von bittern Thraͤnen maͤs- sigen konten; hieruͤber er auch seufzende anfieng: Jhr entseelten Leichen/ warumb verursacht ihr mich euch zu beweinen? lasset vielmehr eure Gei- ster uͤber mich Thraͤnen auspressen/ der ich euch selber der Wegweiser zum Tode gewesen bin! Also waren diese erlegten Krieges-Leute zum minsten gluͤckseliger/ als die Weichlinge des Xer- xes/ indem diese noch bey Leben mit weibischen/ jene aber nach dem Tode mit edlen Thraͤnen be- ehret wurden/ und zwey Koͤnigliche Haͤupter zu ihren Klage-Weibern hatten. Unter den Tod- ten/ welche der Koͤnig ohn Unterscheid beerdigen/ theils aber denen in weissen Trauer-Kleidern vom Fuͤrsten Zisem abgeschickten Serern/ wel- che die Jhrigen im Vaterlande kostbar zu begra- ben pflegen/ zum Leichen-Gepraͤnge ausfolgen ließ/ ward endlich auch Barcas der vermißte Unter-Koͤnig der Sacken gefunden/ aber wegen vieler Wunden kaum erkennet. Dieser war in seiner Kindheit eines seiner Bluts-Verwand- ten umb kuͤnftig seinen Kindern sein reiches Erb- theil zuzuschantzen ausgeschnidten worden/ aber hierdurch hatte er das minste von seiner ange- bohrnen Tapferkeit eingebuͤßt/ und durch seine uͤberaus treue Dienste sich zu einẽ Schoß-Kinde des Koͤnigs gemacht. Der Koͤnig konte sich nicht enthalten diese blutige Leiche zu umbarmen. Nachdem sie auch abgewaschen war/ ließ er sie auf einem mit Purpur bedeckten Prang-Wa- gen in die Stadt Hanchung fuͤhren/ in welcher die eingefaͤlleten Mauern ergaͤntzet/ die fast un- zehlbaren Verwundeten aufs sorgfaͤltigste ge- pflegt wurden. Jnzwischen lief Nachricht ein/ daß die Serer sich gar zuruͤcke biß an das Ge- buͤrge Poching gezogen hatten; dahero reisete Huhansien/ Syrmanis und ich/ mit einem aus- gelesenen Kriegs-Volcke den Strom Han hin- auf/ den vom Feinde verlassenen vorthelhaften Ort zu besetzen/ und hierauf den Wunder-Berg Yoniu/ oder die koͤstliche Frau genennet/ zu be- sichtigen/ weil die Natur auf selbtem aus Mar- mel ein so schoͤnes Weibsbild als immermehr Praxiteles gebildet. Wir erstarreten fuͤr die- sem Bildnuͤsse/ und Huhansien wolte sich durch viel Betheurungen nicht bereden lassen/ daß nicht ein Kuͤnstler die Hand mit im Spiele ge- habt/ wenn ich ihn nicht versichert/ daß ich selb- sten viel Steine/ und insonderheit Agaten gese- hen haͤtte/ in welchen Staͤdte/ Schloͤsser/ Baͤu- me/ Voͤgel/ Fische/ vierfuͤssichte Thiere/ Schlan- gen/ ja Menschen aufs deutlichste waͤren ausge- pregt gewest/ und daß in dem Lande Fokien/ bey Erster Theil. K k k k der Fuͤnfftes Buch der Stadt Yecheu der von der Natur gleichsam als einem kuͤnstlichen Pinsel mit Bergen/ Fluͤs- sen/ Baͤumen und Blumen durchmahlete Mar- mel gantz gemein waͤre. Der Berg Apennin bildete hin und wieder Brust-Bilder/ das Vor- Gebuͤrge bey Scylla einen niedergeschlagenen/ ein Melitensischer Berg einen gehangenen Menschen/ ein ander bey Panormus eine Muͤn- tze mit des Kaͤysers Bildnuͤsse/ das Gebuͤrge an der aͤusersten Sud-Spitze in Africa ein deutli- ches Antlitz ab/ welches entweder aus blossem Zufalle durch die Krafft des fluͤssenden Saltzes/ oder weil die Natur zuweilen ein rechtes Thier (wie man denn in dem Reiche Huquang an dem Berge Xeyen viel versteinerte Schwalben fin- det/ und sie zur Artzney brauchet) durch ihre ver- steinernde Krafft in einen wahrhaften Stein oder etwas fluͤssendes/ das etwan in einem wei- chen Behaͤltnuͤsse eine gewisse Gestalt bekom- men/ in Crystall oder Agt-Stein/ darinnen ohne diß nicht gar ungemein Fliegen/ Spinnen und Nattern herrlich begraben gefunden werden/ durch uͤberaus heftige Kaͤlte/ oder andere zusam- menziehende Magnetische Krafft/ die in allen Dingen stecket/ und seines gleichen an sich zeucht/ verwandelt werde. So koͤnten sich auch in die wachsenden Steine allerhand Saamen von Baͤumen und Kraͤutern einmischen/ und zu sol- chen Abbildungen helffen/ wie man auf dem hoͤchsten Gemaͤuer wegen des durch Wind und Voͤgel dahin gebrachten Gesaͤmes allerhand Gewaͤchse/ ja starcke Baͤume aufwachsen sehe. Hertzog Herrmann brach hier ein/ und meldete: Daß in dem Hercynischen Walde sehr offt artli- che Steine mit gebildeten Thieren gefunden wuͤrden; und an dem Norwegischen Gebuͤrge stellte ein Berg einen verkappten Menschen fuͤr. Zeno fuhr fort: Es waͤre die Welt mit diesen Wundern ziemlich angefuͤllt/ ja die Wolcken pflegten uns nicht selten gantze Geschichte fuͤr- zubilden; aber das erwehnte wunder-wuͤrdige Frauen-Bild uͤbertraͤffe seinem Urtheil nach alles Spielwerck der Natur. Jedoch gaͤben demselben wenig nach zwey Felsen im Reiche Kiamsi/ da der hoͤchste einen Drachen/ der nie- drigere einen Tiger/ welche gegen einander zu rennen scheinen/ der Berg Ky in Kiangsi bey der Stadt Queilin einen Elefanten/ und der Berg Packi in Xensi einen Hahn/ der fuͤr dem Unge- witter ein grosses Gethoͤne von sich gaͤbe/ den Huͤgel Mainen bey Sangku zwey sehr grosse Augen/ darm̃en der Apfel/ wie auch das schwartze und weisse von der Natur vollkom̃en unterschie- den/ die Spitzẽ auf dem Gebuͤrge Lo bey Chiñing aber sieben und zwantzig vollkommene Men- schen - Bilder eigentlich darstellten. Dieses haͤtte auch den Koͤnig Huhansien verursacht/ daß er einen gegenuͤberstehenden Berg durch eine unglaubliche Menge Xensischer Einwoh- ner zu einer Spitz-Saͤule/ wie die Egyptischen waͤren/ aushauen/ und aus koͤstlichem Ertzt das Bildnuͤß seines geliebten Barcas auf die Spi- tze setzen/ darunter aber graben ließ: Was Mann und Vater macht/ das schnidt der Stahl mir ab/ Doch hat der Stahl mir auch/ was Helden macht/ erworben/ Der was den Gliedern sehlt/ dem Hertzen wieder gab. Bin ich auch gleich ietzt hier durchs Feindes Stahl geftorben/ Muß doch der Seythen Haupt aus Ertzt mir Bilder weihn/ Darein der Nach-Ruhm schreibt mein Lob mit Demant ein. Unten an dem Fusse des gespitzten Berges stand in den Fels eingegraben: Jhr Riesen von Gemuͤth’/ und auch ihr neid’schen Zwerge/ Die hoher Tugend Glantz meist in die Augen sticht; Mißgoͤnn’t diß Ehren-Mahl dem edlen Barcas nicht/ Sind doch die Helden groͤss- und seltzamer/ als Berge. Die Freygebigkeit des Koͤnigs Huhansien/ in Beehrung wohl - verdienter Helden/ sagte Hertzog Jubil/ ist ein unfehlbares Kennzeichen/ daß er selbst viel ruhmwuͤrdiges an sich gehabt habe. Denn diese zuͤnden der Tugend mit ei- ner begierigen Freudigkeit Weyrauch an/ weil sie selber von so suͤssem Geruche etwas mit ge- nuͤssen. Unverdiente Leute aber sind hierinnen die Arminius und Thußnelda. die kaͤrgsten; sintemal sie das Lob der Tugend dem Gelde gleich achten/ dessen man so viel we- niger behaͤlt/ als man davon ausgiebt. Weil uͤber diesem Ehren-Maale gearbeitet ward/ sagte Zeno/ verfolgte der Koͤnig Huhansien mit dem groͤsten Theile seines Heeres den Feind/ machte auch seinem zeither durch tapfere Gegen- wehr der Serer an dem Saffran-Flusse aufge- haltenen Unter-Koͤnige in Tibet Lufft/ daß er mit seinen 200000. Mann uͤber solchen Strom setzen konte. Jnzwischẽ befahl mir der Koͤnig mit 100000. Mann mein Heil gegen dem Koͤnigli- chen Sitze und der uͤberaus grossen Haupt- Stadt Sigan zu versuchen. Wiewohl ich nun nicht wuste/ ob diß aus grossem Vertrauen/ oder wegen scheinbarer Unmoͤgligkeit mich ins Verderben zu stuͤrtzen geschahe/ indem der Weg von Hanchung dahin von des Koͤnigs Lieupang welt - beruͤhmtem Feldherrn Changleang mit vieler 100000. Menschen unglaublicher Arbeit durch die Himmel-hohen Stein-Kluͤffte gehau- en worden/ welche nah auf beyden Seiten die zwoͤlf Ellenbogen weite Strasse derogestalt ver- duͤstern/ daß die Sonne niemals darein scheinen kan. Uber diß besteht das dritte Theil dieser 30. deutscher Meilen langen Strasse an wun- derwuͤrdigen Bruͤcken/ welche uͤber so hohe Thaͤ- ler/ daß einem hinunter zu schauen grauset/ von einem Berge zum andern gebaut/ und von hohen Pfeilern unterstuͤtzt/ auf der Seiten aber mit 7. fast unuͤberwindlichen Festungen ver- wahret sind. Der Mangel einiger Beywege noͤthigte mich diesen Pfad auf des Koͤnigs Be- fehl/ welche ausser Augen zu setzen keine Todes- Gefahr erlaubet/ inne zu halten. Jch fand aber den ersten Tag alsbald zwar eine Festung verlassen/ aber die Bruͤcke abgeworffen; also/ daß die Scythen mich fragten: Ob ich ihnen Fluͤgel geben koͤnte uͤber diesen Abgrund sich zu schwingen? Nichts desto weniger sprach ich ihnẽ ein Hertz ein/ stellte ihnen fuͤr Augen: Wie die Scythen ohne unausleschliche Schande nicht fuͤr unmoͤglich halten koͤnten/ was die Serer vermocht haͤtten vorzuthun. Also legte alles/ was sich nur regen konte/ Hand ans Werck/ die Pfeiler zu ergaͤntzen/ die abgeworffenen Dielen empor zu ziehen/ und hiermit ward zu meiner selbst eigenen Verwunderung eine Bruͤcke ei- ner Meile lang ergaͤntzet. Noch schleuniger ward ich mit der andern nicht viel kleinern Bruͤ- cke fertig/ weil die Scythen schon die Handgrieffe etwas besser gelernt/ auch aus der Stadt Han- chung viel Bauzeug und Werckleute herzu ge- schleppt hatten. Zu der drittern kamen wir als die fluͤchtigen Serer/ die sich hier sicherer als in der Schoß ihrer Schutz-Goͤtter schaͤtzten/ selbte abzubrechen allererst den Anfang mach- ten/ und ich mich also derselben und etlicher tausend Serer bemaͤchtigte. Diesen ließ ich alsofort ihre Kleider aus- und den Scythen anziehen/ mit welchen ich die vierdte Bruͤcke und die darbey besetzte Festung durch Krieges-List/ indem sie ihnen von keinem Feinde traͤumen/ die halb-bewachten Pforten auch unverschlossen liessen/ eroberte/ und in selbter des Unter-Koͤnigs in Sigan Sohn/ als obersten Befehlhaber/ ge- fangen bekam. Zwey folgende Schloͤsser und Bruͤckẽ fanden wir gantz unbesetzt; bey deraͤuser- sten und groͤsten aber kam unser Gluͤck ins ste- cken; denn da war nicht allein die uͤberaus lan- ge Bruͤcke abgebrochen/ sondern auch in das Thal wie in den hoͤllischen Abgrund nicht ohne Grausen zu schauen/ und die gegen uͤber liegen- de Festung mit viel tausend Serern verwahret. Weil ich nun die Unmoͤgligkeit geraden We- ges aus diesem Gedraͤnge zu kommen fuͤr Au- gen sahe; ließ ich einen Preiß von 10. Talent Silbers ausruffen/ wenn iemand einen Sei- ten-Weg ausspuͤren wuͤrde. Dieser Lohn ge- wan alsbald einen gewinnsuͤchtigen Serer/ welcher meinem Volcke und hiermit auch mir einen Fuß-Steig gegen der Stadt Linchang uͤber den Berg Limon weisete/ darauf ich selbst mit Verwunderung einen Brunn fand/ der K k k k 2 wie Fuͤnfftes Buch wie der Albunische See bey Tibur oben eyß- kalt/ unten aber siedend-heiß ist. Daselbst leitete mich eine entspringende Bach bey naͤcht- licher Zeit biß an das Ende des durchbrochenen Gebuͤrges. Ob ich nun zwar der Haupt- Stadt Sigan nur auͤf 30. Stadien entfernet war/ hielt ich doch fuͤr rathsamer den noch in dem Gebuͤrge befestigten Feind zu uͤberfallen/ und also der Scythischen Reiterey den Weg zu oͤff- nen. Diese Entschluͤssung geluͤckte mir bey anbrechendem Morgen so wohl/ daß mein Volck sich ehe auf dem Walle befand/ ehe der Feind zu den Waffen grieff/ und deswegen auch die/ welche sie in Haͤnden hatten/ entweder aus Verzweifelung/ oder ihrem Andeuten nach/ weil sie die Scythen bey ihrem Uberfalle nicht mehr fuͤr Menschen/ sondern fuͤr Goͤtter zu hal- ten angefangen hatten/ zu Bodem warffen. Diese Gefangenen musten nun selbst die zer- scheiterte Bruͤcke wieder bauen/ und ihrem Feinde seinen Siegs-Weg baͤhnen. Allhier hatte Koͤnig Lieupang dem Stiffter dieses wun- derwuͤrdigen Felsen-Bruchs Changleang zu Ehren an den Gipfel des hoͤchsten Felsen mit sechs Ellen langen Buchstaben folgende Reymen eingraben lassen: Daß Changleang fuͤrs Reich Verstand und Sebel wetzet/ Die Mauern aͤschert ein/ und Voͤlcker tritt in Koth/ Durch unser Feinde Blut den Saffran-Fluß macht roth/ Hat ihm den Lorber-Krantz der Helden aufgesetzet. Jn dem wird aber er fuͤr mehr als Mensch erkennet/ Daß er den Abgrund baͤhnt/ Gebuͤrge reisset ein; Denn in der Goͤtter Hand beruhen ja allein Die Schluͤssel der Natur/ und Blitz/ der Felsen trennet. Also verrichtet ein grosses Hertz und ein klu- ger Kopf wohl herrliche Wercke; aber eine be- redte Zunge oder eine gelehrte Feder muß selb- ten einen Firnuͤß anstreichen; welchen denn dieses Wunderwerck meinem Urtheil nach wohl verdienete/ als gegen welchem die Arl eit des Xerxes/ der dem Berge Athos einen laͤcher- lichen Draͤu-Brief/ daß er nehmlich ihn/ da er sich uͤbel durchgraben lassen wuͤrde/ ins Meer stuͤrtzen wolte/ geschrieben/ und ihn hernach mit einem nur 1500. Schritte langen Durchschnitte von dem festen Lande abgesondert; wie nichts minder der vom Lucullus durch den Berg Pau- silippus gehauene Weg/ welchem bey den Se- rern einer durch den Mingyve gleichet/ fuͤr einen blossen Schatten zu achten ist. Ja wenn ich an der Scythen Durchbruch uͤber diese Klippen nicht Antheil haͤtte/ unterstuͤnde ich mich ihn des Hannibals Reise uͤber das Pyre- neische Gebuͤrge weit fuͤrzuziehen. Daher ich jener Uberschrifft gegen uͤber an einen Fels mit nicht kleinern Buchstaben eingraben ließ: Zermalmen Fels und Klufft/ und durch Gebuͤrge brechen/ Von Berge biß zu Berg auf Meere Bruͤcken baun/ Den Schiffen eine Bahn durch Land und Klippen hann/ Laͤst unter menschliches Erkuͤhnen sich wohl rechen. Daß aber uͤber Wolck’ und Berg der Scythe klettert/ Und uͤbern Abgrund klim̃t/ den auch ein Vogel scheut/ Wenn ein gewaffnet Volck ihm Tod und Mord gleich dreut/ Das hat Huhansien im Leben schon vergoͤttert. Hertzog Herrmann bezeugte uͤber diesen Hel- denmaͤssigen Thaten eine sonderbare Vergnuͤ- gung/ und gab gegen dem Fuͤrsten Zeno zu ver- stehen/ daß er in diesem wichtigen Vornehmen nichts minder einen vollkommenen Staats- Klugen/ als einen tapfern Feldherrn abgebildet haͤtte; da er zwar dieses Gebuͤrge erobert/ in dem seinem Koͤnige aufgerichteten Ehrenmahle aber seiner so gar vergessen. Denn ein Die- ner solte niemals aus seinen Thaten ihm einen Ruhm erzwingen; sondern das ihm zugestosse- ne Gluͤcke alleine der vernuͤnftigen Leitung sei- nes Fuͤrsten zuschreiben; in Erwegung/ daß auch der geschickste Ruderknecht mit seinem Schweisse nichts zu Umbwendung eines Schiffs helffe; sondern an der einigen Hand des Steuer-Man- nes die Eiurichtung der gantzen Farth haͤnge. Bey so gestalten Sachen wird er durch seine Tugend ihm gehorsamẽ/ durch die Entaͤuserung seines Arminius und Thußnelda. seines Eigenruhms sich zwar auser Neid/ nicht aber ausser Ehre setzen. Hingegen ist nichts veraͤchtlicher/ als wenn ein Diener sich eines ihm etwan geluͤckten Streiches zur Eitelkeit miß- braucht/ und seinem Ehrgeitze selbst einen Lor- ber-Krantz auffsetzt/ aus Unwissenheit/ daß der/ welcher sich seines ruͤhmlichen Verhaltens am wenigsten mercken laͤst/ seinen Ruhm vergroͤsse- re; gleich als wenn der dieses deßhalben selbst verdruͤckte/ weil er ihm noch weit ein mehrers auszurichten getraute. Ein kluger Diener hat hierinnen zu seinem Leit-Sterne und Vor- bilde das Auge; welches zwar alles ausser ihm/ sich aber selbst nicht sehen kan; und des Spie- gels/ der in ihm alles/ sich aber selbst nicht ab- bildet. Aus dieser Ursache ziehe ich unser deutschen Ritters-Leute Absehen allen andern fuͤr. Denn ihre erste Pflicht bestehet in dem/ daß sie das Vaterland beschirmen/ fuͤr ihren Fuͤrsten ihr Blut verspritzen/ alle ihre Thaten aber/ ja auch alle Gluͤcksfaͤlle ihm zueignen. Al- so kaͤmpffen die Fuͤrsten fuͤr den Sieg/ die Rit- terschafft aber fuͤr den Fuͤrsten. Diese sind in ihrem Reiche/ was die erste Bewegung unter dem Gestirne/ und das Gewichte in den Uh- ren. Die Raͤder/ in denen das gantze Kunst- werck stecket/ sind die Diener/ welche insgeheim und im verbor genen die Zeit und die Geschaͤf- te abmessen sollen. Ja wenn auch ein nachlaͤs- siger Fuͤrst sich aller Herrschafft entschlaͤgt/ und nichts minder die Erfindung und Anstalt als die Ausuͤbung eines Wercks von einem Diener herruͤhret/ so soll er doch seinen Fuͤrsten fuͤr den Weiser in der Reichs-Uhr achten/ welcher oͤffentlich als die Richtschnur der Menschen die Stunden anzeiget; ungeachtet er in sich selbst keine Bewegung hat/ oder bey der Sache et- was thut. Denn Diener sind nur Gefaͤr- then der Arbeit/ nicht der Gewalt und Ehre; blosse und meist entbehrliche Werckzeuge/ nicht Urheber; Schatten/ keine Sonnen/ welche al- sofort verschwinden/ wenn sie sich unvorsichtig ans Licht machen. Die hellesten Sterne und der Monde das grosse Nacht-Licht buͤsset seinen Glantz ein/ wenn sie sich an ihrer Finsterniß nicht vergnuͤgen/ sondern der Sonne zu nahe kommen/ und sich mit ihren Strahlen bekleiden wollen. Koͤnig Hippon in Britannien ließ sei- nes hochverdienten Krigesobersten Aletodobals ruhmraͤthige Ehren-Seule abbrechen und zer- schmeltzen/ die er aus seiner Feinde Ertzt hatte giessen lassen; und als er ihm gleich die Erobe- rung Caledoniens anzuvertrauen ihn aus Noth nicht uͤbergehen konte/ gewaͤhrte er ihn doch aus Gramschafft seiner Bitte nicht/ daß er dem Koͤnige den Steigbuͤgel haͤtte kuͤssen moͤgen. Noch in tiefere Ungnade verfiel Cornelius Gallus beym Augustus/ weil er ihm in Egy- pten viel Ehren-Seulen auffstellte/ seine Ge- schichte in die Spitz-Seulen grub; ja die Unge- dult zwang ihn ihm selbst vom Leben zu helf- fen. Hierentgegen starb Agrippa in unver- sehrter Gnade/ der zwar der Urheber und Werckzeug aller grossen Siege und herrlichen Gebaͤue war/ hierbey aber sein gantz vergaß/ dem gemeinen Wesen den Vortheil/ dem Kaͤy- ser die Ehre zuschrieb; offt auch gar/ um das Gluͤcke zu maͤßigen und seinem Fuͤrsten nicht zu sehr in die Augen zu leuchten sich seines Vortheils nicht bediente; Also den Cneus Pompejus zwar zur See schlug/ ihn aber gar nicht verfolgte. Den gewissesten Verderb a- ber zeucht nach sich/ wenn man die Liebe des Volcks/ und den Zuruff des Poͤfels gegen sich erwecket. Daher soll ein Feld-Oberster nach erhaltenem Siege lieber des Nachts und einsam nach Hofe kom̃en/ um die Ehrerbietung deꝛ Buͤr- ger zu verhuͤten/ nach geendigtem Kriege sich des Hofes entschlagen/ und sich zur Ruhe begeben/ wormit er mit seinem Glantze andere muͤßige nicht verblende/ hingegen aller ihrer Miß gunst gegen sich errege. Ja wenn ein Fuͤrst auch selbst einen Diener allzu hoch ans Licht stellen will/ hat er so viel mehr Ursache sich selbst zu ver- K k k k 3 duͤstern Fuͤnfftes Buch duͤstern. Denn die Sonne zeucht die niedri- gen Duͤnste der Erden keinmahl/ ja auch zu kei- nem andern Ende empor/ als daß sie selbte her- nach wieder zu Bodem druͤcke. Wie viel Fuͤr- sten haben ihre treuen Diener zu Reichs-Ge- faͤrthen erkieset/ ihre Bilder den ihrigen gegen- uͤber/ oder in die Reyhe ihrer erlauchten Vor- fahren gesetzet/ ihre Thaten auff guͤldene Muͤn- tzen gepraͤgt/ sie fuͤr Vaͤter des Fuͤrsten/ fuͤr Beschirmer des gemeinen Wesens ausruffen lassen; selbte aber hernach aus einer blossen Ei- versucht in Staub und Koth getreten. Sin- temal der Schatten ohnediß insgemein densel- ben Coͤrper/ worvon er faͤllt/ an Groͤsse uͤber- trifft/ und ihn daher so viel mehr in die Augen sticht. Dahero sagte Cyaxares: Er koͤnte ehe das seinen Meden angethane Unrecht ver- schmertzen/ als fremden Wohlthaten zuschauen/ die einer seinem Volcke erzeigte. Denn dieses solte nichts minder als eine Ehfrau alleine von ihres Ehemannes und Fuͤrsten Liebe wissen/ also nur auff ihn die Augen haben. Und hiervon ruͤhret: warum Fuͤrsten meist mittelmaͤßige Leute/ die den Geschaͤfften gewachsen/ a- ber nicht uͤberlegen sind/ in hohe Aempter erhe- ben/ die fuͤrtrefflichsten Koͤpffe aber entweder nicht befoͤrdern/ oder hernach wenn sie dem Fuͤrsten das innerste ihres Hertzens ausneh- men/ oder ihre Klugheit zur Richtschnur aller Rathschlaͤge eindringen wollen/ absetzen. Ja ein Diener soll nicht nur mit seinem eigenen Thun seines Fuͤrsten Hoheit verduͤstern/ son- dern auch alles fremde Schattenwerck aus dem Wege raͤumen. Daher dem Parmenion fuͤr eine ungemeine Klugheit aus gedeutet wird/ daß er in Morgenland alle alte Tempel des Jasons zerstoͤrte/ wormit der Nachwelt nur seines A- lexanders Gedaͤchtnißmahle im Gesichte blei- ben moͤchten. Hertzog Arpus bekraͤfftigte die- se Gedancken des Feldherrn nicht allein/ sondern erstreckte selbte auch auff andere/ ja selbst auff Fuͤrsten/ daß sie ihre Thaten zu keinen Wun- derwercken/ und ihre Verdienste zu keinen Rie- sen machen solten. Denn denen Ehrsuͤchti- gen hinge nicht nur von ihren Oberherren/ son- dern auch von ihres gleichen/ ja von denen ei- nerley Werck fuͤrhabenden Gefaͤrthen Gefahr zu. Der eifeꝛsuͤchtige Hercules haͤtte sich uͤber den bey Stuͤrmung der Stadt Troja unter dem Koͤnige Laomedon zu erst uͤber die Mauer kommenden Talemon so verbittert/ daß er ihn erwuͤrgt haͤtte/ weñ er nicht von dem verschmitz- ten Talemon durch Zusammenlesung der Stei- ne waͤre beguͤtigt worden; Aus welchem dem grossen Uberwinder Hercules ein Altar gebau- et werden solte. Sich klein machen und grosse Dinge ausrichten/ waͤre eine zweyfache Tapf- ferkeit/ und eine sichere Schadloß-Buͤrgschafft. Marius haͤtte in diesem Absehen den Tempel der Ehre zu Rom so niedrig gebaut/ als kein anderer sonst daselbst waͤre. So demuͤthig sol- ten nun alle seyn/ welche nicht unwuͤrdig in selb- ten gehen wolten. Die klugen Baumeister setzten die vollkommensten Seulen unten/ die nur aus dem Groͤbsten gearbeiteten in die Hoͤ- he; wormit ihre Ferne die Fehler/ und das Ur- thel die Augen betruͤge. Die Maͤßigkeit des Gemuͤthes aber waͤre das Kennzeichen einer durchgehends vollkommenen/ und unauff- geputzten Tugend. Der stinckende Rauch des Ehrgeitzes fuͤhre mit Gewalt in die Hoͤhe. Die reine Flamme der Hertzhafftigkeit brennte zu unterste. Die todten Leichen schwimmen auff dem Meere oben; Die von Perlen und Pur- pur reiche Muscheln aber blieben in dem Grun- de liegen. Jn der kleinen Welt schwebte das Hertz unter der Lunge/ und in der grossen die Sonne unter dem unguͤtigen Saturn; da doch beyde der Natur und dem Menschen das Leben/ wie ein kluger Fuͤrst seinem Volcke den Wohl- stand gaͤben. Fuͤrst Zeno roͤthete sich uͤber den ihm durch dieser Verachtung der Ruhmraͤthigkeit zuwach- sendem Lobe/ und sagte: Er haͤtte bey Eroberung dieses Arminius und Thußnelda. dieses Gebuͤrges fuͤr sich selbst so wenig denck- wuͤrdiges begangen/ daß er nicht so wohl aus ei- ner so tieffsinnigen Klugheit/ als aus Mangel der Verdienste seines Nahmens in gedachter U- berschrifft vergessen haͤtte. Weil er aber sich darinnen nach dem Maaße seines Unvermoͤ- gens beschieden/ haͤtte ihm das Gluͤcke/ wel- ches denen insgemein den Ruͤcken drehet/ die seine Gutwilligkeit fuͤr eigene Weißheit ver- kauffen/ den warhafften Preiß solcher Bemuͤ- hung zugeworffen/ nehmlich die Eroberung der drey Meil Weges grossen Haupt-Stadt Qvanchung oder Sigan/ welche der zweyen Koͤniglichen Geschlechter Chera und Tschina/ und nun auch des drittern Hana Sitz gewest. Denn ob zwar diese maͤchtige und feste Stadt bey unserer unvermutheten Ankunfft zu den Waffen griff; die Einwohner auch weder durch die Bedraͤuung der Scythen/ noch durch das traurige Beyspiel der durch Sturm uͤber- gangenen Stadt Hanchung zur Ubergabe sich bewegen lassen wolten; so fiel sie doch entweder durch Kleinmuth/ oder durch uͤbermaͤßige Va- terliebe durch Schwerdtschlag in unsere Haͤn- de; indem der darinnen sich befindende Un- ter-Koͤnig mir selbst in Geheim des Nach- tes die eine Stadt-Pforte oͤffnete/ als ich gegen dem Koͤniglichen Pallaste ein hohes Creutz auf- richten/ und ihn bedraͤuen ließ/ daß ich auff den Morgen seinen im Gebuͤrge gefangenen Sohn daran nageln wolte. Hertzog Herrmann fing hieruͤber an zu ruffen: Ob er nicht auff den Morgen diesen verraͤtherischen Unter-Koͤ- nig selbst ans Creutz geschlagen haͤtte? denn der/ welcher wider sein eigenes Volck den Degen auszuͤge/ setzte nicht nur ihm das Messer an die Gurgel/ sondern auch der/ welcher sein Ge- bluͤte oder sich selbst lieber als das Vaterland haͤtte; und nicht lieber mit dem redlichen The- mistocles sich durch getrunckenes Ochsen-Blut auffopfferte/ als er ihm etwas zu Leide thaͤte. Und ich weiß nicht/ ob die unbarmhertzigen Muͤtter zu Carthago/ die wider Feind und Pest ihre unmuͤndige Kinder/ derer sich auch die Fein- de erbarmen/ auff die gluͤenden Opffer-Tische geleget/ und durch derselben Blut von den Goͤt- tern Friede zu kauffen vermeinet/ um derer Le- ben man sie am andaͤchtigsten anrufft; mehr ein grausamer Laster zu ihrer Artzney gebrau- chet/ als die/ welche ein Kind zu erhalten ein gan- tzes Volck ins Verderben stuͤrtzen. Uber diß zweiffele ich/ daß es des Fuͤrsten Zeno Ernst ge- wesen sey/ einem unerschrockenen Helden wegen seiner Treue ein so blutiges Trauer-Spiel fuͤr- zubilden. Massen denn insgemein solche Dreu- ungen nur Versuchungen weibischer Gemuͤ- ther/ nicht bestaͤndige Entschluͤssungen sind. Marcomir bekam einesmahls den Fuͤrsten der Hermundurer gefangen; Ob er ihn nun schon auff eine Trauer-Buͤhne/ da ihm der Hencker den Kopff fuͤr die Fuͤsse legen solte/ steigen ließ/ vermochte er ihm doch keinen Befehl auszu- pressen/ daß sich eine seiner Staͤdte ergeben sol- te. Und wie diese Bestaͤndigkeit ihm damals nicht den Kopff verspielte; also gewan er zum Vortheil noch einen unsterblichen Nahmen bey der Nachwelt. Zeno laͤchelte hieruͤber/ und meldete: Er waͤ- re niemahls der Tugend so feind gewest/ daß er sie an seinem Feinde mit einer so ungerechten Rache haͤtte bestraffen sollen; hingegen waͤre die- ser kleinmuͤthige oder vielmehr verraͤtherische Stadthalter den seinigen ein Greuel/ den Fein- den eine Verachtung worden. Die Loßgebung aber seines Sohnes erwarb uns nicht alleine diese fast unzwingbare Stadt/ sondern den von etlichen tausend Jahren gesammleten Koͤnigli- chen Schatz zum Loͤsegelde. Jch bin nicht nur ohnmaͤchtig den unschaͤtzbaren Reichthum zu beschreiben/ sondern meine Erzehlung wuͤr- de auch denen Leichtglaͤubenden verdaͤchtig fuͤrkommen. Unter allen Schaͤtzen aber wur- den fuͤr den koͤstlichsten gehalten/ zwey grosse sich nach Art des Monden-Steines nach dem Zu- Fuͤnfftes Buch Zu- und Abnehmen dieses Gestirnes an der Farbe veraͤndernde Perlen; welche deßhal- ben auch die Perlen des klaren Monden genen- net werden/ und von dem Koͤnige Hiaovus bey dem Eylande Hytan in einem Fisch-Ne- tze sollen gefangen worden seyn/ nachdem er vorher auff Anleitung seines Traumes einen geangelten Fisch frey gelassen. Und in War- heit wer selbte Perlen gesehen/ wird sie un- zweiffelbar derselben/ die Julius Caͤsar sei- ner Buhlschafft Servilia des Brutus Mut- ter theuer erkaufft/ und denen/ welche Koͤnig Porus an seinen Ohren getragen/ welche die verschwenderische Cleopatra um den Antonius an Kostbarkeit zu uͤbertreffen/ im Eßige zer- lassen eingeschluckt/ fuͤrziehen; und es duͤrff- te selbte nicht nur Lucius Plancus einer noch reichern Koͤnigin aus den Haͤnden reissen; sondern es wuͤrde der wolluͤstige Clodius/ E- sopens Sohn bey ihrem Anschauen sein und seiner Perlen - trinckenden Gaͤste uͤppigen Gaumen maͤßigen. Rhemetalces setzte all- hier bey: Ob er zwar auff die Eitelkeit der Perlen und Edelgesteine/ welchen weder Nutz noch Nothdurfft/ sondern allein die Verschwendung einen so hohen Preiß gesetzt haͤtte/ indem die ihnen zugeschriebene Tugen- den meist ertichtet/ der Demant zu dem gering- sten nuͤtze/ der so theure Bezoar in der Ar- tzeney ein blosser Betrug waͤren/ wenig hiel- te/ so moͤchte er doch diese Perlen ihrer Far- ben Veraͤnderung halber wohl sehen; wo es anders ohne Zauberey geschehe. Denn ob er wohl einen Tuͤrckis einst zu schauen kriegt/ der bey seines Besitzers Tode erblas- set/ und mitten durch einen Ritz bekommen/ bey Uberkommung eines neuen Herrn aber sich wieder gefaͤrbet und ergaͤntzet haͤtte; und einem zu Rom/ der eines Fuͤrsten in Gallien gewest/ so glaubte er doch nicht/ daß solches aus naturlichen Ursachen geschehen sey. Nichts weniger waͤren ihm verdaͤchtig zwey bey ei- ner Fuͤrstin aus Gallien gleichfals gesehene Diamanten/ welche offt andere ihres gleichen geheckt/ gleich als die Steine auch lebten/ und sich durch Vermaͤhlung vermehrten. Zeno begegnete ihm: Es waͤre an diesen Perlen so wenig zauberisches/ als an dem sich ebenfalls mit seinem zugeneigten Gestirne verwandelnden Monden-Steine; indem er mit dem leuchtenden Monden nicht nur leuch- tete/ sondern auch nach dem Ab- und Zuneh- men seine gantze und halbe Gestalt abbildete/ und denen bey den Serern haͤuffig wachsen- den Rosen gleichte/ welche alle Tage bald schneeweiß/ bald Purpur-faͤrbig sind. Uber diß findet man in diesem Reiche Xensi noch andere Steine/ die sich mit dem Monden wie das Meer vergroͤssern und verminderen; wie auch in dem Reiche Kiamsi auff dem Berge Xangkiu einen Stein in Gestalt eines Men- schen/ der mit der Lufft seine Farben verwan- delte/ und die Veraͤnderung des Gewitters ankuͤndigte. Der Feld-Herr fing an: Jch bin wohl kein Goͤtzen-Knecht todter Eitelkei- ten; unterdessen halte ich diese zwey Perlen fuͤr ein Meisterstuͤcke der Sonnen/ ja auch des Monden/ und glaube/ daß nach derselben Fischung der Erdbodem mehr Reichthum be- sitze als das Meer/ dessen Schaͤtze sonst alle Koͤstligkeiten der Gebuͤrge wegstechen sollen. Jch bilde mir auch ein/ daß wenn die Jndia- ner der alten und neuen Welt diese zwey Wun- der-Perlen zu Gesichte bekaͤmen/ jene ihren Affen-Zahn/ diese ihren Schmaragd unange- betet lassen wuͤrden/ ob schon dieser die Groͤsse eines Strauß-Eyes haben soll. Hoͤret aber/ fuhr Zeno fort/ wie das Kriegs - Spiel auff der andern Seite mit den Serern verwandelt hatte; indem Koͤnig Huhansien/ als er seinem im Gebuͤrge Po- ching befestigtem Feinde nicht beykommen koͤnnen/ Arminius und Thußnelda. koͤnnen/ uͤber den Fluß Sihan/ und Yao ge- setzt/ daselbst sein ander Heer uͤber den Saff- ran-Fluß an sich gezogen/ und mit dieser schrecklichen Macht die Stadt Lieyao stuͤrmen- der Hand/ Thienxin aber die Begraͤbnuͤß- Stadt des grossen Fohius mit draͤuen/ welchem eben zu selber Zeit der Berg Xecu oder die stei- nerne Drommel genennt/ zum Zeichen eines grossen bevorstehenden Ungemachs durch sein schrecklich Gethoͤne zu statten kam/ eroberte/ und als die Serer selbte zu entsetzen/ wiewol zu spaͤt/ ankamen/ selbige abermals aufs Haupt er- legte. Allhier erlangte der Koͤnig Nachricht von der Ubergabe der Hauptstadt Quanchung; Daher ließ er die Koͤnigin Syrmanis mit dem groͤsten Theile des Heeres fuͤr die Stadt Ganti an dem Flusse King ruͤcken/ und zugleich denen fluͤchtigen Serern in den Eisen liegen; Er a- ber eilte nach der Stadt Fungziang an dem Flusse Ping/ welche ihm die Schluͤssel biß zu der Stadt Lung entgegen schickte/ weil sich ihr ge- woͤhnlicher Gluͤcks-Vogel/ den sie fuͤr den Ara- bischen Fenix halten/ abermals hatte sehen las- sen/ und ihrer Auslegung nach unter dem Schirme Huhansiens ihnen grossen Wolstand verkuͤndiget. Von dar kam er in wenig Ta- gen nach Quanchung/ von dar ich inzwischen mich der Festungen Hoa und Jao/ ja des gan- tzen Strichs biß an den Saffran-Fluß bemaͤch- tigethatte. Er umarmte mich allhier mit gros- ser Vergnuͤgung/ ging auch mit mir nun nicht mehr als mit einem fremden Fuͤrsten/ sondern wie mit seinem Bruder um. Aus dem Koͤni- glichen Schatze hieß er mich nehmen/ was mir gefaͤllig waͤre/ der Koͤnigin Syrmanis aber/ von welcher in etlichen Tagen die Eroberung der Stadt Gante berichtet ward/ schickte er die zwey koͤstlichen Perlen oder Steine des hellen Monden/ mit diesen Zeilen: Nim diese Perlen an/ du Perle dieser Welt/ Waͤchst und verfaͤllt ihr Glantz gleich mit des Monden Kertze; So zweiffle du doch nicht/ daß mein getreues Hertze Die Farbe krafftiger als Stern und Perlen haͤlt. Folgenden Tag/ als Huhansien nach Qvan- chung kam/ ward auch des in der Schlacht ge- bliebenen Koͤnigs Juen Leiche mit Serischem Gepraͤnge dahin gebracht/ nur daß die Ser- then nicht/ wie es sonst bey Beerdigung der Se- rischen Koͤnige braͤuchlich war/ alle der Leiche begegnende Menschen/ und andere Thiere er- mordet hatten/ gleich als wenn man durch so viel Tode dem Volcke ihre Koͤnige so viel mehr zu beweinen Ursache geben wolte; Jn welchem Absehn der Juͤdische Landvogt Herodes viel edle Leute nach seinem Absterben zu toͤdten im letzten Willen nicht unbillich verordnete/ weil seine boͤ- se Thaten ihm schon wahrsagten/ daß niemand seinetwegen ein Auge naß machen wuͤrde. Her- tzog Herrmann fing an: Es ist diß eine abscheu- liche Erfindung/ das ohne diß unnuͤtze und wei- bische Weinen uͤber die Verstorbenen zu erwe- cken. Und sind gegen diese verdammte An- stalten noch dieselben Voͤlcker/ welche mit den sterbenden Herren Pferde und Knechte begra- ben; ja auch Alexander zu entschuldigen/ wel- cher aus einer uͤber Hephestions Tode empfun- dener Unlust seinen Artzt hencken/ alle Pferde und Maul-Thiere bescheren/ des Esculapius Tempel anzuͤnden/ das Ecbatanische Schloß verwuͤsten/ vieler Staͤdte Mauern umwerffen/ und noch mehr Voͤlcker ihm Thraͤnen und Weyrauch opffern ließ. Zeno fuhr fort: so viel zu thun haͤtte Huhansien wol nicht Ursache gehabt; Weil aber die Serische Koͤnige von undencklicher Zeit zu Quanchung ihr Begraͤb- nuͤß in einem von eitel Cypreß-Holtze gebauten Tempel hatten/ befahl Huhansien die kostbar eingebalsamte Leiche auffs allerpraͤchtigste zu seinen Vorfahren zu begraben. Rhemetalces fing an: Es waͤre einem Sieger nichts ruͤhm- licher/ als seinen gefangenen Feinden guͤtlich/ und den Todten ihren letzten Dienst thun. Al- so haͤtten der grosse Alexander den Darius koͤni- glich/ Anton den Brutus/ Annibal den Mar- cell und Emilius stattlich beerdiget. Hinge- Erster Theil. L l l l gen Fuͤnfftes Buch gen wuͤrde Cambyses noch verschmaͤht/ daß er des Amasis Leiche mit Ruthen peitschen/ und wider der Egyptier Gewohnheit zu Asche bren- nen lassen. Ja/ sagte Flavius/ es waͤre diß ei- nes niedrigen/ jenes eines edlen Gemuͤthes Merckmal. Denn auch die gerechteste Rache solte sich nicht uͤber eines Feindes Tod erstre- cken. Alleine mehrmahls brauchte die Heu- cheley die Einbalsamung der Leichen/ die Auff- richtung herꝛlicheꝛ Ehren-Male/ und die ruͤhm- lichsten Grabeschrifften zu Bedeckung des schwaͤrtzesten Meuchelmords. Also haͤtte He- rodes seinem ermordeten Schwager Aristobul/ Antigonus der von ihm hingerichteten Cleopa- tra/ des grossen Alexanders Schwester/ ein praͤchtiges Begraͤbnuͤß ausgerichtet; eine Bri- tannische Koͤnigin haͤtte eine Tonne Goldes zum Leichgepraͤnge einer Caledonischen Fuͤr- stin hergegeben/ und aus Marmel ein Ehren- Mal aufgebauet/ welche sie doch selbst haͤtte ent- haͤupten lassen. Hertzog Malovend versetzte: dessen waͤre Huhansien nicht zu beschuldigen/ weil er den Koͤnig Juen als seinen Feind in oͤf- fentlicher Schlacht vermoͤge des Kriegs-Rech- tes getoͤdtet. Daß er auch das gantze Serische Reich zu zerreissen nicht im Schilde gefuͤhret haͤtte/ erschiene daraus/ weil er ihn in sein vaͤ- terlich Grab legen lassen. Sintemal Perdie- cas der Macedonischen Herrschafft alsbald das Leichenbret gestellt; weil man den grossen Ale- xander zu Alexandria/ nicht aber in Macedo- nien begraben. Zeno antwortete: Die Serer waͤren hierinnen mehr als kein ander Volck a- berglaͤubisch/ haͤtten sich also uͤber die Guͤtigkeit des Koͤnigs Huhansien nicht genungsam ver- wundern koͤnnen; Daher sie auch unter gemei- nen Leuten/ wenn sie nicht den gantzen Leib/ zum wenigsten einen Zahn von der Leiche in sei- ner Ahnen Grab legten. Fuͤrst Catumer fiel ein: Warum nicht/ nach anderer Voͤlcker Ge- wohnheit/ das Hertze? Sind die Zaͤhne bey den Serern die edelsten Glieder? Flavius antwortete: Bey der Beerdigung muͤssen sie/ ich weiß nicht/ ob darum/ daß sie nicht leicht ver- faulen/ oder aus einem andern Geheimnuͤsse in grossem Ansehn seyn/ weil zu Rom/ und wo es sonst braͤuchlich ist/ die Leichen zu verbrennen/ die Kinder/ welche noch keine Zaͤhne haben/ die- ser Flamme nicht gewuͤrdiget werden. Zeno antwortete hierauf ferner: Huhansien haͤtte in allem andern bey der Koͤniglichen Leiche die Serischen Gewohnheiten beobachten/ inson- derheit ihr eine koͤstliche Perle/ wie die Egy- ptier eine guͤldene Muͤntze/ unter die Zunge ste- cken/ sie in einen glaͤsernen Sarch legen/ und neben seines Vaters Grabmal in eine Jaspi- sche Taffel/ welchen Stein die Serer vor an- dern hoch halten/ eingraben lassen: Der als ein weiser Fuͤrst der Seren Stul betrat/ Durch seiner Diener Schuld in blutgen Krieg verfiel; Der alles/ was beym Sturm ein kluger Schiffer/ that/ Doch durch sein Beyspiel lehrt: auch Tugend hab’ ihr Ziel. Den wuͤrdigte fein Feind/ daß er hier Fuͤrstlich lieget. Beweint ihr Seren euch/ nicht seinen Tod und ihn/ Der die Unsterbligkeit erlangt hat zum Gewinn. Zu dem ist er gefalln durch einer Goͤttin Schwerd/ Die nichts erlegt/ was nicht der Ewigkeit ist werth/ Und die Huhansien/ den Sieger selbst befieget. Diese Verehrung war am Huhansien so viel mehr zu ruͤhmen/ weil die Seren aus Beysorge/ der erzuͤrnte Feind wuͤrde mit der Koͤniglichen Leiche schimpflich gebahren/ sie mit so viel wie- gendem Golde auszuloͤsen erboͤtig waren. Wel- chen stinckenden Gewinn aber Huhansien groß- muͤthig ausschlug/ und fuͤr Schande hielt/ mit der Schalen des menschlichen Leibes Gewerbe treiben/ oder von dem etwas anhalten/ den die Natur bereit ausgespannet hat. Eben densel- bigen Tag kriegte der Koͤnig von dem Serischen Fuͤrsten Zinem Schreiben/ darinnen er beklag- te den zwischen den Serern und Scythen ent- sponnenen Krieg. Er entschuldigte dessen Ur- sachen so gut/ als er konte/ und/ da auch Koͤnig Juen sein Bruder hieran einige Schuld truͤge/ haͤtten so viel tausend Seelen/ und er selbst es mit sei- Arminius und Thußnelda. seinem Leben gebuͤsset. Huhansiens Groß- muͤthigkeit/ und die Tugend der vergnuͤglichen Scythen versicherten ihn/ daß sie mehr umb Ruhm/ als aus Begierde fremde Laͤnder einzu- nehmen die Waffen ergrieffen. Jenen haͤtte er uͤber alle seine Vorfahren bereit erworben. Kriegsknechte suchten ihre Vergnuͤgung am Siege/ kluge Fuͤrsten im Frieden. Die aber/ welche den Frieden aus Liebe des Krieges stoͤre- ten/ legten ihn nur aus Begierde des Friedens nicht weg. Er kriegte fuͤr itzt mit einem sechs- jaͤhrigen Kinde Ching/ des Juens Sohne; Rie- sen aber hielten ihnen verkleinerlich mit Zwer- gen anzubinden. Er wuͤrde den Serern auch so viel Laͤnder nicht abnehmen/ als die Ohn- macht seines Feindes seinem erworbenen Ruh- me Abbruch thun koͤnte. Die Serer waͤren entschlossen den Scythen alles abzutreten/ was der grosse Xius ihnen fuͤr langer Zeit abgenom- men. Die gerechten Goͤtter aber haͤtten fuͤr de- nen eine Abscheu/ welche auf billiche Bedingun- gen denen Bittenden die Ruhe verweigerten/ und unersaͤttlich nach Menschen-Blute duͤrste- ten/ welches sie als die Oberherren der Fuͤrsten von ihren Haͤnden zu fordern haͤtten. Diesem Brieffe war beygefuͤgt eine Vorbitt-Schrifft der friedliebenden Koͤnigin Syrmanis/ und recht koͤnigliche Geschencke. Dieses bewegte den ohne diß nicht blutduͤrstigen Huhansien/ daß er die Stadt Jengan in Xensi/ weil sie fuͤr Zeiten den Scythen zugehoͤrt/ zuꝛ Friedens-Handlung beliebte/ auch mich und zwey andere Scythische Fuͤrsten darzu vollmaͤchtigte. Wir wurden da- selbst aufs praͤchtigste bewillkommt/ und nach zweyen Tagen auser der Stadt auf dem Berge Chingleang in eine ihnen uͤberaus heilige und fuͤr einen Tempel der Eintracht gehaltene Hoͤle/ in welcher 10000. steinerne-von einem einigen in diese Einsamkeit sich verkrichenden Koͤnige aufgerichtete Goͤtzenbilder standen/ begleitet; nach zehntaͤgichter Unterhandlung auch der Friede derogestalt beschlossen/ daß die beyden Reiche Suchuen und Xensi dem Koͤnige Hu- hansien voͤllig und ewig verbleiben/ dessen Bru- der/ der Koͤnig in Tibet/ des verstorbenen Koͤnig Juens Schwester heyrathen/ und hiermit alle zwischen beyden Voͤlckern erwachsene alte und neue Anspruͤche von Grund aus aufgehoben seyn solten. Demnach nun dieser Friede von dem wiewol noch so jungen Koͤnige/ und denen obersten Reichs-Raͤthen beschworen werden solte; bat ich mir bey dem Scythischen Koͤnige aus/ die Bot- schafft dahin zu uͤbernehmen. Also schiffte ich auf dem Strome Guei in den Saffran-Fluß/ und von diesem biß zu der Stadt Pu in dem Reiche Xansi/ allwo ich austrat das Gebuͤrge Lie zu be- schauen/ auf welchem der fromme Ackersmann Xuno/ der hernach der Serer Koͤnig worden/ das Feld gebauet/ darauf seiner Tugenden we- gen seit derselben Zeit kein Dorn/ kein Unkraut/ noch einige schaͤdliche Staude wachsen soll. Rhe- metalces fragte alsofort: Ob er diß also wahr be- funden? Denn auf solchen Fall hielte er es fuͤr ein ungemeines Wunderwerck. Zeno versetzte: das Wachsthum dieses Berges waͤre allerdinges dem Ruffe gemaͤß; ob er aber fuͤr dem Koͤnige Xuno was schaͤdliches getragen/ waͤre mehr be- dencklich. Der Feldherr fuͤgte bey: Er hielte diß nicht fuͤr so unglaublich/ nachdem es die unge- zweiffelte Warheit waͤre/ daß die Froͤmmigkeit eines Fuͤrsten einem gantzen Reiche Segen/ sein Laster aber goͤttliche Straffe zuziehe. Dahero haͤtten die Egyptier ihren Koͤnigen alle boͤse und gute Begebungen/ und also auch blosse Zufaͤlle seiner Schuld beygemessen; die Massynecier ihꝛ Oberhaupt/ wenn etwas mißgelungen/ einen Tag lang mit Entziehung der Lebensmittel ge- straft. Bey welchem Verstande deñ dieselben Koͤ- nige/ welche sich Bruͤder der Sternẽ und Soͤhne der Soñen; oder auch/ daß sie sich mit dem Mon- den vermischten/ ruͤhmeten/ so sehꝛ nicht zu verla- chen waͤren; denn die Froͤmmigkeit waͤre sicher ein Schluͤssel zum Himmel; eine Meisterin der L l l l 2 Natur; Fuͤnfftes Buch Natur; eine Verbindung des Gluͤckes/ und der Sterblichen. Der Fuͤrst Zeno pflichtete dem Feldherrn bey/ und vermeldete/ daß die Serer fast alle Wolthaten der Natur/ ihrer Koͤnige Tugenden zueigneten/ und haͤtte er auff dieser seiner Reise hieruͤber unzehlbare Merckmahle der Danck- barkeit an Marmel- und Ertzt-Saͤulen gefun- den. Unter andern haͤtten sie ihm auch in der Landschafft Hanan/ bey Vorbeysegelung des von ferne sich zeigenden Gebuͤrges Tai nahe an der Stadt Honui/ erzehlet/ daß unter eben selbi- gem frommen Koͤnige ein entzwey spaltender Felß eine Hoͤle von drey hundert Maͤß-Ruthen geoͤffnet haͤtte/ daraus ein zehes Wasser fluͤsse/ welches man in vielen Dingen nuͤtzlich fuͤr Oel brauchte. Auser diesen natuͤrlichen/ waͤre diß Reich mit kunstreichen Wolthaten ihrer Koͤnige durch und durch uͤberfuͤllet. Die auf dieser sei- ner Schiffarth angemerckte Verwahrung des uͤbeꝛaus grossen und schnellen Saffran-Flusses/ da nehmlich alle seine Ufer auff flachem Lande/ und insondeꝛheit in dem viel niedrigeꝛ liegendem Reiche Honan mit grossen viereckichten Werck- stuͤcken zu Beschirmung des sonst leicht ersauf- fenden Landes befestigt stuͤnden/ waͤre ein rech- tes Wunderwerck; zugeschweigen/ daß dieser Strom vor Zeiten durch das Reich Pecheli ge- lauffen/ und durch Kunst hieher geleitet worden. Nichts minder waͤre der obersten Reichs-Raͤthe fuͤrnehmste Sorge/ entweder durch ein nuͤtzli- ches Gebaͤue oder eine kluge Erfindung dem Vaterlande ihr Gedaͤchtnuͤß zu verlassen/ daß sie ihrer anvertrauten Wuͤrde werth gewest. Unter diesen waͤre fuͤr andern beruͤhmt der fuͤr 1100. Jahren abgelebte Weltweise Cheucung/ dessen Thurm zum Sternsehen nebst allerhand Maͤßzeuge ihm allhier in Honan gezeugt wor- den. Diese Erfindung aber waͤre ihm nimmer- mehr zu verdancken/ daß er den Serern gewie- sen/ wie der Magnet sich gegen dem Mitter- naͤchtigen Angelsterne aus eben der Ursache/ als die Sonnen-Wende sich der Sonnen zu wen- de/ und also die darvon gemachte Weiser oder Magnet-Nadel einen klugen Wegweiser aller unbekandten Schiffarthen abgaͤbe. Welch Geheimnuͤß ihm der Steuermann vertrauet/ und zu seiner Verwunderung gewiesen haͤtte. Hertzog Herrmann fragte aus Begierde dieses herrliche Mittel recht zu erforschen um alle Be- schaffenheit; die ihm Zeno nicht allein umstaͤnd- lich auslegte/ sondern denen Anwesenden auch einen bey sich habenden See-Compaß zeigte. Dieser gab ihnen nichts minder Vergnuͤg-als Verwunderung/ und fing Rhemetalces an/ daß dieser einigen Kunst wegen/ da doch viel an- dere herrliche Eigenschafften in diesem Steine steckten/ der Magnet allen Perlen und Edel- gesteinen weit fuͤrzuziehen waͤre/ der Erfinder aber eine guͤldene Ehren-Saͤule verdienet habe. Er hat sie verdient/ sagte Zeno; zumal er seinen Landsleuten noch ein in der Landschafft Qvan- tung wachsendes Kraut gezeiget/ aus dessen Knoten zu erkennen seyn soll/ wie viel folgendes Jahr Sturmwinde/ und um welche Monat- Zeit sie kommen wuͤrden; daher hat er sie auch erlangt. Denn mitten in dem Saffran-Flus- se auf einer hohen Klippe stehet eine Marmel- Saͤule/ und dieses Erfinders aus Ertzt gegosse- nes und vergoldetes Bild in Lebensgroͤsse/ un- ten aber am Fusse ist zu lesen: Jhr Sternen/ die ihr sonst Wegweiser pflegt zu seyn/ Denn Schiffern durch den Schaum der ungebaͤhnten Waͤsser; Raͤumt euren guͤldnen Sitz nunmehr den Steinen ein/ Nun ein so klein Magnet zeigt alle Seefarth besser. Jhr Goͤtter aber ihr/ die ihr Belohner heist Der Weißheit/ die mit Nutz sich sehn laͤst auf der Erde. Ver goͤttert Cheucungs Seel’/ und schaffet/ daß sein Geist Jm Himmel ein Gestirn/ im Meer ein Pharos werde. Mich wundert derogestalt/ fuhr Rhemetalces fort/ daß dieses Geheimnuͤß allen andern Voͤl- ckern/ insonderheit denen tiefsinnigen Egy- ptiern/ welche doch den Magnet als einen Gott verehret/ so lange verborgen blieben/ oder auch durch eigenes Nachdencken nicht ergruͤbelt wor- den Arminius und Thußnelda. den sey; also daß sie ihre Schiffarthen mit ihrer grossen Gefahr und Zeitverlierung immer an denen Ufern/ und nach der allzu entfernten Richtschnur etlicher Sterne/ oder aus dem Schiffe loßgelassener Voͤgel vollfuͤhren muͤsten. Der Feldherr fiel ein: Er wundere sich nicht von den Egyptiern/ weil sie aus Veraͤchtligkeit aller andern Voͤlcker die Schiffarthauser ihrem Reiche verboten/ und sich gleichsam aus einer Andacht gegen ihrem Nil/ des Meeres gaͤntz- lich/ als eines vom Typhon herruͤhrenden Schaumes/ enteusert. Gleicherweise haͤtten auch die Serer sich aller fremden Voͤlcker mit Fleiß entschlagen/ und ihr einiges Reich fuͤr eine fuͤr sich selbst vollkommene Welt geachtet; aber aus den fernen Schiffarthen der Tyrier und Carthaginenser muthmaste er/ daß sie diese Kunst auch gehabt/ und waͤre glaublich/ daß der Ma- gnet bey ihnen deßhalben dieser Krafft halber des Hercules Stein geheissen/ welchen sie fuͤr den allgemeinen Wegweiser verehrten. Je- doch waͤre diese Wissenschafft hernach auser Acht gelassen worden/ und wie viel andere Kuͤnste der Alten in Vergessen kommen. Von den Frie- sen aber haͤtte er bereits etwas erzehlet/ was mit dieser Kunst eine Verwandschafft haͤtte. Uber diß brauchten sie auf ihren Schiffen ein gewisses Eisen/ welches in seiner Ader gegen Mittag ge- legen/ dasselbe bestrichen sie an der einen Seite mit dem Magnet; also wiese ihnen die sich be- wegende Spitze iederzeit den Mittagsstrich. Es scheinet/ sagte Zeno/ beyderley Kunst aus ei- nerley Nachdencken entsprungen zu seyn/ ich aber bin erstaunet/ wie gewiß der Steuermann auf diesem strengen Flusse auch bey stockfinsterer Nacht das Schiff geleitet/ also/ daß unsere Reise noch einst so geschwinde/ als ich mir eingebildet hatte/ von statten ging. Wir kamen also gluͤck- lich in die Landschafft Xantung/ fuhren den Fluß Su hinauf zu der Stadt Sao uns zu er- frischen/ und sodenn biß in den Pful Lui den aus einem Steinfels gemachten Drachen mit einem Menschen-Kopff in dessen Mitte zu beschauen/ der/ wenn man auf seinen Bauch schlaͤgt/ ein Gethoͤne wie der Donner von sich giebt/ und deßhalben der Donner-Geist genennet wird. Von dar giengen wir zu Lande wieder in den Saffran-Fluß. Weil aber aus diesem biß in den Strom Guei eine tieffe und breite Wasser- farth gegraben/ mit eitel geschnittenen Steinen besetzt/ und mit zwantzig beqvemen Schleussen versehen ist; vermochte ich mich von der Be- schauung nicht zu enthalten/ theils aus Vor- witz/ theils zum Unterrichte derogleichen viel- leicht anderwerts darnach anzugeben. Wo der Wasser gang in den Fluß Guei bey Lincing faͤllt/ stehet ein achteckichter Thurm mit neun Umgaͤngen/ der von der Spitze biß zum Grun- de neun hundert Ellen hoch/ auswendig mit dem feinsten Porcellan inwendig mit Spiegel- glattem Marmel bedeckt ist/ oben aber einen kuͤpffernen und starck ver goldeten Goͤtzen stehen hat. Wir kehrten von Lincing uͤber den Berg Minaxe/ darauf eine Saͤule hundeꝛt Meß-Ru- then hoch steht/ von dem geringsten Anruͤhren wie ein Drommel klingt/ und von dar auff dem Flusse Mingto uͤber die Haupt-Stadt Cinan meist durch flache mit Roßmarin/ Hirschen/ Re- hen und Fasanen haͤuffig bedeckte Felder/ end- lich auf dem Flusse Ven/ in die grosse Wasser- farth/ und in den Saffran-Fluß zuruͤcke. Auf diesem kamen wir mit gutem Winde zu der uͤ- beraus grossen Handelstadt/ Linchoai wo der Saffran-Fluß und der grosse Strom Hoai zu- sammen kommen/ und durch einen Mund in das grosse Ost-Meer fallen. Von dar fuhren wir durch eine praͤchtig gegrabene/ und mit eitel weissen viergeeckten Steinen besetzte Wasser- farth/ 60. Stadien lang/ bey dem grossen See Piexe vorbey zu der von dem Saltzhandel uͤber- aus reichen/ und mit unzehlbaren Bruͤcken/ de- rer viel vier und zwantzig auch dreißig steinerne Bogen haben/ versehenen Stadt Kiangtu; Jn welcher das schoͤnste Frauenzimmer gefunden/ L l l l 3 aber Fuͤnfftes Buch aber durch offentlichen Verkauff zur Geilheit aͤrgerlich entweihet wird. Biß hieher kamen mir zwey Reichs-Raͤthe entgegen/ diese fuͤhrten mich auff ein uͤberaus praͤchtiges Schiff/ wel- ches mit der Vorderspitze einen schrecklichen Schlangen-Kopff/ auf welchem ein vergoldeter Goͤtze saß/ unten aber viel lebendige Endten hiengen/ mit dem Hintertheile einen langen Schlangenschwantz/ an dem ein sich schwen- ckender Gauckler oben und unter dem Wasser allerhand Kurtzweil machte/ das Mitteltheil a- ber mit gruͤn- und gelbichten Schuppen einen Schlangen-Bauch abbildete. Uns bedeckte ein schneeweisses Dach; auf der Seiten waren goldgestuͤckte Vorhaͤnge fuͤrgezogen/ und an wol zwantzig hohen Saͤulen weheten unzehlba- re seidene Fahnen/ zwoͤlf Bootsknechte warf- fen mit ihren nach Art der Loͤffel gehoͤleten Ru- dern das geschoͤpffte Wasser so behende hinter sich/ daß das Schif wie ein Blitz bey denen gleich- sam verschwindenden Ufern vorbey flog. Wir kamen also in weniger Zeit auff der noch immer waͤhrenden Farth in den uͤberaus grossen Fluß Kiang/ welcher wol den Nahmen eines Meer- Sohnes verdienet. Allhier fuhren wir strom- ab bey der grossen Stadt Changcheu auf die Jn- sel Zingkiang/ unter welcher dieser Fluß nun nicht mehr zu uͤbersehen ist/ und sich mit dem grossen Meere vermaͤhlet. An der eusersten Ecke ragen zwey Steinklippen aus dem Was- ser/ auff diesen zweyen stehet das Bild des Flus- ses Kiang/ aus Ertzt/ achzig Ellen hoch/ also/ daß zwischen denen zwey Schenckeln so gut/ als durch den Rhodischen Sonnen-Colossus/ wel- cher noch um zehn Ellen niedriger gewest/ die Schisse durchsegeln koͤnnen. Dieses Wun- derbild/ gegen welches ohne diß der Apollonische Apollo/ der Tarentinische Jupiter und Hercu- les fuͤr Zwerge zu achten/ wird dardurch noch mehr vergroͤssert/ daß es aus einem guͤldenen Kruge eine Bach suͤssen Wassers in das unten stroͤmende Saltz-Wasser ausgeust/ welches fuͤr so koͤstlich gehalten wird/ daß darvon alle Tage dem Serischen Koͤnige seine Nothdurfft zu dem gesunden Cha-Trancke aufgefangen/ und nach Hoffe gebracht wird; weil im gantzen Reiche sich keines besser darzu schicken soll. Wie ich nun alles dieses/ sagte Zeno/ erstarrende ansah; erzehlte mir einer von den Reichs-Raͤthen/ diß waͤre gleicher gestalt ein Werck des grossen Xius/ der die lange Mauer gebauet haͤtte. Das her- ausschuͤssende suͤsse Wasser habe er aus einem starcken Qvelle auf dem Berge Hoei/ den sie mir Sud-Ost-waͤrts von ferne zeigeten/ steinernen Roͤhren biß in dieses Riesen-Bild/ welches er iederzeit hoͤher als die Mauer geschaͤtzt/ mit un- glaublicher Muͤh und Unkosten geleitet. Weil man mich nun ohne diß dieses Wunder zu be- schauen durch einen Umweg hieher gefuͤhret hatte/ fuhren wir etliche mal unter diesem Bilde durch/ endlich stiegen wir gar aus/ und auff de- nen in den Felß gehauenen Staffeln empor; da ich denn unten an dem rechten Fusse diese aus dichtem Golde geetzte Uberschrifft zu lesen be- kam: Halt’ allen Fluͤssen nicht ich Meer-Sohn das Gewicht? Mein Wasserreicher Krug kan Laͤnder uͤberschwemmen/ Doch meinen strengen Strom kein Berg noch Felß umtaͤmmen. Wie kommt’s denn/ daß allhier das Wasser mir gebricht? Bin ich getrocknet aus durch’s heisse Sonnen-Licht? Kan ein Medusen Kopff die fluͤcht’ gen Wellen hemmen? Was weiß fuͤr Zauberey in Ertzt mich einzuklemmen? Die Fluth wird ja wol Stein/ zu Ertzte nir gends nicht. Nein es ist’s Xius Werck. Der mir hier Lufft verleiht/ Den muͤden Lauff benimmt den Blitz-geschwinden Fuͤssen; Mich trocknet/ daß von mir solln keine Thraͤnen fluͤssen/ Mich anhaͤlt; weil er auch den Zuͤgel hemmt der Zeit/ Mein fluͤchtig Wesen bringt zu Stande/ daß wir wissen: Er koͤnn’ auch irrdisch Ding verkehrn in Ewigkeit. Auf der andern Seite war an den in der ausge- streckten lincken Hand gehaltenen guͤldenen Wasser-Krug eingepraͤget: Des Monden Thau-Horn troͤrsst ja Wasser in den Sand/ Der Wolcken fruchtbar Schwamm befeuchtet Feld und Auen/ Man sieht aus Qvellen Oel/ aus Standen Balsam thauen/ Ja Feuer-Brunnen sind bey uns nicht unbekand. Die Arminius und Thußnelda. Die Berge speyen Pech und Schwefel uͤbers Land/ Auch Wein brach einst herfuͤr/ wo man ließ Steine hauen: Hier aber ist im Meer’ ein suͤsses Qvell zu schauen/ Und Wasser spritzt aus Ertzt/ das Fluth nicht hegt/ nur Brand. Auch diß ist’s Xins Werck. Ein frommer Fuͤrst/ wie er/ Weiß nicht nur bitter Saltz in Zucker zu verkehren/ Er macht Artzney aus Gifft/ mey’t ab vom Unkraut’ Aehren/ Bringt aus den Steinen Brod/ aus Ertzte Wasser her/ Kehrt unver sehrlich Gold in fluͤssendes Getraͤncke. Ja Xius giebt fast mehr als die Natur Geschencke. Als ich mich an diesem Wunder-Colossen fast muͤde gesehen/ fuhren wir recht aus dem grossen Munde des Flusses Kiang gegen das grosse Ost-Meer/ endlich aber lieffen wir Sudwaͤrts in eine gegrabene Wasser-Farth/ und bey Changxo in den Fluß Leuein/ welcher uns in die von dreyen suͤssen Stroͤmen ohne die in den Fluß Kiang gegrabene Farth gleich als mit einem lu- stigen See gantz umgebene Hauptstadt Sucheu leitete; von welcher das Sprichwort ist: Was der Himmel ist oben/ ist Sucheu auf Erden. Die Ringmauer haͤlt wol fuͤnf/ die Vorstadt aber sie- ben deutsche Meilweges/ ihr Reichthum die Menge der Schiffe und die von vielerley Voͤl- ckern hier ausgeladene Wahren sind unbe- schreiblich/ gegen Ukiang hat sie eine Bruͤcke mit 300. steinernen Bogen. Nach ihrer Beschauung fuhren wir uͤber den grossen See Tai/ und einen daraus gefuͤhrten Graben biß in den Fluß Kiang/ welcher daselbst zwischen zwey Himmel- hohen Bergen/ die man auch deßhalden des Himmels-Thor heist/ sich durchreist. Wir schif- ten zwischen der aus einem einigen Felsen beste- henden Jnsel/ und der schoͤnen Stadt Tanyang durch/ und kamen endlich bey dem Koͤniglichen Haupt-Sitze Moling an/ da eines der Koͤnigli- chen Schiffe/ welches uͤber und uͤber verguͤldet/ und mit Drachen aus zusammen gesetzten Per- len und Edelsteinen gezieret war/ aus dem Flus- se Kiang durch einen Arm in die Stadt fuͤhrte/ und in einem herrlichen Schlosse abladete. Die- se Stadt kan man wegen ihrer Groͤsse/ da nehm- lich das koͤnigliche Schloß fast eine die innere Stadt sechs/ die euserste 20. deutsche Meilen begreifft/ ein Land/ wegen ihrer vielen Einwoh- ner einen Ameiß-Hauffen/ wegen ihrer praͤchti- gen Gebaͤue ein Wunder der Welt/ wegen ge- sunder Lufft/ anmuthiger Gaͤrte/ Seen und fast auf allen Gassen hinrauschender aus dem Flus- se Kiang geleiteter und mit viel tausend marmel- nen Bruͤcken belegter Stroͤme/ einen Lustgar- ten; wegen Reichthums/ einen Begrieff des Erdbodems/ wegen Hoͤfligkeit und gelehrter Leute die hohe Schule der Weltweisen/ und mit einem Worte mit besserm Rechte/ als die Stadt Rom sich ruͤhmet/ ein Haupt der Welt/ und eine Koͤnigin aller Staͤdte nennen. Alle diese Herr- ligkeiten von oben zu beschauen stehet darinnen ein nichts mindeꝛ wunder-wuͤrdiger uͤberaus ho- her Thurm/ auswendig von den edelsten gruͤn- roth und gelben Porcellanen so kuͤnstlich zusam- men gesetzt/ daß er aus einem Stuͤcke gebacken zu seyn scheinet. Er hat neun zierliche mit gruͤ- nen Daͤchern uͤberwoͤlbte Umgange; an derer vielen Ecken eine grosse Anzahl silberner Gloͤck- lein hangt/ die vom Winde beweget ein uͤber aus liebliches Gethoͤne machen. Auf der Spitze ste- het ein grosser Granat-Apffel aus gediegenem Golde. Dieses Wunder soll gleicher gestalt ein Werck des grossen Koͤnigs Xius seyn/ und un- ten bey dem Eingange stehet uͤber dem Porphy- renen Thuͤr geruͤste/ in welchem das Thor aus dem auf der Serischen Jnsel Aynan wachsen- den theueren Adler- oder Rosen-Holtze gemacht ist/ in einer Agat-Taffel eingegraben: Egypten buͤcke dich und deine spitz’gen Thuͤrme/ Du hast nur schlechten Stein/ ich Gold und Porcellan. Doch/ weil sie nur geweiht fuͤr Leichen/ Stanck und Wuͤrme/ Sieht man sie gegen mir fuͤr Graͤber billich an. Nun aber Moling ist ein Himmel auf der Erden/ Ein Garten dieses Reich’s/ der Welt ihr Aug’ und Zier/ Das Klemod Asiens/ muß ich genennet werden/ Sein Stern/ sein Zederbaum/ sein Apffel/ sein Saphir. Den dritten Tag/ als man uns zwischen die fuͤr- nehmsten Seltzamkeiten der Stadt gewiesen/ waꝛd ich auf eineꝛ goldgestuͤckten Senffte/ welche 12. edle Serer trugen/ uͤber eine lange und breite Strasse/ welche wie fast alle andere mit vier- eckich- Fuͤnfftes Buch eckichten blauen Steinen belegt war/ in das koͤ- nigliche Schloß/ in das 12. eiserne Pforten gehen/ getragen. Das Schloß ist rings um mit einer starcken marmelnen Mauer beschlossen/ und an ieder eusersten Ecke ein Lustgarten. Bey ieder Pforte standen drey Elefanten/ und in dem er- sten Vorhoffe die Leibwache zu Pferde. Jn dem andern Hoffe/ in dem man uͤber einen schnellen Strom auf einer herrlichen Bruͤcke und durch eine noch staͤrckere Mauer kommet/ stand die Leibwache zu Fusse/ und an einer Alabasternen Saͤule hiengen drey guͤldene Drachen/ als das koͤnigliche Wapen/ welchem sonst alle Gesand- ten so grosse Ehrerbietung als dem Koͤnige selbst erzeigen muͤssen. Derogleichen mir aber nicht zugemuthet ward. Der dritte Platz/ bey wel- chem mich zwey Reichs-Raͤthe bewillkommten/ bildete einen vollkommenen Schauplatz zwi- schen denen um und um von Golde schimmern- den Gebaͤuen ab; der Bodem war mit weiß und rothem Marmel gepflastert/ und iede Reye mit einer Ziffer bezeichnet/ weil allhier die Botschaf- ten bey der Verhoͤr ihren Sitz haben/ und nach ihrer Wuͤrde weiter oder naͤher gegen dem koͤni- glichen Stule gestellet werden; wiewol keiner des Koͤnigs Antlitz zu schauen gewuͤrdigt wird. Jch aber ward selbst unter den mit eitel Persi- schen Tapezereyen bedeckten/ und um und um offenen Lust-Saal gefuͤhret/ wo der junge Koͤnig Ching saß/ ein uͤberaus schoͤner Knabe auf einem von eitel Diamanten sich schuͤtternden Stuhle/ an dem die Lehnen zwey Drachen-Koͤpffe/ mit Rubinen versetzt waren. Drey Staffeln tief- fer standen zwoͤlf Reichs-Raͤthe in blau-samm- tenen Roͤcken mit guͤldenen Drachen und Schlangen gestickt/ wie steinerne Bilder gantz unbeweglich. Auf der zwey obersten Reichs- Raͤthe Brust war auff dem Kleide der Vogel Fam gestuͤckt/ der Koͤnig aller Serischen Vo- gel/ dessen Haupt zum Theil einem Pfauen- zum Theil einem Drachen-Kopfe/ deꝛ Schwantz eines Hahnes gleichet; die Fluͤgel sind von fuͤnff der schoͤnsten Farben vermischt. Er ist bey ih- nen nicht nur ein Fuͤrbild der fuͤrnehmsten Tu- genden/ sondern auch/ wenn selbter sich versteckt/ ein Zeichen eines bevorstehenden Ungluͤcks. Welche Freudentracht in der gantzen Koͤnigli- chen Burg mich bey Andencken des fuͤr so weni- ger Zeit verstorbenen Koͤnigs Juen anfangs be- fremdete; biß ich erfuhr/ daß der nicht allein den Todt verwuͤrckte/ der in Trauer-Kleidern in die Burg erschiene/ sondern auch der Koͤnig trauerte um keinen Menschen/ gleich als wenn diese Schwachheit keinem Fuͤrsten anstaͤndig/ oder ein Koͤnig mehr als ein Mensch uͤber ge- meine Empfindligkeiten erhoben waͤre. Nichts minder legte auch das Volck nach des neuen Koͤ- nigs Kroͤnung die Klage weg/ die Jahr-Rech- nung wuͤrde so wol als der alte Nahme des neuen Koͤniges veraͤndert/ eine neue Art Muͤntze ge- schlagen/ gleich als wenn nicht so wol ein neuer Herrscher auf den Stul/ als ein neues Reich auf die Beine kaͤme. Eben diese Gewohnheit ha- be ich hernach bey denen Jndianern wahrge- nommen/ da niemand in ihrer blauen Trauer- Tracht fuͤr dem Koͤnige erscheinen/ ja den Tod nicht einst nennen darf. Mir war dem Koͤnige recht gegen uͤber ein von Rubinen glaͤntzender Stuhl/ an welchem die Lehnen Wieder-Koͤpf- fe waren/ (denn roth ist der Scythen Koͤnigs- Farbe/ die Wieder ihr Wapen) gesetzt/ zwey Staffeln hoch/ und also saß ich nur um eine nie- driger als der Koͤnig/ der bey meiner Ankunfft von dem Stuhle aufstand/ biß ich auch zum si- tzen kam. Nach dem ich meine Botschafft/ welche an Gluͤckwuͤnschung zum Reich/ und dem Frieden/ wie auch an Versicherung auff- richtiger Freundschafft des Scythischen Koͤ- nigs bestand/ abgelegt/ antwortete mir der Koͤ- nig mit einer wunder-wuͤrdigen Freymuͤthig- keit; erkundigte sich um den Zustand Huhan- siens/ und versicherte mich/ daß wie er den ge- schlossenen Frieden aus Liebe seines Volckes/ un- geachtet seines grossen Verlustes/ genehm haͤtte/ und Arminius und Thußnelda. und folgenden Tag beschweren wuͤrde; also wolte er nichts vergessen/ was zu Hu- hansiens Vergnuͤgen/ und beyder Voͤlcker Ein- tracht wuͤrde dienlich seyn. Hiermit endigte sich diese Verhoͤr; auf den Morgen aber kamen abermals zwey Reichs-Raͤthe mit drey verguͤl- deten Drachen - Schiffen fuͤr das mir einge- raͤumte Schloß/ und fuͤhrten mich auf einem Arm aus dem Flusse Kiang Nord-Ostwerts fuͤr die Stadt in einen uͤberaus grossen umbmauer- ten Tannen-Wald/ in welchem ein hoher Berg/ in dessen Steinfels eine herrliche Grufft gehau- en/ darinnen ebenfalls vieler alten Koͤnige Leiber verwahrt werden/ noch mehrer Bilder aber dar- innen theils aus verguͤldetem Ertzte/ theils aus koͤstlichen Steinen auf gesetzt stehen. Unter die- sen befand sich auch bereit des letztern von der Syrmanis erlegten Koͤnigs Juen Bild aus A- labaster/ welches eine guͤldene Himmels-Kugel auf der lincken Achsel trug/ an der die Sonne gleich an der West-Spitze stand/ und also ihre Straalen theils auf die Ober-Theils auf die Unter-Welt warff. An dem ertztenen Fusse stand eingeetzet: Wer in dem Leben Gott zu dienen sich befleißt/ Fuͤrs Vaterland setzt auf Schweiß/ Kraͤffte/ Blut und Geist/ Der steht/ wenn er gleich faͤllt/ auf festem Fuß und Knichel. Sein ihn verkleinernd Sarch wird sein Vergroͤsse-Glas/ Er nim̃t dem Neide’s Gift/ der Zeit ihr Winckelmaß/ Dem Tode seinen Pfeil/ der Eitelkeit die Sichel. Bey denen/ die uns gleich das Fußbret kehrn/ behaͤlt Die Tugend doch den Lauff/ die Sonne dieser Welt; Auch klimmt die Seel’ ins Licht/ schmeltzt gleich der Glieder Loͤthe. Wenn Sonn’ und Juen uns gleich scheint zu untergehn/ Jst’s doch ihr Anfang nur; und beyder Glantz bleibt stehn/ Ein gut Gedaͤchtnuͤß ist der Tugend Abend-Roͤthe. Diesen Begraͤbnuͤssen gegen uͤber stehet auf einem lustigen und mit eitel fruchtbaren Baͤu- men/ Blumen und Kraͤutern bedecktem Huͤgel/ ein viereckichter/ praͤchtiger und uͤberaus grosser Tempel/ welcher aus eitel Eben- und anderm koͤstlichem Holtz gebauet ist. Umb denselben herumb sihet man viel aus rothstreiffichtem Marmel-Steine der Sonne/ dem Monden/ den Bergen und Fluͤssen zu Ehren gebaute Al- taͤre/ aber ohne einiges Goͤtzen-Bild. Auf ie- der Seite recht gegen den vier Winden gehet ei- ne breite Stiege in Tempel/ da ieder Stuffen ein Marmel-Stein ist. Den Tempel theilen vier Reyen aus Spiegel-glatten Ceder-Baͤu- men aufgerichteten Pfeiler in fuͤnf Gewoͤlber/ welche so dicke/ daß sie zwey Maͤnner nicht umb- armen koͤnnen/ und so hoch/ daß ich nicht geglau- bet haͤtte/ es waͤren in der gantzen Welt so schoͤn und gleiche Gewaͤchse aufzufinden. Recht in der Mitten stehen zwey mit Edelgesteinen reich- lich versetzte guͤldene Drachen-Stuͤle; auf derer einen sich der Serische Koͤnig/ nachdem er sich vorher in der Halle in einem alabasternen Spring-Brunnen gebadet hatte/ setzte/ und dem unsichtbaren Schoͤpfer/ welcher den gegen uͤber stehenden Stul zu besitzen geglaubt wird; wie auch dem Himmel/ der Sonne und dem Mon- den durch Ausstreuung Goldes/ Weyrauchs/ und allerhand Feld-Fruͤchte unter die armen Leute opferte. Hierauf nahm er das seidene Papier/ darauf der Friedens-Vergleich ge- schrieben/ und mit beyden Reichs-Siegeln be- kraͤfftiget war/ legte selbtes aufs Haupt/ und hierauf streckte er beyde Haͤnde aus/ mit heller Stimme ruffende: Himmel/ Sonne und Mon- de seyd Zeugen und Raͤcher dieses von mir be- liebten Frieden-Schlusses. Euer Licht leuchte dem/ der ihn bewahret/ und lesche meines aus/ so bald ich hiervon eines Nagels breit weiche. Als diß vollbracht/ gab er den Frieden-Schluß einem seiner Reichs-Raͤthe/ umb selbten mir/ der ich ein wenig auf der Seite einen koͤstlichen Stul besaß/ einzuhaͤndigen. Nach diesem ward ich in einen andern/ aber viel kleinern Tempel ge- leitet/ worein mir die zwoͤlff obersten Reichs- Raͤthe folgten. Jn der Mitte stand der aus Ertzt gegossene Wasser-Brunn Lothus/ auf des- sen ausgebreiteter Blume saß in einer ernst- Erster Theil. M m m m haften Fuͤnfftes Buch haften Frauen-Gestalt die Goͤttin Puße aus uͤberaus wohlruͤchendem Calambi-Holtze ge- macht/ das in den Landschafften Jnunan und Chiamsi auf den allerhoͤchsten Steinklippen waͤchst. Jhr Rock war oben blau und feuer- farbicht/ unten aber gruͤn und weiß; von wel- chem aber allerhand mit Blumen und Sternen gestuͤckte Binden hin und her flatterten. Das Haupt und die Schlaͤffe waren mit allerhand Fruͤchten beschattet. Aus ieglicher Seite gin- gen acht Armen/ welche Schwerdter/ Spiesse/ Kraͤuter/ Raͤder/ Flaschen/ Buͤcher/ und andere mir unkenntliche Zierrathen in Haͤnden hielten. Fuͤr diesem Bilde fielen die Reichs-Raͤthe nie- der/ und beschwuren gleichfalls den Frieden/ sich dieser Goͤttin Huͤlffe entaͤusernde/ da sie selbtem iemals widerkommen wuͤrden. Diese erzehl- ten mir von diesem Abgotte allerhand seltzame Geschichte/ insonderheit daß sie vom Himmel auf Erden kommen/ von einer genossenen Frucht schwanger worden waͤre/ und einen fuͤrtreffli- chen Sohn gebohren haͤtte/ dessen Nachkommen das Serische Reich 1600. Jahr gluͤcklich beherr- schet haͤtten. Jn dem grossen Reiche Zipangri/ welches als eine Halb-Jnsel in dẽ grossen Welt- Meere noch weiter gegen Morgen liegt/ gegen Nord aber an dem aͤusersten Ecke des Scythi- schen Reiches henckt/ wuͤrde diese Goͤttin/ wie- wohl in Gestalt eines mit der Sonne bekleideten schoͤnen Antlitzes verehrt/ welches im Wasser uͤber zusammen gefuͤgten Kirsch - Staͤmmen/ schwartzen Elefanten-Zaͤhnen und guͤldenen Blumen auf einer Muschel stuͤnde/ und mit Abschlachtung eines Bocks versoͤhnt wuͤrde. Kurtz zu melden: Es scheinet mir hier durch der Egyptier viel-gebruͤstete Jsis und die durch un- sere Cybele abgebildete Zeuge-Mutter die guͤti- ge Natur fuͤr gestellet zu seyn. Nach dem nun derogestalt der Friede bestaͤtigt war/ ließ der Koͤ- nig mir folgenden Tag unter dem Schein einer sonderbaren Hoͤfligkeit die Abschieds-Verhoͤr selbst andeuten. Sintemal die arggedenckli- chen Serer denen Auslaͤndern schwer ihre Ein- kunft/ noch schwerer aber langen Aufenthalt er- lauben. Nach meinem Abschiede brachten mir die Koͤniglichen Trabanten die dem Huhansien bestim̃ten Geschencke/ welches nebst koͤstlichen Edelgesteinen/ darunter einer/ der in des Se- rischen Feinxes oder des Vogels Fum Neste/ auf dem Berge Fungsao gefunden worden/ fuͤr unschaͤtzbar gehalten wird/ an allerhand seltza- men Thierẽ und Gewaͤchsen bestand. Darunter waren die fuͤrnehmften ein wohlruͤchender Hirsch aus der Landschaft Yuñan/ aus dessen Nabel der Musch geschnitten wird/ etliche rechte Schaf- Wolle tragende Huͤner/ der schoͤne Vogel Fum/ und der oben schon beschriebene fremde Wun- der-Vogel/ welchen man Kanib hieß. Auch waren hierbey eine Kiste knorpelne Vogel-Ne- ster/ welche auf dem felsichten Gestade der Land- schafft Tungking/ und der Jnsel Aynan aus ei- nem von ihnen selbst ausgespeytem Talcke berei- tet/ und fuͤr die niedlichste Speise gessen werden. Unter denen Gewaͤchsen waren etliche seltzame Rosen-Straͤuche/ etliche junge Stauden/ wor- aus die Baͤume in Quangsi wachsen/ die statt des Kernes koͤstliches Brodt-Meel haben; das tausend Jahr tauernde Kraut Pusu aus Hu- quang/ welches alte Leute zu verjuͤngern/ und die unserm Alrau fast aͤhnliche Wurzel Ginseng aus Leabtung/ welches denen Halb-Todten noch eine empfindliche Lebens-Krafft zu geben maͤchtig seyn soll; nichts minder das Kraut Yu aus Fokiẽ/ welches wie Seide gewebt/ aber viel koͤstlicher ge- haltẽ wird. Uber diß war eine Schachtel voll des Krautes Quei/ das alsofort die Traurigkeit ver- treibet; und etliche Kisten von dem besten Trinck- Kraute Snuglocha/ das in Kiangnan bey der Stadt Hoeicheu waͤchst/ und wider den Stein/ die Gicht und Schlafsucht eine unvergleichliche Artzney ist; endlich so viel der gelben Winter- Wurtzel Rheubarbara/ die in rothẽ Leime an der grossen Mauer am besten gezeugt wird. Alles dieses ließ ich auf dem Strome Kiang in der Koͤni- Arminius und Thußnelda. Koͤnigin Syrmanis Reich Suchuen fuͤhren. Jch selbst war gemeynet diesen geraden Weg auf dem westlichen Arme des Flusses Kiang uͤber die reiche Stadt Nanling/ und den Schluͤssel dreyer Laͤnder Gangking/ wie auch uͤber die Schiff- und Zoll-reiche Stadt Juchang in dem Lande Kiangsi/ wo die koͤstlichstẽ Porcellanen aus der in Kiangnan gegrabenen Erde gemacht werden/ zuruͤck zu kehren. Jch kriegte aber fuͤr meinem Aufbruche vom Koͤnige Huhansien ei- nen Edelmann mit Schreiben und Nachricht: daß Huhansien und Syrmanis zu Befestigung ihres in Suchuen und Xensi aufgerichteten neuen Reiches die dem Poͤfel zeither in denen er- oberten Staͤdtẽ mitzukommende Gewalt alleine dem der Scythischẽ Herrschafft mehr anstaͤndigẽ Adel zugeeignet; die Zahl derer Obrigkeitlichen Personen vermindert/ hingegen auf dem Lande die Ackers-Leute mit neuen Freyheiten versehen/ die unverschrenckte Gewalt ihrer Herrschafft in viel Wege geschmaͤlert/ die alten Schatzungen auf die Helffte abgesetzt/ einen eingebohrnen aber vom Koͤnige Juen nicht allein verjagten/ sondern auch durch seines Vaters schmaͤhliche Hinrich- tung biß in die innerste Seele beleidigten/ vom Volcke aber beliebten Fuͤrsten aus Suchuen daselbst zum Unter-Koͤnige bestellt; die grausa- men vorhin gewoͤhnlichen Straffen durch offentliche Gesetze gelindert/ die Richter-Stuͤle mit redlichen und dem Geitze gehaͤssigen Leuten besetzt/ alle wohl-verdienten Koͤniglich belohnet/ zu Einfuͤhrung des Scythischen Gottes-Dien- stes fromme Geistlichen und Lehrmeister bestellt/ hierbey aller gleichwohl die Gewissens-Freyheit ungekraͤnckt zu lassen befohlen/ keine Verbrechẽ nachzusehen/ die Grossen aber nach ihrem Maaß vorsichtig zu straffen verordnet/ die Scy- thische Sprache und Ritter-Spiele in Ubung bracht; viel tausend Scythische Bauern aus den saͤndichten Wuͤsteneyen in die neuen Laͤn- der vermenget/ denen Serern/ die Scythische/ und denen Scythen/ die Serische Weiber hey- ratheten/ unterschiedene Vortheil ausgesetzt/ auch endlich die Graͤntz-Festungen mit star- cken Scythischen Besatzungen versehen haͤtte. Nach dieser klugen Reichs-Verfassung waͤren Huhansien und Syrmanis mit dem groͤsten Theile ihres Kriegesheeres durch Suchuen/ und das Serische Reich Jungchang/ uͤber das Gold-reiche Gebuͤrge Kinhoa/ auf welchem der eine Gipfel gediegenes Gold seyn soll/ und die Fluͤsse Lansang/ Lukiang und Pinglang gegen das Reich des grossen Koͤnigs Pirimals gezogen/ welcher/ von Taprobana an/ alles was zwischen dem Flusse Jndus/ Ganges und Coßmin lieget/ unter seine Gewalt gebracht/ also hierauf den gemeinen Nahmen der Jndischen Koͤnige Po- rus angenommen/ und endlich uͤber den Fluß Oxus in Sogdiana einen Einfall gethan haͤt- te. Dahin solte ich ihm geraden Weges fol- gen/ und weil er aus dem Reiche Xensi und Tibet ein absonderes Kriegsheer an dem See Tache sich zusammen zu ziehen befohlen/ solte ich daselbst gegen dem Feinde einzubrechen trachten. Uber diesen Reden ward in des Fuͤrsten Zeno Vorgemache die Taffel abermals gedeckt; da denn diese annehmliche Versam̃lung vom Feldherrn zu Einnehmung der Abend- Mahlzeit ermahnet ward; wormit ihr kran- cker Geschicht-Erzehler zugleich ein wenig ver- blasen moͤchte. Die Mahlzeit ward zwar aus Begierde das uͤbrige zu vernehmen kurtz abgebrochen/ allein die darzu kommenden Aertzte wolten dem noch schwachen Fuͤrstẽ Zeno selbigen Tag nicht erlau- ben/ sich mit ferneren Reden abzumatten. Also ward dieser und anderer Hindernisse halber seine Erzehlung biß nach Mittage folgenden Tages verschoben. Wie sie sich nun alle beym Zeno wieder eingefunden; fing dieser an: Nach er- langtem Befehl des Scythischen Koͤnigs eilte ich auf denen bequemen Wasser-Fahrten uͤber M m m m 2 die Fuͤnfftes Buch die reiche Handel-Stadt Uching an dem See Tai zu der herrlichen Haupt - Stadt und dem unschaͤtzbaren Lustgarten Chekiang/ an dem uͤber eine deutsche Meile breiten Flusse Cienthang/ welcher sich darunter mit grossem Ungestuͤme ins Meer stuͤrtzt. Jch kam mit- ten im Wein - Monat dahin/ und sahe mit Erstaunung/ wie das Meer seiner Gewohn- heit nach umb diese Zeit durch den Trieb des Monden und Gestirnes den Strom mit grausa- men Wellen als Berge aufschwellete/ und die grosse Menge der als guͤldne Pallaͤste auf dem Flusse sonst liegender Schiffe in die in- neren Wasser-Armen/ und den an der Stadt liegenden Crystallen - hellen See Sichu trieb/ uͤber welchen etliche tausend steinerne Bruͤcken und praͤchtige Siegs - Bogen zu zehlen sind. Sie weicht an Groͤsse fast kei- ner Stadt; die Strassen sind alle mit vier- eckichten Steinen besetzt/ und nach der Reye mit fruchtbaren Baͤumen beschattet. Die Menge des Volckes ist daher zu ermaͤssen: daß darinnen sechzig tausend Seiden-Weber wohnen/ und alle Tage zehn tausend Saͤcke Reyß/ derer ieder hundert Menschen ver- gnuͤget/ verspeiset werden. Von dieser Stadt segelte ich mit gutem Winde den Fluß Che hinauf biß an die Stadt Sintu/ bey wel- cher der beruͤhmte Serische Weltweise Nien- sulin auf dem Berge Fuchung heimlich auf- gehalten/ und vom Fischen sich ernaͤhret/ umb denen ihm angemutheten hohen Reichs- Aemptern aus dem Wege zu treten; dahin aber der Koͤnig nach seiner Ausspuͤrung ge- folgt/ und sich eine Zeitlang neben ihm auf sei- nen haͤrenen Kutzen beholffen hatte. So vergaͤllt war fuͤrzeiten die Ehrsucht/ und so beliebt die Weißheit! Hier muste ich durch das bergichte Land/ welches sich von dem Gebuͤrge Kiming und Kinhoa abzeucht/ auf dem der Liebes- und Kriegs - Stern umb die daselbst wachsende uͤberaus wohl und viel edler als unsere Jasminen ruͤchende Blume Mogorin gestritten haben soll/ und da auf gewissen Baͤu- men der beste Talg zu weissen Lichtern/ und zu- gleich Oel in die Ampeln waͤchst/ zu Pferde fortreisen. Jch kan hierbey nicht verschwei- gen: daß als ich mich auf dem Berge Kutien bey Kaihoa/ wegen uͤberfallender Nacht/ zur Ruhe legen muste; mit dem Tage erwachende meine Glieder haͤuffig mit Schlangen umb- schrenckt/ und sieben Tieger spielende umb mich sahe. Jch sprang fuͤr Schrecken auf/ und rieff meinen in gleicher Gefahr schwe- benden Geferthen; alleine der hieruͤber erwa- chende Koͤnigliche Postmeister benahm uns al- sobald zu unserer Verwunderung alle Furcht/ mich versichernde: daß auf diesem Berge alle Schlangen ihr Gifft/ und die hitzigsten Tyger ihren Grimm verlieren. Nach diesem setzte ich mich unter Joxan auf den Fluß Yo/ und fuhr Strom - ab biß nach Quecki an den Drachen- und Tyger - Berg Lunghu/ und ging zu Lande uͤber den Berg Yangkiu/ auf dem ein mit der Lufft die Farbe veraͤnderndes und das kuͤnftige Wetter andeutendes Men- schen-Bild stehet/ auf die lustige Stadt Vucheu. Hier fuhr ich auf dem lincken Arme des so klaren Flusses Lienfan/ daß man sein Wasser wegen seiner unveraͤnderlichen Art zu Stunden-Glaͤ- sern braucht/ in den grossen und felsichten Strom Can in Kiangsi. Von dar ward das Schiff den Strom hinauf durch abgewechselte Pferde Tag und Nacht mit grosser Vehendig- keit gezogen. Derogestalt kam ich nach Linki- ang/ Vannungam/ bey welcher Stadt uͤberaus kuͤnstliche Stein-Klippen und Leim und Thon durch Kunst gemacht in die Lufft empor ragen; und endlich umb Mitternacht zu der herrlichen Stadt Changkan/ die wir im finstern ziemlich weit von ferne aus dem darbey liegen- den Berge Tiencho erkieseten; weil des Nachts Arminius und Thußnelda. Nachts darauff ein den gluͤenden Kohlen glei- ches Feuer geschen wird/ welches die einfaͤltigen Einwohner fuͤr seltzame Schlangen oder Spin- nen halten. Bey dieser Stadt gingen wir uͤ- ber die von hundert und dreißig Schiffen beste- hende/ und mit eisernen Ketten befestigte Bruͤ- cke/ und so denn auff dem Flusse Chang nach Nangan. Allhier musten wir uͤber das schwe- re Gebuͤrge/ welches das Land Kiangsi von Qvantung trennet/ vorhin das Koͤnigreich Na- nive geheissen/ und vom Koͤnige Hiaovus er- obert worden. Wir setzten uns aber bey der ersten Stadt Hiungheu auff den Fluß Chin/ fuhren stromab/ und kriegten daselbst eine lu- stige Landschafft/ auff welcher viel hohe Stein- klippen gerade hinauff wie Seulen gewachsen waren/ nicht minder das seltzame Gebuͤrge der fuͤnff Pferdekoͤpffe ins Gesichte. Bey der schoͤnen Stadt Xaocheu/ wo der Fluß Chin und Vu zusammen fließen/ schifften wir vorbey/ und kamen durch das alles Augenmaß uͤber- steigende Gebuͤrge Sangwonhab/ welches die- ser Strom durchschneidet/ und auff dem Holtze/ so harte und schwer wie Eisen waͤchst/ endlich in die Wunder-Stadt Qvangcheu/ wo der Fluß Chin und Ta in das grosse Sud-Meer faͤllt. Diese vier deutsche Meilen grosse Stadt ist auff der einen Seite mit dem breiten Stro- me/ einer zweyfachen Mauer/ und zwey Was- ser-Festungen/ auff den andern Seiten in ei- nem halben Zirckel mit Mauern/ fuͤnff Schloͤs- sern und hohen Bergen verwahret/ mit koͤstli- chen Tempeln/ Palaͤsten auch Marmelnen Siegs-Bogen geschmuͤckt/ und durch grosse Kauffmannschafft und Schiffarth bereichert. Nachdem ich hie einen Tag ausgeruhet/ schiff- te ich auff dem Flusse Ta gegen Abend/ kam in die herrliche Stadt Nanhai/ um welche das wohlruͤchende und von der Natur so schoͤn gemahlte Adler-Holtz waͤchst/ in das Land Qvangsi zu der viel bestroͤmten und von den Meelbaͤumen Qvanglang beruͤhmten Stadt Kiaocheu. Dieses Landes Haupt-Stadt ist Queilni/ bey welchem sieben Berge den Stand des gestirnten grossen Baͤren eigentlich dar- stellen. Von Nanhai ließ ich das Schiff a- bermals mit Pferden nach der Stadt Qveping ziehen/ in welcher Gegend wir etliche gehoͤrnte Thiere/ derer Bein auch das Helffenbein uͤber- trifft/ zur Erlustigung durch ausgestreutes Saltz fingen; sintemahl dieses unvernuͤnfftige Fuͤrbild der an der verderblichen Wollust kle- benden Menschen lieber die Freyheit und das Leben/ als das ihm so wohl schmeckende Saltz einbuͤßet. Auff diese Art kam ich auch nach Yo- lin/ ja auff den Fluͤssen Luon und Puon in das Reich Jnunan. Dieses grosse Land gehoͤrte fuͤr Zeiten zu dem Koͤnigreiche Mung/ oder Nanchao/ welches zwar vom Koͤnige Xius be- meistert ward/ kurtz hernach aber wieder abfiel. Als aber desselbten Koͤnig Sinulo sein Volck/ zu Zeiten des Serischen Koͤnigs Hiaouv/ in sein Gebiete unterschiedene Einfaͤlle thun/ und Raub holen ließ/ Hiaouv aber sich durch Ge- sandschafft hieruͤber beschwerte/ entbloͤßte Si- nulo seine Sebel/ und hieb darmit sechs Fuͤsse tieff in einen Stein/ welcher nah bey der Stadt Chinkiang/ da ich zum ersten ankam/ zu sehen ist/ mit beygesetzten Worten: gehet und sagt eurem Koͤnige/ was wir fuͤr Schwerdter haben. Hier- uͤber ward Hiaouv sehr erbittert/ brach daher mit einem außerlesenen Heere unter seinem Feldhauptmann Tangsienyv allhier ein/ er- schlug den Koͤnig Sinulo mit zwey hundert tausend Jndianern bey der kleinen Stadt Chao/ derer Beerdigung man noch auff dem Berge Fungy zeiget. Alsofielen des Sinulo saͤmtli- che Laͤnder Tibet/ Laos/ Necbal/ Aracan/ biß wo der Fluß Caßmin in den Gangetischen Seebu- sem faͤllt/ in der Serer Gewalt/ ja sie verfolgten ihren Sieg biß gar an den Fluß Ganges. Die- semnach ging ich von Chingkiang zu der reichen und lustigen Haupt-Stadt Jnunan/ an dem grossen See Tien/ die ihr Eroberer Koͤnig M m m m 3 Hiaov Fuͤnfftes Buch Hiaov ergroͤsserte/ als er daselbst aus seltzamer Veraͤnderung etlicher vielfaͤrbichter Wolcken ihm sein kuͤnfftig Gluͤck wahrsagte. Von hier nahm ich meinen Weg zu der Stadt Yecheu an dem grossen Strome Mossale/ welche Stadt/ ehe sie Hiaouv eroberte/ unter den Koͤnigen des Reiches Mung zu dem Volcke Kinchi mit den verguͤldeten Zaͤhnen gehoͤrte. Massen die Ein- wohner noch jaͤhrlich einen zehn Meßruthen ho- hen Stein bey Nangan uͤber und uͤber mit Gol- de/ von dem viel Berge und Fluͤsse allhier ange- fuͤllet sind/ uͤberdecken und anbeten. Allhier er- fuhr ich/ daß Koͤnig Huhansien mit seinem Heere schon uͤber die Fluͤsse Lanßang/ Lukiang/ und Pinglang kommen/ und dem gegen Bactriana mit seiner Heeres-Krafft stehenden Koͤnige Pi- rimal recht ins Hertze gegangen waͤre; wie auch/ daß um den See Tache sich das bestimmte Scy- thische Kriegs-Heer versammlete/ welches ich fuͤhren solte. Westhalben denn auch der Se- rische Unter-Koͤnig nicht so wol aus Liebe gegen den Scythen/ und des neuen Verbindnißes/ als ihre zwey geschworne Feinde die Scythen und Jndianer zu ihrem Vortheil an einander zu hetzen/ und also aus ihrer Abschwaͤchung sich zu verstaͤrcken/ uns den Durchzug durch ihr Gebiete willig erlaubten/ mir zu Ubersetzung der Fluͤsse und Unterhaltung des Kriegsheers/ Schiffe/ Reiß/ Waffen und Geld anboten. Sintemahl keine verschmitztere Kriegs-List ist/ als durch unsern Vorschub den Feind von un- sern Graͤntzen abhalten/ und durch fremde Schwerdter ihm die Gurgel abschneiden; Da- her die Spartaner in solchem Falle dem Kriegs- Gotte einen Ochsen/ wenn sie aber dem Feinde eine Schlacht abgewonnen/ nur einen Hahn zu opffern pflegten. Mit diesem mir dienlichen Vorschube/ und einer ziemlichen Anzahl des freywilligen Adels aus Jnunan/ welche unter den Scythischen Fahnen wider die Jndianer ihr Heil versuchen/ oder vielmehr jener Kriegs- Art begreiffen wolten/ kam ich zu der vom Koͤ- nige des Reichs Mung Nanchao erbauten Stadt Jnseng/ und uͤber die darbey aus lau- ter eisernen Ketten zusammen geheffteten Bruͤ- cke/ 140. Maͤß-Ruthen lang/ biß zu der vom Koͤnige Sinulo gebauten Stadt Mun- gre/ welcher Gegend und Lufft von dem uͤber- fluͤßigen Bisame gleichsam eingebalsamt/ und von denen zwey Bergen Fughoang/ auff dem jaͤhrlich viel tausend Voͤgel ihren daselbst ge- storbenen Fenix zu beklagen sich versammlen sollen/ und von dem Felsen Tienul/ der wegen seines uͤberaus zarten Widerschalls das Ohr des Himmels genennet wird/ in der Welt beruͤhmt ist. Bey der Haupt-Stadt des Hertzogthums Yecheu/ welche Hiaouv nach diesem erober- ten Jndien daselbst/ wo der Fluß Putoa in den See Siul fleust/ in Grund legte/ begegnete mir Ulassa ein Scythischer Feld-Oberster/ mit Bericht/ daß das Scythische Kriegs-Heer auff etlich tausend von den Serern hergegebenen Schiffen den Strom Lukiang herunter kaͤme/ und bey der in waͤhrendem Scythen-Kriege von den Serern abgefallenen Stadt Jung- chang auszusteigen gedaͤchten. Jch fuhr also den Fluß He schleunig herunter in den Strom Lanßang/ und traff endlich das gantze Heer in bester Verfassung unter dem Gebuͤrge Ganlo an/ auff welchem zwey starcke Qvelle aus einem zweyen Nasenloͤchern gleich gebildeten Felsen entspringen. Jch machte alsobald Anstalt die grosse und feste Stadt Junchang/ welche fuͤr Zei- ten zu dem maͤchtigen Koͤnigreiche Gailao ge- hoͤret/ und Pugnei geheissen/ zu beschluͤssen/ und an dem Flusse Lukiang durch eine Schiffbruͤcke zu verhindern/ daß ihr aus selbtem uͤber den daranstossenden See Cinghoa keine Huͤlffe zu- kaͤme. Weil aber diese Graͤntz-Stadt starck besetzt/ die von den nunmehr mit den Scythen verglichenen Serern abgefallene Buͤrgerschaft wegen besorglicher schweren Strafe gantz ver- zweiffelt war/ sonderlich/ da sie so viel Serer in dem Scythischen Lager warnahmen; ließ die Belaͤ- Arminius und Thußnelda. Belaͤgerung sich schwer an. Die Mauren waren sechtzig Ellenbogen hoch/ und noch mit tieffen Graben umgeben; also/ daß/ ob wir wol diese mit Reisicht/ Saͤcken und Erde fuͤll- ten/ wegen der Uberhoͤhung mit denen auff Waltzen beweglichen Sturm-Thuͤrmen/ und Fallbruͤcken wenig auszurichten war; und die- selben/ welche wir auch endlich so hoch machten/ wurden durch unauffhoͤrliches Feuer-Einwerf- fen zernichtet/ ob wir sie schon vorwaͤrts mit ei- sernen Platten/ oben aber mit rohen Ochsen- Ledern bedeckten. So schafften auch die eiser- nen Widderkoͤpffe an denen Stahl-festen Stei- nen der Mauer nicht viel; und wo sie auch ir- gendswo Schaden thun wolten/ liessen sie von der Mauer Stroh- und Woll-Saͤcke in den Stoß fallen/ um selbten zu schwaͤchen/ oder sie zerdruͤmmerten die Stoß-Boͤcke mit herunter geworffenen Steinen/ etliche fingen sie auch mit grossen Seilen und Schlingen auff/ daß sie oh- ne grossen Verlust nicht konten zuruͤck gezogen werden. Dieser hertzhaffte Widerstand ver- bitterte die Serer mehr als mich; also brachten sie zu wege/ daß der Unter-Koͤnig mir von Mun- gre drey grosse aus Metall gegossene Roͤhren ins Laͤger schickte/ mit erfahrnen Leuten/ welche in selbten einen aus Schwefel/ Salpeter und Kohlen vermengten Staub fuͤlleten/ und durch desselbte Entzuͤndung eiserne Kugeln eines Kopffs groß mit einem donnernden Krachen so hefftig an die Mauern schleuderten/ daß selb- te endlich bersten und zerfallen musten. Die Belaͤgerten/ welche dieses mir uͤber aus seltzame Geschuͤtze bey den Serern vorher mehrmahls gesehen/ muͤheten sich zwar die Loͤcher mit Stei- nen und Balcken zu ergaͤntzen/ oder mit inn- wendigen Abschnitten uns zu begegnen; end- lich aber ging die Stadt um Mitternacht durch Sturmuͤber/ und es war mir unmoͤglich zu er- wehren/ daß nicht alles von der Schaͤrffe der Scythischen Sebeln niedergehauen/ und die Stadt von denen rachgierigen Serern in die Asche gelegt ward. Jch raͤumte diese von Blut und Feuer verstellte/ dem Scythischen Reiche aber wegen Entlegenheit ohne diß wenig nuͤtze Stadt dem Serischen Unter-Koͤnige ein/ mit der Andeutung: Jch waͤre von Huhansien be- fehlicht/ den Serern alles/ diß was ihnen die Jndianer vom Flusse Pinglang und Knixa als ihrer vorigen vom Koͤnige Hiaouv erstreck- ten Reichs-Graͤntze abgenommen haͤtten/ also- fort abzutreten. Diese Erklaͤrung verband mir nicht allein die Gemuͤther zu noch mehrerm Vorschube; sondern ich hatte auch in weniger Zeit so viel Serische Huͤlffs-Voͤlcker im Laͤger/ daß ich ein Theil derselben zuruͤck senden mu- ste/ um nicht selbst die Scythen an der Zahl zu uͤberwachsen. Wormit aber diese etwas zu thun bekaͤmen/ und die Jndianer an vielen Or- ten zur Gegenwehr sich zu zertheilen genoͤthigt wuͤrden/ rieth ich diesem Uberschusse den Strom Lukiang/ der wegen seiner Groͤsse die Mutter der Waͤsser genennet wird/ hinunter zu schiffen/ und/ wo selbter ins Sud-Meer faͤllt/ sich der an dem Munde liegenden grossen Stadt Siam/ in welcher Gebiete jaͤhrlich mehr als anderthalb hundert tausend Hirschen geschlagen werden/ zu bemeistern; darzu ich ihnen denn etliche verstaͤn- dige Scythen zu ihrer Anfuͤhrung verlieh. Mit meinem Heere aber setzte ich uͤber den Fluß Lu- kiang/ und fuhr ohne einigen Widerstand auff dem Strome Xinchuen/ biß wo er sich mit dem Flusse Pinglang vermaͤhlet; daselbst stieg ich aus/ und belaͤgerte zu Wasser und Lande die vom Koͤnige Hiaouv erbaute/ vom Koͤnige Pi- rimal aber eingenommene Graͤntz-Festung Mien. Jch hatte diese Stadt durch die Sturm- Boͤcke und das ertztene Geschuͤtze schon so weit gebracht/ daß die Belaͤgerten durch das trauri- ge Beyspiel der Stadt Jungchang von der Ubeꝛ- gabe handelten/ als ich Kundschafft kriegte/ daß der Unter-Koͤnig in der guͤldenen Halb-Jnsel Malacca die Serer bey Siam auch geschla- gen haͤtte/ die in Aracam/ Ava/ Cosmin und Bacan Fuͤnfftes Buch Bacan aber mit einem maͤchtigen Heere/ Mien zu entsetzen/ im Anzuge waͤren. Jch ward al- so genoͤthigt ein Theil des Heeres bey der Belaͤgerung zu lassen/ das groͤste aber des Nachts in aller Stille gegen den ankommen- den Feind zu fuͤhren/ ob schon die Zeit/ da der Fluß Pinglang sich wie der Nil uͤber sein Ge- stade ergeust/ fuͤr der Thuͤr war: Ein des Landes wohl erfahrner Serer aber wieß mich so gluͤck- lich an/ daß ich den fast zweyfach staͤrckern/ und mit vielen zum Streit abgerichteten Elephan- ten ausgeruͤsteten Feind bey auffgehender Son- ne/ als selbter sich gleich nach durchreiseter Nacht zur Ruhe begeben hatte/ in voller Sicherheit uͤ- berfiel/ den meisten Elefanten durch etliche in Jndianische Tracht verkleidete Waghaͤlse die Schnautzen mit langen Beilen abhauen ließ/ worvon diese und die andern sich umkehrten und auff die Jndianer/ als ihre vermeinte Feinde wuͤteten/ das gantze Lager in Schrecken/ die in Eil geschlossenen Hauffen in Unordnung setzten/ und mir mit Hinterlassung alles Kriegs-Ge- raͤthes einen grossen Sieg ohne Zuͤckung meines Degens zuschantzten. Der Todten waren uͤ- ber dreißig-der Gefangenen uͤber zwantzig tau- send/ denn die Scythische Reuterey holete die sich meist in Mangel der Pferde/ der schnellen Ochsen gebrauchende Fluͤchtigen unschwer ein/ und hierunter war der Aracanische Unter-Koͤ- nig Abisar selbst/ welcher mich verstaͤndigte/ daß zwar der Scythen Koͤnig sich grossen theils der Staͤdte an dem Flusse Coßmin bemaͤchtiget haͤtte/ es waͤre aber der Koͤnig Pirimal mit ei- nem unglaublich grossen Kriegs-Heere schon uͤ- ber den Fluß Ganges und Caor kommen/ um den Scythen die Stirne zu bieten. Als diese Aussage mir von andern Jndianern mehr um- staͤndlich erzehlet ward/ schickte ich nur ein Theil des Heeres mit denen eroberten Kriegs-Fahnen und denen Gefangenen fuͤr die Stadt Mien zu ruͤcke/ die sich denn nach vernom̃enem Siege auff Gnade und Ungnade bald ergab; Jch aber eilte Tag und Nacht gegen dem Flusse Cosmin umb fuͤr der Schlacht noch zum Koͤnige Huhansien zu stossen. Jch kam den zwantzigsten Tag an den verlangten Strom zu der vom Huhansien ero- berten und besetzten Stadt Tipora. Weil ich denn vernahm/ daß die Scythen sich bereit des Stromes Caor und der Gangariden biß an das Koͤnigreich der Pharrasier bemaͤchtigt/ die Jn- dianer aber bey Dekaka schon fuͤr acht Tagen mit ihrer gantzen Macht gestanden hatten; ließ ich durch schnelle Posten dem Koͤnige meine An- kunfft wissen; ich hingegen kriegte Nachricht/ daß die Scythen bereit zwey Tage an dem Fluße Sirote den Jndianern die Uberkunfft durch unauffhoͤrliches Gefechte strittig gemacht haͤt- ten/ weil sie sich ihnen nicht gewachsen hielten. Wie ich aber in das Koͤnigliche Laͤger kam/ hatte selbige Nacht der Koͤnig Pirimal gleich durch- gedrungen/ und also Huhansien sich in ein vor- theilhafftiges Gebuͤrge ziehen muͤssen. Huhan- sien und Syrmanis wusten ihre Freude uͤber meiner Aukunft nicht genugsam auszudruͤcken; Gleichwohl aber wolte er mit dem ermuͤdeten Volcke nicht bald die von den Jndianern so sehr verlangte Schlacht wagen/ nicht nur um sein Kriegs-Heer ausruhen zu lassen/ sondern auch den Feind desto unvorsichtiger zu machen; daher er sich zwischen den Bergen/ ungeachtet die Jn- dianer sich mehrmahls naͤherten/ und die zum Reiten gleichsam gebohrnen Scythen oder viel- mehr warhaffte Centauren auf ihren Pferden mehr ausruhen/ als ermuͤdet werden/ gantz un- beweglich hielt/ und hiermit seine Verstaͤrckung derogestalt verdruͤckte/ daß Pirimal von An- kunfft einiger Huͤlffs-Voͤlcker das wenigste er- fuhr. Den andern Tag aber/ als die Mittags- Hitze etwas vorbey war/ fuͤhrte Huhansien das Groß seines Heeres/ Syrmanis den rechten und ich den lincken Fluͤgel in moͤglichster Ge- schwindigkeit/ aus dreyen Pforten des Gebuͤr- ges in die darfuͤr liegende Flaͤche/ gegen die Westwaͤrts liegenden Jndianer ins Feld/ und stell- Arminius und Thußnelda. stellten selbte in Schlacht-Ordnung. Pirimal/ der der Scythen Entschluͤssung nicht so wohl ih- rer Hertzhafftigkeit als einem Mangel an Le- bensmitteln zuschrieb/ ordnete ungesaͤumt auch sein unzehlbares Kriegsheer/ ob schon selbtes der neundte Tag nach dem Neumonden waꝛ/ den die Jndianer eben so wie den ersten/ da der Mond zuruͤck bleibt/ fuͤr sehr ungluͤckselig halten/ und dem Pirimal ein rother Sperber/ mit einem weissen Ringe um den Hals/ von der lincken Hand gegen der rechten/ uͤber sein Zelt flog; ja selbige Nacht ein Crocodil einen Elephanten/ fuͤr dem er sich sonst so sehr gefuͤrchtet/ getoͤdtet hatte. Fuͤr ieden Fluͤgel stellte er funffzig geuͤbte Ele- phanten/ in der Mitten aber waren derer wohl hundert/ und er selbst als auch seine Schwester/ die er nach der Jndianer Reichs-Gesetzen ge- heyrathet hatte/ (die doch sonst die von dem ersten Priester des Feuers Andsham/ bey den Baby- loniern und Persern als ein Heiligthum einge- fuͤhrte Blutschande so sehr verdammen) liessen sich auff zwey uͤberaus grossen und schneeweissen Elephanten sehen/ welche von Purpur/ Gold und Edelgesteinen an der Sonne gleich als ein Feuer glaͤntzeten/ und einem die Augen ver- blaͤndeten. Diese weisse Elephanten findet man alleine und zwar selten an dem Strome Lukiang/ die Jndianer halten sie fuͤr Koͤnige der andern/ sie verehren sie als etwas goͤttliches/ der Koͤnig selbst sucht sie offtmahls heim/ und sie werden aus eitel guͤldenen Geschirren gefuͤt- tert. Die sonst so behertzten Scythen bebten anfangs fuͤr diesen gethuͤrmten Thieren/ und de- nen Sichel-Wagen/ welche mit ihrem Ansehen und Erschuͤtterung einem ein Grauen einjag- ten. Koͤnig Huhansien aber sprach den seinen ein Hertz ein/ und erinnerte sie; wie diese Dinge mehr das Auge fuͤlleten/ als Nachdruck haͤtten. Zwey oder dreyer Elephanten Erlegung wuͤrde die andern scheue/ und ihren Feinden zum Fall- brete machen. Denn sie gingen so lange auff den Feind/ so lange ihr Leiter ihrer maͤchtig waͤ- re; nach ihrem Schrecknisse aber rennten sie die ihrigen als blind und rasend zu Bodem. Sie solten sich erinnern/ daß der grosse Alexander wi- der des Porus gleichmaͤßige Ruͤstung die hertz- hafften Scythen an die Spitze gestellt/ und durch ihre Tugend mit einer Schlacht dem gan- tzen Kriege ein Ende gemacht haͤtte. Ja als die Macedonier fuͤr ihnen die Haͤnde sincken lassen/ habe er mit den Scythen alleine durchzubrechen getrauet. Jhm haͤtte es an Elephanten zum Kriege so wenig gemangelt/ wenn er sie fuͤr dienlich geachtet; er haͤtte sie aber als mehr veraͤchtlich von sich gelassen. Jhre Tugend waͤre so vielen Voͤlckern obgelegen/ welche zum Theil unter ihnen die Waffen truͤgen; wie moͤch- ten sie sich nun fuͤr der langsamen Buͤrde unver- nuͤnfftiger Thiere entsetzen. Die von Ertzt sich erschuͤtternden Sichel-Wagen aber laͤgen mit Zerbrechung eines Nagels/ oder mit Hinfal- lung eines Pferdes zu Bodem. Endlich waͤren dieses ihrer verzweiffelten Feinde letzte Kraͤff- ten/ nach derer Niederlage sie nicht mehr um den Sieg zu kaͤmpffen/ sondern um die Ein- theilung unschaͤtzbarer Beute sich zu bemuͤhen haben wuͤrden. Wie nun beyde Kriegs-Heere auffs beste geordnet/ insonderheit aber von mir dieselbigen/ welche bey Mien schon die Elephan- ten zu faͤllen gelernet hatten/ hierauff abson- derlich bestellt waren/ mit dem Befehl/ daß sie die auff dem Nacken sitzenden/ welche diese Thiere durch einen eisernen Griffel leiteten/ mit langen Hacken herunter zu ziehen/ die Elephan- ten selbst mit Wurff-Spiessen hinter die Ohren zu verletzen/ oder hinten unter dem Schwantze in die weiche Haut die Degen zu stossen/ mit lan- gen Beilen ihnen die Schnautzen abzuhauen/ und endlich sie mit brennenden Fackeln zu blaͤn- den trachten solten; gieng die Schlacht mit grau- samen Blutstuͤrtzen an. Die Scythen litten anfangs von denen alles uͤber einen Hauffen rennenden Elephanten die groͤste Noth/ die Jn- dianer aber blendete die Sonne/ und die ge- Erster Theil. N n n n schwin- Fuͤnfftes Buch schwinde Reuterey machte ihnen auf allen Sei- ten genugsam zu schaffen. Derogestalt war das Gluͤcke biß in die sinckende Nacht durch beyder Heere Tapfferkeit gefaͤßelt/ daß seine Wage weder auf ein-noch das andere Theil einen Aus- schlag gab/ sondern/ nachdem iedes einen Bo- genschuß zuruͤcke gezogen/ auff der Wallstadt gegeneinander stehen blieben; wiewohl die Scy- then durch Erlegung etlicher dreißig Elephanten einen grossẽ Vortheil erlangt zu haben vermein- ten. Um Mitternacht begunte ein starcker Nordwind zu wehen/ daher wich Huhansien mit seiner Schlacht-Ordnung dahin ab/ theils gegen den Feind den Wind zu gewinnen/ theils auch die Morgen-Sonne aus den Augen zu kriegen. Alle Serer aber versteckte er in das Gebuͤrge unter Scythischen/ wiewol auch Se- risch gekleideten Kriegs-Haͤuptern/ welche zu rechter Zeit den Jndianern in die Seite fal- len solten. Diese wurden noch des Nachts des von den Scythen gesuchten Vortheils gewahr/ und also kam es/ ehe es noch tagete/ zum neuen Gefechte. Alleine die Scythen behaupteten den Wind/ der ihre Pfeile mit groͤsserm Nach- drucke auff die Jndianer zu; dieser ihre aber auff sie selbst zuruͤcke trieb. Ja er schmiß den haͤuf- figen Sand und Staub so wohl den Menschen als Elephanten so sehr in die Augen/ daß sie ehe die toͤdtlichen Streiche von den Scythischen Se- beln empfunden/ als ihren Feind zu Gesichte be- kamen. Nichts destoweniger that Pirimal und seine hertzhaffte Gemahlin das eusserste die ihri- gen mit ihrem Beyspiel und Worten in festem Stande zu erhalten/ und die Menge ihres Krieges-Volcks vermochte allezeit mit frischen Hauffen die Luͤcken der Fallenden zu ersetzen. Jnsonderheit kam dem Pirimal die von dem Cyrus auch gegen den Croͤsus gluͤcklich ange- wehrte Kriegs-List nicht wenig zu statten; da er gegen die unvergleichliche Reuterey der Scy- then/ welche bey vollem Rennen sich biß zur Er- de buͤcken/ und ihre verschossene Spiesse oder Pfeile wieder auffheben kan/ etliche tausend auff Kamele gesetzte Bactrianer herfuͤr ruͤcken ließ. Weil nun die Pferde die Kamele weder ruͤchen noch sehen koͤñen/ geriethen die Scythen in nicht geringe Unordnung; deñ auch die edelsten Pfer- de der Scythischen Fuͤrsten/ welche uͤber ihre Ankunfft wie der Adel uͤber seiner Ahnen Ge- schlechts-Register halten; ja auch Huhansien selbst konten ihre edelsten Pferde/ welche sonst mit einem seidenen Faden zu leiten waren/ nicht baͤn- digen/ und an der Schnure halten. Huhansi- en ließ zwar alsofort ein Theil des Serischen Fuß-Volcks darzwischen ruͤcken; Aber dieses wuͤrde gegen die viel staͤrckern Jndianer nicht lange getauert haben/ wenn nicht ein Scythi- scher Oberster durch eine andere Kriegs-List der feindlichen abgeholffen/ und durch Herbeyho- lung zweyer gezaͤhmten Loͤwen alle Kamele schuͤchtern gemacht/ und in die Flucht getrieben haͤtte. Hiermit kriegte die Reiterey wieder Lufft/ und gegen dem Mittag gerieth einem Scythen im lincken Fluͤgel ein so gluͤcklicher Streich/ daß er der Koͤnigin weissen Elephanten in rechten Vorder-Schenckel verletzte/ worvon er zu Bo- dem fiel. Wiewohl dieser hertzhafte Edelmañ diß Gluͤcke mit seinem Lebenbezahlen muste. Denn der Elephant schlug ihn mit der Schnautze zu Bodem. Die Koͤnigin selbst toͤdtete ihn durch ei- nen Pfeil von ihrem Bogen; hingegen senckten sich alle bey diesem Fluͤgel fechtende Elephanten zu grossem Ungluͤck der Jndianer auff die Erde/ sintemahl sie gewohnt waren/ dem weissen Ele- fanten als ihrer Koͤnigin alles nachzuthun. Wel- che Abrichtung seinem Beduͤncken nach so schaͤd- lich waͤre/ als die uͤbrige Zubereitung der Pfer- de; wordurch die Sybariten auff einen Tag schier gar vertilget worden/ nachdem ihre schlau- en Feinde mitten in der Schlacht die angewohn- ten Saitenspiele hoͤren liessen/ die Pferde aber statt des Kampffes zu tantzen anfingen. Die Verwirrung des rechten Fluͤgels/ und die Ge- faͤngniß der Koͤnigin/ welche die Jndianer ver- gebens Arminius und Thußnelda. gebens aus unsern Haͤnden zu reissen bemuͤhet waren/ jagte dem andern Heere nicht ein ge- ringes Schrecken ein/ die auff Huhansiens Be- fehl aber nunmehr aus dem Gebuͤrge herfuͤr brechenden- und in die Seite des rechten Fluͤ- gels einfallenden Serer/ welche die Jndianer fuͤr ein gantz frisch ankommendes Heer hielten/ brachte in weniger Zeit alles in oͤffentliche Flucht/ und der fuͤr Rache schaͤumende Pirimal muste wider seinen Willen nur auch mit seinem weissen Elephanten umdrehen; welchem denn alle uͤbrige Augenblicks folgten. Die Scythen netzten nunmehr ihre Sebeln nur in der Fluͤch- tigen Blute/ ich aber hielt mir fuͤr die groͤste Schande/ daß ein niedriger Scythe die Koͤni- gin gefangen gekriegt hatte/ mir aber der Koͤnig in meinem Gesichte entkommen solte. Also drang ich nebst meiner Leibwache durch unter- schiedene noch um den Koͤnig fechtende Hauf- fen durch/ ich kam aber in dem Gedraͤnge der wuͤtenden Elephanten von den Meinigen so weit ab/ daß in Mangel alles Entsatzes ich mit dreyen Pfeilen verwundet/ mein Pferd zu Bo- dem getreten; ich aber von der Schnautze des Koͤniglichen Elephanten umfaßt/ und dem Koͤ- nige oben auff seinen Thurm zugereicht ward. Also ward ich nach so herrlichem Siege durch sel- tzames Ebentheuer ein Gefangener des Uber- wundenen/ und in die Stadt Comotay/ dahin die Fluͤchtigen zohen/ gebracht. Weil aber Piri- mal sich hier entweder nicht sicher schaͤtzte/ oder ein neues Heer auf die Beine zu bringen gedach- te/ setzte er die Uberbleibung seines Heeres/ wor- an die Jndianer selbst 200000. Mann und 80. Elephanten verlohren zu haben gestanden/ uͤber den Strom Caor/ und fuhr nach Hinterlassung genugsamer Besatzung selbigen Strand hinab/ biß zu der Stadt Sotagam; und von dar eilte er biß an den wohl zwey deutsche Meil-weges breiten Strom Ganges. So bald der Koͤnig auf diesen Strom kam/ fiel er mit allen den seini- gen im Schiffe auff seine Knie/ hierauff schoͤpffte er mit grosser Ehrerbietung in einer breiten guͤl- denen Schale Wasser daraus/ wusch damit Haͤnd und Antlitz/ warff heꝛnach selbte zum Opf- fer uñ seiner Versoͤhnung in den Fluß. Deñ alle Jndianer verehrten ihn als einen Gott/ und mit groͤsserer Ehrerbietung/ als die Egyptier ihren Nil; glaͤubende/ daß zwar alles ausser dem Meer-Wasser/ (welches die Jndianer fuͤr einen unreinen Harn/ die Egyptier fuͤꝛ eytrichte Thraͤ- nen des Saturnus halten/ auch deßhalben kein Meer-Saltz/ sondern nur das aus dem Brunn- Wasser des Ham̃ons gemacht wiꝛd/ gebrauchen) am aller kraͤfftigsten aber des Ganges Wasser/ oder auch/ weñ ein Abwesender nur daran geden- cke/ solch Gedaͤchtniß die Menschen von Suͤn- den abwasche/ und weñ die Asche darein geworf- fen wird/ die Todten aus der Hoͤllenpein erloͤse; weil es in dem Him̃el entsprossen/ auf den Fuß ihres Gottes Wistnou/ und das Haupt des Ab- gotts Eßwara/ und hernach erst auff die Welt gefallen waͤre. Daher sie auch alle die/ welche sich damit reinigen/ odeꝛ selbtes auf viel hundeꝛt Mei- len zu ihren Opffern abholen wollen/ dem Koͤni- ge vorher eine gewisse Schatzung erlegen muͤs- sen. Bey dieser Uberfarth sahe ich mit grosser Be- stuͤrtzung/ wie Pirimal einen auf das Schiff zu- schwim̃enden Crocodil durch Knuͤpffung etlicher Knoten in ein Band unbeweglich/ und nach un- ser ziemlichẽ Entfernung durch ihre Wieder auf- loͤsung beweglich machte. Der Koͤnig/ welcher mich bald anfangs von meiner Ankunft/ und wie ich zu den Scythen kommen waͤre/ ausgefragt/ und mich im̃er unter seiner Leibwache stets mit gefuͤhret hatte/ trug mir bey seinen allhier ange- ordneten neuen Kriegs-Werbungen eine Feld- Hauptmañschafst an/ die ichaber mit Vorwand/ daß es wider seinen Wohlthaͤter/ als Koͤnig Hu- hansien waͤre/ ja auch wider den/ dem man ein- mal Treu und Glauben zugesagt/ die Waffen zu eꝛgreiffen/ einem edlen Gemuͤthe unanstaͤndig waͤre/ hoͤfflich ablehnete/ zumal meine geliebte E- rato mein Hertze hefftiger als der Nordliche An- gelstern die Magnet-Nadel nach sich zoh/ und mir also die so fernen Umirrungen von meinem N n n n 2 Bewe- Fuͤnfftes Buch Bewegungs-Ziele empfindlich versaltzte. Es ging kein Tag/ ja zu sagen kein Augenblick vor- bey/ da ich nicht gewahr ward/ wie eine iede abge- sonderte Helffte eines Dinges in der Natur nach Vereinbarung mit der andern verlange/ und dadurch vollkom̃en zu werden begierig sey. Diß aber/ was wir lieben/ ist sicher eine Helffte von uns/ und ein zu unser Vergnuͤgung nothwendig gehoͤriges Theil. Diesemnach ist eines Verlieb- ten Hertz in einer unauffhoͤrlichen Unruh/ und in muͤhsamer Bewegung; die Gedancken ren- nen in steter Botschafft; die Seele liegt in halber Ohnmacht/ biß durch Vereinbarung der Leiber die Gemuͤther auch in ihren richtigen Stand und Wesen gedeyen. Mich anlangend/ die War- heit eigentlich zu sagen/ war ich nach so langer Abwesenheit so unvermoͤgend uͤber mich/ oder meine Kraͤffte so verfallen/ daß ich nicht so wohl die Koͤnigin Erato als eine Helffte meiner Liebe zu besitzen/ als das wenige uͤbrige/ was ich mit meinem Leibe in der Welt herum trug/ ihr vol- lends zum Vesitz einzuraͤumen verlangte. Sin- temal meine Seele fuͤrlaͤngst aus meinem Her- tzen die Wohnstadt veraͤndert/ und sich so wohl in ihre Verwahrung oder Dienstbarkeit geliefert/ oder klaͤrer zu sagen/ von ihrer Liebe umfangen zu seyn sich gesehnet hatte. Denn ob es zwar nicht ohne ist/ daß eine ungefaͤlschte Liebe ohne den Ge- nuß der ergetzenden Anwesenheit bestehen/ nichts von ihrem Nachdrucke verlieren koͤnne/ ja der entfernten Verlangen der Liebe noch mehrmals eine Ubermaß beysetze; so ist doch die Zusam̃en- kunfft die Frucht und das hoͤchste Gut der Liebe/ welche durch die verwechselten Anblicke als durch eine Kette beyde Seelen zusam̃en knuͤpft/ und die vorhin truͤben und waͤsserichten Tage al- lererst mit einem Sonnenscheine begluͤckseligt. Die Fuͤrstin Thußnelda fing an: Warlich/ Zeno weiß die Bewegungen der Liebe so eigentlich zu. beschreiben/ daß es scheinet/ er habe ihr recht an Pulß/ und sie ihm recht an die Seele gegriffen. Dahero wolte ich wenig Bedencken haben/ der Koͤnigin Erato meine Buͤrgschafft anzutragen/ daß seine Seele mehr in ihrem geliebten Leibe wohne/ als in seinem/ welchen sie doch beseelen muß. Jch kan es nicht laͤugnen/ antwoꝛtete Zeno/ daß diß die einige Ursache war/ warum ich Hu- hansien/ der mich inzwischen unter den Todten mit tausend Bejam̃erungen vergebens suchen ließ/ meine Gefangenschaft nicht zuwissen mach- te/ von welchem ich versichert bin/ daß er mich ge- gen Ausfolgung der Jndianischen Koͤnigin aus- geloͤset haben wuͤrde. Die Koͤnigin Erato brach ein: da Fuͤrst Zeno eine so empfindliche Seele hat/ wie hat er seine so holdselige Reise-Gefaͤrthin Syrmanis/ und den wohlthaͤtigen Huhansien mit seinem unter den Gnaden-Blicken eines so maͤchtigen Welt-Beherrschers so bald ausser Acht lassen koͤnnen? Alleine was befꝛemdet mich? daß Zeno sich die Annehmligkeiten Jndiens nicht hat anfeßeln lassen. Deñ man wird des mildesten Him̃els/ und der Hesperischen Lustgaͤrte endlich uͤberdruͤßig/ aus einer eingepflantztẽ Sehnsucht nach einer steinichten und wilden Heimath. Diß abeꝛ ist vielmehr bedencklich/ wie Zeno seinem im Morgenlande auffgehenden Gluͤcke den Ruͤcken und der ihn mit so viel Sturm und truͤben Wol- cken verjagenden Mitternacht das Antlitz keh- ren koͤnnen? Zeno versetzte: Sie wuͤste selbst allzu wohl/ daß Gewogenheit und Liebe von einander so weit unterschieden waͤren/ als der kleineste Stern in der Milchstrasse und die Sonne. Der Syrmanis Freundschafft und der Magnethaͤt- ten beyde in sich wohl einen Zug; aber diese Kraft verliere sich/ wenn der Glantz einer Erato und eines Diamants sich naͤherte. Das Gluͤcke haͤt- te ihm zwar mit den Haͤnden des guͤtigen Hu- hansien liebgekoset/ sie kennte aber allzuwohl sein Gemuͤthe/ daß er dieses unvernuͤnfftige Weib/ welches zwischen Geitz uñ Verschwendung kein Mittel wuͤste/ welche zwar geil seyn/ aber nicht lieben koͤnte/ niemals zu seiner Gemahlin erkie- sen solte; da sie nicht einst zu einem Kebs-Weibe taugte. Sie wuͤrffe zwar Kronen und Fuͤr- sten-Huͤte auch Knechten zu/ und verwandelte auch Thon/ wenn sie ihn anruͤhrte/ in Gold; sie Arminius und Thußnelda. sie thaͤte beydes/ aber ihre Schoß-Kinder mehr damit zu aͤffen als zu beseligen. Sie waͤre ein Weib ohne Fuͤsse/ weil sie nirgends stand hielte; sie haͤtte zwar Haͤnde und Fluͤgel/ aber mit jenen spielte sie nur aus der Tasche/ und diese liesse sie niemanden anruͤhren. Also doͤrfte es keines Verwunderns/ daß er diesem Jrrwische kein Licht angezuͤndet; sondern bey seinem einigen Gluͤcks-Sterne der holdseligen Erato den Mit- tel-Punct seiner Ruh gesucht haͤtte. Alle Un- ruhen waͤren hierumb nuͤtzlich angewehret; denn die Bekuͤmmernuͤsse gaͤben das Saltz der nachfolgenden Vergnuͤgung ab; und die Wie- derwertigkeit machte die Liebe zur Tugend. Die/ welche nur immer mit gutem Winde se- geln/ auf Rosen gehen/ ihr Haupt in der Schoß des Gluͤckes liegen haben wolte/ waͤre eine Hof- Poppe der Wollust. Hingegen haͤtte die wahr- hafte Liebe nichts minder mehr Bewegung/ als das helle Quell-Wasser gegen dem suͤmpfichten. Sie und die Gestirne haͤtten einen muͤhsamern Lauff als die Schwantz-Sternen/ und die Tau- ben einen geschwindern Flug als die Raben. Jedoch fuͤhrte das Gluͤcke mit der Tugend nicht einen ewigen Krieg. Es gebe im Lieben eben so wohl Windstillen/ als auf dem Meere; es bliesse nicht selten in die Segel desselben Schif- fes/ worauf die Tapferkeit ruderte/ und huͤlffe durch eine Gefaͤngnuͤß einem auf den rechten Weg/ und zur Freyheit. Nicht anders spielte es mit der gefangenen Koͤnigin und mit mir. Denn der großmuͤthige Huhansien schickte jene dem Koͤnige Pirimal ohne Entgeld nach Hause; welcher aber hingegen Huhansien so viel Perlen und Edelgesteine zum Loͤse-Gelde uͤbersendete/ als die Koͤnigin schwer war. Welchen die Jn- dianer mehr als noch so viel freywillig zulegten. Denn diese Fuͤrstin hatte durch ihre Leutseligkeit ihr die Gemuͤther der Unterthanen so feste ver- knuͤpft/ daß ihrer etliche tausend nach Jalama- ka/ wo die Flammen aus einem Stein-Ritze und einem eyßkalten Brunnen heraus schla- gen/ und in den mit dichtem Golde gepflaster- ten Tempel des Abgotts Matta zu Nagracot wallfartheten/ und fuͤr ihre Erloͤsung dort ihnen ein Stuͤck von ihren Fingern abbrenneten/ oder drey Zaͤhne an statt des Opfers ausrissen/ hier aber ein Stuͤck von ihrer Zunge abschnitten; glaubende; dieser Abgott lasse es ihnen in kur- tzem wieder wachsen. Andere trugen grosse Schaͤtze von Diamanten/ Rubinen/ Saphi- ren/ und koͤstlichen Perlen/ mit welchen dieses Reich gleichsam angefuͤllet ist/ als ein Loͤse- Geld zusammen. Ob nun wohl die Pracht dieses Hofes/ an welchem alle Tage durchs gantze Jahr neue Koͤstligkeiten gebraucht wer- den/ im Anfange des Jahres aber der Koͤnig sich in einer Wag-Schale gegen Edelgesteine/ Perlen/ Gold/ allerhand Fruͤchte abwiegen/ und hernach diese Gewichte den Armen aus- theilen laͤst; das Reichthum des Landes/ da die Gebuͤrge Edelgesteine/ und Balsam schwitzen- de Baͤume/ die Fluͤsse Gold-Sand und Per- len-Muscheln/ die Waͤlder alle Arten des Ge- wuͤrtzes/ die unfruchtbaren Sand-Wuͤsten bey Golconda die seltzamsten Diamanten tragen/ die Forsten mehr als 50000. Elefanten unter- halten/ einen vollkommenen Auszug der Na- tur fuͤrstellete; so empfand ich doch uͤber aller Annehmligkeit ich weiß nicht was fuͤr einen Eckel/ und ich seufzete numehr hertzlich nach meinem wiewohl verborgenem Vaterlande. Zu meinem Gluͤcke beschloß Koͤnig Pirimal eine Botschafft nach Rom zu schicken/ umb den Kaͤyser durch Geschencke und noch groͤssere Ver- heissungen/ zu einem Kriege wider die Scythen/ als die allgemeinen Raͤuber der Welt zu bewe- gen. Die Wissenschafft der Roͤmischen und Griechischen Sprache/ oder vielmehr ein guter Stern/ der mir bey dem Koͤnige/ ich weiß nicht/ aus was fuͤr einer Zuneigung/ aufging/ erwarb mir das Erlaubnuͤß mit zu reisen. Wie wir nun von dem Koͤnige Abschied genommen hat- tẽ/ und in dem Hafen zu Satigan ins Schiff tre- ten woltẽ/ traffen wir auf dem daselbst bey einem herrlichen Tempel sich befindenden weiten Pla- N n n n 3 tze Fuͤnftes Buch tze eine grosse Menge Volcks an/ welches mei- nen Vorwitz veranlaßte mich selbtem zu naͤhern. Jch sahe daselbst eine grosse Anzahl der edelsten und schoͤnsten Weiber/ welche in ihrem koͤstlich- sten Schmuck nach allerhand Saiten-Spielen umb unterschiedene nur zum anzuͤnden fertige Holtz-Stoͤsse von Morellen-Aloe-Sandel- und Zimmet-Holtz tantzten. Kurtz hierauf brachte man eine Reihe eingebalsamter Leichen: von denen mir die Umbstehenden meldeten: Es waͤren die vornehmsten in der Schlacht geblie- benen/ und umb grosse Kosten geloͤseten Herren; die Tantzenden aber ihre Wittiben/ welche sich nach ihren Landes-Gesetzen mit ihnen verbren- nen wuͤrden. Jch naͤherte mich hiermit einer in der Mitten stehenden/ und aus einem einigen Marmel-Steine gehauenen Spitz-Saͤule/ auf welcher oben aus Golde ein sich verbrennender Phoͤnix zu sehen war. Unter dieser Saͤule sind uͤberaus herrliche Grufften gebauet/ in welche der verbrennten Asche in koͤstlichen Gefaͤssern aufgehoben wird. An dem Fusse dieser Saͤule war mit guͤldenen Buchstaben eingeetzet: Jhr Heuchler/ weichet weg von diesen Grabes-Hoͤlen! Wo ieder Todten-Kopf beherberget zwey Seelen. Ein Hertz/ ein Geist/ ein Sinn/ ein Tod/ ein Grab/ ein Graus/ Muß/ wenn’s Verhaͤngnuͤß gleich lescht zwey paar Augen aus/ Allhier vereinbart seyn. Wil auch des Todes Rachen Gleich einen Unterscheid durch halbe Trennung machen/ So zwingt doch’s andre Theil zu sterben ein Gebot Der Liebe. Denn die ist viel staͤrcker als der Tod/ Die zeuget aus der Asch’ ein unverweslich Leben/ Kan Seelen auf zu Gott/ den Ruhm zur Sonnen heben. Und also ist die Lieb’ auch Herr der Eitelkeit/ Und ein keusch Weib durch sie ein Phoͤnix ihrer Zeit. So bald die Leichen oben auf die Holtz- Stoͤsse gelegt waren/ nahmen die nun dem Sterben so nahe Frauen mit lachendem Mun- de und annehmlichen Kuͤssen von ihren Be- freundeten/ unter die sie noch ihren an sich tra- genden Schmuck austheilten/ behertzten Ab- schied; wuschen sich hierauf in einem nahe dar- bey mit Marmel umbsetzten Weiher/ stiegen darmit in der einen Hand eine Pomerantze/ in der andern einen Spiegel haltend/ auf die Staf- felweise gebauten Holtz-Stoͤsse/ setzten sich auf die Leichen ihrer mit Lorbeer-Kraͤntzen ge- schmuͤckten Ehe-Maͤnner/ und machten ihnen die Augen-Lieder auf/ unter tausend Lob-Spruͤ- chen der Umbstehenden/ weil dieser Tod ihnen selbst nicht nur zu kuͤnftiger Ehre/ sondern ihren Maͤnnern auch zu ewiger Freude dienen soll. Zu geschweigen: daß die zu diesem Feuer allzu zaͤrt- liche Wittiben Schandflecken ihres Geschlech- tes/ ein Spott des Poͤfels bleiben/ und ihre See- le so wenig der andern Eh/ als ihr Haupt eini- ger Edelgesteine gewuͤrdiget wuͤrden. Dahe- ro man die sich weigernden Edlen auch wider Willen mit in die Flamme stuͤrtzt/ wie man bey etlichen andern Voͤlckern die Leibeigenen auf ihrer Herren Graͤber abgeschlachtet. Nach- dem nun auf ihr gegebenes Zeichen man unten die Holtz-Stoͤsse anzuͤndet/ und die Flamme an dem uͤberall angehefteten schnellen Zunder empor stieg/ gossen sie aus einem Kruge ein wohlruͤchendes Oel uͤber ihr Haupt/ welches alsobald Feuer fing/ und diese hertzhaften Wei- ber wie ein Blitz im Augenblick toͤdtete. Die Koͤnigin Erato fing hieruͤber laut an zu ruffen: O heiliges Gesetze! O loͤbliche Ge- wohnheit! wolte Gott! es waͤre der gantzen Welt allgemein/ daß kein Weib ihren Ehe- mann uͤberleben doͤrffte! O des nur dieser weib- lichen Großmuͤthigkeit halber ruhmwuͤrdigsten Jndiens! Rhemetalces wolte hierbey seiner Thracier Lob nicht verborgen seyn lassen/ sondern meldete: daß fuͤr Zeiten daselbst des verstorbenen Ehweiber mit einander gerechtet haͤtten/ welche sich mit ihm solte ins Grab scharren lassen. Die vernuͤnftige Thußnelda begegnete beyden mit einem anmuthigen Laͤcheln: Jch wuͤrde der E- rato Meynung Beyfall geben muͤssen/ wenn ich alleine die Heftigkeit meiner Liebe/ so wie sie die ihrige/ hierinnen zum Richter machte. Diese gibet freylich den Verzweifelten Gifft und Messer in die Hand; diese heisset uns die Haare Arminius und Thußnelda. Haare ausrauffen/ die Wangen zerkratzen’/ und uͤber Stock und Stein sich in den tieffsten Ab- grund stuͤrtzen. Aber zu geschweigen: daß der uͤbermaͤssige Schmertz allzu geschwinde verrau- chet/ und daß die erste Hitze sich in weniger Zeit in Eyß verwandelt/ ja die/ welcher heute kein Trauer-Kleid schwartz genung ist/ oder fuͤr wel- cher man die Brunnen zustopfen muß/ morgen die Wangen anstreicht/ und aus dem Trauer- Flor Zierrathen schneidet/ ihr weisses Antlitz darmit auszuputzen; so bin ich der Meynung: Die Vernunft werde einer empfindlichen Wit tib viel maͤssigere Gedancken einrathen/ nemlich: daß die Maͤnner wohl mit Thraͤnen zu bewei- nen/ Weiber aber mit eigenem Blute nicht zu beflecken sind. Nein/ nein/ sagte Erato/ lasset uns unserer Schwachheit derogestalt nicht Pflaumen streichen. So wenig ohne Bluten der Kopf von dem Halse geschnitten werden kan/ so wenig soll ohne derogleichen Strom eine Ehe- Frau sich von ihrem Haupte trennen lassen. Die Natur selbst weiset uns in ihren Geschoͤpfen die Fußstapfen/ in welche wir bey solcher Bege- bung treten sollen; wenn sie den weiblichen Palmbaum gleichsam durch eine unheilbare Traurigkeit verdorren laͤst; wenn man ihm den maͤnnlichen von der Seite gerissen. Ja/ ver- setzte Thußnelda/ dieses aber geschihet nicht durch eine augenblickliche und gewaltsame Ver- fallung/ sondern nach und nach/ und gleichsam unempfindlich. Jch gebe auch nach: daß ein Weib die Helffte ihres Hertzens/ nemlich das Behaͤltnuͤß der Freude mit auf ihres Ehe- manns Holtzstosse verbrennen/ dieses Theil aber/ darinnen die Hertzhaftigkeit stecket/ der Welt zum Beyspiele/ und die Vernunft zu ihres Hau- ses Bestem unversehrt behalten soll. Sie mag in ihrem Wittiben-Stande sich wohl mit ihrer Traurigkeit/ nicht aber mit ihrer Schwaͤche bloß geben. Sie kan wohl ihre Gedancken/ doch darff sie nicht ihren Leib mit dem Schatten ihres verblichenen Ehmanns vermaͤhlen. Sie muß sein Bildnuͤß in ihrem Gedaͤchtnuͤsse/ seine Asche zu ihrem Heiligthume aufheben; aber nicht die Versorgung ihrer Kinder in Wind/ und ihrem Geschlechte auf einmal zwey Wunden schlagen. Wenn der Monde durch Finsternuͤsse von seiner Sonne geschieden wird; verlieret er zwar sein Licht und die Anmuth/ nicht aber seinen Lauff/ noch seine Wuͤrckung. Wie schwartz und trau- rig er scheinet/ verirrt er sich doch nicht aus sei- nem Circkel und er vergißt nicht mit der Zeit auch ein helles Gesicht anzunehmen. Was ist aber bey Entfallung ihres Ehmannes ein Weib in ihren vier Pfaͤlen anders/ als was der Mond in Abwesenheit der Sonne in dem grossen Hau- se der Welt? Diesemnach muß sich jene so wohl als dieser dem gemeinen Wesen zum Besten thaͤtig erzeigen/ und ohne Entfallung der Hertz- haftigkeit statt ihres Ehmanns an die lincke tre- ten. Denn die Schwachheit unsers Geschlech- tes entschuldigt uns so wenig/ als die Blaͤfse das so nutzbare Nacht-Licht. Die Turtel- Taube seufzet und girret ja wohl uͤber dem Ver- lust ihres Buhlen/ aber sie verlaͤst weder ihr Nest/ noch vergißt sie die Erziehung ihrer Jungen; und die verwittibte Adlerin zeucht nichts min- der auf die Jagt/ und wider die Schlangen in Krieg aus. Also muß sicher der Schmertz ihrer Vernunft/ die Liebe aber der muͤtterlichen Erbarmnuͤß aus dem Wege treten. Und da eine Frau ja von einem solchẽ Streiche des Ungluͤcks eine Schramme behalten soll/ muß selbte doch keine Laͤhmde des Gemuͤthes nach sich ziehen. Die Koͤnigin Erato wolte sich noch nicht geben/ sondern setzte Thußnelden entgegen: Es waͤre die groͤste Hertzhaftigkeit/ keine Kleinmuth/ den Tod umbarmen/ wenn er einem gleich den Ruͤ- cken kehrte. Die Versorgung der Kinder waͤ- re fuͤr die Fruchtbaren/ oder vielmehr kleinmuͤ- thigen Muͤtter ein scheinbarer Fuͤrwand; aber im Wercke ein Mißtrauen zu den guͤtigen Goͤt- tern; gleich als wenn diese/ die die Welt versorgtẽ/ verwaͤyseter Kinder Vater zu seyn/ allzu ohn- maͤch- Fuͤnfftes Buch maͤchtig waͤren. Diese haͤtten der hertzhaften Entschluͤssung der tapferen Porcia selbst die Hand geboten. Denn als ihre kleinmuͤthigen Freunde ihr alle Messer aus den Haͤnden geris- sen/ die Armbaͤnder abgestreifft/ und die Haare abgeschnitten/ daß sie selbte nicht zu einem Stri- cke gebrauchen/ und ihrem erblaßten Brutus sich vergesellschaften koͤnte; haͤtten ihr die Goͤt- ter von ihrem Opfer-Tische gluͤende Kohlen zu- gelangt/ so wohl ihrem Leben ein Ende/ als ihrer Liebe ein Vergnuͤgen zu schaffen. Warlich/ versetzte Thußnelda/ ich halte fuͤr ruhmwuͤrdi- ger/ wenn eine Frau ihr Hertze mit ihres Ehe- manns in einen Todten-Topf einschleust; als wenn sie mit seiner ihre Asche vermenget. Jn meinen Augen ist die Carische Koͤnigin Artemi- sia viel groͤsser als die ungeduldige Porcia/ wel- che dem Tode zu Hohne sich von ihrem schon tod- ten Mausolus nicht trennen ließ/ in dem sie ih- rer beyder Bild aus einem Agat gemacht/ in ein Wunderwerck der Welt/ seine Asche in den Tempel ihres eigenen Leibes/ sein Gedaͤchtnuͤß in das Heiligthum ihres steten Andenckens versetzte/ und seinem niemals aus ihrem Ge- sichte verschwindenden Schatten ihr von un- ausleschlicher Liebe loderndes Hertze nicht etwan zu einem bald verrauchenden Jrr-Lichte/ oder einer in wenig Stunden vertrieffenden Be- graͤbnuͤß-Fackel/ sondern zu einem viel Jahre mit gleichem Lichte scheinenden Gestirne an- zuͤndete; ja ihren eigenen Leib zu seinem leben- digen Begraͤbnuͤsse einweihte. Wiewohl ich nicht weiß: Ob man Artemisien nicht jene Mar- singische edle Jungfrau fuͤrziehen soll/ welche aus der Asche ihres erblichenen Braͤutigams eine Sand-Uhr machte/ nach welcher sie ihre Lebens-Zeit abmaß/ und nach seiner Beweg- ligkeit die Unruh ihres Hertzens richtete/ oder auch mit ihren thraͤnenden Augen die Geschwin- digkeit des auslauffenden Aschen-Sandes zu uͤbereilen sich muͤhete. Alle Anwesenden gaben Thußnelden Bey- fall/ und nachdem Erato sich uͤberstim̃t sehende/ nur die Achseln einziehen muste; fuͤgte Zeno bey: daß auch bey denen Jndianern die Muͤt- ter vieler Kinder sich des Holtz-Stosses unnach- theilig entzuͤgen; und erzehlte ferner: daß der Jndianische Gesandte mit seinem Volcke und ihm in der beruͤhmten Handels-Stadt Gan- ges zu Schiffe gegangen/ und mit gutem Win- de an der Desarrenischen und Paralischen Kuͤste bey den Staͤdten Sopatum und Poduca Sud- werts so lange gesegelt haͤtten/ biß sie die Jnsel Taprobana/ welche wegen ihrer haͤuffigen Zimmet- und anderer Gewuͤrtz-Waͤlder einen annehmlichen Geruch etliche Meilen weit in die See gegeben/ erreicht/ und daselbst in der Stadt Cydara sich zu erfrischen ausgestiegen waͤren. Jch muß gestehen/ fuhr Zeno fort/ daß ich dieses Eyland fuͤr den Lustgarten und die Schatz-Kammer der Welt/ und fuͤr den edelsten Kreiß des Erdbodems halte. Die Waͤlder versorgen fast alle Laͤnder mit Zimmet/ derer Baͤume desto koͤstlichere Rinde tragen/ ie oͤffter selbte abgeschelet wird. Hier ist das rechte Vaterland aller Elefanten/ welche an Groͤsse allen andern vorgehen. Die Berge stecken voller Gold/ Rubine/ Smaragden und Sa- phire. Jn dieser Jnsel ist auch der hoͤchste Berg Jndiens/ auf dessen Gipfel in einen Fels ein uͤberaus grosser Fußstapfen eingetreten ist/ den die Einwohner/ wie die Griechen Del- phis/ fuͤr das Mittel des Erdbodems halten/ und nebst einem Elefanten - Kopfe/ welcher ihnen Weißheit verleihen soll/ Goͤttlich ver- chren/ auch ihm daselbst einen Tempel und Altar aufgebauet haben/ auf welchem ein vollkommener Rubin ohne den geringsten Flecken einer Hand breit lang/ drey Fin- ger dicke zu sehen ist/ und des Nachts als ein Licht scheinet. Von dieser Jnsel erzehl- te mir der Gesandte Masulipat/ daß es anfaͤnglich das einige Reich Koͤnig Pirimals gewest/ und nach Abdanckung seines Bruders auf Arminius und Thußnelda. auf ihn verfallen waͤre/ weil in Jndien nichts minder als bey den Arabern die Bruͤder nicht allein den Soͤhnen in der Reichsfolge/ ja auch den Toͤchtern in gemeiner Erbschafft vorgien- gen/ sondern auf der Jnsel Taprobana auch ein altes Herkommen waͤre/ daß die Koͤnige/ so bald sie Erben bekaͤmen/ Zepter und Krone nieder- legen muͤsten/ um das Reich nicht erblich zu ma- chen. Hiervon aber waͤre das sonst die freye Wahl habende Volck bey itzigem Koͤnige Piri- mal abgewichen; indem sie ihn nun nach etli- cher Jahre Vererbung entweder aus Liebe sei- ner Guͤte und Tapfferkeit/ oder aus Furcht sei- ner so weit ergroͤsserten Macht/ ohne Wiederre- de behalten. Seine Tugenden und hingegen die Laster derer Koͤnige/ welche uͤber das vielfaͤl- tig zertheilte Jndien geherrschet/ haͤtten ihm auch das so grosse Reich erworben; in dem die Voͤlcker meist ihre vorige aus Bartscherern und anderm Poͤfel auf den Stul erhobene/ und deß- halben so viel mehr unertraͤgliche Fuͤrsten ver- stossen/ und sich dem so milden Pirimal freywil- lig unterworffen; also/ daß er nicht nur die maͤch- tigen Reiche der Gangariden und Prasier zwi- schen dem Ost-Meere und Ganges/ wider de- rer Koͤnig Agrammes dem grossen Alexander sein Heer nicht haͤtte folgen wollen/ sondern auch alle Laͤnder/ zwischen dem Ganges und Jndus beherrschete/ und derogestalt sechs hun- dert Koͤnigen zu gebieten gehabt haͤtte. Diß a- ber/ was er uͤber dem Flusse Caor/ Cosmin und Martaban besaͤsse/ haͤtte er als ein von Jndien durch den Koͤnig Hiaouv abgerissenes Antheil Jndiens denen Serern/ ingleichen das zwi- schen dem Flusse Arabs/ Etymandrus/ und Jn- dus gelegene Koͤnigreich Gedrosia den Parthen durch die Waffen abgenommen. Als er nun auch von den Scythen das eroberte Land Paro- pamisis und Arachosien wieder zu suchen ver- meinet/ waͤre er in diesen ungluͤckseligen Krieg verfallen/ zu einer nachdencklichen Erinne- rung/ daß das Rad des Gluͤckes am allerhefftig- sten loßschlaͤgt/ wenn man vermeinel es am al- lerfestesten angenagelt zu haben; und daß dieser allgemeine Abgott der Sterblichen auch diesel- bige Hand mit seinem Feuer verletzet/ die ihm gleich den Weyrauch auf sein Altar streuet; ja mit seinem uͤberrennenden Wagen zerqvetschet/ die fuͤr ihm taͤglich zu Fusse fallen/ oder auff ihn alle ihre Hoffnung anckern. Jedoch haͤtte Koͤ- nig Pirimal sich seines itzt ungluͤcklichen Krie- ges halber weder uͤber seine Diener/ noch uͤber die Goͤtter zu beschweren. Sintemal jene ihm iederzeit mit den streitbaren Scythen zu kriegen beweglich widerrathen; diese ihn auch/ als er in das Paropamisische Gebuͤrge einbrechen wol- len/ deutlich genung gewarniget haͤtten. Denn als er an dem Flusse Hyphanis bey denen da- selbst vom grossen Alexander aufgerichteten stei- nernen Altaͤren geopffert haͤtte; waͤren neun den Scythen heilige Nacht-Eulen/ aber der Jndianer verhaste Ungluͤcks-Voͤgel von dem Gebuͤrge hergeflogen kommen/ haͤtten sich auff die Spitzen der Altaͤre gesetzt/ und nicht allein gegen den Koͤnig Pirimal ein heßliches Ge- schrey angehoben/ sondern auch ihren Koth in seine Opffer-Feuer fallen lassen. Er Masuli- pat selbst haͤtte noch den Koͤnig erinnert/ daß er an diesem merckwuͤrdigen Orte nach dem Bey- spiele des grossen Alexanders/ wie auch des Bac- chus/ des Hercules/ der Semiramis/ und des Cyrus seinen Siegen ein Graͤntzmal/ seiner Großmuͤthigkeit ein Maaß ausstecken moͤchte. Alleine Pirimal haͤtte ihm geantwortet: wenn er Alexanders Vorbild solte seine Richtschnur seyn lassen/ muͤste er/ wie jener bey Betretung Asiens/ hier zwoͤlf Altaͤre/ als den Anfang seiner Siege/ und an dem Gestade des Scythischen Nord-Meeres sein Ziel mit zwoͤlf andern stei- nernen Saͤulen bezeichnen. Sintemal er noch viel zu erobern haͤtte/ was seiner Jndiani- schen Vorfahren gewest waͤre. Also deutete der Himmel zwar allezeit kuͤnfftige Unfaͤlle an/ aber das Verhaͤngnuͤß verstockte die Gemuͤther Erster Theil. O o o o derer Fuͤnfftes Buch derer zum Ungluͤck versehenen Menschen/ daß sie entweder nichts saͤhen/ oder nichts glaͤub- ten. Wie nun wir auf Taprobana nicht so wohl ausgeruhet/ als in hundert Lustgaͤrten unsere Luͤsternheit mit tausenderley Wollust gesaͤttigt hatten/ auch der gluͤckselige Tag/ da der Mon- de zum ersten herfuͤr kommt/ anbrach/ machten wir uns alle zur Reise fertig; der Gesandte Masulipat aber ging mit den Seinigen baar- fuͤßig/ und mit der rechten Hand zuvor in ein unter dem hohen Verge liegendes/ und dem Abgotte Annemonta/ oder dem Winde gewied- metes Heiligthum/ um eine gluͤckliche Schif- farth zu erbitten. Welche Verehrung/ wie sie mir an sich so befremdet nicht fuͤrkam/ weil auch die Phoenicier und Augustus in Gallien dem Winde einen Tempel/ die von Athen auff Befehl des Delphischen Apollo beym Anzuge Xerxens ein Altar gebauet; Also wuste ich nicht zu begreiffen/ daß der Abgott unter der Ge- stalt eines in Gold eingefasten Affen-Zahnes verehret ward; ungeachtet die Egyptier/ die Pittecusier und Araber ihren Anubis und Mercur wie einen Affen abbilden und bedie- nen. Wir segelten aus der Stadt Cydara mit einem bestaͤndigen Ost-Winde unter dem Ey- lande Leuce bey der Sud-Spitze Jndiens/ und den Sesecrienischen Jnseln vorbey/ und wie- wohl ich durch meine Serische Magnet-Na- del dem Schiffer ein gerader Wegweiser seyn wolte/ traute er doch nicht/ sondern hielt sich an die Ufer bey Nelcynda/ Tyndis/ Tirannobas/ Cammoni/ Herone und Acabaris. Massen wir denn auch in dem Baracischen Seebuseme auff dem Eylande Cilluta/ dem Einflusse des Jndus gegen uͤber/ um frische Lufft zu schoͤpf- fen ausstiegen/ hierauff an der Gedrosischen Kuͤste unter den Eylanden Crocala/ Bibracte/ Carmine/ biß an die der Sonne und dem Se- rapis gewiedmete Jnsel Nosola fortse gelten/ in willens in den Persischen Seebusem einzulauf- fen. Ein hefftiger Nord-Nord-Ost-Wind a- ber trieb uns wider Willen auff die Arabische Kuͤste gegen die Zenobischen Eylande hinauff. Die annehmliche Unterredung mit dem Ma- sulipat verkuͤrtzte mir nichts minder den Weg als die Tage/ und Zarmar/ ein mit ihm reisen- der Brahman gewan mich nach unterschiedener Tage Unterredungen so lieb/ daß/ ob diesen Jn- dianischen Weisen zwar in ihrem uhralten Ge- setzbuche die Geheimnuͤsse ihres Glaubens und Weißheit/ nichts minder als bey den Griechen den Elevsinischen Gottesdienst/ andern Jndia- nischen Staͤmmen/ noch mehr aber Fremden zu entdecken verboten war/ ich taͤglich von ihm etwas zu lernen bekam. Rhemetalces fing an: Es ist diß fast allen Voͤlckern gemein/ daß ihre Priester die Heimligkeiten ihres Glaubens und Gottesdienstes so verborgen halten. Die E- gyptier haͤtten in diesem Absehn von ihrer Jsis geruͤhmt/ daß kein Sterblicher sich iemahls un- terstanden haͤtte ihr den Schleyer abzuziehen. Sie haͤtten in alle ihre und des Serapis Tem- pel das Bild des den Mund mit der Hand be- deckenden Harpocrates gesetzt/ zur Erinne- rung/ daß hier alles verschwiegen seyn solte. Die Juden haͤtten mit tausend Fluͤchen den Ptolomeus uͤberschuͤttet/ daß er ihr Gesetzbuch Griechisch uͤbersetzen lassen. Der Elevsini- sche Gottesdienst doͤrffte in Griechenland bey Lebens-Straffe nicht entdecket werden. Des Pythagoras fuͤnffjaͤhriges Stillschweigen/ und sein Gebot/ daß niemand an seinem Finger ei- nen Ring tragen solle/ in welchen Gottes Bild oder Nahmen gegraben waͤre/ zielete nirgends anders hin/ als auff die Verhoͤlung des Got- tesdienstes. Zu Athen wuͤrde auff einem ge- wissen Altare dem verborgenen Gotte geopf- fert. Die Scythen bildeten zu dem Ende ih- ren Anacharsis derogestalt/ daß er mit der lin- cken Hand seine Geburts-Glieder bedeckte/ mit Arminius und Thußnelda. mit der rechten ihm den Mund zuhielte. Und vom Mercur sagte man/ daß er eine stumme Goͤttin geheyrathet haͤtte. Hertzog Herr- mann fing an: Jch muß unsere Druyden auch hierzu rechnen/ welche die sich in ihre Gemein- schafft begebende Edelknaben gantzer zwantzig Jahr lang in geheim unterrichten; auch ihre Geheimnuͤsse gar nicht aufschreiben/ ihre Lehr- linge mit theuren Eyden faͤsseln/ daß sie nichts von ihren hohen Lehren/ insonderheit aber dem Poͤfel nicht eroͤffnen doͤrffen; auser diß/ was zu der Tapfferkeit zu wissen noͤthig ist/ nehmlich/ daß die Seelen unsterblich sind. Massen denn die Deutschen durchgehends fuͤr heiliger halten/ Goͤttliche Geheimnuͤsse glaͤuben/ als derselben Wissenschafft ergruͤbeln wollen. Eben diß/ sagte Zeno/ nehmen auch die Egyptier/ Seren und Jndianer in acht; welche letztern fuͤr die Gelehrten eine gantz absondere Schreibens- Art haben/ die ersten aber alle Weißheit unter tunckele Sinnenbilder verstecken/ fuͤr die Thuͤ- ren ihrer Tempel einen Sphynx setzen/ beyde aber sich sonderlich in acht nehmen ihren Wei- bern nichts hiervon zu vertrauen. Weßwe- gen ich mich selbst noch verwundere/ daß dieser Weise mit mir Fremden so vertraͤulich ward. Der Gesandte Masulipat entdeckte mir an- fangs/ als ich mich uͤber die Einsamkeit die Klei- dung und Sitten dieses Weisen wunderte/ in- sonderheit/ daß er weder einiges Fleisch aß/ noch den Koͤniglichen Gesandten seiner Taffel wuͤr- digte; Es haͤtten diese Weltweisen ihren Nah- men vom Brahma/ den unser Plato das Wort des einigen Gottes nennte/ welcher aus einer waͤßrichten Blume/ die dem auff dem Wasser mit der Zehe im Munde spielenden einigen Gotte aus dem Nabel gewachsen seyn solte/ ent- sprossen waͤre/ und durch den so wohl als durch den Geist und die Seele der Welt Gott Him- mel/ Erde und Meer erschaffen haͤtte. Der erste Brahman waͤre gewest Kaßiopa/ den Gott durch Brahma nicht vermittelst einer Frauen/ sondern nach seinem Willen aus Erde erschaf- fen. Dieser Kaßiopa haͤtte mit seinem from- men Weibe Diti die Brahminen gezeuget/ welche aus zweyen von ihr gelegten Eyern/ wie die Kinder der Leda und die Syrische Goͤttin Atargatis waͤren ausgebruͤtet worden. Sie haͤtten anfangs ihren Auffenthalt zwischen dem Phrat/ Tiger und in Syrien biß auff Abram gehabt; hernach aber waͤren seine und der Chettura Kinder in Magulaba ein Theil Ara- biens/ und so fort in Jndien kommen. Sie haͤtten Wissenschafft aller Geheimnuͤsse im Himmel und der Hoͤlle/ und deßhalben die Ser- ge fuͤr die Seelen/ und die Verpflegung der Todten. Sie waͤren als das angenehmste Ge- schlechte Gottes von aller Arbeit/ Auflage und Dienstbarkeit befreyet; Hingegen muͤsten alle andere Geschlechte sie versorgen/ und den drit- ten Theil der Einkunfften vom Lande ihnen lie- fern. Ja auch die Edlen waͤren begierig ihnen zu dienen/ und fuͤr sie das Leben zu lassen/ weil Gott jenes fuͤr einen ihm selbst geleisteten Dienst annehme; dieses aber sie nicht/ wenn die Son- ne Sudwaͤrts laufft/ da nehmlich die Sterben- den nicht in den freudigen Ort Surgam kom- men koͤnten/ sterben liesse/ sondern sie unzweif- felbar in solch Paradiß nach dem Tode versetzte. Die Koͤnige erwiesen selbst ihnen demuͤthige Ehrerbietung/ welche Zepter und Krone zu tragen ihrem Geschlechte allzu veraͤchtlich hiel- ten/ als welche alleine aus dem Haupte des Brahma entsprossen waͤren; dahingegen die Edlen und andere nur aus seinen andern Glie- dern den Uhrsprung haͤtten. Wiewol sie gleich- wol dem gemeinen Wesen zum Besten ihre Ge- sandten und Raͤthe zu seyn nicht verschmaͤheten. Kein Richter haͤtte Macht uͤber ihr Haupt den Stab zu brechen/ wenn ihre Verbrechen gleich vielfaͤltig den Todt verschuldet haͤtten. Hinge- gen waͤre es eine der fuͤnf groͤsten Suͤnden einen O o o o 2 Brah- Fuͤnfftes Buch Brahman toͤdten/ und der Todschlaͤger muͤste mit entbloͤstem Haupte/ ungewaschenen Glie- dern/ und zerrissenen Kleidern zwoͤlf Jahr in des Ermordeten Hirnschale Allmosen sam̃len/ auch alles gebettelte daraus essen und trincken. Welche Beschreibung mir genungsam zu ver- stehen gab/ daß diese Leute in Jndien hoͤher/ als bey den Egyptiern die Priester/ bey den Per- sern die Weisen/ bey den Galliern die Druy- den/ bey den Spaniern die Turditanen am Brete waͤren. Diesemnach unterließ ich nicht durch tieffe Ehrerbietung seine Gewogenheit zu gewinnen/ und so wol durch Erzehlung unse- rer Weißheits-Lehren/ als durch Verwunde- rung uͤber ihrer tiessinnigen Geheimnuͤsse ihm ein und anders heraus zulocken. Meine erste Sorgfalt ließ ich uͤber seiner Kleidung und Auf- zuge aus/ und erforschte: warum sie auch bey rauhem Winde nichts als die Geburts-Glieder mit Leinwand verdeckten? Warum sie ein von dreyen gezwirneten Schnuͤren zusammen ge- fuͤgtes Band uͤber die lincke Schulter gegen der rechten Seiten unter dem rechten Arme truͤ- gen/ und niemals ablegten? Der Brahman Zarman laͤchelte/ und fing an: Mein Sohn/ warum binden die Priester des Jupiters zu Rom/ welche nicht mit unbedecktem Haupte ge- hen doͤrffen/ ihnen einen Fadem um das Haupt/ und bleiben zulaͤßlich unbedeckt? Und warum hencken die Richter in Egypten einen Vogel an Hals? Warum tragen die Priester eine Muͤtze von duͤnner Leinwand auf dem Haupte? Die auf dem Eylande Madagascar an denen zwey voͤrderstern Fingern lange Naͤgel wie Vo- gelklauen? Wie ich nun ihm hieruͤber keinen gewissen Bescheid zu geben wuste/ fuhr er fort: Gott/ dessen taͤgliche Priester wir sind/ wollen von uns Nackten die Opffer empfangen/ zur Anzeigung/ daß unsere Andacht keine Huͤlle irrdischen Beysatzes haben/ sondern die reine Seele sich ohne anhangenden Leim der Erde/ oder ohne den Firnuͤß der Heucheley zu Gott schwingen solle. Daher einige unserer Bruͤ- der aus Jrrthum keinen Faden an ihrem Leibe leiden. Aber wer wolte glauben/ daß Gott ei- ne solche Bloͤsse beliebete/ welche eine Decke der Uppigkeit/ und eine Ursache der Aergernuͤß seyn kan. Unsere Huͤlle ist wie der Egyptischen Priester nicht aus Wolle/ sondern aus Lein- wand bereitet. Denn jener Uberfluß der Thie- re stehet der Priester Reinligkeit nicht an; wol aber der Flachs/ der mit seiner blauen Blume die Farbe des Himmels/ mit seinem aufwaͤrts steigenden Staͤngel aber die Aufschwingung der Seele von irrdischem Staube fuͤrbildet. Jedoch ist diese meine Huͤlle aus einer gantz an- dern vom Feuer unversehrlichen Leinwand be- reitet/ welche von ihren Flecken nicht durch Wasser/ sondern durchs Feuer gesaubert wird. Denn dessen Gebrauch ziehen die Heiligen alle- zeit dem Wasser fuͤr; nicht zwar/ daß wir mit denen albern Persern und Chaldeern das Feuer fuͤr einen Gott halten; Denn weder dieser Voͤl- cker Weisen/ noch ihr Lehrmeister Zoroaster/ der in ihre Tempel/ Palaͤste und Hoͤlen das Feuer zum ersten eingefuͤhret/ hat diesen Aberglauben gehabt/ sondern solches allein als ein Ebenbild des alles verzehrenden Gottes andaͤchtig be- trachtet/ und daher eingefuͤhret/ daß in den Opf- fern des Horus von Pfirschken/ in des Osiris vom Lorberbaume/ in der Jsis von Wermuth das Holtz verbrennet/ und in den heiligen Oer- tern viel Ampeln angezuͤndet werden musten; wiewol Gott/ der das Licht selber ist/ dieser Lich- ter gar nicht bedarf. Dieses Absehen/ und daß die Seele sich noch fluͤchtiger/ als das mehr unreine Feuer zu Betrachtung Gottes/ der sich einem unserer Heiligen in einem Pusche in Gestalt des Feuers offenbaret/ empor heben solle/ ver- anlasset mich mit dieser feurigen Leinwand etli- che Glieder zu verhuͤllen/ und meinen Leib zu Erduldung gleichmaͤßiger Flammen geschickt zu machen. Das dreygezwirnte Band aber/ welches wir selbst ohne Spinnrad aus freyer Hand Arminius und Thußnelda. Hand bereiten/ und wenn selbtes zerschleist/ ehe wir einige Speise zu uns nehmen/ ergaͤntzen/ jaͤhrlich auch im fuͤnfften Monate verneuern muͤssen/ ist nicht nur unsers Geschlechtes eigen- thuͤmliches Kennzeichen/ ohne welches niemand fuͤr einen Brahman erkennet werden darf/ und daß wir schon den zwoͤlften Tag unsers Lebens bey einem heiligen Opffer-Feuer anlegen/ so bald uns die Eltern einen Nahmen geben/ und zum Merckmale unserer Gott ewig-schuldigen Dienstbarkeit die Ohren durchbohren lassen. Warum aber ist dir/ mein Sohn/ nicht eben so wol seltzam/ daß ich wider meine Landes-Art meine Haare biß auf einen auf dem Wirbel be- haltenen Puͤschel abgeschnitten; Zumahl die Abschneidung der Haare eine der schimpflichsten Straffen der Ubelthaͤter ist? Oder auch/ daß ich meine Brust taͤglich mit Kuͤh-Koth beflecke/ und darauf gewisse Ringe zeichne? Wie ich nun/ fuhr Zeno fort/ um die Ursache dieser Geheim- nuͤsse demuͤthige Nachforschung that; verfolgte Zarmar seine Erklaͤrung: die Abschneidung der Haare habe ich durch ein Geluͤbde in dem Tem- pel zu Tripeti fuͤrgenommen. Denn nach dem ich in mir die Liebe gegen Gott allzu kalt- sinnig oder vielmehr erstorben verspuͤret/ hat mich beduͤncket/ ich haͤtte uͤber dem Tode meiner suͤndigen Seele mehr Ursache/ als uͤber das Ab- sterben eines Freundes diese denen Egyptiern/ Assyriern und Jndianern gewoͤhnliche Kla- gens-Art anzunehmen/ oder mich dessen zu ent- bloͤssen/ was die/ derer Leib nur erbleichen soll/ ihnen abscheren lassen/ und mich selbst gegen Gott fuͤr einen Ubelthaͤter zu erklaͤren; als von ihm ein strenges Verdammungs-Urthel zu er- warten. Diese von geaͤschertem Kuͤh-Koth auf meinen Bruͤsten gemachte Ringe/ welche insgemein fuͤr Schilde wider den hoͤllischen Richter gehalten werden/ lasse dich nicht als a- berglaͤubische Zaubereyen aͤrgern. Denn ob wol unser Hiarchas und Tespion/ so gut als Budda bey den Babyloniern/ Hermes bey den Egyptiern/ Zoroaster bey den Persen/ Zamol- xes bey den Thraciern/ Abbaris bey den Nord- Voͤlckern nicht nur durch ihre kraͤfftige Zeichen Geister beruffen/ grausamen Thieren den Ra- chen zuschluͤssen/ Todten-Koͤpffe redend ma- chen/ sondern auch durch natuͤrliche Krafft hoͤl- tzernen Gefluͤgel den Gesang und Flug/ kuͤpf- fernen Schlangen das Zischen und die Bewe- gung geben/ aus Asche in wenig Zeit frische Blumen und Kraͤuter zeugen/ wie die Psyllen die Schlangen eines gantzen Landes auff einen Hauffen zusammen bringen/ und wie Orpheus mit ihrem Gesange das Ungewitter stillen koͤn- nen; so haben doch diese Merckmale viel ein heiliger Absehen. Wie die Egyptier durch ei- ne ihren eigenen Schwantz anbeissende Schlan- ge die stete Wiederkehr der Zeit fuͤrstellen; also erinnern uns unsere Zirckel des einigen We- sens/ welches weder Anfang noch Ende hat/ nehmlich des ewigen Gottes. Denn dieser al- lein ist der unbegreifliche Kreiß/ dessen Mittel- punct allenthalben/ dessen Umschrenckung nir- gends ist/ welcher in allen Dingen ist/ ohne daß er darinnen beschlossen sey/ und auser aller Din- ge/ ohne ausgeschlossen zu seyn. Er ist hoͤher als der Himmel/ tieffer als die Hoͤlle/ ausge- streckter denn die Erde/ und ausgegossener als das Meer. Wie alle Zahlen in der Eines/ alle Striche im Mittelpuncte begriffen sind/ also befinden sich alle Sachen in ihm/ welcher al- les in allem ist. Welcher mit nichts/ als mit unserm Verstande erblickt/ keinesweges aber von der Vernunfft/ sondern nur mit unser An- dacht umarmet werden kan/ iedoch derogestalt/ daß keine Weite vieler Welten seine unmaͤßbare Groͤsse/ keine Zeit seine Ewigkeit/ kein Geist seine Weißheit/ keine Tugend seine Guͤte/ kein Werck seine Macht nur mit Gedancken be- greiffen koͤnne. Daß wir uns aber mit Koth und Asche bezeichnen/ haben wir sterbliche Men- schen/ die wir im Leben Koth/ nach dem Tode Asche sind/ erhebliche Ursache. Jedoch kom- O o o o 3 met Fuͤnfftes Buch met dieses mit Fleiß von einem heiligen Thiere/ um uns zu erinnern/ daß dem grossen Gotte nichts/ was zu seinem Dienste andaͤchtig ge- wiedmet wird/ zu veraͤchtlich sey/ und daß wir das irrdene Gefaͤsse unsers zerbrechlichen Lei- bes mit einem frommen Leben einbalsamen sol- len. Zeno berichtete hierauf; Er habe den Brahman gefragt: warum sie denn die Kuͤhe fuͤr so heilige Thiere hielten? indem er ihre Bil- der nicht nur in ihren Tempeln haͤussig gefun- den/ sondern auch gehoͤrt/ daß ein Brahman e- he sterben/ ja lieber das Fleisch seiner Eltern/ als von einer Kuh essen wuͤrde. Zwar haͤtten die Athenienser und Roͤmer fuͤr Zeiten bey Le- bens-Straffe ein Rind zu schlachten verboten; ja jene haͤtten sie nicht einst ihren Goͤttern zu Opffern gegoͤnnet; aber diß waͤre nicht wegen ihrer eingebildeten Heiligkeit/ sondern ihrer Nutzbarkeit halber geschehen/ weil sie nicht allei- ne der Ackers-Leute Arbeits-Gefaͤrthen waͤren/ sondern auch mit ihrem Miste den Bodem tin- geten/ und die Kuͤh ihre Milch den Sterblichen gleichsam zur ersten Speise gegeben haͤtten. Worauf aber Zarmar versetzt: Warum von den Lybiern die Boͤcke/ von den Voͤlckern in der Atlantischen Jnsel die Schlangen/ von den Egyptiern Zwiebeln/ Katzen und eben die Och- sen so hoch verehret wuͤrden? Zwar billigte er nicht den Aberglauben des unverstaͤndigen Poͤ- fels/ welcher das Vorbild mit dem geheimen Verstande vermischten/ und wenn sie die Heilig- keit in das Fell und die Knochen dieser Thiere einsperreten/ die Spreu fuͤr den Weitzen erkie- seten/ und daher auch dieselben/ welche sich zu ihres Geschlechtes Glauben bekenneten/ aus einer allzu thummen Andacht ihre Speisen sechs Monate mit Kuͤhmiste vermischten. Aber er solte die Brahminen/ von welchen die Egy- ptier allererst ihren Gottesdienst/ wiewol mit nicht geringer Verfaͤlschung bekommen/ eben so wenig fuͤr so alber ansehen/ daß sie eine Kuh fuͤr eine Goͤttin/ oder einen Ochsen/ wormit bey den Jndianern Basira/ bey den Egyptiern Serapis/ bey den Juden Joseph fuͤrgestellt wuͤrde/ fuͤr einen Gott hielten/ als andere Voͤl- cker/ welche noch veraͤchtlichere Thiere darfuͤr verehret. Unter diesen geringen Schalen waͤre ein koͤstlicher Kern verborgen; Nicht zwar/ daß nach dem Aberglauben des Poͤfels ei- ne Kuh mit ihren Hoͤrnern die Welt-Kugel un- terstuͤtzte/ sondern mit diesem Thiere haͤtten so wol ihre Vorfahren/ als andere Voͤlcker die Fruchtbarkeit der Natur abgebildet; also/ daß wie ihm zu Memphis ein Priester erzehlet/ auch die Roͤmer die Vorsicht des Korn-Vogts Mi- nucius/ die Egyptier das Grab ihres Serapis mit dem Bilde eines verguͤldeten Ochsen be- schencket haͤtten. Und dem Egyptischen Osiris waͤre von Gott in einem Traume durch sieben magere und fette Kuͤh der Mangel und Uberfluß kuͤnfftiger Jahre entdecket worden. Warum solten sie nicht das Bild des goͤttlichen Segens in ihre Heiligthuͤmer setzen/ nach dem es die Vorwelt nicht ohne Nachdencken unter die zwoͤlf himmlischen Zeichen gestellet? Ge- wiß/ dieses Geheimnuͤß/ warum die Egyptier allein einen rothen Ochsen opffern/ warum die Juden allein mit der Asche einer rothen Kuh/ die durch Anruͤhrung eines Todten sich befle- ckenden/ zu ihrer Reinigung besprengen/ waͤre durch kein Nachsinnen zu ergruͤnden; es wuͤrde aber dessen Auslegung in weniger Zeit kund werden. Dannenhero muͤste ein Weiser aus dem kalten Kieselsteine eines rauhen Vorbildes das Feuer eines heilsamen Verstandes herfuͤr bringen. Sintemahl bey ihnen und andern Voͤlckern der blinden Vernunfft noch wol aͤr- gerlicher zu seyn schiene/ daß die Egyptier und Roͤmer an dem Feste des Osiris und Bacchus das maͤnnliche/ die Syracusier an ihrem Thes- mophorischen Feyer das aus Honig und Gesaͤ- me gefertigte weibliche Geburts-Glied/ wir beydes vereinbart in Tempel setzen/ zur Schaue tragen und verehren; da man doch hier durch theils Arminius und Thußnelda. theils die zeugende/ theils die empfangende Krafft der fruchtbaren Natur andaͤchtig fuͤrbil- dete. Am allerwenigsten aber waͤre sich zu ver- wundern/ daß sie sich so sehr fuͤr Speisung des Rindfleisches enteuserten/ welches so vielen Voͤlckern ein goͤttliches Vorbild gegeben haͤtte; nach dem auch die Juden lieber stuͤrben/ als von Schweinen nur wegen ihrer Unreinigkeit spei- seten/ Sostrates und andere haͤtten ihr Lebetage sich alles Fleisches enthalten/ und mit Milch vergnuͤget/ weil sie gesehen/ daß weder das Fleisch zur Nahrung dienlich waͤre/ noch die Natur uns mit einigen zum Fleisch-Essen ge- schickten Werckzeugen geschaffen haͤtte. Zeno berichtete hierauf: Er haͤtte bey dieser Gelegen- heit dem Brahman einen Einwurff gethan/ daß sie aber auch keines andern Thieres Fleisch zu essen pflegten/ ob diese denn alle goͤttliche Bilder waͤren? So koͤnte er auch nicht begreif- fen/ warum die Brahminen des Tages nur ein- mal/ und zwar mit keinem Menschen/ ja so gar mit ihren eigenen Ehweibern/ die eines an- dern Geschlechts waͤren/ nicht speiseten/ noch ihre Gefaͤsse brauchten/ oder doch im Nothfalle das Wasser daraus in ihren Mund ohne Be- ruͤhrung der Lippen schuͤtteten/ und so gar den Koͤnig selbst ihrem Essen nicht zuschauen liessen. Worauf ihm Zarmar geantwortet haͤtte: Wol- te Gott! unsere Natur vertruͤge/ daß wir gar nicht essen doͤrfften/ wormit der Leib mit der Zeit die Seele nicht wegen der ihm durch Ubermaß angefuͤgten Feindschafft verklagen doͤrffte/ hin- gegen man Gott taͤglich mit Fasten dienen koͤn- te. Denn wie Gott der Trunckenheit und Schwelgerey todt-feind ist/ also daß/ vermoͤge eines alten Gefetzes/ ein iedes Weib bey uns ei- nen trunckenen Koͤnig nicht allein unstraͤflich toͤdtet/ sondern auch dem folgenden Koͤnige zur Belohnung vermaͤhlet wird; also ist Gott ein nuͤchterner Mund/ und ein andaͤchtiges Hertze das annehmlichste Heiligthum. Wel- ches auch euer Empedockes verstanden/ welcher allezeit zu fasten rieth/ so offt ein Mensch was uͤbels gethan hatte/ oder in Noͤthen steckte. Ja die bey euch das Feyer der reichen Ceres bege- hen/ muͤssen ihr fuͤr ihren Uberfluß mit Fasten dienen. Zu dem hat Gott dem allerersten Menschen ein Gesetze gegeben/ daß er sich des Fleisches enthalten/ und nur von Feldfruͤchten leben solte. Unsere Einsamkeit aber ruͤhret aus keiner Hoffarth her/ sondern es dienet uns zu steter Erinnerung/ daß die/ welche allein Gott zu dienen gewiedmet seyn/ nicht viel Gemein- schafft mit Weltgesinnten haben sollen. Denn die Gemuͤther der Sterblichen bleiben leichter an irrdischer Wollust/ als die Vogel an der Leimruthe kleben. Die Muͤcke fleucht in das Feuer/ ob sie gleich darinn eingeaͤschert wird/ und der Fisch greisset nach der Angel/ ob gleich nur ein Stuͤcke Aas daran klebt/ und es ihm das Leben kostet. Und warum halten auch bey euch unterschiedene Voͤlcker die fuͤr unrein/ die nur eine Leiche anruͤhren? Warum doͤrffen die Priester des Jupiters zu Rom die Bohnen/ weil man sie zu Todten-Mahlzeiten und Leichen- bestattungen gebrauchte/ weder anruͤhren noch nennen? Glaube aber/ daß niemand mehr todt sey/ als in dem die Begierde Gott unaufhoͤrlich zu dienen erkaltet ist. Dannenhero muͤssen un- sere suͤndigen Pereaes ihre Brunnen und Haͤu- ser mit Todtenbeinen bezeichnen; wormit selbte iederman fliehe/ und niemand sich auch nur durch ihr Wasser/ oder den Schatten ihres Da- ches verunreinige. Und zu Memphis habe ich selbst wahrgenommen/ daß die/ welche mit Schweinen umgehen/ weder die Tempel/ noch die Wohnungen der Priester betreten doͤrffen. Uberdiß vertraͤgt auch unser bey der Mahlzeit gewoͤhnlicher Dienst so wenig/ als die Kost keine Gemeinschafft der Unwissenden. Wir selbst muͤssen uns mit Jsop und Springwasser reinigen/ unsere Stirne zur Erinnerung der Fuͤnfftes Buch der Sterbligkeit mit Todten-Asche bezeichnen/ unsern Leib waschen/ unsere Glieder mit Wey- rauch beraͤuchern/ den Mund ausspuͤlen/ ein sauberes Kleid anlegen/ unsere Gebete verrich- ten/ einander rechtfertigen/ wie viel ieder selbi- gen Tag in Erkaͤntnuͤß Gottes und heiligem Wandel zugenommen habe; die Nachlaͤßigen aber von dem Tische hinweg und zur Thuͤre hinaus stossen/ ja die Speisen mit geriebenem Holtze bitter machen/ oder uns auch gar mit die- sem Wasser und Holtze vergnuͤgen; worfuͤr die Zaͤrtlinge dieser Welt/ denen auch offt fuͤr den niedlichsten Speisen eckelt/ eine Abscheu oder Verdruß haben wuͤrden. Hieraus kanst du/ mein Sohn/ nun selbst unschwer ermessen: warum wir uns des Fleisches/ als der Wuͤrtze menschlicher Begierden/ enteusern; ja auch die/ welche den Himmel ihnen ohne Umweg zu er- langen gedencken/ entschlagen sich eines uns sonst gewoͤhnlichen Feyers/ auf welchem ein Vieh erstecket/ und auff dem Feuer geopffert wird/ weil die Opffernden das Hertze davon zu zertheilen und zu essen pflegen. Zeno fuhre fort/ und vermeldete/ daß Zarmar wegen des Fleisch-essens ihm nur einen blauen Dunst fuͤr die Augen zu machen gemeinet; daher er ihm entgegen gesetzt: weil er glaubte/ daß die Opf- fernden sich so wol/ als bey ihnen die Priester bey den Opffern der Hecate alles Essens enthalten koͤnten/ und wahr genommen haͤtte/ daß die Jn- dianer das Leben der Thiere mit Geld erkauff- ten/ zu ihrem Unterhalt heilige Stifftungen machten/ und auch denen veraͤchtlichsten/ oder sie verletzenden Thieren noch liebkoseten/ die verstorbenen Rinder praͤchtig beerdigten; muth- maste er/ es muͤsse eine andere geheime Ursache hierunter verborgen seyn. Zarmar aber be- gegnete mir: Jeder Gottesdienst haͤtte seine be- sondere Eigenschafft/ und auff ihrem Feste muͤ- ste das Hertze des Thieres gessen werden. Was aber doͤrffte ich uͤber ihrer Speise so sorgfaͤltig seyn; stuͤnde doch zu Athen in dem Elevsinischen Tempel unter den Gesetzen des Triptolemus in Ertzt eingegraben: Man solle nicht Fleisch essen. Kein Egyptier/ auser die von Lycopo- lis/ esse von einem Schaffe/ ihre Priester zu hei- ligen Zeiten von keinem Thiere/ ja so gar nicht Eyer und Milch/ weil diese ihr Blut/ jene ihr Fleisch waͤren; die Priester des Jupiters zu Rom von keiner Ziege/ die Britannier von kei- nem Hasen/ Huhne oder Ganß. Und zur Zeit des weisen Ptolomeus habe ein Egyptier uͤber seine eigene Mittel vom Koͤnige funfzehn Ta- lent Silber geborgt/ und auf das Begraͤbnuͤß- Gepraͤnge seiner fuͤr Alter gestorbenen Kuh zu Memphis verwendet. Zeno berichtete: Er haͤtte sich hiermit noch nicht abweisen lassen wol- len/ sondern um ihm recht auf den Puls zu fuͤh- len/ dem Brahman Einhalt gethan: warum aber die heiligsten unter ihnen wegen der auch denen Kraͤutern eingepflantzten Seele ihnen ein Gewissen machten/ ein Kraut mit seiner gantzen Wurtzel oder Stengel auszureissen/ sondern nur zu ihrem unentbehrlichem Unter- halt die eusersten Blaͤtter abbraͤchen? Er solte ihm daher nur frey heraus sagen: Ob sie nicht/ wie Pythagoras/ die Wanderschafft der See- len in Thiere und Kraͤuter glaubten/ welcher da- her lieber in die Haͤnde seiner Moͤrder verfal- len/ als in die wachsenden Bohnen sich verste- cken/ und die darinnen ruhenden Seelen haͤtte beunruhigen wollen? Welches er darum so viel leichter glauben muͤste/ weil die Griechen dar- fuͤr hielten/ daß die Jndianer ihren Pythagoras als einen grossen Heiligen/ unter dem Nahmen des Brahma/ mit dreyen Antlitzen und sechs Armen abbildeten/ ja anbeteten; Uber diß ihm der Buddas von Muziris gesagt haͤtte: Sie hielten mit unserm Parmenides/ Empedocles und Democritus/ insonderheit mit dem Pytha- goras darfuͤr/ daß dem Wesen nach nur eine eintzige Seele in der Welt waͤre/ und nichts minder die Steine/ Kraͤuter und Thiere/ als den Arminius und Thußnelda. den Menschen begeisterte/ auch als ein kraͤfftiges Band diese Glieder der Natur miteinander ver- knuͤpfte. Hingegen bestuͤnde eines ieden be- seelten Wesens Fuͤrtreffligkeit in dem Leibe/ als dem Werckzeuge/ wordurch die Seele herrlichere oder geringere Kraͤfften auslassen koͤnte. Daß nun die Kraͤuter nicht lauffen/ die Thiere nicht reden koͤnten/ die Steine nicht fuͤhlten/ geschehe aus blossem Gebrechen des darzu benoͤthigten Werckzeugs. Sintemal die mit einer ver- nuͤnftigen Seele unstrittig begabten kleinen Kinder aus eben dieser Uhrsache ihre Sprache und Vernunft nicht gebrauchen koͤnten. Wel- che Einbildung den Crates von Thebe so weit verleitet haͤtte/ daß er keine Seele geglaͤubt/ son- dern alle der Seele sonst zugeeignete Wuͤrckun- gen den natuͤrlichen Kraͤfften des blossen Leibes zugeeignet. Zarmar/ sagte Zeno/ veraͤnderte uͤber diesem Vortrage etliche mal sein Gesichte/ und fuhr endlich mit ziemlicher Entruͤstung her- aus: Es mischen diese letztere die dreyer- ley Seelen mit so grossem Jrrthum unter einander/ als die/ welche tichten: daß die erste Sprache in der Welt so wohl dem Vieh als den Menschen gemein gewest waͤre/ und daß an ge- wissen heiligen Oertern fremde Vieh auch selig wuͤrde; oder daß die Fluͤsse fuͤr Zeiten in mensch- licher Gestalt herumb gegangen waͤren; und die den Leib zu einem blossen Kercker und Klotze/ in welchen die Seelen ihrer Suͤnden wegen ver- dammet wuͤrden/ und kein wesentliches Antheil des Menschen waͤre; ja zu einem kalten Grabe machen/ darinnen diese Geister/ welche entwe- der von Ewigkeit her ihr Wesen gehabt/ und aus Gott/ wie das Licht aus der Sonnen sonder des Ursprungs Verminderung entsprossen waͤren/ oder doch mit der Welt erschaffen worden/ er- frieren und erstarren muͤsten. Denn/ da Gott die Seelen nur zu ihrer Marter in die Leiber einsperrete; wuͤrde die Natur nicht alle ihre Kunst zu so schoͤner Bildung eines grausamen Gefaͤngnuͤsses anwenden. Es. wuͤrde ohne grosse Ungerechtigkeit keine heßliche Seele in wohlgestalten Gliedern wohnen; noch auch die veraͤchtliche Asche unserer Leiber von Gott mit der Zeit gewuͤrdiget werden/ daß sie wieder zu einem viel verklaͤrtern Leibe werden/ und in unaussprechlicher Freude mit ihrer durch den Tod abgesonderten Seele ewig vereinigt bleiben solte. Welch Geheimnuͤß aber den Augen euerer eitelen Weltweisen gaͤntzlich verborgen ist. Die Egyptier hingegen habẽ einen Blick von diesem Lichte ersehen/ und die Leichen so fleissig mit Phe- nicischem Weine gewaschen/ mit Myrrhen/ Aloe und koͤstlichẽ Hartzte eingebalsamet; daß die See- le mit der Zeitdarein/ als in eine unversehrte und ihr anstaͤndige Wohnung wieder einkehrẽ koͤnte. Wormit die aber/ mein Sohn/ unser Glaube nicht so unglaublich fuͤrkomme; wil ich dir zeigen/ daß das Feuer den Dingen seine innerliche Ei- genschaften nicht benehme/ sondern selbte mit ih- rer Saamens-Krafft in der Asche uͤbrig bleibe. Hiermit nahm er ein an Blaͤttern und Wurtzeln so duͤrres Kraut: daß man es mit den Fingern in Staub zerreiben konte/ setzte es in ein Glas voll kraͤfftigen Wassers/ welches/ seinem Berichte nach/ aus gewissẽ Berg-Gewaͤssern gezogẽwar. Es waren aber kaum drey Stunden verstrichen; als aus der Bein-duͤrren Wurtzel ein frisches Kraut zu meiner hoͤchsten Erstaunung herfuͤr gruͤnete. Uber diß nahm er ein ander gantz fri- sches Kraut/ welches er zu seiner Speise mitge- nommen hatte/ zerschnitt selbtes zu Staube/ ver- breñete es zu Asche/ und saͤete es in ein mit frischer Erde gefuͤlltes Gefaͤsse; mit der Versicherung; daß eben selbiges Kraut in wenig Tagen wieder herfuͤr wachsen wuͤrde. Als es sich auch hernach wahrhaftig ereignete. Urtheile nun/ sagte Zar- mar/ ob es dem allmaͤchtigen Gotte schwerer seyn werde/ die Asche unsers Leibes in einen frischen Leib zu verwandeln/ als dem ohnmaͤchtigen Menschen ein Kraut aus seinem Staube/ oder einem Seidenwurme sich aus seinem Grabe le- bendig heraus zu wickeln. Brenne/ verbrenne/ Erster Theil. P p p p wan- Fuͤnfftes Buch wandele Gold/ Quecksilber und ander Ertzt/ in Getraͤncke/ Wasser/ Oel und Staub; glaube aber: daß du ihre Eigenschafft nicht verwandelt/ weniger getoͤdtet haft. Denn sie verstecket sich nur fuͤr dem verzehrenden Feuer in ein ander und sicheres Kleid; und wenn du deinen kuͤnstli- chen Beysatz wegnimmest/ wirst du den Kern des ersten Wesens unversehrt finden. Meynet ihr aber: daß nach dem Pythagoras mit seinen Traͤumen euch verduͤstert/ er uns derogestalt verblendet habe: daß wir ihn als einen vorsetzli- chen Verleiter oder unwissenden Verleiteten fuͤr den Goͤttlichen Brahma den wahrhaften Mitler zwischen Gott und den Menschen er- kennen solten? Jch erschrecke fuͤr dieser Laͤste- rung: daß Brahma/ von welchem die Welt/ kei- nes weges aber nach der Meynung eueres Ari- stoteles von andern Ursachen/ noch/ nach dem Stoischen Jrrthume/ von einem blinden Noth- Looße oder Verhaͤngnuͤsse/ noch von dem Ein- flusse der Sternen/ in Ordnung gehalten/ und an statt des Goͤttlichen Wesens/ welches nicht/ wie euer Epicurus schwermet/ so wohl seine als irrdische Sachen unachtsam ausser Augen setzt/ beherrschet wird/ der sonder den Zwang der Ge- burts-Sternen allen Menschen ihr Gluͤck und Ungluͤck abmißt/ auch ihnen ihr Lebens-Ziel ste- cket/ der durch seinen Geist/ welchen euer Plato die Seele der Welt heißt/ der gantzen Natur ih- re Nahrung gibet/ etliche Voͤgel mit einem Tro- pfen Wasser/ die Schlangen mit dem Winde/ die Schnecken mit Thau/ etliche Thiere mit Feuer/ andere mit der Lufft saͤttigt; daß/ sag ich/ der grosse Brahma/ das Wort/ oder wie Plato nachdencklich redet/ der Sohn Gottes mit einem aberwitzigen Weltweisen vermenget werden wil; denn wie zwar die Egyptier alle ihre Weiß- heit von unsern Vor-Eltern erlernet; aber mit grossem Undancke ihre Lehrer nicht nur ver- schwiegen/ sondern die Lehre selbst verfaͤlschet/ und unter einem ertichteten Alterthume ihnen selbst den Ursprung zugeeignet haben/ vorge- bende/ daß unter ihrer Zeit die Sternen zum vierdten mal ihren Lauff vollbracht haͤtten/ wel- ches nach eures Plato Rechnung uͤber hundert vier und viertzig tausend Jahr betraͤgt/ daß die Sternen- Kunst bey ihnen schon uͤber hundert tausend Jahre bekandt gewest/ und ihr Reich sie- bentzig tausend Jahre von Koͤnigen beherrschet worden waͤre/ daß Zordaster sechs tausend Jahr fuͤr dem Plato gelebet haͤtte; also hat Pythagoras von dem Canupheischen Priester/ seinem Lehr- meister/ viel falschen Tand fuͤr gute Wahre er- kaufft/ oder das noch aus Egypten/ oder vielmehr aus dem Gesetz-Buche der Judẽ/ so wol von ihm als vorher von dem Pythagoras und Aristobul geschoͤpfte reine Brunn-Wasser der Weißheit in den Suͤmpfen der Griechischen Weltweisen verfaͤlschet/ weil er in natuͤrlichẽ Dingen den He- raclitus/ in Sitten- und Herrschaffts-Lehren den Socrates/ in Schluß-Reden den Pythagoras zu seinem Leiter erkieset; also theils sich/ theils seine ohne diß eitele Griechen/ die auch ihr Athen neun tausend Jahr fuͤr dem Solon gebaut zu seyn tich- ten/ darmit hinters Licht gefuͤhret hat. Eben diese Flecken kleben dem Pythagoras an/ wel- chen die Egyptier zwar am Fleische mit einem steinernen Messer/ aber nicht in Jrrthuͤmern mit der Schere vollkommener Wahrheit be- schnidten/ oder doch der aberglaͤubige Morgi des Cretensischen Jupiters Priester/ welchen er in schwartze Wolle gekleidet/ dreymal neun Ta- ge in der Jdeischen Hoͤle bey dem Bilde des Ju- piters gehoͤret/ wieder verunreiniget/ und den Pythagoras bethoͤret hat: daß er sich von ihm am Tage mit Ceraunischem Steine am Meere reinigen/ des Nachts bey fluͤssendem Wasser mit einem schwartzen Lamb-Felle kroͤnen/ und dar- durch dem daselbst vergrabenen Zan oder Jupi- ter einweihen lassen. Dieser Pythagoras hat die unschaͤtzbare Perle/ nemlich die Lehre von der Seelen Unsterbligkeit in eine stinckende Auster- Schale versteckt; da er aus der Seele eine vier- fache sich selbst bewegende Zahl gemacht/ die Lufft mit Arminius und Thußnelda. mit viel tausend umschwermendẽ Seelen ange- fuͤllet/ die Vielheit der Goͤtter gelehret/ und sie in Zahlen verwandelt; am allermeistẽ aber mit den albern Egyptiern die Welt mit der Wanderung der Seelen in andere menschliche und viehische Leiber bethoͤret hat; vorgebende: daß nachdẽ die Seele sich einmal aus dem Gestirne in einen irr- dischen Leib herab gelassen haͤtte/ muͤste sie durch allerhand andere Leiber herum wandern/ biß sie nach 3000. Jahrẽ/ oder dem grossẽ Welt-Jahre/ wieder in ihren ersten Leib und vorigen Circkel komme/ endlich aber nach einer sehr langen Zeit sich mit ihren Fluͤgeln wieder zu ihrem Gestirne empor schwinge. Diese Wanderschafft geschehe aber nach der Beschaffenheit des guten und boͤsen Verhaltens/ also: daß die From̃en entweder in eine andere menschliche/ oder in heiliger Thiere/ die Boͤsẽ aber in unreiner Thiere Leiber sich ver- fuͤgten. Also ruͤhmte sich Pythagoras: Seine Seele waͤre anfaͤnglich in einem Pfauen gewest/ hernach in Euphorbus/ von dar in Homerus/ und so fort Pyrrhus/ Eleus/ endlich in seinen damaligen Leib gefahren; weßwegen er auch zu Delphis noch eigentlich scinen dahin gewiedme- ten Schild erkennet haͤtte; und sich erinnerte: wie er in der Hoͤlle den an eine ertztene Saͤule angefesselten Hesiodus/ und des Homerus an einen Baum gehenckte und mit Schlangen um- gebene Seele gesehen. Gleicher gestalt waͤre die Seele des Orpheus in einen Schwan/ des Thamyras in eine Lerche/ des Telamonischen Ajax in einen Loͤwen (in welcher Gestalt auch einst Koͤnig Amasis soll erkennet worden seyn) Agamemnons in einen Adler gediegen. Der Weltweisen ihre kaͤmen in Bienen/ der Redner in Nachtigaln/ umb sich auch nach dem Tode an der Anmuth und Suͤssigkeit zu saͤttigen. Wel- che aber nur dem Goͤttlichen Erkaͤntnuͤsse obge- legen/ wuͤrden unmittelbar zu Engeln. Auch waͤre diese Umbirrung ihnen keine Straffe/ sondern eine Ehre und Vergnuͤgung; nachdem die heiligen Seelen auch in der wilden Thiere Leibern ihrem Vaterlande wohlthaͤten/ die Erd- Kugel umbreiseten/ und das Thun der Men- schen beobachteten/ ja die Goͤtter selbst in heilige Thiere sich zu verfuͤgen nicht scheueten. Hin- gegen wuͤrden die Zornigen in Schlangen/ die Geitzigen in Woͤlffe/ die Betruͤger in Fuͤchse/ die Hoffaͤrtigen in Pfauen/ die Neidischen in Hunde/ die Unzuͤchtigen in Schweine/ die grau- samen in Crocodile/ die Faulen in Esel/ die Rauber in Raub - Voͤgel/ einige Seelen auch wohl gar/ nach der Lehre des Empedocles/ in Baͤume und Pflantzen verdammet. Ob nun wohl die Egyptischen Priester eben dieses den albern Poͤfel und die leichtglaubigen Auslaͤnder uͤberredet/ also daß dieser Jrrthum nicht nur gantz Morgenland eingenommen/ auch unsere Einfaͤltigen die gluͤckseligsten Seelen in Kuͤh- Haͤuten eingeschlossen zu seyn vermeynen/ son- dern auch vom Zamolxis zu den Geten/ von den Druyden in Gallien/ und auch in Deutschland gebracht worden; so haben doch die Priester ih- nen etwas mit Fleiß weiß gemacht/ was sie selbst nicht geglaubt/ auch von unsern Vor- fahren nicht gelernet; oder sie selbst haben die Lehre des Hermes und Zoroasters als unserer Schuͤler uͤbel verstanden; oder nachdem sie die Unsterbligkeit der Seelen/ und daß die From- men nach dem Tode ergetzt/ die Boͤsen gepei- nigt werden solten/ gestehen muͤssen/ nicht ge- wuͤßt/ was sie denen Seelen fuͤr einen Aufent- halt zueignen/ oder einem Geiste fuͤr aͤuserlichen Zwang anthun solten; diß/ was wir verbluͤm- ter Weise geredet/ und die Griechen zum Theil selbst unter der Zauber-Ruthe Circens und der Ulyssischen Geferten fuͤrgebildet/ wie nehmlich der Mensch durch seine unvernuͤnftige Begier- den/ durch Unterdruͤckung der Vernunfft/ von dem Kitzel aͤuserlichen Sinnen sich selbst zum Viehe mache/ wesentlich angenommen/ und die Spreu fuͤr den Weitzen erkieset/ wiewohl auch einige unter ihnen nur die Wanderung der Seelen in andere Menschen/ nicht aber in das P p p p 2 Vieh Fuͤnfftes Buch Vieh nachgegeben haben. Da sie sich doch leicht haͤtten bescheiden koͤnnen: daß die Seele als ein Geist in und von sich selbst den Ursprung ihrer Bewegung und Wuͤrckung habe/ und des Leibes als eines unentbehrlichen Werckzeuges keinesweges beduͤrffe. Welch Erkaͤntnuͤß auch die Stoischen Weltweisen zu glauben bewogen: daß die tugendhaften Seelen umb den Mon- den sich an Beschauung der him̃lischen Dinge erlustigten/ die Lasterhaften aber umb die Erde/ oder gar umb die duͤsteren Graͤber so lange/ biß sie nach und nach von ihren irrdischen Be- gierden gesaubert wuͤrden/ herumb schwerme- ten; ja Pythagoras selbst hat geglaubt: daß die alleraͤrgsten Seelen in uneingefleischte Teuffel verwandelt wuͤrden. Jch gestehe uͤbrigens gerne: daß bey uns eben so wohl das gemeine Volck viel Schatten fuͤr das Licht erwische/ und ihre Andacht eben so wohl als in Griechen- land und Egypten mit Wahn vermischet sey. Alleine es ist besser selbten bey irrigem Got- tes-Dienste unter der Furcht fuͤr dem gerech- ten Gotte/ und dem Gehorsam seiner Obrigkeit zu halten/ als selbten ohne einige Gottes-Furcht in allerley Laster ohne Scheu rennen zu lassen. Uber diß ist Gott ein so verborgenes Wesen/ daß ie mehr wir selbtes zu ergruͤnden uns be- muͤhen/ ie mehr unsere Gemuͤths-Augen/ wie derer/ welche in die Sonne sehen/ von uͤber- maͤßigem Lichte verduͤstert werden. Denn ob wohl Gott sein Wesen und Wuͤrcken auch durch den veraͤchtlichsten Kaͤfer/ durch den niedrigsten Jsop erhaͤrtet/ und also des Protagoras und Diagoras Nachfolger/ welche nicht glaͤuben: daß ein Gott sey/ fuͤr Unmenschen zu halten sind; so sind doch seine Eigenschafften so ver- borgen: daß die Welt noch keinen ihm anstaͤn- digen Nahmen zu finden gewuͤst/ ob man auch schon mit unsern tausend Nahmen seine All- macht und Guͤte nicht aussprechen kan. Gottes Weißheit/ Macht/ Gerechtigkeit sind nur Worte und Erfindungen unserer Einfalt; diß aber/ was wir darmit meynen/ ist seine Gottheit selbst/ welche ein einfaches Wesen hat/ und keine Zusammensetzung einiger Zahlen oder Tugenden vertraͤget. Dannenher auch die Weisen dem unbekandten Gotte Tempel und Altar aufzurichten veranlasset worden. Ver- birget doch der gestirnte Himmel mehr als die Helfte seiner Lichter/ fuͤr unsern Augen; ja die Kraͤfften der Kraͤuter/ die wir mit Fuͤssen treten/ vermoͤgen wir durch unser Nachsinnen nicht zu erforschen. Wie viel weniger werden wir das Meer der so tieffen Gottheit erschoͤpfen. Wo- hin denn auch/ der Griechen Bericht nach/ des Saturnus Gesetze/ daß man bey schwerer Straffe die Goͤtter nicht nackt sehen solte/ und das Gedichte: samb der die Diana nackt sehende Actaͤon von Hunden zerrissen/ der die badende Minerva ins Gesicht bekommende Tiresias blind worden waͤre/ ihr Absehen hat. Also/ daß nach dem die Weisen hier auch im blin- den tappen muͤssen/ einigerley Weise zu entschul- digen ist: daß die Griechrn alle Geheimnuͤsse unter Gedichte verstecket/ und den Poͤfel durch solchen Aberglauben im Zaume gehalten haben. Massen ohne diß Gott durch Unwissenheit am meisten erkennet; und mehr durch demuͤthiges Gebet/ als durch spitzige Nachforschung verehret wird. Und wie das grosse Auge der Welt sei- nen Glantz auch den Neben- Sonnen mitthei- let; also mißgoͤnnet auch Gott nicht die Ehre sei- nem Schatten/ den bloͤde Augen fuͤr ihn als das selbststaͤndige Licht erkiesen Mit diesen und andern tieffsinnigen Ge- spraͤchen/ sagte Zeno/ verkuͤrtzten wir unsern Weg und die Zeit/ wiewohl mir die Beysorge: Jch moͤchte durch allzu grossen Vorwitz diesen weisen Mann gar aus der Wiege werf- fen/ verbot/ ein und anders Bedencken wider sei- ne Lehren aufzuwerffen; und insonderheit zu er- haͤrten/ daß weil Gott seine Ehre keinem an- dern geben wolte/ sondern er darumb gerechtest eiferte; der Einfalt so wenig ein Arminius und Thußnelda. ein falscher Gottesdienst/ als einer armen Mut- ter fuͤr ihr Kind ein Wechselbalg un terzustecken; und ein Gottesdienst ohne Warheit und Weiß- heit fuͤr ein Gespenste/ einen S c hatten/ einen blauen Dunst und verfuͤhrisches Jrrlicht zu hal- ten sey; Ja daß der/ welcher fuͤr ein goͤttliches Wesen nur eine neblichte Wolcke umarmet/ mit dem Jxion nichts als Mißgeburten zeuge/ sich aber selbst in den Abgrund abstuͤrtze. Denn wie einen Affen nichts garstiger und laͤcherlicher macht/ als daß er sich den Menschen gleichen will; also ist der Aberglaube nur eine abscheuli- che und verwerffliche Nachaͤffung des wahren Gottesdienstes. Wir schifften/ fuhr Zeno fort zu erzehlen/ un- ter halbem Sturmwinde nur mit einem Segel/ wiewohl ziemlich schnelle fort; weil der Wind a- ber in unserm Segelwercke ein und anders zer- brochen hatte/ stiegen wir theils solches wieder anzurichten/ theils uns zu erfrischen auff dem fruchtbaren Eylande Dioscorida unter Arabi- en aus/ welches die halbe Welt mit Aloe versor- get. So bald wir von dem Schiffe traten/ fiel Zarmar gegen Morgen auff sein Antlitz in den Staub der Erde/ ruͤhrte kein Glied/ ausser sei- ner Zunge/ mit welcher er unglaublich geschwin- de/ seinem Glauben nach/ tausend Zunahmen Gottes aussprach/ den Bodem aber mit unzehl- baren Thraͤnẽ netzte. So bald auch die Sternen auffgingen/ machte er ein Feuer von Aloe-Hol- tze/ trat hernach mit einem blossen Fuße nach dem andern in den fast gluͤenden Sand und heiße Asche/ ohne das geringste Zeichen einiger Empfindligkeit; betrachtete lange Zeit eine gantz feurige Kugel/ und die uͤbrige Nacht sahe er einen grossen weissen Stern mit unverwen- deten Augen an/ biß selbter unter den Alends- Zirckel absanck. Wie nun Zarmar des an- dern Tages in dem Garten des Koͤnigs Ele- azes/ welchem dieses Eyland und das Wey- rauch bringende Theil Arabiens zustehet/ sei- ne die Nacht uͤber gepflogene Andacht auszu- legen gebeten ward; antwortete er: Meinet ihr denn/ daß die Wolthaten Gottes/ indem er uns Wind und Wellen zu Liebe in Fesseln ge- halten/ nicht alle unsere Demuth und Danck- sagung uͤbersteige? Schaͤtzet ihr Gott nicht fuͤr so hoch/ daß wir/ die wir Asche sind/ und zu Staube werden/ also nicht einst recht den Nah- men ehrlicher Erde verdienen/ uns fuͤr ihm nicht in den niedrigsten Staub zu verscharren schul- dig sind? Meinet ihr/ daß tausend Lobspruͤche seiner Herrligkeit ein mehrers beysetzen/ als wenn man einen Loͤffel voll Wasser ins Meer geust? Solten unsere verzaͤrtelte Glieder nicht einen wenigen Schmertzen des Feuers ver- tragen/ um in der Andacht gegen dem Schoͤpf- fer unserer Seelen/ dem wir unser brennendes Hertz taͤglich auffzuopffern schuldig sind/ nicht schlaͤffrig zu werden? Wisset ihr nicht/ daß wenn das Meer keinen Dampff mehr uͤber sich werffen/ und die Sternen darmit traͤn- cken wird/ selbte eingeaͤschert herab fallen sollen? Warlich/ werden keine Seuffzer und Thraͤ- nen der suͤndigen Menschen den brennenden Zorn Gottes abkuͤhlen/ so wird er die Welt wie ein Schmeltz-Ofen die Spreu verzehren. Wie aber hingegen ein Gaͤrtner sich uͤber die bey ih- rer Beschneidung weinenden Reben als einem Zeichen der Fruchtbarkeit erfreuet; Also sind Gott die Thraͤnen eine Anzeigung der reichen Seelen-Erndte. Das Gebet hat nur die Ei- genschafft des Weyrauchs/ weil es Gott einen suͤssen Geruch abgiebt/ und den Gestanck un- ser garstigen Suͤnden vertreibet; die Thraͤnen aber haben eine Krafft des Zwanges in sich/ welche seinen gerechten Zorn faͤsselt/ und sein mitleident li ch Hertze presset/ daß er unser barm- hertziger Erbarmer seyn muß. Da man nun aber Gott aus Betrachtung aller Dinge er- kennen soll; warum soll mir nicht eine Kugel/ als das vollkom̃enste unter denen begreifflichen Dinge n / das Muster der Welt/ und das Vor- bild der alles begreiffenden Gottheit zu einem P p p p 3 Nach- Fuͤnfftes Buch Nachsinnen dienen? Warum soll meine Fin- sterniß nicht aus dem Feuer ihr ein Licht anzuͤn- den/ welches dem Himmel am aͤhnlichsten/ kei- ner Faͤulniß unterworffen/ der Ursprung alles Glantzes ist; welches die todte Erde beseelet/ zu allen Geburten der Thiere und Pflantzen be- huͤlfflich seyn muß/ die staͤrckste Wuͤrckungs- Krafft in sich hat/ und als das aller fruchtbar- ste Wesen sich aus sich selbst zeuget/ und daher von eurem Heraclitus die Natur fuͤr nichts an- ders/ als fuͤr ein wuͤrckendes Feuer gehalten worden ist; ja welches die nachdruͤcklichste Tu- gend zu reinigen hat; also/ daß so viel Voͤlcker sol- ches als einen Gott angebetet/ alle es zu ihren Opffern nehmen/ die feurigen Thiere fuͤr die e- delsten halten/ und nicht wenig darum ihre Lei- chen verbrennen: wormit die Glut dieselben Flecken vollends vertilge/ welche durch kein Weyhwasser haben koͤñen abgewaschen werden. Am allermeisten aber haben wir unsere Au- gen und Gemuͤther an die Sternen zu nageln; Deñ geben sie gleich nicht nach vieler Meinung lebhaffte und beseelte Schutz-Engel der Men- schen und Thiere ab/ so sind sie doch die helle- sten Spiegel der goͤttlichen Weißheit und All- macht. Zeugen selbte aus sich neue Sternen/ wie vielmehr gebieret ihre Betrachtung Kin- der Gottes; ja sie sind nicht so wohl Lichter des Tages und der Nacht/ als Wegweiser zu Gott dem unerschaffenem Lichte. Zwischen diesen Gespraͤchen vergaß Zar- mar als ein erfahrner Gaͤriner nicht/ uns die Eigenschafften der seltzamsten Gewaͤchse/ inson- derheit aber der unterschiedenen Aloe zu zeigen und auszulegen. Unter diesen allen war die koͤstliche Holtz-Aloe/ wormit die Mo r genlaͤndi- schen Koͤnige ihre Kleider und Bettge w and ein- bisamen; welcher annehmlicher Ge r uch so durchdringend war/ daß einige unserer Leute genoͤthiget wurden aus dem Garten zu wei- chen. Es ist/ sagte Rhemetalces/ diß ein unfehl- barer Beweiß eines sehr durchdringend e n Ge- ruchs; weil d er Mensch/ als welcher seiner Groͤsse nach d a s meiste und feuchteste Gehirne haben soll/ u nt er allen Thieren den schwaͤchsten Geruch hat; hingegen wie andere in andern Sinnen; also die Raben und Geyer den Men- schen hierinn en vielfaͤltig uͤbertreffen. Massen denn alle diese Voͤgel von Athen/ und aus dem Peloponesus nach der Pharsalischen Niederla- ge der Mede n von den stinckenden Leichen/ und ein Habicht von einem Aaße aus der Damas- kischen Gegend biß nach Babylon gelockt wor- den. Zenobegegnete ihm/ es waͤre diß aller- dings wahr; iedoch gaͤbe es auch Thiere/ welche viel weniger ruͤchen/ als die Menschen insge- mein. Unter diese waͤre fuͤrnehmlich der Loͤ- we zu rechnen; welcher wegen mangelnden Ge- ruchs die Syrische Katze/ als seine Wegweise- rin mit auff die Jagt naͤhme/ und den Raub mit ihr theilte. Hingegen haͤtten viel Men- schen ein sehr scharffen Geruch/ besonders die stumpffen Gesichts waͤren. Jubil setzte bey: Auch die Albern solten eine duͤnnschaͤlichte Na- se/ scharffsinnige Leute aber einen schlechten Geruch haben. Dessen Beyspiel man an dem uͤberaus klugen Koͤnige Hippon in Britanni- en haͤtte/ welcher weder Zibet noch Bibergeil/ weder Ambra noch Huͤttenrauch zu unterschei- den gewuͤst. Rhemetalces antwortete: Jch sol- te vielmehr das Widerspiel glauben/ weil nach der Lehre des Heraclitus die den Geruch daͤmpf- fende Feuchtigkeit auch den Kraͤfften der Ver- nunfft soll Abbruch thun. So haͤtte auch der scharffsinnige Phercydes einen so herrlichen Werckzeug des Geruches/ er bestehe nun gleich an einem Beine/ oder an einem Fleische/ oder an einer gewissen Spann-Ader/ gehabt/ daß er aus Anruͤchung der Erde ein Erdbeben ge- wahrsagt. Nichts minder haͤtte Democritus bey der Unterredung mit dem Hippocrates durch s e inen Geruch die ihnen gebrachte Milch zu unt er scheiden gewuͤft/ daß sie von einer schwaꝛ- tzen Ziege waͤre. Der Hirte Agathion aber haͤtte so Arminius und Thußnelda. so gar in der Milch unterscheiden koͤnnen: ob sie ein Weib oder Mann gemolcken? Unter wel- chen die zwey ersten nicht nur fuͤr scharffruͤchen- de/ sondern auch fuͤr tieffsinnige W e isen gelten koͤnten. Flavius setzte bey: Er erinnerte sich/ daß Koͤnig Juba in Africa bey seinem Heere Kundschaffter gehabt/ die das fette und sandich- te Land auff etliche Meilen ausspuͤren muͤssen. Salonine sagte: Wo die Trockenheit eine Schaͤrffung des Geruchs/ wie die Feuchtigkeit des Geschmacks ist/ muͤssen die verbrennten Mohren nothwendig am besten ruͤchen. Jn alle wege/ antwortete Zeno. Dahero waͤre der starcke Mosch denen heissen Babyloniern ein rechtes Gifft/ und den Arabern stiege der Bal- sam/ wie uns die geriebene Brunnkresse oder Senff in die Nase. Die schwefflichten Ka- tzen aber wuͤrden von starckem Rauchwercke gar rasend. Der Geruch der Rosen toͤdtete die Kaͤ- fer/ die Salben- und Narden-Wasser die Gey- er. Rhemetalces fiel ein: die bey dem Ursprun- ge des Ganges wohnenden Voͤlcker muͤsten bey ihrem scharffen Geruche noch etwas gar beson- ders haben; wo sie anders nur von suͤssem Ge- ruche der Blumen lebten/ von widrigem aber stuͤrben. Zeno versetzte: Jch bin bey dem Brun- nen des in Scythen entspringenden Ganges wohl gewest/ habe aber das minste davon gehoͤ- ret. Dahero dieser eingezogene Bericht zweif- fels frey so wenig wahr ist/ als daß der Wuͤr- mer und Fliegen fressende Camelion nuꝛ von der Lufft oder denen eingebiesamten Soñen-Stra- len leben solle. Wiewohl ich nicht laͤugne/ daß wohlruͤchende Sachen die Geister erqvicken/ und das Gehirne staͤrcken; den Magen aber zu vergnuͤgen sind sie wohl allzu duͤnne und zu fluͤchtig. Weßwegen auch die kraͤfftigsten Val- same in den Speisen sehr ungesund seyn sollen; wiewohl itzt den luͤsternen Maͤulern keine schme- cken wollen/ wo die Nase sich nicht so sehr mit Bisam/ als der Magen mit Wuͤrtzen saͤttigt. Salonine warff ein: Sie koͤnte keine Ursache ergruͤnden/ warum die wohlruͤchenden Spei- sen ungesund seyn solten/ da die dem Menschen zur Speise und Artzney geschaffene Kraͤuter/ Pomerantzen und Granat-Aepffel so herrlich ruͤchen; ja die Bienen/ welche in so vielen Din- gen der Menschen Lehrmeister waͤren/ von eitel wohlruͤchenden Blumen und Bluͤthen-Gei- stern lebten. Es ist wohl wahr/ antwortete Ze- no; aber unser Weyrauch/ Ambra und Mosch ist ihnen gantz zuwider/ ja wenn eine Biene de- rogleichen Geruch an sich gezogen/ wird sie von den andern gleich/ als wenn sie sich durch ein La- ster verunreinigt haͤtte/ gestrafft. Vielleicht/ sagte Flavius/ geschiehet dieses nur darum/ weil dieser kraͤfftige Geruch den schwaͤchern der Blu- men zu sehr daͤmpffet und ersteckt/ daraus sie doch ihre Nahrung saugen muͤssen. Sintemal auch das Pantherthier/ welches durch seinen starcken Geruch allerhand andere Thiere an sich locket/ in Gegenwart des Menschen diese Krafft ein- buͤsset. Denn ich traue denen edlen Bienen nicht zu/ daß sie schlechter Dings fuͤr so koͤstlichen Geschoͤpffen der Natur einen Eckel; hingegen einen Zug zum Gestancke/ wie jener Verres haben solten; welcher den dem Apronius aus seinem Leibe und Munde auffdampffenden Stanck fuͤr Suͤßigkeit hielt/ wormit er doch sonst Menschen und Vieh verjagte. Die holdseli- ge Fuͤrstin Jsmene brach ein: Sie wuͤste wohl/ daß noch mehr Menschen lieber Knobloch/ als Syrischen Baum-Balsam ruͤchen; sie hielte diß aber fuͤr eine Eigenschafft unreiner Seelen/ oder zum minsten ungesunder Menschen. Denn der Gestanck waͤre eine Anzeigung eines Aaßes/ oder zum minsten einer Faͤulniß/ der gute Ge- ruch aber eine Lebhafftigkeit. Der Himmel er- oͤffnete seinen Zorn durch den Schwefel-Ge- stanck des Blitzes; und/ der Griechen Be- richt nach/ haͤtte Venus die Weiber auf Sta- limene und Lemnos mit nichts aͤrgerm/ als daß sie nach einem Bocke gestuncken/ zu straffen ge- wuͤst. Welche Straffe so viel haͤrter waͤre/ weil die Fuͤnfftes Buch die also ruͤchenden Menschen von dem Gebrau- che wohlruͤchender Dinge nur noch aͤrger stin- cken. Hingegen muͤsten alle Laͤnder den Ara- bern ihren Weyrauch und Aloe zu ihrer An- dacht abkauffen/ und Gott darmit einen suͤssen Geruch anzuͤnden. Die Fuͤrstin Thußnelda versetzte: wir muͤssen Arabien/ und der vom Ze- no geruͤhmten Dioscorida ihrer Wuͤrtzen und A- loe halber den Vorzug geben/ und glauben/ daß selbte so wohl als Mosch und Zibeth nur Kinder des heissen Himmels sind; ich weiß aber nicht/ ob nicht Deutschlands Blumen so einen kraͤfftigen Geruch/ als die Morgen- oder Sud- laͤndischen haben. Zum minsten bin ich glaub- hafft berichtet worden/ daß in dem doch so war- men Egypten Kraͤuter und Blum-Werck den unsrigen am Geruche nicht das Wasser reichen. Auch habe ich von unsern Blumen eine groͤssere Wuͤrckung gesehen/ als Zeno von der Arabi- schen Aloe zu erzehlen gewuͤst; nehmlich/ daß ei- nige von dem Geruche ihrer hundert-blaͤtterich- ten Dorn-Rosen ohnmaͤchtig worden sind. Rhe- metalces begegnete ihr mit einer hoͤfflichen Ehr- erbietung; Er waͤre zu wenig dem fruchtba- ren Deutschlande seine Koͤstligkeiten abzuspre- chen; auch wolte er nicht behaupten/ daß diese Rosen nur fremde in diese Nordlaͤnder versetzte Gewaͤchse waͤren; aber er muͤste nur gestehen/ daß alle Blumen in Asien staͤrcker/ als in seinem doch vielmehr Sudlichen Thraci- en/ oder auch in Griechenland ruͤchen. Wie viel die Hitze den Geruch erhoͤhete/ wuͤrde man auch in Deutschland wahrnehmen; wo im heis- sesten Som̃er am Mittage und beym Sonnen- schein iede Blume einen staͤrckern Geruch von sich gaͤbe/ als im Herbste/ des Abends oder beym Regenwetter. Wie dem aber waͤre/ schrie- be er die seltzame Wuͤrckung nicht so wohl der natuͤrlichen Krafft des Rosen-Geruchs/ als ei- ner angebohrnen Entsetzung gewisser Men- schen zu; indem auch die annehmlichsten Dinge denen Kindern widrig waͤren/ worfuͤr eine schwangere Mutter Eckel bekaͤme. Hertzog Herꝛma nn bestetigte es/ und meldete: Die gesuͤn- desten Gewaͤchse wuͤrden so denn zu Giffte/ also/ daß ein Narsingischer Priester vom Geruche der Rosen getoͤdtet worden waͤre. Eine Bri- tañische Jungfrau haͤtte von heimlicher Aufbin- dung dieser heilsamen Blume Blattern bekom- men; Und erkeñte einen streitbaren Kriegsheld/ den er mit einem Puͤschel gesunder Raute ehe/ als mit hundert blancken Sebeln in die Flucht bringen koͤn n e. Jch bin/ sagte Zeno/ eben dieser Meinung; aber viel ruͤhrt auch von der eignen Krafft des Geruchs her. Wie viel Menschen werden wegen ihrer Schwaͤche des Hauptes bey Persepolis von den vielen Rosen/ in Spanien von dem haͤuffigen Rosmarin/ in Taprobana von der Menge des Gewuͤrtzes mit Hauptweh geplaget? Und in Warheit diese Holtz-Aloe ge- het allen Sabeischen wohlruͤchenden Gewaͤch- sen fuͤr; Dahero ihr Wesen auch in Oel/ als wor- iñen der Geruch am bestaͤndigsten tauret/ einge- than/ und in die fernesten Laͤnder verschickt wird. Am allerschaͤtzbarstẽ aber hielt Zarmar die Kraft der Aloe die Leichen fuͤr Faͤule und Wuͤrmern/ derer Zahn sonst so gar der Felsen/ der Corallen und Jaspiße nicht verschonet/ zu bewahren. Bey welchem Berichte er uns seuffzende ermahnte nicht allein nachzudencken: Ob Gottes Hand unsere Leiber fuͤr gaͤntzlicher Zernichtigung in der Asche/ in Flammen/ Wellen/ und in dem Magen der gefraͤßigen Thiere zu erhalten maͤchtig seyn koͤnte; sondern auch zu glauben/ daß der Mensch nichts minder aus seinem an- dern Begraͤbniße in den Staub der Erde/ als aus dem ersten Sarge/ nehmlich der Muͤtterli- chen Schooß/ lebendig herfuͤr brechen wuͤrde. Nebst diesem sahen wir auch eine uͤberaus gros- se Menge doͤrnrichter Aloen; derer etliche in un- serer Anwesenheit etliche Schuch hohe Staͤngel ausstiessen/ ihrer viel aber auff zwoͤlff Ellen ho- hen Stengeln mit etlichen tausend rothgelben Blumen prangeten. Sehet hier/ sagte Zarmar/ ein Arminius und Thußnelda. ein rechtes Bild der Eitelkeit/ indem beyde in ihrem hoͤchsten Glantze verwelcken. Denn die- se Blumen-Mutter wird wahrhaffter/ als die Natter von ihren Kindern bey der Geburt ge- toͤdtet. Oder/ weil diese schoͤne Blumen so bald abfallen/ mag ihre Mutter fuͤr Hertzeleid nicht laͤnger im Leben bleiben. Nach dreyer Tage Erfrischung setzten wir unsere Reise fort/ und segelten endlich recht in den Mund des rothen Meeres/ kamen auch nach etlichen Tagen in den Gebanitischen See- haven Ocila/ in Meinung/ daß der Arabische Koͤnig Sabos/ dessen Vater/ dem Kaͤyser Au- gustus zu Liebe/ auff seines Syrischen Land- pflegers Qvintus Didius Anstifftung die von der Cleopatra im rothen Meer gebaute Schiffe hatte verbrennen lassen/ mit den Roͤmern in gutem Vernehmen stuͤnde. Wir erfuhren a- ber von einem Perlen-Fischer/ der von dem Ey- lande Delacca zuruͤcke kam/ zu unserm Gluͤcke bey Zeiten/ daß Sabos mit den Roͤmern we- gen der Graͤntzen/ und weil Augustus dem Jam- blichus sein vaͤterliches Reich wider den Sabos in Arabien zugesprochen hatte/ in offentliche Feindschafft verfallen/ und Elius Largus zwar mit einem maͤchtigen Heere tieff in Arabien ein- gebrochen waͤre. Allein nachdem die Araber sie mit Fleiß so tieff in ihre sandichte Wuͤsteney- en/ biß an die Stadt Athlula gelocket/ und al- lenthalben die Brunnen verdecket/ waͤre das groͤste Theil des Heeres fuͤr Duꝛst und an Haupt- weh umkommen; Die uͤbrigen haͤtte Koͤnig Sa- bos umringt und erschlagen/ also/ daß kaum ein Bote dieser Niderlage zuruͤck kom̃en waͤre. Die- sem nach wir uns fuͤr Kauffleute von Oaracta/ welches dem mit den Arabern verbundenem Koͤnige der Parthen gehorsamt/ ausgaben/ und nach nur geschoͤpfftem frischen Wasser un- sern Lauff durch die Abalitische See-Enge in den innersten Busem des rothen Meeres rich- teten. Wir segelten zwantzig Tage ohne eini- ge denckwuͤrdige Begebenheit/ ausser daß ich bey dem Gold-reichen Eylande Catacaumene ein unserm Schiffe sich naͤherndes See-Weib/ welches beynahe die Groͤsse eines Kamels/ einen Ochsen-Kopff/ einen Fisch-Schwantz/ vollkom- mene Bruͤste und Armen/ an statt der Finger a- ber rechte Endten Fuͤsse hatte/ mit etlichen Pfei- len zu grossem Wehklagen meiner Gefaͤrthen erlegte; welche vielleicht solche Mißgeburt fuͤr eine Wohnstatt einer grossen Seele hielten. Der Feldherr brach hier ein: bey solcher Beschaffen- heit hat unser deutsches Meer schoͤnere Trito- nes und Sirenen/ als das rothe. Denn ich habe bey meinem Vetter dem Hertzoge in Co- danonia ein paar der vollkommensten Meer- Wunder halb Fisch und halb Mensch gesehen; derer Obertheile nichts als die Sprache man- gelte/ nur daß/ wenn man sie gar nahe sahe/ die Haut mit weissen zarten Schupen belegt war. Jhr Schwantz aber war in 2. Theile getheilet. Diese hat er an dem Cimbrischen Ufer gefan- gen/ und verwahret sie in einem annehmlichen Weiher. Rhemetalces verwunderte sich mit Vermeldung: Er haͤtte zeither die Sirenen fuͤr blosse Gedichte/ oder Gespenste gehalten; und moͤchte er wohl wissen: Ob dieses eine gewisse Art der Fische oder nur Mißgeburten der Na- tur waͤren/ oder aus Vermischung zweyerley Thiere den Ursprung haͤtten. Hertzog Herr- mann versetzte: das letztere waͤre seines Beduͤn- ckens unmoͤglich. Denn ob zwar die Vorwelt uns bereden wolte/ daß die Hippo-Centauren von den Centaurischen Voͤlckern/ und den Ma- gnesischen Stutten herkaͤmen; daß Pindarus ein von einem Hirten und einem Mutter- Pferde entsprossenes Kind gehabt; Crathis mit einer Ziege eine Tochter; ein ander Schaͤffer darmit den Sylvan; ein Esel ein ander schoͤnes Maͤgdchen Onoscelis gebohren haͤtte; ja die Cimbrischen Fuͤrsten sich ruͤhmten/ daß ihres Geschlechtes erste Stam̃-Frau von einem Baͤ- ren geschwaͤngert worden waͤre: ein Adelich Geschlechte in Spanien einen Wassermann zu seinem Anherrn machte/ ein gantzes Volck Erster Theil. Q q q q in Fuͤnfftes Buch in Jndien an dem Flusse Kinxa von einer durch Schiffbruch an den Seestrand geworffener Jungfrau/ die ein Hund beschlaffen haͤtte/ ent- sprossen seyn wolte; so schiene ihm doch dieses alles unglaublich zu seyn/ und hielten die be- wehrtesten Naturkuͤndiger darfuͤr/ daß aus Menschen und Vieh durch ordentlichen Lauff der Natur kein Thier/ am wenigsten aber ein Mensch gezeuget werden koͤnne. Daher die Sirenen ungezweiffelt so wohl als die Saty- ren (da es anders derer iemahls wahrhafftig ge- geben) oder auch als die Affen fuͤr eine besonde- re Art der Thiere zu halten waͤren. Denn wie in dem Meere Fische zu finden/ die von ihrer Aehnligkeit den Nahmen des Monden und der Sternen bekaͤmen/ die mit ihrem Fluge den Vogeln sich gleichten/ andere den Titel der Nes- sel und anderer Kraͤuter fuͤhrten; in dem Meere Baͤume und Stauden so wohl als auff der Er- de wuͤchsen; viel See-Thiere den Loͤwen/ Kuͤhen/ Pferden/ Kaͤlbern und Woͤlffen/ ja auch die Af- fen und andere Thiere dem Menschen sehr na- he kaͤmen; also waͤre so vielmehr wunderns- werth/ daß diese Meerwunder auch uns Men- schen im Ober-Leibe so aͤhnlich schienen. Man haͤtte derer in Griechen-Land/ Welschland/ A- frica und an vielen andern Orten gesehen. Ja bey den Batavern waͤre fuͤr d ri ttehalb hun- dert Jahren eine gefuͤßete Sirene/ welche so gar am Rocken spinnen lernen/ und ein Meer- Mann ohne Schwantz in dem Cimbrischen Meere fuͤr funffzig Jahren mit einem Seile gefangen worden. Zeno betheuerte/ daß er in Jndien derogleichen fuͤr die gewisseste Wahr- heit gehoͤret haͤtte; und in Griechenland wuͤste man auch viel von Sirenen/ welche im Un- terleibe Voͤgel abbildeten/ zu sagen. Hiermit erzehlte er ferner/ daß sie nach einer dreyßig taͤ- gichten Schiffarth an der eussersten Spitze des rothen Meeres in den Hafen der Stadt Arsi- nde eingelauffen waͤren/ welche Stadt zwar Landwaͤrts in einem unfruchtbaren Sand- Meere laͤge/ aber wegen seines Handels mit den Schaͤtzen der Morgenlaͤnder gleichsam an- gefuͤllet waͤre. Dar haͤtte sie der Kaͤyserliche Stadthalter ansehnlich bewillkommt/ und auff einer Menge Kamelen nach Heliopolis fuͤhren lassen/ allwo Cornelius Gallus nebst die zwoͤlff ersten beruͤhmten Sonnen-Spitzen/ die Koͤnige Manufftar/ Sotis/ Psammetich und Seso- stris der Sonnen zu Ehren auffgerichtet/ und mit vielen in ihren mit vielfaͤrbichten Tropffen gleichsam besprenckeltem Thebaischen Marmel gegrabenen Sinnbildern ausgezieret hatten/ auch zu grossem Wunder von dem wuͤtenden Cambyses nicht zerschmettert waren/ eine gleich- maͤßige ihm hatte auffsetzen/ ja in die glatte Sonnen-Spitze die Manfenkur des Sesostris Sohn auffgethuͤrmet/ sein Bildnis hauen/ und in den Fuß schreiben lassen: Egypten lerne nun viel groͤßre Spitzcn bauen/ Als diese/ welche solln der Sonnen Finger seyn; Du hast auff Erden itzt mehr Sonnen anzuschauen/ Fuͤr welchen diese kaum geringe Zehen seyn. Laͤßt Caͤsars Bild sich auch gleich in Porphir noch hauen/ So heischt des Gallus Ruhm doch einen edlern Stein. Denn ist August dein Fuͤrst/ weil er dich uͤberwunden/ So hast am Gallus du erst einen Vater funden. Hertzog Herrmann fing hieruͤber lachende an: Es waͤre sich uͤber die Pracht dieser grossen Steine/ welche/ wie er selbst zu Alexandria ge- sehen/ meist mit viererley Feuer/ Lufft/ Wasser und Erde gleichsam abgebildeten Flecken be- streuet/ und desthalben der in diesen vier Uhrwe- sen kraͤfftig wuͤrckenden Sonne gewiedmet waͤ- ren; nichts minder auch uͤber die kuͤnstliche Fort- bringung/ da man nehmlich aus dem Nile ab- sonderliche Wasserfarthen biß zu dem Thebai- schen Gebuͤrge gegraben/ und Anfangs mit Steinen zweyfach beladene Schiffe unter die mit beyden Ecken am Ufer aufliegende Spi- tzen gefuͤhret/ hernach durch die Erleichterten auffgehoben/ und an den bestimmten Ort ge- bracht hat; am allermeisten aber uͤber die ver- messene Uberschrifft des hochmuͤthigen Gallus zu Arminius und Thußnelda. zu verwundern. Dannenhero diese neblichte Neben-Sonne/ welche so gar ihren Fuͤrsten uͤ- berscheinen wollen/ wohlverdient so geschwinde verschwunden/ und zu Thraͤnen-Wasser wor- den waͤre. Aber warum hat Augustus nicht auch das Gedaͤchtnis dieses hoffaͤrtigen Knech- tes vertilget? Zeno antwortete: Es haͤtte diß ihn ebenfals befremdet; der Egyptische Land- vogt Cajus Petronius aber haͤtte ihm gemeldet/ daß der Kaͤyser ihm/ als er dieses austilgen wol- len/ zugeschrieben haͤtte: Gallus waͤre nicht we- gen seiner aberwitzigen Eitelkeit/ welche das Gelaͤchter des Volckes/ die Erbarmung und nicht die Rache des Fuͤrsten verdiente/ son- dern wegen anderer Laster bey ihm in Ungna- de verfallen. Des Gallus bloͤdsinnige Uber- schrifft wuͤrde folgenden Landvoͤgten zur War- nigung dienen/ sich fuͤr seinen Verbrechen zu huͤten/ und an seinem Untergange zu spiegeln. Ein Fuͤrst waͤre das Haupt/ dieses aber miß- goͤnnte den andern Gliedern nichts. Der Fuͤr- sten Fuͤrbild solten seyn die Egyptischen Spitz- Thuͤrme/ denn wie diese am Mittage wegen ih- rer Breite keinen Schatten von sich wuͤrffen/ al- so solten jene aller Beneidung sich enteusern. Daher dieselben fuͤr so thoͤricht als Gallus zu achten waͤren/ welche ihren Dienern mißgoͤn- ten/ daß sie besser tantzten/ oder auff der Laute schluͤgen/ als sie. Ein Fuͤrst solte mit nieman- den in nichts/ in dem aber mit der gantzen Welt eifern/ da iemand sich ihm an Tugend und Guͤte vorzuͤcken wolte. Hingegen aber solten sich hochmuͤthige Diener an dem von denen E- gyptiern verlassenen/ und bey hervorbrechen- der Ungnade des Kaͤysers verhoͤneten Gallus spiegeln/ der ihm doch jene durch grosse Wohl- thaten zu seinen Schuldnern gemacht zu ha- ben vermeinte; und sich erinnern: daß Fuͤrsten Sonnen/ Diener nur Sonnen-Uhren waͤren/ welche kein Mensch mehr einigen Anblicks wuͤrdigte/ wenn die Sonne und die Huld des Fuͤrsten sie nicht mehr beschiene. Dieser Petronius/ sagte Zeno/ ließ uns von Heliopolis nach Aphroditopolis/ und von dar auff dem rechten Arme des Nilus hinab/ auff dem lincken aber wieder hinauff/ und durch die Arsinoitische Gegend/ auff dem gemachten gros- sen Wasser-Graben in die herrliche Krocodil- Stadt fuͤhren/ und daselbst unter andern Sel- tzamkeiten den sehr grossen Seeweisen/ welchen Koͤnig Meris funffzig Ellen tieff in Sand gra- ben/ mit Marmel am Boden und Rande be- setzen lassen: daß bey hoch angeschwollenem Nil das Wasser sechs Monat hinein/ bey abfallen- dem Strome aber sechs Monat heraus lauffen/ und das duͤrstende Egypten befeuchten koͤnne. Jn der Mitte stehen zwey Marmel-Spitzen/ welche funffzig Ellen uͤber das Wasser noch in die Lufft ragen/ an der einen war der Fluß Nil/ an der andern Koͤnig Meris auff einem Stule sitzende/ und einen Wasser-Krug aus- giessende/ gebildet. Auff des Nilus Wasser- Kruge stehen die gestirnten Zwillinge und die fuͤnff folgenden himmlischen Zeichen; Auff des Meris aber der Schuͤtz/ und die fuͤnff uͤbrigen. Denn in jenen Zeichen ist der Nil auffgeschwel- let/ theils von denen haͤuffigen Regen in Moh- renland/ wo er in dem Lande Sakela auff der Flaͤche eines mit Wasser gantz angefuͤllten Berges seine zwey Augen oder Brunnen hat/ und durch vielerley Schlangen-Wege durch erschreckliche Stein-Kluͤffte in Egypten abstuͤr- tzet; theils weil also denn/ wenn die Sonne fast am hoͤchsten steht/ ein Thau faͤllt/ welcher das Wasser und den Schlamm durch Beseelung seines von der Sonnen-Hitze erwaͤrmeten/ und zu der Fruchtbarkeit alleine dienenden Saltzes und Salpeters schwaͤngert/ und beydes jaͤhrend macht. Weßwegen sich nicht allein das Nil- Wasser vier oder fuͤnff Tage fuͤr seinem Wachs- thume wie der junge Wein in Faͤssern truͤbet/ sondern auch die aus dem Bodeme geraffte Er- de bey solcher Auffschwellung schwerer wird; also/ daß man nach solcher Schwerde die be- Q q q q 2 vor- Fuͤnfftes Buch vorstehende Vergroͤsserung des Flusses urthei- len kan. Welches Saltz im Fruͤhlinge eben- fals der jaͤhrenden Erde gleichsam ihre Schweiß-Loͤcher oͤffnet; nach seiner Verfluͤ- gung aber sich den Schlamm wieder setzen laͤst/ also/ daß in viel tausend Jahren die Ufer sich von selbtem nichts erhoͤhet/ und die Alten nur getraͤumt haben/ wenn sie geglaͤubet/ daß das untere Egypten aus dem herunter geschweif- feten Lette zusammen gespielet/ fuͤr Zeiten a- ber See gewest waͤre. Die Tingung dieses Nil-Wassers ist so gut und uͤbermaͤßig/ daß die Egyptier zu Daͤmpffung des uͤbermaͤßigen Salpeters/ und daher ruͤhrender Fettigkeit bey Saͤung der Melonen und Gurcken die Aecker zuweilen besaͤnden/ und zu derer Vermagerung so viel Muͤh als andere zur Tingung anwen- den muͤssen. An dem Henckel des Alabaster- nen Kruges/ den Moeris ausgoß/ war das Bild Egyptens und folgendes zu lesen: Hertz-Ader des Osir/ der Jsis hold Gemahl/ Des Paradißes Arm/ der Goͤtter milde Zehren/ Jhr Saamen/ ihr Geschenck/ und ihr Genaden-Strahl/ Du reicher Himmels-Brunn/ du Vater fetter Achren/ Du Geist der Unter-Welt/ du fruchtbar-reicher Nil/ Gantz Africa kan dich nicht nach Verdienst verehren/ Kein Tempel ist zu groß/ kein Opffer dir zu viel/ Doch itzt scheint dir nur halb mein Weirauch zugehoͤren. Dem Moeris sireut die linck’./ und dir die rechte Hand; Denn ein halb Jahr netzt er/ das andre du mein Land. Auff dem Ruͤckwege sahen wir an dem aus diesem See gehenden Wassergraben das wun- derwuͤrdige Jrr-Gebaͤue/ welches Koͤnig Moe- ris zu seinem Begraͤbnisse angefangen/ andere zehn Koͤnige vollfuͤhret/ und Psammetich aus- gebauet hat; dessen Wunder alle Kraͤffte mensch- lichen Verstandes und Macht erschoͤpffen/ und allen Glauben uͤbertreffen; gegen welches das Nachgemaͤchte des Dedalus auff dem Eylande Lemnos nicht sein hunderstes Theil ausmacht. Als sich uns das Thor oͤffnete/ erbebte alles von einem grausamen Donnerschlage. Es ist ge- theilt nach den zwoͤlff Egyptischen Landschafften in zwoͤlff Hoͤfe/ kein Egyptischer Gott ist/ der darinnen nicht seinen Tempel habe/ welche von eitel Marmelnen Seulen unterstuͤtzt sind/ und in ihnen eine grosse Menge wohl vierzig Ellen hoher Spitz-Thuͤrme haben. Ausser diesem ist eine grosse Menge Lustgaͤnge/ und Gemaͤcher/ wohl neunzig Staffeln hoch zu sehen/ welche von Seulen aus Porphir getragen werden; zwischen denen der Koͤnige uñ Goͤtter Bilder in viehischer Gestalt/ aber aus koͤstlichem Ertzte und seltza- men Steinen auffgerichtet sind. Dieser Ge- maͤcher werden vierdtehalb tausend gezehlet/ de- rer iegliche Seite so wol als die Bedachung von einem gantzen Marmelsteine bestehet. Die un- tersten sind Behaͤltnisse der Koͤniglichen Leichen/ und der heiligen Krokodile/ die nicht wie die ober- sten Fremdankommenden gezeuget werden/ aus derer irrsamen Umschweiffen sich Dedalus selbst nicht auszuwickeln gewuͤst hat. Diß/ was ich fuͤr das koͤstlichste hierinnen gehalten/ ist die neun Ellenbogen hohe Seule des Serapis aus einem einigen Smaragde/ welcher die gleichmaͤßige Keule in dem Tempel des Hereules zu Tyrus weit uͤbertrifft/ und das Bild der Jsis aus de- rogleichem Steine vier Ellen hoch/ welchen Stein ein Koͤnig von Babylon dahin verehret hat. Jedes Bild hatte zwar seine Beyschrifft/ aber aus mir unleßlichen Ziffern/ darein al- lerhand Thiere eingemischt waren. Uber dem aus Ertzt gegossenem Thore stand ein Paradiß- Vogel von allerhand Edelgesteinen recht leb- hafft zusam̃en gesetzt/ welcher ihrem/ wiewol von mir in Jndien irrig befundenen Glauben nach/ keine Fuͤsse haben/ also niemahls ruhen/ nichts essen/ keinmahl schlaffen/ und iederzeit in der Hoͤ- he herum schweben soll. Diesen brauchen die Egyptier deßhalben zu einem Sinnbilde eines Fuͤrsten/ weil er niemahls ruhen/ seiner Unter- thanen Guͤter nicht verzehren/ aber wohl stets fuͤr sie sorgfaͤltig wachen soll. Hier aber war in gemeiner Egyptischer Sprache darunter zu lesen: Wie Arminius und Thußnelda. Wie irr’t ihr Sterblichen/ die ihr den Jrrbau seht Fuͤr einen Jrrgang an/ der euch nur soll verfuͤhren. Ein gleicher Fuß-Pfad scheint dem Blinden auch verdreht; Ein Weiser aber kan die Spur hier nicht verlieren. Wenn euer Vorwitz sucht in Sternen Gluͤck und Leid/ Muß euch die Sonne selbst ein schaͤdlich Jrr-Licht werden. Und euer Wahnwitz geht den Pfad der Eitelkeit/ Wenn ihr hier’s Paradis/ den Himmel sucht auf Erden. Des Menschen Lebens-Lauff gleicht einer Jrre-Bahn/ Aus Einfalt irrt ein Kind/ ein Weiser durch Begierde/ Des Alters Jrr-Weg ist ein falsch-gesetzter Wahn/ Des Geitzes schimmernd Ertzt/ der Geilheit fremde Zierde. Jedwedes Laster fehlt/ und faͤllt vom Mittel ab/ Sucht einen Abweg ihm zum eigenen Verderben. Ja nicht der hundertste weiß seinen Weg ins Grab/ Er kennt ja wohl die Noth/ doch nicht die Art zu sterben. Wer aber durch den Bau vernuͤnftig irre geht/ Wird seines Heiles Weg/ der Wahrheit Richtschnur finden. Denn unser todter Geist wird lebhaft und erhoͤht Zu Gott erst/ wenn er siht sein scheinbar Nichts verschwinden. Die Leichen lehren euch: Der Leib sey Mad’ und Aaß/ Wenn sich die Seele schwingt in ihres Schoͤpfers Haͤnde. Der Tempel zeigt: Gott sey ein Circkel ohne Maaß/ Ein Brunn-Quell ohne Grund/ ein Wesen sonder Ende. Wie irr’n die Albern doch/ die iedes heil’ge Thier/ Mauß/ Ochsen/ Ziege/ Kalb/ Fisch/ Katze/ Kaͤfer/ Drachen/ Wolff/ Affen/ Zwiebeln/ Lauch/ Hund/ Habicht/ Wespe/ Stier/ Frosch/ Schlange/ Crocodil zu rechten Goͤttern machen! Zwar Gottes Finger laͤst in iedem sich wohl sehn/ Und seiner Allmacht Glantz durch diesen Schatten mahlen. Denn Gottes Auge pflegt nichts kleines zu verschmaͤhn/ Doch ist sein Wesen weit entsernt von diesen Schalen. Wer hier nicht irren soll/ die Bilder-Schrifft verstehn/ Muß einem Vogel sich des Paradises gleichen/ Nicht kriechen auf der Erd/ auf lahmen Fuͤssen gehn/ Der Traͤgheit faulen Schlaf ihm aus den Augen streichen/ Nach irrd’scher Speise nicht der Wollust luͤstern seyn/ Nicht unter Eulen ruhn/ sich uͤber Wolcken schwingen/ Gott schluͤssen in die Seel/ und nicht in Marmel ein/ Nicht Weyrauch/ sondern’s Hertz ihm zum Geschencke bringen. Die Egyptier selbst halten dieses Gebaͤue ietzt noch fuͤr das koͤstlichste/ nach dem Cambyses das Begraͤbnuͤß des Koͤnigs Osymandyas groͤsten- theils eingeaͤschert/ sein aus einem Steine gehau- enes hundert und acht und sechzig Schuch hohes Bild zerschmettert/ und den unschaͤtzbaren guͤl- denen Circkel umb das Grab/ welcher nach der Zahl der Tage drey hundert fuͤnf und sechzig Ellen im Umbkreisse hatte/ und aller Ge- stirne Lauff andeutete/ mit sich weggefuͤhret hat. Von dar leitete uns der Nil-Strom ab nach Memphis und besahen wir in der Naͤhe die al- ten Grabe-Spitzen/ welche wegen ihrer Kost- barkeit/ und bestaͤndigen Alterthums/ danemlich in etlichẽ 1000. Jahrẽ sie an der Nord-Seite der Regen/ und die Luft an denen hervorgehenden Ecken der zusammen gefuͤgten Marmel-Felsen nur ein wenig belecken koͤnnen/ mit gutem Rech- te unter die Wunder der Welt gezehlet werden. Wir stiegen auswerts auf denen zwey hundert und acht vier Fuͤsse hohen Staffeln/ biß auf die zugespitzte Flaͤche des groͤsten unter diesen kuͤnst- lichen Marmel-Bergen; von dar niemand als ich mit seinen Pfeilen uͤber den ersten Fuß rei- chen konte. Unser Vorwitz trieb uns auch diese Grab-Saͤule inwendig zu beschauen/ da wir denn durch unterschiedene niedrig-gewoͤlbte Stiegen endlich zu einem leren Grabe kamen/ in welchem des uns anweisenden Priesters Be- richte nach/ fuͤr tausend Jahren ein Wuͤterich ein koͤstlich Smaragden-Geschirre/ nebst einer ziemlichen Menge guͤldener Muͤntzen gefunden haben soll; derer Menge gleich die Unkosten be- tragẽ/ die er auf die Durchbrechung der zwantzig Ellen dicken Mauer/ oder des/ nach etlicher Meynung/ daselbst gewachsenen und nur aͤuser- lich zugespitzten Felsens verwendet hatte. Diese Grab-Stelle aber waͤre zwar dem Koͤnige Chemmis/ der diesen Bau in zwantzig Jahren mit dreyhundert und sechzig tausend Menschen vollfuͤhret/ zugeeignet; er sey aber darein nicht geleget worden; weil er durch Abmer gelung sei- ner Unterthanen unversoͤhnlichen Haß auf sich geladen/ und also fuͤr ihrer Rache unter so vielen Felsen nicht sicher zu bleiben besorget. Der Priester hatte diesen Bericht uns kaum erstat- tet/ als ein Jndianischer Edelmann sich nach al- ler Laͤnge in das Grab streckete/ und anfing: So wil denn ich dieses Grab seines Zweckes/ mich aber durch ein so herrliches Grab eines unsterbli- chen Gedaͤchtnuͤsses faͤhig machen. Und hier- mit stieß er einen Dolch ihm so tief ins Hertze: Q q q q 3 daß Fuͤnfftes Buch daß er mit seinem hoch empor spritzenden Blute Augenblicks seine Seele ausbließ. Wie sehr wir nun erschracken/ so sehr eiferte sich der Prie- ster hieruͤber; also/ daß er fuͤr Ungedult heraus brach: Leichen eigneten wohl den Graͤbern; Graͤber aber nicht unwuͤrdigen Todten Ruhm und Wuͤrde zu. Welchen ich aber zu besaͤnfti- gen bemuͤhte/ und endlich laͤchelnde beysetzte: Die von dem koͤstlichen Agsteine umbronnenen Nattern und Fluͤgen wuͤrden gleichwohl von Koͤnigen werth geschaͤtzt nur ihres praͤchtigen Grabes willen/ welches an Herrligkeit alle Egyptische Grabes-Spitzen weit uͤbertreffe. Jnzwischen wolte doch niemand diese Leiche an- ruͤhren; welche hernach auf des Gesandten Un- kosten/ nach Egyptischer Art/ weil keine Seelen die verfauleten Leiber mehr sollen beywohnen koͤnnen/ eingebalsamt ward/ indem der Land- Vogt es allererst an den Kaͤyser gelangen ließ: Ob diese Leiche alldar zu lassen/ oder wegzuneh- men waͤre. Hierauf besahen wir die andere vom Koͤnige Cephren gebaute/ auch zwar eben so hohe aber nicht so dicke/ auch gantz glatte/ und endlich die dritte vom Koͤnige Mycerin aufgefuͤhrte Gra- be-Spitze. Diese giebet zwar an Groͤsse den er- stern ein merckliches nach; aber die Bau-Kunst und die weissen Marmel-Steine daran sind viel koͤstlicher. Denn an der Nord-Seite ste- het Koͤnig Mycerins Nahme/ und daß die Bau- Leute darbey nur an Knobloch und Oel sechs hundert Talent Silber verzehret haͤtten/ einge- graben. Die andern kleinern Grabe-Spitzen zu beschauen verhinderte uns die anbrechende Nacht/ also betrachteten wir zum Beschlusse nur den ungeheuren aus einem Marmel-Felsen ge- hauenẽ Sphinx/ dessen Kopf allein hundert drey und vierzig Fuͤsse lang/ und vom Bauche biß zur Scheitel zwey und sechzig hoch ist. Der Leib bildete einen Loͤwen/ das Haupt eine Jungfrau ab; weil in diesen zweyen him̃lischen Zeichen der Nil am hoͤchsten anschwillt/ umb hierdurch Egyptens Fruchtbarkeit fuͤrzustellen. Wie wir uns nun in denen aus eitel gantzen Mar- mel-Steinen gehauenen Wohnungen der Prie- ster/ daselbst zu uͤbernachten/ verfuͤgten/ fanden wir eine Anzahl eingebalsamter/ und auf des Largus Befehl dem Jndischen Gesandten zu Liebe aus gegrabener Leichen oder Mumien/ wel- che alle unter der Zunge eine guͤldene Muͤntze/ etliche auch am Halse zum Kenn-Zeichen ihrer gehabten Wuͤrde guͤldene Voͤgel/ oder andere Thiere hengen hatten. Wiewohl nun meine Geferthen nach ihrer Beschauung und einge- nommenem Nachtmahle sich zur Ruhe verfuͤg- ten/ trieb mich doch die Begierde denen Egypti- schen Eitelkeiten meine Verachtung einzupre- gen/ und daher erkauffte ich etliche der Mumien- Graͤber/ daß sie selbige Nacht bey brennenden Fackeln mit ihren Pfrimern nach Anleitung meiner Kohlen-Schrifft in einen glatten Stein der groͤsten Grabe-Spitze folgende Reymen eingruben: Jhr Thoͤr’chten/ die ihr meynt durch Balsam/ Hartzt und Stein Den todten Leib fuͤr Zeit und Maden zu besch uͤtzen/ Die ihr die Ewigkeit sucht in den Grabe-Spitzen/ Glaubt: Balsam/ Hartzt verraucht/ und Mauern fallen ein. Ja Sothis hat vielleicht laͤngst Salbe muͤssen seyn/ Und ein schlecht Sclave wird nach Cephrens Fleische schwitzen. Wird Lufft und Regen auch nicht diese Thuͤrm’ abnuͤtzen; So wird man Asch’ und Saltz vielleicht noch auf sie streun. Den Seelen ist allein die Ewigkeit verwand/ Die Tugend ist hierzu ein Balsam/ der nicht schwindet/ Ein Ehren-Mahl/ das Zeit und Sterben uͤberwindet/ Wenn Mumien zerfall’n/ Pallaͤste werden Sand. Ja wenn die Sternen selbst schon eingeaͤschert werden; So lebt ihr Geist bey Gott/ ihr Nachruhm auf der Erden. Hertzog Herrmann brach allhier ein: Es waͤ- ren diese Egyptische Grabe-Spitzen wohl Wer- cke von grosser Kunst und Kostbarkeit/ aber von keinem Nutzen. Sie waͤren Beweißthuͤmer reicher und ehrsuͤchtiger/ aber nicht gutthaͤtiger Fuͤrsten. Sie haͤtten der Zeit einen Rang abge- rennt/ und der Eitelkeit eine Scham-Roͤthe ab- gejaget; aber ihren Uhrhebern ein Brandmahl eingebrennt; welches ihre unbarmhertzige Un- ter- Arminius und Thußnelda. terdruͤckung des unter Schweiß und Last Athem- losen Volckes denen unnuͤtzen Marmel-Ber- gen an die Stirne schreibet: daß sie alle An- schauer daran sonder Erkiesung einigen Buch- stabens lesen koͤnten. Diesemnach er des Koͤ- nigs Meris fruchtbaren See-Bau aller an- derer Egyptischen Koͤnige Wercken/ insonder- heit aber diesen spitzigen Bergen weit fuͤrzuͤge; welche niemanden als den Leichen/ oder dem Aberglauben zu statten kommen koͤnten; wenn er selbte entweder fuͤr Staffeln den Menschen in Himmel/ oder den ohnmaͤchtigen Goͤttern vom Himmel auf die Erde halten wolte. Es stuͤnde zwar Fuͤrsten nicht die Art des Scipio Emilius an/ welcher sein Lebtage nichts gebauet/ sondern vielmehr diß/ daß sie die Bau-Kunst unterhiel- ten/ und durch ansehliche Gebaͤue der Nachwelt ihr Gedaͤchtnuͤß liessen; wenn aber daran nicht der gemeine Nutz zum Grund-Steine gelegt; sondern nur umb auf die Spitze das Fahn eite- len Ruhmes zu stecken/ Sand und Kalck mit Schweisse der verschmachtenden Unterthanen eingemacht; und die Werck-Stuͤcke mit abge- preßtem Vermoͤgen oder anderem Blute der Buͤrger zusammen gekittet wuͤrden/ verwan- delte sich das gesuchte Lob in Fluch/ und das Ge- daͤchtnuͤß in Abscheu; oder das gelindeste Urthel der Nachwelt bezeichnete solche muͤhsame Rie- sen-Wercke mit dem Titul einer kostbaren Thor- heit. Noch einen aͤrgern Nahmen aber ver- diente die nur zur Verschwendung angezielte Bau-Sucht derer/ die umb ihr Vermoͤgen nur wegzuwerffẽ/ oder die Nachbarn zum Raube an- zureitzen nach dem Beyspiele der Meden das Ec- batanische Schloß mit gantz guͤldenen Zuͤgeln deckten/ oder mit dem Memnon in der Festung zu Susa das Gold an statt des Eisens zu Klam- mern in die Steine brauchten. Jene haͤtten zwar diesen scheinbaren Vorwand: daß sie durch taͤgliche Bemuͤhung ihre arbeitsame Untertha- nen von den Wolluͤsten abzuͤgen/ oder die uͤber- wundenen streitbaren Feinde durch Anleitung zu Erbauung kostbarer Schau-Plaͤtze/ Lusthaͤu- ser/ Gaͤrte/ und warmer Baͤder weibisch mach- ten; alleine es mangelte niemals einem klugen Fuͤrsten an Gelegenheit was nutzbares zu bau- en; welches so denn ein herrlicher Ansehen haͤtte/ als die Gefaͤngnuͤsse der wolluͤstigen Sardana- pale mit den silbernen Gegittern und Berg-Cry- stallenen Fenstern. Daher gereichete es dem grossen Alexander zu keinem kleinem Ruhme: daß er den Baumeister verlacht und abgewiesen; welcher sich erbot/ aus dem Berge Athos sein Bild zu fertigen. Und jener Arabische Koͤnig/ welcher auf zwoͤlf Tagereisen weit in dreyen ab- sondern aus Leder gemachten Geleiten das Was- ser aus dem Flusse Coris fuͤhrte/ und sein duͤrsten- des Reich darmit traͤnckte/ ist nicht unbillich dem sorgfaͤltigen Meris an die Seite zu setzen. Un- ter den Roͤmischen Bau-Leuten aber schiene Agrippa mit seinen nuͤtzlichen Wasserleitungen/ und dem herrlichen Tempel am vernuͤnftigsten Nutz und Ansehn mit einander vermaͤhlt zu ha- ben. Denn er waͤre keines weges der Mey- nung: daß der Mensch in Wohnungen nicht von den Thieren/ und seine Haͤuser nicht von einsamen Hoͤlen oder duͤsternen Graͤbern unter- schieden seyn solten. Es waͤre so wenig dem Gesetze der Natur zuwider: daß man nicht mehr unter einem uͤberhaͤngenden Felsen sich fuͤr Schnee und Regen deckte/ nicht mehr in hohlen Baͤumen schlieffe/ nicht in geringen Laubhuͤtten wohnte; als daß man etwas anders/ als Eicheln und Wasser zu seinem Unterhalte gebrauchte. Die Noth haͤtte die Vernunft geschaͤrffet/ daß sie die Axt und den Hammer erfunden/ und Haͤuser zu bauen gelehrt. Ja die Natur haͤtte die Voͤgel und Bienen dem Menschen gleichsam hierinnen zu Lehrmeistern fuͤrgestellet/ in dem jene ihre Nester nach der allerbequemften Gemaͤchligkeit; diese nach der allerfuͤrtreff lichstẽ Bau-Kunst ihre waͤchserne Zimmer zubereite- ten. Zu was Ende haͤtte diese weise und nichts umbsonst schaffende Mutter so viel Ertzt/ Mar- mel/ und Alabaster in den Gebuͤrgen; so schoͤnes und vielfaͤrbichtes Holtz in den Waͤldern wach- sen Fuͤnfftes Buch sen lassen? warumb haͤtte sie so viel Steine gleichsam mit einem kuͤnstlichen Pinsel gemah- let? was waͤre nicht fuͤr Ordnung in den Schne- cken-Haͤusern/ fuͤr Glantz in den Perlen-Mu- scheln; fuͤr Abtheilung in den Spinnweben/ fuͤr Herrligkeit in den Zelten der Seiden-Wuͤrmer zu sehen? Wie viel mehr solten nun auch Fuͤrsten ihrem Ansehn anstaͤndige Haͤuser haben. Gott haͤtte sein Zelt in dem allerschoͤnsten Gestirne/ nemlich in der Sonne aufgeschlagen; warumb solten denn seine Stadthalter auf der Welt sich in Schacht/ oder duͤsterne Winckel verstecken? Zumal da die Vollkommenheit eines Fuͤrstlichen Schlosses nicht so wohl an Kostbarkeit des Zeu- ges/ als an bequemer Eintheilung des Raumes laͤge; die Ordnung aber mehr zu Erspar-als zu Vergroͤsserung der Unkosten diente; und wenn die Nothdurft aus rechten Orten/ nicht zur Un- zeit herbey geschafft/ selbte auch bald anfangs an gesunde und feste Stellen gesetzt/ nicht fluͤchtig uͤberhin gemacht; sondern auf bestaͤndigen Fuß gegruͤndet wuͤrden/ die Tauerhaftigkeit alle Ausgaben reichlich erstattete. Wie wir auf den folgenden Morgen nach Babylon am rechten Arme des Nils ankamen/ berichtete uns Petronius: daß der Kaͤyser nach Besichtigung Asiens auf dem Eylande Samos waͤre/ daselbst aber nicht lange verbleiben wuͤrde. Daher ging der Jndianische Gesandte alsofort zu Schiffe/ fuhr mit uns bey den Staͤdten Busi- ris/ Bubastus und Phacusa vorbey/ und auf dem Pelusischen Strome hinab in das mittellaͤn- dische Meer mit einem erwuͤntschten Sudwind. Wir kamen auf dem Eylande Samos und zwar in der Stadt Marmacus gluͤcklich an/fanden auch zwar den Kaͤyser/ der aber noch selbigen Tag nach Athen segelte/ und uns ihm zu folgen erin- nern ließ. Weil nun Zarmar vernahm: daß diese Stadt des Pythagoras und seines Knech- tes Zamolxis/ wie auch der Samischen Sybille Vaterland waͤre/ lag er dem Gesandten an/ ein paar Tage daselbst zu verharren. Wir liessen uns durch einen lustigen Wald von eitel Oelbaͤu- men zu dem beruͤhmten Tempel der Ceres leiten/ worinnen der Kaͤyser fuͤr etlichen Tagen selbst ge- opfert hatte. Jch erinnerte mich auf der Schwelle der Lehre des Pythagoras: daß in Hei- ligthuͤmern auch die Seelen der haͤrtesten Men- schen geruͤhret wuͤrden; daher ich entweder durch diß Andencken/ oder durch die Eigenschafft die- ses Heiligthums eine besondere Andacht in mir empfand. Der Tempel war recht viereckicht aus weissem Marmel gebaut. Jn der Mitte stand auf einem Altare ein Vier-Eck aus dich- tem Golde/ wormit Pythagoras eine einige Gottheit bezeichnet; und die vierdte Zahl zur hoͤchsten Betheuerung der Wahrheit gebraucht hat. Der einigen Pforte gegen uͤber stand auf einem marmelnen Altare ein ertztenes Bild/ welches auf einer Seite die Ceres/ auf der andern den Pythagoras ausdruͤckte. Dieses zweyfache Bild hielt in seinen Haͤnden einen umb selbtes herumb gehenden guͤldenen Circkel/ in welchen eingeetzet war; auf der Seite der Ceres: Gott speiset durch Gewaͤchse den Leib. Auf des Pythagoras Seite: Durch Weißheit die Seele. An dem Fusse war auf des Py- thagoras Seite zu lesen: Pythagoras der erste wahrhafte Weise; weil seine Demut der Fuß alleꝛ Tugenden sich dieses Tituls entaͤusert/ und sich mit dem eines Weißheit-Liebhabers vergnuͤget/ hat durch seine Geburt nichts minder diß Thal/ als Jupiter durch seine dẽ Berg Jda beruͤhmt ge- macht. Was die Juden von Gott/ die Phoͤnicier von Zahlen/ Egypten von der Natur/ Babylon vom Himmel/ Creta und Sparta von vernuͤnfti- gen Gesetzen/ Pherecydes von der Weißheit ge- wuͤßt; was alle an guten Sitten gehabt/ war in ihm in einem kurtzen Begriffe beysammen. Er war beschnidten in seiner Vorhaut/ aber mehr in Begierden; mehr ein Erfinderer der Meßkunst/ als ihr Verbesserer. Gleichwohl aber eignete er alles nicht ihm/ sondern der Eingebung des ersten Ursprungs zu; und opferte fuͤr ein ausgedachtes Maͤßwerck den Musen hundert; und ein ander mal Arminius und Thußnelda. mal einen von Mehl gebackenen Ochsen. Das kleine Griechenland hat ihm sein Gewichte/ das grosse seine Maͤßigkeit/ die Welt ihre Wissen- schafft von dem Lauffe des Morgen- und Abend- Sternes/ von der Unbewegligkeit und Runde der Erdkugel zu dancken. Er gab die erste Nachricht von den Menschen/ die uns die Fuͤs- se kehren/ und kehrte seine Gegen-Laster und Jrrthuͤmer. Er jagte die Wollust aus Cro- ton/ und verlieh der Weißheit daselbst das Buͤr- gerrecht. Die Maͤnner lerneten sich von ihm weibischer Luͤsternheit schaͤmen; die Weiber a- ber nahmen maͤnnliche Tugenden an/ daß sie diesen mehr ihre Hertzen/ als ihre Kleinodter der Juno wiedmeten. Gleichwol aber hatte seine Weißheit nichts raues an sich; Denn das Mit- tel/ wordurch er einen Zornigen besaͤnfftete/ ei- nen Neidischen beguͤtigte/ einen Verzweiffelten troͤstete/ einen Verliebten befreyte/ und die heff- tigsten Gemuͤths-Regungen nieder schlug/ war eben diß/ wormit er seine Lehrlinge einschlaͤffte/ ihnen annehmliche Traͤume verursachte/ nehm- lich die suͤsseste Singe-Kunst/ die er aus dem Behaͤltnuͤsse der eintraͤchtig mit einander ein- stimmenden Gestirne auf die Erden herab ge- holet hat. Denn seine Sinnen drangen biß in Him̃el/ seine Augen biß in die Tieffe des Meeres/ und durch die Eingeweide der Erde. Daher ließ er einen im Monden lesen/ was er in einen ho- len Spiegel schrieb/ sagte die Erdbeben/ das Ungewitter und die gifftigen Seuchen vorher. Die Natur unterwarf sich selbst seiner Botmaͤs- sigkeit/ in dem er den Flug der Adler in der Luft/ und den Grimm der wuͤtenden Tiger und Pan- ther in Wuͤsteneyen zu hemmen wuste. Erhat- te ein Bein aus Golde/ das andere aus Helffen- bein; denn ein so herrliches Ebenbild Gottes konte nicht auff geringer Saͤulen stehen/ und der Geist des diesen Tempel benetzenden Flusses Nessus gruͤste ihn ehrerbietig/ als er durch ihn watete/ und eignete ihm viel zeitlicher/ als die Nachwelt/ und die Uhrheber dieses Heilig- thums den Nahmen eines Gottes zu. Er selbst bestaͤtigte seine Goͤttligkeit nicht nur durch tau- send Heilige/ sondern auch durch Wunderwer- cke. Denn er erschien in einer Stunde zu Metapont in Jtalien/ und zu Tauromin in Sicilien; Er lebte zu Metapont in dem Heilig- thume der Musen viertzig Tage ohne Speise und Tranck/ und sein gantzes Leben hatte an ihm wenig menschliches. Die Maͤßigung sei- nes Gemuͤthes ließ ihn niemals weinen/ auch niemals lachen. Sintemal beydes eine Uber- giessung derer uns von der Tugend ausgesteck- ten Ufer ist. Er hat sein Tage kein unnuͤ tz es Wort aus seinem Munde gelassen/ und s e in Stillschweigen hat der Beredsamkeit aller an- dern Weisen den Vortheil abgerennt. Denn alle seine Reden waren goͤttliche Lehren/ ied w e- des Wort war ein Talent schwer/ und die Sparsamkeit seiner Zunge ward ausgegleicht durch Verschwendung unzehlbarer guten Wercke. Sintemal seine Weißheit nicht ein unfruchtbares Nachdencken/ sondern das ge- meine Heil zum Absehn; nicht die Einsamkeit einer verbor genen Stein-Klufft/ sondern das Rathhauß und den Richterstuhl zum Sitze hat- te. Denn die Gerechtigkeit ist das Saltz des Lebens/ und einem Volcke klug und treulich vorstehen eine unverfaͤlschte Weltweißheit/ ja ein heiliger Gottesdienst. Niemand war an- daͤchtiger gegen Gott/ als er; aber er verbot von ihm etwas absonderes zu bitten. Denn diß waͤre so viel/ als Gott die Unwissenheit unser Duͤrfftigkeit/ oder den Willen seiner Erbarm- nuͤß absprechen. Er war ein Todfeind der Luͤ- gen/ und sein hoͤchster Schatz die Warheit/ durch welche der Mensch sich Gott am aͤhnlich- sten machen koͤnte/ als dessen Leib Licht/ dessen Seele die Warheit waͤre. Die Welt hat nie- mals einen groͤssern Verlust gelitten als in ihm; und dennoch hat er ihr so viel Weißheit hinter- lassen/ daß die Nachwelt keinen fuͤr reich an Weißheit haͤlt/ der sich nicht mit seinem Stuͤck- wercke betheilet hat. Wir lasen diese Taffel/ sagte Zeno/ nicht al- Erster Theil. R r r r lein Fuͤnfftes Buch lein etliche mal/ sondern ich zeichnete sie auch eil- fertig in meine Schreibe-Taffel ab/ ohne daß der uns anweisende Priester einiges Wort hier- zu redete; also durch sein Stillschweigen zu ver- stehen gab/ daß er ein Nachfolger des Pythago- ras waͤre. Gleichwol aber fragte ich ihn hier- um/ und ob in Samos/ oder sonst irgends wo noch Schulen dieses grossen Weisen gefunden wuͤrden? Der Priester beantwortete mich mit diesen Worten: Er und alle Priester in Sa- mos pflichteten den Lehren des Pythagoras bey. Denn ob zwar durch die Verraͤtherey des boß- hafften Cylon/ welchen selbiger Weise seiner vertraͤulichen Gemeinschafft nicht wuͤrdigen wollen/ drey hundert der fuͤrnehmsten Pytha- gorischen Weltweisen in der Stadt Croton ver- raͤthrisch verbrennet/ Pythagoras auch selbst er- mordet/ und seine Nachfolger durch gantz Jta- lien von selbigem lasterhafften Schwarme eu- serst verfolget worden; so waͤre doch/ als solcher Sturm uͤberhin gewest/ seine Weißheit von Euritus und Philolaus wieder in Schwung gebracht/ sein Hauß zu Croton ihm zu einem Tempel eingeweihet/ und seine Lehren biß ins zehnde Glied fortgepflantzet worden. Auf dem Eylande Samos aber tauerten sie noch/ unge- achtet ihre Schwerde viel von der Nachfolge abgeschreckt haͤtte; indem Pythagoras alle Ge- heimnuͤsse durch Zahlen und in Dorischer Sprache gelehret; Plato und Aristoteles auch/ welche sich mit seinen Federn geschmuͤckt/ durch Antichtung allerhand thoͤrichter Meinungen ihn iederman verhast gemacht/ und hierdurch den Brunn verstopfft/ aus welchem sie das edle Wasser ihrer Weißheit geschoͤpfft haͤtten. Uber diß haͤtte des Pythagoras Weißheit unter dem Nigidius Figulus wieder herfuͤr zu kaͤumen angefangen/ und mit dem Kaͤyser waͤre allererst Publius Sextius/ Sotion und andere abgese- gelt/ welche bey ihnen die Weißheit gelernet/ und in des Pythagoras Heiligthume die Wey- he angenommen haͤtten. Jch forschte ferner: Ob sie ihre Weißheit noch oͤffentlich/ und auch Fremde lehrten? Welches der Priester verjah- te/ und meldete/ daß sie ohne die noch in den fuͤnf Jahren des Stillschweigens begriffene Lehrlinge drey hundert Zuhoͤrer aus Griechen- land/ Syrien/ Egypten/ Deutschland und Scythen haͤtten. Jch erkundigte mich ferner: Ob sie noch die strenge Lebens-Art behielten/ daß sie nichts/ was gelebt haͤtte/ speiseten? Der Priester versetzte: Pythagoras haͤtte auser dem Rind- und Schaff-Fleische/ den Fischen und Bohnen alles andere ohne Unterscheid gessen; diesem folgten sie nach/ und wuͤsten sie auser dem von keiner Strengigkeit; es waͤre denn/ daß man die Mutter der Freyheit und Vergnuͤ- gung nehmlich die Tugend zu einem strengen Halsherrn machen wolte. Endlich fragte ich: wer denn eigentlich des Pythagoras Vater ge- west/ nach dem so viel unterschiedene Meinun- gen hiervon waͤren? Der Priester antwortete: Demarat/ ein reicher Phoenicischer Kauff- mann/ Vesiar ein Jude/ Mnesarchus ein Sie- gelstecher/ Tirrhenus und Marmacus haͤtten sich wol alle/ weil ein ieder eines grossen Flusses Uhrsprung seyn wolte/ fuͤr seinen Vater geruͤh- met; ja man wuͤste so gar seines Vatern Vater Hippasus/ und den Großvater Eutyphron/ wie nichts minder seinen Bruder Eurynomus und feines Vatern Bruder Zoilus zu nennen/ welcher ihn auch dem Syrischen Weltweisen Pherecydes zum Unterricht untergeben/ und ihm drey silberne Schalen die Egyptischen Priester damit zu gewinnen geschenckt haͤtte. Er waͤre aber sicher des Mercur eigner Sohn gewest/ welcher ihn mit einem solchen Ge- daͤchtnuͤsse versehen/ daß er sein Lebtage nichts vergessen/ was er gehoͤret oder gelesen. Nach dem Pherecydes haͤtte er auf diesem Eylande den Hermodamas zum Lehrer gehabt. Hier- auf haͤtte ihn der Samische Fuͤrst Polycrates mit einer fuͤrtreflichen Vorschrifft zum Koͤnige Amasis in Egypten geschickt/ dieser aber ihn da- selbst Arminius und Thußnelda. selbst durch die Priester und zu Babylon durch die Weisen in den geheimsten Dingen unter- richten lassen/ hernach haͤtte er mit dem Epime- nides viel Jahr auf der Jnsel Creta in der Jdei- schen Hoͤle gestecket und der Weltweißheit nach- gedacht; endlich durch Griechenland seinen Weg in Jtalien genommen/ und daselbst sich zu einem so grossen Lichte der Welt gemacht. Jch danckte dem Priester fuͤr so guten Unterricht/ streute nach dieses Ortes Gewohnheit dem Py- thagoras zu Ehren eine Handvoll rothes Saltz in das Feuer/ und hiermit nahmen wir von dem Priester Abschied/ ohne daß Zarmar ein einiges Wort in unser Gespraͤche mischte/ und also den groͤsten Liebhaber des Stillschweigens mit ei- nem solchen Stillschweigen verehrten/ daß es ihm auch kein stummer Fisch haͤtte koͤnnen zu- vor thun. Folgenden Tag giengen wir mit einem be- qvemen Ostwinde wieder zu Segel/ lieffen zwi- sthen denen fast unzehlbaren Eylanden des Griechischen Meeres gluͤcklich fort/ und kamen den siebenden Tag des Abends an dem von vie- len Marmel-Saͤulen beruͤhmten Vorgebuͤrge des Attischen Landes Sunion an. Weil wir den auf der Jnsel Paris die wunderwuͤrdigen Mar- mel-Bruͤche beschauenden Kaͤyser uͤberfahren hatten/ stiegen wir ans Land/ und beschauten den auf einem hohen Felsen liegenden Wunder- Tempel der Pallas. Unter allen aber war diß das merckwuͤrdigste/ daß wir auf den Zinnen die- ses Tempels nicht nur das Schloß zu Athen/ sondern auch das auf einem Thurn des vom Ly- cophron gebauten Zeughauses gesetzte Bild der Minerva sahen/ ja dessen glaͤntzenden Helm und Spiß deutlich erkiesen; also dessen Groͤsse kaum begreiffen konten/ da diese Entfernung sieben und dreißig tausend Schritte betraͤgt. Die Begierde dieser erblickten Stadt/ welche an Alterthum Rom 800. Jahr uͤbertrifft/ und mit Rechte die Mutter der Kuͤnste/ ein Sitz der Weißheit/ ein Schauplatz der Tapfferkeit/ und der Augapffel Griechenlands genennt wird/ verstattete uns nicht hier lange zurasten. Also giengen wir gegen Abende zu Schiffe/ und ka- men folgenden Morgen fuͤr dem Munychischen Seehafen/ bey welchem der Fluß Jlissus ins Meer faͤllt/ und ein koͤstlicher Tempel der Dia- na stehet/ an. Weil aber dieser Hafen von den Kaͤyserlichen Schiffen gedruc k t voll war/ und wir wegen des Gedraͤnges selbigen Tag durch den engen Mund des Pyreischen Hafens ein- zukommen nicht getrauten/ segelten wir auf das Eyland Salimis/ als das alte Koͤnigreich des Ajax/ und des Euripides Vaterland; Darinnen wir etliche alte Gedaͤchtnuͤsse/ und die 100. Hoͤ- len besahen/ darinnen er etliche seiner Schau- spiele geschrieben hat. Von einem Felsen konten wir abermahls mit grosser Vergnuͤgung die Schloͤsser zu Megara/ und den im Meere lie- genden Steinfels Ceras erkiesen/ darauf Xer- xes einen silbernen Koͤnigs-Stul gesetzt/ und deꝛ See-Schlacht zwischen den Persen und Grie- chen zugesehen hatte. Folgenden Tages fuhren wir zwischen denen zweyen Felsen/ dar auf an so viel Marmel-Saͤulen eine ihn schluͤssende Ket- te henckt/ und ein weiß marmelner Loͤwe gleich- sam Wache haͤlt/ in den Pyreischen Hafen ein. Weil dieser nun 400. Schiffe beherbergen kan/ machte derselben Anzahl uns kein Gedraͤnge/ der Anblick aber so vieler vom grimmigen Syl- la eingeaͤscherter Gebaͤue verursachte mich des Sylla Raserey zu verfluchen/ welcher nicht nur wider die grausamen Steine/ sondern auch wi- der die leutseligen Goͤtter seine Rache aus geuͤbt/ und daselbst Jupiters/ Minervens und der Ve- nus Tempel/ den Schauplatz des Bacchus/ das unveꝛgleichliche Zeughauß des Philon/ den Rich- terstul Phreattys/ den praͤchtigen Hippodami- schen Platz/ und den unschaͤtzbaren Buͤcheꝛ-Saal des Apollicon/ woriñen fast aller alten Griechi- schẽ Weltweisen unver gleichliche Schriften ver- rauchet/ durchs Feueꝛ zeꝛ nichtet hatte. Gleichwol aber verhoͤhnte den Sylla gleichsam der noch stehende viereckichte/ und mit Alaun uͤberfirnste Thurm/ den er bey waͤhrender Belaͤgerũg durch R r r r 2 keine Fuͤnfftes Buch keine Kunst-Feuer anzuͤnden konte. Weil wir so herrlicher Dinge Grauß und Asche auch vereh- rens wuͤrdig hielten; betrachteten wir die zer- druͤmmerten Marmel-Mauern/ die zerstuͤck- ten Porphyr-Saͤulen mit Seufzen. Von dar wurden wir von zweyen der so genennten Ar- chonten/ oder Athenischen Rathsherren in die- selbige Stadt eingeholet; darinnen die Weiß- heit/ der Gottesdienst/ das Getreide/ die Gese- tze entsprossen. Wir fuhren zwischen der zwey- fachen im Peloponnesischen Kriege gebauten/ und vom Sylla gleichfals sehr beschaͤdigten Mauer/ und lernten/ daß die viereckichten mit Eisen zusammen geklammerten Marmelstei- ne wider die Steine und der Menschen Raserey eine zu schwache Befestigung abgaͤbe. Unter- weges sahen wir des Theseus Tempel/ das Grab Menanders und des Euripides nur uͤ- berhin. Als man uns aber zwischen vielen Oel- baͤumen nebst einem Brunnen das Heiligthum des Socrates zeigte/ konte sich Zarmar nicht enthalten vom Wagen abzusteigen. Wir folg- ten ihm theils aus Antrieb seines Beyspiels/ theils aus eigner Ehrerbietung gegen diesem Halb-Gotte. Jn der Mitte des rundten Heiligthums stand auf einem schwartz-marmel- nen Fusse Socratens Bild aus Egyptischem Porphyr gemacht/ mit dem Gifft-Kelche in der Hand. Jn den Fuß war mit weissen Buch- staben sehr kuͤnstlich eingelassen: Hier liegt der weiseste der Sterblichen begraben/ Der grosse Socrates. Diß glaubt gantz Gricchenland/ Strent Blumen auff sein Grab/ und Weyrauch in den Brand/ Weil ein solch Zeugnuͤß ihm die Goͤtter selber gaben. Gott/ den die Griechen nie vorhin erkennet haben/ Den kein Verstand begreifft/ war ihm allein bekand. Denn ihm war ein gut Geist vom Himmel zugesand/ Jm Leben ihn zu lehr’n/ im Sterben ihn zu laben. Athen/ das ihn bracht’ um/ beseelt nun seinen Ruhm/ Vergoͤttert seinen Geist durch dieses Heiligthum/ Verdammt den Urthels-Spruch/ der ihn zwang zu erblassen; Und macher sich hierdurch von Schmach und Unrecht frey. Denn wer will nicht gestehn/ daß irren menschlich sey/ Was uͤber-menschlich as den alten Jrrthum hassen? Der weise Zarmar kuͤste vielfaͤltig mal Socra- tens Bild/ nennte ihn den Heiligsten unter den Griechen/ als welcher zwar als ein Gottes- Verleugner waͤre verdammt worden/ mit sei- nem Tode aber die Warheit des einigen Got- tes besie gelt/ und darmit keinen irrdischen Krantz verdienet haͤtte. Der Jndische Botschaffter und ich rupften neben dem Brunnen etliche Handvoll Narcissen und Hiacynthen ab/ und streuten sie diesem unvergleichlichen Weltwei- sen auffs Grab. Hierauf kamen wir endlich durch die Pyreische Pforte in Athen/ und wur- den auf der fuͤrnehmsten Ceramischen Strasse neben dem Grabe des Leos in ein praͤchtiges Hauß eingelegt/ welcher wegen seiner fuͤrs ge- meine Heil geopfferter Toͤchter ein in der Stadt sonst ungewoͤhnliches Grabmahl verdienet hatte. Den andern Tag darnach hielt der im Pha- lerischen Hafen ausgestiegene Kaͤyser in die Stadt seinen Einzug/ nach dem er sich vorher auf dem Lande mit Jagten erlustigt hatte. Es leidet es die Zeit nicht das grosse Gepraͤnge zu beschreiben/ wormit diese zwey hundert Sta- dien im Umkreiß habende Stadt den Kaͤyser annahm. Denn das Bild der Minerva/ wel- ches soll vom Himmel gefallen seyn/ und sich da- zumal/ als Augustus dieser dem Antonius ge- neigten Stadt das Eyland Aegina und Ere- trea genommen/ von der Sonnen Aufgange ge- gen Niedergang gewendet/ und Blut aus ge- spien hatte/ solte sich itzt wieder von Ost gegen West gekehret/ und der darfuͤr hangende guͤlde- ne Leuchter des Callimachus/ der gerade so viel Oel in sich laͤst/ als er zum jaͤhrlichen Brennen bedarf/ und drey Tage vorher solte aus gebren- net seyn/ uͤber seine Zeit seinen unverzehrlichen Zunder und Feuer behalten haben/ ob man schon aus dem durch das Gewoͤlbe des Tempels gehende messene Roͤhr keinen Rauch mehr aus- dampffen gesehn haͤtte. Uberdiß ereignete sich dieses Wunder/ oder die Heucheley hatte es er- fun- Arminius und Thußnelda. funden/ daß der auf dem Tritonischen Berge befindliche und stets saltzichtes See-Wasser in sich habende Brunn mit suͤssem Wasser ange- fuͤllt war; gleich als wenn Augustens Gegen- wart die geheimen Meer-Adern zu verstopffen/ und suͤsse zu eroͤfnen/ oder aber alle Bitterkeit zu verzuckeꝛn maͤchtig waͤre. Diesemnach hatten sie in Hoffnung grosser Kaͤyserlichen Gnade fuͤr der zum Einzuge erkieseten Stadt-Pforte Di- pylon des Augustus und der Livia Bild/ jenes in Gestalt des Saturn/ dieses der Astrea auff- gerichtet/ und mit Golde daruͤber geschrieben: Die zwey Fuͤrsteher der guͤldenen Zeit. Fuͤr dem nicht ferne vom Thore stehenden Tem- pel des Theseus stand abermals das Bild des Kaͤysers in Gestalt des den Minotaurus toͤd- tenden Theseus/ mit der Uberschrifft: Der nur denen Ungeheuern schreckliche Kaͤyser. Darneben stand Liviens Bildnuͤß in Gestalt der Ariadne mit dem guͤldenen Fade- me/ mit der Beyschrifft: Die kluge Ver- richterin aller Verwirrungen. Nicht weit davon stand des Kaͤysers Bild noch ein- mal/ welches in der ausgestreckten Hand einen Hut/ zu den Fuͤssen eine zerbrochene Kette hat- te/ mit dem Beysatze: Der Uhrheber der Freyheit. Liviens Bild stand gegen uͤber in Gestalt der Ceres/ welche aus einem Gefaͤsse Mehl schuͤttete/ mit der Uberschrifft: Die guͤtige Versorgerin der Armen. Denn in diesen nach dem Marathonischen Siege ge- bauten Tempel nahmen die von ihren Herren uͤbel gehaltene Leibeigenen ihre Zuflucht/ und man theilte darinnen den Armen Mehl aus. Auff der andern Seite war fuͤr die aus Marmel vom Koͤnige Ptolemeus gebaute Schule das uͤberaus koͤstliche Bild des Mercur gesetzt/ wel- cher dem August gleichsam seinen Schlangen- Stab reichte/ daran ein Zettel mit dieser golde- nen Schrifft hing: Dem wuͤrdigern Mer- cur unser Zeit. Auf einer Seite stand die allhier denen freyen Kuͤnsten obliegende Roͤmi- sche/ auf der andern die Griechische und andere fremde Jugend uͤber zehn tausend starck/ welche sich fuͤr Augusten und Livien neigten/ und ihm als einem Vater/ ihr als einer Amme der freyen Kuͤnste zurufften. Wie nun der Einzug durch die Ceramische Strasse fortruͤckte; also waren fuͤr das uͤberaus koͤstliche Pantheon/ oder den Tempel aller Goͤtter zwar die Bilder der zwoͤlf Goͤtter aufgerichtet/ des Jupiters und der Ju- no aber weggenommen/ und an derer Stelle Augustens und Liviens aus Gold/ da die andern nur aus Ertzt waren/ hingestellt. Uber ihnen stand eine herꝛliche Ehren-Pforte mit der Uber- schrifft: Dergleichen Gottheit/ solcher Zeit/ Heischt Ertzt von mehrer Koͤstlig- keit. Auf dem Ceramischen grossen Platze fuͤr dem Tempel des Vulcan/ welchem Erfinder des Feuers Athen die ersten Fackeln gewiedmet hat/ reichte ein Ertztenes Bild dieses Gottes dem Kaͤyser eine brennende Fackel aus weissem Wachse zu; darumb war mit Golde geschrie- ben: Nim grosser Kaͤyser hin die mir geweihte Kertze; Weil deme Glut uns giebt viel nuͤtzlichern Gebrauch. Denn dein von heisser Gunst entzuͤndet Vater-Hertze Hegt Liebe sonder Falsch/ und Feuer ohne Rauch. Hierauf wendete sich der Zug aus der Cerami- schen Strasse auf die lincke Seite bey dem Spa- tzier-Gange des Zeno/ und der ihm folgenden Stoischen Weisen vorbey. Weil nun in selb- tem die grossen Verrichtungen der alten He!- den von denen fuͤrtrefflichsten Mahlern abge- bildet waren/ und insonderheit Polignotus sei- ne Meisterstuͤcke dahin gewiedmet hatte; wa- ren daselbst auch die fuͤrnehmsten Geschichte des R r r r 3 Kaͤy- Fuͤnfftes Buch Kaͤysers abgemahlt/ und zwar dergestalt abge- mahlt/ daß in ieder Taffel August eine der Ge- muͤths-Regungen uͤberwand. Weil diese Weisen solche gar vertil get wissen wollen/ und daher alle andere Weißheit fuͤr weibisch schelten/ ihre eigene aber nur fuͤr maͤnnlich achten. Die- se Strasse leitete den Einzug fuͤr den vom Cyr- rhestes aus Marmel gebauten achteckichten Thurm/ auf dessen ieder Seite ein daselbsther wehender Wind eingeetzt war. Die Ostwin- de hatten ein feuriges/ die Sudwinde ein irrde- nes/ die Westwinde ein lufftiges/ die Nordwin- de ein waͤßrichtes Drey-Eck zu ihrem Merck- male. Der auf der Spitze dieses Thurmes ste- hende/ und sich mit iedem Winde herum dre- hende Triton/ wendete sich/ und weiste mit sei- ner Ruthe gegen das auff der Strasse in Gestalt des Eolus aufgerichtete Bild des Kaͤysers/ wel- ches ein Meerschwein zu seinen Fuͤssen hatte; zweiffelsfrey darum/ weil die Haut von diesem Fische einem die Macht diesen oder jenen Wind wehen zulassen/ zueignen soll. Am Fusse war eingeetzt: August und fromme Fuͤrsten sind Die Meister uͤber Stern und Wind. Zu Ende dieser Strasse wendete sich der Zug a- bermals auff die rechte Hand fuͤr einem Tempel des Jupiters fuͤrbey. Darfuͤr August in Ge- stalt des Ammonischen Jupiters/ Livia in Ge- stalt Amaltheens fuͤrgestellet ward. Jener spruͤtz- te aus seinen Widder-Hoͤrnern Wein und Oel/ diese aus ihren Ziegen-Hoͤrnern Milch und Ho- nig in vier unterschiedene Marmel-Kessel/ dar- aus ieder nach Belieben schoͤpffen mochte. Auf dem Fusse war in Marmel gegraben: Des Uberflusses altes Horn Jst Armuth gegen’s Kaͤysers Gaben. Wein/ Oel/ Milch/ Honig/ Reiß und Korn Jst’s minste/ was wir von ihm haben. Fuͤr der Hoͤle des wahrsagenden Apollo stand ein guͤldener Drey-Fuß/ auff welchem die Py- thische Priesterin dem vorbey fahrenden Kaͤyser zurief: Beseele/ Kaͤyser/ meinen Fuß/ Nach dem Apollo schweigen muß. Fuͤr dem Tempel des Lycischen Apollo und der Schule des Aristoteles stand das Bild des Kaͤy- sers in Gestalt des auff einer Leyer spielenden Apollo: Wenn dieser Phoͤbus stimmt die Saiten/ stimmt die Welt Annehmlich uͤberein/ und was sie in sich haͤlt. Darbey neigten sich zwey tausend der Welt- weißheit beflissene Juͤnglinge gegen den Kaͤy- ser und Livien. Nahe darbey kaͤmpfften hun- dert paar Fechter und Ringer mit einander/ und fuͤr die Buͤrger zu Athen waren unter dem seiner wunder wuͤrdigen Groͤsse halber beruͤhm- ten Maßholderbaume/ und um den koͤstlichen Brunn Diocharis drey hundert Taffeln gede- cket; ob es zwar damals nicht eben einen Tag traf/ da man in diesem Lust-Walde Peripatus oͤffentlich zu speisen pflegte. Bey der Vorburg/ welche in dem spaꝛsamen Alterthume uͤbeꝛ 2000. Talent gekostet hatte/ empfingen den Kaͤyser und Livien die fuͤnf hundert Areopagiten/ wel- che nahe darbey das hoͤchste Richter-Ampt in Athen/ und zwar um desto weniger gestoͤrt zu werden/ nur des Nachts verwalteten. Diese Areopagiten legen in Athen alleine ihr Ampt nicht ab/ da alle andere Richter es jaͤhrlich ver- wechseln. Jhr Richter stul ist als der fuͤrnehm- ste mit dem ersten Buchstaben bezeichnet. Sie fuͤhren ihren Nahmen vom Mars/ weil sie uͤber ihn zum Richter erkieset worden/ als er einen Sohn des Neptun erschlagen. Nichts weni- ger sind sie wegen ihres uͤber Oresten/ welcher seine Mutter Clytemnestra umbracht/ uͤber den Cephalus wegen seines getoͤdteten Ehweibes Procris/ und den Dedalus wegen des erschlage- nen Talus gefaͤllten Urthels beruͤhmt. Fuͤr dem anschnlichsten Thore unter den neunen/ die in Arminius und Thußnelda. in die Cecropsburg durch die Mauer Cimonia giengen/ war zwischen dem aus Ertzt gegosse- nen Medusen-Haupte/ und dem Schilde Ae- gys ein kostbarer Siegesbogen; auf der einen Seite stand Neptun/ und ruͤhmte gegen dem Jupiter den der Stadt Athen verliehenen See- hafen/ auf der andern Seite striech Minerva ih- ren der Stadt zum besten erfundenen Oelbaum heraus; iedes Theil wolte das Recht die Stadt nach seinem Nahmen zu nennen behaupten. Jn der Mitte aber zeigte sich Augustus/ dessen Haupt mit einem Oel-Krantze/ die Hand mit einem guͤldenen Apffel gezieret war. Jupiter sprach uͤber die Streitenden folgendes Urthel aus: Der Nahm: Augustus-Stadt gebuͤhrt alleine dir; Denn Gold und Friede geht so Oel/ als Wasser fuͤr. Fuͤr dem vom Pericles an statt des von den Persen eingeaͤscherten Alten/ durch die beruͤhm- ten Baumeister Jctinus und Callicratus nach Dorischer Baukunst aus Marmel auf gefuͤhr- tem Minerven-Tempel hatten sie das Bild der Livia in Gestalt der Minerva aufgesetzet; nur/ daß sie an statt der Nacht-Eule einen Phenix auf der Hand sitzen hatte. Unten war in Ertzt eingeetzt: Nim nicht fuͤr uͤbel auf/ du Pallas unser Stadt/ Daß man nicht Eulen dir allhier gewiedmet hat; Die Eule bringt nur Leid/ Du aber guͤldne Zeit; Wer aber uns beschenckt mit solchen eblen Gaben/ Muß mehr als Pallas seyn/ und einen Phenix haben. Der Kaͤyser und Livia stiegen allhier vom Wagen/ und verfuͤgten sich aus wahrer oder an- gemaster Andacht in Tempel; darinnen bey dem uͤber die Zeit wundersam brennenden Leuchter des Callimachus ein Altar aufgerich- tet/ auf solchem des Kaͤysers Bild/ wie die Son- ne ausgeschmuͤcket; fuͤr diesem aber ein geringes Feuer zu sehen/ und an dem Fusse des Opffer- Tisches zu lesen war: Wie wird man dir/ August/ ein Opffer abgewehren? Die Glut verliert fuͤr dir des Feuers Eigenschafft. Doch nein! Es ist die Art der Sonnen/ Oel und Safft Jn Baumen zu vermehrn/ nicht aber zu verzehren. So sorgenun Athen fuͤr dein schlecht Opffer nicht; Was Sclaven offt verschmaͤhn/ das hebt die Sonn’ an’s Licht. Hinter dem sich umkehrenden Bilde der Mi- nerva/ welch Wunderwerck Phidias aus Gold und Helffenbein gemacht hatte/ stand Livia aber- mals wie die Pallas gebildet; nur/ daß sie zu- gleich einen Reben- und Oel-Krantz auff hatte/ und bey ihren Fuͤssen auf einem Weinstocke zu- gleich Reben- und Oel-Zweige/ welche beyde am ersten zu Athen sollen gepflantzt worden seyn/ mit Fruͤchten wuchsen. An dem Fusse war in Marmel gegraben: Warum kehrt Pallas weg von Livien’s Gesichte/ Uns aber wieder zu? Diß/ weil des Gluͤckes Schein Athen lacht wieder an; und jenes/ weil sie Wein Und Oel beysammen sicht/ sonst zweyer Goͤtter Fruͤchte. Was sie nun schamroth macht/ das heist uns danckbar seyn/ Und Livien das Hertz/ Minerven’s Antlitz weih’n. Aus diesem Tempel verfuͤgten sich beyde in den andern der Poliadischen Minerva/ des Schutz- Gottes Jupiters/ des Neptun/ der Venus/ den Phedra um sich der gegen den Hippolitus ent- zuͤndeten Liebe zu befreyen gebaut hatte/ der Aglaura und des Sieges da denn August als oberster Priester/ weil in allen auf dem Tritoni- schen Felsen liegenden Tempeln/ wie auch auff dem unter freyem Himmel stehenden Altare der Freundschafft/ der Schamhafftigkeit und Ver- gessenheit geopffert ward/ in iegliches Feuer eine Handvoll Weyrauch streute; hernach sich auff die vorragende Spitze des Felsen setzte/ darauf Silenus ihm seinen Sitz erkieset haben soll/ als er mit dem Bacchus diesen heiligen Ort besu- chet. Jnzwischen leiteten die Priester den Kaͤyser zu dem fuͤr ein grosses Heiligthum ge- haltenen Oelbaume/ welcher damals soll hervor geschossen seyn/ als Neptun und Minerva um das an Athen habende Vorrecht gestritten. Li- via verfuͤgte sich auch in das Hauß/ worinnen der Fuͤnfftes Buch der Minerva Priesterinnen ihren Auffenthalt haben/ und aß daselbst mit ihnen dicke Milch aus dem Eylande Salamis/ auser welcher sie keine sonst essen dorfften. Allenthalben em- pfiengen August und Livia fast goͤttliche Ehren- bezeugungen; wordurch Athen aber so viel zu wege brachte/ daß den Morgen darauf August dieser Stadt auf Liviens Vorbitte alles wieder gab/ was er ihr vorher darum entzogen hatte/ daß sie dem Antonius so sehr waren zugethan ge- west. Denn weil die Weiber insgemein am herꝛschsuͤchtigsten sind/ geben sie denen Liebkosen- den am liebsten Gehoͤre; sintemal doch der Heu- cheley das denen Herrschenden angenehme La- ster der Dienstbarkeit im Busen steckt. Fol- genden Tag wurden alle Tempel in Athen/ und darunter auch der des Bacchus/ welchen man doch nur des Jahres einmal oͤffnete/ aufge- sperrt/ und in iedem sein groͤstes Feyer gehalten/ gleich als wenn alle auf diesen Tag eingefallen waͤren. Jn dem Tempel des Olympischen Jupiters/ welcher ein Achttheil einer Meilwe- ges im Umkreisse hat/ und zwar seiner Groͤsse halber in sechs hundert Jahren nicht hat aus ge- bauet werden koͤnnen/ aber wegen seiner un- schaͤtzbaren Bilder/ und des an Gold und Helf- fenbein verhandenen Uberflusses ein rechtes Wunder der Welt ist/ wurden hundert Ochsen/ in dem Heiligthume der Agroterischen Diana fuͤnf hundert Boͤcke geopffert/ welches sonst nur an dem Tage der erhaltenen Marathonischen Schlacht geschiehet. Jn einem vom Egeus gebauten Tempel der himmlischen Venus/ dar- innen ihr vom Phidias gemachtes Wunderbild stand/ schlachtete man hundert Pfauen/ im an- dern fuͤnf hundert Tauben/ und zehn tausend Sperlinge/ im Tempel des Esculapius zwey hundert Haͤhne/ in dem des Mars hundert Hunde/ in dem Heiligthume des Saturn und der Rhea drey Scythische Knaben. Jn dem herr- lichen Triclinion/ darinnen auf einer Seite ein Gastmahl der Goͤtter/ auf der andern Seite der alten Griechen in weissem Marmel aufs kuͤnst- lichste erhoͤhet ist/ ward allen Fremdlingen eine offene Taffel gedeckt; in dem auff einem Ey- rundten Huͤgel nach gleicher Art erbautem Schauplatze/ welchen niemand ohne Verwun- derung iemals gesehen hat/ wurden allerhand Rennen gehalten. Jm Spatzier-Saale des Elevtherischen Jupiters waren alle denen Per- sen fuͤr Alters abgenommene Waffen auffge- henckt/ welche Sylla nicht mit nach Rom ge- fuͤhret hatte. Jm Spatzier-Gange des Atta- lus hegte man allerhand Spiele/ im Thraconi- schen theilte man iederman Mehl aus. Jn dem Schauplatze Odeon/ welches Ariston fuͤr der Syllanischen Belaͤgerung eingerissen/ Ario- barzanes Koͤnig in Cappadocien aber auf eigene Kosten wieder erbaut hatte/ kaͤmpfften die be- ruͤhmtesten Saͤnger und Saiten-Spieler mit einander um den Preiß. Jm grossen Schau- platze des Bacchus/ welcher der erste in der Welt gewesen seyn soll/ wurden die auserlesensten Lustspiele des Aristophanes/ des Alepis und Cleodemus/ welche letztern zwey fuͤr Freuden wegen erlangten Preisses ihrer fuͤrgestellten Schauspiele gestorben/ gesungen. Der Schall der Redend- und Singenden bethoͤrte aller Zu- hoͤrer Ohren/ und die Lufft aller Zuschauer Na- sen. Denn in etlichen Hoͤlen des Schaupla- tzes waren in wol abgemessener Ferne ertztene Gefaͤsse gesetzt/ welche den darein fallenden Schall annehmlich verstaͤrckten. Und die o- ben auf den Zinnen des Schauplatzes stehenden Alabaster-Bilder des Menanders/ welcher hundert und fuͤnf/ Euripidens/ der funftzig Schauspiele geschrieben/ und vieler anderer be- ruͤhmten Tichter bisamten durch einen aus klei- nen Silber-Roͤhren gespritzten Thau den gan- tzen Schauplatz ein. Bey der Jthonischen Pforte neben dem von den Amazonen gebauten Tempel/ wo Theseus mit ihnen geschlagen hat- te/ wald auf Amazonische Art ein Kampf/ bey dem Tempel des Vulcan und der blauaͤugich- ten Arminius und Thußnelda. ten Minerva/ wo man die junge Mannschafft zum Kriege musterte/ ein Fackel-Rennen ge- halten. Auf dem Prytaneon oder dem Rath- hause waren die Bilder des Pericles/ des Mil- tiades/ des Cimon und anderer Helden mit Lor- ber-Kraͤntzen geschmuͤckt/ das darauf verwahrte ewige Feuer/ und Solons Gesetze oͤffentlich zur Schaue gestellt. Auf dem Marckte fuͤr dem Altare der Barmhertzigkeit ward allen/ die das Leben verwuͤrgt hatten/ Gnade angekuͤndigt. Unter dem Kraͤuter-reichen Berge Pentelicus hatte man das frische und wohlschmeckende Wasser des Brunnen Brysis/ durch verbor- gene Roͤhren weggeleitet/ und floß daraus Oel/ wie aus dem Ceramischen Quelle; bey dem Al- tare der zwoͤlff Goͤtter Wein/ und aus denen vom Pisistratus gestifteten neun Marmel-Roͤh- ren des beruͤhmten Brunnes Callirhoͤe Milch. Nichts weniger raan aus dem neben des Escu- lapius Tempel befindlichem Brunnen Hallir- rhotius Honig/ welcher sonst mit dem Phaleri- schen See-Busen durch eine unterirrdische Ader sich vermengen/ und die in Brunn geworffene Sachen daselbst ausschuͤtten soll. Gegen den Abend selbigen Tages versam̃lete sich gleichsam gantz Athen an dem Flusse Jphissus bey dem Tempel der Ceres. Denn August und Livia kamen mit grossem Gepraͤnge dahin/ diese zwar sich in den kleinen Elevsinischen Geheimnuͤssen der Proserpina einweihen zu lassen; jener aber daselbst seinen bey der ersten Einweihung empfangenen seidenen Rock/ den die Einge- weihten/ biß er zerschlissen/ nicht aus ziehen doͤrffen/ abzulegen. Jhnen kamen vierzehn Priesterliche Jungfrauen biß an den Fluß entgegen; derer sieben einen mit Blumen/ die andern sieben einen mit Weitzen-Aeren be- deckten Korb trugen. Nach dem der Kaͤyser und Livia in Tempel kamen/ ward er feste zu- geschlossen; weil niemand ungeweihtes dem Feyer beywohnen darff. Dieses waͤhrete biß umb Mitternacht. Da denn allererst der Kaͤyser aus diesem Tempel/ darinnen Livia zu- ruͤck blieb/ durch die Hyerische Strasse mit noch groͤsserem Gepraͤnge zwischen mehr als 20000. Fackeln seinen Zug zum Elevsinion oder dem Tempel der Elevsinischen Ceres hielt/ dariñen ihr vom Praxiteles gemachtes unver gleichliche Bild zu sehen war. Fuͤr dem Kaͤyser trug der oberste Priester das Bild des Schoͤpfers/ der Fackeltraͤ- ger der Sonne/ der Altar-Aufschauer des Mon- den/ der heilige Herold des Mercur. Die Melissi- schen Priesterinnen trugen in einem verborge- nen Kaͤstlein das verborgene Heiligthum des weiblichen Geschlechtes. Jn diesem Tempel ließ sich der Kaͤyser zu dem grossen Geheimnuͤsse der Ceres einweihen. Denn ob zwar vermoͤ- ge eines alten Gesetzes/ kein Fremder dieser Weihe faͤhig war/ und daher dem Hercules zu Liebe die kleinere Weihe gestiftet ward/ hatte doch der Rath zu Athen den Kaͤyser fuͤr einen Eingebohrnen/ ja fuͤr den Vater ihrer Stadt erklaͤret; wie uns dieses ein dem Gesandten zu- gegebener Priester auslegte/ und auf unsere Nachfrage ferner unterrichtete: Diese Einwei- hung waͤre einerley mit der Egyptischen der Jsis. Diese haͤtte Orpheus so wohl/ als die Weihe des Bacchus/ welche mit der des Osi- ris uͤberein kaͤme/ aus Egypten in Griechen- land gebracht. Bey der Elevfinischen Wei- he wuͤrden alle diesem Gottes-Dienste bey- wohnende/ insonderheit aber die Neulinge ge- badet/ ja auch die Bilder der Goͤtter gewa- schen/ und die Strassen/ wordurch sie ihren Umbgang hielten/ mit Weih-Wasser bespren- get. Auch doͤrffte in Athen kein ander Was- ser als aus dem geweihten Flusse Jphissus hierzu genommen werden. Hierdurch wuͤr- den alle begangene Laster getilget. Daher haͤtte sich selbst Apollo/ wegen eines begange- nen Todschlages/ vom Carmanor; Hercules nach erschlagenen Centauren/ vom Orpheus; und als er den Cerberus aus der Hoͤle holen wollen/ vom Musaͤus; Theseus nach unter- Erster Theil. S s s s schie- Fuͤnfftes Buch schiedenen Todschlaͤgen/ von Phytaliden; und Bellerophon vom Pratus der Argiver Koͤnige der Ceres einweihen lassen. Die aber dieser Goͤttin sich vollkommen wiedmeten/ wuͤrden durch ein Hemde der Ceres von oben an durchgesteckt/ gleich als wenn sie von dieser Goͤttin gleichsam wiedergebohren wuͤrden. Auf welche Art auch Juno den Hercules an Kindesstatt angenommen haͤtte. Sie muͤsten uͤber diß gewisse Zeit fasten/ und insonderheit sich Brodt und Weines/ am meisten aber des Beyschlafs enthalten/ und ihre Geburts-Glie- der dieser Maͤssigkeit halber mit Saffte vom Zieger-Kraute netzen. Massen der Ceres Priester durch einen solchen Tranck sich gar zu entmannen verbunden waͤren. Diese Ein- weihung haͤtte die Krafft die Seelen gleichsam von den Hefen irrdischer Dinge abzuspuͤlen/ die Geister zum Nachsinnen in Goͤttlichen Sachen zu erhoͤhen. Sie kriegten einen Zug zu einem gerechtern Leben/ und haͤtten deswegen in al- len Gefaͤhrligkeiten die Goͤtter zu ihren Bey- staͤnden. Nach dem Tode wohnten die Ein- geweyhten/ wenn sich andere im Schlamme sieleten/ im Finstern herumb schwermeten/ bey den Goͤttern/ und haͤtten ihre absondere Son- ne und Gestirne stets in Augen/ das Gemuͤthe aber voller Freuden. Diesemnach haͤtten die beruͤhmsten Helden Jason/ Castor/ Pollux/ Her- cules/ Orpheus/ Koͤnig Philipp in Macedoni- en/ und nunmehr auch August sich zu Athen ein- segnen lassen. Jn Samothracien waͤren auch zwey solche alte Heiligthuͤmer; da man nemlich denen Cabirischen und Curetischen Goͤttern ein- geweihet wuͤrde. Von dar waͤren sie vom Co- rybas Jasions und der Cybele Sohne in Phry- gien/ und endlich unter dem Nahmen des Cybelischen Gottesdienstes nach Rom gebracht worden. Nach dreyen Tagen ward der Jndianische Gesandte in die Cecropsburg zum Kaͤyser mit grossem Gepraͤnge abgeholet. So bald der weise Zarmar an der uͤberaus praͤchtigen Stir- ne des Minervischen Tempels die guͤldene U- berschrifft: Dem unbekandten Gotte/ erblickte/ fiel er auf sein Antlitz in Staub dar- nieder/ und brachte bey nahe eine Stunde in seiner gewohnten Andacht zu. Die Prtester der Minerva sahen Zarmarn mit Verwunde- rung zu/ wusten uns aber diese alte Uberschrifft nicht recht zu erklaͤren; ausser: daß selbte ver- muthlich von einem zu Phalera in Elis befind- lichen Altare genommen waͤre/ darein Epime- nides zu Solons Zeiten eben diß geschrieben haͤtte. Jedoch waͤre die Zeit der Wahrsagung gleich vorbey/ da dieser unbekandte Gott solte offenbart werden. Weil nun der Gesandte ohne Zarmarn seinen Dolmetscher nicht in die Koͤnigliche Burg fortruͤcken wolte/ zeigten ihm inzwischen die Priester des Praxiteles Diana/ die vom weisen Socrates gebildeten Gratien/ des Dedalus/ Cleetas/ Endeus und Calamis unvergleichliche Arbeit in Bildern/ Saͤulen und der Bau-Kunst/ wie nichts weniger viel unschaͤtzbare Gemaͤhlde des Micon/ des Par- rhasius/ und Timenettus. Mecenas empfing ihn in dem letzten Vor-Gemache/ und fuͤhrte ihn zur Verhoͤr in das Kaͤyserliche Gemach. Fuͤr dem Gesandten trugen acht nackte Jndia- ner die an koͤstlichen Edel-Gesteinen/ Perlen und Ambra bestehende Geschencke vorher. Hierbey lieff ein Juͤngling ohne Achseln und Armen/ welcher mit den Fuͤssen den Bogen spannen/ Pfeile abschuͤssen/ und alle sonst den Haͤnden obliegende Arbeit geschicklich verrich- tete. Von denen andern Geschencken/ welche an vielen vorher in Griechenland noch nie gese- henen Tigern/ an zehn Ellen langen Schlangen/ dreyellichten Schnecken/ an einem Rebhune/ welches groͤsser als ein Geyer war/ bestanden/ ward dem Kaͤyser ein Verzeichnuͤß nebst einem Grichischen Schreiben vom Koͤnige Pirimal einge- Arminius und Thußnelda. eingehaͤndigt. Der Kaͤyser nahm den Both- schaffter mit angebohrner Freundligkeit an/ hoͤrte ihn mit Gedult/ beantwortete ihn/ nach dem der vorhin lange Zeit in Egypten und Griechenland gereisete Brahman Zarmar des Jndianers Sprache Griechisch erklaͤret hatte/ mit sonderbarer Anmuth/ fragte umb den Wohlstand seines Bruders des Koͤnigs Pirimal/ und verwieß ihn voͤllig an den Me- cenas/ der mit ihm handeln und einen gewis- sen Schluß machen wuͤrde. Nach geendig- ter Verhoͤr fuͤhrte Mecenas ihn und uns auff Kaͤyserliche Verordnung zu einem herrlichen Gastmahle/ welches in einem koͤstlichen Spa- tzier-Saale des vom Lycurgus erbauten Zeug- hauses bereitet war; bey welchem sich fuͤr Zeiten Egeus herab gestuͤrtzet hatte/ als er das den Theseus nach Creta uͤberfuͤhrende Schiff mit schwartzen Segeln zuruͤck kommen sah/ und ihm einbildete: er waͤre vom Minotaurus aufgerie- ben worden. Jn diesem Gastmahle vergnuͤg- te uns nicht so wohl die Pracht aller seltzamen von vielen Enden des Roͤmischen Reiches und denen entlegensten Eylanden zusammen ver- schriebener Speisen und Getraͤncke/ als das Aussehen auf das mit Jnseln gleichsam besaͤe- te Meer/ und die uns von daher anwehenden Luͤffte; am meisten aber die unvergleichliche Annehmligkeit des Mecenas. Und kan ich in Wahrheit sagen: daß auf des Mecenas Taffel Samos seine Pfauen/ Phrygien die Haselhuͤ- ner/ Tarpessus die Murenen/ Pessinunt seine Zante/ Tarent seine Austern/ Cilicien seine Scarus/ Colchis seine Fasanen gezinset hatten. Seine Freundligkeit aber war die edelste Wuͤr- tze dieser Speisen/ oder vielmehr das beste Ge- richte. Denn darmit uͤbertraff er alle De- muth derer/ die ihn gleichsam fuͤr Verwunde- rung anbeteten; die Redligkeit aber sahe ihm aus den Augen/ und uͤberredete also fort einen ieden: daß diese Anmuth keine Larve eines fal- schen Hertzens/ noch seine Beredsamkeit eine Schmincke betruͤglicher Anschlaͤge waͤre. Jch hatte ihn zwar vorhin vor den redlichsten Mann in der Welt/ ja fuͤr ein Meister-Stuͤcke der Na- tur und der Kunst ruͤhmen hoͤren; aber ich er- kennte ihn allererst fuͤr ein Wunderwerck/ als ich an ihm alle Annehmligkeiten des Hofes/ keines aber seiner Laster fand. Zumal da er so viel Jahre auf dieser gefaͤhrlichen Hoͤhe ge- standen/ und bey so vielfaͤltiger Abwechselung des Gluͤckes gantz unveraͤndert geblieben war. Er hatte niemals eine andere Flacke aufgeste- cket/ als die er zum ersten bey seinem Eintritte in die Burg gefuͤhret; und der Hof/ welcher sonst auch die Heiligen verfuͤhret/ vermochte biß auf diesen Tag ihn mit seinen Kohlen nicht zu beraͤmen. Er konte in seiner gelehrten Ein- samkeit/ und bey seiner Musen-Gesellschafft wohl des Hofes/ aber der Hof nicht seiner ent- behren. Dieser sehnete sich nach seinen Lust- Gaͤrten/ der Kaͤyser ward luͤstern nach seinem Vorwerge; und alle diese nahmen daselbst sei- ne unschuldige Sitten an/ und legten so wohl ihre Laster als Sorgen ab; aber Mecenas blieb bey Hofe was er in seinen vier Pfaͤlen war. Denn sein Gemuͤthe war so feste gesetzet: daß es die Verdruͤßligkeiten so wenig herbe; als so viel Fluͤsse das saltzichte Meer suͤsse machen kunten. Verleumbdung und Heucheley wa- ren bey ihm unbekandte Ungeheuer. Denn seine Zunge machte niemand weisses schwartz/ und seine Geberden nichts schwartzes an ihm selbst weiß; sondern seine Redligkeit bemuͤhte sich vielmehr mit Fleisse aͤuserlich zu zeugen/ was er inwendig war. Seine Geburts-Art schien von solcher Guͤte zu seyn: daß wenn er gleich seinen Gemuͤts-Bewegungen den freyen Zuͤgel ließ/ selbte doch nirgendshin als auf das Mittel der Tugend verfielen. Er beging nie- mals keinen Fehler/ weder aus Schwachheit noch aus Vorsatz. Seine Aufrichtigkeit ließ S s s s 2 ihn Fuͤnftes Buch ihn niemanden/ seine Vorsicht aber sich nicht betruͤgen. Sein Verstand uͤbersah alsbald seine Tieffen oder Dinge; seine Geschickligkeit faͤdmete die Geschaͤffte mit einer besondern Art ein. Jenes Licht ist das Auge/ dieser Hand- griff aber der Werckzeug eines grossen Staats- Klugen. Sein einiges Absehen war dem Kaͤyser das rechte Maß in Entschluͤssungen; dem Vol- cke aber den Ruhm des Gehorsams einzuloben. Und in Wahrheit/ dem Augustus ward nirgends ein Tempel gebauet/ den Mecenas nicht vor- her in denen Hertzen der Unterthanen in Grund gelegt hatte. Er hatte bey Hofe keinen Dienst/ wormit er die Freyheit iedermann zu dienen nicht verlieren moͤchte. Jn Rom wolte er weder das Burgermeister-Ampt/ noch ander- werts einige Land-Vogtey uͤbernehmen; denn er sagte: Die Hoͤhe verursachte an sich selbst einem den Schwindel; alleine im Wercke war er der Stadt und des Reiches Vormund; und weil er durch seine Wohlthaten iedermann ge- wan/ ja den Neid selber schamroth und ihm ge- neigt machte/ verdiente er: daß das Volck ihn seinen Vater/ der Rath seinen Leitstern/ der Kaͤy- ser seinen Freund und Bruder hieß. Seine Treue war der erste Priester/ der den noch le- benden Kaͤyser vergoͤtterte. Denn ob zwar der unermuͤdliche Agrippa wegen seiner vielen Siege und grossen Krieges-Dienste beym Au- gustus hoch am Brete war; wie denn Mece- nas dem Kaͤyser selbst rieth: Er muͤste Agrip- pen entweder toͤdten/ oder zu seinem Eydame machen; so hatte der Kaͤyser doch den Mece- nas mehr im Hertzen; jenen schaͤtzte/ diesen aber liebte er mehr; als welchem einiger Mensch in der Welt nicht vermochte gram zu seyn. Denn die Wolluͤstigen fanden bey ihm ihre Ergetzligkeit/ die Tugendhaften ihre Vergnuͤ- gung. Welchen er des gemeinen Bestens wegen etwas abschlagen muste/ die beschenckte er mit dem Seinigen; oder er wuste auch sein Nein derogestalt zu uͤber guͤlden/ daß er darmit mehr Gemuͤther gewaan/ als andere mit ihrer Verschwendung. Ja seine Worte waren bey iedermann so wichtig/ daß er darmit haͤtte alle seine Schulden bezahlen koͤnnen. Agrippa rieth dem Kaͤyser/ was zu seiner Herrschafft nuͤtzlich/ Mecenas aber/ was ruhmwuͤrdig war. Jener demuͤthigte seine Feinde/ dieser beschirm- te die Unschuld. Jener machte/ daß Augu- stus aus den Schlachten niemals ohne Sieg zuruͤcke kam; dieser aber: daß er vom Richter- Stule allezeit ohne Blut aufstund. Agrippa hatte Theil an des Kaͤysers Armen/ Mecenas aber an seinem Hertzen. Mit einem Worte; Augustus hatte eine Bothmaͤssigkeit uͤber die Welt/ Mecenas aber uͤber den Kaͤyser. Dieser war ein Schoß-Kind des Gluͤckes/ Mecenas der Tugend/ des Gluͤckes und des Kaͤysers. Ob nun wohl gegen den Abend Mecenas den Gesandten und uns von sich ließ; so be- hielten wir ihn doch in unserm Gedaͤchtnuͤsse. Masulipat hatte sich in ihn derogestalt verlie- bet: daß er die halbe Nacht sich mit mir sei- nethalben unterredete. Des Morgens war die Sonne so fruͤh nicht in unserm Hause/ als die koͤstlichsten Erfrischungen/ wormit Mece- nas uns beschenckte. Gegen den Mittag suchte er uns selbst heim/ und noͤthigte uns in eines seiner unter dem Berge Corydalus am Meere gelegenen Lust-Haͤuser zur Taffel. Bey welchem Marcus Antonius von eitel koͤstlichem Laube die Hoͤle des Bacchus auf- gebauet/ den Bodem biß an die Knie mit eitel hundertblaͤttrichten Rosen uͤberschuͤt- tet/ und unter der Gestalt des Bacchus gantz Athen uͤberfluͤssig bewirthet hatte. Die Na- tur hielt am selbigem Orte einen Be- griff ihrer Wunderwercke/ nehmlich wohlruͤ- chende Waͤlder/ fruchtbare Gaͤrte/ lustige Steinklippen/ erfrischende Hoͤlen/ warme Baͤ- der Arminius und Thußnelda. der/ rauschende Baͤche/ gesunde Brunnen in ei- nem Kreiß versammlet; die Kunst aber muͤhte sich mit Einpfropffung allerhand auslaͤndischer Gewaͤchse/ zierlicher Eintheilung des Baum- wercks und Blumenstuͤcke/ mit Bereitung sel- tzamer Felsen und Kluͤffte/ von den hoͤchsten Gi- pfeln abstuͤrtzender Wasser/ spielender Wasser- Kuͤnste der Natur ihrer Mutter einen Rang ab- zurennen. Das Lusthaus war aus weissem Mar- mel gebaut/ die Decken waren mit Helffenbein uͤbertaͤffelt/ die Fenster aus Berg-Kristallen/ die Tische aus flasernem Zitron- und Zeder-Holtze/ welche meist gleichsam mit Augen eines Pfauen- Schwantzes beworffen waren. Die Boͤdeme waren mit Aßyrischen/ die Waͤnde mit Seri- schen Teppichten/ oder Persischen Goldstuͤcken bekleidet/ welche noch darzu von Perlen starrten/ und mit Edelgesteinen flammeten. Wiewol nun diese mehr als Koͤnigliche Pracht aller Augen gleichsam verblendete/ so hatte doch Mecenas in diesem seinem Eigenthume alles Ansehen seiner Wuͤrde/ und alles Gepraͤnge des Hofes von sich weggeleget; uñ dahero schiene die Wollust hier so wenig schaͤdlich/ als die Schlangen auff Cypern gifftig zu seyn. Seine Hoͤffligkeit machten seine unuͤberfirnste Gemuͤths-Gaben desto scheinba- rer/ also/ daß wir bey Hofe nur die Helffte des Mecenas/ in dieser Einsamkeit aber seine gantze Vollkommenheit gesehen zu haben uns beduͤn- cken liessen. Denn seine vorige Freundligkeit verwandelte er nunmehr in eine offenhertzige Vertraͤuligkeit. Er hatte von den Grossen des Hofes keinen bey sich/ ob schon seine Taffel taͤg- lich iedermann offen stand; indem er mit dem E- picur eine einsame Mahlzeit fuͤr eine Zerflei- schung roher Thiere/ und eine Lebens-Art der Loͤwen und Woͤlffe hielt. Gleichwol waͤre seine Taffel dißmal auch fuͤr den Kaͤyser selbst nicht zu geringe gewest/ so wohl wegen der kostbaren Zu- bereitung/ als wegen Seltzamkeit der Gerichte; unter welchen aber zu unserer Verwunderung ein Viertel von einem jungen Esel befindlich war; welches Mecenas seinen Gaͤsten allezeit fuͤrzusetzen soll gewohnt gewesen seyn. Maro uñ Horatz waren wie sonst taͤglich/ also auch dißmal seine Gaͤste; wormit er durch Anleitung ihrer Getichte auch bey annehmlichem Zeitvertreib unvermerckt zu der Liebe deꝛ Tugend und Weiß- heit auffgemuntert wuͤrde. Aller dieser meiste Unterredungen waren eitel Lobopffer des Kaͤy- sers; oder Lehren/ wie man durch Tugend ein Le- ben bey der Nachwelt erhalten solte. Unter die- ser Vertraͤuligkeit nahm ich wahr/ wie Mecenas ihm selbst ein Stuͤcke von dem Esel-Viertel ab- schnitt/ und bey dessen begieriger Verzehrung al- ler andern Koͤstligkeiten vergaß. Diesemnach ich von dem Vorschneider selbst ein Theil von diesem neuen Gerichte verlangte; welches mir/ ich weiß nicht ob aus einem Zuge gegen dem Me- cenas/ oder seiner Guͤtigkeit halber uͤberaus wol schmeckte; und daher anfing: Jch wuͤnschte mir nun auch auf eine kurtze Zeit einen Kranchs odeꝛ Kamel-Hals mit dem Philoxenus; oder daß ich wie Pithyllus meine Zunge in ein Futter einge- schlossen gehabt haͤtte/ um diese Suͤßigkeit so viel eigentlicher zu schmecken. Mecenas veranlaste den Jndianischen Gesandten hiervon auch et- was zu geniessen; aber er war hierzu nicht zu be- reden; weßwegen ich ihn schertzweise entschuldig- te: Jn Jndien aͤße man keine Hasen/ daher muͤ- ste der Gesandte auch der Aehnligkeit halber sich der Esel enthalten. Horatius begegnete mim weñ des Roͤmischen Frauen zimmers Glaube wahr waͤre: daß das Hasenfleisch schoͤn machte/ muͤste es in Jndien Mangel an schoͤnem Frauenzim̃er ge- beñ. Der Gesandte antwortete mit einem gleich- maͤßigen Schertze: die Jndianer wuͤsten zwar die Eigenschafft beyderley Fleisches; alleine wie die Einwohner der Atlantischen Eylande kein Schwein/ aus Beysorge/ sie moͤchten kleine Au- gen bekom̃en/ wie auch keine Schildkroͤte aͤßen/ aus Furcht nicht so schlammig zu werden; also S s s s 3 ent- Fuͤnfftes Buch enthielten sich die Jndianer der Hasen und Esel/ um von ihren langen Ohren befreyet zu bleiben. Uber diesem Schertz-Gespraͤche ward eine Schuͤssel voll Phasan- und Pfauen-Gehime auf den Tisch gesetzt/ daher Maro anfing: Er merckte wohl/ daß sie zu Athen waͤren/ wo man kein Ge- hirne aͤße/ weil man dessen so einen grossen Uber- fluß auffzutragen haͤtte; iedoch wuͤste er nicht/ ob nicht etwan ein Artzt oder ein Nachfolger des Pythagoras gegenwaͤrtig waͤre/ indem die er- sten das Gehirne fuͤr eine ungesunde/ die letzten fuͤr eine unreine Speise hielten. Mecenas wol- te seine Tracht vertheidigen/ und versetzte: wenn diß waͤre/ warum nennte man deñ die Skarus- Lebern und andere niedliche Gerichte des Jupi- ters Gehirne? Es solten aber seine Gaͤste sich ja deꝛ Freyheit diß zu erwehlen/ was ihnen schmeck- te/ gebrauchen. Denn uͤber den Geschmack haͤtte man keinen Richter/ und es waͤre nichts mehr als die Speise dem Aber glauben unterworffen. Die Roͤmer enthielten sich weisser Haͤhne/ der Koͤpffe und Geburts-Glieder von den Thieren/ der Eyer/ der Bohnen/ des Viehes/ welches kei- nen Schwantz haͤtte/ aller vom Tische gefallenen Speisen/ und niemand wuͤste eine Ursache zu sa- gen. Andere wolten von Hasen/ Barben/ und Maulbeer-Baͤumen nicht essen/ weil sie ihren Monatlichen Fluß haben solten. Jch/ sagte Ze- no/ bestaͤtigte es mit beygesetzter Nachricht/ daß wider die Gewonheit der Juden die Einwohner des Eylandes Madagascar die von den Schild- kroͤten gemaͤsteten Faͤrcklein fuͤr das koͤstlichste/ und andere Jndianer fuͤr das gesuͤndeste Gerich- te hielten. Die Seythen hingegen enthielten sich alles Getreides und Gegraͤupes als einer Nah- rung fuͤr das Vieh/ das Fleisch aber alleine fuͤr den Unterhalt der Menschen. Endlich mangel- te es nicht an so wilden Leuten/ welche rohe Daͤr- mer/ klein geschnittene Haare in Honig/ und das Baͤren-Unschlit/ ja die Menschen selbst verzeh- reten/ und von diesen die Bruͤste oder die Fuͤsse/ wie von den Vaͤren die Klauen/ ihren Obersten als Leckerbißlein fuͤrlegten. Fuͤr welchem allem andere Leute ein Grauen und Abscheu haͤtten. Pythagoras haͤtte alle Fische verboten; Apicius hingegen haͤtte die Sardellen allen Speisen in der Welt fuͤr gezogen/ und sie dem Bithynischen Koͤnige Nicomedes in denen sonst so verachteten Ruͤben aufftragẽ lassen. Bey den Colchiern haͤtte die Schulter/ bey den Galliern das dicke Bein võ den Thieren den Vorzug; denen sonst schwerlich iemand einstim̃te. Als wir gleich am besten hier- von redeten/ trat der Kaͤyser unversehens in das Zimmer/ welcher nur nebst Livien und der schoͤ- nen Terentien/ als des Mecenas Ehefrauen auff einem Nachen sich an dem Meerstrande in diesen Garten hatte fuͤhren lassen. Als wir nun alle uͤber dieser unversehenen Ankunfft auff fuh- ren/ ermahnte uns Augustus unsere Reye und Gespraͤche nicht zu verruͤcken. Denn es kaͤme nicht der Kaͤyser/ sondern nur Oetavius zu ih- nen. Dieser Erinnerung beqvemten sich also- fort Mecenas/ Maro/ und Horatz/ welchen des Kaͤysers Art schon kundig war/ und endlich auch wir Fremdlinge nach ihrem Beyspiele. Jn Warheit/ Augustus hatte mit seiner Reichs-Last allen Schein eines so grossen Welt-Beherr- schers derogestalt auff die Seite gelegt/ daß ich ihn selbst ehe fuͤr einen Buͤrger/ als fuͤr einen so grossen Fuͤrsten angesehen haͤtte/ und ich mich itzt so viel weniger wundere/ wie die freyen Roͤ- mer sich einem so freundlichen Fuͤrsten so leicht dienstbar gemacht haben. Weil der Kaͤyser a- ber gleichwohl vermerckte/ daß seine Anwesen- heit unserer Freyheit einigen Eintrag thaͤt/ in- dem doch Fuͤrsten und Gestirne sich niemahls ih- res Glantzes gar enteussern koͤnnen; wolte er uns in unserer Lust nicht laͤnger stoͤren/ sondern nahm nach unterschiedenen Schertz-Gespraͤ- chen von uns mit seinem Frauenzimmer Ab- schied; Livia aber sagte schertzende zum Mecenas/ daß ihre Vermaͤhlung mit Terentien allererst zu Arminius und Thußnelda. zu Rom sich endigte/ und sie also ihm seine Bey- schlaͤfferin noch nicht zuruͤcke lassen koͤnte. Wel- ches sie meines Beduͤnckens mehr uns frem- den zum Anhoͤren redete/ den erschollenen Verdacht vom Kaͤyser abzulehnen/ daß er mit Terentien heimlich zuhielte. Wiewohl zu sa- gen Weltkuͤndig ist/ daß Livia anfangs mit Te- rentien geeyfert/ und der Schoͤnheit halber sich gezancket habe/ biß sie hernach nicht alleine mit mehrer Klugheit zu dieser geheimen Buhlschaft ein Auge zugedruͤckt/ sondern auch andere Frauenzimmer dem Kaͤyser an ihre Stelle ins Bette gelegt/ und durch diese verstattete Frey- heit den Kaͤyser ihr auffs festeste verknuͤpfft hat. Hierbey aber konte ich dem Mecenas nichts weniger als einen Unwillen oder Eyversucht anmercken/ von welchem man mir vorher er- zehlet hatte/ daß er mit Terentien deßhalben in taͤglichem Gezaͤncke lebte/ mehrmahls ge- wuͤnscht haben solte Terentia/ nicht Mecenas zu seyn; und daß die Roͤmer deßwegen von ihm schertzweise sagten: Er haͤtte zwar nur eine Ehfrau/ aber sie mehr als tausend mahl gehey- rathet. Wie wir nun den Kaͤyser biß an den Meer-Strand begleitet hatten/ fuͤhrte uns Mecenas durch einen langen Gang/ der auff ieder Seite mit hohen Palmbaͤumen besetzt/ auff der einen Hand mit dem saltzichten Mee- re/ auff der andern mit einem suͤssen Weyher/ in welchem die Feuerrothen Fische wie fallende Sternen schimmerten/ angefrischet war/ in ei- nen praͤchtigen Saal voller herrlichen Seulen und Ertzt-Bilder. Wir betrachteten sie alle/ so viel es die Zeit vertrug/ und Mecenas noͤ- thigte uns zu urtheilen/ welches ieder fuͤr das beste Stuͤcke hielte. Der Gesandte erwchlte die Andromeda aus schwartzem Marmel/ viel- leicht wegen Aehnligkeit seiner Farbe/ ich das Bild der Verzweiffelung aus Corinthischem Ertzte/ weil diese Unholdin wegen meiner ver- lohrnen Erato ohne diß meine taͤgliche Gefer- thin war/ Zarmar aber das Vildniß des Todes aus Helffenbeine. Hierauff wiese Mecenas auff das Bild der Gemuͤths-Ruh/ aus Alaba- ster/ meldende: dieses aber gebe ich nicht fuͤr al- le Bilder und Edelgesteine der gantzen Welt. Jch gestehe es/ sagte Zarmar/ daß die Gemuͤths- Ruh oder ein gutes Gewissen der groͤste Schatz der Welt sey/ ich aber halte einen seligen Tod noch weit hoͤher; denn jene ist zwar das Para- diß des Zeitlichen/ dieser aber die Pforte zu der unvergaͤnglichen Gluͤckseligkeit. Jch hoͤre wohl/ sagte Mecenas/ Zarmar sey kein Schuͤ- ler des Dicearchus und Epicurus/ welche glaͤub- ten/ daß die Seelen mit dem Leibe vergehen/ sondern vielmehr der Meinung/ welche Phe- recydes zu erst in Griechenland gelehret/ Tha- les/ Pythagoras/ Plato/ und Socrates aber bekraͤfftigt haben/ daß der Tod nur eine Ver- aͤnderung/ aber keine Verderbung der Seelen sey. Oder pflichtet er dem Cebes/ Zeno/ und denen Stoischen Weltweisen bey/ daß die Seele allererst mit Einaͤscherung der Welt verschwin- den/ oder mit Gott ihrem Ursprunge wieder wuͤrde vereinbaret werden? Zarmar antwor- tete: Er waͤre derer keinem zugethan. Die erstern waͤren nicht fuͤr Menschen/ sondern fuͤr Vieh zu halten; ja nicht werth/ daß ihnen Gott eine unsterbliche Seele eingefloͤst/ wenn selbte ihnen nicht zur ewigen Pein dienete. Denn haben sie nie mit Augen gesehen/ wie es den Frommen in der Welt so uͤbel/ die Boßhaff- ten aber auff Rosen gehen? Waͤre diß nun nicht der Gerechtigkeit Gottes zuwider/ da in dem andern Leben die Seelen der Frommen nicht solten erqvicket/ der Lasterhafften gepei- niget werden? Haben sie nie wahrgenommen/ daß die Seele ein eigenbewegliches Wesen und ein Geist/ der Leib aber nur von verweßlichem Talck zusammen gekleibet sey? Solte nun jener herrliche Kern mit dieser leichten Spreu zer- nichtet werden? Was sage ich aber zernichten? Auch Fuͤnfftes Buch Auch der Leib kan durch keine Kunst/ durch keine Gewalt zernichtet; sondern nur in was anders verwandelt werden. Sintemal eines Wesens Verterbung eines andern Geburt ist. Wie moͤgen diese Blinden die himmlische See- le der Zernichtung unterwerffen? haben sie nie beobachtet: daß ihre eigene Seele das vergan- gene gedencke/ das Gegenwaͤrtige verstehe/ und eine freye Herrschafft uͤber den Leib als seinen Dienstboten ausuͤbe/ und seine viehische Regun- gen unterdruͤcke? Wer wolte nun glauben/ daß diese Gebieterin der vergangenen/ gegen- waͤrtigen/ und kuͤnfftigen Zeit eines Augen- blicks Einaͤscherung unterworffen sey? daß die- se gewaltige Frau aus ihres Knechtes Munde den lebenden Athem ausblasen solle? Haben sie mit ihrer Seele nie begriffen/ was in die Sinnen des Leibes nicht fallen kan; hat sie nie gebillicht/ was dem Auge unglaublich schei- net; Als daß der kleineste Stern groͤsser als der Erdbodem; hat sie die Wollust nie ver- fluchet/ derer Kuͤtzel doch dem Leibe so wohl thut? Wie mag ihnen denn ihre Zertrennung bey der Erblassung des Leibes so unmoͤglich scheinen? Die letztern Weltweisen aber sind wenig beffer; weil sie die Seele einem irrdischen Leibe wie den Leib einem umbmaͤßlichen Orte anbinden/ und selbte gleichsam nur fuͤr eine Bewegung/ oder fuͤr ein Gewichte des Leibes halten/ welches ihn als eine Uhr fort treibe; ja wohl gar uns bereden wollen: daß das Wasser das feurige Wesen der Seele ersaͤuffen/ oder eine grosse Last selbte wie einen Rauch zertheilen koͤnne. Da sie selbst doch gestehen: ihr Ursprung ruͤhre von Gott/ wie der Tag von der Sonnen her/ und dahero sey sie nichts minder als Gott/ der nichts leibliches an sich hat/ fuͤr ein von der Glieder irrdischen Huͤtten absonderliches Wesen zu halten/ wel- ches ohne den Werckzeug des Leibes in und von sich selbst genugsame Krafft zu wuͤrcken habe. Die mitlern haben durch erblickte E- wigkeit der Seelen zwar ein grosses/ iedoch lange noch nicht vollkommenes Licht der War- heit erkieset. Mecenas hoͤrte ihm begierig zu/ und fing nach einem langen Nachdencken an: Jch bin zwar auch der Meinung: daß die Seele durch den Tod sich aus ihrem Ker- cker des Leibes in vergnuͤglichere Freyheit ent- reisse; Aber warum soll ich nicht die Ruhe des Gemuͤthes/ die eingebohrne Tochter der Unschuld/ die warhaffte Gebaͤrerin kuͤnffti- ger Ergetzung/ als den Lebens-Balsam des gegenwaͤrtigen Lebens dem Tode fuͤrziehen? Jst dieser nicht nur der Scherge/ der uns die Fessel loß macht; jene aber die Befehlha- berin Gottes/ welche unsere Erloͤsung anord- net? ja der Vorschmack des Himmels/ wie ein boͤses Gewissen der Hoͤlle? Denn wie die- ses allezeit die Furcht der Straffe in seinem Busem traͤgt; also schmecket die ihr bewuste Unschuld schon die Freude ihrer Vergeltung. Zarmar versetzte: Jch gebe allem diesem Vey- fall; ja ich weiß: daß ein lasterhafftes Leben nicht so wohl ein Leben/ als ein Trauren sey. Der Geist/ der es beseelet/ ist eine blosse Ein- bildung; diese aber schon sein Hencker und seine Folterbanck. Die Furcht verfolget ei- nen Boßhafften aͤrger/ als der Schatten den Leib. Seine Lust-Haͤuser/ koͤnten sie gleich schoͤner/ als dieses seyn/ sind seine Kercker/ welche der gantzen Welt/ nur ihm nicht gefal- len. Von seinen Blumen-Beethen genuͤssen andere die Rosen/ er nur die Dornen. Da auch diese gleich zuweilen eine unvorsichtige Hand verwunden/ so durchstechen sie aber ihm sei- ne Seele. Seine bangsamen Seuffzer ver- jagen den kraͤfftigen Geruch/ wormit die Bluͤ- then der Granat-Aepffel/ und die Jasminen die Lufft einbalsamen. Das Rauschen seiner Springbrunnen schreyet ihm in die Ohren: daß alle seine Eitelkeiten wie das Wasser zerrinnen/ seine Marter aber unvergaͤnglich seyn werde. Der Arminius und Thußnelda. Der fuͤr Augen schwebende Verlust macht ihm sein Reichthum zur Uberlast/ und auf das Altar/ welches die Heuchler seiner Wuͤrde anzuͤnden/ liefert er sein Hertze selbst zu einem brennenden Opffer. Ja wer an der Hoͤllenpein zweiffelt/ frage ein boͤses Gewissen/ so wird er vernehmen/ daß es Hencker und Foltern/ die man nicht sehe/ und ein Leben gaͤbe/ welches aͤrger als der Tod ist. Herentgegen/ weil ein ruhiges Gemuͤthe unaufhoͤrlich auf Gott/ wie die Magnet-Nadel nach dem Angelsterne zielet/ muß selbtes in ei- nem Meer voll Ergetzligkeiten schwimmen; auch nichts anders/ als diß/ die unvermeidliche Noth zu sterben verzuckern; ja seine bitterste Galle zwischen gluͤenden Zangen annehmlich machen: also daß/ wie schwartz und grausam er denen Lasterhafften fuͤrkommt/ er dennoch von jenen als ein liebreicher Braͤutigam umarmet wird. Aus welchem Nachdencken der Mei- ster dieses Todtenbildes vielleicht das annehmli- che Helffenbein zu einem sonst so abscheulichen Gespenste erkieset hat. Alleine es ist nicht moͤglich/ daß ein Mensch entweder aus einem tieffen Schlaffe der Unachtsamkeit/ oder aus ei- ner falschen Eigenliebe ihm eine Gewissens- Ruh mache/ und bey seiner gefaͤhrlichsten Kranckheit gleichwol keine Schmeꝛtzen empfin- de? Pflegen nicht die/ welche aus ihren Lastern ein Handwerck gemacht/ alle Stachel des Ge- wissens zu verlieren; ja sich uͤber ihrer begange- nen Boßheit noch zu kitzeln? Oder schweben wir elende Menschen nicht allhier auf so glattem Ei- se/ daß wer heute stehet/ morgen zu Bodem faͤllt? Einen Ringer aber kroͤnet nicht der gute An- fang/ sondern ein herrliches Ende; Einen Menschen nicht seine eigene Beruhigung/ son- dern ein seliger Tod. Mecenas begegnete ihm: Jch vertheidige ein gutes Gewissen/ welches keine andere/ als einen tugendhafften Wandel zur Mutter hat; nicht die Schlaffsucht derer/ die in dem Schlamme der Suͤnden ohne einige Empfindligkeit stecken. Dahero muͤssen diese Mahblumen nicht mit wohlruͤchenden Rosen vermengt werden. Jch kenne auch zwar nicht die menschlichen Schwachheiten; Aber die Ab- setzung von einem guten Absehen klebet nur fah- selnden Buhlern/ oder Gleißnern an. Denn in der Tugend steckt eine kraͤfftige Anmuth/ daß wer sie nur einen Augenblick wahrhafftig lieb gewonnen hat/ selbte sie sein Lebetage nicht has- sen kan. Vollkommentlich aber kan niemand was lieben/ der es nicht vorher eigentlich erken- nen lernen. Die Tugend aber erkennen ist ei- ne Verbuͤndnuͤß mit Gott/ ein Ancker der Se- ligkeit/ ein Geschmack uͤber alle Suͤßigkeiten der Wollust/ und alle Bitterkeiten des Lebens. Diesemnach der weise Epicur zu sagen gepflegt hat: Ein Weiser wuͤrde nicht des Lebens uͤber- druͤßig/ und verlangte nicht zusterben/ wenn man ihm schon beyde Augen ausstaͤche. Und er wuͤrde allezeit den Goͤttern fuͤr Erhaltung des Lebens danckbar seyn/ wenn sie ihn schon nach so vielen Liebkosungen laͤhmeten/ verstell- ten/ zum Kriepel werden und am Kreutze stehen liessen. Zarmar begegnete ihm: Er waͤre wol selbst kein Weichling/ noch auch ihr Vertheidi- ger/ sondern er hielte es fuͤr die groͤste Tugend in einem preßhafften Leibe einen freudigen Geist behalten. Alleine diß waͤre eine allzu strenge Grausamkeit gegen sich selbst/ aus Haß gegen dem Tode/ erbaͤrmlich zu leben wuͤnschen; wie- wol diß nicht ein Leben/ sondern eine Tauerung der Pein/ ja vielmehr ein langsames Sterben waͤre. Es schiene eine schnoͤde Bettelung der Furcht zu seyn/ wenn man lieber die Seele gleichsam Tropffen- oder Stuͤckweise/ und durch eine langsame Schwindsucht/ als auf einmahl behertzt auszublasen wuͤnschte. Er hielte die Nothwendigkeit zu sterben eben so wol fuͤr eine Wolthat der Natur/ als ein Gefangener einem zu dancken Ursach haͤtte/ der ihm die Fessel auff- loͤsete. Dannenhero muͤste man sich der Be- gierde zu leben enteusern/ weil es doch insge- mein befleckt oder beschwert waͤre; den Tod aber Erster Theil. T t t t am Fuͤnfftes Buch am wenigsten fuͤrchten. Denn es waͤre doch wenig daran gelegen/ wenn man diß uͤberstuͤn- de/ was man endlich einmal uͤberstehen muͤste. Es haͤtte nichts auf sich/ wie lange; wol aber/ ob man wol lebte. Ja vielmal bestuͤnde die Guͤte des Lebens darinnen/ daß es kurtz waͤre. Me- cenas antwortete: Es waͤre wol eine Thorheit zu leben/ um vom Schmertze gefoltert zu wer- den/ aber eine groͤssere Zagheit/ des Schmer- tzens halber zu sterben. Denn wer um dieses Henckers sich zu entschlagen ihm das Leben ver- kuͤrtzte/ oder sich nur nach dem Tode sehnete/ stuͤrbe nicht/ sondern wuͤrde als ein Zaͤrtling von Kleinmuth uͤberwunden. Es waͤre eine grosse Vergnuͤgung lange mit sich selbst umgehen/ wenn man anders sich durch Tugend wuͤrdig ge- macht haͤtte sein zu genuͤssen. Und daher doͤrf- ten nur die Lasterhafften fuͤr einem aͤngstigen Alter Eckel haben/ und eine stinckende Leiche zu werden wuͤnschen. So lange aber euserliche Ungemach/ und der kraͤnckliche Leib das Gemuͤ- the nicht entkraͤfftet/ und einem nicht nur die Seele/ sondern das Leben uͤbrig bliebe/ solte ein Weiser das Tagelicht erfreuet anblicken/ und nach der Abendroͤthe des Todes keinen Seufzer schicken. Jch/ sagte Zeno/ fiel hier ein/ weil der Abend einbrach/ und ich wahrnahm/ daß Mece- nas vom Kaͤyser einen Zettel bekam. Beyde Meinungen kaͤmen einander so nahe/ daß sie schwerlich mehr unterschieden werden koͤnten. Und ich hielte darfuͤr/ daß wenn Mecenas die Ruhe seines Gemuͤthes lange mit dem Leben be- halten/ Zarmar aber nach seiner verlangten Art sterben wuͤrde; beyde von dem allgemeinen Zwecke des hoͤchsten Gutes nicht entfernet seyn koͤnten. Also nahmen wir mit groͤster Vergnuͤgung vom Mecenas Abschied/ fanden aber in unserm Hause zu hoͤchster Verwirrung die drey koͤstli- chen Stuͤcke/ welche wir gegen dem Mecenas/ als die schaͤtzbarsten/ geruͤhmet/ schon als sein Ge- schencke fuͤr uns stehen. Diesemnaͤch wurden wir schluͤßig auf den Morgen uns in den Gar- ten des Mecenas zu verfuͤgen/ und an die ledige Stellen etliche Seltzamkeiten/ die wir aus Mor- genland mit gebracht/ zu versetzen. wir fanden aber die Luͤcken schon durch drey koͤstliche Bilder/ nemlich einen Kopf Hannibals aus Berg Cry- ******stallen/ einen Liedes-Gott aus Magnet- und ei- ne Helena aus Agsteine ersetzt/ und den Maro darbey/ um selbten eine anstaͤndige Uberschrifft beyzusetzen. Wie wir nun dieses verstunden/ gab lch dem Maro zu verstehen/ daß wir die Freyge- bigkeit des Metenas durch geringe Erkaͤntnuͤs- se zu begegnen vermeinet haͤtten; wir saͤhen aber wol/ daß unserm guten Willen schon eine sinn- reichere Hand zuvor kommen waͤre. Denn mei- nes Beduͤnckens haͤtte der Bildhauer zu dem Kopfe des gluͤck- und ungluͤckseligen Hannibals nichts geschickters als zerbrechliches Glaß/ zu der Liebe/ welche den rauhesten Stahl an sich zeucht/ nichts bessers als diesen Stein/ und zu Helenen/ welche Griechenland und Asien ange- zuͤndet/ und so viel tausend Augen-Thraͤnen auͤs- geprest/ nichts beqvemers/ als den brennenden und aus denen Thraͤnen der Sonnen-Toͤchter zusammen geronnenen Agstein nehmen koͤnnen. Jedoch hofften wir/ es wuͤrde Mecenas unser geringes Opffer der Danckbarkeit/ oder viel- mehꝛ ein veraͤchtliches Gedaͤchtnuͤß-Mahl nicht verschmaͤhen. Hiermit ließ der Gesandte ihm ein breites Becken aus Agat/ darinnen von Na- tur ein gruͤnlicher Frosch gewachsen war/ rei- chen/ und legte des Hannibals Haupt darein. Dem Cupido hieng er einen mit Diamanten versetzten Koͤcher um/ mit Andeutung: weil der Magnet bey Diamanten seine Krafft verlieren solte/ wolte er durch diesen Beysatz auch die Heff- tigkeit der Liebe etwas maͤßigen. Jch hatte in Egypten das Bild des Paris erkaufft/ welches Euphranor aus Thebaischem Steine so kuͤnst- lich gehauen hatte/ daß es ihn zugleich als einen Richter der drey Goͤttinnen/ als einen Liebha- ber Arminius und Thußnelda. beꝛ Helenens/ und einen Erlegeꝛ des Achilles fuͤr- stellte. Dieses ließ ich nebst die Agsteinerne He- lena setzen/ als welche fuͤrlaͤngst Liebe und Ver- haͤngnuͤß zusammen vermaͤhlet haͤtte. Maro verwunderte sich uͤber unsere so wol eintreffende Geschencke/ konte sich auch kaum bereden lassen/ daß wir von diesen neuen Bildern des Mecenas keinen Wind kriegt haben solten/ sondern diese Einstimmung aus blossem Zufalle herruͤbren solte. Nebst diesem meldete er/ weil er in diesem Garten nichts zu befehlen haͤtte/ koͤnte er uns unsern Geschencken zwar nicht den Raum ver- schrencken/ iedoch zweiffelte er/ daß Mecenas sich wuͤrde uͤberwinden koͤnnen selbte anzunehmen. Deñ wir moͤchten glauben/ daß es gefaͤhꝛlich waͤ- re/ bey ihm etwas zu loben/ daß man es nicht sel- bige Stunde noch in sein Hauß bekaͤme. Ja wie groß gleich die Freygebgkeit des Kaͤysers gegen den Mecenas waͤre/ so verwendete doch Mece- nas diß und ein mehrers zu nichts anderm/ als dem Augustus hierdurch die Gemuͤther tapffe- rer Leute zu erkauffen; also/ daß der Kaͤyser mit seinen Geschencken mehr ein Kauffmann/ Me- cenas aber mehr des Kaͤysers guter Haußhalter/ als sein Schoßkind zu seyn schiene. Hierentge- gen vermoͤchten ihm gantze Laͤnder/ denen er gleich die Freyheit von allen Schatzungen erbe- ten/ nicht ein Crystallen Gefaͤß einzunoͤthigen; weil er theils die Verbindligkeit der Gemuͤther aller Welt Schaͤtzen vorziehe/ theils seine Wol- thaten nicht mit dem Schatten des geringsten Eigennutzes verduͤstern wolte. Niemals aber haͤtte ihn der Kaͤyser selbst bewegen koͤnnen/ ei- niges Ampt oder Ding/ das ein Verdam̃ter be- sessen/ und zu der Kaͤyserlichen Schatzkammer eingezogen worden/ anzunehmen/ gleich als wenn des vorigen Besitzers Laster hiermit auch auf ihn verfielen. Maro hatte diß letzte Wort noch im Munde/ als Mecenas selbst in den Saal trat/ und nach unserer freundlichsten Bewill- kommung auf des Maro Winck unserer Ge- gengeschencke gewahr ward. Worauf er denn alsofort sich als beschaͤmt zu seyn beklagte/ daß wir durch unsere uͤbermaͤßige Vergeltung ihm nicht allein sein Unvermoͤgen uns nach Ver- dienst zu beschencken/ fuͤr Augen stellten/ sondern auch/ da wir uns nicht erbitten liessen ihn dieser allzu schaͤtzbaren Gaben zu uͤberheben/ ihm ein Verbrechen wider sein Ampt aufnoͤthigten. Ge- genwaͤrtige an den Ecken der Blumenstuͤcke ste- hende Bilder erinnerten ihn seiner Schuldig- keit/ daß eines Fuͤrsten Diener zwar Augen/ um die Fruͤchte seines Herren zu bewachen/ nicht a- ber Haͤnde selbte abzubrechen haben solte. Die anfaͤngliche Uberwuͤndung anfangs was von ei- nem guten Freunde anzunehmen/ ziehe leicht ei- ne Begierde nach sich auch diß/ wormit die Boß- heit den redlichsten Richter zu bestechen versu- chet/ nicht zu verschmaͤhen. Denn der Geitz und das Feuer wachse von dem/ wormit sich beydes saͤttigen solte. Alleine solche Diener/ wenn sie sich mit dem Raube des Volckes uͤber alle Maaß uͤ- berleget/ wuͤrden hernach nicht unbillich als Schwaͤmme von ihren Fuͤrsten ausgedruͤckt/ o- der sie wuͤrden auch ein fettes Schlacht-Opffer des aus gesogenen Poͤfels/ und erfuͤhren mit ih- rem Untergange zu spaͤt/ daß sie wie die Holtz- wuͤrmeꝛ ihnen zwar in grosse Baͤume ihre Woh- nungen gebauet haͤtten/ mit dem ausgefressenen Stamme aber endlich zu Grunde giengen. Am aͤrgsten aber waͤre/ daß solche unersaͤttliche Leute mit ihrem Laster noch den unschuldigen Fuͤrsten besudelten/ in dem das Volck selbten entweder fuͤr unachtsam/ der seiner Diener Schalckhei- ten uͤbersehe/ oder fuͤr eben so boßhafft hielte/ der an solchem Raube theil haͤtte. Wir hinge- gen baten: unsere Geringigkeiten nicht durch den Nahmen einer Vergeltung noch mehr zu vergeringern. Denn/ ob wir wol durch seine Wolthaten uns von Natur hierzu verbindlich erkennten/ so uͤberstiegen sie doch das Maaß un- serer Kraͤfften. Uberdiß hielten wir darfuͤr/ daß die Danckbarkeit alleine mit dem Her- tzen/ die Zahlung aber durch Liefferung eines T t t t 2 gleich- Fuͤnfftes Buch gleichgiltigen Dinges geschehe. Mecenas solte erwegen/ daß die Gesetze der Freundschafft nicht nach der Richtsch nur des Eigennutzes ab- zumaͤssen waͤren/ und bey so gestalten Sachen haͤtten sie auch des Mecenas so ausehnliche Ga- ben zuruͤck senden sollen. Von iederman Ge- schencke annehmen waͤre Geitz/ von vielen eine Niedrigkeit des Gemuͤthes/ von niemanden ei- ne Grausamkeit. Unser Absehen waͤre allein die Ehre zu haben/ daß unsere Scherben an dem Orte stehen doͤrfften/ wohin der Kaͤyser etwas zu setzen fuͤr ein Gluͤck schaͤtzte/ und wohin alle Voͤl- cker ihre Seltzamkeiten/ als einen der Tugend schuldigen Zinß zu lieffern verbunden waͤren. Ja da er dem wenigen den Raum nicht erlaub- te/ liesse seine Hoͤfligkeit es zwar fuͤr keine Ver- achtung ausdeuten; allein es wuͤrde zu Athen nebst seiner Wolthat/ unser Undanck ruchbar werden. Niemand aber solte aus dem Ehre suchen/ was zu eines andern Verkleinerung ge- reichte. Mecenas zohe die Achseln ein/ und vermeldete: Es waͤre zwar einer Verwerffung des Geschenckes nicht unehnlich/ wenn selbtem ein groͤsseres auf der Fersen zuruͤck folgte; allei- ne er muͤste nur der Ubermasse unser Hoͤfligkeit sich unter werffen/ und bey seiner Schamroͤthe troͤsten/ daß gute Gemuͤther zwar Wolthaten nicht ver gessen koͤnten/ wol aber zuweilen dar- fuͤr muͤsten Schuldner bleiben. Die Erkaͤnt- nuͤß der Schuld aber waͤre schon ein Theil der Vergeltung/ vielmal auch einer Vergeltung fuͤrzuziehen. Hiermit kam Mecenas zu ge- nauer Betrachtung unserer Geschencke/ welche er uͤber ihren Werth nicht genung zu schaͤtzen wuste. Als er aber in dem Agathenen Becken den gruͤnlichten Frosch erblickte/ vermochte er seine Gemuͤths-Regungen nicht mehr im Schrancken zu halten/ brach dannenhero her- aus: Jhr Goͤtter! haͤttet ihr unter irrdischen Dingen mir selbst wohl ein annehmlicher Ge- scheneke zu liefern vermocht? Oder habt ihr nichts minder den Pinsel der Natur/ als das Gemuͤthe des Masulipats gereget/ daß sie die- ses beliebte Bild in die Adern dieses edlen Stei- nes eingepreget? Wie wir nun einander anse- hende uns bekuͤmmerten/ was den Mecenas ei- gentlich zu dieser Regung verursacht/ wiese er uns an seiner Hand den Petschir-Ring/ in wel- chem auf einen vielfaͤrbichten grossen Opal ein Frosch gegraben war. Sehet/ fing er an/ hier den Stein/ wessentwegen Marcus Antonius den Nonius von Rom verjaget/ und welchen zu erhalten Nonius lieber sein Vaterland verlas- sen wollen. Diesen aber hat Nonius hernach fuͤr grosse Wolthaten dem Kaͤyser freywillig/ der Kaͤyser aber mir geschencket/ und weil ich mir zum ewigen Wapen meines Geschlechtes einen Frosch erwehlet/ solchen darein graben lassen. Wie hoch ich diesen zeither geschaͤtzet/ kan Maro zeugen; also lasse ich sie allerseits ur- theilen/ wie viel hoͤher ich dieses mein von der Natur selbst gemahltes Wapen zu schaͤtzen habe. Mit diesen annehmlichen Abwechselungen brachten wir schier biß an Mittag zu/ als Mecenas zum Kaͤyser beruffen ward. Maro erzehlte uns hierauf/ daß als Augustus den Sphinx/ als sein muͤtterliches Wapen/ mit dem Bilde des grossen Alexanders verwechselt/ haͤtte Agꝛippa/ wie fuͤr Zeiten Agamemnon/ einen Loͤ- wen-Kopf/ Mecenas aber einen Frosch erkieset. Dieser habe seine Erfindung von den Egy- ptiern/ welche mit dem Frosche auf einer Was- serblume die menschliche Unvollkommenheit fuͤrbilden/ entlehnet/ und zu seiner Erinne- rung ihm dieses veraͤchtliche Thier fuͤrgestellet/ daß/ wie ein Frosch mit seinem Vordertheile aus dem todten Schlamme sich zu reissen bemuͤhet/ wenn gleich sein unbeseelter Hinterleib noch Er- de ist; also die Seele des Menschen nicht in dem Kothe irrdischer Dinge/ oder unter der Buͤrde seines beschwerlichen Leibes verstarren/ sondern sich zu Gottempor zu schwingen bemuͤhen solte. Maro weiste uns hier auf in einem Lusthause al- lerhand von Froͤschen genommene Sinnenbil- der. Arminius und Thußnelda. der. Uber einem von der Erde ins Wasser springenden war geschrieben: Allenthalben; um anzuzeigen/ des Frosches Geschickligkeit im Wasser und auf der trockenen Erde zu leben/ waͤre eine Anweisung/ daß ein vernuͤnfftiger Mensch in Gluͤck und Ungluͤcke einerley Ge- sichte behalten folte; Darneben hatte ein-gegen einer den Rachen aufsperrenden Schlange huͤpffender Frosch ein Stoͤcklein qver uͤber im Maule/ mit der Uberschrifft: Mit Ver- nunfft/ nicht durch Staͤrcke; Zur An- weisung/ daß man durch Fleiß und Klugheit sei- ner Schwaͤche zu Huͤlffe kommen solte. Fer- ner hatte ein auf dem Ruͤcken mit Bienen beses- sener Frosch diese Uberschrifft: Gegen das empfindlichste unempfindlich; wordurch ange zielet war/ daß wie die Froͤsche die schaͤrff- sten Stiche der feindlichen Bienen nicht fuͤhl- ten; also solte ein Tugendhaffter sich die Verfol- gungen des Gluͤcks/ und die Anste chungen der Verleumder nichts anfechten lassen. Auff ei- ner andern Taffel lag ein auffgeschnittener Frosch/ mit zweyen heraus hangenden Lebern auf einem Altare. Daruͤber war zu lesen: Solch Gluͤcke in der Veraͤchtligkeit; Um anzudeuten/ daß wie die Froͤsche zwar ge- ringe Thiere waͤren/ und doch zwey Lebern haͤt- ten; also die Demuth eine Mutter des Gluͤckes waͤre. Sintemal bey den Opfferungen fuͤr das schlimmste Zeichen gehalten ward/ wenn das dazu bestimmte Vieh keine Leber/ fuͤr das gluͤckseligste aber/ wenn es zwey Lebern hatte. Jenes befand sich also/ als Marcellus vom An- nibal erschlagen ward; dieses aber begegnete dem August zu Spolet. Deßwegen ihm auch der Priester auf selbiges Jahr die Erlangung einer zweyfachen Herrschafft ankuͤndigte/ wohin dieses Sinnbild vielleicht auch zielen mochte. Ferner war auf einem Kupffer-Blatte ein-an einer Angel ins Wasser gehenckte Frosch ge- mahlet/ an welchen sich zwey Purpur-Mu- scheln hingen/ sonder einige Beyschrifft. Ma- ro erzehlte/ der Kaͤyser haͤtte diß Gemaͤhlde dem Mecenas gegeben/ und/ so viel er urtheilen koͤn- te/ ihm darmit zu verstehen geben wollen/ daß wie die Purpur-Schnecken eine sonderbare Neigung haͤtten sich mit Froͤschen zu speisen; also haͤtte auch er und Livia am Mecenas eine sonderbare Vergnuͤgung. Viel andere da- selbst befindliche Sinnbilder/ sagte Zeno/ moͤch- te er nicht erzehlen/ auser noch eines/ wie nehm- lich ein gegen der Sonne aufgestellter Frosch sein Maul in den Schlamm steckte/ mit beyge- setzten Worten: Eine stillschweigende Verehrung; welches lehren solte/ daß wie die des Nachts lauten Froͤsche gegen dem Tage verstum̃ten; also solte ein vernuͤnfftiger Staats- Diener seinem Fuͤrsten nie widersprechen. Hertzog Herrmann fing an: Er haͤtte den Me- cenas gekennt/ und er wuͤrde nicht nur seiner Gewogenheit/ sondern auch seiner Tugenden halber sein Gedaͤchtnuͤß allezeit hoch halten. Allein er haͤtte dem Mecenas gewuͤnscht/ daß selbter noch zweyerley Anmerckungen von de- nen so beliebten Froͤschen genommen haͤtte; von welchen man glaubte/ daß wenn man einem le- benden Frosche die Zunge ausrisse/ ihn fort- schwimmen liesse/ und sie einem schlaffenden Weibe aufs Hertze legte/ sie alle ihre Heimlig- keiten/ darum sie gefraget wuͤrde/ eroͤffnete. Weñ man aber mit einem Schilffe einen Frosch zum Geburts-Gliede hinein/ und zum Maule heraus staͤche/ dieses aber hernach in ihr Mo- nats-Gebluͤte steckte/ kriegte sie fuͤr Ehbruche eine Abscheu. Haͤtte nun diß letztere Mecenas gethan/ wuͤrde ihm seine Terentia keinen so boͤ- sen Nahmen/ und ihm keinen Spott zugezogen haben. Haͤtte er auch Terentien/ und sie nicht ihm die Heimligkeit seines Herrschens heraus gelockt/ so haͤtte er nie vom Kaͤyser wegen ihr entdeckter Murenischen Verschwerung ge- T t t t 3 schol- Fuͤnfftes Buch scholten werden doͤrffen. Zeno antwortete: Es ist diß sehr kluͤglich erinnert/ und ich weiß/ wenn Mecenas noch lebte/ und es selbst hoͤrete/ wuͤrde er fuͤr so aufrichtige Lehren danckbar seyn/ und sie seinen Sinnebildern noch beyse- tzen. Nach derselben Betrachtung/ fuͤhrte er uns bey der sich vergroͤssernden Mittags-Hitze in eine mit vielen kuͤnstlichen Springwassern erfrischete Hoͤle/ darinnen wir wieder unser Vermuthen die Taffel aufs koͤstlichste zugerich- tet antraffen. Weil nun Mecenas sich selbst nicht vom Kaͤyser entbrechen konte/ kamen auff sein Ersuchen Cneus Calpurnius Piso/ der fuͤr Jahren schon Buͤrgermeister gewest war/ Lici- nius Nerva Silanus/ und Marcus Furius/ al- le Roͤmische Rathsherren/ uns die Zeit zu ver- kuͤrtzen. Etliche folgende Wochen brachte Me- cenas mit dem Gesandten meistentheils in gehei- men Handlungen/ ich aber theils in Beschauung der denckwuͤrdigen Sachen zu Athen/ theils auch mit Ergetzligkeiten auf dem Lande/ und mit Durchlesung des vom Mecenas scharfsinnig beschriebenen Prometheus zu; welch Buch mir Maro in Vertrauen geliehen/ und mich da- durch nicht wenig vergnuͤgt hatte. Sintemal er anfangs darinnen die Geschichte des Prome- theus/ wie er einen Erfinder der Sternen-Bild- hauer- und anderer Kuͤnste/ ein Artzt/ einen Ertzt- und Kraͤuter-Verstaͤndigen/ einen Wahrsager abgegeben; hernach ihn als ein herrliches Fuͤrbild des Kaͤysers August/ und des- sen gantze Herrschafft in Sinnbildern beschrie- ben hatte. Kaͤyser Julius war in der Gestalt des Japetus/ als sein Vater/ und das Bild der Themis/ als seine Mutter/ Antonius in der Ge- stalt des vermessenen Epimethus fuͤr gestellet/ welcher aus Cleopatrens Wollust-Gefaͤssen/ wie aus der Schachtel Pandorens alles Boͤse heraus fliegen ließ. Jnsonderheit war nach- dencklich zu sehen/ wie der Kaͤyser als der andere Prometheus das thoͤnerne Bild deꝛ Stadt Rom von Stuͤck zu Stuͤck in Marmel verwandelte/ und die herum in einem Kreisse abgebildeten Voͤlcker der Welt allerhand kostbare Edelge- steine/ Perlen/ Gold/ Ertzt und andere Schaͤtze zu Auszierung dieses Bildes zulangeten; weil er derogestalt sein Vaterland verbessert zu haben sich ruͤhmte; an einem andern Orte/ wie er die- sem Roͤmischen Bilde die Hertzhafftigkeit der Loͤwen/ die Scharfsichtigkeit deꝛ Adler/ die Klug- heit der Schlangen/ die Froͤmmigkeit der Stoͤr- che durch Einhauchung dieser Thiere einfloͤste/ und dardurch den ersten Prometheus weit uͤber- treffe/ als welcher seines mit der Furcht der Ha- sen/ der Arglist der Fuͤchse/ der Maulwuͤrffe Blindheit/ mit der Hoffart der Pfauen/ und der Grausamkeit der Tyger ausgeruͤstet haͤtte. Ferner war der Kaͤyser abgebildet/ wie ihm Mi- nerva biß an den Wagen der Sonnen empor half/ daran er die Fackel der Weißheit anzuͤnde- te/ und dieses edle Feuer nach Rom brachte. Der Adler/ welcher dem Prometheus auf dem Ge- buͤrge Paropamisus die Leber fraß/ war auf die Roͤmische Herrschafft ausgedeutet/ welche Au- gust ihrer Beschwerligkeit halber niederzulegen offt entschlossen war; gleichwohl aber auff des Mecenas Einrathen dem gemeinen Wesen zum besten/ diese Sorge taͤglich an ihm nagen ließ. Nach dem nun Masulipat mit dem Mece- nas zum Schlusse kommen war/ kam folgenden Tages Mecenas sehr fruͤh zu uns/ und fuͤhrte uns in Athen herum/ unter dem Vorwand die Seltzamkeiten dieser beruͤhmten Stadt zu zei- gen. Wir fuhren durch die heilige Pforte/ und traten zu erst im Anaccon/ oder dem beruͤhmten Tempel des Castor und Pollux ab/ darinnen Pisistratus die Buͤrgerschafft versam̃lete/ als er sie zu entwaffnen vor hatte. Neben dem Tem- pel ist der Marckt leibeigener Knechte. Von dar fuhren wir uͤber eine Hoͤhe in den lustigen Garten des weisen Melanthius/ darinnen des beruͤhmten Redners Lycurgus Grab/ und ein Marmel-Bild des wider den Riesen Polybotes kaͤmpf- Arminius und Thußnelda. kaͤmpffenden Neptunus wuͤrdig zu sehen war. Hernach betrachteten wir den Spatzier-Gang und den Ubungs-Platz des Mercur/ wie auch den Tempel des Bacchus/ wo vorher des Poly- tion Hauß gestanden hatte/ darinnen die Elev- sinischen Geheimnuͤsse vom Alcibia des waren entweihet worden. Wir fuhren hierauf zu dem Grabe des Deucalion/ und dem Graben/ wor- innen das letztere Wasser der Suͤndfluth ver- suncken seyn soll. Nach diesem betrachteten wir den Tempel des Saturn und der Rhea; fuͤrnehmlich aber den des Olympischen Jupi- ters/ welcher als der groͤste Tempel der Welt die Groͤsse dieses Gottes abbilden sol. Hier- auff leitete uns Mecenas durch die Egeische Pforte in das praͤchtige Hauß und die Gaͤrte des Egeus/ darinnen das vom Phidias gemach- te Bild der Venus alle andere Kostbarkeiten uͤbertraf. Weil es nun bereit uͤber den Mit- tag war/ liessen wir auf der rechten Hand den Tempel der himmlischen Venus/ Jsocratens Grab/ der Cynischen Weltweisen Schule lie- gen/ und besahen allein in der Eyl den Tempel des Hercules/ und sein Bild/ des Gelades Meisterstuͤcke/ den Phidias zum Lehrmeister gehabt. Die Huren-Kinder wurden allhier ge- uͤbt/ und verehrten den nicht besser gebohrnen Hercules. Hierauff ließ Mecenas in vollen Buͤgen auff einen dem Tritonischen Fels ge- gen uͤber liegenden Huͤgel rennen/ auf welchem fuͤr Zeiten Museus seine Gedichte abgelesen/ die Athenienser/ als Theseus mit den Amazo- nen stritt/ ihr Laͤger geschlagen/ und endlich die Macedonier um Athen im Zaume zu hal- ten/ eine Festung gebaut hatten/ woraus sie aber hernach vom Olympiodor getrieben wur- den. Allhier traffen wir unter dem Schat- ten der Oelbaͤume eine praͤchtig-bereitete Taf- fel an; worbey nach den auserlesensten Saiten- Spielen des Museus Gedichte abgesungen/ und zwar die Orte/ wo eines oder das andere geschehen seyn solte/ von dieser das Auge weit uͤber Land und Meer tragenden Hoͤhe durch den Maro gewiesen wurden. Gegen Abend fuͤhrte uns Mecenas in den Tempel des Bac- chus/ darinnen taͤglich vierzehn Priesterinnen den Gottesdienst verrichteten. Wir lasen an einer in der Mitte stehenden Marmel-Saͤule die alten Heyraths-Gesetze der Atheniensischen Koͤnige/ welche nur eine in Athen gebohrne und auferzogene Jungfrau heyrathen dorff- ten. Von dar fuhren wir in den Schauplatz des Bacchus/ in den Spatzier-Saal des Eu- menicus/ in den Tempel der Proserpina/ der Lucina/ und den uͤber aus praͤchtigen der guͤlde- nen Dreyfuͤsse/ darinnen wir den unver gleich- lichen Satyrus/ welchen Praxiteles nebst dem der Phryne geschenckten Cupido fuͤr sein Mei- sterstuͤcke hielt/ und daher dem Bacchus wied- mete/ nicht genung betrachten konten. End- lich als es schon daͤmmerte/ kamen wir in den Tempel des Serapis. Unterweges erzehlte uns Mecenas/ daß Augustus zum Gedaͤcht- nuͤsse und zu Dancksagung fuͤr die ihm in E- gypten wider Cleopatren/ und die Mohren- Roͤnigin Candace erhaltenen Siege daselbst ein marmeln Altar haͤtte aufsetzen lassen/ wel- ches selbigen Abend der Jsis eingeweihet wer- den solte. Der Tempel war hin und her mit einer Ampel ein wenig erleuchtet. Wie viel Volck gleich darinnen sich befand/ spuͤt- te man doch ein allgemeines Still schweigen. Kurtz nach unser Ankunfft ward ein Alaba- sternes Bild der Jsis auf einem guͤldenen Wa- gen mit zwey zahmen Loͤwen in den Tempel bracht/ welchem Augustus/ Livia und Terentia auf dem Fusse folgten; die denn auch nebenst den Priestern selbst mit Hand anlegten/ solches auf das Altar zu heben. Das Bild stellte ein Frauen- zimmer fuͤr. Das Haupt kroͤnten drey uͤber einander gesetzte Thuͤrme; das Haar war wel- licht ausgebreitet/ mit Korn-Achren untermen- get/ Fuͤnfftes Buch get/ und mit einem Schleyer bedeckt; Uber den Schlaͤffen ragten zwey gekruͤmte Schlangen herfuͤr; am Halse stand das Zeichen des Krebses und Steinbocks/ darunter aber Hercules mit einem Palmzweige/ und Apollo mit einem Lor- ber-Krantze. Die Armen waren mit vier Loͤ- wen besetzt und ausgestreckt. Jn der rechten Hand hatte sie eine Leyer/ in der lincken einen Wasser-Eymer/ daran die gleicher gestalt zu Sais in Egypten befindliche Uberschrifft zu le- sen war: Jch bin alles/ was gewest ist/ und seyn wird. Kein Sterblicher hat meinen Schleyer noch auffgedeckt. Meine erste Frucht/ die ich gezeuget/ ist die Sonne. Und alles diß war mit ei- nem Krantze aus Fruͤchten und Blumen um- fangen. Die Vrust und der Leib bis an Nabel strotzte von eitel Bruͤsten/ und ihr Guͤrtel war mit dem halben Monden und vielen Sternen besetzt. Der Unter-Leib biß uͤber die Knichel steckte in einem engen Kessel; An dem Ober- theile auf der einen Seite Diana/ auf der an- dern Ceres; zwischen diesen drey gehoͤrnte Hirschkoͤpffe/ und zwey Bienen eingeetzet wa- ren. Jm mitlern Theile ragten auf der Seite zwey Drachen/ im untersten zwey Loͤwen her- fuͤr/ zwischen beyden aber waren drey Ochsen- Koͤpffe zu schauen. Die Beine um die Knichel deckte ein zartes Hemde/ die Fuͤsse aber waren bloß/ der eine stand auf der Erde/ der ander auff Wasser. Jn das Altar war eingegraben: Der einigen Jsis/ welche alles ist. Wie dieses Bild nun feste gesetzt war/ brachte man ein Meerkalb/ und eine Gans herbey/ wel- che ein Egyptischer Priester Choeremon/ den der Kaͤyser von Memphis her zu diesem neuen Gottesdienste bestellt hatte/ schlachtete/ und aufopfferte. Bey diesem Beginnen zohe mich Zar mar der Brahman auf die Seite/ und sagte mir in ein Ohr: Lasset uns dieses besudelten Gottesdienstes/ oder vielmehr dieser unzuͤchti- gen Gottes-Spoͤtter entbrechen! Jch versetzte/ daß diß ohne Aergernuͤß des Volckes/ und ohne Beleidigung so wol des Kaͤysers/ als des Mece- nas nicht geschehen koͤnte. Gott straffte auch die Versehrer eines irrigen Gottesdienstes/ als welcher besser/ als keiner waͤre. Zu dem hielte ich dieses Heiligthum fuͤr eine Verehrung der Ceres oder Cybelens/ welche er von Kind auff verehret/ die Vorwelt aber damit die goͤttliche Erhaltung der gantzen Welt/ oder die Natur fuͤrgebildet haͤtten. Die Thuͤrme bedeuteten die Schloͤsser der Gestirne/ das Haar ihr Licht/ der Schleyer ihre verborgene Wuͤrckung/ die Aehren/ Blumen und Fruͤchte die Fruchtbar- keit/ die Schlangen den veraͤnderlichen Lauff des Monden/ der Krebs und Steinbock die zwey eusersten Ziele der Sonnen; Hercules und Apollo die Schutz-Goͤtter dieser zwey Ende/ die Loͤwen die Staͤrcke der Natur/ die Leyer ih- re Eintracht/ der Wasser-Eymer den Regen/ die Bruͤste vielerley Art der Ernaͤhrung/ der Guͤrtel die rundte Bewegung des Gestirnes/ Diana die Waͤlder und Gaͤrte/ Ceres die Land- Fruͤchte/ die Hirschgeweihe die Sonnenstralen/ die Drachen Gottes scharfsichtige Wathsam- keit/ die Ochsen den Ackerbau/ die Loͤwen den Bestand/ das Hemde ihre Bekleidung/ die nackten Fuͤsse die Geschwindigkeit/ die Bienen die Ordnung der goͤttlichen Vorsorge. Jch verstehe diß alles wol/ antwortete mir Zarmar. Aber siehest du nicht/ daß Augustus seine unzuͤch- tige Liebe unter diesem Gottesdienste verbluͤme/ und nach dem Beyspiele des Lasterhafften Ju- piters/ welcher seine Kebsweiber unter die Ge- stirne versetzt haben soll/ seine Ehbrecherin auff Altaͤre hebet/ und aus einer geilen Venus eine heilige Jsis macht. Jch trat hierauf etliche Schritte naͤher zum Altar/ und als ich bald die Jsis/ bald die Terentia genau betrachtet hatte/ ward ich gewahr/ daß beyde einander/ wie ein Ey Arminius und Thußnelda. Ey dem andern aͤhnlich waren. Jch wandte mich hierauf wieder zum Zarmar/ meldende: Jch sehe nunmehr die Ursache deines Unwil- lens; Ob ich nun wohl weder die Geilheit Au- gustens/ noch die Verhaͤngung der blinden Livia entschuldige; so laßt uns doch lieber diese Laster verdecken/ als durch ihre Eroͤffnung so viel tau- send Einfaͤltige aͤrgern. Bildnuͤsse sind ohne diß keine Abdruͤckungen der nichts leibliches an sich habenden Goͤtter/ sondern nur ein Schatten ihrer Eigenschafften; welche Prometheus er- funden/ die Perser allemal verdammet/ und aus gleichmaͤssigem Aergernuͤsse Diagoras Melius des Hercules Saͤule auf einem Holtz-Stosse verbrennet haben soll. Denn da man nicht einst die menschliche Seele mit Ertzt und Stein abzubilden vermag/ wie viel weniger laͤsset sich Gott/ der uͤber die Seele/ ja uͤber die Natur ist/ derogestalt nachpregen. Daher haben die Grie- chen von den Phoͤniciern die Bilder ziemlich langsam bekommen/ und Rom hat hundert und sechtzig Jahr ihre Goͤtter ohn einiges Bild ver- ehret. Ja Zenon verdam̃te die/ welche ausser- halb ihres Hertzens/ Gott zu seiner Wohnung einigen Tempel bauten/ als welche ebenfalls von Anfang aus Grabe-Staͤdten ihren Ur- sprung erhalten. Laß uns daher diesen Alaba- ster-Stein nicht als ein Ebenbild/ sondern als ein blosses Denckmal der Jsis anschauen. Ha- ben doch die Goͤtteꝛ nicht nur in Egypten Gestal- ten wilder Thiere/ sondern bey den Brahman- nen selbst habe ich das Bild Goͤttlicher Weißheit mit einem Elefanten-Kopfe angetroffen. Die Goͤtter sehen ohne diß nicht die Herrligkeit ihrer Goͤtzen/ sondern die Andacht der Betenden an. Wie viel derer haben bey der Anadyomenischen und bey der Gnidischen Venus Huͤlffe gefun- den; da doch der ersten Bild Apelles nach sein und des grossen Alexanders Buhlschafft Pan- casta gemahlet/ die andern aber Praxiteles nach der uͤppigen Phryne/ wie selbte an dem Elevsini- schen Feyer sich fuͤr dem versam̃leten Griechen- lande entbloͤssete/ gebildet hat. Die Stadt Ty- rus soll denselben Jahrs-Tag an grossen Ale- xander uͤbergegangen seyn/ als die Carthaginen- ser das grosse ertztene Bild des Apollo zu Gala aus dem Tempel geraubet/ und nach Tyrus ge- schickt/ die Tyrier aber/ als wenn es fuͤr den Feind kaͤmpfte/ schimpflich verspeyet; ungeach- tet selbtes nach dem Ebenbilde des grossen Wuͤ- terichs Phalaris in Sicilien soll gegossen wor- den seyn. Mit dieser Einredung hielt ich den unwilligen Zarmar so lange auf/ biß das Opfer sich endigte/ und wir also aus dem Tempel zu kommen Gelegenheit bekamen. Gleichwohl blieb Zarmar voller Unwillen/ also; daß er her- aus brach: Er wuͤntschte und hoffte von der Gottlosen Terentia ein eben so erbaͤrmliches En- de zu erfahren/ als der Spoͤtterin Pharsalia be- gegnet/ welche sich zwar nicht gescheuet die von dẽ Philomelus aus einem Tempel geꝛaubte und ihꝛ als seiner Buhlschafft geschenckte guͤldene Krone der Daphne zu tragen/ welche die Lampsacer hin- ein gewiedmet haͤtten; aber hernach von denen daruͤber unsinnig werdenden Priestern zerrissen worden waͤre. Terentia aber waͤre ungleich straffbarer/ welche nicht nur einen heiligẽ Krantz stehle/ sondern sich selbst zu einer Gottheit machte. Beym Abschiede fuͤr dem Tempel ersuchte uns Mecenas/ wir moͤchten folgenden Tag ihm in Beschauung der Stadt ferner vergnuͤgliche Gesellschafft leisten. Diesem zu folge machten wir uns umb dem hoͤflichen Mecenas vorzukom- men mit dem Tage auf. Er begegnete uns aber schon an der Ecke/ wo man gegen dem Rich- ter-Stule des Polemarchus faͤhrt/ von welchem so genennten dritten Raths-Herren vor Zeiten die Athenischen Kriege gefuͤhrt/ und der Aus- laͤnder Strittigkeiten gerichtet wurden. Nach einer freundlichen Beschwerde: daß wir ihm die Ehre uns abzuholen nicht gegoͤnnet haͤtten/ fuͤhrte er uns alsbald nahe darbey in den Tem- pel des Lycus/ welcher Pandions Sohn gewest war/ und darinnen ein Marmel-Bild in Gestalt eines Wolffes hatte. Wie wir uns hieruͤber verwunderten/ fing der die Wanderung Erster Theil. U u u u mensch- Fuͤnfftes Buch menschlicher Seelen in Thiere festiglich glauben- de Masulapat an: Lycus hat zu Athen mehr als einen Tempel verdienet/ wenn er nur die Helfte Wolff gewest/ und die andere Helfte Mensch blieben ist. Denn der soll noch ge- bohren werden/ der nicht was viehisches an sich hat. Die meisten Menschen aber verwandeln sich nicht nur in wilde Thiere/ sondern bemuͤhen sich auch noch Woͤlffe und Baͤren an Grausam- keit zu uͤbertreffen. Wir haben nahe hierbey/ sagte Mecenas/ dessen ein klares Beyspiel; fuͤhrte uns also zu dem Grabe des Koͤnigs Ni- fus/ welchem seine Tochter Scylla das mit sei- nem Reiche verlobte Haar abgeschnitten hat/ wormit sie die Herrschafft ihrem liebgewonne- nen Minos zuschantzte. Hierauf fuͤhrte er uns uͤber den Agorischen Platz/ da das Volck umb einen in der Mitte stehenden/ und mit dicken Leinen umbspannten Richter-Stul versam̃let wird/ fuͤr welchem Demosthenes und andere grosse Redner ihre gelehrte Beredsamkeit un- zehlbare mal gepruͤfet haben. Daselbst traten wir in den Tempel der Musen ab/ darein Me- cenas das vom Fulvius aus Ambracia nach Rom gebrachte Marmel-Bild der Musen ver- ehrt hatte. Als wir diesen Tempel/ und die vom Anarimander daran gemachte kuͤnstliche Son- nen-Uhr genung betrachtet/ und darbey Cimons und Elpinicens Haus besehen hatten/ fuhren wir durch die drey so genennten Theile der Stadt Colytos/ darinnen nicht nur Plato ge- bohren ist/ sondern die Kinder auch schoͤner seyn/ und ehe als anderwerts in Athen reden lernen sollen/ wie auch durch Melite und Kolonos ge- rade durch/ und stiegen allererst bey dem Brun- nen Paropis ab/ besahen daselbst die gleichsam an einander ruͤhrenden Tempel der Eume ni den/ der Minerva/ des Prometheus/ der Venus/ wie auch die Ehrenmaale des Theseus/ des Oedi- pus/ des Pyrithous und Adrastus; welche aber von den Spartanern uͤbel zugerichtet waren. Das Grab des Plato war allein entweder we- gen Ansehen dieses Goͤttlichen Mannes/ oder wegen Einfalt des Werckes unversehrt blieben. Gleich als wenn die Menschen so wohl als die Zeit dieser nicht so sehr als dem Gepraͤnge auf- saͤtzig waͤren. Denn es war allein auf einer Porphyrenen Taffel folgendes zu lesen: Den eine Jungfrau hat gebohren ohne Mann/ Aus dessen Lippen sich die Honig-Biene speißte/ Der Weißheit ihm zu hohl’n an Nil und Jordan reißte/ Dadurch er Griechenland die Augen aufgethan/ Daß es die Tugend kennt/ zu Gotte klimmen kan. Weil er das Fluͤgelwerck der Seelen unserm Geiste/ Und der Unsterbligkeit Geheimnuͤß allen weiste; Von dem Gesetz und Licht zwey Voͤlcker namen an; Der Halb-Gott/ der so weit stieg uͤber alle Grichen/ Als die geh’n Barbarn fuͤr/ der ist allhier verblichen. Doch Plato nicht/ nur diß/ was er fuͤr Huͤlsen/ Schaum Und Koth des Menschen hielt/ liegt unter diesem Steine/ Das abgezehrte Fleisch/ die fanlenden Gebeine. Denn ein solch himmlisch Geist hat nicht im Grabe raum. Wir bestreuten diesen Grabe-Stein uͤber und uͤber mit Blumen/ Zarmar aber kuͤtzte ihn vielmal und betheuerte: daß unter den Grichen nach Socraten keiner so hoch als Plato waͤre er- leuchtet gewest. Von dar begaben wir uns zu der Academia oder der Schule des Plato. Die Gebaͤue hatten noch ihren alten Glantz. Denn/ als gleich die Spartaner umb diese Gegend das meiste ver wuͤsteten/ schonten sie doch dieser Schu- le/ weil ein Buͤrger zu Athen Academus/ von dem sie den Nahmen hat/ dem Castor und Pol- lur in geheim entdeckt hatte/ wo die vom Thescus aus Sparta entfuͤhrte Helena versteckt war. Die alten vom Cimon gepflantzten Lustwaͤlder aber waren noch nicht in dem ersten Ansehn; indem Sylla die grossen Staͤmme zu Sturm-Boͤcken/ Sturm-Leitern/ und anderm Werckzeuge des Krieges verbraucht hatte. Unterdessen wen- dete nicht nur August/ sondern auch Mecenas ein ergebiges dar auf/ alles wieder in guten Stand z u bringen. Massen denn auch die al- t en Helden Harmodius/ Aristogiton/ Pericles/ Thrastbulus und 100. andere/ welche in dieser Vor- Arminius und Thußnelda. Vorstadt/ oder vielmehr umb den Wohn-Platz der verewigenden Weißheit begraben zu wer- den fuͤr Ehre schaͤtzten/ diesen zwey Wohlthaͤtern zu dancken haben: daß ihre versehrte Gedaͤcht- nuͤß-Maale wieder ergaͤntzt/ die Verfallenen aufgerichtet/ die Verlohrnen verneuert worden. Daher diese Gegend schier einem steinernẽ Wal- de voll Marmel-Saͤulen und Bilder gleichet; also: daß der/ welcher der alten Athenienser grosse Thaten zu wissen verlangt/ nur allhier die herr- lichen Grab-Schriften lesen darff. Unter diesen lassen sich fuͤr andern neben einem kleinen Tem- pel des befreyenden Bacchus/ und einem der Ca- listischen Diana in einem marmelnen Umbkreiß des Theseus/ Oedipus und Pirithous Grabma- le wohl sehen. Welche alle aber an Pracht nicht ferne davon gegen dem Berge Pentelicus die Ehren-Pforte uͤbertrifft/ die Koͤnig Antigonus dem weisen Zenon neben seine daselbst gehabte Schule uͤber seiner Grufft hat aufrichten lassen/ daran war mehr nicht geschrieben/ als: Die We’ßheit war vorhin ein Weib/ Hier aber ruhet dessen Leib/ Der sie zum Manne hat gemacht/ Vom Kriechen auf die Beine bracht. Auf der andern Seite gegen des Theseus Tem- pel ward auch das Grab des Artztes Toxaris/ als ein fuͤr das Feber helffendes Genesungs- Mittel verehret. Der marmelne Lehr-Saal des Plato war mit den Altaͤren der Musen/ der Minerva/ des Vulcan/ des Neptun und Pro- metheus/ wie auch der Liebe gleichsam gantz um- geben; welches letztere alldar ihr aͤltestes Hei- ligthum ist/ darauf der dem Pisistratus so beliebte Knabe Charmus ihr zum ersten geopfert hat. Als wir ausserhalb dem mit Fleiß verschlossenen Saale der Weißheit diese merckwuͤrdige Ge- gend/ und ich zwar nicht ohne innerliche Regung und geheime Ehrerbietung gegen die mir gleich- sam fuͤr den Augen schwebenden Todten betrach- tet hatten/ fuͤhrte uns Mecenas nebst zweyen der fuͤrnehmsten Weltweisen unter den Berg Pentelicus zu dem Brunnen Brysis und einer daselbst abermals nach seiner Art bereiteten Taf- fel/ welche uns von denen tieffsinnigen Gespraͤ- chen des Zarmars und dieser zweyer Platoni- schen Weltweisen noch mehr versuͤsset ward. Diese erzehlten unter andern von dem bey der Academia stehenden Altare des Cupido: daß aus solchem Socrates im Traume einen jungen Schwan in seine Schoß fliegen/ hernach sich ge- gen den Himmel schwingen gesehen haͤtte/ durch dessen Gesang Goͤtter und Menschen waͤren be- zaubert worden; welchen Traum er alsofort auf seinen Schuͤler Plato ausgedeutet; den ihm sel- bigen Tag Aristo in die Lehre gebracht hatte. Da- selbst entdeckte er uns; wie der Kaͤyser folgenden Morgen den mit nach Athen gebrachten Priesteꝛ Cheremon in der Schule der Platonischen Weltweisen einfuͤhren wolte: also haͤtte er ihm befohlen auch den Brahmann Zarmar hierzu einzuladen. So wenig uns nun anstaͤndig war diese Gnade des Kaͤysers auszuschlagen/ so sehr reitzte uns die Begierde/ uns unter die Versam̃- lung der weisen Griechen einzufinden. Fruͤh schickte der Kaͤyser dem Zarmar ein Kleid von koͤstlicher Leinwand/ einen helffenbei- nernen Stab/ und einen guͤldenen Stuhl/ dar- auf er in die Versam̃lung getragen ward. Me- cenas folgte kurtz hierauf/ und fuͤhrte auf seinem Wagen den Gesandten Masulipat/ und mich in den nunmehr eroͤfneten Weißheits-Saal der Academia; gegen Morgen stand darinnen ein Altar der Liebe/ hinter diesem das Bild des Py- thagoras/ des Pherecides/ und des Goͤttlichen Plato. Fuͤr diesen aber sassen alle Platonische Weltweisen mit breiten Achseln/ zu welchen sich auch Cheremon gesetzt hatte. Gegen Mittag stand ein Altar der Goͤttlichen Versehung; als welcher die Stoischen Weltweisen das meiste zu- schreiben. Darneben stand das Bild des Zeno aus Cypern/ wie auch ein Altar und eine guͤlde- ne Krone; welches beydes die Stadt Athen ihm gewiedmet hatten; wie auch die Thor-Schluͤssel/ U u u u 2 die Fuͤnfftes Buch die sie bey zweifelhaften Zeiten ihm anvertraute. Nach ihm war der spitzfindige Chrysippus zu se- hen; an der Ecke Crates/ Antisthenes und Dio- genes mit seinem Fasse. Fuͤr ihnen sassen die großbaͤrtichten Weltweisen ihre Nachfolger. Gegen Mittag stand das Altar/ welches die Stadt Stagira dem Aristoteles zu Ehren auf- richten lassen; darneben sein Bildnuͤß aus Co- rinthischem Ertzte/ die sein Schuͤler Theophra- stus ihm zu giessen in seinem letzten Willen ver- ordnet/ und auf selbtem der guͤldene Krantz/ wormit ihn der grosse Alexander verehret hatte. Weiter hin sahe man den Theophrastus. Fuͤr ihnen sassen die ihnen anhaͤngigen Weltweisen/ die an der Anzahl alle andere uͤbertraffen. Nord- werts stand ein Altar der Wollust/ welches Jdo- meneus anfgerichtet/ darneben des Epicurus Bild/ welches Theodorus gemahlet hat/ und von seinen Nachfolgern an seinem Geburts- Tage jaͤhrlich verehret/ auch so wohl durch ihre Schlaf-Gemaͤcher/ als die Gaͤrte/ die er unter- halb der Stadt Athen zum ersten angegeben/ mit allerhand Freuden-Zeichen herumb getra- gen wird. Neben dem Epicurus stand Ari- stippus und Laertius; fuͤr ihnen sassen die wohl aufgeputzten Epicurischen Weltweisen/ mit freundlichen Gesichten und froͤlichen Geberden. Zarmar aber saß alleine bey dem an einer Ecke stehenden Bilde des Socrates; welches die ihn zu unrecht verdammende/ hernach aber aus all- zu spaͤter Reue verg oͤt ternde Stadt Athen ihm aus Ertzte durch den Lysippus hatten auf- richten lassen. Der Kaͤyser fragte Zarmarn: Warumb er sich zu keiner gewissen Schule derer hernach vollkommener gewordenen Weltwei- sen/ und insonderheit zu den Platonischen/ wel- che zum theil vom Socrates ihre Lehre haͤt- ten/ schluͤge? Zarmar antwortete dem Kaͤyser: Seines Beduͤnckens waͤre nach dem Socrates die Weltweißheit wohl spitziger/ aber auch aͤrger worden. Der Rath zu Athen haͤtte ihn zwar dem Pythagoras nach/ ihr eigener Gott Apollo aber allen klugen Leuten vorgesetzt. Seine Lehren von Gott waͤren so weise: daß man nicht unbillich von ihm ruͤhmte: Er haͤtte seine Weißheit vom Himmel bekommen. Sein Le- ben waͤre nichts minder so gut gewest: daß aller weisen Leute Fuͤrnehmen billich sein Nach-Ge- maͤhlde seyn solte. Gott wuͤrdigte ihn durch einen guten Geist stets zur Tugend zu leiten; wo man anders nicht die Klugheit fuͤr Socra- tens und aller Weisen Leitstern halten soll. Uber diß traͤffen die Jndianischen Weisen auch sonderlich in dem mit dem Socrates uͤberein: daß ihnen verleumdische Aristophanes antichte- ten; sie beteten nur Nebel und Wolcken an; da sie doch den allein ewigen Gott verehreten/ ausser dem aber nichts ewig/ nichts Anbethens wuͤrdig schaͤtzten. Anitus und Melitus haͤt- ten ihn zwar als einen/ der keinen Gott glaͤub- te/ angeklagt; da er doch in Athen nur alleine ein Verehrer des wahren/ seine Anklaͤger und Richter aber desselbten Veraͤchter gewest waͤ- ren/ da sie drey hundert Jupiter/ drey und vier- tzig Hercules/ und dreissig tausend andere Goͤt- ter angebetet haͤtten. Man haͤtte sein Haus mit seinem Haushalter Choͤrephon verbrennt; da jenes doch der heiligste Tempel in Athen/ dieser nach dem Socrates das wuͤrdigste in Griechenland gewest waͤre. Jedoch waͤre sich hieruͤber nicht zu verwundern. Denn man finde eine ungemeine Tugend so wenig ohne Mißgunst/ als eine Lerche ohne Puͤschel auf dem Kopfe. Alleine er haͤtte keine vollkom- menere Vertheidigung seiner Unschuld ihm selbst wuͤntschen koͤnnẽ/ als daß seine eigene Ver- urth eiler den einen Anklaͤger verwiesen/ den andern zum Tode verdammet; und Athen mit Aufrichtung einer guͤldenen Saͤule zu seinem Gedaͤchtnuͤsse/ Socraten verewigt/ und ihre Schuld bereuet haͤtten. Hieruͤber erhob sich ein allgemeines Gemuͤrmel unter allen versamle- ten Arminius und Thußnelda. ten Weltweisen; ja wenn des Kaͤysers Anwe- senheit nicht Zarmarn beschirmet haͤtte/ besorge ich: man haͤtte ihn als einen Aberglaͤubigen in des Socrates Kercker und zu seinem Gift- Trancke verdammet. Cheremon/ welcher in dieser Zusammenkunfft der Jsis eingefuͤhrten Gottes-Dienst rechtfertigen solte/ stand hiermit auf; und an statt seines fuͤrgesetzten Zweckes schaͤrffte er seine Zunge wider Zarmarn/ durch dessen Widerlegung er sich fuͤr allen Weisen gantz Griechenlands meynte sehen zu lassen. Diesemnach fing er mit einer hochtrabenden Stimme an: Jch halte nicht noͤthig die der gan- tzen Welt kuͤndige Gottheit der grossen Jsis/ der Tochter des Saturnus/ die den maͤchtigen Osiris zum Ehmanne/ Bruder/ und Sohne gehabt/ auszufuͤhren. Sie ist es/ welche die Menschen mit Getreide/ Artzneyen und Gefe- tzen am ersten beseliget/ und der Welt zum be- sten die Glieder des vom Tiphon zerrissenen Osiris mit hoͤchster Sorgfalt zusammen gesucht hat. Sie ist es/ welcher Krafft in den Stra- len des gluͤenden Hunds-Sternes zu pruͤfen ist. Wessentwegen die weisen Egyptier die aͤltesten aller Voͤlcker/ unter welcher Herrschaft die Sonne viermal ihren grossen Lauff veraͤn- dert hat/ und zwey unterschiedene mal im Abende aufgegangen ist/ bey die zwey Goͤtter- Bilder des Osiris und Jsis allezeit die Seule des Horus gesetzet; welcher mit dem Finger auf dem Munde gewarniget: daß niemand diese Goͤtter Menschen nennen solte. Dieser Unwissende aber unterfaͤngt sich durch Fuͤrbil- dung eines einigen Gottes/ nicht nur die un- vergleichliche Jsis/ sondern so viel Goͤt- ter Griechenlands von ihrem Throne zu stuͤr- tzen; und ausser seinem Gotte allen andern/ ja der Welt/ woruͤber Jsis die Gebieterin ist/ die Ewigkeit abzusprechen. Meynest du wohl: daß eine so weitlaͤufftige Aufficht/ als Himmel/ Erde/ Meer/ und so viel tausenderley Arten Thiere beduͤrffen/ von einem Gotte moͤglich zu bestreiten sind? Glaͤubest du? daß dem hoͤchsten Gotte sich aller geringen Haͤndel an- zumassen anstaͤndig sey; welches auch ein mit- telmaͤssiger Haus-Vater ihm zu veraͤchtlich schaͤtzt? Benim̃st du deinem Gotte alle Frucht- barkeit seines gleichen zu zeugen; welche denen auf dem Bauche kriechenden Thieren doch nicht mangelt? Oder benim̃st du ihm die den Goͤt- tern sonst gemeine Art des maͤnn- und weibli- chen Geschlechtes? Entzeuchst du der aufrichti- gen Vorwelt allen Glauben/ derer Augen sich mehr als eine Gottheit offenbaret hat/ derer Vielheit aus dem Unterscheide widerwertiger Wuͤrckungen erhellet/ und derer Eigenschaften sie mit so viel hundert Nahmen offenbaret? da du aber Gott selbst fuͤr ewig haͤltst/ mit was fuͤr Vernunft entzeuchst du die Ewigkeit der Welt/ welche ein Schatten ist des ewigen Lichtes; ein sichtbares Bild des unsichtbaren? Ausser wel- cher Gott vorher in nichts haͤtte wuͤrcken koͤn- nen? Was fuͤr ein Talg soll denn fuͤr der Welt gewesen seyn/ aus welchem sie ihren Ursprung gewonnen? Oder was eignest du ihr fuͤr ein anstaͤndiges Alter zu/ nach dem der einige Vo- gel Fenix sieben tausend Jahr lebet? Wie oder glaͤubest du: daß eine Welt aus der an- dern/ wie der Fenix aus seiner eigenen Asche entspringe? Zarmar hoͤrete den hitzigen Che- remon ohne einige Gemuͤths-Bewegung aus/ und antwortete: Mein lieber Cheremon/ der allein ewige Gott erleuchte dich: daß du deine heilige Jsis/ welcher Priester du seyn wilst/ bes- ser/ und nach dem Verstande deiner kluͤgern Vorfahren erkennen lernest; welche unter ih- rem Nahmen keine absondere/ sondern meiner einigen Gottheit Weißheit und Versehung verehret haben. Sihest du die alten Griechen aber fuͤr so alber an: daß sie so viel Goͤtter geglaͤubt/ als sie des einigen Gottes Wuͤr- ckungen Nahmen gegeben; welcher/ ob er zwar keinen eigenen Nahmen hat/ und deshalben allhier zu Athen auch auf U u u u 3 dem Fuͤnfftes Buch dem Altare des unbekandten Gottes am heilig- sten angebetet wird/ doch mit tausend Zungen nicht ausgesprochen werden kan. Betrachte selbst nur etwas tieffsinniger das Bild und die Eigenschafften der Jsis; so wirstu handgreifflich wahrnehmen: daß deine Jsis wegen ihrer Weiß- heit der Griechen Minerva/ wegen Fruchtbar- keit/ die Venus/ wegen ihrer Herrschafft in der Lufft/ die Juno/ wegen ihrer unterirrdischen Kraͤfte/ Proserpina/ wegen Erfindung des Wei- tzens/ Ceres/ wegen ihrer Waldsorge/ Diana/ wegen Beseelung der Erde/ Rhea/ wegen ihrer himmlischen Wuͤrckung Cynthia; dieses alles aber nur eine Jsis sey. Frage Roͤmer und Griechen/ warum sie bey Anruffung ihres Ju- piters das Haupt/ der Minerva die Augen/ der Juno die Armen/ des Neptun die Brust/ anruͤhren? Ob ihre Andacht nicht dadurch auf ein einiges Goͤttliches Wesen/ wie ihr Finger auff einen einigen Leib ziele? Hastu von dem Lehrmeister des Plato Sechnuphim nicht geler- net: daß wie der Zirckel nur einen Mittelpunct/ also der Kreiß der gantzen Welt nur ein einiges Goͤttliches Wesen habe/ welches aber alle Thei- le bewohne und beseele? Frage deine Platoni- sche Weisen: Ob die Vielheit der Goͤtter nicht nur ein Glaube des Poͤfels/ Gottes Einigkeit aber ein Geheimnis der Weisen sey? Ob nicht Plato nur aus Furcht fuͤr dem Volcke mehrern Goͤttern geopfert/ woꝛmit eꝛ nicht selbst/ wie So- crates/ ein Opffer ihrer Grausamkeit wuͤrde. So gehe zu deinen Landsleuten nach Thebe und frage: Ob sie nicht allein den Gott Kneph/ wel- chen wir Wistnou und Eßwara/ die Roͤmer Ju- piter neñen/ fuͤr einen Gott ohne Ursprung und Ende anbetẽ. Wiewol auch diese Nahmen nicht seinem Wesen/ sondern nur unser Schwach- heit gemaͤß sind; und daß wie ein Mensch nach unterschiedenen Absehen drey und mehrerley Personen fuͤrstellet; also das an sich selbst einige Goͤttliche Wesen nach dem Unterscheide seiner Huͤlffe und Wuͤrckungen vielerley Goͤtter; und daher von den Unwissenden auch so viel Nah- men bekommen habe. Lasse dich nur berichten: daß/ als der kluge Euripides die Soñe den gros- sen Allmosen-Meister Gottes nicht fuͤr einen Gott erkennet/ sondern einen guͤldenen Erd- schollen genennet/ er vom Pericles kaum aus den Haͤnden des Poͤfels errettet worden. Frage die Griechen: Ob nicht ihre Hermesianax oͤffent- lich gelehrt: daß Pluto/ Proserpina/ Ceres/ Ve- nus/ Cupido/ Triton/ Nereus/ Thetis/ Neptun/ Mercur/ Vulcan/ Pan und Apollo alles ein Gott sey? Pythagoras und Socrates hat zwar mehr dienstbare Geister Gottes als Mitteldin- ge zwischen ihm und den Menschen/ welche die- sen die Goͤttliche Gaben/ jenem die Menschliche Seuffzer zubraͤchten/ aber nur einen wahren Gott geglaubt. Ja mein lieber Cheremon/ lasse nur das Licht der Natur dir hierinnen den Weg zeigen: Haͤltestu nicht Gott fuͤr das voll- kommenste Wesen aller Dinge? Kan aber die Vollkommenheit also zerstuͤcket seyn? Raubstu nicht Gott seine Eigenschafft der Vollkommen- heit/ wenn du selbte nicht der gantzen Welt Herꝛ- schafft gewachsen zu seyn glaͤubest/ und dardurch der Vollkommenheit Maͤngel ausstellest; wenn du ihm unnoͤthige Gehuͤlffen beysetzest? Warum setzestu dem sichtbaren Spiegel Gottes der Sonne/ nicht eine andere an die Seite? Mei- nestu deinem Schiffe besser zu rathen/ wenn du ihm noch ein Steuerruder ansetzen wirst? Wilstu Gott/ welchen die Egyptier einen unbegreiffli- chen Zirckel heissen/ seiner Unbegreiffligkeit be- rauben; wenn du seine Macht in so viel zerthei- lest/ da doch die Unbegreiffligkeit alles begreiffet/ nichts ausschleust/ und also nichts unbegreiffli- ches neben sich vertragen kan. Lasse dir aber auch nicht traͤumen/ daß der Schoͤpffer der Welt/ der in sich aller Dinge Bilder wie in einem Spiegel behaͤlt/ zu seiner Auffsicht einige Muͤhe beduͤrffe. Dessen blosser Wille genug zum Saamen aller Geschoͤpffe gewest; darff auch nichts beschwerli- chers zu ihrer Leitung. Huͤte dich auch so wohl in seiner Arminius und Thußnelda. seiner vaͤterlichen Fuͤrforge/ als in denen irrdi- schen Dingen gewisse Staffeln zu machen. Gott ist der Mittelpunct; alle Dinge machen um ihn einen Zirckel/ und stehet eines so weit als das an- dere von ihm entfernet. Sterne sind so wohl als der Erdbodem sein Fußschem̃el; und du/ der du dich in seinen Augen vielleicht duͤnckest Gold zu seyn/ bist vielleicht geringer/ als zerbrechlicher Thon. Alles ist Asche fuͤr seinem unverzehr- lichen Feuer; eine Asche aber duͤncket sich ver- geblich koͤstlicher/ als die andere zu seyn. Denn der koͤstlichsten Dinge Werth verraucht mit der Flamme. Eingeaͤscherte Seide und Purpur ist von verbreñtem Stroh und Bettlers-Maͤn- teln nicht zu unterscheiden. Was hebstu aber deine Maulwurffs-Augen zu der unerforschli- chen Fruchtbarkeit Gottes herfuͤr? Haͤttestu ein Theil von dem Schatten/ den Plato aus diesem Lichte von der ewigen Zeugung des allergoͤttlich- sten Wortes/ das die Welt erschaffen/ das den Lauff der Sterne ordnet/ und des auf dem Was- ser schwebenden Geistes/ oder der Seelen der Welt/ erwischet; du wuͤrdest keine so duͤsterne Meinungen hegen. Warlich dein Plato/ wel- chen Griechenland nicht ohne Uꝛsach seiner Tief- sinnigkeit halber fuͤr den Adler/ und wegen der Beredsamkeit fuͤr den Schwan seiner Welt- weisen haͤlt/ hat hieruͤber viel heilsamere Ge- dancken gehabt. Erforsche vorher genauer/ wohin seine Zahlen und seine Abmaͤssungen ei- gentlich gezielet. Erinnere dich: daß die Uber- schrifft seiner Schule iederman den Eingang verbot/ der nicht vollkommen die Maͤß- und Rechen-Kunst verstand. Was unterstehestu dich deñ von der Eigenschafft der Gottheit zu re- den; da du noch in der Zahl nicht gegruͤndet bist/ und nicht weist: daß wie die Eines die Wurtzel aller Zablen/ also der einige Gott der Uhrsprung aller andern Dinge sey? Zeuch den Parmenides deines Plato zu rathe/ daß er dich unterweise: der einige Gott sey allein et- was/ was warhaftig und wesentlich sey; alles an- dere habe nur eine von diesem einigen Wesen herruͤhrende Tauerung. Alles vergangene/ alles kuͤnfftige sey nichts/ Gott allein aber von Ewigkeit zu Ewigkeit/ ein gegenwaͤrtiges/ kein gewesenes/ auch kein kuͤnfftiges Wesen; sondern ein Ende des vergangenen/ und ein Anfang des kuͤnfftigen. Denn durch ihn verleschet al- les/ und von ihm entspringet alles. Lasse dich darum/ o du elender Mensch! nicht geluͤsten/ in hoͤhere Geheimnisse zu blicken. Jst dir unbe- greifflich: daß der einige und unsichtbare Gott sich unserm bloͤden Gesichte nicht in vielerley Gestalten zeigen koͤnne? Hastu aus dem Ka- nuphim nicht gelernet/ in wie vielerley Thiere eure Goͤtter sich verkleidet? Wie Osiris und J- sis bald als ein Loͤwe/ bald als ein Hund/ bald als eine Katze/ bald als ein Habicht sich den Sterblichen gezeigt/ und ihnen ihre Wohltha- ten mitgetheilet haben? Soll eure Jsis sich nicht in einen Fisch verstellet haben? Unsere Weisen halten sicher diß fuͤr die erste Erscheinung des ewigen Wistnou. Haben deine Egyptier nicht die Schildkroͤten in die Zahl der Goͤtter gerech- net? Dieses ist bey uns seine andere Erscheinung; und auff ihrem Schilde ruhet die Last der gan- tzen Welt sicherer/ als auff den Achseln des At- las. Jch uͤbergehe mit Fleiß unsere uͤbrige Erleuchtung. Denn ein Blinder siehet bey tausend Fackeln so wenig/ als bey keiner. Ein Tropffen Thau/ der zu beqvemer Zeit in eine Muschel faͤllt/ wird zur Perle; faͤllt er aber auff ein gluͤendes Eisen/ verraucht er ohne Nutz. Nichts anders ist es mit dem Balsame hei’sa- mer Lehre. Denn da du nicht begreiffen kanst die Eigenschafften der Welt/ wie soll dein Ver- stand ihren Schoͤpffer erreichen? Wie aber bistu deinen eigenen Lehrern so abtruͤnnig wor- den? Welche die Welt aus nichts durch das Wort Gottes geschaffen zu seyn glaͤuben. Ha- stu das Ey der Welt/ in welchem der Himmel die Schale/ der Totter die Erdkugel abbildet/ in den Egyptischen Spitz-Seulen nirgends aus Fuͤnfftes Buch aus dem Munde eurer Gottheit hervor schuͤssen sehen? Frage den Plato und Zenon: Ob jener nicht Gott/ als den Schoͤpffer aller Dinge/ ausser sich verehret/ und der Tauerung der Welt ein gewiß Ziel steckt; dieser aber ihre Geburt dem Sonnen-Staube zueigne? Be- trachte ihr verterbliches Wesen/ und daß wir Sternen gebohren werden/ und wieder erster- ben sehen. Jst es aber wohl moͤglich: daß et- was verterbliches von Ewigkeit her sey/ und in Ewigkeit tauere? Unterstehestu dich aber Gott einem Drechßler zu vergleichen; der ohne Bein oder Holtz nichts verfertigen kan? O du alberer Mensch! Siehe die elende Spinne/ den ohnmaͤchtigen Seiden-Wurm an; wie jene ihr Netze/ dieses sein Gewebe aus sich selber spin- net. Du aber wilst den/ der alles in sich begreif- fet/ diesen geringen Wuͤrmern nachsetzen/ und den/ der ohne Anfang ist/ nach dem Maße der Zeit messen/ und die Wercke dessen/ fuͤr dem tau- send Jahre keinen Augenblick machen; durch deine Getichte in Zweiffel ziehen; ja wohl dem/ der mit einem Atheme zehn solche Welten er- schaffen kan/ und derer Vielheit nicht nur die Jndianischen Weisen/ sondern auch Epicurus und Metrodorus geglaubet/ die Haͤnde bin- den? Wormit du aber an der Warheit meiner Lehre so viel weniger zu zweiffeln hast; so will ich selbte morgen fuͤr dem Altare des dir unbe- kandten Gottes mit einem solchen beweglichen Grunde bestetigen: daß du mir nicht einmahl wirst widersprechen koͤnnen; Euch aber allen theils ein Beyspiel der Nachfolge lassen/ theils ein Geheimniß eroͤffnen/ an welchem unser und der Welt Wohlfarth henget. Jederman hoͤrte dem Zarmar/ den man anfangs fuͤr einen Barbarn gehalten/ nunmehro aber so wohl in der Griechen als Egyptier Weißheit genug- sam erfahren zu seyn befand/ mit Vergnuͤ- gung zu; Jedoch waren aller Augen und Oh- ren auff den Cheremon gewendet; was dieser Zarmarn entgegen setzen wuͤrde. Nachdem er aber gaͤntzlich verstummte; machte er sich allen Anwesenden zum Gelaͤchter/ und dieser Versammlung ein Ende. Zarmar hinge- gen nahm mit grossem Ansehen seinen Ab- schied; iedoch verlohr er sich in dem Gedraͤn- ge des Volckes aus unsern Augen: daß wir ihn biß an den Morgen auff dem bestimmten Platze fuͤr dem Heiligthume des unbekandten Gottes nicht zu Gesichte bekamen. Gantz Athen drang sich mit anbrechendem Tage da- hin; und als Masulipat/ Mecenas/ und ich dahin aus Begierde eine sonderbare Neuig- keit zu vernehmen ankamen/ fanden wir ihn in seiner Jndianischen Tracht fuͤr dem Alta- re/ auff welchem kein Bild/ sondern allein ein Dreyeck/ und dariñen die Worte: Dem un- bekanten Gotte/ in Stein eingegraben zu sehen war/ auff dem Antlitze im Staube ligen. Wie er nun seine Andacht vollendet; richtete er sich mit freudigem Antlitze empor/ und stieg auff einen nah darbey auffgethuͤrm- ten Holtzhauffen. Auff diesem sahe er sich ei- ne gute Weile um/ biß er unter der grossen Menge Volckes den Kaͤyser/ und uns auff einer Seiten an etlichen Fenstern erblickte. Hirmit fing er mit erhobener Stimme an: Es ist heute gleich neun mahl neun Jahre/ da mich der einige und ewige Gott in diese vergaͤngliche Welt hat lassen gebohren werden. Dieses Ziel des Alters halten viel Weisen fuͤr das vollkommenste des menschlichen Lebens; welche aus der siebenden Zahl dem Leibe/ aus der neundten dem Gemuͤthe sonderbare Ge- heimnisse ausrechnen. Aller Voͤlcker Welt- weisen/ die damahls in Griechenland waren/ haben euren Plato fuͤr goͤttlich gehalten/ und ihm Opffer geschlachtet/ weil er in eben dem Ge- burtstage seines ein und achzigsten Jahres die Huͤlsen seines sterblichen Leibes abgelegt. Era- tosthenes/ und Xenocrates haben in eben diesem Jahre zu erblassen das Gluͤck gehabt. Dionysius Hera- Arminius und Thußnelda. Heracleotes wolte durch Hunger/ Diogenes durch rauhe Speisen um diese Zeit Gotte den Tod abzwingen. Jch werde zwar auff diesem Holtzstosse meinen geaͤscherten Leib der Erde/ meine Seele ihrem Schoͤpffer wieder zuwen- den. Glaubet aber: daß ich zu dieser Entschluͤs- sung weder aus Aberglauben/ noch aus Veꝛdruß zu leben gebracht werde. Die verlebten oder er- kranckten Heruler sollen eine Gewonheit/ die uͤber sechzig Jahr alten Einwohner des Eylan- des Chio ein Gesetze haben/ durch den Tod ihrem kindischen Leben vorzukommen. Die Maßilier heben in einem Tempel Gifft fuͤr dieselben auf/ welche zu sterben rechtmaͤßige Ursachen anzei- gen. Jn meinem Vaterlande Taprobana ist es einem gewissen Volcke aufferlegt: daß sie nach dem siebzigsten Jahre zwischen toͤdtenden Kraͤu- tern einschlaffen muͤssen. Die Getischen Welt- weisen halten es fuͤr ein Theil ihrer Weißheit/ wenn sie zu leben muͤde sind/ mit gekraͤntztem Haupte und lachendem Munde von abschuͤssi- gen Klippen sich in das Meer stuͤrtzen. Jch weiß auch wol: daß die Stoischen Weltweisen fuͤr gut halten/ die Seele aus einem abgemergelten Lei- be gleichsam als aus einem verfaulten/ und den Einfall draͤuenden Hause zu reissen; und fuͤr ruͤhmlicher Abschied nehmen/ als aus diesem morschen Gebaͤue gestossen weꝛden. Allein haben wir das Haus unsers Leibes gebauet/ welches wir einbrechen wollen? Oder gehoͤret es nicht vielmehr Gott eigentlich zu/ und hat uns die Na- tur nicht nur Mietungs-weise darein gesetzt? So muͤssen wir es ja auch ihm unversehrt wieder abtreten; wenn die bestimmte Zeit verflossen ist. Darum halte ich es mit eurem Epicu- rus nicht nur fuͤr laͤcherlich/ aus Uberdruß des Lebens dem Tode entgegen rennen/ son- dern fuͤr eine zaghaffte Schwachheit aus Un- gedult einiger Schmertzen ihm den Tod an- thun. Also sterben ist nicht die Schmertzen uͤberwinden/ sondern von selbten uͤberwun- den werden. Beydes ist der Weichlinge Ei- genschafft; Ohne Noth sterben/ und sich fuͤr dem Tode entsetzen. Daher verdiente solch Selbst-Mord den Nahmen einer Viehischen That/ wenn das Vieh hierinnen nicht kluͤger als die Menschen waͤre. Bruder- und Va- ter-Mord ist gegen dem ein so viel grausamer Laster/ als wir uns selbst uͤber Vater und Bruder lieb zu haben schuldig sind. Dieses entschuldigt auch nicht die Schmach eines an- dern fuͤr Augen schwebenden Todes. Denn es ist besser dem Hencker den Nacken darstre- cken/ als unsere Hand mit einem Mord-Ei- sen ausruͤsten. Wir sollen dem Verhaͤngnisse gerade ins Gesichte sehen/ und behertzigen: daß es die hoͤchste Unvernunfft sey/ darum sterben; daß man nicht sterbe. Ja wir verdammenso gar/ die aus Begierde der Seligkeit ihnen das Leben nehmen. Denn Gott hat/ nach euers Pla- to Meynung/ uns Menschen in die Welt dem Verhaͤngnisse zur Verwahrung gegeben/ wel- cher wir uns eigenmaͤchtig zu entbrechen nicht befugt sind. Wir sind nach unser Willkuͤhr nicht gebohren worden; wie viel weniger koͤn- nen wir also sterben; und die Wohnstatt un- sers Leibes ausleeren/ die uns Gott zu ver- wahren anvertrauet hat. Daher ich die Sit- ten derselben Voͤlcker lobe/ die die Selbst-Moͤr- der entweder gar nicht/ oder die Hand/ die den verzweiffelten Streich veruͤbet/ als ein feind- liches Glied des andern Leibes absonderlich be- erdigen/ oder die Selbst-Moͤrder gar keines Grabes wuͤrdigen. Deñ weil sie durch diß Laster dem Willen des ewigen Vaters widerstreben/ sind sie nicht werth: daß sie die Mutter/ nehmlich die Erde in ihre Schoß auffnehme. Am aller- wenigsten aber habe ich zu sterben Ursach. Deñ mein Alter ist noch ohne Schwachheit/ mein Leib ohne Gebrechen/ mein Gewissen ohne Na- gung. Ein unbesudeltes Leben aber hat so we- nig als ein abgelaͤuterter Wein in der Neige Hefen. Alleine ich kriege einen besondern Bo- then von Gott/ der mich aus diesem Leben ruf- Erster Theil. X x x x fet. Fuͤnfftes Buch set. Denn wie kan einer gluͤckseliger sterben; als der mit seinem Tode die Warheit versie- gelt/ dessen Todten-Fackeln andern ein Licht ihres Lebens abgeben? Mag ein Kriegsknecht fuͤr Erhaltung seines Vaterlands oder Fuͤr- sten/ oder auch nur seines Befehlhabers sein Leben in die Schantze setzen? Mag einer fuͤr eines andern Freyheit sein Leben zur Geissel verpfaͤnden? Warum soll ich nicht so viel See- len aus der Finsterniß zu reissen den uͤbrigen kuꝛ- tzen Faden meines Lebens abschneiden: daß er ih- nen ein Wegweiser aus so verderblichem Jrr- Garten sey? Cheremon/ Cheremon/ hastu auff die Vielheit deiner Goͤtter/ auff die Ewigkeit der Welt ein solches Vertrauen/ daß du deine Meinung mit der Tinte deines verspritzten Blutes/ oder mit den Kohlen dieses Holtzstoßes auffzeichnen wilst? Jst dir dein Leben nicht zu lieb/ durch dessen Verachtung die Jrrenden zur Warheit zu leiten? Hoffestu fuͤr so heilige Ent- schluͤssung von deinen Goͤttern nicht einen un- verwelckenden Siegs-Krantz zu bekommen? Mißgoͤnnestu mir nicht die Ehre: daß ich durch diese Flam̃en die Eitelkeit deiner/ und die Weiß- heit meiner Lehre erhaͤrte? Hieruͤber schwieg Zar- mar eine gute Weile stille/ und sahe mit starren Augen den nicht ferne vom Holtzstoß stehenden Cheremon an; welcher aber sein Antlitz beschaͤ- met zu Bodem schlug. Worauff Zarmar fort fuhr: Jch erfreue mich/ liebster Cheremon/ daß du deinen Jrrthum erkennest. Es ist mensch- lich/ irren; aber Viehisch/ seinem Jrrthume hart- naͤckicht nachhaͤngen. Hingegen nichts seliger/ als Gott zu Dienste und der Warheit zu steu- er sterben. Warlich/ Cheremon/ ein tugendhaf- tes Leben und ein solcher Todt ist der Zweck eures Hierocles/ und die Bahn zur Vergoͤtterung. Diese/ Cheremon/ ist noch weit uͤber der gestirn- ten Milchstrasse/ uͤber dem Zirckel des Monden und der Sonnen; wo Egyptens und Griechen- lands Weisen ihrer Vorgaͤnger Seelen zu fin- den vermeinen. Aber ach! was unterwindet sich meine Blindheit den Griechen fuͤr ein Licht auffzustecken! Jch sehe die siebende Erscheinung Gottes unter dem grossen Ramma und Kristna fuͤr Augen/ und allen Voͤlckern ein Licht auffge- hen; fuͤr welchem unser Verstand Finsterniß/ unsere Weißheit Thorheit seyn/ der aber allhier als unbekannt verehrte Gott offenbahr werden wird. Nehmet zum Beweise dieser Warheit nicht meine todten Worte/ sondern die voͤllige Verstummung eurer Wahrsager-Geister an. Deñ von dieser Stunde an wird in der Welt kei- ner mehr reden/ die gleich noch in ungebundener Rede gleichsam nur noch gelallet haben. Es wird keiner auch hinfort/ wie der zur Zeit des Xeꝛxes seine Antwoꝛt einziehende Branchidische Apollo/ zu Alexanders Zeit wieder zu reden an- fangen. Denn der Mund/ und das ewige Wort Gottes bindet ihnen seine Zunge. Diesemnach last euch nicht bereden: daß die Geister durch ei- nen uͤbrigen Regen ersaͤufft/ durch hefftigen Donner ertaͤubt/ durch Erdbeben verjagt/ durch Pesten getoͤdtet/ durch Auffdampffungen der Erde verstopft/ durch Verruͤckung der Gestirne entkraͤfftet/ durch Verachtung erzuͤrnet/ oder ihre Priester bestochen sind. Sie verschwinden fuͤr dem neuen Lichte der Voͤlcker/ wie die Ster- nen fuͤr der auffgehenden Sonne. Mit diesen Worten griff er gleichsam gantz von allem Jrr- dischen entzuͤckt nach der hinter ihm liegenden Fackel/ fuhr damit unter sich in den mit vielem Hartzt angefuͤllten Holtzstoß/ goß hierauff einen Krug voll koͤstlichen Oels und Balsams uͤber sein Haupt/ worvon alles in einem Augenblicke in die Flamme gerieth/ die den nichts minder hertzhafft als weisen Zarmar in den Augen so vieler tausend sich verwundernden Zuschauer zu Aschen verbrennte. Alles Volck preisete ihn nicht nur als einen Weisen/ sondern als einen Heiligen/ der Kaͤyser ließ die Asche fleißig in ein Gefaͤsse von Porphir zusammen lesen/ als ein besonderes Heiligthum in dem Tempel der Ce- res verwahren/ und darbey in einen Marmel graben: Arminius und Thußnelda. graben: Hier ist verwahrt die Asche des Jndischen Priesters Zarmar von Bar- gosa/ der nach seiner Landes-Art zu Bestetigung der Warheit sich selbst le- bendig verbrennet. Jch gerieth hieruͤber in die Liebe der Ein- samkeit/ und baute diesem grossen Weltweisen taͤglich in meinem Gemuͤthe ein neues Ehren- mahl. Jch betrachtete: wie ein Weiser so wohl in seinem Absterben/ als die Sonne/ wenn sie zu Golde gehet/ seinen Glantz behal- te. Wie ein tugendhafftes Leben einem froͤli- chen Tode so annehmlich zu Grabe leuchte. Absonderlich aber dachte ich dem Geheimniße nach/ welches der sterbende Zarmar bey seinem Tods/ ich weiß nicht/ ob entdeckte oder verhoͤle- te. Jch seuffzete nach dem Erkaͤntniße der- selben Warheit/ welche er mit seinem Tode be- stetigte. Jch verehrtt selbte/ wiewohl voller Unwissenheit/ als eine Gottheit. Denn mich beduͤnckte; daß ich nunmehr erst ein wenig Licht uͤber des Pythagoras Lehre bekommen; welche dem grossen Oromasdes/ oder dem all- maͤchtigen Gotte das Licht zu einem Leibe/ und die Warheit zur Seele zueignet; Und daß ich einen Blick in des Plato Meinung gethan/ der der Warheit ihre Wohnstatt nicht in dieser irrdischen/ sondern in einer andern Welt ein- raͤumet; oder so viel sagen will: daß sie wesent- lich nur in GOtt/ ihr Schatten aber nur bey Menschen gefunden werde. Sintemal doch auch der weisesten Leute vernuͤnfftigste Schluͤsse nur einen Schein der Warheit haben. Je laͤnger ich aber hieruͤber nachsann; iemehr mu- ste ich dem Democritus beypflichten: daß die Findung der Warheit in einem tieffen Brun- nen/ nehmlich der menschlichen Bloͤdigkeit verborgen laͤge; und daß derselben Offenbah- rung von GOtt dem hoͤchsten Wesen zu er- bitten/ und mit der Zeit zu erwarten waͤre. Jn welchem Absehen vielleicht die Alten dem hoͤch- sten Jrr-Sterne dem Saturn als dem Schutz- Geiste der Warheit eitel Koͤpffe geopffert ha- ben. Nach etlichen Wochen ward Masulipat vom Kaͤyser mit guter Verrichtung abgefer- tigt/ welcher sich denn auch nach Rom erhob. Jch aber blieb nach allerseits genommenem Abschiede/ ungeachtet mich Zarmar in Jndien/ Mecenas nach Rom mit Masulipat bewegen wolte/ zu Athen/ und machte mit denen be- ruͤhmtesten Weltweisen Kundschafft. Denn es hatte die Gemeinschafft und der Tod dieses Jndischen Weltweisen mir gleichsam alle Lust zu irrdischen Dingen vergaͤllet. Von dar durchreisete ich gantz Griechenland/ und suchte meine Vergnuͤgung in der Weltweißheit. Aber das stete Andencken meiner Erato war mir ei- ne stete Unruhe des Lebens/ und ein Fuͤrbild meiner Traͤume. Endlich verwickelte mich das Verhaͤngniß mit meinem Unwillen in den Dalmatischen/ und folgends in den deutschen Krieg. Aber der erfreute Ausgang hat mich auch in meinem Ungluͤcke und in meiner Ge- faͤngniß unterwiesen: daß der Maͤßstab un- sers Verstandes/ wenn er unsern kuͤnfftigen Wohlstand abzirckeln wil/ ein krummes Richt- scheit/ und das Licht unserer Seele/ wenn sie in die Sonne des Verhaͤngnisses sehen will/ eine schwartze Finsterniß sey. Jch lache der Men- schen/ die einen gluͤckseligen Streich fuͤr eine Frucht ihrer Klugheit ruͤhmen; da doch alles unser Beginnen sich nur mit dem ersten Bewe- gungs-Zirckel der Goͤttlichen Versehung her- um drehet. Wir koͤnnen ja wohl die Segel ausspannen/ aber nicht den Wind machen; der uns bey allen Klippen vorbey in den verlangten Hafen fuͤhret. Jene muß so wohl uns vom Strande treiben/ als einen Leitstern abgeben. X x x x 2 Und Fuͤnfftes Buch Arminius und Thußnelda. Und also ist wohl der An-nicht aber der Aus- schlag unter der Menschen Botmaͤßigkeit. Hingegen wenn uns das Verhaͤngniß schon uͤber Stock und Stein fuͤhret/ muͤssen wir nicht verzweiffeln; sondern nur die Augen zudruͤ- cken/ und uns troͤsten: daß wir in den Armen einer solchen Wegweiserin sind/ welcher nicht ein Tritt mißlingen kan. Hiermit beschloß Fuͤrst Zeno seine Erzehlung/ und so wohl die Muͤdigkeit als der schon spaͤte Abend beruffte sie allerseits zu der noͤthigen Nacht-Ruh. Ende des fuͤnfften Buchs. Des Broszmuͤthigen Feldherrn Arminius oder Herꝛmanns/ Nebst Seiner Durchlauchtigen Thũßnelda Ersten Theils Sechstes Buch. Leipzig/ Verlegts Johann Friedrich Gleditsch. Jm Jahr 1689. Mit Kayserlicher Begnadigung. Jnhalt Des Sechsten Buches. D Em Hertzog Arpus und Fuͤrsten Cattumer wird die Ankunfft ihrer beyden Gemahlinnen Erd- muth als der Fuͤrstin Thußnelde nahen Bluts- Freundin/ und Rhamis durch einen Cattischen Edelmann kund gemacht; der gantze Hoff aber daruͤber in ungemeine Freude versetzet/ Fuͤrst Adgandester wird inzwischen durch den beschaͤff- tigten Feldherrn befehliget diese uͤbrige frem- den Gaͤste auffs annehmlichste zu unterhalten. Welcher ihnen alle Zubereitungen des bevorste- henden Beylagers zeiget/ und nach dem sie auff X x x x 2 der Sechstes Buch der Rennbahn sich zur Gnuͤge belustiget/ verfuͤgen sie sich in den Lust-Garten/ allwo sie sich mit der alldar gefundenen Koͤnigin Erato/ Saloninen und uͤbrigem von der Fuͤrstin Thußnelde zuruͤck gelassenen Frauenzimmer auffs freundlichste besprechen. Der Koͤni- gin Erato sonderbare Begierde die beyden Cattischen Hertzoginnen bald zu umarmen; wie nicht weniger die Liebes-Beschaffenheit zwischen dem Feldherrn und der Fuͤrstin Thußnelde/ und die von ihrem Vater dem Segesthes daruͤber geschoͤpffte Gramschafft vom Fuͤrsten Adgande- ster als einem Schoos-Kinde und Gefaͤrthin aller Heimligkeiten des Hertzog Herrmanns zu vernehmen/ Fuͤrst Adgandester stillet dies Verlangen/ wohlwissende: daß der Vertrauligkeit zwischen Thußnel- den und der Koͤnigin Erato ohne dem nichts verborgen bleiben/ und jener reine Liebe allen Liebhabern wohl ein Licht/ niemanden aber aus- ser dem Segesthes ein Aergerniß abgeben koͤnte. Rhemetalces vergnuͤ- get sich uͤber dieser Entschluͤssung/ und ersuchet mit Gutheißen der Koͤ- nigin Erato dem Adgandester die deutschen Geschichte und des Feld- Herrns Helden-Thaten zu erzehlen. Adgandester beziehet sich diß- fals zwar aus gewohnter Hoͤffligkeit auff den mehr erfahrnen an- wesenden Malovend/ und den ihm vielleicht anklebenden Argwohn/ weil die Warheit der Kern und die Seele eines Geschicht schreibers seyn muͤste; laͤst endlich doch nach allen ihm abgeschnittenen Ausfluͤchten in einem umschlossenen Creiße sich darzu bewegen. Es habe mit den Laͤndern in der Welt und dem Meere oder Wolcken einerley Beschaf- fenheit aus angefuͤhrten hochwichtigen Vernunffts-Gruͤnden. Der Egyptier und Scythen naͤrrische Embildung/ der alten Deutschen hingegen viel vernuͤnfftigeres Urtheil vom Ursprung des Menschen. Der kalten Nordlaͤnder Fruchtbarkeit gegen die heißen Sudlaͤnder/ die- ersten auch dannenhero nicht unrecht die Scheide aller Voͤlcker genen- net. Die entstandene Unaͤhnligkeit der Voͤlcker und Kriege der Deut- schen. Dieser Luͤsternheit nach den Fruͤchten Welschlands durch kei- ne Stein-Klippen/ noch die aufsichtigen Thuscier und Tauriner auf- zuhalten. Jhr Leben unter allen Voͤlckern das tugendhaffte/ ihr Krie gen das ernsth affteste. Jhre Erweiterung zwischen den Fluͤssen Tiein und Addua. Die vom Bellovesus nach der deutschen Art gebauete Stadt Meyland. Sein Nachfolger Elitoro der Alemaͤnner Her- tzog/ von dessen Tapfferkeit der Nahme Cenomaͤnner herkommen. Dessen Kriege und erbaute Staͤdte die Thuscier aus ihrem Lande in die steilen Klippen des Obinischen Sees getrieben. Fluͤße und Laͤn- der Arminius und Thußnelda. der wie lange sie beyde ihr Ansehen behalten. Hertzog Medons Sieg wider Welsch- land/ sein allda dem Kriegs-Gotte mehr zum Schein als aus Andacht gebauete Tempel. Sein Volck die Saalier oder Saal-Laͤnder ihrer Eintraͤchtigkeit halber die Libitier/ er ein Bundsgenoß der Roͤmer genennet. Der zwischen dem Hercynischen Gebuͤrge allzu enge eingeschrenckten Bojen Ausbreitung biß uͤber den Po. Hertzog Lingo wegen sei- ner Laͤnge Licinius genennet/ seine/ durch ein sonder bares mit des Tuisco Haupt gebilde- tes Feldzeichen/ ausgeuͤbte Krieges-List. Der Deutschen ungemeines Fechten/ erhal- tener Sieg/ der Feinde Flucht biß an den Fluß Gabellus und Berg Sicinima; Gewisser Roͤmer ruͤhmliche Nachfolge. Des Lingo ebenmahlig am Fluß Scultenna wider die Umbrier aus einem unvermutheten Donnerschlag zu seinem Vortheil gedeuteter Sieg und dessen glaͤublicher Erfolg. Der Deutschen und Gallier Zustand in Welschland/ dieser ihr Einbruch uͤber den Rhein/ der Deutschen Gesandtschafft an der Gallier Koͤnig Catmund/ dessen Hochmuth und darauf erfolgter Friedensbruch und Uberfall der um die Brunnen der Donau wohnenden Celten. Des um Huͤlffe angeruffenen Hertzogs der Semnoner oder edelsten Schwaben Brennus verrichteter Gottesdienst bey threm zwischen der Oder und dem Bober habenden Heiligthume. Dessen Hochhaltung/ son- derbare Beschaffenheit und Opffer/ des Celtischen Abgesandtens dabey geschehene Be- gnaͤdig- und Abfertigung. Des Brennus und seines Brudern Basan Einfall in Gal- lien. Der durch der Maßilier Sitten und Wolluͤste verzaͤrtelten Gallier Flucht/ Hatu- mands und seines frischen Heeres fernere Niederlage/ sein theuer erkauffter Friede/ des Brennus und der Celten Ausbeuthe Ehrsucht und Begierde mehr zu gewinnen. Sein und seiner Schwaben beschwerlich doch gluͤckliche Zug uͤber die Alpen biß an das am A- driatischen Meer liegende Gebiethe der Veneter und uͤber den Po an das Apeninische Gebuͤrge. Der in einem vortheilhafften Orte noch wohnenden Umbrier vergeblicher Widerstand und durch betriegerische Wahrsagerey aufgerichtete Tempel-Bau von des Brennus Tapfferkeit und dem Verhaͤngnuͤße zerstoͤret. Turnus der Hertzog der Um- brier faͤllt als ein Stern vor der blitzenden Sonne dem Brennus zu Bodem/ Sold und Liebe aber kaͤmpffet im Soldaten um das Vorrecht. Tugend in Feinden zu loben/ und einem grossen Sieger zu Theil werden dem besiegten bester Trost. Des Brennus am Meerstrande bey dem Misus-Fluße zum Gedaͤchtnuͤß erbaute Stadt Semnogallien; Jngleichen seine durch Gerechtigkeit und Ansehen in Welschland befestigte Herrschafft. Klage wider die Stadt Clustum. Jhre veraͤchtliche Antwort/ neue Eydsgenossen- schafft und feindlicher Aufstand. Klugheit hencket ihre Schilde lieber in der Feinde Zaͤune/ als daß sie die feindlichen in den ihrigen siehet. Der Semnoner Niederlage zum Schimpf aufgerichteter Steinhauffen das Begraͤbniß der Gallier genennet. Des Brennus Kriegs Behendigkeit/ und Zug uͤber die hoͤchsten Berge nebst der schleinigen Eroberung Aretium/ eignet ihm bey den Clustern Fluͤgel zu. Zur Unzeit eine Schlacht lieffern die schlimste Thorheit eines Vermessenen/ ohne Schwerdstreich aber uͤberwin- den/ ein Meisterstuͤck der Klugen. Der Semnoner durch Einnehmung der Staͤdte Croton und Cortona zweyfacher Sieg. Lars Niederlage und Tod. Aruntes gerech- te Rachelehret das Vaterland hoch und heilig halten. Die Belaͤgerten in der Hetruri- er Haupt Stadt Clustum versuchen den Brennus durch Liefferung des schuldigen Lu- X x x x 3 cumars Sechstes Buch cumars zu besaͤnfftigen/ seine Verweigerung bringet sie nebst einem darzu kommenden Vogelgeschrey zu verzweiffelter Gegenwehr. Aberglauben bemeistert viel Voͤlcker. Der Cluster bey den Roͤmern mit allerhand angefuͤhrten Bewegungs-Gruͤnden gesuch- te Huͤlffe. Dieser Gesandschafft an den Brennus; dessen bescheidentliche Antwort ge- gen der hitzigen Fabier Anmuthen und Rechtfertigung/ der Gesandten vergessenes Voͤlcker-Recht/ und die deßwegen zu Rom gefuͤhrte Beschwerfuͤhrung. Das dem Brennus zu einer Friedens-Bedingung angetragene Geld als eine den Deutschen ver- aͤchtliche Wahre ausgeschlagen/ die Belaͤgerung Clustum aufgehoben/ und der Zug des gantzen Krieges-Heeres auf Rom gerichtet/ die Roͤmischen Legionen aufs Haupt ge- schlagen/ von der abgeschnittenen Feinde Koͤpffen vor Rom ein Thurm erbauet/ die Stadt selbst eingenommen/ und biß aufs Capitolium wegen eines eifersichtigen Grei- sens uͤber Antastung seines Barths/ als eines unberuͤhrlichen Heiligthums vieler Voͤl- cker/ zu Staub und Asche worden. Des Brennus mit dem Sulpitius getroffener Frie- de; der Hetrurier mit Huͤlffe der Veneter neuer Anfall; die Eroberung Soßina und Belaͤgerung der Stadt Croton; Frauen-Geschmeide zu Aufbringung des versproche- nen Loͤsegeldes nicht zulaͤnglich; der Roͤmer Hinterlist. Des Brennischen Gesandtens scharffer Wortwechsel mit dem Roͤmischen Feldherrn Camillus/ sein und des Fuͤrsten Bei so tapffere Gegenwehr; des letztern Heldenmuͤthiger Tod/ jenes listige und vor- theilhaffte Zuruͤckziehung uͤber die Tiber biß an des Brennus Lager/ die Stadt Croton von der Belaͤgerung der Cluster erloͤset und die Roͤmer zu einem neuen Frieden gezwun- gen. Des Brennus biß in Sicilien/ Africa und Grichenland sich ausbreitende Siege. Sein und des Koͤnigs in Sicilien Dionysius hoher Ruhm beyder in der Stadt Corinth auf dem Rathhauße aufgerichtete ertztene Bilder. Brennus als ein ander Hercules von allen deutschen Fuͤrsten benachfolget/ Hertzog Antenor bekommt wegen seiner Rit- termaͤßigen Tugenden Koͤnig Belins Tochter Cambratur zur Ausbeuthe. Der Cat- ten Hertzog Batto nebst seinem Sohne treten dem Vetter das Erbtheil ab in Hoffnung ein anders durch den Degen zugewinnen. Beyder Einfall uͤber den Rhein/ ihr Sieg wider die Gallier; die Eroberung des zwischen dem Rhein und Meer gelegenen Eylan- des; ihr angenommener Nahme und erbaute Stadt Nimmegen. Der von den Alle- maͤnnern uͤber dem Pyreneischen Gebuͤrge zwischen dem Fluß Durias und Sucra neu gegruͤndetes Reich. Die Deutschen wegen ihrer Tapfferkeit und Treue bey frembden Voͤlckern zu Kriegs-Obristen/ und Leibwache angenommen. Brennus Tod und seines Sohnes Ludwigs ruͤhmliche Nachfolge; Sein denen bekriegten Veliterern wider die Roͤmer gluͤcklicher Beystand. Der Roͤmer vortheilhaffte Zuruͤckzichung; ihres Kriegs- Ob. Furius Vorwand seiner verweigerten Schlacht. Seiner Thaten ungleicher Bericht bey den Geschichtschreibern. Dieser angewohnte Heucheley mit Unterdruckung der Warheit. Wenn und wie diese zu entschuldigen/ auch aus verlohrnen Schlachten vor- theilhaffte Siegezu machen? Hertzog Adolphs mit denen von seinem Bruder Hertzog Ludwigen anvertrauten Deutschen Annaͤherung bey Rom. Des Roͤm. Feldherrn Qvintius Pennus entgegen gesetztes Lager/ und einiger Roͤmischer Edelleute ungluͤck- und schimpflicher Zweykampff. Der Deutschen Zuruͤckkehr gegen die Stadt Tibur biß uͤber den Fluß Livis wider die die Hernicier bekriegenden Campanier. Dieser Ver- lust/ Arminius und Thußnelda. lust/ der Staͤdte Allisa/ Telesia/ Calatia und anderer Ubergabe. Des Buͤrgermei- sters Petilius Libo und Fabius Ambustus neuer Anfall/ welche Hertzog Adolph biß in Rom verfolget/ und sich an die Collinische Pforten der Stadt setzet. Daraus entstan- dener großer Schrecken nebst des neuen Feld-Obristen Servilius Ahala und Titus Qvintius verlohrner Schlacht und Niederlage. Hertzog Adolphs Aufbruch aufwerts der Tiber gegen die Tiburtiner beaͤngstigenden Buͤrgermeister Petelius/ dieses fluͤcht- und laͤcherliches Sieges-Gepraͤnge zu Rom. Der Roͤmer erneuertes Bindniß mit den Lateinern und Betruͤgung der Tarqvinier. Der Deutschen, als aller damahligen bedraͤngten Zuflucht/ fruchtbare Huͤlffe. Des Roͤmischen Feldherrn Cajus Sulpitius Schimpff/ sein abgenoͤthigtes zweiffelhafftiges Troffen und Siegs-Gepraͤnge zu Rom. Des Fabius durch den Ritter Sultz erlittene Niederlage/ beyder Voͤlcker Verhoͤhn- und gransame Abschlachtung vieler gefangenen Edelleute. Der deutschen Priester List wi- der den Popilius Lenas. Der Deutschen und Tarqvinier Uneinigkeit uͤber erlangter Beuthe. Popilius Lenas auf dem kalten Berge vortheilhaffte Verschantzung. Eines deutschen Ritters fast uͤbernatuͤrliche doch blutige Bestuͤrnung erwirbt ihm einen neu- en Ehren-Nahmen. Die Besiegung der Grichischen Seeraͤuber und Gewinnung der Lateiner zu grossem Nachtheil der Roͤmer. Der Buͤrgermeister Camillus erkieset zu seiner Sicherheit die Pomptinischen Gesuͤmpfe. Ein auf dem beyde Laͤger von einan- der scheidenden Fluße Amasen an einem alten Weibe sich ereignetes seltzames Begebnuͤß/ ihre Anrede/ an den Deutschen insonderheit an dem wider den Marcus Valerius im Zweykampf fechtenden Udalrich ausgeuͤbte Zauberey nebst dergleichen mehrern Befol- gungen. Aberglaube die heßlichste Larve der Vernunfft. Die Roͤmer und Deutschen/ nach dem sie uͤberfluͤßig gegen einander ihre Kraͤffte gemessen/ muͤssen beyderseits eine Verblasung suchen. Dem streit baren Hertzog Ludwig folgt der friedliebende Alarich. Ein neuer Schwarm der um den Berg Abuoba und den Brunnen der Donau wohnen- den Allemaͤnner unter dem Hertzoge Arnolff ziehet ihm durch seine allzuweite Ausbrei- tung den am Strome Tyros wohnenden Sarmatischen Koͤnig nebst fremder Huͤlffe auf den Hals. Der Deutschen und des Macedonischen Koͤnig Philipps verneuerte Bundsgenossenschafft. Seines Sohnes und Nachfolgers des grossen Alexanders Siege den Deutschen verdaͤchtig. Derer an ihn abgefertigte Gesandschafft. Alexan- ders aus ihrer Hertzhafftigkeit geschoͤpfftes sonderbare Vergnuͤgen/ mit ihnen gemach- tes Buͤndnuͤß/ und gesetzte Graͤntz Maale. Deren vom Thracischen Stadthalter Zopyrion aus Ehrsucht wider die Gothen und Deutschen vor genommene Erweiterung ihm Spott und Todt zu wege bringet. Der Deutschen abermalige Gesandschafft nach Babylon zum Alexander/ ihr vor andern hohes Ansehen/ Treue und Tapfferkeit nebst der schoͤnen und ansehnlichen Leibesgestalt vom Alexander gepriesen. Schoͤnheit die ge- heimste Zauberey der Gemuͤther Fuͤrsten und Gesandten anstaͤndig; die Heßligkeit da- gegen ein unabtrennlicher Vorbothe der Verachtung. Weiße Farbe den Nordlaͤn- dern eigenthuͤmlich. Der Gesandten angefuͤhrtes Vorzugs-Recht von des Alexanders Ausspruch und der Deutschen eigene Klugheit und Tapfferkeit behauptet. Alexanders und seines Sohnes Hercules Meichelmoͤr derischer Tod von den Deutschen beklaget/ der gefangene Lysimachus auf des Meineydigen Cassanders Tod ohne Entgeld loßgegeben. Der Sechstes Buch Der Deutschen Gluͤcks-Sonne gehet in Griechenland auf/ in Welschland unter. Der Semnoner eingeschlaͤffte Tapfferkeit. Zwietracht eine Besiegerin der streitbarsten Voͤlcker. Neuer Krieg zwischen den Samnitern/ Campantern und Marsten. Der wi- der die Samniter zu Huͤlffe geruffenen Roͤmer Friedens-Bruch. Hertzog Siegfrids vergebliche Abmahnung; sein und seines Schwagers Pontius entgegen gestellte Krie- ges-List; der Roͤm. Buͤrgermeister Veturius und Posthumius erlittener Schimpff; der deßwegen erzuͤrnten Roͤmer Rache. Neues Buͤndniß der Semnoner/ Samniter und Hetrurier. Die zu Rom deßwegen vorgenommene Musterung und erkieste Heer- fuͤhrer; Scipio vom Hertzog Clodomar zwischen denen vortheilhafftesten Felßen und Klippen aufgesucht/ und aufs Haupt geschlagen. Nichts ist der Tugend unuͤberwind- lich. Der Semnoner Gebiethe von beyden Buͤrgermeistern Decius und Fabius be- fallen; Jhr mit dem Clodomar zweiffelhafftes und blutiges Treffen; gluͤcklicher Wa- gen-Kampf; der vielen Bundsgenossen/ als vieler Koͤpffe/ entstehendes Unheil. Boß- heit und Zauberey soll den Roͤmern zum Sieg dienen/ wird von dem neuen deutschen Hertzoge Wittekind stattlich gerochen. Dessen scharffes Aufboth unter dem Verlust Sporn und Degens. Davon der Ort nachgehends seinen Nahmen bekommen. Fa- bius schluͤsset Friede und ziehet nach Rom zum Siegs-Gepraͤnge. Die geschlagenen Samniter bemaͤchtigen sich durch Huͤlffe Hertzog Britomars und selner Semnoner des Roͤmischen Lagers. Des Buͤrgermeisters Atilius Verlust und Niederlage bey der Stadt Lucuria; seine Verstaͤrckung; dem Jupiter gethanes Geluͤbde und darauf geen- detes Kriegs-Spiel. Des Buͤrgermeisters Papirius neuer Uberfall; des Semnoni- schen Fuͤrsten Cajus Pontius Herennius scharffes Aufboth nach Sirpium; Seiner Kriegsleute vor einem blutigen Altare geschehene eidlichr Zusam̃enverschwerung; Jhre Bemaͤchtigung der Stadt Aqvilonia. Der beeden Buͤrgerineister Corvillius und Papi- rius Kriegs-List mit einer großen Niederlage vergolten. Des juͤngern Fabius Verse- hen vom Vater gerechtfertiget/ seine Entschuldigung zu Rom und verzweiffelter Streich gegen dem Fuͤrst Pontius/ dessen Gefangenschafft und schimpflicher Tod. Des Raths zu Samnium Kleinmuth und Abschwerung aller fremden Buͤndnuͤße. Der daruͤber klagenden Semnoner schlechte Verhoͤr. Der Deutschen Beystand und Belaͤgerung der Stadt Aretium. Des Junius Gesandschafft an den deutschen Hertzog Britomar; Seine Bedraͤuung und dar auf empfundene Rache. Der Gesandschafft Wuͤrde heilig/ und das dabey stehende Voͤlcker-Recht unverletzlich. Britomar deßwegen vom Buͤr- germeister Dolabella rachgirig angefallen/ gefangen/ erbaͤrmlich gehandelt/ und gantz Umbrien grausamlich verheeret. Hartmanns ergrinimte Bruder-Rache an der mit Sturm eroberten Stadt Aretium ausgeuͤbet. Seine gluͤckliche Kriegs-List wider den zum Entsatz kommenden Coecilius und davon entsprungener Nahme Anhalt. Die ed- le Freyheit und das Joch der Roͤmischen Dienstbarkeit vereinbart aller deutschen Fuͤr- sten Gemuͤther die Waffen wider Rom/ als ein ihnen leicht angehendes Werck zu ergreif- fen; Rom dagegen und die herrschenden Buͤrgermeister den ihrigen zu Bestegung der Deutschen der Roͤmer Gewalt als einen Schrecken der gantzen Welt vorstellend. Anhalt laͤst der gefangenen Roͤmer Koͤpffe ins Roͤmische Lager schleudern/ verursacht dar durch großes Schrecken. Beyder Laͤger hitziges Treffen. Die Roͤmer vom Dolabella ver- staͤrcket; Arminius und Thußnelda. staͤrcket; Anhalt nach euserster Gegenwehr durch den Vadimonischen See sich zu retten genoͤthiget. Gluͤcks und Sonnenrads Gleichstimmigkeit. Des deutschen Fuͤrstens in Pannonien Cambaules herrlicher Sieg und Beuthe in Mysten und Thracien. Des großen Belgius Schrecken bey den Nachbarn. Der Koͤnigin in Pontus und Thracien Arsinoe an ihn abgefertigte Gesandschafft/ ihr in Gestalt der Dianen zugleich mit kom- mend herrliches Bildniß. Des Koͤnigs daraus geschoͤpffte Liebe und Heyraths-Ent- schluͤßung. Ptolomeus verschmitzte Ablehnung seines eigenen Vortheils wegen. Sein im Tempel des Jupiters gethanes Geluͤbde und Liebkosungen gegen Arsinden zu Cas- sandrea. Beyder praͤchtiges Beylager in der Stadt Epidamus; des juͤngern Ptolo- meus Flucht zum Koͤnige Belgius. Arsinoens und ihrer beyden juͤngsten Soͤhne er- baͤrmlicher Zustand zu Cassandrea ihrer eigenen Stadt. Des Koͤnigs Belgius Ge- sandschafft zu diesem Wuͤterich; seine hochmuͤthige Antwort und fruchtlose Abferti- gung/ aber bald dar auf von der verkleideten Arsinoe empfundene rechtmaͤßige Rache. Arsinoens und ihres Sohnes Ptolomeus Zusammenkunfft und hertzliches Umarmen. Des Belgius und Koͤnigin Arsinoe Heyrath; des Wuͤterichs Ptolomeus Enthaup- tung/ und beschimpfter Kopf in Macedonien. Der sich widersetzenden Macedonischen Fuͤrsten Meleagers und Antipaters Niederlage; dagegen des juͤngern Ptolomeus Er- hoͤhung zum vaͤterlichen Thron. Der unedle und von einem Ackersmanne gezeugte Sosthenes erlangt durch seine Tapfferkeit den Nahmen eines Koͤnigs in Macedonien. Maͤßigung der Ehre die groͤste Koͤnigs-Wuͤrde. Sein tapfferes aber ungluͤckliches Fechten wider den dem Belgius zu Huͤlffe kommenden Brennus den Tectosager Her- zog. Der Deutschen dardurch mercklich vergroͤsserte Siege. Des Brennus und eines bey sich habenden Ritters besondere List zu Durchschwemmung des Stromes Sperchi- us. Brennus bestuͤrmet Thermophylen. Unterschiedener deutschen Ritter dabey er- wiesene Heldenthaten und davon uͤberkommene Nahmen und Wappen. Der Grichi- sche Feldherr Calippus vom deutschen Fuͤrsten Acichor eigenhaͤndig erlegt. Die Deut- schen von der Athenienser Schiff-Flotte mit Pfeilen als mit Hagel uͤberschuͤttet. Bren- nus hertzhaffte Anfuͤhrung seiner Tectosager biß an den auf einer hohen Klippe liegen- den Tempel der Minerva. Der Fuͤrsten Orestes und Combut Zug wider die Etolier/ endlich des Brennus selbst durch der Heracleer Wegweisung uͤber den Berg Oeta/ und mit gefaͤhrlicher Verwundung des tapffern Calippus biß an Athen. Falsches Gedich- te vom Brennus wegen Beraubung des Delphischen Tempels. Aber glauben setzet sein Volck in Furcht und Schrecken. Sonn- und Monden-Finsternuͤße darzu behuͤlfflich. Brennus Tod und die hier auf erfolgte Unruhe. Cammontors des Belgius Sohns in Asia und Europa Siege und Heldenthaten. Des Brennus Soͤhne und ihre ungleiche Erbtheile. Verraͤtherey wider des Brennus Sohn den Koͤnig Hunn durch des groͤsten Verraͤthers Gemahlin entdeckt und gestrafft. Kampff zwischen des Vaterlands und der ehelichen Liebe/ Tugenden und Lastern. Thessalors des Scordisker Fuͤrstens Flucht zum Antigonus. Des Koͤnig Hunns Gesandschafft an dessen Hoff und erfolgter Be- trug. Der beyden deutschen Hertzoge Leonar und Luthar herrlicher Sieg zu Wasser und Lande. Der sichern Tectosager Niederlage durch Antigonus Schiff-Flotte. Koͤ- nigs Pyrrhus Ankunfft aus Sicilien. Sein und seines Sohnes des streitbaren Pto- Erster Theil. Y y y y lomeus Sechstes Buch lomeus Sieg wider den Antigonus. Verkehrtes Krieges-Spiel. Des Pyrrhus und Ptolomeus Tod/ des zweyten Sohnes Selenus Gefangenschafft und Loßlassung. An- tigonus Undanck gegen die Deutschen; dieser Hertzhafftigkeit und blutiger Kampf. A- lexander von des Antigonus Sohne Demetrius des Koͤnigreichs Macedonien entsetzet;, von den Scordiskischen Deutschen aber bald wiederum eingesetzet. Der Deutschen Siege in Grichenland. Beyder Fuͤrsten Leonars und Luthars Ehren-Nahmen in Asien und Entsatz der vom Zipetes von wegen der Deutschen irrig benennten Galater bedraͤng- ten Prusaburg. Dessen Tod/ und zertheiltes/ nachgehends Galatien benahmtes Reich. Blutiger Krieg zwischen Antiochus Sohne und Nachfolger Seleucus mit dem Koͤnige Ptolomeus in Egypten von wegen jenes Stief-Mutter dessen Schwester vorgenomme- nen Hinrichtung. Antiochus Sieg vermittels der deutschen Huͤlffe wider den Seleu- cus und Kroͤnung auf der Wallstat. Sein den Deutschen verweigerter Sold/ und da- her erlittene Niederlage. Des Zela Fuͤrstens in Bythinien schaͤndliche List wider den Fuͤrsten Luthar beraubet ihn seiner Herrschafft und seines Lebens. Phileterus eines gemeinen Mannes Sohn wirfft sich zum Koͤnige in Pergamus auf. Sein genomme- ner Vortheil aus anderer Blutstuͤrtzung/ und gluͤcklicher Anfall des Siegers Antio- chus. Ptolomeus in Egypten rufft die Deutschen wider den ihn bekriegenden Cyrenni- schen Koͤnig Megas zu Huͤlffe. Entstandenes Mißtrauen unter ihnen. Argwohn und Ehrsucht die betruͤglichsten Wegweiser. Der Roͤmer Wachsthum gegen der auslaͤn- dischen Nachbarn Macht/ insonderheit die Stadt Carthago. Andacht aller Kriege Firniß. Berg Etna wegen seiner Hoͤhe die Seule des Himmels genennet. Der Stadt Rom und Carthagens Untergang durch eine silberne Schaale bedeutet. Aberglauben der Betrug Larve. Carthagens blutiger Krieg durch des Berges Etna hefftig speien- des Feuer und Erdbeben bedeutet. Der beruͤhmten Deutschen angeflehete Huͤlffe. Sel- zamkeiten der Sicilianischen Stadt Agrigent. Des Hanno ungluͤckliche Opfferung/ und anderer ihm von den Goͤttern bezeigter Unwille. Der Deutschen in der grausamen Belaͤgerung Agrigent bezeigte Tapferkeit vom Feldherrn Hanno schlecht belohnet. Un- gemeiner großer Drache in Africa vom Buͤrgermeister Atilius Regulus erleget; dessen vom neuen deutschen Feldherrn Xantippus erlittene Niederlage. Des Uberwinders Sieg zu Carthago; jenes aus Unmuth und Betruͤbnuͤß erfolgter Tod. Seines Ehe- weibes unrechtmaͤßige Rache. Wohlthaten wie sie beschaffen seyn sollen/ und was vor Danck ihnen gebuͤhre? Xantippus von den undanckbaren Carthaginensern ins Meer gestuͤrtzet/ bald dar auf gerochen. Der Deutschen Treu bey Belaͤgerung der wegen der Cumanischen Sibylle Grabe beruͤhmten Stadt Lilybenm. Der Sibylle Weissagung verlieret ihren Glauben bey den Jnnwohnern. Jhre Kleinmuth. Zweyer behertzten Ritter Aufrichtigkeit und Rache gegen die Verraͤther der Stadt. Strabo ein scharff- sichtiger Marckmann versichert die Kleinmuͤthigen ankommender Huͤlffe; Himilco da- gegen zuͤndet durch Erfindung eines Semnonischen Edelmanns der Roͤmer erhoͤhete Thuͤrne an. Jener herrliche Belohnung und erlangte Sieges-Kraͤntze. Die ziemlich ins Gedraͤnge gebrachten Roͤmer bekommen durch den goldenen Widder Daͤdalus und veraͤnderten Taubenflug wiederum ein Hertze/ zernichten der Carthaginenser Schiff- Flotte/ und uͤberkommen durch einen Frieden-Schluß das fruchtbare Sicilien zur Aus- beute. Arminius und Thußnelda. beute. Fuͤrst Narvans juͤngste Soͤhne uͤberlassen dem aͤltesten das Recht der Erstge- burt/ und suchen ihnen andere ihrer Tugend anstaͤndige Laͤndereyen. Agtsteins Wachsthum/ Eigenschafft und Wuͤrckung. Saturnischer Abgott und Menschen- Opfferung an Bomilcars Sohne Jmilio/ des von der leiblichen Mutter listiger Weise untergesteckten Printz Narvas ungeachtet/ veruͤbet. Carthagens von Tag zu Tag sich vergroͤsserndes Elend. Agathocles verwechselt seine Krone mit einer Priester- Muͤtze/ bringet dardurch das wuͤtende Volck zum Gehorsam/ und seine Herrschafft zu neuer Ruhe. Bomilcars ungluͤcklicher Ausschlag wegen seines aufgeopfferten Sohnes und angemasten Herrschafft. Blosser Argwohn der angemasten hohen Gewalt ziehet den Tod nach sich. Des Koͤnigs Aphelles und Agathocles große Vertrauligkeit bey Carthago. Herrschenssucht verleitet diesen gegen jenen zum Meuchelmord/ und Ver- wuͤstung aller seiner Laͤnder. Fuͤrst Narvas wider setzet sich dem hochmuͤthigen Agatho- cles/ erobert den Carthaginensern viel verlohrne Staͤdte wieder/ wird endlich von den Numidiern und Mohren gefangen und zu Merde zum Schlacht-Opffer denen goͤttlich verehreten Affen verurtheilet. Seine ungluͤckliche Flucht; doch endliche Erhaltung durch Huͤlffe der Koͤnigl. Tochter Andraste/ und der Affen selbst eigene Aufreibung. Seine von der Stadt Carthago inzwischen erbetene Freyheit; der Affen-Priester daruͤber entstan- dener Grimm und Verwegenheit gegen ihren Koͤnig Ergamenes; ihre rechtmaͤßige Ab- schlachtung; Eingefuͤhrtes neues Priesterthum und Gottesdienst. Koͤnigs Ergame- nes Elephanten-Jagt. Des Koͤnigs und der Koͤniglichen Princeßin. Andraste vom Fuͤrsten Narvas Errettung aus ihrer augenscheinlichen Lebens-Gefahr/ und den geilen Priester-Haͤnden/ wordurch er hohe Wuͤrden und die Liebe der Andraste ihm erwirbet/ beyder Vermaͤhlung unter eitel Frolocken. Fuͤrst Narvas mit Adrasten gezeugte drey Soͤhne. Des juͤngern Fuͤrsten Narvas hurtige Jugend; seine und Autaritus Eifer- sucht um der Sophonisben Liebe. Autaritus Erbitterung und Wuͤten wider seinen Nebenduhler den Gescon und viel edle Carthaginenser. Fuͤrst Narvas erhaͤlt die So- phonisbe zur Ausbeute. Sein/ Hannibals und Amilcars Sieg wider den Mathos/ Spendius und den von Liebe und Rache brennenden Autaritus. Beyder Feinde gegen einander ausgeuͤbte unmenschliche Grausamkeit. Des Hanno erbaͤrmliche Abschlach- tung. Des Narvas Vermaͤhlung mit Sophonisben/ und dessen Unbestand. Der Roͤmer Hochmuth gegen ihre Nachbarn/ und Furcht vor den Deutschen aus der Sibyl- linischen Propheceyung entstanden. Der unter den Deutschen um Sold fechtenden Gaͤsaten Kriegs-Art. Unterschiedener vornehmer Deutschen wie auch des Heerfuͤhrers Concoletans Niederlage. Koͤnig Aneroests hertzhaffter Tod zum Beyspiel: wie weit der Vermessenheit das Goͤttliche Verhaͤngniß die Geluͤbde verstatte. Wunderzeichen den Roͤmern erschrecklich/ wie weit solche zu fuͤrchten und ihnen zu glauben. Der Deut- schen erschreckliche Gestalt und verachteter Zierath als ein denen Kriegsleuten gefaͤhrli- ches Kennzeichen vor dem Feinde. Der Roͤmische Marcelluslehnet des deut schen Fuͤr- sten Viridomar Zweykampf mit List ab/ welchen stat seiner Klodomir ein Sicambri- scher junger Fuͤrst mit großem Vortheil und seines Gegeners blutigem Untergange ver- folget. Das allgemeine Heil auf die Spitze eines einzigen Degens zu setzen/ nicht min- Y y y y 2 der Sechstes Buch der verargen/ als verdammlich. Der Deutschen Gluͤcksstern in Welschland unterge- hend. Carthagens Macht und Groͤße mit der Roͤmer bald in gleicher bald ungleicher Waage stehend. Amilcars und seiner Gemahlin der Arimene Todfeindschafft wider die Roͤmer; Beyder Geschlecht verschworner Haß wider diese ihre Feinde. Asdrubals hinterlistige Hinrichtung. Der junge Annibal zum Haupte der Stadt Carthago/ al- len aber zum Beyspiel gesetzet: daß das Alter nicht die Meßschnure der Klugheit; inglei- chen: daß das Thun eines Klugen und Thoren nicht so wol aus seinem Wesen/ als aus der Zeit und Unzeit zu unterscheiden sey. Hannibals Großmuͤthigkeit wider die po- chenden Roͤmer/ und Beweißthum: daß die Draͤuungen im Kriege nur Blitze ohne Don- nerkeule. Der Stadt Sagunt vom Amilcar erlittene harte Belaͤgerung und der Jñ- wohner Verzweiffelung. Der Roͤmischen Gesandten Hochmuth vor dem Rath zu Carthago; dieser großmuͤthige Antwort von der Deutschen Huͤlffe unterstuͤtzet. Der Roͤmer Niederlage. Annibals schwerer Zug uͤber die Alpen; dessen Penninischer Gipf- fel die Seule der Sonnen genennet; Sein dem Jupiter darauf gethanes Geluͤbde. Al- bert ein bey den Roͤmern gefangener Deutscher Fuͤrst macht im Roͤmischen Lager einen Aufftand/ gehet zum Annibal uͤber und wird herrlich empfangen. Der Roͤmer große Niederlage zwischen den Fluͤssen Mela/ Po und Athesis unter dem unvorsichtigen Buͤr- germeister und Heerfuͤhrer Tiberius/ wordurch dieser in hoͤchste Verachtung; die Stadt Rom aber in groͤstes Schrecken gerathen. Des Buͤrgermeisters Flavius große Nie- derlage mit einem Erdbeben begleitet. Die Roͤmer verliehren durch des Annibals son- derbareKriegs-List viel Rathsherren und Adler. Annibal wird seinem Gluͤck mißtrau- lich. Die Roͤmer aber durch der Deutschen und Africaner Zwietracht wieder ermun- tert; bald wieder aufs schaͤrffste angefallen und aus ihres Heerfuͤhrers Posthumius ab- geschlagenem Haupt oder Hirn-Schaͤdel ein Trinck-Geschirr gefertiget/ und als ein großes Heiligthum aufgehoben. Koͤnig Philipps in Macedonien mit dem Annibal getroffene Buͤndniß und Gesandschafft. Wollust die Verderbniß der groͤsten Kriegs- Helden. Agathoclia bezaubernde Liebe bringet ihren Buhlen den Koͤnig Ptolomeus Philopater ums Leben; Annibaln in Haß und nicht viel geringere Gefahr. Liebes- Streit zwischen dem Vater und Vaterlande sich an Porelle ereignet. Verkehrter Gluͤcks-Haafen/ daraus der Argwohn eitel Mißgeburten gebieret. Annibals ange- stellter herrlicher Aufzug und suͤndhaffte Garten Lust traurig geendigt/ und wie Un- schuld selbst mit Rache und Tod an der frommen Chlotildis von den Lastern befallen; also diese letztere mit Ach und Weh an der Schlangenbrut Agathoclia belohnet; selbst Annibals Gluͤck und das gemeine Heil dardurch zu Grabe gehen. Gertrudis/ Erd- munds des Neretischen Hertzogs Tochter gefangen/ als ein Wunder der Schoͤnheit zum Scipio gebracht von diesem ihrem Braͤutigam unverletzt wieder ausgehaͤndigt. Anni- bals Thraͤnen uͤber seines enthaupteten Bruders Asdrubals Haupt/ uͤber dessen und der Stadt Carthago Verhaͤngniß. Dessen unveraͤnderlich und unerforschliches We- sen. Koͤnig Syphax tritt von den Carthaginensern zu den Roͤmern/ wird von Masa- nißa geschlagen. Masanißens Schwester-Sohn Maßiva/ seine Tapfferkeit in den er- sten Jahren/ seine Gefangenschafft und Loßgebung vom Scipio. Kunststuͤck ihm seine Feinde Arminius und Thußnelda. Feinde zu verbinden. Koͤnigs Gada Nachfolger samt seinen Bruͤdern vom herrschens- sichtigen Fuͤrst Mezetul erwuͤrget. Masanißa mit jenes hoͤchstem Verdruß von den Reichs-Staͤnden zum Koͤnige erklaͤret. Masanißens scheiterndes Gluͤck und Leben an dem maͤchtigen Syphax und an einem wuͤtendem Strohme; seine wunderbahre Erloͤ- sung und freudige Bewillkommung in seinem Koͤnigreich. Koͤnigs Syphax und Sopho- nisbens Gefangenschafft in der Haupt-Stadt Cyrtha. Carthagens große Gefahr. Des Scipio und Hannibals zweiffelhaffte Schlacht und daraus entstandener Friede zwischen dem eifersichtigen Rom und Carthago. Den Deutschen wird zugeeignet: daß Annibal Jtaliens/ Scipio Hispaniens/ Masanißa Africens Meister worden; das Haupt aber habe unter allen Gliedern den Vorzug. Die Roͤmer verlieren bey ihrem Nothstande weder Witz noch Hertz. Carthagens Undanck gegen Hannibaln den groͤ- sten Helden der Welt gereichet ihr zu eigenem Verderb. Tapfferkeit und Wissenschafft schicken sich wohl unter einen Helm. Annibals und Scipio schlaue Kriegs-Raͤncke; bey- der Tugenden und Fehler/ Mißgunst und Verfolgung. Hannibal ein besser Kriegs- mann als Scipio/ Scipio ein besser Buͤrger als Hannibal. Adgandester vollfuͤhret seine unterlassene Rede/ bewundert bey der Roͤmer sich numehr selbst uͤberwachsenem Gluͤcke das alle menschliche Rathschlaͤge bemeisternde Verhaͤngnuͤß. Die Roͤmer zie- hen ihre sieghaffte Waffen wider den mit dem Annibal im Buͤndniß stehenden Koͤnig Philipp in Macedonien. Die Eroberung Thebe/ Eubaͤa und Sparta durch ein vorher- gehendes Sieges-Zeichen bedeutet. Amilcar nebst vielen deutschen Fuͤrsten stirbet vor die edle Freyheit/ denen uͤbrigen ziehet die vor Augen schwebende Dienstbarkeit/ unter dem Corolan/ seinem Bruder Ehrenfried dem Bojischen Fuͤrsten Dorulach/ ziemlich gluͤcklich den Harnisch an/ biß endlich Carthago sich selbst ohne Noth zu der Roͤmer Fuͤs- sen leget/ und den blutigen Krieg dem Annibal aufbuͤrdet. Koͤnigs Antiochus Zaͤrtlig- keit und Zagheit bey seinen großen Kraͤfften sich mit dem Annibal gegen die Roͤmer zu se- zen. Die Roͤmer suchen bey dem Antiochus den Annibal verdaͤchtig zu machen. Har- tes Gefechte der Roͤmer mit den Deutschen/ Hertzog Ehrenfrieds und Darulachs dabey bezeigte Tapfferkeit; Jener große Niederlage. Die Deutschen von Micipsa des Masa- nißa Sohn schaͤndlich hinter gangen/ woruͤber Fuͤrst Bojorich fuͤr Kummer gestorben/ Darulach aber in Deutschland beruffen wird. Koͤnigs Antiochus weibisches Gemuͤthe; Seines Heeres Flucht und große Niederlage; sein schimpflicher Friede; der Roͤmer Sieg und herrliche Beuthe/ Scipio praͤchtiges Siegs-Gepraͤnge zu Rom. Der Deut- schen verwirrter Zustand und Nothzwang vom Koͤnig Philipp in Macedonien in der belaͤgerten Stadt Abydas. Jhre Widererholung und erhaltene See-Schlacht auf Seiten des Koͤnigs Perusias entgegen den Eumenes durch wunderbare in die Perga- menischen Schiffe geworffenen Schlangen-Toͤpffe nebst Eroberung der Haupt-Stadt Pergamus und des goldenen Bildes Esculapius. Der Deutschen Ansehen in Syrien verursachet: daß der große Antiochus sie zu seiner Leibwache und ihrem Koͤnige Mendis seine Tochter Arsinoe zur Braut antraͤget. Hannibals Siege verursachen zu Rom a- bermaliges großes Schrecken. Antiochus den Macedoniern bezeigter Liebes Dienst vom Koͤnig Philipp als ein Zanckeisen und Friedensbruch angenommen. Antigonus Y y y y 3 ver- Sechstes Buch verfaͤllt in seine vorige Furcht/ Wolluͤste/ schimpfliche Verheyrathung und erkaufften knechtischen Friede; die von aller Huͤlffe entbloͤsten deutschen in Krieg und eigene Zwie- tracht. Jhre Großmuͤthigkeit im Ungluͤck. Des Mannlius Ehrsucht. Jhre unver- ruͤckte Treu und Glauben in Erfuͤllung des versprochenen Loͤsegeldes. Aufrichtigkeit der alten Deutschen Eigenthum/ vieler anderer Voͤlcker insonderheit der Groͤsten auf der Welt Gauckelspiel/ und die Versprechnuͤße zu erfuͤllen eine knechtische Dienstbarkeit. Neues Verbindnuͤß wider die Roͤmer theils durch Furcht/ theils durch Geschencke der Bundsgenossen zerrissen. Der tapffere Hannibal muß der Treulosigkeit zum Schlacht- Opffer werden. Der Roͤmer hier aus entstehender Hochmuth durch die Aqvaner/ Ale- maͤnner/ den zur Macedonischen Cron kommenden Koͤnig Perses/ und die wieder auf Rache sinnende Carthaginenser gedemuͤthiget. Perses Zagheit von der deutschen Fuͤrsten Carsignat und Goͤzonor Tapfferkeit abgeholffen. Carsignats hefftige Ver- wundung. Der Deutschen groͤster Sieg/ und der Roͤmer gaͤntzliche Aufreibung durch den Meuchelmoͤr derischen Evander verhindert. Hertzog Goͤtzonors daraus geschoͤpfte Ungedult. Des Roͤmischen Raths Geschencke an den deutschen Koͤnig Cincibil. Jener Grausamkeit in Grichenland und bald darauf von der Stadt Uscana erlittene Nieder- lage. Koͤnig Gentius nimmt die Roͤmischen Gesandten mehr als Kundschaffter denn Bothschaffter in Verhafft/ worunter Pompejus der Roͤmer Unergruͤndligkeit mit der Feuer-Pruͤfung bestaͤtiget. Koͤnig Perses von den Roͤmern uͤberfallen/ seine schaͤndli- che Flucht nach Pella/ endlich nach Samothracien in Tempel zum Heiligthume der Ve- nus und Phaetons/ derer Freyheit er als ein Meuchelmoͤrder unwuͤrdig geschaͤtzet/ und nebst seinen Soͤhnen nach Rom zum Siegs-Gepraͤnge gefuͤhret wird. Koͤnigs Genti- us nicht ungleiches Trauerspiel wegen seines/ durch Anhaltung der Roͤmischen Gesand- ten/ und herrschenssichtige Hinrichtung seines Bruders/ verletzten Voͤlcker- und Bru- der-Rechts. Keine menschliche Vernunfft kan dem Verhaͤngnuͤße in die Speichen tre- ten/ noch einigen Riegel vorschieben. Rom fast von aller Welt angebetet/ die Deut- schen allein vor ein freyes Volck erkennet/ und in Friedens-Bund genommen. Des Koͤ- nigs Eumenes Eifersucht/ Unrube und Tod/ dessen Nachfolger sein Bruder Attalus. Sein Krieg mit dem Prusias und Deutschen. Prusias wegen Pluͤnderung der bey- den Tempel Apollo und Diane von seinen Bundsgenossen verlassen/ und wegen seines vorhabenden Kinder-Mords von seinem Sohne Nicomedes zu Nicomedien in Jupiters Tempel nicht ohne Goͤttliche Rache ermordet. Jn Syrien wird nach des alten Antio- chus Tode sein Sohn Antiochus durch den Demetrius verdrungen/ der untergesteckte falsche Alexander verjaget/ und der junge Demetrius von den deutschen Fuͤrsten auf den vaͤt erlichen Thron gesetzet. Die in Ligurien zeither still gelegene Deutschen wa- chen wider die Roͤmer auf/ halten ihnen auch so lange die Waage/ biß sie in voriger Frey- heit gelassen/ nachgehends aber durch die Wolluͤste Welschlands und der Roͤmer listige Raͤncke eingeschlaͤffert werden. Rom stifftet nicht nur aufs neue den Koͤnig Masanißa wider Carthago zum Krieg an/ sondern beschwehret auch in voller Raths-Versamm- lung dieser Neben-Sonne gaͤntzlichen Untergang. Carthago mit allen ersinnlichen Friedens-Vorschlaͤgen abgewiesen/ belaͤgert/ durch der deutschen Tapfferkeit in ver- zweif- Arminius und Thußnelda. zweiffelte Gegenwehr gebracht/ endlich aber doch vom Seipio erobert/ und zum andern Troja gemacht. Asdrubals Ehfrau uͤbet wegen ihres knechtischen Gemahls grausa- me Verwegenheit aus; die noch lodernde Asche aber dieser maͤchtigen Stadt wahrsa- get Rom den gleichmaͤßigen Untergang/ an dessen Tugend sie sich zeither/ wie ein Wetz- oder Feuerstein an dem andern/ geuͤbet. Der Roͤmer lasterhaffte Blindheit in schaͤndli- cher Einaͤscherung der schoͤnen Stadt Corinth. Neuer Anfall der Deutschen mit Auf- suchung der Sibyllinischen Buͤcher. Viriath eines deutschen Fuͤrsten Olonichs Sohn von den Roͤmern/ als ein Kind verfolgt/ auf den steilesten Klippen von Gemßen gesaͤu- get/ endlich von einem Hirten gleich dem Cyrus erzogen. Seine hurtige Jugend ver- wandelt seinen Hirtenstab wider die Roͤmer in einen blutigen Degen; Sein herrlicher Sieg und Ansehen bey den Celten. Er wird der Lustianier Obrister/ schlaͤget die Roͤ- mer abermal aufs Haupt/ und richtet auf dem Gipfel des Venus-Gebuͤrges ein von der Roͤmer herrlichen Beuthe bestehendes Sieges-Zeichen auf. Seine Ankunfft und Opf- ferung; Sein an Tag kommendes Herkommen und Geschlecht nebst der wuͤrcklichen Besteigung des vaͤterlichen Stuhls. Seine Verheyrathung an Algarbe eines Celti- schen Fuͤrsten Tochter/ mit Verweigerung aller uͤbrigen Pracht. Neues Treffen mit den Roͤmern und dabey bezeigte Kriegs-List. Die zum Friede gezwungene Roͤmer werden Eydbruͤchig und muthen den Lusitaniern ungewohnte Dienstbarkeit zu/ ver- hetzen zwey seiner Landsleute zum Meuchelmord des tapffern Viriaths. Dieser der Hispanier Romulus genennet. Seine Gemahlin Algarbe behaupter durch ihre und der uͤbrigen Celtischen Weiber ungemeine Tapfferkeit die von den Roͤmern beaͤngstigte Stadt Numantia. Zweyer Numidier Liebe gegen sie/ beyder Entschied/ die Roͤmer werden gezwungen der Stadt Numantia ewige Freyheit zu beschweren/ werden aber bald Eydbruͤchig. Jhre Kriegs- und Ehrsucht uͤber die Alpen zu gehen. Des Arver- ner Koͤnigs Luens Reichthum und Uberfluß ihre mehrere Zulockung. Sein Sohn Bituit wirfft sich zwischen den hochmuͤthigen Roͤmern und Allobrogen zum Schieds- Richter/ auf deren Verweigerung zu ihrem Feinde auf. Der Roͤmer am Rhodan aufgerichtete Sieges- und Ehren-Maale. Der Sarunter Furcht und Verzweiffe- lung vor der Roͤmischen Dienstbarkeit/ worunter sich auch die Chemnoner neigen/ die Deutschen aber einen gewaltigen Riegel vorschieben. Die Uberschwemmung des Cim- brischen und Tritonischen festen Landes verursachet die Jnnwohner insonderheit die oh- ne dem ziemlich gedrange wohnende Deutschen ihnen einen andern Sitz zu suchen mit Verdruß und Furcht der Roͤmer. Dieser vom Hertzoge Bojorich und Brinno erlitte- ne Niederlage. Koͤnig Teutobach erkennet die Celtiberier fuͤr alte deutsche Landsleute und wuͤrdig aus der Roͤmer Dienstbarkeit zu erloͤsen. Koͤnig Teutobachs Gesand- schafft zu Rom mit scheinbaren und leeren Worten abgespeiset/ an den Roͤmern schimpf- lich gerochen. Des Roͤmischen Caßius Kopf von Langerta des Cimbrischen Hertzogs Tochter abgehauen/ und zu Bojorichs Fuͤssen geworffen. Die Goͤtter straffen an den Roͤmern den Raub des Apollinischen Tempels zu Telosa. Jugurtha vom Maurita- nischen Koͤnige den Roͤmern in Band und Eisen gelieffert. Der Roͤmischen Feldherren Zwietracht dienet den Deutschen zu grossem Vortheil. Einem Cimbrischen Ritter ver- Sechstes Buch verbessert seine Tapferkeit das Wappen; dahingegen unrechtmaͤßigem Verhalten der Verlust der Ehre und des Adels folget. Die Deutschen sehen ihr Geluͤbde an der Roͤ- mer Beuthe erfuͤllet/ und Bojorich richtet den Roͤmern zum Schimpf uͤber die Erschla- gene ein Grabmaal auf. Scaurus Hochmuth mit dem Leben bestrafft. Marius opffert auf Eingeben einer Syrischen Wahrsagerin in Hoffnung kuͤnfftigen Sieges sei- ne Tochter Calphurnien; dieser ihre Standhafftigkeit und ruͤhmliches Grabmaal. Der Deutschen zugemutheter Zweykampf vom Marius mit kluͤgster Bescheidenheit abgelehnet. Des Marius List vermittels zweyer von der Wahrsagerin loßgelassener Geyer. Der Deutschen Weiber Hertzhafftigkeit gegen die Roͤmer am Fluße Canus. Die Deutschen fechten vor ihre Freyheit; Die Roͤmer aus Begierde des Sieges ver- zweiffelt/ woruͤber die Heldin Landgerta ihr Leben einbuͤsset/ Koͤnig Teutobach aber nach ausgerichteten Riesen-Thaten und vielen empfangenen Wunden halb tod vom Feinde aufgehoben wird. Der Deutschen Niederlage und aufgethuͤrmte Todten-Kno- chen machen den Marius zum fuͤnfften mahl Buͤrgermeister. Große Anstalt in Rom zu seinem Siegs-Gepraͤnge. Die aller Arbeit gewohnte Deutschen werden durch der Veneter fruchtbares Land in Wollust/ nach Art der wachsamsten Helden nach einem großen Wercke in Schlafsucht/ wie das Meer nach hefftigem Sturme in eine Windstille gesetzet. Bojorichs Gesandten durch Koͤnig Teutobachs unvermuthete Gefangen- schafft hoͤchst bestuͤrtzt. Seine Ausforderung zum Kampff und darauff erfolgte Schlacht. Das mit allen Elementen vor die Roͤmer kaͤmpffende Verhaͤngnuͤß kan die Deutschen kaum uͤberwinden. Cesorichs Gefangenschafft; des sieghafft sterben- den Bojorichs vom Marius erlangter Ehren-Ruhm; der Koͤnigin Hatta und vielen andern Fuͤrstlichen Frauen den wuͤttenden Roͤmern entgegen gesetzter großmuͤthiger Tod und davon erlangte Ehren-Maale. Des Marius uͤber diesem Sieg zu Rom erlangter Ehren-Tittel und Triumph/ Koͤnig Teutobachs aber dabey erlittener Schimpf. Catulus des Roͤmischen Feld-Herrns mit seinem Nahmen bezeichnete und den Deutschen den groͤsten Schaden gethane Pfeile. Des Marius auf dem Ber- ge Vogesus vom Roͤmischen Rath aufgerichtete Siegs-Tempel/ nebst seiner alldar geopfferten Tochter Calphurnia mit eitel sinnreichen Uberschrifften befindlichem Bild- niß. Hertzog Merodachs gleichmaͤßige Rache in Aufopfferung der Roͤmer. Die Einaͤscherung des Gluͤcks-Vogels Phoͤnix Rom nachdencklich. Das in Wolluͤste verfallene Rom; Jhr Undanck gegen die Marsen und Sermiter bringet beyde wider sich selbst in Harnisch. Des Fuͤrstens der Marser Silo List und Sieg gegen den un- vorsichtigen Cepio. Der Roͤmer verfallenes Ansehen in Asien/ und der Saluvier Aufstand in Gallien durch den Marius gestillet. Seine abgelegte Feld-Herrschafft. Der tapffern Judacils eigenmaͤchtige Verbrennung und dessen Ursache. Des Sylla Opfferung und dabey sich ereigneter Zufall machet die Roͤmer groß-das Pel- ginische Heer aber kleinmuͤthig. Rom wird genoͤthiget den Deutschen in Jtalien das laͤngst verfochtene Buͤrger-Recht zu geben/ sich aber selbst durch des Sylla und Marius buͤrgerlichen Krieg in eigenem Blute zu se- hen. Wunderbares Begebnuͤß zwischen dem zum Tode verdammten Marius und Arminius und Thußnelda. und einem Marsingischen Ritter. Des erstern wieder erlangte Wuͤrde und darin- nenruͤhmlich erfolgter Tod. Des großen Pontischen Koͤnigs Mithridatens Geburt durch einen Schwantz-Stern bedeutet; seine Tugend und Großmuͤthigkeit denen be- nachbarten Voͤlckern bedencklich/ dem Bedraͤngten erfreulich. Des deutschen Hertzog Herrmanns am Fluße Psychrus nach seinem Nahmen gebaute Stadt Hermanasso. Mithridatens unzehlbare Eroberungen und Uberwindung des Chersomesischen Koͤ. nigs Scilurus nebst seinen achzig Soͤhnen. Seine grosse Kriegs und Seemacht. Die unter dem andaͤchtigen Vorwand der Heiligthuͤmer erbaute Festungen den Nachbarn ein Kapzaum. Des Marius dem Mithridates gegebene Staats-Lehre. Die klugen Deutschen entziehen sich dem Schatten dieses allzu groß wachsenden Riesens/ und ge- hen mit den Roͤmern einen Bund ein. Der junge Koͤnig Ariarathes unter dem Vor- wand der Freundschafft vom Mithridates eigenhaͤndig entleibet/ und sein Sohn un- ter jenes Nahmen vorgestellet. Nicomedes List durch eine dergleichen verrathen. Die Cappadocier mehr des Gehorsams als der Herrschafft faͤhig. Der Deutschen gutes Verstaͤndnuͤß mit den Roͤmern dem Mithridates ein Dorn in Augen; Seine Begierde sie von ihnen abzuziehen; Seine Klage zu Rom wider den Koͤnig Nicomed und Eroberung des Koͤnigreichs Cappadocien. Des erstern Niederlage und der Roͤ- mer zugeschickte Huͤlffe. Mithridatens Sieg und Freygebigkeit gegen seine gefangene Feinde baͤhnet den uͤbrigen zur freywilligen Ergebung/ den seinigen aber seine hertzhaffte Ermahnung den Weg nach Rom als eine Wolffin aller Voͤlcker. Dem Uberwinder Mithridates leget des Milesischen Philipemanes Tochter Minoma durch ihre Schoͤn- heit die Liebes-Faͤssel an. Der Aberglaube tritt seinem Gluͤcke in Weg und ziehet ihn von der Stadt Rhodis und Patana/ des Pergamus Wolluͤste und der Minoma Lieb- kosungen aber die Huͤlffs-Voͤlcker von ihm ab. Destapffern Archelaus und eines deut- schen Ritters in dem Eylande Delos/ so die Griechen der Goͤtter Vaterland nennen/ heldenmaͤßige Verrichtungen vom Gluͤcks-Kinde Sylla unterbrochen. Dessen denck- wuͤrdige Belaͤgerung der Stadt Athen/ und Festung Pyrennium nebst beyder Erobe- rung und Blutstuͤrtzung. Seine Schlacht und Sieg wider den Archelaus; dessen fal- sche Verlaͤumdung uͤber die deutsche Fuͤrsten. Mithridatens schaͤndlicher Undanck und Grausamkeit gegen sie zu Pergamus ausgeuͤbet. Des noch erretteten Dejotars Ra- che am Archelaus und Mithridates. Sylla traͤgt einen Leuen und Fuchs im Hertzen Rom und allem Volcke zum Schrecken. Seine uͤber die Roͤmer bekommene Gewalt. Mithridates bemuͤhet sich die Deutschen wieder auff seine Seite zu bringen/ toͤdtet seinen Sohn aus einem falschen herrschenssuͤchtigen Wahn. Der grosse Sylla beiget sich vor der am Pompejus neu aufgehenden Sonnen/ und leget nunmehr sei- ne mit viel Schweiß und Gefahr geraubte Wuͤrde mit seinem Leben nieder. Sein herrliches Begraͤbnuͤß und Grabschrifften. Grausamer Krieg des vom Sylla verbannten Sertorius mit Zuziehung eines grossen Theils des Roͤmisch- und Deutschen Adels. Sein neu auffgerichteter Rath und Leibwache. Seine herr- liche Thaten und Rache wider die Stadt Lauran. Pompejus von den Deutschen ausgestandene Gefahr/ und der nach der Meuchelmoͤrderischen Hinrichtung des Erster Theil. Z z z z Ser- Sechstes Buch Sertorius aufgerichtete Vertrag/ ingleichen der unter des deutschen Fuͤrsten Dejotars Anfuͤhrung dem Mithridates gethane Abbruch. Pompejus seltzames Krieges-Spiel/ seine Flucht/ der seinigen Verzweiffelung und seines Sohnes Machars Verhaͤngnuͤß. Mithri dat es als ein Stief-Kind des Gluͤcks von seinem eigenen Gemahl der Strato- nice vertaufft und verrathen. Seine Leiche von seinem leiblichen Sohne Pharmaces dem Pompejus zugesendet. Sein herrliches Begraͤbnuͤß/ Grabstaͤtt und praͤchtige Uberschrifft. Pompejens nach Rom gebrachte kostbare Beuthe und Siegs-Gepraͤnge. Der Roͤmer daraus erwachsener Ubermuth und Grausamkeit gegen ihre gefangene Auslaͤnder. Dieser ihre hertzhaffte Entschluͤssung und vor die Freyheit aufgerichtete Kriegs-Fahnen/ zu deren Haupt und Heerfuͤhrer Spartacus ein deutscher Ritter aus vorhergehender Wahrsagerey gewehlet wird. Seine Tapfferkeit und Sieg wider die ihn aufsuchende Roͤmer mit sein und seiner Feinde Blut besiegelt. Der Deutschen ver- neuerte Treue durch keine Verhetzung und Verfprechnuͤß von Rom abwendig zu ma- chen. Der Roͤmer dagegen schlechte Vergeltung und Undanckbarkeit bringet sie wieder in Harnisch/ und machet ihren Hertzog Catugnat mehrmals wider sie sieghafft/ letzt aber dem wanckelbaren Kriegs-Spiele unterwuͤrffig. Diese des Malovends Erzeh- lung heisset die natuͤrlich untergehende Tages- und die dem Hertzog Herrmann an Thuß- neldens Hochzeit-Feyer aufgehende Liebes-Sonne endigen/ und die fernere Erzehlung der Deutschen und Roͤmer insonderheit des Kaͤysers Julius und seines Nachfolgers Au- gustus aufskuͤnfftige verschieben. Das Sechste Buch. D Je Sterne stunden noch am Him̃el/ und der gantze Hoflag noch zur Ruh/ als ein Catti- scher Edelmann dem Hertzog Arpus und Fuͤrsten Catumer zu wissen machte: daß beyder Gemahlinnen Erdmuth und Rhamis nur drey Meilen von dannen auf ei- nem Lusthause des Feldherrn ankommen waͤ- ren; derer erstere/ als der Fuͤrstin Thußnelda nahe Bluts-Freundin/ bey dieser Vermaͤhlung die Mutter-Stelle vertreten solte. Diese Post erweckte anfangs diese zwey Cattische Fuͤrsten; Hernach aber/ als Fuͤrst Adgandester hiervon Nachricht kriegte/ und dem Feldherren bey- brachte/ alle Grossen. Denn iederman war uͤber dieser Ankunfft erfreuet. Also ward von allen Deutschen Fuͤrsten Befehl ertheilet fertig zu machen/ diese annehmliche Gaͤste zu bewill- kommen. Der Feldherr alleine blieb zuruͤck/ und verschloß sich wegen wichtiger Schreiben in sein Zimmer/ befahl aber dem Fuͤrsten Ad- gandester: daß er bey fast einsamen Hoffe die fremden Fuͤrsten inzwischen annehmlich unter- halten solte. Wie nun das hertzogliche Schloß derogestalt von allen Haͤuptern gleichsam aus- geleeret ward/ fuͤhrte Adgandester die fremden Gefangenen/ oder vielmehr annehmlichen Gaͤ- ste/ auf die neue Rennebahn/ und zeigte ihnen alle Anstalten/ die der Feldherr zu herrlicher Begehung seines Beylagers angeordnet hatte. Nachdem sie auch mit unterschiedenen Rennen sich erlustigt/ verfuͤgten sie sich in den Lustgarten; da sie die Koͤnigin Erato mit Saloninen und et- lichem andern Frauenzimmer/ welches die Fuͤr- stin Thußnelda zuruͤck gelassen hatte/ antraffen; und Arminius und Thußnelda. und nach gegen sie bezeugter tieffer Ehrerbie- tung erkundigten: mit was fuͤr Annehmligkeit sie einander in dieser Einsamkeit unterhielten. Die holdselige Erato berichtete hierauf: daß sie ihr die Ankunfftund Beschaffenheit der beyden Cattischen Hertzoginnen; denen der gantze Hoff entgegen gezogen waͤre/ haͤtte erzehlen lassen; und von ihnen so viel gutes vernommen: daß sie eine grosse Begierde haͤtte sie nur bald zu umar- men/ und sich um ihre Gewogenheit zu bewer- ben. Jhr Vorwitz haͤtte sie auch ferner getrie- ben den Uhrsprung der Liebe zwischen dem Feldherren und der auserwehlten Fuͤrstin Thußnelda/ wie nichts minder der von ihrem Vater hieruͤber geschoͤpfften Gramschafft zu er- forschen. Worvon ihr die anwesende Nassauin zwar ein Theil zu eroͤfnen Vertroͤstung/ hier- nebst aber diese Anweisung gethan haͤtte: daß sie alle Umstaͤnde von niemanden besser/ als dem Fuͤrsten Adgandester/ welchem Hertzog Herr- mann iederzeit sein Hertze mit allen Heimligkei- ten vertraut haͤtte/ ja ein treuer Gefaͤrthe seines Gluͤcks gewest waͤre/ vernehmen koͤnte. Aber sie truͤge nicht unbilliches Bedencken ihm nicht nur eine so beschwerliche Bemuͤhung/ sondern auch die Eroͤffnung derselben Heimligkeiten an- zumuthen; welche die Liebhaber insgemein ver- borgen wissen wolten; weil sie davon den Aber- glauben haͤtten: daß wie die Sonne den Glantz den Sternen/ also die Wissenschafft den Zucker der Liebe benehme. Jedoch koͤnte sie ihn wohl versichern: daß die holdselige Thußnelda ihr selbst nichts hiervon zu verschweigen Vertroͤ- stung gethan haͤtte. Adgandester bezeugte ge- gen die Koͤnigin ein absonderes Verlangen ihr zu gehorsamen/ und truͤge er selbte zu eroͤffnen kein Bedencken. Sintemal er wol wuͤste: daß er hierdurch nichts/ was sein Herr und Thuß- nelde fuͤr ihnen verschwiegen haben wolte/ ent- deckte. Nicht zwar/ weil ihnen vieler Eitelkeit anklebte/ welche ihre Liebe fuͤr unvollkommen/ oder nicht fuͤr genung eingezuckert hielten/ wenn nicht auch andere darvon wuͤsten; und gleichsam an ihrer Ergetzligkeit theil haͤtten; sondern viel- mehr/ weil beyder Liebes-Fackeln alles Rauches befreyet waͤren; also: daß sie allen andern Lieb- habern wol ein Licht/ niemanden aber kein Aer- gernuͤß abgeben koͤnten. Und irrete ihn nichts: daß Segesthes selbst diese reine Gluth nicht nur auszuleschen/ sondern auch zu schwaͤrtzen sich auf alle Weise bemuͤhete. Denn wie die von der Erden aufsteigenden Duͤnste es die Sonne zu beflecken nicht endeten/ gleichwol aber durch ih- re Zerrinnung der angefeuchteten Erde wider ihr Absehn Nutzen schafften; Also benaͤhme die Verleumdung denen Stralen der Tugend nicht den geringsten Funcken; ja sie verursachte mit ihrem Schatten vielmehr: daß sie desto hel- ler leuchtete/ und ihren Lauf mit so viel mehr Ehre vollendete. Hertzog Rhemetalces fiel ein: Er wolte wol nicht gerne der Koͤnigin Ver- langen/ und ihrem aus Anhoͤrung einer so merckwuͤrdigen Liebes-Geschichte bereit durch den Vorschmack der Hoffnung geschoͤpfften Vergnuͤgen den minsten Abbruch thun; weil er aber bereit diese Nachricht hiervon haͤtte: daß die Erzehlung in andere wichtige Reichs- und Kriegs-Begebenheiten Deutschlands einfallen wuͤrde; stellte er zu der Koͤnigin Entschluͤssung: Ob nicht Fuͤrst Adgandester zu vermoͤgen waͤre/ ihnen vom Uhrsprunge an der Deutschen Ge- schichte/ und insonderheit die mit denen Roͤmern und Griechen gehabte Vermengungen vorher entwerffen/ und dardurch des Feldherrn Herr- manns Thaten ein Licht geben wolte. Erato versetzte: sie waͤre fuͤr diese gute Erinnerung dem Fuͤrsten Rhemetalces hoch verbunden/ noch hoͤher aber wuͤrde sie es gegen den Fuͤrsten Ad- gandester seyn; wenn er sie alle mit einer hoch- verlangten Nachricht zu begluͤckseligen erbitt- lich seyn moͤchte. Adgandester antwortete: Er waͤre so begierig als schuldig hierinnen zu gehor- samen; Sein einiges Bedencken waͤre nur: daß seine Erzehlung einer so lieblichen Gesell- Z z z z 2 schafft Sechstes Buch schafftmehr Eckel als Anmuth verursachen/ er auch in einigen Umstaͤnden/ die dem Fuͤrsten Malovend zweiffelsfrey besser kundig waͤren/ irren/ und also seine uͤbrige Berichte verdaͤchtig machen doͤrffte. Alle Anwesende nahmen sei- ne Erklaͤrung fuͤr bekandt auf/ und versicherten ihn ihrer hohen Vergnuͤgung; da er ihnen von Grund aus und umstaͤndlich alles fuͤrtragen wuͤrde; weil dieser ihnen freygelassene Tag durch keine bessere Lust zu verkuͤrtzen waͤre/ ih- nen auch diese Gelegenheit nicht so bald wieder kommen moͤchte. Adgandester erinnerte hier- auf: Man moͤchte seine Erzehlung deßhalben nicht bald als unwahrhafft verdammen; wenn selbte nicht in allem mit den Roͤmischen Ge- schichtschreibern/ welche ihrem Volcke bißwei- len zu sehr geheuchelt/ uͤbereinstimmete. Die aufrichtige Entdeckung der Deutschen Fehler und Niederlagen wuͤrden hoffentlich ihm auch im uͤbrigen desto mehr Glauben erwerben. Ze- no begegnete ihm: Er moͤchte deßhalben den minsten Kummer haben; weil nicht nur die Deutschen/ sondern auch die Griechen und an- dere Voͤlcker hieruͤber eine gleichmaͤßige Klage fuͤhrten/ und ein uͤberaus grosser Unterscheid zu lesen waͤre/ von dem/ was die Roͤmer und Frem- de von ihren Africanischen und Parthischen Kriegen aufgezeichnet haͤtten. Da doch die Warheit der Kern und die Seele eines Ge- schichtschreibers/ die Heucheley aber ein ver- gaͤnglicher Firnuͤß waͤre/ welchen die Zeit nichts minder von scheltbaren Thaten/ als das Alter die Schmincke von runtzlichten Wangen abwisch- te. Fuͤrst Malovend setzte auch diese absondere Vertroͤstung bey: daß er mit seinen Erinnerun- gen ihm auf den unverhofften Nothfall nicht ent- fallen wolte; weil er zumal dem Fuͤrsten Zeno und Rhemetalces noch in der Schuld waͤre/ die Begebenheiten der beyden Feldherren Aem- brichs und Segimers zu erzehlen. Adgande- stern waren hiermit alle ohne diß nur von seiner Hoͤfligkeit eingeworffene Ausfluͤchte abgeschnit- ten; dahero er denn/ nach dem die Koͤnigin E- rato/ Salonine nebst dem andern Frauenzim- mer/ Fuͤrst Zeno und Rhemetalces sich in einem anmuthigen Gestraͤuche in einen Kreiß nieder- gelassen hatte; folgende Erzehlung anfing. Es hat mit den Laͤndern in der Welt und dem Meere/ oder denen Wolcken einerley Be- schaffenheit. Die Fluͤsse/ die das Meer in sich verschlinget/ giebet es durch geheime Wasser- Roͤhren aus den Gebuͤrgen wieder von sich; die schwaͤmmichten Wolcken druͤcken ihre Feuch- tigkeit wieder auf den Erdbodem aus/ woher sie empor gedampfft waren. Und die vor ander- waͤrts her bevoͤlckerten Laͤnder uͤberstroͤmen und besaͤmen hernach andere. Denn ob zwar insgemein geglaubet wird/ daß Menschen und Thiere von Anfang nicht anders als die Piltze/ oder die Egyptischen Maͤuse aus dem Erdbo- dem/ und zwar anfangs nicht in solcher Voll- kommenheit/ sondeꝛn heßlich und gebrechlich ge- wachsen waͤren; Weßwegen die Egyptier aus ihres Landes annehmlicher Fruchtbarkeit/ die Scythen aber aus der Hoͤhe ihrer Gebuͤrge zu behaupten vermeinet: daß die ersten Menschen bey ihnen aus dem fetten Leime gewachsen/ oder doch von denen im Nil schwimmenden Wasser- Leuten gezeuget worden waͤren; so ist doch bey uns Deutschen eine bestaͤndige von unsern Ah- nen herruͤhrende Sage: daß Gott in Asien nur einen Mann/ nemlich den Tuisto und ein Weib Hertha aus einem Erdschollen erschaffen habe. Dessen Sohn waͤre Mann/ sein Enckel Asce- nas gewest; welcher aus Phrygien uͤber die Meer-Enge und den Jster-Strom zum ersten Deutschland besessen/ und durch seiner dreyen Soͤhne Jugaͤvon/ Hermion und Jstevon Nach- kommen derogestalt erfuͤllet haͤtte: daß sie her- nach viel andere Laͤnder zu besetzen genungsa- men Uberschuß gehabt. Sintemal die Natur die kalten Nordlaͤnder fuͤr dem heissen Sud- Striche mit mehrer Fruchtbarkeit beschencket/ also: Arminius und Thußnelda. also: daß Mitternacht die Scheide der Voͤl- cker genennet zu werden verdienet hat. Un- ter diesen Deutschen Propfreisern sind die er- sten gewesen die Gallier; welcher Sprache noch ein Kennzeichen ist: daß so wol sie als das Volck selbst von uns/ nicht aber von Galaten/ dem getraͤumten Sohne des Hercules entspros- sen. Ja von den alten Griechen und Roͤmern alles/ was zwischen dem Pyreneischen Gebuͤr- ge biß an das schwartze Meer und die Ost-See lieget/ mit dem Nahmen Galliens belegt/ und also die Deutschen insgemein fuͤr Gallier gehal- ten/ diese aber zu Nachbarn der Scythen ge- macht worden; da doch der Rhein die eigentli- che Graͤntze der Gallier und Deutschen ist. Wiewol nicht zu leugnen: daß anfangs auch ein Theil von des Javans Nachkommen aus de- nen Egeischen Eylanden/ und hernach die fuͤr dem Persischen Joche sich fluͤchtenden Pho- caͤer/ nach dem sie vorher mit dem Roͤmischen Koͤnige Tarqvinius ein Buͤndnuͤß gemacht/ an dem Rhodan nieder gelassen haͤtten. Und eben diese Vermischung ist hernach die Ursache der zwischen diesen beyden verschwisterten Voͤl- ckern itzigen so merckwuͤrdigen Unaͤhnligkeit und vieler andern Verenderungen gewest. Es ist bekandt: daß die Einwohner der Nordlande/ ungeachtet sie sich mit einem Weibe vergnuͤgen/ viel fruchtbarer als die des heissen Sudstrichs sind. Aus dieser Ursache ward Deutschland/ Sarmatien und Gallien seinen Voͤlckern end- lich zu klein/ und daher entstanden zwischen de- nen Deutschen/ und denen nicht minder frucht- baren Sarmatern der Graͤntzen halber die er- sten Kriege; Wiewol diese zwey streitbare Voͤl- cker sich auch mehrmals mit einander vereinbar- ten/ und der uͤbrigen Welt gegen einander ein Schrecken einjagten. Jnsonderheit kam Ga- lathes/ der Deutschen Koͤnig/ zur Zeit des zu Troja herschenden Jlus/ seiner Macht und Tapfferkeit wegen in grosses Ansehen; und was die aus Deutschland entsprossenen Amazonen in Asien und Africa fuͤr Wunder gethan/ ist ohne diß Weltkuͤndig. Weil nun die sich in Gallien vermehrenden Voͤlcker wegen der ihnen im Wege stehenden zweyen Meere und Gebuͤrge nicht so wol ausbreiten konten/ wurden die aus Deutschland in Gallien gekommenen/ und ziemlich ins Gedrange gebrachten Bojen unter dem Gebiete des Koͤnigs der Biluriger Ambi- gat genoͤthigt/ die Deutschen anzuflehen: sie moͤchten ihnen ein Stuͤcke Landes in ihrem al- ten Vaterlande einraͤumen. Worauf sich ih- rer viel tausend unter dem Heerfuͤhrer Sigove- fus/ des Koͤnigs Schwester Sohne/ in dem ih- nen angewiesenen Hercynischen Walde an dem Muldau-Strome niederliessen/ auch alldar blieben sind/ biß sie unlaͤngst der Marckmaͤnner Koͤnig Marobod uͤber die Donau vertrieben hat. Weil aber die Bojen nicht alle in dem volckreichen Deutschlande raum hatten/ traf des Sigovesus Bruder/ den Bellovesus/ das Looß/ uͤber denen Himmel-hohen Alpen/ wel- ches fuͤr ihm kein Mensch als Hercules uͤberstie- gen haben solte/ eine Wohnstadt zu suchen. Zu den Bojen schlugen sich viel tausend Schwaben und Alemaͤnner; iedoch schiene der gantzen Welt Macht nicht genung zu seyn/ durch die Mauern Jtaliens/ nemlich die so steilen und von der Natur mit unvergaͤnglichem Schnee ver- wahrten Gebuͤrge einen Weg zu brechen. Sie versuchten an vielen Orten/ aber vergebens. Endlich fand sich zum Belloveß ein Helvitischeꝛ Schmied/ welcher gleich aus Jtalien kam/ und getrocknete Feigen/ frische Weintrauben/ Oel/ und andere denen Deutschen unbekandte und fuͤr ein Meer-Wunder gehaltene Fruͤchte mit brachte/ und darmit den Bojen und Deutschen die Zaͤhne sehr waͤßricht machte. Die Luͤstern- heit nach so suͤsser Kost/ und nach einem so gluͤckli- chen Lande schloß ihnen die Alpen auf; ungeach- tet sonst der vom Elico gewiesene Fußsteig fuͤr ein so grosses Volck viel zu enge oder zu beschwerlich gewest waͤre. Also fanden sie durch die Taurini- schen Steinkluͤffte den Eingang gleichsam in ei- ne neue Welt; und zwar zu der Zeit: als Tarqvi- Z z z z 3 nius Sechstes Buch nius Priscus zu Rom herrschte/ und die Pho- caͤer gleich sich an dem Rhodan niederliessen. Die Thuscier kamen ihnen zwar an der Cicini- schen Bach mit volckreicher Heeres-Krafft ent- gegen; alleine der Deutschen erster Anblick streute ihren Vortrab von sammen; und die da- mals den Vorzug habenden Allemaͤnner traf- fen auf in den lincken Fluͤgel gestellten Vieberer und Lepontier mit solcher Gewalt: daß sie im ersten Ansatze alsbald verwirret/ und kurtz hier- auff in voͤllige Flucht gejagt wurden. Die Thuscier und Tauriner erwarteten nicht einst der andringenden Celten/ Helvetier und Marckmaͤnner; und kamen in wenig Stun- den uͤber zwantzig tausend Feinde meist im Was- ser und in Abstuͤrtzung uͤber die Steinklippen um. Denn wenn in einer Schlacht-Ordnung nur ein Fadem zerreist/ gehet unschwer ihr gan- tzes Gewebe auf; und das Schrecken macht die Fluͤchtigen so alber oder so blind: daß sie/ umb einem verzweiffelten Tode zu entrinnen/ dem Gewissen selbst spornstreichs in die Armen ren- nen. Mit dieser einigen Schlacht war es auch gleichsam ausgemacht. Denn als die Be- siegten erfuhren: daß die Deutschen im Kaͤmpf- fen aͤrger/ als wuͤtende Thiere/ im Leben aber tugendhaffter und gerechter als andere Voͤlcker waren/ raͤumten sie ihnen zwischen dem Flusse Ticin und Addua ein Stuͤcke Landes ein/ und Bellovesus baute zu seinem Sitze die Stadt Meyland; wiewol nach deutscher Art ohne ei- nige Befestigung. Wie nun eines Vorgehers Fußstapffen richtige Wegweiser/ und anderer Gluͤckseligkeiten annehmliche Lock-Baͤren sind; Also folgte nach 76. Jahren ein abgefun- dener Hertzog der Allemaͤnner Elitoro mit sei- nen uͤbrigen Landsleuten dem Bellovesus auf der Spure nach/ welche zwischen denen Cotti- schen Alpen durch ihre Verwegenheit ihnen ei- nen Weg baͤhneten; und weil Elitoco im Ge- fechte ihnen allezeit zurief: Fechtet ihc kuͤhnen Maͤnner/ den Nahmen Cenomaͤnner erwar- ben. Diese setzten mit des noch lebenden Bel- lovesus geheimer Einwilligung uͤber die Stroͤ- me Ticin/ Lamber und Addua/ und bemaͤchtig- ten sich nach wenigem Wiederstande zwischen den Fluͤssen Humatia/ Ollius/ Cleusis und Min- cius biß an dem Po des gantzen Landstriches; und bauten daselbst die Staͤdte Brixia/ Bero- mum und Bedriach. Die alten Einwohner die Thuscier wurden durch die Deutschen dero- gestalt verdrungen; und musten sie ihr fettes Land nur mit dem Ruͤcken ansehen/ und Feuer und Herd zwischen denen steilesten Gebuͤrgen oberhalb dem Sebinischen See um den Uhr- sprung des Flusses Zen/ Athesis und Ollius auf- schlagen/ da sie von ihrem Fuͤhrer Rhetus die Rhetier genennt wurden/ und nach und nach aus einer halb gebrochenen Sprache alle Arten ihres Vaterlandes verlernten. Weil nun auch der tiefste Fluß nur so lange sein Ansehn behaͤlt/ biß man einmal einen Furth dardurch gefun- den; und ein zwey mal uͤberstie gener Zaun zum gemeinen Fußsteige wird; nahm Hertzog Me- don/ von welchem der fromme Metellus sein Sprichwort entlehnet: Wenn er wuͤste: daß sein Hemde seine Anschlaͤge wuͤste/ wolte er es verbrennen; mit zwantzig tausend Deutschen von dem Saal-Strome her/ durch denselbigen Weg seinen Zug in Jtalien. Er stellte sich anfangs/ als wenn er uͤber den kleinern Fluß Duria gegen die Brunnen des Po einbrechen wolte; ließ auch gegen selbigem Landstriche den Ritter Eberstein mit seiner Reuterey allenthal- ben Lermen machen; weßwegen die Feinde fast alle ihre Macht an selbigen Strom legten. Uber welche er oberhalb der Stadt Ocelum ei- nen herrlichen Sieg wider die viel staͤrckeren Feinde erhielt/ und mehr zum Scheine als aus Andacht/ hernach dem Kriegs-Gotte daselbst einen Tempel baute. Medon aber wendete sich mit seiner rechten Heeres-Krafft gegen dem Flusse Orgus/ und dem groͤsseren Duria/ und behauptete nach etlichen wenigen Treffen seine Herr- Arminius und Thußnelda. Herrschafft von dem Uhrsprunge des Flusses Arcus und Durentia biß an den Strom Seßi- tes. Sein Volck/ welches anfangs von ihrem vaͤterlichen Flusse die Salier oder Saal-Laͤn- der genennet ward/ erwarb von ihrer Eintracht und gegen einander bezeigten Liebe den Nah- men der Liebitier; sein zwoͤlfter Nachkomme Cottius pregte selbigem Gebuͤrge seinen Nah- men ein/ erweiterte seine Herrschafft/ und er- warb nichts minder in Jtalien ein grosses An- sehen und den Titel eines Koͤniges/ als bey den Roͤmern eines Bundgenossen. Unterdessen ward das zwischen dem Krantze der Hereyni- schen Gebuͤrge begriffene Land den fruchtba- ren Bojen/ und der Strich zwischen der Weich- sel und Oder denen Logionen und Lygiern auch zu klein/ daher erhob sich beyder Voͤlcker Uber- schuß unter dem Lingo und setzte uͤber den Rhein/ erlangte bey den Helvetiern aus Freundschafft/ bey den Rhetiern aus Furcht freyen Durchzug/ kam also uͤber die Penninischen Alpen in Jta- lien; Und weil die lincke Seite an dem Po schon mit Deutschen angefuͤllet war/ setzte er nach Er- bauung der Stadt Laus an dem Flusse Lamber durch ihrer Landsleute Vorschub bey dem Ein- flusse des Mincius mit den Floͤssen uͤber den Po. Die Hetrurier und Umbrier hielten zwar das Ufer mit viel tausenden besetzet. Her- tzog Lingo aber/ welchen die Jtaliaͤner seiner Laͤnge halber einen Storch oder Liconius hies- sen/ warf bey dem zweiffelhafften Gefechte das Kriegs-Zeichen/ darauf des Thuisco Haupt ge- bildet/ und als ein heiliges Gluͤcks-Bild aus ei- nem Hercynischen Heyne an der Moldau mit genommen war/ auf das feindliche Ufer mitten unter die Umbrier. Die Deutschen/ welche tausend mal lieber ihr Leben/ als diß Heiligthum zu verlieren gemeinet waren/ fingen hieruͤber nicht mehr als Menschen/ sondern als wuͤtende Baͤren an zu fechten; also: daß die Feinde sie an- fangs am Lande musten lassen festen Fuß setzen/ hernach gar das Feld raͤumen. Die Fluͤchti- gen wurden biß an den Berg Sicimina/ und an den Fluß Gabellus verfolgt. Welches kurtz hernach Servius Tullius in ihrer Schlacht ge- gen die Sabiner/ Furius Agrippa/ als er wider die Hernicher/ und Qvintus-Capitolinus/ als er wideꝛ die Phalisker kaͤmpfte/ ihm gluͤcklich nach- thaͤten. Nach dem die Bojen sich zwischen dem Flusse Tarius/ Nicia und Gabellus feste ge- setzt hatten; und ihnen noch wol 10000. ihrer Landsleute nachkamen/ ruͤckten sie ferner. Die Umbrier begegneten ihnen abermals an dem Flusse Scultenna. Wie nun Hertzog Lingo sei- ne Bojen und Logionen in die Schlacht-Ord- nung gestellt hatten/ schlug der Donner nahe fuͤr ihm in eine uͤber dem Strome stehende Eiche. Welches die Umbrier nicht wenig erschreckte/ Lingo aber deutete diesen Zufall fuͤr ein gewisses Zeichen des Sieges aus; redete hiermit sein Volck an: Sehet ihr wol: daß der Himmel uns selbst den Weg weiset/ und wider unsere Feinde zu kaͤmpfen den Anfang macht. Worauf denn nicht nur seine Reuterey behertzt durch das Was- ser setzte; sondern das Fußvolck schwã mit entbloͤ- sten Waffen durch den Strom; und es waͤhrete keine Stunde/ waren die Umbrier in der Flucht/ ihr Hertzog gefangen; Das Ende der Ver- folg- und Niedermachung aber endigte sich al- lererst auff die sinckende Nacht/ und an dem Flusse Rhenus. Rhemetalces brach allhier ein/ und fing an: Es ist ein Meisterstuͤcke/ wenn ein Heerfuͤhrer solche Zufaͤlle zu seinem Vortheil brauchen kan; und erinnere ich mich: daß Chatrias/ als fuͤr seiner zum Treffen ferti- gen Schiff-Flotte der Blitz gleichfals nieder- schlug/ er auff des Lingo Art ebener massen sein Kriegsvolck anfrischte. Und Epaminondas/ als des Nachts eine brennende Fackel mitten in sein Heer fiel; fing zu selbten an: Freuet euch/ die Goͤtter stecken uns selbst Lichter auf. Ja/ sagte Zeno/ dieses aber ist noch ruͤhmlicher/ wenn ein scharfsinniger Feldherr aus Un- gluͤcks-Zeichen zu seinem Besten verdrehen kan; Sechstes Buch kan; wie eben dieser Epaminondas; welcher/ als der Wind von einer aufgesteckten Lantze sei- ne Hauptbinde in eines Spartaners Grab we- hete/ und hierdurch seine Thebaner hefftig er- schreckt wurden/ daruͤber diese Auslegung mach- te: Fuͤrchtet euch nicht/ den Spartanern hengt der Untergang zu. Denn die Zierden der Graͤ- ber sind Leichen. Und als ein ander mahl der Stul unter ihm zerbrach/ sprang er freudig auf/ und sagte zu seinen solches uͤbel-deutenden Krie- gesleuten: Auf/ auf! denn ich sehe/ wir sollen nicht stille sitzen. Nicht ungluͤcklicher deuteten Scipio/ und Kaͤyser Julius ihre Faͤlle vom Schiffe auff die Erde aus; als jener anfing: Gott lob! ich erdruͤcke Africa; und dieser: Jch umfasse die Erde unsere guͤtige Mutter. Ad- gandester setzte bey: daß ein Celtischer Feld-O- berster bey einem sich in der Schlacht ereignen- den Erdbeben sein erstarrendes Kriegsvolck mit diesen Worten: Nun die Erde fuͤr uns bebet/ wie moͤgen die Feinde gegen uns stehen/ auff- munterte; und der Feldherr Marcomir erhielt sein Heer/ als gleich der rechte Fluͤgel in die Flucht gerieth/ mit dieser Zusprache: Jch sehe wol: daß wie im Menschen/ also auch in mei- nem Heere das Hertze nur in der lincken Seite sey/ im Stande/ und darmit den Sieg. Un- ser Hertzog Lingo aber schlug die Umbrier zum dritten mal bey dem Flusse Vatrenus/ und er- weiterte zwischen dem Po und Apennin sein Gebiete vom Flusse Tarus an/ biß an den Ru- bieon. Dieses war der Deutschen und Gallier Zustand in Jtalien/ biß nahe in die zwey hun- vert Jahr/ nach des Bellovesus erstem Einbru- che. Unterdessen aber liessen sich die nunmehr halb entfremdeten Gallier mehrmals geluͤsten ohne der Deutschen Einwilligung ihr uͤbriges Volck/ welches ihre Graͤntzen nicht mehr zu be- herbergen vermochte/ uͤber den Rhein zu setzen; auch wol offt sonder einige Noth aus blosser Leichtsinnigkeit allerhand Raub zu holen. Die Deutschen begegneten den Galliern anfangs mit Glimpf/ und vergnuͤgten sich an wieder- Abnehmung des Raubes/ oder liessen auch die Gallier unversehrt uͤber den Rhein und die Graͤntze zuruͤck fuͤhren. Hierbey vermahne- ten sie die Haͤupter der Gallier: sie moͤchten die ihrigen im Zaume halten; auser dem wuͤrden sie Gewalt mit Gewalt ablehnen/ und gegen die der alten Verwandschafft vergessen/ welche vor- her den gemeinen Frieden/ und das Voͤlcker- Recht verletzten. Der Gallier Koͤnig Katu- mand entbotden Deutschen hochmuͤthige Ant- wort: der Furchtsamen Eigenschafft waͤre sich mit dem Seinen vergnuͤgen/ streitbare Voͤlcker und großmuͤthige Koͤnige pflegten um fremdes Gut zu kaͤmpffen. Zu dem koͤnten die Deut- schen den Galliern nicht uͤbel auslegen/ was sie unter einander selbst ausuͤbten. Es waͤre un- laugbar: daß die Deutschen wilde Thiere zu ja- gen/ und schwaͤchere Menschen/ welche gleich- sam zum Gehorsam gebohren waͤren/ zu rau- ben/ oder ihm unterthaͤnig zu machen fuͤr ein gleichmaͤßiges Recht/ ja einen andern/ der nicht ein Glied seines Gebietes/ oder mit ihnen im Buͤndnuͤsse waͤre/ zu toͤdten fuͤr einen Helden- Ruhm/ die um sein Land aber rings herum ge- machte Wuͤsteney fuͤr eine lobwuͤrdige Befesti- gung der Graͤntzen hielten. Diese Gewohnheit waͤre nichts minder bey den alten Griechen und Hispaniern im Schwange gegangen/ und dero- gleichen Einfall waͤre sonst der mehr als bruͤder- lich-vertraͤglichen Triballier taͤgliches Hand- werck. Die Rhetier rechtfertigten durch dieses Voͤlcker-Recht ihre mehꝛmals in Jtalien veruͤb- te Raubereyen. Krieg waͤre so wol der Menschen als dereꝛ ohn Unteꝛlaß gegen einandeꝛ kꝛiegendeꝛ Fische ersteꝛ und natuͤrlicheꝛ Zustand; die Furcht/ nicht aber die gegen einander tragende Liebe und Verwandschaft die Ursache derer Gemeinschaf- ten und Buͤndnuͤsse. Wenn auch schon benach- barte und unverbundene Voͤlcker einander nicht stets in Haaren laͤgen/ waͤre diß fuͤr keine ange- bohrne oder ihrer menschlichen Art gemaͤsse Ein- Arminius und Thußnelda. Eintracht/ sondern nur fuͤr einen aus verwech- selter Furcht entspringenden Stillestand zu hal- ten; indem einen nur entweder seine Schwach- heit und heimliche Wunden/ oder des Nachbarn Kraͤffte oder Buͤndnuͤsse vom Angriffe zuruͤcke hielten. Deshalben haͤtte die Natur den Men- schen nicht allein gleicherley Waffen gegeben/ und ins gemein des einen Schwaͤche in Gliedern mit der Geschickligkeit zu seiner noͤthigen Be- schirmung ersetzt/ sondern auch die Ehre einen andern in etwas zu uͤbertreffen/ oder ihm zu gebieten/ als einen rechten Zanck-Apfel in der Welt aufgeworffen. Des einen Vorzug aber ziehe nach sich des andern Verachtung/ und also eine rechtmaͤssige Ursache der Beleidigung. So strebte des Menschen Gemuͤthe auch von Natur nach dem besten/ und also nach einerley Dinge; welches aber selten theilbar waͤre/ also ein unver- meidliches Zanck-Eisen abgeben muͤste. Die mehr tapferen als Rachbegierigen Deutschen kamen ungerne daran: daß sie mit ihren Bluts- Verwandten brechen; und durch eigene Schwaͤ- chung der aufachtsamen Nachtbarn Uberfall ihnen auf den Hals ziehen solten. Diesemnach schickten sie drey ihres Alters/ Heiligkeit/ und Beredsamkeit halber in grossem Ansehn sich be- findende Priester an den Koͤnig Catumand/ wel- che ihn von Veruͤbung mehrer Feindseligkeit abwendig machen solten: diese hielten ihm be- scheidentlich ein: Unzeitige Begierde frembden Gutes ziehe meist nach sich den Verlust des eige- nen. Der Gallier ungerechtes Recht vermoͤch- te zwar nicht ihre/ aber wohl die Waffen der Deutschen wider sie zu rechtfertigen. Treffe ihre Beschuldigung einen oder den an- dern/ so haͤtten doch die meisten und vernuͤnftig- sten Deutschen ohne Begierde fremden Reich- thums/ ohne blinde Rachgier oder eitele Ehr- sucht durch Gerechtigkeit in ihrem Ansehn zu bleiben getrachtet; ihre Großmuͤtigkeit mit Ruhme besaͤnftiget/ keinen unnoͤthigen Krieg angehoben/ und den Nachbarn vorsetzlich keinen Schaden gethan. Hingegen hielten sie fuͤr das einige Merckmal der Tugend und Staͤrcke/ ih- re Ober-Herrschafft durch kein Unrecht befesti- gen; den Beleidigern alsofort die Spitze bitten/ und bey seiner Ruhe gleichwohl fuͤr einen nur schlafenden Loͤwen gehalten werden. Wir Men- schen waͤren alle eines Vaters Kinder/ und also das gantze menschliche Geschlechte einander mit Blut-Freundschafft verknuͤpft. Die wilden Thiere kaͤmpften nicht leichtlich wider ihr eige- nes Geschlechte. Die den Menschen verliehe- ne Gleichheit der Kraͤfften riethe ihnen die Be- leidigung vernuͤnftig ab; daher waͤre derer Frie- de/ welche mit einander noch nicht die Kraͤfften gemessen haͤttẽ/ und also gleicher Staͤrcke zu seyn schienen/ der bestaͤndigste; die Eintracht aber in alle Wege der natuͤrliche Zustand der Men- schen; und der gesunden Vernunft nichts aͤhn- licher: als niemanden beleidigen/ iedermann bey dem Geniesse des Seinigen lassen; und was er ihm nicht gethan wissen wil/ an andern nicht aus- uͤben. Ehrsucht/ Geitz/ und Mißtrauen als Ursachen des Krieges waͤren keine Eigenschafft aller/ sondern eine Miß-Geburt vieler mensch- lichen Gemuͤther; welche die Vernunfft/ die den Menschẽ von dem Vieh unterscheidete/ in der er- sten Bluͤthe/ als schaͤdlich und unanstaͤndig/ toͤdtẽ solte. Zu dem koͤnten dardurch wohl etliche/ nicht aber das gantze Geschlechte beleidigt werden. Herentgegẽ empfinde ieder Mensch in der sicher- sten Einsamkeit/ wo er das minste nicht zu fuͤrchtẽ haͤtte/ gleichwohl eine Begierde nach seines glei- chen. Diese Zuneigung wuͤrde noch mehr ge- reitzet von der allgemeinen Duͤrftigkeit; und haͤtte die Natur nicht aus Mißgunst/ sondern um uns durch Wolthatẽ aneinander zu verknuͤ- pfen/ den Menschen ohne Zaͤhne der Wald- Schweine/ ohne Klauen der Panther/ ohne Schnautze der Elefanten/ ohne Harnisch der Crocodile/ schwach und nackt geschaffen. Seine Waffen waͤren Vernunfft und Gemeinschafft. Diese verliehe ihm die Herrschafft uͤber alle Erster Theil. A a a a a Thie- Sechstes Buch Thiere; diese thue ihm in Kranckheiten noͤthige Handreichung/ diese sey sein Gehuͤlffe im Alter; sein Trost bey empfindlichsten Schmertzen. Al- so koͤnneder Mensch sich selbst nicht/ sondern zu- gleich auch andere lieben. Welcher Vater zie- het den Nutzen der Kinder nicht seinem eigenen fuͤr? Welche Mutter fuͤrchte ihren Untergang/ umb ihr Kind zu erhalten? Uber diß haͤtte wegen anderer/ nicht seiner selbst halben die Natur dem Menschẽ eine Sprache/ und die Geschickligkeit einen andern zu unterweisen verliehẽ. Das Vieh ergoͤtzte sich in Einoͤden/ Hoͤlen und Raub; der Mensch aber genisse die Suͤssigkeit seines Gutes erst in der Mittheilung/ und vergaͤsse seines Un- gluͤcks unter der Gesellschaft und huͤlfbarer Bey- springung. Ja da Ertztnud Steine/ Kraͤuteꝛ und Baͤume aus einer verborgegen Zuneigung sich mit einander verknuͤpften/ lieffe der Vernunfft zuwider: daß nicht auch diese/ sondern vielmehr widrige Furcht der Ursprung menschlicher Ge- meinschafft seyn solte. Also solten sie sich des allgemeinen Voͤlcker-Rechts bescheiden/ sich ih- res gemeinen Ursprungs erinnern/ und versi- chert leben: daß es den Deutschen weder an Hertze noch Kraͤfften fehle Gewalt mit Gewalt abzulehnen/ und durch die Waffen den Frieden zu befestigen/ zu dem die Gallier nicht durch ver- nuͤnftiges Einreden sich verstehen wolten. Allei- ne die Gallier gaben nicht nur ein Lachen drein/ sondern Katumand/ nach dem er mit den Massi- liern Friede und Buͤndnuͤß gemacht/ brach mit einem starcken Heere bey denen umb die Brun- nen der Donau wohnenden Celten ein/ derer Hertzoge des Semnoner Hertzogs Brennus Schwester zur Ehe hatte; und thaͤt mit Raub und Brand unsaͤglichen Schaden. Diese Celten machten es dem damals seiner Tapferkeit wegen beruͤhmten Hertzoge der Semnoner Brennus zu wissen. Dieses Volck ist das aͤl- teste und edelste unter den Schwaben/ und ist von der Elbe an Ostwerts an der Spreu/ der Oder und Waꝛte uͤber hundert Doꝛfschaften ein- getheilet. Wie die Gesandten beym Brennus ankamen/ verfuͤgte er sich alsbald mit den fuͤr- nehmsten Semnonern in den zwischen der Oder und dem Bober ihrem Gotte geweihetẽ/ und bey ihren Vor-Eltern vieler Wahrsagungen wegen hoch verehrten Wald. Alle trugen an Fuͤss- und Beinen Fessel; umb anzudeuten: daß an diesem heiligen Orte/ als dem Uhrsprunge ihrer Macht/ niemand als Gott herrschete/ fuͤr welchem sie alle Knechte und Sclaven/ ausser dem aber keinem Menschẽ in der Welt unterworffen waͤren. Weñ auch in diesem Walde ungefehr iemand zu Bodẽ faͤllt/ darff er weder selbst aufstehen/ noch iemand anders ihm aufhelffen/ sondern er muß/ gleich als er allhier Gott in seine Haͤnde gefallen waͤre/ umbkommen. Brennus ließ allhier alsofort einen Gefangenen zum Opfer abschlachten; und nachdem der Priester grosses Gluͤck zu seinem Fuͤrnehmen ankuͤndigte/ grieff er auf sein Haupt/ welches mit einem von empor gesteckten Pfeilen gemachten Krantze umbgeben war/ zoh einen daraus/ und gab selbten dem Gesandten zum Wahrzeichen und Versicherung: daß er mit seinen Semnonern ihnen unverlaͤngt zu Huͤlffe kommen wolte. Brennus uͤbergab sei- nem Sohne die Herrschafft/ und zohe mit seinem Bruder Basan und zweymal hundert tausend Schwaben in Gallien. Koͤnig Katumand be- gnete ihnen mit einem maͤchtigen Heere/ welches aber im ersten Treffen sonder grosse Muͤh in die Flucht geschlagen ward. Denn die Gallier waren durch die Wolluͤste und Sitten der Mas- silier sehr verzaͤrtelt/ und also ihre erste Tapfer- keit nicht wenig vergeringert worden. Katu- mand aber brachte in Eil durch Huͤlffe der Mas- silier/ und des Bisuntschen Koͤnigs Sigirin ein frisches Heer auf; welches die Semnoner aber- mals aufs Haupt erlegten/ und die Gallier und Massilier noͤthigte ihnen den Frieden theuer ab- zukauffen; auch dem Brennus die Stadt A- gendicum mit ihrem Gebiete/ denen Zelten aber zwischen dem Rhodan und dem Pyreneischen Gebuͤr- Arminius und Thußnelda. Gebuͤrge einen Kreiß Landes einzuraͤumen. Dahingegen setzte sich ein Theil der Semnoner umb den Berg Abnoba an der Celten statt unter dem Nahmen der Marckmaͤnner nieder. Denn der Bisuntische Koͤnig Sigwin muste seine Toch- ter dem Hertzog Brennus vermaͤhlen/ und ihm die Stadt Aventicum mit dem Landstriche zwi- schen dem Flusse Arola und Urbe zum Heyraths- Gute abtreten. Des Brennus Ehrsucht ward durch die wider die Gallier und Massilier erhal- tene Siege so wenig als das Feuer durch grosse Klufften Holtz ersaͤttiget. Sein voriger Ge- winn war nur ein Zunder der Begierde mehr zu gewinnen; und weil in Deutschland alle Lieder des Bellovesus/ des Elitoco/ des Medon und Lingo Helden-Thaten eben so/ wie des Tuisco und des Hercules heraus strichen/ hielte er sich unwerth den Fuͤrsten-Nahmen zu fuͤhren/ und seine Schwaben nicht werth: daß sie Deutschen hiessen; wenn sie nicht auch uͤber die Alpen stie- gen. Welches dazumal in Deutschland eben so hoch; als bey den Griechen/ wenn sie nach Col- chis segelten/ geachtet ward. Ja es war ihm veraͤchtlich in anderer Fußstapfen zu treten/ und daher suchte er ihm mit drey hundert tausend Schwaben einen neuen Weg/ setzte uͤber die Donau/ ging durch das nunmehr auch mit Deutschen besaͤmete Norich/ und uͤber den Berg Alpius; von dem er an dem Strome Plavis herab/ folgends durch das Gebiete der von Tro- ja an das Adriatische Meer gekommenen Vene- ter uͤber den Po fortging; und weil er es bey sei- nen Landesleuten nicht gedrange machen wolte/ am allerersten das Apenninische Gebuͤrge uͤberstieg. Die allhier ohne diß ins Gedraͤnge ge- brachten Umbrier/ welche nunmehr nicht mehr Land/ sondern alleine diesen letzten Winckel ih- res vorhin weiten Gebietes nebst der Freyheit und dem Leben zu verlieren hatten; boten mit ih- rer eusersten Macht ihm an dem Flusse Pisaurus die Stirne/ gelobten auch dem Gluͤcke an dem Adriatischen Meer auf Einrathen ihrer Wahr- sager einen Tempel. Alleine die Tapferkeit uͤber- wieget aller Oerter Vortheil/ und das Verhaͤng- nuͤß den Aberglauben. Die Semnoner setzten im ersten Anfalle an dreyen Orthen uͤber den Fluß/ und zwangen die Semnoner zu weichen. Turnus/ der Umbrier Hertzog/ hielt zwar an- fangs am Ruͤcken seines Heeres/ und draͤute den als seinen Feind zu empfangen/ welcher ihm das Antlitz/ und dem Feinde den Ruͤcken kehren wuͤr- de. Aber die Noth zwang ihn bey Zeite fuͤr seinem wanckenden Heer sich an die Spitze zu stellen. Er selbst ergrieff einen seiner Faͤhnriche/ als er gegen die Deutschen fortzuruͤcken stutzte/ bey dem Ar- me/ und fuͤhrte ihn an; einen fluͤchtigen Kriegs- Obersten erstach er mit eigner Hand. Und weil alle Umbrier fuͤr dem blossen Anblicke des wie der Blitz alles zu Bodem schlagenden Brennus zuruͤcke wiechen/ begegnete er ihm mit dem Kerne seines Adels/ mit einer Ruhms- wuͤrdigen Hertzhaftigkeit. Allein es giebet unter den Gestirnen sechserley/ unter den Helden aber noch mehr unterschiedene Groͤssen. Jeder Stern hat seine Vollkommenheit; gegen der Sonnen aber zeigen sie durch Verschwindung ihre Ge- brechen. Nicht anders ereignete sich zwischen dem Brennus und Turnus/ indem diesem von jenem nach einem merckwuͤrdigen Kampfe das Licht ausgelescht ward. Mit diesem Strei- che wurden dem Umbrischen Heere zugleich alle Spann-Adern verschnitten. Denn die hurtigsten hielten noch die Flucht fuͤr das euserste Merckmal ihrer Treue; die meisten aber/ und insonderheit die umb Sold geworbenen/ warf- fen die Waffen weg/ und fielen dem Sieger zu Fusse/ und bothen ihm als einem gluͤcklichen Uberwinder ihre Dienste an. Sintemal die/ welche nicht aus Liebe des Vaterlandes/ noch aus einem Eifer fuͤr den Wohlstand ihres Her- ren/ und aus Begierde der Ehre fechten/ sich nicht bekuͤmmern/ wem sie dienen/ sondern nur fuͤr was. Es ist nicht ohne/ fing Zeno an: daß geworbene und umb Sold dienende A a a a a 2 Kriegs- Fuͤnfftes Buch Kriegsleute ins gemein mehr auf ihren Ge- winn/ als auf ihren Ruhm/ und des Volckes Heil ihr Absehn haben/ und bey umbschlagen- dem Gluͤcke den Mantel nach dem Winde haͤngen; aber sie lassen sich hingegen leichter im Zaum halten; und koͤnnen durch lange Ubung besser ausgewuͤrckt werden/ als die des Zwan- ges ungewohnte/ und selten bestaͤndig dienende Freywillige/ oder die/ welche meist wechselsweise von den Laͤndern als ein Außschuß in Krieg ge- schickt werden. Adgandester versetzte: Kein Kriegs-Zwang/ keine Waffen-Ubung traͤgt so viel zum Siege/ als die Liebe des Vaterlandes bey; welche ich bey denen/ die aus dem Kriege eine Handlung machten/ und mit ihrem Ge- fechte wucherten/ nicht antreffe. Daher/ wenn einige Zufaͤlle/ oder auch das Unvermoͤgen der durch den Krieg ausgesogenen Laͤnder verhin- derte: daß geworbenem Kriegs - Volcke der Sold nicht auf die Stunde bezahlt wuͤrde/ lassen sie aus Traͤgheit anfangs die Haͤnde sincken; hernach gerathen sie ins Luder; und wenn man ihrer Traͤgheit und Muthwillen nicht durch die Finger sihet/ machen sie gar einen Aufstand/ legen die Hand an ihre Befehl- haber/ pluͤndern ihre Laͤnder/ die sie beschuͤtzen sol- len/ und verkauffen dem Feinde sich und ihre anvertrauten Festungen. Durch welchen Fehler Carthago in groͤssere Gefahr eines gaͤntz- lichen Untergangs gerieth/ als es in dem Roͤ- mischen Kriege kurtz vorher gewest war. Jch bin/ versetzte Zeno/ eben der Meynung; wenn Fuͤrst Adgandester die Werbung der Auslaͤn- der verwirfft/ welche freylich wohl mehr selbst zu fuͤrchten sind/ als sich auf sie zu verlassen ist. Jnsonderheit stehet ein Reich schon auf dem Fallbrete/ wenn man eitel oder groͤsten theils fremdes Kriegs-Volck auf den Beinen hat/ und mit dem Schweiß und Blute eigener Unterthanen besolden soll. Alleine man muß Buͤrger und Eingebohrne werben/ und also ein Heer mit der Liebe des Vaterlandes/ und mit der Schaͤrffe der Kriegs-Gesetze vereinbaren; Auslaͤnder aber nur in solcher Anzahl/ welcher man zum minsten dreyfach uͤberlegen ist/ zur Unterspickung in Dienste ziehen. Wenn ein Fuͤrst dieses wahrnim̃t/ wird es ihm niemals an geuͤbtem und treuem Kriegs-Volcke/ auch nie an willigem Beytrage der Kriegs-Kosten fehlen; dahingegen es schlaͤfrig hergehet/ wenn ein Kriegs-Mann sich selbst verpflegen/ oder ein Land seinen durchs blinde Looß oder unver- nuͤnftige Wahl in Krieg geschickten Ausschuß besolden soll. Das Heer sihet so denn mehr auf das Volck/ als den Fuͤrsten; und hat dieser so wenig Ansehn/ als Vermoͤgen grosse Strei- che zu thun. Daher die Roͤmer die ersten vierdtehalb hundert Jahr/ als die Buͤrger ohne Sold kriegten/ kaum etlicher geringen Land- Staͤdte sich bemaͤchtigten; nach dem sie aber bey Anxur dem Fuß-Volcke/ und im Vejenti- schen Kriege der Reiterey einen wiewohl ge- ringen Sold an schlechtem Kupfer - Gelde reichten/ spielten sie in der Helfte so vieler Zeit in dreyen Theilen der Welt des Meisters. Adgandester antwortete: Jch stelle dahin: Ob der Kriegs-Sold des Roͤmischen Wachsthum/ oder nicht vielmehr die erste Schwaͤche der Roͤ- mischen Kindschafft/ und die Schwerigkeit alles Anfangs die Hindernuͤß zeitlichern Auf- nehmens gewesen sey. Jch glaube auch wohl: daß die Besoldung des Kriegsvolcks dem Kriegs-Haupte mehr Gewalt zueigne; aber hiermit gehet auch die Freyheit auf Steltzen. Denn es ist kein sicherer Mittel einem Volcke das Seil an die Hoͤrner zu legen/ als den Adel von der Nothwendigkeit in Krieg zu zie- hen entheben/ und die Buͤrger mit geworbe- nen Kriegsleuten beschirmen. Weswegen die alten Deutschen/ Sarmater und Scythen nie- mals zu bereden gewest waͤren/ zu Hause zu sitzen/ und die Gemaͤchligkeit suͤsser Ruhe der Be- und Arminius und Thußnelda. schwerligkeit des Kriegs fuͤrzuziehen; oder viel- mehr ihre guͤldne Freyheit um den faulen Schlamm eines stinckenden Muͤßiggangs zu verkauffen. Welchen Griffs sich Kaͤyser Ju- lius meisterlich zu gebrauchen gewuͤst/ als er fuͤr dem ihm bereit im Kopffe steckenden Buͤr- ger-Kriege den Kriegs-Sold um des Heeres Gewogenheit zu gewinnen/ noch einmal so hoch gesetzt. Und August haͤtte es ihm ebenfals nachge- than. Gleichwohl aber waͤre das hierdurch ver- wehnte Roͤmische Kriegs-Volck darmit nicht veꝛgnuͤgt/ sondeꝛn es haͤtte schon mehrmals duꝛch Auffstand des Soldes Vergroͤsserung gesucht. Uber diß hieraus erwachsende Ubel waͤre der Kriegs-Sold nicht nur ins gemein auch den vermoͤgensten Laͤndern unerschwinglich/ welche mit Herbeyschaffung des Kriegs-Geraͤthes und der Lebensmittel genug zu schaffen haͤtten; son- dern er waͤre auch der Verkuͤrtzung der Zahl- meister/ der Verschwendung der Kriegs-O- bersten/ und andern so vielen Unterschlieffen unterworffen: daß die scharffsichtigste Auffsicht der redlichsten Befehlhaber selbten zu steuern viel zu unvermoͤgend waͤre. Das alleraͤrgste a- ber waͤre: daß so denn unter denen Fahnen un- zehlbare blinde Luͤcken blieben/ und dem Feld- herrn tausend nie in der Welt geweste Und in- ge/ oder die Nahmen der laͤngst Verstorbenen fuͤr Kriegsleute verkaufft/ derselben Sold in fremde Beutel gestrichen/ und durch diese Blendung die Fuͤrsten eines auff den Rollen starcken/ im Felde aber schwachen Heeres zu unvernuͤnfftigen und hoͤchstschaͤdlichen Ent- schluͤssungen verleitet wuͤrden. Welcher Be- trug hingegen mit Benehmung der Gelegen- heit von dem Solde schnoͤden Gewinn zu ma- chen hinfiele/ und also viel heilsamer waͤre: weñ ein Kriegs-Heer nur mit auskommentlichen Le- bensmitteln Kleidern und Waffen versorgt; die tapffern aber wegen ihrer Verdienste an- sehnlich belohnet; und derogestalt nichts min- der die feigen von den Hertzhafften unterschie- den/ als die tugendhafften durch andereꝛ Hervor- zuͤckung zu Nachthuung gleichmaͤßiger Hel- denthaten angereitzt werden. Diese Eyver- sucht ist der beste Sporn zu grossen Verrich- tungen/ und die Ehre der wuͤrdigste Sold der Kriegs-Leute; unter denen die Edelsten so begie- rig nach einem Krantze von eichenem Laube o- der Lorber-Zweigen gestrebt haben: daß sie auch vergessen die zu ihrem Begraͤbnisse noͤthige Un- kosten zu hinterlegen. Auff diese Art zahlete auch der großmuͤthige Brennus sein siegendes Kriegs-Volck aus/ durch welches er ihm nach obiger Niederlage mit weniger Muͤh nicht nur das Land vom Flusse Utis biß an den Strom Aesis/ sondern auch die Umbrier unterwuͤrf- fig machte; welche einem so grossen Helden zu gehorsamen ehe fuͤr Gluͤck als Verlust hielten. Also ist auch in Feinden die Tugend ein Ma- gnet der Gewogenheit/ und eine Bezauberung der Seelen. Brennus baute zum Gedaͤcht- nisse an dem Meer-Strand bey dem Einflus- se des Misus-Stroms/ eine Stadt/ und nennte sie nach seinem Volcke Semnogallien; befe- stigte seine neue Herrschafft mit Gerechtigkeit/ und erlangte in Jtalien fuͤr allen andern Haͤu- ptern das groͤste Ansehen. Dieses veranla- ste einen Hetrurischen Edelmann aus der Stadt Clusium/ Aruntes: daß er zum Bren- nus kam/ und so wohl wider den Rath wegen versagten Rechtes/ als wider seinen Pflege- Sohn Lucumon/ der sein Ehebette besudelt hatte/ Rache und Huͤlffe soderte. Brennus aͤrgerte sich nach seiner deutschen Art so wohl uͤber ein-als dem andern Laster; als bey wel- chem die Straffe der versehrten Keuschheit auf der Fersen folget/ und unnachlaͤßlich ist; und niemand wie die zu Clusium/ aus dem Ehe- bruche ein Gelaͤchter macht. Gleichwohl a- ber schickte er nach Clusium/ und verlangte den Lucumar entweder nach aller Voͤlcker Rech- ten zu straffen/ oder ihn ihm ausfolgen zu las- A a a a a 3 sen. Sechstes Buch sen. Weil aber niemand daselbst im Rathe saß/ der nicht mit dem Ubelthaͤter befreundet oder geschwaͤgert war; wiesen sie die Botschaft mit veraͤchtlicher Antwort ab: daß sie nicht wuͤ- sten/ wer den Brennus zu ihrem Ober-Richter bestellt haͤtte. Sie klagten auch alsofort denen andern eilf mit ihnen in einer Eyd-Genossen- schafft stehenden Hetrurischen Staͤdten: daß Brennus sich mit Gewalt an sie riebe/ und nur Gelegenheit auch die Hetruꝛier unter sein Joch zu bringen suchte; also moͤchten sie bey Zeiten nicht nur auff ihre allgemeine Beschirmung vorsinnen; sondern auch ihre Waffen verein- baren um diese Raͤuber wieder uͤber die Alpen zu jagen. Sintemal es doch nichts minder besser als ruͤhmlicher waͤre/ sein Pferd an seines Feindes Zaum binden. Und der/ welcher des Feindes zu Hause wartete/ bekennte schon: daß er ihm nicht gewachsen/ auch nichts zu gewin- nen/ sondern nur nicht zu verspielen gesinnt waͤre. Hiermit zohen die Hetrurier unter dem Fuͤrsten Lars zu Clusium (als welche un- ter denen zwoͤlff verbundenen Staͤdten damals gleich die Reye der Ober-Herrschafft traff) in Eil ihre Macht zusammen/ und besetzten gegen Umbrien auff dem Apennin nicht nur alle Ein- gaͤnge; sondern uͤberfielen auch unterhalb des Aesischen Brunnen drey hundert die Graͤntze bewachende Semnoner; richteten an dem Or- te der Niederlage einen Steinhauffen auf/ und nennten ihn das Begraͤbniß der Gallier. Brennus schickte ein Theil seines Heeres da- selbsthin; theils der Hetrurier Einbruch zu steu- ern/ theils sich anzustellen/ als ob die Semno- ner gegen Helvillum einbrechen wolten. Er hingegen ließ in Umbrien ein Auffbot an den Fluß Metaurus ausruffen/ auff welches alle streitbare Mannschafft bey Verlust des Lebens zu erscheinen verbunden ist; so gar: daß auch die zuletzt oder zu spaͤt sich stellenden in aller An- gesichte durch allerhand Pein auffgeopffert wer- den. Aus diesen machte Brennus einen star- cken Ausschuß/ wendete sich mit der groͤsten Macht gegen dem Ursprunge des Arnus/ all- wo ihm Aruntes einen Weg uͤber den Apen- nin zeigte/ durch welchen er bey Aretium so un- verhofft ankam: daß als die Clusier hiervon Zeitung kriegten/ sie hieruͤber lachten/ und frag- ten: Ob die Semnoner sich in Kranche/ wie die Ripheischen Voͤlcker in Woͤlffe verwan- deln/ und uͤber die Berge fluͤgen koͤnten. Der Glaube aber kam ihnen zeitlich in die Hand. Denn sie erfuhren wenig Stunden darnach: daß Aretium mit Sturm uͤbergegangen/ und alle Einwohner durch die Schaͤrffe der Deut- schen Schwerdter gefallen waͤren. Lars ver- ließ hieruͤber die Engen des Apennin/ und eil- te uͤber Hals und Kopff seinem brennenden Vaterlande zu. Er traff auff den gerade ge- gen Clusium anziehenden Brennus bey Cor- tona. Der bereit empfundene Verlust reitzte ihn zu einer geschwinden Rache/ und er meinte: weil das Amt eines Kriegs-Mannes schlagen waͤre; muͤste nicht schlagen ein Merckmal eines Feigen seyn. Da doch zur Unzeit eine Schlacht liefern/ die schlimmste Thorheit eines Vermes- senen; und ohne Schwerdtstreich uͤberwinden ein Meisterstuͤcke der Klugen ist. Weil nun Brennus dem Lars an Kriegs-Wissenschafft die Semnoner den Hetruriern an Tapfferkeit uͤberlegen/ jene auch noch ausgeruhet/ diese muͤ- de waren/ und einen vortheilhafften Ort mit dem Winde bereit eingenommen hatten/ war es den Deutschen unschwer sich des Sieges zu bemeistern. Mit denen fluͤchtigen Hetruri- ern drangen die Uberwinder mit in die von den Lydiern erbaute Stadt Croton oder Cortona/ und erlangten derogestalt in einem Tage einen zweyfachen Sieg. Lars zahlte selbst seine U- bereilung mit Einbuͤßung seines Lebens; A- runtes aber ward von seinen eingeholeten Deutschen im Gedraͤnge durch die Pferde zer- treten. O eine gerechte Straffe der Goͤtter! fing Zeno an uͤberlaut zu ruffen/ daß der/ wel- cher Arminius und Thußnelda. cher sein Vaterland durch fremde Macht in Kloß treten wollen; ehe er diese grausame Freude erlebt/ selbst so schaͤndlich in Koth ge- druͤckt worden! Rhemetalces fiel ein: hat denn nicht Aruntes eine billiche Ursache sich an dem undanckbaren Lucumar/ und seinem ungerech- ten Vaterlande zu raͤchen gehabt? Hat nicht Lucumar ein Laster begangen/ dessen Flecken durch keine andere Seiffe als durch Blut ab- zuwaschen sind? Haben nicht die Clusier durch ihr Unrecht das Recht der Voͤlcker verletzt; und sich dem beleidigten Aruntes zu einem Stieff- Vater gemacht? Es ist beydes wahr/ versetzte Zeno. Aber hat sich gantz Clusium am Arun- tes versuͤndigt? Jst er versichert gewest: daß keine Seele seine Beleidigung unbillige? Sol- len die nun leiden/ die ihm im Hertzen recht gaben/ und seine Richter verdammten? Wenn aber auch schon eine gantze Stadt verbricht; ist doch nicht ein ieglicher zu straffen. Am we- nigsten aber ist ein beleidigter Buͤrger berech- tigt sein Unrecht gegen sein Vaterland zu raͤ- chen. Man muß wie wohlgearthete Kinder auch die unverdienten Streiche der Eltern ver- schmertzen. Denn die Liebe gegen das Va- terland soll reichlicher abgemaͤssen werden/ als die gegen die Bruͤder/ oder gegen die Eltern; und der gegen die Goͤtter am nechsten kom̃en. Sintemal wir wohl ohne unsere Blutsfreun- de/ nicht aber nach untergehendem Vaterlande bestehen koͤnnen. Diesemnach der von Rom verwiesene Camillus nicht ruͤhmlicher sein undanckbares Vaterland beschaͤmen konte/ als da er es von den Galliern errettete. Und der ins Elend gejagte Themistocles uͤbte zugleich gegen sein Vaterland eine Wohlthat und Ra- che aus/ da er sich um nicht wider selbtes den Persen zu dienen durch geopffertes Ochsen- Blut toͤdtete; indem er durch sich selbst Athen zwar eines grossen Feindes/ aber auch eines unvergleichlichen Sohnes beraubte. Cimon vergalt die ihm und seinem wohlverdienten aber im Kercker erstickten Vater angehenck- ten Feßel mit unvergeltbaren Wohltha- ten. Als auch gleich der unschaͤtzbare Hanni- bal sein vergeßliches Carthago mit dem Ruͤcken anzusehen gezwungen ward/ hieng und neigte er ihm doch biß in seinen Tod das Hertze zu/ und bemuͤhete sich die gantze Welt wider Rom in Harnisch/ und durch dessen Fall sein Va- terland wieder empor zu bringen. Wenn man aber auch gar sich zu uͤberwinden ent- weder nicht vermoͤgen/ oder zu raͤchen allzu grosse Ursache hat; soll unsere Empfindligkeit nicht zu des Vaterlandes Verderb/ sondern nur zu seinem Erkaͤntniße angesehen seyn. Auf diese Art raͤchte Scipio sonder Schaden sich an Rom; als er seine Todten-Asche lieber den geringen Lintern/ als dem Haupte der Welt goͤnnte/ und zu einem ewigen Verweiß auf sein Grab schreiben ließ: Undanckbares Va- terland! Es ist dir nicht so gut wor- den meine Gebeine zu besitzen. Die- se Rache erfolgte erst nach seinem Tode/ als er dieser Stadt nicht mehr wohlzuthun maͤchtig war. Gleichwohl aber war diese sanfftmuͤthi- ge Rache nachdruͤcklicher/ als des Coriolans/ der sein Vaterland fuͤr Furcht gleichsam in ein Bocks-Horn jagte. Er entzoh Rom nichts/ als seine Asche/ sie zu erinnern: daß sie selbst nicht zu Asche worden; und daß der Roͤmi- schen Buͤrger Augen der Gluͤckseligkeit nicht wuͤrdig waͤren/ seine Todten-Asche mit ihren Thraͤnen anzufeuchten. Gleichwol aber stachen dieser Grabeschrifft wenige Buchstaben tieffer in der Roͤmer Hertzen/ als keine Spieße einiger Verraͤther zu thun vermocht haͤtten; und er vergroͤsserte sich durch Verachtung seiner Schmach mehr; als da er Rom zur Frau- en/ und Africa zu einer ihrer Maͤgde machte. Brennus zohe nach erobertem Siege mit dem groͤsten Theile des Heeres gerade nach Clusi- um/ um sich des Hauptes der Hetrurier im er- sten Sechstes Buch sten Schrecken zu bemaͤchtigen/ nach welchem so denn die andern Glieder sich gleichsam von sich selbst legen muͤsten; das andere Theil aber setzte uͤber den Clusischen See/ eroberte Betur- gia/ und einen grossen zwischen dem Fluße Umbro gelegenen Landstrich. Die Belaͤger- ten meinten den Brennus nunmehr durch Lie- ferung des schuldigen Lucumar zu besaͤnfftigen; liessen ihn daher durch eine Gesandtschafft ge- bunden ihm einhaͤndigen; und um Friede An- suchung thun. Brennus waͤre beynahe da- mit vergnuͤgt gewest/ wenn nicht der uͤber sei- nem Laster vernommene Lucumar fuͤrgeschuͤtzt haͤtte: daß er durch seinen Ehebruch nichts wider die Sitten der Hetrurier und anderer Tyrrhener gehandelt haͤtte/ bey welchen ihre Kinder von der Wiegen an aufs zaͤrtlichste er- zogen und zur Geilheit abgerichtet/ auch die welche in der Wollust am sinnreichsten und ver- moͤgend waͤren/ fuͤr die Edelsten verehret wuͤr- den. Sie liessen sich bey Tische nichts anders als von nackten Dirnen bedienen; alle Weiber waͤren gemein; und die/ welche man gleich fuͤr Ehweiber erkiesete/ moͤchten andere Maͤnner in der ersten Anwesenheit ohne Scheu zulassen. Den Beyschlaff verrichteten sie offentlich in al- ler Augen/ und hielten ihnen noch Seitenspiele darzu. Daher auch die Kinder wegen Ungewiß- heit ihrer Vaͤter gemein waͤren/ und aus den Einkuͤnfften des gemeinen Wesens erzogen wuͤrden. Nur der Adel und Poͤfel waͤren hierin- nen unterschieden; weil jener nur mit diesem sich zu vermischen fuͤr Laster hielte. Daher weder der gramhaffte Aruntes wider ihn so eifersuͤchtig zu seyn/ noch die nicht reineren Clusier ihn zur Straffe auszulieffern Ursach gehabt haͤtten. Brennus hoͤrte diese abscheuliche Lebens-Art nicht ohne Entsetzung an/ fragte daher die Clu- sischen Gefandten: Ob sich alles erzehlter mas- sen verhielte. Diese meinten ihre Unart zwar zu vermaͤnteln/ unter dem Vorwande: daß fuͤr Alters es zwar also gewest/ und diese Lebens-Art mit vom Fuͤrsten Tyrrhenus/ oder Tarchon nach Croton aus Lydien/ woher die Hetrurier entsprossen/ gebracht worden waͤre/ nunmehr a- ber die Sitten sich um ein merckliches gebessert haͤtten; und wuͤrde nur noch nach eingefuͤhrtem Spartanischen Gesetze/ denen heyrathenden Alten auffgelegt: daß sie zu Bedienung ihrer jungen Frauen einen hurtigen Juͤngling un- terhalten/ und ihre Kinder fuͤr die eigenen an- nehmen muͤsten. Brennus ward uͤber so aͤr- gerlichen Gesetzen und Sitten auffs hefftigste entruͤstet; Befahl also: daß die Gesandten selbi- gen Augenblick sich aus dem Lager in die Stadt zuruͤck ziehen solten. Denn er waͤre nicht ge- meint fuͤr eines gantzen Volckes so abscheuliche Boßheit den einigen Lucumar Gott zu einem Versoͤhn-Opffer abzuschlachten; sondern die Missethaͤter alle zu straffen. Der Clusier Schre- cken ward durch diese Bedraͤuung in eine Ver- zweiffelung verwandelt; also: daß sie sich biß auf den letzten Blutstropffen zu wehren entschlos- sen; sonderlich da die andern Hetrurischen zehn Staͤdte sie des Entsatzes in geheim versicher- ten/ und die Obersten der Stadt/ derer keiner allhier so wenig als zu Sparta ohne die Wis- senschafft aus dem Vogel-Geschrey zu wahrsa- gen in Rath kommen konte/ das Volck versi- cherten: daß Clusium nicht eingenommen/ Rom aber fuͤr sie ein Soͤhnopffer werden wuͤrde, sin- temal ein Falcke/ welcher einer Taube/ die Clusium und die Lydier zu ihrem Zeichen fuͤhr- ten/ nacheilte/ selbte fahren ließ/ und sich uͤber ei- nen ihm in Wurff kommenden Adler machte/ und selbten zerfleischte. Rhemetalces fing an: Es hat diese Weissagung/ so viel ich weiß/ auch hernach eingetroffen/ und ist die Begebenheit derselben nicht unaͤhnlich/ da aus des Brutus des Kaͤysers und Antonius zweyen gegeneinan- der stehenden Laͤgern zwey Adler gegen einan- der empor flogen; und der auff des Brutus Seite verspielende auch des Brutus Niederla- ge andeutete. Erato brach ein: Sie waͤre wol des Arminius und Thußnelda. des Geschlechts/ welches man insgemein des Aberglaubens beschuldigte; aber es waͤre ihr die Art aus der Vogel unvernuͤnfftigem Beginnen kuͤnfftige Zufaͤlle vorzusehen allezeit sehr ver- daͤchtig fuͤrkommen. Denn woher solten die Vogel fuͤr andern Thieren/ insonderheit aber fuͤr den Menschen/ welche Gott mit der Ver- nunfft als einem Funcken seines Lichtes be- theilt/ ein Vorrecht haben? Malovend ant- wortete: Es ist diß nichts unglaubliches; weil die Natur auch in vielen andern Dingen/ als in Schaͤrffe der eusserlichen Sinnen/ und in Laͤn- ge des Lebens denen Thieren fuͤr dem Men- schen einen Vortheil gegoͤnnet. Jnsonder- heit aber scheinen die Voͤgel eine Eigenschafft zu haben: daß ihre Augen eben so wohl fuͤr uns in Goͤttliche Versehung als die Adler in die Sonne einen Blick thun koͤnnen. Die Fincke kuͤndigt uns das Winter-Wetter/ die Schwalbe den Fruͤhling/ der Kuckuck den Sommer/ die Schnepffe den Herbst/ der Hahn mit seinem offt und zur Unzeit geschehe- nem Kraͤhen den Regen/ der Sperling mit sei- nem Morgengeschrey Ungewitter/ die hoch aber stille fluͤgenden Kranche heimlich Wetter/ die gleichsam bellenden Raben Wind/ die im San- de sich badenden Reiger/ und die schnatterden Gaͤnse Platzregen an. Zeno warff ein: diß waͤren alles natuͤrliche Dinge/ welche aus Ver- aͤnderung der Lufft/ aus Auffschwellung des Wassers/ und Auffdampffung der Duͤnste nicht nur von den Thieren/ sondern auch von einfaͤl- tigen Ackersleuten durch die Erfahrung wahr- genommen werden koͤnten. Kuͤnfftige unge- wisse Zufaͤlle aber vorsehen/ wo weder Sinnen noch Scharffsinnigkeit einigen Einfluß oder Ursache ergruͤnden kan/ ist was goͤttliches. Da- her auch er auff der Vogel Flug/ Geschrey oder Speise einiges Absehen zu setzen fuͤr gefaͤhrlich/ oder auch gar fuͤr eiteln Aberglauben hielte. Rhe- metalces begegnete ihm: wie kommts denn: daß so viel nachdenckliche Anzeigungen der Voͤgel so genau eingetroffen? Jst es ungefehr geschehen: daß der Rabe auff des Cicero Vorwerge bey Ca- jeta den eisernen Weiser an der Uhr fortruͤckte/ an dem Saume seines Rockes nagte/ da er bald darauff ermordet ward? Deutete nicht ein auff dem Dache sitzender Adler durch allerhand Ge- behrdung desselbigen nahen Einfall an? Such- ten nicht drey Raben durch Abwerffung eines Dach-Ziegels den Tiberius von Besuchung des Capitolium abwendig zu machen; auff dem er vom Priester Scipio Nasica erschlagen ward? Kuͤndigten nicht die aus dem Gebauer zu gehen sich weigernden Huͤner dem Junius den Ver- lust seiner Schiffleute an? Zwangen nicht zwey Raben durch ihre gewaltsame Widersetzung den Priester Metellus zu Hause zu bleiben: daß er aus dem kurtz darauff brennenden Tempel der Vesta das Bild der Pallas rettete? Zeno versetzte: Es kan wohl seyn: daß zuweilen ein- und andere Muthmassungen hierinnen eintref- fen. Aber lassen sich wohl dieselben/ welche fehl geschlagen haben/ zehlen? Wie viel haben solche Zeichen veraͤchtlich in wind geschlagen/ gleich- wohl aber ihr Fuͤrnehmen gluͤcklich ausgefuͤhrt? Kaͤyser Julius verlachte alle solche Andeutun- gen/ welche ihm den Zug wider den Scipio und Juba/ wie auch die Farth in Asien widerriethen; gleichwohl aber war er niemals gluͤcklicher als selbige mahl. Und der grosse Alexander ließ sich Aristanders Ungluͤcks-Zeichen von deꝛ gluͤck- lichen Erlegung der Scythen nichts irre ma- chen. Am allerkluͤgsten aber halff der beym gros- sen Alexander befindliche Jude Mosomachus dem auff dem Zuge nach Babylon stutzenden Heere fort/ als er den stille sitzenden Vogel/ mit welchem/ der Wahrsager Gesetze nach/ es auch unbeweglich bleiben solte/ mit einem Pfeile vom Baume schoß/ und den erzuͤrnten Wahrsagern einhielt: Sie solten doch nicht glaͤuben: daß der Vogel/ welcher nicht sein eigenes Ungluͤck vor- gesehen haͤtte/ fremdes haͤtte wissen koͤñen. Was kan hierunter nicht fuͤr Betrug fuͤrgehen; und Erster Theil. B b b b b hat Sechstes Buch hat nicht jener Carthaginenser sich durch abge- richtete Voͤgel gar fuͤr einen Gott ausruffen las- sen? Ja wie soll diß auff was bestaͤndiges zu gruͤnden seyn/ das so gar widrig ausgedeutet wird? Die Hetrurier geben bey dem Vogel- Fluge auff Ost/ die Roͤmer auff West/ die Deut- schen auff den Nord acht. Die Eule ist den A- theniensern ein Gluͤcks-den Roͤmern ein Un- gluͤcks-Vogel; und sie solte ihre Niederlage bey Numantia angekuͤndigt haben. Die auff des Hiero Spieß sitzende Nacht-Eule soll ihm die Koͤnigliche Wuͤrde angedeutet; und des Aga- thacles Heer als ein Siegs-Zeichen auffgemun- tert/ hingegen aber/ als sie sich auff des Pyrrhus Lantze gesetzet/ ihm den Tod bedeutet haben. Die- semnach sich Cato wunderte: daß die Wahrsa- ger/ welche auff die Voͤgel acht haͤtten/ nicht selbst uͤber ihre Eitelkeiten oder Betruͤgereyen lachen muͤsten. Und Hannibal verwieß es dem Koͤ- nige Prusias ins Antlitz: daß er einem Stuͤcke Kalbfleische/ und einer unvernuͤnfftigen Eule mehr/ als einem erfahrnen Feldhauptmanne Glauben beymaß. Hingegen wurden Ma- mertius und Amilcar von den Vogeln und de- nen/ welche ihre Sprache zu verstehen/ und aus fremdem Gehirne mehr als aus eigenem zu veꝛ- stehen meinten/ hefftig betrogen; indem jener zwar ins feindliche Laͤger/ dieser in Siracusa/ beyde aber als Gefangene darein kamen. Der Mißbrauch eines Dinges/ antwortete Adgan- dester/ macht die Sache und den rechten Ge- brauch nicht alsofort verwerfflich. Der Unter- scheid in Auslegungen solcher Zeichen hat auch nichts zu bedeuten. Sintemal die Voͤgel nicht aus ihrer eigenen Wahl die Menschen leiten/ auch nicht des albern Poͤfels Meinung nach/ ih- res hohen Fluges halber die goͤttlichen Rath- schluͤsse ausforschen; sondern Gott leitet die Vo- gel: daß sie nach der Auslegung ein oder andern Volckes ihren Flug oder ihr Geschrey zur Nach- richt kuͤnfftiger Begebnisse einrichten. Sind al- so die Voͤgel auff eben die Art/ als die Traͤume/ oder die Wahrsager-Bilder/ wie auch die weissa- genden Tauben zu Dodona Werckzeuge goͤttli- cher Offenbarungen. Dieser haͤtte sich das tieffste Alterthum/ und fast alle Voͤlcker der Welt/ Deu- caleon auch schon in der grossen Wasser-Ergies- sung einer Taube und eines Rabens bedienet. Wiewohl auch die Deutschen aberglaͤubischen Dingen sehr unhold sind; so haben sie doch nichts minder die Wahrsagung der Voͤgel von un- dencklicher Zeit hoch gehalten/ und in dieser Weißheit sich geuͤbet. Und ob unsere weisen Frauen zwaꝛ auch aus dem Geraͤusche des Was- sers kuͤnfftig Ding zu sagen wissen; verdient doch jene Weissagung groͤssern Glauben/ und weicht keiner andern/ als die/ welche aus dem Wiegern und der Bewegung der weissen heiligen Pferde angemerckt wird. Zeno begegnete ihm: Es be- fremdet mich: daß die in Glaubens-Sachen sonst so maͤßigen Deutschen hierinnen so leicht- glaͤubig sind; indem doch darbey so wenig Ge- wißheit zu finden und kein Alterthum die Jrr- thuͤmer zur Warheit macht. Jch widerspreche zwar nicht: daß die Goͤtter nicht offtmahls den Menschen kuͤnfftige Dinge zu ihrer Warni- gung offenbaren; aber den Vorwitz von sich selbst in die Geheimnisse des ewigen Verhaͤngnißes zu sehen/ weiß ich wohl nicht zu billichen. Denn die Wissenschafft kuͤnfftiger Begebnisse ist ein Vorrecht der Goͤtter. Und unser Polemon hat durch sein trauriges Ende diese Vermessenheit augenscheinlich gebuͤsset/ der Welt aber ein Bey- spiel gelassen: daß die/ welche hierinnen Luchs- Augen zu haben vermeinen/ weniger als die Maulwuͤrffe sehen. Adgandester fing hierauf mit einer laͤchelnden Bescheidenheit an: Gleich- wohl aber traff der Hetrurischen Wahrsager An- deutung ein. Denn die belaͤgerten Clusier/ welche fuͤrtreffliche Kuͤnstler und Baumeister waren/ also: daß sie die Roͤmer darmit versorgten/ hiel- ten die Semnoner mit Fallbruͤcken/ grossen Schleudern/ und insonderheit mit unglaublich geschwinder Ausbesserung der zerschelleten Mau- Arminius und Thußnelda. Mauren so lange auff: biß die Hetrurischen Bundsgenossen bey der Stadt Herbon eine an- sehnliche Macht wieder zusammen zohen. Jn- zwischen war die Gesandtschafft der Stadt Clu- sium auch zu Rom ankom̃en/ welche um Huͤlffe bewegliche Ansuchung that/ und fuͤr sich anfuͤhr- te: Ob sie schon mit einander nicht in Buͤndniße staͤnden/ haͤtten sie sich doch mit den Roͤmern ie- derzeit in Freundschafft zu leben beflissen; also: daß sie auch den Vejentern ihren Bluts-Ver- wandten nicht wieder sie beystehen wollen; in welchen Faͤllen auch unverbundenen Freunden wider ungerechte Gewalt beyzustehen das Recht der Voͤlcker erlaubte/ weñ schon die Huͤlffe nicht ausdruͤcklich waͤre versprochen worden. Uber- diß haͤtten die Roͤmer aus selbsteigener Staats- Klugheit Ursache/ dem Wachsthume dieser wil- den Voͤlcker/ welche gleichsam zu Ausrottung des menschlichen Geschlechtes gebohren zu seyn schienen/ und den Maßiliern als Roͤmischen Bundgenossen so grosses Leid angethan haͤtten/ bey zeite zu begegnen. Denn es stuͤnde nicht nur die Stadt Clusium/ sondern gantz Hetrurien in Gefahr; welchem die Stadt Romihren Gottes- dienst/ ihre Kuͤnste/ und den fuͤrtrefflichen Koͤnig Tarqvinius zu dancken haͤtte. Die Roͤmer schlu- gen der Stadt Clusium die gebetene Huͤlffe zwar ab/ weil die Semnoner sie noch mit nichts beleidigt/ mit den Maßiliern Friede gemacht hatten/ und des Nachbars blosse Vergroͤsserung keine genugsame Ursache waͤre selbten zu bekrie- gen; iedoch schickten sie des Marcus Fabius Am- bustus drey Soͤhne in Botschafft an den Bren- nus um selbten zu bewegen: daß er von Bekrie- gung der Clusier/ welche ihres Wissens die Sem- nonier nicht beleidiget haͤtten/ abstehen moͤchten. Brennus empfing in dem praͤchtigen Jrrgar- ten/ welchen Koͤnig Porsena an dem See bey Clusium zu seinem Begraͤbniß-Mahle aus ei- tel viereckichten Marmelsteinen gebaut/ und mit Wunderholen Seulen besetzt hatte/ die Roͤmi- schen Gesandten auffs hoͤfflichste/ hoͤrete sie mit Gedult an/ und antwortete ihnen: die Roͤmer waͤren ihm zwar ein unbekandter Nahme/ ie- doch hielte er sie fuͤr tapffere Leute/ weil die Clu- sier in ihrer hoͤchsten Noth auff ihren Beystand so grosses Vertrauen gesetzt/ und sie nicht alsbald aus blindem Eifer die Waffen ergriffen/ sondern vernuͤnfftiger ihren Freunden durch diese Ge- sandschafft an der Hand gestanden haͤtten. Jn Ansehung solcher Vermittelung wolte er den Clusiern/ welche wieder die Semnoner nicht nuꝛ den Maßiliern/ sondern auch den Umbriern Huͤlffe geleistet/ auch sie zum ersten beleidigt haͤtten/ den Frieden goͤnnen/ mit dem Bedinge: daß die biß an den Fluß Umbro/ und denen neu- en Saͤulen gelegene Aecker/ welche sie ihren Fein- den durch Kriegsrecht abgewoñen/ ihnen veꝛblei- ben muͤste. Stuͤnde diß aber den Clusiern nicht an/ wolte er in Anwesenheit der Gesandten/ mit seinen Feinden schlagen/ wormit sie zu Rom be- richten koͤnten/ wie weit die Semnoner andere Sterblichen an Tapfferkeit uͤbeꝛtreffen. Die all- zu hitzigen Fabier versetzten mit ziemlichen Un- geberden: Was die Semnoner in Hetrurien zu schaffen haͤtten? Woher sie ihnen fremde Aecker zueignen koͤnten? Ob sie nicht sich mit den Mas- siliern und Umbriern verglichen? Ob unter dem Frieden nicht auch die Bunds-Genossen still- schweigend eingeschlossen waͤren? Wer dem Brennus einen Gerichts-Zwang uͤber den Lu- cumar und andere Buͤrger zu Clusium verlie- hen? Brennus lachte nur uͤber der Unbeschei- denheit dieser Gesandten/ und schlug auff sein Degen-Gefaͤße/ sagende: Jn dieser Scheide ste- cket meine Berechtsamkeit; und die gantze Welt ist streibarer Helden Eigenthum. Folgenden Tag naͤherte sich das zu Pallia versam̃lete Hetrurische Heer/ welchem Brennus mit seinen Belaͤgerern hertzhafft die Stirne bot. Die Fabier aber liessen sich wider die Wuͤrde ih- res tragenden Amts/ wider aller Voͤlcker Recht/ das allen Gesandten alle Feindseligkeiten wider den/ zu dem sie geschickt sind/ auszuuͤben verbeut/ B b b b b 2 zu Sechstes Buch zu Heerfuͤhrern der Clusier brauchen; ja einer unter ihnen hatte das Gluͤcke einen Obersten der Semnoner/ Brand geneñt/ als dieser dem Fein- de die Haupt-Fahne auszureissen bemuͤht war/ mit einer Lantze zu durchrennen/ und ihn seiner Waffen zu berauben; woruͤber dieser Roͤmer von Semnonern auch erkeñet ward; indem ein Semnonischer Edelmann herzu rennte/ und den Fabius nicht allein den Raub im Stiche zu lassen zwang/ sondern ihm auch seine Streitaxt auswand. Weßwegen ihm Brennus wegen eines darauff gemahlten goldenen Ochsens den Nahmen Gold-Axt/ und den Ochsen zu seinem Krieges-Zeichen gab. So bald nun die Clusier sich theils in die Stadt/ theils auff die Schiffe in den Clusischen See gefluͤchtet hatten/ schickte Hertzog Brennus eine Botschafft nach Rom/ durch welche er ihm die Fabier/ als Verletzer des Voͤlcker-Rechts/ auszufolgen verlangte. Ob nun wohl der Roͤmische Rath ihr Beginnen we- der loben noch entschuldigen konte/ so brachte es doch das Geschlechte der Fabier durch ihr Anse- hen und Reichthum bey dem Volcke so weit: daß der Rath dem Brennus nicht allein kein Recht verhalff/ sondern die Semnoner mit ei- nem Stuͤcke Geldes befriedigen wolte; welches die Gesandten als eine bey den Deutschen ver- aͤchtliche Wahre anzunehmen weigerten; als bey denen es ungewoͤhnlich waͤre/ die gerechte Ra- che um unnuͤtzes Ertzt zu verkauffen. Ja der Roͤmische Poͤfel/ welcher insgemein die hitzigsten Entschluͤssungen fuͤr die kluͤgsten/ und Wagehaͤl- se fuͤr die groͤsten Helden haͤlt/ erklaͤrte die Fried- brecheꝛ auf folgendes Jahꝛ gaꝛ zu Kriegsobersten. Also verblendet das Gluͤcke die Gemuͤther der Menschen/ wenn es iemanden seinem bestim̃ten Untergange nicht wil entkommen lassen. Die hieruͤber nicht unbillich verbitterten Semnoner hoben auf diese Zeitung alsbald die Belaͤgerung der Stadt Clusium auff/ und nachdem sie vorher des Porsena praͤchtiges Grabmal eingeaͤschert/ zohen sie den geraden Weg auff Rom zu/ setzten aber unvermerckt unter dem Berge Soracte uͤ- ber die Tiber. Den dritten Tag/ als inzwischen das gantze fluͤchtige Latium mit Schrecken der Stad zueilte/ uñ von der Feinde Ankunft Nach- richt brachte/ welche die Goͤtter durch den Mar- cus Coͤditius zwar vorher geweißagt/ die Roͤmer aber veraͤchtlich in Wind geschlagen hatten/ be- gegneten die Fabier/ Sulpitius Longus/ Qvin- tus Servilius und andere mit dem Roͤmischen Heere bey dem Fluße Allia den Semnonern. Jene stellten ihre Legionen mitten in die Flaͤche/ die Huͤlffs-Voͤlcker aber an beyden Seiten auff erhobene Huͤgel. Der Kriegsverstaͤndige Bren- nus trieb zum ersten mit seiner deutschen Reute- rey/ welche in der gantzen Welt damals schon/ wie das Spanische Fuß-Volck/ fuͤr andern be- ruͤhmt war/ den Feind von den Huͤgeln/ wormit sie bey dem Treffen ihm nicht konten in die Sei- ten fallen; welche aber bald die Fersen kehrten. Hirmit fielen die Semnoner in die Roͤmischen Legionen auff allen Seiten ein; allein weder Fuͤhrer noch Kriegsknechte vermochten die blos- sen Gesichter der ergrimmten Semnoner ver- tragen; ergriffen also ohne einige Gegenwehre eine so blinde Flucht: daß sie ihren eigenen Hin- terhalt uͤber Hauffen rennten/ ja daß das groͤste Theil verzweiffelt durch die Tiber schwem̃te/ und in die feindliche Stadt der Vejentier sich zu be- geben nicht scheuete. Der gantze lincke Fluͤgel warff fuͤr Schrecken die Wasfen weg/ und stuͤrtz- te sich in den Tiber-Strom; also: daß die Sem- noner anfangs nicht wissende: Ob die Roͤmer aus Zagheit oder einer Kriegslist so schimpfflich wichen/ sie zu verfolgen Bedencken trugen/ her- nach aber die ereileten Fluͤchtigen nur zu schlach- ten hatten/ und von dem Heere nicht ein Bothe nach Rom kam. Die Semnoner schnitten den Todten dreißig tausend Koͤpffe ab/ hingen sie an die Maͤnen ihrer Pferde/ und bauten hernach fuͤꝛ der Stadt Rom einen abscheulichen Thurm dar- von. Folgenden Morgen kamen sie mit dem Vordrab fuͤr Rom/ funden selbte zwar offen/ uñ unverwachet/ scheueten aber aus Beysorge eines verborgenẽ Hinterhals sich derselben zu bemaͤch- tigen. Arminius und Thußnelda. tigẽ. Wie nun aber die gantze Macht dar ankã/ sie auch sich nirgendswo das minste ruͤhren hoͤr- ten/ drangen sie durch die Collinische Pforte mit grossem Geschrey in die Stadt; fanden aber al- lenthalben eine wuͤste Einsamkeit/ in dem sich alle Weiber und Kinder des Nachts vorher an ande- re Orte/ die streitbare Mannschafft aber un- ter dem Manlius aufs Capitolium gefluͤchtet hatten. Jn den innersten Gemaͤchern alleine fanden sie die alten verlebten Greisse/ welche sich den obersten Priester Marcus Fabius fuͤr das gemeine Heil den Goͤttern hatten zu Versoͤhn- Opfern einweihen lassen/ auf helffenbeinernen Stuͤlen gantz unbeweglich sitzen; welche die Semnoner anfangs fuͤr Gespenster ansahen/ hernach aber als Marcus Papirius einen Deutschen/ der ihm seinen langen Bart strei- chelte/ den helffenbeinernen Stab auf den Kopf schlug/ in Stuͤcken zerhieben. Hat Papirius/ fing Rhemetalces an/ die Anruͤhrung seines Bartes fuͤr eine unertraͤgliche Beschimpfung angenommen? Oder hat er der Deutschen Zorn durch seinen Eifer mit Fleiß erregen wollen: wormit ihr Vorhaben fuͤr das Vaterland sich aufzuopfern nicht zernichtet wuͤrde? Es mag eines und das andere wohl die Ursache gewesen seyn/ sagte Adgandester. Sintemal der/ wel- cher sich schon einmal also zu sterben verlobt hat- te/ wenn er nicht starb/ keinen Gottes-Dienst mehr abwarten dorffte. Andern theils wur- den die Haare/ und insonderheit der Bart nicht nur bey den Roͤmern und Lacedemoniern/ son- dern auch bey fast allen Voͤlckern in Ehren/ und dessen Betastung so wohl/ als derselbten Absche- rung fuͤr eine Beschimpfung gehalten. Wes- wegen auch bey den Rhodiern ein Gesetze die Abscherung des Bartes und der Haare verbot; und insonderheit die Weltweisen mit langen Baͤrthen prangten; ja auch die alten Bildnuͤsse der Goͤtter mit langen Baͤrten gezieret sind; und Jupiter von denen Tichtern/ wie er bey sei- nem unversehrlichen Barte schwere/ mehrmals eingefuͤhret wird. Daher/ und weil der Bart fuͤr eine Zierde der Maͤnner und Goͤtter gehal- ten wird/ ungeachtet er sonst wenig nuͤtze ist/ bey den Griechen und Roͤmern die baͤrtichte Gluͤcks- Goͤttin umb das Wachsthum der Haare an- geruffen wird. Hingegen werden die Leibei- genen/ und die Ruder-Knechte auch noch ietzt gleichsam zur Schmach glatt beschoren/ gleich- sam als wenn diese Leute nicht in das Geschlech- te der Maͤnner/ sondern der glatten Weiber und der Verschnittenen zu rechnen waͤren. Ze- no fiel ein: Von diesen alten Sitten aber schei- nen die Griechen/ Roͤmer/ insonderheit auch die Deutschen/ ja bey nahe alle Voͤlcker grossen theils abgewichen zu seyn/ welche die Baͤrte ab- scheren lassen/ und derselben Hegung entweder fuͤr ein Kennzeichen der Verdam̃ten/ oder der euserst Betruͤbten brauchen. Also haben die Catineer in Sicilien durch Gesandten/ welche zu Bezeigung ihres Nothstandes ihnen die Baͤrte derogestalt verwildern lassen/ zu Athen Huͤlffe gesucht. Und der blut gierige Attalus gab auf sol- che Weise seine Bestuͤrtzung uͤber seiner Mord- Thaten zu erkennẽ. Kaͤyser Julius ließ nach der Titurianischen Niederlage ihm Bart und Haare lange wachsen; und des Flavius Berichte nach hat August nach des Varus Erlegung ihm kein Schermesser wollen ansetzen lassen. Ja in Griechenland lassen ihnen nach dem uhralten Beyspiele des Theseus die Juͤnglinge ihre er- sten Bart-Haare abnehmen/ und wiedmen selb- te an ihrem Geburts-Tage zu Delphis dem Apollo. Zu Troetzen/ und in andern Orten Griechenlands opfern die Braͤute ihre abge- schnittenen Haare dem Hippolitus. Jn Si- cyonien soll das Bild der Gesundheit kaum fuͤr daran gehenckten Haaren zu sehen seyn. Zu Rom habe ich gesehen: daß nicht nur die edlen Juͤnglinge/ sondern auch aͤltere/ ihre in Gold und Edelgesteine verwahrte Haare fuͤr des gantzen Leibes Wohlstand dem Capitolini- schen Jupiter geweihet haben. Jch erinnere B b b b b 3 mich Sechstes Buch mich auch allhier gehoͤrt zu haben: daß kein Cat- te fuͤr Erlegung eines Feindes sich nicht doͤrffe bescheren lassen. Es ist nicht ohne/ versetzte Ad- gandester: daß bey vielen Voͤlckern andere Ge- wohnheiten aufkommen; iedoch bleibet die gaͤntz- liche Abnehmung der Haare allenthalben ein Schandmaal. Und werdẽ bey uns Deutschẽ de- nen Ehebrecherinnen die Haare zum hoͤchsten Schimpf gantz abgeschnittẽ. Ausser dem pflegen wir Deutschen zwar aus eben der Ursache/ als es der grosse Alexander bey seinem Heere einfuͤhr- te/ den untersten Bart abzuschneiden/ wormit er beym Gefechte denen Kriegsleuten keine Hin- derung/ denen Feinden aber einen Vortheil selben zu fassen abgebe. Uber diß tragen wir Deutschen einen starcken Knebel-Bart/ und lange kraͤußlichte Haare/ welche wir aber nur in Schlachten uͤber dem Haupte in einen Knoten zusammen knipfen/ wormit siẽ uns nicht fuͤr die Augen stuͤgen/ und wir den Feindẽ desto schreck- licher aussehen. Malovend brach hieruͤber ein: Es ist allerdings wahr/ daß alle Voͤlcker die An- tastung der Haare und Baͤrte fuͤr eine Beschim- pfung halten; ich glaube aber: daß der deutsche des Papirius Bart mehr aus Vorwitz/ und umb zu erfahren: Ob die unbeweglichen Alten lebten/ als selbten zu spotten angeruͤhret habe. Haͤtte also Papirius wohl nicht Ursache gehabt ein zweydeutig Ding so uͤbel aufzunehmen/ und durch unzeitigen Eifer die Sieger zu verbittern. Zumal daß die Betastung deß Bartes offt als eine Liebkosung gebraucht wird. Und haͤtte er sich erinnern sollen: daß Castor und Pollux den Enobarbus eben so gestreichelt/ und ihm seinen schwartzen Bart geroͤthet haben. Adgandester fiel ein: Man kan solche Sa- chen hin und wieder verwerffen; unterdessen gerieth Rom hieruͤber wider des Hertzogen Brennus Verbot aus vermuthlicher Rache in Brand/ und in die Asche. Die Semnoner belaͤgerten das Capitolium/ und durchstreifften das Land biß an den Fluß Vulturus. Jenes wuͤrden sie unschwer erobert haben/ wenn nicht die Semnoner des Lucius Albinus Frau und Tochter/ welche auf seinen Befehl vom Wagen absteigen/ und selbten denen sich baarfuͤssig- fluͤchtenden Vestalischen Jungfrauen einraͤu- men muͤssen/ gefangen bekommen haͤtten. Denn Hertzog Brennus verliebte sich so sehr in die letz- tere: daß er ihr zu Liebe das Capitolium nicht zu stuͤrmen/ und also ihre Bluts-Verwandten zu toͤdten/ sondern nur durch Abschneidung der Lebens-Mittel zur Ubergabe zu noͤthigen an- gelobte. Welches er so treulich hielt: daß als einsmals in der Nacht die Semnoner stillschwei- gend schon biß auf die Mauren gestiegen/ die schlafenden Roͤmer aber viel zu spaͤt von dem Geschnater der Gaͤnse erweckt waren/ Bren- nus die Ubersteigung zu verfolgen verbot. Jn- zwischen brachte er gleichwohl die Roͤmer durch Hungers-Noth und sein mit dem Koͤnige Dio- nysius aus Sicilien gemachtes Buͤndnuͤß/ der damals gleich mit den Locrensern in Jtalien Krieg fuͤhrte/ so weit: daß sie die Aufhebung der Belaͤgerung/ und die Einraͤumung der eingeaͤscherten Stadt mit tausend Pfund Gol- des abzukauffen willigten. Brennus verließ sich auf den mit dem Sulpitius abgehandelten Frieden; zohe also mit dem groͤsten Theile sei- nes Heeres zuruͤck. Denn die Hetrurier hat- ten mit vielem Golde und noch groͤssern Ver- troͤstungen die Veneter beredet: daß sie denen Semnonern ins Land gefallen waren/ auch be- reit an dem Flusse Sapis/ Sassina erobert hat- ten. Gleicher gestalt belaͤgerten die Hetrurier ihre verlohrne Stadt Croton/ und draͤuten zu- gleich einen Einfall gegen Sestin. Jnzwischen blieb der oberste Eisenberg zu Rom/ und warte- te auf die versprochenen tausend Pfund Gol- des/ welches die damals arme Stadt/ ungeach- tet das Frauenzimmer alle ihr guͤldenes Ge- schmeide beytrug/ ohne Angreiffung der Hei- ligthuͤmer nicht zuwege bringen konte. Da- hero sie anfangs die Deutschen im Gewichte zu bevor- Arminius und Thußnelda. bevortheiln trachteten/ hernach aber/ als Eisen- berg dieses inne ward/ sie bedreuten: daß wo sie sich nicht darmit vergnuͤgten/ ihnen an statt des Goldes geschlieffenes Eisen zuwiegen wolten. Eisenberg lachte hierzu/ legte seinen Degen auf die Wage/ sie solten so viel Goldes ihm noch zur Zugabẽ herbey schaffen. Uber dieser Wort- wechselung trat der von Rom verwiesene/ aber nunmehr mit einem ziemlichen von Veje und Ardea zusammen gelesenen Heere beruffene Camillus mit hundert geharnschten Maͤnnern in den Saal/ und befahl das Gold auf die Sei- te zu schaffen; weil sein Vaterland mit Stah- le/ nicht mit Golde zu loͤsen waͤre. Die zwan- tzig daselbst befindlichen Deutschen schuͤtzten den getroffenen Vertrag fuͤr. Aber Camillus versetzte: Er waͤre erwehlter Roͤmischer Feld- herr/ und ohne ihn haͤtte weder Manlius/ noch Sulpitius was nachtheiliges eingehen koͤnnen. Also waͤre er der Semnoner Feind/ und daher solten sie sich nur zur Gegenwehr fertig machen. Eisenberg drang mit den Seinen sich hierauff eilends zur andern Pforte hinaus; und machte Lermen. Ehe er aber sein Kriegs-Volck zusam- men bringen konte/ fielen die Vejer/ Ardeater/ und Roͤmer durch 3. Pfortẽ in die Stadt/ Man- lius auch aus dem Capitolium; gleichwohl aber wehrten die nicht das vierdte Theil so starcken Semnoner sich als umbstrickte Loͤwen/ und schlugen sich durch zwey Thore durch. Bey dem achten Meilen-Steine von der Stadt be- gegnete ihnen eine neue zusammen gezogene Macht/ und Camillus lag ihnen ebenfalls in den Eisen; also: daß sie fast allenthalben von Feinden umbringet wurden. Eisenberg aber munterte seine Semnoner so wohl mit seinem Arme/ als mit seiner Zunge zu einer behertzten Gegenwehr auf; und befahl: daß sie sich nach und nach an den nicht weit entfernten Fluß Anio/ und unter das darbey stehende Dorff ziehen solten. Das Beyspiel ihres Obersten/ und die euserste Noth/ welche der maͤchtigste Werckzeug des Sieges ist/ zwang denen weni- gen Deutschen ungemeine Helden-Thaten ab. Jnsonderheit uͤbte Briso ein junger Semno- nischer Fuͤrst gegen die Roͤmer Wunderwercke aus. Weil er aber keinen Fußbreit Erde wei- chen wolte/ ward er von den Feinden umbrin- get/ und nach unglaublicher Gegenwehre und vielen empfangenen Wunden endlich vom Manlius getoͤdtet. So bald aber Eisenberg das verlangte Ziel erreichte/ ließ er das erlangte Dorff an allen Ecken anzuͤnden; und nach dem er bey nahe tausend Mann verlohren/ gleich- wohl aber auch die Roͤmer nicht Seide darbey gesponnen hatten/ setzte und schwemmte er unter dem Dampf und Rauche uͤber den Strom/ warff die Bruͤcke hinter sich ab/ daß der Feind ihn nicht weiter verfolgen konte. Von dar kam er so unverhofft nach Fidene: daß er die Pforten offen fand. Dieses zuͤndete er an/ gieng nach etlicher Stunden Erfrischung da- selbst uͤber die Tiber/ und kam/ ohne daß sich ei- niger Feind an ihn ferner wagen wolte/ in He- trurien; allwo Brennus bereit die Clusier von Belaͤgerung der Stadt Croton abgetrieben/ und seinen Sohn gegen die Veneter voran ge- schickt hatte. So bald er nun durch das Ge- schrey von der Roͤmer Friedens-Bruche gehoͤrt hatte; wendete er seine Deichsel wieder gegen Rom/ begegnete also seinem von Rom kom- menden Volcke bey dem so genanten Koͤnigs- Bade. Brennus ward uͤber der Roͤmer Be- truge aufs eifrigste verbittert; verheerete daher biß nach Nepete alles mit Feuer und Schwerdt. Und das Geschrey brachte nach Rom ein solches Schrecken: daß Camillus sich vergebens be- muͤht haͤtte die nach Veje allbereit bestim̃te Flucht des gantzen Roͤmischen Volckes zu hin- tertreiben; wenn nicht die Roͤmischen Ge- sandten zu Nepete ihn durch Entgegenbringung der tausend Pfund Goldes/ welche inzwischen die umb die Roͤmische Verwuͤstung im Trau- ren gehenden Massilier als treue Bundsge- nos- Sechstes Buch nossen nach Rom geschickt hatten/ und Ent- schuldigung ihrer aus Mißverstande entsprun- genen Thaͤtligkeiten besaͤnftiget/ oder vielmehr andere geheime Ursachen zu Beliebung eines neuen Friedes bewegt haͤtten. Denn weil er die Hetrurier und Veneter noch hinter sich als einen beschwerlichen Dorn im Fusse hatte/ die uͤber dem Po wohnenden Deutschen auch mit einander in Krieg geriethen/ und die ver- triebenen Rhetier auch denen Bojen eingefallen waren/ hielt er nicht rathsam mit so vielen Fein- den auf einmal sich in bestaͤndigen Krieg zu ver- tieffen; als in welchen Faͤllen man nicht stets hin- ter sich sehen kan; und der Schild der Klugheit die feindlichen Streiche sicherer/ als ein gewaffneter Arm ablehnet. Uber dis hatten es die Roͤmer durch ein neues mit den Massiliern aufgerichtetes Buͤndnuͤß/ krafft dessen alle Mas- silier das Roͤmische Buͤrger-Recht/ die Zoll- Freyheit/ und ihren Gesandten ein Sitz im Roͤmischen Rathe verliehen ward/ so weit ge- bracht: daß sie mit andern gegen die Deutschen ergrim̃ten Galliern/ weil Hertzog Marcomir biß an die Maaß die deutsche Herrschafft erwei- tert hatte/ des Brennus zu Aventicum zum Hertzoge der Semnoner eingesetzten Bruder bekriegten; welchen Bren nus nicht huͤlff-loß lassen konte; daher er zehn tausend Deutschen ihm uͤber die Alpen zuschickte; und hierdurch die Feinde zum Frieden zwang. Als Bren- nus derogestalt auf beyden Seiten der Alpen sieghafft war/ flog auch seiner Semnoner Ruhm in Sicilien/ Africa und Griechenland. Denn es hatte Koͤnig Dionysius in Sicilien mit dem Hertzoge Brennus ein Buͤndnuͤß gemacht/ und von ihm zwoͤlf tausend deutsche Huͤlfs-Voͤl- cker bekommen. Denn er eroberte durch ihre Tapferkeit die von den Cartha ginen sern erbau- te See-Stadt bey dem Lilybeischen Vorgebuͤr- ge Motya; zwang den Jmilco: daß er umb freyen Abzug aus Sicilien bitten muste. Ja bemaͤchtigte durch sie sich in Jtalien des grossen Griechenlands. Fuͤnff tausend dieser Semno- ner schickte Dionysius auch der von den Beoti- ern belaͤgerten Stadt Corinth zu Huͤlffe/ welche des Nachts in aller Stille in den Lecheischen Hafen einlieffen; und bald daraus in einem Ausfalle das gantze Beotische Laͤger gegen dem Tempel des Priapus ausschlugẽ; also den Feind die gantze Belaͤgerung aufzuheben noͤthigten. Weswegen die Stadt Corinth dem Brennus und Dionysius zwey ertztene Bilder auf dem Rathhause aufrichteten. Die Corinther und Carthaginenser beehrten den Brennus auch hernach mit Gesandschafften/ und bewarben sich so wohl/ als die Nachbarn in Jtalien umb seine Freundschafft. Als nun derogestalt in Griechenland und Deutschland des Brennus Thaten nicht anders als des Hercules gesungen wurden; hielten es alle andere Deutschen darfuͤr: daß ihnen/ wenn sie es ihm nicht nachthaͤten/ so viel Schande/ als ihm Ruhm zuwuͤchse. Daher fast alle deutsche Voͤlcker damals zu schwermen anfingen. Hertzog Antenor segelte mit etlichen 1000. Deutschen in Britannien; hielt sich daselbst so tapfer: daß ihm Koͤnig Belin seine Tochter Cambra vermaͤhlte; von welcher seine Voͤlcker noch ietzt die Sicambrer genennet werden. De- nẽ Cattẽ war ohne diß ihr bergicht und unfrucht- bares Land zu enge/ also: daß sie selbst einander in die Haare geriethen. Endlich entschloß sich Fuͤrst Batto und sein Sohn Heß ihrem Vetter ihr Erbtheil abzutreten/ und wie Brennus eines mit dem Degen zu erwerben. Diese beyde Her- tzoge zohen mit 30000. Catten den Rhein hinab/ schlugen die Gallier/ und bemaͤchtigten sich des zwischen denen zwey Armen des Rheines und dem Meere liegendẽ Eylandes/ nennten sich auch nach ihrẽ Fuͤrsten die Bataver/ welcher die Stadt Nimegen erbaute. Bathanat machte sich eben- falls mit 100000. an dem Oder-Strome gelegenen Osen und Marsingern auf/ setzte uͤber die Donau/ und eroberte zwischen diesem Flusse und der Sau ein grosses Gebiete. Die noch in Deutsch- Arminius und Thußnelda. Deutschland und Gallien gebliebenen von de- nen Allemaͤnnern aber gedruͤckten Celten gien- gen so gar uͤber das Pyreneische Gebuͤrge/ und gruͤndeten um den Fluß Durias und Sucra ein neues Reich der Coltiberier. Alle in Grie- chenland kriegende Voͤlcker muͤhten sich einige Deutschen zu ihren Kriegs-Obersten/ und die Koͤnige sie zu ihrer Leibwache zu bekommen/ und insonderheit nach etlicher Zeit Koͤnig Phi- lip in Macedonien. Jnzwischen aber starb Brennus/ und ließ seine Herrschafft seinem Sohne Ludwig; sein Gedaͤchtnuͤß aber der Nachwelt zu einem Beyspiele der Tapfferkeit. Hertzog Ludwig war seines Vaters Ebenbild nichts minder an Gestalt als an Gemuͤthe. Da- her nam die von den Roͤmern bekriegte Stadt Velitre zu ihm Zuflucht; und beklagten sich/ daß Rom die minste Ursache einiger Feindseligkeit gegen sie haͤtte/ sondern aus blosser Herschens- sucht sich als eine Woͤlffin alle andere Staͤdtein Jtalien als Schaffe zu verschlingen berechtigt hielte. Weil nun die Roͤmer die Velitrer aus dem Felde schlugen und ihre Stadt belaͤgerten/ es also nicht Zeit war mit der Feder/ sondern mit dem Degen zu fechten; machte er sich mit 40000. Semnonern auf/ und ruͤckte so eilfertig fort: daß die Roͤmer von ihrem Anzuge nicht che Kundschafft kriegten: als biß sie zu Crustu- merium uͤber die Tiber gesetzt hatten. Sie er- klaͤrten hierauf den Marcus Furius zu ihrem Feldherrn/ schrieben an alle ihre Bundgenossen um Huͤlffe/ niemand aber wagte sich in diß Spiel zu mischen/ aus Beysorge: daß sodenn die Deutschen die Kriegs-Last ihnen selbst auff den Hals weltzen wuͤrden. Wie nun Hertzog Ludwig bey Collatia uͤber den Fluß Anio gieng/ und biß nach Alba kam; hoben die Roͤmer die Belaͤgerung fuͤr Velitre uͤber Hals und Kopff auf/ setzten sich darmit an einen vortheilhafftigen Ort; aus welchem sie durch keine Ausforderung der Semnoner zu locken waren; unter dem Vorwande: daß das Bild des weiblichen Gluͤ- ckes an dem Wasser Crabra bey Rom nunmehr zum dritten mal geredet/ und ihnen zu schlagen verboten haͤtte. Rhemetalces fiel ein: Er haͤt- te ja in den Roͤmischen Geschichtschreibern ge- lesen: daß Marcus Furius die Semnoner da- mals bey Alba aufs Haupt geschlagen; deßwe- gen zu Rom ein Siegs-Gepraͤnge erlangt/ und der Deutschen wenige Uberbleibung sich in A- pulien gefluͤchtet haͤtte. Adgandester antwor- tete: Die Griechischen Geschichtschreiber rede- ten hierinnen den Deutschen ihr Wort; und waͤre aus diesem unverdaͤchtigen Zeugnuͤsse zu urtheiln: wie viel in andern Faͤllen der Roͤmer Groß sprechen Glauben verdiente. Und zweif- felte er nicht: Rhemetalces wuͤrde diß/ was er erwehnte/ aus dem Livius haben/ welchen Kaͤy- ser Augustus selbst wegen gesparter Warheit/ und daß er allzu sehr Pompejisch waͤre/ beschul- digte; wie man hingegen den Dion fuͤr all- zu gut Kaͤyserlich/ den Fabius fuͤr zu gut Roͤ- misch/ den Philinus fuͤr allzu Carthaginen- sisch hielte. Es ist diß/ sagte Zeno/ der groͤ- ste Schandfleck eines Geschichtschreibers/ wel- cher/ wie koͤstlich er sonst ist/ hierdurch alleine die Wuͤrde gelesen zu werden einbist; und nicht un- billich einem Thiere vergliechen wird/ dem man die Augen ausgestochen hat. Daher auch die sonst so ruhmswuͤrdige Liebe des Vaterlandes al- leine in einem Geschichtschreiber verwerflich ist. Rhemetalces versetzte: Es ist freylich wol wahr; ich glaube aber: daß es so wenig Geschichtschvei- ber ohne Heucheley/ als Menschen ohne Maa- le gebe. Wolthat und Beleidigung zeucht uns gleich sam unempfindlich zu ungleichem Urtheil; wie der Strom des Hellesponts auch bey der Windstille die Schiffe gegen das Griechische Meer. Daher Callias von Syracuse sich nicht maͤßigen konte/ alles Thun des ihn be- schenckenden Agathocles zu rechtfertigen/ der von ihm aus Sicilien verwiesene Timeus aber alles zu verdammen. Ja nach dem Berichte des Asinius Pollio/ hatte Kaͤyser Julius in sei- Erster Theil. C c c c c nen Sechstes Buch nen Schrifften selbst so wenig Warheit gefun- den: daß er selbte zu verbessern durch Schamroͤ- the bewogen/ durch seinen Tod aber verhindert worden. Zugeschweigen daß einige nach der Art des Zevxes/ welcher alle Menschen groͤsser machte/ als sie wahrhafftig waren/ auch ihre Ge- schichte derogestalt vergroͤssern/ gleich als wenn die Warheit ein zu schlechter Firns der Schriff- ten/ und diese ohne Erzehlung ungemeiner Wunderwercke nicht lesens-wuͤrdig waͤren. Ad- gandester nahm das Wort von ihm/ und sagte: Die denen Schlachten oder andern Staats- Haͤndeln selten beywohnenden Geschichtschrei- ber sind noch ehe zu entschuldigen; als welchen selbst zuweilen entweder das unwahrhaffte Ge- schrey/ oder der Jrrthum eines anbindet. Viel schaͤdlicher aber ist es/ wenn ein Feldherr oder Volck entweder nichts ausrichtet; und gleich- wol nach Roͤmischer Gewohnheit grosse Siegs- Gepraͤnge haͤlt; oder gar seinen Verlust fuͤr ei- nen grossen Gewinn in der Welt ausruffen laͤst. Zeno versetzte: Es erforderte es vielmal die eu- serste Noth aus einem Schatten einen Riesen machen; und es waͤre die groͤste Klugheit seine Wunden mit den Pflastern des Eigenruhms nicht minder verhoͤlen/ als heilen. Denn welche Freundschafft hielte bey verkehrtem Gluͤcke die Farbe? Das Elend zuͤge denen Bundgenossen die Treue/ wie die Sonne hohe Farben aus; und kein Eydschwur/ keine Bluts-Freundschaft/ kei- ne genossene Wolthat verhinderte: daß man nicht sich fremder Gefahr entzuͤge; ja denen Be- draͤngten selbst Spinnenfeind wuͤrde; und wor- mit es nicht schiene: als wenn man es iemals mit ihnen gehalten/ sie selbst vollends ins Verderben stuͤrtzen huͤlffe. Also waͤre das Ungluͤck des gros- sen Pompejus Hencker/ Achillas aber nur sein Scherge gewest. Bacchus waͤre dem Jugur- tha erst/ als ihm das Gluͤcke den Ruͤcken gekeh- ret/ feind worden; und Koͤnig Prusias haͤtte nicht ehe seine Larve gegen den Hannibal vom Gesichte gezogen; als biß jene Naͤrrin sie vorher abgenommen. Adgandester begegnete ihm: Jn zweiffelhafften Begebnuͤssen waͤre es freylich ei- ne Klugheit seinen schlechten Zustand so viel moͤglich beschoͤnen; aber wider die kundbare Warheit Falschheiten aussprengen sehr unver- schaͤmt. Gleichwol aber haͤtten die Roͤmer diß unzehlbare mal gethan; und haͤtten ihre uͤber- wundenen Heerfuͤhrer offt/ ja Marcus Furius und Petilius ieder Siegs-Gepraͤnge gehalten/ ohne daß einer iemals einen Feind geschlagen. Welches der mit denen Galliern verbundenen Stadt Tibur nicht unbillich so laͤcherlich vor- kam; daß sie nach Rom schickten/ und den uͤber sie siegprangenden Petilius fragen liessen: Ob er mit ihren Muͤcken/ oder mit ihrer Verstorbenen Geistern geschlagen haͤtte? Denn 9. Jahr nach der Zeit/ da Hertzog Ludwig Velitre entsetzt/ und aus dem Roͤmischen Gebiete grossen Raub in Umbrien zuruͤck gebracht hatte/ uͤberfielen die Roͤmer die Hernicier/ und folgendes Jahr das Gebiete der uͤber fuͤnftehalb hundert Jahr aͤlte- ren Stadt Tibur. Weil nun die Semnoner zu Rom vergebens ihre von beyden Voͤlckern gesuchte Vermittelung fuͤrschlugen/ schickte Hertzog Ludwig seinem Bruder Adolph dreißig tausend Deutsche beyden zu Huͤlffe/ welche biß an den dritten Meilenstein an Rom anruͤckten/ und also die Roͤmer/ welche die Stadt Ferentin erobert/ der Hernicier Gebiete zu verlassen/ und ihrem eigenen Feuer zuzulauffen noͤthigten. Hertzog Adolph gieng/ um die Stadt Tybur zu bedecken/ zu Antenna uͤber die Tiber/ und setzte sich an dem Flusse Anio auf der Saltzstrasse dem neuerwehlten Roͤmischen Feldherrn Ovintius Pennus recht gegen uͤber. Die Roͤmer muͤh- ten sich durch vielfaͤltige Anfaͤlle die daselbst zwi- schen beyden Laͤgern uͤber den Fluß Anio gebau- te Bruͤcke zu gewinnen/ wurden aber allemal mit grossem Verluste zuruͤck geschlagen; also: daß Ovintius durch keine Draͤuung oder Ver- sprechen sie zu fernerm Angriffe bewegen konte; also genoͤthiget ward die eusersten Kraͤfften aus Rom Arminius und Thußnelda. Rom an sich zu ziehen/ und die junge Mann- schafft mit einem schaͤrffern Eyde zu verfassen. Die Semnoner kamen hierauf nach und nach einzel-weise auf die Bruͤcke/ tummelten sich da- selbst und forderten die Roͤmischen Edelleute zum Zweykampf aus. Nach vielem Ruffen erschien endlich gegen einem Deutschen Edel- manne Gergelase der junge Licinius; welcher a- ber/ als der Deutsche auf ihn an drang/ im̃er wie ein Krebs zuruͤcke wich/ und endlich die Flucht nahm/ weßwegen ihm jener hernach zum Ge- daͤchtnuͤsse einen Krebs auf den Schild mahlen ließ. Diese Scharte auszuwetzen stellte sich des Buͤrgermeister Sulpitius Sohn wider Mo- rien einen Deutschen Edelmann ein; nach ei- nem kurtzen Gefechte aber versetzte Morien dem Sulpitius einen toͤdtlichen Streich in Halß/ daß er zu Bodem fiel. Morien nahm ihm nichts/ als seinen Schild mit einem guͤldenen Sterne; Hingegen beschenckte ihn Hertzog Adolf mit ei- nem koͤstlichen Schilde/ darauf er die Saltz- Bruͤcke und einen guͤldenen Stern pregen ließ. Eben so ungluͤcklich gieng es dreyen folgenden Roͤmern/ welche gegen so viel Semnonern zu fechten sich erkuͤhnten. Als nun diese keinen Roͤmer durch die schimpflichste Ausforderung zum Kampffe mehr bewegen konten/ kam end- lich ein unbekandter Deutscher Juͤngling in ei- nem blau-gelben seidenen Rocke auf die Bruͤcke; mit blossem Haupte und nur mit einem Degen und schmalem Schilde geruͤstet. Dieser ruffte den Roͤmern zu: Es solte doch der tapfferste un- ter ihnen/ wo anders einer noch ein Hertz im Leibe haͤtte/ mit einem ungewaffneten/ oder wenn die Roͤmer ja alle zu Weibern werden/ mit einem Deutschen Weibe sich schlagen. Worauf denn Ovintius aus dem Roͤmischen A- del mit Noth den Titus Manlius mit der Erinnerung: daß sein Geschlechte vom Ver- haͤngnuͤsse den Semnonern zu widerstehen er- kieset waͤre/ noch beredete: daß er aufs sorgfaͤl- tigste mit einem grossen Schilde/ einem Spa- nischen Degen/ und unter dem Rocke mit einem Pantzer-Hemde aus geruͤstet/ gegen den Deut- schen sich stellte. Das Gefechte beginnte bey- derseits mit einer freudigen Tapfferkeit; iedoch erlangte der Deutsche den Vortheil: daß er dem Manlius drey hefftige Streiche anbrach- te/ welche aber wegen des verborgenen Pan- tzers nicht durchgiengen. Diese uͤber diesen Betrug erwachsende Verdruͤßligkeit verleitete den Deutschen: daß er dem Manlius einlief/ selbten faste und zu Bodem warf. Jn diesem Ringen aber stieß Manlius dem Deutschen ei- nen verborgenen Dolch beym Nabel in den Leib; worvon er mit haͤuffiger Blutstuͤrtzung zu Bodem stel. Manlius sprang hieruͤber auf/ rieß dem Deutschen sein guͤldenes Hals- band ab/ henckte es ihm um/ und kehrte darmit eilfertig ins Roͤmische Laͤger; welches hieruͤ- ber/ als einer gewonnenen Schlacht/ ein gros- ses Freuden geschrey erregte/ und den Manlius mit dem Zunahmen Torqvatus beehrte. Her- tzog Arnold ließ den Deutschen alsbald von der Bruͤcke abholen/ befanden aber: daß selbte ei- nes Semnonischen Edelmanns Tochter war; Daher sie die Roͤmer mit ihrem Siege nur ver- hoͤhnten/ und noch selbigen Tag Lochau ein Edelmann/ biß an den Wall des Roͤmischen Laͤ- gers ritt/ und dreyen auff seine Ausforderung sich gestellenden Roͤmern die Koͤpffe abhieb; welche er hernach zum Gedaͤchtnuͤsse auff seinen Schild mahlen ließ. Nach dem nun beyde Heere zwantzig Tage gegen einander/ iedoch das Roͤmische wegen der im Ruͤcken habenden Stadt in mercklichem Vortheil gelegen hatte/ diß aber zu keiner Schlacht zu bringen war/ denen Deutschen aber die Lebensmittel abgien- gen/ zuͤndete Hertzog Adolf sein Laͤger an/ zohe sich gegen der Stadt Tibur; und weil die Cam- panier auff Anstifftung der Roͤmer die Her- nicier mit offtern Einfaͤllen bedraͤngten/ ruͤckte er an dem Flusse Anio biß zu seinem Brunnen fort. Hierauff gieng er bey Sora C c c c c 2 uͤber Sechstes Buch uͤber den Fluß Livis/ uͤberfiel bey der Stadt Ar- pin die Campanier und schlug selbte mit seiner blossen Reuterey aus dem Felde. Die Stadt Atina sperrte ihm selbst die Thore auf; die in dem fruchtbaren Oel-Lande aber gelegene Stadt Venafrum eroberte er mit Sturme/ und zwar durch die Reuterey; welche/ als an bey- den Seiten das Fußvolck anfiel/ auff dem die Stadt zertheilenden Flusse Vulturnus unver- merckt darein schwemmte/ die Gatter zerhieb/ alles was in Waffen war erlegte/ und die Pfor- ten dem Fußvolcke eroͤffnete. Allisa/ Telesia und Calatia begaben sich hier auf in der Deut- schen Schutz/ richtete also Adolph hier eine neue Herrschafft auf. Die sem nach ruͤckte der Buͤr- germeister Petilius Libo/ um den Campaniern Lufft zu machen/ fuͤr die Stadt Tibur/ Fabius Ambustus aber stel denen Herniciern ein. Her- tzog Adolph aber trieb mit dem blossen Nahmen seiner Ankunfft den Fabius aus dem Hernici- schen Gebiete/ trieb ihn von Preneste weg/ ver- wuͤstete in den Gegenden um Lavicum/ Tuscu- lum und Alba alles/ was den Roͤmern anhing; und jagte endlich den Fabius in Rom/ und setzte sich eines Bogenschusses weit von der Collini- schen Pforte. Es bebeten die sieben Berge uͤ- ber dem Heulen und Angstgeschrey des eine neue Eroberung besor genden Volckes. Der Rath machte den Servilius Ahala zu einem neuen Feldherren/ und was nur Waffen tragen kon- te/ muste sich in die Kriegs-Rollen schreiben las- sen. Titus Ovintius fuͤhrte die Reuterey zu erst hinaus/ welchem Hertzog Arnold Platz zum Treffen machte. Die Schlacht beginnte erst gegen den Abend/ wormit die Roͤmer bey widri- gem Gluͤcke ohne allzu grosse Unehre sich zuruͤck weichen koͤnten. Aber die Sonne gieng noch nicht zu Golde/ als das Roͤmische Heer schon zertrennet/ und biß an die Stadtmauer gejagt ward. Die Roͤmischen Weiber/ alten Greise und Kinder/ standen zwar auf den Thuͤrmen/ rufften den ihrigen aufs beweglichste zu; sie moͤchten sich als Maͤnner halten/ und ihr Va- terland retten; durch die Collinische und Vimi- nalische Pforte kriegten sie auch eine starcke Huͤlffe von frischem Volcke; ja die Roͤmischen Weiber selbst wurden zu Besetzung der Mauern gebracht/ aber es war alles umsonst; und muste Servilius nur das voͤllige Feld raͤumen/ und sich in die Stadt nach uͤberaus grossem Verluste retten. Weil nun in dreyen Tagen sich kein Roͤmer fuͤr denen geschlossenen Thoren mehr se- hen ließ/ Arnold aber weder Volck genung/ noch Sturmzeug die Stadt Rom anzugreiffen bey der Hand hatte/ und die Tiburtiner wider den Petelius bewegliche Huͤlffe suchten; eilte er an der Tiber hinauf. Sein Vortrab kam mit dem Buͤrgermeister zwischen Nomentum und Tibur zu schlagen; die Nacht aber scheidete sie von sammen; in welcher Petelius zu No- ment uͤber die Tiber gieng/ das Deutsche Heer nicht erwarten wolte/ sondern nach Rom kehrte/ gleichwol aber daselbst zwey laͤcherliche Siegs- Gepraͤnge hielt. Folgendes Jahr verneuer- ten die Roͤmer ihr altes Buͤndnuͤß mit den Latei- nern/ zohen also viel tausend Kriegsleute an sich/ griffen hierauf die Tarqvinier mit Krieg an; aber Hertzog Adolf kam ihnen mit seinen Deutschen/ die damals aller Bedraͤngten Zu- flucht waren/ zeitlich zu Huͤlffe; und brachen bey Preneste und der Stadt Pedum ein. Die Roͤ- mer machten aus beyder Buͤrgermeister Heere eines/ und den Cajus Sulpitius zum Feld- herrn. Dieser aber verschantzte sich an einem festen Ovte/ und war weder durch der Deutschen schimpfliche Ausforderung/ noch durch seines eigenen Volckes Schmachreden zu einigem Treffen zu bewegen/ sondern er verbot vielmehr bey Lebens Straffe/ wenn einer ohne Befehl kaͤmpffen wuͤrde. Als er endlich sich ohne eu- serste Verkleinerung nicht laͤnger enthalten kon- te/ und ein grosses Theil des Deutschen Heeres sich Romnaͤherte/ und ihr Gebiete mit Feuer und Schwerd verwuͤstete/ versteckte er des Nachts Arminius und Thußnelda. Nachts allen mit Waffen aus geruͤsteten Troß nebst hundert Reutern in ein Gepuͤsche auf ei- nem Tusculanischen Huͤgel/ und stellte des Morgens sein Heer fuͤr dem Lager in Schlacht- Ordnung. Die Deutschen waren so begierig zum Fechten: daß sie die Roͤmer ehe anfielen/ ehe Hertzog Arnold seine Schlacht-Ordnung gemacht/ oder das Zeichen gegeben hatte. Sie brachten auch den rechten Fluͤgel/ darinnen doch der Feldherr selbst fochte/ und das Ampt eines tapffern Kriegs-Mannes verwaltete/ zum weichen in Verwirrung. Der lincke Fluͤgel aber hielt mit dem Marcus Valerius den Semnonern die Wage; iedoch muste der noth- leidende Sulpitius seinem Troß ein Zeichen geben: daß selbter auf der Seite gegen die Deut- schen herfuͤr brach. Durch welche Blaͤndung denn die Deutschen stutzig gemacht wurden. Weil nun sich der Wind zugleich wendete/ und den Deutschen den Staub recht in die Augen wehete/ zohe Hertzog Arnold sein Heer mit einer so klugen Art zwischen die Berge: daß der Ver- lust beyder streitbaren Theile gleiche war; unge- achtet die Roͤmer dem Sulpitius ihrer Mei- nung nach ein wahrhafftes/ nicht aber wie vor- mals andern falsch ertichtete Siegs-Gepraͤnge erlaubten. Hingegen gewan Ritter Sultz/ welcher mit 10000. Semnonern denen Tar- qviniern beystand/ dem Fabius einen herrlichen Sieg ab/ welche/ weil die Roͤmer vorher etliche Gefangene dem Mars geopffert hatten/ 307. gefangene Roͤmische Edelleute ebenfals ab- schlachteten. Diesen Verlust einzubringen ward das Jahr hernach der Buͤrgermeister Po- pilius Lenas wider die Tarqvinier und Deut- schen geschickt; welcher aber mit einer schweren Niederlage abgefertigt war; worzu die Deut- schen Priester nicht wenig halffen/ welche fuͤr dem Tarqvinischen rechten Fluͤgel mit brennen- den und mit Schlangen umwundenen Fackeln vorher lieffen/ und die uͤber diesem neuen Aufꝛu- ge bestuͤrtzten Roͤmer verwirrten/ denen Tar- qviniern aber ein Hertze machten. Es wur- den aber die Deutschen mit denen Tarqviniern wegen der Beute uneines; weßwegen jene ihre Huͤlffs-Voͤlcker nach Hause berufften/ diese also unterschiedene mal grossen Schiffbruch liedten. Weil die Roͤmer aber aufs neue die Tiburtiner uͤberfielen/ schickte Hertzog Ludwig/ Erdmann/ sein Schoßkind einen jungen Semnonischen Ritter/ wieder mit einem frischen Kriegs-Heere ins Latium; gegen welchen der Buͤrgermeister Popilius Lenas mit einem starcken Heere auf- zoh; weil er aber den Deutschen sich gleichwol nicht gewachsen zu seyn/ oder die Langsamkeit einem Feldherren anstaͤndiger als die Vermes- senheit hielt/ sich auff dem kalten Berge ver- schantzte. Dem jungen und hitzigen Erdmann ward die Zeit zu lang/ und die Gedult zu kurtz den Feind an einem gelegnern Orte anzugreif- fen/ daher entschloß er wider die Einrathung/ welche entweder von Art oder Alter zum Ver- zuge geneigt waren/ den Berg und das befestig- te Laͤger zu stuͤrmen; und zwar unter diesem Vorwand: daß der Feind sich nur auff seinen Wall/ er sich aber auf die Hertzen seiner Deut- schen verliesse/ welche lieber stuͤrben/ als etwas unuͤberwindlich hielten. Zu dem waͤren sie so fruchtbar: daß ihrem Hertzoge alle Nacht ein Heer gezeugt wuͤrde. Er selbst fuͤhrte anfangs den Sturm an; und ob die Deutschen gleich aus dem Athem kamen/ ehe sie des Berges Hoͤhe er- stiegen/ oben auch noch zweyfache Graben und Waͤlle fuͤr sich hatten/ und es augenscheinliche Unmoͤgligkeit war das Lager einzunehmen/ stuͤrmte er doch mit stets abgeloͤsten Voͤlckern Tag und Nacht durch; eroberte auch zwar den eusersten Wall/ und warf dem Buͤrgermeister einen Spieß durch die lincke Achsel; also: daß das Roͤmische Lager nun mehr in Gefahr stand; aber das Blat wendete sich unverhofft/ indem Erdmann mit einem Steine so harte am Kopf- fe verwundet war: daß er fuͤr todt zu Bodem fiel. Worauf die andern Kriegs-Obersten nicht fuͤr C c c c c 3 ver- Sechstes Buch verantwortlich hielten dieses so vermessene Werck zu verfolgen; sondern von Sturme ab- blasen liessen; ihr Laͤger ansteckten/ und sich nach Alba zohen/ sondern daß sich die Roͤmer sie zu verfolgen wagten. Erdmann kam den drit- ten Tag erst wieder zu sich selbst; und als die O- bersten sich uͤber dem allzu hitzigen Fuͤrnehmen beklagten/ nur die Achseln einzoh/ und antwor- tete: Es war wol eine harte Ecke. Worvon er hernach den Zunahmen Harteck bekam; ie- doch diese Scharte hernach durch einen herrli- chen Sieg gegen die Griechischen See-Raͤu- ber/ welche bey Laurentum/ wo vor Zeiten Eneas ausgestiegen war/ aussetzten und das Land verheereten. Sintemal er diese nicht nur mit grossem Verlust in die Schiffe jagte/ sondern auch die Lateiner dadurch gewan: daß sie den Roͤmern aufs neue den Bund aufkuͤndigten. Hieruͤber ward Rom so bestuͤrtzt: daß sie ein Heer von zehn Legionen/ iede zu fuͤnftehalb tau- send Mann aufrichteten; mit dessen groͤstem Theile der Buͤrgermeister Camillus gegen die Deutschen in das Pomptinische Gebiete auf- zoh; welcher aber durch Langsamkeit die zum kaͤmpffen eifrige Deutschen gleichfals abmatten und durch Verdruͤßligkeit zu einem unvernuͤnf- tigen Treffen verleiten wolte; also sich allezeit/ wann der Feind auf ihn drang/ zwischen die Pomptinischen Suͤmpffe versteckte. Der Fluß Amasen scheidete beyde Laͤger von einander/ uͤ- ber diesen kam um Mitternacht ein altes Weib auff einem Hunde mit einem Krantze von Eisen- Kraute auf dem Haupte/ und mit einer bren- nenden Fackel in der Hand geschwommen; machte mit selbter einen Kreiß in die Hand; und nach vielen gemahlten Zeichen und seltzamen Gebehrden fing sie gegen das Deutsche Laͤ- ger mit heiserer Stimme aus allen Kraͤfften zu ruffen: Jst irgends ein Gott/ eine Goͤttin/ o- der Geist/ der die Deutschen beschuͤtzet/ so ver- ehre und bitte ich euch: verlasset der Deutschen Land/ Staͤdte und Laͤger. Jaget ihnen Schre- cken/ Zagheit und Vergessenheit ein. Kommt nach Rom; erwehlet unsere Heiligthuͤmer/ und stehet unserm Heere fuͤr; so geloben wir euch Tempel zu bauen/ Opffer zu liefern und Spie- le zu halten. Die Deutsche Wache ward hier- uͤber verbittert/ schossen daher mit Pfeilen auff sie/ welche aber alle fuͤr dem Kreisse niederfielen. Sie ließ sich auch in ihrer Gauck eley nicht hin- dern/ sondern machte einen Hauffen waͤchserne Bilder und zerschmeltzte sie in der Fackel; zuletzt steckte sie einen Stab in die Erde in einen A- meiß-Hauffen; an welchem die Ameissen hin- auf lieffen; an der Spitze sich in Raben verwan- delten/ und davon flohen. Hierauf fing sie so ein jaͤmmerliches Geheule an: daß den Deut- schen die Haare zu Berge stunden/ und sprang in den Fluß/ uͤber welchen diese Zauberin ihr Hoͤllen-Hund an dem Roͤmischen Ufer aussetz- te. Zeno fing an: Es ist diß eine Zauber-Art/ wie sie in Pannonien aus den Ameissen Staare machen/ und ihrem Nachbar in die Weinber- ge die Trauben abzufressen schicken sollen. Aber ich glaube/ daß diß alles aberglaͤubische Blaͤndungen sind. Adgandester versetzte: Der Deutsche Heerfuͤhrer Leuchtenberg war in eben dieser Meinung; daher er die Deutschen/ welche zu Abwendung dieser Zauberey drey mal in die Schooß den Speichel ausspien/ verlach- te/ die in seinem Heere befindlichen Tiburtiner aber/ die dem Neptun und der Nemesis opf- fern/ oder in dem Laͤger des Priapus Bildnuͤß auffrichten wolten/ wie nichts minder denen Kriegsleuten viel mit Raute/ Knaben- und Fa- selwurtz gefuͤllte Knispel an Hals zu hencken mittheilten/ auch ihm das Laͤger zu verruͤcken riethen/ mit hartem Verweiß abfertigte; allei- ne der Aus gang wieß gleich wol: daß das goͤttli- che Verhaͤngnuͤß doch der Zauberey zuweilen etwas entraͤume; und daß die schwartzen Ra- ben den Deutschen so viel Boͤses/ als die weissen denen Arminius und Thußnelda. denen Beotiern in Thessalien Gutes bedeute- ten. Denn Udalrich ein deutscher Edelmann setzte uͤber den Fluß/ und forderte den hertzhaff- testen der Roͤmer zum Zweykampffe aus. Die Roͤmischen Wahrsager brachten es bey dem Ca- millus wider vorige Gewohnheit der Roͤmer/ welche sonst schwer hierzu kamen; in dem ein gantzes Heer meist aus solchen Gefechten den Ausschlag des gantzen Krieges urtheilte/ durch grosse Vertroͤstungen dahin: daß einem Kriegs- Obersten Marcus Valerius mit dem Deut- schen zu kaͤmpffen erlaubt ward. Wie der Streit nun angehen solte/ kam uͤber das Deut- sche Laͤger ein Rabe von ungemeiner Groͤsse mit grausamen Geschrey geflogen/ setzte sich dem Valerius auff den Helm/ und beym An- binden flohe er dem Udalrich ins Gesichte/ hack- te und kratzte ihm die Augen aus; also daß Va- lerius bey dieser seiner Blaͤndung ihm leicht et- liche toͤdtliche Stiche beybringen konte. Die Deutschen schmertzte dieser zauberische Be- trug/ und die Bezauberung des Todten so sehr: daß die Vorwache ohne Verlaub durch den Fluß schwemmte und den Valerius mit seinen Gefaͤrthen verfolgte/ unter denen waren zwey Hermundurische Edelleute; welche dem Va- lerius nicht nur die abgenommenen Waffen ab- jagten/ sondern ihm auch den Helm von dem Kopffe schlugen/ und eroberten; weßwegen der eine hernach den Zunahmen Rabe/ und ei- nen mit einem Raben aus geputzten Helm/ der andere Rabenstein mit einem Raben im Schil- de fuͤhrte. Uber diesem Gefechte aber dran- gen aus beyden Laͤgern so viel Kriegsleute nach und nach herzu: daß beyde Feldherren endlich um nicht ihre bereit kaͤmpffenden Leute im Sti- che zu lassen/ gezwungen wurden mit vollen Kraͤfften loß zu gehen. Camillus munterte die Seinigen darmit auf: daß der dem Vale- rius zu Huͤlffe gekommene Rabe den Roͤmern zur rechten/ den Deutschen zur lincken Hand geflogen waͤre; also jenen den Sieg/ diesen den Untergang angekuͤndigt haͤtte. Diesem ih- rem Gluͤcks-Vogel und Wegweiser solten sie nur behertzt nachfolgen. Die Goͤtter schick- ten den Menschen mehrmals Thiere zu Ge- huͤlffen und zu Leitern. Also haͤtten die Tau- ben den Chalcidensern uͤber das Meer an den Ort/ wo sie hernach Cuma hingebaut/ eine Schlange der Antinoe nach Mantinea/ eine Kuh dem Cadmus nach Thebe/ ein Widder dem Bacchus in Africa den Weg gewiesen. Leuch- tenberg hingegen redete diß den Deutschen aus; und meldete: daß der Aber glaube die heßlichste Larve der Vernunfft/ und eine Ohnmacht des Gemuͤthes waͤre. Jedoch hatten die Deut- schen/ welche durch den Fluß Amasen theils schwimmen/ theils waten/ und in dem Wasser biß an die Achsel stehende gegen die an dem fe- sten und meist hohem Ufer fechtenden Roͤmer kaͤmpffen musten/ einen schweren Stand. Nichts desto weniger setzten sie endlich festen Fuß/ und erfolgte beyderseits eine grausame Blutstuͤrtzung so lange/ biß die wieder Gewohn- heit stockfinstere Nacht die gegen einander ra- sende Feinde von einander sonderte/ und ieden in sein Laͤger zu kehren zwang; also: daß sich kein Theil mit Warheit eines Sieges ruͤhmen konte/ beyde aber wol den verlohrnen Kern ih- res Volckes zu betrauren/ und nur die hoͤllischen Geister uͤber ihrer Mordstifftung sich zu er- freuen hatten. Camillus zohe hierauff nach Rom/ die Deutschen aber erfrischten sich in A- pulien; und machte diese geschehene Pruͤfung beyderseitiger Kraͤfften zwischen ihnen einen stillschweigenden Stillestand; welchen die Roͤ- mer hernach mit vielen Geschencken und Liebko- sungen unterhielten; wormit sie bey dieser Ein- schlaͤffung die Samniter und Lateiner unter ihre Botmaͤßigkeit bringen konten. Diese Ruhe un- terhielte von seiten der Deutschen auch theils die zwischen denen Semnonern/ Bojen und andern uͤber die Alpen gestiegenen Voͤlckern erwach- sende Unruh/ theils daß den streitbaren Hertzog Lud- Sechstes Buch Ludwig der friedliebende Alarich folgte/ welcher mehr mit guten Gesetzen seine Herrschafft zu befestigen/ als sie mit dem Degen zu erweitern trachtete. Also endern auch die Voͤlcker/ wie die Gewaͤchse unter einem andern Himmel ihre erste Eigenschafften. Unterdessen bewegte sich ein neuer Schwarm der um den Berg Abnoba und den Brunnen der Donau wohnenden Allemaͤnner unter dem Hertzoge Arnolff; gieng nach dem Beyspiele der Marsinger und Osier in Pannonien/ und brei- teten sich von dar biß an den innersten Seebu- sem des Adriatischen und Jllyrischen Meeres/ die Marsinger und Osier aber biß uͤber den Fluß Marisus aus; also: daß der um den Strom Ty- ras wohnende Sarmatische Koͤnig Athea wi- der sie den Macedonischen Koͤnig Philip zu Huͤlffe beruffte. Die Deutschen erinnerten sich ihrer alten mit den Sarmatern gepflogenen Freundschafft und Buͤndnuͤsse. Sintemahl schon zur Zeit des zu Troja herschenden Jlus der Deutsche Koͤnig Galathes und Gothard mit der Sarmater Koͤnige Lauthim wider den Darius Histaspides zusammen gekrieget/ und diesen/ weil er sich die uͤberschickte Mauß/ Frosch und Pfeile nicht zuruͤcke halten ließ/ mit Verlust 90000. streitbarer Maͤnner wieder uͤ- ber den Jster getrieben/ hernach aber nach ge- troffenem Frieden dem Xerxes unter seinem Bruder Ariomard wider die Griechen gedienet hatten. Daher sie denn auch dißmal den Sar- matern wider den herrschsuͤchtigen Philip bey- zuspringen fuͤr recht und ruͤhmlich hielten; wel- cher nach aufgehobener Belaͤgerung der Stadt Byzanz von dem Koͤnige Athea unter dem hei- ligen Scheine: daß er an dem Jster dem Hercu- les eine gelobte Saͤule aufrichten wolte/ uͤber die- sen Strom zu setzen/ Erlaubnuͤß bekam/ die ein- faͤltigen Sarmater aber uͤberfiel/ und grosse Beute machte. Bey Ankunfft der Deutschen aber muste Philip nur weichen/ und seiner vor- angeschickten Beute nach ziemlichem Verluste folgen; ja als die Deutschen sich mit denen Tri- ballen vereinbarten/ ihnen die Beute gar im Stiche lassen/ und nach empfangener gefaͤhrli- chen Wunde die Flucht ergreiffen. Weil nun dieser der Deutschen Tapfferkeit genungsam ge- pruͤfet hatte/ hielt er fuͤr rathsamer sie zu Ge- huͤlffen in sein Schiff zu nehmen/ als es an die- sen Klippen zu zerstossen. Daher er denn ihrer sich in dem Kriege wider Athen fruchtbarlich be- diente/ und derer insonderheit damals/ als er zu Corinth von gantz Griechenland zum Feldherrn wider die Persen erkieset ward/ 10000. in Be- stallung nahm. Nach dem aber Philip hieruͤ- ber getoͤdtet war/ und sein Sohn der grosse Ale- xander nicht nur die Thracier/ Jllyrier/ Tri- baller und Peonier uͤberwand; sondern auch uͤ- ber den Jster setzte/ und wider den Syrmus den Koͤnig der Geten/ welche vorzeiten Hertzog Berich und Philomar aus dem mitternaͤchtigen Deutschlande an den Jster und Tibiscus gefuͤh- ret haben sollen/ zohen die Deutschen die Hand ab/ und sperrten die Augen gegen diesen Sie- gen weit auf; schickten also die Allemaͤnner/ Marsinger und Osier Gesandten an Alexan- der/ welche ihn von Bekriegung ihrer Ver- wandten und Bunds genossen der Geten ab- mahnten/ ihm auch rund heraus andeuteten: daß sie seine Herrschafft sich uͤber den Jster und die Sau zu erweitern gar nicht entraͤumen koͤn- ten. Alexander verwunderte sich nichts min- der uͤber ihrer Freyheit der Gemuͤther/ als uͤber den Kraͤfften ihrer Leiber; fragte daher die Ge- sandten: fuͤr was sich die Deutschen am meisten fuͤrchteten? An statt der verhofften Erklaͤrung: daß sie die Macedonische Macht anziehen wuͤr- den/ kriegte er von ihnen zur Antwort: Jn den Hertzen der Deutschen haͤtte keine Furcht raum. Solten sie aber ja fuͤr etwas Sorge tragen/ koͤn- te es nichts anders seyn/ als daß der Himmel ih- nen auf den Hals fiele. Sonst aber unterhiel- ten sie mit hertzhafften Leuten gerne Freund- schafft. So wil denn auch ich/ versetzte Alexan- der/ Arminius und Thußnelda. der/ solche mit euch befestigen/ euch zu Liebe noch heute des Syrmus Gebiete raͤumen/ und zwi- schen uns den Jster das Graͤntzmahl bleiben las- sen. Hierdurch erhielt er: daß nicht allein die vo- rigen Deutschen unter seinem Heere blieben/ uñ denen Jllyrischen Koͤnigen Clitus und Glauci- as wider ihn keinen Beystand leisteten/ sondern auch etliche tausend sich unter ihm in den Per- sischen Krieg bestellen liessen/ welche ein nicht ge- ringer Werzeug seiner unglaublichen Siege waren. Wie nun Alexander als ein Blitz gantz Persien unter seine Fuͤsse gelegt hatte/ kuͤtzelte die Ehꝛsucht auch seinen in Pontus und in Thra- eien hinterlassenen Stadthalter Zapyrion: daß er mit dreißig tausend Macedoniern und Thra- ciern/ nebst einer grossen Menge Moͤsischer Huͤlffs-Voͤlcker uͤber den Jster setzte/ und also auch gegen Nord das Macedonische Reich zu erweitern trachtete. Aber Zapyrion erfuhr zeit- lich wie wahr der Epirische Koͤnig Alexander ge- urtheilet: daß in Europa Maͤñer/ in Asien Wei- ber wohnten. Sintemal die Geten und Deut- schen ihn mit seinem Heere umringten und er- schlugen: daß nicht einer davon die Zeitung uͤber den Jster brachte. Nachdem aber Alexander die Welt biß an den Ganges bemeistert hatte/ und alle Voͤlcker entweder aus Furcht oder aus Heucheley ihn mit Gesandschafften ehrten/ hieltẽ auch die Deutschen/ mit welchen der Landvogt in Macedonien Antipater inzwischen Friede ge- macht hatte/ es ihnen anstaͤndig zu seyn/ durch ei- ne Botschafft ihr altes Buͤndnis zu verneuern. Die deutschen Gesandten/ nehmlich der Ritter Rosenberg und Sternberg zohen biß nach Ba- bylon/ allwo der aus Jndien siegprangend zu- ruͤckkommende Alexander aller Voͤlcker Both- schaffter seiner zu warten befohlen hatte. Unge- achtet nun die Chaldeer ihn die Stadt Babylon/ wie andere Wahrsager dem Epirischen Alexan- der den Fluß Acheron/ als das Ziel seines Lebens zu meiden/ beweglich warnigten/ hielte er doch das einige grosse Babylon seiner Groͤsse uñ dem Gepraͤnge so viel Bothschaffter zu empfangẽ ge- maͤß zu seyn/ zohe also/ ungeachtet er schon uͤber den Phrat kom̃en war/ auf des weisen Anachar- chus Einrathen nach Babylon zuruͤcke. Jn die- ser Stadt oder vielmehr kleinen Welt waren von mehr als fuͤnff hundert gekroͤnten Haͤuptern Botschaffter verhanden; welche bey verlauteter Ankunfft des grossen Alexanders sich mit unbe- schreiblichem Pracht/ insonderheit die Jndiani- schen und Africanischen mit unschaͤtzbaren Per- len und Edelgesteinen sich ausgeputzt/ und mit Beyfuͤhrung unzehlbarer Elephanten/ Nasen- horn-Thiere/ Kamelen und Mauleseln ausge- ruͤstet hatten. Sie eilten meist fuͤr der Zeit aus Babylon/ und wolte ein ieder den Vorzug ha- ben. Der Deutschen Auffzug war mehr maͤnn- lich/ als wolluͤstig/ iedoch auch nicht heßlich. Die fast alle andere uͤberragende Laͤnge/ die wohl ab- getheilten Glieder/ die weissen Antlitzer/ und Haarlocken der zweyen deutschen Bothschaff- ter und ihrer hundert Edelleute aber nahm al- len andern gefirnsten Zierꝛathen bey weitem den Preiß weg/ also: daß sie aller Zuschauer Augen an sich zohen/ welche gleichsam wie Mauern die Strassen der Stadt und der Felder besetzten. Es ist wahr/ fing die Koͤnigin Erato an: die weisse ist die vollkom̃enste unter den Farben/ und daher die Deutschen auch die schoͤnsten unter allẽ Voͤlckern. Daher wuͤrde ich mich zu Babylon nicht sehr nach den schwartzen Jndianern und Africanern/ noch auch nach den gelben Asiatern umgesehen haben. Die Fuͤrstin Jsmene versetz- te: Sie sehe wol: daß die Koͤnigin noch nicht mit ihnen zu schertzen/ und ihnen den Ruhm der schwartzen Farbe abzunoͤthigen vergessen koͤn- te. Die Natur antwortete Erato/ waͤre die Rednerin fuͤr sie/ welche nur weiße Perlen/ lich- te Sternen/ ja nichts merckwuͤrdiges schwartzes geschaffen haͤtte. Je mehr auch ein Leib lichtes an sich haͤtte/ ie mehr waͤre sein Wesen von Un- sauberkeit gereiniget/ welche der Anfang der Finsterniß/ diese aber eine Vertilgung der Erster Theil. D d d d d Schoͤn- Sechstes Buch Schoͤnheit/ oder die Heßligkeit selbst waͤre. Die weisse Farbe waͤre nichts anders als ein Glantz des reinen Gebluͤtes und des Geistes/ und das Licht nichts anders als eine thaͤtige Weisse. Ja die Goͤtter selbst koͤnten nicht schwartz seyn; und daheꝛ koͤnten die welche die Faꝛbe der Perlen oder Sternen und des heiteren Himmels an sich haͤt- ten/ sich mit gutem Fug ruͤhmen: daß sie den Goͤttern aͤhnlicher als schwartze Leute waͤren. Thußnelde war bereit geschickt der Koͤnigin zu begegnen; als Zeno ihr mit Fleiß vorkam und sagte: Die Schoͤnheit stuͤnde zwar allen Men- schen wohl an/ aber niemanden besser als Fuͤr- sten und Gesandten; als welche durch ihre ge- heime Zauberey die Gemuͤther der Menschen zu gewinnen am meisten vonnoͤthen haͤtten. Daher die Serer/ welche aus der Schoͤnheit gleichsam einen Abgott machen/ noch auch die Voͤlcker/ die den Schoͤnsten zum Koͤnige erweh- len/ so wenig als die Spartaner fuͤr Thoren zu halten waͤren/ welche ihren Koͤnig Archidamus verhoͤneten/ weil er ihm eine Zwergin heyrathe- te. Und die Hispanier haͤtten kein verwerffli- ches Gesetze; daß ihre Koͤnige schoͤne Gemah- linnen ehlichen solten. Die ansehnliche Ge- stalt des Marius/ und die Anmuth des Kaͤysers Augustus haͤtte zweyen sie zu toͤdten schon im Wercke begriffenen Moͤrdern Arm und Stꝛeich zuruͤcke gezogen. Hingegen waͤre die Verach- tung der unabtrennliche Nachfolger der Heß- ligkeit; und waͤre einsmahls ein nur mit einem Auge sehender Gesandter bey Hofe gefragt worden: Ob er von denen einaͤugichten Cyclo- pen geschickt waͤre? Und der sonst zum Schertz ungeneigte Cato haͤtte von denen Bithynischen abgefertigten Gesandten/ derer einer den Schwindel/ der ander die Gicht/ der dritte we- nig Witz gehabt/ geurtheilt: daß die Roͤmische Botschafft weder Haupt/ noch Fuͤße noch Hertz haͤtte. Wiewohl auch der Agrigentische Gesand- te Gellias/ als die Centuripiner ihn als ein Un- geheuer zu hoͤren nicht wuͤrdigten; ihnen spitz- finnig begegnete: daß seine Oberen zu schoͤnen schoͤne/ zu heßlichen heßliche Gesandten schick- ten; so vergnuͤgte er zwar durch diese Rache seine Empfindligkeit/ aber nicht in der Verrichtung seine Buͤr ger. Adgandester verfiel in seine Erzehlung/ und sagte von seinen deutschen Bothschafftern: Jhre Verrichtung haͤtte ihrer Gestalt nichts zuvor- gegeben. Denn als alle Gesandten an den Fluß Phrat kamen/ uͤber welchem Alexander in tausend von Golde schimmernden Zelten/ so wohl der Bothschafften/ als anderer zu seinem Einzuge verordneten Anstalten erwarte; wolte keiner dem andern weichen; indem die Scythen ihr Alterthum/ die Serer ihre Macht/ die Car- thaginenser ihre Reichthuͤmer/ die Jndianer ih- re Buͤndnisse/ die Epirischen ihre Anverwand- niß/ die Sarmater ihre Tapfferkeit/ andere was anders vorschuͤtzten; also: daß es beynahe zu den Waffen kommen waͤre/ wenn nicht Perdiccas darzu kommen/ und denen Bothschafften ihre Reyhe angedeutet haͤtte. Weil nun die Deut- schen vernahmen: daß die Serer die ersten/ die Jndianer die andern/ die Scythen die dritten/ die Deutschen die vierdten seyn solten; und die verhandenen Schiffe zur Uberfarth der Serer bestellt wurden; fing der Ritter Rosenberg an: es ist niemand an Treue und Tapfferkeit uͤber die Deutschen; und sie wissen von keinem Vor- zuge/ als den man ihnen mit dem Degen macht. Hiermit sprengte er Spornstreichs in den Strom/ ihm folgte Ritter Sternberg und alle ihre Edelleute; welche zu vieler tausend Men- schen hoͤchsten Verwunderung alle gluͤckselig durchschwemmeten/ und also allen Gesandten den Ruhm ablieffen; von dem solches anschau- enden Alexander auch uͤberaus geneigt empfan- gen/ und hernach bey dem Einzuge unmittelbar fuͤr ihm zu reiten gewuͤrdigt wurden. Die Sar- mater folgten dem Beyspiele der Deutschen/ und jener die Scythen; so denn folgten allererst der andern Voͤlcker Gesandten auff den Schif- fen Arminius und Thußnelda. fen nach. Rhemetalces brach ein: dieser Deut- schen Entschluͤssung uͤberstiege allen Ruhm. Sintemahl es gewiß in solchen Faͤllen/ da man einem Gesandten/ und seinem durch ihn vorge- bildeten Fuͤrsten etwas verkleinerliches zumu- thete/ Witz und Tapfferkeit erforderte/ seinem Fuͤrsten nichts vergeben/ und gleichwohl den/ zu dem man geschickt wuͤꝛde/ nicht beleidigen. Denn der Vorzug ist ein Augapffel der Fuͤrsten; wel- chen sie mit groͤsserer Empfindligkeit beruͤhren/ als ihnen sonst grossen Schaden zufuͤgen lassen. Daher haͤtte Arsaces seinen Gesandten Oroba- zes enthaupten lassen/ weil er dem Sylla gewi- chen/ und der Rath zu Athen den Derogoras har- te gestrafft/ weil er den Persischen Koͤnig wider ihre alte Art verehret. Es waͤre zwar eine gemei- ne Art sich der Zusammenkuͤnffte zu enteussern/ wo man in Gefahr stuͤnde nicht seine gebuͤhren- de Ehre zu genuͤssen; zuweilen wuͤrde auch die Oberstelle durch Gewalt behauptet; und waͤren wohl ehe der Britannier und Gallier Gesand- ten von ihren eingenommenen Stuͤhlen gestos- sen worden; aber jenes hielte schon selbst ein eige- nes Mißtrauen/ und ein halbes Nachgeben in sich; und diß waͤre nicht nur eine Versehrung der Hoͤffligkeit/ sondern auch offt ein Zunder schrecklicher Kriege. Zuweilen pfleget man sich auch wohl dem ungewissen Looße zu unter- werffen; nach welchem Antonius/ August/ Lepi- dus und Pompejus nach Abredung ihres Buͤnd- nuͤßes ihre Stellen nahmen; oder man erkieset zum Sitz runde Taffeln/ misset gegen einander die Tritte ab/ redet zusammen einander begeg- gnende; sucht den andern/ wenn er zu Bette liegt/ heim; giebt stehende Verhoͤr: daß auch der an- dere nicht sitzen doͤrffe. Allein diß alles sind Kuͤnste nichts zu vergeben/ aber auch nichts zu gewinnen. Daher denn die Roͤmischen Ge- sandten in dem Etolischen Reichs-Tage viel kluͤ- ger thaten: daß als sie fuͤr dem Macedonischen Gesandten nicht zur Verhoͤr kommen konten/ sie auch denen geringern Atheniensern freywil- lig den Vorzug liessen; und dardurch den Vor- theil der vorhergehenden Gruͤnde zu wiederle- gen erlangten; und doch vorschuͤtzten: daß bey den Roͤmern der/ welcher zuletzt ginge und re- dete/ der Vornehmste waͤre. Des Koͤnigs Per- seus verschmitzter Diener Philip machte durch einen annehmlichen Schertz: daß Perseus ohne Verkleinerung zu dem Roͤmischen Buͤrgermei- ster Qvintilius als einem Aelteren uͤber die Bach zur Unterredung kommen konte. Eben so ver- schmitzt machte es der Thebanische Gesandte Jsmenias; welchem der Persische Koͤnig ohne Beugung seines Hauptes zur Erde keine Ver- hoͤr geben wolte; da er beym Eintritte mit Fleiß seinen Ring fallen ließ/ und ihm also Ursache den Ring auff zuheben machte/ gleichwohl aber den Verhoͤrgeber vergnuͤgte. Ein Persischer Both- schaffter aber/ welcher durch eine mit Fleiß ernie- drigte Pforte zu dem Jndianischen Koͤnige ein- geleitet ward/ erhielt ruͤckwerts hineingehen- de das Ansehen seines maͤchtigen Herrschers. Und des Deutschen Feldherrn Marcomirs Bothschaffter/ als der Scythische Koͤnig ihm in dem Verhoͤr-Saale keinen Sitz-Teppicht auf- breiten lassen/ machte aus seinem Mantel einen Sitz/ und aus der Noth eine Tugend. Adgandester fuhre fort: Es waͤre darbey nicht blieben/ sondern als die Botschaffter hernach bey dem Einzuge Alexanders abermahls mit ein- ander zwistig wurden/ und insonderheit die sich eindringenden Serer und Jndianer ver- lauten liessen: Sie wolten die wenigen Deut- schen in Stuͤcken hauen; zohen diese augen- blicks von Leder/ und der Gesandte Rosen- berg sagte ihnen unter Augen: Sie wuͤsten vielleicht nicht: daß der in dem Amasischen Gebuͤrge wachsende Stahl zwar der schoͤnste/ und am Glantze bey nahe dem Golde und Sil- ber gleich/ der Hercyn- und Abrobische aber in Deutschland der schaͤrffste waͤre/ und der Deutschen Bruͤste die Haͤrtigkeit der Amboße/ ihre Streit-Haͤmmer aber die Eigenschafft D d d d d 2 der Sechstes Buch der alles zermalmenden Muͤhl-Steine haͤt- ten. Also waͤren sie fertig ihre Klingen ge- geneinander zu versuchen. Aber Alexander lies diß Unvernehmen unterbrechen/ und verfuͤgen: daß der Vorzug im Einzuge nach der Ordnung der geschehenẽ Empfangungen eingerichtet wer- den solte. Zeno bezeugte ein sonderbares Ver- gnuͤgen uͤber der Deutschen so fertiger Ent- schluͤssung/ und so stachlichter Antwort; als durch welche er seinem hochmuͤthigen Gegen- theil so gut/ wo nicht besser begegnet waͤre/ als der Parthische Gesandte Vagises dem Cras- sus/ da dieser jenen zu Selevcia zu beantwor- ten bescheidete/ jener aber mit Lachen ihm den Hand-Teller wieß/ und versetzte: Es wuͤrden auff selbtem ehe Haare wachsen/ als seine Au- gen Selevcia sehen. Und als der Tauromi- nische Fuͤrst Andromachus/ fuͤr welchem der Carthaginensische Gesandte die Hand umdre- hete/ und andeutete: Wuͤrde er nicht aus ihrem Gewaͤsser die Corinthische Schiffs- Flotte abziehen/ wolten sie Tauromin/ wie er seine Hand zu oberste zu unterste drehen; wor- auff Andromachus mit der Hand gleiche Ge- berdung machte und dem Gesandten sagte: Er solte bey Sonnen-Schein von dar weg/ oder er wolte es seinem Schiffe auff diese Art mitspielen. Adgandester kam wieder in sei- ne Erzehlung/ und meldete: daß die Deut- schen beym Alexander von Tage zu Tage im- mer in groͤsser Ansehen kommen; und die ersten gewest waͤren/ mit welchen er das Buͤndniß verneuert haͤtte. Sie hingegen gewannen Alexandern so lieb: daß sie seinen kurtz darauf folgenden Tod zwar nicht so weibisch/ als die Persen beweineten/ aber sein Gedaͤchtniß wer- ther/ als seine Macedonier hielten. Denn diese konten den meineydigen Cassander/ welcher Alexandern bey Aufffrischung seines Tran- ckes alles ausser Pferde-Huff zerbeitzendes Gifft einschenckte/ und seines wohlthaͤtigen Koͤnigs gantzes Geschlechte ausrottete/ zu ih- rem Koͤnige; jene aber nicht wohl zu ihrem Nachbar leiden. Dahero sie mit einem Kriegs- Heere uͤber die Donau setzten/ um des Ale- xanders Sohn Hercules mit Huͤlffe des Po- lyperchon auff den Macedonischen Stul zu er- heben. Westwegen auch Cassander sein ei- gen Feuer zu leschen gezwungen/ und zu fol- ge des mit dem Ptolomeus in Egypten und Lysimachus in Thracien getroffenen Buͤnd- nisses wider den Antigonus auffzuziehen ver- hindert ward. Haͤtte auch Polyperchon sich nicht vom Cassander bestechen/ und den Hercules Meuchelmoͤrderisch hinrichten las- sen; wuͤrde Cassandern seine Krone auff dem Haͤupte gewaltig gewackelt haben. Gleich- wohl aber war er den Deutschen und der mit ihnen verbundenen Koͤnige der Sarmater Dro- michetes nicht gewachsen; sondern es muste ihm Lysimachus mit allen seinen Kraͤfften zu Huͤlffe kommen/ welcher aber auffs Haupt geschlagen/ selbst gefangen/ aber/ als die Deut- schen nur des Cassanders Tod vernahmen/ von ihnen seiner Tapfferkeit halber ohne Loͤse-Geld großmuͤthig freygegeben ward. Also beginnte in Griechenland den Deut- schen ihr Gluͤcks-Stern auff-in Jtalien a- ber/ weil das Verhaͤngniß Rom nunmehr em- por zu heben anfing/ allgemach nieder zu ge- hen. Denn es kriegten die Semnoner etliche friedliebende Fuͤrsten zu ihren Herrschern/ wel- che zwar anfangs von ihrem kriegerischen Vol- cke denen von Rom bedraͤngten Voͤlckern zu ste- hen gleichsam gezwungen wurden; Hernach a- ber nam das Volck auch die Art ihrer Fuͤrsten an/ die der suͤssen Ruh gewohnten/ und sich die Liebkosungen der Roͤmer einschlaͤffen liessen/ und als sie die tapfferen Samniter verschlungen/ nichts mindeꝛ blinde Zuschaueꝛ ihres eigenen/ als unbarmhertzige fremden Unterganges abga- ben. Jedoch gaben die Semnoner/ wie die aus- leschen- Arminius und Thußnelda. leschenden alten Lichter in den eroͤffneten Grabe- Hoͤlen noch einen Glantz ihrer Tapferkeit von sich; und fielen wie die durch ihren Fall viel Stauden zerschmetternden Eich-Baͤume. Wie aber diese von innen zum ersten faulen/ oder von Wuͤrmern gefressen werdẽ; also begiñte auch der Deutschen Ungluͤck von ihrer eigenen Zwy- tracht/ als welche sich allein eine Besigerin streit- barer Voͤlcker zu ruͤhmen hat. Der Anfang aber hierzu war: daß/ als Siegfried der Semno- ner Herrschafft antrat/ ein neuer Schwarm Voͤlcker/ welches groͤsten theils die von den Bru- cterern vertriebenen Marsen waren/ in Jtalien eindrang; woruͤber die umb den Po wohnenden Gallier aus Beysorge: sie wuͤrden von Deut- schen endlich gar verdrungen werden/ nicht we- nig Eifersucht schoͤpften/ und mit den Roͤmern ius geheim Verstaͤndnuͤß machten. Gleich- wohl aber vermittelte es Hertzog Siegfried: daß die Marsen sich mit verlaubtem freyen Durch- zuge der Bojen und Gallier vergnuͤgten. Al- so kamen diese in Hetrurien/ und von dar ruͤck- ten sie uͤber die Tiber. Weil auch die Roͤmer sonst alle Haͤnde voll zu thun hatten/ musten sie geschehen lassen: daß sie umb den Fucinischen See in dem Apenninischen Gebuͤrge ein Stuͤ- cke Landes einnahmen. Gantz Hetruriens Raub ward fast ihnen zur Beute; aber so wohl die Gallier als Semnoner schoͤpften hier- aus Neid und Mißtrauen; iedoch blieb der Zunder der Mißgunst und Feindschafft noch unter der Asche glimmend. Wenige Zeit dar- nach ward Herennius der Samniter Fuͤrst/ des- sen Tochter Siegfried geheyrathet hatte/ mit den Campaniern und Marsen uneines. Die Cam- panier aber erkaufften mit grossem Gelde die Roͤmer: daß sie mit den Samnitern ohne einige Ursache den Frieden brachen. Wiewohl nun Siegfried sich ins Mittel schlug/ und den Roͤ- mern einhielt: daß es nicht allein verkleinerlich waͤre aus dem Kriege ein Gewerbe zu machen/ sondern auch ihr Friedens-Bruch wider die ge- meine Ruh Jtaliens lieffe/ sich auch erboth die Samniter mit den Campaniern und Marsen zu vereinbarn; verfing doch bey denen Roͤmern/ welche wider die Samniter fuͤr laͤngst Gelegen- heit zu kriegen gesucht/ dieses alles das minste. Diesemnach fuͤhrte Pontius des Fuͤrsten He- rennius Sohn die Samniter; Siegfried aber wegẽ veraͤchtlich ausgeschlagener Vermittelung seine Semnoner den Roͤmischen Buͤrgermei- stern Veturius und Posthumius/ welche mit dem Roͤmischen Heere bey der Stadt Calatia ihr Laͤger geschlagen hatten/ biß zu der Stadt Caudium entgegen/ und besetzten daselbst aufs heimlichste die zwey Engen des Caudinischen Gebuͤrges. Von dar vertheilten sie zehn in Pferde-Hirten verkleidete Kriegs-Knechte/ wel- che denen Roͤmischen Streiff-Rotten einmuͤthig berichteten: daß der Feind zwischen den Fluͤssen Cerbalus und Frento die Stadt Luceria in Apu- liẽ starck belaͤgerte. Die Roͤmer setzten noch selbi- ge Nacht uͤber den Fluß Vulturnus/ und eilten den geraden Weg gegen Luceria mit ihrem gan- tzen Heere unvorsichtig in das erstere Thor in das Caudinische Gebuͤrge/ dessen Ausgang sie aber mit Baͤumen verhauen/ mit abgeweltzten Stein-Felsen verschlossen/ und als sie wieder zu- ruͤck kehren wolten/ den ersten Eingang von den Semnonern starck besetzt/ und schon auch groͤsten theils verhauen fandẽ. Nach dem sie nun aus diesem Gefaͤngnuͤsse durch keine Gewalt weder hinter sich noch vor sich konten/ muste das gantze Roͤmische Heer auf Befehl des Pontius/ wiewohl Siegfried und Herennius sie ohne sol- chen Schimpf loß zu lassen/ oder gar zu toͤdten rieth/ die Waffen und Kleider niederlegen/ und nach der Ordnung ihrer Wuͤrde/ also die Buͤr- germeister zum ersten halbnackt unter einem Jo- che durchgehen/ und einen Frieden belieben/ wir es ihnen fuͤrgeschrieben ward. Alleine wie die Roͤmer das ihnen geschenckte Leben fuͤr keine Wohlthat/ den angethanen Schimpf fuͤr eine Ursache der Todfeindschafft annahmen/ also D d d d d 3 wolte Sechstes Buch wolte der Roͤmische Rath den gemachten Frieden nicht genehm haben; sondern die Buͤrgermeister wurden zuruͤck geschickt/ die sechs hundert zur Geissel gelassene Roͤmische Edelleute in Wind geschlagen/ unter dem Papirius ein neues Heer/ und darunter die durchs Joch gegangenen als verzweifelte und rasende Leute wider die Samniter angefuͤhret; welche/ weil sie der Semnoner Huͤlffe nicht erwarten wolten/ ge- schlagen/ Pontius und andere Gefangene aus gleichmaͤssiger Rache ebenfalls durchs Joch ge- trieben wurden. Diese Unbilligkeit/ und des Fabius Maximus durch den Ciminischen Wald in Hetrurien gemachte Einfall nebst Abziehung der Stadt Aretium von dem gemeinen Buͤnd- nuͤsse stiftete zwischen den Semnonern/ Samni- tern/ und Hetruriern ein neues Buͤndnuͤß; und die Belaͤgerung der Stadt Aretium. Ob nun wohl die Roͤmer solche entsetzen wolten/ wurden sie doch aufs Haupt/ und der Burgermeister Lu- cius zugleich mit erschlagen. Dieser Sieg aber ward den Samnitern kurtz darauf durch etliche Niederlagen/ welche sie von dem Buͤrgermeister Volumnius und Appius erlitten/ mercklich vergaͤllet. Weswegen der Samnitische Fuͤrst Gellius Egnatius abermals zu den Hetruriern und Semnonern seine Zuflucht nahm; jenen die Helden-Thaten des Porsena/ diesen des Bren- nus/ beyden die Gefahr unter das Roͤmische Joch zu fallen beweglich einhielt. Weil nun die zwischen Stahl und Waffen gebohrnen Se- mnoner die Hetrurier selbst aufmunterten/ brachten sie diese/ wie auch die uͤber dem Flusse Aests wohnenden Umbrier wider die Roͤmer in Harnisch. Zu Rom ward nicht nur alle streit- bare Jugend und Mannschafft/ sondern auch die verlebten Alten gemustert; die zwey Buͤr- germeister Quintus Fabius/ Publius Decius/ wie auch der Stadt-Vogt Appius Claudius und Lueius Volumnius zu Heerfuͤhrern erkie- set. Ehe diese aber Hetrurien erreichten/ kam Hertzog Clodomar mit seinen Semnonern dem Scipio bey Clusium auf den Fluß/ und jagte ihm ein solch Schrecken ein: daß er sich im befestigten Laͤger nicht sicher schaͤtzte/ sondern in der Nacht auf einen zwischen der Stadt und dem Laͤger liegenden Berg zoh. Weil aber die Deutschen ihnen und der Tugend keinen Weg unwegbar zu seyn hielten/ grieffen sie die Roͤmer an dem flaͤchesten Theile des Berges behertzt an/ und hielt von Seiten der Roͤmer der vortheilhafte Ort/ von Seiten der Deutschen die Begierde zu siegen die Schlacht so lange in gleicher Wage; biß der Ritter Kyburg mit 500. Semnonern auf der einen Seiten/ und der Ritter Homberg mit so vielen recht in Ruͤcken uͤber dieẽ steilen Felsen empor gestiegen waren; und die Roͤmer daselbst gantz unvermuthet an- fielen. Scipio thaͤt zwar das aͤuserste; aber der Nachdruck der Semnoner verwirrete alle gute Anstalt/ urd hiermit auch sein Heer/ welches/ weil selbtem auf dem Berge alle Flucht abge- schnitten ward/ eine solche Niederlage erlitt: daß kein Roͤmer die Botschafft hiervon bringen konte. Unterdessen eilten die zwey Buͤrger- meister Decius und Fabius in Umbrien/ und brachen in der Semnoner eigenes Gebiete ein/ wormit diese ihr eigen Feuer zu leschen genoͤthigt/ und die Roͤmer nicht gar aus Hetrurien zu trei- ben verhindert wuͤrden. Die Semnoner ruͤck- ten mit einem Theile der Samniter alsofort uͤber den Berg Apennin; und bothen den Roͤmern bey der Stadt Sentin die Stirne/ trieben auch alle ihnen begegnende Hauffen mit grossem Verlust in das am Flusse Aesis geschlagene Laͤ- ger; darinnen sie sich zwey Tage wegen widri- ger Wahrsagungen feste eingeschlossen hielten. Den dritten Tag aber stellten sie mit der ersten Tagung beyde Heere gegen einander in Schlacht-Ordnung; zwischen welcheꝛ ein Wolf und eine Hindin in vollen Buͤgen gerennt kam. Die Roͤmer machten dem Wolfe als einem bey ihnen heiligen Thiere durch alle geschlossene Glieder Platz/ die Samniter aber erlegten zu grossem Arminius und Thußnelda. grossem Unwillen des Fuͤrsten Clodomar die Hindin mit Pfeilen; welcher es nicht minder fuͤr ein Boͤses/ wie Fabius fuͤr ein gutes Zeichen auslegte. Clodomar traf mit seinem rechten Fluͤgel der Semnoner auf den Decius/ Egna- tius mit seinen Samnitern auf den Fabius. Den gantzen Tag biß an den sinckenden Abend ward beyderseits mit einer solchen Hartnaͤckig- keit gefochten: daß keiner dem andern einen Fuß breit Erde abgewan. Wenn nun die Hetrurier und Umbrier dem Verlaß nach ge- folgt/ und den Feind oder sein Laͤger im Ruͤcken angegriffen haͤtten/ waͤren die Roͤmer sonder Zweifel aufs Haupt erlegt worden. Aber es ging allhier wie insgemein im Kriege vieler Bundsgenossen; da so viel Koͤpfe so viel Absehen das allgemeine Gluͤcke hindern; indem Buͤnd- nuͤsse nur einerley Zweck/ wie ein Kreiß einen Mittel-Punct haben muͤssen; wenn selbte nicht sollen verterbt und verfaͤlscht werden. Die Hetrurier und Umbrier hielten ihnen fuͤr thuli- cher: daß die Semnoner und Samniter mit ihren Klauen alleine in die heisse Asche greiffen/ und die Aepfel des Sieges und Friedens dar- aus ziehen solten. Aber ihre absondere Scho- nung war aller Untergang; und da sie unschwer alle zusammen haͤtten siegen koͤnnen/ machte ihre schlimme Klugheit: daß ein ieder uͤberwunden ward. Denn der verzweifelte Decius hatte ein Geluͤbde gethan daselbst zu siegen/ oder be- graben zu seyn. Daher redete er dem Kern des Roͤmischen Adels beweglich zu: daß sie ihre aͤu- serste Kraͤffte vollends daran setzen/ und behertzi- gen solten: daß nach dem Reitze der Natur es zwar suͤsse zu leben/ aber nach dem Urtheil der Vernunfft viel suͤsser waͤre fuͤrs Vaterland zu sterben. Mit diesen traff er gleichsam unsin- nig auf den die deutsche Reiterey fuͤhrenden Ritter Mannsfeld/ welcher bereit acht Kriegs- Fahnen den Roͤmern abgenommen hatte; noͤ- thigte ihn auch zweymal sich an das deutsche Fußvolck zu setzen. Hertzog Klodomar machte hiermit zwischen dem Fuß-Volcke eine Strasse; durch welche der Ritter Falckenstein hundert zweyraͤdrichte Sichel - Wagen anfuͤhrte/ auf welchen eitel Semnonische Edelleute ihre Wurff-Spiesse gleichsam wie Donner-Keile auf die Roͤmer ausschuͤtteten/ oder sie zu Bodem rennten. Das blosse Geschwirre der eisernen Raͤder jagte vielen ein Schrecken ein/ infonder- heit brachte es die Pferde in Verwirrung. Nach der Flucht der Reiterey ward auch die fuͤnfte und sechste Legion zertrennet/ und was nur die Ver- messenheit hatte uͤber Hauffen gerissen/ zerquet- schet und geraͤdert. Die deutsche Reiteꝛey und das Fuß - Volck saͤumte nun auch nicht den Roͤmern auf den Hals zu dringen/ und auf die Fersen zu treten; also: daß der gantze lincke Fluͤ- gel der bebenden Roͤmer in offene Flucht gedieg. Decius schaͤumte fuͤr Zorn gegen seine Fluͤchti- ge/ und fuͤr Rache gegen die Deutschen. Jene fragte er: Fuͤr was sie fliehen? Ob sie in denen vom Romulus nach dem Raube des Sabini- schen Frauenzimmers angestellten Spielen kei- nen Wagen-Kampf gesehen haͤtten/ welcher mehr Geraͤusche/ als Wercks haͤtte? Ob sie weicher/ als die weibischen Asier waͤren/ welche bey der Stadt Elis mit dieser Kurtzweil noch des Oenomaus/ als des Erfinders Gedaͤchtnuͤß jaͤhꝛ- lich feyerten? Als aber alles diß nicht helffen wolte/ rieff er mit aufgehobenen Haͤnden seinem Vater Decius/ der bey Veseris sich auch fuͤr sein Heer geopfert hatte. Hierauf befahl er dem Priester Livius: weil er sich der Erde und der verstorbenen Geistern abschlachten/ und das feindliche Heer zu verfluchten entschlossen haͤtte/ solte er ihm die grausame Entsegnung vorspre- chen. Nach dem diß verbracht/ verhuͤllte er sein Haupt/ und rennte Spornstreichs unter die Deutschen/ welche ihn denn Augenblicks/ ehe Klodomar es verbieten konte/ mit unzehlbaren Wunden toͤdteten. Es ist Wunder zu sagen/ und schier unglaublich zu hoͤren: daß den Augen- blick/ als Decius fiel/ den Semnonern aller Muth Sechstes Buch Muth/ und den Roͤmern alle Furcht entfiel; son- derlich: da der Priester Livius sich umbwendete/ und rieff: Die Roͤmer haben gesiegt/ der Feind ist der Erde und den hoͤllischen Geistern gewied- met. Die Seele des Decius ruffet ihnen schon ihm zu folgen; kehret umb/ und schlachtet die schon Erstarrenden ab. Hiermit wendeten sich die Roͤmer/ die Semnoner liessen Hertz und Haͤnde sincken/ ausser daß sie von Schilden gleichsam eine Brustwehre fuͤr sich machten. Klo- domar selbst stand als verruͤckt oder bezaubert; und ließ sich ohne Gegenwehre vom Cajus Ju- nius erschlagen. Der Semnoner Brustweh- re ward auch bald durchbrochen/ und weil sie zu fliehen ungewohnt waren/ wurden sie gleicher Weise erlegt. Fabius/ welcher inzwischen dem siegenden Jupiter ein Heiligthum gelobt hatte/ ward nun mehr durch Eifersucht auch gleichsam zu siegen/ und die nichts minder bestuͤrtzten als muͤden Samniter zu weichen genoͤthiget/ zumal da ihr Fuͤrst Egnatius an der Spitze hertzhafft fechtende erschossen ward. Als nun die Samni- ter das Feld geraͤumt/ die Roͤmer das Laͤger ero- bert hatten; ermunterte Manßfeld/ Falcken- stein/ Werdẽberg/ Metsch/ und andere noch uͤbri- ge Kriegs-Obersten die Deutschen: daß sie nicht wie todte Stoͤcke sich aufreiben/ sondern weil es zu stehen mehr nicht rathsam waͤre/ sich gegen das Gebuͤrge und den Ursprung des Flusses Metaurus zuruͤck ziehen solten. Welches so viel leichter geschah/ weil die Roͤmer kaum mehr athmen/ und ihrer wenig einen Leib ohne Wun- den zeigen konten. Falckenstein ward wegen seines tapferen Wagen-Gefechtes mit einem zweyraͤdrichten Schilde/ Mannsfeld mit acht/ und Kneßbeck mit fuͤnf Fahnen beschenckt. Zehn tausend Deutsche/ und funfzehn tausend Samniter blieben todt auf der Wallstatt liegen/ acht tausend Samniter und Umbrier wurden gefangen; hingegen waren in des Decius Fluͤgel sieben tausend/ und in des Fabius zwoͤlf hundert Roͤmische Buͤrger/ und sonst uͤber zwoͤlf tausend Campaner und Lateiner todt. Ungeachtet nun wenig Tage darnach Cneus Fulvius die Peru- siner und Clusier schlug/ die Samniter auch aufs neue von Pelignern beschaͤdiget wurden/ traute doch Fabius bey den Deutschen nicht weiter ein- zubrechen; weil ihr neuer Hertzog Wittekind an dem Flusse Metaur auf einem Berge eine Fackel und eine blosse Sebel aufsteckẽ/ und in sei- nem Gebiete ausruffen ließ: Daß wer in fuͤnf Tagen sich daselbst nicht geruͤstet stellte/ solte das Recht Degen und Sporne zu tragen verlohren haben; worvon hernach dieser Ort zum Degen genennet ward. Wormit nun Fabius die Deutschen nicht aufs neue schwuͤrig machte/ ging er mit ihnen einen Frieden ein; worinnen sie aber deutlich ausdungen: daß wenn der Krieg gegen die Samniter noch laͤnger tauern solte/ sie ihnen/ als alten Bunds-Genossen un- beschadet des Friedens mit zehn tausend Mann beystehen moͤchten. Hierauf zohe Fabius mit seinem Heere nach Rom/ und hielt dar sein Siegs-Gepraͤnge. Weil aber Appius Clau- dius und Volumnius in einer Schlacht sechs- zehn tausend Samniter erschlug/ und Atilius Regulus mit einem starcken Heere aufs neue gegen Samnium anzoh/ welches ohne fremde Huͤlffe nunmehr verlohren zu sein schien/ schickte Hertzog Britomar den Grafen Eichelberg mit zehn tausend Semnonern den Samn o itern zu/ welche an der Graͤntze ihr Laͤger harte an das Roͤmische schlugen. Weil nun den dritten Tag ein sehr dicker Nebel fiel/ stuͤrmte der Samniti- sche Kriegs-Oberste Gellius an einer/ Eichelberg an der andern Seite das Roͤmische Laͤger. Die- ser drang auch zu der einen Pforte hinein/ be- maͤchtigte sich der Kriegs-Gelder/ toͤdtete den Zahlmeister Opimius Pansa/ und erregte im gantzen Laͤger kein geringes Schrecken. Wenn auch der dritte Samnitische Kriegs-Oberste nicht in einen Sumpf gediegen/ und der Nebel nicht verschwunden waͤre/ haͤtte Atilius eine voͤl- lige Niederlage erlitten; so aber muste Eichelberg der Arminius und Thußnelda. der auf ihn dringenden gantzen Macht und in das Samnitische Laͤger weichen. Die Roͤmer durfften sich gleichwohl nicht ruͤcken/ sondern musten im Laͤger als in einẽ Gefaͤngnuͤsse leben; weil die geschwinden Semnoner alle auf Fuͤtte- rung ausreitende Roͤmer erschlugen/ und ihnen den Vorrath abnahmen. Dahero der Buͤr- germeister Lucius Posthumius ihnen mit einem neuen Heere und frischen Lebens-Mitteln zu Huͤlffe eilen muste. Weil nun die Samniter alldar alles aufgezehret hatten/ zuͤndeten sie ihr Laͤger an/ und zohen sich an einen bequemen Ort zuruͤcke. Die Deutschen aber/ weil der Buͤrgermeister Attilius dahin ruͤckte/ eilten in Apulien zu denen die alte vom Diomedes erbau- te Stadt Luceria belaͤgernden Samnitern. Daselbst kam es zu einer hitzigen Schlacht/ dar- innen die Roͤmer von den hertzhaften Deutschen und erhitzten Samnitern geschlagen/ und mit Verlust sieben tausend Mann in ihr Laͤger ge- trieben wurden; in welchem die Roͤmer wie ein Aspen - Laub bebten/ und aus selbtem sonder Zweifel geflohen waͤren/ wenn die Samniter nur dem tapfern Eichelberg gefolgt/ und in der Nacht das Laͤger gestuͤrmt haͤtten. Weil aber diese den Roͤmern Lufft liessen/ sprach Attilius ihnen wieder ein Hertze zu/ und sie wurden auf den Morgen mit frischen Voͤlckern verstaͤrckt; also: daß sie folgenden Tag den Samnitern aufs neue die Spitze bothen. Ob sie nun zwar anfangs wieder zum weichen und ins Gedrange gebracht wurden; also: daß Attilius sich an die Pforte des Laͤgers mit blossem Degen stellen/ und die Eindringenden zuruͤcke treiben/ auch dem stehenden Jupiter einen Tempel geloben muste; so verkehrte sich doch nach solchem Ge- luͤbde abermal das Spiel/ also: daß die Samni- ter mit ziemlichem Verluste zuruͤcke weichen musten; gleich als wenn die Feinde der Roͤmer nicht so wohlmit Menschen als Goͤttern zu fech- ten haͤtten. Nachdem auch folgendes Jahr die Samniter vernahmen: daß der Buͤrgermeister Papirius noch mit einem maͤchtigern Heere sie auszurotten in Samnium einbrechen solte; be- schrieb ihr Fuͤrst Cajus Pontius He- rennius alle uͤber achtzehn und unter sechzig Jahren sich befindende Mannschafft nach Sir- pium/ mit der Bedraͤuung: daß der aussenblei- benden Koͤpfe dem Jupiter geopfert werden soltẽ. Also kamen viertzig tausend Kriegsleute zusammen/ aus diesen wurden sechzehn tausend ausgelesen/ und mit leinen Kitteln angethan/ nach allerhand schrecklichen Opfern von dem Priester Ovius Paccius eingeweiht/ und fuͤr einem blutigen Altare eydlich zu betheuern ge- zwungen: daß er aus der Schlacht nicht fliehen/ sondern die Fluͤchtigen selbst toͤdten/ und ein ieder einen absondern Mann aus dem Feinde zu er- legen erkiesen wolte. Mit diesen ruͤckten sie in der Hirpiner Landschafft/ und bemaͤchtigten sich der Stadt Aquilonia. Beyde Buͤrgermeister Carvillius und Papirius zohen mit zwey starckẽ Heeren dahin; jener belaͤgerte Cominium/ die- ser lieferte bey Aquilonia den Samnitern eine Schlacht; welche er wegen unvergleichlicher Gegenwehre der Semnoner sonder Zweifel verlohren haͤtte; wenn nicht Papirius in der groͤsten Hitze des Treffens die Samniter durch eine sonderbare Kriegs-List in die Flucht bracht haͤtte/ in dem Spurius Nautius mit etlichen hundert Reitern und dem Troß auf der Seite/ unter dem Scheine/ als wenn es das andere un- ter Cominium stehende Heer waͤre/ einfiel. Woruͤber der Samniter dreissig tausend/ und darunter der biß auf den letzten Mann fechten- de/ und der Samniter Flucht zu hemmen be- muͤhte Eichelberg mit vier tausend Semnonern erschlagen wurden. Pontius mit seinen Sa- mnitern/ und Graf Habspurg mit seinen uͤbri- gen Deutschen raͤchte sich zwar an dem jungen Fabius/ und gewan selbtem einen so herrlichen Sieg ab: daß der Buͤrgermeister Fabius nach Rom seiner Unvorsichtigkeit halber gefordert ward/ und er ein schimpfliches Urtheil zu erwartẽ Erster Theil. E e e e e gehab- Sechstes Buch gehabt haͤtte/ wenn nicht sein Vater durch an- gezogene Verdienste seines Geschlechtes/ und sein Versprechen selbst wider die Samniter in Krieg zu ziehẽ den Rath versoͤhnet/ und das Volk besaͤnftigt haͤtte. Sie brachten auch zwar bey- de Fabier noch einmal in die groͤste Verwirrung/ und Pontius hatte den jungen Fabius schon gantz umbzuͤngelt; aber der verzweifelte Vater that ein Werck uͤber seine Kraͤfften/ sprengte den Fuͤrsten Pontius an/ verwundete ihn/ und er- rettete nicht allein seinen Sohn/ sondern nahm den Pontius auch selbst gefangen; der streitbare Habspurg fochte zwar noch etliche Stunden als ein Loͤw/ und zehlte man ihm so viel Wunden als Streiche nach/ endlich aber fiel er auf das Bette der Ehren/ und hiermit das gantze Hertze des noch kaͤmpfenden Heeres; welches in die Flucht/ Pontius aber zu Rom unter das Beil des Scharffrichters; der Rath zu Samnium durch die gluͤcklichen Waffen des maͤssigen Cu- rius in solche Kleinmuth gerieth: daß er zu Rom Friede bat/ und auf schwere Bedingungen er- hielt/ unter denen war: daß sie alle Fremde/ in- sonderheit der Semnoner Buͤndnuͤß abschwe- ren musten. Diese konten ihnen hieraus leicht an den Fingern ausrechen: daß dieser Ver- gleich auf ihren Untergang gemuͤntzt waͤre; in- sonderheit/ da die Roͤmer vorher auch der Deut- schen Bunds-Genossen in Hetrurien/ nemlich die Vulsinier/ die Staͤdte Perusia und Aretium von ihnen abtruͤnnig gemacht/ und in ihren Schutz genommen hatten. Diesemnach be- schwerten sich die Semnoner gegen die Roͤmer/ als sie aber schlechte Antwort erhielten/ ruͤckten die Deutschen fuͤr Aretium. Die angefleheten Roͤmer schickten den Coͤcilius Metellus mit ei- nem Heere der belaͤgerten Stadt zu Huͤlffe; weil sie aber ungerne mit den Deutschen zerfielen/ den Junius in Gesandschafft vorher an den Hertzog Britomar. Dieser nahm die Absen- dung des Junius/ als der seinen Vater Klodo- marn erschlagen hatte/ alsbald uͤbel und fuͤr eine Kriegs-Ankuͤndigung auf. Gleichwohl aber uͤberwand er sich: daß er ihn hoͤrte. Weil aber Junius von den Semnonern veraͤchtlich redete/ Britomarn einen Eydbruͤchigen schalt; und ihn zwingen wolte: daß er/ ehe er von seinem Stule aufstand/ sich erklaͤren solte: Ob er die Belaͤgerung der Stadt Aretium mit Erstat- tung alles Schadens aufheben wolte; ja ihm in die Augen sagte: daß er den Degen an der Sei- te fuͤhrte/ wormit er seinem Vater Klodomarn das Licht ausgelescht haͤtte/ solcher auch nicht stumpfer als fuͤr siebzehn Jahren waͤre; entruͤste- te sich Britomar so sehr: daß er das Roͤmische Buͤndnuͤß fuͤr des Junius Augen in tausend Stuͤcke zerrieß/ und ihn wegzufuͤhren befahl. Die Leibwache aber ward uͤber den Juius so ver- bittert: daß sie ihn in ebẽ so kleine Stuͤcke zerkerb- te? Zeno brach ein: Diese Verletzung des Roͤ- mischen Gesandten ist gewiß ein Vortrab eines ungluͤcklichen Kriegs gewest; nach dem nicht nur das Recht der Voͤlcker/ sondern die Goͤtter selbst hierdurch verletzt und zur Rache bewegt wuͤrden. Malovend antwortete: Jch wil dieser That nicht das Wort reden/ welche freylich ein boͤser Ausschlag verdam̃t hat. Aber es ist auf der Roͤmer Seiten auch grosse Unvernunft/ wo nicht eine vorsetzliche Beleidigung gewest: daß sie nicht nur einen so trotzigen/ sondern auch we- gen seiner That so verhaßten Gesandten abge- schickt. Sintemal dieser Ampt ist auch die herbsten Befehl durch eine freundliche Beschei- denheit zu verzuckern. Eines verhaßten Bot- schafters Anmuth aber ist verdruͤßlich/ die ver- nuͤnftigsten Liebkosungen werden in seinem Munde zur Galle/ die hoͤchste Billigkeit seines Vortrages scheinet eine unrechtmaͤssige Forde- rung zu seyn; und daher nicht wegen ihr selbst/ sondern nur seinethalben verworffen; hingegen das verworffene/ so bald es nur aus einem an- dern Munde fleust/ nicht anders/ als wenn es wie die durch die Ertzt - Adern gequollenen Brunnen einen gantz andern Geschmack und Kraͤffte Arminius und Thußnelda. Kraͤffte an sich gezogen haͤtte/ mit beyden Haͤn- den angenommen. Rhemetalces billigte diß und setzte bey: Die Roͤmer haͤtten sich selbst er- innern sollen; wie das wegen der verlebten Vir- ginia auf den Aventinischen Berg entwichene Volck des Valerius und Horatius Vortrag so begierig angenommen/ vorher aber den unan- genehmen Julius/ Sulpitius und Tarpejus mit ihren vortheilhaftigern Vorschlaͤgen nicht einst zu hoͤren gewuͤrdigt haͤtten. Die Gewo- genheit rennte hierinnen der Beredsamkeit/ und ein gutes Ansehen dem sonst so angenehmen Nutzen den Vortheil ab. Daher die Spar- taner einmal einen sehr heilsamen/ aber von ei- nem lasterhaften Menschen gegebenen Rath so lange verwarffen/ biß ihn einer aus dem Rathe fuͤrtrug. Und der stammelnde Menenius Agrippa stillte mit wenig halb verbrochenen Worten den Aufstand des Roͤmischen Volckes auf dem heiligen Berge. Jnsonderheit aber legt die Verwandnuͤß/ oder die mit dem Ge- sandten gepflogene Gemeinschafft seinem Ge- such ein grosses Gewichte bey. Daher richtete der Redner Archelaus bey dem die Stadt Rho- dis belaͤgernden Cassius/ welchen er Griechisch gelehrt hatte/ so viel aus. Die geraubte Sabi- nerin Hersilia leschte mit wenig Thraͤnen die des Weiber-Raubes halber zwischen den Roͤmern und Sabinern unausleschliche Kriegs-Flam̃e. Etliche Seufzer der Mutter Veturia und des Ehweibs Volumnia trieben den grimmigen Coriolan von der Belaͤgerung der Stadt Rom ab. Und die Stadt Carthago wuste keinen ge- schicktern Friedens-Werber als den gefangenen Regulus nach Rom zu senden. Adgandester fuhr fort: Es waͤre freylich so wohl auf der Roͤmer als Semnoner Seiten ge- fehlt worden; wiewohl einige dem Hertzoge Britomarn riethen: daß er die/ welche ohne sei- nen Befehl den Junius umbgebracht hatten/ den Roͤmern zur Bestraffung ausliefern/ und dardurch nichts minder ungleiche Nachre- de/ als die Rechtfertigung des Roͤmischen Frie- den-Bruchs ablehnen solte. Weil aber boͤse Rathschlaͤge so selten zuruͤcke gehen/ als Unkraut vertirbt; drang derselben Meynung/ die des Junius Erlegung billigten/ und die Ausliefe- rung widerriethen/ darmit fuͤrnemlich durch: daß die Roͤmer auch die Fabier/ welche bey Clu- sium die Deutschen verletzt/ ebenfalls nicht haͤt- ten ausliefern wollen. Diesemnach ließ der Buͤrgermeister Dolabella Hetrurien Hetru- rien seyn/ und eilte mit einem zweyfachen Heere aber tausendfacher Rachgier durch das Sabin- und Picenische Gebiete in die Semno- nische Landschafft. Der verwegne Britomar raffte von seinen Semnonern/ derer Kern Are- tium belaͤgerte/ mehr eine Menge Land - als Kriegs-Volck zusammen; und lieferte/ unge- achtet es ihm seine alte Kriegs-Obersten wider- riethen/ bey der Stadt Atidium dem zwey- oder dreymal staͤrckern Dolabella eine Schlacht. Anfangs standen die ersten Glieder der wehr- haften Semnoner wohl als Mauren/ Brito- mar wieß auch durch seine Tapferkeit: daß es seinem Leibe weniger am Hertze/ als seinem Kopfe an Klugheit mangelte. Nach dem aber die un- geuͤbtẽ Bauers-Leute zum Treffen kamẽ/ brach- ten sie die Roͤmer alsbald in Verwirrung und in die Flucht; Britomar und sein Adel ward vom Feind umbringet/ dieser meist geschlagen/ jener aber gefangen; auch alle Tage als ein Knecht gepruͤgelt/ und wie ein Ubelthaͤter gepeinigt; gleichwohl aber ihm alle Mittel zu sterben abge- schnitten/ welche Freyheit doch dem Vieh un- verwehret ist; und diß zwar; weil die Rache sich an seinem Leiden/ und der Ehrgeitz an seiner Ein- fuͤhrung nach Rom im Siegs-Gepraͤnge zu vergnuͤgen vorhatte. Dolabella durchstreiffte hierauf gantz Umbrien; das gantze Land rauchte von denen eingeaͤscherten Staͤdten und Doͤrf- fern; noch abscheulicher aber von dem verspritztẽ E e e e e 2 Blu- Sechstes Buch Blute. Denn alles was vierzehn Jahr alt war/ fiel durch die Klingen der wuͤtenden Roͤmer; Weiber und Kinder wurden nackt wie das Vieh in Heerden fortgetrieben/ und allenthalben un- menschliche Grausamkeit ausgeuͤbt. Denn Dolabella muͤhte sich so gar alle Fußstapfen: daß iemals Menschen alldort gewohnt haͤtten/ zu vertilgen/ umb seinen Nahmen durch Ver- wuͤstung unsterblich zu machen. Weil aber das Gluͤcke mit den Orten ins gemein sein Gesichte verwandelt; lief es bey Aretium viel anders ab. Denn Lucius Coͤcilius wolte selbige Stadt mit Gewalt entsetzen. Hertzog Britomars Bru- der Hartmann hoͤrte seines Volckes Niederlage und die Verheerung des Landes zwar/ aber die Rache/ welche andere Gemuͤts-Regungẽ/ wie die Koloquinten alle andere Kraͤuter toͤdtet/ erlaubte ihm nicht dem Vaterlande zuzulauffen; sondern reitzte ihn und sein Volck/ welches er an Bestuͤr- mung der Stadt Aretium anzuhalten beweglich ermahnte/ vorher seinen Eifer an derer Blute zu kuͤhlen/ welche durch ihre Hartneckigkeit den Semnonern so grosses Ungluͤck auf den Hals ge- zogen hattẽ. Weil er nun vernahm: daß Coͤcilius schon mit dem Entsatz zu Perusia ankommen war/ stellte er alsbald ein Theil seines Heeres in Ordnung/ und machte den gantzen Tag bald dar bald dort durch falsche Stuͤrme Lermen in der Stadt. Auf die Nacht aber grieff er mit seinem wohl ausgeruhten Volcke das den Tag uͤber abgemattete Aretium an fuͤnf Orten mit allem Ernst an; eroberte sie mit Sturm; und er konte die erhebten Semnoner nicht erhalten: daß sie nicht nur alles was Waffen trug/ sondern auch sich in die Tempel fluͤchtete/ mit denen opfernden Priestern fuͤr denen Altaͤren nieder- hieben/ gleichsam mit diesem Blut den Geist des inzwischen zu Rom erwuͤrgten Britomars zu versoͤhnen. Daher der Krieg wohl recht ein Kind des Goͤttlichen Zornes/ weil man darinnen offt aus Noth und wider Willen suͤndigt/ die Unsinnigkeit aber eine Tochter/ und die Blind- heit eine Schwester der Rache; also nicht allein unerbittlich ist/ sondern sie sinnet auch nicht nach/ wen sie zu Bodem rennt. Wenn sie ein Mensch beleidiget/ muͤssen es tausend andere/ ja die Un- schuld selbst und die Heiligthuͤmer der Goͤtter entgelten. Gleichwohl aber war die List all- hier noch eine Gefaͤrtin der Rachgier. Denn Hertzog Hartmann verboth bey Leibes-Straf- fe: daß kein Mensch ohne seine absondere Zu- lassung ausser der Pforten des befestigten Laͤ- gers kommen dorffte; wormit die Roͤmer nicht die Eroberung der Stadt vernehmen moͤchten. Wie Coͤcilius auch mit seinem Heere nahe an das Lager ankam/ machte er allerhand blinde Stuͤrme/ und Ausfaͤlle aus der Stadt/ gleich als wenn sie sich noch wohl hielte; schickte auch durch falsche Kundschafter ertichtete Briefe dem Coͤcilius zu; lockte hingegen auch andere von ihm heraus/ und dardurch verleitete er ihn: daß er in Hoffnung eines abgeredeten Ausfalls das Lager an dem allerfestesten Orte stuͤrmte; und sich in etliche rechte Fallen locken ließ; und/ un- geachtet daselbst die Roͤmer gleichsam wider die Unmoͤgligkeit stritten/ dennoch durch das gegen der Stadt von dem Troß mit Fleiß erregte Waffen-Gethoͤne zu hartnaͤckichter Verfol- gung des thoͤrichten Sturmes verlei- ten ließ. Als dieser Sturm sechs Stunden mit grossem Verlust der Stuͤrmenden geweh- ret; kam Hertzog Hartmann/ welcher sich auf der andern Seite des Laͤgers mit dem Ker- ne seines Heeres heraus gezogen hatte/ uͤber die gegen Tifernum liegenden Huͤgel in voller Schlacht - Ordnung heran geruͤckt. Die Reiterey ließ er vorwerts das gantze Fuß- Volck/ welches er ohne diß auf Hetrurische Art angekleidet und ausgeruͤstet hatte/ bedecken/ und durch selbte einen heftigen Staub erre- gen/ wormit Coͤcilius nicht die Groͤsse der Macht/ und was es fuͤr Volck waͤre/ erkiesen konte. Coͤci- Arminius und Thußnelda. Coͤcilius erschrack hieruͤber nicht wenig; Jedoch weil ein Feldhauptmann nichts mehr fuͤrchten soll/ als daß es nicht scheine/ samb er was fuͤrch- tete/ sprach er den seinen ein Hertz zu/ und bot mit einem Theile der umgewendeten Deut- schen/ welche er fuͤr Hetrurier ansahe/ denen sich naͤhernden die Stirne. Als er aber sich die Reuterey gegen ihn in zwey Hoͤrner austhei- len/ und das geschlossene Kriegs-Volck andrin- gen sahe/ ließ er vom Sturme abblasen. Die- ses geschahe nicht ohne grosse Unordnung und so bald: daß die Deutschen denen weichenden Roͤmern aus zweyen Pforten und gar uͤber den Walldes Laͤgers in die Hacken gingen; und sie also an zweyen Orten mehr aus Verzweif- felung/ weil sie wegen des hinter sich haben- den Arnus-Stroms und Clusinischen Sees nirgendshin weichen konten; als aus Hertzhaf- tigkeit fochten. Hierzu kam noch das dritte U- bel/ indem Segger/ Bothmar/ Sursee/ Gro- tov/ Weißlav/ und andere Deutsche Edelleute/ die hernach eitel Schiffe auff ihren Schilden fuͤhrten/ auff funfftzig Schiffen von der Stadt Aretium theils als Roͤmer/ theils als Samni- ter gekleidet auff dem Clusinischen See herab fuhren/ den Roͤmern recht in Ruͤcken kamen/ und mit Pfeilen/ Steinen/ Wurffspießen un- auffhoͤrlich auff sie hagelten. Derogstalt ging es recht an ein metzgen; und weil die Deutschen keinen Roͤmer gefangen nehmen wolten/ sondern in der That ihꝛ Losungs-Wort: Schlag todt/ aufs strengeste ausuͤbten/ stachen viel edle Roͤmer ein- ander selbst todt/ gleich als wenn der Freunde Klingen nicht so weh als der Feinde thaͤten/ o- der es troͤstlicher waͤre von jenen als diesen ster- ben. Coͤcilius zohe den noch uͤbrigen Kern der aͤltesten Kriegsleute an sich/ und meinte mit der Haupt-Fahne gegen Croton sich durch die ein- gebildete Hetrurier/ denen er seine Kriegs-Gel- der und bey sich habende Kostbarkeiten zur Beu- the fuͤrstreuen ließ/ durchzuschlagen. Aber der allenthalben als ein wuͤttender Baͤr um sich reis- sende Hartmann war ihm bald selbst in Eisen/ und rieff ihm mehrmals nach: Halt an/ halt an! kam auch endlich selbst an ihn/ und schlug ihn mit seiner Streit-Axt vom Pferde/ von denen er bald zertreten/ und die Haupt-Fahne vom Ritter Zorn erobert ward. Hiermit war es nun auch fast umb das gantze Heer gethan/ worvon wenig durch Huͤlffe der finstern Nacht und durch ihr Schwimmen uͤber den Arnus davon kamen. Dreyzehn tausend Roͤmer wur- den ohne die Ertrunckenen/ und die erschlage- nen Huͤlffsvoͤlcker/ und darunter sieben Kriegs- Obersten/ zweyhundert Hauptleute auff der Wahlstadt gezehlet/ und ihre Koͤpffe rings um den Clusinischen See auff Pfaͤhle gesteckt. Rom zitterte auffs neue uͤber dieser Zeitung/ sonder- lich da sie hoͤrten: daß Hertzog Hartmann/ wel- chem man nunmehr den Zunahmen Anhalt gab/ seinen Zug gerade nach Rom einrichtete. Denn dieser hielt seinen Deutschen ein: Die Roͤmer haͤtten eine gantz widrige Art/ als der vom Hercules erlegte Riese Antius; ausserhalb ihrer Stadt waͤren sie mehr als Maͤnner/ in ihrem Neste aber weniger als Weiber. Daher haͤtten die Deutschen sehr geirret: daß sie nur die eussersten Glieder dieser Raubvoͤgel bezwickt/ nicht aber ihnen ans Hertz gegangen waͤren. Denen Schlangen wenn sie sterben solten/ muͤ- ste man den Kopff zerqvetschen. Der nicht we- niger kluge als hertzhaffte Brennus haͤtte hier- innen das Eiß gebrochen/ und ihnen den Weg gewiesen. Diesem solten sie nachfolgen/ er wol- te ihr unerschrockner Vorgaͤnger seyn. An e- ben diesem See haͤtte Brennus eine Ursache ge- funden/ und den Schluß gemacht/ Rom zu zer- stoͤren. Beydes treffe auch itzt ein/ die Ursachen aber waͤren viel groͤsser/ als damals. Denn zu selbiger Zeit haͤtten die Fabier etwan drey Sem- noner getoͤdtet; itzt haͤtte Dolabella ihr Land/ und beynahe ihre gantze Voͤlckerschafft vertilget. Der Deutschen itziger Sieg aber waͤre herrli- cher/ als alle vorige; und daher ein gewisser E e e e e 3 Werck- Sechstes Buch Werckzeug vieler folgenden. Ja die Noth zwinge sie einen neuen Sitz zu suchen; weil ihr Umbrien wohl einem feurigen Steinhauffen/ aber keinem Lande mehr aͤhnlich sehe. Sie selbst wuͤrden in wenig Jahren vollends verloschen seyn/ wenn sie nicht ihre nach Rom geschleppten Weiber und Kinder wieder holeten/ fuͤr welche auch wilde Thiere lieber ihr Leben/ als sie im Stiche liessen. Hierbey ließ es Hertzog An- halt nicht; sondern er schickte an die Bojen/ He- trurier/ Samniter/ Lucaner und Brutier Ge- sandten; und ermahnte sie wider den in Jtalien um sich fressenden Krebs/ nehmlich die Herrsch- sucht der Roͤmer mit gesamter Hand Eisen und Brand zu brauchen/ und die selten zweymahl kommende Gelegenheit sie mit Strumpff und Stiel auszurotten nicht aus Haͤnden zu lassen. Ehe er nun noch von diesen die hernach erfolgten guten Vertroͤstungen bekam/ setzte er seinen Zug fort/ weil er einem erschrockenen Feinde keine Lufft zu lassen fuͤr rathsam/ und die Ge- schwindigkeit fuͤr die Amme der Gluͤckseligkeit im Kriege hielt. Die Roͤmer hingegen bothen in ihrem gantzen Gebiethe Mann fuͤr Mann auff/ liessen allenthalben die Waͤlder verhauen/ die Bruͤcken abwerffen/ diehohlen Wege ver- fuͤllen/ die Lebensmittel verbrennen/ und den in Umbrien seng- und brennenden Dolabella zuruͤcke ruffen. Zu allem Ungluͤcke machten die hefftigen Regen die Wege bey nahe unweg- bar/ die Tiber und Clanis ergossen sich so sehr: daß die Semnoner zehn Tage auff den Perusi- schen Bergen Hunger une Noth leiden musten. So bald aber das Wasser nur ein wenig gefal- len war/ setzte er uͤber den Fluß/ und ruͤckte durch das feindliche Gebiete und viel ihm in Weg ge- legte Hindernisse gerade gegen Rom zu. Bey Polimartium begegnete den Deutschen der Buͤrgermeister Domitius/ mit welchem es/ weil der deutsche Vorzug aus allzuhefftiger Hi- tze sich zu sehr vertieffte/ wider Hertzog Anhalts Willen zur Schlacht kam. Ungeachtet nun die Semnoner vom Reisen und vielem Unge- mache sehr abgemattet waren/ fochten sie doch gegen die ausgeruhten und viel staͤrckern Roͤ- mer biß in den sinckenden Abend so hertzhafft: daß sich kein Theil einigen Vortheils zu ruͤh- men hatte. Von beyden Seiten wurden et- liche hundert gefangen; welche Anhalt aber auff des Domitius Verlangen nicht austauschen wolte; westwegen die Deutschen durch eigene Auffreibung den Todt fuͤr der Dienstbarkeit erkiesten/ Anhalt aber der gefangenen Roͤmer abgeschlagene Koͤpffe auff Lantzen stecken/ und ins Roͤmische Laͤger schleudern ließ. Dieses erregte darinnen ein solches Schrecken: daß Domitius sich biß an den Vadimonischen See zuruͤcke zoh. Hertzog Anhalt hingegen erhielt unter dem Ritter Freyberg fuͤnff tausend Bo- jen/ und acht tausend Hetrurier zu Huͤlffe; mit welchen er die Roͤmer verfolgte/ und den Domi- tius zwang an dem Vadimonischen See Stand zu halten. Nach fuͤnff-stuͤndiger Schlacht kam das Roͤmische Heer in Verwirrung/ und schien schon alles verlohren zu seyn; als Dolabella mit seinem maͤchtigen Heere zu diesem Treffen kam/ und anfangs mit der voranhauenden Reuterey des Domitius Heer von offenbarer Flucht er- rettete/ hernach aber mit den Legionen der Sem- noner rechten Fluͤgel angriff; und nach zweyer Stunden tapfferer Gegenwehr zertrennte. Der lincke muste hieruͤber seinen uͤber die Roͤmer habenden Vortheil vergessen/ und dem rechten zu Huͤlffe kommen. Worbey Hertzog Anhalt unglaubliche Heldenthaten ausuͤbte. Weil es aber augenscheinliche Unmoͤgligkeit war zwey- en/ und darunter einem frischen Heere gewach- sen zu seyn; zumal die Hetrurier die Flucht nah- men/ vom rechten Fluͤgel auch wenig mehr uͤ- brig/ er selbst auch schon gantz umringt war/ sprengte er zum ersten in den Vadimonischen See; welchem bey nahe noch tausend Semno- ner folgten; und/ weil ihm kein Roͤmer durch zu schwemmen getraute/ in der Nacht nach Po- limar- Arminius und Thußnelda. limartium entkamen. Hertzog Anhalt war daselbst voller Ungedult/ und haͤtte nach einge- buͤstem Heere sich selbst auffgerieben; wenn nicht so wohl Semnoner/ Bojen und Hetrurier/ de- rer sich daselbst noch ungefehr sieben tausend zu- sammen rafften/ ihn mit Thraͤnen von einer so kleinmuͤthigen Entschluͤssung zuruͤck gehalten haͤtten. Er wich daher biß an den Fluß Me- taurus zuruͤck/ verstaͤrckte sich daselbst mit etli- chen tausenden; Und weil die Roͤmer seiner Vorfahren Fuͤrstlichen Sitz Senogallien mit Roͤmischen Einwohnern zu volcken vorhatten; wolte er dasselbte verhindern; aber der Buͤrge- meister Emilius Papus zwang ihn mit einem vierfach staͤrckern Heere zuruͤcke zu weichen. Gleichwohl brachte er es durch seine Tapf- ferkeit noch dahin: daß die Roͤmer ihm und sei- nen wenigen Uberbleibungen die Gegend zwi- schen dem Fluße Rubico und Utis liessen; gantz Umbrien und Hetrurien aber mit deutlichem Beystande des unerbittlichen Verhaͤngnißes ihnen unterthaͤnig machten. Unterdessen be- hielt doch Hertzog Anhalt in diesem engen Kreis- se sein voͤlliges Ansehen/ zu einem merckwuͤrdi- gen Beyspiele: daß die Tugend so wenig als die Natur ihre Vollkommenheit an Riesen-Ge- schoͤpffe gebunden habe; sondern ein grosser Fuͤrst sich so wohl in einem kleinen Gebiete; als die koͤstliche Balsam-Staude in einem engen Ge- faͤsse sehen lassen koͤnne. Es ist aber das Rad des Gluͤckes eben so wohl dem Lauffen/ als das der Sonne unterworffen. Beyde gehen niemahls unter: daß sie nicht zu- gleich an einem Orte auffgehen. Jnsonder- heit traff es diese Zeiten bey denen Deutschen ein. Denn als ihr Gluͤcks-Stern in Jtalien so sehr verduͤstert ward/ klaͤrte er sich anderwerts so viel heller aus. Jch wil nicht die Siege der Sicam- brischen Fuͤrsten Diocles und Basan wider die Gothen/ und die Erweiterung seiner Herrschafft uͤber den Rhein erwehnen; weil beyder Vor- theil wider Deutsche erhalten ward/ und die Be- meisterung seiner eigenen Landsleute mehr fuͤr Verlust/ als Gewin zu halten ist. Der erste deutsche Fuͤrst in Pannonien/ welcher die benach- barten Voͤlcker in Furcht und Schrecken ver- setzte/ war Cambaules. Denn dieser drang durch Mysien biß in Thracien/ und brachte ein un- glaubliches Reichthum an Beute zuruͤck. Nach- dem aber Hertzog Belgius mit zweymal hundert tausend Marsingern/ Lygiern/ Gothonen und Herulen verstaͤrckt ward/ jagte er durch diese streitbare Voͤlcker/ und seine Tapfferkeit allen benachtbarten Koͤnigen ein solches Schrecken ein: daß auch die/ denen er gleich keine Gewalt andreutete/ den Frieden mit grossem Gelde von ihm erkaufften. Unter andern Gesandschaff- ten kam auch eine von der Koͤnigin in Pontus und Thracien Arsinoe/ des grossen Lysimachus Wittib/ der dem weisen vom grossen Alexander unschuldig verstimmelten Callisthenes durch ge- reichtes Gifft von seinem erbaͤrmlichen Leben geholffen/ und den Loͤwen/ welchem er auff Ale- xanders Befehl vorgeworffen ward/ zerrissen/ den Pyrrhus auch aus Macedonien getrieben hatte/ nachmahls aber vom Selevcus in einer Schlacht erschlagen worden war. Unter den Geschencken war ein grosser Carniolstein/ aus welchem der fuͤrtreffliche Bildhauer und Bau- meister Sostratus Gnidius/ der den Egyptischen Pharos gebauet/ dem Lysimachus in Gestalt der Diana Arsinoen gehauen hatte. Dieses Bild veranlaste den Koͤnig Belgius zu fragen: Ob er trauen doͤrffte: daß Arsinoe in diesem Steine oh- ne Heucheley abgebildet/ und nach dem Leben ge- troffen waͤre. Wie ihn nun die Gesandten dessen veꝛsicherten/ ließ eꝛ sie mit herꝛlichen Geschencken von sich; und alsbald so wohl bey Arsinoen selbst/ als beym Koͤnige Ptolomeus in Macedonien ih- ren Bruder um sie zu werben. Ptolomeus fertigte die Botschafft geschwinde/ und mit Be- zeugung grosser Gewogenheit von sich; schrieb aber dem Koͤnig Belgius: Wie sehr er Arsi- noen Sechstes Buch noen ihm goͤnnte/ und mit einem so maͤchtigen Koͤnige in Verwandniß zu kom̃en verlangte; so muͤste er doch aus auffrichtigem Gemuͤthe ihm diese Heyrath wiederrathen. Denn ob sie wol seine Schwester/ und ihrer Schoͤnheit halber ein Meisterstuͤcke der Natur waͤre; bliebe doch ihre Seele ein Begriff aller Laster/ und ein Ebenbild der hoͤllischen Unholden. Sintemal sie nicht nur die meisten aus den funffzehn Kindern des Lysimachus/ und darunter ihren Stieff-Sohn Agathocles/ der in so vielen Kriegen seine Tapf- ferkeit erwiesen hatte/ und vom Lysimachus zum Reichs-Erben bestimmt war/ sondeꝛn auch ihren Ehherrn selbst durch Gifft getoͤdtet haͤtte. Arsi- noen aber schrieb er in geheim: Sie moͤchte dem Belgius/ welcher einem Raͤuber aͤhnlicher als ei- nem Fuͤrsten waͤre/ und dessen Volck von keinen Gesetzen wuͤste/ sich nicht vermaͤhlen/ und dar- durch so wohl ihr Reich als ihre Kinder/ darum es ihm allein zu thun waͤre/ nicht in augenschein- liche Gefahr setzen/ noch auch ihr den Haß aller wohlgesitteten Voͤlcker/ welche fuͤr den rauhen Deutschen eine Abscheu haͤtten/ auff den Hals ziehen. Wiewol auch nun Arsinoe mit ihrem Bruder eine zeitlang Krieg gefuͤhrt hatte/ ihr auch sein herrschsuͤchtiges Gemuͤthe nicht unbe- kant war/ nahm sie doch ihres Bruders Rath- schlag als wohlgemeint danckbar auff/ und ver- sprach dem Belgius die Eh abzuschlagen/ wenn sie nur ein Mittel wuͤste sich gegen einem so maͤchtigen Feinde in Sicherheit zu setzen. Pto- lomeus schickte alsofort eine praͤchtige Botschafft an sie zuruͤcke/ welche ihr seine Macht/ nachdem er den Antigonus aus Macedonien vertrieben/ durch Verheyrathung seiner Tochter Antigone aber den maͤchtigen Koͤnig Pyrrhus in Epirus ihm verknuͤrfft haͤtte/ noch vielmehr aber seine zu ihr tragende Liebe scheinbar heraus striech/ und also ihre Bluts-Freundschafft noch durch ein engeres Band der Ehe zu befestigen an- trug. Arsinoe ward uͤber dieser Werbung noch mehr bekuͤmmert/ und zweiffelhafft; son- derlich da ihr aͤltester Sohn Ptolomeus ihr fuͤr- bildete; wie durch diese Eh nur seiner Bruͤder Untergang/ als gegen welche Ptolomeus schon einmahl den Degen gezuckt haͤtte/ gesucht wuͤr- de. Den Gesandten aber hielt er selbst ein: daß ihren Oheim die angebohrne Schande und die Abscheu wohlgesitteter Voͤlcker/ fuͤr so na- her Vermaͤhlung seiner vollbuͤrtigen Schwe- ster Eh zuruͤck halten solte. Alle Heyrathen zwischen dem Geschwister haͤtten einen klaͤgli- chen Ausgang gewonnen; Thyestes und Ma- careus/ die mit ihnen heimlich zugehalten/ waͤ- ren durch eigenhaͤndigen Tod umkom̃en. Der Gesandte aber redete Arsinoen ein: Ptolomeus wolte mit ihren Soͤhnen sein eigenes Reich thei- len; gegen welche er zeither zwar gekriegt/ kei- nesweges aber sie ihres vaͤterlichen Reichs zu berauben/ sondern nur die Ehre zu erlangen getrachtet haͤtte: daß sie es von seinen Haͤnden empfingen/ und ihm desthalben so viel mehr verbunden wuͤrden. Dieses alles waͤre Pto- lomeus im Angesichte der vaͤterlichen Goͤtter mit einem kraͤfftigen Eyde zu erhaͤrten erboͤ- tig. Wider des jungen Ptolomeus Beden- cken setzte er: der Geschwister Vermaͤhlung waͤre der Natur nicht zuwider; die etlicher Menschen hieruͤber gefaste Abscheu waͤre ei- ne von Kindauff eingefloͤste Einbildung; und weil selbte durch die Gewonheit insgemein be- staͤtigt wuͤrde/ haͤtte sie sich in ein angebohr- nes Gesetze verkleidet. Nichtnur die beruͤhm- testen Helden/ sondern ihre eigene Goͤtter haͤtten ihre Schwestern geehlicht/ Saturnus die Opis/ Neptun die Thetys/ Jupiter die Juno; Artemisia waͤre des Mausolus/ Me- casiptolema des Archetolis Schwesteꝛ und Eh- Weib gewest. Cimon haͤtte also geheyra- thet; Solons Gesetze haͤtten es zu Athen verstattet/ die Egyptischen aber wegen gluͤck- licher Heyrath des Osiris und der Jsis/ wie auch Arminius und Thußnelda. wie auch die Carischen/ nach dem Beyspiele des Hidrieus solches gar geboten. Der junge Ptolomeus begegnete nun zwar dem Gesand- ten: Die angezogenen Gesetze und Einwen- dungen haͤtten alleine ihr Absehn auf halbbuͤrti- ges Geschwister/ das zweyerley Muͤtter haͤtte; welches auf Arsinoen nicht zu ziehen waͤre. Der Gesandte aber lachte hieruͤber/ fragende: Ob der Vater zu Zeugung eines Kindes nicht ein mehrers beytruͤge als die Mutter/ derer Zuthat wol arbeitsamer/ nicht aber edler waͤre. Ob nicht der meisten Voͤlcker Recht deßhalben die Kinder der Gewalt der Vaͤter/ nicht aber der Muͤtter unterwuͤrffe? Ob deßhalben die klu- gen Spartaner wegen eines Vaters/ nicht a- ber einer Mutter Kindern die Heyrathen ver- boten haͤtten? Ob Ptolomeus nun nicht die Verweigerung dessen/ was dem gemeinen Poͤ- fel frey gelassen/ fuͤr eine Verachtung aufzuneh- men haben wuͤrde? Dieser letzte Donnerschlag bewegte die nicht so sehr wegen ihrer selbst/ als ih- rer Kinder halber aͤngstige Arsinoe: daß sie ih- ren getreuen Chodion in Macedonien zu Ab- nehmung des angebotenen Eydes abschickte/ in Meinung: daß ihre Eh ihre Kinder sie mehr als die Waffen fuͤr dem Grimme eines so maͤch- tigen Feindes beschirmen wuͤrde. Ptolomeus umfaste in dem Tempel des Jupiters/ welchen die Macedonier fuͤr den heiligsten und aͤltesten hielten/ die Hoͤrner des Altares/ und das Bild- nuͤß Jupiters/ schwur also mit unveraͤndertem Gesichte: Er suchte die Heyrath seiner Schwe- ster von treuem Hertzen; Er wolle sie nebst sich auf den Reichs-Stul setzen/ keine aber nebst ihr in sein Ehbette/ auch niemanden anders als ih- re Kinder zum Macedonischen Zepter erheben. Er kam hierauf selbst mit nur etlichen Edelleu- ten nach Cassandrea/ und bethoͤrte Arsinoen mehr mit seinem Liebkosen/ als vorher mit sei- nem Meineyde; fuͤhrte sie also in seine Stadt Epidamus/ allwo das Beylager mit grossen Freuden und unbeschreiblicher Pracht vollzo- gen/ ja Arsinoen die Krone Macedoniens auf- gesetzt ward. Allein alles diß/ was Arsinoens Hertze als ein Magnetstein an sich zoh/ enteu- serte als eine Veschwerung des jungen Ptolo- meus Gemuͤthe von seinem neuen Stiefvater. Daher er sich auch bey Zeiten aus dem Staube machte/ und zu dem uͤber dieser Heyrath schaͤu- menden Koͤnige Belgius in Sicherheit verfuͤg- te. Die einfaͤltige Arsinoe/ welche das gefaͤhr- liche Wetterleuchten fuͤr die angenehme Mor- genroͤthe ansah/ meinte sie haͤtte mit der Krone nun auch vom Donner unversehrliche Lorbern auf ihr Haupt gesetzt; und es koͤnte kein Gifft ei- nes falschen Hertzen mit einer so heissen Liebe be- bisamt werden; also wolte sie die ihr zu Epida- mus wiederfahrne Anbetung zu Cassandrea mit einem gleichwichtigen Opffer abschulden. Sie reisete daher vorher/ ließ alle Strassen mit Per- sischen Tapeten/ die Koͤnigliche Burg mit Edel- gesteinen/ die Thuͤrme mit Freuden-Feuern/ die Altaͤre mit brennendem Weyrauch erhellen/ schickte auch ihren sechzehn jaͤhrigen Sohn Ly- simachus/ und den zwoͤlf jaͤhrichten Philip mit Myrthen gekroͤnet dem eingeladenen Ptolo- meus entgegen. Allein der Unter gang greifft insgemein schon nach uns/ wenn leichtglaͤubige Sicherheit so wol Furcht als Fuͤrsicht aus dem Hertzen gejagt hat. Welcher zwar sie auffs freundliche umarmte/ und mit vielem Kuͤssen be- thoͤrete; so bald er aber in Cassandrea kam/ Stadt und Burg mit seinem Kriegsvolcke be- setzte/ der Arsinoe Kinder aber toͤdten hieß. Die- se fluͤchteten sich in ihrer Mutter Zimmer und Schoß/ aber sie vermochte weder mit Entbloͤs- sung ihrer Bruͤste/ noch auch mit Fuͤrwerffung ihrer Armen und Glieder den unmenschlichen Ptolomeus von so grausamem Morde ihrer Kinder abhalten. Ja ihr selbst ward nicht er- laubet sie zu begraben/ sondern sie ward mit zer- rissenen Kleidern/ zerstreuten Haaren aus der Stadt gestossen/ und mit zweyen Knechten in Samothracien ins Elend verjagt; welches Erster Theil. F f f f f durch Sechstes Buch durch nichts mehr vergaͤllet ward/ als daß sie mit ihren Kindern nicht sterben konte. Als Ptolomeus allhier so abscheulich wuͤtete/ fiel der erzuͤrnte Belgius mit einem maͤchtigen Heere in Macedonien ein; iedoch schickte er eine neue Botschafft an den Ptolomeus/ die ihm andeute- te: daß er zwar sein eigen Unrecht gegen Erstat- tung verursachter Kriegs-Kosten vergessen wol- te; die an der Arsinoen Hause veruͤbte Grau- samkeit aber anders nicht/ als durch Abtretung der Stadt Cassandrea und des vaͤterlichen Rei- ches an den sich zu ihm gefluͤchteten Ptolomeus/ beygelegt werden koͤnte. Allein/ er bildete ihm ein: es waͤre nicht schwerer einen grossen Krieg/ als grausame Laster zu endigen; daher wieß er diese Gesandschafft schimpflich und mit dieser Antwort ab: Er koͤnte mit dem Belgius kei- nen Frieden schluͤssen/ als biß zwoͤlf Deutsche Fuͤrsten ihm zur Versicherung/ und alle ihre Waffen ausgeliefert wuͤrden. Ja die ihn zu stuͤrtzen beschluͤssende Rache Gottes bethoͤrte ihn so gar: daß er die von den Dardanern ihm ange- botene zwantzig tausend Huͤlffs-Voͤlcker ver- aͤchtlich ausschlug/ vorwendende: daß seine Kriegsleute der Macedonier Soͤhne waͤren/ die unter dem grossen Alexander die gantze Welt uͤ- berwaͤltigt haͤtten. Koͤnig Belgius/ und der junge Ptolomeus/ konten sich uͤber des Ptolo- meus hochmuͤthiger Antwort nicht genungsam verwundern/ und sich des Lachens enthalten; drangen daher mit ihrem Kriegs - Heer uͤber das Skandische Gebuͤrge und den Fluß Axius in das Hertze Macedoniens; und nach dem Ptolomeus mit allen seinen Kraͤfften ihnen bey der Stadt Aedessa eine Schlacht lieferte/ wur- den die Macedonier/ entweder weil es ihnen des Ptolomeus auch zu ihres Reichs Auffnehmen gereichende Laster zu verfechten kein Ernst war/ oder weil so denn/ wenn das Verhaͤngnuͤß die Hand abzeucht/ die Hertzhafftigsten ihre Tu- gend verlernen/ in weniger Zeit zertrennet/ und aus dem Felde geschlagen. Unter den Ver- wundeten ward Ptolomeus selbst/ und ein mit Macedonischen Waffen angethaner Kriegs- Knecht gefunden/ der dem halb todten Koͤnige auf dem Halse lag/ und mit seinem Degen ihm schon sieben Wunden versetzt hatte. Wie nun Koͤnig Belgius diesen weg zu reissen/ und den Ptolomeus aufzurichten befahl/ gab Arsinoe durch Abziehung ihres Helmes sich zu erken- nen/ welche ihr anwesender Sohn Ptolomeus alsobald thraͤnende umhalsete/ Belgius nach grosser Verwunderung aufs freundlichste be- willkommte; Sie aber erzehlte: daß sie um ge- gen ihrem Todfeinde verdiente Rache auszuuͤ- ben/ bey vernommenem Kriege sich in einen Kriegsknecht verkleidet/ unter der Macedonier Heer den Tag fuͤr der Schlacht sich vermenget/ und durch die unvergleichliche Tapfferkeit der Deutschen/ als sie den Ptolomeus in der Flucht vom Pferde gerennet/ ihren Vorsatz gluͤckselig auszuuͤben Gelegenheit gefunden haͤtte. Ptolo- meus oͤffnete uͤber dieser Erzehlung seine schon halb gebrochene Augen/ und sahe mit einem tief- fen Seufzer seine siegende Arsinoe an. Bel- gius redete ihn hieruͤber mit ernster Gebehr- dung an: Dieses ist noch nicht genung dir dei- nen Tod zu verbittern/ sondern wisse: daß in dreyen Tagen Belgius mit Arsinoen auff dei- ner Koͤniglichen Burg sein Hochzeit-Feyer hal- ten wird. Ptolomeus seufzete hierauff/ noch mehr aber/ als noch selbigen Tag sich Aedessa; und den dritten die Stadt Pella ergab/ und er mit schaͤlen Augen/ und vergifftetem Hertzen so wol den Macedonischen Stul/ als das Bette Arsinoens vom Belgius betreten sahe. Pto- lomeus lief mit dem Kopffe wieder eine marmel- ne Saͤule; worauf Belgius um ihn eines so muͤhsamen Todes zu uͤberheben/ ihm das Haupt abschlagen/ und auff eine Lantze stecken ließ/ wel- ches hernach zum Schrecken der Feinde durch gantz Macedonien herum gefuͤhret ward. Mit diesem Schluͤssel oder vielmehr mit dem Schre- cken seiner blutigen Sebel eroͤffnete ihm Bel- gius Arminius und Thußnelda. gius viel Staͤdte/ und erschuͤtterte gantz Grie- chenland. Die zwey Macedonischen Fuͤrsten Meleager und Antipater unterstunden sich zwar die Macedonier vom Wehklagen und Verfluchung des lasterhafften Ptolomeus zur Gegenwehr anzuleiten/ aber jener verlohr nach sechzig/ dieser nach fuͤnf und vierzig Tagen mit seiner zerstreueten Macht die Koͤnigliche Wuͤr- de; welche hingegen der junge Ptolomeus durch der Deutschen Huͤlffe/ und der Thracier Auff- stand gegen die Macedonischen Landvoͤgte wie- der erlangte. Endlich brachte der unedle Sosthenes/ welcher eines Ackermannes Sohn/ und durch seine Tapfferkeit ein Oberster uͤber zweytausend Kriegsknechte worden war/ das Macedonische Wesen ein wenig in Stand/ sin- temal die von dem Marsingischen Fuͤrsten Ce- rethrius vorher gedemuͤthigten Geten und Tri- ballen den Deutschen nach seinem fruͤhzeitigen Absterben hinterruͤcks eingefallen waren/ und also Koͤnig Belgius seine Macht zuruͤcke ziehen muste. Sosthenes ward derogestalt zwar fuͤr den Koͤnig in Macedonien ausgeruffen/ wie- wol er nach dem Beyspiele des grossen Philip- pus nur den Nahmen eines Feldherren an- nahm; Alleine es kam Brennus der von dem Necker aus dem Schwartzwalde in Pannonien gezogener Tectosager Hertzog/ welcher sich in- zwischen zum Meister in Jllyris biß an den Fluß Drilon gemacht hatte/ auff bewegliches zuschreiben des Koͤnig Belgius mit einem fri- schen Heere in Macedonien/ zu welchem Bel- gius noch dreißig tausend an der Ost-See um die Weichsel/ um die Agstein-Jnseln wohnende Herulier und Skirer unter dem Fuͤrsten Aci- chor stossen. Sosthenes begegnete zwar dem Brennus bey Heraclea an dem Flusse Erich- ton/ und versuchte alles/ was einem tapfferen Heerfuͤhrer moͤglich war; insonderheit sprengte er aus: daß Brennus von ihm erlegt waͤre/ wor- mit er denen Macedoniern einen Muth/ viel Deutschen auch irre machte; alleine der feurige Brennus ließ sich um diesen schaͤdlichen Jrr- thum zu wiederlegen/ bald als ein Blitz an der Spitze sehen/ und band mit dem auch unerschre- ckenen/ und fuͤr ein gantzes Koͤnigreich fechten- den Sosthenes tapffer an. Dieser aber hatte mehr Hertze denn Gluͤcke. Denn er ward vom Brennus aus dem Sattel gehoben/ von Pfer- den ertreten/ das durch Verlust seines Hauptes verstimmelte Heer in die Flucht/ und nicht al- lein das von den Deutschen uͤberschwem̃te Ma- cedonien grossen Theils erobert/ sondern auch des Brennus Siegs-Fahnen biß an den Berg Cytheron/ und die Corinthische Land-Enge ausgebreitet. Denn weil die Griechen dem Sosthenes Huͤlfsvoͤlcker zugeschickt/ die Deut- schen aber schon gute Zeit die beruͤhmten Herr- ligkeiten Griechenlands im Kopffe hatten/ be- schloß Brennus mit dem Fuͤrsten Acichor Grie- chenland zu bekriegen. Das Geschrey hiervon erschuͤtterte diß mehr/ als fuͤr Zeiten Xerxes mit seinen unzehlbaren Persen; daher auch der Griechen Zuruͤstung nunmehr zwey mal so groß war. Ja alle benachbarte Koͤnige schickten ih- nen Huͤlfsvoͤlcker/ insonderheit Antiochus aus Asien den Telesarchus/ und der inzwischen nach dem Sosthenes in Macedonien auffkommende Koͤnig Antigonus den Aristodemus. Der o- berste Feldherr war der Stadt Athen Kriegs- Hauptmann Callippus. Gleichwol aber hiel- ten sich alle Kraͤfften Griechenlands zu schwach den Deutschen in freyem Felde zu begognen. Anfangs setzten sich zwar die Griechen an den Fluß Peneus in Thessalien; als aber ein schwa- cher Vortrab von tausend leichte berittenen Ly- giern unter dem Berge Olympus bey Larissa durchschwem̃te/ hoben die Griechen uͤber Hals und Kopff ihr Laͤger auf/ giengen uͤber den Fluß Sperchius und warffen hinter sich alle Bruͤcken ab. Also erobeꝛte Brennus die Laͤndeꝛ Magnesia/ Thessalien und Phtiothis ohne einigẽ Schwerd- streich. An dem Strome Sperchius aber hemm- te sich etlicher massen der Lauf seines Sieges. F f f f f 2 Denn Sechstes Buch Denn dieser floß nicht allein mit grossem Unge- stuͤmme vom Berge Pindus herab/ und hatte allenthalben hohe felsichte Ufer; sondern war noch darzu vom Regen sehr angelauffen/ und von den Griechen besetzt. Der nichts minder schlaue als kuͤhne Brennus laß darum zehn tau- send der laͤngsten Deutschen aus seinem gantzen Heere aus/ und schickte sie unter dem den Nah- men mit der That habenden Ritteꝛ Unverzagt in aller Stille biß unterhalb Thebe den Strom hinab/ welcher daselbst wegen seiner Ausbrei- tung einem stehenden See aͤhnlicher als einem Flusse ist. Unverzagt muste um nicht entdeckt zu werden bey finsterer Nacht/ und zwar entwe- der biß in den Hals watende/ oder schwimmende uͤbersetzen; worzu ihm denn ein treuer Hund/ welchen er hernach auch auf seinen Schild mah- len ließ/ zu einem guten Wegweiser/ und vielen Deutschen ihre Schilde zu Kahnen dienen. Cephissodor der Beotier Heerfuͤhrer hatte in sel- biger Gegend seinen Stand; Erkonte aber der Deutschen Antlitzer/ weniger ihre Schwerdter vertragen; fluͤchtete sich also auf den Berg Oe- pta/ wiewol fuͤnf hundert uͤbereilte Beotier im Stiche blieben. Critobul der Phocenser/ Mi- dias der Locrer/ und Polyarchus der Etolier Feld-Hauptleute giengen ebenfals durch/ und setzten sich an die Thermopylische Berg-Enge an den Maliakischen See-Busem. So bald die Phtiotier die Bruͤcke uͤber den Fluß Sper- chius wieder gelegt hatten/ gieng Brennus mit seinem gantzen Heere uͤber/ und wormit er den Griechen so viel eher ans Hertz kaͤme/ wolte er sich mit Belaͤgerung der wolbesetzten Stadt Heraclea nicht aushalten. Ungeachtet nun die Eroberung der Thermopylen mehr als ein menschliches Werck zu seyn schien; und die Deutschen selbst selbige Unmoͤgligkeit wieder- riethen; sagte doch Brennus: haͤtten die Grie- chen das Meer und die Felsen/ so haͤtten die Deutschen ihr kuͤhnes Hertz zur Mauer; ließ al- so folgenden Tag mit aufgehender Sonne da- selbst zu Sturme lauffen. Keine Reuterey war in diesen felsichten und noch darzu wegen vieler Qvelle schluͤpfrichten Orte zu brauchen. Den ersten Angrief thaͤt Ritter Sultz mit unglaubli- cher Tapfferkeit/ eroberte auch gegen den Ober- sten der Megarensen Megareus die erste Hoͤhe des Gebuͤrges. Jhn entsetzte der Ritter Schlick/ und bekam den Felsen ein/ auff welchem eine Ertztene Saͤule des Hercules stand; die er auch hernach in seinem Schilde fuͤhrte. Auff der dritten Hoͤhe bemeisterte Ritter Schwartzen- berg zwey feste Thuͤrme/ und trieb den Lysander mit seinen Beotiern daraus. Die oberste Spi- tze dieses Berges behauptete zwar der Ritter Ho- henlohe; er ward aber in die Brust toͤdtlich ver- wundet; gleichwol aber rieß er den Pfeil grim- mig aus seiner Wunde/ und erschoß mit selbtem noch der Beotier Obersten Thearidas. Die den Berg hinab gehenden Versetzungen verlief- fen die Griechen ohne Gegenwehr/ und wur- den die Deutschen des an dem Meere liegenden engen Thales Meister. Wie nun Fuͤrst Aci- chor den andern Berg zu bestuͤrmen anfing/ wel- chen der Griechische Feldherr Callippus selbst nebst dem Midias/ Diogenes/ Lacrates/ und dem tapfferen Cydias vertheidigten/ dieser letzte auch vom Acichor eigenhaͤndig erlegt ward; kam der Athenienseꝛ Schif-Flotte herfuͤr/ und uͤberschuͤt- tete von der Seite die Deutschen mit ihren Pfei- len wie mit einem Hagel; also: daß nach dem sie diesen Sturm zwey Stunden ausgestanden/ und gleichwol dem Callippus genung zu schaf- fen gemacht/ sie nur auf den ersten Berg zuruͤ- cke weichen musten. Brennus wuͤtete fuͤr Un- muth: daß er daselbst nicht durchbrechen konte; daher ließ er den Fuͤrsten Acichor alldar die Griechen unaufhoͤrlich mit blinden Lermen be- unruhigen; Er selbst aber zohe mit dem groͤsten Theile seines Heeres sich unter dem Berge Oe- ta westwerts hin; und versuchte durch die Tru- chinische Berg-Enge; wo nur zwey Menschen neben einander gehen koͤnnen/ durchzukommen. Er Arminius und Thußnelda. Er selbst war nicht zu erhalten: daß er nicht sei- ne Tectosager anfuͤhrte. Er erlegte mit seiner eignen Hand zwar auch den Obersten Telesar- chus/ und drang biß zu dem auf einer hohen Klippe liegenden Tempel der Minerve durch; aber die Klippen waren daselbst Thuͤrme hoch: daß nur Brennus an ihnen den Kopf zu zerbre- chen vernuͤnfftig unterlassen muste. Weil a- ber unter allen Griechen die Etolier den Deut- schen am hartnaͤckigsten begegneten/ schickte Brennus die Fuͤrsten Orester und Combut mit 40000. Mann uͤber den Fluß Sperchius/ wel- che durch Thessalien uͤber den Berg Callidro- mus in Etolien einbrachen; alles mit Feuer und Schwerd verheerten/ und hierdurch die Etolier zu Beschirmung ihres Eigenthums von Ther- mopylen wegzohen; welche aber nebst ihren Gehuͤlffen den Patrensen nur in den Gebuͤr- gen sich aufhalten/ und nach etlichen Treffen/ und verbrennter Stadt Callium mit reicher Beute musten abziehen lassen. Unterdessen weil die Heracleer und Aeniater der Deutschen Last uͤberdruͤßig waren/ weiseten sie nicht zwar aus Haß gegen die Griechen/ sondern um sich zu entbuͤrden dem Hertzog Brennus selbst einen leichten Weg uͤber den Berg Oeta/ auf welchem fuͤr Zeiten der Mede Hydarnes den Leonides uͤ- berfallen/ und Ephialtes die Persen in Phocis geleitet hatte. Die Phocenser hatten diesen Eingang zwar auch besetzt; aber der zu selbiger Zeit fallende Nebel verbarg die Deutschen so lange: daß die Griechen dieser nicht ehe/ als biß sie gantz umringt waren/ gewahr wurden. Da- her wurden sie fast alle erschlagen oder gefangen; und brachten wenig entflohene dem Callippus von der Ankunfft der Deutschen die traurige Zeitung. Callippus wendete sich zwar gegen den Brennus/ aber nach einem zweystuͤndigem Ge- fechte gieng bey den Griechen alles uͤber einen Hauffen/ sonderlich/ da der tapfere Callippus ge- faͤhrlich verwundet ward. Daheꝛ fluͤchtete sich al- les/ was noch den Deutschen Schwerdtern ent- ran/ auf die Atheniensischen Schiffe; von denen aber eine ziemliche Anzahl uͤberladen ward/ und in dem Schlamme stecken blieb; also von denen ins Meer watenden Deutschen noch erobert wurden. Fuͤrst Acichor ruͤckte hiermit unver- hindert durch die Thermopylen; gantz Phocis und Achaien selbst biß an Athen muste sich dem Brennus ergeben und fuͤr ihm demuͤthigen. Der gantze Peloponnesus aber die Corinthische Land-Enge besetzen/ das Cytherische Gebuͤrge verhauen/ und die holen Wege mit abgestuͤrtzten Klippen verriegeln/ um der Deutschen Einfall zu verhindern. Mir ist hierbey das Gedichte nicht unbekandt; als wenn Brennus kein gerin- gerer Gottes-Spoͤtter wie Dionysius gewest waͤre; welcher bey Beraubung der Tempel fuͤr- gegeben: daß der guͤldene Mantel dem Apollo im Sommer zu schwer/ im Winter zu kalt waͤ- re; und die guͤtigen Goͤtter ihme selbst ihre guͤl- dene Kraͤntze zulangten/ und daß selbter den Delphischen Tempel auf dem Berge Parnas- sus/ darinnen ein aus einer unterirrdischen Hoͤ- le aufsteigender Wind die Priester zum Wahr- sagen begeistern soll/ seines dahin gewiedmeten Reichthums zu berauben vor gehabt haͤtte/ vom Erdbeben und anderm Ungluͤck aber/ nach dem er ihm vorher einen Dolch ins Hertz gestossen/ samt seinem gantzen Heer aufgerieben/ und kein einiger Mensch errettet worden waͤre. Alleine dieses Gedichte werden nicht allein nachfolgen- de Thaten des Brennus wiederlegen; sondern es wiedersprechen ihnen die Geschichtschreiber selbst/ da sie theils bekennen muͤssen: Es waͤre dieser Tempel im heiligen Kriege von den Pho- censern lange vorher aller Schaͤtze beraubt wor- den/ theils fuͤr gegeben: Es haͤtten die unter de- nen Tectosagern vermischte Tolistobogier die Schaͤtze wuͤrcklich erobert und zum theil in ihr Heiligthum nach Tolosa geliefert/ zum theil da- selbst in einen See geworffen/ welches hernach der Roͤmische Heerfuͤhrer Coͤpio zu seinem gros- sen Ungluͤcke heraus gefischet haͤtte. Es ruͤh- F f f f f 3 ret Sechstes Buch ret aber dieses falsche Geschrey daher: Hertzog Brennus schickte einen aus dichtem Golde ge- machten Spieß/ derogleichen die Tectosager nach der aͤltesten Voͤlcker Art fuͤr ein goͤttliches Bild verehrten/ in den Delphischen Tempel zu einem Geschencke. Die aberwitzigen Priester aber/ welche dieses Kriegrische Gewehre fuͤr ei- ne Andeutung des Krieges hielten; da doch die Saͤulen des Apollo selbst Lantzen und Pfeile fuͤhren/ weigerten sich nicht alleine selbte anzu- nehmen/ unter dem Vorwand: daß Gold und andere unnuͤtze Schaͤtze der Tempel nur Anlaß zu ihrer Entweihung und zum Kirchen-Raube gebe/ wie sie es schon vom Philomelus/ und an- dere reiche Tempel Griechenlands vom Phi- lippus/ des Belus oder Didymeischen Jupi- ters vom Antiochus und die Egyptischen Hei- ligthuͤmer vom Cambyses erfahren haͤtten; son- dern sie liessen auch einem so maͤchtigen Fuͤrsten hoͤchst unzeitig entbieten: daß ihr Gott am Ge- schencke geraubter Guͤter kein Gefallen haͤtte. Welches den Brennus derogestalt verbitterte: daß er uͤber die Priester Rache auszuuͤben mit seinem Heere dem Tempel sich naͤherte. Es traf sich aber ungefaͤhr: daß als selbtes den Tem- pel im Gesichte hatte/ die Sonne sich verfinster- te; welches/ wie ieder zeit dem unwissenden Poͤ- fel/ also auch dißmal den Tectosagern nicht ein geringes Schrecken einjagte; die Delphischen Priesterinnen aber zum Aberglauben meister- lich zu gebrauchen wusten; in dem sie gleichsam als verzuͤckt mit zerstreuten Haaren und mit Schlangen in Haͤnden/ unter das zu Beschir- mung des Tempels versammlete Volck lieffen/ vorgebende: Sie haͤtten den Apollo in Gestalt eines schoͤnen Juͤnglings mit zwey gewaffneten Jungfrauen/ welches Diana und Mineꝛva seyn muͤste/ vom Himmel in den Tempel absteigen gesehen; sie haͤtten gehoͤrt das Schwirren der Waffen und der gespanneten Bogen; die Gei- ster des laͤngst verstorbenen Pyrrhus Hypero- chus und Laodocus waͤren ihre Vorgaͤnger; al- so moͤchten sie nicht die Gelegenheit versaͤumen mit denen vorgehenden Goͤtteꝛn die vom Schre- cken schon halb todte Feinde anzufallen. Fuͤr diesen wuͤtenden Leuten waͤre der angefallene Vortrab aus einer aberglaͤubischen Bestuͤrtzung zuruͤck gewichen/ und von selbtem an statt des Fechtens mit seinen Waffen um der verfinster- ten Sonne zu helffen/ ein grosses Gethoͤne ge- macht worden. Rhemetalces fing an: Es ist nichts ungemeines: daß die tapffersien Leute durch ein solch unversehenes Schauspiel er- schreckt/ oder durch eine aber glaubische Andacht in die Flucht bracht worden. Also zerstreuten die Valisker und Tarqvinier/ wie auch die Ve- jenter und Fidenater zwey mal das Roͤmische Heer durch eine Menge als Priester angeklei- deter Kriegsleute/ welche mit Schlangen und Fackeln in Haͤnden sie gleichsam rasende anfie- len. Adgandester versetzte: Brennus aber ließ sich diese Larven nicht schrecken; sondern sprach seinem fortzuruͤcken sich weigerndem Heere/ welches ihr Fuͤrnehmen fuͤr ein Gott widriges Erkuͤhnen gehalten/ und ihm selbst den Unter- gang wahrgesagt/ durch seine mit sich gefuͤhrte Priester/ welche hierinnen beym Poͤfel vermoͤ- gender als Obrigkeiten sind/ vernuͤnfftig zu/ und versicherte es: daß diese aus natuͤrlichen Ursachen entstandene Finsternuͤß in einer Stunde uͤber- hin seyn wuͤrde. Worauf er denn auch bey der darauf folgenden schoͤnen Ausklaͤrung des Him- mels/ welche die Sonnen-Finsternuͤsse wie der Wind die Monden-Finsternuͤsse insgemein zu begleiten pflegt/ die ihm entgegen rasenden Hauffen unschwer zerstreuete/ etliche schuldig befundene Priesterinnen toͤdtete/ die andern abeꝛ beschenckte/ in dem Tempel seine Andacht ver- richtete/ ja zwey in seinem Heere befindliche Fuͤr- sten aus Thessalien/ welche ein Marmelnes Siegsbild aus dem Delphischen in einen Thes- salischen Tempel gebracht hatte/ straffte/ und an seinen ersten Ort setzen ließ. Ob auch wol die Phocenser hernach aus einem blinden Eyver und Aberglauben dem Brennus unter der Stadt Ambrysus einfielen; wurden sie doch mit bluti- Arminius und Thußnelda. blutigen Koͤpffen abgewiesen/ und ihr Heerfuͤh- rer Aleximachus selbst getoͤdtet. Fuͤrst Zeno brach hier ein: Es wunderte ihn nunmehr weder die Aussprengung von des Brennus erdichtetem Untergange/ noch auch des Deutschen Heeres Schrecken uͤber der Sonnenfinsternuͤß; Nach dem auch die Affen und andere wilde Thiere sich daruͤber entsetzten/ und vielen tapfern Kriegsleu- ten mehrmals das Schwerd aus den Haͤnden gefallen waͤre. Also waͤre des grossen Alexanders Heer an dem Flusse Tigris bey der Mondenfin- sternuͤß fast verzweiffelt/ haͤtte auch um keinen Fuß breit wider der Goͤtter Willen fortzusetzen einen Aufstand gemacht; welchen Alexandeꝛ selbst zu stillen nicht getraut/ sondern die Bestuͤrtzten durch die Egyptischen Warsager beredet haͤtte: daß der Monde der Perser Sonne waͤre/ und seine Verfinsterung ihnen allezeit Ungluͤck be- deutete. Niccas haͤtte bey ereigneter Finsternuͤß mit seiner Schiffflotte aus dem Hafen in die See zu lauffen sich nicht erkuͤhnet/ und dardurch der Stadt Athen unfaͤglichen Schaden zugefuͤget. Koͤnig Archelaus in Macedonien haͤtte fuͤr Furcht die Burg verschlossen/ und zum Zeichen seiner Bestuͤrtzung seinem Sohne die Haare ab- scheren lassen. Der vorhin nie erschrockene Han- nibal haͤtte sich fuͤr seiner mit dem Scipio zuletzt gehaltenen Schlacht uͤber Verfinsterung der Sonnen so sehr; als Koͤnig Perseus/ da er gegen die Roͤmer schlagen solte/ uͤber der Mondenfin- sterniß entsetzt. Welches alles daheꝛ geflossen: daß nicht nur der Poͤfel/ welchem man die Ursachen der Finsternuͤsse mit Fleiß verschweiget/ sondern auch die Weltweisen ieder zeit sehr seltzame Mei- nungen hiervon gefuͤhret haben. Anaximander meinte/ der Sonnen und dem Monden wuͤrde bey ihrer Verfinsterung das Loch verstopft/ wor- aus sie ihr Feuer und Licht ausschuͤtteten; Hera- cletus: Es kehrten sich ihre nur auf einer Seiten leuchtende Kugeln um; Xenophanes: Es gebe viel Sonnen/ welche nach und nach verleschten; biß Thales endlich die Warheit gelehrt: daß der zwischen die Sonne und die Erdkugel tretende Monde der Sonnen/ die Erde aber mit ihrem Schatten des Monden Finsternuͤß verursache. Die sonst genungsam gescheuten Brahmaͤnner glaubten aber noch viel thoͤrichter: Sonn und Monde wuͤrden von zweyen Schlangen ge- fressen; die Serer: diese zwey Gestirne verlieren ihren Schein aus Furcht fuͤr einem Hunde und Drachen/ der sie zu verschlingen draͤute; andere Jndianer: sie wuͤrden von dem gestirnten Dra- chen gebissen. Rhemetalces fing an: Diese Wis- senschafft ist vielen eine Handhabe ihres Gluͤ- ckes/ wie deꝛ ersten aber glaͤubiger Unverstand ei- ne Ursache ihres Verderbens gewest. Denn der in Africa segelnde Agathocles machte durch Aus- legung der damals sich ereignenden Sonnenfin- sternuͤß seinem Kriegsvolcke ein grosses Hertz; in dem er ihre boͤse Bedeutung artlich auf die/ wi- der welche er zog/ abweltzte. Und der die natuͤrli- che Ursache des verfinsterten Monden anzeigen- de Sulpitius Gallus half der Bestuͤrtzung des Roͤmischen Heeres ab. Unterschiedene Heerfuͤh- rer haben hierdurch ihr auffruͤhrisches Kriegs- volck besaͤnftiget. Niemand/ sagte Adgandester/ hat sich der Vorsehung der Finsternuͤsse nuͤtzli- cher/ als Hanno gebraucht/ welcheꝛ in dem Atlan- tischen Eylande mit seinem gantzen Heere haͤtte erhungeꝛn muͤssen; weñ er nicht die wilden Ein- wohner daselbst mit einem in wenig Stunden bevorstehenden Finsternuͤsse erschreckt/ und sie zu Lieferung reichlicher Lebensmittel bewegt haͤtte. Sintemal diese einfaͤltigen Wilden so denn das Ende der Welt besorgen und darfuͤr halten: die Gestirne wuͤrden von einem hoͤllischen Geiste verschlungen; oder Sonn und Monde waͤren auf die Menschen ergrim̃et; oder auch: sie wuͤr- den von boͤsen Leuten bezaubert; dahero sie ins- gemein mit klingendem Ertzte/ Kieselsteinen und andern Dingen ein Geraͤusche machten/ etliche auch ihre Wangen zerkratzten/ und ihre Haare ausraufften. Die Deutschen pflegten sich auch der gleichen Gethoͤnes aber mehꝛ aus angenom̃e- ner Gewohnheit von andern Voͤlckern/ als aus Aberglauben zu gebrauchẽ. Ob nun wol freylich die Sechstes Buch die Finsternuͤsse der zwey grossen Welt-Lichter so wol ihre ordentliche Ursachen als ihre Gesetze Zeit haben; so ist deßhalben es der goͤttlichen Versehung unverschrenckt: daß sie hierdurch grosse Enderungen/ und insonderheit die Ver- duͤsterung grosser Welt-Lichter/ wie der Schat- ten an den Sonnen-Uhren die Stunden an- deute. Massen denn wenige Zeit hernach so wol Brennus als Belgius ihrem Leben und Siegen ein Ende machten. Bey diesen To- desfaͤllen ereigneten sich unter den Deutschen Fuͤrsten allerhand Zwytrachten; welche die groͤ- sten Reiche auch biß zu der eusersten Ohnmacht zu entkraͤfften maͤchtig sind. Bey welcher Un- ruh Antigonus sich wider gantz Macedoniens bemaͤchtigte. Gleichwol aber behauptete des Belgius Sohn Commontor nebst dem halben Pannonien ein Stuͤcke von Dacien/ Mysien und Thracien/ zwischen dem schwartzen Meere und dem Flusse Athyras/ nach dem er vorher die Geten und Treballen in etlichen Schlachten aufs Haupt erleget hatte. Dieser Fuͤrst erlang- te durch seine Helden-Thaten in Europa und Asien einen so starcken Nahmen: daß alle ferne Koͤnige an seinen neuen Reichs-Sitz die Stadt Tube schickten/ und den Hertzog Commontor um Huͤlffe und Buͤndnuͤß ersuchten. Denen Byzantiern nahm er nach etlichen Treffen ihre fetten Aecker/ und brachte sie derogestalt ins Ge- drange: daß sie ihm und seinen Nachkommen jaͤhrlich 80. Talent zum Geschencke senden mu- sten. Unter diesem ehrlichen Nahmen verhuͤl- len die schwaͤchern Herrschafften die schimpfli- chen Schatzungen. Jn diesem Zustande blieb es/ biß Fuͤrst Cavar von den Thraciern uͤber wun- den ward. Brennus verließ unterschiedene Soͤhne/ und zwar seinem Sohne Hunn Pan- nonien/ den andern beyden Leonor und Luthar nebst einer schlechten Abstattung seine zwey beste Sebeln/ mit der Erinnerung: daß diese/ die Tugend und das Gluͤcke schon maͤchtig genung waͤren/ sie mit einem Erbtheile etlicher Reiche zu versehen. Koͤnig Hunn aber eignete seines Vaters Feld-Hauptmanne Thessalor ein Her- tzogthum zwischen dem Jster und der Sau zu/ welcher die ihm untergebenen Voͤlcker nach sei- nem Vater die Scordißker nennte. Dieser ließ anfangs zwar in seinem Reiche ihm nichts mehr/ als den Ruhm seiner Gelindigkeit angelegen seyn; nach dem er aber durch allerhand Kuͤnste die Gemuͤther seiner Unterthanen und die Ge- wogenheit der Nachbarn gewonnen hatte/ ver- leitete ihn die einmal gekostete Suͤßigkeit der Herrschafft so weit: daß er so gar auff den Pan- nonischen Zepter ein Auge warf/ unterschiedene Pannonische Fuͤrsten/ welche der Deutschen Herrschafft uͤberdruͤßig und der Neuigkeit be- gierig waren/ auf seine Seite/ die Geten und Triballen aber wider die Deutschen in ein Buͤndnuͤß brachte. Nach dem diesen verschwor- nen nun unterschiedene Anschlaͤge den Koͤnig Hunn durch Gifft hinzurichten fehl schlugen/ beschlossen sie ihn auf der Jagt/ welche Sinadat einer seiner geheimsten Raͤthe anstellte/ aufzur ei- ben. Hunn war schon auf dem Wege/ als ein Deutsches Weib sich qver uͤber einen engen Weg legte/ wordurch der Koͤnig reiten solte/ und mit aufgehobenen Haͤnden bat/ er moͤchte keinen Schritt ferner reiten/ ihm auch von des Sina- dats eigenem Weibe ein verschlossen Schreiben einhaͤndigte/ welches das Geheimnuͤß der Ver- raͤtherey umstaͤndlich entdeckte; von welchem sie ihren Ehmann abwendig zu machen nicht ver- mocht haͤtte. Hunn entsetzte sich uͤber iedem Worte/ weil er die/ denen er die groͤste Treue zu- und das Hefft seines Reiches anvertraut hat- te/ unter dem Verzeichnuͤsse der schlimmsten Verraͤther fand. Also kehrte er stillschweigend zuruͤcke/ ließ ihre Schrifften durch suchen/ und/ nachdem er darinnen augenscheinlichen Be- weiß fand/ selbte an statt des Wildes auf der an- gestellten Jagt fangen/ und denen zwey fuͤr- nehmsten Raͤdelsfuͤhrern Sinadat und Jrenitz die Koͤpffe abschlagen. Jhr Goͤtter! fing die Koͤni- Arminius und Thußnelda. Koͤnigin Erato an zu ruffen/ mit was fuͤr Em- pfindligkeit ist dieser Schlag nicht des Sinadats Weibe durchs Hertz gegangen? Hat sie einen Augenblick den Tod ihres Ehmanns uͤberlebt/ dem sie eh als der Hencker das Messer an die Gurgel gesetzt? Oder haben die/ welche ihre Eh- maͤnner aufrichtiger lieb gewonnen/ nicht sie als eine Unholdin/ die den Eyd der Treue/ und das heilige Band der Ehe zerrissen/ verfluchet? Fuͤrst Rhemetalces laͤchelte/ und bat/ sie moͤchte diese Ruhms-wuͤrdige Heldin/ welcher Pannonien einen Ehren-Krantz schuldig blieben waͤre/ nicht unverhoͤrter Sache durch ein so strenges Urtheil verdammen. Denn ob zwar die Liebe eines Ehweibes alle andere uͤbertreffen solte/ waͤre selbte doch dem Maͤß-Stabe der Vernunfft unterworffen/ ohne welchen alle Tugenden zu Lastern wuͤrden. Sie koͤnte ihr Hertz zwar mit keinem Nebenbuhler theilen/ aber sie waͤre nicht befugt es ihrem Vaterlande zu ent- ziehen; welches uͤber uns mehr Gewalt haͤtte/ als Vaͤter uͤber ihre Kinder/ und Maͤnner uͤber ihre Weiber. Der Ehleute Liebe waͤre ange- nommen/ des Vaterlands aber angebohren. Ja auch die angebohrne muͤste des Vaterlands Liebe aus dem Wege treten. Daher haͤtte A- gesilaus zu unsterblichem Nachruhme seinen Sohn Pausanias der Spartaner Fuͤrsten/ weil er sein Vaterland dem Xerxes fuͤr 500. Talent verrathen wollen/ durch Hunger getoͤdtet/ seine Mutter aber die Leiche unbegraben weggeworf- fen. Brutus und Cassius haͤtten diese Zaͤrtlig- keit ihnen aus dem Gemuͤthe geschlagen/ als sie beyde ihre wider das Vaterland aufgestandene Soͤhne zum Tode verurtheilet; und Fulvius/ als er seines Sohnes Kopf springen sahe/ gesagt: Er haͤtte ihn nicht dem Catilina wider das Va- terland/ sondern dem Vaterlande wider Catili- nen gezeuget. Das Vaterland koͤnte wohl be- stehen/ wenn ein Geschlechte zu Grunde ginge/ dieses aber nicht/ wenn jenes fiele. Da nun ih- rer so viel ihre selbsteigene Liebe des Vaterlands nachgesetzt/ und dessen Wohlst and mit ihren Lei- chen unterstuͤtzet haͤtten/ wie waͤre des Sinadats Ehfrau ohne sich der Verraͤtherey selbst theil- hafft zu machen ihres verraͤtherischen Ehmanns zu schonen/ und das gemeine Heil in Grund zu stuͤrtzen berechtigt gewesen? Sintemal ja die Eh ein Verbuͤndnuͤß der Hertzen/ nicht aber der Laster seyn solte. Erato begegnete dem Rheme- talces: Sie gebe gerne nach: daß ein Weib ihren Ehmann von boͤsen Entschluͤssungen abzuleiten bemuͤht seyn; aber ihn doch nicht selbst angeben solte. So wenig einer sich selbst anzuklagen schuldig waͤre/ so wenig laͤge es seiner unzertreñ- lichen Gefaͤrtin in allem Ungluͤck und zweifel- hafften Faͤllen ob. Calliroe/ welche ihres Va- ters Lycus abscheuliche Menschen-Opferung ihrem Liebhaber Diomedes entdecket/ haͤtte sich hernach mit einem Stricke erhencket; Bysatia die eben dis von dem Massyler Koͤnige dem Cras- sus offenbart/ ihr die Kehle abschneiden muͤssen. Also wuͤrde sie sich nimmermehr uͤberwinden/ aus Liebe des Vaterlandes dem Ehmanne treu- loß zu weꝛden/ welchen der meisten Voͤlcker Recht uͤber ihre Weiber die Gewalt des Lebens und des Todes zueignet. Adgandester ward ersucht/ hieruͤber den Ausschlag zu geben/ aber er lehn- te sein begehꝛtes Uꝛtheil mit allerhand Unterschei- dungen der Umbstaͤnde ab; wolte des Sinidats Ehweib wedeꝛ gaͤntzlich veꝛtheidigẽ noch veꝛdam- mẽ; vorwendende: Es gebe solche Thaten; welche nach der Eigenschafft der auf dem Lande und im Wasser lebender Thiere gewisser massen zu den Tugenden und Lastern gerechnet werden koͤnten. Jedoch/ sagte er/ fragte Koͤnig Hunn nach der Zeit wenig nach ihr; sie selbst brachte ihr uͤbriges Leben mit Einsamkeit hin/ ihren Kin- dern aber nur die Ungenossenheit der nichts minder fallenden Straffen zuwege. Der Skordisker Fuͤrst Thessalor fluͤchtete sich zum Antigonus/ und erhaͤrtete durch sein Beyspiel: daß ein beleidigter Freund mehr als tausend Feinde Unheil stiften koͤnten. Denn nach dem Erster Theil. G g g g g alle Sechstes Buch alle Deutschen alle innerliche Unruh gestifftet/ die Geten und Treballen gezaͤhmt hatten/ wur- den sie/ und insonderheit Leonor und Luthar luͤ- stern/ das verlohrne Macedonien wieder zu er- obern. Der Koͤnig Hunn schickte deshalben zum Antigonus eine Bothschafft/ oder vielmehr Kundschaffer die Beschaffenheit Macedoniens anszuspuͤren; welche Antigonus aufs kostbarste unterhielt/ und ihnen seine grosse Gold- und Silber-Klumpen/ als die Spann-Adern der Kriege/ nebst den Elefanten zeigte. Dis aber/ was die Deutschen vom besor glichen Kriege ab- schrecken solte/ reitzte sie nur mehr zur reichen Beute an; zumal die Gesandten berichteten: daß das Macedonische Laͤger gar nicht befestigt/ fahrlaͤssig bewacht wuͤrde; das Eisen liesse man daselbst verrostern; gleich als wenn sie durch ih- ren Uberfluß des Goldes schon genungsam sicher waͤren. Diesemnach setzten beyde Hertzoge Leonor und Luthar in moͤglichster Eil uͤber den Fluß Strymon/ und eilten dem oberhalb Hera- clea geschlagenen Laͤger zu. Antigonus aber traute nicht der Deutschen Ankunfft zu erwar- ten/ sondern ließ das volle Laͤger stehen/ und flohe mit seinem Heere in das Bertiskische Gebuͤrge/ theils in die See-Stadt Arethusa/ umb die in dem Strymonischen See - Busem liegende Kriegs-Flotte zu verstaͤrcken. Weil nun da- zumal in Griechenland die bereit fuͤr hundert Jahren geschehene Phaennische Weissagung in grossem Ruffe war: daß die Deutschen in Asien ein maͤchtiges Reich aufrichten wuͤrden; zohen Leonor und Luthar gerade dem Meere zu/ uͤber- fielen auch die bey Arethusa liegende Schiffe wie ein Blitz. Als aber die Deutschen ihnen von keinem Feinde was mehr traͤumen liessen/ sondern nur in den Schiffen Beute machten; kam die bey Stagira liegende Schiff-Flotte des Antigonus mit vollem Segel angelauffen/ und erlegtẽ in den Schiffẽ beynahe 3000. Tectosager. Nichts desto weniger behaupteten sie etliche 20. Schiffe/ mit welchen sie lange auf dem Aegei- schen Meere herumb kreutzten/ biß sie von denen eroberten Schiffen eine starcke Kriegs-Flotte zusammen brachten; und bald dar bald dort in Asien reiche Beute holeten; insonderheit aber die Attalischen Laͤnder sehr aͤngstigten. Jnzwi- schen kam Koͤnig Pyrrhus/ nach dem er gute Zeit mit allerhand Zufaͤllen iu Jtalien und Si- cilien Krieg gefuͤhret hatte/ unverhofft in seinem Koͤnigreiche Epirus an/ zohe zehn tausend deut- sche Huͤlffs-Voͤlcker von denen Skordiskern an sich; und weil ihm Antigonus seiner Vertroͤ- stung zuwider kein Volck in Jtalien zu Huͤlffe geschickt hatte/ fiel er in Macedonien ein. Anti- gonus ward hierdurch gezwungen mit den Deutschen Friede zu machen/ und dem Fuͤrsten Leonor und Luthar jaͤhrlich hundert Talent zu versprechen; worgegen sie ihm mit fuͤnf tausend Tectosagern beystunden. Beyder Koͤnige Heere traffen an dem Flusse Aliacmon unter dem Berge Citarius auf einander; und thaͤten die unter dem Ritter Eberstein auf die Spitze gestellten Deutschen denen Epiroten grossen Abbruch. Als aber Koͤnig Pyrrhus seine Deutschen auch herfuͤr ruͤcken ließ; liessen die dem Antigonus ohne diß nicht allzu geneigte Deutschen ihre Haͤnde sincken; welche sie nicht in ihrer Landsleute Blut waschen wolten. Hiermit geriethen die Macedonier in Unord- nung/ und in die Flucht; und es waͤre Antigo- nus/ dessen gantzes Heer biß aufs Haupt erlegt ward/ selbst nicht entronnen/ wenn nicht die Deutschen noch so ehrlich an ihm gehandelt/ und ihn/ wiewol mit Verlust etlicher hundert tapfern Kriegsleute nach Thessalonich gebracht haͤtten. Wiewohl nun Antigonus daselbst mit vielem Golde die Deutschen erkauffte: daß sie/ iedoch mit der ausruͤcklichen Bedingung nicht wider die Deutschen zu kaͤmpfen/ denen Epiroten bey Apollonia noch einmal die Spitze bothen; so er- hielt doch des Pyrrhus streitbarer Sohn Ptolo- meus wider den Antigonus einen so grossen Sieg: daß er nebst sechs Pferden mit genauer Noth Arminius und Thußnelda. Noth entkam/ und sich von Argos fluͤchtete. Gantz Macedonien und Thessalien ergab sich hierauf dem Pyrrhus; weil er aber so wohl der erlegten Deutschen eroberte Schilde in den Jto- nischen Pallas-Tempel; wie die Macedonischen in des Dodoneischen Jupiters Heiligthum den Deutschen gleichsam zur Verkleinerung auf- hencken ließ; zohen des Pyrrhus deut che Huͤlffs-Voͤlcker wieder in Pannonien. Wor- auf denn sein Sohn Ptolomeus in der Stadt Sparta von Weibern erlegt/ Pyrrhus selbst aber bey Stuͤrmung der Stadt Argos mit ei- nem Steine erworffen/ iedoch sein gefangener Sohn Helenus vom Antigonus frey/ und in sein Koͤnigreich Epirus gelassen ward. Also mach- te sich Antigonus durch Beystand der Deutschen nicht nur zum Herren in Macedonien/ sondern auch uͤber ein Theil des Peloponnesus. Weil aber Antigonus uͤber dem Uberflusse so vielen Gluͤckes hochmuͤthig ward/ und den Deutschen ihren versprochenen Sold hinterhielt; fielen sie acht tausend starck in Pierien ein. Antigo- nus/ welcher diesen Feind mehr als keinen an- dern fuͤrchtete/ ließ den Spartanern und dem Ptolomeus/ mit welchen er damals kriegte/ ger- ne Lufft/ und eilte mit allen seinen Kraͤfften wi- der die Deutschen/ schnitt auch ihnen zwischen dem Flusse Aliacmon und Pharibus den Ruͤck- Weg zur See ab. Weil sie nun gegen einer so grossen Macht ihren Untergang fuͤr Augen sa- hen/ ihre bey sich habende Weiber und Kinder nicht in die Dienstbarkeit fallen lassen wolten/ rieben sie sich nach vielen Thraͤnen und Kuͤssen durch ihre eigene Schwerdter auf; fielen hier auf mit blutigen Faͤusten die Macedonier so verzwei- felt an: daß wenn diese ihnen nicht zehnmal an der Zahl uͤberlegen gewest waͤren; sie schwerlich ihren Sturm ausgestanden haͤtten. So aber wurden die Deutschen/ derer keiner gefangen seyn wolte/ biß auf wenige sich in das Citarische Gebuͤrge und von dar in Epirus entkommende/ iedoch nicht ungerochen erschlagen; weil der Macedonier uͤber zwoͤlff tausend auf der Wall- stadt blieben. Die gesluͤchteten frischten Ale- xandern den Koͤnig in Epirus an/ so wohl seines Vaters Pyrrhus Tod/ als ihr Unrecht am An- tigonus zu raͤchen; welcher denn mit der Deut- schen Zuthat den Antigonus nicht nur Macedo- niens/ sondern auch des Lebens beraubte. Bald aber drauf wendete sich mit der Deutschẽ hin und wieder fallenden Huͤlffe das Blat des Gluͤckes/ gleich als wenn es mit ihnen im Buͤndnuͤsse stuͤnde. Denn durch sie vertrieb des Antigonus Sohn Demetrius ein minderjaͤhriger Knabe Alexandern aus Macedonien und Epirus zu den Acarnanen; die Skordiskischen Deutschen aber setzten ihn bald wieder in sein vaͤterlich Koͤ- nigreich ein. Unterdessen als ein kleines Theil der Deut- schen in Griechenland Kronen nach Belieben nahm und aufsetzte; bestim̃te das Verhaͤngnuͤß solche in Asien denen tapfern Fuͤrsten Leonor und Luthar aufzusetzen; welche man daselbst recht der Hochmuͤthigen Schrecken/ der Be- draͤngten Zuflucht nennen konte. Sie hatten sich an dem Ascanischen Flusse und See feste gesetzt/ als der Koͤnig in Bithynien Nicomedes/ dessen Groß-Vater wider des grossen Alexan- ders Feldhauptmann Calantes der Bithynier Freyheit so herrlich beschirmet hatte/ von seinen aufruͤhrischen Unterthanen und seinem Bruder Zipetes auf des Koͤnigs in Syrien Antigonus Anstiftung sehr bedraͤngt/ und in der Burg zu Prusa belaͤgert; also die Deutschen umb Huͤlffe anzuruffen genoͤthigt ward. Hertzog Leonor und Luthar waren mit ihrem Heere zeitlicher in dem Gesichte der Belaͤgerer/ als sie es ihnen traͤumen liessen; weil sie den Fluß Sagar gegen sie starck besetzt hatten. Wie die Deutschen aber diese Besatzung im ersten Angriffe auf die Flucht bracht hatten/ also hoben die Bithynier auch uͤber Hals und Kopf die Belaͤgerung auf; welchen aber Hertzog Luthar in die Eisen ging/ sie biß aufs Haupt schlug/ und sechs tausend ge- G g g g g 2 fangen Sechstes Buch fangen nahm; aus denen Nicomedes die Raͤ- delsfuͤhrer auslaß/ und ihre Koͤpfe auf die Prusi- schen Mauern stecken ließ. Sein Bruder Zi- petes entran mit genauer Noth uͤbers Meer in Macedoniẽ; welchẽ die Byzantier zwar hernach zu ihrem Heerfuͤhrer wider seinẽ Bruder-Sohn den Koͤnig Prusias berufftẽ/ aber ihn ehe von sei- ner Kꝛanckheit erbleichen/ als seinen Degen wideꝛ sein Blut und Vaterland zuͤcken sahen. Dem Fuͤrsten Leonor und Luthar aber Paphlagonien und die zwischen dem Flusse Parthenius und Halys gelegene Helfte seines Gebietes einraͤum- te; darinnen die Tectosager die Stadt Pessinus/ die Trogimer Ancyra/ die Tolistobogier Tobia erbauten/ und dardurch sich nichts minder als gute Wirthe als streitbare Helden bezeugten. Dieses neue Reich bekam den Nahmen Gala- tiens/ weil die Deutschen in Asien Galater/ wie in Griechenland Gallier irrig genennt wurden. Alle Koͤnige in Asien bewarben sich umb ihre Freundschafft/ gruͤndeten ihre Hoheit auf ihre Achseln/ und die Voͤlcker legten ihre Freyheiten in ihre Armen. Kurtz nach gegruͤndetem Galati- schen Reiche entstand nach des Koͤnigs in Syrien Antiochus Tode zwischẽ seinẽ Sohne und Nach- folger Seleucus/ und dem Koͤnige Ptolomeus in Egyptẽ ein blutiger Kꝛieg/ weil jener seine Stief- mutter Berenice des Ptolomeus Schwester mit ihrem Sohne auf Anstiften seiner rechten Mut- ter Laodice getoͤdtet hatte. Als nun wegen seiner Grausamkeit viel Staͤdte von ihm abfielen/ er durch Schiffbruch und eine verlorne Schlacht 2. schwere Niederlagen erlitte/ ruffte er seinen Bru- der Antiochus Hierax zu Huͤlffe; und nach dem das Verhaͤngnuͤß sich entweder an ihm ausgeraͤ- chet/ oder das Ungluͤck ermuͤdet hatte/ also sein ihm vorher gehaͤssiges Volck aus Mitleiden ge- neigt zu werden anfing/ zwang er dem Ptolo- meus den Frieden ab. Weil aber Selevcus dem Antiochus das Theil Asiens/ das zwischen dem. Taurischen Gebuͤrge lieget/ und er ihm versprochen hatte/ nicht abtreten wolte/ zohe die- ser mit grossen Vertroͤstungen die Deutschen oder Galater an sich; durch derer Tapferkeit er seinen Bruder Selevcus aufs Haupt er- legte/ also: daß er selbst kaum mit hundert Pfer- den sich durch einen Fluß rettete; Antiochus sich aber auf der Wallstatt kroͤnen ließ. Wie aber Antiochus den Deutschen den versproche- nen Sold zu reichen weigerte/ schlugen sie sein Heer/ toͤdteten seinen Feldhauptmann Patro- clus/ umbringten ihn selbst in seinem Gezelt/ und noͤthigten ihn solchen zweyfach zu bezah- len. Unterdessen kam das Koͤnigreich Bithy- nien vom Nicomedes auf den Fuͤrsten Zela/ bey welchem die alten Wohlthaten der Deutschen schon ihren Geruch verlohren hatten. Daher er das Koͤnigreich Galatien nicht mehr als ein Kauff-Geld des erhaltenen Bithyniens/ sondern als einen Verlust seiner Krone miß guͤnstig an- sah. Gleichwohl aber hatte er weder Hertze noch Kraͤfften mit den Deutschen anzubinden; ließ also den Hertzog Luthar unter dem Scheine das vaͤterliche Buͤndnuͤß zu verneuern auf die Graͤntze einladen. Jhre Zusammenkunfft geschahe auf einer in dem Flusse Sagar liegen- den Eylande; ieder hatte nur hundert Edelleute bey sich. Koͤnig Zela ließ nichts an Pracht und herrlicher Bewillkommung mangeln. Ehe man sich aber zur Taffel setzte/ trug man ein Getraͤncke herumb; darunter diß/ was man dem Fuͤrsten Luthar brachte/ mit dem aͤrgsten Gifte angemachet war. Dieser aber hat- te wegen schon einmal empfangenen Giftes die Gewohnheit: daß sein Mund-Schencke alles vorher uͤbertrincken muste. Wie nun diese Vorsicht auch dißmal beobachtet ward; fiel er Augenblicks steintodt zu Bodem. Eben diß be- gegnete einem andern daraus trinckenden Deut- schen. Daher denn auf des Fuͤrsten Luthars Winck die uͤbrigen ihre Sebeln bloͤsten/ und den Koͤnig Zela mit fast allen anwesenden Bi- thyniern in Stuͤcke hieben. Sein Bruder Pru- sias war froh uͤber der an ihn verfallenden Herr- Arminius und Thußnelda. Herrschafft/ verdammte des Zela Arglist/ und machte so wohl mit dem Fuͤrsten Luthar/ als dem in Thracien gebietenden Cavar Freund- schafft; welcher ihm die Byzantier so enge: daß sie nicht vor die Stadt-Pforten durfften/ ein- sperren/ und hernach einen vortheilhafften Frieden machen halff. Ein viel groͤsser Unge- witter aber zohe aus dem Attalischen Mysien auff. Denn Phileterus eines gemeinen Man- nes und einer Pfeifferin Sohn hatte sich aus ei- nem Stadthalter zum Koͤnige zu Pergamus auffgeworffen/ und seine Herrschafft seines Bruders Sohne Eumenes hinterlassen. Die- ser sahe denen zwischen dem Selevcus/ Antio- chus und Deutschen entstandenen Blutstuͤr- tzungen mit grosser Vergnuͤgung zu/ und zehl- te alle ihre Niederlagen unter seinen Gewinn. Wie er nun meinte: daß sich die Syrier und Deutschen genug abgemergelt haͤtten; und in- sonderheit diese so wol in dem mit dem Selevcus als Antigonus gehaltenen Schlacht viel er- litten hatten; griff Evmenes den Sieger An- tiochus/ und die von ihren Wunden noch nie genesenen Deutschen bey Sardes mit einer grossen Macht an; und spielte in dem nach Sy- rien gehoͤrigen und gleichsam keinen Besitzer ha- benden Asien allenthalben den Meister. Gleich- wohl aber behielten die Deutschen ihre neue Reichs-Graͤntzen unversehret; ob schon sonst die noch nicht feste-beraasete Herrschafften leicht zerfallen. Ja Ptolomeus in Egypten/ wider welchen der Cyrennische Koͤnig Magas auff- stand/ und mit einem Heere in Egypten einzu- brechen vorhatte/ bath vom Hertzog Luthar vier tausend Deutsche zu Beschirmung seiner Graͤntzen aus. Welche seinem Vorzuge ei- nen gewaltigen Streich versetzten; und weil uͤ- berdiß die Marmariden von hinten zu in Cy- rene einfielen/ verursachten: daß Magas un- verrichteter Sachen von Egypten abzoh. Weil nun dieser tapfferen Leute Wohlthaten groͤsser waren/ als sie Ptolomeus zu bezahlen hatte/ konten sie anders nicht als mit Undanck vergol- ten werden. Die Erkentnuͤß seiner Schuld gebahr in ihm Haß/ dieser aber vermaͤhlte sich gleichsam zu seiner Rechtfertigung mit einem wiewohl der Warheit gar nicht aͤhnlichem Vẽr- dachte/ samb die Deutschen oder Galater sich Egyptens zu bemaͤchtigen im Schilde fuͤhi ten. Weil nun keine betruͤglichere Wegweiser als Argwohn und Ehrsucht sind/ setzte er sie auff der Mareotischen See zu Schiffe/ und fuͤhrte sie auff dem Flusse Lycus uͤber den Maͤrischen See den Nil hinauff; ließ sie auff einem ober- halb Thamiat liegenden wuͤsten Eylande aus- steigen/ die Schiffe des Nachts heimlich abstos- sen/ und erhungern. Welches aber die Deut- schen in Asien nicht ungerochen liessen/ sonderu den Koͤnig in Syrien dem Ptolomeus auf den Hals hetzten/ und mit Beysetzung ihrer Waf- fen ihm alle seine Ehrsuchts-Zirckel verruͤck- ten. Der in Asien auffkommende Nahme/ und der sich ausbrei tende Ruhm der Deutschen diente denen Semnonern und andern in Jta- lien zu einem Vorwand ihre Haͤnde in die Schooß zu legen/ und dem sich mit Gewalt auff der Roͤmer Seite schlagenden Gluͤcke zu- zuschauen. Denn ungeachtet sie ihnen die Rech- nung leicht machen konten: daß durch eintzelen Krieg alle uͤberwunden/ und die grosse Last der sieben sich alle Tage vergroͤssernden Berge sie mit der Zeit auch uͤberschuͤtten wuͤrde; so hat- ten sie doch schon mit Schaden erfahren: daß das Verhaͤngniß denen selbst auff die Zeen trete/ welche das Roͤmische Wachsthum zu hindern sich erkuͤhnten; und dahero hielten sie fuͤr Klugheit Zeit zu gewinnen/ und das ihm zu- hengende Verterben noch auffzuschleben. Nach dem nun Hetꝛurien und Samnis gedemuͤthigt/ Pyrrhus aus Jtalien vertrieben/ Rhegium er- obert war/ und sich nichts mehr wider die Roͤ- mer ruͤhrte; fingen sie an gegen auslaͤndischer Nachbarn Macht eiffersuͤchtig zu werden; son- G g g g g 3 derlich Sechstes Buch derlich aber stach sie die Stadt Carthago in die Augen; welcher Macht sie rings um sich her/ und insonderheit in dem benachbarten Sicili- en anwachsen sahen. Weil nun Andacht fast aller Kriege Firnß seyn muß/ schickten sie in dem dem Vulcanus zugeigneten Herbst-Mo- nathe einen ihrer Priesteꝛ mit einer grossen Plat- te Gold/ darauff die Stadt Rom gepreget war/ auff den Berg Etna/ welcher seiner Hoͤ- he wegen die Seule des Himmels genennet wird. So bald sie der Priester in seinen feu- rigen Kessel warff/ ward sie augenblicks ver- schlungen. Jn des Vulcanus Tempel aber liessen sie einen guͤldenen Amboß lieffern/ da denn die Hunde den abgeschickten Priester lieb- kosende bewillkommten/ und alle seine Fuß- stapffen leckten. Weil beydes nun fuͤr gewisse Zeichen kuͤnfftigen Gluͤcks in Sicilien ange- nommen ward/ fertigten sie den Buͤrgermeister Appius ab/ der belaͤgerten Stadt Messana zu Huͤlffe. Die Carthaginenser wurden nicht al- leine die Belaͤgerung auffzuheben gezwungen/ sondern der Koͤnig zu Syracuse Hiero schlug sich auch zu den Roͤmern; weil der grosse Brunn A- rethusa/ der auff dem an Syracusa liegenden Eylande Ortygia aus einem Steinfelsen ent- springet/ eine silberne Schale auffgestossen hatte/ auff der gepreget war/ wie ein Wolff ein Pferd zerfleischte/ welches die Priester in dem darbey stehenden Tempel der Alpheischen Di- ana dahin auslegten: daß Rom die Stadt Car- thago zerstoͤren wuͤrde/ und also den Hiero sich der Ungluͤckseligen zu entschlagen/ und an der Roͤmer Gluͤcks-Bild zu lehnen verursachte. Wiewohl dieses eben so wohl fuͤr einen Betrug der Priester gehalten ward; als dieses: daß eine in Arcadien zu Olympia in Fluß Alpheus ge- worffene Schale/ wie auch die Merckmahle von denen daselbst geschlachteten Opffer-Thie- ren aus diesem Brunnen solten hervor kom̃en/ ja vom Delphischen Apollo selbst dem Archias gerathen worden seyn: daß er da/ wo der unter dem Meere unvermischt durch dringende Alphe- us sich mit dem Brunnen Arethusa vermaͤhlte/ seine angezielte Stadt/ nehmlich Syracusen er- bauen solte. Wie nun die Carthaginenser de- rogestalt einen schweren Krieg/ dessen Grau- samkeit der Berg Etna mit Ausstossung unge- woͤhnlicher Hartzt und Schwefel-Baͤche/ mit Abstuͤrtzung zerschmoltzener Stein-Klippen in das vom unterirrdischen Feuer siedende Meer/ und das gantze Eyland durch grausame Erd- beben ankuͤndigte/ fuͤr Augen sahen/ hingegen der Deutschen Tapfferkeit nicht nur in der gan- tzen Welt beruffen war/ sondern die Semno- ner/ welche Brennus dem Koͤnige Dionysius zugeschickt hatte/ in denen Sicilischen Kriegen/ und die Celten in den Spanischen ihre Tugend genugsam hatten sehen lassen/ beschlossen sie so viel Semnoner/ Celten oder andere Deutschen/ als ihrer moͤglich auffzubringen waͤren/ in ihre Kriegs-Dienste zu ziehen. Weil nun die zwey Koͤnige der Alemannier Concoletan und Ane- roest ihrem zwischen dem Rhein/ Meyn und der Donau liegendes Gebiete alle denen Hel- vetiern zustehende Landschafften zwischen den Alpen und dem Gebuͤrge Jura beygesetzt/ die Jnsubrer und Ligurier aber/ welche mit den Maßiliern der Roͤmer Bunds-Genossen in Krieg verfallen waren/ ihnen die Staͤdte Anti- polis und Nicea abgenommen/ und Britomarn der Catten Hertzog wegen seiner Tapfferkeit zu ihrem Koͤnige erwehlet hatten; schickten sie an diese Koͤnige eine Gesandtschafft; und brach- ten eine ansehnliche Huͤlffe von Alemaͤnnern/ Jnsubrern und Liguriern zuwege/ die sie auff dem Rhodan herab/ von dar in Sardinien/ und endlich in Sicilien nach Agrigent fuͤhrten; welche Stadt nicht allein ihrer Festung halber/ sondern auch wegen allerhand natuͤrlichen Sel- tzamkeiten beruͤhmt ist/ insonderheit wegen des Saltzes/ das beym Feuer zerfleust/ beym Was- ser wie anders von der Flamme zerplatzet/ we- gen des Brunnen/ aus welchem alle/ insonder- heit Arminius und Thußnelda. heit aber das fuͤnffte Jahr eine grosse Menge Erde hervor qvillet/ und daß daselbst aus ei- nem Felsen des Sommers Wasser/ des Win- ters Feuer springet; ja ein kaum eines Schil- des grosser Pful/ wenn Badende hineinsprin- gen/ sich so weit ausdehnet: daß ihrer wol funf- zig darinnen Raum haben/ und so wenig Men- schen als Holtz untersincken laͤst. Nach dem auch die Carthaginenser durch ihre Schiffarth mit den Friesern/ Chauzen/ und Cimbern ver- trauliche Freundschafft gemacht/ ja den aus Jn- dien vom Sandrcot verjagten/ bey dem Ptolo- meus Lagida in Egypten/ und dem Lysima- chus in Thracien unter zu kommen vergebens suchenden Friso/ Bruno und Sax mit ihren Schiffen biß an die Weser uͤbergefuͤhret hat- ten/ brachten sie daselbst gleicher Gestalt eine ansehnliche Menge Huͤlffs-Voͤlcker auff; wel- che dem uͤberaus bekuͤmmerten Hanno zu He- raclea/ wohl zu statten kamen. Denn dieser war halb verzweiffelt; weil wider des Orts Gewonheit seine auff dem Vulcanischen Huͤ- gel uͤber Reben-Holtz gelegte Opffer sich von sich selbst entzuͤnden wolten; ja in dem beruͤhm- ten Oel-Brunnen bey dem Blumen-reichen Berge Gonius das Oel versieg/ als es Hanno nach empfangener Weihung zu seinem Got- tesdienste schoͤpffen wolte/ und also die Goͤtter ihm ihren Unwillen genugsam zu verstehen ga- ben/ welchen er auch in der That verspuͤrte/ in- dem der die Stadt Agrigent belaͤgernde Post- humius und Manlius seinen Entsatz mit grossem Verlust zuruͤcke schlug. Jhre erste Tapfferkeit erwiesen die Deutschen in der grau- samen Belaͤgerung der Stadt Agrigent/ indem diese nicht nur durch ihre Tapfferkeit/ sondern auch durch ihre Maͤßigkeit den Mohren und Siciliern ein Beyspiel die fast unmenschliche Hungers-Noth auszutauern abgaben; auch zuletzt den in Agrigent beschlossenen Hanni- bal des Nachts mitten durch das Roͤmische Laͤ- ger mit dem Degen in der Hand gluͤcklich durch- brachten; nachdem die Roͤmer uͤber dreißig tausend Mann fuͤr dieser Stadt hatten sitzen lassen. Jedoch wurden ihnen ihre treue Dien- ste schlecht belohnt. Denn als sie ihren so lang entbehrten Kriegs-Sold forderten/ vertroͤstete sie der Feldherr Hanno: daß er ihnen folgende Nacht der gantzen Stadt Entella reiche Beu- te zu ihrer Belohnung lieffern wolte; schickte sie auch gerade darauff zu. Jnzwischen hatte Han- no durch einen Uberlaͤuffer den Buͤrgermeister Ottacilius benachrichtiget: daß die Carthagi- nenser in der Stadt Etellan Verstaͤndniß haͤttẽ/ und selbige Nacht sie uͤberfallen wuͤrden. Da- her wartete Ottacilius mit seinem halben Heere jenen auff den Dienst; umringte sie auff allen Seiten; und erlegte vier tausend tapffere Deut- schen/ derer keiner von einiger Ergebung hoͤren wolte; noch seine Haut ungerochen verkauffte. Jedoch blieb dieseꝛ dꝛeißig tausend Roͤmeꝛ schaͤnd- liche Undanck des Hanno verdruͤckt/ und ka- men sechs tausend frische Deutschen unter den Heruler Fuͤrsten Avtarit den Carthaginensern zu Huͤlffe; welche unter dem Boodes/ als er dem Cnaͤus Cornelius mit der Roͤmischen Schiffs- Flotte in dem Hafen zu Lipara beschloß/ alles gefangen nahm; und unter Amilcarn/ als er zwischen der Stadt Paropos und denen Hime- rischen warmen Brunnen vier tausend Roͤmer erlegte. Als auch Atilius Regulus in Africa aussetzte/ nach erlegtem abscheulichen Drachen/ (dessen hundert und zwantzig Fuͤße lange Haut hernach zu Rom in des Saturnus Tempel ge- henckt ward) und nach eroberter Stadt Clupea Adin belaͤgerte/ die Caꝛthaginenseꝛ aber in dẽ Ge- buͤrgen mit ihren Elephanten und Reuterey gar nichts ausrichten konten/ und die gantze Last der Roͤmer den Deutschen Huͤlffsvoͤlckern auff dem Halse lag/uͤbten diese unglaubliche Helden-Tha- ten aus/ und trieben die erste Legion mit grossem Verlust zuruͤcke. Weil sie aber die Africaner al- lein im Stiche liessen/ litten sie ziemlichen Ver- lust; also: daß sie unter damaligen Heerfuͤhrern dem Sechstes Buch dem Asdrubal/ Bostar und Amilcar/ nach dem vorher Annibal wegen uͤbel gefuͤhrten Krieges gekreutziget worden war/ laͤnger zu fechten sich weigerten. Dieses verursachte: daß Xantip- pus/ der aus Griechenland mit frischen gewor- benen Huͤlffs-Voͤlckern von Celten und Spar- tanern ankam/ zum Feldherrn erwehlet ward/ welcher denn auch durch seine vortheilhafftige Schlacht-Ordnung und der deutschen Tapffer- keit/ die an den Spitzen beyder Fluͤgel wie Loͤ- wen fochten/ und auff der Seite die Roͤmischen Hauffen durchbrachen/ biß auff wenige sich nach Clupea fluͤchtende erlegte/ und die/ welche nicht in der Flucht von Elephanten und Pferden zer- treten wurden/ mit dem Buͤrgermeister Attilius Regulus nach Carthago zum Siegs-Gepraͤnge fuͤhrte; und also wahr machte: daß auch mit Loͤ- wen/ wenn selbte einen Hasen zum Fuͤhrer ha- ben/ nichts ruhmwuͤrdiges auszurichten/ ein kluger Kopff aber viel tausend Haͤnden uͤberle- gen sey. Diese Schlacht jagte den Roͤmern ein solch Schrecken ein: daß sie etliche Jahre sich al- lezeit nur an bergichten Orten setzen/ und mit diesem Feinde nicht in falschem Felde treffen wolten/ biß Aßdrubal bey Panormus vom Coͤ- cilius die grosse Niederlage erlidt/ und alle seine Elefanten einbuͤste. Attilius starbhier auff zu Carthago fuͤr Betruͤbnis/ nicht aber durch der Feinde Grausamkeit/ wie des Attilius ergrim̃- tes Ehweib zu Rom faͤlschlich aussprengte/ um ihre unmenschliche Rache/ da sie nehmlich den zu ihrer Verwahrung anvertrauten gefangenen Bastar durch Hunger getoͤdtet/ Amilcar auch schon das letzte auff der Muͤhle hatte; der aber durch des Roͤmischen Raths Vorsorge noch kuͤmmerlich erhalten ward/ mit etwas be- schoͤnigen moͤchte. Hoͤret aber/ wie der Un- danck nicht alleine einen ausgepreßten Gra- nat-Apffel auf den Mist wirft/ ein satter Mund dem suͤssesten Qvell den Ruͤcken kehrt; sondern wie nichts gefaͤhrlicher sey/ als einen durch groͤs- sere Wolthaten ihm verknuͤpffen/ als selbtem zu vergelten/ entweder sein Vermoͤgen oder seine Gemuͤthsart erlaubet. Jener Mangel machet einen anfangs schamroth/ hernach verrauchet das Gedaͤchtniß durch Vergessenheit. Dieses aber sauget aus einer so koͤstlichen Frucht das aͤrgste Gifft/ wordurch er seinem Wohlthaͤter vom Leben hilfft/ wormit ieder seiner Anblicke ihm nicht seine Undanckbarkeit stets auffruͤcke. Bey welcher Beschaffenheit es sich niemanden sicherer Wolthaten erzeigen laͤst; als dem/ der ih- ren Werth gar nicht zu schaͤtzen weiß/ und gegen einem Pfund Ambra ein Loth Saffran zuruͤcke wiegt. Die boßhaften/ aber auch zugleich blinden Carthaginenser wurden nicht allein durch diesen gluͤckseligen Streich so hochmuͤthig/ als wenn sie mit diesem Heere allen Roͤmern das Licht ausge- lescht/ oder die Mohꝛen so viel schon in deꝛ Kꝛiegs- Kunst begriffen haͤtten: daß sie des Xantippus gar wohl entbehren koͤnten; denen abgesetzten Heerfuͤhrern aber schien es nicht allein verklei- nerlich zu seyn: daß der Carthaginensische Adel/ und der uhralten Barcken-Stam̃ einem Spar- tanischen Buͤrger nachgehen/ oder gehorsamen/ dieser herrliche Sieg ein Werck eines unedlen Spartaners seyn solte; sondern es waͤre auch ei- ne grosse Unvernunfft einem Auslaͤnder das Hefft der Dinge zu vertrauen; dem alle fremde Huͤlffs-Voͤlcker auff einen Winck zu Gebote stuͤnden/ und den ihr eigner Poͤfel als einen Ab- gott verehꝛte. Daheꝛo stelltẽ sich die Carthaginen- ser an/ als wenn sie mit den Roͤmern einen Frie- den schluͤssen wolten/ beschenckten den Xanthip- pus und etliche mit sich gebrachte Kriegs-Haͤup- ter ansehnlich/ gaben selbten sie in Griechenland uͤber zu fuͤhren 10. Kriegs-Schiffe zu/ den Moh- ren aber Befehl: daß sie auff der hohen See den Xanthippus mit den seinigen ins Wasser stuͤrtz- ten; hernach tichtende: daß sein Schiff auff ei- nem Steinfelsen zerborsten waͤre. Die Deut- schen und andere Huͤlffs-Voͤlcker wurden hier- uͤber unwillig/ und Carthago buͤste alsbald durch den Verlust der See-Schlacht bey dem Herme- tischen Arminius und Thußnelda. tischen Vorgebuͤrge seine Thorheit und Boßheit/ ja es waͤre schon damals um Carthago geschehen gewest/ wenn der Schiffbruch den unvor- sichtigen Roͤmern nicht zweyhundert und drey- und siebzig Schiffe mit allem Volck und Vorra- the verschlungen/ auch nicht nach eroberter Stadt Panormus ihre Flotte bey der kleinern Syrte auff den Grund kommen/ und in der Si- cilischen Meerenge ihnen abermals durch Ver- waꝛlosung andeꝛthalb hundert Schiffe zu Grun- de gegangen waͤren. Der Alemaͤnner/ Friesen/ Chauzen/ Semnoner und Celten Treue und Tapferkeit ward doch endlich bey der beruͤhmten Belaͤgeꝛung deꝛ von dem Grabe deꝛ Cumanischẽ Sibylle beruͤhmten Stadt Lilybeum wieder ans Licht gebracht. Denn ob wol die Sibylla dieser festẽ Stadt wahr gesagt hatte: daß so lange sie ihre Asche unversehrt auff heben wuͤrden/ kein Feind mit Gewalt sie uͤbermeistern wuͤrde; so wurde doch dieser Glauben nach und nach sehr vermin- dert/ und in Kleinmuth verwandelt/ als etliche Griechen nach langer Gegenwehr und vielem verspritztem Blute alle Huͤlffs-Voͤlcker zu den Roͤmern aus der Festung uͤber zu gehen beredet hatten/ sie auch schon im Laͤger mit dem Buͤrger- meister die Bedingungen abhandelten. Allein es war Alexon/ ein in Achaien gebohrner Celti- scher/ und Delmenhorst ein Chauzischer Ritter so redlich: daß sie dem Himilcon solches nicht allein eꝛoͤffneten/ sondeꝛn auch nebst dem bey den Deut- schen sehr beliebten jungen Hannibal die wan- ckenden Kriegsvoͤlcker durch grosse Vertroͤstun- gen in bestaͤndiger Treue erhielten/ ja sie zu Nie- dersebelung derer vom Feinde zuruͤckkommen- den Verraͤther bewegten. Uberdiß war unter den Huͤlffs-Voͤlckern Strabo ein streitbarer und scharffsichtiger Marckmann/ dessen Gesich- te von einer Hoͤhe der Stadt Lilybeum biß an das Hermetische Vorgebuͤrge in Africa trug; und denen Kleinmuͤthigen andeutete: daß er aus selbigem Hafen 50. Schiffe auslauffen sehen. Massen denn auch den dritten Tag der hernach so grosse Annibal Amilcars Sohn mit so viel Schiffen im Angesichte der fuͤr dem Hafen lie- genden feindlichen Schiffs-Flotte darein gluͤck- lich einlieff. Wiewol nun der Ausfall auff des Feindes Belaͤgerungs-Wercke von den Roͤ- mern behertzt abgetrieben/ und Annibal schon nach Depanum dem Adherbal zu Huͤlffe gezogẽ ja die Roͤmer den Hafen zu versencken bemuͤhet/ und mit ihren Sturm-Thuͤrmen den Belaͤger- ten biß ans Hertz kommen waren; nahm doch ein Semnonischer Edelmann die Zeit wahr/ da von der Stadtab gegen das feindliche Laͤger ein ge- waltiger Sturmwind bließ/ und gab dem Hi- milco eine Erfindung an die Hand des Fein- des Gebaͤue einzuaͤschern. Himilco vertraute die Ausfuͤhrung dem Erfinder und denen Deut- schen/ die er ihm selbst auslaß; welche denn umb Mitternacht sich an Stricken uͤber die Mau- ern liessen/ uͤber die Graben schwammen/ und ehe der Feind ihrer inne ward/ ihre die Mauer weit uͤberhoͤhenden Thuͤrme an dreyen Orten in Brand brachten. Die von dem Winde auffge- blasene Flamme nahm in einem Augenblicke derogestalt uͤberhand: daß alles Leschen vergebe- ne Arbeit/ und diese Gebaͤue etlicher tausend Roͤ- mer Holtzstoͤsse und Todtenbahren waren. Hi- milco that hierauff einen Ausfall/ da denn der Wind nicht allein Feuer und Rauch/ sondern auch die feindlichen Pfeile den Roͤmern mit Ge- walt in die Augen trieb/ und so viel Schaden that: daß denen Belaͤgerern alle Hoffnung der Eroberung entfiel/ und von Rom zehn tausend frische Roͤmer in Sicilien musten geschickt wer- den. Der Angeber dieses Brandes erlangte ei- nen koͤstlichen Siegs-Krantz/ und andere kostba- re Geschencke; zwey Friesische Edelleute aber/ welche den durch Abstuͤrtzung eines abbrennen- den Thurmes rings herum mit gluͤenden Braͤn- den umschuͤtteten Himilco aus dem Feuer und augenscheinlicher Lebens-Gefahr retteten/ eben zwey solche Seulen in dem Lilybeischen Tempel der Ceres/ wie sie denen 2. frommen Juͤnglin- Erster Theil. H h h h h gen Sechstes Buch gen Anapius und Amphinamus in dem Carta- neischen Felde auffgerichtet sahen/ die Vater und Mutter aus dem feurigen Hartzte des Berges Etna getragen haben. Als die Friesen nun auch in der Seeschlacht bey Drepanum unterm Ad- herbal sich so tapffer hielten/ daß drey und neun- zig Roͤmische Schiffe erobert wurden/ und Pu- blius mit dreißig Schiffen zur Noth entrann/ auch eben diese unter dem Carthalon die fuͤr Lily- beum liegende Roͤmische Schiff-Flotte anzuͤn- deten/ den Buͤrgermeister Junius aber bey dem Pachinischen Vorgebuͤrge an Strand jagten/ und zwey Roͤmische von einander getrennte Kriegs-Flotten/ dem Winde und Wellen auff- opfferten/ ward hinfort sonder der Deutschen Zu- that kein wichtiger Anschlag mehr fuͤr genom̃en. Welche denn auch dem kuͤhnen Hamilcaꝛ Barca an die Hand gaben: daß der zwischen der Stadt Panormus und Hyccara der Lais Vaterlande dem Berge Ercta an einem festen und fruchtba- ren Orte/ wovon er mit Schiffen die Jtaliaͤni- schen Kuͤsten taͤglich unsicher machen konte/ zu grossem Abbruch sein Laͤger schlug/ die Roͤ- mer in grosse Hungers-Noth brachte/ welche der Erycinischen Venus Tempel eingenom̃en hatten/ den Aeneas auff dem Gipfel des Ber- ges Eryx gebaut/ und darein seinen Vater An- chises nebst der Venus Sohn Eryx begraben hat. Die Roͤmer kamen hierdurch derogestalt ins Gedrange: daß sie dieses Heiligthum/ und vielleicht gantz Sicilien verlassen haͤtten/ wenn nicht der wunderwuͤrdige guͤldene Wideꝛ/ dẽ Daͤ- dalus der Venus gegossen/ sich Landwerts um- gekehrt/ und derogestalt die Roͤmer daselbst noch zu bleiben erinnert/ hingegen die Tauben/ welche von der dar in Gestalt einer rothen Taube vor- fluͤgenden Venus jaͤhrlich nach Africa nachfluͤ- gen sollen/ ihren Flug gegen Jtalien veraͤndert/ und gleichsam gegen dieses ihre Gunst/ gegen je- nes ihre Abneigung angedeutet haͤtten. Das Blat wendete sich auch etliche Tage hernach; in- dem etliche tausend unter dem Hertzog Narvas streitende/ von den Mohren aber uͤbel gehaltene Deutschen zu den Roͤmern uͤbergegangen waͤ- ren/ wodurch denn die Roͤmer nicht alleine aus diesem Gedrange errettet/ sondern auch der Ab- gang dieser tapfferen Leute kurtz hierauff in der Seeschlacht bey Drexana zwischen dem Hanno und Lutetius mercklich gemißet/ den Carthagi- nensern funffzig Schiffe in Grund gebohrt/ sie- benzig mit zehntausend Mann gefangen wur- den; und Carthago derogestalt durch den an Klugheit und Tapfferkeit keinem nachgeben- den Feldherrn Hamilcar mit den Roͤmern ei- nen Frieden schluͤssen/ das fruchtbare Sicilien aber im Stiche lassen muste. Kurtz erwehnter Fuͤrst Narvas war ein En- ckel des Bructerer Hertzogs Narvas/ dessen zwey juͤngere Soͤhne theils wegen ihres Brudern Erstgeburt/ theils wegen ihres allzu volckrei- chen Vaterlandes mit seinem Theile Volckes ein fremdes Land zu suchen gezwungen wuꝛden. Der eine Sohn Bagan ließ sich in Gallien zwi- schen der Schelde und Maaß an dem Flusse Sabis nieder; von welchem die Stadt Bagen- heim/ von dessen Vater aber das Volck den Nahmen der Naͤrvier hat. Der andere Sohn Estion verdrang ein Theil der Veneteꝛ/ und be- meisterte sich des Seestrandes an dem Venedi- schen Seebusem von dem Flusse Chronus und Rubo an biß an den Strom Turnutum; an wel- chem er nach seines Vatern Nahmen die Stadt Narva erbaute. Nach seinem Tode noͤthigte der aͤlteste Sohn Hirus seinen juͤngern sechzehn- jaͤhrigen Bruder Narvas sein Vaterland zu raͤumen. Dieser junge Held hielt es ihm an- staͤndiger zu seyn/ bey den Fremden durch Tu- gend ein Lorberreiß zu verdienen/ als seinem Bruder durch Traͤgheit Uberlast/ und seiner Vor-Eltern Reichs-Apffel zum Zanck-Apffel zu machen; dahero segelte er mit etlichen Cartha- ginensischen Kauffschiffen/ welche auffdem Ey- lande Glaßaria Agstein/ den das Meer haͤuffig an diese Ufer anspielet/ einkaufften/ nach Cartha- go. Arminius und Thußnelda. go. Die Koͤnigin Erato fuhr hieruͤber heraus: was hoͤre ich? Jst Deutschland das rechte Va- terland des edlen Agtsteines? und wird der haͤuffig im Meerstrande gefunden; welcher in Morgenland den Edelgesteinen vorgezogen wird/ zu Rom und in Asien nicht nur ein herrli- cher Schmuck/ sondern auch eine koͤstliche Artz- ney fuͤr das Anlauffen der Mandeln und ande- re Fluͤsse; ja weil er Stroh an sich zeucht/ eben so wohl/ als der Magnet ein Wunder der Na- tur ist? Die Nassauin antwortete: der reine und wohlruͤchende Agstein wuͤrde nirgends als bey den Gothonen und Estiern an der Ost-See um die Weichsel und den Fluß Rodan gefunden; welchen letztern die Griechen aus Jrrthum oder vielleicht deßhalben Eridan hiessen; weil ihren Getichten nach die fuͤr den vom Him̃el gestuͤrtz- ten Thraͤnen der Sonnen-Toͤchter in Agstein solten verwandelt werden. Salonine fing an: Es ist diß Getichte nicht so ungeschickt. Sinte- mal es zweifelsfrey den Ursprung und die Koͤst- ligkeit des Agsteins auszudruͤcken erfunden/ und er hierdurch bey weitem dem Weyrauche/ wel- cher aus des in eine Staude verwandelten Juͤnglings Libanus Thraͤnen entsprossen seyn soll/ fuͤrgezogen worden. Erato versetzte: Es ist freylich diß Getichte geschickter/ als des Sopho- cles und Demonstratus thoͤrichte Meynungen; in dem jener den Agstein fuͤr der Jndianischen Hennen Zaͤhren haͤlt/ dieser aber glaͤubt; daß er aus dem Harne der Luchse entspringe. Sonst aber ist der Agstein in meinen Augen so schoͤn: daß die ihn gebaͤhrenden Baͤume von den Deut- schen mit Rechte den Arabischen Weyrauch- und Myrrhen-Baͤumen/ uñ denen Syrischen Bal- sam-Stauden entgegen gesetzet werden koͤnnen. Daher in Asien ein Stuͤcke Agstein/ darinnen eine Heydechse von der Natur begraben worden war/ fuͤr etliche Talent/ und zu Rom ein kleiner Agsteinerner Cupido theuerer/ als schwerlich ein lebendeꝛ Mensch waͤꝛe zu verkauffen gewest/ mei- nem Beduͤncken nach nicht zu theuer verkaufft worden. Wie nun die Graͤffin von Nassau laͤ- chelte/ fragte die Koͤnigin Erato: Ob sie die Liebe aus Agstein wol oder uͤbel gebildet zu seyn glaub- te? Jhrer Einbildung nach haͤtten beyde mit ein- ander eine vielfache Aehnligkeit; indem beyde zum brennen geschickt waͤren/ und einen Ma- gnetischen Zug an sich haͤtten. Die Graͤfin ent- schuldigte sich: daß sie daran nicht gedacht/ son- dern nur theils sich uͤber der uͤbermaͤßigen Kost- barkeit des Agsteins verwundert haͤtte/ welcher bey den Gothonen so gemein waͤre: daß sie ihn zum Raͤuchern und zu den Opffern an statt des Weyrauchs/ ja zur Kitte brauchten/ auch der E- stier Hertzog der Fuͤrstin Thußnelde unlaͤngst ein Stuͤcke dreyzehn Pfund schwer geschenckt haͤtte; theils aus der Koͤnigin Rede eine Billi- gung des gemeinen Jrrthums zu spuͤren gewest waͤre/ samb deꝛ Agstein ebẽ diß an gewissen Baͤu- men/ was das Hartzt an den Kiefern und Tan- nen/ und das Gummi an den Kirschbaͤumen waͤ- re. Verhaͤlt sichs denn nicht also? versetzte die Koͤnigin: daß der fette von gewissen Baͤumen ins Meer trieffende Schweiß von dem Meer- saltze durchbeitzet und gereinigt/ von den Son- nen-Stralen aber gleichsam zu einem durchsich- tigen Ertzte gehaͤrtet/ und von den Fischern ent- weder an dem von der See bespielten Strande auffgelesen/ oder aber aus gewissen Graͤben/ darein es das Meer auswirfft/ gefischet werde? Die Naßauische Graͤfin antwortete: Es wird zwar der Agstein auff solche Arten gesammlet; er ist aber weder der Safft noch das Hartzt/ we- niger die Frucht eines Baumes/ sondern ei- ne Fettigkeit der schwefflichten Erde/ welche die Kaͤlte und das Saltz des Meer-Was- sers wie der Frost die Verg-Kristallen verstei- nert; und daher auch diß auff denen zweyen laͤnglichten an der Ost-See in der Estier Gebie- te liegenden Eylanden mehrmahls herrliche Marck aus seiner Mutter der Erde gegraben wird. Zeno fuͤgte bey: derogestalt wird nun- mehr der zeither verworffene Bericht des Phi- H h h h h 2 lemons Sechstes Buch lemons gerechtfertiget: daß der Agstein auch wie Ertzt aus der Erden komme. Allerdings/ sag- te die Nassauin; aber der gegrabene gleicht dem nicht/ den das Meer-Wasser und die Sonnen- Stralen geleutert haben. Zeno nam das Wort von ihr und meldete: Es muß das Meer-Was- ser eine wunderwuͤrdige Krafft haben/ ungeach- tet es sonst/ seiner Fruchtbarkeit unbeschadet/ so veraͤchtlich gehalten wird. Denn sein Saltz und seine Bewegung bereitet auff gleiche Weise den seines Geruchs halber unvergleichlichen Am- bra/ welcheꝛ/ wie ich in Jndien selbst wahr genom- men/ nichts/ als ein von dortigen Fliegen oder Bienen in denen am Meer liegendẽ Steinkluͤf- ten zusam̃engetragenes/ hernach herunter ge- fallenes uñ von den Meereswellen ausgearbei- tetes Wachs und Honig eben so wenig aber der meisten Meinung nach/ als der Agstein eine Baum-Frucht/ viel minder Schaum der Meer- schweine/ oder eine von dem Meere ausgearbei- tete Fettigkeit der Erde/ noch Mist/ gewisser nur koͤstliche Wuͤrtze essender Voͤgel ist. Vielleicht aber fiel Salonine ein/ hat der Agstein in Galli- en Hispanien/ Britannien und Mohrenland ei- nen andern Ursprung. Die Graͤfin versetzte: diese Laͤnder haben zwar etwas/ das dem Agstei- ne gleicht/ keines weges aber den rechten ausge- klaͤrten Agstein/ welcher nirgends in der Welt als in dem deutschen Gebiete der Gothonen und Estier gefunden/ daselbst seiner Durchsichtigkeit halber Glaß genennt/ von dar nach Carmut/ und folgends in Jtalien/ Griechenland und Asien gebracht wird. Seinen ersten Werth aber ha- ben ihm die Carthaginenser gegeben/ welche ihn mit ihren Schiffen in Africa brachten; woraus vielleicht der Ruff kommen: daß in Mohren- land an dem Oꝛte/ wo Phaethon umkommen/ des Ammons Wahrsagung und das Wachs- thum des Agsteins zu finden sey. Adgande- ster bestetigte diß/ und fuhr in seiner Erzehlung derogestalt fort: Als Narvas auff eben sol- chen Schiffen nach Carthago gebracht ward/ fuͤhrte gleich diese Stadt mit dem Koͤnige A- gathocles dem beruͤhmten Toͤpffer-Sohne/ von welchem/ als er noch in Mutter-Leibe war/ A- pollo wahrgesagt hatte: daß er in Sicilien und Africa groß Elend stifften wuͤrde/ Krieg. Die- ser war zwar mit genauer Noth aus der belaͤ- gerten Stadt Syracuse entronnen/ und mit ei- nem Theile seines Heeres in Africa kommen/ hatte die Staͤdte Magna und Tunis unver- sehens eingenommen/ und eingeaͤschert; und Hanno war mit etlichen tausenden theils durch Agathocles List/ indem er bey waͤhrender Schlacht eine Menge Nacht-Eulen/ als ein Siegs-Zeichen deꝛ Griechen fluͤgen lassen/ theils durch des andern Feldherrn Bomilcars verraͤ- therisches Weichen erschlagen/ viel Staͤdte und Festungen in Africa erobert; ja auch ihr Heer/ welches Syracusa belaͤgerte/ von Antandern des Agathocles Brudern unversehens aufgeschla- gen/ und der Feldherr Amilcar/ des Giscons Sohn/ lebendig gefangen/ hernach zu tode gepei- nigt worden. Jn diesem Gedraͤnge war Cartha- go/ als das Schiff/ auff welchem der junge Fuͤrst Narvas war/ in den Hafen lieff; welchen aber die Meyneidischen Kauffleute unteꝛweges als einen Gefangenen gebunden hatten/ und aus Begier- de eines schnoͤden Gewiñes des Bomilcars Ge- mahlin fuͤr einen Knecht verkaufften/ um selbten fuͤr die Wolfarth ihres noch nicht in die Stadt zuruͤcke gekommenen Ehherꝛns dem Saturnus auffzuopffern; dessen ertztenes Bild mit zweyen Antlitzern/ unter sich gestreckten Armen die ihm darauff gelegten Menschen unter sich in einen gluͤenden Schmeltzofen abstuͤrtzet; und also hier von diesem grausamẽ Abgotte/ mit welchem doch die Vorwelt nur die sich selbst verzehrende Zeit fuͤrgestellet hat/ in Warheit abgebildet ward: daß er seine Kinder fresse. Folgenden Tag aber ruͤckte Agathocles mit seinen beyden Soͤhnen Aꝛchaga- thus und Heraclidas gar fuͤr Carthago; und ein Grieche ritt mit dem blutigen Kopfe Amilcars biß unter den Wall den Feinden selbten recht ei- gentlich Arminius und Thußnelda. gentlich zu zeigen/ welches die Behertzten auf die Mauern die Kleinmuͤthigen aber in die Tempel trieb/ von ihren Goͤttern Huͤlffe zu bitten. Die blutduͤrstigen Priester des Saturnus und Her- cules aberschrieben die Ursache alles Elendes der kaltsiñigen Andacht zu/ indem sie ihrem Hercu- les nach Tyrus in vielen Jahren keine Zehnden geschickt/ dem Saturnus aber keine Kinder/ oder doch nuꝛ ungeartete uñ Fꝛemdlinge geopfert hat- tẽ. Weil nun erschrockene Gemuͤther leichte zum Aberglauben bewegt werden/ fuͤllten die Frau- en mit ihren guͤldenen Geschmeiden/ Perlen/ und Edelsteinernen Ohr gehencken ein ziemlich Schiff voll/ und schickten es noch selbigen Tag nach Tyrus. Drey hundert edle Geschlechter brachten freywillig so viel ihrer Soͤhne in den Tempel des Esculapius zum Saturnus-Opfer. Der Poͤfel aber/ welcher beym Ungluͤcke zugleich verzagt und grausam wird/ war noch grausa- mer/ als dieser Mord-Geist. Denn er noͤthig- te noch zwey hundert edle Haͤuser; und unter selbten auch Bomilcars eines ihrer Kinder zum Opfer herzugeben. Wiewohl nun Bomilcar nur einen einigen Sohn hatte/ muste er doch in einen sauren Apfel beissen/ und lieber seinen Sohn als den Schein des Vaterlandes missen. Aber seine Gemahlin Hipsicratea konte es nicht uͤbers Hertze bringen sich eines so unschaͤtzbaren Pfandes zu berauben. Daher nahm sie den gekaufften Fuͤrsten Narvas/ schnitt ihm seine schneeweisse Haare ab/ und erstattete selbte durch falsche schwartz-gekraͤuselte; schmierte sein Ant- litz und gantzẽ Leib mit allerhand faͤrbendẽ Kraͤu- tern und Sesam-Oel ein: daß ihn nunmehr die braunen Africaner/ nicht aber die weissen Estio- ner fuͤr ihr Lands-Kind annehmen konten. Wel- ches der dienstbare Narvas/ dem Hipsicratea hie- bey auf alle ersinnliche Weise liebkosete/ auch ihn anders nicht als ihren Sohn nennte/ desto willi- ger vertrug; weil er ihm nicht traͤumen ließ: daß man ihn zu einer so abscheulichen Abschlachtung maͤstete. Wie nun die bestim̃te Zeit erschien/ fuhren die Muͤtter auf koͤstlichen von Maul- Thieren gezogenen Sieges-Wagen mit ihren in ascherfaͤrbichten Silber-Stuͤcke gekleide- ten/ und mit Cypressen/ welche mit Onichen/ Jaspissen und Topassen umbwunden waren/ gekraͤntzten Soͤhnen gegen Mitternacht in den von allerhand Paucken und Saiten-Spielen bebenden Tempel/ und also auch Hipsicratea mit ihrem aufgeputzten Narvas/ den sie uͤberte- dete: daß sie in dem Heiligthume die Banden seiner Dienstbarkeit aufloͤsen/ und wahrmachen wolte: daß er an ihr eine natuͤrliche Mutter uͤberkommen haͤtte. Das Kinder-Opfer ge- wan nicht nur im Angesichte des grossen Ra- thes/ sondern ihrer selbsteigener Vaͤter den An- fang/ und die Muͤtter musten mit lachendem Munde ihre Soͤhne selbst dem fressenden Sa- turnus auf die Armen legen/ oder vielmehr ihr Mutter-Hertze in einen giftigen Hoͤllen-Pful verwandeln/ und ihre Haͤnde den Werckzeug der unempfindlichsten Hencker uͤbertreffen. Der behertzte Fuͤrst Narvas wuste anfangs nicht/ was mit so viel edlen Knaben gespielet ward/ ob er schon von ferne beym Abfall eines oder des andern einen feurigen Strahl auf- schiessen sahe/ biß ihm die bey etlichen Kindern aus den Augen rinnende Thraͤnen die Sache verdaͤchtig machten. Es waren ihrer wohl schon 200. von dem zerschmoltzenen Bley ver- schlungen; als die Reye an ihn kam/ und die Opfer-Knechte ihn binden/ und Hipsicrateen in die Haͤnde liefern wolten. Er erblickte aber den feurigen Pful/ sprang also zuruͤcke/ und als die Opfer-Knechte ihn gleichwohl antasten wolten/ zohe er einem edlen Carthaginenser die Sebel aus der Scheide/ und stellte sich zur Gegenwehr. Hipsicratea ward hieruͤber uͤberaus verwirret/ und das zuschauende Volck wendete nunmehr die Augen auf Bomilcarn/ was selbter bey Ent- weihung dieses Opfers gegen seinem widerspen- stigen Sohne entschluͤssen wuͤrde. Denn ihm lag nunmehr vermoͤge der vaͤterlichen Gesetze H h h h h 3 ob/ Sechstes Buch ob/ selbst an sein Kind Hand anzulegen. Bomil- car/ welcher selbst nicht anders wuste/ als Narvas waͤre sein rechter Sohn/ stand hierauf von dem Altare des Esculapius/ fuͤr welchem er kniete/ auf/ umb dem Gottes-Dienst sein Recht zu thun; und das Gethoͤne verwandelte sich auf gegebenes Zeichen in ein tieffes Stillschweigen. Wie nun Bomilcar den Fuͤrsten Narvas anredete: Mein Sohn/ wilst du dem Willen der Goͤtter und dei- ner Eltern widerstreben? Wilst du dein Vater- land lieber/ als deinen ohnmaͤchtigen Leib einge- aͤschert wissen? Narvas versetzte: Verraͤtherey hat mich zwar zu deinem Knechte/ nicht aber zu deinem Sohne gemacht; und meine eigene Sprache zeiget: daß ich Carthago fuͤr mein Va- terland nicht zu ruͤhmen habe. Hiermit rieß er die falschen Haare vom Kopfe/ streiffte den guͤlde- nen Rock von der lincken Schulter ab/ und zeigte unter dem Arme einen Fleck der weissen Haut/ zum Kennzeichen: daß sein Leib nur waͤre ange- faͤrbt worden. Bomilcar verstum̃te/ und sahe nur die gleichsam in einen Stein verwandelte Hipsicratea an. Das Volck aber ward gegen Bomilcarn und seine Gemahlin uͤberaus er- bittert/ rannten zum Theil in seinen Pallast/ und schleppten seinen Sohn Jmilco in Tempel; wel- chen die ungluͤckselige Mutter nunmehr nicht so wohl fuͤrs Vaterland/ als fuͤr den Vater und sich selbst aufopfern muste/ da sie nicht von den Klauen des erbosten Poͤfels wolten zerfleischet werden. Das Opfer ward hierauf vollendet/ Fuͤrst Narvas aber auf Befehl des Rathes im Tempel verwahret; welcher/ als er auf den Mor- gen sich fuͤr dem Rathe rechtfertigte/ und durch Einziehung seiner Verkaͤuffer sein Zustand ent- decket war/ nicht allein auf freyen Fuß/ sondern auch in der Stadt Krieges-Dienste kam. Jn die Stadt kamen hingegen taͤglich schlimmere Zei- tungen/ wie nemlich Agathocles die Neustadt und Adryneet/ ja wohl zwey hundert Staͤdte er- obert/ mit dem Numidier Koͤnige Elymas wider Carthago/ welche zeither gantz Africa gedruͤckt und sich also verhaßt gemacht hatte/ in ein Buͤnd- nuͤß getreten/ auch mit einem Theile des Heeres biß in das innere Libyen gedrungen waͤre. Wie- wohl nun hierauf den Carthaginensern sich ein Sonnen-Blick zeigte/ indem Agathoclens Heer/ weil sein Sohn Archagathus einen tapferen und beliebten Kriegs-Obeꝛsten Lyciscus/ der ihn unge- buͤhrlichen Zuhaltens mit seiner Stiefmutter Alcia beschuldigte/ ermordet hatte/ einẽ Aufstand machte/ und den Koͤnig/ weil er seinen Sohn zur Straffe aushaͤndigen wolte/ in der Feinde Haͤn- de zu liefern vor hatte/ so verwandelte sich doch selbter bald wieder in eine Donner-Wolcke. Denn/ als Agathocles fuͤr dem gantzen Heere den Purpuꝛ ablegte/ die Priesteꝛ-Muͤtze/ welche er an statt einer Koͤniglichen Krone zu tragen gewohnt war/ zu ihren Fuͤssen warf/ eines gemeinẽ Kriegs- Knechtes Kleid anzoh/ und durch selbsthaͤndige Hinrichtung seiner Gefaͤngnuͤß fuͤrkom̃en wol- te/ ließ das vorhin wuͤtende Volck durch den Auf- ruht/ wie das stuͤrmende Meer in dem weichen Sande von seinem Brausen ab/ und noͤthigte ihn/ sich der Koͤniglichen Wuͤrden wieder anzu- massen/ verdiente also von ihnẽ aufs neue wieder gefuͤrchtet zu werden/ weil er fuͤr ihrem Draͤuen und dem Tode selbst keine Furcht hatte. Rhe- metalces fiel hier ein: Es waͤre bey aͤuserster Gefahr kein besserer Rath als die Verwegenheit/ sonderlich bey dem gemeinen Volcke/ welches fuͤr allen Mittel-Dingen ein Grauen hat/ und von dem aͤusersten Ende frecher Grausamkeit bey einer unvermutheten Entschluͤssung zu der Er- barmnuͤß und Dienstbarkeit verfaͤllt/ gleich als wenn die Schamroͤthe uͤber ihr Verbrechen an- ders nicht als durch uͤbermaͤssige Demuth vertil- get werden koͤnte. Und daher habe auch einer seiner Vorfahren Antigonus Koͤnig in Macedo- nien durch ebenmaͤssige Wegwerffung der ihn vom Volcke angefochtenen Krone nicht nur selbte/ sondern auch die Bestraffung der Aufwie- gler erhalten. Ja/ sagte Adgandester/ und Aga- thoclens Heer bemuͤhete sich von Stund an durch Tapfer- Arminius und Thußnelda. Tapferkeit ihre Scharte auszuwetzen. Mas- sen sie denn die Carthaginenser/ welche aus Si- cilien mit etwas waren verstaͤrckt worden/ und den Koͤnig Elymas durch Geschencke und Ver- troͤstungen wieder auf ihre Seite brachten/ aus dem Felde biß indas Laͤger unter die Stadt trie- ben/ den Koͤnig Elymas aber mit einem seiner Soͤhne und ansehlichem Heer erschlugen. An diesen Ungluͤcken war es noch nicht genung; denn sie hengen meist wie die Ketten-Glieder an einander. Es kam in die Stadt Zeitung: daß Aphellas/ der ein gewesener Kriegs-Ober- ster des grossen Alexanders gewest war/ und an- fangs das Koͤnigreich Cyrene dem Tyrannen Thimbro aus den Haͤnden gewunden/ dem Koͤ- nige Ptolomeus unterthaͤnig/ hernach aber sich aus einem Unter-Koͤnige zu einem eigenmaͤchti- gen Herren gemacht/ mit den Atheniensern sich verbunden/ von dar eine Enckelin des beruͤhm- ten Miltiades Euthydica geheyrathet hatte/ mit einem maͤchtigen Heere von Cyrenern und Grie- chen durch Marmarica dem Agathocles zu Huͤlffe im Anzuge waͤre. Weswegen von Car- thago ein ziemliches Heer gegen der Stadt Leptis so wohl dem Aphellas fuͤrzubeugen/ als die Abtruͤnnigen Numidier wieder an sich zu zie- hen abgeschickt war. Bey dieser Gelegenheit entschloß sich Bomilcar eines gefaͤhrlichen Vor- nehmens/ als welcher nicht allein lange Zeit sich zum Ober-Herren der Stadt Carthago zu machen im Schilde gefuͤhrt/ sondern auch die ab- gezwungene Opferung seines einigen Sohnes zu raͤchen beschlossen hatte; er hatte fuͤnf hundert Buͤrger/ und zwar meistentheils die/ derer Kin- der auch wider Willen waren geopfert worden/ wie auch tausend geworbene Kriegsleute auf sei- ne Seite bracht/ mit diesen nahm er fruͤh mor- gens den grossen Marckt ein/ erklaͤrte sich da- selbst fuͤr einen Koͤnig/ ließ hierauf alle auf den Strassen ungewaffnet befindliche Buͤrger nie- derhauen. Wie nun aber die Stadt ver- stand: daß kein auslaͤndischer Feind/ sondern Bomilcar derogestalt wuͤtete/ grieffen die Buͤr- ger/ und zwar der dem Hause des Bomilcars/ gehaͤssige Fuͤrst Narvas am ersten zun Waffen/ fuͤhrte auch selbte so behertzt an: daß diese Auf- ruͤhrer zerstreuet/ und Bomilcar/ welchen Nar- vas selbst mit einem Spiessein die Seite verletz- te/ lebendig gefangen ward. Folgenden Tag ward Bomilcar auf dem Marckte/ als dem Schau-Platze seiner Wuͤrden und Verbrechens an ein Creutze genagelt/ welches er behertzt erdul- dete/ und der Zuschauenden Menge beweglich zuredete: daß ihn die Grausamkeit ihrer bluti- gen Opfer und ihr Undanck gegen wohlverdien- te Helden zu solcher Entschluͤssung gebracht haͤt- te; indeme er wahrgenommen: daß nach dem sie ihn seines einigen Sohnes beraubet/ es ihm nicht besser gehen wuͤrde/ als dem Hanno/ welchẽ sie aus blossem Argwohn angemaßter Oberherr- schaft getoͤdtet; oder dem unschuldig vertriebenẽ Gisgo/ und denen zweyen Amilcarn/ derer einem sie verlaͤumderisch beygemessen: daß er mit dem Agathocles unter dem Hute spielte; den andern gleichsam aber gezwungen haͤtten: daß er bey vernommener Flucht seiner Voͤlcker sich selbst in sein eigenes Opfer-Feuer lebendig gestuͤrtzet. Ob sie ihn nun hernach ver goͤttert/ waͤre doch diß ein merckwuͤrdiges Beyspiel: daß sie die Guͤte einer Sache allererst nach ihrem Verluste schaͤtzten; der Tugend aber im Leben Spinnen-feind waͤ- ren. Wie aber diß alles bey vergaͤllten Gemuͤ- thern wenig Mitleiden schaffte; also kam der noch junge Fuͤrst Narvas in grosses Ansehen sei- ner Tapferkeit halber. Jnzwischen war Koͤ- nig Aphellas den Carthaginensern schon zuvor/ und in Agathocles Laͤger ankommen/ daselbst zwischen beyden grosse Vertraͤuligkeit gemacht/ und des Agathocles Sohn Heraclidas vom A- phellas zum Sohne angenommen worden. Weil aber dessen sein Absehn und Buͤndnuͤß da- hin ging: daß Agathocles sich mit Sicilien und einem Stuͤcke Jtaliens vergnuͤgen/ gantz Africa aber des Aphellas Beute seyn solte; uͤberrede t e zu gelegener Zeit/ als das Cyrenische Heer theils auf der Fuͤtterung aussen/ theils in der Ruhe war/ Aga- Sechstes Buch Agathocles sein Heer: daß Aphellas ihm mit Gift nachgestellet haͤtte; worauf die Cyrener al- sofort uͤberfallen/ Aphellas getoͤdtet/ die meisten aber sich unter die Sicilier unterzustellen ge- zwungen wurden. Mit diesem vereinbarten Heere ruͤckte er fuͤr Utica/ und nahm selbtes stuͤr- mender Hand ein; weil die Belaͤgerten ihre an die Spitzen gestellten Mit-Buͤrger und Bluts- Freunde/ die Agathocles vorher gefangen be- kommen hatte/ zu beleidigen eine lange Zeit an- stunden/ also durch eine unzeitige Barmhertzig- keit die gantze Stadt ins Verterben stuͤrtzten. Hierauf ergabe sich des Agathocles Sohne Ar- chagathus/ und seinem Feldhauptmanne Eu- machus die grosse Stadt Tocas/ Phellnia/ Mo- schala/ die Pferde-Burg/ und Acris mit einem grossen Theile Numidier und Asphodeloder. Und es waͤre alles vollends von den Siciliern uͤberschwemmet worden/ wenn nicht Fuͤrst Nar- vas/ welcher inzwischen in die Stadt Miltine mit einem Theile Celten zur Besatzung war ge- legt worden/ den hochmuͤthigen Feind mit uͤber- aus grossem Verlust abgetrieben haͤtte. Dieser gluͤckliche Streich/ und achtzehn aus Hetrurien mit Semnonischen und Bojischen Huͤlffs-Voͤl- ckern ankommende Schiffe versetzte gantz Afri- ca in einen andern Zustand/ und ermunterte die Carthaginenser: daß sie mit dreyen Heeren ge- gen ihre Feinde aufzohen. Darunter das mit- lere unter dem Hanno den Sicilischen Feld- hauptmann Eschrion erlegte; das aͤuserste aber fuͤhrte Jmilco gegen Numidien. Wie nun Eumachus gegen selbtes anzoh/ rieth der darzu kommende Fuͤrst Narvas/ er solte die Helffte jenes Heeres unter ihm zum Hinterhalte lassen/ und bey Zeite sich anstellen/ als wenn er die Flucht nehme. Als nun hierauf Eumachus den mit Fleiß weichenden Jmilco unvorsichtig verfolgte/ fiel Fuͤrst Narvas mit der andern Helfte des Hee- res dem Feinde in den Ruͤckẽ/ und machte eine so grosse Niederlage: daß von drey und zwantzig tausend Mann Fuß-Volck mehr nicht als dreis- sig/ und von acht hundert Reitern nur viertzig da- von kamen. Mit dem dritten Heere schnitt Artabas dem Feinde an der Seite gegen das Meer alle Zufuhr ab. Endlich als in dem Mohrischen Lager bey ihrem Opfer ein heftiger Brand entstand/ und viel Carthaginenser ver- zehrte/ kam des Nachts in der Sicilier Laͤger ein unvermuthetes Schrecken: daß sie alle die Flucht ergriffen/ und hieruͤber wohl viertzig tau- send Mann einbuͤßten. Welches den Agatho- cles so verzweifelt machte: daß er heimlich ent- wiech/ und seine Soͤhne im Stiche ließ/ welche das Kriegs-Volck ermordete/ den Carthaginen- sern alle eroberte Staͤdte verkauffte/ und sich selbst grossen Theils in ihre Dienste begab. Fuͤrst Narvas aber gerieth inzwischen in einen klaͤglichen Zufall; denn als er nach erobertem Siege wider den Eumachus dem noch feindli- chen Koͤnige der Numidier und Mohren Erga- menes einfiel/ dieser aber mit Fleiß den Nar- vas biß in die innersten Sand-Wuͤsteneyen ver- leitet hatte/ besetzten die Mohren alle Paͤsse; al- so: daß die Carthaginenser/ welche schon die Helffte theils vom Durste/ theils von Schlangen verlohren hatten/ dem zehnmal staͤrckern Heere des Ergamenes nur die Stirne bitten musten. Die Verzweifelung zwang ihnen unglaͤubliche Helden-Thaten ab/ und fuͤgte den Mohren nicht geringen Schaden zu/ indem keiner unge- rochen starb; endlich aber ward die Menge doch ihr Meister/ Fuͤrst Narvas nach zwantzig em- pfangenen Wunden gefangen/ und mit etlichen wenigen Semnonern und Celten nach Cirtha gefangen bracht/ endlich gar nach Merve ge- fuͤhrt. Zu ihrem groͤsten Ungluͤcke hatten diese in der Schlacht zwey Affen umbbracht/ welchen die Numidier und Pithecusier/ so wie die Egypti- er den Hunden Goͤttliche Ehre erweisen/ und sie als ihre Helffer in alle Schlachten mit neh- men; die aber/ welche sich an ihnen vergreif- fen/ unnachlaͤßlich am Leben straffen. Die Gefangenen wurden von den Numidiern und Mohren zwar wohl gepflegt/ aber zu ihrem Tode; welcher ihnen denn auch angesagt ward. Zu Arminius und Thußnelda. Zu welchem Ende sie den Tag vorher der Ge- wohnheit nach an die Stadt von beyden Seiten beruͤhrenden Nil-Strom gefuͤhret wurden/ sie daselbst abzuwaschen. Narvas/ welchem der Kerckermeister in geheim aus Erbarmnuͤß ver- traut hatte: daß sie auff den Morgen solten von grimmigen Affen/ welchen man die Gefange- nen zu opffern pflegte/ zerrissen werden/ nahm die Gelegenheit in acht/ und entschwam seinen Huͤtern uͤber den wol eine halbe Meile breiten Fluß. Ob nun wol iederman verzweiffelte: daß er es das andere Ufer zu erreichen schaffen wuͤrde/ so entkam er doch aus dem Wasser und durch einen blossen Zufall in den an dem Ufer liegenden Koͤniglichen Garten; als die Koͤnigin Elisa ihre Tochter Andraste/ und ihr Sohn der junge Fuͤrst Syphax gleich daselbst frische A- bendlufft schoͤpffte. Sie hatten dem schwim- menden Narvas lange von ferne zugesehen/ als sie einen so schneeweissen Wassermann aus dem Flusse steigen sahen; welcher aber fuͤr Muͤdig- keit so viel Kraͤfften nicht hatte ihre Frage/ wo er dahin kaͤme/ zu beantworten; biß Koͤnig Erga- menes selbst auch darzu kam/ und Fuͤrst Narvas fuͤr einen Gefangenen erkennt/ also auf instaͤn- diges Anhalten eines blutbegierigen Affen- Priesters wieder gefangen in die Stadt gefuͤh- ret/ und auf den Morgen in den grausamen Mord-Tempel zum Opffer gefuͤhret ward. Jm hingehen druͤckte ein Numidier ihm eine kleine Schachtel in die Hand; welche Narvas bey der ihm verstatteten Entkleidung eroͤffnete; und darinnen nebst etlichen eingebisamten Ku- geln dieses zu lesen fand: Die/ welche an unschul- diger Aufopfferung einer liebens-wuͤrdigen Schoͤnheit ein grosses Mißfallen hat/ uͤbersen- det dir ein sicheres Mittel aller Affen Zaͤhne und Klauen stumpff zu machen. Narvas wuste nicht/ ob er dieser Nachricht Glauben zustellen/ oder dieses ihm gleichsam vom Himmel gefalle- nen Mittels sich bedienen solte. Wie nun a- ber er in den Schauplatz/ welchen der gantze Koͤ- nigliche Hoff/ und eine unglaubliche Menge Volck anfuͤllte/ gebracht/ die hungrigen Affen auch/ welche mit ihren Gebehrden ihre Blutbe- gierde genungsam entdeckten/ aus ihren gegit- terten Kefichten gebracht waren/ und sie also grimmig auf ihn zurennten/ schuͤttete Narvas unvermerckt die Kugeln an Erdbodem; nach welchen die Affen Augenblicks schnapten/ hier- uͤber aber einander so grimmig in die Haare fie- len: daß derer etliche zwantzig todt auff dem Pflaster liegen blieben/ die uͤbrigen aber so ver- wundet und abgemattet waren: daß Narvas zu grosser Verwunderung des Volckes/ und Ver- bitterung der Abgoͤttischen Priester unversehret blieb. Die Tunckelheit des Ortes hatte diese Zanckkugeln aller Zuschauer Augen verborgen; und also urtheilte nicht nur das Volck/ sondern der Koͤnig selbst: daß die Goͤtter an dem Tode dieses schon zweymal wundersam erretteten Menschen ein Mißfallen haben muͤsten; daher wolte er den Priestern kein Gehoͤre mehr geben; welche unter dem Scheine der Andacht seine Hinrichtung so eifrig suchten. Dieser Verhin- dernuͤß legten die nach und nach einlauffenden Zeitungen ein groß Gewichte bey: daß Cartha- go nicht nur wieder allein Meister in Africa worden/ sondern des Agathocles Feldhaupt- mann Pasiphilus in Sicilien wider ihn aufge- standen waͤre/ und zum Dinocrates zum Hau- pte derer von Syracuse vertriebenen Buͤrger sich geschlagen haͤtte. Endlich hielt den Erga- menes von aller grausamen Entschluͤssung eine Botschafft der Stadt Carthago zuruͤcke/ welche dem Fuͤrsten Narvas und etlichen noch uͤbrigen Gefangenen die voͤllige Freyheit erbat/ und das alte Buͤndnuͤß mit Carthago wieder befestigte. Die Affen-Priester wurden hieruͤber so erbit- tert: daß sie dem Koͤnige durch einen schlechten Boten anbefehlen liessen: Er solte sich alsofort selbsthaͤndig hinrichten. Denn diese Gewalt zu befehlen hatten von Alters her die Mohri- schen Priester uͤber ihre Koͤnige. Ergamenes Erster Theil. J i i i i aber Sechstes Buch aber ergrimmte uͤber dieser Vermessenheit so sehr: daß er den unverschaͤmten Boten durch- stach/ mit gewaffneter Hand zu dem gantz guͤlde- nen Tempel eilete/ alle Priester toͤdtete/ sich zum obersten Priesteꝛ erklaͤrte und einen gantz neuen/ der Koͤniglichen Herrschafft besser anstaͤndigen Gottesdienst aufrichtete. Koͤnig Ergamenes fuͤhrte hierauf die Gesandten und den Fuͤrsten Narvas auf eine Elefantẽ-Jagt/ in eine mit eitel Oel- und Myrthen-Baͤume bewachsene Wild- nuͤs gegen dem Flusse Nubia/ auf welcher Fuͤrst Narvas das Gluͤcke hatte/ nicht allein einem E- lefanten/ deꝛ den Koͤnig nach empfangeneꝛ Wun- de mit samt dem Pferde zu Bodem rennte/ unter dem Schwantze einen Wurfspieß in Leib zu ja- gen/ sondern auch einer Schlange Minia/ wel- che auch einen Hirsch zu toͤdten und zu ver- schlingen maͤchtig ist/ auch dißmal die mit ihrem Pferde bey Verfolgung eines Elefanten in ei- nen Graben stuͤrtzende Fuͤrstin Adraste schon umwunden hatte/ den Kopf abhieb/ also beyde aus augenscheinlicher Todes-Gefahr errettete. Bey welchem Zufalle Adraste dem Fuͤrsten Narvas eroͤfnete: daß sie ihm aus Erbarmnuͤß die von Panterthieren ausgezogene Bisam-Ku- geln/ welche nicht nur die Affen durch ihren an- nehmlichen Geruch bethoͤrten/ sondern auch die Schlangen toͤdteten/ heimlich haͤtte zuschieben lassen; Fuͤrst Narvas hingegen ihr seine inbruͤn- stige Liebe/ welche ihn bey ihrem ersten Anblicke eingenommen/ bey itzt vernommener Errettung aber ihn voͤllig bezaubert haͤtte/ eroͤfnete. Adraste wuste ihre Liebe durch ihre Mutter Elisa auch so kluͤglich einzurichten: daß Ergamenes selbst seine Tochter Adraste dem Fuͤrsten Naꝛvas nebst dem Koͤnigreiche Massesyler anbot. Die Prie- ster der Stadt Mulucha aber/ welche daselbst/ wie zu Argib/ den Erretter der Andromeda Perseus goͤttlich verehren/ schickten nach ver- nommener behertzter Erloͤsung Adrastens als- bald an den Fuͤrsten Narvas/ und erklaͤrten ihn bey Uberreichung einer guͤldenen Muͤtze/ eines helffenbeinernen Stabes/ und eines ertztenen Schildes/ worauf die an den Felsen bey Joppe gebundene Andromeda/ und der ihr zu Huͤlffe kommende Perseus kuͤnstlich geetzet war/ zu ei- nem Priester des Perseus und Andromedens. Wiewol nun diese unvermuthete Wuͤrde dem Fuͤrsten Narvas anzunehmen ziemlich bedenck- lich war/ so dorffte er doch in dem Lande/ wo er nunmehr den Grundstein seines Gluͤckes zu le- gen vermeinte/ diß/ was bey iederman in so gros- sem Ansehen war/ nicht veraͤchtlich wegwerffen. Jnzwischen kam der gantze Hof nach der Stadt Nigira/ (welche an dem See/ wo der achzehn Meilweges unter der Erden gekrochene Fluß Nigir wieder hervor kommt/ gelegen ist/) allwo das Hochzeit-Feyer mit grosser Pracht und Fro- locken des Volckes vollzogen ward. Wie nun aber Fuͤrst Narvas seiner Braut in dem zum Beylager bestim̃ten Zimmer mit hoͤchstem Ver- langen erwartete/ sagte ihm einer seiner Ver- trauten: daß die Priester sie fuͤr etlicher Zeit in den Tempel der Derceto abgeholet haͤtten; weil alle/ und so gar die Koͤniglichen Braͤute daselbst ihre Jungfrauschafft denen Priestern aus einer besondern Andacht aufopffern muͤssen. Narvas ward uͤber dieser thoͤrichten Zeitung halb rasend/ ergrief daher sein Schwerd/ und rennte mit sei- nem einigen Ansaͤger durch die stockfinstern Gas- sen dem Tempel zu; allwo er die in Thraͤnen schwimmende und aus einer Ohnmacht in die ander fallende Adraste unter den Armen der gei- len Priester antraf; welche sie zu entkleiden/ und hernach in das daselbst bereitete heilige Bette zu legen bemuͤht waren. Diese Weichlinge wur- den des Fuͤrsten ehe nicht gewahr/ biß er dem ei- nen die vorwitzige Hand abgehauen/ des andern Brust durch und durch gestochen hatte. Dieser Anblick zerstreute in einem Augenblicke die Priester; und verstattete dem fuͤr Eifersucht schaͤumen den Braͤutigam seine halb verzweiffel- te Adraste durch den Garten der Burg unver- merckt in sein Gemach zu bringen. Er hatte a- ber kaum etliche mal seine wieder zu sich kom- mende Braut umarmet/ als sich fuͤr der Burg anfangs Arminius und Thußnelda. anfangs ein Geraͤusche/ hernach ein ie laͤnger ie mehr wachsendes Getuͤmmel des Volckes mit unzehlbaren Windlichtern spuͤren ließ. Kurtz hierauf kam Koͤnig Ergamenes und die Koͤni- gin Elisa gantz erblast ins Zimmer/ berichteten den Aufruhr des Volckes; und daß sie wegen Beleidigung der Priester und der alten Sitten in hoͤchster Lebensgefahr schwebten. Nach lan- ger Berathschlagung und einlauffendem Be- richte: daß der rasende Poͤfel schon das eine Thor des Hofes aufgewogen/ und man also keine Aus- flucht mehr zu finden haͤtte/ setzte Narvas die zu Thirmida bekommene guͤldene Muͤtze auff/ nahm den Helffenbeinernen Stab in die rechte/ den Schild der Andromeda in die lincke Hand; guͤrtete aber sein Schwerd unter seinen Pur- pur-Mantel/ und trat in Begleitung wol 100. Wachsfackeln an der innersten Pforte dem Vol- cke entgegen. Diese unverhoffte Begegnung hemmete den ersten Sturm des Volckes; als er aber ihnen noch ferner einhielt/ durch was Verdienste er die Wuͤrde des Priesterthums erworben; mit was Unrechte ihm derogestalt die Priester seine Braut entfuͤhret; mit was Aer- gernuͤsse sie ihre Geilheit unter dem Scheine der Andacht bekleideten/ und die Bluͤten der Jung- frauschafften denen keuschesten Seelen weg- raubten/ verwandelte das leicht bewegliche Volck nicht alleine ihre Raserey in jauchzende Gluͤckwuͤnsche/ sondern sie brachten es auch da- hin: daß denen unzuͤchtigen Priestern dieses schandbare Vorrecht durch ein Reichs-Gesetze abgeschafft ward. Fuͤrst Narvas aber lebte in hoͤchster Vergnuͤgung mit seiner tugendhafften Gemahlin/ uͤbte wider den feindlichen schwar- tzen Koͤnig grosse Heldenthaten aus/ erweiterte sein Massesylisches Koͤnigreich durch kluge Krie- ges- und Friedens-Kuͤnste/ zeugte mit Adrasten drey tapffere Soͤhne/ Narvas/ Gala/ Desal- ces/ und erfuͤllte gantz Africa mit seinem Ruh- me. Dieser junge Fuͤrst Narvas begab sich im siebzehnden Jahre seines Alters in der Stadt Carthago Kriegsdienste; brachte sich auch durch seine Tapfferkeit nach kurtzer Zeit in solches An- sehen: daß er in Sicilien zum Obersten uͤber die Numidischen Huͤlffsvoͤlcker gemacht ward. Es ereignete sich aber: daß als der kuͤhne und ver- schmitzte Amilcar Barca seine wunderschoͤne Tochter Sophonisbe nach Lilybeum mit uͤber- brachte/ und Autaritus der Celten Heerfuͤhrer sich zugleich in sie verliebten/ und ieder durch sei- ne behertzte Herfuͤrzuͤckung beym Amilcar sich in Ansehen/ bey Sophonisben in Gewogenheit zu setzen trachtete. Amilcar gab beyden ein ge- neigtes Auge/ theils weil ieder dieser Liebhaber sein Eydam zu seyn verdienten/ theils daß er sie anreitzte durch heldenmaͤßige Thaten einander das Vortheil abzurennen. Gleichwol schien endlich Fuͤrst Narvas bey Sophonisben/ Fuͤrst Autaritus beym Amilcar den besten Stein im Brete zu haben. Hieruͤber machte Rom und Carthago mit einander Friede/ und Amilcar/ dessen Macht und Gluͤcke ohne diß viel in die Augen gestochen hatte/ legte seinen Stab nieder/ und zohe mit Sophonisben nach Hause. Der Rath zu Carthago beschloß zwar kluͤglich bey so verdaͤchtigem Frieden kein geworbenes Kriegs- volck abzudancken/ noch durch Ersparung der Verpflegungs-Kosten die allgemeine Sicher- heit in Gefahr zu setzen; Weil aber der Stadt- halter zu Lylibeum Gescon vernuͤnfftig uͤberleg- te; wie gefaͤhrlich es sey fremde Voͤlcker zu Huͤlf- fe zu ruffen/ indem noch in frischem Andencken war/ wie die Carier vom Cyrus/ Rhegium und Messana neulich von Roͤmern/ Griechenland von Philippen unter das Joch gespannet wor- den; ja daß fremde Kriegsvoͤlcker entweder stets wider den Feind gefuͤhret/ oder ihre Kraͤfften und Laster wie die schwermenden Bienen durch den Rauch zertheilet werden muͤssen; so schickte Gescon sie auff einzelen Schiffen nach und nach in Africa. Allhier aber fing Amilcar so wohl den Narvas als Autaritus uͤber Achsel anzusehen; theils weil der Barckische Stamm/ so sich noch von der Koͤnigin Dido herrechnete/ J i i i i 2 aller Sechstes Buch aller andern Geschlechter zu Carthago/ viel- mehr aber fremder sich zu gut achtete; theils weil sich Gescon selbst Sophonisben zu heyrathen anmeldete. Fuͤrst Narvas erfuhr inzwischen nicht nur von der ihm geneigten Sophonisbe die Ursache solcher Veraͤnderung; sondern auch: daß Amilcar an dem Adel des Fuͤrsten Narvas und Autaritus gezweiffelt hatte. Dieses be- wegteihn dem Amilcar seine Vertroͤstungen deꝛ Heyrath wegen schrifftlich einzuhalten/ auch ihn zu versichern: daß er sein Fuͤrstliches Geschlech- te von solchem Alter/ als der Barkische Stamm immermehr haͤtte/ ausfuͤhren koͤnte. Allein er begehrte sich mit den verrosterten Schilden sei- ner Vorfahren nicht zu behelffen/ weil Amilcar in Sicilien selbst gesehen: wieviel er ihrer selbst den Feinden abgerissen haͤtte. Vermeinten die Mohren seine Neuigkeit veraͤchtlich zu halten/ so muͤste er derselben Zagheit verlachen/ derer Eltern sich selbst solcher Kinder schaͤmen/ ihn a- ber zu ihrem Sohne wuͤnschen wuͤrden/ wenn sie aus ihren Graͤbern aufstuͤnden. Also moͤch- te er sein Ansuchen nicht verschmaͤhen. Haͤtte er das Gluͤcke des grossen Amilcars Tochter zu heyrathen/ so wuͤrde Amilcar sich des unver- gleichlichen Tuisco und des maͤchtigen Hiem- psals Enckel zum Eydame zu haben sich nicht schaͤmen doͤrffen. Autaritus versuchte gleich- fals sein Heil aufs beste; aber die Freundschafft des Gescon uͤberwog sie endlich: daß Sopho- nisbe zu hoͤchster Verbitterung beyder Fuͤrsten jenem versagt/ durch solchen Verlust aber des Fuͤrsten Nervas und Autaritus durch die Ei- fersucht eine zeitlang zertrennte Vertrauligkeit wieder er gaͤntzet ward. Dieses geschah/ als deꝛ Rath zu Carthago aus Mangel Geldes zuꝛ Be- zahlung alle fremde Huͤlfsvoͤlcker mit Sack und Pack hoͤchst unvernuͤnfftig in der Stadt Sicca sich zusammen ziehen/ daselbst eine zeitlang schaͤdlicher Ruhe genuͤssen ließ; welche anfangs in Muthwillen/ hernach in Verwegenheit den ruͤckstaͤndigen Sold mit Ungestuͤm zu suchen sich verwandelte. Jedoch bildete der Rath ihm nichts weniger ein/ als daß so viel durch Spra- chen und Sitten von einander unterschiedene Voͤlcker so bald wieder Carthago unter einen Hut gebracht werden koͤnten/ daher meinten sie durch den Hanno ihnen die Helffte ihres sauer verdienten Lohnes und den Werth der eingebiß- ten Pferde abzudingen. Welch Anmuthen aber ihnen so beschwerlich nicht fiel/ als daß sie diese Unterhandlung durch keinen Feldherren/ der in Sicilien ihre Kriegs-Thaten gesehen hatte/ bewerckstelliget ward; daher setzten sie sich mit 20000. Mann zu grossem Schrecken der Stadt Carthago fuͤr Thunis; fluchten inson- derheit auf Amilcarn/ als welcher um sich seiner betheurlichen Versprechungen guͤldener Berge loß zu machen sein Ampt abgelegt/ und die zwey tapffern Fuͤrsten Narvas und Autaritus/ derer Tugend die Herrschafft der gantzen Welt ver- diente/ durch Versagung seiner Tochter be- schimpfthaͤtte. Nach dem aber Gescon in Si- cilien bey dem Kriegsvolcke sehr angenehm ge- west war/ schickte der Rath von Carthago ihn diese Voͤlcker zu bestillen; Als inzwischen sie dem Fuͤrsten Narvas und Autaritus die Ober- Gewalt uͤber sich aufgetragen/ und bey dieser ihrer Verweigerung einen Africanischen Edel- mann Mathos und einen Campanier von Ge- burt Spendius zu ihren Haͤuptern erwehlt hat- ten. Gescon muͤhte sich zwar auf alle weise sie zu besaͤnfftigen; wie sie aber um Bezahlung des ruͤckstaͤndigen Getreides anhielten/ und Gescon aus unzeitiger Ubereilung solche bey ihrem Mathos zu suchen nicht allein sie anverwieß/ sondern auch einen frechen Balearier mit sei- nem Degen verwundete; fielen die nechsten den Gescon an/ welcher unzweiffelbar von der er- grimmten Menge waͤre erwuͤrgt worden/ wenn nicht Fuͤrst Narvas seinen Nebenbuhler zu be- schirmen sich unterwunden haͤtte. Gleichwol konte er nicht verwehren: daß er in Banden ge- schlossen und ins Gefaͤngnuͤß gelegt ward; und Ma- Arminius und Thußnelda. Mathos durch Botschassten fast alle Voͤlcker zum Aufstande wider die Carthaginenser/ als die Feinde der allgemeinen Freyheit bewegte. Sintemal diese mit so viel Unrecht zeither belei- digten Voͤlcker kaum so geschwinde die Post hier v on bekamen/ als sie die Carthaginensischen Gewalthaber und Zoͤllner toͤdteten/ den Huͤlffs- voͤlckern ihren voͤlligen Ruͤckstand zahlten/ gros- ses Geld zu Fortsetzung des Krieges fuͤrschussen/ und selbst mit 70000. Mann ins Feld ruͤckten. Hiermit kamen Utica und Hippacrita in euser- ste Gefahr; sie beschlossen auch die in einem hal- ben Eylande zwischen dem Meere und einem See liegende Stadt Carthago/ und erlegten den Hanno nach angestellter Flucht mit vielen Elefanten und fast den letzten Kraͤfften der so maͤchtigen Stadt in zweyen Schlachten. Wel- ches verursachte: daß Amilcar wieder zum Kriegshaupte erwehlet ward; welchem Fuͤrst Autaritus durch einen Gefangenen anbot/ mit seinen Celten und Semnonern von den Abtrin- nigen ab- und zu ihm zu treten; da er ihm So- phonisben vermaͤhlen wolte; weil er an diesem Aufstande kein Gefallen truͤge/ auch seine Se- bel noch nie wieder Carthago gezuͤckt haͤtte. Hiernebst schickte er zugleich mit eine schrifftli- che Verzicht des gefangenen Gescons/ welcher um seine Freyheit zu erlangen gerne seine Buhl- schafft vergessen wolte. Weil aber Amilcar so wol von Roͤmern als dem Koͤnige Hiero zu Sy- racusa eine ansehnliche Huͤlffe bekam/ schlug er dieses veraͤchtlich in Wind; welches den Fuͤrsten Autaritus so sehr bitterte: daß er endlich in das lange Zeit hinterhaltene Verlangen des Spen- dius/ nehmlich in den Todt des Gescons willig- te; welchem wie auch siebtzig andern Edlen Car- thaginensern die Haͤnde abgehackt/ die Beine zerbrochen/ und sie noch lebend in die Erde ge- schorren wurden; mit gemachtem Schlusse: daß es hinfort allen Gefangenen nicht besser er- gehen solte. Also verwandelt hefftige Liebe sei- ne Anmuths-Blicke in grausame Basilisken- Augen; Und die Geschwuͤre der Gemuͤther sind viel schaͤdlicher/ als die Gifftdruͤsen der Lei- ber. Ja Autaritus und Spendius bewegten die zur Besatzung Sardiniens gelassene Libyer und Hispanier so weit: daß sie den Stadthalter Bostar mit allen Carthaginensern todt schlu- gen/ den mit neuer Huͤlffe ankommenden Han- no aber kreutzigten; und also dieses gantze Ey- land ihrer Gewalt entriessen. Fuͤr dieser Grau- samkeit aber hatte Fuͤrst Narvas eine solche Ab- scheu: daß er um Mitternacht mit seinen Nu- midiern heimlich aus dem Laͤger wich/ und am tagenden Morgen fuͤr Amilcars Lager kam; seine Waffen freywillig von sich gab/ und als man ihn auf sein Begehren zum Amilcar fuͤhr- te/ ihn folgenden Jnhalts anredete: Seine Lie- be gegen der unver gleichlichen Sophonisbe/ die Wolthaten der Stadt Carthago gegen seinem Vater haͤtten ihn zeither zuruͤcke gehalten den Degen zu zucken/ wider die Stadt/ welche die Beherrscherin seiner Seele zum Vaterlande/ sein Vater aber zu seiner ersten Aufnehmerin gehabt; wiewol er darfuͤr hielte: daß der Rath durch angefuͤgtes Unrecht so viel tapffere Kriegs- leute wider sich in Harnisch bracht haͤtte. Nach dem aber Spendius durch unmenschliche Grau- samkeit das Recht der Voͤlcker verletzt/ und des feindlichen Heeres Sache boͤse gemacht/ triebe ihn sein Gewissen und der Reitz der Tugend un- ter einem so behertzten Feldherren die Waffen fuͤr Carthago zu fuͤhren. Weder der Tod des ungluͤckseligen Gescons/ noch sein Verdienst machten ihm einige Hoffnung zuꝛ Besitzung der unschaͤtzbaren Sofonisbe; weniger hielte er ihm fuͤr anstaͤndig ihre Heyrath durch ihres Vater- landes Nothstand und durch bedungene Huͤlffe auszuwuͤrcken. Er haͤtte nunmehr sein Ge- muͤthe derogestalt beruhigt: daß sein Verlan- gen mit dem Verhaͤngnuͤsse in voͤlliger Ein- tracht lebte/ seinen Vorsatz aber dahin gerichtet: daß Carthago zwischen ihm und einem einge- bohrnen Buͤrger/ Amilcar aber zwischen dem J i i i i 3 Fuͤr- Sechstes Buch Fuͤrsten Narvas und einem wuͤrcklichen Eyda- me keinen Unterscheid finden wuͤrden. Wie der Sternseher Rechnung eintreffe/ sie setzten gleich die Vewegung der Sonne und die Unbe- wegligkeit der Erde/ oder die Unbewegligkeit der Sonne und die Herumdrehung der Erde zu ihrem Grunde; also waͤre es einem vernuͤnffti- gen einerley Gluͤckseligkeit: Ob er alles haben koͤnte/ was er verlangte; oder nichts verlangte/ was er nicht haben koͤnte. Daher waͤren mit ihm alle Klugen gluͤckselig/ weil sie nichts un- moͤgliches suchten; alle Unvernuͤnfftige aber ungluͤcklich/ weil sie alle fremde Guͤter in die Au- gen staͤchen. Amilcars Gemuͤthe ward durch solche Freymuͤthigkeit dieses Fuͤrsten/ und die der Stadt Carthago zuwachsende Huͤlffe bey die- ser ersten Umarmung bewogen/ demselben nun nicht mehr seine Tochter vorzuhalten/ oder sich selbst und sein gantzes Gluͤcke einer fremden Stadt zuzueignen/ sondern selb t e vielmehr dem Fuͤrsten Narvas durch einen theuern Eyd zu versprechen. Welche Entschluͤssung eine un- maͤßige Freude in beyder fuͤrlaͤngst verliebter Hertzen/ und die demuͤthigste Ehrenbezeugung gegen Amilcarn verursachte. Denn es koͤnnen auch die bestaͤndigstẽ Seelen eine unvermuthete Freude so wenig in ihrem Hertzen/ als die tief- sten Bette der Stroͤme einen ploͤtzlichen Wol- ckenbruch in ihren Ufern beschluͤssen. Wie nun Amilcar seine erste Krieges-Klugheit darinnen erwieß: daß er an dem Einflusse des Flusses Macar ins Meer wahrnahm/ wie selbter zu gewisser Tages-Zeit gleichsam gantz versaͤndet war/ und daher uͤber diesen Sand und das Schilf sein gantzes Heer zu hoͤchster Vestuͤrtzung des Mathos uͤbersetzte/ als welcher den Strom und das Gebuͤrge allenthalben starck besetzt hielt/ ja dem Spendius bey der verschantzten Bruͤcke in Ruͤcken gieng/ sechs tausend Mann erlegte/ zwey tausend gefangen nahm/ die vom Mathos neugebaute/ und mehr andere verlohrne Staͤd- te wieder eroberte; also besiegelte Fuͤrst Narvas seine Treue mit klugem Rathe und unglaubli- cher Tapfferkeit/ als Amilcarn die Africaner vor-die Numidier hinterwaͤrts/ Spendius aber auf der Seite umsetzte. Denn er machte mit seinen Edlen Numidiern Amilcarn einen sol- chen Muth: daß er mit seinen wol zweyfach staͤr- ckern Feinden eine Schlacht wagte/ in welcher ihrer 10000. auf der Wallstatt blieben/ 4000. gefangen/ Autaritus von Amilcarn/ Spendius vom Narvas gefaͤhrlich verwundet wurden. Alleine dieses herrlichen Sieges Furcht ver- derbte die zwischen Amilcarn und dem neidischen Hanno sich entspinnende Zwytracht/ die Miß- geburt der ruhmwuͤrdigsten Thaten/ und die Stiefmutter des geneigten Gluͤckes. Denn Mathos und Spendius erholeten sich nicht al- leine bey dieser Windstille/ sondern der von Lie- be und Rache brennende Fuͤrst Autaritus brach- te durch seine durchdringende Annehmligkeit die zwey vorhin getreuesten Staͤdte Utica und Hip- pacrita zum Abfall; ja Carthago ward vom Mathos Spendius/ und denen Africanern/ welche der Koͤnig des innern Libyens Zarxas aufs neue zu Huͤlffe bracht hatte/ belaͤgert. Als aber Hanno zuruͤck geruffen/ und Hannibal A- milcarn zugegeben ward/ wandte sich das Gluͤ- cke abermals. Denn Fuͤrst Narvas schnitt mit seiner Reuterey den Belaͤgerten alle Zufuhr ab/ also: daß sie selbst mehr fuͤr belaͤgert zu achten wa- ren/ und die Gefangenen und Knechte selbst fuͤr Hunger aufffrassen/ und endlich sich Autaritus/ Zarxas und Spendius bey der Stadt Prion Amilcarn mit Bedingung: daß er zehn Raͤdels- fuͤhrer nach Belieben straffen/ alle andere aber mit schlechten Kitteln fortschicken moͤchte/ erge- ben musten. Weil aber das feindliche Heer/ wel- ches von dieser Behandlung nichts wuste/ zu den Waffen grief/ die noch uͤbrigen wenigen Sem- noner und Celten auch die Gefaͤngnuͤß ihres Fuͤrsten Autaritus nicht erdulten konten/ grief- fen sie zur Unzeit nach den Waffen; ihrer aber ward wol 40000. theils von den Elefanten und Pfer- Arminius und Thußnelda. Pferden zertreten/ thells durch die Schaͤrffe der Sebeln in die Pfanne gehackt. Amilcar/ Nar- vas und Hannibal ruͤckten hierauf fuͤr Tunis; und weil diese Stadt sich nicht ergeben wolte/ ließ Amilcar/ wie beweglich sich gleich Narvas hierwieder lehnte/ den Fuͤrsten Autaritus und Spendius unter der Stadtmauer an hohe Kreutze anpfloͤcken. Dieses traurige Schau- spiel rechnete der belaͤgerte Mathos in einem unversehnem Ausfalle in des unachtsamen Han- nibals Laͤger mit etlicher tausend Carthaginen- ser Hinrichtung; ja er ließ den gefangenen Han- nibal selbst an die Stelle des abgenommenen Spendius anhefften/ und 30. der Edelsten Fein- de dem Autaritus zu einem Versoͤhnungs-Opf- fer durch hunderteꝛley Qval abschlachtẽ. Gleich- sam als wenn es beyden Kriegenden nicht so wol um den Sieg/ als den Vorzug in der Grausam- keit zu thun waͤre. Hanno kam hierauf aus der abermals bebenden Stadt Carthago mit 30. Rathsherren ins Laͤger/ welche durch des Fuͤr- sten Narvas Vermittelung den Hanno mit A- milcarn aussoͤhnte. Der verzweiffelte Mathos forderte mit seinen letzten Kraͤfften Amilcarn endlich zu einer Schlacht aus/ darinnen er aber den Kuͤrtzern zog/ selbst gefangen nach Carthago zum Siegs-Gepraͤnge gefuͤhret/ daselbst mit gluͤenden Zangen zerrissen/ Sophonisbe und Narvas mit hoͤchstem Frolocken vermaͤhlet/ und durch Unterwerffung Afrikens dieser Krieg ge- endiget ward/ zu einem unver geßlichen Denck- male: daß einheimische Kriege nicht nur die schaͤdlichsten/ sondern auch die grausamsten sind. Wie aber die irrdische Gluͤckseligkeit an Zer- brechligkeit dem Glase/ an Veraͤnderung der Lufft uͤberlegen ist; also genaß Fuͤrst Narvas wenige Jahre seiner suͤssen Eh/ und nach seinem verstorbenen Vater der koͤniglichen Herrschafft. Ob nun wol er einen dreyjaͤhrigen Sohn Lacu- marn nach sich verließ; so verfiel doch nach den Africanischen Reichs-Gesetzen das Reich auff des Narvas aͤltesten Bruder Gala. Als dieses derogestalt in Africa erfolgte/ ge- riethen hingegen die Deutschen in Jtalien ie laͤnger ie mehr ins Gedraͤnge. Denn das Gluͤ- cke gleichet sich mit seinen Umwechselungen dem wuͤtenden Meere; welches an einem Orte neue Eylande gebieret/ am andern aber so viel den U- fern abspielet. Oder das von so vielen Siegen aufgeblasene Rom wolte nunmehr als ein gros- ses Meer alle Laͤnder uͤberschwemmen/ und alle Nachbarn in seinen Rachen verschlingen. Mas- sen die Roͤmer nicht alleine wider die Ligurier und Jnsubrier eine Kriegs-Ursache vom Zau- ne brachen/ sondern auch Publius Valerius ei- genmaͤchtig/ und ohne einige Kriegs-Ankuͤndi- gung die Semnoner uͤberfiel/ aber von ihnen derogestalt empfangen ward: daß er vierdtehalb- tausend Roͤmer an dem Flusse Sapis sitzen ließ. Und ob er zwar hernach mehr aus einer blin- den Verzweiffelung als aus einer vorsichti- gen Tapfferkeit den Semnonern einen Ab- bruch that; hielt der Roͤmische Rath doch des Valerius Vortheil so geringe: daß ihm das ver- langte Siegsgepraͤnge verweigert ward. Viel gluͤcklicher uͤberfiel Grachchus ohne die gering- ste Ursache/ und unter erdichtetem Vorwand: daß etliche Roͤmische Handelsleute waͤren berau- bet/ und ins Meer geworffen worden/ die un- schuldigen Ligurier/ und die durch innerliche Un- ruh entkraͤftete Carthaginensische Besatzung auf den Eylanden Sardinien und Corsica. Denn nach dem sie auf diesen unglaublichen Raub ge- macht hatten/ Carthago aber die abtrinnigen Sardinier zum Gehorsam bringen wolte/ nah- men sich die Roͤmer der Aufruͤhrer an/ und zwangen diese ohnmaͤchtige Stadt ihnen den Frieden durch Abtretung Sardiniens und zwoͤlff hundert Talent abzukauffen; denen Semnonern/ Celten und Bojen aber befah- len sie gantz Jtalien zu raͤumen. Weil nun die Semnoner Jtalien nicht raͤumen wolten/ sondern mit den Bojen und Liguriern wider den allgemeinen Feind sich verbanden; zo- hen die Buͤrgermeister Lucius Cornelius und Qvin- Sechstes Buch Qvintus Fulvius mit zweyen vereinbarten Heeren ins Feld; mit derer grossen Macht die Deutschen zu schlagen nicht trauten/ sondern sich stets in vortheilhaffte Oerter zwischen Suͤmpffe und Gebuͤrge setzten: daß ihnen die Roͤmer zwar nichts abgewinnen konten/ aber muͤde und verdruͤßlich gemacht wurden. Wie nun die Buͤrgermeister ihre Heere zertheilten in Mei- nung der Semnoner Gebiete gaͤntzlich zu ver- heeren/ und dem Feinde alle Lebensmittel ab- zuschneiden/ oder gar uͤber den Po zu setzen; fiel Hertzog Ates des Nachts unversehens des Ful- vius Lager an/ bemeisterte sich der einen Pforte/ erlegte etliche tausend Roͤmer/ waͤre auch des gantzen Laͤgers Meister worden/ wenn er nicht auf erhaltene Nachricht: daß Cornelius dem Fulvius zu Huͤlffe eilte/ mit guter Ordnung sich zuruͤcke gezogen haͤtte. Nach dem ihm auch Koͤ- nig Galatus mit 12000. Bojen/ und 20000. Allemaͤñern aus Deutschland zu Huͤlffe kamen/ raͤumten beyde Buͤrgermeister der Deutschen noch uͤbriges Gebiete/ und wiechen in Hetru- rien. Ungeachtet nun der Buͤrgermeister Len- tulus ihre Bundsgenossen die Ligurier schlug; schickten doch Hertzog Ates und Galatus zu dem Cornelius und Fulvius/ und liessen mit grosser Bedraͤuung die Wieder-Abtretung des Ariminischen Gebietes als ihres alten Eigen- thums fordern. Weil diese nun den Deutschen nicht gewachsen waren/ verwiesen sie sie mit gu- ten Vertroͤstungen an den Roͤmischen Rath; und machten mit ihnen einen Stillestand. Bey dieser Gelegenheit streuten die Roͤmer unter die Semnoner und Bojen allerhand Saamen des Mißtrauens/ beredeten die Bojen: daß die Alemaͤnner von Semnonern nicht so wol wider die Roͤmer/ als der Bojen fruchtbares Land ein- zunehmen beruffen haͤtten. Hieraus entstand ein grausamer Aufruhr; und/ weil Koͤnig Ga- latus und Ates diese Zwytracht zu stillen/ und den ihrigen den Verdacht auszureden bemuͤht waren/ wurden sie beyde als Verraͤther von ih- rem eigenen Volcke erwuͤrget. Alle drey Voͤl- cker kamen hieruͤber einander in die Haare/ schnitten also den Roͤmern zum besten ihnen mit ihrem eigenen Messer die Spann-Adern selbst entzwey. Die undanckbar belohnten Alemaͤn- ner zohen wieder nach Hause; die Semnoner musten Arimin/ und die Bojen alles/ was sie uͤ- ber dem Po hatten/ fahren/ und beyde die Ligu- rier den Roͤmern zur Beute lassen. Dieses Friedens genossen die Deutschen etliche Jahr/ weil die Roͤmer mit denen Liguriern/ Sardern und Lorfen/ denen ihr Joch unertraͤglich war/ alle Haͤnde voll zu thun hatten. Nach dem die- se aber ziemlich gedemuͤthiget waren; rieben sich die Roͤmer aufs neue wider die Deutschen. Der Zunfftmeister Flaminius/ wormit er sie zur Un- gedult bewegte/ zwang dem Rathe ein Gesetze ab: daß die Picenischen und Semnonischen Aecker nach Anzahl der Koͤpffe unter das Roͤmi- sche Volck vertheilet werden solte. Als die Deutschen diß verschmertzten; fuͤhrten die Buͤr- germeister Emilius und Junius ihr wider die Ligurier bestimmtes Heer in einem ungeschick- ten Umwege mitten durch das noch uͤbrige Ge- biete der Semnoner. Der Rath zu Rom ver- bot keinem Deutschen einiges Gold oder Silber zukommen zu lassen; weil sie dessen fuͤr verkauff- te Leibeigene sehr viel zu bevorstehendem Kriege wider die Roͤmer versammlet haͤtten; und im Schilde fuͤhrten Rom aufs neue zu uͤberfallen/ wenn das Roͤmische Heer in Ligurien sich ver- wickelt haben wuͤrde. Die Deutschen musten fuͤr so viel Unrecht nicht nur die Augen zudruͤ- cken/ sondern noch durch Anbietung ihrer Dien- ste die Gnade der Roͤmer unterhalten; Gleich- wol aber kochte das Gebluͤte in ihren Hertzen ei- tel Galle; und suchten sie unter der Hand uͤber den Alpen in Deutschland neue Huͤlffe. Weil aber die Roͤmer gleichwol hiervon Wind krieg- ten/ oder zum minsten Argwohn schoͤpfften; trauten sie nicht mit denen in Hispanien sich uͤ- beraus vergroͤssernden Carthaginensern/ wie sehr Arminius und Thußnelda. sehr es ihnen gleich darum zu thun war/ nicht zu- brechen/ sondern vergnuͤgten sich mit dem Vor- trage: daß die Carthaginenser nicht uͤber den Fluß Jber schreiten/ und Sagunt in Frey- heit lassen solten. Unterdessen verlautete in Rom: Es stuͤnde in den Sibyllinischen Buͤ- chern: daß um selbige Zeit die Deutschen und Griechen Rom einnehmen wuͤrden; worvon all- dar ein solches Schrecken entstand: daß der Rath in Griechenland zu den Etoliern/ Acheern/ nach Corinth und Athen Both schafften schickten/ und mit ihnen Freundschafft machten; dem Poͤfels Aberglauben aber abzuhelffen zwey Deutsche und zwey Grichen zu Rom auff dem Ochsen- Marckte lebendig vergraben ließ; gleich als wenn hierdurch die Sibyllinische Wahrsagung erfuͤllt waͤre. Nach dem aber der streitbaren Deutschen so nahe Macht der schon in fremde Laͤnder ausgestreckten und nach Eigenschafft des Feuers stets nach mehrerm Zunder duͤr- stenden Herrschsucht der Roͤmer allein im We- ge stand/ beschlossen sie ihr eusserstes zu thun/ um diesen beschwerlichen Dorn aus dem Fus- se zu ziehen. Dieses zu vollziehen machten sie einen Uberschlag ihrer Kriegs-Macht/ und be- fanden: daß sie mit ihren in Waffen stehen- den Huͤlffs-Voͤlckern uͤber 700000. streibare Fußknechte/ und 70000. Reuter auff den Bei- nen hatten. Sie richteten uͤberdiß mit den Vene- tern und Cenomannen ein Buͤndniß auff/ wel- che den Roͤmern zu Liebe 20000. Mann auff den Fuß stellten/ und auff erfolgten Friedens- Bruch den Bojen einzuhalten fertig stunden. alles dessen unbeschadet/ ruͤsteten die Deutschen sich zum Kriege. Wie nun auff ihr bewegli- ches Ansuchen der Alemaͤnner Koͤnig Aneroest/ der Catten Hertzog Concoletan mit grosser Macht uͤber die Alpen kamen/ und der Jnsu- brer Fuͤrst Brito mar mit den Bojen sich ver- einbarte/ hielten die Deutschen es nunmehr rathsam zu seyn/ der Roͤmer nicht zu erwarten/ sondern ihre Pferde an einem fremden Zaum zu binden. Die Bojen blieben unter ihrem Fuͤrsten Gondomar gegen die Veneter und Cenomaͤnner zu Beschirmung ihres Landes ste- hen; Aneroest/ Concoletan/ und Britomar a- ber drangen mit funffzig tausend Mann zu Fuße/ und zwantzig tausenden zu Rosse in He- trurien. Weil aber kein Roͤmer Stand hielt/ ruͤckten sie biß nach Clusium; all wo sie Nachricht bekamen: daß ein Roͤmisches Heer ihnen auf dem Fuße folgte. Dahero dreheten die Deutschen also fort ihre Deichsel um/ und kriegten beyde Heere einander mit der Sonnen Untergange ins Gesichte. Des Nachts aber zuͤndeten die Deutschen ihr Laͤger an/ und wiech Aneroest mit dem Fußvolcke mit Fleiß zuruͤcke. Wie die Roͤmer nun auff den Morgen nur die feind- liche Reuterey fuͤr sich/ und zwar gleicher Ge- stalt weichen sahen/ meinten sie: die Deutschen trauten sich nicht mit ihnen zu schlagen; also zo- hen sie ihnen uͤber die neuen Seulen/ und Be- tur gia/ ja gar uͤber den Fluß Arnus nach. Wie sie aber den Feind in voͤlliger Flucht zu seyn ver- meinten/ trafen sie bey der Stadt Fesula gantz unvermuthet auff das vom Aneroest in voͤllige Schlacht-Ordnung gestellete Fußvolck/ und ein Theil der Reuterey/ welche der Sohn Ane- roests fuͤhrte. Der Strom auff einer/ das Ge- buͤrge auff der andern/ und Aneroest auff der dritten Seite schnitten den Roͤmern alle Aus- flucht ab/ und also wurden sie gezwungen sich aus dem Steigereiffen einer Schlacht zu ent- schluͤssen. Allein das schreckliche Ansehen die- ser grim̃igen Feinde/ welche kolschwartze Schil- de/ gemahlte Leiber hatten/ und mit ihrem blos- sen Schatten schon den Todt oder die Hoͤlle vor- bildeten/ wie auch die schon anbrechende Nacht/ uͤberwunden erstlich der Roͤmer Augen; ihr er- ster Angriff trennte ihre Glieder/ und der von hinten zu mit der meisten Reuterey einfallen de Koͤnig Concoletan brachte sie in hoͤchste Ver- wirr- und Blutstuͤrtzung. Denn der Flucht waren alle Wege verrennet. Sechs tausend Erster Theil. K k k k k Roͤmi- Sechstes Buch Roͤmische Edelleute blieben auf der Wallstatt/ vier tausend wurden gefangen/ der Uberꝛest kroch bey der duͤstern Nacht gleichwohl in das Apen- ninische Gebuͤrge gegen dem Thale Mugella/ und setzte sich auff einem hohen Felsen feste. Die Beute war an Gelde/ Zierrathen/ Pferden/ Ge- wehꝛe/ Wagen und anderm Geraͤthe so gꝛoß: daß darmit das gantze Deutsche Heer belastet ward. Wiewohl nun dieses die Roͤmer auff dem Ge- buͤrge besetzte/ so kriegten diese doch alsbald Lufft/ weil der gegen die absonderlich einfal- lenden Semnoner geschickte Buͤrgermeister Lucius Emilius von Ariminum mit einem fri- schen Heere gegen die nach Rom ihren Zug richtende Deutschen angezogen kam. Nach- dem Koͤnig Aneroest aber ihn zu keiner Schlacht bringen konte; die schwere Beute ihnen auch uͤber aus hinderlich war/ hielt er fuͤr rathsam selbte uͤber dem Po bey ihren Bunds-Genos- sen einzulegen/ und hernach dem Feinde mit leichten Haͤnden wieder die Stirne zu bieten. Wormit aber diese Entschluͤssung so viel we- niger einer Flucht ehnlich sehe/ und so viel sicherer bewerck stelliget wuͤrde/ setzten die Deut- schen uͤber den Fluß Arnus/ und richteten ihren Zug gerade gegen Rom. Wie sie aber den Fluß Umbro erreichten/ zohen sie an selbtem gegen das Meer hinunter/ in Meinung an dessen Gestade sich zuruͤcke zu ziehen. Lucius folgte gleichwohl dem Feinde auff der Fersen nach/ biß an das Telamonische Vorge buͤrge/ allwo die Deutschen den Weg von einem neu- en Krieges-Heere/ welches der andere Buͤrger- meister Cajus Atilius aus Sardinien nach Pi- sa uͤbergeschifft hatte/ auff einem vortheilhaff- tigen Huͤgel besetzt fanden/ und also unvermu- thet zwischen Thuͤr und Angel verfielen. Die Deutschen Heerfuͤhrer geriethen hieruͤber gleich- wohl in keine Zagheit/ als welche der klugen Rath/ und des Poͤfels Unvernunfft durch ein- ander vermischt/ und also der aͤrgste Feind ei- nes Kriegs-Heeres ist/ sondern sie machten aus der Noth eine Tugend/ fuͤhrten ihre Beu- te auff einen sichern Huͤgel/ und stellten ihr Heer mit zweyen Stirnen in Schlacht-Ord- nung/ also: daß Concoletan mit seiner dem Ca- jus/ Aneroest mit seiner gegen dem Emilius zu stehen kam; die Ruͤcken aber hinten an ein- ander stiessen/ und also kein Heer/ sondern das andere gegen den Feind anzutreiben wei- chen konte. Mit den Wagen aber umsegel- ten sie die Spitzen oder Hoͤrner ihrer Heere: daß die Roͤmer auff der Seite nicht einbre- chen konten. Diese ob sie zwar zweymahl staͤrcker waren als die Deutschen/ grieffen sie selbte gleichwohl nicht ohne geringen Zweiffel am Siege an. Jnsonderheit war ihnen schreck- lich anzusehen: daß die Goͤsaten/ welche unter denen Deutschen fuͤr ein gewisses Geld Kriegs- Dienste leisteten/ alle nackend fochten/ umb von denen hinn und wieder stehenden Hecken und Gestrittig durch ihre abhenckende Kleider nicht verhindert zu werden. Ja in den er- sten Gliedern stand keiner/ der nicht guͤldene Ketten und Armbaͤnder umgewunden hatte; und ihre Tapfferkeit war so groß: daß die Roͤ- mer Faust fuͤr Faust gegen sie zu fechten sich weigerten/ sondern nur von der Hoͤhe die Bo- gen-Schuͤtzen sie mit Pfeilen uͤberschuͤtten lies- sen. Wordurch ihrer denn sehr viel verwun- det wurden/ weil ihre Schilde sie allenthalben zu verdecken nicht zulangten; also: daß sie halb rasende den Berg hinauff renneten/ und ihren fuͤr Augen schwebenden Tod durch Niederse- belung vieler Schuͤtzen rochen. Wo aber die Deutschen auff der Flaͤche Mann fuͤr Mann fechten konten/ standen sie wie die Mauern; ungeachtet die Roͤmer ihrer breiten Schilde und zum Stoß und Hau geschickter Degen halber fuͤr den Deutschen/ die mit ihren Schwerdtern nur hauen konten/ einen gros- sen Vortheil hatten. Ja Koͤnig Concoletan machte mit seiner Leibwache von dreyhundert Cattischen Edelleuten durch den Blitz ihrer Spieße Arminius und Thußnelda. Spieße und Schwerdter einen Weg biß an den Roͤmischen Adler; den der Graff zu Wir- tenberg von der Stange riß/ und zu Bodem warff. Wie nun der Buͤrgermeister Cajus diesem Hauffen entgegen drang/ durchrennte ihn Koͤnig Concoletan mit seiner Lantze; wel- chem der Graff Mansfeld vollends den Kopff abhieb/ selbten auff eine Lantze spießte/ und zum Schrecken der auff der andern Seite kaͤmpffenden Roͤmer Aneroesten zubrachte. Weil aber die Roͤmer beym Verlust dieses Ad- lers und Buͤrgermeisters eine gantz frische Le- gion an selbigem Ort anfuͤhrten/ und Conco- letan nicht zuruͤcke weichen wolte/ ward er al- lenthalben umringet/ und vom Lutatius Ca- tulus/ der dem Kriege wider Carthago ein Ende gemacht hatte/ ihm das Pferd erlegt; welchen aber der Graff von Hochberg zu Bo- dem rennte/ und seinem Koͤnige auff des Ca- tulus Pferd halff. Allein nachdem Wirtem- berg/ Durlach/ Eichelberg/ Kyburg/ Hoch- berg/ Fuͤrstenberg/ Doghenburg/ Lentzburg/ Grimmenstein/ Utzingen/ und fast alle des Alemannischen Adels nach unvergleichlicher Gegenwehr erlegt waren/ Concoletan auch nach etlichen zwantzig empfangenen Wunden zu Bodem fiel/ ward er endlich gefangen. A- neroest that auff der andern Seite zwar das beste/ und raͤchete durch des gewesenen Buͤr- germeisters Fulvius Flaccus Tod die von ihm vorher untergedruͤckten Ligurier. Alleine nach dem Concoletan gefangen/ und sein Heer fast/ wie es gestanden/ gliederweise nach ein- ander erlegt war/ also drey Roͤmische Heere auff Aneroesten stiessen/ raffte er seine eusser- ste Kraͤfften zusammen/ schlug sich mit etwan drey tausend Pferden durch/ und kam mit Huͤlffe der Nacht biß an den Fluß Umbro. Nachdem er aber uͤber selbten so wohl wegen auffgeschwellten Wassers/ als daß die Ein- wohner der Stadt Ruselle selbten mit Volcke starck besetzt hatten/ nicht schwemmen konte/ ihm auch Nachricht zukam: daß Concoletan nicht todt/ sondern gefangen/ ihm auch die gantze Roͤmische Reuterey schon im Ruͤcken waͤre/ munterte er seinen Uberrest zu hertz- hafftem Sterben auff; er waͤre bereit sich fuͤr sie selbst auffzuopffern/ nachdem die Goͤtter ihn seines Geluͤbdes: krafft dessen er seinen Harnisch ehe nicht/ als biß ers Capitolium er- obert haͤtte/ auffloͤsen wollen/ zu gewehren nicht fuͤr gut befunden haͤtten. Ein behertzter Tod haͤtte nicht die Helffte der Bitterkeit in sich; die einer einen Augenblick im schimpfflichen Siegs-Gepraͤnge empfinde. Hiermit renn- te er spornstreichs voran mitten unter die Roͤ- mer. Diese aber muthmassende: daß es Koͤ- nig Aneroest waͤre/ wolten ihn nicht beleidigen/ sondern lebendig fangen. Nachdem er aber etliche Feinde durchstochen/ faͤllten sie ihm das Pferd; gleichwohl wehrte er sich mit dem Degen in der Faust/ biß selbter mitten ent- zwey sprang; wormit er aber nicht leben- dig in der Roͤmer Haͤnde kaͤme/ schnitt er ihm mit dem uͤbrigen Stuͤrtzel die Gurgel ab/ und bließ also mit der Feindschafft gegen sie seine Seele aus. Die uͤbrigen Deutschen folgten dem Beyspiele ihres Koͤniges/ und bezeugten durch Erleg- und Verwundung vieler Roͤmer: daß ein verzweiffelter Feind mit zweyen Schwerdtern fechte/ und mit seiner Leiche meist drey andere zu Bodem druͤcke. Denn ob wohl viertzig tausend todt blieben/ zehn tau- send gefangen wurden/ mißten die Roͤmer doch uͤber sechzig tausend Mann; und kein Deut- scher ward so wenig/ als ihr halb todter Koͤnig Concoletan und Britomar vom Buͤrgermei- ster in Rom zum Siegs-Gepraͤnge gefuͤhret/ aus der Beute aber Jupitern ein guͤldenes Siegs-Zeichen geweihet/ welches Aneroest von den Roͤmischen seinem Kriegs-Gotte gelobet hatte. Rhemetalces fing hieruͤber an den Un- fall zweyer so behertzter Fuͤrsten zu beklagen/ auch zu billichen: daß ein Kriegender aus An- K k k k k 2 dacht Sechstes Buch dacht den Goͤttern zur Danckbarkeit gewisse Geluͤbde thue. Alleine wenn man aus Ver- messenheit auff seine eigene Kraͤffte dem un- auff haltbaren Rade der goͤttlichen Versehung gleichsam in die Speichen faͤllt; und ehe diß o- der jenes mit unsern schwachen Armen aus- gerichtet sey/ seine Haare/ wie Semiramis/ nicht auffflechten/ oder sie/ wie die Catten/ fuͤr Erlegung des Feindes nicht abscheeren lassen/ wie Amilcar auff eine gewisse Zeit in belaͤger- ten Staͤdten speisen/ oder fuͤr ihrer Erobe- rung kein weisses Hemde anlegen will/ und seinen eigenen Kopff zum Verlust durch Ge- luͤbde verknuͤpfft; verwirret Gott nicht unbil- lich der Klugen Rathschlaͤge/ und entkraͤfftet die Staͤrcke der Riesen. Uberdiß uͤberlegen die/ welchen kein Anschlag krebsgaͤngig wer- den soll/ gar nicht: daß es selbst ihr eusserstes Ungluͤck waͤre/ wenn die Goͤtter die thoͤrich- ten Begierden der Menschen allezeit mit ge- wuͤnschtem Ausschlage beseligten. Denn gros- ses Gluͤcke scheinet uns zwar wie die Schwantz- Sternen herrlich in die Augen; aber sie zie- hen nach sich ihre geschwinde Einaͤscherung und anderer Finsterniß. Es ist wahr/ sagte Adgandester; und hat nicht nur Koͤnig A- nerdest/ sondern nach ihm viel andere einen grossen Schiffbruch ihrer allzuverheuchelten Hoffnung gelitten/ welche insgemein alle Fruͤch- te einerndet/ ehe sie reiff werden/ und sie daher auch ehe verfaulen/ als eßbar werden siehet; fuͤr etlicher Zeit Marcus Crassus im Parthi- schen/ Democritus im Etolischen/ und Anto- nius im Cretischen Kriege ein schimpffliches Beyspiel abgegeben. Derer erster dem Qvin- tius an der Tyber/ wenn er daselbst sein Lager auffschlagen wuͤrde/ der andere den Parthen/ erst in der Stadt Selevcia antworten wolte/ beyde aber selbst gefangen oder erschlagen wur- gen/ der dritte mehr Ketten als Waffen in seinen Schiffen mit fuͤhrte/ aber solche schimpff- lich einbuͤste; und die auff fremder Armen und Beine geschmiedete Fessel seinen Roͤmern muste am Halse hencken sehen. Wenn aber solch Ge- luͤbde nur eine Erinnerung tugend haffter Ent- schluͤssung/ nicht aber die Unterdruͤckung der Un- schuld zu ihrem Zwecke hat/ ist solcher Reitz son- der Zweifel so wenig/ als eine Spieß gerthe in der Hand eines vernuͤnfftigen Reuters zu tadeln. Alleine die Vielheit dessen/ was mir noch zu erzehlen oblieget/ noͤthiget mich hier abzu- brechen/ und noch zu erwehnen: daß Emilius mit seinem Heere in der Bojen Gebiete ein- fiel/ zwischen dem Rhein und dem Flusse Scul- tenna reiche Beute machte/ und die gefange- nen Deutschen in voller Ruͤstung zu Rom im Siegs-Gepraͤnge auffs Capitol fuͤhrte; wor- mit sie ihres gethanen Geluͤbdes sich entschuͤt- ten moͤchten/ weil sie geschworen haben solten nicht eher als im Capitolium ihren Guͤrtel auffzuloͤsen. Die Furcht der Roͤmer fuͤr den Deutschen war durch diesen gluͤcklichen Streich zwar abgethan/ die Begierde der Rache aber nur vermehret. Daher fielen die Buͤrgermei- ster Manlius und Torqvatus auffs neue bey den Bojen ein; und weil bereit der Kern ihres Volckes von Roͤmern und Cenomannen er- legt war/ die andern Deutschen auch durch ei- gene Zwytracht ihnen beyzustehen verhindert wurden; unterwarffen sich die Bojen zwischen den Fluͤssen Gabellus und Jdex biß an den Po der Roͤmischen Bothmaͤßigkeit. Die Roͤmer waren zwar auch im Wercke uͤber den Po zu se- tzen/ und die Jnsubrier zu demuͤthigen/ sie konten es aber dißmahl wegen starcker Gegenwehr und Ungewitter nicht schaffen. Dieser vergebene Versuch war folgenden Buͤrgermeistern/ nehm- lich dem Cajus Flaminius und Furius Philus der hefftigste Reitz die Ehre zu erlangen: daß sie die ersten Roͤmer waͤren/ welche die Siegs- Fahnen auff dem lincken Ufer des Po auff- steckten. Sie versuchten zwar alle Mittel und Kriegs-List uͤber diesen Strom zu kommen; a- ber die nichts minder vorsichtigen/ als streit- baren Deutschen hielten mit ihrer Gegen- wehr die Roͤmer drey Tage auf; biß sie endlich wehr Arminius und Thußnelda. ein Theil ihres Heeres weit den Strom hinab schickten/ und wo der Fluß Padusa oder der Mes- sanische Graben von den andern Stroͤmen des Po sich absondert; ehe die Deutschen daselbst sich in voͤllige Verfassung stellen konten/ durchdran- gen; woruͤber aber gleichwohl uͤber zehntausend Roͤmer umbkamen; die Stadt Rom auch so bekuͤmmert ward: daß nachdem es im Pice- nischen Blut geregnet/ in Hetrurien der Him- mel gebrennet/ zu Arimin 3. Monden gesehen/ und der Rhodische Colossus durch Erdbeben um- gestuͤrtzt worden war/ sie alle Wunderzeichen fuͤr sich zum aͤrgsten ausdeutete/ und der Rath den Buͤrgermeistern mit gab mit den Jnsubriern ei- nen Stillestand zu machen; krafft dessen sie auch ihr Gebiete raͤumten. Wie aber die Alberen alles ungemeine fuͤr Wunderzeichen leicht an- nehmen; die eitele Furcht auch mehrmals eine Betruͤgerin der Augen und Ohren ist; die Boß- haften durch sie in ungemeine Zagheit ver- setzt werden; also macht derselben offtere Begeb- nuͤß sie entweder ungewiß/ oder veraͤchtlich; die Ehr- und Herrsch-Sucht aber ein Gelaͤchter; oder eine Erfindung der Staats-Klugheit; die Mißgunst ein ihr dienendes Gespenste daraus. Welches letztere auch der Buͤrgermeister Furius den Flaminius dißmal beredete/ und ihn versi- cherte: daß ihnẽ aus blossem Neid in dẽ Zuͤgel ih- rer Siege wider die Deutschẽ gefallẽ wuͤrde. Wie der Thebanische Rath seine Buͤrger die Schlacht bey Luctres zu wagen dardurch beredet: daß des Hercules Waffen sich aus seinem Tempel ver- lohren haͤtten; also muͤsten dem Roͤmischen Ra- the/ so offt es ihnen gefiele/ die Ochsen reden/ die Maul-Thiere gebaͤren/ Menschen und Thiere ihr Geschlechte verwandeln/ die Bilder der Goͤt- ter weinen/ die Saͤulen Blut schwitzen/ die Ster- nen sich vermehren oder verfinstern/ der Himmel brennen oder Schlachten fuͤrstellen. Hierdurch brachte es Furius so weit: daß Flaminius mit ihm und denen von Cenomaͤnnern und Bojen erkaufften Huͤlffs-Voͤlckern den Stillstand bra- chen/ und uͤber den Fluß Clusius den Deutschen einfielen/ und alles mit Feuer und Schwerdt verwuͤsteten. Die Jnsubrier wurden hierdurch aufs heftigste verbittert/ lieffen in den Tempel Minervens/ darein sie den mit den Roͤmern ge- machten Vergleich verwahrt hatten; nahmen drey ihrer guͤldenen sonst fuͤr unbeweglich ge- ruͤhmten Bilder daraus/ zohen mit diesen/ und funfzig tausend Kriegsleuten den Roͤmern unter die Augen. Beyde Heere standen schon in Schlacht-Ordnung gegen einander/ als vom Roͤmischen Rathe Briefe ankamen; welche zwar den Buͤrgermeistern alle Feindseligkeit verbothen/ aber auf des Flaminius Einrathen fuͤr der Schlacht nicht eroͤffnet werden wolten. Wiewohl sie auch den Bojen und Cenomannen nicht trauten/ und sie durch den Fluß Clusius von sich absonderten; so war doch des Flaminius Schluß entweder zu siegen/ oder alles einzubuͤs- sen; weswegen er auch sein Heer mit dem Ruͤ- cken harte an das hohe Ufer des Flusses stellte; also: daß es entweder als eine Mauer stehen/ oder mitdem geringsten Weichen in Strom stuͤr- tzen muste. Gleichwohl fiel nach einem sehr blutigen Treffen aus Schickung des auf der Roͤmer Seite sich schlagenden Verhaͤngnuͤsses/ und durch ihre vortheilhaftere Waffen der Sieg den Roͤmern zu. Und blieben neun tausend Deutsche auf der Wallstadt. Worauf Flami- nius allererst die Briefe laß/ sich uͤber des Ra- thes Mißgunst beschwerte/ und nach Rom schrieb: Sie moͤchten aus seinem Thun die Ei- telkeiten der Wahrsagungen verachten lernen/ und aufhoͤrẽ aberglaͤubig zu seyn. Er verwuͤste- te zwar auch hierauf das platte Land/ nahm eine ihrer besten Staͤdte ein; weil aber Furius nicht laͤnger wieder den Rath ihm beyfaͤllig seyn wol- te/ kehrte er mit ihm nach Rom/ hielt auf des Poͤ- fels Verlangen ein Siegs-Gepraͤnge/ und rich- tete aus der Deutschen Raube und insonderheit ihren guͤldenen Waffen und Ketten/ die sie in den Schlachten an den Hals zu hencken gewohnt K k k k k 3 sind/ Sechstes Buch sind/ dem Kriegs-Gotte so/ wie sie es dem Jhri- gen gelobt hatten/ ein Kriegs-Zeichen auf. Zeno fing an: So sind die Deutschen in Jta- lien von denen disseits der Alpen mercklich zu unterscheiden gewest; in dem meine Augen und Glieder erfahren: daß diese mehr auf scharffe/ als glaͤntzende Waffen bedacht sind. Jnsonder- heit habe ich unter dem Hertzoge Jubil etliche Geschwader Reiter gesehen; welche nicht nur an Gestalt/ sondern auch in Grimme den kohl- schwartzen hoͤllischen Geistern aͤhnlich waren. Adgandester antwortete laͤchelnde: Es waͤren diß die starcken Arier/ ein Theil derer zwischen der Oder und Warte angesessenen Lygier; wel- che ihre Schilde und Glieder schwaͤrtzten; die fin- stersten Naͤchte auch am liebsten zu ihrem Kampfe erkieseten/ und gleichsam mit ihrem Schatten die Feinde jagten. Die uͤbrigen Deut- schen/ bey welchen zumal auslaͤndische Zierrathẽ noch nicht so gemein wordẽ waͤrẽ/ waͤren freylich wohl auch gewohnt in Luchs-Wolff- und Baͤ- ren-Haͤuten mit Puͤffel-Hoͤrnern mehr grau- sam/ als praͤchtig auf den Kampf-Platz zu er- scheinen; iedoch verwuͤrffen die Fuͤrsten und der Adel nicht eben alle Kriegrische Auf- putzung. Sintemal sie umb dem andern Vol- cke ein gutes Beyspiel zu geben lieber wolten durch ihren Glantz kentlich und in Gefahr/ als verborgen und sicher seyn. Rhemetalces hob an: Es ist diß ein ruͤhmliches Absehn; welches mir mein sonst deshalben habendes Bedencken benim̃t: daß viel Fuͤrsten an ihren mit guͤldenen Blumen bestreuten Waffen; an ihren aufge- thuͤrmten Feder-Puͤschen erkennt/ und vom Feinde fuͤr andern getroffen; etliche auch durch dieses eitelen Uberflusses Beschwerde ander Ge- genwehre gehindert/ und in Noth versetzt wor- den. Zeno fiel ihm bey; und lobte darumb nichts minder den Deutschen Feldherrn Herr- mann/ welcher in der Schlacht an seinen Waf- fen stets auch in die Ferne waͤre zu erkennen ge- west; als den Griechischen Heerfuͤhrer Philo- poͤmen/ und den Kaͤyser Julius; die ihre Kriegs- leute zur Schlacht/ wie zum Tantz-Bodem und Hochzeit Feyer aufgeputzt haͤtten. Adgandester setzte bey: Der beruͤhmte Hertzog Viridomar/ mit dem die Jnsubrier gestanden und gefallen waͤren/ haͤtte auch durch den Glantz seiner Waf- fen zwar seinen Tod beschleunigt; aber auch sei- ne Helden - Thaten sichtbar gemacht. Denn als die Roͤmer denen abgemergelten Jnsu- briern so gar Gesaͤtze des Friedens fuͤrzuschrei- ben/ und sie ohne Uberwindung in Gehorsam zu nehmen weigerten; berufften sie erwaͤhnten Vi- ridomar einen jungen Fuͤrsten der Hermundu- rer zu ihrem Hertzoge/ und uͤberkamen mit ihm eine ergebige Huͤlffe. Dieser empfing die Roͤ- mer an dem Flusse Addua/ durch welchen sie se- tzen wolten; derogestalt: daß sie das dritte Theil ihres Heeres mit allem Kriegs-Geraͤthe im Sti- che lassen mustẽ. Ob sie nun zwar uͤber Hals und Kopf gegen der Cenomaͤnner Graͤntze absacktẽ/ so uͤberfiel sie doch bey Schlagung ihres Laͤgers der wachsame Viridomar noch einmal; erlegte sie biß aufs Haupt; also: daß die zwey Buͤrger- meister mit Noth uͤber den Bach Clusius entra- nen; und weil sie besorgten: daß die Deutschen wiederumb biß an das hieruͤber zitternde Rom fortruͤcken wuͤrden; machten sie mit Virido- marn einen Frieden/ krafft dessen denen Jnsu- briern auf beyden Seiten des Po biß an die Stadt Acerre alles eigenthuͤmlich verbleiben solte. Der hochmuͤthige Marcus Marcellus aber brachte durch seinen Anhang zuwege: daß Manlius und Flaminius auf Angeben der von ihm bestochener Wahrsager/ wie auch bald dar- auf Scipio Nasica und Cajus Martius des Buͤrgermeister-Amptes/ wie nichts minder Cor- nelius Cethegus und Quintus Sulpitius/ weil sie hierzu nicht allerdings stim̃ten/ der Priester- Wuͤrde/ unter dem Schein: jener haͤtte die Opfer nicht recht dargereicht/ dieser aber die Jnfel vom Haupte fallen lassen/ entsetzt ward; sondern er brach auch/ als er Buͤrgermeister war/ den Arminius und Thußnelda. den Frieden/ weil untuͤchtige Heerfuͤhrer nichts verbuͤndliches haͤtten schluͤssen koͤnten. Hier- mit sam̃lete er alle Roͤmische Kraͤfften zusam- men/ schickte den andern von ihm selbst erkiese- ten Buͤrgermeister Cneus Cornelius mit einem starcken Heere die Stadt Acerra zu belaͤgern; er abeꝛ fiel ohne einige Kriegs-Ankuͤndigung mit einem noch staͤrckern Heere in ihr flaches Land ein/ und muͤhte sich diesen fruchtbaren Garten Jtaliens in eine Wuͤsteney zu verwandeln. Die sich dieses Uberfalls am wenigsten versehen- den Jnsubrier schickten dem Marcellus entge- gen/ und erboten sich zu aller Billigkeit/ da sie die Roͤmer in etwas unwissende beleidigt haͤt- ten; aber er wuͤrdigte die Gesandten nicht anzu- hoͤren. Wie nun Viridomar von seinen ver- wandten Fuͤrsten etliche tausend an dem Rhein und Rhodan angesessene Marckmaͤnner/ Rau- racher/ und Helvetier/ welche ihrer langen Spiesse halber in Gallien Gesaten/ in Deutsch- land Lands-Knechte genennet wurden/ zu Huͤlffe bekommen hatte/ er aber gleichwohl wegen al- lenthalben starck verwahrter Zugaͤnge die Stadt Acerra nicht entsetzen konte/ ruͤckte er fuͤr die Roͤmische Stadt Clastidium/ umb den Feind von Acerra abzuziehen. Marcellus folgte ihm mit seiner gantzen Macht alsofort nach; und ließ Viridomarn veraͤchtlich zuentbittẽ: daß er seine Waffen/ die er ihm abnehmen wuͤrde/ schon dem Feretrischen Jupiter gewiedmet haͤtte. Viri- domar antwortete: Er haͤtte des Marcellus Harnisch und Schwerdt schon dem Vulcan ge- lobt/ oder vielmehr zum Feuer verdam̃t; weil die Deutschen niemals diesen Abgott verebrt haben. Da nun Marcellus so behertzt fechten/ als Groß- sprechen koͤnte/ wolten sie mit einander im An- gesicht beyder Heere umb diesen Siegs-Preiß alleine spielen. Weil dem Marcellus seine Eltern vielleicht wuͤrden verschwiegen haben; wie vielen Roͤmischen Heerfuͤhrern die Deut- schen ihre Koͤpfe abgeschnitten haͤtten/ wolte er derer ihm etliche zeigen; befahl auch alsofort et- liche mit Ceder - Oel eingebalsamte hervor zu bringen. Hierauf sprengte Koͤnig Virido- mar/ welcher nach der Deutschen und Gallier Gewohnheit des Zweykampfs begierig war/ ei- nen ziemlichen fernen Fleck fuͤr seinem Hecre herfuͤr; gegen welchen Marcellus sich auch zwar hervor zuͤckte. Wie er aber den so wohl von seiner Leibes-Gestalt/ als denen Gold-schim- mernden Waffen ansehlichen Viridomar gegen sich mit angelegter Lantze in vollen Buͤgen an- kommen sahe/ und die Jnsubrer zugleich ein Feld-Geschrey erhoben; drehte Marcellus sein Pferd um/ und rennte mit verhangenem Zuͤgel seinem Heere zu; vorwendende: daß er durch solche Umbdrehung nur der Sonnen eine an- daͤchtige Ehrerbietung erwiesen haͤtte. Es war aber unter den Cenomaͤnnern/ welche denen Roͤ- mern dißmal Beystand leisteten/ Klodomir/ ein junger Sicambrischer Fuͤrst/ Hertzog Basans Sohn/ dessen Schwester der Cenomaͤnner Koͤ- nige vermaͤhlet war/ und diese Huͤlffs - Voͤlcker fuͤhrte. Dieser lag dem Marcellus so lange an: biß er ihm den Zwey-Kampf gegen Virido- marn erlaubte; darzu Klodomirn Marcellus umb seine eigene Scharte auszuwetzen in seinem Gezelte seine eigene Waffen anziehen ließ. Klo- domir und Viridomar fielen hierauf einander wie zwey Loͤwen an; und nachdem sich beyde biß auf den aͤusersten Athem miteinander ohne eini- gen Vorschein des Sieges oder Verlustes abgemergelt/ strauchelte Viridomars Pferd/ wei es in ein Gleiß trat; worauf denn Klodo- mir als ein geschwinder Falcke zufuhr/ und mit seiner Lantze Viridomarn durch die Fuge des Harnisches in die Brust verletzte; und eh er sein Pferd wieder zu Stande bringen konte/ ihm noch zwey toͤdtliche Stiche mit dem Degen ver- setzte; worvon er vollends todt zur Erden fiel. Die Jnsubrer/ oder vielmehr die Gesaten wolten den Tod ihres Koͤniges raͤchen; fielen daher die Roͤmer zwar behertzt an; aber der Mangel ei- nes Hauptes/ ohne welches das tapferste Heer fuͤr einen Bien-Schwarm ohne Koͤnig zu ach- ten ist; und der Mißverstand unter denen Krie- Sechstes Buch Krieges-Obersten spielte den Roͤmern/ wiewohl nicht ohne viel Schweiß und Blut/ den Sieg/ wie auch die Stadt Acerra und Meyland in die Haͤnde; nach dem insonderheit bey denẽ Gesaten nicht nur mit dem Koͤnige Viridomarn die Ge- wogenheit zu den Jnsubrern erkaltete/ sondern sie auch diese beschuldigten: daß sie in der Schlacht sich nicht tapfer genung gehalten haͤt- ten; also uͤber das Gebuͤrge wieder zuruͤck an den Rhodan und den Rhein kehreten; nach dem sie gleichwohl vorher ein Theil des Roͤmischen Heeres erlegt/ und in die Flucht bracht hatten. Jnzwischen trug Marcellus den unverdienten Ruhm darvon: daß er selbsthaͤndig Virido- marn erlegt hatte; da doch dieser deutsche Held von niemanden/ als einem Deutschen uͤberwun- den werden konte. Viridomars guͤldene Waf- fen wurden auf einem eichenen Stocke fuͤr dem Marcellus zu Rom her gefuͤhret/ und ausgeruf- fen: Er waͤre nach dem Romulus und Corneli- us Cossus/ derer erster den Koͤnig Acron/ der an- der den Volumnius getoͤdtet/ der dritte/ welcher dem feindlichen Heerfuͤhrer selbst Leben und Waffen abgenommen haͤtte. Die Jnsubri- schen Fuͤrsten verlohren mit ihrem deutschen Koͤ- nige und den Gesaten so wohl Hertze als Frey- heit; die Roͤmer aber schaͤtzten diesen Gewinn so groß: daß sie dem Delphischen Apollo eine Schale aus dichtem Golde hundert Pfund schwer zuschickten. Zeno fiel ein: Dieses Bey- spiel dienet allen Kriegs-Haͤuptern zu einer Warnigung: daß der Zwey-Kampf mehr ein Handwerck der vermessenen Jugend/ als eine Verrichtung einer vorsichtigen Tapferkeit; an Fuͤrsten aber ein Wahnwitz/ und ein Unter- gang der Reiche sey. Denn ob zwar Pittacus einer aus den sieben Weisen/ und der Oberherr zu Mytilene bey zweifelhaftem Kriegs-Aus- schlage mit dem Fuͤrsten Phrynon/ welchen er mit einem Netze bestrickte und toͤdtete/ auf diese Art sich gluͤcklich auswickelte; die drey fuͤr das Roͤmische Volck fechtende Horatier ihrem Va- terlande die Herrschafft uͤber die Stadt Alba er- warben; so hat doch der mit seinem Bruder Ar- taxerxes anbindende Cyrus durch seine Hitze das gantze Spiel verlohren; ungeachtet die ihm beystehenden Griechen auf ihrer Seite den Sieg erhielten. Ja die verspielten Schlachten sind nicht zu erzehlen/ welche nur darumb ver- lohren worden/ weil ihre Haͤupter oder vielmehr die Hertzen der Kriegsheere durch unvorsichtige Kuͤhnheit zu zeitlich gefallen. Daher ich fast anstehe: Ob jener Atheniensische Feldhaupt- mann nicht mehr Ruhms als Scheltens werth sey; welcher einem sich mit seinen empfangenen Wunden auf blasenden Heerfuͤhrer einhielt: Er haͤtte nie keinen aͤrgern Fehler/ als durch unzei- tige Naͤherung einer belaͤgerten Stadt began- gen/ da ihm ein Pfeil fuͤr seine Fuͤsse gefallen waͤre. Hingegen wuͤrde am Scipio hochge- schaͤtzt: daß er bey Belaͤgerung der Stadt Car- thago allezeit drey grosse Schilde ihn fuͤr allem Geschoß zu bedecken haͤtte vortragen lassen; und der so kuͤhne Hannibal haͤtte nicht nur sein Leben sorgfaͤltig gesparet; sondern auch dem von ihm uͤberwundenen Buͤrgermeister Marcellus diese schlechte Grab-Schrifft gemacht: daß er als ein tapferer Kriegsmann/ aber als ein unvernuͤnfti- ger Feldherr geblieben waͤre. Wiewohl Han- nibal bey Belaͤgerung der hartnaͤckichten Stadt Sagunt und bey Placentz seiner und dieser Klugheit selbst vergaß; als er dort auf der Sturmleiter/ hier bey Uberrumpelung einer Festung verwundet/ und beyde mal sein gantzes Heer in bestuͤrtzte Verwirrung gesetzt ward. Des grossen Alexanders Kriegsheer/ fuͤr wel- chem vorher die gantze Welt gebebet hatte/ ward nach seinẽ Tode zu einem geblaͤndeten Cyclopen/ und bewaͤhrte dardurch: daß ein Feldherr sei- nes Heeres Auge und Leitstern; also sein Leben ohne aͤuserste Noth nicht in die Schantze/ und als ein Spielball dem blinden Gluͤcke aufzuse- tzen sey. Es ist wahr/ sagte Adgandester; und ward in der Schlacht bey Cannas vom Roͤmischẽ Rathe Arminius und Thußnelda. Rathe dem Buͤrgermeister Varron nicht aus Heucheley/ sondern mit gutem Rechte gedanckt: daß er sich zu rechter Zeit aus dem Staube ge- macht/ und an Erhaltung des Vaterlandes nicht verzweifelt hatte. Und der fluͤchtige An- tigonus entschuldigte seine Flucht durch diesen Schertz gar scharffsinnig: Er waͤre nur umb- gekehrt/ umb sich des zuruͤck gelassenen Heiles zu versichern. Noch kluͤger aber haben etliche Fuͤrsten gehandelt; welche nach dem Vorbilde des gegen Viridomarn kriegenden Marcellus/ umb durch ihre vermeynte Gegenwart ihr Heer zu beseelen; und gleichwohl sich und das gantze Reich ausser Gefahr zu halten/ einem andern treuen und tapfern Kriegs-Obersten/ welcher fuͤrs Vaterland sein Blut zu verspruͤtzen/ und im Wercke die Stelle eines Vaters und Fuͤrsten zu vertreten fuͤr Ehre geschaͤtzt/ ihre Waffen an- gelegt/ und durch einen heilsamen Betrug nie- manden als dem Feinde geschadet haben. Allei- ne wo ein Fuͤrst eines solchen Dieners nicht ver- gewissert ist/ und umb seine gantze Krone gespie- let wird/ muß er nur auch selbst/ ein ander Feld- herr aber/ so offt ein Hauptwerck unter der Hand/ und sein Volck in zweifelhafter Furcht ist/ sein eigen Leben aufsetzen/ und wie Hannibal zuletzt in Africa/ da er mit dem Scipio und Ma- sinissa Mann fuͤr Mann zu fechten kam; wie Scipio/ als er an Jlliturgis selbst die Sturm- leiter anlegte; wie Kaͤyser Julius in den Phar- salischen/ August in der Philippischen Schlacht; in der er wegen seiner Kranckheit sich doch auf deꝛ Saͤnfte herumb tragen ließ; und unser Hertzog Herrmann letzthin allenthalben an der Spitze fechten/ sich getroͤstende: daß Fuͤrsten auch Fuͤrst- liche Schutz-Geister haben; und daß fuͤr uner- schrockenen Helden sich entweder das Ungluͤcke selbst entsetze/ Pfeil und Kugeln sie zu verletzẽ schaͤ- men/ ja das Verhaͤngnuͤß sie mit Gewalt dem Tode aus dem Rachẽ reisse/ wie der in deꝛ Mallieꝛ Stadt sich halb verzweifelt stuͤrtzende Alexander ein herrliches Beyspiel abgibt; oder: daß wenn ihre heldẽmaͤssige Entschluͤssung auch gleich miß- linget/ sie dennoch von viel tausenden beklagt/ von niemanden aber/ der die Guͤte des An- und Ausschlags zu unter scheiden weiß/ getadelt wer- den. Unter diese war nun auch der hertzhafte Viridomar zu rechen; mit welchem der Deut- schen und der Gallier Gluͤcks-Stern in Jtali- en gleichsam gar verschwand; die Roͤmer aber dessen voͤllige Meister wurden. Die Bojen/ Jnsubrier/ und uͤbrige Deutschen gewohnten auch nach und nach den Roͤmern zu gehorsamen. Sintemal die Noth der nachdruͤcklichste Lehr- meister ist; und die Erhaltung seines Vermoͤgens den Verlust der Freyheit gleichsam unempfind- lich macht. Nach dem aber die Roͤmer der Deut- schen eigenthuͤmliche Guͤter/ als den Aug-Apfel des gemeinen Volckes antasteten/ nemlich nach Placentz und Cremona mit etlichen tausend Roͤ- mischen Einwohnern bevolckten; und also die alten Besitzer von ihren Haͤusern und Aeckern verdrangen; fuͤhlten sie allererst ihre Dienstbar- keit; ihr Gebluͤte fing hieruͤber an ihnen in den Adern zu jaͤhren/ ihr Hertze nach der alten Frey- heit zu laͤchsen/ und ihre Augen sich nach einem Helffer umb zusehẽ. Hiezu ereignete sich durch ein von Mittag uͤber Rom aufziehendes Gewitter Gelegenheit. Denn Carthago hatte bey dem ge- machten Frieden den Roͤmern zwar das fette Sicilien/ niemals aber den Vorsatz sich desselbten bey ereigneter Gelegenheit wieder zu bemaͤchti- gen/ abgetreten. Es war dieser herrschsuͤchtigen Stadt unentfallen/ was Rom vormals fuͤr ein klein Licht gegen ihr gewest waͤre/ als sie in dem mit dem Junius Brutus/ und Marcus Hora- tius/ beyden Buͤrgermeistern gemachten erstern Buͤndnuͤsse/ die Roͤmer derogestalt einschraͤnck- ten: daß sie uͤber das bey Carthago liegende schoͤne Vorgebuͤrge nicht schiffen/ oder wenn sie durch Ungewitter weiter getrieben wuͤrden/ da- selbst kein Gewerb treiben/ auch den fuͤnften Tag zuruͤck segeln musten. Welches Verbot Carthago auch hernach auf Mastia und Tarse- Erster Theil. L l l l l sium Sechstes Buch sium erstreckten; ja denen Roͤmern in gantz Africa und Sardinien alle Handlung unter- sagten. Alles dieses aber ward durch den Si- cilischen Frieden verlohren/ und so gar gantz Sicilien; in welches vorher die Roͤmer mit ge- nauer Noth anlenden durfften. Der tapfere Amilcar trug den Roͤmern damals zwar mit einem beliebten Gesichte aus Noth die Ablegung der Waffen an; aber sein fuͤr Ungedult schaͤumẽ- des Hertze legte den Harnisch niemals ab/ und sein Gemuͤthe saan Tag und Nacht auf fuͤgliche Rache. Aber der inerliche Krieg mit den Huͤlffs - Voͤlckern hielt nichts minder seine Meynung verdeckt/ als die Schwerdter in der Scheide. Zu dem verhielt die Aufbrechung dieser nur von aussen zugewachsenen/ inwendig aber nie zugeheilten Wunde das von den Roͤ- mern vernuͤnftig gebrauchte Kuͤhl-Pflaster/ da sie nemlich der Stadt Carthago wider den Ma- thos und Spendius etwas Huͤlffe schickten. Als aber die Roͤmer hernach ohne einige gege- bene Ursache ihnen Sardinien abdruͤckten/ und noch darzu eine jaͤhrliche Schatzung von zwoͤlff hundert Talenten aufbuͤrdeten; wolte zu Car- thago und bey Amilcarn die Ungedult ausreis- sen; alleine die Klugheit hieß sie ihrer durch den letzten Krieg entkraͤffteten Stadt gerin ge/ hin gegen der Roͤmer vergroͤsserte Macht gegen einander auf die Wage legen; und also lieber zu ihrem empfangenen Unrechte ein Auge zudruͤcken/ als durch unzeitige Rache zu Grun- de gehen. Der Staats-verstaͤndige Amilcar rieth dannenher: daß Carthago/ ehe es mit den Roͤmern wieder anbinde/ die Numidier/ als gleichsam im Busem sitzende Feinde demuͤthigẽ/ und sich in Hispanien vor groß machen solte. Welches beydes er mit grosser Tapferkeit aus- richtete; aus Hispanien ein grosses Reichthumer- oberter Beute nach Carthago schickte/ dardurch alle von ihm abgeneigten Gemuͤther gewan/ und seinem Vaterlande die Hoffnung der Begierde gantz Hispanien zu bemeistern einpflantzte. Diesen Zweck zu erlangen war uͤberaus vor- traͤglich: daß Amilcar noch in Sicilien des Cel- tiberischen Koͤnigs Salonichs Tochter die schoͤ- ne Arimene geheyrathet/ und mit selbter zum unschaͤtzbaren Braut-Schatze der Celtiberier Zuneigung gegen Carthago/ und den Haß wi- der die Roͤmer bekommen hatte; als welche biß auf den letzten Athem gleichsam in unverruͤck- ter Treue fuͤr jene wider diese verharreten; und den Lauff des Roͤmischen Gluͤcks-Rades lange Zeit hemmeten. Die Stadt Sagunt und andere Griechen/ welche in Hispanien festen Fuß gesetzt hatten/ nahmen bey Vergroͤsserung dieser neuen Macht zwar nach Rom ihre Zuflucht/ und vertrauten sich ihrem Schutze; aber die damals anderwerts von den Deutschen fort fuͤr fort beunruhigten Roͤmer musten den sieg- haften Waffen Amilcars nur den Lauff lassen; welchen nicht allein die Liebe seines Vaterlan- des und angebohrne Tugend/ sondern auch sei- ne aus deutschem Gebluͤte entsprossene und da- her den Roͤmern von der ersten Mutter-Milch abholde Gemahlin/ die behertzte Arimene un- aufhoͤrlich wider diese allgemeine Feinde anreitz- te. Diese hatte Amilcarn fuͤnf Kinder geboh- ren/ Elißen/ Hermegilden/ Annibaln/ Aßdru- baln/ und den Mago. Hermegilde ward dem zu Carthago hochangesehenen Asdrubal/ derer Tochter Sophonisbe nachmals den Nu- midischen Koͤnig Syphax zur Eh nahm/ Elißa dem grossen Hanno vermaͤhlet/ welcher beyder Tochter Dido hernach dem Maßesyler Koͤnige Desalces heyrathete. Wie nun die Vermaͤh- lung geschehen solte/ fuͤhrte Arimene ihre Tochter Hermegildis fuͤr das Altar der gewaffneten Venus/ oder Derceto; und noͤ- thigte sie in Anwesenheit Amilcars ihr eyd- lich zu versprechen: sie wolte ihrem Koͤnige Asdrubaln Tag und Nacht in Ohren liegen Carthago wider die Roͤmer in Waffen zu bringẽ. Amilcar war uͤber diese Verbitterung gegen seine Tod-Feinde nichts minder beschaͤmet/ als er- Arminius und Thußnelda. erfreuet/ und daher ergrieff er den damals nur 9. jaͤhrigen Annibal bey der Hand/ fuͤhrte ihn fuͤr das Altar des raͤchendẽ Jupiters/ um ihm bey sei- nẽ Opfern die benoͤthigte Handreichung zu thun. Nach vollbrachtem Gottes-Dienste umbhalsete und kuͤßte er seinen Sohn/ fragende: Ob er wohl Lust haͤtte mit ihm in Krieg nach Hispanien abzusegeln? Wie ein von dem muͤtterlichen Gebluͤte noch nasser Loͤwe schon seine Klauen zeigt; ja Helden-Kinder in der Wiege Schlan- gen zu zerreissen begierig sind; also brach beym noch so zarten Hannibal mit seinen Freuden- Thraͤnen schon das Feuer seines Gemuͤthes fuͤr. Er umbarmte die Knie seines Vaters/ und kuͤssete den Staub seiner Fußstapfen/ mit Bitte: Er moͤchte ihn ja nicht zuruͤck lassẽ. Amil- car kuͤßte Annibaln mit noch mehrer Bruͤnstig- keit/ nahm seine rechte Hand/ legte selbte auf das Bild Jupiters/ sprach ihm einen Eyd fuͤr/ in welchem Annibal der Roͤmer Tod-Feind zu sterben angeloben muste. Diesen sprach er nicht nur mit tausend Freuden nach; sondern er war in Hispanien die neun Jahr uͤber ein unabtrennlicher Geferte in den Kriegs-Zelten seines sieghaften Vaters/ der durch seine Tha- ten den ersten Stein zu einem neuen Reiche legte/ und seinen Nachfolgern den Weg zu noch groͤssern Wercken baͤhnte. Auf der einen Seite des Flusses Jberus war alleine der tapfe- re und maͤchtige Koͤnig Orisso noch uͤbrig/ der sein Haupt fuͤr Amilcarn nicht beugte. Da- her kamen beyde mit einander zum Haupt- Treffen. Wie nun die Jberier uͤberaus hart- naͤckicht fochten/ drang Amilcar aus Ungedult mit einer wunderwuͤrdigen Kuͤhnheit auf das Haupt der Feinde zu/ durchrennte den Koͤnig Orisso; verfiel aber in solchem Gedraͤnge mit seinem Pferde in einen Sumpf/ und muste dar- innen mit seinem Leben auch die unersaͤttliche Begierde der Ehren ausblasen. Der achzehn- jaͤhrige Hannibal aber ließ sich weder die An- zahl der Feinde/ noch seines Vaters Tod irre machen; sondern gewan durch seine Tapferkeit die Schlacht. Asdrubal/ der bißher uͤber die Kriegs-Flotte bestellt war/ kam in Amilcars Stelle; welches bey Annibaln schon etlicher massen Schaͤlsucht erweckte. Also duͤncket ein ruhmsuͤchtiger Geist niemals einen zu kurtzen Degen/ und zu wenig Jahre zu haben/ wenn er grosse Unterfang ungen im Schilde fuͤhrt. As- drubal stand seinem hohen Ampte mit grossem Fleisse und Klugheit acht Jahr fuͤr/ erweiterte der Carthaginenser Graͤntzen sehr weit/ und zwar nicht so wohl durch die Waffen/ als seine Leutseligkeit/ wormit er der meisten Hispani- schen Fuͤrsten Gemuͤther an sich zoh. Denn es lassen sich durch keine Wuͤnschel-Ruthe so wohl die heimlichen Ertzt-Adern erforschen/ als menschliche Hertzen durch den Trieb der Freundschafft; und keine Zauber-Gaͤrthe kan so wohl die Gespenster/ als Freundligkeit und Wohlthun die Gemuͤther an sich ziehen. Er erbaute die maͤchtige und uͤberaus wohlgelege- ne Stadt Neu-Carthago; welche die Roͤmer sehr ins Gesichte stach/ und sie gleichsam aus einem tieffen Schlafe gegen Carthago aufweckte. Alldieweil sie sich aber noch nicht voͤllig aus dem Jllyrischen Kriege mit der Koͤnigin Teuta aus- gewickelt/ auch von denen Deutschen und Celten einen neuen Anfall zu gewarten hatten/ mach- ten sie zwar einen grossen Ruff/ als auf dessen Gewichte die Kriege offtmals mehr als auf der Schwerde der Waffen bestehen: daß von Ostia und Cajeta ein maͤchtiges Heer nach Hispanien uͤberfahren solte; ihr groͤstes Absehn aber hatten sie auf ihre an Asdrubaln mit vielen Geschen- cken abgehende Gesandschafft. Wiewohl nun die in Jtalien noch seßhaften Deutschen/ Koͤnig Aneroest und Viridomar Asdrubaln durch vertroͤsteten Beystand beweglich in Ohren lagen/ nunmehr die Waffen wider Rom und Sagunt zu ergreiffen; ließ er sich doch die Roͤmische Kriegs-Ruͤstung ent- weder schrecken/ oder ihre Geschencke blenden: daß er ohne des Raths zu Carthago Vor- bewust/ und zum Nachtheil des Vaterlands L l l l l 2 den Sechstes Buch den Roͤmern durch ein neues Buͤndnuͤß ver- sprach uͤber den Fluß Jberus seine Bothmaͤssig- keit nicht zu erstrecken. Diese Zeitung kam kaum so geschwinde nach Rom/ als die Roͤmer ihre voͤllige Macht gegen die Deutschen an- und uͤber dem Po fortruͤcken liessen. Durch welche Kleinmuth/ und einen dem Asdrubal begegnen- den Unfall; da er nemlich einen der Gesandten auf der Jagt mit einem Pfeile toͤdtlich iedoch zufaͤllig verwundete/ ein in der Deutschen Ge- sandschafft sich befindender Edelmann deroge- stalt erbittert ward: daß er sich umb seine Rache auszuuͤben in Asdrubals Leibwache bestellen ließ; als aber in wenigen Tagen des Nachts die Reye der Schildwache fuͤr seinem Hause an ihn kam/ er sich unvermerckt in das Schlaf-Ge- mach spielte/ und ihm den Degen durchs Hertze stach. Kurtz vorher war zu allem Gluͤcke Anni- bal wieder bey dem Kriegesheere in Hispanien ankommen/ welcher eine Zeitlang in Gallien sich umbgesehen/ auch mit den vermessenen Gal- liern wider Koͤnig Klodomirn uͤber den Rhein gesetzt; bey damaliger Niederlage anfangs zwar seine Freyheit verlohren/ hernach aber durch seine vielfach erwiesene Kriegs-Wissenschafft Klodomirs wunder-schoͤne Tochter Chlotildis erworben hatte. Das Kriegsheer erklaͤrte den wiewohl sehr jungen doch hertzhaften Annibal in Hispanien alsofort zum Haupte/ der Rath zu Carthago bestaͤtigte ihm seine Wuͤrde; und der Ausschlag wieß: daß das Alter so wenig die Maͤß-Schnure der Klugheit/ als ein Riesen- Geschoͤpfe das eigentliche Wohn-Haus der Tu- gend sey. Weil nun Volck und Poͤfel viel Augen hat neuer Haͤupter Fehler zu uͤbersehen/ und viel Zungen ihn zu laͤstern; entschloß er sich mit einem herrlichen Anfange ihm ein Ansehen zu machen. Denn ein ungleicher Ruff findet den besten Glauben/ und es ist leichter selbtem durch etwas ruͤhmliches vorzukommen/ als desselbten einmalige Flecken durch viel tugend- haftes Beginnen zu tilgen. Weil nun auch die allergeraͤumsten Umbschrenckungen be- schwerlich sind; Hannibals Gemuͤthe aber ei- nen groͤssern Umbschweiff als die Welt hatte; war ihm der letzte Roͤmische Vertrag ein uner- traͤgliches Fessel; daher beschloß er bey numehr erholten Kraͤfften die Stadt Carthago lieber frey und todt/ als gebunden zu seyn/ und sei- nes Vaterlandes Herrschafft uͤber den Fluß Jberus zu erweitern. Zumal seine fuͤr Rache gluͤende Gemahlin Chlotildis/ welcher Bruder Concoletan von Roͤmern erschlagen worden ward/ Annibaln Tag und Nacht in Ohren lag mit den Roͤmern zu brechen/ sie ihm auch von unterschiedenen Deutschen Fuͤrsten schrifftliche Versicherung ihres Beystandes fuͤrzeigte. Weil nun diß ohne mit den Roͤmern wieder ins Handgemenge zu kommen nicht geschehen konte; hierzu aber das gemeine Volck zu Car- thago nicht Lust hatte; ja der Adel die groͤste Gewalt des zur Kriegs-Zeit am meisten uͤber- wiegenden Barkischen Geschlechtes mit schaͤlen Augen ansah/ stand er an/ diesen Vorschlag selbst aufzuwerffen. Denn ein Kluger soll so viel moͤglich sich huͤten/ nicht allein andern zu widersprechen/ als welches eine Verdammung ihres Urtheils ist; sondern auch/ daß er nichts vorschlage/ welches andere besorglich widerspre- chen werden. Sintemal dieses gleichsam heist wider den Strom schwimmen; und nichts min- der zu eigener Gefahr/ als zu Verminderung des Ansehens gereichet. Also muß ein Kluger offt mit seiner Erklaͤrung zuruͤck halten/ und wenn er es gleich mit den wenigern haͤlt/ doch mit den mei- sten reden. Uber diß erinnerte ihn der gemeine Lauff menschlicher Dinge: daß selten der Aus- schlag das Ziel der alles erleichtern den Einbil- dung erreichet/ dieser ihr Urtheil hingegen auch das schwerste Fuͤrhaben nach der Maͤß-Ru- the des Verlangens urtheilet; und die Groͤsse der Roͤmischen Macht aber: daß er mit nicht allzu uͤbermaͤssiger Hoffnung diß wich- tige Werck unterfangen solte. Zumal ihm Amil- Arminius und Thußnelda. Amilcar noch diese heilsame Lehre hinterlas- sen hatte: mit den Roͤmern nicht ehe zu bre- chen/ biß er gantz Hispaniens Meister wor- den waͤre. Diesemnach stifftete er durch die dritte und vierdte Hand an: daß seine un- tergebene viel von der Begierde der Deut- schen gegen die in Jllyricum abgematteten und bey selbigen Voͤlckern verhaßten Roͤmer auff- zuziehen/ von Beschwerde der Sardinier uͤber das Roͤmische Joch und die Grausamkeit des Manlius/ von deren rechtmaͤßigen Ursachen wider die Roͤmer zu kriegen/ von der erwuͤnsch- ten Gelegenheit sich der nicht so wohl unertraͤg- als schimpfflichen Schatzung zu befreyen. Wel- ches alles so wohl dem Adel/ als Poͤfel lieblich in Ohren klang. Annibal bestaͤrckte inzwi- schen diese scheinbare Ursachen mit maͤnnlichen Thaten. Denn er nahm die reiche Stadt Al- thea stuͤrmender Hand ein; worfuͤr Chlotildis das Kriegs-Volck auff einer Seite selbst behertzt anfuͤhrte. Das gantze Volck der Olcader er- gab sich hiermit unter Carthago. Hierauff be- maͤchtigte er sich der Stadt Salmantica mit List/ der grossen Stadt Arbucala mit Gewalt/ uñ folgends des gantzen Vacceischen Landstrichs. Hundert tausend der maͤchtigen und so wol vier- fach staͤrckern Carpetaner erlegte er/ als sie gegen ihn durch den Fluß Tagus durch setzten/ auffs Haupt; machte sie auch kurtz hierauff ihm gar unterthaͤnig. Und derogestalt war nichts mehr uͤbrig/ als die von Zazynthiern erbaute/ in der Graͤntze der Jberier und Celtiberier tausend Schritte vom Meere liegende/ und mit den Roͤmern verbundene reiche Stadt Saguntus im Tarraconen sischen Hispanien; welche wegen fuͤr Augen schwebender Gefahr Post uͤber Post nach Rom um Huͤlffe schickte. Hannibal/ nach dem er so gluͤcklich seinen Zweck und hiermit so grosses Ansehen zu Carthago erlangt/ und sei- nes Beduͤnckens den die Tugend sonst unter- druͤckenden Nebel des Neides uͤberstiegen hatte/ meinte nunmehr es Zeit zu seyn: daß er sein Vorhaben zu Carthago auff den Teppicht wuͤrffe/ ehe das Gedaͤchtniß seiner Siege und zugleich derselben Werth veralterte. Denn wie die Wercke eines Klugen und Thoren nicht so wohl in ihrem Wesen/ als daß jene zur rech- ten/ diese zur Unzeit geschehen/ unterschieden sind; also ist es ein grosser Vortheil sich seiner Neuigkeit bedienen. Sintemal ein heutiges Loth unserer Thaten einen jaͤhrichten Centner grosser Verdienste uͤberwieget. Wie er nun so wohl die Gemuͤther des Volcks gewonnen/ als selbtem den Eckel fuͤr dem Kriege durch die reichen Beuten verzuckert hatte; schrieb er alle ersinnliche Ursachen: warum Carthago den Roͤ- mern nunmehr auff den Hals gehen/ oder nur Sagunt antasten solten; wormit Rom fuͤr sich selbst loß schlagen wuͤrde; als welches ohne diß die Hispanier heimlich zum Aufstand veꝛhetzte. Die- ser Meinung auch einen groͤssern Nachdruck zu geben/ reisete seine Gemahlin Chlotildis mit vielen Nachrichten/ und ihr Vetter Magilus der Bojen Hertzog um sein und seiner benach- barten Voͤlcker Gemuͤther dem Rathe so viel kraͤfftiger zu eroͤffnen selbst nach Carthago; da- selbst bearbeitete sich auch des Koͤnigs Deme- trius Pharius aus Macedonien Gesandter/ um ein Buͤndniß wider die Roͤmer; welche er uͤber dem Fluße Lissus anzutasten versprach. Amil- car war kaum drey Tage zu Carthago in sei- ner Winterrast; da auff einen Tag Chlotildis und Magilus mit freyer Gewalt fuͤr Anni- baln zuruͤcke kam; wie auch eine Roͤmische Botsch afft mit Verwarnigung/ weder Sagunt anzutasten/ noch uͤber den Jberus zu setzen/ bey ihm sich einfanden. Hannibal gab dieser Both- schafft auff Chlotildens Einredung zur Ant- wort: daß die Draͤuungen im Kriege nur schaͤd- liche Warnigungen waͤren/ als wie Blitz und Knall zugleich kommen muͤste; Gleichwohl be- schweꝛte eꝛ sich uͤbeꝛ die Roͤmer: daß sie zu Sagunt etliche den Carthaginensern verwandte Adeli- che Geschle chter durch schimpfflichen Tod hin- L l l l l 3 gerich- Sechstes Buch gerichtet; die Saguntiner aber in ihrem Gebiete die Torboleter beraubet/ auch wider dieser noch anwesenden Beschwerfuͤhrung seine billiche Vermittelung veraͤchtlich ausgeschlagen haͤt- ten. Nach zweyen Monaten schied die Bot- schafft von ihm nach Carthago/ daselbst gewis- se Enschluͤssung zu holen. Amilcar aber/ der mit Sagunt den Roͤmern alle Gelegenheit in Hispanien festen Fuß zu setzen abschneiden wol- te/ kam mit seiner Macht unversehens fuͤr Sa- gunt an; beschloß selbte rings um mit einem Walle/ daran Annibal und Chlotildis selbst als gemeine Kriegs-Knechte Hand anlegten/ bey ieder Gefahr sich in die Spitze stellten; und nach acht Monatlicher Belaͤgerung die nunmehr veꝛ- zweiffelten Saguntiner/ als sie sich von den kleinmuͤthigen Roͤmern verlassen/ alle eusserste Beschirmung aber verspielet sahen/ dahin brachten: daß sie alles Gold und Silber auff dem Marckte mit Ertzt und Bley unter ein- ander verschmeltzten; hier auff des Nachts einen Ausfall thaͤten/ alle aber biß auff den letzten Mann erschlagen wurden/ ihre Weiber sich theils erhenckten/ theils von der Mauer stuͤrtz- ten; ausser welche durch Vorbitte Chlotil- dens erhalten blieben. Also war Saguntus nicht so wohl die Ursache/ als der Anfang des Krie- ges. Wie aber diese Eroberung den Roͤ- mern bey ihren Bunds-Genossen uͤbele Nach- rede verursachte/ beschlossen sie alsobald und ohne Berathschlagung den Krieg; und daß der Buͤrgermeister Tiberius mit Kriegs-Macht Carthago selbst belaͤgern/ der ander aber wi- der Annibaln auffziehen solte. Weil sie aber mit dem Demetrius in Jllyricum noch ge- nung zu schaffen hatten/ schickten sie ihren Schluß biß zu voͤlliger Ausruͤstung zu ver- bluͤmen/ eine Botschafft nach Carthago/ un- ter dem Schein die Zwistigkeiten zu verglei- chen. Diese beschwerte sich: daß Hannibal wider das mit Asdrubaln gemachte Abkom- men uͤber den Jber gesetzt/ und Sagunt ih- re Bunds-Genossen ausgerottet haͤtte. Da- her im Fall der Rath sich nicht solchen Frie- den-Bruchs theilhafftig machen wolte/ muͤste er Hannibaln und alle seine Rathgeber zu der Roͤmer Bestraffung aushaͤndigen. Der Rath versetzte: Ob wohl die Roͤmer schon durch Ab- dringung Sardiniens und Abheischung einer jaͤhrlichen Schatzung den Lilybeischen Frieden gebrochen haͤtten/ wolten sie doch solch Unrecht vergessen/ und den Frieden unterhalten. Die Saguntiner aber haͤtten durch Uberfall der Torboleter sich an den Hannibal gerieben/ und ihren Untergang verursacht. Zu dem waͤren diese bey oberwehntem Frieden der Roͤmer Bunds-Genossen noch nie gewest; sondern nur um der Stadt Carthago einen Dorn in die Augen zu setzen/ hernach in ihren Schutz gezogen worden. Endlich wuͤsten sie von neu- em Buͤndnuͤsse Asdrubals nichts/ der den Rath ohne ihre Einwilligung zu nichts kraͤff- tig verbinden koͤnnen. Aus welchem Grun- de die Roͤmer vorher den zwischen Carthago und dem Roͤmischen Buͤrger meister Luctatius in Sicilien gemachten Frieden verworffen/ ihnen aber schwere Bedingungen auffgehalset haͤtten. Was aber Asdrubal fuͤr sich geschlos- sen/ waͤre mit seinem Tode erloschen. Der Roͤmische Gesandte/ an statt: daß er dem Ra- the noch haͤtte einhalten koͤnnen: die Sardini- sche Sache waͤre durch Erlegung der Scha- tzungen in der That beliebt/ der Friede vom Lu- ctatius auff Genehmhabung des Roͤmischen Raths/ Asdrubals aber ohne Bedingung ge- schlossen/ und darinnen alle/ also auch die kuͤnffti- gen Bundgenossen begriffen worden/ oͤffnete den Rock auff der Schoß; fuhr hitzig und entruͤstet heraus: Wir sind hieher nicht zum Wortge- zaͤncke erschienen; sondern wir fordern Anni- baln und andere Friedbruͤchige. Hier stecket Krieg und Friede; was ihr auslesen werdet/ will ich heraus geben. Der Koͤnig oder O- berste im Rath versetzte: Carthagens Wuͤrde erfor- Arminius und Thußnelda. erfordert diß anzunehmen/ was ihr her aus zie- hen wollt. Hier auff zohe der elteste Gesandte ein blanckes Schwerd herfuͤr/ mit dem Bey- satze: Diß ist es/ was uns anstehet. Der Rath rieff hier auff einhellig: wir nehmen es an/ weil es euch gut duͤnckt. Wormit die/ derer Gemuͤther viel Jahr vorher getrennt wa- ren/ gleichsam fuͤr Zorn schaͤumende vonsam- men schieden. Wie nun nach zerrissenem Buͤndnisse Hannibal freye Hand bekam gantz Hispanien ihm in weniger Zeit theils durch Gewalt/ theils durch Draͤuung/ theils Ver- heissungen zu unterwerffen/ und an Roͤmern sein Heil zu versuchen/ ließ Hertzog Magilus nicht ab ihn durch Herausstr eichung der frucht- baren Laͤnder/ streitbaren/ und den Roͤmern ge- haͤßiger Voͤlcker am Po zum Einfalle in Jta- lien durch Gallien zu bereden. So kam̃ eben zu rechter Zeit Matalus und Dietrich zwey Bojische Fuͤrsten/ als Gesandten/ von den um die Alpen wohnenden Deutschen an/ welche dem Annibal selbiger Voͤlcker bereitete Huͤlffe anboten; andern Kriegs-Haͤuptern aber den Traum benahmen; als wenn uͤber solch Alpen- Gebuͤrge noch kein ander Kriegs-Heer als fuͤr Zeiten des Hercules zu steigen vermocht haͤtte. Da doch die Gallier und Deutschen mit Weib und Kindern so vielmahl selbtes durchreiset haͤtten. Ja sie selbst waͤren uͤber diß Schnee- Gebuͤrge nicht geflogen/ sondern itzt gleich uͤ- ber selbtes/ und zwar zur Winteꝛs-Z e it kommen/ wolten also ihre selbsteigne Wegweiser seyn. Der kuͤhne Hannibal wolte diese Gelegenheit nicht aus den Haͤnden lassen; sondern handel- te mit ihnen ein gewisses Buͤndniß ab; in wel- chem unter andern merckwuͤrdig versehen war: Es solten die Deutschen den Carthaginensern: daß sie Kriegs-Obersten/ diese aber jenen/ daß sie Weiber zu Richtern und Rathgebern haͤtten/ nicht fuͤrruͤcken. Diesemnach hielt Hannibal fuͤrs rathsamste den Feind im Hertzen anzugreif- fen; schickte also unverzuͤglich das Hispaniens gewohnte Kriegs-Volck in Africa; das Afri- canische aber verlegte er in Hispanien zur Ver- sicherung/ allwo er seinen Bruder Asdrubal zum Kriegs-Haupte bestellte/ und ihm wider der Roͤmer besorglichen Einfall heilsame Lehren gab. Nach so guter Anstalt zohe er im ersten Fruͤhlinge mit neuntzig tausend Mann zu Fuße/ und zwoͤlff tausend Reutern uͤber den Jber/ brachte alle biß an das Pyreneische Gebuͤrge durch das Aqvitanische Narbonische Gallien mit funffzig tansend zu Fuß/ und fuͤnff- tehalb tausenden zu Rosse alles alten abgehaͤr- teten Kriegs-Leuten. Die auff Roͤmische Sei- te hengenden Gallier gewan er mit Schrecken/ die andern mit Geschencken und Vertroͤstung: Er kaͤme dahin nicht als ein Feind/ sondern Gast/ wolte auch den Degen nicht eher/ als in Jtalien zuͤcken. Hertzog Magilus aber reisete eilfertig voran; und versicherte die Jnsubrier/ Bojen/ und andere Deutschen der anziehenden Huͤlffe; welche/ weil zumahl die Roͤmer am Po durch Auffricht- und Besetzung der neuen Stadt Placenz diesen freyen Voͤlckern ein Gebiß ins Maul legten/ Annibals nicht erwarten konten/ sondern die Waffen ergriffen; aus denen ab- genommenen und denen Roͤmischen Buͤrgern vertheilten Aeckern die neuen gewaltsamen Besitzer vertrieben/ den Lutatius/ Servilius/ Annius und andere dahin geschickte Feld-Maͤs- ser in Mutina belaͤgerten/ und als sie heim- lich daraus sich fluͤchten wolten/ erlegten. Man- lius eilte mit einem starcken Heere herzu die Stadt zu entsetzen; Magilus aber zohe selb- tem entgegen/ versteckte sein Heer in einen Wald/ und uͤberfiel die daselbst nichts min- der als einen Feind besorgenden Roͤmer mit so grossem Vortheil: daß wenig von dem gan- tzen Heere auffs Gebuͤrge entrannen. Ob nun wohl Manlius mit frischen Voͤlckern ihm begegnete/ so schlugen ihn die Deut- schen doch abermahls mit grossem Verlust in die Flucht; eroberten sechs Fahnen/ und belaͤ- gerten Sechstes Buch gerten in der Stadt Tannetum die gantze vierd- te Legion/ und die Roͤmisch gesinnten Brixiani- schen Gallier; biß Lucius Atilius mit seiner Le- gion und viel Galliern an-/ die Deutschen a- ber mit grosser Beute sich zuruͤck zohen. Weil nun aber die Massilier den Roͤmern Anni- bals Siege in Hispanien zu wissen machten; schisfte der Buͤrgermeister Publius Scipio mit einem ansehlichen Heere von Pisa ab an dem Ligustischen Meer-Strande biß nach Maßili- en/ in Meinung biß in Hispanien zu segeln. Er erfuhr aber daselbst mit Erstaunung: Anni- bal habe nicht nur das Pyreneische Gebuͤrge hi n te r sich gelegt/ auch die ihm widerstehenden Narbonischen Gallier zerstreuet/ sondern sey auch schon begriffen uͤber den Rhodan zu setzen. Sintemal die zwey deutschen Fuͤrsten Mata- lus und Dietrich die auff der West-Seite des Rhodans wohnenden Ardyes/ wie auch die Deutschen an dem Fluß Araris schon ver- mocht hatten: daß sie Hannibaln eine grosse Menge Nachen zu Fertigung einer Schiffbruͤ- cke den Strom herab brachten. Die Kriegsvoͤl- cker hoͤleten auch unzehlich viel Baͤume zu Na- chen aus. Die Volcaischen Gallier alleine zohen sich mit allen ihrigen auff die Ost-Seite des Flusses/ und bothen mit der Maßilier Huͤlffe Annibaln an dem Strande die Stirne. Da- hero fuͤhrte Fuͤrst Dietrich ein Theil des Hee- res unter dem jungen Hanno Bomilcars Soh- ne unvermerckt eine Tagereise am Rhodan hinauff; allwo der Rhodan in sich ein kleines Eyland macht. daselbst machten sie des Nach- tes in dem anliegenden Walde eine Menge Floͤssen zusammen/ kamen also unverhindert uͤ- ber den Fluß; hiermit ruͤckten sie auff der Ost- Seite Stromwerts wieder ab/ berichteten ih- re Uberkunfft und Anzug Annibaln; welcher denn alle Schiffe mit Volck besetzte/ und dar- mit uͤberzukommen versuchte. Als nun die Maßilier und Gallier dieses zu verwehren cus- serst arbeiteten; fiel Hertzog Dietrich mit neu- en deutschen Huͤlffs-Voͤlckern und Hanno mit seinen Mohren ihrem Feinde in Ruͤcken; er- legten derer viel tausend; also kam Hannibal mit einem grossen Siege uͤber den Rhodan. Wiewohl er mit Ubersetzung der das Wasser uͤberaus fliehenden Elephanten/ denen er eine Schiffbruͤcke bauen/ und selbte mit Rasen be- setzen muste/ unglaubliche Muͤhe anwendete; derer etliche zwar auch bey Loßtrennung eines an die am obersten Ufer stehenden Baͤume an- gebundenen Schiffes in Fluß stuͤrtzten/ aber mit empor gereckten Schnautzen doch herdurch wa- teten. Allhier kam der tapffere Magilus mit Bericht seiner Siege und zum Wegweiser wie- der bey Annibaln; Publius Scipio aber mit seinem Heere am Rhodan wiewohl zu spat an/ weil Annibal schon drey Tage vorher am Rho- dan hinauff/ uͤber den durch der Vecontier Land fluͤssenden gefaͤhrlichen Strom Druentia gedie- gen war. Das vierdte Nachtlager schlug Anni- bal in der Tricaßnier Gebiete am Fluße Jsara auff; Allwo zwey Allobrogische Fuͤrsten uͤber ih- rem zwischen dem Rhodan und Jsar in Gestalt eines Eylandes liegenden Erbtheile mit einan- der zwistig waren/ Annibaln aber ihren Streit zu entscheiden unter gaben. Annibal sprach wi- der Bertholden fuͤr den Brancus/ als welcher auch fuͤr sich das Recht der Erstgeburt hatte/ und Annibaln an Volck und noͤthigem Vorrathe al- len moͤglichen Vorschub zur Reise that. Allhier stiessen zu Annibaln etliche tausend Alemaͤnner und Nemeter unter dem Fuͤrsten Hulderich der Chlotildis juͤngsten Bruder; Fuͤrst Ber- thold aber nahm seine Zuflucht zu denen be- nachbarten Fuͤrsten der Centroner und Ve- ragrer/ brachte auch durch seine klaͤgliche Be- schwerden es so weit: daß diese Voͤlcker in aller Eil alle Luͤcken der Alpen gegen Annibaln besetzten/ der zwischen dem Rhodan und dem Jsar seinen Weg unsaͤumbar verfolgte. Ber- thold aber war allzuhitzig/ ließ sich mit sei- nen im Vortheil stehenden Voͤlckern fuͤr der Arminius und Thußnelda. der Zeit sehen; da er hingegen bey derselben Verdeckung Annibals Heer in den tieffen Thaͤ- lern mit schlechter Muͤh sonder einige Gefahr durch Abweltzung der Steine haͤtte ausrotten koͤnnen. Hingegen kundschaffte Fuͤrst Hulde- rich von etlichen Galliern aus: daß sie des Nachts diese Berg-Engen unbesetzt liessen/ und sich theils nach Axima/ theils nach Novima- gum zuruͤck zuͤgen. Annibal brach hierauf in hoͤchster Eil des Nachts aus seinem Laͤger auff/ bemaͤchtigte sich dieser felsenen Pforten/ und fuͤhrte das gantze Heer Berg auf. Am Mor- gen fielen die Gallier und Allobroger Annibaln grimmig an/ thaͤten ihm aber nicht so viel Scha- den/ als das abschuͤßige und enge Gebuͤrge; von welchem ihrer viel und insonderheit Pferde und andere Thiere mit grosser Menge abstuͤrtzten. Endlich aber ward Fuͤrst Berthold vom Hertzo- ge Magilus von einem Pfeile toͤdtlich verwun- det/ und nicht alleine der Feind verjaget/ sondern auch die Stadt Axima mit grossem Vorrathe erobert/ allwo er drey Tage sein abgemattetes Heer erfrischte; die benachbarten Gallier aber derogestalt erschreckte: daß sie von allen Orten mit Oelzweigen ihm entgegen kamen/ um seine Freundschafft baten/ und alles noͤthige reichlich zufuͤhrten. Zwey Tage reisete Annibal dero- gestalt friedlich durch das Centronische biß in das Veragrische Gebiete/ da ihn denn in einem tief- fen um und um mit steilen Klippen umgebenen Thale die mißtraͤulichen Gallier abermals an- sielen; also: daß es hier um sein gantzes Heer ge- than gewest waͤre/ wenn der schlaue Annibal aus einem vernuͤnfftigen Mißtrauen nicht die Ele- fanten und alles Kriegs-Geraͤthe mit der Reu- terey allezeit zu voran geschickt/ den Kern des Fußvolckes/ und insonder heit die der Felsen ge- wohnte Deutschen aber im Ruͤcken behalten haͤt- te. Gleichwol war es ein hartes Treffen/ und muste nach des gantzen Tages Gefechte An- nibal auf einem kahlen Berge uͤbernachten; er erreichte auch allererst folgende Nacht seinen Vortrab. Folgenden Tag machten die Gal- lier zwar hin und wieder Lermen/ aber ohne Nachdruck. Denn so bald sie die ihnen gantz fremden Elefanten ersahen/ trieb sie die Furcht zuruͤcke. Den neundten Tag erreichte Anni- bal den laͤngst gewuͤnschten hoͤchsten Pennini- schen Gipffel/ von welchem man gegen West Gallien/ gegen Sud-Ost aber das lustige Jta- lien uͤbersehen kan. Diesen Berg verehren die Gallier nichts minder/ als die Syrier den Car- melus; nennen ihn auch die Saͤule der Sonne. Auf dem Gipffel stehet der Verager Gott Pen- nus in Risen-Groͤsse in Marmel ausgehauen. Auf selbtem entspringt der Fluß Dranse/ und noch ein ander/ jener laufft gegen Mitternacht in den Lemannischen See/ dieser gegen Sud- Ost in den Strom Duria; welcher Annibaln gleichsam einen Wegweiser biß an den Fluß Po abgab. Weil nun Annibaln das Wetter fug- te/ lag er zwey Tage auf dieser Hoͤhe stille; nicht so wol: daß sein Heer daselbst ausruhte; als daß er ihm die Zaͤhne nach denen Herrligkeiten des im Gesichte liegenden Jtaliens waͤßricht mach- te. Nach dem Andacht und Gottesdienst auch das festeste Band der Gesetze/ der sicherste Kap- zaum des Volckes ist/ ver gaß Hannibal nicht auf diesem alle andere Berge uͤberragenden und deßhalben so viel heiligern Berge dem Jupiter/ dem alle Gipffel gewiedmet sind/ zu opffern; setzte auch dem Pennus das Bild des Ammoni- schen Jupiters gegen uͤber. Auff der Seiten aber grub er in einen Steinfelß: Annibal der Carthaginenser Feldherr/ welcher am allerer- sten mit einem Heere uͤber diese Hoͤhe in Jtalien gedrungen/ leget dem Jupiter und dem Schutz- Gotte dieses Gebuͤrges ein heiliges Geluͤbde ab: daß/ da sie ihn die beschworne Zerstoͤrung der Stadt Rom bewerckstelligen lassen/ er auff die Spitze dieses Berges einen groͤssern Tempel/ als in Rom keiner ist/ bauen/ und don Capitoli- nischen Jupiter drein setzen wolle. Ob nun wol auch Annibal beym Aufbruche seinem Hee- Erster Theil. M m m m m re Sechstes Buch re die nicht mehr allzu ferne Gegend der Stadt Rom/ als welcher Stadt Mauern sie so wol/ als Jtaliens mit diesen Bergen uͤberstie gen/ unge- faͤhꝛ anwieß; so grausete doch allen fuͤꝛ dem gaͤhen und engen Abwege; zumal der die Nacht vorher haͤuffig-gefallene Schnee Berge und Thaͤler ausge gleicht hatte; also: daß viel nur einmahl fehltretende Menschen oder Thiere von den Abgruͤnden verschlungen wurden/ und nicht einst eine Spure zu anderer Verwarnigung hinter sich verliessen. Die gewohnte Muͤh des abgehaͤrteten Heeres uͤberwand gleichwol alle Beschwernuͤsse/ ungeachtet die wegen gewohn- ten Schnee und Eises an die Spitze gestellten Deutschen Fuß fuͤr Fuß mit Schauffeln sich durchscharren musten. Endlich aber geriethen auch die Hertzhafftigsten in Verzweiffelung/ weil die Natur ihnen selbst einen Rigel vorgeschoben/ und tausend Schuch hoch einen Felß von dem Wege abgespalten hatte; also: daß uͤber diese Tieffe zu kommen nicht Fuͤsse/ sondern Fluͤgel von noͤthen schienen. Der hieruͤber zwar aͤng- stige/ aber sich doch euserlich unerschrocken ge- behrdende Annibal fuchte anfangs zwar einen Umweg uͤber ein von viel-jaͤhrigem Schnee an- gefuͤlltes Thal; aber die schweren Thiere und Menschen traten durch den neuen oben nur ge- frornen Schnee bald durch/ und versancken in den unterhalb waͤßrichten Sumpf; also: daß nach ziemlichem Verlust Annibal selbst fast nicht wuste/ wo er sich hinwenden solte. Gleichwohl ließ er seinen Kummer nicht mercken; entschloß sich also die Unmoͤgligkeit selbst zu uͤberwinden/ und uͤber die abschuͤßige Hoͤhe ihm einen Weg zu baͤhnen; wol wissende: daß auch eine verzweif- felte Ausrichtung besser/ als eine nichts ent- schluͤssende Sorgfalt sey. Zumal Elefanten und andere Thiere auf diesen rauen Klippen schon halb verhungert waren. Die semnach ließ er alle in der naͤhe stehende Baͤume abhauen/ Schnee und Erde herzu schleppen/ auff Anlei- tung der Deutschen die Klippen mit Feuer und Eisen zersprengen/ alles diß aber von der Hoͤhe hinab stuͤrtzen/ und also einen Weg ausgleichen: daß er den vierdten Tag erstlich das Vieh/ her- nach die Menschen herunter fuͤhren konte/ und nach dreytaͤgiger Ruhe endlich im fuͤnfften Mo- nat der Reise die erwuͤnschte Flaͤche Jtaliens er- reichte/ und nach hinterlegtem Salaßischem Gebiete zwischen den fruchtbaren Fluͤssen Du- ria und Seßites bey denen ihn mit Freuden be- willkommenden Libiciern an Kraͤfften sich erho- lete; sintemal er nach Verlust der Helffte seiner eigenen Voͤlckeꝛ mehr nicht als zwantzig tausend zu Fusse/ und sechs tausend Reuter allhier uͤbrig hatte/ aber alsbald mit zehn tausend auserlese- nen Deutschen verstaͤrckt ward; welche aus Hel- vetien uͤber das Adulische Gebuͤrge/ und so fort auf dem Flusse Ticin und uͤber den Verbani- schen See vermoͤge des mit Annibaln gemach- ten Buͤndnuͤsses dahin an- und ihm wol zu stat- ten kamen. Denn weil die Roͤmer den Atilius mit einer starcken Macht dem Manlius wider die Bojen und Deutschen am Po zu Huͤlffe ge- schickt hatten/ die mit denen Jnsubrern kriegen- de Tauriner auch die Roͤmische Seite hielten/ und Cneus Scipio mit einem noch maͤchtigern Heere im Abzuge war; scheuten sich diese mehr- mals gewitzigten Voͤlcker/ ehe sie von Hanni- baln was merck wuͤrdiges saͤhen/ sich oͤffentlich zu ihm zu schlagen. Weil die Tauriner aber sich fuͤr Feind erklaͤrten; fiel ihnen Hannibal als ein Blitz uͤber den Hals/ belaͤgerte ihre am Po und dem obern Flusse Duria gelegene Hauptstadt; eroberte selbte auch den dritten Tag stuͤrmender Hand. Welches nicht allein ihm den Zufall der Jnsubrer/ sondern selbiger gantzer Gegend erwarb/ auch verursachte: daß die Roͤmer den nach Afri a befehlichten Buͤr germeister Tibe- rius vom Lilybeischen Vorgebuͤrge zuruͤck for- derten. Wie nun aber Annibal am Po herab zoh/ ward ihm angesagt: daß der von Maßilien zuruͤck schiffende Publius Cornelius S c ipio mit seinem Heere bereit oberhalb Placentz uͤber den Po Arminius und Thußnelda. Po gesetzt haͤtte/ und uͤber den Fluß Ticin eine Bruͤcke schluͤge. Wenig Tage hernach bege- gneten beyder Heere Vortrab einander harte am Po; da aber die Roͤmer von Annibals Reu- terey bald zertrennet/ von den Numidiern um- geben/ und meistentheils erlegt wurden. Fuͤrst Magilus verwundete den Buͤr germeister selbst/ haͤtte ihm auch gar den Rest gegeben/ wenn ihn nicht sein Sohn ein tapfferer Juͤngling von siebzehn Jahren/ der hernach der Africanische Scipio genennet ward/ bey aller andern Roͤ- mer Zagheit beschirmet/ und ihm sich der Ge- fahr zu entziehen Lufft gemacht haͤtte. Publius muste derogestalt nicht nur den Fluß Ticin ver- lassen/ sondern auch uͤber den Po zuruͤcke wei- chen. Hannibal aber lag dem Feinde fort fuͤr fort in Eisen/ bekam sechs hundert bey der abge- brochenen Bruͤcke gelassenen Roͤmer gefangen/ und nunmehr die um den Po wohnende Deut- schen Voͤlcker Hauffenweise zu sich; gieng dar- mit auf einer Schiffbruͤcke uͤber selbten Fluß biß fuͤr das Roͤmische Lager bey Placentz. Nach dem Annibal auch den Publius vergebens zur Schlacht aus gefordert hatte; redete im Roͤmi- schen Lager Albert ein Deutscher Fuͤrst/ welcher von den Roͤmern unters Joch gebracht/ und ih- nen zu dienen gezwungen war/ seine unterha- bende Voͤlcker auf: daß sie durch ihre Tapffer- keit sich wieder in Freyheit setzen solten. Diese uͤberfielen des Nachts die neben ihnen liegenden Roͤmer in ihren Zelten/ schnitten wol vier tau- senden die Koͤpffe ab/ brachen/ ehe Publius wideꝛ diesen Anfall genungsame Anstalt machte/ durch ein Thor aus dem Laͤger/ und kamen des Mor- gens/ als zugleich die Bojen mit denen voriges Jahr gefangenen Roͤmern sich einfanden/ zu Hannibaln/ welcher alle mit schaͤtzbaren Koͤst- ligkeiten beschenckte; und theils seine Freyge- bigkeit auszubreiten wieder von sich nach Hau- se ließ. Publius Scipio ward durch den Ab- fall der Bojen und anderer Deutschen euserst erschreckt; daher brach er des Nachts still schwei- gend auff/ setzte uͤber den Bach Trebia/ und ver- schantzte sich auff einem darbey liegenden vor- theilhafften Huͤgel. Die Numidische Reute- rey aber ereilte den Roͤmischen Nachzug/ und hieb alles zu Bodem. Annibal schlug nahe darbey sein Laͤger auf/ kauffte vom Roͤmischen Hauptmanne Brundusin ihr Kornhauß die Stadt Clastidium; also: daß er durch diese Ver- raͤtherey und derer Deutschen Zufuhre im feind- lichen Lande mehr Vorrath als die Roͤmer hat- ten. Jnzwischen stieß Tiberius Sempronius mit seinem maͤchtigen Heere zum Seipio; wel- cher durch etliche Scharmuͤtzel so hochmuͤthig ward: daß ihn der noch von seiner Wunde bett- laͤgrige Scipio die Liefferung einer Schlacht nicht erwehren konte/ welche Hannibal/ weil die Roͤmischen Krieges-Leute noch ungeuͤbet/ die Deutschen aber noch in der ersten Hitze waren/ und durch eine grosse That in Jtalien den Grund des Krieges zu legen fuͤr noͤthig hielt/ auffs sehnlichste verlangte. Sintemal die Sternseher nicht so genau aus denẽ bey der Ge- burt scheinenden Sternen/ als Kriegsleute aus dem ersten Gefechte eines Feldherren den kuͤnff- tigen Gluͤcks-Lauff wahrsagende urtheilen. Hierinnen nun keinen Fehltritt zu thun/ raffte er alle seine Kriegs-Kuͤnste zusammen/ und ver- steckte auff der zwischen beyden Laͤgern befindli- chen Flaͤche seinen Bruder Mago mit tausend auserlesenen Reutern/ und den Fuͤrsten Die- trich mit tausend Deutschen Fußknechten zwi- schen die ziemlich tieffen Ufer einer daselbst rin- nenden mit hohem Schilf und Senden bewach- senen Bach; ließ auch des Nachts das gantze Hee- erqvicken/ und zur Schlacht sich ruͤsten; mit dem ersten Morgen aber 2000. Numidier biß unter den Roͤmischen Wall streiffen. Tiberius hingegẽ mit seiner Reuterey und 6000. Bogenschuͤtzen alsbald auf sie einen Ausfall thun/ auch die mit Fleiß fliehen den durch den des Nachts vom zer- schmoltzenẽ Schnee und gefallenem Regen ange- schwollenen Strom Trebia verfolgen/ ob ihnen M m m m m 2 schon Sechstes Buch schon das Wasseꝛ biß an die Brust gieng. Añibal wolte diese er wuͤnschte Gelegenheit/ welche nach einmal gekehrtem Ruͤcken niemanden leicht wieder das Antlitz zukehrt/ nicht aus Haͤnden lassen/ schickte daher den Numidiern die Balea- rischen Schuͤtzen/ und der Bojen leichte Reute- rey 8000. Mann starck alsbald zu Huͤlffe. Weil diese sich an den Feind hiengen/ fuͤhrte er 6000. Africaner/ 6000. Hispanier/ 4000. Alemaͤn- ner/ 2000. Catten/ und 2000. allerhand andere Deutschen/ alles auserlesenes Fußvolck aus dem Laͤger/ und stellte sie in einer Reyhe in Schlacht-Ordnung/ auf iede Seite 5000. Reu- ter/ meist Hispanier/ Africaner und Deutschen; derer rechten Fluͤgel Fuͤrst Magilus/ den an- dern Matalus fuͤhrte; Er aber selbst und seine gewaffnete Chlotildes beobachteten die Mitte. Tiberius haͤtte auf des Seipio ungedultiges Zu- reden sein hungriges Volck zwar gerne zuruͤck gezogen/ aber er hatte sich zu tief eingelassen; al- so/ da er seine acht biß 10000. Mann nicht muthwillig in die Schantze setzen wolte; weil die Bach und die Geschwindigkeit der Numi- dier keine vernuͤnfftige Zuruͤckweichung verstat- tete/ muste er mit dem uͤbrigen Heere nur auch aus dem Laͤger ruͤcken; welches in 36000. Fuß- Knechten/ und 4000. Mann Reuterey bestand; unter welchen 20000. Huͤlffs-Voͤlcker/ und zwar meist zwischen denen Fluͤssen Mele/ Po und Athesis wohnende/ und fast alleine nur noch den Roͤmern treuverbliebene Cenomaͤnner waren. Diese Macht war wol an der Zahl staͤrcker/ als Annibals. Aber seinen Fuͤhrer Tiberius machte sein erstes Versehen schon kleinmuͤthig/ und diß: daß er wider Willen schlagen muste/ verdammte alles/ was er oder die Seinigen hernach gleich gutes ausrichteten. Uber diß ließ sich der Anfang der Schlacht bald zum aͤrgsten an. Denn das Fußvolck beyder Heere war noch nicht voͤllig an einander/ als die Roͤmische Reuterey in schimpfliche Flucht ge- rieth. Als diese Magilus verfolgte/ brach Fuͤrst Matalus mit den Elefanten in die schwe- re Ruͤstung der Roͤmer zur Seiten ein. End- lich siel Mago mit seinen versteckten Reutern/ und Fuͤrst Dietrich mit seinem Fußvolck den Roͤmern in Ruͤcken; worvon das gantze Roͤmi- sche Heer auf einmal verwirret/ zertrennet/ von Elefanten und Pferden zertreten/ die fluͤchtigen in den Strom Trebia getrieben/ und ersaͤufft wurden; also von 50000. Mann nicht der fuͤnf- te Theil nach Placentz entran. Hingegen war auf Annibals Seite der Verlust geringe; und hatten die Deutschen und Bojen in diesem fro- stigen Treffen die meiste Hitze ausgestanden; in- sonderheit aber: weil sie 10000. gegen Placentz durchbrechende Roͤmer mit euserster Gewalt aufhalten wolten/ durch ihr Blut fast alleine den herrlichen Sieg erkaufft; welchen der unvor- sichtige Tiberius ver gebens zu verbluͤmen such- te/ da er den Roͤmischen Rath wissen ließ: der Winter haͤtte ihm den Sieg aus den Haͤnden gewunden. Alleine die darauf erfolgende Ero- berung des Roͤmischen Lagers/ der Abfall gan- tzer Voͤlcker/ die Umschluͤssung der entflo henen Roͤmer/ welchen aller Vorrath mit genauer Noth vom Adriatischen Meere auf dem Po zu Schiffe muste gebracht werden/ verrieth alsbald die Warheit der Sache/ und erregte zu Rom ein so grosses Schrecken: als wenn Annibal schon fuͤr den Pforten waͤre. Annibal hingegen ließ alle gefangene Jtaler loß/ vorgebende: daß er nur wider die Roͤmer zu kriegen/ denen von ih- nen unters Joch gespanneten Voͤlckern aber die Freyheit wieder zu geben in Jtalien kommen waͤre. Hierauf zerstreute Fuͤrst Matalus mit 4000. Deutschen/ und 500. Numidiern/ 35000. auf der Roͤmer Seiten stehende Anama- ner/ eroberte die Festung Vicumnia; Annibal a- beꝛ hielt nicht fuͤꝛ thulich die Deutschen und Gal- lier/ als die Werckzeuge seines Sieges mit lan- ger Winter-Verpflegung zu bebuͤrden; weil die Last der Bunds genossen beschwerlicher/ als des Feindes; also mehrmals eine Ursache schaͤd- licher Arminius und Thußnelda. licher Trennung ist. Daher belegte er nur die Tauriner/ und die/ welche ihm die Spitze gebo- ten hatten/ und zohe im ersten Fruͤhlings-An- fange/ entweder weil er von Natur zu beschwer- licher Muͤhsamkeit geneigt/ oder hierdurch sein Kriegsvolck fuͤr der Verzaͤrtelung zu bewahren gemeint war/ den zwar kuͤrtzesten und daher von Roͤmern am wenigsten besetzten/ an sich selbst a- ber schlimsten Weg uͤber das Apenninische Ge- buͤrge/ und hernach durch eitel vom uͤbergiessen- den Flusse Arnus gemachte Pfuͤtzen und Suͤmpffe in Hetrurien; in welcher das Heer gantzer vier Tage warten muste; worvon vielen Pferden das Horn von Fuͤssen fiel/ Annibal a- ber selbst vom Winde und Platz-Regen ums Gesichte eines Auges kam; ja er den Galliern mißtrauende durch Verwechselung der Kleider und fremd-angenommener Haare sich mehr- mals verstellte. Jnzwischen hatte der Buͤr- germeister Flaminius ein neu maͤchtiges Heer versam̃let/ ihm auch der Koͤnig in Sicilien Hie- ro eine ansehnliche Huͤlffe zugeschickt. Mit diesem ruͤckte er biß an Aretium; hatte auch noch den andern Buͤrgermeister Servilius mit einer grossen Macht zu erwarten. Annibal spuͤrte alsbald des Flaminius Hochmuth aus; der aus allzu gewiß eingebildetem Siege eine grosse Menge Ketten und Fessel die Feinde in Eisen zu schlagen mit sich fuͤhrte; daher brach er aus der Fesulanischen Gegend auf/ durchstreiffte mit Raub und Brand das Land/ zohe bey des Flaminius Laͤger vorbey/ und zwischen der Stadt Cortona und dem Thrasimenischen See gerade auf Rom zu. Flaminius schaͤumte fuͤr Zorn: daß ihn Annibal so veraͤchtlich am Ruͤ- cken gelassen hatte; daher verfolgte er Annibaln blind und unvorsichtig biß an den See; welcher dieses vernehmende des Nachts am Thrasime- nischen See alle Huͤgel mit Deutschen besetzte; Er selbst aber mit den Mohren und Hispaniern an dem innersten Huͤgel sich in Schlacht-Ord- nung stellte. Wie nun Flaminius des Mor- gens/ ungeachtet des dichten Nebels das groͤste Theil seines Heeres in das rings um besetzte Thal fortruͤcken ließ/ bot Annibal ihnen unver- sehens die Stirne. Als sie nun in diesem Ge- draͤnge sich vorwaͤrts in Schlacht-Ordnung zu stellen bemuͤht waren/ fielen die Fuͤrsten Magi- lus/ Dietrich und Matalus auf dreyen Seiten mit ihren streitbaren Deutschen wie der Hagel uͤber die Roͤmer; also: daß die rings umgebenen Roͤmer bey so dickem Nebel nicht wusten: ob die Feinde aus den Wolcken ihnen uͤber den Hals kaͤmen. Die Roͤmer wurden im ersten An- grieffe in Unordnung bracht; viel konten wegen des Gedraͤnges nicht einst die Schwerdter zuͤ- cken/ keiner aber einige Lantze brauchen. Ein Deutscher Ritter Ducario/ welcher tausend Jn- subrer fuͤhrte/ erkennte den Flaminius; und weil er seine Schwester ihm in vorigem Kriege weggefuͤhret hatte/ drang aus absonderer Rache gegen ihm durch die ihren Buͤrgermeister ver- gebens verfechtenden Roͤmer wie ein Blitz durch/ rennte seinen Waffentraͤger zu Bodem/ den Flaminius aber mit der Lantze durch und durch; hernach hieb er ihm nach Verdienst den Kopff ab; weil er das Haupt eines so tapffern Heeres zu seyn unwuͤrdig war. Funfzehn tau- send Roͤmer/ welche weder ihre Kriegs-Gesetze/ noch die Beschaffenheit des Ortes fliehen ließ/ wurden in Stuͤcken gehauen oder zertreten. Mago und Maharbal traffen inzwischen auff das zwischen dem See und den Bergen fortzie- hende Roͤmische Heer mit einem solchen Unge- stuͤm: daß die meisten ihr Heil in dem Wasser suchten/ aber entweder von Schwerde der Waf- fen in Grund gerissen/ oder von der Reuterey zu Bodem gerennt wurden. Viel kamen durch eigenhaͤndigen Tod der Grausamkeit ihrer Feinde fuͤr. Am merckwuͤrdigsten aber war: daß die Hitze der Sieger/ und das Schrecken der Uberwundenen allen die Wahrnehmung des sich bey waͤhrender Schlacht zutragenden Erdbebens entzoh/ welches doch Staͤdte uͤber M m m m m 3 einen Sechstes Buch einen Hauffen warf/ gantze Fluͤsse verleitete/ und Berge abstuͤrtzte. Rhemetalces fiel ein: Jch wundere mich nicht: daß Furcht und Schrecken die Besiegten so unempfindlich ge- macht habe; weil ich weiß: daß diese henckerische Gemuͤths-Regung etlichen in einer Nacht graue Haare heraus getrieben/ ja blutigen Schweiß ausgeprest/ oder auch viel gar auf der Stelle getoͤdtet habe. Daß aber die Uberwuͤn- der/ welche die Vernunfft besser zu rathe halten koͤnten/ so wenig gefuͤhlt haben solten/ waͤre was gar ungemeines. Malovend antwortete: diß ist nichts seltz amers/ als jenes. Denn die Tapf- ferkeit ist kein so hefftiges Feuer/ welches so we- nig fuͤhlet/ so sehr es von andern gefuͤhlet wird. Sie siehet nichts uͤber ihrem Haupte/ alles aber erschuͤttert sich unter ihren Fuͤssen. Es ist wahr/ sagte Adgandester. Und daher antwortete je- neꝛ Feldhauptmann Hertzog Marcomirs einem Fragenden: Ob bey waͤhrender Schlacht die Sonne/ wie bey Zeugung des Hercules der Monde am Himmel stille gestanden haͤtte? gar recht: Er haͤtte auf der Erde so viel zu schaffen gehabt: daß er nicht Zeit gehabt sich nach Wun- der zeichen umzusehen. Alleine in der Thrasi- menischen Schlacht waren die Schwerdter der Africaner und Deutschen bey den bestuͤrtzten Roͤmern empfindlicher/ als das Erdbeben. Denn ihrer 6000. fluͤchteten sich dar fuͤr/ erreich- ten auch zwar die Hoͤhe der Berge/ und endlich nach dem sie bey fallen dem Nebel die Abschlach- tung des gantzen Heeres wahrnahmen einen ge- gen Tifernum zuliegenden Flecken; Alleine dieser ward vom Fuͤrsten Magilus und Mahar- bal bald umrennet/ und die Fluͤchtigen sich auff Gnade und Ungnade zu ergeben gezwungen. Aus 20000. Gefangenen ließ Annibal alle La- teiner frey in ihr Vaterland ziehen/ die Roͤmer aber wurden unter die Sieger vertheilet. An- nibal hatte in allem nur 1500. Mann verloh- ren/ meist Gallier und Deutschen; darunter dreißig hertzhaffte Edelleute/ insonder heit aber Fronßberg/ Reynach/ Polheim/ Arberg/ Fro- burg/ Heusenstein/ Mettburg/ Eyzing/ Mal- zan/ Windeck/ Pogrel und Greiffenberg ihrer Heldenthaten halber beruͤhmt waren/ die An- nibal deßhalben auff so viel Huͤgeln beerdigen/ und iedem ein Grabmal aus Marmel auffrich- ten ließ. Des Flamin iu s Leib wolte er gleichfals begraben/ aber weil die Deutschen ihrer Ge- wohnheit nach etlich tausenden die Koͤpffe abge- hauen hatten/ war er nicht zu erkennen. Darbey Annibal denen/ die seine Leiche vergebens such- ten; nachdencklich dieses Merckmal andeutete: Sie wuͤrden nicht irren/ wenn sie einen von Windsucht aufgesch wellten Leichnam unter den Todten antraͤffen. Dieser herrliche Sieg war kaum vorbey/ als ein Deutscher am Flusse Sa- pis beguͤterter Ritteꝛ Losenstein Annibaln sporn- streichs die Post brachte: daß der in Umbria an dem Flusse Ariminus stehende Buͤrgermeister Cneus Servilius von seinem Heere 4000. aus- erlesene Reuter dem Flaminius zu Huͤlffe schick- te. Maharbal zohe mit seinen Numidiern/ Fuͤrst Dietrich mit der Deutschen Reuterey diesen al- sofort entgegen/ umringten sie unversehens bey dem Brunnen des Flusses Metaurus/ erlegten anfangs die Helffte/ hernach zwangen sie die uͤ- brigen gefluͤchteten auf den Berg/ unter welchem die Tiber entspringt: daß sie sich mit ihrem Fuͤh- rer Centronius ergeben musten. Annibal ließ hierauf sein Heer allenthalben freye Beute ma- chen/ setzte bey Vettona uͤber die Tiber/ bey Spo- let fuͤrbey und an dem Flusse Nar unter dem Berge Fiscellus in die Picenische der Praͤtutier/ Marruciner/ Peligner und Ferentaner Land- schafft/ darinnen so viel Raub zusam̃en gebracht ward: daß selbten das sich taͤglich von Deutschen und Galliern vergroͤssernde Heer kaum schlep- pen konte. So groß das Schrecken nun zu Rom war/ und daher Servilius mit seinem Lager nur zu Besetzung der Stadt Rom eilte/ so weit brei- tete Annibal seine sie greiche Waffen aus/ drang in Apulien/ und verheerte die Daunier/ Peuce- ter Arminius und Thußnelda. ter und Mesapier biß an das euserste Sallenti- nische Vorgebuͤrge. Wie er aber vernahm: daß zu Rom Qvintus Fabius Maximus zum ober- sten und vollmaͤchtigen Kriegs-Haupte/ Mar- cus Minucius zum obersten Befehlhaber uͤber die Reuterey gemacht war/ beyde auch mit des Servilius Kriegs-Heere und vier neuen Legio- nen bey den Dauniern gegen ihn ankamen; zo- he er ihnen entgegen/ und stellte bey der Stadt Aece an dem Flusse Cerbalus sein Heer in voller Schlacht-Ordnung fuͤr das Roͤmische Lager dem Fabius unter Augen. Weil aber der lau- schende Fabius zu keinem Treffen zu bewegen war/ noch auch/ als Fuͤrst Magilus/ Dietrich und Matalus ihn zum Zweykampfe ausforder- ten/ er einige Entruͤstung von sich spuͤren ließ; al- so: daß ihn nicht allein der gemeine Mann/ son- dern auch der hitzige Minucius als einen Zag- hafften verachtete/ ruͤckte er uͤber den Apennin in das fette und unerschoͤpfliche Samnium/ nahm Benevent und Venusia ein/ und drang endlich uͤber die Berg-Enge Eribanus in Campanien/ nehmlich in den rechten Lustgarten und in die Schmaltzgrube nicht nur Jtaliens/ sondern der gantzen Welt/ biß an den Fluß Vulturnus in das Falernische Gebiete. Wiewol auch Fabius allezeit eine Tagereise weit ihm auf der Seite uͤ- ber den Berg Maßicus nachfolgte/ so ließ sich Annibal doch an Durchstreiffung gantz Campa- niens nicht hindern. Fabius meinte zwar hier auf durch Besaͤtzung deꝛ Eribanischen Berg-Enge/ wordurch der in dem Casallinischen Thale ste- hende Annibal mit seiner reichen Beute aus dem nunmehr eingeaͤscherten also zum Winterlager undienlichen Campanien den Ruͤckweg zu neh- men an zielte/ Annibaln ins Gedꝛange zu bringẽ. Dieser aber ließ bey Anbrechung der Nacht As- drubaln 2000. Ochsen gegen den Beꝛg Callisula antreiben/ und alsdenn die an iedes Hoꝛn gebun- dene Fackeln oder duͤrres Rebenholtz anzuͤnden. Wie nun diese Ochsen an dem Gebuͤrge hinauf steigen/ und von feꝛne viel tausend hin und wiedeꝛ lauffender Menschen fuͤrbildeten; verliessen die zaghaften Roͤmer die besetzte Berg-Enge/ theils aus Furcht umringt zu werden/ theils in Mei- nung dem uͤber den Berg steigenden Feinde zu begegnen/ und liessen nicht nur durch selbte An- nibals gantzes Heer entwischen/ sondern die Hi- spanier erschlugen auch auff den Morgen tau- send Roͤmer. Annibal stellte sich hierauff/ als wenn er durch Samnium nach Rom wolte/ gieng aber durch die Pelignische Landschaft wie- der in Apulien/ nahm die Stadt Gerion ein/ be- festigte darbey sein Laͤger/ und verlegte zwey Drittel seines Heeres von dem Flusse Aufidus an biß an den Strom Freuto. Fabius hingegen reisete aus gewisser Andacht nach Rom/ uͤbergab das an dem Flusse Tifernus eingelegte Heer dem Minucius; welcher nach etlichen gluͤckli- chen auff die streiffenden Mohren gethanen Streichen Annibaln im Lager gar zu belagern sich erkuͤhnte; von sich aber ruhmraͤthig nach Rom schrieb: Ein kluger Feldherr/ welcher die Vernunfft im Kopffe haͤtte/ fuͤhrte das Gluͤcke zugleich in den Haͤnden/ und trete alle widrige Zufaͤlle unter die Fuͤsse. Annibal zohe sich endlich gar unter die Mauern der angefuͤllten Stadt Geryon; Die hieruͤber allzu fruͤh frolockenden Roͤmeꝛ abeꝛ machten den Minutius zum andeꝛn gevollmaͤchtigten Feldherrn/ als mit welchem der zuruͤck kommende Fabius das Heer theilen muste. Annibal nahm hieruͤber zu seinem Vor- theil die Zwistigkeit der Roͤmischen Feldherrn/ und die Vermessenheit des Minutius wahr/ ver- steckte daher des Nachts Maharbaln mit 500. Reutern/ den Mago und Fuͤrsten Matalus mit 5000. Deutschem und Hispanischem Fußvolcke in zwey und drey hunderten hinter die zwischen beyden Laͤgern aufschuͤssende Huͤgel; fruͤh aber ließ er Asdrubaln mit etlich tausend Galliern und Africanern eine sichtbare Hoͤhe des Berges einnehmen. Minutius ließ alsbald die leichten R e uter und unlaͤngst darnach den schweren Rei- sigen Zeug auff den Feind loß gehen/ er selbst folg- Sechstes Buch folgte auch mit den Legionen nach. Hingegen schickte Annibal Asdrubaln die Numidier zu Huͤlffe; als aber beyde Theile hitzig auf einander traffen/ fiel Mago/ Maharbal und Matalus den Roͤmern in Ruͤcken und in die Seiten/ brachten also das gantze Heer des Minutius in Verwirrung. Waͤre nun der verachtete Fa- bius dem vermessenen Minutius nicht zum Entsatze kommen/ so wuͤrde es abermals um das gantze Roͤmische Heer gethan gewest seyn; wie- wol Minutius ohne diß uͤber 6000. Mann im Stiche ließ. Daher er sich und sein gantzes Heeꝛ freywillig dem Fabius unterwarf/ und mit allgemeinem Schaden lernte: daß im Kriege oͤffter durch Ubereilung/ als durch Langsamkeit gefehlt werde. Nach Auswinterung des Hee- res/ da inzwischen die Roͤmer unter den neuen Buͤrgermeistern Lueius Emilius/ und Cajus Terentius/ wie auch dem Cneus Servilius oh- ne die Huͤlffsvoͤlcker acht Legionen zusammen gezogen hatten/ uͤberrumpelte Magilus das Schloß zu Canna an dem Flusse Aufidus/ in welches die Roͤmer aus der Stadt Canusium al- len Vorrath gefuͤhrt hatten. Weil nun dero- gestalt der Roͤmer Bundgenossen vom Feinde gaͤntzlich ausgesogen/ und nunmehr durch so langsamen Krieg zu wancken veranlast wurden/ schickte der Rath beyde Buͤrgermeister ins Feld/ mit Befehl zu schlagen. Emilius und Teren- tius/ welche einen Tag um den andern Befehl ertheilten/ zwisteten sich aber alsbald/ weil jener im flachen Felde mit dem Feinde nicht treffen wolte; dieser aber an seinem Tage das Heer harte fuͤr des Feindes Laͤger fuͤhrte/ und mit selb- tem ein ziemlich gluͤckliches Gefechte hielt. Weil nun Emilius folgenden Tag/ wie gerne er gewolt/ sein Heer nicht zuruͤcke ziehen konte/ verschantzte er sein Laͤger nicht weit vom Flusse Aufidus. Annibal hingegen wolte sich der fuͤr seine Reuterey so vortheilhafften Flaͤche in alle wege bedienen/ stellte am Strome sein des Nachts wol gewartetes Heer in Schlacht-Ord- nung. Als aber die Roͤmer in ihrem Lager blieben/ ließ er durch die schnellen Numidier die waßerholenden Roͤmer unaufhoͤrlich anfallen. Terentius/ welchen die Begierde zu schlagen/ oder vielmehr das Verhaͤngnuͤß zu verspielen wie eine Natter im Busen nagte/ fuͤhrte folgen- den Tag mit dem ersten Lichte sein Heer/ wel- ches in 80000. Mann Fußvolck/ und 6000. Reutern bestand/ aus beyden Roͤmischen Laͤ- geꝛn/ stellte selbtes recht gegen Sud in Schlacht- Ordnung/ die Roͤmische Reuterey setzte er un- term Emilius am Flusse Aufidus in rechten/ die Huͤlffsvoͤlcker unter sich selbst in lincken Fluͤgel; Marcus und Cneus die gewesten Buͤꝛgermeisteꝛ fuͤhrten in der Mitte das Fußvolck. Der freu- dige Hannibal hingegen stellte unter dem Fuͤr- sten Magilus und Asdrubal die Spanische/ Deutsche und der Gallier Reuterey im lincken Fluͤgel/ und ihnen an die Seite die Mohren. Jm rechten Fluͤgel fuͤhrte Hanno und Mahar- bal die Numidier. Jn der Mitte stellte er das Deutsche und Hispanische Fußvolck unter dem Mago und Matalus in eine Spitze/ die Afri- caner aber hinter denselbten fuͤhrte er Dietrich/ und die hertzhaffte Chlotildis in einer dienlichen Breite; welche alle nunmehr mit Roͤmischen Waffen versehn waren; wiewol gleichwol eine ziemliche Menge Deutschen und Gallier gantz nackt fochten. Jm lincken Fluͤgel stritt die Reuterey mit unverwendeten Pferden unab- laͤßlich Mann fuͤr Mann gegen einander; ja auch denen die Pferde erlegt wurden/ standen wie Mauern/ und fochten aufs grausamste zu Fusse; also: daß nach dem die Deutschen und Hispanier die Oberhand erhielten/ von den Roͤ- mern schier nicht ein Reuter entran. Das Roͤ- mische Fußvolck hingegen drang nach einer tapfern Gegenwehr und weil so wol Fuͤrst Ma- talus hefftig verwundet ward/ zwischen die zu- gespitzte Schlacht-Ordnung durch das Deut- sche und Hispanische Fußvolck. Alleine sie verfielen hier allererst auf Hannibals/ Dietrichs und Arminius und Thußnelda. und Chlotildens vortheilhaftig gestelltes Kern- Volck; also: daß als die Deutschen und Hispanier sich in der Mitte zwar trennten/ auf den Seiten aber wieder zusammen schlossen/ die Roͤmer vor- werts von frischem Volcke und auf beyden Sei- ten von Deutschen und Hispaniern aufs neue angegriffen wurden. Emilius war aus der geschlagenen Reiterey des rechten Fluͤgels gleichwohl entronnen/ und weil nunmehr alles sein Heil auf den Legionen bestand/ sprengte er mit seinem Pferde dahin gegen Annibaln/ wel- che als zwey ergrim̃te Loͤwen gegen einander fochten und die Jhrigen anfuͤhrten. Jnzwi- schen war die deutsche Reiterey vom lincken Fluͤgel den Numidiern im rechten zu Huͤlffe kommen/ derer anfangs fuͤnf hundert zu den Roͤmern uͤbergelauffen waren/ und ihre Schil- de/ Spiesse und Bogen zu der Roͤmer Fuͤsse ge- worffen/ hernach aber in dem hitzigsten Treffen ihre unter dem Ruͤcken verborgene Degen her- fuͤr gezogen/ und zu grossem Schrecken der Roͤ- mer Ruͤcken angefallen hatten; hieruͤber gerieth Terentius mit seiner Reiterey in die Flucht; welchen Asdrubal die Numidier alleine verfol- gen ließ. Er aber und Fuͤrst Magilus fielen mit dem schweren reisigen Zeuge den Roͤmischen Legionen in Ruͤcken/ und rennten die Behertzte- sten zu Bodem. Uber diß stach die Sonne die Roͤmer nicht nur ins Gesichte/ sondern der sich vom Vulturnischen Gebuͤrge und Flusse zu er- heben gewohnte Wind jagte ihnen auch allen Staub in die Augen; welches der schlaue Annibal alles vorher gesehen hatte/ und diesen Tag wahr machte: daß vorsichtige Erkiesung des Kampf-Platzes eines Feldhauptmanns Meister-Stuͤcke sey. Ob nun zwar die Roͤ- mer derogestalt rings umb von den Feinden um- schlossen waren/ thaten doch sie durch tapfere Gegenwehre das aͤuserste; alleine: nach dem Asdrubal den in Jllyricum so sieghaften Buͤr- germeister Emilius mit einem Spiesse durch- bohrte/ Magilus den Marcus/ und die kuͤhne Chlotildis dem vorher von einem Hispanischen Edelmanne aus dem Sattel gehobenen Cneus den Kopf zerspaltete; wurden die Roͤmer dero- gestalt verwirret: daß sie weder Freund noch Feind mehr unterscheideten/ und also viel ein- ander selbst verletzten/ sie auch selbst ihren auf ei- nem Steine in Ohnmacht liegenden Buͤrger- meister vollends ertraten; die meisten aber wie wildes Vieh abgeschlachtet wurden. Teren- tius Varro entkam mit nicht mehr als siebzig Roͤmischen Reitern in die Stadt Venusia/ 300. andere nach Heꝛdonia und Aquilonia/ und etwan 3000. Fuß-Knechte verlieffen sich ins Gebuͤrge; welche Caꝛthalo mit seinen Numidiern aber auch nach und nach aufsuchten und hinrichteten. 10000. Mann/ welche Lucius Emilius in sei- nem Laͤger mit Fleiß zu Anfallung des feindlichẽ Laͤgers zuruͤck gelassen hatte/ wurden gefangen; siebzig tausend aber erschlagen. Unter den Todten waren achzig Rathsherren/ und viel andere Wuͤrden bekleidende Leute; als Cajus Minutius/ Numatius/ Lucius Attilius/ Furi- us Bibaculus/ wie auch ein und zwantzig Kriegs- Obersten; ja zu Rom war kein Adelich Ge- schlechte/ das nicht etliche gebliebene An- verwandten zu betrauren hatte. Auf Anni- bals Seiten blieben funfzehn hundert Mohren und Hispanier/ zwey tausend Gallier/ 2000. Deutsche/ und darunter starb der hertzhafte Fuͤrst Matalus an seinen Wunden; welcher gleichwol noch die Freude des Sieges erlebte/ welches die annehmlichste Verzuckerung eines Helden- Todes ist; und zu Salapia ein herrliches Be- graͤbnuͤß-Mal erlangte. Magilus rieth nach so grossem Siege Annibaln: Er solte unver- wendten Fusses mit dem gantzen Heere nach Rom eilen/ und der Bothschafft von so grosser Niederlage zuvor kommen/ welchem Maharbal beyfiel; mit Versicherung: daß er den fuͤnften Tag im Capitolinischen Schlosse Taffel halten wuͤrde. Alleine Annibaln verblaͤndete ent- weder das Verhaͤngnuͤß/ welches der Stadt Rom die Oberherrschafft der Welt bestimmet hatte; oder eine der Stadt Carthago abgeneigte Erster Theil. N n n n n Gott- Sechstes Buch Gottheit: daß er beyden antwortete: Diese Hoffnung waͤre groͤsser/ als sie ihm ein Kluger einbilden koͤnte. Da doch Rom in solches Schrecken verfiel: daß Coͤcilius Metellus/ und Furius Philus oͤffentlich riethẽ/ die Stadt zu veꝛ- lassen/ und aus Jtaliẽ zu fliehẽ; also: daß der jun- ge Scipio diesen boͤsen Vorsatz mit dem Degen in der Faust zu hintertreiben noth; hingegen es das Ansehen hatte: als wenn Annibal dem Siege seine Fluͤgel abgeknipft/ das fluͤchtige Gluͤck angeknipft/ und in dessen Rade das Vier- eck seines Kreisses gefunden haͤtte. Also benim̃t die Goͤttliche Weißheit/ umb ihren bestim̃ten Zweck zu erreichen/ den Ohren das Gehoͤre/ den Augen das Gesichte/ und der Klugheit die gesunde Vernunft: daß sie auch denen treulich warnenden keinen Glauben geben; und was sie mit Haͤnden greiffen nicht umbfassen wollen. Fuͤrst Magilus ward hieruͤber so unwillig: daß er die Worte ausstieß: So sehe ich wohl: daß Annibal wohl siegen/ des Sieges aber nicht gebrauchen koͤnne. Annibal gab inzwi- schen seinem Heere alle Beute frey/ und ließ die Leichname in den Fluß Aufidus/ und in die Bach Vergellus werffen; welche ihrer Men- ge halber eine rechte Bruͤcke daruͤber machten; denen Edlen aber ließ er alle goldene Ringe von Fingern ziehen/ und schickte nebst denen eroberten acht Adlern derer drey gantze Maß voll zum Zeugnuͤsse seines Sieges nach Car- thago. Woruͤber die deutschen Fuͤrsten/ wel- che an diesen Ehren-Gedaͤchtnuͤssen auch Theil zu haben vermeynten/ mit Annibaln abermals in Zwytracht verfielen; und Hertzbg Dietrich ihm unter Augen sagte: Die Deutschen haͤtten die drey grossen Siege mit ihrem Blu- te erworben; sie saͤhen aber wohl: daß die Mohren ihnen den Ruhm allein zueigneten. Also wurden die Gemuͤther der Deutschen und Africaner nach und nach zertrennet/ und hiermit der beste Grund-Stein des bißherigen Gluͤckes loß gebrochen. Denn in Wahr- heit die Goͤtter haͤtten den Roͤmern keine bessere Huͤlffe als die Zwytracht ihrer Feinde zuschi- cken koͤnnen. Sintemal es dißmal menschli- cher Vernunft nach umb Rom gethan war; denn als die Kwaden/ Osen/ Marsinger/ und Burier an den Fluͤssen Marus/ Guttalus/ oder der Oder den gluͤcklichen Lauff der Waf- fen ihrer Landsleute in Jtalien vernahmen/ machten ihre Hertzoge einen Ausschuß junger Mannschafft zusammen/ ihr Heil auch ausser Landes zu suchen; zumal diesen Voͤlckern die Reise-Begierde ohne diß von Natur angeboh- ren ist. Diese setzten bey Carmuntum uͤber die Donau/ zohen durchs Noricum uͤber die Rhe- tischen Alpen in Jtalien. Sie standen bereit an dem Flusse Athesis bey Verruccia/ als die Bojen ihnen entgegen schickten/ und sie ihnen zu Huͤlffe rufften/ weil die Roͤmer/ als der Bo- jen Hertzog mit dem Kerne ihres Volckes beym Annibal in Apulien stuͤnde/ ihr und der Nach- barn Laͤnder gantz entbloͤsset stuͤnden/ den Stadt-Vogt Lucius Posthumius Albinus mit zwey Legionen und 12000. Campanischen und Sicilischen Huͤlffs-Voͤlckern wider sie abge- schickt haͤtten/ dieses Heer auch bereit durchs Mugellische Thal uͤber den Apennin zuͤge. Briegant der Deutschen Hertzog eilte aus Be- gierde mit den Roͤmern anzubinden am Flusse Athesis herunter/ setzte bey Verona und Hosti- lia uͤber die Stroͤme/ und vereinbarte bey Mu- tina mit sechs tausend Bojen seine zwantzig tausend Kriegsleute. Jnzwischen naͤherte sich Posthumius; Hertzog Brigant aber/ als er ihm die Gelegenheit der Oerter/ worauf die Roͤmer ihren Zug richteten/ theils beschreiben/ theils anweisen ließ/ und er daraus wahrnahm: daß der zwischen dem Flusse Gabellus und Scultena abkommende und sich keines Wider- stands besorgende Feind durch den Littannischen Wald ziehen muste; besetzte vorwerts hinten und am Ende den Wald/ iedoch auf der Sei- ten derer beyden dardurch gehenden Strassen/ ließ an demselben die Baͤume so weit: daß sie mit genauer Noth stehen blieben/ und durch ge- Arminius und Thußnelda. geringen Anstoß umbgefaͤllet werden konten/ absaͤgen/ und selbte mit verborgenen Seilen um- schlingen. Posthumius/ dem noch kein ge- waffneter Mann begegnet/ alles mit Schre- cken erfuͤllet hatte/ ließ ihm von einigem Fein- de nichts traͤumen/ ruͤckte also mit allen fuͤnf und zwantzig tausend Mann in den Litanni- schen Wald. Der Nachzug aber war kaum tausend Schritte hinein kommen/ als hinter ih- nen die von den Deuͤtschen gezogenen Baͤu- me/ nicht anders/ als wenn selbte der Blitz oder ein Sturm-Wind niederschluͤge/ niederfielen/ und also ihnen den Weg zur Ruͤckkehr abschnit- ten. Nicht anders wurden auch fuͤr dem Roͤ- mischen Vortrab die Baͤume gefaͤllet; also: daß selbter nicht wissend/ durch was fuͤr Zau- berey solches geschehe/ anhalten musten. Aber als die Roͤmer hieruͤber einander erstaunet an- sahen/ kam das Gewitter in der Mitten uͤber sie selbst; indem die niedergerissenen Baͤume ihrer wohl zwey tausend erbaͤrmlich zerschmet- terten/ ehe sie gewahr wurden: daß die Baͤu- me abgesaͤgt/ und von so nahen Feinden uͤber sie gefaͤllet wuͤrden. Es war schrecklch anzu- schauen; indem/ wo sie auf der Seite auf die Feinde loß gehen wolten/ sie nur selbst in ihren Tod renneten/ und in wenigen Stunden das gantze Roͤmische Heer biß auf etwan zwoͤlf hun- dert/ die sich theils in Wald noch verlieffen/ oder unter die bereit verfallenen Baͤume ver- krochen/ erschlagen und zerquetscht wurden. Die halblebenden aber/ welchen nur etwan Arm oder Bein zerbrochen waren/ den wieder- schallendeu Wald mit aͤngstigem Klag-die Deutschen aber mit gewohntem Kriegs- Geschrey erfuͤllten. Alleine auch die/ derer die unempfindlichen Baͤume verschont hatten/ wurden von denen rings umb den Wald auf die Wache gestellten Bojen erlegt/ und die noch lebenden unter den Baͤumen herfuͤr gesucht; und weil die Deutschen auch am Ruͤcken die Bruͤcke uͤber den Fluß Gabellus eingenom- men und besetzt hatten/ den Roͤmern allenthal- ben die Flucht abgeschnitten; also: daß nicht zehn Mann entrunnen/ von denen Deutschen aber mehr nicht als zehn todt blieben/ welche aber nicht die Roͤmer/ sondern weil sie allzu- begierig in die Baͤume gerissen/ ebenfalls die Baͤume erschlagen hatten. Unter den Todten suchten die Bojen mit Fleiß den Posthumius herfuͤr; diesem schnitten sie den Kopf ab/ loͤsten das Fleisch darvon ab; und nach dem sie den Hirnschaͤdel aufs sauberste ausgekocht hatten/ faßten sie selbten in Gold/ und schickten selbten als ein grosses Heiligthum in Deutschland in der Bojen heiligsten Tempel; welchen Koͤnig Sigovesus auf dem Sudetischen Gebuͤrge/ welches der Bojen alten Landsitz von Marsin- gern unterscheidet/ an dem Neiß-Strome auf einen Berg gebauet hatte/ und dahin auch die in Jtalien wohnenden Bojen aus Andacht offt ihre Wallfarthen verrichteten. Diesen Kopf brauchten die Priester hernach nicht alleine zu einem Trinck-Geschirre/ sondern auch zu einem Opfer-Gefaͤsse. Die Deutschen aber erlang- ten hierdurch eine uͤber aus reiche Beute; da hin- gegen dieser Unfal bey dem nun fast gar verzwei- felnden Rom ein neuer Donner-Schlag war. Wiewohl nun Annibal darinnen sehr an- stieß: daß er das Hauptwerck/ nemlich die Zer- stoͤrung der nunmehr ohnmaͤchtigen und un- bewaffneten Stadt Rom/ allwo aus Noth wi- der das alte Herkommen acht tausend furcht- same Knechte zu Besetzung der Mauern ge- waffnet wurden/ unterließ; so zohe doch sein Sieg die freywillige Untergebung des grossen Griechenlandes/ Campaniens/ und fast gantz Jtaliens nach sich. Der maͤchtige Koͤnig Philippus in Macedonien schickte seinen Ge- sandten Xenophanes zu Hannibaln in Jtalien/ schloß mit ihm ein Buͤndnuͤß; krafft dessen er mit 200. Kriegs-Schiffen/ und einem Heere zu Lan- de ihm Rom und Jtalien/ Annibal hingegen dem Philippus Griechenland uͤbermeistern N n n n n 2 helffen Sechstes Buch helffen solte. Hierzu kam noch diß: daß als Hiero der Roͤmer geschworner Feind starb/ sein Sohn Gelo/ und nach dessen Tode sein Enckel Hieꝛonymus sich zu den Carthaginenseꝛn schlug. Hertzog Rhemetalces siel hier ein: Es waͤre der Wind die Richtschnure der Schiffleute das Gluͤ- cke der Fuͤrsten/ nach dem sie ihre Segel umb- schwenckten. Annibaln aber/ als einem welt- beruͤhmten Feldherrn traute er den ihm zuge- schriebenen Kriegs-Fehler nicht zu/ noch weniger wolte er der Goͤttlichen Versehung eine folche Verblaͤnd- oder Bethoͤrung zueignen; sondern glaubte vielmehr: Er haͤtte/ wie ins gemein die Kriegs-Haͤupter/ weder durch Einrathung des Friedens/ noch durch desselbten voͤllige Ausma- chung das Heft nicht gerne aus den Haͤnden ge- ben wollen. Denn Amilcar hatte nicht so wohl mit den Roͤmern Friede gemacht/ als nur auf eine Zeitlang die Waffen niedergelegt. Anni- bal aber/ der aus Begierde des Krieges die Ein- tracht der Stadt Rom und Carthago zerstoͤret/ konte aus Liebe des Friedens nicht auf das Ende des Krieges sinnen. Zumal der Adel bey Frie- dens-nicht so hoch als bey Krieges-Zeiten gese- hen/ noch sich durch grosse Verdienste hoch ans Bret zu heben; sondern vielmehr selbten zu druͤ- cken Gelegenheit verhanden ist; ja der Friede denen tapferen und feigen einerley Ehren-Stel- len einraͤumet. Zu geschweigen: daß die Ritter- schafft durch den Krieg alleine/ wenn selbter schon mit Raub und allen Lastern ausgeuͤbt worden/ empor zu kommen fuͤr ruͤhmlich; durch Friedens- Dienste aber/ ob gleich selbte vom Vaterland zehn Kriege und tausenderley Ungluͤck abgewen- det/ geadelt zu werden fuͤr veraͤchtlich hielte. Da- her auch die tapfersten Leute/ welche dem Kriege den Anfang zu machen am geschicksten waͤren/ den Frieden am laͤngsamsten riethen. Aus die- sem Absehn haͤtte seines Beduͤnckens Annibal Rom nicht nur unangetastet gelassen/ sondern auch der Barchinische Adel zu Carthago des Hanno wohl gemeynte Anschlaͤge hintertrieben. Adgandester antwortete: Wer wil in solchen Faͤllen die Schluͤssel zu denen mit Fleiß versteck- ten Hertzen der Menschen finden? insonderheit aber zu Hannibals; welcher zwar in seinen An- schlaͤgen den Kopf voller Gehirne/ in seinem Thun den Blitz in der Hand/ aber in Geheim- nuͤssẽ keine Zunge im Munde hatte. Daher weiß ich kein uͤber ihn gefaͤlltes Urtheil zu schelten/ auch keinem beyzufallen. Gewiß aber ist: daß uͤber- maͤssiges Gluͤcke eine zaubrische Verwand- lungs-Ruthe groͤster Klugheit sey; gleichwohl aber viel vernuͤnftige Entschluͤssungen von denẽ/ die in derselben Grund nicht sehen/ und die ent- gegen stehenden Hindernuͤsse nicht wissen/ als tum̃ verdammet werden. Zumal allen Rath- schlaͤgen ein Werth nicht nach ihrer innerlichen Guͤte/ sondern nach dem Ausschlage beygelegt wird; wie das Geld/ nicht nach Schrott und Korn; sondern nach der gemeinen Wuͤrdigung guͤltig ist. Diß aber kan nicht verneint werden: daß Annibal und sein Heer/ welches in den rau- hen Alpen bestanden/ in dem fetten Campanien vertorben; und daß den Roͤmern nicht so sehr Canna/ als den Mohren dieser Lustgarten schaͤd- lich gewesen sey. Denn diß/ was in brennenden Nesseln frisch bleibet/ verwelcket in weichen Ro- sen-Blaͤttern. Annibal selbst versanck nach dem nunmehr fast gantz eroberten Jtalien in Sicher- heit und Wolluͤste. Die Tage brachte er zu Ca- pua in Lust-Gaͤrten/ die Naͤchte mit geilen Wei- bern zu. Welche herrliche Stadt wegen ihrer fruchtbaꝛen und lustigen Gegend dem beꝛgichten Rom weit her fuͤr zu ziehen war/ an Groͤsse und Reichthum selbtem wenig entraͤumte/ uͤbrigens mit Corinth und Carthago umb den Vorzug kaͤmpfte; und weil sie Annibal zum Haupte Jtaliens zu machen vertroͤstet hatte/ freywillig in seine Haͤnde verfallen war. Weswegen die schlauen Roͤmer eine grosse Anzahl der schoͤnsten Dirnen mit Fleiß nach Capua schicktẽ/ um Annibaln und die andern Kriegs- Obersten/ welche ins gemein auch die verterbten Sit- Arminius und Thußnelda. Sitten ihres Hauptes anzunehmen fuͤr Tu- gend halten/ durch ihre Gifft einzunehmen. Sintemahl sie gar zu wol wusten: daß die Tapf- ferkeit/ wie der Stahl dem Eisen widerstuͤnde/ aber von Wollust und linder Feuchtigkeit rostig wuͤrde; und daß viel unuͤberwindliche Helden ihren im Felde erworbenen Ruhm im Zimmer eingebuͤst haͤtten; unterschiedene maͤchtige Herr- scher Leibeigne im Frauenzimmer/ Uberwin- der der Ungeheuer/ Seidenstuͤcker worden waͤ- ren; und die/ welche vorher grossen Voͤlckern ihre Freyheit erhalten oder erworben/ sich gei- le Maͤgde wie Sclaven bescheeren lassen. Un- ter andern hatte sich Agathoclea/ das beruͤhmte Kebsweib des Koͤnigs Ptolomeus Philopator in Egypten nach Rom gefluͤchtet/ welche selb- ten Koͤnig gantz bezaubert/ ihn zu Ermordung seiner Schwester und Gemahlin Eurydice ver- leitet/ endlich aber den Ptolomeus ins eusser- ste Verderben/ indem er von seinem eigenen Volcke erdruͤckt ward/ gestuͤrtzt hatte. Diese war zwar mit ihrem Bruder fingernackt dem rasenden Volcke zum Opffer geliefert/ aber auff des jungen Koͤnigs Befehl/ den sie gesaͤugt hatte/ und durch Arglist eines in sie verlieb- ten Edelmannes aus des Volckes und Todes Klauen errettet worden/ und entronnen. Wie aber die Egyptische Gesandschafft/ welche die Roͤmer um des jungen Ptolomeus Epipha- nes Vormuͤndschaffts-Verwaltung anlangte/ von Agathocleen Nachricht bekamen/ und bey dem Roͤmischen Rathe ihres Lasters/ und wie sie aus den Koͤniglichen Kebsweibern dem verdienten Stricke entkommen waͤre/ entdeck- ten/ muste sie bey Sonnenschein aus der Stadt. Diese Zauberin kam zu allem Ungluͤcke nach Capua/ und ward in weniger Zeit Hannibals so sehr/ als vorhin Ptolomaͤus maͤchtig. Alle Gewalt bestand in ihren Haͤnden/ sie vergab alle Kriegs-Aemter/ und kein Verdienst war so groß etwas zu erlangen/ wenn man nicht bey ihr einen Stein im Brete hatte. Dieses kraͤnck- te die Kriegs-Haͤupter so sehr; als Chlotildis hieruͤber eifersuͤchtig war. Uberdiß gab Aga- thoclea Hannibaln eine Kuplerin ab/ verfuͤhr- te die edelsten Weiber in Capua/ und brachte sie durch Geschencke oder wohl zauberische Kuͤnste zu Annibals Willen. Unter diesen waren fuͤrnehmlich zwey Weiber Servilia und Po- linice/ welche fuͤr die zwey schoͤnsten in Jtalien gehalten wurden. Jene war des Perolla Eh- weib/ dessen Vater Pacuvius Calavius mit sei- nem Anhange die Stadt Capua Annibaln uͤ- bergeben hatte; diese des Magius Decius/ wel- che beyde in der Schlacht bey Canna wider die Mohren tapffer gefochten hatten/ und unter den Leichen halb todt herfuͤrgezogen und von Annibaln in Fedis ihr Vaterland gelassen wurden waren. Diese beyde verfluchten in ihren Hertzen der Campaner/ und in sonderheit des Calavius Untreu gegen die Roͤmer; als a- ber die eifersuͤchtige Chlotildis beyden noch dar- zu anfangs verbluͤmt zu verstehen gab: sie moͤchten auff die Spur ihrer Ehweiber ach- tung geben; hernach sie durch eine geheime Thuͤre in einen Lustgang des Gartens fuͤhr- te/ daraus sie in eine Hoͤle sehen konten/ wie An- nibal in einer grossen Marmelsteinernen Mu- schel/ welche das Qvell eines warmen Brun- nen in sich faste/ mit Agathocleen/ Servilien und Polinicen badete/ wurden sie fuͤr Rache beynahe wuͤtend; und wenn Ehlotildis sie nicht zuruͤcke gehalten/ haͤtten sie Annibals in dieser geilen Weiber Blut mit den Ehrystallen dieses edlen Brunnen vermischet. Gleichwohl aber blieb dieser Dorn dem Porella und Magius im Fuße. Daher Magilus mit denen gut Roͤ- misch-gesinnten Rath hielt/ wie sie Annibaln und die Besatzung in Capua uͤberfallen/ und die in Bauern verkleideten Roͤmer durch Er- oͤfnung einer gewissen Pforte einlassen moͤchten. Zu allem Ungluͤck ward das Antwort-Schrei- ben des Marcellus an den Magilus auffgefan- gen/ und Annibaln zugebracht. Dieser verfuͤgte sich also fort in den Tempel/ wo der Capuani- sche Rath versammlet war/ forderte von ihnen N n n n n 3 uͤber Sechstes Buch uͤber des Magilus Verbrechen zu erkennen/ und ihn zu bestraffen. Magilus erschien/ und bekandte freywillig: daß er seinem Vaterlande die unter dem Roͤmischen Schirme genossene Freyheit wiederzugeben; an Annibaln aber die Befleckung seines Ehebettes zu raͤchen noch ent- schlossen waͤre. Annibal schaͤumete fuͤr Grim̃; befohl also unerwartet des Urthels dem Magi- lus Ketten anzulegen/ ihn ins Laͤger zu schlep- pen/ und zu einer grausamen/ den Campaniern aber nicht so in die Augen fallenden Straffe nach Carthago zu schicken; Sintemal es gefaͤhr- liche Unvernunfft ist/ Halsgerichte in derselben Augen ausuͤben/ die entweder Theil an des leidenden Schuld haben; oder da auch das blos- se Mittleiden ihre Sache besser/ und das Volck r achgierig machen kan. Das Meer aber hat- te Mitleiden mit des Magilus Unschuld/ trieb also das Schiff durch Ungewitter nach Cyrene; allwo Magilus sich zu der am Hafen stehenden Schutz-Seule des Ptolomeus fluͤchtete/ von dar er nach Alexandrien gebracht/ und nach ver- hoͤrter Sache auff freyen Fuß gestellet/ gegen Annibaln aber ein unversoͤhnlicher Feind von der Kette loßgelassen ward. Wie nun bey sol- cher Ubereilung Annibals des Magilus Mit- verschwornen verschwiegen blieben/ oder Anni- bal selbst fuͤr rathsamer hielt/ die Menge der Schuldigen nicht zu wissen; also hielt Perolla den festen Fuͤrsatz Annibaln das Licht auszu- leschen. Wie nun sein Vater Calavius/ Ju- bellius und Taurea die fuͤrnehmsten Herren in Campanien/ und Porella einft bey Anni- baln in einem Lusthause speiseten/ und vom Mittage an biß zur Sonnen Untergange sich auff allerhand Art erlustigt hatten; Calavius a- ber in einen Lustgang sich absonderte/ folgte ihm Porella/ und fing an: Vater/ ich weiß ei- nen Anschlag die Scharte unsers Abfalls von Rom nicht allein auszuwetzen/ sondern auch Campanien in hoͤchstes Ansehen zu bringen. Ca- lavius fragte: was es denn waͤre? Porella hob den Mantel auff/ zeigte dem Vater ein blosses Schwerd/ und sagte: Jtzt gleich will ich durch Annibals Blut das neue Buͤndniß mit Rom versiegeln. Dir Vater/ habe ichs allein sagen wollen/ wormit du dich koͤnnest auff die Seite machen/ da du nicht einen Zuschauer einer so heilsamen That abgeben wilst. Calavius fiel dem Sohne mit vielen Thraͤnen um den Hals/ und beschwur ihn bey seiner kindlichen Pflicht den dem Hannibal fuͤr so kurtzer Zeit geschwor- nen Eyd nicht zu brechen; Annibals Wohl- that durch so grausamen Undanck nicht zu ver- gelten/ im Antlitze des Vaters keinen Meuchel- mord zu beginnen/ noch selbst mutwillig in so vieler gewaffneter Schwerdter zu rennen. Ja wenn auch niemand Annibals Leib beschirmete/ wuͤrde er seine eigene Brust ihm zum Schilde fuͤrwerffen; wiewohl Annibals blosser Anblick maͤchtig waͤre einem das gezuͤckte Eisen aus der Hand zu winden; fuͤr dessen Antlitze so viel ge- harnischte Legionen erzittert haͤtten; fuͤr dessen Draͤuen das grosse Rom bebete. Porella er- seuffzete hieruͤber etlichmahl/ und fing an: Jhr Goͤtter! wem bin ich mehr verbunden/ dem Va- ter/ oder dem Vaterlande? Soll ich das mir angethane Unrecht verschmertzen/ um den Va- ter nicht in Gefahr zu setzen? Hierauff warff er sein Schwerdt uͤber die Garten-Mauer/ und fuͤgte sich mit dem Vater an die Taffel; auff welche Annibal einen Gluͤcks-Topff hatte bringen lassen; aus welchem ein ieder fuͤr sich ei- nen Zettel zu dem auff folgenden Tag bestimm- ten Goͤttermahle heben muste. Annibal zohe heraus den Mars/ Munius Jupitern/ Celer den Saturn/ Carthalo ward Apollo/ Jubel- lius Pan/ Taurea Bacchus/ Calavius Neptun/ Stenius Pluto/ Barcellon ein Hispanischer Fuͤrst Mercur/ und Porella Vulcan. Die hierzu beruffene Agathoclia muste fuͤr das ihr vom Annibal auffgezeichnete Frauenzimmer greiffen. Sie selbst ward Juno/ des Porella Schwester/ in welche Barcellon verliebt war/ Ceres/ Arminius und Thußnelda. Ceres/ Polinice Diana/ Servilia Venus/ des Jubellus Frau Thetys/ des Taurea zwey Toͤch- ter Cybele und Pallas/ des Stenius Frau Flo- ra/ des Munius Frau das Gluͤcke/ Aglaja eine edle Frau von Neapolis ward Nemesis. Porel- la konte die gantze Nacht fuͤr Ungedult nicht schlaffen; insonderheit fraß ihm sein Hertze: daß das Loß ihn zum Vulcan/ seine Frau zur Venus/ und Annibaln zum Mars erkieset hatte. Denn weil der Argwohn lauter Mißgeburten gebie- ret/ kam ihm unauffhoͤrlich fuͤr: als wenn entwe- der Annibal durch ein unbegreiffliches Kunststuͤ- cke das Loß zu seiner Beschimpffung derogestalt eingerichtet haͤtte/ oder sich das Veꝛhaͤngnis selbst uͤber seinem Ungluͤcke kuͤtzelte. Gleichwohl fand er sich folgenden Tag der Abrede gemaͤß mit dreyen Cyclopen/ welche er aus seinen treuesten Knechten nahm/ und auff den Fall guter Bedie- nung ihnen die Freyheit versprach/ in dem be- stim̃ten Lustgarten ein/ der zwischen denen zwey grossen Maͤrckten Albana und Seplasia gele- gen war/ auff derer ersterm nichts als Perlen/ E- delgesteine und Purpur/ auff dem andern eitel koͤstlicher Balsam und andere wohlruͤchende Wasser verkaufft wurden. Die Pracht ihrer Ausputzung/ und die kostbare Zubereitung ist unbeschreiblich. Aller Welt seltzame Speisen/ aller Meere Perlen/ aller Gebuͤrge Edelgestei- ne/ gantz Morgenlands Balsame schienen in diesen Garten zusammen geronnen seyn. Alle andere aber uͤbertraf Agathoclia/ welche die Goͤt- tin des Reichthums und eine Himmels-Koͤni- nig selbststaͤndig abbildete. Dieser hielt die Wage Servilia/ an welcher Leibe nichts verborgen war/ als was Perlen und Diamanten verdeck- ten. Denn ihr von seidenem Flor gewuͤrck- tes Kleid war duͤnner als Spinnenweben/ und durchsichtiger als Glaß. Sie bedienten nebst drey finger-nackten Gratien sechs schnee-weisse und sechs Mohren-Knaben/ alle wie Liebes- Goͤtter ausgeruͤstet. Annibal aber hatte einen uͤber und uͤber von flammenden Rubinen schim- mernden Rock an. Diese irrdischen Goͤtter wur- den unauffhoͤrlich von denen aus den kuͤnstlich bereiteten Wolcken mit wolruͤchendem Naꝛden- und Bisam-Wasser bethauet; die edelsten Wei- ne Campaniens von Creta und Alba wurden wie gemein Wasser eingeschluckt. Die Speisen dampfften nichts als Zibeth und Ambra von sich; aus einem silbernen Spring-Brunnen spruͤtzte eitel Zimmetwasser und Syrischer Balsam aus. Wie nun nichts/ was ein Sardanapal zu Aus- uͤbung seiner Uppigkeiten haͤtte aussinnen koͤn- nen/ abgieng; also vergassen Wirth und Gaͤste nichts/ ihre angenommene Person meister lich zu spielen. Nach vollbrachter Mahlzeit brachten 12. geile Satyren einen kuͤnstlichen Tantz; worzu ihnen zwoͤlff nackte Wasser-Goͤttiñen mit weiß- waͤchsernen Windlichtern leuchteten/ zwoͤlff in gruͤnen Damast gekleidete Schaͤfferiñen aber sie mit ihren Seitenspielen bedieneten. Diesen folg- te im Reygen der von Wein und Brunst erhitzte Annibal; und nach seinem Beyspiele muste ieder Gott seine ihm zugeeignete Goͤttin erkiesen; also kam Annibal als Mars mit Serpilien/ der wol- luͤstige Campaner Taurea mit der Ceres des Pe- rolla Schwester/ Stenius mit Agathoclien al- lerhand geile Begebnisse/ und die unzuͤchtigsten Getichte der verliebten Goͤtter zu tantzen. So viel Muͤh und Kunst wendet man an die Laster; und so sauer laͤst man sichs werden: daß man mit Geschicke und guter Ordnung suͤndige. Diese alle liessen durch ihre unkeusche Gebehrdungen genugsam blicken: daß sie keinen Funcken Tu- gend im Hertzen/ keine Schamroͤthe im Gesichte und keine Scheu fuͤr andern Anwesenden hat- ten; also: daß die Fuͤrstin Chlotildis/ Magilus/ und Dietrich sich hochvernuͤnfftig dieser Ver- sammlung entschlagen hatten. Sintemal Laster gifftiger als Basilißken sind. Denn diese toͤdten nur durch ihre Blicke; jene aber/ wenn man seld- ten nur die Augen goͤnnet. Perolla und Bar- cellon kochten inzwischen im Hertzen eitel Galle; dieser gegen den Taurea/ weil er seiner Buhl- schafft Sechstes Buch schafft mehrmals die Bruͤste betastete; jener ge- gen Annibaln/ der mit Servilien nicht viel an- ders umgieng/ als ein Ehbrecher mit einer ge- meinen Dirne im Hurenhause. Denn die un- keusche Liebe ist nicht nur/ weil sie anfangs offt ei- ne heßliche Eule fuͤr einen Par adiesvogel erkie- set/ sondern auch/ weil sie ihr ein bildet: daß andere Leute ihre offenbare Laster nicht sehen/ fuͤr blind zu schelten. Aber die hundertaͤugichte Eiversucht machte Porellen und den Barcellon allzu scharf- sichtig. Denn wie Barcellon dem Taurea seine eiserne Ruthe/ welche er als Mercur fuͤhrte/ duꝛch den Leib trieb/ also stieß Porella in eben selbigem Augenblicke/ gleich als haͤtten sie es mit einander abgeredet/ Servilien einen Dolch in die Bruͤste; daß beyde todt zur Erden fielen. Porella war auch schon in vollem Stosse Annibaln eines zu versetzen/ sein Vater Pacuvius Calavius aber verruͤckte ihm den Stich. Hieruͤber fielen alle anwesende Africaner den Porella an; Ob nun wohl ihm seine drey Cyclopen zu Huͤlffe ka- men/ und etliche Mohren verletzeten/ wurden sie doch von der Menge bald erschlagen/ und nicht nur Porella/ sondern auch der zwar hieran/ aber nicht an Verrathung der Stadt Capua unschul- dige Calavius mit mehr als hundert Stichen er- mordet. Also sind die Strafen der goͤttlichen Ra- che allezeit gerecht/ wenn selbte schon fuͤr mensch- lichen Augen die Unschuld zu treffen scheinen. Weil alles Annibaln zulieff/ hatte Barcellon in- zwischen Zeit sich bey der finstern Nacht aus dem nunmehr so traurigen Lustgarten zu spielen/ und ins Laͤger zu seinen untergebenen Hispaniern zu fliehen; weil doch Hannibal sein Begiñen fuͤr ein mit dem Porella abgeredetes Werck auffneh- men; die Verstoͤrung seiner Lust/ und den Mord des bey ihm hoch am Brete sitzenden Taurea mit grausamen Strafen raͤchen wuͤrde. Die gantze Versam̃lung kam hieruͤber in Bestuͤrtzung/ die gantze Stadt in Unruh/ also: daß Annibal alle Kreutz-Gassen mit Kriegsvolcke besetzen muste. Wie die Mohren nun die Leichen aus dem Gar- ten schlepten/ und also ihre Kleider durchsuchten/ fand einer zu allem Ungluͤcke beym Porella ei- nen Zettel mit diesen Worten: Bistu denn mit sehenden Augen blind; daß du deiner Ehebreche- rin so viel Luft zu ihren Lastern laͤst? Meinestu nicht: daß es die Goͤtter fuͤr keine geringere Suͤn- de aufnehmen/ Laster verhaͤngen/ als selbte be ge- hen. Oder hastu kein Manns-Hertze in dir/ eines so unreinen Brandes Licht auszuleschen? Der Mohr lieff mit dieser Handschrifft/ welche er we- der zu lesen noch zu erkennen wuste/ alsbald zu Agathocleen; als durch welche alles zu gehen pflegte/ was zu Annibaln kom̃en solte. Diese er- kennte sie beym ersten Anblicke fuͤr der Fuͤrstin Chlotildis eigene Hand; daher ging sie unver- wandten Fusses zu Annibal; verhetzte ihn wider die ihr mehr als Spiñen verhaste Chlotildis/ als welche nicht nur die Mordstiffterin des geschehe- nen Trauer-Falls waͤre/ sondern auch den Po- rella zu Hinrichtung Annibals ihres eigenen Ehgemahls angefrischt haͤtte. Annibal wolte alsbald mit dem Degen in der Faust in Chlotil- dens Zimmer eilen/ und sie in ihrem Bette seiner Rache auffopffern. Agathoclea aber hielt ihm die Gefahr/ den Haß/ den er ihm bey allen Deut- schen zuziehen/ und die uͤbele Nachrede bey der gantzen Welt/ welche von seiner Gemahlin schwerlich eine so grausame Missethat glauben wuͤrden/ beweglich ein; und daß nichts alberers waͤre/ als eine plumpe Rache/ welche alle Augen sehen/ und dem Raͤcher selbst Schaden thaͤte. Sie versicherte ihn: daß Chlotildis den folgenden Untergang der Sonnen nicht erle- ben/ die Scharffsichtigsten aber des Todes Ursa- che nicht er gruͤnden solten. Hiermit gingen sie zwar zur Ruhe; wiewohl ihrer wenigen der Schlaff in die Augen kam. Auf den Morgen gab Agathoclia achtung/ als der Chlotildis Cammer- Jungfrau der Gewohnheit nach aus dem Springbruñen frisches Wasser zu Begiessung der Jesminstraͤuche hohlete; welche Chlotildis fuͤr dem Fenster ihres Zimmers stehen hatte. Dieser Arminius und Thußnelda. Dieser begegnete Agathoclia auff der Stiege/ nahm ihr den Krug aus den Haͤnden/ vorwen- dende: daß sie wegen Durstes gleich selbst sich zum Springbrunnen haͤtte verfuͤgen wollen. Unter diesem Gespraͤche schuͤttete sie/ als die Traͤgerin nur einen Blick auf die Seite thaͤt/ das hefftigste Gifft in den Krug; diese aber dar- auf es auf die Jesminen. Kurtz hierauf besuch- te Fuͤrst Magilus und Dietrich Chlotilden in ihrem Zimmer; welche uͤber des vorigen Tages Trauerfaͤllen uͤberaus bekuͤmmert waren. Chlo- tildis legte nach etlichen Unterredungen sich an ihr Fenster/ und brach etliche Zweige von Jes- minen ab/ in willens selbte beyden Fuͤrsten zu reichen. Sie hatte aber kaum den Geruch die- ser Blumen recht empfunden/ als sie im Augen- blicke stein todt zur Erden sanck. Alle Reib- und Kuͤhlungen waren vergebens; die Fuͤrstin und der gantze Hof derogestalt erschreckt: daß sich fast niemand wagte den Mund aufzuthun/ son- dern nur eines dem andern mit stummen Ge- behrden das gemeine Leid klagte. Niemand war zwar: der nicht Agathoclien in Verdacht zohe; aber weil weder diese noch iemand von ihr in etlichen Tagen ihr Zimmer betreten/ Chlotil- dis auch seit des vorhergehenden Tages weder Speise noch Tranck zu sich genommen hatte/ war wider Agathoclien der geringste Grund ei- nes billichen Argwohns aufzufinden; auser: daß so wohl bey ihr als bey Annibaln eine grosse Schwermuͤthigkeit zu spuͤren war. Denn die Erinnerung lieset in den Gewissen der Boß- hafften ohne einige Schrifft ihre eigene Laster/ sie redet davon ohne Stimme/ und sie peitschet sie biß aufs Blut ohne Ruthe. Jhr eigen b ang- sames Antlitz ist wie der Zeiger an den Uhren ein Verraͤther der inwendigen Unruh: daß die Angst ihnen die Ruh aus dem Hertzen/ den Schlaff aus den Augen reisse/ die Furcht ihren Geist und die Vernunfft verwirre/ die Reue Marck und Bein aussauge/ und die Verzweif- felung ihnen Athem und Sprache verhalte. Nach zweyen gleichsam in einer Hoͤle hinterleg- ten Tagen/ eroͤfnete Annibal der Chlotildis Schreibetisch; und fand in selbtem zu seiner hoͤchsten Erstaunung folgendes an Chlotilden abgelassenes Schreiben: Jch flehe die Goͤtter unaufhoͤrlich an um Daͤmpffung meiner auff- schwellenden Gemuͤths-Bewegungen/ seit ich Annibaln mit meinem Ehbrechrischen Ehweibe in der Hoͤle baden gesehen: daß ich ihrem Befeh- le gehorsamen koͤnne/ Annibaln das mir zuge- fuͤgte Unrecht zu verzeihen. Denn wiewol sei- ne Beleidigung einem edlen Gemuͤthe fast un- verschmertzlich faͤllt; so wil ich doch lieber eine unauffhoͤrliche Seelen-Marter erdulden/ als von einer so tugendhafften Fuͤrstin beschuldigt werden: daß ich mit ihres Ehmannes geringster Wunde das Mittel ihres Hertzen durchbohrete. Jch werde meine Rache nur mit dem Blute meiner Ehbrecherin abkuͤhlen; wormit ich An- nibaln so viel leichter vergeben koͤnne; und dero- gestalt von ihrem strengen Urthel: daß ich ihren und Annibals Hof nicht mehr betreten solle/ loß- zusprechen seyn. Wie nun diese Zeilen nicht nur Chlotildens Unschuld/ sondern auch ihre fuͤr Annibals Wolstand gepflogene Fuͤrsorge au- genscheinlich ans Licht stellten; also war iedes Wort eine gluͤende Zange/ welche des grausa- men Annibals sich selbst verdammendes Gewis- sen zerfleischte. Bald war er entschlossen sich selbst/ bald die Mordstiffterin Agathoclia eigen- haͤndig hinzurichten. Er warf sich auf sein Bet- te/ mit Befehl: daß ihn kein Mensch auch we- gen der wichtigsten Angelegen heit beunruhigen solte; Gleich als wenn sein Gemuͤthe nicht mehr/ als das bey groͤstem Ungewitter stuͤrmen- de Meer unlustig gewest waͤre. Diese See- len-Marter zwischen tausend zweiffelhafften Entschluͤssungen trieb er den gantzen Tag/ und die Nacht durch. Folgenden Morgen rief er und befahl beyde Fuͤrsten Magilus und Dietrich zu ruffen; ihm aber ward zur Antwort: daß bey- de Fuͤrsten schon vorhergehenden Tag nach an- Erster Theil. O o o o o gemerck- Sechstes Buch gemerckten Gifftzeichen an Chlotildens Leiche mit allen Deutschen zu Pferde gesessen/ und aus Capua fort geritten waͤren; vorgebende: daß sie sich eines so vergifteten Hofes zu enteusern wich- tige Ursache haͤtten. Demnach nun Annibal bereit bey sich ent- schlossen hatte/ Agathoclien ins geheim abzu- thun/ aus dieser Begebenheit aber leicht muth- massen konte: daß der Verdacht des Gifftes auf ihn fiele; entschloß er durch oͤffentliche Bestraf- fung Agathocliens sich fuͤr aller Welt rein zu brennen. Daher ließ er Agathoclien in Ker- cker werffen/ und uͤber der Vergifftung Chlotil- dens anfangs in der Guͤte; als sie aber leugnete/ und inzwischen ein Edelknabe vom Anruͤhren des Jesmins gleichfals getoͤdtet/ also die Ursache des Todes erkundiget/ von der Kammer-Jung- frau die Begebenheit mit dem Wasserkruge ent- decket worden war/ scharf befragen. Die Mar- ter druͤckte endlich ihr das Bekaͤntnuͤß der War- heit aus; sie schuͤtzte aber zu ihrer Entschuldi- gung fuͤr: daß sie es Annibaln vorher entdeckt/ und Chlotilden mit seiner Genehmhabung ver- gifftet haͤtte. Die Richter fragten nach dem Beweise ihres Einwands. Agathoclia bezohe sich auf Chlotildens Schreiben/ welches ein ge- wisser Mohr in des Perolla Kleidern gefunden und ihr gebracht/ sie aber Annibaln eingehaͤn- digt haͤtte. Annibal/ welchem zu Behauptung seiner Herrschafft in Jtalien an Verfuͤhrung seiner Unschuld viel gelegen war/ widersprach Agathocliens Fuͤr wand als eine grausame Ver- laͤumdung/ schickte auch an statt des erstern/ der Chlotildis letzteres Schreiben den Richtern; um dardurch zu bescheinigen: daß er Chlotilden deß- halben mehr zu lieben/ als ihren Mord zu willi- gen Ursache gehabt haͤtte. Diese faͤllten daher Agathoclien/ welche zu Alexandria dem Pfal entronnen war/ ein verdientes Urthel/ krafft des- sen sie ruͤck waͤrts auf einen raͤudichten Esel ge- setzt/ an den Ecken der Stadt mit gluͤenden Zan- gen gezwickt/ hernach mit vier Pferden zerris- sen/ verbrennt/ und die Asche in den Fluß Vul- turnus gestreut ward. Also entrinnen die La- sterhafften zwar zuweilen aus der Hand des weltlichen Richters/ niemals aber der goͤttlichen Rache; welche/ wenn sie einem Boßhafften mit langsamen Bleyfuͤssen nacheilet/ ihn auch mit ei- ner desto schwerern Hand zu Bodem druͤckt. Das grausamste an dieser zwar verdienten Straffe war: daß Annibal nicht nur diesem Trauerspiele zusah/ sondern auch selbst mit einer Gerte das eine nicht anziehende Pferd aufmun- terte um denselben Leib zu zerfleischen/ den er so viel mal inbruͤnstig umarmt hatte. Die Koͤni- gin Erato fing hieruͤber laut an zu ruffen: O des merckwuͤrdigen Beyspiels! daß eine viehische Liebe nichts als Minotauren gebaͤhre; und ihr Englisches Antlitz sich mit einem Schlangen- Schwantze endige. Freylich wol/ sagte Thus- nelde. Denn wie das Mittel der Tugend Ei- genschafft ist; also haben die Laster nur in dem eusersten ihren Auffenthalt. Jene richtet ihr Thun nach/ diese wider die Gesetze der Natur ein; welche zwischen Kaͤlte und Hitze/ zwischen Sturm und Meerstille/ zwischen Tag und Nacht ein gewisses Mittel beobachtet. Sinte- mal die Sonne aus den Fischen in Loͤwen/ vom Mittage in Mitternacht keinen gaͤhen Sprung thut; sondern zwischen Winter und Sommer den lauen Fruͤhling und kuͤhlen Herbst; zwi- schen Licht und Finsternuͤß eine annehmliche Daͤmmerung einruͤckt. Die geile Brunst hin- gegen verkehrt sich im Augenblicke in bittersten Haß; und spruͤet in einem Atheme Liebkosen/ Gifft und Galle heraus. Sie hat zwar die Art des hartnaͤckichten Epheu/ welcher alles umar- met/ was er nur erreichet; Aber ihre Tauerung ist vergaͤnglicher als der Mertz-Schnee/ der insgemein eh/ als er die Erde erreicht/ zu Was- ser wird. Sie raset grimmiger als loderndes Pech und brennender Schwefel; haͤlt eingeaͤ- scherte Laͤnder fuͤr ihre kostbare Siegszeichen/ und das geronnene Blut erwuͤrgter Voͤlcker fuͤr suͤsse Arminius und Thußnelda. suͤsse Opffer. Jhr grauset fuͤr ihren eigenen Flammen/ die sie fuͤr reiner haͤlt als die Sternen sind; weil sie nunmehr einem gifftigen Nebel gleichen. Die neue Gluth des Zornes schwaͤrtzet sie mit stinckendem Rauche/ und erstaͤckt sie; wel- che vorher ihre Seufzer aufzublasen/ und ihre Augen mit dem Saltze bitterer Thraͤnen zu er- frischen aͤngstig bemuͤht waren. Wenn sie aber auch ihr unreines Feuer unkeuscher Brunst im- mer fuͤr schoͤn ansieht; so ersteckt doch ihr Huͤtten- Rauch alles Licht der Seele/ damit sie nicht die Pforte der Tugend finde/ noch Gebluͤte und Freundschafft unterscheide. Denn ihre Schande und Mord-Lust sind Eltern und Feinde eines/ und der Bruder-Mord nicht schwaͤrtzer als der unschuldige Todschlag des Wildes. Ja ihrer schnoͤden Lust und unsinnigen Rache ist nicht zu viel mit eigener Hand sein Geschlechte auszurot- ten/ und mit seinen Nachkommen die Hoffnung seines andern Lebens zu erstecken. Jhre Freude ist/ wenn sie andern viel Todte zu beweinen/ und viel Braͤnde zu leschen laͤst. Sonderlich aber verlernt sie alle menschliche Empfindnuͤsse ge- gen der/ welche sie vorher fuͤr ihren Abgott anbe- tete. Sie wandelt sich gegen der in einen Wuͤ- terich/ welcher Leibeigner sie vor war; und die vorhin so beliebten Haare in Stricke; um dar- mit ihren Kerckermeister zu erwuͤrgen. Die Ra- che reitzet sie ein Hencker derselben Gottheit zu werden/ welcher Priester er vor war; und der sie vorher ihr Hertz an statt des Weyrauchs anzuͤn- dete/ wuͤnscht er in ihrem eigenen Tempel einzu- aͤschern; weil er sie fuͤr seinen Gluͤcksstern/ itzt fuͤr die erste Bewegung seines Ubels haͤlt. Jhre wenige Funcken der Vernunfft/ die sie nicht gar vertil gen kan/ braucht sie nur zu einem Jrrlichte und Wegweiser in die Suͤmpffe der Wollust/ und zum Werckzeuge ihren Lasteꝛn einen Glantz zu geben. Jch hoͤre wol: brach Salonine ein/ wem die Koͤnigin durch diß schoͤne Gemaͤhlde so heßlich einzubilden bemuͤht ist. Aber sie muß an ihrem frechen Lieb haber seine Pein und schimpf- lichen Untergang auch zu entwerffen nicht ver- gessen. Es ist wahr/ versetzte die Koͤnigin. Der Apffel der Wollust ist allezeit wurmstichig; und die Stiche des Gewissens versaltzen ihre aller- suͤsseste Kuͤtzelung. Wenn aber diese ihrer Ver- gaͤngligkeit nach endlich verschwindet/ uͤberfaͤllt sie eine so grausame Abscheu ihrer Laster: daß wenn der erzuͤrnte Him̃el iemanden anders fuͤr seinen Scharfrichter zu gut haͤlt/ ein so tolleꝛ Lieb- haber an ihm selbst zum Hencker wird; und also das schrecklichste Laster wider sich selbst ausuͤbt. Adgandester hob ab: So ungluͤckselig war auch leider der sterbende Hannibal. Jnzwischen aber war seine Brunst auch das Fallbret seiner Siege/ und hatte er nach Chlotildens Tode mehꝛ wenig Stern oder Gluͤcke. Denn als das lusti- ge Capua ein Schauplatz so vieler Trauerspiele ward; kam Annibaln zu voriger Unlust noch die betruͤbte Zeitung zu: daß Barcellon mit tausend Hispanischen Reutern zu den Roͤmern uͤber ge- gangen/ die Fuͤrsten Magilus und Dietrich aber alle Bojen und Deutschen aus dem Laͤger an sich gezo gen/ und ihren Weg nach Hause genommen haͤtten. Mit derer Abzuge der Carthaginenser Macht nicht allein eine grosse Verminderung/ sondern auch Annibals Siege einen gewaltsa- men Stoß bekamen. Denn die Roͤmer borgten nach der Cannischen Niederlage in Mangel der Waffen selbte aus den Tempeln; und weil das Ungluͤck sie zwang aus der Noth eine Tugend zu machen/ nahmen sie/ nach dem Beyspiele der Spartaner/ als der Athenienser Feldherr und lahme Tichter Tyrteus sie drey mal aufs Haupt geschlagen hatte/ und Agathoclens/ als die Moh- ren ihn so sehr in Sicilien bedraͤngten/ acht tausend Knechte zu freyen Kriegs-Leuten an. Das Roͤmische Frauenzimmer riß ihren Schmuck vom Halse/ die Edlen ihrer Vor-El- tern Gedaͤchtnuͤsse aus ihren Zimmern/ und warffen sie zu Kriegs-Kosten in Schmeltzofen. Jnsonderheit aber brauchten sie sich des zwi- schen Annibaln und den Deutschen entstande- nen Mißverstaͤndnuͤsses; Und/ ob sie zwar vor- her ohne Frucht den Stadtvogt Lucius Posthu- O o o o o 2 mius Sechstes Buch mius zu den Deutschen und Galliern geschickt hatten; so liessen sie doch eine kostbare Gesand- schafft an Magilus/ Dietrich/ Briegant und an- dere Deutsche Fuͤrsten abgehen; welche ihnen der Roͤmer Buͤndnuͤß mit der Versicherung an- trug: daß die Roͤmer ohne der Deutschen und Gallier Einwilligung uͤber den Fluß Po nicht satzen/ sondeꝛn auch/ was sie noch disseits besessen/ ihnen ewig und eigenthuͤmlich verbleiben solte. Diese Fuͤrsten/ und insonderheit den Hertzog Briegant/ welcher nun mit 20000. Qvaden/ Marsingern und Osen in Hetrurien einzubre- chen fertig stand/ beschenckten sie Koͤniglich. Al- len aber stellten sie der Mohren Lasteꝛ und Uber- muth fuͤr Augen/ wie sie unter dem Schein der Jtalien gebrachten Freyheit/ alle freywillig auf ihre Seite gefallene Voͤlcker/ und insonderheit die Campaner unter die Fuͤsse getreten/ der Deutschen und Gallier Landschaften verheeret/ und nach dem sie mit den Macedoniern und Syrern sich verknuͤpfft/ durch Verachtung und boͤse Thaten den gerechten Haß ihrer treusten Bundgenossen ihnen auf den Hals gezogen haͤt- ten. Diese Botschafft gieng so gluͤcklich ab: daß alle Deutschen und Bojen/ auser wenig Galliern/ welche noch auf der Africaner Seite blieben/ den Degen einsteckten/ und auff keiner Seite zu stehen sich verbuͤndlich machten. Hier- auf erfolgte: daß Titus Manlius in Sardinien die Mohren schlug/ den Mago und Hanno ge- fangen nahm/ Claudius Marcellus Annibals Heer von Belaͤgerung der Stadt Nola mit grossem Verlust abtrieb/ Titus Sempronius mit seinen gewaffneten Knechten die Mohren und den Hanno bey Benevent in die Flucht brachte/ Claudius Marcellus mit Eroberung der fast unuͤber wuͤndlichen Stadt Syracusa das fast gantz abgefallene Sicilien zum Gehorsam brachte/ nach dem sich der neue Koͤnig daselbst Hieronymus vom Annibal durch seine zwey schlaue Gesandten Hippocrates und Epicydes unter dem Scheine: daß er de s Nereis der Pyr- rhischen Tochter Sohn waͤre/ und zum gantzen Sicilien Recht haͤtte/ bereden lassen auf der Car- thaginenser Seite zu fallen/ mit dem Bedinge: daß Sicilien nach ausgetriebenen Roͤmern halb ihm/ und halb der Stadt Carthago zugehoͤren/ und der Fluß Himera ihre Graͤntze machen solte. Ferner uͤberfiel Valerius bey der Stadt Apol- lonia des Nachts den Koͤnig Philip/ und trieb ihn in sein Macedonien zuruͤcke; Er demuͤthig- te die Acarnanes/ machte mit denen Etoliern ein Buͤndnuͤß. Publius und Cneus Scipio nah- men fast gantz Hispanien ein; weil Asdrubal wider den Numidischen Koͤnig Syphax/ der wider Carthago mit einem maͤchtigen Heere an- zog/ in Africa beruffen ward. Und ob wol Car- thago nach gemachtem Frieden mit dem Sy- phax/ beyde Asdrubal und den Mago mit 30000. Mann und 30. Elefanten in Hispanien schickten/ Publius Scipio auch von Asdrubals Reuterey erschlagen/ Cneus auf einem Thurme verbrennet ward/ ja Marcellus und Claudius fast alles biß an das Pyreneische Gebuͤrge ver- spielten/ die maͤchtige Stadt Tarent durch Ver- raͤtherey des Jaͤgers Philemenes/ und Tapffer- keit zweyer tausend noch zuruͤck gebliebener Deutschen und Gallier an Annibaln uͤber gieng/ so setzte doch der junge Cornelius Scipio alles in bessern Stand; eroberte die maͤchtige Stadt Neu-Carthago den ersten Tag seiner Belaͤge- rung durch Sturm/ darinnen sich Mago mit 10000. Mann ihm ergeben muste; schlug As- drubaln/ zwang viel Staͤdte zur Ubergabe/ die Stadt Astapa aber zu ihrer eigenhaͤndigen Ein- aͤscherung/ zog durch seine Freundligkeit und Keuschheit ein grosses Theil Hispaniens/ und insonderheit das groͤste Theil der streitbaren Cel- tiberier durch Gewinnung ihres Fuͤrsten Allu- cius an sich. Denn seine Braut Gertrudis Erdmunds des Nevetischen Hertzogs Tochter/ welche mit ihrer Schoͤnheit aller Anschauer Hertzen verwundete/ war uͤber die Cottischen Alpen in Ligurien kommen/ und von dar nach Neu- Arminius und Thußnelda. Reu-Carthago uͤbergeschifft; also gefangen und als ein Wunderwerck der Natur zum Scipio gebracht worden. Dieser aber/ wie sehr er durch den ersten Augenblick in sie verliebt ward/ ließ sie dem Fuͤrsten Allucius unversehrt ausfol- gen/ und schenckte die fuͤr sie zum Loͤsegelde ge- brachte Gaben dem Braͤutigam zum Heyrath- Gute. Tarent kam inzwischen auch in Roͤmi- sche Gewalt. Qvintus Fulvius und Appius Claudius uͤber meisterten den Hanno/ und ero- berten nach mehrmals vergebens versuchter Entsaͤtzung durch eine hartnaͤckichte Belaͤge- rung die Stadt Capua nunmehr Annibals an- ders Vaterland/ und darinnen die zwey Krie- ges-Obersten Anno und Bostar. Ob auch wol Annibal um seinen Feind von solcher Belaͤge- rung abzuziehen/ fuͤr die fast aller Mannschafft entbloͤste Stadt Rom an den Fluß Anien ruͤck- te; solche auch fuͤr seiner Macht bebte/ die Mauern mit Weibern/ welche vorher mit ihren abgeflochtenen Haaren das Pflaster der Gottes- haͤuser abgesaubert hatten/ besetzte; ja Annibal des Nachts mit dreyen ihn biß an die Pforten begleitenden Wahrschauern/ und 3000. im Ruͤ- cken habenden Reutern das inwendige Wehkla- gen selbst hoͤrete; so traute er sich doch nicht Rom mit Gewalt anzugreiffen; sonderlich/ da nicht allein Claudius Flaccus mit einem Theile des fuͤr Capua liegenden Heeres ihm stets auff der Fersen folgte/ sondern auch die ungemeinen Platzregen und Sturmwinde/ die nicht so wol vom Himmel/ als den Roͤmischen Mauern ih- ren Uhrsprung zu haben schienen/ Annibaln von Rom ab- und/ nach dem er des Flaccus Laͤger vergebens durch Arglist zu uͤberfallen sich be- muͤht hatte/ in Lucanien vertrieben. Ungeach- tet ihm auch das Gluͤcke hernach etliche holde Blicke gab/ in dem er den Buͤrgermeister Ful- vius mit 8000. Roͤmern erschlug/ den Claudius Marcellus einmal aus dem Felde jagte/ hernach ihn gar toͤdtete/ den Qvintius Crispinus aber in die Flucht brachte/ so kehrte diese wanckelmuͤthi- ge Buhlerin doch denen Mohren bald wieder den Ruͤcken. Denn ob wol Asdrubal des Han- nibals Bruder mit einem maͤchtigen Heere aus Hispanien durch das Aqvitanische Gallien der Arverner Gebiete/ der Allobroger Eyland bey der Stadt Mantala uͤber den Fluß Jsara setzte/ an dem Flusse Arcus hinauf/ und uͤber den Berg Cinisius/ auf die Stadt Segusio/ und bey der Tauriner Hauptstadt mit besserem Gluͤcke als Annibal in Jtalien kam/ und mit denen ihm zu- fallenden und zu allem Vorschube nunmehr willigen Liguriern sein 56000. Mann starckes Heer biß auf 70000. vergroͤsserte; auch/ unge- achtet des ihm entgegen stehenden Buͤrgermei- sters Marcus Livius die Stadt Placentz belaͤ- gerte; so zohe doch der im Brutischen Gebiete gegen Annibaln liegende Buͤrgermeister Clau- dius Nero mit einem Theile seines Heeres so heimlich: daß es der ihm auf dem Halse liegende Annibal nicht einst erfuhr/ aus dem Laͤger/ stieß bey dem Flusse Sena in Umbrien zu dem Li- vius gleichfals unvermerckt/ und noͤthigte As- drubaln zur Schlacht/ in welcher er zwar das Ampt eines klugen und unverzagten Feldher- ren ruͤhmlich ver waltete; aber weil die Gallier und Arverner fuͤr Muͤdigkeit kaum die Waffen tragen kunten/ von der grossen Roͤmischen Macht/ darunter nunmehr auch 8000. wolver- suchte Deutschen und Hispanier/ und etliche hundert Numidische waren/ uͤbermannet/ und weil er sterben oder siegen wolte/ also bey Zer- trennung seines Heeres gegen dem Nero wie ein Blitz in die Roͤmischen Hauffen sprengte/ nach dem er wol zehn edle Roͤmer eigenhaͤndig erlegt hatte/ von Volckensdorff/ einem Aleman- nischen Ritter/ der hernach den zu Pferde sitzen- den Asdrubal in seinen Schild machen ließ/ durchstochen ward. Mit ihm fielen uͤber 50000. Africaner und Gallier/ auff Roͤmischer Seite 8000. Uber diß wurden fuͤnfftehalb tausend von den Siegern gefangen/ Asdrubaln das Haupt abgeschlagen/ und/ als Nero wieder in O o o o o 3 sein Sechstes Buch sein altes Laͤger kam/ selbtes Annibaln fuͤr den Wall geworffen/ und durch zwey loßgelassene Mohren ihm die grosse Niederlage zu wissen ge- macht. Woruͤber Annibal seines Brudern Haupt mit Thraͤnen netzte/ und seufzende ruff- te: Jch sehe leider! den weder durch Witz noch Tapfferkeit ablehnlichen Untergang der un- gluͤcklichen Stadt Carthago fuͤr Augen. Jch sehe leider! wol das aufziehende Gewitter/ aber den Ungluͤcks-Streich weiß ich nicht zu verhuͤ- ten. So wenig dient kuͤnfftiger Dinge Wis- senschafft zur Gluͤckseligkeit; ob schon solche der Kern der Klugheit ist. Zwar dieser Ohnmacht ist der staͤrckste Grundstein: daß Goͤtter sind; welche ein Volck beschirmen/ das andere verfol- gen. Aber diß ist mir noch verborgen: Ob sie selbst an eine Nothwendigkeit des Verhaͤngnuͤs- ses angebunden/ oder unerbittlich sind. Denn sonst wuͤrden ja auch der Africaner Opffer und Andacht etwas fruchten; welche gleichsam in ei- nem Tage fruͤh den Gluͤcksstern uͤber ihrem Wirbel; des Abends unter ihrer Fußsole/ ihre Tugend auch von der Roͤmischen Ehrsucht zu Bodem getreten sehen. Jch habe zeither nicht geglaubt: daß Klugheit als ein unnuͤtzes Ding zu verwerffen/ Tapfferkeit als ein ungluͤckliches nur zu beweinen/ beyde also schlechte Zwergdin- ge sind; wenn sie nicht dem Gluͤcke auf der Ach- sel stehen. Wie viel gluͤcklicher aber sind die/ welche nie so hoch gestiegen/ als die von dieser wanckelmuͤthigen wie ich zu Bodem gestuͤrtzt/ und mit Fuͤssen getreten werden. Hannibal verfiel hierauf in eine so grosse Schwermuth: daß er schier aller Kriegs-Sorgen vergaß; und ihn Reichhold ein Cattischer Fuͤrst/ welcher nur noch beym Hannibal stand hielt/ aus seiner tief- fen Bekuͤmmernuͤß aufrichten/ und ihm einhal- ten muste: Es waͤre keine Schande/ wenn ei- nem das Gluͤcke/ aber wol/ wenn man der Tu- gend den Ruͤcken kehrte/ diese waͤre ihr eigener Lohn/ nicht der ungewisse Ausschlag. Wenn Gott alle unsere verschmitzten Rathschlaͤge ge- rathen liesse/ wuͤrden wir uns selbst zu Goͤttern machen; wenn uns aber alle fehl schluͤgen; wuͤr- de man glauben: daß entweder alles ungefaͤhr geschehe/ oder das Verhaͤngnuͤß mit Vernunfft und Tugend eine Todfeindschafft hegte. So aber geriethe eines/ das andere schluͤge fehl; wor- mit man lernte: daß ein Wesen auser uns sey; in welchem alles ist. Diesem solte er den Lauf des Krieges heimstellen. Denn dieser handelte nie- mals und nirgends unrecht; sintemal er aller Sterblichen Leben seiner Guͤte und Boßheit nach auf die Wagschale legte; auch niemals un- vorsichtig. Denn Gotte waͤre nichts verschlos- sen. Er wohnte in den Seelen der Menschen/ und pruͤfete ihre Gedancken. Nebst dem solte er das zeither ruͤhmlich bewegte Steuer-Ruder nicht aus der Hand lassen. Denn Gott ver- kauffte um Muͤh unb Fleiß seinen Segen; Er stuͤnde nicht Weibern/ sondern den Tapfferen bey; und fiele der Sieg wie die weisse Henne mit dem Oelzweige der wachenden und unerschro- ckenen Livie nicht den Muͤßigen in die Schoß. Also muͤste man ihm in Unfaͤllen selbst eine Huͤlf- fe geben/ nicht aber durch eigene Verzweiffelung seine Schwaͤche zeigen; oder sich dem Ungluͤcke zum Fußhader machen: daß es mit uns das Garaus spiele. Jn grossen Noͤthen waͤre kein besser Gefaͤrthe/ und kein bewehrter Beystand/ als ein gut Hertze/ dieses verminderte das Ubel/ es kaͤme der Schwachheit zu Huͤlffe/ also daß man aus allem Gedraͤnge darvon kaͤme/ und so gar die unguͤtigen Sterne bemeisterte. Aber Annibal mißtraute nunmehr nicht weniger ihm selbst/ als den Goͤttern; wich also in die euserste Spitze Jtaliens/ nemlich in die Landschafft der Brutier zuruͤcke. Mago machte zwar mit den Liguriern ein neu Buͤndnuͤß wider die Roͤmer/ und eroberte Genua; Hingegen bemaͤchtigten diese sich fast gantz Hispaniens/ erlegten den von Rom wieder abgetretenen Judibilis und Man- donius. Alles diß waren noch ertraͤgliche Wunden fuͤr Carthago/ weil sie nur die eusersten Glie- Arminius und Thußnelda. Glieder traffen. Nunmehr aber griff das Ver- haͤngnuͤß dieser grossen Herscherin ins Hertze; und die im westlichen Hispanien aufgegangene Gluͤcks-Sonne der Roͤmer kam in dem Mit- tagichten Africa ihnen auch am hoͤchsten; und zwar anfangs durch des Numidischen Koͤnigs Syphax/ hernach durch des Massasylischen Koͤnigs Masanissa Zufall und Beystand. Denn die zwey Geschwister Kinder Syphax und Ga- la bekamen mit einander einen Graͤntz-Stritt; diesen gaben sie dem Rathe zu Carthago zur Entscheidung heim/ welcher aus grosser Unbe- dachtsamkeit der ihm aus diesem Richter-Ampte erwachsenden Gefahr entweder wegen Gerech- tigkeit der Sache/ oder zur Danckbarkeit fuͤr die von seinem Vater und Bruder Narvas geleiste- ten treuen Dienste fuͤr den Koͤnig Gala sprach. Dieser Ausschlag verbitterte den Syphax so sehr: daß er wider diese mit den Roͤmern in Krieg eingeflochtene Stadt die Waffen ergrief/ und mit denen an ihn aus Hispanien uͤberschif- fenden Roͤmischen Gesandten ein Buͤndnuͤß schloß/ von ihnen den Kriegs-Obersten Qvintus Staborius/ der die Numidier in denen vorhin ungewohnten Kriegs-Ubungen unterrichtete/ zu sich bekam; Hinge gen durch seine Botschafft in Hispanien alle den Carthaginensern dienen- de Numidier nach Hause beruffte/ und wider Carthago einen herrlichen Sieg erhielt. Die schuldige Danckbarkeit/ und der Carthaginenser bewegliche Einredung: daß Syphax ein ge- schworner Feind des Deutschen/ und also frem- den Narvasischen Hauses waͤre/ auch allem Ver- muthen nach den jungen Narvas des Gala Bruder mit Gifft hingerichtet/ und ein Auge auf das Massasylische Koͤnigreich/ als ein altes Antheil Numidiens haͤtte/ brachten den Koͤnig Gala unschwer dahin: daß er seinen siebzehn jaͤhrigen Sohn Masanissa mit einem maͤchti- gen Heere wider den Syphax schickte/ welcher mit Huͤlffe der zu ihm stossenden Carthaginenser den Syphax mit Verlust 30000. Numidier aus dem Felde schlug. Syphax flohe biß an die Gaditanische Meer-Enge zu denen ihm unterthaͤnigen Maurusiern/ verstaͤrckte sich da- selbst mit Mohren und denen nunmehr auf Roͤ- mische Seite getretenen Celtiberiern. Ma- sanissa aber hielt mit seinen eigenen Kraͤfften dem Syphax derogestalt die Wage: daß er schon an dem Roͤmischen Bunde zu wancken anfing- Der Roͤmische Rath aber schickte den Lucius Genutius/ Publius Petellius und Popilius mit einem Purpernen Rock und Mantel/ ei- nem helffenbeinernen Stuhle/ einer guͤldenen Schale von fuͤnf Pfunden zu ihm/ und erhielt durch Vertroͤstung gewisser Huͤlffe den Sy- phax noch auf seiner Seite. Hingegen blieb Masanissa nicht allein in Waffen wider den Syphax/ sondern er zohe auch mit 10000. Reu- tern in Hispanien Asdrubaln zu Huͤlffe. Er hatte bey sich im Laͤger seiner Schwester Sohn Maßiva einen Knaben von 14. Jahren. Die- ser hatte aus einer ruͤhmlichen Ehrsucht ohne Massanissens Vorbewust nicht alleine in Hi- spanien uͤbergesetzt/ sondern auch in dem Tref- fen zwischen Asdrubaln/ und dem jungen Sci- pio die Waffen ergrieffen/ der aber nach tapffe- rem Gefechte in der Flucht der Mohren mit dem Pferde gestuͤrtzt/ und also gefangen ward. Scipio/ als er seinen Uhrsprung und Zufall vernommen/ beschenckte ihn mit einem golde- nen Ringe/ verguͤldeten Waffen/ koͤstlichen Kleidern/ einem schoͤnen Pferde/ und schickte ihn mit sicherer Begleitung dem Masanissa in sein Zelt. Diese Großmuͤthigkeit gebahr bey Ma- sanissen eine unvermerckte Zuneigung gegen den Roͤmern. Also weiß ein Kluger ihm seine Feinde mehr/ als ein Unvernuͤnfftiger seine Bundsgenossen nuͤtze zu machen. Hingegen beobachteten die Roͤmer nicht: daß Freunde ha- ben/ unser halbes Wesen sey; und daß die/ wel- che der Mund mit guten Worten gewonnen/ das Hertze mit redlichem Beginnen zu erhalten habe. Denn sie suchten nur ihren Eigennutz; und Sechstes Buch und liessen den Syphax in Africa alleine baden. Welches zwar ein gemeiner Streich der Bund- genossen/ aber auch die Ursache ihrer Trennun- gen ist. Also machte auch der dieses wahrneh- mende Syphax mit Carthago Friede und Buͤndnuͤs. Welcher Botschafft es dahin ver- mittelte: daß Koͤnig Gala alles dis/ was er und sein Sohn Masanissa eingenom̃en hatten/ dem Syphax/ wiewol nicht ohne Unwillen erstatten muste. Wordurch Carthago eben so wol ver- stieß; Sintemal sie zwaꝛ einen laulichten Freund am Syphax erwarb/ behielt aber einen der ihm ihre Wolfarth mit Ernst angelegen seyn ließ/ wo nicht alsbald in Waffen/ doch im Gemuͤthe am Gala verlohr. Dieses spuͤrte der schlaue Scipio aus; schickte daher den Loelius nach Cir- tha zum Syphax/ welcher ihn durch reiche Ge- schencke auf guten Weg/ iedoch/ weil er sich mit iemand anderm als dem Roͤmischen Feldhaupt- mann einen Bund zu schluͤssen/ viel zu hoch deuchtete/ zu keinem voͤlligen Schlusse brachte. Scipio und Loͤlius setzten sich auf zwey Kriegs- Schiffe/ und fuhren mit so grosser Verwegen- heit als Gefahr nach Cirtha/ weil sie kaum etliche Augenblicke fuͤr Asdrubaln/ der auf der andern Seite mit fuͤnff Kriegs-Schiffen eben dahin se- gelte/ in Hafen einlief. Syphax bewillkom̃te beyde Kriegs- Haͤupter mit gleicher Ehre; brachte es auch so weit: daß Scipio und Asdru- bal nicht allein an einer Taffel mit ihm speiseten/ sondern auch in einem Bette lagen; Hingegen Scipio mit seiner gleichsam aller Menschen Gemuͤther bezaubernden Freindligkeit so weit: daß der die neue Wolthat/ aber nicht die alte Be- leidigung vergessende Syphax Asdrubaln mit leeren Worten speisete/ mit dem Scipio aber ein Buͤndnuͤß machte/ und selbtem/ wenn er in Afri- ca aussetzen wuͤrde/ maͤchtigen Beystand ver- sprach. Gleichwol aber ward so wol auff ein- als der andern Seite das Spiel durch neue Zu- faͤlle verruͤckt. Denn als Masanissa noch in Hispanien fuͤr Carthago Krieg fuͤhrte/ starb sein Vater Koͤnig Gala; diesem folgte im Reiche sein Bruder Desalces/ des Deutschen Fuͤrsten Narvas juͤngster Sohn. Er starb aber kurtz hierauf; und kam sein aͤltester Sohn Capusa zur Krone. Es war aber in selbigem Reiche ein ziemlich maͤchtiger Fuͤrst Mezetul/ des Koͤnigs Ergamenes Tochter Sohn/ welcher dem ge- genwaͤrtigen Koͤniglichen Geschlechte Spin- nen-feind war. Dieser mahlte dem Adel die Schande: daß ein Auslaͤnder mit seinen Kin- dern uͤber die Edlen Numidier herrschen solte/ dem Poͤfel aber die bisher ertragene Kriegs-Be- schwerden fuͤr; brachte es auch so weit: daß das Reich sich spaltete. Das aber fuͤr den Fuͤrsten Capusa stehende schwaͤchere Theil ward mit samt ihm und den andern Soͤhnen des Koͤnigs Desalces erwuͤrget. Wiewol er nun mehrmals sich verlauten ließ: daß er/ als Koͤnigs Ergame- nes Enckel/ der nechste Stul-Erbe waͤre; so gaben diesem Ausspruche doch die Reichs- Staͤnde schlechtes Gehoͤre/ sondern sie zielten auf den seiner Tapfferkeit halber so beruͤhmten Masanissa. Mezetul erschrack hieruͤber nicht wenig; daher suchte er in Wahrnehmung: daß er es schweꝛlich schaffen wuͤꝛde/ sich selbst zum Koͤ- nige zu machen/ durch eine andere Arglist das Hefft in die Haͤnde zu kriegen; schlug sich also auf die Seite des funffzehn-jaͤhrigen Fuͤrsten La- cumaces/ und weil dieser des Fuͤrsten Narvas/ als aͤltesten Bruders Sohn war/ behauptete er: daß er Masanissen/ als des juͤngern Bruders Gala Sohne/ von Rechtswegen fuͤrzuziehen waͤre. Uber diß vermaͤhlte er ihm zu Unter- stuͤtzung seines Reiches des Koͤniges Desalces Wittib/ Amilcars Tochter und Annibals Schwester Dido/ verband sich mit seinem Schwager Syphax aufs festeste. Masanissa/ als er seines Vettern Desalces und Capusa Tod vernahm/ setzte aus Hispanien in Mauritanien uͤber; und bat bey desselbten Koͤnige Bochar 4000. Mann zu Einnehmung des vaͤterlichen Koͤnigreichs aus. An der Graͤntze bewillkom̃- ten Arminius und Thußnelda. ten ihn alsofort fuͤnffhundert edle Numidier/ durch derer Huͤlffe er bey der Stadt Tapsus den Fuͤrsten Lacumacen in die Flucht trieb/ sich der Stadt bemaͤchtigte/ und im Koͤnigrei- che einen ziemlichen Beyfall uͤberkam. Ob nun wol Lacumaces vom Syphax ohne die Reu- terey funffzehn tausend Fußknechte/ Mezetul zehntausend Reuter wider Massanissen ins Feld fuͤhrte; uͤberwog doch dessen Krieges-Wis- senschafft in der Schlacht die Menge; also: daß Lacumaces und Mezetul mit wenigen Gefer- then nach Carthago entkamen. Wiewohl nun Masanissa seines Koͤnigreichs Meister ward/ so sahe er doch aus des maͤchtigen Koͤnigs Syphax Zorn-Wolcken ein grausames Gewitter uͤber ihn auffziehen. Daher schrieb er seinem Vet- ter Lacumaces auffs freundlichste zu/ trug ihm an die Nachfolge im Reiche/ und daß er ihn wie Koͤnig Gala seinen Bruder Desalces unterhalten; dem Mezetul aber alle Erb-Guͤ- ter einraͤumen wolte. Beyde waren damals aus Koͤnigs Syphax Hofe/ und haͤtten sie die- se Anerbietung nicht allein angenommen/ son- dern auch Syphax geschehen lassen: daß Ma- sanissa der Masesyler Koͤnig bliebe; wenn nicht Asdrubal ihm eingehalten: wie viel ihm und der Stadt Carthago daran gelegen waͤre die- sen streitbaren und Roͤmisch gesinneten Fuͤr- sten bey seiner noch nicht befestigten Macht als ein schaͤdliches Feuer bey erster Entglimmung zu daͤmpffen. Der ohne diß herrschsuͤchtige Syphax war wieder einen schwaͤchern Koͤnig leicht auffzubringen; ruͤckte daher mit seinem Heere in dasselbige Stuͤcke Landes/ welches der Rath zu Carthago voꝛmahls zwar dem Ga- la zuerkennet hatte/ nunmehr aber unter dem Scheine neu auffgefundener Urkunden dem Syphax zueignete/ und als Masanissa sich wi- der das Urthel der von ihm nie beliebter Rich- ter und die Gewaltchat des Syphax beschwer- te/ in das Hertze des Masesylischen Reichs; schlug auch den ihm begegnenden Masanissa aus dem Felde; also: daß er mit Noth auff das Bal- bische Gebuͤrge entran/ Syphax aber nicht La- cumacen/ sondern ihm selbst das Reich zueigne- te. Masanissa streiffte von selbtem Gebuͤrge nicht nur in Numidien/ sondern auch in der Stadt Carthago Gebiete/ und verkauffte die Beute am Meer-Strande denen anlaͤnden- den Handels-Leuten. Syphax hingegen schick- te seinen Feldhauptmann Bochar mit vier- tausend Mann diesen Raͤuber auszuspuͤren; welcher Masanissen derogestalt in die Enge brachte: daß er mit wenigen auff den Gipffel des Berges weichen/ endlich aber aus Mangel der Lebensmittel mit seinen uͤbrigen sieben- hundert Mann in ein Thal abkommen mu- ste. Bochar aber lag ihm alsbald in Eisen; er schlug biß auff vier Reuter und den gefaͤhr- lich verwundeten Masanissa alle; welche in ei- nen strengen Fluß abstuͤrtzten; von denen ih- rer zwey alsbald vom Fluße verschlungen/ Masanissa aber vom Strome aus der Numi- dier Augen gerissen/ gleichwohl endlich mit seinen zwey Geferthen ans Ufer getrieben ward; da er denn/ den nunmehr Bochar und Syphax unfehlbar fuͤr todt hielt/ seine Wun- den ihm in einer Hoͤle mit Kraͤutern aushei- lete. Hierauff wagte er sich wieder in sein Reich; bekam auff der Graͤntze mehr nicht als vierzig Reuter/ kurtz hierauff aber sechs tau- send Mann; welche ihn als einen vom Himmel gefallenen mit unglaublichem Frolocken bewill- kommten/ zu sich/ nahm das groͤste Theil seines Koͤnigreichs ein/ und verheerte noch darzu seiner Feinde Laͤnder. Syphax kam alsbald mit zwey maͤchtigen Heeren gegen ihm ab; derer eines er selbst vorwerts/ das andere aber sein aͤl- tester Sohn Vermina anfuͤhrte; und durch die- se Ubermannung Masanissens gantze Macht in Stuͤcken hieb; also: daß er kaum mit siebenzig Pferden zu der kleinern Syrte/ und von dar zu den Garamanten entran. So bald aber Laͤlius in Africa kam/ fand Masanissa mit zwey hun- Erster Theil. P p p p p dert Sechstes Buch dert Numidischen Edelleuten sich zu ihm/ schlug auch den andern Tag mit sonderbarem Gluͤcke etliche hundert Carthaginenser in die Flucht. Scipio kam kurtz hernach auch an/ bewillkomte Masanissen/ belaͤgerte Utica; und als Amilcars Sohn Hanno bey der Stadt Salera sich gegen die Roͤmer setzte/ schlug Masanissa ihn mit drey tausend Reutern todt/ unter denen zwey hundert Carthaginensische Edelleute waren. Der juͤn- gere Asdrubal zohe hier auff zwar mit drey und dreyßig/ Syphax mit funffzig tausend Mann auff/ noͤthigten auch den Scipio die Belaͤgerung auffzuheben. Aber nach dem Masanissa mehr als zwanzig tausend ihm zufallende Masesyler und Numidier an sich zoch/ schlug Scipio/ oder vielmehr Masanissa Asdrubaln und den Koͤnig Syphax/ wiewohl wegen der streitbaren Cel- tiberier unglaublicher Gegenwehr nicht ohne selbst eigenen grossen Verlust/ etliche mahl aus dem Felde/ eroberte zwey/ iedoch unter dem Schein angezielter Friedens-Handlung argli- stig angezuͤndete Laͤger. Ja Masanissa nahm den Syphax gar gefangen/ noͤthigte Sophonis- ben zur Ubergabe der Hauptstadt Cyrtha. End- lich belaͤgerte Scipio die Stadt Carthago/ und zwang den Rath nicht nur den Mago aus Li- gurien/ welcher kurtz vorher in einer blutigen Schlacht wider den Qvintilius Varus/ und Marcus Cornelius toͤdtlich verwundet worden war/ und auff der Ruͤckreise starb/ sondern auch den neunzehn Jahr in Jtalien siegenden Anni- bal nach Hause zu ruffen; welcher so lange Zeit mit seinem Heere niemahls das Feld geraͤumt/ nicht ohne Wunderwerck so vielerley Voͤlcker/ aus welchem sein Kriegsvolck bestand/ in un- verruckter Eintracht erhalten hatte/ und da- her nicht unbillich bey Empfahung dieses Be- fehls fuͤr Ungedult mit den Zaͤhnen knirschte; gleichwohl aber dem Brande seines Vaterlan- des zulauffen muste. Jn Africa muͤhte er sich durch persoͤnliche Unterredung mit dem Sci- pio/ selbtem einen nuͤtzlichen Frieden durch Vor- stellung des in Schlachten am meisten wanckel- baren Gluͤckes zu erwerben. Aber der Ehr- suͤchtige Scipio wolte vorher den Ruhm haben den Besieger seines Vaters und den beruͤhmsten Kriegs-Held der Welt zu uͤberwinden. Mas- sen denn beyde ihre Heere/ zu welchem Annibal den Numidischen Fuͤrsten Tycheus mit zwey tausend außerlesenen Pferden bekam/ so kluͤg- lich in Schlachtordnung stellten/ und so ritter- lich gegen einander fochten: daß Annibal we- der dem Scipio/ noch Scipio Annibaln den ge- ringsten Fehler auszustellen wuste. Alleine bey gleicher Tugend gab gleichwohl die groͤssere Macht der Roͤmer/ der grosse Beystand Masa- nisses/ und das auff ihre Seite henckende Gluͤ- cke fuͤr den Scipio den Ausschlag; indem zwan- zig tausend Mohren erschlagen/ fast auch so viel gefangen wurden/ Annibal auch mit genauer Noth nach Adrumet und so fort nach Carthago entrann. Scipio meinte nunmehr seiner Ehren ein Genuͤgen gethan; und mit diesem Siege ei- nen Grundstein zu Eroberung der Welt gelegt zu haben; scheuete auch die Belaͤgerung einer so maͤchtigen Stadt/ am meisten aber die An- kunfft eines Nachfolgers/ welcher ihm so denn den Preiß des geendigten Krieges entzuͤge. Die- semnach gab er dem vom Verhaͤngnisse augen- scheinlich gedruͤckten Carthago nach uͤberwun- denem/ und nunmehr so sehr nach der Ruhe selbst seuffzendem Annibal einen Frieden/ den er denen noch so starck gewaffneten kurtz vorher versagt hatte. Also trennte die gifftige Anspin- nerin dieses Krieges/ nehmlich die Mißgunst/ auch sein so schaͤdliches Gewebe entzwey; und ward dißmahl zu einer wohlthaͤtigen Friedens- stiffterin. Der sonst so kriegerische Hannibal bewehrte die Nothwendigkeit der Ruh durch ei- ne kuͤhne aber redliche Vermessenheit/ in dem er den Kriegrathenden Gisco von seinem Raths-Stule zwar wider die Gesetze einer frey- en Stadt/ iedoch aus einem wohl gemeinten Ei- ver herab zoh. Mit diesem Frieden blieden ei- ne Arminius und Thußnelda. ne ziemliche Zeit die Waffen zwischen den Deut- schen/ Galliern und Roͤmern aufgehenckt; Massen denn die Deutschen damals auch unter dem Fuͤrsten Marcomir die Weltweißheit/ Tichter und andere Kuͤnste in Schwung brach- ten. Fuͤrst Zeno/ als er ohne diß warnahm: daß Adgandester ermuͤdet/ und in dem nechsten Zim- mer des Lusthauses zur Mittags-Mahlzeit zu- bereitet ward; siel ihm ein: Jch vernehme hier- aus genugsam: daß weder die Mohren die Wunderthaten Annibals in Jtalien; noch auch Scipio die Demuͤthigung der Stadt Carthago den Roͤmern/ sondern beyde groͤstentheils ihre Siege der streitbaren Deutschen Tugend zuzu- schreiben haben. Adgandester antwortete: Ob ich zwar fuͤr meine Landsleute ein verdaͤchtiger Zeuge zu seyn scheine/ die Roͤmischen Geschicht- schreiber auch so wol unser/ als ander Auslaͤnder Heldenthaten mit Fleiß verdruͤcken; so ist es doch die lautere Warheit: daß sonder der Deutschen Huͤlffe weder Annibal mit seiner Hand voll Vol- cke Jtaliens/ noch Scipio ohne den Beystand der von uns entsprossener Celtiberier Hispani- ens/ weniger aber ohne den aus deutschem Ge- bluͤte kommenden Masanissa Africens Meister worden waͤre. Worinnen die Grichischen Ge- schichtschreiber den Roͤmern die Warheit zimlich unter die Augen sagen; wiewol sie alle ausser J- talien wohnenden Nordvoͤlcker irrig unter dem Nahmen der Gallier aufffuͤhren/ und wie die Graͤntzen/ also auch die Thaten der Deutschen mit unter der Celten Nahmen verdecken. Her- tzog Rhemetalces antwortete: Es ist ein allge- meiner Brauch der Voͤlcker: daß dasselbte/ wel- ches die Oberhand hat/ ihme den Verdienst aller seiner Gehuͤlffen zueigne. Es ist nichts seltza- mes fremdes Wasser auff seine Muͤhle leiten/ und anderer Schweiß zur Farbe seiner Siegs- Fahnen brauchen. Dahero/ wie vieler tugend- haffter Wuͤrde vom Neide vergaͤllet/ oder von dem Staube der Vergessenheit vergraben wird; also ist der Nachruhm offt mehr ein Geschencke des Gluͤckes/ als der Tugend/ und er kehret ei- nem Lasterhafften so bald das Antlitz/ als einem tapffern die Fersen. Gleichwol aber wird ein grosses Werck dem nicht unbillich zugeschrieben/ der selbtes angegeben/ und andern die Hand ge- fuͤhret. Das Haupt behaͤlt in allen Anstalten den Vorzug; ob schon der Werckzeug der Ar- men und anderer Glieder das meiste bey der Sache zu thun scheinet. Ein groͤsserer Strom beraubet hundert andere einfallende Fluͤsse ih- rer Nahmen/ ob sein eigen Wasser gleich kaum das hunderste Theil austraͤgt. Ein Feldherr hat mehrmals nicht den Degen gezuckt; gleich- wohl wird ihm nicht unbilliger nachgeruͤhmet: daß er den Feind aus dem Felde geschlagen; als einem Steuermanne: daß er das Schiff in den gewuͤnschten Hafen bringe. Dannenhero der tapfferen Deutschen Beystand dem Ruhme des klugen Annibals und der Roͤmischen Feldherrn nicht allen Ruhm entziehen kan. Adgandester versetzte: Es sey diß seine Meinung niemahls gewest; aber doch haͤtten ihre Geschichtschreiber der Deutschen nicht so gar vergessen/ sondern sich des nachdencklichen Getichtes ihꝛes Menannius eriñern sollen; wie uͤbel es denen edlern Gliedern deß menschlichen Leibes bekom̃en sey/ als sie den in ihren Augen so veraͤchtlichen Bauch allzu veꝛ- kleinerlich gehalten. Das Haupt haͤtte billich den Vorzug; aber die Armen verdientẽ auch ihr Lob. Die Sonne verduͤsterte zwarmit ihrem Glantze die andern Gestirne; sie leschte ihnen aber nicht gar das Licht aus; ja sie theilte stets mit ihnen den Himmel/ und vergnuͤgte sich mit der Helffte sei- nes Umkreißes; wormit nicht nur der Monde/ sondern auch die kleinesten Sternen sich der hal- ben Erde koͤnnen sehen lassen. Zeno setzte nach: es ist wahr: daß die Tugend der Roͤmer niemals hoͤher kommen sey/ als in diesem Roͤmischen Krie- ge/ ungeachtet hernach ihr Gluͤcke allererst zum Riesen worden. Vorher war ihre Tugend allzu- rau/ hernach ihre Groͤsse zu uͤbermaͤßig; damals P p p p p 2 aber Sechstes Buch aber ihre Verdienste unschaͤtzbar. Ohne den Brutus wuͤrde Rom vielleicht niemahls frey; und ohne den Camillus ein Steinhauffen oder eine Magd der Gallier worden seyn; dißmahl abeꝛ nahm nicht nur ein oder ander Buͤrger/ son- dern gantz Rom wider die Mohren seiner Pflicht wahr. Nach der grossen Niederlage bey Canna entfiel dem Rathe nicht seine Klugheit/ keinem Roͤmer das Hertze/ ja der Poͤfel vergaß seiner Schwachheiten; und kein Mensch hatte einige nicht dem gemeinen Heile nuͤtzliche Gedancken. Das Frauenzimmer wiedmete selbtem ihren Schmuck/ der Geitz verschwendete zu der ge- meinen Wolfahrt seine Schaͤtze; die am wenig- sten Vermoͤgen hinter sich behielten/ schaͤtzten sich am reichsten zu seyn. Die Juͤnglinge ertheil- ten so kluge Rathschlaͤge/ als graue Haͤupter. Die freygelassenen Knechte verfochten mit ei- nem edlen Helden-Geiste die saͤmtliche Freyhett. Fuͤrnehmlich aber uͤbersteiget der Roͤmer getro- ste Hertzhafftigkeit allen Ruhm: daß als Rom selbst in vieler tausend Augen verlohren zu seyn schien/ sie doch in Sicilien und Spanien Huͤlfs- Voͤlcker/ der Stadt Neapolis aber ihr angebo- tenes Volck und Geld zuruͤcke schickte/ und nur das Getreyde von ihrem Geschencke behielt. Sintemal dieses edle Volck auch in der groͤsten Noth nicht seine Schwaͤche blicken lassen wolte; weil niemand gerne sich an einen zerbrochenen Stab lehnet; und das Gluͤcke selbst zuweilen luͤ- stern ist einen an den rohen Ort zu stechen/ wo es am wehesten thut. Uberdiß trug Rom die Stirne schon so hoch: daß es fuͤr ehrlicher hielt/ gar zu Grunde zu gehen/ als eines Nagels weit von seiner Hoheit zu verfallen/ und fuͤr einerley Ungluͤck nicht mehr anderer Voͤlcker Herr/ o- der gar nicht mehr seyn. Es ist nicht ohne/ fing Adgandester an: daß die Roͤmer damals nichts versehen/ was Tugend und Klugheit zu Erhal- tung eines Reichs beyzutragen vermag. Mei- nes Erachtens aber wuͤrde alles verlohrne Ar- beit gewest seyn; wenn Carthago nicht selbst aus Unvernunfft sein Gluͤcke mit Fuͤssen von sich ge stossen haͤtte. Unter denen die fuͤrnehmste war: daß Hanno dem siegenden Annibal graͤmer als den feindlichen Roͤmern war; und daß er lieber Carthago eingeaͤschert/ als seinen Feldherrn sieg- hafft zuruͤcke kommen gesehen haͤtte; nur daß sei- ne den Krieg widerrathende Meinung nicht ge- tadelt werden koͤnte. Da hingegen die Roͤmer den aus der Cannischen Niederlage entflohenen Buͤrgermeister viel kluͤger Danck sagten/ daß er nicht gar an der Erhaltung Roms verzweiffelt haͤtte. Annibals gantz Jtalien erschuͤtternde Sie- ge wurden zu Carthago entweder nicht geglaubt/ wenn er zumal sein Heer mit Volck und Gelde zu verstaͤrcken bath; oder man schalt ihn gar fuͤr einen eigennuͤtzigen Raͤuber der feindlichen Beu- te; und unterbrach alle seine klugen Anstalten/ gleich als wenn er nicht der Mohren Feldherr/ sondern der Roͤmer Bundsgenosse waͤre. Nichts destoweniger uͤberwand Annibal so wohl die ein- heimischen als fremden Feinde/ und verdiente den unzweiffelbaren Nachruhm: daß er der groͤ- ste Kriegsmann gewest sey/ den iemahls die Er- de getragen hat. Es ist nicht ohne/ sagte Zeno: daß Hannibal einer der groͤsten Helden der Welt gewesen sey. Alleine wie die Natur daselbst/ wo das Meer am grausamsten stuͤrmet/ denen Laͤndern zum besten ihm die hoͤchsten Steinfelsen gleichsam als Rie- gel vor geschoben hat; also setzet die goͤttliche Ver- sehung insgemein auch einem grossen Helden einen andern entgegen/ welcher selbtem die Stange biete/ und die Herrschafften der Welt in gleicher Wage halte. Hector und Achilles; Sylla und Marius; Pompejus und Julius; Anton und August hatte der Himmel gleichsam außerlesen: daß sie ihre Kraͤfften an einander eichten solten. Und dem Annibal war der un- ver gleichliche Scipio gleichsam wie ein Angel- stern dem andern entgegen gesetzt. Sie waren in viclen Dingen einander zu vergleichen. Anni- Arminius und Thußnelda. Annibal war aus dem edlen Stamme Barcha/ Scipio aus dem der Cornelier. Jener kam als ein neunjaͤhriges Kind ins Lager/ und schwur der Roͤmer Feind zu sterben; ward im fuͤnf und zwantzigsten Jahre seines Alters oberster Feld- herr; dieser erhielt im siebzehnden Jahre in der Schlacht bey Ticin seinem verwundeten Vater das Leben; zwang hernach die Roͤmer/ welche aus Jtalien zu fliehen fuͤr hatten/ mit blossem Degen zu schweren: daß sie nimmermehr ihr Vaterland verlassen wolten; und nahm/ als er 24. Jahr alt war/ als Feldherr Spanien zu be- schuͤtzen auf sich. Beyde lagen auch in dem Laͤ- ger gelehrten Dingen ob; Hannibal hatte den Philenius und Sosilus/ Scipio den Ennius bey sich. Beyde waren beflissen ihrem Feinde nicht nur durch unverzagte Tapferkeit/ sondern auch durch schlaue Kriegs-Raͤncke Abbruch zu thun/ und nichts minder mit Klugheit als Waffen zu kaͤmpfen. Hannibal wuste des hitzigen Sem- pronius Gemuͤthe so listig aufzureitzen: daß er wider die Vernunft die Schlacht bey Trebia wagte und verspielte. Des hoffaͤrtigen Flami- nius Gemuͤthe reitzte er durch Einaͤscherung des Landes so ferne: daß er aus Ungedult wider sei- nen Willen schlug/ und Heer und Leben einbuͤß- te. Den fuͤrsichtigen Fabius machte er durch Verschonung seiner Land-Guͤter den Roͤmern verdaͤchtig; dem verwegenen Minutius verhing er einen kleinen Sieg/ wormit seine Eitelkeit ihn in den Verlust einer Haupt-Schlacht stuͤrtzte. Denen geitzigen Cretensern/ zu denen er sich und sein Vermoͤgen gefluͤchtet hatte/ spielte er es mei- sterlich aus ihren raͤuberischen Haͤnden; in dem er viel mit Bley gefuͤllte Faͤsser im Spunde mit Golde bedeckt/ und als seinen Schatz in der Di- ane Tempel verwahret/ das Gold aber in die ho- l en Ertzt-Bilder verstecket und weggefuͤhret. Den viel staͤrckern Koͤnig Eumenes jagte er mit in Toͤpfe verschlossenen Schlangen aus der See. Nichts weniger schlau war Scipio; als er die Roͤmer glauben ließ: daß er im Capitolinischen Tempel von den Goͤttern geheime Offenbarun- gen empfangen/ und den Apollo zum Vater haͤtte; als er bey Belaͤgerung der neuen Stadt Carthago in Spanien bey sich ereignen- den Eppe sein Kriegs-Volck beredete: daß Ne- ptun selbst wider die Feinde stritte. Als er Kriegsverstaͤndige in Knechte der Roͤmischen Gesandten verkleidete/ und des Syphax Laͤger ausforschte/ auch hernach anzuͤndete. Beyde Helden sind auch von dem Neide und Undancke der Jhrigen mehr/ als von der Gramschafft ih- rer Feinde verfolgt worden. Sintemal Han- no Hannibaln durch seine Vergaͤllung nicht nuꝛ Huͤlff-loß machte; sondern seine eigene Numi- dier trachteten ihn nach verlohrner Schlacht bey Zama zu toͤdten. Der Rath zu Carthago schaͤm- te sich nicht zu entschluͤssen/ den in die Haͤnde der Roͤmischen Bothschafft zu liefern/ dessen Ver- moͤgen einzuziehen/ und sein Haus abzubrechen/ welcher sein Blut so viel mal fuͤr ihre Freyheit aufgesetzt hatte. Antiochus und Prusias meyn- ten nicht viel anders seine Wohlthaten zu belohnen; also: daß er durch seine eigene Vergiftung seiner eigenen Gefangenschafft vorzuziehen gezwungen ward. Eben so war dem Scipio Fabius uͤber Achsel; man maß ihm des Pleminius wider die Locrenser veruͤbte Grausamkeit zu; der Rath durchgruͤbelte alle sein Beginnen/ als eines verdaͤchtigen Ubelthaͤ- ters. Er verfiel in den Haß des gantzen Vol- ckes; weil er in dem Schauplatze die Gestuͤle der Rathsherren absonderlich setzen ließ. Und der/ welchen man vorher fuͤr den Fuͤrsten des Raths erklaͤrt hatte/ ward auf Anstiften des Ca- to an eben dem Tage/ da er etliche Jahr vorher Carthago besiegt hatte/ verklagt: daß er sich vom Koͤnige Antiochus mit Geld haͤtte bestechẽ lassen. Wiewohl Scipio darinnen noch gluͤcklicher/ als Hannibal war: daß/ als er aus Verachtung die- ser Anklage aufs Capitolium ging/ von seinem Feinde Tiberius Gracchus seine Unschuld ver- theidigt ward. Ob ihm auch wohl Rom keine Nothwendigkeit zu sterben auf buͤrdete; zwang ihn doch Mißgunst und Verlaͤumdung seines P p p p p 3 Vater- Sechstes Buch Vaterlandes/ ohne welchen es zum andern mal waͤre erobert worden/ sich in einen geringen Winckel bey Linternum zu verkriechen/ und da- selbst den Acker zu graben. Weil aber Scipio entweder der Roͤmischen Freyheit/ oder diese dem Scipio nachtheilig war/ und entweder er oder sie von Rom entfernet seyn muste/ bezeugte er mehr Großmuͤthigkeit durch Verlassung/ als durch Beschirmung seines Vaterlandes; wie- wohl er durch eine auf seinen Grabe-Stein ein- gehauene selbtes mit Beerdigung seiner Gebei- ne zu beehren verbot. Beyde Helden aber wa- ren darinnen gluͤckselig: daß sie auch in ihrem Elende hochgeschaͤtzt; und zwar Annibal vom Scipio selbst fuͤr der Schlacht bey Zama/ und hernach zu Ephesus umbarmet/ von den Roͤmern gefuͤrchtet/ Scipio von den See-Raͤubern als ein Halb-Gott angebetet/ von fremden Voͤl- ckern bejammert ward; daß beyder Vaterland ihre Asche hernach mit Thraͤnen benetzte/ ihr Gedaͤchtnuͤß mit Ehren-Saͤulen beehrte/ und ihr Geist mehrmals mit viel tausend Seufzern zuruͤck gewuͤntscht/ ja von den Roͤmern geglaubt ward: daß ein Drache des Scipio Geist in einer Hoͤle unter seinem Linturnischen Vorwerge be- wachte. Jn so vielen waren diese zwey Helden einander aͤhnlich. Gleichwohl aber duͤncket mich: daß dem Scipio aus vielen erheblichen Gruͤnden die Ober-Stelle gebuͤhre. Adgan- dester versetzte: Diese aber hat Scipio zu Ephe- sus dem Annibal selbst entraͤumet. Zeno ant- wortete: Eben damals hat Scipio mit seiner Hoͤfligkeit Annibaln uͤberwunden/ wie er ihm sonst mit seiner annehmlichẽ Gestalt und Sanft- muth uͤberlegen war. Jene war so anlockend: daß niemand/ der ihn ansahe/ sein Gesichte saͤtti- gen konte. Mit dieser glimpf- und guͤtigen Be- zeugung uͤberwand Scipio fast mehr Feinde/ als Hannibal mit seinen Waffen. Die Freylas- sung der in Neu-Carthago uͤberkommener Geissel/ die Aufnehmung des abtruͤnnigen Mandonius und Jndibilis machte ihm halb Spanien unterthaͤnig. Die Ubergebung sei- ner gefangenen Braut verknuͤpfte mit dem Lu- cejus ihm die Celtiberier. Die Loßlassung der dem Asdrubal abgeschlagener Spanier machte: daß sie den Scipio fuͤr ihren Koͤnig ausrufften. Fuͤr den wiedergegebenen Knaben Massiva ward Koͤnig Masanissa der Roͤmer getreuster Bunds-Genosse/ und hertzhaftester Beystand. Durch seine guten Worte zohe er den zweifelhaf- ten Koͤnig der Bithynier auf der Roͤmer Seite. Adgandester versetzte: Es waͤre nicht ohne: daß Scipio an Gestalt und Freundligkeit Annibaln uͤbertroffen haͤtte. Beydes aber ruͤhrte von dem gantz unterschiedenen Land-Striche ihrer Ge- burts-Stadt her. Wiewohl denen Mohren/ welche die Schwaͤrtze fuͤr eine Zierrath/ und die Ernsthaftigkeit fuͤr eine Tugend hielten/ den Scipio vielleicht weit hinteꝛ Annibal gesetzt habẽ. Gleichwohl aber haͤtte Annibal auch nicht alle- mal sauer gesehen/ sondern/ wenn er es ihm vor- traͤglich zu seyn befunden/ haͤtte sein kluges Ab- sehen iederzeit die ihm angebohrne Neigungen verdruͤcket; und er insonderheit gegen die Roͤmi- schen Bunds-Genossen so viel Glimpf und Guͤte; als gegen die Roͤmer selbst Grausamkeit gebrauchet; hierinnen auch viel kluͤger/ als Pyrrhus gebahret; der denen gefangenen Roͤmern liebkosete/ ihre Bunds-Genossen mit Schwerdt und Feuer verfolgte. Nichts min- der haͤtte Annibal des in der Schlacht erlegten Marcellus Leiche aufs beste schmuͤcken/ und ver- brennen/ seine Gebeine in einen silbernen Topf schluͤssen/ mit einer guͤldenen Krone beehren/ und seinem Sohne zuschicken lassen. Daß aber er gegen die Seinigen sich zuweilen einer Stren- gigkeit gebraucht/ haͤtte ihm sein eigner Zustand abgenoͤthigt; weil er meist allerhand fremde Voͤlcker in seinem Kriegs-Heere gefuͤhret; selbte ohne Geld und Vorrath in feindlichem Lande im Gehorsam halten muͤssen; wiewohl alle diese mehr aus Ehrerbietigkeit/ als Furcht ihre Pflicht gegen ihm niemals versehret haͤtten. Wegen wel- Arminius und Thußnelda. welcher Ursache seine Siege aller andern Helden vorgezogen zu werden verdienten. Sintemal Alexander mit eitel Griechen/ welche der Persen Tod-Feinde/ und meist seine Unterthanen wa- ren/ und mit des Darius unschwer eroberten Schaͤtzen; Scipio und Kaͤyser Julius mit eitel Roͤmern und Feinden der Stadt Carthago; Annibal aber mit eitel geworbenen und uͤbel be- soldeten Auslaͤndern Krieg gefuͤhret. Mit ei- nem Worte: Annibal haͤtte die Arbeitsamkeit/ die Gedult/ die Hertzhaftigkeit/ die Wissenschaft und alle Tugenden eines Feldherren gleichsam in Ubermasse gehabt. Sein Feldzug aus Spanien; wo es umb Carthago mißlich und zweifelhafft stand; durch das feindliche Gallien/ da er alle Tage mit neuen Voͤlckern schlagen muͤssen; uͤber das unwegbare Alpen-Gebuͤrge/ da die Natur und der Himmel gleichsam selbst wider ihn zu Felde lag; in Jtalien/ da er weder Vorrath/ Huͤlffe/ noch Sicherheit der Ruͤckkeh- rung zu hoffen hatte/ uͤbersteiget schier den Glau- ben der Nach-Welt. Wiewohl/ wenn man Annibals allenthalben gepruͤfete Faͤhigkeit beob- achtet/ muß man sich mehr uͤber Annibaln/ als seinen Zug verwundern/ und diesen noch fuͤr etwas wenigers/ als ein Werck dieses Hel- den ansehen. Der Verlust seines Auges/ die Begegnung fast unzehlbarer Heere waren viel zu ohnmaͤchtig den Lauff seiner Siege von einem Ende Jtaliens bis zum andern zu hemmen. Ja so lange er in diesem Lande gewest/ hat nie- mand in Schlachten ihm die Wage halten/ und nach der Cannischen Niederlage kein Roͤmisches Heer sich gegen ihm in freyem Felde lagern koͤn- nen. Zeno begegnete Adgandestern: Scipio haͤtte in allem dem Annibaln kein Haar breit ge- wichen; weil er neu Carthago in einem Tage be- laͤgert und erobert/ in vier Jahren das etliche mal groͤssere Spanien bemeistert/ darinnen vier Carthaginenstsche Heere und Feldherrn erschla- gen/ den maͤchtigen Koͤnig Syphax/ und endlich den Jtalien zu verlassen gezwungenen Annibal selbst uͤberwunden. Da hingegen Hannibal schier die geringste sich rechtschaffen waͤhrende Stadt zu bemeistern/ der Siege zwar durch Wolluͤste zu genuͤssẽ/ ebẽ so wenig aber/ als Pom- pejus/ derselben durch ihꝛe Veꝛfolgung sich zu ge- brauchen/ am wenigsten/ wie Alexander/ Scipio und Julius/ ein Werck voͤllig auszumachen ge- wuͤst haͤtte. Welche letztere alle ihre Thaten/ so lange noch etwas zu thun uͤbrig war/ fuͤr unge- than hielten. Also waͤre Annibal zwar andern Kriegsleuten Fehler aufzubinden/ sich aber von selbten zu befreyen nicht faͤhig gewest. Wie hitzig er sonst seinen Feind anzugreiffen/ auch ihn uͤber Hals und Kopf zu verfolgen gewuͤst; so un- zeitig haͤtte er nach dem Cannischen Siege ihm unnoͤthige Schwerigkeiten mehr aus eingebilde- ten Hindernuͤssen/ als aus Wichtigkeit des Wer- ckes gemacht/ durch eine falsche Vorsichtigkeit die Eroberung der Stadt Rom und die Stunde versaͤumet; darinnen er den gantzen Krieg aus/ dem Roͤmischen Reiche ein Ende/ und Carthago zum Haupte der Welt machen koͤnnen; indem entweder sein Verstand nicht so weit sehend/ odeꝛ sein Gemuͤthe ein so grosses Gluͤcke zu begreiffen zu engbruͤstig/ der Roͤmer beraaseter Ruhm und Macht ihm gar zu groß/ ihr erschlagenes Heer in seinen Gedancken noch lebend/ und der schon uͤberwundenen Kriegsleute Gespenster ihm ein blindes Schrecken gewest waͤre. Also haͤtte er ehe seinen Muͤhseligkeiten/ als dem Kriege ein Ende zu machen gedacht; und endlich/ nachdem er nur einmal die vorhin unbekandte Wolluͤste geschmecket/ von selbten sich bezaubern und stuͤr- tzen lassen. Adgandester setzte dem Fuͤrsten Ze- no abermals entgegen: Fuͤr den Scipio haͤtte augenscheinlich mehr das Gluͤcke/ fuͤr Anni- baln aber die Tugend gestritten. Von jenem waͤre zwar bey Zama der Mohren viel geringe- res Heer/ aber nicht Annibal uͤberwunden wor- den. Denn an eben selbigem Tage haͤtte dieser durch kluge Stellung seines Heeres/ durch hertz- hafte Gegenwehre sich selbst und alle Krieges- Kuͤnste Sechstes Buch Kuͤnste uͤberstiegen. Scipio waͤre uͤber Anni- bals Anstalten selbst erstaunet; und bey seinem herrlichen Siege haͤtte den uͤberwundenen An- nibal seiner grossen Faͤhigkeit halber beneidet/ deꝛ fluͤchtige Annibal aber ihm noch eingebildet: daß er es dem Uberwinder zuvor gethan haͤtte. Die- ser waͤre nicht nur ein Meister im Felde gewest; sondern: daß er auch Staͤdte einzunehmen ge- wuͤst; gebe ihm die Asche der hartnaͤckichten Stadt Sagunt ein Zeugnuͤß. Daß er aber von Spolet und noch einer kleinern Stadt abge- zogen/ haͤtte vom Mangel des Fuß-Volckes/ des Geldes und des Sturmzeuges hergeruͤhret. Welches nebst dem/ daß er eine Stadt am Mee- re/ umb auf allen Fall Huͤlffs-Voͤlcker an sich zu ziehen noͤthiger gehalten/ ihn vermuthlich an der Stadt Rom Belaͤgerung gehindert haͤtte. Wiewohl nichts seltzamers waͤre: daß nach dem das Verhaͤngnuͤß allen Menschen ein Ziel ge- steckt haͤtte/ sich in den groͤsten Helden Gedult/ Hertzhaftigkeit und Bestaͤndigkeit erschoͤpfte; und also Annibal/ weil er allzu viel uͤberstanden/ nichts mehr auszustehen vormocht; sein vorhin allzu kuͤhner Geist mit uͤbriger Beysorge sich ab- zukuͤhlen genoͤtigt gewest waͤre/ und der im Un- gluͤcke unuͤberwindliche Held mit dem liebkosen- den Gluͤcke zu buhlen nicht verstanden haͤtte. Zwar waͤre er zu Capua in die Wolluͤste mehr als ein Weiser eingesuncken; welcher selbte nicht weiter/ als zu seiner Erholung gebrauchen soll. Aber es schiene eine gemeine Art der ernsthaften Leute zu seyn: daß sie sich zwar langsam/ a b er so viel heftiger von ihren Suͤssigkeiten einnehmen liessen. Denn das Stroh finge zwar augen- blicklch Feuer/ das Eisen aber wuͤrde langsam gluͤend; hingegen verschwinde jenes auch bald/ dieses aber tauerte so viel laͤnger. Zu dem hatte Annibal/ als die Noth wieder waͤre an Mann kommen/ genungsam erwiesen: daß er der alte Annibal waͤre; und ob wohl freylich sein Heer von der Wollust allzu sehr verzaͤrtelt worden; so haͤtten doch nur die Noth und die Beruffung der Stadt Carthago/ nicht aber die Gewalt der Roͤmeꝛ ihn aus dem Hertzen Jtali- ens zu reissen vermocht. Adgandester haͤtte noch weiter seinem Annibal das Wort geredet/ wenn nicht Hertzog Herrmann/ welcher an dem Eingange ihnen eine Weile zugehoͤret hatte/ hinein getreten waͤre/ und durch seinen Aus- spruch diesem feindlichen Zwiste derogestalt ein Ende gemacht haͤtte: daß Annibal ein groͤsserer Krieges-Mann als Scipio gewesen seyn wuͤr- de; wenn es moͤglich gewest waͤre groͤsser zu seyn als Scipio. Dieser aber waͤre ein besser Buͤr- ger gewest/ als Annibal. Weil nun in dem Saale selbigen Lusthauses die Taffel mit Speisen bereit besetzt war/ fuͤhrte der Feldherr die Koͤnigin Erato/ und ihnen folg- ten alle Anwesenden zu der Mittags-Mahlzeit/ welche mit eitel lustigen Schertz-Reden verkuͤrtzt ward; wiewohl die begierigen Zuhoͤrer selbter ohne diß abbrachen; und Adgandestern/ welcher mit fernerer Erzehlung ihnen den uͤbrigen Tag beschwerlich zu fallen Bedencken trug/ durch ih- re Hoͤfligkeit die Verfolgung seiner Geschicht- Beschreibung abnoͤthigten. Adgandester erseufzete/ und hob an: Jhr zwinget mich nunmehr unserer Deutschen grosse Wunden zu entdecken/ welche ich als ein treuer Sohn schuldig zu verhuͤllen waͤre! Jedoch ha- ben diese nicht nur uns/ sondern die halbe Welt getroffen. Denn nach besiegtem Carthago schaͤmte sich nun niemand mehr von den Roͤmern uͤberwunden zu werden. Jch miß goͤnne diesem Volcke nicht ihren Ruhm der Tapferkeit; aber sie selbst wagen sich nicht so viel Siege ihrer Tugend zu zueignen; wenn sie enthaͤngen: daß sie das Gluͤcke wie ein Platz-Regen/ oder eine Berg-Bach uͤberschuͤttet habe. O Anbethens wuͤrdiges Verhaͤngnuͤß! wie thoͤricht opfern die Sterblichen der Tugend und dem Gluͤcke! Deine unerforschliche Weißheit theilet alleine Siegs-Kraͤntze aus/ und gebieret Schoß-Kin- der des Gluͤckes. Wie vielmal hast du denen/ welchen Arminius und Thußnelda. welchen die Natur einen Riegel vorgeschoben/ wo menschliche Klugheit nirgends aus gewuͤßt/ ein Licht angesteckt/ und einen Weg uͤber Meer und durch Felsen gewiesen! Wie offt bist du dem/ der aus der Wiege der Morgen-Roͤthe biß zum Sarche der Sonnen in einem Athem zu rennen vermeynt/ beym ersten Ansprunge in Zuͤgel ge- fallen; und hast die Vermessenheit menschlicheꝛ Rathschluͤsse mit einem grausamen Untergange bestrafft! Wir elende Menschen koͤnnen ja wohl den ersten Abrieß eines Gebaͤues entwerffen; nimmermehr aber selbtes ausbauen; wenn die Goͤttliche Versehung nicht den ersten Grund- Stein legt. Diese ist die Sonne/ welche die Jrrwische der alberen Vernunfft zernichtet; diese ist der Wegweiser zu Lande/ und sie sitzet beym Steuer-Ruder auf dem bittern Meere dieser Welt/ umb uns entweder in die Strudel des Verderbens zu stuͤrtzen/ oder bey den Schiff- bruchs-Klippen des Untergangs vorbey zu fuͤh- ren. Diese ist die oberste Gebieterin/ welcher Gesetzen wir unterworffen; in welcher Gebiete wir eingeschraͤnckt sind; welche der halben Welt Kraͤfften dem einigen Rom unterworffen hat. Der Fortgang der Roͤmischen Siege gescha- he wider die Macedonier; welch Volck sich vor- her der Herrschafft des Erdbodems angemaßt; dessen Koͤnig Philipp aber sich mit Annibaln verknipft hatte. Ja das Verhaͤngnuͤß spielte den Roͤmern nicht nur eine scheinbare Ursache des Krieges/ nemlich den Schirm der bedraͤng- ten Stadt Athen in die Hand; sondern es kuͤn- digte ihnen auch durch ein auf dem obersten Kriegs-Schiffe wachsendes Lorber-Reiß den ungezweifelten Sieg an. Ja nicht nur Phi- lip/ sondern Thebe/ Euboͤa und Sparta wurden bezwungen. Dieses Gluͤcke konten die zwey hertzhaften Helden Annibal und Amilcar/ denen ihres Vaterlandes Unterdruͤckung durchs Her- tze ging/ ohne schaͤle Augen nicht ansehen; weil sie aber weder eigene Kraͤfften was hauptsaͤchli- ches zu unterfangen hatten/ noch auch Carthago aufs neue in Gefahr setzen wolten; ging Amil- car zu den Deutschen/ Annibal zum maͤchtigen Koͤnige Antiochus uͤber. Jener brachte die nunmehr unter dem Joche der hochmuͤthigen Roͤmer schwitzenden Jnsubrier/ Bojen/ Ceno- maͤnner/ und Ligurier dahin: daß als Cajus Appius mit gewaffneter Hand in das Gebiete der Bojen einfiel/ und ihre Land-Fruͤchte ge- waltsam abmeihete/ sie ihn mit sieben tausend Roͤmern erschlugen/ die uͤbrigen mit dem Buͤr- germeister Elius nach Rom jagten/ und sie sich/ in Hoffnung: Es wuͤrde Antiochus den Roͤ- mern biß ins Hertze kommen/ mit einander in Buͤndnuͤß einliessen/ und den Roͤmern den Ge- horsam aufkuͤndigten/ die Roͤmische Stadt Pla- centz mit Sturm einnahmen/ selbte einaͤscherten/ und mit viertzig tausend Mann Cremona belaͤ- gerten; also: daß der Buͤrgermeister Aurelius und der Landvogt Lucius Furius mit einem maͤchtigen Heere zum Entsatz eilen musten. Ob nun zwar die Deutschen allhier uͤbermannet/ Amilcar getoͤdtet/ und sie uͤber den Po zuruͤcke zu weichen genoͤthigt wurden; so unterhielten doch die deutschen Fuͤrsten und der junge Amilcar selbige Voͤlcker noch in den Waffen; wormit sie ihre Freyheit biß auf den letzten Bluts-Tro- pfen zu vertheidigen entschlossen waren. Aber weil der furchtsame Antiochus Annibals klugen Rathschlaͤgen langsames Gehoͤre gab/ zohen als- bald beyde Buͤrgermeister mit maͤchtiger Hee- res-Krafft gegen die Deutschen und Gallier auf. Quintus Minutius fiel bey den Liguriern ein/ eroberte die Staͤdte Clastidium und Libubium; hierauf ruͤckte er gegen die Bojen; der andere Buͤrgermeister Cornelius gegen die am Flusse Mincius stehenden Jnsubrier und Cenomaͤn- ner: daß selbte bey erfolgender Schlacht von den Deutschen nicht nur ab; sondern/ weil sie zum Hinterhalte gestellt waren/ ihnen gar in Ruͤcken fielen/ und also den sonst zweifelhaften Sieg durch ihren Meineyd den Roͤmern zuschantzten/ in welchem drey deutsche Fuͤrsten und der junge Erster Theil. Q q q q q Amil- Sechstes Buch Amilcar/ als vier Loͤwen fechtende umbkamen. Diese Niederlage schreckte die Bojen: daß sie mit dem Minutius/ dem sie doch bereit grossen Abbruch gethan hatten/ nicht zu schlagen getrau- ten/ sondern diese Voͤlcker mit den Roͤmern/ so gut sie konten/ sich verglichen. Nachdem aber die Roͤmer die Deutschen wie Knechte hielten/ vorgebende: daß vermoͤge ihrer Sitten sie die- selben/ welche sich auf Treu und Glauben ihnen ergeben/ in Band und Eisen zu schlagen/ uͤber ihꝛ Leben und Guͤter zu gebieten berechtiget waͤren/ insonderheit auch der gefangẽ gewesene/ und gegẽ gleichwiegendes Silber ausgeloͤsete Fuͤrst Coro- lam seinen Bojen und Jnsubriern erzehlte: wie er in dem Siegs-Gepraͤnge vom Cornelius Ce- thegus mit Fuͤssen getreten; die edelsten Deut- schen an einander gekoppelt fuͤr seinem Wagen wie eine Heerde Vieh hergetrieben/ in den Ker- ckern halb von Hunger/ halb von Gestanck ge- toͤdtet worden waͤren/ endlich sie von ihren alten Landsleuten den Celtiberiern aus Hispanien Nachricht bekamen: daß sie wegen ebenmaͤssiger Dienstbarkeit den Sempronius Tuditanus mit seinem gantzen Heere erschlagen haͤtten; zwang die aͤuserste Ungedult die Deutschen abermals den Harnisch anzulegen. Der erste Streich geluͤckte dem Fuͤrsten Corolam auch: daß er den Sempronius Gracchus/ Junius Sylvanus/ Ogulnius und Publius Claudius mit drey tau- send Roͤmern aufopferte. Marcellus gerieth hierauf bey der Stadt Comum mit ihm in ein Haupt-Treffen; wiewohl nun Corolam die er- sten Hauffen zertrennte/ der Sieg auch einen halben Tag auf gleicher Wag-Schale lag/ so schlug selbter doch endlich auf der Roͤmer Seite/ weil Corolam wegen empfangener gefaͤhrlicher Wunde sich aus der Schlacht begeben muste. Sein Bruder Ehrenfried begegnete inzwischen dem andern Buͤrgermeister Furius Purpureo bey dem Schlosse Mutilum so hertzhafft: daß er die Flucht nehmen/ und sich zum Marcell fuͤgen muste. Beyde Buͤrgermeister fielen hierauf bey den Liguriern ein; Fuͤrst Ehrenfried aber folgte mit seinem wiewohl viel schwaͤchern Lager ihnen stets an der Seiten/ und thaͤt den Roͤmern mercklichen Abbruch; gleichwohl aber zohe zu- letzt ein Theil seines mit allzu vieler Beute uͤber- ladenen Heeres den kuͤrtzern; also: daß er sich in die Bojischen Graͤntzen zuruͤck ziehen muste. Fu- rius folgte ihm zwar mit dem gantzen Heeꝛe/ abeꝛ die Bojen besetzten ihre Graͤntzen so wohl: daß er in Jnsubrien zuruͤck bleibẽ muste. Wie nun diese uͤber die Raubereyen der Roͤmer beweglich klag- ten/ und die Bojen umb Huͤlffe anfleheten/ schick- ten sie einen jungen Hertzog der Nemeter Doru- lach/ der beyden Bojischen Fuͤrsten Schwester Sohn mit zehn tausend Pferden den Jnsubri- ern zu Huͤlffe; aber weil die bedraͤngten Jnsu- brier mit ihrem Fuß-Volcke nicht zu ihm stossen konten/ weil Valerius Flaccus mit einem maͤch- tigen Heere ihm stets die Stirne both; muste er nach ziemlichem Verluste nur umbkehren; zu- mal er Nachricht kriegte: daß der Buͤrgermei- ster Titus Sempronius mit einem frischen Hee- re schon an den Bojischen Graͤntzen stuͤnde; wel- chem Fuͤrst Bojorich zwar entgegen geschickt; aber allem Ansehen nach nicht gewachsen waͤre. Jnzwischen hatte Bojorich und Sempronius beyde Laͤger harte gegen einander geschlagen; und erwartete dieser den andern Buͤrgermeister/ jener aber den Fuͤrsten Dorulach mit mehr Vol- cke; gleichwohl aber entschloß sich Bojorich/ aus Beysorge: es moͤchte der Eifer seines Volckes lau werden/ Flaccus auch endlich an einer an- dern Seite einbrechen/ zwey Tage nach einan- der sein Heer in Schlacht-Ordnung zu stellen. Als aber die Roͤmer in ihrem Lager unbeweglich blieben/ fuͤhrte er sein Volck biß unter den Wall/ und zu Bestuͤrmung des Laͤgers an. Sempro- nius wolte diesen Spott nicht vertragen/ oͤffnete also zwey Pforten/ und drang mit zweyen Legio- nen heraus. Die Deutschen aber standen ge- gen sie wie Mauern/ und verhinderten durch ihre maͤnnliche Gegenwehr: daß die Roͤmer nicht aus dem Lager zu kommen vermochten; ob schon Quintus Victorius und Cajus Arinius den Arminius und Thußnelda. den Faͤhnrichen die Roͤmischen Kriegs-Fahnen aus den Haͤnden riessen/ selbte unter die Feinde warffen/ umb das Kriegs-Volck zu derselben Wiedereroberung aufzufrischen und vorwerts durchzudringen. Aber diese verwegene/ wie- wohl vormals gluͤcklich ausgeuͤbte Kriegs-List wolte dißmal nicht gelingen. Denn Bojorich fochte an der Spitze wie ein Loͤwe mit unver- wendetem Fusse; und muͤhte sich nicht allein sei- nen Deutschen ein Beyspiel hertzhafter Gegen- wehr zu geben; sondern gar in das Laͤger zu dringen. Dieser blutige Kampf hatte schon ei- nen halben Tag gewaͤhret/ als Hertzog Dorulach mit seiner Huͤlffe ankam. Weil aber theils das Gedraͤnge der Streitenden/ theils die holen Wege ihn verhinderten auf diesen beyden Sei- ten an Feind zu kommen/ fuͤgte er mit seiner Rei- terey und wenigem Fuß-Volcke sich zur dritten Pforte/ sprang vom Pferde/ thaͤt den ersten Hau ins Thor; und ungeachtet es gleichsam Pfeile auf ihn regnete/ ließ er doch mit seinen Neme- tern/ die er stets zur Leibwache umb sich hatte/ nicht ab/ biß er ins Laͤger gebrochen war. Die drey Kriegs-Obersten Lucius Postumius/ Mar- cus Atinius und Titus Sempronius bothen ihm zwar hertzhaft die Spitze; aber die ersten zwey erlegte er mit eigner Hand/ den letztern ein Nemetischer Edelmann Solms/ und blieben mehr als fuͤnfhundert Roͤmer bey diesem Thore todt; ja Dorulach ward Meister des Laͤgers. Sehet aber/ was fuͤr ein Zufall den Deutschen die Vollkommenheit eines herrlichen Sieges zernichtete! Es ließ ein Theil Roͤmischer Reite- rey/ das fuͤr das Laͤger allerhand Nothdurfft ein- zuholen ausgeschickt war/ sich auf der nechsten Hoͤhe sehen/ ꝛathschlagende: Ob es bey vermeꝛck- ter Verwirrung im Roͤmischen Laͤger fortruͤ- cken solte. Der Buͤrgermeister aber gebrauch- te sich dieser schlechten Huͤlffe durch Kriegs-List zu einem grossen Vortheil; kleidete alsbald etli- che Marsen nach deutscher Art aus; welche zu den Deutschen uͤberlieffen/ und dem Fuͤrsten Bojorich faͤlschlich entdeckten: daß der ander Roͤmische Buͤrgermeister/ dessen Vortrab schon auf der Hoͤhe stuͤnde/ mit zwantzig tausend Mann keine Meil weges weit mehr entfernet waͤre. Die er scheinbare Betrug verleitete den Bojorich: daß er dem Fuͤrsten Dorulach das Roͤmische Laͤger zu verlassen/ dem gantzen Heere aber sich mit geschlossenen Hauffen wieder in das deutsche Laͤger zu ziehen anbefahl. Hertzog Dorulach schaͤumte fuͤr Zorn hieruͤber; sonder- lich: da die ausgeschickte Kundschafft entdeckte; wie so leicht sie sich die schlauen Roͤmer haͤtten hinters Licht fuͤhren lassen. Diese hingegen wurden so hochmuͤthig: daß sie folgenden Tag durch Stuͤrmung des deutschen Laͤgers den vor- hergehenden Schimpf abzuleschen vermeynten. Bojorich aber fiel zu einer/ Hertzog Dorulach zur andern Pforte heraus/ und griffen die Roͤ- mer mit so grosser Tapferkeit an: daß ihrer fuͤnf tausend auf dem Platze blieben/ und sie sich an- fangs mit genauer Noth ins Laͤger/ hernach gar biß nach Placentz zuruͤcke ziehen musten. Sci- pio vermeynte mit einem absondern Heere zwar bald bey den Bojen/ bald bey den Liguriern ein- zubrechen; aber er muste nur/ wegen Wachsam- keit des Fuͤrsten Ehrenfrieds/ allenthalben un- verrichteter Sache zuruͤck weichen. Jnzwi- schen berichteten die furchtsamen Carthaginen- ser/ welche hierdurch die ihnen vom Masanissa abgedrungene Stadt Leptis/ und die darzu ge- hoͤrige Landschafft wieder zu erlangen vermeyn- ten/ nach Rom: daß deꝛ von ihnen fluͤchtige Anni- bal/ auf den sie vorher auch die Schuld des andern Punischen Krieges beym Scipio und zu Rom gelegt hatten/ wie auch Thoas der Etolier Fuͤrst den Antiochus zum Kriege wider Rom aufgewi- ckelt/ er auch durch dẽ Aristo vom Tyrus Cartha- go einzuflechtẽ sich bemuͤhet haͤtte. So knechtisch waꝛ Carthago durchs Ungluͤck worden; Annibal aber haͤtte es fuͤr ein Gluͤcke zu achten gehabt/ wenn seine Wohlthaten verraucht/ nicht aber so undanckbar belohnt worden waͤren. Alleine Q q q q q 2 diese Sechstes Buch diese waren von derselben Art/ derer Eigenschaft es ist aus sich selbst Haß und Undanck zu hecken; nemlich: Sie waren von solchem Gewichte: daß Carthago ihr keine Hoffnung machen konte weder sie zu vergelten/ noch ihre Fehler/ da sie Annibaln muthwillig im Stiche liessen/ auszu- leschen. Denn weil der Mensch ihm verklei- nerlich haͤlt Wohlthaten zu empfangen/ und dar- durch seine Schwaͤche sehen zu lassen/ als selbst wohlzuthun; nim̃t ein freyes Gemuͤthe niemals gerne fremde Huͤlffe an; wird schamroth uͤber der empfangenen; muͤht sich selbst zweyfach zu vergelten; wenn es diß aber nicht vermag/ ver- wandelt die hieruͤber geschoͤpfte Verdruͤßligkeit solch zartes Erkaͤntnuͤß in bittern Haß und Ver- folgung/ wie wenige Saͤure die fuͤsseste Milch in Matten und Molcken. Antiochus regte sich hierauf zwar/ als wenn er die Roͤmer bekriegen wolte: aber seine grosse Kraͤfften machten mehr Geschrey als Werckes. Er weigerte Anni- baln ein Theil des Heeres umb in Jtalien einzu- fallen/ und mit den Deutschen sich zu verein- baren; da doch die Wahl kluger Heerfuͤhrer fuͤr die Beselung eines Krieges zu achten/ weil diese sonder Zweifel ihr Hertz sind. Der eitele An- tiochus vergnuͤgte sich an dem Griechischen Ge- stade seine von Gold und Purpur schimmernde Zelten uͤber kuͤhle Baͤche aufzuspannen; die mit edelstem Weine schaͤumende Crystall-Glaͤser zu tausenderley Uppigkeiten seinem maͤchtigem Heere gleichsam die Spann-Adern zu verschnei- den. Gleichwohl waren hieruͤber die Roͤmer nicht wenig bekuͤmmert; zumal auch Fuͤrst Na- bis zu Sparta/ und die Acheer sich gegen Rom Feind erklaͤꝛten; insonderheit aber die Deutschen mit viertzig tausend Mann biß nach Pisa fort- ruͤckten. Daher sie den Africanischen Scipio nicht nur zum Antiochus ihn vom Kriege abzu- halten/ als nach Ephesus zum Annibal/ dessen Klauen sie schon mehr als zu viel empfunden hatten/ ihm entweder die eingebildete Tod- Feindschafft der Roͤmer gegen ihn auszureden/ oder zum minsten ihn beym Antiochus zu ver- daͤchtigen/ abschickten. Alleine er richtete aus- ser dem letztern Absehen wenig aus; hingegen sperreten die Fuͤrsten Corolam und Bojorich den Buͤrgermeister Minutius mit dem gantzen wi- der sie auf gefuͤhrten Heere zu Pisa ein; und weil er zu keinem Treffen zu bringen war/ holeten sie reiche Beute durch gantz Hetrurien. Der Buͤrgermeister Cornelius Merula holete mit seinem Heere zwar einen Raub aus der Bojen Gebiete; aber Hertzog Ehrenfried und Doru- lach schnitten ihm bey Mutina den Weg ab/ und noͤthigten ihn zu einer blutigen Schlacht. Es war in vielen Jahren nicht grimmiger als allhier gefochten worden. Fuͤrst Dorulach brachte den lincken Fluͤgel der Roͤmer/ welchen Titus Sempronius vorigen Jahres Buͤrger- meister fuͤhrte/ bald anfangs in Verwirrung; aber Marcus Marcellus entsetzte ihn mit einer gantzẽ Legion. Livius Salinator brachmit seiner Reiterey zwar durch die ersten Hauffen des deut- schen rechten Fluͤgels/ aber Fuͤrst Ehrenfried er- gaͤntzte mit seiner Vorsicht und Tapferkeit als- bald die Luͤcken. Die Schlacht tauerte biß in die sinckende Nacht; da denn Finsternuͤß und Muͤ- digkeit beyde wiewohl sich des Sieges ruͤhmende Theile zwang/ ihrer Blutstuͤrtzung ein Ende zu machen; wiewol Dorulach mit seinen zwey grossen auf dem Helme stehenden Hoͤrnern sich auch im duͤstern sichtbar/ durch die Schaͤrffe sei- nes Schwerdtes empfindlich machte/ und die Wallstatt behauptete; hernach aber beym Lich- ten schwerer als vorher zu erkennen war; weil er allenthalben von Blute troff/ gleich als er sich darinnen gebadet haͤtte. Auf deut- scher Seite blieb des Dorulachs Bruder Budo- ris/ auf Roͤmischer/ die Kriegs-Obersten Mar- cus Genutius und Marcus Martius/ drey und zwantzig Hauptleute/ fuͤnf tausend Roͤmer/ und zweymal so viel Huͤlffs-Voͤlcker. Kurtz Arminius und Thußnelda. Kurtz hierauff traff auch Minutius mit dem Fuͤrsten Corolam; als Hertzog Bojorich mit ei- nem Theile des Heeres gegen dem Flusse Au- ser die Ligurische Graͤntze fuͤr der Roͤmer Ein- fall beobachtete. Diese Gelegenheit und der Mangel an Lebensmitteln zwang den Minu- tius: daß er wiewohl mit ziemlichem Verlust durch die Bojen durchschlagen/ und uͤber den Fluß Coͤcina zuruͤck weichen muste. Welches alles zu Rom schlechtes Vergnuͤgen gab/ weil sie gemeinet durch diese zwey maͤchtige Heere alle Bojen auszurotten; wiewol Marcus Fulvius in Hispanien diese Scharte mercklich ausge- wetzt hatte; weil von ihm die Celtiberier geschla- gen/ und ihr Koͤnig Hilerm gefangen worden war. Folgendes Fruͤh-Jahr zohen die Buͤr- gemeister Lucius Qvintius/ und Domitius E- nobarbus mit zwey maͤchtigen Heeren wider die Bojen und Ligurier auff. Aber sie gerie- then in eusserste Noth und Gefahr. Denn Fuͤrst Dorulach uͤberfiel die Roͤmische Reuterey bey Tursena/ und schlug sie aus dem Felde. Co- rolam und Bojorich aber stuͤrmten gar das Roͤ- mische Laͤger an dem Flusse Ausser; dessen schnel- le Ergiessung alleine die Eroberung verhinder- te. Gleichwohl aber traute Qvintius nicht den andern Sturm der ergrimmten Deutschen zu erwarten; ließ also allen Vorrath im Stiche/ und machte sich des Nachts stillschweigend uͤber ein Theil des Gebuͤrges. Nachdem aber ein Uberlaͤuffer solches verkundschaffte/ schwemmte Fuͤrst Dorulach mit einem Theile der Reuterey/ und einer Anzahl hinten auff die Pferde gesetz- ten Fußvolcks durch den Fluß Auser/ dessen Wasser sich ehe in der Mitten empor woͤllet/ ehe er sein Ufer uͤbergeust; kam also den Roͤmern nicht allein zuvor/ sondern verhieb und besetzte auch den Ausgang des Forstes/ durch welches Qvintius unvermeidlich ziehen muste. Her- tzog Corolam ließ ein Theil seines Volckes zu Bewahrung des verlassenen Roͤmischen Laͤgers/ folgte den Roͤmern auff der Ferse nach und be- setzte den Eingang des Waldes. Fuͤrst Bojo- rich beobachtete die Seiten und Fuß-Steige. Also waren die Roͤmer im Sacke; und menschli- chem Ansehen nach/ musten sie entweder erhun- gern oder sich ergeben. Qvintius selbst wuste mehr weder Huͤlffe noch Rath/ und wolte ihm schon selbst verzweiffelnde das Schwerd in Bauch stossen; als Masanissens Sohn Mi- cipsa/ welcher mit acht hundert Numidiern den Roͤmern allhier Beystand leistete/ ihm das Schwerd aus den Haͤnden wand/ die Thor- heit der das Laster des Bruder- und Vater- Mords uͤbertreffenden eigenen Entleibung fuͤr Augen stellte/ und ihm aus dieser Fallgrube zu gelangen Hoffnung machte. Micipsa erwehl- te hierauff einen gemeinen ihm nicht unehnli- chen Numidier/ zohe ihm seine von Gold und Edelgesteinen schim̃ernde Kleider und Ruͤstung an; gab ihm etliche der treuesten Numidier zu sei- ner Bedienung zu/ und beredete ihn durch gros- se Verheissungen: daß er unter seinem Nah- men folgende Nacht zu den Deutschen uͤberge- hen/ und den freyen Abzug/ oder nur zum min- sten eine ertraͤgliche Gefaͤngnis biß zu ihrer Ausloͤsung erbitten solte. Dieser Numidier wuste diesen Betrug meisterlich zu spielen/ ließ zwey seiner Gesellen zu der eussersten Wache der Deutschen kriechen/ und seine Ankunfft be- richten. Fuͤrst Bojorich hoͤrte diese zwey Uber- laͤuffer vergnuͤgt an/ schickte auch alsofort den ei- nen zuruͤck/ mit Vermeldung: daß/ weil die Deutschen nur der Roͤmer/ nicht der Numidier/ und insonderheit des aus deutschem Gebluͤte ent- sprossenen Masanißa Feinde waͤren/ solte Mi- cipsa nicht nur gerne gesehen/ sondern auch Fuͤrstlich gehalten werden. Kurtz hierauff fand sich der falsche Micipsa ein/ mit Bericht: daß seine Numidier/ so bald sie sich nur wuͤrden weg- spielen koͤnnen/ insgesamt nachfolgen/ und zwar zu mehrer Versicherung alle ihre Waffen weg- werffen wuͤrden. Die Sonne war kaum auffgegangen/ als der Numidische Schwarm Q q q q q 3 sich Sechstes Buch sich gegen den eussersten Wachen der Deutschen sehen ließ/ sich auch anstellte: als wenn ihre Flucht verrathen waͤre/ und sie von Roͤmern verfolgt wuͤrden. Wie sie denn auch im Angesichte der deutschen Wachen ihre Sebeln und Bogen wegwarffen/ und also auff des Fuͤrsten Bojo- richs ohne diß vorher ertheilten Befehl unver- hindert durchgelassen wurden. So bald sie a- ber zwischen diesen Wachen und dem deut- schen Laͤger das freye Feld bekamen/ rennten sie spornstreichs auff der Seite weg/ ohne daß sie einiger Deutsche verfolgte/ weil sie mit ih- rem Fuͤrsten Micipsa ein genugsames Pfand ihrer Treue in Haͤnden zu haben vermeinten. Alleine sie zertheilten sich alsobald in unterschie- dene Hauffen/ durchstreifften Ligurien biß an den Fluß Macra/ zuͤndeten Bondelia/ Turse- na und etliche hundert unbesetzte Flecken an/ hieben auch mit ihren unter denen langen Roͤ- cken verborgenen Sebeln alles nieder. Nicht nur der Rauch und die Flammen/ sondern das Wehklagen der armen Ligurier eroͤffneten als- bald der Numidier Betrug/ und wolte Bo- jorich das gantze fuͤr Schrecken bebende Liguri- en nicht gar in die Asche legen lassen; so muste er ein grosses Theil seines Heeres dort und dar- hin diesen Moꝛd brennern zu steuern von sich las- sen. Ja weil ieder Ligurier fuͤr sein Haus und Hoff Sorge trug; lieffen sie auch ohne des Her- tzogs Zulassung ihren eigenem Brande zu; also: daß Bojorich kaum fuͤ n ff tausend Bojen bey sich behielt. Dieses nahmen die Roͤmer fleis- sig wahr; brachen daher mit ihrer grossen Macht an dreyen nicht halb besetzten Wegen durch; al- so: daß Bojorich mit hoͤchstem Unwillen sich in das Roͤmische Laͤger ziehen/ und das Roͤmische Laͤger seitwaͤrts ab-nach dem Pisischen Gewaͤs- ser muste entkommen lassen. Weßwegen er denn auch im ersten Grimme den falschen Mi- cipsa mit seinen Geferthen ans Kreutze nageln ließ/ wiewohl er diese Schaͤrffe hernach selbst bereuete/ und die Treue dieser Numidier dem Unterfangen des edlen Zopyrus gleich schaͤtz- te/ welcher mit abgeschnittener Nase und Oh- ren zu den Babyloniern uͤberlieff/ um seinem Koͤnige Darius selbige Stadt in die Haͤnde zu spielen. Nachdem aber die Roͤmer die Aus- rottung der stets schwuͤrigen Deutschen in Jtali- en fuͤr den Grundstein ihrer Wolfahrt hielten; ja sich so lange nicht recht sicher in Rom schaͤtzten/ fuͤhrte Qvintus Minutius voriges mit noch zehn tausend Mann verstaͤrcktes Heer gegen sie an; Bojorich und Dorulach aber zohen ihm biß unter Pisa entgegen; und kam es da abermahls zu einem hitzigen Gefechte; weil aber den Deut- schen Wind und Sonnenhitze in das Gesichte ging/ beyde Fuͤrsten auch verwundet wurden/ musten sie das Feld raͤumen; und weil sich die Roͤmer noch taͤglich durch Huͤlffs-Voͤlcker verstaͤrckten/ also daß sie zu beforgen hatten: es doͤrffte ihnen der Ruͤckweg uͤber den Fluß Au- ser abgeschnitten werden/ sich aus dem Laͤger heimlich in Ligurien ziehen. Wiewohl dieser Schade nun zu verschmertzen war; so war doch dieser unschaͤtzbar: daß Fuͤrst Bojorich nicht nur fuͤr Kummer starb/ sondern auch Fuͤrst Doru- lach von seinen Nemetern/ wegen Absterben seines Vaters Budoris/ in Deutschland zuruͤck beruffen ward. Hingegen brach der Buͤrger- meister Lucius Qvintius bey den Liguriern/ Cne- us Domitius bey den Bojen mit zwey maͤch- tigen Heeren ein. Ob nun wohl hier Fuͤrst Corolam/ welcher aber wegen vieler Wunden mehrmahls auff dem Siech-Bette bleiben mu- ste/ do r t Hertzog Ehrenfried tapffern Wider- stand that; so uͤberwog doch die Roͤmische Macht und das Gluͤcke die deutsche Tapfferkeit; und musten sie/ nachdem der weibische Koͤnig An- tiochus sie lange genug vergebens mit vertroͤ- steter Huͤlffe gespeiset hatte/ einen Frieden schluͤssen/ alle Roͤmische Gefangenen auslief- fern/ und noch etliche feste Plaͤtze abtreten; ja Arminius und Thußnelda. ja auch ein grosses Stuͤcke Geldes bezahlen; worvon zu Rom ein vierspaͤnniger guͤldener Wagen nebst zwoͤlff mit Golde uͤberzogenen Schilden gefertigt/ und zum Siegs-Zeichen uͤber die hierdurch auffs neue verbitterte Deutschen/ dem Jupiter auffgehencket wur- den. Hiermit erklaͤrete allererst Antiochus auff bewegliches Einreden Annibals den Krieg wi- der die Roͤmer; aber so bald er nur hoͤrte: daß der Buͤrgermeister Acilius Glabrio wieder ihn im Anzuge war/ flohe er. Sein Heer aber ward bey der beruͤhmten Enge zwischen Pho- cis und Thessalien ereilet/ geschlagen/ und sei- ne Macht aus gantz Grichenland verjaget. Diese gluͤcklichen Streiche machten die Roͤ- mer uͤbermuͤthig; also: daß sie die Deutschen und Gallier in Jtalien zu vertilgen nunmehr ungezweiffelte Hoffnung schoͤpfften. Minu- tius brach also mit einem f r ischen Heere in Li- gurien ein. Die Einwohner/ als sie sahen/ daß es nun nicht allein um ihre Freyheit/ son- dern um ihr Leben zu thun waͤre; verschwu- ren sich zusammen bey einander vollends Gutt und Blut auffzusetzen. Die wenige Hoffnung gegen die Roͤmische Macht laͤnger zu bestehen/ und die Ungedult ihres Hertzogs/ welcher eine boͤsse Entschluͤssung fuͤr besser hielt/ als keine; verursachte: daß sie des Nachts des Minutius Laͤger stuͤrmeten/ wel- ches er mit der Helffte seines Heeres leicht be- schirmete. Als nun er die Ligurier uͤberaus abgemattet sahe; fiel er bey anbrechendem Tage mit seinem ausgeruheten Volcke zu zwey Pforten heraus; aber er fand nichts destomin- der maͤnnlichen Widerstand; wiewohl end- lich die viel schwaͤchern Deutschen nach Ver- lust vier tausend Mann das Feld raͤumen/ und sich in die Gebuͤrge ziehen musten. Zwey Monat darnach traff der Buͤrgermeister Pu- blius Cornelius Scipio mit einem noch staͤr- ckern Heere gegen die Bojen vom Morgen biß in die sinckende Nacht. Weil denn die- se so hartnaͤckicht fochten: daß sie Vermoͤge ihres gethanen Geluͤbdes lieber alle sterben als flichen wolten; blieben ihrer fuͤnff und zwan- zig tausend todt; unter diesen alle Bojische Fuͤr- sten/ und der gantze Adel; also: daß die ver- lebten Alten und die unvermoͤgenden Kinder sich schlechterdinges der Roͤmischen Botmaͤs- sigkeit unterwarffen; auch die Helffte ihrer Ae- cker Roͤmischen Einwohnern abtreten musten. Ob nun wohl auff Roͤmischer Seite auch uͤber zehntausend Mann blieben waren/ hielt doch Scipio ein praͤchtiges Siegs-Gepraͤnge/ in welchem er tausend schoͤne Pferde/ fuͤnff hun- dert bespannte Streit-Wagen/ etliche tausend Ertztene Geschirre/ funffzehn hundert goldene Ketten/ die die Edlen uͤber ihren Waffen zu tragen pflegten/ zweyhundert fuͤnff und vier- zig Pfund ungeschlagenes Gold/ zwey tausend drey hundert und vierzig Pfund Silber ihm fuͤr fuͤhren ließ. Bald hierauff schlug Emi- lius Regillus mit Huͤlffe der Rhodier des An- tiochus Schiff-Flotte/ und mit selbter den un- gluͤcklichen Annibal aus der See; Lucius Cor- nelius Scipio setzte unter allen Roͤmern zum ersten mit Kriegs-Macht in Asien uͤber; und das Verhaͤngniß strit hier ebenfals fuͤr die Roͤmer. Denn bey darauff folgender Schlacht fiel ein hefftiger Platz-Regen; und machte die Seenen an den Persischen Bogen/ und das Leder an den Schleudern/ welches der Asia- tischen Voͤlcker beste Waffen sind/ unbrauch- bar. Diese grosse Niederlage/ und des Koͤ- nigs Eumenes Beystand zwang dem weibi- schen Antiochus einen schimpfflichen Frieden ab; indem er sich alles Gebietes in Europa und in Asien disseits des Taurischen Gebuͤr- ges verzeihen/ also Lycaonien/ Phrygien/ My- sien/ Jonien/ Lycien/ Carien abtreten/ fuͤnff- zehn tausend Talent den Roͤmern/ fuͤnff hun- dert nebst einer Menge Getreydes dem Koͤni- ge Eumenes bezahlen/ den Annibal nebst etli- chen Grichischen Herren auszulieffern ver- spre- Sechstes Buch sprechen muste. Der Fall eines so grossen Bau- mes verursachte die Zerschmetterung der an ihm hangender Aeste/ deßhalben wurden des Antiochus Bundgenossen die Etolier und Jstri- er ebenfalls leicht unters Joch bracht/ und der letzte Koͤnig Apulo gefangen. Weil nun das Verhaͤngniß in der Welt ein neues Reich auffzuthuͤrmen bestimmt hat- te; solches auch die Natur etliche Zeit hernach durch Gebehrung eines neuen Eylandes zwi- schen Theramene und Therasia ankuͤndigte; mischte sich der Deutschen Gluͤcke in Griechen- land und Asien auch greulich durch einander. Denn nachdem sie anfangs den Koͤnig in Sy- rien Callinicus/ hernach den sie fuͤr solchen Sieg uͤbel belohnenden Antiochus geschlagen hatten/ versetzte der Pergamenische Koͤnig Attalus Eumenes denen noch von voriger Schlacht muͤ- den und blutigen Deutschen einen solchen Streich: daß sie eine Zeit sich zu erholen be- durfften; sonderlich da ihr Bundgenosse Anti- ochus endlich noch vom Seleveus uͤberwunden/ und zum Koͤnige Artamenes in Cappadocien/ endlich in Egypten zu fliehen gezwungen ward. Gleichwohl aber wolten sie dem Attalus das zwistige Asien nicht gar zur Beute lassen; son- dern nahmen sich der schwaͤchern Voͤlcker wider ihn an/ und ergaͤntzten also durch die Stuͤcke fremden Schiffbruchs ihr zerschleudertes Reich. Jnzwischen zohe Antigonus Gonatas/ der durch Wegwerffung Kron und Zepter das sei- nem Muͤndlein geraubte Reich Macedonien behauptete/ die in Griechenland gebliebenen Deutschen mit vielen Vertroͤstungen an sich; und uͤberwaͤltigte durch sie das vor nie erober- te Sparta. Jn Asien breitete Attalus seine Herrschafft noch immer aus/ und war selbtes disseits des Taurischen Gebuͤrges voͤllig unter- worffen. Daher kam Selevcus Ceraunus uͤ- ber diesen Berg mit einem maͤchtigen Heere um die seinem Vater Selevcus Callinicus ab- genommene Laͤnder wieder einzunehmen. Die- ses zwang den Attalus mit den Deutschen ein Buͤndniß zu machen/ und die zeither strittige Landschafft abzutreten. Hingegen stieß ihr Hertzog Apatur zu seinem Feldhauptmanne Nicanor; welche an dem Fluße Melas das Sy- rische Heer mit samt ihrem Koͤnige Selevcus er- schlugen. Acheus sein Blutsfreund aber brachte in so geschwinder Eil ein maͤchtiger Heer auf die Beine/ und ruͤckte so unvermerckt den Feinden auff den Hals: daß sie ehe den Anfall als die Ankunfft erfuhren. Die Per gamener nahmen schier alle/ ausser Nicanor mit tausend Edel- leuten die Flucht. Hertzog Apatur stand mit seinen Deutschen Mauer-feste/ und hielt einen halben Tag die wohl zehnmahl staͤrckern Sy- rier hertzhafft auff. Nachdem aber er mit ei- nem Pfeile durchs Hertz getroffen/ und Nicanor vom Pferde gerennt und zertreten ward/ kam al- les in Verwirrung und in die Flucht. Weil Acheus aber zwey Feinde zu haben nicht fuͤr rathsam hielt/ und die im Stiche gelassenen Deutschen ohne diß gegen die Pargoner verbit- tert waren/ ließ er alle ihre Gefangene loß/ und machte mit ihnen Frieden. Hingegen verfolg- te er die Pergamener mit Feuer und Schwerdt/ und brachte sie allenthalben ins Gedraͤnge. Weßwegen die Syrer ihm ihre Krone antru- gen; welche er aber großmuͤthig des Selev- cus Sohne als dem rechtmaͤßigen Reichs-Er- ben auffsetzte. Nachdem aber Acheus alles verlohrne in Asien wieder einnahm/ ja den Atta- lus selbst in der Stadt Pergamus belaͤger- te/ vermochte seine Gemuͤths-Maͤßigung so grosses Gluͤcke nicht mehr zu verdeyen/ und daher eignete er ihm alles disseits dem Tau- rus zu/ und warff sich zum Koͤnige auff. An- tiochus in Syrien meinte diß Verlusts hal- ber stch an dem in Wollust schwimmenden Va- ter-Moͤrder Ptolomeus zu erholen; kauffte da- her seinem uͤbelbelohnten Stadthalter Theodo- tus die Staͤdte Selevcia und Ptolomais ab/ ruͤ- stete sich auch gar in Egypten einzubrechen. Pto- Arminius und Thußnelda. Ptolomeus aber zog aus Griechenland und Galatien 20000. Deutsche an sich; schlug dar- mit bey der Stadt Raphia in Syrien den viel staͤrckern Antiochus aus dem Felde/ und zwang ihm den Frieden mit Abtretung alles verlohr- nen ab. Unterdessen ruffte Attalus die in Thra- cien wohnenden Deutschen uͤber den Hellespont wider den Archeus zu Huͤlffe/ und eroberte durch sie Smyrna/ Phocea/ Colophon und Mysien. Wie sie aber uͤber den Fluß Lycus/ das Pelecan- tische Gebuͤrge biß an den Strom Megistus ih- ren Sieg ausbreiteten/ wurden sie durch eine Finsternuͤß erschrecket weiter zu gehen. Da- her sie Attalus zuruͤcke ließ/ und ihnen am Hel- lespont eine Landschafft einraͤumte. Weil sie aber hernach als Leibeigene gedruͤckt wurden; warffen sie des Attalus Joch von sich ab/ und be- laͤgerten Jlium. Die Phrygier aber trieben sie unter dem Fuͤrsten Themista von Jlium und aus gantz Troas aus. Die Deutschen setzten hierauf in der Abidenischen Landschafft festen Fuß/ und eroberten die Stadt Arisba. Es war aber ihnen Koͤnig Prusias mit einem frischen Heere bald auff den Dache; welcher nach einem blutigen Gefechte/ darinnen alle Maͤnner mit dem Degen in der Hand fielen/ auch durch Nie- derhauung ihrer Weiber und Kinder/ auser de- nen/ welche in der Stadt Abydus sich als Buͤr- ger niedergelassen hatten/ sie mit Strumpf und Stiel ausrottete. Nicht viel gluͤcklicher wa- ren die Deutschen in Abydus; sintemal sie vom Koͤnige Philip in Macedonien/ weil sie seine Gesandten nicht in die Stadt lassen wolten/ be- laͤgert/ und um nicht in des grimmigen Siegers Haͤnde zu fallen/ sich und die ihrigen wie die Saguntiner selbst aufzureiben genoͤthigt wur- den; welcher aber kurtz hernach an den Roͤmern und den Grichischen Bundgenossen um 4000. Pfund Goldes gestrafft/ seinen Sohn Deme- trius nach Rom zur Geissel zu schicken/ und die eroberte Griechische Staͤdte in Freyheit zu se- tzen gezwungen ward. Sintemal seine vor- hin gebrauchten Werckzeuge vieler Siege die Thracischen Deutschen von ihm absatzten. Jn Galatien aber behielten die Deutschen noch so wol ihr Ansehn als Kraͤffte unversehret; also: daß zwischen dem Pergamenischen Koͤnige At- talus/ und dem Bithynischen Prusias sie gleich- sam die Zunge in der Wagschale waren: daß/ wo sie/ also auch ihr Gluͤcke hinhieng. Daher sie und die Rhodier bey Chius auch dem fluͤchti- gen Attalus/ hernach aber/ als sie auf Annibals Beredung sich zu dem Prusias schlugen/ wi- der des Attalus Nachfolger Eumenes mit ihm eine herrliche See-Schlacht/ und zwar durch viel in die Pergamenischen Schiffe geworffe- ne Schlangen-Toͤpffe erhielten; hernach auch seinen Bruder den dritten Attalus aufs Haupt erlegten/ die Hauptstadt Pergamus einnah- men/ und das angebetete guͤldene Bild des Esculapius zur Beute bekamen/ und dem Pru- sias verkaufften. Eben so hoch waren sie mitt- ler Zeit beym grossen Antiochus in Syrien ge- sehen; also: daß er 500. Deutsche Edelleute zu seiner Leibwache erkiesete/ ihrem Koͤnige Men- dis eine jaͤhrliche Schatzung zahlte/ ja seine Tochter Arsinoe/ als sie der Pergamenische Koͤ- nig Eumenes aus Furcht fuͤr den Roͤmern/ nicht wie Ptolomeus in Egypten Cleopatren/ und Ariarathes in Cappadocien/ die Antiochus an- nehmen wolte/ ihm vermaͤhlte. Als dieser nun dem Annibal beystimmte/ sich denen in Grie- chenland bereit zu Acro-Corinth/ Chalcis und Demetrias eingenisteten/ und durch den Atta- lus und Eumenes in Asien einspielenden Roͤ- mern bey zeite die Stirne zu bieten; setzte An- tiochus mit dem Mendis und Annibaln uͤber den Hellespont/ nahm viel Staͤdte in Thracien ein/ verband sich mit Byzantz. Ob nun wohl hierauf der Krieg durch die Roͤmische Botschafft eine weile aufgeschoben/ und durch den Africani- schen Scipio Annibal beym Antiochus verdaͤch- tig gemacht ward; so trieb doch Nicanor und Amynander der zwischen Acarnanien und Eto- Erster Theil. R r r r r lien Sechstes Buch lien wohnenden Deutschen oder Athamaner Koͤnig/ wie auch der Etolier Fuͤrst Democritus mit seinen Kriegs-begierigen Deutschen das Werck so weit: daß Antiochus endlich mit 10000. Mann meist Deutschen in dem Eylan- de Euboa ausstieg/ darauf Annibal Ehalcis/ Mendis alle uͤbrige Plaͤtze einnahm. Diß er- regte zu Rom ein ungemeines Schrecken/ weil der Rath besorgte: daß nach Annibals und Ni- canors Gutachten des Antiochus Asiatisches Heer in Jtalien anlenden wuͤrde; Weßwegen zu Tarent ein grosses Heer zusammen zog/ und die Schiffs-Flotte selbige Kuͤste bedeckte. An- nibal spielte es inzwischen auch so kuͤnstlich: daß der Macedonische Koͤnig Philip aus alter ge- gen die Roͤmer tragenden Gramschafft mit dem Antiochus seine Waffen zu vereinbaren fertig stand. Alleine das unerforschliche Verhaͤng- nuͤß/ welches die Hand allenthalben mit im Spiel hat/ schickte es so seltsam: daß diß/ wel- ches Philip vom Antiochus fuͤr einen Liebes- Dienst aufzunehmen Ursache hatte/ zu einem Zanck-Eisen ward. Denn als dieser die von Roͤmern bey Cyno-Cephala erschlagenen Ma- cedonier begraben ließ/ deutete jener es fuͤr einen schimpflichen Verweiß aus: daß er der Seini- gen Beerdigung vernachlaͤßigt haͤtte; schlug sich also wider ihn zu den Roͤmern. Appius Claudius kam nur mit 2000. Mann in Thes- salien; diese aber erschreckten den weibischen Antiochus so sehr: daß weder Annibal noch Ni- canor ihn von Verlassung der belaͤgerten Stadt Larissa abwendig machen konte. Weil er nun gar nach Chalcis floh/ und daselbst eine gemeine Dirne Eubia heurathete/ sein Heer in allen Wolluͤsten ersauffen ließ/ auff den Fruͤhling aus Acarnanien nur fuͤr dem Ruffe: daß die Roͤmer uͤber das Jonische Meer setzten/ drehte Mendis mit seinen Deutschen die Deichsel in Asien/ um an der vorgesehenen Schande des Antiochus kein Theil zu haben; welcher bald darauff von dem Manius Acilius in der so vortheilhafftigen Thermopylischen Enge geschlagen/ und in Chersonesus zu fliehen gezwungen ward. Nach dem aber auch sich Prusias und die Rhodier zu den Roͤmern schlugen/ Diophanes des Antio- chus Sohn/ Selevcus von Pergamus abtrieb/ verließ Antiochus auch den Chersonesus und die Stadt Lysimachia mit unglaublichem Vorra- the. Wie nun die Deutschen der Roͤmer Ein- bruch in Asien vernommen/ stiessen sie um die allgemeine Freyheit zu vertheidigen aus Noth bey dem Berge Sipylus in Lydien zu dem fluͤchtigen Antiochus; und bewegten ihn: daß er in den Thyatirenischen Feldern mit seiner zu- sam̃en gezohenen Macht der bey Sardis stehen- den Roͤmer wartete. Hier kam es zu der beruͤhm- ten Schlacht/ welche die Herrschafft Asiens ent- schied. Mendis fochte mit 5000. gepantzer- ten Deutschen in dem Hertzen des Syrischen Heeres neben der Koͤniglichen Phalanx; die andern Deutschen standen unter dem Selevcus nebst den Cappadociern im lincken Fluͤgel; An- tiochus selbst fuͤhrte den rechten. Seinerseits aber war diß das erste Ungluͤck: daß Koͤnig Ev- menes durch anbefohlne Erlegung der Pferde die Syrischen Streitwagen verwirrete/ und mit selbten die auf Kamelen fechtende Araber in Unordnung brachte. Die gantze feindliche Reuterey traf hierauff gegen die wie Loͤwen fech- tende Deutschen/ welche auch/ weil sie von den Syriern nicht entsetzt ward/ und die allzu enge gestellte Macedonische Phalanx sich kaum ruͤh- ren konte/ fast alle ritterlich auf dem Platze blie- ben. Worauf der lincke Fluͤgel in oͤffentliche Flucht gerieth; die Phalanx aber nebst dem Deutschen Fußvolcke von Roͤmern umringt ward/ gleichwol aber nicht zertrennet werden konte/ biß ihre in die Mitte genommene eigene Elefanten sie zertheilten/ und Domitius dis- seits voͤlliger Sieger ward. Hingegen aber durchbrach Koͤnig Antiochus die Roͤmischen Le- gionen/ und drang biß an ihr Laͤger; ward aber von dem uͤbrigen siegenden Heere/ und inson- derheit Arminius und Thußnelda. derheit dem mit seiner Reuterey ihm begegnen- den Attalus nach vernommener Niederlage des lincken Fluͤgels nach Sardes zu weichen ge- zwungen; Von dar er sich nach Apamea/ dahin auch sein Sohn Selevcus durch Huͤlffe seiner Deutschen Leibwache entronnen war/ und end- lich in Syrien fluͤchtete/ einen schimpflichen Frieden um 2000. Talent kauffte/ gantz Asien biß an das Calycadnische und Sarpedonische Vorgebuͤrge den Roͤmern abtrat/ seine Bunds- genossen aber die Deutschen und den Cappado- cier Koͤnig Ariarathes liederlich im Stiche ließ. Dahingegen der Buͤrgermeister Domitius den Rhodiern/ Lycien und Carien/ dem Evmenes fast alles eroberte in Asien abtraten. Ariara- thes kaufte ihm noch mit Gelde Ruh; den Deut- schen aber kuͤndigte Cneus Manlius alsbald mit thaͤtlicher Feindseligkeit einen unversoͤhnli- chen Krieg an. Die wahrhaffte Ursache war: daß die Roͤmer keine sichere Besitzung des ero- berten Asiens ihnen einbildeten; so lange dieses streitbare Volck nicht auch gezaͤmet waͤre; und der Bithynischen Koͤnige eingewurtzelter Haß wider diese Auslaͤnder trieb den Eumenes: daß er die Roͤmer gegen sie auffs eifrigste verhetzte. Hierzu kam noch die Zwytracht des Deutschen Koͤniges Orgiagon/ und Epossognat; welcher allezeit auf Eumenes Seite gehincket/ auch bey erster Ankunfft der Roͤmer in Asien/ mit ihnen ein Buͤndnuͤß aufgerichtet hatte/ durch dessen Wegweis- und Anleitung Manlius denen Deutschen so viel leichter einen gluͤcklichen Streich anzubringen hoffte. Also zohe Man- lius mit dem gantzen Roͤmischen Heere/ zu wel- chem noch des Eumenes Attalus und Atheneus mit etlichen tausenden stiessen/ durch Asien; un- terwarf ihm die Alabander/ Gorditicher/ den geitzigen Fuͤrsten Moageten/ ja gantz Pamphi- lien und Carien. Endlich kam er in die Graͤn- tzen der Tolistobogier/ welche nebst den Tectosa- gern und Trocmiern die drey fuͤrnehmsten Voͤl- cker der Deutschen und Semnoner sind. E- possognat bereuete zwar nunmehr/ aber zu spaͤt: daß er seinen Landesleuten und Bluts-Freun- den solche Gefahr auf den Hals ziehen helffen; und also bemuͤhte er sich auch auf einer Seite die Roͤmer zu besaͤnfftigen: weil der Deutschen ei- nem alten Bundsgenossen aus Pflicht geleistete Beystand keine solche Feindschafft verdiente/ zumal wenn man sich mit dem/ welchem man Huͤlffe geschickt/ schon verglichen haͤtte; Andern Theils wolte er die Deutschen bereden/ sich un- ter den Schirm der Roͤmer zu begeben/ oder wenigstens eine jaͤhrliche Schatzung zu willi- gen. Aber jenes Absehen verruͤckte die Ehr- sucht des Manlius/ dieses die Großmuͤthigkeit der Deutschen; welche Schatzung zu nehmen/ niemanden aber zu geben/ weniger ihrer Frey- heit ein solch Brandmal einzubrennen gewohnt waren. Daher fielen die Tolistobogier dem Manlius bey der Festung Kuball zum ersten ein; erlegten alle Vorwachen/ und zohen sich uͤber den fischreichen Fluß Sangar zuruͤcke. Wie nun aber die Roͤmer uͤber eine Schiffbruͤ- cke mitaller Macht folgten/ die drey Koͤnige der Deutschen/ nehmlich Orgiago/ Combolomar und Gaulot wegen der Beschirmungs-Art sich nicht mit einander vergleichen kunten; Nahm Orgiago mit den Tolistobo giern den Berg O- lympus/ Combolomar mit denen Tectosagern den Berg Magana ein; Gaulot aber blieb mit den geschwinden Trocmiern zu Felde/ mit Ver- troͤstung/ denen/ die die Roͤmer auff den Ge- buͤrgen angreiffen wuͤrden/ beyzuspringen. Aber der Unstern der Deutschen gab diesem Rathschlusse einen betruͤbten Ausgang. Denn weil die Roͤmer viel Cretensische und Triballi- sche Bogenschuͤtzen bey sich/ die Roͤmer auch selbst vielerley Art Waffen hatten/ wormit sie die darmit nicht so wol versehenen und ohne diß meist nackend fechtende Deutschen verwunde- ten/ brachen sie an dem einen Orte mit Gewalt durch/ nach dem Attalus an zweyen andern Seiten durch etliche dieses Gebuͤrges kundige R r r r r 2 Per- Sechstes Buch Pergamenische Schuͤtzen uͤber die Steinklip- pen geleitet ward; und also die Tolostobogier ihre Macht an viele Orte zertheilen musten. Also ward das Gebuͤrge mit grosser Beute ero- bert/ und blieben biß an 10000. streitbare Maͤn- ner; welche aber groͤsten Theils sich von den Klippen herab stuͤrtzten/ um der Schande der Dienstbarkeit zu entfliehen. Die wenigen a- ber/ die in der Feinde Haͤnde fielen/ bissen fuͤr Ungedult mit den Zaͤhnen in die sie schluͤssen den Ketten/ reckten ihre Gurgeln begierig den Stri- cken und Schwerdtern dar/ und fleheten ihre Waͤchter um ihre Hinrichtung mit Thraͤnen an. Gleichwol schlug sich Koͤnig Orgiago mit etwan 7000. Mann durch; Alleine seine Ge- mahlin Chiomara ward mit noch wol 40000. Weib und Kindern gefangen. Diese/ als Man- lius wider die Tectosager fortruͤckte/ ward in der Stadt Ancyra einem Hauptmanne Helvius zu verwachen anvertrauet; welcher ihrer un- vergleichlichen Schoͤnheit halber in so tolle Brunst verfiel: daß/ als er durch keine Liebkos- und Vertroͤstungen ihre keusche Seele zu sei- nem geilen Willen bewegen konte/ sie in Fessel schloß/ und mit Gewalt nothzuͤchtigte. Uber diß verleitete ihn der Geitz: daß er ihr gegen ein Attisch Talent Goldes heimlich aus dem Ge- faͤngnuͤß zu helffen mit ihr eines/ auch einer ihrer Knechte von ihrem Ehherren das Loͤsegeld ab- zuholen abgeschickt ward. Dieser kam mit ei- nem Gefaͤrthen/ und dem Golde auf bestimmte Zeit; Helvius und seiner Kriegsknechte einer an dem Flusse Hylas an. Die Koͤnigin Chio- mara befahl in ihrer Sprache alsbald ihren Knechten: daß sie/ wenn Helvius das Gold ab- waͤgen wuͤrde/ ihn durchstechen solten. Wel- ches gluͤcklich vollzogen/ dem andern Roͤmer a- ber gleichwol das Loͤsegeld gefolgt/ und die Ur- sache solcher Rache zu verstehen gegeben ward. Chiomara er grif hier auff selbst die Sebel/ hieb dem Helvius den Kopf ab; huͤllte ihn in ihr Kleid; und legte ihn hernach zu den Fuͤssen ihres Koͤniges; welchem sie mit Thraͤnen ihre Ver- unehrung eroͤffnete; welche sie mit nichts als des Schaͤnders Blute abzuwischen gewuͤst haͤtte. O der unvergleichlichen Heldin! fing die Koͤni- gin Erato an; in welcher Keuschheit/ Großmuͤ- thigkeit und Redlichkeit mit einander um den Siegs-Krantz streiten. Verkriecht euch ihr Roͤmer mit euer Lucretien; und lasset sie als eine beschaͤmte Dienerin dieser Deutschen Fuͤrstin den Schirm nachtragen. Jener verzagte Seele willigte aus Furcht des doch hernach er- wehlten Todes in des Tarqvinius Veruneh- rung; bey der Chiomara aber leiden des Helvius Schand-That nur die in Stahl/ und Eisen sich nicht zu ruͤhren maͤchtige Glieder. Jhre feu- rige Augen/ ihre spruͤende Zunge/ ihre knir- schende Zaͤhne/ ihr sich windender Leib/ duͤnckt mich/ geben noch ihre Abscheu fuͤr dem un- menschlichen Laster zu verstehen. Lucretie schaͤmt sich ihres Fehlers; ja sie laͤst sich die Schande so gar in eine unvernuͤnfftige Ver- zweiffelung stuͤrtzen: daß sie das Laster nicht an dessen Uhrheber/ sondern an ihr selbst strafft; und ihre Schamroͤthe mit ihrem eigenen Blute abwaͤscht. Wie viel hertzhaffter aber raͤchet Chiomara an dem Ehrenschaͤnder Helvius ihr Unrecht. Der Himmel verleihet ihr uͤber ihn einen so herrlichen Sieg: daß sie seine stinckende Leiche zu ihres beleidigten Ehmanns Fuͤssen le- gen; und seine Schandflecken zum Wahrzei- chen ihrer unbesudelten Keuschheit angewehren kan. Lucretie zwinget ihren Ehmann und Vater durch einen Eyd ihre Beschimpffung an denen Tarqviniern/ und also auch an denen zu raͤchen: die an solcher That keine Schuld hatten. Die aufrichtige Chiomara aber haͤlt auch ihren Feinden Treu und Glauben; und zaͤhlet das dem Nothzuͤchtiger zum Loͤsegelde versprochene Gold auch in ihrer Freyheit aus. Es ist wahr/ versetzte Zeno: daß Chiomara ein Beyspiel sey/ das nicht seines gleichen habe. Wie hochschaͤtz- bar nun ihre Keuschheit und Hertzhafftigkeit ist; so Arminius und Thußnelda. so duͤnckt mich doch: daß ihr letzteres Beginnen das aller merckwuͤrdigste/ und eine rechte Fuͤrst- liche Tugend sey. Sintemal Treu und Glau- ben das heiligste Gut des menschlichen Ge- schlechtes; ein Ancker des gemeinen Wesens/ ein Band aller Voͤlcker/ ein Ehren-Krantz der Fuͤrsten/ eine Schwester der Gerechtigkeit/ und eine in den Seelen ingeheim wohnende Gott- heit ist. Weßwegen die Roͤmer billich ihr Bild harte neben den Capitolinischen Jupiter gesetzt haben; weil sie so wol als er ein Schutz-Gott der Sterblichen ist; ohne welche keine Gemein- schafft unter den Menschen bestehen/ und keine Zwytracht geschlichtet werden kan. Die Koͤ- nigin Erato brach ein: Ob ich wol meines Ge- schlechtes halber ihrer Keuschheit das Wort re- den solte; bezwingen mich doch die Umstaͤnde des Fuͤrstin Zeno Urthel beyzupflichten. Sin- temal niemand der Fuͤrsten Chiomara uͤbel aus- gedeutet haben wuͤrde; wenn sie gleich bey ihrer erlangten Freyheit das ihr in Band und Eisen zu versprechen abgezwungene Loͤsegeld hinter- halten haͤtte. Die Fuͤrstin Jsmene setzte ihr entgegen: Jch bin gantz widriger Meinung; und halte mit meinen Landesleuten darfuͤr: daß man auch untreuen Leuten/ und diß/ was man aus euserster Furcht versprochen/ zu halten schuldig sey. Sintemal ein gezwungener Wil- len dennoch eine Verwilligung/ und das ver- sprochene beschwerliche in Ansehung des uͤber- hobenen groͤssern Ubels nichts minder als die Auswerffung der Waaren ins Meer gegen dem Verluste des Lebens und Schiffes etwas gutes und verlangliches ist. Rhemetalces nahm sich der Koͤnigin an: Er bescheidete sich wol: daß diß/ was in oͤffentlichem Kriege ein Feind den andern verspraͤche/ das Voͤlcker-Recht heilig ge- halten wissen wolte; und zwar auch gegen den/ der schon einmal Bund- und eydbruͤchig worden waͤre. Helvius aber waͤre in seinem Thun nur fuͤr einen Raͤuber und Moͤrder zu halten/ derogleichen Leute des allgemeinen Voͤlcker- Rechts nicht faͤhig waͤren. Malovend fiel Js- menen zu: Jch weiß wol: daß dieser Fuͤrwand eines der Schliploͤcher sey; dardurch eine aus den Schlingen ihrer Angeloͤbnuͤsse sich schein- bar zu reissen gedencken. Alleine wenn solche Leute keines Rechtes genuͤssen solten/ wuͤrde an eines Raͤubers Ehweibe kein Ehbruch/ und an seinem rechtmaͤßigen Gute kein Diebstal be- gangen werden koͤnnen. Rhemetalces fiel ein: Eben so wenig/ als an ihm selbst ein straffbarer Todschlag. Sintemal ich dem vielmehr Eh- re und Vermoͤgen zu nehmen berechtiget bin/ uͤber dessen Leben ich Gewalt habe. Malovend antwortete: Es ist diß ein zu strenger und ge- faͤhrlicher Schluß. Denn ob zwar zwischen einem offentlichen Feinde/ und einem Raͤuber ein grosser Unterscheid/ auch zweyerley Recht ist; so hat doch dieser nicht so gleich den Men- schen ausgezogen/ noch sich aller in der Natur gegruͤndeten Rechte verlustig gemacht. Das Voͤlcker-Recht eignet den Herren uͤber ihre Leibeigene das Recht des Lebens und Todes zu. Gleichwol aber war keiner/ der nicht denen in den Pasikischen Tempel geflohenen Knechten sein Wort hielt. Hingegen straffte die goͤttli- che Rache sichtbarer der Spartaner an denen Tenarensischen Leibeigenen wider ihren Ver- gleich veruͤbte Mordthat. Soll ich einem Raͤu- ber sein mir anvertrautes Gut wieder zustellen? Soll ich einem Moͤrder/ der mir den rechten Weg weist/ den versprochenen Lohn nicht geben? Jn alle wege/ meine ich. Denn er hoͤret gegen mir auf ein Ubelthaͤter zu seyn. Und das un- rechte Besitzthum eines andern eignet mir nicht bald eine Berechtsamkeit ihm solches zu entfꝛem- den zu. Rhemetalces versetzte: Hier aber hat Helvius/ der mit Gewalt der Chiomara Ver- sprechen erzwungen/ das Loͤsegeld abgeheischen. Ja/ sagte Malovend/ aber auch gegen eben diese sind wir es zu halten schuldig; weil es in unserm Willen und Vermoͤgen gestanden solches zuzu- sagen. Denn ob wol die Obrigkeit einen sol- R r r r r 3 chen Sechstes Buch chen Gewaltthaͤter zu straffen/ ihm auch das er- zwungene wieder abzunehmen Recht hat; so kan doch der Versprecher selbst seine anfaͤngliche Beschaffenheit nicht aͤndern/ und sich wider den/ mit dem er das Versprechen vollzogen/ zum Richter machen. Daher nicht allein Lucullus dem Fuͤhrer der Fluͤchtlinge Apollonius sein Wort gehalten; und Augustus dem sich selbst gestellenden Raͤuber Crocotas den auff seinen Kopff gesetzten Lohn bezahlet; sondern auch der Roͤmische Rath gar des Pompejus mit den See- und des Julius mit den Pyreneischen Berg- Raͤubern gemachten Vergleich genehm gehabt hat. Rhemetalces begegnete ihm: Aber Hel- vius hat die Versprechung des Goldes von der Chiomara durch angedraͤute Unzucht erzwun- gen. Soll nun das bindig seyn/ was aus einer Gewalt herruͤhret/ welche das Recht der Natur und der Voͤlcker verdammet? Malovend ant- wortete: Wenn was so verdam̃liches verheissen wuͤrde/ waͤre es unkraͤfftig und zu halten schelt- bar. Je verdam̃licher aber diß ist/ was durch das Versprechen verhuͤtet wird; ie mehr ist man wegen so einer wichtigen Bewegungs-Ursache das Verheissene zu halten schuldig. Wiewol die Deutschen auch das Versprochene/ was gleich an sich selbst scheltbar ist/ nicht inne zu hal- ten fuͤr Schande achten/ und daher/ wenn sie ih- re aufgesetzte Freyheit verspielen/ sich ohne ge- ringe Weigerung dem Gewinner leibeigen ge- ben. Ja unter uns ist auch der Poͤfel so gear- tet: daß er lieber einen Zentner an seinem Ver- moͤgen/ als ein Loth an seinen Worten einbuͤssen wil; weil diese ein Vorbild des Gemuͤthes sind; und wenn jene leichtsinnig sind/ dieses liederlich seyn muß. Wiewol diese Aufrichtigkeit uns Deutschen in denen mit den verschlagenen Roͤ- mern gefuͤhrten Kriegen sehr schaͤdlich gewest; in dem wir gar zu genau Wort gehalten/ und ih- ren zweydeutigen Reden zu viel getraut haben. Wiewol es ruͤhmlicher ist/ durch Redligkeit Schaden leiden/ als durch Unwahrheit Scha- den thun. Zeno fing hieruͤber laut an zu ruffen: Nun erfahre ich: daß kein Volck an Treu und Glauben uͤber die Deutschen sey; und daß in andern Laͤndern nur dieser Tugend Schatten/ hier aber ihr Wesen und Uberfluß zu finden sey! Ja/ sagte Malovend: dieses reichen Besitz- thums haben wir uns zu ruͤhmen; insonderheit aber ist sie eine so noͤthige Eigenschafft des Adels und der Fuͤrsten: daß wer darwider handelt sei- ner Wuͤrde verlustig wird; vorher aber weder Fuͤrst noch Edler etwas mit einem Eyde be- theuern darf. Weßwegen unser Hertzog Mar- comir nicht nur nichts hoͤher/ als: so wahr er ein ehrlicher Mann waͤre/ zu betheuern/ und daß er diß waͤre/ fuͤr seinen hoͤchsten Ruhm zu schaͤtzen/ ja zu sagen pflegte: diß waͤre mehr als Kaͤyser seyn. Zeno fiel ein: Diese Eydes-Freyheit ha- ben zu Rom nur die Vestalischen Jungfrauen/ und Jupiters Priester. Und Xenocrates hat- te sie seiner Redligkeit halber in Griechenland fuͤr allen Richter-Stuͤlen. Wolte Gott aber/ daß alle Menschen oder doch nur zum wenig- sten Fuͤrsten solcher zu genuͤssen wuͤrdig waͤren! welche aber leider! insgemein Treu und Glau- ben halten nur fuͤr eine Tugend der Kauff-Leu- te/ fuͤr einen Fehler der Staats-Klugen/ und fuͤr Gebrechen der Fuͤrsten; die theuersten Ey- de fuͤr Spielbeine halten/ die Albern damit zu betruͤgen. Rhemetalces nahm das Wort von ihm: Jch gebe gerne nach: daß da ein Mensch/ so viel mehr Fuͤrsten als Gottes Bil- der auff Erden die Warheit lieben sollen. Weßwegen Marcus Antonius ihm den Ti- tel des Wahrhafftigstens als den fuͤrnehmsten unter allen zueignete. Alleine seinem Be- duͤncken nach waͤre die Welt nunmehr auff so viel Fallstricke abgerichtet: daß ein Fuͤrst mit seinen Worten leicht koͤnte gefangen werden. Solte er in solchen Faͤllen nicht auch eine ver- schmitzte Ausflucht zu suchen/ und List mit List zu vernichten befugt seyn? Solte er seinen Feind nicht mit Worten in einen Jrrthum verleiten moͤ- Arminius und Thußnelda. moͤgen/ den er zu toͤdten Recht hat? Warlich/ wer in Staats-Sachen gar zu gerade zugehet/ wird dem gemeinen Wesen viel Unheil verursa- chen/ und sich zum Gelaͤchter der Boßheit ma- chen. Und duͤnckt mich: daß die/ welche mit gar zu grossem Eyver hierinnen verfahren/ eben so sehr verstossen/ als der Bildhauer Demetrius; welcher seine Saͤulen gar zu aͤhnlich nach dem Leben machte/ hierdurch aber alle Annehmlig- keit verderbte. So edel die Warheit an ihr selbst gleich ist/ so laͤst doch weder die eigene noch die gemeine Wolfarth/ (welche erstere der Na- tur/ die andere das hoͤchste buͤrgerliche Gesetze ist) allezeit zu mit der Warheit zur Thuͤre nein fallen. Sie thut mehrmals groͤssern Scha- den/ als eine zwar gute/ aber zur Unzeit ge- brauchte Artzney. Denn sie ist eine unter de- nen drey guten Muͤttern/ welche so ungerathe- ne Kinder zur Welt bringen; nemlich: sie ge- biehret Haß/ wie die Vertraͤuligkeit Verach- tung/ und der Friede Unachtsamkeit. Malo- vend antwortete: Ein kluger Fuͤrst ist wol nicht schuldig alles zu sagen/ was er im Schilde fuͤhrt; Aber nichts soll er sagen oder versprechen/ was nicht wahr/ oder er zu halten willens ist. Durch seine Verschwiegenheit moͤgen sich andere/ er aber niemanden durch seine Worte betruͤgen; noch er seiner Unwahrheit durch eine fpitzfin- nige Auslegung eine Farbe der Wahrheit anstreichen. Diese haben die Alten mit einem weissen Schleyer abgebildet; weil sie keine Lar- ve vertraͤgt. Daher auch diß/ was ohne lan- gen Bedacht unvermuthet versprochen wird/ nicht zuruͤck gezogen werden kan. Daher Aga- memnon das unbedachtsame Geluͤbde seine Tochter Jphigenia zu opffern nicht wiederruf- fen wolte; und Cydippe ward von dem Wahr- sagungs-Geiste verurtheilt diß zu halten/ was Acontius auf eine Qvitte geschrieben/ und sie un- vorsichtig nachgelesen hatte. Rhemetalces ant- wortete: Jch kan mich schwer bereden lassen: daß/ wo kein rechter Vorbedacht und Vorsatz sich zu verbinden gewest/ man so unaufloͤßlich verknipft sey; und daß das Gesetze sein Wort zu halten keinen Absatz leide. Ja ich glaube viel- mehr: daß desselben Zuruͤck ziehung offtmals ei- ne zulaͤßliche Klugheit/ zuweilen auch ruhms- wuͤrdig sey. Solte jener Fuͤrst wohl getadelt werden koͤnnen/ der bey Belaͤgerung einer sich hartnaͤckicht wehrenden Stadt auch biß auff die Hunde Rache auszuuͤben schwur/ hernach aber nur diese toͤdten/ die Menschen aber leben ließ? Malovend begegnete ihm: Wenn ein Geluͤbde und Versprechen auf was an sich selbst boͤses zie- let/ und sich derogestalt selbst zum Laster macht/ bleibt solches so billich als eine Unmoͤgligkeit zu- ruͤcke; wie hingegen man nach dem Beyspiele der ihre Bitterkeiten verguͤldender Aertzte durch eine nuͤtzliche Unwarheit einem andern wol helf- fen mag. Denn diese ist alsdenn so wenig fuͤr eine Luͤge/ als des Junius Brutus mit Gold er- f uͤllter Stab fuͤr geringes Holtz/ und seine dem Vaterlande zu Liebe angenommene Bloͤdsin- nigkeit fuͤr Betruͤgerey zu halten. Auser dem wissen wir Deutschen von keinem zulaͤßlichen Absatze; und verdammen fuͤrnehmlich auch die scheinbarsten Ausfluͤchte/ wenn es der/ mit dem wir handeln/ anders verstanden und angenom- men hat. Daher darf sich bey uns der fried- bruͤchige Amasis nicht ruͤhmen: daß er seinen Eyd gehalten/ dardurch er geschworen mit den Barseern so lange ruhig zu leben/ so lange die Erde/ darauf sie stuͤnden/ unbeweglich seyn wuͤr- de/ ungeachtet er selbten Platz hernach unter- graben ließ/ daß sie unter sich fallen muste. E- ben so unverantwortlich fuͤhrten die Locrenser die Sicilier hinters Licht; da sie in ihre Schuh Erde/ und uͤber ihre Achseln unter die Kleider Zwiebel-Haͤupter versteckten/ und schwuren ih- re Freunde zu bleiben/ so lange sie die Erde un- ter ihren Fuͤssen/ und die Koͤpffe auf den Achseln haben wuͤrden. Und der Cyrenische Aristoto- les meinte sich seines der Lais gethanen Ange- loͤbnuͤsses liederlicher/ als sie selbst war/ loß zu ma- Sechstes Buch machen; da er an statt ihrer ihr Buͤndnuͤß mit in ihr Vaterland nahm. Massen denn/ wenn s o lche Auslegungen guͤltig waͤren/ unschwer alle Versprechungen ersitzen bleiben wuͤrden/ wie des Palanthus in Rhodis Schiffe; welche ihm Jphiclus bey Ubergabe seiner Festung zu seiner Abreise zwar ihrem getroffenen Vergleiche nachgab/ aber Seile/ Segel und Steuer-Ru- der vorher davon nehmen ließ. Adgandester/ welcher inzwischen Athem geschoͤpft hatte/ brach hier ein/ und meldete: daß Qvintus Fabius La- beo es dem Antiochus nicht besser mitgespielt haͤtte/ da er wider ihr Abkommen: daß dieser die Helffte seiner Schiffe behalten solte/ sie saͤmtlich mitten entzwey hauen ließ/ darmit er ihn um al- le braͤchte. Noch betruͤglicher liessen die Roͤ- mer den schlaffenden Koͤnig Perseus/ dem sie das Leben zugesagt hatten/ erwuͤrgen/ unter dem thoͤrichten Vorwand: daß der Schlaff des Todes Bruder/ und ein schlaffender nicht lebend waͤre. Und auf diese Art haben diese arglistige Leute/ welche nur in kleinen Dingen Treu und Glauben halten: daß sie ihnen den Weg baͤh- nen/ andere Voͤlcker uͤber den Stock zu stossen/ wenn es ihnen fuͤr die Muͤh lohnet/ die leicht- glaͤubigen Deutschen unzehlich mal bevortheilt. Massen sie sonderlich etliche solche Streiche in Galatien gegen die Tolostobogier gluͤcklich an- brachten. Nachdem diese nun derogestalt ziem- lich den kuͤrtzern gezogen hatten/ traffen etliche Hauffen der Roͤmer auff die Tockmier mit ab- wechselndem Gluͤcke; endlich aber erlitten die Tectosager an dem Berge Magana eine harte Niederlage; also: daß sie auf bewegliches Weh- klagen ihrer Weiber mit den Roͤmern einen wiewol noch ertraͤglichen Frieden zu schluͤssen gezwungen wurden; krafft dessen sie nur ein ge- gen Capadocien liegendes Theil Galatiens im Stiche lassen/ und ihre Graͤntzen nicht gewaf- net zu uͤber schreiten Macht hatten. Diß denen Galatern zugefuͤgte Unrecht/ und die denen zwischen der Donau und der Sau nieder gelassenen Deutschen nach Bedraͤngung Griechenlands immer naͤher kommende Ge- sahr/ da zumal Acilius den Athamantischen Koͤ- nig Aminander verjagte/ seine Deutschen der Botmaͤßigkeit des Macedonischen Koͤnigs Phi- lip unterwarf/ Cato die Etolier demuͤthigte/ ver- ursachte diese Freyheits-liebende Voͤlcker: daß sie den Koͤnig im Pontus Pharnaces den Groß- vater des grossen Mithridates/ wie auch den Koͤnig in Armenien Artaxias/ und der Sarma- ter Koͤnig Galatus/ der vom Antiochus aber fluͤchtige Annibal den Bithynischen Koͤnig Pru- sias/ den von Roͤmern so groß gemachten Eume- nes auff den Hals hetzten. Des Artaxias Feld- hauptmann siel in Capadocien/ Galatus in Griechenland/ Leocritus des Pharnaces Heer- fuͤhrer in das verlohrne Galatien/ Pharnaces in Paphlagonien/ die Deutschen Fuͤrsten Carsi- gnat und Goͤzotar theils in Phrygien/ theils in Capadocien/ Prusias in Mysien ein. Dieser verlohr zwar zu Lande eine Schlacht; solches a- ber raͤchete der aus Creta zum Prusias fliehende Annibal bald darauff durch einen herrlichen Sieg zur See. Die Sarmater spielten in Griechenland den Meister; in Paphlagonien nahm Pharnaces die Festung Tejum ein/ und fuͤhrte grosse Beute und viel tausend Gefangene heim; Aus Capadocien ward Ariarathes gar vertrieben und der Koͤnigliche Schatz erobert. Die Lycier lehnten sich auch wider Rom und die Rhodier auf. Nichts desto weniger ließ sich Pru- sias das Draͤuen der Roͤmischen Gesandten schrecken: daß er nicht nur von Bundsgenossen absetzte/ sondern auch Annibaln ausliefern wol- te/ also ihn sich selbst zu vergifften noͤthigte/ und wie ein Leibeigener in Gestalt eines beschor- nen Knechtes der Botschafft entgegen zoh. Dem Prusias folgte der Sarmater Koͤnig Ga- talus/ nach dem ihnen die Roͤmer kostbare Geschencke schickten/ Philippus in Macedo- nien fuͤr Unmuth wegen seines unschuldig ge- toͤdteten Sohnes Demetrius starb/ und sein Nach- Arminius und Thußnelda. Nachfolger Perseus ihnen die Dardaner auf den Hals hetzte. Weil nun die Roͤmer ihre in Griechenland gegen den ihnen verdaͤchtigen Philip habende Waffen alle in Asien uͤbersetzten/ machte Pharnaces und Mithrida- tes Friede/ gaben alles eroberte aus Furcht wie- der/ und muste jener noch neuntzig/ dieser drey- hundert Talent bezahlen/ beyde auch des mit den Deutschen gemachten Buͤndnuͤsses sich entaͤu- sern. Die Deutschen Fuͤrsten Carsignat und Goͤzotor aber konten als unversoͤhnliche Feinde keinen Frieden erlangen. Daher sie sich so lan- ge tapfer wehreten/ biß der vom Perseus wieder Rom erhobene Krieg ihnen ein wenig Lufft machte. Jn Ligurien machten zwar die Deut- schen mit offtern Streiff-Rotten die Roͤmer fort fuͤr fort muͤde/ und zohen sich bey andringen- der Macht hierauf in ihre verhauene Gebuͤrge: daß es also eine gute Zeit zu keinem Haupt- Treffen kam. Endlich aber mergelte doch der Buͤrgermeister Cajus Flaminius die Britina- ten derogestalt ab: daß sie ihm die Waffen aus- haͤndigen musten; wiewohl sie/ so bald sie nur Lufft kriegten/ auf das Auginische Gebuͤrge ent- kamen. Jedoch drang ihnen Flaminius uͤber den Apennin nach/ und zwang sie zur Ubergabe alles Jhrigen. Hierauf grief er die zwischen dem Flusse Arnus und dem Vor-Gebuͤrge woh- nenden Apuaner an/ und noͤthigte ihnen einen Frieden und Versprechen ab: daß sie in die Bo- nonische und Pisische Landschafft nicht mehr streiffen wolten. Der Buͤrgermeister Emilius aber setzte gar uͤber den Fluß Macra/ brennte daselbst an den Baͤchen Labonia und Sturla alles aus/ hernach lockte er die auf den Schweinberg und das Gebuͤrge Ballista gefluͤchteten Deut- schen und Gallier herab/ erschlug derer etliche tausend/ und brachte sie hernach gleichfalls zum Gehorsam. Marcus Furius aber nahm de- nen stets in unverruͤckter Treue auf Roͤmischer Seite gestandenen Cenomaͤnnern zwischen dem Flusse Athesis und Mincius/ als sie ihnen keine Feindseligkeit traͤumen liessen/ alle Waffen ab. Nach dem nun die in den Gebuͤrgen gebliebenen Ligurier sich nicht gutwillig unters Joch einsin- den woltẽ/ ward Quintus Martius mit einẽ neu- en Heere wider die Apuaner abgefertigt. Die- selockten ihn mit allem Fleiß in ihre innerste Be- haͤltnuͤsse; und als sie die Roͤmer in ein bruͤchiges Thal verleitet hatten/ fielen sie sie vor und hinter- werts an/ erschlugen vier tausend Roͤmer/ sechs tausend Lateiner/ nahmen jenen einen Adler und drey andere/ diesen eilf Fahnen/ und eine unzehlbare Menge Waffen ab; also: daß wenig durch die Waͤlder in Hetrurien entkamen. Wel- cher Sieg denen Alemaͤnnern aufs neue Anlaß gab: daß sie uͤber die Tridentinischen Alpen stie- gen/ zwischen den Fluͤssen Liquentia/ Sontius und dem Adriatischen Meere festen Fuß setzten; und etliche Staͤdte an den Fluͤssen Tilavemptus/ Alsa und Natiso bauten. Unterdessen laͤchel- ten den Koͤnig Perses in Macedonien seiner Vorfahren Thaten auf sich und auch durch Krieg in der Welt ansehlich zu machen. Des die Roͤmer zu bekriegen im Schilde fuͤhrenden Philippus versam̃lete Kriegs-Vorrath/ der un- ter dem Roͤmischen Joche schmachtenden Grie- chen Ungedult/ der Stadt Carthago/ welche sei- ner Botschafft des Nachts Verhoͤr gaben/ in geheim kochender Groll/ und seine auf die gegen Rom verbitterte Deutschen gesetzte Hoffnung waren alles gewaltiger Zunder zu diesem Feuer. Diesemnach verband er sich mit dem deutschen Fuͤrsten Goͤzonor in Galatien/ und mit dem Koͤnige der Odrysen Cotys in Thracien; durch derer Huͤlffe er den mit den Roͤmern verknuͤpften Thracischen Koͤnig Abrypolis aus seinem Lan- de vertrieb/ den eben so gesinnten Jllyrischen Koͤnig Aretas gar erlegte; den Koͤnig Prusias dahin brachte: daß er den Roͤmern keine Huͤlffe zu leisten versprach; die Beotier ihm verband. Mit einem Worte: Perses hatte Bunds-Ge- nossen/ Mittel/ Ansehn und Volck genung; nemlich: neun und dreissig tausend Fuß- Erster Theil. S s s s s Knechte/ Sechstes Buch Knechte/ und drey tausend Reiter auf den Bei- nen; also: daß er sich spielende gantz Griechen- lands Meister haͤtte machen koͤnnen. Sinte- mal keine Roͤmische Macht bey der Hand/ Egy- pten in einen Krieg mit dem Antiochus in Syri- en eingeflochten/ Eumenes zwar gegen den Per- ses/ der ihn zu Delphis wollen ermorden lassen/ verbittert/ aber die Roͤmische Macht zu vergroͤs- sern nicht gemeynet/ Masanissa in Numidien/ weil er Carthago siebzig abgenommene Staͤdte wieder geben musie/ den Roͤmern nicht mehr so geneigt war. Aber Perses versaͤumte die Ge- legenheit und den Ansprung/ verspielte die Zeit und Kriegs-Kosten; ließ sich auch den Gesand- ten Martius theils durch Draͤuen erschrecken/ theils durch gemachte Friedens-Hoffnung ums Licht fuͤhren; biß die Roͤmer die Haupt-Stadt in Thessalien einnahmen/ der Buͤrgermeister Licinius mit einem maͤchtigen Heere/ und der Stadt-Vogt Lucretius mit einer Kriegs-Flotte in Griechenland einbrach. Der schlaͤfrige Per- ses haͤtte ihm die Roͤmer biß in Macedonien auf den Hals kommen lassen; wenn nicht Koͤnig Co- tys mit tausend Thracischen/ Hertzog Goͤzonor mit tausend Edelleuten uͤber die unter dem Feld- hauptmanne Ascleopiadiot voran geschickte zwey tausend Deutsche zu Pella ankommen waͤren/ und den Perses den Roͤmern entgegen zu ziehen ermahnet haͤtten; weil im Kriege der Angriff ein Zeichen eines hertzhaften Vertrauens/ und sein Pferd an einen fremden Zaum binden kein ge- ringer Vortheil waͤre. Perses ruͤckte also ge- gen Thessalien fort; Hertzog Goͤzonor selbst fuͤhrte den Vortrab/ und ruͤckte uͤber den Fluß Aliacmon/ nahm die Staͤdte Azor/ Py- thoum/ Doliche und Pertebe mit Schrecken/ Creta durch Gewalt/ Myle mit Sturm ein. Hierauf setzte sich Perses mit seinem gantzen Heere bey der Stadt Sycurium unter dem Ber- ge Ossa an dem Eingange des Tempischen Tha- les/ und durchstreiffte das gantze flache Thessali- en mit der Deutschen und Thracischen Reiterey. Licinius hingegen konte sich mit Noth durch Epirus und das bergichte Athamarien durch- arbeiten; erreichte aber endlich den Fluß Pe- neus; stieß daselbst zu dem Thessalischen Fuͤrsten Hippias; und ob wohl Evmenes/ Attalus und Phileterus die drey Pergamenischen Bruͤder und der Deutschen Galater Fuͤrst Carsignot mit 7000. zu ihm stiessen/ wagte er sichdoch nicht dem Perseus unter die Augen zu ziehen/ sondern setzte sich unter die Stadt Larissa/ und verschantzte sein Laͤger an dem Flusse Peneus. Ob nun wohl Perses der Pherer Gebiete taͤglich mit Raub und Brand beschaͤdigte; lagen die Roͤmer doch stille/ biß Perses mit einem Theile seines Heeres biß ins Gesichte des Laͤgers ruͤck- te/ Goͤzonor aber und Cotys mit fuͤnf hundert Deutschen und Odrysischen Reitern unter den Wall kamen/ und die Roͤmer ausforderten. Der Deutsche Fuͤrst Carsignat hatte mit seinem Vetter Goͤzonor mit Fleiß abgeredet: daß eineꝛ dem Perses/ der ander den Roͤmern beystehen solte/ um durch ein oder des andern Theiles Ver- lust die deutsche Herrschafft zu unterstuͤtzen. Die- ser und Attalus konten den Schimpf nicht ver- schmertzen/ ruͤckten also mit ihrer Reiterey her- aus/ und geriethen mit einander in ein hitziges Gefechte; darinnen aber Hertzog Carsignat selbst von einem deutschen Ritter toͤdtlich/ und Attalus vom Fuͤrsten Goͤzonor verwundet ward. Nach fast gleichem Verluste trennte sie die Nacht. Nach etlichen Tagen stellten beyde Theile endlich ihre Heere gegen einander in Schlacht-Ordnung. Der Koͤnig Cotys grief mit seinem rechten Horne die Roͤmische/ Perses und Goͤzonor aber die Griechische und Asiatische Reiterey an. Ob nun wohl des Car- signats zwey hundert deutsche Reiter ihr bestes thaten/ so brach doch Goͤzonor mit seinen meh- rern Deutschen durch. Die Etolier geriethen fuͤr ihrem Geschrey in die Flucht. Evmenes nahm zwar sein Volck ein/ und brachte die Fluͤch- tigen wieder zu Stande; es tauerte aber nicht lan- Arminius und Thußnelda. lange/ sonderlich als Cotys auch die Roͤmische Reiterey zertrennete. Koͤnig Perses drang zu- gleich mitten in die Roͤmische Schlacht- Ordnung; und Bereus sein Feldhauptmann trennte mit der Phalanx die eine Legion: daß auf Roͤmischer Seiten nun alles verspielet zu seyn schien. Zu allem Ungluͤcke kam Evander aus Creta/ welchen Perses nach Delphis den Evmenes zu ermorden geschickt hatte; machte dem Perses den Ausgang der Schlacht zweifel- haft/ er solte durch Heftigkeit die Roͤmer nicht unversoͤhnlich machen; und erhielt: daß der Perses abblasen/ die Krieges-Fahnen umbdre- hen/ und durch einen betruͤgerischen Meuchel- Moͤrder ihm den in den Haͤnden habenden voͤl- ligen Sieg auswinden ließ. Hertzog Goͤzonor aber hatte kein Gehoͤre/ sondern verfolgte die feindliche Reiterey biß in den Fluß Peneus; all- wo er bey uͤberkommendem Befehle des Perses den blutigen Degen ins Wasser warff/ und fuͤr Ungedult anfing: Wenn wir Weiber seyn muͤs- sen/ sind uns die Waffen nichts nuͤtze. Gleich- wohl blieben auf Roͤmischer Seiten zweytausend Fuß-Knechte/ zwey hundert Reiter; auf Ma- cedonischer Seiten zusammen kaum sechzig. Jn dem Roͤmischen Laͤger zitterte alles fuͤr Schreckẽ; also: daß der Buͤrgeꝛmeister es des Nachtsin alleꝛ Stille uͤbeꝛ den Fluß veꝛsetzẽ muste. Wiewol nun Perses hernach seinen ihm vom Fuͤrsten Goͤzo- nor eingehaltenen Fehler erkennte/ und auf die Hoͤhe Mopselus zwischen der Stadt Larissa und dem Tempischen Thale ruͤckte; so wiechen doch die Roͤmer noch an einen sichern Ort zuruͤcke; haͤtten auch Zweifels-frey Thessalien gar ver- lassen; wenn nicht Misagenes Koͤnigs Masa- nissa Sohn mit tausend Reitern/ tausend Fuß- Knechten und zwey und zwantzig Elefanten an- kommen/ und dem Roͤmischen Heere ein Hertze gemacht haͤtte. Wie diese sich aber unterstun- den in den Phalanneischen Feldern das Getrei- de abzumeyen; kam Koͤnig Cotys und Goͤzonoꝛ ihnen mit tausend Thraciern/ so viel Deutschen/ und Cretensern als ein Blitz auf den Hals/ nahm tausend Wagen/ und sechs hundert Kriegsleute gefangen; und der darzu kommende Perses umbsaͤtzte den Obersten Lucius Pomponius mit acht hundert Roͤmern auf einem Huͤgel. Wie nun Licinius/ Evmenes/ Attalus und Misage- nes nur ihr Laͤger besetzt liessen/ und mit dem gantzen Heere diese entsaͤtzten; kam es zu einem blutigen Treffen; in dem auf Macedonischer Seite drey hundert Fuß-Knechte/ und Antima- chus mit vier und zwantzig Rittern aus dem hei- ligen Geschwader erlegt wurden. Welches den Perses so kleinmuͤthig machte: daß er das Ge- buͤrge besaͤtzte/ und wider Goͤzonors Rath in Macedonien wiech. Daselbst kriegte Cotys Zeitung: daß Atlesbius ein Thracischer Fuͤrst/ und Corragus des Evmenes Statthalter ihm eingefallen und die Landschafft Marene einge- nommen haͤtten. Daher Cotys umb das Sei- nige zu beschuͤtzen/ Goͤzonor aber aus Verdruß uͤber des Perses Zagheit/ nach Hause kehrten. Weil der Winter den Roͤmern den bergichten Eingang verhinderte/ nahm der Buͤrgermeisteꝛ etliche Staͤdte in Jllyricum ein; und Cajus Cassius unterstand sich durch dieses lange Land mit einem Heere in Macedonien einzubrechen. Weil aber er die Histrier/ Kaͤrnter und andere Deutschen an dem Carvankischen Gebuͤrge fuͤr ihre Gutthaten als Feinde handelte; begegnete ihm Koͤnig Cincibil mit einer sohertzhaftẽ Gegen- wehr: daß Cassius nach erlittenem grossem Ver- luste zuruͤcke weichen/ und einen andern Weg in Macedonien erkiesen muste. Cincibil beschwer- te sich uͤber so unrechte Gewalt bey dem Rathe zu Rom/ und forderte eine Erklaͤrung: Ob er die Roͤmer hinfort fuͤr Feinde oder Freunde halten solte. Der Rath entschuldigte alles/ als ein oh- ne ihren Willen erkuͤhntes Beginnen/ draͤuten den Cassius zu straffen/ schickten den Cajus Le- lius und Emilius Lepidus zum Koͤnige Cincibil und seinen Bruder mit 2. fuͤnf Pfund Goldes schweren Ketten/ mit viel kostbarem Silber-Ge- schirre/ 2. aufs praͤchtigste ausgeputzten Pfer- den/ guͤldenen Waffen und herrlichen Kleidern/ S s s s s 2 umb Sechstes Buch umb diese streitbare Voͤlcker nicht wider sich in Harnisch zu jagen. Der Roͤmer in Jllyris und Griechenland veruͤbte Grausamkeit verursach- te: daß als die Stadt Uscana des Appius Clau- dius Ankunft mit 8000. Kriegsleuten an dem Lycheidischẽ See auf der Macedonischen Graͤn- tze vernahm/ sie die benachbarten Scordiskischen Deutschen umb Beschirmung ersuchten/ und 4000. Mann zur Besatzung erhielten. Clau- dius der hiervon nichts wuste/ eilte dahin/ in Meynung sie des Nachts unversehens zu uͤber- fallen. Wie die Roͤmer aber nur einen Bogen- Schuß von der ihrer Einbildũg nach eingeschla- fenen Stadt waren; erhob sich auf den Mauern von Geschrey der Weiber/ vom Schwirren des Ertzts ein jaͤmmerliches Getuͤmmel. Die Deut- schen fielen durch 2. Thore auf die so wohl muͤden als sicheren Roͤmer beraus; brachten sie auch al- sofort in Unordnung und in die Flucht; also: daß Appius nicht fuͤr voll 2000. zuruͤck nach Ly- chindus brachte/ die uͤbrigen alle erschlagen odeꝛ gefangen/ alle an Rom haͤngende Staͤdte aber hierdurch in Schrecken gesetzt/ und die Roͤmer ihre Macht in Griechenland zu verstaͤrcken ge- noͤthigt wurden. Dessen ungeachtet setzte Ce- phalus der Fuͤrst in Epirus von Rom ab; Cotys erobeꝛte mit Huͤlffe deꝛ Deutschen/ und sonderlich Hertzog Goͤzonors alles verlohrne in Thracien/ machte daselbst mit seinen Feinden einen vor- theilhaften Frieden. Dem Perses kam gleich- sam die alte Macedonische Tugend wieder in sein Hertze; sintemal er mit dem durch den Koͤnig Cotys wieder versoͤhnten Fuͤrsten Goͤzonor die Dardaner uͤberwand; die von den Jllyriern den Roͤmern veꝛkauffte Stadt Uscana zur Ubergabe zwang/ und darinnen allein viertausend Roͤmer gefangen bekam/ und die fast unuͤberwindliche Festung Oeneum mit Sturm eroberte. Hier- auf schickte Perses anfangs den Jllyrier Pleu- ratus/ hernach auch nebst ihm den Glaucias uͤbeꝛ das Skordische Gebuͤrge nach Lissus an den Koͤ- nig Gentius umb ihn zu einem Buͤndnuͤsse wi- der die Roͤmer zu bewegen/ welcher denn auch hiezu gute Neigung zeigte; wenn ihm vom Peꝛ- ses mit noͤthigen Kriegs-Mitteln unter die Ar- men gegriffen wuͤrde. Aber der Geitz oder das Verhaͤngnuͤß band dem Perses die Haͤnde: daß er einen so streitbaren Bunds-Genossen zu er- langen in Wind schlug. Hingegen aber liessen sich die Roͤmer nichts gutes traͤumen; sonderlich: da Lucius Coͤlius mit grossem Verlust und Schimpfe von der Stadt Uscana abgeschlagen ward; und die Rhodischen Gesandten zu Rom dem Rathe mit nachdencklichen Draͤuungen ei- nen Frieden mit dem Perses zu machen aufdrin- gen wolten. Bey diesen und andern aufziehen- den truͤben Wolcken/ und da der Bastarnen Koͤ- nig mit dem Hertzog Goͤzonor sich verknuͤpfte/ fertigten sie von Rom den Aulus Postumius/ Marcus Perpenna/ Lucius Petillius und Mar- cus Pompejus ab. Der erste solte die Darda- ner wider den Perses aufhetzen/ der andere die Bastarner und Dacier in Ruh erhalten/ der dritte die Dalmatier und Thracier gegen ihre Feinde erregen/ der vierdte des Koͤnigs Gentius Fuͤrhaben ausforschen. Pompejus brachte den Perpenna und Petilius ohne einige vorher er- langte Geleits-Briefe nach Scodꝛa an den Koͤ- niglichen Hof. Weil nun der Roͤmische Rath voꝛ- her auf der Jsseer Vergaͤllung des Gentius Botschafft/ sonder ertheilte Verhoͤr schimpflich abgewiesen hatte/ und Gentius erfuhr: daß Pompejus mehr als ein Kundschafter denn ein Botschafter dahin kam/ ließ er den Perpenna und Petilius in Hafft nehmen; den Pompejus aber fragte er bey deꝛ Verhoͤr: Zu was Ende und wohin Perpenna und Petilius verschickt waͤren; weil er selbst aus Rom fuͤr ihren gefaͤhrlichen Rathschlaͤgen waͤre gewarnigt worden. Pompe- jus trat auf diese Befraguug zu dem neben des Koͤnigs Stule gesetzten Tische/ hielt seinen Fin- geꝛin eine deꝛ daselbst brennenden Wachsfackeln so lange/ biß er gaͤntzlich versehrt war. Hernach antwortete er: Die Roͤmer sind gewohnt sich ehe einzuaͤschern/ als ihre Geheimnuͤsse zu verra- then. Gentius ward hieruͤber bestuͤrtzt/ schickte Arminius und Thußnelda. schickte den Pompejus auf seine Reichs-Graͤn- tze/ und ließ den; Roͤmischen Rath wissen: Er behielte die zwey andern als Stiffter gefaͤhr- licher Anschlaͤge bey sich/ biß er der Roͤmischen Freundschafft versichert/ und ihm wegen Be- schimpffung seiner Gesandtschaft Vergnuͤgung verschafft wuͤrde. Die Roͤmer verstellten eine Weile ihre hieruͤber geschoͤpffte Empfindlichkeit; schickten aber den Qvintus Martius mit neuen Voͤlckern in Thessalien; welcher durch einen fast unwegbaren Weg des von dem Hippias mit zwoͤlff tausend Kriegs-Leuten verwahrten Vo- lustan- und Capathischen Gebuͤrges mit un- glaublicher Muͤh einbrach/ und bey Libethrum dem Koͤnige Perses unvermuthet auff den Hals kam: daß er weder Rath noch Huͤlffe wissende/ bald dar bald dorthin floh/ aus der festen Stadt Dion alle guͤldene Bilder wegfuͤhren ließ/ und dem Feinde alle Paͤsse/ insonderheit den gar en- gen unter dem Berge Olympus an dem Stro- me Baphyrus gegen der Stadt Dion oͤffnete/ und nach Pydna floh; seine Schiff-Flotte zu Thessalonich aus schaͤndlicher Furcht anzuͤnden und seine uͤbel aufgehobene Schaͤtze zu Pella ins Meer werffen/ iedoch solche hernach wieder her- aus fischen ließ. Martius segelte hierauff mit der Roͤmischen Kriegs-Flotte von Heracle ab/ setzte bey Thessalonich/ Ania/ Antigonea und Pallene aus/ verwuͤstete das Land/ und belaͤger- te die maͤchtige Stadt Cassandrea; haͤtte sie auch erobert/ wenn sich nicht auff zehn Schiffen tau- send außerlesene deutsche Kriegsleute des Nachts darein gespielet/ und durch ihre blosse Ankunfft die Roͤmer abzuziehen verursacht haͤtten. Der Roͤmische Buͤrgermeister belaͤgerte inzwischen Melibea/ und Martius machte sich auch an die Stadt Demetrias. Weil aber die Roͤmer bey ihrem Gluͤcke hochmuͤthig/ und dem Koͤnige Eumenes ihre taͤgliche wachsende Kraͤfften ver- daͤchtig wurden/ brachte es Perses oder vielmehr Goͤzonor durch den Cydas und Antimachus so weit: daß er mit seinen Huͤlffs-Voͤlckern sich von den Roͤmern absonderte/ und in Asien kehrte; ja sich nicht erbittten lassen wolte seine in Bestal- lung habende fuͤnff hundert deutschen Reuter den Roͤmern zu hinterlassen. Diese Veraͤnde- rung und so wohl des Koͤnigs Prusias als der Rhodier fuͤr den Perses auffs neue gethane Frie- dens-Werbung brachte die Roͤmer zu glimpffli- cher Anstalt; und daß sie den deutschen Fuͤrsten bessere Worte gaben; unter denen sie den gegen die Bastarnen graͤntzenden Hertzog Balanos durch Uberschickung einer guͤldenen Kette von zwey-einer guͤldenen Schale von vier Pfun- den/ eines ausgeputzten Pferdes/ und koͤstlicher Waffen gewanen: daß er die Bastarnen von der dem Perses versprochenen Huͤlffsleistung abhielt. Nachdem auch Perses durch erlang- te neue Huͤlffe der Deutschen sich wieder erho- lete/ und in Pierien an dem Fluße Enipeus die Roͤmer lange Zeit auffhielt/ ja ihnen fast al- le Lebensmittel abschniet; liessen sie durch den Cneus Servilius uͤber dem Po sechs hundert deutsche Reuter werben/ welche mit dem Buͤr- germeister Emilius Paulus und einer ansehn- lichen Macht in Griechenland uͤbersaͤtzten. Der aͤngstige Perses schickte auch seinen getreuesten Pantaucus an Koͤnig Gentius/ und dieser den Olympius an Perses; durch welche nicht nur zwischen ihnen ein gemeiner Schirm-Bund geschlossen ward/ sondern sie sendeten auch ins geheim zu den Rhodiern und dem Koͤnige Eu- menes sie auff ihre Seite zu bringen; welches auch erfolgt waͤre: wenn nicht des Eumenes Geitz abermahls das Spiel verderbet/ und er die versprochenen Huͤlffs-Gelder nicht ander- werts/ als in seinen Samothracischen Tempel haͤtte niederlegen wollen. Diese Wurtzel alles boͤsen/ und die Gifft der gemeinen Wohlfahrt that auch noch groͤssern Schaden. Denn es hatte Perses durch eine Bothschafft den Koͤni g der Qvaden Clondich beredet: daß er mit einer ansehnlichen Macht von zehn tausend Reu- tern und so viel Fußvolcke uͤber den Jster und die Sau gesaͤtzt war/ und bey der Stadt De- sudaba unter dem Orbitaischen Gebuͤrge von S s s s s 3 dem Sechstes Buch dem Perses den versprochenen Sold und die Geissel erwartete. Perses eilte zwar von dem Fluße Enipeus an den Strohm Axius biß zu der von den Deutschen gebauten Stadt Ale- mana dem Koͤnige Clondich entgegen/ sendete auch ihm und den Heerfuͤhrern etliche Pferde und Zierathen durch den Antigonus zum Ge- schencke; mit Vertroͤstung einer mehrern Frey- gebigkeit/ die Perses zu Bylazor bey ihrer Zusammenkunfft wuͤrde spuͤren lassen. Allei- ne Clondich wolte wegen bewuster Kargheit des Perses fuͤr erlangter Zahl- und Versiche- rung nicht weiter ruͤcken; und der thoͤrichte Perses kriegte uͤber einer so grossen deutschen Macht selbst Argwohn; oder verhuͤllte auffs wenigste seinen Geitz mit einer eben so schlim- men Furcht; ließ also dem Clondich melden: daß er mehr nicht als fuͤnff tausend Huͤlffs- Voͤlcker brauchte. Wie nun auch auff Clon- dichs Nachforschung fuͤr so viel kein Geld ver- handen war/ kehrete er mit seiner Macht/ wel- che die Roͤmer aus Griechenland zu vertrei- ben maͤchtig gewest waͤre/ wieder an den J- ster. Nichts bessers spielte er es dem Gentius mit; indem er ihm dreyhundert Talent zuruͤ- cke hielt; weil er ihn durch Anhaltung der Roͤ- mischen Gesandten schon tieff genung in Krieg eingewickelt zu seyn vermeinte. Der Asiati- schen Deutschen Beystand buͤste er auch vol- lends durch diese Grausamkeit ein. Evme- nes schickte um nicht gar von den Roͤmern ab- zusetzen tausend deutsche Reuter auff fuͤnff und dreißig unbewehrten Schiffen dem Attalus zu. Diese geriethen zwischen dem Eylande Chios und Erythra unversehens unter der Ma- cedonischen Schiffs-Flotte/ welche die schlech- ten Plaͤtten theils zur Ubergabe zwangen; theils an Strand trieben/ und die dem Was- ser entkommenden auff dem Lande vollends er- schlugen. Diese an ihren Bluts-Freunden veruͤbte Blut-Begierde machte: daß Hertzog Goͤtzonor mit seinen Deutschen wieder in Asi- en kehrte; und Perses an dem Flusse Eni- peus vom Emilius Paulus auffs Haupt er- legt/ zwantzig tausend Macedonier erschlagen/ fuͤnff tausend fluͤchtige unter Weges/ und sechs tausend nach Pydna entkommene gefangen wurden. Perses kam kaum mit drey Gefer- then in die Haupt-Stadt Pella. Allein ein Verzagter schaͤtzt sich auch nicht in der Schoß des Jupiters/ weniger in einer Festung si- cher. Daher spielte sich Perses noch selbige Nacht aus Pella/ und flohe nach Amphipo- lis/ von dar mit zwey tausend nur fuͤr die Fein- de ersparten Talenten in das Eyland Samo- thracien. Denn des Perses schaͤndliche Flucht war dem Emilius ein Schluͤssel zu den Staͤd- ten Beroe/ Thessalonich/ Pella/ Pydna/ Melibo e / Amphipolis und gantz Macedo- nien. Zu Pella fand er noch die dem Gen- tius hinterhaltene dreyhundert Talent. Cne- us Octavius segelte auch gerade nach Samo- thracien/ und begehrte des Perses und seines Sohnes Ausfolgung. Beyde aber umarm- ten die vom Cephissodor gefertigte und alldar hochheilig verehrte Bilder der Venus und des Phaetons. Weil nun dieser Ort die unver- sehrlichste Frey-Stadt war; hielt Attilius dem Samothracischen Fuͤrsten Theondas ein: daß Perses wegen seines an dem Koͤnige Eumenes in dem Delphischen Heiligthume fuͤrgehabten Meuchel-Mordes keiner Goͤttlichen Beschir- mung faͤhig waͤre. Theondas versprach hier- uͤber Recht zu hegen; und Perses muste sei- nen gebrauchten Werckzeug Evandern ho- len lassen. Evander gestand sein Fuͤrhaben; und weil Perses von ihm als Anstiffter ver- rathen zu werden besorgte/ ließ er ihn toͤdten. Also entweyhte Perses zum andern mahl das Heiligthum mit Blute. Wiewohl er nun den Theondas bestach: daß er sagte: Evander haͤt- te sich selbst getoͤdtet; so verdammte doch den Perses schon sein Gewissen. Daher redete er mit einem Cretischen Kauffmanne Oroandes ab: Arminius und Thußnelda. ab: daß er ihn nach Thracien zum Cotys fluͤch- ten solte; ließ auch einen ziemlichen Schatz in sein Schiff bringen. Wie aber Perses des Nachts aus dem Tempel in Demtrischen Ha- fen kam; war Oroandes schon nach Creta ent- flohen. Perses versteckte sich hierauff zwar am Ufer/ hernach in einen finstern Winckel des Tempels; endlich aber ergab er sich und seinen Sohn Antiochus dem Octavius; und Emilius fuͤhrte hernach den Perses mit drey- en Soͤhnen/ wie auch des Koͤnigs Cotys ge- fangenen Sohn Bitis zu Rom im Siegs- Gepraͤnge ein. Anitius spielte eben dieses Trauer-Spiel mit dem Koͤnige Gentius/ wel- chem zu seiner Entschuldigung nichts halff: daß Alexander die Thebischen und Sparta- nischen Gesandten an Darius; die Roͤmer des Koͤnigs Philips Gesandten an Annibal; die Sicilier der Stadt Syracusa; die Argi- ver der Athenienser; die Epiroter der Etoli- er an verdaͤchtige Oerter gehende Botschafften angehalten/ und also er das Voͤlcker-Recht weder verletzt/ noch einige andere Ursache zum Kriege gegeben haͤtte; zumahl/ da diesen Koͤ- nig auch Lucius Duronius beschuldigte: daß er auff dem Adriatischen Meere See-Rau- berey veruͤbte; und zu Corcyra viel Roͤmische Buͤrger in Band und Eisen hielte. Der An- fang des Krieges geschahe zur See; indem A- nitius viel Jllyrische Schiffe eroberte; und un- geachtet Gentius an Klugheit in der Kriegs- Anstalt/ an Tapfferkeit in den Schlachten nichts erwinden ließ; wurden doch alle seine Anschlaͤge krebsgaͤngig; und schien es: daß die goͤttliche Rache selbst wider ihn mit zu Fel- de laͤge. Sintemahl er seinen vollbuͤrtigen Bruder Plator nur um desto sicherer zu herr- schen; oder aus Unwillen: daß er des Darda- nischen Fuͤrsten Honun Tochter Etuta hey- rathen wolte/ durch Gifft hingerichtet hatte. Die Schlachten wurden verspielet. Die zwi- schen den Fluͤssen Clausula und Barbana lie- gende feste Haupt-Stadt Scodra erobert. Die alten Jllyrier fielen von ihm ab; und Gentius in Hoffnung sein Land wieder zu bekommen verleitet: daß er nach vergebens erwarteter Huͤlffe von seinem Bruder Karavant aus der Sicherheit des Labeatischen Sees sich auff Gnade und Hoͤffligkeit in der Roͤmer Haͤnde gab; allwo ihn Anitius zwar hoͤfflich empfing/ ihm seine Gemahlin Leva/ seine Soͤhne Sterdilet und Pleurat/ wie auch den Bru- der Karavant an seine Tafel setzte; beym Auf- stehen aber ihm den Degen abheischen/ und alle gefangen nehmen ließ; von dar er und seine Soͤhne nach Rom zum Siegsgepꝛaͤnge gefuͤhrt; kurtz hierauff vom Emilius Paulus siebenzig Jllyrische Staͤdte/ die sich gutwillig ergeben/ auch bereit die Pluͤnderung mit vielem Gold und Silber abgekaufft hatten/ auff einen Tag mit Raub und Brand verzehret wurden. Ob nun zwar die abtrinnigen Ardieer und Pala- rier dieses Unrecht zu raͤchen vermeinten; die Japoder und Segestaner auch auff Freylas- sung des Koͤnigs Gentius drangen; wurden doch jene vom Fulvius Flaccus/ diese vom Sempronius und Tiberius Pandusius nach etlichen Schlachten uͤbermannet. Wiewohl auch die Dalmatier ihre Freyheit anfangs wi- der den sie ebenfalls anfallenden Marcus Fi- gulus hertzhafft vertheidigten/ und ein Theil seines Heeres biß uͤber den Fluß Naro zuruͤck trieben; so schlug doch das Gluͤcke bald umb. Denn er jagte sie bey der Stadt Delmin in die Flucht; und noͤthigte diese fast unuͤberwind- liche Festung durch Einwerffung brennender Pech- und Schwefel-Fackeln sich zu ergeben. Popilius schreckte mit seinen rauhen Worten die Rhodier: daß sie alle/ welche iemahls wi- der Rom etwas gethan/ oder gerathen/ zum Tode verdammten; und den Koͤnig in Syri- en Antiochus mit einem um ihn mit Staub gestrichenen Kreiße: daß er dem Ptolomeus alles/ was er in Egypten erobert hatte/ wie- der Sechstes Buch dergeben muste. Epirus/ gantz Griechenland und Jllyricum strich fuͤr den Roͤmern seine Segel; die Koͤnige aus Africa/ Asien und Europa stritteu mit einander sich durch Gluͤck- wuͤnschungen und andere Heucheleyen bey den Roͤmern einzulieben. Ja Prusias und sein Sohn Nicomedes schaͤmten sich nicht die Schwelle des Roͤmischen Rathhauses zu kuͤssen/ den Rath ihre Erhaltungs-Goͤtter/ sich aber ihre Freygelassene zu nennen. Welche seltza- me Faͤlle allzu deutlich erhaͤrten: daß das ewige Gesetze der Gottheit von alleꝛ Ewigkeit heꝛ allen Dingen einen gewissen und unveraͤnderlichen Lauff bestim̃et habe; also weder die menschlichen Geschichte ungefaͤhr/ sondern vielmehr aus ver- borgenen Ursachen sich zutragen/ noch iemand das Rad des Verhaͤngnisses auff die Seite abwenden koͤnne/ wenn die Vernunfft es schon von ferne ersiehet/ und die Tugend beyde Ar- men vorwirfft. Jnsgemein aber verblendet diese Nothwendigkeit auch die sonst von Thor- heit entfernte Gemuͤther: daß sie weder ihren Rathschlaͤgen genugsam nachdencken/ oder be- vorstehender Gefahr nicht kluͤglich vorbeu- gen. Ungeachtet nun derogestalt die halbe Welt nicht nur die Roͤmische Macht anbetete/ sondern auch fuͤr dem Eumenes und Prusias/ als den Werckzeugen so ferner Dienstbarkeit die Ach- seln einzoh; so liessen sich doch die Deutschen in Galatien zu nichts knechtischem Verlei- ten. Sie schickten keine Botschafft nach Rom; und als ihnen Prusias ein Stuͤcke Landes ab- streiten wolte/ welches des Syrischen Koͤnigs Antiochus gewesen/ und von den Roͤmern ihm solte geschenckt worden seyn; liessen sie dem Pru- sias zu entbieten: der Degen waͤre bey den Deutschen das Grabscheit/ wenn man ihnen etwas von ihrem Eigenthume abgraͤntzen wol- te. Ob auch schon Prusias hernach zu Rom von dem Rathe solch Land als eine Vergeltung fuͤr seine treue Verdienste verlangte; ward er doch durch diese Antwort abgewiesen: Wenn das Land der Deutschen waͤre/ muͤste er nicht uͤbel auffnehmen: daß der Rath sie mit Weg- gebung fremden Gutes nicht beleidigen/ und dem Eigenthums-Herren Unrecht thun koͤn- te. Mit dem Koͤnige Evmenes aber banden die Deutschen gar an. Denn Hertzog Solo- vet/ des in Thessalien gebliebenen Fuͤrsten Car- signat Sohn/ welcher aus einer besondern Staats-Klugheit stets auff der Roͤmer Seite gestanden hatte/ beschuldigte den Evmenes: daß er die ihm geschickten tausend Deutschen Reuter mit Fleiß der Macedonischen Schiffs- Flotte in die Haͤnde geschickt haͤtte; und Her- tzog Goͤzonor goß bey verneuertem Buͤndnis- se mit dem Solovet mehr Oel ins Feuer; al- so: daß sie mit gesammleter Macht in sein Gebiete einfielen/ auch ihm etliche harte Strei- che versaͤtzten. Welche dem zu Rom sich be- findenden Attalus so tieff zu Gemuͤthe stie- gen: daß er bey dem Rathe die Helffte seines bruͤderlichen Reichs fuͤr seine Verdienste aus- zubitten unterließ/ indem er wohl sahe: daß seine und des Evmenes Zwytracht die Deut- schen gar zu Meistern uͤber das Pergameni- sche Reich machen wuͤrde. Also suchte er nur bey den Roͤmern wider diese hefftigen Feinde Huͤlffe; welche aber nur Gesandten zur Vermittelung eines Friedens dahin schick- ten. Diese brachten es zwar so weit: daß die Deutschen/ weil der Winter ohne diß fuͤr der Thuͤr war/ einen drey-monatlichen Stille- stand willigten; mit dem ersten Fruͤh-Jahre aber fielen sie uͤber den Berg Didymus wieder ein/ und eroberten die Stadt Siniada. Publius Licinius eilte mit dem Attalus dahin/ weil inzwischen Evmenes bey Sardes an dem Fluße Pactol sein Heer zusammen zoh. Licinius bat und dreute nicht ferner zu ruͤcken; die beyden deutschen Fuͤrsten aber gaben ihm nur lachen- de zur Antwort: Sie waͤren der Roͤmer gute Freunde/ aber kein Antiochus; welcher sich wie eine Arminius und Thußnelda. eine Schlange in einem Kreisse bezaubern/ und mit Draͤu-Worten ihm einen schaͤdlichen Frie- den abpochen liesse. Licinius muste also unver- richteter Sachen zuruͤcke ziehen; und weil die Deutschen allenthalben den Meister spielten/ reisete Eumenes selbst nach Jtalien um Huͤlffe zu bitten. Weil aber er im Verdacht war: daß er mit dem Perses unter dem Hute gespielt haͤt- te/ machte der Rath nicht nur ein Gesetze: daß kein Koͤnig nach Rom kommen solte; son- dern schickten ihm auch entgegen/ und liessen fragen: Was er verlangte; haͤtte er aber nichts anzubringen/ moͤchte er nur alsofort umkehren. Diß verdroß den Eumenes so sehr: daß er um- kehrte und antwortete: Er waͤre bettelns halber nicht kommen; sondern nur zu fragen: Ob diß der Danck fuͤr so viel Dienste waͤre: daß die Roͤ- mer ihm den ihrenthalben ihm zugezogenen Deutschen Krieg allein auf dem Halse/ und die edelsten Pergamener/ welche in Macedonien fuͤr sie die Waffen gefuͤhret/ vom grausamen Solovet unmenschlich aufopffern liessen. Kurtz nach ihm kam von den Deutschen eine Gesand- schafft nach Rom/ welche den Rath ihrer Freundschafft versicherte/ und die Ursachen ih- res Krieges wider den Eumenes ausfuͤhrte; auch erhielt: daß sie fuͤr ein freyes Volck und Roͤ- mische Bundgenossen erklaͤrt wurden. Der von Furcht und Zorn unruhige Eumenes zohe nach Hause/ verband sich mit dem Antiochus in Syrien/ und begegnete nicht allein den Deut- schen/ sondern fiel auch dem Prusias in Bithy- nien ein. Weswegen dieser den Python nach Rom schickte/ und diesen Uberfall nur seinem mit den Roͤmern habenden Buͤndnuͤsse zu- schrieb. An statt der verhofften Huͤlffe aber gab der Rath nur zur Antwort: Er solte mit den Deutschen pfluͤgen/ die waͤren zweyen Eume- nen gewachsen. Prusias folgte diesem Rathe; und verband sich mit denen Fuͤrsten Goͤzonor und Solovet in Galatien/ heyrathete auch des in Thracien wohnenden Deutschen Koͤniges Diegyl Tochter; mit denen er gegen den Eu- menes mit umwechselndem Siege und Verlust Krieg fuͤhrte. Weil aber Prusias diesen noch immer zu Rom verdaͤchtigte/ der Rath auch den Tiberius Grachus um so wol des Antiochus/ als Eumenes heimliches Beginnen auszugruͤ- beln; schickte dieser seine Bruͤder Attalus und Atheneus nach Rom/ ihn von allen Verlaͤum- dungen weiß zu brennen. Gleichwol aber kon- ten sie sich so rein nicht waschen: daß nicht Cajus Sulpitius/ als ein Kundschaffter aufs neue da- hin geschickt ward. Jnzwischen starb Eumenes; und ließ seinen den Roͤmern beliebtern Bru- der Attalus zum Erben. Jedoch machten die Deutschen und Prusias dem Kriege kein Ende; sondern schlugen den Attalus aus dem Felde/ und bemeisterten fast die Helffte seines Reiches. Attalus klagte durch den Andronicus und her- nach seinen Bruder Atheneus es zwar zu Rom; Aber des Prusias Gesandter Antiphilus und sein Sohn Nicomedes lehnten alles durch fuͤr- geschuͤtte Gegenwehr ab; biß die dahin geschick- ten Apulejus und Petronius ein anders berich- teten. Daher der Rath den Prusias durch ei- ne Gesandschafft zur Ruh ermahnten. Lucius Hortensius kehrte zwar allen Fleiß an sie zu vergleichen; aber die Deutschen riethen dem Prusias seinen Vortheil nicht aus den Haͤnden zu geben. Nach dem sich auch die Handlung zerschlagen/ und Prusias den Deutschen kaum aus den Haͤnden entwischte; ruͤckten sie fuͤr die Hauptstadt Pergamus/ und belaͤgerten darin- nen den Attalus. Weil die Stadt aber allzu wol besetzt war/ pluͤnderte Prusias in der Vor- stadt des Esculapius/ bey Hiera der Diane/ und bey Temnos des Apollo Tempel. Weß- wegen sich die Deutschen vom Prusias trenn- ten; Attalus hingegen kriegte vom Cappadoci- schen und Pontischen Koͤnige Huͤlffe; Die Roͤ- mer kuͤndigten dem Prusias auch den Bund auf; hetzten ihm die Rhodier und Cyzizener auff den Hals; auf derer Schiffen er in Bithynien Erster Theil. T t t t t ein- Sechstes Buch einfiel/ und den Prusias nicht wenig ins Ge- drange brachte. Die Roͤmischen und Deutschen Gesandten aber vermittelten bald einen Frie- den. Dieser vertiefte den Prusias in allerley Laster; also: daß er auch seinen Kindern anderer Eh zu Liebe seinen zu Rom sich befindenden Sohn Nicomedes zu ermorden beschloß/ wo er nicht vom Rathe die Erlassung der dem Prusias versprochenen fuͤnf hundert Talent erhielte. Der hierzu bestellte Menas aber entdeckte es nicht allein dem Nicomedes; sondern brachte auch ein Theil des Bithynischen Kriegsvolckes auf seine Seite. Attalus nahm den Nicome- des mit Freuden auf/ und brach mit ihm in Bi- thynien ein; dessen Staͤnde haͤuffig zum Nico- medes fielen. Prusias suchte vergebens zu Rom Huͤlffe; in das Niceische Schloß nahm er 500. Thracische Deutsche von seinem Schwe- hervater Diegyl ein. Endlich flohe er nach Ni- comedien; und als die Buͤrger die Stadt aufga- ben/ in Jupiters Tempel; darinnen ihn aber sein Sohn Nicomedes ermorden/ und das Altar mit vaͤterlichem Blute bespruͤtzen ließ. Atta- lus kriegte inzwischen den dem Prusias zu Huͤlf- fe kommenden Koͤnig Diegyl gefangen; ließ ihn aber auf Hertzog Solovets Vorbitte wieder loß. Also erhielten die Deutschen unter so viel Ver- aͤnderungen gleichwol ihren Stand und Anse- hen; und insonderheit bey denen in Syrien. Denn ob zwar nach des Antiochus Tode der sich von Rom wegspielende/ und wieder den jungen Antiochus das Reich behauptende Demetrius/ welcher den jungen Koͤnig Ariarathes wegen verschmaͤhter Heyrathung seiner Schwester aus Cappadoeien vertrieb/ und den von seiner Mutter untergesteckten Orophernes einsetzte/ von dem Koͤnige Ptolemeus/ Attalus und Aria- rathes aus Syrien vertrieben/ und ein gemei- ner Juͤngling unter dem Nahmen Alexanders eines Antiochischen Sohnes eingesetzt; ja auch Demetrius durch Huͤlffe der Juden vom Ale- xander erschlagen ward; so erbarmten sich doch die Deutschen Fuͤrsten des von dem Demetrius nach Gnidus zur Sicherheit geschickten und in Creta bey dem Fuͤrsten Lasthenes sich aufhalten- den Sohnes Demetrius; und setzten ihn nach Verjagung des uͤppigen Alexanders/ mit Huͤlf- fe des Ptolomeus Philometors in Syrien auff den vaͤterlichen Thron. Bey diesem Wachsthume der Deutschen in Asien/ muͤhten sich auch die in Jtalien nach der von den Bojen erlittenen grossen Niederlage ihr Haupt wieder empor zu heben. Massen die Ligurier den in Hispanien ziehenden Stadt- Vogt Bebius angrieffen/ sein Volck erlegten/ ihn biß in Maßilien jagten/ da er den dritten Tag von den empfangenen Wunden starb; ja sie machten sich so breit: daß der Roͤmische Rath beyden Buͤrgermeistern auftrug die Deutschen zu stillen. Sie gaben ihnen aber genung zu schaffen/ biß Flaminius die Friniatischen/ Emi- lius die Apuanischen Ligurier endlich uͤberwaͤl- tigte/ und ihnen die Waffen abnahm. Marcus Furius uͤberfiel hierauf auch die sich keines Krie- ges versehenden Cenomannen/ und entwaffnete sie; der Rath aber gebot ihm einen Stillestand; und Emilius gab ihnen alles abgenommene wieder. Als die Roͤmer nun alle Deutschen in Ligurien fuͤr todte Leute hielten/ krochen die A- puanischen wieder hinter ihren Klippen und aus ihren Hoͤlen herfuͤr/ und streifften biß nach Bononien. Qvintus Martius zohe mit ei- nem Heere gegen sie; welche/ als sie ihn durch ste- tes weichen in die aͤngsten Thaͤler zwischen die hoͤchsten Klippen gelockt hatten/ ihn rings um- her anfielen/ 4000. Roͤmer erschlugen/ von der andern Legion drey-von den Lateinern eilf Fah- nen eroberten; und sie nicht ehe zu verfolgen/ als die Roͤmer zu fliehen aufhoͤreten. So viel Empoͤrungen der Deutschen aber waren kein Werck einer Leichtsinnigkeit; son- dern eitel Rachen angethanen grausamen Un- rechts. Sintemal die nunmehr in Wolluͤsten ersoffenen und daher auch so viel grimmigern Roͤmer Arminius und Thußnelda. Roͤmer andere Voͤlcker mehr fuͤr Vieh als Men- schen hielten. Massen denn selbige Zeit Qvin- tius Flaminius aus dem Rathe gestossen ward/ weil er am Po einen zu ihm abgeschickten Boji- schen Ritter einem mißbrauchten Schandbu- ben/ und zu Placentz einen edlen Ligurier seiner Hure zu Liebe und zur Ergetzligkeit ermorden lassen/ und Tisch und Bette mit so unschuldigem Blute bespruͤtzt hatte. Zu eben dieser Zeit kam aus Deutschland ein neuer Schwarm derer an der Donau wohnenden Voͤlcker uͤber die Alpen/ ließ sich am Adriatischen Meere um die Fluͤsse Turrus und Tilavent nieder. Wider diese ward Lucius Julius geschickt sie daselbst wegzu- treiben. Weil sie aber uͤbel/ oder gar nicht be- wehret waren/ machten sie mit den Roͤmern ei- nen Vergleich/ und zohen mit ihrem Geraͤthe wieder uͤber die Alpen/ und setzten sich um den Fluß Anisus. Folgendes Jahr zohen abermals beyde Buͤrgermeister in Ligurien; da sich denn 2000. dem Marcellus gutwillig ergaben; die andern aber versteckten sich in ihre Gebuͤrge und Festungen: daß ihnen die Roͤmer nicht bey- kommen konten/ sondern ihr Heer von einander lassen; solches aber bald wieder zusammen zie- hen/ und auff alle Faͤlle fertig halten musten; Weil ein Geschrey kam: daß in Deutschland viel tausend junger Mannschafft sich zusammen zuͤge/ und irgends wo in Jtalien einbrechen wolte. Die Ligurier machten auch die See unsicher/ und thaten den Maßiliern nicht gerin- gen Schaden; musten also die Roͤmer eine Schif- Flotte in das Ligustische Meer schicken. Das nechstfolgende Fruͤhjahr zohe der sonst allenthal- ben so sieghaffte Emilius Paulus wider die Jn- guanischen Ligurier auf. Weil er aber von kei- nem andern Vergleiche/ als daß sie sich auf Gna- de und Ungnade ergeben solten/ hoͤren wolte; stuͤrmten und belaͤgerten sie das Roͤmische Laͤger; Alleine sie erlitten von denen wegen aussenblei- bender Huͤlffe fast verzweiffelt ausfallenden Roͤ- mern eine schwere Niederlage; indem 15000. er- schlagen/ drittehalb tausend gefangen wurden; zur vernuͤnfftigen Warnigung: daß eines ver- zweiffelten Feindes Degen drey anderen beste- he. Die Jnguaner ergaben sich hierauff ohne Schwerdschlag. Wiewol nun diese abgemer- gelten Voͤlcker gantz ruhig sassen/ wolten doch Publius Cornelius/ und Marcus Boͤbius/ weil sie in ihrem Buͤrgermeister-Ampte nichts denck- wuͤrdiges verrichtet hatten/ an ihnen den Muth kuͤhlen/ und Ehre einlegen; Also durchforschten sie mit zweyen maͤchtigen Heeren das gantze A- nidische Gebuͤrge/ zwangen sie alle auff die Flaͤchen zu verfuͤgen; und waren weder Ge- schencke noch Thraͤnen so maͤchtig die Roͤmer zu bewegen: daß sie in ihren Geburts-Staͤdten er- sterben/ und ihre Gebeine in den Grabestaͤtten ihrer Vor-Eltern ruhen moͤchten; sondern es wurden ihrer 40000. in Samnium fortge- schleppet. Weil nun beyde sich hierdurch zu Rom so sehr verdient hatten: daß ihnen/ die doch gegen keinem Feinde einigen Degen gezuͤckt/ ein Siegs-Gepraͤnge erlaubt ward/ machte sich Posthumius uͤber den Schweißberg/ und das Gebuͤrge Balista; zwang diese armen Leute durch Abschneidung aller Lebens-Mittel zur U- bergabe; nahm ihnen alles Gewehre/ und ließ ihnen mit genauer Noth so viel Eisen uͤbrig/ als sie zu Pflugscharen und dem Ackerbau dorfften. Fulvius kroch an dem Flusse Maora in den Hoͤ- len/ noch 7000. Apuaner aus/ welche ihren Landesleuten in Samnium folgen musten. Ca- jus Claudius beraubte hierauf aus blosser Ver- muthung des Krieges die Epanterier/ und siegte uͤber den Jstrier Koͤnig Epulo und diese Ligurieꝛ; welche abeꝛ fuͤꝛ Ungedult nicht alleine ins Muti- nensische Gebiete einfielen/ und es mit Schwerd und Feuer verheerten/ sondern auch diese Stadt selbst eroberten. Alleine Claudius ruͤckte mit einem noch staͤrckern Heere fuͤr Mutina/ erober- te es mit Sturm; in welchem 10000. Roͤmer/ und 8000. Ligurier blieben; schlug hierauff sie beym Flusse Skulteña/ trieb sie vom Verge Letus T t t t t 2 und Sechstes Buch Letus und Balista. Worauf Claudius hochmuͤ- thig nach Rom schrieb: Seine Tugend und Gluͤ- cke haͤtte nunmehr zu wege gebracht: daß Rom disseits der Alpen keinen Feind mehr haͤtte. Gleichwol aber reckten diese Untergedruͤckten aus Liebe der Freyheit bald wieder ihre Hoͤrner empor/ erschlugen den Buͤrgermeister Petilius mit etlichen tausend Roͤmern. Der Buͤrger- meister Popilius wolte diese Schande an denen allezeit Roͤmisch-gesinnten Statellatischen Li- guriern raͤchen/ und gerieth bey der Stadt Ca- ristum mit ihnen in eine blutige Schlacht; also: daß er sich zwar des Sieges/ aber schlechten Vorthels zu ruͤhmen hatte; Wie denn auch der Roͤmische Rath dieses Unrecht ihres Buͤrgers verdammten/ und die Ligurier in ihre Freyheit zu setzen befahl. Aber bey Verwechselung der Aempter blieb es nach; iedoch empfand es das Roͤmische Volck so sehr: daß es in dem Heilig- thume Bellonens den Buͤrgermeister Popilius schimpflich fragte: Warum er die durch seines Bruders Betrug unter gedruͤckte Deutschen in Ligurien nicht wieder in Freyheit gesetzt haͤtte? Welche Maͤßigung denn hernach die Ligurier und Deutsche ziemlich beruhigte; biß die wegen des eroberten Macedoniens des durch eigene Zwytracht entkraͤffteten Syriens und zur Dienstbarkeit geneigtens hoffaͤrtigen Roͤmer in Ligurien den Krieg ohne einige andere Ursache/ als aus Begierde sich durch viel Siege beruͤhmt zu machen den Krieg erneuerten; und die Buͤr- germeister wegen etlicher vortheilhafften Tref- fen nebst dem Publius Scipio/ welcher mit der Stadt Delmin gantz Dalmatien zum Gehor- sam gebracht hatte/ ein Siegs-Gepraͤnge hiel- ten. Weil die Deutschen nun von den Maßi- liern der Roͤmer geschwornen Gefaͤrthen lange Zeit Uberlast/ und beym Kriege Abbruch gelit- ten hatten/ fielen sie in Gallien in ihr Gebiete ein; eroberten die Seestadt Nica/ setzten uͤber den Fluß Varus/ und belaͤgerten Antipolis. Wie nun die Maßilier zu Rom hieruͤber klag- ten/ reisten alsofort Flaminius/ Popillius Le- nas und Pupius dahin/ stiegen zu Egitica/ wel- che Stadt den Oxybischen Liguriern gehoͤret/ aus; und befahlen ihnen die Belaͤgerung aufzu- heben. Die Ligurier hingegen befahlen den Roͤmern ihre Graͤntze zu raͤumen; und als sie von Draͤuen und Scheltworten nicht abliessen/ trieben sie sie mit Gewalt in die Schiffe/ und verwundeten den Flaminius. Hierauf folgte alsbald der Buͤrgermeister Qvintus Opinius mit einem maͤchtigen Heere; drang uͤber alle Gebuͤrge biß an den Strom Acro/ nahm die Stadt Egitra ein/ und schickte die Fuͤrnehmsten in Band und Eisen nach Rom. Dieses ver- bitterte die Oxybier: daß sie unerwartet der ih- nen zu Huͤlffe anziehenden Deciaten die wol viermal staͤrckern Roͤmer aus blinder Rachgier aber mit grossem Verlust anfielen. Die De- ciaten kamen zwar noch zum Treffen/ und strit- ten mit grosser Hertzhafftigkeit wider den allge- meinen Feind; der ihnen aber uͤberlegen war/ ihnen ein Stuͤck Landes abnahm/ und den Maßiliern gewisse Geissel zu geben aufbuͤrdete. Folgendes Jahr kriegte der Buͤrgermeister Ti- tus Annius abermals mit den Galliern uͤber dem Po. Und durch diese unauffhoͤrliche Be- draͤngung wurden alle Kraͤffte der Deutschen in Jtalien/ wie die Schliefsteine von dem Eisen unempfindlich verzehret: daß sie nur ihre Ach- seln/ wie andere entferntere Voͤlcker unter ihr Joch beugen musten. Jedoch waren nicht so wol der Roͤmer Waffen als ihre Arglist/ und der Deutschen selbsteigene Veraͤnderung die fuͤr- nehmste Ursache ihrer scheiternden Freyheit. Sintemal jene bald diesen/ bald einen andern Deutschen Fuͤrsten durch einen verguͤldeten Schild/ ein zugerittenes Pferd/ einen mit fal- schen Edelgesteinen versetzten Degen/ oder durch eine gemahlte Lantze bethoͤrten; den Kern ihrer streitbaren Jugend zu Uberwindung anderer Voͤlcker oder der Deutschen selbst an sich zohen/ und durch oͤfftere Botschafften die Beschaffen- heit Arminius und Thußnelda. heit ihrer Laͤnder auskundschafften; die Deut- schen abeꝛ nach Eigenschaft der versetzten Pflan- tzen unter dem viel sanfftern Himmel Jtaliens gleichsam ihre erste Geburts-Art vergessen; und den Safft vieler in dem rauern Deutschlande unbekandten Wolluͤste an sich gezogen hatten. Weil aber die Celtiberier in Hispanien noch nicht so lange von ihrem Vaterlande entfernet waren; tauerte ihre Hertzhafftigkeit noch im- mer; und machten sie den Roͤmern nach denen aus Hispanien vertriebenen Carthaginensern doch unaufhoͤrlich zu schaffen; und die Kriege so sauer: daß es Marcus Marcellus daselbst nicht mehr auszustehen getraute/ und die junge Mannschafft zu Rom fuͤr Schrecken sich nicht mehr gegen die streitbaren Celtiberier wolte brauchen lassen. Dahero sie auch der Rath fuͤr freye Voͤlcker zu erkennen/ ihnen ihre eigene Gesetze zu lassen/ auch sie fuͤr Freunde und Bunds-Genossen anzunehmen gezwungen ward. Bey solcher Beschaffenheit brachen die Roͤ- mer eine Ursache vom Zaune die Stadt Cartha- go als den groͤsten Dorn in ihren Augen auffs neue zu bekaͤmpffen; weil anfangs Koͤnigs Sy- phax Enckel Archobarzanes Masanissen beun- ruhigte/ und hernach dessen sein Sohn Gulussa angab: daß Carthago nicht so wol wider ihn als wider die Roͤmer selbst eine Kriegs-Flotte aus- ruͤsteten; also: daß Scipio Nasica selbst diesen unrechtmaͤßigen Krieg beweglich wiederrieth. Jnzwischen veꝛfiel Carthago mit Masanissen in Krieg; weil er ihre Stadt Oroscopa belaͤgerte. Seine Heerfuͤhrer Anasis und Juba giengen auch mit 6000. Numidiern zu Asdrubaln uͤber; welcher Masanissen anfangs ziemlichen Ab- bruch that/ hernach aber in Anwesenheit des von einem Berge zuschauenden Scipio Emilianus in einer blutigen Schlacht geschlagen/ auff ei- nem Berge belagert/ und den schimpflichsten Vergleich einzugehen gezwungen ward. Wor- bey denn die Roͤmer Masanissen anzureitzen nicht vergassen: daß er sich seines Gluͤckes ge- brauchen solte. Ungeachtet nun Carthago durch zwey Botschafften sich fuͤr den Roͤmern demuͤ- thigte/ Asdrubaln in Elend vertrieb/ so kriegten sie doch keine andere Antwort; als: sie solten Rom Vergnuͤgung geben; daruͤber aber/ was hierunter gemeint wuͤrde/ konten sie keine Aus- legung erbitten. Jnsonderheit drang Porcius Cato mit hefftigster Ungestuͤm auff den Krieg; und ruffte wol tausendmal auf dem Rathhause: Carthago werde vertilget! zeigte zugleich eine frische Feige/ welche allererst fuͤr drey Tagen zu Carthago uͤberbracht worden war; noͤthigte also gleichsam dem Roͤmischen Rathe wider den Na- sica ab: daß ihre Einaͤscherung beschlossen/ und das von Carthago abfallende Utica begierig an- genommen ward. Wiewol sich nun Cartha- go durch anerbotene freywillige Ergebung das ihnen aufgebuͤrdete Vorhaben der Feindselig- keit genungsam ablehnte/ sie auch dem Roͤmi- schen Befehle nach fuͤr Abschiffung der zum Kriege befehlichter Buͤrgermeister 300. edle Geissel nach Lilybeum lieferten; so schifften doch die Buͤrgermeister nach Utica/ und zwangen die Carthaginenser: daß ob sie schon Asdrubal be- kriegte/ sie doch ihre Schiffe verbrennen/ und alle Waffen aushaͤndigen musten/ welche zu Be- waffnung gantz Africens genung gewest waͤren. Als sie diß wuͤrcklich vollbracht/ faͤllte Lucius Martius noch dieses harte Urthel uͤber sie: Sie solten ihre Stadt abbrechen/ und vom Meere weg eine andere bauen. Welches die Gesand- ten in eine Raserey/ nach vergebener flehentli- cher Bitte aber dieses edle Volck in Verzweiffe- lung/ und in grausame Wuͤtung wider die/ wel- che zu Ausliefferung der Geissel und Waffen ge- rathen hatten/ endlich in die Waffen/ worzu die Frauen ihre Geschmeide verschmeltzten/ ihre Haare abschnitten/ brachte; welches auch eine lange Zeit maͤnnlich und wider alle menschliche Vernunfft die Belaͤgerung austauerte/ in wel- cher 500. in Sold genommene/ und 300. aus T t t t t 3 der Sechstes Buch der Dienstbarkeit freygelassene Deutschen in Ausfaͤllen/ Zernichtung der Sturmboͤcke und anderer Gegenwehr gleichsam Wunderwercke ausuͤbten/ und denen schier ihrer Vernunfft be- raubten Carthaginensern zu Wegweisern dien- ten. Massen denn auch durch des verachteten Masanissa Absetzung/ und des wieder versoͤhnten Asdrubals Naͤherung das Roͤmische Heer in grosse Noth gerieth/ und die Belaͤgerung haͤtte aufheben muͤssen/ wenn nicht Publius Scipio/ dessen Geschlechte gleichsam vom Verhaͤngnuͤs- se zum Unter gange der so maͤchtigen/ und sieben mal hundert tausend Einwohner beherbergen- den Stadt Carthago versehen war/ darfuͤr kom- men waͤre. Denn Asdrubal/ welcher mit 20000. Africanern/ und 2000. vom Andriseus aus Macedonien empfangenen Deutschen die Belaͤgerer mit taͤglichem Lermen und Abschnei- dung der Lebensmittel aͤngstigte/ begegnet nach Masanissens Tode seinem Sohne mit ansehnli- cher Numidischen Reuterey so eꝛ an sich gezogen/ und nach ihm aufgetragenem Buͤrgermeister- Ampte anfangs das Theil Megara erobert/ hernach den Seehafen verstopfft/ den neuerbau- ten Hafen und das Theil der Stadt Cothon/ end- lich auch nach sechstaͤgichter Stuͤrmung das Schloß Byrsa eingenommen haͤtte. Der Escu- lapische Tempel war allein noch uͤbrig; darin- nen sich Asdrubal zwar eine zeitlang wehrete/ a- ber endlich doch kleinmuͤthig ergab. Die aus Deutschem Gebluͤte allein ersprossene Ehfrau des Asdrubals konte sich so wenig/ als vorher Sophonisbe uͤberwuͤnden in der Roͤmer Dienstbarkeit zu fallen. Dahero/ nach dem sie ihrem zu des Scipio Fuͤssen sitzenden Eh- manne von dem Esculapischen Tempel hefftig verwiesen hatte/ schlachtete sie seine zwey Soͤh- ne/ und stuͤrtzte sie mit sich nach dem Beyspiele der Koͤnigin Dido in die unter ihr rasenden Flammen. Scipio selbst konte sich nicht ent- halten mit seinen Thraͤnen die nach siebentaͤ- gichten Flammen gluͤenden Braͤnde dieser sieben hundert Jahr/ (welches schier das laͤngste Ziel langer und grosser Reiche zu seyn pflegt) gebluͤ- heten/ und nun in der Asche liegenden Stadt auszuleschen. Und wie Nasica vorher die gaͤntz- liche Vertilgung beweglichst wiederrathen hat- te: wormit Rom aus Scheue dieser maͤchtigen Nachbarin nicht in sichere Wollust verfiele; also wahrsagte nunmehr Scipio in Erwehnung des Trojanischen Brandes auch der Stadt Rom ih- ren Untergang. Hertzog Zeno fing hieruͤber an: ihn bedeuch- tete: es habe Nasica nicht alleine kluͤglich gera- then Carthago stehen zu lassen/ sondern auch Scipio uͤber ihrer Einaͤscherung billich gewei- net; wo anders die Thraͤnen nicht wie in dem mittaͤgichten Theile des Atlantischen Eylan- des/ ein Merckmal der Freude/ oder ein Firnß der rachgierigen Vergnuͤgung beym Kaͤyser Julius gewest/ als dieser des Pompejus blutigen Kopf in die Haͤnde bekam. Denn in Warheit nicht nur eintzele Personen werden durch des Nachbars Tugend aufgemuntert/ oder viel- mehr durch eine Scheue fuͤr anderer Aufsicht von Lastern zuruͤck gehalten; wie an dem Roͤ- mischen Adel/ so lange als der verjagte Tarqvi- nius noch lebte/ anzumercken war/ in dem dieser nach seinem Tode bald das Volck zu druͤcken anfing; sondern es bleiben auch gantze Voͤlcker nur so lange tugendhafft und streitbar; so lange die benachbarte Tugend sie im Zaum haͤlt. Die Feuersteine geben nur so denn Feuer von sich/ wenn man einen andern schlaͤgt. Daher hielt es der kluge Cleomenes fuͤr rathsam die uͤber- wundenen Argiver nicht gar auszurotten; wor- mit ihre Jugend noch iemanden behielte/ an dem sie ihre Tapfferkeit ausuͤbten. Hingegen verfiel mit dem Thebanischen Fuͤrsten Epami- nondas nicht nur seiner Landesleute/ sondern auch seiner Feinde der Athenienser Tapfferkeit. Hertzog Herrmann hat mir selbst bekennet: daß der zwischen den Cherußkern und Catten stritti- ge Vorzug ein Wetzstein beiderseitiger Tapffer- keit Arminius und Thußnelda. keit gewesen sey. Ja ich glaube: daß/ wie nach eingeaͤschertem Carthago/ nach uͤberwundenem Asien Rom zwar in seinem Leibe mehr Fleisch/ aber nicht staͤrckere Spann-Adern bekommen habe; also es durch seine eigene Laster verfaulet waͤre; wenn nicht die rauen Winde/ welche ih- nen zeither aus der kalten Mitternacht in die Augen gegangen sind/ selbtes noch erhalten haͤt- ten. So konte ihm auch Scipio leicht die Rech- nung machen: daß die geruͤhmte Ewigkeit der Stadt Rom ein Traum der Uhrheber waͤre/ und grosses Gluͤcke wegen seiner schweren Last nicht lange Zeit auf einem Beine stehen koͤnte. Dahero sprachen die Scythen beym grossen A- lexander dieser Abgoͤttin gar alle Beine ab; als welche nur Haͤnde und Federn an sich haͤtte; welche letztere sie mit den erstern keinmal ergreif- fen liesse/ wormit sie iederzeit die Freyheit be- hielte ihren Flug anderwaͤrts hin zu nehmen. Uber diß behertzigte Scipio/ mit was Unrecht Rom diß Kriegs-Feuer durch die halbe Welt ausgestreuet hatte; und daß die goͤttliche Rache insgemein den in dem gluͤenden Ochsen brate/ der solchen fuͤr andern gegossen hat. Jnson- derheit aber ungerechtem Gute wie des Adlers von dem Opffer-Tische gestohlnen Fleische eine gluͤende Kohle anhencke/ welche hernach des Raubers gantzes Nest in Brand steckt. Adgandester fuhr hierauf wieder fort: Er wuͤste nicht: ob Scipio/ als der selbsteigene Werckzeug so unrechter Grausamkeit oder eini- ger anderer Roͤmer damals mehr in seinem Ge- muͤthe eine so zarte Empfindligkeit gefuͤhlet haͤt- te; weil sie hierauff gleichsam stockblind in den Pful der aͤrgsten Laster gerennt/ und nach zer- stoͤrtem Carthago dem Meere vollends das an- dere Auge/ nemlich die schoͤne Stadt Corinth/ und zwar ehe/ als sie unter die Zahl der Feinde gerechnet worden/ ausgestochen; ja bey spielen- dem Freuden-Gethoͤne dieses Wunder der Staͤdte angezuͤndet/ und die Steine in kostba- ren Staub verwandelt. Worbey aber mehr der Roͤmer Unverstand als ihre Grausamkeit zu bejammern war. Sintemal sie die edel- sten Marmel-Saͤulen aus Kurtzweil/ oder um etwan ein darein zur Befestigung eingelassenes Stuͤcke Ertzt zu bekommen zerschmetterten; Die Ertztenen Bilder zerschmeltzten/ und unter andern den vom Aristides gemahlten Bacchus zu einem Spielbrete brauchten/ fuͤr welchen Koͤ- nig Attalus hernach 6000. Silber groschen bot/ Mummius aber selbten zu Rom in der Ceres Tempel setzte. Wie nun ein schon einmal be- flecktes Kleid nicht mehr in Acht genommen wird; Also hielt es Rom nach einmal an Car- thago so offenbar veruͤbten Ungerechtigkeit nicht mehr fuͤr Schande sich taͤglich mit neuen Lastern zu besudeln/ und durch ihre Macht der Boßheit das Ansehn und die Zulaͤßligkeit der Tugend zu geben. Denn eben so betruͤglich verfuhr der Ehrsuͤchtige Buͤrgermeister Appius Claudius wider die Salaßier/ welche sich von der Saale unter die Goͤroͤjischen Alpen in ein Thal an dem Flusse Duria niedergelassen hatten. Dieser ward vom Rathe geschickt sie mit ihren Nach- barn zu vergleichen; welche sich beschwerten: daß die Salaßier ihnen den Strom Duria ver- bauten/ und zum Nutzen ihrer Goldbergwercke anderwaͤrts hin verleiteten; also sie ihre unter- halb habende Wiesen und Aecker nicht bewaͤs- sern konten. An stat dessen aber fiel Appius bey den Salaßiern mit Kriegs-Macht ein/ und ver- heerete alles mit Feuer uñ Schwerd. Diese warẽ nichts minder hertzhafft als unschuldig; grieffen also den Appius an/ und erschlugen 5000. von seinem Heere. Der Rath zu Rom hoͤrte zwar des Appius Unrecht und Ungluͤck; aber sie trachte- ten nicht jenes zu verbessern/ sondern diß nur zu raͤchen. Jedoch waren sie daruͤber so bekuͤmmert: daß sie die Sibyllinischen Buͤcher aufschlugen/ und belernt wurden: daß sie allezeit/ wenn sie mit den Deutschen kriegen wolten/ auff der- selben Graͤntzen ihren Goͤttern opffern solten. Hier- Sechstes Buch Hierauf grieffen die Roͤmer die Salaßier auffs neue an; und weil dieser ein Mann gegen zehn fechten muste/ wurden sie geschlagen/ 5000. er- legt/ und den Roͤmern das flache Land nebst den Goldgruben abzutreten gezwungen. Gleich- wol aber schaͤtzten die Roͤmer den Appius keines Siegs-Gepraͤnges wuͤrdig. Und als er sich dessen eigenmaͤchtig anmaste/ haͤtten sie ihn mit Gewalt vom Wagen gezogen/ wenn nicht seine Tochter als eine Vestalische Jungfrau ihn be- schirmet haͤtte. Noch viel aͤrger spielten es die Roͤmer dem unvergleichlichen Helden Viriath mit; dessen Deutscher Uhrsprung und Thaten nicht nur allhier/ sondern in der gantzen Welt erwehnt zu werden wuͤrdig sind. Es ist bekandt: daß mit denen Carthaginensischen Kauffleuten viel Deutsche in Hispanien uͤbergesetzt sind; Und nicht nur an dem eusersten Westlichen Land- Ende/ sondern auch an dem Flusse Anas unter dem Gebuͤrge der Venus einen ziemlichen Strich unter dem alten Deutschen Nahmen der Celten bewohnt haben. Diese waren ge- schworne Feinde der Carthaginenser; und der Werckzeug ihrer meisten Siege in Hispanien. Daher sie auch nach dem andern Punischen Kriege/ da Carthago Hispanien im Stiche las- sen muste/ keine Gelegenheit versaͤumten den Roͤmern Abbruch zu thun. Unter diesen war ein Fuͤrst der Celten am Flusse Anas Olonich/ welcher dem Macedonischen Koͤnige Perses zu liebe auf heimliche Anstifftung der Carthaginen- ser die Waffen wider die Roͤmer ergrief; aber von ihrer Macht uͤberdruͤckt/ und nach hertzhaf- ter Gegenwehr in einer Schlacht getoͤdtet ward. Sein Großvater ein Sidinischer Fuͤrst an dem Jader oder Oder-Strome war mit et- lich tausend Deutschen uͤbers Meer dahin kom- men/ und hatte selbiges Gebiete von Carthago zum Geschencke bekommen. Weil nun die Roͤ- mer allen Celten die Haͤnde abschnitten/ ja Wei- ber und Kinder toͤdteten/ flohe Olonichs Wittib mit ihrem halbjaͤhrigen Kinde Viriath/ wel- chen Nahmen ihm Olonich nach der Sidini- schen Fuͤrsten Hauptstadt in Deutschland gege- ben/ in das Gebuͤrge der Venus. Die Roͤmer aber verfolgten sie auch in diesen Klippen; also: daß diese edle Fuͤrstin entweder unversehens/ o- der auch vorsaͤtzlich/ um nicht in der Roͤmer Haͤnde zu fallen von einem Felsen abstuͤrtzte. Aller andern Flucht verursachte: daß dieses Kind im Gebuͤrge liegen blieb; iedoch/ weil es der menschlichen Vorsorge entbehren muste/ von den Gemsen gesaͤuget ward. Sechs Monat genaß es aus sonderbarer Versehung Gottes dieser unartigen Mutter-Milch/ ehe ein in das Gebuͤrge huͤtender und einer geschossenen Gemse nachklettender Ziegen-Hirte das Kind fand/ solches in seine Huͤtte trug/ und als sein eignes auferzoh. Diese Wildnuͤß aber konte so wenig die hohe Ankunfft dieses Fuͤrsten/ als des grossen Cyrus verbergen. Er ward der schoͤnste und geschickteste unter den Hirten-Kna- ben; und keiner war so Ehrsuͤchtig: daß er nicht diesem verborgenen Fuͤrsten den Vorzug ent- raͤumte/ und ihn fuͤr seinen Fuͤhrer erkennte. Er machte ihm und seinen Gefaͤrthen selbst Bo- gen und Pfeile/ und leitete sie mehr zu Verfol- gung des Wildes/ als zu Huͤtung ihres Viehes an. Die Alten fragten ihn mehrmals als ei- nen Knaben noch um Rath/ und die Zwistigen nahmen ihn fuͤr ihren Richter an. Hierdurch machte er ihm in der Bluͤthe seiner Jugend ein Ansehn eines Alten; und durch Freygebigkeit verknipffte er ihm aller Gemuͤther. Denn wenn er auff die Gemsen oder ander Wild ausgieng/ behielt er von seinem Geschossenen das gering- ste/ und theilte das uͤbrige unter die Gefaͤrthen aus/ die gleich nichts getroffen hatten. Jn die- sem Stande blieb er/ biß Marcellus den Celti- beriern die Stadt Ocelis und Nertobriga/ Marcus Atilius aber denen Lusitaniern die Stadt Oxthraze und etliche Vettonische Staͤd- te abdrang. Weil nun die Roͤmer das Land mit Rauben durchstreifften/ und also auch dem Cel- tischen Arminius und Thußnelda. Gebuͤrge sich naͤherten/ machte sich Viriath mit den andern Hirten an etliche dieser Raͤuber/ und eroberte nach ihrer Erlegung/ zu seiner hoͤchsten Vergnuͤgung/ ihre Waffen/ und hiermit fing deꝛ in seinẽ Hertzen verborgene Zunder der Tapfer- keit Feuer: daß er nach einmal in die Hand be- kommenem Degen den Hirten-Stab wieder an- zuruͤhren fuͤr unausleschliche Schande hielt. Hierzu kam die allgemeine Verbitterung der Hispanier uͤber den Lucullus/ welcher mit der am Flusse Tagus gelegenen Stadt Cauca einen Frieden machte; hernach sich und sein Volck be- truͤglich hinein spielete; alle Mannschafft uͤber vierzehn Jahr meineydig erwuͤrgte/ Weiber und Kinder aber verkauffte. Wie nun Lucullus die Stadt Jntercatia belaͤgerte/ und Sergius Galba in Lusitanien einbrach; gab sich Viriath nicht nur selbst in Krieg/ sondern redete auch zwey hundert junge Hirten auf nebst ihm wider so falsche Feinde die Waffen zu ergreiffen. Das Heer der Lusitanier ward vom Galba in die Flucht bracht. Wie aber Viriath mit seinen Gefaͤrthen auf einem Huͤgel wahrnahm/ wie sparsam und langsam die muͤden Roͤmer sie ver- folgten/ faßte er ihm einen frischen Muth einem feindlichen Hauffen die Stirne zu bieten. Wie dieser nun wegen ermangelnden Nachdrucks zuruͤcke wiech; nahmen anfangs die Celten/ her- nach auch die Lusitanier von diesen Hirten ein Beyspiel sich zu wenden. Woruͤber die zer- streuten Roͤmer in Schrecken und Flucht gerie- then/ ja aufs Haupt geschlagen wurden; also: daß ihrer 7000. todt auf dem Platze liegen blie- ben/ und Galba mit der Reiterey kuͤmmerlich nach Carmelis entraan/ und sich gar nach Coni- storgis zuruͤck ziehen muste. Die Stadt Pal- lantia ward hierdurch auch aufgefrischt: daß sie den Lucullus tapfer zuruͤck schlug; Viriath aber mit einem Pferde/ einer guͤldenen Kette/ und ei- nem koͤstlichen Schwerdte beschenckt/ auch zum Hauptmann uͤber fuͤnf hundert Celten gemacht. Dem Galba that dieser Streich in der Seele weh; daher schaͤmte er sich nicht aus Mißtrauen zu seiner Tapferkeit sich des Betruges zur Rache zu bedienen; ließ derhalben den Lusitaniern ei- nen Vergleich antragen; sintemal er selbst wohl wuͤste: daß sie mehr ihr Mißwachs an Oele/ Wein und Weitzen/ an Ablieferung ihres Zin- ses gehindert; als sie aus Untreu die Waffen er- griffen haͤtten. Der Vertrag ward auf leidli- che Bedingungen gemacht; und die Lusitanier stellten sich zu Beschwerung des neuen Bundes beym Galba ein; welcher sie mit Roͤmischem Kriegsvolcke umbsetzte/ und nach gutwillig nie- dergelegten Waffen ihrer 10000. erbaͤrmlich niederhauen ließ. Zu allem Gluͤcke kriegten die auf den folgenden Tag verschriebenen Cel- ten/ als sie gleich in das Roͤmische Laͤger einziehen solten/ durch einen Entronnenen/ Wind von der verraͤtherischen Blutstuͤrtzung. Daher Viriath sein Pferd zum ersten umbwendete/ und nicht nur den Celten ein Wegweiser zu ihre ꝛ Erhaltung war/ sondern auch die ihm nachse- tzenden Roͤmer mit blutigen Koͤpfen/ und in we- niger Anzahl zuruͤck schickte. Weil nun Gal- ba auf dem flachen Lande theils mit Ermor- dung/ theils mit Verkauffung der Gefangenen gleichsam seine Kraͤfften pruͤfete: Ob sie in Geitz oder Grausamkeit am hoͤchsten kommen koͤnten; verhieb sich Viriath im Gebuͤrge/ und thaͤt durch oͤftere Ausfaͤlle den Roͤmern mercklichẽ Abbruch. Sein Ruhm wuchs hieruͤber durch gantz Hispa- nien; die Noth aber/ und seine in Austheilung der Beute erzeigte Freygebigkeit vergroͤsserte seinen Hauffen so sehr: daß er/ nach dem die groͤ- ste Macht der Roͤmer wider Carthago in Africa uͤber gesetzt war/ sich mit fuͤnf tausend Kriegsleu- ten herfuͤr machte/ und in das den Roͤmern beyflichtende Turdetanien einfiel/ und biß an den Fluß Betis mit Flucht und Schre- cken alles erfuͤllte. Cajus Vetilius sam̃lete zwar wider ihn ein starckes Heer; und die bekuͤmmerten Lusitanier stunden schon auf dem Schlusse sich dem Vetilius zu unterge- ben; als Viriath durch Aufmutzung vieleꝛ Roͤmischen Meineyde die Handlung abbrach/ Erster Theil. U u u u u und Sechstes Buch und sich mit denen Gesandten nach Tribola fluͤchtete; hernach die Roͤmer durch dort und dar gedraͤute Einfaͤlle und geschwinde Zuꝛuͤckziehun- gen matt und muͤde machte. Vetilius ward hieruͤber verdruͤßlich; und dardurch verleitet: daß er in Meynung diesen verwegenen Hirten mit Strumpf und Stiel auszurotten/ sich in ei- nen sumpfichten Wald nachzusetzen verleiten ließ; darinnen ihn die versteckten Celten auf al- len Seiten angriffen/ und mit seinem in dem Schlamme sich kaum zu ruͤhren vermoͤgenden Heere erschlugen. Die sechs tausend nach Tar- tessus entkommenden Roͤmer wurden zwar mit fuͤnf tausend frischen Voͤlckern verstaͤrckt/ und gegen dem Viriath gefuͤhrt; aber von ihm dero- gestalt bewillkom̃t: daß kein Bothe uͤbrig blieb ihre Niederlage zu berichten. Diese herrliche Siege machten: daß gantz Lusitanien ihn fuͤr ih- ren Hertzog erklaͤrten/ und ihre Kriegs-Fahnen seiner Bothmaͤssigkeit untergaben. Viriath/ umb mit dieser neuen Wuͤrde auch seinen Ruhm zu vergroͤssern/ und durch seine Regung auch die Celtiberier zu beseelen/ wendete sich von dem Ga- ditanischen Meere gegen dem Tagus; trieb alle Roͤmer aus Carpetanien/ und bereicherte sein Kriegs-Volck mit vieler Beute. Cajus Plau- tius eilte mit vierzehn tausend Roͤmern ohne die Huͤlffs-Voͤlcker dahin/ umb das schon wancken- de Tarraconensische Hispanien im Gehorsam zu erhalten. Der schlaue Viriath eilte uͤber Hals und Kopf aus Carpetanien/ umb durch seine angenommene Furcht die Roͤmer in Vermes- senheit zu setzen. Plautius meynte/ der Sieg wuͤrde ihm mit denen entrinnenden Lusitaniern entfluͤgen; daher schickte er vier tausend Mann eilfertig nach; welche sich an den Feind haͤngen/ und ihn biß zu seiner Nachfolge aufhalten sol- ken. Viriath aber wendete sich bey Libora; umbringete und erschlug sie: daß kaum hundert Roͤmer entraanen. Gleichwohl aller wiech Viriath noch immer zuruͤcke/ welchem Plautius aus Begierde der Rache uͤber den Tagus folgte/ und unter dem Gebuͤrge der Venus sein Laͤger schlug. Diese diß Gebuͤrge bedeckende Oel- und Friedens-Baͤume aber verwandelten sich dem Viriath in Lorbern/ dem Plautius in Cy- pressen. Denn dieser ward von jenem aufs Haupt geschlagen; welcher/ weil die Roͤmer mit wenigen kaum darvon kamen/ ihr Gebiete weit und breit unter Schatzung setzte; und die uͤber einem Opfer beschaͤftigte Stadt Segebrige durch schnellen Uberfall eroberte. Nicht bes- ser machte er es dem Cajus Nigidius/ und dem einhaͤndichten Stad-Vogte Claudius; derer er- stern er mit Strumpf und Stiel auf einmal ver- tilgte; in dem wider den andern fuͤrhabenden Zuge aber gerieth er fuͤrhabender Ausspuͤrung des Feindes mit drey hundert Celten unter tau- send Roͤmische Reiter; iedoch hielt er sich mit den Seinen so ritterlich: daß er nur siebzig ein- buͤßte; die Roͤmer aber nach Verlust drey hun- dert und zwantzig Mann die schimpflichste Flucht nahmen. Das allermerckwuͤrdigste aber war: daß ein in dem Gepuͤsche von sieben Roͤmern uͤberfallener Ritter Gußmann selbi- gen die Stange both; und nach dem er des ersten Pferd mit der Lantze erlegt/ dem andern den Kopf mit dem Schwerdte zerspalten/ die uͤbrigen in die Flucht brachte. Diß aber war nur ein Vorspiel der dem Claudius bald darauf bege- gnenden voͤlligen Niederlage. Welchen Sieg er so hoch hielt: daß er auf dem hoͤchsten Gipfel des mehrmals erwehnten Venus-Gebuͤrges ein marmelnes Sieges-Zeichen aufrichtete/ der er- legten Roͤmischen Feldherren Waffen und Pur- pur-Roͤcke daran hing; und den Goͤttern da- selbst sieben Tage nach einander auf Hispanische Art eitel rechte denen Roͤmern abgehauene Haͤn- de opferte. Wie nun Viriath daselbst in voller Andacht fuͤr dem Altare lag; trat aus dem grossen Hauffen des daselbst versam̃leten Volckes eine edle gantz schwartz gekleidete Frau herfuͤr; wel- che/ nach dem sie den Hertzog Viriath eine gute Weile mit starren Augen betrachtet hatte/ drey Hand- Arminius und Thußnelda. Handvolln rothes Saltz in das heilige Feuer warff/ und laut zu ruffen anfing: O ihr Goͤtter! eroͤfnet mir meine Augẽ: daß ich dis/ was ich mir festiglich einbilde/ recht erkennen moͤge! Hierauf redete sie den Viriath getrost an: Wo mich das Verhaͤngnuͤß nicht selbst verblendet/ bist du nicht Jndibil und ein Hirten-Kind; (also hatte man ihn zeither geheissen) sondern Viriath des tapfern Celtischen Fuͤrsten Olonich Sohn. Denn du sihest ihm so gleich/ als wenn du ihm aus den Augen geschnitten waͤrest; und das kleine Feu- er-Mal in dem rechten Schlafe/ welches ich ge- nau wahr genommen/ als ich dich gesaͤuget/ ist mir ein gewisses Merckmal. Wormit aber weder du noch iemand anders an dieser Wahr- heit zweifeln darffst/ so entbloͤsse deine rechte Brust; damit man auf selbter das Merckmal der Sidinischen Fuͤrsten/ nemlich die eigentliche Baͤren-Tatze erkenne. Viriath empfand sich zu seiner grossen Vergnuͤgung uͤberwiesen/ und aus einem Hirten in einen gebohrnen Fuͤr- sten verwandelt. Daher rieß er seinen Rock auf/ und zeigte allem Volcke das angedeutete Baͤren-Zeichen. Bald dar auf ward auch Vi- riaths vermeynter Vater ein alter Ziegen-Hir- te aus einer Huͤtte herbey geholet; welcher be- kante: daß er fuͤr ein und zwantzig Jahren nach dem Einfalle der Roͤmer und des Fuͤrsten Olo- nichs Erlegung ihn als ein Kind im Gebuͤrge gefunden habe. Alles Volck fing hieruͤber ein so grosses Freuden-Geschrey an: daß das Ge- buͤrge erbebte/ und die tieffen Stein-Kluͤffte durch ihren Wieder-Schall gleichsam auch ihr Jauchzen beysetzten. Gantz Lusitanien ließ ihn hier auf fuͤr ihren Fuͤrsten und Ober-Haupt ausruffen; welchen die Tapferkeit vorher schon zu ihrem Feldherꝛn gemacht hatte. Er aber selbst aͤnderte mit seinem Stande das mindeste seiner Sitten; sondern er ging mit seinen Kriegsleuten wie mit seinen Bruͤdern umb; ließ ihnen alle Beute/ und vergnuͤgte sich mit der Ehre. Sein Schild war ins gemein seine Taffel; welche meist nur mit Brodt und Was- ser angerichtet ward. Er schlief niemals un- gewaffnet/ noch uͤber fuͤnf Stunden. Wolluͤ- ste waren ihm so fremde/ als Hispanien die Cro- codile; also: daß er auch sich zu verheyrathen schwerlich zu bereden war. Mit einem Wor- te: Er zeigte sich in allem ein ausbuͤndiger Fuͤrst zu seyn/ wenn er es schon nie waͤre gebohren ge- west. Der Rath zu Rom ward uͤber dieser neu- en Zeitung noch mehr bekuͤmmert/ schickte daher den Buͤrgermeister Quintus Fabius Emilianus mit siebzehn tausend frischen Voͤlckern in das Betische Hispanien. Die Uberbleibung der vormals geschlagenen Heere aber machte durch Herausstreichung des unuͤberwindlichen Vi- riaths die Roͤmer so bestuͤrtzt: daß sie Fabius nicht uͤber den Fluß Betis zu fuͤhren getraute; sondern sie bey der Stadt Orsona durch Kriegs- Ubungen vor abzuhaͤrten/ auch selbst in dem Ey- lande Gades dem Hercules auf Celtische Art zu opfern fuͤr noͤthig hielt. Unterdeß aber setzte Viriath selbst uͤber den Fluß Betis; nahm den Roͤmern vier hundert nach Holtz fahrende Wa- gen mit fuͤnf hundert Reitern weg; und als des Viriaths Befehlhaber ihn verfolgte/ schlug er sein Heer aus dem Felde/ und eroberte eine un- saͤgliche Beute. Ob nun wohl Fabius zuruͤck eilte und verstaͤrckt ward/ traute er doch nicht mit dem Viriath zu schlagen. Nach dem die Roͤ- mer mit ihrem Schaden des Viriaths Kriegs- Streiche endlich lernten/ erlangte Fabius zwar in etlichen Scharmuͤtzeln einigen Vortheil; al- leine er wetzte bald diese Schart an dem ihm gleichsam zum Gluͤcks-Steine erkieseten Ge- buͤrge der Venus durch Uberwindung des Quintius/ und Eroberung der Stadt Jtuca aus. Hierdurch brachte er nicht allein die streitbaren Arvacker/ Titther und Beller umb den Strom Sucro auf seine Seite; sondern auch die Stadt Numantia dahin: daß sie gegen die ungerechten Roͤmer großmuͤthig die Waffen zuͤckten/ welche sie als Sclaven niederlegẽ solten; U u u u u 2 weil Sechstes Buch weil sie die von den Roͤmern verjagten Segulen- ser beherbergten/ und fuͤr sie eine Vorbitte ein- legten. Weil nun Metellus gegen diese zu Felde lag/ durchstreiffte Viriath das Land Bastetanien biß an den Verg Orospeda. Seine beste Beute aber war Algarbe eines Celtiberi- schen Fuͤrsten Tochter/ welche er in dem Orospe- dischen Tempel der Minerve zu Gesichte be- kam/ und wider seinen ersten Vorsatz gleichsam aus einem Goͤttlichen Eingeben heyrathete. Die Hochzeit war zwar mit grossem Gepraͤnge angestellt; die Taffel mit koͤstlichen Speisen be- deckt; aber er war nicht zu bereden sich daran zu setzen/ am wenigsten aber nach selbiger Landes- Art aus wohlruͤchenden Wassern zu waschen; sondern er aaß nur stehende ein Stuͤcke Brodt und Fleisch; alles andere uͤberließ er seinen Ge- faͤrthen. Die kostbaren Tapezereyen strich er im Zimmer und Bette mit seiner nie aus der Hand gelegten Lantze weg/ mit Vermelden: daß diese allein eines Fuͤrsten Zierrath waͤre. Nach weniger Stunden Verlauff/ als nur die Prie- sterliche Einsegnung geschehen war/ nahm er oh- ne Ubernachtung seine Braut/ setzte sie auf ein Tiegerfleckichtes Pferd/ und ritt mit ihr seinem Heere und dem Gebuͤrge zu. Der Buͤrger- meister Quintus Fabius Servilianus kam gleich damals mit zwantzig tausend Mann von Rom dahin/ umb gegen den Viriath sein Heil zu ver- suchen. Ungeachtet er nun nur sechs tausend Mann starck war/ verbeugte er doch dem gegen Jtuca eilenden Fabius den Weg; und vertrau- te seiner der Waffen laͤngst gewohnten Gemah- lin Algarbe die Helfte seines Heeres; welche umb den Roͤmern mit einem ungewoͤhnlichen Aufzuge zu begegnen/ alle ihre Kriegsleute wie Weiber bekleiden/ ihre Haar-Zoͤpfe aufflechten/ und die Locken uͤber Antlitz und Achseln abhen- cken ließ. Hierauf traff sie und Viriath auf der andern Seite mit einem so abscheulichen Geschrey gegen die Roͤmer: daß diese erstarre- ten/ gleich als wenn sie von hoͤllischen Unholden angefallen wuͤrden. Fabius hatte alle Haͤnde voll zu thun sein dort und dar verwirrtes und weichendes Heer auffzurichten/ und so lange im Stande zu behalten/ biß die Nacht sie/ wiewohl mit grossem Verlust der Roͤmer/ scheidete. Fa- bius als er folgenden Tag von einem Gefange- nen die Schwaͤche des Viriaths/ und daß sein Heer fuͤr einem Weibe erzittert waͤre/ vernahm/ haͤtte sich fuͤr Verdruß in die Finger beissen moͤ- gen; gleichwohl aber wagte er sich nicht noch ein- mal an den Feind/ biß er vom Koͤnige Micipsa zehn tausend Africaner und zehn Elefanten be- kam. Hierauf band er mit dem sich verstaͤr- ckenden Viriath abermals an; welcher Fuß fuͤr Fuß zuruͤcke wiech/ biß er den Fabius an einen Pusch brachte/ aus welchem sein Hinterhalt den Roͤmern in die Seite ging/ sie trennte/ drey tau- send Roͤmer/ vier tausend Africaner und Hispa- nier erlegte/ alle Elefanten eroberte/ und den Fa- bius uͤber Hals und Kopf ins alte Laͤger trieb; welches auch zugleich eingenommen worden waͤre/ wenn nicht Cajus Fannius es noch hertz- haft verfochten haͤtte. Unterdessen setzte Quin- tus Metellus den Celtiberiern heftig zu/ schlug mit Bedraͤuung: daß er alle ohne Sieg zu- ruͤck kommende Roͤmer als Feinde toͤdten wol- te/ die Arvacker/ und belaͤgerte die Stadt Nertobriga an dem Flusse Salo. Weil aber die Belaͤgerten des zu den Roͤmern uͤberge- gangenen Rhetogenes Kinder in dem Sturm- Loche an die Spitze stellten; ließ Fabius/ ungeachtet der grimmige Vater ihn ermahn- te uͤber seiner Kinder Leichen den Sieg zu verfolgen/ vom Sturme abblasen; und als er des Viriaths Anzug vernahm/ hob er die Belaͤgerung gar auf. Folgendes Jahr hatte zwar Fabius das Gluͤcke denen Lusi- tanischen Obersten Curius und Apulejus die Staͤdte Escadia/ Gemella und Obul- cula abzudringen; aber Viriath hemmete alsbald sein Gluͤcks-Rad/ und trieb ihn von der Stadt Baccin weg. Quintus Pompejus kam Arminius und Thußnelda. kam mit zwey und dreißig tausend alten Kriegs- leuten in Celtiberien/ und erregte daselbst so grosses Schrecken: daß die zwey maͤchtigen Staͤdte Numantia und Termes an dem Flus- se Durius schon auff dem Sprunge gestan- densich den Roͤmern zu unterwerffen. A- ber der als ein Blitz dahin eilende Vi- riath verdrehete das schon bey nahe verlohrne Spiel; in dem er die ihnen anbefohlne Aus- folgung der Waffen fuͤr ein aͤrger Brandmahl auslegte; als wenn ihnen die Haͤnde abgehackt wuͤrden. Eines hertzhafften Helden Geist ist so wohl faͤhig hundert tausend Menschen zu be- seelen/ als ein Funcken gantze Laͤnder anzuzuͤn- den. Daher machte Viriaths Auffmunterung: daß Pompejus beyde Belaͤgerungen der Staͤd- te Numantia und Termes nach eingebuͤstem vie- lem Volcke schimpfflich auffheben/ in Seditani- en zuruͤcke weichen/ und seine Rache an dem Raͤuber Tangin/ und an den furchtsamen Lan- cinern ausuͤben muste. Fabius Servilian be- laͤgerte inzwischen die Stadt Erisane; Viriath aber spielte sich des Nachts hinein/ thaͤt fruͤh auf die Roͤmer einen gluͤcklichen Ausfall und schlug nicht allein sie dar weg/ sondern brachte sie auch im Gebuͤrge derogestalt ins Gedraͤnge: daß Fabi- us mit dem Fuͤꝛsten Viriath einen Frieden schluͤs- sen/ und alles gewonnene Land ihm lassen muste. Durch diß Mittel entrann Fabius und das umzuͤngelte Roͤmische Heer aus Viriaths Haͤn- den; aber der Roͤmische Rath/ dessen Ehrsucht nunmehr weder Eyde noch Buͤndnisse weiter zu halten gewohnt war/ als sie ihm Nutzen brachten; erklaͤrte insgeheim diesen schimpffli- chen Frieden fuͤr unguͤltig; und schickte den Buͤrgermeister Coͤpio in das Betische Hispa- nien; welcher den sich ehe des Himmel-Falls als eines Frieden-Bruchs sich versehenden Vi- riath in der Stadt Arsa zu uͤberfallen ver- meinte. Aber Viriath entwischte ihnen unter den Haͤnden in Carpetanien; und weil er da so geschwinde sein Kriegs-Volck nicht zusammen ziehen konte/ uͤber den Fluß Tajus. Weil nun Coͤpio ihm auff dem Fuße folgte/ und so wohl den Vettonern als Galliern grossen Brand- schaden zufuͤgte/ machte Viriath mit dem Coͤ- pio einen neuen Frieden/ trat ihm etliche Plaͤ- tze ab/ und haͤndigte ihm viel Uberlaͤuffer aus. Als diß geschehen/ brachte Coͤpio ein unertraͤg- liches Friedens-Gesetze auffs neue auff die Bahn; nehmlich: die Lusitanier solten alle ihre Waffen aushaͤndigen. Viriath verlachte diese kaum Weibern anmuthliche Bedingung; ver- fluchte der Roͤmer Betrug und seine Leichtglaͤu- bigkeit/ ruͤstete also sich auffs neue wider den Coͤ- pio zum Kriege/ und fuͤgte durch Abzwackung der nach Holtz und Lebensmitteln ausgeschick- ten Reuterey grossen Abbruch zu; woruͤber die Roͤmer so erbittert wurden: daß sie den fried- bruͤchigen Buͤrgermeister selbst in seinem Zelte verbrennt haͤtten; weñ er nicht durch die Flucht sich aus dem Staube gemacht haͤtte. Diese Ge- fahr und das Mißtrauen am Viriath zum Rit- ter zu werden/ verleitete den Coͤpio zu neuer Arglist/ und einem Friedens-Vorschlage. Un- ter denen Gesandten des Fuͤrsten Viriaths wa- ren zwey Lusitanier Ditalco und Minurus. Die- se gewann er durch Versprechung der Lusitani- schen Ober-Herrschafft und anderer guͤldenen Berge: daß sie ihren Fuͤrsten zu toͤdten gelob- ten; welches sie auch die dritte Nacht/ als der den Tag vorher in einem gluͤcklichen Treffen er- muͤdete Viriath in voller Ruͤstung in seinem Zelte sich auff die Erde gestreckt hatte; Meu- chelmoͤrderisch ausuͤbten/ und diesem unver- gleichlichen Helden die Kehle abstachen/ welcher so wohl wegen seiner Aufferziehung und Tapf- ferkeit selbst von den Roͤmern mit Rechte der Hi- spanier Romulus genennt/ und von den Nach- kommen fuͤr eine Saͤule des Vaterlandes vereh- ret war/ mit welchem Hispanien gestanden und gefallen ist. Massen denn der ihm nachfolgen- de Fuͤrst Tautan Sagunt vergebens belaͤgerte/ an dem Flusse Betis vom Coͤpio so sehr geaͤnsti- U u u u u 3 get Sechstes Buch get ward: daß er sich und sein Heer den Roͤmern ergab; aus welchem aber Viriaths Gemahlin Algarbe mit fuͤnffhundert Celten nach Numan- tia entran; und mit ihr gleichsam des entleibten Viriaths Geist zum Schutz-Gotte dahin bꝛach- te. Sintemal diese Stadt den Pompejus zum andern mahl von der Belaͤgerung abtrieb/ und ihn zu einen Frieden zwang; welchen die Roͤmer aber wieder brachen; Jedoch als Popilius Nu- mantia zum dritten mahl belaͤgerte/ mit Einbuͤs- sung ihres gantzen Heeres den Fiedens-Bruch buͤsseten. Cajus Mancinius belaͤgerte bernach Numantia zum vierdten mahl; die Numanti- er aber/ und insonderheit die dahin gefluͤchteten streitbaren Weiber der Celten/ wit welchen die Fuͤrstin Algarbe aber/ welche kurtz vorher dem Buͤrgermeister Decius Brutus an dem Fluße Durius lange unglaublichen Widerstand ge- than hatten/ thaten in Ausfaͤllen so gꝛossen Scha- den/ und jagten den Roͤmern solche Furcht ein: daß sie mehr weder das schreckliche Geschrey/ noch die feurige Augen der Numantier vertra- gen konten/ sondern Mantius des Nachts stille abziehen und das Laͤger verlassen muste. Die Fuͤrstin Algarbe zohe durch ihre Tapferkeit zweyer Numantischen Fuͤrsten Augen auf sich: daß sie beyde um ihre Liebe in Zwist geriethen. Sie aber entscheidete sie derogestalt: daß der/ welcher ihr die erste rechte Hand eines edlen Roͤmers zur Morgengabe lieffern wuͤrde/ ihr Braͤutigam seyn solte. Beyde liessen sich noch selbige Nacht uͤber den Wall/ funden aber die Lauffgraben/ das Feld und endlich das gantze Roͤmische Laͤger leer. Die von ihnen zuruͤck gebrachte Nachricht munterte alsbald vier tau- send Numantier/ und darunter viel maͤnnliche Weiber auff/ den Roͤmern zu folgen. Die Nacht/ die Geschwindigkeit/ und die Kundschafft der Oerter halff den Numantiern: daß sie das gantze Roͤmische Heer in den Engen des Cauni- schen Gebuͤrges umsetzten/ und zwantzig tau- send Roͤmische Buͤrger/ und zehn tausend an- dere Kriegs-Leute fuͤr dem fuͤnfften Theile der Numantier die Waffen nieder zu legen. Als a- ber Mancinus/ Tiberius Gracchus und die an- dern Roͤmischen Haͤupter einen Frieden und darinnen der Stadt Numantia ewige Freyheit beschworen hatten/ gaben sie ihnen die Waffen/ und ein Theil der im Laͤger eroberten Beute wieder. Als Numantia derogestalt in Ruhe war/ Brutus aber in Lusitanien biß an das grosse Meer kam/ uͤber den Fluß der Vergessenheit uñ den Strom Minius saͤtzte/ eilte die großmuͤthige Fuͤrstin Algarbe denen Bracarischen Voͤlckern zu Huͤlffe; aus denen streitbaren Weibern sie ein absonderlich Heer zusammen zoh/ und des Bru- tus Waffen behertzt/ ja verzweiffelt die Spitze bot. Sintemahl die gefangenen Weiber/ um der Diestbarkeit zu entkommen/ sich und ihre Kinder selbst hinrichteten/ und den Tod fuͤr die edelste Art der Freylassung ruͤhmten. Wie a- ber Brutus in einer Schlacht funfftig tausend Lusitanier durch eine besondere List erlegte/ ward sie gezwungen mit ihren Weibern in die Stadt Pallantia zu weichen/ daraus sie bey der vom Marcus Emilius vorgenommenen Belaͤge- rung ihre Anwesenheit durch unzehlbare Hel- den-Thaten bekand machte/ und bey des Emi- lius Abzuge eins der fuͤrnehmsten Werckzeuge war/ welche den Roͤmern einen nicht geringern Streich als die Numantiner versetzten. Dessen ungeachtet erklaͤrte der Roͤmische Rath den Nu- mantischen Frieden fuͤr nichtig/ schickten den Mancius nach Numantia; welche Stadt ihn aber als eines betruͤgerischen Friedens allzuun- wuͤrdiges Opffer anzunehmen verschmeheten. Wie nun Qvintus Piso in Hispanien ebenfals nichts ausrichtete/ ward endlich Publius Sci- pio zum Buͤrgermeister und Hispanischen Feld- herrn erkieset; gleich als wenn er und sein Ge- schlechte nur zu Zerstoͤrung maͤchtiger Staͤdte vom Verhaͤngniße gewuͤrdigt waͤre. Er kam in Hispanien/ ergaͤntzte die verfallne Kriegs- Zucht/ vertrieb die Warsager/ schaffte alle da- hin Arminius und Thußnelda. hin zielende Opffer ab/ ruͤckte an Numantia/ verwuͤstete alles um die Stadt herum/ zohe des Masanissa Enckel Jugurtha mit zwoͤlff Ele- phanten und vielen Huͤlffs-Voͤlckern an sich: daß er sechzig tausend streitbare Kriegs-Leute zusammen brachte/ schniet den Numantiern alle Zufuhre ab/ enteusserte sich mit denen ihn ausfordernden Feinden zu schlagen/ fuͤhrte ei- nen starcken Wall und tieffen Graben um die Stadt herum/ verhinderte durch stachlichte Bal- cken die Schiffarth auff dem Fluße Durius/ und alle Ausfaͤlle; noͤthigte also diese mit Ge- walt unuͤberwindliche Stadt durch grausamen Hunger beym Scipio durch den Fuͤrsten Abaꝛus zu bitten: Er moͤchte ihre Ergebung entweder auff hertzhafften Leuten anstaͤndige Bedingun- gen annehmen/ oder sie streitende sterben sehen. Weil aber Scipio nur auff Gnade und Un- gnade sie verlangte/ stuͤrmten sie verzweiffelt den Roͤmischen Wall/ erhielten sich hernach noch eine Weile vom Grase/ Maͤusen und Menschen-Fleische. Endlich vermahnte die Fuͤrstin Algarbe und ihr ander Ehmann Rhe- togenes die Numantier durch tapfferen Zwey- kampff ihrem Leben und Qvaal selbst abzuhelf- fen. Massen zuletzt beyde sich auch selbst in die Flamme ihrer angezuͤndeten Burg stuͤrtzen; durch welche gantz Numantia derogestalt einge- aͤschert ward: daß nicht eine lebendige Seele/ nicht ein Stuͤcke Gutes/ was nach Rom zu brin- gen verdient haͤtte/ in der Roͤmer Haͤnde gerieth. Also hatte sich das Kriegsvolck uͤber keiner Beu- te zu freuen; der grosse Scipio aber sich nichts bessers zu ruͤhmen: dann daß er uͤber den Nah- men der Stadt Numantia ein Siegs-Gepraͤn- ge gehalten haͤtte. Gleichwol aber ward durch Vertilgung die- ser Stadt das zwey hundert Jahr bekriegte Hi- spanien gedemuͤthiget; die achzig Jahr bestritte- nen Ligurier ruͤhrten sich nicht mehr. Die in Macedonien einfallenden Skordiskischen Deutschen wurden bestillet. Der den Roͤmern des Attalus Erbschafft strittig machende Ari- stonicus vom Perpenna gefangen und erwuͤr- get; und dem Kriege der auffruͤhrischen Knechte in Sicilien auch ein Ende gemacht. Weil nun das in sich selbst schon zwistige Rom so wenig als ein grosser Leib die Ruhe laͤnger ver- tragen konte; ward es luͤstern die Zwirbelwin- de seiner Ehrsucht uͤber den lufftigen Alpen aus- zuwehen. Hierzu gab ihnen eine erwuͤnschte Ge- legenheit die Klage der mit den Roͤmern von Al- ters her verbundener Maßilier uͤber die an dem Rhodan wohnenden Saluvier an die Hand; wel- che sie mit beyden Haͤnden ergriffen/ und ihren Buͤrgermeister Marcus Fulvius/ um nur die- ses unruhigen Kopffes in der Stadt loß zu wer- den/ wieder sie mit Heereskrafft schickten. Ob er nun wohl wieder die Saluvier wenig ausge- richtet/ sondern nur etliche Rotten ihm einfal- lender Ligurier und Vecontier vertrieben hat- te; so ward ihm doch/ weil er zum ersten die Alpen uͤberstiegen/ auff kuͤnfftig gutes Gluͤck ein Siegs-Gepraͤnge verwilligt. Diesen An- fang konten die Roͤmer ohne Schande nicht er- sitzen lassen; und sie erlangten hierzu noch mehr Anlaß durch die zwischen den Deutschen und Galliern erwachsene Kriege; indem gleich zu selbiger Zeit die Sicambrer wider die Sveßio- ner zu Felde lagen/ und den Tod des von ihnen erschlagenen Fuͤrsten Clodius zu raͤchen suchten; des Cattischen Koͤnigs Sohn Bateph aber we- gen innerlicher Unruhe mit einem maͤchtigen Heere sich des Eylandes zwischen denen zwey Ausfluͤssen des Rheins bemaͤchtigte/ die alten Gallier daraus vertrieb/ und sich mit denen Menapiern beschwaͤgerte. Die an dem Ur- sprunge der Fluͤsse Vigenna und Elaver woh- nenden Arverner/ druͤckten die zwischen der Ligeris und Arar wohnenden Heduer auch so sehr: daß sie mit den Roͤmern ein Buͤndnis machten. Die Heduer machten hierbey den Roͤmern die Zaͤhne nach der Arverner Reich- thuͤmern waͤßrig; von dessen letzt verstorbenem Koͤnige Sechstes Buch Koͤnige Luer sie erzehlten: daß er mehrmahls uͤbers Feld zu fahren/ und dem Volcke Hauf- fenweise Gold- und Silberne Muͤntze ausge- streut/ ja einen funffzehn hundert Schritte im Umkreiß habenden Teich mit koͤstlichem Ge- traͤncke erfuͤllet/ und unzehlbare Geruͤchte zum Genuͤß der Arverner viel Tage nach einander auffgesetzt haͤtte. Dieser Uberfluß und die in- nerliche Unruh der Gallier war den hungrigen/ oder vielmehr unersaͤttlichen Roͤmern ein heffti- ger Reitz sich ihrer zu bemaͤchtigen; wiewohl ih- nen auch nicht wenig bedencklich war: daß die Arverner alleine uͤber zwey hundert tausend Maͤnner solten in Krieg ausfuͤhren koͤnnen. Aber Geitz und Ehrsucht tilgte bald diß Be- dencken. Also rieben sie sich auffs neue an Teu- tobaln der Salyer Koͤnig/ dessen Gebiete an dem Flusse Druentia und Canus sich in die Alpen erstreckte/ und zwischen den Maßiliern und Liguriern gelegen war. Cajus Sextius und die Maßilier kamen ihm so unvermuthet mit zwey maͤchtigen Heeren auff den Hals; daß er mit Noth zehn tausend Mann zusam̃en brin- gen konte. Mit diesen muste er gegen seine Feinde ehe treffen/ ehe er die Ursache des Krie- ges erfuhr; welche hernach eine Beleidigung der Maßilier seyn solte. Wiewohl der Staͤr- ckere fuͤr eine neue Beleidigung annimmt/ wenn man nach dem Rechte seiner Feind- seligkeit fragt. Gleich als wenn die Riesen von der Natur schon das Erlaubniß erhalten haͤtten mit den Zwergen ihre Kurtzweil zu haben/ und Schwaͤchere zu unterdruͤcken. Wie tapffer nun zwar die Salyer und Sentier ihren Fein- den begegneten/ muste doch endlich Teutobal/ welcher noch darzu von seinem Vetter Crantor verkaufft und verrathen ward/ das Feld und sein Reich/ in welchem Sextius an dem Flusse Ca- nus eine neue Stadt baute/ selbte von denen an- nehmlichen kalten und warmen Brunnen die Sextischen Wasser hieß/ und mit eitel Roͤmern besetzte/ raͤumen/ und zu seinem Schwaͤhersohne Hulderich der Allobroger Koͤnige fliehen. Daß Huldrich den Koͤnig Teutobal auffnahm/ war dem Cneus Domitius dem rothbaͤrtigen/ wel- chem Cicinius Crassus einen eisernen Mund/ und ein eisernes Hertz zueignete/ eine genug- same Ursache die Allobroger zu uͤberziehen; diß aber nur ein Vorwand: daß die Allobroger uͤber den Fluß Arar gesetzt/ und zwischen der Ligeris und Arar bey den Heduern einen Raub geholet haͤtten. Wie nun aber Hulderich der Roͤmer An- zug wider sich vernahm; ruͤckte er mit dem Koͤ- nige Teutobal biß in die Graͤntze Jtaliens/ nehmlich an den Fluß Varus dem Domitius entgegen. Domitius muͤhte sich uͤber den Strom zu setzen/ Hulderich aber solches zu verhindern; woruͤber die Roͤmer denn etliche mahl den kuͤr- tzern zohen. Nachdem aber die von den Roͤmern zuvor uͤberwaͤltigten Deceaten und Nerusier dem Domitius allen Vorschub thaͤten/ kam er endlich bey Glanate uͤber/ und also es beyder- seits zu einer so hefftigen Schlacht: daß der Fluß von dem Blute der Erschlagenen ange- roͤthet ward. Und weil weder ein noch an- der Theil weichen wolte/ die finstere Nacht bey- de trennen muste. Jedes ruͤhmte sich des Sie- ges. Weil aber Domitius in Ligurien/ Hulde- rich in sein Reich zuruͤcke wich/ war die Rech- nung leicht zu machen: daß weder einer noch der ander Seide gesponnen hatte. Der Ar- verner Koͤnig Bituit Luers Sohn schickte zwar eine Gesandschafft an den Domitius; welcher sich zwischen den Roͤmern/ Allobrogen und Salyern zu einem Mitler anbot. Diese war theils wegen ihrer an Huneen bestehenden Leib- Wache/ theils wegen eines bey sich habenden weisen Bardens zwar mit Verwunderung an- genommen/ aber mit schlechter Verrichtung abgefertigt. Denn Rom hielt es nunmehr nicht nur ihres Ortes fuͤr Schande/ sondern andern theils fuͤr die hoͤchste Beleidigung/ wenn ein angetastetes Volck nicht alsbald die Waf- fen niederlegte. Daher setzte der Buͤrger- meister Qvintus Fabius Maximus zu Egitna im Hafen ein maͤchtiges Heer aus/ und zohe durch Arminius und Thußnelda. durch der Adunicater/ Sentier und Vecontier Gebiete recht gegen die Allobroger. Domitius folgte auf der rechten/ die Massilier auf der lin- cken Seiten mit einem maͤchtigen Heere. Die- ses letztere aber uͤberfiel Bituit der maͤchtige Koͤ- nig der Arverner bey der Stadt Arausio; und erlegte selbtes derogestalt: daß denen Massiliern und dem Fabius kaum die Zeitung solcher Nie- derlage zukam. Fabius eilte daher desto mehr gegen dem Flusse Jsara/ umb zu verhindern: daß die Arverner nicht zu den Allobrogen stossen koͤnten. Koͤnig Hulderich stand mit seinem La- ger bey der Stadt/ wo die Vecontier ihre Goͤttin in einem praͤchtigen Tempel verehren. Wie er aber vernahm: daß Fabius und Domitius mit zweyen Heeren gegen ihm im Anzug waͤren/ besorgte er: Es moͤchte ihm eines in Ruͤcken kommen/ und ihn von seinem Reiche abschneiden. Doch schickte er den Koͤnig Teutobal mit einem Theile seines Heeres dem Domitius biß an den See/ aus welchem der Fluß Sulgas entspringt/ entgegen. Aber Teutobal war zum andern mal ungluͤckselig gegen den Domitius. Denn sie traffen zwar gegen einander fast mit gleichem Verlust des Volckes; aber die Allobroger mu- sten das Feld raͤumen. Domitius selbst ward heftig verwundet; aber Teutobal gar erschla- gen. Bey solcher Beschaffenheit wiech Koͤnig Hulderich biß an seine Stadt Cularo an den Jser-Strom zuruͤcke; allwo ein Fuͤrst der Tri- bocer ihm mit etlichen tausend Deutschen zu Huͤlffe kam. Fabius und Domitius stiessen bey der Stadt Drachenbach zusammen; und es kam daselbst abermals zu einer blutigen Schlacht. Koͤnig Hulderich/ welcher mit seinem rechten Fluͤgel auf des Domitius lincken traff/ brachte selbten/ hingegen Fabius mit seinem rechten des Tribocischen Fuͤrsten Siegfrieds lincken Fluͤgel in die Flucht; weil allhier etliche dreissig ge- thuͤrmte Elefanten durch die Deutschen brachen; welche derogleichen Thiere vorher nie gesehen hatten/ und daher so viel mehr Schrecken mach- ten. Der Abend/ welcher in einem engen Um- kreisse zwantzig tausend Todte zu beerdigen be- kam/ beschloß abermals auf beyden Seiten die Verfolgung des Feindes; und lernten die Roͤ- mer aufs neue die Tapferkeit der Deutschen/ und daß ins gemein die Gemuͤther der Menschen der Beschaffenheit ihres Himmels und Bodems nacharthen/ erkennen. Jnzwischen hausete Koͤnig Bituit in der Marsilier Gebiete nach Gefallen/ zerstoͤrte die Sextischen Gewaͤsser/ eroberte den herrlichen See-Hafen Telo Mar- tius; er ward aber vom Koͤnige Hulderich durch instaͤndigste Schreiben genoͤthiget/ ihm zu Huͤlf- fe zu kommen; zumal schon ein frisches Roͤmi- sches Heer zu Segusium uͤber den Fluß Duria gegangen war/ und bey Ocelum sich gegen ein Theil seines Heeres gelagert hatte. Weil nun Fabius/ ungeachtet diese letztere Macht zu ihm stieß/ doch uͤber die Jser nicht einbrechen kon- te/ nahm er ihm fuͤr uͤber den Rhodan zu setzen/ und mit Huͤlffe der Heduer in die Landschafft deꝛ Arverner einzubrechen. Aber Koͤnig Hulde- rich und Bituit/ welche bey der Zusammenfluͤs- sung des Rhodans und Jsar sich gleichfalls ver- einbarten/ verbeugten der gantzen Roͤmischen Macht den Weg/ und kamen unter dem Berge Cemmenus in eine so blutige Schlacht/ als bey Menschen Gedencken nicht geschehen war. Nach zwoͤlfstuͤndigem Gefechte/ darinnen aber- mals die Elefanten zu dem Roͤmischen Siege die Bahn brachen/ war dieses der traurige Aus- schlag: daß zehn tausend Roͤmer/ und dreissig tausend ihrer Huͤlffs-Voͤlcker; hingegen Koͤnig Hulderich mit zwoͤlf tausend Allobrogern todt blieben; Koͤnig Bituit aber wohl hundert tau- send Arverner verlohr; welche meist wegen ein- brechender Bruͤcke in dem Rhodan ersoffen; wiewohl die Roͤmischen Geschicht-Schreiber die Zahl der erlegten Feinde auf hundert funfzig tausend erstrecken; ja sich zu tichten nicht schaͤ- men: daß auf ihrer Seite mehr nicht als funf- zehn Kriegesleute blieben waͤren. Fabius er- warb hierdurch ein Siegs-Gepraͤnge/ und den Zunahmen des Allobrogers; welches dem Do- Erster Theil. X x x x x mitius Sechstes Buch mitius so sehr verdroß: daß er durch ein knechti- sches Laster/ als der den Tempel der Diane an- zuͤndende Herostratus/ sein Gedaͤchtnuͤß zu ver- ewigen sich entschloß. Denn er machte mit dem Arverner Koͤnige Bituit einen Frieden; und verleitete selbten unter dem Scheine ver- traͤulicher Freundschafft: daß er mit seinem Sohne Congentiat ihn zu Valentia besuchte. Nach dem er ihn etliche Tage herrlich unterhal- ten/ muͤhte er sich den Koͤnig zu bereden: Er solte nach Rom ziehen. Als aber Bituit diß hoͤflich ent s chuldigte/ nahm Domitius ihn und seinen Sohn verraͤtherisch gefangen/ schickte beyde zu Schiffe nach Ostia/ von dar sie hernach auf ihren silbernen Streit-Wagen mit ihren vielfaͤrbich- ten Ruͤstungen in die Stadt Rom vom Domiti- us zum Siegs-Gepraͤnge gefuͤhrt/ und Bituit zu Alba gefaͤnglich gehalten/ der nach Roͤmischen Sitten erzogene Congentiat aber nach guter Zeit wieder aus einer besondern Staats-Klug- heit in sein Koͤnigreich eingesaͤtzt ward. Also hatte Koͤnig Hulderich mit seinen Allo- brogern ihren Tod fuͤr ein Gluͤcke zu halten; nicht nur/ weil von ihnen diß/ was sie dem Va- terlande und der Natur schuldig waren/ abge- golten/ sondern auch weder der Untergang ihres Reiches/ noch die Schmach der Dienstbarkeit er- lebet ward. Wiewohl nun Hertzog Siegfried in der Allobroger Haupt-Stadt Ebrodun an dem Rhodan sich mit seinen wenigen Deutschen setzte/ ward er doch von den Roͤmern/ Massiliern und Heduern derogestalt bedraͤnget: daß er noth hatte seine und etlicher edlen Allobroger Uber- bleibung uͤber den Rhodan zu bringen. Also ward das gantze Gebiete der Allobroger zwischen der Jser und dem Rhodan ins Roͤmische Joch gespannet. Die Roͤmer selbst schaͤtzten diesen Gewinn so wichtig: daß/ ob sie wol zeither ausser der zu Rom in den Tempeln geschehenen Auf- hengung der eroberten Waffen keinen uͤbeꝛwun- denen Feind veraͤchtlich gehalten/ und aus sei- nem Verluste Gedaͤchtnuͤß-Maale gestiftet hat- ten; sie auf denen Sieges-Staͤdten aus Mar- mel und Alabaster hohe Thuͤrme und praͤchtige Siegsbogen auf baueten/ und die gewonnenen Waffen daran heftetẽ; Domitius auch nicht nuꝛ auf der Wallstadt ihm ein großsprecherisch Eh- ren-Maal aus Marmel/ dem Mars und Her- cules zwey Tempel aufrichtete/ sondern zwischen dem ihn als einen Sieger mit grossem Geschrey begleitenden Kriegs-Volcke auf einem Elefan- ten das gantze Land durchreisete. Diesen Sieg begleitete die Unterdruͤckung der Stoͤner und Sarnuter; welche unter dem Berge Adula/ aus welchem die vier Haupt-Stꝛoͤme/ der Rhein/ der Rhodan/ der Ticin und Arula entspringen/ wohnen; von dem unter Antonach in den Rhein fallenden Saar-Flusse dahin gezogen; durch die Roͤmer aber darumb bekriegt waren: daß sie ihnen wider die Allobroger nicht genungsamen Vorschub gethan hatten. Weil nun der Roͤ- mische Buͤrgermeister Qvintus Martius die in der ersten Schlacht Gefangenen so strenge hielt/ richteten sie sich selbst durch Entaͤuserung der Speisen dahin; die uͤbꝛigen Sarnuteꝛ abeꝛ sebel- ten selbst ihre Weibeꝛ und Kinder darnider/ stuͤrtz- ten sich hieꝛauf selbst ins Feuer umb der Roͤmischẽ Dienstbarkeit vorzukommen; welche nunmehr durch Erbauung einer neuen und mit eitel Roͤ- mischem Volcke besetzten Stadt/ wo der Fluß Arauraris ins Meer fleust/ Gallien ein rechtes Hals-Eisen anlegten. Gleicher gestalt uͤber- fielen die Roͤmer die an dem Sau-Strom von einem deutschen Fuͤrsten Segesthes gebaute Stadt Segesthe sonder Ankuͤndigung des Krie- ges; und aus keiner andern Ursache/ als: weil diese Stadt vermoͤgend/ und zu Unterdruckung der Pannonier fuͤrtrefflich gelegen war. Und in Dalmatien fing Coͤcilius nur darumb einen Krieg an; wormit er nicht muͤssig saͤsse/ und nicht ohne Siegs-Gepraͤnge sterben doͤrffte. Mar- cus Emilius S c aurus noͤthigte sich gleicher ge- stalt zu denen in den Alpen wohnenden Karnen und Gantiskern/ und fuhr uͤber ihrer Fuͤrsten Leichen Arminius und Thußnelda. Leichen ins Capitolium. Die Gallier sahen dem Untergange ihrer Nachbarn mit blinden Augen und ohne Nachdencken: daß die sich naͤ- hernde Flamme auch ihre Haͤuser auffressen wuͤrde/ zu; und hatten alleine das Auge auf die ihnen nunmehr allzu schrecklichen Deutschen/ welche/ nach dem der Sicambrische Hertzog Klo- domir an der Maaß uͤber hundert tausend Gal- lier erschlagen/ ein grosses Theil des Belgischen Galliens in Besitz nahmen. So vieler Roͤmi- schen Siege Freude ward alleine vergaͤllet durch die niedergesessenen Skordiskischen Deutschen. Diese Uberbleibungen des Brennus waren noch die einigen Schutz-Saͤulen der von den Roͤmern bedraͤngten Voͤlcker; und nahmen so wohl die Karner als Dalmatier zu ihnen Zuflucht; mit denen sie die Roͤmer durch oͤfftere Einfaͤlle in Macedonien/ Thessalien und Jllyrien beunru- higten. Die Roͤmer hatten wohl Bedencken mit diesem streitbaren Volcke sich zu verwickeln; sonderlich/ weil die Nachbarn gleichsam un- menschliche Grausamkeiten von ihnen erzehl- ten: daß sie die Gefangenen mit Feuer und Rauche ermordeten/ aus ihren Hirn-Schaͤdeln Blut trincken/ und die unzeitigen Fruͤchte aus Mutter-Leibe zu schneiden fuͤr Kurtzweil hieltẽ. Gleichwohl zohe der Buͤrgeꝛmeister Cajus Poꝛ- tius Cato wider sie; ließ sich aber durch diese in das guͤldene Gebuͤrge aus angenommener Furcht zuruͤck weichende Deutschen derogestalt in die verhauenen Waͤlder und Klippen verlei- ten: daß beynahe sein gantzes Heer erschlagen ward. Gantz Griechenland und alle Laͤnder standen hiermit den Deutschen biß an das Adri- atische Meer zum Raube offen; darein sie ihre Pfeile aus Verdruß abschossen; nach dem es die Natur zum Aufenthalt ihrer Siege ihnen in Weg gesetzt hatte. Die Roͤmer sorgten allein ihre festen Staͤdte zu bewahren; wiewohl sie in Macedonien unter dem Bertiskischen Gebuͤrge mit Hinwegtreibung des Viehes den Lucullus aus der Stadt Heraclea lockten/ hernach ihm den Ruͤckweg abschnitten/ ihn mit acht hundert Roͤmern erlegten und die Stadt eroberten. Jedoch hielten sie sich wenige Zeit heꝛnach wiedeꝛ in ihren Graͤntzen/ weil folgendes Jahr der Buͤrgermeister Livius Drusus/ und abermals Titus Didius/ wie nichts minder Marcus Drusus ihnen einen schweren Gegenstreich ver- setzte. Zu eben selbiger Zeit aber schienen die Deutschen der allgemeinen Herrschafft der Roͤ- mer/ welche in dreyen Theilen der Welt Meister spielte/ einen Riegel fuͤrzuschieben. Es liegt von hier gegen Mitternacht ein hal- bes Eyland/ welches mit etlichen andern neuen Eylanden die Cimbern und Teutoner bewoh- nen/ und wordurch die Ost- und West-See von einander unterschieden werden. Wie der Weltweise Hipparchus einen gantz neuen Steꝛn an dem Himmel wahrnahm/ und daraus den Roͤmern die voͤllige Unterdruͤckung des Grie- chischen Reiches wahrsagte/ schwellete sich das Meer durch einen grausamen Sturm; und weil der Gestirne Wuͤrckungen in dem Meere am sichtbarsten sind/ vermuthlich durch eine be- sondere Regung des neuen Sternes derogestalt empor: daß der Cimbrer und Teutoner festes Land grossentheils uͤberschwemmet/ und in un- terschiedene Eylande zergliedert wurden. Die- se enge Einschrenckung oder auch die Ruhms- Begierde dieser streitbaren und uͤberaus frucht- baren Voͤlcker/ welche schon lange Zeit vorher nicht nur biß zu der Meotischen Pfuͤtze/ sondern biß in Lydien zum Croͤsus gedrungen waren/ veranlaßte sie: daß zwar Koͤnig Juta seiner Voreltern Herrschafft behielt/ dreymal hundert tausend Mann aber zur Zeit des grossen Ale- xanders umb anderwerts einen Sitz zu gewin- nen/ und ihren Freunden Lufft zu machen das Vaterland verliessen. Ein Theil derselben satzten uͤber die Oder/ Weichsel und Bori- sthenes/ gingen an dem Flusse Gerrhus hinauf/ und liessen sich in dem Taurischen Chersonesus X x x x x 2 nie- Sechstes Buch nieder. Nach der Zeit aber setzten sie uͤber selbige Meer-Enge/ welche von ihnen den Nahmen des Cimmerischen Bosphorus behaͤlt; nahmen ein an Colchis stossendes Theil Scythiens ein; bauten daselbst eine lange Mauer und etliche Staͤdte. Ein Theil darvon drang auch unter dem Fuͤrsten Lygdanis in Lydien und Jonien/ nahm Sardes ein/ zuͤndete den Ephesischen Tempel an/ baute am Euxinischen Meere die Stadt Chersonesus. Endlich als sie in Cilicien eine ziemliche Niederlage erlitten/ vereinbarten sie sich mit denen in Asien kommenden Deut- schen des Brennus Nachkommen in Galatien. Die andere Helffte der wandernden Cimbern zohe mit gutem Willen der Chautzen/ Friesen und Bructerer uͤber den Rhein/ und die Maaß/ vertrieben daselbst die alten Gallier/ und setzten sich zwischen der Maaß/ dem Flusse Sabis und der Schelde feste. Aber diß war ein viel zu en- ger Raum fuͤr eine so fruchtbare Menge/ und ein so kriegerisches Volck. Daher machten sie mit den benachbarten Belgen eine richtige Graͤntzscheidung/ liessen nur so viel/ als zu Be- setzung selbiger Landschafft Volckes von noͤthen war/ unter dem Nahmen der Aduaticher hinter sich/ und etliche aus Jtalien von den Roͤmern vertriebene Deutschen sich bereden: daß sie mit gesamletem Hauffen uͤbeꝛ die Alpen in das gluͤck- selige Jtalien einzubrechen beschlossen. Hier- mit theilten sie sich in zwey grosse Heere; das eine fuͤhrte Hertzog Bojorich an dem Rheine hinauf biß zu den Trebozen/ zohe unter Weges noch viel Catten und Nemeter an sich; hernach setzte er uͤber den Rhein/ und folgends uͤber die Doh- nau in Noricum. Weil er aber vernahm: daß die Alpen allenthalben von denen hieruͤber erzit- ternden Roͤmern starck besetzt waren/ kam er biß in Jllyricum/ umb durch Anleitung der Skordiskischen Deutschen so viel leichter durch- zubrechen. Das andere Heer fuͤhrte Hertzog Teutobach durch die Laͤnge des Lugdunensischen Galliens gegen dem Rhodan zu; welcher aber an dem Flusse Matrona und der Seene/ inson- derheit aber bey denen Heduern allerhand Wi- derstand fand; und daher so geschwinde als Hertzog Bojorich nicht fortruͤcken konte. Aber Teutobach zaͤhlte seine Siege wider die Gallier nach seinen Tage-Reisen; jagte ihnen auch ein solches Schrecken ein: daß sie den Cimbern alle Wege oͤffneten; oder/ wenn sie sich schon einmal in Festungen zur Gegenwehr gesetzt hatten/ aus Verzweifelung alles aͤuserste erduldeten/ ja sich mit derer zum Kriege untauglicher Men- schen abgeschlachteten Leibern speiseten/ ehe sie sich gutwillig ergaben. Dem Hertzoge Bojo- rich ließ Papirius Carbo ins Norich zuentbit- ten: Er solte die Noricher als befreundete Nach- barn der Roͤmer unbelaͤstigt lassen. Bojorich antwortete: Er haͤtte sich so genau umb die Buͤndnuͤsse der ihm unbekandten Voͤlcker uͤber der Donau nicht bekuͤmmert; sondern die Noth ihn aus der aͤusersten Mitternacht gezwungen ihm irgendswo einen Sitz zu suchen. Dieser von allen Voͤlckern zeither durch ihr Thun be- staͤtigtes Gesetze lehrte ihn: daß alle Dinge der Maͤchtigen/ nichts aber desselbten Eigenthum waͤre/ der es nicht mit den Waffen zu behaup- ten wuͤste. Massen/ seines Wissens/ die Roͤ- mer aus keinem bessern Rechte zu so grossen Herrschern worden waͤren. Ob er nun zwar sich fuͤr keinem Menschen/ und keines Volckes Waffen fuͤrchtete; so schaͤtzte er doch der so be- ruͤhmten Roͤmer Freundschafft hoͤher als den uͤber die Noricher erlangten Vortheil; wolte also in der weiten Welt ihm einen Raum aus- suchen; weil die Natur ihm einen unter dem Himmel zu geben schuldig/ sein Degen auch einzunehmen maͤchtig waͤre. Daher hoffte er: daß die Roͤmer sich in keine mit einem andern Volcke angesponnene Haͤn- del mischen wuͤrden. Hiermit wendete sich Koͤnig Bojorich gegen das Gebiete der Tau- risker Arminius und Thußnelda. risker und Karner; lagerte sich auch an dem Fluße Tilavemptus bey der Stadt Noreja. Der durch einen viel kuͤrtzern Weg dem Bojo- rich zuvor gekommene Carbo meinte die Deut- schen des Nachts im Schlasse zu uͤberfallen. Diese aber niemahls entkleidet schlaffende Voͤl- cker griffen behertzt zu ihren keinmahl von der Seite kommenden Waffen; trieben die Roͤmer mit unglaublicher Hertzhafftigkeit zuruͤcke/ er- schlugen zwantzig tausend Roͤmer/ also: daß Car- bo mit wenigen entraan und sich nach Ravenna fluͤchtete. Ja es waͤre von ihm kein Bein ent- ronnen/ wenn nicht ein hefftiger Platzregen die Deutschẽ an Verfolgung des Feindes gehindert haͤtte. Carbo zohe zwar aus denen umliegenden Landschafften alle Roͤmische Kraͤfften zusam- men/ aus Begierde durch Rache seinen Schimpf abzuwischen/ und durch einen Sieg seinen un- rechtmaͤßigen Krieg zu rechtfertigen. Beyde Heere kamen in Rhetien an dem Flusse Plavis gegeneinander zu stehen. Dem bey Erblickung dieser sauersehenden Feinde schwindelnden Car- bo fiel alsofort der Muth; daher haͤtte er sich ger- ne durch einen Vergleich loß gewunden; ließ al- so fragen: Was der Deutschen Begehren waͤre? Bojorich/ und ein zu ihm gestossener Hertzog der Qvaden Brinno liessen dem Carbo wissen: Sie kaͤmen alle von den Roͤmern ihren deutschen Vor-Eltern abgenommene Aecker wieder in Besitz zu nehmen. Auff diesen weit aussehen- den Vortrag liessen Carbo und Silan den Deut- schen entbieten: Rom haͤtte vor sie wohl geschlif- fene Schwerdter/ aber keinen Fuß breit Erde. Ehe sie nun mit einander anbunden/ fragte Bo- jorich seine mit sich genommene Wahrsagerin- nen um den Ausschlag der Schlacht. Diese waren alte greiße/ in weisse Leinwand gekleidet/ mit breiten eisernen Spangen umguͤrtete baar- fuͤßige Weiber/ welche uͤber einem grossen Ertz- tenen Kessel etliche Gefangenen abschlachteten/ theils auch aus denen Eingeweiden ihrer Fein- de kuͤnftige Begebenheiten erkundigten/ und bey waͤhrender Schlacht auff uͤber die Wagen aus- gespanneten Fellen ein groß Gethoͤne machten. Weil sie ihm nun alle einmuͤthig gewissen Sieg versprachen/ setzte er freudig uͤber den Fluß Pla- vis; ungeachtet er vernahm: daß noch den Tag vorher dem Carbo vom Po zwey gantze Legio- nen zukommen waren. Beyde Heere kamen an der Burg mit grossem Ungestuͤmme gegen einander zu treffen. Aber die Roͤmer vermoch- ten kaum zwey Stunden denen weder durch Zaͤrtligkeit ihres rauhẽ Vaterlandes/ noch durch angewoͤhnte Wolluͤste verunartheten Deutschen die Wage zu halten. Denn in dieser Zeit zer- schniet die Schaͤrffe ihrer Schwerdter alle Schlachtordnungen. Alle Hauffen wurden zertrennt; der fast verzweiffelt fechtende Carbo vom Qvaden Hertzoge selbst toͤdtlich verwun- det/ zwey Haupt-Fahnen erobert/ und dreis- sig tausend Roͤmische Kriegsvoͤlcker erschlagen. Rom bebte hieꝛuͤbeꝛ nicht viel wenigeꝛ als vorhin fuͤr Hannibaln. Jedoch begieng Bojorich eben des Hannibals Fehler/ indem er nicht geraden Weges nach Rom/ sondern gegen Helvetien und Gallien aus einem unergruͤndlichen Absehen fortruͤckte/ und sich daselbst um eine bestaͤndige Wohnung umsah. Jnzwischen hausete Koͤnig Teutobach in Gal- lien nach seinem Belieben; und nach dem ihm die Gallier den Weg uͤber die von den Roͤmern starck besetzten Alpen so schwer machten; als in welchen Annibal mehr als die Helffte seines Heeres verlohren haͤtte; gleichwohl aber ihn durch grosse Gaben beredeten Gallien zu raͤu- men/ setzte er bey Nemoßus uͤber den Ligerstrom/ und zohe theils durch das Aqvitanische/ theils durch das Narbonische Gebiete biß an das Py- reneische Gebuͤrge. Es schickten aber die Cel- tiberier zwey ihrer Fuͤrsten an Teutobach; wel- che ihm einhielten: daß sie von Ursprung eben- falls Deutsche waͤren/ also sich von ihren Landes- leuten keines feindlichen Einbruchs versehen. Sie haͤtten einẽ allgemeinen gewaltigen Feind/ mit dem sie schon anderthalb hundert Jahr X x x x x 3 Krieg Sechstes Buch Krieg gefuͤhret. Zuletzt aber waͤren sie vom Cato Censorius etliche mahl geschlagen/ vom Gracchus ihnen wol anderthalb hundert Staͤd- te eingeaͤschert/ und des itzigen Celtiberischen Koͤ- nigs Salonticus verraͤtherisch erschlagen wor- den; fuͤr dessen silberner ihm von den Goͤttern aus dem Himmel geworffener Lantze die Roͤmer hundert mahl vorher gebebt haͤtten. Diesem- nach moͤchte Koͤnig Teutobach lieber in Jtalien seine Bluts-Freunde aus der Dienstbarkeit er- loͤsen/ die ihnen geraubten Laͤnder einehmen; als sie mit ungerechtem Einfall/ welches die Goͤtter so wohl mit Donner und Blitz/ als sie mit ihren Degen verwehren wuͤrden/ bekraͤnckẽ. Sie woltẽ inzwischen mit denen Lusitaniern den Roͤmern in Hispanien genug zu schaffen ma- chen; und dem in Africa wider Rom aufgestan- denen Jugurtha moͤglichst an der Hand stehen. Sintemal zwar Jugurtha den Calpurnius Be- stia mit Gelde bestochen: daß er unverrichteter Sachen abgezogen; den Aulus Posthumius Al- binus durch blosses Schrecken verjaget/ sein Laͤ- ger erobert/ ihm auch einen schimpflichen Frie- den abgezwungen haͤtte; es waͤre aber dieser vom Roͤmischen Rathe gebrochen/ und Coͤcili- us Metellus mit einem neuen Heere in Numi- dien geschickt worden. Dieser Vortrag und Er- bieten bewegte die Deutschen ihren Fuß zuruͤcke zu setzen/ und durch das Narbonische Gallien in der Maßilier Gebiete einzufallen. Diese hielten dem Teutobach ein: daß ehe er wider die Roͤmer sich feindlich erklaͤrte; moͤchte er vorher seinen Anspruch ihnen eroͤffnen. Daher er den auff einem Maßilischen Schiffe Gesand- ten nach Rom schickte/ und eben diß/ was Koͤ- nig Bojorich verlangt hatte/ von den Roͤ- mern forderte/ auch auff solchen Fall den Roͤ- mern wider Jugurthen Beystand versprach. Der Rath/ welcher wohl wuste: daß die Roͤmer mit den Deutschen nicht Ruhms-sondern ihrer Wohlfahrt halber zu fechten haͤtten/ erwieß den Gesandten grosse Ehre/ zeigte ihnen alle denck- wuͤrdige Sachen der Stadt/ und unter andern die unschaͤtzbaren Bilder und Gemaͤlde/ welche Mum̃ius aus der eingeaͤscherten Stadt Corinth nach Rom bracht hatte; unter welchen ein auff einen alten Stab sich lehnender Hirte uͤberaus hochgehalten ward. Wie nun der eine Gesand- te gefragt ward: was fuͤr einen Preiß er diesem Bilde zueignete? gab er zur Antwort: Er moͤch- te auch ihn lebendig nicht umsonst haben. Denn denen Cimbern waͤre nur mit frischer Mann- schafft/ welche ihre Schwerdter zu brauchen wuͤsten/ und sich auf die Leichen ihrer Feinde leh- nete/ gedienet. Wie sie nun die Gesandten lan- ge/ und biß Marcus Junius Silanus uͤber die Alpen mit einem maͤchtigen Heere kommen/ und zu den Maßiliern und Heduern gestossen war/ durch allerhand Vertroͤstungen auffge- halten hatten/ liessen sie sie mit leeren Haͤnden von sich; meldende: Es waͤre wider die Hoheit und Gewonheit der Roͤmer: daß sie sich ihre Feinde einiges Land abtrotzen lassen solten; da Jtalien ihnen selbst zu enge waͤre/ und sie mit so viel Aecker-Gesetzen kaum die Landleute in Ruh und in ihren Graͤntzen erhalten koͤnten. Zu dem waͤren sie alle ihren Feindẽ fuͤr sich selbst uͤbrig genung gewachsen. Hiermit kam es zwi- schen beyden Theilen zuꝛ Schlacht; abeꝛ die an die Spitze gestellten Maßilier und Heduer/ welche nicht einst die grim̃igen Gesichter der Deutschen vertragen konten/ kamen mit dem ersten An- griffe in die Flucht/ und verursachten unter den Lateinern eine Unordnung. Die Roͤmi- schen drey Legionen hielten ein paar Stunden; biß Enano/ ein Hertzog der zwischen der Elbe und der Edora wohnenden Sachsen mit seiner Reuterey auff der einen/ und Holstein/ ein Her- tzog der Angeln zwischen dem Flusse Chalusus und der Varne/ auff der andern Seite durch- brach. Alles Fußvolck ward zerhauen oder zertreten; die Roͤmischen Fahnen mit welchem Tockenwercke die Deutschen damahls einiges Gepraͤnge zu machen sich schaͤmeten/ zerbro- chen/ Arminius und Thußnelda. chen/ der Buͤrgermeister Silan selbst von Ran- tzauen einem Cimbrischen Ritter durchstochen. Das uͤber dieser Niederlage abermahls sich er- schuͤtternde Rom schoͤpffte zwar einiger massen einen Trost durch einlauffende Zeitung: daß Marcus Minutius in Thracien an dem Flus- se Hebrus die Scordiskischen Deutschen/ die Tri- ballen und Dacier durch eine besondere Kriegs- List geschlagen haͤtte; da er nehmlich bey waͤh- render Schlacht seinen Bruder mit wenig Kriegs-Volcke/ aber vielen Drommelschlaͤgern und Pfeiffern das Gebuͤrge uͤbersteigen/ dem Feinde in Ruͤcken fallen/ und sie derogestalt ir- re machen lassen. Alleine zwey hernach kom- mende hinckende Bothen vergaͤllten alsofort diesen Trost. Sintemahl die Scordisker die sie unvorsichtig verfolgenden Roͤmer wieder ge- schlagen/ uͤber den zugefrornen Strom Hebrus zuruͤck getrieben; und weil das Eiß gebrochen/ etliche tausend darinnen ersaͤufft hatten. Koͤ- nig Bojorich aber hatte nach seinem Siege sich in zwey Theile getheilet; das eine ging unter dem Qvadischen Hertzog Brinno und dem Marckmaͤnnischen Fuͤrsten Schleß an dem Fluße Plavis hinab in das Gebiete der Ve- neter; er aber selbst machte sich auff Bitte der Tugurnier und Ambroner/ welche uͤber dem Brigantinischen See zwischen dem Rheine und dem Flusse Arola aus Deutschland sich gesetzt hatten/ uͤber den Fluß Atagis/ und die grau- samsten Gebuͤrge um die Allobroger des Roͤ- mischen Joches zu entbuͤrden. Unterdessen hatte der Tigurnier Hertzog Divico biß an den Einfluß des Rhodans ins Meer alle Roͤmi- sche Besatzungen auffgeschlagen; daher der Buͤrgermeister Lucius Caßius mit einem fri- schen Heere dahin eilte. Hertzog Divi- co wiech mit seinen Tugurniern und Ambro- nen so lange hinauff/ biß er ihn an die Allobro- gische Graͤntze brachte/ und sich unvermerckt mit dem Koͤnige Bojorich und denen Tugenen unter dem Koͤnige Bolus vereinbarte. Wie nun Devico aus angestellter Muͤdigkeit seines Volckes stand hielt; stellte Caßius das Roͤmische Heer gegen ihn in Schlacht-Ordnung. Sie hatten aber kaum die Schlacht angehoben; als sich auff einer Seite das Cimbrische/ auf der an- dern das Teutobogische Heer seyen ließ. Die- ser blosse Anblick benahm den Roͤmern den Muth und die Gegenwehr; also: daß sie durch offenbahre Flucht in ihr bey der Stadt Umben- num verschantztes Laͤger zu entkommen sich ent- schlossen. Aber der wenigste Theil hatte diß Gluͤcke. Denn der Buͤrgermeister Caßius/ und sein Stadthalter Lucius Calphurnius Piso wurden mit zwey und dreißig tausend strei- tenden erschlagen. Unter denen kriegenden Cim- bern war Langerta Hertzog Waldemars zu La- viburg streitbare Tochter; welche im Treffen das Gluͤck gehabt/ dem Caßius den Kopff ab- zuhauen/ solchen auff eine Lantze zu spiessen/ und zu Bojorichs Fuͤssen zu legen. Cajus Popi- lius war zwar mit zehn tausend Mann ins Laͤ- ger entkommen; aber auff allen Seiten besetzt/ und gezwungen/ sich auff Gnade und Ungnade zu ergeben/ und mit seinem gantzen Heere un- ter dem Joche dreyer uͤber einander gesteckten Lantzen durch zu gehen/ auch allen Vorrath ein- zuhaͤndigen. Bojorich ließ gleichwohl mit den hoͤchsten Kriegs-Haͤuptern den Popilius loß; welcher aber auff Anhalten des Zunfftmeisters Coͤlius verwiesen ward. Die Gefangenen wur- den theils in Deutschland zum Zeichen der Sie- ge geschickt/ theils in Gallien verkauft; und spiel- ten die Deutschen in denen von den Roͤmern ero- berten Gebuͤrgen allenthalben den Meister; veꝛ- ursachtenauch zu Rom ein solches Schrecken: als weñ die Deutschen mit einem neuen Brennus schon fuͤr den Stadtpforten waͤren. Die an dem Flusse Garomna gelegene Stadt Tolosa/ dar- ein sich die Roͤmer arglistig gespielt hatten/ sahe sich bey dieser Begebniß wieder nach ihrer Frey- heit um; schickte an Koͤnig Teutobach um Huͤlf- fe/ und erlegte mit dieser die gantze Roͤmische Be- satzung. Sechstes Buch satzung. Welch Leid gleichwohl durch die Zei- tung gelindert ward: daß Cajus Marius den Koͤnig in Numidien Jugurtha/ und den Mau- ritanischen Koͤnig Bochus auffs Haupt geschla- gen/ die dem Hercules zu Ehren fast mitten in Africa gelegene/ von Sand-Wuͤsteneyen und Drachen gleichsam bewahrte Stadt Capsa/ und die auff einem hohen Steinfelsen fast unuͤber- windlich geachtete Festung Mulucha durch Verwegenheit eines Liguriers erobert/ der Buͤr- germeister Servilius Coͤpio aber durch heimli- che Verstaͤndniß in Gallien die Stadt Tolosa wieder eingenommen/ und aus des Apollo Tem- pel tausend Pfund Goldes und hundert und zehn tausend Pfund Silber/ als einen von Del- phis dahin gebrachten Schatz erobert haͤtte. Wiewohl dieses heilige Reichthum hernach al- le/ die an diesem Schatze Theil hatten/ in Un- tergang stuͤrtzte; zu einem merckwuͤrdigen Bey- spiele: daß geraubte Guͤter/ wenn selbte gleich in vom Feuer unverzehrlichem Golde bestehen/ so wohl die schaͤdliche Wuͤrckung/ als die Fluͤch- tigkeit des Qvecksilbers an sich haben. Die al- lergroͤste Vergnuͤgung aber schoͤpffte Rom/ als es erfuhr: daß der Mauritanische Koͤnig Bo- chus seinen eignen Eydam Jugurtha arglistig in Band und Eisen geschlagen/ und dem Lucius Cornelius Sylla uͤberantwortet hatte. Hin- gegen ward ihnen diese Freude bald wieder ver- saltzen durch die Niederlage des Manlius; wel- cher die Deutschen aus dem Gebiete der Ve- neter vertreiben wolte/ aber von dem Hertzoge Brinno und Schleß an dem Flusse Madua- cus auffs Haupt erleget ward; also: daß er selbst mit Noth kaum entraan. Diesemnach wolten die Roͤmer den Krieg wider so maͤchtige Feinde nicht mehr einem Feldherrn vertrauen; sondern schickten zum Servilius Coͤpio noch den Cneus Mallius mit einem Heere in Gallien. Aber diese zwey von Ehrsucht harten Steine waren nicht faͤhig was gutes abzumahlen. Jhr taͤgli- cher Zwist brachte sie endlich zu diesem schaͤdli- chen Vertrage: daß sie ihre Kriegs-Heere ab- sonderten/ den Rhodan zu ihrem Graͤntz-Mah- le erkieseten/ die Gallier durch ihre Grausam- keit ihnen auffsaͤtzig/ die Deutschen aber selbte durch Glimpff und Gerechtigkeit ihnen geneigt machten. Uber diß bezeigten diese eine abson- dere Gottes furcht und Andacht; und thaͤten al- le ihre Fuͤrsten ein Geluͤbde: daß alle Gefangene und Beute heilig seyn solte. Bojorich versetz- te den ersten Streich des Buͤrgermeister Mal- lius Stadthaltern/ nemlich dem Aurelius Scaurus; erschlug sechs tausend Roͤmer/ und kriegte ihn selbst lebendig gefangen. Mallius beruffte den Coͤpio hierauff zur Huͤlffe; kriegte aber zur Antwort: ein ieder haͤtte sein ihm ver- trautes Land zu beschirmen. Gleichwohl aber setzte Coͤpio bald darauff an die lincke Seite des Rhodans uͤber; iedoch mehr in Meinung dem Buͤrgermeister den Ruhm des Sieges wegzu- fischen/ als ihm beyzustehen. Daher er auch zwischen den Mallius und die Cimbern sein Laͤ- ger schlug. Bojorich/ welcher den entfernten Teutobach nicht so bald an sich ziehen konte/ ward uͤber die Vereinbarung beyder Roͤmi- schen Heere bekuͤmmert; schlug also durch eine Botschafft einen Frieden fuͤr. Weil aber diese nur mit dem Buͤrgermeister zu handeln befeh- licht war/ grief sie Coͤpio mit hefftigsten Schmeh- Worten an/ und fehlte wenig: daß die Cimbri- schen Gesandten nicht in Coͤpions Laͤger er- mordet wurden. Dieser vereinbarte hierauff zwar mit dem Mallius sein Laͤger/ aber gar nicht seine Meinungen; also: daß die Deutschen sich ihrer taͤglich mehrenden Zwytracht zu ge- brauchen/ und nunmehro zu treffen schluͤßig wurden. Bojorich stellte noch fuͤr aufsgehen- der Sonne seine Deutschen in Schlacht-Ord- nung; Mallius und Coͤpio hingegen zanckten sich noch uͤber Stellung der ihrigen; als Hertzog Schleß schon mit seiner Reuterey einbrach. Wie nun das Gluͤcke einem Feinde keinen groͤssern Vortheil als die Zwytracht der Kriegs-Ober- sten Arminius und Thußnelda. sten zuschantzen kan; also hatten die Deutschen an ihrer guten Verstaͤndnis einen ansehlichen Vortheil/ an ihrer wohl geschlossenen Stellung einen guten Vorsprung; und da dem Koͤnige Bojorich weder an Vorsicht noch Tapfferkeit was abgieng/ gewonnen Spiel. Sein von ihm selbst gefuͤhrter rechter Fluͤgel traff auff den Kir- chen-Raͤuber Coͤpio; welchen sein eigen Gewis- sen schon verklagt/ und die goͤttliche Rache zum Unterga n ge verderbt hatte. Daher in einer Stunde sein lincker Fluͤgel zertrennt/ in die Flucht bracht/ und uͤber Hals und Kopff an Rho- dan gejagt ward; da sie entweder von der Schaͤr- fe der deutschen Schwerdter/ oder von dem reis- senden Strome auffgefressen wurden. Coͤpio entkam selbst dritte auf einem kleinen Nachen uͤ- ber den Rhodan; der tapffere Qvintus Serto- rius aber schwamm nach verlohrnem Pferde in voller Ruͤstung daruͤber/ und brachte alleine sei- nen Schild aus der Schlacht. Bojorich sahe ihm verwundernd nach; und verboth einige Pfeile auff ihn abzuschiessen. Ein Theil die- ses Fluͤgels fluͤchtere sich zwar in des Coͤpio Laͤ- ger; aber ein sie auff dem Fusse verfolgender und vom Ritter Osten maͤnnlich angefuͤhrter Cim- brischer Hauffen drang zum Thore mit hinnein; welchem ihr Fuͤhrer immer zurieff: Eines hertz- hafften Degen waͤre ein alle Schloͤsser auffma- chender Schluͤssel. Daher ihn auch Koͤnig Bo- jorich hernach mit einem guͤldenen Schilde be- schenckte/ worauff ein Schluͤssel geetzet war. Ein anderer Hauffen der Cimbrer bemaͤchtigte sich des Walles/ ehe selbter noch recht besetzt werden konte/ und hieben das andere Thor auff; wor- durch die deutsche Reuterey einbrach/ und alles/ was sich noch entgegen zu stellen vermeinte/ uͤber einen Hauffen rennte. Die ersten Eroberer dieses Walles waren Kwal und Brockdorff zwey Cimbrische Edelleute; und in der Schlacht eroberte Alefeld das erste/ Bockwald das andere/ und Powisch das dritte Roͤmische Kriegs-Zei- chen. Gegen den Buͤrgermeister Mallius traff Brinno der Qvaden Hertzog mit dem lincken Fluͤgel/ und einem erschrecklichen Geschrey. Den ersten Angriff thaͤten fuͤnff hundert mit kohlschwartzen Ruͤstungen versehene Arier; wel- che sich fuͤr den Hertzog Brinno zum Tode ver- lobet hatten. Diese drangen sich zwischen beyde Roͤmische Fluͤgel ein; und verhinderten: daß ei- ner den andern nicht entsetzen konte; wiewol iedeꝛ alsbald mit sich selbst genug zu schaffen kriegte. Die Roͤmischen Reuter schienen gegen die dem Winde gleichsam zuvorkommende Deutschen nur Fußknechte zu seyn; und also entbloͤsten sie bey zeite die Legionen. Mallius that zwar bey diesen das eusserste/ sie im Stande zu erhalten; und erstach einen/ der ihm von der Flucht des Coͤpio Post brachte/ wormit es nicht auch sein Kriegs-Volck von ihm vernehme und verzagt wuͤrde; aber wie war es moͤglich den Deutschen in die laͤnge zu widerstehen; welche unter einan- der ein Gesetze gemacht hatten: daß wer einen Fußbreit Erde aus Zagheit zuruͤck setzen wuͤrde/ seiner Ehre und Adels verlustig seyn solte. Da- her wurden durch der Cimbern nichts minder kluge/ als hartnaͤckichten Angriffe die Roͤmischen Glieder durchbrochen; und Mallius selbst vom Ritter Oldenburg durchrennet. Des Buͤrger- meisters Fall war das Loß einer allgemeinen Flucht; welche ein Theil ebenfalls in die Wir- bel des Rhodans/ das andere ins Laͤger trieb; welches aber noch selbige Nacht gestuͤrmet und erobert ward. Ein Theil meinte sich in die Ge- buͤrge zu verkriechen; aber die Eingaͤnge waren von den Tigurinern besetzt; und also fielen die Fluͤchtigen aus dem Regen in die Trauffe. Drey Tage und Naͤchte waͤhrte das Wuͤrgen und Schlachten; indem die Roͤmer aus allen Hoͤlen und Puͤschen auffs fleißigste herfuͤr gesucht; und zu Folge des gethanen Geluͤbdes alle Gefange- nen mit Stricken an die Baͤume gehenckt; von der unbeschreiblichen grossen Beute/ die koͤstlich- sten Kleider zerschnitten und in Koth getre- ten/ alles Gold in Rhodan geworffen/ Harnische Y y y y y und Sechstes Buch und Schilde zerbrochen/ die schoͤnsten Hispan- und Mauritanischen Pferde in Suͤmpffen er- steckt; ja zwey Gallier/ derer einer des Buͤrger- meisters Purpur-Mantel/ der andere einen Knispel guͤldener Muͤntze zu verstecken ver- meinte/ mit auffgehenckt wurden. Von beyden Roͤmischen Heeren entkamen nicht mehr/ als zehn Menschen; und wurden auf der Deutschen Seite dreyzehn hundert/ auff Roͤmi- scher achzig tausend Todte/ ohne den in vierzig tausend Menschen bestehenden und meist auff- gehenckten Roͤmischen Troß gezehlet. Nachdem alle Beute zernichtet/ die gebliebenen Deut- schen herrlich begraben/ und von den Cimbern ein grosses Siegs-Feyer mit vielen Opffern ver- richtet ward/ ließ Vojorich alle Leichen auff ei- nen Hauffen uͤber einander schleppen/ und diesen Berg voll Menschen mit Erde beschuͤtten; dar- auff aber in eine Marmelne Saͤule eingraben: Hier ist das Begraͤbnuͤs achzig tausend Roͤmer; von welchen Koͤnig Bojorich ihrer zehn entkommen ließ/ umb nach Rom die Zeitung zu bringen: daß sie nicht der Blitz/ sondern die Cimbern erschlagen haͤtten. Dieser herrliche Sieg machte die Deutschen nicht schlaͤffrig/ sondern vielmehr nach Roͤmi- schem Blute und Ruhme durstiger. Daher be- schloß Koͤnig Bojorich im Kriegs-Rathe/ nun- mehr geraden Weges uͤber die Alpen und nach Rom zu ruͤcken. Befahl auch den gefangenen Aurelius Scaurus zu hohlen; und ermahnte ihn gegen diese Wohlthat des ihm gelassenen Le- bens den leichtesten Weg in Jtalien zu entde- cken. Scaurus antwortete hierauff: wenn er nicht diß einzurathen gedaͤchte/ was so wohl sei- nem Vaterlande/ als den streitbaren Cimbern vortraͤglich waͤre; wolte er lieber die Warheit verschweigen/ wenn er schon wie Marcus Re- gulus zu Carthago am Creutze stehen solte. Koͤ- nig Bojorich haͤtte durch bißherige Siege so viel Ruhm an den Roͤmern erjagt/ als kein Mensch fuͤr ihm. Wenn er aber in Jtalien einbraͤche/ wuͤrde die Nachwelt sein Thun mehr fuͤr keine Tugend ruͤhmen; sondern als eine Ver- wegenheit schelten. Denn seine Einbildung waͤre ein betruͤglicher Jrrthum: daß der Kern der Roͤmer umkommen waͤre. Jhr Thun verriethe die Uberwundenen: daß sie die gering- ste Spreu gewest/ und kaum den Nahmen der Roͤmer verdienet haͤtten. Die besten Kraͤff- ten stecken in Rom/ wie das Leben im Her- tzen. Jnsonderheit haͤtten die Roͤmer diese Eigenschafft: daß bey wachsender Noth ihnen der Muth/ und bey abnehmenden Kraͤfften ihre Tapfferkeit wuͤchse. Welches Pyrrhus und Hannibal zwar so wenig/ als itzt Bojo- rich geglaubt/ endlich aber mit Schaden erfah- ren haͤtte. Daher thaͤten die Cimbern kluͤger und ruͤhmlicher: wenn sie diß/ was jene zu langsam/ vorher saͤhen. Widrigen Falls wuͤrde man sie fuͤr uͤbersichtiger als jene hal- ten/ weil Rom damahls nicht viel mehr/ als eine Zwergin gewest/ nunmehr aber durch Eroberung so vieler Laͤnder zu einer unuͤber- windlichen Riesin ausgewachsen; ja vom Ver- haͤngnisse diese Stadt zum Haupte der Welt erkieset waͤre/ an der alle Feinde ihre Hoͤrner und Koͤpffe zerstossen muͤsten. Uber diesem fuͤr einen Gefangenen allzu hochmuͤthigen Großsprechen uͤberlieff dem hertzhafften Bojo- rich die Galle: daß er des Scaurus unzeitige Wahrsagung mit einem toͤdtlichen Streiche bestraffte. Gleichwohl starb Scaurus ruͤhm- licher/ als es dem furchtsamen Coͤpio gieng; welchem zu Rom seine Guͤter/ und sein Amt genommen wurden/ welches nach dem hoffaͤr- tigen Tarqvinius niemanden noch begegnet war. Den sechsten Weinmonats-Tag/ an welchem die Cimbern gesiegt/ schrieb man als ungluͤckselig mit schwartzer Farbe zum ewigen Ge- Arminius und Thußnelda. Gedaͤchtnisse ins Jahr-Buch/ und machte aus- ser der Zeit den in Africa noch abwesenden Marius zum Buͤrgermeister; welcher aber bald hierauff nach Rom kam/ den Koͤnig Jugurtha nebst seinen zwey Soͤhnen im Siegs-Gepraͤn- ge einfuͤhrte/ und in dem Tullianischen Ge- faͤngnisse unter der Erde/ und zwar mit einer erbaͤrmlichen Begierde zu leben verschmachten ließ. Das Roͤmische Volck empfing ihn mit unbeschreiblichen Frolocken/ nennte ihn die Zierde seiner Zeit/ und den Wiederbringer der durch den Adel verfallener Tugend. Mas- sen sie ihm denn auch bald darnach die Both- maͤßigkeit uͤber Gallien/ die Wahl der Kriegs- Heere uͤbergaben/ ihn auff folgendes Jahr schon wieder zum Buͤrgermeister erklaͤrten; und zwar mit diesem den Edlen verkleinerli- chen Beysatze: daß die Tugend die Art des ie laͤnger ie schoͤner glaͤntzenden Marmels/ der Adel aber des mit der Zeit veralternden Hel- fenbein und Agsteins an sich habe; also die fri- sche Tugend des unedelgebohrnen Marius an die Luͤcke des verwegenen Sylanus/ des ver- zagten Coͤpio/ der geilen Fabier/ der auffge- blasenen Appier/ und anderer durch Wolluͤste absetzender Geschlechte treten/ und man die- fen das uͤbrige Reichthum/ als nur zu La- stern dienende Schwung-Federn ausrauffen muͤste. Bojorich ließ hierauff zwar auff der seini- gen Gutachten an den Koͤnig Teutobach mu- then: daß er uͤber den Rhodan/ und mit ihm in Jtalien fortruͤcken moͤchte. Dieser ver- sprach auch solches kam aber selbtem langsam nach; weil er sich seine unzeitige Empfindlig- keit/ oder vielmehr die Begierde mit eigener Hand etwas denckwuͤrdiges auszurichten uͤber das Pyreneische Gebuͤrge zu ziehen verleiten ließ. Die Ursache/ oder doch der Vorwand war: daß die Celtiberier ihn geaͤffet haͤtten/ und ihrem Versprechen gegen die Roͤmer auffzu- stehen nicht nachkommen waͤren. Er drang auch zwar biß an den Fluß Jberus/ und erober- ten viel Plaͤtze; aber die mit dem Roͤmischẽ Stadt- Vogte Fulvius vereinbarten Celtiberier wiesen ihnen; daß sie nicht wie die weichen Gallier von der streitbaren Art ihrer Deutschen Voreltern gewiechen/ noch aus dem Geschirre geschlagen waͤren. Daher muste Ulfo nach etlichem Ver- lust wieder in Gallien weichen. Gleichwol ließ erden Lusitaniern etliche Huͤlffs-Voͤlcker; mit derer Beystand sie den Roͤmern einen em- pfindlichen Streich versetzten. Koͤnig Teuto- bach wendete sich hierauff wohl von dem Pyre- neischen Gebuͤrge gegen den Rhodan/ in wil- lens mit ihm in Jtalien zu dringen; jagte fast alle Roͤmer aus dem Narbonischen Gallien/ und setzte darinnen Kopiln zum Koͤnige ein. Bojorich stand auch schon unter dem hoͤchsten Berge der Penninischen Alpen/ die Sonnen- Saͤule genant/ und Teutobach bey Secuster an dem Fluße Druentia; es lieff aber unver- muthet die Zeitung ein: daß Lucius Sylla vom Marius/ welcher inzwischen zum Kriege sich ciffrigst ruͤstete/ mit einem Heere voran nach Narbo geschickt; dieser aber mit Huͤlf- fe des Gallischen Fuͤrsten Egritomar/ wel- cher hernach den Junius Silanus als einen Urheber alles von den Cimbern entsponnenen Unheils angab/ der Tectosagischen Gallier Koͤnig Kopill geschlagen und gefangen bekom- men haͤtte. Daher Teutobach nicht fuͤr rath- sam hielt fort zu ruͤcken/ und einen solchen Feind im Ruͤcken zu lassen. Dem Koͤnige Bo- jorich ward nichts minder von den Marsen ein Stein in den Weg geworffen. Denn dieses zwischen dem Rheine und der Jsel wohnende Volck ward auff einer Seite von den Sicam- bern/ auff der andern von den Bructerern so enge eingesperret: daß sie ihr Vaterland nicht beherbergen konte. Daher setzte die Helffte ih- ren Fuß in das fruchtbare Gallien fort/ zohe an der Mosel hinauff/ an der Arar aber hin- unter/ machte mit dem Koͤnige Bojorich ein Y y y y y 2 Buͤnd- Sechstes Buch Buͤndniß/ und schlug sich theils zu den Cim- bern/ theils ließ es sich zwischen der Arar und Li- ger nieder. Nachdem aber der schlaue Sylla den Kopill erlegt/ und im Narbonischen Galli- en eine halbe Wuͤsteney gemacht hatte/ trug er denen von den Ambarren und Vadikoßiern be- unruhigten Marsen durch die Heduer ein Stuͤ- cke Landes an; da sie mit den Roͤmern das von den Heduern vorher beliebte Buͤndniß einge- hen wolten. Die Marsen nahmen diß Aner- bieten nicht nur mit beyden Haͤnden an; sondern rufften auch ihre zum Bojorich gestossene/ von den mehrern Cimbern aber geringschaͤtzig gehal- tene Landsleute zuruͤcke; welche mit den Roͤ- mern freudig ihre Waffen vermengten; also: daß Bojorich gleichsam zwischen Thuͤr und An- gel/ wie nichts minder in Zweiffel gerieth: Ob sie in Jtalien fortruͤcken/ oder hinter sich ihnen vorher in Gallien diesen gefaͤhrlichen Dorn aus dem Fuße ziehen solten. Uber diesen Verwi- ckelungen verspielten sie zwey gantzer Jahre; welche Marius ebenfals mit blosser Kriegs- Ruͤstung zubrachte; wiewohl diese einen neuen Krieg in Sicilien anzuͤndete. Denn als der Bithynische Koͤnig Nicomedes sich von Zu- schickung der verlangten Huͤlffs-Voͤlcker da- mit entschuldigte: daß die Roͤmischen Zoͤllner gar zu viel Leute in Dienstbarkeit verschlept haͤtten; befahl der Roͤmische Rath: daß im gan- tzen Roͤmischen Gebiete alle frey gebohrne Leu- te derer mit ihnen verbundener Voͤlcker loß- gelassen werden solten. Als nun einige Knech- te frey gegeben wurden/ empoͤrten sich die an- dern; wehlten den Salvius und Athenio zu Koͤnigen/ bauten zu Triocola einen Koͤnigli- chen Sitz; und machten ihrer mehr als dreis- sig oder vierzig tausend den Roͤmern/ und de- nen ihnen unter dem Fuͤrsten Gomon aus Mauritanien zukommenden Huͤlffs-Voͤlckern genug zu schaffen. Denn ob wohl Lucullus ihrer zwantzig tausend erschlug; liessen sie d o ch weder Muth noch Waffen sin c ken. Hispa- nien musten die Roͤmer fast gar vergessen/ und den Gehorsam gleichsam in die Willkuͤhr selbi- ger Voͤlcker stellen. Wiewohl Piso nun in Macedonien gegen die Deutschen und Thraci- er gluͤcklich fochte; und ihnen biß uͤber Rhodo- pe nachsetzte; Marius auch mit zweyen Hee- ren unter den Alpen stand; so wagte er sich doch auch im dritten Jahre seines Buͤrgermeister- Amtes nicht die Cimbern anzugreiffen; son- dern vergnuͤgte sich als mit einem auskomment- lichen Gewinne: daß sie ihn und Jtalien un- angetastet liessen. Zu dessen Merckmahle er auch itzt allererst seinen eisernen Ring vom Fin- ger nahm/ und einen guͤldenen ansteckte. Nach dem Bojorich und Teutobach nun inzwischen ein- und andere Hindernisse aus dem Wege geraͤumt/ und etliche Paͤsse wohl besetzt hatten; zohen sie auffs neue den Alpen zu; Teutobach zwar an dem Meere gegen Ligurien; Bojo- rich aber mehr Nordwerts. Auff dessen von den Maßiliern schleunigst gethane Nachricht ward Marius zum vierdten mahl/ und neben ihm Luctatius Catulus Buͤrgermeister. Bey- de fuͤhrten zwey maͤchtige Heere und fast aller bekandten Voͤlcker Huͤlffen mit sich; und war die Abrede: daß Catulus die Alpen bewah- ren/ Marius aber selbst in Gallien die Deut- schen angreiffen solte. Dieser musterte in seinem Heere alle andere zu Kriegs-Zeichen gebrauchte Thiere aus/ und behielt alleine die Adler. Die Nacht fuͤr dem Abzuge traͤumte dem Marius: wie ihm die Goͤt- tin der Siege auff dem Berge Vesulus ei- nen Lorber-Krantz reichte; iedoch haͤtte er ihr vorher sein Hertz auffopffern muͤssen. Die- sen Traum eroͤffnete er alsbald einer Syri- schen Wahrsagerin Martha; welche er auff ei- ner koͤstlichen Saͤnffte allenthalben hin mit sich fuͤhrte; und nach ihrem Rathe seinen Gottes- dienst und anderes Fuͤrnehmen einrichtete. Die- se versprach ihm den Sieg wider die Deut- schen/ wenn er seine einige Tochter Calphur- nia/ Arminius und Thußnelda. nia/ welche sein anderes Hertz waͤre/ aufopfer- te. Marius entschloß sich alsofort sein Blut zum Loͤsegeld fuͤr sein Vaterland hin- zugeben; nahm also wider der Roͤmer Ge- wohnheit zu aller Verwunderung Calphurni- en mit sich zu Felde. Wie er nun unter die Meer-Alpen kam/ ließ er sein Heer uͤbergehen/ er aber stieg nebst Calphurnien/ der Martha/ ei- nem Priester/ und wenigen edlen Roͤmern auf die Spitze des Berges Vesulus; richtete daselbst von zusammen gelesenen Steinen einen Altar auf/ ließ selbtes dem siegenden Jupiter weihen. Hierauf deutete er seiner sich ehe des Himmel- falls versehenden Tochter an: daß sie das fuͤr ihr Vaterland auf dieses Altar bestim̃te Opfer waͤre; also solte sie sich nicht mit vergebenen Thraͤnen bemuͤhen; seinen so wenig als des Verhaͤngnuͤsses unerbittlichen Schluß zu hin- terziehen/ noch den Zorn der Goͤtter auf sich zu laden; sondern vielmehr durch hertzhafte Gedult sich als eine nicht miß gerathene Tochteꝛ des Ma- rius bezeugen. Calphurnia fiel dem Vater zu Fusse/ umbarmte seine Knie/ kuͤßte seine Hand/ und erklaͤrte sich den Streich des Priesters mit unverwendeten Augen/ und unverzagtem Her- tzen zu erwarten; weil ihr kein groͤsseres Gluͤck begegnen koͤnte; als daß sie ein den Goͤttern ge- faͤlliges Opfer/ ein Loͤsegeld ihres Vaterlandes; ihre Handvoll Blut aber ein Brunn seyn solte: aus welchem ein gantzes rothes Meer/ welches aus so viel rauer Voͤlcker Adern abstroͤmẽ wuͤr- de/ seyn solte. Marius kuͤßte sie hier auf; und be- fahl dem hieruͤber erstaunenden Priester sein Ampt zu verrichten. Ob er nun zwar anfangs bey sich anstand ein so grimmiges Menschen- Opfer zu vollziehen; sagte doch Martha: Es waͤre der Wille der Goͤtter; und Marius gab ihm einen so nach druͤcklichen Blick: daß er mehꝛ aus Furcht als Andacht das Schlacht-Messer ergrieff/ und der auf das Altar gelegten Cal- phurnia die Gurgel abschnitt; hernach ihre Brust eroͤffnete/ und die Ein geweide alle gut be- fand; woraus Martha ihre vorige Wahꝛsagung nochmals bekraͤfftigte. Der entseelte Leib/ (dessen ausgeschnittenes und eingebalsamtes Hertze der Priester nach Rom fuͤhrte/ und dem Tarentinischen Sieges-Bilde in einer guͤldenen Schachtel wiedmete/) ward aus dem Brunnen des daselbst entspringenden Po abgewaschen/ auf einen inzwischen aufgerichteten/ und mit aller- hand Arabischem Rauchwercke angefuͤllten Holtz-Stoß geleget und verbrennet. Der hier- uͤber mehr als der eigene Vater bestuͤrtzte Prie- ster meynte sein grausames Opfer durch ein Ge- daͤchtnuͤß-Mal zu entschuldigen; kratzte also in dem an statt eines Altars gebrauchten Stein- Fels der die Jphigenia weit beschaͤmenden Cal- phurnia zu Ehren diese Grab-Schrifft ein: Liegt hier Calphurnia des Marius sein Kind? Nein. Denn er selber schnitt ihr ja die Gurgel ab/ Als er zum Schlachten sie dem Priester uͤbergab. Kein Vater aber ist/ der Todes-Netze spinnt/ Auf eignes Fleisch und Blut. Jedennoch aber rinnt Aus seinen Augen Saltz der Thraͤnen auf ihr Grab. Diß ist der Eltern Sold. Wer aber wil ei n Stab Des Vaterlandes seyn; schlaͤgt Kinder-Blut in Wind. Diß opfert Marius als seiner Liebe Pfand Fuͤr das gemeine Heil mit seiner e ignen Hand Der ewigen Stadt Rom. Die Tochter aber rennt Den Preiß ihm ab/ wenn sie so willig sich verbrennt/ Und zeugt: Jhr Vater sey zwar durch so harte That Ein Sohn; doch sie als Kind die Mutter ihrer Stadt. Hier auf eilte Marius seinem theils auf der See/ theils zu Lande voran gegangenem Heere nach. Und weil die Deutschen ins gesam̃t sich weit gegen Mitternacht gewendet hatten/ Teu- tobach durch die Cottischen/ Bolus der Helvetieꝛ Hertzog durch die Norichischen/ Bojorich durch die Vindelicher Alpen einzubrechen/ und an dem ihm schon bekandten Flusse Athefis herunter zu gehen willens war/ kam Marius ohne alle Hin- dernuͤß am Strande des Meeres an den Rho- dan. Seine erste Sorge war bey noch entfern- tem Feinde die Krieges-Zucht wieder zu ergaͤn- tzen/ das durch Muͤssiggang und Wolluͤste ver- zaͤrtelte Volck durch taͤgliche Arbeit und Krieges- Y y y y y 3 Ubun- Sechstes Buch Ubungen abzuhaͤrten: dem Feinde aber am Ruͤcken die Lebens-Mittel abzuschneiden; und durch angenommene Langsamkeit entweder die wachsamen Deutschen einzuschlaͤfen/ oder we- nigstens die hitzige Heftigkeit der feurigen Nord- Voͤlcker abzukuͤhlen. Wormit aber seinem H eere nichts gebraͤche; blieb er an dem Meere stehen umb der Zufuhr zur See zu genuͤssen; ließ auch/ weil der Mund des Rhodans sich mercklich verschlemmet hatte/ von dem Tempel der Ephesischen Diana gegen dem Astromeli- schen See einen zur Schiffart dienlichen Gra- ben aus dem Rhodan in das Meer fuͤhren/ umb dardurch nicht allein seine muͤhsame Kriegsleute von den traͤgen zu unterscheiden/ sondern auch ihnen ins gemein mehr Kraͤfften beyzusetzen. Weil die Deutschen aber sich in ihrem Zuge we- nig irre machen liessen/ zohe Marius endlich an dem Rhodan hinauf/ und veꝛschantzte sich daselbst/ wo die Jser hinein faͤllt. Hierdurch machte er den Koͤnig Teutobach stutzig; und verursachte: daß er an dem Flusse Varus umbkehrte/ in dem Gebiete der Allobroger die Tuguriner und Am- bronen mit ihrem Koͤnige Bolus an sich zoh/ und sein Laͤger dem Marius gegen uͤber schlug. Wie sich Marius aber nicht ruͤckte/ stellte er etliche mal unter dem Walle des Roͤmischen Laͤgers sein Heer in Schlacht-Ordnung; und ließ dem Marius sagen: Dafern die Roͤmer das Hertze haͤtten/ den Deutschen das blaue’ in Augen zu sehen; stuͤnde er dar fertig mit ihnen anzubinden. Marius ließ ihm hingegen zur Antwort wissen: Die Roͤmer lieferten Schlachten/ wenn es ih- nen/ nicht aber dem Feinde anstaͤndig waͤre. Hierauf forderte Koͤnig Bolus den Marius zum Zwey-Kampfe aus. Dieser aber versetzte: Wenn er seinem Leben so gram waͤre/ und es nicht besser anzuwehren wuͤste/ koͤnte er selbtem ohne wenigere Muͤh durch einen Strick abhelffen. Er waͤre ein Feld- herr/ kein Fechter; meynte nun Bolus mit ei- nem dieser Art sich zu schlagen/ wolte er gegen ihn einen schicken/ der schon zwantzig andere Fechter erwuͤrgt haͤtte. Und da ihn Bolus be- meisterte/ so denn nachdencken: Ob fuͤr die Stadt Rom rathsam waͤre/ daß ihr Buͤrgermeister mit einem frechen Juͤnglinge anbinde. Wie nun die Deutschen hieruͤbeꝛ so veꝛwegen wurden: daß sie einzelich unter den Wall des Lagers renneten/ und mit spoͤttischẽ Wortẽ die Roͤmer zum Kampf ausforderten; also murreten diese fuͤr Ungedult: daß Marius zwaꝛ auf dem Walle ihnẽ die Deut- schen und ihre Art zu streiten zeigte/ keinen aber aus dem Lager einen Fuß setzen ließ. Sie hiel- ten ihm nicht ohne Vermessenheit ein: daß ein Feldherr durch Verbittung des Angriffs sein Heer selbst verzagt/ seinen furchtsamsten Feind aber hertzhaft machte. Alleine Marius/ der diese Begierde ihm wohlgefallen ließ/ schuͤtzte fuͤr: Es waͤre vortheilhaftiger mit einem ver- maͤssenen als furchtsamen Feinde zu thun haben. Eines Feldherren Ampt waͤre die Zeit zum Streite erkiesen/ der Kriegsleute/ nichts minder gehorsam als tapfer zu seyn. Die weise Mar- tha riethe noch nicht zum schlagen; durch wel- cher Mund die Goͤtter schon selbst ihnen den Weg und die Zeit ihren hochmuͤthigen Feind zu daͤmpfen zeigen wuͤrden. Ja ungeachtet Ma- rius von Rom Erinnerung zu schlagen kriegte; weil man in Umbria in den Wolcken zwey feu- rige Heere fechten/ und das fremde herab stuͤrtzen gesehen; die Goͤttin Cybele auch ihrem Priester Bathabates den unzweifelbaren Sieg angekuͤn- digt haͤtte; so ließ er sich doch nichts irren; son- dern verleitete die Deutschen durch angestellte Zagheit: daß sie das uͤberaus starck befestigte Laͤger mit Gewalt stuͤrmeten; aber durch den Hagel der abgestossenen Roͤmischen Pfeile zu- ruͤck getrieben wurden/ und etliche tausend in den Graben ihr Begraͤbnuͤß funden. Koͤnig Teu- tobach entschloß hier auf den Marius in seinem Neste zu lassen; und in das Hertze Jtaliens zu dringen; fuͤhrte also gantzer 6. Tage lang harte unter dem Roͤmischen Lager sein Heer gegen die Alpen Arminius und Thußnelda. Alpen zu; welches fort fuͤr fort denen Roͤmern zuruffte: Was sie ihren Weibern und Kindern zu Rom von ihnen fuͤꝛ Zeitung bringen solte? Marius/ welcher keines weges mehr rathsam befand dem Feinde zuzusehen/ ließ/ als die Deut- schen vorbey waren/ zwey von der Zauberin Martha abgerichtete Geyer mit messenen Hals- baͤndern des Nachts aus ihrer Verwahrung/ welche mit dem Aufgange der Sonnen zu gros- sem Frolocken des Heeres sich uͤber dem Laͤger herumb schwungen/ hernach dem deutschen Hee- re nachzohen. Marius ließ alsofort die Thore des Laͤgers oͤffnen/ und frischte sein ausziehendes Heer zur Tapferkeit an; meldende: Sie solten nun ihr bestes thun; nach dem ihnen die Goͤtter duꝛch diese zwey Gluͤcks-Voͤgel/ welche ihm auch schon in Africa etliche Siege angezeigt haͤtten/ den Weg wiesen. Er erreichte noch selbigen Tag den aus eitel Ambronen bestehenden Nach- trab der Deutschen; und erlegte derselben an ei- nem Furthe uͤber tausend. Weil nun der erste Ausschlag entweder Zuversicht oder Furcht ge- bieret/ diente dieser Vortheil den Roͤmern zu ei- ner mercklichen Huͤlffe kuͤnftigen Sieges. Wie das deutsche Heer nun an die Sextischen Wasseꝛ und also nahe unter die Alpen kam; uͤber welche Koͤnig Teutobach sich durchzuarbeiten nicht fuͤr rathsam hielt/ da das Roͤmische Heer ihm in den Eisen/ der Buͤrgermeister Catulus abeꝛ im We- ge lag; also muste er daselbst stand halten; und an diesem lustigen Orte sein Laͤger schlagen. Marius hingegen lagerte sich ein gutes Stuͤcke von dem Flusse Canus weg auf ein duͤrres Feld. Wie nun sein Kriegsvolck uͤber Wasser klagte/ wieß er ihnen den von den Deutschen besetzten Strom; meldende: Seyd ihr nicht Maͤnner; dort holet euch Wasser. Wordurch er nicht nur die Krieges-Knechte/ sondern so gar den Troß zum Gefechte angewehnete. Hierauf wolten die auf der Roͤmer Seite stehenden Ligurier/ de- nen Marius einhielt: daß der Deutschen Ein- fall ihr Land am ersten treffen wuͤrde/ sich fuͤr andern sehen lassen; setzten daher mit acht tau- send Mann auf zehn tausend Ambronen an; welche ausserhalb des deutschen Laͤgers an dem Flusse Canus standen/ und den Roͤmern das Wasser abschnitten. Aber Hertzog Harald be- gegnete ihnen mit so tapferer Gegenwehr: daß etliche tausend Ligurier das Wasser-Trincken vergassen/ und Blut lassen musten; also/ daß Marius seinen Sohn mit einer gantzen Legion denen nothleidenden Liguriern zu Huͤlffe schicken muste. Da denn endlich nach einem blutigen Treffen/ wordurch nicht allein der Fluß angeroͤ- thet/ sondern auch eine breite Bruͤcke von todten Leichen daruͤber gemacht ward/ sich gegen das deutsche Laͤger zuruͤck ziehen musten. Wie die Roͤmer sie aber verfolgten/ fielen der weichenden Deutschen mit Aexten und Schwerdtern ge- waffnete Weiber aus einer Wagenburg mit un- glaublichem Geschrey den Roͤmern in Ruͤcken/ und tasteten selbte wie rasende Unholdinnen so verzweifelt an: daß nach dem die Deutschen sich aufs neue gegen sie setzten/ und ein neues Heer sich aus dem deutschen Lager hervor thaͤt/ die Roͤ- mer wieder uͤber den Strom weichen/ und diesen streitbaren Weibern/ welche gleichsam ohne Empfindligkeit den Roͤmern in ihre Schwerdter grieffen/ und mit blutendẽ Faͤustẽ ihnen die Waf- fen auswunden/ viel Krieges-Zeug und Todte hinterlassen musten. Folgende Nacht hielten die Weiber/ derer Maͤnner den Tag vorher geblie- ben waren/ rings umb das noch nicht gar ver- schantzte Roͤmische Laͤger ein so jaͤmmerliches Mord-Geschrey: daß nicht nur dem Roͤmischen Kriegsvolck die Haare zu Berge stunden/ und sie fuͤr Schrecken die gantze Nacht nicht ruhen konten/ sondern auch Marius/ als er fort fuͤr fort ein grosses Geraͤusche der Waffen/ und die Baꝛden darzu ihre Heldenliedeꝛ/ (welche sie sonst fuͤr den Schlachten zu singen pflegen) mit un- termischen hoͤrte/ selbst in Sorge stand: es wuͤrde sein noch schlecht verwahrtes Laͤger gestuͤrmt werden. Zu seinem Gluͤck aber fiel bey den Deut- Sechstes Buch Deutschen ein Feyertag der Goͤttin Hertha ein; den sie in ihrem Laͤger ruhig ausser mit dem er- zehlten Gethoͤne begingen. Bey dieser Gele- genheit; und weil dem Marius aus dem Nar- bonischen Gallien sechs tausend Marsen zu Huͤlffe kamen/ ließ er den Marcus Claudius Marcellus mit der Helffte der Marsen/ drey tausend auserlesenen auf deutsche Art gekleide- ten Roͤmern/ nebst einer grossen Menge gewaff- neten Trosses eine puͤschichte Hoͤhe Seitenwerts gegen das deutsche Laͤger einnehmen; mit Be- fehl: daß er bey der nunmehr entschlossenen Schlacht trachten solte dem Feinde in Ruͤcken zu kommen. Auf den Morgen fuͤhrten beyde Theile ihre Kriegsheere aus dem Laͤger. Die Deutschen aber waren so hitzig: daß sie die Roͤ- mer in der zur Schlacht bequemen Flaͤche nicht erwarten wolten; sondern den von einem Ber- ge abkommenden Feind bergaufwerts fechtende angrieffen. Wiewohl nun die Beschaffenheit des Ortes den Roͤmern sehr vortheilhaftig/ den Deutschen nachtheilig war; so standen sie doch wie Felsen; und fochten drey Stunden lang/ ehe fie die Roͤmer auf die Flaͤche kommen liessen. Beyderseits Kriegs-Haͤupter thaͤten nicht allein das aͤuserste/ und ergaͤntzten mit ihrer klugen Anstalt alle Luͤcken; ja auch die im Hinterhalt ste- henden Weiber kamen ihren Maͤnnern mit Zuruff und eigner Tapferkeit zu Huͤlffe/ wo sie irgends Noth leiden wolten. Als aber Mar- cellus den Deutschen mit seinen verkleideten Roͤmern und Marsen in Ruͤcken fiel; wurden sie uͤberaus verwirret; in dem sie nicht wusten: durch was fuͤr Verraͤtherey ihnen ihre Lands- leute zu Feinden worden/ oder/ ob sie ihnen vom Himmel auf den Hals gefallen waͤren. Die Tugenen lidten hierbey unter dem Koͤnige Bo- lus die groͤste Noth; und begonte der lincke Fluͤ- gel in nicht geringe Unordnung zu kommen. Aber Koͤnig Teutobach/ welcher nebst seinen drey hundert zur Leibwache habenden Riesen uͤber alle andere Streitenden mit dem Kopfe fuͤrragte/ drang dahin/ rennte den Marcellus selbst zu Bodem/ und brachte die Seinigen/ wel- che endlich die Roͤmische Verkleidung wahrnah- men/ wieder zu Stande. J n zwischen aber hatte Marius im rechten Fluͤgel wider den Her- tzog Harald einen maͤchtigen Einbruch gethan; also: daß Teutobach dort abermals fuͤrbeugen muste. Wiewohl nun die Deutschen/ inson- derheit welche fingernackt fochten/ die unge- wohnte Hitze selbigen Tages mehr als die Waf- fen der Feinde abmattete/ zum Theil kaum mehꝛ lechsen konten/ ja fuͤr Schweiß und Staube kaum mehr Menschen aͤhnlich waren; hielten sie doch biß zur Sonnen Untergange aus. Da denn Teutobach/ sonderlich als Koͤnig Bo- lus heftig verwundet/ Fuͤrst Harald aber getoͤd- tet ward/ den Seinigen ins Laͤger zu weichen ein Zeichen gab. Marius blieb zwar zum Zei- chen des Sieges etliche Stunden auf der Wall- statt stehen; hernach aber fuͤhrte er das groͤste Theil seines Volckes ins Laͤger/ und ließ alle aufs beste sich erfrischen. Mit etlichen einan- der abloͤsenden Hauffen aber machte er durch vie- les Geraͤusche und Geschrey die gantze Nacht Lermen; also: daß die im Laͤger stehenden und einen Sturm besorgenden Deutschen durch ste- tes Wachen vellends abgemattet wurden. Des- sen ungeachtet fuͤhrte Koͤnig Teutobach/ als er bey angehendem Tage die Roͤmer sich wieder zu einer neuen Schlacht stellen sahe/ und uͤber diß die Lebens-Mittel gebrechen wolten/ sein Heer aus dem Lager. Es ist uͤber menschlichen Glau- ben: mit was fuͤr Heftigkeit die Deutschen all- hier fuͤr ihr Leben und Freyheit/ die Roͤmer fuͤr den ihnen eingebildeten Sieg gefochten. Die Krieggs-Schaaren stiessen an einander wie Fel- sen; und gleichwohl hatte biß an den hohen Mittag kein Theil dem andern einigen Vor- theil/ oder nur einen Fuß breit Erde abgewon- nen. Jnsonderheit aber trat und schlug Koͤnig Teutobach mit seiner Riesen-Wache alles was ihm begegnete/ zu Bodem; und es blieben diesen halben Arminius und Thußnelda. halben Tag etliche dreissig Roͤmer von des Teu- tobachs eigener Faust. Am Mittage aber kam die Sonne den Roͤmern abermals zu Huͤlffe; und die grosse Hitze/ derer die Nord-Voͤlcker nicht gewoh net/ stritt mit grossem Vortheil wideꝛ die Deutschen; derer Leiber im Schweiß gleich- sam wie der Schnee zerschmoltzẽ. Daher fing ihr lincker Fluͤgel/ gegen welchen Marius die Sei- nigen mit blossem Degen antrieb/ zu wancken. Alleine die ihm zu Huͤlffe kommenden deutschen Weiber brachten ihn wieder zu Stande; wel- che die Fuͤrstin Landgertha als eine ergrim̃te Loͤwin anfuͤhrte/ einem Roͤmischen Hauptman- ne zu erst die Hand mit sam̃t dem Degen abhieb/ und die Kraͤffte ihres Geschlechtes uͤbersteigende Helden-Thaten ausuͤbte; also: daß die Schlacht noch wohl eine gute Stunde auf gleicher Wage lag; biß der junge Marius/ den hernach der Koͤnig in Numidien Hiempsal bey sich in so gros- sem Werth hielt/ Landgerthen einen verwegenen Stoß beybrachte; worvon sie ihre edle Seele mit dem Blute ausstroͤmete; aber mit dieser Helden- Dinte auch in den verweßlichen Staub ihren unsterblichen Nahmen aufzeichnete. Der Deut- schen Hertzeleid uͤber dieser Fuͤrstin Tode war so heftig: daß sie an statt der Rache in Kleinmuth verfielen. Denn gemeiner Schmertz ist ein Wetz-Stein/ uͤbermaͤssiger aber ein Feind der Tugend. Also begonte der lincke Fluͤgel aufs neue zu weichen. Und weil Koͤnig Teutobach/ der bereit aufs sechste Pferd kommen war/ bey dem rechten mehr als zu viel gegen den eingebro- chenen Marcellus zu thun hatte/ war ihm un- moͤglich dem lincken zu Huͤlffe zu kommen. Wie aber auch in der Mitten die Schlacht- Ordnung brechen wolte/ entschloß er sich durch eine verzweifelte Erkuͤhnung der Gefahr zu ra- then; ermahnte also seine Riesen/ und zwey hun- dert umb ihn streitende Edelleute: sie solten ihm behertzt folgen; und hiermit drang er wie ein Blitz der Roͤmischen Haupt-Fahne zu. Alles was sich widersetzte/ ward zu Bodem getreten/ oder erlegt; und brachte es der nunmehr gleich- sam wuͤtende Teutobach so weit: daß ein Ale- mannischer Ritter Fuͤrstenberg den Roͤmischen Haupt-Adler dem Faͤhnriche aus den Haͤnden rieß/ ihn zerbrach und zu Bodem warff. Wie grosse Verbitterung dieser Schimpf bey den Roͤmern erweckte; also ließ Marius nur ein Theil gegen den schon gantz zertrenneten lincken Fluͤgel der Deutschen fechten; er aber kam mit dem noch frischesten Volcke auf einer/ und Cne- us Domitius auf der andern Seite mit einer ausgeruheten und zum Hinterhalte gelassenen Legion gegen den Teutobach an; welcher gleich- wohl mit seinem Adel und Riesen wie ein Fels gegen die heftigsten Wellen aushielt. Endlich aber/ nach dem auch der haͤrteste Marmel-Stein durch weiche Regen-Tropfen abgenuͤtzet wird; muste er einen neuen Schluß fassen/ sich gegen sein Heer durch zuschlagen; welches beyderseits viel Blut/ und den Koͤnig Teutobach abermals drey Pferde und wohl die Helfte seiner Leibwa- che kostete. Gleichwohl erreichte er sein nun- mehr aller Orten weichendes Heer; welchem er so viel moͤglich Anleitung gab: gegen Mitter- nacht in das Gebuͤrge sich zu ziehen/ umb von dar uͤber den Strom Druentia in das Vulgen- tische Gebiete zu entkommen. Wormit er auch den Seinen so viel mehr Lufft machte; both er in dem nechsten Forste den Roͤmern bey schon spaͤtem Abende noch einmal die Spitze; und die Liebe seines Volckes war bey ihm so groß: daß er sich als ihre Schutz-Saͤule hier lieber wolte zermalmen/ als ihre Beschirmung fahren las- sen. Daher er biß umb Mitternacht an einem Furthe Stand hielt; endlich aber umbringet/ uͤbermannet/ und alle bey ihm stehende erschla- gen wurden. Er selbst ward so verwundet: daß er biß auf den Morgen unter den Todten lag; welchen aber Marius so denn aufheben/ bey verspuͤrtem Athemholen erfrischen/ und die Wunden zu grossem Veꝛgnuͤgen dieses großmuͤ- thigen Koͤniges heilen ließ; dem sein Leben ein Erster Theil. Z z z z z taͤgli- Sechstes Buch taͤglicher Tod war; weil selbtes nicht mehr zum Theil seines Volckes/ sondern zum Schauspiele seiner Feinde dienen solte. Gleichwohl halff seine Tapferkeit so viel: daß uͤber zwantzig tau- send Teutoner und Ambroner uͤber den Fluß Druentia entkamen/ und sich mit denen zu Be- setzung des Allobrogischen Gebuͤrges gelassenen Tugurinern stiessen; also: daß ungeachtet der Deutschen beyde Tage sechzig tausend blieben/ auch zwantzig tausend gefangen wuꝛden/ (welche wahrhafte Zahl aber die Roͤmer etliche mal ver- groͤssern) Marius sie zu verfolgen Bedencken trug; vorwendende: Es waͤre Ehre genung: daß der Kern der Deutschen erlegt waͤre; die uͤbrigen die Flucht im Hertzen und die Wunden auf dem Ruͤcken mit sich fuͤhrten. Sintemal jene ihr Leben nicht umbsonst verkaufft/ und die Roͤmer gleichfalls uͤber viertzig tausend verloh- ren/ Marius/ und alle Kriegs-Obeꝛsten genung- same Wunden an sich zu verbinden hatten; der Roͤmische Rath auch auf des Quintus Metellus Einrathen den Verlust so vieler Buͤrger durch ein den Ehstand aufnoͤthigendes Gesetze zu erse- tzen schluͤssen muste. Marius ließ von den feind- lichen Leichen und Waffen zwey grosse Berge zusa mmen tragen/ auf einen Holtz-Stoß zwoͤlff der schoͤnsten deutschen Jungfrauen setzen/ und im Angesichte des gantzen mit Lorbern bekraͤntz- ten Heeres von dem Priester zum Gedaͤchtnuͤsse seiner geopferten Calphurnia lebendig verbren- nen. Jn welche Flamme sich noch viel andere deutsche Frauen freywillig stuͤrtzten; die in der Schlacht gefangen worden waren; umb mit der Keuschheit auch ihre Freyheit durch den Tod zu erkauffen. Den Bergvoll Leichen aber ver- schleppten die Massilier; brauchten der Deut- schen Fleisch und Vlut zu Tingung der Aecker/ ihre Gebeine aber zu Umbzaͤunung der Wein- Berge. Marius ward dieses Sieges halber/ wordurch gleichsam schon auch die Cimbern und Helvetier uͤberwunden zu seyn schienen/ mit un- zehlbaren Gluͤckwuͤntschen uͤberschuͤttet; zu Rom abwesende das fuͤnfte mal zum Buͤrgermeister erwehlet/ und zu seinem Siegs-Gepraͤnge un- gemeine Anstalt gemacht. Alleine diese Freude und Siegs-Gepraͤnge verstoͤrte bald dar auf der Ruff von Koͤnig Bojo- richs Anzuge. Quintus Catulus hatte zwar alle Paͤsse des Tridentinischen Gebuͤrges besetzt und verschantzt. Bojorich aber/ nach dem er sich mit dem Hertzoge der Angeln Cesorich/ dem Longobardischen Hertzoge Claudicus/ und der Variner Fuͤrsten Lucius verstaͤrckt/ arbeitete sich mitten im Winteꝛ durch Schnee und Eiß uͤber den hoͤchsten Gipfel der Tridentinischen Alpen zu aller Menschen Verwunderung durch; ob wohl die Cimbern wegen der abschuͤssi- gen und von dem Eise Spiegel-glatten Berge mehrmals sich herunter kugeln/ oder auf ihren grossen Schilden wie auf Schlitten herunter rennen musten. Quintus Lutatius Catulus ent- setzte sich uͤber diesem Einbruche eines gleichsam uͤber die Berge geflogenen Feindes derogestalt: daß er uͤber Hals und Kopf biß nach Verruca zu- ruͤcke wiech/ und sich auf einem Berge verschantz- te. Aber die Furcht trieb ihn/ ehe er einen Deut- schen zu Gesichte bekam/ bey nur verlautendem Anzuge biß uͤber den Fluß Athesis nach Vero- na/ allwo sie das Ufer dieses Flusses als eine rech- te Festung mit einem Walle belegten. Dessen ungeachtet hielt Koͤnig Bojorich zu grossem Schrecken des Feindes/ ihn/ wo er am sichersten zu seyn meynte/ anzugreiffen. Daher laß er die groͤsten Kriegs-Knechte aus seinem Laͤger zusam- men/ ließ selbte in den Fluß waten/ mit Befehl die Gewalt des Stromes denen unterhalb fech- tenden Deutschen aufzuhalten. Welch Begin- nen zu Rom ein Geschrey machte: Die Cimbern waͤren so thum̃kuͤhn; daß die Fluͤsse mit ihren Schwerdtern wie Xerxes das Meeꝛ mit Ruthen schluͤgen; und gleich als wenn auch das Wasser eine Fuͤhle haͤtte/ solchen zu verwunden meynten. Da doch nach ihrer Erfindung Pompejus her- nach sein Heer durch den Fluß Cyrus/ Kaͤyser Julius sein Volck durch den Rubico fuͤhrte. Als diß aber wegen Heftigkeit des von dem zer- gange- Arminius und Thußnelda. gangenen Schnee angelauffenen Flusses nicht anging; ließ er eine Menge Baͤume abhauen/ oder mit sam̃t den Wurtzeln ausreissen/ und un- geachtet der feindlichen Pfeile quer uͤber den Strom einwerffẽ; oder sie von oberhalb herunteꝛ schwemmen; die sich hernach an den untersten Quer-Baͤumen hemmeten; und also sonder fer- nere Muͤh den Deutschen eine feste Sturmbruͤ- cke baute. Als nun die Roͤmer sich die Deutschen zum Sturm fertig machen sahen/ geriethẽ sie in ein solches Schrecken: daß Catulus weder mit Worten noch mit blossem Degen sie von der Flucht zuruͤcke halten konte; gleich als ob ihnen aus dem Siege kein Ruhm/ aus der Flucht kein Laster zuwuͤchse. Wie nun bey dẽ Roͤ- mern kein haltẽ mehr war; ließ Catulus selbst den Adler aushebẽ; rennten daꝛmit spornstreichs voꝛ- an; umb die Schmach lieber auf sich/ als auf das Roͤmische Heer zu ziehen; wormit d ß mehr ihrem Feldherrn zu folgen/ als fuͤr dem Feinde zu fliehen scheinen solte. Wie denn auch die Zagheit der Fluͤchtigen eine gantze ihnen zu Huͤlffe eilende Legion eilends mit zuruͤck uͤber den Fluß Mincius und Clusius biß nach Ba- driacum rieß. Ja ein Theil setzte bey Hostilia gaꝛ uͤbeꝛ den Po/ und kam biß an Rom an; also: daß Marcus Scaurus seinem auch entflohenen Sohne sein Antlitz verbieten; und daß er seinen Gebeinen mit Freuden entkommẽ wolte/ ankuͤn- digen ließ; hierdurch auch denselben dahin brachte: daß er sein Schwerdt hertzhafter wider sich selbst als den Feind gebrauchte. Nichts desto weniger blieb die fuͤnfte Legion mit zwey tausend Balearischen Schuͤtzen unter dem Di- dius zu Beschirmung des Ufers unverruͤckt ste- hen; aber die Menge und Tapferkeit der Deut- schẽ uͤbermañeten sie in weniger Zeit; und wurdẽ 8000. Roͤmer und Huͤlffs-Voͤlcker gefangẽ. Die andere absonderlich verschantzte Legion aber brachte Cneus Petrejus ein Hauptmann/ wie- wohl nicht ohne grosse Verwegenheit und Ver- lust davon; indem er den sich durch einen Aus- fall zu retten weigernden Obersten eigenhaͤndig erstach/ sich durchs Cimbrische Laͤger des Nachts durchschlug/ und deshalben von dem Kriegs- Volcke mit einem Belaͤgerungs-Krantze be- schenckt ward. Koͤnig Bojorich aber hatte an ihrer hertzhaften Gegenwehr ein solches Gefal- len: daß ob wohl bey den Roͤmern und den mei- sten Voͤlckern kein Gesetze der Gefangenen scho- nen/ noch ihre Straffen auf gewisse Art ein- schraͤncken beist/ er alle ohne Entgeld frey ließ/ nach dem sie vorher nach der Cimbrer Ge- wohnheit uͤber einen ertztenen Ochsen ge- schworen hatten: daß sie ihre Lebetage wider die Deutschen keinen Degen zuͤcken wolten. Bo- jorich verfolgte hierauf den Catulus/ welcher in- zwischen uͤber den Fluß Mela/ Humantia und Addua gediegen war/ mit einer so unglaublichen Geschwindigkeit: daß die Deutschen in einem Tage mit dem Catulus uͤbeꝛ diesen letzten Strom kamen. Dieser sahe hierdurch nicht ohne Be- kuͤmmernuͤß ihm den fuͤrgenommenen Weg zu den Jnsubriern abgeschnitten; uͤber den Po abeꝛ zu setzen und den Feind ihm in das Hertz Jtaliens nachzuziehen hielt er nicht fuͤr rathsam. Sinte- mal Rom sicherlich dißmal nicht in viel geringere Gefahr/ als zur Zeit des Brennus verfallen seyn wuͤrde: wenn Koͤnig Bojorich nicht des Deut- schen Nachzugs ohne Noth erwartet/ sein vorhin unter freyem Himmel zu schlafen/ rohes Fleisch zu essen/ in Fluͤsse Schweiß und Staub abzuwa- schen gewohntes Kriegsvolck nicht in dem fꝛucht- baren Gebiete der Veneter durch die weichen La- ger-Staͤdte/ wohlruͤchende Zimmer/ niedliche Speisen/ warmen Baͤder die vorhin unversehr- lichen Kraͤffte eingebuͤsset; sondeꝛn den fluͤchtigen Catulus haͤtte seyn lassen/ und geraden Weges auf Rom zugeruͤckt waͤre. Wie aber Bojorich dem Catulus allzu geschwind uͤber den Hals kam/ zwang ihn die Noth mit dem gantzen Heere wie- der uͤber den Strom Addua zuruͤcken; allwo Hertzog Lucius nur noch mit 10000. Mann stand. Beyde stellten sich auch wohl/ als wenn sie daselbst auf einem Berge ihr Lager befestigen wolten; liessen aber weder absatteln/ noch das Z z z z z 2 Kriegs- Sechstes Buch Kriegs-Geraͤthe absacken. Wie nun Bojo- rich hierdurch verfuͤhret ward/ und folgenden Tages sein Heer gleichfalls zuruͤcke gehen ließ/ ging Catulus des Nachts in aller Stille uͤber des Aureolus Bruͤcke/ und kam nach Mogrun- tiacum an den Fluß Lamber; ehe die muͤden Deutschen des Aufbruchs inne wurden. Bojo- rich ward hieruͤber unwillig: daß der Feind nir- gends stand halten wolte; ließ also den Hertzog Cesorich und Claudicus selbten verfolgen; er aber schlug oberhalb Placentz eine Bruͤcke uͤber den Po/ und streiffte biß an das Apenninische Gebuͤrge gegen Hetrurien; ja der Sicambri- sche Fuͤrst Merodach kam biß unter die Stadt- Mauer zu Ravenna. Also verfiel dieser sonst kluge Fuͤrst durch einen geheimen Trieb des Ver- haͤngnuͤsses in die Fehler des Annibals; welcher hernach zu langsam beklagt: daß er nach der Can- nischen Schlacht nicht Rom gestuͤrmt hatte. Allein es uͤberfaͤllt zuweilen auch die wach- samsten Kriegs-Helden nach einem grossen Wercke eine Schlafsucht/ wie das Meer nach heftigem Sturme eine Windstille. Entwe- der/ weil sie die Geschwindigkeit fuͤr eine Uber- eilung der Unvorsichtigen; die Langsamkeit abeꝛ fuͤr eine Schwester der Klugheit/ und eine Gefer- tin der Gluͤckseligkeit haltẽ; oder: weil sie die uͤber- standene Gefahr und die noch uͤbrigẽ Schwerig- keiten durchs Vergroͤsserungs-ihr Vermoͤgen durchs Verkleinerungs-Glaß ansehen; und den Sieg mehr fuͤr einen Zuwurff des Gluͤckes; als desselbtẽ Ausmachung fuͤr ein moͤgliches Werck ihrer Tugend haltẽ; und am fuͤglichstẽ denen Voͤ- geln zu vergleichẽ sind: welche wol Eyer legẽ/ aber sie nicht ausbruͤtten. Nach welcher Art auch der Atheniensische Feldherr Nicias in Sicilien/ und der Spartaner Brasidas durch seine Langsam- keit den Sieg aus den Haͤnden verspielte/ und sein Thun eine unzeitige Frucht bleiben; hinge- gen aber Kaͤyser Julius nichts unausgemacht ließ. Gleich als wenn nichts gethan waͤre/ wenn noch was zu thun uͤbrig bliebe. Also war auch Hermocrates mit seinem Vaterlande nicht ver- gnuͤgt: daß die von Athen die Belaͤgerung der Stadt Syracusa aufheben musten; sondern er ließ nicht nach/ biß er sie aus gantz Sicilien ver- jagt/ und dem gantzen Kriege ein Loch gemacht hatte. Wie nun der einmal ins stecken kom- mende Fortgang der Waffen den Siegenden selbst den Glauben ihrer Oberhand zweifelhaft; den Feinden aber Lufft/ und den Furchtsamsten ein Hertze macht; also kam auch das uͤber Bojo- richs Einbruche bebende Rom/ als die Cimbern nicht gleich den Apennin uͤberstiegen/ wieder zu sich; und zu dieser heilsamen Entschluͤssung: daß sie den Marius sein Sieges-Gepraͤnge verschie- ben/ und mit einem maͤchtigen Heere sich gegen den Bojorich aufmachen liessen; von dem ihm im Mogellischen Thale eine Gesandschafft be- gegnete/ welche den Roͤmern gegen Einraͤu- mung eines auskommentlichen Erdreichs fuͤr sein und Koͤnig Teutobachs Volck Frieden an- trug. Marius laͤchelte uͤber dem Vortrage der Deutschen; und antwortete ihnen: Die Roͤmer haͤttẽ fuͤr sie nichts uͤbrig; fuͤr den Teutobach und ihre Bruͤder aber moͤchten sie ausser Sorgen ste- hen. Denn diese haͤtten schon Erde genung; wuͤꝛ- den selbte auch immer behalten. Wie er nun zu- gleich den Teutobach und etliche andere gefange- ne Fuͤrsten ins Zelt fuͤhren ließ; erstauneten die von solcher Niederlage nichts wissenden Gesand- ten so sehr: daß sie ohne fernere Wortwechselung zuruͤck ins Laͤger kehrten/ und dem Koͤnige Bo- jorich hiervon die traurige Zeitung brachten. Bojorich schaͤumte hieruͤber fuͤr Zorne; frischte sein Kriegsheer zu gerechter Rache ihrer erwuͤr- gten Bruͤd e r auf; ruͤckte dem Marius/ welcher nun uͤber das Apenninische Gebuͤrge kommen war/ entgegen/ und forderte ihn zur Schlacht aus; mit der Andeutung: Es waͤre der Deutschẽ Art/ ohne Verzug umb die Oberhand zu kaͤm- pfen; nicht aber zum Vortheil der Kriegs-Ober- sten/ zum Verterb des unschuldigen Landman- nes den Krieg zu schleppen/ die gemeinen Schatz- Kammern zu erschoͤpfen/ und so d enn aller- erst/ wenn beyde Theile mit ihrer Grausamkeit muͤde/ Arminius und Thußnelda. muͤde/ die Laͤnder aber Wuͤsteneyen worden/ einen klaͤglichen Frieden zu machen. Aber Marius hatte fuͤr/ die hurtigen Deutschen muͤ- de/ und seine Hitze durch Verzug laulicht zu machen; wie auch den Feind wieder uͤber den Po zu locken/ und des Catulus Heer an sich zu ziehen; ungeachtet den Ehrsuͤchtigen Ma- rius nicht wenig biß: daß der von ihm sich zum Catulus schlagende Sulla etliche aus den Alpen einfallende Voͤlcker gluͤcklich schlug/ und des Catulus Heer mit so auskommentlichen Le- bensmitteln versorgte/ welche auch dem noth- leidenden Marius aushelffen konten. Sin- temal Ehrgeitz fremde Wolthat als einen Vor- ruck seiner Duͤrfftigkeit hasset; und daher sie mit mehrer Gramschafft/ als Rache die Belei- digung verfolget. Dem Bojorich ließ er auf seine Forderung entbieten: Es waͤre der Roͤ- mer Brauch nicht sich feindlichen Rathes zu bedienen; sondern er wuͤrde nach seinem Gut- beduͤncken schlagen. Hiermit lenckte er Nord- westwerts gegen den Po ab; lagerte sich alle- zeit so vortheilhafftig: daß ihm die Deutschen nicht beykommen konten; gieng bey Dertona uͤbeꝛ; und weil er sich stellte: als wolte er den Cesorich und Claudicus zwischen beyde Roͤmi- sche Heer einschluͤssen; folgte ihm Bojorich uͤ- ber den Po; und nachdem beyde Roͤmische und beyde deutsche Heere zusammen gestossen wa- ren/ both Bojorich noch einmahl dem Mari- us den Kampff an; welches er auff den dritten Tag/ und zwar auff dem grossen Raudischen Felde zwischen den Baͤchen Novaria und Seßi- tes nicht ferne von Vercell beliebte. Weil er aber folgenden Tag Wind- und neblicht befand; ließ er in aller Eil das Roͤmische Heer sich er- qvicken/ zur Schlacht sich anschicken/ und mit anbrechendem Tage auff das bestimmte Feld ruͤcken; allwo er sein Heer Sudostwerts in Schlacht-Ordnung stellte; also: daß wenn die Sonne den Nebel unterdruͤcken wuͤrde/ selbte den Deutschen recht ins Gesichte schiene/ und sie zugleich der Wiederschein von den glaͤntzen- den Schilden blendete/ ja der Wind ihnen auch den Staub unter die Augen wehete. Hierauf ließ er dem Streitbegierigen Bojorich wissen: Er wartete sein auff dem bestimmten Felde; al- so verlangte er zu vernehmen: ob er so tapffer fechten als großsprechen koͤnte? Die Deut- schen/ ob sie wohl weder ihreꝛ Pferde recht ge- pflegt hatten/ hielten fuͤr aͤrgsten Schimpff auf solche Ausfoderung sich nicht zu stellen; sonder- lich: da der bey ihnen als ein Gallischer Uber- laͤuffer sich einfindende Qvintus Sertorius sie hierzu verleitete/ und dem Marius alle ausge- fischte Anschlaͤge der Deutschen verkundschaffte- te. Daher fuͤhrten sie uͤber einen beschwerli- chen Berg ihr Heer dahin. Ehe nun Bojo- rich seine Schlacht-Ordnung recht gemacht hat- te; stiessen die Deutschen schon bey dem dicken Nebel auff die wider ihre Einbildung nahen Roͤmer; allwo Marius den rechten/ Sylla den lincken Fluͤgel fuͤhrte; Catulus mit seinem Volcke in der Mitten/ iedoch mercklich zuruͤ- cke stand. Denn Marius hatte mit Fleiß die Schlacht-Ordnung so sehr eingebogen/ und die aus seinen Legionen bestehenden Fluͤgel so weit herfuͤr geruͤckt; weil er entweder diesen we- gen schon wider den Teutobach befochtenen Sieges mehr trauete; oder weil er den Ruhm der Uberwindung ihm und den seinigen allein zuziehen wolte. Sintemahl diese Auslegung des Marius Ehrsucht/ jene seine Kriegs-Er- fahrung an Tag giebt. Wie denn seine An- stalt bald anfangs machte: daß Hertzog Clau- dicus eine gute Zeit die erste Hitze der Roͤmer allein aushalten muste/ biß das voͤllige Deut- sche Heer uͤberkam/ und in richtige Ordnung gebracht ward. Bojorich kam gegen den Ma- rius/ Cesorich gegen den Sylla/ Hertzog Lu- cius und Claudicus gegen den Catulus und Marcellus zu fechten. Bojorichs Helm hat- te nur einen/ sein Schild drey Loͤwen; Ceso- richs Helm einen Greiff/ sein Schild einen Och- sen-Kopff mit einem eisernen Rincken; des Claudicus Helm einen Drachen/ der Z z z z z 3 ein Sechstes Buch Schild ein auffgelehntes Pferd; des Lucius Helm einen weissen Adler/ der Schild einen Goldgekroͤnten Loͤwen mit einem guͤldenen Halsbande auff sich/ die Ritters-Leute auch ins gesamt hatten sich mit Loͤwen-Baͤr-Luchs und Wolffs-Haͤuten umhangen/ und ihre gefluͤgel- ten Helme mit grimmiger Thiere Rachen auß- geputzt; die Leiber mit Panzern/ die lincken Ar- men mit weiß-glaͤntzenden Schilden/ die Haͤn- de mit Lantzen/ grossen Schwerdtern/ und zwey- fach hauenden Aexten ausgeruͤstet. Das deut- sche Fußvolck war drey tausend sieben hundert und funffzig Schritte breit/ und zwar viereckicht gestellt. Die Helffte der in funffzehn tausend Mann bestehenden Reuterey/ welche bey denen Roͤmern in hoͤchstem Ansehen war/ und dersel- ben zum Gedaͤchtniße auch nach erlangtem Sie- ge die Stadt Eporedia erbauet ward/ fuͤhrte Bo- jorich hoͤchst kluͤglich nicht gerade auf die Stir- ne der Roͤmer/ sondern rechtwerts/ die andere Helffte Cesorich linckwerts ab; um das Roͤmi- sche Heer gleichsam zu umschluͤssen/ und in die Mitte zu bekommen. Der schlaue Marius aber merckte bald diese Kriegs-List; daher ruff- te er den gerade vorwaͤrts dringenden zu: der Feind fliehe; sie solten ihm also auff der Fer- sen folgen. Besser aber gluͤckte es dem Ceso- rich; welcher den Sylla zwischen sich/ und das deutsche Fußvolck bekam; und so hefftig zusetz- te: daß wenn ihm nicht die Numidische Reute- rey mit zwoͤlff Elefanten zu Huͤlffe kommen waͤ- re; welche in der deutschen Reuterey nicht weni- ge Unordnung verursachten; waͤre das Spiel zweiffelsfrey gantz verkehrt ausgeschlagen. Deñ ob wohl der verschmitzte Bojorich aus zusam- mengeneheten Ochsenhaͤuten deꝛogleichen unge- heure Thiere hatte nachbilden/ selbige durch dar- unter versteckte Kamele bewegen/ und durch ih- re Fuͤhrer gegen die Reuterey anfuͤhren lassen/ wormit die Pferde ihrer gewohnten; so uͤber- traff doch diese Warheit jene Nachaffung; und insonderheit war der starcke Geruch der Elefan- ten den Pferden zu wider/ und machten sie un- baͤndig. Gleichwohl meinten diesem Ubel zwey Bruͤder und deutsche Ritter zu begegnen; wel- che von ihren Voreltern schon wegen einer tapf- fern Huͤlffs-leistung den Nahmen Helffenstein uͤberkommen/ und in dem Jugurthischen Krie- ge gedienet hatten. Diese sprangen bey dieser Gefahr von Pferden/ ergriffen zwey daselbst ungefaͤhr liegende Wipffel von abgehauenen Baumen/ blaͤndeten damit die ersten zwey Ele- phanten/ und hieb der aͤltere dem einen die Schnautze ab; also: daß er alsofort umkehrte/ unter den Roͤmern selbst Trennung machte. Der juͤngere Helffenstein stach dem andern sein Schwerd unter dem Schwantze biß ans Hefft hinein: daß er mit seinem Thurme uͤber einen Hauffen stuͤrtzte. Dieser Beyspiele folg- ten zwey Norichische Ritter Dietrichstein und Wagensberg; welche mit vorwerts/ nach Art der Wein-Messer oder Sicheln gekruͤmmten Degen oder halben Sicheln zwey andern Ele- fanten die Schnautzen abhackten; derer einer a- ber von dem ergrimmten Thiere zertreten ward. Hieruͤber/ und nachdem etliche Elefanten-Lei- ter mit Pfeilen erlegt wurden/ kamen diese Thiere in Verwirrung/ die deutsche Reute- rey aber wieder in ihre Glieder; das Fußvolck auch beyderseits an einander; also: daß diese zwey/ oder vielmehr vier maͤchtige Heere an- fangs ein Rauschen des brausenden Meeres/ hernach aber ein Gethoͤne etlicher hundert Schmieden und Eisen-Haͤmmer fuͤrbildeten. Zwey Stunden waͤhrete die Schlacht: da die streitenden Hauffen fuͤr Nebel und Staube einander kaum erkiesen/ auch ein Fluͤgel/ was in dem andern fuͤrgieng/ schwerlich erfah- ren konten. Hernach aber druͤckte die Son- ne zu grossem Vortheil der Roͤmer den Nebel gleichsam in einem Augenblicke unter sich/ und eroͤffnete beyden Voͤlckern ein jaͤmmerliches Schauspiel; weil ihnen beyderseits so viel tau- send blutige Leichen von Menschen und Thie- ren Arminius und Thußnelda. ren ins Gesichte fiel; und also die Rachgier in ihren ohne diß verbitterten Gemuͤthern ver- groͤsserte. Bojorich unterließ nichts/ was ein kluger Feldherr/ und ein hertzhaffter Held aus- uͤben kan; und Marius bezeigte sich als ein Wunder in der Kriegs-Wissenschafft. Drey Stunden lang blieben beyde Schlacht-Ord- nungen noch unverruͤckt; ungeachtet der Wind mit erregtem Staube/ und zugleich die Sonne die Deutschen eine gute Zeit blendete. Denn Bojorich ließ den Hertzog Cesorich wissen: daß er mit dem lincken Fluͤgel und dem mittelsten Heere etwas gegen Westen weichen wolte/ um halben Wind und Sonne zu gewinnen. Da- her solte er mit dem rechten Fluͤgel feste stehen bleiben; welcher Anschlag auch gluͤckte; und wuͤrden die Roͤmer wie die Sonne/ welche die der Hitze ungewohnten Cimbern hefftig plag- te/ den Staub ins Gesichte bekommen haben: wenn nicht der Wind sich/ gleich als wenn selb- ter unter der Botmaͤßigkeit der Roͤmer/ und das Gluͤcke ihr angebohrnes Erbgut waͤre/ sich aber- mahls gewer det/ und aus Ost so starck zu wuͤ- ten angehoben haͤtte: daß die Deutschen fast kein Auge auffthun konten; sondern gleichsam blinde Fechter abgeben musten. Ob nun wolder Staub der deutschen Helden Augen verduͤsterte/ versehrte er doch nicht ihre Hertzen. Bojorich durchstach einen Roͤmischen Obersten Lucius Drusus; welchen er wegen sei- ner guͤldenen Ruͤstung fuͤr den Marius ansahe/ Hertzog Merodach verwundete den Catulus; und der verzweiffelte Fuͤrst Lucius riß einen Roͤ- mischen Adler zu Bodem; ward aber zu grossem Ungluͤck erstochen. Aber welche Großmuͤthig- keit mag gegen dem donnernden Verhaͤngnisse bestehen? Welche Riesen-Armen sind dem Win- de gewachsen; welcher auch hundertjaͤhrige Ei- chen mit ihren Wurtzeln ausreisset. Wer kan denen Pfeilen fuͤrbeugen/ die der Himmel selbst von seinen Bogen abscheust/ und uns ins Hertze richtet? Wer wil die Augen des Leibes und des Gemuͤthes gegen die uns selbst blaͤndende Gott- heit auffthun? Daher stuͤrtzte Hertzog Cesorich ohne seine Verwahrlosung mit dem Pferde in einen Graben/ und ward gefangen. Sylla erlegte mit eigener Faust seinen Bruder Uffo/ einen zwar hertzhafften Fuͤrsten; von welchem aber noch die besten Fruͤchte zu hoffen waren. Koͤnig Bojorich/ welcher ihm vorgesaͤtzt hatte zu sterben/ oder den Wind noch einmahl zu ge- winnen/ drang durch drey Roͤmische Hauffen wie ein Blitz/ und erlegte selbigen Tag eigen- haͤndig zwey und dreißig Feinde; aber er ward doch endlich durch eben so viel Wunden erleget. Worbey Marius das Gluͤcke hatte: daß er ihm die letzte/ und hiermit auch selbten vom Pferde setzte; welchem aber dieser Roͤmische Feldherr nachruͤhmte: Bojorich haͤtte wie ein Loͤw ge- fochten/ und seine Haut theuer verkaufft. Bey Entfallung dieser drey fuͤꝛnehmer Haͤupter mu- sten die von dem duͤrren Winde/ und der uner- traͤglichen Hitze der damahls im Loͤwen bren- nenden Sonne fast verschmachtenden und zer- schmeltzenden Deutschen nicht so wohl der Tu- gend der Roͤmer/ als dem Winde/ der Sonne und dem Verhaͤngniße aus dem Wege tre- ten/ und so gut sie konten sich in ihr Laͤger ziehen. Ein Theil derselben fluͤchtete sich auch in eine Wagenburg; in welche die Koͤnigin Hatta/ des Fennischen Koͤnigs Tochter/ die Fuͤrstin Leut- garde/ Kumißa/ Adela/ und etliche tausend ed- le Frauen und Jungfrauen ohne die gemeinen sich unter einem rauhen Berge engeschlossen hatten. An diese setzten zwey Roͤmische Legi- onen mit etlich tausend Balearischen Schuͤtzen an; weil Marius in einem Tage dem Cimbri- schen Kriege ein Ende machen wolte/ sie wur- den aber nicht so wohlvon der wenigen Mann- schafft/ als denen behertzten Weibern/ und zugleich denen starcken Hunden dreymahl zu- ruͤck getrieben. Als aber Marius endlich durch Pech/ Hartzt und Schwefel die Wagenburg in Brand brachte/ und sie sich verlohren sahen; schickte Sechstes Buch schickte die Koͤnigin Hatta an Marius/ und er- klaͤrte sich: daß/ da er ihre Keuschheit zur Ent- weihung beschirmen; sie auch zu Rom in dem Heiligthume der Vestalischen Jungfrauen be- wahren wolte; waͤren sie erboͤthig sich zu er geben/ und sich allen Vestalischen Gesetzen zu unter- werffen. Denn das deutsche Frauenzimmer setzte die Freyheit dem Leben/ die Keuschheit a- ber beyden fuͤr; welche/ wie sie hoͤrten/ zu Rom unter dem Nahmen der Vesta goͤttlich verehret wuͤrde. Ohne dieser Verunehrung koͤnte er ihrem an dem Kriege keine Schuld habendem Geschlechte ihre Bitte nicht abschlagen; welches er ohne diß nach uͤberwundenen Maͤnnern oh- ne Schimpff nicht bekriegen koͤnte. Zumal er ohne diß sich nur ihrer Leiber bemaͤchtigen koͤn- te. Denn diese waͤren nur in ihrer eigenen Ge- walt/ und ihrer Tugend kein Vortheil abzuja- gen. Derogestalt waͤre es ein weniges/ was er ihnen liesse; wenn er ihnen aber nichts gebe; wuͤr- de ihm auch von ihnen nichts zu statten kommen. Aber der rauhe Marius antwortete ihnen: die- ses Heiligthum waͤre fuͤr so wilde Weiber nicht gewiedmet. Dieses verursachte; daß sie im An- gesichte der Roͤmer ihre zarten Kinder an die Felsen und Wagen schmetterten; dieselben auch/ welche nicht zum fechten geschickt waren/ sich an die Baͤume auffhingen/ und hierzu an statt der Stricke ihre abgeschnittene Haare brauchten. Unter andern war eine edle Frau/ welche ihre zwey kleinen Soͤhne an ihre Fuͤße/ und sich mit ihnen an eine Deichsel hing; vor- gebende: daß nichts/ waran ihre Kinder hen- cken solten/ als diß/ worvon sie ihr Leben be- kommen/ wuͤrdig waͤre. Die uͤbrigen Frauen aber fielen die Roͤmer wie wuͤtende Thiere an; und geselleten ihren abscheidenden Geistern noch nicht wenig feindliche zu; halffen auch hier- durch: daß Hertzog Merodach/ weil Claudicus in der Flucht ebenfalls gefangen ward/ mit noch dreißig tausend Mann in die Lepontischen und Penninischen Alpen entrann. Deꝛ Deutschen waren siebzig tausend eꝛschlagen/ dreißig tausend gefangen. Auff Roͤmischer Seite blieben etli- che dreißig tausend; also sich uͤbeꝛ die Roͤmischen Geschichtschreiber zu verwundern; die sich nicht schaͤmen die deutsche Niederlage noch zweymal groͤsser zu machen; hingegen zu tichten: daß der Roͤmer nicht vor voll dreyhundert erlegt worden waͤren; da doch ihrer mehr als zweytau- send von Weibern erschlagen worden. Die Koͤ- nigin Hatta stach ihr selbst/ weil die Roͤmischen Befehlhaber sie nicht zu toͤdten/ sondern gefan- gen zu nehmen verordneten/ ihr eigenes Schwerd in die Bruͤste. Jhr Leib ward her- nach von denen gefangenen Barden mit Er- laubnis des Marius in eine nahe dabey befind- liche Hoͤle begraben; und zu ihrem Gedaͤchtniße in einen Felsen eingehauen: Als Hatta sich ersiach/ rieff sie: Schwerd/ Leiche Seele/ Seyd Zeugen meiner Scham/ beym Feinde/ Mann und Gott. So preist nun/ nicht beweint dieselbe/ welcher Todt Hat Zeugniß ausf der We l t/ im Himmel/ in der Hoͤle. Zu Rom war uͤber diesem Siege/ von dem die Roͤmer hernach aberglaͤubisch getichtet ha- ben: daß selbten eben selbigen Tag zwey mit Lorbern gekraͤntzte Juͤnglinge bey dem Heilig- thume des Castors und Pollux zu Rom ver- kuͤndiget haͤtten/ so grosse Freude: daß das Volck nicht nur den Goͤttern/ sondern auch dem Ma- rius opfferten; ja bey ankommender Zeitung kein Buͤrger in Rom war/ der ihn nicht unter die Zahl der Goͤtter rechnete. Der Rath mu- ste ihn aufs neue zum Buͤrgermeister bestaͤtigen; sein Geschlechte/ weil er eines Tageloͤhners Sohn war/ unter die Edelsten zehlen; ihn nach dem Romulus und Camillus den dritten Vater der Stadt Rom nennen/ und ein zweyfaches Siegs-Gepraͤnge ihm zueignen; wiewol er sich an einem/ darzu er auch den Catulus zum Ge- ferthen nahm/ vergnuͤgte; und dadurch etlicher massen die Verduͤsterung des Catulus entschul- digte/ dessen Heer ein und dreißig/ des Marius aber Arminius und Thußnelda. aber nur zwey deutsche Kriegs-Fahnen erobert hatten. Uber diß weiseten des Catulus Kriegs- Leute den Gesandten von Parma auf der Wall- statt: Daß fast alle Todten mit ihren Schuß- und Wurff-Pfeilen erleget waren; als welche sie mit des Catulus ihres Feld-Herrn Nahmen vorher bezeichnet hatten. Gleichwol aber schien es nicht wenig hochmuͤthig zu seyn: daß Ma- rius nach dem Beyspiele des uͤber Jndien sieg- prangenden Bachus bey seinem Einzuge in Rom eine Kanne in der Hand fuͤhrete; und den zehn Fuͤsse hohen/ und sich unter seiner Ruͤstung buͤckenden Koͤnig Teutobach mit guͤldenen Fes- seln fuͤr seinem Wagen herjagte. Hingegen baute er der Ehre und Tugend nur aus gemei- nen Steinen und auff baͤuerische Art/ gleich- sam der Bau-Kunst und den edlen Steinen/ o- der vielmehr dardurch gemeinten alten Ge- schlechten zu Hohne; Catulus aus Marmel/ a- ber ohne mindere Ehrsucht dem Gluͤcke einen Tempel; gleich als ob diß mehr/ als ihre Ta- pferkeit die Uhrheberin dieses Sieges waͤre. Wiewol sonst iederman insgemein die gluͤckli- chen Streiche seinem Witze/ die ungluͤcklichen dem Verhaͤngniße zuschreibt; und daher die sie- genden Feld-Herren stets fuͤr klug gepriesen werden; Die verspielenden aber durch tausend Zeugen nimmermehr ablehnen koͤnnen/ daß sie nicht was versehen haͤtten. Wormit nun der Adel sich bey dem gluͤcklichen Marius so viel mehr einliebte/ ließ der Roͤmische Rath auff den Berg Vogesus/ und zwar auff den Felß/ dar- auff Calphurnia geopffert worden war/ einen Ey-rundten Siegs-Tempel bauen; in dessen Mitte das Bild des Cimbrischen Sieges aus Corinthischem Ertzt auf einem marmelnen Fuß stand/ unter welchem der Brunn des Flusses Po herfuͤr qvall. Auff der Abend-Seite des Tem- pels stand das Bild seiner Tochter Calphurnia aus Alabaster/ auf einem ertztenen Begraͤbnuͤß- Maale; daran auswendig ihre Auffopfferung geetzt/ inwendig aber in einem guͤldenen Ge- schirre ihre Todten-Asche verwahrt war. Auff der Seite war im Ertzte zu lesen: Nach dem Calphurnia besiegt die Wollust hat/ Der rei n en Jungfrauschafft den kenschen Geist geweiht; Tilgt sie die Eigen-Lieb’ und weib’sche Zaͤrtlig keit/ Sie hemmt der Cimbern Sieg/ der Roͤmer Ungluͤcks-Rad/ Zertrennt der Feinde Macht und den Verhaͤngniß-Drat/ Bemeistert endlich auch Bergessenheit und Zeit/ Wenn sie fuͤrs Vaterland ihr Blut zum Opffer leiht Daß ihr gutwillig Tod umwende Krieg und Blat. Maͤßt/ Sterblichen/ ihr Thun nach ihrem Grabe nicht/ Die Asche vom Gestirn’ hat selber keinen Schein. Sie konte/ wenn man pruͤfft den Schatten und ihr Licht/ Lebendig nichts nicht mehr/ todt nichts nicht minders seyn. Doch ists genung: daß sie die Nachwelt nennen muß: Die Mutter der Stadt Rom/ ein Kind des Marius. Gegen Ost stand auff einem schwartz-mar- melnen Fuße das Bild des Marius aus weissen Marmel gehauen; in welchem der Bildhauer durch ein besonder Kunst-Stuͤcke eine rothe Adeꝛ zu dem sein Haupt umflechtenden Lorber-Cran- tze gebraucht hatte. Die drey Schlachten des Marius wider den Jugurtha/ die Teutoner und Cimbern/ wie auch die Auffopfferung seiner Tochter Calphurnia waren unten in Corinthi- sches Ertzt gegossen; in den marmelnen Fuß aber eingegraben: Die Marmel zanckten sich/ als Rom diß Bild geboth Zu fertigen; woraus es solte seyn gepraͤget? Der schwartze/ weil der Held die schwartzen Mohren schlaͤget/ Der weiße/ weil er schmeist die weißen Deutschen todt/ Der rothe/ weil er selbst fuͤr die gemeine Noth Den Goͤttern/ die erzuͤrnt/ der Tochter Blut fuͤrtraͤget. Biß daß Minervens Spruch den Zwist hat beygeleget: Der Fuß sey schwartz/ das Bild selbst weiß/ der Siegs-Krantz roth. Nun kuͤtzele der Neid sich uͤber diesem Bilde; Es sey von Lorbeern reich/ entbloͤsset aller Schilde/ Rom hab’ ihn nicht gezeugt/ kein Anherr steh’ dabe y . Die Thaten zeugens ihm zu aller Roͤmer Ruhme: Daß er mehr als ihr Kind/ des Adels Kern und Blu m e/ Des Kriegs-Gotts erster Sohn/ Roms dritter Vater sey. Am allermerckwuͤrdigsten aber war: daß die edelsten Geschlechter/ welche den Marius vor- her bey dem Jugurthinischen Kriege wegen ihm auffgetragener hohen Gewalt auffs eusser- Erster Theil. A a a a a a ste Sechstes Buch ste angefeindet hatten/ ihm ihre erste Stimme gaben: daß er solche Ehren-Maale durch seine Tugend verdient haͤtte. Also steiget diese end- lich so hoch: daß dem Neide das Gesichte ver- gehet; wenn er selbter nachsehen wil. Denn weil die Mißgunst nichts himmlisches an sich hat; sondern als ein geringer Dunst von der Er- den/ und aus niedrigen Thaͤlern entspringet; wird selbte von denen kraͤfftigen Sonnenstrah- len der Tugend bald untergedruͤckt. Ja wie der Schatten der Erde mit seiner Verfinste- rung nur den niedrigen Monden/ nicht die hoͤ- hern Gestirne erreichet; also muß die Miß- gunst auch alle die unversehret lassen: welche durch ihr Verdienst sich in so hohen Stand ver- setzt haben: daß mit ihnen sich niemand verglei- chen kan. Wie nun die Uberbleibung von des Koͤnig Teutobachs Heere; welche sich in den Alpen zu verstaͤrcken vermeinten/ auch die ungluͤckliche Schlacht Koͤnig Bojorichs vernahmen; liessen sie die Hoffnung den Roͤmern einiges Land ab- zuzwingen fahren; kehrten sie zuruͤcke an den Rhein/ an welchem sie sechstausend Mann mit ihrem schwersten Geraͤthe zuruͤcke gelassen hat- ten. Alldieweil aber ihnen die Deutschen/ in- fonderheit aber die Bojen keinen Sitz erlauben wolten; sondern man allenthalben ihnen mit Heereskrafft begegnete: nahmen sie ihren Weg an der Maaß hinunter; und setzten zwischen der Schelde und dem Fluße Sabis bey ihren daselbst vorhin schon eingesessenen Landes-Leu- ten denen Adualichern festen Fuß. Ein Theil darvon aber ward von denen Celtiberiern auff- genommen; welche hernach den Roͤmern in Hi- spanien genung zu schaffen machten. Denn sie redeten die Lusitanier auff: daß sie wider den Cornelius Dolabella die Waffen ergriffen/ als auch sie geschlagen/ und etliche hundert nach Rom gefangen gefuͤhrt; und in den Schauplatz wieder Loͤwen und Elefanten zu kaͤmpffen ge- bracht wurden; redete sie ein einiger darunteꝛ be- findliche Deutsche auf: daß sie durch freywilligen Kampff einander selbst aufrieben. Nichts min- der lehnten sich die Celtiberier mit ihnen gegen die Roͤmer auf; und uͤberfielen sie in der Stadt Castulo. Daher die Roͤmer zehn Gesandten in Hispanien zu schicken genoͤthiget wuꝛden. Wie- wol auch Titus Didius wieder die Vacceer und Termestiner gluͤcklich fochte; so hem̃ten doch die- se gewaltig den Lauff seiner siegenden Waffen; und strafften die an der Stadt Colenda verraͤ- therisch ausgeuͤbte Mord-Lust. Nasica wuͤtete zwar nach ihm auff etliche Gefangene/ und aͤ- scherte unterschiedene Staͤdte ein; goß aber dar- durch nur mehr Oel ins Feuer; biß Cajus Va- lerius durch Erlegung wol zwantzig tausend Celtiberier solches auff eine zeitlang stillete. Ein Theil der Deutschen ward auch von den Ten- eterern bewirthet; welches an dem Rheine un- terhalb dem Flusse Segus eine Stadt nach dem Nahmen der Teutoner baute. Hertzog Merodach aber zohe mit des erschla- genen Koͤnigs Bojorich uͤber die Penninischen Alpen entronnenen Cimbern zu ihren Landes- Leuten denen Scordiskiern in Pannonien und Thracien; welche die Roͤmer in verwichenen Kriegen entweder aus Jllyricum vertrieben/ o- der sie zum Pfluge verdam̃t hatten. Durch diese neue Verstaͤrckung aber streckten die Scordis- kischen Deutschen abermahls die Hoͤrner von sich; unterwarffen ihnen die Avtariaten/ die Tri- ballier/ alle Eylande in Jster/ und erweiterten die zwey Haupt-Staͤdte Heorta und Capedun. Ja Hertzog Merodach/ dessen Hertze von un- ausloͤschlicher Rache gegen die Roͤmer kochte/ nahm den Roͤmern die Stadt Syrmium ab/ schlug den Cajus Geminius auffs Haupt; und eroberte alles/ was die Deutschen zwischen der Sau und Drave verlohren hatten/ verwuͤstete Macedonien mit Feuer und Schwerdt. Und/ weil Marius unter denen zwoͤlff der Calphur- nia geopfferten Jungfrauen auch seine Schwe- ster mit verbrennt/ und zu Rom dem Jupiter sieben edle Deutschen geschlachtet hatte; ließ er hundeꝛt gefangenen edlen Roͤmern uͤber einem Kessel Arminius und Thußnelda. Kessel gleicher Gestalt die Gurgel abschneiden; das Blut auff die Altaͤre giessen; aus ihren mit Gold eingefasten Hirnschaͤdeln aber Trinck ge- schirre bereiten. Weßwegen zu Rom nicht nur ein Rathschluß gemacht ward: daß weder eini- ge Roͤmer noch ihꝛe Bundgenossen Menschen- Blut opffern solten; sondern es erregte auch des Geminius Niedeꝛlage abeꝛmals grosses Schre- cken; sonderlich: weil kurtz vorher der Rathsherꝛ Manilius angedeutet hatte: daß der zeither ge- lebte Gluͤcks-Vogel Phoͤnix sich eingeaͤschert; und darmit die Eintretung eines neuen und grossen Welt-Jahres angekuͤndigt haͤtte/ wel- ches die merckwurdigsten Veraͤnderungen nach sich ziehen wuͤrde. Die empfindlichste Wunde aber versetzten den Roͤmern die vierzigtausend Deutschen; wel- che Marius in dem mit dem Koͤnige Teutobach und Bojorich gefuͤhrten Kriege gefangen/ und hernach durch gantz Jtalien fuͤr Knechte ver- kaufft hatte. Denn nach diesen Siegen verfiel Rom in Wolluͤste und Laster; gleich/ als weñ ihr gluͤcklicher Wolstand keiner Tugend mehr be- noͤthiget waͤre; oder bey dem Wechsel des gros- sen Welt-Jahres die Boßheit nicht nur die Far- be/ sondern auch die Guͤte der Tugend uͤberkom- men haͤtte. Daher ermordete Malleolus seine Mutter. Der thoͤrichte Apulejus warff sich fuͤr einen Koͤnig wieder den Roͤmischen Rath auff. Der grausame Rabirius setzte sein vom zerstuͤck- ten Leibe gerissenes Haupt auff etlichen Gast- mahlen zum Schau-Gerichte auff. Der hof- faͤrtige Claudius fuͤhrte grausame Schauspiele und Streite wieder Elefanten; und Sylla ein Gefechte von hundert Loͤwen ein. Crassus und Domitius brachten durch uͤbermaͤßige Zah- lung der Haͤuser/ Trinck geschirre und Baͤume/ wie auch durch Betrauerung fremder Fische nichts minder die Verschwendung/ als Eitelkeit in Schwung. Am meisten aber druͤckte der Ehr- suͤchtige Marius durch seine uͤbrige Gewalt die Buͤrger. Der redliche Metellus muste ihm aus Rom weichen. Der ehrliche Rutilius ward ins Elend verjagt; und ihm sein Vermoͤgen un- rechtmaͤßig abgesprochen. Derunruhige Dru- sus erschoͤpfte dem Marius zu Liebe durch Ein- fuͤhrung des Gracchischen Acker- und Brodt- Gesetzes die gemeinen Einkuͤnffte; brachte duꝛch das versprochene/ hernach aber nicht gewehrte Roͤmische Buͤrger-Recht die meisten Voͤlcker wieder Rom in Harnisch. Denn diese/ insonder- heit aber die von den Deutschen entsprungenen Marsen/ und die mit den Vojen/ Liebiciern und andern Deutschen fuͤr Alters verbundenen und befreundeten Samniter ruͤhmten sich: daß sie durch ihr Blut die Cimbern und Teutonen zu- ruͤck getrieben/ das Roͤmische Reich so groß ge- macht/ nichts anders aber zu Lohne haͤtten: als daß man sie veraͤchtlicher/ deñ einen Roͤmischen Freygelassenen hielte; welches die redlichsten uñ verstaͤndigsten Buͤrgeꝛ in Rom selbst als Unrecht verdammten. Pompedius Silo der Marsen Fuͤrst/ und der fuͤꝛnehmste Uhrheber dieses Weꝛ- ckes hatte deßhalben mit den Zunfftmeistern in Rom vertrauliches Verstaͤndniß; schrieb ihnen als eine heilsame Eriñerung zu: daß die Roͤmer niemahls uͤber/ auch nie ohne die Marsen einen hauptsaͤchlichen Sieg erlangt haͤtten; beschwer- te sich zum ersten bey den Nachbarn hier uͤber; uñ daß man den ihrer gerechten Sache beypflich- tenden Drusus deßhalben mit einem Schuster- kneip meuchelmoͤrderisch erstochẽ haͤtte. Hieꝛmit bꝛachte er es so weit: daß die Pelignische Gꝛaͤntz- Stadt Corfinium zum Haupte Jtaliens erklaͤ- ret/ zwey gemeine Buͤrgermeister/ zwoͤlff Voͤg- te/ und ein grosser Rath von fuͤnff hundert Glie- dern erwehlet ward. Dieser erklaͤrte alsbald alle dienstbare Deutschen auff den Fall/ wenn sie einen aus den Feinden erlegt haben wuͤrden/ frey; und gewannen dardurch uͤber zwantzig tausend streitbare/ und fuͤr den Gewinn der Freyheit begierig aufopffernde Kriegs-Leute. Das erste Merckmal ihrer Danckbarkeit zeig- ten sie zu Asculum an dem Flusse Truen- tus. Denn als Cneus Pompejus solche Stadt mit Gewalt stuͤrmte/ und die Einwohner A a a a a a 2 sich Sechstes Buch sich mit Fleiß einer verzagten Gegenwehr ge- brauchten/ und nur schwache alte Greise auff die Zinnen stellten; fielen tausend Deutsche und tausend Asculaner heraus/ und jagten die Roͤ- mer mit Verlust alles Sturm-Zeuges und vie- len Volckes hinweg. Die Lucaner nahmen den Sulpitius Galba gefangen; Aus dem Roͤ- mischen Laͤger ward dem Fuͤrsten Selo alles verkundschafftet. Und ob wol die Lateiner/ Hetrusker und Umbrier auff Roͤmischer Seite blieben; Aus Asien auch Huͤlffs-Voͤlcker anka- men; so legte doch der einigen deutschen Bey- satz denen Marsen und Samnitern ein solch Gewichte bey: daß jene den Buͤrgermeister Rutilius Lupus/ Judacilius/ Afranius und Ventidius den Pompejus Vettius Cato mit den Samnitern den Buͤrgermeister Lucius Julius aus dem Felde schlugen/ sie belaͤgerten/ die Stadt Venafruno und Nola einnahmen/ und den Licinius Crassus zu weichen/ ja noch viel bey den Roͤmern stehende Voͤlcker abzu- fallen noͤthigten. Der Buͤrgermeister Ruti- lius trennte sich zwar vom Marius; und mein- te denen ihm an dem Flusse Telonius gegen uͤ- ber liegenden Marsen einen gewaltigen Streich zuversetzen. Vettius Cato aber krieg- te hiervon Nachricht; versteckte also vier tausend Deutsche in ein Thal; welche/ nach dem er vor- her dem Rutilius eine zeitlang tapffer gefoch- ten/ den Roͤmern theils in Ruͤcken gehen/ theils die Bruͤcke abbrachen; und den Buͤrgermeister mit acht tausend Roͤmern erschlugen; ohne die in der Flucht im Strome ersoffen. Der Roͤmi- sche Rath ließ hierauff zwar den Marius die Helffte seines Heeres dem Cepio zutheilen; der Marsen Fuͤrst Silo aber verleitete diesen un- vorsichtigen Juͤngling durch Uberlieferung zweyer gemeiner/ aber fuͤr seine Kinder ausge- gebener Knaben/ wie auch durch vieler mit Gold und Silber uͤberzogeneꝛ Bley-Platten in sein gestelltes Netze; darinnen Cepio mit zehn- tausend Roͤmern von den Deutschen und Mar- sen gleichsam als Vieh abgeschlachtet wurden; Weil die Roͤmer wegen der sie auff allen Sei- ten anfallenden Feinde ihre Waffen zu zuͤcken weder Raum noch Zeit hatten. Die daruͤber bekuͤmmerten Roͤmer folgten hierauf dem Bey- spiele ihres Feindes; machten daher aus denen gefangenen Deutschen auch zehen tausend Kriegs-Leute; und liessen sie nebst so viel Africa- nischen Reutern zu des Buͤrger meisters Lucius Julius Caͤsars Legionen stossen. Hingegen putzte der Samniter Fuͤrst Papius den zu Ve- nusia verwahrten Sohn des Jugurtha Oxyn- ta als einen Koͤnig aus; und verursachte: daß das Africanische Kriegs-Volck meist zu ihm uͤ- berlieff; Worauff er denn auch die Stadt Eser- nia eroberte. Julius wolte die vom Papius be- laͤgerte Stadt Acerre zwar entsetzen; Marius Egnatius aber erschlug ihm daruͤber dreyßig tausend Roͤmer. Jedoch raͤchete solches Ma- rius und Sylla an den Marsen; welche der erstere wegen allzugrosser Sicherheit uͤberfiel und zertrennte/ der andere aber in ihrer Flucht ihnen noch groͤssern Schaden zufuͤgte. So bald aber Fuͤrst Silo nur die fuͤr Acerre gewesenen Cimbern wieder zu sich bekam; both er nicht al- lein dem Marius wieder die Stirne; sondern beschloß ihn auch in seinem Laͤger/ ritt unter den Wall an die Pforte/ und ruffte ihm zu: daß weñ er ein so grosser Feld-Herr waͤre/ solte er heraus ruͤcken. Welchem Marius nur antwortete: Wenn Silo ein kluger Feld-Herr waͤre/ wuͤr- de er ihn nicht noͤthigen wider Willen zu schla- gen. Durch welchen Krieg also die Roͤmer nicht nur zu Hause gekraͤnckt; sondern auch fast all ihr Ansehen in Asien ausgelescht/ und die Sa- luvier in Gallien wider Rom auffzustehen ver- anlaßt; iedoch diese vom Cajus Coͤcilius wieder bestillt wurden. Marius wagte zwar endlich denen Marsen und Deutschen eine Schlacht zu lieffern; er ward aber mit Verlustin sein Laͤ- ger getrieben; Und waͤre diß zugleich erobert worden: Wenn die Peligner die schon den Wall behaupten- Arminius und Thußnelda. behauptenden Deutschen nicht allein im Sti- che gelassen haͤtten. Westwegen Marius den Roͤmern nicht nur ihre Zagheit mit diesen Wor- ten verwieß: Die Marsen haͤtten nicht der Roͤ- mer Ruͤcken/ diese aber nicht jener Antlitz ver- tragen koͤnnen; sondern auch bey seinem dero- gestalt verwaltenden Geluͤcke mit vorgeschuͤtzter Unpaͤßligkeit abdanckte. Weil nun ie laͤnger ie mehr Voͤlcker in Jtalien von Rom abfielen; muste der Roͤmische Rath sein Heer mit Frey- gelassenen verstaͤrcken; und durch einen Rath- schluß/ welcher allen in unverruͤckter Treue verbliebenen das Roͤmische Buͤrger-Recht ver- lieh/ dem gantzen Abfalle Jtaliens einen Riegel vorschieben. Julius schlug hierauff zwar die Samniter/ Cneus Pompejus die Marsen/ Boͤ- bius belaͤgerte Asculum/ und der solchen durch das Roͤmische Lager zu Huͤlffe hinein dringende tapffere Kriegs-Held Judacil/ welchen aus den gefangenen Cimbern die Apulier und Picentes zu ihrem Heerfuͤhrer gemacht hatten/ verbrenn- te sich nach ausgetrunckenem Giffte in dem herrlichsten Tempel daselbst; weil er unter den zaghaften Asculanern laͤnger zu leben uͤberdruͤs- sig ward. Allein die Bundgenossen der Latei- ner/ Marsen und Deutschen wurden dardurch nur mehr verbittert als geschwaͤchet/ und die Roͤmer gezwungen durch den Plautius und Carbo ein neu Gesetze zu machen: daß alle zu denen mit Rom verbundenen Staͤdten gehoͤri- ge Einwohner Jtaliens/ die sich in sechzig Ta- gen anmelden wuͤrden/ fuͤr Roͤmische Buͤrger angenommen werden solten. Diß aber halff noch wenig zur Sache. Die Skordisker und Thraeier hauseten in Macedonien nach Gefal- len. Die Krieges-Zucht verfiel in den Roͤmi- schen Heeren. Jhr Gebieter auff der Kriegs- Flotte Posthumius Albinus ward von gemei- nen Knechten ermordet; Gleichwol aber muste Sylla durch die Finger sehen. Jedoch erlang- te er durch das ihm gleichsam vermaͤhlte Geluͤ- cke wider die Peligner und Samniter zwey herrliche Siege; zu derer erstern die Vermes- senheit eines trunckenen Cimbers; welchen auff seine oͤfftere Ausforderung ein Mohr mit ei- nem Pfeile erschoß; und dardurch als eine An- deutung kuͤnfftiger Niederlage das gantze Pe- lignische Heer kleinmuͤthig machte. Zum an- dern aber der Aberglaube Ursache gab: weil/ als Sylla opfferte/ unter dem Altare eine Schlange herfuͤr kroch; welches die Roͤmer als ein gewisses Sieges-Zeichen zur Tapfferkeit nicht wenig auffmunterte. Hingegen aber ward der Buͤrgermeister Lucius Portius/ als er der Marsen und Deutschen Lager an dem Fu- cinischen See stuͤrmte/ und Aulus Gabinius von Lucanern erschlagen. Und ob wol die Hir- pnier und Samniter hin und wieder einbuͤßten; Asculum auch an die Roͤmer uͤbergieng; gieng doch der unverzagte Selo mit seinen Deutschen dem Mamercus Emilius tapffer unter die Au- gen/ und nahm die Stadt Boviam ein. Weß- wegen ihm fast gantz Jtalien ein herrliches Siegs-Gepraͤnge bereitete. Die Bundsge- nossen suchten zwar durch eine Bothschafft den Pontischen Koͤnig Mithridates mit in ihr Buͤndniß wieder Rom zu ziehen/ aber sie konten von ihm keine gewisse Entschluͤssung erhalten; Gleichwol aber legten sie zu seiner hernach ge- gen Rom ausgeuͤbten Feindschafft gleichsam den ersten Stein. Sintemahl er dem Sothimus der Scordiskischen deutschen Koͤnige heimlich in Ohren lag/ und durch Geschencke ihn dahin brachte: daß er die Roͤmischen Kraͤffte durch un- auffhoͤrliche Einfaͤlle in Macedonien zertheilte. Durch dieses und die zwischen dem Sylla und Marius erwachsende grausame Zwytracht ward Rom endlich genoͤthiget anfangs den ta- pferen Marsen/ und denen mit ihnen vermisch- ten Cimbern und Teutonern/ hernach allen Voͤlckern Jtaliens das durch so vieles Blut be- fochtene Roͤmische Buͤrger-Recht zu geben; wel- ches aber bald mit viel blutigen Stroͤmen ver- saltzen und besudelt ward. Denn in dem durch A a a a a a 3 den Sechstes Buch den Sylla und Marius entsponnenen buͤrger- lichen Kriege ward vom Morden nicht ehe auf- gehoͤret/ als biß niemand fast zu erschlagen uͤbrig war; weil beyder Ehrsucht von so vielem Blute mehr erhitzet; ihr Rachgier aber nicht gesaͤttiget ward. Dahero tranck Sylla das Blut der Roͤ- mischen Buͤrgermeister aus guͤldenen Geschir- ren; Marius aber setzte die Koͤpffe der Raths- Herꝛen zu Schau-Gerichten auff seine Tafel. Catulus verschlang gluͤende Kohlen; und der Priester Merula bespritzte mit dem Saffte sei- ner zerkerbten Adern die Augen des Jupiters. Mucius Scevola der hohe Priester aͤscherte sei- nen Leib uͤber dem Vestalischen Feuer ein; ehe sie den Grimm dieser Tiger erwarteten; welche das Rath-Hauß zu einer Schlacht-Banck/ die Tempel zu Mord-Gruben/ das Capitolium zum Stein-Hauffen machten. Also: daß dieses mahl/ da die Roͤmer nicht in ihre eigene Glieder aͤrger als wuͤtende Woͤlffe raseten; ja die Rase- rey nicht auffhoͤrte/ als die zwey Tod-Feinde Sylla und Marius gleich in zwey feindliche Graͤber/ jener nehmlich ins Feuer/ dieser ins Wasser verscharret war; die Deutschen ihre Ra- che gegen die Roͤmer durch ihre gaͤntzliche Ver- tilgung unschwer haͤtten ausuͤben koͤnnen; wenn nicht die Deutschen theils mit den Galliern/ theils unter sich selbst taͤglich einander in Haaren gelegen/ und insonder heit zwischen dem Cherus- kischen Hertzoge Aembrich/ und dem Alemaͤn- ner Koͤnige Ariovist ein grausamer Krieg ent- brant waͤre. Gleichwol mag ich nicht verschwei- gen: daß unter beyden kriegenden Theilen der Roͤmer/ die Deutschen die Hand mit im Spie- le gehabt haben. Unter welchen ich alleine er- wehnen wil eines Marsingischen Ritteꝛs Schoͤ- neich; welcher vom Marius in der mit dem Koͤ- nige Teutobach gehaltenen Schlacht gefangen/ und nach der Stadt Minturne an dem Flusse Liris verkaufft worden war. Dahin fluͤchtete sich auch der aus Rom vom Sylla vertriebene Marius; welchen der Roͤmische Rath durch of- fene Befehl zu toͤdten bey Verlust des Lebens anschaffte. Als diese Verordnung nach Min- turne/ wo Marius sich in einer geringen Huͤt- te aufhielt/ ankam; war der Stadt-Rath zwi- schen Thuͤr und Angel; weil dieser dem Befehl zu wiederstreben/ gleichwol aber den so hoch ver- dienten Marius/ der sechsmahl Buͤrgermeister gewest war/ hinzurichten billich anstand. Daher versprach der oberste Raths-Herr zu Mintur- ne/ der den Deutschen leibeigen gekaufft hatte/ ihm die Freyheit; da er einen vom Roͤmischen Rathe verdam̃ten Menschen in der ihm gezeig- ten Huͤtte ins geheim niedermachen wuͤrde. Schoͤneich/ der in denen Gedancken lebte: daß dieser ein frecher Ubelthaͤter waͤre/ welchen sie anzutasten fuͤrchteten/ ging behertzt in die Huͤt- te/ und fand den Marius schlaffend. Weil er a- ber sein verdecktes Antlitz vorher sehen wolte; polterte er mit Fleiß um ihn zu erwecken. Wie nun der Schlaffende hieruͤber aufffuhr/ und der Ritter ihn fuͤr den grossen Marius erkennte; warff er seinen Degen zu Boden; lieff ohne einiges Wort zuruͤcke/ und meldete seinem Her- ren an: Er begehrte seine Freyheit durch den Meuchelmord eines so tapffern Heldens nicht zu erkauffen; noch sich mit desselben Blute zu besudeln/ aus dessen Augen feurige Strahlen gegangen/ und etwas mehr/ als Menschliches geleuchtet haͤtte. Dieses bewegte den Rath: daß sie den Marius/ welchem ohne diß aus sieben in die Schoß gefallenen jungen Adlern gewahr- sagt worden war: er wuͤrde siebenmahl zu Rom Buͤrgermeister seyn/ aus der Stadt zwischen die Minturnischen Pfuͤtzen fuͤhrten/ von dar er auff einem Fischer-Kahne entkam; und in dem Abraume der eingeaͤscherten Stadt Carthago den Wechsel des ungetreuen Gluͤckes seuffzende uͤberlegte. Von dar er aber/ als Sylla wider den Mithridates kriegte/ wieder nach Rom kam/ zum siebendenmal Buͤrgermeister ward/ in die- ser Wuͤrde starb/ und die Nachwelt zweiffelhafft ließ: Ob er im Kriege mehr genutzt/ oder im Friede mehr geschadet habe. Bey diesen gefaͤhrlichen Anstoͤssen hatten die Deutschen Arminius und Thußnelda. Deutschen in Galatien zwar fuͤr den Roͤmern Ruh; allein es gieng ihnen in der Naͤhe/ und fast uͤber ihrem Wirbel am grossen Pontischen Koͤnige Mithridates ein grausamer Schwantz- Stern auff. Diese seine Eigenschafft ward durch einen so wol seiner Geburt/ als Herr- schafft vorleuchtenden Schwantz-Stern von dem Himmel selbst angedeutet; der wol siebzig Tage mit seiner feurigen Rutte der Welt ge- draͤuet/ ja das vierdte Theil des Himmels ein- genommen/ und den Glantz der Sonne selbst unter gedruͤckt haben soll. Sein Vater Mi- thridates hatte den Roͤmern wider den Aristoni- cus Beystand geleistet/ und dardurch den Nah- men eines Roͤmischen Bundgenossen/ wie auch das groͤssere Phrygien erworben; ward aber in der von seinem Vater Pharnaces eroberten Stadt Sinope von den Seinigen ermordet. Dem jungen nuꝛ eilfjaͤhrigẽ Mithridates ward von seinen Vormuͤnden selbst mit Gifft und Schwerdt nachgetrachtet; welches ihm die Er- lernung der Kraͤuter-Wissenschafft die Erfin- dung eines kraͤfftigen Gegengiffts an die Hand gab; und verursachte: daß er vier Jahr unter keinem Dache schlieff; sondern in Waͤldern und Gebuͤrgen wohnte/ also Leib und Gemuͤthe zur Arbeit und Tugend abhaͤrtete. Hiernechst lernte er wol zwey und zwantzig Sprachen; fuͤr welche Wissenschafft ihm sein vom Flusse Halys biß an Armenien sich erstreckendes Reich viel zu en ge war. Daher er bey angetretener Herrschafft sich zum Herren aller der Voͤlcker zu machen luͤstern ward/ mit welchen er reden konte. Wor- mit er nun weder denen maͤchtigen Roͤmern/ noch den Asiatischen Nachbarn keinen Arg- wohn wieder sich erregte/ machte er mit diesen Buͤndniße/ verknuͤpffte sich mit den Deutschen in Galatia/ Thracien/ und denen Bastarnen; setzte hierauff uͤber das Euxinische Meer in das Asiatische Sarmatien/ nahm daselbst die Stadt Gorgippia/ Hierus/ ja alles disseits des Berges Corax von dem Flusse Jcarusa biß an die Cim- merische Meer-Enge in einem Sommer ein. Der Galatischen Deutschen Fuͤrst Herrmann/ welcher zum ersten festen Fuß gesetzt hatte/ baute daselbst am Munde des Flusses Psychrus nach seinem Nahmen die Stadt Hermonassa. Fol- genden Feldzug richtete er wieder den Antipa- ter Sisis den Fuͤrsten in Colchis/ zwang ihn auch ihm sein gantzes Gebiete abzutreten. Als er sich nun derogestalt von seiner Pontischen Graͤntze an biß an den Fluß Corar Meister gemacht hatte; brachte er es durch den Ruhm seiner Tapfferkeit dahin: daß die in dem Tau- rischen Chersonesus bey dem Parthenischen Vorgebuͤrge von denen aus der Pontischen Stadt Heraclea uͤberfahrenden Handels-Leu- ten erbaute/ und von den Scythen erweiterte Stadt Chersonesus ihn als ihren Schutzherren zu Huͤlffe rufften; weil sie der Scythen Ge- walt nicht mehr gewachsen war. Wie nun der- gleichen Beruff der scheinbarste Vorwand/ und das sicherste Mittel ist/ sich fremder Laͤnder zu bemaͤchtigen. Also wuste der verschmitzte Mi- thridates sich auch unter dem Scheine anderer Beschirmung sein Gebiete meisterlich zu ver- groͤssern. Der Chersonesische Koͤnig Scilurus mit seinen 80. streitbaren Soͤhnen machte ihm zwar eine Weile ziemlich zu schaffen; Aber nach dem er den Fuͤrsten Palack auffs Haupt geschla- gen/ und wol dreyßig seiner Bruͤder gefangen/ muste nur dieses Reich sich unter Mithridatens Bothmaͤßigkeit niedersencken. Der benachbaꝛte Bosphorische Koͤnig Perisades hatte nicht ein- mal das Hertze den Degen zu zuͤcken; sondern er- keñte alsofoꝛt Mithridaten fuͤr seinẽ Oberherꝛen. Der sich aus der Schlacht fluͤchtende Palack brachte zwar zu wege: daß der zwischen dem Ri- pheischen Gebuͤrge deꝛ Meotischen See/ denen Fluͤssen Buges und Poꝛytus herꝛschende Koͤnig der Roxolaner Tasius mit 50000. außerlesenen Kriegsleuten biß an die Land-Enge des Cherso- nesus einbrach/ und die Stadt Taphre eroberte; so hegegnete ihnen doch Mithridatens Feld- Oberster Sechstes Buch Oberster Diaphantus mit zwantzigtausend wol- gewaffneten Maͤñern/ gegen welche der Roxo- laner Ochsen-haͤutene Helme/ und von Wieten geflochtene Schilde nicht den Stich hielten/ de- rogestalt: daß Tansius kaum mit tausend Pfer- den entkam. Diophantus baute hierauff dem Mithridates zu Ehren an den Tamyracischen Seebusem die Stadt Eupatorium; und von solchem Buseme in der Enge eine Mauer biß an den Bycesischen See; wordurch den Roxo- lanen und andern Scythen aller Einfall ge- nungsam verwehrt ward. Mithridates selbst segelte uͤber die Meotische See/ und nahm an dem Einflusse des Tanais die beruͤhmte Han- dels-Stadt Tanais/ an der See die Staͤdte Patarre/ Azara/ Tyrambe/ Gerusa und Cim- merium ein; wordurch er gleichsam beyder Meere/ und des Asiatischen Thraciens Mei- ster ward/ ja gleichsam die Brodt- und Saltz- Kammer fuͤr Grichenland und Asien in seine Haͤnde bekam. Sintemahl alleine der Cher- sonesus ihm jaͤhrlich hundert und achzig Mal- ter Getreyde und zweyhundert Talent Silber zinsete. An Schiffen und Volcke aber ward er so reich: Daß er nunmehr funffzig tausend Reuter/ und drittehalb hundert tausend Fuß- Knechte auff den Beinen/ vier hundert Kriegs- Schiffe im Wasser hatte; welche biß an die Saͤulen des Hercules die Meere durchkreutz- ten/ und viel Orte mit Hunger und Raub plag- ten. Die Tauroscythen zwischen dem Fluße Pacyris und Pantycapes wurden zwar uͤber dieser maͤchtigen Nachbarschafft eyversuͤchtig/ und banden mit dem Mithridates an; Aber er ward derselben durch den Vortheil der Waf- fen und die Kriegs-Wissenschafft seines geuͤb- ten Heeres/ welches Neoptolemus fuͤhrte/ nach zweyen Schlachten maͤchtig. Diese fast uneꝛhoͤꝛ- te Siege verstaͤrckten seine ererbte Macht wol zehenfach; noch mehr aber vergroͤsserte sie der Ruhm von dem grossen Mithridates bey allen Nord-Voͤlckern. Sintemahl alle zwischen dem Borysthenes und dem Thracischen Bos- phorus wohnenden Voͤlcker mit ihm sich in Buͤndniß einliessen. Dieser seiner Herrsch- sucht aber strich er eine scheinbare Farbe durch angenommene Andacht an; indem er nicht nur in das eroberte Eyland Macra des Achilles; sondern mit Zulassung seiner Bundsgenossen an dem sich mit dem Hippanis vermaͤhlend en Boristhenes der Ceres/ und an des Axiaces Ein- flusse des Neoptolemus Tempel erbaute; wel- che aber Festungen aͤhnlicher/ als Heiligthuͤ- mern waren; Dadurch er denen benachbarten Voͤlckern einen Kapzaum anlegte. Weil nun sein endlicher Zweck war die Roͤmische Macht als die bißherige Schiffbruchs-Flotte aller Machten uͤber einen Hauffen zu werffen; schick- te er einen Fuͤrsten der Galatischen Deutschen in Deutschland und Gallien/ machte mit selbten ein geheimes Buͤndniß: daß wenn er mit den Roͤmern brechen/ und in Griechenland einfal- len wuͤrde/ sie uͤber die Alpen dringen solten. Wie er diß alles derogestalt auff festen Fuß ge- setzt; insonderheit die streitbaren Scythen und Deutschen unter seinen Krieges-Fahnen hatte/ meinte er es nun Zeit zu seyn gegen seine Nach- barn loß zu brechen. Zumahl die Koͤnige in Syrien und Egypten durch innerlichen Krieg und Mord sich selbst derogestalt abmergelten: daß diese vorhin so grosse Sternen nunmehr schlechte Lichter in aller Nachbarn Augen wa- ren. Damit die Roͤmer ihm auch nicht bald in die Karte sehen moͤchten/ schickte er eine Bothschafft mit vielem Gelde nach Rom/ dar- durch er die meisten Raths-Glieder bestach. Und weil Apulejus Saturninus solches merck- te/ die Gesandten auch nicht hoͤflich genung em- pfing; waͤre er seines Kopffs verlustig worden; wenn nicht der Poͤfel ihn dem Urthel des Raths durch Dreuung entrissen haͤtte. Unterdessen machte er mit dem Koͤnige Nicomedes einen Vertrag; daß sie Paphlagonien einnehmen und mit einander theilen wolten; welches denn auch Arminius und Thußnelda. auch wegen ermangelnden Hauptes auszuuͤben sie wenig Muͤh und Zeit kostete. Biß hieher waren die deutschen Mithridates treue Werck- zeuge seiner vielen Siege gewest; als er aber so nahe Galatien grasete/ fingen sie an den grossen Schotten zu empfinden/ mit dem dieser maͤch- tige Riese sie zu daͤmpffen anfing/ und also ihrer Schantze durch klugen Argwohn wahrzuneh- men. Marius kam hieruͤber unter dem Scheine eines der Cybele im Cimbrischen Kriege zu bau- en gelobten Tempels in Asten; sein wahrer Zweck aber war die Gemuͤther und Verfassun- gen der Asiatischen Koͤnige auszuk und schafften. Und weil er nun im Friede sein Ansehen ver- welcken sahe/ daselbst Drachen-Zaͤhne zum Wachsthume eines neuen Krieges auszusaͤen. Dieser kam auch nach Sinope zum Mithrida- tes; da er denn nach genossenen vielen Ehren und bezeugter grosser Vertrauligkeit dem Koͤni- ge in ein Ohr sagte: Er muͤste entweder lernen den Roͤmern gehorsamen/ oder sich maͤchtiger machen als sie waͤren. Mithridaten war diß ge- nung. Daher hielt er nun nicht mehr fuͤr rath- sam seine Klauen zu zeigen/ und wolte vielmehr denẽ seine Heimligkeiten ausspuͤrenden Roͤmern zuvor kom̃en. Daher fiel er als ein Blitz in Cap- podocien ein/ erlegte seiner Schwester Laodice Mann den Koͤnig Ariarathes/ und bemaͤchtig- te sich des gantzen Reiches. Ehe er aber diß voͤllig einnahm/ kamen auff der Deutschen heimliche Nachricht Roͤmische Gesandten in A- sten/ welche so wol Mithridaten als Nicome- den alles gewonnene wieder abtreten hiessen. Nicomedes erklaͤrte sich zu gehorsamen; Gab aber halb Paphlagonien seinem Sohne und zu- gleich einen neuen Nahmen Pylemenes Allein Mithridates sagte: Paphlagonien waͤre schon seinem Vater zugefallen; Daher sie ihm zu spat seine Erbschafft streitig machten. So bald auch er mit Cappadocien fertig war/ fiel er mit gan- tzer Macht in Galatien ein; weil die Deutschen ihre Huͤlffs-Voͤlcker zu Hause geruffen/ und sei- nem Verdachte nach bey den Roͤmern geklagt hatten. Die Deutschen begegneten zwar mit weniger Macht aber mit unverzagtem Muthe dem Mithridates/ biß eine neue Bothschafft von Rom kam; welche ihn aus Galatien zu weichen/ und denen Scythen die am Boristhenes mitler Zeit abgenommene Stadt Olbia/ wie auch den Tempel der Ceres zu raͤumen durch von ferne gezeigte Waffen bewegte. Die Deutschen wurden hiermit nicht allein der Roͤmer/ sondeꝛn auch Nicomedens Bundsgenossen; und Mi- thridaten so viel mehr ein Dorn in Augen. Ni- comedes heyrathete hierauff Laodicen Ariara- thens Wittib; Und weil er mit dieser etliche fe- ste Schloͤsser bekam; bemaͤchtigte er sich mit Huͤlffe der Deutschen der Staͤdte Saralus/ Landosia und Senatra. Aber Mithridates kam als ein Falcke dahin geflogen; eroberte das verlohrne/ und setzte des durch den Cappa- docischen Uberlaͤuffer Gordius erlegten Koͤ- nigs Ariarathes Sohn daselbst zum Koͤnige ein. Nicomedes muste diesen edlen Fuͤrwand des Mithridates ihm belieben lassen; nach zweyen Monathen aber ruͤckte er mit neuer Heeres- Krafft wieder in Cappadocien; weil der junge Ariarathes dem Gordius nicht das halbe Koͤ- nigreich abtreten wolte. Dieser aber kriegte von Deutschen/ Bithyniern und Bastarnen in kurtzer Zeit so viel Huͤlffe: daß Mithridates mit achzigtausenden zu Fuß/ zehntausenden zu Ros- se und sechs hundert Streit-Wagen nicht zu schlagen getraute; Besonders da fuͤnff hundert deutsche Reuter wol zwey tausend seines Vor- trabs in die Flucht gejagt hatten. Daher nahm er seine Zuflucht zur Arglist; und nach dem er Ariarathen unter einer freundlichen Unterre- dung vom Frieden bewegt hatte/ stach er ihm im Angesichte beyder Heere einen Dolch in Bauch. Dieser Fall des Hauptes nahm denen ohne diß unter einander zwistigen Cappadoci- ern das Hertze: daß ein Theil die Flucht ergriff/ das andere zum Mithridates freywillig uͤber- Erster Theil. B b b b b b gieng. Sechstes Buch gieng. Daher die Deutschen und Bastarnen auch ihre Schwerdter einsteckten; Und/ weil ih- nen Mithridates ein grosses Stuͤcke Geldes auszaͤhlte/ wieder nach Hause kehrten. Mi- thridates aber machte seinen achtjaͤhꝛigen Sohn zum Koͤnige/ und gab ihm den Nahmen Aria- rathes/ und den Gordius zum obersten Staats- Diener zu; Gleich als wenn die Annehmung eines Cappadocischen Nahmens/ und die Be- stellung eines eingebohrnen Dieners auch den Besitz selbiger Krone rechtfertigte. Wie aber nicht nur Gordius/ sondern Mithridates die Cappadocier mit Schaͤtzungen zu sehr erschoͤpf- te/ und wider sie als uͤberwundene Feinde/ nicht als Unterthanen verfuhr/ machten sie einen all- gemeinen Auffstand/ berufften des ermordeten Ariarathes Bruder aus Asien zu ihrem Koͤnige. Alleine Mithridates gewann durch eine einige Schlacht gantz Cappadocien wieder; der ent- ronnene Koͤnig aber schoͤpffte daraus solchen Unmuth: daß er kurtz darnach so wol den Geist als die Sehnsucht nach seinem vaͤterlichen Rei- che ausbließ. Nicomedes ward hieruͤber Blat- scheu/ und bekuͤmmert fuͤr sein Bithynien; schickte also einen schoͤnen Knaben mit seiner Gemahlin Laodice nach Rom/ welche daselbst dies[e]n ihren dritten mit dem Ariarathes erzeug- ten Sohn ausgab/ und um Einsetzung in Cap- padocien anhielt. Mithridates begegnete durch seinen Gesandten Pelopidas dieser Unwahr- heit mit einer andern/ und gab seinen in Cap- padocien zum Koͤnige gemachten Sohn fuͤr ein Kind des Artarathes aus/ der den Roͤmern wi- der den Aristonicus in Macedonien beygestan- den haͤtte. Der Rath zu Rom aber wieß bey- de mit ihrem Gesuch ab/ und erklaͤrte auff der Deutschen in Galatien Gutachten so wol die Paphlagonier/ als Cappado ier fuͤr freye Voͤl- cker. Welche letztern aber sich fuͤr die zwar an sich selbst unschaͤtzbare/ ihnen aber/ die zum Ge- horsam gebohren/ und zum Herrschen unfaͤhig waͤren/ unanstaͤndige Freyheit bedanckten/ und um einen Koͤnig baten/ ohne dem sie zu leben nicht getrauten. Hierauff setzten die Roͤmer einen Cappadocischen Fuͤrsten Ariobarzanes durch der Deutschen Koͤnig in Galatien zum Koͤnige ein. Mithridates muste diß geschehen lassen; und/ um nicht mir Rom und den Deut- schen welchen die Roͤmer ein Theil des groͤssern zwischen dem Flusse Meander und Hermus gelegenen Phrygiens/ wie auch den beruͤhmten Saltz-See Tatta verehrte/ zur Unzeit zu bre- chen/ ein Auge zuthun. Gleichwol kochte sein Hertz Rache; und daher vermaͤ h lte er seine Tochter Cleopatra dem Armenischen Koͤnige Tigranes; welcher durch seine Heerfuͤhrer Mi- thra as und Bagoas den friedsamen Ariobarza- nes uͤber Halß und Kopff aus Cappadocien trieb; und Mithridatens Sohn Ariarathes wieder darein einsetzte. Weil nun durch un- auffhoͤrliches Blutver giessen der Selevkische Stamm gleichsam gar vertilget war; er wehlten die Syrier den Tigranes zu ihrem Koͤnige. Diese zwey Begebnuͤsse verursachten: daß der Roͤmische Rath den gluͤcklichen Sylla in Cili- cien schickte/ so wol den Tigranes/ als Mithri- dates zu beobachten. Weil aber die uͤber beyder Koͤnige Verwandniß und Macht sorgfaͤltige Deutschen dem Sylla mit aller Macht unter die Armen zu greiffen sich erboten/ und dem Ti- granes bey Zeite zu steuern in Ohren lagen/ fiel er mit wenig Roͤmern/ und meist Deutschen in Cappadocien ein/ schlug den ihm begegnenden Gordius/ hernach den Bagoas mit seinen Ar- meniern aus dem Felde/ und machte den nach Rom geflohenen Ariobarzanes weider zum Koͤ- nige; und war der erste Roͤmer/ der mit seinen Waffen biß an den Fluß Euphrates drang- Der Parthische Koͤnig Arsaces schickte dahin Oro b azen in Bothschafft zum Sylla/ machte mi t den Roͤmern Freundschafft; da denn Sylla das Gluͤcke hatte auff einem erhobenen Stuhle zwischen dem Koͤnige Ariobarzanes und des maͤchtigsten Koͤnigs Bothschafftern zu sitzen; wiewol Arminius und Thußnelda. wiewol dieser seinen Nach-Sitz zu Hause mit dem Kopffe gelten muste. Hierauff aber krieg- ten die Roͤmer in Jtalien genung zu schaffen; und Nicomedes starb mit Verlassung zweyer Soͤhne. Der aͤltere Nicomedes maste sich mit Belieben der Roͤmer des Reichs an; der juͤng- ste Socrates Chrestus aber flohe zum Mithri- dates um Huͤlffe; weil sein aͤltester nur von der Taͤnzerin Nysa gebohrner Bruder zu herrschen nicht faͤhig waͤre. Mithridates ergriff diese erwuͤnschte Gelegenheit mit beyden Haͤnden/ fiel unter dem Nahmen des Socrates/ welcher die Deutschen mit vielen Geschencken ihm zu helffen/ oder zum wenigsten stille zu setzen an- gieng/ in Bithynien/ und ward dessen unter ei- nem so scheinbaren Vorwandte zeitlich Mei- ster; weil die meisten Festungen dem Sohne der Laodice Socrates die Schluͤssel entgegen brachte. Weil nun Mithridates sich der Zeit zu bedienen/ und das Eisen/ weil es noch gluͤet/ zu schmieden fuͤr rath sam hielt/ brach er auf ei- ner/ und Tigranes auff der andern Seite in Cappadocien/ und vertrieben mit eben so leich- ter Muͤh den Ariobarzanes zum andern mahl daraus. Der Roͤmische Rath schickte den Aqvi- lius hierauff in Asien zum Mithridates; wel- cher aber sich uͤber viel von den Roͤmern ange- thanes Unrecht und ausgesogenes Geld be- schwerte; iedoch endlich auff keinem Theile zu stehen sich erklaͤrte. Hierauff ruͤckte Caßius mit wenigen Roͤmern und Phrygiern/ der Ga- latier Koͤnig Amyntas aber mit einer ansehnli- chen deutschen Macht in Bithynien/ und hier- auff in Cappadocien/ setzten dort den Nicome- des/ hier Ariobarzanen wieder auff den Stul. Mithridates und Tigranes richteten aus Ver- druß uͤber der Roͤmer Beginnen ein Buͤndniß wieder sie auff/ mit der Abrede: daß jener alles Land/ dieser alles bewegliche zur Beute haben solten. Mithridates setzte auch eine grosse Men- ge Volckes aus seinem volckreichen Scythien und Sarmatien uͤber; nahm viel Phoͤnicische und Egyptische Schiffer und Schiff-Zimmer- Leute in Bestallung/ schickte Bothschafften zu den Bastarnen/ Thraciern/ Geten/ Daciern/ Sarmaten/ Deutschen/ ja gar biß zu den Cim- bern/ und frischte selbte mit reichen Geschen- cken/ und Versprechung noch herrlicher Beute wider die Roͤmer als die allgemeinen Feinde des menschlichen Geschlechtes/ und die unersaͤttli- chen Raͤuber der Welt auff. Am allermeisten lag er den Deutschen in Galatien in Ohren; welche ohne diß auff die Roͤmer und den Nico- medes unwillig waren; weil sie fuͤr die Erobe- rung Bithyniens und Cappadociens ihnen mit Versprechung guͤldener Berge das Maul auf- gesperret/ aber nichts als Wind gelieffert hat- ten; brachte sie auch durch alle nur ersinnliche Mittel/ insonderheit aber durch die aus Jtalien an ihn geschickte Gesandtschafft der Marsen/ Samniter und Lateiner/ welche der Roͤmer La- ster auffs schwaͤrtzeste abmahlten/ so wol als die an Colchis stossende Jberier auff seine Seite/ und Tigranes die Meden in ihr gemeines Buͤndniß. Zumahl diese augenscheinlich war- nahmen: daß die Roͤmischen Befehlhaber in A- sien aus Begierde zum Kriege/ und Hoffnung reicher Beute sich an Mithridates mit Gewalt rieben/ ja der Roͤmische Rath ihn/ ungeachtet er stille saß/ durch eine Bothschafft schimpflich be- dreute/ ihn mit Strumpff und Stiel auszurot- ten/ da er mehr einem Nachbar zu nahe kommen wuͤrde. Der junge Nicomedes ward auch durch der Roͤmer Verhetzung so kuͤhn: daß er in das Pontische Reich einfiel/ und biß an die Stadt Amastris mit Raub und Mord streiffte; welches der Mithridates ungeachtet der bey der Hand habenden Waffen mit Fleiß vertrug/ und zu Rom durch den Pelopidas sich daruͤber be- schwerte/ um seinem vor haben den Kriege so viel mehr Farbe der Gerechtigkeit anzustreichen. Nicomedes hingegen rechtfertigte seinen Ein- fall mit dem Nahmen einer billichen Rache fuͤr angethanes Unrecht; gab fuͤr einen Frieden- B b b b b b 2 bruch Sechstes Buch bruch an: daß Mithridates den Taurischen Chersonesus besaͤsse; weil die Roͤmer allen Asia- tischen Koͤnigen in Europa uͤberzusetzen verbo- ten hatten; und durch so viel Buͤndniße nichts anders als Rom zu bekriegen anzielte. Wie nun Pelopidas keine Aus richtung erhielt/ sondern nach zweydeutiger Antwort aus dem Rathhau- se zu gehen genoͤthiget ward; waffnete Mithri- dates auf erhaltene Nachricht in seinem gantzen Reiche; schickte seinen Sohn Ariarathes in Cap- padocien und entsetzte wie ein durchdringender Blitz den Ariobarzanes zum dritten mahl selbi- gen Reiches; den Pelopidas aber und Nican- dern nach Rom/ zum Roͤmischen Feld-Herrn Maltinus/ mit der Andeutung: Sie solten ih- rer gleißnerischen Freundschafft ein Ende ma- then/ ihm wieder Nicomeden Recht verhelffen/ oder er wuͤrde es selbst thun. Seine Hoheit litte es nicht: daß er nach ihm abgenommenen Phrygien/ welches sein Vater fuͤr die den Roͤ- mern geleistete Huͤlffe/ oder vielmehr fuͤr viel Gold bekommen/ Cappadocien/ welches seinen Vor Eltern zugestanden/ endlich das durch Kriegs-Recht gewonnene Bithynien noch im- mer mehr ihm auf den Fuß treten ließe. Der Geist seines tapffern Vaters Evergetes/ der ihm ein zwantzig-hundeꝛt-tausend Schritte lan- ges Gebiete verlassen/ wuͤrde ihn beunruhigen; die von ihm bezwungenen Colchier/ Scythen und Sarmater an dem Euxinischen Meere wuͤrden ihn mit Rechte nicht laͤnger zu ihrem Haupte erdulden/ wenn er sich zum Gauckel- Spiele eines weibischen Bithyniers machen liesse. Sie moͤchten also entweder mit der Rechts-Huͤlffe einen redlichen Frieden/ oder den Krieg eꝛwehlen/ da sie nicht nuꝛ mit ihm/ sondeꝛn mit Parthern/ Armeniern/ Thraciern/ Bastar- nen/ Scythen/ Tauriskern/ Deutschen und al- len zwischen dem Tanais und Jster wohnenden Voͤlckern mehr/ als sie meinten/ zu thun bekom- men wuͤrden. Die Pontischen Gesandten aber wurden schimpflich abgewiesen; und derogestalt beyderseits die eifrigste Kriegs-Ruͤstung fuͤr die Hand genommen. Lucius Caßius brachte aus seinem Pergamenischen Asien/ Phrygien/ und des Galatischen Fuͤrsten Teporgis deutschen Huͤlffs-Voͤlckern viertzig tausend Mañ zusam- men/ und theilte sie mit dem Aqvilius und Ap- pius Claudius. Minutius Rufus hatte im Pamphilischen Meere eine Schiffs-Flotte bey der Hand; und Cajus Popillius verwahrte mit einer andeꝛn den Mund der Thracischen Meeꝛ- Enge. Nicomedes fuͤhrte absonderlich sechs und funffzig tausend Kriegs-Leute ins Feld. Mi- thridatens zwey tapfere Feld-Hauptleute Neo- ptolemus und Archelaus begegneten ihm am Flusse Amnia mit dem an dem leichtesten Kriegs-Volcke bestehenden Vortꝛabe; Mithri- datens Sohn Arcathias fuͤhrte darbey fuͤnff tau- send Armenische/ und Nordbert drey tausend deutsche Reuter. Dieser und Archelaus blieb in einem Thale mit hundert Sichel-Wagen zum Hinterhalte stehen; Neoptolemus und Arcathi- as aber nahmen wegen der ihnen an Menge uͤ- berlegenen Bithynier eine felsichte Hoͤhe ein. Nach eines halben Tages vortheilhaffter und tapferer Gegenwehr aber trieb Nicomedes die Pontischen Voͤlcker vom Berge/ und in die Flucht. Alleine Archelaus und Nordbert gien- gen den Bithyniern so ernstlich in die Seite: daß es sie vergieng die Fluͤchtigen zu verfolgen; son- dern Nicomedes muste gegen diese strengen Feinde eine neue Schlacht-Ordnung machen. Hieruͤber brachen die hundert Streit-Wagen ein; welche mit denen sich an Sicheln und Raͤ- dern anhaͤngenden zerfleischten Menschen noch mehr Schrecken als Schaden verursachten. Neoptolemus und Ar c athias triegten inzwi- schen Lufft sich wieder zu setzen; gin gen auch den Bithyniern so heꝛtzhaft in Ruͤcken: daß Nicome- des/ nach dem er unterschiedene mahl die Luͤcken seines getreñten Heer es gaͤntzt hatte; zuletzta- ber alle Verfassung uͤber einen Hauffen geworf- fen ward/ muste er nur mit wenigem Adel seiner Leib- Arminius und Thußnelda. Leibwache die Flucht nehmen/ und sein gantzes Kriegs-Volck im Stiche lassen; worvon aber Mithridates alle Gefangenen mit Verehrung eines Zehrpfennigs loß ließ/ um den Anfang sei- nes Sieges mit dem Ruhme seiner Guͤtigkeit desto herrlicher zu machen. Die Roͤmischen Heerfuͤhrer wurden durch diesen Verlust/ da nicht einst der Kern des Pontischen Heeres eine viel staͤrckere Macht erlegt hatte/ heftig bestuͤrtzt; sonderlich/ da die Zeitung zugleich kam: daß die Thracier und die am Jster wohnenden Voͤlcker Macedonien verwuͤsteten. Der Roͤmische Rath erklaͤrte hierauf den Marius zum Feld-Herrn wider Mithridaten/ Sylla aber weigerte sich ihm das Kriegs-Heer abzutreten; und ruͤhmte sich: daß dieser Zug ihm gehoͤrte. Sintemal ihm die zu Rom nach Cappadocischer Art verehrte Kriegs-Goͤttin im Traume den Blitz zuge- reicht/ und beyzustehen versprochen haͤtte. Allein Mithridates wartete dem blutigen Buͤrger- Kriege dieser zweyer verbitterten Raub-Voͤ- gel nicht aus; sondern kam dem Koͤnige Pylaͤ- menes in Paphlagonien mit anderthalb hun- dert tausend Mann so geschwind auf den Hals: daß er nicht einst Zeit hatte/ seine Kriegs-macht zusammen zu ziehen; sondern die den Vortrab habenden Deutschen hatten nur genug mit Be- setzung der verlassenen oder sich ergebenden Oerter zu thun. Mithridates richtete seinen Zug dergestalt gerade gegen dem Flusse San- gar und Bithynien. Aqvilius Maltinus/ und der entroñene Nicomedes hattẽ sich am Scobo- rischẽ Gebuͤrge verschantzt. Weil aber ein Sar- matischer Fuͤrst Radzivil mit hundert seiner Reuter acht hundert ihm bege gnende Bithyni- sche Reuter in die Flucht schlug/ zwey hundert gefangen brachte/ welche Mithridates aber mals mit Geschencken in ihr Vaterland schickte/ ging Nicomedes des Nachts heimlich durch/ und eilte zum Lucius Caßius uͤber den Fluß Sangor. Als Maltinus auf den Morgen diß erfuhr; brach er ebenfalls auf mit Vorsatze sich in das Lindyni- sche Gebuͤrge zu ziehen. Allein Neoptolemus Mithridatens und Menophanes der Armeni- sche Feldherr ereilten ihn an einer Bach/ zwan- gen ihn zu schlagen; und erlegten ihm zehntau- send seiner besten Kriegs-Leute. Aqvilius ver- ließ nach erlangter Nachricht sein Laͤger mit al- lem Vorrathe zur Beute der ihm auf der Fersen folgenden Deutschen; und entkam mit genauer Noth uͤber den Fluß Sangar/ und von dar nach Pergamus. Weil nun Mithridates abermahls alle Asiatische Gefangenen mit seidenen Roͤcken und andern Gaben von sich ließ/ ihnen die Frey- heit und die Loßlassung von dem Roͤmischen Jo- che versprach/ gewann er in Asien mehr durch seine Leitseligkeit/ denn durch Waffen. Mehr als hundert grosse Staͤdte schickten ihm Ge- sandten und die Schluͤssel zu ihren Festungen entgegen/ hiessen ihn ihren Erhalter/ opferten ihm wie einem Gotte; also: daß nach vergebens gesuchter Huͤlffe in Phrygien Caßius nach A- pamea/ Maltinus nach Rhodis/ Nicomedes nach Pergamus/ ja endlich gar nach Rom sich fluͤchtete. Die am Munde der Thracischen Meer-Enge liegenden Schiffe giengen theils durch/ theils zum Mithridates uͤber. Die Bi- thynischen Staͤdte stritten mit einander gleich- sam um die Ehre und den Vorzug/ welche sich dem grossen Mithridates am ersten ergeben haͤtte. Also ward er in wenig Tagen Herrscher in Bithynien; Und nachdem er durch Erlas- sung aller Schulden aller Gemuͤther gewoñen/ alle Kriegs-Leute reichlich beschenckt hatte; hielt er seinem Heere fuͤr: Sie haͤtten nunmehr durch ihre Siege gelernet: daß die Roͤmer keine unuͤ- berwindliche Goͤtter; sondern Menschen/ ja ge- gen Helden feige Leute waͤren. Pyrrhus haͤtte mit 5000. Macedoniern sie dreymal geschlagen. Añibal 16. Jahr sie im Hertzen Jtaliens beaͤng- stiget; uñ daß eꝛ Rom nicht gewoñen/ haͤtten nicht der Roͤmer Kraͤsten; sondern seine miß guͤnstige Landsleute verhindert. Die Deutschen haͤtten Rom gar eingenom̃en/ und verbꝛeñt; und die nuꝛ B b b b b b 3 noch Sechstes Buch noch uͤbrige Spitze eines Berges waͤre durch ein Loͤse geld erhalten worden. Die bey ihm stehen- den Galatischen Deutschen waͤren eben ihres Ursprungs; ja ihre Tapfferkeit durch die in Jl- lyrien/ Thracien und Asien gefuͤhrte Kriege noch mehr geschaͤrfft worden. Was haͤtten ih- nen nicht die Cimbern und Marsen fuͤr em- pfindliche Wunden geschlagen? Wenn nun so viel streitbare Voͤlcker den gemachten herrlichen Anfang mit ihm hertzhafft verfolgen wolten; traute er in kurtzer Zeit sein ihm durch Berau- bung so vieler Laͤnder/ durch Verwerffung des tapffern Gordius zum Cappadocischen Koͤnige/ durch Ausswie gelung des Tantzmeisters Nico- medes angethanes Unrecht zu raͤchen; und ihre wieder alle Koͤnige der Welt hegende Todfeind- schafft auszuleschen. Sintemahl sie alle ihnen nach der Unart ihrer gehabten Koͤnige fuͤrbil- deten; als welche entweder nur der Aborige- ner Hirten/ der Sabiner Wahrsager/ oder ver- wiesene Corinthier/ ja Leibeigene der Thuscier gewest waͤren; und keiner keinen ehrlichern Zu- nahmen als eines Hoffaͤrtigen verdient haͤtten. Jhre Uhrheber aber haͤtten nichts minder die Grausamkeit als die Milch aus den Wartzen einer Woͤlfin gesogen; welche wilde Art das gantze Volck durch unersaͤttlichen Blutdurst/ Geitz und Herrschsucht angenommen/ oder viel- mehr uͤberstiegen haͤtten. Seiner Herrschafft aber wuͤrde sich hoffentlich kein Volck zu schaͤ- men haben/ weil er vom Vater des grossen Cy- rus und Darius/ von der Mutter des noch groͤs- sern Alexanders und Nicanors Enckel waͤre. Das von Alexandern gar nicht oder ungluͤcklich beruͤhrte Scythien haͤtte er noch in seiner Kind- schafft ihm unterworffen. Das viel mildere A- sien laͤchsete unter dem Roͤmischen Joche/ und Jtalien selbst seuffzete gleichsam nach seiner Herrschafft. Das gantze Heer gab mit Zusam- menschlagung der Schilde und einem Feldge- schrey ihre Beypflichtung zu verstehen. Tibor- gis/ der das Didymische Gebuͤrge bewohnen- den Deutschen Fuͤrst verließ nunmehr auch den furchtsamen Aqvilius. Mithridates aber ruͤckte mit gesamter Macht in das den Roͤmern un- mittelbar unterwuͤrffige Phrygien/ und schlug zum gluͤcklichen Zeichen sein erstes Laͤger an dem Orte/ wo es der grosse Alexander gehabt hatte. Das Geluͤcke lieh gleichsam seinem Sie- ge die Fluͤgel; und die Ausbreitung seiner Herꝛ- schafft kam seiner Einbild- und Hoffnung zuvor. Er selbst nahm Phrygien und Mysien ohne Verlust einigen Schweises oder Blutes ein. Neoptolemus bemeisterte Carien und Lycien; Archelaus Pamphylien; der Deutschen Koͤnig Lydien und alles biß an Jonien und Ephesus. Ja als er nur die maͤchtige Stadt Laodicea an dem Flusse Lycus durch einen Herold auff for- dern/ und auff erfolgende Ausliefferung der Roͤmer alle Gnade ankuͤndigen ließ; banden die Einwohner den Roͤmischen Stadthalter Qvin- tus Oppius mit allen Roͤmern/ uͤberliefferten sie dem Amyntas/ und oͤffneten ihm die Stadt- Thore. Jn Jonien meinte Maltinus/ Ma- nius Aqvilius in dem Eylande Lesbos Mithri- daten die Stirne zu bieten; aber beyde wurden gefangen/ und ihr Volck erschlagen; Oppius zwar hoͤflich/ aber Aqvilius/ als der Uhrheber des Pontischen Krieges/ scharff gehalten/ an- fangs an einer Kette von einem fuͤnff Ellen langen Bastarnen hinter dem Pferde nachge- schleppt/ hernach den uͤber ihn erzuͤrnten Mi- tylenern uͤbergeben; Manius seines Geitzes halber taͤglich gepruͤgelt/ auff einem Esel her- um gefuͤhret/ und zu Pergamus ihm zerschmol- tzen Gold in Hals gegossen. Hierauff ergab sich auch bald Magnesia und Ephesus/ all wo al- ler Roͤmer Bilder abgestuͤrtzt/ und aus selbten Mithridatens gegossen wurden. Stratoni- cea in Carien wiedersetzte sich zwar noch dem Neoptolemus; Aber Mithridatens Ankunfft jagte ihr ein solch Schrecken ein: daß sie sich er- gab; iedoch diesen grossen Koͤnig bald zu ihrem eigenen Gefangenen bekam. Denn er verliebte sich Arminius und Thußnelda. sich in die schoͤne Minoma des Milesischen Phi- lopemenes Tochter; welche er auch/ als sie ihm nicht um funff zehen tausend Pfund Goldes den Beyschlaff verstatten wolte/ gar ehlichte/ und zur Koͤnigin erklaͤrte. Mithridates/ weil er nunmehr schon die Roͤmer fuͤr unversohnlich/ auch sich von ihnen mehrmahls beschimpfft und beleidiget hielt; auch auffs neue erfuhr: daß man seinem Gesandten Pelopidas zu Rom die Verhoͤr und den Einzug versagte/ auch etliche seiner Bedienten in der Tiber ersaͤufft hatte/ san auff eine ihm zugleich die wanck elmuͤthigen A- siater versichernde Rache; Befahl also einiger Meynung nach/ auf des Rutilius eines zu Mi- tylene gefangenen Roͤmers Einrathen/ in gantz Asien den dreyßigsten Tag alle Roͤmer zu er- schlagen. Welches wegen der auf den einen oder andern Fall darauf gesetzten Preiße und Straffen mit solchem Eyver vollzogen ward; daß die Trallianer diese Abschlachtung einem Paphlagonier Theophilus veꝛdingten/ und we- der der Tempel der Diane zu Ephesus/ das Bild des Esculapius zu Pergamus noch das Heiligthum der Cybele zu Peßimut von Roͤmi- schem Blute unbespritzt blieb. Wordurch denn Asien sich mit Rom zu versohnen gleichsam alle Hoffnung benommen/ und dem Mithridates treu zu bleiben gefaͤsselt wurden. Dieser ruͤste- te sich nunmehr maͤchtig zur See aus/ um die in der Schiffarth allen uͤberlegene und wieder- spenstige Rhodier zu bezwingen/ hier durch aber andere entfernte Eylande so viel leichter zur Unterwerffung zu bringen. Der Wind oder das Gluͤck trieb ihn vielmehr auff das benach- barte Eyland Caus; auff welch e m er des Egy- ptischen Koͤnig Alexanders Sohn uñ einen von seiner Groß-Mutter Cleopatra dahin gefluͤch- teten unglaublichen Schatz/ wie auch der Asia- tischen Juden ver samml e ten und nach Jerusa- lem zu schicken bestim̃ten Reichthum/ und dar- durch die rechten Spann-Adern des Krieges in seine Gewalt bekam. Hier auf griff er zwar die Stadt Rhodos zur See und zu Lande an; ihre Geschickligkeit aber uͤberwog seine Macht; und ruͤhmten sie sich: daß die Goͤttin Jsis die nahe an ihrem Heiligthum zu Sturme lauffen- den Feinde mit Feuer und Blitz zuruͤck getrie- ben haͤtte. Pelopidas belaͤgerte inzwischen die in Lycien noch uͤbrige Stadt Patana/ in wel- cher Apollo durch die sechs Winter-Monathe wahrsagen soll. Wie nun sein Volck zum Sturmzeuge in dem denen Unholden gewied- meten Heyne etliche Baͤume umhieben/ ward es durch ein daraus erschallen des Gelaͤchter ab- geschreckt; und als Pelopidas auff der Wahr- sager Rath ihnen eine Jungfrau opfferte; wel- che nach ihrer Abschlachtung nicht weniger zu lachen anfteng. Also trat gleichsam das Ver- haͤngniß des Mithridatens Siegen in Weg. Er selbst brachte zu Pergamus die beste Zeit mit Liebkosung der Monoma zu; und die deutschen Fuͤrsten/ welche ihrer Thaten halber sich nicht hoch genung geschaͤtzt achteten/ zohen meist mit Unwillen nach Hause/ andere waren der Pon- tischen Herrschafft/ und dieses hochmuͤthigen Koͤniges/ welcher sich nunmehr den jun gen Ba- chus nennen ließ/ schon uͤberdruͤßig/ und unter- hielten heimliches Verstaͤndnuͤß mit den Roͤ- mern; ja stellten ihm gar nach dem Leben. Das Verhaͤngniß selbst kuͤndigte durch unterschie- dene Ungluͤcks-Zeichen dem Mithridates eine Umwechselung seines Gluͤcks an. Jnsonder- heit schreckte ihn und das Volck: daß die von den Pergamenern durch Kunst gefluͤgelte und gleichsam vom Himmel kommende Siegs- Goͤttin/ welche dem einziehenden Mithrida- tes eine Krone auffsetzen solte/ durch Zerreissung des Drates stecken blieb/ die Krone aber zu Bo- den und in Stuͤcken warff. Gleichwol aber bemaͤchtigte der tapffere Archelaus aller Cycla- dischen Eylande biß an das Peloponnesische Vorgebuͤrge Malea/ der Stadt Chalcis/ gantz Euboͤens und in Thessalien der See S t adt E- retria; und erschlug in Besatzungen mehr als zwantzig Sechstes Buch zwantzig tausend Roͤmer. Daswegen seiner Heiligkeit unbefestigte Eyland Deles/ welches die Griechen der Goͤtter Vateꝛland hiessen/ und darauf weder ein Weib gebohren/ noch einige Leiche begraben liessen/ nahm Wartenberg ein deutscher Reuter mit seinen Deutschen Huͤlffs- Voͤlckern ohne einigen Wiederstand ein. Weil nun diese nur einen unsichtbaren GOtt verehr- ten/ nahmen sie alle Schaͤtze aus dem Tempel des Apollo/ und trugen sie in das Heiligthum der Goͤttlichen Versehung: welche aber hernach theils Metrophanes/ theils Aristion daraus raubte/ und mit selbten so gar Brunnen anfuͤll- te. Hingegen weil sie an der Grichen Abgoͤt- tern Abscheu trugen/ warffen sie alle ihre Bil- der zu Boden und machte Wartenberg mit dem grossen fuͤr des Apollo Tempel stehen dem ertzte- nen Drachen den Anfang; daraus er tausend Schilde giessen/ und zum Gedaͤchtnuͤsse an selb- te einen sie umflechtenden Drachen etzen ließ; sie aber hernach in Deutschland schickte. Das beruͤhmte guͤldene Bild des Apollo/ warff ein Deutscher/ weil es ihm nicht wie fuͤr Zeiten der Ptoische Apollo seinem Lands-Manne Myn antworten wolte/ gar ins Meer. Die hieruͤ- ber sich entsetzenden Grichen aber tichteten: daß diß Bild durchs Meer geschwommen/ und im Peloponnesus bey der Stadt Boaͤ angelendet waͤre; dahin hernach dem Epidelischen Apollo ein Tempel gebaut ward. Der von Athen beym Mithridates befindliche Gesandte Aristion ließ sich entweder sein Gluͤcke/ oder seine Geschencke blaͤnden; daß er die Stadt Athen durch den thummen Poͤfel auf Mithridatens Seite/ und ihre Herrschafft unter sich brachte. Archelaus machte hierauf Athen gleichsam zu seinem Kriegs-Schlosse; und bewegte daraus die A- cheer/ Spartaner/ Thebaner/ und gantz Beo- tien zum Beyfalle; haͤtte auch mehr ausgerich- tet/ wenn nicht Bruttius Sura ihm die Wage gehalten haͤtte; und das Gluͤcks-Kind Sylla mit fuͤnff Legionen Roͤmern/ und wol noch so viel Huͤlfs-voͤlckern/ darunter auch drey tausend Deutsche waren/ in Grichenland ankommen waͤren. Dieser gewann durch seine vorange- hende Obersten Thebe und Beotien ohne Schwerdschlag wieder/ er selbst brach in Attica ein/ und schlug den Feind aus dem Felde; Also: daß Aristion sich nach Athen/ Archelaus in die den Attischen Meer-Hafen bewahrende Fe- stung Pyraͤeum fluͤchten muste. Jene umsetz- te er/ um sie durch Hunger zu zwingen; diese aber/ welche Pericles mit einer aus grossen vier- eckichten Steinen erbauten Mauer fast unuͤ- berwindlich gemacht hatte/ belaͤgerte er selbst/ und ließ von Thebe alleine auff zehntausend Maul-Thieren Sturm-Zeug dahin bringen. Weil aber diß noch nicht zulangte/ wurden alle heilige Waͤlder und Puͤsche abgehauen/ welche den Goͤttern geweihet waren/ oder die hohen Schulen der alten Weltweisen ziereten. Sein Armuth/ in dem der zu Rom wuͤtende Cinna uñ Marius nur auf Abschlachtung der Buͤrger/ nicht Erlegung der Feinde dachten/ zwang ihn alle Kirchen-Schaͤtze zu Olympia/ Epidaurus und Delphis anzugreiffen; worbey der Aber- glaube oder die Heucheley aus sprengte: daß A- pollo mit einem aus der Delphischen Hoͤle er- schallenden Lauten-Gethoͤne seinen Raub ge- billiget haͤtte. Weil nun so wol Sylla zu Be- stuͤrm-als Archelaus zu Vertheidigung des Py- raͤeum alle Kriegs-Kuͤnste hervor suchten/ ja viel neue erfunden/ viel ungeheure Thuͤrme gegen einander erbauten/ und selbte durch Kunst-Feu- er anzuͤndeten/ oder nach dem sie durch Alaun fuͤr dem Brande versichert wurden/ durch Un- ter grabungen uͤber einander warffen/ Archelaus auch zur See offt mit frischem Volcke/ und sonderlich tausend außerlesenen Deutschen/ wel- che der Galatische Fuͤrst Toredorich aus Gala- tien dahin schickte/ verstaͤrckt ward/ und die Roͤ- mer mit unauf hoͤrlichen Ausfaͤllen beunruhig- te; Hinge gen zwey Attische Leibeigene in her- aus geschossenen bleyernen Kugeln alle inwen- dige Arminius und Thußnelda. dige Anstalt dem Sylla verriethen; war diß ei- ne so merckwuͤr dige Belaͤgerung/ welche allen vorher gehenden die Wage hielt/ und ein Mu- ster aller kuͤnfftigen abgeben konte. Unter- dessen gieng die von Hunger auffs eusserste ab- gemer gelte Stadt Athen/ welche aus Mangel Oels so gar der Minerva ewiges Feuer ausle- schen ließ/ durch einen unvermutheten Anfall bey dem unbesetzten Heptachalcum durch Sturm uͤber/ und hielt Sylla uͤber die abgebro- chene Stadt-Mauer seinen Einzug; worbey so viel Blut vergossen ward: daß es Strom-weise biß in die See floß. Die beym Sylla sich auf- haltende zwey verwiesenen Midias und Calli- phon verbaten mit Noth diß ihr Vaterland: daß er es nicht gar vertilgte. Endlich nahm Sylla auch nach unglaublicher Muͤh und Durchbre- chung sechs neuer Mauern/ die Archelaus bey waͤhrender Belaͤgerung hinter einander aufge- fuͤhrt hatte/ die Festung Pyreaͤum stuͤrmender Hand ein; welche aber Archelaus bey verspiel- ter Sache mit des Philo beruͤhmten Zeug-Hau- se anzuͤndete/ und sich mit seinem uͤbrigen Vol- cke in das befestigte Eyland Munychia zuruͤck zoh. Mitler Zeit versetzte Munatius bey Chal- cis fuͤrnehmlich durch Tapfferkeit der Deut- schen Reuterey dem Neoptolemus einen harten Streich; hingegen nahm Arcathias mit Huͤlffe des deutschen Fuͤrsten Dejotar und Dromiche- tes samt ihren theils in Galatien/ theils in Thracien wohnenden Deutschen/ welche Mi- thridates wieder auf seine Seite gebracht hatte/ die Stadt Amphipolis/ gantz Macedonien den Roͤmern ab; ja sie drangen gar in Epir/ zuͤnde- ten den Delphischen Tempel an/ und zerstoͤrten des Dodonischen Jupiters Heiligthum. Arca- thias starb hieruͤber; also ward Taxiles Ponti- scher Feldherr/ welcher die Phocische Stadt E- latea belaͤgerte/ und mit hundert tausend Fuß- Knechten/ zehntausend Reutern/ neunzig Si- chelwagen uͤbeꝛ den Fluß Cephißus gegen Athen fortꝛuͤckte. Sylla ruͤckte ihm mit der meisten Roͤ- mischen Macht funff zehnhundert Deutschen/ und acht tausend Grichen in Beotien entgegen; weil ohne diß die unfruchtharen Attischen Ge- buͤr ge ihn kaum laͤnger bewirthen konten. Bey- de Heere kamen nicht weit von Elatea unter dem Daulischen Gebuͤrge gegen einander zu stehen; iedoch muste Sylla/ ob schon der den Berg Parnaßus uͤberkletternde Hortensius zu ihm stieß/ wegen weniger Reuterey sich in einer dem/ mit dem Flusse Aßus sich veymengenden Cephißus nahen Flaͤche verschantzen/ und den von Munychia hieher zuvor gekommenen Ar- chelaus die Staͤdte Panopeus und Lebadea in seinem Gesichte einnehmen lassen. Nach dem die Pontischen Voͤlcker ihn mehrmals zuꝛ Schlacht ausgefordert/ ruͤckte Archelaus gegen die Stadt Cheronea zu/ in willens sich nach Chalcis zu zie- hen; Gabinius aber kam ihm mit einer Legion in Cherea zuvor; Sylla folgte; und als er wahr- nahm: daß Archelaus zwischen selbigem ber gich- ten Orte weder sein Heer ausbreiten/ noch die Reuterey brauchen koͤnte; stellte er nach dem Murena sein Heer gegen den Archelaus in Schlacht-Oꝛdnung. Als dieseꝛ nun auch daꝛmit umgieng/ siel Ericius und Gabinius/ welchen Homolerich und Anaxidamus zwey Cheronen- ser einen geheimen Steig uͤber den Berg Thu- rius gewiesen hatte/ denen Asiatischen Voͤlckern so unvermuthet uͤber den Hals: daß sie daselbst 3000. sitzen liessen/ und theils gegen des Arche- laus Laͤger/ theils gegen den Roͤmischen lincken Fluͤgel getrieben wurden/ und dort ihre eigene Schlachtordnung zerꝛuͤtteten hieꝛ abeꝛ uͤbel em- pfangen wurden. Archelaus ließ zwar gegen die andringenden Roͤmer 60. Sichel-Wagen loß; weil sie aber aus Mangel des Raubes all zulang- sam fortrenneten; oͤffneten diese ihre Schlacht- Ordnung/ und liessen sich selbte sonder einigen Schaden verreñen; wur den also ihre Pferde uñ Fuͤhrer von dem mit den Grichẽ im Hinter halte stehen den Sulpitius leicht erlegt. Fuͤrst Dejotar bot zwar auch mit seiner deutschen Reuterey Erster Theil. C c c c c c dem Sechstes Buch dem Sylla eine weile die Spitze; aber die Zag- heit der Asiaten/ der Vortheil des Roͤmischen Fuß-Volcks/ und der abschuͤßige Streit-Platz machte: daß ihrer viel bey solchem Gedraͤnge uͤber die Felsen stuͤrtzten; und weil sie nicht ent- setzt wurden/ nicht wenig Noth litten; sonder- lich/ weil Murena funffzehn tausend vom Ar- chelaus freygelassene Grichische Knechte mit Schleuderern und Vogenschuͤtzen leicht in Ver- wirrung brachte. Dejotar wickelte sich mitler Zeit zwar aus dem Gedraͤnge/ und rieth dem Archelaus sich in sein vortheilhafftes Laͤger zu ziehen; aber er wolte lieber alles/ als etwas ver- lieren; streckte daher seinen rechten Fluͤgel um einen Berg herum; damit er die Roͤmer gleich- sam mit seinem viel staͤrckern Heere umschluͤssen moͤchte. Galba und Hortensius bothen ihm wol die Spitze; alleine Dejotar und Dromi- chetes schnitten sie von dem Roͤmischen Heere gantz ab; machten nicht allein alles nieder; son- dern verursachten auch den Sylla: daß er mit der Roͤmischen Reuterey selbst dahin eilen mu- ste. Archelaus welcher das feindliche Haupt zu erdruͤcken haͤtte bemuͤht seyn sollen/ verließ die- sen Platz; und meinte bald des verlassenen Roͤ- mischen Fluͤgels Meister zu werden. Also kam es dort wie der zu gleichem Gefechte; und weil Murena inzwischen frische Huͤlffe kriegte/ ge- rieth Taxiles in die Flucht. Die fast gantz im Stiche gelassenen Dejotar und Dromichetes kamen nach eusserster Gegenwehre mit Noth davon. Jedoch haͤtte noch ein grosses Theil des Pontischen Heeres gerettet werden koͤnnen/ wenn nicht Archelaus fuͤr den Fluͤchtigen die Pforten des Laͤgers verschlossen/ und bey schon gantz verlohrnem Spiele sie mehr hitzig als ver- nuͤnfftig mit blanckem Degen zum Fechten zu- ruͤck getrieben haͤtte. Endlich oͤffnete er zwar das Laͤger/ aber zu spaͤt; indem die Roͤmer zu- gleich mit eindrangen/ und selbtes eroberten. Also verlohr Mithridates diesen Tag wol sech- zig tausend Kriegs-Leute; wiewol die Roͤmer die Zahl wol auf hundert tausend ver groͤsserten; hingegen sich nicht zu schaͤmen tichteten: daß nur zwoͤlff Roͤmer todt blieben waͤren; Da doch Fuͤrst Dejotar ihrer mehr mit seiner Hand er- legt hatte; und uͤber zehntausend edlen Grichen Begraͤbnuͤß-Male auf gerichtet wurden. Ar- chelaus entrann mit zehntausenden nach Chal- cis; die uͤber des Archelaus schlimmer Anfuͤh- rung aber verdruͤßlichen Fuͤrsten Dejotar und Dromichetes fuͤhrten ihre Deutschen durch Thessalien/ und Macedonien in Thracien; welches dem Archelaus Gelegenheit gab/ durch Verleumdung der Deutschen/ samb sie ihn ver- lassen haͤtten/ sein Versehen zu entschuldigen/ und auf sie Mithridatens Zorn und Galle ab- zuleiten. Weil nun dieser ohne diß ihnen so wenig als denen uͤberwundenen Asiaten traute; entbot er mit vielen Verheissungen unter dem Scheine mit ihnen geheimen Rath zu halten/ die Fuͤrsten Dejotar/ Toredorich/ und wol noch sechzig der fuͤrnehmsten aus dem Adel nach Per- gamus. So bald sie dahin kamen/ verbot er keinen aus der Stadt zu lassen/ ließ auch ihre Gemahlinnen und Kinder unter dem Scheine der Ehren dahin erbitten. Diese Gewalt und Undanck barkeit gieng ihnen so sehr zu Hertzen: daß sie Mithridatens Tod beschlossen; und haͤtte Toredorich ihn in dem Richt-Saale hingerich- tet/ wenn nicht ein Grichischer Leibeigener den Anschlag verrathen haͤtte. Woruͤber der furcht- same Mithridat derogestalk verbittert ward: daß er noch selbigen Abend alle/ ausser dem durch Huͤlffe eines Frauen-Zimmers entkommenden Dejotar/ und zwey andern Rittern/ mit ihren Frauen und Kindern enthaupten/ und ihre Lei- chen den Hunden fuͤrwerffen; das theils durch bißherige Kriege geschwaͤchte/ theils ihrer Haͤu- pter entbloͤste Galatien aber durch schnellen U- berfall des Eumachus einnehmen/ und seiner Herrschafft unter werffen ließ. Dejotar flohe in Thracien/ und schlug sich mit seinen daselbst gelassenen Deutschen zum Sylla; welcher deñ/ als Arminius und Thußnelda. als Mithridatens neuer Feld-Herr Dorylaus mit achtzig tausend Kriegs-Leuten nach Chalcis uͤbersetzte/ und Beotien durchstreiffte/ den Roͤ- mern grosse Dienste that. Wie auch Archelaus nach seiner See-Rauberey/ und vergebens be- laͤgerter Stadt Zacynthus zum Dorylaus stieß; ermunterte er den Sylla: daß er bey der Stadt Orchomenus im flachen Lande denen Mithridatischen eine Schlacht zu lieffern wag- te; nach dem er vorher des Nachts auf beyden Seiten seines Heeres einen tieffen Graben ge- fuͤhrt/ an der Stirne aber hinter denen vorder- sten Gliedern des Fuß-Volcks starcke Pfaͤle den Einbruch der Pontischen Reuterey und der Sichel-wagen zu verhindern eingegraben hat- te. Dejotar selbst erwehlte mit seiner deutschen Reuterey hinter dem dreyfach gestellten Fuß- Volcke in einer Tieffe zu stehen. Die Ponti- schen Streit-Wagen blieben zwischen den Pfaͤ- len stecken/ oder trennten gar ihre eigene Schlacht-Ordnung. Die Reuterey stutzte an dem unvermutheten Graben. Hingegen fey- erten die Roͤmer mit ihren Bogen und Schwerdtern nicht; biß Archelaus/ nach dem ein Stuͤcke des Grabens mit Leichen gefuͤllet war/ mit seiner Reuterey durchbrach/ und zwey Legionen zertrennte; Also: daß Sylla selbst vom Pferde springen/ und durch Zuruffung: Sie moͤchten ihren Feldherrn nicht so schimpff- lich im Stichelassen/ sie mit Noth zu Stande bringen muste. Welches aber wegen des dar- zu kommenden Dorylaus nicht lange getauert haͤtte; weñ nicht die durch das ihnen Raum ma- chende Volck herfuͤr sprengende/ und den Fein- den gleichsam vom Himmel auf den Hals fal- lende Reuterey vom Fuͤrsten Dejotar beyden Heerfuͤhrern tapffer unter die Augen und in die Hacken gegangen waͤre. Dejotar durchrennte selbst des Archelaus Stieff-Sohn Diogenes/ und er selbst muste weichen. Weil nun Sylla hierdurch Lufft kriegte/ die Pontische Phalanx zu zertrennen; gerieth endlich alles in die Flucht. Funffzehn tausend Asiaten bissen ins Graß; Acht tausend wurden gefangen; Den dritten Tag darauf das vom Archelaus besetzte Laͤger gestuͤrmet/ erobert/ und alles nieder gemacht; also: daß der Fluß Cephißus von den Leichen angeschwellet/ der Copaische See auch von dem Blute soll gefaͤrbt worden seyn. Der uner- bittliche Sylla ließ nur zwantzig tausend aus den Suͤmpffen hervor gezogene ermorden; aus denen aber der drey Tage versteckte Archelaus noch nach Chalcis entkam. Wie nun hierauf Grichenland wieder Roͤmisch ward/ und in A- sien die Stadt Ephesus den Zenobius ermorde- te/ welcher zu Chios zwey tausend Talent er- preßt und die Einwohner als Sclaven nach Colchos geschickt hatte; andere Staͤdte wegen Mithridatens Grausamkeit abfielen/ viel sich ihn zu toͤdten verschwuren; die Deutschen auch wieder unter dem sich uͤber das Euxinische Meer in Galatien spielenden Dejotar Mithri- datens Besatzungen austrieben; der in Asien uͤ- bersetzende Roͤmische Feld-Herr Flavius Fim- bria auch den jungen Mithridates in Bithyni- en zweymahl/ ja den Koͤnig Mithridates selbst aus dem Felde schlug/ die Stadt Pitane/ dar- aus Mithridates kaum durch des Lucullus ver- wahrlosung entschlipte/ wie auch Pergamus und Jlium/ Lucullus das Eyland Chios ero- berte/ und den Neoptolemus bey Tenedos aus der See trieb; ließ dieser endlich durch den Ar- chelaus mit dem Sylla auf solche Bedingun- gen einen Frieden behandeln: daß Mithridates sich Galatiens/ Asiens und Paphlagoniens ent- eussern/ Bithynien dem Nicomedes/ Cappado- cien dem Ariobarzanes abrreten/ den Roͤmern zwey tausend Talent und si e bentzig gespitzte Schiffe abtreten solte. Ob nun wol Mithri- dates so schwere Gesetze genehm zu haben eine weile Bedencken trug/ und den Archelaus we- gen Verlust zweyer so maͤchtiger Heere ver- daͤchtig hielt; sonderlich/ weil Sylla mit ihm als ein Bruder mit dem andern umgieng/ ihn C c c c c c 2 einen Sechstes Buch einen Roͤmischen Freund und Bund genossen hieß und ihm in Eubea zehntausend Huben A- ckers schenckte; so zohe doch dieser ungluͤckliche Koͤnig dem Sylla biß zur Stadt Dardanus entgegen/ und beliebte nach einer langen Unter- redung den geschlossenen Frieden. Worauff denn beyde/ gleich als wenn sie niemahls gegen einandeꝛ den Degen gezuͤckt haͤtten/ als veꝛtrau- te Freunde einander umhalseten und kuͤßten; die Deutschen also unter dem Fuͤrsten Dejotar/ nach dem sie sich zwischen der Roͤmischen und Pontischen Macht seltzam durch geschraubtha- ten/ zwar wieder zur Ruh/ aber nicht zu ihren alten Kraͤfften und Ansehen kamen. Sylla hingegen saß dem Fimbria auff den Hals/ und zwang ihn: daß er zu Pergamus sich in dem Tempel des Esculapius ermordete; gleich als diß Laster verzweiffelter Zagheit eine den Heiligthuͤmern anstaͤndige Andacht waͤre. Wie- wol/ wenn es einigen Schein der Tugend an- nehmen kan/ es ihm sein Knecht zuvor that/ der des Fimbria Leben und Schmertzen durch sei- nen Dolch vollends abhalff/ und hernach sein ei- gen Blut dessen Leiche aufopfferte; Dessen Le- ben er seine Dienste so treulich gewiedmet hatte. Hierauf baute Sylla Jlium wieder auf/ ließ sich zu Athen in dem Elevsinischen Heiligthume ein weihen; behandelte vom Tejus Apelicon/ das Aristoteles und anderer weisen Grichen halb vermoderte Handschrifften; und ließ den Murena mit zwey Legionen in Asten/ und den Lucullus in der vergebenen Belaͤgerung der Stadt Mytilene zuruͤcke. Hierauf erklaͤrte sich der in Jtalien kommende Sylla zwar: daß er sich dem Rathe unterwerffen wolte/ wenn al- le vom verstorbenen Cinna verjagten Buͤrger wie der nach Rom beruffen wuͤrden; aber der Buͤrgermeister Carbo verderbte alles Spiel/ und zuͤndete den grausamen Buͤrger-Krieg an; in welchem etliche tausend Deutsche abermahls das Blut-Bad musten vergroͤssern helffen. Denn der Roͤmische Rath/ welcher nach des Carbo Urthel mit einem in des Sylla Hertzen wohnenden Loͤwen und Fuchse zu thun hatte/ dorffte bey nahe keinem Roͤmer recht trauen/ nach dem Metellus/ Cethegus/ Verres/ Piso/ der junge Pompejus/ und der Kern des Roͤmi- schen Adels dem Sylla zufielen; Daher ließ er den Junius Brutus/ die Helvetier/ Noricher und andere Deutschen mit grossen Vertroͤstun- gen wieder den Sylla um Huͤlffe anflehen. Ein Tribocischer Fuͤrst brachte ihm auch in Eyl drey tausend Reuter zu/ mit welchen er dem jun- gen Cneus Pompejus/ der gleichsam als ein neuer Gluͤcks-Stern aufgieng/ und mit der U- berbleibung seines vaͤterlichen Heeres zum Sylla ritte/ den Weg verbeugen wolte. Allein des Brutischen Heeres Muͤdigkeit/ und die gar zu hefftige Hitze des Tribocischen Fuͤrsten/ wel- cher zu eiffrig dem Pompejus selbst auff den Hals drang; und weil seine Lantze auff des Pompejus Schilde zerbrach/ von ihm durch- rennt ward/ oder vielmehr das fuͤr den Sylla selbst fechtende Geluͤcke waren Ursache: daß die Deutschen und das gantze Heer des Brutus ge- schlagen ward. Worauff denn auch des Buͤr- germeisters Scipio Heer ihn verließ/ und zum Sylla uͤbergieng; Pompejus aber/ der kaum aus dem Picenischen Schul-Staube gediegen war/ vom Sylla praͤchtig bewillkommet/ ein Roͤmischer Feld-Herr begruͤsset/ und am Po denen anziehenden Deutschen zu begegnen ver- schickt ward. Der junge Marius zohe hierauff zwar ein frisches Heer meist von Samnitern/ Marsen und Deutschen zusammen/ und grieff den Sylla bey der Stadt Signia tapffer an; weil aber im hitzigsten Treffen sieben Roͤmische Fahnen die Waffen niederwarffen/ und zum Sylla flohen/ ward selbtes geschlagen; und entkam Marius mit genauer Noth nach Pre- neste. Pompejus und Metellus schlugen bald darnach auch den Carbo/ und Rom sperrte dem Sylla selbst das Thor auff. Ob nun wol dero- gestalt alles sich fuͤr dem Sylla buͤckte; ja der Buͤrger Arminius und Thußnelda. Buͤr germeister Carbo selbst aus Jtalien lieff/ uñ dreyßig tausend Mann im Stiche ließ; so ließ doch allein der Samniter tapfferer Fuͤrst Pon- tius Telesius und Sultz ein deutscher Ritter mit seinen Huͤlffs-Voͤlckern den Muth nicht gar sincken/ sondern munterten den zu ihnen stos- senden Carnias/ Damasippus und Marcius auf: daß sie zwischen des Sylla und Pompejus Heeren durch/ und gerade nach Rom ruͤckten; und sich auf dem Albanischen Berge im Ge- sichte der Stadt laͤgerten/ und den ausfallenden Appius Claudius mit vielem Adel erschlugen. Sylla eilte gleichfalls nach Rom/ und liefferte ihnen fuͤr der Collatonischen Pforte eine Schlacht; in welcher der den rechten Fluͤgel fuͤh- rende Marius Craßus zwar des Carinas lin- cken Fluͤgel gestellten Samnitern und Deut- schen so warm: daß der schon halb verzweiffeln- de Sylla ein aus dem Delphischen Tempel ge- raubtes/ und in einen Rubin gegrabenes Bild des Apollo herfuͤr zoh/ und selbtes kniende um den Sieg anruffte. Hierauff rennte er zwar auf einem weißen Pferde allenthalben hin/ wo die Noth am groͤsten war/ hielt die Fluͤchtigen mit eigner Hand auf; und hielt da festen Fuß/ wo niemand mehr stehen konte; so/ daß Telesin einen/ und Sultz den andern Wurffspieß ihm nahe am Leibe vorbey schmiessen/ aber alles war umsonst; und konte niemand gegen den schaͤumenden Sultz und Telesin stehen; welcher immer rieff: Man muͤsse diese fuͤr Augen ste- hende Stadt als Jtaliens Wald ausrotten/ wenn man wolte der Woͤlffe loß werden. Also gerieth der gantze Fluͤgel in die Flucht; die Roͤ- mer liessen an den Stadt-Thoren die Fall- Gatter nieder. Dieser Auffenthalt zwang die fliehenden Roͤmer sich wie der zu wenden; und ihre Verzweiffelung verneuerte das Gefech- te; welches biß in die sinckende Nacht waͤhrte; also: daß beyde Theile biß auff eine geringe U- berbleibung von des Sylla Volcke einander im Finstern gleichsam blind aufrieben; und funffzig tausend Leichen auf der Wallstatt ge- zehlet wurden. Darunter war Sultz/ Carnias/ Damasippus/ und der noch unter den Todten athmende Telesin/ welchen Sylla die Koͤpffe abschlagen/ und sie dem den Marius in Prene- ste belaͤgernden Lucretius zubringen ließ. Hier- auf verfiel Sylla in so unmenschliche Grausam- keit: daß er bey Ermordung acht tausend Erge- bener nur im Rathe laͤchelte/ den Marcus Ma- rius nach aus gestochenen Augen/ gepruͤgeltem Ruͤcken/ tausenderley Pein auf des Catulus Grabe zerfleischen/ durchgehends alle Samni- ter vertilgen/ alle vermoͤgende in die Acht er- klaͤren ließ; so/ daß auch der dreyzehnjaͤhrige Knabe Cato seiner Raserey durch einen Dolch abgeholffen haͤtte/ wenn es nicht sein Lehrmei- ster Sarpedo verhindert. Nach diesem erklaͤr- ten die Roͤmer ihn zu ihrem ewigen Feldherrn/ raͤumten ihm auch uͤber sich eine so unver- schraͤnckte Macht ein: daß er Staͤdte bauen und einaͤschern/ Koͤnigreiche nehmen und ge- ben/ auch ohne Rechts-weg verdammen und toͤdten moͤchte/ wen er wolte. Und endlich beschloß er mit einem praͤchtigen Siegs-Ge- praͤnge wegen des besiegten Mithridates; dar- innen unter so einer unsaͤglichen Menge Gol- des und Silbers/ und so viel unzehlbaren Sel- tzamkeiten wol nichts bessers zu sehen war: als daß die vom Marius vertriebenen Buͤrger sei- nem Siegs-Wagen folgten/ und den Sylla ihren Vater und Erhalter/ das Volck aber den Gluͤckseligen ausrufften. Mitler Zeit wendete Mithridates allen moͤg- lichsten Fleiß an die Gemuͤther der Deutschen in Galatiẽ wieder zu gewiñen/ mit derer Beystand er unschwer die beym Roͤmischen Kriege abge- fallenen Colchier uͤberwand/ und auf ihre Bitte ihnẽ seinen Sohn Mithridates zum Koͤnig gab. Weil sie diesem jungen Fuͤrsten aber zu sehr lieb- kosten/ argwohnte er: sein Sohn waͤre ihres Ab- C c c c c c 3 falls Sechstes Buch falls Uhrheber gewest; entbot er ihn freundlich zu sich/ schlug ihn in guͤldene Fessel/ und ließ ihn endlich durch den Rauch einer vergiffteten Fa- ckel toͤdten; zu einem traurigen Merckmahle: daß herrschsuͤchtige Eltern nicht nur ihr Leben aufopffern den Kindern Kronen zu erwerben; sondern auch Kinder schlachten/ um Kronen nicht zu verlieren. Bald darauf ruͤstete er et- liche hundert Schiffe uͤber hundert tausend Kriegs-Leute aus/ solche wieder die aufruͤhri- schen Bosphoraner zu fuͤhren. Weil aber Ar- chelaus darbey keinen Dienst bekam/ flohe er zum Murena/ und brachte unter dem Vor- wandte: daß Mithridatens allzugrosse Ruͤstung nicht wider die schwachen Sarmater/ sondern die Roͤmer angesehen waͤre/ zu wege: daß der Kriegs-begierige Muvena in Cappadocien ruͤckte/ und alles/ was noch Mithridatisch war/ einnahm; ja die Stadt Cumana durch Sturm eroberte. Mithridates schickte hierauf zwar drey Grichische Weltweisen an Murena; diese aber riethen verraͤtherisch mehr zum Kriege als davon ab. Daher auch Sylla das gantze Land durchstreiffte/ und mit Raub und Brand so gar nicht der Heiligthuͤmer schonte. Mithridates schickte zwar auch eine Bothschafft an den Syl- la/ und den Roͤmischen Rath/ welche sich uͤber diesen unverschuldeten Friedenbruch besch wer- te; mit Bitte: Es moͤchten die Roͤmer doch un- ter Feinden und Bundgenossen einen Unter- scheid machen; Aber Murena ließ sich nichts irren; sondern setzte uͤber den Fluß Halys/ raub- te/ pluͤndetzte und kehrte mit grosser Beute durch Galatiẽ in Phꝛygien. Ungeachtet auch Callidius von Rom kam/ und dem Murena einen Stille- stand gebot; so kehrte er sich doch wenig hieran/ und bedraͤngte so wol die Deutschen als den Mi- thridates. Wie nun jene zu den Waffen griffen; wagte es endlich auch Mithridates; und jagte beyder vereinbarte Macht nicht allein den Mu- rena uͤber den Fluß Parthenius/ sondern gar in Phrygien. Viel des Roͤmischen Geitzes uͤ- berdruͤßige Voͤlcker in Asien fielen dem Mi- thridates wieder zu; und in weniger Zeit ero- berte er die von den Roͤmern besetzte Oerter in Cappadocien. Welchen Sieges halber er nach dem Beyspiele der auf des Cyrus Begraͤbnuͤß- Berge bey der Stadt Pasargada opffernden Persen/ von welchen er entsprossen war/ auf die Spitze des Lyndinischen Gebuͤrges selbst Holtz trug/ und in einem auff hundert und dreyßig Meilen sichtbaren Feuer dem Kriegs-Gotte Milch/ Honig und Oel opfferte. Nach diesem Verluste kriegte Murena durch den Gabinius von Syllen auffs neue Befehl den Mithrida- tes und die Deutschen nicht ferner zu reitzen; zumahl den Roͤmern die einige Stadt Mytile- ne so viel zu schaffen machte: daß sie sie nicht er- obern konten. Gleich wol aber ward ihm zu Rom ein Siegs-Gepraͤnge erlaubt. Mithri- dates verglich sich inzwischen mit dem Ariobar- zanes; Und damit er die Cappadocischen Fe- stungen in seinen Haͤnden behalten konte/ gab er ihm eines seiner Kinder zur Geißel. Hierauf setzte er nach Colchis uͤber; uͤberstieg den Cauca- sus/ und er weiterte sein Gebiete biß an den Fluß Cyrus. Hernach zaͤhmete er die noch unru- higen Bosphoraner. Bey denen zwischen dem Flusse Jcarusa und Nesus unter dem Caucasus liegenden Acheern aber buͤste er theils durch Arglist der Feinde/ theils durch Einbrechung des Eyßes bey nahe zwey Theil seines Heeres ein. Zu Rom hatte Sylla zeither als ein Herr uͤber seine Leibeigene gebahrt/ den Lucretius und andere zu hoch empor wachsende Koͤpffe ab- geschnitten/ Egypten einen Koͤnig gegeben/ zehntausend Knechte frey gelassen/ und sie alle nach seinem Vornahmen genennet; nunmehr aber schien ihm der aus Africa sieghafft zuruͤck- kommende Pompejus zu Kopffe zu wachsen; welcher daselbst Hiempsaln das Reich Numidi- en eingeraͤumt hatte; weßwegen ihm Sylla ehrerbietig entgegen zoh/ ihn den grossen Pom- pejus hieß/ und ihm wieder die Gesetze ein Siegs- Arminius und Thußnelda. Siegs-Gepraͤnge entraͤumte; ja/ vieler Mey- nung nach/ um von dieser aufgehenden Sonne nicht schimpflicher verduͤstert zu werden; sich selbst in dem einsamen Schatten seines Cuma- nischen Vorwergs einschloß/ und in einem Au- genblicke sich aller seiner Gewalt/ nach dem er vorher viel Tage nach einander dem Roͤmischen Volcke ein kostbares Abschiedsmahl gegeben/ und viertzig-jaͤhrigen Wein aufgesetzt hatte/ enteusserte. Der groͤste Trieb dieser Entschluͤs- sung aber ruͤhrte von einem Cimbrischẽ Priester her/ welcher dem Sylla in der mit dem Koͤnige Bojorich gehaltenen Schlacht aus den Gefan- genen zu kommen/ und in seinem Hause zeither blieben war. Dieser hatte den Sylla zeither theils durch Ruͤhrung seines Gewissens wegen so viel vergossenen Blutes/ und seinem Vater- lande geraubter Freyheit/ theils durch Ver- nichtigung der Obersten Gewalt/ welche nichts als eine edle Dienstbarkeit/ und ein Kreyß oh- ne Mittel-Punct einiger Ruhe des Gemuͤthes waͤre/ endlich so mirbe gemacht; daß er die mit so viel Schweiß und Gefahr geraubte Wuͤrde nunmehr als einen eitelen Dunst verschmehe- te; und derogestalt derselbe/ welcher fuͤr erlang- tem Siege nicht genung zuloben/ nach selbtem nicht sattsam zu schelten war; die Neige seines Alters klaͤrer und herrlicher machte als sein Mittel gewest; ja hierdurch verdiente: daß wie er beym Leben des Todes/ also in seinem Tode des Lebens wuͤrdig zu seyn geschaͤtzt wer- den muste; ungeachtet er an der denen Wuͤtte- richen fast eigenen Laͤuse-Kranckheit solches mit unsaͤglichen Schmertzen beschloß. Daher ihm auch bey seinem praͤchtigen Begraͤbnuͤße zwey tausend guͤldene Kronen fuͤrgetragen; seine A- sche und Gebeine in die alte Koͤnigliche Grufft beygesetzt wurden. Seine Leiche ward seinem Befehle gemaͤß verbrennt; da doch alle Edlen zeither in Rom sich hatten beerdigen lassen; viel- leicht aus Beysorge: Es moͤchte aus gerechter Rache seinen/ wie des Marius Gebeinen ge- hen/ die er hatte ausgraben und in den Fluß A- nien schuͤtten lassen. Daher fand man in des Sylla Holtz-Stosse eine Zypressen-Tafel/ in welche nachfolgendes kuͤnstlich eingeschnitten war: Der Tod/ der alles tilgt/ der oͤffters Feind’ als Freunde Verscharret in ein Grab/ giebt allzu schwach sich an: Daß er den Marius nicht mit dem Sylla kan Vereinbarn. Beyder Seeln und Geister sind noch Feinde. Ja Libitina traut sich nicht nach einer Art Der grossen Wuͤttriche zwey Leichen zu begraben. Weil die des Marius nun ist in Fluth verwahrt/ Muß Syllens Holtz und Gluth zu ihrem Sarche haben. Hierauff entspan sich in Hispanien der grau- same Krieg des vom Sylla verbannten Ser- torius; in welchen gleichsam die Seele des Ma- rius und Annibals gefahꝛen zu seyn schien. Deñ als zu Rom durch ein Gesetze allen/ die auf des Marius Seite gestanden waren/ mit samt ih- ren Nachkommen alle Staffeln der Ehren ver- schrenckt worden/ zohe er nicht allein einen grossen Roͤmischen Adel an sich; sondern ver- band sich auch mit denen Celtiberiern/ und de- nen von Koͤnig Teutobachs Heere in Hispanien gekommenen Deutschen/ welche um das E- dulischc Gebuͤrge ihren Sitz genommen hatten. Diese begegneten in den Pyreneischen Berg- Engen dem durch das Narbonnische Gallien anziehenden Cajus Annius so tapffer: daß drey tausend Roͤmer daselbst ins Graß bissen. Allein Calpurnius Lanarius ermordete den Livius verraͤtherisch/ schlug sich zum Annius/ und er- oͤffnete ihm allenthalben die Pforten; welches den Sertorius verursachte mit drey tausend vertriebenen Roͤmern nach neu Carthago/ und in Mauritanien zu fliehen. Nach erlittenem Schaden und Schiffbruche setzte er wieder o- berhalb des Flusses Betis aus/ und traff alldar etliche aus den gluͤckseligen und Atlantischen Eylanden zuruͤckkommende Schiff-Leute an. Daher er die Seinigen in die Ruhe dieser so fruchtbaren Laͤnder uͤberzuschiffen bemuͤht war; wie sie aber ihm zu folgen weigerten/ und die Lusi- Sechstes Buch Lusitanier ihn zu ihrem Heerfuͤhrer berufften/ segelte er dahin/ schlug sich durch des Cotta Schiffs-Flotte durch/ und den Fursidius im Betischen Hispanien aus dem Felde. Wiewol auch der erfahrne Metellus wieder ihn geschickt ward/ mergelte er ihn doch sonder Gefechte eus- serst ab/ schlug den Domitius und Thorius. Hirtulejus mit den Celtiberiern und Cimbern erlegten dem aus Gallien kommenden Lucius Manilius fuͤnff gantze Legionen; also: daß er selbst uͤber den Fluß Sicovis schwemmende mit Noth nach Jlerda entran. Worauf Serto- rius einen Roͤmischen Rath von dreyhundert edlen Roͤmern/ eine Leib-Wache/ aber meist von fuͤnffhundert Deutschen/ und zwar nach der aus Deutschland von den Celtiberiern in Hispanien gebrachten Gewonheit aufrichtete: daß diese seine Gefehrten ihr Leben vor ihren Fuͤrsten verloben musten. Mit denen Cilicischen See- Raͤubern machte er einen Bund; welche allent- halben zur See den Meister spielten. Den Metellus trieb er von der Stadt Laccobrige Belaͤgerung mit grossem Verlust weg; Die Charocitaner trieb er durch hinein geweheten Staub aus ihren Hoͤhlen. Ja seine Klugheit und Tapfferkeit bemaͤchtigte sich mit des Cim- brischen Fuͤrsten Siwalds/ und der Celtiberier treuem Beystande fast gantz Hispaniens; und Sertorius hatte bereit fuͤr in Jtalien einzufal- len; wenn nicht Cnejus Pompejus/ der in A- frica den Cneus Domitius und den Numidi- schen Koͤnig Hiera uͤberwunden/ auch deßhalben im vier und zwantzigsten Jahre seines Alters zu Rom ein Siegs-Gepraͤnge gehalten ha t te/ mit einem maͤchtigen Heere uͤber die Lepontischen Alpen durch einen neugesuchten Weg/ um es dem Annibal nachzuthun/ in Gallien angezo- gen waͤre; Allwo ihm aber die Alemaͤnner/ wel- che das Penninische Thal/ und das Gebuͤrge Jura bewyhnten/ aller hand Hindernuͤße mach- ten/ und seinen Nachtrab grossen theils zernich- teten. Pompejus kam gleichwol mit einer gros- sen/ uñ vom Fontejus nach verstaͤrckten Macht das Narbonische von den Roͤmern schon mei- stentheils besetzte Gallien uͤber das Pyreneische Gebuͤrge in Hispanien. Er ward aber bald uͤbel bewillkommt. Denn als er die vom Ser- torius belaͤgerte Stadt Lauron entsetzen wolte/ verlohr er zehntausend Roͤmer und die Stadt Lauron darzu; welche Sertorius schleiffte/ und eine gantze Roͤmische Fahne niederhauen ließ; weil aus selbter vom Servilius einem Roͤmi- schen Edelmanne bey Eroberung der Stadt ei- ne edle deutsche Jungfrau mißbraucht worden war; ungeachtet sie ihm mit den Fingern dar- uͤber die Augen aus gegraben hatte. Metellus versetzte hierauff zwar dem Hirtulejus und de- nen Lusitaniern einen gewaltigen Streich; a- ber Sertorius war ein Meister sich nur nicht alleine selbst fuͤr Fehlern zu huͤten/ sondern auch fremde zu verbessern. Wie er denn durch ei- genhaͤndige Erstechung des Boten diese Nie- derlage fuͤr seinem Kriegs-Volcke gantz ver- druͤckte. Massen denn der grosse Ruff vom Sertorius den Mithridates wieder gleich sam aus dem Schlaffe erweckte/ und anreitzte: daß er den Tigranes in Cappadocien zu fallen bere- dete; darinnen er zwoͤlff von den Grichen be- wohnte Staͤdte veroͤdete/ und dreyhundert tau- send Einwohner in seine neue Stadt Tigrano- certa gefangen wegfuͤhrte. Eben selbiges Jahr nahm Pompejus den Celtiberiern die Stadt Segida/ und nach Erlegung des Herennius an dem Fluß Durius Valentia weg; daher eilte Sertorius den Deutschen zu Huͤlffe; und ka- men beyde gantze Machten bey dem Flusse Su- cro an einem zwar hellen/ aber unaufhoͤrlich- blitzenden Tage zu einer Haupt-Schlacht; in welcher Afranius des Perpenna und der Celti- berier/ Sertorius aber und Hertzog Siewald der Roͤmer rechten Fluͤgel in die Flucht schlug/ und Sertorius mit eigner Faust dem Pompe- jus einen Spieß durch das dicke Bein jagte; Ein Deutscher zu Fusse kaͤmpffender Ritter Gußmann Arminius und Thußnelda. Gußmann aber ihn gar vom Pferde rieß; also: daß/ weil die andern Deutschen sich mit dem Gußmann um das mit Golde und Edelgestei- nen reich aufgeputztes Pferd zwisteten/ Pom- pejus gleichsam durch ein Wunderwerck ent- ran. Sertorius trieb hierauf auch den Afri- canus mit grossem Verlust zuruͤcke; also: daß zehntausend Roͤmer sitzen blieben; Er haͤtte auch fruͤh dem Pompejus sein letztes vollends versetzt; wenn nicht Metellus ihm zu Huͤlffe kommen waͤre. Hierauff hielt sich Sertorius alles ihm bevorstehenden Vortheils ungeach- tet/ in seinem Lager gantz stille; biß seine weiße Hindin/ die sich in die Waͤlder verlauffen hat- te/ zuruͤck kam. Da er denn/ gleich/ als wenn ihm die Goͤtter durch selbte diß/ was er fuͤrneh- men solte/ andeuteten/ auszoh/ und das Roͤmi- sche Heer an dem Flusse Salo bey Seguntium erreichte; mit selbigem vom Mittage biß in die Nacht schlug/ und sechs tausend Roͤmer dem Pompejus erlegte; folgenden Tag auch des Metellus Lager stuͤrmte/ und bey nah eroberte. Weil nun die Celtiberier und Deutschen hierin- nen so tapffere Helden-Thaten ausuͤbten; er- kiesete Sertorius ihm solche zur Leib-Wache; die Deutschen aber ruͤckten den Roͤmern fuͤr: daß sie bey Stuͤrmung des Metellischen Laͤ- gers ihre Pflicht nicht gethan haͤtten. Welches die Roͤmer hoch empfunden; und als sonderlich Pompejus mit zwey frischen Legionen ver- staͤrckt ward/ hauffenweise zu ihm und dem Me- tellus uͤber giengen. Gleichwol hielt ein Theil nebenst denen Deutschen beym Sertorius stand/ entsetzte die vom Pompejus belaͤgerte Stadt Palantia/ und erlegte bey Calaguris abermals drey tausend Roͤmer; ja er brachte den Metellus und Pompejus in solche Furcht: daß keiner ihm mehr Stand hielt/ und so ins Ge- drange: daß jener in einen Winckel Jtaliens/ dieser ins Narbonische Gallien sich verkrichen muste; ja Rom selbst schon fuͤr dem ankommen- den Sertorius und den strengen Deutschen zit- terte. Zu eben dieser Zeit starben Nicomedes und Appio/ welche das Roͤmische Volck zu Erben ihrer Koͤnigreiche Bithynien und Lybien einsetz- te; daher Mithridates mit seinem im Hertzen verborgenen Kriege laͤngeꝛ zuꝛuͤck zu halten/ und die Roͤmische Macht sich vergroͤssern zu lassen nicht rathsam hielt. Derhalben schickte er zwey vertriebene Roͤmer/ nemlich den Fannius und Magius durch Jtalien zum Sertorius; wel- che/ iedoch weil dieser gleichwol nichts zu Ab- bruch des Roͤmischen Reichs fuͤꝛnehmen/ sondeꝛn nur des grausamen Sylla Uberbleibung/ und die gewaltsamen Herrscher aus dem Sattel he- ben wolte/ mit Noth zu einem Buͤndnuͤße be- wegte/ Krafft dessen Mithridates zwar Cappa- docien und Bithynien haben; das uͤbrige Asien aber den Roͤmern bleiben; Sertorius Mithri- daten einen Feldhauptmañ mit gewissem Vol- cke/ dieser aber jenem drey tausend Talent und viertzig Schiffe schicken solte. Mithridates brach hierauf alsofort mit den Roͤmern; welcher alleine hundert-sechs- und funffzig tausend Huͤlffs-voͤlcker von Deutschen/ Scythen/ Sar- matern/ Thraciern/ und insonderheit Bastar- nen/ vierhundert grosse Schiffe/ wie auch hun- dert und funffzig Sichelwagen zusam̃en brach- te. So bald nun Fannius und Magius mit dem gewesenen Rathsherrn Marcus Varius/ wel- chem Mithridates selbst die Oberstelle gab/ in Asien ankam/ schickte er den Diophantus mit hundert tausend Mann in Cappadocien; er selbst ruͤckte mit anderthalb hundert tausend Fuß- Knechten und zwoͤlff tausend Reutern durch das Timonitidische Paphlagonien und Galatien in Bithynien/ und bemaͤchtigte sich der Stadt He- raclea. Daher beyde Buͤrgermeister Lucullus uñ Cotta wieder den Mithridates geschickt wur- den. Alleine der ehrsuͤchtige Cotta/ welcher dem Lucullus den Ruhm des Sieges wegnehmen wolte/ ward bey Chalcedon von denen einigen Bastarnen und andern Deutschen auffs Haupt geschlagen; Lucullus Manlius mit sechstehalb tausend Roͤmern getoͤdtet/ und die Uberbleibung in Chalcedon eingesperrt. Mithridates selbst Erster Theil. D d d d d d segelte Sechstes Buch segelte mit einem schnautzichten Schiffe die ei- serne Kette im Hafen entzwey/ erschlug im See-Gefechte acht tausend Roͤmer/ und Rho- dier/ zuͤndete vier Schiffe an/ und schlepte die uͤbrigen sechzig mit fuͤnffthalb tausend Gefan- genen weg. Daher uͤber Rom aus Asien und Hi- spanien zwey schreckliche Ungewitter aufzogen. Aber das sich dieser Stadt gleichsam verschwor- ne Gluͤcke zohe ihr bald zwey schaͤdliche Doͤr- ner aus den Fuͤssen. Denn weil Sertorius auf der Celtiberier Beschwerde dem Perpenna beweglich verwiesen hatte: daß er in etlichen Treffen diese streitbare Bunds-Genossen allein baden lassen; erstach der rachgierige Perpenna den trunckenen Sertorius unversehens in sei- nem Speise-Saale. Welch Meuchelmord des Perpenna/ den doch Sertorius zum Erben eingesetzt hatte/ die Celtiberier und Deutschen verursachte: daß sie sich mit dem Pompejus vertrugen/ den Perpenna im Stiche liessen; der hierauf leicht uͤberwunden und erschlagen ward; wiewol die Roͤmer noch genung zu thun fanden/ ehe sie die Stuͤdte Os a/ Terme/ Tutia/ Valentia/ Auxima und Cale guris; in welcher die Belaͤgerten aus dringender Hungers-Noth ihre geschlachteten Weiber und Kinder verspei- seten/ und das uͤbrige von ihnen einsaltzten/ wie- der zum Gehorsam brachten. Der Roͤmer an- der Gluͤcke war: daß Appius Claudius die mit den Dardanern verbundene Skordiskischen Deutschen/ welche auf Mithridatens heimliche Verhetzung gantz Macedonien durchstreifften/ und zu grossem Schrecken der Roͤmer/ aus al- ler Erschlagenen Hirnschaͤdeln Trinck geschirre machten/ zweymahl aus dem Felde schlug/ und sie biß an die Donau verfolgte; wie auch denen mit dem Sertorius und Mithridates verbun- denen Cicilischen See-Raͤubern einen heftigen Streich versetzte; Publius Servilius aber gantz Cilicien eroberte/ am ersten unter den Roͤ- mern den Berg Taurus uͤberstieg/ und in dem mittagichten Galatien dem mit dem Hertzoge Dejotar strittigen Fuͤrsten Konnachorich die Stadt Jsara ab- und selbigen Deutschen so wol als denen Lycaoniern eine Schatzung aufdrang/ und durch sein in Cilicien und Pamphilien ver- legtes Heer dem Mithridates alle verdaͤchtige Gemeinschafft mit den See-Raͤubeꝛn abschnitt. Den groͤsten Abbruch aber that Hertzog Dejo- tar dem Mithridates. Denn weil dieser bey seinem Durchzuge seine Galatische Deutschen gleichsam als Feinde gedruͤckt hatte/ auch die deutschen Huͤlffs-Voͤlcker allenthalben zu ver- zweiffelten Verrichtungen gebrauchte; und wenn er sie mit dem Feinde ver wickelt hatte/ mit Fleiß im Stiche ließ; gleich als wenn es ihm nuͤtzlicher waͤre: daß die Deutschen von Roͤmern/ als diese von jenen erlegt wuͤrdẽ; lehrte der ver- schmitzte Dejotar bey Zeite den Rock um; und verfuͤgte sich/ so bald er des Lucullus Ankunfft zu Pergamus vernahm/ zu ihm. Erkam gleich den Abend an: als das in Gestalt eines grossen silbernen Fasses vom Himmel fallende Feuer des Lucullus/ und des Marcus Varius mit ein- ander schlagendes Heer bey Otrye in Phrygien von sammen getrennt hatte. Lucullus empfing Dejotarn mit offenen Armen/ dieser aber gab ihm von Mithridatens Macht und Anschlaͤgen heilsame Nachricht; und so bald dieser mit sei- ner gantzen Macht die in dem Bebrycischen Meere gantz vertieffte/ und uͤberaus feste Stadt Cycicus belaͤgerte/ stieß Dejotars gantze deut- sche Macht zum Lucullus. Und weil beyde Mi- thridatens unzehlbares Heer ehe mit Hunger als Fechten zu uͤberwinden getrauten/ ruͤckten beyde jenem an den Ruͤcken; und spielte es De- jotar so kuͤnstlich: daß er den Magius mit dem Lucullus versoͤhnte; dieser aber Dejotarn zu Eroberung eines zwischen beyden Bebrycischen Meer-Spitzen gelegenen Berges halff; durch dessen Befestigung und Besetzung dem Ponti- schen Heere auf einmahl alle Zufuhre zu Lande abgeschnitten ward. Die Stadt ward inzwi- schen zu Lande und Waßer vom Mithridates auffs Arminius und Thußnelda. auffs eusserste bedraͤngt und bestuͤrmet; Aber Pi- sistratus vertheidigte selbte fast uͤber menschliche Vernunfft; und zwar durch diesen den Ein- wohnern beygebrachten Aberglauben: daß die ihm im Schlaffe erscheinende Proserpina ver- sprochen haͤtte wieder die Pontischen Pfeiffer einen Africanischen zu schicken. Massen denn folgenden Tag ein hefftiger Sud-Wind von Africa herstrich; und Mithridatens Sturm- Thuͤrme alle uͤber einen Hauffen warff. End- lich aber waͤre doch die Stadt aus Verzweiffe- lung uͤber gegangen; wenn nicht ein Deutscher ihm unter die Armen Blasen gebunden/ an die Fuͤsse Bley gehenckt/ und uͤber das Meer durch die Pontischen Schiffe in den Cycikischen Ha- fen geschwommen/ und durch berichtete Anwe- senheit des Lucullus und Dejotars sie zu tapffe- rer Gegenwehr aufgemuntert haͤtte. Wie nun bey herruͤckender Winters-Zeit dem Mithri- dates auch zur See die Zufuhre entfiel/ zwang der Hunger ihn ein grosses Theil/ und fast alle Reuterey seines Heeres weg zu schicken; Alleine Dejotar war ihnen mit seiner Reuterey bald in Eisen/ und zwang sie an dem Flusse Rhynda- cus Stand zu halten; Lucullus folgte mit einem Theile des Heeres; und erschlug daselbst eine grosse Menge/ funffzehntausend Kriegs-Leute/ sechs tausend Pferde/ und eine unglaubliche Menge Vieh ward gefangen. Wenig Tage darnach schlug Mamercus den Fannius und Methrophanes in Moͤsien. Weil aber Eu- machus Mithridatens Feld-Hauptmann im Pisidien/ und bey den Jsauriern den Meister spielte; eilte Dejotar seinen Deutschen zu Huͤlf- fe/ und traff das zerstreute Heer des Eumachus unter dem Berge Didymus in voller Sicher- heit an/ schlug selbtes in die Flucht/ ehe es sich recht setzen konte; funffzehntausend musten uͤber die Klinge springen/ und nicht weniger wurden mit unschaͤtzbarer Beute gefangen. Hieruͤber verlohr Mithridates alle Hoffnung die Stadt Cycicus zu erobern; ließ also den Hermeus und Fannius dafuͤr/ er aber schiffte des Nachts dar- von. Die zuruͤckgelassenen wu r den theils von dem ausfallenden Pisistratus im Laͤger/ theils vom Lucullus am Flusse Esepus und zwar in so grosser Anzahl erschlagen: daß dieser und der Fluß Granicus sich von ihrem Blute faͤrbte. Also kostete diese Belaͤgerung Mithridaten uͤ- ber dreyhundert tausend Menschen; sein See- Hauptmann Aristonicus ward hierauff gefan- gen/ viel Schiffe ihm durch Ungewitter zer- schmettert/ Apamea und Prusa erobert; und auf Anleitung eines zu Troas in dem Tempel der Venus habenden Traumes/ bemeisterte Lu- cullus bey Tenedos vollends die feindliche Schiff-Flotte; und endlich kriegte er nebst an- dern Pontischen Fuͤrsten auch den Rathherrn Varius gefangen/ welchem er alsofort den Kopff abschlagẽ ließ. Ja weñ Poconius nicht mit dem Samothracischen Aberglaubẽ die Sache unzei- tig versaͤumt haͤtte/ waͤre ihm Mithridates mit deꝛ Stadt Ni c omedia selbst in die Haͤnde gefallẽ. Mithridates flohe von dar zur See nach Hau- se; verlohr aber wieder durch Schiffbruch sech- zig Schiffe/ und zehntausend vom Kerne seines Krieges-Volckes; gleich als wenn Himmel/ Erde und Meer sich ihn zu vertilgen verschwo- ren haͤtte. Bey welcher Menge Ungluͤcks dieser kleine Sonnenschein hervor blickte: daß die Stadt Heraclea diesen fluͤchtigen Koͤnig ein- ließ/ und unter den Deutschen von den Roͤmern aus Jsaura vertriebenen Fuͤrsten Konnachorich mit vier tausend Mann zur Besatzung ein- nahm. Mithridates aber lidt noch einmahl Schiffbruch/ und kam auf einem gedungenen Raub-Schiffe selbst kaum nach Sinope. Von dar reisete er nach Anisus/ besprach sich daselbst mit dem Koͤnige Tigranes/ endlich zu seinem uͤber die Bosphoraner herrschenden Sohne Machar. Den Diocles schickte er mit einem grossen Schatze zu den Scythen um Huͤlffe; dieser aber flohe darmit zum Lucullus/ welcher Amisus und Eupatoria/ durch den Dejotar a- D d d d d d 2 ber Sechstes Buch ber Emiscyra einnahm; nach dem diese Stadt sich lange nicht allein durch Menschen/ sondern auch von den Mauern gelassene Baͤren und Bienen-schwaͤrme vertheidigt hatte. Gleichwol aber zoh Mithridates bey Cabira dem Lucullus mit viertzig tausend aus Jberien/ Albanien/ und Scythien versammleten Fuß-Knechten und viertzig tausend Reutern abermahls unter Au- gen. Seine Reuterey schlug auch die Roͤmi- sche; und ward Pompejus selbst gefangen/ aber vom Koͤnige selbst wieder Gewalt beschuͤtzet; ja er brachte den sich fuͤr der Reuterey in die Ge- buͤrge veꝛsteck enden Roͤmer bey nahe in so gros- se Noth/ als der Koͤnig bey Cycicus gelitten. Al- lein das Blat wendete sich alsbald; in dem nach einem geringen Verlust sein Heer aus einem blinden Schrecken in eine solche Flucht gerieth: daß dreyßig tausend im Stiche blieben; er auch selbst sich kaum durch von sich Werffung aller- hand kostbarer Beuten aus den geitzigen Haͤn- den der Roͤmer in die Comanische Landschafft tettete. Von dar flohe er mit zwey tausend Pfer- den zu seinem Eydame Tigranes in Armenien; weil dieseꝛ aber ihn nicht einst voꝛ sich ließ/ schick- te er den Bacchus nach Sinope um seine Ge- mahlinnen/ Schwestern und Kinder durch den Tod aus der Roͤmischen Dienstbarkeit zu retten; sie aber ersparten durch eigene Messer/ Strick und Gifft ihm die Muͤhe. Hiermit siel fast alles vom Mithridates ab; Amastris und He- raclea ergaben sich ohne Zuͤckung eines De- gens; Sinope aber ward nach tapfferer Ge- genwehr ihrem Erbauer Autolycus zu Ehren fuͤr eine freye Stadt erklaͤret. Ja Mithrida- tes eigener Sohn Machar schickte dem Lucul- lus eine guͤldene Krone/ und machte mit ihm Buͤndnuͤß. Denn die Kinder wollen auch kei- nen Ungluͤcklichen zum Vater haben. Lucullus ruͤckte hier auf in Armenien. Dejotar gieng mit seinen Deutschen voran; und schlug den Mithrobarzanes mit dem Vortrabe. Sextilius helaͤgerte Tigranocerta. Tigranes selbst be- gegnete dem Lucullus mit dritthalb-hundert tausend Fuß-Knechten/ und funffzig tausend Reutern/ liefferte auch wieder Mithridatens Rath ihm alsofort eine Schlacht. Alleine die Deutsche und Roͤmische Reuterey verwirrten mit dem ersten Anfalle diese sich selbst zu fechten verhindernde weibische Menge; also: daß die Roͤmer hundert und zwantzig Stadien weit nur zu schlachten hatten. Manceus in Tigra- nocerta entwaffnete aus Mißtrauen alle Gri- chen/ wolte sie auch gar aufopffern; diese unbe- waffneten aber wurden der Armenier Meister/ und halffen den Roͤmern zur Eroberung dieser reichen/ und unglaublich befestigten Stadt. Mithridates und Tigranes sammleten zwar dort und dar neue Heere/ zohen aber meist alle- zeit den kuͤrtzern/ und in einer harten Schlacht an dem Flusse Jris mit dem Fabius ward Mi- thridates mit einem Steine auffs Knie/ und mit einem Pfeile unter das Auge verwundet; gleich- wol aber von den Agarenern aus Scythien mit Schlangen-Pflastern geheilet. So bald er ge- heilet war/ eilte er dem Triarius gegen Sada- gena entgegen; alleine ein erschrecklicher Wir- bel-Wind trennte nach einem hefftigen Ge- fechte beyde Heere von sam̃en. Ungeachtet nun Triarius wenig Seide gesponnen hatte/ verlei- tete ihn doch die Begierde dem aus Armenien sich naͤhernden Lucullus den Sieg wegzuneh- men: daß er folgenden Tag auffs neue mit dem Mithridates anband. Beyde Heere stunden zwar drey Stunden gleichsam in gleichem Ge- wichte gegen einander; alleine Mithridates/ welcher hier entweder sterben oder siegen wolte/ drang mit seinem Fluͤgel durch/ und jagte den Triarius mit allem Fuß-Volcke in einen Sumpff/ darinnen sie sich nicht bewegen kon- ten/ und also wie das Vieh durch das Geschoß erlegt wurden. Allem Ansehen waͤre kein Roͤ- mer davon kommen; wenn nicht Wittig/ ein auf Roͤmischer Seite fechtender deutscher Hauptmann unter dem Scheine: daß er zum Mithri- Arminius und Thußnelda. Mithridates gehoͤrte/ dem Koͤnige auf der Fer- sen gefolgt/ und ihm einen Wurff-Spieß durch das dicke Bein gejagt haͤtte. Woruͤber Mi- thridatens Gefaͤhrten ihn zwar in Stuͤcken hie- ben/ aber aus unzeitigen Schrecken dem siegen- den Heere ein Zeichen sich zuruͤck zu ziehen ga- ben; welches den Tod des Koͤniges vermuthe- te/ und nicht ehe/ biß der Artzt Timotheus nach Stillung des Blutes den Koͤnig hoch empor wieß/ zu stillen war. Gleichwol blieben uͤber zwantzig tausend vom Roͤmischen Kriegs-Hee- re; und unter den Todten wurden vier und zwantzig Obersten/ anderthalb hundert Haupt- Leute gefunden. Ja/ weil der Roͤmische Rath auch dem seine Kriegs-Gewalt uͤber die Zeit verlaͤngernden Lucullus das Heer ferner zu ge- horsamen verbot/ auch es selbst aus Uberdruß ei- nes so beschwerlichen Krieges grossen Theils ausriß/ und die Roͤmer von den See-Raͤubern sehr beaͤngstigt wurden; ruͤckte Mithridates in Cappadocien/ und eroberte fast sein gantzes Reich wieder. Dem Hertzoge Dejotar lag nunmehr die gantze Last des Krieges auff dem Halse; biß der grosse Pompejus nach ausgerot- teten See-Raͤubern durch Cilicien in Cappa- docien kam; da denn Mithridates nur mit der Reuterey die Feinde beunruhigte; mit dem Hee- re aber alles hinter sich verheerte und verbrenn- te; wormit der Mangel die Verfolgung der Roͤmer hinderte. Alleine Pompejus gab nichts minder einen versorgenden Hauß-Vater/ als einen tapffern Feld-Herrn ab. Und insonder- heit fuͤhrten die Deutschen aus Galatien alles reichlich zu; waren auch nichts minder des Pompejus Vorfechter als Wegweiser. Beyde Heere geriethen nach etlichen schlechten Schar- muͤtzeln allererst uͤber den Eufrates/ daruͤber Pompejus die erste Roͤmische Bruͤcke schlug/ mitten in Armenien/ und zwar des Nachts in ein Haupt-Treffen; in welchem sein gantzes Heer aus einem blossen Jrrthume in die Flucht gerieth/ und meistentheils durch Abstuͤrtzung uͤ- ber die Stein-Klippen vergieng. Mithrida- tes kam durch das Gebuͤrge mit wenigen davon nach der Festung Sinorex/ daraus er sechstau- send Talent nahm/ darmit gegen dem Brun- nen des Eufrates eilte/ endlich uͤber diesen und den Fluß Absarus und Phasis setzte/ und in der Stadt Dioscorias allererst auf Ergaͤntzung des Krieges dachte. Die benachbarten Heniocher boten ihm selbst allen Vorschub an; die grim- men Acheer/ welche die Griechen ihren Goͤt- tern zu schlachten pflegen/ setzten sich ihm zwar entgegen; wurden aber bald von ihm gedemuͤ- thiget; ja sein undanckbarer Sohn Machar der Bosphoraner Koͤnig zu eigener Entleibung gezwungen. Er selbst durchreisete bey nahe gantz Scythien/ und brachte fast alle Nord- Koͤnige/ theils durch Geschencke/ theils durch Verheyrathung seiner Tochter auff seine Sei- te; mit festem Vorsatze/ mit den Scythen und Bastarnen durch Thracien/ Macedonien/ und Pannonien in Jtalien einzubrechen. Pompe- jus ward inzwischen vom Dejotar biß in Col- chis/ und uͤber das Caucasische Gebuͤrge gefuͤh- ret; allwo er den Colchischen Koͤnig Orthaces gefangen bekam/ mit dem Albanischen Koͤnige Orezes/ und dem Jberischen Arocus/ an dem Flusse Cyrus und Araxes/ und zugleich mit de- nen streitbaren Amazonen zu streiten bekam. Dejotar aber vermittelte zwischen ihnen einen Frieden; und Stratonice Mithridaten Eh- Weib des Xipharis Mutter verrieth und uͤber- gab dem Pompejus alle in einer Hoͤle in kuͤpfer- nen Fassen verborgene Schaͤtze. Pompejus kehrte also zuruͤcke in Armenien; allwo sich Koͤ- nig Tigranes mit sechs tausend Talenten ihm ergab/ alle Roͤmische Kriegs-Leute beschenckte/ und von Eufrates an gantz Syrien den Roͤ- mern abtrat. Pompejus baute im kleinern Armenien auf die Wallstatt des uͤberwundenen Mithridates die Stadt Nicopolis; schlug die Comagen-Medische und Arabische Koͤnige/ nahm Jerusalem und gantz Syrien biß in E- D d d d d d 3 gypten Sechstes Buch gypten ein/ schenckte dem Ariobarzanes Cappa- docien/ dem Attalus Paphlagonien/ Colchis dem Aristarchus; den Archelaus machte er zum grossen Comanischen Priester/ und seinem treu- en Gehuͤlffen so grosser Siege Dejotarn/ und dreyen noch wolverdienten deutschen Fuͤrsten gab er Lycaonien und Pisidien; also: daß die Deutschen zwar die Graͤntzen/ nicht aber die Hoheit ihrer Asiatischen Herrschafft erweiter- ten. Sintemahl Asien nunmehr eigentlicher Roͤmische Landvoͤgte/ als eigenmaͤchtige Koͤni- ge hatte. Mithridates unterdessen bildete ein rechtes Stieff-Kind des Gluͤckes ab. Denn die B o sphoranische Stadt Phanagoria/ und hernach der Scythische Chersonesus fiel von ihm ab; die Scythen liessen ihre huͤlffbare Hand sincken; ja er muste seine Faust in seiner eigenen Kinder Blute waschen. Diesem nach er ent- schloß mit seinem noch uͤbrigen Krieges-Volcke in Deutschland zum Koͤnige Ariovist zu ziehen/ mit dem er vorher schon durch Bothschafften Freundschafft gemacht hatte; ja nach Hanni- b als Beyspiele die Alpen zu uͤbersteigen; und sich mit dem durch Gesandtschafft eben so wol verehrten Spartacus zu vereinbaren. Zumahl der tapffere deutsche Fuͤrst Bituit Mithridatens unabtreñlicher Geferthe ihm den Weg zu wei- sen/ und inehr deutsche Fuͤrsten ihm zu verbin- den versprach. Mithridates war mit seinem Heere schon biß an den Fluß Hippanis fortge- ruͤckt; als es uͤber eine so ferne Reise zu seuffzen anfieng. Daher reitzte sein Sohn Pharna- ces selbtes nicht alleine zum Aufstande/ sondern stand ihm gar nach dem Leben; brachte es auch durch Geschencke und Vertroͤstungen da- hin: daß sie den Pharnaces fuͤr ihren Koͤnig ausrufften/ und aus Mangel einer bessern ihm eine papierne Krone auffsetzten. Welches die- sem großmuͤthigen Helden so tieff zu Hertzen gieng: daß er aus Beysorge: sein Sohn moͤch- te ihn fangen und den Roͤmern zuschicken/ Gifft tranck/ nach dem seine dem Egyptischen und Cyprischen Koͤnige verlobte zwey Toͤchter Mi- thridatis und Nyßa vorher aus selbigem Glase den Tod gezogen hatten. Weil aber das Gifft bey ihm nichts wuͤrcken wolte; beschwor er den getreuen Bituit: daß er durch seinen so offt huͤlff- baren Helden-Degen ihm und zugleich dem Ungluͤcke das Licht ausleschen moͤchte. Welches er endlich auch/ iedoch mit zitternder Hand und thraͤnenden Augen verrichtete/ hernach mit sei- nen uͤbrigen Deutschen uͤber den Fluß Hippa- nis schwemmte/ und in sein Vaterland kehrte. Der ungerathene Pharnaces schickte seines Vaters Leiche mit vielen gefangenen Roͤmern und Grichen dem Pompejus uͤber das Euxini- sche Meer nach Sinope. Ob nun zwar die Roͤmer uͤber dieses Feindes Tode tausend Freu- den-Feuer anzuͤndeten/ und grosse Feyer hiel- ten/ ließ doch Pompejus den Mithridates in der Koͤniglichen Grufft kostbar begraben/ ihn uͤber die fuͤnff fuͤr ihm gewesenen Pontischen Koͤnige setzen/ von Marmel eine Grabe-Spitze aufrichten/ und daran schreiben: Den grossen Stern der Welt/ den groͤsten Mithridat/ Der funffzig Jahr gestrahlt/ deckt dieser Grabe-Stein. Des kleinern Asiens Begrieff war ihm zu klein/ Das schwartze Meer zu schmal. Sein siegend Fuß betrat/ Was Tyras/ Caucasus/ Meotens Pfuͤtz/ Eufrat Und das gefrorne Meer fuͤr Laͤnder schluͤssen ein. Die Seulen Hercules/ Cephißus/ Betis/ Rhein Sind Zeugen: daß fuͤr ihm Rom offt gezittert hat. Nicht aͤrgert aber euch: daß er so tieff verfiel; Die groͤsten Herrscher si n d der Goͤtter Gauckel-Spiel. Und durchs Verhaͤngniß ist sein Gluͤck und Reich zerronnen. Die Sternen tilgt der Tag/ Cometen werden grauß. Legt’s sein Geburts-Licht doch schon Mithridaten aus: Daß er ein Schwantz-Stern sey; Rom aber gleicht der Son- nen. Pharnaces behielt zur Belohnung seiner Untreu das Bosphoranische Reich; die Stadt Phanagoria aber ihre Freyheit. Pompejus brachte fast alle Schaͤtze und Seltzamkeiten gantz Asiens/ unter andern alleine zwey tausend aus Onyx geschnittene Trinck geschirre/ und so viel Edelgesteine nach Rom: daß man dreyßig Tage Arminius und Thußnelda. Tage mit der Gewehr zubrachte. Er selbst fuhr in einem so praͤchtigen Siegs-Gepraͤnge/ als niemand fuͤr ihm/ auf einem mit Edelgestei- nen glaͤntzenden Wagen/ mit des grossen Ale- xanders Kriegs-Rocke angethan/ ein; fuͤr ihm giengen der junge Tigranes/ Koͤnig Olthaces/ und Aristobulus/ Artaphernes/ Cyrus/ Opa- thres/ Darius/ Xerxes/ fuͤnff Soͤhne/ wie auch Osabaris und Eupatra zwey Toͤchter des Mi- thridates; dessen aus Golde gegossenes sieben Ellen langes Bild nebst vielen Uberschrifften der Pompejischen Siege vor getragen ward. Die Ubermasse so vielen die Roͤmer gleich- sam uͤberschneienden Gluͤckes/ war eine Mutter des Ubermuthes/ und der sich taͤglich bey der Waͤrmbde nach Art der Fliegen und Kaͤfer mehrenden Laster/ verursachte also: daß die Roͤ- mer die in Jtalien noch gefangen habende Gal- lier/ Scordisker/ Teutonen/ Cimbern und an- dere Deutschen uͤbel und grausam hielten/ sie/ wenn sie etwan ein Glaß zerbrachen/ zu Maͤ- stung der Murenen abschlachteten; insonder- heit fingernackt des Morgens Loͤwen und Baͤ- ren zu zerreissen fuͤrwarffen; nach Mittage aber sie taͤglich in die Schau-Plaͤtze einschlossen: daß sie wieder ihre Landes-Leute und Blut-Ver- wandte nur dem Poͤfel zur Kurtzweil um Leib und Leben fechten musten; welcher/ wenn sie nicht geschwinde genung einander in die Schwerdter renneten/ sie mit Peitschen schlug/ mit gluͤenden Zangen brennte/ und zum Tode gleich einem Freuden-Spiele antrieb. Daher ward endlich dieser hertzhafften Leute Gedult in Verzweiflung verwandelt; sonderlich/ als sie hoͤrten: daß bey des Lucullus uñ andern kuͤnf- tigen Siegs-Gepraͤngen sie nun nicht mehr einzelich; sondern hundert gegen hundert fech- ten solten. Worzu denn sie bereit zu tausenden in die untersten Gemaͤcher des grossen Capua- nischen Schau-Platzes/ allwo Lentulus dem Roͤmischen Volcke allerhand Lustspiele zu ge- ben entschlossen war/ eingesperret sassen. Es traff sich aber: daß Spartacus ein Skordiski- scher Deutscher aus Thracien/ welcher selbst et- liche Jahre den Roͤmern wieder ihre Feinde gedient hatte/ Granicus ein Friese/ Oenomaus ein Noricher/ und Crixus ein Cimbrischer Edel- mann in ein Gefaͤngnuͤß kamen; und sich mit ihren Gefaͤhrten verschwuren/ lieber biß in Tod fuͤr ihre Freyheit/ als dem Roͤmischen Poͤfel zur Ergetzligkeit zu fechten. Hiermit erbrachen sie den Kercker/ erwuͤrgten ihre Huͤter/ und ent- kamen ihrer siebenzig von denen Hunderten in Campanien; da sie denn unter weges nie- manden als die Roͤmer insonderheit ihrer Waf- fen beraubten/ sich auf dem Berge Vesuvius feste setzten/ daselbst eine grosse weisse Fahne/ in welcher auf einer Seite ein Loͤwe/ mit einem blutigen Klauen ein eisernes Gegitter zermal- mete; mit der Uberschrifft: Wolangewehr- tes Blut. Auf der andern Seite ein Adler/ der in dem Schnabel einen guͤldenen Apffel hatte/ aus einem Kefichte empor flohe; mit der Uberschrifft: Die guͤldene Freyheit/ abwehen liessen; wordurch sie in weniger Zeit uͤber dreyßig tausend unter der Roͤmischen Dienstbarkeit schmachtende Deutschen/ und noch zwantzig tausend andere auslaͤndische Knechte an sich zohen/ und die Landschafft Campanien unter sich brachten; sonderlich; weil ihre vier Kriegs-Obersten fuͤr sich keinen Vortheil suchten/ sondern alle eroberte Beute gleich eintheileten. Diese alle erwehlten den Spartacus seiner Klugheit und Tapfferkeit/ wie auch deßhalben zu ihrem Hertzoge: weil sich zu Rom um des Schlaffenden Haupt ein Dra- che wie ein Krantz gewunden; eine edle Wahr- sagerin auch ihm daher eine grosse Herrschafft geweissagt/ und ihn deßhalben in seiner Dienst- barkeit geheyrathet hatte. Claudius Pulcher meinte diese veraͤchtlichen Fluͤchtlinge mit schlechter Muͤh zu erdruͤcken; sie jagten ihn a- ber in die schimpflichste Flucht. Welch gluͤck- licher Sechstes Buch licher Streich dem Spartacus alsbald einen grossen Zulauff der Leibeigenen zu wege brach- te. Die Roͤmer schickten alsofort den Varinius Glaber mit zwey Legionen und vielen Huͤlffs- Voͤlckern gegen sie nicht so wol als Feinde/ als wieder Raͤuber; welche den Furius mit seinem in zwey tausend Roͤmern bestehenden Vortrab schlugen; iedoch sich einer Flucht anmasten/ und auf den Berg Vesuvius sich wieder verbargen. Als sie aber der Stadtvogt Glaber darauf be- laͤgerte/ ließ sich Granicus mit zwey tausend Deutschen an langen aus Wieten zusammen geknuͤpfften Stricken des Nachts von denen steilesten Klippen herunter. Wie nun Spar- tacus und die andern Heerfuͤhrer nach Mitter- nacht vorwerts das Roͤmische Laͤger/ und den sicher schlaffenden Glaber anfielen/ kam ihm Granicus hinterruͤcks so unverhofft/ als wenn ein Feind vom Himmel ins Laͤger fiele/ auf den Hals; und brachte alles/ ehe sich die Roͤmer einst recht zur Gegenwehr stellten/ in die Flucht. Spartacus erwischte auch den Stadt- Vogt schon beym Rocke; also: daß er mit ge- nauer Noth/ und Hinterlassung seines Pferdes sich nach Herculaneum auffs Tyrrhenische Meer fluͤchtete; sein gantzes Heer aber dem Feinde zum Raube und Abschlachtung im Sti- che ließ. Nicht besser gieng es dem Publius Valerius/ welcher mit genauer Noth nach Ca- pua entran. Nach diesen Siegen/ und vielen taͤglich zuwachsenden Verstaͤrckungen/ theilten sie sich unter ihren Heerfuͤhrern in vier Theil; eroberten die Staͤdte Cora/ Nola/ Nuceria/ Metapont/ der Thurier Stadt; ja Spartacus uͤberfiel in Lucanien bey Saline den Coßimius so unvermuthet: daß er ihn bey nahe im Bade erwischt haͤtte. Wie er denn samt seinem mei- sten Volcke gefangen/ und das Lager erobert ward. Den Varinius schlug er auch zum an- dern mahl/ und eroberte das Pferd mit denen Buͤrgermeister-Beilen/ und andern Kennzei- chen seiner Wuͤrde; welche Spartacus hernach fuͤr sich gebrauchte. Dem Crixus aber/ welcher in Apulien einbrach/ und sich des Seehafens Agasus bemeistern wolte/ begegneten beyde Roͤmische Buͤrgermeister mit einem starcken Heere unter dem Gebuͤrge Garganus/ auf des- sen hoͤchster dem Priester Calchas gewiedmeten Spitze Crixus einen schwartzen Wieder opfer- te; und als er auf desselben Felle einschlieff/ traͤu- mende sahe/ wie ihn ein Adler auf seinen Fluͤ- geln biß ins Gestirne fuͤhrete. Weil er denn wieder die Eigenschafft dieser Wahrsagung durch des Priesters heuchlerische Veranlassung diesen Traum auf einen vorstehenden Sieg aus- deutete/ die Deutschen und Gallier auch mit Gewalt auf eine Schlacht drangen; entschloß er sich mit den Feinden zu schlagen; da doch sein Kriegs-Volck nur mit schlechten ledernen oder aus zusammen geflochtenen Rutten gemachten Schilden/ und aus schlechtem Eisen der Fessel umgeschmiedeten Degen/ die Reuterey aber nuꝛ mit gemeinen Feld- und Acker-Pferden verse- hen war. Gleichwol wehrte sich Crixus auffs eusserste; er ward aber endlich mit der Helffte seines Heeres erlegt; wiewol keiner fast unge- rochen starb/ sechs tausend Roͤmer tod blieben/ und wol zweymahl so viel verwundet wurden. Spartacus/ Granicus/ und Oenomaus zohen sich hierauf mit des Crixus Uberbleibung zu- sammen. Und weil es ihnen an tauglicher Ruͤ- stung/ ja nunmehr an Lebens-Mitteln gebrach/ sie auch leicht wahrnahmen: daß sie in diesem engen Winckel Jtaliens nicht in die Laͤnge den Schwall der grossen Roͤmischen Macht aus- tauern/ weniger die nunmehr der gantzen Welt zu Kopffe wachsende Macht der Roͤmer/ an der so viel maͤchtige Koͤnige die Hoͤrner zerstossen haͤtten/ uͤber einen Hauffen werffen wuͤrden; entschlossen sie sich uͤber das Apenninische Ge- buͤrge in Gallien/ und von dar in ihr Vaterland zu eilen. Weil diß abeꝛ wegen des ihnen auf dem Halse sitzenden Varinius nicht ohne grosse Ge- fahr oͤffentlich zu vollziehen war; stellte er auff dem Arminius und Thußnelda. dem Walle seines Laͤgers lauter todte Leich- name an Pfaͤlen empor; ließ auch etliche Pfeif- fer und Drommelschlaͤger nach gewoͤhnlicher Art darinnen die Umgaͤnge halten; er aber zohe um Mitternacht in solcher Stille davon: daß die Roͤmer erst bey hellem Tage und also allzu spat solches gewar wurden. Wiewol auch der Buͤrgermeister Cneus Cornelius Lentulus in dem Mugellischen Thale ihnen vorbeugen wol- te/ schlugen sie doch das Roͤmische Heer daselbst auffs Haupt; und bey Mutina erstuͤrmten sie das Laͤger des Cajus Caßius; schlachteten auch des erlegten Crixus erblastem Geiste zu Liebe drey hundert edle Roͤmer ab; und noch etliche hundert andere Gefangene wurden gezwun- gen bey dem Holtzstosse des Crixus auf Leib und Leben mit einander zu fechten/ oder andere Schauspiele fuͤrzustellen. Wie nun Sparta- cus sein Heer mit denen eroberten Roͤmischen Waffen ziemlich ausgeruͤstet hatte/ schoͤpffte diß verbitterte Kriegs-Volck mehr nach dem Maͤß-Stabe ihrer Rachgier/ und des ihnen heuchelnden Gluͤckes/ als nach Uberlegung ih- rer und der Roͤmischen Kraͤfften hoͤhere Ge- dancken; und muste Spartacus wegen Hart- neckigkeit des Granicus und des gantzen Hee- res seine vorhin heilsame Gedancken wieder Willen aͤndern/ und mit hundert und zwantzig tausend Mann gerade auf Rom zu ziehen. Weil aber beyde Roͤmische Buͤrgermeister mit allen eussersten Kraͤfften den Apenninus besetzt hatten/ lenckte er durch Umbrien in die Piceni- sche Landschafft. Als nun jene ihm mit ge- sammleter Macht folgten/ verfielen sie bey A- sculum an dem Flusse Truentus in eine so heff- tige Schlacht: daß auf Roͤmischer Seiten uͤber viertzig-auf deutscher Seiten zwantzig tausend Mann ins Graß bissen. Ja als die Buͤrger- meister noch einst ihnen die Stirne boten/ schlu- gen sie sie abermahls auffs Haupt/ und Grani- cus selbst rennte den Caßius uͤber einen Hauffen; wegen welchen Verlustes zu Rom der zehnde Mann aller fluͤchtigen Roͤmer zum Tode ver- urtheilt ward. Die uͤberbleibenden stieß Mar- cus Licinius Craßus zu sechs frischen Legionen und allen nur aufzutreiben moͤglichen Kraͤfften des Reiches/ mit welchen er den mit zehn tausend Mann bey dem Fucinischen See gelagerten Granicus umringte; welche zwar alle Mittel der Klugheit und Tapfferkeit herfuͤr suchte sich durchzuschlagen; welches einem dritten Theile seines Heeres auch geluͤckte; er aber buͤste mit denen meisten/ derer keiner sich den Roͤmern ge- fangen geben wolte/ sein Leben ein; welchen ihr eigener Feind das Zeugnuͤß geben muste: daß keiner nichts knechtisches begangen/ sondern durch ihre Tapfferkeit viel Edle beschaͤmthaͤt- ten. Hierauf kamen beyde gantze Heere in dem Harpinischen Gebiethe zu einer Haupt- Schlacht; welche mit der aufgehenden Son- nen anfieng/ mit der untergehenden sich endig- te. Jn dieser blieb Oenomaus mit viertzig tau- send Mann; Hingegen zwantzig tausend auff Seiten der Roͤmer. Spartacus muste sich in sein Laͤger ziehen; und behielten die Roͤmer zwar das Feld; die Knechte aber den Ruhm. Als nun Spartacus in Samnium/ und so fort in Gallien durchbrechen wolte; kam es bey Taurasium abermahls zu zwey harten Treffen; da denn Spartacus nach Verlust zehn tausend Mann in Lucanien/ weil ihn Craßus unauff- hoͤrlich verfolgte/ biß an die eusserste Ecke des Brutischen Winckels weichen/ und sich an der Rheginischen Meer-Enge verschantzen muste. Damit nun sein Kriegs-Volck aus keiner Hoffnung der Gnade sich ergeben moͤchte/ ließ er den fuͤrnehmsten gefangenen Roͤmer fuͤr dem Lager aufhencken; thaͤt auch durch oͤfftere Faͤl- le dem Craßus mercklichen Abbruch; welcher endlich/ nach dem Spartacus auf Faͤssern/ Na- chen und Floͤssen in Sicilien uͤberzusetzen sich muͤhte/ und der aus Hispanien zuruͤck kommen- de Pompejus dem Craßus zu Huͤlffe ziehen sol- te/ das Laͤger mit aller Macht stuͤrmte und zum Erster Theil. E e e e e e Theil Sechstes Buch Theil eroberte. Gleichwol aber entkam Spar- tacus mit dem groͤsten Theile seines Krieges- Volckes biß an die innerste Spitze des Taren- tinischen Seebusens an den Fluß Bradanus/ in willens Brundusium zu uͤberrumpeln/ und von dar uͤbers Meer zu entkommen. Als er aber hoͤrte: daß daselbst Lucullus mit einem Theile seines sieghafften Heeres aus Asien ankommen/ also ihm alle Ausflucht verhauen war/ machte er die Noth zur Tugend/ liefferte dem Craßus die verlangte Schlacht; in welcher er/ ungeachtet so vieler empfangenen Wunden: daß seine Lei- che hernach unter den Todten nicht zuerkennen war/ seine Tapfferkeit und Feindschafft wieder Rom nicht ehe/ als mit seinem letzten Lebens- Athem/ als einer der edelsten Feld-Herren aus- bließ; ja alle Deutschen nicht anders als wie Schlangen/ die nach zerknicktem Kopffe sich doch noch mit dem Schwantze wehren/ biß auf den letzten Blutstropffen fochten; und den Roͤ- mern den Sieg theuer genung verkaufften. Craßus ließ auf der Wallstatt eine marmelne Seule aufrichten; und ließ durch seines uͤber- wundenen Feindes Lob auch sein eigenes dero- stalt darein graben: Allbier ist Spariacus der edle Knecht geblieben/ Der seiner Fessel Stahl brach als ein Loͤw entzwey/ Und hundert tausend sprach von ihren Halsherrn frey. Rom zehlt die Todten kaum die er hat aufgerieben/ Durch derer Bluter ihm den Frey-Brieff selbst geschrieben. Die guͤldne Freyheit legt ihm selbst diß Zeugniß bey: Daß gar nichts knechtisches an ihm gewesen sey. Ja Feind und Adel muß den Helden-Sclaven lieben. War sein zerfleischter Leib gleich hier nicht zu erkennen; So wird sein Nahme doch unendlich kennbar seyn. Nom graͤbt zugleich sein Lob in dieses Siegs-Mal ein/ Das man nun erst kan Frau und Freygelaß’ne nennen. Denn haͤtte nicht der Todt ihn untern Fuß gebracht; So haͤtt’ er endlich Rom noch gar zur Magd gemacht. Es ist nicht muͤglich auszudruͤcken/ wie die in Jtalien und zwischen den Alpen uͤbrig ge- bliebenen Deutschen von denen theils dieser empfangenen Wunden halber rachgierigen/ theils wegen der Mithridatischen Siege hoch- muͤthigen Roͤmern nach der Zeit gedruͤckt wur- den. Weil aber kein Volck unter der Sonnen den Deutschen an Treue uͤberlegen ist; liessen diese in der Meynung: daß die Tugend so wol den Undanckbaren/ als die Sonne gifftigen Thieren wohl thue/ durch kein angethanes Un- recht der Roͤmer selbte auch nur eines Haares breit versehren; hielten sich auch bald darauf/ als ihr Untergang an einem seidenen Faden hieng/ so ehrlich: daß Rom seine Erhaltung ihnen zu dancken hatte. Denn/ als unter dem grossen Pompejus die Roͤmischen Heere in fremden Landen wieder den Mithridates zerstreut wa- ren/ Lucius Catilina aber mit einem grossen Theile des Roͤmischen Adels ihr Vaterland zu vertilgen sich verschworen/ und diesen grausa- men Bund mit eines abgeschlachteten edlen Juͤnglings/ auf den das Loß gefallen war/ auf- gefangenen mit Wein vermischten/ und nach der Reye begierig ausgetrunckenem Blute be- staͤtigt; ja er nicht allein in Hetrurien ein gros- ses Heer versammlet/ sondern auch Lentulus zu Rom die Stadt an zwoͤlff Orten anzuzuͤnden/ und den Rath zu ermorden Anstalt gemacht hatten; kamen vom Hertzoge Catugnat der Al- lobroger/ wie auch von dem Alemannischen Herzoge Vocion Ariovistens Brudern/ welcheꝛ die Helvetier beherrschte/ eine ansehliche Ge- sandschafft nach Rom/ theils sich uͤber die Grau- samkeit und den Geitz des Roͤmischen Land- vogts zu Vienne zu beschweren/ theils fuͤr die Allobroger als der Alemaͤnner Bluts-Freun- de eine Erleichterung ihres Joches zu bitten. Lentulus/ welcher diese Beschwerden leicht er- fuhr/ ließ sich alsbald den schlauen Publius Um- brenus/ der in Gallien viel Jahre Handlung getrieben hatte/ und also die Gesandten gar wol kennte/ an diese Beleidigte/ und seinem Beduͤn- cken nach leicht bewegliche Allobroger machen; zu versuchen: Ob sie dieses streitbare/ und unter dem Joche schmachtende Volck zu des Catilina Anhange machen koͤnte. Umbrenus redete sie auf Arminius und Thußnelda. auf dem grossen Platze/ wie sie auf des Satur- nus Tempel noch daselbst in den gemeinen Schatz-Kasten der Stadt Rom gelieferten Schatzung auffs Capitolium gehen wolten/ freundlich an; erkundigte ihr Anliegen; be- zeugte ein hertzliches Mitleiden mit ihrer Be- draͤngung; und als sie auf seine Frage: Was sie denn fuͤr ein Ende ihres Elendes/ zu welchem der Rath taube Ohren haͤtte/ erwarteten; ihm antworteten: den Tod; fieng er seuffzende an: Jch aber/ wenn ihr anders noch Maͤnner seyd; wolte euch wol ein bessers an die Hand geben. Die Gesandten begegneten dem Umbrenus nicht anders als ihrem Schutz-Gotte; und fleheten ihn um Eroͤffnung seiner vertroͤsteten Huͤlffe an. Dieser leitete sie alsofort in das nahe darbey liegende Hauß des Brutus zum Gabi- nius Capito; welcher das Unrecht des Roͤmi- schen Rathes mit tausend Fluͤchen verdammte; des Marius und Sylla Rasereyen/ das Wuͤten des Cinna/ des Pompejus Hochmuth scharff- sinnig durchließ/ und wie der meiste Roͤmische Adel vom Buͤrgermeister Cicero/ und andern Neulingen; derer Vaͤter Kohlenbrenner/ die Muͤtter aber Ammen abgegeben/ unterge- druͤckt; die ehrlichen Deutschen und viel andere freye Voͤlcker wieder aller Voͤlcker Recht aus- geaͤdert/ und zu Leibeigenen gemacht wuͤrden/ nichts minder verfluchte/ als scheinbar erzehlte/ endlich eroͤffnete: daß diese Unterdruͤckung sie sich aus Liebe der unschaͤtzbaren Freyheit mit dem edlen Catilina wieder den grausamen Rath zu verknuͤpffen/ und die Einaͤscherung des Raub-Nestes der Welt/ des Noth-Stalles al- ler Voͤlcker der blutigen Stadt Rom zu be- schluͤssen gezwungen haͤtte. Da sie nun ihre Freyheit wieder zu erlangen/ denen sie ausmer- gelnden Schindern die Haͤlse zu brechen ent- schlossen waͤren; wolten sie ihnen darzu alle Handreichung thun. Die Gesandten hoͤrten den grausamen Anschlag dieser Un-Menschen wieder ihr Vaterland/ dessen Liebe die Muͤt- terliche/ ja seine selbsteigene mit aller Welt Reichthum weichen soll/ nicht ohne Erstau- nung/ gleichwol aber mit angenommener Ver- gnuͤgung an; danckten dem Gabinius fuͤr sein Mitleiden und Vertraͤuligkeit; baten aber Frist/ hierzu die Gesandten Hertzog Vocions gleichfalls zu bereden; als ohne welche sie ohne diß nichts zu schluͤssen befehlicht waͤren. Wie nun die Allobroger dieses des Vocions Ge- sandten eroͤffneten/ und sie einmuͤthig mit einer so schwartzen Verꝛaͤtherey der Deutschen Ruhm zu besudeln fuͤr unthulich hielten; berieffen sie alsbald ihnen zu Rom habenden Schirms- Mann Fabius Sanga; und entdeckten durch ihn dem Cicero alles Haar-klein; welcher ohne diß in hoͤchstem Kummer lebte; weil Gallien und Jtalien vom Catilina schon in nicht germ- ge Verwirrung gesetzt war. Dieser wuste seine Danckbarkeit gegen der Deutschen Red- ligkeit nicht genung auszudruͤcken; riethauch: daß sie ihre Beypflichtung zu solchem Buͤndniße auffs beste bescheinigen und denen Verschwor- nen alle ihre Geheimnuͤße moͤglichst ausholen solten. Wie nun alle deutsche Gesandten folgende Nacht sich bey dem Stadtvogte Len- tulus einfunden/ ward von denen in grosser Menge versammleten Verschwornen beschlos- sen: Catilina solte durch das Fesulanische Ge- biete eilends gegen Rom anruͤcken; also denn der bevorstehende Zunfft-Meister Lucius Be- stia in seiner gewoͤhnlichen Antritts-Rede bey dem Feyer des Saturnus des besten Buͤrger- meisters Cicero uͤbele Herrschafft anklagen; fol- gende Nacht Statilius/ Gabinius und Lucius Caßius die Stadt an zwoͤlff Enden anzuͤnden/ Cethegus den Cicero/ und der andere Hauffen alle Raths-Herren/ derer viel doch der ver- schwornen leibliche Vaͤter waren/ ermorden; und hierauf dem Catilina zurennen; die Ge- sandten aber eilfertig nach Hause reisen/ die ih- nen fuͤr gesetzte Befehlichshaber erwuͤrgen/ und mit ihrer Macht zum Catilina stossen. Diese E e e e e e 2 verspra- Sechstes Buch versprachen nichts an ihrem Fleiße erwinden zu lassen; alleine muͤsten sie ins geheim aus der Stadt gebracht/ ihnen auch dieses Buͤndniß von allen Beschwornen unterschrieben und besiegelt ausgehaͤndigt werden; als ohne welches ihr Fuͤrtꝛag bey ihren Landes-Leuten keinen Glau- ben verdienen wuͤrde. Die anfangs fuͤrsichtige Boßheit wird nach und nach vermessen und be- kommet Maulwurffs-Augen: daß sie andere Leute in ihrer Auffsicht so blind zu seyn schaͤtzet/ als sie in Ausuͤbung gewohnter Laster ist. Die- semnach unterschrieben die Verschwornen ohne alles Bedencken den vom Cethegus entworffe- nen Schluß; und befehlichten den Vulturcius: daß er folgende Nacht die Gesandten zum Cati- lina begleiten solte; welchem Lentulus ein hierzu dienendes Schreiben einhaͤndigte. Die Ge- sandten liessen diß alles den Cicero wissen; aber auf die bestimmte Zeit der Reise die Milvische Bruͤcke an der Flaminischen Strasse mit Krie- ges-Volcke besetzen; welches die deutschen Ge- sandten und den Vulturcius gefangen in Rom brachte. Worauf Cicero die Verschwornen nach und nach ins Heiligthum der Eintracht brin- gen ließ/ sie mit ihrer Hand und Siegel uͤber- zeugte/ hernach im Gefaͤngniße behielt/ und al- so Rom von so nahem Untergange errettete. Sintemahl die Gefangenen/ wie sehr gleich Ci- cero fuͤr sie bat/ auf des Cato Gutbe finden im Kercker erwuͤrget; ja viel mitverschworne Soͤhne von ihren Vaͤtern nach dem Beyspiele des ihnen vorgehenden Aulus Fulvius eigen- haͤndig getoͤdtet/ Catilina aber mit seinem Hee- re biß auf den letzten Mann nach unglaublicher Gegenwehr vom Antonius erschlagen; iedoch ihm von seinen Uberwindern nachgeruͤhmet ward: daß/ wenn er fuͤrs Vaterland gefallen; Niemand fuͤr ihm eines schoͤnern Todes gestor- ben waͤre. Wer solte aber Rom eine solche Un- dan ck barkeit zutrauen: daß sie zwar die Gesand- ten mit helffenbeinernen Stuͤlen/ guͤldenen Staͤben/ und anderem Tocken-Wercke haͤtten beschencken; den so treuen Allobrogern aber nicht ein Loth ihrer unertraͤglichen Zentner- Last abnehmen sollen? Welches dieses hertzhaff- te Volck zu einer halbverzweiffelten Entschluͤs- sung brachte: daß sie die Roͤmischen Geldaͤgeln erwuͤrgten/ in das Narbonische Gallien einfie- len/ und fuͤr ihre Freyheit alles eusserste zu wa- gen entschlossen. Aber Cajus Pomptinius/ der doch mit den Gesandten selbst ihrer Treue hal- ber Unterhandlung an der Milvischen Bruͤcke gehabt hatte; kam ihnen unter dem Scheine ei- nes Vermitlers so geschwinde mit einem maͤch- tigen Heere auf den Hals; und die Heduer gien- gen ihnen mit aller ihrer Macht in Ruͤcken; al- so: daß sie die Allobroger auf einmahl zu ver- schlingen schienen. Aber Noth und Tugend rennen nicht selten auch der Unmoͤgligkeit einen Rang ab. Dahero ihre tapffere Gegenwehr den Pomptinius noͤthigte/ an einem vortheil- hafften Orte bey der Stadt Acunum sein Laͤger zu befestigen. Wie nun aber Pomptinius ver- nahm: daß der Hertzog Catugnat/ nach dem er die Roͤmer nicht aus dem Laͤger zu locken ver- mocht hatte/ bey Bantiana uͤber den Rhodan mit dem halben Heere gesetzt hatte um ins Nar- bonische Gallien einzubrechen/ blieb er mit we- nigem Volcke zur Besatzung im Laͤger/ ließ das gantze Heer unter dem Manlius Lentinus des Nachts in moͤglichster Stille uͤber den Rhodan gehen/ uñ hinter einem Walde den Allobrogern wegelagern. Diese aber kriegten noch selbige Nacht durch einen Uberlaͤuffer von allen Um- staͤnden des Anschlags Nachricht. Daher zohe Hertzog Catugnat uͤber Hals uͤber Kopff sein gantzes Heer an sich/ ruͤckte darmit recht gegen das ihm gestellte Fallbret; stifftete auch etliche leichte Reuter an: daß sie voran gegen die Roͤ- mer streifften/ sich mit Fleiß fangen ließen/ und einmuͤthig aussagten: daß Catugnat nicht selbst bey denen kaum zehntausend Mann starcken Allobrogern waͤre; sondern sie des Vocions Sohn ein noch unerfahrner kuͤhner Juͤngling fuͤhrte/ Arminius und Thußnelda. fuͤhrte/ von den Roͤmern auf selbiger Seite des Rhodans das minste wuͤste. Catugnat theilte hierauf sein Heer in drey Theil; den Vortrab/ der auf die Roͤmer gleichsam unvorsichtig ver- fallen solte/ vertraute er dem jungen Vocion/ das andere seinem Sohne; mit welchem er durch einen Umweg den Roͤmern in Ruͤcken gehen solte. Er selbst blieb mit dem Kerne seines Vol- ckes/ und etlichen tausend Helvetiern in voller Schlacht-Ordnung stehen/ um den Roͤmern/ weñ sie den Vocion verfolgen wuͤrden/ die Spi- tze zu biethen. Diese der List entgegen gesetzte List schlug gluͤcklich aus. Denn so bald die Roͤmer den Vocion ersahen/ fielen sie vorwerts und auf beyden Seiten ihn an; welcher nach laulichter Gegenwehr zu weichen/ und endlich zu fliehen anfieng/ also mit ihm die Roͤmer auf des Catu- gnats Heer verleitete. Wie nun dieser ihn so be- hertzt als unvermuthet unter Augen gieng/ des Vocions Volck aber sich zugleich gegẽ die durch die Veꝛfolgung in nicht geringe Unordnung ge- brachten Roͤmer wendete; sahen sie wol: daß der Steller in sein eigenes Garn verfallen war. Weil es aber sich dem in Eisen habenden Fein- de zu entziehen unmoͤglich war/ musten sie aus der Noth eine Tugend machen/ und also sich zu behertzter Gegenwehr anstellen. Eine Stunde waͤhrete die Schlacht/ ehe die Roͤmische Reute- rey zum weichen gebracht war/ und die Allobro- ger die Roͤmer zur Seite antasten konten; hier- mit aber gerieth Catugnats Sohn/ und der vom Mithridates aus Scythien in Deutschland an- gekommene Fuͤrst Bituit mit acht tausend Mañ den Roͤmern in Ruͤcken; also in weniger Zeit die- se in Unordnung; und endlich/ nach dem zumahl Lentinus hefftig verwundet/ und zwey Roͤmische Adler genommen waren/ in die Flucht; welche aber ihnen fast allenthalben verschrenckt/ und das Roͤmische Heer durchgehends wie Vieh ab- geschlachtet ward. Der nahe Wald und die Nacht/ insonderheit aber ein erschreckliches Ha- gelwetter/ welches nicht drey Schritte weit vor sich sehen ließ/ halff dem Lentinus mit drey oder viertausenden theils nach Acunum/ theils zu den Heduern darvon; da ohne diesen Zufall von de- nen dreyßig tausend Roͤmischen Krieges-Leu- ten allem Ansehen nach kein Gebeine davon kommen waͤre. Der hieruͤber zitternde Pom- ptinius schaͤtzte sich im Laͤger nicht sicher; brach daher eilfertig auf/ und wiech am Rhodan biß zur Stadt Vindelium zuruͤcke. Der eine denen Roͤmern nicht allzuwol wollende Fuͤrst der He- duer Convictolitan brachte bey Erfahrung die- ses herrlichen Sieges es auch dahin: daß sie un- ter dem Vorwand: Es waͤren die Alemaͤnner und Helvetier wieder sie im Anzuge/ sich aus der Allobroger Gebiethe zuruͤcke zohen. Nach dem aber Lucius Marius/ und Sergius Galba mit zwey neuen Heeren/ wie nichts minder die Mas- silier/ und die leichtsinnigen Heduer den Pom- ptinius mit grosser Macht verstaͤrckten/ setzte er uͤber den Rhodan/ verheerte der Allobroger Ge- biethe; und gewañ die eine Seite der Stadt So- lonium; nach dem sie der junge Fuͤrst Vocion vergebens zu entsetzen versucht hatte. Die ande- re Seite der Stadt aber hielt zehn Stuͤrme aus; biß Pomptinius nach erlangter Nachricht von des Herzogs Catugnat voͤlligem Anzuge die Belaͤgerung aufzuhebẽ/ das eingenom̃ene Theil der Stadt Solonium aber einzuaͤschern noͤthig- te. Die Roͤmischen Heere eilten diesemnach de- nen Allobrogern entgegen/ die Heduer giengen ihnen auch mit einem frischen Heere in Ruͤcken/ und zwungen den Hertzog Catugnat durch Ab- schneidung aller Lebensmittel zu Lieferung eineꝛ Schlacht wieder seine wol dreymahl staͤrckere Feinde. Sintemal die Zwytracht der Alemaͤñeꝛ uñ Helvetier ihm alle vorige Huͤlfe benom̃en hat- te. Ob nun zwar die Verbindligkeit zu schlagen schon halb verspielt ist; so wehrte doch das Treffen von der ersten Tagung an biß in die sinckende Nacht; endlich aber erlangten die Roͤmer einen wiewol blutigẽ Sieg; dessen sie sich wenig zu er- freuen/ weniger aber zu ruͤhmen hatten. Catu- E e e e e e 3 gnats Sechstes Buch nats Sohn blieb selbst todt; Er aber und der Vocion schwamen mit etwan hundert Edelleu- ten durch den Fluß Araris/ und entkamen mit genauer Noth in die Stadt Genf/ an den Le- manischen See und der Helvetier Graͤntze. Die grosse Niederlage und der gemeine Ruff: Es waͤre der Hertzog in der Schlacht umkom- men/ verursachte: daß die uͤbrigen Allobroger die Waffen niederlegten/ alle Festungen den Roͤmern einraͤumten/ und Catugnat zu den Helvetiern sich fluͤchten muste. Herentgegen erliedt Cajus Antonius von den Skordiskischen Deutschen in Thracien; welche nebst denen Bastarnischen Deutschen noch immer mit des Mithridates Soͤhnen wieder die Roͤmer ihr Verstaͤndniß unterhielten/ und in Macedoni- en Beute holeten/ eine ansehnliche Niederlage. Diese Erzehlung des Fuͤrsten Adgandesters ward nicht nur durch die zu Golde gehende Sonne; sondern auch durch die Ankunfft eines Edelmannes unterbrochen; Der dem Fuͤrsten Adgandester Nachricht brachte: daß wegen der beyden Cattischen Hertzoginnen/ Erdmuth und Rhamis von der eilfertigen Reise empfundener Ungemaͤchligkeit der Einzug biß uͤber den an- dern Tag verschoben; Gleichwol aber die Graͤ- fin von der Lippe/ der Fuͤrstin Thußnelde Hof- meisterin mit ankommen waͤre/ um von Sei- ten ihrer die gehoͤrige Anstalt des Beylagers zu machen. Adgandester war hieruͤber erfreuet; und vermeldete alsobald: daß diese Tugendhaffte Frau/ welcher kein Geheimnuͤß von der Fuͤrstin Thußnelde verborgen/ und ein wahres Eben- bild der selbst-staͤndigen Dienstfertigkeit waͤre/ ihn einer grossen Vuͤrde versprochener Erzeh- lung uͤberheben wuͤrde. Malovend fiel ihm ein: So werde ich meine Unfaͤhigkeit auch vie- ler Fehler entziehen; Er aber/ nach dem ich gleich die Haͤndel/ die die Deutschen außerhalb ihrer Graͤntzen mit den Roͤmern eigentlich ge- habt/ beschlossen; die ihm Haar-klein bekanten Vegebnuͤße umstaͤndlich fuͤrzutragen wissen/ wie nehmlich der fuͤr Ehrsucht in dem Gadi- schen Tempel des Hercules bey dem Bilde des grossen Alexanders bittere Thraͤnen vergissen- de Julius Caͤsar aus einem Traume/ darinnen er seine Mutter zu beschlaffen sich beduͤncken ließ/ ihm die Herrschafft der Welt; und/ weil sein gespaltene Klauen habendes Pferd nie- manden als ihn aufsitzen ließ/ Alexandern glei- che zu werden habe traͤumen lassen; und zu dem Ende in das Hertze Galliens/ uͤber den Rhein in Deutschland/ ja uͤber das Meer in Britan- nien eingebrochen/ sein Nachfolger August auch seinen Fußstapffen nachgefolgt sey. Die Graͤfin von der Lippe aber wird ihr selbst fuͤr ein Gluͤck achten/ dieser hochansehnlichen Versamlung durch Abmahlung der finsteꝛen Liebes-Wolcken zwischen dem Feldherrn Herrmann und der Heldin Thusnelde den Sonnenschein des na- hen Hochzeit-Feyers desto annehmlicher zu ma- chen. Bey diesen Reden kam die Graͤfin selbst zur Stelle; mit welcher sich alle Anwesenden auffs hoͤflichste bewillkom̃ten; und nach dem sie ins gesam̃t die Abend-Tafel durch hunderterley annehmliche Gespraͤche abgekuͤrtzt hatten/ von ihr selbst die Vertroͤstung einer umstaͤndlichen Ausfuͤhrung ihrer Zufaͤlle/ zugleich aber diese nachdenckliche Erinnerung bekamen: daß ob wol die Welt selten auf die/ welche in der Ren- nebahn der Tugend schwitzten/ acht haͤtten/ dennoch die Sternen endlich selbst gegen diesel- ben ihre Augen aufsperreten; welche nunmehr den einen Fuß auf den verlangten Zweck setzten. Sie wisse die Freude ihres Hertzens nicht voll- kommen auszuschuͤtten: daß sie die Tugend und Liebe des Fuͤrsten Herrmanns/ und der nichts minder hertzhafft-als keuschen Thusnelde auff einmahl mit Lorbern und Myrthen herrlich gekraͤntzt sehe; und wie alle ihre Neider nun- mehr erkennen muͤsten: Es sey alberer an ge- rechtem Ausschlage der goͤttlichen Versehung zweiffeln; als von der Sonne Zeugniß ihres Lichtes fordern. Jnhalt Arminius und Thußnelda. Jnhalt Des Siebenden Buches. D Je Begierde ruͤhmliche Thaten nach zu thun/ und die Beschrei- bung derselbten/ als eine Wegweiserin zur Tugend/ was sie wuͤr- cke und worzu sie den Hertzog Zeno/ Rhemetalces/ Malovend Ad- gandester und die uͤbrige Gesellschafft verleite? Malovends fer- nere Erzehlung. Der Gottesdienst und priesterliche Wuͤrde als der sicherste Kappzaum der Unterthanen bey dem alten Deutschen mit der Koͤniglichen vermaͤhlet gewesen. Jener vielfaͤltige und nutzbare Verrichtung. Der Brittannischen Weisen oder Druyden Lebens-Art und Ansehen der Koͤniglichen vorgezogen. Jhres Haupts Verehrung/ Un- terricht der Jugend und Eydes-Pflicht. Jhre Sprache und Schrifft/ Speise fasten und Keuschheit/ ingleichen ihrer Seckte Unterscheid. Des deutschen Frauen-Zimmers sonderbare Klugheit/ Ansehen/ Wahrsagungen und Zauberey. Der Druyden Opffer/ Heiligthum und Verehrung gewisser Baͤume; Jhre Lehre allzu heilig was ver- gaͤngliches zu schreiben. Jhre Leichen-Gedaͤchtniße und Meynung von der menschli- chen Seele. Der Aberglaube und Veraͤnderung des Gottesdiensts gefaͤhrlich/ die Ge- meinschafft einem Reiche nuͤtzlich. Blinder Gehorsam ein Werck unvernuͤnfftiger Thiere/ wie die Pruͤfungen der Warheit ein Thun der Menschen. Unter dem Theut oder Thuisto der Schoͤpffer der Welt oder Mercur angedeutet/ welchen die alten Deut- schen nebst dem Hercules und vielen andern zu Schutz-Goͤttern erwehlet. Der Mond in besonderer Betrachtung unter ihnen. Furcht und Einbildung die groͤste Gemuͤths- Kranckheit. Allerhand aberglaubische Urtheile uͤber Sonn und Mond die groͤsten Lichter der Welt und derer mehr mahlige Verfinsterungen. Des ersten Druys Sera- pio in Deutschland mit nachdencklichen Reymen eingegrabene Wahrsag- und Prophe- ceyungen. Der klugen und weltweisen Herrschafft nicht allezeit die gluͤcklichste. Gluͤcks- maͤßigung aber die schwerste. Der Druyden anfaͤngliche Andacht in Scheinheiligkeit/ ihre von außen-glaͤntzende Tugenden in Laster/ ihre vorgegebene Einigkeit in Zwytracht verwandelt/ biß solche einer der tieffsinnigsten Druyden Divitiack ans Licht gestellet und verdammet. Seine daruͤber ausgestandene Verfolgung. Eine neuere mehr auf die Vernunfft gegruͤndete Lehre verursachet unter den hoͤchsten Haͤuptern Deutschlands grosse Unruhe. Grosse Niederlage der Eubagischen Gallier auf ihres ungluͤcklichen Fuͤrstens Rubonors Beylager. Der Samnitischen Weiber frevelhaffter Gottesdienst geduldet. Der Bataver und Menapier durch den Degen erworbene Freyheit. Vier an Tugend und Tapfferkeit zu einer Zeit herrschenden Fuͤrsten Deutschland so schaͤd- lich/ als vier Sonnen dem Himmel. Unter denen der Cheruskische Hertzog Aembrich die Wuͤrde der Feld Herrschafft davon traͤgt. Des Hertzogs der Alemaͤnner Ario- vists kluges Urtheil uͤber solcher ausgeschlagenen Wuͤrde. Des von seiner Herrschafft verfallenen Fuͤrstens Orgetorichs wieder den Ariovist ungluͤcklicher Auffstand zum Feuer Siebendes Buch Feuer verdammet/ aber vom Poͤfel mit Gewalt erloͤset. Seine und seines Eydams Domnorichs und Fuͤrsten Darico Entschluͤssung vom schlauen Julius Caͤser mit ihrem grossen Verlust hintertrieben. Des Julius und eines Roͤmischen Adlers von den Hel- vetiern ausgestandene Gefahr/ und darauf erfolgter Friede. Des Julius neue Kriegs- Flucht wieder die Deutschen und dem Koͤnige Ariovist gethanes hochmuͤthiges Anmu- then. Dessen hertzhaffte Antwort vom Roͤmischen Rath wieder Caͤsarn selbst gebilli- get. Beyder Zusammenkunfft und Unterredung. Caͤsar bedienet sich wieder den A- riovist theils der Leuen-Haut/ theils des Fuchsbalges/ so sich endlich mit uͤbelausschla- gender Verraͤtherey endiget. Ariovists nebst seiner bey sich habenden Deutschen und ihres in der Wagenburg gelassenen Frauen-Zimmers bezeigter blutiger Kampff/ und einiger Ritter dabey empfangener Geschlechts-Nahmen. Der Gefangenen Auswech- selung und Friede durch den zwischen dem Cherusker Hertzog Aembrich und der Catten Hertzoge Arabarn entstandenen Krieg befoͤrdert. Hertzog Aembrichs vergroͤsserte Herrschafft durch Besiegung der Quaden und Unterdruͤckung der Barden und Euba- gen Deutschland besorglich. Der Diener mißbrauchte Gewalt ihrem Herrn und Un- terthanen gefaͤhrlich. Des Koͤnigs Ariovists vor seinen vertriebenen Vetter Arabar beym Feld-Herrn Aembrich vergeblich eingelegte Vorbitte. Der beyden Cattischen Fuͤrsten Roßna und Cimbers dardurch erꝛegter Aufstand und Anfall des Cheruskischen Gebiets/ welchem Coßibellin der Brit annier Hertzog mit einem maͤchtigen Heere/ der Cimbern Hertzog Friadlev mit seinem Beyfall folget. Seine Stuͤrtzung mit dem Pferd/ und seine vom Donner abgeworffene Geschlechts-Seule eine Vorsagung sei- ner und dessen Bundsgenossen erfolgten Ungluͤcksfaͤlle. Aembrichs befestigte Macht in Deutschland. Ausser Landes gehet ein der Deutschen und Belgen Freyheit nachtheiliger Comet am Caͤsar wieder auf. Undanck und Verraͤtherey bereitet ihm bald da bald dort einen Sieges-Krantz/ dem Vaterlande aber die Fessel der Dienstbarkeit. Boduognats des Hertzogs der Belgen tapffer verfochtene und durch erwuͤnschete Friedens-Vor- schlaͤge behauptete Freyheit/ deren Verlust mehr die eigenen Spaltungen als der Roͤ- mer Tugend befoͤrdert. Verraͤtherey sein eigener Hencker am boßhafften Ufo. Neuer Krieg in Deutschland uͤber der den Druyden eingeraͤumten grossen Gewalt zwischen dem Feld-Herrn Aembrich/ dem Hemunderer Hertzoge Brittan/ dem Longobardischen Fuͤrsten Siegbrand/ dem Svioner Koͤnige und uͤbrigen Bundsgenossen. Aembrichs und der Seinigen grosse Niederlage. Gothors vielfaͤltige Siege/ Arabars Erholung. Caͤsars hierbey in Gallien gesuchter Vortheil; der Deutschen vernuͤnfftige Warni- gung erfolget. Eines deutschen Ritters Heldenmaͤßige Entschluͤssung beym erzuͤrnten Caͤsar vor seine Landes-Leute ein Schlacht-Opffer zu werden. Caͤsars an zweyen deut- schen Fuͤrsten vergessenes Voͤlcker-Recht vom Roͤmischen Rath hoͤchst empfunden. Caͤ- sar suchet bey den Sicambern dreuende die Ausfolgung der gefluͤchteten Usipeter und Teneterer. Sein seltzamer aber ungluͤcklicher Bruͤcken-Bau uͤber die Mosel. Seine Ehr und Kriegssucht ziehet ihn nach der Deutschen tapffern Wiederstande in das unter buͤrgerlichem Kriege seuffzende Britannien. Des Feld-Herrn Aembrichs aus son- derbarer Staats-Klugheit verworffene Huͤlffe der maͤchtigen Roͤmer. Caͤsars aus- geruͤstete Kriegs-Flotte von Feind und Wellen/ insonderheit von Bondicea einer Koͤni- glichen Arminius und Thußnelda. glichen Britannischen Jungfrau gluͤcklich bestritten und zuruͤck in Gallien gejagt. Verwirrter und in voller Kriegsflam̃e sich befindender Zustand in Deutschland/ worin- nen der Gottesdienst zwar der Vorwand/ das Absehen aber der hohen Haͤupter die O- ber-Herrschafft ist. Was Fuͤrsten/ was klugen und treuen Dienern gelegen/ und wie jene mit diesen die Bemuͤhungen/ nicht aber die Wuͤrde theilen sollen; des Feld-Herrn Aembrichs und Koͤnig Ariovists/ Gotharts und Hertzog Brittons gegen einander ge- stellte Kriegs-Macht; des allzuhitzigen Koͤnigs Gotharts toͤdliche Verwundung dienet zur Lehre: daß ein Krieges-Haupt nicht in der Spitze stehen/ sondern wie das Hertze im Leibe zum allerletzten sterben/ und ihr Tod moͤglichst zu verhoͤlen seyn solle. Des Feld- Obersten Terbals Verraͤtherey wieder den Feld-Herrn Aembrich. Seine Straffe. Thorheit zuweilen eine Gefaͤrthin der Klugheit. Ob der Fuͤrsten Hoheit von keinen Gesetzen umschraͤncket/ und einen Ubelthaͤter ohne Verhoͤr zu verdammen zu entschuldi- gen sey? Schlacht zwischen dem Feld-Herrn Aembrich und dem Koͤnige Ariovist eine Befoͤrderung des Friedens/ mit Maͤßigung der Druydischen Macht und Ertheilung der den Barden und Eubagen zeither verschraͤnckten Freyheit ihres Gottesdienst. Vie- ler Fuͤrsten Beschwerfuͤhrung beym Feld-Herrn Aembrich uͤber Caͤsars Thaͤtligkeiten. Dessen versicherte Freundschafft. Aembrich weiß der Roͤmer Beleidigungen durch sei- ne Vernunfft zu maͤßigen/ und durch seine Klugheit seinen Sohn Segimer noch bey Leb-Zeiten wieder das sonst gewoͤhnliche Wahl-Recht zum Nachfolger zu erklaͤ- ren. Aembrich raͤchet der Deutschen und Belgen Unrecht durch Caͤsars Niederlage am Rhein; ziehet sich hier auff seinem eigenen Brande zu. Jnduciomar der Hertzog der Trevirer belaͤgert den Roͤmischen Labienus/ wird aber in einem Ausfall erschossen. Die den Feld-Herrn Aembrich nicht erwartenden Trevirer werden durch feindliche Hin- terlist an der Mosel meist erleget/ die uͤbꝛigen unter das Roͤmische Joch gebracht und vom Cingetorich beherrschet. Die Entlegenheit bey Nachbarn der Nagel daran ihre Freund- schafft hencket. Die Roͤmer uͤberfallen den gantz sichern Feld - Herrn Aembrich und Cattivolck seinen Bruder auf einem Lust-Hause; der erste kommet durch die Flucht/ die- ser durch seinen erkiesten Tod dem Caͤsar aus den Haͤnden. Caͤsar laͤst den ihm verdaͤch- tigen Fuͤrsten Acco nebst viel Semnonern und Carnuten zu tode pruͤgeln/ durch welche Grausamkeit er wieder sich die Gallier und andere Bundsgenossen aufwiegelt/ und dan- nenher mit dem Feld-Herrn und uͤbrigen Deutschen einen gewissen Frieden eingehen muß/ um die Gallier im Zaume und Gehorsam zu halten. Des Gallischen Adels und der Bellowackischen Jungfrauen Heldenmaͤßiges Geluͤbde gegen den Caͤsar. Dessen und alle Klugheit Kraͤffte werden fuͤr der himmlischen Versehung zur Ohnmacht. Dem Caͤ- sar stehen die Deutschen wieder die Gallier bey. Die in der Festung Alesie ausgestan- dene Hungers-Noth so groß: daß auch ein Mensch des andern Speise werden und selbst die Natur der eussersten Noth aus dem Wege treten muß. Menschen-Fleisch eine un- natuͤrliche und im Gebluͤt nichts als Faͤulnuͤß nach sich ziehende Speise/ so schaͤdlich als Gifft. Die Ubergabe Alesiens stuͤrtzt den Vercingetorich zu Bodem/ Gallien aber un- ter den Fußschemel der Roͤmer. Caͤsars Grausamkeit in Ugellodun wieder den Fuͤr- sten Guturvat und uͤbrige Gefangene. Caͤsars und Pompejus Ehrsucht sucht seinen Zunder durch buͤrgerliche Kriege; der erste aber seine Siege wieder diesen in der Deut- Erster Theil. F f f f f f schen Siebendes Buch schen und ihrer Fuͤrsten Erdmunds und Acrumers Huͤlffe. Eines Bruckerisch- und Chasnarischen Ritters ungemeine Helden-That und Treue mit einem herrlichen Ge- daͤchtniß-Maale von Ertzt und Marmel verehret; Jenes in Gefangennehmung des De- jotars; dessen in Uberdeckung des Caͤsars von den feindlichen Pfeilen. Des grossen Pompejus schimpflicher Tod; Caͤsar befestigt seine Herꝛschafft uͤber Rom und die hal- be Welt durch Huͤlffe der Deutschen/ biß solche endlich der Neid und das Verhaͤngniß zerdruͤmmert. Sein zu Rom gehaltene vielerley Siegs-Gepraͤnge schlaͤget die vom Antonius ihm unter dem Bilde des gefesselten Rheins zugemuthete Heuchlerische Eh- re/ als einen unertraͤglichen Schimpff der Deutschen ab. Der Ruhstand in Deutsch- land ihm selbst schaͤdlich. Die Todfeindschafft der Catten und Cherusker wo sie her- ruͤhrend? ob von einem wiedrigen Einflusse der Gestirne oder einer andern geheimen Wuͤrckung der Natur/ oder aber von Eigen-Nutz als dem Zanck-Apffel aller Thiere? Heucheley bey Hofe die dienstbarste Sclavin. Der Fuͤrsten Fehler und Gebrechligkei- ten als Tugend und Zierathen von Unterthanen nachgeaͤffet. Die Gemuͤther des weiblichen Geschlechts unergruͤndlich/ ihre Herꝛschafft uͤber die Maͤnner unersaͤttlich. Fuͤrstliche Heyrathen haben nicht die Liebe/ sondern des Landes Wolfarth zum Zweck. Segimers Vorhaben seine unfruchtbare Gemahlin Asblaste zu verlassen uñ Vocionen zu heyrathen. Jener Flucht und nachdencklicher Abschieds-Brieff bringet diese in hoͤch- ste Raserey: Dem Feld-Herꝛn Aembrich als Vatern ziehet die hier aus und aus andern Ungluͤcks-Faͤllen geschoͤpffte Bekuͤmmernuͤß den Tod zu. Seines erlauchteten Hau- ses und zerritteten Reiches letzte und ruhmbare Vorsorge durch Befestigung des edlen Friedens. Neue Kriegs-Flamme zwischen Koͤnig Arabarn und den Cheruskern. Des Kaysers Augustus mit disen wieder die Rhetier und Vindelicher gemachtes Buͤndniß/ deren Weiber unmenschliche Tapfferkeit. Des Augustus Lebens-Gefahr bey Belaͤge- rung der Stadt Mebulun; der Jnnwohner verzweiffelte Gegenwehr/ ihr und der ih- rigen selbst eigene Einaͤscherung. Was eines Uberwinders Ruhm sey: Nicht vieler Leichen und Steinhauffen Meister zu werden/ sondern seinem uͤberwundenen Feinde vergeben/ damit dieser verlohrne Hoffnung der Gnade sich nicht in Verzweiffelung ver- wandele? Kaysers Augustus Sieg wieder die Pannonier und Feinde mit den Cherus- kern. Dieser samt ihrer Bundsgenossen der Quaden vom Cattischen Heerfuͤhrer Stordeston und Koͤnig Arabars Sohne erlittene Niederlage. Den Roͤmischen Huͤlffs- Voͤlckern und ihren Adlern wird aus Mißtrauen der Fluguͤber den Rhein geweigert. Augustus zerfaͤllt auffs neue mit dem Antonius/ und also Rom wieder Rom. Die U- bier und Usipter Hertzoge werden bey nahe der gantzen Herrschafft entsetzet; dem Che- ruskisch bebenden Hause gehet am tapffern Segimer ein neuer Gluͤcks-Stern; dem gantzen Deutschland aber die erwuͤntschete Friedens-Sonne auf. Hierbey erlangen die Barden und Eubagen ihre Gewissens-Freyheit. Der tugendhafften Asblaste und ihres Vaters Surena am Koͤniglichen Hofe Orodes veraͤnderlicher Zustand lehret: daß die Entziehung verdienter Ehre dem beschimpffeten nur zu groͤsserm Ruhm gerei- che; Und jener am meuchelmoͤrderischen Maxorthes ausgeuͤbte gerechte Rache: daß das sonst schwaͤchere Geschlecht das staͤrckere an Tugend und Waffen besiegen koͤnne. Die Arminius und Thußnelda. Die verkleidete Asblaste vor Gerichte gebracht/ aber wunderbarer Weise vom Feld- Herrn Segimer erloͤset. Surena des an seiner Tochter verweigerten Richter-Amts halber hingerichtet. Segimer wegen der entheiligten Persischen ewigen Flamme in Kercker geworffen/ zum Feuer verdammet/ von Asblasten seiner Gemahlin erken- net/ auff gleiche Art errettet/ endlich doch alle beyde gefaͤnglich behalten wor- den. Die Liebe hat weder Gesetze noch Meß-Stab. Phraatens des Koͤniglichen Persischen Printzens blinde Liebe gegen die tugendhaffte Asblaste. Dieser ehliche Treue und ersonnene List bringet den Segimer aus dem Gefaͤngniß/ folgends als das Haupt der deutschen Huͤlffs-Voͤlcker unwissend der Roͤmer/ wieder die Parther in Krieg/ darinnen diese geschlagen/ des Labienus Kopff zu Athen vom Antonius den Grichen zum Schau-Essen auffgesetzet. Pacors Niederlage verlieret die eitele Einbildung: daß das Gluͤcks-Rad den Lauff der Sonnen/ und der Sieg gewisse Oerter und Zeiten halten muͤsse. Das Geschlecht Rittberg woher es den Nahmen? der Frieden zwischen dem Antonius und denen Parthern bringet dem Segimer beym Roͤmischen Rathe viel Ehren-Bezeugungen/ aber desto weniger Hoffnung zu seiner noch gefangenen Asblaste zu wege. Segimer bekommt durch eine Kriegs-List Orodens zwey Schoß-Kinder Pharnabazes und Oroßmanes zur Ausloͤsung Asbla- stens gefangen/ welche letztere Phraates mit Gifft hinzurichten befiehlet/ von der in den Pharnabatz verliebten Ternamenen aber durch seltzames Begebniß erloͤset wird. Phraates wirfft sich zum Koͤnige wieder seinen Vater auff/ gebraucht sich hierzu gewisse Zauber-Kuͤnste. Grosse Laster durch groͤssere ausgefuͤhret vor Tu- gend/ die Herꝛschafft ohne Wollust vor unvollkommen geyalten. Asblastens und Segimers unverhoffte und so viel erfreulichere Zusammenkunfft. Die Freyheit der beyden Parthischen Fuͤrsten Pharnabazes und Oroßmanes wird beym wuͤtenden Phraates zum Todten-Bret. Phraates dardurch von Freund und Feinden ver- hast. Deutschland wird gleichsam durch Segimers und Asblastens Zuruͤckku n fft aus einer befallenen Ohnmacht erwecket; alle benachbarten Voͤlcker in Ruhstand ge- setzet. Des Janus Tempel vom Augustus zu Rom gesperret. Fuͤrst Herꝛmann der Erhalter der deutschen Freyheit von Asblaste gebohren. Der Menschen eigene Tha- ten setzen gute und boͤse Sterne in den Creiß ihrer Geburts-Lichter. Augustus Be- gierde alle seine Vorfahren wie an Pracht und Herꝛligkeit/ also an Grausamkeit und Undanck gegen seine Huͤlffs-Voͤlcker die Celten und Dacier zu uͤbertreffen. Des Feld - Herrn Gesandten hieruͤber geschoͤpffte Empfindligkeit; Der Dacier und Ba- starnen Auffstand. Eroͤrterte Staats - Regel: ob die Unterthanen durch Uberfluß oder uͤberhaͤuffte Schatzungen im Zaum und Gehorsam zu halten? Alle zur Pracht und Hoffart gereichende Dinge sollen mit grossen Zoͤllen beleget/ die unentbehrlichen Lebens-Mittel aber dem Armuth zum besten davon befreyet werden. Augustus darin- nen begangener Fehler. Gewisse Mittel den Fuͤrsten bey Liebe/ den Diener bey Ehren/ die Laͤnder beym Gehorsam zu erhalten. Augustus neu-aufgerichtetes Gewerb und Niederlage am Rhein den Deutschen nachtheilig/ den Catten unertraͤglich. Der Hand- lung und Kauffmannschafft Werth und Unwerth/ ob/ und wie weit solche dem Adel anstaͤndig? die Roͤmische Grausamkeit wieder die Catten ziehet ihnen von deren Lands- F f f f f f 2 Leuten Siebendes Buch Leuten einen neuen Krieg auf den Halß/ darinnen dem Roͤmischen Marcus Vinicius der Sieg zugeschrieben/ und vom Kayser August ein Siegs-Bogen aufgerichtet wird. Staats-Klugheit der Fuͤrsten/ dem vergaͤnglichen Rauch und die leeren Huͤlsen eitler Ehre theuer zu verkauffen. Mecenas des Augustus geheimster Staats-Rath hat an Verstand und Treue keinen seines gleichen. Sein Urtheil vom Agrippa und seinen grossen Verdiensten. Jngviomer des Feld-Herrn Segimers Bruder nimt sich wieder die Roͤmer und den Heerfuͤhrer Agrippa der Gallier Freyheit an. Verwirrter Zustand in Spanien wieder ihre Uberwinder die Roͤmer. Jngviomer gehet durch Vermitte- lung des Segesthes/ durch Befoͤrderung des Printzens Divitiaks zur Roͤmischen Raths-Wuͤrde/ und also zu seinem groͤsten Vortheil mit dem Agrippa einen Frieden ein. Jngviomer vom Augustus hochgehalten/ seiner deutschen Leibwache vorgesetzt/ letzt auch mit herrlichen Geschencken wieder in sein von Kriegs Flamme loderndes Deutschland gelassen. Der Hermunderer grosser Freyheits-Eyver und Umschraͤnckung ihrer Hertzoglichen Gewalt. Jhres Hertzogs Brittons Vermaͤhlung mit des Koͤnigs der Bastarnen Deldo Tochter denen Eubagen wegen ihres der Druyden zugethanen Gottesdiensts/ verhast und zum Auffstand ursachlich. Eigen-Nutz des Menschen Aug- apffel. Brittons Staats-Fehler. Gemeine Wohlfarth das groͤste Gesetz. Hertzog Britton wird genoͤthiget seiner beyden Reichs Raͤthe Blut-Urtheil zu unterzeichnen. Koͤniglicher Purper vor dem Anruͤhren/ Fuͤrstliche Hoheit vor Gewalt und Aufruhr zu bewahren. Der Druyden Auffstand wieder die Eubagen unter dem Hertzog Brit- ton. Dessen verfehltes Mittel in Begnaͤdig- und Bestraffungen. Marbods Zuruͤck- kunfft von Rom in sein Vaterland. Seine Ankunfft/ Aufferziehung und Ansehen bey den Roͤmern/ insonderheit bey dem Tiberius und des Kaysers Tochter Julia Agrip- pens Ehfrau. Jhre entbrandte Liebe gegen ihn. Die Liebe eine Schwaͤche der groͤ- sten Leute und die Roͤthe ihr Verraͤther. Die Entdeckung eigener ist der Schluͤssel frem- der Geheimnuͤße. Juliens/ Tiberius und Marbods Gluͤck-Spiel in dem Aponischen Brunnen mit dem guͤldenen Wuͤrffel. Juliens unkeusche Liebe wird verrathen; Der unschuldige Marbod der dringenden Zeit aus dem Wege zu treten/ und Rom zu verlas- sengenoͤthiget; bey denen Hermundurern und Marckmaͤnnern zum Kriegs-Obristen wieder den Britton erklaͤret/ auch bald hier auf wegen seines erhaltenen Sieges vor ei- nem Erhalter ihrer Freyheit ausgeruffen. Des Marckmaͤnnischen Adels groͤfter Glantz und Hochhaltung die Geryonische Weissagung. Facksarifs und Marbods beydeꝛ Kriegs- Obristen Hertzhafftigkeit und Sieg wieder den Britton und seine ihn verfuͤhrende Ge- mahlin. Das Gluͤck ist der Apffel im Auge der Klugheit und die Hertz Ader in der Tapfferkeit. Britton wegen seines Argwohns von den Seinigen vollends verlassen faͤllt in die eusserste Knechtschafft. Der Ehr-Geitz kan keinen uͤber noch neben sich lei- den. Harneckigkeit ist so wenig als ein kollernd Pferd durch einen allzuharten Zaum zu baͤndigen. Marbods Staats-Kuͤnste ihm das Volck und Kriegs-Heer zu verbin- den. Auffruhr das schaͤdlichste Gifft und Mord-Schlange raubet dem Britton das Leben. Ob und wie weit gekroͤnte Haͤupter den Gesetzen und des Volcks Urtheil un- terwuͤrffig? der Cheruskische und viel andere Gesandten bemuͤhen sich das bey aller Welt Arminius und Thußnelda. Welt uͤber den Fuͤrsten verhaste Blut-Urtheil mit allerhand Staats- und Rechts- Gruͤnden zu hintertreiben. Der Saamen der Verraͤtherey unaustilglich. Dessen Wachsthum unbestaͤndig/ der die Stauden seines Gluͤcks mit Blute tinget/ und auff Graͤber pflantzet. Fuͤrstliche Geschlechter gleichen der Keule Hercules und dem Spisse Romulus/ wie und auf was Weise? Fuͤrstliche Kinder durch Verzaͤrtelung/ wie die Al- ten durch der Hoͤflinge Heucheley verterbet. Ehrsucht der Fuͤrsten Leit-Stern zu allen Lastern/ der Purpur ihr Deck-Mantel. Die buͤrgerliche Herrschafft vor die Freyheit die sicherste/ hat zum Angel-Stern den Wohlstand des Volcks. Freyheit dem Poͤfel mehr schaͤdlich als nuͤtzlich. Die Anmassung der Gewalt uͤber Fuͤrsten als wahre Ebenbilder Gottes auf Erden ein Raub des Himmels. Ein der Koͤniglichen Hoheit an die Seite gesetzter Reichs-Rath soll wie der Mond von der Sonnen seinen Glantz; Nicht aber von jenem die Verfinsterung erwarten. Facksarifs Gemahlin heiliger doch vergebli- cher Eyver in Erlosung des zum Tode verdammten Brittons. Dessen hertzhaffte Ent- schluͤssung: daß ohne Schuld gewaltsam sterben ein blosser Zufall/ das Leben aber mit schimpflichen Bedingungen erretten/ ein selbst Mord der Ehre sey: der Maͤrckmaͤnnische Adel gedruͤckt/ und ihnen das Recht der Erstgeburt/ wie auch die Reichs-Raths-Wuͤr- de entzogen. Fuͤrst Jubile Brittons Sohn von den Maͤrckmaͤnnern und Sedusiern zum Oberhaupt erwehlet. Marbods Wiederstrebung und seine sieghaffte Waffen ma- chen ihn zum Landvogt und hoͤchsten Kriegs-Haupte. Jubils Niederlage und genoth- draͤngte Flucht in der Burier Land. Marbod befestiget durch Vertilgung der groͤsten im Koͤnigreiche seine Herꝛschafft. Fuͤrstliche Hoheit hat das Gebiete uͤber alle Voͤlcker/ uͤ- ber die Fuͤrsten der Vortheil. Marbods Staats-Regel ein Reich ruhig zu beherꝛschen. Der Fuͤrsten gewaffnetes Heer der beste Sach-Redner. Der Degen das einige Messer alle Gordische Zweiffels-Knoten aufzuloͤsen. Durch Erweiterung der Landes-Graͤn- tzen werden nicht allezeit dessen Kraͤffte vergroͤssert. Das im Kriege vergossene Men- schen-Blut eine Tinte der Ehrsucht/ daraus die Kriegs-Leute ihre Siegs-Fahnen faͤr- ben. Kriegs-Leuten eine Schande durch Schweiß erwerben/ was sie durch Blut ha- ben koͤnnen. Fuͤrsten sind sterblich/ nicht aber ihre Voͤlcker und Reiche. Marbod wie- gelt das Kriegs-Heer wieder den Reichs-Rath auf/ bemaͤchtiget sich dadurch des Brit- tonischen Stuhls mit scheinbarer Verweigerung des Koͤniglichen Titels/ und entschleust den Krieg wieder die Bojen. Hohe Ankunfft und Gebluͤt muß der Tugend weichen. Der Freyheit bester Sitz nebst des Volckes groͤstem Heil die einkoͤpfichte Herꝛschafft. Marbods geheimes Verstaͤndnuͤß mit etlichen der vornehmsten Bojen; Sein gluͤckli- ches Vornehmen verjaget ihren nicht sonderlich daruͤber bekuͤmmerten Hertzog Cri- tasirn aus dem Lande. Die Unempfindlichkeit uͤber den Verlust so schaͤdlich/ als die uͤ- bermaͤßige Herꝛschenssucht. Die Empfindligkeit dagegen das eintzige Erhaltungs- Mittel aller Thiere. Erb- und Wahl-Koͤnigreiche nebst deren Vorzug. Marbods allzu grosser Eyver wieder die Bojen verblaͤndet ihm den Verstand/ wie allzu grosser Glantz die Augen. Sein mit einem Bojischen Ritter hesstiger Kampff und Niederla- ge. Ursprung der beyden Geschlechter Nothhafft und Tannenberg. Marbods seltza- mes Begebniß in einer Hoͤle mit einem alldar gefundenen wohlthaͤtigen alten Greiße F f f f f f 3 und Siebendes Buch und Einsiedler. Der Mensch das grimmigste der Thiere und seine in der Boßheit zu- nehmende ausgetheilte Jahre. Abbildung der Zeit und Vergaͤngligkeit. Tugend- hafftes Leben der sicherste Ancker und der vollkommenste Gluͤcks-Stern/ ausser diesem alles Eitelkeit. Des Einsiedlers Lehre von der Ruhe des Gemuͤths und wahren Gluͤck- seligkeit. Die Weißheit ein selbst-staͤndiges Wesen keines eusserlichen Glantzes benoͤ- thigt. Die Ehrsucht das unersaͤttlichste Laster unter allen. Die Herꝛschafft die be- schwerlichste Dienstbarkeit. Die Freyheit des Gemuͤths ein ander Himmelreich. Jeder Grundzeug der Natur ein Auffenthalt menschlicher Gebrechen. Die Ehre der Tugend Zunder/ des Lebens Kleinod. Des Leibes/ des Hertzens und des Gemuͤths Wachsthum. Die unvernuͤnfftigen Thiere den vernuͤnfftigen an Jahren und Alter uͤberlegen. Des Volcks Eigenthum ist das Seinige bewahren/ eines Fuͤrsten seine Herꝛschafft vergroͤs- sern. Das Alterthum gebieret gegen der gegenwaͤrtigen Zeit eitel Riesen- und Wun- derwercke. Die Hertzen und Gemuͤther der danckbaren Nach-Welt sind vor der ruͤhm- lich verstorbenen Asche die herꝛlichsten Todten-Koͤpffe. Unterscheid zwischen einem un- sterblichen Nach-Ruhme und einer ewigen Schande. Ein tugendhafft Leben balsamt allhier unsern Athem/ nach dem Tode die Asche ein. Ubermaͤßige Ruhmsucht wem sie gleiche? Schatten der Ehre fliehet die Verfolgenden/ und folget den Fliehenden. Ruhm- Spruͤche ohne Verdienste Schattenwerck ohne Leib/ und Grab-Schrifft auf leeren Graͤbern. Marbod nimt des Einsiedlers Lehre und Warnigung als eine goͤttliche Wuͤrckung mit Thraͤnen an/ verflucht dagegen den Hoff mit seiner heuchlerisch- und be- truͤglichen Ehre. Der Mensch hat in andern Fehlern Luchs-in seinen eigenen Maul- wurffs-Augen. Der selbst-Erkaͤntniß Nutzbarkeit. Die viehischen Neigungen im Menschen verborgen. Seine Fehler erkennen/ schon eine halbe Vollkommenheit. Das Gewissen die Meß-Ruthe unsers Lebens. Die eusserlichen Sinnen und Glieder die Abbildungen der Seele/ das Haupt alleine der Sitz des Verstandes. Ein Reich von zweyen Fuͤrsten die groͤste Mißgeburt. Die eintzele Zahl zum Herꝛschen; Die Viel- heit zu gehorsamen nur geschickt. Kluge Raͤthe der Fuͤrsten Augen. Des Hertzens und der Augen genaue Verknipffung. Der rechtmaͤßige Ohren-Gebrauch bey Fuͤr- sten. Der Wollust ein Englisches Antlitz/ aber ein Drachen-Schwantz zugeeignet. Ein guter Nahme der beste Geruch der Gemuͤther und ein tugendhaffter Fuͤrst ein Spiegel seiner Unterthanen. Der Mund ein Pinsel des Gemuͤths und eine Schrei- be-Feder der Gedancken. Die Zunge das schaͤdlichste und nuͤtzlichste Glied des Haupts/ der Fuͤrsten Steuer-Ruder im Schiffe der Reiche. Fuͤrsten eine erhobene Glocke/ der Klang ihr Verraͤther. Kuͤrtze der Redner Meisterstuͤcke/ eines Fuͤrsten Eigenthum. Der Donner die Sprache Gottes und sein Bild auf Erden. Fuͤrsten muͤssen sich die Ver- nunfft/ am meisten aber das Licht der goͤttlichen Versehung leiten lassen; Alle Men- schen auf dem Welt-Meer GOtt zum Angel-Sterne/ das Gewissen zur Magnet-Na- del haben. Des Einsiedlers dem Marbod gethane Offenbahrung: daß er Ariovist der Alemanner Hertzog sey. Unterschiedene Geburts-Maale ein und anderer gekroͤn- ter Haͤupter. Das Abstuͤrtzen von Koͤnig-Stuͤhlen ruͤhret von Lastern/ wie das frey- willige Absteigen von Tugend her. Das Gluͤcke der Jugend Schoß-Kind/ der Alten Wechselbalg. Der Einsiedler oder vielmehr Ariovist erzehlet dem Marbod seiner und anderer Arminius und Thußnelda. anderer Fuͤrsten Staats-Fehler/ und das mit einem vermeintlichen naͤchtlichen Ge- spenste oder seinem guten Geiste gehaltene Gespraͤche. Dieser ihre Lebens-Art. Kunst recht zu leben/ wol zu herꝛschen und selig zu sterben. Der Kindheit/ Jugend und Alters Eigenschafften. Das Gluͤck eine Buhlerin der lebhafften/ eine Stieff-Mutter der ver- lebten. Je vollkommener der Fuͤrst/ ie mehr der Verleumdung unterworffen. Der Unterthanen Pflicht gegen die Obern. Sterbe-Kittel dem Purper vorzuziehen. Des menschlichen Lebens Elend und Nichtigkeit. Kein Unterscheid zwischen Fuͤrsten- und Betlers-Knochen. Praͤchtige Grabmaͤhle machen nicht so wol der Verstorbenen Thaten/ als ihre Eitelkeit beruͤhmt. GOtt der eintzige Angel-Stern unserer See- len-Ruhe wie und wo er zu finden? Einsamkeit ein Vorschmack des Himmels mit einer des Greißen Hoͤhle uͤberschriebenen sinnreichen Denckschrifft. Dessen und Ariovists Vergesellschafftung. Marbods ihm bezeigte Ehrerbietigkeit und Folge zu seiner Hoͤ- le. Beyder inzwischen erfolgtes Begebniß und Unterhalt. Der Mensch das uner- saͤttlichste aller Thiere. Sonderbare Schaͤtzbar- und Herrligkeit der erlangten Hoͤhle/ und das darinnen dem gantzen Deutschland verborgene Reichthum. Der Goldgru- ben und Aertzte Unterscheid und Eigenschafft. Mißbrauch des herꝛlichsten Goldes der schaͤdlichste Huͤtten-Rauch. Dieser Wunder-Hoͤhle verborgene Qvellen/ Waͤsser und Stroͤme. Jm Menschen der kleinen Welt alle Wunderwercke der grossen befindlich. Spring-Brunnen den Frauen-Bruͤsten zu vergleichen. Das Meer auf gewisse Art der Ursprung der Brunnen; die Brunnen in einer andern der Ursprung des Meeres. Das Meer der Eßig der Welt genennet. Deutschlands vielfaͤltige Sauer-Saltz-Feuer- und andere Brunnen. Ein des Fuͤrsten Thuisco unverweseten Coͤrper in sich haben- des Christallinenes Riesen-Feld das groͤste Wunder der offt angezogenen Hoͤhle/ und vornehmstes Grabmaal der gantzen Welt. Natter findet in weichem Agtstein ihr Grab. Graͤber vom Donner und Erdbeben befreyet/ doch so wol als die Leichen der Verweßligkeit unterworffen. Der Eitelkeit Herꝛschafft hat so wol unter als uͤber der Erden ihr Gebiete/ ja uͤber Sonn und Sterne. Dieser verspuͤrte Verminder-Vermehr- und Vergroͤsserung. Alles was nicht die Tugend zum Grunde/ die Ewigkeit der See- le zum Absehen hat/ ist vergaͤnglicher Rauch. Die Sonne der gerechten Seelen Kleid. Thuiscons Ruhm und Grabeschrifften. Sein Schatz und Schutz-Bild Deutschlands/ wie bey andern Voͤlckern andere. Der Eintracht Riesen-Wercke. Nichts kan dem Geitz als eine Hand-voll kalte Erde saͤttigen. Hochmuͤthige Fuͤrsten dem Egyptischen Memnons-Bilde gleich wie und auf was Weise? Die Erkaͤntniß seiner eigenen Nich- tigkeit ist die Helffte seiner Verewigung. Vergnũgung der Welt sind eitel zur Schaue ausgelegte betruͤgerische Waaren und Blendungen. Marbods Zuruͤckkehr aus der Hoͤle/ Ariovists Begleitung und dabey uͤberfallener schneller Tod/ daruͤber sein ver- trauter Baͤr sich vom Felsen stuͤrtzet. Ariovists Beerdigung nach Art der alten Deut- schen/ welche die uͤbrigen Zierathen nur eine Beschwer der Todten gehalten. Marbod und seine Gefaͤrthen nehmen hierauf mit Thraͤnen Abschied/ werden von einem Wald- und Wasser-Geiste erschrecket; von einem Lufft-Geiste uͤbel; endlich von ei- nem fuͤnff hundert jaͤhrigen Wurtzel-Manne wol empfangen. Ursache seines hohen Alters. Seine Vergnuͤgligkeit und Abschen vor allen Welt-Haͤndeln und der Menschen Siebendes Buch Menschen Boßheit. Zwey bey der Zackenbach befindliche Warmebrunnen. Allerhand mit dem Wurtzel-Manne uͤber gewisser Thiere Eigenschafften und Gespenstern gefuͤhr- te Reden. Riesengebuͤrge von Gespenstern beschrien. Des Wurtzel-Manns ihnen denckwuͤrdig eroͤffnete Geheimnuͤße/ Verehrung und Abschied. Der Deutschen inson- der heit der Marsinger Gewonheit im Heyrathen nebst der Frea Feyer und Straffe der Ehbrecher. Die am Riesengebuͤrge befindliche zwey warme Brunnen nebst denen dar- innen badenden Schoͤnheiten/ aller ersinnlichen Lust- und Liebes-Spielen/ worbey die Schaͤfferey das Kleinod erlanget. Der Bober-Fluß das Vaterland der Deutschen Tich- ter-Kunst. Des Ritter Schaffs mit des Marsingischen Fuͤrsten Leutholds Tochter herꝛ- liches Beylager und dabey gehaltene Turnier- und andere Spiele/ worbey der Frembd- ling Marbod erkennet/ verfolget/ und von einem ihn vergesellschafftenden unbekand- ten Ritter Vannius noch errettet wird. Marbods unverhoffte Zuruͤckkunfft in sein Land erwecket Schrecken und Freude. Bringet die Alemannische Fuͤrstin Vocione durch einen ihrem Vater dem Ariovist in der Hoͤhle abgezogenen Ring in ein Buͤndnuͤß. Mar- bods Sieg wieder die Meineydigen Bojen und Koͤniglicher Einzug in die Stadt Bovio- sinum. Des uͤberwundenen Critosirs Hertzhafftigkeit; Seiner Gemahlin hoͤchstver- nuͤnfftige Demuth. Koͤnig Marbods oͤffentliche Kroͤnung. Der Bojen Abschwerung und Raͤumung des Maͤrckmannischen Gebiets. Der Stadt Boviosinum Nahmen in Marbods Stadt veraͤndert. Der Lygier und schwartzen Arier Verfechtung ihres vermeinten Gottesdiensts wieder den Marbod. Hermegildis die Hertzogin der Na- harvoler Großmuͤthigkeit in Vertheidigung Corradun. Der Gothunen Einfall; Ju- bils Auffenthalt beym Feld-Herꝛn Segimer. Marbod macht viel neue Ritters-Leu- te. Des Vannius Herkunfft von den Koͤnigen der Quaden; Seine Verdienste gegen den Marbod; behauptet durch dessen Huͤlffe seiner Vorfahren Koͤnigreich zu Trotz und Verdruß der Cherusker und Roͤmer. Des Drusus Tod. Augustus Rache. Tiberius Nero statt jenes an Kindes Statt angenommen. Ubermaͤßig grosse Weinstoͤcke und Trauben am Fluße Lixus. Hertzog Arnolds Gemahlin Gertruds Schoͤnheit und Be- kuͤmmerniß uͤber ein von ihr gebohren Mohren-Kind. Der Schwangern Einbildung eine seltzame Mahlerey und Bildschnitzerey: kein Schild der Unschuld wieder die Eiver- sucht bewaͤhrt. Das Band der Mutter- und Kinder-Liebe unzertrennlich. Die Bruͤ- ste von Natur nicht zu Aepffeln der Wolluͤste/ sondern zu heiligen Lebens/ Wunder- und Nahrungs-Brunnen erschaffen. Unterscheid zwischen der natuͤrlichen Muͤtter- und Ammen-Schaaffs und Ziegen-Milch. Die Natur muß der Vernunfft und dem goͤtt- lichen Verhaͤngnuͤße weichen. Wollust und Heucheley des Hoffes schaͤdliche Lock-Voͤgel. Kinder und Pflantzen arthen mehr nach der Beschaffenheit ihrer Pflegung/ als nach dem Einflusse der Geburts-Sternen. Gertrudens Mohren-Kind wird unter fremder Auffsicht erzogen; dessen veraͤnderte Farbe und tugendhafftes Wachsthum/ Nahme und Erkaͤntniß. Dieses jungen Bethonischen Fuͤrstens Gottwalds Ansehen beym Mer- singischen Hertzoge Bolcko. Des Vaters Hertzog Arnolds Tod. Des Sohnes Gott- walds Todes-Gefahr von Gertruden wunderbahrer Weise abgewendet/ an seinen na- tuͤrlichen Merckmahlen erkennet/ und zu des Reiches rechtmaͤßigem Nachfolger erklaͤ- ret. Seiner wieder ihn verhetzten Schwester Mormeline Verheyrathung an den maͤch- tigen Arminius und Thußnelda. tigen Marbod. Der Deutschen unruhiger Zustand ziehet ihnen des Kaysers Augustus Roͤmische Waffen unter dem Heerfuͤhrer Tiberius Nero auf den Halß. Des Deutschen oder Cheruskischen Feld-Herꝛn Tod. Fuͤrsten Tod selten der allgemeinen Zerbrechlig- keit/ sondern ins gemein gewaltsamen Ursachen zugeschrieben. Des Roͤmischen Sen- tius Siegs-Gepraͤnge. Dem Tiberius der Nahme eines deutschen Feld-Herꝛn zuge- eignet. Der Grund-Stein des Eigen-Nutzes ein Fallbret des gemeinen. Des Tibe- rius sich vergroͤssernde Siege in Deutschland. Der Longobarder Sitten und Gebraͤu- che/ Unerschrockenheit in Worten und Wercken. Tiberius bedreuet den mit den Lon- gobardern im Buͤndniß stehenden Marbod mit Krieg. Seine den Roͤmischen Gesand- ten gethane hertzhaffte Antwort und gezeigte Gegenwehr bringet den Tiberius auff bessere und friedlichere Gedancken. Das auf den deutschen Feld-Herꝛn Hertzog Her- mann zu Rom vom Tiberius aufgeblasene Kriegs-Feuer wird vom Kayser August wie- der den allzumaͤchtig werdenden Marbod fruchtloß und zum Schimpff der Roͤmer aus- geschuͤttet. Die Dalmatier und Pannonier vom Marbod verlassen. Der Fuͤrsten Buͤndniße auf kein ander Hefft als den Vortheil; des Poͤfels Anschlaͤge aber auf eitel Blutstuͤrtzungen gerichtet. Aller und ieder Voͤlcker sonderbare Gemuͤths-Neigung. Marbods vorsichtige Herꝛschens-Kunst. Staats-Klugheit hat alles zu ergruͤbeln/ nicht auszuuͤben. Vorbereitungen zu des Feld-Herꝛn Herꝛmanns angestellten Beylager; der Cheruskischen Halb-Riesen und anderer dabey besindlichen Voͤlcker; vornehmlich aber des Feld-Herꝛn selbst hoͤchst-praͤchtiger Ein- und Aufzug zu Deutschburg. Das Siebende Buch. W Eil die Begierde ruͤhm- liche Thaten nachzu- thun ein edles Gemuͤ- the nicht ruhen laͤst; sondeꝛn ein todteꝛ Maꝛ- mel dem Alcibiades den Schlaff/ ein leichter Schatten dem Alexan- der die Ruh verstoͤret; so empfindet selbtes nichts minder als der hung- rige Magen nach der Speise einen bewegli- chen Trieb sich mit anderer Helden Beginnen zu saͤttigen/ und selbte ihm zum Vorbilde tu- gendhaffter Nachartung fuͤrzustellen. Weßwe- gen die Geschicht-Beschreibungen nicht nur ein Behaͤltniß des Alterthums/ ein Licht der War- heit; sondern auch eine Speise der Seele/ und eine Wegweiserin zur Tugend und Klugheit genennt zu werden verdienet; Nach dem in Wahrheit viel grosse Helden ohne das Licht ruͤhmlicher Vorgaͤnger die Rennebahn der Eh- ren verfehlt haͤtten. Denn wie die Augen sich selbst nicht schauen; also muß der Mensch nicht aus seinem/ sondern fremdem Thun die Richt- schnur kluger Entschluͤssungen ziehen. Diesem- nach sich nicht zu verwundern ist: daß Hertzog Zeno/ Rhemetalces/ Malovend/ Adgandester/ Solonine/ und die Graͤfin von der Lippe der Morgenroͤthe zuvor kamen/ und sich/ ihrem Verlaß nach/ in dem Zimmer der Koͤnigin Era- to einfanden. Adgandester ersuchte alsbald den Fuͤrsten Malovend: daß er seiner Vertroͤ- stung nach den Fadem der Deutschen und Roͤ- mischen Geschichte abwinden/ und durch seine Geschickligkeit die Fehler seiner unannehmli- chen Erzehlung verbessern moͤchte. Malovend meinte sich zwar anfangs loß zu wuͤrcken; vor- wendende: daß Fuͤrst Adgandester nur deßhal- Erster Theil. G g g g g g ben Siebendes Buch ben sich dieser Ehre entschuͤtten wolte; wormit er nach Art des schoͤnen Frauen-Zimmers/ wel- ches durch angekleibte Mahle ihre schneeweisse Haut zeigen wil/ durch eines andern Maͤngel nur seine Vollkommenheit desto herrlicher ma- chen moͤchte. Nach dem aber Hertzog Rheme- talces und Zeno ihn seines Versprechens erin- nerten/ Adgandester fuͤrschuͤtzte: daß seine Erzeh- lung fuͤr den Cheruskischen Stamm/ unter des- sen Schatten er so viel Gutes genossen haͤtte/ vielleicht in einem und dem andern verdaͤchtig fallen duͤrffte; und die Graͤfin von der Lippe des Feld-Herrn und der Heldin Thusnelde Liebes-Geschichte beyzusetzen einheischig ward; schickte sich Malovend darein/ und/ nach dem sie sich alle in einen Kreyß nieder gelassen/ fieng er folgende Erzehlung an: Der Gottesdienst ist bey den alten Deut- schen von denen Fuͤrsten verrichtet worden/ und im Tuisco mit der Koͤniglichen auch die Prie- sterliche Wuͤrde vermaͤhlet gewest. Nach der Zeit aber hat entweder die unachtsame Sicher- heit der Herrscher/ oder die Ubermaß der Ge- schaͤffte den Priesterlichen Stab/ den so festen Ancker der Koͤniglichen Hoheit in andere Haͤn- de kommen lassen; also: daß der Feld-Herr A- lemann sich zwar aber vergebens bemuͤhte/ mit der andern Hand den hohen Priester-Stab wieder zu umfassen. Mit dieser geistlichen Wuͤꝛ- de bekamen anfangs die Priester/ welche sie Barden hiessen/ und von allem Volcke fuͤr sehr heilig geachtet wurden/ zwar die Freyheit von allen buͤrgerlichen Beschwerden in Gaben und Aemptern/ den Vorsitz uͤber den Adel/ die Un- versehrligkeit auch unter den Feinden/ und die Gewalt strittige Rechts-Haͤndel zu entscheiden. Ja die Fuͤrsten brauchten sie zu Reichs-Raͤthen/ zu Gesandten; liessen durch sie Buͤndnuͤße be- handeln/ Aufruͤhrer besaͤnfftigen/ ihre Kinder in der natuͤrlichen und Sitten-Weißheit un- terrichten; uͤber die Laster Straffen aussetzen; Zwistigkeiten der benachbarten Fuͤrsten unter- nehmen/ und das Kriegs-Volck in Schlachten zur Tapfferkeit anfrischen. Wiewol nun die- se Macht allbereit der Weltlichen grossen Ab- bruch that; so blieb sie doch noch in den Schran- cken der Ertraͤgligkeit; und/ weil sie sich mit ed- len Jungfrauen verehlichen mochten/ verknipf- ten sie ihnen hierdurch so wol das Gebluͤte als die Gewogenheit des Adels; durch die Andacht aber den Poͤfel. Denn der Gottesdienst ist nicht nur der sicherste Kapzaum/ wormit Fuͤr- sten ihre Unterthanen in einem Faden leiten; sondern auch die Priester das Volck zu dienst- baren Knechten machen koͤnnen. Es war aber in Britannien eine Art gewis- ser Weisen/ die sich Druyden nennen/ und aus Aßyrien ihren Uhrsprung haben/ aus Britan- nien aber/ oder Calidonien/ wo der Koͤnig Fyn- nan selbte zum ersten unterhalten haben soll/ in das benachbarte Gallien kommen sind. Jhre Tracht ist zwar einfaͤltig und arm/ ihre Gebaͤhr- den demuͤthig/ nachdem sie baarfuͤßig auf fuͤnff- eckichten hoͤltzernen Schuhen/ und mit blossem Haupte/ in einem haͤrenen weißen Rocke/ eine Tasche an der Seite/ einen gekruͤmten Stab in der Hand/ und einen getheilten Bart biß unter den Nabel/ in welchem ein sonderlich Pfand ih- rer Verschwiegenheit versteckt seyn soll/ anher ziehen/ allezeit die Stirne ernsthafft runtzeln/ die Augen nieder zur Erde schlagen/ und sich meist in Eich-Waͤldern aufhalten; welches Holtz die Griechen nur alleine zu den Bildern der Goͤtter/ die Herulen und Gothen zu Auf- henckung ihrer Leichen/ die Druyden aber allei- ne zu Verbrennung der Opffer/ und die Zwei- ge zum Spreng-Wasser und Zierath der Altaͤ- re brauchen/ weil sie sich den Menschen durch das Anschauen eines einigen hohen oder alten Baumes/ ja seines blossen Schattens uͤberzeugt zu seyn achten: daß ein GOtt sey/ und ihr Geist in der Einsamkeit am leichtesten zu GOtt ent- zuͤckt wuͤrde. Alleine ihre Gewalt uͤbersteiget dort die Koͤnigliche. Denn nicht nur alles Volck/ Arminius und Thußnelda. Volck/ sondern die Koͤnige selbst muͤssen ihnen zu Gebote leben. Sintemahl diese mehr ver- wechselt/ und bey sich ereignendem Mißwachse oder Ungewitter/ gleich als wenn er daran Schuld truͤge/ von den Priestern abgesetzt wer- den; jene aber bleiben hingegen unveraͤndert. Und ungeachtet die Druyden auf dem Raasen/ Fuͤrsten auf Gold und Helffenbein sitzen/ jene in holen Baͤumen/ diese zwischen Seyde und Perlen wohnen/ dennoch ihre Knechte seyn. Sie sind im Kriege von so grossem Ansehen: daß wenn sie bey ihren Voͤlckern zwischen zwey streitende Heere lauffen; selbte nichts minder als bezauberte Thiere oder unbewegliche Mar- mel-Bilder vom Gefechte nachlassen. Fuͤr ih- ren Hoͤlen stecken sie einen gruͤnen Lorber- Zweig empor/ in welchen auch die zum Tode verdammten Sicherheit finden. Ja wenn der- gleichen Missethaͤter ihnen ungefaͤhr begegnen; sind sie aller Straffe frey/ und duͤrffen sie nicht allererst wie die Vestalischen Jungfrauen zu Rom beschweren: daß sie nicht vorsaͤtzlich dem Verdammten entgegen kommen. Sie selbst sind weder den Zufaͤllen des Gluͤcks/ noch der Bothmaͤßigkeit einiges Richters unterworffen; außer ihres einigen Oberhauptes in Britanien; welcher nicht/ wie sonst weltliche Fuͤrsten/ nur in den Graͤntzen selbigen Reiches/ sondern auch uͤber alle Druyden/ die sich in die gantze Welt vertheilet haben/ zu gebieten hat. Sintemahl der Versamlung nicht unverborgen ist: daß selbte nicht allein in Gallien kommen/ und in denen Carnutischen Eich-Waͤldern ihr groͤstes Heiligthum gestifftet haben/ sondern auch in Hi- spanien/ Asien/ Africa/ und nach Rom gedrun- gen sind; allwo Kayser August fuͤr etlichen 20. Jahren den Roͤmischen Buͤrgern der Druyden Gottesdienst/ weil sie in selbtem die Gefange- nen zu opffern eingefuͤhrt/ bey Lebens-Straffe verboten hat. Wormit auch das Ansehn ihres Oberhaupts so viel mehr unverruͤckt bliebe/ rei- senalle Druyden/ theils daselbst die Geheim- nuͤße desto besser zu begreiffen/ theils durch seine demuͤthigste Verehrung eine besondere Heim- ligkeit zu erlangen in die Stadt Cantium; all- wo die andern Druyden ihm den neunden Theil aller ihrer Einkuͤnffte senden; und zu ih- rer ersten Einsegnung einen eichenen Stab um so viel Goldes erkauffen muͤssen. Das O- berhaupt wird nicht von Koͤnigen eingesetzt/ son- dern von den obersten Druyden erwehlet. Wie- wohl die Wahl offt auf zwey und mehr saͤllt; al- so: daß einer zu Cantium/ der ander in dem Car- nutischen Walde/ der dritte zu Londen seinen Sitz erkieset; die Druyden aber/ welche doch sonst nicht mit in Krieg ziehen/ hieruͤber selbst gegen einander die Waffen ergreiffen. Wo diese Weisen einmahl ans Bret kommen/ darff außer ihnen niemand die Weißheit lehren; und also halten sich allezeit eine unglaubliche Men- ge der geschicksten Juͤnglinge in ihren Hoͤlen auf; welche bey ihnen gantzer zwantzig Jahr in der Lehre bleiben muͤssen. Wiewol sie auch kei- nen aus dem Poͤfel/ sondern alleine den fuͤr- nehmsten Adel ihrer Weißheit wuͤrdig sehaͤtzen. Und es kan in Britannien und Gallien so we- nig als in Persien und Egypten einer zur Kro- ne kommen/ der nicht vorher ein Lehrling dieser Weisen gewest ist. Jhre Schuͤler muͤssen ei- nen theuren Eyd ablegen: daß sie die Geheim- nuͤsse keinem Weltlichen entdecken/ der Druy- den Aufnehmen mehr als ihr eigenes befoͤrdern/ ihre Lehrmeister mehr als ihre Eltern ehren/ mit ihnen Leben und Vermoͤgen theilen wol- len. Sie sind insonderheit auch in der Grichi- schen Sprache erfahren/ und brauchen ihre Buchstaben in zu schreiben zulaͤßlichen Sachen auch in der deutschen Mutter-Sprache; unge- achtet die Deutschen noch ehe/ als selbte Cad- mus in Grichenland/ und Evander in Jtalien gebracht/ die von ihrem Thuisco erfundene eige- ne Schrifft gehabt; welche bey den Gothen an vielen Stein-Felsen und Leichsteinen von etli- chen tausend Jahren her zu sehen ist. Jhrer G g g g g g 2 Heilig- Siebendes Buch Heiligkeit geben sie einen grossen Schein durch ihre oͤfftere Fasten/ durch den Genuͤß der blossen Kraͤuter und Wurtzeln/ durch ihr hartes Lager entweder auf Steinen/ oder rauen Haͤuten/ und durch Gelobung ewiger Keuschheit; wie- wol sie unter ihnen gewisse Orden und Staf- feln haben/ derer einer strenger als der ander ist; derer fuͤrnehmste die Samotheer/ und Sema- neer sind; welche letztern nichts als Baum- Fruͤchte essen; alle aber ins gesamt entschlagen sich der Ehe/ ob sie schon anfangs in Britanni- en geheyrathet hatten. Jedoch ist keiner/ der nicht seine Maͤnnligkeit hat/ faͤhig bey ihnen einzukommen. Dahero sie der alten Gallier/ und der Goͤttin Rhea Priester/ welche sie ihnen ausschnitten/ und die Priester Dianens/ die sie zerqvetschten/ ingleichen auch die Atheniensi- schen/ welche die Geburts-Glieder durch Zie- gerkraut schwaͤchten/ verhoͤnen; weil sie aus Mißtrauen ihre Begierden zu zaͤhmen der Na- tur Gewalt anthaͤten. Der alten Barden Ge- wonheit aber/ welche neun Tage fuͤr dem bevor- stehenden Gottesdienste sich auch ihrer Ehwei- ber enthielten/ hielten sie fuͤr zu geringe Be- meisterung der Begierden; trachteten also die- se mit ewiger Gelobung zu beschaͤmen. Da- mit auch ihr Ehloser Stand nicht aus einer Ab- scheu odeꝛ Gramschafft gegen das Frauen-Zim- mer/ wie bey denen Brachmanen in Jndien/ herzuruͤhren schiene/ lehren sie: daß selbte ein GOtt angenehmes Geschlechte sey/ und in sich viel Heiligkeit und Klugheit habe. Daher auf der Druyden Veranlassung selbtes von denen Deutschen nicht allein zu Rathschlaͤgen/ sondern auch zu Wahrsagungen/ insonderheit fuͤr den Schlachten/ gezogen wird; wie denn auch durch ihr Zusprechen nicht selten grosse Schlachten gewonnen; ja deßhalben von denen Herulen/ Polabern und Varinen an dem Codanischen See-Busem der Koͤnigin Syeba/ des grossen Anthyrius Gemahlin; von eben selbigen und denen Sarmatern der Oraja des Herulischen Fuͤrsten Anara Gemahlin/ und der Heldin Au- rinia herrliche Ehren-Seulen aufgerichtet/ und/ wiewol nicht als Goͤttinnen/ verehret wor- den. Fuͤrnehmlich erheben die Druyden die Alironischen Weiber; welche sich in weiße Lein- wand kleiden/ mit ausgebreiteten Haaren und baarfuͤßig gehen/ um den Leib einen grossen messenen Guͤrtel tragen; fuͤr den Schlachten aus dem Geraͤusche und Umdrehung des Was- sers kuͤnfftige Zufaͤlle andeuten; bey waͤhren- dem Treffen auf denen uͤber die Wagen ausge- spannten Ledern mit Kloͤppeln ein grausames Gethoͤne machen/ hernach denen Gefangenen die Kehle abschneiden/ ihr Blut in einen ertzte- nen Kessel auffangen/ und endlich aus ihren Eingeweyden den Ausschlag des Krieges weis- sagen; zuweilen auch Geister beschweren/ und selbte denen kuͤnfftiger Dinge begierigen Feld- Obersten erscheinen und wahrsagen lassen. Sie pflegen auch in die Asche/ ohne Beobach- tung der Zahl/ Striche zu machen/ und hernach aus der gleichbefundenen Zahl Gluͤcke/ aus der ungleichen/ Ungluͤck anzudeuten. Sie ver- mischen auch kleine theils weiß gelassene/ theils schwartzgezeichnete Hoͤltzer; streuen selbte auffs Altar/ oder in ihre Schoß/ und lassen sie entwe- der einen Priester oder Knaben erkiesen zur Nachricht kuͤnfftiger Begebnuͤße. Viel- mehr aber gelten der Druyden selbst eigene Wahrsagungen. Denn diese haͤlt das Volck fuͤr unzweiffelbare Ausleger des goͤttlichen Wil- lens/ Befoͤrderer ihres Gebetes/ und Ankuͤndi- ger kuͤnfftiger Dinge. Es verrichtet alleine durch sie alle Opffer; iedoch ist diese Opfferung an kein gewisses Geschlechte/ wie der Ceres Opffer zu Athen an des Eumolpus/ des Hercu- les zu Rom an des Pinarius Geschlechte ange- bunden. Sie verehren keine Bilder; außer/ in ihrem innersten Heiligthume stehet ein Bild einer gebaͤhrenden Jungfrauen; dessen Ausle- gung aber von ihnen nicht zu erbitten ist; außer: daß sie einen zu der Persischen Weisen Ausle- gung Arminius und Thußnelda. gung verweisen: was derselben Jungfrau/ die ein Kind saͤuget/ und in beyden Haͤnden eine Weitzen-Aehre haͤlt/ bedeute? oder auch nach- sinnen heissen: was die Sonne in der gestirnten Jungfrau wuͤrcke. Jhre Lehren schreiben sie in keine Buͤcher/ ungeachtet sie fremder Spra- che gute Wissenschafft haben; weil sie Rinde und Leder zum Behaͤltnuͤße ihrer Weißheit allzu unwuͤrdig achten; oder vielmehr ihre Geheim- nuͤße mehr zu verbergen. Dahero muß ihre Jungend alle in tunckele und zweydeutige Rey- me verfaste Lehren auswendig lernen/ und taͤg- lich ihr Gedaͤchtnuͤß uͤben. Darinnen stecken die Eigenschafft des goͤttlichen Wesens/ die Be- deutungen der Opffer/ die Beschwerungen der Geister/ die Wahrsagungen aus dem Fluge des Gefluͤgels/ aus dem Falle und Eingeweiden der geschlachteten Menschen; welche sie mit grossen Beilen Creutz-weise uͤber die Rippen o- der die Brust schlagen/ der Lauff des Gestirnes/ die Beschreibung der Erd-Kugel/ die Unsterb- ligkeit und Wanderschafft der menschlichen Seelen/ wiewol nicht in viehische/ sondern nur menschliche Leiber. Welche letztere Heimlig- keit sie allein dem gemeinen Manne nicht ver- schweigen/ um durch die Versicherung: daß die Seele nicht mit dem Leibe verschwinde/ sie zur Tapfferkeit aufzufrischen. Weßwegen sie auch denen Sterbenden offtmahls Geld einhaͤndi- gen/ um selbtes der abgelebten Seelen zu uͤber- bringen. Sie beten zwar nur einen GOtt an; und bilden selbten weder in Holtz/ Stein noch Ertzt/ sie wiedmen aber ihm gewisse Baͤume/ die keine Axt beruͤhren/ in ihre heilige Heynen auch niemand ungebunden kommen/ kein fal- lender wieder aufstehen darff/ sondern er muß sich mit gantzem Leibe heraus weltzen. Sie mei- nen: daß auf solche heiligen Baͤume kein Vogel sitzen/ selbte kein Wind zerbrechen/ kein Blitz zerschmettern koͤnne; sie auch des Nachts ohne einige wesentliche Flamme einen Schein von sich geben. Zu gewisser Zeit ziehen sie an einem schoͤnen Baume die ausgebreiteten Aeste an den Stamm/ und binden sie an den Wipffel/ schrei- ben unten den Nahmen Gottes/ in einem Ast aber des Tharamis/ in den andern des Belen ein/ um in der goͤttlichen Einigkeit doch einen naͤhern Begrieff tieffsinnig zu entwerffen. Uber diß verehren sie die abgelebten Seelen/ welche entweder ein heiliges Leben gefuͤhret/ oder dem Vaterlande grossen Nutzen geschafft haben. Nebst denen Menschen-Opffern/ aus derer Eingeweiden/ Adern und Blute sie wahrsagen; wiewol sie zuweilen auch die Menschen nicht schlachten/ sondern nur biß auffs Blut peitschen/ schlachten sie zwey unter einen Eich-Baum an- gebundene weiße Stiere; auf welchem ein weiß- gekleideter Priester selbte mit einem guͤldenen Beile abhaut; Derer getrunckenes Blut so denn wieder alle Unfruchtbarkeit und Gifft helffen soll. Jm Beten legen sie die rechte Hand auf den Mund/ und drehen sich rings herum. GOtt opffern sie bey aufgehender Sonne; der Todten Gedaͤchtnuͤß feyern sie/ wenn sie zu Golde geht. Sie fangen allezeit von der Nacht anzurechnen; also: daß die Tage ein Anhang der Finsternuͤß sind; weil sie aller Menschen Uhrsprung von dem Gotte der Erden und Nacht herrechnen; oder auch die Nacht ehe als der Tag gewest ist. Sie eignen den frommen Seelen/ wenn sie unterschiedene Leiber durch- wandert/ eine ewige Ergetzligkeit/ den boßhaff- ten theils eine zeitliche Abbuͤßung/ theils eine ewige Pein zu. Jhrer Uhrheber Gesetze hal- ten sie zwar fuͤr eine Richtschnure ihres Gottes- dienstes; Sie schaͤtzen aber die Auslegung ihres Oberhaupts fuͤr unfehlbar und jenem gleich; ohne dessen Vorbitte die Goͤtter niemanden er- hoͤreten; weil ihm die Schluͤssel des Himmels und der Hoͤllen anvertrauet waͤꝛen. Sie ver- werffen die Vielheit der Goͤtter/ und die E- wigkeit der Welt; als welche von GOtt aus nichts in sieben Tagen/ wie der Mensch aus der Erde erschaffen sey. Jedoch setzen sie zwischen G g g g g g 3 GOtt Siebendes Buch Gottund den Menschen gewisse Schutz-Gei- ster; glauben auch: daß das Ende des Menschen ein Anfang zu kuͤnfftiger Vergoͤtterung sey. Denen irrdischen Dingen/ ja selbst denen Ge- stirnen eignen sie so wol einen Anfang als ein Ende bey; weil kuͤnfftig sie vom Feuer und Wasser wuͤrden verzehret werden/ weñ sie sechs tausend Jahr gestanden. Sie halten darfuͤr: daß die goͤttliche Versehung niemanden verlasse/ wer nicht vorher GOtt verlaͤst; und wie der Mensch boͤses thue aus eigner Willkuͤhr/ sonder Zwang; also habe GOtt die Macht boͤses zu hindern/ aber ohne Verbindligkeit. Sie schaͤ- tzen alle Seelen fuͤr verflucht/ welche nicht ih- rem Glauben beypflichten/ und das Oel des Le- bens aus dem Balsame ihrer Weißheit schoͤpf- fen. Den auf den Eichen wachsenden Mispel halten sie fuͤr die heiligste Pflantze der Welt/ fuͤr ein Merckmahl eines von GOtt erwehlten Baumes. Denn sie glaͤuben: daß der Mispel- Saame nicht von den Drosseln kommen/ son- dern vom Himmel gefallen sey; daß dieses Ge- waͤchse alle Kranckheiten heile/ die Thiere fruchtbar mache/ und dem Giffte wiederstehe; sonderlich/ wenn selbtes im sechsten Monden/ da sie ihr Jahr anfangen/ gefunden wird. Sie verrichten ohne dieses keinen Gottesdienst/ he- gen auch kein Gerichte. Ob sie auch wol das Urthel uͤber des gantzen Volckes Leben in ihren Haͤnden haben/ Straffen und Belohnung nach ihrem Gutduͤncken aussetzen/ der Gerech- tigkeit die Tauerung eines Reiches/ den Be- straffungen der Todschlaͤger die Fruchtbarkeit des Erdbodens zurechnen; schaͤtzen sie doch die Ausschluͤssung von ihrem Gottesdienste fuͤr ei- ne viel aͤrgere Straffe/ als Galgen/ Strick/ Raͤder und Holtzstoß. Dahero sich ihrer/ als von der Erde getragen zu werden unwuͤrdiger Leu- te/ derer Seele nichts minder als der Leib zum Aaße/ und vom Feuer oder Wasser verzehret werden soll/ iederman entbricht/ mit ihnen nicht speiset noch redet/ ja sie nicht allein aller Ehren unfaͤhig schaͤzt/ sondeꝛn ihnen auch nicht zu recht verhilfft/ noch ehrlicher Beerdigung wuͤrdigt. Sie maßen sich auch der Artzney oder vielmehr Zauberey an; in dem sie das Samolische Kraut/ welches den Tamarisken aͤhnlich sieht/ nichtern/ mit der lincken Hand/ sich nicht umsehende auf- lesen/ und wieder Kranckheiten des Viehes austheilen; ein anders aber mit rein gewasche- nen blossen Fuͤssen in einem weißen Kleide mit der rechten Hand ohne Schaͤrffe des Eisens/ nach geopffertem Brod und Weine abbrechen/ und darmit vielen Kranckheiten helffen/ inson- derheit aber mit einem Ey eines Apffels groß/ welches die im Sommer uͤber einander liegen- de Schlangen durch ihren Speichel und Schaum fertigen/ ein Mann aber/ wenn sie es mit ihrem Zischen empor blasen/ mit einem Tu- che/ daß es die Erde nicht beruͤhre/ auffangen/ und spornstreichs davon bringen; solches aber so denn/ ob es schon in Gold eingefast waͤre/ Strom-aufwerts schwimmen soll. Ferner machen sie ein fuͤnffeckichtes Zeichen/ um dar- mit die Gespenster zu vertreiben. Uber diß le- sen die Druyden bey Aufgehung des Hunds- sterns zwischen Tag und Nacht/ wenn weder Sonne noch Monde scheint/ wenn sie vorher das Erdreich mit Honig/ welches auch die Roͤ- mer ihren Bothschafften zu den Feinden mit gaben/ benetzet/ und mit Stahle einen Kreiß darum gemacht/ das Eisen-Kraut mit der lin- cken Hand; heben es empor/ trocknen Wur- tzel/ Stengel und Blaͤtter iedes abgesondert am Schatten; salben sich darmit ein/ und vermei- nen alsdenn faͤhig zu seyn allerhand Verbuͤnd- nuͤße zu stifften/ alle Kranckheiten zu heilen; weßwegen auch Jupiter darmit seine Zimmer ausfegen lassen/ wo es herum gesprengt wird/ die Gaͤste lustig machen/ mit Weine aber ver- mischt die Schlangen vertreiben soll. Diß sind die Sitten der Druyden; von wel- chen schier unglaublich ist/ in wie so weniger Zeit sie in Gallien so feste eingewurtzelt sind; ent- weder Arminius und Thußnelda. weder weil dieselben/ welche aus dem Aberglau- ben ihren Vortheil zu suchen vermeinen/ der Neuerung eines Glaubens alle Handreichung thun; oder/ weil die Gemuͤther ja so gar die eusserlichen Sinnen eines Volckes durch nichts leichter als durch einen scheinbaren Gottes- dienst verruͤckt werden. Daher die verblaͤnde- ten Hispanie r denen Phoͤniciern mit sehenden Augen zugelassen: daß sie unter dem Schein eines dem Hercules gewiedmeten Tempels eine Festung gebauet; Die Trojaner aber das Ge- raͤusche der geharnischten Grichen/ welche in das der Pallas gewiedmete hoͤltzerne Pferd ge- steckt waren/ nicht gehoͤret haben/ als sie es uͤber den Grauß ihrer eingebrochenen Mauern muͤhsam in die Stadt schlepten. Mit einem Worte: der scheinheilige Fuͤrwand des Gottes- dienstes ist die schoͤnste Schmincke der Stirne/ und das schaͤdlichste Gifft der Seele. Jhren ersten Grund legten die Druyden so wol in Gallien als Deutschland/ allwo man doch fuͤr heiliger hielt von Gott etwas gewisses zu glau- ben/ als dessen Grund zu ergruͤbeln/ auf die Freyheit dieser Voͤlcker; welche nicht nur in zeitlichen/ sondern auch in Gewissens-Sachen keinem weltlichen Zwange unterworffen seyn koͤnte. Zumahl auch kein Erb-Fuͤrst uͤber seine Unterthanen/ kein Herr uͤber seinen Knecht sich dieser GOtt allein zustehenden Herrschafft an- zumassen berechtigt waͤre. Hierwieder warffen zwar einige weitschende ein: kein Feldmaͤsser ließe ihm die Gruͤnde sei- ner Kunst zweiffelhafft machen; mit was fuͤr Fug doͤrffte sich denn ein Unterthan erkuͤhnen seines Koͤnigs Gottesdienst zu verwerffen? Die Natur pflantzte gleichsam die Liebe des vaͤterli- chen Gottesdienstes ein; desselbten Unterschied verursachte Zwytracht des Volckes/ und Auf- stand gegen die Obrigkeit. Ja ein vom Aber- glauben eingenommenes Gemuͤthe koͤnte der Gottesfurcht nicht hold seyn. Daher alle kluge Voͤlcker/ insonderheit die Roͤmer die Vereh- rung fremder Goͤtter/ oder auch nur der Alten auf eine neue Art sorgfaͤltigst verhuͤtet; nach der Niederlage bey Canna die aberglaͤubischen Frauen aus den Tempeln getrieben; alle Buͤ- cher des Egyptischen und Juͤdischen Gottes- dienstes verbrennet haͤtten; wolwissende: daß der Aberglaube niemahls ruhig seyn koͤnne; und die Veraͤnderung des Gottesdienstes ins gemein Aufruhr/ und die Verkehrung der Herrschafft nach sich ziehe; selbter aber schwerer als tieff-eingewurtzelte Hecken mit Schwerdt und Feuer auszurotten waͤre/ ja seine Hartne- ckigkeit von dem verspruͤtzten Blute nicht an- ders als der Anteische Riese von Beruͤhrung der Erde neue Kraͤfften bekaͤme. Es waͤre GOtt ein einiges unveraͤnderliches Wesen. Daher muͤsse aus zweyen wiedrigen Verehrungen ihm eine als irrig mißfallen. Die Gemein- schafft eines Gottesdienstes waͤre der festeste Leim/ der die Gemuͤther eines Reichs zusam- men kleibete/ und eine unzerbrechliche Kette/ welche die Kraͤfften einer Herrschafft beysam- men hielte; hingegen zerspaltete der Unterscheid nicht nur die Liebe der Landes-Leute/ sondern des Vaterlandes und der Eltern. Sintemahl ein gewissenhaffter mit dem keine vertraͤuliche Freundschafft machen kan/ den er fuͤr einen Feind und Veraͤchter seines Gottes haͤlt. Weß- wegen einige Staatskluge die Duldung vieler- ley Gottesdienstes fuͤr einen Fallstrick derselben Fuͤrsten gehalten haͤtten/ welche ihrem freyen Volcke durch erregte Trennung den Kapzaum strenger Dienstbarkeit anlegen wollen. Alleine es uͤberwog alle diese Erinnerungen die wiedri- ge Meynung: daß der Glaube freyer seyn solte/ als der Wille. Denn ein gezwungener Wille waͤre wol ein Wille; aber eine gezwungene An- dacht nichts weniger als ein Gottesdienst; ja ei- ne Gott-verhaste Heucheley; weil er so wenig als Menschen von gezwungenen Leuten verehret wissen wil. Auf welche Heuchleꝛ und halb-Men- schen sonder Zweifel der Juͤdische Gesetzgeber Moses Siebendes Buch Moses gezielet haͤtte/ als er den Huren-Kin- dern und Verschnittenen/ als derer Andacht aus kein em hertzlichen Triebe entspringet/ und derer Gebet nichts maͤnnliches in sich hat/ den Eintritt in das Heiligthum verboten. Denn ihr gleißnerischer Gottesdienst waͤre schlimmer als Zenons gaͤntzliche Verachtung der Goͤtter/ und als die Boßheit des Spoͤtters Diogenes; welcher Dianen einen Floch opfferte; weil er ein Gottesdienst seyn wolte/ und doch keiner waͤre; so wie die Affen und Meer-Katzen deß- halben so abscheulich und laͤcherlich aussaͤhen/ weil sie Menschen aͤhnlich schienen/ und doch nichts menschliches an sich haͤtten. Daher braͤchten die/ welche aus Furcht fuͤr dem Scharf- richter Weyrauch auffs Altar streuten/ GOtt an statt suͤssen Geruchs einen abscheulichen Ge- stanck. Jhre Froͤm̃igkeit gleichte den Schwan- Federn/ welche das schwartze Fleisch dieses Vo- gels versteckten/ deßwegen ihn auch kein Volck iemahls seinen Goͤttern zu opffern gewuͤrdigt hat. Pythagoras/ den der Fluß Caucasus sei- ner Weißheit halber gegruͤst haben soll/ als er daruͤber gesetzt/ haͤtte deßhalben der Warheit des Glaubens/ und der Reinigkeit des Gottes- dienstes zu untersuchen/ und daruͤber zu streiten freygelassen. Denn ein blinder Gehorsam waͤ- re ein Werck unvernuͤnfftiger Thiere; die in den tieffen Brunnen der Ungewißheit versaͤnck- te Warheit aber zu erforschen/ und die Pruͤfun- gen der Meynungen ein Thun der Menschen. Uber diß hielten einige dafuͤr: daß man zum Geheimnuͤße der Gottheit nicht durch einen Weg kommen koͤnte; oder auch die unterschie- denen Meynungen endlich im Zwecke wie die unterschiedenen Striche in dem Mittel eines Kreyßes zusammen kaͤmen. Es sey vernuͤnff- tiger der Gewissens-Freyheit etwas durch die Finger sehen/ und die Hitze etlicher Glieder verrauchen lassen/ als durch allzustarcke Artz- neyen alle schaͤdliche Feuchtigkeiten des gantzen Leibes rege machen. Die Grichen und Roͤmer schmuͤckten mit Persischen und Serischen Tep- pichten ihre Tempel aus; die Deutschen rau- cherten mit dem Weyrauche der Araber auf ih- ren Opffer-Tischen sonder Verunehrung ihres gantz andern Gottesdienstes. Warum solte man denn alle etwas anders glaubende Men- schen aus unserm Lande und Heiligthuͤmern verstossen? Jnsonderheit kuͤtzelte bey den Druy- den der so hoch geschaͤtzte Adel die Ohren der Fuͤrsten; fuͤr welchen hingegen der Abbruch und die Umschraͤnckung ihrer Gewalt fuͤrsichtig verhoͤlet ward/ mit scheinbarer Fuͤrbildung: daß wenn das Volck durch unterschiedene Glauben zerspaltet wuͤrde/ haͤtte ihr Haupt gut machen/ und ein Fuͤrst die beste Gelegenheit den Mei- ster zu spielen. Weßwegen die Egyptischen Koͤnige die Geheimnuͤße ihres Glaubens dem Volcke mit Fleiß verborgen/ und ieden was ihn gut deuchtete zu glauben freygelassen haͤtten/ wormit sie so viel weniger sich wieder ihr Haupt vereinbaren koͤnten. Endlich wuͤsten die Fuͤr- sten ihren Unterthanen nichts so schweres auff die Achsel zu buͤrden; welches sie nicht bey Frey- lassung ihres Gewissens gedultig ertragen wuͤr- den. Die fuͤrnehmste Ursache aber dieser Rath- geber war das Absehen auf ihr eigenes Aufneh- men/ welches die/ so von ihres Fuͤrsten Gluͤcke rathschlagen/ selten außer Augen setzen. Denn nach dem sie die Druyden von dem andaͤchtigen Volcke mit dem Kerne der fruchtbarsten Guͤter uͤberschuͤtten/ sie als Ausleger des Goͤttlichen Willens in den Rath-Stuben der Koͤnige den Obersitz nehmen/ den Poͤfel selbte halb-goͤttlich verehren/ und ihre Geschlechter auf die hoͤchsten Staffeln der Ehren empor klimmen sahen/ ga- ben die edelsten Gallier/ und also hernach auch die Deutschen/ insonderheit derer Vermoͤgen entweder durch Unfaͤlle/ oder durch Zerthei- lung in viel Kinder vermindert ward/ und zu Erhaltung des Geschlechtes nicht auskom̃ent- lich war/ ihre geschicksten Soͤhne anfangs in ihre Lehre/ hernach in ihre Gemeinschafft/ des- sen Arminius und Thußnelda. sen drittes Geluͤbde ohne diß vermochte/ nicht nur alle Kraͤffte/ sondern so gar das Leben mit Hindausetzung eigenen Gebluͤtes fuͤr das Auf- nehmen der Druyden anzuwenden. Diese auf- gehende Sonnen verduͤsterten unnachbleiblich die vorigen Sternen. Daher ob wol die Gal- lier uͤber tausend Jahr eine andere Art Priester gehabt/ und insonderheit die neun geistlichen Jungfrauen verehret hatten/ welche auf dem denen Osismischen Ufern gegen uͤber liegenden Eylande Sena sich aufhielten/ und/ ihrer Ein- bildung nach/ Wind und Meer an einer Schnur fuͤhrten/ ja wie der Proteus in aller- hand Thiere verwandeln konten; verschwand fuͤr den Druyden anfangs ihr Ansehen/ her- nach fast ihr gantzes Wesen. Die alten Bar- den in Deutschland verlohren nach und nach fast allen Glantz ihres Priesterthums/ und blieb ihnen fast nichts anders uͤbrig; als daß sie die Thaten der alten und neuen Kriegs-Helden mit ihren nachdencklichen Reymen im Gedaͤcht- nuͤße der Nach-Welt behielten; bey denen Schlachten mit ihren Gesaͤngen/ welche sie ge- gen die fuͤr den Mund gehaltenen Schulden kraͤfftig heraus stiessen/ das Kriegs-Volck zur Tapfferkeit anfrischten/ oder auch darmit den kuͤnfftigen Ausschlag wahrsagten. Die/ denen Druyden verstattete Freyheit sperrte zugleich andern auslaͤndischen Gottesdiensten Thuͤr und Thor auf; entweder: daß selbte gantz neu- erlich einschlichen/ oder dem alten eine unan- staͤndige Auslegung machten. Also ward der unter dem Theuth oder Thuisto verehrte Schoͤpffer und Anfaͤnger der Welt auf den Mercur gedeutet; und ihm zu Ehren die Ab- schlachtung der Menschen Opffer eingefuͤhrt; ja von den Deutschen so gar in Hispanien ge- bracht; endlich dieser Teutates oder Mercur/ wie bey den Syriern Astartes/ bey den Arabern Dysares/ fuͤr Deutschlands Schutz-Gott ge- halten. Der aus der Erde geschaffene erste Mann/ und die Fuͤrstin Aurinia ward mehr als ein Held und menschlich/ wiewol minder als ein GOtt verehret. Die Gallier brachten zu den Deutschen die Anruffung ihres Hercules/ dessen Bilder/ fuͤr welchem doch als einer den Goͤttern unanstaͤndigen Verkleinerung die Deutschen vorher eine Abscheu hatten/ in der Hand mit ei- ner Keule/ auf der Achsel mit einer Loͤwenhaut/ die aus dem Munde gesteckte Zunge mit unzehl- baren guͤldenen Ketten gemahlet wurden. Von denen Phoͤniciern ward der Egyptischen Jsis Gottesdienst durch die Schiffarth zu den Frie- sen und Cimbern/ und von dar zu den Schwa- ben und Vindelichern bracht; welche gleichwol ihr Bild anzunehmen Bedencken trugen/ son- dern nur zu ihrem Andencken entweder einen Tannzappen und Korn-Aehre/ derogleichen Keñzeichen in der Licatier Hauptstadt Damasia zu sehen sind/ ein leichtes Rennschiff auf einen Fichten-Baum setzten; entweder/ weil auch die Egyptier die Jsis auf einem Schiffe fahrende abbilden/ ihr Sichelmonde auch einen Namen abbildet/ oder zum Gedaͤchtnuͤße der in Deutsch- land geschehenen Uberfarth. Dahero auch die Deutschen des Monden Schein in allem Fuͤr- nehmen genau beobachteten; und wie fuͤr Zeiten Agamemnon fuͤr dem Voll-Monde seine Jphi- genia nicht verehlichen wolte/ nur zu selbiger Zeit zu heyrathen; und wie die Lacedemonier nicht fuͤr dem voll-also die Deutschen nicht fuͤr dem Neumonden Schlachten zu liefern fuͤr rathsam halten. Bald darauf nistete auch die Verehrung des Kriegs-Gottes unter dem Na- men Hesus/ wie nichts minder eines andern des Hercules ein; und waꝛd dem eꝛsten von den Her- mundurern an der Sale ein Tempel; dem an- dern von den Cheruskern ein Wald an der We- ser gewiedmet. Wiewol die Deutschen alles diß/ was die Grichen und andere Voͤlcker vom Her- cules ruͤhmten/ auf ihren Aleman den Vater uñ Uhrheber der Bojen/ welcher nicht nur in sei- nem Schilde/ sondern auch an der Hand stets einen lebendigen Loͤwen fuͤhrte/ deuteten; und daher ruͤhmten: daß Hercules bey ihnen nicht nur gewesen/ sondern auch entsprossen waͤre. Erster Theil. H h h h h h Ja Siebendes Buch Ja dieser Kriegs-GOtt ward endlich bey den Teneterern und Sveonen der Oberste aller Goͤtter/ also: daß da er anfangs nur mit Hund und Woͤlffen/ oder mit der von ihren Fremden eroberten Beute versohnt ward/ sie ihm hernach die gefangenen Menschen schlach- teten. Uber diß erschossen sie die ertapten Diebe uñ Moͤrder mit Pfeilen/ hiengen selbte in ihren Heynen an die Baͤume/ oder flochten aus Wie- ten grosse Riesen/ steckten die Glieder zerfleisch- ter Menschen oder wilder Thiere darein/ und verbrennten sie als heilige Opffer. Jn Man- gel der Missethaͤter aber musten auch die Un- schuldigen loosen/ und nach Art der Phoͤnieier und Locrenser eine gewisse Zahl Jungfrauen oder Knaben zur Schlacht-Banck liefern. Die Noricher erkieseten die Sonne unter dem Nah- men des Belen oder Belatucad; die Celten un- ter dem Tharamis den Jupiter zu ihrem Schutz-Gotte. Die zwischen der Elbe und Oder an der Ost-See gelegenen Angeln/ Var- nier/ Eudosen/ Schwardoner und Nuithoner lernten die Erde unter dem Nahmen der Goͤt- tin Ertha anbeten; welche den Menschen ihren Unterhalt verschaffe/ und wie die Ceres ein Volck nach dem andern heimsuche. Dieser Goͤttin ward auf dem Ruͤgischen Eylande ein Wald und praͤchtiges Heiligthum gewiedmet. Jn demselben stehet ein guͤldeneꝛ mit einem gꝛuͤ- nen Teppichte bedeckter Wagen/ auf welchem sie mit zweyen weißen Kuͤhen zu gewisser Zeit unsichtbar herum gefuͤhrt/ von keinem Men- schen aber/ als dem einiges Gewehr/ biß diese Friedens-Goͤttin sich mit Anschauung der Menschen genung gesaͤttigt hat/ und wieder in Tempel bracht ist/ niemahls aber der Wagen von iemanden anders/ als dem Priester ange- ruͤhret wird. Ja die Knechte/ welche denen Priestern bey dieser Umfarth Handreichung gethan/ werden von dem darbey liegenden See/ welcher weder Fischer-Netze noch Schiffe lei- det/ und in dem der Wagen und der Teppicht iedesmahl gewaschen wird/ ja sich selbst die Goͤt- tin darinnen baden soll/ verschlungen. Weß- wegen dieser gantze Wald von niemanden ohne innerliches Schrecken angesehen/ in einer hei- ligen Unwissenheit angebetet wird/ dessen Ge- heimnuͤße nur die/ welche bald umkommen sol- len/ zu Gesichte kriegen. Die um den Weichsel- Fluß gelegenen Gothonen und Estier haben von denen fremden Handels-Leuten/ die wegen des an selbigem Meerstrande befindlichen Ag- steins haͤuffig dahin reisen/ die Mutter der Goͤt- ter anruffen lernen; welcher Staͤrcke sie entwe- der durch das Bild eines wilden Schweines abbilden; als welche ihre Liebhaber auch mit- ten unter den Feinden wieder die schaͤrffsten Waffen beschirmen soll; oder auch auf das den Adonis toͤdtende Thier zielen. Uber diß ist bey den Deutschen auch unter dem Nahmen des Vulcan der Sonnen und des Monden Got- tesdienst eingeschlichen; welchen sie bey ereig- nenden Finsternuͤßen mit vielem Ertz-Gethoͤne zu Huͤlffe kommen. Nicht ferne von der Elbe bey einem Saltz-Brunnen/ bildet ein Mann/ welcher vorwerts mit beyden Haͤnden ein feuri- ges Rad haͤlt/ die Sonne in der Marians- Stadt an dem Wasser Leyn bey gleichmaͤßigen Saltz-Brunnen/ ein Mann mit langen Oh- ren/ der in den Haͤnden einen goldenen Mon- den haͤlt; und bey denen Wenden und Rhugi- ern/ wo der Oder-Strom sich mit dem Meere vermaͤhlet/ der Goͤtze mit drey Antlitzen und ei- nem halben Monden/ dieses Nacht-Gestirne ab. Der Grichen und Roͤmer uͤbrige Goͤtter sind in Deutschland zwar vom Nahmen nicht bekandt; doch scheinet dem Saturn nicht un- gleich zu seyn das Bild eines alten Greisen auff dem Schlosse Hartzburg beym Melibokischen Gebuͤrge; welcher auf einem Perßken in ei- nem weißen Kittel baarfuͤßig stehet/ mit einer leinwandtenen Binde umguͤrtet ist/ in einer Hand ein Rad/ in der andern ein Gefaͤße voll Rosen/ Aepffel und anderer Fruͤchte haͤlt. Welch Sinnenbild auf die Zeit leicht auszudeuten ist. Auf den Jupiter kan unschwer auch gezogen werden Arminius und Thußnelda. werden der an der Elbe oberhalb der Stadt Statio von dem Koͤnige Gambriv aufgerich- tete und auf einen Stul gesetzte Abgott/ der in der rechten Hand ein Schwerdt/ in der lincken Hand einen Koͤnigs-Stab fuͤhret; dem auff der rechten Hand aus dem Munde ein Donner- Keil/ auff der lincken Blitz und Flamme faͤhret; auf dessen Haupte ein Adler sitzet/ die Fuͤsse aber einen Drachen zertreten. Jn der Stadt Me- sovium ist zwar ein mit einem Myrten-Krantze gekraͤntztes Weib/ welche auf der Brust eine brennende Fackel/ in der rechten Hand die Welt-Kugel/ in der lincken drey guͤldene Aepf- fel haͤlt; und also die natuͤrliche Venus/ welcher noch darzu drey Holdinnen Aepffel hinreichen/ zu sehen; aber es ist diß nur eine Ehren-Seule der holdseligen Vandala der Uhrheberin aller Amazonen. Die zwischen der Weichsel/ Warte und dem Ascibur gischen Gebuͤrge wohnenden Lygier und Naharvaler haben von denen Col- chiern und Amazonen den Gottesdienst des Ca- stors und Pollux erlernet; welchen sie alle Jah- re zwey Elend-Thiere opffern; iedoch selbten keine Bilder aufrichten. Die Sitones/ Svio- nes und Fennen an der Rubeischen eussersten Nord-Spitze beten die Sonne an/ schlachten ihr und andern Abgoͤttern jaͤhrlich/ wenn der Tag beginnet zu zunehmen/ neun und neunzig Menschen/ mit so viel Hunden und Haͤhnen; Sie betheuern darbey: daß sie daselbst das Ge- raͤusche der fuͤr ihrem Wagen schaͤumenden Pferde des Morgens eigentlich hoͤren; ja auch ihr strahlendes Haupt genau erkennen koͤn- nen. Rhemetalces konte sich allhier des Lachens nicht enthalten; und fieng an: Es lohnte fuͤr die Muͤh diesen Weg dahin zu thun; wenn wir anders versichert waͤren: daß wir nicht stumpfe- re Augen/ als diese Nord-Voͤlcker haͤtten. Fuͤrst Adgandester antwortete: Er besorgte sich gleich- falls diese Reise umsonst zu thun; und hielte die- ses eben fuͤr eine thumme Einbildung des Aber- glaubens; welches die schlimste Kranckheit des Gemuͤthes waͤre; welche dem Menschen alle Sinnen verruͤckte/ und ihn auf einmahl so wie- derwaͤrtige als unmoͤgliche Dinge beredete. Denn da eine blosse Furcht offt etliche Straͤu- che fuͤr gantze Krieges-Heere/ einen Schatten fuͤr Gespenster ansiehet; ja die Gallier wol ehe ihnen in der Schlacht eingebildet haben: daß aus den Augen der Roͤmer Feuer-Strahlen fuͤhren; da die Einwohner der Atlantischen Jn- sel die zu Pferde sitzenden Friesen fuͤr Centauꝛen gehalten; da ein Miltz-suͤchtiger ihm aus Ein- bildung: daß er eine gantze Stadt ersaͤuffen wuͤrde/ das Wasser nicht lassen wollen/ biß man ihn die Gefahr eines grossen Brandes uͤberre- det; da Thrasyllus aus Einbildung: es waͤren alle zu Athen an- und ablauffende Schiffe sein Eigenthum/ selbte taͤglich bewillkommt und gesegnet; ein ander Argiver in dem leeren Schau-Platze die schoͤnsten Spiele zu schauen sich beduͤncken ließ; da ein Traum einem die sel- tzamsten Ungeheuer fuͤrzumahlen; ja die Mond- suͤchtigen zu Uberkletterung der hoͤchsten Thuͤr- me anzureitzen maͤchtig ist. Was ist es Wun- der: daß wenn der Aberglauben die Vernunfft einschlaͤfft/ wenn die Augen des Leibes und des Gemuͤthes verblendet sind; der nicht einst in die Sonne zugeschweigen in das unermaͤßliche Licht der Gottheit zu sehen vermoͤgende Mensch ihm mehrmahls was laͤcherliches traͤumen laͤst. Jch wil zwar meinen Landes-Leuten nicht das Wort reden; aber ich halte den Grichen Ana- xagoras fuͤr blinder; da er die Sonne fuͤr einen Stein angesehen; wie nichts minder die Scy- then/ welchen kein Mensch ausreden wird: daß sie Sonn und Monde auf Pferden reiten/ die andern Sternen aber an guͤldenen Ketten hen- cken sehen; die aber fuͤr thoͤrichter/ welche ihnen grausame oder um uns unbekuͤmmerte Goͤtter einbilden/ als welche ihre Aehnligkeit in Wachs/ Ertzt/ Bein und Marmel ausdruͤcken wollen. Athanas und Agave/ welche gemeinet/ ihre Kin- H h h h h h 2 der Siebendes Buch der waͤren Hirsche und Loͤwen/ sind mehr Ent- schuldigens werth/ als des grossen Alexanders und Scipions Muͤtter/ welche sich von Schlan- gen geschwaͤngert zu seyn hielten; Als Midas/ welcher aus Aberglauben durch Ochsenblut/ und der Milesische Koͤnig Aristodemus/ der wegen eines an seinem Hause gewachsenen Krautes durchs Schwerdt sich hinrichtete. Und ich weiß nicht: was ich vom Nicias und seinem gantzen Heere urtheilen soll; welches in waͤhrender Schlacht bey sich ereignendem Monden- Finsternuͤße Degen und Haͤnde sincken/ und sich ohne Gegenwehr niedermachen ließ? Hin- gegen trugen die Einwohner der Atlantischen Jnsel unsern fast erhungerten Friesen reichliche Lebens-Mittel zu; als diese die bevorstehende Monden - Finsternuͤß vorsehende jenen den Unter gang draͤuten/ und durch Verfinsterung dieses Gestirnes hierzu den Anfang machen wolten. Aber ich muß/ sagte Malovend/ nun wieder zu unsers Vaterlandes Gottesdienste kehren; welcher zwar durch der aberglaͤubischen Nach- barn Traͤume sehr verfaͤlscht; iedoch derogestalt nicht vertilgt ward: daß aus den Schlacken nicht das eingebohrne Gold herfuͤr leuchtete. Sintemahl die Deutschen außer den Estiern und Hieren/ die denen Schlangen Eyer und Huͤner opfferten/ und sie zu beleidigen fuͤr Tod- Suͤnde hielten/ kein Geschoͤpffe niemahls fuͤr GOtt den Schoͤpffer angenommen. Denn der Druyden Einweihung der Baͤume/ des streitbaren Bojus Andacht bey zweyen Eichen an der Donau machte sie so wenig/ als die Go- then ihre Berge zu Goͤttern/ wenn sie auf ihnen/ wie die Syrier auf ihrem Berge Karmel ihrer Andacht abwarteten. Sintemahl diese so wol/ als fast alle andere Voͤlcker/ hierdurch nur die Hoͤhe ihrer angebeteten Gottheit andeuten wollen. Des Tuisko/ des Her- cules/ der Aurinia Verehrung stehet noch in den Schrancken eines danckbaren Anden- ckens/ und in einer heiligen Anweisung ihrem ruͤhmlichen Beyspiele zu folgen. Die Anbetung geschiehet allein einer einigen/ ewigen/ und un- sichtbaren Gottheit; ob schon die Art der Anbe- tung und der Opffer unterschieden ist. Unter diesen ist nunmehr die Weise der Druyden die gemeinste; und hat ihr Glantz von etlichen hun- dert Jahren her allen andern verduͤstert/ und selbte in die steilesten Gebuͤrge/ oder in die fin- stersten Hoͤlen und Kolhuͤtten eingesperꝛt. Hier- zu ist ihnen nicht wenig behuͤlflich eine Wahr- sagung/ welche der erste in Deutschland kom̃en- de Druys Serapio noch ehe/ als Rom vom Brennus eingeaͤschert worden/ im Herzinischen Walde in einem Felsen eingegraben; so in fol- genden Reymen noch nicht serne von der Elbe zu lesen ist: Zwar das Verhaͤngniß hat ins Buch aus Diamant Geschrieben: daß fuͤr Rom der heisse Mittag schwitzen; Daß Loͤw und Drache nicht soll Africa beschuͤtzen; Daß Ost die Palmen ihm muß lieffern in die Hand. Die Elefanten solln in Siegs-Karn seyn gespannt/ Auch wird gantz West erstarr’n fuͤr seiner Schwerdter blitzen; Doch auf den kalten Nord wird sichs umsonst erhitzen/ Und Deutschland leisten ihm behertzten Wiederstand. Ja selbst die Tiber wird die Donan und den Rhein Anbeten; Rom und Welt den Deutschen dienstbar seyn. Diß und nichts anders kan mit Fug der Himmel schicken/ Als daß fuͤr Riesen nur ein Zwerg die Segel streicht; Daß eine Woͤlfin zwey gestirnten Baͤren weicht; Roms sieben Berge sich fuͤr sieben Sternen buͤcken. Weil nun die Menschen diß/ was sie selbst wuͤnschen/ oder ihnen einbilden/ leicht glauben; uͤber diß nach und nach ein und anders von den Roͤmern eintraff/ ward es gleichsam fuͤr eine Missethat gehalten/ an der Druyden Mey- nung zu zweiffeln. Die Fuͤrsten liessen selbst ih- re juͤngsten Soͤhne/ um den aͤltesten ihre Laͤn- der unzertheilet zu lassen/ Druyden werden; ja die Cimbern wehlten ihrer zwey nemlich den Sciold und Hiarn zu ihren Koͤnigen; in Mey- nung: daß weil eines Fuͤrsten herrlichstes Vor- recht fuͤr niedrigeꝛn Leuten dariñen bestehet: daß er mehr/ als alle andere Gutes stifften kan; es wuͤrden Arminius und Thußnelda. wuͤꝛden diese kluge und heilige Leute dem gemei- nen Wesen am nuͤtzlichsten fuͤrstehen. Rhemetalces brach ein: Eure Cimbern schei- nen desselbten Weltweisen Meynung gewesen zu seyn/ daß dasselbe Reich nur gluͤck selig zu ach- ten waͤre/ darinnen die Weltweisen herrschten. Alleine diese Hoffnung hat nicht selten Schiff- bruch gelitten; und haben offt die gelehrtesten Fuͤrsten die einfaͤltigsten Fehler begangen; oder das Gluͤcke muͤhet sich zum minsten ehe diesen/ als andern/ welche nicht ihre Vernunfft/ son- dern alleine sie zu ihrer Leiterin erkiesen/ ein Bein unterzuschlagen. Unter den Griechischen Helden fuͤr Troja waͤre keiner gelehrter/ aber auch niemand ungluͤcklicher als Palamedes ge- west. Er war wol geschickt vier neue Buchsta- ben zu erfinden; aber nicht sich aus der ihm vom Ulyßes faͤlschlich angetichteten Verraͤtherey zu wickeln. Etliche andere haben sich durch Be- trachtung der Gestirne im Himmel so verstie- gen: daß sie die Erde aus dem Gesichte/ und den Wolstand in ihrem Reiche verlohren. Grie- chenland hat keine grimmigere Wuͤtteriche ge- habt/ als die/ welche aus den sieben Weltweisen geherrscht haben. Athen und Sparta hat al- lemahl geblutet oder geseuffzet; wenn einer mit dem Mantel des Pythagoras oder des Plato auf dem Stule gesessen. Daher Diocles der schlauste Hertzog der Sicambern seinen Sohn mehr nicht als diesen Griechischen Spruch: der Fuͤrsten Wille ist ihr Recht/ lernen ließ; und dem Priester Theocalus/ dem sein Groß-Vateꝛ fast die Helffte seiner Gewalt eingeraͤumet hat- te/ seine Macht gaͤntzlich beschnitt. Koͤnig An- tiochus und Lysimachus wolten die Weisen nicht einst zu Buͤrgern haben/ jagten sie aus ihrem Reiche/ und hiessen die freyen Kuͤnste ein Gifft des gemeinen Wesens. Und die Scythen uͤber dem Rypheischen Gebuͤrge koͤnnen noch nicht gestatten: daß ihre Unterthanen mehr/ als ihre unwissende Herrscher verstehen sellen. Ob ich nun zwar das letzte nicht billiche/ und wol weiß: daß die Weißheit an ihr selbst nichts boͤses hat; ja ohne ihre Huͤlffe schwerlich ein Reich bestehen kan; Weil die Unwissenheit nicht nur ein Man- gel des Guten/ sondern wesentlich etwas boͤses; und ein unverstaͤndiger Fuͤrst ein lahmer Ober- Herr ist; fuͤr welchem der wahrsagende Apollo die Stadt Sparta so sehr gewarniget hat; uͤber diß die gluͤcklichen Fuͤrsten Pericles/ Alcibia- des/ Epaminondas/ Numa/ Philip in Mace- donien/ und Kayser Julius nicht geringere Weltweisen als Helden gewesen; So bin ich doch der bestaͤndigen Meynung: daß die/ welche von Kuͤnsten und Wissenschafften gleichsam ein Handwerck machen/ oder schon ihr Leben gleich- sam der nachdenckenden Welt-Weißheit ge- wiedmet haben/ sich zur Herrschafft nicht schi- cken. Sintemahl sie daraus eine solche Suͤs- sigkeit schmecken; welche ihnen die Sorgen fuͤr das gemeine Heil zu Wermuth und Galle macht. Daher Prometheus/ Empedocles und Heraclitus ihre Fuͤrsten-Huͤte eigenbeweglich abgenommen/ um in einer Einsamkeit der Weltweißheit unverhindert abzuwarten. Zeno antwortete: diese wolgegruͤndete Meynung des Fuͤrsten Rhemetalces hielte nichts mehres/ als eine Verdammung des Mißbrauchs/ nicht aber der Weltweißheit selbst in sich; von welcher Koͤnig Phraotes recht Fuͤrstlich geurtheilet haͤt- te: Es waͤre nichts Koͤniglicher als die Weiß- heit; ja ihre Besitzer waͤren noch etwas mehr als Koͤnige. Allein es stuͤnde nicht die Weiß- heit/ sondern andere wichtige Ursachen den Geistlichen am Wege; warum man selbten die Oberherrschafft einzuraͤumen billich anstehen solte. Denn weil sie eines strengen Lebens vorher gewohnt/ wolten sie aller Unterge- bener Sitten und Leben nach ihrem Maͤß- Stabe richten; und daher verfielen sie in eine gefaͤhrliche Schaͤrffe der Herrschafft. Sie legten mit ihrem ersten Stande nie- mahls die Liebe gegen denselben ab; und deßhalben entraͤumten sie nicht nur H h h h h h 3 der Siebendes Buch der Geistligkeit allzuviel; sondern vergroͤsser- ten auch noch ihre Freyheiten und Guͤter; wel- che doch beyde in einem Reiche ihr Mittelmaß haben solten; wormit weder die Buͤrgerschafft Schatzung zu geben/ der Adel im Kriege zu die- nen geschwaͤcht/ noch auch das Ansehen und die Gewalt des Koͤniges durch sie verduͤstert wer- de/ wie in Comagene sich durch die uͤbermaͤßige Gewalt selbigen Priesters ereignet hat. Adgan- dester versetzte: Es haben diß die Cimbern nach ihrer Wahl/ aber zu langsam erfahren; ja auch uns uͤbrigen Deutschen sind die Druyden/ wo sie gleich nie den Fuͤrsten-Hut aufgesetzt/ zu Kopffe gewachsen. Malovend fuhr fort: Jch weiß nicht: Ob sie mehr sich zu erhoͤhen/ oder wir uns mehr un- ter ihre Fuß-Sohlen zu kriechen bemuͤht ge- west. Daher wir nicht so wol sie/ als uns selbst zu schelten Ursache haben. Sintemahl der Mensch von Natur mehr zur Herrschafft/ als Dienstbarkeit geneigt; und es fast mehr als menschlich ist/ bey uͤbermaͤßigem Gluͤcke lange Zeit die erste Gemuͤths-Maͤßigung behalten. Es gehoͤret ein grosses Hertze darzu/ welches das Gold und das Eisen beyderley Gluͤcks- Faͤlle verdaͤuen soll. Denn das Hertze ist ge- gen das Gluͤcke/ was der Magen gegen die Speisen. Es sey nun aber schuld daran/ wer da wolle; so verwandelte sich der Druyden er- ste Bescheidenheit in Herrschsucht; ihre Ge- nuͤßligkeit in Wollust/ ihre anfaͤngliche An- dacht in Scheinheiligkeit; welche auf der Welt jener den Preiß abrennt/ und nicht ohne Wun- derwercke Himmel und Hoͤlle mit einander ver- schwistert; ja die Laster fuͤr Tugenden anweh- ret. Unter dem Schein heilsamer Warni- gungen versteckten sie ihre Rache; unter dem Vorwand des Glimpfes sahen sie allen Lastern durch die Finger; mit dem Mantel des gemei- nen Heiles verhuͤlleten sie ihren Ehrgeitz; die Gerechtigkeit muste ihren Geitz/ ein gerechter Amts-Eiver ihren Neid/ die erbauende Unter- redung ihre Geilheit verdecken. Jhre Enteus- serung alles Eigenthums diente ihnen zur Herrschafft uͤber aller/ ja der Koͤnige Guͤter; und welche keine Huͤtte haben wolten/ wohnten nunmehr in eitel Fuͤrstlichen Schloͤssern. Es war letzlich ihren Uhrhebern an ihnen nichts als das Kleid aͤhnlich. Diese Veraͤnderung gebahr bey vielen tugendhafften einen heimli- chen Unwillen; aber/ weil sich niemand diesen boͤsen Sitten des Vaterlandes zu begegnen ge- wachsen sahe/ musten sie nur mit andern La- stern ihre Schwachheit beseuffzen. Endlich kriegten die Druyden durch diß/ welches alle unuͤberwindliche Machten zu Boden wirfft/ nehmlich durch eigene Zwytracht einen gewal- tigen Stoß. Denn zur Zeit des grossen Feld- Herrn Marcomirs/ thaͤt sich Divitiak einer der tieffsinnigen Druyden herfuͤr; welcher in dem Semanischen Walde zwischen der Elbe und der Weser gebohren war/ aber in Britannien/ Egypten/ und bey den Juden ihm eine grosse Weißheit zu wege gebracht hatte. Dessen Froͤmmigkeit nahm anfangs der Druyden La- ster und Mißbraͤuche/ seine Scharffsinnigkeit aber ihre Jrrthuͤmer wahr. Daher fieng er an jene mit einem hertzhafften Eiver zu schelten/ diese mit sonderbarer Klugheit zu wiederlegen. Er straffte den Wucher der Priester; verdam̃te ihre uͤbermaͤßige Gewalt in weltlichen Din- gen; eroͤffnete die fuͤr dem gemeinen Volcke versteckten Geheimnuͤße des Glaubens/ ver- fluchte die Vergoͤtterung der Menschen/ zohe die Gruͤnde der Warheit dem Sagen der Druyden und dem Ansehen ihres Hauptes fuͤr; Gruͤndete den Wolstand der unsterblichen Seelen auf die einige Erbarmnuͤß des ewigen Schoͤpffers; verwarff alle aber glaͤubische Zei- chen und Tage-Wehlungen; wiederlegte die Wanderung der Seelen aus einem Leibe in den andern; und brachte mit einem Worte den alten Gottesdienst der Deutschen wieder ans Licht. Ob nun wol die hitzigen Druyden ihm mit Arminius und Thußnelda. mit Feuer und Schwerdt draͤueten/ die ver- nuͤnfftigen ihn erinnerten: Er moͤchte die Lehre der Druyden nicht gar verwerffen/ sondern die Spreu von dem Weitzen absondern; so fuhr er doch mit einem rechten Helden-Muthe fort; brachte die auf dem Melibokischen Gebuͤrge wohnenden Druyden selbst/ ja auch die Fuͤrsten der Hermundurer/ Alemaͤnner und Catten auf seine Seite. Allem Ansehen nach waͤre es um die Druyden damahls gar geschehen gewest; sonderlich/ weil Divitiack seine Nachfolger zur alten Armuth anverwieß/ und sich der weltli- chen Herrschafft anzumassen verbot; also die Fuͤrsten nicht nur ihre erste Gewalt/ sondern auch die unter dem Scheine der Andacht ihnen entzogene Guͤter zuruͤck bekamen. Alleine die- ser scheinbare Anfang kriegte einen gewaltigen Stoß durch den tieffsinnigen Eubages; welcher zwar in den meisten Sachen dem Divitiak wie- der die Druyden beypflichtete; aber alle Ge- heimnuͤße nach dem allzuschwachen Maͤßstabe der Vernunfft ausecken; alle Zufaͤlle denen natuͤrlichen Ursachen zueignen; dem Menschen den freyen Willen entziehen/ und selbten der Nothwendigkeit des einfluͤssenden Gestirnes unterwerffen wolte. Also spalteten sich die/ welche dem Divitiak und Eubages anhiengen/ gleicher Gestalt/ und nahmen jene den Nahmen der alten Barden an; diese aber nennten sich alle Eubagen/ oder auch Vaties. Jedes Theil erlangte gleichwol von vielen maͤchtigen Fuͤr- sten in Deutschland/ Gallien und Britannien eine Beypflichtung; also: daß es fast allenthal- ben zu buͤrgerlichen Kriegen ausschlug/ und viel tausend Seelen unter dem Scheine der Andacht der blutbegierigen Rache aufgeopffert wurden. Denn so offt als der Ancker des Gottesdienstes bewegt wird; so offt erschuͤttert sich das gantze Schiff eines Reiches; weil mit dem Glauben ins gemein die Art und das Gemuͤthe eines Volckes veraͤndert wird. Der kluge und guͤ- tige Marcomir pflichtete im Hertzen selbst Di- vitiaks Meynungen bey/ ungeachtet er aus Staats-Klugheit solches nicht oͤffentlich mer- cken lassen dorffte. Gleichwol aber hielt er ihm wieder die Gewalt der Druyden Schutz brach- te es auch zu einem Frieden. Aber weil die Einheimischen Zwytrachten selten von Grund aus geheilet werden/ brachen diese Wunden nach seinem Tode bey den Celten in Gallien wieder grausamer auf; indem sein Sohn Hip- pon den Druyden auffs allereifrigste beypflich- tete/ und nicht nur viel tausend dem Divitiak beypflichtende Barden hinrichten; ja auch den Druys/ in dessen Armen Marcomir gestorben war/ aus Verdacht gleichmaͤßigen Glaubens verbrennen ließ; zu geschweigen: daß etliche Druyden ihn verhetzten: Er solte seines Vaters eigene Gebeine ausscharren/ und in Asche ver- wandeln lassen. Nichts minder verfolgten die Druyden in Gallien die Eubagen als Tod- Feinde; wordurch/ den Roͤmern sich taͤglich da- selbst zu vergroͤssern/ Thuͤr und Thor aufgesper- ret ward. Jnsonderheit wurden die an dem Fluße Alduaria liegenden Heduer/ bey denen Divitiak/ und hernach Eubages sich lange auf- gehalten und ihren Gottesdienst eingefuͤhrt hat- ten/ auf der Sudwesten Seite von den Arver- nern/ gegen Nord-Ost von denen an dem Flus- se Alduaria gelegenen Sequanern derogestalt beaͤngstiget: daß sie sich unter der Roͤmer Schutz begeben musten. Worzu ihnen denn die Vor- schrifft des weisen Divitiak an den grossen Rod- ner hernach Buͤrgermeister Cicero/ mit wel- chem er in Gallien vertraͤuliche Freundschafft gemacht hatte/ sehr behuͤlflich war; wordurch denn die von ihren Feinden in die Enge we- niger Festungen getriebene/ aller Kriegs- Macht und Aecker beraubte Heduer/ welche der Alemaͤnner Koͤnig Ariovist gezwungen hatte ihm Geißeln und jaͤhrliche Schatzung zu ge- ben/ durch die Tapfferkeit ihres Fuͤrsten Pfer- derichs und den Beystand der Roͤmer wieder Lufft schoͤpfften/ ihre vorige Unterthanen und Lehns- Siebendes Buch Lehns-Leute die Segusianer zwischen dem Rhodan und Arar/ die Ambarren zwischen der Arar und Ligeris/ und die Brannovier wieder unter sich brachten; ja weil sie hingegen den Roͤ- mern in den Alpen gegen ihre Feinde treulich beystanden/ ihre Bruͤder und Bundsgenossen zu werden verdienten. Noch aͤrger gieng es denen Eubagen im Aquitanischen Gallien. Die Fuͤrstin der Aquitanier Jrmingardis ma- ste sich daselbst unter ihren dreyen nach einan- der herrschenden Soͤhnen/ welche nichts min- der ihres Ungluͤcks/ als ihrer Uppigkeit halber beruffen sind/ der Herrschafft an; und ihre Herrschsucht machte sie nichts minder/ als ihrer Kinder Unfaͤhigkeit auch nach ihrer Muͤndig- keit zu ihrer Vormuͤndin. Anfangs zwar schlug sie sich bald zu ihren Druyden/ bald zu den Bar- den und Eubagen; und ließ bald dieser bald je- ner Wind in die Segel ihrer Ehrsucht wehen. Endlich aber machte die Staatssucht: daß sie mit den Druyden ein Sinn und ein Hertze ward. Daher sie alle Klugheit/ alle Laster/ ja auch die Zauberey selbst zum Verderben der Barden und Eubagen zu Huͤlffe nahm. Sie reisete mit dreyhundert der schoͤnsten Weiber stets das Land durch; welcher einiges Absehen und Meisterstuͤcke war/ den Adel wie die Spin- nen die Fliegen/ in ihr Gewebe der Wollust und dardurch zu Verleugnung des Divitiakischen Gottesdienstes zu bringen. Ja dieser geschoͤpff- et Haß verleitete sie so weit: daß sie mit ihrem vorigen Todfeinde Hevinserich einem Fuͤrsten der Mediomatri k er sich auffs vertraͤulichste ver- knuͤpffte; ungeachtet dieser so wol/ als sein er- mordeter Vater das Aquitanische Reich ihm zuzuschantzen bemuͤht war. Mit diesem mach- ten sie in einem Zimmer/ darinnen Hevinserich aber hernach aus gerechter Rache Gottes wie- der ermordet ward/ einen festen Schluß/ alle Barden und Eubagen mit Giffte/ Feuer und Schwerdt zu vertilgen. Um diß so viel gluͤck- licher zu voll ziehen/ machten sie mit den Barden und Eubagen Frieden/ verlobten dem Fuͤrsten der Bigerrionen Rubonor ihrem Haupte in Gallien der Jrmingardis Tochter; und schlach- teten sieben Tage lang viel tausend sich zum Fuͤrstlichen Beylager eingefundene Gallier ab. Ja die saͤugenden/ oder in Mutterleibe noch athmenden Kinder wurden nicht ver- schonet/ sondern eh ermordet/ als gebohren. Hevinserich fuͤhrte die Meuchel-Moͤrder selbst eiffrig an; und war unter seinen Getreuen ei- ner/ der sich in einer Nacht vierhundert Euba- gische Gallier zerfleischt zu haben ruͤhmte. Die wilde Jrmingardis stach selbst einigen/ die in ihrem Schlosse schlieffen/ mit den Fingern die Augen aus; und weidete die Augen an den nackten Leichen der Ermordeten/ die sie Hauf- fen-weise fuͤr ihr Burg-Thor brachten. Unter andern ließ sie das abgeschlagene Haupt des tapffern Krieges-Helden Cigolin einbalsamen/ und schickte es dem Obersten Druys in Bri- tannien/ zu einer vermeinten Versicherung: daß mit diesem Kopffe den Eubagen alle Spann-Adern zerschnitten waͤren. Jrmin- gardis weltzte die Schuld dieser von der gantzen Welt/ ja vielen Druyden selbst verdam̃ten Ver- raͤtherey zwar auf den Hevinserich; um selbten schwartz zu machen/ sich aber weiß zu brennen. Sie draͤuete an dem Uhrheber dieses Blut-Ba- des den Entseelten ein Rach-Opffer zu lieffern/ und die verbitterten Eubagen zu besaͤnfftigen. Aber sie trauten nicht mehr auf diese Fallbruͤ- cke zu treten/ sondern er griffen zu ihrer Be- schirmung die Waffen/ und machten sich bey nahe in gantz Aquitanien zum Meister; brach- ten auch nach der Jrmingardis und ihrer Soͤh- ne Tode den Bigerrionischen Fuͤrsten zur Herꝛ- schafft. Nach dem aber dieser sich endlich selbst zu den Druyden schlug/ nahm der Barden und Eubagen Macht von Tag zu Tag ab/ biß sie endlich nach vielen Verfolgungen und Blut- stuͤrtzungen in die Haupt-Stadt der Agesinaten verschlossen daselbst mit Huͤlffe der Veneter die Einfahrt Arminius und Thußnelda. Einfahrt im Meer zwischen den Eylanden Vi- lar und Antros durch eingesenckte Schiffe ver- stopfft/ also ihnen der Hibernier Huͤlffe abge- schnitten/ und sie also durch unmenschlichen Hunger zuꝛ Ubergabe gezwungen wurden. Die Druyden schaften ihnen ihren Gottesdienst mit grosser Schaͤrffe ab; da sie doch den Greuel de- nen Samnitischen Weibern erlaubten/ welche die Eylande des Aquitanischen Meeres bewoh- nen/ daselbst gleichsam rasende dem Bacchus opffern/ ihren Maͤnnern auf den Eylanden zu wohnen nicht verstatten/ sondern zum Bey- schlaffe ans feste Land uͤberfahren; alle Jahr das Dach ihres Tempels abbrechen/ und noch selbige Nacht fuͤr der Sonnen Aufgange wie- der erbauen; worzu iedes Weib eine gewisse Last herbey schleppen muß/ und die es fallen laͤst/ von denen andern gleichsam zum Opffer mit ih- ren Naͤgeln zerrissen wird. Wiewohl auch her- nach der großmuͤthige Koͤnig der Svessoner Divitiak denen Eubagen beypflichtete/ und durch seine Tapfferkeit nicht nur gantz Galli- en/ sondern auch ein grosses Theil Britanniens unterwarff; ward er doch durch einen Druys Meuchelmoͤrderisch aufgerieben; sein unwuͤr- diger Sohn Galba aber von seiner denen Druyden zugethanen Mutter ihnen zur Un- terweisung untergeben. Jnzwischen fuͤhrten auch die Bellovaker/ Ambianer/ und Vero- manduer wieder die Bataver und Menapier/ welche aus Deutschland kommen/ sich an der Schelde/ Maaß und zwischen dem Rheine nie- dergelassen/ und in dem Megusianischen Her- cules-Tempel ihren Gottesdienst eingefuͤhret hatten/ einen so grausamen Krieg: daß in die- sem mehr durch die Haͤnde des Henckers/ als durchs Schwerdt hinfielen. Weil uͤber den zwischen den Batavern und Galliern einge- pflantzten Haß die Gallier die Entweihung ih- rer Heiligthuͤmer/ und sonderlich obigen Tem- pels zu unmenschlicher Rache verhetzte; welche sie so weit verleitete: daß sie zwey Morinischen Fuͤrsten/ nur weil sie mit den Menapiern und Batavern einen billichen Vergleich zu treffen einriethen/ und deßhalben mit ihrem Fuͤrsten Julius Tutor/ dessen Enkel gleiches Nahmens hernach auch mit dem Civilis wieder die Roͤmer aufstand/ Brieffe gewechselt hatten/ oͤffentlich die Koͤpffe abschlagen liessen/ fuͤr denen vorher etliche mahl der Gallier Feinde erzittert waren. Wiewol die Bataver und Menapier mit Huͤlf- fe ihrer Blutsverwandten der Tribozer und Catten/ wie auch des Cheruskischen Hertzogs Aembrichs/ dessen Bruder Cattivolck sie bey ihm zu ihrem Feld-Herrn ausbaten/ mit dem Degen ihre Freyheit behaupteten; ja Aembrich es so weit brachte: daß die in diesen Krieg mit eingeflochtenen Eburoner seinen Bruder Cat- tivolck zu ihrem Hertzoge erkieseten. Jn Deutschland aber daͤmpfften theils die Klugheit der Feldherren und anderer glimpff- lichen Fuͤrsten/ theils die mit denen Daciern und Sarmatern gefuͤhrten Kriege das einhei- mische unter der Aschen glimmende Feuer zwi- schen den Druyden/ Barden und Eubagen. Denn wie eusserliche Kaͤlte innerliche Waͤrm- de beysammen haͤlt; also ist die auswerts sich naͤ- hernde Gefahr auch das kraͤfftigste Mittel die gegen einander verbitterten Buͤrger zur Ein- tracht zu bringen. Als aber der deutsche Feld-Herr Malorich bey ziemlichem Friede starb/ seinen Vetter Aembrich der Cherusker Hertzog unsers Feld- Herrn Herrmanns Groß-Vater zum Feld- Herrn fuͤrschlug; gerieth gantz Deutschland in ein grausames Krieges-Feuer. Denn ein gros- ses Reich kan so wenig als ein grosser Leib lange in Ruh bestehen; indem/ wenn es eusserlich kei- nen Feind hat/ ihm einen in sich selbst machet. Die groͤste Ursache aber war: daß auf einmahl in Deutschland vier Fuͤrsten lebten/ derer ieder wuͤrdig war/ das gantze zu beherrschen; nehm- lich Aembrich der Cherusker und Quaden/ A- riovist der Alemaͤnner/ Arabar der Catten und Erster Theil. J i i i i i Van- Siebendes Buch Vangionen/ und Briton der Hermundurer Hertzog. Denn wie die mehrern Sonnen im Himmel nichts gutes bedeuten; also ziehet auch die Zusammenkunfft vieler großmuͤthigen Fuͤrsten in einem Reiche tausenderley Unge- mach nach sich; in dem zwar in einem kleinen Gefaͤsse viel kleine Pflantzen/ aber auch in dem groͤssesten nicht zwey oder mehr Palmbaͤume und Zedern Raum haben; sondern eine die an- dere verdaͤmmet/ oder durch allzustarcken Trieb das Gefaͤße gar zersprenget. Bey solcher Be- schaffenheit schaͤtzte ein ieder sich den wuͤrdigsten zum obersten Feld-Herrn Deutschlandes. Und ob wol Hertzog Aembrich fuͤr sich das Wort des verstorbenen Hertzog Malorichs hatte; so war dieses doch vielmehr ein Rath/ als eine Wahl/ welche nicht bey dem Erblaßer/ sondern in der blossen Willkuͤhr der deutschen Fuͤrsten bestehet. Uber diß stach diese die grosse Macht der Che- rusker/ und die Nachfolge so vieler Feldherren aus diesem einigen Hause nicht wenig in die Au- gen; zugeschweigen: daß Ariovist/ Briton und Arabar/ welche theils denen Barden/ theils den Eubagen beypflichteten/ dem es mit den Druy- den haltenden Fuͤrsten Aembrich allem Ver- muthen nach das Hefft in die Haͤnde zu geben nicht allerdings sicher hielten. Die aller groͤste Hinderniß aber brach allererst herfuͤr durch den Auffstand der Quaden; welche meist denen Barden beypflichteten/ sich aber von den Druy- den gedruckt zu seyn beklagten/ uͤber diß dem Hertzoge Aembrich kein Erb-Recht uͤber sie zu entraͤumen vermeinten/ anfangs sich dem be- nachbarten Briton/ und/ als dieser es aus einer Heldenmaͤßigen Großmuͤthigkeit ablehnte/ dem Cattischen Fuͤrsten Arabar sich unterga- ben. Arabar verband sich mit dem Koͤnige der Dacier Decebal/ welcher von dem Flusse Cusus biß zu denen Bastarnen alles beherrschte; Die Marsinger/ Gothiner/ und Pannonier traten auf seine Seite; der Britannier Koͤnig Caßi- bellin/ und der Cimbern Koͤnig Friedlev ver- troͤsteten ihn grosser Huͤlffe. Auf welchen letz- ten gantz Deutschland ein grosses Absehen hatte; weil er die Kriegerische Jungfrau der Gothen und Riesin Rusila/ welche mit zweyen Fingern das staͤrckste Hufeisen zerreissen/ einen mittel- maͤßigen Baum mit den Wurtzeln ausreissen konte/ im Zweykampffe erlegt; den Hillevio- ner Hertzog Huirvill im Kriege uͤberwunden/ die Orcadischen Eylande und die Haupt-Stadt in Hibernien Duflin durch Krieges-List ero- bert; auch/ als er daselbst von der Menge seiner Feinde gantz umringt war/ sich dennoch durch Auffstellung seiner vorhin erlegten Kriegs- Leute gluͤcklich an den Seestrand und nach Hause gezogen hatte. Fuͤr aller Menschen Augen schien Hertzog Aembrich verlohren zu seyn; aber dieser Held erlangte mit Huͤffe der Ubier bey der Stadt Boviasinum einen so herꝛ- lichen Sieg: daß Arabar mit Noth entran/ und sich in Gallien fluͤchtete. Die Dacier zwang er auch alsofort Friede zu machen; nach dem der Koͤnig der Cimbern Friedlev sein Reich wegen der Svioner/ Sitoner und Fennen Koͤnigs Gotar seiner Macht nicht entbloͤssen dorffte/ welcher zu einem grossen Kriege sich ruͤstete/ nie- mand aber seinen Feind erforschen konte. Wie nun kein kraͤfftiger Magnet ist der Menschen Gemuͤther an sich zu ziehen/ als Tugend und Gluͤcke; also ward Hertzog Aembrich ohne ei- niges Wiedersprechen zum Feldherrn erklaͤret; ja Briton selbst vereinigte mit ihm seine Waffen wieder seine Feinde/ und Aembrich raͤumte der Ubier Hertzoge Dorulac ein Theil der vom A- rabar verlohrnen Landschafften ein. Die Roͤ- mer aber schickten ihm eine guͤldene Krone/ ei- nen Purpur-Mantel/ und einen Helffenbei- nernen Stul/ nennten ihn ihren Freund/ Bru- der und Bundgenossen. Der Alemaͤnner Hertzog Ariovist schlug zwaꝛ sein ersteres Absehen diese Wuͤrde zu erlangen aus der Acht. Zumahl er vernuͤnfftig wahr- nahm: daß sie eine grosse Uberlast/ aber nur ei- nen Arminius und Thußnelda. nen betruͤglichen Schein eiteler Ehre an sich haͤtte; ließ sich noch bey offener Tafel heraus: Es wuͤrde ihm bey der Nachwelt ruͤhmlicher seyn/ wenn selbte fragen wuͤrde: aus was Ursachen er nicht/ als warum er zu solcher Hoheit gelangt waͤre. Jedoch vergaß er nicht unter der Hand unvermerckt seine Vergroͤsserung zu beobach- ten. Denn/ nach dem die Bojen/ welche denen Barden beypflichteten/ von denen Druyden in ihrem ersten Sitze/ den ihnen anfangs Alemañ zugeeignet/ hernach Segovesus auffs neue be- hauptet hatte/ nicht gelitten werden wolten/ zo- he ihrer ein ziemliches Heer theils wieder in Gallien/ und setzten sich in der Arverner Lande um die Festung Gergovia/ bauten auch an dem Fluße Ligeris die Stadt Boja/ theils uͤber die Donau an den Lech/ vertrieben die Noricher/ und nahmen den Hertzog Ariovist zu ihrem Schutz-Herrn an. Bey dieser allgemeinen Glaubens-Strittigkeit trieb auch Divitiak der Heduer Hertzog alle die/ welche des deutschen Divitiaks und der Barden Gottesdienste an- hiengen/ aus dem Lande; welche aber von ihren Glaubensgenossen denen Arvernern und Se- quanern willig aufgenommen wurden. Weil nun zwischen diesen Voͤlckern ohne diß eine alte Feindschafft eingewurtzelt war/ verfielen sie hieruͤber so viel leichter mit einander in Krieg. Die Heduer zohen alsofort die Roͤmer an sich; welche ohne diß bereueten: daß sie nach Uber- windung des Koͤnigs Luer und Einsperrung des Koͤnigs Bituit in die Stadt Alba sich der Arverner nicht gar bemaͤchtigt hatten. Hinge- gen rufften die Arverner und Seqvaner/ derer Fuͤrst Catamantales ein grosser Freund und Bundgenosse der Roͤmer gleich starb/ und sei- nen Sohn Casticus zum Erben hinterließ/ den beruͤhmten Fuͤrsten Ariovist zu Huͤlffe; welcher denn in etlichen Schlachten den gantzen Adel/ Ritterschafft/ und Oberen der Heduer erlegte/ dieses gantze Volck auch derogestalt ins Ge- draͤnge brachte: daß sie die noch wenig uͤbri- gen vom Adel den Sequanern zur Geissel ein- haͤndigen/ sich auf ewig ihnen unterthaͤnig ge- ben/ und mit denen Roͤmern nimmermehr keine Gemeinschafft zu pflegen/ sich eydlich erklaͤren musten. Der Fuͤrst Divitiak aber/ ob er wol eben diß zu leisten dem Hertzoge Ario- vist an die Hand gelobte/ entflohe mit seinen Kindern heimlich nach Rom. Wie nun Ario- vist verlangte: daß seinen Kriegs-Leuten/ und insonderheit denen zwischen der Donau und dem Kocher ziemlich enge eingeschrenckten Ha- ruden/ die sich in diesem Kriege sehr tapffer ge- halten hatten/ das versprochene dritte Theil von der uͤberwundenen Heduer Aeckern/ oder auch bey denen Sequanern ein austraͤglicher Platz fuͤr vier und zwantzig tausend Mann einge- raͤumt werden moͤchte/ brachte es Divitiak durch seine Kuͤnste dahin: daß die Sequaner zu hoͤchstem Undancke sich wieder den Beschirmer ihrer Freyheit/ wiewol ungluͤcklich auflehnten. Denn er uͤberfiel sie wie ein Blitz bey der Stadt Amagetrobia/ und erlegte sie auf einmal biß auffs Haupt; also: daß sie sich seiner Herr- schafft unterwerffen/ und die fuͤr nehmsten ihre Kinder ihm zur Versicherung ihrer bestaͤndigen Treue einlieffern musten. Weil auch die He- duer sich in diesen Auffstand nicht gemischt hat- ten; sprach Ariovist selbte aus einer ruhmbaren Großmuͤthigkeit von seiner und der Sequaner Dienstbarkeit frey; außer: daß sie denen bereit eingesessenen Alemaͤnnern ihre zugeeigneten Aecker lassen musten. Hingegen weil die alten zwischen dem Berge Jura und dem Flusse A- rola gelegenen Helvetier oder Urbigener nicht nur vorhin denen der Helvetier groͤstes Gebiete besitzenden Alemaͤnnern/ die Ariovistens Bru- der den Koͤnig der Noricher Vocion zu ihrem Schutz-Herrn erkiest hatten/ wiederstrebten/ sondern auch ohne Ursache mit den Sequanern die Waffen gegen den Fuͤrsten Ariovist verein- bart hatten/ grieff er die Urbigener behertzt an/ und brachte sie nach zweyen Treffen dahin: J i i i i i 2 daß Siebendes Buch daß sie ihn fuͤr ihr Oberhaupt erkennen mu- sten. Wiewol nun die Helvetier unter dem Schirm des Fuͤrsten Ariovists/ der sich nun- mehr einen Koͤnig nennen ließ/ in gutem Wol- stande lebten/ so thaͤt es doch dem Adel weh: daß zu denen Aemptern meist Alemaͤnner befoͤrdert wurden. Sintemahl ins gemein zwar fremde Gewaͤchse/ nicht aber auslaͤndische Befehlichs- haber angenehm sind; und der Neid oder die Ungedult sodenn der Vollkommenheit selbst Maͤngel auszustellen weiß. Jnsonderheit fraß die Ehrsucht dem Fuͤrsten Orgetorich das Hertz aus; welchem die Thraͤnen uͤber die Backen lieffen/ so offt er seiner Vorfahren Bilder ansa- he/ und darmit sich erinnerte: daß er zwar aus einem des Herrschens gewohntem Hause ge- bohren waͤre/ nunmehr aber muͤste gehorsamen lernen. Gleichwol aber hielt die grosse Macht des Koͤnigs Ariovists den Degen des Orgeto- richs in der Scheide; und veranlaste ihn auff ein ander Mittel zu sinnen: wie er das Hefft wieder in die Hand bekaͤme. Weil nun die A- lemaͤnner sich taͤglich in Helvetien verstaͤrckten/ und es ie laͤnger ie mehr gedraͤnger machten/ schlug er den Fuͤrnehmsten und Vertrautesten vom Adel fuͤr/ ihnen einen neuen Sitz in dem fruchtbaren Gallien um den Fluß Garumna einzunehmen; welches aller Muthmassung nach Ariovist nicht hindern/ sondern vielmehr befoͤrdern wuͤrde/ wormit seine Alemaͤnner sich so viel mehr auszubreiten Lufft bekaͤmen. Nach dem er durch seine scheinbare Fuͤrschlaͤge den meisten Adel auf seine Seite gebracht hatte; er- oͤffnete er diesen Anschlag auch dem Casticus/ welcher gleicher Gestalt unter Ariovistens Bot- maͤßigkeit und nach der Sequanischen Herr- schafft seines Vaters seuffzete. Hierauf brachte er es auch an des Divitiaks Bruder Dumno- rich/ der die hoͤchste Wuͤrde bey den Heduern vertrat/ aber aus Begierde der Freyheit dem Ariovist nicht hold/ denen Roͤmern aber Spin- nen-feind war. Der Schein der Freyheit brachte alle drey unschwer in ein eydliches Buͤndniß; und die grosse Zuversicht zu ihren Kraͤfften verhieß ihnen in weniger Zeit die Be- herꝛschung des gantzen Galliens. Dieses grosse Werck aber brach fuͤr der Zeit durch die unge- woͤhnliche Zuruͤstung des Fuͤrsten Orgetorich/ und hernach durch etliche Edelleute/ denen ihr Vaterland zu lieb war/ aus. Das Volck/ wel- ches lieber in Sicherheit gehorsamen/ als aus Hartneckigkeit sich in Gefahr und Verterben stuͤrtzen wolte/ uͤberfiel den sichern Orgetorich unverhofft/ stellten ihn auch in Band und Eisen fuͤr ein Gerichte; das ihn als einen Aufwiegler und Stoͤrer der gemeinen Ruh zum Feuer verdammte. Er lag schon gebunden auf dem Holtzstosse/ der Scharffrichter hielt schon die Fackel an den Zunder/ als mehr als tausend Mann zusammen gerottetes/ und dem reichen Orgetorich aus Pflicht/ oder wegen genossener Wolthaten zugethanes Volck herfuͤr brach/ die Nachrichter zerstreute/ den Holtzhauffen von sammen rieß/ und den Verdammten aus dem Rachen der Flammen errettete. Dieser Fre- vel aber ward von der Obrigkeit durch Huͤlffe der Alemannischen Besatzungen mit vielem Blute bald gerochen/ und Orgetorich deroge- stalt ins Gedrange bracht: daß er ihm selbst mit Giffte vom Leben halff. Die Helvetier aber befanden in der Hoͤle/ darein er sich versteckt hatte/ eine so bewegliche Betheuerung: wie er durch sein Vorhaben drey freye Voͤlcker in den Glantz der alten Freyheit/ sich aber keines we- ges auf den ihm zugedachten Stul zu setzen an- gezielt haͤtte: daß auf des Fuͤrsten Divico ver- nuͤnfftiges Einreden das ihn vorhin zu verbren- nen entschlossene Volck/ welches zwischen eus- serster Liebe und Haß kein Mittel weiß/ ihn nunmehr von dem Scheiter-Hauffen in Him- mel erhob; und des Orgetorichs Fuͤrhaben auszufuͤhren durch schaͤrffste Eyde sich ver- schwor/ ja viel tausend Rauraker/ und Tulin- ger Arminius und Thußnelda. ger unter dem Rhetischen Gebuͤrge am Rhei- ne/ wie auch fast alle um den Uhrsprung des Rhodans wohnende Latobriger/ und endlich zwey und zwantzig tausend derer wegen ihrer Menge auswandernde Bojen mit in das Buͤndniß zoh; also: daß ob wol dem Fuͤrsten Casticus/ und Dumnorich mit denen Sequa- nern und Heduern zu den Helvetiern zu stossen allerhand wichtige Hindernuͤße in Weg traten/ weder Koͤnig Ariovist noch Hertzog Vocio diese schwermende Voͤlcker aufzuhalten/ sondern vielmehr zu Beruhigung ihrer eroberten Laͤnder den Willen zu lassen schluͤßig wurden. Wie sie sich nun alle mit viel tausend Wagen/ Vieh und anderm Vorrathe bey den Staͤdten Sedun und Tarnada am Rhodan zu Ende des Merzens versammlet/ und nach langer Bera- thung: Ob sie uͤber das Gebuͤrge Jura durch der Sequaner Land/ oder der denen Roͤmern noch nicht allerdinges holden Allobroger Ge- biete/ uͤber die denen Helvetiern ohne diß zuste- hende Bruͤcke zu Genf ihren Zug nehmen wol- ten/ den letztern Weg als den leichsten erwehlt hatten; eilte Julius Caͤsar mit einer Legion und vielen tausend denen Roͤmern unterthaͤnigen Narbonensischen Galliern nach Genf/ brach daselbst die Bruͤcke ab/ um denen Helvetiern den Weg zu verbeugen/ unter dem Scheine zwar: daß er diesem feindlichen Volcke/ welches den Buͤrgermeister Lucius Caßius durchs Joch getrieben hatte/ nichts gutes zutrauen koͤnte/ ie- doch vielmehr aus Absehen/ durch Erwegung eines schweren Krieges das Roͤmische Kriegs- Volck zu seinen Diensten zu bekommen. Die Helvetier schickten alsbald den Fuͤrsten Divi- co zum Julius Caͤsar/ beschwerten sich uͤber Ab- brechung ihrer eigenthuͤmlichen Bruͤcke/ und baten zugleich um einen freyen Durchzug in das Aquitanische Gallien/ mit Erbietung Geis- sel zu geben: daß denen Roͤmischen Untertha- nen kein Huhn versehret/ sondern alles ums Geld gekaufft werden solte. Der schlaue Caͤ- sar gab dem Divico ziemliche Vertroͤstung/ ie- doch bat er Bedenck-Zeit auff zehen Tage/ in welchen er von dem Lemannischen See/ biß an das Ende des Berges Jura einen neunzehn tausend Schritte langen/ sechzehn Fuͤsse hohen Wall mit einem tieffen Graben und vielen Bollwercken auffuͤhrte/ hernach dem wieder- kommenden und verhaßtem Gesandten Divi- co/ als welcher der Tuguriner Heerfuͤhrer bey Erlegung des Caßius und Lucius Pisonius ge- west war/ abschlaͤgliche Antwort gab/ und den Helvetiern die Spitze bot. Diese kehreten also- fort ihre Deichsel gegen die Sequaner/ und brachte es Orgetorich durch seinen Eydam Dumnorich so weit: daß diese ihnen den Durch- zug erlaubten. Wie nun die zwey und neun- tzig tausend streitbare Helvetier/ welche mit Weib und Kindern sich auff dreyhundert acht und sechtzig tausend Menschen belieffen/ sich langsam durch die steinerne Pforte des Berges Jura durcharbeiteten/ setzte Caͤsar den Labienus uͤber das Heer/ rennte in Jtalien/ zohe von A- quileja bey der Stadt Ocelum an dem Flusse Duria in den Cottischen Alpen fuͤnff Legionen an sich/ und kam mit selbten durch der mit denen Helvetiern in guter Vertraͤuligkeit stehender Garoceler und Centroner Gebiete/ nach etli- chen mit ihnen gehaltenen Treffen/ uͤber die Grajischen Alpen in sieben Tagen in der Ve- contier und durch der Allobroger Land uͤber den Rhodan in das Segusianische Gebiete; als die Helvetier gleich uͤber den langsamen Fluß Atar eine Bruͤcke schlugen. Wie nun etliche dem Divitiak zugethane und dem Dumnorich wie- drige Heduer und Ambarrer/ die den Helveti- ern sich wiedersetzt und daher Schaden erlitten hatten/ bey Caͤsarn sich beschwerten und Rache baten; insonderheit Divitiak und Liscus schon lange Zeit Caͤsarn wieder die Helvetier und Deutschen verhetzt hatten/ ruͤckte er alsofort gegen die Helvetier/ und uͤberfiel mit drey Le- gionen ihr vierdtes Theil/ nehmlich die Tugu- J i i i i i 3 riner/ Siebendes Buch riner/ welche nur noch uͤber die Bruͤcke nicht kommen waren. Wiewol ihnen nun von den Roͤmern kein Krieg angekuͤndigt war/ und sie sich also ehe des Himmels-als eines feindlichen Einfalls versehen hatten/ also der wenigste Theil der Schlaffenden zu den Waffen kom- men konten; so starben sie doch nicht gaͤntzlich ungerochen; in dem auch etliche tausend Roͤmer auf dem Platze blieben; ein Theil der Tuguri- ner noch sich uͤber die Bruͤcke rettete/ die meisten aber im Flusse umkamen/ weil sie es rathsamer hielten/ sich in diesen zu stuͤrtzen/ als in des rach- gierigen Caͤsaꝛs Haͤnde zu fallen/ dessen Schwe- hers Großvatern Piso dieses Volck erlegt hat- te. Nach erlangtem Siege setzte er den Di- vitiak und Luscus den Heduern und Ambarren zu Haͤuptern fuͤr/ schlug auch noch selbigen Tag eine Bruͤcke uͤber die Arar. Wiewol nun die Helvetier durch den Fuͤrsten Divico sich des li- stigen Uberfalls halber beschwerten/ die Un- rechtmaͤßigkeit seines Krieges/ und die Streit- barkeit der Deutschen fuͤrhalten liessen; iedoch sich zum Frieden/ und daß sie das Roͤmische Ge- biete in Gallien nicht beruͤhren wolten/ erbo- ten; so forderte doch Caͤsar hochmuͤthig die Er- setzung alles denen Heduern/ Ambarren und Allobrogern zugefuͤgten Schadens/ ihre Ruͤck- kehrung und Geißel als Buͤrgen/ fuͤr alles diß/ was sie zusagten. Daher Divico Caͤsarn ant- wortete: die Helvetier waͤren gewohnt Geißel zu bekommen/ nicht zu geben; und von denen/ die sie wol ehe uͤberwunden/ nicht als besiegte Ge- setze anzunehmen; schickte also die Gesandschafft unverrichteter Sachen zuruͤck. Folgenden Tag ließ Caͤsar den Considius mit zwey tausend Roͤmischen und den mit den Haaren in diesen Krieg gezogenen Fuͤrsten Dumnorich mit drey taũsend Heduern sich an der Helvetier Nach- trab hencken; welchen aber der junge Fuͤrst Or- getorich mit fuͤnff hundert Pferden so grimmig begegnete: daß nach zweyer Stunden Ge- fechte/ und nach Verlust vier hundert Mann anfangs der unwillige Dumnorich/ und hier- auff Labienus die Flucht nehmen musten. Caͤ- sar ward hieruͤber bestuͤrtzt/ verbot also den Sei- nigen sich ohne Noth in ferners Gefechte einzu- lassen; sondern gieng den Helvetiern funffzehn Tage lang immer an der Seite/ und bemuͤhete sich/ die wegen noch nicht reiffer Saaten ohne diß sparsame Lebens-Mittel und Fuͤtterung ihnen abzuschneiden. Weil aber auch die He- duer ihm nicht genungsam zufuͤhrten/ und Lis- cus den Fuͤrsten Dumnorich beschuldigte: daß er durch seine Gemahlin des Orgetorichs Toch- ter/ seine Mutter eine Fuͤrstin der Bituriger/ seine Schwester und Neffen/ welche an maͤchti- ge Fuͤrsten in Deutschland und Gallien ver- heyrathet waͤren/ und dem Stieff-Bruder Di- vitiak die wieder erlangte Hoheit mißgoͤnne- ten/ verleitet wuͤrde/ das ihm geneigte Volck unter dem eingebildeten Scheine bevorstehen- der Dienstbarkeit von den Roͤmern abwendig zu machen; oder auch Caͤsar wegen des un- gluͤcklichen Treffens mit den Helvetiern ihn verdaͤchtig hielt/ ließ er den Dumnorich in Ver- wahrung nehmen. Den sechzehenden Tag ließ er den Labienus mit zwey Legionen einen Berg/ unter welchem die Helvetier sich gelagert hatten/ einnehmen/ zohe auch mit dem gantzen Heere gegen sie; aber der mit der gantzen Reu- terey vorangeschickte Considius kam sporn- streichs zuruͤcke/ und berichtete aus eingebil- deter Furcht: Er haͤtte aus denen Wolffshaͤu- ten und Federpuͤschen wahrgenommen: daß der Feind den Berg fuͤr den Labienus einge- nommen und besetzt haͤtte; da doch Caͤsar Mit- tags erfuhr: daß Labienus unvermerckt den Berg behauptet; also der durch Zagheit seiner Leibes- und Gemuͤths-Augen beraubte Consi- dius durchs Blaster gesehen; Und weil inzwi- schen die Helvetier fortgeruͤckt/ diesen Vor- theil zu siegen verspielet hatte. Daher auch Caͤsar Arminius und Thußnelda. Caͤsar die gegen dem Flusse Ligeris absackenden Helvetier verlassen/ und aus Mangel der Le- bens-Mittel sich recht und Ostwerts gegen Bi- bracte wenden muste. Die Helvetier wendeten hiermit ihre Deichsel um/ verfolgten die Roͤ- mer/ die Caͤsar auf einem zu ersteigen schweren Berge in vortheilhafftige Schlacht-Ordnung gestellt hatte. Gleichwol brachte der junge Fuͤrst Orgetorich der Roͤmer und Heduer Reuterey in die Flucht. Die fuͤnff Roͤmischen Legionen aber thaͤten mehr verzweiffelte als hertzhaffte Gegenwehr; und konte Labienus mit Forwerffung eines Roͤmischen Adlers Caͤsarn mit genauer Noth aus den Haͤnden der ihn umringenden Bojen erretten. Die Schlacht waͤhrete vom Morgen biß drey Stunden fuͤr Abend mit solcher Hartnaͤckigkeit: daß kein Theil dem andern einen Fuß breit Er- de einraͤumete. Nach dem aber die Roͤmer an einem allzuvortheilhafftigen Orte fochten/ da die Reuterey ihnen nicht bey konte/ durch der Helvetier hoͤltzerne oder lederne Schilde hingegen die Roͤmischen Wurff-Spiesse meist durchdrangen/ und sich darinnen das Eisen kruͤmmete: daß sie selbte nicht heraus ziehen/ sondern die Schilde wegwerffen und unbe- deckt fechten musten/ liessen ihre Krieges-Ober- sten sie sich mit Fleiß gegen einem andern Ber- ge zuruͤcke ziehen. Wie nun die Roͤmer ih- nen aus eingebildeten Siege folgeten/ fielen funffzehn tausend Bojen und Tulinger ihnen in die Seite; verwundeten den Labienus; und hielten beyde Heere biß in den sinckenden Abend derogestalt einander die Wage: daß kein Theil des Sieges; oder daß er seinen Feind ihm haͤt- te den Ruͤcken drehen sehen/ sich ruͤhmen dorff- te. Um Mitternacht stuͤrmeten beyde Thei- le einander das Laͤger; woruͤber aber zu gros- sem Nachtheile der Helvetier der sich allezeit unter die Feinde wagende Orgetorich mit ei- nem Sohne und einer streitbaren Tochter Li- sanue/ welche den Tag vorher zehn Feinde er- legt hatte/ gefangen ward. Weil nun Caͤsar in Sorgen stand: daß die Helvetier fruͤh auffs neue mit ihm anbinden wuͤrden/ erkauffte er einen Gallier: daß er zu den Helvetiern uͤber- lieff/ und als wenn er vom Fuͤrsten Dumno- rich geschickt waͤre/ sie warnigte: daß den a n- dern Tag zwey frische Legionen Roͤmer und zwantzig tausend Narbonische Gallier zum Caͤsar stossen wuͤrden; der Fluß Ligeris auch allbereit gegen sie starck besetzt waͤre. Dieses bewegte die Helvetier: daß sie ihren Zug in der Lingoner Gebiete gegen die Stadt Ando- matum an dem Brunnen des Flusses Matro- na einrichteten. Weil aber die Lingonen auf Divitiaks Beredung so/ wie die Heduer/ mit den Roͤmern in Buͤndniß getreten waren/ und sich fuͤr der Helvetier Unterdruͤckung besorg- ten/ verhieben sie ihnen die Waͤlder/ besetzten alle Wege; also: daß sie nunmehr in nicht geringe Hungers-Noth verfielen; iedoch weil Caͤsar mit einem verzweiffelten Feinde noch einmahl zu schlagen Bedencken trug/ auch die ihm verdaͤchtigen Alemaͤnner und Helvetier an einander zu hetzen vermeinte/ mit ihnen einen Vergleich machte: daß sie uͤber den Fluß Arar durch der Rauraker Landschafft wieder ihren alten Sitz einnehmen mochten/ die Al- lobroger ihnen auch einen grossen Vorschub an Gecreide verschaffen musten. Ein Theil derer/ die an dem Flusse und bey der Stadt Ur- ba gewohnt hatten/ nahmen das Vogesische Gebuͤrge ein/ machten ihnen mit dem Schwer- te einen Weg durch der Leutzer Land/ und liessen sich am Rheine nieder; Die Heduer a- ber baten die wegen Enge ihres Landes ausge- wichenen Bojen: daß sie sich zu ihren Landes- Leuten um Gergovia niederlassen/ und wie- der die bey den Sequanern eingenisteten Deutschen auff den Nothfall beystehen moͤch- ten. Die Siebendes Buch Die theils fuͤr den Deutschen/ theils den Roͤ- mern zitternden Aquitanischen und Lugdunen- sischen Gallier sagten durch kostbare Gesand- schafften Caͤsarn nicht alleiu Danck: daß er sie fuͤr der Suͤndfluth der schwermenden Helvetier errettet haͤtte; sondern der durch Ehrgeitz gantz verblaͤndete Divitiak lobte ihnen das Roͤmische Joch so sehr ein: daß sie aus Haß gegen den Koͤnig Ariovist ihm zu Fuße fielen; sich dem Roͤmischen Schutze unterwarffen; und/ weil sie besorgten: es wuͤrden die rauen Deutschen sie nach und nach aus dem fetten Gallien vertrei- ben; wieder sie Schutz baten; worunter denn etliche entwichene Sequaner Caͤsarn durch al- lerhand weibisches Wehklagen zu Mitleiden bewegten. Wiewol nun Caͤsar den so maͤchtigen Koͤnig Ariovist zu bekriegen weder Ursache/ noch auch anfangs das Hertze hatte/ ja auch seinem Ruh- me verkleinerlich hielt den anzutasten/ dessen Freundschafft der Roͤmische Rath durch koͤstliche Geschaͤncke und Ehren-Titel gesucht; ja den Caͤsar selbst als Buͤrgermeister fuͤr einen Freund und Bundsgenossen der Roͤmer eingezeichnet hatte; uͤber diß der Buͤrgermeister Bibulus ihm zuschrieb: daß er mit den Deutschen keinen unnuͤtzen Krieg anfangen solte; so vertilgte doch Caͤsars Ehrsucht alle Bedencken/ welche alle Schrancken der Moͤgligkeit uͤbersprenget/ und die Gesetze der Maͤßigkeit in Koth tritt. Gleich wie aber die Laster ihre Heßligkeit selbst erken- nen/ und daher ihnen selbst stets die Larve der Tugend fuͤrmachen; und niemand dem Un- rechte so unverschaͤmt beypflichtet: daß er selb- tem nicht einen Mantel umgebe; also saan Caͤ- sar Tag und Nacht auff einen Fuͤrwand des Krieges. Solchen zu erlangen schickte er ei- nen niedrigen und trotzigen Krieges-Bedien- ten zu diesem maͤchtigen Koͤnige/ und ließ ihn nicht so wol ersuchen/ als befehlichen: daß er in das Sequanische Gebiete zu ihm kommen solte/ und daselbst denen Beschwerden/ die die He- duer und Sequaner wieder ihn haͤtten/ abhelf- fen. Ariovist ließ den geringen Gesandten nicht fuͤr sich; sondern ließ Caͤsarn melden: weil er sich nicht geringer als Caͤsar schaͤtzte/ ließe es weder seine Koͤnigliche Hoheit/ noch/ weil er ohne ein maͤchtiges Heer zu reisen ihm anstaͤndig hielte/ dieses aber ohne grosse Kosten nicht geschehen koͤnte/ die Liebe seiner Unterthanen nicht zu/ ei- nen so fernen Weg zu thun. Haͤtte Caͤsar von ihm etwas zu begehren/ verpflichtete ihn die Gewonheit der Voͤlcker: daß er sich zu ihm be- muͤhete; wiewol er nicht begreiffen koͤnte: was sich Caͤsar seiner Unterthanen der Sequaner/ und seiner Lehns-Leute der fuͤrlaͤngst bezwun- genen Heduer anzumassen haͤtte. Caͤsar ent- bot Ariovisten alsbald hochmuͤthig zu: Es waͤre eine Antwort dem gar unanstaͤndig/ der sich um soer Roͤmer Freundschafft so embsig beworben/ und von ihnen so viel Gutthat genossen haͤtte. Da er nun nicht als Feind wolte gehandelt werden/ solte er uͤber den Rhein keine Deut- schen mehr in Gallien schicken/ den Heduern/ als Roͤmischen Bundgenossen/ die jaͤhrliche Schatzung nachlassen/ ihnen ihre Geißel zuruͤck senden; den Sequanern eben diß befehlen; de- nen Entwichenen/ und insonderheit dem Divi- tiak ihre Guͤter einraͤumen; und: daß er weder ein noch andern Gallier mehr bekriegen wolte/ Buͤrgen stellen. Ariovist lachte zu diesem un- verschaͤmten Zumuthen/ und antwortete Caͤ- sarn: Sieger pflegten wol Besiegten/ nicht a- ber einer seines gleichen Gesetze fuͤrzuschreiben. Rom haͤtte uͤber ihn so wenig/ als Ariovist uͤber Rom zu gebieten; weniger ihr blosser Ampt- mann als Caͤsar waͤre. Dem Roͤmischen Rath aber berichtete er Caͤsars Zunoͤthigung/ und daß er in Gallien geruffen worden; die Heduer durchs Kriegs-Recht erobert/ aus blosser Gut- willigkeit gegen einer leidlichen Schatzung freygelassen haͤtte; also koͤnte er nicht glauben: daß Arminius und Thußnelda. daß Caͤsar auff des Roͤmischen Raths Befehl ihm sein Recht abzwingen/ und ihre Freund- schafft zertrennen solte. Wolten sie aber sich an ihn reiben; muͤste er mit seinen Deutschen/ derer Handwerck ohne diß der Krieg waͤre/ und die schon vierzehn Jahr unter freyem Himmel geschlaffen/ nur Gewalt mit Gewalt ableh- nen. Der Roͤmische Rath konte Caͤsars Be- ginnen nicht billichen; ja/ weil kurtz hierauff nach Rom verlautete: daß Caͤsar in Ariovistens Gebiete feindlich eingefallen waͤre; riethen Bibulus/ Cato/ Lucius Domitius/ Cicero/ Ra- birius und Metellus: man solte den unruhigen Kopff Caͤsarn/ welcher ohne diß nicht mit Wil- len des Raths/ sondern durch Unterschlieff/ und das Vatinische Gesetze Galliens Verwaltung an sich gezogen haͤtte/ wegen unrechtmaͤßigen Krieges Ariovisten zur Straffe lieffern. Sei- ne Freunde/ und das Absehen auf das in seinen Haͤnden stehende Hefft der Kriegs-Macht mil- derte es so weit: daß Caͤsarn allein dieser Krieg verboten ward. Aber Caͤsar hatte schon der Sequaner zwar wegen des sie fast gar umstroͤ- menden Flusses Alduasdubis/ und einer natuͤr- lichen Berg-Mauer feste/ aber unbesetzte Stadt Vesontio uͤberrumpelt; Daher schrieb er nach Rom: das Spiel waͤre schon/ wiewol anfangs durch Ariovisten/ angefangen; welcher auffs neue zwantzig tausend Haruden aus Deutschland bey der Stadt Arborosa zu hoͤch- ster Gefahr der Segusianer eingesetzt/ und durch sie von den Heduern die alte Schatzung erprest haͤtte. So haͤtten ihm auch die Trevi- rer Kummer-hafft geklagt: daß Ariovistens Vettern Nasua und Cimber mit hundert tau- send Catten bey ihnen einzubrechen am Rheine fertig stuͤnden. Also wuͤrde bey laͤngerer Nach- sicht nicht nur das Narbonische Gallien/ son- dern Jtalien selbst abermahls dieser unbaͤndi- gen Voͤlcker Raub werden. Jnzwischen kam das Geschrey nach Veson- tio: daß Koͤnig Ariovist mit einem maͤchtigen Heere im Anzuge waͤre; die Fuͤrsten Nasua und Cimber aber mit einem nicht geringern den Roͤ- mern auflauerten. Wie nun die Heduer und andern Gallier der Alemaͤnner Groͤsse und Streitbarkeit/ derer Angesichter sie nicht einst haͤtten vertragen koͤnnen/ heraus striechen; in dem wie der Mittag dem kalten Saturnus/ der die Menschen tieffsinnig machte/ also der kalte Nord dem feurigen Kriegs-Gotte unter- worffen waͤre/ und durch die eusserliche Kaͤlte die innerliche Hitze beysammen hielte; kam die Roͤmer eine solche Furcht an: daß die Edlen aus allerhand Fuͤrwand/ und insonderheit/ weil der Roͤmische Rath den Krieg wieder die Deut- schen nie beliebt/ Ariovist nichts verbrochen haͤt- te/ und eines unrechten Krieges Ausschlag nichts als Verterben seyn koͤnte/ das Laͤger ver- liessen; die aus Noth oder Scham zuruͤck blei- benden aber sich weibischer Thraͤnen nicht ent- halten konten/ und ihren letzten Willen versie- gelten; die vernuͤnfftigsten ihre Zagheit mit der gefaͤhrlichen Reise/ dicken Waͤldern/ und Ab- gang der Lebens-Mittel verkleideten; ja end- lich die zitternden Kriegs-Knechte ihren Obern nicht mehr gehorsamten. Ob nun wol Caͤsar durch allerhand Schein/ und fuͤrnehmlich: daß der Rath ihm uͤber vier Legionen auf fuͤnff Jahr lang die Verwaltung anvertrauet; also wieder wen er zu kriegen fuͤr Recht und rathsam hielte/ heimgestellt/ Ariovist zwar noch keine thaͤtliche Feindschafft wieder Rom veruͤbt; aber/ wie aus seiner verweigeꝛten Unterꝛedung leicht zu schluͤs- sen waͤre/ Gall und Gifft im Hertzen gekocht/ und durch sein Mißtrauen seine Beleidigung erkennet/ ja durch sein blosses Aussenbleiben ei- nen Roͤmischen Feldherꝛn zu sehr beschimpfft/ und Rom beleidiget haͤtte/ sein Beginnen zu rechtfertigen; seinem Heere aber dadurch ein Hertz einzureden versuchte: daß die von ihnen uͤberwundenen Helvetier mehrmahls denen A- lemaͤnnern ob gesiegt haͤtten; die Gallier aber bey der Stadt Amagetrobia von dem lange eingeschlossenen und bey nahe zur Verzweife- lung gebrachten Ariovist mehr durch Arglist als Erster Theil. K k k k k k Tapfer- Siebendes Buch Tapfferkeit geschlagen worden waͤren; seine Unterthanen ihm wegen seiner Grausamkeit gram/ die Nachbarn wegen besagter Unterdruͤ- ckung heimlich feind/ die Deutschen im fechten grossen theils nackt/ die Roͤmer gewaffnet waͤ- ren; jene im Grimm/ diese mit Vernunfft ihren Feind antasteten/ und ihre grosse Leiber zu Em- pfahung/ der Roͤmer geschickte Glieder aber zu Beybringung der Wunden geschickter waͤren; so hoͤrten sie ihn doch mit tauben Ohren/ und gefrornem Hertzen; also: daß er theils die/ auff welche er ein so grosses Vertrauen setzte/ zu großmuͤthiger Entschluͤssung mehr entzuͤndete/ theils die als fuꝛchtsam ihnen nachgesetzten duꝛch Scham zu Leistung ihrer Pflicht braͤchte/ sich verlauten ließ: Er wolte mit der einigen zehen- den Legion Ariovisten die Stirne bieten/ und entweder den Sieg erwerben/ oder das Leben einbißen. Alles dieses aber haͤtte nicht vermocht denen/ die schon ein Hasen-Hertzim Busem hat- ten/ Bezeugungen der Loͤwen einzureden; weñ nicht der Verraͤther seines Vaterlandes Divi- tiak mit zwoͤlff tausend Bojen/ Liscus mit so viel Heduern/ Divico mit zwantzig tausend Helve- tiern/ welchen die Alemaͤnner in ihrem Vater- lande keinen Sitz hatten einraͤumen wollen/ Cavarin mit dreyßig tausend Leuzern/ Lingo- nen und Semnonern Caͤsarn zu Huͤlffe kom- men waͤren; ja auch Divitiak ihn versichert haͤtte: daß er einen der fuͤrnehmsten Kriegs- Obersten des Koͤnigs Ariovists durch die Liebe seiner Tochter derogestalt gefaͤsselt haͤtte: daß er wieder sie kein Glied regen/ ja ihnen vielmehr selbst den Sieg in die Haͤnde spielen wuͤrde. So waͤre auch Ariovistens eigener Bruder A- dolf in die gefangene Tochter Orgetorichs Theudelinda so sehr verliebet: daß er sie zu ei- nem bequemen Werckzeuge seines Sieges ge- brauchen koͤnte. Uber diß waͤren ihm in diesen Laͤndern/ ja in den tieffsten Wildnuͤßen alle Fußsteige und Loͤcher so bekandt: daß ihnen leicht niemand unversehens uͤber den Hals kom- men koͤnte. Mit dieser versammleten Macht ruͤckte Caͤsar/ Divitiaks Wegweisung nach/ A- riovisten entgegen; welcher den siebenden Tag bey Naͤherung beyder Heere Caͤsarn wissen ließ: Er waͤre nun dar/ entweder durch Unterredung den Frieden zu unterhalten/ oder durch den Degen den unrechtmaͤßigen Einfall abzuleh- nen. Caͤsar/ ob er wol keine Eintracht/ sondern alleine den Krieg im Schilde fuͤhrte/ beliebte in der Mitte beyder Heere auf einem in einer Flaͤche liegenden Huͤgel eine Zusammenkunfft/ Ariovist nahm um keinem dem andern an Treu und Tapfferkeit nachzusetzen/ zu seiner Versi- cherung zehn aus so viel ihm gehorchenden Voͤl- ckern erlesene Ritter/ Caͤsar aber so viel Roͤmer/ die er alle aus der zehenden Legion auslaaß und zu Pferde setzte/ zu sich; er stellte aber aus Miß- trauen zwey hundert Schritte hinter einen Huͤ- gel selbige gantze Legion. Wie nun Caͤsar bey der Zusammenkunfft sich zwar uͤber der herꝛli- chen Gestalt Ariovistens verwunderte; Gleich- wol aber seinen vorigen Anmuthungen etwas abzunehmen ihm verkleinerlich hielt; hingegen Koͤnig Ariovist sich auf seine Hoheit und Recht/ und daß er die ihn daselbst zum ersten mit Kriege antastenden Gallier durchs Kriegs-Recht be- zwungen/ theils die ihn zum Schutzherꝛn frey- willig erkiesenden sich ihm unterwoꝛffen haͤtten/ gruͤndete. Dahero er seine Unterthanen so wenig/ als die Roͤmer die nur unter ihren Schirm genommenen/ ihm koͤnte abspenstig machen lassen. Waͤren die Heduer der Roͤmer Bundsgenossen gewest; haͤtten sie selbte von seiner Beleidigung abhalten sollen; und waͤre ihm nicht unbekandt: daß selbiger Bund mehr in Worten als Wercken bestanden/ beyde Voͤl- cker auch ihre Freundsch afft vielmahl an Nagel gehenckt haͤtten. Es waͤre genung: daß er der Roͤmer den Heduern heimlich geleistete Huͤlffe fuͤr keinen Friedens-Bruch auffgenommen; al- so koͤnte er ohne seine Verkleinerung mehr Un- recht nicht verschmertzen; und da Caͤsar nicht sein Arminius und Thußnelda. sein Gebiete raͤumte/ ihm anders nicht als ei- nem Feinde begegnen; mit dessen Blute er in Rom viel Freundschafften erwerben und besie- geln wuͤrde. Welche Stadt ohne diß mehr seine nicht buͤrgerliche Gewalt einzuziehen/ als auf Erweiterung des Reiches vorzusinnen haͤt- te/ und wol verstuͤnde: daß durch Vergroͤsserung ein Reich nicht allezeit maͤchtiger/ sondern wie ein Schiff durch uͤbermaͤßige Groͤsse unbeweg- lich wuͤrde; und was man nicht umarmen koͤn- te/ schwer zu behalten waͤre. Aber Caͤsar hat- te hierzu taube Ohren/ und verfiel in die seltza- men Gedancken: daß weil Quintus Fabius lange fuͤr Ariovisten den Arverner und Rute- ner Koͤnig Bituit geschlagen haͤtte; waͤre den Roͤmern fuͤr ihm ein Vorrecht uͤber Gallien zugewachsen. Daher beyde mit groͤsserm Eyver von sammen schieden; und der Fuͤrwand des Friedens sich in offenbaren Krieg erledigte. Gleichwol aber trauete Caͤsar ihm nicht zu son- der Arglist mit Ariovisten anzubinden; sondern schickte auf Einrathen Divitiaks einen Fuͤrsten des Narbonischen Galliens Cajus Valerius Procillus/ dessen Vater Cajus Valerius Ca- bur wegen Verkauffung seines Vaterlandes vom Cajus Valerius Flaccus das Roͤmische Buͤrger-Recht erworben hatte/ und den Mar- cus Mettius/ welchem an Ariovistens Hofe grosse Ehre wiederfahren/ und der gleichsam fuͤr einen vom Hause gehalten worden war/ an Ariovisten ab/ zwar unter dem Vorwand einen Vertrag zu versuchen/ in Wahrheit aber Si- walden durch Divitiaks Schreiben/ darinnen er ihm fuͤr Verrathung seines Herꝛen und Koͤ- niges seine Tochter zur Eh und Belohnung versprach; des Koͤnigs eigenen Bruder A- dolff aber/ durch Anreitzung Theudelindens/ Orgetorichs Tochter; welche um ihren Vater aus der Dienstbarkeit zu erretten/ in des geilen Julius Willen hatte willigen muͤssen/ zur Un- treue zu verleiten. Denn nach dem die Laster wie Ketten an einander haͤngen; oder ein boß- haffter Mensch/ der einmahl in Fall gerathen/ sich selbst nicht mehr hemmen kan; so verlernete Theudelinde nach verl o hrner Keuschheit auch alle andere Tugenden; schrieb also dem Fuͤrsten Adolff: Er solte nunmehr die Betheurung sei- ner unverfaͤlschten Liebe im Wercke bezeugen; und nach dem zeither Ariovist der einige Ver- hinderer ihrer Vergnuͤgung gewest waͤre/ de- nen Roͤmern den Sieg helffen zuspielen; als unter welcher Schatten sie ihrer suͤssen Liebe nicht ohne Glantz der Ehre wuͤrden genuͤßen koͤnnen. Also ist die Geilheit eine rechte Zau- bergerthe der Circe/ welche die Menschen in grausamste Raub-Thiere verwandelt; und die Pforte zum Pfule aller andern Lasteꝛ. Procillus und Mettius brachten den Heerfuͤhrer Siwald durch seine blinde Liebe leicht in das Garn der Verꝛaͤtherey; zu dem Fuͤrsten Adolff aber lieff ein Helvetier uͤber/ und berichtete ihn: daß Caͤ- sar mit der in Manns-Tracht dem Laͤger fol- genden Lisanue in einem Zelt schlieffe/ sich in ei- ner Saͤnffte tragen ließe/ und beyde wie Mann und Weib zusammen lebten. Uber diß haͤtte er von einem Phoͤnicischen Kauffmann zu Maßilien fuͤr zwoͤlff tausend Sestertier zwey Schnuren Perlen gekaufft/ derer eine er der Servilia seiner heimlichen Buhlschafft nach Rom geschickt/ die andere Theudelinden vereh- ret. Wie nun Procillus auch dem Fuͤrsten A- dolff an Puls fuͤhlete/ und bald von Lisanuen/ bald von der Guͤtigkeit Caͤsars/ von Gluͤckse- ligkeit der Roͤmischen Bundgenossen/ viel zu sa- gen wuste/ der schlaue Adolff aber die Hefftig- keit seiner Liebe/ die Haͤrte seines Bruders A- riovistens gegen ihm beruͤhrte/ um den Procil- lus desto mehr auszuholen/ uͤberreichte er ihm ein Schreiben von Theudelinden; und nach dem dieser es ohne einige Veraͤnderung des Gesichtes schier durchlesen hatte/ brach er un- vernuͤnfftig heraus: Caͤsar waͤre entschlossen ihn zum Koͤnige uͤber die Alemaͤnner zu machen; da er ihm zum Siege wieder Ariovisten verhelf- K k k k k k 2 fen Siebendes Buch fen wuͤrde. Hiermit konte sich Adolff laͤnger nicht enthalten; sondern redete den Procillus mit ernsthaffter Gebehrdung an: Verraͤther! ist es nicht genung: daß du und dein Vater dein Vaterland verkaufft? giebstu noch einen Kupler des Hurenbalgs Theudelindens ab? Meinestu: daß Caͤsars Kebs-Weib einem deut- schen Fuͤrsten zur Gemahlin wol tauge? und trauestu dir wol zu mich nicht nur zum Verraͤ- ther Deutschlandes/ sondern auch zum Bruder- Moͤrder zu machen? Adolff befahl auch alsbald den Procillus in Hafft zu nehmen/ gieng zum Koͤnige/ erzehlte ihm des Procillus Anmuthen/ und bestaͤrckte es durch das Schreiben Theu- delindens; in welchem sie Adolffen fuͤrmahlete: daß sie ohne Ariovistens Unter gang ihrer Liebe nicht genuͤssen; mit selbtem aber er zugleich den Alemannischen Reichs-Stab in die Hand be- kommen koͤnte. Ariovist ward hieruͤber so er- bittert: daß er den Procillus und Mettius in Band und Eisen schlagen; ihre Bedienten a- ber in das Roͤmische Laͤger sicher bringen ließ- Ob nun wol Caͤsar durch einen andern Gesand- ten solches fuͤr eine Verletzung des Voͤlcker- Rechts/ welches die Gesandten fuͤr heilig und unversehrlich hielte/ auffnahm/ und mit Dreu- en ihre Erledigung suchte; so antwortete doch Ariovist: das Recht seiner selbst eigenen Be- schirmung wieder Verraͤther und Meuchel- Moͤrder waͤre viel aͤlter/ als die Freyheit der Gesandten; darunter diese nicht waͤre: daß sie ohne Gefahr den Untergang eines Fuͤrsten su- chen moͤchten; zu welchem sie sich unter dem Schein angezielter Friedenshandlung einspie- leten. Auskundschaffer und Verraͤther hoͤr- ten den Augenblick/ als sie wieder das natuͤrli- che Recht etwas anfiengen/ auf Gesandten zu seyn. Und da das Voͤlcker-Recht erlaubte wie- der die Feinde eigene Rache auszuuͤben; lieffe wieder die Vernunfft: daß man einem wieder die viel aͤrgeren Verraͤther und Meuchelmoͤr- der die Gewalt Urthel und Recht zu hegen/ be- nehmen wolte. Ariovist brach auch noch selbige n Tag auf; und schlug sein Laͤger zwey tausend Schritte unter einem Berge neben dem Flus- se Alduadubis/ wo er sich mit dem Allius ver- einbart; zwey tausend Schritte hinter Caͤsars zwey verschantzten Laͤgern; umb ihm die von denen Sequanern und Heduern zukommende Lebens-Mittel abzuschneiden. Aus welcher Ursache/ und weil seine. Wahrsagerinnen ihm wiederriethen: daß er fuͤr dem neuen Monden nach Art der Spartaner/ welche nicht fuͤr dem Voll-Monden ihr Heer ins Feld fuͤhrten/ mit dem Feinde nicht schlagen wolte/ er denn fuͤnff Tage sein Heer innen hielt/ nur aber taͤglich durch die tapfferen Ritter Baden/ Artenberg und Fryburg mit sechs tausend außerlesenen Reutern/ und so viel hinten auff die Pferde ge- nommenen Fuß-Kneꝛhten/ welche beym An- fall von Pferden sprungen/ und zu Fuße ihren Feind antasteten; hierauff/ wenn es noͤthig schien/ sich wieder auff die Pferde schwungen/ oder auch sich mit einer Hand an den Meyn der Pferde anhielten/ und selbten gleiche lieffen/ den Roͤmern und Galliern grossen Schaden zufuͤgte/ und daher den wegen verhinderter Zu- fuhre bekuͤmmerten Caͤsar noͤthigte; daß er et- liche Tage nach einander sein Heer/ wiewol ver- gebens/ in Schlacht-Ordnung stellte/ auch ei- nes seiner Laͤger zuruͤcke fortruͤcken muste. Wie nun den siebenden Tag Caͤsar gegen den Abend sein Heer wieder in die Laͤger fuͤhrte/ fiel Her- tzog Adolff/ die Grafen Habspurg/ Kyburg/ E- bersberg/ Solms und Falckenstein mit dreys- sig tausend Mann das kleinere Laͤger der Roͤ- mer/ in welcher zwey Legionen und zwantzig tausend Gallier unter dem Divitiak waren/ so grimmig an: daß nach Erlegung beyder Roͤ- mischen Obersten und Verwundung Diviti- aks/ wenn nicht der verraͤtherische Siwald mit Fleiß die zehende Legion mit sechs tausend Lin- gonen haͤtte durch/ und in das bestuͤrmte Laͤger kommen lassen/ selbtes unzweiffelbar erobert worden Arminius und Thußnelda. worden waͤre. Wie aber Caͤfar mit diesen maͤch- tigen Entsatz selbst dahin kam/ muste Fuͤrst A- dolff mit seinen durch langes Stuͤrmen abge- matteten Kriegs-Leuten sich nur zuruͤcke zie- hen/ und das schon eroberte eine Thor mit gros- sem Unwillen verlassen. Caͤsar/ welcher wol sahe: daß nichts/ als eine Schlacht die Roͤmer aus so grosser Gefahr erretten koͤnte; auch be- sorgte: daß aus Siwalds Versehen endlich die Verraͤtherey gemuthmast werden doͤrffte/ fuͤhr- te den dritten Tag sein Kriegs-Heer in einer dreyfachen Schlacht-Ordnung biß unter das deutsche Laͤger; welches den von vorigen gluͤck- lichen Streichen allzuvermessenen Koͤnig A- riovist/ ungeachtet es Hertzog Adolff und ande- re Fuͤrsten beweglich wiederriethen/ und die Wahrsagerinnen ihnen hieruͤber die Haare ausraufften/ also das Kriegs-Volck wegen an- gedeuteten Ungluͤcks nicht wenig bestuͤꝛtzt mach- ten/ bewegte: daß er sein Heer zur Schlacht aus dem Laͤger fuͤhrte. Jn die Mitte stellte er die Marckmaͤnner/ und die von dem Fich- telberge biß an die Donau wohnenden Haru- der unter dem Grafen Salm des Tongrischen Hertzog Kolengs Brudern/ der Ariovistens Tochter Klotilde zur Eh hatte; welchem/ als Kriegs-Obersten/ die Grafen Habspurg/ E- berstein/ Sultz/ Leuchtenberg und Nellenburg an der Hand stunden. Jn rechten Fluͤgel ka- men zu stehen/ die zwischen dem Kocher/ Necker und dem Meyn angesessenen Seduscer/ und acht tausend Catten/ unter den Grafen Loͤwen- berg/ Lupf/ Sultzbach/ Dagsberg und Zerin- gen; in lincken die uͤber dem Rheine wohnen- den Tribozer/ Vangionen und Nemeter/ un- ter den Grafen Pfyrt/ Brigantz/ Arberg/ Eich- heim/ Dockenburg und Rangweil. Bey iedem Hauffen waren zehn tausend Alemaͤnner. Den ersten fuͤhrte Ariovist/ und der Herudische Lehns-Fuͤrst Gundomar; den andern Hertzog Adolff/ und ein Cattischer Fuͤrst Erpach/ des- sen Schwester Ariovist zur Eh hatte; den drit- ten Siwald und Dornberg/ Ariovistens Ober- ster Stallmeister. Hinter das Kriegs-Heer machte er eine Wagenburg/ in der alles Geraͤ- the und Frauen-Zimmer/ welches mit gefalte- nen Haͤnden das Kriegs-Volck ersuchte: Es moͤchte sie nicht in Roͤmische Dienstbarkeit ver- fallen lassen/ verwahret/ auch zugleich die Ge- legenheit auszureissen verschraͤnckt ward. Da- selbst standen noch zehn tausend Alemaͤnner un- ter Ariovistens Schwester Sohne dem Fuͤrsten Teck/ welcher den Tecktosagen zu gebieten hat- te/ zum Hinterhalt. Auff der Roͤmischen Sei- ten hatte hingegen Caͤsar mit allem Fleiße sich gegen den lincken Fluͤgel und den Verraͤther Siwald/ den Labienus Divitiak und der Lin- gonen Hertzog dem Koͤnige Ariovist/ Hertzog Adolfen/ den Cotta/ Decimus Brutus/ und der Leutzer Fuͤrsten entgegen gestellet/ dem Publius Craßus aber die Reuterey anver- traut. Die Schlacht fieng mit groͤster Ver- bitterung beyder Theile an/ und dauerte mit fast verzweiffelter Hartnaͤckigkeit drey Stun- den lang/ sonder ein oder des andern Theiles Vortheil. Denn ob wol die voran gestellten Gallier dort und dar in Unordnung gebracht wurden; so verhinderten doch die hinter ihnen stehenden Roͤmer ihre Flucht/ und traten mit grosser Hertzhafftigkeit in die Luͤcke. Hinge- gen/ ob wol Siwald durch allerhand wiedrige Anordnungen die Seinigen irre machte; so er- setzte doch Dornbergs Tapfferkeit und kluge Anstalt seines Fuͤhrers Gebrechen; oder viel- mehr Boßheit. Hierauff aber brach Her- tzog Adolf mit seinem rechten Fluͤgel gegen den Cotta und Brutus so gewaltig ein: daß diese in gaͤntzliche Verwirrung geriethen. Denn ob wohl die Roͤmer durch eine Krie- ges-List diesem Fuͤrsten ein Bein unter- zuschlagen vermeinten; Da sie nehmlich einen starcken Juͤngling zu Pferde ge- setzt/ demselben des Fuͤrsten Orgetorichs Helm mit einem gekroͤnten See-Hunde hatten K k k k k k 3 auff- Siebendes Buch auffsetzen/ in den Schild aber ein Venus-Bild mahlen lassen/ welche mit einem Fusse auff ei- nen sich empor windenden Drachen/ mit dem andern auf eine Himmels-Kugel trat/ um wel- ches zu lesen war: Liebe ist staͤrcker als Neid und Ehrsucht; Da denn ieden Wor- tes erster Buchstabe mit Gold und groͤsser ge- mahlt war/ daß der Lisanue Nahmen so viel leichter ins Gesichte fallen koͤnte; so hatte doch bey ihm die Eyversucht gegen Caͤsarn alle Fun- cken der Liebe vertilget; und opfferte sein grim- miges Schwerdt die vermeinte Lisanue seiner grimmigen Rache auff. Cotta ward vom Gra- fen Kalb/ Brutus vom Luͤtzelstein verwundet; der Ritter Werdenberg/ Cilien und Leuningen eroberten drey Fahnen; ja der gantze Roͤmische lincke Fluͤgel ward biß an das grosse Laͤger ge- trieben. Ariovistus hatte in der Mitte schon auch durch den Grafen Hanau einen Roͤmi- schen Adler gewonnen/ und den von dem Ritter Sarwerden verwundeten Labienus so ins Ge- drange bracht: daß seine Ordnung auf allen Seiten zu wancken anfieng. So bald Siwald dieses inne ward/ befahl er: daß die Helffte sei- nes lincken Fluͤgels sich des Roͤmischen kleinern Laͤgers bemaͤchtigen/ und also dem bereit fluͤch- tigen Feinde die Entkommung uͤber den Strom Alduasdubis abschneiden solte. Er gab selbst dem Pferde die Sporne/ und enbloͤste den gantzen lincken Fluͤgel aller Reuterey. Und nach dem er sein Volck ohne Wiederstand in das mit Fleiß unbesetzte Roͤmische Laͤger zum Pluͤndern gebracht/ gieng er selbst mit etlich hundert Pferden zum Feinde uͤber. Also ward der hertzhaffte Dornberg vom Caͤsar umringet; uñ nachdem er nach empfangenen vielen Wun- den nebst den Rittern Rheinfeld/ Rappers- weil/ Verlingen/ Beutelsbach/ Susenberg/ Nidow/ Witgenstein/ Sonnenberg/ Veldentz und Jsenburg todt blieb/ der lincke deutsche Fluͤ- gel zertrennet. Bey dieser Gelegenheit kriegte Publius Craßus Lufft: daß er mit fuͤnff tau- send Reutern dem Cotta und Brutus zu Huͤlffe kam/ also den Roͤmischen lincken Fluͤgel nicht allein wieder zu Stande; sondern auch/ weil der verraͤtherische Siwald unter dem Scheine ihm zubringender Huͤlffe den tapffern Fuͤrsten Adolff mit einem Wurff-Spiesse toͤdtete/ und Erpach vom Craßus zu Boden gerennt ward/ die andern Kriegs-Obersten Dachau/ Egens- heim/ Zeringen/ Urach/ Waldburg/ Klin- genberg/ Burgdorf/ Braunfels/ Leuchtenberg und Wittelsbach nach hertzhaffter Gegenwehre auch umkamen/ diesen gantzen Fluͤgel in voller Verwirrung biß an die Wagenburg trieb. All- dieweil nun der Fuͤrst Teck/ die Grafen Andey/ Thaley/ Schyr/ Moßbach/ Rietenberg und Loͤwenstein mit ihren zum Hinterhalt gelassenẽ Alemaͤnnern dem deutschen lincken Fluͤgel wie- der Caͤsarn zu Huͤlffe kommen waren/ und also daselbst alles bloß stand/ ergriffen Ariovistens zwey Gemahlinnen/ nehmlich Hatta des Cat- tischen Hertzogs Arabar/ und Ermildis Koͤnig Vocions Tochter/ wie auch Klotilde Salms Gemahlin/ und Ariovistens seine zwey unver- maͤhlte Toͤchter Eunoͤe und Metha mit drey- tausend andern edlen Frauen die in der Wa- genburg zur Verwahrung gelassenen Waffen; fielen die dem fluͤchtigen rechten Fluͤgel in den Eisen liegende Roͤmer so verzweiffelt an: daß sie mit Huͤlffe derer herzu rennenden Ritter Randeck/ Abensberg/ Hitpoltstein/ Schaum- burg/ Orlemund/ und Honstein die Deutschen wieder zum Stande brachten/ und daselbst das Treffen noch zwey Stunden waͤhrte. Endlich aber wurden beyde Gemahlinnen Ariovistens durchstochen/ Metha von Pferden zertreten/ Eunoͤe/ welche fuͤr Muͤdigkeit den Degen nicht mehr halten konte/ wie auch nach Verlust drey- er Pferde der Hertzog Teck/ Graff Haßban/ Goͤrtz/ Waltey/ Simmern/ Bogen/ Kyrburg/ Spanheim/ Pfulendorff/ und Heiligenberg gefangen; und also beyde Fluͤgel zu weichen ge- zwungen/ Arminius und Thußnelda. zwungen/ iedoch Klotilde von ihrem sich fast verzweiffelt durchschlagenden Ehherꝛn geret- tet. Ariovist behielt nur noch seinen erstẽ Stand/ welcher mit eigener Hand zehn Gallier/ und darunter Divitiaks Sohn/ wie auch fuͤnff Roͤ- mer erlegt hatte. Weil aber er auf beyden Sei- ten bloß stand/ und Craßus auf einer/ Quintus Titurius Sabinus auf der andern Seiten mit der Reuterey einbrachen/ hierunter auch die Grafen Wertheim/ Zweybruͤck/ Lengfeld/ Ror/ Buͤburg/ Julbach/ Pleßenburg/ Sinß- heim/ Schildach/ Wandelburg/ Dilling/ Se- yn/ Keßelberg/ und Thierstein erlegt wurden/ beginnte die Schlacht-Ordnung nun auch zu zerreissen. Gleichwol aber wolte Ariovist lieber sterben als fliehen. Woruͤber er mit seinen hun- dert Alemaͤnnischen auff seinen Leib bestellten Grafen/ welche der Graf Fuͤrstenberg/ Hohen- loh/ Henneberg/ und Zimbern fuͤhrten/ deroge- stalt ins Gedrange: daß er eine halbe Stunde lang von seinem Heere gantz abgesondert fechten muste/ und vier Pferde verlohr/ die ihm Noth- hafft/ Werdenberg/ Wildenstein/ und Justin- gen vier tapfere Ritter mit Verlust ihres Lebens darreichten; Endlich aber brachen die Ritter Wolckenstein/ und Heydeck mit zwey tausend Pferden durch; und brachten/ iedoch mit Ver- lust der Ritter Beilstein/ Ranßbergs/ Schwa- becks/ Achalms/ Druchburgs/ Mindelheims/ Weißenhorns/ Bitsches/ und vieler tapfferer Helden beyderseits den Koͤnig zu seinem wei- chenden Heere; welchem er ja endlich auff be- wegliches Zureden der Seinen die Wagenburg oͤffnen ließ/ und mit der itzt anbrechenden Nacht den Roͤmern wiewol ohne offenbare Flucht/ und mit stets gekehrtem Antlitze und beharrender Gegenwehr das Feld raͤumte/ und sich an das Vogesische Gebuͤrge gegen die Brunnen des Flusses Lugnon setzte; allwo er von seinem Hee- re funffzig tausend Mann/ ungeachtet die Roͤ- mer noch dreyßig darzu setzen/ mißte; am mei- sten aber seine zwey Gemahlinnen/ Toͤchter und Bruder beklagte/ und seinen Weg durch der Rauracker Aecker zuruͤck uͤber den Rhein setzte. Wiewol ihm nun die Roͤmische Reute- rey biß an selbigen Fluß folgte; geschahe es doch mehr zur Ruhmraͤthigkeit/ als daß sie Ariovi- sten in seinem Hertzen anzutasten entschlossen waren. Bey welchem Verfolg ein Marck- maͤnnischer Ritter mit hundert Pferden an ei- nem Furthe tausend Roͤmische Reuter drey Stunden lang aufhielt/ und von Ariovisten deßhalben den Zunahmen Wolfarthshausen; der Ritter aber/ der der Gallier fuͤrnehmstes Kriegs-Zeichen noch davon brachte/ den Zu- nahmen Rothfahn bekam. Die meisten geblie- benen Deutschen waren die/ welche auf Si- walds Verleitung das Roͤmische Laͤger pluͤn- derten/ und unter der Last ihrer Beute das Le- ben oder die Freyheit verlohren; wiewol sie sich noch grossen theils zu hunderten in einen Kreiß zusammen stellten/ mit ihren Schilden gleich- sam eine Mauer um sich machten/ und theils dem Feinde ihr Leben theuer verkaufften/ theils auch sich zu den ihrigen durch schlugen; und also auff Seiten der Roͤmer und Gallier nicht we- niger Todten als auf der Deutschen Seite zu zehlen waren. Daher auch Caͤsar/ und weil er vernahm: daß die zwey Cattischen Fuͤrsten Na- sua und Cimber mit hundert tausend Catten uͤ- ber den Rhein setzten und denen Roͤmern die Stirne bieten wolten/ nicht alleine mitten im Sommer sein abgemattetes Heer bey den Se- quanern zur Winter-Rast einlegte/ er aber am Po zwey neue Legionen/ und durch die in Gal- lien gewonnene Beute die Gemuͤther der Roͤ- mischen Buͤrger warb; sondern auch/ weil er vom Labienus vernahm: daß die Gallier des Roͤmischen Jochs schon uͤberdruͤßig waren; und insonderheit die im Belgischen Gallien woh- nenden Voͤlcker gegen so maͤchtige und ver- daͤchtige Nachbarn starcke Kriegs-Ruͤstung an- stellten/ und er derogestalt mit zweyen maͤchti- gen Feinden sich zu verwickeln nicht rath- sam Siebendes Buch sam hielt/ Ariovisten einen Frieden antragen ließ. Weil nun inzwischen der Cherusker Hertzog Aembrich mit der Catten Hertzoge Arabarn in Krieg gerathen war/ also nicht nur Fuͤrst Na- sua und Cimber mit ihrem Heere zuruͤck beruf- fen wurden; die Ubier denen Catten auch be- reit ins Land gefallen waren; uͤber diß Ariovist sahe: daß er in den einheimischen Krieg wuͤrde eingeflochten werden; hatte er wenig Beden- cken den angebotenen Frieden mit Caͤsarn auff die Bedingung zu schluͤssen: daß er alleine des Rechtes auff die Sequaner und Heduer sich verzeihen; alles uͤbrige/ was er in Gallien biß an das Vogesische Gebuͤrge gehabt/ behalten/ und die Gefangenen gegen einander ausge- wechselt werden solten. Alles ward auch voll- zogen; ausser: daß Caͤsar/ welcher alle Tage neue Buhlschafften suchte/ und mit dem ersten Anblicke sich in die gefangene Eunoͤe verliebt hatte/ sie in Jtalien vertuschte; welche er hernach durch tausend Erfindungen zu seiner Liebe be- wegte/ endlich sie dem Mauritanischen Koͤnige Bogud verheyrathete. Uber diß verneuerte Caͤsar mit Hertzog Aembrichen sein Buͤndnuͤß/ um den in Deutschland entglimmenden Buͤr- ger-Krieg so viel mehr zur Flamme zu bringen. Denen Heduern halff er wieder zu der alten Hoheit uͤber die Gallier; hingegen druͤckte er die Sequaner/ welche vorher jenen lange Zeit die Wage gehalten/ und endlich durch der Deutschen Huͤlffe den Meister gespielet hatten. Ob auch wol Fuͤrst Tasget die an der Ligeris ge- legene Stadt Genab und die darum wohnen- den Carnuter/ Procillus die Caducker/ Cinge- torich die Trevirer/ Comius die Atrebater/ Ol- lovico die Nitiobriger/ und mehr andere ihre Lands-Leute aus Ehrgeitz und Eigennutz zu der Roͤmischen Diensibarkeit verleiteten; so wurden doch allen andern Galliern die Rhemeꝛ fuͤr gezogen/ den Heduern fast gleiche geschaͤtzet; weil sie durch ihre drey Fuͤrsten den Jccius/ An- tebrog/ und Vertiscus bald nach Ariovistens Niederlage sich auf Treu und Glauben Caͤsarn untergaben; also: daß fast alle andere Celtische und Aquitanische Gallier/ die wegen alter Feindschafft mit den Heduern keine Gemein- schafft hatten/ nunmehr sich des Schirms der Rhemer bedienten. Jnzwischen kam zu Caͤsars mercklichem Vortheil in Deutschland die Kriegs-Flamme wieder zu Schwunge. Denn ob wol Aembrich nach uͤberwundenem Cattischen Hertzoge Ara- bar seine Feld-Hauptmannschafft uͤber die Qua- den befestigte; so waren doch seine allzugrossen Siege die Ursache ihm groͤsserer zuwachsenden Noͤthen. Er verliebte sich bey so wol gelun- genen Streichen in sein Gluͤcke: daß er weder seinem Uberwinden/ noch seiner Rache ein Ziel setzte; da doch das Gluͤcke niemahls weniger/ als bey Vermengung der Waffen die Farbe haͤlt. Wie nun derogestalt Hertzog Aembrich/ ungeachtet des Britannischen Koͤnigs Caßibel- lin/ ja selbst des Hermundurischen Fuͤrsten Bri- to beweglicher Vorschrifft/ unerbittlich war A- rabarn ein Theil seiner Laͤnder wieder einzu- raͤumen; ja er nicht allein auf der ihm Tag und Nacht in Ohren liegender Druyden unabsetzli- ches Anhalten ihnen alle vorhin gewiedmete Eichwaͤlder bey den Catten und Vangionen einraͤumete/ sondern auch eben diese dem Fuͤr- sten Brito/ welcher doch zu seinen Siegen ein grosses beygetragen hatte/ ansprach; die Bar- den und Eubagen aber allenthalben druͤckte und vertrieb; lud er deßwegen nicht allein des halben Deutschland Haß auf sich; sondern auch die/ welche denen Druyden beypflichteten/ und denen Catten keinen andern Fuͤrsten ihres Ge- bluͤtes fuͤrsetzen sahen/ fasten einen Argwohn: daß Aembrich uͤber gantz Deutschland eine un- verschraͤnckte Gewalt zu erlangen im Schilde fuͤhrte. Gleichwol aber hielt die Furcht fuͤr dem in Deutschland und Gallien so sieghafften U- berwinder alle Schwerdter in der Scheide; und Arminius und Thußnelda. und ihre Ungedult muste sich allein mit heimli- chen Seuffzern abkuͤhlen. Die Druyden wur- den hierbey uͤbermuͤthig/ und wuͤteten wieder die Barden und Eubagen mit Schwerdt und Feuer. Die Cheruskischen Befehlhaber ent- setzten nicht nur die/ welche Arabarn angehan- gen/ ihrer Stamm-Guͤter; sondern sie zaͤhle- ten auch die unter die Aufruͤhrer/ derer Ver- moͤgen sie in die Augen stach. Wiewol nun der Feld-Herꝛ Aembrich von diesen Bedraͤng- nuͤßen wenig wuste; so ward doch dem Fuͤrsten alle Schuld nicht anders/ als der verfinsterten Sonne Mißwachs und Kranckheiten zuge- schrieben. Jnsonderheit fiel die Beschwer wie- der Terbaln einen Marcomannischen Edel- mann/ welchem Hertzog Aembrich die gantze Kriegs-Macht mit der Gewalt Krieg zu fuͤh- ren/ Frieden und Buͤndnuͤße zu schluͤssen/ mit denen Uberwundenen nach eigner Willkuͤhr zu gebahren anvertrauet hatte. Denn die- ser maͤßigte sein Thun nicht nach den Schran- cken eines Dieners; sondern um den ihm an- vertrauten Kreiß eines Fuͤrsten zu erfuͤllen drehte er alles oberste zu unterste. Hertzog Zeno fieng an: Er hielte es fuͤr den groͤsten Fehler eines Fuͤrsten; wenn er einem Diener so Treu und Glauben-verdienet er gleich waͤ- re/ das Hefft seiner Herrschafft/ und diß/ was einen zum Fuͤrsten macht/ in die Hand gaͤbe. Denn/ nach dem die oberste Gewalt so wenig unvermindert in zweyen Haͤuptern/ als die Er- leuchtung der Welt in zweyen Sonnen beste- hen koͤnte/ machte ein solcher Fuͤrst sich zum Leibeigenen seines Knechtes. Dieser aber zuͤ- ge die Gemuͤther der Unterthanen an sich/ ver- steckte fuͤr dem Fuͤrsten alle Reichs-Geschaͤff- te; und brauchte sich desselbten nur als eines Schattens; welcher seinen Glantz mehr sicht- bar machte. Unter dem Scheine suͤsser Ruh sperrete er ihn in den Kercker der Ziergaͤrte ein; und kein Mensch doͤrffte sich erkuͤhnen bey ihm Verhoͤr zu suchen/ kein anderer Die- ner ihn einiges Jrrthums zu erinnern. Frem- de Gesandten verehreten taͤglich die Thuͤr- Schwelle eines so maͤchtigen Knechtes; und vergaͤssen dabey dem Koͤniglichen Stule die geringste Ehrerbietung zu erzeigen. Der Fuͤrst verliebte sich selbst so unmaͤßig in diesen unaͤchtigen Fuͤrsten; wie ein geiler Ehmann in sein Kebs-Weib. Da doch dieser/ ie groͤs- ser und staͤrcker er wird/ seine Zuneigung vom Fuͤrsten/ wie der erstarrende Eppich die Aeste von dem Stamme/ daran er sich bey sei- ner Schwaͤche gehalten/ abzeucht/ entweder aus Beysorge: daß sein annahender Fall ihn nicht zu Bodem reisse; oder aus Haß: weil er durch uͤbermaͤßige Wolthaten sein Feind worden. Und daher ihn anfangs bey sei- nem Volcke vergaͤllet; hernach wohl gar den Degen gegen ihm gezuͤcket. Diesemnach denn ein Fuͤrst auch die blossen Eitelkeiten/ welche ihm zugeeignet waͤren/ mit seinem Diener nicht gemein machen solte. Denn der Fuͤrsten Ehre wuͤrde nichts minder durch glei- che Ehrerbietung der Heuchler; als das gros- se Auge der Welt durch aus lauter Duͤnsten bestehende Neben-Sonnen verstellet. Fuͤrst Malovend gab dem Zeno alsofort Beyfall; und erzehlte ferner: Der Unwillen erwuchs hieruͤber nicht nur bey dem gedruͤckten Adel/ sondern auch bey dem unbesonnenen Poͤfel/ welcher weder kuͤnftige Gefahr wahrnim̃t/ noch seine Gemuͤths-Regungen lange veꝛbeꝛgen kan; also: daß solche alsofort in einen Auffstand aus- schlugen. Wiewol nun dieseꝛ ohne ein taugliches Haupt erregte Schwarm zeitlich gedaͤmpfft ward; so war doch denẽ Haͤuptern Deutschlands ihr Argwohn uñ Mißgunst gegen den Feldherꝛn Aembrich nicht zu benehmen; sonderlich: da des Koͤnigs Ariovist/ des Hermundurischen und Longobardischen Hertzogs bewegliche Bitte fuͤr ihren vertriebenen Vetter Arabar so gar nichts Erster Theil. L l l l l l fruchte- Siebendes Buch fruchtete/ sondern seine Laͤnder und Wuͤrden der Ubier Hertzoge eingeraͤumet wurden. Die zwey uͤber gangenen Cattischen Fuͤrsten Nasua und Cimber zohen Hertzog Aembrichs Begin- nen nicht fuͤr eine Bestraffung des Fuͤrsten A- rabar/ sondern fuͤr eine gaͤntzliche Unterdru- ckung des Cattischen Hauses an/ welches ieder- zeit mit dem Cheruskischen um das Alterthum und die Hoheit gestritten haͤtte. Und weil sie so viel truͤbe Wolcken sich gegen den Feldherꝛn Aembrich zusammen ziehen sahen/ wurden sie schluͤßig ihnen mit dem Degen Recht zu ver- helffen/ und das Cattische Hauß in den alten Glantz zu erheben. Sie hatten zeither dem Spiele in Deutschland mehr zugesehen/ als sich eingemischt/ und die unter ihren Fahnen ste- henden Catten zu dem bestim̃ten Einbruche in Gallien fertig gehalten. Nunmehr aber schlu- gen sie loß/ und brachen in Hoffnung der Che- rusker Macht zu zertheilen und so viel mehr Anhang zu bekommen/ an zweyen Orten in des Hertzogen Aembrichs Gebiete ein. Caßibel- lin der Britannier Hertzog sammlete auch ein maͤchtiges Heer/ um selbtes an der Emse dem Hertzoge Arabar seinem Eydame zu Dienste wieder die Cherusker auszusetzen. Es verliebte sich aber des Koͤnigs Sohn Segonach zu Her- tzog Aembrichs grossem Gluͤcke in seines Bru- ders/ des Eburonischen Hertzogs/ Cativulck Tochter; welcher denn/ wie wenig Zuneigung er gleich zum Fuͤrsten Segonach trug; ihn mit langweiligen Heyraths-Bedingungen auf- und also den Einfall in Deutschland zuruͤck hielt; endlich aber/ als Caßibellin die Wiedereinse- tzung seines Eydams Arabars bey denen Cat- ten mit einzuschluͤssen verlangte/ des Fuͤrsten Heyraths-Unterhandlung auf einmahl ab- brach. Weil nun derogestalt Nasua und Cim- ber auf beyden Seiten bloß standen/ hingegen Hertzog Aembrich den Nasua/ der Ubier Her- tzog Cimbern mit grosser Krieges-Macht auff den Halß drungen; musten sie nach ziemlichem Verlust unverrichteter Sachẽ zuꝛuͤcke weichen. Koͤnig Caßibellin in Britannien/ und Fried- lev/ der Cimbern Hertzog/ verbanden sich hier- auf zwar wieder Aembrichen auffs neue; jener/ weil er durch den Cattivulck sich und seinen Sohn geaͤffet zu seyn klagte; dieser/ weil Go- tar der Svioner Koͤnig wieder die Hirren und Estier seine Kriegs-Macht uͤbergeschifft hatte. Alleine der Feldherr verband ihm den Hertzog der Chautzen/ welche des Caßibellins Anlen- dung mit tapfferer Gegenwehr verhinderten; und nach dem er theils durch Sturm/ theils durch Unerfahrenheit der Schiffs-Leute/ wel- che mit vielen Schiffen auf den Chauzischen Sandbaͤncken bey der Epp sitzen blieben/ einen grossen Schaden gelitten/ unverrichteteꝛ Sache zuruͤck segeln muste. Der tapffere Koͤnig Fried- lev nahm zwar oͤffentlich nicht die Sache des Fuͤrsten Arabars auf sich; weil die meisten Fuͤr- sten Deutschlands endlich seine Verstossung ge- billiget hatten; sondern er beschwerte sich allei- ne: daß Aembrich Sarmatische Huͤlffs-Voͤl- cker in Deutschland gefuͤhret; und ungeachtet sich wieder ihn kein Feind sehen liesse; Arabar/ Nasua und Cimber auch aus Deutschland ver- trieben waͤren/ er dennoch seiner befreundeten Fuͤrsten der Varinen Angeln/ Cavionen/ Cha- maver und Angrivarier Laͤnder mit schweren Besatzungen plagte; derer Treue gegen das Cheruskische Hauß keine solche Buͤrde/ ihr Nothstand aber sein Mitleiden verdiente. Wie nun Aembrich als Feldherꝛ ihm in Deutschland in dem/ was er zu Versicherung des Reichs an- gezielt meinte/ nichts vorschreiben lassen/ also die Besatzungen nicht abfuͤhren wolte/ kam es zu oͤffentlichem Kriege. Alleine das Verhaͤng- nuͤß/ oder die aberglaͤubische Ausdeutung zufaͤl- liger Dinge wahrsagte dem hertzhafften Fried- lev einen traurigen Ausgang des Krieges; in dem er mit seinem Pferde des Nachts in einen tieffen Graben stuͤrtzte; darinnen das Pferd um/ er aber allererst nach zweyen Tagen wieder zu seinem Arminius und Thußnelda. seinem Verstande und Sprache kam. Denn ob wol das leichtglaͤubige Volck zufaͤllige und natuͤrliche Begebenheiten ins gemein fuͤr nach- denckliche Zeichen annimmt; gleich als wenn Fuͤrsten nicht allein uͤber den Staub des gemei- nen Volckes/ sondern auch uͤber Zufaͤlle und Schwachheiten erhoben waͤren; so ist doch nicht gaͤntzlich zu verwerffen: daß die goͤttliche Fuͤr- sorge mehrmahls die Menschen durch unge- meine Begebenheiten fuͤr Schaden warnige/ und zur Vorsicht aufmuntere. Der Ausgang machte dieses mahl die Auslegung wahr. Denn der sonst so kluge Friedlev hatte in diesem Kriege weder Stern noch Gluͤcke. Die vernuͤnfftig- sten Rathschlaͤge giengen den Krebsgang; und denen hurtigsten Entschluͤssungen hieb die Na- tur oder ein Zufall einen Span ein. Gleichen Unstern hatten auch die zwey Cattischen Fuͤrsten Nasua und Cimber; welche bey dieser Gele- genheit mit zweyen neuen Heeren in Deutsch- land einbrachen. Nasua ward von Terbaln einem Marckmaͤnnischen Edelmanne/ dem Aembrich seiner Kriegs-Wissenschafft halber eines seiner Krieges-Heere anvertrauet hatte/ als er uͤber die Elbe zu den Marsingen und O- sen dringen/ und von dem Koͤnige der Dacier Decebaln Huͤlffe an sich ziehen wolte/ geschla- gen. Wiewol er sich gleichwol wieder erholte/ und biß zu denen Jazygen durchbrach/ allwo der ihm nachfolgende Terbal durch Hunger und Kranckheiten sein gantzes Heer/ Nasua a- ber sein Leben einbuͤste. Der kuͤhne Fuͤrst Cim- ber/ nach dem er die Cherusker durch oͤfftere Einfaͤlle abgemattet hatte/ kam auch fruͤh zeitig durch eine gifftige Seuche ins Grab. Koͤnig Friedlev aber verfiel mit dem Feldherrn Aem- brich unter dem Semannischen Walde in eine blutige Schlacht/ in welcher die Cherusker zweymahl zum Weichen gedrungen wurden/ gleichwol aber endlich durch die Tapfferkeit ih- res Fuͤrsten den Sieg erhielten. Diesem Ver- luste folgte eine neue Niederlage der bey den Lygiern eingesessenen Cimbern/ welche Ter- bal so gar uͤber die Peucinischen Graͤntzen ver- folgte; Der Cimbrische Koͤnig aber ward von dreyen maͤchtigen Heeren des Aembrichs in die Graͤntzen seines Gebietes zwischen den grossen und Codanischen Meere getrieben; allwo der Donner zu einem neuen Schrecken seiner drey und zwantzig Vorfahren auffgerichtete Ge- daͤchtnuͤß-Saͤulen auf den Bodem warff und zerschmetterte. Welcher Zufall nicht wenig zu einem Frieden zwischen den Cheruskern und Cimbern halff; durch welchen Aembrich sich nichts minder in der Welt in grosses Ansehen; als in Deutschland seine Macht auf festen Fuß setzte. Der Rauch von dieser Krieges-Flamme ver- duͤsterte die Augen der Deutschen derogestalt: daß sie nicht sahen/ was mit denen Roͤmern in Gallien ihnen fuͤr eine gefaͤhrliche Nachbar- schafft zuhieng; und was uͤber ihre Lands-Leu- te im Belgischen Gallien fuͤr ein Gewitter auf- zoh. Denn die Belgen/ welche meist alle aus Deutschland dahin kommen waren/ und die al- ten Gallier vertrieben hatten/ sahen wol: daß der herꝛschsuͤchtige Caͤsar nach uͤberwundenen Galliern auch sie antasten wuͤrde; zumahl er uͤber vorige sechs/ noch zwey Legionen in dem nunmehr willig dienenden Gallien werben/ und aus denen uͤberwundenen Gallieꝛn die hur- tigsten Juͤnglinge zu Huͤlffs-Voͤlckern ausmu- stern und unterstecken ließ. Boduognat der tapffern Nervier Hertzog am Flusse Sabis/ welcher wie die Catten und nach dem Beyspiele der Locrenser/ und dem Gesetze ihres Zalevcus in sein Gebiete keinen fremden Kauffmann/ we- niger Wein/ Gewuͤrtze/ Balsam/ oder einige zur Uppigkeit dienende Wahren kommen ließ/ und der mit dem deutschen Uhrsprunge auch die Liebe der Feꝛyheit behielt/ waꝛ der eꝛste/ der nicht allein auf allen Fall sich in Kriegs-Verfassung stellte; sondern auch den Hertzog der Bellova- ken/ welche von ihren alten Bundsverwandten L l l l l l 2 den Siebendes Buch den Heduern sich in Roͤmischen Schutz zu geben beredet werden wolten/ und den Hertzog Gal- ba der Svessoner/ welche die Rhemer zu gleich- maͤßiger Dienstbarkeit zu verleiten vermeinten/ wieder auf bessere Gedancken und zu einem ge- meinen Buͤndnuͤße fuͤr die Freyheit brachte. Diese uñ kein andeꝛ Absehen veꝛknuͤpfte alle ein- ander vormals oft wiedrige zwischen der Maaß und dem Rheine wohnenden Deutschen/ nem- lich die Condruser/ Eburoner/ Cereser und Paͤ- maner/ wie auch die Mornier/ Atrebaler/ Am- bianer/ Menapier/ Caleter/ Velocasser und Veromanduer. Denn die guͤldne Freyheit ist nir gends/ als in Deutschland zu Hause; bey andern Voͤlckern reiset sie nur durch/ oder wo sie nicht gar eine Fremdlingin ist/ verkleidet sich die Dienstbarkeit nur in ihren Rock. Daher war auch niemand/ dersich anderes Absehen o- der Vortheil von Beschirmung dieses herrli- chen Kleinodes abhalten ließ; weil sie wol wu- sten: daß selbtes nach einmahligem Verluste so wenig als die Jungfrauschafft wiederbringlich waͤre. Diese zu ihrer Sicherheit angesehene Vereinigung verriethen die Senoner Caͤsarn/ und der Rhemer zwey Fuͤrsten Jecius und An- tebrog; machten ihm die Uberwindung der Deutschen/ welche ohne diß diese Laͤnder mit Unrecht besaͤssen/ gantzleichte; also: daß er die blosse Beysorge eines Uberfalls fuͤr eine erheb- liche Ursache hielt die Belgen zu bekriegen. Di- vitiak gieng mit viertzig tausend Heduern und Galliern uͤber die Seene/ und verheerte mit Feuer und Schwerdt der Bellovaker Gebiete. Jccius und Antebrog fielen mit viertzig tau- send Rhemern und Senonern den Svessonern ein; Caͤsar aber folgte mit acht Legionen/ und hundert tausend Galliern. Hiermit grieffen die Belgen zu denen abgenoͤthigten Waffen/ und machten der Svessoner Hertzog Galba wegen seiner Gerechtigkeit und Klugheit zu ih- rem Feldherꝛn. Weil nun der Bellovaken Her- tzog mit seinem Kriegs-Volcke zu dem allgemei- nen Heere gestossen war/ hausete Divitiak nach Belieben; Galba aber begegnete denen zur Dienstbarkeit nicht nur gebohrnen/ sondern auch nun zu ihrem Werckzeuge gebrauchten Galliern bey Minaticum derogestalt: daß Fuͤrst Antebrog mit zwantzig tausend Mann auff dem Platze blieb/ zehn tausend gefangen wur- den/ und Jccius mit Noth sich nach Bibrach fluͤchtete. Jn dieser ward er von den Belgen belaͤgert/ und nun fast zur Ubergabe gebracht; als inzwischen Caͤsar von dem Flusse Axona mit seinem gantzen Heere ankam/ die Bruͤcke bey Murenna durch den Titurius Sabinus besetz- te/ den Belaͤgerten aber tausend Numidische Reuter/ zwey tausend Cretensische Bogenschuͤ- tzen/ und so viel Balearische Schleuderer zu- schickte/ welche durch die Rhemischen Wegwei- ser um Mitternacht gluͤcklich in Bibrach ge- bracht wurden; worvon Hertzog Galba ohne diß schon gegen Caͤsars Laͤger abgezogen war/ und nur zwoͤlff tausend Svessoner zur Belaͤge- rung hinterlassen hatte; Nach erlangtem Ent- satz zohen die Belaͤgerer zwar ab; iedoch verwuͤ- steten sie das Rhemische Gebiete um den Roͤ- mern die Lebens-Mittel zu vermindern. Gal- ba/ Boduognat/ und die andern Fuͤrsten setzten sich hierauff fuͤr Caͤsars Laͤger/ welches er mit vielen Bollwercken/ tieffen Graͤben und Thuͤr- men befestigte/ und zu Lieferung einer Schlacht nicht zu bewegen war. Nach dem die Belgen auch uͤber den allenthalben starck besetzten Fluß Axona sonder grossen Venlust nicht durchbre- chen/ noch Caͤsarn die von denen Galliern auff allen Seiten zugefuͤhrten Lebens-Mittel ab- schneiden konten; uͤber diß die Deutschen denen unter ihnen vermengten Galliern/ von derer heimlichen Verstaͤndnuͤß allbereit nachdenckli- che Muthmassungen sich ereigneten/ nicht trau- ten/ und die Bellovaken Diritiaks Einfall in ihr Land vernahmen; ward beschlossen sich zu- ruͤck zu ziehen; und dem/ welcher von Caͤsarn am ersten wuͤrde angetastet werden/ mit schleu- niger Arminius und Thußnelda. niger Huͤlffe beyzuspringen. Caͤsar wagte sich nicht aus Beysorge einer Kriegs-List die Bel- gen zu verfolgen; außer: daß Pedius und Cot- ta mit der Reuterey ein Theil des Trosses ereil- te. Wie er aber des gaͤntzlichen Abzuges ver- sichert war/ und die einfaͤltigen Trevirer sich nicht nur vom Jccius den Roͤmern sich zu erge- ben bereden liessen; sondern auch Caͤsarn sechs- tausend wol ausgeruͤstete Reuter zu Huͤlfe schick- ten/ ruͤckte er uͤber den Fluß Aesia/ welchen des Galba mit Roͤmischen Golde bestochener Kriegs-Oberster Sambom mit zehen tausend Mann zu beschirmen bestellt war/ aber unter dem Fuͤrwand eines erlangten Befehles schaͤnd- lich verließ/ in der Svessoner Land fuͤr die Stadt Novidun/ in welcher des Galba zwey tapffere Soͤhne sich biß auf den letzten Bluts-Tropffen zu wehren entschlossen; ungeachtet die Belaͤ- gerten mit Verwunderung anschauten/ wie die Roͤmeꝛ eine Menge beweglicher und die Stadt- Mauern weit uͤberhoͤhender Thuͤrme anscho- ben. Alleine die von Caͤsarn und den Rhemern entweder bestochene oder verzagte Kriegs-Ober- sten brachten den furchtsamen Poͤfel dahin: daß sie nicht nur dem Feinde die Thore oͤffneten/ sondern auch des hertzhaften Galba zwey Soͤh- ne in Eisen schlugen/ und sich mit ihnen in die Dienstbarkeit liefferten. Gleicher Meyneyd spielte auch die Haupt-Stadt der Bellovaker Bratuspantium Caͤsarn in die Haͤnde. Denn ob schon dieser Stadt Einwohner den Divitiak mit seinen Heduern aus dem Felde geschlagen/ und ihn bey Rhotomagus uͤber die Seene zu weichen gezwungen hatten/ wuste doch der Ver- raͤther seines Vaterlandes Torgo die Einwoh- ner durch seine Kuͤnste solcher Gestalt zu bethoͤ- ren: daß sie Caͤsarn zwantzig taufend Schritte weit die Schluͤssel der Stadt entgegen trugen/ die Weiber und aufgeputzten Knaben ihren Feind mit Streuung Gebluͤmes/ und entgegen gestreckten Armen gleich als ihren Erloͤser be- willkom̃ten. Also setzet die Heucheley Raͤubern Kraͤntze von Lorbern/ wie der Undanck ihren Wolthaͤtern von Eiben Laube auf. Die Ver- raͤtherey aber weiß die Fessel der Dienstbarkeit so zu verguͤlden: daß die Bethoͤrten sie ihnen selbst als koͤstliche Geschmeide mit Freuden an den Hals haͤngen. Auf diese Art ergaben sich auch die einfaͤltigen Ambianen; welche in Gal- lien nichts minder die Liebe der Freyheit verler- net/ als ihren deutschen Uhrsprung vergessen hatten. Die nichts minder scharffsichtigen/ als tapfferen Bellovaken aber wolten weder des knechtischen Divitiaks Schmeichel-Worten trauen/ noch dem Roͤmischen Joche ihre Achseln unterwerffen. Daher fiel der gantze Schwall der Roͤmischen und Gallischen Macht ihnen auf den Hals. Caͤsar grieff sie an dem Flusse Phradis an. Weil sie nun ein viel zu schwacher Tamm waren den reissenden Strom der gan- tzen Roͤmischen Macht aufzuhalten; hielten sie fuͤr besser das gewonnene Land als die Freyheit einzubuͤßen/ und daher fluͤchteten sie sich uͤbers Meer in Britannien/ und zernichteten alles/ was sie nicht mitnehmen kunten. Wiewol nun so viel Untreue und Verraͤthe- rey die Belgen in hoͤchste Verwirrung setzten; in dem fast niemand mehr einen treuen Lands- Mañ oder Todfeind zu unteꝛscheiden wuste; ließ doch der tapffere Boduognat weder Hertze noch Hand sincken; dessen Vor-Eltern aus dem Fuͤrstlichen Cattischen Gebluͤte auch die Nervieꝛ aus Deutschland an den Fluß Sabis gebracht/ und wieder die Unterdruͤckung der Celten und Britannier mit Darsetzung ihres Blutes ver- theidigt hatten. Dieser versetzte alle unwehr- bare Weiber und Kinder zwischen die Suͤmpfe/ stellte sich mit seinen Nerviern nebst etlichen tau- send Atrebatern uñ Veromanduern an den Fluß Sabis in einen Wald; umzaͤunete die heꝛum lie- gende Gegend mit dickẽ Hecken: daß keine Reu- terey ihn leicht ausspuͤren konte. Wie nun Caͤsar nicht weit darvon sich lagerte/ und sein Heer in Befestigung des Lagers beschaͤfftiget war/ fiel L l l l l l 3 Hertzog Siebendes Buch Hertzog Boduognat mit grosser Tapfferkeit und Geschwindigkeit an dreyen Orten seinen Feind an: daß Caͤsar/ ob er vor die Schlacht- Ordnung machen/ oder den Haupt-Adler auf- stecken/ oder das Wort geben solte/ nicht wuste/ die Obersten ihre Federn/ die Haupt-Leute ihre Helme nicht auffsetzen/ die Faͤhnriche ihre Baͤ- ren-Haͤute umzunehmen/ die Kriegs-Knechte die Decken von Schilden abzunehmen nicht Zeit hatten; sondern ieder nicht seinem/ sondern zu dem nechsten und besten Fahne zulauffen/ und/ wie es der Zufall traff/ fechten muste. Die Atrebater/ welche Graf Egmont fuͤhrte/ hatten zwar anfangs den haͤrtsten Stand/ und traffen auf die neundte und zehende Legion/ als welche in Bereitschafft gestanden hatten/ und von Caͤ- sarn selbst angefuͤhrt wurden. Gleicher Ge- stalt machte Labienus mit der eilfften und ach- ten Legion denen unter des Ritters Areschott Anfuͤhrung streitenden Veromanduern nicht wenig zu schaffen; also: daß jene so gar uͤber den Fluß/ diese biß zwischen die Hecken zuruͤck wei- chen musten. Alleine Fuͤrst Boduognat traff wie ein Blitz auf Caͤsars Vettern den Quintus Pedius/ trieb ihn und die Roͤmische Reuterey in die Flucht; machte sich alsofort auch an die zwoͤlffte Legion/ und der Ritter Croy an die sie- bende; wiewol der erste ein Theil der Nervier denen Atrebatern/ der andere denen Veroman- duern zu Huͤlffe schicken konte und beyde wieder zu rechtem Stande brachten. Ob nun wohl Caͤsar der nunmehr vom Hertzoge Boduognat/ der ihren Fuͤhreꝛ Sextius Baculus selbst durch- stochen hatte/ am meisten bedraͤngten zwoͤlfften Legion selbst mit einem Kern der zehenden zu Huͤlffe kam/ vom Pferde sprang/ einem gemei- nen Kriegs-Knechte den Schild vom Arme rieß/ und sich gegen den/ einem Loͤwen gleich- fechtenden Boduognat hervor zuͤckte; die Roͤ- mer auch im Antlitze Caͤsars so verzweiffelte Gegenwehr thaten: daß fast alle ihre Haupt- Leute todt blieben; so drang doch die Tapffer- keit der Nervier durch: daß der Ritter Brede- rode nach durchstochenem Faͤhnriche den Roͤ- mischen Adler zu Boden rieß; und Caͤsar selbst sich aus dem Staube machen/ die zwoͤlffte und siebende Legion auch mehr fliehen als weichen muste. Jnzwischen hatte der Ritter Horn und Hochstraten die fast unzehlbaren Gallier in die Flucht bracht; und/ nach dem die Huͤlffs-Voͤl- cker der Trevirer an statt des Gefechtes ohne Schwerdstreich sich nach Hause gewendet/ stuͤrmte und eroberte er das Laͤger/ ungeachtet die darinnen gebliebenen zwey Legionen/ wie auch die Cretensischen und Balearischen Schuͤ- tzen solches eusserst verfochten. Als nun diese sich durch zwey Pforten heraus draͤngten/ wur- den ihrer etliche tausend von denen grimmigen Uberwindern abgeschlachtet. Gegen die Atre- bater und Veromanduer stand die Roͤmische Schlacht-Ordnung zwar noch feste; iedoch kon- ten sie es in die Laͤnge gegen die erhitzten Deut- schen nicht ausstehen. Denn wenn einer gleich fiel/ trat ein ander bald in die Luͤcke; ja die Ner- vier trugen aus denen todten Leichen Berge zusammen/ wormit sie von der Hoͤhe mit ihren Waffen desto gewisser ihren Feind treffen kon- ten. Wie nun die Roͤmischen Kriegs-Haͤupter sahen: daß die meisten Gallier und die Reute- rey entlauffen/ vier Legionen grossen theils zer- nichtet waren/ und es endlich um ihr gantzes Heer gethan seyn wuͤrde; flehten sie den Kayser an: er moͤchte dißmahl dem Gluͤcke und denen verzweiffelten Deutschen aus dem Wege tre- ten. Caͤsarn schossen fuͤr Grimm hieruͤber die Thraͤnen aus den Augen; und er wuste nicht vernuͤnfftig zu entschluͤssen: was er heilsamlich thun solte. Als er nun auf einer Hoͤhe sich eine gute Weile nach einem sichern Orte seiner Zu- flucht umgesehen hatte; ließ Labienus ihn wis- sen: daß Cotta hinterwerts einen Weg in der Nervier wol befestigtes aber schlecht besetztes Laͤger gefunden haͤtte. Worauff Caͤsar ihm befahl sein eusserstes zu thun in selbtes einzubre- chen. Arminius und Thußnelda. chen. Er ließ alsofort auch die andern Adler gegen selbige Seite wenden; er aber bedeckte mit der zehenden Legion an einem engen Orte das uͤbrige Heer so lange/ biß Labienus Meister des feindlichen Laͤgers ward/ die Uberbleibung der andern Legionen sich darein gezogen hat- ten/ und er endlich nach empfangenen breyen Wunden daselbst seine Sicherheit fand; also nach einem so blutigen Tage iedes Theil in dem feindlichen Laͤger ausruhete; keines aber selbige Nacht auf des andern Antastung/ sondern nur auf die Beerdigung ihrer Todten/ und Ver- bindung ihrer Wunden bedacht war. Denn auf beyden Theilen war kein hoher Kriegs-O- berster/ ja auch selbst Fuͤrst Boduognat nicht unbeschaͤdigt; fuͤnff Haͤupter der Roͤmischen Legionen/ Egmont/ Areschot und Eroy auf der Belgen Seite nebst vielen Kriegs-Obersten todt. Ob nun zwar auf der Roͤmer und Gal- lier Seiten zweymahl so viel Volck/ als auf der Belgen blieben war; so waren diese doch fuͤr sich selbst noch kaum halb so starck/ als ihre Feinde; das eroberte Roͤmische Laͤger nicht nach dem Vortheil der Deutschen Waffen befestigt; durch Verlust ihres Laͤgers ihnen der Vortheil des Flusses Sabis/ und die Gelegenheit mehr Huͤlffs-Voͤlcker an sich zu ziehen abgeschnitten. Uber diß brachten die Kundschaffter der Nervi- er noch selbige Nacht Gefangene ein/ mit Schreiben vom Fuͤrsten der Rhemer Vertis- cus: daß er nicht allein mit zwantzig tausend Galliern/ sondern auch Sergius Galba mit den in Jllyricum gelegenen Legionen von sechs- tausend außerlesener Romischer Mannschafft im Anzuge waͤre. Diese Zeitung bekuͤmmer- te den Hertzog Boduognat nicht wenig; inson- derheit aber trug er Beysorge: daß selbte nicht unter seinem Heere ruchbar wuͤrde/ und sie zu einer glimpflichen Flucht veranlassete. Gleich- wol aber befahl er die im Roͤmischen Lager er- oberte beste Beute aufzupacken/ und das gantze Heer auf folgenden Tag sich so wol zur Schlacht als zum Fortzuge fertig zu machen. Jnzwi- schen krie g te Caͤsar ebenfalls Kundschafft: daß dreyßig tausend streitbare Aduatiker/ welche ein Theil von denen in Jtalien einbrechenden Cimbern waren/ denen Nerviern zu Huͤlffe kaͤ- men. Welche Zeitung Caͤsarn derogestalt schreckte: daß er dem schon zu naͤchtlicher Zu- ruͤckweichung entschlossenem Boduognat einen Friedens-Vergleich anbieten ließ; der auch/ weil iedem Feinde zwar seine/ nicht aber seines Feindes Wunden bekandt waren/ nach kurtzer Unterredung dahin geschlossen ward: daß die Nervier/ Atrebater/ und Veromanduer in ih- rer Freyheit ohne einige Schatzung bleiben/ hingegen sie Caͤsars andern Feinden keine Huͤlf- fe leisten solten. Wiewol nun diese Voͤlcker fuͤr sich nach gegenwaͤrtigem Zustande einen vor- traͤglichen Frieden erlangt zu haben schienen; so war selbter doch der gemeinen Wolfarth der Belgen uͤber aus schaͤdlich; und hatten die Ner- vier hiervon keinen andern Vortheil/ als daß die Reye der Dienstbarkeit an sie zum letzten kommen wuͤrde. Sintemahl die Roͤmer nicht so wol ihre Tugend/ als der Mißverstand de- rer nicht zusammen haltender Voͤlcker zu Mei- stern des Erdbodens gemacht hat. Denn wenn auch die tapffersten eintzelich kaͤmpffen/ werden alle nach und nach uͤberwunden; und die bey- sammen stehenden Zwerge werden auch der ein- zelen Riesen maͤchtig. Welchen Fehler die Deutschen von dem unter gedruͤckten Grichen- lande laͤngst haͤtten lernen sollen; dessen saͤmtli- che Staͤdte dardurch ihre Herꝛschafft eingebuͤst; weil eine iede herꝛschen wolte; indem sie nicht alleine selbst einander ein Bein unterzufchla- gen und zu Kopffe zu wachsen bemuͤht waren; sondern auch lachende zusahen und die Haͤnde in die Schoß legten; als die Macedonier und Roͤmer bald dieser bald einer andern die Dienst- barkeit aufhalseten; biß sie endlich alle es ehe am Halse fuͤhleten als sahen. Dieses Ungluͤcke traff zum ersten die streitbaren Aduaticher; wie- der Siebendes Buch der welche die ansehnlich verstaͤrckte gantze Macht der Roͤmer anzoh. Die N e vier dorff- ten ihnen nicht helffen; die angraͤntzenden Nachtbarn aber wolten nicht. Denn theils wa- ren ihnen nicht gruͤn/ weil sie sich mit Gewalt zwischen sie eingedrungen hatten; theils wol- ten sich in ihr Ungluͤcke nicht einwickeln/ wel- ches leichter zum Erbarmen als zum Abhelffen bewegt. Weil es nun denen Aduatichern un- moͤglich schien der Roͤmischen Macht im Felde zu begegnen/ zohen sie alle streitbare Mann- schafft in ihre auf der Hoͤhe und fast um und um in Suͤmpffen liegende Haupt-Stadt Aduatu- ca zusammen. Denn wie es nicht kluͤglich ge- handelt war alle Kraͤfften in eine Mauer ein- sperren/ und dem Feinde das gantze Land zum Raube uͤbergeben; also fand die Verraͤtherey auch mehr denn zu geschwinde einen Schluͤssel zu dieser Festung; aus welcher von Anfang durch siete Ausfaͤlle den Roͤmern und Galliern empfindlicher Abbruch gethan ward. Ver- mund/ der Aduaticher Heꝛtzog/ hatte zwey Soͤh- ne Huglet und Uffo verlassen; von denen der erstere die Herꝛschafft bekam; der andere aber des Piso/ eines Fuͤrsten im Aquitanischen Gal- lien Tochter/ geheyrathet; und mit selbter der Druyden Gottesdienst angenommen hatte. Durch dieses Ehrsuͤchtige Weib brachte Divi- tiak den Fuͤrsten Uffo unter der Versicherung: es wuͤrde Caͤsar ihn seinem aͤltern Bruder fuͤr- ziehen/ und zum Lands-Fuͤrsten machen/ dahin: daß/ als der Feind auf funffzehn tausend Schrit- te weit in einen mit vielen Bollwercken befe- stigten Wall die Stadt einschloß/ und ungeheu- re Sturm-Thuͤrme an die zweyfache Mauer anschob/ Uffo diese Ruͤstungen/ als Wercke der Goͤtter/ dem albern Poͤfel fuͤrstellte; und/ un- geachtet Fuͤrst Huglet nebst dem Adel das Volck zu standhaffter Gegenwehr ermahneten/ selb- tes beredete: daß sie ohne einige Bedingung die Waffen zum Zeichen ihrer Ergebung uͤber die Mauer warffen; und/ wie sehr gleich die Ver- staͤndigern uͤber dieser zaghafften Untreu fluch- ten/ den Roͤmern ein Thor einraͤumten. Eine solche Krafft hat die aber glaͤubische Einbildung: daß sie den tapffersten Leuten nicht nur des Hertzen/ sondern auch der Vernunfft beraubet. Wie nun hierauf Fuͤrst Huglet bey Caͤsarn ver- gebene Ansuchung thaͤt/ daß sie aus freywillig Ergebenen nicht zu Knechten gemacht/ inson- derheit aber ihnen wegen ihrer untreuen Nach- barschafft nicht die Schutzwehren ihres Lebens und Vermoͤgens abgenommen werden moͤch- ten; brachte die Ungedult ihn und den zu den Waffen gebohrnen Adel/ der mit deꝛselben Be- nehmung sich auch seiner Maͤnnligkeit beraubt zu seyn schaͤtzte/ in solche Verzweiffelung: daß sie des Nachts mit einem Theile den Uffo uͤber- fielen/ und mit seinem gantzen Hause zu ge- rechter Rache der Verraͤtherey erwuͤrgten/ mit dem andern die Roͤmische Besatzung von dem eingeraͤumten Thore wegschlugen/ und hierauf mit hellem Hauffen und verzweiffelter Grau- samkeit das Roͤmische Laͤger anfielen. Hertzog Huglet/ weil er nichts hoffen konte/ wolte doch auch an nichts verzweiffeln; und die eufferste Noth zwang dem ohne diß allem Ansehen nach verlohrnen Adel die eusserste Tapfferkeit ab; ja die/ welche bey zweiffelhafftem Ausschlage ihre Waffen aus Furcht weggeworffen hatten/ faß- ten aus der verzweiffelten Erkuͤhnung ein Hertze; weil sie doch ihre Schuld schon mit in die Straffe verwickelt haͤtte. Weil nun die Finsternuͤß alle Ordnung/ der unvermuthete Uberfall alle kluge Anstalt verhinderte; war dieses Treffen mehr einer viehischen Abschlach- tung/ als einer Schlacht aͤhnlich. Jeder er- wuͤrgte den/ der ihm begegnete; weil weder der Grimm noch das Geraͤusche der Waffen er- laubte selbten als einen Feind oder Freund zu rechtfertigen. Diese blinde Raserey waͤhrte biß der Tag anbrach; da die Roͤmer/ welche so wol von ihren eigenen/ als den feindlichen Schwer- tern unglaublichen Schaden erlitten hatten/ die Arminius und Thußnelda. die uͤbrigen Aduatiker leicht uͤbermanneten und zuruͤck in die Stadt trieben. Nach dem nun Hertzog Huglet nebst dem Ritter Wachten- danck und Kulenburg zu der Roͤmer hoͤchsten Verwunderung kaum drey Schritte von Caͤ- sars eigenem Zelte zwischen erlegten Feinden tod gefunden wurden/ und die in der Stadt oh- ne ein Oberhaupt in zwistige Meynungen ver- fielen/ die verbitterten Roͤmer aber auf allen Seiten zu Sturme lieffen/ erbrachen sie endlich den dritten Tag ein Thor/ und hieben alle ge- waffnete zu Bodem. Die unbewehrten aber wurden alle mit Weib und Kindern bey aufge- steckter Lantze dem/ der das hoͤchste Gebot thaͤt/ verkaufft. Ob nun wol diese Niederlage in Gallien ein solches Schrecken verursachte: daß die an der eussersten West-Spitze am Britañischen Mee- re gelegenen Gallier dem Publius Craßus Geißel einliefferten/ zohen doch die Moriner/ Menapier und Bataver eine solche Kriegs- Macht an der Schelde zusammen Caͤsarn den Kopff zu bieten: daß er sich an selbte zu reiben Bedencken trug; sondern sein Heer in Gallien hin und wieder vertheilte. Als Caͤsar derogestalt in Gallien den Meister spielte/ verkehrte sich das Spiel in Deutschland gantz und gar. Der Feldherꝛ Aembrich mein- te nun nicht alle in alle seine Feinde gedaͤmpft zu haben; also: daß wieder ihn niemand den Kopff empor zu heben sich unterwuͤnden/ oder maͤchtig genung seyn wuͤrde; sonderlich: weil er mit den maͤchtigen Roͤmern ein festes Buͤnd- nuͤß gemacht/ ja so gar seinen sechzehnjaͤhrigen Sohn Segimer mit tausend Edelleuten ihnen im Kriege zu dienen/ oder vielmehr ihre Kriegs- Wissenschafft zu erlernen zugeschickt hatte. Weil es nun schwerer ist/ der Gluͤckseligkeit maͤßig zu gebrauchen/ als selbter gar entbehren koͤnnen/ entschloß er sich nunmehr die Druyden in alle vorhin besessene Eichwaͤlder einzusetzen/ und durch gewaffnete Hand solches in gantz Deutschland zu vollstrecken. Allein wie nich- tig und eitel ist die Rechnung/ in der man die Ziffern der Goͤttlichen Versehung aussen laͤst! Weil nun die Barden und Eubagen diß fuͤr den Anfang ihrer angezielten gaͤntzlichen Ausrot- tung anzohen; des Gottesdiensts Ancker aber niemahls geruͤhret werden kan: daß sie nicht das Schiff einer gantzen Herꝛschafft erschuͤttere; machte gantz Deutschland hierzu grosse Augen. Jnsonderheit beschwerte sich der um die Cherus- ker so wol verdiente Hermundurer Hertzog Briton: daß der Feldherꝛ Aembrich ihm hier- durch ans Hertz grieffe. Wie er aber diesen Schluß einmahl nicht abbitten konte; sondern Aembrich mit einem maͤchtigen Heere uͤber die Saale/ und Terbal mit einem andern bey de- nen Varinen und Eudosen einbrach; Grieff Briton uñ Siegbrand/ der Longobaꝛden Fuͤrst/ nicht allein zu den Waffen/ sondern Gotart der Svioner Koͤnig wolte diese Gelegenheit nicht versaͤumen sich an Hertzog Aembrichen zu raͤ- chen; weil dieser den Estiern wieder ihn anseh- liche Huͤlffe geschickt/ Terbal seine Gesandten von der Friedens-Handlung mit dem Koͤnige Friedlev abgewiesen/ ja seine Bluts-Freunde der Variner und Eudoser nichts minder/ als Arabarn aus Deutschland vertrieben hatte. Er kam also mit einem ansehnlichen Heere bey de- nen Swardonen an/ schlug die Cherusker aus dem der Hertha gewiedmeten Eylande/ und dem gantzen Gebiete der Variner/ Eudoser und Cavionen. Sintemahl sie durch Gotarts erstern hertzhafften Anfall/ oder vielmehr durch eine ihnen von Gott eingejagte Furcht deroge- stalt erschreckt wurden: daß ihrer Kleinmuth keine Festung sicher zu hoffen schien. Weil nun auch Koͤnig Gotart sein Kriegsvolck ohne einige Beschwerde der Einwohner unterhielt; welche die Cherusker vorher schier biß auffs Marck aus gemergelt hatten/ gewann er die Gewogen- heit des Volckes/ und damit so viel Werck zeu- ge seiner Siege/ als Menschen. Die Fuͤrsten Erster Theil. M m m m m m der Siebendes Buch der Nuithoner und Sidiner sperrten ihm Thuͤr und Thor auff. Wo auch gleich Terbal und andere Kriegs-Haͤupter des Feldherrn einigen Wiederstand thaͤten/ gieng alles durch Sturm uͤber; und das Verhaͤngnuͤß selbst baͤhnete durch allerhand seltzame Zufaͤlle Gotarn und seinem Heere unwegbare Klippen und Fluͤsse. Wie- wol nun der Feldherꝛ Aembrich in der Her- mundurer Gebietefast nach eigenem Wunsche gebahrte/ die Hertzoge der Tencterer/ Sicam- brer/ und Usipeter/ welche den Druyden gleich- falls beypflichteten/ den Cheruskern zu Huͤlffe kamen/ und die schoͤne Stadt Calegia einaͤscher- ten; so zohen doch Koͤnig Ariovist mit seinen A- lemaͤnnern/ die Hertzoge der Bructerer und Longobarden nunmehr auch die Larve vom Gesichte/ und machten mit dem Koͤnige Go- tarn ein Buͤndniß wieder den Feldherꝛn Aem- brich; und die Catten streifften das ihnen vor- hin angelegte Seil zugleich von den Hoͤrnern/ und rufften den vertriebenen Fuͤrsten Arabar wieder ein. Beyde versamlete maͤchtigen Heere ruͤckten unterhalb dem Gabretischen Gebuͤrge gegen einander. Und ob wol die grosse Ver- bitterung in Buͤrgerlichen Kriegen die Men- schen fast in reissende Woͤlffe verwandelt/ so wolte doch der kluge Feldherꝛ Aembrich/ wel- cher noch von dem Hertzoge der Marckmaͤnner und Lygier mehr Volck erwartete/ sein Gluͤcke nicht auf die Spitze einer Schlacht setzen. Hin- gegen setzte der Feind sich nicht weit von dem Laͤger in volle Schlacht-Ordnung. Koͤnig Gothart fuͤhrte den rechten/ Ariovist und Her- tzog Briton den lincken Fluͤgel/ der Longobar- den und Variner Fuͤrsten waren uͤber die Reu- terey/ und der Bructerer zum Hinterhalte be- stellt. Der Usipeter Hertzog nahm vier tau- send Reuter um des Feindes Staͤrcke und An- stalt zu erforschen/ verfiel aber auf den Variner Hertzog/ und ward alsobald derogestalt umzuͤn- gelt: daß er dem Feldherren wissen ließ: Er traute ohne viertausend neue Reuter sich nicht durch den Feind zuruͤcke zu schlagen. Wiewol nun der Feldherꝛ mit Unwillen diese wieder- rathene Vergehung vernahm; wolte er doch den Kern seiner Reuterey nichtim Stiche las- sen; schickte also ihm Litoperten/ den Fuͤrsten der Fosen/ mit noch viertausend außerlesenen Reutern zu Huͤlffe. Diesen aber gieng der Lon- gobarden Hertzog nicht allein in Ruͤcken/ son- dern durchstach den Litpert/ und ward allen acht tausend Mann alle Moͤgligkeit sich zuruͤ- cke zu ziehen abgeschnitten; der Feldherꝛ aber gezwungen nunmehr sein gantzes Heer zur Schlacht aufzufuͤhren; welcher Zwang einem schon den Sieg selbst halb abspricht. Er selbst traff mit seinen Cheruskern und Quaden auff den Koͤnig Ariovist und den Hertzog Briton/ brachte sie auch durch seine kluge Tapfferkeit zum weichen; Hingegen schlug Koͤnig Gotart den Hertzog der Ubier mit seinem lincken Fluͤ- gel; und weil von Anfang alsbald die Cherus- kische Reuterey grossen Verlust erlitten hatte/ ward der Teneterer Fuͤrst mit der uͤbrigen Reuterey auch in die Flucht bracht. Jnzwi- schen kamen die Bructerer Ariovisten zu Huͤlffe wieder den streitbaren Aembrich; welcher wie ein Blitz allenthalben durchdrang. Nach dem aber die feindliche Reuterey auff beyden Sei- ten ihn anfiel/ und er selbst so gefaͤhrliche drey Wunden bekam: daß er sich kaum mehr zu Pferde erhalten konte/ muste er nur das Feld/ und seinem Feinde einen herꝛlichen Sieg ent- raͤumen. Sintemahlallhier der Kern des Che- ruskischen und Quadischen Adels/ die Fuͤrsten der Fosen und Usipeter mit zwantzig tausend Mann todt blieben/ zehn tausend mit allem Kriegs-Geraͤthe gefangen wurden. Dieser Sieg war ein Werckzeug vieler andern. Denn weil die Barden und Eubagen Koͤnig Gotar- ten fuͤr den Schutz-Gott ihrer Freyheit hielten/ thaͤten sie ihm allen Vorschub selbte zu befesti- gen. Alle Kriegs-Macht der Cherusker ward vom Hertzog Briton aus dem Gebiete der Her- mundu- Arminius und Thußnelda. mundurer vertrieben. Und weil die Bojen des Feldherꝛn Seite gehalten/ brach er bey ihnen ein/ und eroberte ein ansehnliches Theil mit der Haupt-Stadt Boviasinum. Koͤnig Gotart gieng als ein Blitz durch gantz Deutschland/ und zermalmete alles was ihm den Kopff bot. Der Catten Hertzog Arabar hob nun auch sein Haupt wieder empor; und fiel in der Usipeter und Tencterer Hertzogthuͤme; erlegte an dem Sieg-Strome den Fuͤrsten Lilith/ eroberte al- le festen Plaͤtze/ und noͤthigte diese zwey an- sehnliche Voͤlcker: daß sie fuͤr dem Grimme der rauen Catten sich uͤber den Rhein zu fluͤchten schluͤßig wurden. Zumahl ihnen von denen bedraͤngten Galliern Land und Unterhalt an- geboten ward. Weil aber die Menapier mit den Catten in Buͤndnuͤß stunden/ sich also von denen uͤberkommenden Usipeten und Tencte- rern nichts gutes versahen; besetzten sie den Strom so starck: daß jene sich zwischen Thuͤr und Angel sehende bey entfallender Macht durch List sich zu retten vorsiñen musten. Daher zohen sie drey Tage-Reisen weit zuruͤcke; gleich als wenn sie bey verzweiffelter Uberkunfft bey denen Chaßuariern einbrechen wolten. So bald sie aber vernahmen: daß die Menapier ihre Besatzung vom Rheine weg gefuͤhrt hat- ten/ kamen sie mit unglaublicher Geschwindig- keit in einer einigen Nacht an solchen Fluß. Und weil im Ungluͤcke die Noth kraͤfftiger/ als menschliche Klugheit ist/ kamen sie ehe uͤber den Strom und den Menapiern auf den Hals/ als sie von ihrer Ruͤckkehr einige Nachricht erlang- ten; also: daß sie ihrer Wohnungen entsetzt/ und ferner in Gallien ihren Auffenthalt zu su- chen gezwungen wurden. Hingegen ruͤckte A- rabar zu den Ubiern; welche’zwar bey voriger Zeit der Catten Zinßgeber gewest/ von dem Feldherꝛn Aembrich aber nicht alleine hiervon befreyet/ sondern auch uͤber die Catten weit er- hoben worden waren. Die Catten ruͤgten mit Huͤlffe der Alemaͤnner allhier ihr altes Recht/ und behaupteten es mit der nachdruͤck lichsien Beredsamkeit/ nemlich dem Degen. Weil der Feldherꝛ Aembrich wieder den Koͤnig Gatar- ten alle Haͤnde voll zu Beschuͤtzung seiner Che- rusker und Quaden zu thun/ den Ubiern aber zu helffen weder Zeit noch Kraͤffte hatte; nah- men sie mehr rachgierig/ als vorsichtig zu einem viel gefaͤhrlichern Feinde/ nemlich den Roͤmern Zuflucht/ und baten Schutz wieder die Be- draͤngung der unerbittlichen Catten. Weil denn diese mit den Roͤmern alles Gewerbe ver- boten/ also ihren Haß wieder sie genungsam an Tag gegeben/ die Ubier hingegen mit den Roͤ- mischen Kauff-Leuten schon lange Zeit Gewer- be getrieben hatten/ Caͤsarn auch zu Ubersetzung des Roͤmischen Heeres genungsame Schiffe anboten; hemmete nicht Caͤsars Gemuͤths- Maͤßigung/ sondern nur allerhand wichtige Bedencken die augenblickliche Ausuͤbung ihres Begehrens. Denn er uͤberlegte: daß das Spiel in Gallien noch nicht ausgemacht/ der Gallier Gemuͤther zur Wanckelmuth/ wie ihre Lufft zum Winde geneigt; Die Deutschen aber das streitbarste Volck waͤren/ mit welchem die Roͤ- mer noch gekriegt haͤtten. Er besorgte zu- gleich: daß seine Einmischung in die deutschen Haͤndel zwischen ihnen nur die Eintracht be- foͤrdern/ und den Roͤmern zweyerley Kriege uͤ- ber den Hals ziehen wuͤrde. Seine Herꝛsch- sucht hingegen hielt ihm ein: was fuͤr unsterbli- chen Ruhm es ihm bringen wuͤrde; wenn er/ als der erste Roͤmer/ seine Siegs-Fahnen uͤber den Rhein schwingen koͤnte. Weil er aber oh- ne der Deutschen Beystand solches fuͤr unmoͤg- lich hielt/ waͤre nicht rathsam mit der Ubier An- erbieten eine so herrliche Gelegenheit aus den Haͤnden zu lassen. Gallien wuͤrde ohne diß von den Deutschen nicht unbeunriget bleiben/ als biß ihnen die Fluͤgel verschnitten waͤren. Sintemahl die von den Usipetern und Tencterern vom Rheine vertriebene Menapi- er gleichsam in seinen Augen sich auff beyden M m m m m m 2 Seiten Siebendes Buch Seiten der Maaß/ wo vorhin nur ein geringer Theil ihrer Landes-Leute unter der Moriner und Bataver Schutz lebten/ nunmehr festen Fuß gesetzt haͤtten; die des Roͤmischen Jochs schon uͤberdruͤßige Trevirer aber mit denen U- sipetern und Tencterern verdaͤchtige Handlun- gen pflegten; ja nunmehr der Cheruskischen Freundschafft mit entfallendem Gluͤcke ver- gaͤssen/ und in der Eburoner und Condruser Gebiete/ derer Hertzog Cattivolck/ des Aem- brichs Bruder/ mit Caͤsarn sich verglichen hat- te/ taͤglich streifften. Hierzu kam: daß Caͤsar fast schleuniger/ als er ihm traͤumen lassen kon- te/ die Veneter und die Armorischen Staͤdte im eussersten Gallien am Britannischen Mee- re uͤberwand. Daher entschloß er dem ihn gleichsam mit der Hand leitenden Gluͤcke zu folgen/ mit sechs Legionen wieder die Usipeter und Tencterer auffzuziehen/ und sie wieder uͤber den Rhein zu treiben. Er war nur noch zwey Tage-Reisen weit von ihren Graͤntzen entfernet; als bey ihm eine Bothschafft ankam/ und fuͤrtrug: Die Deutschen waͤren zwar nicht gewohnt bey dem/ der sich an sie noͤthigte/ um Friede zu bitten/ am wenigsten aber die U- sipeter und Tencterer/ welche an Tapfferkeit keinem Volcke/ ausser denen Catten/ was bevor gaͤben. Jedoch kaͤmen sie alleine Caͤsarn zu erinnern: daß sie ihn mit nichts beleidiget/ ihre Freundschafft auch den Roͤmern mehr als der Krieg vortraͤglich seyn koͤnte. Denn es waͤre kein festeres Vorgebuͤrge/ als der benachbarten Fuͤrsten Freundschafft; welche/ wenn sie ein- mahl zerbrochen/ so wenig als das Glaß zu er- gaͤntzen waͤre/ sondern allezeit Ritze des Arg- wohns/ und Narben des Verdachts behielte. Diese wolten sie sorgfaͤltig unterhalten/ wenn er sie das Land ruhig bewohnen ließe/ welches sie aus Noth als Vertriebene ein- und de- nen ihm wenig holden Menapiern abgenom- men haͤtten. Caͤsar aber gab ihnen zur Ant- wort: Es haͤtte der/ welcher seine Schwaͤche schon anderwerts sehen lassen/ wenig Ursache gegen andere groß zu sprechen. Zwischen den Roͤmern und ihnen waͤre vergebens von Freundschafft zu reden/ so lange sie in dem durch die Waffen eroberten Gallien/ darauff die Roͤmer schon fuͤr laͤngst ein bestaͤndiges Recht erworben haͤtten/ einen Fuß breit Erde zu behaupten vermeinten. Jedoch wolte er sie bey denen Ubiern/ welche ohne diß Huͤlffe wieder die Catten/ ihre gemeine Feinde/ brauch- ten/ und seinen Beystand gegen Einliefferung gewisser Geißel suchten/ verbitten: daß sie sie in ihre Gemeinschafft aufnaͤhmen/ auch ihnen auskommentliche Aecker an dem Taunischen Gebuͤrge zwischen dem Mayn/ und dem Sie- ge-Flusse einraͤumten. Die Gesandten er- boten sich diesen Vorschlag/ und die Caͤsarn von fremdem Gute zu schencken nicht schwer ankommende Freygebigkeit denen Usipetern und Tencterern fuͤrzutragen; ersuchten ihn auch nur drey Tage stille zu stehen. Alleine weil Caͤsar allen Verzug nicht nur fuͤr einen Verlust der Zeit und des Sieges/ sondern auch fuͤr eine Gefaͤrthin des Zweiffels und der Furcht; ja fuͤr eine Unholdin der Tapfferkeit hielt/ war keines von Caͤsarn zu erbitten; son- dern er befahl noch selbige Stunde: daß Gal- ba mit einer Legion und der halben Reuterey etliche tausend/ die uͤber die Maaß und den De- mer Fluß gesetzt hatten/ zu verfolgen; er aber ruͤckte gegen den Rhein gerade zu. Wie er nun kaum eine halbe Tage-Reise von ihnen war/ begegnete ihm vorige Bothschafft; und erklaͤrte sich: daß beyde Voͤlcker erboͤtig waͤ- ren zu den Ubiern zu ziehen; mit Bitte: Caͤ- sar moͤchte so lange zuruͤck halten/ biß bey den Ubiern ihr Unterkommen eingerichtet waͤ- re. Aber Caͤsar behielt die weder durch Zwang noch Arglist auffhaltbaren Gesandten ohne Antwort bey sich; wiewol er Vertroͤstung that: daß Arminius und Thußnelda. daß er selbigen Tag weiter nicht/ als biß an den Urte-Strom ruͤcken wolte. Wie nun die Usipeter und Tencterer Nachricht krieg- ten: daß Galba bereit an der Maaß ihre Reu- terey angetastet haͤtte/ der Ritter Loͤwenstein a- ber/ der mit acht hundert Pferden den Strom bewachte/ mit anbrechendem Tage gewahr ward: daß Craßus/ Piso und Virodich zwey Aquitanische Fuͤrsten/ welche fuͤr Verrathung ihres Vaterlandes vom Roͤmischen Rathe mit dem Nahmen Roͤmischer Freunde beehret wur- den/ des Nachts mit mehr als fuͤnff tausend Pferden wieder Caͤsars Versprechen uͤber den Fluß gesetzt hatten; fiel er die Roͤmische/ wie- wol siebenmahl staͤrckere Reuterey mit einer so grossen Hertzhafftigkeit an: daß sie selbte mit dem ersten Angriffe in Verwirrung/ nach Ver- wundung des Virodichs und Erlegung des Pi- so/ in die Flucht/ die Helffte vom Leben zum Tode brachten; die uͤberbleibenden aber uͤber den Strom biß in Caͤsars Laͤger verfolgten. Das gantze Roͤmische Heer erzitterte uͤber die- ser schimpflichen Niederlage; alleine des Usipe- tischen Fuͤrsten Mißtrauen gegen die Roͤmer es auszudauern/ verterbte nicht allein alle Frucht des ersten Sieges/ sondern auch das gantze Spiel. Denn auch das beste Beginnen/ wenn es nicht von der Hoffnung gestaͤrckt und genaͤh- ret wird/ verschmachtet wie ein ungebohrnes Kind einer todten Mutter; und erlischt wie ei- ne Ampel/ welcher das Oel entgehet. Und der allerhertzhaffteste wird kleinmuͤthig/ wenn er ihm gewiß einen uͤbeln Ausschlag einbildet. Bey solcher Beschaffenheit versiel der Usipe- ten Fuͤrst in mittelmaͤßige/ und also in die ge- faͤhrlichsten Rathschlaͤge; nehmlich/ gegen Caͤ- sarn das Treffen durch Jrrthum zu entschul- digen/ und seinen Grimm durch Zuruͤckruf- fung der deutschen Reuterey zu miltern. Jhr Fuͤhrer Lowenstein kam mit Verdruß ins deut- sche Laͤger zuruͤcke; und beklagte: daß man ihn zwar haͤtte siegen/ aber seinen Sieg nicht brauchen lassen. Als er aber durch kein Ein- reden die Fuͤrsten der Usipeter und Tencterer zu Verfolgung des Krieges bewegen konte; trug er aus Liebe seiner nunmehr zwischen Thuͤr und Angel stehenden Lands-Leute sich selbst zu einem Soͤhn-Opffer an; ließ sich also fuͤr das gemeine Heyl/ als einen Stoͤrer des gemeinen Heyles/ welcher ohne seiner Obern Befehl die Gallier und Roͤmer angetastet haͤt- te/ binden und Caͤsarn zur Rache uͤberlieffern. Ob nun wol beyde Fuͤrsten sich ins Roͤmische Laͤger einfunden/ das ohne ihren Befehl gehal- tene Treffen betheuerlich entschuldigten/ und den Ritter Loͤwenstein zu ihrem Feg-Opffer uͤbergaben; ließ sie doch Caͤsar wieder der Voͤl- cker Recht in Band und Eisen schluͤssen/ das Laͤger der gantz sicheren Deutschen an dreyen Orten anfallen/ und darinnen viel tausend un- bewaffnete Weiber und Kinder hinrichten. Sintemahl die Maͤnner nach einer hin und her zwischen den Wagen geleisteten tapfferen Gegenwehr mit Huͤlffe der Nacht sich meisten- theils in einen nahen Wald versteckten/ selbten verhieben/ und sich endlich bey dem zusammen- fluͤssenden Rheine und der Mosel zu denen Si- cambrern fluͤchteten. Wiewol nun der Roͤmi- sche Rath die gefaͤhrliche Beleidigung der Deutschen Gesandtschafft verdammte/ Caͤ- sarn/ um hierdurch die erzuͤrnten Goͤtter zu versoͤhnen/ verfluchte/ und viel Raths-Herꝛen ihn den Deutschen zu eigener Bestraffung zu uͤbergeben einriethen; so fragte doch der ge- waffnete Caͤsar wenig nach den glaͤsernen Don- ner-Keilen des zwistigen Rathes; sondern um eine Ursache vom Zaune zu brechen; wormit er in Deutschland einfallen koͤnte/ forderte er von den Sicambern mit vielen Dreuungen die Ausfolgung der zu ihnen entkom̃ener Usipe- ter und Tencterer. Die Sicambrer aber ant- worteten Caͤsarn: Die Usipeter und Tencterer M m m m m m 3 haͤtten Siebendes Buch haͤtten sich nicht allein unter ihren Schirm be- geben; sondern sie waͤren auch ihre alte Freun- de und Bundsgenossen; also koͤnten sie ohne Schimpff und Untreu selbte ihren Feinden nicht auslieffern. Caͤsar haͤtte wegen der den Roͤmern zugethanen Heduer wieder den Koͤnig Ariovist einen Krieg angehoben; wie moͤchte er denn denen Sicambern anmuthen: daß sie die sich unter ihren Schutz begebenen Anver- wandten ausantworten solten? zumahl da die Usipeter nicht mit den Roͤmern/ sondern diese mit jenen zu erst angebunden haͤtten; in wel- chen Faͤllen die Gesetze der Natur/ welche un- ter allen Menschen eine Verwandschafft stiff- teten/ und die Gewonheiten der Voͤlcker einem ieden die Huͤlffs-Leistung auch mit seiner selbst eigenen Gefahr aufbuͤrdeten. Sie koͤnten zwar leiden: daß die Gefluͤchteten sich aus ihren Graͤntzen erhieben; sie haͤtten auch gerne gese- hen: wenn sie ihre Zuflucht anderwertshin ge- nommen haͤtten; Nach dem aber das letzte nicht zu aͤndern/ zum ersten aber die Bedraͤngten nicht zu zwingen waͤren/ wuͤrde Caͤsar ihnen nicht aufbuͤrden denen nunmehr die Klauen zu zeigen/ welche sich mit ihren Fluͤgeln zu decken gesucht haͤtten. Caͤsar solte bey sich selbst er- maͤssen: ob er sich einer Botmaͤßigkeit uͤber dem Rheine anzumassen befugt waͤre; da er der Usi- peter Niederlassung in einem Theile des von ihm noch nicht gantz bezwungenen Galliens fuͤꝛ eine genungsame Ursache des Krieges gehal- ten. Ja es heischte nicht nur die Ehre der Deut- schen/ sondern auch die eigene Sicherheit: daß sie die Usipeter und Tencterer nicht gaͤntzlich vertilgen liessen/ weil der Sicambrer Wolstand in dieser Voͤlcker Erhaltung derogestalt einge- flochten waͤre: daß wenn sie dieser Verterben mit muͤßigen Haͤnden zuschauten/ sie zugleich mit auf ihr Fallbret traͤten. Alleine der Ubier bewegliches Anhalten/ und der Ehrgeitz/ wel- cher zwischen der Tugend und der eussersten Boßheit kein Mittel weiß/ verleitete Caͤsarn: daß er sich weder in den Graͤntzen Galliens/ noch in den Schrancken der Billigkeit zu hal- ten vermochte. Dannenher ließ er sein gantzes Heer in dem Gebiete der Condruser unterhalb dem Einflusse der Mosel aber uͤber der Siege gegen dem Berge Rhetico aus dem Rheine drey starcke Stroͤme ableiten; um dem Flusse seine Tieffe und Staͤrcke zu benehmen; und/ weil er uͤberzuschiffen ihm weder anstaͤndig noch sicher hielt/ eine hoͤltzerne Bruͤcke in zehn Tagen dar- uͤber legen. Denn er stieß die Pfaͤle mit keiner Ramme ein/ sondern ließ derer bey iedem Joche immer zwey und zwey auf ieder Seite neben einander/ und zwar nicht gerade hinab nach dem Bleymaße/ sondern die Obersten gegen die untersten abwerts vom Strome biß in den Grund des Flusses/ legte quer uͤber zwischen die obersten Ende einen starcken Balcken/ und verband dessen eusserste Vorgaͤnge mit festen Riegeln; also: daß ie mehr selbiger Balcken be- schwert ward/ ie fester stunden die Pfaͤle im Wasser. Die Liebe der Freyheit und die ge- meine Gefahr machte in wenig Tagen einen Vergleich und ein Buͤndniß mit gesammter Hand den Roͤmern zu begegnen/ zwischen de- nen vorhin zwistigen Catten und Sicambern. Wormit sie aber Caͤsarn verleiten/ und ihm den Rhein hinter dem Ruͤcken abschneiden koͤnten/ wiechen sie beyde sechs Meil-Weges hinter sich. Die Ubier stiessen zwar hierauf mit ihren uͤbri- gen Kraͤfften zu den Roͤmern/ und Caͤsar schick- te sechstausend Ubische/ drey tausend Roͤmische/ vier tausend Gallische/ tausend Numidische Reuter/ und fuͤnff hundert Balearische Schuͤ- tzen die Catten auszuspaͤhen; Aber sie traffen auf Arabars Sohn/ den Fuͤrsten Catumer/ welcher vier tausend Reuter von Catten/ tausend von de- nen Usipetern/ und tausend Sicambrer fuͤhrte; und die Roͤmische Reuterey mit solchem Grim̃ anfiel: daß sie nicht einst ihr Gesichte zu vertra- gen/ weniger ihre Waffen zu erwarten wusten; sondern durch die schimpflichste Flucht gegen dem Arminius und Thußnelda. dem Rhein umkehrten; und etliche tausend im Stiche liessen. Caͤsar ward uͤber so schlimmen Anfange stutzend; sonderlich/ da die Entkom- menen nicht genung die Staͤrcke und Tapffer- keit der Catten zu ruͤhmen wusten. Sintemahl die Furcht ohne diß alles vergroͤssert um dar- durch seine Fehler zu vermindern. Daher ließ er bey verlautender Ankunfft der Deutschen/ in Meynung: daß eines schwaͤchern Heeres Ab- zug ohne erlittenen Abbruch einem Feldherꝛn Ehre genung/ ja im Wercke so viel als ein Sieg waͤre/ den funffzehenden Tag nach seiner Uberkunfft aufpacken/ und Tag und Nacht sein Heer zuruͤcke uͤber den Rhein gehen. Jedoch uͤbereilten die Catten noch eine zur Besetzung der Bruͤcke gelassene Legion/ nebst etlichen tau- send Ubiern und Galliern/ die sie meistentheils in Stuͤcken hieben/ also sie mit vielen Stroͤmen Blutes die Braͤnde ihrer vom Feinde eingeaͤ- scherter Haͤuser ausleschten. Ja der Catten U- berfall geschahe so schnell: daß Caͤsar Noth hat- te die Bruͤcke abzubrechen. Diese noch auf der rechten Seite des Rheins gebliebene Ubier mu- sien als einheimische/ und also verhastere Feinde hierauf das Bad ausgiessen/ und entweder uͤber die Klinge springen/ oder sich der Catten Herꝛ- schafft unterwerffen. Denen aber/ welche mit Caͤsarn uͤber den Rhein flohen/ raͤumte er in der Condruser Gebiete unter dem Flusse Abrinca gewisse Aecker ein. Caͤsar hatte in seinen Gedancken schon gantz Deutschland uͤberwunden; und daher hielt er alles fuͤr Verlust/ was seiner unersaͤttlichen Ehrsucht abgieng. Von seinem empfangenen Streiche aber ergoß sich die Galle so sehr: daß er Tag und Nacht nachsaan diese Scharte aus- zuwetzen/ und dardurch nicht so sehr die Freude der Deutschen/ als seiner Wiedrigen in Rom zu versaltzen/ oder vielmehr Gelegenheit zu ei- nem neuen Kriege zu suchen/ wormit er vom Roͤmischen Rathe das Hefft so vieler Legionen aus den Haͤnden zu geben nicht genoͤthiget wuͤr- de. Sintemahl so wol Heerfuͤ hrer / als Kriegs- Leute lieber Sieg/ als Friede wuͤnschen; weil mit dem letztern jenen das Ansehen/ diesen der Sold entfaͤllt. Mit den Deutschen traute er es so bald nicht wieder zu wagen; weil seinem Heere nichts minder noch das Schrecken im Hertzen als die Narben auf den Gliedern wa- ren. Zu seinem Fuͤrhaben aber gaben ihm die in Britannien handelnden Kauff-Leute durch ih- ren Bericht eine andere Gelegenheit an die Hand: daß die Britannier mit einander in ei- nem steten buͤrgerlichen Kriege lebten; und durch fast angebohrne Blutstuͤrtzungen sich uͤ- beraus geschwaͤcht; ja den Fuͤrsten Prasutag aus Verdacht: daß er den Venetern wieder Caͤsarn mit denen dahin gesendeten Huͤlffs- Voͤlckern nicht treulich beygestanden/ ermor- det haͤtten. Diese Nachricht erfrischte in dem Hertzen des von Caͤsarn zum Fuͤrsten der Atre- bater gemachten Comius den alten Groll/ den er gegen dem Britannischen Koͤnige Caßibelin wegen versagter Tochter bißher getragen hat- te. Seine Rachgier verkleidete sich alsofort in eine Staats-Klugheit/ welche Caͤsarn den er- sten Vorschlag that in Britannien zu segeln; durch welchen Zug ihm nicht allein grosser Ruhm/ sondern auch Rom eine nicht geringe Vergroͤsserung ihres Reichs/ ohne sonderbare Schwerigkeit zuwachsen wuͤrde. Also wird von Raͤthen mehrmahls nicht allein haͤußliche Gramschafft mit dem Mantel des gemeinen besten bekleidet/ sondern auch eigner Haß mit dem Glantze ihrer Treue/ und ruͤhmlicher Ent- schluͤssungen ihres Fuͤrsten beschoͤnet. Caͤsarn staͤrckte in seinem Fuͤrnehmen auch die Both- schafft des Feldherꝛn Aembrich/ welcher zwar mit den Catten in schwerem Kriege lag/ dennoch die maͤchtigen Roͤmer in Deutschland zu seinen Gehuͤlffen nicht begehrte; besorgende: daß die Deutschen nicht von dem im truͤben Wasser fi- schenden Caͤsar/ wie fuͤr Zelten die Selevcier von Parthen/ die Carier vom Cyrus/ die Gri- chen Siebendes Buch chen vom Koͤnige Philip/ die Sicilier von Roͤ- mern/ unter dem Scheine der Huͤlffe/ moͤchten um ihre Freyheit gebracht werden/ oder er ihm doch mehr als die oͤffentlichen Feinde beschwer- lich fallen. Zumahl wie fuͤr Alters Athen/ also neulich Rom durch nichts mehr als durch ihre willfaͤrtige Huͤlffs-Leistungen so hoch ans Bret kommen waren. Weil nun der Bundsgenos- sen entfernter/ und ausser seinem eignen Lande geleistete Beystand der sicherste ist; Caßibellin aber iederzeit sich an die Catten gehenckt/ und seinem Eydame Arabarn mehrmahls Huͤlffe geschickt hatte/ hielt der Feldherꝛ fuͤr rathsamer/ sonder eigene Gefahr diesen Zugang den Catten abzuschneiden/ und die denen Cheruskern alle- zeit zugethan gewesenen Usipeten Tencterer und Sicambrer aus dem Roͤmischen Kriege zu wickeln/ als mit selbter diesen groͤssern Abbruch zu thun. Wie nun Caͤsar in Gallien alle An- stalt zu einer grossen Schiff-Flotte machte/ die Catten aber hiervon Wind kriegten/ warnigten sie nicht allein den Koͤnig Caßibelin/ sondern stiffteten auch die Moriner und Menapier an/ nach Caͤsars Uberfarth den Roͤmern in Galli- en einzufallen. Caßibelin ließ/ so bald er ver- nahm: daß Volusenus mit etlichen Kriegs- Schiffen auf der Britannischen Kuͤsten kreutz- te/ und Gelegenheit zum Anlenden suchte/ den von Caͤsarn zu ihm mit grossen Freundschaffts- Vertroͤstungen abgeschickten Comius/ als ei- nen Kundschaffter/ in Verwahrung nehmen. Caͤsar hatte hierauf mit dem unwilligen Mee- re und dem Winde den ersten Kampff; welche von denen acht und neunzig Schiffen bey nahe die Helffte zerstreuten/ ein Theil derselben in den Abgrund versenckten/ ein Theil auch auff die Morinischen Sand-Baͤncke zuruͤcke trie- ben/ oder auf den Britannischen Klippen zer- schmetterten. Wiewol auch Caͤsar mit zwey Legionen anfangs in den Fluß Tamesis einzu- lauffen vermeinte/ aber Sudwerts um das Can- tische Vorgebuͤrge getrieben ward/ uñ an einem bergichten Meerstrande anzulaͤnden bemuͤht war/ so rennte doch Boudieea eine Heldenmaͤs- sige Jungfrau des streitbaren Wakon Tochter und Koͤnigin selbigen Gebietes/ (welche/ wegen ihrer aus Verdacht begangenen Ehbruch ent- haupteten Mutter ein Geluͤbde gethan hatte/ nicht zu heyrathen) eilends dahin/ und schoß eine solche Menge Pfeile auf die aussteigenden Roͤ- mer: daß sie wieder zuruͤcke in die Schiffe lauf- fen/ und Caͤsaꝛ ausser dem Geschoß Ancker werf- fen muste. Des Nachts segelte er mit der Helffte der Schiff-Flotte und fast aller Mannschafft acht Meilweges ferner gegen West/ an ein fla- ches Ufer; lendete auch mit den Schiffen und vielen Nachen an/ aber Boudicea eilte mit ihrer Reuterey daselbst hin; und ließ ihr Fuß-Volck gegen die zuruͤck gelassenen und bald dar bald dort blinden Lermen machenden Schiffe stehen. Ob nun gleich die Roͤmer mehr als zehnmahl am Ufer festen Fuß setzten; so schlug sie doch die großmuͤthige Boudicea allezeit mit grossem Verluste in den Schlam und das Meer zuruͤ- cke; also: daß derer mehr als zwey tausend dar- innen erstickten/ und fast niemand mehr auff Befehl der Krieges-Obersten ansetzen wolte. Dessen ungeachtet wolte Caͤsar hier lieber selbst umkommen/ als mit Abweichung allen vorigen Ruhm verspielen. Daher befahl er dem/ der den guͤldenen Adler der zehenden Legion fuͤhr- te: Er solte mit selbtem aus dem Schiffe sprin- gen; oder da er kein Hertz haͤtte/ selbten gegen dem Ufer werffen/ um zu schauen: Ob die Roͤ- mer diß heilige Merckmahl ihres ewigen Rei- ches den Feinden verraͤtherisch in Haͤnden las- sen wolten. Wie nun der Faͤhnrich voran/ Caͤsar auch selbst nachsprang/ drang sich alles mit Gewalt aus den Schiffen; und wenn schon die Vorgaͤnger von Britanniern erlegt wur- den/ traten dennoch die nachfolgenden ver- zweiffelt an ihre Stelle. Weil auch gleich zwoͤlff mit Reuterey verschlagene Schiffe Caͤ- sarn zu Huͤlffe kamen/ muste Boudicea/ nach dem Arminius und Thußnelda. dem sie einen gantzen Tag mit acht tausend Mann leichten Reutern die Roͤmische Macht aufgehalten hatte/ Caͤsarn die Anlendung ent- raͤumen. Ob nun wol achtzehn andere mit Reuterey beladene Schiffe aus Gallien Caͤsarn folgten; so erregte sich doch ein neuer Sturm/ und bey damahligem Vollmonden ward die Flut so ungewoͤhnlich groß: daß jene Schiffe abermahls zerstreuet/ die an dem Strande zu kurtz angebundenen aber entweder eingesenckt/ oder von den Wellen zerschlagen wurden. Caͤ- sar lernte hieꝛdurch: daß die Hertzhaftigkeit nicht allzeit die Maͤß-Schnure unserer Siege und Gluͤcks waͤren/ ward also hieruͤber nicht wenig bekuͤm̃ert/ sonderlich als er vernahm: daß Bon- dicea sich in der Naͤhe verstaͤrckte/ und auf ihn loß zu gehen sich anschickte. Gleichwol ließ er Tag und Nacht an Befestigung des Laͤgers/ und an Ausbesserung der zerschmetterten Schiffe arbeiten. Boudicea that inzwischen bey Erwartung des zum Sturm noͤthigen Fuß-Volcks den Roͤmern/ welche auf Fuͤtte- rung ausritten/ taͤglich grossen Abbruch/ end- lich stuͤrmte sie gar das Laͤger. Weil aber selb- tes wegen der tieffen Graͤben/ grossen Bollwer- cke/ vielen Thuͤrme/ und mangelnden Sturm- Zeuges/ wie diese ihnen gantz neue Art der Befestigung bedorffte/ allzuviel Volckes zu be- doͤrffen schien/ hielt sie als eine nicht weniger kluge Landes-Mutter/ als eine großmuͤthige Heldin fuͤr rathsamer/ den Feind nur ins Laͤ- ger einzuschliessen/ und durch Abschneidung aller Lebens-Mittel zum Abzuge zu noͤthigen; denn durch unersaͤtzliche Verschwendung vie- len Menschen-Blutes den eitelen Ruhm einer verwegenen Eroberung zu erwerben. Caͤsar kriegte hierauf Nachricht: daß Koͤnig Caßibe- lin haͤtte den Comius auf einem Nachen an das Gallische Ufer fuͤhren/ und daselbst aussetzen lassen; zugleich auch ein Schreiben: Darinnen der Koͤnig seine Bestraffung selbst heimstellte; weil er durch unrechtmaͤßige Bestechungen sei- ne Diener verleiten/ seine Geheimnuͤße aus- kundschafften/ seine Unterthanen zu Aufruhre bewegen wollen; und dardurch nicht weniger das Recht der Voͤlcker verletzt/ als sein heiliges Amt verunehret haͤtte. Caͤsar lachte zwar hier- zu; und sagte: Bothschaffter waͤren die fuͤr- nehmsten Kundschaffter/ und einen andern uͤber den Stock stossen ihr Handwerck; gleichwol a- ber brauchte er die Loßlassung des Comius zu einem scheinbaren Vorwandte seiner Bestil- lung. Wie nun das ungestuͤme Meer sich nur etlicher massen besaͤnfftigte; gieng er um Mitternacht in aller Stille zu Schiffe/ und zwar mit grossem Verlust der Schiffe und Volckes; segelte aber mit keinem andern Ge- winn zuruͤcke/ als daß die Roͤmer Britannien gesehen hatten; und lieff theils in dem Jccischen Hafen/ theils in dem Munde des Flusses Can- cius zu Lutomagus ein. Caͤsar aber fand Gallien auch in ziemlich verwirrtem Zustande; Denn die Moriner und Menapier waren nicht nur denen Atrebatern eingefallen; sondern der Trevirer Hertzog Ju- duciamor empfand auch sehr hoch: daß Caͤsar ohne einige Ursache seiner Schwester Tochter die Koͤnigin Boudicea uͤberzogen hatte. Daher er nicht nur mit dem Eburoner Hertzoge Cat- tivolck/ sondern auch mit dem Feldherꝛn Aem- brich Rath hielt/ wie sie saͤmtlich ihrer nahen Bluts-Freundin/ wie auch denen Galliern/ welche von allen Seiten die deutschen Fuͤrsten um Entbuͤrdung des Roͤmischen Jochs anfle- heten/ zu Huͤlffe kaͤmen. Weil aber der Feld- Herꝛ Aembrich noch mit denen Catten/ Her- mundurern und Svionen alle Haͤnde voll zu thun hatte/ dorffte er gegen die Roͤmer nichts hauptsaͤchliches entschliessen. Jnzwischen schickte Caͤsar den Labienus mit zweyen Legionen gegen die Moriner; den Ti- turius und Cotta aber mit so vielen/ und den Co- mius mit etlichen tausend Galliern wieder die Menapier. Alleine beyde Voͤlcker verliessen Erster Theil. N n n n n n ihre Siebendes Buch ihre geringe Wohnungen/ brachten ihre beste Sachen in die mit vielen Suͤmpffen umgebe- ne Waͤlder; und fuͤgten den Roͤmern/ welche sich unterstunden die verhauenen Forste zu oͤff- nen/ grossen Schaden zu; also: daß sie endlich ihnen die Freyheit lassen/ und mit ihnen einen billichen Vergleich treffen musten. Unterdessen stand Deutschland noch in vol- ler Verwirrung; und nichts minder die Hertzen voller Rachgier/ als das Land voller Kriegs- Flamme. Der Gottesdienst war zwar der Vor- wand; das Absehen aber seiner Fuͤrsten war die Ober-Herꝛschafft. Das Volck ward hieruͤber theils mit gaͤntzlichem Unglauben/ theils mit A- berglauben eingenommen; welcher letzte die Seele uͤbersuͤchtig macht/ der erste aber sie gar verblaͤndet. Die kluͤgsten entzogen bey dieser Verwirrung dem Vaterlande so wol ihre Ach- seln/ als ihre Rathschlaͤge; wiewol diese Ent- ziehung so gefaͤhrlich als anderer Anmassung war. Die buͤrgerliche Zwytracht hob an vie- len Orten den noͤthigen Unterschied der Gebie- tenden und Gehorchenden auf; also: daß diese sich wieder jene/ wie zu Rom an dem Feyer des Saturnus die Knechte uͤber ihre Herren der Bothmaͤßigkeit anmasten. Der Feldherꝛ Her- tzog Aembrich selbst gerieth bey vielen in so schlechtes Ansehen: daß etliche Pannonische Ritter ihn in seinem Zimmer uͤbertraten; und ihm die Wiederruffung seiner wieder die Eu- bagen gemachten Schluͤsse aufdringen wolten. Jhrer viel unter denen Grossen umarmeten sich mit den Aemptern seiner Hoheit/ wie die Gri- chen an dem Plyntherischen Feyer mit den Bil- dern der Minerva und wie die wuͤtenden Prie- ster des Kriegs-Gotts/ welche an seinem Feyer zu Rom wie thumme Leute mit den Ancilischen Schulden herum schwaͤrmten. Mit einem Worte: das Gewebe der Herꝛschafft in Deutsch- land war derogestalt verfitzet: daß es weder der kluge Feldherꝛ/ noch iemand anders durch or- dentliche Mittel zu vernichten faͤhig war. Er er- kennte sodenn allererst/ wie viel er durch Lin- digkeit gefehlet; da er auf Beschwerfuͤhrung der Ubier und anderer Bundsgenossen seinen Feld-Obersten Terbal seiner Aempter entsetzt hatte; und daß ein Fuͤrst ihm selbst ein Auge ausreisse/ wenn er einen in Treue und Klug- heit lange gepruͤfften Diener von sich laͤst. Da- her er diesen verstossenen nunmehr gleichsam wieder alle Gesetze der Staats-Klugheit; ja fast mit unverschraͤnckter Gewalt seinem Kriegs- Heere fuͤrsetzen muste. Denn ob zwar dieser kluge Fuͤrst wol verstand: daß man seinen Die- ner zum Gefaͤhrten seiner Bemuͤhungen/ nicht aber seiner Wuͤrde machen/ ihn mit seinem Schatten bedecken/ nicht aber mit seinem Purpur umhuͤllen/ am wenigsten aber man mit seinem Diener verbindliche Bedingungen machen/ ihn aller kuͤnfftigen Rechenschafft zu- vor aus erlassen/ und denen Unter gebenen ihre Zuflucht an den Fuͤrsten verschrencken solte; so war doch nicht so wol die Klugheit/ als die Noth dißmahl das Gesetze der Zeit/ und eine Richt- schnur seiner Entschluͤssung. Terbal besiegelte auch alsobald seine Treue mit einem gluͤcklichen Anfange; da er nemlich den Koͤnig Ariovist/ welcher bey denen Hermundurern sein ver- schantztes Laͤger stuͤrmte/ mit grossem Verlust abtrieb. Beyde grosse Kriegs-Machten ka- men hierauf nicht ferne von der Elbe abermals an einander. Denn ob wol der Feldherꝛ Aem- brich daselbst in Eil um sein Heer einen zweyfa- chen Graben aufwerffen ließ; so trieb doch den Koͤnig Ariovist die Rachgier wegen vorigen Verlustes/ Gotarten das Vertrauen auff sein Gluͤcke/ und die Tapfferkeit seines so vieler Siege gewohnten Kriegs-Heeres/ den Hertzog Briton das Verlangen die feindliche Macht ausser seinen Laͤndern zu bringen dahin: daß sie das Cheruskische Heer/ ungeachtet des fuͤr sich habenden grossen Vortheils/ gleichsam ver- zweiffelt angrieffen. Zu ihrem grossen Ungluͤcke aber ward der allzuhitzige Fuͤrst Gotart an dem andern Graben von einem Burischen Ritter bald Arminius und Thußnelda. bald im Anfange des Treffens mit einem Pfei- le toͤdtlich verwundet; zu einer Verwarnigung aller Kriegs-Haͤupter: daß sie sich die Begierde eitelen Ruhmes nicht zur Vermessenheit verlei- ten lassen/ noch mit einem gemeinen Krieges- Knechte das Ampt verwechseln/ sondern viel- mehr erwegen sollen: daß ein Feldherꝛ nichts minder in seinem Heere/ als das Hertz im Leibe zum allerletzten sterben doͤrffe. Es ist wol wahr/ sagte Zeno; daß ein Fuͤrst/ als die Seele seines Reiches sich nicht in allen Traͤffen befinden/ we- niger in Schlachten sich an die Spitze stellen solle. Wenn es aber um das Hefft der Herr- schafft zu thun ist/ oder Kron und Zepter mit dem Heile und der Wolfarth des Volcks auff der Wagschale liegen/ scheinet der des Sieges kaum wuͤrdig zu seyn/ der sich nicht zugleich der Gefahr theilhafftig macht. Das Verlangen sein Reich zu erweitern reitzte den Koͤnig Philip in Macedonien: daß er seine Vergnuͤgung suchte/ wo es am schaͤrffsten zugieng. Den Ver- lust seines Auges hielt er nach Erlegung seines Feindes fuͤr Gewinn; und die Schrammen seiner Glieder fuͤr Ehren-Maale. Sein noch groͤsserer Sohn Alexander suchte allenthalben die Gefahr/ wo sich sonst niemand wolte finden lassen. Und es scheinet: daß so denn der Tod sich fuͤr denselbigen scheue/ die ihm so hertzhafft unter die Augen gehen. Wenn aber auch ja das Verhaͤngnuͤß ein anders uͤber ihn bestim- met; ist es besser: daß einer als ein Fuͤrst sterbe; als ein Verjagter der Welt ein Schauspiel des Ungluͤcks abgaͤbe. Zumahl auch Codrus fuͤr sein Vaterland vorsetzlich dem Tode in die Armen rennte. Es ist nicht ohne/ versetzte Malovend. Aber damahls war es Gotarten nicht um die Herꝛschafft/ sondern um eine fremde Wuͤrde zu thun; auch war die Noth so noch nicht an Mann kommen: daß Gotart selbst sich in die Gefahr setzte; oder auch die Verrichtung so beschaffen: daß kein ander Kriegs-Oberster selbte haͤtte uͤ- bernehmen koͤnnen. Jedoch verbesserte der tapffere Gotart diese Ubereilung durch eine ver- nuͤnfftige Erinnerung; da er nehmlich wegen Unvermoͤgenheit zu reden seine Hand auf den Mund legte/ und dardurch seinen Tod geheim zu halten anbefahl. Aber die Bestuͤrtzung seiner Leute/ oder das gewaͤschige Geschrey verrieth seinen Fall in kurtzem durch das gantze fechten- de Heer; wiewol es selbtes mehr zur Rache reitz- te/ als einige Kleinmuth verursachte. Denn als Koͤnig Ariovist mit dem Feldherꝛn selbst; Her- tzog Briton mit Terbaln/ der die Quaden/ Ly- gier und Semnoner fuͤhrte/ nichts minder das Gluͤcke/ als die Streiche verwechselte/ erlegten die verbitterten Svionen den Chaßuarier Hertzog/ und brachten den ihm unter gebenen lincken Fluͤgel in die Flucht. Gleichwol blieben die andern Heerfuͤhrer unverruͤckt gegen einan- der in blutigem Gefechte biß in die sinckende Nacht stehen; da deñ der Feldherꝛ seinem Fein- de fuͤr den Verlust eines so tapfferen Fuͤrsten die Ehre eines theuer bezahlten Sieges einzuraͤu- men gezwungen ward. Hertzog Aembrich buͤste dißmahl mehr als die Helffte seines Heeres/ a- ber nichts von seinem Hertzen ein. Ja seine Tapfferkeit war niemahls sichtbarer/ als wenn es ihm uͤbel gieng. Die finsteren Wolcken der Unruh erleuchteten gleichsam seinen Verstand; und die Gefaͤhrligkeiten befestigten seine Hertz- hafftigkeit. Daher verstaͤrckte er sein Heer nicht mehr durch neue Kriegs-Scharen/ als mit sei- nem muthigen Beyspiele. Seinen Feinden hingegen verschwand durch Zwytracht der Heerfuͤhrer nicht allein die Frucht alles Sieges aus den Haͤnden; sondern ihre Kraͤfften verge- ringerten sich auch unempfindlich/ und ohne Wahrnehmung einiger Ursache. Sinte- mahl der Zwist der Aertzte nicht mehr Lei- chen zu Grabe schickt/ als Uneinigkeit der Haͤupteꝛ denen maͤchtigen Heeren heim hilfft/ oder wenigstens ihnen ihre Spann- Adern verschneidet. Der Hermundurer Her- tzog Briton hatte schon fuͤr geraumer Zeit auf seiner Bundsgenossen anwachsende Gewalt ein scheles Auge gehabt; welche diesen so wenig zu N n n n n n 2 seinen Siebendes Buch seinen Gebietern als den Feldherrn Aembrich zu seinem Herrn/ sondern beyde zu seines glei- chen haben wolte. Uber diß empfand er: daß nach Gotarts Tode/ welcher allein eine einige Tochter in seiner Herꝛschafft hinterlassen hatte; nicht ihm/ sondern einem Svionischen Edel- manne Rixeston die oberste Kriegs-Verwal- tung anvertraut ward. Denn Fuͤrsten vertra- gen neben sich so ungerne niedrige Gefaͤrthen/ als das Auge der Welt neblichte Neben-Son- nen. Dieser Gelegenheit bediente sich der Feldherꝛ Aembrich zu seinem ansehnlichen Vortheil/ bot dem Hertzoge Briton anstaͤndige Friedens-Vorschlaͤge an; wol wissende: daß seine Versoͤhnung ihm leicht vieler andern deutschen Fuͤrsten Gemuͤther gewiñen wuͤrde. Er haͤtte auch unschwer seinen Zweck erreicht; wenn nicht sein Feldhauptmann Terbal aus Beysorge: daß der Feldherr ihn zum andern mahl seiner Wuͤrde entsetzen/ und seinen eige- nen aus Persien ruhmwuͤrdigst zuruͤckgekom- menen Sohn Segimern darzu erheben wuͤr- de/ mit seinen Feinden in ein heimliches Ver- staͤndniß getreten/ und seine Verraͤtherey mit der Liebe des Vaterlandes/ welchem der Feld- herꝛ die Fessel eusserster Dienstbarkeit anzule- gen im Schilde fuͤhrte/ verdecket/ also den auff Aembrichs Seite schon geneigten Fuͤrsten der Hermundurer irre gemacht haͤtte. Wie nun Terbal mit dem Koͤnige Ariovist schon zum Schlusse eines heimlichen Buͤndnuͤßes kom- men war; unterstand er sich die Gemuͤther der andern Cheruskischen Kriegs-Obersten theils durch Wolthaten ihrem Herꝛn abzustehlen; theils durch Fuͤrstellung seiner zweyten Abdan- ckung gegen sich zum Mitleiden zu bewegen; oder vielmehr ihnen fuͤrzubilden: daß sie fuͤr ih- re treue Dienste von einem undanckbaren Fuͤr- sten keinen bessern Lohn/ von dem tapffern Koͤ- nige Ariovist aber als einem/ der die Tugend hoͤher zu schaͤtzen wuͤste/ zuerwarten/ auf des Feldherꝛn Untergang aber eine bessere Herꝛ- schafft des Vaterlandes und ihre eigene Wol- farth zu ergruͤnden haͤtten. Also faͤnget niemand an seinen Fuͤrsten vorsetzlich zu beleidigen: daß er hernach darmit aufhoͤren wolle; und weder Ehrsucht nach Rache wissen in ihrem Begin- nen Maaß zu halten. Terbal wuste seinem Meyneyde eine solche Farbe anzustreichen: daß er nicht nur die gemeinen Knechte/ welche zwar anfangs wie das Meer unbeweglich sind/ her- nach aber/ wenn der Wind sie einmahl erreget hat/ auch/ wenn dieser sich schon leget/ nicht auf- hoͤren zu schaͤumen; sondern auch etliche der Kriegs-Obeꝛsten blaͤndete. Denn/ weil die Ehr- suͤchtigen bey verwirrtem Zustande Wuͤrden zu erlangen ihnen einbilden/ die sie ihrer Ver- dienste halber bey ruhigem zu uͤberkommen ih- nen selbst nicht getrauen; die Eitelen aber sich nicht so wol uͤber einem abgesehenen Preiße der auf ihre Hoͤrner genommenen Gefahr/ als uͤ- ber der Gefahr sich selbst erfreuen/ oder dem ge- genwaͤrtigen Gewissen das kuͤnfftige ungewisse vorziehen; so faͤllt es einem verfchlagenen Auf- wiegler nicht schwer anfangs die boßhafften/ hernach die leichtsinnigen zu gewinnen/ und endlich auch die wenigen Klugen an das allge- meine Seil zu bringen. Gegen diese letztere bediente er sich sonderlich des Vorwands: daß die eingefuͤhrte Wuͤrde der Feldherꝛschafft mit der Deutschen Freyheit sich nicht allerdings vertruͤge; welche dadurch verewigt wuͤrde/ wenn alle Fuͤrsten einander die Wage hielten; selbi- gen Augenblick aber Schiffbruch lidte/ wenn einer auch nur eine Staffel die andern uͤberstie- ge. Gleichwol aber nahm die Treue und Klug- heit etlicher Cheruskischen Feld-Obersten Ter- bals Boßheit zeitlich wahr/ welche dem Feld- herꝛn die grosse Gefahr eilends entdeckten; und sich zu Werckzeugen selbter zu begegnen willig anerboten/ inzwischen aber theils Terbals An- muthungen ausdꝛuͤcklich beypflichteten/ wormit sie seine Geheimnuͤsse nicht nur besser ausforsch- ten/ sondern auch durch den Beytrag ihrer Rath- Arminius und Thußnelda. Rathschlaͤge den offentlichen Abfall etwas ver- zuͤgerten; theils als wenn sie sein Absehen nicht erkieseten/ sich mit Fleiß alber anstellten. Rhe- metalces fieng an: Jch werde hierdurch in mei- ner Meynung bestaͤrckt: daß die Thorheit nicht allezeit eine Tochter der Unwissenheit/ noch eine Kranckheit der Seele/ sondern eine Gefaͤrthin der Klugheitsey. Sonder allen Zweiffel ant- wortete Zeno. Denn wenn Brutus sich nicht mit dieser Naͤrrin vermaͤhlt haͤtte; waͤre Rom unter dem Joche der Tarquinier vollends ver- schmachtet. Ulysses ist niemahls verschlagener gewest/ als da er sich unsinnig gestellt. Ja ich will noch wol mehr sagen; nehmlich: daß die Narrheit eine Erhalterin der Welt/ und eine Saͤug-Amme vieler tausend Menschen sey. Denn wenn der Krieg/ als der Raͤdelsfuͤhrer aller Thorheiten/ nicht so viel Menschen auf- fraͤsse; unsere Boßheit nicht den erzuͤrnten Him- mel zu Schickung der Pest/ der Erdbeben und anderer Ungluͤcke reitzte/ wuͤrde die Erde kaum die Helffte der Menschen verpflegen koͤnnen. Wie viel tausend erhalten sich nicht vom Spie- le/ Tantze/ Gezaͤncke/ von Bereitung des Werckzeuges unserer Wolluͤste; welchem allem unsere Thorheit seine Bewegung giebt. Ja das Siech-Hauß dieser unheilbaren Krancken hat einen so grossen Umschweiff/ als die Erde. Daher sich nicht zu verwundern: daß zu Rom alle Jahr das Feyer des Quirinus den Narren zu gefallen gehalten ward. Malovend fuhr fort: die alberen Kriegs-Obersten waren auch in unserer Geschichte des Feldherꝛn Aembrichs kluͤgste Rathgeber; ja seine und des Cheruski- schen Hauses Erhalter. Denn weil es in Ver- raͤthereyen gefaͤhrlicher ist/ als gifftigen Fleck- febern lange uͤber Wahl der Artzney Rath zu halten; er auch wol wuste: wie das Kriegsvolck an Terbaln so sehr hienge/ schickte er diesen ge- treuen Einfaltigen einen Befehl zu: Sie solten mit dem Kopffe denen Auffruͤhrern die Adern verschneiden; und mit dem Blute des einigen Terbals die Schuld aller Mitverschwornen ausleschen. Diese uͤbten den Befehl nicht we- niger kluͤglich als hertzhafft aus. Denn als Terbal des Abends vorher seinem Anhange ein koͤstliches Gast-Gebot ausgerichtet hatte/ uͤber- fielen sie ihn des Nachts in seinem Gezelt; also daß dem Heere nicht ehe sein Tod lautbar/ als dem Heere der ruͤckstaͤndige Sold bezahlet/ Terbals Schrifften undurchlesen verbrennt/ und zugleich allen angedeutet ward: Weil von Terbaln allein alles Gifft des Meyneydes her- ruͤhrte/ begehrte der Feldherꝛ nach keinem Mit- schuldigen zu fragen. Diese kluge Anstalt schreckte die Boßhafften/ beruhigte die Ver- fuͤhrten/ vergnuͤgte die Duͤrfftigen/ versicherte die zweiffelnden; also: daß die derogestalt lin- de gehandelten Glieder nicht einmahl zuckten/ als gleich ihrem Haupte das kalte Eisen durch die Gurgel fuhr; sondern vielmehr kurtz hier- auf den Fuͤrsten Segimer zu ihrem neuen Kriegs-Haupte mit Freuden annahmen. Zeno brach ein: Jch unterstehe mich nicht diesen gluͤck- lichen Streich des Fuͤrsten Aembrichs zu schel- ten; weil ich alle Umstaͤnde nicht weiß/ derer eine einem gantzen Wercke ein gantz ander Ge- sichte zueignen kan. Jch wuͤrde auch den Fuͤr- sten ihre uͤber die Schrancken der Gesetze erho- bene Macht strittig machen/ wenn ich von sei- nem Urthel Rechenschafft fordern wolte/ wel- ches die Perser fuͤr eine ungereimte uñ Koͤnigen unanstaͤndige Umschraͤnckung auslegten; als ihr Cambyses sie fragte: Ob er seine Schwester ehlichen moͤchte. Allein ich bescheide mich doch: daß die Deutschen wie die vernuͤnfftigsten Voͤl- cker solche Fuͤrsten haben/ welche mehr fuͤr Ehre/ als Zwang halten/ sich der Vernunfft zu unter- werffen/ und/ um denen Unterthanen den Ge- horsam zu erleichtern ihren Willen eigenbe- weglich unter der Richtschnur der Gesetze zu beugen; die gleich von ihrer Willkuͤhr ihre Seele und Krafft bekommen. Welche Ge- muͤths-Maͤßigung ihrer Gewalt sicher so we- N n n n n n 3 nigen Siebendes Buch nigen Abbruch thut/ als der Goͤttlichen All- macht; wenn selbte ins gemein ihre Wege nach dem Lauffe der Natur einrichtet; und der Wun- derwercke sich selten/ niemahls auch ausser in den allerwichtigsten Verhaͤngnuͤssen gebrau- chet. Bey welcher Bewandnuͤß mir denn sehr bedencklich faͤllt gegen einen Beschuldigten oh- ne Verhoͤr und Verantwortung zu verfahren. Denn wenn es genung ist einen begangener Laster halber anklagen/ wer wird fuͤr den Ver- laͤumdern unschuldig bleiben? Wil man einem keinen Beystand erlauben/ so kan man ihn doch nicht ohne Richter verdammen. Fuͤrsten/ ja Wuͤtteriche koͤnnen einem Sterbenden kaum diese Barmhertzigkeit abschlagen: daß er vorher die Ursache seines Todes erfahre/ und die Gna- de der Verdammung genuͤße. Gewiß/ auch der guͤtigste Fuͤrst wird bey einer solchen Ver- fahrungs-Art niemahls seine Haͤnde von den Flecken zu unrecht verspruͤtzten Blutes wa- schen; und die aͤrgsten Ubelthaͤter die Nahmen unschuldiger Maͤrterer zum Gewinn haben. Ein zu strenges Urthel uͤber einen leichten Feh- ler hat keinen so grossen Schein einer Grau- samkeit/ als eine linde Bestraffung einer uner- wiesenen Missethat. Beym einaͤugichten Koͤni- ge Philip war es Halsbꝛuͤchig eines Cyclopen ge- dencken; und beym verschnittenen Hermias ein Beschneide-Messer nennen. Bey einem an- dern kahlkoͤpfichten Fuͤrsten musten die uͤber die Klinge springen/ welche einer Platte erwehn- ten. Aber alle diese verfielen beym Volcke nicht in so uͤbele Nachrede/ als Alexander/ da er den durch nichts/ als sein ausgepreßtes Bekaͤntnuͤß uͤberwiesenen Philotas hinrichten ließ. Zumahl auch mit der Zeit die Rachgier wieder die aͤrg- sten Ubelthaͤter veraltert/ und der Zorn sich eben so in Mitleiden verwandelt; wie gegen der an- faͤnglichen Verbitterung sich keine Unschuld ausfuͤhren kan. Ja es verrichtet selten der Scharffrichter sein Ampt: daß nicht das Volck das Urthel fuͤr ein zu scharffes Gerichte haͤlt. Diesemnach ist es einem Fuͤrsten nit nur anstaͤn- diger/ sondern auch rathsamer hundert schuldige zu verschonen/ als einen unschuldigen zu toͤdten. Denn es hat die Straffe mehr mit der Hoͤlle/ die Begnadigung aber mehr mit dem Himmel Verwandschafft; welcher durch seinen Blitz zwar offt ihrer viel tausend schrecket/ aber selten einen beschaͤdigt; also gar: daß das Alterthum geglaubet: Jupiter koͤnne zwar fuͤr sich alleine zum Schrecken donnern; aber ohne der andern Goͤtter Einwilligung keinen treffenden Don- ner-Keil auf die Menschen herab fahren lassen. Ja die Natur selbst scheinet aus keiner andern Ursache das Blut in den muͤtterlichen Bruͤsten in Milch zu verwandeln/ als damit die saͤugen- den Kinder nicht dardurch zum Blutdurste an- gewehnet wuͤrden. Am allerwenigsten aber ste- het die Eigenschafft der Aegln Fuͤrsten an/ wel- che Vaͤter des Landes/ und Saͤug-Ammen des Volckes seyn sollen. Ja dieselben/ welche aus Verdacht ohne Urthel und Recht uͤber ihre Die- ner ein so strenges Hals-Gerichte gehegt; ha- ben meistentheils einen verzweifelten Untertha- nen zu ihrem Richter und Hencker erdulden muͤssen. Daher Fuͤrst Segimer/ als einer in solcher Berathschlagung statt seiner Meynung fuͤrbrachte: Des Pompejus Tod war Caͤsars Leben; selbigem vernuͤnfftig antwortete: Es ist wahr; aber diß mangelt noch zur Geschichte: Des Pompejus Tod war Caͤsars Untergang. Rhemetalces begegnete ihm: Jch bin eben so wol kein Freund der Grausamkeit; und halte darfuͤr: daß einem Fuͤrsten viel Hals-Gerichte so wenig/ als einem Artzte viel Leichen ruͤhmlich sind. Es ist ausser Zweiffel auch mehr viehisch als menschlich einen verdammen/ dessen Ber- theidigung man nicht gehoͤret hat. Denn die Verlaͤumdung scheuet sich nicht auch die reinste Unschuld zu schwaͤrtzen. Keine Blume hat so gesunde Krafft in sich: daß sie nicht der Kroͤte zu einer Nahrung ihres Gifftes diene; und der Verdacht ist so wol ein verdaͤchtiger Zeuge als ein Arminius und Thußnelda. ein schielender Richter. Alleine dieser Rechts- weg ist keine sichere Bahn in den hohen Ver- brechen wieder den Staat und die Hoheit eines Fuͤrsten. Beyde sind unleidlicher anzuruͤhren als die Augen/ ja auch sorgfaͤltiger zu verwah- ren. Den Fischer/ der den dem Alexander vom Haupte gewehten und in einen schilfichten Sumpff neben eines alten Koͤniges Grab ge- worffenen Krantz aufhob/ kostete seine Dienst- barkeit den Hals. Und Cambyses hielt einen Traum fuͤr genungsame Ursache seinem Bru- der das Licht auszuleschen. Ob ich nun zwar in die Fußstapffen dieser scharffen Richter zu treten nicht rathe; so kan ich doch den nicht ta- deln/ der in den Lastern wieder den Staat das Recht von Vollziehung des Urthels anhebt/ wenn entweder derer zu viel ist/ die sich wieder das gemeine Wesen verschworen haben/ und der Schlag gleichsam schon uͤber dem Nacken schwebt/ oder wo der Verraͤther die Waffen in Haͤnden hat. Jn diesen Faͤllen erlaubet das oberste Gesetze/ nehmlich das allgemeine Heyl/ auch wieder die Gesetze gegen einen Verbrecher zu verfahren/ und den Kopff der Schlange un- versehens zu zerquetschen/ ehe sie sticht. Also ließ Alexander den bey seinem Heere allzuhoch angesehenen Parmenio durch seinen besten Freund Polydamas abschlachten. Nicht an- ders halff Dion dem gewaffneten Heraclides zu Syracusa vom Leben. Zwar es kan gesche- hen: daß zuweilen die Unschuld hierdurch Noth leidet. Denn die mit einer Larve der Ver- laͤumdung verstellte Tugend sieht vielmahl dem Laster so aͤhnlich: daß sie auch der scharff- sichtigste nicht unterscheiden kan. Aber die ge- meine Wolfarth muß diesen Schaden ersetzen. Auch die besten Aertzte lassen gesunden Glie- dern zur Ader/ um das krancke Haupt zu er- halten/ und dem bedraͤngten Hertzen Lufft zu machen. Wenn der zehende eines seiner Pflicht vergessenden Kriegs-Volcks durchs Loß zum Tode erkieset wird/ trifft es mehrmahls die tapffersten. Ja in den Lastern wieder den Staat und die Fuͤrsten machen die Gesetze der meisten Voͤlcker Kinder und Bluts-Freunde/ ja auch die straffbar/ welche Alters halber zu fuͤndigen nicht faͤhig sind. Alleine alle grosse Beyspiele haben etwas ungerechtes/ wie die kraͤfftigsten Artzneyen ein wenig Gifft bey sich. Diesen Schaden aber muß die Erhal- tung des Reiches und eines Fuͤrsten ersetzen. Denn dieser ist der Steuer-Mann/ an dem das meiste gelegen ist; und der in solchen Faͤl- len sich eines andern Compasses in der Nacht/ eines andern des Tages gebrauchen; ja bey sich naͤherndem Schiffbruche auch diß/ was er am liebsten hat/ uͤber Port werffen muß. Ma- lovend brach ein: Hertzog Aembrich kam eben so ungerne dran; iedoch zwang ihn die Noth sich des ihm nichts minder beliebten als benoͤ- thigten Terbals zu entschlagen; den er fast al- leine der Feld-Hauptmannschafft gewachsen hielt. Alleine der seinen erledigten Platz ver- tretende Fuͤrst Segimer erfuͤllte nichts minder sein Ampt/ als den Platz; und kam so wol des Vaters Vertrauen und des Volckes Hoff- nung/ als seinen Jahren zuvor. Er setzte ihm alsbald fuͤr durch einen ruͤhmlichen An- fang sich bey den Seinen beliebt/ bey dem Feinde ansehnlich zu machen; wol wissende: daß wie die Sternseher aus dem einigen Geburts-Gestirne des menschlichen Le- bens/ also die Kriegs-Leute als ihres Heer- fuͤhrers erstem Streiche sein gantzes kuͤnff- tiges Gluͤck und Ungluͤck wahrsagen. Weil nun durch lange Ruhe das Kriegs- Volck nur in allerhand Schwachheiten verfaͤllt; taͤgliche Bemuͤhung aber selb- tes auff nichts boͤses gedencken laͤßt; ruͤck- te er mit seinem Heer denen Alemaͤn- nern ins Hertz/ und belaͤgerte die Stadt Alzimoen. Wie nun Ariovist und Ara- bar Siebendes Buch bar der Catten Hertzog selbter zu Huͤlffe eilte/ kam es daselbst zu einer hefftigen Schlacht/ in welcher Segimer zwar verwundet/ die Ale- maͤnner und Catten aber auffs Haupt erlegte; der Feinde zwoͤlff tausend erschlagen/ sechs tau- send gefangen wurden. Dieser Sieg brachte den zwischen dem Feldherꝛn Aembrich und dem Hertzoge der Hermundurer schon ziemliche Zeit versuchten Frieden zu seiner Vollkommenheit/ darinnen der Druyden Anforderungen ziemlich gemaͤßiget/ den Barden und Eubagen auch die Freyheit ihres Gottesdienstes verstattet ward; wordurch der siegende Feldherꝛ nicht alleine das alte Ansehen des Cheruskischen Hauses befe- stigte; sondern auch diß/ was er aus erfahrner Unbestaͤndigkeit des Gluͤckes zu thun ihm hoch noͤthig hielt; fuͤr eine ungemeine Gemuͤths- Maͤßigung ausgelegt ward. Alle Klugen wu- sten ihn darum so wenig genungsam zu ruͤh- men/ als die Unterthanen ihm zu dancken. Sintemal ein seine unmaͤßige Gedancken zaͤh- mender Fuͤrst einen unersaͤttlichen Laͤnderstuͤr- mer/ wie ein gewandtes Pferd einen Laͤuffer/ und wenn es mehr dem Zuͤgel als dem Sp o rne gehorsamt/ vielfaͤltig uͤbertrifft. Jn dem dieser nur entseelet und verwuͤstet; jener aber mit dem guͤldenen Frieden bauet und lebhafft macht; welchen Phielemon so unstrittig fuͤr das hoͤchste Gut hielt; daß er alle als aberwitzig verlachte/ welche es in was anderm zu finden meinten. Hertzog Aembrich selbst meinte nun nicht al- leine Deutschland guten theils in Ruh/ sondern auch seine Hoheit in alten Stand gesetzt/ und seine Herꝛschafft durch ihre Mittelmaß genung befestigt zu haben; welche eben so wenig von allzugrossem Wachsthume/ als der Leib von uͤ- bermaͤßiger Speise Kraͤffte bekommt; indem beyderseits die Verdaͤuung/ nicht die Uberfuͤl- lung vortraͤglich ist. Alleine das Verhaͤngnuͤß goͤnnte diesem Fuͤrsten nicht lange diese Erqui- ckung/ und Deutschlande die suͤsse Ruh. Denn kurtz darauf benachrichtigte ihn die Koͤnigin Boudicea: daß Caͤsar in dem Jccischẽ Seehafen bey nahe sieben hundert Schiffe segelfertig lie- gen/ auch zu einem grausamen Kriege aus gantz Gallien fast alle Mannschafft aufgeboten; der Heduer Fuͤrst Dumnorich sie aber in Vertrau- en ihrer Schantze wahrzunehmen gewarniget haͤtte. Gleicher Gestalt fanden sich bey dem Feldherꝛn vom Fuͤrsten Dumnorich/ vom Her- tzoge der Trevirer Jnduciomar/ von den Car- nutern und andern Galliern Gesandten ein/ die wehmuͤthigst klagten: Wie sie nicht nur selbst in der Roͤmischen Dienstbarkeit verschmachte- ten; sondern nunmehr wieder ihre eigne Bluts- verwandten/ die Britannier/ ihre Schwerdter zuͤcken und schaͤrffen solten. Jnsonderheit be- schwerte sich Jnduciomar: daß Caͤsar ihm sei- ne Gewalt uͤberaus geschmaͤlert haͤtte/ und dem abgefundtnen Fuͤrsten Cingetorich/ welchem Koͤnig Gotarts Tochter vermaͤhlet waͤre; die Herꝛschafft uͤber die deßhalben unwilligen Tre- virer in die Haͤnde zu spielen vorhaͤtte. Wenige Zeit hierauf lieff auch Nachricht ein: Wie Jn- duciomar sich wegen des mit sechs Legionen an- ziehenden Caͤsars in dem Arduennischen Walde haͤtte verhauen; ja als er allenthalben sich um- ringet gesehen/ endlich sich fuͤr Caͤsarn demuͤthi- gen/ und mit dem Cingetorich seine Gewalt theilen/ auch erlauben muͤssen: daß Cingetorich den noch nicht bestillten Catten wieder die Che- rusker acht tausend Mann zu Huͤlffe geschickt; Dieser schlimmen Zeitung folgte in wenigen Tagen diese betruͤbtere auf der Fersen. Nach dem Fuͤrst Dumnorich weder durch den Vor- wand seiner Verwandnuͤß/ noch seiner Geluͤb- de sich von dem Britannischen Zuge bey Caͤsarn haͤtte loß bitten koͤnnen/ waͤre er zwar mit seinen Heduern heimlich durchgegangen/ in willens bey dem Feldherꝛn Aembrich unterzukommen/ alleine Caͤsar haͤtte deßwegen seine Abfarth ver- schoben/ und ihm mit der gantzen Reuterey nachjagen/ auch nach tapfferer Gegenwehr das Leben mit der Liebe der Freyheit benehmen las- sen. Arminius und Thußnelda. sen. Der Feldherꝛ Aembrich meinte hierdurch zwar genungsame Ursache mit den Roͤmern zu brechen uͤberkommen zu haben; iedoch weil er seiner einheimischen Feinde sich noch nicht gar entledigt hatte/ und er ohne gruͤndliche Nach- richt von der Roͤmer Absehen/ aus blossem Ver- dacht wieder sie einen Krieg anzufangen dem Rechte der Voͤlcker nicht gemaͤß zu seyn achtete; schickte er eine Gesandschafft an Caͤsarn seine Beschwerden ihm einzuhalten. Dieser aber versicherte den Feldherꝛn seiner bestaͤndigen Freundschafft: daß er nichts wieder die Koͤnigin Boudicea/ sondern seinen selbst eigenen Feind Caßibelin/ und auf Bitte des vertriebenen Fuͤr- sten Mandubrat/ dessen Vater Jmanuent vom Caßibelin unschuldiger Weise waͤre durchs Beil hingerichtet worden/ einen Zug in Bri- tannien fuͤr haͤtte; daß er sich des Cingetorichs Fuͤrhaben nicht anmaste; daß Dumnorich duꝛch Antrieb seines Ehweibes des Orgetorichs Toch- ter viel Verraͤtherey wieder die Roͤmer ange- sponnen/ sein Bruder Divitiak ihm auch selbst schon etliche mahl den Hals abgesprochen/ ja er wieder Caͤsars Willen im Scharmuͤtzel das Le- ben eingebuͤßt haͤtte. Nicht so wol die Erheb- ligkeit dieses Vorwands/ als die noch innerli- che Unruh hielt Hertzog Aembrichs Schwerdt in der Scheide; und er fuͤr eine unvergebliche Suͤnde wieder die Herꝛschens-Kunst/ wenn auch der maͤchtigste Fuͤrst ohne Noth mit zwey- en Feinden zugleich anbindet. Welchen Feh- ler die vermessene Stadt Athen allzutheuer be- zahlte; in dem sie in Sicilien einzufallen sich wagte/ da sie doch in den Pelopoñesischen Krieg eingewickelt war. Es reitzte ihn zwar sein Hertze an den Roͤmern die Beleidigung zu raͤchen; sei- ne Vernunfft aber sagte ihm: daß empfangenes Unrecht der Beleidigten Untergang sey/ wenn sie den Eyver fuͤr ihre Ehre nicht mit der Klug- heit vereinbaren; das schon vergangene Ubel raͤchen wollen/ sich aber in neues Elend stuͤrtzen/ und aus einem Fehler/ den sie verbessern wol- len/ tausend machen. Nebst dem uͤberlegte er: daß Fuͤrst Dumnorich nicht wieder lebendig ge- macht werden koͤnte. Denn wer unwieder- bringliche Sachen wieder in ersten Stand zu setzen meinet/ mißt ihm mehr Gewalt zu/ als GOtt hat; und verspielet Muͤh und Kosten daruͤber mit Schaden/ was keiner Gluͤckselig- keit mehr als der Vergessenheit faͤhig ist. Bey dieser Entschluͤssung brachte er nicht alleine fast gantz Deutschland auff seine Seite; sondern die Fuͤrsten erklaͤrten auch auf seinen Todesfall de n tapfferen Segimer zu seinem Nachfolger; un- geachtet sonst freyen Voͤlckern nichts unge- woͤhnlicher/ oder dem Wahl-Rechte abbruͤchi- ger ist; als bey Lebzeiten ihres erwehlten Haup- tes sich schon einem kuͤnfftigen unterwerffen; sonderlich wenn dieser jenem mit Gebluͤte zu- gethan ist/ oder viel Herrscher aus einem Hause genommen werden. Als aber Caͤsar nach Verlust vieler Schiffe und Volcks sonder andere Frucht/ als daß er den verjagten Mandubrat denen Trinobanten wieder zum Fuͤrsten eingesetzt hatte/ in Gallien zuruͤck kam; legte er den Quintus Cicero den Nerviern/ den Fabius den Morinern/ den La- bienus den Trevirern mit einer/ den Sabinus und Cotta den Eburonen mit zwey Legionen auf den Hals. Wie nun der Feldherꝛ Aembrich Caͤsarn auf Anhalten seines Bruders Catti- volck und des Fuͤrsten Jnduciomar vergebens um Entlastung seiner Freunde anflehete/ die Carnuter/ welche den ihnen von Caͤsarn auff- gedrungenen Fuͤrsten Taßget erschlagen/ die Senones/ welche gleichfalls den Cavarin aus dem Lande gejagt/ und andere Gallier den Feldherꝛn Aembrich um Errettung von den grausamen Roͤmern/ welche doch auch schon Deutschland zu uͤberziehen im Schilde fuͤhrten/ anfleheten; gieng er endlich mit zwantzig tau- send Mann uͤber den Rhein/ zohe seinen Bru- der Cattivolck an sich; und nach dem dieser den Sabinus und Cotta durch List aus der Festung Erster Theil. O o o o o o Antua- Siebendes Buch Antuatuca und dem Laͤger gelocket/ erlegten die Deutschen beyde Legionen mit ihren Haͤup- tern; also: daß mit genauer Noth zwey Kriegs- Knechte durch die Waͤlder entkamen/ und dem Labienus die traurige Zeitung brachten. So tapffer und klug raͤchete Hertzog Aembrich der Deutschen und Belgen Unrecht; welches auch die edelsten Gemuͤther aus Hoffnung kuͤnffti- ger Vergeltung verschmertzen. Denn es ist so wol ein Streich der Klugheit die Empfindlig- keit nicht mercken/ als eine Zagheit sie verrau- chen lassen. Wie es am schlimmsten ist/ die Be- schimpffung vergessen; also ist nichts kuͤnstli- chers/ als sie vergessen zu haben scheinen lassen. Caͤsarn schmertzte dieser Streich mehr/ als sein Verlust. Denen Atuatikern und Nerviern aber wuchs durch Aembrichs Sieg so weit das Hertze: daß sie den Cicero in seinem Laͤger belaͤ- gerten; in Meynung: daß Jnduciomar mit den Trevirern den Labienus/ und die Armori- schen Staͤdte den Roscius/ der Abrede nach/ an- greiffen wuͤrden. Aembrich und Cattivulck fuͤhrten selbst die Deutschen hertzhafft an/ liessen die Graͤber mit Reiß-Heltze fuͤllen/ die auf Roͤ- mische Art gefertigten Sturm-Thuͤrme an- schieben; aber die verzweiffelte Gegenwehr der Roͤmer schlug zwey hefftige Stuͤrme ab. Da- hero sie bey erlangter Nachricht: daß Caͤsar be- reit unterschiedene Legionen zusammen ziehe/ sic h entschlossen ihr Laͤger gleichfalls zu um- schantzen. Den siebenden Tag ließ der Feld- Herr bey entstehendem starcken Winde eine grosse Menge thoͤnerne Kugeln gluͤend ma- chen/ und selbte aus den Schleudern in das Roͤ- mische Laͤger werffen/ w e lches die mit Stroh- und Schilff-Schoben bedeckten Haͤuser leicht in Brand brachte. Der Feldherꝛ fuͤhrte hierauf zwar den dritten Sturm/ und fiel an vier Or- ten das Roͤmische Laͤger auffs grimmigste an. Allein weil kein Roͤmer dem Feuer zulieff; son- dern ieder mit unverwendetem Gesichte auff dem Walle gegen die stuͤrmenden stehen blieb/ die Sturm-Thuͤrme auch durch brennende Pech-Kraͤntze in die Glut geriethen/ zwey Sturm-Bruͤcken zerbrachen/ Cicero auch das ohne diß uͤberaus feste Laͤger mit vielen vortheil- hafften Abschnitten versehen hatte/ musten nach sechsstuͤndigen Sturme die Deutschen doch wie- der ablassen/ ungeachtet die Cherusker und Ner- vier an zweyen Orten uͤber den Wall kommen waren; allwo zwey Roͤmische Hauptleute Va- renus und Pulfio/ welche ihre noch von den El- tern ererbte Feindschafft nicht allein in eine ruhmwuͤrdige Eyversucht/ wie einer den an- dern durch ritterliche Heldenthaten verkleinern moͤchte/ verwandelten; sondern auch ieder dem andern diesen Tag das Leben erhielt; und dero- gestalt aus hartnaͤckichten Feinden zu vertrau- ten Freunden wurden; um nur nicht dem Va- terlande zu Schaden boͤse Kriegs-Leute abzuge- ben. Welche vernuͤnfftige Gemuͤthsmaͤßigung auch des Themistocles Versoͤhnung mit Aristi- den/ noch den Emilius Lepidus/ und den Livi- us Salinator nimmermehr ver gessen lassen/ die jener gegen den Fulvius Flaccus/ dieser gegen den Nero ausuͤbte/ als die Gemeinschafft eines Amptes sie zusammen verband. Denn ob zwar die langsame Ablegung einer gefasten Gram- schafft eines gerechten Zornes Kennzeichen seyn soll; so ist doch die geschwinde ein Merckmahl ei- nes großmuͤthigen Hertzens/ und eines redlichen Buͤrgers. Die Deutschen musten zwar dißmahl dieser beyder Roͤmer Tugenden weichen; gleich- wol aber waren der Roͤmer so vielblieben/ und die uͤbrigen derogestalt abgemattet: daß nicht der zehende Mann ohne Wunden war/ und sie sich folgenden Morgen ergeben haͤtten; wenn nicht eine Schildwache an einem Thurme zwey ein- geschossene Pfeile mit zweyen daran gebunde- nen Briefen wahr genommen/ dieser aber durch Caͤsars eigene Handschrifft dem Cicero theils in Grichischer Sprache/ theils mit Ziffer-Buch- staben/ welche Tullius Tiro des Cicero Freyge- lassener unlaͤngst erfunden hatte/ seine Ankunfft zu wissen gemacht haͤtte. Welche Nachricht Caͤ- sar deñ noch selbigen Abend mit Anzuͤndung vie- ler Feuer/ und durch ein abermahliges Schrei- ben/ das ein Gallier Vertico durchbꝛingen ließ/ bekraͤff- Arminius und Thußnelda. bekraͤfftigte. Der Feldherꝛ Aembrich ruͤckte Caͤ- sarn alsofort entgegen/ und schlug ein Theil sei- ner Reuterey aus dem Felde. Dahero er den Deutschen eine Schlacht zu liefern sich nicht wagte; sondern in einem vortheilhafften Orte verschantzte. Ob nun wol die Deutschen das Roͤ- mische Laͤger fort fuͤr fort beunruhigten/ durch die Suͤmpfe biß an den Wall etliche Wege machten/ die ausfallenden auch etliche mahl zu- ruͤck trieben/ und daher die Deutschen selbtes in Caͤsars Augen zu erobern Hoffnung hatten; so stoͤrte doch eine Menge boͤser Zeitungen/ oder vielmehr das Verhaͤngnuͤß alle gute Anstalt. Denn Cingetorich hatte sich seinen Schweher Jnduciomar wegen des angezielten Krieges bey denen Trevirern wiedersetzt; die andern Gallieꝛ aus Zagheit und Furcht fuͤr Caͤsarn ihre versam̃- leten Kriegsvoͤlcker wieder von sam̃en gelassen/ die Semnoner durch Vermittelung der Heduer die Carnuter durch die Rhemer sich mit Caͤsarn auffs neue verglichen/ die sich wieder erholenden Catten und Aleinaͤñer aber die maͤchtige Festung Utunte am Rhein/ nach dem sie etliche mahl die zum Entsatz kommenden Cherusker und Qua- den abgeschlagen/ erobert/ diese auch durch Hun- ger und Pest bey den Eudosen und Swardonen bey nahe dreyßig tausend Mañ eingebuͤst. Weil nun der Feldherꝛ Aembrich wol sahe: daß im Kriege die Armen vieler Bundsgenossen mehr zur Verwickelung/ als zum Siege dienten; und ihr Thun wie die Striche/ welche gleich auf ei- nen Mittelpunct zielten/ ins gemein durch und wider einander gienge; hielt er den Galliern und seiner Ehre genung gethan zu haben/ nun aber fuͤr noͤthig dem Brande seines eigenen Feu- ers zueilen. Daher verließ er beyde Roͤmische Laͤger/ und uͤberwaͤltigte bey seiner Ruͤckkehr die bey Zusam̃enfließung des Rheines und der Mo- sel auf einen hohen Fels gelegte Festung der Cat- ten. Caͤsar aber ward froh: daß er so wol sich er- halten/ als den Cicero befreyet hatte. Weil aber fast alle Gemuͤther der Gallier gleichsam wider Rom im Jaͤhren waren/ traute er sich nicht die Nervier und Atuaticker zu verfolgen oder mehr zu verbittern/ sondern blieb den Winter uͤber bey der Festung Samarabruͤck stehen; iedoch war sein eines Auge stets gegen Deutschland wach- samer/ als das andere uͤber Gallien. Jnduciomar hob inzwischen zwar seinen Roͤ- misch-gesinnten Eydam Cingetorich auf einem allgemeinen Landtage/ da alle mannbare Mañ- schaft erscheinen muß/ und der Letzte als ein Opf- fer abgeschlachtet wird/ aus dem Sattel/ noͤthig- te ihn zum Labienus zu flichen; zohe auch ein Theil der Nervier und Atuaticker an sich/ und beunruhigte des Labienus Laͤger; er ward aber in einem Ausfalle erschossen/ und sein Haupt ins Roͤmische Laͤger bracht. Gleichwol ließen die Trevirer den Muth nicht fallen/ sondern be- wegten mit Geld und großen Verheißungen den Herzog Aembrich zu abermaligem Beystan- de. Hingegen bekam Caͤsar aus Jtalien drey neue Legionen; also: daß er derer nunmehr zehn in Gallien hatte. Uber diß stießen nach gemach- tem Buͤndnuͤße zu Caͤsarn sechs tausend Catten und Alemaͤñer/ ja Cavarin und Comius suͤhrten unter ihm noch dreyßig tausend Gallische Reu- ter. Dahero schickte er zwey Legionen und den Cavarin dem Labienus wider die Trevirer zum Entsatz; Er und Comius aber brachen mit fuͤnf Legionen unversehens bey denen Menapiern/ mit derer etlichen Comius heimliche Verstaͤnd- nuͤß hatte/ ein/ und noͤthigte sie zu einem Ver- trage/ Krafft dessen sie versprochen den Comius fuͤr einen Stadthalter des Roͤmischen Rathes zu erkennen/ und dessen Feinden nicht bey zustehen. Jnzwischen verleitete Labienus die Trevirer durch angenom̃ene Flucht: daß sie unerwartet des im Anzuge begriffenen Feldherrn Aemb- richs uͤber die Mosel schwemmeten; welche aber Labienus/ als die Helfte uͤberkom̃en war/ aus ei- nem Walde uͤberfiel/ und alles/ was nicht in Eil zuruͤcke schwam̃/ erlegte. Welch unvernuͤnftig Beginnen den Feldherꝛn so verdrießlich mach- te: daß er wieder uͤber den Rhein zuruͤck kehr- te. Dahero der sieghafte Caͤsar die Trevirer nicht allein leicht zum Gehorsam brachte/ und ihnen den Cingetorich fuͤrsetzte; son- O o o o o o 2 dern Siebendes Buch dern/ weil die Ubier ihm auch allen Vorschub versprachen/ schlug er dreyßig tausend Schritte oberhalb der ersten eine neue Bruͤcke uͤber den Rhein. Weil aber diese Uberkunfft denen Cat- ten uͤberaus verdaͤchtig war; Zumahl da nach Absterben des Fuͤrsten Winemars sein Kriegs- Volck Caͤsarn die maͤchtige Festung Utente ver- kaufft hatte; zohe Hertzog Arabar in dem Bace- nischen Walde eine grosse Macht zusammen/ und ließ Caͤsarn wissen: daß ihre Freundschafft laͤnger nicht bestehen koͤnte; da er uͤber dem Rhein festen Fuß zu setzen vermeinte. Sinte- mahl er selbst wol wuͤste: daß vieler Voͤlcker Freundschafft/ und also auch ihre/ keinen andern Nagel haͤtte/ der sie hielte/ als die Entlegenheit. Daher muͤste sie durch die Naͤherung nothwen- dig zerrissen werden. Diese unvermuthete Zu- entbietung; der besorgliche Abgang der Lebens- Mittel/ und die Nachricht: daß Hertzog Aem- brich mit etlichen tausend Deutschen bey seinem Bruder Cattivolck an der Maaß ankommen waͤre/ noͤthigte Caͤsarn zuruͤck uͤber den Rhein zu kehren/ die Bruͤcke grossen theils abzubre- chen/ und durch den Arduennischen Wald ge- gen Hertzog Aembrichen aufzuziehen. Nach zweyen Tage-Reisen kriegte Caͤsar vom Cinge- torich Nachricht: daß Hertzog Aembrich und Cattivolck nichts wissende von der Roͤmer An- naͤherung sich im Arduennischen Walde fast gantz einsam auf einem Lust-Hause aufhielten/ und daselbst den Fuͤrsten der Arverner Verein- getorich/ dessen Vater Celtillus fast uͤber gantz Gallien Feldherꝛ gewest/ aber wegen angema- ster allzugrossen Gewalt enthauptet worden war/ um zwischen ihm und seiner Tochter eine Heyrath zu stifften/ wie auch den Fuͤrsten der Semnoner Acco erwarteten/ um ein gemeines Buͤndniß wieder die Roͤmer zu treffen. Dieses hatte ihm ein vertrauter Gallier durch einen eigenen Reuter zu wissen gemacht. Caͤsar laß alsbald tausend der berittẽsten aus den Roͤmern und Ubiern aus/ ließ sie aber sich so wol auff deutsche Art kleiden/ als ruͤsten/ und schickte sie unter dem Minucius Bibulus diese sicheren Feinde zu uͤberfallen. Dieser hatte das Gluͤcke die andere Nacht unvermerckt an diß Lusthauß zu kommen/ und/ ehe es iemand gewahr ward/ rings um zu besetzen. Aembrich war nach den Hunden der einbrechenden Roͤmer am ersten innen. Daher weckte er den Cattivolck/ ruffte seinen Edelleuten auf/ und sprang dem Thore zu der Gewalt zu begegnen. Weil aber nicht dreyßig gewaffnete Leute auf dem Lust-Hause waren/ der grosse Lermen hingegen die Menge/ die Sprache die Roͤmer bey Zeite verrieth/ ba- ten ihn die Seinigen sich durch den Garten uͤ- ber einen engen Tamm zu fluͤchten; welches er/ wiewol schwerlich/ willigte; sonderlich weil er seinen krancken und bettlaͤgerichten Bruder im Stiche lassen solte. Wie er nun kein ander Mittel sahe/ machte er sich mit zweyen Rittern nach genommenem klaͤglichen Abschiede von seinem Bruder/ der sich um nicht lebendig in die Haͤnde der Roͤmer zu kommen mit Eiben- saffte hinrichtete/ und als seine getreue Cherus- ker inzwischen die Roͤmer an der Pforten hertz- hafft aufhielten/ gluͤcklich darvon/ und durch den Wald an die Schelde zu denen noch nicht den Roͤmern unterworffenen Menapiern/ da- hin sich die meisten Cherusker und Eburoner bey erschallendem Anzuge Caͤsars gleich falls fluͤchteten. Wie nun Caͤsar alle gefangene E- buroner niederhauen ließ/ und ihr gantzes Ge- biete denen angraͤntzenden Voͤlckern zur freyen Beute erklaͤrte/ wagte sich gleichwol Aembrich mit etlichen tausend Reutern denen Roͤmern bald dar bald dort einzufallen/ und ihnen nicht geringen Abbruch zu thun. Zuletzt kriegte er auch zwey tausend auf den Raub uͤber den Rhein gegangene Sicambrer an sich; mit wel- chen er durch die Waͤlder unvermerckt biß an die von Roͤmern besetzte Stadt Atuatuca kam/ daselbst herum in der Vorstadt etliche hundert Roͤmer erlegte/ viel Roͤmische Kauff- Leute Arminius und Thußnelda. Leute mit reichen Beuten gefangen bekam/ ja biß in die Festung drang/ welche er auch be- hauptet haͤtte/ wenn nicht Caͤsar mit fuͤnff Le- gionen herbey geruͤckt waͤre. Worauf sich al- so Hertzog Aembrich mit seinen uͤbrigen Cherus- kern/ Eburonen und Sicambrern zuruͤck uͤber den Rhein zoh; und nach dem die feigen Gal- lier bereit etliche mal die ihnen zu Huͤlffe geruf- fenen Deutschen alleine baden lassen/ mit dem Vorsatze ihrentwegen keinen Degen mehr zu zuͤcken/ dem ungluͤckseligen Gallien mit Un- willen den Ruͤcken kehrte; welches Caͤsar nun- mehr viel haͤrter als vorher druͤcken; den ihm verdaͤchtigen Fuͤrsten Acco auch mit vielen ed- len Semnonern und Carunten zu tode pruͤgeln und hernach ihre Koͤpfe auf die Thuͤrme stecken ließ. Zumal die Catten und Alemaͤnner nicht nur abermals durch unterschiedene Siege das Haupt uͤber die Cherusker empor hoben/ also der Feldherꝛ alleine auff sich und seiner Deut- schen Bundsgenossen Erhaltung bedacht seyn muste; sondern auch mit Caͤsarn ihr Buͤndniß verneuerten/ und ihm auf den Nothfall mit et- lichen tausend Reutern wieder die abtrinnigen Gallier beyzuspringen; hingegen aber die Roͤ- mer nicht uͤber den Rhein zu setzen/ noch den Batavern/ Menapiern/ und denen andern aus deutschem Gebluͤte entsprossenen und mit den deutschen verbundenen Voͤlckern einig Leid zu thun versprachen. Nach dem auch Ver- cingetorich nach des Feldherꝛn Ruͤckkehr die Heyrath mit seiner Tochter abbrach/ und sich mit des Comius Schwester vermaͤhlte; brachte der um die Roͤmer so hoch verdiente Fuͤrst Se- gimer zwischen Caͤsarn und seinem Vater einen Vergleich zu wege. Hingegen riß Caͤsar durch seine am Fuͤrsten Acco veruͤbte Grausamkeit das Band der Liebe in aller Gallier Hertzen entzwey; also: daß fast gantz Gallien/ und dar- unter selbst die Heduer/ Allobroger/ Comius und andere den Roͤmern vorhin zugethane auf einmahl abfielen/ den Vercingetorich zu ihrem Feldherꝛn erwehlten/ und nunmehr ihr eusser- stes fuͤr die verlohrne Freyheit thaten; zu einer Erinnerung: daß Reiche zwar mit der Spitze der Waffen gewonnen/ nicht aber mit der Schaͤrffe erhalten werden. Alleine entweder die Unvorsichtigkeit der Gallier/ oder ein uͤber sie wuͤrckender Unstern machte: daß alle ihre Anschlaͤge wie unzeitige Fruͤchte in ihrer Ge- burt verschmachteten/ alle tapffere Entschluͤs- sungen krebsgaͤngig giengen; und ihrer viel Edle/ wie Acco/ in Caͤsars Blut-Gerichte/ gantz Gallien auch in die eusserste Knechtschafft ver- fiel. Worbey nicht zu leugnen ist: daß die Deut- schen entweder aus allzugrossem Vertrauen auf ihre Kraͤfften; oder aus dem Triebe des Ver- haͤngnißes zu ihrem selbsteigenen Schaden nicht wenig Zunder zu dem Holtzstosse/ worauf der Gallier Freyheit eingeaͤschert ward/ getra- gen haben. Denn als Vercingetorich die vom Caͤsar belaͤgerte Stadt der Bituriger Novio- dun entsetzte/ ward die Roͤmische Reuterey von Galliern voͤllig in die Flucht geschlagen; ja wenn damahls nicht der Chaßuarier Fuͤrst Erd- mund/ des Segesthes Vater mit vierhundert deutschen Edelleuten die Gallier gehemmt haͤt- te/ welche jener Anfall niemahls auszustehen getrauen/ waͤre/ allem Ansehen nach/ das gan- tze Roͤmische Laͤger/ als in welches ohne diß die Gallier an zwey Orten einbrachen/ aufgeschla- gen worden. Nichts minder haͤtte Caͤsar we- gen Hungersnoth die Belaͤgerung der schoͤn- sten Stadt Avaricum aufheben muͤssen; wenn er nicht von der deutschen Reuterey mit Vor- rath waͤre versorgt worden/ weil Vercingeto- rich in der Naͤhe alles verbrennt und verheeret hatte. Eben so trieb Acrumer des Cattischen Hertzog Arpus Groß-Vater mit fuͤnff hundert Catten bey die Belaͤgerung der Stadt Gergo- via/ die Gallier aus dem Roͤmischen Laͤger/ wo- riñen Caͤsar nur mit zwey Legionen den Fabius gelassen hatte; Als auch kurtz hierauf den Roͤ- mern ein Haupt-Sturm ab- und in selbtem sechs und viertzig Hauptleute erschlagen wur- den/ Vercingetorich aber das Laͤger zugleich an- O o o o o o 3 fiel Siebendes Buch fiel/ muste auf einer Seite Caͤsar mit der zehnden Legion/ auf der andern Erdmund und Acrumer mit ihren Deutschen das beste thun; namen hier- auf die Heduer den Roͤmern Bibracte und No- viodun weg; Camulogen sam̃lete an der Seene ein maͤchtig Heer wider sie/ die streitbaren Bel- lovacker brachten den Labienus zum weichen/ die Trevirer/ welche an Streitbarkeit allen Galli- ern uͤberlegen seyn wollen/ ruͤckten mit dreyßig tausend Mann zum Vercingetorich nach Bi- bracte; und also schien die Roͤmische Bothmaͤßig- keit in Gallien auf Truͤbsande und zerbrechli- chem Grund-Eiße zu stehen. Allein ich weiß nicht: ob das Verhaͤngnuͤß oder das Ungeluͤcke die Deutschen verblendet hatte. Denn dieses macht auch die Kluͤgsten unbedachtsam; und der Verlierende krieget eben so schlim̃/ als ein ein- bissender Spieler. Fuͤr eine so schaͤdliche Ent- schluͤssung halte ich: daß der Catten Hertzog Ara- bar den Trevirern einsiel/ und sie zwang ihrem eigenen Ungeluͤcke zuzulauffen. Deñ hierdurch ward den Roͤmern Luft/ der Gallier Bund abeꝛ schwach gemacht. Jedennoch war Caͤsarn nicht wenig kummerhaft: daß die Allobroger durch starcke Besaͤtzung des Rhodans ihm alle Ge- meinschaft mit Jtalien abschnitten; und als er zu denen zweifelhaften Sequanern fortruͤckte/ den Vercingetorich mit einem maͤchtigen Heere in Ruͤcken bekam/ dessen Reiterey allezeit der Roͤ- mischen uͤberlegen waren. Diese Noth machte Caͤsarn die Larve eines großen Freundes der Deutschen fuͤr. Er beehrte sie mit einer ansehli- chen Gesandschast/ mit Ubersendung vieler koͤst- lichen Geschencke/ und bot sich zum Mittler ih- rer Zwistigkeiten an. Die redlichen Deutschen haͤtten sich fuͤr einem versohnten und so hersch- suͤchtigen Feinde huͤten und gedencken sollen: daß uͤbrige Weiße und Roͤthe nicht eines natuͤr- lichen sondern geschminckten Antlitzes/ allzu- großes Liebkosen aber eines falschen Hertzens Farbe sey. So aber ließen sie sich nicht allein be- reden: daß Caͤsar es gar aufrichtig meinte; son- dern meinten auch ihrer Schuldigkeit zu seyn/ nach gegen einander gepruͤfeten Kraͤften und beygelegtem Unvernehmen ihn nicht huͤlfloß zu lassen. Diesemnach schickten ihm die Alemaͤnner Catten/ und Ubier sechs tausend leichte Reiter zu; welche bald zu Pferde/ bald zu Fuße kaͤmpften. Diesen hatte Caͤsar dißmal sonder Zweiffel seine Erhaltung zu dancken. Deñ der gantze Adel der Gallier gelobte dem Vercingetorich durch ei- nen theuren Eid an: sie wolten ihren Kindern/ Eltern und Ehweibern nicht wieder ins Gesich- te kom̃en/ sie haͤtten sich denn zweymal durch die Feinde geschlagen; ja unter ihnen war eine An- zahl Bellovakischer edler Jungfrauen/ welche ihre deutschen Muͤtter mit der Bedreuung in diesen Zug geschickt: daß/ welche nicht eines er- legten Feindes Kopf zuruͤcke braͤchten/ nimmer- mehr solten vermaͤhlet werden. O des Helden- maͤßigen Geluͤbdes! fieng die Koͤnigin Erato an zu ruffen. Bey welchem ich nicht weiß: Ob die Toͤchter oder die Muͤtter eines groͤssern Ruh- mes wehrt sind. Diese/ weil sie ihrer Toͤchter edle Geburt und ihre haͤußliche Tugenden nur fuͤr die Helfte eines Frauenzimmers/ die Tapferkeit aber fuͤr ihr bestes Theil achten; und weil sie durch die Hertzhaftigkeit ihrer Toͤchter gleich- sam den Fehler der Natur zu verbessern gedenk- ken: daß sie dem Vaterlande nichts maͤnnliches gebohren. Jene aber; weil sie sich nicht ehe einem Manne zu vermaͤhlen wuͤrdig schaͤtzẽ/ als biß sie mit der Tugend Verlobung gehalten; auch ei- nen andern Braut-Krantz als von erfochtenen Lorbern aufsetzen/ und ihren Braͤutigamen eine recht blutige Jungfrauschaft liefern wollen! Malovend versetzte: Jch wuͤrde der Tugend ih- ren Preiß strittig machen/ welches ihre aͤrgsten Feinde noch nie gethan; wenn ich diesem Ge- luͤbde einen Maͤngel ausstellte. Aber ach! daß es nicht so wol in unser Macht stehet/ gluͤcklich/ wie hertzhaft seyn. Wiewol auch diß weder in unser Bothmaͤßigkeit zu bestehen/ noch eine Ei- genschaft der Natur zu seyn scheinet. Denn die- se ist ihr allezeit aͤhnlich. Daher wuͤrde der/ der einmal hertzhafft gewest/ es im̃er/ wie das Feuer allemal Arminius und Thußnelda. allemal heiß seyn muͤssen. So aber sehen wir auch die manchmal fuͤr einem Schatten/ oder einer Maus zittern; fuͤr welchen ehmals Mau- ern und Heerschaaren gebebt haben. Daher ist es GOtt/ der den Menschen das Hertze giebet und nim̃t; und das Verhaͤngnuͤß bindet zwar alles an sein Gesetze; es kan aber nicht vertra- gen: daß wir selbtes an unsers/ noch den Sieg an menschliche Geluͤbde binden sollen. Ja Kraͤf- te und Klugheit zusam̃en werden fuͤr der ewigen Versehung zur Ohnmacht und Fehlern. Ver- cingetorich theilte seine Reiterey in drey Theil; den ersten fuͤhrte Cotus/ den andern Cavaril/ zwey Fuͤrsten der Heduer/ den dritten Epore- dorich. Diese griffen den an dem Fluße Alduaria sich endlich setzenden Caͤsar so hertzhaft an: daß die Roͤmische Reiterey nicht alleine zwischen die Legionen weichen muste/ sondern auch diese be- reit Noth lidten; weil die Gallier sie auf allen Seiten anreñeten/ mit Pfeilen und Wurfspies- sen uͤberschuͤtteten/ und denen annahenden Roͤ- mern/ welche mit ihnen zum Schwerd-Gefech- te kom̃en wolten/ wieder auswichen. Vercinge- torich stand inzwischen mit seinem Fußvolcke an einem festen Orte stille/ in Meinung nach der Roͤmer gaͤntzlicher Abmuͤdung so denn allererst mit desto kraͤftigerm Nachdrucke einzubrechen. Die Noth war nun recht an Mann kom̃en/ als auf einem Berge sich ein neues Heer Reiterey se- hen ließ; welches anfangs die Roͤmer wegen ih- rer langen Spieße gleichfals fuͤr feindliche Gal- lier ansahen/ und daruͤber bey nahe in Verzweif- lung geriethen. Alle Glieder wanckten schon im Roͤmischen Heere/ und Caͤsar hatte alle Haͤnde voll zu thun sie in Ordnung zu halten. Sie er- kennten sie aber bald darauf mit desto groͤssern Freuden fuͤr deutsche Huͤlfs-Voͤlcker; welche zwar wegen angenommener Gefahr die gantze Nacht und den halben Tag ohne Fuͤtterung ge- ritten waren; dennoch auf die Gallische Reite- rey mit eingelegten Lantzen loß giengen. Der Ritter Sultz fuͤhrte den Vortrab/ und traf auf den Fuͤrsten Cotus so gluͤcklith: daß er ihn aus dem Sattel hob/ und vom Ritter Waldburg ge- fangen ward. Ein abgefundener Fuͤrst der Cat- ten Palland band mit dem Fuͤrsten Cavarill an/ und machte der Roͤmischen Reiterey Luft sich wieder an den Feind zu hencken. Reifferschied/ und Westerburg aber zwey erfahrne Kriegs-O- bersten der Ubier hatten das Geluͤcke den Fuͤr- sten Eporedorich von einem hohen Felsen/ wor- von er die Roͤmer mit Pfeilen als wie mit einem Hagel uͤberschuͤttete/ und beaͤngstigte zu treiben; und hierdurch das gantze Kriegs-Spiel zu ver- ruͤcken. Denn ob zwar Eporedorich und Cara- ril das euserste thaten/ Teutomat der Hertzog deꝛ Nitiobriger/ und Comius der Atrebater/ auch den Galliern mit dem Hinterhalt der Reiterey zu Huͤlffe kamen; Jn sonderheit aber die Bello- vakische Fuͤrstin Hadmudis mit ihren gewafne- ten Jungfrauen/ welche aus ihren Augen hier so viel Grim̃/ als sonst Liebe ausließen/ durch ih- re maͤnnliche Thaten den Deutschen und Roͤ- mern gute Zeit den Sieg/ und die Flucht der Gallier aufhielten/ wuꝛden sie doch endlich/ wie- wol nicht ungerochen/ uͤbermannet; also: daß nach dem Cavaril vom Ritter Tautenberg und Eporedorich vom Ritter Brandenstein gefan- gen ward; die Gallier mit Verlust mehr als sechs tausend der besten Reiterey die Flucht neh- men/ und nebst dem Vercingetorich anfangs in ihr Laͤger/ hernach gar an den Arar-Strom un- ter die Haupt-Festung Alesia/ die auf einem ho- hen Felsen vom Fluße Armaneon auf beyden Seiten umgeben wird/ weichen musten. Wie nun Caͤsar nach an sich gezogenen zwey Legio- nen hierauf mit dem gantzen Heere folgte/ und die Stadt Alesia/ ungeachtet des unter der Stadt verschantzten Vercingetorichs/ zu belaͤgern entschloß/ hielten die Deutschen nicht allein die gantze Macht der Galli- er auf: daß die Roͤmer sich ringsherum ver- schantzen konten; sondern als Vercingetorich auch mit seiner gantzen Reiterey die Roͤmi- schen Arbeiter uͤberfiel/ und abermals ihre Wachten in die Flucht trieb; begegneten ihm die Siebendes Buch die Deutschen abermahls so harte: daß ihrer zweytausend ins Graß bissen; verfolgten sie biß unter den Wall und an die Pforten des Galli- schen Laͤgers; schnitten selbtem auch durch taͤg- liches Streiffen alle Zufuhr ab; also daß Ver- cingetorich gezwungen ward unterm Comius alle Reiterey des Nachts zu Einholung mehrer Huͤlffe von sich zu lassen/ sich aber mit allem Fußvolcke in Alesia einzuschliessen. Die Gal- lier kamen mit ihren eusersten Kraͤften uͤber zweymal hundert tausend Mann starck zwar unter dem Comius/ Viriomar/ Vergasilan ih- ren obersten Kriegs-Haͤuptern der in euserste Hungers-Noth von Caͤsarn gebrachten Festung Alesia zum Entsatz/ und verschantzten sich nur fuͤnffhundert Schritte vom Roͤmischen Laͤger. Gleich wol aber war es keine Moͤgligkeit durch zu brechen. Jnzwischen nam der Hunger/ welchen allein die sonst alles zernichtende Zeit vergroͤssert/ in Alesia so sehr uͤberhand: daß de- nen meisten Kriegs-Leuten schon davon die Schenckel zerschwalen/ und daher der darinnen befindliche Critognat/ ein Fuͤrst der Arverner/ alle alte und zum Kriege untuͤchtige Leute zu der streitbaren Speise abzuthun unmenschlicher Weise einrieth. Rhemetalces fiel ein: Es waͤ- re freylich wol mehr als viehisch zur Wollust Menschen-Fleisch verspeisen; weil wenig auch der grimmigsten Thiere auf ihr eigen Geschlech- te wuͤteten. Dahingegen unter den Scythen und etlichen andern Voͤlckern so abscheuliche Leute gefunden wuͤrden/ welche Menschen- Fleisch zu feilem Kauffe auslegten/ und auf ihre Gast-Maale die Gefangenen maͤsteten. Wie- wol auch diese noch gegen dem Pollio zu Rom fuͤr heilige Leute zu achten waͤren/ der seine Mu- renen in Haͤltern mit Menschen-Fleisch maͤ- stete/ und in des Keysers Augustus Anwesenheit seinen ein Glaß zerbrechenden Leibeigenen zu ihrer Speise zerstuͤcken hieß. Alleine die eu- serste Noth ist das oberste Gesetze/ welchem al- le andere Satzungen der Voͤlcker ja der Natur unterworffen sind; welchem die Menschen nur blinden Gehorsam leisten muͤssen/ ja die Goͤtter es selbst nicht versehren koͤnnen. Diesemnach in der eussersten Hungers-Noth Menschen zu schlachten und zu essen fuͤr keine unmenschliche Grausamkeit mit Rechte gescholten werden koͤn- te. Denn GOtt ließe alles zu/ was noͤthig/ und das Recht/ was unvermeidlich waͤre; nach der einem Priester des Hercules von der Pythia eroͤfneten Wahrsagung. Die erwaͤhnte Noth hiebe alles andere Recht auf/ sie benehme an- dern ihr Eigenthum/ und erlaubte fremdes Gut beym Ungewitter ins Meer zu werffen/ beym Brande des Nachbars Hauß einzureißen/ ja sie rechtfertigte den Diebstal; die Goͤtter vertruͤ- gen den Kirchen-Raub/ und die Entweihung ihrer Heiligthuͤmer. Daher gantz Grichen- land der Stadt Athen wider die Thebaner recht gab/ die sie schmaͤheten/ weil sie das heilige Was- ser in dem Delphischen Tempel zu ihrer Noth- durft/ ja so gar zum Handwasser verbraucht hatten. Denn wenn die Goͤtter iemanden ei- ne Nothwendigkeit auf buͤrden; bezeuget der/ welcher sich ihr ohne Wiederspenstigkeit unter- wirfft: daß er mit den Goͤttern nicht Krieg fuͤh- ren/ noch durch gezwungenes Thun von der Bahn eines Weisen absetzen wolle; welcher zuweilen der Zeit/ allemal der Noth aus dem Wege tritt/ und mit dem willig zu frieden ist/ worzu sie ihn doch zwingen wuͤrde. Die/ wel- che das Loos/ oder eine vernuͤnftige Wahl zur Speise anderer bestimmet/ haben sich auch so viel weniger uͤber Unrecht zu beklagen; weil der Hunger sie ohne diß schmertzhafter aufreiben wuͤrde; und die wenigere Gesellschaft im Ster- ben den Tod ihnen nicht schwerer macht/ ihre zeitlichere Abschlachtung aber vielen andern das Leben; ja das Vaterland im Stande erhaͤlt. Da es nun nicht allein zulaͤßlich/ sondern ruͤhm- lich ist diesen zu Liebe sein Blut in Schlachten verspritzen/ dem Codrus mit Fleiß in die feindli- chen Spiße zu rennen/ dem Themistocles durch getrun- Arminius und Thußnelda. getrunckenes Ochsen-Blut sich hinzurichten/ den Philenen sich lebendig in Sand zu ver- scharren/ dem Curtius sich in die gifftige Klufft zu stuͤrtzen/ den Deciern sich dem Tode zu ver- loben/ warum soll es bedencklich seyn fuͤrs Va- terland seiner Freunde Speise zu werden? Da die Eltern bey so viel Voͤlckern ihre Kinder den Goͤttern fuͤrs gemeine Heil aufopffern; da ein Feldherꝛ seine Kriegs-Leute an einen Ort zu be- fehlichen Recht hat/ wo der Tod seiner mit offe- nem Rachen wartet; da es ruͤhmlicher ist sich mit der anvertrauten Festung durch die Glut in die Lufft schicken/ sein Schiff in Grund boh- ren/ als dem Feinde uͤbergeben; warum soll es unrecht heissen auch die Wiedrigen zur Erhal- tung mehrer und nuͤtzlicher Buͤrger abzu- schlachten? Jst es denn vortheilhafftiger des Feuers/ der Faͤule/ und der stinckenden Wuͤr- mer/ vielmahl auch der Fische Speise werden; als seiner hungernden Landes-Leute oder Blutsverwandten? Geben sich doch die Reb- Huͤner den Habichten willig zur Saͤttigung hin/ daß nur ihre Jungen entrinnen; warum sollen die unnuͤtzeren Menschen fuͤrs Vater- land verspeiset zu werden Abscheu tragen? Dem Harpagus schmeckte an des grausamen Astyages Taffel das gebratene Fleisch seines eigenen Sohnes gut; warum soll uns in eus- serster Noth/ die uns offt Hunde/ Katzen/ Maͤu- se/ Graß/ Mist/ und abscheulichere Dinge einnoͤthiget/ fuͤr anderer Menschen Fleische grauen? Welches die Natur fuͤr andern zur Nahrung dienlich gemacht hat. Sintemahl doch diese unsere Mutter eben so begierig fuͤr Erhaltung des Leibes Unterhalt/ als das Feu- er Zunder verlanget; und uns zwar die Liebe unsers gleichen eingepflantzt/ aber auch ein Gesetze gegeben hat uns in gleicher Noth mehr/ als andere zu lieben/ und wie sie durch- gehends aus eines Dinges Verterb das ande- re gebieret/ also auch mit anderer Untergang uns durch anderer Menschen Verterben dar- fuͤr zu bewahren geboten hat. Die Gesetze erlauben den Eltern in so grossem Mangel ih- re Kinder zu verkauffen/ und der Willkuͤhr fremder Grausamkeit heimzugeben. Haben denn nun diese durch gekaufftes Recht bessere Gewalt/ als wir uͤber sie? Jch finde nir- gends: daß einige ihr Kind essende Eltern ha- ben muͤssen fuͤr Recht stehen; zweiffelsfrey darum: weil der Hunger alles Ansehen der Natur wegnimmt/ keines Schreckens achtet/ die Empfindligkeit der zaͤrtesten Muͤtter toͤd- tet: daß sie nach dessen Blute luͤstern wird/ was sie mit ihrem gesaͤugt hat; ihre Frucht mit ihren Zaͤhnen zerfleischet/ die sie mit ih- ren Armen und Hertzen umfangen/ und in ihren Magen vergraͤbt/ was in ihren Einge- weiden lebendig ward. Daher die tapfferen Saguntiner ihnen das geringste Bedencken gemacht/ so wol lebende Menschen zu schlach- ten/ als Leichen zu essen/ um der Treue ih- rer Bundsgenossen keinen Abbruch/ und fuͤr Erhaltung ihres Vaterlandes alles eusserste zu thun. Malovend versetzte: Jch weiß wol: daß diese letzte Schuldigkeit allen andern das Vor-Recht nehme/ und die Liebe unsers Blu- tes/ ja das Recht unser Leben zu erhalten uns benehme. Daher mag ich nicht hartnaͤckicht die Verspeisung der wol mehrmahls liederli- cher verschwendeten Menschen nicht gaͤntzlich wiedersprechen. Gleichwol aber nicht ohne erhebliche Bedingungen/ wenn nehmlich die eusserste Noth alle andere Erhaltungs-Mit- tel abstrickt; und einige Hoffnung der Er- haltung aus so grausamen Beginnen her- fuͤr blicket; wie es sich in etlichen Schif- farthen verirrten/ oder Schiffbruch-lei- denden begegnet ist. Wenn aber an un- ser Erhaltung das Heil des Vaterlandes nicht gaͤntzlich haͤnget; sondern man mit dem Feinde auff leidentliche Bedingungen abkommen kan/ oder wenn so grausame Verfahrung nur eine Fristung/ nicht Erster Theil. P p p p p p eine Siebendes Buch eine Abwendung des Unterganges verheisset; halte ich selbte weder fuͤr vernuͤnfftig/ noch fuͤr verantwortlich. Zumahl da der bewehrten Aertzte Meynung nach/ das Menschen-Fleisch eine schaͤdliche Nahrung giebt/ und das gantze Gebluͤte anzuͤndet/ hernach faulend macht. Massen diese Kranckheit bey denen Menschen- fressenden Voͤlckern sehr gemein ist; ja eins- mahls ein gantzes Heer der Gallier darmit an- gesteckt worden/ welchem boßhaffte Kauff-Leu- te gedoͤrrtes Fleisch erschlagener Mohren fuͤr Stockfisch verkaufften. Ja in den Atlantischen Eylanden wird das schaͤdlichste Gifft aus Men- schen-Fett und Blute bereitet. Wenn es aber auch an sich selbst nicht so schaͤdlich waͤre/ ist doch dessen Gebrauch selten iemand viel zu stat- ten kommen. Massen denn die zu Sagunt und Astapa eben so wenig/ als die Gallier in Alesia/ nach ihren so blutigen Mahlzeiten weder sich noch ihr Vaterland/ sondern alleine diß erhal- ten: daß sie der Flammen und des Todes Spei- se/ oder ein Opffer ihrer gegen einander mehr/ als viehisch ausgeuͤbten Grausamkeit worden. Denn es scheinet: daß das Gluͤcke denen sein Antlitz nicht zuwenden koͤnne/ welche der Na- tur verzweiffelt Gewalt anthun. Daher ich auch in dem Falle/ da sich die Verspeisung der Menschen rechtfertigen laͤst/ mir lieber die Speise/ als der Gast zu seyn erwehlen wuͤrde. Jn Alesia hielt des Fuͤrsten Critognat blutiger Vorschlag nicht lange den Stich/ sondern die Noth verbitterte sich gleichsam ihnen alle Huͤlf- fe/ und was der letzte Spar-Pfennig der Elen- den ist/ die Hoffnung abzustricken. Vercin- getorich trieb zwar durch seine leichte Reuter und darunter vermischte Bogenschuͤtzen die zu Bedeckung des Laͤgers auff einer vortheilhaff- tigen Hoͤhe stehende Roͤmische Reuterey ab; al- leine die deutschen Huͤlffs-Voͤlcker schlugen mit einer unglaublichen Tapfferkeit/ zu selbst eige- ner Verwunderung der Roͤmer/ die Gallier wieder herunter. Auch koͤnnen die Roͤmer nicht genung ihre Tugend heraus streichen/ die sie in denen drey Hauptstuͤrmen gegen die Gallier er- wiesen. Jnsonderheit aber im letzten/ als Ver- cingetorich und Critognat mit sechzig tausend Mann ausfielen/ und Viriomar an zweyen Orten das Roͤmische Laͤger stuͤrmeten; ja Ver- gasulaun auff der Nordseite von einem hohen Berge in das niedrige Laͤger durch den Wall schon eingebrochen/ Labienus verwundet/ und alles voller Schrecken war; wuste Caͤsar ihm keinen Rath/ als daß er mit der Deutschen Reu- terey auf der einen Seiten einen Ausfall thaͤt; welche dem Vergasulaun in Ruͤcken gieng; da denn der Ritter Blanckenberg dem Fuͤrsten der Lemovicher den Kopff zerspaltete/ der Ritter Beuchlingen aber den Hertzog Vergasulaun selbst gefangen bekam. Wordurch nicht allein die Roͤmer aus eusserster Gefahr errettet/ die Gallier Alesia zu verlassen/ Vercingetorich a- ber den Belaͤgerten einzurathen gezwungen ward: daß sie ihn todt oder lebendig Caͤsarn ein- liefern/ und darmit seinen Grimm besaͤnfftigen solten. Wie nun dieser Angrieff als des ster- benden Galliens letzter Biß/ Caͤsars eigenem Bekaͤntnuͤße nach/ der gefaͤhrlichste war; also war die Ubergabe Alesiens der letzte Schlag/ welcher den Vercingetorich zu Bodem/ und Gallien unter den Fußschemel der Roͤmer stuͤꝛtz- te. Denn ob wol Comius/ und Correus mit den Bellovaken die Deutschen um Huͤlffe in- staͤndigst anfleheten/ und ihr Heil zum letzten mahl versuchen wolten/ so brachten sie doch mehr nicht/ als fuͤnff hundert Sicambrer und Chau- zen auff; welche die mit dem Caͤsar wieder sie auffziehenden Rhemer in die Flucht brachten/ und ihren Fuͤrsten Vertisch todt schlugen. Allei- ne Caͤsar setzte diesen Deutschen alsbald ihre ei- gene Lands-Leute in groͤsserer Menge entge- gen; welche jene ohne sonderbahre Muͤh in der Gallier Laͤger trieben/ und hernach in unter- schiedenen Treffen den Galliern grossen Ab- bruch thaͤten/ ja endlich den Fuͤrsten Correus in Deutsch- Arminius und Thußnelda. Deutschland zu fliehen noͤthigten; welchem Fuͤrst Comius gleichfalls folgte/ nach dem sich Volusenus ihn meuchelmoͤrderisch hinzurichten vergebens bemuͤht hatte. Als auch Caninius die Festung Uxellodun belaͤgerte/ die Fuͤrsten Drapes und Luterius aber in selbte einen gros- sen Vorrath zu bringen bemuͤht waren/ schlug die deutsche Reuterey diesem nicht allein alle Wagen ab/ sondern eroberte auch das Laͤger der Gallier/ und kriegte der Ritter Waldenburg den Drapes selbst gefangen; welcher sich her- nach durch Abbruch der Speisen selbst entseelte; als er vernahm: daß Caͤsar den Carnutischen Fuͤrsten Guturvat hatte zu tode pruͤgeln/ allen Gefangenen in Uxellodun aber die Haͤnde ab- hauen lassen; wormit zugleich allen Galliern der Degen/ oder vielmehr gar das Hertze ent- fiel. Gallien war derogestalt wol uͤberwaͤltigt/ a- ber Caͤsars Hertze nicht gesaͤttigt. Denn die Herꝛschsucht ist geartet wie das Feuer/ das von seinem Zunder nur mehr hungrig wird. Sie ist weder mit sich noch mit andern vergnuͤgt; und haͤlt selbst die Zeit fuͤr ihren Feind/ weil sie sich zwischen seine Begierde und den Besitz verlang- ter Dinge eindringet/ und zwischen beyden eine Entfernung macht. Die Wehen ihrer Sehn- sucht lassen niemahls nach. Denn ihre Miß- geburten lassen immer Affter-Buͤrden der ohn- maͤchtigen Ehrsucht hinter sich. Weil nun Caͤ- sar nach uͤberwundenem Gallien keinen Ober- herꝛen/ der grosse Pompejus nach untergedruͤck- tem Asien aber nicht mehr seines gleichen ver- tragen konte/ suchte das nunmehr allzugrosse Rom aus Mangel eines auslaͤndischen Feindes ihm einen in sich selbst. Ein Ehrsuͤchtiger haͤlt diß schon fuͤr einen Raub/ wenn er nicht bekom̃t/ was seine Hoffnung seinen Verdiensten zuge- sagt hat. Daher war es Caͤsarn zu Anspinnung des buͤrgerlichen Krieges schon genung: da der Rath ihm die Buͤrgermeister-Wuͤrde versagte/ und nach geendig t em Kriege die Waffen nie- derzulegen ermahnte; gleich als wenn diese im Kriege wieder die Feinde/ im Friede wieder die Buͤrger zu brauchen waͤren: daß sie niemahls verrosteten. Beyde Uhrheber des grausamen Buͤrger-Krieges Caͤsar und Pompejus mein- ten solchen allzu kaltsinnig anzufangen/ wenn sie nicht die hertzhafftesten Auslaͤnder mit ins Spiel wickelten. Diesemnach nahm Caͤsar alle in Gallien gepruͤffte Deutsche Kriegs-Voͤlcker mit in Jtalien; Pompejus aber zohe deßhalben Dejotarn mit seinen in Asien eingesessenen Deutschen an sich. Dieser allem Ansehen nach nicht so wol aus Kurtzweil des Gluͤckes/ welches durch unterschiedene Unfaͤlle Caͤsars Siege so viel herꝛlicher machen wolte/ als Dejotarn zu Liebe er aus dem besetzten Brundusischen See- Hafen mit genauer Noth auf einem lecken Na- chen entkam/ durch dessen Huͤlffe er seine Sa- chen wieder zu Stande brachte/ dem Dolabella und Antonius grossen Abbruch that/ in Epirus Caͤsarn friedsame Gedancken abnoͤthigte/ und ihn mit grossem Verlust von der Stadt Dyr- rhachium abschlug. Hingegen halffen die Deut- schen bey Eroberung der Stadt Maßilien/ bey Uberwindung des Petrejus und Afranius in Hispanien/ nicht wenig zu Caͤsars Siegen; weßwegen auch in dem Caͤsarn auf dem Pyre- neischen Gebuͤrge aufgerichteten Siegs-Mah- le auf der einen Seite des Cattischen Fuͤrsten Acrumers Nahme mit in Marmel eingegra- ben ward. Den Gewinn aber der Pharsali- schen Schlacht/ da nicht nur der Stadt Rom und der beyden unersaͤttlichen Kriegs-Haͤup- ter/ sondern gleichsam der Welt und des mensch- lichen Geschlechtes Verhaͤngnuͤß auf der Wag- Schale lag/ hat Caͤsar niemanden/ als denen dreytausend deutschen Reutern unter denen Fuͤrsten Erdmund und Acrumern ohne Wie- derrede zu dancken. Denn nach dem P o mpejus fast zweyfach staͤrcker/ als Caͤsar war/ insonder- heit aber dreymahl mehr Reuterey hatte/ wor- mit er Caͤsars Kriegs-Volck auf allen Seiten P p p p p p 2 anfiel/ Siebendes Buch anfiel/ mit solcher auch den rechten Fluͤgel/ in welchem Caͤsar wieder den Pompejus stand/ fast gantz umringte; musten die Deutschen das beste thun/ welche nicht nur mit solcher Geschwindigkeit an allen Orten Caͤsarn zu Huͤlffe kamen; daß alle andere Reuterey gegen jenen langsame Fuß-Knechte zu seyn schienen; sondern wenn der Feind meinte/ er stritte mit einem Reuter/ sprangen die Deutschen in ei- nem Augenblicke von Pferden/ und durch- stachen die feindlichen uͤber sich: daß sie mit ih- ren Auffsitzern zu Bodem stuͤrtzten; oder sie ziel- ten mit ihren Lantzen recht in die Augen ihrer zaͤrtlichen Feinde; welchen also durch eine gerin- ge Verwundung das Gesichte verblaͤndet/ und der Muth laͤnger in der Schlacht zu bleiben benommen ward. Daher die Reuterey des lincken Fluͤgels/ nach dem Fuͤrst Erdmund den Thracischen Koͤnig Sadal uͤber einen Hauf- fen gerennt/ der Alemaͤnnische Ritter Zim- mern aber den Cilicischen Koͤnig Tarcondi- mot nach hefftiger Verwundung gefangen be- kommen hatte/ zum ersten in die Flucht be- kam. Wiewol nun des Pompejus rechter Fluͤgel wieder den Antonius eine gute Stunde laͤnger Stand hielt; sonderlich weil Koͤnig Dejotar als ein Loͤwe mit seiner Reuterey al- lenthalben fuͤr den Riß stand; so hatte doch der Ritter Leiningẽ anfangs das Gluͤcke ihm durch Verwundung den rechten Arm unbrauchbar zu machen; Endlich drang Koͤnigstein/ ein Bructerischer Ritter/ welcher bey angehender Schlacht Caͤsarn des Sieges/ und daß er ihm/ er stuͤrbe gleich/ oder bliebe lebendig/ zu dan- cken Ursache haben wuͤrde/ gleich einem wuͤ- tenden Menschen durch seine Leib-Wache durch/ riß ihn mit Gewalt vom Pferde/ und kniete ihm auff den Hals. Woruͤber Koͤnig- stein zwar mit vielen Wunden getoͤdtet/ Dejo- tar aber gefangen/ und daher jenem von Caͤ- sarn auff der Wallstatt ein koͤstliches Gedaͤcht- nuͤß-Mahl von Ertzt und Marmel auff gerich- tet ward. Fuͤr diesen Schatten wurden die Deutschen luͤstern nicht nur ihr Blut zu ver- schwenden/ sondern auch durch Uberwindung anderer sich selbst Caͤsarn uͤberwunden zu ge- ben. Mit Dejotars/ und des Marcus Bru- tus Gefaͤngnuͤße/ welchen Ritter Salm in sei- ne Haͤnde bekam/ entfiel allen Streitenden das Hertze; ja weil Caͤfar allenthalben nicht so wol aus Erbarmnuͤß/ als seine Feinde zu tren- nen ruffen ließ: Schonet der Buͤrger; und al- le Macht aber auf die Asiatischen Huͤlffs-Voͤl- cker andrang/ liessen die Roͤmer/ die zeither mehr fuͤr ihr Leben/ als des Pompejus Sieg gefochten hatten/ nunmehr die Haͤnde/ wie vorher den Muth sincken. Hierdurch ward nicht allein die Schlacht/ sondern auch das Laͤ- ger gewonnen; Pompejus aber/ der hier durch keines Edlen Klinge fallen wolte/ in Egyp- ten zu fliehen genoͤthiget/ wormit er seine Gur- gel einem entwandten Knechte/ und dem Mes- ser eines verzagten Uberlaͤuffers darreckte. Uber dieses ist des Chaßuarischen Ritters Tapfferkeit und Treue unsterblich; dessen Nachkommen hernach den Nahmen Stein- furth bekommen; weil er Caͤsarn/ als Ptolo- meus zu Alexandria ihn mit grosser Macht in das Meer trieb/ nicht nur wegen seiner Schwimmens-Kunst unterstuͤtzte/ und durch die verborgenen Steinklippen zu denen Roͤmi- schen Schiffen gleichsam einen Furth fand; son- dern auch mit Fleiß sich in seinen Purpur- Mantel huͤllete; wormit die feindlichen Pfeile nicht Caͤsarn/ sondern ihn selbst treffen moͤch- ten. Wie er denn auch zwar dardurch seine Grufft in den Wellen/ aber auch hernach ein Ehren-Mahl an dem Egyptischen Seestran- de/ und die Unsterbligkeit seines Ruhmes bey der Nach-Welt bekommen hat. Alleine hatten die Deutschen Caͤsarn bey Pharsalus den Sieg/ bey Alexandria das Leben erhalten; so halffen sie bey Munda in der gefaͤhrlichsten Schlacht mit den jungen Pompejen/ da Caͤ- sarn Arminius und Thußnelda. sarn sein Gluͤcke selbst nunmehr verdaͤchtig fuͤrkam/ und ihm eine traurige Abwechselung ahnete/ seiner eignen Verzweifelung ab. Denn Caͤsar ward daselbst gleichsam selbst zum Stei- ne/ als beyde Heeꝛe mitten in dem hizigsten Tod- schlagen/ da iedem schier der Jaͤscht fuͤr dem Munde stand/ in einem Augenblicke als todte und stumme Bilder gegen einander erstarrten/ und die schon halben Streiche zuruͤcke hiel- ten. Ob er sich nun zwar und sein Heer wie- der ermunterte/ und beyderseits der aus Goͤtt- licher Regung erwachsene Stillestand sich wie- der in Wuͤrgen verwandelte/ hielten doch Caͤ- sars aͤlteste Krieges-Leute wieder die verzweif- felten Pompejen mehr aus Schande als Tu- gend Stand. Der Kern seines Heeres die zehende Legion kam zum weichen/ ungeach- tet der gleichsam rasende Caͤsar Augen/ Haͤn- de und Stimme sie auffzuhalten brauchte. Da- her er ihm selbst den Degen an die Brust setz- te/ wormit er nicht dem grossen Pompejus im Tode gleich wuͤrde/ dem er an Macht schon zu vor kommen war. Aber nicht so wol ein Roͤ- mer/ der ihm den Degen ausrieß; als Sar- ganß/ ein Alemaͤnnischer Kriegs-Oberster/ der mit zwey tausend Mann in das Pompejische Laͤger einfiel/ lehnte von Caͤsarn nichts min- der die Schande der Zagheit/ als seine und seines Heeres Niederlage ab. Denn als La- bienus dem Laͤger drittehalb tausend Mann zu Huͤlffe eilen ließ/ legte Hertzog Acrumer es der Roͤmischen Reuterey fuͤr eine Flucht des Feindes aus; waren also die Deutschen die Ursache eines herrlichen Sieges. Ja weil eine ziemliche Anzahl der deutschen Ritter- schafft todt blieben/ nagelten sie bey Belaͤge- rung der Stadt Munda aus Verbitterung ihrer Feinde Leichen mit Spießen zusammen; machten davon um die Stadt fuͤr sich eine Brustwehre/ und bauten durch so viel Siege Caͤsarn einen herꝛschafftlichen Stul in Rom uͤber die halbe Welt/ wiewol zugleich ein Ziel des Neides/ und eine abschuͤßige Stiege zu sei- ner Grufft. Als die Roͤmer derogestalt mit ihren Waf- fen ihre eigene Eingeweide zerfleischten; Dach- te kein Roͤmer mehr den Deutschen einigen Ab- bruch zu thun. Caͤsar hielt zwar zu Rom auf einmahl fuͤnfferley Siegs-Gepraͤnge. Jn dem uͤber Gallien ließ er alle eroberte Staͤdte und Siegs-Bilder aus Citronat-Holtze; uͤber das Pontische Reich/ alle aus dem rothen E- gyptischen Acanthus-Holtze/ uͤber Egypten aus Meer-Schnecken/ uͤber Africa aus Helf- fenbein/ uͤber Hispanien aus gedrieseltem Sil- ber fuͤrtragen. Er vertrug auch: daß der Roͤ- mische Rath seine Seule zwischen die Bilder der sieben Roͤmischen Koͤnige setzte; ja ein Theil dessen ihm die Gewalt aller Roͤmischen Frau- en nach Belieben sie zu bedienen zueignete. Als aber der heuchelnde Antonius nebst einem Koͤ- niglichen Krantze und Stabe ihm aus dichtem Golde das Bild des gefesselten Rheines fuͤr- stellte/ und Caͤsarn bereden wolte jene Koͤni- gliche Zeichen nicht allein zu tragen/ sondern auch dieses mit auffzuthuͤrmen/ schlug Caͤsar beydes ab/ vorwendende: daß das erste ihm zu wenig/ das letztere zu viel waͤre. Denn er wol- te mit keinem Getichte die Warheit der uͤbri- gen Siege verdaͤchtig/ noch die Deutschen un- willig machen; sondern er rieth den Roͤmern vielmehr: daß sie mit diesem unuͤberwindli- chen Volcke lieber gute Vertraͤuligkeit pfle- gen; als durch vergebliche Antastung ihre Schwaͤche verrathen solten. Wiewol auch seine vertrauteste ihm in Ohren lagen: daß er die Buͤrgerliche Ruh in Rom nicht besser/ als durch eusserlichen Krieg/ erhalten/ und durch oͤffters Aderlassen das Haupt fuͤr allen be- schwerlichen Duͤnsten verwahren koͤnte; war er doch nicht zu bereden durch Krieg wie- P p p p p p 3 der Siebendes Buch der die Deutschen seinen Ruhm noch einmahl in Gefahr zu setzen; sondern als er ermordet ward/ berathschlagte er sich gleich/ wie er den Parthen und Geten eines versetzen moͤchte. Derogestalt hatten die Deutschen nunmehr wol die Hand in den Roͤmischen/ die Roͤmer a- ber nicht in den Deutschen Haͤnden. Alleine wie die Sommer-Waͤrmde die gifftigen Feuch- tigkeiten in die Lufft empor zeucht; welche die Kaͤlte des Winters in der Erde verschlossen hielt; als oͤffnete die verschwundene Gefahr fuͤr den Roͤmern in Deutschland die alten Regun- gen der Herꝛsch und Eyversucht. Die Cat- ten waren den Cheruskern niemahls auffsetziger gewest/ als itzt; da ihr Gluͤck und Ansehen gleichsam wieder sichtbarlich zunahm. Denn der Neid hat die Eigenschafft der nur den vol- len Mohnden anbellenden Hunde; und ist ein Gifft/ welches nicht wiꝛcket/ wo es keine Waͤrm- de findet. Denn ob zwar einige die Todfeind- schafft der Catten und Cherusker/ wie auch etli- cher andern Voͤlcker einem wiedrigen Ein- fluße der Gestirne/ oder einer andern geheimen Wuͤrckung der Natur zueignen; auch etliche gar getichtet haben: daß beyder Blut in einem Becken sich wie der Rhodan in dem Lemanni- schen See nicht mit einander vermischten; da- her auch selbte mit der Mutter-Milch gleich- sam denen Kindern eingefloͤßet wuͤrden; so ist doch der Warheit vielmehr gemaͤßer: daß die Ober-Herꝛschafft in Deutschland der Cherus- kisch- und Cattischen Haͤuser Zanck-Eisen/ und die Uberschlagung der Zunge in der Wage Deutschlandes stets der Uhrsprung eines neuen Krieges/ wie fuͤr Zeiten zwischen den Grichen und Persen/ Asien/ zwischen Rom und Cartha- go das Mittellaͤndische Meer mit seinen Ey- landen der Zanck-Apffel gewest waͤre. Dieser Eigen-Nutz waͤre das Geheimnuͤß/ das die Naturkuͤndiger nicht zu nennen wuͤsten; und das nicht nur die Menschen/ sondern auch Thie- re und Gewaͤchse gegen einander zwistig mach- te. Die Feindschafft zwischen der Eiche und dem Oel-Baume/ zwischen Kohl und dem Weinstocke/ zwischen Rosen und Knoblauch/ ruͤhret aus nichts anderm her/ als daß eines dem andern die Nahrung raubt. Der Adler und Drache fuͤhren einen ewigen Krieg der Schlan- gen halber mit einander/ die beyde zu ihrer Speise/ wie die Catten und Cherusker die Deut- sche Herꝛschafft allein haben wollen. Weil aber weder ein noch das andere Hauß wegen der an- dern Deutschen Fuͤrsten Eyversucht ihm nach diesem Bissen die Zaͤhne darff lassen waͤssericht werden; ist inzwischen die Feldherꝛschafft die Braut/ darum beyde tantzen. Denn ob selbte zwar mehr Schatten der Ehre/ als wesentliche Macht an sich hat; so ist doch die Ehrsucht nach einem Lorber-Blate offt luͤsterner/ als nach ei- nem Granat-Apffel; und der Adler um die Herꝛschafft der Lufft alleine zu behaupten/ ver- folget den ohnmaͤchtigen Schnee-Koͤnig nur seines ihm verdaͤchtigen Nahmens halber biß auff den Tod. Daher ruͤckten die Catten dem Cheruskischen Hause auff: daß selbtes nicht so wol durch Tapfferkeit/ als durch vortheilhaff- tige Heyrathen sich vergroͤssert/ und in Deutsch- land so viel Leut und Laͤnder unter sich gebracht haͤtte; dessen ungeachtet verschmaͤheten nun- mehr von geraumer Zeit her die Cheruskischen Fuͤrsten andere aͤltere Geschlechter/ und ver- maͤhlten sich entweder nur mit ihren Bluts- verwandten/ oder gantz fremden Weibern. Se- gimer haͤtte so gar eines Parthischen Leibeige- nen des Surena Tochter geheyrathet; da doch voriger Zeit die deutschen Fuͤrsten auch selbst de- nen Persischen Koͤnigen ihre Kinder versagt haͤtten. Uber diß stellten sie Asblasten/ Segi- mers Gemahlin eine uͤbrige Zaͤrtligkeit zum Mangel aus/ wordurch der Morgenlaͤnder weichliche Sitten und Lebens-Art in Deutsch- land unvermerckt eingeschleppt/ und der alten Tugend/ welche unter Schweiß und Staub einen sicheren Auffenthalt haͤtte/ als Balsam und Arminius und Thußnelda. und Seide/ nicht geringer Abbruch gethan wuͤrde. Daher haͤtte der grosse Alexander auffs schaͤrffste verboten einige Asiatische Weiber/ o- der nur die mit ihnen erzeugten Kinder mit in Macedonien zu nehmen; um durch sie nicht die vaͤterlichen Sitten anzustecken. Unver gleich- lichern groͤssern Schaden aber thaͤte eine solche Fuͤrstin; welche nicht nur uͤber das Volck/ son- dern uͤber den Fuͤrsten selbst zu herꝛschen ge- wohnt waͤre. Andere Menschen koͤnten zwar Verraͤther der Koͤnige seyn/ ihre Gemahlin- nen aber verleiteten sie ins gemein: daß sie Vet- raͤther ihrer selbst wuͤrden; und die/ welche ih- nen nach Leben und Reiche stuͤnden/ rechtfer- tigten und belohnten. Da nun Fuͤrsten selbst der Weiber Selaven wuͤrden; und sie ihnen in Abgoͤtter verwandelten; wer wolte zweiffeln: daß nicht auch das Volck nach dem Beyspiele der Thebaner/ die des Koͤnigs Demetrius Bey- schlaͤfferin Lana zu Sicyon der Lamischen Ve- nus Tempel einweihten/ sie fuͤr ihre Herꝛsche- rin verehren/ und fuͤr ihres Lebens Richtschnur annehmen solte? Die Heucheley waͤre bey Hofe eine so dienstbare Sclavin: daß sie die Fehler der Fuͤrsten fuͤr Tugenden/ und die Gebrechlig- keiten fuͤr Zierden anbetete; mit dem Clisophus/ dem einaͤugichten und hinckenden Philip zu Liebe/ ihr das eine Auge verbinde/ und hinckte; ja mit selbtem das Maul rimpffte; mit dem Chirisophus dem Koͤnige Dionysius sonder be- wufte Ursache lachte/ seinen eingeschluckten Speichel fuͤr suͤsser als Honig preiste/ und mit dem Antlitze selbten auffienge; mit andern Tel- lerleckern dem Hiero zu gleichen sich bey der Ta- fel uͤbersichtig stellte; mit andern dem grossen Alexander zu gleichen den Kopff auf die Seite hienge; ja mit dem Cambalus dem Selevcus/ oder auch gar einem solchen Hofeschrantzen zu Liebe sich verschneiden liesse; und um eine Hand voll schnoͤder Gunst zu erhalten begierig die Maͤnnligkeit einbuͤste. Man haͤtte fuͤr we- niger Zeit in der Nachbarschafft wahr genom- men/ wie nach zweyer Fuͤrsten Beyspiele ihnen gantze Laͤnder ihre Koͤpffe kahl geschoren/ derer einer wegen Hauptweh/ der ander wegen em- pfangener Wunde die Haare abscheren lassen. Ein vertorbener Hut-Kraͤmer haͤtte sich durch Bestechung eines Hoͤflings wieder in Stand gesetzt; der seinen Koͤnig beredet einen von sei- nen veralterten Huͤten zu tragen; weil er die uͤ- brigen in einem Tage um zehnsach Geld an- wehren koͤnnen. Noch viel anfaͤlliger aber waͤ- ren die Laster der Fuͤrsten. Denn iederman meinte so denn durch ihre Nachthuung ans Bret/ und in die Gnade seines Herꝛn zu kom- men. Die zaghafftesten der Suͤnden wuͤrden so denn behertzt. Und mit einem Worte/ das Ubel fiele aus dem Haupte auf die Lunge eines gantzen Volckes/ und daher muͤste daraus eine toͤdtliche Verzehrung folgen. Jedoch waͤre diß noch alles Kinderspiel gegen dem/ wie eine wol- luͤstige Fuͤrstin das gantze weibliche Geschlechte/ ja das gantze Reich gleichsam im Augenblicke an ihr Seil bringen/ oder vielmehr bezaubern koͤnte. Keine edle Frau in einem Lande wird fuͤr gescheut gehalten/ welche nicht eine Aeffin ihrer Koͤnigin ist. Denn alle lassen gedultiger ihren guten Sitten und Tugenden auf den Fuß/ als jene Carische Weiber beym Artaba- zes auf den Ruͤcken treten/ welche dem auf die Wagen steigenden Frauen-Zimmer bey Hofe zum Fuß-Schemmel dienten. Eine fremde Koͤnigin haͤtte unlaͤngst das benachbarte Sar- matien aller seiner Schaͤtze beraubt/ den Koͤnig wie einen Zeidel-Baͤr an der Kette gefuͤhret/ al- len Reichs-Raͤthen guͤldene Ringe durch die Nase gezogen/ die alten Gesaͤtze und Sitten in ihre Landes-Art verkehret; und es waͤre um der Sarmater so beruffene Freyheit gethan gewest; wenn der mitleidende Tod nicht mit dem Fade- me ihres Lebens zugleich das Seil ihrer Dienst- barkeit entzwey geschnitten haͤtte. Nichts bessers haͤtte sich Deutschland von Segimers Gemah- lin zu versehen/ in welcher Vaterlande die Dienst- Siebendes Buch Dienstbarkeit eine Tugend/ ihr Geschlechte niemahls zu herꝛschen gewohnet/ derer aus Koͤ- niglichem Uhrsprunge zur Herꝛschafft gelan- gender Leute Eigenschafft aber waͤre/ in der Bothmaͤßigkeit keine Maaß halten/ und ihrer Hoffart kein Ziel stecken. Auch muͤste man sich nicht Asblastens angenommene Tugenden irre machen lassen. Denn die Laster waͤren niemahls gefaͤhrlicher/ als in diesem Kleide; und wie es schwer waͤre der Maͤnner Gemuͤtheꝛ zu ergruͤnden; also hielte er es fuͤr Unmoͤglig- keit die weiblichen ausnehmen. Dieser schlaue und scheinbare Vorwand schaffte nicht nur eine grosse Verbitterung bey den alten Feinden der Cherusker/ sondern auch eine nicht geringe Ab- neigung bey ihren Bundsgenossen; zumahl der Hermundurer Hertzog Briton seine Tochter an Segimern zu vermaͤhlen vergebens sich ver- spitzt/ der Catten Hertzog Arabar aber die Hey- rath mit der Alemaͤnnischen Fuͤrstin Vocione als ein dienliches Band des allgemeinen Frie- den in Deutschland vorgeschlagen hatte. Ja in denen Cheruskischen Ohren selbst gewan die- ser Vorschlag einen so suͤssen Klang: daß sie dem Fuͤrsten Segimer anmutheten/ entweder die ohne diß unfruchtbare Asblaste gar zu verstos- sen/ oder/ Vermoͤge der denen Fuͤrsten in Deutschland vor Alters her zukommender Freyheit noch eine Gemahlin zu erkiesen. Her- tzog Segimer nahm diese Meynung uͤbel auff; sahe die sich hiervon nur etwas aufzuwerffen er- kuͤhnenden sauer an; und hielt ihnen ein: Fuͤr- sten haͤtten wol Macht ihren Unterthanen/ ob und wen sie heyrathen solten/ Gesetze vorzu- schreiben/ damit nicht des Vaterlandes Guͤter in die Fremde kaͤmen/ oder verdaͤchtige Aus- laͤnder einnisteten; diese aber koͤnten die Ehen der Fuͤrsten eben so wenig ohne Unvernunfft/ als die Sternseher die Vereinbarungen der Gestirne tadeln. Gleichwol verbarg er dieses Unvergnuͤgen des Volckes fuͤr seiner so hertz- lich geliebten Asblasten auffs moͤglichste: Allei- ne es ist kein Ritz so enge/ durch welchen nicht die Heucheley den Fuͤrsten die verborgensten Heimligkeiten zustecken koͤnne. Wiewol all- hier das Mitleiden einer an dem Cheruskischen Hofe lebender Dulgibinischen Fuͤrstin diese be- kuͤm̃erte Zeitung Asblasten am ersten zubrach- te/ wormit sie durch ihre Klugheit dieser Gefahr so viel leichter/ und ehe das Ubel mehr Wurtzel faste/ vorbeugen koͤnte. Als nun ein und an- dere Frauen-Zimmer nach und nach eben diß erwehnten/ Hertzog Segimer aber hiervon ge- gen sie das geringste nicht mercken ließ; verfiel ihr heimlicher Kummer in einen empfindlichen Argwohn: daß er unter der Hand mit der nicht nur schoͤnen/ sondern auch uͤberaus reichen und verstaͤndigen Fuͤrstin Vocione eine Heyrath abhandeln liesse/ und daß man ihr erst nach ge- schlossener und unhintertreiblicher Sache hier- von Meldung thun/ um ihr auff einen Schlag alle Wiedersprechung abzuschneiden. Es ist noch zur Zeit ungewiß: ob die uͤbermaͤßige Be- gierde Asblastens ihren Eh-Herꝛn auch mit ih- rer eussersten Seelen-Kraͤnckung zu vergnuͤ- gen/ oder die unrechte Tochter der Liebe/ nem- lich die Eyversucht sie eine seltzame Entschluͤs- sung zu fassen bewegt habe. Denn als Segimer von dem Feldherꝛn seinem Vater mit etlichen tausend Edelleuten gegen die Alemannische Graͤntzen wieder den besorgten Einbruch ge- schickt ward/ bildete ihr Asblaste ein: es waͤre unter diesen Schalen viel ein ander Kern/ nehmlich die gaͤntzliche Vollziehung einer neu- en Heyrath mit Vocionen verborgen. Daher machte sie sich in maͤnnlicher Tracht mit zwey- en ihrer getreuesten und lebhafftesten aus Par- then gebrachten Jungfrauen heimlich aus dem Staube. Der Feldherꝛ Aembrich ließ ihr ver- gebens auff allen Strassen nachsetzen/ weil ei- ne ihrer Jungfrauen unter vorgewendeter Un- paͤßligkeit ihre Entrinnung drey Tage verhoͤ- lete; der zuruͤckkommende Segimer aber/ wel- cher etliche Bojische Oerter wieder erobert/ und den Arminius und Thußnelda. den Alemannischen Aufzug durch blosse Kriegs- Listen vernichtet hatte/ fand an statt eines Siegs-Gepraͤnges diese traurige Zeilen in sei- nem geheimsten Schrancken: Die den Tod fuͤr die groͤste Wuͤrckung der Liebe halten/ haben entweder ihre edelste Kraft nicht ergruͤndet/ oder ihr grosse Unvollkom- menheit zugeeignet; wo nicht gar ein Jrrlicht fuͤr einen Stern erkieset. Es ist leichter/ und darff nur einen behertzten Schnitt/ oder die Pein eines Augenblicks fuͤr den geliebten sein Blut abzoͤpffen; die Ausstehung aber vieler der Seele zusetzenden Gemuͤths-Regungen ist etwas uͤbermenschliches. Dieses traue ich mir ausgeuͤbt zu haben/ wenn ich der tugendhafften Vocione das nur zur Helffte verlangte Bette meines unschaͤtzbaren Segimers gantz einraͤu- me/ ihm aber durch meine Anwesenheit keine Unmoͤgligkeit auffbuͤrde seine Liebe so zu thei- len: daß die Wagschale nicht hier oder dort uͤ- berschlage. Der Natur ist es unmoͤglich mit Feuer zu leschen/ und mit Wasser anzuzuͤnden/ aber nicht der Liebe. Diese verzehret in mir selbst die lodernden Flammen; und meine an- genommene Kaͤlte stecket das Hertze meines un- vergleichlichen Segimers gegen der Fuͤrstin Vocione an; welcher ich deßhalben nicht gram seyn kan/ weil sie der liebet/ dem ich mein Hertze fuͤrlaͤngst tausendmahl aufgeopffert habe. Lebe diesemnach wol/ Segimer! und betheile Vocio- nen mit deiner gantzen Liebe/ deine ungluͤckse- lige Asblasten aber nur mit einem wenigen dei- nes Andenckens. Die erste Nachricht von Asblastens Entwei- chung hatte Segimern in Verzweiffelung ver- setzt; dieser Brieff aber machte ihn gleichsam gantz rasend. Endlich als alle menschliche Mittel sein Gemuͤthe zu besaͤnftigen vergebens waren/ verlohr sich Fuͤrst Segimer zu seines verlebten Vaters und des unruhigen Vater- landes hoͤchster Bestuͤrtzung nicht nur vom Ho- fe/ sondern aus gantz Deutschland. Bey Entfallung dieser Seule/ welche des nunmehr verlebten Feldherꝛn Aembrichs schwache Achseln unterstuͤtzte/ fiengen die Che- ruskischen Kraͤften wieder an zu sincken; die un- ter ihres Gebluͤtes Fuͤrsten zeither gestandene Eburoner und Moriner fielen durch einen ge- waltsamen Aufstand ab/ und erwehlten jene ein Kind von drey Monaten Arabars Sohn/ diese aber einen Fuͤrsten/ der nur dem muͤtterli- chen Stamm-Baume nach von Cheruskischem Gebluͤte herkam/ zu ihrem Oberhaupte. Aem- brich gerieth selbst mit vielen Fuͤrsten Deutsch- landes auf einer Reichs-Versammlung in der Stadt Casurgis in nicht geringe Gefahr; weil die Catten mit einem maͤchtigen Heere selbte unverhofft umgaben. Wiewol nun diese un- gemeine Noth alle Kraͤfften der Cherusker und Ubier eilfertig zusammen brachte/ und den Feind nicht allein aus dem gantzen Bojischen und Hermundurischen Gebiete trieb; so wen- dete sich doch bald das Blat. Obymal der Che- ruskische Feldhauptmañ ward von Arabarn in dem Gebiete der Usipier geschlagen/ er selbst gefangen. Aribert/ ein Hertzog der Angeln/ welcher nach des Fuͤrsten Gotarts Tode auf die Cheruskische Seite getreten war/ weil man ihm in der Feldhauptmannschafft den Ritter Stor- desten fuͤrgezogen hatte/ ward unter dem Su- detischen Gebuͤrge mit seinem gantzen Heere er- legt; und kurtz darauff Loͤwenmuth Aembrichs ander Sohn auff eben der Stelle/ wo Koͤnig Gotart seinen ersten Sieg erlangt hatte/ mit fast nicht geringerm Verlust aus dem Felde ge- schlagen. Also bindet das Verhaͤngnuͤß nicht nur einerley Zufaͤlle an gewisse Tage und Na- men; sondern auch an etliche Oerter. Hertzog Aembrich legte hieruͤber mit seinem Leben auch die Sorgen seiner Herꝛschafft und die Bekuͤm- mernuͤß uͤber sein zerruͤttetes Vaterland und die Entfernung des Fuͤrsten Segimers ab; ver- ließ also inzwischen die Verwaltung des Reichs und die Aufferziehung seines nur einjaͤhrigen Erster Theil. Q q q q q q Soh- Siebendes Buch Sohnes Jngviomers dem Fuͤrsten Loͤwen- muth. Seinen letzten Athem wendete er noch zu einer beweglichen Ermahnung gegen seine umstehende Raͤthe an: daß sie die Beruhigung Deutschlandes dem Glantze seines eigenen Hauses/ und allen andern Staats-Gesetzen fuͤr- ziehen solten. Denn der Friede waͤre der einige Balsam/ durch welchen ein verwundetes Reich wieder geheilet; das Horn des Uberflußes/ aus welchem die erschoͤpfften Laͤnder wieder erfuͤllet; ein Labsal/ mit welchem ohnmaͤchtige Voͤlcker wieder erquicket; ein Oel-Baum/ von welchem Vaͤter des Vaterlandes alleine bekraͤntzet wer- den koͤnten. Wie hertzhafft und sorgfaͤltig nun dieser Fuͤrst dem Reiche fuͤrstand; so war doch das blinde Gluͤcke in seinem wiedrigen Rennen durch keine Tugend nicht auffzuhalten. Gleich- wol aber brachte es seine Vorsicht so weit: daß weil die Catten die Alemaͤnnische Fuͤrstin Vo- cione und die uͤbrigen Bundgenossen den durch den Koͤnig der Cimbern Frotho fuͤr geschlagenen Frieden gaͤntzlich ausschlugen/ dieser tapffere Fuͤrst wegen verschmaͤheter Vermittelung/ oder weil der Catten und Svionen durch so viel Sie- ge taͤglich anwachsende Gewalt ihm verdaͤch- tig ward/ sich den Cheruskern zu helffen ruͤstete. Aber so bald Stordeston von dieser nach denck- lichen Krieges-Ruͤstung Wind bekam/ ruͤckte er und die Fuͤrstin Vocione dem Cimbrischen Koͤ- nige Frotho auff einer/ und Gunholm mit ei- nem absonderlichen Krieges Heere der Svio- ner auf der andern Seite uͤber den Hals; brach- ten es auch durch zwey zu Lande/ und eine zur See gewonnene Schlacht dahin: daß er noch selbiges Jahr einen nachtheiligen Frieden schluͤssen/ und dem Cheruskischen Buͤndnuͤße abschweren muste. Als derogestalt der groͤste Krieges-Schwall sich zwischen die Ost- und West See gezogen hatte/ kriegte Fuͤrst Loͤwen- muth zwar Lufft/ etliche von den Svionen und Catten in dem Quadischen Gebiete besetzte Plaͤ- tze wieder zu erobern; aber Arabar hetzte denen Cheruskern alsbald einen neuen Feind/ nemlich die Koͤnige der Pannonier und Japyden auff den Hals; welche durch ihren schleunigen Ein- fall den Lauff ihres vorigen Sieges hemmeten. Uber diß kriegte Vocione eine ansehnliche Huͤlffe von denen Rhetiern und Vindelichern. Weil aber die Cherusker nach Caͤsars Tode mit dem Octavius sich verbunden/ und ihm bey dem buͤrgerlichen Kriege wieder den Antonius und Sextus Pompejus mit ansehnlicher Reuterey aus geholffen hatten; dieser auch nach uͤberwun- denem Lepidus/ und als Antonius in den Mor- genlaͤndern beschaͤfftiget war/ zu Rom den Mei- ster spielte; schickte Octavius Caͤsar/ oder der hernach genennte August den Cheruskern zu Liebe den Tiberius wieder die Rhetier und Vin- delicher. Ob dieser nun zwar theils wegen des tieffen Schnees/ theils wegen dieser Voͤlcker ja auch ihrer behertzten Weiber/ die nach ver- schossenen Pfeilen so gar ihre zerfleischten Kin- der dem Feinde ins Antlitz schlugen/ mit dem Degen wenig ausrichtete; machte er doch den Cheruskern Lufft; weil die Rhetier und Vinde- licher von den Catten und Alemaͤnnern ihre Huͤlffs-Voͤlcker abzufordern genoͤthiget wur- den. Wieder die Japydes/ ein aus Deutschland gleichfalls entsprossenes zwischen dem Duri- schen und Clavischen Gebuͤrge gelegenes Volck aber ruͤckte Augustus selbst mit fuͤnff Legionen. Die Flaͤche und die an der Sau gelegene Stadt Segestica verliessen die Japydes gutwillig; im Gebuͤrge aber hatten sie sich derogestalt ver hau- en: daß in selbtes einzubrechen kein ander Weg/ als ein zwischen zweyen steilen Bergen abschuͤs- sender Strom zu finden war. Weil es aber dem Roͤmischen Krieges-Volcke unmoͤglich schien dem rauschenden Wasser entgegen biß an die Achseln zu waten/ und uͤber die Klippen zu klet- tern/ von welchen dieser Fluß vielfaͤltig abstuͤrtz- te/ wie nichts minder sich fuͤr den Pfeilen derer auf den Bergen wachsamen Feinde sich zu be- schirmen; stutzten sie so lange/ biß August selbst einem Arminius und Thußnelda. einem gemeinen Kriegs-Knecht den Schild vom Arme rieß/ und durch Wasser und Felsen ihnen vorgehende den Weg baͤhnete; biß es an einer engen Tieffe/ woruͤber die Japyder hat- ten die Bruͤcke abgeworffen/ zu einem schweren Gefechte kam/ in welchem August mit seinen an beyden Haͤnden und Schienbeinen empfange- nen Wunden selbigen Strom und ihm zugleich seine Ehren-Fahn anroͤthete. Wie nun die Ja- pydes alldar der Roͤmischen Macht laͤngeꝛ nicht die Wage halten konten/ zohen sie sich in ihre Haupt-Stadt Mebulum/ aus welcher sie denen belaͤgernden Roͤmerñ durch Abschlagung vieler Stuͤrme/ und Verbrennung ihres Sturmzeu- ges unglaublichen Schaden zufuͤgten. Ja Au- gust selbst/ als er im zehnden Sturme von einem angeschobenen hoͤltzernen Thurme die Mauer besteigen wolte/ ward mit einem Wurffspieße in die Seite derogestalt verwundet: daß man ihn ohnmaͤchtig ins Zelt brachte. Alleine August ließ sich diß so wenig/ als ein veꝛlezteꝛ Loͤwe schre- cken/ der/ weñ er sein Blut siehet/ nichts minder seine Kraͤfften/ als Grimm vergroͤssert. Er ver- schrieb noch zwey frische Legionen darfuͤr/ und draͤute keines Kindes in Mutterleibe zu verscho- nen/ wenn der Ort mit Sturm uͤbergienge. Weil nun die Tugend endlich wie die Brunnen erschoͤpfft/ und die groͤste Hertzhafftigkeit durch ein erbarmendes Mitleiden weich gemacht wird/ ließ der eine Japydische Fuͤrst sich das Winseln der Einwohner verleiten: daß er wie- der des andern Willen seine Helffte der Stadt mit einem Schlosse den Roͤmern auffgab; und Roͤmische Besatzung einnahm/ welche aber fol- gende Nacht von dem andern Fuͤrsten unverse- hens uͤberfallen und erschlagen ward. Hierauff vertheidigten die verzweiffelten Japyden beyde Staͤdte mit fast unmenschlicher Hartnaͤckigkeit/ ja als alle Lebens-Mittel aufgezehret/ die Mau- ern zersprengt/ die Waffen zerbrochen waren/ schlachteten sie ihre Weiber und Kinder selbst ab/ zuͤndeten die Stadt an allen Ecken an/ ver- gruben sich also selbst mit der Asche ihres Vater- landes; und wunden den Roͤmern den Ruhm/ ja alle Kennzeichen des geringsten Sieges aus den Haͤnden. Jedoch betrauerte August nicht so sehr: daß er nur eines Steinhauffens/ und et- licher Leichen Meister worden war/ als daß die Verzweiffelten ihm den besten Ruhm/ den ein Uberwinder erlangen kan/ mit ihrem Leben ab- geschnitten hatten; welcher ist/ seinem Feinde vergeben. Derogestalt sind diese Japyden/ fieng Salonine an/ ein bewehrtes Beyspiel: daß der Mensch sein selbst eigener grosser Feind/ ja sei- nes Ungluͤckes Schmid sey. Sintemahl sie aus Furcht eines ungewissen Todes wieder die Ge- setze der Goͤtter dem Verhaͤngnuͤsse das Messer und die Fackel aus den Haͤnden gerissen; und so wol ihnen als ihrem Vaterlande ein solch Un- recht angethan/ was der aͤrgste Todfeind wie- der beyde nicht haͤtte grim̃iger ausuͤben koͤnnen. Diesemnach hielte sie es mehr fuͤr ein Werck ra- sender Thiere sich lieber selbst ins Verterben stuͤrtzen/ als dem Feinde sich ergeben; welcher ohne Verletzung des Voͤlcker-Rechts die Erge- benen nicht toͤdten koͤnte. Der Mensch alleine haͤtte von der guͤtigen Natur die Hoffnung in Besitz bekommen. Daher solte er niemahls was verzweiffeltes entschliessen/ sondern noch allezeit des besten gewaͤrtig seyn. Rhemetalces begegne- te ihr: Jch wil die Hoffnung nicht schlechter Dings verwerffen/ noch sie mit einigen fuͤr den Lustgarten der Narren/ und eine Kurtzweil der Einfaͤltigen schelten. Denn wenn selbte die Vernunfft zum Grunde hat/ verdienet sie/ das Merckmahl eines grossen Geistes genennet zu werden. Wenn man aber/ wie hier die Ja- pyden/ von einem verbitterten Feinde nichts als Schmach und Pein zu gewarten/ sondern um das armselige Leben zu betteln hat/ ist es ja besser dem ohne diß unvermeidlichen To- de etliche Schritte entgegen gehen; als durch vergebene Ausweichung dem Fein- de eine Freude’ machen/ umb dem ohn- maͤchtigen Leben mehr Weh zu thun/ der von GOTT entsprossenen und niemahls Q q q q q q 2 veral- Siebendes Buch veralternden Seele aber die verdruͤßlichen Binden des Leibes nicht loß zu binden/ sondern ihre Vereinbarung mit den Sternen zu ver- hindern. Malovend brach ein: Es hatten die Japyden freylich wol wenig Ursache vom Au- gust einiger Gnade sich zu versehen; und ist aus seiner letzten Erklaͤrung ihr Thun nicht bald als ein Jrrthum oder Laster zu verdam̃en. Denn auch die grausamsten Wuͤtteriche streben nach dem Ruhme der Guͤtigkeit/ und wissen von ihrer Gnade viel Werckes zu machen/ weñ die Gelegenheit gnaͤdig zu seyn schon verspielt ist. Wormit aber August nicht ohne Sieg nach Rom kehrete/ grieff er die Pannonier an/ und belaͤgerte die zwischen dem Flusse Sau und Colops gelegene Stadt Sciscia; die aber so wol zu Lande/ als zu Wasser den Roͤmern grossen Abbruch thaͤt. Der fuͤrtrefliche Kriegs-Ober- ste Menas ward selbst erschlagen. Endlich aber als ihre Mauren fast allenthalben von den Sturmboͤcken zerstossen waren/ musten sie sich auf ertraͤgliche Bedingungen dem Kayser er- geben. Dieser warff alle eroberte Waffen ins Wasser/ um den andern Pañoniern ein Schre- cken einzujagen; Welches denn auch so ferne geluͤckte: daß sie mit ihm und denen Cherus- kern Friede machten. Alleine dieser Sonnenschein ward bald von einem grausamen Ungewitter verstellet. Denn Stordeston uͤberfiel mit seinem von so viel Sie- gen muthigen Krieges-Heere den Cheruski- schen Feldhauptmann Salgal einmahl an dem Fluße Chalusus/ das ander mahl auf der Flucht bey der Stadt Mesovium. Arabars Sohn/ welcher von seinem nunmehr auch abgelebten Vater die Herrschafft und den Haß gegen die Cherusker geerbt hatte/ nahm denen Ubiern und andern Cheruskischen Bundgenossen die besten Oerter weg. Und ob zwar der Ubier Hertzog die Catten einmahl in die Flucht brach- te/ wetzten sie doch bald die Scharte mit einer groͤssern Niederlage der Ubier und ihres tapfer- sten Feldhauptmanns aus. Einen noch groͤs- sern Sieg erlangte Stordeston uͤber die Cherus- ker und Quaden bey der Stadt Boviasmum; welches die Hermundurer vollends gar von ih- nen abzusetzen/ und die Pannonier auffs neue in der Cherusker Gebiete einzufallen bewegte; wiewol diese Fulvius Geminus nach etlichen blutigen Schlachten/ Meßala aber ihre Ge- faͤrthen die Saloßier/ Agrippa und August selbst die Dalmatier wieder zur Ruh brachte; nach dem er vorher denen Ubiern und Cherus- kern durch seine Anwesenheit in Gallien/ von dar er mit einer Schiffs-Flotte nach dem Beyspiele des Kaysers Julius in Britannien uͤberzusetzen vermeint/ durch blosse Naͤherung seiner Waffen Lufft gemacht/ und in Gallien dem Zwirbel-Winde/ der ihn in Britannien dißmahl zu schiffen hinderte/ einen Tempel ge- baut hatte. So ferne bediente sich der kluge Aembrich des Roͤmischen Bundes; wolte aber dem darnach seuffzenden August keines Weges erlauben: daß die Roͤmischen Adler ihnen zu Huͤlffe uͤber den Rhein fliegen solten. Hieruͤ- ber zerfiel August mit dem Antonius aufs neue; und geriethen die Roͤmer selbst wieder einander in die Haare. Daher sassen die Pannonier den Quaden wieder auf den Hals. Die Catten/ Alemaͤnner und Svioner spielten gleichfalls wieder den Meister; und entsetzten die wan- ckenden/ aber hernach wieder bestaͤndig bleiben- den Fuͤrsten der Ubier und Usipier fast ihrer gantzen Herꝛschafft/ namen auch durch Kriegs- List ein Theil der maͤchtigen Stadt Bovias- mum ein. Die Herꝛschafft des Cheruskischen Hauses hieng gleichsam nunmehr nur noch an einem seidenen Fademe; als der fast fuͤr verlohren ge- schaͤtzte Fuͤrst Segimer Deutschlande gleichsam als ein neuer Gluͤcksstern aufgieng. Jede Zeit ist geschickt die Kraͤfften gemeiner Leute zu pruͤ- fen; die Noth aber nur einen Fuͤrsten/ wie das Ungewitter einen Steuermañ. Also hatte Se- gimer Arminius und Thußnelda. gimer nun Gelegenheit genung/ sich als einen Fuͤrsten sehen zu lassen. Wie man nun schon das Licht und Wuͤrckung der aufgehenden Sonnen erkieset/ ehe man sie selbst zu Gesichte kriegt/ also erhielt der blosse Ruff von Segi- mers Zuruͤckkunfft die schon um ihre Ergebung handelnde Stadt Boviasmum. Sein erster Streich aber war die Niederlage eines Catti- schen Heeres in dem Gebiete der Ubier; ja ehe es schier menschliche Vernunfft begreiffen konte; brachte er unter seinem Schilde den Oelzweig des guͤldenen Friedens herfuͤr; nach welchem das seuffzende Deutschland so lange Zeit verge- bens seine Armen ausgestreckt hatte; ungeach- tet ihre Einwohner sonst nichts minder zum Kriege geneigt/ als geartet sind. Denn Men- schen beruhigen sich so denn am leichtesten/ weñ sie sich auf ihrem eigenen Wagen muͤde gemacht haben. Ja die nach Krieg lechsenden werden ehe nicht witzig; als wenn sie ihres getraͤumten Zwecks verfehlet/ und mit Schaden gelernet haben: daß der Krieg/ was fuͤr schoͤne Farbe er immer hat/ nichts anders/ als ein hitziges Feber der Reiche/ der Friede aber ihre wahrhaffte Ge- sundheit sey. Die Catten und Alemaͤnner ver- gnuͤgten sich an ihren elterlichen Laͤndern/ und an der denen Barden und Eubagen bestaͤtigten Freyheit ihres Gottesdienstes. Die Svionen wurden mit gewissen denen Druyden abge- nommenen Gebieten bestillet; diese alle aber er- kennten nunmehr den klugen und großmuͤthi- gen Segimer fuͤr den wuͤrdigsten Feldherꝛn der Deutschen; und waren hemuͤht der tugend- hafften Asblasten gleichsam die Haͤnde unter zu- legen; welche sie nunmehr wegen ihrer bewehr- ten Liebe und Treue fuͤr eine Halb-Goͤttin ver- ehrten. Denn diese Fuͤrstin hatte zwar ihrem Eh-Herꝛn zu Liebe Deutschland verlassen; in Meynung: es wuͤrde ihr Vaterland ihr einen andern Mittelpunct der in Deutschland ver- lohrnen Gemuͤths-Ruh zeigen: Alleine/ weil der Kreiß unsers Lebens nur einen hat/ und weñ dieser verruͤckt/ alle unsere Abmaͤssungen verfeh- len; hatte Asblaste wol den Himmel/ aber nicht ihren Zustand geaͤndert; ja sie verfiel in Per- sien in einen Pful der empfindlichsten Bekuͤm- mernuͤße. Sie traff zwar ihren Vater Su- rena noch an dem Parthischen Hofe des Koͤ- nigs Orodes/ aber weder auf der Staffel seiner Wuͤrde/ noch in dem Ansehen an/ das seine Dienste in dem Kriege wieder den Craßus ver- dient hatten. Denn die uͤbermaͤßigen Wol- thaten hatten den Orodes dem Surena zu ei- nem so grossen Schuldner gemacht: daß/ weil er selbte nicht vergelten konte/ er sie nothwen- dig als grosse Laster hassen muste. Gleichwol aber konte Surena auch nicht von Hofe weg kommen; weil Orodes ihm nicht einbildete: daß Surena sich nicht wuͤrde mit eigner Hand bezahlt machen/ nach dem es allerdinges in sei- ner Gewalt stund dem Orodes zu schaden. Also lebte Surena zu Hofe/ aber wie in einem Ge- faͤngnuͤße/ oder vielmehr in einer Hoͤlle; weil er sich aus dem geheimen Rathe ausgeschlossen/ nicht wenig Unwuͤrdige ihm vorziehen/ und sich seiner angestammeten Wuͤrden entsetzt sahe. Jedoch/ weil grossen Gemuͤthern eine solche Er- niedrigung so wenig als denen Jrr-Sternen ihr Eintritt in einen niedrigern Himmels- Kreiß oder in ein schlechteres Hauß abbruͤchig; haͤtte Surena diese Verachtung leicht ver- schmertzet. Sintemahl er leichter des Hofes/ als der Hoff seiner entbehren konte. So aber stand er alle Augenblicke zwischen Thuͤr und Angel; denn der Grimm des Orodes und der verlaͤumderische Hof/ welcher gegen iederman eine zweyfache Zunge und selten ein Hertze hat/ draͤuten allen seinen Tritten: daß sie auff ein Fallbret treten wuͤrden. Die Fuͤrstin Asblaste kam gleich nach Hecatompylus/ als Orodes sei- nen Sohn Pacor zum Nochfolger des Reichs erklaͤrte. Wiewol nun das Surenische Ge- schlechte von Alters her berechtiget war denen Parthischen Koͤnigen die Krone aufzusetzen; Q q q q q q 3 ward Siebendes Buch ward doch des Craßus Meuchelmoͤrder Ma- xarthes ihm hierinnen fuͤr gezogen. Also sind manche Fuͤrsten geartet: daß sie ehe Laster be- lohnen/ oder wahre Beleidigungen verzeihen; als sie das Leid ver gessen/ welches ihnen ein ge- schickter Diener anzuthun faͤhig ist; ob er schon nie dran gedacht hat. Surena muste dieses Un- recht verschmertzen/ und dem sich an ihn zu rei- ben suchenden Orodes noch wegen uͤberhobener Muͤh Danck sagen; ob er schon sonst in seinem Thun und Reden auch bey seiner Unterdruͤ- ckung die Wuͤrde seiner Ankunfft derogestalt in acht nahm: daß sich niemand ihn veraͤchtlich zu halten erkuͤhnete. Wie er denn selbst das Her- tze faste gegen den Koͤnig die angemuthete knechtische Aufwartung zu entschuldigen/ da der/ welchen der Koͤnig seinen Freund nennt/ unter die Taffel kriechen/ und was ihm her ab geworffen wird/ wie ein Hund abnagen/ ja noch darzu von Peitschen blutige Striemen verschmertzen muß. Zeno fiel ein: Meinem Ur- thel nach hat Maxarthes hierdurch weniger ge- wonnen/ als Surena verlohren. Denn die Entziehung verdienter Ehren gereichet dem Beschimpfften nur zu groͤsserm Ruhme. Da- her meinte Cato: es wuͤrde ihm ruͤhmlicher seyn/ wenn die Nachwelt nach seiner unsichtbaren Ehren-Seule fragen wuͤrde/ als wenn die Un- achtsamkeit selbte zwar fuͤr Augen/ niemahls a- ber im Gedaͤchtnuͤße haͤtte. Hingegen ver- schwinde der Glantz denen verunehrten Wuͤr- den. Sintemahl diese sodenn nicht nur ihr Wesen/ sondern auch den Nahmen einbuͤsten/ wenn sie Unwuͤrdigen zu theile wuͤrden. Daher haͤtte fuͤr etlicher Zeit ein Roͤmer/ als August seinem Knechte Menas einen guͤldenen Ring gegeben/ seinen Ring vom Finger genommen/ in die Tiber geworffen/ und angehoben: Diese waͤren vormahls Merckmahle tapfferer Ritter gewest; nunmehr wuͤrden sie Kennzeichen der Freygelassenen. Jedoch machten die Fuͤrsten nicht allezeit Wuͤrden und Ehren-Mahle aus Unverstande und Leichtsinnigkeit gemein/ son- dern es steckte zuweilen ein grosses Staats-Ge- heimnuͤß darhinter. Denn es waͤre der kluͤgste Handgrieff die Gewalt des Adels zu maͤßigen/ wenn selbter vielen/ und zwar auch denen/ die ihn so sehr nichtver dienten/ zukaͤme. Daher haͤt- te August so viel fremde mit dem Roͤmischen Buͤrger-Rechte betheilt/ und so viel Freygelas- sene zu Edelleuten gemacht. Es ist wahr/ sagte Malovend. Und ich erinnere mich: daß Her- zog Aembrich dardurch ihrer viel von der Euba- gen Gottesdienste ablenckte: daß er nicht wenig denen Druyden anhaͤngende in hohe Aempter und uͤber die Eubagen setzte; die gleich wenig Geschickligkeit hatten. Sintemahl nichts mehr als der Verdruß einem Unwuͤrdigen nachge- setzt zu werden/ einem seltzame Entschluͤssungen abnoͤthigen kan. Aber Surena behielt bey seiner Beschimpffung ein freudig Gesichte/ und ein ruhiges Gemuͤthe. Nach dem aber zarte Seelen der ihrigen Unrecht mehr als ihr einiges fuͤhlen/ war es der Fuͤrstin Asblaste/ welche in Deutsch- land gelernt hatte: daß Beschimpffungen nur durch Blut ausgetilget werden/ unmoͤglich/ ih- res Vaters Unrecht ungeahntet zu lassen. Da- her/ als folgenden Tag Pacor allerhand Ritter- spiele anstellte/ fand sich Asblaste in unbekandter Deutschen Ruͤstung auch auf die Rennebahn. Und nach dem sie durch ihre Geschickligkeit un- terschiedene Preiße erhalten; derer einen ihr Maxarthes reichen solte/ weigeꝛte sie sich solchen aus seinen/ als eines Meuchel-Moͤrders Haͤn- den/ anzunehmen; ja sie sagte ihm in die Augen/ sie hielte ihn so lange fuͤr keinen Edlen/ biß er ihr zeugte: daß er auch vorwerts einen zu beleidigen das Hertz haͤtte. Der dem Maxarthes wenig guͤnstige Adel gebaͤhrdete sich bey dieser Gele- genheit derogestalt: daß Maxarthes Schande halber mit Asblasten fechten muste. Aber bald im ersten Rennen sprang Asblaste nach Deutscher Art mit solcher Geschwindigkeit vom Pferde/ und durchstach Maxarthen: daß er sich ehe auff dem Arminius und Thußnelda. dem Bodem liegen fuͤhlte/ als dessen Ursache wahrnahm. Gleichwol ließ sie ihm Lufft wie- der auf die Fuͤsse zu kommen/ und sich gegen ih- rem Degen zu vertheidigen. Alleine nach kur- tzem Gefechte versetzte sie ihm einen solchen Streich in den Hals: daß Maxarthes nicht nur todt zu Bodem fiel/ sondern der Kopff nur mit weniger Haut an dem Leibe haͤncken blieb; welchen sie vollends abloͤsete/ und mit tieffer Ehrerbietung gegen dem Koͤnige zufoͤrderst auffs Schau-Geruͤste legte. Wenig Zuschauer waren/ die dem aufgeblasenen Maxarthes nicht diesen Trauerfall goͤnneten/ und dieses unbe- kandten Ritters Tapfferkeit ruͤhmten; Oroden alleine bieß dieser Unfall so sehr: daß er zwar die Freyheit der Rennebahn schonte; so bald aber Asblaste nach geendigten Schauspielen ab- wiech/ sie von der Koͤniglichen Wache in Hafft nehmen/ und als einen Ubelthaͤter fuͤr das strengste Blut-Gerichte stellen ließ. Der ein- same Surena/ welcher bey den Schauspielen nicht gewest war/ weniger von der Rache seiner Tochter das geringste wuste/ ward vom Koͤnige selbst zum Ober-Richter ernennet; als welchen er zu keinen andern/ als nur zu verhasten Ver- richtungen gebrauchte. Surena/ welcher gleich- sam mit den Haaren zu einem Gerichte gezo- gen ward/ in welchem er entweder den Koͤnig oder sein Gewissen beleidigen muste/ verlohr Sprache und alle Sinnen/ als er seine Tochter in Band und Eisen fuͤr den Richter-Tisch treten sahe. Nach dem man ihn aber durch Kuͤhlung wieder ein wenig genung ermannet hatte/ fieng er seuffzende an: Grausamer Orodes/ zwingestu mich nun auch uͤber mein Blut ein Blut-Richteꝛ zu seyn! Alle Anwesenden sahen Asblasten hier- auff mit starren Augen an; aber ehe sie sich noch auf sie besiñen konten/ fieng sie selbst an: Zweifelt nicht/ ihr Richter: daß die/ welche des Surena Beleidigung und so viel Laster am Maxarthes gerochen hat/ Surenens Tochter Asblaste sey. Diese Begebung ward zwar fuͤr den Koͤnig ge- bracht; aber sie entzuͤndete mehr seine Rachgier gegen Asblasten/ als daß sie ihn haͤtte erweichen sollen/ Surenen eines so unanstaͤndigen Rich- ter-Amptes zu uͤbergehen. Ja/ weil Orodes diesen Fallstrick nicht gern außer Haͤnden lassen wolte/ ließ er Surenen andeuten: die Gerech- tigkeit haͤtte keine Augen/ und daher kennte sie ihr eigenes Kind nicht. Jn Wercken des Ober- keitlichen Amptes muͤste alles Ansehen natuͤrli- cher Verwandschafft weichen. Denn wer jenes annehme/ zuͤge einen gemeinen Menschen aus. Ja die Goͤtter selbst haͤtten rechtmaͤßige Hals- Gerichte so lieb: daß sie solche nicht uͤbel auf- nehmen/ wenn man gleich darbey der Natur selbst Gewalt anthaͤte. Daher solte er das Blut- Gerichte hegen; oder als ein Ungehorsamer fuͤr selbigem selbst fuͤrtreten. Surena/ welcher lieber seinen Kopff/ als sein Vater-Hertze verlieren wolte/ er wehlte ohne einiges Bedencken das letz- tere; und die fuͤr Furcht zitternden Richter mu- sten um ihre eigene zu erhalten dem Wuͤtterich zu Gefallen/ beyden das Leben absprechen. Der Feldherꝛ Segimer kam gleich nach Hecatom- pylus an dem zu Vollziehung des Urthels be- stim̃ten Tage an. Das allenthalben zulauffende Volck leitete ihn fuͤr die Trauerbuͤhne/ als dem tapfferen Surena sein Kopff von den Achseln gespaltet ward. Dieser Streich haͤtte Segimern bey nahe mit entseelet/ wenn nicht die Erbli- ckung seiner Liebsten Asblaste ihm eine neue Re- gung verursacht haͤtte. Diese brachte man nun auch auf das Todten-Geruͤste; woruͤber ein nie- driges Gemuͤthe zweiffelsfrey ver gangen waͤre. Aber der kluge und hertzhaffte Segimer/ welcheꝛ vorheꝛ die Parthischen Sitten wol begꝛiffen hat- te; als er gegen der Trauerbuͤhne den Koͤnig O- rodes erblickte/ und also ihm die Rechnung leicht machen konte: daß diese Grausamkeit auf seinen Befehl geschehen muͤste/ lieff augenblicks und schoͤpfte mit seinem Schilde Wasser aus dem naͤhesten Springbrunnen/ hier auf er grieff er ei- nen Brand aus dem in der Koͤniglichen Burg unauff- Siebendes Buch unaufhoͤrlich brennenden Feuer. Mit diesen zweyen wiedrigen Dingen trat er fuͤr Oraden/ und ruffte selbtem mehr Draͤuungs-als Bitt- weise zu: Er moͤchte die unschuldige Asblasten der Todes-Straffe entziehen/ oder er wolte der Parther heiliges Feuer durch das geschoͤpf- te Wasser ausleschen. Die umstehenden Per- sen/ welche zeither nach menschlicher Gewon- heit mehr zum Mitleiden/ als zu Abbelffung sich geneigt erwiesen hatten/ billigten nunmehr mit Augen und Gebehrden seine Hindernuͤß. Die zu ihrer Hinrichtung bestellten Hencker erstarrten und liessen nicht allein alsobald die Haͤnde sincken/ sondern der grausame Orodes ward Vermoͤge der Parthischen Grund-Ge- setze hierdurch gezwungen die durch das Feuer geschehene Bitte nicht zu verweigern/ und As- blasten frey zu sprechen/ aber er befahl diesen verwegenen alsofort in den tieffsten Kercker zu werffen; welcher denn auch so geschwinde da- hin gerissen ward: daß die uͤber ihrer so fremden Erloͤsung erstaunende Asblaste nicht einst ihren Erretter zu Gesichte bekam. Gleichwol war sie um selbten zu erfahren eusserst bekuͤmmert/ sonderlich da sie erfuhr: Es habe Orodes befoh- len: daß dieser Verunehrer des Feuers folgen- den Mittag dem Feuer solte geopffert werden. Asblaste war folgenden Tag die erste auff dem Berge/ in dessen Hoͤle das ewige und ihrem Glauben nach vom Himmel gefallene Feuer verwahrt/ und auf dessen Gipffel demselben ge- opffert ward. Jn dem heissesten Mittage ward der mit Rosen gekraͤntzte Fuͤrst Segimer auf ei- nem mit vier schneeweißen Pferden gezogenem Wagen als das bestimmte Opfer herbey bracht; und so wol von dem gantzen Hofe/ als vielen tau- send Menschen begleitet. Die Opfferknechte schaͤleten alsbald die Rinde von dem mitge- brachten Ceder- und Lorber-Holtze/ der oberste Priester aber verfuͤgte sich in die Hoͤle/ und zuͤn- dete mit grosser Andacht eine Wachs-Fackel an; von welcher hernach der zum Opffer berei- tete Holtzstoß angesteckt ward. Die Priester fasten bereit Segimern/ bunden ihn/ und legten ihn zur Zertheilung auf den Opffer-Tisch; als die sich herzu dringende in einen Parthischen Krieges-Mann verkleidete Asblaste den/ der geschlachtet werden solte/ fuͤr ihren hertzgelieb- testen Eh-Herꝛn erkennte; und mit dem ersten Anblicke rieff: Nicht beflecket euch mit dem Blute des vollkommensten Fuͤrsten der Welt! Weil sie aber ihre Wiedersprechung fuͤr ein all- zu schwaches Mittel hielt/ des Koͤniges Willen zu hintertreiben/ sprang sie zum Opffer-Feuer/ und weil sie diese grausame Opfferung zu stoͤren so bald nichts unsauberes zur Hand hatte/ nahm sie ein Messer/ kerbte sich etliche mahl in den Arm/ und ließ das haͤufig herfuͤr dringende Blut ins Feuer lauffen; wormit die gantze Opfe- rung gehemmet ward. Der hieruͤber erbit- terte Orodes schaͤumete fuͤr Zorn/ und befahl beyden den’ grim̃igen Nachen-Tod anzuthun. Die Koͤnigin aber brachte nach abgekuͤhletem ersten Eyver ihn dahin: daß er vorher die Ursa- che solcher Entweihung erforschen solte. Daher ward Segimer und Asblaste/ welche inzwischen einander mit tausend Kuͤssen umarmeten/ fuͤr das Koͤnigliche Zelt gefuͤhrt. Da denn Asblaste auf erforderte Rechtfertigung antwortete: Jch bin Asblaste des Surena Tochter/ dieser mein Eh-Herꝛ/ der um das Persische Reich so hoch verdiente Fuͤrst Segimer. Dieser hat gestern mich aus dem Rachen des Todes gerissen; ur- theilet demnach: Ob ich heute ihn zu retten nicht euer heiliges Feuer entweihen muͤssen; wo ich nicht die viel heiligern Flammen der ehlichen Liebe in mir habe erstecken sollen. Jch habe gesuͤndiget; aber gedencket: daß die Liebe keinen Maͤß-Stab/ die Noth kein Gesetze leide. Se- gimer aber bat alleine: daß das strenge Recht an ihm/ als einem Fremdlinge aus geuͤbet/ die tu- gendsame Asblaste aber moͤchte freygelassen werden. Woruͤber Asblaste und Segimer selbst mit einander zwistig wurden; in dem iedes fuͤr das Arminius und Thußnelda. das andere wuͤnschte ein Soͤhn-Opffer zu seyn. Jederman lobte beyder ungemeine Liebe; und ob sich zwar niemand wagte fuͤr sie ein gut Wort einzulegen; redeten doch theils die Gebaͤhrden/ theils die mitleidenden Thraͤnen fuͤr sie. Dem sauersehenden Orodes aber ward weiter nicht sein Gemuͤthe erweichet/ als daß er beyde in ei- nen Kercker zu verwahren befahl; weil die Guͤ- tigkeit entweder mit seiner Geburts-Art unver- traͤglich war; oder daß seine Aenderung seinen gefasten Zorn keines Unrechts beschuldigen moͤchte. Hingegen hatte die Schoͤnheit der Fuͤr- stin Asblasten dem juͤngern Sohne des Koͤnigs Orodes Phraaten die Seele derogestalt ver- wundet: daß/ als des Caßius und Brutus zu den Parthen abgefallener Gefaͤhrte Labienus und Pacor mit einem maͤchtigen Kriegs-Heere in Syrien/ Orodes auch selbst/ um dem Kriege naͤher zu seyn/ nach Edeßa in Mesopotamien verreiset war/ er sie heimlich aus dem Gefaͤng- nuͤße auff eines seiner Lust-Haͤuser zu bringen vorsaan. Wormit er nun seinen Anschlag so viel geschickter ausuͤbte/ entschloß er sich Asbla- sten vorher seine Zuneigung zu entdecken; weil er ihm nicht einbilden konte: daß sie nicht lieber in den Armen eines so grossen Fuͤrsten schlaffen/ als in so schweren Fesseln wuͤrde verschmachten wollen. Dieses Schreiben vertraute er einem theils durch Gaben bestochenen/ theils durch Draͤuung genoͤthigten Hauptmanne uͤber die Kercker-Wache; welcher solches Asblasten ab- liefferte. Diese laß mit hoͤchster Bestuͤrtzung diese unvermuthete Zeilen; erholete sich aber alsbald/ und sagte mit freyem Gemuͤthe: Sie wuͤrde dahin willig folgen/ wohin Fuͤrst Phraa- tes befehlen/ und der Hauptmann sie leiten wuͤrde. Phraates ward uͤber so gewuͤnschter Antwort erfreuet; und ließ durch den Haupt- mann mit ihr abreden: daß folgende Nacht die Wache mit gewissen vertrauten Leuten besaͤtzt/ und sie unvermerckt aus dem Kercker solte ge- holet werden. Asblaste bat unter dem Fuͤrwand einiger Unpaͤßligkeit biß auf die dritte Nacht Auffschub. Jnzwischen beredete sie unter dem Scheine: daß sie in ihrem tieffen Gofaͤngnuͤße von den Feuchtigkeiten um ihr Leben kaͤme/ mit vielen Thraͤnen und Geschencken den Kercker- meister dahin: daß er ihr und Segimers Ge- faͤngnuͤß verwechselte/ ihn in ihr unteres/ sie aber in sein oberes einschloß. Auf die bestimte Nacht kam der vom Phraates bestellte Haupt- mann/ schloß Segimern die Fessel auffs leiseste auff; und nach dem er ihm alle Wortwechse- lung verboten/ fuͤhrte er ihn im Finstern unver- merckt aus dem Kercker/ und liefferte ihn an- dern bestellten Leuten ein/ die ihn zu Pferde saͤtz- ten/ und biß zu anbrechendem Tage sporn- streichs mit ihm fortjagten. Nach dem sie des Tages uͤber in einem unbewohnten Jaͤger- Hause ausgeruhet/ ritten sie die gantze Nacht wieder mit ihm fort/ und kamen ein wenig fuͤr dem Tage an ein praͤchtiges Gebaͤue; da ihnen in aller Stille die Garten-Thuͤre eroͤffnet/ Fuͤrst Segimer allein hinein genommen/ und die Thuͤre wieder versperret ward. Segimer/ dem diß alles nicht anders als ein Traum fuͤr- kam/ ward in ein oben von Golde/ auf den Seiten mit Helffenbeine/ unten von denen koͤst- lichsten Persischen Tapezereyen glaͤntzendes/ und mit wolruͤchendem Balsam durchzogenes Zimmer bracht; allwo ihm eine praͤchtig-ge- kleidete Person um den Hals fiel/ und dem Kuͤs- sen kein Ende machte. Segimer wuste durch kein Nachsinnen ihm diesen Traum oder Raͤtzel auszulegen; biß Phraates selbst den Nahmen Asblaste heraus stieß; und die Stimme so wol den Fuͤrsten Phraates als seinen Anschlag ver- rieth. Segimer entbrach sich hiermit alsofort aus Phraates Armen/ und um seinem Jrrthum abzuhelffen/ sagte er: Jch bin Segimer/ nicht Asblaste. Es ist leicht zu erachten/ wie Phraa- tes nicht nur uͤber seiner betrogenen Liebe/ son- dern auch der unbesonnenen Verrathung sei- ner blinden Liebe veraͤndert worden sey. Gleich- Erster Theil. R r r r r r wol Siebendes Buch wol erholete er sich/ und fragte Segimern: wie er denn an diesen Ort kaͤme? Segimer ver- setzte: Phraates muͤste es besser wissen/ als er/ den man um Mitternacht aus dem Kercker ge- nommen/ und dahin gefuͤhret haͤtte. Phraates verstand hieraus leicht den Jrrthum des Haupt- manns/ und sagte: Jch wil deiner Asblaste zu Liebe dir gleichwol die Freyheit goͤnnen. Hier- mit machte er Anstalt: daß Segimer von zwan- tzig Parthern durch Meden biß auf die Arme- nische Graͤntze gefuͤhrt ward. Fuͤrst Segi- mer/ dessen Hertze bey seiner gefangenen As- blaste noch zu Hecatompylus eingekerckert ward/ hielt diese Freyheit fuͤr was aͤrgers als ei- ne Dienstbarkeit. Daher war ihm so unmoͤg- lich als unverantwortlich das ihm doch so un- holde Persien schlechter Dinges mit dem Ruͤ- cken anzusehen. Weil er nun in Armenien er- fuhr: daß Labienus und Pacor den Roͤmischen Feldhauptmann Saxa geschlagen/ Antiochien/ Apamea/ Jerusalem und gantz Syrien biß auff die Stadt Tyrus/ Cilicien biß auff die Stadt Stratonicea eingenommen hatte/ und Koͤnig Artabazes dem Ventidius/ welchen Antonius mit Kriegs-Macht in Cilicien schick- te/ etliche tausend Reuter zusendete/ zohe Segi- mer mit diesen Huͤlffs-Voͤlckern auch dahin. Flavius ein Cheruskischer Ritter/ welcher tau- send deutsche Reuter fuͤhrte/ empfing seinen Herꝛn mit unglaublichen Freuden; und ob wol Segimer vom Flavius nicht entdeckt seyn wol- te/ trat er ihm doch unter anderm Vorwand die Botmaͤßigkeit uͤber die Deutschen Huͤlffs-Voͤl- cker ab. Labienus flohe aus Cilicien biß an das Taurische Gebuͤrge/ ehe er einen Roͤmer zu Gesichte bekam. Wie aber Pacor mit der gan- tzen Persischen Macht zu ihm stieß/ hielt er Stand/ und Ventidius schlug sein Laͤger aus mit Fleiß angenommener Furcht auf einem hohen Berge; wormit er die durch vorige Sie- ge verwegen gemachte Parthen verleitete: daß sie das Roͤmische Laͤger stuͤrmten. Diese aber liessen sie so nahe ankom̃en: daß sie keinen Platz hatten sich der fernen Bogenschuͤsse zu bedienen. Hierauf fielen die Roͤmer aus allen Pforten so grimmig die Parthen an: daß sie schier keine viertel Stunde festen Fuß hielten/ sondern die Flucht nahmen/ und durch Herabstuͤrtzung von den Hoͤhen ihnen selbst mehr als die Roͤmer Schaden thaͤten. Segimer war mit seinen Deutschen und zweytausend Armeniern unter das Gebuͤrge gestellt/ welche denen fluͤchtigen Parthen maͤchtig in die Eisen giengen/ und de- rer etliche tausend in der Flucht aufrieben. Pa- cor entkam mit genauer Noth in Syrien/ und besetzte mit dem Pharnabates die Cilicischen Pforten an dem Amanischen Gebuͤrge/ Labie- nus aber flohe mit der groͤsten Uberbleibung des Parthischen Heeres in Cilicien; welches sich aber fuͤr dem folgenden Ventidius hin und wie- der zerstreute/ nach dem Labienus verkleidet sich desselbten entbrach und versteckte/ aber vom Demetrius einem Freygelassenen des Kaysers ausgespuͤrt/ erschlagen/ sein Kopff dem Anto- nius nach Athen geschickt ward/ allwo er es bey einem praͤchtigen Gastmahle den Grichen zu einem Schau-Essen auffsaͤtzte. Nach wieder- gewonenem Cilicien wehrte sich zwar Phar- nabates in seiner Enge wieder den Silo tapfer; aber die darzu kommende Macht des Ventidi- us/ und die durch den groͤsten Schnee uͤber das Amanische Gebuͤrge sich durchscharrenden Deutschen umringten die Parthen/ und brach- ten sie ins Gedrange. Ja Segimer hatte das Gluͤcke: daß er dem Pharnabates selbst einen toͤdtlichen Streich versetzte. Ob nun zwar die Parthen sich mit Huͤlffe des Nabatheischen Koͤ- nigs Malchus wieder verstaͤrckten/ musten sie doch fuͤr der Roͤmischen Macht bald gantz Sy- rien raͤumen. Hiermit ruͤckte Ventidius son- derlich auff Veranlassung des Fuͤrsten Segi- mers gegen dem Flusse Phrat zu/ welchem aber Pacor mit einem uͤberaus maͤchtigen Heere entgegen zoh; also: daß wenn er nicht durch ei- nen Arminius und Thußnelda. nen in seinem Lager ihm bekandten Parthischen Auskundschafter Pharneus des Pacors Anzug durch Einrathung eines fernen Umweges auf- gehalten/ und inzwischen sich zu verstecken Lufft bekommen haͤtte/ die Roͤmer dißmahl in nicht geringere Gefahr als Craßus verfallen waͤren. Ventidius ließ hierauff den Pacor mit seinem gantzen Heere unverhindert uͤber den Phrat setzen/ und verleitete durch angema- ste Furcht diesen hitzigen Fuͤrsten zum andern mahl: daß er an eben dem Tage/ als Craßus geschlagen worden war/ unter der eitelen Ein- bildung: Es hielte das Rad des Gluͤckes einen so richtigen Lauff als die Sonne innen/ das in der Hoͤhe verwahrte Roͤmische Laͤger stuͤrmte. Alleine der Ausschlag lehrte ihn: daß der Sieg ein Geschaͤncke des Verhaͤngnuͤßes/ nicht ge- wisser Zeiten sey. Zwantzig tausend Parthen bissen ins Graß/ und Pacor selbst ward auf der Flucht an einem steilen Berge von der deutschen Reuterey uͤberritten/ von einem Friesischen Rit- ter/ welcher hernach hiervon den Nahmen Ritt- berg bekam/ durchstochen/ und der Kern des Parthischen Adels/ welche seine Leiche noch zu erfechten vermeinten/ erlegt. Ja die Deutschen schnitten so gar den fluͤchtigen Parthen die Bruͤ- cke uͤber den Phrat ab: daß die uͤberbliebenen sich nach Samosata in das Comagenische Sy- rien fluͤchten musten. Ventidius/ der des Fuͤr- sten Pacor Kopff zu einem Zeichen seines Sie- ges/ und einem Schluͤssel aller mit Parthen noch besetzten Festungen brauchte/ hatte zwar Lust nunmehr gar in Persien einzubrechen; aber der uͤber so viel Siegen eifersuͤchtige Anton setz- te durch einen uͤber Hals uͤber Kopff mit den Parthern gemachten Frieden ihm allhier ein Ziel/ dem Fuͤrsten Segimer aber schob er einen Riegel fuͤr sich seiner gefangenen Asblaste wei- ter zu naͤhern; und muste sich jener an einem Siegs-Gepraͤnge/ dieser an einem Lorberkran- tze/ einem guͤldenen Halsbande/ einem mit Tuͤr- kißen versetzten Sebel und Bogen/ einer blau- en Fahne/ und einer goldgestuͤckten Roßdecke/ die ihm der Roͤmische Rath liefern ließ/ vergnuͤ- gen. Also naget der Neid nichts minder an der Tugend; als die Kefer an den edelsten Blumen und Aehren; ja er schlaͤget selbter oͤffter als der Feind ein Bein unter; und faͤllet so wol dem Gluͤcke als der Tapfferkeit in die Speichen: daß sie nicht das voͤllige Ziel erreichen kan. Al- leine Segimers Liebe erregte taͤglich in seinem Gemuͤthe ein solches Ungestuͤm: daß es sich mit so eitelen Geschencken/ als mit welchem Rauche der Roͤmische Rath sonst meisterlich zu handeln/ und ihre Bundsgenossen zu verblenden wuste/ nicht beruhigte. Diesemnach nahm er acht hundert seiner Deutschen/ und zweyhundert Armenier der Parthischen Sprache wol erfahr- ne Kriegs-Leute/ ließ sie der erschlagenen Par- then/ theils auch Comagenische Kleider und Ruͤstung nehmen; und streiffte sonder einigen Menschens Verletzung oder Wiederstand un- ter dem Schein/ als wenn sie ein Theil des ge- schlagenen Parthischen Heeres waͤren/ biß un- ter die Stadt Edeßa. Daselbst kriegte er Kund- schafft: daß folgenden Tag Koͤnig Orodes ge- gen der Stadt Carra aufbrechen wuͤrde; nach dem ein Theil der Hoffstadt und der meiste Reisige-zeug schon fuͤr zwey Tagen voran waͤ- re. Daher stellte sich Segimer mit seinem Vol- cke in einen Wald/ fiel hier auff die sich ehe des Himmelfalls/ als eines Feindes versehende Parther so grimmig an: daß Orodes mit ge- nauer Noth wieder in die Stadt Edeßa ent- ran/ seine zwey liebsten Soͤhne Pharnabazes und Orosmanes aber/ welche er mit des Coma- genischen Koͤnigs Antiochus Tochter gezeuget hatte/ vom Fuͤrsten Segimer nach Zeugma/ allwo er die Bruͤcke uͤber den Phrat besetzt ge- lassen/ gefangen hinweg gefuͤhret wurden. O- rodes meinte uͤber diesem Verluste zu verzweif- feln/ sonderlich weil er nach des Fuͤrsten Pacor Tode Pharnabazen zum Reichs-Erben be- stimmt hatte. Er schickte deß halben nach Zeug- R r r r r r 2 ma Siebendes Buch ma sich uͤber diesen Raub und Friedens-Bruch zu beschweren; aber Hertzog Segimer ließ ihn wissen: daß er mit seinen Deutschen sein in Per- sien erlittenes Unrecht geraͤchet/ und Orodens Soͤhne fuͤr seiner Gemahlin Asblaste erlangter Freyheit nicht loß zu lassen beschlossen haͤtte. Koͤnig Orodes schickte hiermit auf der Post nach Hecatompylus/ um Asblasten zur Auswechse- lung nach Zeugma zu lieffern. Aber Phraa- tes hatte inzwischen daselbst den Kercker mit Gewalt erbrochen/ den sich wiedersetzenden Stadthalter Moneses aus der Stadt verjagt/ und Asblasten nach Rhodis/ wo im Fruͤhlinge pflegte die Hof-Statt zu seyn/ gefuͤhret. Sin- temahl nunmehr/ da Orodes durch Alter und Hertzeleid uͤber des Pacorn Niederlage gantz verfiel/ iederman am Phraates die aufgehende Sonne anbetete. Wiewol nun Asblaste Phraa- tens unzuͤchtigen Anmuthungen durch tau- senderley kluge und hertzhaffte Begegnungen hintertrieb/ und er nach allen theils selbst/ theils durch die dreyhundert Frauen-Zimmer/ die ihn nach Koͤniglicher Gewonheit des Nachts bewa- chen musten/ vergebens angewendeten Versu- chungen an ihrer Gegen-Liebe zu zweifeln hat- te; konte er sich doch nicht uͤberwinden/ diesen Schatz aus seinen Haͤnden und Hertzen zu las- sen; ob ihm schon Orodes die Koͤnigliche Ge- walt abzutreten Vertroͤstung thaͤt; entweder/ wei l Phraates schon das Hefft in Haͤnden zu haben vermeinte/ oder ihm anstaͤndiger hielt Kron und Zepter zu nehmen als zu uͤberkom̃en; Ja weil er vielmehr in seinen Kram dienlich zu seyn erachtete: daß Orodens zwey Schooß- Kinder Pharnabazes und Orosmanes entwe- der in Segimers Dienstbarkeit verschmachte- ten/ oder durch seine Rache aufgerieben wuͤrden/ uͤberwand seine Ehrsucht die Liebe/ oder diese verwandelte sich nach langer Verschmaͤhung in eine Unholdin. Sintemahl er Asblasten mit Giffte hinzurichten schluͤßig ward. Dieses zu vollziehen befahl er Ternamenen seiner Schwe- ster und geheimsten Rathgeberin; welche solchen Meuchel-Mord an Asblasten zu vollbringen/ theils wegen angebohrner Grausamkeit/ theils aus Beysorge: es moͤchte Asblaste sich einst von Phraaͤten erweichen lassen/ und ihr also zu Kopffe steigen/ kein Bedencken gehabt haͤtte; wenn sie nicht in Pharnabazes verliebt gewest waͤre/ und durch die Hinrichtung Asblastens auch ihrem Pharnabazes das Messer an die Gurgel zu setzen besorgt haͤtte. Weil sie aber auch gegen den grimmigen Phraates vorsichtig verfahren muste/ ließ sie Asblasten zu ihrer Ta- fel beruffen/ und an statt des Gifftes ihr einen Safft von gewissen Kraͤutern beybringen; wel- cher sie im Augenblick aller eusserlichen Siñen beraubte: daß sie fuͤr tod auf den Bodem sanck. Ternamene ließ alsbald Phraaten erfordern ihm die Wuͤrckung des Giffts zu zeigen; welcher denn seine Grausamkeit mit vielen Thraͤnen be- deckte/ iedoch nicht wissende: daß seiner Blaͤn- dung vielmehr ein blauer Dunst fuͤr die Augen gemacht ward. Ternamene ließ zu desto mehrer Bescheinigung: daß Asblaste todt waͤre/ sie in einem Cypressenen Sarche in das Koͤnigliche Begraͤbnuͤß tragen/ welches Koͤnig Arsaces in einem Lustgarten nach Art des alten Pasarga- dischen vom Cyrus aufgefuͤhrten/ iedoch mit viel hoͤhern Saͤulen und weitern Bogen hatte auf- fuͤhren/ und die Waͤnde uͤber und uͤber mit hertz- faͤrbichten Persischen Flecksteinen kuͤnstlich be- setzen lassen; in willens sie folgende Nacht von dar weiter zu bringen; wie sie denn gegen den Abend/ da sie muthmaste: es wuͤrde die todte As- blaste nun allbereit anfangen wieder Athem zu schoͤpffen/ sich unter dem Scheine der Andacht/ und des Arsaces auf einem guͤldenen Stule auf- gethroͤnten Leiche mit neuem Balsame der Per- ser Gewonheit nach zu erfrischen/ selbst in das Begraͤbnuͤß verfuͤgte/ durch kraͤftige Staͤrckun- gen Asblasten wieder zu rechte halff/ und selbter das gantze Geheimnuͤß ihrer angezielten Erloͤ- sung entdeckte. Asblaste wuste mit nicht ge- nung- Arminius und Thußnelda. nungsamen Thraͤnen Teꝛnamenen zu dancken; versicherte sie auch: daß ihr Eh-Herꝛ Segi- mer den gefangenen Pharnabazes dahin/ wo sie nur verlangte/ unversehrt liefern wuͤrde. Diese gab Asblasten auch ein in Ariana wach- sendes Feuer-rothes Kraut; welches das Oel anzuͤndet/ dafern es abgebrochen worden/ wenn die Sonne im Loͤwen ist; wormit sie auf die Nacht bey ihrer angestellten Abholung als- bald Licht machen/ und aus denen so weit schweifigen Gewoͤlbern ihren Abholern ein Zeichen geben koͤnte/ wo sie zu finden waͤre. Hoͤ- ret aber/ wie das Verhaͤngnuͤß diese kluge An- stalt bey nahe verruͤckt haͤtte. Phraates/ wel- cher durch die Hinrichtung Asblastens und sei- ne Wiedersetzligkeit sich vom Koͤnige Orodes nichts anders/ als seines hefftigen Zornes zu besorgen hatte/ entschloß sich nunmehr die Lar- ve gar vom Gesichte zu ziehen/ und wieder sei- nen Vater Orodes sich zum Koͤnige aufzuwerf- fen; weil doch grosse Laster andeꝛs nicht/ als durch groͤssere auszufuͤhren waͤren; auch so denn wie die grossen Schlangen zu Drachen wuͤrden/ den Nahmen der Tugenden erwuͤrben. Daher er denn das Koͤnigliche Zimmer bezog/ wo die zwey grossen Schaͤtze verwahret waren/ die man des Roͤnigs Haupt-Kuͤssen und Fußschem- mel hieß; auch sich in das Bette legte/ welches der guͤldene Weinstock mit denen Trauben aus Edelgesteinen uͤberschattete/ und mit dreyhun- dert schoͤnen fuͤr den Orodes verwahrten Dir- nen sich ergoͤtzte. Gleich als wenn die Herꝛ- schafft ohne Wollust eine unreiffe Frucht waͤ- re; und der Ehrgeitz dem/ welchen man vom Stule stuͤrtzt/ in der Liebe Eintrag thun muͤste. Diesen Schluß nun so viel gluͤcklicher auszuuͤ- ben/ hatte ihn ein Zauberer beredet: daß er um Mitternacht dem Geiste des Arsaces opffern/ seinen Siegel-Ring/ in welchem auff einen grossen Rubin ein Pferd eingegraben war/ ab- ziehen und tragen solte. Also kam Phraates mit dem Zauberer des Nachts in die Grufft. Ob nun wol ieder eine Fackel in der Hand hat- te/ und wegen ihrer aberglaͤubischen Gebaͤhr- den einer und der ander bald hin bald her lieff; wolte doch Asblaste/ dem Verlaß nach/ auch ihr Feuer-Zeichen von sich geben. Hiermit ergrieff sie eine bey dem Grabe des Pharna- ces/ (welcher aus Liebe des gemeinen Wesens seinen Bruder Mithridat/ mit Nachsetzung seiner Kinder/ zum Reichs-Erben setzte/) mit Oel und Balsam gefuͤllte Schale/ beruͤhrte sie mit dem Ariannischen Feuer-Kraute; welches augenblicks eine helle Flamme bekam. Dar- mit gieng sie geraden Weges auf Phraaten zu. Dieser und sein Zauberer erschracken uͤber der schnellen Glut: daß sie unbewegter/ als die aufgestellten Leichen der verstorbenen Koͤ- nige blieben. Wie aber Phraates die sich ihm naͤhernde Asblaste erkiesete/ meinte er/ es waͤre ihr Geist; welcher kaͤme an ihm als dem Moͤrder Rache auszuuͤben. Denn ein boͤses Gewissen buͤcker sich auch fuͤreinem Schatten/ und meinet: daß die Goͤttliche Straffe die Hand ihn zu peitschen schon gezuͤckt habe. Da- her warff er die Fackel von sich/ und flohe mit Zittern und Zagen nebst dem ihm auff der Ferse folgen den Zauberer aus den Gruͤfften. Asblaste erkennte hieruͤber allererst Phraaten; und wie sie nach der ihr bevorstehenden Ge- fahr nachsaan/ ward sie in der Ferne eines neu- en sich naͤhernden Lichtes gewahr; welches ihr endlich Ternamenen zu erkeñen gab; die sie deñ nach angehoͤrtem Ebentheuer aus der Grufft und durch den Garten leitete/ an der Pforte ihr maͤnnliche Kleider durch einen Parthischen E- delmann Mithridat/ des Moneses Vetter/ rei- chen ließ; und nach dem sie ihm Asblasten auffs beste befohlen hatte/ von ihr Abschied nam. Die- ser brachte sie in Begleitung etlicher 20. Parthẽ/ unter dem Vorwand: daß er bey dem Comage- nischẽ Koͤnige was wichtiges zu verꝛichten haͤtte/ R r r r r r 3 gluͤcklich Siebendes Buch gluͤcklich nach Samosata; wie ihn denn Ter- namene auch mit Briefen an den Antiochus be- gleitet/ und ihn um die Befreyung der Parthi- schen Fuͤrsten auffs beweglichste ersucht hatte. Wie aber Mithridat alldar erfuhr: daß die Gefangenen des Fuͤrsten Segimer nach Ty- rus waͤren gebracht worden/ reisete er unter si- chern Geleits-Briefen dahin/ und uͤbergab dem fuͤr Unmuth schier halb todten Segimer seine Asblaste. Die Freude hem̃ete eine gute Weile beyder Zungen/ und die bißherigen Trauer- Wolcken verwandelten sich in einen Thraͤnen- Regen; worauf allererst der Sonnenschein tausend Ergetzligkeiten ihre Gemuͤther erleuch- tete/ und sie mehr mit annehmlichen Kuͤssen/ als hierzu viel zu kaltsinnigen Worten ihre Vergnuͤgung gegen einander ausdruͤckten. Hertzog Segimer ließ alsbald nicht alleine Pharnabazen/ und den Orosmanes loß; son- dern beschenckte auch Mithridaten und die an- dern Parther Koͤniglich. Wiewol diese Frey- heit beyder Parthischen Fuͤrsten und ihres Va- ters Todten-Bret war; in dem der wuͤtende Phraates sie beyde an seinem Geburts-Tage durch Gifft in gewissen bestellten koͤstlichen Speisen/ welche gegen ausgesetztem Preiße von den Persen auf die Koͤnigliche Taffel pfleg- ten geliefert zu werden/ hinrichtete; und als beym Orodes die anfangs in Wasser/ aus dem Fluße Choaspes in Chalydonischem Weine/ welchen die Persischen Koͤnige allein trancken/ ihm beygebrachte Wolffs-Milch ohne Scha- den durchgieng/ seinen Vater mit eigenen Haͤn- den erwuͤrgte. Als die Parther derogestalt in ihre eigene Glieder raseten/ und Antonius durch seiner Feld-Hauptleute des Sosius und Canidius Siege/ welche durch Jberien und Al- banien biß an das Gebuͤrge Caucasus seine Herꝛschafft erweiterten/ luͤstern gemacht ward/ des Craßus verlohrne Adler dem verhasten Phraates abzugewinnen/ ließ Hertzog Segi- mer ein gutes Theil seiner Deutschen unter dem Flavius zuruͤcke; welcher denn auch durch der Seinigen Tapfferkeit den Antonius von ei- ner des Craßus gleichen Niederlage errettete/ hieruͤber aber durch vier toͤdtliche Bogenschuͤße seinen Helden-Geist ausbließ. Segimer aber kam durch Grichenland und Pannonien mit seiner Asblasten zu allem Gluͤcke in sein zerruͤt- tetes Vaterland/ um durch das Steuer-Ruder seiner Klugheit selbtes aus dem fuͤr Augen schwebenden Schiffbruche zu etretten. Denn nach dem ein Reich ohne Fuͤrsten einer des Kopffes beraubten Natter gleichet/ welche sich wol hin und wieder wendet/ aber nicht von der Stelle kommt/ hatten die Cherusker in Segi- mers Abwesenheit gleichsam in einer Ohnmacht gelegen/ biß sie dieser Fuͤrst durch seine Hertz- hafftigkeit/ ja gantz Deutschland mit dem Son- nenscheine des edlen Friedens wieder beseelte. Ob auch wol die Trevirer und Moriner nach der Zeit wieder die Roͤmischen Landvoͤgte einen Auffstand machten/ und die Catten durch ihre Huͤlffs-Voͤlcker in solchen Krieg schienen einge- flochten zu werden; weßwegen Nonius Galli- us oberhalb der Mosel/ und Cajus Carinas o- berhalb der Maaß mit etlichen Legionen biß an den Rhein kam; so vermittelte doch der Feldherꝛ Segimer diesen Zwist/ und traff sich also nicht ohne Nachdencken: daß als Augustus nach uͤberwundenem Antonius zu Rom den Tempel des Janus zusperrete/ Segimer nicht nur Deutschland/ sondern alle Nord-Voͤlcker zu Einsteckung ihrer Sebeln bewegte. Wiewol auch Segimer Deutschland nicht mit so viel Gold und Edelgesteinen anfuͤllte/ als August derselben in seiner reichen Beute aus Egypten und Syrien nach Rom brachte; so nahm jenes doch fuͤr einen unschaͤtzbaren Reichthum auff: daß folgendes Jahr die holdselige Asblaste einen Sohn gebahr/ welcher schon in der Wiege Merckmahle der vaͤterlichen Tugend und der muͤtterlichen Holdseligkeit von sich blicken ließ; nemlich den Fuͤrsten Herrmann/ welcher nechst hin Arminius und Thußnelda. hin den Ruhm verdienet ein Erhalter der Deut- schen Freyheit genennt zu werden. Alleine wie die Freude zu Rom bald als ein Schatten ver- schwand/ oder die Erfahrung den Roͤmern die Augen oͤffnete: daß Kayser August zwar die Ketten/ an denen er seine Gefangenen im Siegs-Gepraͤnge zu Rom einfuͤhrte/ sehen las- sen/ die aber/ welche er denen Roͤmern selbst an Hals zu werffen Sinnes war/ in dem Siegs- Wagen versteckt hatte; also verstellte der Wol- stand in Deutschland auch bald sein annehmli- ches Gesichte; Gleich als wenn in der Welt so wenig eine Gluͤckseligkeit ohne Unlust seyn koͤn- te/ als die Natur Rosen ohne Dornen zu zeugen faͤhig waͤre; und das Betruͤbnuͤß der Ergetz- ligkeit so nothwendig/ als der Sturm auff die Windstille und auff den hellesten Tag dennoch eine tunckele Nacht folgen muͤste. Wiewol man endlich nach geben muß: daß wir ins gemein selbst unsers Ungluͤckes Uhrheber sind/ und un- sere eigene Thaten boͤse Sternen in den Kreiß unserer Geburts-Lichter setzen. Kayser August ließ sich beduͤncken: daß seine Gewalt und Siege aller vorigen Roͤmer uͤber- treffe/ deßwegen hielt er es auch fuͤr eine Noth- wendigkeit in Pracht und Schau-Spielen es allen Vorfahren vorzuthun. Er weihete der Minerva einen koͤstlichen Tempel/ seinem Va- ter Julius ein Rath-Hauß und ein Heiligthum ein. Beyde erfuͤllte er mit unschaͤtzbaren Sel- tzamkeiten Egyptens. Aus des Jupiters/ der Juno und anderer Goͤtter Tempeln raͤumte er alle alte Zierrathen/ unter dem Scheine: daß sie vermodert oder allzu befleckt waͤren; wormit ihm alle ihren neuen Reichthum zu dancken haͤtten. Auff das Altar der Venus setzte er Cleopatrens Bild aus dichtem Golde. Mit Loͤwen/ Tygern und Elefanten dem Volcke Lust-Spiele zu halten/ war ihm schon allzuge- mein. Denn Lucius Marcellus hatte schon bey nahe fuͤr zweyhundert Jahren hundert und zwey und viertzig den Mohren in Sicilien ab- genommene Elefanten in dem grossen Spiel- Kreiße von den Buͤrgern mit Pfeilen erschiessen lassen. Der grosse Pompejus hatte mit vielen bey Einweihung seines Schauplatzes/ ein an- dermahl mit sechshundert Loͤwen/ wie auch Scipio Nasica zwischen Elefanten und Baͤꝛen/ Mucius Scaͤvola mit Loͤwen einen Kampf an- gestellt. Sylla hatte nur als Stadtvogt hun- dert grosse Loͤwen von Mohrischen Bogenschuͤ- tzen erlegen/ und hernach Elefanten und wilde Ochsen mit einander eine blutige Schlacht hal- ten lassen. Vom Kayser Julius waren eine grosse Menge fremder Thiere in eitel silbernen Kefichten/ vierhundert Loͤwen/ ein Camelpar- del und zwantzig gethuͤrmte wieder Menschen fechtende Elefanten; vom Aurelius Scaurus die ersten/ und zwar hundert und funffzig Pan- therthiere/ etliche Krocodile und Wasserpferde/ ja auch die Gebeine von dem Meerwunder/ welchem in Syrien Andromede fuͤr gestellt ge- west/ aufgestellet worden. Mit allem diesem zusammen und noch mehrerm erlustigte August das Roͤmische Volck. Nun waͤren zwar seine verordnete Schlachten zwischen Loͤwen und Tigern/ zwischen Panthern und Baͤren/ zwi- schen Wasserpferden und Krocodilen/ zwischen Elefanten und denen vorhin nie zu Rom gese- henen Thieren/ die von dem Horne auf ihrer Nasen einen Nahmen bekommen; ja endlich das Gefechte des hierzu freywilligen Raths- Herren Vintelius hingegangen. Allein dieses war unverantwortlich: daß er die in dem Par- thischen Kriege so hoch verdienten/ in der Schlacht bey Accium aber gefangenen edlen Catten und Dacier zwang: daß sie nicht alleine unter sich selbst/ sondern auch so gar wieder die grimmigsten Thiere fechten/ zuletzt aber doch von den Pfeilen Roͤmischer Knaben sterben musten. Ob auch wol drey deutsche Ritter in dem grossen Spiel-Kreiße auf die in der Mit- ten erhobene Marmelnen Gelaͤnder die heili- gen Bilder/ als einer der Goͤttin Cybele/ der ander Siebendes Buch ander die grosse Sonnen-Seule/ der dritte den Schutz-Geist der Stadt Rom umfaste/ wurden sie doch von denen Schergen herab gerissen/ und auf sie die grimmigsten Tyger loß gelas- sen. Woruͤber des Feldherꝛn Segimers an- wesender Gesandte mit denen Zaͤhnen knirsch- te/ und denen ihm zugegebenen zweyen Roͤ- mern ausdruͤcklich zu vernehmen gab: daß sein Fuͤrst diese Grausamkeit nicht verschmertzen wuͤrde. Am allermeisten aber wurden hieruͤ- ber die Catten erbittert/ welche an den Roͤmern sich auf gleiche Art/ wie sie es ihren Bluts- Freunden mitgespielt hatten/ zu raͤchen sich ver- lobten. Hierzu kam: daß die Roͤmer nun auch auf der Sud- und Ost-Seiten allzu nahe grase- ten; in dem Marcus Craßus wieder die Dacier/ und die von Deutschen entsprossenen Bastar- nen mit einem maͤchtigen Heere geschickt ward selbte unters Joch zu bringen. Nicht weniger machte es in gantz Deutschland ein grosses Nachdencken: daß die Sarmatier Gesandten nach Rom schickten/ und mit dem Kayser ein Buͤndnuͤß machten; insonderheit aber: daß er mit einem maͤchtigen Heere in Gallien ankam/ unter dem Scheine in Britannien uͤberzuse- tzen und bey den Galliern eine Gleichheit der Schatzungen einzufuͤhren; oder vielmehr durch Erhaltung alles Uberflußes die Gallier ruhig und feige zu erhalten; weil Klagen nach Rom kamen: daß nicht das zehende Theil in die Kay- serliche Schatz-Kammer gebracht/ ihr Schweiß und Blut aber von denen uͤppigen Landvoͤgten durch Wolluͤste verzehret wuͤrden/ und also sie durch Armuth mit der Zeit zu hertzhafftern Entschluͤssungen gebracht werden doͤrfften. Rhemetalces bat den Fuͤrsten Malovend um Verlaub seine Meynung zu erforschen: Ob er denn mit dem Kayser das Reichthum fuͤr eine Ursache der Zagheit und fuͤr rathsam hielte: daß ein Fuͤrst seine Unterthanen durch ihre Be- reicherung im Zaume halten solte. Seinem Beduͤncken nach schiene es ihm fuͤr den unbaͤn- digen Poͤfel ein haͤrter Kapzaum zu seyn/ wenn er ihnen durch schwere Schatzungen die Schwung-Federn verschnitte; und ihnen die Fluͤgel ihrer Kraͤffte und Vermoͤgens nicht lies- se zu lang werden. Da man aber auch gleich alten Unterthanen/ derer Treue von vieler Zeit gegen ihre Fuͤrsten eingewurtzelt waͤre/ deroge- stalt muͤste Pflaumen streichen/ schiene es doch bey denen nicht thulich/ derer unwillige Haͤlse man allererst unters Joch gesteckt haͤtte. Diesen nehme man ja die Waffen aus den Haͤnden; das Vermoͤgen aber waͤre die Spann-Adern/ ohne welche jene nicht koͤnten gebraucht wer- den. Cyrus habe deßhalben die uͤberwundenen Babylonier durch aufferlegten Krieges-Sold mit Fleiß erschoͤpffet/ und die Roͤmer haͤtten durch uͤbermaͤßige Schatzung den Demetrius in Syrien so gar zum Kirchen-Raube genoͤthi- get. Ja auch bey getreuen Unterthanen waͤre uͤbermaͤßiges Reichthum mehr schaͤdlich als nuͤtzlich/ weil es geitzig und verzagt/ die Nach- barn aber darnach luͤstern machte. Aus wel- chem Absehen die Satarchischen Scythen Gold und Silber aus ihrem Gebiete wie Gifft ver- bannt haͤtten. Und nach dem diß Ertzt den Her- cules in Hispanien gelocket/ waͤre selbtes lange Jahre ein verbotenes Besitzthum der Einwoh- ner gewest; also gar: daß die Hispanier/ welche der Stadt Carthago im Kriege dienten/ ihren Sold nicht nach Hause bringen/ sondern zu Er- kauffung Africanischer Weiber verwenden mu- sten. Massen denn auch die Roͤmer mit den aͤrmsten Voͤlckern am meisten zu thun bekom- men/ der reichsten aber am ersten Meister wor- den. Weder in einem noch dem andern Fal- le/ versetzte Adgandester/ halte ich es fuͤr gut sein Volck verarmen zu lassen. Die Natur ist wie in allem/ also auch in der Herrschens-Kunst die kluͤgste Lehrmeisterin. Die Ackersleute behauen zu ihrer Nothdurfft nur die Baͤume/ rotten sie aber nicht gar aus. Ein Schaͤfer zoͤpfet seiner Heerde kein Blut ab/ sondern vergnuͤget sich an Arminius und Thußnelda. an der uͤbrigen Milch und Wolle. Und Fuͤr- sten muͤssen die Brunnen ihrer Unterthanen derogestalt schoͤpffen: daß sie selbst nicht darbey erduͤrsten. Denn auf solchen Fall werden auch die getreuesten unwillig; und ihrer viel werden ehe einen Stich in ihrem Leibe/ als die Abdruͤ- ckung ihres Vermoͤgens verschmertzen. Das den Leuten angebohrne oder durch Ungluͤck ver- ursachte Armuth druͤcket zwar die Gemuͤther zu Bodem; welches aber von dem/ der ihr Schutz- Herꝛ seyn/ und als ein hoher Berg sie wie Thaͤ- ler selbst waͤssern soll/ entstehet/ bringet sie zu verzweiffeltem Auffstande wieder ihre Ober- Herꝛen. Daher das Roͤmische Volck zwar al- lemahl seine mit dem Rathe habende Zwistig- keiten wegen Verwaltung der Aempter bey- legte/ als aber dieser jenes durch das Acker-Ge- saͤtze in seinem Vermoͤgen druͤckte/ gieng die gantze Herrschungs-Art zu Grunde/ und ward in eines eintzelen Menschen Botmaͤßigkeit ver- wandelt. Denn der/ welcher nichts mehr/ als das nothleidende Leben zu verlieren hat/ setzet selbtes leicht vollends in die Schantze; sonder- lich/ wenn er seinen Bissen Brodt anderwerts liederlich verschwenden/ oder Fremden zum be- sten anwenden sieht. Die Medischen Staͤdte entbꝛachen sich wegen solcheꝛ Bedraͤngung vom Gehorsam gegen den Cyrus/ und Alcibiades bewegte unter diesem Schein die Asiatischen Staͤdte zum Abfalle von seinem Vaterlande. Halb Africa blieb den Carthaginensern treu auch bey denen ungluͤckseligsten Laͤufften; biß sie durch unersaͤttliche Blut-Egeln den Ein- wohnern ihren halben Zuwachs abpresten. Aus gleichmaͤßiger Ursache fielen von ihnen die Hi- spanier/ und von Athen die Bundsgenossen ab. Herentgegen empfindet ein Volck nicht einst die Koppel der Dienstbarkeit an seinem Halse/ welches von Uberflusse wol ausgemaͤstet wird; es bekuͤmmert sich nicht um die Zerdruͤm̃erung der alten Gesetze/ weñ es taͤglich vom Wolleben angefuͤllt ist. Es fraget nicht nach der Tichtig- keit seines Fuͤrsten; Also ward von den Persi- schen Weisen durch die Freyheit von den Gaben der an des Mergis Stelle auf den Stul gesetz- te Orpasta etliche Jahr nicht gerechtfertiget/ biß ihn endlich der Mangel der Ohren verrieth: Es vergisset endlich seiner angebohrnen Tapffer- keit: Also sind die Gallier/ von welchen wir re- den/ als von Uhrsprung Deutsche/ fuͤr Zeiten so streithar/ als wir gewest; aber unsers Wissens durch nichts anders/ als ihren Uberfluß so wei- bisch worden. Fuͤrnehmlich aber hatte Kayser August Ursache Gallien nicht allzusehr mit zu nehmen; weil sie die eusserste Graͤntze des Rei- ches halten; weßwegen auch Darius von Moh- ren und Colchiern keine Schatzung nam. Deß- halben befreyte der Kayser auch alle Edlen/ den Poͤfel aber ließ er zinsen/ was er am leichsten aufbringen konte/ als die Friesen Leder/ die Si- cilier Getreyde/ die Corsen Wachs. Wormit aber jene unempfindlich das ihrige beytruͤgen/ setzte er auf Edelgesteine/ Perlen/ Wuͤrtzen gros- se Zoͤlle; die unentpehrlichen Lebens-Mittel waren dem Armuth zum Schaden mit nichts belegt. Ja er ließ den Galliern selbst die Ver- waltung des Zinß-Kastens/ und bestellte daruͤ- ber ihre Priester zu Auffsehern. Rhemetalces versetzte: von dieser Gelindigkeit haͤtte August kurtz hernach selbst abgesetzt/ und den Galliern durch den zwar eingebohrnen aber scharffen Knecht Licinius/ welchen Kayser Julius frey- gelassen/ eine bleyerne Hand aufgelegt; wel- cher des Jahrs vierzehen Monate rechnete/ um so viel oͤffter die monatliche Schatzung zu erheben/ das Gold- und Silber-Gewichte in der Einnahme der Rentmeister erhoͤhete/ ausser dem es aber in vorigem Stande ließ; Die Verkauffung alles Saltzes an sich zoh; auf den Rauch/ Lufft/ Wasser und die Begraͤbnuͤß-Er- de/ ja auff die Ergetzligkeiten des Ehstandes; insonderheit aber auff eines bey den Morinen noch vom Kayser Julius gepflantzten Ahorn- Baumes Schatten-Genuͤß/ einen ansehnli- chen Zoll schlug. Und ob schon gantz Gallien uͤber ihn Ach und Weh schrieh/ besaͤnfftigte Erster Theil. S s s s s s er Siebendes Buch er doch durch die Auslieferung des erpreßten Gutes den Kayser nicht allein; sondern trug auch den Ruhm davon: Er haͤtte denen Galli- ern dem Kayser zum besten die uͤbrigen Schwung-Federn wol ausgezogen. Malo- vend begegnete ihm: Fuͤrsten muͤssen zu ihrer Diener Fehlern offt wieder Willen ein Auge zudruͤcken/ um sich der eigenen Schande zu entbrechen: daß sie in Bestellung der Aempter nicht vorsichtiger gewest. Denn es versoͤhnet zwar kein Opffer so kraͤfftig des unwilligen Volckes ver gaͤllte Gemuͤther/ als das Blut ei- nes verhasten Dieners; ja selbst-schuldige Fuͤr- sten koͤnnen sich offt hierdurch weiß brennen. A- ber es benimmet doch einem Fuͤrsten nichts min- der das Ansehen/ wenn er Diener ihrer Boß- heit halber absetzen muß; als einem Leibe/ dem man wegen des Krebses ein Glied abschneidet. Gleichwol abeꝛ ließ August den Licinius nicht in Gallien; sondern versetzte ihn nach Art gewis- ser Kraͤuter/ welche sich in allzu fettem Bodem in Unkraut verwandeln/ in das saͤndichte Ara- bien. Welch Mittel den Fuͤrsten bey Liebe/ den Diener bey Ehren/ die Laͤnder beym Ge- horsam behaͤlt. Alleine diese Erleichterung Galliens wahrsagte den Deutschen eine grosse Buͤrde. Denn nach dem die Britannier durch Botschafften und Geschaͤncke den Kayser be- guͤtigten; mit ihm auch der Handlung wegen einen gewissen Vergleich trafen/ richtete er auch bey dem Altare der Ubier am Rheine eine Nie- derlage auff; von dar er Wein/ Gewuͤrtze/ Sei- de/ und andere zur Uppigkeit dienende Waa- ren haͤufig in Deutschland verfuͤhren ließ. Weil nun die Catten nicht alleine in ihrem Lande kei- ne Handlung verstattet hatten/ sondern auch augenscheinlich wahr nahmen: daß die Roͤmer durch dieses Gewerbe die Haͤrte der Deutschen weich und weibisch zu machen anzielten/ ließen sie auf den Graͤntzen bey Leib- und Lebens- Straffe allen Eintritt fremder Handels-Leute verbieten. Der Kayser nahm diß zwar uͤbel/ und gleichsam fuͤr eine Fehde auf. Sintemahl nicht nur das Recht der Voͤlcker/ sondern die Natur zwischen allen Menschen eine Gemein- schafft aufgerichtet; und ihr getroffener Friede so wol die Deutschen/ als Roͤmer zur Freund- schafft gegen einander verknipfft haͤtte. Die Catten aber antworteten: Es waͤre andern Roͤ- mern/ ausser Kauff-Leuten/ ihr Land unver- schlossen. Jedes Volck aber waͤre berechtiget/ die ausser seiner Graͤntze zu halten/ die den in- nerlichen Wolstand verterben koͤnten. Uber diß waͤre ihr Verbot nicht neu/ gienge auch nicht nur die Roͤmer/ sondern alle Voͤlcker an. Denn sie haͤtten niemahls diese Art Menschen bey ih- nen gelitten/ auch noch neulich Sarmatische Handelsleute wieder zuruͤck gewiesen/ und de- nen Svionischen Fuͤrsten das Verlangen ihren Handelsleuten der beruͤhmten Stadt Wisbye auf dem Eylande Gothland Gewerbe zu ver- statten abgeschlagen. Wenn der Kayser sich erinnern wuͤrde: daß er keinem Raths-Herrn aus Jtalien/ insonderheit in Egypten zu reisen/ sein Vater Julius keinem uͤber zwantzig Jahr alten Buͤrger zu Rom laͤnger/ als drey Jahr ausser Jtalien zu leben verboten haͤtte; daß die Serer und Ripheer keinen Einwohner ausser Landes reisen liessen/ koͤnte er auch das Verbot der Cattischen Fuͤrsten/ welche in ihren Laͤndern diß/ was August zu Rom/ waͤren/ keiner Feind- seligkeit beschuldigen. Zeno fieng an: die Cat- ten haben hierinnen wol Recht gehabt. Sinte- temahl es so gar in eines Fuͤrsten Willkuͤhr ste- het: Ob er von fremden Fuͤrsten einige Bot- schafft einlassen wolle. Alleine nach dem die Handlung uns nicht nur mit Wuͤrtzen der Wol- lust; sondern auch mit vielen zum Leben noͤthi- gen Dingen versorget/ und gleichsam der Sparsamkeit der Natur oder den Maͤngeln der Laͤnder aushilfft; kan ich kaum glauben: daß die einige Beysorge einschleichender Wolluͤste die Cattischen Fuͤrsten zum gaͤntzlichen Verbote der Handlung bewegt haben solle. Nach dem auch Arminius und Thußnelda. auch kein Land alles nothwendige zeuget/ und derogestalt sonder Armuth schwerlich leben kan; weiß ich nicht: Ob diß Gesetze den Catten heil- sam seyn koͤnne. Malovend antwortete: die der Natur gemaͤß lebenden/ und also mit weni- gen voꝛ lieb nehmenden Catten halten die Kauf- mannschafft allerdinges fuͤr ein schaͤdliches Ding; welches nicht so viel fremde Waaren als schaͤdliche Sitten einfuͤhrte/ und die Gemuͤther mit Geitz und Betrug vergifftete. Ja ich kan versichern: daß unter diesem Volcke ihrer viel seyn/ welche sich mit dem Zerstoͤrer der Staͤdte Numantia und Carthago Scipio Emilius ruͤh- men koͤnnen: daß sie ihr Lebtage nichts gekaufft noch verkaufft haben. Welches mir keine ge- meine Gluͤckseligkeit/ ja das handeln mit der Deutschen Aufrichtigkeit fast nicht vertraͤglich zu seyn scheinet. Sintemahl der Kaͤuffer und Verkaͤuffer gleichsam fuͤr eine Tugend und Geschickligkeit/ oder fuͤr eine Eigenschafft ihres Gewerbs halten/ wenn dieser seine Wahre zu theuer/ jener sein Geld zu hoch anwehret/ und einer den andern vervortheilt; Gleich als wenn die Klugheit verpflichtet waͤre der Gerechtigkeit ein Bein unterzuschlagen. Denn es wird schwerlich mehr ein Quintus Scevola gefun- den/ der fuͤr einen Acker seines Werths mehr giebt/ als er ihm geboten wird. Wiewol nun diese Maͤngel freylich nur Mißbraͤuche der Handlung sind; so lassen sie sich doch durch kei- ne menschliche Vorsicht davon absondern. Da- her Anacharsis uͤber dem zu Athen gemachten Gesetze/ welches alle Luͤgen auf oͤffentlichem Marckte auffs schaͤrffste verbot/ auch zu seiner Beobachtung absondere Richter hatte/ lachen muste; weil nirgends unverschaͤmter/ als auff eben dem Marckte gelogen wuͤrde. Plato haͤtte zwar auch alle Schwuͤre/ und das Uberbieten der Waare/ Aristonicus die ungleiche Ver- kauffung einerley Dinges verboten/ aber bey- de Gesetze waͤren schier eher ab/ als aufkommen. Nebst diesem haͤtten die Catten wol freylich eini- ge absondere Bedencken hierbey. Denn der Adel waͤre bey ihnen so starck/ als fast in keinem andern Lande. Daher wolte dieser die Hand- lung keines Weges aufkommen lassen; entwe- der/ weil er selbter als einem verkleinerlichen Fuͤrhaben gram ist/ oder dem Poͤfel groͤsseres Reichthum/ welches die Handlung zu wege bringt/ den Glantz des Adels aber verduͤstert/ mißgoͤnnet. Zeno versetzte: Jch weiß wol: daß in den meisten Laͤndern nicht nur die gerin- ge Kraͤmerey/ sondern auch kostbare Stuͤck- handlung den Adel anstincket; da er sich doch beym Land-Leben mit schlechterem Kramern zu verunreinigen nicht schaͤmet. Jch erinnere mich auch: daß zu Rom anfangs den Raths- Herren einig Gewerbe zu treiben unanstaͤndig/ und zu Thebe Kaufleuten einig hohes Ampt zu verwalten durch ein Gesetze verschrenckt war. Alleine die Herrschsuͤcht- und argwoͤhnischen Herrscher haben dieser herꝛlichen und nuͤtzlichen Nahrung eine so schwartze Farbe angestrichen; wormit der Adel dardurch entweder nicht zu reich/ oder von Ubung der zu Vertheidigung des Landes noͤthiger Waffen abgezogen wuͤr- de; so gar: daß bey etlichen Voͤlckern das han- deln schimpflich/ Morden und Rauben aber A- delich ist. Alleine an ihr selbst ist die Handlung ein unschaͤtzbares Wesen/ welches die Spann- Adern des Krieges/ und den Uberfluß des Frie- dens verschafft; kleine Laͤnder maͤchtiger/ als weit umschweiffige Reiche macht; also: daß der grosse Alexander mit Bezwingung der Handel- Stadt Tyrus mehr/ als mit dem Persischen Reiche/ Rom mit Carthago laͤnger/ als mit dem uͤbrigen Theile der Welt zu schaffen gehabt hat. Dieser zwey Staͤdte Seele aber war die Hand- lung; ihre Kaufleute Fuͤrsten; und der Adel trieb daselbst sonder einige Besudelung fast al- leine das Gewerbe. Die Grichen hielten es eben so wenig fuͤr verkleinerlich; und der vom Jason aus Colchis geholete guͤldene Wider deu- tete nichts/ als die Handlung/ und das unter S s s s s s 2 die Siebendes Buch die Sternen gesetzte Schiff die Fuͤrtrefligkeit der Schiffarth an. Endlich war auch Rom kluͤ- ger/ und Pompejus schaͤmte sich dessen nicht/ woraus die Parthischen Koͤnige gleichsam ein Handwerck machen. Malovend antwortete: Alle Dinge gleichen fast den gemahlten Glaͤ- sern/ welche so viel Farben zeigen/ so viel mahl man die Stelle sie anzuschauen aͤndert. Der Unterscheid der Herꝛschafft ist meines Beduͤn- ckens hierbey nicht ausser Augen zu setzen. Deñ bey der Buͤrgerlichen scheinet die Handlung dem Adel noch etlicher massen anstaͤndig zu seyn; aber nicht bey der Fuͤrstlichen. Eines Volckes Sitten schicken sich auch besser darzu/ als des andern. Daher ich glaube: daß/ wenn in der gantzen Welt der Adel handelte/ der Deutsche doch/ ich weiß nicht/ aus was fuͤr einer Abscheu/ sich hierzu schwerlich verstehen wuͤrde. Deß- wegen auch die Catten/ als die Roͤmischen Kauf- Leute wieder gethanes Verbot/ entweder aus Begierde des Gewinns/ oder auf Anstifftung ihrer Vorsteher/ im Cattischen Gebiete einen Marckt aufrichteten/ sie erschlugen/ ihre Wah- ren aber ins Wasser warffen. Hierzu kam die Nachricht: daß viel edle Catten zu Rom im Schau-Platze von wilden Thieren waͤren zerrissen worden; und daß August in Hispani- en todt krancklaͤge/ dahin ihn die auffstehenden Salaßier/ Cantabrer/ und Asturier zu ziehen genoͤthigt haͤtten. Daher ein Theil der Catten i hrer Bluts-Freunde schmaͤhlichen Tod zu raͤ- chen in Gallien einfiel/ und alle nur zu ereilen moͤgliche Roͤmer todt schlug. Dieser Einfall brachte das Schrecken biß nach Rom; und ward Marcus Vinicius mit drey Legionen/ und zwantzig tausend Huͤlffs-Voͤlckern wieder sie geschicket. Die Catten/ ob sie zwar nicht halb so starck waren/ hielten es doch fuͤr eine Schan- de zu weichen/ also kamen sie an dem Flusse Sara mit einander zu schlagen. Wiewol nun die Catien mit dem Abende sich zuruͤcke zohen; blieb auff Roͤmischer Seiten doch viel mehr Volcks auff dem Platze; gleichwol aber schaͤtz- te der Kayser diese Schlacht so hoch: daß er dem Vinicius zu Rom ein Siegs-Gepraͤnge anordnete; und als dieser um nicht Liviens und Agrippens Neid zu erwecken solches anzu- nehmen weigerte/ weil der Niedrigern Ehren- Kraͤntze den Groͤssern nur Dornen in Augen sind/ ließ der Kayser ihm auf den Alpen einen Marmelnen Sieges-Bogen aufrichten; gab ihm auch die Freyheit alle ersten Tage des Jah- res einen Krantz und Siegs-Kleid zu tragen. Zeno fiel ein: Es ist dieses eine seine Art des Rauches/ welchen zwar gemeine Leute auch um nichts anwehren koͤnnen/ kluge Fuͤrsten a- ber theuer genung zu verkauffen wissen. Jn- sonderheit aber hat August sich auf diese Kauff- mannschafft wol verstanden. Also belohnet er des Agrippa nach der bey Sicilien gewonne- nen grossen See-Schlacht mit nichts mehr/ als einer blauen Fahne; sein dem Kayser zu Ehren gebautes Pantheon/ und des Neptu- nus Lust-Gaͤnge mit der Freyheit beym Kay- ser in denen ohne diß uͤbrigen Zimmern zu wohnen. Der groͤsten Koͤnige Gesandten eig- nete er als eine grosse Wuͤrde in dem Schau- Platze einen Sitz nach denen sechshundert Raths-Herren ein. Eines der edelsten Ge- schlechter verehrte er mit der Freyheit ihm sein Getraͤncke einzugiessen; ein anders unange- meldet in sein Zimmer zu kommen; das dritte ihm das Rauchfaß bey den Opffern; und etliche Asiatische Koͤnige ihm den Steigereiff zu hal- ten. Welche Blaͤndungen alle so viel mehr ge- schaͤtzt wurden/ weil er gegen sich selbst in Eh- renbezeugungen sparsam war/ und viel ihm vom Rathe angetragene Wuͤrden anzunehmen weigerte. Ja/ sagte Malovend: Alles dieses that der Kayser aus gewisser Staats-Klugheit. Denn er schlug gleichwol nichts aus/ was nicht etwan leere Huͤlsen eiteler Ehre/ sondern den Kern der Obmaͤßigkeit in sich hielt. Den Agrip- pa selbst setzte er endlich zum Steuer-Ruder des Reiches Arminius und Thußnelda. Reiches; weil er sich nicht allenthalben hin selbst traute; ja auch in den Rath niemahls ohne Pan- tzer kam. Wiewol ich gestehe: daß Agrippa/ und nebst ihm Mecenas sich um den Kayser so hoch/ als noch zur Zeit kein ander Staats-Rath um seinen Fuͤrsten verdient/ und das Gewich- te aller Vergeltung uͤberwogen/ also dieser von jenem dem Kayser nicht weniger klug/ als ge- treu eingerathen habe: Er muͤsse den Agrippa entweder toͤdten oder zum Eydame machen. Wie es denn August zu seiner Verbindung nicht genung hielt: daß er vorher mit seiner Schwester Tochter vermaͤhlt war/ sondern er muste diese verstossen/ wormit er des Kaysers ei- gene Tochter Julia heyrathen konte. Er ver- zuckerte den der Freyheit gewohnten Roͤmern die neue Dienstbarkeit; er setzte durch seine Siege des Kaysers Waffen in Ansehen bey den Bundgenossen/ und gieng gleichwol mit denen Uberwundenen so um: daß der Welt die so sehr gefuͤrchtete Gewalt annehmlich ward. Jn Rathschlaͤgen zeigte er eine durchtriebene Scharffsichtigkeit/ und einen feurigen Eyver in derselben Ausuͤbung. Wo er des Kaysers Zu- neigung befoͤrdern solte; sahe er sein Absehen ihm in Augen an. Wo es um sein Ansehen zu thun war/ grieff er nichts ohne seinen Befehl an/ wormit nicht er/ sondern der Kayser die Eh- re davon truͤge; wo ein zweiffelhaffter Ausschlag zu besorgen/ nahm er die vermutheten Ent- schluͤssungen des Kaysers auff seine Achsel und Gefahr. Eben dieses wagte er/ wie ihm August die Verwaltung uͤber gantz Gallien anvertrau- te. Denn wiewol der Kayser mit den Deutschen anzubinden Lust hatte; stand er doch wegen des ungewissen Ausschlags an/ dieses gefaͤhrliche Feuer aufzuruͤhren. Daher nahm es Agrippa auf sich; wormit/ wenn es mißriethe/ ihm die Schande/ wenn er aber seinen Zweck erreichte/ dem Kayser der Ruhm zuwuͤchse. Der ausser dem Narbonischen Gallien wohnende Adel/ und insonderheit die um die Roͤmer so hoch ver- dienten Heduer nahmen es uͤbel auf: daß nur aus jenen/ nicht aber aus ihnen einige zu Roͤ- mischen Raths-Herren erkieset wurden/ und daher gaben sie dem vom Geld schmeltzenden Licinius ohne diß ausgemergelten Volcke ins Geheim Anlaß zum Auffstande; welches vorhin uͤberaus schwuͤrig war: daß der Kayser so viel Roͤmer in Gallien versetzte/ denen sie ohne Ent- gelt und Wiederrede ihr vaͤterlich Erbtheil ab- treten musten; da sie doch sonst nichts verschuldet hatten/ als daß sie fruchtbares Erdreich besaͤs- sen. Also mangelte ihnen nichts als ein Haupt den Roͤmern die Stirne zu bieten. Dieses fanden sie endlich an des Feldherrn Segimers Bruder/ dem Fuͤrsten Jngviomer/ einem jun- gen abgefundenen Herrn; welcher/ um die Che- ruskischen Kraͤffte durch Theilung nicht zu schwaͤchen/ sich selbst seines vaͤterlichen Erb- theils verzieh/ und mit dem Degen sein Gluͤcke zu suchen sich entschloß. Wie er nun der Gal- lier Gemuͤther ausgeholet; kam er mit fuͤnfhun- dert jungen Edelleuten und etlichen tausend dort und dar zusammen gelesener Mannschafft in Gallien; brachte von Heduern/ Trevirern/ Se- quanern und Mediomatrichern unter dem jun- gen Fuͤrsten Divitiack ein ziemliches Heer zu- sammen/ mit dem Vorsatze den Galliern ihre Freyheit wieder zu erwerben. Agrippa hielt diß anfangs fuͤr eine gewuͤnschte Gelegenheit den Deutschen in die Haare zu kommen; er erfuhr aber bald: daß noch etliche tausend Catten zu den Galliern gestossen/ und also die Feinde staͤr- cker waͤren als die Roͤmischen Kraͤfte in Gallien zu bestreiten vermoͤchten. Daher muste er mit seinen dreyen Legionen durch allerhand Kriegs- Lift den Jngviomer aufhalten; biß er aus Hi- spanien und Jtalien mit noch drey andern ver- staͤrckt ward. Worauff es denn bey der Stadt Divodur zu einer blutigen Schlacht kam/ in welcher Jngviomer die Hertzhafftigkeit S s s s s s 3 eines Siebendes Buch eines Loͤwen/ und den Witz eines alten Feld- hauptmanns fuͤr den Jahren derogestalt ausuͤb- te: daß kein Theil sich des Sieges zu ruͤhmen hatte; sondern iedes auf eine Tage-Reise zuruͤ- cke wiech. Agrippa schaͤtzte dieses gleiche Ge- fechte gleichwol fuͤr einen nicht geringen Ver- lust/ nicht allein wegen seiner selbst/ sondern auch der Roͤmischen Waffen/ welche nunmehr in dem Ruffe waren: daß kein Volck ihnen zu be- gegnen mehr maͤchtig waͤre. Noch mehr aber ward er durch die Zeitung aus Hispanien be- kuͤmmert: daß die vorhin uͤberwundenen und verkaufften Cantabrer ihre Roͤmische Herren erwuͤrget/ sich nach Hause gewendet/ und da- selbst bereit unterschiedene Festungen den Roͤ- mern abgenommen hatten. Zu allem Gluͤcke kam Segesthes der Chaßuarier und Dulgibi- ner Hertzog/ welcher in dem Kriege wieder den Antonius dem Kayser grosse Dienste geleistet/ auch deßwegen von ihm das Roͤmische Buͤrger- Recht erlangt hatte/ zum Agrippa/ mit wel- chem er in Egypten vertraͤuliche Freundschafft gemacht. Durch diesen bewegte er Jngviomern durch Einraͤumung eines Stuͤcke Landes an der Mosel/ und den Divitiak durch Verspre- chung der Roͤmischen Raths-Wuͤrde: daß sie mit Agrippen einen Vergleich eingiengen. Ja Jngviomer zohe selbst mit Agrippen wieder die Cantabrer/ fuͤr welcher Nahmen die Roͤmer gleichsam zitterten/ hielt sich auch mit seinen Deutschen so tapffer: daß die edlen Cantabrer sich aus Verzweiffelung mit Giffte hinrichte- ten/ die gemeinen sich ergaben und von denen Gebuͤrgen ins flache Land versaͤtzt wurden. Ze- no fieng an: Es ist diß eine harte Art/ sich der Uberwundenen zu versichern. Sintemal nichts empfindlichers seyn kan/ als sein Vaterland mit dem Ruͤcken ansehen/ und das alte Volck auff- hoͤren zu seyn. Daher ich den Saguntinern und Carthaginensern nicht fuͤr uͤbel habe: daß beyde sichlieber eingeaͤschert wissen/ als jene auf Hannibals/ diese auf der Roͤmer Befehl den al- ten Sitz/ die heilige Behaͤltnuͤß ihrer Groß- vaͤterlichen Aschen verlassen wollen. Malo- vend versetzte: Es ist diese Wanderung mehr schmertzhafft als grausam; weil ieder Ort der Welt einem vernuͤnfftigen Menschen zum Vaterlande dienet; und so viel Voͤlcker frey- willig ihre ersten Wohnungen verlassen/ die Scythen in Parthen/ die Amyoler in Pelopon- nesus/ die Athenienser in Asien/ die Phoͤnicier in Africa/ die Phrygen in Jtalien/ die Celten in Hispanien/ die Deutschen in Grichenland und Galatien einen annehmlichern Himmel gesucht haben. Uber diß ist es ja eine grosse Guͤtig- keit des Uberwinders/ wenn er denen Uber- wundenen durch Veraͤnderung ihres Sitzes weh thut/ als seine durch das Kriegs-Recht uͤ- ber sie erlangte Gewalt des Todes durch gaͤntz- liche Vertilgung ausuͤbet. Zumahl wenn er sie nicht als Knechte/ wie Dionysius es denen Ca- marinen/ die Persen den Juden mitspielten/ vertheilet und untersteckt; sondern sie nur an ei- nem neuen Orte das alte Volck seyn/ und nach ihren alten Gesetzen leben laͤst. Massen denn auf diese Art den Feinden gleichsam aus Vor- theilhafftigkeit des Ortes die Gelegenheit zu suͤndigen/ und sich ungluͤcklich zu machen be- nommen ward; solches auch fuͤr ihm Pompejus mit denen unter dem Caucasus zu wandern ge- noͤthigten Colchiern/ sonder einige uͤbele Nachrede/ nicht besser gemacht hat. Jch zweif- fele auch fast: daß August mit den Cantabrern so gelinde verfahren haͤtte/ wenn es nicht dem fuͤr sie bittenden Jngviomer zu Liebe geschehen waͤre/ welchen der Kayser mit herrlichen Ge- schaͤncken empfieng/ und ihn uͤber seine deutsche Leib-Wache setzte/ der er auch mit grossem An- sehen fuͤrstand/ biß der Kayser nach zweyen Jahren mit Terentien in Gallien kam. Da ihn denn der gemeine Wechsel des Hofes und des Gluͤckes/ welche beyde sich ins gemein vor- werts weiß/ auf dem Ruͤcken schwartz kleiden/ aus des Kaysers zu seines Vaterlandes ruͤhm- lichern Arminius und Thußnelda. lichern Diensten brachte; weil er von Teren- tiens Reise ein wenig zu frey geurtheilet hatte. Denn Fuͤrsten/ welche auf ihrer Diener Feh- ler ein Luchs-Gesichte haben/ wollen: daß diese ihre mit Maulwurffs-Augen ansehen/ oder doch selbte wie die Flecken in der Sonne und dem Mohnden zu was besserm machen sollen/ als sie an sich selbst sind. So bald nun Jngvio- mer von des Kaysers Unwillen Wind kriegte/ und er wol verstund: daß Fuͤrsten dieselben nicht gerne im Gesichte/ welche durch blosses An- schauen ihnen ihre Gebrechen verweisen/ saan er fuͤr/ solche Empfindligkeit ihm in eine Gna- de zu verwandeln. Sintemahl man nicht leicht mit iemanden/ weniger mit Fuͤrsten gar zerfal- len soll; weil zwar wenig einem helffen/ alle a- ber/ ja die schwachen Kaͤfer dem Adler schaden koͤnnen. Diesemnach ersuchte Jngviomer den Kayser um seine Erlassung; weil sein Bruder Segimer seiner bey denen innerlichen Unru- hen Deutschlandes benoͤthigt waͤre. Welche kluge Zuvorkommung er so wol aufnahm: daß er ihn nicht ohne kostbare Geschencke weg ließ/ und also bezeugte: daß seine Gewalt zwar groß/ sein Gemuͤth aber noch groͤsser waͤre. Hertzog Jngviomer kam zu hoͤchster Noth wieder in sein Vaterland/ welches in eine aͤrge- re Kriegs-Flamme/ als iemahls versuncken war. Denn der Hertzog der Hermundurer Britton war fuͤr etlichen Jahren verstorben/ und hatte seinem Sohne eben dieses Nahmens zugleich die zwischen dem Necker/ Kocher und der Donau gelegenen Hertzogthuͤmer der Marckmaͤnner und Sedusier verlassen; welche nach des ohne Soͤhne verschwundenen Koͤnigs Ariovists Tode/ Vermoͤge einer zwischen bey- den Fuͤrstlichen Haͤusern aufgerichteten Erb- verbruͤderung dem alten Briton heimgefallen/ und also mit der Hermundurer Laͤndern ver- einbart worden waren. Diese Voͤlcker bezeug- ten sich fuͤr andern Deutschen uͤberaus genaue Eyverer fuͤr ihre Freyheit zu seyn. Jhre Her- tzoge doͤrffen ohne Verwilligung des Adels und des Volckes keinen Krieg anfangen/ keinen Frieden schluͤssen/ keine Buͤrde dem Volcke auf- legen/ noch fuͤr sich allein in wichtigen Reichs- Geschaͤfften etwas entschluͤssen. Gleichwol aber enthiengen sie dem Britton ihrem neuen Hertzoge aus einer besondern Zuneigung an- fangs mehr/ als seinen Vorfahren; also: daß sie ihm auch nach seiner Willkuͤhr zu heyrathen erlaubten; da das Volck voriger Zeit seinen Fuͤrsten nach dem Vortheil des gemeinen We- sens ihre Gemahlinnen erkiesete; ja etliche Marckmaͤnnische Edelleute fuͤr achtzig Jahren in der Fuͤrstin Sartuda Armen ihren Eh- Herrn erstachen/ den sie wieder des Landes Willen geehlicht hatte/ sie auch kurtz hierauff den zu nehmen noͤthigten/ der zum ersten den Degen auf ihren vorigen Gemahl gezuͤckt hat- te. Also sind die Unterthanen niemahls an- ders/ als gewaltsam zu herrschen/ und der vor- hin demuͤthigste Poͤfel die grausamsten Gesetze fuͤrzuschreiben gewohnet. Hertzog Britton vermaͤhlte sich mit des Koͤniges der Bastarnen Deldo Tochter/ dessen Vater gleichen Nah- mens vom Craßus erschlagen worden war. Diese aber/ als eine Auslaͤnderin/ ob schon die Bastarnen sich vom Uhrsprung ebenfalls Deutsche ruͤhmen/ und weil sie der Druyden Gottesdienste beypflichtete/ dem Volcke/ und insonderheit den Eubagen verhast; welche in diesen Laͤndern noch die Oberhand hatten. Als er aber seiner Gemahlin gar etliche zwantzig Druyden/ und ihren oͤffentlichen Gottesdienst in der Stadt Calegia verstattete/ sich auch derer ie laͤnger ie mehr in sein Gebiete spielten/ und viel ihren zeither vermummten Beyfall oͤffent- lich erklaͤreten; seuffzeten die Staͤnde/ insonder- heit die Marckmaͤnner oͤffentlich nach der vori- gen Alemaͤnnischen Herrschafft/ ob sie schon mit Ariovisten auch nicht allerdings waren zu Frie- de gewest/ kamen auch in den Argwohn: es muͤste Hertzog Britton im Hertzen selbst den Druyden Siebendes Buch Druyden beypflichten; und nunmehr nach dem Beyspiele des Cheruskischen Fuͤrsten Aem- brichs der Barden und Eubagen Gottesdienst vertilgen wollen. Denn der Verdacht in Glau- bens-Sachen brauchet sich eines Schau-Gla- ses/ welches nicht allein in andern Hertzen mehr zu sehen zeiget/ als sie selbst gedencken/ sondern auch die Spinnweben vergroͤssert; daß sie fuͤr Ketten und Banden angesehen werden. Daher machten die Marckmaͤnner einen Auffstand wieder die Stadthalter des Fuͤrsten Britton/ unter dem Scheine: daß sie ihnen in ihrem Gottesdienste etliche aberglaͤubische Gebraͤu- che der Hermundurer aufbuͤrden wolten. Die andern Ursachen aber waren: daß die Marck- maͤnner voriger Zeit/ ehe sie unter die Aleman- nische und folgends die H e rmundurische Bot- maͤßigkeit verfallen waren/ eigene Hertzoge ge- habt hatten; nunmehr aber denen Hermundu- rern gehorsamen/ und unter dieser Nahmen versteckt gleichsam erleschen musten. Jedoch waͤre diese ihr gemeines Wesen treffende Wun- de noch verschmertzt worden/ und das Feuer noch eine Weile unter der Asche verborgen blie- ben/ wenn nicht Koͤnig Britton eine Untersu- chung verordnet haͤtte: Aus was fuͤr Recht ei- ner oder der ander seine Guͤter besaͤsse. Sinte- mahl die in vorigem Kriege denen Druyden abgenommene Laͤndereyen Vermoͤge Landes- Schlusses dem Reichs-Vermoͤgen einverleibt werden solten/ derer viel aber der Adel entweder eigenmaͤchtig an sich gezogen/ oder die der alte Britton etlichen auf Lebetage zu genuͤssen ver- guͤnstigt/ als ihr Eigenthum behalten hatten. Wie er denn auch von einem Theile solcher Be- sitzer ein grosses erpreste/ hiermit aber nichts minder den Adel/ als Poͤfel ihm aufsaͤtzig mach- te. Denn der Eigen-Nutz ist so ein fuͤrnehmes Theil am Menschen/ als Feuer und Wasser. Daher er auch die dem gemeinen Wesen biß ans Hertz gehende Wunden so nicht fuͤhlet/ als die blossen Anruͤhrungen dieses seines Augapf- fels. Uber diß verstieß Britton darinnen: daß das unwillige Volck durch Absonderung/ wie die Bienen durch unter sie geworffenen Staub zu trennen sind/ er bey denen Hermundurern diesem Ubel zu steuern einen Land-Tag aus- schrieb. Denn die Land-Boten staͤrckten die Marckmaͤnner ins gemein in ihrem Vorha- ben; und veranlasten das Volck sich wieder die Kriegs-Steuer zu beschweren/ welche Britton zwar ohne ihre Einwilligung/ doch aus hoch- dringender Noth angelegt hatte/ um die Graͤn- tzen gegen die Semnoner zu besetzen/ welche ihm das Eigenthum des Elbe-Stroms strittig machten. Wiewol nun die Hermundurer ih- rem Hertzoge wenig zu Willen waren/ brachte er doch durch der Bastarnischen Druyden/ und insonderheit ihres Oberhaupts in Brittannien Vorschub/ weil die Koͤnigin sie der freyen U- bung ihres Gottesdienstes versicherte/ wie auch durch der meist den Druyden beypflichtenden Sedusier Huͤlffe ein Kriegs-Heer auf die Bei- ne/ und schickte es fuͤr Vorkehrung anderer si- cherer Mittel wieder die Marckmaͤnner; wel- che noch zur Zeit weder unter einander einig/ noch so vermessen gewest waren/ sich oͤffentlich wieder ihren Fuͤrsten auffzulehnen; nunmehr aber durch die Noth leicht unter einen Hut ge- bracht wurden/ und den scheinbarsten Vor- wand bekamen/ ihrer natuͤrlichen Beschirmung halber die Waffen zu ergreiffen. Vorher aber hatte Britton schon zwey Fehler begangen; einmahl: daß er die Raͤdelsfuͤhrer/ ohne die das Volck eine so gefaͤhrliche Schantze nie gewagt haben wuͤrde/ nicht bey den Koͤpffen genom̃en hatte; weil derogleichen Empoͤrungen wie die Fluͤsse/ ie weiter sie lauffen/ sich vergroͤssern; und die anfaͤngliche Furcht sich nach und nach in Kuͤhnheit verwandelt; andern theils: er seinen nicht allerdinges unschuldigen Stadthaltern allzuviel Recht gegeben; da doch diese ihres Versehens halber billich; ja/ wenn die gemei- ne Ruh durch diß Feg Opffer/ wie das wuͤten- de Arminius und Thußnelda. de Meer bestillt werden kan/ auch zu Unrechte etwas zu leiden schuldig sind. Sintemahl dieses durch die gemeine Wolfarth reichlich erstattet/ auch beym Auffruhre/ welcher in einem Lande eben diß/ was der Krebs in menschlichen Lei- bern ist/ ein Glied zu Erhaltung des Leibes oh- ne Unbarmhertzigkeit abgeschnitten wird. Uber diß entbot er nach ergriffenen Waffen alle die/ welche nicht zugleich fuͤr Aufruͤhrer gehalten werden wolten/ bey Verlust ihrer Guͤter und Koͤpffe zu sich; da doch treue Diener ihrem Fuͤr- sten keinen groͤssern Dienst thun koͤnnen; als wenn sie sich selbst zu Haͤuptern oder Werck- zeugen der Auffruͤhrer gebrauchen lassen; also nicht allein ihre Anschlaͤge entdecken; sondern die Abtrinnigen auch leicht wieder zu rechte bringen koͤnnen. Zu diesen Fehlern kam noch die Untreue des Hermundurischen Feldhaupt- mannes Monatil/ welcher denen Marckmaͤn- nern keinen Abbruch that/ wie er wol Kraͤffte und Gelegenheit genung hatte/ sondern mit ihnen einen Frieden schloß/ welcher denen Auf- ruͤhrern zwar ihre Verbrechen ließ ungenossen ausgehen/ dem Fuͤrsten aber keinen Vortheil noch Sicherheit brachte; sondern vielmehr ihm die Waffen unvermerckt aus den Haͤnden wand; wormit sie hernach desto freyer suͤndi- gen konten. Denn sie verstiessen bald hierauf die Priester aus dem gemeinen Rathe/ welche doch von undencklicher Zeit die erste Stimme noch fuͤr den Fuͤrsten gehabt/ darinnen das Re- den und Stillschweigen verfuͤget/ und die Feh- ler verwiesen hatten. Sie beschlossen auch: daß bey ihnen niemand anders/ als ein Marck- mann von Geburt und Gebluͤte einiges Ampt zu verwalten faͤhig seyn solte/ also dem Fuͤrsten Britton fast alle Gelegenheit einige treue und vertraute Leute einzusetzen entzogen ward. Jn- zwischen blieben auch die Hermundurer wieder das alte Herkommen und den Willen ihres Fuͤrsten auf ihrem Land-Tage Jahr und Tag beysam̃en; uñ an statt: daß Herzog Britton durch sie die Marckmaͤñer zu demuͤthigen vermeinte; sonderlich/ weil die Sebusier gegen versproche- ne Wiedererstattung aller Guͤter/ die zu seiner Vor-Eltern Zeit denen Druyden und ihrem Anhange waren abgenommen worden/ ihm eine ansehnliche Kriegs-Huͤlffe gewilligt hat- ten/ lernten sie von jenen auch die Banden des Gehorsams zerreissen; in dem einige oͤffentlich zu sagen nicht scheuten: die alten Hermundu- rer haͤtten nichts minder/ als andere Deutschen ihre Fuͤrsten aus dem Kerne des Adels/ ihre Heerfuͤhrer aus denen erfahrnen Kriegsleuten erwehlet; jene haͤtten das Volck nicht nach Willkuͤhr/ sondern durch vernuͤnfftige Anlei- tung/ diese das Heer durch ihr Beyspiel zur Folge bewegt. Jnzwischen brachen die Marckmaͤnner in der Hermundurer Gebiete ein/ trieben das zu Besaͤtzung der Graͤntzen verlegte Kriegsvolck uͤber den Kocher; unterhielten aber gleichwol den Hertzog mit demuͤthigen Bittschrifften und Friedens-Vorschlaͤgen; und erlangten einen Stillestand der Waffen/ wiewol ihr Kriegs- Heer aus des Hertzogs Gefaͤllen verpflegt wer- den muste. Dieser suchte die Hermundurer nochmahls um Beystandan/ aber sie verschoben selbten durch den Vorwand: daß vorher der Marckmaͤnner Beschwerden untersucht/ und ihren eigenen abgeholffen werden muͤste; ja der Rath drang auch auf die Verhafft der zwey treusten Staats-Raͤthe des Brittons/ den einen anklagende: daß er die Eubagen bey den Se- busiern ermorden/ zwey der fuͤrnehmsten auch/ welche von der Hertzogin uͤppigen Sitten stachlicht geredet/ nach Abschneidung der Na- sen ewig verweisen lassen; den andern/ als er mit dem Oberhaupte der Druyden um eine hohe jaͤhrliche Besoldung heimliches Abkommen ge- troffen haͤtte. Sie wurden auch als Verraͤther des Vaterlandes/ welche die Grund-Gesetze uͤ- ber einen Hauffen zu werffen angezielet/ und das Gemuͤthe des Fuͤrsten wieder seine treue Erster Theil. T t t t t t Unter- Siebendes Buch Unterthanen vergaͤllet haͤtten/ angeklagt/ bey- de zum Tode ver dammt/ ja Hertzog Britton selbst das Blut-Urthel zu unterzeichnen genoͤ- thigt. Denn ob er wol durch seinen eigenen Sohn den Rath um das Todes-Urthel in ewige Gefaͤngnuͤß zu verwandeln ansuchte/ ward doch jenes vollstreckt/ und beyden der Kopff/ mit diesem aber dem Fuͤrsten gleichsam seine rechte Hand und die Hertzogliche Gewalt ab- geschlagen. Den Marckmaͤnnern ward all ihr Begehren/ ja auch die Befriedigung ihres Kriegs-Volckes von dem Rathe der Hermun- durer gewilligt/ welche ihnen selbst nur darum wehe thaten: wormit ihr Fuͤrst unrecht bliebe/ und seine Unterthanen gehorsamen muͤsten. Also wenn ein Fuͤrst seinen Unterthanen schon verlaubet den Saum seiner Hoheit und Ge- walt anzuruͤhren/ reissen sie ihm den Purper gar von dem Halse. Weil das Volck/ welches schon einmahl die Suͤßigkeit nach eigner Will- kuͤhr zu leben geschmecket/ also fort auch nach dem Herrschen luͤstern/ und zu Gehorsamen ungeschickt wird. Dahero ich mehr fuͤr ein tieffsinniges Lehrstuͤcke/ als eine Hoffart der Persischen Koͤnige halte: daß bey Lebens- Straffe kein Mensch das so genennte guͤldene Wasser kosten darff/ welches aus denen sieben- tzig nur fuͤr den Koͤnig und seinen aͤltesten Sohn gewiedmeten Brunnen geschoͤpfft ward; wie auch: daß der Koͤnig bey der Taffel einen Vor- hang fuͤr sich hat: daß er zwar die Gaͤste/ kein Gast aber ihn sehen kan. Jnsonderheit aber muß ein Fuͤrst uͤber seinen treuen Dienern die Hand halten/ und sich nicht durch ihre Seite verwunden lassen. Denn ob er zwar jene fuͤr das gemeine Heil als ein Versohnungs-Opffer auch ohne Schuld auf die Schlacht-Banck lie- fern kan; wenn nehmlich des Volckes Grimm auff sie/ nicht auf den Fuͤrsten zielet; so stuͤrtzet sich doch ein Fuͤrst selbst in Grund/ wenn er zwar siehet: daß es auff sein Haupt selbst ge- muͤntzt sey; gleichwol aber sich durch Abschnei- dung seiner Glieder verstimmeln/ und mit Un- ter grabung seiner Pfeiler seinen Stul selbst mit zu Bodem reissen laͤst. Sintemahl auch einem Zwerge nicht schwer faͤllt einen starcken Eich- Baum auff den Bodem zu reissen/ dem man vorher alle Wurtzeln verschnitten hat. Zum wenigsten machet die Furchtsamkeit des Fuͤr- sten auch die treuesten Diener verzagt: daß sie entweder den Mantel nach dem Winde hen- cken/ oder ihre Achseln der gefaͤhrlichen Herr- schens-Last entziehen. Welches letztere denn des Fuͤrsten Britton meiste hohen Befehlhaber thaten; als sie sahen: daß der zwey hoͤchsten Treue sie um den Hals gebracht hatte; und al- le freye Entschluͤssungen nicht fuͤr einen Willen des frommen oder vielmehr alberen Fuͤrsten/ sondern fuͤr eine Erfindung der Staats-Raͤthe angenommen ward. Die Staͤnde masten sich nunmehr selbst an/ die vornehmsten Reichs- Aempter zu besetzen/ und ihrem Oberhaupte zu gebieten. Hieruͤber machten die Sebusier/ wel- che noch grossen Theils den Druyden beypflich- teten/ unter dem Vorwand des Hertzogs be- leidigte Hoheit und ihre in Gefahr gesetzte Ge- wissens-Freyheit zu vertheidigen/ einen Auff- stand/ und wuͤteten mit unmenschlicher Grau- samkeit wieder die Eubagen. Wiewol nun Britton sie fuͤr Aufruͤhrer erklaͤrte/ und selbte zu unter druͤcken alle Kraͤfften hervor suchte; wol wißende: daß die Sedusier sich gar von Her- mundurern abzutrennen/ und zu den Buriern zu schlagen im Schilde fuͤhrten; so war jenen doch der Verdacht nicht auszureden: daß er mit den Sedusiern unter einer Decke laͤge. Einige der Land-Boten unterwunden sich hierbey den Poͤfel zu erregen: daß er fuͤr Hertzog Brittons Schlosse nicht ihn und seine geheimen Raͤthe die abscheulichsten Schmaͤhungen ausstieß/ in der Reichs-Versamlung aber auffzuwerffen: Ob es nicht rathsam waͤre dem Fuͤrsten die O- ber-Anstalt zum Kriege zu entziehen/ und ihm selbst andere Raͤthe an die Seite zu setzen. Brit- tons Arminius und Thußnelda. tons Gedult konte diese Frevel-That nicht laͤn- ger verdeyen; befahl also die Raͤdelsfuͤhrer feste zu machen/ verfuͤgte sich selbst in die Reichsver- samlung/ beklagte sich uͤber diese Beleidiger sei- ner Hoheit/ und begehrte ihre verdiente Be- straffung. Diese aber nahmen diß fuͤr eine Ver- letzung ihrer Freyheit auff/ die Beklagten unter ihren Schirm/ das verhandene Krieges-Volck unter ihre Pflicht/ und das Schloß zu Calegia in ihre Gewahrsam; die wieder obige Auffruͤh- rer geschickte Wache in Hafft; also: daß Hertzog Britton mit seiner Gemahlin und zweyen Soͤhnen sich fuͤr andraͤuender Gewalt von Ca- legia in das Gebuͤrge Gabreta wegzufluͤchten gezwungen ward. Jnzwischen warffen sie die der Hertzogin er- laubte Druyden in Kercker/ ihnen/ wiewol nicht gar sonder Grund/ beymaͤssende: daß sie ihren Hertzog mit grossen Versprechungen zu An- nehmung ihres Gottesdienstes zu bereden ge- trachtet haͤtten. Der Reichs-Rath schickte dem Britton gleichwol nach/ und forderten in einer so benahmten Bittschrifft das Kriegs-Heer und den jungen Fuͤrsten Jubil zu ihrer eigenen Auf- sicht; und als diß Britton abschlug/ nahmen sie eigene Kriegs-Haͤupter auf/ fuͤhrten ein Heer zusammen/ besetzten etliche Festungen mit ih- rem eigenen Volcke/ schlossen selbte dem Her- zoge fuͤr den Augen zu/ erklaͤrten seine Gewalt dem Reichs-Rathe unterwuͤrffig zu seyn; und daß er zwar nichts ohne sie/ sie aber alles ohne ihn kraͤfftig schluͤssen und urtheilen koͤnten; hier- mit augenscheinlich bezeugende: daß das einmal jaͤhrende Gebluͤte des Volckes durch keine ge- linde Artzney zu stillen sey; des Poͤfels Ent- schluͤssungen aber weder Maaß noch Ziel ha- ben. Hiermit kam es zu einem oͤffentlichen Kriege/ in welchem iedes Theil des andern Feld-Hauptleute fuͤr Verraͤther verdammte/ und durch solche hitzige Ubereilungen die Wege zu gemeiner Ruh wieder zu kommen gleichsam gar verschrenckte/ Britton aber oͤffentlich ver- kuͤndigen ließ: daß er nichts wieder den Reichs- Rath noch sein Volck/ sondern nur wieder die Uhrheber dieser Unruh zu Beschirmung seiner Hoheit/ ihrer Freyheit und Glaubens die Waf- fen ergrieffen haͤtte; der Reichs-Rath hingegen: daß ihre Ruͤstung fuͤr ihren Fuͤrsten/ wieder die/ welche sich seiner Gewalt mißbrauchten/ und die Erhaltung des Vaterlandes angesehen waͤ- re. Also hat sich niemahls kein so unrechter Krieg entsponnen/ dessen Ursache nicht durch einen scheinbaren Vorwand uͤberfirnset worden. Beyde Kriegs-Heere kamen gegen einander ins Feld/ und ob wol einige dem Hertzog Brit- ton riethen: Er solte durch allerhand Verzoͤge- rungen den Feind muͤde/ die Reichs-Glieder zwistig/ die Heerfuͤhrer verdaͤchtig/ das leiden- de Volck ungedultig machen; weil dieses die beste Krieges-Kunst waͤre/ welche Fuͤrsten wie- der kriegende Staͤnde ausuͤben koͤnten; traute er doch zu viel seiner gerechten Sache/ und seiner Kriegs-Macht; also kam es zu einer blutigen Schlacht/ in welchem nicht der Sieg/ sondern die Macht das Ende machte. Jedoch schlug ein Fuͤrst der Narisker Patalin Hertzog Brit- tons Vetter die Reuterey des Reichs-Raths im lincken Fluͤgel in die Flucht; und haͤtte er nicht den Feind allzu eiffrig verfolgt/ waͤre Britton vermuthlich diesen Tag nicht allein Meister im Felde/ sondern auch ein voͤlligeꝛ Uberwinder sei- ner Feinde bliebẽ. Alleine so buͤste er seinen Feld- Hauptmann/ und eine ziemliche Anzahl des A- dels ein/ welche alle wie Loͤwen fochten; also: daß ob wol auff der feindlichen Seite etliche tausend Mann mehr blieben/ es dennoch das Ansehen gewann: als haͤtte Britton gegen Erbsen Perlen aufgesetzt. Gleichwol bemaͤch- tigte er sich etlicher Staͤdte/ und erschreckte durch seine Naͤherung gegen die Stadt Cale- gia seinen Feind dermassen: daß sie demuͤthi- ger als iemahls an ihn schrieben/ und Friedens- Vorschlaͤge thaͤten. Aber hiermit meinten sie den Britton nur einzuschlaͤffen. Denn er hatte T t t t t t 2 sich Siebendes Buch sich kaum alles gutes erboten; als der Feind mit einem verstaͤrckten Heere auf ihn andrang. Den groͤsten Fehler aber begieng Britton dar- innen: daß ob er zwar bey sich einen eigenen Reichs-Rath auffrichtete/ auch viel Glieder aus dem zu Calegia sich zu ihm schlugen/ den- noch diesen letztern fuͤr den rechten Reichs-Rath nicht nur in der That/ weil er mit selbtem Frie- den behandelte/ sondern auch endlich durch eine ausdruͤckliche Erklaͤrung erkennte/ weil er an- derer Gestalt mit dem Fuͤrsten Britton nichts abhandeln wolte. Gleichwol vergroͤsserte sich Hertzog Britton auch/ und ereignete sich/ wie- wol ohne einen Haupt-Streich/ allerhand ab- wechselnde Treffen/ worinnen aber Britton/ und sonderlich Fuͤrst Patalin meistentheils den Vortheil erhielten. Der Staͤnde Feldhaupt- mañ Sekkes aber in grossen Verdacht der Un- treue fiel/ und ihm zwey andere Kriegs-Auffse- her Lerwall und Facksariff an die Seite gesetzt wurden. Weil der Poͤfel gewohnt ist Rathschlaͤ- ge nicht nach ihrer Guͤte/ sondern nach dem Ausschlage zu maͤssen/ und Zufaͤlle in eine Schuld oder Boßheit der Obrigkeit zu verwan- deln. Unterdessen maßte sich der Reichs-Rath eines Oberherꝛschafftlichen Sieges an/ zerbrach die Hertzoglichen Zierrathen; er buͤste aber hier- auff drey grosse Feld-Schlachten ein; und ge- wann Britton das groͤste Theil seines Landes durch Huͤlffe der Sedusier wie der; ja die mei- sten Glieder des Reichs-Raths enteusserten sich des Bundes wieder ihren Fuͤrsten/ und demuͤ- thigten sich fuͤr ihm. Daher die uͤbrigen Auf- ruͤhrer gezwungen wurden sich mit den Marck- maͤnnern durch einen vortheilhafftigen Bund auffs neue zu verknuͤpffen; welcher ihnen auch mit einem maͤchtigen Heere zu Huͤlffe erschie- nen. Das Kriegs Spiel wechselte hierauff seltzamer Weise ab; und das Gluͤcke kehrte bald einem bald dem andern das Antlitz oder die Fersen. Alleine kurtz hierauff schien es den Hertzog Britton wieder auff den Stul seine r ersten Hoheit und Gluͤck seligkeit zu setzen/ in dem er anfangs den Lerwall/ hernach den Feld- Hauptmann Sekkes nach veraͤchtlich ausge- schlagenem Friedens-Vergleiche auffs Haupt schlug. Alleine Britton uͤbte gegen das gefan- gene Heer durch Freylassung aller derer/ die ihm nieht gutwillig dienen wolten/ eine uͤber- maͤßige Guͤte/ gegen sich selbst aber eine unver- antwortliche Grausamkeit aus. Denn wie es erbaͤrmlich ist/ weñ man in einem Reiche nichts ohne Gefahr thun kan; also ist nichts schaͤdli- chers/ als wo ieder ohne Furcht der Straffe thun mag/ was er wil. Es ist einem Fuͤrsten freylich zwar ruͤhmlich Schuldige begnaͤdigen/ aber nicht wenn sie dem gemeinen Wesen auffs neue schaden koͤnnen/ und ihre Unstraffbarkeit andere zur Missethat verleitet. Denn in die- sen Faͤllen muß man den Aufruͤhrern wo nicht die Koͤpfe/ doch die Haͤnde/ und damit das Ver- moͤgen schaͤdlich zu seyn/ abschneiden. Alleine Britton brauchte sich eines gantz andern Mas- ses/ so gar: daß er auch nicht zu rechter Zeit draͤu- en konte. Sintemahl er nach erlangtem Sie- ge auffs beweglichste an den Reichs-Rath schrieb: Sein Kriegs-Gluͤcke waͤre viel zu ohn- maͤchtig ihn wieder seine Beleidiger zur Rache zu reitzen/ weil sein Vater-Hertze ihn fort fuͤr fort zur Erbarmnuͤß uͤber sein Volck reitzte. Sie hingegen haͤtten nun eine Weile mit ihrer Pflicht und dem Verhaͤngnuͤße gerungen/ bey- des aber haͤtte ihnen zeither ein Bein unterge- schlagen/ und sie dahin bracht: daß sie Mangel an Kraͤfften/ und einen Uberfluß an Wehkla- gen eingeerndtet haͤtten. Also solten sie nun- mehr die Hand nicht von dem Sieger zuruͤck ziehen/ der ihnen den Friedens-Oelzweig selbst zulangte; und da er koͤnte/ sie nicht mit dem Schwerdte baͤndigen wolte/ um ihnen die Eh- re freywilligen Gehorsams/ ihm aber den Ruhm: daß seine Guͤte doch das Gewichte ih- rer Arminius und Thußnelda. rer Schuld uͤberwiege/ nicht zu entziehen. Al- leine der Haß gegen diesen Fuͤrsten war in de- nen hartnaͤckichten Voͤlckern derogestalt einge- wurtzelt; oder ihre Einbildung: Britton koͤnte weder straffen noch zornig seyn/ verhaͤrtete sie: daß sie allen Vergleich ausschlugen; sonderlich weil Britton nicht geraden Weges nach Cale- gia fortruͤckte/ sondern mit Einnehmung ande- rer geringern Oerter sich auffhielt/ und ins ge- mein mittelmaͤßige/ als die schaͤdlichsten Ent- schluͤssungen erkiesete; Da doch die Haupt- Staͤdte das Hertze eines Reiches sind; welche allen andern Theilen gleichsam Geist und Le- ben geben. Daher wie ein Fuͤrst sie nicht ohne eusserste Noth verlassen soll; also hat er alle Kraͤfften anzuspannen sich der Verlohrnen wieder zu bemaͤchtigen; weil offt in einer Stadt das gantze verlohrne Reich erhalten/ oder mit ihr wieder gewonnen worden. Sintemahl auch in belebten Dingen nach Uberwaͤltigung des Hauptes/ die andern Glieder sich fuͤr sich selbst legen. Als der Hermundurer Zustand derogestalt ziemlich ins Gedrange bracht ward/ kam Mar- bod von Rom in sein Vaterland zu Hause. Die- ser Marbod war eines Marckmaͤnnischen E- delmannes/ nehmlich des Flavius Sohn/ wel- cher in dem Zuge des Antonius wieder die Par- then so grosse Heldenthaten ausgeuͤbt/ und fuͤr der Roͤmer Wolfarth sein Leben ritterlich auff- gesetzt/ vorher aber sich unter dem Ventidius schon in so grosses Ansehen gesetzt hatte: daß ihm der Parthische Fuͤrst Moneses zu Larißa/ welche Stadt nebst Arethusa und Hierapolis ihm vom Antonius geschenckt war/ seine Toch- ter vermaͤhlte. Welche Freundschafft denn auch hernach dem Antonius zu wege brachte: daß ihr Bruder Marius ein Parthischer Feld-Ober- ster durch seine treue Warnigungen denen Roͤ- mern aus dem unzweiffelbaren Untergange halff. Marbod war nur ein Kind von zwey Jahren/ als sein Vater Flavius blieb/ ward also von seines Vaters Bruder mit seiner Mutter in Deutschland geschickt/ und in allerhand Kriegs- Ubungen erzogen. Wie er aber nur sechzehn Jahr alt war/ begab er sich unter der Catten Kriegs-Volck/ welches wieder den Vinicius in Gallien zoh. Die grosse Hitze der Jugend/ und die Begierde der Ehre verleitete ihn aber: daß er bey allzu eivriger Verfolgung der Roͤmi- schen Reuterey gefangen ward. Nach dem aber Vinicius erfuhr: daß er des so hoch verdienten Flavius Sohn waͤre/ beschenckte er ihn mit ei- nem Arabischen Pferde/ einer verguͤldeten Ruͤ- stung/ und schickte ihn dem deutschen Feldhaupt- manne zuruͤck. Diese Wolthat reitzte den ruhm- sichtigen Marbod: daß nach geschlossenem deut- schen Frieden er sich als ein freywilliger in das Roͤmische Kriegs-Heer begab/ welches Agrip- pa wieder die Cantabrer in Hispanien fuͤhrte. Daselbst zeigte er durch vielfaͤltige tapffere und kluge Thaten: daß der Apffel nicht weit von sei- nem Stamme gefallen/ er also ein wuͤrdiger Sohn des behertzten Flavius waͤre. Jnson- derheit erstieg er des Nachts eine Spitze des Medullischen Gebuͤrges/ in welchem sich die Cantabrer verhauen/ Agrippa sie aber mit ei- nem Graben funffzehn Meilen im Umkreiße beschlossen hatte; von welchem sie nicht alleine mit dem Geschoß hefftig beschaͤdiget/ sondern auch alle ihr Beginnen uͤbersehen werden kon- ten. Dahero die Cantabrer auch nach diesem Verluste/ worbey einer ihrer zweyen Haͤupter vom Marbod eigenhaͤndig erlegt worden war/ sich alsofort selbst verzweiffelnde aufrieben; A- grippa aber den Marbod mit nach Rom nahm/ und ihn beym Kayser derogestalt einliebte: daß er ihm das Roͤmische Buͤrger-Recht verlieh/ und auf dem Feyer der Tugend und der Ehren/ an welchem er Agrippens zwey Soͤhne Cajus und Lucius zu Kindern annahm/ in dem von dem Marius nach dem Cimbrischen Siege der Tu- gend und Ehre gebautem Heiligthume/ von de- nen um des Marius Bild geflochtenen Lorber- T t t t t t 3 Kraͤntzen Siebendes Buch Kraͤntzen einen loß machte/ selbten dem Mar- bod auffsetzte/ und ihn noch darzu mit dem De- gen des damahls erlegten Koͤnig Bojorichs be- schenckte; meldende: Er und sein Vater haͤtten sich um Rom so sehr verdient: daß er billich die- ses seines großmuͤthigen Landes-Mannes De- gen zuruͤck bekaͤme. Er ward hierauf ein Haupt- mann uͤber die Deutsche Leib-Wache/ und mu- ste wegen seiner Annehmligkeit taͤglich bey Hofe seyn. Jnsonderheit aber stand er mit dem Tiberius in vertraͤulicher Freundschafft/ weil er ihn in dem Cantabrischen Kriege/ darinnen er die erste Kriegs-Wuͤrde/ als Oberster/ er- langte/ aus augenscheinlicher Lebens-Gefahr errettet hatte. Bey dieser Gemeinschafft ge- rieth Marbod auch in Kundschafft mit des Kay- sers Tochter Julia/ damahls des Agrippa Eh- Weibe. Diese entbrannte durch hefftige Liebe gegen den schoͤnen und tapfferen Marbod de- rogestalt: daß als Agrippa einsmahls des Kay- sers Geburts-Tag in denen von ihm dem Nep- tunus zu Ehren gebauten Spatzier-Saͤlen be- gieng/ sie ihr Gelegenheit nahm den Marbod zu der Argonauten in Alabaster kuͤnstlich ge- hauenen Geschichten zu fuͤhren; und mit mehr- mahls entfaͤrbtem Antlitze ihn um sein Gut- achten uͤber der Bildung Jasons und Medeens zu befragen. Wie dieser nun so wol die Erfin- dung/ als den Meißel des Bildhauers uͤberaus lobte/ und meldete: daß er dieses Bild weit uͤber die unvollkommene Medea des Timimachus schaͤtzte/ welche Kayser Julius fuͤr achzig Talent gekaufft/ und in der gebaͤhrenden Venus Tem- pel gesetzt haͤtte; fieng sie an: Es ist wol wahr: daß mein sonst so baͤuerischer Ehmann diese Medea von den Cyzizenern viel theuerer er- kaufft; Meine wenigste Sorge aber ist um die- se todten Steine. Alleine was urtheilestu von der Liebe dieser schoͤnen Fuͤrstin? Marbod nahm zwar Juliens Veraͤnderung in ihrem feurigen Antlitze wahr/ ließ ihm aber ihr Absehen nicht tr aͤumen; antwortete also: Er hielte sie fuͤr eine der treusten und hefftigsten dieser Welt; son- derlich/ da sie den Glantz der vaͤterlichen Krone und Zepters ausser Augen gesetzt haͤtte/ und ei- nem unbekandten Auslaͤnder uͤber Klippen und Wellen gefolget waͤre. Julia zwang hieruͤber alle ihr Annehmligkeiten zusammen/ und fieng mit einem gleichsam zauberischen Liebreitze an: Glaube mir/ Marbod/ wenn ich auch wuͤste: daß du mir eine Glauce an die Seite legen/ oder mit mir grimmiger als Jason handeln woltest; wuͤrde ich meines Vaters Kayserthum und meines Ehmanns Gluͤcke doch in Wind schla- gen/ und durch Flammen und Schnee dir in dein raues Deutschland nachziehen. Marbod ward durch diese unvermuthete Erklaͤrung nicht nur seiner Sprache/ sondern gleichsam der Vernunfft beraubet. Weil aber Tiberius an einer/ Terentia und Vipsania Agrippina des Tiberius Ehfrau an der andern Ecke des Spa- tzier ganges eintraten/ gieng Julia diesen/ Mar- bod aber jenem entgegen. Dieser konte seine Gemuͤths-Veraͤnderung derogestalt nicht ver- decken: daß Tiberius sie ihm nicht also gleich an Augen angesehen haͤtte. Daher lenckte er alsofort in das nechste Blumenstuͤcke des Gar- tens mit ihm ab/ und ersuchte ihn: Er moͤchte ihm die Ursache seiner Verstellung nicht ver- schweigen. Marbod machte sie ihm anfangs zwar gantz fremde; hernach bediente er sich ei- nes andern Vorwands; aber der schlaue Tibe- rius wolte sich weder eines noch das andere be- reden lassen; sondern/ als er wol merckte: daß Marbod schwerlich selbst mit einer so gefaͤhrli- chen Eroͤfnung wuͤrde heraus wollen/ beschwur er ihn bey ihrer beyder Freundschafft: daß/ da- fern er es erriethe/ Marbod ihm die Warheit nicht verschweigen wolte. Als dieser es ihm in Meynung der Unmoͤgligkeit auff so seltzame Begebenheit zu kommen angelobte/ fieng Ti- berius an: Die Liebe ist eine Schwaͤche der groͤ- sten Leute/ und die Roͤthe ihr Verraͤther; da- her muthmasse ich: es werde Julia dir was von ihrer Arminius und Thußnelda. ihrer Liebe entdecket haben. Marbod stutzte uͤber so schleuniger Aufloͤsung seines Raͤthsels; und fragte: gegen wem soll Julia verliebt seyn: daß sie ihr Hertz fuͤr mir ausschuͤtten solte? Tibe- rius versetzte: Gegen wem pflegen wir diß eher zu thun/ als gegen den/ der sich desselbten schon bemaͤchtigt hat? Sicherlich/ Marbod/ du trau- est mir allzu bloͤde Augen und eine allzu gerin- ge Kentnuͤß Juliens zu/ da du mir diese meine Gedancken ausreden wilst. Wormit du aber so wol meiner Vertraͤuligkeit/ als des Grundes in dieser Sache ver gewissert seyn moͤgest; so glaube: daß ich auch fuͤr dir auf diesem Kampff- Platze von Julien einen solchen Anfall uͤber- standen; als sie nach dem Marcellus verheyra- thet war; welcher sie doch mit mehren Ergetz- ligkeiten unterh ielt/ als der ernste Agrippa. U- ber diß ist Julia gewohnet todte Bilder gleich- sam zu Rednern fuͤr ihre Liebe zu machen. Deñ sie hat mir in dem uͤber des Pompejus Schau- Platze gebautem Heiligthume der Venus/ bey Beschauung der Gemaͤhlde so viel zugemuthet; als die Venus iemahls dem Adonis gewehret. Marbod/ welcher ihm zwar fuͤrgesetzt hatte/ die- ses Geheimnuͤßes Wissenschafft ihm allein vor- zubehalten/ um es weder fremdem Urthel nach Verrath zu unterwerffen/ ward durch diese Vertraͤuligkeit verleitet dem Tiberius endlich zu bekennen: daß Julia eine Zuneigung gegen ihm haͤtte blicken lassen. Denn die Entdeckung eigener/ ist der Schluͤssel fremder Geheimnuͤs- se. Kurtz darauf begab sich: daß der Kayser in Gallien reisete; da denn Julia/ Tiberius und Marbod ihn begleitende/ bey Patavium des Geryons Wahrsagungs-Heiligthum be- suchten/ und in dem Aponischen Brunnen mit dem guͤldenen Wuͤrffel spielten. Dieser heil- same Brunn war durchsichtig wie ein Spiegel/ unten mit Marmel gepflastert/ und mit viel- faͤrbichten Steinen/ darein allerhand Thiere eingelegt. Julia warff zum ersten einen Wirf- fel/ in welchem zwar anfangs eine sechs oben kam/ aber er wendete sich am Bodem um/ kam auf einem See-Krebse zu liegen/ und zeu- gete den Hund/ als den geringsten Wurff. Ti- berius und Marbod warffen beyde das beste/ nehmlich die Venus; jener Wirffel aber kam auff einer Schnecke/ dieser auf einer Syrene zu stehen. Der Priester des dreykoͤpsichten Geryons/ oder der dardurch abgebildeten drey- fachen Zeit/ weßwegen sein aus Porphir ge- hauenes Bild auch am Ruͤcken Fluͤgel/ an den Fuͤssen Renne-Schuh/ in der Hand eine Si- chel hatte/ legte die Wuͤrffe derogestalt aus: daß sich Juliens Gluͤcks-Blat wenden/ und sie auff einem vom Meer umgebenen Eylande in Ein- samkeit ihr Leben beschluͤssen/ Tiberius lang- sam/ Marbod zeitlich zu der hoͤchsten Wuͤrde gelangen/ mit diesem es aber am Ende auch schlecht ablauffen wuͤrde. Diese Wahrsagung machte Julien fuͤr Liebe gantz blind: daß/ wo sie nur einen Augenblick Zeit hatte/ dem Mar- bod anlag mit ihr in Deutschland zu fliehen. Weil nun Marbod sie schlechter Dings durch eine abschlaͤgliche Antwort zu erzuͤrnen Beden- cken trug/ sondern mit annehmlicher Bezeu- gung stets allerhand Schwerigkeiten machte/ schrieb sie ihm endlich einen Brieff/ welcher umstaͤndlich berichtete: wie sie zu ihrer Flucht alles bestellet/ und seine bißherige Schwerig- keiten aus dem Wege geraͤumet haͤtte. Diesen gab sie ihrer freygelassenen Phoͤbe dem Mar- bod zu uͤberbringen. Weil diese aber/ als Ju- liens vertraute Kuplerin/ den Jnnhalt und An- schlag wol wuste/ aber in einen Freygelassenen der Vipsania verliebt war/ entdeckte sie ihm ihr gantzes Vorhaben/ um ihn zur Nachfolge gleichfalls zu bereden. Alleine seine Treue uͤ- berwog dißmahl seine Liebe. Denn er eroͤffnete alles der Vipsania/ diese dem Tiberius/ mit Andeutung: daß sie Juliens Untreue und Marbods Undanck ihrem Vater Agrippa nicht verschweigen koͤnte. Weil nun Tibe- rius Vipsanien das letztere nicht auszureden/ noch Siebendes Buch noch den Marbod des zugedachten Raubes ent- schuͤtten konte; eilte er zu ihm/ eroͤffnete ihm be- vorstehende Gefahr; und wie sehr gleich Mar- bod seine Unschuld betheuerte/ und derogestalt durch die Flucht sich schuldig zu machen an- stund; so heredete ihn doch endlich Tiberius: daß er bey seinem zwar guten Gewissen/ diß mahl dem Gluͤcke als einer Stieff-Mutter einen Schlag verzeihen/ der dringenden Noth und der Zeit aus dem Wege treten muͤste; weil die Unschuld ein genungsamer Schild wieder Ver- dacht und Eyversucht/ niemahls aber in den Haͤnden der Erzuͤrnten sicher waͤre. Also muste Marbod nur Rom mit dem Ruͤcken anseben/ wiewol Tiberius durch seine Entfernung end- lich Vipsanien bewegte: daß sie Juliens An- schlag Agrippen verschwieg; welche sich hieruͤ- ber kranck einlegte/ und endlich ihre verachtete Liebe gegen den Marbod/ welchen sie vorsaͤtzlich weggereiset zu seyn glaubte/ in Gall und Gifft verwandelte. Marbod kam derogestalt in sein Vaterland/ als der Hermundurer und Marckmaͤnner Kriegs-Zustand gegen dem Hertzoge Britton ziemlich schlecht beschaffen war. Alleine weil es der Marckmaͤnnische Adel fuͤr den hoͤchsten Glantz eines Geschlechtes haͤlt/ wenn ihrer viel aus selbtem den Degen wieder Fuͤrsten gezuͤckt haben/ wenn schon selbte hieruͤber den Hals un- ter das Beil des Scharffrichters buͤcken muͤssen/ uͤber diß die Geryonische Weissagung ihm ei- nen Muth machte auff was hohes zu dencken; schlug er sich auff die Seite des Volckes; und ward ein Oberster uͤber zwey tausend Marck- maͤnner. Facksariff ruͤckte hierauf mit einem verstaͤrckten Heere fuͤr die Stadt Samulocen/ und als der Narisker Fuͤrst Patalin solches ent- setzen wolte/ geriethen beyde Heere in eine bluti- ge Feld-Schlacht/ Facksariff mit allem Kriegs- Volcke in die Flucht; aber Marbod hielt mit seinen zweytausend Marckmaͤnnern Stand; sonderlich als Patalin abermahls den lincken Fluͤgel allzuweit verfolgte/ und sein uͤbriges Volck der Hermundurer Geraͤthe zu pluͤndern anfieng. Dieses Beyspiel des behertzten Mar- bods/ welcher hieruͤber gleichsam Meister im Felde blieb/ bewegte die Fluͤchtigen: daß sie sich wieder erholeten/ ihre Feinde angriffen/ und uͤ- ber sie einen Haupt-Sieg erhielten. Hierauff gieng Samolucen/ und alle Staͤdte zwischen der Donau und dem Meyn uͤber; Marbod a- ber ward fuͤr einen Erhalter der Freyheit aus- geruffen. Sekkes schlug unter dem Hercini- schen Gebuͤrge mit dem Fuͤrsten Britton selbst nicht obne Vortheil; gleichwol aber verließ er etliche Plaͤtze/ die Britton besetzte. Woruͤber der Reichs-Rath den Sekkes aus geschoͤpftem Verdachte: daß er es heimlich mit dem Fuͤrsten hielte/ seine Feldhauptmannschafft nieder zule- gen zwange; hingegen Facksariff an seine Stelle/ und Marbod ihm an die Seite gesetzt ward. Diesemnach zohen beyde Theile ihre eusserste Kraͤfften zusammen. Britton ward von denen Sedusiern/ derer Druyden seine Gemahlin guͤldene Berge versprochen hatte/ die Hermundurer aber von Marckmaͤñern an- sehnlich verstaͤrcket. Hierauf ruͤckten sie schwer- muͤthig zusammen; gleich als wenn dieser einige Tag den Ausschlag der Sache geben solte. Die Kriegs-Haͤupter konten fuͤr Grimm ihre Voͤl- cker nicht einst zur Tapfferkeit ermahnen; aber die Verbitterung reitzte einen ieden schon zur Rache und Blutstuͤrtzung an. Der hitzige Streit gab ein Gethoͤne von sich/ als wenn Felsen ge- gen Felsen rennten/ und sich auf einander zer- scheuterten. Der kuͤhne Fuͤrst Patalin und sein Bruder Zomir fochten im rechten Fluͤgel wie zwey grimmige Tiger-Thiere/ jener stieß dem Grafen Onethier/ der des Reichs-Raths lincken Fluͤgel fuͤhrte/ einen Spieß durch das dicke Bein; dieser aber schmieß ihm eine lange Hacke ins Gesichte: daß er zu Bodem fiel und gefangen ward; woruͤber der lincke Fluͤgel in offenbare Flucht gerieth. Hertzog Britton setzte Arminius und Thußnelda. setzte in der Mitte dem Facksariff als ein groß- muͤthiger Loͤwe so hefftig zu: daß seine Glieder schon hin und her zu wancken anfiengen. Dahe- ro denn Fack sariff einen Faͤhnrich/ welcher sich mit seinem Fahne umwendete/ bey der Gurgel ergrieff/ und herum drehete/ mit der Hand aber auf den Britton wieß/ meldende: Hier ist der/ gegen den du dich wenden und fechten solst. Durch welche scharffe Ermahnung eines eini- gen Kriegs-Mannes Facksariff eben so ruͤhm- lich/ als Kayser Julius in der Africanischen Schlacht wieder den Scipio/ die Zagheit denen saͤmtlichen Hauffen benahm/ und die schon halb Uber wundenen uͤberwinden lehrte. Gleichwol waͤre die Schlacht unzweiffelbar verlohren ge- west; wenn nicht Marbod mit seinem rechten Brittons lincken Fluͤgel zertrennet/ und als ein Blitz allenthalben durchgedrungen/ auch den Facksariff mit seiner Huͤlffe entsetzt haͤtte. Pa- latin kam hier auff zwar zuruͤcke/ und brachte ei- ne Weile Brittons Heer wieder zu Stande; ja beyde waren so abgemattet: daß sie/ gleich als wenn sie mit einander einen Stillestand abge- redet haͤtten/ gegen einander stille hielten/ und eine gute Weile verbliesen/ hernach aber ihre Grausamkeit so viel schaͤrffer erneuerten. Allei- ne das Verhaͤngniß hatte beschlossen diesen Tag alle Vorsicht und Tapferkeit des Fuͤrstens Brit- ton durch die Kuͤhnheit und Hartnaͤckigkeit sei- ner Unterthanen in Staub zu legen. Dieser Fuͤrst muste selbst die Tugend dieser seiner Fein- de ruͤhmen/ als welche mit ihrem Beyspiele dem gantzen Heere gleichsam ihre Hertzhafftigkeit einbliessen; und nach dem er sein Heer zu erhal- ten alles vergebens versucht hatte/ jenen das Feld und den Sieg entraͤumen; ja nicht nur alles Fuß-Volck/ seine Haupt-Fahne mit ei- nem gekroͤnten Loͤwen und Kriegs-Geraͤthe/ sondern alle heimliche Nachrichten im Stiche lassen. Welcher letztere Verlust zugleich bey viel tausenden die noch gegen dem Britton glim̃ende Liebe der Hermundurer und Marck- maͤnner vollends ausleschte; weil aus denen uͤ- berkommenen Nachrichten erhellete: daß Britton denen Sedusiern den Gottesdienst der Druyden bestetiget; von denen Fuͤrsten der Bu- rier und Lygier fremde Huͤlffs-Voͤlcker bedun- gen; die Druyden diese Fuͤrsten wieder den Reichs-Rath beweglichst verhetzet; Brittons Gemahlin auch die gaͤntzliche Ausrottung des Reichs-Raths eingerathen; hingegen Britton vorher deßwegen seine Koͤnigin hochbetheuer- lich verredet/ und unterschiedene allhier sich an- ders befindende Dinge nicht nur dem Reichs- Rathe/ sondern seinem eigenen Heere fuͤrgebil- det hatte. Weßwegen sie ihm oͤffentlich fuͤrruͤck- ten: daß wer mit GOtt spielte/ kein Gewissen haben koͤnte Menschen hinters Licht zu fuͤhren. Wiewol es nun ihm auch bey denen schlim̃sten Zufaͤllen niemahls an Rath und Hertze mangel- te; er auch bald dar/ bald dort kleine Kriegs- Heere zusammen raffte; schien doch aller Stern und Gluͤcke/ welches der Apffel im Auge der Klugheit und die Hertz-Ader in der Tapferkeit ist/ verschwunden zu seyn/ und eine Niederlage der andern die Hand zu bieten. Marbod nahm gleichsam spielende die festesten Oerter/ und Facksariff die fast unuͤberwindliche Stadt Bri- gobanna ein/ ungeachtet Fuͤrst Patalin solche selbst vertheidigte/ und wegen der Ubergabe beym Britton in nicht geringen Verdacht fiel. Woruͤber dieser Fuͤrst und sein Bruder nebst vielen andern tapfern Kriegs-Leuten unwillig waren/ so wol den Britton/ als seine Laͤnder ver- liessen; und durch ihr Beyspiel erhaͤrteten/ wie schwer es sey einem leicht argwoͤhnischen Fuͤr- sten zu dienen; besonders bey ungluͤcklichen Laͤufften; da selbter nach Art der Krancken auch fuͤr denen besten Speisen Eckel kriegt. Ja Britton verlohr in drey Monaten mehr/ als er in drey Jahren gewonnen hatte. Denn ob wol der Ritter Rosenberg bey den Marckmaͤn- nern unterschiedene Siege fuͤr ihn erhielt/ schien doch das Gluͤcke ihn nur zu aͤffen. Denn das Blat wendete sich bald wieder; und Britton selbst entkam mit genauer Noth in das Erster Theil. U u u u u u Na- Siebendes Buch Nariskische Gebuͤrge. Ja endlich ward er gantz wehrloß/ und in einem Schlosse belaͤgert/ aber durch etliche Marckmaͤnner verleitet: daß er verkleidet in Knechtischer Tracht mit abge- schnittenen Haaren sich zu dem Marckmaͤnni- schen Kriegs-Heere fluͤchtete/ und von dar sei- nen Kriegs-Obersten Befehl zuschickte: daß sie die noch uͤbrigen Festungen dem Reichs- Rathe abtreten solten. Mit welchen denn auch das Hertzogliche Schwerdt/ das Sie- gel und andere Kleinodien in ihre Haͤnde kamen/ und schimpflich zerbrochen wurden. Denn so bald ein Fuͤrst dem Volcke seine Schwaͤche des Gemuͤthes zeiget/ giebt er ihm Gewalt ihn zu beschimpffen. Britton hatte zwar gemeint/ bey den Marckmaͤnnern sichere Schutz-Fluͤgel zu finden; er erblickte aber zeit- lich ihre Klauen. Denn wie diese ihn bald anfangs nicht viel besser als einen Gefangenen hielten; also deuteten die Hermundurer seine Flucht zu ihrer Verkleinerung aus/ und um diese Schmach zu raͤchen/ brachten sie theils mit Geschencken/ theils mit Draͤuungen Brittons Ausfolgung zu wege/ und ihren Fuͤrsten ins Gefaͤngnuͤß. Bey welcher seltzamen Veraͤn- derung unschwer zu ermessen ist; was fuͤr Bit- terkeit dieser grosse Fuͤrst aus so herben Trach- ten des Gluͤckes zur Nahrung muͤsse an sich ge- zogen haben. Denn Fuͤrstliche Gemuͤther sind eben so wenig/ als andere aus unempfindlichem Kieselsteine; ja weil sie von Geburt viel zaͤrter/ und ins gemein des Elendes ungewohnter sind/ ist unschwer zu ermessen: daß solche Gallen- Traͤncke ihnen eine unver deuliche Speise seyn muͤssen. Marbod hatte durch diesen Krieg nunmehr einen Uberfluß von Ruhm/ und eines seiner Absehn/ nehmlich die Entwaffnung des so maͤchtigen Fuͤrsten erreichet. Allein es lagen ihm noch zwey schwere Steine auff dem Her- tzen. Denn weil der Ehrgeitz sich auch mit demselben erlangten Wuͤrden-Maße nicht er- saͤttigt/ welches er doch nur anfangs in seinem hoͤchst unverschaͤmten Wunsche angezielet hat- te; insonderheit aber neben sich keinen seines gleichen/ und uͤber sich keinen hoͤhern vertragen kan; so saan Marbod Tag und Nacht den Feld- Hauptmann Facksariff aus dem Sattel zu he- ben/ und zu verhindern: daß Britton nicht al- les/ was ihm der Reichs-Rath fuͤr mahlte/ un- terschrieb/ und er hierdurch wo nicht die Ge- walt/ doch den Schatten eines Fuͤrsten erlang- te; auf welches Facksariff zu zielen schien/ wor- mit er im Wercke das Hefft in Haͤnden behalten moͤchte. Welches dem Facksariff so viel leich- ter vorkam/ weil Fuͤrst Patalin dem Hertzoge Britton ohne diß fuͤr laͤngst gerathen hatte: Er solte alles/ was nur sein Volck verlangte/ wie unrecht und schimpflich es auch schiene/ auf eine Zeit eingehen. Denn hartnaͤckichte Gemuͤther wuͤrden so wenig/ als kollernde Pferde durch ei- nen Zaum und starckes Anhalten gebaͤndigt/ sondern man muͤste beyden den Zuͤgel schuͤssen lassen. Und ein Feind/ der einem zu maͤchtig waͤre/ muͤste durch Ruh und Friede entkraͤfftet/ sein Kriegs-Volck durch Muͤßiggang und Wolluͤste verzaͤrtelt/ die Wiederspenstigen durch Geschencke und Befoͤrderung auff seine Seite; die Verfuͤhrten durch die beste Lehrmei- sterin die Zeit zu rechte gebracht/ denen Bund- genossen sich selbst zu zancken Lufft gemacht/ und ihnen die Suͤßigkeit einer Fuͤrstlichen Herꝛ- schafft gegen die Drangsal vieler Oberherren gezeuget werden. Das gemeine Volck muͤste man seine Hefftigkeit ausdampffen/ und ihre erste Hitze abkuͤhlen lassen. Denn es waͤre wie die Hirnßen beschaffen/ welche mit ihrem ersten Stiche zugleich den Stachel einbuͤsten. Es waͤ- re so leichtsinnig seinen Vorgaͤnger zu verlas- sen/ als seinem Verleiter vorher zu folgen. Es bewegte sich von einem Athem wie das Meer von einem kleinen Luͤfftlein; und erstecke die/ welche sich ihm vertrauten. Also haͤtte August den maͤchtigen Seeheld Sextus Pompejus durch Arminius und Thußnelda. durch einen scheinbaren Frieden geschwaͤchet: daß er kaum auf einem Nachen entkommen; A- gathocles und Antigonus aber ihre Koͤnigliche Gewalt dardurch behauptet; da sie Kron und Zepter dem aufruͤhrischen Volcke fuͤr die Fuͤsse geworffen. Marbod hatte gleichwol seinen endlichen Zweck zu erlangen einen ziemlichen Grundstein gelegt/ in dem er sich durch Freygebigkeit und Befoͤrderung der Wolverdienten bey dem Hee- re/ durch fuͤrgebildete Einfuͤhrung aber einer Buͤrgerlichen Herꝛschafft bey dem gantzen Vol- cke uͤberaus beliebt gemacht. Denn Geschen- cke und Freyheit sind die zwey Klammern/ wel- che die Kronen auch auf eines Wuͤtterichs Haupte befestigen. Keine andere Tugend eines Fuͤrsten ist allen Unterthanen beliebt. Denn die Rachgierigen wuͤnschen einen grausamen/ die Wolluͤstigen einen uͤppigen/ die Ehrgeitzi- gen einen albern/ die Boßhafften einen unge- rechten Fuͤrsten. Allen diesen aber gefaͤllt ein Wolthaͤtiger. Ja die Freygebigkeit macht alles Thun eines Fuͤrsten reiff/ das boͤse gut/ das gute besser. Sie entschuldiget alle Fehler im Leben/ und bereichert auch den Tod mit Thraͤnen der Unterthanen. Mit dieser Angel hatte Marbod schon die meisten Gemuͤther gefangen/ als sich ihm die Gelegenheit das Hefft alleine zu behal- ten in die Hand spielte. Denn der Reichs-Rath sahe vernuͤnfftig: daß er nunmehr allererst sich fuͤr dem groͤsten Feinde fuͤrzusehen haͤtte/ da kein Feind zu bekaͤmpffen mehr verhanden war. Denn weil das Kriegs-Volck zwar den Sieg/ nicht aber den Frieden gerne hat/ machet es ihm auch gegen seine Freunde was zu thun. Daher beschloß der Rath ein Theil desselbten abzudan- cken/ und dardurch so wol das Volck der Ver- pflegung/ als sich der Sorgen zu entbuͤrden; vorher aber selbte zu zertheilen. Also ergieng ein Befehl: daß die Helffte wieder die aufruͤhri- schen Sedusier ziehen solten. Marbod ließ durch seine Vertrauten diß nicht allein dahin deuten: daß man fuͤr ihre treue Dienste und den ruͤck- staͤndigen Sold sie ausser Landes auf die Schlachtbanck lieffern wolte/ sondern auch aus- streuen: es solten die Kriegs-Voͤlcker unterge- steckt/ die Befehlhaber abgedanckt werden. Hieruͤber kam das Kriegs-Volck mit vielem Wehklagen an Marbod; Sintemahl es selbtem weher thut von den Seinigen veraͤchtlich gehal- ten/ als vom Feinde uͤberwunden werden. Marbod machte ihm des Reichs-Raths Vor- haben zwar fremde; vorgebende: Er koͤnte selb- tem so grausamen Undanck nicht zutrauen: daß sie so wol verdiente Kriegs-Leute/ welche die Merckmahle ihrer Tapfferkeit mit so viel Nar- ben zeigeten/ derogestalt beleidigen solte; er bließ aber unter der Hand das Feuer so weit auf: daß das gantze Heer sich verschwor/ sich nicht tren- nen/ noch ausser Landes schleppen zu lassen; sondern es drang vielmehr auf Befriedigung; und erinnerte den Rath nunmehr des Volckes Glauben und Freyheit zu befestigen. Der Reichs-Rath hielt dieses Beginnen fuͤr eine Kuͤhnheit weniger unruhigen Koͤpffe; sonder- lich/ weil Facksariff und etliche andere Haͤupter nichts hierum wissen wolten; erklaͤrte sie daher fuͤr Verraͤther. Welches das Kriegs-Volck so verbitterte: daß sie geraden Weges nach Calegia ruͤcken und Rache uͤben wolte. Mar- bod zohe hiermit die Larve vom Antlitz/ pflich- tete dem Buͤndnuͤße des Kriegs-Volckes bey; iedoch besaͤnfftigte er ein wenig ihre allzuwilde Entschluͤssung; Hingegen brachte er den Fuͤr- sten Britton aus der Verwahrnuͤß des Reichs- Raths in die Haͤnde des Kriegs-Volckes; und endlich auch den Feldhauptmann Facksariff auf seine Meynung; die Einwohner aber dahin: daß sie ihnen viel tausend Beschwerden wieder unterschiedene Glieder des Raths einhaͤndig- ten. Hierauff ruͤckte das Kriegs-Heer gegen Calegia zu/ und begehrte obige Glieder aus dem Rathe zu stossen. Denn dieses ist das Mei- sterstuͤcke aller verschmitzten Aufruͤhrer: daß sie U u u u u u 2 nicht Siebendes Buch nicht der Obrigkeit selbst/ wenn sie es schon im Schilde fuͤhren; sondern nur etlichen Gliedern oder Beampteten derselben die Stirne bieten/ da sie anders einen Beyfall der Gemeine ver- langen. Sintemahl dieses nicht behertzigt: daß Jrrthuͤmern und Schwachheiten unter- worffene Menschen in Aemptern sitzen/ und die Amptleute durch Auffruhr oder auch durch ihre Verwechselung selten verbessert werden; ja die Haͤupter des Aufruhrs meist die laster haff- testen Leute sind/ welche durch diese gifftige Artz- ney andern ab/ und ihnen in Sattel helffen wol- len; wormit sie wie der Scorpion im Himmel dem Lande so viel mehr Schaden anfuͤgen koͤn- nen. Dahero selten ein Wuͤtterich gestuͤrtzt worden; es haben die Werckzeuge hernach sich selbst um seinen Stab gezancket/ und einen Bluthund ausgebruͤtet. Wenn nun aber die Aufruͤhrer das Volck so weit verleitet: daß sie ih- ren Fuͤrsten ihm durch schwere Mißhandlung unversoͤhnlich gemacht; so greiffen sie ihm als- denn selbst nach der Gurgel. Dieses erfolgte auch bey dem Reichs-Rathe der Hermundurer. Denn als gleich die beschuldigten Glieder sich aus dem Staube machten; weil sie mehrmahls selbst im Rathe gehoͤrt hatten: Wie ein Mensch/ der sich selbst zu erhalten im Gewissen verbun- den ist/ nichts minder fuͤr einen Selbst-Moͤrder zu halten waͤre/ wenn er nicht das von dem kal- ten Brande angesteckte Glied absegete; als der sich durch Hunger toͤdtet; also verwahrlosete auch eine Obrigkeit/ bey welcher das gemeine Heil das oberste Gesetze waͤre/ das gemeine We- sen/ wenn sie einen oder den andern darfuͤr ab- zuschlachten allzu barmhertzig waͤre/ nichts minder als die in einem Schiffe lieber ins ge- samt er hungerten/ als einen einigen Menschen zur Speise verbrauchten. Dennoch war das Kriegs-Heer mit dieser fluͤchtigen Unrathe nicht vergnuͤgt; sondern ie mehr es sich von dem Rathe gefuͤrchtet/ oder seinem Begehren gewill- fahret sahe; ie hoͤher spannte es den Bogen sei- ner Forderungen; suchte der in der Stadt Ca- legia liegenden Besatzung ihre eigene Kriegs- Haͤupter fuͤrzusetzen/ und ruͤckte endlich selbst darfuͤr; also: daß der Reichs-Rath/ um zwischen dem Hertzoge Britton und dem Kriegs-Heere Argwohn und Zwytracht zu stifften/ Brittons andern Sohn Obiak zu seinem Haupte erklaͤrte. Das Kriegs-Heer aber lachte uͤber diesem Kunst-Stuͤcke/ und loͤsete diesen Zweifels-Kno- ten mit der Schaͤrffe seiner Degen auf; brachte es also dahin: daß die Stadt dem Fack sarif selbst die Schluͤssel entgegen brachte/ und die Festung darbey einraͤumte. Also zohe das gantze Heeꝛ mit Sieges-Zweigen in die Stadt/ seine Haͤupter vernichteten was der Rath eine zeitlang geschlos- sen hatte/ eꝛwehlten einen gantz neuen Rath/ und setzten viel Glieder des vorigen in Gefaͤngnuͤß/ schaͤtzten die Buͤrgerschafft/ und richteten alles nach ihrer Willkuͤhr viel anders ein. Hertzog Britton/ dem das Kriegs-Heer anfangs in seine erste Hoͤhe und Gewalt zu setzen weiß gemacht/ und der seine Kinder zur Hand geschafft hatte/ ward inzwischen von Facksarif und Marbod/ welche beyde von dem Fuͤrstlichen Hause der Hermundurer Vaͤter des Reiches und Erloͤser des Fuͤrsten waren ausgestrichen worden/ mit leerer Hoffnung eines Vergleiches gespeiset/ sei- ne getreue Diener ihm von der Seite gerissen; und deßwegen er von einigen Vertrauten ge- warniget: daß er sich gegen das Kriegs-Volck/ als einem tauben und hartnaͤckichten Thiere/ nichts guts noch friedliches zu versehen haͤtte/ sondern Facksariff und Marbod nunmehr um seinen Kopff spielten. Daher er sich auf die Flucht in das Hercinische Gebuͤrge begab; aber von dem/ bey dem er seine Sicher heit zu erlan- gen verhofft hatte/ selbst angehalten ward. Hier- auf brach der neue Rath und das Heer mit grau- samen Beschuldigungen hersuͤr/ hinter welche man allererst kommen waͤre; nemlich: Britton haͤtte seinen Vater durch Gifft hingerichtet; die Barden und Eubagen von den Cheruskern nicht Arminius und Thußnelda. nicht allein unterdruͤcken lassen/ sondern auch die Sedusier zu ihrer Vertilgung angestifftet. Daher waͤre er weder der Wiedereinsetzung und Fuͤrstlichen Wuͤrde faͤhig/ noch der Her- mundureꝛ Freyheit mehr anstaͤndig einem eini- gen Menschen uñ seinen ungleichen Gemuͤths- Kranckheiten sich zum Knechte zu machen. Deñ weil die Kriegs-Haͤupter ihm seine Wiederein- setzung so hoch betheuert hatten; Treu und Glauben brechen aber ein so heßliches Laster ist/ dessen sich auch Moͤrder und Diebe schaͤmen/ musten sie ihre Untreu mit solchen Beschwaͤr- tzungen entschuldigen. Wiewol nun dieser letz- te Schluß dem Volcke wie ein Donnerschlag durchs Hertze gieng/ in dem es ihm nie hatte traͤumen lassen: daß der Vorwand der Frey- heit auf die gaͤntzliche Ausrottung der Fuͤr stli- chen Gewalt gemuͤntzt waͤre/ und deßwegen die Hermundurer hin und wieder die Waffen fuͤr ihren Hertzog er grieffen/ war ihnen doch Mar- bod allenthalben/ ehe sie sich vereinbarten/ als ein geschwinder Falcke den ohnmaͤchtigen Tau- ben auf dem Halse; welche hernach meist als Verraͤther von dem Scharffrichter abgethan wurden. Gleichwol aber stieg den Marck- maͤnnern die gemeine Beschuldigung: Sie haͤtten ihres Fuͤrsten Blut um Geld verkaufft/ und Brittons ihren Gesandten gegebene Ant- wort: daß er sich bey seinen Kaͤuffern werthge- schaͤtzter hielte/ als bey seinen Verkaͤuffern/ dero- gestalt zu Hertzen: daß sie unter dem Fuͤrsten Namiloth ein Kriegs-Heer von zwantzig tau- send Mann fuͤr den Hertzog Britton wieder die Hermundurer fuͤhrten. Alleine Marbod/ wel- cher gleichsam das Gluͤcke an einer Schnure fuͤhrte/ schlug sie nicht allein auffs Haupt/ son- dern kriegte auch den Namiloth gefangen; ja er drang biß in das Hertze der Marckmaͤnner/ und zwang sie alles diß/ was das Hermundurische Kriegs-Heer und der neue Rath beschlossen hat- te/ zu belieben. Hiermit kam Facksariff und Marbod mit Siegs-Gepraͤnge nach Calegia/ und wiewol etliche von Marbods Geschoͤpffen einriethen/ um die Hertzogliche Gewalt zu be- graben den Fuͤrsten Britton durch Gifft hin- zuꝛichten/ fiel doch endlich der Schluß dahinaus: Man solte wie wieder alle Verbrecher/ also auch wieder den Herzog selbst durch Urthel und Recht verfahren/ und seinen mit der Mutter zu denen Buriern gefluͤchteten Sohn Jubill bey Verlust seines Erbrechts fuͤr den Reichs-Rath betagen. Der Blut-Rath ward alsofort besetzt/ und zwar meist aus dem Poͤfel und von eitel solchen Leu- ten/ die den Hertzog vorher auffs eusserste belei- digt hatten/ und ihm dannenher auch Spiñen- feind seyn und sein Emporkom̃en aͤrger als den Tod fuͤrchten musten. Weßwegen auch/ oder weil niemand einer Missethat und grausamen Miß geburt Mutter seyn wil/ und die/ welche ein Laster am meisten eingeruͤhrt/ doch den Na- men nicht haben wollen/ sondern am ersten die Haͤnde waschen/ Facksariff nicht zu bereden war: daß er bey dem Blutgerichte eine Stelle bekleidet haͤtte. Seine Anklage bestand darin- nen: daß er aus einem mit gewissen Richtschnu- ren umschraͤncktem Fuͤrsten/ sich zu einem nach eigner Begierden herꝛschendem Wuͤtterich ge- macht/ den alten Gottesdienst/ die Freyheit und die Grundgesetze des Reiches zerstoͤren wollen/ wieder den Rath und das Volck einen blutigen Krieg gefuͤhret/ fremde Voͤlcker ins Land beruf- fen/ und wieder die Eubagen die Sedusier zu Brand und Mord gereitzet haͤtte. Britton hoͤr- te die Anklage mit unveraͤndertem Gesichte/ schuͤtzte aber vor: daß er als Hauptund Fuͤrst der Hermundurer keinen hoͤhern unter der Soñen uͤber sich; und seine Unterthanen nicht fuͤr seine Richter erkennte. Fuͤrsten waͤren uͤber alle Ge- setze/ koͤnten also nicht suͤndigen; da aber auch das Volck uͤber ihr Oberhaupt/ und die Gewalt uͤbeꝛ seinen Kopf zu urtheilen kein mit dem schuldigen Gehorsam vertraͤgliches Ding waͤre/ haͤtte nicht das hunderste/ weniger das meiste Theil seine Feinde zum Richter erkieset. Also wuͤrde durch diese Gewalt-That nicht nur er/ sondern die Freyheit des Volckes auch wieder die U u u u u u 3 grau- Siebendes Buch grausamsten Laster ihren Unwillen zu bezeugen beleidiget; welches letztere doch den knechtischsten Voͤlckern unverschrenckt waͤre. Alleine der Ober-Richter antwortete ihm: Ein Fuͤrst waͤ- re wegen des Volckes/ nicht ein Volck wegen des Fuͤrsten; dieser koͤnte nicht ohne jenes/ aber jenes wol ohne den Fuͤrsten seyn; und also waͤre er zwar hoͤher/ als ieder vom Volcke/ aber nicht uͤber alles Volck. Dannenher haͤtten Fuͤr- sten/ insonderheit in dem freyen Deutschlande GOtt/ das Gesetze und den Reichs-Rath uͤber sich; welcher das gantze Volck/ wie der Fuͤrst nur seinen Verwalter fuͤrstellte. Also haͤtten die Stadt-Voͤgte zu Rom/ die Auffseher zu Sparta/ der obersten Vorsteher Thun unter- sucht und geurtheilt. Ein Fuͤrst bleibe so lange das Haupt eines Volckes/ so lange er dessen Schutz-Herꝛ waͤre. Er entsetzte sich aber seiner Wuͤrde selbst/ wenn er sich zum Wuͤtterich machte; denn darmit hoͤret die Einwilligung des Volckes auff/ welche allezeit diese Bedin- gung in sich begrieffe. Nach dem nun Britton auff seiner keinem Richter unterwuͤriffigen Ho- heit beruhete/ und auff die Anklage sich nicht hauptsaͤchlich einlassen wolte/ ward von dem o- bersten Richter/ der bey des Hertzogs Abtritte ein blutrothes Kleid angezogen hatte/ wieder ihn zu einem denckwuͤrdigen Beyspiele der Nach- Welt des Todes Urthel gefaͤllt. Die Cheruskischen/ Friesischen und Burier Gesandten/ derer Fuͤrsten sich in diesen Jnn- laͤndischen Krieg theils wegen der zwischen den Catten und Cheruskern entstandenen Unruh/ theils aus Beysorge nicht mehr Oel ins Feuer zu giessen/ mit Fleiß nicht eingemischt hatten/ muͤhten sich nunmehro das zeither unglaubliche Fuͤrnehmen der Hermundurer wieder ihren Fuͤrsten zu hintertreiben. Sintemahl kein de- nen Fuͤrsten schaͤdlicheres Geheimnuͤß iemahls ans Licht kommen koͤnte; als daß ein Volck Macht habe uͤber sein Oberhaupt ein Blutge- richte zu hegen. Es erlangte hierauff der Che- ruskische beym Facksariff/ der Friesische beym Marbod/ und der Burische beym Ober-Richter wiewol mit schwerer Muͤh Verhoͤr. Facksariff zohe uͤber allem dem/ was ihm eingehalten ward/ die Achseln ein; und wiewol er sich nicht wagen dorffte das Blut-Gerichte zu unbilli- chen/ gab er doch zu verstehen: daß seine im Felde gehabte Gewalt nach geendigtem Kriege mercklich verfallen waͤre; und bey ihm itzt mehr der Schatten/ als die Macht uͤber das Kriegs- Volck bestuͤnde. Gleichwol aber blieb er im Verdacht: daß er die Herꝛschens-Wuͤrde/ als ein durch so viel Heldenthaten beruffener Her- cules mit seinen Achseln zu unterstuͤtzen vorhaͤt- te/ wenn diese schwere Kugel den Fuͤrsten Brit- ton wuͤrde zermalmet haben. Daher der Che- ruskische Gesandte auf eine weitlaͤufftige Aus- fuͤhrung verfiel: daß niemand auf demselben Eise koͤnne feste stehen bleiben/ wo er einem an- dern das Bein unter geschlagen haͤtte. Fuͤrsten haͤtten nicht nur ihre Nachfolger/ sondern auch das Volck/ welches anfangs mit zusammen ge- schlagenen Haͤnden uͤber sie frolockte/ verfluch- te sie hernach/ und brauchte ihre eigene Werck- zeuge wieder sie zu Raͤchern. Denn die letztern lernten sie wegen ihrer selbst eigenen Gefahr erstlich fuͤrchten; hernach aber hassen und endlich toͤdten. Das neubegierige Volck hielte ohne diß die Gramschafft gegen die Obern fuͤr eine Art ihrer Freyheit und fuͤr Ergoͤtzligkeit auff ihre Haͤupter wuͤten. Weil es das Gute nicht zu unterscheiden wuͤste/ nuͤtzete keine Tugend; weil es ein vielkoͤpfichtes Ungeheuer/ huͤlffe keine Gewalt; und weil es ein Thier/ welches entweder eitel Schlangen-Gaͤnge hat/ oder gar keine Spure nach sich laͤst/ waͤre keine Klugheit genung selbtes im Zaume zu halten/ und sich zu versichern. Die ermangelnde Gelegenheit ihren Grimm auszuuͤben verdeckte nur/ aber vertilgte nicht ihre Verbitterung/ wie die Win- ter-Kaͤlte das Leben der Fliegen/ Froͤsche und Schwalben. Muth und Eisen koͤnten wol ein Land Arminius und Thußnelda. Land zur Einoͤde machen; aber nicht den Sa- men der Verraͤtherey austilgen. Eine in hun- dert Stuͤcke zerkerbte Schlange waͤre durch Zuthat des Regen-Wassers und der Sonnen- Hitze/ der Safft einer zerquetschten Raupe ein Saam-Werck tausend anderer. Jn den Aes- sern unschaͤdlicher Storche steckte ein Nattern- Brut; aus Wespen wuͤchsen gifftige Wuͤrmer/ aus Huͤnern Spinnen. Also waͤre das Blut der Verraͤther durch die Krafft der Verbitte- rung ein Saamen viel hitziger Meuchelmoͤr- der. Ja der gewaltsamen Herꝛscher eigene Bluts-Freunde wuͤrden durch des Poͤfels Heu- cheley und eigene Ehrsucht angesteckt; daß sie wie das Blut der mit Fleckfebern oder Pest be- haffteten Menschen in eigenen Adern Wuͤr- mer gebaͤhren/ die den Drat des Lebens und der Herꝛschafft mit einander zerbiessen. Diesem- nach solte ihm ja keiner traͤumen lassen: daß er sich auff Brittons zerschmettertem Stul wuͤr- de feste setzen koͤnnen; oder auch: daß der lange bluͤhen koͤnte/ der die Staude seines Gluͤckes mit Blute tingete/ und auf Graͤber pflantzte. Facksariff aber beruhete bey Fuͤrschuͤtzung sei- ner Unvermoͤgenheit/ mit der Betheuerung: daß er so wenig seine Erhoͤhung/ als Brittons Untergang suchte. Denn er wuͤste wol: daß Fuͤrstliche Geschlechter der Keule des Hercules/ und dem Spiesse des Romulus gleich waͤren. Denn wie diese mit frischen Hayn-Buchen/ je- ne mit Oelzweigen ausgeschlagen/ als sie ieder- man laͤngst fuͤr verdorrt geschaͤtzt; also kaͤmen Fuͤrstliche Reyser mehrmahls empor/ wenn man meinte/ der Stamm-Baum waͤre mit Strumpff und Stiel ausgerottet. Marbod setzte allen Gruͤnden der Friesischen Gesandten entgegen: das gemeine Heil waͤre das oberste Gesetze/ welchem die Hoheit aller Koͤnige muͤste nachgeben. Die Hermundurer haͤtten nun lange genung unter dem Joch ihrer blutgieri- gen Fuͤrsten geschmachtet; also muͤsten sie nun- mehr/ da ihnen GOtt die Macht und das Recht verliehen haͤtte/ itzige Gelegenheit sich in die edle Freyheit zu setzen nicht aus den Haͤn- den lassen. Britton muͤste entweder herꝛschen/ oder sterben/ weil seine Geburts-Art kein Mit- tel vertragen koͤnte; also: daß er sich lieber des Lebens/ als der Herꝛschafft verzeihen/ oder auch seine Enteusserung durch verzweiffelte Ent- schluͤssungen den andern Augenblick zuruͤck zie- hen wuͤrde. Sein Sohn Jubill habe von ihm den Ehrgeitz geerbet/ von der Mutter das Gifft der Druyden in sich gesogen/ und wuͤrden sie durch seine verwechselte Herꝛschafft das Bet- te/ nicht die Kranckheit aͤndern. Fuͤrsten von so hohem Gebluͤte wuͤrden meist durch uͤbermaͤs- sige Liebe ihrer Eltern oder durch Einbildung: daß auch die Flecken so hoher Sonnen die Welt zu erleuchten tuͤchtig waͤren/ verzaͤrtelt/ oder die Hoͤflinge/ durch derer Augen und Ohren sie al- lein saͤhen und hoͤrten/ verterbten sie/ weil ihre Heucheley und die Begierde sich einzulieben ihre Boßheiten als Tugenden preisete/ ihr Ehr- Geitz ihn mehr ungeschickt als klug zu machen bemuͤht waͤre/ wormit seine Scharffsichtigkeit nicht ihre Tuͤcken ergruͤnde/ noch ihnen durch Anmassung eigener Herꝛschafft das Hefft aus den Haͤnden winde. Wenn nun die Wurtzel der Untugend derogestalt bey ihnen erstarrt/ waͤre durch keine Klugheit auff so wilde Staͤm- me eine suͤsse Frucht zu pfropffen. Die Ehr- sucht/ welche die Niedrigen auf die Bahn der Tugend leitete/ waͤre Fuͤrsten ein Leit-Stern zu allen Lastern/ ja sie schaͤmten sich auff einer dem Poͤfel erlaubten Mittelbahne zu gehen/ und durch Beobachtung der Gesetze sich einem Buͤrger zu vergleichen. Gleich als wenn die Fuͤrstliche Hoheit in dem bestuͤnde: daß sie nicht was gutes; sondern was ihr beliebte/ ausuͤben doͤrffte. Und ob zwar es eine Seltzamkeit waͤre/ wenn selbte nicht einen niedrigern Geist/ als Knechte haͤtten/ hielten sie doch die groͤssesten Gemuͤther fuͤr Leibeigene: daß ihre Macht in der Ohnmacht uͤber ihre Begierden bestuͤnde; und Siebendes Buch und daß den Willen im Zaume zu halten die al- lersch impflichste Dienstbarkeit waͤre. Diesem- nach denn die Herꝛschafft eines einigen solchen Menschen nichts anders/ als das Elend des gantzen Volckes nach sich ziehen koͤnte; als mit dessen Unlust er alleine seine Lust zu buͤssen ver- meinte. Zwar weil bey einer gemeinen Herꝛ- schafft die Belohnungen so groß nicht waͤren/ als bey der Fuͤrstlichen/ findete diese mehr/ als jene Lobsprecher; und/ weil allhierkeine so grosse Abgoͤtter ans Bret kaͤmen/ wie an den Hoͤfen/ in diesen auch den Lastern mehr durch die Fin- ger gesehen/ und mehr das Gebluͤte als die Tu- gend in acht genommen/ ja durchgehends da- selbst/ wo beym Volcke die Gewalt besteht/ man minder das Gute empfindete/ als des Boͤsen entuͤbrigt waͤre/ so waͤren die Ehrsuͤchtigen meist nach der einkoͤpfichten Herꝛschafft luͤstern; und zwar meist darum/ weil sie mit ihrem Wachsthum andere Buͤrger zu verdaͤmpffen hofften. Ja so gar ein vernuͤnfftiger und von Natur guter Fuͤrst muͤsse seiner Sicherheit hal- ber gleichsam aus dem Geschirre schlagen/ und dahin arbeiten: daß niemand so reich und maͤch- tig werde/ fuͤr dem er sich zu fuͤrchten habe; daß niemand durch Tugend sich beym Volcke be- liebt/ und auf den Nothfall einen Anhang ma- che; daß kein treuer Stadthalter lange einem Orte fuͤrstehe/ und keine Stadt unzwingbar werde. Weßwegen so viel tugendhaffte Leute Zepter und Krone mit Fuͤssen von sich gestossen/ wormit sie mit selbten nicht eine boͤse Unart an sich nehmen/ und aus fetten Oel-suͤssen Feigen- baͤumen und erquickenden Weinstoͤxken/ sich in unfruchtbare und stachlichte Dorn-Hecken ver- wandeln/ mit ihrem Schatten so viel Unkraut bedecken/ und ins gemein Gifft zu ihrer Erhal- tungs-Artzney brauchen doͤrfften. Denn Fuͤr- sten sehen ihren Dienern durch die Finger; wor- mit sie denen Unterthanen das ihnen verhaste Vermoͤgen wie Blutaͤgeln aussaugten. Weil auch die am geschicksten zum Gehorsam waͤren/ die nicht recht ihre gemeinen Sinnen verste- hen; druͤckten sie alle Wissenschafften um halb viehische Unterthanen zu haben; ja die Unwis- senheit muste ihren eigenen Kindern ein Kap- Zaum seyn: daß sie nicht zu zeitlich die Suͤßig- keit des Herꝛschens erkennten. Vielmahl fin- gen sie ohne Noth und Hoffnung des Obsieges Krieg an/ nur: daß sie ihren Unterthanen koͤn- ten zur Ader lassen. Aber Leute/ welche ihrer Begier den Meister waͤren/ schmecken die Suͤs- sigkeit der gemeinen Freyheit und der durch- dringenden Gleichheit. Alle Beschwerden waͤ- ren hier gleiche und unempfindlich; denn der sie auflegte/ muͤste sie eben so wol auf seiner Ach- sel tragen. Die Kraͤfften eines Reiches naͤh- men durchgehends zu/ wie Rom nach Austrei- bung seiner Koͤnige/ Athen nach Befreyung vom Pisistratus/ und die Friesen selbst/ seit dem sie mit so viel Blut ihre Freyheit erfochten/ dien- ten zum herꝛlichen Beyspiele/ allen Nachbarn zu ruͤhmlicher Nachfolge. Bey buͤrgerlicher Herꝛschafft waͤre ein ieder seines Besitzthums versichert. Die Wuͤrden und Aempter wuͤrden abgewechselt; also haͤtte keiner Zeit sich maͤchti- ger zu machen/ als das Volck waͤre. Die Kuͤnste und Handlungen waͤren hier in der Bluͤte; deñ sie wuͤrden nicht vom Adel gedruͤckt; und aller Gewiñ kaͤme dem arbeitenden/ nicht dem Fuͤr- sten heim. Zum Gewinnen Krieg zu fuͤhren waͤre freyen Voͤlckern nicht anstaͤndig/ aber sich zu beschirmen pflegten sie nach Art der Sagun- tiner und Numantier wie Loͤwen zu fechten/ weil es um das edelste Kleinod der Freyheit zu thun waͤre. Und weil allhier ieder was zu ver- lieren haͤtte/ eckelte allen fuͤr Unruh; also genuͤs- sen sie des guͤldenen Friedens desto laͤnger. Alle Rathschlaͤge zielten hier auf den Wolstand des Volckes; dort aber waͤre des Fuͤrsten Vergroͤs- serung der einige Angel-Stern/ wohin alle Rathschlaͤge wie Magnet-Nageln sich wende- ten. Der Friesische Gesandte wendete zwar ein: daß schlimmer Fuͤrsten und eines tugend- hafften Arminius und Thußnelda. hafften Volckes Herꝛschafft nicht gegen einan- der auf die Wage zu legen waͤre. Aus dem be- sten Weine wuͤrde der schaͤrffste Eßig. Zwar die freye Herꝛschafft eines Volckes waͤre nach ih- rer Einrichtung und in ihrer ersten Bluͤte wol ein herꝛliches Ding/ aber selten gar/ niemahls auch ohne Blutstuͤrtzung in ihr Wesen zu setzen; ja endlich veralterte sie doch/ und braͤchten an- fangs etliche das Volck/ endlich einer den Adel und das Volck unter seinen Gehorsam. Rom haͤtte sich fuͤr der Dienstbarkeit genungsam ge- wehret; aber endlich haͤtte doch August das durch buͤrgerliche Kriege abgemattete Volck unter dem scheinbaren Fuͤrsten-Nahmen unter seine Gewalt bracht. Brutus und Caßius haͤt- ten zwar ihr eusserstes gethan der Freyheit auff die Beine zu helffen; aber sie waͤren unter einem so baufaͤlligen Gebaͤue erquetschet worden; und haͤtten mit ihren Leichen viel tausend ihrer lieb- sten Freunde erdruͤckt. Marius und Caͤsar haͤtten zwar ihre Herrschenssucht mit ihrem Blute ausgespien; die Freyheit aber waͤre deß- wegen nicht wieder lebendig worden. Ja aus der Asche eines gantzen herꝛ/ chenden Geschlech- tes komme doch ein neuer Herꝛscher empor/ wenn schon irgendswo die Sitten der Buͤrger verterbt/ und eine allzugrosse Ungleichheit ein- gerissen waͤre. Daher wuͤrde mit dem sprin- genden Kopffe Brittons nicht der einkoͤpfichten Regierung das Haupt abgeschlagen werden/ sondern der Strumpff nicht anders als die Schlange in der Pfuͤtzen Lerna stets neue Koͤpfe gebaͤhren. Zumahl Fuͤrst Jubill ein Herꝛ von grosser Hoffnung/ und so vielen grossen Haͤu- sern verwandt waͤre/ also Himmel und Erden vermischen wuͤrde/ seines Vaters Blut zu raͤ- chen/ und seine andere Seele nemlich die Herꝛ- schafft zu erhalten. Endlich wenn auch schon eine andere Herꝛschens-Art an ihr selbst besser waͤre; solte doch redlichen Leuten diese die liebste seyn/ unter welcher sie gebohren worden. Mar- bod antwortete laͤchelnde: Er hielte des Gesand- ten Vortrag mehr fuͤr eine abgenoͤthigte Vor- bitte/ als fuͤr ein ernsthafftes Begehren der Friesen. Denn weil diese bey dem Feuer der einhaͤuptigen Herꝛschafft haͤtten verbrennen wollen/ wie moͤchten sie die Hermundurer bere- den sich darbey zu waͤrmen. Uber diß schiene es mehr eine Staats-Larve/ als ein Ernst zu seyn: daß die Friesen fuͤr den Britton ein Wort verlieren/ und also was sie selbst gestern gethan/ heute tadeln solten. Sie haͤtten aber nunmehr Zeit beyde Augen aufzusperren: daß ihnen nicht einer einen Rincken an die Nase legte/ dessen Groß-Vater ihnen eines andern loß gemacht haͤtte. Auf welchen Fall bey bevorstehender Noth sie von der genossenen Huͤlfe der Hermun- durer sie so bloß stehen doͤrfften/ als die Vejen- tier/ welche die Toscaner unwuͤrdig schaͤtzten fuͤr ihre Freyheit wieder die Roͤmer einen Degen zu zuͤcken/ weil sie sich selbst einem Koͤnige un- terworffen hatten. Der Burier Botschafft ge- rieth mit dem Ober-Richter in Streit: Ob ein Volck uͤber seinen Koͤnig Urthel und Recht he- gen koͤnte. Dieser zohe an: daß wie viel ein Brunn edler waͤre/ als die daraus rinnende Bach; so viel hoͤher waͤre auch das Volck/ als ein Fuͤrst. Koͤnige koͤnten nicht ohne ein Volck/ dieses aber wol/ ja besser ohne jene seyn; Und weñ eines unter beyden solte zu Grunde gehen/ waͤre der gesunden Vernunfft zu wieder: daß das Volck hierinnen solte das Nachsehen ha- ben. Weil nun Tyrannen dessen Untergang suchten/ muͤste jenen ja ein Mittel sich zu er- halten uͤbrig seyn. Niemand haͤtte Gewalt uͤber sich selbst zu wuͤten; wie viel weniger koͤn- te ein gantz Volck solche einem Wuͤtterich ein- raͤumen. Die aͤlteste Herꝛschafft haͤtte diese End-Ursache gehabt: daß alle Glieder unter dem Schirme eines Oberhauptes der Gerech- tigkeit genoßbar wuͤrden; diese waͤre das Band/ das Fuͤrsten und Unterthanen zusam̃en knuͤpfte; wenn dieses zerrisse/ waͤren Reiche nichts an- ders/ als grosse Mord-Gruben. Weßwegen Erster Theil. X x x x x x das Siebendes Buch das Recht und die Gesetze allezeit dem verwil- ligten Gehorsame mit eingedrungen/ und die Gewalt zwischen dem Volcke und dem Fuͤr- sten gleichsam wechselweise eingetheilet/ also ein boͤser Fuͤrst nichts minder/ als ein schaͤdlicher Vormuͤnde seines Amptes zu entsetzen waͤre. Ja die Voͤlcker/ welche ihrer Herꝛscher Lastern selbst fahrlaͤßig den Zuͤgel schuͤssen liessen/ und durch die Finger saͤhen/ machten sich derselben theilhafftig; und haͤtten mehrmahls die Goͤtt- liche Rache fuͤr ihre Fuͤrsten empfinden muͤssen. Zu dem aͤnderten sich mehrmahls die Beschaf- fenheiten der Menschen; und die/ welchen eine natuͤrliche Dienstbarkeit angeboren gewest/ zeugten mehrmahls freye Gemuͤther. Solten diese darum in der Knechtschafft ihrer Eltern verschmachten? oder sich einen Menschen im ewigen Kercker halten lassen/ dem GOtt und die Natur selbst die Fessel abgenommen haͤtte? diese zeigte den Menschen selbst eine Richtschnur in dem Gestirne/ derer zwey hoͤchste Fuͤrsten/ nehmlich die Sonne von dem weit niedrigern Mohnden/ dieser aber von der untersten Erde verfinstert wuͤrden. Nach diesem himmlischen Beyspiele haͤtten alle Voͤlcker wieder ihre un- tuͤchtigen Haͤupter den Kopff empor gehoben/ und ihnen das Licht/ wenn sie selbtes zur Einaͤ- scherung ihrer Laͤnder mißbrauchen wollen/ ausgelescht. Ungeachtet die Persen ihre Koͤ- nige gleichsam als Goͤtter anbeteten; haͤtten sie doch den Smerdes vom Stule gestossen/ und den ungluͤcklichen Xerxes hingerichtet. Die Mohren machten zwischen GOtt und ihrem Koͤnige schier keinen Unterscheid; Gleichwol muͤste er auf des Priesters Befehl ihm selbst das Licht ausblasen. Die Argiver haͤtten uͤber O- resten ein ordentlich Blut-Gerichte gehegt; Thrasybulens Bildnuͤß waͤre in dem Tempel/ und des Brutus auffs Rath-Hauß gesetzt wor- den; weil jener sein Vaterland von dem grau- samsten Critias/ dieser vom hoffaͤrtigen Tarquin errettet haͤtte. Eben diesen Preiß wuͤrden alle Richter uͤber den Britton bey der Nach-Welt verdienen; wenn gleich die gegenwaͤrtige ihnen fuͤr erlangte Freyheit keinen Danck wissen sol- te. Der Burier Gesandte versetzte: Wenn ein Volck einmahl ein Haupt erkiesete/ haͤtte selbtes sich nichts minder/ als ein Knecht/ der sich in die Dienstbarkeit verkaufft/ aller Frey- heit enteussert; und stuͤnde ihm nichts weniger zu/ als seines Herꝛn Fuͤr nehmen zu untersu- chen. Eines Ehweibes Willkuͤhr waͤre es zwar anfangs einen Mann zu erwehlen/ hernach abeꝛ der Nothwendigkeit ihm zu gehorsamen. Zu dem waͤre Britton vom Volcke nicht erkieset/ sondern durch Erbrecht zu der Herꝛschafft kom- men. Es lieffe wieder sich selbst: daß das Volck ein Herꝛ seines Herꝛen seyn solte. Alle Herꝛ- schafften haͤtten nicht allein ihr Absehen auf den Nutzen des Volckes/ sondern zugleich/ oder auch zuweilen nur auf des Fuͤrsten. Das er- stere geschehe mit Rechte/ wenn ein schwaches Volck eines maͤchtigen Fuͤrsten Schutz erweh- let; das letztere/ wenn er durch rechtmaͤßigen Krieg es ihm unterworffen. Vormuͤnde waͤ- ren zwar auch nicht zum eigen-sondern zu ihrer Muͤndlein Nutz bestellt; Gleichwol haͤtten jene nur diesen/ diese aber jenen nichts zu befehlen; weniger sie abzusetzen/ sondern nur ein hoͤhereꝛ/ welchen ein Fuͤrst nicht haͤtte. Kein so grimmi- ger Wuͤtterich haͤtte auch noch gelebt; weniger haͤtte Britton es angezielt das Volck gaͤntzlich aus zutilgen; und auf solchen Fall stuͤnde diesem doch besser ein Schild/ als das Rach-Schwerdt an. Denn Fuͤrsten haͤtten ihre Unschuld nur gegen dem Himmel zu verantworten. Uber das Volck waͤre die Obrigkeit; uͤber die Obrigkeit der Fuͤrst/ uͤber Fuͤrsten GOtt allein Richter; ohne dessen Wahl keiner den Stul betraͤte. Kein Volck besudelte durch Gehorsam sich mit seines Koͤniges Lastern/ wenn selbter sich nur nicht zum Werckzeuge brauchen liesse; der aber greif- fe GOtt in Richter-Stab/ der uͤber die Goͤtter dieser Welt ihm eine Botmaͤßigkeit zueignete. Fuͤrsten Arminius und Thußnelda. Fuͤrsten muͤssen zwar ihre Art zu gebieten nach den Gemuͤthern des Volckes nichts minder als ein kluger Reuter den Zaum und die Stangen nach dem Maule des Pferdes richten. Aber den Zaum gar weg zu werffen waͤre beyden unan- staͤndig; ja ihr selbst eigner Untergang. Deñ ein Land koͤnte so wenig ohne ein Obeꝛhaupt/ als ein Schiff ohne Steuer-Ruder und die Welt ohne Soñe seyn. Ja weñ sich auch diese Verbindung zu weilen unteꝛ dem Poͤfel zergliedere/ so ziehe sie sich doch so begierig wieder in wenig Koͤpffe zu- sammen/ als das Feuer empor zu glimmen be- muͤht waͤre. Der Himmel zeugte durch den Vorsitz der Sonne/ durch den wunderlichen Lauff der Jrr-Sternen/ durch die vorgehende Groͤsse und Klarheit ein und des andern Ge- stirnes: daß auch auff der Erde/ als im Spie- gel des Himmels/ unter den Menschen muͤsse ein Unterscheid/ und uͤber die Geringern ein Haupt seyn; welchem alle andere seinen Glantz und Wesen zu dancken haͤtten. Die zwey gros- sen Lichter des Tages und der Nacht wuͤrden keinmahl in ihrem Wesen/ sondern nur in den Augen der Menschen verfinstert. Sie verduͤ- sterten mit ihrer Gegenwart zwar alle andere Sternen/ alle Gestirne zusammen aber waͤren nicht maͤchtig/ einen Sonnen-Staub an ihnen zu versehren/ oder den geringsten Strahl ihres Glantzes zu vertilgen. Die Ameißen und Bie- nen verschmachteten lieber fuͤr Hunger/ ehe sie ihren Koͤnig Noth leiden liessen. Keine Herꝛ- schafft koͤnte ohne Beschwerde seyn. Die voll- kommensten Sternen waͤren nicht ohne Fle- cken/ und der helleste Tag nicht ohne Wolcke. Man muͤste aber nicht die Beschwerligkeit Fuͤr- sten aufmutzen/ und ihre Wolthaten ausser Au- gen setzen. Waͤren zuweilen Voͤlcker ihren Fuͤrsten zu Kopffe gewachsen/ weil die Men- schen in gemein des gegenwaͤrtigen Zustandes/ wie gut er auch waͤre/ uͤberdruͤßig wuͤrden; haͤt- ten Ehrsuͤchtige Leute an Goͤtter dieser Welt thaͤtliche Hand gelegt/ um sich in ihre Stelle zu schwingen/ oder auch ein Volck sich nicht so wol in Freyheit gesetzt/ als an statt eines sich vielen Herꝛschern dienstbar gemacht; waͤre meist die Reue auf dem Fuße gefolgt; und haͤtte die- ses nach dem verworffenen Zustande geseuffzet/ die Uhrheber aber solcher Neuerungen haͤtten ins gemein ihre Koͤpffe daruͤber im Stiche ge- lassen. Hingegen pflegten vernuͤnfftige Voͤl- cker tausend mahl oͤffter ihre Haͤupter/ wie sie ihnen das Verhaͤngnuͤß fuͤr gesetzt/ zu vertra- gen/ und ihre Schwachheiten wie andere irrdi- sche Zufaͤlle zu verschmertzen. Die dißfalls klu- gen Cappadocier haͤtten deßwegen die ihnen von den Roͤmern angebotene und dem Poͤfel so annehmliche Fꝛeyheit nicht auszustehen getrau- et/ und nach dem sie frey gestanden: daß sie ohne einen Koͤnig nicht leben koͤnten/ ihnen den Ario- barzanes erkieset. Denen Armeniern waͤre die fuͤr guͤlden beschriene Freyheit ein unbekandter Traum/ oder ein fuͤrgebildeter Bleyklumpen. Weil die verhaste Freyheit auch allemahl un- nachbleiblich gedruͤckt werden muß/ in dem nichts minder die Dienstbarkeit Gunst und Befoͤrderung/ als die Herꝛschafft tausend Er- getzligkeiten zu ihrer Belohnung hat; haͤtten fuͤr Zeiten die dem Eumenes unterthaͤnigẽ Staͤdte mit keiner Freyheit ihr Gluͤcke vertauschẽ wol- len; und ihrer viel aus dem freyen Grichenlande sich unter die Koͤnigliche Gewalt des Evagoras nach Salamis gewendet. Zu Rom waͤre fuͤr laͤngst das Joch ihrer blutigen Freyheit ver- dammet; und Augusten die abzulegen gemein- te Herꝛschafft aufgenoͤthigt worden. Weil denn nun wieder des Volckes eigene Wolfarth lieffe: daß ein Fuͤrst selbtem uͤber sein Thun/ welches die Staats-Gesetze in geheim zu halten noͤthig erachteten/ Rechenschafft geben; und der/ wel- cher Gesetze zu geben und aufzuheben Macht haͤtte/ selbten unterworffen seyn solte; machte sich das Volck selbst zu einem Wuͤtterich/ und zerstoͤrte das erste Grund-Gesetze/ nehmlich den Gehorsam; wenn es sich uͤber den Hoͤchsten ei- X x x x x x 2 ner Siebendes Buch ner hoͤhern Gewalt anmaste. Die Voͤlcker haͤt- ten mehrmahls ein stummes Gesetze zu ihrem Ab gotte gemacht; Da die Thasier die Todtes- Straffe dem ausgesetzt/ welcher mit Athen in Buͤndnuͤß zu treten/ Athen demselbten/ der zur Behauptung des Eylandes Salamis/ die Thurier den Strick selbtem/ der ihre Gesetze zu veraͤndern rathen wuͤrde. Ein Fuͤrst aber waͤre das lebendige/ ja uͤber alle Gesetze. Der Ober- Richter antwortete: Es wuͤrde ihm nicht schwer fallen alle wieder der Voͤlcker Freyheit und die allen Thieren von der Natur erlaubte Gewalt ungerechte Gewalt durch eigene Beschirmung abzutreiben streitende Einwuͤrffe zu wiederle- gen; aber/ wenn er alles nachgaͤbe/ was von ei- nem durch keine gewisse Gesetze und seinen Eyd umschraͤnckten Oberhaupte waͤre auf die Bahn gebracht worden/ liesse sich doch auf die nur un- ter gewissen Bedingungen angenom̃ene Fuͤr- sten der Hermundurer kein Schluß machen. Diese waͤren nicht uͤber/ sondern unter das Gesetze und den Reichs-Rath gestellt/ auch/ ausser der entraͤumten Gewalt/ nichts anders oder bessers/ als ein ander Buͤrger; welches der Gesandte fuͤr keine Miß geburt aufnehmen sol- te. Denn Theseus haͤtte zu Athen/ Agesilaus zu Sparta/ die Kinder des Cisus zu Argos/ E- vander in Jtalien/ Hanno zu Carthago in weni- gen Dingen die Gewalt/ im meisten aber nur den Koͤniglichen Nahmen besessen. Vercinge- torich habe in Gallien zwar den Titel eines Fuͤrsten gehabt; als er aber sich der Herꝛschafft bemaͤchtigen wollen/ waͤre er mit dem Leben auch ums erste kommen. Denn weil es schwer waͤre bey grossem Gluͤcke seinen Begierden ei- nen Riegel fuͤrschieben; weil der Jrrthum den Menschen mehr/ als der Schatten das Licht verfolgte/ haͤtten/ wie viel andere Voͤlcker/ also auch die Hermundurer ihren Fuͤrsten Ziel und Maaß fuͤr geschrieben; zu Verhuͤtung beforg- licher Verschwendung ihm nur gewisse Ein- kunfften ausgesetzt/ zu Hemmung der unersaͤtt- lichen Herꝛschenssucht fuͤr sich selbst Krieg an- zufangen verwehret. Welche Beschraͤnckung mit gutem Recht geschehe; weil das Volck ihn aus Freywilligkeit nicht aus Schuld er wehlet/ dem beruffenen Fuͤrsten aber frey stuͤnde/ sich solcher Bedingung mit der angebotenen Herꝛ- schafft zu enteussern. Und nach dem nieman- den mehr/ als einem Fuͤrsten daran: daß einem Angeloͤbnuͤße nachgelebet wuͤrde/ gelegen waͤ- re/ erforderte die hoͤchste Noth: daß er keines Nagels breit von seinem Versprechen absetzte. Dieseꝛ Umschraͤnckung benaͤhme gaꝛ nichts: daß Britton durch Erbrecht uͤber die Hermundu- rer zu herꝛschen vermeinte. Denn diß eignete dem Sohne nichts mehr zu/ als was der Va- ter gehabt; verstelle aber nicht die anfangs be- liebte Herꝛschens-Art. Die Hofemeisterschafft zu Sparta waͤre zwar erblich; aber enge einge- spannt gewest. Jnsonderheit aber waͤren Koͤ- nigen die Fluͤgel beschnitten; wenn das Volck ihm einen Reichs-Rath an die Seite gesetzt/ und die Noth selbten jaͤhrlich oder zu wichtigen Sachen zu verschreiben aufgebunden haͤtte/ und seine Verknipffung nicht in das gemeine Ange- loͤbnuͤß dem Volcke loͤblich fuͤrzustehen/ sondern in gewisse Verbuͤndligkeit eingepfloͤckt/ ihm a- ber selbst die Freyheit wiedrigen Falls nicht zu gehorsamen vorbehalten/ oder gar: daß ein Haupt seines Reiches verlustig seyn solte/ be- dungen haͤtte. Also haͤtten die Sabeer ihrem Koͤnige die Burg nicht alleine zu seiner Woh- nung/ sondern auch zum Ende seiner Herꝛ- schafft eingeraͤumt; und wenn er aus selbter nur einen Fuß gesetzt/ ihn gesteiniget. Die Egyp- tischen Koͤnige vereydeten selbst ihre Richter: daß sie dem unrecht urtheilenden Koͤnige nicht gehorsamen wolten. Die Taprobaner haͤtten Erkaͤntnuͤß uͤber ihres Koͤniges Urthel; und ob er schon keine Gewalt haͤtte einem andern den Hals abzusprechen; buͤste er doch seinen eigenen ein/ wenn er das Volck beleidigte. Von der Roͤmischen Koͤnige Ausspruche haͤtte man sich mit Rechte an das Volck ziehen koͤnnen; und Servius Tullius selbst ihm und folgenden Koͤ- nigen Arminius und Thußnelda. nigen Gesetze fuͤrgeschrieben. Zugeschweigen: daß wenn auch ein Volck nicht mit Gewalt un- ters Joch gebracht/ sondern einem die hoͤchste und unverschraͤnckte Gewalt auftruͤge; nicht so wol das bey dem Volcke verbleibende und ein- gewurtzelte/ auch seinem Wesen nach viel edlere Eigenthum/ als der blosse Genuͤß der selbten auf eine zeitlang/ oder nur ein Theil der hoͤchsten Gewalt ihm anvertrauet wuͤrde. Ja da wieder die hoͤchste Gewalt der Welt Niedrigen sich zu beschirmen verstattet/ ein rechtmaͤßiger Krieg aber ein zulaͤßiges Mittel waͤre/ fremde Voͤlckeꝛ und Koͤnige ihm unterthaͤnig zu machen/ koͤnte man keine Ursache finden; warum nicht ein Volck wieder den Fuͤrsten/ der durch Eyd und Pflicht sich den Gesetzen nach zu herꝛschen be- theuert haͤtte/ selbte aber zerdruͤm̃erte/ sich ver- theidigen/ und ihn dessen zu entsetzen trachten solte/ was er durch Meineyd selbst gleichsam mit Fuͤssen von sich stiesse. Der Burier Gesandte aber versetzte: wie ein unverschraͤncktes Reich einem Fuͤrsten nicht die Gewalt zueignete/ ein Theil oder das gantze Volck aufzureiben; ieden ohne Ursache seiner Guͤter zu ber auben; also waͤre eine mit Gesetzen umschraͤnckte Herꝛschafft bey ein oder anderm Abwege nicht stracks dem Volcke unterwuͤrffig oder gar erloschen. Bey Fuͤrsten stuͤnde es zu un- terscheiden/ was zu der Wolfarth des Reiches diente; diese aber waͤre das hoͤchste Gesetze/ wel- che alle vorher gehende aufhieb. Zugeschwei- gen: daß kein Volck mit Rechte seinem von GOtt fuͤr gesetzten Koͤnige etwas von dem Maaße seiner Gewalt entziehen koͤnte; ohne welche er seinem hohen Ampte nicht auskom- mentlich fuͤrzustehen vermoͤchte. Weñ aber auch gleich Fuͤrsten sonder gaͤntzliche Zerruͤttung ih- rer Hoheit/ und daß ihnen die blosse Schale des Nahmens uͤbrig bliebe; auch mit den haͤrtesten Bedingungen umschraͤnckt werden koͤnte; be- naͤhmẽ ihm doch diese nicht die hoͤchste Gewalt/ weniger setzten sie die Unterthanen uͤber ihn; al- so: daß selbtes uͤber ihn; ob er mit Recht oder Un- recht von denen Gesetzen ab gewichen/ erkennen koͤnten. Auch der Poͤfel selbst liesse sich nicht den verurtheiln/ der ihn einer Handlung wieder sein Versprechen beschuldigte. Die Gerechtigkeit saͤhe vielen Fehltritten der Unterthanen durch die Finger; warum nicht auch diese denen Fuͤr- sten; welche/ wie gut sie auch waͤren/ unmoͤglich allemahl recht zu thun vermoͤchten. Man ver- schmaͤhte nicht alsbald einen/ der einẽ von Wind aufgeblasenen Ball fehlete; mit was Recht moͤ- ge man nun gegen dem so strenge verfahren/ der den Zentner-schweren Klumpen eines Volckes nicht allzeit in der Schnure haͤtte. Einige aber- witzige Voͤlcker haͤtten zwar auf gewisse Faͤlle ihren Fuͤrsten ein Ziel ihrer Herꝛschafft gesetzt; aber es waͤren nur solche handgreifliche und von den eusserlichen Sinnen zu entscheiden leichte Aufsaͤtze gewest; welche keine Zweydeutung ver- stattet/ noch allererst eine Rechtshegung erfor- dert haͤtten. Deñ die Anmassung einer Gewalt uͤber Fuͤrsten waͤre ein Raub des himmlischen Feuers/ welche Jupiter am Prometheus so har- te gestrafft haͤtte. Weßwegen die klugen Egyp- tier fuͤr eine unvernuͤnftige Greuelthat gehalten haͤtten/ ihre mit den schaͤrffsten Gesetzen umpfaͤ- lete Koͤnige ihrer Verbrechen halber im Leben zu rechtfeꝛtigen; sondern es waͤꝛe allein nach dem Tode ihr Gedaͤchtnuͤß verdammt/ die Leiche der Beerdigung beraubet/ und derogestalt zwar den Lastern eine Straffe/ der Fuͤrstlichen Hoheit a- ber nichts un gebuͤhrlich entzogen worden. Der Reichs-Rath waͤre in alle wege befugt einem Koͤnige bey bedencklichen Entschluͤssungen ein- zureden; aber nicht ihm seine Meinungen auf- zunoͤthigen; als welche ohne des Fuͤrstens Ge- nehmbabung keine Krafft haͤtten; sondern wie der Mohnde sein Licht von ihm/ als der Son- nen entlehnen muͤsten. Zwar waͤre der Reichs-Rath in dem hoͤher als die eigenen Raͤthe des Koͤnigs: daß er dieser Gutachten mit gutem Fug/ jener aber nicht ohne Beleidi- gung seines Gewissens verwerffen koͤnte; aber nur diß/ nicht der Rath waͤre deßhalben sein X x x x x x 3 Richter- Siebendes Buch Richter-Stul. Die Serischen Koͤnige naͤhmen mit gebogenen Knien von ihren Weisen ihre heilsame Erinnerungen an/ aber diese hielten fuͤr hoͤchste Thorheit sich weiser zu duͤncken/ als ihr Koͤnig/ der das Ebenbild Gottes auf Erden waͤre. Endlich moͤchten die Hermundurer wol erwegen: daß sie nicht nur uͤber Brittons/ son- dern uͤber aller Fuͤrsten Haͤupter dem Volcke eine Botmaͤßigkeit zuzueignen sich erkuͤhneten; welches Aergernuͤß alle die zu raͤchen bemuͤhet seyn wuͤrden/ derer Haͤupter man mit Ent- hauptung Brittons erschuͤtterte/ oder gar wa- ckelnd machte. Und sein maͤchtiger Fuͤrst der Burier wuͤrde der erste seyn/ der den Degen zuͤ- cken/ und dem ermordeten Britton mit den Flammen seines Landes zu Grabe leuchten wolte. Alleine weder dieses Einreden noch Draͤuen verfieng bey denen etwas; welche bereit in die- sem Wercke so weit kommen waren/ dessen Aus- fuͤhrung ihnen keine groͤssere Gefahr zuzoh/ als der bereits gemachte Anfang/ und die nicht so wol dem Fuͤrsten Britton/ als der Freyheit des Volckes den Hals abzuschneiden beschlossen hatten. Ein schwaches Weib haͤtte gleichwol bey na- he den letzten Tag das gantze Trauerspiel ver- aͤndert. Denn des Facksariff Eh-Frau/ wel- che von weitem dem Hertzoge Britton verwand war/ und auf die selbter bey ihrem freyledigen Stande ein Auge geworffen hatte; zohe ihr seine bevorstehende Ermordung tieff zu Her- tzen; beredete auch zwey der Kriegs-Haͤupter dahin: daß wenn anders ihr Eh-Herꝛ darein stimmte; sie durch Verwechselung des zu dem Blutgeruͤste bestimmten Kriegs-Volcks den Hertzog Britton auf die Seite zu bringen/ und zu denen Bastarnen zu fluͤchten huͤlffreiche Hand versprachen. Als sie diese gewonnen/ setzte sie des Nachts mit denen beweglichsten Lie- besbezeugungen/ und Vorstellung/ daß er sei- ne bißherigen Siege durch Errettung des ver- dammten Fuͤrsten allererst herꝛlich machen/ und den groͤsten Ruhm der Nachwelt erwerben wuͤr- de/ an Facksariff. Wiewol dieser nun einwarff: Es stuͤnde so wol sein/ als des Reiches Unter- gang auf der Wiedereinsetzung Brittons; er- klaͤrte sie sich doch: daß sie bloß um sein Leben/ nicht um seinen Fuͤrsten-Hut baͤte; dessen letztern sich Britton entweder selbst willig begeben/ oder Vermoͤge der Reichs-Gesetze verlustig machen wuͤrde/ wenn er mit des Kriegs-Volckes Vor- schub sich aus den Reichs-Graͤntzen verfuͤgte. Facksariff ward von der Liebe/ als der hoͤchsten Gesetzgeberin in Helden Gemuͤthern/ gezwun- gen sich dem Flehen seines mitleidenden Eh- Weibes zu bequemen. Allein es ward dieses gute Absehen abermahls gaͤntzlich verruͤckt. Denn Britton/ welchen Facksariff durch an- gestifftete Kriegs-Leute ausforschen ließ: Ob er wol gegen Gewinn seines Lebens sich der Her- zoglichen Wuͤrde zu enteussern entschluͤssen koͤn- te; verwarff diese Vorschlaͤge/ fuͤrschuͤtzende: Ohne Schuld gewaltsam sterben/ waͤre ein blosser Zufall; sein Leben aber mit schimpflichen Bedingungen retten/ ein Selbst-Mord seiner Ehre. Welche Entschluͤssung den Facksariff etwas stutzig machte. Nichts desto weniger gieng er noch fuͤr Tage nach Hofe/ und fragte die zwey oben von seiner Ehfrauen gewonnene Kriegs-Obersten: was sie von dem bevorstehen- den Trauer-Spiele hielten? Diese unwissende: Ob seme Eh-Frau bey ihm fuͤr den Hertzog was ausgerichtet haͤtte/ antworteten allein: Es waͤre alles zur Hinrichtung fertig; und/ wie in seiner Hand Brittons Leben und Tod bestuͤn- de; also wartete man nur auf ihn/ wenn er die Losung geben wuͤrde. Facksariff/ welcher nicht in einer so lange berathenen Sache zum ersten eine Veraͤnderung zeigen wolte; versetzte: daß er niemals was ohne sie geschlossen haͤtte; und also Brittons Tod nichts minder von dem Fademe ihres/ als seines Willens hienge. Einer der Kriegs-Obersten begegnete ihm: das Urthel waͤre Arminius und Thußnelda. waͤre gesprochen/ nun fragte es sich um die Vollziehung. Fack sariff/ dem seine hierinnen allzu vorsichtige Eh-Frau nicht vertrauet hatte: daß sie diese zwey Obersten auf ihre Seite ge- bracht haͤtte/ fieng aus geschoͤpfftem Mißtrau- en sein Vorhaben durchzubringen; und weil er ohne diß den Marbod in Saal treten sahe/ aus Verdruß an: So sterbe er denn. Fuͤgte sich hiermit ins innere Gemach; Die zwey Obersten aber wusten nichts ferner zu thun; kamen auch daruͤber in Gedancken: Es waͤre Gottes Wille nicht: Daß Britton bey Leben bliebe. Daher ward Britton alsbald auf eine schwartz beschlagene Trauer-Buͤhne gestellt/ und auf einen s eidenen Stul gesetzt/ den toͤdtlichen Streich zu empfangen. Gleich als wenn das Gepraͤnge Laster zu rechtfertigen vermoͤchte/ oder die aufgeputzte Grausamkeit weniger eine Unholdin waͤre/ als die nackte/ und der Blutschreyer auf Tapezereyen eine an- nehmlichere Stimme/ als auf Stein oder Ra- sen haͤtte. Britton verlohr also mit einem Strei- che seine Herꝛschafft und sein Haupt/ aber nicht die Obmaͤßigkeit seines Hertzens/ und den Muth itzt so standhafft dem Tode/ als vorher dem Gluͤcke in die Augen zu sehen. Sein Leib ward zwar gebalsamt und kostbar begraben; Gleichwol aber zu seiner mehrern Beschimpf- fung/ als mit aͤrgerlichen Seuchen behafftet/ ausgeschrien. Nach ihm wurden noch fuͤnff Marckmaͤnnern hoher Ankunfft/ die fuͤr seine Errettung die Waffen ergrieffen hatten/ gleich als wenn ein so grosser Baum nicht ohne Zer- schmetterung vieler Aeste fallen koͤnte/ zugleich die Haͤupter abgeschlagen. Wiewol nun ihrer viel den itzt erblasten Fuͤrsten Britton fuͤr dem Streiche des Scharffrichters mit den Augen getoͤdtet hatten; vermochte doch die Grausam- keit nicht zu verhindern: daß das meiste Volck/ dem das Schwerdt ehe durch die Seele/ als dem Britton durch den Hals gieng/ mit bittern Thraͤnen seinen Fuͤrsten beweinte/ die Moͤrder aber bey der Goͤttlichen Rache verklagte. Ja Facksarif selbst muste wiedeꝛ seine Einwilligung hierbey in der Klage gehn. Denn seine Gemah- lin/ welche fuͤr den Hertzog Britton umsonst sich bemuͤhet hatte/ graͤmte sich uͤber seiner Hinrich- tung zu tode. Hingegen ließ der Reichs-Rath fuͤr hoͤchste Verraͤther ausruffen: Da iemand sich wuͤrde geluͤsten lassen nur in Berathschla- gung zu ziehen: Ob ein ander Fuͤrst uͤber die Hermundurer herꝛschen solte. Nach dem auch viel aus dem Poͤfel sich der hoͤchsten Gewalt theilhafftig gemacht hatten/ diese aber wol wu- sten: daß der Adel nicht allein neuen Leuten/ wie tugendhafft sie sich auch erzeigen/ allezeit uͤber Achsel; sondern auch nach der Koͤniglichen Gewalt ins gemein luͤstern waͤren; stiessen sie allen hohen Adel aus dem Reichs-Rathe; und besetzten den neuen groͤsten theils mit denen ge- wesenen Kriegs-Haͤuptern; hoben auch theils um seine Kraͤfften zu vermindern/ theils aller abgestatteten Gewogenheit zu gewinnen das Vorrecht der Erstgebohrnen in Erbschafften auf. Welche hefftige Veraͤnderung zwar an- fangs von den Staats-klugen fuͤr eine Mutter eines buͤrgerlichen Krieges gehalten/ endlich a- ber befunden ward: daß das Volck/ welches ins gemein aus allen Neuerungen ihm guͤldene Berge verheisset/ mit hoͤchstem Frolocken die neue Herꝛschens-Art billigte. Viel anders aber nahmen die Marckmaͤn- ner und Sedusier diese Neuerung auf. Denn sie erklaͤrten den funfzehnjaͤhrigen Fuͤrsten Ju- bill Brittons Sohn fuͤr ihr Oberhaupt. Alleine das Verhaͤngnuͤß schien sich gleichsam gantz wieder Brittons Hauß verschworen zu haben. Denn Marbod/ dessen groͤste Sorgfalt nun- mehr war das Hefft des Kriegs-Volckes aus seinen Haͤnden in keine fremde mehr kommen zu lassen/ brach bey den Sedusiern ein; eroberte ihre beste Festung mit stuͤrmender Hand; und ließ alles/ was Waffen tragen konte/ erwuͤrgen. Dieser gluͤckliche Streich eroͤffnete alle andere Festun- Siebendes Buch Festungen. Also machte ihn das Gluͤcke zum Meister/ der Staats-Rath aher zum Landvogt uͤber alle Laͤnder der Sedusier/ ja zum hoͤchsten Haupte uͤber der Hermundurer Kriegs-Heere/ und hiermit auch uͤber den Staats-Rath selbst. Denn wer einem andern die Waffen uͤber gie- bet/ enteussert sich zugleich seiner Herꝛschafft. Nach dem aber inzwischen Hertzog Jubil mit denen Marckmaͤnnern voͤllig verglichen war/ und sie zu ihrer und Jubils Versicherung eine ziemliche Kriegs-Macht versamlet hatten/ fiel Marbod mit seinem des Sieges gewohntem Heere bey den Marckmaͤnnern ein; welche er deßwegen fuͤr Feinde der Hermundurer zu er- klaͤren sich berechtigt hielt; weil sie des alten Bundes vergessen/ ihren Tod-Feind Jubil in ihre Schoos aufgenommen/ und denen Her- munduren aufzuhalsen so viel Waffen versam̃- let haͤtten. Marbod aber haͤtte bey nahe durch seine aus vielem Gluͤcke erwachsene Verwegen- heit seine gantze Schantze versehen. Denn weil er zu tieff ins Feindes Land ruͤckte/ ward er in einem Thale rings um von den Marckmaͤn- nern umsetzt/ und sein Heer in verzweiffelte Hungers-Noth gestuͤrtzt. Alleine diese war die Ursache seiner Wolfarth. Denn es ist kein zum Siege dienlicher Gewehre/ als die Nothwen- digkeit zu Siegen. Hingegen war die Sicher- heit der Marckmaͤnner Verterben. Denn als diese sich es am wenigsten versahen/ machte Marbod an der einen Enge des besetzten Ge- buͤrges einen blinden Lermen/ fiel aber an der andern mit so grosser Tapfferkeit an: daß er nicht alleine mit seinem Heere aus dem Ge- draͤnge kam/ sondern auch die Marckmaͤnner aus dem Felde schlug/ und fast alles Fuß-Volck mit dem Kriegs-Geraͤthe in seine Haͤnde be- kam. Als Marbod nun hierauf mit Einneh- mung der Staͤdte beschaͤfftiget war/ zohe der tapffere Jubil die eusseꝛsten Kraͤften der Marck- maͤuner zusammen. Mit diesen ruͤckte er zwar dem Marbod entgegen; aber er ließ sich in kein Treffen ein; sondern suchte vielmehr Gelegen- heit bey ihm vorbey zu gehen/ und bey denen Hermundurern einzudringen/ in Hoffnung: daß er daselbst grossen Anhang finden wuͤrde. Alleine ihm begegnete ein frisches Kriegs-Heer/ und Marbod gieng mit seinem ihm in Ruͤcken; Hingegen verschmeltzte sein Volck wie der Schnee. Wie er sich nun dergestalt zwischen Thuͤr und Angel sahe/ muste er dem Feinde ge- zwungen eine Schlacht lieffern. Welcher Zwang schon eine Erkaͤntniß seiner Schwaͤche/ und eine Wahrsagung des Verspielens ist. Gleichwol fochte er so tapffer: daß er an seiner Spitze den Feind zweymahl in Unordnung brachte/ und den Marbod in Schenckel ver- wundete. Der Marckmaͤnnische Adel that gleichfals das eusserste; weil nichts minder die Verzweiffelung als die Tapfferkeit in ihren Haͤnden die Waffen schaͤrffte. Aber endlich wurden sie doch uͤbermannet; und wiewol ihrer wenig von der Wallstatt entkamen/ entrann doch Hertzog Jubil nach dreyen in der Schlacht eingebuͤsten Pferden durch eine wunderseltzame Flucht und viel Wildnuͤße in das Gebiete der Burier. Diesem Hauptverluste folgte auf des klugen und wachsamen Marbods Seiten die Uberwaͤltigung des gantzen Marckmaͤnnischen Gebietes; und musten alle grosse Gefangenen zum grausamen Schrecken der kleinern uͤber die Klinge springen; Gleich als wenn Mar- bods Haupt ohne Abhauung aller hohen Koͤpfe nicht genung sichtbar seyn koͤnte. Ja diese un- gemeinen Siege Marbods setzten die Macht der Hermundurer in so grosses Ansehen: daß/ ob wol Fuͤrsten freyen Herꝛschafften stets einen heimlichen Haß nachtragen; und so viel be- nachbarte Herzog Jubils nechste Bluts-Fꝛeun- de worden/ die Cherusker und Catten auch in- zwischen dem Drusus einen gewaltigen Streich versetzt hatten/ keiner doch das Hertze hatte fuͤr ihn einigen Degen zu zuͤcken. Die Alemaͤnner verehrten den Staats-Raath zum ersten mit einer Arminius und Thußnelda. einer praͤchtigen Gesandtschafft. Diesen folgten a uch die Catten/ und insonderheit der maͤchtige Koͤnig der Lygier/ der nach gehaltener langen Berathschlagung ihm so gar Bruder und Vet- ter zuschrieb. Weil die Staats-Klugheit nur die Gluͤckseligen kennet; und bey abgesehenem Nutzen auf gewisse Zeit auch derer Bluts- Freund sich ruͤhmet/ die ihr mit keiner Ader zu- gethan sind/ und dieselben umhalset; derer Hals gleich Morgen an die Kette/ der Kopff aber auff den Pfal kommen soll. Die Cherusker und Bo- jen alleine hatten Bedencken sich derogestalt zu verkleinern; wiewol ihre Beschaffenheit sie auch hemmete gegen den Marbod einen unzeitigen Eyfer auszulassen. Also ist das Gebluͤte gegen dem Feuer der Ehrsucht Eyß-kalt; und der ab- gesehene Vortheil ist der Grund und die Zer- treũung der meisten Freundschafft; ja die Spil- le/ um welche sich alles Thun der Menschen windet und verwickelt. Jnsonderheit aber ha- ben Fuͤrsten keine Bluts-noch andere Freunde. Denn wie sie uͤber Voͤlcker gebieten/ also gebeut der Vortheil uͤber die Fuͤrsten. Ja diesem gros- sen Thiere gehorsamen alle Menschen. Wiewol nun die Hermundurer derogestalt ohne Feind waren/ wolte doch Marbod nicht ohne Kriegs-Macht seyn; ließ sich auch oͤffent- lich im Staats-Rathe aus: daß wenn eine Herꝛ- schafft des Volckes nicht in ihren eigenen Ein- geweiden wolte Wuͤrmer hecken; muͤste sie selb- te den Nachbarn in Busem setzen. Weil nun nichts leichters ist/ als eine Ursache des Krieges zu finden; rieth er: daß/ nach dem die Bojen von etlicher Zeit her sich des denen Hermundu- ren zustaͤndigen Hercynischen Gebuͤrges ange- mast/ denen Roͤmern das Goldwaschen in denen Baͤchen/ und die Ertzt-Gruben theuer vermie- tet haͤtten; sie diesen Eingriff den Bojen unter- sagen/ und den Vortheil selbst an sich ziehen sol- ten. Critasir der Bojen Hertzog wolte diesen Nutzen so schlechter Dings nicht aus den Haͤn- den lassen; schuͤtzte also der Bojen alten Besitz und Genuͤß des Hercynischen Gebuͤrges fuͤr/ und daß sie diese verborgene Schaͤtze der Natur als die ersten Erfinder ihnen mit Rechte zueig- neten. Marbod aber versetzte: Die Hermun- durer haͤtten das Nordwestliche Theil des Her- cinischen Gebuͤrges lange fuͤr den Bojen be- holtzet/ befischet/ bejaget; und mit allen seinen offenbaren und verborgenen Nutzbarkeiten ei- genthuͤmlich besessen; daher waͤre ihr juͤngerer Besitz ein Eingriff; und koͤnte die Erfindung einer schon von einem andern besessenen Sache selbten nicht rechtfertigen. Hierbey aber b e - ruhte Marbod nicht/ sondern weil er wol wuste: daß zwischen Fuͤrsten ein gewaffnetes Heer der beste Sach-Redner/ und der Degen das einige Messer waͤre den Zanck-Apffel recht zu theilen/ oder den Gordischen Knoten aufzuloͤsen/ ver- sam̃lete er alle Kriegs-Macht zusammen. Weil aber gleichwol in dem Staats-rathe noch einige waren/ welche den Schatten ihrer Freyheit al- lererst erblickten/ als ihꝛ Bild schon fuͤr ihꝛen Au- gen veꝛschwundẽ war/ uñ wahrnahmen: daß mit diesem Kriege mehr ihre/ als der Bojen gaͤntzli- che Unterdruͤckung angezielet wuͤꝛde; und Mar- bod nunmehr mehr als den Koͤnig spielte; lies- sen sie an ihn eine Bittschrifft ab: Er moͤchte das durch langen Krieg abgemer gelte Volck ein we- nig verblasenlassen/ und mit ihren treuen Nach- barn und alten Bund genossen den Bojen lieber einen billichen Vergleich treffen/ darzu sie sich schon mehrmahls erboten haͤtten. Die Hofnung viel zu gewinnen/ oder ein uhraltes Besitzthum waͤre keine rechtmaͤßige Ursache. Deñ so wuͤrde keine Herꝛschaft in der Welt ohne Anspruch/ und diese nie ohne Krieg seyn; weñ die Verjaͤhrung nicht so wol in Laͤndeꝛn/ als in Gꝛuͤnden der Un- terthanen statt finden solte. Auch wuͤrden Reiche mit ihrer Erweiterung nicht allezeit verstaͤrcket; sondern zwar ihre Graͤntzen/ nicht aber ihre Kraͤfften vergroͤssert. Sonderlich aber stuͤnde der Zusatz mehrer Laͤnder freyen Voͤlckern nicht an; welche ohne Wachsthum ihren Nachbarn Erster Theil. Y y y y y y schon Siebendes Buch schon gewachsen waͤren. Denn weil die uͤber- wundenen Staͤdte grosse Besatzungen/ diese a- ber ansehnliche Mittel doͤrfften; waͤre dieser Gewinn den Uberwindern eine Buͤrde/ und eine Aussaugung der Unterthanen/ welche vor- her schon so viel Gut und Blut zu dem verterb- lichen Obsiege beygetragen haͤtten. Selten stuͤn- den die reichsten Landschafften/ die man dem Feinde abnaͤhme/ fuͤr die Muͤh und Kosten/ am wenigsten fuͤr das theure Menschen-Blut/ wel- ches nicht gegen Gold auszuwaͤgen/ auch mehr eine Tinte der Ehrsucht/ daraus die Krieges- Haͤupter ihre Siegs-Fahnen faͤrben/ als eine Tingung der Reiche/ und ein Schmaltz der Laͤnder waͤre. Jhr Besitz ziehe bey den Nach- barn Neid/ bey den Uberwundenen Haß/ bey den Freunden Mißtrauen/ bey den Buͤrgern Argwohn nach sich. Derselben Erhaltung er- schoͤpfte das Vaterland an Volck und Mitteln; waͤren also krebsfraͤßige Glieder/ welche man von dem Leibe des Reiches abschneiden solte; o- der dem jenigen Fische gleich/ der dem/ welcher ihn mit dem Hamen fienge/ die Hand starrend machte. Ja endlich waͤre ihr Verlust kostba- rer/ als die Gewinnung. Die Landvoͤgte ver- gaͤssen bey ihrer Botmaͤßigkeit: daß sie Buͤrger waͤren/ und verlernten die noͤthigste Tugend des Gehorsams. Da aber Marbod ja auf seiner Meynung bestuͤnde; solte man zum minsten nach der unter dem Fuͤrsten gewoͤhnlichen Art vor die Landstaͤnde daruͤber vernehmen/ als wel- che im Kriege zwar das meiste zu verlieren/ aber das wenigste zu gewinnen haͤtten. Marbod trug diese wolgemeinte Erinnerung als eine Verraͤtherey den Kriegs Haͤuptern fuͤr/ durch welche der Rath sie eines ruhmwuͤrdigen Sie- ges/ das Vaterland eines ansehnlichen Auff- nehmens/ die Kriegs-Leute der fetten Bojischen Aecker/ wegen welcher ihre Vor-Eltern zu kriegen iederzeit fuͤr Recht gehalten haͤtten/ be- rauben; ja durch den Frieden ihnen die Waffen aus den Haͤnden spielen/ und weil der gemeine Kriegs-Mann selten was mehres/ als Narben des Leibes/ und Laͤhmde der Glieder mit aus dem Kriege braͤchte/ sie zu armseligen Tageloͤh- nern machen wolte. Kriegs-Leuten waͤre die aͤrgste Schande durch Schweiß er werben/ was sie durch Blut haben koͤnten. Welches sie aber wenig kosten wuͤrde; weil die Bojen in ihrem fruchtbaren Lande bey dem Wolleben alle Kriegs-Ubungen vergessen; der hohe Adel die gemeine Ritterschafft/ die besten Vormauern eines Reiches mit ihren Guͤtern gleichsam ver- schlungen haͤtten; ja sie selbst mit einander in ei- tel Mißverstaͤndnuͤße lebten. Einem schlaf- fendem Loͤwen und einem abgedanckten Sol- daten traͤten auch die Hasen auf die Fersen/ und der geringste aus dem Poͤfel wolte an ihnen zum Ritter werden. Fern und ungelege n e Laͤnder zu bemeistern waͤre freylich wol nicht rathsam; und haͤtte so wol Carthago mit Bese- tzung so vieler fernen Laͤnder/ als Athen durch Anfallung Siciliens seine dem Hertzen noͤ- thige Lebens-Geister in die eussersten Glieder unvorsichtig zertheilet/ und dardurch jene ih- ren Untergang befoͤrdert/ diese auf einmahl ih- ren achzigjaͤhrigen Gewinn verspielet; hinge- gen waͤren beyde Meister in der See/ und in hoͤchster Bluͤte gewest/ als Athen sich mit den Grichischen Eylanden/ Carthago mit den fe- sten Lande in Africa vergnuͤget haͤtten. Die Roͤmer haͤtten ihrer Ausbreitung kein Ende gemacht; wiewol sie Fuß fuͤr Fuß fortgeruͤckt/ uͤber Jtalien vierhundert Jahr zubracht/ und bey der scheinbarsten Gelegenheit nichts uͤber- sprungen. Diese haͤtten bey ihrer buͤrgerlichen Herꝛschafft das meiste/ und mehr als niemahls kein Koͤnig gewonnen. Fuͤrsten waͤren sterb- lich/ Voͤlcker aber blieben ewig/ waͤren keiner unwissenden Minderjaͤhrigkeit/ keinem ohn- maͤchtigen Alter/ wegen Vielheit der Augen keinen blinden Jrrthuͤmern unter worffen; haͤt- ten zwar/ wie Koͤnige uͤber ihre Bedienten/ aber nicht uͤber ihre herꝛschsuͤchtige Kinder zu eyfern. Weil Arminius und Thußnelda. Weil nun denen Hermundurern und Marck- maͤnnern nichts vortraͤglicher und leichter waͤ- re/ als das fast rings herum mit einem Krantze feste Gebuͤrge umgebene/ und biß an den gros- sen Donau-Strom reichende Land der Bojen einzunehmen/ stellte er zu der Kriegs-Haͤupter Nachdencken: was sie wieder den schaͤdlichen Rath fuͤr sich und das Vaterland gutes ent- schluͤssen wolten. Die Kriegs-Haͤupter/ welche freylich wol den Sieg/ niemahls aber Friede verlangen/ stimmten nicht allein in den Krieg wieder die Bojen; sondern weil sie doch kein an- staͤndiger Oberhaupt als den Kriegrischen Marbod zu hoffen hatten/ machten sie unter sich ein eydliches Buͤndnuͤß ihn auf den Stul des ermordeten Brittons zu heben; weil doch die Sitten der Hermundurer und Marckmaͤnner die buͤrgerliche Herꝛschafft nicht vertragen koͤn- ten. Marbod vernahm ihren Schluß mit der hoͤchsten Gemuͤths-Vergnuͤgung; gleichwol aber verhuͤllete er seine Begierde mit dem Scheine einer bestaͤndigen Weigerung eine solche Last zu uͤbernehmen/ welche seinen Ach- seln zu schwer/ vielen Zufaͤllen unterworffen/ seinen Feinden zur Verlaͤumdung/ und tausend Neidern zum Ziel ausgesteckt waͤre; ja auch bey vielen seiner Freunde einen Schein gewinnen doͤrffte/ samt er zeither nicht fuͤr das Volck/ son- dern fuͤr seinen Ehrgeitz gefochten/ und nur mit Emporschwingung seiner Niedrigkeit ihre Freyheit selbst zu unterdruͤcken suchte. Die Kriegs-Obersten aber hielten ihm ein: Seine Achseln waͤren allein faͤhig diese Last zu uͤber- nehmen. Daher solte er dem gemeinen Wesen nicht miß goͤnnen/ was seine Thaten selbtem fuͤr- laͤngst ver sprochen haͤtten. Es waͤre keine grosse Sache ein Fuͤrst gebohren seyn; aber wol/ durch Tugend sich zum Fuͤrsten machen. Niedrige Ankunfft waͤre nichts verkleinerliches; sondern nur/ wenn man sich aus derselben nicht empor heben wolte. Der waͤre schon zum Aufsteigen faͤhig und groß genung/ der nur die/ welche sei- nes Standes waͤren/ uͤbertraͤffe. Ein grosser Berg wuͤrde fuͤr klein geachtet gegen einem groͤssern/ und ein Weitzen-Korn groß gegen andere gemeiner Groͤsse. Die Freyheit lidte unter einem tugendhafften Fuͤrsten wenigern Abbruch/ als unter hundert zwistigen Raths- Herren. Daher waͤre es des Volckes Heil/ wenn einer die Herꝛschafft an sich risse/ welche von vielen Gebietern in Verwirrung miß- braucht und zerstuͤckt wuͤrde. Diß waͤre kein Werck eines Wuͤtterichs; sondern eine Unter- werffung gemeiner Zwytracht unter die Einig- keit eines Fuͤrsten. Es nehme dem Volcke nicht seine Freyheit/ sondern es wickelte sie nur aus den Verwirrungen vieler herꝛschsuͤchtiger Len- te. Den Unterthanen waͤre leichter einem/ als vielen gehorsamen; und denen Gesetzen waͤre mehr geholffen durch einen/ der sie ausuͤbte/ als durch hundert/ die sie durch ihre Auslegung vertunckelten. Also dorffte es noch viel Bit- tens und heisser Thraͤnen/ den Marbod zu dem zu ber eden/ was er wieder Willen des Volckes schon fuͤr laͤngst an sich gerissen hatte. Das Kriegs-Heer ruͤckte hierauf alsofort nach Cale- gia/ hob den Staats-Rath auf/ erklaͤrte den Marbod nicht nur fuͤr einen Fuͤrsten/ son- dern/ weil der alten Hertzoge Titel ihm zu verkleinerlich war/ fuͤr einen Koͤnig der Her- mundurer/ Marckmaͤnner und Sedusier. Al- les diß geschahe mit groͤsserm Gepraͤnge/ als vorhin keinem Fuͤrsten geschehen war; welches dardurch nicht geringen Glantz bekam: daß Kayser August ihm zugleich eine guͤldene Kro- ne/ einen Purpur-Rock/ einen Helffenbeiner- nen Stul/ und einen mit edlen Steinen ver- setzten Degen uͤberbringen ließ. Marbod/ nach dem ihm alle Staͤnde den Eyd der Treue abgelegt/ alle hohe Aempter mit seinen Ge- schoͤpffen/ und denen/ welche zur Dienstbarkeit die groͤste Zuneigung bezeugten; in sonderheit a- ber mit seinen Landesleuten den Marckmaͤn- nern besetzt hatte/ brach an zweyen Orten bey Y y y y y y 2 den Siebendes Buch den Bojen ein. Hertzog Critasir lebte daselbst mit den Bojischen Staͤnden in hoͤchstem Miß- verstaͤndnuͤße; weil er seiner Gemahlin Gangoza einer Fuͤrstin der Lygier gleichsam alle Gewalt eingeraͤumt/ und insonderheit alle Ehren-Aempter zu verkauffen verstattet hatte. Dahero waren sie weder durch den Ruff der sich naͤhernden Gefahr/ noch durch ihres Fuͤr sten bewegliche Erinnerung zur Gegenbereitung zu bewegen; also: daß es einem geheimen Ver- staͤndnuͤsse zwischen dem Koͤnige Marbod und den Bojen nicht unaͤhnlich schien. Welche Muthmassung dardurch mercklich bestaͤrckt war: daß Marbod einen der fuͤrnehmsten Bo- jen bey sich zum geheimen Rathe hatte/ welcher deßwegen aus Critasirs Gebiete gewichen war; weil der Koͤnig ihn: daß er mit seiner Gemah- lin Gangoza/ hingegen Gottschalck/ also hieß dieser Ritter/ Critasirn beschuldigte: daß er mit seiner Frauen allzu vertraͤulich lebte; fuͤrnehm- lich aber: daß so bald Marbod uͤber das Hercy- nische Gebuͤrge ohne den geringsten Wieder- stand kam/ nicht nur etliche tausend von dem hohen Adel unter gedruͤckte Ritters-Leute/ son- dern auch viel der groͤsten Herren zum Mar- bod ins Laͤgeꝛ kamen/ und sich unter seine Kriegs- Fahnen stellten. Ja der Bojen Zulauff mehr- te sich derogestalt: daß sie an der Zahl staͤrcker/ als seine eigne Kriegs-Leute waren; und daher er jene guten theils ausmustern/ und sie unter allerhand Schein dort und darhin verbr auchen muste. Alle feste Plaͤtze brachten ihm die Schluͤs- sel entgegen; die Haupt-Stadt Boviasmum wehrte sich allein acht/ und die Stadt Casur gis fuͤnff Tage. Hertzog Critasir selbst gieng ent- weder aus Verdruß: daß ihn seine Untertha- nen gantz huͤlfloß liessen/ oder weil er ohne diß alt war/ und keinen Reichs-Erben/ ja wol gar seine Herꝛschafft niederzulegen im Sinne hat- te/ aus dem Lande in das dem Feldherꝛn Segi- mer zustehende Gebiete der Quaden; und fahe aus der Stadt Celemantia der Uberwindung seines Landes gleichsam ohne Empfindligkeit des Gemuͤthes und ohne Ruͤhrung einiger Hand zu. Also ist die Unempfindligkeit eines Fuͤrsten einem Reiche eben so schaͤdlich/ als die uͤbermaͤßige Herꝛschenssucht. Denn wie diese die Laͤnder einaͤschert; also laͤsset sie jene durch Erfrierung vergehen. Wie die Natur die Em- pfindligkeit/ als ein Erhaltungs-Mittel/ allen Thieren eingepflantzet hat; also eignet sie die Staats-Klugheit den Fuͤrsten ein. Denn wel- chen nicht der Verlust seiner Unterthanen in der innersten Seelen beist/ dessen Reiche faͤllet ein Glied nach dem andern/ als erfroren weg/ der kalte Brand aber frißt endlich biß zum Her- tzen/ und reibet es gar auf. Welche Kranckheit ins gemein in Wahl-Koͤnigreichen/ oder wo ein Fuͤrst nicht vererbt ist/ uͤberhand nimmt. Denn viel/ welche gleich nicht aus innerlicher Groß- muͤthigkeit fuͤr ihre Laͤnder wache waͤren/ wecket die Kinder-Liebe auf: daß sie mit ihrem Erb- theile auch fuͤr das Vaterland sorgen. Marbod hingegen wol wissende: daß ge- schwinder Einfaͤlle gantze Krafft in der ersten Hefftigkeit bestehe/ und daß die Spitzen/ welche nicht durchgehen/ nur stumpff werden; schmie- dete das Eisen weil es warm; und seiner Fein- de Hertz kalt von Furcht war; ruhete Tag und Nacht nicht/ sondern machte sich in wenigen Wochen zum voͤkligen Meister uͤber die Bojen. Er selbst wuste sich in die Ubermaaß seines Gluͤ- ckes nicht zu finden; dessen Hefftigkeit nichts minder den Verstand/ als allzugrosser Glantz die Augen verblaͤndet. Daher er denn in Befe- stigung seiner Herꝛschafft nicht allenthalben sei- ne gewohnte Klugheit fuͤrkehrte; insonderheit aber denen freymuͤthigen Bojen allzu scharffe Gesetze aufbuͤrdete; und durch Erbauung eines starcken Schlosses zu Boviasmum und Casur- gis entweder sein Mißtrauen zu ihnen/ oder sei- ne Anstalt ihnen ein Gebieß anzulegen vermer- cken ließ. Weil ihm einer seiner Kriegs-Ober- sten rieth: Es sey sicherer einem die Haͤnde bin- den: Arminius und Thußnelda. den: daß er nicht schaden koͤnne/ als sein Ge- muͤthe gewinnen: daß er uns gewogen werde. Da doch ein Uberwinder neue Voͤlcker durch nichts besser/ als wenn er alles im alten Stande laͤst/ im Zaum halten kan; weil sie sodenn nicht so wol eine neue Herꝛschafft empfinden/ als des vorigen Fuͤrsten Geist in einem andern Leibe sehen. Weil nun in edlen Gemuͤthern die groß- muͤthigen Regungen mehr schlafen als gestor- ben seyn/ und bey eusserster Noth wie die im Winter erstarrten Schlangen am Fruͤhlinge lebhafft werden; standen in einem Tage die Bo- jen durch ihr gantzes Land wieder den Marbod auf; uͤberfielen seine Besatzungen; ja ihn selbst umringten sie unter dem Sudetischen Riesen- Gebuͤrge/ dahin er unter dem Scheine den Brunnen der Elbe zu beschauen/ in Warheit a- ber der benachbarten Marsinger Zustand aus- zuforschen verreiset war. Marbod haͤtte sich ehe des Himmelfalls/ als eines Feindes verse- hen/ als Gottwald/ ein junger und hertzhaffter Ritter mit tausend Mann ihn in einem Walde an einem Furth uͤberfiel. Ob er nun wol mehr nicht/ als hundert bewehrte Leute bey sich hat- te/ munterte er doch durch seinen Zuruff und Beyspiel die Seinigen zu einer hertzhafften Gegenwehr auf. Marbod und Gottwald geriethen selbst an einander. Wie nun jener die gemeinen Schrancken menschlicher Tugend zu uͤbertreffen sich bemuͤhte/ um den erlangten Ruff: daß er mehr/ als ein Mensch waͤre/ zu be - halten/ und in einer Stunde nicht zu verlieren/ was er durch so viel Jahre durch Schweiß und Blut kaum erworben hatte; also hatte der kuͤh- ne Gottwald bey sich beschlossen: daß diesen Tag sein Schild entweder sein Grabe- oder der Freyheit Grund-Stein fuͤr die Bojen/ ihm aber eine Staffel der Ehren und Gluͤckselig- keit seyn solte. Marbod verletzte Gottwalden zwar mit einem Wurff Spieße in den rechten Schenckel; aber diese Wunde nahm ihm nicht so viel Kraͤfften/ als der Eyver hieruͤber seiner Tapfferkeit beysetzte. Dahero traff er den Mar- bod mit einer Lantze so hefftig: daß selbte zwischen dem Gelencke des Harnisches durch die lincke Achsel gieng. Marboden entgieng zwar hier- uͤber nicht wenig Blut/ aber das wenigste von seiner Hertzhafftigkeit. Jnzwischen aber/ weil die Bojen durch das Gehoͤltze denen Hermun- durern und Marckmaͤnnern in Ruͤcken kom- men waren/ lidten sie wegen ihrer Wenigkeit allenthalben Noth; also: daß Marbod/ der nun seinen Unter gang fuͤr Augen sahe/ noch einmal sein eusserstes wagte; und nach dem er zwey Bojen zu Bodem geschlagen/ einen verzweiffel- ten Streich auf den Ritter Gottwald thaͤt/ und ihm seinen Schild mitten entzwey theilte/ ihm auch vollends noch was gefaͤhrlichers beybracht haͤtte/ wenn ein Bojischer Edelmann/ der her- nach hiervon den Nahmen Nothhafft bekam/ selbten nicht versetzt/ und also fort Gottwalden seinen Schild eingehaͤndigt haͤtte. Hieruͤber aber verlohr Marbod sein Pferd; ein Marck- maͤnnischer Ritter aber/ den Marbod hernach von dem Orte dieses Gefechtes zum ewigen Gedaͤchtnuͤße Tannenberg hieß/ versetzte in- zwischen alle feindlichen Streiche: daß er wie- der auf die Fuͤsse kam. Marbod/ Tannenberg/ Lichtenstein/ und etliche andere Marckmaͤnner machten ihnen durch das Gedraͤnge mit dem Degen gleichwol einen Weg zu einer dicken Hecke; wohin es mit den Pferden zu kommen unmoͤglich war; aber Marbod bekam hieruͤber noch drey gefaͤhrliche Wunden. Endlich kam die finstere Nacht ihnen zu Huͤlffe; Tannenberg und Lichtenstein aber; als inzwischen die uͤbri- gen Marckmaͤnner biß auff den letzten Bluts- Tropffen zwischen den Hecken die Bojen auffhielten/ kletterten an einem gaͤhen Berge hinauff/ und brachten ihn um Mitternacht zu einer felsichten Hoͤle. Wiewol sie sich nun nicht allerdings sicher schaͤtzten/ in dem sie um den Berg etliche hundert brennende Kien- Fackeln wie Jrr-Lichter schwermen sahen/ Y y y y y y 3 also Siebendes Buch also muthmasten: daß die Bojen den Koͤnig Marbod oder seine Leiche suchten/ musten sie doch daselbst verblasen/ weil der hald-tode und ohnmaͤchtige Marbod unmoͤglich weiter zu bringen war. Daher schlepten sie den Koͤnig Marbod in die Hoͤle/ zohen ihm seine Waffen aus/ und erquickten ihn mit etlichen Hand- volln Wasser aus einem dabey abrinnenden Quelle. Also ist doch niemand/ wie viel tau- send ihn gleich fuͤrchten muͤssen/ nicht immer der Furcht befreyet; und der maͤchtigste hat nichts minder von einem schwaͤchern Gefahr/ als aus einer kleinen Wolcke ein hefftiger Don- nerschlag kommet/ und ein verschlossener Wind gantze Gebuͤrge umdrehet. Der veraͤchtliche Gottwald brachte es derogestalt so weit; daß auf diesem hohen Gebuͤrge der maͤchtige Koͤnig Marbod so tieff verfallen muste. Und also er- eignet sich mehrmahls: daß dieselben sich kaum mit einem Loͤffel Wasser laben koͤnnen/ welche kaum vorher der Besitz etlicher Meere und hun- dert Fluͤsse nicht zu saͤttigen vermocht hat. Bey anbrechendem Tage wolte Lichtenstein aus der Hoͤle kriechen/ um den eusserlichen Zustand zu erkundigen/ und fuͤr ihre/ besonders aber Mar- bods Wunden einige Kraͤuter aufzusuchen. Wie er hiermit zuruͤck in die Hoͤle kam/ erblick- te er zu hinterste einen grossen sich empor he- benden Baͤren/ woruͤber er nach dem Degen grieff/ und einen hellen Gall anzuruffen fieng/ um den nicht ferne davon liegenden Tannen- berg zu ermuntern. Dieser sprang hieruͤber auch auf/ und wolten sie beyde sich an dieses wil- de Thier machen. Es kroch aber ein Eysgrauer mit einer Baͤren-Haut bekleideter Mann/ des- sen Bart ihm biß unter den Guͤrtel gieng/ hin- ter einem Felsen herfuͤr; und gab ihnen zu ver- stehen: daß wo sie fuͤr keinem Menschen sich et- was zu befahren haͤtten/ waͤren sie fuͤr diesem sonst grimmigen Thiere allerdings sicher. Wie nun aber Lichtenstein und Tannenberg ihre Degen nicht bald einsteckten; fuhr der Alte fort: Stehet ausser Sorgen/ ihr Fremdlinge/ wer ihr auch seyd/ ich stehe fuͤr aller Gefahr und Schaden. Denn nach dem die Menschen ge- lernet haben grimmiger zu seyn/ als wilde Thiere/ fangen diese an zahmer zu werden als die Menschen. Die dem Alten aus dem leb- hafften Antlitze sehende Redligkeit/ und seine andaͤchtige Gebaͤhrden verursachten bey beyden alsbald ein Ehrerbietiges Ansehen; und der Baͤr selbst streckte sich auf sein gegebenes Zei- chen demuͤthigst zu Lichtensteins Fuͤssen. Die- ser hingegen gruͤste den Alten nunmehr mit tieffer Verehrung als einen Halb-GOtt/ und bat um die Auslegung seiner vorigen Worte. Der Alte versetzte: Er sehe sie theils fuͤr seinen Fuͤssen/ theils truͤge er sie an seinem Leibe. Denn seine Kleider deuteten eine nicht geringe Ver- wundung an; solche aber haͤtte schwerlich ein reissender Baͤr oder Wolff/ sondern ein viel blutbegieriger Thier verursacht. Dieses waͤre der Mensch/ welcher biß zum zehenden Jahre einen Affen/ biß zum zwantzigsten einen Pfau- en/ biß zum dreyßigsten einen Loͤwen/ ins vier- zigste einen Fuchs/ ins funffzigste eine Schlan- ge/ biß ins Grab einen unersaͤttlichen und alles Ertzt verdauenden Strauß abbildete; oder viel- mehr iederzeit die Laster aller Thiere besaͤsse/ zehn Baͤren aber sich kaum mit der Grausam- keit eines Menschen betheilten. Ja weil kein Thier in sein eigen Geschlechte so wuͤtete/ wuͤrde die Welt sicher friedlicher/ die Erde weniger blutiger seyn/ wenn gleich Loͤwen/ Panther/ und Tiger-Thiere die Oberherꝛschafft der Welt be- haupteten. Es ist wahr/ antwortete Lichten- stein. Denn da wir in dieser Baͤren-Hoͤle nicht mehr Erbarmnuͤß finden/ wird die Grausam- keit gewiß noch unsern uͤbrigen Lebens-Athem ihr aufopffern. Erbaͤrmlicher Zustand der Menschen! ruffte dieser holdselige Alte/ wel- chem zugleich die milden Zaͤhren uͤber die Ba- cken lieffen/ und an seinem Barte wie Morgen- Thau haͤngen blieben. Warlich! wenn die Sonne Arminius und Thußnelda. Sonne so wol Ohren als Augen haͤtte; wuͤrde sie mehrmahls in ihrer eyffrigen Renn e bahn den Lauff hemmen/ und dem auf dem Miste dieser Welt winselnden Elende der Menschen Gehoͤre geben/ vielmahl auch auf ihre teuffeli- sche Boßheit an statt der fruchtbaren Stralen Hagel und Blitz ausschuͤtten muͤssen. Jhr ver- dammten Halb-Menschen/ die ihr unter Eng- lischen Gesichtern gifftige Scorpionen- Schwaͤntze und rasende Panther-Klauen ver- decket; die ihr vom Himmel deßwegen die Waffen der Vernunfft uͤberkommen zu haben vermeinet: daß ihr sie zu anderer Betrug und Blutstuͤrtzung gebrauchen koͤntet; gleich als weñ euch die Natur zu Priestern des Todes gezeu- get haͤtte! Wisset ihr nicht: daß die Welt ein angefuͤllter Kercker von Missethaͤtern sey/ wel- che das Verhaͤngnuͤß noch fuͤr ihrer Geburt durch ein unwiederrufliches Gesetze zum Tode verdammt hat; in dem ieder alle Augenblicke die Ausuͤbung des Urthels und die Art seiner Hinrichtung zitternde erwarten muß? Jst euch verborgen: daß die Zeit selbst der Scherge oder der Todten-Graͤber ist/ der euch auf dem vom Verhaͤngnuͤße ausgesteckten Wege uͤber Hals uͤber Kopff zum Grabe fortschleppet; und daß sie zwar zum Merckmahl/ wie geschwinde unser Leben verrauchet/ eine Sand-Uhr in der ei- nen; eine Sichel aber in der andern Hand traͤ- get/ welche uns unfehlbar abmeyet/ ehe wir es uns versehen; weil wir schon in der Wiege reiff zum Tode sind. Aber lasset mich durch meine Traͤgheit nicht auch in verdammliche Grau- samkeit verfallen. Hiermit machte der Alte dem noch sprachlosen Marbod die Kleider auf/ be- sahe seine Wunden/ wusch sie aus/ holete Kraͤu- ter/ zerquetschte sie zwischen zwey Steinen/ und verband sie darmit. Nichts anders verfuhr er mit dem Ritter Lichtenstein und Tannenberg. Um den Mittag brachte er ihnen zur Mahl- zeit allerhand Wurtzeln/ und in einem ausge- hoͤlten Steine ein annehmliches Wasser/ wel- ches er nahe darbey aus einem Sauerbrunnen geschoͤpfft hatte; den lechsenden Marbod aber erquickte er mit Himpel- und andern annehm- lichen Beeren; welche in Menge und unge- woͤhnlicher Groͤsse auf diesem Gebuͤrge wuch- sen. Seinen Baͤren schickte er auf die Jagt aus/ welcher taͤglich etwas von Wildpret ein- brachte; so der gute Einsiedler nach der ersten Welt Einfalt zurichtete; uͤbrigens aber seine Gaͤste derogestalt unterhielt: daß sie ihn fuͤr ih- ren Artzt/ ihren Verpfleger/ ihren Lehrer/ ja fuͤr ihren Vater ruͤhmen musten. Tannenberg und Lichtenstein geneseten in drey/ Marbod a- ber zu aller hoͤchster Verwunderung in acht Ta- gen von ihren gefaͤhrlichsten Wunden. Wor- auf der Einsiedler allererst nach ihrem Zustan- de/ und wie sie in diß Ungluͤck verfallen waͤ- ren/ fragte; weil er es anfangs zu thun deßwe- gen anstand: daß ein Mensch nach dem Bey- spiele der Sonnen/ welche uͤber Wolffs-Milch und Weitzen/ so wol uͤber die sie verfluchende Mohren als die sie anbetenden Persen ihre Strahlen ausschuͤttet/ ohne einigen Unter- scheid Boͤsen und Guten wolthun solle. Mar- bod/ welcher gleichwol nicht trauen wolte/ wer er waͤre/ zu entdecken; berichtete ihn: Sie waͤren Marckmaͤnnische Edelleute/ welche in Beglei- tung ihres Koͤniges von denen Bojen verraͤ- therisch waͤren uͤberfallen/ und also zugerichtet worden. Sehet ihrs nun/ sagte der Einsiedler: daß die Boßheit mit demselben Messer verwun- det werde/ welches sie vorher auf andere Haͤlse geschliffen hat. Marbod und ihr habt euch dieses Uberfalls halber weder zu verwundern noch zu beschweren. Denn habt ihrs den Bojen nicht vorhin aͤrger mitgespielet? Perill brennet nicht unbillich im gluͤenden Ochsen; den er vorher andern zur Pein ersonnen hatte. Wer aber sein Thun nach der Wagschale der Gerechtigkeit abwiegt/ hat sich fuͤr ihrem Schwerdte nicht zu fuͤrchten. Unsere ungezaͤhmte Begierden stuͤr- tzen uns nur von den Steinkluͤfften solcher ent- setzlichen Siebendes Buch entsetzlichen Zufaͤlle. Haͤtte Marbod/ dessen Leib der Himmel nicht begreiffen wuͤrde/ wenn er mit seinem Ehrsuͤchtigen Gemuͤthe gleicher Groͤsse waͤre/ sich nicht zum groͤsten Raͤuber der Welt/ und einem Moͤrder seines Herꝛen ge- macht; so haͤtte das erreitzete Verhaͤngnuͤß ihm keinen so sauern Blick gegeben. Ein tugend- hafft und vergnuͤgliches Leben ist der sicherste Ancker und der vollkommenste Gluͤcks-Stern. Wie tieffsinnig aber ist die Ehrsucht der Men- schen um ihr selbst weh zu thun; wenn sie alle Kreiße der Vergnuͤgung uͤbersteigt/ und alle Augenblick ihr in den Gedancken eine so hohe Gluͤcks-Staffel fuͤrbildet; die sie gar nicht/ oder nur mit ihrer Einaͤscherung erreichen kan! Wie zwinget sie ihr Verlangen so viel hoͤher/ als ihre Augen tragen/ und ihre Kraͤfften reichen. Ja wenn ein Herꝛsch suͤchtiger auch schon den ersten Tag auf dem Wagen der Sonne zu sitzen kaͤ- me; wuͤrde er doch Morgen schon in dem aller- hoͤchsten Kreiße die unbeweglichen Gestirne mit seinen Fuͤssen zermalmen wollen. Deñ ehe man sich einer Herꝛschafft bemaͤchtiget/ scheinet eine kleine groß/ nach ihrer Uberkommung aber auch die groͤste klein zu seyn. Dannenher GOtt gar billich der menschlichen Unersaͤttligkeit durch so viel ohnmaͤchtige Schwaͤchen die Fluͤ- gel verschnitten und verhangen hat: daß ein Knecht einem Fuͤrsten offt zum Meister werde; und eine Hand mit einem Funcken Feuer in ei- nem Augenblicke verterben koͤnne/ was hundert tausend in hundert Jahren gebaut haben. Jhr blinden Sterblichen! Wenn wird euch die Zeit oder euer Nachdencken die Larve vom Gesichte ziehen? wenn werdet ihr sehen: daß in der Tu- gend/ nicht in eusserlichem Gepraͤnge unsere Gluͤckseligkeit beruhe? daß wie viel leichter in einem kleinen Zirckel unser Augen-Maß den Mittel-Punct zu erkiesen wuͤste; also in nie- drigem Stande ehe/ als auf denen geschwancken Gipffeln hoher Wuͤrden die Ruhe des Gemuͤ- thes zu finden sey! Wenn werdet ihr das We- sen fuͤr den Schatten ergreiffen; und euer Ge- muͤthe mit Kost/ nicht mit Winde speisen? Jst es nicht Thorheit oder vielmehr Boßheit: daß der Mensch den Glantz der Tugend/ welcher die Stralen der Sonnen vertunckelt/ darum veraͤchtlich haͤlt; weil selbter eine Selbststaͤn- digkeit zum Grunde hat; und sich mit der Blaͤn- dung der Laster vergnuͤget; weil sie das Nichts der Eitelkeit zum Fusse haben. Die Weißheit haͤlt fuͤr das hoͤchste/ wenn sie was ist; darmit a- ber kein Gepraͤnge macht/ sondern ihre Dia- manten mit rauen Steinen/ ihren koͤstlichen Kern mit geringen Schalen verhuͤllet. Was nichts ist/ und nichts zu seyn scheinet/ wird bil- lich von Tugend und Boßheit verworffen. Aber in der Welt/ weil selbte voll von eitel leeren Dingen ist/ und eitel Einwohner hat/ die nir- gends weniger/ als in derselben wohnen/ haͤlt man fuͤr nichts/ was gleich scheinet/ und wahr- hafftig etwas ist; hingegen fuͤr das voll kommen- ste Wesen/ was nicht ist/ und nur einen Schein hat/ als wenn es etwas waͤre. Weil der Pape- goy zu reden scheinet/ hencken ihn Koͤnige in guͤldenen Kefichten in ihre herꝛlichsten Zim̃er/ und speisen ihn mit Zucker; wenn aber Epictet einen Redner abgeben wil/ schleust man ihm die eussersten Pforten fuͤr der Nase zu. Der grosse Alexander fand zwar beym Diogenes die Gluͤcksoligkeit/ und sein Faß warff den Schat- ten weit uͤber die Egyptischen Spitz-Seulen; dieser grosse Weltbezwinger aber wuste keinen Glantz diesem armen Weisen beyzusetzen; sondern er entzog ihm vielmehr die Stralen der Sonnen/ und beeintraͤchtigte die Vergnuͤgung seiner Niedrigkeit. Wenn Marbod in seinem ersten Stande blieben waͤre/ oder mit mir in dieser Hoͤle gleich seine Vergnuͤgung sehe; wuͤr- de er doch lieber nach der Lufft eiteler Ehre schnappen/ und inwendig gerne ein grausames Ungeheuer vieler Laster werden: daß er nur in den Augen der Eitelen ein Wunderwerck der Gluͤcks-Kinder seyn moͤge. Es ist zu erbarmen: daß Arminius und Thußnelda. daß Menschen sich vernuͤnfftige Thiere zu seyn ruͤhmen; da sie doch selten der Richtschnur der Vernunfft folgen; sondern ins gemein den Ab- saͤtzen ihrer rasenden Begierde nachhaͤngen; Unter welchen die Ehrsucht die grausamste ist. Alle andere Laster haben ihren Stillestand; die Schwelgerey wird ersaͤttigt/ die Wollust uͤber- druͤßig/ die Grausamkeit ermuͤdet/ der Zorn abgekuͤhlet; die Ehrsucht aber ist das Feuer/ welches von seiner Nahrung wol vergroͤssert/ keinmahl aber satt wird. Da doch eine weite Herꝛschafft die beschwerlichste Dienstbarkeit ist; und die/ welche uͤber viel tausend gebieten/ nicht Herꝛen uͤber sich selbst sind; in welchem letztern doch die eigentliche Herꝛschafft bestehet. Der Wolluͤstige ist ein Sclave eines Antlitzes/ der geitzige eines glaͤntzenden Erd-Klumpens/ der Ehrsuͤchtige ein Knecht der Knechte; fuͤr welchen sich dieselben demuͤthigen/ welche uͤber Herꝛen gebieten wollen. Das groͤste Koͤnigreich aber ist die Freyheit seines Hertzens; welches an nichts/ als an seinem Uhrsprunge dem Him̃el hengt; welches keinen Menschen beleidiget/ Gott nicht erzuͤrnet; welches alle andere Staͤn- de ihm fuͤr unanstaͤndig haͤlt; darein ihn das Verhaͤngnuͤß nicht gesetzt hat/ und den Begier- den alsbald einen Riegel fuͤrscheubt; wenn sich ihnen irgendswo ein Abweg zeiget; auf wel- chem die Luͤsternen Hals und Kopff brechen; ob er schon im Eingange mit Lilgen und Jasmi- nen bestreuet ist; wie euch das Beyspiel eures Marbods den gestrigen Tag fuͤrgebildet hat; o- der/ welches mir glaublicher/ der kuͤnfftige durch einen viel merckwuͤrdigern Fall aller Welt fuͤr Augen stellen wird. Sintemahl die durch Laster an sich gezogene Gewalt eben so wenig/ als der Schnee an der Sonnen/ und das Wachs im Feuer tauern kan. Marbod faͤrbte und entfaͤrbte sich unterschiedene mahl uͤber der nachdruͤcklichen Gewissensruͤhrung dieses frommen Alten; er sahe bald den Tan- nenberg/ bald den Lichtenstein an/ sie gleichsam fragende: ob sie auch in ihrem Gemuͤthe die Stiche fuͤhleten/ welche so empfindlich sein Hertz traͤffen. Woruͤber der Einsiedler alsbald eine Muthmassung faste: daß diß Koͤnig Marbod wol selbst seyn doͤrffte. Sintemahl eben so wenig eine Larve einen Fuͤrsten/ als eine Wolcke die Sonne voͤllig bergen kan. Lichten- stein aber/ um entweder seinen Fuͤrsten so viel moͤglich zu rechtfertigen/ oder dem Alten mehr Anlaß zu fernerm Unterricht zu geben/ saͤtzte ihm entgegen: Es gebe so wenig Menschen oh- ne Fehler/ als Tiger ohne Flecken. Jeder Grundzeug der Natur waͤre ein Behaͤltnuͤß wilder Thiere/ und ein Auffenthalt menschlicher Gebrechen. Die Hoffart haͤtte ihr Leben gleich- sam in der Lufft/ der Zorn im Feuer/ der Geitz in der Erde/ die Selbst-Liebe im Wasser; Die Ehrsucht aber schluͤge ihr Gezelt schier unter den Sternen auf/ und haͤtte an sich etwas him̃li- sches/ und darum so viel weniger Rauch und scheltbares. Alle Arten der Thiere haͤtten unter sich gifftige/ und fuͤrnehmlich die Kriechenden. Keinem Vogel alleine klebte einig Gifft an. Daher hielter die/ welche sich von dem Miste des Poͤfels erhieben/ und uͤber andere durch grosse Thaten empor schwingen/ fuͤr die reineste Suͤnde/ wormit sich Menschen befleckten. Jhm waͤre zwar etlicher Weisen Meinung nicht un- bekandt: daß man aus blosser Liebe der Tu- gend/ nicht aus Begierde der Ehren gutes thun solte; und daß die letztere sonst die Tugend in Ei- telkeit verwandelte; ja daß die Tugend sodeñ ihr hoͤchstes Ziel erreichte; wenn sie nicht nur alles Ruhms entbloͤst/ sondern gar mit Schmach/ Schande und Verachtung verstellet wuͤrde. Er wuͤste wol: daß einige den Pithias beschuldigten/ seine Freundschafft gegen den Damon haͤtte nicht die Liebe/ sondern Eitelkeit zum Grunde gehabt. Scipio haͤtte sich der schoͤnen Gefan- genen nicht aus Liebe/ sondern aus Staats- sucht; Curius der Eitelkeiten aus Eitel- keit enthalten. Alleine heist das nicht Helf- fenbeinerne Bilder mit Kohlen uͤberfirn- sen/ und die Sonne mit Gewoͤlcke schoͤner Erster Theil. Z z z z z z machen Siebendes Buch machen wollen; und der Tugend ihre Anmuth nehmen/ wormit sie so viel weniger Buhler be- kom̃e. Sintemahl die Menschen durch gehends so kalt gearthet waͤren: daß der Zunder der Eh- re ihre todten Geister aufwecken muͤsse. Daher nichts gewissers/ als daß der/ welcher Ruhm und Ehre verachtet/ der Tugend schwerlich hold seyn koͤnne. Massen denn den Menschen die Ehre fast allein von andern Thieren absonder- te/ und zu GOtt naͤherte. Ja sie waͤre ein viel edler Kleinod als das Leben. Denn diß moͤchte man wol fuͤr jene/ niemahls aber jene fuͤr dieses einbuͤssen. Zumahl die Ehre das von der Na- tur in so enge Schrancken der Zeit eingesperrte Leben sodenn/ wenn es ruͤhmlich eingebuͤßt waͤre/ verewigte; und das Verlangen beym Leben hochgesehen/ nach dem Tode bey der Nachwelt beruͤhmt seyn/ einen sichern Beweiß abgaͤbe: daß die Seele unsterblich sey. Denn wenn sie mit dem Leibe zu seyn aufhoͤrte/ was haͤtte sie fuͤr Genuͤß vom Nachruhme? diesem- nach liesse sich keine Ubermaße leichter entschul- digen/ als wenn das Verlangen nach einem so herꝛlichen Dinge uͤber die Schnure rennte. Der Leib wuͤchse nur fuͤnff und zwantzig Jahr/ das Hertz aber funffzig/ und das Gemuͤthe wie der Krocodil so lange man lebte; zu einer nicht unklaren Andeutung: daß die Ergetzligkeiten des Leibes ein zeitliches; tapffere Entschluͤssun- gen ein langsames/ das Verlangen uͤber andere zu herꝛschen gar kein Maß noch Ziel haben solle. Der zerbrechliche Mensch wuͤrde wilden Thie- ren in vielem nachgeben/ besonders den Raben; derer Jugend allein hundert Jahr austruͤge/ und den Adlern/ welche biß uͤber die Wolcken fluͤgen/ wenn er nicht durch Helden-Thaten sich bey den Nachkommen verewigen/ und mit der Herꝛschafft uͤber die heben koͤnte/ welche in der Verachtung bey den Lebenden/ und in der Vergessenheit der noch ungebohrnen vergra- ben liegen. Britton haͤtte zwar wie ein kleiner Stern fuͤr der aufgehenden Sonne des Fuͤr- sten Marbods erbleichen muͤssen; aber dieses Gesetze waͤre nicht nur in dem Reiche der Staats-Klugheit/ sondern auch der Natur Herkommens; worinnen eines Dinges Ge- burt des andern Vernichtigung nach sich zuͤge. Das geringe Gewuͤrme des Poͤfels krieche nur in dem Staube/ die ohnmaͤchtigen Schnecken truͤgen sich nur mit ihren engen Huͤtten; Gros- se Gemuͤther aber zuͤgen mit den Habichten und den Loͤwen auf den Raub aus. Und wie es dem Volcke wol anstuͤnde das Seinige verwahren; also Fuͤrsten um fremde Guͤter kaͤmpffen. Muͤhte sich doch die Fettigkeit der stinckenden Moraͤste in empor steigende Duͤnste/ und diese sich in Lufft-Sternen zu verwandeln. Und ob sie zwar endlich wieder verlodeꝛten; waͤre doch ihre Asche nicht unedler/ als der Uhrsprung. So viel weniger waͤre dem von edlem Ge- schlechte entsprungenen Marbod zu verargen: daß er nach der Eigenschafft der besten Sterbli- chen ihm die hoͤchste Pforte der Ehren/ seinen Nachkommen der Wuͤrde/ andern Edlen der Nachfolge geoͤffnet haͤtte. Weil so viel Riesen- Vaͤter Zwerge; grosse Koͤnige unedle Knechte zeugten/ und ihr Geschlechte in Abfall braͤch- ten; muͤsten andere hingegen in Aufnehmen kommen. Wie einerley Ding unterschiedene Farben zu haben schiene/ nach dem man es ge- rade oder seitenwerts ansehe; also waͤre nichts seltzames: daß ein Mensch von einem erhoben/ vom andern gescholten wuͤrde. Die alten Hel- den deuchteten uns Wunderwercke/ die gegen- waͤrtigen nichts zu seyn. Wie verkleinerlich man itzt vom Marbod redete; so groß wuͤrde die Nachwelt von ihm sprechen. Dahero wenn schon ihn der Neid oder das Ungluͤcke unter sei- ner Last erdruͤckte/ koͤnte doch seine Einaͤsche- rung ihn zu nichts geringerm/ als er gewest waͤre/ machen; die Welt wuͤrde sodenn auf ihn/ wie auf die verfinsterte Sonne/ mehr Augen wenden/ als da er in vollem Lichte gestanden. Denen itzt sein Schweiß stinckte/ wuͤrde seine Leiche Arminius und Thußnelda. Leiche koͤstlicher/ als Ambra ruͤchen; Und wenn seine Asche schon nicht in guͤldene Todten- Toͤpffe solte verwahret werden; wuͤrde sie die Nachwelt doch in ihre unversehrliche Hertzen aufheben. Der Einsiedler hoͤrte den Ritter Lichtenstein wol aus; sieng hierauf an: Es ist wahr: daß man deßhalben lebe/ wormit man nimmer- mehr sterbe. Jch gebe nach: daß die nach dem Tode nicht leben koͤnnen; die/ ehe sie gestorben/ wie Todte gelebt haben. Aber wie es ein grosser Unterscheid ist zwischen einem unsterblichen Nachruhme/ und einer ewigen Schande; also wird Marbod durch seine Ehrsucht zwar in diese verfallen/ jene aber mit keinem Finger er- reichen. Ein tugendhafft Leben balsamt allhier unsern Athem/ nach dem Tode die Asche ein; wormit jener uns taͤglich erquicke; diese aber unverweßlich sey/ so gar auch den Verlaͤumdern nicht stincken moͤge; wie die/ welche sich lebend im Blute gebadet/ mit Winde gespeiset/ im Kothe der Laster geweltzet/ und weil sie die Pest der Lebenden gewesen/ nichts als ein Aaß unter den Todten seyn koͤnnen. Marbod/ Marbod/ lasse dir diesen Zufall eine Warnigung seyn/ und uͤberrede dich selbst nicht: daß deine Macht so vielen Feinden gewachsen sey; und daß menschlicher Witz die Streiche des Verhaͤng- nuͤßes versetzen koͤnne. Sey nur versichert: daß kein Orion so groß und maͤchtig sey/ welchen nicht ein kleiner Scorpion entseelen koͤnne. Waͤrestu in deiner Mittelmaͤßigkeit blieben/ wuͤrdestu so wenig/ als Anteus/ so lange er mit seinen Fuͤssen die Erde erreichte/ uͤberwunden worden seyn. So aber hat die Eitelkeit der Erhoͤhung beyden einen toͤdtlichen Streich versetzt. Trachtestu dich zu verewigen; so wisse: daß alle nach der Erde ruͤchende Thaten mit ins Grab verscharrt; die aber alleine verewiget werden; welche der Tugend verwand/ und dem Brunnen der Ewigkeit angenehm sind. Ubermaͤßige Ruhmsucht ist eine groͤssere Schwachheit/ als jenes Menschen/ der sich uͤber der Kuͤrtze seines Schattens betruͤbte/ uͤber der Laͤnge aber erfreute. Darzu weistu nicht: daß dieser Schatten die Verfolgenden fleucht/ denen fliehenden aber nachfolgt. Bilde dir nicht ein: daß die Ehre allezeit der Tugend Schatten sey. Es giebt offt Schattenwerck ohne Leib/ und Ruhmspruͤche ohne Verdienste; welche keinem Dinge aͤhnlicher sind/ als denen auf leere Graͤ- ber geetzten Grabe-Schrifften. Das Gluͤcke setzet mehrmals die Unwuͤrdigsten auf die hoͤch- ste Staffel der Ehren und Gewalt/ wie die ver- schmitzten Baumeister die unvollkommensten Bilder in die obersten Gadem/ und ausser dem genauern Urtheil naher Augen. Warlich/ es ist dein grosser Schade: daß die Welt so viel von dir weiß. Denn hierdurch hastu dein eigen Erkaͤntnuͤß vergessen. Waͤrestu nicht so maͤch- tig worden/ so haͤtte dich niemahls eine solche Ohnmacht deines Gemuͤthes entkraͤfftet; und du waͤrest der lobwuͤrdigste Herr in der Welt blieben/ wenn du uͤber dich die Gewalt behalten haͤttest niemanden unrecht zu thun. Als dieser Ehrwuͤrdige Alte solches mit unverwendeten Augen gegen den Koͤnig Marbod ausredete; kam dieser in die Gedancken: es muͤsse eine in ihm steckende Goͤttliche Wuͤrckung ihm/ wer er waͤre/ offenbaret haben; fiel diesemnach dem Einsiedler mit thꝛaͤnenden Augen um den Hals; und nach dem er ihn eine gute Weile gekuͤsset; sagte er: Es ist wahr/ Vater/ ich bin Marbod/ der durch die Kriegs-Flamme so viel Laͤnder angesteckt hat/ dem so viel Voͤlcker tausenderley Freuden-Feuer angezuͤndet/ kein Mensch aber noch ein solch Licht aufgesteckt hat; als ich durch deine Guͤte in dieser tunckeln Hoͤle in meinem Gemuͤthe aufgehen sehe. Oerbaͤrmlicher Zu- stand der Fuͤrsten! welche zwar durch ihre Botmaͤßigkeit uͤber ihre Unterthanen herr- schen; ihre Diener aber durch Heucheley uͤber sich muͤssen wuͤten lassen! Derer blinde Eigen- Liebe das toͤdtliche Gifft unverdienter Lobspruͤ- Z z z z z z 2 che Siebendes Buch che fuͤr Treue und Zuneigung annimmt; da es den Fuͤrsten doch nur in seinen Lastern einschlaͤ- fet/ und auf Vergroͤsserung der Heuchler ange- zielet ist. Diese oͤffnen die Ohren ihres Fuͤrsten gegen die Sirenen-Lieder der reitzenden Wol- luͤste/ verstopffen sie aber gegen dem Schalle der heilsamen Warheit. Sie sind die Spinnen/ welche mit ihrem Kothe die Tugend besudeln/ mit ihrem Gewebe den Abgrund des Verter- bens uͤberspinnen/ mit ihrem Giffte die Seele des Koͤnigs und den Wolstand der Voͤlcker toͤd- ten. Wie viel heilsamer ist es den Fuͤrsten ge- hast/ als geliebkoset zu seyn. Denn der Haß ist ein aufrichtiger Spiegel/ welcher uns unsere Flecken deutlich fuͤr Augen stellt/ und sie abzu- wischen uns erinnert. Die Heucheley aber ver- deckt sie nicht nur/ sondern uͤberfirnset sie auch mit dem Kleister grosser Helden-Tugenden; fuͤr welche ich Verleiteter auch vielmahl die grausamsten Tugenden angesehen habe. Aber/ weiser Vater/ wuͤrdige den nun auch einer heil- samen Artzney/ dessen Gemuͤths-Wunden du ihm auffs Lebendige geruͤhret/ und dessen Seu- chen du ihm entdeckt hast. Dem Einsiedler gefiel dieses Erkaͤntnuͤß so wol: daß er Mitleiden mit Marbods Verbrechen hatte/ und ihm antwor- tete: Er waͤre bereit auf dem rechten Wege sein Huͤlffs-Mittel zu finden. Aber Marbod ver- setzte: Er wuͤrde selbtes dennoch verfehlen/ wenn er ihn nicht mit der Hand darzu leitete. Denn wie die Natur in den Augen einen nicht gerin- gen Fehler begangen haͤtte: daß sie alles andere/ sich alleine selbst nicht sehen koͤnten; also wisse der stets irrende Mensch ihm auch selten selbst zu rechte zu helffen; und wie er uͤber andere Feh- ler Luchs-Augen haͤtte/ also waͤre er in seinen eigenen blinder/ als ein Maulwurff. Daß er derogestalt die Heßligkeit seiner viehischen Ver- stellung/ der Zornige nicht seine verdrehte Au- gen/ der Wolluͤstige nicht seine thoͤrichte Ge- behrdung; weniger aber sein Heil erkennen kan. Der Einsiedler fieng an: Jch spuͤre diese Blind- heit mehr denn zu viel an dir. Denn du hast das Kraut zu deiner Genesung in Haͤnden/ und sie- hest es gleichwol nicht. Wolte GOtt! antwor- tete Marbod; es waͤre nicht allein so nahe bey mir/ sondern auch nicht unsichtbar. Sich selbst kennen/ fieng der treuhertzige Einsiedel an; ist die Artzney wieder alle Gemuͤths-Schwachhei- ten; und so allgemein: daß sie Koͤnigen und Kohlbrennern anschlaͤgt/ die Wurtzel aller Vergnuͤgung/ und der Pfeiler unser Gluͤckse- ligkeit ist. Denn/ was hilfft es alle andere Din- ge kennen; wenn man ihm selbst unbekandt ist? wiewol auch der schwerlich was anders kennen kan; der sich selbst nie betrachtet/ oder seiner ver- gessen hat. Alle andere Thiere kennen sich; und ihr eingebohrner Trieb leitet sie zu allem/ was ihre Erhaltung erfordert. Der schaͤdliche Scor- pion fleucht das Scorpionen-Kraut/ die Schlange den Schatten der Eschbaͤume/ als ihr toͤdtliches Gifft. Die verwundete Gemse kennet ihr Wund-Kraut; und der Hirsch weiß ein Mittel: daß ihm die Natter nicht schade; welche er mit seinem Athem aus den Steinritzen gezo- gen hat. Der elende Mensch allein kennet we- der sich/ noch sein Gutes; sondern erquicket sich am Giffte/ rennet in sein eigen Verterben/ verwundet sich mit seinem eigenen Messer; weil er den Funcken der Goͤttligkeit/ nehmlich die Vernunfft nicht zu Rathe nimmt/ und das edle Kleinod des freyen Willens so schaͤndlich miß- braucht; und sich dardurch derogestalt verstel- let: daß Socrates/ welchen doch die Goͤtt- liche Wahrsagung fuͤr den weisesten Men- schen erklaͤrt hatte/ an ihm selbst nicht ohne Ursache zweiffelt: ob er ein rechter Mensch oder ander Thier sey; und daß der so weise Lehrmeister des Achilles Chiron sich nur fuͤr einen Halb Menschen gelten laͤst; sein nie- driges Theil aber zum Pferde macht; ja die Weisen gar artlich die viehischen Nei- gungen des Menschen dardurch fuͤr gebil- det haben: daß Prometheus bey Bildung des Arminius und Thußnelda. des ersten Menschen die Leber vom Wolf- fe/ das Hertze vom Tiger/ die Nieren vom Schweine/ die Nase vom Nasen-Horn-Thieꝛe/ die Zunge von der Schlange/ die Zaͤhne vom Hunde/ die Augen vom Basilisken/ das Gesich- te vom Affen/ die Haͤnde vom Geyer/ den Ma- gen vom Strauße geborget habe. Bey welcher Bewandnuͤß Pythagoras wol Ursache gehabt hat seinen Nachfolgern alle Abend die Pruͤfung ihrer Gestalt/ und die Untersuchung des ver- uͤbten Boͤsen/ oder des unterlassenen Guten so nachdruͤcklich einzuhalten. Sintemahl seine Fehler erkennen schon eine halbe Vollkommen- heit ist. Denn wie nur die/ welche erwacht sind/ ihre Traͤume erzehlen koͤnnen; also ver- mag auch niemand seine Gebrechen wahrneh- men/ als der ihnen gram wird/ und sich schon der Tugend befleißigt. Deßhalben band Plato in seinen Gesetzen nach anbefohlner Verehrung Gottes/ die Ehrerbietung gegen seine eigene Seele so sehr ein/ und daß ein ieder sie fuͤr seine Zeugin alles seines Thuns; ja gegen seinen ei- genen Leib verschaͤmt seyn solte. Denn hier- durch stellet man sich fuͤr den Richter-Stul des Gewissens/ welches niemahls ohne Erleuch- tung seines Verstandes/ und ohne Besserung seines Willens abgehet. Diese Pruͤfung un- sers Lebens ist die Maͤß-Rute/ welche uns be- nachrichtiget/ wie viel Schritte wir uns der Tugend genaͤhert haben/ und wie ferne wir noch von dem Angel-Sterne der Gluͤckseligkeit entfernet sind; welche in der Ruhe des Gemuͤ- thes bestehet. Sintemahl einen Laster hafften seine Begierden nie ruhen/ seine Sorgen nie schlafen lassen. Der Verdruß uͤberfaͤllet ihn in der Einsamkeit/ in Gemeinschafften ist er mit niemanden weniger zu frieden/ als mit ihm selbst; er erzittert fuͤr einem r auschenden Blate/ und seine ihm einkommende Boßheiten machen ihm alle Wolcken von Blitze traͤchtig; ja wenn alle andere ihn fuͤr unschuldig erkennen/ ver- dammet ihn sein eigen Hertze. Denn sein Ge- wissen weiß mehr/ als kein Zeuge/ und hat mehr gesehen/ als seine ihn Tag und Nacht bewa- chende Trabanten. Hingegẽ ist der/ welcher sich kennen lernt/ nicht nur selbst/ sondern auch alle andere mit ihm zu frieden. Denn weil er sieht: daß er nicht besser/ als andere sey/ thut er an- dern auch nichts anders/ als ihm selbst. Er be- muͤht sich deßhalben zweymahl so viel gutes zu stifften; weil er unstraffbar koͤnte boͤses thun; ja weil wilde Thiere aus Furcht das verbotene un- ter lassen/ schaͤtzte er sich unwuͤrdig ein Mensch zu seyn/ wenn er sich dessen aus einem andern Triebe enthielte/ als weil er vernuͤnfftig ist. Dergestalt ist ein sich selbst kennender Mensch ihm allezeit gleich; wie unterschieden gleich sei- ne Verrichtungen sind. Daher ihm Alcibia- des niemahls unaͤhnlich wird/ ob gleich seine Klugheit ihn zu Athen ansehnlich/ zu Thebe ar- beitsam/ zu Sparta sparsam/ in Persen einen Jaͤger seyn heißt. Und Cato veraͤndert in dem veraͤnderten Rom niemahls sein Antlitz/ weni- ger sein Gemuͤthe; wenn schon andere nicht nur/ wie die Feldhuͤner in Paphlagonien/ zwey Hertzen haben/ sondern einem ieden ihnen belie- benden Dinge eines zueignen. Da ihr Erkaͤnt- nuͤß ihnen doch sagen wuͤrde: daß ihr einiges nur dem einigen Gotte zu wiedmen sey. Weß wegen die weisen Griechen diese Artzney der Selbst- Erkaͤntnuͤß billich mit Gold uͤber die Pfosten des Delphischen Tempels geschrieben/ ich aber zu meiner steten Erinnerung in diesen Felß uͤ- ber den Eingang der Hoͤle gegraben habe/ wor- mit es so wol ich/ als ieder Kluger ihm in sein Hertz prege. Sintemahl diß der Delphische Apollo fuͤr den Kern menschlicher Klugheit er- kennet hat. Lieber Marbod/ weil du dich nun selbst nicht kennest; magstu dich wol unterste- hen/ denen Goͤttlichen Gliedern den Augen; welche nicht ohne Wunderwercke alle Dinge der Seele abbilden/ oder sie gleichsam erschaf- fen/ hierdurch aber selbst der Natur der Hand- langerin Goͤttlicher Allmacht Maͤngel auszu- Z z z z z z 3 stellen? Siebendes Buch stellen? Allerdinges sind wol die eusserlichen Sinnen und Glieder die Abbildungen der Seele/ und Ausleger ihrer Eigenschafften: daß aber die Augen sich selbst nicht sehen/ ist eine klu- ge Behutsamkeit der Natur/ welche dar durch den Menschen anweisen wollen: daß er durch stetes Ansehen seiner selbst sich ihm nicht selbst zum Abgotte mache; und wegen so geschaͤfftiger Eigen-Liebe nichts fremdem seine Augen goͤn- ne. Jch mag von allen Gliedern des Men- schen dir nicht die Richtschnuren deiner Selbst- Erkaͤntnuͤß zeugen; sondern weil du ein Haupt so vieler Voͤlcker bist/ und diese Larve wol nicht ehe/ als mit Verwechselung des Sterbekittels abzulegen denckest; dich allein an die Betrach- tung deines Hauptes weisen; welches allerdin- ges ein Auszug der Welt/ ein Ebenbild der himmlischen Stern-Kreiße/ ein Schloß der Seelen/ und das Zeug-Hauß ihrer Bewegun- gen ist; zur Anleitung: daß im Fuͤrsten das gan- tze Volck gleichsam begrieffen; seine Verrich- tungen der himmlischen Reinligkeit zugethan; ein Herꝛscher der Schutz seiner Unterthanen/ und die Staͤrcke seines Reiches seyn solle. Ein Fuͤrst ist so wol/ als das Hauptuͤber alle Glie- der empor gesetzt/ seines Ansehens und Amptes wegen; welches letztere ihm die sorgfaͤltige Auf- sicht uͤber die Niedrigen; das erstere aber: daß er ihm niemanden zu Kopffe wachsen lasse/ kei- nen Diener so groß/ als er selbst ist/ mache/ ein- bindet. Weßwegen ein Reich mit zweyen Fuͤr- sten fuͤr eine so grosse Miß geburt zu halten/ als ein Leib mit zweyen Koͤpffen. Sintemal die ein- zele Zahl zum Herꝛschen/ die Vielheit aber nur zum gehorsamen geschickt ist; ja die Bewegung des Himmels selbst aus einem Uhrsprunge fleust. Jm Haupte haben alle fuͤnff Sinnen ihre Wohnstatt; der uͤbrige Leib/ dessen Adern doch noch niemand gezehlet/ dessen Gebeine mit den Tagen des Jahres einerley Zahl halten/ ist allein mit dem irrdischen Fuͤhlen begabet. Nach dessen Beyspiele ein Fuͤrst so vielmahl seines gantzen Volckes Gaben uͤbertreffen soll. Fuͤr- nemlich aber hat der Verstand allein im Haup- te den Sitz; weil ein Fuͤrst mit seiner Klugheit den Gebrechen eines gantzen Landes/ und den Jrrthuͤmern vieler Voͤlcker abzuhelffen ge- wachsen seyn soll. Das Gedaͤchtnuͤß ruhet im Hintertheile des Hauptes/ wie der Verstand in dem voͤrdersten; weil dieser auf das gegenwaͤr- tige und kuͤnfftige Auffsicht haben/ jenes aber auf das vergangene zuruͤck sehen/ und aus dem Menschen gleichsam einen zweyfachen Janus machen muß. Ein Fuͤrst muß nichts minder seiner Vorfahren Thun und Zufaͤlle; und du Marbod insonderheit Brittons Fehler im Gesichte behalten/ und aus selbten die zukuͤnff- tigen urtheilen. Denn das Leben der Men- schen ist ein blosses Schauspiel; in welchem zwar die Personen veraͤndert werden; das Spiel aber einerley ist/ und von vornen wieder seinen alten Anfang nimmt. Das Haupt kan nicht ohne Augen; ein Fuͤrst nicht ohne Raͤthe seyn; weil es nicht rath sam ist: daß er die schwere Ku- gel der Herꝛschafft allein auf seine Hoͤrner neh- me. Denn ihm allein alles zutrauen ist mehr eine Vermessenheit/ als klug gethan. Deß- halben verdienten die obern Staats-Diener bey den Persen schon den Nahmen der Augen; nach dem kluger Rath nichts anders/ als ein auf kuͤnfftige Begebenheiten gerichtetes Auge ist. Das Hertz und die Augen sind an einander so genau verknuͤpffet: daß diese sich seiner Freude und Leid alsofort theilhafftig machen. Ein Fuͤrst muß nichts minder seiner Diener em- pfindlichen Zuneigung versichert seyn; und kei- ne andere erkiesen; als welche wie die Augen keinen Sonnenstaub des Eigen-Nutzes in sich vertragen; welche durch die geringste Beta- stung nicht ihres Fuͤrsten Heimligkeiten erfor- schen lassen; und ob sie zwar gleichsam durch einen Tamm unterschieden sind/ dennoch mit einander uͤbereinstim̃en/ einerley Augenwerck nehmlich die Ehre ihres Fuͤrsten und den Wol- stand Arminius und Thußnelda. stand des Volckes fuͤr sich haben. Ja der Fuͤrst selbst muß so wenig/ als die Augen in seiner Wachsamkeit muͤde werden/ die hefftigen Ge- muͤths-Regungen ihm keinen Nebel/ die Arg- list keinen blauen Dunst fuͤr die Augen machen lassen/ noch einerley Ding mit dem einen Auge schwartz/ mit dem andern weiß anschauen; wo eben die Augen nicht hernach diß beweinen sol- len/ was sie vorher verkehrt an- oder gar uͤber- sehen haben. Weil aber die Warheit vor- werts einem begegnet/ der Betrug aber uns auf der Seite beykommen wil/ hat die Natur am Haupte das Gesichte vor die Ohren seitwerts zu Waͤchtern bestellt. Ein Fuͤrst muß nichts minder auf beyden Seiten wachsam seyn; und wie die Ohren/ welche nicht wie die Augen mit Augenliedern/ noch wie die ungezaͤhmte Zunge mit zweyerley Zaͤunen verschlossen werden koͤn- nen/ sondern Tag und Nacht offen stehen/ ieder- man und allezeit hoͤren. Denn der ist nicht werth/ daß er Koͤnig ist/ dem das Hoͤren ver- druͤßlich faͤllt. Wenn der gantze Leib schlaͤfft/ halten die Ohren Schildwache/ um selbten fuͤr der sich naͤhernden Gefahr zu warnigen. Ein Fuͤrst aber soll deßhalben wachen: daß die Un- terthanen sicher ruhen koͤnnen. Alle Thiere heben und sencken ihre Ohren/ des Menschen alleine sind unbeweglich und stets in einem Stande. Ein Fuͤrst soll iederzeit solche Aufacht haben: daß selbter niemahls was beyzusetzen sey/ noch er bey andraͤuender Gefahr die Ohren spitzen doͤrffe/ und seine Feinde ihm niemahls unvermuthet auf den Hals kommen/ wenn sie gleich geschwinder/ als der Blitz loß schlagen. Wiewol die Ohren nicht wie die Augen die Sachen suchen/ sondern von den Sachen ge- sucht werden/ stehen sie doch/ wie der Mund mit zwey Mauern verschlossen ist/ mit zweyfa- chen Pforten offen/ um die Dinge desto besser in sich zu fassen/ weil diß/ was man siehet/ bestehet; was man aber hoͤret/ alsbald verschwindet. Ein Fuͤrst muß keine Ohrenblaͤser halten/ noch nach Ver gaͤllung der Unschuld trachten; aber fuͤr nichts/ was auch nur das leichte Geschrey sei- nem Reiche gefaͤhrliches andeutet/ die Ohren verstopffen; ja in allem zum minsten zweymal so viel hoͤren als reden. Weil aber unser Ge- hoͤre niemand anderm in die Augen und em- pfindlich faͤllt; muß ein Fuͤrst sich mehrmahls anstellen; als wenn er nicht hoͤrte/ und wegen geringer Beleidigung sein Reich nicht in Krieg verwickeln/ noch allenthalben mit der Stirne/ daran die Natur ihm nicht ohne Ursache/ wie etlichen grimmigen Thieren kein Horn wach- sen lassen/ durchfahren. Jnsonderheit aber muß er nach Art der den Zaubereꝛ hoͤrenden Schlan- ge/ gegen die Heuchler bey Vernehmung un- zeitigen Lobes das eine Ohr mit Erde in Erwe- gung seiner irrdischen Unvollkommenheit/ bey wolluͤstigen Anreitzungen aber das andere mit dem Schwantze durch Behertzigung des heß- lichen Endes zustopffen; und wissen: daß die Wollust zwar ein Englisches Antlitz/ aber einen Drachen-Schwantz habe; und ihr Anfang ein Himmel/ ihr Ausgang eine Hoͤlle sey. Die Na- tur hat dem Menschen zwey Ohren/ und zwar in Gestalt eines Jrrgartens oder Schnecken- Hauses mit gekruͤmmten Eingaͤngen gemacht; wormit diß/ was er hoͤret/ an unterschiedenen Orten anschlage/ und derogestalt wie das Ertzt aus dem Klange/ also die Erzehlungen aus dem Schalle erkennet werden; insonderheit a- ber ein Fuͤrst/ als das lebendige Gesetze/ gegruͤn- dete Anklagen von Verleumdungen/ redliche Gemuͤths- Ausschuͤttung von betruͤglichen Schein-Worten unterscheiden/ und wenn die Falschheit das eine Ohr besessen/ er das andere der meist zuletzt kommenden/ und das Nachse- hen habenden Warheit/ als eine unversehrliche Jungfrau/ vorbehalten moͤge. Diesemnach denn ein Fuͤrst auch eine dinnschaͤli htere Nase/ als ein scharffruͤchender Geyer haben/ und nicht nur alles in seinem Reiche/ sondern biß in die Staats-Cammern seiner Nachbarn ruͤchen; keines Siebendes Buch keines Weges aber nach Art des Geyers sich mit den Aessern der stinckenden Laster er quicken/ noch wie einige ungezaͤhmte schwangere Wei- ber fuͤr Zibeth Eckel/ nach Bibergeil Begierde haben/ oder nach blutigen Fleischbissen/ sondern mit dem Fenix nach dem koͤstlichen Balsam der Tugend/ welche alles Nabateische Rauchwerck uͤbertrifft/ als der suͤssesten Seelen-Speise luͤ- stern seyn/ und durch gehends Muschziegen von stinckenden Boͤcken; Amber-Bienen von Hirnsen/ Syrische Balsam-Aepffel von So- doms Aepffel-Baͤumen/ Jasmin von Napel/ Rosen von Sammet-Blumen und Aloe von Teuffels-Koth/ nemlich den tugendhafften Adel von dem albern Poͤfel/ tapffere Helden/ welche mit dem Geruche ihrer ruhmwuͤrdigen Tha- ten die Welt erfuͤllen/ von ungeartheten Zaͤrt- lingen/ derer Leiber nach Bisam ruͤchen/ die Gemuͤther aber nach Unschlit stincken/ treue Diener von Verraͤthern/ Ehre von Schande/ und Redligkeit von Boßheit unterscheiden muß. Denn dieses Urthel ist mit einem klugen Fuͤr- sten wie der Athem mit dem Leben/ der Geruch mit dem Athem unzertrennlich vereinbaret; Ein leichtglaͤubiger aber/ und der ihm Maͤuse- Koth fuͤr Pfeffer verkauffen laͤst/ liegt schon in der Ohnmacht seines Unterganges/ und sein Reich stehet auf der Bahre des Verterbens. Ja sein gantzes Leben muß durch eitel Unschuld die Lufft einbalsamen; wormit sein Gewiss en mit iedem Athemholen nicht allein diese anmuthige Erquickung an sich ziehe/ und sein Ruhm sich uͤber seine Reichsgraͤntzen ausbreite; sondern durch diese heilsame Krafft in seinem Reiche al- ler Gestanck des Unrechts und boͤser Sitten ge- daͤmpffet werde. Sintemahl doch/ ihm selbst wol bewust seyn/ die Speise des Gewissens/ ein guter Nahme der beste Geruch der Gemuͤther ist/ und ein Fuͤrst durch Gesetze und Straffen nicht so sehr/ als durch sein gutes Beyspiel seine Unterthanen vom Unflate der Untugenden saubern kan. Denn wie der allerweiseste Schoͤpffer des Menschen einerley Glied mit dem Geruche/ und der Eigenschafft nicht nur das Haupt/ sondern so gar die Glieder des an- dern Leibes von unnuͤtzen Feuchtigkeiten zu rei- nigen versehen; also hat er die Haͤupter der Er- den angewiesen: daß sie nicht nur sich selbst/ son- dern auch ihr Volck/ als ihre Glieder/ des Rau- ches aller hefftigen Begierden/ des Windes schnoͤder Eitelkeit/ aller Feuchtigkeiten schlaͤff- riger Traͤgheit entschuͤtten sollen. Ja wormit ein Fuͤrst das denen leiblichen Augen unsichtba- re Bild seiner Seele seinen Unterthanen zum Spiegel ihres Lebens fuͤrstellen koͤnne/ hat die kluge Mutter dieses allen/ durch den Mund ei- ne Pforte geoͤffnet: daß das Gehoͤre darein schaue; einen Werckzeug ihm beygelegt/ wel- cher die Seele aus ihrem verborgenen Behaͤlt- nuͤß herfuͤr bringe/ und ihre weisen Vernunfft- Schluͤsse offenbare. Denn der Mund ist ein Pinsel des Gemuͤthes/ und eine Schreibefeder der Gedancken; Alle andere Thiere haben den Mund nur zum essen/ der Mensch zum reden/ ein Koͤnig aber nur zur Weißheit. Ungeachtet die Speise gantz irrdisch/ die Sprache gantz geistig ist/ sind doch Essen und Reden in einem Gliede des Hauptes vereinbart; nicht weil Zunge und Mund allein um den Leib beschaͤff- tigt seyn/ sondern ihre meiste Bemuͤhung im Dienste der Seele zubringen sollen/ ein Mensch auch nichts zu reden hat/ als was er gleichsam vorher gekaͤuet/ wormit die Rede nicht zu Hil- sen leerer Worte/ sondern zum Kern heilsamer Lehren werde. Und nach dem die Zunge nichts minder das schaͤdlichste als nuͤtzlichste Glied des Hauptes ist; hat wegen des letztern die Natur ihm eine gelencke Bewegligkeit verliehen/ we- gen des erstern aber sie so enge eingesperret. Diesemnach soll ieder Mensch allezeit nicht an- ders/ als in einem letzten Willen/ ein Fuͤrst aber nur wie aus einem wahrsagenden Dreyfusse reden. Denn dieser ist eine zu alles Volckes Nachricht und Richtschnur empor gehobene Glocke; Arminius und Thußnelda. Glocke; ie seltner selbte laͤutet/ ie mehr erwe- cket sie Aufmerckung; wenn sie aber uͤbel klingt/ verraͤthet sie entweder die Geringschaͤtzigkeit des Ertztes; oder daß sie zerbrochen sey. Weß- wegen Kayser August mehr schrifft-als muͤnd- lich seine Meynungen entdecket. Schmincke und Verhuͤllung sind Kennzeichen eines unge- stalten Antlitzes/ uͤbrige oder geschmierte Wor- te eines heßlichen Gemuͤthes; dessen Antlitz die Rede ist. Kuͤrtze ist der Redner Meister-Stuͤcke/ eines Fuͤrsten Eigenthum. GOtt redet gar nicht/ ein kluger Fuͤrst wenig/ ein Thor zu viel; welcher doch keine geschicktere Larve der Weiß- heit hat/ als das Schweigen. Auch aus unge- faͤhrlichen Worten eines Fuͤrsten erzwingen die Zuhoͤrer Geheimnuͤsse. Der Donner ist die Sprache Gottes; und sein Bild auf Erden. Ein Fuͤrst soll nichts/ als Zentner-Worte fuͤr- bringen; welche kein Verleumder verdrehen; kein Spoͤtter uͤbel auslegen/ kein Boßhaffter verdruͤcken kan. Alles/ was er in Geschaͤfften re- det/ sollen Befehle/ in Rechts-Sachen Beschei- de/ in Verheissungen Verbindligkeiten/ in Ge- spraͤchen Nachdenckligkeiten/ im Schertze Raͤthsel/ und alle Bejahungen so heilig/ als wuͤrckliche Eyde seyn: Das kleine Glied der Zunge ist das Steuer-Ruder/ wormit Fuͤrsten das grosse Schiff der Reiche mit geringer Muͤh lencken und umwenden. Auf diesem beruhet die Ehre und Verkleinerung des Fuͤrsten; das Heyl und Verterben/ ja das Leben und der Tod der Unterthanen. Weßwegen der Mund des Menschen nicht mit vorragenden Wolffs- oder Elefanten-Zaͤhnen ausgeruͤstet ist; wormit Draͤu- und Ausuͤbung der Rache entfernet sey. Ein Fuͤrst aber soll gar nicht draͤuen; sondern/ wenn er auch beleidiget wird/ ein Lachen darein geben; biß die Gelegenheit ihm nichts minder zu sicherer und gerechter Rache die Hand biete. Jnzwischen aber/ weil nicht nur das Haupt al- lenthalben an sich eine Fuͤhle; sondern auch an Empfindligkeit des Leibes Theil hat; soll er ge- schwinder/ als die Spinne so wol diß/ was das Gewebe seines Reiches beunruhigen/ als den Aug-Apffel seiner Hoheit verletzen will/ ihm zu Gemuͤthe ziehen. Denn der ist kein Vater des Volckes/ der seine Wunden nicht in seiner See- le empfindet; der aber kein großmuͤthiger Loͤ- we/ der von Hasen ihm laͤst die Haare ausrauf- fen. Dieses/ Marbod/ ist das wenigste/ was ein Fuͤrst zu seiner Selbst-Erkaͤntnuͤß nur aus Betrachtung der eusserlichen Sinnen zu lernen hat. Denn eln Mensch ist ihm selbst ein so grosses Buch/ das er sein Lebtage nicht auslesen kan; Die innerlichen Kraͤfften der Seele aber so hoch: daß kein Weltweiser ihre voͤllige Wissenschafft erreicht hat. Uber diß glaube: daß mehr zu ei- nem vollkommenen Menschen/ als zu dem groͤsten Welt-Beherꝛscher gehoͤre. Dieses allein habe ich dich noch zu erinnern: daß ob zwar ein Fuͤrst das Haupt des Volckes/ er dennoch kaum ein Fußschemmel Gottes sey; und daß Koͤnige sich zwar an die Richtschnur der Vernunfft hal- ten/ die Zeit ihnen nuͤtze machen/ die Gelegen- heit mit beyden Haͤnden erwischen/ iedoch alle- zeit fuͤr dem Lichte der Goͤttlichen Versehung mit einer Ehrerbietigen Furcht die Augen zu- druͤcken muͤssen. Denn diese ist in der Reichs- Uhr das Gewichte/ unsere Vernunfft nur der Weiser; und wenn wir gleich alle Segel unse- rer Klugheit ausspannen/ alle an denen Ru- dern unser Muͤhsamkeit schwitzen; kommen wir doch nirgendshin anders/ als wo uns der Com- paß der ewigen Versehung hinleitet; indem sie uns entwedeꝛ sonder Zwang unsers freyen Wil- len ihr Absehen erkiesen laͤst; oder auch durch Sturm auf ihrem unerforschlichen Wege da- hin verwirfft/ wohin wir auch Traums-weise nie gedacht hatten. Gleichwol aber kan der nicht scheitern/ noch eines Hafens fehlen; der auf diesem Meer der Welt GOtt zu seinem Angel-Sterne/ sein Gewissen zur Magnet- Nadel hat. Marbod hoͤrte gleichsam als verzuͤckt diesen Erster Theil. A a a a a a a nichts Siebendes Buch nichts minder klugen/ als heiligen Alten aus; und nach einem tieffen Seuffzer fieng er an: Warlich/ Vater/ diese Perlen sindin der Mu- schel dieser Hoͤle nicht gewachsen! Denn wie mag die Einsamkeit eine Schule des Hofes/ und ein Einsiedel ein Staats-Verstaͤndiger seyn? Dannenher wie wir zwar fuͤr diesen heilsamen Unterricht dir ungeltbaren Danck schuldig sind/ werden selbte doch in unsern Hertzen so viel mehꝛ Nachdruck haben; wenn die Wissenschafft ihres herrlichen Uhrsprungs ihren Werth noch ver- groͤssern/ und Marbod erfahren wird/ wer beu- te sein so grosser Lehrer gewesen sey. Der Alte blieb eine gute Weile voller Nachdencken ste- hen/ endlich aber redete er den Marbod also an: Wenn das Reichthum meiner Einsamkeit so sichtbar/ als der Menschen Begierde frem- des Gut zu besitzen gemein/ oder auch meiner Vergnuͤgung Abbruch zu thun iemanden moͤglich waͤre; wuͤrde ich billich Bedencken tragen euch zu entdecken: daß ihr fuͤr euch einen Koͤnig sehet/ der fuͤr Jahren zwar uͤber viel Voͤlcker/ nunmehr aber uͤber sich selbst eine viel herrlichere Herrschafft fuͤhrt; der nunmehr al- lererst ihm selbst lebt/ nach dem er in aller Ge- dancken gestorben ist. Aber weil mein Gluͤcke hoͤher gestellet ist; als daß es der Neid mit sei- nem gifftigen Atheme solte koͤnnen anhauchen/ oder die Ehrsucht mit ihren Pfeilen erzielen; so wisse Marbod: daß du reden hoͤrest den wey- land ungluͤcklichen/ nunmehr aber seligen Ario- vist. Koͤnig Marbod fiel alsofort mit tieffster Ehrerbietung zu Bodem/ umarmte Ariovisten mit diesen langsam heraus gestossenen Worten: Darff ich mir wol das Gluͤcke traͤumen lassen heute den grossen Ariovist zu sehen; und laͤsset sich mit Gedancken begreiffen: daß ein so gros- ser Fuͤrst fuͤr den Glantz so vieler Kronen das Finsternuͤß dieser Hoͤle/ fuͤr die fußfaͤllige Bedie- nung hundert Voͤlcker diese langsame Einsam- keit erkieset habe? Ariovist hob ihn auf/ und hieß ihn von der seinem itzigen Zustande gar nicht anstaͤndigen Verehrung abstehen/ an der Warheit seiner Erzehlung aber nicht zweif- feln; und an seinem entbloͤsten Arme das an- gebohrne Kennzeichen der Alemannischen Fuͤrsten/ nemlich einen gesichelten Mohnden/ wahrnehmen/ wie Selevcus auf der Schulter einen Ancker/ Kayser August den gestirnten Baͤr auf der Brust/ seine Mutter Atia einen Drachen uͤber dem Nabel gehabt haben solte. Das Abstuͤrtzen von Koͤnig-Stuͤlen/ sagte er/ ist zwar gemeiner/ als das freywillige herunter steigen; jenes aber ruͤhret meist von Lastern/ dieses von Tugend und Klugheit her. Jenes zeucht den Untergang/ dieses eine Erhoͤhung der Seele und der Gemuͤths-Vergnuͤgung nach sich. Es ist ja wol an Fuͤrstlichen Hoͤfen ein unbekandtes Wunderwerck/ nicht herꝛschen wollen/ wenn man kan; aber in der Schule des Weisen ein noch seltzamer die zur Herrschafft bestimmte Vernunfft denen wuͤtenden Begier- den unterwerffen; und sich selbst zum Knechte machen; wormit uns andere gehorsamen. Mein Vater Arbogast hatte mir eine ziemliche Anzahl Voͤlcker zu Unterthanen hinterlassen: denn der Ehr geitz hat nun auch der Menschen Dienst- barkeit erblich gemacht; aber das Gluͤcke warff noch viel mehr Laͤnder unter meine Botmaͤßig- keit; wormit es durch den Raub seines zuge- worffenen Reichthums mit der Zeit einen desto groͤssern Raub gewinnen moͤchte. Caͤsar hieb mir in das Rad meiner Siege den ersten Span ein; und ich lernte dazumahl allererst: daß das Gluͤcke so wenig Buͤrgen uͤber seine Bestaͤndig- keir/ als Tapfferkeit in der Welt nicht ihres gleichen habe. Mit meinen Gemahlinnen und Toͤchtern verlohr ich mehr/ als die Helffte mei- ner selbst. Denn ich wuste nicht: daß alles irr- dische nur geborgtes Gut/ die Ruhe des Ge- muͤthes aber allein unser schaͤtzbaꝛes Eigenthum waͤre. Die Eintracht kehrte hierauf Deutsch- lande/ alles Gluͤcke aber schier mir den Ruͤcken; zum Merckmahle: daß selbtes ein Weib waͤre/ welches Arminius und Thußnelda. welches nur mit jungen Leuten zuhielte/ und die welche in der Jugend ihre Schoos-Kinder gewest/ mit der Zeit muͤsten zu ihren Wechsel- baͤlgen werden. Das Verhaͤngnuͤß flochte mich in den Buͤrgerlichen Krieg mit ein; um mein Gemuͤthe nicht allein mit allerhand Zufaͤllen zu beunruhigen/ sondern auch mehr meine Seele/ als die Haͤnde mit Blute des Vaterlan- des zu besudeln. Mein Verlangen selbtes wie- der mit Friede zu segnen/ erschoͤpffte fast meinen Lebens-Athem; sonderlich/ weil ich wol sahe: daß die Siegs-Fahne nicht allezeit auf der Sei- te der gerechten Sache wehete. Der fruͤhzei- tige Tod aber meines einigen Sohnes scharrete mich nahe mit ihm in den Sarch. Zum wenig- sten war mit ihm alle Vergnuͤgung erloschen; und wie etlichen Krancken auch so gar der Zu- cker bitter schmeckt; also daͤuchtete mich alle Er- getzligkeit Wermuth zu seyn. Es eckelte mir nichts minder fuͤr meinem eigenen Thun/ als fuͤꝛ derselben Anstalt/ die es mit miꝛ am besten mein- ten. Jch verwandelte meine Reichs-Sorgen in eine verdruͤßliche Einsamkeit; also: daß die Ehrsuͤchtigen Diener durch Anmassung der Herrschafft mir zum Theil an das Hefft des Koͤ- nigs-Stabs grieffen; die treuesten meine Ver- fallung beseuffzeten; keiner aber mir meine Feh- ler fuͤrhielt. Denn ob zwar der Fuͤrsten Ge- brechen nichts minder/ als die Verfinsterung der grossen Gestirne sichtbarer sind/ als der klei- nern; so wird selbte doch nicht der verfinsterte/ sondern nur fremde gewahr. Sintemahl nur anderer Augen der Werckzeug sind unsere Splitter zu fuͤhlen/ und das Schau-Glaß uns selbst kennen zu lernen. Aber dieses bekommen zwar gemeine Leute/ selten aber Fuͤrsten zum Gebrauch. Denn entweder die Heucheley/ oder die Furcht wollen Koͤnigen nichts ins Ohr sagen/ was sie nicht im Hertzen kuͤtzelt. Meine eigene Tochter Vocione erinnerte mich noch zu- weilen an ein und anderm; also: daß ich bey sol- cher Beschaffenheit/ da meine Schwachheit auch gegen einem Weibe und Kinde zu verste- cken war/ mich entschloß/ ihr die Herꝛschafft ab- zutreten. Jch schlug mich mit diesen Gedan- cken etliche Zeit; Biß endlich auf meinem Schlosse Solicin am Necker um Mitternacht bey hellem Monden-Scheine ein vermeintes Gespenste fuͤr mein Bette trat/ mich mit dem Arme zohe; und weil ich ohne diß allerdings munter war/ auf meine Befragung: wer es waͤre; antwortete: Jch bin dein guter Geist; und habe Mitleiden an deinem Unvergnuͤgen. Du wirst aber in kurtzer Zeit nicht nur deine Ruhe/ sondern deine wahre Gluͤckseligkeit fin- den. Jch/ fuhr Ariovist fort/ sahe diesem Geiste mit unverwendetem Auge ins Gesichte; und haͤtte geschworen: Jch haͤtte mich selbst fuͤr mir stehen sehen; Gab ihm also/ weil er sich nach und nach entfernet/ zur Antwort: Jch wuͤrde die Zeit mit unerschrockenem Hertzen abwarten. Denn ich machte meine Rechnung und Auslegung auf nichts anders/ als den Tod/ welcher auch die in Ruhe versetzt/ die im Leben keine gehabt; und niemanden mehr begluͤckseliget/ als die Un- gluͤcklichen. Auf den Morgen beredete mich meine Tochter Vocione einer von ihr angestell- ten Jagt beyzuwohnen. Denn sie unterließ kei- ne Erfindung: daß ich mich meiner Schwer- muͤthigkeit entschlagen moͤchte. Bey Verfol- gung eines Hirschens kam ich zu einem Brun- nen/ bey welchem ein Stein-alter Greiß auf ei- nem Felsen saß; mich aber bey meinem ersten Anblicke mit dem Nahmen nennte/ und auffs freundlichste gruͤfte. Wie ich nun/ sagte Ario- vist/ nach seiner Beschaffenheit fragte; antwor- tete mir dieser Alte: Jch wundere mich nicht: daß ich dir itzt so unbekandt bin; nach dem die wenigsten Menschen sich selbst kennen. Jch bin aber einer von denen Samothischen Weisen/ welche von deinem Uhran-Herꝛ Thuiscon den Uhrsprung haben; und zwar derselbe/ welchen dein Vater der tapffere Arbogast zu einem Leh- rer deiner Kindheit erkieset hatte; und der kein A a a a a a a 2 groͤsser Siebendes Buch groͤsser Gluͤcke erleben koͤnte; als wenn er dich nunmehr auch koͤnte sterben lehren. Jch konte mich nicht enthalten/ fuhr Ariovist ferner fort/ diesen guten Alten auffs empfindlichste zu um- armen; als welcher ein weiser Leiter meiner Jugend gewest war/ und nicht nur die Griechi- sche Sprache/ sondern alles diß/ was ich iemals tugendhafftes begrieffen/ ihm zu dancken hatte. Er hatte nicht nur unteꝛ den Celten den Grund seiner Weißheit gelegt; sondern auch bey denen Zamolxischen Priestern unter den Geten/ und in Egypten selbte durch viel heilsame Lehren befestigt. Wiewol diese Samothische Weisen nun von allem Geitz und Ehrsucht entfernet sind/ auch sich nur mit Haar bedecken/ und von Baumfruͤchten leben/ haben sie doch die A- lemannischen Koͤnige iederzeit an ihren Hoff zu Aufferziehung ihrer Fuͤrsten gezogen; wolwis- sende: daß gantze Voͤlcker zwar von einem Fuͤr- sten koͤnnen beherrscht; ein junger Fuͤrst kaum von einem gantzen Volcke wol/ von niemanden aber besser/ als einem Weisen auffer zo gen wer- den; welcher von rechtswegen nicht allein mehr wissen/ sondern auch mehr gutes thun soll/ als alle Gehorchenden. Jch kan mit Warheit sa- gen: daß ich diesem Lehrer mehr als Alexander seinem verbunden/ iedoch in diesem mit ihm be- schaͤmt bin: daß keiner seiner Ehrsucht ein rech- tes Maaß zu setzen gelernet hatte. Diesemnach ich denn unter meinen bethraͤnten Umhalsun- gen diesen Weisen ersuchte mir seine vertroͤstete Unter richtung zu der Zeit/ da ich fuͤr meinen Jrrthuͤmern mehr/ als in der unvorsichtigen Kindheit und in der verwegenen Jugend Sorge truͤge/ nicht zu entziehen; welcher denn nach einem tieffen Seuffzer mit vielen Thraͤ- nen anfieng: Die Kunst recht zu leben ist zwar die groͤste der Menschen/ wol zu herrschen der Fuͤrsten; selig zu sterben hat an sich etwas Goͤtt- liches; denn an dieser haͤnget unsere Ewigkeit. Weßwegen unser Leben von der blinden Kind- heit den Anfang/ und mit dem weisen Alter den Abschied nimmt; wor mit man allhier keinen Tritt fehle/ ja das Alter er wachet gleichsam alle Tage mit einer neuen Schwachheit; wormit selbtes so viel vorsichtiger dem besorglichen Falle zuvor komme. Zwar ist nicht ohne: daß die Herrschens-Kunst in einem klugen Kopfe/ nicht in jungen Riesen den Sitz habe. Mehrmahls haben gantze Heere fuͤr zitternden Haͤnden ge- zittert; und nachdem Zeit und Erfahrung das Hertze von unziemenden Begieꝛden/ das Haupt von Unwissenheit erlediget/ der Verstand auch ins gemein zunim̃t/ wenn die eusserlichen Sin- nen ins Abnehmen kommen/ siehet ein bejahr- ter Fuͤrst offt mit einem Blicke weiter; als die scharffsichtigsten Juͤnglinge mit ihren eingebil- deten Adlers-Augen. Jhre Rathschlaͤge rich- ten mehr aus als der hitzigen Jugend geschlif- fene Spiesse. Gleichwol aber ist ins gemein das Alter bey Fuͤrsten eben so wol eine Kranck- heit/ als beym Poͤfel. Der Stab/ fuͤr welchem gantze Laͤnder gebebt haben/ ver wandelt sich in eine Stuͤtze ohnmaͤchtiger Armen. So viel man in der Jugend schwitzet/ so viel muß man im Alter husten; jenes aber gebieret Zuneigung des Volckes/ dieses Abscheu; also: daß auch die Ju- gend mit ihren gefaͤhrlichen Annehmligkeiten wie eine Sirene die Gemuͤther an sich zeucht/ das Alter aber mit seinen heilsamen Warnun- gen als ein Gespenste die verwegenen schichtern; und nach dem der bejahrten Eigenschafft ist alles zu verneinen/ wie der Kinder iedes zu verjahen/ die Begierigen unwillig macht. Die Kindheit des Menschen gleichet sich einem Qvelle/ wel- cher zwischen dem unbefleckten Sande fast un- empfindlich herfuͤr rieselt/ und bey seiner Ein- falt auch seine Reinigkeit behaͤlt; Die Jugend wird schon eine rauschende Bach/ welche uͤber Stock und Stein abstuͤrtzet/ von Gemuͤths-Re- gungen schaͤumet/ und mit dem Kothe der Wol- lust sich truͤbet; die maͤnnlichen Jahre gleichen einem vollkommenen Flusse/ der zwar tieff/ aber sittsam fortstroͤmet/ das Erdreich waͤssert/ Schiffe Arminius und Thußnelda. Schiffe traͤget/ Staͤdte befestigt/ und hunder- terley Nutzen schafft; Das traurige Alter aber ist ein gesaltzenes Meer/ ein Abgrund der Gebre- chen; wo alle Suͤßigkeit der Gebehrden sich in bittere Verdruͤßligkeit/ die nutzbare Hurtigkeit sich in keichende Schwachheiten verwandelt/ das Schiff unsers Lebens leck wird/ und allge- mach in die Tieffe des Grabes zu sincken an- faͤngt. Diesemnach wundere dich nicht/ mein lieber Ariovist: daß du bey dem Alter ablegst/ und das Volck dir itzt ein ander Gesichte macht/ als fuͤr dreyßig Jahren. Kinder/ die viel Muͤtter haben/ nehmlich der unartige Poͤfel/ weiß auch unzeitigen Kindern die grauen Haare her aus zu treiben. Er wieget alle Entschluͤssun gen nach dem Ausschlage des Gluͤckes ab; dieses aber ist eine Stieff-Mutter der verlebten/ eine Buhle- rin der Lebhafften. Gesetzt aber/ Ariovist: daß ein Fuͤrst bey seinem Alter alle Kraͤfften in-/ al- les Gluͤcke neben sich erhielte. Wie man fuͤr den niedlichsten Speisen einen Eckel bekommt/ also werden Unterthanen ihrer besten Fuͤrsten uͤber- druͤßig. Je hoͤher ein Berg/ ie mehr bedeckt ihn Schnee; ie vollkommener ein Fuͤrst/ ie mehr klebet ihm Verleumdung an. Denn das Maul stincket dem luͤsternen Volcke im̃er nach Neuig- keit; und die staͤrcksten Beine sind zu schwach in die Laͤnge gute Tage zu vertragen. Man betet die mehrmahls Regen und Koth nach sich zie- hende Morgenroͤthe an/ und verschmaͤhet die zu Golde gehende Sonne/ ob selbte gleich Purpur und Perlen von sich schuͤttet/ und einen erfreuli- chen Morgen aukuͤndiget. Ja wenn Fuͤrsten auch schon Vermoͤgen und Ansehen behalten; haben sie doch endlich zu behertzigen: daß sie zwar ein grosses Theil ihres Lebens dem Va- terlande schuldig/ aber alles ihnen selbst zu ent- ziehen nicht berechtigt sind. Bey gemeinen Menschen soll die Liebe bey sich selbst anfangen/ bey Fuͤrsten aber sich endigen. Jch weiß wol: daß ihrer viel mit weniger Bestuͤrtzung den Sterbe-Kittel an-als den Purpur aus ziehen; aber sie verstehen nicht: daß in Koͤniglicher Ho- heit die wahre Vergnuͤgung keines Weges ste- cke; weil die Unschuld darinnen nicht weniger seltsam ist/ als neue Sternen im Himmel. Kro- nen bezeichnen nur prangende Knechte/ und hoffaͤrtige Elenden. Ja alle von der Einbil- dung nur begreifliche Wollust ist Wind und am Ende Schmertz; ihre erste Trachten sind zwar aus eingeambertem Zucker-Teige berei- tet/ aber inwendig stecket Gifft/ und das letzte Gerichte schmecket nach Faͤulnuͤß; wenn selbte was liebliches an sich kleben/ ihre Ergetzlig- keit aber nicht zum Grund-Steine die Ewig- keit hat. Denn tausend Jahre unsers Lebens/ weñ sie vergangen/ sind weniger als ein Schat- ten; und tausendmahl tausend Jahre lassen sich doch nur mit einer Ziffer und vielen Nullen schreiben/ auch im Augenblick zertheilen; in welchen wir meist so viel Seuffzer eingezogen/ als Athem geschoͤpfft haben. Und die von der Natur in unsere Lunge gesetzte Hauß-Uhr er- innert uns durch ihre alle Augenblicke schlagen- de Unruh: daß die Stunde unsers Abschieds sich naͤhere/ und/ ehe wir es uns einbilden/ schla- gen werde. Hiermit zerrinnet alles irrdische durch den Tod in nichts/ welcher schon in unser Geburt mit uns anfaͤngt zu ringen. Alsdenn laͤsset sich die Todten-Asche eines Weltbezwin- gers/ der wie ein Blitz hundert Laͤnder eingeaͤ- schert hat/ von desselbten/ der in dem engen Kreiße eines Fasses seine Begierden endigte/ und voͤllige Vergnuͤgung schoͤpffte/ nicht unter- scheiden. Die Fuͤꝛsten und Bettleꝛ-Knochen sind nichts minder als ein Ey dem andern aͤhnlich. Der Ruhm von unseꝛm Tode/ uñ die Pracht un- sers Begraͤbnuͤßes giebt der Sache auch nichts. Dieses blendet etlicher Augen jenes klinget eine Weile in Ohren/ beydes aber verschwindet/ ehe man es gedacht haͤtte; und der Tode selbst hat den geringsten Genuͤß darvon. Die Marmel- nen Graͤber/ welche Koͤnige ihnen setzen/ machen nicht so wol ihre Thaten/ als ihre Eitelkeit A a a a a a a 3 beruͤhmt; Siebendes Buch beruͤhmt; und ob sie zwar die Nachwelt biß wei- len zu ihren Ab goͤttern macht; so bleiben sie doch ins gemein laͤnger ein Denckmahl koͤstlicher Steine/ als derer/ welche sie haben bereiten las- sen. Nach dem aber die Beschaffenheit der Seele uns klar genung zeiget: daß nicht alles in uns vergaͤnglich sey/ uns gleichsam mit den Fingern auf ein Wesen weiset/ welches ewig bleibet; wohin zu gelangen die Ablegung des- sen/ was an uns sterblich ist/ eine Pforte ab- giebt; so befiehlet uns die Vernunfft/ wo nicht alle/ doch wenigstens die letzte Zeit dahin anzu- wenden: daß wir anders/ als Vieh sterben; zu- mahl ohne Versicherung eines seligen Todes kein Leben vergnuͤget seyn kan; und weil der Mensch mehr nicht/ als ein mahl stirbt/ also sich der hierbey begangene Fehler nicht mehr ver- bessern laͤst; muß hierum die eusserste Sorgfalt fuͤr gekehrt werden; wormit unsere Unachtsam- keit nicht unser eingebildetes Leben mit einem wahrhafften Tode; unsere gegenwaͤrtige Mar- ter aber nicht vollends mit einer Hoͤlle verwech- sele. Daher muͤssen wir unsere Eigen-Liebe in eine Selbst-Erkaͤntnuͤß verwandeln/ die glaͤntzenden Schalen aller irrdischen Guͤter/ und mit ihnen die Begierde sie zu erlangen/ als auch die Furcht sie zu verlieren/ wegwerffen; wormit die sonst unaufhoͤrlich zitternde Mag- net-Nadel unsers Gemuͤthes unverhindert GOtt/ den einigen Angel-Stern unserer See- le erkiese/ und in der Welt zur Ruhe/ nach dem Tode aber zum wahren Leben gelange. War- lich/ Ariovist/ dieses ist dir keine neue Lehre; ich habe sie dir mit der ersten Milch eingefloͤst. Jch habe dir als ein ander Euclides eingehalten: daß ein Kind nur einen Punct/ ein Knabe einen ziemlichen Strich/ ein Juͤngling die voͤllige Breite guter Kuͤnste und Wissenschafften be- greiffen/ ein Mann die Tieffe der Klugheit/ ein Greiß aber den Mittel-Punct und den Zweck des gantzen Lebens-Kreißes/ nemlich Gott und den Grundstein seiner Seelen-Ruhe ergruͤn- den solle. Aber ich weiß: daß die ewige Be- wegligkeit der Staats-Sorgen/ und das Ge- tuͤmmel des unruhigen Hofes deinem Leibe nicht einst die noͤthige Ruh/ noch in deinem dreyßig-jaͤhrigen Fuͤrsten-Stande eine Vier- telstunde dieser Weißheit nach zu dencken er- laubt haben. Diesemnach ist es Zeit: daß du dich der mehr von Eitelkeit/ als dem Lebens- Geiste beregsamen Menschen/ und also dieser Hindernuͤße entschuͤttest. Es ist Zeit: daß du alle irrdische Anschlaͤge fahren laͤst; wo du nicht die willkuͤhrliche Gewalt des Gluͤckes uͤber dich verlaͤngern/ und den grausamsten Zufaͤllen dich selbst zu einem Ziele fuͤrstellen wilst. Verlasse diesemnach das vergaͤngliche/ ehe es dich selbst verlaͤst; und kehre dem den Ruͤcken/ was dir im Leben noch viel Empfindligkeit verursachen/ nach dem Tode nicht wenig von deinem Ruhme benehmen kan. Die Schoͤnheit muß den Spiegel zerbrechen/ ehe sie veraltert/ ein Fuͤrst den Zepter weglegen/ ehe er ihm aus den Haͤn- den faͤllt. Mache dein Ende dir derogestalt nuͤtze: daß es mehr einem Siege/ als einer Ver- fallung aͤhnlich sey; und das grosse Auge der Welt/ die Sonne/ dir zu einem Vorbilde/ wel- che ihren Untergang meist mit einer Wolcke verhuͤllet/ um die Welt im Zweiffel zu lassen: ob die Sonne noch uͤber- oder unter unserer Er- den-Flaͤche sey. Es ist freylich wol kein gerin- ges fuͤr das Heil der Voͤlcker/ und die Ruhe der Laͤnder sorgen; aber ein Augenblick dieser Einsamkeit ist herrlicher und vergnuͤglicher. Al- les ist friedsam in der Seele; alle sonst wieder- spenstige Gemuͤths-Regungen gehorsamen der Vernunfft auf einen Winck. Muͤh und Ver- druͤßligkeit verschwinden; Neid und Ungem ach tritt man mit den Fuͤssen; wir unterbrechen das Spiel des Gluͤckes; ja wir fesseln es selbst an/ wie starck es sonst ist/ und wie krumme Gaͤnge es sonst zu gehen weiß. Die Unruh selbst findet hier ihre Ruh; die Naͤchte sind aller verdruͤßli- chen Finsternuͤß/ das Leben der falschen Welt/ und Arminius und Thußnelda. und ungelegenen Uberlauffs entuͤbrigt. Wir halten allhier taͤglich Siegs-Gepraͤnge; man setzet der Tugend’ alle Augenblicke frische Eh- ren-Kraͤntze auff; Der Himmel und unser Ge- wissen ruffet unserer Unschuld tausend Lobspruͤ- che zu; und wir verwandeln die Hefen des sonst beschwerlichen Alters in das vollkommenste Theil unsers Lebens/ welches nunmehr weder Jahr noch Monat/ weder Ende noch Anfang zu unterscheiden/ fuͤr keinem Geraͤusche zu er- schrecken/ nach keiner Glocke sich zu richten/ und so wenig als die Ewigkeit selbst einer Uhr von noͤthen/ die Gestirne zu seinem Zeitvertreib/ die Welt zu seinem Garten/ seine reine Gedancken zu seiner Speise hat. Mit einem Worte; Un- sere Lebens-Art stehet reinen Seelen/ wie das Wasser den Fischen/ die Lufft dem Gefluͤgel an/ sie ist ein Muster des Lebens im Himmel; und ein Vorschmack seiner Suͤßigkeit. Nach diesen Worten leitete er mich zum Eingange seiner Hoͤle; da er die Lob-Spruͤche seiner beliebten Einsamkeit mit folgenden Rey- men in eine von dem gruͤnen Moße gesauberte Stein-Klippe muͤhsam eingegraben hatte: Der Seele suͤsse Ruh/ der Kern der thenern Zeit/ Des Hertzens stumme Lust/ der Unschuld treuster Freund/ Der Warheit Mitgeferth/ und Eitelkeiten Feind/ Der List und Wollust nicht mit scheinbarn Koͤrnern streut/ Die auf den Abend nie des Tages Thun bereut/ Die kein schlimm Bey s piel sieht/ kein Unrecht nie beweint/ Der wenn es auswerts blitzt/ die Sonn inwendig scheint/ Der Friede des Gemuͤths/ diß ist die Einsamkeit. Glaubt: daß die Unruh ihr der Welt ein Unding heißt; Daß Ehrsucht nie den Tag/ die Furcht keinmahl die Nacht Zu kurtz; kein Kummer ihr zu lange Stunden macht; Daß sie kein Zorn erhitzt/ kein’ Augst ihr Hertz umeyst’ Kein Heuchler sie blaͤh’t auf/ kein Draͤuen sie zwaͤngt ein; Daß sie laͤst Emsame nie bang- und einsam seyn. Durch diese/ und mehr bewegliche Zuredung des Samothischen Weisen/ sagte Ariovist/ ward ich derogestalt eingenommen; oder/ wenn ich zu einer so heilsamen Wuͤrckung ein so gefaͤhrliches Wort brauchen doͤrffte/ bezaubert: daß meine Koͤnigliche Wuͤrde und alles irrdische mich an- stanck; die gelobte Einsamkeit aber mein Ge- muͤthe mit einem anmuthigern Geruch/ als Balsam und Jasmin anhauchete; also: daß ich von Stund an meinem Pferde den freyen Lauf verstattete/ meinen Degen/ Kleider und Jaͤger- Geraͤthe wegwarff/ mich mit dieser Haut deck- te; und um von den Meinigen nicht ausge- spuͤret zu werden/ mit meinem Lehrer mich in eine nahe darbey verdeckte Hoͤle verbarg. Jn welcher wir folgende Nacht und biß in dritten Tag ein unaufhoͤrliches Gethoͤne von Jaͤger- Hoͤrnern vernahmen; weil dem Vermuthen nach ich von den Meinigen gesucht; und nach vergebener Muͤh/ Zweiffels-frey fuͤr tod gehal- ten ward. Nach dem ich mich aber in dieser Naͤ- he nicht allerdings genung verborgen zu seyn achtete/ beredete ich meinen Lehrer: daß er mit mir durch die dicksten Harudischen Waͤlder biß auf den Fichtelberg/ und als wir da eine Zeit uns aufgehalten/ auf das Hercynische Ge- buͤrge; und um selbtes herum biß auf gegenwaͤr- tigen Berg sich entfernte. Welchen sich deß- wegen fuͤr den herrlichsten Ort in der Welt hal- te; weil ich von dem Samothischen Weisen die vollkommene Ruhe des Gemuͤthes gelernet/ mich darauf uͤber alle irrdische Sorgen erhoͤhet zu seyn befinde; und bey meiner Gluͤckseligkeit die Thorheiten der Menschen/ davon mir zu- weilen ein oder ander Wurtzelmann zu erzehlen weiß; verlachen/ und itzt mit deiner Eitelkeit/ lieber Marbod/ Erbarmnuͤß haben; nichts aber an deiner eingebildeten Hoheit beneiden kan; ja ich traute dir in meineꝛ Einsamkeit/ oder viel- mehr in der mir erkieseten Todten-Hoͤle/ solche Reichthuͤmer zu zeigen; welche wenige Welt- beherrscher ihr Lebetage zu sehen/ weniger zu besitzen bekommen; und da August nichts min- der als du mein Grabmahl schwerlich ohne Mißgunst wuͤrden betrachten/ und wie itzt von mir: daß die Natur/ wenn sich die aufblehende Ehrsucht wiedersetzet/ leicht zu ihrem ersten Stande und Kleinigkeit komme; also von er- waͤhnter Siebendes Buch waͤhnter Hoͤle lernen koͤnnen: daß die Kunst ei- ne blosse Magd oder Affe der Natur/ der Men- schen Wunderwercke gegen dieser Gebaͤuen weniger/ als Ameis-Hauffen sind; beyde aber endlich nichts/ als dem Feuer eine kostbare A- sche; dem Winde einen theuren Staub abge- ben. Koͤnig Marbod muͤhte sich mit aller nur er- sinnlichen Ehrerbietung dem so beruͤhmten A- riovist an die Hand zu gehen; und ob er zwar unter schiedene Einwuͤrffe thaͤt: daß die Ein- samkeit eine boͤse Rathgeberin/ und eine bang- same Geferthin waͤre; und daher zu untadel- hafter Selbstgelassenheit eine ungemeine Voll- kom̃enheit gehoͤrte; die Gemeinschafft zwar ein Verlangen nach sich/ die Einsamkeit aber nach andern v erursachte; daß ein angebohrner Trieb die Menschen zusammen vereinbarte/ und die Freundschafft dem Leben so noͤthig/ als die Son- ne der Welt; der Fuͤrstliche Stand aber nichts minder dem gemeinen Wesen/ als das Steuer- Ruder dem Schiffe unentpehrlich; und wegen seiner Sorgen und Gefaͤhrligkeit so wenig/ als die Rose wegen ihrer Dornen verwerflich; kein under Stand auch ohne Schwachheiten waͤre; sondern iede Fackel ihren Rauch haͤtte/ und ieden Menschen sein Schatten begleitete; so eignete ihm Marbod doch selbst so bloͤde Augen/ und ei- nen so albern Verstand zu: daß er in das Licht einer so hohen Gemuͤths-Erleuchtung nicht oh- ne Verblendung sehen/ noch sein Urthel uͤber die Meinungen des weisesten Ariovists erstre- cken koͤnte. Hingegen lag er ihm mit beweg- lichsten Bitten so lange an: biß er ihm die er- wehnte Hoͤle zu zeigen Vertroͤstung that. Mas- sen sich denn Ariovist den dritten Tag/ als er den Koͤnig Marbod und seine Geferthen die Zeit uͤber mit Gemsen-Fleisch/ Erdbeeren/ und Kraͤutern/ mehr aber mit vielen klugen Ge- spraͤchen unterhalten hatte/ mit ihnen auff den Weg begab; und biß in die sinckende Nacht durch etliche finstere Thaͤler uͤber viel raue Stein-Klippen fuͤhrte; also: daß diese sich in besten Jahren befindenden Nachfolger ihm mit genauer Noth gleich kom̃en/ und daher sich nicht nur uͤber der Hurtigkeit des Stein-alten Ario- vists verwundern; sondern auch seiner gegebe- nen Ursache beypflichten musten: daß der Ehr- geitz nur nach vielen und seltzamen Speisen luͤ- stern/ der Hunger mit wenigem vergnuͤgt/ der schlechteste Unterhalt der Gesundheit und den Leibes-Kraͤsten am vortraͤglichsten waͤre. Gan- tze Heerde Ochsen waͤren mit einer engen Wey- de; eine ziemliche Menge Elefanten mit einem Walde vergnuͤgt; ein uͤppiger Mensch aber haͤtte in seinem Zwerg-Leibe einen unersaͤttli- chen Straus-Magen; welcher mit seiner Ta- fel die Lufft erschoͤpffte/ gantze Meere ausfisch- te/ grosse Wildbahnen veroͤdete/ den Erdboden arm machte; und/ ob schon die Natur um sei- nem Eckel vorzukommen das Jahr uͤber so viel- mahl ihre Zeit/ und darmit ihre Fruͤchte veraͤn- derte/ ihn darmit nicht ver gnuͤgte; sondern ei- ues Menschen Leben das Jahr uͤber mit etlichen tausend Leichen unter halten muͤste. Dahero so viel weniger wunderns werth waͤre: daß solche Schwelger ihnen durch so viel Tode den Weg zu Kranckheiten baͤhneten/ und die Farth zum Grabe beschleunigten. Sie erreichten aber selbigen Tag den ver- langten Ort nicht; sondern uͤbernachteten bey einem Brunnen/ aus welchem die beruͤhmte Elbe den Uhrsprung nimmt. Uber welchen sich Koͤnig Marbod mehr als Alexander bey Erfindung seines Oelbrunnen ergetzte; weil die Elbe einer der Haupt-Stroͤme seines Ge- bietes war. Dahero er sich auch beduͤncken ließ: daß ihm sein Lebtage kein Wein so gut/ als das aus diesem Bruñen mit den Haͤnden geschoͤpfte Wasser geschmeckt haͤtte. Nach genossener Ruh auff einem mit hunderterley koͤstlichen Kraͤu- tern bewachsenem Rasen/ machten sie sich/ als es nur zu tagen anfieng/ uͤber eine ziemliche Flaͤ- che/ von welcher etliche Krystallen klare Baͤche Nord- Arminius und Thußnelda. Nordwerts in der Marsinger Gebiete mit gros- sem Geraͤusche abstuͤrtzten/ auf den hoͤchsten Gipfel des Sudetischen Riesen-Gebuͤrges/ von welchem man nicht nur der Bojen/ sondern der Marsinger und Burier Landschafften weit und fern uͤbersehen kan/ lenckten aber hernach in ein ziemlich tieffes Thal/ und kletterten durch aller- hand Verdrehungen uͤber viel Felsen biß in die sinckende Nacht. Den dritten Tag schlieffen sie wegen ihrer Muͤdigkeit so lange: biß die Sonne schon mit ihren Strahlen selbiges Thal erfreute. Ariovist fuͤhrte sie hierauf einen gantz ebenen Weg/ da man aber weder von Men- schen noch Thieren einigen Fußstapffen fand/ zu einer gleichsam gespaltenen Stein-Klippe/ machte hierauf ein Feuer/ wormit ieder zwey Kyn-Fackeln in die Hand nahm/ und dem vor- gehenden Ariovist in den Steinritz/ welcher ei- ne verborgene Pforte in einen von Graß und Pflantzen gantz kahlen Berg abgab/ durch den man sich seitwerts durch draͤngen muste/ folgten. Sie kamen aber bald in einen breiten aus dem schoͤnsten weissen Marmel gehauenen Gang/ in welchem sie anfangs funffzig Schritte gera- de ein/ hernach dreyhundert Staffeln hinunter giengen. Zu Ende desselbten kamen sie in ei- ne Ey-rundte im Umkreyße siebendehalb hun- dert Schritte haltende/ und mit einer anstaͤndi- gen Hoͤhe versehene Hoͤle. Jhr erster Anblick verblaͤndete durch uͤbermaͤßigen Schimmer al- ler Augen. Denn die Waͤnde rings herum waren das vollkommenste Gold-Ertzt/ oder vielmehr gediegenes Gold; weil man hin und her nur ein wenig Schlacke/ oder vielmehr Beysatz andern Ertztes erkiesen konte. Uber diß hatte die Natur in diesem Gold-Bergwer- cke auch auf mancherley Arten gespielet; in dem sie allerhand Baͤume/ Berge/ Baͤche/ gantze Landschafften/ aller hand vierfuͤßichte/ insonder- heit kriechende Thiere/ Gefluͤgel/ Fische/ Mu- scheln/ und Gewuͤrme so wol/ als kaum der kuͤnstlichste Bildhauer vermocht/ geetzt; ja selb- ten so gar zuweilen die eigentliche Farbe und den Schatten gegeben hatte. Wie nun Mar- bod und seine Gefaͤrthen etliche Stunden ihre Augen durch rings herum geschchende Ve- schauung dieser wunder wuͤrdigen Goldmau- ern geweidet hatten; fieng Ariovist an: Ob sie wol glaubten: daß sie was koͤstlichers mit Fuͤssen treten; als woran sich ihre Augen ergetzten; Buͤckte sich auch hiermit zugleich/ und hob eine Hand voll allerhand theils grauer/ theils schwaͤrtzlichter Steine/ welche sie anfangs fuͤr Kieselsteine angesehen/ auf; zeigte dem Koͤni- ge Marbod auch; wie aus selbten hin und wie- der die darinnen verborgenen Diamanten her- fuͤr strahleten; und versicherte ihn: daß zwar selbte nicht alle/ iedoch derer viel denen Mor- genlaͤndischen an Haͤrte und Glantz gleiche kaͤ- men; gantz Jndien aber schwerlich so viel edle Steine haͤtte/ als ihrer in diesem einigen Ber- ge vergraben laͤgen. Gleichwol aber wuͤste er nicht: ob das reiche Deutschland in ein schmaͤhli- ches Armuth verfallen koͤnte; als wenn diese Reichthuͤmer desselbten Einwohnern entdeckt wuͤrden. Weßwegen er sie alle drey bey ihrer zum Vaterlande tragender Liebe beschwuͤre: daß sie diesen noch heiligen Schatz/ weil selbten keine geitzige Hand versehret und entweihet haͤtte/ keinem Menschen kund machen; und dardurch nicht so wol zu Durchwuͤhlung dieses Gebuͤrges/ als zur Peinigung ihrer Seelen/ und zum Verlust ihrer freyen Gemuͤther Ur- sach geben solten. Sintemahl/ wenn der Man- gel einmahl diesen glaͤntzenden Koth in sein Her- tze legte/ wuͤrde dieser zu einem Abgotte/ jenes zum Sclaven; und weil das Gold so gezuͤge waͤ- re: daß ein Knopff einer Kirsche groß sich von der Elbe biß an Rhein ausdehnen liesse/ umschling- te es im Augenblicke aller Menschen Her- tzen. Da doch die Natur dem Golde dar- um den Geruch und Geschmack/ wormit sie doch das unedlere Kupffer und Eisen begabte/ gleichsam zu dem Ende entzogen haͤtte: Erster Theil. B b b b b b b daß Siebendes Buch daß die menschlichen Sinnen so viel weniger darzu solten gereitzt werden. Daher die Be- schauung dieses Schatzes mehr Andacht und Maͤßigkeit von noͤthen haͤtte/ als die Araber de- nen/ welche Weyrauch suchen/ und die Atlan- tischen Eylaͤnder denen/ welche in den Gold- Bergwercken arbeiten/ aufbuͤrden: daß sie sich so gar vorher ihrer Ehweiber enthalten muͤssen. Marbod betrachtete diese koͤstlichen Steine ge- gen dem Lichte mit hoͤchster Verwunderung/ Lichtenstein und Tañenberg rafften in zwischen beyde Haͤnde voll/ und befanden: daß nicht nur alle Steine Diamanten/ sondern auch etliche darunter gantz rein und ausser ihrer Schale waren. Gleichwol aber hatte Ariovistens Zu- redung einen solchen Nachdruck: daß sie auch nicht einen dieser Edelsteine zum Gedaͤchtnuͤße bey sich behalten wolten; biß Ariovist die groͤsten ihnen einnoͤthigte/ und ihnen einhielt: daß der gute Zweck nichts minder Reichthum/ als Gift zu Nutzen machte/ der Mißbrauch aber das herrlichste Gold in schaͤdlichen Huͤtten-Rauch verwandelte. Marbod fieng an: Er sehe wol: daß der guͤtige Ariovist freygebiger waͤre/ als die Jndischen/ Scythischen und Egyptischen Koͤ- nige; unter denen die ersten ihnen alle uͤber hundert Gran wiegende Diamanten/ die an- dern alle grosse Tuͤrckiße/ die letzten alle grosse Topaße vorbehielten. Hierauf steckte Ariovist seine zwey Fackeln auf eine bey der Hand lie- gende sehr hohe Stange/ und ermahnte seine Nachfolger nun auch das Gewoͤlbe dieser Hoͤle zu beobachten; welches sie wegen der Tunckel- heit fuͤr eitel Regenbogen ansahen. Ariovist aber unterrichtete sie: daß es eitel von der Kunsthand der Natur zusammen gesetzte Schmaragden/ Topasser/ Beryllen und Granaten waͤren; ja in der Welt wenig Edelgesteine gefunden wuͤr- den/ davon dieses Sudetische Gebuͤrge nicht ei- nen grossen Uberfluß haͤtte. Aber alles diß/ sagte Ariovist/ worvon der Geitz so viel Wesens macht/ wuͤrde ich nicht der Muͤh werth geschaͤtzt haben/ euch einen so beschwerlichen Weg anher zu leiten; wenn ich dir/ Marbod/ nicht etwas bessers zu zeigen haͤtte; welches dir theils die wunder wuͤrdigen Geheimnuͤße der Goͤttlichen Versehung fuͤr Augen stellen/ theils deinem Thun vielleicht ein nuͤtzliches Beyspiel abgeben koͤnte. Hiermit nahm er den Marbod bey der Hand/ leitete selbten hinter einen guͤldenen Pfeiler in einen ziemlich breiten Gang/ durch welchen sie wol eine Stunde zu gehen hatten; dessen Waͤnde anfangs ebenfalls eitel Gold- Ertzt war/ hernach sich aber selbtes in Silber/ so Marbod und seine Geferthen fuͤr Schnee ansa- hen/ verwandelte. Nach und nach kam ihren Ohren ein Geraͤusche entgegen/ welches sich hernach in ein maͤchtiges Brausen des Wassers verwandelte; also: daß fuͤr selbtem mit genauer Noth ein auch ins Ohr redender den andern verstehen konte. Endlich erblickten sie eine zweymahl groͤssere Hoͤle; worein aber Marbod und die Seinigen zu treten Bedencken trugen; weil sie in selbter grosse Stroͤme aufwerts schuͤs- sen sahen. Ariovist aber versicherte sie: daß ih- nen kein Finger oder Fadem naß werden solte: leitete sie also darein/ fuͤhrte sie an die Seiten- Waͤnde dieser Hoͤle; um durch derselben An- tastung sie zu versichern: daß zwischen ihnen und diesem brausenden Gewaͤsser eine wiewol gantz durchsichtige/ iedoch Marmel-feste Mauer stuͤnde. Marbod ver gaß fuͤr Verwunderung alle diese Seltzamkeiten/ und fragte: Ob denn diese glatten und helleuchtenden Waͤnde eitel Berg-Cristallen waͤren? Jch kan es fuͤr nichts anders erkennen antwortete Ariovist; weil in diesem Gebuͤrge hin und wieder auch auswerts Stuͤcke von Berg-Cristallen gefunden werden; und ander zerbrechliches Glaß gegen dem ge- waltsamen Triebe dieser Fluͤsse nicht bestehen wuͤrde. Lichtensteins Vorwitz trieb ihn also fort zu fragen: Ob denn unter denen Gebuͤr- gen auch Fluͤsse waͤren? Ariovist laͤchelte mit beygesetzter Antwort: Es waͤre daran nicht zu zweiffeln/ Arminius und Thußnelda. zweiffeln/ weil der gantzen Welt unverborgen waͤre/ wie weit in Hispanien der Fluß Anas/ in Africa der Neiger und Nil unter dem Erdbo- dem hinfluͤsse. Die Donau selbst werde zum Theil von der Erde verschlungen. Jn Sici- lien bey der Stadt Metaurus habe er eine Hoͤle gesehen/ durch welche ein ziemlicher Fluß stroͤ- me; und nach dem er weit unter der Erden sei- nen Lauff gehabt/ allererst hervor komme. Bey dem Emporischen Seebusem in Mauritanien solle eine Hoͤle seyn/ in welcher man so gar des Meeres Epp und Flut wahrnehme. Und in Sarmatien fluͤssen nicht ferne von der Weich sel in tieffen Saltz-Kluͤfften starcke Baͤche/ woraus man koͤstliches Saltz kochte. Alleine diß Wasser/ welches ihr durch diese durch sichtigen Steine hin und wieder brausen hoͤret/ und schaͤumen se- het; sind keine solche unterirrdische Fluͤsse; sin- temahl dieses wieder die gemeine Art des Ober- irr dischen Wassers gerade empor steiget/ welches sonst mit seiner Schwerde nichts minder/ als der schwerste Stein gerade gegen dem Mittel- Puncte der Erden zudruͤckt. Marbod/ Lich- tenstein und Tannenberg/ als sie aus genauer Beobachtung dieser wahrhafften Emporftei- gung des Wassers diß wahr zu seyn befanden/ ersuchten den weisen Ariovist ihnen dieses Ge- heimnuͤß aus zulegen; welcher denn vermeldete: daß diß Wasser eben die Brunnen der Elbe/ des Bobers/ und etlicher anderer theils zu den Bo- jen/ theils zu den Marsingern abschuͤssender Baͤche; diese Krystallen aber die wunder wuͤrdi- gen Roͤhre und Behaͤltnisse dieser aufqvellenden Stroͤme waͤren/ und verhinderten: daß diese zwey Hoͤlen nicht von dem Wasser angefuͤllet wuͤrden. Denn ob zwar einige Berg-Brunnen von dem einsinckenden Regen und Schnee- Wasser herrinneten; waͤren diß doch keine ewi- ge/ sondern bey grosser Duͤrre vertrocknende Brunnen. Die ewigen Brunnen und Fluͤsse haͤtten zwar ins gemein auch einen Zuwachs von Regen und Schnee; wiewol in der Nari- nensischen und etlichen andern Landschaff t en die Brunnen beym Regen grossen theils v e r sie- gen/ die Erde bey nassem Wetter zu Staube/ bey duͤrrem zu Kothe wird. Der Brunnen ihr eigentlicher Uhrsprung ruͤhre aber aus dem Mittel der Erd-Kugel her/ zu welchem sich das Wasser aus denen Meeren/ seiner eigentlichen Schwerde nach/ durch seinen sandichten Bo- dem eindringe. Der begierige Tannenberg fiel alsbald ein und fragte: durch was fuͤr eine Was- ser-Kunst oder Regung aber das einmahl schwe- re Wasser zu der eussersten Spitze des Erdbo- dens und zwar meist zu den Gipffeln der hoͤch- sten Gebuͤrge empor gezogen wuͤrde; und ob al- le Qvellen in solche steinerne Roͤhren einge- schlossen waͤren? Ariovist ließ ihm diese Sorg- falt gar wol belieben/ und antwortete: Es haͤt- ten zwar einige der Druyden ihn anfaͤnglich be- redet: daß die Auffsteigung des Qvell-Wassers von dem die Erde uͤberhoͤhenden Meere her- ruͤhrte; und in eitel solchen Roͤhren das Wasser zur obersten Flaͤche der Erden nicht anders/ als wie von Bergen oder Thuͤrmen in die Wasser- Kuͤnste getrieben wuͤrde; indem es in solchen fe- sten Verfassungen nothwendig so hoch steigen muͤste/ als es anderwerts abfiele; alleine sein er- ster und letzter Lehrer der Sothische Weise haͤt- te ihm gewiesen; wie diese Meinung allzuweit hergesucht/ die angegebenen Wasser-Roͤhre auch blosse Traͤume waͤren. Sintemahl die oberste Flaͤche des Meeres nirgends so hoch/ als die Gipffel der Alpen/ des Caucasus/ der Pyre- neischen Gebuͤrge; solche Brunnen auch mitten in dem groͤsten Welt-Meere (wordurch entwe- der derogleichen Wasser-Roͤhre unmoͤglich ge- hen/ oder doch wieder Sturm und Wellen nicht bestehen koͤnten; oder solche Roͤhren unter der Tieffe des Meeres viel tausend Meilen weit ge- fuͤhret seyn muͤsten) auf den Bergen der klein- sten Eylande gefunden; ja auf den hoͤchsten Ge- buͤrgen in den Brunnen eine Verwandnuͤß in Epp und Flut mit dem nahe darbey und um B b b b b b b 2 viel Siebendes Buch viel hundert Schritte niedriger gelegenen Meere verspuͤret wuͤrde. Hingegen waͤre aus dem Leibe des Menschens/ welcher als eine klei- ne Welt alle Wunderwercke der grossen in sich begrieffe/ die Art der Auffsteigung des Quell- Wassers unschwer zu ergruͤnden. Denn wie im Menschen das in Adern verschlossene Ge- bluͤte wegen seiner lebhafften Geistigkeit empor stiege; ausser denen Adern aber/ wenn es in die Lufft kaͤme/ und seine Geister verrauchten/ oder auch in todten Coͤrpern wie andere schwere Sa- chen zu Bodem fiele/ oder abwerts sincke; also wuͤrde auch das in der holen Mitte der Erden aus dem Meere zusammen sinckende und von seiner Bitterkeit gereinigte Wasser nicht zwar durch Feuer/ welches wegen mangelnder Lufft daselbst nicht/ wie in denen der Erden-Flaͤche naͤhernden Hoͤlen tauern koͤnte/ in dem all zu- tieffen Ertz-Schachte schon so gar kein Licht lei- den/ sondern durch seine selbsteigene Schwefel- und lebhaffte Krafft begeistet: daß selbtes nach Art des auch von der Sonnen in die Lufft gezo- genen Wassers wie dinne Duͤnste der kalten Flaͤche der Erden durch alle nur zu durch krichen moͤgliche Wege sich naͤhere/ und daselbst gleich als in dem Kopffe eines Brenn-Topffes wieder zu Wasser werde; weßwegen etliche tieffsinni- ge Weltweisen die Brunnen gar fuͤglich mit den Frauen-Bruͤsten verglichen haben; weil wie in diesen aus denen zugezogenen dinnen Feuchtig- keiten die Milch/ also in jenen aus denen auff- steigenden Duͤnsten das Wasser gezeuget wuͤr- de; also denn durch die Lufftloͤcher der Erde/ (welche das Meer nicht hat/ und also solche Aufdampffung nicht zulaͤst) ausbraͤche/ seine Schwerde wieder bekom̃e/ und anfangs Brun- nen/ hernach Fluͤsse verursache; also: daß das Meer innerhalb der Erde der Uhrsprung der Brunnen/ die Brunnen aber oberhalb der Er- de der Uhrsprung der Meere waͤren; und wie im Menschen das Blut/ also in der Erde das Wasser niemahls ruhe/ sondern durch unauff- hoͤrliche Bewegung einen Kreiß mache. Die- semnach es denn in der Mitte der Erden und aus der Hoͤhe der Meere keiner verschlossenen Wasser geleite darff; wie zwar derer hin und wieder/ und also auch allhier gegen waͤrtig nicht wenig gefunden werden; auch allerdings der Warheit gar aͤhnlich ist: daß durch solche Was- ser-Roͤhre das Caspische und Schwartze; das rothe und Cyprische Meer an einander gehenckt sind. Diesemnach aber das Meer-Wasser in der Mitte der Erden von einer besondern na- tuͤrlichen Saͤuerkeit/ so man fuͤglich den Eßig der Welt nennen kan/ geschwaͤngert wird; wel- che zwar das gemeine Quell-Wasser in dem Thone/ dardurch es sich dringen und laͤutern muß/ ableget; viel Wasser aber geraͤumere Gaͤnge findet; ja auch noch darzu durch aller- hand schweflichte/ saltzichte und anderer Arthen Erde empor dampffet/ und von derselben Ei- genschafft nichts minder etwas/ als die hier em- por schuͤssenden Brunnen ein Theil des Gol- des und anderen Ertztes/ wie auch der Edel- steine mit sich in die Baͤche fuͤhren; so ereignet sich: daß es in der Welt/ fuͤrnehmlich aber in unserm Deutschlande so viel Sauer- und Saltz- ja auch Feuer- und andere Wunder-Brunnen giebet; ja mitten in den groͤssesten Stroͤmen/ wie in dem Alemannischen Gebiete aus dem Rheine/ und in dem Bojischen aus der Toͤpel- bach siedend-heisse Quellen empor springen; in dem Taunischen Gebuͤrge bey denen Mattia- zern ein Brunn nach Weine schmeckt; ja in den Waͤssern eine Krafft sich in Saltz und Steine zu verwandeln stecke. Welches letztere mich am meisten bewogen/ mein lieber Marbod/ dich hieher zu bringen. Hiermit fuͤhrte ihn Ariovist zu einem fast in der Mitte der Hoͤle stehenden Bilde/ welches einen Berg-Kristallenen Rie- sen vollkommen abbildete; ausser: daß beyde Schenckel nicht von einander zertheilet stun- den/ sondern dieser Riese unten gleichsam eine rundte Seule war. Marmod und seine Gefaͤr- then Arminius und Thußnelda. then sahen selbten Anfangs mit Entsetz-hernach mit grosser Verwunderung an. Ariovist aber reckte seine beyde Fackeln empor gegen dem Haupte/ und erinnerte sie dieses Riesen-Bild/ von welchem dieses Riesen-Gebuͤrge den Nah- men fuͤhrte/ nicht uͤberhin/ sondern mehr seinen Kern/ als die Schale zu betrachten. Worauf der Ritter Lichtenstein zum ersten gewahr ward: daß in diesem durchsichtigen Steine ein natuͤr- licher Mensch steckte; weßwegen er alsofort/ ob ihn seine Augen betruͤgen/ Ariovisten fragte. Nein/ antwortete dieser. Denn ihr sehet hier fuͤr Augen die unverwesete Leiche des grossen Fuͤrsten Tuisco; und auswendig seinen Kristal- lenen Sarch. Aller Augen erstarreten fuͤr be- gieriger Betrachtung dieses Wunder-Grabes; und aller Zungen erstummten fuͤr Verwunde- rung; biß Marbod uͤber eine lange Weile in diese Worte ausbrach: O gluͤckseliger Tuiscon/ dessen Tugend zwar unter allen Sterblichen verdienet koͤstlicher/ als kein ander Mensch be- graben zu seyn! dessen Geist aber auch schwer- lich der Nachwelt ein so herrliches Begraͤbnuͤs verdancken kan; gegen welchem der Egyptischen Koͤnige/ des Mausolus und des Porsenna Marmel-Graͤber Staub; Cleopatrens Per- len-Grufft Tockenwerck/ der Macrobischen und derer ums Meere wohnender Mohren glaͤserne/ und die guͤldenen Saͤrche/ darein Ptolomeus den grossen Alexander legte/ fuͤr A- sche und schlechte Scherben zu halten sind; also dieser grosse Fuͤrst seines Begraͤbnuͤsses halber meinem Beduͤncken nach mit niemanden/ als mit derselben Natter zu eifern hat; welche uͤber der Weichsel an dem Gothonischen Meer- Strande sich in den noch weichen Agstein ver- wickelte; und nach dem dieser sich versteinerte/ darinnen begraben/ von dem Fuͤrsten selbigen Landes dem Feldherrn Segimern/ von diesem aber der Kayserin Livia verehret ward. War- lich/ wo iemahls ein Grabmahl in der Welt ei- ner vieljaͤhrigen Tauerung werth gewest ist/ verdienet diß eine Ewigkeit; und es ist zu wuͤn- schen: daß wie ohne diß der Donner denen Grabmalen keinen Schaden thut/ dieses von keinem Erdbeben versehret werden moͤge. Aber durch was fuͤr Zauberey ist die Leiche in diesen durchsichtigen Stein gebracht/ und durch was fuͤr kraͤfftigen Balsam uͤber zwey taufend Jahr fuͤr Faͤulnuͤs und Verwesung verwahret wor- den? Ariovist versetzte: Sie solten nur acht ha- ben: so wuͤrden sie aus dem Gewoͤlbe dieser Hoͤ- le unaufhoͤrlich Wasser abtroͤpffen/ keines aber nirgends fluͤssen/ sondern sich in kurtzer Zeit in so durchsichtigen Stein verwandeln sehen. Da- her es nicht nur der Augenschein gebe/ sondern ihn auch der Sothische Priester/ welcher ihm diese Hoͤle/ als der Sothischen Weisen grosses Heiligthum/ zum ersten gezeigt/ glaubhafft be- richtet haͤtte: daß man des grossen Tuiscons Sohn/ welcher vom Tanais an/ biß zum Rhei- ne geherrscht/ und diese Hoͤle durch Anleitung eines Wahrsagers gefunden haͤtte/ aber in dem Marsingischen Gebiete gestorben waͤre/ seines Vaters Leiche in einem versteinernden Brun- nen dieses Gebuͤrges gelegt/ hernach/ als selbte entweder das todte Fleisch wie vorhin Holtz und Pflantzen zu Steine gemacht/ oder zum min- sten mit einer steinernen Schale uͤberzogen/ in diese Hoͤle versetzt haͤtte; wormit von dem stets abtrieffenden Wasser/ welches die Krafft im Augenblicke zu versteinern hat/ sein Bild von Jahre zu Jahre sich vergroͤsserte. Da es denn nach so langer Zeit zu einem solchen ungeheu- ren Riesen/ diß Gebuͤrge aber von den Sothi- schen Weisen/ die sonst diese Hoͤlen uͤberaus ge- heim gehalten/ das Riesen-Gebuͤrge genennet worden ist. Koͤnig Marbod hatte Ariovi- sten beyde Ohren/ diesem Bilde aber beyde Augen gewiedmet/ und wuste sein und seiner beyden Ritter Mund nicht genung- same Lob-Spruͤche dieser Saͤule zuzueig- nen; gegen der sie alle Wunderwercke der Welt fuͤr Schattenwerck hielten; Tan- B b b b b b b 3 nenberg Siebendes Buch nenberg aber besonders die vorhin mit Erstau- nen besichtigte Grabe Spitzen in Egypten nicht genung zu verachten wuste. Ariovist fieng hierauff an: Es ist nicht ohne: daß die Herrlig- keit dieses Begraͤbnuͤßes allen andern in der Welt die Wage haͤlt; zumahl ich euch versichern kan: daß dieser Kristallene Riese gediegenes Gold zu seinem Fuße hat. Wie er denn ihnen selbtes mit Wegstossung der obigen gleichsam glaͤsernen Schale/ welche von dem abspritzen- den Versteinerungs-Wasser uͤber den Bodem gemacht war/ augenscheinlich zeigte/ und sodeñ ferner fort fuhr: Aber ich halte die Kostbarkeit und die Tauerhafftigkeit dieses Grabes an sich selbst fuͤr kein so grosses Wesen. Jene ist ein vergrabener Schatz/ welcher wenig Menschen in das Auge kommt; und wenn ihr mich nicht zum Ausleger gehabt haͤttet; wuͤrdet ihr so we- nig errathen haben: daß der grosse Thuiseo darinnen begraben ist; als die Egyptier zu sa- gen wissen: wer in ihren Grabe-Spitzen beer- digt sey. Die andere ist ebenfalls der Vergaͤng- ligkeit unterworffen/ als die Leichen selbst/ wel- che/ wenn sie nicht Feuer oder Faͤulnuͤß verzeh- ret/ doch Wuͤrmer und Ratten fressen. Sinte- mahl die Eitelkeit nicht nur uͤber/ sondern auch unter der Erden ihre Herꝛschafft hat/ und durch Erdbeben gantze Gebuͤrge und Fluͤsse verschlu- cket; durch Schweffel-Braͤnde Ertzt und Fel- sen einaͤschert; durch Gewaͤsser die geraͤumsten Hoͤlen ersaͤuffet. Massen denn auch falsch ist: daß der Blitz kein Grab versehre. Sintemahl des Gesetzgebers Lycur gus/ und des Tichters Euripides davon zermalmet worden; und ist die hieraus auf selbiger Todten Vergoͤtterung ge- zogene Auslegung nur fuͤr eine abgoͤttische Heu- cheley zu halten. Es ist aber die Vergaͤnglig- keit in unterirrdischen Kluͤfften so viel weniger zu verwundern; weil die Eitelkeit fuͤr laͤngst uͤ- ber das Rad der Sonnen sich geschwungen/ und unterschiedene Sternen wo nicht vertilget/ doch in dem Gesichte der Menschen ausgelescht hat. Ja mein Sothischer Weltweiser hat mir nicht nur unterschiedene Merckmahle abnehmender Sternen gewiesen/ sondern mich auch versi- chert: daß mit der Zeit vier Sternen in dem Zei- chen des Schiffes zwischen dem Hintertheile und denen Rudern/ einer in dem rechten Ohre des Hundes/ in dem Schnabel des Rabens/ der sechste im Krebse/ einer ins Ganimedes Knie/ der letzte im Schwantze der Schlange/ und der helleuchtende im Medusen-Haupte mit der Zeit gar oder grossen theils verschwinden; Hin- gegen einer im Mast-Baume/ der eilffte im Loͤ- wen/ der neblichte im Schwantze des Scorpion sich ver groͤssern/ ja auf der Stirne des Hundes/ in der Caßiopea/ und im Wallfische gar neue Sternen gebohren werden wuͤrden. Wenn aber auch schon dieses oder einige andere Graͤ- ber mit der Erd-Kugel selbst um die Tauerhaff- tigkeit streiten koͤnte; so scheinet es doch eine ewi- ge Thorheit zu seyn/ nach Ruhm unter den Todten streben; und aus dem Grabe eine Son- ne machen; wenn zumahl einer im Leben kaum ein Stern der sechsten Gattung/ oder einer der- selben gewest ist/ die in der Milch-Strasse sich gar nicht erkiesen lassen. Sintemahl wie die praͤchtigen Grab-Maale/ welche Evagoras und Miltiades ihren auf den Olympischen Schau-Spielen obsiegenden Pferden/ Lacydes seiner Ganß/ die Roͤmer einem Raben/ andere Hunden aufgerichtet/ diese Thiere in keine bes- sere verwandeln; also werden todte Wercke in kalten Steinen nicht lebhaft/ und duͤncken mich die/ welche nicht durch ruhmwuͤrdiges Begin- nen die Tage ihres Lebens/ sondern durch Ge- praͤnge der Ehren-Maale die Nacht ihres To- des zu erleuchten vermeinen/ nicht besser/ als die glaͤntzenden Feuer-Wuͤrmer zu seyn/ welche im Finstern dem Golde/ in dem Tage veraͤchtli- chem Kothe gleichen. Alles was nicht die Tu- gend zum Grunde/ und die Ewigkeit der See- le zum Absehen hat/ ist vergaͤnglicher Rauch. Frist die Zeder nicht der Wurm/ das Ertzt nicht der Arminius und Thußnelda. der Rost/ so verzehret sie ein ander Zahn der Zeit; ja ein einiger verwahrloster Funcken. Da nun aber du/ Marbod/ seuffzest: daß dein Leib hier auf Erden mit der Zeit wie allhier Tuisco in Kristall moͤge verwahret werden; wie vielmehr hastu nachzusinnen: daß die viel edlere Seele im Himmel die Sonne selbst zum Kleide habe. Weil der Mensch scheinet gebohren zu seyn: daß er sterbe; muß er sich bemuͤhen also zu sterben: daß er ewig lebe; und weil das Leben ihn zum Grabeleitet; soll das Grab ihm die Staffel seyn zu verweßlicher Ehre. Glaube mir aber/ Mar- bod/ du wirst ein herrlicher Grab/ als diß ist; oder aus einem Diamantenen Felsen dir gehau- en werden koͤnte/ verdienen; wenn du diß/ was die Vorwelt an den guͤldenen Fuß dieses Bil- des verzeichnet hat/ beobachten wirst; ja dein Gemuͤthe wird im Leben unver sehrlicher Ruh/ deine Seele unver gaͤnglicher Vergnuͤgung ge- nuͤssen; wenn du denen Erinner ungen uͤber der Pforte dieser Hoͤle nachlebest. Hiermit buͤckte sich Ariovist/ raͤumete um den guͤldenen Fuß vollends das versteinerte Wasser weg; und zeig- te seinen Gefaͤrthen/ wie daselbst mit eitel Edel- gesteinen nachfolgende Worte auffs kuͤnstlichste ins Gold versetzt waren. Der Erde Marck das Gold/ und so viel edle Steine Sind’s Armuth dieser Grufft. Luiscons edles Grab Jst ihr und Deutschlands Schatz. Weil diß nur sein Gebeine Beysammen haͤlt/ wird ihm kein Feind was ringen ab. Als Marbod diese kostbare Schrifft gelesen/ fieng er an: So sehe ich wol: daß die Leiche des grossen Tuisco ein Schutz-Bild/ und also ein grosser Schatz Deutschlands sey; an dessen Be- wahrung das Heil/ an Versehrung aber der Untergang des Vaterlandes gelegen sey. A- riovist laͤchelte/ ihm antwortende: Jch w e iß wol: daß das der gemeinen Sage nach vom Himmel gefallene Trojanische Palladium/ welches man mir noch zu Rom als ein grosses Heiligthum gewiesen/ nichts anders/ als des Koͤnigs Pelops Gerippe/ welches ein Asiati- scher Weiser bey einer gewissen Verein barung der Sternen aus seinen Todten-Beinen zusam- men gesetzt/ und dem Koͤnige Troß verehret hat; das Olympische Schutz-Bild nichts/ als Knochen eines Jndianischen Thieres; der Spartaner Minerven-Schild die Menschen- Haut des weisen Pherecydes; das Syrische Dagons-Bild mit einer Wallfisch-Haut um- zogen gewesen; und alle diesen Heiligthuͤmern eine Krafft der Unuͤberwindligkeit zugeeignet worden sey. Alleine ich bin der Meinung: daß wie gegenwaͤrtige Schrifft einen andern Ver- stand hat; also auch jene Bildnuͤße gar auf was anders gezielet haben. Marbod fragte alsofort: Ob denn diese ziemlich klare Reymen anders ausgelegt werden koͤnten; als daß so lange Tuis- cons Bild unver sehrt bliebe/ Deutschland wuͤr- de unuͤberwindlich seyn? Jnalle Wege/ ant- wortete Ariovist. Denn/ weil ich meine Aus- legung dieses Geheimnuͤßes wol so gefaͤhrlich nicht achte/ als wenn einer das Palladium zu sehen bekommen; massen Jlus zu Troja/ Me- tellus zu Rom hiervon soll verblindet seyn; so wil ich meinen gemuthmasten Verstand dieses Retzels nicht verschweigen: daß nemlich/ so lan- ge Deutschland sich nicht selbst durch Zwiespalt trennen werde/ kein Feind selbtem was anha- ben wuͤrde. Denn nach dem Schirme des Goͤtt- lichen Verhaͤngnuͤßes kan den Feinden eines Reiches kein besserer Riegel/ als die Eintracht der Buͤrger fuͤr geschoben werden. Einzele Pfeile koͤnnen auch Zwer ge zerbrechen; viel auf einmal aber nicht Riesen-Armen. Diese/ mein lieber Marbod/ huͤte dich ja vollends zu zerthei- len/ wo du dein streitbares Vaterland nicht zu einer Magd/ dich aber zum Leibeigenen der herrschsuͤchtigen Roͤmer machen wilst. Aber ich muß dich durch die Uberschrifft des Ein- gangs noch fuͤr einer schnoͤdern Dienstbarkeit warnen. Hier mit fuͤhrte Ariovist den Koͤnig Marbod daselbst hin/ und zeigte ihm die in Berg-Kristallen tieff eingegrabene Worte: Der’s Siebendes Buch Der’s deutsche Reich in Grund/ die Feind’ in Staub gelegt Tuisco steht allhier in dieser guͤld’nen Hoͤle. Lernt/ die ihr Koth fuͤr GOtt offt zu verehren pflegt/ GOtt sey ein tauglich Grab den Leichen/ nicht der Seele. Aber/ sagte Ariovist; ich traue dir selbst nicht zu: daß ob wol ins gemein der fuͤr unvernuͤnfftig gehalten wird/ der nicht mehr verlangt/ als er darff/ dein hoher Geist sich mit dem unflaͤtigen Laster des Geitzes/ welches einen reichen Fuͤr- sten duͤrfftiger macht/ als ein freygebiger Bett- ler ist/ mit diesem Armuthe des Gemuͤthes be- sudeln soltest; welches nicht ehe/ als wenn der erblaste Mund die kalte Erde zu kaͤuen bekom̃t/ ersaͤttigt wird/ und das durch eine unsinnige Begierde des Menschen Hertze alsdenn am aͤrgsten quaͤlet; wenn er am wenigsten mehr zur Zehrung darff. Wie ich denn auch/ da ich diese Beysorge gehabt haͤtte; keinem unter euch diese verborgenen Reichthuͤmer und Anreitzungen zum boͤsen gezeigt haben wuͤrde. Aber meinem unvergreiflichen Urthel nach/ wirstu in der dar- neben stehenden Kristallen-Taffel etwas mehr zu bedencken finden; in welche eingegraben war: Die ihr aus Ehrsucht mehr/ als Andacht Tempel bauet/ Nur: daß die Nachwelt euch/ wie sie vergoͤttert schauet/ Baut dem Tuiscon auf kein guͤldnes Rauch-Altar. Denn/ kont er lebend gleich nicht mehr seyn/ als er war/ Auch todt nichts weniger/ als dieser Riese werden; So bleibt er doch/ wie ihr/ fuͤr GOtt ein Zwerg auf Erden. Koͤnig Marbod; nach dem er diese ihm ein- gehaltene Zeilen etliche mahl nachdruͤcklich ge- lesen hatte; fieng er an: Es ist wahr; wenn wir eingebildete Welt-Goͤtter unser Absehn und unser Wesen gegen einander halten/ muͤssen wir nachgeben: daß die Gebrechligkeit in unserm Vermoͤgen einen festern Fuß gesetzt habe; als die Allmacht in unser Einbildung. Daß un- sere Gewalt auf nichts anders/ als der Unter- thanen Demuͤthigung/ und der Nachbarn Schwaͤche gegruͤndet sey. Wir sindun serer Hoffart nach in alle wege dem Egyptischen Memnons-Bilde zu vergleichen/ welches nur mit der Sonne Gespraͤche haͤlt/ an sich selbst a- ber nichts/ als ein zu Bodem sinckender Stein ist. Wir sind das eingebildete Gold in denen angefeuerten Schmeltz-Kolben/ das im Glase Purpur zur Farbe hat/ im Ausmachen aber nur Rauch und Asche ist. Ariovist fieng an: Warlich/ Marbod/ wenn du diß von Hertzen redest/ hastu aus der Eitelkeit einen fernen Blick in das Ewige gethan. Denn das Er- kaͤntnuͤs seiner eigenen Nichtigkeit/ ist die Helf- te seiner Verewigung/ wie die Einaͤscherung irrdischer Dinge der Weg zu einer neuen Ge- burt. Wirstu nun behertzigen: daß alle Ver- gnuͤgung der Welt nur Einbildungen; alle Guͤter/ die die Eitelkeit der Ehrsucht und dem Geitze zur Schaue auslegt/ verfaͤlschte und be- truͤgerische Waare sey; daß alles zeitliche vor- werts die Hoffnung/ hinterruͤcks die Furcht zur Vegleiterin hat; daß der anmuthigste Blick des Gluͤckes ein Blitz sey/ welcher mit seinem An- lachen einaͤschert; ja daß alles in der Welt Blen- dungen/ Traͤume und Undinge; der vernich- tende Tod aber allein etwas wahrhafftes sind; so wirstu bey Zeite deiner Herrschsucht einen Graͤntz-Stein setzen; deine Vernunfft wird dich anverweisen den allzuweiten Zirckel deiner Gedancken in die Enge zu ziehen; wormit dein Gemuͤthe den Mittel-Punct der Ruhe finde/ deine Seele aber nicht in dem Jrrdischen einge- zuͤngelt bleibe/ sich zum Ewigen auffzuschwin- gen. Diesen und vielen andern heilsamen Erin- nerungen des frommen Ariovistes gab Koͤnig Marbod/ Lichtenstein und Tannenberg ein auffmercksames Gehoͤre; welche hieruͤber von ihm wieder aus diesen zweyen Hoͤlen gefuͤhret wurden. Sie kamen nach derselben fleißigster Betrachtung zu dem Felsenritze wieder heraus/ als die Sonne schon untergegangen war. Weß- wegen sie daselbst uͤbernachten und sich mit de- nen Wurtzeln und Beeren/ welche Ariovist aussuch- Arminius und Thußnelda. aussuchte/ wie auch mit deme nahe darbey her- raus spritzenden Quelle vergnuͤgen musten; wiewol der Hunger ihnen diese schlechten Ge- richte derogestalt annehmlich wuͤrtzte: daß sie ih- nen besser/ als der Uberfluß an der Koͤniglichen Taffel schmeckten. Ob nun gleich Marbod auf den Morgen von Ariovisten Abschied zu neh- men meinte/ in dem er durch der Marsinger und Semnoner Gebiete/ keines Weges aber durch das Land der aufftaͤndigen Bojen zu sei- nen Hermundurern zu kommen getraute; so wolte doch Ariovist ihn und seine zwey Ritter in diesem irrsamen Gebuͤrge nicht verlassen; son- dern sie biß unten an desselbten Fuß begleiten. Er fuͤhrte sie diesemnach uͤber allerhand Berge/ durch viel anmuthige Thaͤler und Waͤlder; biß die am Mittage brennende Sonne sie unter ei- ner uͤberhaͤngenden Stein-Klippe bey einer rauschenden Bach auszuruhen/ ihr Magen sich aber mit der gewohnten Kost zu saͤttigen noͤ- thigte. Weßwegen Ariovist an der Laͤhne et- liche Kraͤuter ausrupffte; woruͤber er aber zur Erde niedersanck; und deßhalben die andern drey herzu sprangen seinen Unfall zu verneh- men. Sie fanden ihn gantz erblast; sein Mund konte mit genauer Noth kaum diese verbroche- nen Worte ausdruͤcken: Jch sterbe um nun- mehr recht zu leben. Wormit er denn verstum- mete/ und in selbigem Augenblicke gleichsam ohne einige Empfindung des Todes die Seele ausbließ. Marbod und seine Geferthen em- pfanden diesen unvermutheten Todesfall dieses anmuthigen Fuͤrsten so sehr: daß sie alle seine Leiche mit bitteren Thraͤnen netzten; insonder- heit aber nicht ohne geringe Gemuͤths-Veraͤn- derung wahrnahmen: wie der den Ariovist stets auf dem Fuße begleitende Baͤr/ nach dem er seinen Herrn eine Weile beleckt/ und gleichsam/ ob er lebend oder verbliechen waͤre/ erkundigt hatte/ sich nahe darbey von dem Felsen in ein tieffes Thal abstuͤrtzte. Gleichwol aber mu- sten alle bekennen: daß wie Ariovistens Leben ein Beyspiel allen Lebenden seyn; also kein Mensch ein sanffteres Ableben wuͤnschen koͤn- te; Sintemahl jenem das Gluͤcke nichts zu nehmen; diesem aber der Tod seine ankleben- de Bitterkeit anzustreichen nicht vermocht haͤt- te. Sie beriethen sich hierauff mit einander uͤber seine Beerdigung; Marbod aber machte den Schluß: daß dieser grosse und weise Fuͤrst verdient haͤtte/ neben Tuiscons Grab gestellet zu werden. Weßwegen ihnen Lichtenstein und Tannenberg nicht beschwerlich liessen fallen/ sich mit Ariovistens Leiche zu behuͤrden/ und solche dem vor- und zuruͤck gehenden Marbod gegen der verlassenen Hoͤle nach zutragen. Sie verlohren aber bald die Spur; und ob sie zwar biß in dritten Tag selbte zu finden sich mit gros- ser Beschwerligkeit bemuͤhten/ war doch alles vergebens; also: daß Koͤnig Marbod endlich seinen Vorsatz aͤnderte/ und anfieng: Jch weiß nicht: Ob das Verhaͤngnuͤs dieser verlohrnen Wunderhoͤle durch ein Gesetze/ wie die Grie- chen das Eyland Delos/ als ihr allgemeines und hochheiliges Vaterland/ und die gluͤckli- chen Araber eine andere Jnsel fuͤr Beerdigung der Todten verwahret habe. Alleine/ nach dem selbte gleichwol des Tuiscons Leiche ver- traͤgt/ sehe ich wol: daß das Verhaͤngnuͤs nicht so wol Ariovisten das koͤstliche Grab mißgoͤn- net/ als unsere Augen verblendet; weil es uns nicht allerdinges zutrauet: daß wir kuͤnfftig rei- ne Haͤnde von diesen verborgenen Schaͤtzen behalten doͤrfften; nach dem vielleicht einer o- der ander unter uns schon ein Theil seines Her- tzens in der Hoͤle zuruͤck gelassen hat; und wir selbtes vielleicht gar mit Ariovistens Leibe dar- ein vergraben doͤrfften/ nach dem uns mit ihm ein so heilsamer Lehrmeister entfallen ist. Die- semnach machte er in einem Kraͤuter-reichen Thale/ unter einem dreygrieffichten Ahorn- Baume durch seinen Degen mit Ausgra- bung der Erde den Anfang ein Grab zu scharren; welches denn noch selbigen Erster Theil. C c c c c c c Tag Siebendes Buch Tag durch aller dreyer Beyhuͤlffe drittehalb Ellen tieff verfertiget/ und also Ariovistens Lei- che darein geleget ward. Das Grab erhoͤhe- ten sie nach der alten Deutschen Art mit Rasen; und sagte Marbod: Jhre Vorfahren haͤtten Marmelne Graͤber fuͤr keine Ehre/ sondern eine Beschwerde der Todten gehalten. Ario- visten waͤre ruͤhmlich genung: daß er einen Koͤ- nig zum Todten-Graͤber/ seine Jugend nebst der Tapfferkeit die Klugheit des Alters/ sein Alter die Unschuld der Kinder gehabt; und als der Tod ihn gantz zu verriegeln vermeint/ der Nachruhm und die Seele den Sarch fuͤr der Zeit erbrochen/ jener sich in die Welt vertheilet/ diese in eine herrlichere Wohnstatt verfuͤgt haͤt- te. Tannenberg schnitt in die Rinde des an- sehnlichen Ahorn-Baumes folgende Reymen ein: Hier ist’s Grab Ariovistens/ dessen maͤchtig Krieges-Heer/ Doch nicht ihn und seinen Muth Gluͤck und Caͤsar hat bestrit ten; Dessen Beyspiel Fuͤrsten lehret: iede Herrschens-Kunst sey sch wer/ Gleich wol koͤnn t ein Mensch der Welt/ nur ein GOtt ihm selbst gebitten. Nach dem sie sein Grab zu guter letzt noch mit haͤuffigen Thraͤnen genetzet/ und die vom Todten ausgeropffte Wurtzeln verzehret hat- ten/ setzten sie ihren Fuß weiter/ und kamen ge- gen Abend an einen stillstehenden See; welcher ihnen auf diesem hohen Gebuͤrge/ und weil al- les darinnen fuͤr eitel grossen Forellen wiebelte/ so viel wunderlicher fuͤrkam. Tannenberg/ welchen nach so vieler Tage schlechter Kost nach diesen koͤstlichen Fischen geluͤstete/ schaͤlete ein wenig Bast von einem Baum/ machte daraus und von einer Nadel eine Angel. Er hatte sie aber noch nicht recht ins Wasser gehenckt; als ein nackter/ wiewol gantz schupfichter Mann auf einem Kahne aus dem Schilffe gegen ihn herzu schiffte/ und ihn mit dem Ruder draͤuende anschrie: Er solle ihm sein Heiligthum unver- sehrt lassen. Tannenberg/ der ihn fuͤr einen Fischer hielt/ antwortete: sie wuͤrden ihm fuͤr wenig Fische schon gerecht werden. Jener ver- setzte: Der grosse Wasser-Geist dieses Gebuͤr- ges hat eurer Vergeltung nicht von noͤthen; erholet euch aber in der nicht ferne von hier fluͤs- senden Bach dieses Abgangs. Hiermit schlug er das Ruder auf das Wasser/ worvon der gan- tze See nicht anders als das stuͤrmende Meer zuschaͤumen anfieng; woruͤber allen dreyen die Haare zu Berge stunden/ und sie eussersten Kraͤfften nach Berg-ab lieffen/ biß sie keuchen- de eine kleine/ aber mit Forellen und Eschen so angefuͤllte Bach antraffen: daß sie nach ge- haltener Berathschlagung und Anweisung obi- gen Wasser-Geistes ihrer nach Nothdurfft mit den Haͤnden erwischen konten. Der Hunger und die Schoͤnheit dieser Fische bewegten Tan- nenber gen abermahls: daß er um selbte zu roͤ- sten von denen nahe darbey stehenden Wachol- der-Straͤuchen Holtz abzubrechen anfieng. Er hatte aber kaum die Hand ausgestreckt; als von einer hohen Tanne ihm eine Stimme zuruffte: Huͤte dich einen Ast zu versehren; wo du deines Lebens nicht muͤde bist. Tannenberg ward hieruͤber ungedultig/ und antwortete: Ob in so Holtz-reichen Waͤldern einem duͤrfftigen mit besserem Fuge eine Hand voll Holtz/ als in der Lufft dem Menschen das Athemholen zu ver- wehren waͤre. Er kriegte aber zur Antwort: Laͤssestu dir nicht an tausenderley andern Baͤu- men genuͤgen; sondern mustu dem Wald-Geist dieses Gebuͤrges mit Versehrung der ihm ge- wiedmeten Wacholder -Stauden beleidigen? Tannenberg und seine zwey Gefaͤrthen erschra- cken abermals uͤber dieser Stimme/ sonderlich/ da sie den zuruffenden mit Hoͤrnern am Haup- te/ mit Klauen an den Fuͤssen/ und langen Bockshaaren am Leibe gebildet sahen. Gleich- wol aber faste ihm Tannenberg das Hertze/ und brach von der nechsten Tanne das benoͤthig- te Holtz Arminius und Thußnelda. te Holtz sonder fernere Vernehmung dieses wilden Mannes ab; darauf die Fische gebraten/ und mit annehmlichen Schertz-Reden uͤber dieser Begebenheit verzehret wurden. Lichten- stein schoͤpffte hierauf aus selbiger Bach mit sei- nem Helme Wasser/ und tranck es dem Ritter Tannenberg zu auf Gesundheit des Wasser- und Wald-Geistes in dem Sudetischen Ge- buͤrge. Sie hoͤrten aber aus der Hoͤle eine Stimme: warum nicht auch des Lufft-Geistes? sahen aber uͤber sich nichts als eine uͤberaus gros- se Nacht-Eule herum fluͤgen. Kurtz darauff woͤlckte sich der Himmel kohlschwartz/ der helle Tag verwandelte sich in eine kohlschwartze Nacht; ausser: daß selbte von unaufhoͤrlichem Wetterleuchten erhellet/ Marbod und seine mit ihm nunmehr wie ein Aspen-Laub zitternde Ritter von denen grausamen/ und in denen Thaͤlern mehr/ als zehnmahl wiederschallen- den Donnerschlaͤgen gleichsam ertaͤubet; von dem haͤuffigen Platz-Regen/ in welchem alle Stroͤme dieses Wasserreichen Gebuͤrges ver- wandelt zu seyn schienen/ aber schier ersaͤuffet wurden. Es waͤhrete aber kaum eine Viertel- Stunde/ so klaͤrte sich die Lufft aus/ der Him- mel war mit einem wunderschoͤnen Regenbo- gen ausgeputzt; und die annehmliche Sonne gab ihnen mit ihren freudigen Strahlen gute Nacht. Alle drey haͤtten bey dieser geschwin- den Veraͤnderung das schrecklichste Gewitter/ das sie iemahls gehoͤret/ fuͤr einen Traum oder Blendwerck gehalten; wenn ihre Kleider nicht noch getroffen haͤtten. Sie vergassen hieruͤber fernern Schertzes und eilten moͤglichst den Berg hinab; sonderlich/ da sie nicht weit von dannen ein Hauß erblickten/ welches sie auch noch fuͤr gaͤntzlicher Finsternuͤß erreichten; fuͤr selbtem ei- nen alten grauen Mañ/ und ein nicht juͤngeres Weib antraffen; die sich zwar uͤber der Ankunfft so fremder Gaͤste anfangs etwas entsetzten/ her- nach aber auf verspuͤrte freundliche Ansprache/ sie willig beherbergten/ etliche Milch- und Kraͤuter-Speisen fuͤrsetzten/ und sonst allen gu- ten Willen erzeigten. Dieser Alte entschul- digte: daß sein Armuth sie besser zu bedienen nicht erlaubte; wiewol/ wenn er sich in diesem einsamen Gebuͤrge so stattlicher Gaͤste versehen haͤtte/ er gleichwol was bessers aufzusetzen wuͤr- de bemuͤht gewest seyn. Marboden gefiel diese Treuhertzigkeit sehr wol: daß er sich mit dem Alten in ein vertraͤuliches Gespraͤche einließ. Welcher denn erzehlte: daß er seines Alters uͤber hundert Jahr/ seiner Lebens-Art nach ein Wurtzelmann waͤre/ und sonder allen Zweiffel durch die uͤberaus gesunden Kraͤuter und Waͤs- ser dieses Gebuͤrges nicht nur seine/ sondern auch seines nicht ferne von dar wohnenden Va- ters Jahre so hoch erstrecket/ sondern auch sich fuͤr Kranckheiten/ welche die Vielheit der Spei- sen/ sonderlich die Ubermaße des Fleisches ver- ursachte/ verwahret haͤtte. Marbod haͤtte ihn gerne ausgeholet um den Zustand des Marsin- gischen Hertzogs zu erkundigen/ dieser gute Al- te aber wolte/ oder wuste ihm nichts rechtes zu sagen; vorschuͤtzende: die aus dem Thale nach Kraͤutern zu ihm kommende Leute sagten ihm zwar zuweilen: daß er mit seinen Nachbarn Krieg fuͤhrte; Er liesse sich aber darum unbe- kuͤmmert/ sondern vergnuͤgte sich mit der nech- sten Wiese und Pusche/ und mit wenigen Stuͤ- cken Vieh. Wie er denn seine Huͤtte und Ruh nicht mit des groͤsten Fuͤrsten Schlosse und Kummer vertauschen wolte. Ja/ wo es wahr waͤre/ was ihm zuweilen etliche andere Wurtzel- Leute von den Welthaͤndeln wieder seinen Wil- len erzehleten; muͤsten grosse Herren nicht allein die elendesten Menschen/ sondern die grausam- sten Thiere seyn. Er waͤre sein Lebetage nicht auffs flache Land kommen; wuͤste auch nicht ob diß Gebuͤrge das Ende der Welt waͤre/ oder ob solche Menschen daselbst wohneten. Er hielte es fuͤr kein gemeines Gluͤcke: daß er mehrerley Arten Thiere/ als Menschen kennte/ weil jene ihm nicht so viel schadeten/ als er andere von die- C c c c c c c 2 sen Siebendes Buch sen klagen hoͤrte. Er redete oͤffter mit den Ster- nen/ als seines gleichen; weil er in diesen zuwei- len Falschheit/ ins gemein Gebrechen/ in je- nen aber allezeit eine wahre Andeutung kuͤnff- tigen Gewitters/ selten eine Verfinsterung/ die aber bald wieder vergienge/ wahr genom- men haͤtte. Ja/ wenn er nicht so viel Kraͤuter kennte; unterstuͤnde er sich zu sagen: er waͤre im Him̃el besseꝛ bekandt/ als auf Erden beschlagen. Seine ferneste Reise waͤre biß unter das Ge- buͤrge zu denen zwey warmen Gesund-Brun- nen sein Lebtage gewest; die nahe bey der Za- cken-Bach aus der Erde empor quillen/ er aber sie nicht so wol aus Noth/ als die Wunder goͤtt- licher Vorsorge zu genuͤssen jaͤhrlich im Mey besuchte. Daselbst haͤtten ihm etliche Fremd- linge zuweilen viel von andern Voͤlckern und Begebenheiten erzehlen wollen; er waͤre dessen aber bald uͤberdruͤßig worden; haͤt t e auch das meiste fuͤr Getichte gehalten; weil er eine so gros- se Boßheit denen Menschen nicht zutrauen koͤnte; derogleichen die gifftigen Thiere in die- sem Gebuͤrge nicht haͤtten. Koͤnig Marbod seuffzete uͤber der unschuldigen Einfalt dieses Wurtzel-Mannes; Gleichwol fragte er: Was fuͤr grausam Ding er denn gehoͤret haͤtte? Der Alte wolte zwar lange nicht heraus; in Mei- nung: daß sie seiner Einfalt nur spotteten; end- lich sagte er: Es solte ein benachbartes Volck; oder vielmehr etliche Diener/ die der Fuͤrst als seine Kinder geliebt/ ihn ermordet haben. Mar- bod verblaste und erstummte uͤber dieser unver- mutheten Gewisseus-Ruͤhrung. Tannenberg aber fiel dem Wurtzelmanne mit Fleiß ein: Ob denn in diesem Gebuͤr ge die Natter dem Maͤñ- lein in ihrer Liebes-Beywohnung nicht den Kopff abbisse; die jungen Nattern aber in der Geburt durch Zerreissung ihres Bauches ihre Mutter nicht toͤdteten? Der Alte lachte hieruͤ- ber/ meldende: Er glaubte auch nicht: daß diß anderwerts geschehe. Er habe mehrmahls Schlangen und Nattern sich wie andere Thie- re umschraͤnckende einander beywohnen sehen; er habe in oͤffterer derselben Zergliederung an ihnen Maͤnn- und Weibliche Geburts-Glie- der; ja in diesen zum Kuͤssen/ nicht aber zur Empfaͤngnuͤs geschicktem Munde gewisse Ey- er/ welche in vier Mohnden zu dinnen Nattern wuͤrden/ befunden; ja die alten Nattern in en- gem ja glaͤsernem Beschlusse gehalten/ welche ohne einige Verletzung junge gezeugt und selb- te genehret haͤtten. Tannenberg versetzte: Es wuͤrden vielleicht nicht alle/ wol aber gewis- se Arten der Nattern diese Eigenschafft haben. Sintemahl ja auch die Wiesel im Ohre/ die Raben und Fische im Munde geschwaͤngert wuͤrden/ die ersten auch durch den Mund ge- biehren. Warlich antwortete der Wurtzel- Mann; diß letztere ist so irrig/ als das erstere/ ich will euch Morgen/ weil nichts minder die Zeit/ als eure Muͤdigkeit euch zum Schlaffe nunmehr einraͤthet/ auf euer Begehren die von der Natur nicht umsonst geschaffenen ab- sonderen Geburts-Glieder in diesen Thieren zeigen; und ich habe ihre Vermischung nach gemeiner Art mehrmahls mit Augen gesehen. Marbod danckte fuͤr so gute Vertroͤstung/ und insonderheit so annehmliche Aufnehmung; sonderlich/ da das alte Weib etliche gewaͤrmete Tuͤcher bey ihrer Entkleidung ihnen darreich- te/ sich desto besser abzutrocknen/ auch bequeme Laͤger-Staͤtte anwieß. Uber dieser Trock- nung konte Tannenberg gleichwol sich nicht enthalten zu fragen: Ob es denn an gegenwaͤr- tigem Orte nicht geregnet haͤtte? Wie nun der Wurtzelmann mit nein antwortete; erkundig- te sich Tannenberg weiter: Ob sie aber das schreckliche Wetter nicht gehoͤret? Der Alte verneinte diß gleichfalls. Diesemnach Lich- tenstein heraus fuhr: So sind wir in Warheit zu letzte von dem Gespenste nichts weniger verblaͤndet/ als anfangs geaͤffet worden. Jch meine deine trieffenden Kleider und deine nasse Glieder/ versetzte Marbod/ solten dir die War- heit Arminius und Thußnelda. heit des Gewitters sattsam bezeugen/ ungeach- tet der zwischen diesem und jenem Orte stehen- de Berg desselbten Empfindligkeit diesen gu- ten Leuten entzogen hat. Tannenberg fiel ein: Er hielte zwar das Gewitter fuͤr allzu- wahr; aber weil es nicht so weit gereichet/ noch die grausamen Doñerschlaͤge in einer so gering- sten Ferne waͤren gehoͤret worden/ mehr fuͤr ein Werck des Gespenstes/ als natuͤrlichen Ur- sachen. Marbod antwortete: wer hat dich den Aberglauben uͤberredet: daß die Gespenste oder Geister Regen/ Schlossen/ Blitz und Donner schaffen/ also der Goͤttlichen Allmacht Eingriff thun/ oder sich ihr vergleichen koͤnnen. Tan- nenberg warff ein: weil man von denen Sito- nen/ und denen um das Gebuͤrge Sevo woh- nenden Nord-Voͤlckern fuͤr unzweifelbare Ge- wißheit glaubte: daß sie denen um die Rubeische Nord-Spitze schiffenden Leuten in dreyerley Knoten dreyerley Arten von Winde verkauff- ten; daß die Einwohner der Cycladischen Ey- lande durch gewisse Opffer die kuͤhlen Luͤffte in Hunds-Tagen erregten; daß die Zauberer durch ihre Kuͤnste/ worbey sie zusammen ge- mischtes Mehl/ Honig/ Menschen-Schweiß und Gans-Blut in die Lufft sprengen/ uͤbrige Duͤrre mit Regen abkuͤhlen; ja durch einen in den Lucernischen See bey den Helvetiern ge- worffenen Stein Wetter erreget wuͤrden; traute er denen Geistern/ welche zweiffelsfrey von denen Geheimnuͤssen der Natur mehr Wissenschafft haͤtten/ als die Menschen/ so viel mehr die Krafft zu/ mit der Goͤttlichen Zulas- sung sich durch solche Wuͤrckungen zu erlusti- gen. Der Wurtzelmann lachte hieruͤber; weß- wegen Marbod ihm alle ihre Ebentheuer er- zehlte/ und sein Gutachten hieruͤber zu eroͤffnen bestaͤndig anhielt. Dieser sagte hierauff: Ge- genwaͤrtiges Gebuͤrge waͤre von Gespenstern mehr beschrien; als er selbst glauben koͤnte. Daß zwischen so viel hohen Bergen/ an wel- chen die Sonnen-Strahlen sich hin und wie- der stiessen/ aus so viel gewaͤsserten Thaͤlern haͤuffige Ausdampffungen empor stiegen/ und daraus oft Gewitter entstuͤnden/ waͤre der Ver- nunfft gemaͤß/ und also kein Gemaͤchte der Gespenster. So pflegten sich auch mehrmals mehr/ als fleischichte Menschen in Geister zu verstellen/ und mit Einfaͤltigen ihre Kurtzweil zu treiben. Wiewol er nicht umstuͤnde: daß zuweilen die Geister auch allhier mit gewissen Erscheinungen ihr Spiel haͤtten/ und waͤre in seiner Jugend ihm wol ehe einer erschienen/ der in einem Augenblicke einen Wurtzelmann/ im andern einen Jaͤger/ im dritten einen Fischer fuͤr gebildet haͤtte. Jnsonderheit pflegten diese Berg-Geister die Fremdlinge zu aͤffen; nie- mahls aber haͤtten sie seines Wissens iemanden einen empfindlichen Schaden zugefuͤgt. Mar- bod und beyde Ritter uͤberfiel hieruͤber der Schlaff/ und sie erwachten nicht ehe/ als biß die Sonne mit ihren Strahlen sie in dem Gema- che begruͤssete. Der Wurtzelmann fuͤhrte sie hierauf in seine Kraͤuter-Kammer/ zeigte ihnen wol tausenderley Arten/ und darunter viel sel- tzamer nur auf diesem Gebuͤrge wachsender Kraͤuter; und erklaͤrte ihnen mit einer annehm- lichen Bescheidenheit ihre wundersame Wuͤr- ckungen. Hierauf brachte er sie auch fuͤr eine fest verschlossene Hoͤle; bey derer Eroͤffnung sie fuͤr Schrecken zuruͤck prellten/ weil der erste Anblick ihnen viel tausend in einander gewi- ckelte Nattern und Schlangen zeigte. Der gute Alte aber versicherte sie: daß sie ausser Gefahr waͤren/ gieng hierauff mitten in dieses grausame Loch/ und laß daraus al- lerhand Arten abscheulicher Wuͤrmer; zer- gliederte selbte/ und zeigte seinen Gaͤ- sten augenscheinlich/ was er ihnen den A- bend vorher versprochen hatte; erzehlte zugleich/ wie er aus den gifftigsten Mol- chen/ und anderm Gewuͤrme fuͤr koͤst- liche Salben/ Saltz/ Staub/ und an- dere bewehrte Artzneyen bereitete. Unter C c c c c c c 3 welchem Siebendes Buch welchem G e spraͤche sie denn in eine Kuͤche ka- men; da auf etlichen Heerden uͤber dem Feuer viel glaͤserne Kolben standen/ in welchen er aus Thieren/ Wuͤrmern/ Kraͤutern/ Ertzt und Steinen den Geist und die beste Krafft zu zie- hen wuste. Zuletzt auch mit den herrlichsten Artzneyen sie reichlich betheilte; Bey dem nun nahe herbey gebrachten Mittage aber das alte Weib ihnen zu ihrer grossen Verwunderung/ Forellen/ Eschen/ Grundeln/ und Haselhuͤner fuͤrsetzte; ja ihnen anlag: daß sie selbigen Tag; weil doch allem Ansehen nach sie eine ferne Rei- se hinter sich gelegt haben muͤsten/ bey ihnen ausruhen/ und ob sie zwar sie fuͤr keine Leute gemeinen Standes urtheilte/ doch mit ihrer ar- men Rauch-Huͤtte fuͤr lieb nehmen moͤchten. Weil nun der Alte ihr beystimmte/ sich auch er- bot auf den Morgen sie biß unter das Gebuͤrge zu denen zwey warmen Brunnen zu begleiten; und ihnen/ wie die Marsinger das Feyer der Frea jaͤhrlich zu begehen pflegten/ zeigen wol- te; hatten sie zwar Bedencken diesen treuher- tzigen Leuten beschwerlich zu seyn; iedoch schien es ihnen eine noch groͤssere Unhoͤfligkeit zu seyn/ ihren Wolthaͤtern was abzuschlagen/ was zu ihrem Wolgefallen und selbsteigner Gemaͤch- ligkeit gereichte/ und zwar deßhalben sonder we- niger Bedencken; weil diese guten Leute nicht einst nach ihrem Zustande/ und nach dem Abse- hen ihrer Reise zu fragen sich unterwinden wol- ten. Mit anbrechendem Tage machten sie sich auf/ und gab dieser Stein-alte Greiß einen so hurtigen Wegweiser ab: daß sie in zwey Stun- den ein etwa zwey Meilen lang und breites/ rings um mit einem Krantze Baum-reicher Berge umgebenes/ in der Mitte aber mit wol hundert fruchtbaren Huͤgeln (welche a- ber gegen denen Riesenbergen Maulwurffs- Hauffen schienen) gleichsam beseeltes Thal er- reichten/ und darmit nichts minder ihr Hertz er- lustigten/ als die Augen weideten. Unter We- ges erzehlte der Wurtzelmann auf Lichtensteins Begehren: was das angedeutete jaͤhrliche Fey- er eigentlich waͤre? Sie als Deutsche wuͤrden wol wissen: daß die Deutschen zwar aus den Lastern/ wie er von andern Voͤlckern hoͤrte/ kei- ne Sitten machten/ weniger ein Lachen darein gaͤben; fuͤr das abscheulichste aber wuͤrde die Unkeuschheit/ insonderheit bey denen Marsin- gern gehalten. Daher es bey ihnen die aͤrgste Schande waͤre fuͤr dem zwantzigsten Jahre ei- nem Weibe beygethan seyn; ja es wuͤrde die Vermischung den Maͤnnern fuͤr dem dreyßig- sten/ den Jungfrauen fuͤr dem zwanzigsten Jah- re gar nicht erlaubt. Die Gesetze haͤtte Frea eines Marsingischen Hertzogs Tochter/ welche hernach Wodan/ oder der Deutsche Hercules geheyrathet/ gestifftet/ wormit die Heyrathen- den vorher recht erstarren/ und unter einem so tapffern Volcke wegen Unzeit durch die Lie- bes-Wercke erschoͤpffter Leibes-Kraͤfften keine ohnmaͤchtige Zwerge/ sondern kraͤfftige Leute gezeuget wuͤrden. Auch haͤtte sie denen Eh- brecherinnen diese Straffe gesetzt: daß ihr Mann nach abgeschnittenen Haaren sie aus dem Hause stiesse/ und biß uͤber die Graͤntze des- selbigen Fleckens ohne einige Erbarmnuͤs und verstatteten Einhalt der Obrigkeit biß aufs Blut peitschte. Hierentgegen diesen Lastern so viel leichter fuͤꝛzukommen/ haͤtte sie gezwungene Heyrathen veꝛdammet/ und allen auch noch un- ter ihrer Eltern Gewalt begrieffenen Kindern eine unverschraͤnckte Wahl ihrer Ehgatten er- laubet; sonderlich weil hier zu Lande Jung- frauen nur einmahl heyratheten/ und nichts minder keine Wittib waͤre: die nach einem an- dern Ehmanne seuffzete/ als einiger Mann/ der selbte seines Ehbettes wuͤrdigte. Wenn nun die Toͤchter das bestimmte Alter erreichten/ wuͤrden sie auf eben selbigen Tag des Jahres (an dem man dieser klugen Gesetzgeberin Ge- daͤchtnuͤs mit vielen Lobspruͤchen heraus striche/ sie aber nicht nach der Auslaͤnder Meinung fuͤr eine Arminius und Thußnelda. eine Liebes-Goͤttin anbetete ) von ihren Be- freundeten an einen gewissen Ort; und zwar die in diesem Thale zu denen zwey warmen Brunnen gebracht; dahin sich ihre Liebhaber auch einfindeten/ beyde also die freye Wahl ihrer Heyrathen voll zuͤgen. Wie sie nun zwischen die zwey Baͤche ka- men/ welche die zwey warmen Brunnen gleich- sam wie zwey Armen umschluͤssen; fanden sie Ufer und Wiesen ziemlich angefuͤllet; und dar- unter eine ansehnliche Anzahl wunderschoͤner Jungfrauen; derer Wahl gleichsam nunmehr um ihre inbruͤnstigen Liebhaber solte das Loß werffen. Die Menge derselben machte: daß Koͤnig Marbod und die zwey Ritter sie nur uͤ- berhin betrachteten. Sie sahen aber endlich eine Jungfrau durch die Zackenbach waten; welche in einem Augenblicke alle ihre Augen gleichsam bezauberte. Denn ihr Mund war dem hoͤchsten Zinober/ ihre Wangen denen noch von Thau trieffenden/ und noch halb zugeschlos- senen Rosen/ die braunen Augen zweyen bli- tzenden Sternen/ der Hals/ uñ der mehr als halb nackte Leib dem gefallenen Schnee zu verglei- chen. Die Bruͤste waren der Landes-Art nach gantz bloß/ und ein nicht ungleiches Abbild des nahen Schnee-Gebuͤrges/ wenn dessen Gipfel so wol/ als jene/ mit so Purpurrothen Beeren gekroͤnet/ mit einer so vollkommenen Rundte erhoͤhet/ und stets mit einem lebhafften Atheme nichts minder beseelet/ als aufgeschwellet wuͤr- de. Mit denen braunlichten Haaren/ welche zwar hundertfach gekringelt waren/ aber biß an die Kniekehlen reichten/ spielte der anmuthige Westwind um die Schultern. Auf dem Haupte trug sie einen Rosen-Krantz/ am Halse hieng ein Bogen/ an der Seite ein Koͤcher; in der einen Hand hatte sie eine Sichel/ in der andern eine Spindel. Von dem Gurthe biß an die Knie war sie zwar mit einer zarten Leinwand verhuͤl- let; selbte aber mit so viel Blumen bedeckt: daß sie kaum zu erkiesen war. Jhr folgten auf dem Fuße zwoͤlff der wunderschoͤnst en Frauen; wel- che sie geraden Weges zu dem warmen Brun- nen leiteten; und zu baden noͤthigten. Da sie denn entweder von der Waͤrmde das Wassers/ oder aus Schamroͤthe fuͤr so viel Zuschauern sich noch annehmlicher faͤrbte; insonderheit a- ber stachen ihre Lippen alle Corallen und Pur- pur-Muscheln weg; und die Zuschauer stunden in Kummer: daß sie von uͤbrigem Gebluͤte zer- platzen wuͤrden. Marbod konte sich nicht laͤn- ger enthalten zu seuffzen/ und gegen seine Ge- faͤrthen heraus zu fahren: Warlich; ich weiß nicht: Ob sie diese Halb-Goͤttin in diesem Quel- le verunreinigen/ oder das Wasser durch ihre Schoͤnheit mehr ausklaͤren oder anzuͤnden wol- len? Wie nun sie im Bade wenig Zeit zubrach- te/ also begleiteten sie ihre Fuͤhrerinnen auff die nechste Wiese an die Bach/ da sie denn um sie sitzende einen Kreiß machten/ und folgendes Lied ihr zusungen: Liebstes Kind/ der Sommer gluͤhet/ Da des reiffen Alters Safft/ Knospen reiner Jungfrauschafft Auffzuschluͤssen ist bemuͤhet/ Bluͤth’ und Kindheit ist vorbey/ Nunmehr lerne: was es sey Ohne was wir Unding waͤren/ Und ein Brach-Feld sonder Eeren. Jtzt wird Einfalt weggeleget; Fuͤhl’stu ein suͤß Etwas nicht? Das um diese Zeit uns sticht/ Und sich im Geaͤder reaet. Diß ist’s Honig dieser Welt/ Das sie labet und erhaͤlt; Ja geliebt und liebend werden Jst der Zucker auf der Erden. Rosen speisen Schlang’ und Bienen; Liebe Jugend und die Zeit Die bestimmt zur Fruchtbarkeit; Nur daß Ros’ und Liebe dienen Dort zu Gifft und Raserey/ Hier zu Honig und Artzney; Ja es ist dem Lieben eigen Mehl- und Zucker-Thau zu zeigen. Gleich- Siebendes Buch Gleichwol laug so Lieb als Zierbe Zum Veraltern gleichfalls nicht. Sch oͤn heit ist ein schwindend Licht. Wohnt in Runtzeln gleich Begierde/ Klebt ihr doch Verschmaͤhung an. Denn sie brennt/ und steckt nicht an; Sie gebiehrt nicht bey viel Wieben/ Und erfriert bey Glut und L ieben. Aber dieser Kern der Jahre Jst gleich recht zu dem Gebrauch. Drum erkiese dir nun auch Eine nicht verleg’ne Waare/ Welche lieb ist und verliebt/ Und nicht to die Kuͤsse giebt. Denn nichts suͤssers ist zu finden Als zwey Seelen auf zwey Muͤnden. Kuͤsse’ sind der Liebe Knoten/ Ang- und Aegeln/ die sich muͤh’n Unsre Seel’ in sich zu ziehin. Doch beseel’n sie auch die Todten. Und der Liebe Pein schafft Lust/ Ja es soll’n/ wenn deine Brust Gleich wird keine Seele tragen/ Doch in dir zwey Hertzen schlagen. Diese singende Frauen haͤtten allem Anse- hen nach dieser aller Zuschauer Augen und Hertz raubenden Jungfrauen noch bewegli- cher die Liebe eingelobt; wenn sich nicht eine wol aufgeputzte Gesellschafft allerhand junger Mannschafft mit einem anmuthigen Gethoͤne diesem Kreiße genaͤhert/ und dardurch so wol das Stillschweigen der Frauen/ als noch meh- rern Zulauf des Volckes verursacht haͤtte. Die- ser Aufzug war in unterschiedene Hauffen zer- theilet/ welche nach der Reye ihrer Ankunfft die Frauen rings umher besetzten. Jm ersten wa- ren eitel Weber/ welche mit der schoͤnsten Lein- wand gekleidet/ mit Tannen-Kraͤntzen auf ge- putzt waren; und von dem glaͤttesten Ahorn- Holtze flaserne Wurfften und Weber-Baͤume trugen. Der alleransehnlichste unter ihnen drang sich in den Kreiß der Frauen/ kniete fuͤr der Jungfrau nieder/ legte Wurffte und We- ber-Baum ihr zu Fuͤssen/ und fieng nach aller Anwesenden tieffem Stillschweigen folgender Weise zu singen an: Verschmaͤhe/ Goͤttin/ doch mein lodernd Hertze nicht/ Da Land und Stadt Lob meiner Kunst-Hand giebet; Da iede Frau ist in mein Werck verliebet/ Und mir steckt zu/ was sie ihr selbst am Leib’ abbricht/ Da was mein Webe r baum gewehret/ Die Welt unmoͤglich schier entbehret. Es ist ja die Natur selbst eine Weberin/ Sie webt’s Gestirn’ in schwartzen Flor der Naͤchte/ Das Blumwerck ist auch ihrer Hand Gemaͤchte/ Das sie auf den Damast der Wiesen streuet hin. Ja daß du athmest/ und ich lebe/ Jst des Verhaͤngnuͤßes Gewebe. Das Gluͤcke schiebt bald Gold/ bald schwartze Faͤdem’ ein Doch eh man’s meint/ trennt es des Todes Schere. Steht nun kein Tag dir nicht fuͤr die Gewchre/ Wie mag dein Schoͤnheits-Garn denn sonder Webe seyn? Jn deiner Hand steh’ts: Tod und Leben/ Geluͤck und Unfall mir zu weben. Nicht zweissle: daß die Lieb’ auch selbst ein Weber sey; Sie hat aus dem Gespinste der Gedancken Dein Bild gewuͤrckt in meiner Seele Schrancken/ Das keine Zeit vertilgt/ kein Unfall reißt entzwey. Wie magstu mir zu Pein und Lei d en/ Denn selbst dein eigen Bild zerschneiden? Der Gold-Drat deiner Haar’ hat wol mein Hertz umwebt/ Doch lacht es andrer Liebe Spinnen-Weben. Soll meine Seel’ hier gleich den Geist aufgeben; So ist’s ihr Trost: daß sie viel edler sich begraͤbt Als Wuͤrmer/ die nur Se i de spinnen/ Ein koͤstlich Grab Maal zu gewinnen. Gewiß der Geist/ der uns den Lebens-Fadem dreht/ Kan nichts als Gold und guͤ l d’ne Zeit mir weben/ Wo deine Gunst hierzu den F l achs wird geben. Ja wo sie Goͤttin mich zu lieben nicht versch meht/ So wird mein Wuͤrcken und ihr Schluͤssen Ein Webe zieh’n mit Haͤnd und Fuͤssen. Die mit Rosen gekraͤntzte Jungfrau blieb so unbewegt gegen dieses Lied/ als der Stein/ auf dem sie saß. Daher der schoͤnste unter den Fi- schern; welche alle von Wasser-Lilgen und an- dern in Suͤmpffen wachsenden Blumen Kraͤn- tze auff dem Haupte/ um den mitlern Leib ge- flochtene Senden-Kleider/ um den Hals Mu- scheln/ auf der Achsel einen Hamen mit Fischen hatten/ herfuͤr trat; und nach gleichmaͤßigem Niederknien die unbarmhertzige um ihre Liebe mit folgenden Reymen anflehete: Wo Arminius und Thußnelda. Wo Liebe/ wie man sagt/ gebohrn ist aus der Fluth/ So kan kein Mensch kein Vorrecht nicht ersinnen/ Nah/ Goͤttin/ dich inbruͤnst’ger lieb gewinnen, Es zeigts der nahe Brunn: daß Wasser quillt aus Glut; Wie vielmahl fuͤhl’ ich selbst beysammen Jn Gliedern Eyß/ im Hertzen Flammen? Es waͤre mir noch nicht/ was Liebe sey/ bekandt. Haͤtt’ ich in denen Silber-klaren Fluͤssen Die Fische nicht einander sehen kuͤssen; Die Sternen der Forelln sind nichts als Liebes-Brand; Der Aal laͤßt’s Wasser/ sucht das Gruͤne/ Daß er sich seiner Brunst bediene. So sorge/ Goͤttin/ nun nicht: daß mein Lieben Eyß/ Mein Brand sey kalt; und daß in nassen Armen/ Unmoͤglich oder schwer sey zu erwarmen. Ein Ouell steckt Facke l n an/ Fluth macht auch Kiesel heiß; Sonst wuͤrde Benus nicht begehren. Sich selbst in einen Fisch zu kehren. Weil Schiff und Fisch’ und Fluß selbst unter’n Sternen stehn/ Der Sand hier Gold’/ und Wasser Silber gleichet/ Mein Fischer-Zeug auch keinem fremden weichet; Und hier kein Wall fisch-Fang mich heißt zu Grunde gehn; So wuͤrdige doch diese Fluͤsse Der Wohnung/ und mich deiner Kuͤsse. Waͤchst hier gleich kein Corall/ so sind doch Perlen dar. Dein Hals und Mund kan beydes selbst beschaͤmen/ Die Brust das Meer auch mit Rubin besaͤmen. Jn wenn du auf die Fluth ausbreiten wirst dein Haar/ So wird iedweder Fisch verlangen Sich in das edle Garn zu fangen. Wie? wilstu kalt wie Fluth/ mehr stumm als Fische seyn? Dein Ohr in Felß/ dein Hertz in Marmel schluͤssen? So werd’ ich zwar in eine Bach zerfluͤssen; Doch wird dein Antlitz auch sich traurig woͤlcken ein/ Und seine Sonnen/ die itzt gluͤhen/ Die werden nichts als Wasser zieben. Nach dem die von allen so hoch verehrte Goͤttin gleichfalls kein Zeichen thaͤt/ trat aus dem Hauffen der Schmiede einer herfuͤr; wel- cher an Farbe und Laͤnge zwar einem Cyclopen gleichte; alleine seine Gebehrdung gab genung zu verstehen: daß sein Aufzug mehr angenom- men/ als natuͤrlich war. Er hatte wie alle sei- ne Geferthen einen Krantz von Eisen-Kraute auf; in der Hand einen Hammer; welchen er mit gleichmaͤßiger Ehrerbietung fuͤr der Jung- frauen niederlegte/ und seine Liebes-Brunst auff folgende Art ausathmete: Beseeltes Marmel-Bild/ aus dem die Anmuth lacht/ Entsetze dich nicht fuͤr mir schwartzem Mohren Jch bin beraͤhmt/ nicht aber schwartz gebohren. Verliebt sich doch der Tag auch in die finstre Nacht. Des Himmels Glantz macht selbst aus Liebe Der Finsternuͤß den Mittag truͤbe. Die Sternen buhln der Nacht/ ziehn ihr ihr Goldstuͤck an/ Fliehn fuͤr der Sonn’/ um mit den Finsternuͤßen/ Alleine sich zu saͤttigen und kuͤssen. Wie so n der Dunckelheit kein Demant schoͤn seyn kan/ Also vergnuͤgt der Welt ihr Hertze An Flecken sich und an der Schwaͤrtze. Sind deine Augen doch selbst Sonnen voller Nacht; Und weil in Kohl- und andern schwartzen Dingen Nur Zunder steckt die Glut in Schwung zu bringen/ So hat ein lahmer Schmied so viel zu wege bracht: Daß er in den schneeweissen Armen Der Liebes-Goͤttin mag erwarmen. Bin ich nun gleich kein Schwan/ so hinck’ ich nicht/ wie er. Nur weiß ich auch: daß gegen Liebes-Bruͤnste Der Schmiede Glut kalt Wasser sey und Duͤnste. Und meine Flammen sind von Rauch und Falschheit leer. Schmeltz-Oeff’ und eines Hecla Hoͤle Sind nicht so heiß/ als meine Seele. Ein einig Strahl von dir schmeltzt Ertzt/ zermalmet Stahl; Mein Hertze muß die Amboß-Last vertragen; Nur daß es wird viel grimmiger geschlagen; Denn deine Blicke sind nur Blitz und Donner-Strahl. Dein Licht verblaͤndet mein Gesichte Ein lebhafft Strahl macht mich zu nichte. Die Eße meiner Brust brennt Lichter-Loh’ und kracht; Weil sie allzeit zwey Blase-Baͤlg’ erhellen/ So offt an dir die Bruͤste sich auffschwellen; Und meiner Seuffzer Wind die Flamme lebend macht. Ja ich muß noch zu Asche werden Wo du nicht abhilffst den Beschwerden. So kuͤhle/ Goͤttin/ doch mitleidend meinen Brand/ Sey haͤrter nicht/ als schmeltzend Ertzt und Eisen So wird es sich in kurtzer Zeit erweisen: Daß auch Ergetzligkeit sey Flammen an ver wand; Daß Lieb’ und Glut nicht nur verzehren/ Und brennen/ sondern auch gebehren. Wiewol nun diese Jungfrau/ welche mit ih- ren Rosen den Fruͤhling auf den Wangen/ mit ihren kraͤfftigen Strahlen den Sommer in Augen/ mit ihren anmuthigen Aepffeln den Herbst auf der Brust fuͤrbildete/ mit ihrer un- beweglichen Kaͤlte den Winter im Hertzen zu unterhalten schien/ ließ sich doch der erste unter Erster Theil. D d d d d d d den Siebendes Buch den Gaͤrtnern nicht abwendig machen fuͤr ihr sein Hertz auszuschuͤtten. Er hatte einen Krantz von hundertblaͤtterichten Rosen; sein Kleid uͤber den gantzen Leib war nichts/ als eitel durch ein- ander vermischte Blumen. Auf der lincken Seite beym Hertzen war allein ein Kreiß eitel schwartz-rother Nelcken/ auf der rechten ein Kreiß voll Lilgen; zweiffelsfrey um mit jenen seine hefftige/ mit diesen seine reine Liebe zu entwerffen. An dem Arme hatte er einen Korb voll Hyacinthen; welche er nebst etlichen durch diese Blume getoͤdtete Schlangen kniende fuͤr der Jungfrau ausschuͤttete; und vielleicht dar- durch auf die Uberwindung aller Verleumder und seiner Neben-Buhler zielte; endlich fol- gende Reymen mit vielen Seuffzern absang: Wenn in der gantzen Welt die Liebe waͤre kalt/ So wuͤrde sie in Gaͤrten feurig bleiben; Mit Brand und Blut auf tausend Pflantzen schreiben; Das Wachsthum sey ihr Werck und Feuer die Gestalt. Wie soll ich nun verliebt nicht lechsen Bey so viel liebenden Gewaͤchsen? Die Erd’ ist selbst verliebt in Himmel; denn sie schmuͤckt Mit Gold’ ihr Haar/ die Baͤunte mit Korallen/ Das Blum werck mit Rubin/ ihm zugefallen. Auch liebt der Himmel sie/ der als ein Argos schickt Aus tausend Augen A n muths-Strahlen/ Sie zu befruchten und zu mahlen. Der Scharlach auf der Ros’/ und Bisam auf Jesmin/ Jst theils der Brand/ theils eine Krafft der Liebe/ Wenn nicht ihr Geist die Sonnen-Wende triebe; So wuͤrde sie so nicht der Welt ihr Auge ziehn. Der Eppich haͤlt die Myrth umgeben/ Die Ulm umhalset sich mit Reben. Die Blumen sollen meist verliebter Leichen seyn; Worauff man theils kan lesen ihre Nahmen; Ja ihr Geruch ist nichts als Liebes-Sa a men; Wie soll ihr Balsam nicht mein Hertze nehmen ein? Wie soll ich/ Sonn’ und Ros’ auff Erden Von dir nicht reg’ und lodernd werden? Weil aber du auch selbst ein Liebes-Garten bist/ Jn welchem Bruͤste/ Lippen/ Stirne Wangen Mit Schne e -Balln/ Anemon- und Tulpen prangen; Den Athem Hyaciuth/ Acanth den Schwelß ansuͤßt/ So werden ja an dir auch hafften Verlicbter Stengel Eigenschafften. Sind ohne Liebligkeit die Gaͤrte Wuͤsteney? Jst sonder Hold die Schoͤnheit wild Gewaͤchse/ So fuͤhl’ es doch/ wenn ich so sehnlich lechse/ Und dencke: daß die Lieb’ ein herrlich Pfropff-Reiß sey; Das auch auff wilden Staͤmm- und Zweigen/ Granaten-Aepffel weiß zu zeigen. Alleine diese Seuffzer verrauchten wie die vorigen vergebens in Wind; weßwegen aus der Reye der Schaͤfer der vollkommenste herfuͤr trat; und mit einer annehmlichen Hoͤfligkeit sei- nen zierlich geschnuͤtzten/ und mit allerhand Ge- bluͤme umflochtenen Hirten-Stab/ ingleichen feinen Krantz von Hyacinthen/ der seine weiß- gerolleten Haare bedeckte/ und ein auf dem Ar- me herbey getragenes Lamm zu den Fuͤssen der unbarmhertzigen Jungfrauen legte; und nach dem sie ihm mit einem annehmlichern Blicke/ als keinem vorher/ begegnet war; seine Liebes- Gedancken durch mehr Seuffzer/ als folgende Zeilen vernehmen ließ: Es soll die Liebe jung in Huͤrden worden seyn; Die erste Welt ruͤhmt nichts als Schaͤfferinnen. Wenn Heucheley sucht hohen Stand und Zinnen/ Kehrt reine Liebe nur in Schaͤffer-Huͤtten ein/ Mit dieser dich nun zu bedienen/ Bin auch ich Schaͤfer hier erschienen. Die Wolle meiner Heerd’ ist weisser zwar als Schnee/ Doch nicht so rein/ als mein verliebtes Hertze. Geschminckte Gunst zerschmeltzt wie Eyß im Mertze/ Vergeht wie Rauch durch Wind/ und Truͤb-Sand in der See. Alleine meine Brunst wird gluͤhen/ Weil meine Brust kan Athem ziehen. Die Einfalt ist das Saltz; Auffrichtigkeit der Kern Der Liebe/ die soll Gegen-Lieb’ erwecken. So schene nun nicht uns’re Puͤsch’ und Hecken/ Wo nichts als Unschuld wohnt/ da scheint kein Ungluͤcks-Stern/ Wo Sumpff und Laster nicht zu spuͤren/ Kan dich kein Jrrwisch nicht verfuͤhren. Du Engel kanst den Wald in Lustgefilde kehrn/ Dein fruchtbar Fuß den Sand mit Kraͤutern decken. Ja welches Schaf wird deine Weide schmecken/ Wird fuͤr die Wolle Gold/ und Seiden uns gewehrn; So daß auch Goͤtter dieser Erden Nach unser Trifft verlangen werden. Die Arminius und Thußnelda. Die Welt hat eine Perl’/ und eine Sonn’ an dir; So soltestu nun zwar in Purpur-Schalen/ Ja nur an dem Saphirnen Himmel pralen; Allein die Sonne schlaͤfft auch neben Ochs’ und Stier; Und die beperlten Muscheln schaͤmen/ Sich nicht in Sand und Schilff zu saͤmen. Du wirst mein liebstes Schaf/ und ich dein Hirte seyn; Jch werde dich mit Milch und Honig pflegen; Den Mund dir auf/ die Hand dir unterlegen/ Die Schaare kommt zwar offt/ doch bleibt der Nutz gemein/ Und alle Muͤh dich zu vergnuͤgen Wird nur auff meinen Huͤfften liegen. Bey waͤhrendem Singen streichelte sie an- fangs das Lamm mit den Haͤnden/ hernach hob sie es gar auff die Schoos. Sie faͤrbte und entfaͤrbte mehrmahls das Antlitz; die Bruͤste schwelleten sich zum oͤfftern von tieffem Athem- holen auf; ja man konte genau wahrnehmen: wie ihr Hertze schneller/ als vorhin zu schlagen anfieng/ und ihr Gemuͤthe mit neuen Regun- gen beunruhigt ward. Unterdessen verwen- dete sie doch kein Auge von dem knienden Schaͤ- fer; aus’ welchen nunmehr auch eine Anzahl milder Thraͤnen herfuͤr brach; gleich als wenn sie selbte vollkommen denen Steinen aͤhnlich machen wolte; aus welchen so wol Wasser her- fuͤr zu quellen; als man daraus Feuer zu schla- gen pfleget. Sie aber nunmehr den mit ihren Zaͤhren kuͤhlen wolte/ den sie vorher mit den Strahlen angesteckt hatte. So bald aber dieser Schaͤffer sein Lied endigte/ und gleichsam zwi- schen Furcht und Hoffnung sein Todes- oder Lebens-Urthel erwartete; hob sie mit einer gleichsam Seele und Marck durchdringenden Stimme zu singen an: Weil Spinnen auch Gewebe ziehen/ Weil ieder Fischer Arglist braucht/ Jedwe des Feuer schwaͤrtzt und raucht/ Dorn und Napel in Gaͤrten bluͤhen; Weil Unschuld nur wohnt Schaffen bey/ Erkies’ ich mir die Schaͤfferey. Hiermit faste sie mit beyden Haͤnden des knienden Schaͤffers Haupt/ kuͤste ihn auff die Stirne; stand auf/ ergrieff den fuͤr ihr liegen- den Schaͤffer-Stab; und noͤthigte den Schaͤ- fer sich auch wieder auf die Beine zu machen; welcher schier unbeweglich worden war/ weil er seine Gluͤckseligkeit nicht begreiffen konte; und die Zunge nicht mehr zu ruͤhren vermochte/ in- dem nichts minder ungemeine Freude/ als uͤ- bermaͤßige Bestuͤrtzung dieses bewegliche Glied zu hemmen vermag. Die anwesenden Schaͤ- fer umgaben diese zwey Neulinge in der Liebe; erfuͤllten die Lufft mit einem unglaublichen Freuden-Geschrey/ unzehlbaren Lobspruͤchen beyder Verliebten/ und inbruͤnstigen Gluͤck- wuͤnschungen. Ja welches denen Zuschauern am wunderlichsten fuͤrkam; verwandelten die Neben-Buhler ihre vorige Liebe in Gewogen- heit gegen den verliebten Schaͤffer; und an statt der vermutheten Eyversucht/ urtheilten sie ihn alleine wuͤrdig diese Perle des Landes zu besiz- zen. Sie versicherten ihn: daß ihr Hertz durch uͤbermaͤßige Liebe bereit in todte Asche verkehrt worden/ also selbtes keiner fernern Flamme faͤ- hig waͤre. Zwischen diesem allgemeinen Fro- locken ward von vier schneeweißen Pferden ein in Gestalt einer rundten Muschel gefertigter Wagen herzu gefuͤhret; auff welchen sich die Verliebten setzten. Diesem folgten noch viel andere mit Laub und Blumen uͤber und uͤber bewundene Wagen; welche die Frauen und alle Neben-Buhler aufnahmen/ und gegen ei- nem kaum zweytausend Schritte davon auf ei- nem gaͤhen Felsen liegenden Schlosse fort- brachten. Marbod und seine zwey Ritter hat- ten bey diesem Gedraͤnge den guten Wurtzel- Mann verlohren; und/ weil sie nicht begreif- fen konten: wie in diesem Lande von Leuten so niedriger Ankunfft so hoͤfliche und geschickte Bezeugungen aus geuͤbt/ und so praͤchtige Auf- zuͤge erschwungen werden koͤnten; ersuchten sie einen/ den sie fuͤr einen Edlen des Landes an- sahen/ um die Auslegung. Dieser bezeigte gegen sie als Fremdlinge grosse Freundligkeit; und vermeldete: daß bey den Marsingern/ und D d d d d d d 2 zwar Siebendes Buch zwar an dem nahen Boberflusse die deutsche Tichter-Kunst ihren Uhrsprung genommen haͤtte/ also durch gehends alldar gemein/ und im hoͤchsten Schwunge/ diese Schaͤferin eines Marsingischen Fuͤrsten Leidholds Tochter; der Schaͤfer aber ein tapfferer Ritter waͤre/ wel- chem dieses annehmliche Thal eigenthuͤmlich gehoͤrte/ und der auf dem nechsten Berg- Schlosse wohnte. Weil es nun was unge- meines: daß diese vollkommene Fuͤrstin einen Ritter zu ehlichen entschlossen haͤtte/ er aber den Nahmen eines Schaffes/ und ein Schaf in seinem Schilde fuͤhrte; haͤtten sie durch diese Vermummung ihnen nicht allein eine Lust machen/ sondern auch auf dem jaͤhrlichen Fey- er der Frea die freye Willkuͤhr dieser etwas un- gleichen Heyrath so viel mehr ans Licht bringen wollen. Es waͤre diesem Ritter aber seiner Verdienste und Tugend halber diß Gluͤcke wol zu goͤnnen; wie sie folgenden Tag selbst wuͤrden erfahren; wenn sie bey ihm uͤbernachten; und/ weil er sie doch auch fuͤr Ritters-Leute ansehe/ so denn nebst ihm zu denen bey den Marsingern auf den Hochzeiten zu uͤben gewoͤhnlichen Rit- terspielen erscheinen wolten. Diese Hoͤfligkeit war diesen Fremden ein gefundener Handel; weßwegen sie ungefaͤhr eine Meile weit in sein an dem Bober-Flusse gelegenes Hauß gefuͤh- ret/ und daselbst wol bewirthet wurden. Dieser Ritter meldete: er hiesse Vannius/ sey von Uhr- sprung ein Quade/ und waͤre wegen gewisser Ungluͤcks-Faͤlle in der Bojen Land kommen. Alleine es haͤtten ihn viel von den Bojen ihm angethane Verdruͤßlig keiten verursacht/ seinen Fuß und Wohnung uͤber das nechste Gebuͤrge zu den Marsingern zu setzen. Weil er nun als ein Fremdling in diesem Lande so viel Gewo- genheit genossen; haͤtte er sich in dieser an- nehmlichen Gegend saͤßhafft gemacht; und verbinde ihn die Art dieses Landes allen Fremdlingen moͤglichste Dienste zu leisten. Marbod ergrieff diese Gelegenheit zu seinem Vortheil; und vermeldete: wie sie Hermundu- rische Ritters-Leute waͤren/ und ihre Eben- theuer zu versuchen zu den Bojen kommen/ von diesen aber nicht nur durch Uberfall ihres be- sten Geraͤthes beraubet/ sondern auch sich uͤber die Berge zu machen genoͤthigt worden waͤ- ren. Vannius erzehlte ihnen ferner: daß die Laͤnder der Marsin ger und Burier/ welche der Jader-Fluß unterscheidet/ und ein Theil der Semnoner zwischen der Warte und dem Ja- der unter viel Fuͤrsten zertheilet waͤre; welche aber alle vom Koͤnige Stipa/ der diese Laͤnder/ wie auch die Lygier/ Peuciner/ Veneder/ und Estier beherrschet haͤtte/ herstammeten; zeither aber durch viel innerliche Kriege sich nicht allei- ne sehr geschwaͤchet/ sondern auch die Gewalt uͤber die letztern Voͤlcker in fremde Haͤnde haͤt- te kommen lassen. Auff den Morgen versahe Vannius den Koͤnig Marbod und seine zwey Ritter mit Pferden/ Zeug/ und der ihnen ab- gehenden Ruͤstung/ wie nichts minder ieden mit einem geschickten Schild-Knaben. Sie ka- men zeitlich in die Schrancken/ welche unter dem Schlosse auff einer Wiesen an einer an- nehmlichen Bach ausgesteckt/ und bereit mit etlichen hundert Rittern umsaͤtzt waren. Dar- unter waren drey Marsingische/ zwey Buri- sche/ und so viel Fuͤrsten der Semnoner. Es war eine Lust zu sehen; wie ieder in allerhand Arthen der Ritter-Spiele seine Tapfferkeit und Geschickligkeit bezeugte. Die Sonne stand ihnen schon uͤber dem Wirbel; als abge- blasen/ und Friedrichen einen Fuͤꝛsten der Mar- singer der Preiß im Kopffrennen; dem Braͤu- tigam im Ringen/ einem Marsingischen Rit- ter Nostitz in Ubung des Wurff-Spiesses/ Marboden aber im Lantzen-brechen/ Prom- nitzen einem Ritter der Burier im Pfeilschuͤs- sen/ Erdmannen einem Fuͤrsten der Semno- ner im Wettelauffen/ dem Ritter Vannius im Sprin- Arminius und Thußnelda. Springen zuerkennt ward. Die Preiße wa- ren etliche schoͤne Pferde/ etliche Ruͤstungen/ schoͤne Bogen und Pfeile; und iedem ward von Hedwigen/ (also hieß des Ritter Schaffes Braut) ein zierlicher Krantz auffgesetzt. Wie nun Marbod mit freyem Anlitze fuͤr der schoͤ- nen Hedwig erschien/ seinen Preiß zu empfan- gen/ erkennte ihn zu allem Ungluͤcke Erdmann der Semnonische Fuͤrst; welcher unter des ent- haupteten Fuͤrsten Britton Heere tausend Reu- ter gefuͤhret hatte. Marbod hatte nur mit ge- buͤhrender Ehrerbietigkeit sich nach empfange- nem Krantze umgewendet; als Erdmann zu sei- nem Nachbar sagte: dieses waͤre Marbod. Der Ritter versetzte: wie diß moͤglich waͤre: daß ein solcher Koͤnig sich allein in ein so fremdes Land mit nicht geringer Gefahr wagen solte? Erd- mann aber blieb bestaͤndig: Er kennte ihn all- zu eigen; und weil verlautete: daß Gottwald mit den Bojen wieder ihn einen Auffstand er- regt haͤtte; waͤre moͤglich: daß er uͤber das Ge- buͤrge sich gerettet haͤtte. So muß man denn/ sagte Promnitz/ diesen Fuͤrsten-Moͤrder/ und welcher gantz Deutschland in Verwirrung ge- setzt/ beym Kopffe nehmen/ und an ihm eine Rache ausuͤben; welche durch ihre Grausam- keit allen so uͤbelgesinnten Unterthanen ein Schrecken einjage. Die Sache gehet alle Fuͤrsten an; und ist einem ieden daran gelegen zu verhuͤten: daß der/ welcher gehorsamen soll/ nicht verstehen lerne: daß er seinem Gebieter koͤnne zu Kopffe wachsen. Nostitz fiel ein: Ritter Schaf doͤrffte es nicht wol aufnehmen; oder zum minsten es fuͤr kein gutes Zeichen hal- ten: daß er in seinem Hochzeit-Feyer solte in Gefangenschafft verfallen. Promnitz melde- te hier auff: wir muͤssen es gleichwol dem Braͤu- tigam nicht verschweigen; und zum minsten auf diesen Wuͤtterich acht haben: daß wir uns sei- ner in der Naͤhe bemaͤchtigen. Vannius hoͤrte dieses Gespraͤche mit an; und nach dem er ein wenig nachgedacht/ ließ er seinen Preiß im Stiche/ folgte dem Marbod; und sagte im Vorbeyreiten zu ihm: Folge mir/ Marbod/ oder du bist verlohren. So bald Vannius nun aus den Schrancken kommen war/ gab er seinem Pferde die Sporen; und rennte/ so sehr er nur konte/ Westwerts dem nechsten Walde zu. Koͤnig Marbod/ der aus des Vannius wenigen Worten seine grosse Ge- fahr genungsam ermessen konte/ gab dem auff der Seite haltenden Lichtenstein und Tannen- berg einen Winck/ und folgte dem Vannius; welcher in dem Walde ihm seine Erkaͤntnuͤs; und daß er unzweiffelbar verfolgt werden wuͤrde/ umstaͤndlich entdeckte. Sintemahl alle Semnonische und Marsingische Fuͤrsten dem Fuͤrsten Britton mit naher Bluts- Freundschafft verwandt waͤren. Weil er ihm nun Anlaß gegeben/ diese Ritter-Spiele zu besuchen/ und also in diese Gefahr zu verfal- len; wolte er lieber sein Leben einbuͤssen/ als den uͤbeln Nachklang haben: daß er eine Ur- sache seines Verterbens waͤre. Wiewol nun Koͤnig Marbod nach moͤglichster Dancksa- gung fuͤr so unverdiente Treue und Wolthat ihn bereden wolte/ daß er zuruͤck bleiben/ ihm und den Seinigen nicht unausleschlichen Haß zuziehen solte; wolte sich doch Vannius nicht halten lassen; weil ihnen die Wege unbekandt waͤren/ sie also nicht allein desto ehe ereilet wer- den/ sondern auch bey denen Semnonern in neue Gefahr verfallen moͤchten. Diesemnach fuͤhrte sie Vannius uͤber viel Berge und durch dicke Waͤlder selbigen Tag noch biß an die Kweiß-Bach/ welche die Marsinger und Semnoner unter scheidet. Sie wolten da- selbst gleich absteigen und ein wenig verbla- sen; als sie hinter sich ein Geraͤusche von Pferden vernahmen. Diesemnach sie zu ih- ren Waffen grieffen; und auch alsofort von zehen Gewaffneten angefallen wurden. D d d d d d d 3 Wie- Siebendes Buch Wiewol nun ieder schier gegen drey zu fechten hatte; thaten sie doch so maͤnnlichen Wieder- stand: daß in weniger Zeit drey von ihren Ver- folgern von Pferden fielen. Marbod aber/ dem am grimmigsten zugesetzt ward/ verlohr hieruͤ- ber sein Pferd/ und muste eine gute Weile sich gegen zwey alleine zu Fusse wehren/ wiewol er zu seinem Vortheil einen dicken Tannenbaum an Ruͤcken bekam. Weil aber Lichtenstein und Tannenberg zweyen abermahls das Licht aus- leschten/ kriegte Vannius Lufft dem Marbod wieder auf ein feindliches Pferd zu helffen; wie- wol jener daruͤber einen Hau in lincken Arm/ und einen Stich in die rechte Seite bekam. Aber der ergrimmte Marbod raͤchte alsbald seinen getreuen Vannius/ und durchrennte mit sei- ner Lantze seinen Beleidiger; welches Zettritz/ ein Marsingischer Edelmann und der Fuͤhrer dieses Hauffens war. Weil denn die uͤbrigen vier von ihren empfangenen Wunden schwach zu werden empfunden; wendeten sie sich um und verliessen die vier Verfolgten. Ob nun wol Vannius etliche mahl von seiner Verletzung in Ohnmacht fiel/ so erquickte ihn doch Marbod/ verband ihm auch seine Wunden mit denen vom alten Wurtzelmanne empfangenen koͤstlichen Artzneyen; und weil er nicht zu bewegen war zuruͤck zu bleiben/ oder nur daselbst zu uͤbernach- ten; ritten sie/ nach dem die Pferde kaum eine Stunde verblasen hatten/ die gantze Nacht fort; kamen auch den dritten Tag uͤber die Elbe in das Hermundurische Gebiete. Koͤnig Marbod wolte in seinem eigenen Lande sich nicht zu erkennen geben/ biß er nach Calegia kam; und durch seine unvermuthete Ankunfft die Seinigen erfreuete/ seine Wie- drigen erschreckte/ und die zweiffelhafften Ge- muͤther im Gehorsam erhielt. Denn weil aus dem Lande der Bojen sein Tod fuͤr allzugewiß verlautete; hatten die mit ihrem Gemuͤthe noch an dem Geschlechte des Brittons hangende Heꝛ- mundurer den beym Cheruskischen Hertzoge Segimer sich auf haltenden Fuͤrsten Jubil durch schnelle Posten dieser Enderung verstaͤndigt/ und ins Land beruffen. Welcher denn auch in der Eil zweytausend Cherusker an sich gezo- gen und Vertroͤstung hatte: daß die Sicambrer/ Tencterer und Usipeter ihm mit gesamter Hand zu Huͤlffe kommen wolten/ welche dem Marcus Lollius den Adler der fuͤnfften Legion abgenom- men/ etliche tausend Roͤmer und noch so viel Gallier erschlagen/ und also den Kayser selbst in Gallien zu kommen verursacht/ aber doch als gegen dieser Macht zu schwach nach erlangter reichen Beute mit den Roͤmern Friede gemacht hatten. Marbod ließ seine gluͤckliche Entkom- mung bald in alle seine Laͤnder ausbreiten/ er aber selbst ruͤckte an der Saale gegen das Me- libokische Gebuͤrge dem Fuͤrsten Jubill mit zehntausend Mann entgegen/ um diesen Auff- stand in der ersten Flamme zu daͤmpffen. Weil nun Jubils Vortrab geschlagen/ er selbst zuruͤck in den Semanischen Wald getrieben/ die Che- ruskische Huͤlffe durch den Krieg mit den Cat- ten/ der Beystand der Sicambrer/ Tencterer/ und Usipeter durch des Roͤmischen Kaysers treuliche Abmahnungen zuruͤck gehalten ward; uͤber diß hernach des Claudius Drusus Einfaͤl- le das gantze Nieder-Deutschland zwischen dem Rheine und der Elbe in Krieg verwickelte/ kriegte Koͤnig Marbod nicht allein Lufft seine vorigen Laͤnder voͤllig zu beruhigen; sondern auch wieder die Bojen auff Rache zu sinnen. Die Bojen hatten nach Marbods Nieder- lage unter dem Gothonischen Fuͤrsten Gott- wald/ welcher sich eine zeitlang an des Bojischen Koͤnigs Critasir Hofe aufgehalten hatte/ alle Marckmaͤnner und Hermundurer aus ihren Graͤntzen getrieben/ ja der Alemaͤnnischen Fuͤrstin Vocione ein Buͤndnuͤs angetragen/ und ihr Vertroͤstung gethan/ derselbten zu al- len Landschafften zu verhelffen/ welche nach Koͤ- nig Ariovists vermeintem Tode Vermoͤge einer mit dem Hermundurischen Hause auff den Fall nicht Arminius und Thußnelda. nicht hinterlassener Soͤhne auffgezeichneten Erbverbruͤderung dem Hertzoge Britton zuge- fallen/ nunmehr an Marbod/ der an solchem Geschlechts-Vergleiche weder Recht noch Theil hatte/ durch Gewalt gediegen waren. Marbod ward hier uͤber nicht wenig bekuͤm- mert; weil die Alemannische Fuͤrstin Vocione mit denen streitbaren Catten feste verknuͤpfft war/ und also ihm nicht nur dieser grosse Schwall der Voͤlcker leicht auf einmahl haͤtte uͤber den Hals fallen/ sondern auch die Marck- maͤnner und Sedusier/ welche ohne diß nach der ersten Alemannischen Herrschafft seuffzeten/ von ihm abtꝛinnig machen koͤnnen. Diesemnach schrieb Marbod eine weitlaͤufftige Erzehlung alles dessen/ was ihm mit ihrem Vater dem in ihren Gedancken zwar laͤngst/ in der Warheit aber erst fuͤr weniger Zeit gestorbenen Ariovist begegnet waͤre/ an die Fuͤrstin Vocione/ ließ selbte beyde Ritter Lichtenstein und Tañenberg unterschreiben/ und mit einem kraͤfftigen Eyde desselbten Warheit betheuern. Zu mehrer Be- staͤrckung schloß er einen guͤldenen Ring/ den Ariovist allezeit an seinem kleinen Finger ge- tragen/ Marbod aber seiner Leiche zum Ge- daͤchtnuͤß abgezogen hatte/ bey/ schickte den Lichtenstein darmit zu Vocionen; mit dem Ver- sprechen: daß er Ariovisten zu Liebe ihr alle vaͤ- terliche Laͤnder wieder abtreten wolte; da sie ihm zu Uberwindung der Bojen wuͤrde behuͤlflich seyn. Vocione laß diese Geschichte ihres Va- ters mit hoͤchster Verwunderung/ erkennte der- selben Warheit aus Marbods und seiner zwey- en Gefaͤrthen hoher Betheuerung/ insonderheit aber aus dem ihr mehr als allzukenntlichen Ringe/ netzte also dieses Schreiben mit vielen Wehmuths-Thraͤnen. Wiewol ihr nun das ehrsuͤchtige Gemuͤthe des Marbods bekandt/ seine ungemeine Freygebigkeit anfangs ver- daͤchtig war/ wuste doch Lichtenstein alle Be- dencken so vernuͤnfftig abzulehnen: daß sie die Bojische Gesandschafft unverrichteter Sachen beurlaubte/ Lichtenstein aber alles erhielt/ was er verlangte. Marbod sammlete hier auf nicht allein zwey maͤchtige Kriegs-Heere; sondern bot durch die Vertroͤstung: daß er die Meyneydischen Bojen mit Strumpff und Stiel vertilgen/ ihre fetten Aecker aber seinen Krieges-Leuten eintheilen wolte/ fast alle seine Voͤlcker auff. Die Fuͤrstin Vocione schickte ihren Vetter/ welchen sie auff ihren Todes-Fall zum Alemannischen Herzoge bestimmt hatte/ mit zehntausend außerlesenen Alemaͤnnern und Herudern dem Koͤnige Mar- bod wieder die Bojen zu Huͤlffe. Dieser brach an drey Orten in ihr Land. Dem Marbod selbst zohe der tapffere Gothonische Fuͤrst Gott- wald; welchem der Bojen Koͤnig Eritasir we- gen seiner grossen Dienste inzwischen seine eini- ge Tochter vermaͤhlt hatte/ entgegen; und setzte sich beym Eger-Strome an einem vortheilhaf- ten Orte feste: daß ihm fast nicht moͤglich beyzu- kommen war. Vannius aber/ welchem Mar- bod seiner Treu und Tapfferkeit halber den lincken Fluͤgel vertraut hatte/ nahm hinter den Bojen einen Paß ein; wordurch er ihnen alle Lebens-Mittel abschnitt/ und sie zu Liefferung einer Schlacht noͤthigte. Beyde Heere wur- den gegen einander auffs kluͤgste gestellt; die Schlacht so grausam/ die Feinde gegen einan- der so verbittert: daß bey Entfallung der Haͤn- de und Waffen/ sie mit den Zaͤhnen einander beleidigten. Diese Grausamkeit waͤhrete von der Sonnen Aufgange biß zwey Stunden fuͤr der Nacht/ ehe einiges Horn der Schlachtord- nung zu wancken anfieng. Marbod und Gott- wald kamen selbst an einander/ und verlohr ie- der drey Pferde unter dem Leibe. Endlich brach Vannius zum ersten durch/ und trennte der Bojen rechten Fluͤgel; ein Marckmaͤnnischer Ritter Bercka verwundete den Fuͤrsten Gott- wald in der rechten Seite so sehr: daß er aus dem Treffen zuruͤck weichen muste. Hieruͤber gerieth das gantze Bojische Heer in die Flucht; und Siebendes Buch und blieben diesen Tag zwantzig tausend Bo- jen/ und darunter der Kern des Bojischen A- dels auf dem Platze; zehntausend wurden ge- fangen; welche Marbod folgenden Tag auf et- licher Kriegs Obersten Einrathen: daß denen/ welche ihren Eyd gebrochen/ nunmehr billich die Haͤlse zu brechen waͤren/ alle haͤtte abschlach- ten lassen; wenn nicht Lichtenstein ihn der Ario- vistischen Lehren erinnert; Vannius ihm auch eingehalten haͤtte: daß kein staͤrckerer Pfeiler neuge gruͤndeter Reiche/ als die Erbarmung ei- nes Fuͤrsten; und die Erhaltung eines uͤber- wundenen Feindes ein ewiges Beyspiel seiner Großmuͤthigkeit waͤre. Wiewol nun die er- stern einwarffen: es waͤre den meineydigen Bojen nicht mehr zu trauen/ noch einem Fuͤr- sten durch den Ruhm der Gnade Gefahr auff den Hals zu ziehen; ließ sie Marbod doch leben; die Todten aber beer digen. Den dritten Tag ruͤckte er ferner ins Land/ und bekam die Zei- tung: daß seine zwey andere Heere unter dem Nariskischen Gebuͤrge die ihnen begegnenden Bojen gleicher Gestalt zuruͤck getrieben/ die Alemaͤnner und Heruder auch bereit die Stadt Casurgis belaͤgert haͤtten; sein ander Feld- Hauptmann Lobkowitz schon an dem Mulden- Strome oberhalb der Stadt Boviasmum stuͤn- de; allwo Koͤnig Critasir seine eusserste Kraͤfften des Reichs/ die Huͤlffs-Voͤlcker der Semno- ner versammlet haͤtte/ und in ein paar Tagen dreyßig tausend Sarmater erwartete/ welche uͤber das Carpatische Gebuͤrge/ und oberhalb des Flusses Pathißus uͤber die Donau gesetzt hatten/ und mit denen Pannoniern und Nori- chern denen Roͤmern in Histrien eingefallen/ endlich nach abgedrungenem Frieden vom Ca- jus Lucius unter dem Jnn biß an die Donau getrieben/ und bey dieser Noth von Bojen zu Huͤlffe gezogen worden waͤren. Marbod eil- te deßwegen Tag und Nacht fort in Meynung dieser Verstaͤrckung zuvor zu kommen. Allein weil die Muldau sehr angelauffen war/ und al- so das Fuß-Volck in Mangel der Schiffe nicht uͤbersetzen konte/ war die Vereinbarung der Bojen/ Semnoner/ Sarmater/ ja auch zehn- tausend Bastarner/ welche des hingerichteten Brittons Wittib bey dem Koͤnige ihrem Bru- der aus gebeten hatte/ unmoͤglich zu verhindern. Weil nun Critasir so vieler fremden Huͤlffs- Voͤlcker erste Hitze nicht wolte verrauchen/ noch auch seinem Lande eine solche Last lange auf dem Halse lassen/ fuͤhrte er durch die Stadt Boviasmum auf den nahe darbey gelegenen Berg hundert und zwantzig tausend uͤber/ und stellte sie in Schlacht-Ordnung. Marbod aber/ der sein ander Heer unter dem Lobkowitz erwar- tete/ blieb in seinem Laͤger/ und ließ die Bojen darum vergebens schwermen. Den dritten Tag naͤherte sich Marbods anderes Heer/ wel- ches er aber hinter einem Walde verdeckt ste- hen/ von seiner Reuterey etliche mit Fleiß ge- fangen nehmen/ und den Bojen weiß machen ließ: daß sein Heer Noth an Lebens-Mitteln liedte/ und er daher in weniger Zeit erhungern/ oder zuruͤck ziehen/ oder schlagen muͤste. Koͤnig Critasir stellte deßhalben folgenden Morgen sein Heer abermahls fuͤr Marbods Laͤger in Schlacht-Ordnung; wie wol er um selbtes dem Scheine nach viel kleiner zu machen/ ein gros- ses Theil in der Stadt behielt/ und ein Theil hinter dem Berge stehen ließ. Marbod fuͤhrte nunmehr seines auch ins Feld/ und ward zwey Stunden in gleicher Wage gefochten; weß- wegen Critasir seinen Hinterhalt auff beyden Seiten anruͤcken/ Marbod aber mit allem Fleiße seinen lincken Fluͤgel Fuß fuͤr Fuß zuruͤ- cke weichen ließ; wormit die Bojen sich von der Stadt Boviasmum entferneten. Hierauff brach Lobkowitz mit der Helffte seines verborge- nen Heeres durch den Wald herfuͤr/ und setzte sich harte fuͤr die Pforte der Stadt/ den Bojen den Ruͤckweg abzuschneiden. Mit der andern Helffte des versteckten Heeres aber stellte sich der Marckmaͤnnische Ritter Thurn an den lincken Arminius und Thußnelda. lincken Fluͤgel biß an den Moldau-Strom; al- so: daß die Bojen schier auf allen Seiten ent- weder von den Marckmaͤnnern/ oder von dem reissenden Flusse umringt waren. Die Schlacht begonte nun allererst grausamer als niemahls; nach dreyen Stunden aber gaben die Sarma- ten/ welchen Vannius mit dem schweren reisi- gen Zeuge in diesem Gedraͤnge uͤberlegen war/ die Flucht; und weil sonst keine Ausflucht zu fin- den/ setzten sie mit ihren leichten Pferden uͤber die Muldau; wiewol derer etliche hundert vom Strome verschlungen wurden. Critasir muͤhte sich zwar bey dieser Verwirrung durch die Hauffen des Lobkowitzes zu brechen; und Fuͤrst Gottwald/ der doch kaum wegen seiner in der ersten Schlacht empfangenen Wunden auff dem Pferde sitzen konte; that mit sechstausend Mañ theils Kriegs-Knechten/ theils Buͤrgern einen verzweiffelten Ausfall auf ihn/ um ihrem Koͤnige Lufft/ und den Weg an die Stadt offen zu machen. Alleine der Ritter Bercka kam mit seiner Reuterey dem Lobkowitz zu Huͤlffe; kriegte den fuͤr Grim schaͤumenden/ und ver- zweiffelt-fechtenden Fuͤrsten Gottwald gefan- gen; und trieb die uͤbrigen wieder in die Stadt. Jnzwischen kam Marbod dem Koͤnige Critasir so nahe: daß er ihn umarmende mit sich vom Pferde rieß. Um diese beyde Koͤnige draͤngten sich nun beyde Voͤlcker wie Bien-Schwaͤrme/ und blieben von beyden Theilen etliche hundert der streitbarsten Ritters-Leute. Endlich aber wurden die Bojen uͤbermannet/ Koͤnig Critasir mit sechs tausend Bojischen Edelleuten/ und zwantzig tausend andern Bojen; Wittekind ein Fuͤrst der Semnoner/ welcher halb-todt unter den Leichen aufgelesen ward/ mit fuͤnff- hundert edlen Semnonern; und dreytausend andern; ingleichen fuͤnff tausend Bastarnen gefangen; dreytausend Bojische Reuter ent- rannen noch uͤber den Fluß/ und kamen in die Stadt. Alles andere Volck hatte die Schaͤrffe der Marckmaͤnnischen Schwerdter/ oder die Tieffe des Stromes gefressen; wiewol Mar- bod auf seiner Seiten auch uͤber zehn tausend Mann eingebuͤst hatte. Marbod legte den Gewinn dieser Schlacht gegen sein Volck fuͤr ein Goͤttliches Zuerkaͤntnuͤß der Bojischen Herrschafft aus/ als wordurch das ewige Ver- haͤngnuͤs die Streitigkeiten der Koͤnige zu ent- scheiden/ und die Reiche der Welt zu ver aͤndern pflegte. Jnsonder heit aber meinte er mit dem gefangenen Koͤnige Critasir das voͤllige Hefft der Bojischen Herꝛschafft in seine Haͤnde be- kommen zu haben; weil Fuͤrsten freylich die Seele in dem Leibe ihres Reiches sind; und so wol ein Volck/ als ein Bienen-Schwarm nach Verlust seines Koͤnigs verlohren geht. Daher die Thebaner/ als sie ihren Pelopidas gegen A- lemandern/ den Koͤnig zu Pheres eingebuͤst hat- ten/ sich fuͤr uͤberwunden/ Artaxerxes aber/ als Cyrus gegen ihn blieben war/ sich fuͤr den Sie- ger ausruffen ließ/ ungeachtet dieser das Feld verlohren/ jene es behauptet hatten. Massen denn auch Koͤnig Critasirs Bestrickung die Bo- jen in solche Verwirrung setzte: daß sie den Marbod ohne einigen Wiederstand auf etlichen erlangten Nachen und in der Eyl gefertigten Floͤssen zwoͤlff tausend Mann uͤber die Muldau setzen/ und auf der andern Seite die Stadt Bo- viasmum sperren liessen. Weil nun diese kei- ne genungsame Besatzung/ inson derheit kein Oberhaupt hatte; die Koͤnigin nicht mehr um Reich und Freyheit/ sondern allein um ihres Gemahles Leben bekuͤmmert war; ergab sie sich und die Stadt auf Marbods Gnade; welcher noch selbige Nacht zwey Thore mit zehntausend Mann besetzte. Folgenden Tag hielt Marbod durch die Stadt auf das Koͤnigliche Schloß ei- nen praͤchtigen Einzug. Auf den Strassen lagen nicht nur die Buͤrger/ sondern so gar Weiber und Kinder auf den Knien durch ihre Demuth des Uberwinders Racht zu besaͤnffti- gen. Nach dem Marbod nun den Vannius und Bercka mit dreyßig tausend Mann die Erster Theil. E e e e e e e fluͤch- Siebendes Buch fluͤchtigen Sarmaten zu verfolgen befehlicht hatte; ließ er den Koͤnig der Bojen fuͤr sich er- fordern; welcher nun gebunden fuͤr dem Stule seinen Feind kniebeugend verehren muste; dar- auf er noch den Tag zuvor so viel tausenden Befehl ertheilet hatte; zu einem denckwuͤrdigen Beyspiele: daß zwifchen der hoͤchsten Ehren- Staffel und tieffstem Kniebeugen nur ein Schritt/ zwischen Lorbeern und Cypressen nur ein Hand umwenden/ zwischen Kron und Fes- sel offt nur ein Sonnen-Untergang den Un- terschied mache. Marbod fragte Critasirn: Was die Bojen und ihn bewogen wieder ihren einmahl beliebten Fuͤrsten den Auffstand zu ma- chen? Dieser antwortete: jene die Liebe der Freyheit/ mich meines Volckes. Marbod frag- te ferner: wie er nun beyde gehandelt wissen wolte? Critasir antwortete: Mit dem Volcke/ wie es der Ruhm eines so grossen Siegers er- fordert; mit mir/ wie du gehandelt seyn woltest/ wenn dich heute das wanckelhaffte Gluͤcke in meine Stelle versetzt haͤtte. Marbod befahl nach einem langen Still schweigen die Koͤnigin herbey zu fuͤhren; welche ihre vorige Pracht in schlechte Trauer-Kleider ver huͤllet hatte; und/ weil das Hertzeleid ihrer schweren Zunge das Reden verbot/ ihre Thraͤnen an statt der Worte brauchte. Sie sanck fuͤr dem Marbod in halbe Ohnmacht nieder; endlich erholete sie sich gleich- wol/ und fieng an: Ob sie zwar das Verhaͤng- nuͤs alles Vermoͤgens entsetzet haͤtte/ bliebe doch auch denen Elendesten das Bitten uͤbrig. Die- ses wolte sie nicht fuͤr sich selbst verschwenden/ sondern fuͤr ihren Gemahl und Tochter ange- wehren. Sie selbst entschuͤttete sich nicht allein aller Wuͤrde/ welche nach erlangtem Besitzthu- me bey weitem nicht so viel wiege/ als ihr die an- faͤngliche Begierde hiervon traͤumen liesse/ son- dern auch des Lebens; welches ohne diß eine U- berlast der Ungluͤckseligen waͤre. Jedoch wuͤr- de er zuversichtlich behertzigen: daß ein Mensch durch nichts/ als Verzeihung sich GOtt aͤhn- lich; auch nichts mehr als Gnade einen Fuͤrsten beruͤhmt/ und seine Herꝛschafft unuͤber windlich machte; und daher auch Marbod seine Sieges- Gesetze nach seinem Ruhme und der Uberwun- denen Moͤgligkeit maͤßigen wuͤrde; weil es schwerer waͤre anbefohlene Dinge thun; als be- fehlen/ was man gethan haben wolte. Wie- wol nun der Hochmuth mit dem Gluͤcke sich fuͤr laͤngst in Marbods Hertze eingespielt hatte; Menschen auch zwar ihre ersten gerathenen Streiche mit vernuͤnfftiger Gemuͤthsmaͤßi- gung aufnehmen/ zuletzt aber Vernunfft und Empfindligkeit von uͤber maͤßigem Wachsthu- me ver druͤckt wird; redete doch die Koͤnigin so nachdruͤcklich: daß dem Marbod die Augen uͤ- bergiengen/ und er ihr antwortete: Seine Waf- fen haͤtte er wieder kein Frauen-Zimmer ge- zuͤckt; und also solte weder ihr noch ihrem Ge- schlechte einig Leid begegnen. Wiewol nun Critasir und die Bojen ihm sein Licht auszule- schen weder Arglist noch Anstalt gesparet; ob wol Meineyd durch kein Band der Wolthaten zu fesseln waͤre; ja die/ welche darmit betheilt wuͤrden/ fuͤr eine Beleidigung annehmen/ wenn etwas uͤbrig bliebe/ das sie noch haͤtten bekom̃en koͤnnen; und endlich untreue Gemuͤther nichts minder/ als unreine Leiber durch zu gute Pfle- gung nur mehr versehrt wuͤrden; wolte er doch ihrer Fuͤrbitte so viel entraͤumen: daß alle Bo- jen Leben und Freyheit behalten/ das gantze Land aber den Marckmaͤnnern raͤumen/ und ihnen einen Sitz entweder uͤber der Weichsel oder der Donau suchen solten. Weil nun einem Schiff bruch-leidenden auch die ihn aufneh- mende Scheuterungs-Klippe fuͤr einen Hafen dienet; und der zu allem leicht zu bereden ist/ der sich so gar seines Lebens schon verziehen hat/ nahm nicht nur die Koͤnigin/ sondern Critasir selbst diese Erklaͤrung fuͤr eine grosse Gnade mit tieffer Dancksagung an; wiewol nichts schwe- rer ist/ als seinem Vaterlande auf ewig gute Nacht sagen; dessen Liebe viel ihrem Leben vor- gezogen. Arminius und Thußnelda. gezogen. Folgenden Tag kam die Botschafft: daß die Alemaͤnner sich auch schon der Stadt Casurgis/ und vieler Bergschloͤsser bemaͤchtiget/ den dritten Tag: daß Vannius und Bercka die entflohenen Sarmaten in einem Walde um- ringet haͤtten; Weßwegen Marbod noch zehn- tausend Mann dahin schickte; welche denn die Sarmaten dahin brachten: daß sie die Waffen weg- und sich der Willkuͤhr des Siegers unter- werffen musten. Den zehenden Tag war auf einem grossen Platze in der Stadt eine Schau- buͤhne/ und darauf ein Koͤniglicher Stul berei- tet. Nach dem der Platz mit zehntausend Marckmaͤnnern besetzt war; kam Koͤnig Mar- bod mit allen Grossen auffs praͤchtigste dahin/ und besaß selbten. Diesem folgte Koͤnig Cri- tasir; welcher drey der vornehmsten Bojen ihm die Koͤnigliche Kron/ den Zepter und das Reichs-Schwerd fuͤrtragen ließ/ und alles mit tieffer Ehrerbietung nach eydlicher Abschwe- rung allen an dieses Land habenden Rechtes dem Koͤnige Marbod uͤberliefferte. Diesem folgten die Priester; welche denen Marckmaͤn- nischen Eubagen alles Opffer-Geraͤthe/ die zum Gottesdienste gehoͤrigen Buͤcher/ und ein uͤber aus grosses Geweihe von einem Elend- Thiere; welches der erste Bojische Koͤnig an dem Orte/ wo die Stadt Boviasmum stehet/ ge- schlagen/ und als ein Schutz-Bild des Boji- schen Reiches aufzuheben befohlen haben soll/ uͤberliefferten. Endlich kam ein Ausschuß von der Bojischen Ritterschafft; welche den Boji- schen Reichs-Schild/ und die Abgeordnete von Staͤdten/ die derselben Schluͤssel dem Marbod zu den Fuͤssen legten; und dieses Land nicht ferner zu betreten eydlich angelobeten. Fol- genden Tag geschach der Auffbruch der Bojen; und zohe von allen Enden alles/ was Beine hatte/ gegen dem Donau-Strom; allwo sie bey der Vereinbarung des Flusses Jnn an zweyen Orten uͤber die Donau setzten/ und da- selbst von Marckmaͤnnern ein Theil ihrer Waf- fen zu ihrer Beschirmung wieder bekamen; also daselbst die zwey Staͤdte Bojodur und Passau bauten; hernach aber voll ends uͤber den Jnn setzten/ und die alten Vindelicher verdrangen; welche aber von der Alemaͤnnischen Fuͤrstin Vocione in die von den Marckmaͤnnern ihr nunmehr eingeraͤumte/ aber aller Einwohner entbloͤsten Landschafften willig angenommen wurden. Marbod hingegen theilte seinen Voͤl- ckern das gantze Land aus; gab ihnen die ge- fangenen Sarmaten zu Leibeigenen/ welche des Feldbaues pflegten/ ver groͤsserte die Stadt Bo- viasmum/ und nennte sie nunmehr Marbod- Stadt. Jnzwischen aber ruͤckte er mit seiner gantzen Heeres-Krafft theils an-theils auff der Elbe mit einer grossen Menge Nachen denen zum Kriege schlecht bereiteten Semnonern auf den Halß; schlug selbte zweymahl aus dem Fel- de/ eroberte die Stadt Budorigum/ und bekam in selbter den Fuͤrsten mit allen den Seinen ge- fangen; also: daß dieses gantze Volck den Mar- bod fuͤr seinen Koͤnig annahm; und zwar mit so viel mehr Belieben/ weil es zeither fast unauff- hoͤrlich mit beschwerlichen Kriegen bald von de- nen Hermunduren/ bald von denen Longobar- den/ bald von denen Marsingern und Buriern (welche Voͤlcker alle streitbare Schwaben sind) abgemattet worden war/ und also sie durch die dem Marbod uͤberreichte Krone ihnen selbst gleichsam den Krantz der Ruhe auffsetzten/ und dieser zu Rom als eine Goͤttin verehrten Mut- ter der Vergnuͤgung einen Tempel zu bauen meinten. Sintemahl doch unaufhoͤrliche Un- ruh beschwerlicher/ als die Dienstbarkeit ist; und weil ein Besitzer grosser Heerden die Kuh nicht so offt melcken/ die Schafe nicht so viel mahl scheren darff/ also eines weit und ferne gebie- tenden Koͤnigs Herꝛschafft nicht so sehr und offte die Unterthanen druͤcken/ hingegẽ sie maͤchtiger schuͤtzen kan/ die Semnoner nunmehr unter ei- nem so maͤchtigen Koͤnige viel gemaͤchligeꝛ zu le- ben hofften; Worbey denn Marbod zugleich ei- E e e e e e e 2 nen Siebendes Buch nen klugen Staats-Mann abgab; in dem er dem Semnonischen Adel groͤssere Freyheiten entraͤumte; wolwissende: daß wenn man die Koͤpffe abschneiden will/ die Glieder gestreichelt und eingeschlaͤfft werden muͤssen. Eben zur selbten Zeit hatten die Lygier und Burgundier wieder die Burier und Marsinger einen bluti- gen Krieg angehoben. Die Verbitterung war zwischen ihnen so viel groͤsser/ weil sie einander verwand/ und allesamt Scherben eines fuͤr Zei- ten grossen Reiches waren; Die Lygier aber al- le Gefangenen ihrem bey den Naharvalen in einem Heyne verehrten Gotte gewiedmet hat- ten; in welchem Falle nicht nur die Feinde/ son- dern so gar auch die Pferde muͤssen abgeschlach- tet werden. Der Vorwand war: daß die Ly- gier von denen an dem obersten Jader-Flusse gelegenen Osen einem dahin eingesessenen Pañonischen Volcke die Marsinger keine jaͤhr- kiche Schatzung mehr erheben lassen; diese aber solche den Lygiern nicht enthaͤngen wolten. Marbod schickte deßhalben den daselbst bekand- ten Vannius zu den Marsingern und Buri- ern/ und bot ihnen so viel Huͤlffs-Voͤlcker an/ als sie verlangten. Dieser brachte es durch seine kluge Handlung so weit: daß alle Marsingische und Burische Fuͤrsten; welche nach vieljaͤhri- ger Zwietracht nichts minder der zertheilten Ober-Herꝛschafft/ als der blutigen Kriege uͤber- druͤßig waren/ den Koͤnig Marbod fuͤr ihren Schutz-Herꝛn annahmen; und ihre Laͤnder gleichsam dem Bojischen Reiche einverleibten. Hier auff vereinbarten Marbod und alle diese Fuͤrsten ihre Waffen/ trieben die Lygier und Burgundier nicht allein zuruͤcke/ sondern fie- len auch mit dreyen maͤchtigen Heeren bey den Burgundiern/ Lygiern und Logionen ein; wel- che alle die Laͤnder an der lincken Seite der Weichsel bewohnen; und noch ferner in die Arier/ Helvekoner/ Manimer/ Elysier/ und Naharvaler eingetheilet werden. Diese Voͤl- cker liesserten zwar unter dem Aschenburgischen Gebuͤrge dem Koͤnige Marbod mit grosser Hertzhafftigkeit eine Schlacht; weil sie aber nur unordentlich zu scharmuͤtzeln/ Marbods Voͤl- cker aber nach Roͤmischer Kriegs-Art mit ge- schlossenen Hauffen allenthalben durch zubre- chen gewohnt waren; zohen jene den Kuͤrtzern/ und blieben zwey Fuͤrsten der Lygier mit acht tausend Kriegs-Leuten auf der Wallstatt. Wor- auf sie sich in ihre Waͤlder verkrochen/ ihre ei- gene Doͤrffer anzuͤndeten/ dem Feinde die Le- bens-Mittel abzuschneiden/ und nur durch vielfaͤltige Einfaͤlle ihren Feind ermuͤdeten. Weil nun die Lygier durch keine Kriegs-List aus ihrem Vortheil zu locken waren; rieth Vannius mit der groͤsten Macht bey den Na- harvalen einzudringen/ weil alle diese Voͤlcker mit denen angraͤntzenden Peucinen bey der Stadt Carrodun in einem hochheiligen Heyne zwey Juͤnglinge/ wie die Griechen den Castor und Pollux Goͤttlich verehrten; welches der ge- meinen Meinung nach zwey ver goͤtterte Fuͤr- sten der Marsinger und Lygier gewest/ und zwar in einer Schlacht von den einbrechenden Scythen erschlagen/ gleich wol aber diese bey ih- rem blutigen Siege von jenen derogestalt ge- schwaͤchet worden seyn sollen: daß sie mit Furcht und Schrecken sich wieder uͤber den Fluß Ta- nais gefluͤchtet/ und zur Beute nichts/ als viel Saͤcke abgeschnittener Ohren zuruͤcke gebracht; hingegen wol hundert tausend Menschen im Stiche gelassen haͤtten. Gleichwol aber wuͤrden diese heiligen Helden in keinem Bildnuͤsse ver- ehret. Der Priester dieses Heiligthums verrich- tete die Opffer nach Art der Assyrischen Venus- Priester in Weibes-Kleidern; welche dieser zweyen Fuͤrsten Mutter getragen haben soll/ und zugleich alldar verehret wird. Weil dieser Heyn nun ihr groͤstes Heiligthum ist; kein Ding aber auf der Welt ehe als Aber glauben mensch- liche Gemuͤther zu verzweifelten Entschluͤssun- gen bringet; wuͤrden diese Voͤlcker bey fuͤrge- nommener Ausrottung dieses Heyns zweiffels- frey Arminius und Thußnelda. frey ihr eusserstes thun/ solches zu verwehren. Marbod wolte zwar in die Verunehrung dieses Heiligthums nicht stimmen; weil die Entwei- hung des fremden/ ja auch so gar des gantz fal- schen Gottesdienstes/ als welcher ja besser/ als gar keiner waͤre/ mehrmahls von Gott schreck- lich waͤre bestrafft worden; so ließ er doch allent- halben die Bauern des Landes feste machen/ vor- gebende diesen an der Weichsel gelegenen Heyn mit Strumpff und Stiel auszurotten; derer aber ein gutes Theil wieder mit Fleiß entkom- men: wormit diß Vorhaben allenthalben ruch- bar wuͤrde. Es ist unglaublich/ wie diß Geschrey so geschwinde alle Wuͤsteneyen durchdrungen/ und wie es die Lygier so geschwinde nach Car- rodun gezogen. Unter allen diesen verbitterten Voͤlckern waren am grausamsten die Arier an- zusehen/ derer Augen fuͤr Rache gluͤheten/ die Riesen-Leiber mit abscheulichen Merckmahlen blutig bezeichnet/ und alle mit kohlschwartzen Schilden versehen waren. Sie erkieseten zu ih- rem Angrieffe ihrer Gewonheit nach die trau- rige Nacht/ und begleiteten ihn mit einem er- baͤrmlichen Geheule. Wiewol nun Marbod sein Heer auffs vortheilhaffteste gestellt; ein ge- uͤbtes Kriegs-Heer an Kriegs-Wissenschaft und den Waffen ja vom Orte/ der Lufft und dem aufgehenden Mohnden fuͤr den Lygiern einen grossen Vortheil hatte; so begonte doch unter- schiedene mahl seine Schlacht-Ordnung zu wancken. Denn die Lygier kaͤmpfften mehr/ als menschlich/ und gichtiger/ als wilde oder gifftige Thiere; lehrten also den Marbod: daß wie der beleidigte Gottesdienst die grimmigften Ge- muͤths-Entschluͤssungen nach sich zeucht; die Verzweifelung auch die feigesten behertzt macht; also der groͤste Fehler/ und die aͤrgste Gefahr sey im ersten einem Volcke ans Hertze greiffen; und mit einem verzweiffelten Feinde treffen. Das Morden und Blutstuͤrtzen war so grausam; das Geheule der Streitenden/ und das Winseln der Sterbenden so erbaͤrmlich: daß der Monde sich anfangs gantz blutroth faͤrbte; gleich als selbter zugleich von so viel verspritztem Blute befleckt wuͤrde/ hernach aber sich mit einer dicken Wol- cken verhuͤllte/ gleichsam seine Augen fuͤr so viel traurigen Todesverstellungen zu verschluͤssen/ theils fuͤr so viel Wehklagen seine mitleidende Ohren zu verstopffen. Koͤnig Marbod selbst ge- rieth zwischen einen Hauffen rasender Arier; welche zwoͤlff seiner um sich habender Marck- maͤñischer Ritter in Stuͤcken hieben; und waͤre es um ihn gethan gewest; wenn nicht Vannius/ Thurn und Posadof ein Burischer Ritter mit etlichen Reisigen ihm zu Huͤlffe kommen waͤren; und dem zu Fusse fechtenden Marbod wieder zu Pferde geholffen; ja Vannius/ weil ihm der Schild zerspalten war/ mit seinem Arme/ einen auf den Marbod von dem Fuͤrsten der schwar- tzen Arier/ Siebenhertz geneñt/ gefuͤhrten hefti- gen Streich aufgefangen haͤtte; woruͤber Van- nius denn selbst ohnmaͤchtig zu Bodem sanck. Endlich entsetzte ihn voͤllig Kunrad ein Fuͤrst der Marsinger mit fuͤnff hundert Edelleuten; dar- unter einer dem Fuͤrsten Siebenhertz anfangs seine Baͤren-Haut mit einem grossen gelben Horne vom Kopfe rieß; hernach ihm selbten gar zerspaltete; weßwegen ihm Koͤnig Marbod das gelbe Horn nicht nur zu seinem Schilde/ son- dern auch zu seinem Geschlechts-Nahmen zu fuͤhren verlieh. Ein ander Marsinger begegne- te dem herzudringenden Fuͤrsten der Naharva- ler dergestalt: daß er ihm mit seinem uͤber den Kopff abhaͤngenden Baͤren-Tatzen den halben Schild abhieb; hernach ihm einen Pfeil recht durch den Mund zum Nacken heraus schoß; welchem Marbod die Baͤren-Klauen im Schil- de zu fuͤhren/ und den Nahmen Pfeil gab. Hier- uͤber begonte es zu tagen/ und die Sterne zu er- blassen; zugleich auch der Vortheil der Lygier zu verschwinden/ und der Marckmaͤnner zuzu- nehmen; Gleich als wenn das Goͤttliche Ver- haͤngnuͤs diesen Voͤlckern den Tag/ jenen die Nacht zum Obsiege eingetheilt haͤtte. Den Ly- giern war mit Hinfallung ihres Fuͤrsten/ und Zertrennung der Arier auch guten Theils das E e e e e e e 3 Hertze Siebendes Buch Hertze entfallen; die Marckmaͤnner konten sich besser besehen; und also fielen der Ritter Ber- cka/ Schaf/ und Promnitz auff beyden Seiten denen wie eine Mauer noch unbeweglich-ste- henden Helvekenen und Elysiern mit ihrem Reistgen-Zeuge ein: daß alle Lygier gegen den Mittag in offenbare Flucht geriethen; wiewol mehr als die Helffte Fuß fuͤr Fuß fechtende auf dem Platze todt blieb; der vierdte Theil und darunter sieben Fuͤrsten gefangen wurden/ und kaum ein vierdtes Theil in die Laͤnder entran. Also uͤber waͤltigte Marbod/ wiewol mit Ver- lust/ zwoͤlff tausend streitbarer Krieges-Leute die Lygier/ Logionen/ und Burgundier/ welche sich biß auf diesen Tag geruͤhmt hatten: daß kein Feind noch gegen ihre gleich sam hoͤllische Ge- sichter stehen koͤnnen; sondern sie mit ihrem blos- sen Anblicke schon den halben/ mit ihren Schwerdtern allezeit den voͤlligen Sieg erlan- get haͤtten. Vannius ward mit Marbods hoͤchster Bekuͤmmernuͤs fuͤr todt von der Wall- statt auffgehoben; endlich aber durch Erquik- kungen wieder zum Athmen/ und endlich durch Aderlassen; weil das Gebluͤte wegen verhinder- ter Umkreissung das Hertze erstecken wolte/ zu Kraͤfften gebracht. Koͤnig Marbod ruͤckte noch selbigen Tagfuͤr die an der Weichsel auff einem Berge liegende Festung Carrodun; darinnen die Hertzogin der Naharvaler Hermegild des Longobardischen Fuͤrsten Tochter selbst ihr Eh- Herr in der Schlacht erschlagen; ihre zwey Soͤhne aber gefangen waren. Weil nun der Ort feste; ließ Marbod selbten mit Bedraͤuung: daß er bey verweigerter Aufgabe der Fuͤrstin Soͤhne um Carrodun zu tode schleiffen/ und den Hunden fuͤrwerffen wolte/ auffordern. Die Fuͤrstin ließ anfangs dem Marbod zur Ant- wort wissen: der Hunde Magen waͤre ein edler Grab ihrer Soͤhne/ als todter Marmel. Und als er einen Knecht in der Tracht eines ihrer Soͤhne um die Stadt schleiffen ließ; schickte sie ihm einen Korb voll Rosen her aus/ und ließ ihm entbieten: Er moͤchte doch darmit ihres Soh- nes Leiche bestreuen lassen/ um zu schauen: Ob die Naharvalischen Blumen so kraͤfftig/ als die Trojanischen waͤren/ wormit Venus Hectors Leiche fuͤr Zerreissung der Hunde beschirmet haben solte. Endlich ersuchte sie den Marbod: er moͤchte auff gutes Vertrauen mit ihr selbst die Bedingungen der Ubergabe zu schluͤssen be- lieben; und sich dem eussersten Thurme naͤ- hern; darauff sie bey Fuͤrstlichen treuen Wor- ten alleine erscheinen wolte. Marbod/ wel- cher diese Fuͤrstin ihrer Großmuͤthigkeit halber sehr hatte ruͤhmen hoͤren/ kam/ ungeachtet alles Wiederrathens/ an denselben thurn; da er deñ von ihr allein die Bitte vernahm: er moͤchte sie mit der Leiche ihres Eh-Herꝛn beschencken. Marbod sagte: Sie solte diß und alle Hoͤflig- keit bey Ubergebung der Stadt erlangen. Sie aber antwortete lachende: Es waͤre eine grosse Thorheit die Todten mit Lebenden verwechseln; in dem ein Feind zwar diesen Schaden/ jenen aber kein Haar mehr kruͤmmen koͤnte. Marbod fuhr fort: So wolte er denn ihre Soͤhne in ih- rem Gesichte abschlachten lassen. Sie lachte abermahls/ entbloͤste ihren Untertheil des Lei- bes/ und sagte: Siehe Marbod: daß die Werck- stadt mehrer Soͤhne hier noch gantz unverletzt sey. Marbod wendete schamroth das Pferd um/ kehrte spornstreichs zuruͤck; und befahl mit allen Kraͤfften die Belaͤgerung zu befoͤrdern. Wiewol nun die Mauerbrecher wegen der Hoͤhe nicht zu brauchen waren; so drangen die Marckmaͤnner doch durch Untergrabung in die Stadt. Die Fuͤrstin zohe sich hierauf mit dem Kriegs-Volcke in das Schloß; und ließ unter die Eroberer dreyhundert wilde Schwei- ne loß; mit welchen sie ihnen genung zu thun machte/ und inzwischen alles ihr Volck sicher in das Schloß brachte. Aber diese wilden Thiere wurden auch bald gefaͤllet; und hiervon zehen Rittern der Nahme Schweinitz zugeeignet; folgends von dem Ritter Thurn/ der ihm die sei- nes Arminius und Thußnelda. nes wegen gleichmaͤßiger Ersteigung erlang- ten Nahmens Ehre ausbat/ das Schloß uͤbermeistert. Ja ob sich wol die Fuͤrstin der Naharvaler/ wie Asdrubals Gemahlin zu Car- thago/ aus dem Fenster in Graben stuͤrtzte; brach sie doch nur einen Schenckel; ward also wieder ihren Willen aufgehoben und geheilet. Wormit aber der kluge Marbod nicht so wol der Naharvaler Mauern/ als ihre Hertzen ero- berte/ ließ er mit unglaublicher Muͤhe auff dem Bojischen Gebuͤrge tausend der groͤsten Lier- Baͤume ausheben/ und selbte rings um der Na- harvaler heiligen Heyn setzen. Denn er wuste wol: daß das Schiff eines Reiches nicht feste ste- hen koͤnte/ wenn es nicht der eingesenckte An- cker der wahren/ oder wenigstens der angenom- menen Gottesfurcht hielte. Alleine diß war nicht so wol ein Geschencke Marbods/ als der Naharvaler selbst; welche unsaͤglich viel Schweiß nicht so wol der daselbst angebeteten Gottheit/ als Marbods Ehrsucht und Heuche- ley opfferten. Diesemnach denn die Andacht und Freygebigkeit/ wie auch alle dieselben Opf- fer/ welche Fuͤrsten fuͤr erwuͤrgte Menschen von dem aus gepreßten Schweiß und Blute der Uberwundenen GOtt zu bringen pflegen/ kei- ne geringere Flecken an sich kleben haben/ als das von der Phryne in den Grichischen Tem- pel gewiedmete goldene Bild/ welches Crates gar recht ein Sieges-Zeichen der Grichischen Unmaͤßigkeit hieß. Koͤnig Marbod aber hatte kaum diß Werck vollbracht; als er Nachricht bekam: daß die zwischen den Brunnen der Oder und der Weichsel wohnenden Gothinen; derer Sprache anzeiget: daß sie von den Galliern ih- ren Uhrsprung haben/ auf Verleitung der Ly- gier nicht nur im Anzuge waͤren; sondern auch der Cheruskische uͤber die Quaden zwischen der Donau/ dem Bojischen- und Mohnden-Ge- buͤrge gesetzte Stadthalter/ maͤchtige Krieges- Ruͤstungen machte; und weil ohne diß der Che- ruskische Feldherꝛ Segimer seinen Feind den Fuͤrsten Jubil bey sich hielte/ und den Marck- maͤnneꝛn wenig hold waͤre/ solche nicht unbillich gegen ihm angesehen zu seyn schiene. Diesem- nach schickte er den Vannius mit zwoͤlff tau- send Kriegs-Leuten den Gothinen entgegen; welcher sich in einen Wald versteckte/ die darein sonder einige Furcht und Vorsicht ruͤckende Feinde auf allen Seiten uͤberfiel und mit ihrem Fuͤrsten auffs Haupt erlegte; hierauf ein Theil seines Volckes in der erschlagenen Gothinen Roͤcke verkleidete/ und den Ritter Oppersdorff darmit gegen die bey dem Brunnen der Oder gelegene Stadt Parienna schickte/ und selbte unter dem Scheine: daß sie darein von dem Hertzoge zur Besatzung geschickt wuͤrden/ ohne Wiederstand eroberte. Vannius selbst durch- streiffte das gantze Land/ und bemaͤchtigte sich etlicher festen Plaͤtze. Jnzwischen demuͤthigten sich die uͤbrigen Lygier/ Logionen und Burgun- dier unter die Siegs-Hand des mit den dreyen Herren ihnen im Hertzen stehenden Koͤnigs Marbod; leisteten gegen Bestetigung ihrer al- ten Rechte ihm den Eyd der Treue; und ver- sicherten ihn im Wercke zu bezeugen: daß zwi- schen Sieger und Besiegten niemahls die Ver- traͤuligkeit fester klebte/ als wenn sie vorher aufs eusserste ihre Kraͤfften gegen einander gepruͤfet haͤtten. Koͤnig Marbod schlug eine grosse An- zahl derer/ die in diesem Kriege sich tapffer ge- halten hatten; und darunter Seidlitzen/ Gerß- dorffen/ Pritwitzen/ Stoschen/ Rohren/ Zed- litzen/ Schmoltzen/ Kitlitzen/ Bocken/ Hauwi- tzen/ Pogrellen/ Retschin/ Hund/ Tschammer/ Abschatz/ Roͤder/ Schoͤneych/ Schindel/ Muͤl- heim/ Dier/ Braun/ Gafron/ Ratzbar/ Heyde/ Logau/ Strachwitz/ Borschnitz/ Waldau/ Lest- witz/ Hocke/ Studnitz/ Baruth/ Niemitz/ Nimptschen/ und noch viel andere Marsinger und Marckmaͤnner zu Rittern; ließ durch sei- ne Kriegs-Obersten sich aller vortheilhafften Plaͤtze/ besonders an der Weichsel gegen die Sarmater auffs beste versichern/ er aber ruͤckte mit Siebendes Buch mit einem maͤchtigen Heere in der Gothiner Gebiete/ darinnen er zu voͤlliger Uberwindung dieser ohne diß zur Dienstbarkeit geneigten/ und theils den Sarmaten/ theils den Quaden Zinß- gebender Voͤlcker wenig zu thun fand; weil Vannius das meiste schwere gethan/ den Ruhm aber alleine fuͤr seinen Koͤnig aufgehoben hatte. Marbod ruͤhmte diese ungemeine Dienste des Vannius/ und fragte: welcher Gestalt er sie ge- gen ihm durch Danckbarkeit ausgegleicht wuͤnschte. Vannius fieng hieruͤber an zu seuff- zen; meldende: sein Wunsch uͤbersteige die Be- scheidenheit eines schlechten Dieners; wiewol nicht das Vermoͤgen eines so grossen Koͤniges; und daher wolte er lieber seinen Begierden/ als seiner verbindlichen Erniedrigung etwas ab- brechen; weil doch die Sache so groß waͤre; die er ihm nicht zuzumuthen traute/ wenn er schon zehnmahl so viel Verdienste fuͤr sich anzuziehen haͤtte. Marbod aber antwortete: Er haͤtte dem Vannius nicht nur viel Siege/ sondern auch et- liche mahl das Leben zu dancken; also solte er es kuͤhnlich begehren; wormit er sein eigen Gemuͤ- the erleichterte/ ihn/ den Koͤnig aber einer so grossen Schuld entladete. Vannius eroͤffnete hierauf: Er waͤre aus dem edlen Geschlechte des Fuͤrsten Tuder/ des beruͤhmten Koͤniges der Quaden. Vom Verhaͤngnuͤsse ruͤhrte her: daß die Cherusker die Ober-Herꝛschafft an sich ge- rissen haͤtten; die Quaden aber durch die haͤuffig in ihr Land gefuͤhrte Schwaben gleichsam waͤ- ren zu Knechten gemacht worden. Sein Vater haͤtte zwar bey dem langen Buͤrgerlichen Krie- ge sich mehrmahls bemuͤht die unter dem Joche lechsenden Quaden in ihre alte Freyheit zu sez- zen; und er selbst sich zweymahl ins geheim hin- ein gewagt; alleine beyder Anschlaͤge waͤren al- lemahl durch seltzame Zufaͤlle zu Wasser wor- den. Wenn ihm nun Koͤnig Marbod ein Theil seines Krieges-Volckes verleihen wolte/ waͤre er entschlossen anitzt/ da die Cherusker ander- werts alle Haͤnde voll zu thun/ den Drusus auf dem Nacken haͤtten durch der Marckmaͤnner Siege die Macht der Cherusker auch von den Quaden gantz abgeschnitten waͤren/ sein Heil in Eroberung seines vaͤterlichen Reiches zu ver- suchen. Er haͤtte bereit etliche vertraͤuliche Quaden an sich gezogen; die ihm die schlechte Verfassung der Cherusker/ die Abneigung/ welche die bedraͤngten Quaden von ihnen haͤt- ten/ eroͤffnet/ und zu einem leichten Obsiege grosse Hoffnung machten. Koͤnig Marbod umarmte den Vannius/ hieß ihn seinen Bru- der/ bot ihm alle Kriegs-Macht/ ja sich selbst zum Gefaͤrthen an/ wenn nicht Vannius selbst seinem Anschlage dienlicher/ seiner Tapfferkeit ruͤhmlicher hielte: daß er nur alleine in das Ge- biete der Quaden/ als ihr rechtmaͤßiger Koͤnig/ einbraͤche. Vannius drang hierauf mit dreis- sig tausend Mann uͤber das von vielem Eisen- Bergwerck beruͤhmte Monden-Gebuͤrge/ in welchem die Gothiner/ als Leibeigene/ den Qua- den arbeiten muͤssen. Der Wiederstand war schlecht/ weil er seine Feinde durch eine Kriegs- List auf einen andern Ort verleitet hatte. Er nahm die am Marus-Strome unter dem Ge- buͤrge in einer fruchtbaren Flaͤche gelegene Stadt Eburan zwar mit Sturm ein/ ließ aber keinem Quaden weder an Leibe noch Guͤtern das geringste Leid anthun/ sondeꝛn sich fuͤr einen Enckel des Fuͤrsten Tuder/ fuͤr einen Koͤnig der Quaden ausblasen/ welcher mit seiner Kriegs- Macht nicht sie zu beschaͤdigen/ sondern aus der Cheruskischen Dienstbarkeit zu retten dahin kommen waͤre. Er toͤdtete alle Cherusker/ und setzte lauter Quaden in die Aempter. Marbod ließ daselbst sich auch erklaͤren: daß er an die Quaden keinen Anspruch/ sondern ihrem recht- maͤßigen Fuͤrsten nur diese Huͤlffs-Voͤlcker ver- liehen haͤtte/ die er alsobald wieder abfordern wuͤrde; wenn er die Quaden zu ihrer Freyheit gebracht. Vannius/ weil er vernahm: daß der Feind bey Eburodun eine Macht versam̃lete; wolte keine Zeit verspielen/ ruͤckte also in zwey Tagen Arminius und Thußnelda. Tagen dahin; inzwischen breitete sich der Ruff von des Vannius Fuͤrhaben durch das gantze Land aus; also: daß nach dem der Ritter Ziero- tin mit seinem Bortrabe sechstausend Cherus- ker und Schwaben geschlagen hatte; die bey E- burodun versammleten Quaden auf Anstifften eines von Eburum dahin vom Vannius ge- schickten Edelmanns Choltitz/ die Cheruskischen Befehlhaber verliessen/ und zum Vannius uͤ- bergiengen; Die Cherusker und Schwaben a- ber theils in die Stadt und nahe darbey auf ei- nem Felsen liegende Festung sich veꝛstecken mu- sten. Gleichwol entschloß sich Vannius mit der Helffte seines Heeres selbte zu belaͤgern; mit der andern Helffte aber fortzuruͤcken/ und die Versamlung der zertheilten Feinde zu hindern. Die Ritter Losenstein/ Wuͤrben/ Schlick/ Traun und Polheim waren die Kriegshaͤupter der Belaͤgerer/ Hardeck/ Rothal/ Schlawata/ und Windisch-Graͤtz der Belaͤgerten. Wie hartnaͤckicht sie nun gleich diese Stadt und Schloß vertheidigten/ so giengen doch alle Nacht viel Quaden zu den Marckmaͤnnern uͤ- ber/ alldar sie auffs freundlichste aufgenommen wurden/ hingegen den Belaͤgerern alle Heim- ligkeiten entdeckten. Dahero denn/ weil diese durch einen unter irrdischen Gang fuͤnff hun- dert Mann in die Stadt spielten/ die Quadi- schen Einwohner auch selbst wieder die Besaz- zung die Waffen ergrieffen/ die Stadt leicht stuͤrmender Hand erobert/ Schlawata und Windisch-Graͤtz selbst toͤdtlich verwundet wur- den. Vannius aber ruͤckte sonder einigen Wie- derstand biß nach Medoslamium fort/ allwo Segesthes oder Sieg-Ast der Caßuarier Her- tzog als Oberster Stadthalter des Feldherꝛn Segimers/ vom Flusse Narus/ als dem da- mahls eussersten Ende des Quadischen Reiches/ alle Macht versamlet hatte. Die Quaden aber verliessen ihn eben so wol grossen Theils; also: daß Vannius sonder grossen Verlust den Feind aus dem Felde schlug/ den Segesthes selbst ge- fangen bekam; die Staͤdte Medoslamium und Celemantia an dem Flusse Teja ihm die Schluͤs- sel entgegen schickten; die Schwaben auch selbst sich dem Vannius ergaben; die fluͤchtigen Che- rusker aber nirgends hin/ als nach Carnunt an der Donau zu entkommen wusten; welche maͤch- tige Stadt sich unter der Roͤmer Schutz frey- willig begeben hatte; als Tiberius mit Huͤlffe der Skor disker so tieff bey denen Pannoniern eingebrochen war. Weßwegen der Roͤmische Land-Pflegeꝛ zu dem Vannius schickte/ und ihn bedreulich aus dem Quadischen Gebiete/ weß- wegen die Roͤmer mit den Cheruskern in Buͤnd- nuͤs stuͤnden/ zu weichen eꝛmahnen ließ; welchem Vannius/ nach eingeholetem Rathe des Koͤnigs Marbod/ antwortete: Die Roͤmer haͤtten ihm in seinem vaͤterlichen Reiche so wenig/ als er ih- nen zu Rom Gesetze fuͤr zuschreiben/ und er haͤtte an dem Koͤnige Marbod einen maͤchtigern Bunds genossen/ als die Cherusker an den Roͤ- mern. Weil nun die Roͤmer zu Carnunt zwar einen Fuß/ aber keinen Nachdruck hatten/ un- terdeß aber die Feindschafft zwischen dem Se- gimer und Drusus ruchbar ward; machte sich Vannius zum voͤlligen Oberhaupte der Qua- den/ und bestieg mit grossem Frolocken den Stul des grossen Koͤniges Tuder. Also hat das Verhaͤngnuͤs gleichsam sein Spiel mit Veraͤnderung der Herꝛschafften; und ergetzet sich an Erhebung eines unter gedruͤck- ten/ und an Abstuͤrtzung eines empor gestie genen Geschlechtes/ welches aber mit der Zeit nach dem Beyspiele eines sich umwendenden Rades wieder in die Hoͤhe steigt; und lassen sich alle der Herꝛschafft gewohnte Staͤmme schwerer/ als Dornen ausrotten. Denn wenn selbte gleich aus bitterstem Hasse des Volckes verstossen/ auch sie mit grosser Blutstuͤrtzung vertilgt wer- den/ bleibt doch noch ins gemein ein verbor- gener Kaͤum uͤbrig/ welchen das Volck her- nach so begierig wieder pfleget/ als es vor- her seinen Stamm beschaͤdigt hatte/ entwe- der weil es sich durch Erkiesung neuer Her- ren selten verbessert sieht; oder weil die Erster Theil. F f f f f f f Zeit Siebendes Buch Zeit so wol die Gramschafft/ als unreiffe Fruͤch- te versuͤsset; auch gehabte und kuͤnfftige Fuͤrsten uns alle zeit besseꝛ/ als die gegenwaͤrtigen zu seyn duͤncken. Vannius war kaum fertig/ als er vom Koͤni- ge Marbod Nachricht erhielt: daß Drusus mit grosser Kriegs-Macht uͤber den Rhein gesetzt/ und wieder die Sicambrer und Catten bereit ziemlichen Vortheil erlangt haͤtte. Weil nun die Laͤnder/ zwischen der Saale und Elbe der meisten Kriegs-Macht entbloͤst/ einem so listi- gen Feinde aber nicht zu trauen waͤre; Gleich- wol aber er aus den Lygiern sein Heer nicht so bald daselbst hinziehen koͤnte; ersuchte er ihn mit seinen entpehrlichen Voͤlckern geraden Weges durch das Bojische Reich zu Beschirmung der Hermundurischen Graͤntzen zu eilen. Vanni- us stellte bey den Quaden alles in gute Sicher- heit/ und kam mit zwantzig tausend Marck- maͤnnern und Quaden an die Sale. Weil er nun vernahm: daß Drusus seinen Zug recht ge- gen die Hermundurer einrichtete/ verstaͤndigte er es den Koͤnig Marbod/ der mit seinem Heere bereit biß zu den Semnonern kommen war. Dieser eilte Tag und Nacht/ und stieß den Tag vorher/ ehe man des Drusus Vortrab aus puͤr- te/ bey dem Hermundurischen Saltz-See zum Vannius. Weil nun Drusus ihnen nicht ge- wachsen war/ gab er gute Worte/ beschenckte beyde Koͤnige/ machte mit ihnen Freundschafft und Bindnuͤs/ und richtete seinen Weg gegen die Cherusker; allwo er aber den Ruhm seiner vorigen Siege und zugleich sein Leben ein- buͤste. Weil nun Augustus den dem Drusus ange- thanen Spott zuraͤchen/ den Tiberius Nero a- bermahls mit Kriegs-Macht uͤber den Rhein/ den Sentius Saturninus aber in Pannonien schickte/ jener zwar hin und wieder streiffte/ aber nichts hauptsaͤchliches ausrichtete/ noch ein Haupt-Treffen wagen wolte/ und also so gut er konte Frieden machte; wiewol ihn der Kayser deßwegen an statt des Drusus zum Sohne an- nahm/ und ihm die Wuͤrde eines Feld-Herꝛn zueignete/ dieser aber nach etlichen wieder die von den Quaden nunmehr Huͤlff-loß gelassene Pannonier erlangten Vortheilen zum Land- Vogte in dem von den Roͤmern besessenen Deutschlande gemacht ward; kriegte Koͤnig Marbod Lufft und Gelegenheit sich der uͤbri- gen zwischen der Weichsel und Elbe gelegenen Voͤlckern vollends zu bemaͤchtigen. Es war der auf beyden Seiten der Weichsel und an dem Schwaͤbischen Ost-Meere gelege- nen Gothaner/ Estier und Lemovier Hertzog Arnold/ des Mauritanischen Koͤnigs Bojud Schwester-Sohn. Denn sein Vater Ehren- fried/ als damahls ein abgefundener Herꝛ/ hatte mit denen Africanischen Kauf-Schiffen/ welche nach Wisbye auf Gothland handeln/ und wegen des Agsteins offt an dem Estischen See- Ufer anlenden/ sich in Mauritanien uͤbersetzen lassen; und in dem Treffen zwischen des Kay- sers Julius und des Pompejus Kriegs-Heeren sich nicht nur sehr ritterlich bezeiget/ sondern auch dem alten Koͤnige Bojud das Leben erhal- ten; weßwegen er ihm seine Tochter vermaͤh- let/ und die Stadt Lix/ des Anteischen Riesen alte Wohnung/ an dem Flusse Lixus/ nebst einer sehꝛ fruchtbaren Landschafft einger aͤumet hatte/ in welcher so grosse Weinstoͤcke und Trauben wachsen: daß die ersten zwey Maͤnner nicht umarmen koͤnnen; die Weinbeeren aber Huͤner- Eyern gleichen. Nach seines aͤltesten Bruders Tode aber erkiesete er doch fuͤr diesem Lustgar- ten sein raues Vaterland; zeugte daselbst mit ihr unterschiedene Kinder/ und ließ zum Erben seiner Fuͤrstenthuͤmer oberwehnten Hertzog Ar- nold. Wie nun inzwischen Koͤnig Bogud den ungluͤcklichen Zug in Hispanien dem Antonius zu Liebe thaͤt; daselbst geschlagen/ und hernach/ als die Tingitaner von ihm ab/ Bochus und die Roͤmer ihn mit grosser Macht uͤberfielen/ sein gantzes Reich dem Sohne zu theile; ja er endlich Arminius und Thußnelda. endlich selbst vom Agrippa bey Methon erschla- gen ward; nahm Micipsa Bogudes Sohn mit etlichen edlen Mohren zu seiner Schwester uͤ- ber das Meer in Deutschland seine Zuflucht. Dieser als ein so naher Freund und geschickter Herꝛ/ ward nicht nur von seiner Schwester E- lißa/ sondern auch von ihrem Sohne dem herꝛ- schenden Fuͤrsten Arnold auffs freun dlichste em- pfangen/ und aufs beste unterhalten. Dieser Ar- nold hatte des Sidinische Herzogs Tochter Ger- trud zur Ehe/ eine Fuͤrstin von unver gleichli- cher Schoͤnheit. Weil nun seine Liebe gegen ihr uͤbermaͤßig war/ konte sie nichts/ als eine unge- arthete Tochter gebaͤhren/ nemlich die Eyver- sucht; also: daß/ ob sie zwar sonst alles hatte/ was ihr Hertz verlangte/ sie dennoch meist in der Ein- samkeit/ gleich als in einem Kercker leben mu- ste. Gleichwol aber erlaubte er ihr wieder sei- ne Gewonheit seinen Vetter Micipsa mit allen Ergetzligkeiten zu unterhalten. Es war kein Jahr seiner Anwesenheit vorbey; als Gertrud auf einmahl eine schneeweisse Tochter/ und ei- nen braunen Sohn gebahr. Die Freude der gluͤcklichen Geburt verwandelte sich/ so bald Gertrud dieses Mohren-Kind anblickte/ in ein solches Hertzeleid/ welchem die uͤberstandenen Geburts-Schmertzen nicht zu vergleichen wa- ren/ und sie wuͤrde es mit hundert mahl so viel Wehen gerne in ihren muͤtterlichen Leib wieder verschlossen haben/ als selbter es an das Tage- licht gebracht hatte. Sie stuͤrtzte anfangs eine See voll Thraͤnen/ und ihre Augen nicht min- der Wasser/ als ihr Leib Blut von sich. Dieses Weinen verwandelte sich in Seuffzer/ hernach in ein Recheln/ und endlich in eine kalte Ohn- macht. Jhre Gehuͤlffen hatten mit Kuͤhlen und reiben eine Stunde zu thun/ ehe man wieder ein Leben an ihr sah. Wie sie sich nun endlich wieder erholete/ fragte Hertzog Arnolds Mut- ter nach der Ursache ihrer so ploͤtzlichen Veraͤn- derung. Gertrud zeigte auf den fuͤr ihr liegen- den schwartzen Sohn; gleich als wenn diß dem schwartzen Tode aͤhnliche Kind ihr eine genung- same Ursache ihrer Todes-Angst andeutete. E- lißa sagte hier auf: bin ich doch selbst/ und keines der Kinder in Africa weisser/ als dieses. Ger- trud seuffzete/ und rieff allein mit verbrochenen Worten: Ach! Arnold! Arnold! Elißa merckte nunmehr: daß sie wegen ihres Eyversuͤchtigen Ehherrns in Beysorge stuͤnde; samt sie bey ihm in Verdacht einer mit dem Micipsa zugehal- tenen Liebe verfallen wuͤrde. Dahero ermahnte sie sie/ ihr keinen Kummer zu machen; ihrer bey- der nahe Bluts-Freundschafft/ ihre Tugend und Treue waͤren genungsame Vorredner und Zeugnuͤsse ihrer Unschuld. Arnold waͤre selbst der Mutter nach aus Mohrischem Geschlech- te; da man denn Beyspiele haͤtte: daß die Art und Aehnligkeit der Groß-Eltern sich erst an Kindes-Kindern herfuͤr thaͤte. Zu dem waͤre die blosse Einbildung schwangerer Muͤtter ei- ne seltzame Mahlerin und Bildschnitzerin. Ei- ne Mohrische Koͤnigin haͤtte sich an einem weis- sen Marmel-Bilde Andromedens versehen: daß sie eine weisse Tochter gebohren. Eine Fuͤrstin der Estier haͤtte wegen eines ihr nach- druͤcklich eingebildeten Baͤres/ den sie auff der Jagt erlegt/ einen gantz rauchen Sohn zur Welt bracht. Ja es stimmten alle Naturkuͤn- diger uͤberein: daß der Weiber hefftige Einbil- dung in der ehlichen Beywohnung durch die kraͤfftige Wuͤrckung der Seele sich auch in die eusserliche Bildung der empfangenden Frucht auszulassen maͤchtig; und dannenhero nichts verdaͤchtiges waͤre: daß diß ihr Kind nach dem Micipsa und andern um sich habenden Moh- ren waͤre gebildet worden. Gertrud/ nach dem sie durch einen hochbetheuerlichen Eyd bekraͤff- tigt hatte: daß diß braune Kind Arnolds Sohn waͤre; antwortete Elißen: Aller Verdacht liesse sich mit vernuͤnfftigen Gruͤnden ablehnen; was aber die blinde Eyversucht mit ihrem stincken- den Atheme einmahl schwaͤrtzte/ koͤnte die voll- kommenste Unschuld mit keiner Lauge noch F f f f f f f 2 Seiffe Siebendes Buch Seiffe wieder rein waschen. Denn dieses La- ster speisete sich nichts minder mit des Ehweibes Flecken; als die Kefer mit Mist und Unflat. Ja es waͤre gearthet/ wie gewisse Feigen/ welche durch Zeugung eines besondern Gewuͤrmes al- ler erst sich reiff und vollkommen machten; und die Eyversucht meinte so denn den Purpur der Tugend anzuhaben; wenn es ein unschuldiges Weib mit dem Geschmeiße des Ehbruchs fuͤr der Welt besudelt und verdaͤchtig gemacht haͤt- te. Der argwoͤhnische Arnold haͤtte sie sonder einigen Anlaß wie ein hundert aͤugichter Argos bewachet; nunmehr wuͤrde bey so scheinbarem Grunde sie kein Ding auff der Welt von Ver- dammung des Ehbruchs entschuͤtten koͤnnen; und sie wolte durch selbsth aͤndige Verspritzung ihres Blutes seiner Rache selbst gerne den Dienst des Nachrichters verrichten; sie solten nur ein Mittel ersinnen ihre Unschuld und gu- ten Nahmen bey der Nachwelt zu erhalten. E- lißen/ und denen anwesenden drey andern edlen Frauen fielen fuͤr Mitleiden so viel Thraͤnen aus den Augen: daß sie das beraͤhmte Kind haͤt- ten daraus baden koͤnnen/ wenn nur ihr Saltz eine genungsam scharffe Lauge abgaͤbe natuͤrli- che Flecken des Leibes wie der Seele abzuwa- schen. Weil aber diß vergebens war/ machten sie nach reiffer Berathung einen Schluß dem Hertzoge nur die Geburt der weißen Tochter zu eroͤffnen/ den schwartzen Sohn aber zu ver- tuschen/ und anderwerts erziehen zu lassen; dar- zu denn Leitholde die Hofmeisterin eine Sidi- nische Edel-Frau schon Gelegenheit zu finden versprach. Diesen Schluß eroͤffneten sie der Fuͤrstin Gertrud; bey welcher nunmehr die Eh- ren- und Mutter-Liebe einen innerlichen Krieg anfieng; indem jene zu der Entfernung ihres Kindes stimmte/ diese aber sie nicht wolte ge- schehen lassen; weil uͤber die beforgten fremden Zufaͤlle in Deutschland auch unter Fuͤrsten nicht nur ungewoͤhnlich ist/ sondern fuͤr eine auch so gar wilden Thieren ungemeine Unart gehalten wird; wenn eine Mutter ihr Kind nicht mit eigenen Bruͤsten naͤhret; sondern sie Maͤgden als Seug-Ammen hingiebet. Da- her/ als Leitholde das Kind aus der Wiege nahm und forttragen wolte; fieng die Fuͤrstin Gertrud uͤberlaut an zu ruffen: haltet und last mir mein Kind ungeraubet; weil ich mich lieber selbst/ als diß mein anderes Mich/ das beste Theil meines Leibes und die einige Freude meiner Seele verlieren will. Unterstehet ihr euch das Gesetze der Natur zu verletzen/ und das unzertrennliche Band des Gemuͤthes und der Liebe/ welches Eltern und Kinder verein- bart/ zu zerschneiden? Meinet ihr: daß eine Mutter ihr zartes Kind aus den Augen lassen koͤnne/ ohne daß sie es nicht zugleich aus dem Hertzen verliere? Sintemahl der Zunder der Mutter-Liebe durch die holden Anblicke ihrer Augen vermehret wird; also nothwendig durch ihre Entfernung verleschen muß. Was ists vor ein Unterscheid: Ob ich meines Kindes als eines Todten/ oder als eines verstossenen ver- gesse? wuͤrde mein Sohn mich kuͤnfftig des Mutter-Nahmens zu wuͤrdigen Ursache/ oder mich zu lieben Anlaß haben/ weil ich ihm die Gelegenheit mich zu kennen/ und die Empfind- ligkeit nach mir zu verlangen verstricke? die er- sten Kaͤumen der angebohrnen Zuneigunger- stecke/ wenn ich seinem Gesichte mein Antlitz/ seinen Ohren die lockende Mutter-Stimme/ seinem Fuͤhlen die hertzlichen Kuͤsse/ seinem Ge- schmacke die suͤsse Mutter-Milch entziehe; und also keiner seiner Sinnen den innerlichen Fun- cken der Kinder-Liebe auffblasen kan; als an welcher die Einbild- und Angewoͤhnung fast mehr/ als die Natur Theil hat. Daher lasset ehe meinen Eh-Herꝛn mich toͤdten/ als daß ich eine Kinder-Moͤrderin werde. Denn es ist besser tod seyn/ und das Kind nicht lieben koͤn- nen/ als leben/ und es nicht lieben wollen. Die Fuͤrstin Arminius und Thußnelda. Fuͤrstin Elißa redete ihr ein: Es waͤre verant- wortlicher beyde/ als eines/ beym Leben erhal- ten; auch die nothwendige Entfernung eines Kindes nichts weniger als ein Todschlag zu nennen. Wie viel Kinder verlieren ihre Muͤtter bald nach- oder auch fuͤr der Geburt; muͤsten al- so nicht nur fremder Frauen/ sondern zuweiln gar wilder Thiere Bruͤste saugen. Und ich/ versetzte Gertrud/ soll meine Bruͤste meinem Kinde entziehen/ welche die barmhertzigen Woͤlffe und Baͤren Menschen verleihen? Keine andere Noth kan Muͤtter dieser ihrer Pflicht er- lassen/ als der Tod/ welcher freylich alle Ver- bindligkeit nicht nur gegen Menschen/ sondern gar gegen GOtt aufhebt. Sintemahl unsere Leichen weder iemanden dienen/ noch GOtt verehren koͤnnen. Ausser dieser Hindernuͤs aber ist die nur eine halbe Mutter/ welche zwar ge- bieret/ aber nicht saͤuget. Denn mit was fuͤr Gewissen kan sie sich weigern mit ihrer Milch zu unterhalten/ was sie lebendig fuͤr sich und nach ihrer Nahrung laͤcheln siehet; Da sie nur das unsichtbare mit ihrem Blute in ihren Ein- geweiden speisete/ ehe sie noch wuste: Ob es ein Kind oder eine Mißgeburt seyn wuͤrde. O ihr grausamen Halb-Muͤtter! meinet ihr: daß die Natur euch die Bruͤste nur zu Aepfeln der Wol- lust/ zu Lock-Voͤgeln der Geilheit/ zu unfrucht- barer Zierde der Brust habe wachsen lassen/ nicht vielmehr aber zu heiligen Lebens-Brun- nen/ zu Wunder quellen/ fuͤr das noch ohnmaͤch- tige menschlichte Geschlechte erschaffen habe? Meinet ihr: daß es keine der Natur angefuͤgte Gewaltthat/ und weil es kein Wild thut/ ein mehr als viehisches Beginnen sey/ wenn ihr mit Binden und anderem abscheulichen Zwan- ge die Roͤhren dieser Milch Quelle verstopffet/ die muͤtterlichen Adern austrocknet/ und um nur schoͤn und unverfallen zu bleiben/ das Ge- bluͤte mit Gefahr des Lebens entweder erstecket/ oder auf einen Abweg zwinget? Jst es ein gros- ser Unter scheid: Ob ihr in euren Bruͤsten/ oder in eurem Leibe die Fruchtbarkeit hindert/ ob ihr dort den Unterhalt/ oder hier den Anfang eines Kindes toͤdtet/ und mit abscheulichen Kuͤnsten die empfangene Frucht/ weil sie noch unter der grossen Kuͤnstlerin der Natur Haͤnden und in der Arbeit ist/ abtreibet/ wormit euer glatter Bauch nur nicht runtzlicht und abhaͤngend werde/ und ihr keine Geburts-Schmertzen fuͤh- let? Elißa brach ein: Sie moͤchte ihr so schwere Gedancken uͤber dem nicht machen/ was nicht nur die Erhaltung ihres Lebens/ sondern auch ihrer Ehre unvermeidlich erforderte; ja was die guͤtige Natur mehr mahls selbst zu thun kei- ne Abscheu haͤtte; wenn sie entweder die Milch in Bruͤsten versaͤugen/ oder einigen keine zur Saͤugung noͤthige Wartzen wachsen liesse. Die gaͤntzliche Entziehung/ nicht aber die Verwech- selung der Frauen-Milch waͤre unverant- wortlich; und ihrem Sohne nichts daran gele- gen: Ob ihn seine eigene/ oder eine andere Mutter traͤnckte; ja ihm vielleicht dienlicher: daß er anderwerts alleine einer gantzen Amme/ als hier einer halben Mutter genuͤsse; Ger- trud aber ihre muͤtterliche Freygebigkeit so viel reichlicher gegen ihre Tochter mit Darreichung beyder vollen Bruͤste ausuͤben koͤnte; welche fuͤr beyde Zwillinge eine zu sparsame Speise-Mei- sterin abgeben doͤrffte. Nein/ nein/ antwortete Gertrud. Darum hat die Natur nicht eine/ son- dern zwey Bruͤste wachsen lassen: daß eine Mut- ter mehr/ als ein Kind saͤugen koͤñe. Und die/ wel- che Kraͤften gehabt hat/ in Mutter leibe mehꝛ/ als eines mit ihrem Blute zu speisen/ darff an aus- kom̃entlichem Milch-Vorrathe nicht zweifeln; wo sie die reichliche Versorgerin die Natur nicht zu einer kargen Stieff-Mutter machen will. Da sie nun mich mit dem Reichthume zweyer Kinder/ mit der Fruchtbarkeit zweyer von Milch strutzender Bruͤste begabet hat/ welche durch ihr Stechen ihre Begierde meine F f f f f f f 3 Leibes- Siebendes Buch Leibes-Fruͤchte zu naͤhren eroͤffnen; wie mag man meine Grausamkeit mit dem Mangel unfruch tbarer Weiber entschuldigen? Verge- bens muͤht ihr euch auch mir eines durch diesen Traum aufzubinden: daß die Natur fuͤr Kin- der zwar die Nahrung/ aber nicht so genau ih- rer Muͤtter erfordere. Warum geben diese fal- sche Ausleger der natuͤrlichen Geheimnuͤße nicht auch fuͤr: es liege nichts daran/ in wessen Leibe/ oder aus wessen Saamen Kinder zusam- men geronnen sind? Sintemahl ja dieser von den Lebens-Geistern in den Bruͤsten weiß ge- laͤuterte Safft eben das Blut ist/ welches das Kind in der Mutter genehret hat; welches die weise Heb-Amme und Kinder-Waͤrterin die Natur/ so bald sie das Kind in Mutterleibe voll- kommen gemacht hat/ mit unbegreiflicher Kunst in geheimen Roͤhren in das oberste Theil der Mutter empor zeucht; und zu der Gebohrnen anstaͤndigem Brod und Weine bereitet. Jst es aber nicht wahr: daß nicht alle Speisen allen schmecken/ oder gesund sind? daß die Natur fuͤr einem Getraͤncke diesem einen Eckel/ jenem darzu eine Luͤsternheit eingepflantzt hat? habt ihr nie gesehen/ wie neugebohrne Kinder ins gemein an fremden Bruͤsten nicht saugen wol- len? Glaubet ihr nicht: daß wie die Krafft des Elterlichen Saamens in den Kindern die Aehnligkeit des Leibes und Gemuͤthes verur- sache; also die Mutter-Milch ihm ihre Eigen- schafften einfloͤsse. Machet doch die getrunckene Schaf-Milch den Ziegen weichere Haare/ und Ziegen-Milch bey den Schafen haͤrtere Wolle. Der Safft der Erde/ welcher der Baͤume und Pflantzen Milch ist/ machet in Trauben/ in Granat-Aepffeln/ und andern Fruͤchten einen so grossen Unterscheid: daß niemand glauben wuͤrde/ beydes sey aus einerley Weinstoͤcken/ Gesaͤme und Stauden entsprossen. Warum soll nicht auch die Milch einer unedlen/ einer an Leibe oder Gemuͤthe ungesunden Amme/ denen berꝛlichẽ Eigenschafften eines edlen Kindes Ab- bruch thun? Wisset ihr wol eine vernuͤnfftigere Ursache/ warum mehrmahls Fuͤrstliche Kinder ihren Helden-Vaͤtern/ ihren tugendhafften Muͤttern/ mit keiner Ader aͤhnlich sind/ auffzu- finden; Als daß man selbte einer furchtsamen Auslaͤnderin/ einer geilen Magd/ einer unge- neußigen Amme zur Saͤugung uͤbergeben? Leitholde hoͤrete dieser aus muͤtterlicher Liebe her aus stossenden Ungedult mit so viel mehr Gedult zu; weil sie wuste: daß sich undienliche Quellen und hefftige Regungen nicht verstopf- fen liessen/ sondern man sie auf die Seite leiten muͤste. Daher hielt sie ihr/ nach dem sie selbst zu reden auf hoͤrte/ anfangs ein: daß sie an ihrem Sohne keine grausamere Unbarmhertzigkeit/ als durch ihren verlangten Tod veruͤben koͤnte; ja/ wenn sie seine Entfernung hinderte/ wuͤrde sie ihren Ehgemahl zum Vater-Moͤrder ihres Kindes machen; weil die Eyversucht ihm dessen Hinrichtung als eine gerechte Rache/ und eine ruhmbare Vertilgung einer unaͤchten Miß- geburt fuͤrbilden wuͤrde. Was koͤnte aber schrecklicher seyn/ als seines Kindes Scharff- richterin werden/ und sein Ehgemahl in ab- scheuliche Laster stuͤrtzen. Die Gesetze der Na- tur waͤren wol heilig; aber dem goͤttlichen Ver- haͤngnuͤße/ welches offt davon Absaͤtze machte/ folgen/ noch heiliger. Die fuͤr ihren Sohn be- stimmte Amme waͤre ihre eigene Tochter/ wel- che/ wie auch ihr Ehmann/ Gertruden so wol von Gemuͤthe/ als Gebluͤte bekandt waͤre; also dieser junge Fuͤrst aus ihren Bruͤsten hoffent- lich nichts/ was nach einer Magd oder Untu- gend ruͤche/ saugen wuͤrde. Als Gertrud diesen Vorschlag vernahm/ seuffzete sie/ und gab sich endlich in der Anwesenden Willen/ iedoch legte sie vorher ihren Sohn an beyde Bruͤste/ und ba- dete selbten mit mehr Thraͤnen-Saltze/ als er Milch aus dem reichen Vorrathe ihrer Bruͤste tranck; wormit sie zum minsten durch diese er- stere Nahrung ihrer Mutter-Pflicht etlicher massen ein Genuͤgen thaͤte. Hierauff muste nur/ Arminius und Thußnelda. nur/ wiewol mit eusserster Schwermuth und einer halben Ohnmacht/ die Natur der Ver- nunfft weichen/ und Gertrud sich deꝛ suͤssen Um- armung ihres Sohnes entschlagen/ um das Kleinod ihrer Unschuld und guten Nahmens zu behalten/ ja ihr Kind lieber selbst verlieren/ und Leitholden zur Entfernung uͤber reichen/ als selbten durch Behaltung zu gaͤntzlichem Verlu- ste in Gefahr setzen. Die gemachte Anstalt ward so kluͤglich eingerichtet: daß weder der Hertzog noch einig ander Mensch von diesem Mohren- Kinde was erfuhr; welches denn/ als es die Fuͤrstin mit tausend Kuͤssen gesegnet hatte/ bey ober wehnter Sidinischen Edel-Frauen/ die Dehnhofen einen tapffern Ritter zur Eh hat- te/ unter dem Scheine: daß es ein von seinem in Hispanien unter denen Celtiberiern angeses- senem Bruder uͤberschickter Knabe waͤre/ ruͤhm- lich und vielleicht besser/ als in seines Vaters Fuͤrstlichem Hofe aufferzogen ward. Deñ beym Hofe-Leben kirret die Wollust der schaͤdliche Lock-Vogel mit ihren anmuthigen Beeren auch die besten Gemuͤther in das Garn des Ver- terbens; und die Heucheley vermummet mit ihrer Larve alle Laster: daß sie fuͤr Tugenden gelten/ und verschwistert gleichsam Himmel und Erde/ Sternen und Koth mit einander: daß ein junger Fuͤrst zuweilen selbst nicht weiß: Ob er auf dem Scheide-Wege dieses irrsamen Lebens den guten oder irrigen Pfad erkieset ha- be. Da doch bey einem jungen Fuͤrsten/ wel- cher kuͤnfftig soll ein untadelhafftes Muster aller Unterthanen seyn/ diß/ was ihm zur Nahrung seiner Seele/ zur Staͤrckung seines Gemuͤthes beygebracht wird/ sorgfaͤltiger/ als die Leibli- chen Speisen ihrer Gesundheit und Schaͤdlig- keit halber zu untersuchen sind. Daher/ und weil die Natur ehe in ihren Wuͤrckungen irren/ als ein Fuͤrst bessere Unterthanen machen kan/ denn er selbst ist/ dieselben aͤrger thun und mehr Boͤses stifften/ die eines jungen Herrn boͤsen Neigungen den Zaum lassen/ als welche einen gemeinen Brunn oder Roͤhr-Kasten vergifften. Weil nun so wol Kinder/ als Pflantzen mehr nach der Beschaffenheit ihrer Pflegung/ als nach dem Einflusse der Geburts-Sternen arthen; gerieth dieser junge Fuͤrst unter der Auffsicht eines von keiner uͤbermaͤßigen Liebe nicht verblaͤndeten Auffsehers/ zwischen dem Staube der Reñebahn/ uñ unter der heilsamen Last der schweißichten Waffen so wol: daß die- ser Ritter ihn im achzehenden Jahre in die Fer- ne zu schicken und daselbst sein Gluͤcke zu suchen fuͤr rathsam hielt. Ja ich weiß nicht: ob es durch eine besondere Krafft der Elterlichen Zeugung/ oder durch ein besonder Geluͤb de seiner Mutter geschahe: daß in diesem Knaben sich die Schwaͤr- tze in braun/ die braune Farbe in gelbe; diese endlich in weiße nach und nach verwandelte; und kein Mensch ihn mehr fuͤr einen Auslaͤn- der angesehen haben wuͤrde. Wie nun der Si- dinische Edelmann ihn ritter maͤßig ausgeruͤ- stet/ seines kuͤnfftigen Verhaltens wegen vaͤter- lich verwarnigt; dieser auch mit Ausdruͤckung aller Kindlichen Demuth Abschied genommen hatte; eroͤffnete ihm dieser Ritter zu guter letzte: Er waͤre sein Vater nicht/ wie er ihm einbilde- te; sondern ein groͤsserer/ als er fast wuͤnschen moͤchte; gleichwol aber hielte er es ihm noch zur Zeit zu eroͤffnen nicht allerdings rathsam. Jn- zwischen waͤre ihm darmit genung gesagt: daß er nichts Unfuͤrstliches fuͤrnehmen solte; wo er seinen Stand zu beflecken eine Abscheu truͤge. Die in dem Meere von den gesaltzenen Wellen wol abgespielte Korallen behalten nach ihrer Absonderung von der muͤtterlichen Wurtzel ih- re bestaͤndige Farbe; ja uͤberkommen allererst eine gleichsam felsene Haͤrte. Nicht anders er- gieng es mit diesem jungen Gothonischen Fuͤr- sten; welcher bey den Bojen durch seine Tapfer- keit anfangs einen hoben Ruhm der Tugend/ hernach gar die Koͤnigliche Tochter Hedwig er- warb; endlich aber mit dem Falle seines Schwaͤ- hers auch gleichsam wieder in seine erste Nie- drigkeit Siebendes Buch drigkeit verfiel. Denn diß eben war Fuͤrst Gottwald/ Koͤnig Critasirs Eydam; welcher nach Eroberung der Stadt Boviasmum sich heimlich aus dem Staube machte/ um sich mit den Bojen nicht der vom Marbod erzwunge- nen schimpflichen Eydes-Leist- und Auswande- rung zu unterwerffen. Gottwald kehrte also mit seinem Sidinischen Pflege-Vater zuruͤcke/ welcher bey dem Mar- singer Hertzoge Bolcko wol auffgenommen ward/ und daselbst die Nachricht von des Go- thonischen Fuͤrsten Arnolds Tode/ und daß sel- bige Voͤlcker seiner Tochter Marmeline die Herꝛschafft zugeeignet haͤtten/ erfuhr/ und weil der Ritter Dehnhoff dem Fuͤrsten Gottwald seinen wahrhafften Uhrsprung mit allen Um- staͤnden eroͤffnete; machte er sich mit diesem Rit- ter und folgends seiner Pflege-Mutter nach der Gothonischen an dem Munde der Weichsel liegenden Haupt-Stadt Godonium auf. Der Ritter kam zu seiner Schweher der Fuͤrstlichen Hofmeisterin/ eroͤffnete ihr nichts minder alle Zufaͤlle des Fuͤrsten Gottwalds/ als seine An- wesenheit in der Stadt; welche ihn denn ferner zu der Fuͤrstlichen Wittib leitete/ um mit ein- ander fernere Anstalt zu berathen; weil der Tochter Vermoͤge Hertzog Arnolds Verord- nung bereit die voͤllige Herꝛschafft uͤber geben/ und nebst der Mutter die zwey Obersten Raͤthe ihr biß zur Vermaͤhlung an die Seite gesetzt waren. Diese hielt fuͤr rathsam ihrer Tochter der Fuͤrstin Marmeline also fort das gantze Werck zu eroͤffnen/ und ihr Schwesterlich Her- tze dem Fuͤrsten Gottwald zum besten zu gewin- nen; ehe solches durch Einblasung der Reichs- Raͤthe mit der Herꝛschsucht vergaͤllet wuͤrde. Diese kam und hoͤrte ihrer Mutter Erzehlung mit mehrmahliger Veraͤnderung ihrer Ge- muͤths-Regungenan; verbarg aber selbte auffs moͤglichste. Beym Schlusse meldete sie: sie waͤre begierig ihren Bruder bald zu sehen und zu umarmen; bestimmte auch eine gewisse A- bends-Stunde zu dessen Bewerckstelligung. Hertzog Gottwald ward auf bestim̃te Zeit durch einen Garten in der Hertzogin Gemach gelei- tet/ und nichts minder von seiner Schwester/ als Mutter/ mit denen allerempfindlichsten Liebes-Bezeigungen bewillkommet; iedoch/ weil noch nicht alles nach Nothdurft unterbaut/ nach denen Hoͤflingen es offenbar zu machen thulich war; ward er mit seinen Pflege-Eltern wieder durch den Garten aus dem Schlosse ge- lassen. Gottwald wuste seine Vergnuͤgung uͤber so gewuͤnschtem Anfange nicht zu begreif- fen; und meinte schon dem Gluͤcke in der Schoß zu sitzen; als er unver sehens von einem Hauffen gewaffneter Leute umringt/ und mit moͤrdli- chen Gewehren angetastet; also nebst dem Si- dinischen Ritter sich zur Gegenwehre zu stellen gezwungen ward. Alleine beyde wuͤrden hier von einer solchen Menge bald aufgeopfert wor- den seyn/ wenn nicht die alte Hertzogin in ih- rem Zimmer das Getuͤmmel gehoͤret; und ihr gleichsam das Hertze ein Ungluͤck ihres Sohnes wahr gesagt/ und endlich die Sidinische Frau an der Garten-Thuͤre durch hartes Anschlagen und heftig Mordgeschrey sie noch mehr ermun- tert haͤtte. Daher sie mit der Hofmeisterin und einem Edel-Knaben/ der mit einer Fackel ih- nen vorleuchtete/ durch den Garten selbtem zu- eilte/ und den alten Ritter bereit auf dem Bo- deme halbtod aus gestreckt/ den Fuͤrsten Gott- wald aber an einer Wand angelehnet/ gleich- sam im Blute gebadet/ und mit ohnmaͤchtigen Armen die Streiche versetzende antraff. Sie lieff halb blind zwischen die Degen/ verhinder- te also seine endliche Ermordung/ und erfuhr: daß sie auf Befehl ihres Kriegs-Obersten diese Leute angetastet haͤtten/ und sie aufzureiben be- fehlicht waͤren. Die Hertzogin/ welche hieruͤber nach dencklichen Argwohn schoͤpffte; ver biß selb- ten gleichwol in dem Eyver/ und sagte dem Hauptmanne: Er muͤste an denen Personen geirret haben. Denn diß waͤren ihre Angehoͤ- rigen/ Arminius und Thußnelda. rigen/ die sie auch hiermit in ihren Schutz neh- me; also solte er sich auf die Haupt-Wache zu- ruͤcke ziehen. Sie aber nahm den halb-todten Gottwald/ und die fuͤr Hertzeleid ihr die Haare aus dem Kopffe reissende Frau bey der Hand/ leitete sie auf das Schloß/ ließ den Ritter ihr auch nachtragen. Die Stadt und der gantze Hof ward hieruͤber wache/ nur in Marmelinens Zimmer war alles Maus-stille; welches der Hertzogin Argwohn vermehrte; die fuͤr allen Dingen nur um Verbindung ihres verwunde- ten Sohnes bekuͤmmert war. Nach der ohne einigen Schlaff hingebrachten Nacht fuͤgte sie sich in Marmelinens Gemach/ erzehlte ihr thraͤnende den Verlauff/ den ihr diese gantz fremde machte/ und nach etlichen Wortwech se- lungen anfieng: Ob sie auch genungsam versi- chert waͤre: daß dieser ihr wahr haffter Sohn waͤre? Sintemahl er ihrer ersten Beschreibung nach/ keinem Mohren mit einiger Ader aͤhnlich waͤre. Die Hertzogin antwortete: Sie haͤtte zu melden vergessen: daß er nach und nach die ohne diß nur aus einer Einbildung bekommene braune Farbe verlohren haͤtte. Marmeline ver- setzte lachende: Jhrer Meinung nach vermoͤch- te die Zeit so wenig/ als Wasser einen Mohren weiß zu bleichen. Die angebohrnen kleinsten Maale waͤren durch keine Kunst zu vertreiben; also besorglich: daß dieser Sidiner sein eigenes Kind untergesteckt haͤtte. Die Hertzogin ver- stand nunmehr allzu deutlich: daß in ihrer Tochter Seele die Ehrsucht der natuͤrlichen Zuneigung den Rang abgelauffen haͤtte/ und die Suͤßig keit des einmahl geschmeckten Reichs- Apffels einen Eckel erwecke/ auch fuͤr denen durch das Gebluͤte eingepflantzten Annehmlig- keiten; Gleichwol aber wolte sie ihre Tochter durch augenscheinlichen Beweiß zu vernuͤnffti- gerer Entschluͤssung bringen; mit Vermeldung: daß ihr Sohn an dem lincken Fuße sechs Zehen und auf der Brust wie sein Vater Arnold und sie selbst eine Baͤren-Klaue gehabt haͤtte; wuͤrde sich diß Merckmahl nicht finden; wolte sie ihm als einem Verraͤther bey seiner verdienten Ab- schlachtung selbst das Licht halten. Alleine die Aehnligkeit seines Gesichtes/ in dem er seinem Vater gleichsam aus den Augen geschnitten waͤre/ vergewisserte sie schon der unzweifelba- ren Warheit. Uber diesen Worten trat der ober- ste Reichs-Rath Leuterthal/ der ohne diß in Veꝛ- dacht war: daß er seinem Sohne Marmelinen zu vermaͤhlen im Schilde fuͤhrte/ aus dem iñer- sten Zimmer herfuͤr/ setzte der Hertzogin mit har- ten Worten zu; und schalt die fuͤr Verraͤther des Vaterlandes/ die die gegenwaͤrtige Ruhe und Verfassung der Gothonischen Herꝛschafft durch Einpfropfung eines fremden Reises stoͤren wol- ten. Die Hertzogin begegnete ihm mit gleich- maͤßiger Hefftigkeit; und warff ihm fuͤr: daß er aus Ehrsucht seine Nachkom̃en auf dem Fuͤrst- lichen Stule zu sehen ihre Tochter zu Verges- sung aller Mutter- und Schwester-Liebe verlei- tet; und der vorigen Nacht Meuchelmord an- gestifftet haͤtte. Wie hitzig nun gleich dieser Ab- schied war; so klaͤglich hieng sich die Hertzogin an die andern dem vorigen wiedrig-gesinnten Reichs-Raͤthe; brachte auch zu wege: daß sie die Landstaͤnde zu Entscheidung dieses wichtigen Rechts-Streits verschrieben; inzwischen die Hertzogin und Fuͤrst Gottwald mit einer ge- nungsamen Leibwache wieder fernere Gewalt beschirmet wurden. Die Hertzogin saan auff Rechtfertigung ihres Sohnes/ Marmeline uñ ihr Anhang aber auf listige Unterdruͤckung ih- rer Mutter und des Bruders. So ungleich sind die Menschen geartet! wer eines Loͤwen/ einer Schlange Eigenschafft weiß; weiß sie des gan- tzen Geschlechtes. Denn alle Tiger sind grim̃ig/ alle Fuͤchse listig; alle Schafe gedultig/ alle Tau- ben einfaͤltig/ alle Adler behertzt. Aber wer einen Menschen von Grund aus aus geholt/ keñet nur einẽ; wo andeꝛs das menschliche Heꝛze duꝛch eini- ges Bleymaaß zuergruͤndẽ ist. Nichts aber ver- stellt den Menschẽ aͤꝛgeꝛ/ als Ehꝛsucht. Die Fun- cken kindlicher Liebe werden nicht nur von dem Rauche der Herꝛschenssucht erstecket/ sondern Erster Theil. G g g g g g g so Siebendes Buch so gar das Gedaͤchtnuͤs einer Mutter und eines Brudeꝛs wiꝛd in dem Stande eineꝛ gebietenden Fuͤrstin begraben. Gleichwol bewegte die Her- tzogin durch Vorstellung dreyer bey der Geburt gewesenen Zeugen/ durch den Augenschein der sechs Zeen und der Baͤren-Klau; und durch ih- re vernuͤnfftige Ausfuͤhrung der gegen ihrer Tochter Marmeline tragender und mehrmals im Wercke bezeigter Mutter-Liebe den Reichs- Tag/ un geachtet aller Einwuͤrffe so weit: daß sie Gottwalden fuͤr Arnolds rechtmaͤßigen Sohn/ und weil so wol ihre vorige Herꝛschens- Anstalt/ als der vaͤterliche letzte Wille auf Jrꝛ- thum bestuͤnde/ zum Erben der halben Erb- schafft erklaͤrten. Der Reichs-Rath Leuterthal meinte uͤber diesem Ausspruche von Sinnen zu kommen; verleitete Marmelinen zu den eus- sersten Entschluͤssungen; und versuchte durch das Recht des Degens fuͤr seinen Sohn zu be- haupten/ was das Urthel Marmelinen abge- sprochen hatte. Nichts desto weniger machte er ihm durch den Schluͤssel aller unmoͤglichen Dinge/ nehmlich Geschencke/ einen so grossen Anhang: daß er den Fuͤrsten Gottwald mit Gewalt aus seinem Erbtheile zu vertreiben vermeinte. Die Tapfferkeit aber dieses wie- der genesenen Fuͤrsten machte mit Zertrennung der aufgebrachten Macht alle schaͤdliche An- schlaͤge zu schanden; und bewegte den Reichs- Rath dahin: daß sie Marmelinen ihres Erb- theils/ den Leuterthal aber des Lebens/ der Eh- re und Gutes verlustig erkennten. Diese ver- zweiffelten aber/ welche gerne Leibeigne seyn wolten/ wenn nur Gottwald nicht ihr Herr waͤre/ nahmen nach anderwerts umsonst ge- suchter Huͤlffe zu dem maͤchtigen/ und dem Fuͤr- sten Gottwald ohne diß auffsaͤtzigen Koͤnige Marbod ihre Zuflucht; und umfaste die an Ge- stalt wunderschoͤne; im Gemuͤthe aber nicht we- nig verstellte Fuͤrstin Marmeline in der Stadt Carrodun nicht so geschwinde mit den Armen seine Knie/ als sie mit ihren ersten Blicken sein Hertz umfaͤsselte. Nichts hatte einen bessern Schein/ als dieser von einem verdaͤchtigen Aus- laͤnder verstossenen Fuͤrstin huͤlffreiche Hand zu leisten; dem Koͤnige Marbod war auch nichts leichter/ als durch den Sieg einer solchen Halb- Goͤttin Hertze zu gewinnen/ nichts anstaͤndi- ger/ als zwey so ansehnliche Hertzogthuͤmer zum Braut-Schatze zu uͤberkommen. Diesemnach drang er mit einer so maͤchtigen Kriegs-Macht bey denen Gothonen ein: daß ob wol Leuter- thal bey Marbods ausbrechender Liebe seine Hofnung und seines Sohnes Heyrath zu Was- ser werden sahe/ und er deßwegen zum Gott- wald uͤbergieng/ der Sidiner Hertzog auch mit aller Macht denen Gothonen zu Huͤlffe kam/ dennoch diese kleine Sand-Huͤgel von Mar- bods grosser Macht uͤberstroͤmet wurden/ und nicht nur die Gothonen/ sondern auch ihre Ge- huͤlffen die Sidinier unter Marbods Herꝛschafft ihre Achseln beugen/ Hertzog Gottwald aber nunmehr zum andern mahl nicht minder dem Verhaͤngnuͤsse/ als dem Marbod/ welcher gleichsam Sieg und Gluͤcke an der Schnu- refuͤhrte/ aus dem Wege treten muste. Mar- bod hielt zu Godonium mit der Fuͤrstin Mar- melinen ein praͤchtiges Beylager; und weil die schon fuͤr mehr als hundert Jahren von dem Rheine in Sarmatien gewanderten Estier/ die Rugier/ Nuitnoner/ Schwardonen/ Eudosen und Variner sich von einem so grossen Meere einer gleichmaͤßigen Uberschwemmung besorg- ten/ erkieseten sie freywillig den Koͤnig Marbod zum Schutz-Herrn. Zumahl diese deutschen Voͤlcker ohne diß mehr/ als andere der Unter- thaͤnigkeit gewohnt waren; ob sie sich zwar bey dieser ihrer Demuͤthigung niemals ihrer Frey- heit gaͤntzlich enteusserten. Weil Koͤnig Marbod ihm derogestalt fast al- les/ was zwischen der Elbe und Weichsel unter- thaͤnig gemacht hatte/ brauchte der Kayser Au- gust sich dieser Zwietracht abermahls zu seinem Vortheil und zur Rache wegen des erlegten Drusus; Arminius und Thußnelda. Drusus; schickte daher den Tiberius mit einem noch staͤrckern Krieges-Heere durch Gallien wieder die Deutschen. Sentius Saturninus uͤberfiel die Caninefaten/ die Nachtbarn der Bataver so unverhofft: daß sie sich nit einst recht zur Gegenwehre stellen konten. Ob nun zwar Tiberius mit einer gewissen Art fluͤgender Bruͤcken/ welche von kuͤpffernen Schiffen eil- fertig zusammen geschoben wurden/ auch uͤber den Rhein und Lahnstrom denen Attuariern o- der Francken/ wie auch den Bructerern uͤber den Hals kam; begegneten sie ihm doch zwar mit geringer Macht/ aber unerschrockenen Hertz- hafftigkeit; ja Stirum/ ein Ritter der Bructe- rer/ drang durch die Roͤmischen Schaaren mit seinen Reistgen so weit durch: daß er dem Ti- berius selbst den Schild zerspaltete/ ihn an Arm verwundete/ und mit einem Streiche unfehlbar getoͤdtet haͤtte/ weñ nicht ein Roͤmischer Haupt- mann darzwischen gesprungen/ und mit Auf- fangung des Todes jenem ein Schirm des Le- bens worden waͤre. Diese Voͤlcker setzten auch noch ferner alles eusserste dran; in Hoffnung: es wuͤrde Hertzog Segimer mit seinen Cherus- kern/ und die Longobarden ihnen versprochener massen zu Huͤlffe kommen. Welches auch un- zweiffelbar erfolgt waͤre/ wenn nicht der Tod diesen tapfferen Fuͤrsten fuͤr der Zeit aus dem Wege geraͤumt haͤtte; und zwar nicht sonder Argwohn einigen ihm entweder aus Anstiftung der Roͤmer oder Koͤnig Marbods beygebrach- ten Gifftes. Wiewol ins gemein aller Fuͤrsten Todes-Faͤlle nicht der gemeinen Zerbrechlig- keit/ sondern gewaltsamen Ursachen zugeschrie- ben werden. Ob nun gleich bey der Fuͤrsten Lebzeiten an ihrem Wolstande gantze Voͤlcker/ an ihren Unfaͤllen meist nur die eigenen Anver- wandten Theil haben; so traff doch Segimers Absterben gantz Deutschland; welches als ein ohne Haupt zerruͤtteter Leib bey nahe sich selbst durch Zwietracht in gaͤntzlichen Untergang weltzte. Jnsonderheit aber blieben diß mahl die behertzten Bructerer bloß stehen; ja sie wur- den mit denen ihnen noch von dem Fuͤrsten Jn- gviomer zu Huͤlffe gebrachten Cheruskern sich uͤber die Weser zu machen gezwungen; dem Tiberius aber Lufft gemacht sich der Festung Segodun und Cattenburg an der Eder zu be- maͤchtigen. Woruͤber dem Sentius ein Siegs-Gepraͤnge verstattet; dem Tiberius a- ber der Nahme eines Deutschen Feldherꝛn zu- geeignet ward. Folgendes Jahr kam Tiberius wieder in Deutschland; brachte dem Fuͤrsten der Caßuarier und Dulgibiner Segesthes/ mit Vertroͤstung ihm zu der Feldhauptmann schafft uͤber die zwischen dem Rheine und der Elbe gelegenen Deutschen zu verhelffen/ auf seine Seite/ bemeisterte sich des Lipp-Stromes und der Festung Alison. Weil ihm nun der streit- bare Hertzog der Chautzen Ganasch am Wege zu stehen schien/ wieß er dem Tiberius den Weg/ und brach den Roͤmern die Bahn dieses feste Land zu uͤberwaͤltigen. Also dienet auch die todte Asche des Vaterlandes dem Feuer der Ehrsucht zur Nahrung und Zunder; und der Grundstein des Eigen-Nutzes ist ins gemein ein Fallbret des gemeinen. Jedoch vergnuͤgte sich Tiberius noch nicht an der Ehre: daß die Chautzen fuͤr seinem Stule musten fußfaͤllig werden; sondern er segelte mit vierhundert Schiffen uͤber das deutsche Meer an den Mund der Elbe; des Vorsatzes/ die in aller Welt we- gen ihrer Tapfferkeit beruffenen Longobarden zu demuͤthigen; welche aus Skandinavien sich an der rechten Seiten der Elbe zwischen der Havel und der Oder niedergelassen/ zeither de- nen maͤchtigsten Nachbarn/ wie wenig ihrer gleich gewest/ mit ihrem Degen die Wage ge- halten/ und noch zuletzte dem gantz Deutschland gleichsam uͤberschwemmenden Marbod die Spitze geboten hatten. Tiberius drang mit einem absondern Heere durch das Chautzische Gebiete; und eroberte die Stadt Fabiran an der Weser/ setzte unterhalb Lauenburg an das G g g g g g g 2 lincke Siebendes Buch lincke Ufer der Elbe seine Voͤlcker aus den Schiffen/ und vereinbarte beyde Heere; zohe hier auff an dem Strome auffwerts biß an das Gedaͤchtnuͤs-Maal/ das Drusus daselbst auff- gerichtet hatte. Der großmuͤthige Hertzog der Longobarden Wilhelm zuͤndete die uͤber der Elbe habende Doͤrffer selbst an/ und zohe alles Volck auf die rechte Seite/ um den Roͤmern die Uberfarth zu verwehren. Deßwegen schickte er auch denen Angeln tausend Longobarden zu desto sicherer Besetzung der Stadt Lauenburg zu Huͤlfe/ welche in den Elbe-Strom eine grosse Menge breit-aͤstichter Eich-Baͤume warffen: daß die Roͤmer mit ihren Schiffen nicht weiter den Strom hinauf fahren konten. Weil nun der von Rom neu angekommene Hertzog der Cherusker mit unumstoͤßlichen Gruͤnden den Auffschub des von den Longobarden gebetenen Beystandes entschuldigte/ Hertzog Wilhelm a- ber ihm leicht einbilden konte: daß Marbod die Roͤmer zwar zu Freunden/ nicht aber zu Nach- barn verlangte; in dem klugen Fuͤrsten kein aͤr- gerer Dorn in Augen seyn kan/ als das uͤber- maͤßige Wachsthum seines Nachbars; schickte er einen Fuͤrsten der Ascanier an Marbod/ machte mit ihm ein Buͤndnuͤs zu ihrer beyder Vertheidigung wieder ihre kuͤnfftige Feinde. Weßwegen Marbod denen Longobaꝛden zwan- tzig tausend Mann zu Huͤlffe sendete. Ehe diese aber noch ankamen/ trieben die Longobarden die Roͤmer/ welche auf Nachen und Floͤssen uͤ- ber die Elbe setzen wolten/ dreymahl zuruͤcke. Wie nun Tiberius bey diesen blutigen Treffen viel seiner tapffersten Kriegs-Obersten einbuͤste; und nunmehr die Tugend der Longobarden groͤsser befand/ als der Ruff von ihnen war; Her- tzog Wilhelm auch dem Tiberius durch gewisse Gefangenen etliche Saͤcke Haare/ die sie ihren langen Baͤrten zum Zeichen der vielen erschla- genen Roͤmer hatten abscheren lassen/ uͤberschick- te; nach dem Vermoͤge eines theuern Geluͤb- des bey diesem Volcke kein Scheer-Messer ei- nen Mann beruͤhren darf/ der nicht vorher drey Feinde erschlagen; uͤber diß er die Ankunfft der Marckmaͤnnischen Voͤlcker vernahm; trug er den Longobarden Frieden/ iedoch unter harten Bedingungen an; insonderheit: daß sie Mar- bods Buͤndnuͤs abbrechen/ den Roͤmischen Fein- den keinen Beystand leisten/ ihnen hingegen mit sechstausend Mann ohne Kriegs-Sold die- nen/ und deßwegen Hertzog Wilhelm seinen Sohn/ und zwoͤlff edle Longobarden nach Rom zur Geißel schicken solte. Wilhelm lachte zu die- sem Fuͤrtrage; sagte aber/ er wolte einen seiner Edlen selbst deß wegen zum Tiberius schicken. Auf dessen Befehl setzte sich Pudlitz/ ein sieben- tzigjaͤhriger Ritter in einen Nachen/ ließ sich uͤ- ber den Fluß zum Tiberius fuͤhren/ und betrach- tete ihn eine halbe Stunde mit unver wendetem Gesichte/ aber ohne Fuͤrbringung eines eini- gen Wortes; also: daß Tiberius endlich aus Unwillen ihn fragte: Ob er nichts wegen seines Fuͤrsten anzubringen haͤtte? Pudlitz bat hier auff ihm zu erlauben/ des Tiberius Hand anzuruͤhren; die er ihm in Meinung: daß er sie zu kuͤssen verlangte/ darreckte. Pudlitz nahm selbte/ und fieng nach Beschauung derselben/ und der daꝛan sich befindenden Narbe an: Mein Fuͤrst hat aus deinem Friedens-Vorschlage ge- urtheilt: Du muͤstest ein GOtt seyn/ und mich die Warheit zu erkundigen heruͤber geschickt. So sehe ich aber aus dieser Narbe: daß deine Glieder nicht weniger/ als unsere verletzt wer- den koͤnnen. Daher ihr Roͤmer gar billich eu- rer Kayser Vergoͤtterung biß nach Verbren- nung ihrer Leiber auffschiebet; da sie nicht mehr koͤnnen versehret werden. Bey dieser Beschaf- fenheit wirstu uns Longobarden verzeihen: daß wir von dir/ als einem Menschen/ keine uns un- anstaͤndige Gesetze annehmen. Tiberius biß fuͤr Grim̃ sich in die Zunge und Leffzen: daß sie blu- teten/ ließ den Ritter von sich/ und auffs neue mit aller Macht uͤber die Elbe setzen. Die Lon- gobarden aber begegneten ihn mit ihren klei- nen Arminius und Thußnelda. nen Hauffen/ weil die Roͤmer wol zwoͤlffmahl staͤrcker waren/ mit unbeschreiblicher Tapffer- keit. Endlich kamen zu allem Gluͤcke Mar- bods Huͤlffs-Voͤlcker an; also: daß die Roͤmer/ welche schon an zwey Orten festen Fuß auf dem Ufer gesetzt hatten/ uͤber Hals und Kopff in Strom zuruͤcke weichen und etliche tausend den Deutschen Schwerdtern/ und nicht weniger dem Flusse zum Versoͤhn-Opffer hinterlassen musten. Weil nun wiedrige Zufaͤlle denen Gluͤckse- ligen am empfindlichsten sind; haͤtte der so vieler Siege gewohnte Tiberius moͤgen von Siñen kom̃en. Diesemnach entschloß er/ sich an Mar- bod zu raͤchen; besetzte also die von ihm eroberten Plaͤtze/ zohe mit dem gantzen Heere an der Elbe gegen die Hermundurer hinauf/ in willens die- ses dem Marbod vielleicht nicht allzu holde Volck/ unter dem Scheine fuͤr gebildeter Frey- heit/ vom Marbod abwendig zu machen. Er schickte aber vorher an ihn nach Marbods- Stadt eine Gesandschafft; welche wegen der den Longobarden geschickter Huͤlffe Vergnuͤ- gung fordern solte; um bey derselben Verwei- gerung die Ursache seines Krieges desto schein- barer zu rechtfertigen. Marbod aber antworte- te: Er waͤre der Roͤmer Freund/ wolte es auch bleiben/ so lange sie ihm keine Feindschafft ab- noͤthigten. Sein den Longobarden geleisteter Beystand aber waͤre darfuͤr nicht aufzunehmen; weil das Buͤndnuͤs mit diesem Volcke ihn dar- zu verbunden; er aber solches mit ihnen aufge- richtet haͤtte; ehe ihm traͤumen koͤnnen: daß die Roͤmer mit den Longobarden brechen solten; zu- mal ihm keine Beleidigung bekant waͤꝛe. Mein- te nun Tiberius sich an ihn zu reiben/ und an Marckmaͤñern zum Ritter zu werden/ muͤste er es geschehen lassen; und gielte ihm gleich: Ob er den Degen solte ausziehen/ oder in der Scheide stecken lassen. Auf den ersten Fall muͤsten sie ge- gen einander versuchen: Ob Tiberius die Elbe und den Herzinischen Wald ehe bemeistern/ oder er nach seiner Vorfahren Beyspiel uͤber die Al- pen in Jtalien/ dahin er von seiner Graͤntze nur zweyhundert tausend Schritte haͤtte/ einbrechen wuͤrde. Marbod zohe hierauf in der Eyl sein Krieges-Heer zusammen/ stellte es bey seiner Hauptstadt in Schlacht-Ordnung/ zeigte also siebentzig tausend Fußknechte/ und vierzehntau- send Reuter des Tiberius Gesandten; mit Er- mahnung: Sie solten ihm sagen/ was er gere- det/ und sie gesehen haͤtten; Er wolte folgenden Tag ihnen mit seinen Marckmaͤnnern folgen/ und an der Saale mit dem Tiberius entweder wie mit seinem Bruder Drusus freundlich re- den; oder versuchen/ welche Schwerdter unter beyden die schaͤrffsten waͤren. Als Tiberius nicht nur diese Entschluͤssung Marbods vernahm; sondern auch diß seine folgende Botschafft bestaͤ- tigte/ zohe er wie ein kluger Schiffer/ der bey aufgehendem Gestirne des Orions die Segel fallen laͤst/ oder ins Land setzt/ lindere Seiten auf; weil er mit gegenwaͤrtigem Heere den Marckmaͤnneꝛn und Longobarden nichts abzu- jagen getraute; gab also den Gesandten gute Worte/ stellte sich an/ als wenn er mit Marbods fuͤrgeschuͤtztem Buͤndnuͤsse aller dings zu frieden waͤre; zohe/ allen Argwohn des Einbruchs zu verhuͤten/ sein Heer zuruͤcke/ und vertheilte es in die Laͤnder der Chautzen und Cherusker un- ter der Aufsicht des Sentius Saturninus; wel- chem er befahl den Catten und andern deutschen Voͤlckern wol auf die Schantze zu sehen/ und auf kuͤnfftiges Jahr zu einem maͤchtigen Feld- zuge sich ins geheim zu ruͤstẽ. Er selbst eilte nach Rom/ und bemuͤhte sich den Kayser zu bereden: daß er fuͤr allen Dingen den Hertzog Herrmañ/ als einen nichts mindeꝛ schlauen als veꝛwegenen Feind/ mit seinen hartnaͤckichten Cheruskern uͤ- bern Hauffen werffen muͤste. Saturnin hinge- gen redete der Treue der Cherusker das Wort/ und stellte dem Kayser fuͤr Augen: daß Mar- bod ein den Roͤmern nunmehr selbst zu fuͤrchten noͤthiges Reich auffgerichtet/ die Lon- G g g g g g g 3 gobarden Siebendes Buch gobarden und andere feindliche Voͤlcker in sei- nen Schutz genommen haͤtte. Alle Roͤmische Fluͤchtlinge findeten bey ihm ihren Auffenthalt. Er haͤtte auch nicht minder das Hertze/ als Kraͤf- ten den Roͤmern einen gewaltigen Streich zu versetzen; welches er zweiffelsfrey schon laͤngst gewagt haͤtte/ wenn er nicht vorher gantz Deutschland zu bemeistern im Schilde fuͤhrte. Erreichte er darinnen nun sein Ziel/ moͤchten fuͤr einem so grossen Haupte die Roͤmer nur Gallien und Pannonien raͤumen/ und fuͤr den Deutschen die Alpen/ als Vormaueꝛn Jtaliens/ besetzen. Alles dieses aber waͤre zu unvermoͤ- gend gewest des maͤchtigen Tiberius Vorschlaͤ- gen das Gewichte zu halten; wenn nicht eine mit der Fuͤrstin Thusnelde sich ereignende Be- gebnuͤs beym Tiberius einen absondern Haß gegen den Koͤnig Marbod erreget/ und ihn auff Saturnins Meinung gebracht haͤtte. Hiermit erlangte er: daß ihn Kayser August mit sechs frischen Legionen verstaͤrckte; welche er im Fruͤh-Jahre gegen der Donau fuͤhrte/ in wil- lens daselbst einzubrechen. Saturninus solte auf der andern Seite mit fuͤnff Legionen/ und dreyßig tausend meist Gallischen Huͤlffs-Voͤl- ckern bey den Catten den Durchzug erlangen/ sich durch den Hercinischen Wald hauen/ und in das Hertze der Marckmaͤnner/ nemlich in das den Bojen abgenommene Land einbrechen. Koͤnig Marbod feyerte inzwischen auch nicht; vereinbarte Rathschlaͤge und Kriegs-Macht mit der Quaden Koͤnige Vannius; und solte dieser gegen der Donau/ er selbst gegen der Saa- le und Elbe den Roͤmern die Spitze bieten. Ja er stellte sich wol selbst an/ bald als wenn er in das Cheruskische/ bald in das Norische/ bald in das Pannonische Gebiete einfallen wolte; um der Roͤmer Macht zu zertheilen. Jnsonderheit aber muͤhte er sich durch kostbare Bothschafften die Pannonier/ Noricher/ Thracier/ Jllyrier/ Dalmatier wieder die Roͤmer in Harnisch zu bringen; weil ein Fuͤrst doch keinen kluͤgern Streich thun kan; als wenn er seinem Feinde einen andern in die Haare schicket; und mit dem nicht leichte anbindet; dessen Staͤrcke man durch keinen Versuch nicht gemaͤssen/ hernach aber der einmahl uͤberwundene nur ein zittern- des/ die Sieger aber zwey feurige Hertzen ha- ben. Dieser Streich gluͤckte dem Marbod so wol: daß/ als Tiberius mit seiner Krieges- Macht schon zu Carmunt an der Donau/ Sa- turnin nahe an der Saale zum Einbruche fer- tig stand; beyden die unvermuthete Zeitung kam: daß hinter ihnen die Dalmatier und Pan- nonier/ in Hoffnung/ Marbod wuͤrde vorwerts den Roͤmern genung zu schaffen geben/ wieder die Roͤmer auffgestanden waͤren/ achthundert tausend bewehrte Leute auf den Beinen haͤtten/ und zum Theil gar auf das aller Kriegs-Macht entbloͤste Jtalien einzudringen Anstalt mach- ten. Diese Zeitung verruͤckte dem Tiberius alle seine Zirckel; Saturninus muste zuruͤck/ um nur die Deutschen zwischen dem Rheine und der Weser im Zaume zu halten/ Tiberius aber nicht allein/ sondern Germanicus und der junge Drusus wurden gezwungen aus allen Ecken die eussersten Kraͤfften wieder diese schwermenden Voͤlcker/ fuͤr denen man schon zu Rom erzitterte/ zusammen zu ziehen/ und anzu- fuͤhren. Kayser August selbst muste den Koͤnig Marbod mit einer praͤchtigen Botschafft und herꝛlichen Geschencken besaͤnfftigen. Also muß die Staats-Klugheit/ welche zuweilen mit tro- tzigen Riesen-Schritten gegen einem hergetre- ten/ die Achseln einziehen/ und mit Kniebeugen den Ruͤcken kehren. Die Dalmatier und Pannonier/ welche nicht verstunden: daß man schlauer Fuͤrsten Worte offt wie Traͤume nach dem Wiederspie- le verstehen und auslegen muͤsse/ sahen sich uͤber Hoffen zwar in Krieg eingewickelt/ aber von Marbod verlassen oder betrogen; welcher den Pfad des Krieges selbst nicht erkiesete/ den er ih- nen doch fuͤr so heilsam angewiesen hatte; und den Arminius und Thußnelda. den auff ihn gezuͤckten Streich in ihre Achseln abgleiten ließ. Ob nun zwar der Fuͤrsten Buͤnd- nuͤße kein ander Hefft/ als ihren Vortheil ha- ben/ so schiene doch auch diß beym Marbod viel zu schwach zu seyn. Denn ob wol der Dalma- tische Krieg lange waͤhrte/ und es mehrmahls das Ansehen gewann; als wenn es um die Roͤ- mer gethan waͤre; war doch Marbod nicht zu bewegen/ sich darein einzumischen. Alleine die wenigsten wusten: daß eine geheime Liebes- Ursache den Koͤnig Marbod im Zaume hielt/ die weiter sehenden aber urtheilten: daß Mar- bod/ welcher alle seine Laͤnder durch Recht der Waffen erobert/ und daher zum Zaume seiner Voͤlcker mehr die Furcht/ als Liebe brauchte/ sich nunmehr in sich selbst mehr zu befestigen; und so viel ungleich-geartete Voͤlcker unter ein- ander selbst zur Vertraͤuligkeit/ gegen sich zum Gehorsam zu verbinden noͤthig haͤtte/ sich ohne Noth in eusserliche Kriege nicht einflechten und zwar nicht mit demselben Feinde anbinden koͤn- te; an dem zeither alle andere Voͤlcker ihnen den Kopff zerstossen haͤtten. Also sind nur des Poͤfels Anschlaͤge allezeit hitzig/ auf Blut und grosse Eroberungen gerichtet; ein kluger Fuͤrst aber weiß durch sanfftere Entschluͤssungen an sich zu halten; und ein Verstaͤndiger dem Vol- cke zu Athen wahr zusagen: daß sie in ihrem un- zeitigen Kriege in Cilicien nach einem Schat- ten schnappen/ und das unschaͤtzbare Wesen ih- res Wolstandes einbuͤssen wuͤrden. Daher ließ Marbod sich weder das Urthel des Poͤfels/ noch die versprochenen guͤldenen Berge der Dalma- tier und Pannonier irre machen; sondern sorg- te nur sich feste in Sattel zu setzen; weil doch fremde Herꝛschafft/ wie gut sie an sich selbst ist/ dennoch allen Voͤlckern beschwerlich faͤllt; und der grossen Uberwinder Siegs-Gepraͤnge meist ihrem Geschlechte zu einer Blut-Banck dienet/ und den Nachkommen nur durch ihre Begraͤbnuͤs-Maale bekandt werden; ausser wo die Gewalt des Adels uͤber Hand genommen hat; und dieser theils zu Erhaltung der Gleich- heit unter sich selbst/ theils die Unterdruͤckung der Freyheit zu verhuͤten selbst fremde und noch darzu meist ohnmaͤchtige Fuͤrsten erwehlet. Die Art der bezwungenen Voͤlcker ist ins gemein ungleich; derer Sitten sich nicht so/ wie die Kleider/ leicht veraͤndern lassen. Jene werden ihnen mehr von der Beschaffenheit des Him̃els/ ja aus Mutterleibe angebohren/ und mit der Milch eingefloͤst/ als durch Gesetze und Ge- wonheit beygebracht. Etliche Voͤlcker sind zur Dienstbarkeit gebohren; daher/ wenn selbte in freyen Stand gesetzt werden wollen/ geraͤthet es so uͤbel; als mit jungen Weinstoͤcken/ welche man bejahrten Baͤumen an die Seite setzt; und deßwegen neben einem so unanstaͤndigen Braͤu- tigam verdorren; dahingegen sie bey jungen Pflantzen wol gerathen. Etlichen hingegen ist die Freyheit so eigen/ und sie unter das Joch der Dienstbarkeit so schwer/ als die Schweffel- Duͤnste in Felsen und Ertzt einzusperren; wel- che mit so viel mehr Ungestuͤm ihre Behaͤltnuͤß zersprengen/ als sie feste verriegelt sind. Etliche koͤnnen weder eine unumschraͤnckte Freyheit/ noch eine Knechtische Dienstbarkeit vertragen; doͤrffen daher wie gewisse Pferde bald der Spiß-Ruthe/ bald einer Streichelung. Die- semnach befließ sich der schlaue Marbod iedem Volcke einen besondern Zaum anzulegen/ und durchgehends Gesetze/ Sitten und Herꝛschens- Art in altem Stande zu lassen; denen Freyern mit Hoͤfligkeit; denen Niedrigern/ (welche schwer zu erobern/ leicht aber im Gehorsam zu halten sind) mit Ernste zu begegnen/ nirgends aber neue Titel zu brauchen; sondern allenthal- ben der alten Hertzoge Anstalten zu behalten; Niemanden vorige Begnadigungen zu entzie- hen; seine eigene Gebehrden derogestalt zu maͤs- figen: daß seine Schaͤrffe der Liebe/ seine Leitse- ligkeit der Hoheit keinen Abbruch that. Zu de- nen Aemptern erhob er mehr langsame/ rubige/ und mittelmaͤßige; als allzugeistige und hitzige Gemuͤther; Siebendes Buch Gemuͤther; welche erstere sich mehr des Vol- ckes/ als Voͤlcker sich ihrer Eigenschafften an- gewoͤhnen; welche die Lasteꝛ nachdruͤcklicheꝛ ver- bieten/ als unbarmhertzig straffen/ durch keine Neuerung schaͤdliche Enderung einfuͤhren/ und denen Vorfahren mehr Klugheit als ihnen selbst zutrauen; die letzteren aber ihre Anstalten nichts minder durch einen zu hefftigen Anfang/ als durch unachtsamen Verfolg verterben/ ja durch allzugenaues Ausecken und Schaͤrffe den Zu- stand eines Reiches nur schaͤrticht machen/ und mit unzeitigen Mitteln die Kranck heiten mehr rege machen/ als ihnen abhelffen; in dem ein Staats-kluger zwar alles ergruͤnden/ nicht a- ber alles ausuͤben soll. Er theilte zwar seine Landes-Leute die Marckmaͤnner durch alle an- dere eroberten Laͤnder aus/ und eignete ihnen die Aempter/ welche mehr Nachdruck als Anse- hens haben/ zu; aber sie musten vorher sich in derselbigen Laͤnder fuͤrnehmsten Adel verheyra- then; und derogestalt ihnen ehe die Gewogen- heit/ als die Einheimschafft der Voͤlcker zu we- ge bringen. Er ließ alleine das von den Bojen eroberte Land der Marckmaͤnner mit Wein- stoͤcken und andern fruchtbaren Baͤumen er- bauen/ gab auch nur denen Marckmaͤnnern die Freyheit Handlung zu treiben mit Auslaͤn- dern; wormit die andern Laͤnder gleichsam an die Marckmaͤnner unvermeidlich verknuͤpfft wuͤrden; und so wenig ihrer Handels-Leute/ als Gewaͤchse entbaͤhren koͤnten. Er machte mit denen kleinern Nachbarn/ welche theils von Roͤmern/ theils Sarmatern/ theils Catten be- sorgten verschlungen zu werden; hingegen ihre Obnmacht keinen Schatten einiger Gefahr uͤ- ber ihn fallen ließ/ zu ihrem Vortheil feste Buͤndnuͤße; hingegen ließ er die ihm wegen er- ster Macht/ und von etlichen hundert Jahren angewohnter Herꝛschafft verdaͤchtige Cherusker mit Fleiß unter der Roͤmischen Presse schmach- ten. Er baute zwar wenig/ aber uͤberaus star- cke Festungen/ besonders an Fluͤsse und Graͤn- tzen/ und neben grosse Staͤdte; wormit er sich so wol der Unterthanen/ als wieder die Feinde versicherte/ auch diesen bey feindlichem Einfall eine nahe Sicherheit verschaffte; und gleichwol die Laͤnder nicht mit uͤbermaͤßiger Verpfle- gungs-Last ungedultig machen dorffte. Jn- sonderheit aber legte er dem Adel der uͤberwun- denen Voͤlcker unter dem Scheine einer gros- sen Wolthat einen unvermerckten Kapzaum an; in dem er selbten niemahls zu Feldzuͤgen aufbot; sondern bey freygelassener Pflegung der Wirthschafften die Ubung der Waffen ver ges- sen ließ; und ausser der Marckmaͤnnischen Rit- ters-Leute sich nur des geworbenen Kriegsvol- ckes bediente. Wiewol Marbod selbst dem Eu- bagischen Gottesdienste beypflichtete; und den- selbten in Schwung zu bringen durch oͤffentli- cher Lehre scharffsinniger und tugendhaffter Priester/ wie auch durch Befoͤrderung seiner Glaubens genossen zu Wuͤrden und Aemptern sich eusserst bemuͤhte; so ließ er selbten doch nie- mand mit Gewalt auffnoͤthigen; weil es ihm nicht nuꝛ eine Gꝛausamkeit schien einem ein Be- kaͤntnuͤs des Mundes aufdringen/ welchem das Hertze wiederspricht/ und sein Urtheil als thoͤ- richt alsofort verdammen; welches ihm von de- nen/ die ihn am meisten geliebt/ nehmlich den Eltern von Kind auf eingepflantzt/ und also von denen/ welche durch Verfolgung/ Raub/ Ge- faͤngnuͤs und Marter ihren Haß gegen ihn an Tag geben/ ihm aus dem Gemuͤthe zu reissen unvernuͤnfftig und unmoͤglich ist/ sondern be- schirmte sie auch wieder unzeitiger Eyverer Be- draͤngungen; nach dem er diese einmahl als Un- terthanen angenom̃en; kein Mensch aber/ der aus der natuͤrlichen Freyheit sich ir gendswo in buͤrgerlichen Stand begiebt/ zugleich sein Recht aufgiebt etwas nicht zu glauben; was ihm der Warheit nicht aͤhnlich zu seyn scheinet. Ja er ließ den Barden und Druyden den oͤffentlichen Gottesdienst/ wiewol mit diesen Umschraͤn- ckungen zu: daß sie nicht den Eubagischen laͤ- stern Arminius und Thußnelda. stern oder verdammen/ noch auch die Eubagen auf ihren Glauben zu bringen sich bey Straffe der Aufruͤhrer und Frieden-Stoͤrer unterste- hen dorfften; Ja weil keine Herꝛschens-Art lan- ge ohne Aufruhr und buͤrgerliche Kriege seyn kan; wenn der Obrigkeit nicht von ihren Un- terthanen die Gewalt des rechten und irrigen Gottesdienstes; so fern selbter nur zu keinem Gewissenszwang mißgebꝛaucht wiꝛd/ zu unteꝛ- scheiden und nach ihrem Urtheil die Reichsver- fassung einzurichten enthangen wird; so musten alle Druyden in seinem Gebiete sich eydlich ver- binden: daß sie auf ihr in Britannien sonst ha- bendes Oberhaupt kein Absehen haben/ sondern alleine den Koͤnig Marbod fuͤr den/ welcher nach Belieben den eusserlichen Gottesdienst ordnen koͤnte/ erkennen; insonderheit aber/ als eine aufruͤhrische Lehre/ mit den Barden ab- schweren musten: daß Unterthanen zu Beschir- mung ihres oͤffentlichen Gottesdienstes wieder ihren Fuͤrsten Beschirm- oder Beleidigungs- weise die Waffen ergreiffen koͤnten. Auf diese Art hat Koͤnig Marbod fast biß auf gegenwaͤr- tige Zeit mit friedsamen Rathschlaͤgen seine Reichs-Sorgen fortgetrieben. Auf der andern Seite Deutschlands/ ob wol die Roͤmer mit al- len ihren Kraͤfften in den Pannonischen und Dalmatischen Krieg eingeflochten gewest; ha- ben sie doch theils durch starcke Besatzungen an dem Rheine/ der Weser und Lippe/ theils auch durch die vernuͤnfftige Bescheiden heit des Sen- tius Saturninus/ insonderheit: daß er die Che- rusker unter dem Fuͤrsten Herꝛmann gegen ei- nem ertraͤglichen Beyschube’ gewisser Huͤlffs- Voͤlcker fast ihrer alten Freyheit genuͤssen las- sen/ die Deutschen zwischen dem Rheine und der Weser derogestalt gefaͤsselt: daß die Uberwun- denen sich nicht getrauet die Roͤmische Buͤrde abzuwerffen/ und also die Sicherheit des ertraͤg- lichen Zustandes/ der Gefahr und Ungewißheit gaͤntzlicher Freyheit fuͤr gezogen; sonderlich/ weil die noch meist freyeren Catten und Alemaͤnner wenig Anzeigung spuͤren liessen/ wegen ihrer Nachbarn bedraͤngten Freyheit die eigene auff die Spitze zu setzen. Es wuͤrde vielleicht auch noch allem Ansehen nach geraume Zeit bey die- sem Zustande blieben seyn; weil durch Sanfft- muth auch die Loͤwen kirre und zahm gemacht werden; wenn nicht der boßhaffte Quintilius Varus auf den vernuͤnftigen Saturnin gefolgt waͤre/ und diese Laͤnder mit Raub und Grau- samkeit erfuͤllt/ also die Deutschen Fuͤrsten/ wel- che in der Freyheit gebohren; itzt aber Knechte werden solten/ und die nach Art der Thiere dem Saturnin/ als einem Hirten ohne Wiederspen- stigkeit gefolgt hatten/ nunmehr aber dem blut- gierigen Varus als einem Metzger die Stirne zu bieten/ und zu einer so behertzten Entschluͤs- sung bewegt haͤtte; weil doch die Freyheit das ei- nige Kleinod ist/ das mit eigenem Blute und seiner Kinder Leichen erkaufft zu werden verdie- net. Fuͤrst Malovend wolte nunmehr auch um- staͤndlich erzehlen; wie Hertzog Herrmann die Deutschen Fuͤrsten so kluͤglich unter einen Hut gebracht; Melo der Sicambrer Hertzog so großmuͤthig den ersten Aufstand wieder die Roͤ- mer gemacht/ und jenen Gelegenheit verschafft haͤtte/ unterm Scheine der Huͤlffs-Voͤlcker ih- re Waffen zu versammlen; Adgandester aber erinnerte: daß es ohne diß schon spaͤt in die Nacht/ die Taffeln bereit mit Speisen besetzt waͤren. Daher sie sich mit einander in den Speise-Saal verfuͤgten; und nach vollendeter Taffel und anmuthigen Gespraͤchen zur Ruh verfuͤgten. Mit anbrechendem Tage zohe Adgandester zu dem Feldherꝛn auf eines zwey Meilen von Deutschburg gelegenes Lust-Hauß/ da er mit vielen Fuͤrsten uͤbernachtete/ um den auf solchen Tag bestimmten Einzug zu dem Fuͤrstlichen Beylager einzurichten; Die Koͤnigin Erato/ Solonine und andere Frauenzimmer/ wie auch Hertzog Zeno/ Rhemetalces/ Malovend und andere fuͤgten sich gegen Mittag in ein Eckzim- mer des eussersten Schlosses/ um darbey Zu- Erster Theil. H h h h h h h schauer Siebendes Buch schauer abzugeben/ ohne welche alle solche Ge- praͤnge kaltsinnig und unnuͤtze sind. Sie hatten sich mit der Fruͤhmahlzeit kaum vergnuͤget/ die Sonne stand gleich in der Mitte des zwar fruͤh-woͤlckichten/ nunmehr aber ei- nem blau-hellen Tuche gantz aͤhnlichen Him- mels/ und muͤhte mit ihren guͤldenen Strahlen sich diesen praͤchtigen Einzug; derogleichen vielleicht viel Zeit in Deutschland nicht gesehen worden war/ noch herꝛlicher zu machen; als sich der Vortrab dem Burg-Thor naͤherte; der in tausend leichten Reutern bestand/ welche alle sehr lange gerade empor gehaltene Lantzen/ und daran oben rothe und blaue Faͤhnlein fuͤhrten/ mit welchen die anmuthige Lufft auch ihr Lust- Spiel hatte. Alle diese begruͤsten oberwehnte Fuͤrstlichen Zuschauer mit Neigung ihrer Lan- tzen; die fuͤr iedem Hauffen vorreitende Trom- peter und Heerpaucker aber mit ihrem kriegri- schen Gethoͤne. Diesen folgten tausend Che- ruskische Fußknechte; welche mit ihren grossen und meist entbloͤsten Leibern halbe Riesen ab- bildeten; und nichts minder mit ihren ungeheu- ren Streitkolben/ als sauersehenden Antlitzern denen Zuschauern gleichsam ein Schrecken ein- jagten; ungeachtet sie dißmahl ihre denen Fein- den unvertraͤgliche Anblicke mit einer gezwun- genen Freundligkeit zu miltern sich bemuͤheten; ob schon die fuͤr ihnen hergehenden Krum̃hoͤrner auch bey diesem Freuden-Feyer sie zur Rache wiedeꝛ die Feinde aufzumunteꝛn schienen. Mas- sen sie denn auch ihre Narben von denen em- pfangenen Wunden mit aller hand Farben und Merckmahlen/ als Kennzeichen ihrer Tapfer- keit/ bemercket hatten. Hierauff liessen sich hundert kohlschwartze Mohren auf schneeweis- sen Pferden sehen/ welche meist in dem Roͤmi- schen Laͤger waren gefangen worden. Um ihre Stirnen hatten sie weiß silberne Buͤnde; um den Halß Halßb aͤnder von Kugeln aus Perlen- Mutter/ um den mitlern Leib Serische Schuͤr- tzen/ an der Seiten einen guͤldenen Koͤcher/ uͤber der Achsel bunde Bogen/ in der rechten Hand einen Pfeil drey Ellen lang. Auf der Ferse folgten den Mohren fuͤnfhundert Cimbern und Svionen; welche alle schneeweiße gekrausete Haare hatten/ und mit weißen Baͤren. Haͤuten bedeckt waren/ aber auf kohlschwartzen Pferden ritten. Hinter ihnen kam eine herꝛlich aufge- putzte Cimbrische Fuͤrstin; welche des Catten Hertzog Arpus Gemahlin mit sich gebracht/ auf einem Wagen/ der auf Art eines Nachen ge- macht/ die Raͤder auch gantz verborgen waren/ und von zwey fluͤchtigen Renn-Thieren gezo- gen ward. Sie begleiteten in sechs andern sol- chen Wagen Cimbrische streitbare Frauen; welche alle als Amazonen unter den Kriegs- Leuten aufziehen wolten; und daher sich auch mit Waffen auffs beste ausgeruͤstet hatten. Nach diesen erschienen fuͤnfhundert Catten mit Luchs- und so viel Sicambrer mit Wolffs-Fellen be- deckt/ die alle im mitlern Finger einen staͤhler- nen Ring/ in der Hand zwey hackichte Spiesse/ an der Seite breite Schwerdter trugen. Und hierauff folgten tausend Cheruskische Reisigen/ alle mit glaͤntzenden Pantzern bekleidet; die fuͤr sich dicke viereckichte unter dem rechten Arme feste gemachte Pantzer-stecher/ und in Faͤusten spitzige Wurff-Spiesse fuͤhrten. Diese wur- den abgeloͤset/ von zweyhundert nackten Rin- gern/ derer Leiber uͤber und uͤber von einge- schmiertem Oele gliessen/ und von dreyhundert Fechtern/ welche wie jene mit allerhand seltza- men Stellungen/ also diese mit dem Gefechte ihrer Schlacht-Schwerdter den Zuschauern Kurtzweil machten; wie denn auch dreyhundert Quaden zu Pferde mit ihrer Sarmatischen Tracht/ und Geschwindigkeit bald auf/ bald von Pferden zu springen/ und dreyßig der sel- tzamsten mit Gold und silbernen Decken beleg- ten Hand-Pferde ihre Augen mercklich an sich gezogen haͤtten; wenn nicht die Cheruskische/ und ein Theil der Sicamber- und Cattischen Ritterschafft; die sich von der Roͤmischen Beute uͤber Arminius und Thußnelda. uͤber die gewoͤhnliche deutsche Art mit praͤchti- gen Kleidern/ schimmernden Waffen/ Gold- gestuͤckten Pferde-Decken auffs herꝛlichste aus- geputzt hatten/ und/ um alle Vorzugs-Strei- tigkeiten zu vermeiden/ in einer doch nicht un- anstaͤndlichen Unordnung auff ihren hochmuͤ- thigen Pferden sich herfuͤr gethan/ und die ge- ringeren Sterne verduͤstert haͤtte. Aber auch diese wurden von dem schoͤnen und großmuͤthi- gen Feldherꝛn wie von einer Sonne uͤberstrah- let/ welchen in einem von Golde und Edelge- steinen leuchtenden Harnische und uͤber den Ruͤ- cken abhaͤngenden Purpur-Mantel/ nichts minder mit einem koͤstlichen und Perlen-reichen Lorber-Krantze ein Tiger-fleckichter und mit den Fuͤssen die Erde gleichsam zertretender Hengst herein trug. Auf einer Seiten ritt Hertzog Arpus/ auf der andern Flavius; her- nach Melo/ Catumer/ Adgandester/ und ande- re deutsche Fuͤrsten. Als nun diese mit ihren wol aufgeputzten und lange Hacken tragenden Leibwachten zu Fusse/ und fuͤnffhundert Reu- tern mit schwerer Ruͤstung vorbey waren; lies- sen sich vier sehr breit und lange mit allerhand Blumwerck und Laube kuͤnstlich besteckte und gleichsam einen Lust-Garten abbildende Wa- gen sehen/ und darauf ein anmuthiges Gethoͤ- ne von allerhand Saͤngern und Seitenspielen hoͤren. Wie nun diß das Gehoͤre auf voriges Rauschen der Gewaffneten durch eine liebliche Abwechselung vergnuͤgte; also erstarrten aller Zuschauer Augen uͤber fuͤnffhundert edlen Jungfrauen/ die auf ihren uͤber und uͤber mit vielfaͤrbichten Baͤndern gleichsam bestreuten Zeltern daher ritten; und alle mit Entbloͤs- sung der lincken Bruͤste/ behelmeten Haͤuptern/ guͤldenen Koͤchern/ Bogen und Pfeilen/ als streitbare Amazonen herein drabten. Nach die- sen kam ein mit vier weißen Pferden bespañter Wagen; von welchem vier und zwantzig wie Liebes-Goͤtter ausgeruͤstete Edelknaben theils ihre verguͤldete Pfeile in die Lufft schossen/ theils den Weg mit vielfaͤrbichten Blumen bestreu- ten; theils mit guͤldenen Rauchfaͤssern durch glimmenden Weyrauch/ und mit Verspritzung wolruͤchender Wasser die Lufft einbalsamten. Aller Augen aber erstarrten/ und alle Seelen wurden beweget von dem Anschauen der nun- mehr erscheinenden Fuͤrstin Thusnelde. Sie saß auf einem gantz uͤber guͤldeten/ wie eine Mu- schel gestaltetem Wagen; gleich als wenn eine so unvergleichliche Perle kein ander Behaͤlt- nuͤs/ als ihre Muschel wuͤrdigte. Hinten stand ein edler Mohren-Knabe/ wie ein gefluͤgelter Liebes-Gott ausgeruͤstet/ der uͤber ihr Haupt ei- nen gruͤnen Sonnen-Schirm hielt; fuͤr ihr a- ber saß ein schneeweißer; der ihr mit einem Pu- sche roth/ blau/ gelbe und weiße Strauß-Fe- dern Lufft zufachte. Das ihren Leib deckende guͤldene Pantzer-Hemde; die Lantze in der rech- ten Hand/ der mit einem Adler gekroͤnte neben ihr stehende Helm/ der fuͤr ihr liegende/ und zu einem Spiegel dienende Schild/ der Bogen und mit Pfeilen erfuͤllte Koͤcher bildete an ihr eine erschreckliche Krieges-Goͤttin; ihre Blitz und Anmuth saͤmende Augen; ihre Wangen/ welche alle Rosen mit Purper/ ihre Lippen/ die alle Nelcken mit Zinober/ ihre Bruͤste/ welche alle Lilgen mit Milch zu betheilen einen Uber- fluß hatten; Schnee und Flammen/ Tuͤrckis und Alabaster mit einander vermaͤhlten; und mit iedem eingezogenen Atheme durch ihre Bewegung hundert Seelen entseelten/ stellten an ihr eine Mutter oder Tochter der selbst-staͤn- digen Liebe fuͤr; haͤtten also die Zuschauer zweif- felhafft gemacht/ fuͤr welche sie sie verehren sol- ten; wenn nicht die fuͤrgegangene Schlacht ihr/ als einer siegenden Pallas/ den auff dem Haupte mit viel tausend Diamanten strahlen- den Lorber-Krantz aufgesetzt; Die Uberwin- dung des in sie verliebten Herrmanns aber ihr/ als einer Schoͤnheits- und Liebes-Goͤttin/ den guͤldenen Apffel zugesprochen/ und also in ei- nem menschlichen Leibe so viel Vollkommen- H h h h h h h 2 heiten Siebendes Buch heiten vereinbart haͤtten/ die andere Voͤlcker zu Betheilung zweyer Goͤttiñen genung geschaͤtzt haben. Diesen guͤldenen Muschel-Wagen zohen zwey uͤberaus grosse Elefanten; derer Ohren/ vorragende Zaͤhne und Ruͤssel gantz uͤ- berguͤldet; die Ruͤcken aber mit Thuͤrmen be- legt waren; auf welchen etliche Mohren sie mit einem geringen Eisen leiteten; etliche Lie- bes-Goͤtter auch Blumen streuten/ Balsam spritzten/ und mit Pfeilen spielten. Hinter dieser wunderwuͤrdigen Braut folgten auff et- lichen mit schneeweissen Pferden bespannten Sieges-Wagen das Fuͤrstliche Frauen-Zim- mer; unter welchen Erdmuth des Cattischen Hertzogs Arpus Gemahlin bey der Fuͤrstin Thusnelda die Mutter-Stelle vertrat; dersel- ben Tochter Catta aber ihrer Schoͤnheit hal- ber allen andern/ ausser der unvergleichlichen Thusnelde Kampff anzubieten vermochte. Den Beschluß dieses Einzuges machten fuͤnfhundert mit Baͤren-Haͤuten bedeckte Cherusker zu Fus- se/ und so viel schwer geruͤstete Reuter. Jn der Stadt Deutschburg konte fuͤr tausenderley Frolocken und gluͤckwuͤnschendem Zuruffen niemand sein eigen Wort vernehmen; und ward hiermit zwar die sinckende/ mit der praͤch- tigen Mahlzeit aber Mitternacht her zu bracht. Ja ob wol die/ welche diese gluͤckliche Verbin- dung hauptsaͤchlich angieng; endlich ihre Ru- he suchten; stoͤrte doch diese ungemeine Freude die gantze Nacht durch den Schlaff der ihr Gluͤ- cke gleichsam nicht begreiffenden Cherusker; welche weißlich behertzigten: daß die Welt nicht so sehr an Vereinbarung heilsamer Gestirne/ als Unterthanen an dem Wolstande und gluͤck- licher Vermaͤhlung ihrer Fuͤrsten Theil haben. Jnhalt Des Achten Buches. D Je Zeit eine Meisterin aller Dinge/ ihre eigene aber die Tu- gend und die Liebe/ welche letztern beyde Hertzog Herrmanns und Thusneldens Hochzeit-Feyer verherꝛlichen. Die Aloe-Stau- de gebiehret gleichsam wunderbar- und sichtbarer Weise einen un- gewoͤhnlich-langen Stengel/ und wird zu bevorstehender Ver- maͤhlung vor ein gewisses Gluͤcks-Zeichen gehalten. Praͤchtiger Ein- und Aufzug nach dem Deutschburgischen Hayn und Taufa- nischen Tempel. Der Deutschen sonderbahre Vermaͤhlungs- Gebraͤuche. Hertzog Herrmanns der Thusnelde uͤberreichter Braut-Schatz; Dieser dabey bezeigte Ehrerbietigkeit und Mitgifft. Beyder Andacht Opfer- und Vermaͤh- lung. Neu-entspringender Brunn uͤber diesem heiligen Hockzeit-Feyer nebst seiner Be- deutung. Liebes-Feuer dem natuͤrlichen durch allerhand an denen Pfeilern des Tau- fanischen Tempels auff Herꝛman zielende Ehren-Getichte vergliechen. Der Thusnel- den aber alle vom Wasser hergenommene und dem weiblichen Geschlecht eigentlich zu- kommende Denck- und Sinnbilder. Abbildung der zweyen Unholdin des menschlichen Lebens des Hasses und Neides/ und der schaͤdlichen Mißgeburten der ehlichen Liebe der Eyversucht und Unfruchtbarkeit nebst ihrer Einaͤscherung. Die laͤngst vor tod gehal- tene Arminius und Thußnelda. tene Mutter Hertzog Herꝛmanns Asblaste stellet sich im Tempel in Gestalt und wun- derbahrer Gebehr dung einer Alironischen Wahrsagerin ein/ wird aber endlich mit tau- sendfaͤltiger Freude erkennet. Die mit allem Uberfluß und Pracht zubereitete Fuͤrst- liche Hochzeits-Taffeln. Thusneldens Begleitung in ihr herꝛlich Schlaff-Gemach. Der neu-verheyratheten Deutschen und anderer Voͤlcker hierbey sich ereignendewiedri- ge Gewonheit. Adgandesters Erzehlung uͤber Hertzog Herꝛmanns ausgestandene E- bentheuer biß zu seiner erlangten gegenwaͤrtigen Gluͤckseligkeit. Kinder die sicherste Vormauer eines herꝛschenden Haußes/ deren Maͤngel hingegen so wol bey Untertha- nen als Nachbarn veraͤchtlich. Des Feldherꝛn Segimers mit Asblasten siebenjaͤhrige Unfruchtbarkeit schlaͤget der gemeinen Wolfarth halber eine willkuͤhrliche Ehscheidung vor: Dieser durch viel seltzame Ebentheuer aus Persten wieder erfolgte Zuruͤckkehr in Deutschland. Jhr kurtz hierauff verspuͤrter Ehe-Segen durch einen nachdencklichen Traum gleich der Olympia angedeutet. Hertzog Herꝛmanns und des Fuͤrsten Fla- vius Geburt und Aufferziehung. Der erstere in seiner Kindheit gleich dem Romulus von einer Baͤhrin geraubet/ von ihren Bruͤsten genaͤhret/ endlich vom Segimer wie- der errettet. Seine schoͤne Leibes-Gestalt und Anmuth/ was solche bey grimmigen Thie- ren ausgerichtet. Tugend die einige Schoͤnheit des Gemuͤths und das ruͤhmlichste Eigenthum der Fuͤrsten. Seine fruͤhzeitige Tapfferkeit und Gefangenschafft nebst Asblasten und seinem Bruder Flavius durch des Drusus Hinterlist. Uber welcher herꝛlichen Beute sich Kayser August dermassen vergnuͤgt: daß er sich in Asblasten ver- liebt/ den Fuͤrst Herꝛmann und Flavius aber ihrem Stande zukommende Bedienung verschaffet/ dafern die Gefangenschafft auch einigen Anstrich und Gold Firnis schein- barer Freyheit annimt. Die Graͤfin von der Lippe verfuͤhret des Adgandesters Erzeh- lung: wie August besonders Livia durch Erhebung des lustigen Campaniens und Ver- nichtung des kalten Deutschlands die schwermuͤthige Asblaste zu besaͤnfftigen/ ja durch vielfaͤltig ersonnene Liebes-Vorstellungen ihre Keuschheit mit dem August ihren eige- nen Gemahl zu bestricken suchet/ so aber von dieser mit den herrlichsten Vernunffts- und Tugend-Gruͤnden abgelehnet werden. Ungluͤck das eigentliche Element der Tugend; eine Pruͤff- und Reinigung der Seele wie der Schmeltz-Ofen des Goldes. Tugend wird zwischen Rosen und Bisam stinckend; zwischen Dornen/ Schweiß und Staube aber e- wig erhalten. Der Menschen Vollkommenheiten gleichen den maͤngelhafften Dia- manten und fleckichten Sternen. Schoͤnheit der Seele in was sie bestehe? Nicht von Schmincke und falschem Anstriche/ sondern von dem Blute der Hertzhafften/ den Thraͤ- nen der Gedultigen und Asche der bestaͤndigen. Terentia mahlet der Asblaste gleichfalls die Liebe als das zaͤrteste Schoß Kind der Seele vor/ so die Anmuth zur rechten/ Unge- mach aber zur Stieff-Mutter habe. Die keusche Liebe wohnet mit den reinen Perlen in einer Muschel/ pfropffet sich als die herrlichste Schnathe auff den Stamm der Tu- gend/ ja sie bleibet ihre Krone und Mittel Punct. Liviens Art ihrem eigenen Gemahl Kebs-Weiber zuzufuͤhren/ und dardurch ihre Herꝛschafft uͤber ihn zu befestigen. Asbla- ste erzehlet ihren Nothstand der Graͤfin von der Lippe/ wird folgenden Tag zu der in der Ziegen-Jnsel vom Kayser angestellten Lustbarkeit und dem sogenannten Goͤtter- Looß gezogen. Dieser vornehmen Gesellschafft unter gewisser G oͤ tter und Goͤttin- nen Nahmen herꝛlicher und uͤberirrdischer Auffzug. Des den Jupiter vorbildenden H h h h h h h 3 Drusus Achtes Buch Drusus ausgerichtete Goͤtter-Mahl/ und darauff erfolgter Satyrischer geiler Auf- zug. Der in einen Bock sich verwandelnde Mercur giebt der keuschen Asblaste entge- gen die unkeusche Livia Gelegenheit ihr reiffes und tugendhafftes Urtheil anzubrin- gen. Mecenas grosses Lob wegen seiner ungemeinen Klugheit. Bey dem Gastmahle und Vorstellung der Juno unter Terentien erlanget des Tiberius und der Julia Liebe ihre Vollkommenheit und Vermaͤhlung. Asblaste aber wird nicht ohne sonderbaren Vorbedacht dem den Apollo vorbildenden August zugesellet/ dessen Liebes-Gebehrden sie sich mit aller Ehrerbietigen Ausflucht/ und Scheltung der ihr entgegen gesetzten A- mazonischen Herꝛschafft zu entziehen bemuͤhet. Des Neptunus und seiner Amphitrite Auffzug endiget sich mit eines Tritons auf die Liebe des Kaysers gegen Asblasten sin- gendem Getichte. Liviens Bewirthung auf dem Vorwerg Ceres. Die durch viel da- bey vorgehende schaͤndliche Vorstellungen auffs hoͤchste geaͤrgerte und in eine finstere Neben-Hoͤhle sich verborgene Asblaste vom Augustus aufgesuchet und mit den groͤsten Liebkoß- und Versprechungen angefochten. Jhre hertzhaffte Verfechtung und Gegen- wuͤrffe mit Verdammung der schnoͤden und des Kaysers Ruhm verduͤsternden Geil- heit/ werden durch des Hoͤhlen-Felses unvermuthende Berstung gleichsam vom Him- mel gehandhabet/ August aber an seinem geilen Vorsatz gehindert. Der Koͤnigin Erato und Adgandesters Urtheil uͤber des Kaysers Augustus Tugenden und Laster. Augu- stus Aberglauben uͤber gewisse den Blitz abzulehnen bewaͤhrte Mittel. Asblaste wird auf das Lust-Hauß des Apollo genoͤthiget/ dabey aber nicht wie vorigen Tag an ihrer Keuschheit gekraͤncket/ sondern auf dem Lust-Hause Vesta ihr und der ihrigen heiliges Feuer anzuzuͤnden/ und die Hoͤhle mit einem nachdencklichen Poroiens Gluͤckseligkeit abbildendem Getichte zu uͤberschreiten veranlasset. Bey dem neundten Aufzuge kaͤmpf- fet Jupiter und Mars der erste von der Juno/ der letzte von der Venus vergesellschaff- tet um die der Stadt Rom am meisten bezeigte Wolthaten/ dabey der Kriegs-GOtt den Preiß und Siegs-Krantz davon traͤgt. Der zehnde Aufzug stellet die Venus mit unterschiedenen Bildungen/ die darunter spielende Antonia aber ihre unzuͤchtige Ge- muͤths-Regungen fuͤr; Den eilfften Auffzug hat die nackend badende Diane oder Ju- lia mit allen ersinnlichen Jaͤgereyen. Der letzte aber wird durch sieben Jrr-Sternen mit einem uͤber die Kostbarkeit ihres gefertigten Ertzts entstandenem Kampffe geendi- get/ darinnen Saturn ihm die des Goldes zueignet/ und durch einen Tantz den Unter- scheid der eisernen/ silbernen und guͤldenen Zeit abbildet. Asblaste von Livien dem Kay- ser hinterlistiger Weise in die Haͤnde gespielet; dieser daruͤber bezeigte Eyver/ Schwer- muth und verzweiffelte Stuͤrtzung ins Meer. Jhre wunderbare Errett- und Bestuͤr- tzung uͤber ihrer beyder Soͤhne ploͤtzlichem Abschiede. Fuͤrst Herꝛmann errettet den in die See uͤber Bort fallenden Kayser; Flavius aber ihm vor einem hauenden Schwei- ne das Leben/ dardurch sie sich beyde zu seinen Schoß-Kindern/ bey den edelsten Roͤmern aber zu den groͤsten Freunden machen. Fuͤrst Herꝛmanns Scharffsinnigkeit und ver- nuͤnfftige Vorsorge uͤber Auffsetzung der beyden Bilder der Eintracht und des Frie- dens bringet den Deutschen seinen Landes-Leuten deren Fruͤchte zu wege/ welche der ehr- geitzige Drusus zu sein und des Roͤmischen Kriegs-Heers eigenem Untergange stoͤret. Fuͤrst Herrmann wird zwischen Livien und Terentien uͤber beyder Gestalt und Schoͤn- heit Arminius und Thußnelda. heit ein Schieds-Richter zu seyn genoͤthiget. Sein vorsichtiges Urtheil. Uberfluß ein Abbruch der Seltzamkeit/ nicht aber der Koͤstligkeit. Scharffsinnigkeit nur fuͤr eine Geburt der Stadt Rom zu halten. Mecenas Hauß ein Auffenthalt aller vortreff li- chen Koͤpffe; Sein Leben ein Beyspiel menschlicher Vergnuͤgungen genennet. Fuͤrst Herrmann des Mecenas Schoß-Kind; des letztern Lehre von der Stoisch- und wahren Welt-Weißheit/ welcher letzteren Zweck nicht die Folterung/ sondern die Ruhe des Ge- muͤths/ und die Freudigkeit eines ungefaͤsselten Geistes. Der wolluͤstigen Terentien Liebkosungen fangen bey dem tugendhafften Mecenas keinen Zunder. Keuschheit oh- ne Versuchung mehr vor eine Schlaffsucht oder Unempfindligkeit als Tugend zu hal- ten. Anfechtung dagegen der Tugend Siegs-Krantz. Wollust auff Scytisch zu befech- ten/ und durch die Flucht zu besiegen. Der Roͤmer erfolgte grosse Niederlage nebst dem Tode des Drusus verursachet zu Rom grosses Schrecken/ beym Augustus aber Klein- muth und bey nahe Verzweiffelung. Drusus wird verbrennet/ und seine Asche von den beyden deutschen Fuͤrsten Herrmann und Flavius ins Kayserliche Begraͤbnuͤs ge- tragen. August maͤßiget diesen beyden zu Liebe des Drusus allzu heuchlerische den Deut- schen zu Hohn ersonnene Lob-Reden und in Marmel gegrabene Uberschrifften/ inglei- chen der Deutschen insonderheit der Cherusker blutige Abschlachtungen bey den Roͤmi- schen Schau- und Kampff-Spielen. Der tapffere Herrmann muß zwischen dem Au- gust und seinem Vater Segimer der Stein zum Friedens-Grunde seyn. Weñ und aus was Ursachen der Monat August seinen Nahmen bekommen? Terentien abermahlig dem Fuͤrst Herrmann gelegte Liebes-Stricke den Unschuldigen gefaͤhrlich/ ihr selbst a- ber wegen des an ihr veruͤbten Selbst-Mords toͤdtlich. Eyversucht eine aus Liebe und Haß vermischte Mißgeburt. Einerley Gefahr den Fuͤrsten ans Hertze und an ihren Zepter zu greiffen. Terentiens blutiger Tod ziehet des Mecenas nach sich. Sein letz- ter Wille und Erbschafft. Beyder Grabschrifften. Fuͤrst Herrmanns neuer Gluͤcks- Stern beym Kayser. Seine Wuͤrde bey dem Heiligthum der Eintracht; Geschicklig- keit auf den Schau-Plaͤtzen nebst seinen andern Heldenmaͤßigen Tugenden. Des Kay- sers Enckeln zum Beyspiele vorgestellet. Dieser beyder allzufruͤhzeitige Ehrsucht brin- get den Tiberius von Rom. Des Schwimmens Nutzbarkeit und dessen groͤste Lieb- haber Augustus und Agrippa. Dieser kommt im Kampff mit einem grossen Crocodill in Lebens-Gefahr/ vom Fuͤrst Herrmann aber mit hertzhaffter Erlegung dieses grim- migen Thiers errettet. Augustus daruͤber geschoͤpffte Freude setzet den Fuͤrst Herꝛmann seiner Leibwache vor. Laster bey hohen Personen um so viel heßlicher. Juliens Tibe- rius Gemahlin Wolluͤste und Uppigkeiten entzuͤnden sie durch zauberische Kuppeley zu unziemlicher Liebe gegen den Julius des Marcus Antonius Sohn. Der Herꝛschafft und Schoͤnheit Schwefel kan in dem Feuer der Ehrsucht und Liebe staͤhlerne Hertzen zerschmeltzen/ die kluͤgsten Koͤpffe einnehmen und verwirren. Wollust den Fliegen ver- glichen. Des Antonius und Julia abgeredete Liebes-Wercke lauffen durch zufaͤllige Verwechselung der ebenmaͤßig in unrechtmaͤßiger Liebe zusammen haltenden Lepidus und Serviliens verkehrt ab/ und dienet aller Buhlschafft zum Beyspiel: daß blosse Ein- bildung fremdes Wasser zu Zucker mache. Ehrsucht die Sonne der Gemuͤths-Begier- den verduͤstert alle andere Regungen. Gefaͤhrliche Verraͤtherey wieder den Kayser vom Achtes Buch vom Fuͤrst Herꝛmann hintertrieben. Der Julia zauberische und vergebliche Liebes- Raͤncke gegen den Fuͤrst Herrmann veraͤndern sich in gifftigen Haß. Der beruͤhm- te und von der Julia bestochene Sternseher Thrasyllus deutet dem Kayser aus den Ge- stirnen und andern wiedrigen Begebnuͤssen ein grosses vom Fuͤrst Herꝛmann besorgen- des Ungluͤck zu; Alle diese ihm gelegte Fallstricke aber schlagen zu seinem Tugend- und Ehren-Ruhm/ und zu seiner Feinde eigenem Verterb und Blut-Urtheil aus. Des verraͤtherischen Antonius und Lepidus schimpflicher Tod. Juliens und Serviliens Ge- fangenschafft. Kayser August macht wieder den Parthischen Koͤnig Phraaten den ihm bestimmten Nachfolger des Reichs den Cajus zum Feldherrn/ den Marcus Lolli- us und Fuͤrst Herrmann zu seinen Gefaͤrthen. Lollius stifftet zwischen dem Cajus und Tiberius Feindschafft/ bemuͤhet sich diesen auch beym Kayser zu vergaͤllen/ nach dem er den Cajus wieder Fuͤrst Herrmañs vernuͤnfftiges Einrathen am Phraat zu einem un- gluͤcklichen Treffen verleitet. Eines Kriegs Obristen Ansehen in was es bestehe? Fuͤrst Herrmann wetzet durch einen listigen Uberfall der Parthen des Cajus Scharte aus/ bringet dardurch den Roͤmern einen vortheilhafften Friede/ dem Fuͤrst Artavasdes aber die Armenische Crone zu wege; Fuͤrst Herrmann seiner erwiesenen Tapfferkeit halber vom Koͤnig Phraates selbst herrlich beschencket/ Lollius seiner Verraͤtherey we- gen angegeben und hingerichtet. Sein hinterlassenes und erschundenes grosses Ver- moͤgen. Aller Geruch nach Verraͤtherey macht den guten Nahmen stinckend. Neuer Friedens-Bruch zwischen dem Cajus und denen Parthen. Fuͤrst Herrmanns Rache uͤber des Cajus Meuchelmoͤrderische Verwundung zu Rom nebst seinen andern gros- sen Verdiensten hochgepriesen. Des Augustus herrliches Urtheil von ihm setzet ihn beym eyversichtigen Tiberius in Haß und Verfolgung. Fuͤrst Herrmanns durch die Sternseher vorgesagtes Ansehen und Gluͤck bey der Welt. Segesthes Wuͤrde bey den Deutschen/ und wie er einer Roͤmerin seiner Sentia zu Liebe nebst seinem Vaterlande gleichsam seine Kinder den Roͤmern zu Geißeln uͤbergeben/ worunter die unvergleichli- che und gantz Rom verduͤsternde Schoͤnheit der Thusnelde den vollkommensten Fuͤrst Herrmann bestricket. Verliebte gleichen denen um die Flamme irrenden Motten/ und Zwergs-Liebe kan uͤber Nacht zur Riesin werden. Thusnelde wird bey einem offentli- chen Heiligthume vor die vergoͤtterte Helena gehalten/ und vom Fuͤrst Herrmann in ei- ner mit ihr gefuͤhrten Wortwechselung auffs hoͤchste gepriesen. Schoͤnheit eine Mut- ter der Liebe und eine Beherrscher in der Goͤtter und Menschen. Schoͤnheit des Leibes so wenig ohne ein edles Gemuͤthe/ als ein Zirckel ohne Mittelpunct. Der Tugend ge- faͤhrlichster Stand in den Huͤlsen eines schoͤnen Leibes. Der Thusnelde Mißfallen an dem blutigen Kampffe und Abschlachtung der Deutschen. Des Germanicus Recht- fertigung vom Fuͤrst Herrmann wiederleget/ und vom August selbst gebilliget. Thus- nelde und Fuͤrst Herrmann beseuffzen Deutschlands bedraͤngten Zustand. Ritter- Spiele dem Castor und Pollux zu Ehren gehalten/ Fuͤrst Herrmanns und Thusnel- dens dabey angebrachte Kunst-Schuͤsse eine Anzeigung ihrer naͤhern Gemuͤths-Ver- einigung. Unempfindligkeit nur gefrorner Hertzen; die Bewegung aber einer zarten Seele Eigenschafft. Thusnelde giebet sich dem Fuͤrst Herrmann nebst ihres Vaters S e gesthes Untreu zu erkennen/ und verstaͤndiget ihn mit hoͤchster Bescheidenheit der einge- Arminius und Thußnelda. eingelauffenen Todes-Post Segimers seines Vaters des deutschen Feldherrns. Jhrer beyder Berathschlagung uͤber Fuͤrst Herrmanns Reichsfolge. Wolthaten gleichen de- nen ihre Blaͤtter verlierenden Rosen. Die Besiegung eines ehrsichtigen und liebreitzen- den Weibes schwerer als eines gantzen Kriegs-Heeres. Alle Unterfangungen in Cent- ner-Sachen muͤssen ein Loth Verwegenheit haben/ und theils Rathschlaͤge/ wie einige Fruͤchte/ nicht voͤllig reiff werden. Fuͤrst Herrmanns und Thußneldens Gespraͤche durch Livien gestoͤret. Fuͤrst Herrmann wird vom Jngviomer durch ein Schreiben der verdaͤchtigen Todes-Art des tapffern Segimers/ und des verwirrten Cheruskischen Zustandes verstaͤndiget. Pflicht der Fuͤrsten Treu und Glauben zu halten/ wenn auch Niedrigen uͤber die Schnur zu hauen uͤbersehen wird. Fuͤrst Herrmann uͤberkommt auf einen Tag durch die vom Kayser erlangte Freyheit seiner nach ihm seuffzenden Laͤnder Herrschafft und das Versprechnuͤs der Seelen-Beherrscherin Thußnelde. Die- ser unvergleichliche Schoͤnheit erweckt beym Tiberius Liebe und Eyversucht/ beym Se- gesthes aber Vergessenheit seiner gegebenen Treu und Glauben. Staats-Gesetze aller Anverwandschafft/ die Vergroͤsserung des Geschlechts allem andern Absehen vorzuzie- hen. Thußneldens Standhafftigkeit beym Fuͤrst Herrmann mit Vorstellung der schaͤndlichen Laster des Tiberius. Dessen gifftige Nachstellungen auf Fuͤrst Herrmans Person durch Tyußneldens Warnigung und dem guͤtigen Verhaͤngnuͤs hintertrie- ben. Liviens Zauber-Mittel die Thußnelde zu gewinnen. Des Tiberius Meuchel- moͤrderischer Anfall vom tapffern Herrmann/ und der vor Thußnelden bereitete zau- berische Liebestranck durch ihre Vorsicht abgelehnet. Solcher Liebestraͤncke schaͤdliche Wuͤrckung. Fuͤrst Herrmann berichtet dem Kayser des Tiberius moͤrderischen An- fall/ und beurlaubet sich zugleich von ihm und der Stadt Rom. Des Kaysers recht- maͤßiger Eyver uͤber den Tiberius und Rache gegen die uͤbrigen Moͤrder. Liviens durch den bestochenen Sternseher Thrasillus beym Segesthes ausgeuͤbte List. Segesthes und Thußnelde wird unvermuthet und unerkennet durch den Fuͤrst Herrmann aus der Seeraͤuber Haͤnden errettet/ und mit tausend Freuden empfangen. Jhre Bewirthung von einem zwischen eitel Felsen in einem verborgenen Wunder-Gebaͤue wohnenden al- ten Greisen oder Priester. Dieser Daͤdalischen Wohnung Beschreibung und Herrlig- keit. Wolthaten bezahlt zu nehmen/ eben so thoͤricht/ als den Preiß des Goldes durch Einmischung geringerer Schlacken zu vergeringern. Tiberius wird beym August aus- gesohnet und wieder die Chautzen gesendet. Fuͤrst Herrmanns und seiner Thußnelde praͤchtig- und freudiger Einzug in Deutschburg. Was die Gluͤcks-Sterne den Schiff- Leuten/ diß sind Fuͤrsten ihren Unterthanen. Jede Neuigkeit ein Licht/ welches vieler Augen an sich ziehet und verblaͤndet. Fuͤrst Herrmanns vorsichtige Einrichtung sei- ner Herrschafft auff Krieg und Friedens-Zeiten. Der alten Deutschen Jugend erste Zierrathen/ Schild und Spieß. Eines loͤblichen Fuͤrsten gehoͤrige Eigenschafften. Jhre vornehmste Tugend: Die Vernunfft in allen Dingen zur Wegweiserin haben. Das Ansehen bey einer Herrschafft/ was der Mittelpunct bey einer gerade stehenden Seule. Ruͤhmlicher/ sich nach Art eines Schwantz-Sterns mit herrlichem Glantze einaͤschern/ als eine todte Kohle in der Erde unverweßlich zu bleiben. Gerechtigkeit durch aller Welt Schaͤtze nicht zu bezahlen. Belohnungen sollen allemahl nach dem schweren/ die Zuͤch- Erster Theil. J i i i i i i tigun- Achtes Buch tigungen aber nach dem leichten Gewichte ausgetheilet werden. Ungedult eine Mut- ter schaͤdlicher Mißgeburten/ Hoffnung eine Uberwinderin selbst des Verhaͤngnuͤßes. Politische Ursachen: warum das Hertze des Menschen nicht auf der rechten/ sondern lincken Seite des Menschens seinen Sitz habe? Hertzog Herrmann wird von seinen be- draͤngten Nachbarn wieder die Roͤmer um Huͤlffe angesucht/ und ihm seiner Vorfah- ren Feldhauptmannschafft angetragen. Fuͤrsten ob und wenn ihnen erlaubet ein an- der Gesichte zu zeigen/ als ihr Hertze ist? der Purpur-Rock eines Fuͤrsten soll den Ster- nen gleichen und also ohne Flecken des Betruges seyn. Argwohnder Warheit groͤster Todfeind/ und wem sie gleiche? Jn Staats-Sachen geben auch Zwergs-Baͤume einen Riesen-Schatten hoher Cedern von sich. Das von der Natur in die Brust verborgene Hertz lehret die Verschwiegenheit/ und die Verbergung eines Anschlags machet in Kleinigkeiten die Kraͤffte ansehnlich/ die Maͤßigkeit unbegreiflich/ und sich selbst zum Wunderwercke. Zerfallene Freundschafft einem zerstuͤckten Spiegel oder Edelgesteine; Ein versoͤhnter Feind aber einem heut glaͤntzenden/ morgen rostenden Ertz-Geschirre aͤhnlich. Hertzog Herrmanns Gesandschafft an den Koͤnig Marbod/ dessen mit dem Tiberius getroffener Anstand heisset den Gesandten andere Seiten auffziehen. Hoͤflig- keit die gewisseste Angel edler Gemuͤther und eine Bezauberin der Unhold. Hertzog Herrmanns und des Roͤmischen Saturnins Freundschafft. Beyde finden auff dem Blocks-Berge bey naͤchtlich angestellter Jagt den mit einer zauberischen Wahrsagerin uͤber des Tiberius kuͤnfftiges Gluͤck sich besprechenden Sentius. Seine Rechtfertigung und letzt erkennter Fehler. Der Fuͤrstin Thußnelde Auffenthalt bey der Cattischen Herzogin. Des Fuͤrsten Arpus Gemahlin verursachet dem entfernten Heꝛzog Herrmañ allerhand Gemuͤths-Kraͤnckungen. Thußnelde befindet sich mit der Fuͤrstin Erdmuth unter ihrem Frauenzimmer unerkannt in dem Hermundurischen warmen Brunnen/ allwo der dahin kommende Koͤnig Marbod sich in ihre Schoͤnheit verliebet. Schoͤnheit verblaͤndet mit ihrem Glantze wie die Sonne/ und toͤdtet mit ihrer Lebhafftigkeit wie das Feuer. Der Augen besondere Nahmen und Verrichtungen. Polycrates Gluͤcks- Ring wird auff eine gantz wunderbare Art Thußnelden zu Theil. Der Liebe und Furcht Wuͤrckungen in Marbods Gemuͤthe wegen Thußnelden. Marbods angestellte Jagt/ seine Lebens-Gefahr durch Thußneldens Tapfferkeit abgewendet. Marbods verliebte Ansprache gegen Thußnelden bey einem in selbiger Einode sich befindlichem Brunnen. Thußnelde stellet ihm mit vielen Vernunffts-Gruͤnden entgegen: Daß ein Koͤnig vor andern seiner Regungen Meister; Sie aber ihres Geluͤbdes ewiger Keuschheit unver- bruͤchlich eindenck seyn muͤste. Marbods abgeschlagene Liebe in Grimm und Raserey verwandelt durch einen Schlangenstich bestraffet. Furcht das groͤste Leibzeichen aller Gemuͤthsregungen. Thußnelde wird in ihrem Jaͤger-Aufzuge von ihrem erzuͤrnten Vater dem Segesthes/ als Roͤmischen Gesandten zum Marbod/ unvermuthet ange- troffen/ in Verwahrung genommen/ und wegen ihrer Flucht von Rom zu hoͤchstem Leidwesen der Cattischen Hertzogin/ scharff unterhalten. Der daruͤber um Huͤlffe an- geflehete Marbod schuͤtzet zu seines eigenen Absehens Befestigung des Segesthes vaͤter- liche Gewalt/ und die denen Gesandten durch das allgemeine Voͤlcker-Recht zu statten kommende Freyheit. Die Cattische Hertzogin aber andere entgegen gesetzte Gruͤnde vor Arminius und Thußnelda. vor. Thußnelde koͤmmt auf gewisse Bedingung wieder in dieser Fuͤrstin Verwahrung. Des Marbods mit dem Segesthes gehaltene geheime Unterredung uͤber der Roͤmer an ihm dem Segesthes zeither veruͤbten Falschheit; mit Erhebung seines hohen Geschlechts und Wuͤrdigkeit der ihm gebuͤhrenden Feldherrschafft. Boßheit und Klugheit die zwey Bots Leute der gantzen Welt. Augen und Gebehrden Verraͤther der Seelen. Heuche- ley der Staats-Klugheit groͤste Tugend. Jn der Elbe ein ungewoͤhnlich grosser Stier gefangen/ und in dessen Leibe durch Marbods kuͤnstlichen Betrug ein goldener Ring mit einer nachdencklichen Uberschrifft gefunden. Ob und was von dergleichen Deutungen zukuͤnfftiger Dinge zu halten? Marbod verfolgt beym Segesthes seine List als ein gott- lich Verhaͤngnuͤs/ und dringt auff Thußneldens Vermaͤhlung. Die unter so viel ver- meinten klugen verstaͤndigste Thußnelde eroͤffnet ihrem Vater des Marbods Betrug wie und woher; auch jenes durch den Natterstich schon einst empfundene goͤttliche Ra- che/ erklaͤret sich dabey lieber zu sterben/ als den Hertzog Herrmann zu vergessen. All- zugenaue Scharffsichtigkeit in uͤberirrdischen Dingen Blindheit. Unglaube das be- truͤglichste Fallbret. Das unvermeidliche Verhaͤngnuͤs die weiseste Richtschnur. Ehre und Leben erheischet das letztere vor die Tugend zu verschwenden. Staats-Klugheit achtet Heyrathen vor Vermaͤhlungen der Buͤrger/ Buͤndnuͤsse aber/ der Fuͤrsten. All- zugrosse Schaͤrffe eine Gebaͤhrerin der Verzweiffelung; Gelindigkeit eine Zermalme- rin der haͤrtesten Steinfelsen. Das weibliche Geschlecht und Feuer erfordert einerley Behutsamkeit/ weil beydes Rauch und Licht heget. Thußnelde verschmaͤhet Marbods und seiner Fuͤrsten ihr zu den Fuͤssen gelegte Koͤnigs-Kronen und Fuͤrsten-Huͤte/ mit Erkiesung eines einsamen Kerckers und des darinnen rein behaltenen koͤstlichen Scha- tzes ihrer Gewissens Ruh. Thußnelde wird in Verhafft/ die Cattische Hertzogin aber aus dem Reiche geschafft. Dabey die Graͤfin von der Lippe ihre Erzehlung endiget/ Fuͤrst Adgandester aber befolget. Wie der zu Mayntz angelangte Tiberius Thußnel- den seine vermeinte Braut beym Marbod mit Glimpf/ beym Segesthes aber mit Draͤu- en gesuchet. Marbods abschlaͤgliche Antwort und Kriegs Verfassung. Des furcht- samen Segesthes beym Varus gesuchter Schutz. Der hieruͤber bekuͤmmerte Hertzog Herrmann errettet durch eines ihn auffweckenden Geistes oder Gesichts Huͤlffe und Wegweisung wieder sein eigenes Dencken seine hoͤchst verlangte Thußnelde nicht so wol aus dem Gefaͤngnuͤs/ als aus den Wellen eines wuͤtenden Stroms. Das allsehende Auge der Goͤttlichen Versehung/ wie esvon Menschen anzusehen? Fuͤrst Herrmanns und Thußneldens Zuruͤckkehr nach der Hauptstadt Matium zu Hertzog Arpus Ge- mahlin Erdmuth/ auf welcher Reise sie Siegimers des Segesthes Brudern Braut Rhamis des Cattischen Hertzogs Ukrumers Tochter gantz wunderbarer Weise aus den feindlich- und Raͤuberischen in ihres Braͤutigams des Siegimers Haͤnde lieffern. Sege- sthes Hertzog Herrmanns und Thußneldens unvermuthete Zusammenkunfft verursa- chet abermahl gefaͤhrliche Ebentheuer und ein blutiges Fechten/ nach welchem der heftig verwundete Hertzog Herrmann nebst Thußnelden mit schimpflichen Ketten gebunden/ Siegimer aber von seinem Bruder Segesthes vor Feind erklaͤret wird. Wie vielerley Absehen des Menschen/ so vielerley Abgoͤtter hat er. Segesthes und Tiberius boßhaff- tes Verhalten gegen den Hertzog Herrmann wird durch Marbods und Vannius J i i i i i i 2 wuͤrckli- Achtes Buch wuͤrcklichen Uberfall und zu Erhaltung der Cheruskischen Freundschafft hinterzogen. Den aller Orten bedraͤngten Roͤmern soll die unschuldige Thußnelde zum Opffer/ dem maͤchtigen Feinde Marbod aber zur Besaͤnfftigung und zur Ausbeute dienen. Tibe- rius wird gezwungen denen Maͤrckmaͤnnern und Quaden einen schimpflichen Jahrs- Sold zu versprechen. Vermaͤhlungen zwischen zwistigen Haͤuptern die Ehrenpforten aus dem Jrr-Garten eines entsprungenen Kriegs zu kommen. Jm Zanck Apffel der Schoͤnheit/ selten Kerne zu finden/ woraus die Oelzweige des Friedens wachsen. Weib- liches Geschlecht eine Gebaͤhrerin der Zwietracht in Laͤndern/ wie der Zwillinge im Kind- Bette. Segesthes gifftiger Anschlag wird durch seiner Gemahlin Sentia und seines Sohnes Siegismunds Gefangenschafft von den Cheruskern hintertrieben/ und her- nach mit Hertzog Herrmannen ausgewechselt. Dessen Tapfferkeit windet mit seinen wenigen Cheruskern und des darzu kommenden vom Marbod vertriebenen Hertzog Jubils Huͤlffe denen viel staͤrckern Marckmaͤnnern seine gefangene Thußnelde nach ei- nem harten und blutigen Gefechte nicht allein aus den Haͤnden/ sondern bekommt auch die der Thußnelde entgegen kommende Koͤnigliche Tochter als eine Gefangene vom Her- tzog Jubill zum Geschencke. Hertzog Herrmann wird uͤber sorgfaͤltiger Suchung sei- ner auf dem Gabretischen Gebuͤrge versteckten Thußnelde durch ein wundergrosses Weibsbild oder die Schutz-Goͤttin solchen Gebuͤrges von einem zwischen den Felsen her- fuͤr springenden gifftigen Wasser ab/ und zu einem gesunden gefuͤhret/ auch vor den Erhalter der Deutschen Freyheit gepriesen. Der Cherusker vom Gespenste selbst gera- thene Abzug wird eines der Casuarter und Cherusker Feindschafft schmertzlich bewei- nenden alten Ritters/ und durch dessen Veranlassung Hertzog Herrmann seiner in der Marckmaͤnner Haͤnde wieder verfallenen Thußnelde bey nahe theilhafstig. Thußnel- dens neue Lebens Gefahr in einem vom Fuͤrst Herrmann belaͤgerten Schlosse auf Se- gesthes ihres Vaters Befehl bey eusserstem Nothfall von der Festung und felsichten Klippen abgestuͤrtzet zu werden. Das Urtheil/ wie recht oder unrecht es sey/ ein Werck der Obern/ Gehorsam aber die Ehre der Unterthanen. Aus der abgestuͤrtzten und vom Hertzog Herrmann an einem Krachsteine lebendig gefundenen Thußnelden zu schluͤssen: daß Fuͤrsten gantz andere oder besondere Schutz Geister und Erhaltungs-Gestirne; Aus Hertzog Herrmanns aber dabey bezeigten hertzlichem Mitleiden: daß die Augen der Helden nicht weniger in sich Wasser der Empfindligkeit/ als Felsen Quellen haben muͤs- sen. Die Laster haben nach ihrer Vollbringung die Art des in der Lufft erst schwer wer- den den Stein-Saltzes an sich. Aus dem rechten Gebrauch aller dreyen Zeiten ist das ei- gentliche Leben zu schluͤssen. Thußneldens Erbarmung uͤber die sie abstuͤrtzenden gefan- genen Marckmaͤnner. Segesthes von Sicher- und Trunckenheit den Cheruskern den Ruͤckweg abzuschneiden geschlagenes Lager vom Hertzog Herrmann und Jubill uͤber- fallen/ zerstreuet und meist abgeschlachtet/ selbst Segesthes gefangen/ Stadt und Schloß Henneberg nebst allen mit dem Tiberius und Varus uͤber seinen Untergang gewechsel- ten Brieffen erobert. Hertzog Herrmann entlediget den Segesthes seiner Thußnelden zu Liebe der Ketten und Bande/ fuͤhret ihm der Roͤmer Betrug und sein Zeitheriges uͤbles Beginnen zu Gemuͤthe/ mit Versprechnuͤs seiner Freyheit und seines Gebietes/ welches er mit aller ersinnlichsten Dancknehm- und Berenung seiner Fehler/ Erhebung des Her- tzog Arminius und Thußnelda. tzog Herrmanns freymuͤthig erkennet/ auch das Feld bey Henneberg dieses Sieges hal- ber/ mit dem Nahmen Herrmanns Feld verewigen laͤst. Dieser Fuͤrstlichen Gesell- schafft Ankunfft zu Marpurg beym Hertzog Arpus verursachet wegen des Cheruskisch- und Casuarischen Hauses Vereinbarung grosse Freude; des Sicambrischen Hertzogs Melo uͤberbrachte traurige Zeitung aber wegen seiner vom Q. Varus geraubten Toch- ter ein allgemeines Hertzeleid und Verbitterung gegen die Roͤmer. Alle Guͤter sind wieder zu erlangen/ der Verlust der Keuschheit allein ist unersetzlich/ und der Ehre un- wiederbringlich. Hertzog Herrmanns/ Arpus und Melo Berathschlagung uͤber des Varus Rache und Erhaltung der Deutschen Freyheit. Der Verdacht der betrieglich- ste Wegweiser zu bereuenswuͤrdigen Entschluͤssungen. Segesthes abermahlige Verraͤ- therey. Das Gewissen der Goͤttlichen Rache Gerichts-Anwald. Varus wird durch der Deutschen Fuͤrsten Zusammenkunfft zu Alison in gutes Vertrauen; Hertzog Herr- mann aber zu sein und der uͤbrigen Roͤmer bald erfolgenden Schreckenzum Feldherrn Deutschlands gesetzet. Der Fuͤrstin Thußnelde Helden-Tugenden begleiten eitel Wun- derwercke/ wie das Ende der Erzehlung vor dißmahl den Adgandester und uͤbrige Ho- hen zu einer herrlichen Mahlzeit und allerhand Schertz-Spielen. Das Aachte Buch. D Je Zeit hat eine Bot- maͤßigkeit uͤber alle Dinge. Sie bedecket guͤldene Haare mit Schimmel; Rosen- Wangen mit Thon/ Purper-Lippen mit Bleyweiß. Sie nuͤtzet Marmel mit Regen/ Ertzt mit Feuer und Fei- len ab; Sie zersprenget mit denen verschlosse- nen Winden die rauesten Felsen/ und verkehret die Sternen in Asche. Sie leschet allem das Licht aus; ihr aber niemand. Nur alleine die Tugend machet sich durch unsterblichen Nach- Ruhm der Zeit zur Meisterin; und Liebe ver- wirret ihre Sand-Uhr. Denn sie machet bey erlangtem Genuͤß einen Tag zum Augenbli- cke; und ihr ungedultiges Verlangen eine Nacht zum Jahre. Diese letztere Wuͤrckung verursachte: daß das wenige uͤbrige der Finster- nuͤs/ welches doch noch darzu guten theils der Schlaff verkuͤrtzt hatte; dem großmuͤthigen Feldherrn Herrmañ und der verliebten Thuß- nelden fuͤrkam; Als wenn die Gegenfuͤßler das Rad und den Lauff der Sonnen gehemmet haͤt- te. Diesemnach denn beyde so wol als der gantze Hof der schlaͤffrigen Morgenroͤthe zuvor ka- men; um sich zu dem Vermaͤhlungs-Feyer fer- tig zu machen. Zumahl ohne diß schon ein Bar- de den Abend zuvor an das Burg-Thor nach- folgende Reymen angehefftet hatte: Komm Sonne/ Brunn des Lichts/ zu unsern Hochzeit-Freu- den! Bring’ uns den guͤldnen Tag; und gieb nicht nach: daß wir Und unser Fackeln-Glantz kommt deinen Stralen fuͤr! Was hemmet deinen Lauff? kanstu/ O Riese/ leiden: Daß Zwerg-Gestirne dir so Preiß als Lust abschneiden? Weil der gestirnte Baͤr/ der faule Schwan und Stier/ Der blaße Mohnde sich aus Eyversucht von dir Nicht lassen dringen weg/ den Tag die N aͤ chte neiden? Treib so viel schneller um dein Rad/ O Angelstern/ Als du ’ s zu langsam triebst zu Liebe Jupitern/ Wie er Aleiden zeigt’. Erzwinge diß Verlangen O Sonne/ weil die Nacht zu schlecht ist fuͤr diß Fest/ Weil Herrmann eben diß/ was Jupiter gewest/ Und einen Hercules Thußnelde soll empfangen. J i i i i i i 3 Es Achtes Buch Es hatte der Feldherr aber sich noch nicht gar angelegt; Als Fuͤrst Adgandester ins Zim- mer trat/ und ihm anmeldete: daß der Oberste Gaͤrtner auffs emsigste anhielt: es moͤchte doch der Hertzog wegen einer anschauens-wuͤrdigen Seltzamkeit sich mit allen Grossen sonder eini- ge Zeitverlierung in Garten verfuͤgen. Wie- wol nun der eingelassene Gaͤrtner die Sache nicht deutlich entdecken wolte; weil aber seine Gebehrden genungsam zu verstehen gaben: daß es was sonderliches/ und nichts unangenehmes waͤre; erklaͤrte sich der Feldherr: daß er ihm auf dem Fusse folgen wolte; ließ auch in Eyl die an- dern Fuͤrsten in Garten ersuchen/ er aber for- derte selbst seine andere Secle Thußnelden ab. Der Gaͤrtner leitete die hohen Haͤupter/ und den sich eindringenden Hof zu einer grossen A- loe-Staude; welche die Koͤnigin in Hibernien dem Feldherrn uͤberschickt/ sie aber aus den Gluͤcks-Jnseln bekommen hatte. Diese sel- tzame und schwangere Staude traffen sie als ei- ne aͤngstige Gebaͤhrerin an; Denn sie trieb ei- nen dicken Stengel mit solcher Gewalt empor: daß die Augen sichtbar sein Wachsthum wahr- nehmen konten. Jn zweyen Stunden waꝛ er wol drey Ellen-Bogen hoch worden; und es schossen zugleich eine ziemliche Anzahl wolruͤ- chender Blumen herfuͤr; also: daß alle Anschau- er nichts minder hieruͤber Ergoͤtzligkeit schoͤpff- ten/ als sich verwunderten; ja sie haͤtten dieser gebaͤhrenden Staude noch laͤnger zugesehen; weñ nicht die Verliebten ihr innerlicher Mag- net anders wohin gezogen; die Priester auch selbst: daß es Zeit waͤre/ erinnert haͤtten. Jn- zwischen legte iederman die Geburt dieses edlen Gewaͤchses fuͤr ein herrliches Gluͤcks-Zeichen der zwey Verlobten aus/ und wuͤnschte: daß sie noch in ihrem Leben so viel edle Nachkommen zehlen moͤchten; Als sie an der Aloe Blumen saͤ- hen. Unter diesen Wahrsagungen und Gluͤcks- Wuͤnschen schickten sich alle zu der Farth in den Deutschburgischen Heyn. Saͤmtliche bey dem Einzuge sich gewiesene Scharen hatten auff beyden Seiten der dahin gehenden Strasse sich in Ordnung gestellt. Zum ersten giengen die Barden; welche mit ihrem Lustgethoͤne und Lobgesaͤngen die Lufft erfuͤlleten. Diesem folgte ein mit gruͤnen Zweigen so zierlich geflochtener Wagen: daß die darinnen zum Opfer verwahr- te Tauben und Sperlinge gleich wie in einem Gebauer bestrickt waren; diesem eine Menge Opffer-Knechte/ welche in eine auf einer Schleiffe gefuͤhrten Kohlen-Glut Wacholder- Beeren haͤuffig auffstreuten. Hierauf kamen abermahl fuͤnffhundert außerlesene Jungfrau- en; die mit ausgestreuten Blumen gleicher Ge- stalt den Weg baͤhneten; und nach ihnen die Fuͤrstliche Braut auff ihrer guͤldenen Muschel; welche dißmahl vier geweibete schneeweisse Pferde zohen; von denen vorhin sonst noch nichts gezogen worden. Die schoͤnste Thuß- nelde war dißmahl aller Waffen beraubet; trug auf dem Haupte einen mit Perlen umflochte- nen Rosen-Krantz. Jhr gantzes Kleid war aus weisser Seide/ und mit ihrem gantzen Leibe kein Schmuck anderer Farbe zu finden; entweder die Reinigkeit ihrer Jungferschafft abzubilden; oder durch den Schnee ihrer weissen Haut auch die zarteste Seide zu beschaͤmen. Hierauf lies- sen sich abermahls eine Menge Barden nichts minder annehmlich hoͤren/ alssehen; Die Opf- fer-Knechte fuͤhrten ein schneeweißes Pferd/ das gleichfalls weder Zaum noch Sattel gefuͤhlt hatte/ bey den Meenen. Wiewol diß nun die gantze Nacht unauffhoͤrlich gesprungen hatte; also: daß es vom Schweiße gleichsam troff; so ließ es sich doch nunmehr zu seiner Abschlach- tung wie ein gedultiges Lamm leiten; und welches noch mehr die Auslegung kuͤnfftigen Gluͤckes beglaubigte/ schritt diß gewiedmete Pferd iedesmahls mit dem rechten Schenckel uͤber die an dreyen Orten nach Gewonheit quer uͤber den Weg gelegte Lantzen. Hingegen thaͤt Arminius und Thußnelda. thaͤt das Tigerscheckichte Pferd/ auf welchem der Feldherr zwischen dem Hertzog Arpus und Flavius daher ritt/ so viel mehr Saͤtze und Lufft-Springe. Welchen denn alle andere Fuͤrsten zu Pferde nichts weniger/ als die Koͤ- nigin Erato/ die Hertzogin der Catten/ ihre Tochter/ und viel andere Fuͤrsten begleiteten. Bey dem Eingange des heiligen Heynes standen zwoͤlff Priester in schneeweißen Klei- dern/ mit Lorbern bekraͤntzet; in den Haͤnden hatten sie verguͤldete Sicheln/ und Eisenkraut. Nach dem sie beyde Verlobte mit einem Segen bewillkommt/ und das geweihte Kraut ihnen auf das Haupt gestreuet hatten/ der Feldherr auch von seinem Pferde/ Thußnelde von ihrem Wagen gestiegen war; giengen sie fuͤr ihnen her/ biß zu dem Tanfanischen Tempel. Da- selbst blieben sie stehen; und wurden in einem Kreiße von denen sie begleitenden Fuͤrsten um- geben. Auff Seiten der Fuͤrstlichen Braut vertrat an statt des abwesenden Segesthes Her- tzog Arpus die Vater- und Erdmuth seine Ge- mahlin/ als Thußneldens nahe Base/ die Mut- ter-Stelle. Ein alter Priester kam hierauff/ und erkundigte sich: Ob die Einwilligung der Verlobten/ und die sonst darzu noͤthigen Hey- rathsbedingungen ihre Richtigkeit haͤtten? Deñ ob zwar das Recht der Voͤlcker der Eltern Willen zu der Kinder Verehligung mehr zum Wolstande/ als Wesen ihrer Eh erfordert; hei- schen selbten doch die ehrbaren Deutschen als eine unentpehrliche Nothwendigkeit; wiewol die einmahl den Kindern gegebene Einwilli- gung heꝛnach keine Reue veꝛstattet. Diesemnach denn Hertzog Arpus dem Priester antwortete: Segesthes haͤtte bey der Aufopfferung der Roͤ- mischen Gefangenen in Anwesenheit vieler Priester und aller gegenwaͤrtigen Fuͤrsten/ Hertzog Herrmanns und Thußneldens Hey- rath gut gesprochen. Weßwegen ihr Bru- der Fuͤrst Sigismund selbst sich zum Opffer- Feuer naͤherte/ in eine Feuer-Sorge eine Schauffel voll gluͤende Kohlen schuͤttete/ auff einen Teller aber Brod und Saltz legte/ und diß dem Hertzog Arpus reichte/ und selbtes an statt des Vatern Thußnelden zum Merckmale: daß sie nun einen eigenen Tisch und Heerd he- gen moͤchte/ einhaͤndigte. Wie nun dieser Priester sich hiermit aller- dings vergnuͤgt zu seyn erklaͤrte; ließ der Feld- herr ein Joch zusammen gespannter weissen Ochsen/ und ein schneeweisses Pferd mit Sat- tel und Zeug/ eine Lantze/ einen Schild und ein Schwerd herbringen; welches er nach der streitbaren Deutschen Art der Fuͤrstin Thuß- nelde zum Braut-Schatze uͤberliefferte. Sin- temahl dieses Volck weiblichen Schmuck und zaͤrtliche Geschaͤncke bey ihren Vermaͤhlungen viel zu veraͤchtlich haͤlt; sondern sich durch obige raue Gaben mit einander vereinbart/ und hier- mit klaͤrer/ als die Grichen und Roͤmer/ die der Braͤute Haar mit einer Lantze zu zertheilen pflegten/ andeutete: daß beyde Ehleute im Frieden/ Arbeits-im Kriege Kampffs-Gefaͤr- then seyn wuͤrden. Die freudige Thußnelde nahm diese Geschaͤncke mit einer anmuthigen Ehrerbietung an/ und vermeldete: Sie uͤber- nehme mit dieser Freygebigkeit ihres Gebie- ters und Eh-Herrn Herrschafft uͤber sich; zum Kennzeichen des kraͤfftigsten Seelen-Bandes/ und des geheimen Heiligthums/ in welchem die Goͤttliche Liebe durch das reine Feuer keusch- verlobter Hertzen verehret wuͤrde. Sie wuͤrde an dem grossen Fuͤrsten Herrmann seine Tu- genden ihr zu einem Spiegel ihres Lebens die- nen lassen/ und um seinen Befehlen durch Ge- horsam fuͤrzukommen sich bemuͤhen seinen Wil- len ihm an den Augen anzusehen. Sie wolte bey Gluͤck und Ungluͤck alle seine Zufaͤlle fuͤr die ihrigen schaͤtzen; und bey der Ruhe mit ihm den Pflug halten; bey der Gefahr mit ihm den Harnisch anziehen/ und diese Waffen fuͤr ihn/ und das Vaterland brauchen. Sie haͤtte ihr fuͤrgenommen mit ihm tugendhafft zu leben/ und Achtes Buch und ruͤhmlich zu sterben; wormit ihren Kin- dern an ihrem Fuͤrstlichen Erbtheile nichts ab- gienge; ihrem Geschlechte nichts verkleinerli- ches zuwuͤchse; sondern/ was ihren Schnuren ehrlich/ und ihren Enckeln ein erfreuliches Ge- daͤchtnuͤs und Beyspiel seyn wuͤrde. Wiewol es nun bey denen Deutschen nicht noͤthig ist: daß die Braut ihrem Braͤutigam eine Mitgift zubringe/ so beschaͤnckte sie ihn doch auch mit ei- nem schoͤnen Pferde und einem mit Edelgestei- nen versetzten Schwerdte; welches beydes sie in der Schlacht einem Roͤmischen Obersten ab- genommen hatte. Hiermit wurden die zum Opffer bestimmten Thiere herzu gebracht/ von den Opffer-Knechten mit dem aus der heiligen Hoͤle fluͤssendem Wasser abgewaschen; Die A- dern und Eingeweide sorgfaͤltig durchsucht; und alles auf eitel Gutes deutend befunden; endlich von der krachenden Flamme auf denen aus Ra- sen zusammen gesetzten Altaͤꝛen verbꝛennet; wel- che die zwey Verlobten selbst durch Anlegung vielen Wacholder-Holtzes/ und durch darein gegossenen Wein und Oel mehr lebhafft und verzehrend machten. Denn die Andacht schaͤ- met sich nicht bey Verehrung des Fuͤrsten aller Fuͤrsten auch den niedrigsten Dienst zu vertre- ten. Als alles dieses vollbracht/ ward der Feld- herr und Thußnelde von den Priestern zu der heiligen Hoͤle gefuͤhret; da sie denn der oberste Priester Libys beym Eingange aus dem ge- weihten Brunnen besprengte; hernach sie nie- der zu knien/ ihr Gebete zu verrichten/ und end- lich ihre Haͤnde in einander zu schrencken erin- nerte. Diese band er mit einem von einem Sterbe-Kittel gemachten Bande zusammen; Gleich als wenn die ehliche Liebe auch mit dem Tode nicht verrauchen solte. Hierauff guͤrtete er Thußnelden ihren Guͤrtel loß; nahm ihr den Krantz ab/ und gab jenen dem Feldherrn in die Haͤnde/ diesen aber setzte sie ihm auf das Haupt; Gleich als wenn er ihm hiemit die Gewalt uͤbeꝛ ihren Englischen Leib zueignete/ und die reinen Bluͤthen ihrer keuschen Jungfrauschafft zu ge- nuͤssen erlaubte. Nach dem Libys auch auff seinem Antlitze fuͤr sie zwey inbruͤnstig gebetet hatte; segnete er sie/ goß eine Schale voll wol- ruͤchendes Wassers uͤber ihre Scheiteln/ und wuͤnschte: daß sie so viel Kinder und Kindes- Kinder zehlen moͤchten; als er aus selbigem Geschirre Tropffen giesse. Uber diesen Wor- ten erhob sich ein neues Wasser-Geraͤusche/ welches sich ie laͤnger ie mehr vergroͤsserte; und endlich brach dem alten Quelle gegen uͤber zwi- schen denen Steinfelsen ein neuer Brunn her- fuͤr/ welcher eines Armes dicke empor spruͤtzte. Alle Anwesenden/ und selbst Libys wurden hier- uͤber Wunders voll. Denn ob zwar zuweilen nach sich ereignenden Erdbeben/ welche die Felsen zerspalten/ oder die Adern anderwaͤrti- ger Quelle verruͤcken/ oder auch/ wenn Waͤlder ausgerottet/ und dardurch die sonst in die Wur- tzeln gezogene Feuchtigkeit im Erdboden ver- sammlet wird/ neue Brunnen entspringen; wie sich fuͤrnehmlich auf dem Gebuͤrge Haͤmus ereignet/ als Cassander die Deutschen darauff belaͤgerte; so waͤre doch hier keine dieser Ursa- chen verhanden/ und es so viel nachdencklicher: daß dieses neue Quell eben uͤber diesem heiligen Hochzeit-Feyer herfuͤr braͤche. Ob auch wol sonst die ungewoͤhnliche Erguͤssung der Brun- nen ein Vorbote bevorstehenden Mißwachses seyn soll; so wahrsagte doch der Priester Libys denen Fuͤrstlichen Verlobten: daß so lange die- ses neue Quell nicht versaͤugen wuͤrde; ihre Nachkommen und Geschlechte wachsen und bluͤhen muͤsten. Nach vielen von dem Volcke ausgelassenem Frolocken wurden sie endlich in den Tanfanischen Tempel gefuͤhret; darin- nen die Barden an zwoͤlff steinernen Pfeilern so viel Sinnbilder dem Feldherrn zu Ehren/ und zu Ausdruͤckung seiner hefftigen Liebe/ auf- gerichtet; alle Erfindungen aber vom Feuer genommen hatten; theils/ weil Hertzog Herr- mann in Fuͤrstlichen Entschluͤssungen allezeit eine Arminius und Thußnelda. eine Eigenschafft des Feuers erforderte; theils weil die Liebe keinem Dinge besser/ als den Flammen zu vergleichen/ oder auch wahrhaff- tig das edelste Feuer aufgethaner Gemuͤther ist. Sie hatten darinnen vornehmlich die Heff- tigkeit/ die Reinigkeit/ und die fruchtlose Hin- dernuͤs seiner keuschen Liebe gegen die unver- gleichliche Thußnelde fuͤrzubilden sich bemuͤhet; und war an dem ersten Pfeiler ein in der helle- sten Flamme unversehrter Salamander zu se- hen; darunter aber zu lesen: Der Liebe Glut/ die sonst zu Aschen alles brenn’t/ Jst Speis’ und Labsal mir/ ja selbst mein Element. Am andern Pfeiler zermalmete ein unter- irrdisches/ aber mit Krachen hervor brechendes Feuer/ Felsen und Gebuͤrge/ mit der Unter- schrifft: Das Feuer laͤßt sich nicht verrlegeln Ertzt und Stein/ Und Liebe schmeltzet Stahl/ bricht Berg’ und Klippen ein. Am dritten muͤhte sich der Blitz/ und ein Schwerd/ wiewol umsonst ein rasendes Feuer zu vertilgen; darunter geschrieben stand: Mein Vor satz bleibet siehn fuͤr Feind und Donner-Keilen; Denn Blitz und Eisen kan nicht Lieb’ und Glut zertheilen. Der vierdte Pfeiler stellte eine helleuchtende Flamme fuͤr; welche die Wolcken eines dicken Rauches zertrennte; und folgende Worte dar- bey verzeichnet hatte: Kein Nauch verbirgt die Glut/ kein Dunst die Liebe nicht. Ja selbst die Finsternuͤs vergroͤssert beyder Licht. Vom fuͤnfften Pfeiler erfuͤllte der auf gluͤen- den Kohlen zerschmeltzende Weyrauch mit sei- nem durchdringenden Geruche den gantzen Tempel/ und folgende Zeilen legten esaus: Die Tugend ohne Lieb’ ist Weyrauch ohne Glut. Denn beydes kriegt erst Krafft/ wenn man’s ins Feuer thut. Am sechsten Pfeiler stand eine flammende Feuer-Eße; in welcher ein starckes Eisen halb seinen alten Rost zeigte/ halb aber gluͤend und glaͤntzend; und nach beygesetzten Worten zu verstehen war: Ein keusch-verliebter Geist ist wie ein gluͤend Eisen. Denn dieses darff nicht Rost/ noch jener Unflat speisen. Bey dem siebenden Pfeiler stand eine lodern- de Fackel/ an der das Wachs noch dazu von den Sonnen-Stralen zerschmeltzt ward/ mit folgender Ausdeutung: Mich sehmeltzt ein zweyfach Brand/ mich tilgt kein eintzel Schmertz/ Halb zengt ihn meine Sonn’ in Augen/ halb mein Hertz. Der achte Pfeiler war ein Behaͤltnuͤs eines von Flammen krachenden Holtz-Stosses/ wel- cher zwar eine Leiche zu Staube verbrennt hat- te/ einem vom Giffte blau aufgeschwelletem Hertzen aber nichts anzuhaben vermochte. Dar- unter war verzeichnet: Welch Hertze nicht die Glut des Liebens aͤschert ein/ Das muß befleckt mit Gifft/ von Unhold schwanger seyn. Am neundten Pfeiler war ein Hauffen gluͤ- ender/ und von dem darauf gespritzten Wasser rauchender Steine zu sehen/ folgende Worte aber zu lesen: Wer Flut auff heisse Stein’/ Haß auff Verliebte spritzet; Der glaube: daß er nur mehr ihren Brand erhitzet. Der zehnde Pfeiler stellte einen Berg voll Asche/ zwischen welchem doch hin und wieder die Flammen herfuͤr schossen/ und diese Bey- schrifft fuͤr: Kein Feuer leschet aus/ das einig Zunder naͤhr’t; Die Liebe glimmt/ ist sie in Asche gleich verzehrt. Am eilfften Pfeiler versengten sich die Mot- ten an einem hellen Lichte; folgende Reymen aber druͤckten nichts minder des Feldherrn/ als dieser verbrennenden Wuͤrmer Entschluͤssung aus: Erster Theil. K k k k k k k Jch Achtes Buch Jch mag kein ander Grab/ wil alle Quaal ausstehn; Denn Lieb’ und Flamme sind ja allzu wunder-schoͤn. Bey dem zwoͤlfften Pfeiler ward eine Glut von denen darein blasenden Winden auffge- facht/ und derogestalt ausgelegt: So Wind als Mißgunst muß zu Blase-Baͤlgen dienen; Wenn sie die Lieb’ und Glut zu tilgen sich erkuͤhnen. Auff der andern Seite des Tempels hatten die Barden an denen zwoͤlff uͤbrigen Pfeilern mit eitel aus dem Wasser genommenen Din- gen/ und zwar entweder/ weil das weibliche Geschlechte dem Mohnden/ als der Mutter aller Feuchtigkeit/ untergeben wird; oder/ weil sie durch diesen waͤsserichten Spiegel/ durch die Perlen- und Purper-Schnecken/ durch die Ko- rallen-Zancken und andere Wunderwercke des Meeres nichts minder die Schoͤnheit/ als die keusche und bestaͤndige Liebe der Fuͤrstin Thuß- nelde andeuten wolten/ dieselbten in eben so viel Siñenbildern entworffen. An dem ersten Pfei- ler lag eine eroͤffnete Muschel an dem Meer- Strande/ in die sich der Thau zu Zeugung der Perlen einfloͤste; welche die Perle dieser Welt die wunderschoͤne Thußnelde derogestalt auff dem aus dem Goͤttlichen Verhaͤngnuͤße kom- menden Uhrsprung ihrer Liebe also auslegte: Die Perl’ in Muscheln gleicht der Lieb’ in meinem Hertzen. Zeugt jene Morgen-Thau/ fleußt die von Himmels-Kertzen. Am andern Pfeiler standen eben solche zu der Empfaͤngnuͤs der Perlen sich eroͤffnende Mu- scheln; derer Geburt aber durch den darein schimmernden Blitz zernichtet ward; darunter aber druͤckte das viel mildere Feuer der Liebe folgende Reymen aus: Der Blitz stoͤr’t die Geburt der Perlen; Flamm’ und Glut Des Liebens aber ist auch zaͤrt’sten Perlen gut. Am dritten Pfeiler war eine Menge be- fruchteter Perlen zu sehen; in derer aller Schoß aber mehr nicht/ als eine Perle zu sehen war; sintemahl eine Muschel mehr nicht/ als eine solche Tochter zu empfangen faͤhig ist. Welches Thußnelde derogestalt ihr zueignete: Die Purpur-Schnecke zeugt nur eine Perl’ allein. So schleust mein Hertz’ ein Hertz auch eines Herrmanns ein. Am vierdten Pfeiler muͤhte sich die Sonne mit ihren kraͤfftigen Feuer-Stralen eine zu- geschlossene Muschel zu eroͤffnen; ohne welcher Wuͤrckung sich keine sonst auffthut; wordurch die edle Thußnelde die Wuͤrdigkeit ihres Lieb- habers mit diesen Worten erhob: Die Muschel laͤßt sich nur durch kraͤfft’ge Waͤrmd’ auffschluͤs- sen; Und meine Sonne kan mich Perle nur genuͤssen. Der fuͤnffte Pfeiler stellte ein stuͤrmende; Meer fuͤr Augen/ welches mit seinen Wellen die Perlen-Muscheln sonder einige Beschaͤdi- gung von allem Unflate sauber abspielte/ mir der Beyschrifft: Des Meeres truͤber Schaum thut Perlen Schmach und Neid Der zarten Seelen-Frucht der Liebe gar kein Leid. Am sechsten Pfeiler war eine Murene/ die sich die verbitterten Meer-Fluten an den Klip- pen zu zerschmettern vergebens bemuͤhten; als welcher Fisch harte Schlaͤge/ nicht aber gelinde auszustehen vermag; wormit Thußnelde die fruchtlose Bemuͤhung des gewaltsamen Mar- bods derogestalt zu verlachen schien: Kein Schlag/ ein linder Streich kau die Murenen zwingen; Und Liebe laͤßt sich nicht durch Zwang zu wege bringen. Am siebenden Pfeiler sahe man/ wie ein Ko- rallen-Gewaͤchse/ so weit es das Meer-Wasser benetzte/ einer weichen Pflantze gleichte/ so weit es aber die Lufft trocknete/ sich versteinerte. Wormit die Fuͤrstin Thußnelde durch einen Gegensatz die Erweichung ihres Hertzens de- rogestalt zu entschuldigen meinte: Die Zeit verkehr’t Korall aus einem Kraut’ in Stein; Die Lieb’ ein Hertz in Wachs/ das marmeln schien zu seyn. Welcher Arminius und Thußnelda. Welcher Entschuldigung denn der achte Pfeiler abermahls durch eine von dem Him- mels-Thau getraͤnckte Muschel und dieser Un- terschrifft zu Huͤlffe kam: Nichts/ als der Himmel weiß die Muscheln zu besaͤmen; Ein keusches Hertze nur die Tugend anzunehmen. Dieses bekraͤfftigte an dem neundten Pfei- ler eine sterbende Purpur-Schnecke; welche mit ihrer Koͤniglichen Farbe das Meer-Was- ser/ als ihr Begraͤbnuͤs/ noch herrlicher anroͤ- thete/ und die darunter stehende Auslegung: Die Purper-Schnecke macht ihr Grab auch sterbend roth; Nichts minder herrlich ist der Keuschheit reiner Tod. Die gar wol moͤgliche Vereinbarung der Keuschheit und Liebe erhaͤrtete am zehenden Pfeiler eine nichts minder mit ihrem Purper/ als ihrer Perle prangende Schnecke; welche fuͤr die Fuͤrstliche Braut hiermit eine Vorred- nerin abgab: Wie Perl und Schnecken-Blut verschwistert sind zusammen; So ist der Keuschheit-Schnee vermischt mit meinen Flammen. Der eilffte Pfeiler entwarff mit einem in der See brennenden Stern-Fische die Bestaͤndig- keit ihrer Liebe fuͤr sie redende: Lescht ein gantz Meer nicht aus der Sternen-Fische Glut; So tilget meine Lieb’ auch weder Eyß noch Flut. Endlich versicherte der zwoͤlfte Pfeiler durch eine gleich aus dem Meeꝛe geꝛissene/ und sich al- lererst roͤthende Korallen-staude ihren Braͤuti- gam: daß ihre Liebe auch mit dem Tode nicht verleschen wuͤrde/ nebst diesen zweyen Zeilen: Wenn man’s Korall bricht ab/ so wird es erst recht roth/ Rechtschaffne Liebe gluͤht/ wenn schon ein Theil ist todt. Uber diß hatten die Barden die zwey Unhol- den des menschlichen Lebens Haß und Neid/ als welche beyde Vermaͤhlten geraume Zeit grausam verfolget/ und die zwey schaͤdlichen Mißgeburten der ehlichen Liebe/ nehmlich die Eyversucht und Unfruchtbarkeit ausgestossen und mit allerhand wolruͤchenden Wassern und Oelen zusammen gebackenen Kohlen an die vieꝛ Theile des Tempels in menschlicher Lebens- Groͤsse auffgestellt/ diesevier Bilder aber uͤber und uͤber mit glaͤntzendem Agstein zierlich be- kleibet: daß sie einen hellen Gold-Glantz un- ter so viel Fackeln von sich warffen. Gegen Ost stand das Bild des Hasses auff einem grossen Stiere/ welcher Fluß- und Strom-Fisch alle andere hasset/ und die er nur uͤberwaͤltigen kan verschlinget. Das Bild selbst sahe einer von Zorne aufgeblasenen aus den Augen und dem Munde schaͤumenden Kriegs-Goͤttin aͤhnlich; in der rechten Hand hatte sie eine brennende Fackel. Der auffgesperrte Wolff war mit Wolffs-Zaͤhnen/ die Finger mit Tiger-Klau- en ausgeruͤstet; auf der Brust waren Scorpio- nen gebildet; welche/ wenn sie mit den ausge- streckten Scheren was umarmen/ mit dem gif- tigen Schwantze verwunden. Auff dem Kopffe hatte es einen von Schlangen geflochtenen Krantz; die fornen und hinten einen Kopff ha- ben/ gleich als wenn der Haß sich nicht ver- gnuͤgte/ vorwerts mit seinen Bissen/ sondern auch hinterwerts mit seiner Verlaͤumdung zu beleidigen. So bald der Feldherr und die Fuͤr- stin Thußnelda bey diesem Bilde voruͤber gieng/ fielen von der brennenden Fackel dieser Koh- len-Seule etliche Funcken auff den Kopff/ die alsbald den Schlangen-Krantz/ folgends den Kopf/ endlich das gantze Bild gluͤend machten; welches so lange einen annehmlichen Wuͤrtz- Geruch von sich gab/ biß es nach und nach in Asche verfiel. Die zwey Verliebten lasen zu ihrer grossen Vergnuͤgung an dem steinernen Fusse diese der Tugend und dem Feldherrn zu Ehren eingegrabene Siegs-Zeilen: Wie Kiesel/ die man schlaͤgt/ nur geben Glantz und Licht/ Wie ieder Lorbeer-Baum so Blitz als Winter lacht/ Die Glut das Gold/ der Wind die Fackeln heller macht/ Der Palm-Baum und Acanth von keiner Last zerbricht/ K k k k k k k 2 Wie Achtes Buch Wie keine Faͤulnuͤs nie das Pfanen-Fleisch anficht/ Kein Wurm die Ceder frißt/ der Sturm die Glut auffacht/ Der kleine Sternen-Beer nie untergeht zu Nacht; So schad’stu/ thoͤrchter Haß/ der edlen Tugend nicht. Fuͤrst Herrmanns Gluͤck und Ruhm lehrt itzt mit Schaden dich: Wer Schlang- und Nesseln druͤckt/ empfinde Brand und Stich/ Der Wellen Zorn vergeh’ auff Felsen nur in Schaum/ Man reibe mit Verlust sich an den Eichen-Baum/ Es aͤschre sich der Blitz/ der Schwantz-Gestirne Schein Nichts minder/ als der Haß/ durch eignen Zunder ein. Das andere Bild des Neides stand gegen Mittag; weil der Neid nichts minder der Tu- gend/ als der Schatten der Sonne anhaͤnget; und zwar mit iedem Fuße auff einer Schlange; entweder weil jene Unholdin gegen dem Gluͤ- cke sich nichts minder als dieser Wurm gegen die Sonnen-Strahlen auflehnet; oder weil sich die neidische Juno mit zwey Schlangen den verhasten Hercules noch in der Wiege aufzu- reiben bemuͤhet hat. Das Bild selbst war ein Abriß eines alten abgemagerten und schwind- suͤchtigen Weibes; Weil dieses Laster bey an- derer Menschen Wachsthume nicht anders ab- zunehmen/ als die Zwiebeln bey zunehmendem Mohnden auszutrocknen pflegen. Es fielen selbtem die runtzlichten Augenlieder zu; weil die Bekuͤmmerung um fremden Wolstand die- sen Molch niemahls ausschlaffen laͤst/ oder bey fremdem Gluͤcks-Sterne keinen Stern zu ha- ben vermeinet/ und von anderm Lichte verblaͤn- det wird. Die von Gifft blaue Zunge reckte es wie die zu stechen geruͤstete Nattern herfuͤr; Die Lippen waren blaß/ und von dem Eßige der Mißgunst zerbeitzt; weil dieses Ungeheuer niemahls als uͤber anderm Schaden zu lachen pflegt. Es speyete einen Hauffen Galle von sich; weil dieses Seelen-Geschwuͤre auch Zu- cker und Honig darein zu verwandeln pflegt. Die Brust war voller Narben; weil der Neid sein eigener Hencker/ das Hertze seine eigene Folter-Banck ist. Auf dem Kopffe hatte es einen Krantz von Aegeln/ welche ihm sein eigen Blut aussaugten. Jn der einen Hand eine Peitsche von Nattern; derer Koͤpffe sich aber in das Fleisch der Armen tieff eingefressen hat- ten; in der andern eine Wachtel; weil jenes Ungeheuer nichts weniger uͤber fremder Tu- gend/ als dieser Vogel uͤber dem Silber-Kreiße des aufgehenden Mohnden seuffzet. Unter dem Arme hatte es ein Horn des Uberflußes/ darin- nen aber eitel Aschen- und Holtz-Aepfel/ Schle- en/ Koloquinthen und andere bittere Fruͤchte enthalten waren; Denn Eßig ist der Zucker/ und Unflat der niedlichste Unterhalt des Nei- des/ welcher sich an dem boͤsen ergoͤtzet; uͤber dem guten sich zu tode graͤmet. So bald die zwey sich diesem Kohlen-Bilde naͤherten/ ward es von einem kuͤnstlich bereiteten Blitze angezuͤn- det; welches denn als ein der Fuͤrsten Thußnel- de Keuschheit und Bestaͤndigkeit gewiedmetes Opffer durch einen durchdringenden Ambra- Rauch sich gluͤende verzehrte; woruͤber beyde die an dem steinern Fuße eingeetzten Reymen mit hoͤchster Ergetzligkeit lasen: Spey’ aus itzt Galle/ Gifft und Eyter/ blaßer Neid! Denn ob dein Athem zwar Kraut/ Laub und Graß ve r heeret/ Zibeth in Huͤtten-Rauch/ die Lilg’ in Wolffs-Milch kehret/ Aus Honig Wermuth saugt/ auff Rosen Kroͤten spey’t; So thut dein Geissern doch der Keuschheit minder Leid/ Als wenn ein bellend Hund den vollen Mohnd’ anfaͤhret. Ja wie der Sonnen-Glantz der Nebel Dunst verzehret/ So tilgt auch deinen Dampff Thußneldens Sittsamkeit. Der Erde Schatten reicht zu hoͤhern Sternen nicht/ Schwaͤrtzt er den Mohnden gleich Ein Hercules zerbricht Die Schlangen/ die auf ihn die Mißgunst ruͤstet aus. Das Blut verzehrt durch Rost das Mord-begier’ge Schwerdt/ Das Feuer Etnens Bauch/ das biß zum Himmel faͤhrt; So wird durch eignen Brand der Neid auch Asch’ und Grauß. Gegen Westen stand das Bild der Eyver- sucht; gleich als wenn durch sie die Liebe taͤg- lich ihren Unter gang haͤtte. Es stund auf ei- nem Basilißken; weil dieses gifftige Thier sei- ne Nebenbuhler nicht so wohl mit Feuer und Schwerdt zu toͤdten/ als mit denen Augen zu erstechen gesinnet ist; wormit es gleichwol eine Aehnligkeit ihrer Stieff-Mutter/ nemlich der Liebe behalte; als welche gleichfalls durch die Pforten Arminius und Thußnelda. Pforten der Augen/ ob sie schon von denen sich Verliebenden nicht gesehen wird/ eindringet; mit ihrem annehmlichen Lichte das Gesichte verblaͤndet/ und mit ihren lebhafften Strahlen die Seelen toͤdtet. Dieses Bild stellte vorwerts ein heßliches/ hinten ein schoͤnes Weibesbild fuͤr; weil dieser Wurm so wol auf Rosen/ als schlechtem Mah kreucht; ja die hiervon be- schmeißte Schoͤnheit sich allezeit ungestalter haͤlt als ihre Neben-Buhlerin. Uber den gan- tzen Leib war es mit eitel auffgesperrten Augen besaͤet; weil Eyversuͤchtige weder Tag noch Nacht ruhen koͤnnen/ und Scharffsichtigkeit nichts minder als das uͤbermaͤßige Licht der Sonnenstrahlen ihre Augen verblendet: daß sie einen nichtigen Schatten fuͤr ein wahrhaffti- ges Wesen ansehen. Um das Haupt war an statt des Krantzes ein Pomerantzen-Zweig mit anhangenden Fruͤchten geflochten; Auff der Scheitel aber war ein Drache; gleich als wenn dieser eyvernde Wurm nichts minder seine Buhlschafft/ als der in den Hesperischen Gaͤr- ten die guͤldenen Aepffel bewachen muͤste. Jn der rechten Hand fuͤhrte die Eyversucht eine mit Dornen umwundene Fackel/ derogleichen einige Voͤlcker bey denen Vermaͤhlungen zu brauchen pflegen/ um so viel den Stachel als Brand beyder Gemuͤths-Regungen abzubil- den. Auff der lincken Hand saß ein Geyer; welcher aber mit seinem Schnabel in dieses Bildes Brust einhackte/ und sich gleichsam mit dieses andern Tityons Leber speisete. Bey waͤhrender wolruͤchenden Verglimmung die- ses Ungeheuers lasen die Fuͤrsten nachfolgende Auslegung: Weg/ mit der Eyversucht! Sie ist des Todes Bild/ Ein Zaum der reinen Lieb’/ ein Kind der duͤstern Nacht/ Ein Dunst/ der Augen blind-die Sonne finster macht/ Ein Wurm/ der seinen Koth in Ros’ und Purper huͤll’t/ Gifft/ das aus Nec t ar fleußt/ doch aus der Hoͤle quillt/ Durch das aus Berg-Kristall uns wird der Tod zubracht/ Ein Hencker seiner Hold/ ein Wahnw i tz/ wo Verdacht Mehr als ein Argos sieht/ mehr als die Keusch heit gilt. Fleuch! weil die Liebe ja schon ohne deine Pein Kan eine Folter-Banck und eine Hoͤlle seyn; Du aber aͤrger noch/ als Hoͤll und Folter bist. Doch weil hier himmlisch Oel die Liebes Ampeln naͤhrt; So muͤht ihr Flammen euch: daß ihr diß Thier verzehrt/ Zu lehrn: daß Eyversucht sich selbst quaͤlt/ wuͤrgt und frißt. Gegen Mitternacht saß das Bild der Un- fruchtbarkeit auf einem Maul-Esel. Diese hatte schlaffe abhaͤngende Geiß-Bruͤste/ einen fetten Wanst/ und einen kriplichten Ruͤcken. Jn der Hand hatte es eine Sichel; wormit entweder auf die grausame vom Saturn an seinem Vater veruͤbte Verstimmelung der Geburts-Glieder/ als welche auch diesem Bil- de gaͤntzlich ermangelten; oder weil der Ysop die Garten-Muͤntz und unterschiedene andere Kraͤuter nicht ohne ihre Verwesung vom Ei- sen beruͤhret werden. Jn der andern Hand hatte es eine Schale mit Wein/ und eine dar- innen getoͤdtete Meer-Barbe/ welch Getraͤn- cke die Weiber unfruchtbar macht/ und deßwe- gen Asinius Celer zum minsten deßhalben einen um acht tausend Groschen zu theuer gekaufft hat. Um das Haupt hatte es einen Krantz von Sadelbaum/ Hirzenzung/ Farren-Kraut/ Raute/ und andern die Fruchtbarkeit hindern- den Kraͤutern. Uber die Achsel hieng eine Wie- der-Haut; als welchen Thieres getrunckenes Wasser gleicher Gestalt Unfruchtbarkeit ver- ursacht; ungeachtet die gantze Natur geschwaͤn- gert wird/ wenn die Sonne in das Zeichen des himmlischen Wieders tritt. So lange nun das Bild der Eyversucht gluͤete; so geschwinde ward die Seule der Unfruchtbarkeit verzehret. Deñ so bald die zwey Fuͤrstlichen Vermaͤhlten selb- tem gegen uͤber kamen; ward es von einem unterirrdischen Feuer angezuͤndet/ und durch einen schnellen Brand theils in Asche/ theils in einen wolruͤchenden Weyrauch-Rauch/ der den gantzen Tempel wie eine Wolcke uͤberzoh/ ver- wandelt; Gleich als wenn die Eyversucht lan- ge Zeit vertilget seyn/ die Unfruchtbarkeit aber K k k k k k k 3 ohne Achtes Buch ohne Zeit-Verlierung aus dem Wege geraͤu- met werden solte. Der steinerne Fuß blieb allein unversehrt/ und zeigete denen Anwesen- den folgende Grabe-Schrifft der Unfrucht- barkeit: Der Liebe Mißgeburt/ die Mutter herber Pein/ Die Wehen ohne Kind/ und Affter-Buͤrden kriegt/ Das S t ieff-Kind der Natur/ der Staͤmme Wurmstich liegt Durch eine heil’ge Glut allhier geaͤschert ein. Denn kein gebrechlich Zwerg kan diesen Tag entweihn/ Da sich ein Hercules zu einer Goͤttin fuͤgt/ Die ja die Liebe selbst auff ihren Bruͤsten wiegt/ Und aus den Augen streut nur fruchtbarn Sonnenschein. Verwirff/ Thußnelde/ nun nicht diesen schlechten Rauch/ Vergnuͤgt sich doch der Mohnd’ an gelben Kuͤhen auch/ Besaͤmt ihr Silber-Horn gleich Himmel/ Erd und Meer. Gluͤck zu ! ich sehe schon befruchtet Herrmanns Hauß. Denn die Unfruchtbarkeit wird hier getilget aus/ Es kommt aus ihrer Asch’ ein junger Fenix her. Nach dem nun beyde Fuͤrstliche Vermaͤhlte an diesen Gedancken und Entwuͤrffen der Barden Augen und Gemuͤthe vergnuͤget; wur- den sie auff zwey hocherhabene Stuͤle geleitet. Sie hatten sich aber bey waͤhrendem anmuthi- gen Gethoͤne der von denen Barden angestim̃- ten Lobgesaͤnge kaum niedergelassen/ als sich eine Cimbrische Wahrsagerin ihnen gegen uͤber stellte. Jhr um den Leib mit einem Ertztenen Guͤrtel zusammen gezogenen Kleider waren eben so wol/ als ihre fluͤgenden Haare wegen Alters schneeweiß; die Fluͤsse mit den Armen aber gantz nackt. Dieser Art Weiber haben ihren Nahmen von ihreꝛ Uhrheberin Alironia/ pflegen die gefangenen Feinde abzuschlachten/ in den Schlachten auf ausgespannten Haͤuten mit gewissen Kloͤppeln ein Geraͤusche zu ma- chen/ und so wol aus denen Eingeweiden der geschlachteten Thiere/ als andern Zufaͤllen kuͤnfftige Begebenheiten zu verkuͤndigen. Die- se Wahrsagerin hatte in der Hand eine aus Ertzt gegossene Kugel; welche sie in das mitten im Tempel brennende Hochzeit-Feuer warff/ und so heiß werden ließ: daß sie bey nahe gluͤete/ und die Opffer - Knechte mit eisernen Zangen aus denen gluͤenden Kohlen scharren musten. Sie aber nahm diese Kugel und warf sie so geschwin- de aus einer blaßen Hand in die andeꝛ: daß selbte von der Hitze unversehrt blieben. Hiermit wen- dete sie sich zugleich etliche hundert mahl auf der Ferse ihres lincken Fußes in einen Kreiß her- um; mit hoͤchster Verwunderung der Zuschau- er: daß ihr Haupt weder kringlicht ward/ noch sie zu Bodem fiel. Am seltzamsten aber war: daß sie endlich die Augen im Kopffe verdrehte/ und gleichsam als entzuͤckt sich gebehrdende/ mit ei- ner durchdringenden und schwirrenden Stim- me aber zu singen anfieng: Nehm’t eines neuen Quelles Lauff/ Der Aloe vor nie geseh’ne Bluͤthen/ Jhr Deutschen/ fuͤr kein Wunder auff! Wenn alle Baͤum’ und Standen sich bemuͤhten Fuͤr Schleen Wein/ fuͤr schlechten Mah Jasmin/ Fuͤr Aepffel Gold/ fuͤr Laub Schmaragd/ fuͤr Obst Rubin/ Fuͤr Blumen Perl’n und Diamant zu bringen; Waͤr’ alles dieses Wachsthums Pracht Ein Schatten gegen’s Licht/ und eine duͤst’re Nacht. Weil eine einz’le Frucht allein/ Die uͤber’s Jahr uns wird Thußneld’ ablegen/ Mehr Wunder ist/ und ein viel reicher Segen Als Perlen/ Gold/ Jasmin/ Schmaragd und Wein. Aus keinem Brunnen quillt auch so viel Wasser her/ Als Herrmann Wolthat wird auffs Vaterland ausstroͤmen/ Kan doch ein Buͤrger auch des Volckes Heilbrunn seyn/ Gutthaͤt’ge Fuͤrsten aber sind ein unerschoͤpflich Meer. Nach dem alle diese und andere zu der Ein- weihung der Fuͤrstlichen Vermaͤhlten gehoͤrige Verrichtungen vorbey waren; die Priester auch in dem Tempel auff dem grossen Altare; welches mit sieben und siebenzig aus Jung- frauen-Wachse bereiteten Kertzen umsetzt stand/ ihre von angezuͤndetem Weyrauch und Agstei- ne bereitete Opffer verbracht hatten/ erhoben sich die Vermaͤhlten von ihren Stuͤlen; und giengen in Begleitung der andern Fuͤrsten aus dem Tempel; an dessen Pforte sie der Priester Libys mit abermaliger Besprengung aus dem geweihten Brunnen/ und mit tausend Gluͤcks- Wuͤnschen gesegnete. Der Arminius und Thußnelda. Der Feldherr aber hatte kaum den ersten Fuß von den Pfosten des Tempels gesetzt/ als oberwehnte Alironische Wahrsagerin sich durch das Volck durchdrang; von ihrem Antlitze ei- nen Strom Thraͤnen abschuͤssen ließ/ dem Her- tzog Herrmann mit beyden Armen um den Hals fiel und ihn kuͤssete. Wie sie denn hierauff Thußnelden gleicher Gestalt umhalsete/ und mit hundert Kuͤssen ihre ungemeine Gewogen- heit versiegelte. Nicht nur alle Umstehenden; sondern der Feldherr selbst verwunderten sich uͤ- ber dieser Begebung/ und wusten selbte nicht auszulegen; weil diese Wahrsagerinnen sonst ewige Keuschheit gelobet haben; und von dem blossen Anruͤhren eines Mannes befleckt zu werden glauben. Diesem Kummer aber ab- zuhelffen fieng die Wahrsagerin an: Erlauch- teste Liebhaber; nehmet meine Liebes-Zeichen fuͤr keinen Vorwitz oder Frevel auf; Mißgoͤn- net an euerer heutigen Gluͤckseligkeit derselben nicht ein Theil; die nach euch sie am nechsten angehet. Denn/ liebster Herrmann/ schaͤme dich nicht an diesem Stamm- und Geburts- Maale (hiermit entbloͤste sie ihre Schulter/ und zeigte ihm darauf eine feurige Rose) mich fuͤr die Tochter des Surena/ und fuͤr deine nun- mehr wieder gluͤckselige Mutter zu erkennen. Der Feldherr erstarrte fuͤr Verwunderung; und wuste nicht: ob er die Erscheinung seiner vorlaͤngst todt geglaubten Mutter fuͤr eine wahrhaffte Begebenheit; oder fuͤr einen Traum/ oder wol gar fuͤr ein Gespenste halten solte. Er erholete sich aber alsbald durch die kraͤfftige Auffwallung seines kindlichen Gebluͤ- tes; und umarmete sie mit nicht geringer Ge- muͤths-Vergnuͤgung/ als er vorher von denen muͤtterlichen Armen genossen hatte. Die hold- selige Thußnelde feyerte auch nicht durch die empfindlichsten Liebes-Bezeugungen der tu- gendhafften Asblasten verstehen zu geben: daß sie nichts minder/ als Hertzog Herrmann Gott fuͤr die Wiederschenckung einer so heiligen Mutter zu dancken Ursache haͤtte. Wiewol nun uͤbermaͤßige Freude nichts minder als Schrecken der Beredsamkeit ein Gebieß an- legt; so unterhielten sich doch diese drey Perso- nen mit abgewechselten Merckmalen ihrer in- nersten Zuneigungen eine gute Stunde/ ehe die andern Fuͤrsten die gleichsam von den Tod- ten zuruͤck gekommene/ und wegen so vieler Jahre Abwesenheit nunmehr schier unkentli- che Fuͤrstin Asblasten zu bewillkommen Raum und Zeit fanden. Hierauff nahm sie die Cat- tische Hertzogin mit grosser Ehrerbietung auff ihren Wagen/ und kamen sie saͤmtlich in vori- ger Ordnung/ ausser: daß der Feldherr sich zu der Fuͤrstin Thußnelden auff ihren goldenen Wagen gesetzt hatte/ wieder nach Deutschburg; wo die Strassen die Menge des frolockenden Volckes zu begreiffen viel zu enge waren. Auff der Burg waren hundert Taffeln bereitet fuͤr die Ritterschafft/ die Kriegsbeamptete/ und an- dere; welche theils ihre Pflicht/ theils die Sorg- falt zu diesem Beylager gezogen hatte/ zu be- wirthen. Uber diese war in einem grossen und hohen Saale in Gestalt einer Sichel oder eines wachsenden Mohnden eine Taffel fuͤr hundert Fuͤrstliche Personen angerichtet. Die meisten Wildbahnen Deutschlandes hatten darzu das koͤstlichste Gefluͤgel und ander Wildpret; die Fluͤsse und die Ost-See die schmackhafftesten Fische gezinset; Die groͤste Verwunderung a- ber erweckte insonderheit bey denen auslaͤndi- schen Fuͤrsten: daß einem ieden Gaste/ nicht nur wie in denen so beruͤhmten Mahlen etlicher Roͤ- mischer Buͤrgermeister gantze wilde Schweine und Hirschen; Grosse Schuͤsseln voll Fasanen/ Gerstlinge/ Brachvoͤgel/ Murenen/ und an- dern leckerhafften Speisen; wornach die uͤppi- gen Roͤmer die Zaͤhne zu lecken pflegten; son- dern gantze gebratene Ochsen/ Elende und Baͤ- ren in solchem Uberflusse auffgetragen wurden: daß weil alles Jnnlaͤndische Trachten waren/ sie nicht so wol des Cheruskischen Hertzogs Pracht/ Achtes Buch Pracht/ als die Guͤte des reichen Dentschlan- des ruͤhmen musten. Zum Getraͤncke ward zwar ein aus Gersten und Hopffen gekochtes Bier/ ein aus Honig und Baumfruͤchten ab- gejohrner Meth; aber auch allerhand theils in Gallien/ theils Pannonien/ theils so gar in den Gluͤcks-Eylanden gewachsener/ von denen Friesen eingefuͤhrter Wein auffgesetzt; und zum Theil aus Hoͤrnern der Auer-Ochsen/ theils aus irrdenen Geschirren/ welche aus ei- ner bey denen Marsingern unter dem Gebuͤr- ge auff zwey gaͤhen Huͤgeln gegrabenen und der Lemnischen gleichgeschaͤtzten Erde geferti- get werden/ auf Gesundheit der Vermaͤhlten freudig herum getruncken. Hierunter wur- den nun zwar vermenget etliche aus Berg- Kristallen kuͤnstlich geschnittene; unterschiedene Murrhinische oder von denen Serern gebacke- ne; viel guͤldene mit kostbaren Edelgesteinen/ oder herrlich geetzte/ wie nichts minder aus gan- tzen Jaspissen und Agathen ausgehoͤlete Trinck geschirre/ mit welchen der Kayser und andere Grosse entweder den deutschen Feld- Herrn beschencket; oder die Deutschen unter dem Geraͤthe des Quintilius Varus/ von wel- chem gantz Asien erschoͤpfft worden war/ zur Beute bekommen hatte. Wiewol nun diesen Geschirren bey denen Roͤmern theils ihre Sel- tzamkeit/ theils die Zerbrechligkeit einen un- schaͤtzbaren Werth beygelegt/ und das Gold be- reitszu dem geringsten Beysatze gemacht hat- te; so wurden diese doch denen Einlaͤndischen irrdenen gar nicht fuͤrgezogen; sondern selbte meist nur zum Andencken derer vom Feldherrn bey den Roͤmern ausgeuͤbten Helden-Thaten/ theils des letztern grossen Sieges wieder den Varus aufgesetzt; und zwar diese Fuͤrstliche Taffel von eitel adelichen Jungfrauen bedie- net; welche aber/ ob sie zwar nach der Landes- Art groͤsten theils nackt/ und ihrer Schoͤnheit halber aller anderer Voͤlcker Toͤchtern vorzu- ziehen waren/ bey denen tugendhafften Deut- schen/ derer gute Sitten mehr/ als anderwerts scharffe Gesetze Gutes stiffteten/ keine streitba- re Regungen verursachten. Sintemahl doch keine gewissere Unschuld zu finden ist; als wo man von gewissen Lastern keine Wissenschafft hat. Denn derselben Bekandtschafft klebt schon ein so suͤchtiger Kitzel an: daß ihrer viel nicht so wol aus Begierde sich zu vergnuͤgen/ als aus Vorwitze fremder Gebrechen Geschmack zu erkundigen/ sich in den tieffsten Schlam ab- scheulicher Boßheiten stuͤrtzen; und durch an- genommene boͤse Gewonheit auch aus der Bit- terkeit beschwerlicher Suͤnden eine verzuckerte Ergetzligkeit schoͤpffen. Zu geschweigen: daß die gemeine Entbloͤssung auch derselben weib- lichen Gliedmassen; welche doch die Natur gleichsam zu einer Ruͤst-Kammer der Liebe er- kieset hat/ mehr eine Ursache des Eckels/ als ei- nen Zunder der Begierden abgiebt. Sintemal unsere verwehnte Zuneigung diese seltzame Art an sich hat: daß sie den sich selbst anbietenden Uberfluß verschmaͤhet; an einer sich weigern- den Vergnuͤgligkeit aber sich nicht ersaͤttigen kan; also: daß der verliebte Jupiter so gar in Ertzt zerschmiltzt/ um der verschlossenen Da- nae zu genuͤssen. Nach der um Mitternacht auffgehobenen Taffel ward die Fuͤrstin Thußnelde von hun- dert edlen Jungfrauen in das Hertzogliche Schlaff-Gemach geleitet; sie aber vorher un- ter allerhand zierlichen Taͤntzen ihres Krantzes beraubet/ und hernach gleichsam in die Haͤnde der Cattischen Hertzogin und anderer anwesen- den Fuͤrstinnen uͤberlieffert; darauff in ein von lauter Eysvogel-Federn gefuͤlletes/ mit Gold und Seiden herrlich aufgeputztes Bette beglei- tet; und endlich dem uͤbeꝛ seinem Liebes Siege nichts weniger als uͤber dem erschlagenẽ Varus freudigen Herrmañ Raum gemacht/ der aller- vollkommensten Fruͤchte zu genuͤssen; welche iemahls die Tugend von so reiner Keuschheit und Arminius und Thußnelda. und unver gleichlichen Leibes- und Gemuͤths- Schoͤnheit eingeerndet hat. Wie nun Lycurgus denen Spartanern ein Gesetze gab: daß neue Eh - Leute eine Zeit lang fast immer Tag und Nacht bey anderer Gesellschafft zubringen/ und ihre heimliche Ergoͤtzligkeiten schier nur stehlen musten; Also ist hingegen bey denen Deutschen Beylagern die Gewonheit: daß die Fuͤrstlichen Vermaͤhl- ten sich den andern Tag nicht oͤffentlich zeigen; sondern sich in ihren Zim̃ern einsam aufhalten; inzwischen aber ihren Gaͤsten die freye Will- kuͤhr ihrer Ergoͤtzligkeiten uͤberlassen. Diese Zeit meinte nun die Koͤnigin Erato nicht nuͤtzli- cher anzulegen; als daß sie bey der Cattischen Hertzogin Erdmuth fuͤr sich und andere gefan- gene Fuͤrsten eine Ersuchung ausbitten ließ. Weil nun diese mit der allerhoͤchsten Hoͤfligkeit solche Ehre annahm/ Fuͤrst Adgandester und die Graͤfin von der Lippe aber befehlicht waren/ diese zwey grosse Frauen mit aller ersinnlichen Bedienung zu unterhalten/ fanden sich nach dem Hertzoge Zeno Rhemetalces/ Malovend/ Flavius/ Salonine auch diese bey noch ziemlich fruͤhen Morgen dahin. Bey welcher auch Jsmene/ die Cattische Fraͤulein Catta/ und die den Abend zuvor nach Deutschburg angekom- mene Fuͤrstin Adelgunda des Herzogs Ganasch Tochter angetrosfen wurden. Nach vielfaͤlti- gen gegen einander erwiesenen Liebes-Bezei- gungen fiel die Koͤnigin Erato bald auff die Gluͤckseligkeit der zweyen Fuͤrstlichen Ver- maͤhlten; lag auch der Graͤfin von der Lippe an/ ihr vertroͤsteter massen beyder Liebes-Ge- schichte zu entwerffen/ um ihre Freude so viel mehr vollkommener zu machen. Hertzog Ar- pus sahe der Graͤfin ihre fuͤrhabende Entschul- digung an der Stirne an; und meldete: daß die- se nicht ihre vollkommene Vergnuͤgung erlan- gen koͤnte; wenn nicht Fuͤrst Adgandester die vorhergehenden und ihm am besten bekannte Ebentheuer des Feldherrn voran setzte. Her- tzog Zeno nahm sich dessen alsbald an; und erin- nerte Adgandestern seiner deßwegen gethanen Vertroͤstung. Daher dieser sich hiervon nicht loß zu wuͤrcken vermochte; sondern ohne einige Zeitverlierung folgende Erzehlung anfieng; wiewol mit dieser hoͤflichen Bedingung: daß seine Willfaͤhrigkeit fuͤr keinen Vorwitz/ seine Fehler fuͤr keine Unvollkommenheit eines so grossen Fuͤrsten aufgenommen; sondern viel mehr seine Gebrechen mit der Pflicht seines Gehorsams entschuldiget werden moͤchten. Der Feldherr Segimer/ fieng Adgandester an/ saß mit seiner unvergleichlichen Asblaste sieben Jahr in der Eh/ ehe sie einmahl schwan- ger ward. Welche Unfruchtbarkeit nicht allein beyden Ehleuten/ sondern auch dem Volcke empfindlich zu Hertzen gieng. Jnsonderheit aber erwog diese kluge Fuͤrstin: daß Kinder die sicherste Vormauer eines herrschenden Hauses sind; derselben Mangel aber den tapffersten Fuͤrsten so wol bey seinen Unterthanen als Nachbarn veraͤchtlich mache; jenen Anlaß ge- be sich nach einem neuen Haupte fuͤr der Zeit umzusehen; diesen aber die auf dem Falle ste- hende Herrschafft mit List oder Gewalt an sich zu bringen. Ja Gifft und Verraͤtherey im Hertzen kochende Staats-Diener werden von ihren ehrsuͤchtigen Rathsschlaͤgen durch nichts mehr zuruͤcke gehalten; Als wenn ihres Fuͤr- sten Hauß mit vielen Soͤhnen befestiget ist. Die- sen Kummer hielt Asblaste dem Feldherrn Se- gimer fuͤr; und bemuͤhte sich von ihm die Ein- willigung ihrer Ehscheidung zu erbitten; weil sie/ ihrem Beduͤncken nach/ nichts großmuͤthi- gers ausuͤben konte; als wenn sie der gemeinen Wolfarth wegen sich ihrer groͤsten Vergnuͤ- gung enteusserte. Weßwegen auch/ welchen ihre Tugend bekandt war/ und der Sache recht nachdachten/ urtheilten: daß Asblastens heim- lich fuͤrgenommene Ruͤckkehrung in Persien nicht so wol aus Eyversucht gegen die Aleman- nische Hertzogin Vocione; als um Segimern Erster Theil. L l l l l l l durch Achtes Buch durch ihre wolgemeinte Entbrechung eine fruchtbare Gemahlin zuzuschantzen geschehen waͤre. Nach dem aber Segimer das Gluͤcke hatte durch hundert seltzame Ebentheuer As- blasten wieder in Deutschland zu bringen; schuͤt- tete der durch so viel hertzhafft uͤberstandenes U- bel gleich sam versoͤhnete Himmel seinen Se- gen uͤber sie. Denn nach dem ihr getraͤumet hatte; sie wuͤrde von einem Loͤwen beschlaffen/ und sie sich erwachende unvermuthet in denen Armen ihres Eh-Herrn fand; welcher ohne ihre Wahrnehmung des Nachts aus dem Laͤ- ger nach Hause kommen war; fuͤhlte sie sich kurtz darauff schwanger. Und nach dem Se- gimer in Wahrheit ein Loͤwen-Hertz in seiner Brust fuͤhrte; hatte dieser Traum mit dem We- sen mehr Aehnligkeit/ als da die Mutter des grossen Alexanders und des Africanischen Sci- pio wie nichts weniger des Aristomenes bey den Messeniern/ des Aristodamas bey den Sicyo- niern von Drachen und Schlangen geschwaͤn- gert zu seyn ihnen einbildeten. Am nach denck- lichsten aber hatte dieser Traum die Großmuͤ- thigkeit unsers deutschen Loͤwen/ nehmlich des nach neun Mohnden gluͤcklich gebohrnen Fuͤr- sten Herrmanns angedeutet. Wie nun in vie- len ruhmwuͤrdigen Stuͤcken wir selbten ohne einige Heucheley dem grossen Alexander mit Rechte vergleichen; also scheinet dem Traume Asblastens diß/ was dem Philippus getraͤu- met/ sehr nahe zu kommen; Da er nehmlich im Schlaffe seiner Gemahlin Olympia Leib mit einem Siegel-Ringe/ in welchen ein Loͤw ge- graben war/ verwahren gesehen. Wie aber in der Nacht/ da Alexander gebohren ward/ der Ephesische Tempel zum Schrecken und Trau- ren gantz Asiens weg brennte; Also schloß Au- gust an dem Tage/ da unser Herrmann auff die Welt kam/ zur Freude der gantzen Welt zu Rom den Tempel des Janus das erste mahl zu; welchen fuͤr ihm nur Numa/ und der Buͤrger- meister Manlius Torquatus bey zweymahl er- langtem Frieden zuzusperren das Gluͤcke ge- habt hatten. Segimer traff in selbigem Tage einen Frieden; und sein Feld-Hauptmann er- langte nichts minder als Philippus durch den Parmenio wieder die Jllyrier einen herrlichen Sieg. Kurtz hierauff ward das durch Zwie- tracht gleichsam biß aut den Kern und Wurtzel zerspaltete Deutschland wieder vereinbart. Zwey Jahr hernach gebahr Asblaste zu unbe- schreiblicher Freude der Cherusker den Fuͤrsten Flavius. Welche zwey Fuͤrsten denn von der Wiegen an nach Art der streitbaren Deut- schen zu denen Waffen angewoͤhnet/ im Bo- genspannen und Schwingung der Lantzen ge- uͤbet; Gleichwol aber auch von einem Priester in der Roͤmischen und Grichischen Sprachel denen Geheimnuͤssen der Natur; sonderlich a- ber in der Sitten-Lehre/ im Feldmessen/ und von dem obersten Reichs-Rathe in der Staats- Klugheit sorgfaͤltigst unterrichtet wurden. Ein grosser Geist thut sich nichts minder/ als eine in der ersten Sprossen schon brennende Nessel durch Tapfferkeit zeitlich herfuͤr/ und gleichet sich dem Feigen-Baume/ dessen Bluͤ- ten die Fruͤchte selbst sind. Also soll Hercules in seiner Wiege schon durch Zerreissung zwey- er Schlangen seinen Helden - Geist erwiesen; Die Bienen mit Ablegung ihres gesammleten Honigs in die Lippen des Goͤttlichen Plato sei- ne uͤbermenschliche Weißheit angezeiget haben. Nichts minder ließ unser Herrmann in seiner zartesten Kindheit etliche Strahlen seiner Tu- genden von sich blicken. Als seine Mutter As- blaste sich einsmahls auff der Jagt verirrte/ und zwey Naͤchte aussen blieb; war der Durst kein genuͤgliches Zwangs-Mittel ihn zu bewegen: daß er an einer fremden Brust gesogen haͤtte; sondern er erkiesete fuͤr anderer Milch gemei- nes Wasser. Da auch Segimer und Asblaste einsmahls auf der Jagt in dem Barcenischen Walde waren; kam ungefaͤhr eine grausame Baͤrin zu der einen Jagt-Huͤtte; zerfleischete drey Arminius und Thußnelda. drey der behertzesten Jaͤger/ trieb die uͤbrigen Auffseher uͤber den jungen Herrmann in die Flucht/ trug ihn aber selbst in ihre felsichte Hoͤle sonder die geringste Beleidigung; und versahe ihn gleichsam wie die beruͤhmte Woͤlffin den Romulus mit ihrer Nahrung; biß die Baͤrin endlich von denen ihr auff die Spur kommen- den Jaͤgern und dem Segimer selbst erlegt/ dieses Kind aber aus einer so gefaͤhrlichen Am̃e Klauen errettet ward. Als er nur vier Jahr hinter sich gelegt hatte; und mit denen ihm zu- geordneten Edel-Knaben spielte/ rieß in dem Burghofe ein Tiger-Thier loß; welches zwey Knaben toͤdtete; als es aber an den Herrmann kam/ liebkosete es ihm; gleich als wenn die Tu- gend nicht nur die Gemuͤther der Menschen zu gewinnen; sondern auch die grimmigsten Thie- re zu zaͤhmen maͤchtig waͤre. Jm Ringen/ reiten/ fechten/ wettelauffen/ und andern Waf- fen-Ubungen that er es allen seinen Gefaͤrthen zuvor; also: daß auff der Rennebahn nichts minder Herrmann/ als Cyrus in der Hirten- Hoͤle fuͤr einen Fuͤrsten waͤre geachtet worden; wenn schon iemand seine Ankunfft nicht gewuͤst haͤtte. Fuͤrnehmlich musten alle an Geschwin- digkeit ihm ausweichen; gleich als wenn die Bewegung der Glieder der feurigen Regung seines Gemuͤthes ein Zeugnuͤs ablegen muͤste. Er stach zwar mit Schoͤnheit des Leibes alle andere weg; er hielt selbte aber als einen dem Frauen-Zimmer zugeeigneten Schatz veraͤcht- lich/ und ließ sich mehrmahls heraus: daß die Tugend die einige Schoͤnheit des Gemuͤthes; und das ruͤhmlichste Eigenthum der Fuͤrsten waͤre. Seine Reden waren seiner Ankunfft gemaͤß/ seinem Alter aber uͤberlegen. Sein Thun kam den Jahren zuvor; und die/ welche andern ein Beyspiel abgaben/ schaͤmten sich nicht in des jungen Herrmanns Fußstapffen zu treten. Ja als er noch nicht einmahl zeitig zum Kaͤmpffen war; wieß er in etlichen Bege- benheiten sich schon reiff zum siegen. Er muͤhte sich niemanden/ als denen edelsten und voll- kommensten Gefaͤrthen in seinem Beginnen vorzukommen; ja er eiverte mit seinen eigenen Ahnen; wenn er von ihnen was ruhmwuͤrdi- ges erzehlen hoͤrte; und mit seinem Vater/ wcñ er einen Sieg erwarb. Er empfand es gegen die Reichs-Raͤthe: daß sie Segimern es wie- derriethen ihn nicht mit ins Laͤger und in die Schlachten zu nehmen; als er gleich nur zwoͤlf Jahr alt war. Er war gegen iederman frer- dig/ gegen wolverdiente freygebig; gegen de- muͤthige mitleidig; gegen die Feinde eiffrig; und nichts minder den eigenen/ als der auslaͤn- dischen Reiche Zustand zu erkundigen begierig. Er gieng ins sechzehende Jahr; als die Fuͤrstin Asblaste mit ihm und seinem Bruder Flavius in einem nur eine halbe Meile von hier entle- genem Lust-Hause von des Drusus Reutercy uͤberfallen ward. Keine hundert bewehrte Maͤnner waren zur Gegenwehr gegen vier tausend Roͤmer verhanden. Denn kein Mensch hatte sich eines so unverhofften Feindes verse- hen. Gleichwol munterte dieser junge Held nicht allein mit Worten/ sondern mit seinem Beyspiele die wenigen Cherusker zur Gegen- wehre auf; ja er erlegte mit seinem Bogen und einem Wurff-Spieße drey Roͤmer; wolte sich auch/ ungeachtet ihm die Klinge am Degen ge- sprungen war/ keinem gemeinen Roͤmer/ die ihn umringten/ gefangen geben; biß des Buͤr- germeisters Cneus Cornelius Sohn/ der als Haupt die gantze Roͤmische Reuterey fuͤhrte/ selbst herzu drang und dem Fuͤrsten Herrmann den Degen abheischte; nach dem kurtz vorher Junius Silanus den auch auffs eusserste sich beschirmenden vierzehnjaͤhrigen Flavius mit der Fuͤrstin Asblaste gefangen genommen hat- te. Also erwarb dieser junge Held schon in so wenigen Jahren einen Ruhm von viel kuͤnffti- gen/ und wormit seine Tapfferkeit viel zeitlicher vorsichtig wuͤrde/ fieng das Gluͤcke desto ge- schwinder an ihm ein Bein unterzuschlagen. L l l l l l l 2 Drusus Achtes Buch Drusus kam mit der gefangenen Fuͤr stin Asblaste/ dem jungen Herrmann und Flavius in Jtalien. Weil aber Kayser August sich gleich auf der dem Minervischen Vorgebuͤrge gegen uͤber liegenden Ziegen-Jnsel aufhielt/ um in dieser anmuthigen und durch das Gebuͤrge fuͤr allen rauen Winden verwahrten Gegend die anderwerts raue Winter-Zeit hin zubringen; reisete Drusus Rom fuͤrbey biß nach Mintur- ne/ allwo er sich zu Schiffe setzte/ und auff das Ziegen - Eyland uͤberfuͤhren ließ. Er fand den Kayser eben an dem See - Strande in hoͤchster Gemuͤths-Vergnuͤgung. Denn als er fuͤnff Tage vorher dahin kommen war; hat- te eine alte Stein-Eiche an ihren duͤrren und zum Bodem abgesenckten Aesten gantz frische Blaͤtter bekommen. Welches dem Kayser so sehr erfreulich war: daß er dieses Eyland von der Stadt Neapolis gegen Abtretung des Ey- landes Aenaria eintauschte. Dißmahl befand er sich unter dem Gebuͤrge gegen denen Sire- nen-Jnseln; und ließ die ungeheuren Gebei- ne zweyer in einer Hoͤle gefundener Riesen ausgraben. Die Uberbringung dieser dreyer Fuͤrstlichen Gefangenen aber/ worvon Drusus um seine Ankunfft desto herrlicher zu machen/ nichts geschrieben hatte; stach alle vorige Ver- gnuͤgungen weg. Denn uͤber diß: daß er durch diese Geißeln das Fuͤrstliche Cheruskische Hauß zur Roͤmischen Dienstbarkeit zu faͤsseln ver- meinte; deuchtete ihn an der Fuͤrstin Asblaste wegen ihrer unver gleichlichen Schoͤnheit mehr eine Goͤttin/ als einen sterblichen Menschen zu sehen. Ja ihre Anmuth/ die sie gegen Livien bezeigte; als Drusus Asblasten ihr/ den Herr- mann und Flavius aber dem Kayser uͤberlief- ferte; und die Bitte: daß der Kayser sie und ih- re Kinder lieber in das nahe Meer wolte stuͤr- tzen/ als nach Rom zum Siegs - Gepraͤnge moͤchte fuͤhren lassen; bezauberte Augusten der- gestalt: daß er nicht nur ihr zu nicht geringem Unvergnuͤgen des Ehrsuͤchtigen Drusus sie ih- rer Bitte gewaͤhrete; sondern sich selbst in sie inniglich verliebte. Er ordnete diesemnach Asblasten nebst ihrem ohne diß mit gebrachtem Frauen-Zimmer etliche andere Roͤmische Die- nerinnen/ dem Herrmann und Flavius auch ihrem Stande anstaͤndige Aufwaͤrter zu; und muͤhte sich auf alle Wege ihnen die Verdruͤß- ligkeit der allezeit verhasten Gefangenschafft zu verzuckern. Denn die Gegitter der Kercker/ wenn sie gleich gemahlt oder gar von Golde sind/ bleiben allezeit heßlich. Jch solte/ sagte Adgandester/ hier die der Fuͤrstin Asblaste be- gegnete seltzame Ebentheuer umstaͤndlich er- zehlen; aber koͤstliche Wasser werden am besten aus ihrem Quelle getruncken; Die Geschichte aber von denen am wahrhaffte sten veꝛnommen/ welche ihre Augen zu Zeugen ihrer selbst ange- merckten Begebenheiten anziehen koͤnnen. Diesemnach wird die Graͤfin von der Lippe nicht nur so erlauchte Zuhoͤrer/ sondern mich selbst am hoͤchsten verbinden; wenn sie durch die Blumen ihrer Beredsamkeit meine raue Er- zehlung aufzuputzen sich mein Ansuchen bewe- gen lassen wird. Die Graͤfin von der Lippe faͤrbte sich hieruͤ- ber; und versetzte: Sie wuͤste wol: daß Fuͤrst Adgandester seiner Vollkommenheit durch ihre Gebrechen einen mehrern Glantz beyzusetzen voꝛhaͤtte; Gleich wol aber wolte sie/ um die hoch- ansehnliche Versamlung nicht aufzuhalten/ sei- nem Befehle lieber gehorsamen; als ihre Feh- ler/ und zugleich die Warheit denckwuͤrdiger Begebenheiten verhuͤllen. August/ sagte sie/ muͤhte sich mit seinen gegen Asblasten bezeigten Verehrungen die Liebligkeit des von keinem Winteꝛ wissenden Campaniens zu uͤbeꝛwinden. Er unterhielt sie mit den koͤstlichsten Speisen/ mit freundlichsten Gespraͤchen/ mit der freudig- sten Gesellschafft; worunter die alle Menschen zu ver gnuͤgen maͤchtige Terentia das beste that. Ja Livia selbst befließ sich der mehrmahls einsa- men und schwermuͤthigen Asblaste ihre traurige Gedancken zu benehmen; und hierzu sich der Beschaffenheit des Ortes zu bedienen/ als wel- ches Arminius und Thußnelda. ches der Roͤmer Urtheil nach gegen dem rauen Deutschlande mehr fuͤr einen Himmel/ als ein Theil des Erdbodens zu halten waͤre. Wie sie nun den dritten Tag nach ihrer Ankunft an dem Meerstrande mit einander herum spatzierten; und von dem bey Surent gegen uͤber liegendem Milch-Gebuͤrge sie ein linder Ost-Wind ab- kuͤhlete; fragte Livia Asblasten: Ob um diese Jahres-Zeit/ da die Sonne in dem Zeichen der kalten Fische waͤre/ bey denen Cheruskern auch so sanffte Luͤffte spielten? Ob die Baͤume nie- mahls den lebhafften Schmaragd ihrer stets fri- schen Blaͤtter einbuͤsten? Ob die Felder so viel Weitzen; die Huͤgel so suͤssen Wein; die Waͤl- der so viel Oel und Granaten-Aepffel truͤgen? Asblaste antwortete Livien nach einem tieffen Seuffzer: Sie wuͤste dieser Gegend an sich selbst keinen Mangel auszustellen; Gleichwol aber glaubte sie: daß das von Liebligkeit und Fruchtbarkeit schwim̃ende Persien es Campa- nien wo nicht zuvor thaͤte; zum minsten selbtem gleich waͤre. Nichts desto weniger haͤtte sie in dem fuͤr so rau geachtetem Deutschlande mehr Ver gnuͤgung/ und zwar zur grim̃igsten Win- ters-Zeit/ als in den Susischen Lust-Gaͤrten bey dem Rosenreichen Fruͤhlinge gefunden. Denn wie die Sonne unter einerley Striche nach Be- schaffenheit des Bodens und der gelegenen Ge- buͤrge an einem Orte alles annehmlich befruch- tete/ an dem andern alles versengte/ und gleich- sam toͤdtlich waͤre; also erquickte auch die Herꝛ- ligkeit eines Ortes/ und die vollkommenste Er- getzligkeit nur etliche/ nicht alle Gemuͤther; son- dern erfreute wie das Seitenspiel nur die Freu- digen/ und betruͤbte die Betruͤbten. Der Ge- ruch der Jasminen/ der Pomerantz-Bluͤten/ und Aꝛabiens Balsam stincke einen Gefangenen an; hingegen waͤre der Soñenschein einer ver gnuͤg- ten Liebe so kraͤfftig: daß die Lufft unter der schneeichten Nordspitze nichts anders als Lieb- ligkeit von sich hauchte/ nichts geringers als Balsam von sich troͤpfelte. Wenn sie aber/ ver- setzte Livia/ in diesem Eylande das Ziel ihrer Liebe gegenwaͤrtig haͤtte; wolte sie noch nicht Deutschland hierum vertauschen? Denn die Liebe waͤre ja keine Feindin der Anmutb/ son- dern diese vielmehr jener Amme. Sie waͤre eine Tochter der Schoͤnheit/ eine Schwester der Liebligkeit/ und eine Mutter der Ergetzung. Dahero die kluge Vorwelt ihr den GOtt des suͤssen Weines und die erquickende Ceres zu Unterhaltung ihres Zunders zugeeignet hatte; als ohne derer kraͤfftige Nahrung sie nicht nur bald lau wuͤrde/ sondern gar erkaltete. Wie die bluͤhende Jugend diesen sechsten Sinn besser/ als das eysichte Alter unterhielte; also schiene ein annehmliches Land auch der Liebe anstaͤndiger zu seyn/ als die unfruchtbaren Hecken der mit- ternaͤchtigen Schnee-Gebuͤrge. Jn diesen koͤn- te die Liebe ihren Flug nicht so ruͤstig verrichten; da Wind/ Schnee und Frost ihre Fluͤgel unbe- reglich machte. Jn diesem Eylande aber waͤre das Jahr schier immer in seinem Sommer/ die Sonne in ihrem Mittage. Daher auch die Lie- be/ welche ein zartes und nacktes Kind waͤre/ all- hier ihrem Thun einen kraͤfftigern Nachdruck gebe/ die Hertzen auch einen tauglichern Zunder ihre suͤsse Glut zu fangen in sich haͤtten. Diesem- nach moͤchte ihr Asblaste doch alldar wol seyn lassen; wo die Lufft von dem guͤtigen Himmel derogestalt eingebisamt waͤre: daß sie die Be- truͤbten freudig; und die kaͤltesten Hertzen ver- liebt machte. Das Verhaͤngnuͤs beraubte zu- weilen die Menschen eines Schatzes; wormit es selbten hernach einem vollkom̃ener zuschantzen koͤnne. Jhrer viel blieben nur deßwegen un- gluͤckselig; weil sie mit einer all zugrossen Hart- naͤckigkeit ihrem Verluste nachsaͤhen; hinge- gen fuͤr dem ihnen neuauffgehenden Gluͤcks- Sterne die Augen zudruͤckten. Kluge Lie- be aber liesse diß endlich fahren; was das Verhaͤngnuͤs ihm selbst aus den Haͤn- den windete/ und unmoͤglich wieder zu erlangen waͤre; umarmte aber die ihr mit lachendem Munde begegnende Gele- genheit neuer Vergnuͤgung. Die tieffsinnige L l l l l l l 3 Asblaste Achtes Buch Asblaste hoͤrte Livien nicht ohne Unvergnuͤgen an. Denn ob sie zwar nicht zu ergruͤnden wu- ste/ wohin eigentlich ihr Absehen war; verstand sie doch deutlich genung: daß sie die Liebe ihres Eh-Herrn aus ihrem Hertzen zu tilgen anziel- te. Gleichwol aber muste Asblaste diese laster- haffte Versuchung verschmertzen und nicht mercken lassen; wiewol ihr hierdurch so harte ans Hertze gegriffen ward: daß sie die Rosen ih- rer Keuschheit fuͤr noch empfindlichern Anta- stungen zu befreyen sich gleichsam mit fol- genden Dornen einer solchen Antwort bewaff- nen muste. Es gaͤbe nichts minder unterschie- dene Arten der Liebe/ als zweyerley Geschlech- te der Thiere. Die weibische und wolluͤstige koͤn- te ihr keine raue Lufft lassen unter die Augen gehen. Sie liesse bey dem geringsten Ungewit- ter ehe/ als die fluͤchtige Tulipane ihre Blaͤtter fallen. Denn sie haͤtte in sich so wenig Oel der Tugend/ als diese Blume Geruch; und beyde vergnuͤgten nichts/ als das einige Auge. Wenn sie nicht auf Rosen gienge/ oder die Sonne ihr schiene/ verfiele sie in Ohnmacht oder Ver- zweiffelung. Sie traͤte mit ihren verzaͤrtelten Gliedern lieber in Unflat stinckender Laster/ als auff den steinichten Weg der Treue und Ehre. Die Liebe der Weisen aber waͤre maͤnnlichen Geschlechtes und kriegerischer Art. Tugend und Ehre waͤren ihre unzertrennliche Gefaͤr- then. Verfolgung und Versuchung thaͤten ihr wenigern Abbruch; als die schaͤumenden Wellen den Korallen-Zincken. Jhre Flam- men waͤren unausleschlich wie das Gestirne/ und ewiger/ als das die Vestalischen Jungfrau- en verwahrten/ und des alldar von ferne rau- chenden Vesuvius. Die Winde/ welche sich selbtes muͤhten auszublasen/ machten ihren un- verzehrlichen Zunder nur mehr lebhafft. Ja das Ungluͤck pruͤfete nichts minder und reinigte diesen Schatz der Seele/ als der Schmeltz-Ofen das Gold. Sie saugete aus der Wermuth ih- rer Verdruͤßligkeit eine Hertzstaͤrckung; und ihr eigener Unfall dienete ihr zur Bewehrung ih- rer Tugend/ und zu Vergroͤsserung ihres Ruhms. Ja ihre einsame Schwermuth gaͤbe ihr ein bessers Labsal ab/ als manche vielleicht in den Armen ihrer Liebhaber genuͤsset. Livie antwortete: Meine liebste Asblaste; sie suchet ihr Vergnuͤgen in der Einbildung; und eine Gluͤckseligkeit aus den Traͤumen. Ja sie er- kuͤhnte sich zu urtheilen: daß wie ihr Deutsch- land an statt der Trauben saure Schleen truͤge; also auch ihr Gemuͤthe verwehnt zu seyn schiene die Galle der aͤngstigen Einsamkeit fuͤr den Zu- cker der suͤssesten Beywohnung zu erkiesen. Die Bestaͤndigkeit der ersten Liebe verdiente aller- dinges ihr Lob; aber man muͤste aus ihr keinen Abgott; weniger sie ihm zur Henckerin ma- chen; am wenigsten sich mit ihrem Schatten armen/ und das neu - aufgehende Licht der Gluͤckseligkeit mit ihrer Larve verhuͤllen. Mei- net sie wol: daß sie den Tiberius Nero weniger/ als Asblaste ihren Segimer geliebt? hielte sie ihr aber fuͤr uͤbel: daß sie mit dem Kayser fuͤr ei- nen Stern eine Sonne erkieset? Ja unver- faͤlschte Gegen-Liebe findete sich selbst darein; und schaffete dem Auffnehmen ihres Geliebten keine Hindernuͤs. Diesemnach sie deñ ihr Nero mit lachendem Munde/ und ver gnuͤgtem Her- tzen dem Kayser selbst eingeantw ortet haͤtte/ um so wol ihm eine Staffel des Gluͤcks/ als ihr der Vergnuͤgung zu bauen. Sie dencke diesem nach/ wertheste Asblaste; und lasse ihr unter denen Vergnuͤgten dieses Eylandes wol seyn. Sintemahl sie die Kayserin mehr fuͤr ihre Schwester/ als eine Gefangene haͤlt. Mit diesen Worten schloß Livie; als der Kayser mit Terentien ihnen an der Kruͤmme eines Felsens begegnete; welcher denn alsofort erkundigte: mit was Livia eine so holdselige/ wiewol betruͤb- te Gaͤstin unterhielte/ und ihrem Bekuͤmmer- nuͤsse abzuhelffen suchte. Livia antwortete: Die Fuͤrstin Asblaste schoͤpfte Vergnuͤgung aus der Schwermuth; und hielte fuͤr seliger den Ruͤ- cken/ Arminius und Thußnelda. cken/ als das lachende Antlitz des Gluͤckes zu sehen. Also besorgte sie: daß ihre freudige Un- terhaltung ihr mehr zu wieder/ als vergnuͤglich fallen doͤrffte. Asblaste versetzte: Sie waͤre der Kayserin fuͤr so viel unverdiente Gnade nichts minder/ als dem Kayser selbst verbunden; wuͤr- de daher durch deren Ausschlagung sich dersel- ben nicht unwuͤrdig; noch auch mehr ungluͤck- selig machen. Und ob sie zwar noch in denen Gedancken waͤre: daß Liebe und Tugend beym Ungluͤck weder ihr Wesen noch ihre Vergnuͤ- gung einbuͤsten; verdammte doch diese Mey- nung nicht eine anstaͤndige Ergetzligkeit; wie- wol ihr beyde beym Wolergehen in gefaͤhrli- cherm Zustande zu seyn schienen; als bey schmertzhafften Begebnuͤssen; welche sie von Kind auff derogestalt abgehaͤrtet haͤtten: daß ihr Hertze als ein Amboß auch die schweresten Ham̃erschlaͤge des Ungluͤcks kaum mehr fuͤhl- te. Weil nun die Gewonheit so gar die Ei- genschafften der Natur zu ver aͤndern vermoͤch- te; waͤre sich so viel weniger zu verwundern: daß eine Betruͤbte sich in ihr eigenes Leid ver- liebte/ und aus ihren Thraͤnen Wollust schoͤpff- te. Terentia begegnete Asblasten mit einer besondern Freundligkeit; meldende: Sie haͤtte ihr zwar als eine Meinung der Stoischen Weltweisen fuͤrtragen lassen: Das Ungluͤck waͤre das eigentliche Element der Tugend/ wie das Feuer der Salamandren. Wind und Ha- gel waͤre ihre Fruͤhlings-Lust; Donner und Ungewitter ihr Sommer; ja waͤre die Verfol- gung nicht die rechte Mutter der Tugend/ so waͤre sie zum minsten ihre Amme und Pflege- Mutter. Alleine sie haͤtte in der Schule ihres Mecenas gleichwol begrieffen: daß zwar die Tugend von einigen allzusauersehend und ab- scheulich/ mit Faͤsseln an Arm und Beinen/ mit trieffenden Augen/ zerritzten Wangen/ kahlen Schlaͤfen/ und hertzklopffenden Bruͤsten ge- mahlt wuͤrde. Der guͤtige Himmel aber haͤtte sie nicht in brennende Nesseln verdammet; son- dern sie koͤnte ohne Versehrung auf Rosen und Seide schlaffen; ja bey grossem Gluͤcke mehr/ als ein Ungluͤcke ihre Standhafftigkeit bewaͤh- ren. Jn alle Wege/ antwortete Asblaste/ hat die Tugend mit der Gluͤckseligkeit keine ewige Ehscheidung vor. Sie sitzet auf Koͤnigs-Stuͤ- len und Helffenbein; sie ist umhuͤllet mit Pur- per und Perlen; und hat wie die Gestirne so viel kraͤfftigere Wuͤrckungen/ ie hoͤher sie erhoben steht. Aber eben darum/ weil die arglistige Gluͤckseligkeit ihr als eine Meuchelmoͤrderin nachstellt/ sie als eine Kuplerin zu Falle zu brin- gen trachtet; und die/ welche im Ungluͤcke kei- nen Fehltritt gethan; beym Woler gehen ver- terbet werden; stehet die Tugend also denn an der gefaͤhrlichsten Spitze. Hingegen wird sie bey Wiederwaͤrtigkeit/ wie die Rosen in Nes- seln; wie die Leichen in bitteren Myrrhen und Aloe fuͤr der Faͤulnuͤs bewahret. Ja sie ist diß- falls dem Wasser zu vergleichen; welches durch stete Bewegung gut behalten/ durch stille ste- hen madig/ und stinckend wird. Denn die Tu- gend ist kein Ding zum Ansehen/ und fuͤr die Faulheit; sondern eine lebhaffte Wuͤrckung/ zum Kampffe und Siegen geneigt. Weßwe- gen sie bey denen Deutschen allezeit gewaffnet; zwischen denen Dornen und auf gaͤhen Stein- Kluͤfften fuͤrgebildet wird. Jhre Wohnung ist von zerschmetterten Schiffen; vom Grause der Koͤnigreiche; und von Felsen bereitet/ die der Blitz eingeaͤschert hat. Daher wie die Klug- heit eines Steuermannes anders nicht/ als bey krachenden Winden/ bey schaͤumen den Wellen/ und donnernden Wolcken; die Guͤte eines Artz- tes bey Zerschmetterung der Glieder/ beym Krebse und kalten Brande; eines Kriegsmanns in blutigen Treffen/ nicht auf dem Tantzbodem bewaͤhret wird; also sie get die Tugend auch un- ter Schweiß und Staube; und erwirbet ihre Siegs-Kraͤntze nur mit verspritztem Blute und trieffenden Wunden. Mir ist noch niemahls eine geschminckte nach Zibeth und Ambra ruͤ- chende Achtes Buch chende Tugend auf dem Schau-Platze der Eh- ren zu Gesichte kommen; und ich habe noch nie- manden einen Siegs-Krantz errennen gesehen; der auff dem Haupte einen Rosen-Krantz/ in der Hand einen Sonnen-Schirm/ am Guͤr- tel einen Spiegel/ und an Fuͤssen eingebisamte Schuh getragen. Die Vollkommenheiten der Menschen sind ohne diß keine Diamanten ohne Maͤngel/ keine Sternen ohne Flecken. Die- semnach hat sie eben so wol/ als jene das Un- gluͤck zur Feile/ und als diese das Feuer des Truͤbsals zur Reinigung von noͤthen. Auch die Gebrechen des Leibes lassen sich selten mit Rosen-Zucker und Jasmin-Oele heilen; man muͤste die Wunden mit Eßig auswaschen/ die Blutstuͤrtzungen mit gluͤenden Eisen stillen/ die vom Krebse angefressene Glieder mit Saͤgen abstossen. Wie viel weniger laͤst sichs mit ver- zaͤrtelndem Liebkosen dem fressenden Wurme der Wollust begegnen. Und die Schoͤnheit der Seele bestehet nicht in Spanischem Anstri- che und bereiteter Zinober-Schmincke; sondern in einer Reinigungs-Salbe/ welche von zusam- men gemischtem Blute der Hertzhafften/ denen Thraͤnen der Gedultigen/ und der Asche der Bestaͤndigen zubereitet wird. Terentia hoͤrte der eifrigen Fuͤrstin Asblaste mit Lust zu; warff ihr aber ein: Sie begehrte dißmahl der ge- maͤchlichen Tugend nicht das Wort zu reden; noch der durch Ungemach abgehaͤrteten den Vorzug strittig zu machen. Alleine mit der Liebe schiene es eine andere Beschaffenheit zu haben. Denn diese waͤre das zaͤrteste Schoos- Kind der Seele; welches durch Anmuth ge- bohren wuͤrde; und daher bey rauem Unge- witter unzweiffelbar vergehen muͤste. Alles Absehen zielte auf die Ergoͤtzligkeit; und daher stuͤnde das Ungemach ihr so wenig zu einem Braͤutigam/ als ein raues Schnecken-Hauß der Perle zu einer Geburts-Stadt an; welche nur in Purper-Muscheln geboren seyn wolte. Asblaste begegnete Terentien mit nicht gerin- gerer Freundligkeit: Sie liesse ihr die Ver- gleichung der Liebe mit den Perlen allerdinges gefallen. Aber auch diese wuͤrden zwischen dem bittern Saltze der grimmigen Wellen gezeuget. Die Edelgesteine wuͤrden aus heßlichen Stein- Kluͤfften/ das Gold aus den finstersten Schach- ten der Ertz-Gruben gezogen; und durch Feu- er und Stahl in sein Wesen versetzt. Ja die Liebe haͤtte nicht nur alle andere Tugenden zu ihren Gespielen; sondern sie selbst stuͤnde als ei- ne herrliche Schnate auff dem edlen Stamm der Tugend eingepfropfft/ sie selbst waͤre die Krone oder der Mittel - Punct der Tugend; und also zwischen diesen unzertrennlichen Eh- gatten kein Unterscheid zu machen; Da man nicht eine Hirnße fuͤr eine Biene/ und einen stinckenden Wiedehopff fuͤr einen Paradis- Vogel verkauffen wolte. Die Liebe der groß- muͤthigen Panthee wuͤrde mit ihrem Atheme verraucht seyn; wenn sie nicht lieber auff der Leiche ihres Eh-Herrn des Ruhms wuͤrdig ge- bliebnen Abradates erblichen/ als des siegenden Persers Begierden ersaͤttigen wollen. Die Lie- be der keuschen Camme wuͤrde keinen Schatten einigen Gedaͤchtnuͤßes haben; wenn sie nicht die Fackel einer Unholdin/ und das Geschoß des Todes ihr zugeeignet; und mit dem Blut- Opffer des geilen Sinorix den Geist ihres treuen Ehgatten Sinnates versoͤhnet haͤtte. Und in Wahrheit/ der Himmel koͤnte ihre zum Segimer tragende Liebe mit keinem herrlichern Ehren - Krantze schmuͤcken; als wenn sie die Lilgen der Keuschheit mit dem Blute ihrer un- ausleschlichen Treue bepurpern koͤnte. Diese nachdruͤckliche Erklaͤrung machte alle Anwesenden stumm/ Asblasten etwas mehr entgegen zu setzen. An statt aber: daß des Kay- sers angeglommene Liebe/ als ein verzweiffeltes Ding haͤtte verleschen sollen; ward sie hier- durch noch viel hefftiger entzuͤndet. Denn diese Gemuͤths - Regung hat die Art der gluͤenden Steine; die das Wasser in mehr Dampff und Hitze Arminius und Thußnelda. Hitze verwandeln/ wormit man sie ausleschen will. Weßwegen die vorsichtige Asblaste am Kayser ein und andere bedenckliche Veraͤnde- rung wahrnahm/ und Liviens Anmuthungen ausser Zweiffel auf ihn gedeutet haͤtte; wenn anders der Warheit aͤhnlich gewest waͤre: daß eine Eh-Frau ihrem Eh-Manne selbst Kebs- Weiber zukoppeln solte. Wiewol wir hernach umstaͤndlich erfuhren: daß August sein voriges Eh-Weib Scribonien aus keiner andern Ursa- che; als weil sie ihren Nebenbuhlerinnen nicht die Obmaͤßigkeit enthaͤngen wolte/ an dem Ta- ge/ da sie ihm doch eine Tochter gebahr/ verstos- sen/ Livia aber ihn dardurch gleichsam bezau- bert hatte: daß sie nicht nur mit keiner eiverte; sondern die schoͤnsten Frauen und Jungfrauen selbst in sein Bette fuͤhrte; ja nicht anders als der beruͤhmte Magde-Kraͤmer Thoranius alle vorher fingernackt entkleidete Kebs - Weiber genau pruͤfete: Ob sie Augusten zu vergnuͤgen auch faͤhig seyn wuͤrden? Gleichwol/ als As- blaste zu mir/ fuhr die Graͤfin von der Lippe fort/ in ihr Zimmer kam; fiel sie mir thraͤnende um den Halß/ und fieng an: Wir sind leider verlohren! und denen Sirenischen Schiffs- bruch-Klippen viel naͤher; als uns der Augen- schein jene dort in dem Meere herfuͤr zeiget! Denn die Liebkosungen der Livia sind ein toͤd- tendes Zauber-Lied; welches nach verlohrner Freyheit auch meine Ehre in den Abgrund stuͤr- tzen will. Sie erzehlte mir hierauff alle Un- terredungen/ welche ich ihr aber noch zum besten ausdeutete. Folgenden Morgen kam Livia zeitlich ins Zimmer/ und nahm Asblasten mit in das Ge- mach des Kaysers; welcher der bey ihm versam̃- leten fuͤrnehmen Gesellschafft fuͤrtrug: daß er die auff dieser Ziegen - Jnsel gelegene zwoͤlff Vorwerge denen zwoͤlff obersten Goͤttern ge- wiedmet haͤtte; und also solten sie looßen/ was fuͤr eine goͤttliche Person ieder seiner Gaͤste fuͤr- zustellen/ und also nicht nur iedes Vorwerg nach eines gewissen Gottes Nahmen zu nen- nen/ sondern auch eine ihm anstaͤndige Ergoͤtz- ligkeit anzustellen haͤtte. Der Kayser grieff zum ersten/ und zohe das Zeichen des Apollo/ Tiberius des Saturn/ Drusus Jupiters/ Me- caͤnas des Mercur/ Lucius des Mars/ und Ca- jus des Neptun; Livia der Ceres/ Asblaste der Vesta/ Julia Dianens/ Terentia der Juno/ Antonia der Venus/ und endlich Pola/ Agrip- pens Schwester/ Minervens herfuͤr. Noch selbigen Tag fuhren sie durch das gantze Ey- land/ und muste iedes ein Lust- Hauß so wol sei- nem Gotte/ als zu seiner vorhabenden Lust er- kiesen. Der Kayser aber bestellte seine zwey Freygelassenen Diomedes und Euceladus: daß sie alle Nothdurfft auff Befehl dieser vergoͤt- terten Menschen uͤberfluͤßig herbey schaffen musten. Die praͤchtigen Kleider und alles/ was zu ihrem Auffzuge gehoͤrte/ waren ohne diß im Vorrathe dar. Den ersten Tag geschahe der Zug auf das dem Jupiter zugeeignete Vor- werg. Mecenas als der Mercur und der Bo- the der Goͤtter fuhr auf einem gantz goldenen Wagen voran/ welchen drey weiße Wieder zo- hen/ derer Hoͤrner und Fuͤsse verguͤldet/ die Koͤpffe mit Burtzel - Kraut bekraͤntzet waren. Am Hintertheile des Wagens glaͤntzte der ge- stirnte Krebs. Sein Kleid war vorwerts glaͤn- tzend Silberstuͤck; am Ruͤcken Eisenfarbicht; weil er bald zu denen himmlischen bald hoͤlli- schen Goͤttern abgefertigt wird. Die Fuͤsse und Schlaͤffe waren gefluͤgelt; um seinen Herold- Stab flochten sich zwey eintraͤchtige Schlan- gen. Neben ihm saß ein Hahn/ an dem Arme hieng eine guͤldene Kette; wormit er der Men- schen Ohren anfaͤsselt/ und wohin er wil leitet; er aber spielte auff der von ihm erfundenen Leyer. Hierauff folgte Drusus als ein Jupi- ter in flammendes Goldstuͤcke gekleidet. Jn der rechten Hand fuͤhrte er den Blitz; an dem lin- cken Arme den Argis-Schild mit dem darum gespannten Ziegenfelle. Der Wagen war zier- Erster Theil. M m m m m m m ver- Achtes Buch vergoldet/ und schimmerte nichts minder/ als das Kleid und Krone mit Diamanten. Hinten war der gestirnte Loͤw daran gebildet. Er ward von zwey weissen Baͤren gefuͤhret; als welche Jupitern auch sollen gesaͤuget haben. Zu seinen Fuͤssen saß ein starcker Adler. Nach diesem ließ sich Terentia in Gestalt der Juno in einem blauen Silberstuͤcke mit einer von Schmarag- den strahlenden Krone/ und einem derogestalt versetzten Koͤnigs-Stabe sehen. Auf der Sei- ten saß ein Pfau und eine Ganß; zu ihren Fuͤs- sen stand ein guͤldener Krug mit allerhand Reichthuͤmern erfuͤllet. Jhren mit guͤldenen Sternen bestreuten blauen Wagen/ daran der gestirnte Wassermann geetzt war/ zohen zwey weisse Kuͤhe; als in welche sie sich in der Flucht fuͤr den Riesen verwandelt haben soll. Die vierdte war Pola dißmahl die Goͤttin Minerva/ mit einem guͤldenen Helm und Harnische be- deckt. Jn der rechten Hand fuͤhrte sie eine Lantze/ in dem lincken Arme einen Spiegel glatten aus einem Stuͤcke Berg-Kristallen geschliffe- nen Schild. Auff der Brust war der Natt- richte Gorgons-Schild zu sehen. Hinter ihr saß eine Nacht-Eule. Der mit gruͤnen Oel- Zweigen umwundene/ und mit eitel goldenen Drachen geetzte helffenbeinerne Wagen ward ebenfalls von zwey kuͤnstlich bereiteten Drachen gezogen; welche Pola mit denen Fuͤssen leicht und unvermerckt bewegen konte. Das Hin- tertheil des Wagens glaͤntzte mit dem gestirn- ten Wieder. Hierauff erschien Cajus/ und bil- dete in einem blauen von silbernen Schupen uͤ- berdeckten Kleide; mit schwartz-nassen Haaren/ grossen blauen Augen/ einer silbernen Drey- zancks-Gabel den Neptun ab. Er fuhr auff einem in Gestalt einer Muschel/ und mit eitel Purper-Muscheln/ Perlen/ Perlen-Mutter und Corallen uͤberdecktem/ auch mit denen ge- stirnten Fischen glaͤntzenden Wagen; welchen hinten zwey Wasser-Pferde; zufoͤrderst zwey Meer - Kaͤlber unterstuͤtzten. Diesen zohen zwey blauschimmlichte und von Wasser trieffen- de Pferde. Entweder weil seine Mutter Rhea statt seiner dem Saturn ein Pferde-Fuͤlligen zu verschlingen gegeben; oder weil Neptun zum ersten die Baͤndigung und den Gebrauch der Pferde gelehrt; oder auch/ weil er in Pferdes- Gestalt die Ceres geschwaͤngert haben soll. Die- sem Wasser-Gotte folgte in Gestalt der Ceres die Kayserin Livia. Sie hatte einen gruͤnen mit Gold und silbernen Blumen bestreuten At- las an. Um den Leib einen mit drey hundert und sechzig edlen Steinen besetzten Guͤrtel/ de- rer ieder einer andern Art war; Die Zahl aber auff die Abtheilung der Erd-Kugel zielte. Jhr Krantz war nur aus Myrten-Blaͤttern/ Nar- cissen/ Mah- und Safran-Blumen geflochten/ aber mit den kostbarsten Schmaragden um- wunden. Jn der lincken Hand hatte sie ein Gebund Aeren/ in der rechten eine brennende Fackel; gleich als wenn sie noch ihre Proserpi- na zu suchen ausreisete. Der Wagen war ein auff vier verdeckten Raͤdern stehender/ mit al- lerhand Garten-Gewaͤchsen aufgeputzter Gar- ten; welchen dem Ansehen nach zwey grosse Schlangen zohen. An den Pforten war die gestirnte Jungfrau koͤstlich gemahlt. Diesem- nach folgte in der Mitten der Kayser selbst als das Ebenbild des Apollo oder der Sonne. Sein Haupt und Mantel blitzte gleichfalls; weil man nichts als Rubinen zu sehen bekam. Seine Haare waren mit guͤldenen Heimen o- der schreyenden Heuschrecken vermenget. Der an der Seite haͤngende Koͤcher/ und der uͤber der Achsel liegende Bogen ward allein mit schuͤtternden Diamanten; der von den grossen Hiacynthen - Blumen und Lorber-Blaͤttern geflochtene Krantz aber mit gleichmaͤßigen E- delsteinen bedeckt. Er saß auff einem guͤlde- nen Dreyfuße/ und spielte auff der Laute. Der Wagen stand hinten auf zwey guͤldenen Greif- fen/ vorwerts aber lag er auf einem sich buͤcken- den Schwane; in seinem Spiegel schimmerten die Arminius und Thußnelda. die gestirnten Zwillinge/ und er ward von vier schneeweissen Pferden gezogen. Dem Kayser folgte unmittelbar die schoͤne Asblaste in Gestalt der feurigen Vesta; welche Vertretung sie ihr fuͤr ein von dem Gluͤcke zugeschicktes Gluͤck auffnahm; weil diese Goͤttin eine Auffseherin der Keuschheit und Jungfrauschafft seyn soll. Sie hatte einen Rock an mit eitel glaͤntzenden Edelsteinen besetzt; welche gleichsam rechte Feuer Strahlen von sich warffen. Auff der Scheitel trug sie einen Krantz von weissen Blumen. Jnsonderheit zierte sie ein Stirn- Band von Rubinen/ welche das selbst-staͤndige Feuer zu seyn schienen. Fuͤr ihren Fuͤssen als einer Gebieterin der Winde lag eine runde Kessel-Paucke. Der Wagen bildete ein Altar/ fuͤr welches rings herum ein aus Zimmet/ Wey- rauch und Agstein gemachtes Feuer erhellete/ die Lufft mit koͤstlichem Geruch erfuͤllte/ und also Asblaste gleichsam mitten im Feuer zu sitzen schien. Hinten war der gestirnte Steinbock eingeetzt; und ward alles diß von zwey gezaͤhm- ten Loͤwen gefuͤhrt. Asblasten folgte der in den Mars vermummte Lucius. Sein Kleid war ein blancker und ziervergoldeter Harnisch. Auf dem Haupte hatte er einen Krantz von gemei- nem Grase; welches von Menschen-Blute am meisten wachsen soll. Jn der einen Hand einen Spieß/ in der andern eine Fackel. Auff der einen Schulter saß ihm ein Specht/ auff der andern ein Geyer/ um ihn herum lag allerhand Kriegs-Zeug. Er fuhr auf einem gesichelten Streit-Wagen/ welchen vier Woͤlffe zohen; hinten aber der gestirnte Scorpion zierte. Hier- auff erschien in dem Bilde der keuschen Diana die geile Julia. Jhr Kleid war gruͤnes Sil- berstuͤck. Auff der Stirne hatte sie an statt des Krantzes einen halben Mohnden; welcher von denen koͤstlichsten Opalen uͤber und uͤber besetzt war. An der Achsel hieng ein mit Schmarag- den besetzter Bogen; an der Seite ein gleich- maͤßiger Koͤcher voller Pfeile; Um den Leib ei- nen Guͤrtel mit Opalen besetzt; Jn der rechten Hand fuͤhrte sie einen Jaͤger-Spieß; Sie aber auff einem guͤldenen Wagen/ daran der ge- stirnte Schuͤtze seine Pfeile abschoß/ zwey weis- se Hirschen. Hinter dieser unkeuschen Diana kam Antonia in Gestalt der Venus. Jhr Kleid war purpern/ und darauff das Gerichte des Paris mit Perlen gestuͤckt. Um ihren Hals hatte sie ein Halsband von Perlen in der Groͤsse der Hasel-Nuͤsse. Der auff das Haupt gesetzte Rosen- und Myrten-Krantz starrte nichts weni- ger als die Purper-Muschel/ darauf sie saß von Perlen. Sie war mit einem guͤldenen Bogen/ Koͤcher und Pfeilen ausgeruͤstet. Jn der einen Hand hatte sie eine weisse Wachs-Fackel/ in der andern einen guͤldenen Apffel. Fuͤr ihr gab ein guͤldenes Geschirr einen wolruͤchenden Rauch von sich. Hinter ihr stand ein Liebes- Gott mit einem Sonnen-Schirme; vorwerts fachete ihr einer mit Pfauen-Federn Lufft zu. Jhr Wagen war wie eine Purper-Muschel bereitet; daran hinten der gestirnte Ochse gebil- det stand. Sie bewegte ihn durch kuͤnstliche Gewichte gleichfalls mit den Fuͤssen: daß es schien; als wenn ihn die angespannten Schwa- nen fortzuͤgen. An statt des sonst in die Zahl dieser zwoͤlff Goͤtter gehoͤrigen Vulcans ward der sauersehende Saturn aus einem sich hernach ereignendem Absehen; oder durch den Gegen- satz seiner Heßligkeit die ihm vorgehenden Zier- rathen desto annehmlicher zu machen/ auffge- fuͤhret; das Loß hatte den sauer sehenden Tibe- rius gleichsam durch eine weise Erkiesung hier- zu bestimmet; hier aber der Venus unmittelbar beygesellet; entweder weil auff ihre Uppigkeit meist traurige Bestuͤrtzungen folgen; oder weil sie aus denen dem Saturn vom Jupiter abge- schnittenen und ins Meer gefallenen Geburts- Gliedern soll gezeuget worden seyn. Er war gebildet wie ein blasser und Eys-grauer Alter; in der einen Hand hatte er eine Sichel; welcher Erfinder er gewesen; in der andern eine ge- M m m m m m m 2 krin- Achtes Buch kringelte sich in den Schwantz beiffende Schlange; weil sein Gestirne im Himmel zu- ruͤcke laufft; oder er die sich selbst auffressende Zeit andeutet. Sein Kleid war bleyfarbicht; auff dem Haupte hatte er einen tunckeln mit Napell bekraͤntzten Helm. Der Wagen war theils mit Schnee angefuͤllt/ theils mit Eys uͤ- berzogen; theils mit Fleder-Maͤusen/ Kroͤten/ und Spinnen gemahlet. Hinten war die ge- stirnte Wage zu sehen; dieser aber ward von zwey langsamen Eseln gezogen. Der freudige Drusus/ als Jupiter/ gab sei- nen Gefaͤrthen in der mit glaͤntzenden Wolcken umzohenen Hoͤhe eines grossen Saales ein k ostbares Goͤtter-Mahl; und ließ sie zwoͤlff ed- le Knaben/ und so viel vierzehnjaͤhrichte edle Maͤgdlein alle fingernackt. bedienen. Jene nennte er Bruͤder des Ganymedes/ diese Schwestern der Hebe. Nach der zwischen dem Gethoͤne der lieblichsten Seiten-Spiele voll- brachten Mahlzeit/ bey welcher ein linder Bal- sam-Regen seine Gaͤste fort fuͤr fort anfeuchte- te/ und den gantzen Saal mit wol hunderterley Geruch wechselsweise anfuͤllete/ stellte er ihnen auff dem daran gelegenen mit eitel fruchtbaren Baͤumen bewachsenem Huͤgel einen Auffzug von zwantzig Satyren und so viel Schaͤfferin- nen auf; weil Jupitern diese gesaͤugt; in einen Satyr aber sich selbst verwandelt hat. Diese bꝛachten die Amaltheische Ziege mit veꝛguͤldeten Hoͤrnern/ und Amaranthen-Kraͤntzen als ein besonder Heiligthum aufgefuͤhret; und bey ih- rem kuͤnstlichen/ aber geilen Tantze kam diese abgerichtete Saͤuge-Ziege des Jupiters allezeit mitten im Kreiße zu stehen. Hierzu wurden alle Buhler-Geschichte des Jupi t ers gesungen/ und zuletzt alle Thiere in Reyen bracht; in wel- che sich der verliebte Jupiter iemahls verstellt haben soll. Diese Kurtzweilen waren der An- fang/ wordurch man der keuschen Asblaste die Roͤmischen Uppigkeiten angewehnen wolte. Folgenden Tag verruͤckten sie auf das Vor- werg des Merrur. Mecenas richtete in ei- nem Lust-Garten auf einer Buͤhne/ welche mit denen kostbarsten Persischen Tapezereyen/ und kuͤnstlichsten Mahlwercken bekleidet; in diesem aber die Verspritzung der aus der Juno Bruͤ- sten gesogenen Milch/ die Einschlaͤffung des Argos und alle andere Thaten des Mercur ge- webt oder gebildet waren/ eine kostbare Mahl- zeit aus. Ja weil dem Mercur nebst Milch und Honig die Zungen gewiedmet sind/ gab er in der ersten Tracht vier und zwantzig Schuͤs- seln voller Zungen; von allerhand Thieren und Fischen. Am hoͤchsten aber wurde ge- schaͤtzt eine in der Mitte stehende guͤldene Schuͤssel/ welche mit Phoͤnicopter/ Papegoy- en-Zungen so hoch angefuͤllt war: daß sie eine Spitz-Seule machten. Nach dem Mahl ließ er/ als ein Erfinder der Fecht-Schulen/ aller- hand Streit- und Kampff-Ubungen sehen; in welchen fuͤrnehmlich der sieghaffte Streit des Mercur mit zwoͤlff Liebes-Goͤttern/ und wie er sich wegen Penelopens in einen Bock ver- wandelte/ fuͤr gestellet ward. Welch letztes Getichte ihr die Fuͤrstin Asblaste artlich gegen Livien nuͤtze machte; in dem sie ihr bey Einlo- bung’ fuͤrgestellter Geilheiten einhielt: Weil die Goͤtter/ wenn sie sich durch Wolluͤste ver- leiten liessen/ in Boͤcke verwandelt wuͤrden; waͤre kein Unthier so heßlich; das einem un- zuͤchtigen Menschen gleichte. Ja sie stellte es auch so kluͤglich an: daß unter dem Getuͤm- mel der Fechtenden ein Deutscher dem auf den Schau-Platz vorher/ und hernach zu der Goͤt- ter Taffel gefuͤhrtem Bocke diese in Rinde ge- grabene Reymen anhieng: Die einem Milch zutrinckt/ und nichts als Blut gewehrt/ Die/ den sie lachet an/ verwundet und verzehrt/ Die uns mit Zucker lockt/ mit guͤldnen Koͤrnern streut/ Und dem/ der kommt/ von Stahl Hals-Eisen leget an/ Die Datteln kehrt in Gifft/ das Seelen toͤdten kan/ Diß ist der Basilisk’ und Bock/ die Uppigkeit. Unter- Arminius und Thußnelda. Unterdessen verdiente Mecenas das Lob: daß alle seine Erfindungen tieffsinnig/ alle An- stalten praͤchtig/ alle Uberschrifften nachdenck- lich waren. Denn an diesem Liebhaber guter Kuͤnste hiengen so viel geschickte Koͤpffe; wel- che die Welt mit ihrer Geschickligkeit haͤtten betheilen koͤnnen. Weßwegen sie dem Mece- nasins gemein nachruͤhmten: Er waͤre ein Maulbeer-Baum/ von dessen Blaͤttern sich viel Seiden-Wuͤrmer saͤttigten. Jn dem Vor- werge der Juno gab Terentia oben auff dem Lust-Hause unter freyem Himmel ihr Gast- Mahl; weil diese Goͤttin keine Einschluͤssung duldet; und daher ihre Tempel auch kein Dach haben. Sie hatte aber gleichwol von eitel Pfauen-Schwaͤntzen so artliche Sonnenschir- me gemacht/ welche theils die Strahlen auff- hielten/ theils von schoͤnen Knaben gezogen wurden/ und denen Gaͤsten Lufft zufachten. Sie stellte ihnen auch das der Juno zu Ehren in Elis aufgebrachte Wettelauffen an; Da nehmlich zu erste zwoͤlff siebenjaͤhrige Maͤgd- lein um einen gantz guͤldenen Apffel/ hernach dreyzehn zehnjaͤhrige um eine Schnure grossen Perlen/ drittens vierzehn zwoͤlffjaͤhrichte um einen koͤstlichen Ring; gleich als wenn sie durch diß Merckmahl der Frauen nunmehr faͤhig er- klaͤret wuͤrden die Dienstbarkeit der Einsam- keit zu verlassen; Vierdtens vierzehn funf- zehnjaͤhrichte Jungfrauen um der Juno selbst eigenes mit Edelgesteinen versetztes Bild nach dem Ziele lieffen. Sintemahl Juno sich von so vielen ordentlich hat bedienen lassen. End- lich erkiesete Terentia auch sechzehn Frauen; darunter die sechs Goͤttinnen sich selbst ver- fuͤgten/ und mit den uͤbrigen nach einer mit Diamanten reichgezierten Lilgen-Krone um die Wette rennen musten. Unter denen die hurtige Asblaste den Preiß erwarb. An eben diesem Tage brach die zwischen dem Tiberius und der Julia vom Kayser beschlossene Heyrath aus. Denn nach dem die Juno die Vorstehe- rin der Hochzeiten ist/ musten bey ihren Spie- len alle ihnen einen Ehgatten zueignen lassen. Dahero als Terentia auff Anstifftung Liviens die verwittibte Julia dem Tiberius uͤberlieffer- te; und Tiberius schertzweise fragte: Ob die keusche Diana und der gramhaffte Saturn nun auch zur Vermaͤhlung taugten? ant- wortete der Kayser: Der Poͤfel heyrathet nach seiner Zuneigung; Fuͤrsten und Goͤtter aber zu ihrem Vortheile. Daher wollen wir heute aus dem Schertze Ernst; und aus dem Spiele eine Hochzeit machen. Ließ also Terentien in ei- ner guͤldenen Schachtel den Heyrath-Brieff herbringen; welchen Tiberius und Julia dero- gestalt ohne Bedencken unterschreiben muste. Die Priester waren auch bald zur Stelle; wel- che mit ihrer Einsegnung und Opffern dieser zweyer Eh vollkommen machten; ehe sie selbst wusten: daß sie Verlobte waͤren. Zwischen dieser wahrhafften Vermaͤhlung ward gleich- wol die Kurtzweil nicht vergessen; und die feu- rige Vesta dem brennenden Apollo/ nehmlich Asblaste Augusten zugesellt. Bey welcher Ge- legenheit der Kayser nicht vergaß gegen dieser deutschen Fuͤrstin die Flammen seiner verlieb- ten Seele mit vielen Seuffzern/ liebreitzenden Gebehrden/ und nachdruͤcklichen Worten aus- zuschuͤtten; ja so gar Asblasten zu versichern: daß seine mit ihr angezielte Vermaͤhlung ihm ernstlicher/ als des Tiberius waͤre; er auch sie uͤber die Ehren-Staffel aller hocherhabenen Liebhaberinnen zu versetzen gedaͤchte. Welches alles aber die schlaue Asblaste fuͤr ein Spiel- werck auffnahm; und/ ob sie zwar des Kaysers Absehen mehr als zu viel verstand/ ließ sie sich doch nichts mercken. Sintemal sie diesem maͤch- tigen Buhler mit Ungestuͤm zu begegnen nicht fuͤr rathsam hielt/ sondern alles mit dem Schat- ten der blossen Kurtzweil verhuͤllte; in Augustens Versuchungen ein Lachen gab; und als Te- M m m m m m m 3 rentia Achtes Buch rentia zuletzt in einem grossen Saale das auff- gehenckte Bild der Juno mit zweyen an den Fuͤssen haͤngenden Ambossen; hingegen des Jupiters aufgethroͤntes Bild fuͤrstellete/ und die anwesenden Goͤtter an einer guͤldenen Ket- te diesen Jupiter vom Himmel zu ziehen veran- laste/ fuͤr dißmahl Gelegenheit sich seiner zu ent- brechen bekam. Den vierdten Tag ergetzte Pola diese Goͤtter-Gesell schafft auff dem Vor- werge Minervens. Sie ließ die Taffel in ei- nem wunderschoͤnen Garten unter eitel Oel- Baͤumen/ derer Blaͤtter sie hatte die Helffte verguͤlden lassen/ anrichten. Die Speisen wur- den alle zu siebenen aufgetragenen; und keine ohne Oel und koͤstlichen Balsam zugerichtet. Die hoͤchste Vergnuͤgung aber brachte den Zu- schauern ein kuͤnstlicher Streit siebenmahl sie- ben auff Amazonisch geruͤsteter Frauen-Zim̃er; welche mit so viel Mohren sich zu Pferde und Fuße herum schlugen; und endlich ihren Krieg in einen kuͤnstlichen Pferde-Tantz verwandel- ten. August/ der sich zu Asblasten ans Ende eines Spatzierganges niedergelassen hatte/ setz- te ihr abermahls mit seinen Versuchungen zu; ruͤhmte die Gluͤckseligkeit der Amazonen; wel- che mit ihrer Liebe niemahls iemanden die Herꝛschafft uͤber sich eingeraͤumt/ noch die Frey- heit sich an neuen Sternen zu erquicken bege- ben haͤtten. Asblaste hingegen schalt ihre un- gezaͤhmte und dem weiblichen Geschlechte un- anstaͤndige Herrschenssucht; als welches ohne den Glantz ihrer Maͤnner so wenig/ als der Mohnde ohne die Strahlen der Sonne Licht haͤtten. Sie schalt ihre Verwechselung der Liebhaber/ als eine blosse Geilheit; und daß die reine Liebe so wenig zweyerley Ziel/ als der Magnet ein anders Ende/ als die Nordspitze erkiesen; noch die Sonnenwende einem an- dern Gestirne/ als der Sonne nachsehen koͤn- te. Den fuͤnfften Tag fuhren sie auf das Lust- Hauß des Neptun; welches denen Sirenen- Jnseln gegen uͤber auf einem rings umher vom Meere umstroͤmten Stein-Felsen lag. Der als ein Wasser-Gott auffziehende Cajus fuhr die- ses mahl voran; und nach dem er mit seinem Dreyzanck - Stabe ins Wasser geschlagen hat- te/ kamen hinter denen Klippen eine Menge Tritonen und Wasser-Goͤtter herfuͤr/ und dem Neptun entgegen geschwummen. Als er noch einmal ins Meer schlug/ ließ sich seine Gemah- lin Amphitrite sehen. Sie fuhr auff einer gros- sen Purper - Muschel; welche auswendig/ so weit sie das Wasser nicht deckte/ mit Schilffe/ Mooß und Korallen-Zincken bewachsen war; und von zweyen abgerichteten Delfinen gezo- gen ward. Jhr folgten zwoͤlff guͤldene Nachen mit purpernen Segeln/ und silbernen Rudern; auf derer iedem zwey Wasser-Nymphen die Schiffarth bestellten. So bald diese ans Ufer sich naͤherten/ neigte sich Amphitrite gegen de- nen zwoͤlff Goͤttern; Die Delfinen wendeten sich gleich um; die Nymfen aber noͤthigten die Goͤtter in ihre Nachen und fuͤhrten sie zwischen dem Gethoͤne der umher schwimmenden Tri- tonen auff den Steinfelß; da sie denn allererst Amphitrite bewillkommte. Weil sie noch am Ufer standen/ erschien Glaucus/ und hatte wol dreyhundert theils mit Netzen/ theils Angeln/ theils Wurff-Spiessen ausgeruͤstete Fischer hinter sich; welche in einem Augenblicke durch allerley Arten nicht nur eine grosse Menge/ sondern auch die seltzamsten und sonst in diesem Meere nicht zu fangen gewoͤhnliche Fische de- nen Zuschauern fuͤr ihre Fuͤsse liefferten; also: daß diß mehr einer Zauberey als einem Fisch- fange aͤhnlich war. Es hatte aber Cajus all- hier zwischen der Ziegen-Jnsel und diesem Fel- sen das kaum zwoͤlff Schuh tieffe Meer mit Netzen genau besetzen/ und in dieses Gefaͤng- nuͤs alle anderwerts hergebrachte Fische ein- sperren lassen. Die Taffel war oben auff der Spitze des Felsen/ und also mitten im Meer gehalten; und zwar nichts/ als was aus dem Meere Arminius und Thußnelda. Meere kommt/ aber die aller niedlichsten Spei- sen auffgesetzt. Bey waͤhrender Mahlzeit liessen die um den Fels schwermenden Sirenen sich mit denen lieblichsten Seitenspielen und Ge- saͤngen hoͤren. Nach vollbrachter Taffel fuͤg- ten sie sich an ein ander Ufer; da sie denn in dem Meere zweyhundert kuͤnstliche Schwimmer in Gestalt der Tritonen gegen einander zu einem Kampffe fertig fanden. Das wunderwuͤrdigste war: daß als Neptun auff einer Muschel zwi- schen sie in die Mitte fuhr/ und seinen Drey- zancks Stab in das Meer stach; alsofort an sel- bigem Orte ein kleiner Felß durch Kunst herfuͤr kam; auff welchem sich ein gantz silberner Tri- ton zeigte; welcher in ein Streit Horn bließ/ und denen gegen einander geruͤsteten das Zei- chen zum Kampffe gab. Dieser ward mit der vollkommensten Ordnung/ und mit den seltzam- sten Abwechselungen bewerckstelliget/ endlich aber/ als die unter gedruͤckten Besiegten nicht anders als wie Endten aus dem Wasser wieder empor kamen; und der silberne Triton auff ei- ner Leyer zum Zeichen des Friedens zu spielen anfieng/ dieser Streit ebenfalls in einen Was- ser-Tantz verkehret. Nach dieser Lust ward in einem grossen Wasser-Kefichte ein aus Egy- pten uͤberbrachter Krocodil und ein Wasser- Pferd loß gelassen; auff welche dreyhundert auf schnellen Nachen ankommende Fischer mit ei- sernen Hacken und Wurff-Spiessen loß gien- gen; iedoch ehe sie ihre Thiere erlegten/ vor et- liche Gefaͤrthen dem Rachen des seine Todten vorher beweinenden Krocodils aufopffern mu- sten. Hieruͤber ruͤckte die Nacht herbey/ der Himmel ward voller Sternen/ das stille Meer ein kristallener Spiegel; also: daß durch den Gegenschein der Himmel eine blaue See/ die See ein gestirnter Himmel zu seyn schien. Am- phitrite noͤthigte die versammleten Goͤtter auch auff ihren Wiesen einige Ergoͤtzung zu genuͤs- sen. Wie denn auff zusammen gefuͤgten Schif- fen ein schwimmendes/ und mit allen nur er- sinnlichen See-Kraͤutern/ Muscheln/ Schne- cken/ Korallen/ Agstein bedecktes Eyland ans Ufer stieß/ und die eingeladenen Gaͤste auff- nahm. Sie setzte mehr nicht als eine grosse und zwey kleinere Schuͤsseln aus Perlen-Mutter auff; in der grossen lagen zweytausend Sorten außerlesener Fische/ in der einen kleinen nichts als Milch von Murenen; in der andern lauter Scarus-Lebern; welche ihrer Koͤstligkeit hal- ber Jupiters Gehirne genennt wurden. Bey dieser Ergetzligkeit ward noch die Farth des Ulysses/ und der sich ins Meer stuͤrtzenden Si- renen fuͤrgebildet. Zuletzt aber diese schwim- mende Jnsel in so viel Theile zerrissen: daß nur zwey und zwey Stuͤle auff einem Nachen bey- sammen stehen blieben. Worbey es Livia aber- mahls so meisterlich angegeben hatte: daß der Kayser und Asblaste beysammen; und in der Einsamkeit des Meeres schier allein zuruͤcke blieben. Ein einiger auff einem in Gestalt eines Delphins kuͤnstlich gefertigtem Nachen sitzender Triton schwermte um sie her/ und sang gegen Asblasten die in nachfolgenden Reymen ausgedruͤckte Gedancken des Kaysers: Wenn Venus und ihr Kind auff Purper-Muscheln faͤhrt/ Jn einen Tag die duͤstre Nacht/ Jn’s Ruder seinen Pfeil/ Scarlat in’s Segel kehrt/ Den Wind mit seinen Fluͤgeln macht; Wenn Meer und Flut Safier und Perlen scheinen/ Wenn Klipp’ und Strand gleicht schoͤnsten Edelsteinen; So geht doch dieser Aufzug hier Der Liebes-Goͤtter Schiffarth fuͤr. Der Westwind seuffz’t/ das Meer steckt sich in Liebes-Glut/ Bon dieser neuen Goͤttin an. Die Morgenroͤthe fleucht/ nach dem ihr Haar die Flut Viel herrlicher verguͤlden kan. Jhr Hals laͤßt Perl’n/ ihr Rosen-Mund Korallen/ Jhr Athem Musch auff Doris Wiesen fallen; Sie wandelt’s Meer in’s Himmelreich; Denn sie ist selbst der Sonne gleich. Durch ihren suͤssen Reitz wird ieder Fisch verliebt. Die Muschel fuͤgt zur Muschel sich; Man sieht: wie ein Delfin dem andern Kuͤsse giebt; Und dieses Feuer quaͤl’t auch mich. Mein Achtes Buch Mein Hertze schmiltzt/ die Seel’ ist voller Flammen; Doch starr’t mein Pulß/ mein Blut gefriert zusammen; Weil meiner Goͤttin Hertz ein Ste in / Jhr Geist ein Tiger scheint zu seyn. Sie ist ein tauber Felß/ ein unempfindlich Stahl. Die Brust ein todtes Marmel-Grab. Sie schertzt mit meinem Ach/ und lacht zu meiner Quaal/ Die zwar ist Glut/ doch nicht nimmt ab. Jhr’ Augen sind recht zwey gestirnte Baͤren/ Die Marck und Bein zerfleischen und verzehren; Ja meine Seele wird selbst wund/ Nur zu bepurpern ihren Mund. Der Nord-Stern zeucht an sich so sehr nicht den Magnet/ Als ihr schoͤn Antlitz meineu Geist. Doch weiß ich: daß kein Schnee der Glut so wiedersteht/ Als mir ihr Hertz mit Haß umeys’t. Und so ist sie ein feurig Schnee-Gefilde/ Ein auswerts zames Thier/ inwendig wilde: Daß ich nicht recht zu urtheil’n weiß: Ob sie sey Feuer/ oder Eys. Jhr Sternen/ die ihr hier im Meer’ in Fisch’ euch kehrt/ Wie Fische sonst Gestirne sind; Sagt wahr mir: Ob ich soll durch Liebe seyn verzehrt/ Und ob mein Brand verraucht in Wind? Wie? oder ob auff ihren Lilgen-Bruͤsten/ Der Himmel mir noch wird mein Leben fristen? Denn Lieben/ und geliebt nicht seyn/ Jst auff der Welt die Hoͤllen-Pein. Diese und mehr andere verliebte Reymen sang dieser einsame Triton; dessen Abgesang aber allezeit von einer Menge ihm von ferne folgender Meer-Goͤtter wiederholet ward; biß der an die unbewegliche und fuͤr diesen Sire- nen-Liedern die Ohren des Gemuͤths zustopf- fende Asblaste mit eiffrigsten Liebes-Versu- chungen setzende August endlich um Mitter- nacht wieder an den Felsen angetrieben/ und von funffzig Nereiden/ welche alle silberne Klei- der/ gruͤne Haare/ und brennende Ampeln in Gestalt leuchtender Fische in Haͤnden hatten; und so wol Asblasten/ als den Kayser auf das Lust-Hauß in ihr Zimmer begleiteten. Den sechsten Tag wurden die gesamten Goͤtter mit eben so praͤchtigem Auffzuge als bey der Einholung auff die Ziegen-Jnsel an- gesetzt; und aufdas in einer fruchtbaren Flaͤche liegende Vorwerg der Ceres gefuͤhret. Das Lust-Hauß war ein von eitel Blumen und Erd- gewaͤchsen zusammen geflochtenes Gebaͤue. Die erste Tracht waren eitel Obst und Feigen; als welche Ceres zum ersten gepflantzt haben soll. Alle Fisch- und Fleisch-Gerichte waren in zierlich gebildeten weitzenen Teig eingeschla- gen; welche nichts minder als das Zuckerwerck eitel Feld- und Garten-Fruͤchte fuͤrstelleten. Unteꝛ dem koͤstlichen Weine gieng auch Milch/ Meth und Aepffel-Tranck herum/ als der Ce- res gewiedmetes Getraͤncke. Bey waͤhrender Taffel hielten zwantzig edle Frauen alle mit Kraͤntzen aus Weitzen-Aeren/ mit Hoͤrnern des Uberflusses versehen/ und brennenden Wachs-Fackeln als Baͤuerinnen angekleidete/ und so viel mit Eppich und Wein-Laub ge- kraͤntzte auch gleichsam wuͤtende Bacchen ei- nen Reyen dieser Goͤttin zu Ehren. Nach der Mahlzeit brachte Livia ein Bretspiel auff die Taffel; da sie denn um in allen Stuͤcken sich der Ceres zu vergleichen/ welcher Rampsintus aus Egypten ein guͤlden Handtuch abgewon- nen/ gegen alle andere vergoͤtterte mit allem Fleisse ein schaͤtzbares Kleinod verspielte. Ge- gen Abend fuͤhrte sie sie zu einem von dem Vor- werge nicht weit entfernten Berge/ und in eine grosse uͤber und uͤber mit marmelnen Klippen gewoͤlbte Hoͤle; sie trug auff ihrem Haupte nichts minder als obige viertzig Baͤuerinnen und Bacchen ein heiliges Buch/ welches ihrer Andeutung nach zu dem Elevsinischen Feyer von noͤthen waͤre. Diese Hoͤle gleichte einem praͤchtigen Tempel/ hatte auch um sich herum noch zwoͤlff kleine in Felsen gehauene Hoͤlen; woriñen anfangs etliche tausend weiße Wachs- Kertzen leuchteten. So bald aber der Ceres etliche Schein-Opffer von denen Erstlingen der Land-Fruͤchte gelieffert waren/ leschten die Lichter biß auff etliche wenige aus. Da denn die anwesenden Frauen sich theils nach dem Beyspiele der geilen Baubo; welche durch die schaͤnd- Arminius und Thußnelda. schaͤndliche Verstellung des weiblichen Ge- schlechtes die sonst trostlose Ceres zu Elevsis er- freuet haben soll/ entbloͤsseten/ theils das abscheu- liche Bild des Mutinus; in welches bey den unzuͤchtigen Roͤmern die Braͤute fuͤr ihrer Ver- maͤhlung kuͤnftiger Fruchtbarkeit wegen gesetzt werden; herum zur Schaue trugen. Die keu- sche Asblaste entsetzte sich uͤber dem ersten An- blicke dieses schandbaren Aufzugs; und suchte die Einsamkeit der finstersten Neben-Hoͤle/ um auch nicht durch die Augen ihre reine Seele zu besudeln. Gleichwol waren die Ohren ver- druͤßliche Bothen der in so finsterer Verwir- rung fuͤrgehender Uppigkeit; welche nicht un- billich in diese hoͤllische Grufft verdammt war; weil sie das Tage - Licht zu genuͤssen nicht verdiente. Alleine die tugendhaffte Asblaste blieb in ihrer gesuchten Einsamkeit nicht unbe- leidigt. Denn das an ihrer Stirne vergessene Band von glaͤntzenden Edelsteinen ward ihr endlich zum Verraͤther/ und dem nach ihr lech- senden August zum Wegweiser. Welcher denn anfangs mit allem ersinnlichen Liebkosen/ und den groͤsten Versprechungen an ihre Keuschheit setzte; fuͤrnemlich aber die wieder der Fuͤrstin As- blaste ausgelassene Verschmaͤhung so heßliche Laster darmit zu beschoͤnen vermeinte: daß die Goͤtter bey dem Elevsinischen Feyer denen Ge- brechen der Menschen und so schoͤnen Suͤnden durch die Finger sehen; welche ohne diß mehr/ als denen vollkommensten Leuten anhaͤngende Schwachheiten zu uͤbersehen/ denn als Laster zu bestraffen waͤren. Asblaste aber setzte ihm mit ei- ner ernsthafften Hefftigkeit entgegen: Gott waͤ- re allezeit und allenthalben ein keuscher Geist; und ein gerechter Raͤcher der Mißhandlungen; kein groͤsser Kirchen-Raub aber waͤre/ als wenn man einem Gottesdienste diß Heiligthum naͤh- me; und mit der Andacht die schaͤndlichsten La- ster uͤberfirnste. Tugenden waͤren so reine Per- len/ welche keinen schlimmen Beysatz der Geil- heit vertruͤgen. Sie vermaͤhlten sich niemahls/ als mit ihres gleichen. Ja wenn nur eine wurm- stichig wuͤrde; so wuͤrden sie alle anbruͤchig. Da- her sollte der Kayser seinen bey der Welt erwor- benen Ruhm; noch auch ihre Seele mit diesem Schandflecke nicht besudeln; sondern vielmehr feste glauben: daß ein so kaltsinniger Gottes- dienst dem Gewissen hernach den Schweiß heraus triebe/ und der beleidigte GOtt seine Rache zwar anstehen liesse/ aber niemahls ver- gaͤsse. Ja wenn auch weder GOtt/ noch Straffe des Boͤsen waͤren; solte der Kayser sich dieser Schmach entschlagen. Denn alle andere Laster haͤtten an sich was maͤnnliches; Dieses aber waͤ- re durchaus weibisch/ oder vielmehr gar viehisch. Allein weil die Begierden nicht nur die mensch- liche Vernunfft bethoͤren; sondern auch die al- len Thieren gemeine Sinnen rauben; predig- te Asblaste einem Tauben. Ja weil die Be- gierde bey leicht genoßbaren Dingen verrau- chet; gegen denen aber/ die schwer zu erlangen sind/ auffs hefftigste sich entzuͤndet; gerieth Au- gust in Raserey: daß er Asblasten zu kuͤssen un- terfieng. Welches Asblasten so sehr aufbrachte: daß sie Augusten von sich stieß; und ihm unter Augen sagte: das Gluͤcke haͤtte ihm zwar uͤber ihr Leben/ der Himmel ihm aber keines Weges uͤber ihre Keuschheit eine Botmaͤßigkeit einge- raͤumt. Daher moͤchte er nur lieber ihr einen gewaltsamen Tod verordnen; als durch solche Zumuthungen das innerste ihrer Seele toͤdten/ und die koͤstlichste Uberbleibung ihres Besitz- thums/ nehmlich die Ehre rauben. August/ welcher ungewohnt war: daß ihm einiger Mensch etwas abschluͤge/ weniger ihm seine Meinung so hertzhafft und mit einer tugend- hafften Entruͤstung unter Augen sagte; erstarr- te uͤber dieser Begegnung; und lernte nunmehr: daß die Lilgen der Keuschheit keine bloß in der Schneefarbe bestehende Blume ohne Waffen/ sondern vielmehr eine Rose waͤre; welche zwar verschaͤmt/ aber auch mit Dornen ausgeruͤstet stuͤnde; und ob zwar ihre Feinde sie meist nur Erster Theil. N n n n n n n mit Achtes Buch mit Blumen-Peitschen antasteten; dennoch ih- re Anfechtung gefaͤhrlicher/ als Feuer und Ei- sen; und derogestalt ihr Sieg auch so viel herr- licher/ als derer waͤre/ welche sich mit ihrem und des Feindes Blute bespritzten. Wie denn As- blaste mit ihrer Schamhafftigkeit dißmahls den beschaͤmte; welchem das groͤste Theil der Welt zu Gebote stand. Sintemahl er nicht nur fuͤr ihrer Hertzhafftigkeit gantz verwirrt und ver- zweiffelt ward; sondern auch/ weil etliche Stuͤ- cke Felsen von dem Gewoͤlbe dieser Grufft her- unter fielen; alle dem Eingange dieser Hoͤle zudrangen; und nach dem sie das boͤse Gewissen ihrer Ubelthaten schon verdammete/ mit Beben und Zittern den Verfolg ihrer Uppigkeiten ab- brachen. Die Koͤnigin Erato brach der Graͤ- fin von der Lippe hieruͤber ein; vermeldende: Sie koͤnte sich uͤber des Kaysers August un- ziemlichem Beginnen nicht genuͤglich verwun- dern; und wuͤste sie bey so gestalten Sachen nicht; wie ein so lasterhaffter Fuͤrst in der Welt einen so grossen Ruhm der Tugend erworben haͤtte. Adgandester nahm sich der Graͤfin an/ und antwortete: haͤtten doch unter gemeinen Leuten ihrer viel das Gluͤcke beruͤhmt zu seyn/ nicht aber das Verdienst. Wie viel schwerer waͤre es in die verschlossenen Zimmer und un- moͤglich in die Hertzen der alles unter dem Scheine der Tugend und dem Vorwand des gemeinen Besten verdeckenden Fuͤrsten zu schauen. Zugeschweigen: daß auch die/ wel- che sonst in Erforschung anderer Fehler Luchs- Augen haͤtten; solche gegen die Fuͤrsten wie Maulwuͤrffe zuzuschluͤssen; ja die Heuchler gar ihre schwaͤrtzesten Gemuͤths-Flecken in die rei- nesten Vollkommenheiten zu verwandeln pfleg- ten. August haͤtte allerdinges so/ wie ins ge- mein die neuen Fuͤrsten/ sich meisterlich mit dem Scheine beholffen; und der Stadt Rom einen blauen Dunst fuͤr die Augen; und aus denen Orten/ wo sich etwas denckwuͤrdiges mit ihm begeben/ Heiligthuͤmer gemacht; gleich als weñ er den Goͤttern in der Schoß saͤsse/ die Tugend aber in ihm ihren eigenthuͤmlichen Sitz haͤtte. Uber welcher Scheinheiligkeit der Fuͤrsten man sich so viel weniger zu verwundern haͤtte; nach dem ihre Sinnenbilder die Berge mit gleich- maͤßiger Heucheley behafftet waͤren; Derer viel sich eusserlich in Schnee kleideten/ inwendig Schwefel und Flamme verdeckten. Also wiese man bey Velitre Augustens geringe Geburts- Stelle/ in einem zwar schlechten Gewoͤlbe; welches man aber nicht anders/ als den heilig- sten Tempel mit keuschem Leibe und mit grosser Ehrerbietung betreten doͤrffte; auch die Ein- faͤltigen uͤberredete: daß die Geister darinnen so wenig/ als in andern Heiligthuͤmern einigen Entkleideten vertruͤge; ja ein neuer und un- vorsichtiger Bewohner selbigen Ortes des Nachts von einer uͤber natuͤrlichen Gewalt halb todt waͤre heraus geworffen worden. Alleine Augustens Thun haͤtte in eitel Scheinheilig- keit/ und sein Leben nicht nur in einer uner- saͤttlichen Unzucht/ sondern in einem Kreiße der aͤrgsten Laster bestanden. Zum Merckmahle seiner Grausamkeit diente: daß er des uͤberwun- denen Brutus Kopff unter die Seule des Kay- sers Julius werffen/ aus denen Gefangenen Vater und Sohn ums Leben kaͤmpffen; und denen Fußfaͤlligen den Trost gelassen: Sie wuͤrde ihr Begraͤbnuͤs in denen Magen der Raubvoͤgel finden. Er haͤtte aller Goͤtter ge- spottet/ nach zerscheiterter Schiff-Flotte des Neptunus Bild von seinem Sitze gerissen und sich verlauten lassen: er wolte auch wieder dieses Meer-Gottes Willen dem Pompejus den Sieg zur See abzwingen. Wiewol er auch zwar aus angenom̃ener Demuth ihm zu Rom keinen Tempel zu bauen verstatten wollen; haͤtte er doch solches in andern Laͤndern/ und allenthalben mit dem Beysatze der Stadt Rom/ als einer ihm vermaͤhlten Goͤttin; wie auch: daß alle Staͤnde zu Rom jaͤhrlich in die Grube des Curtius fuͤr seine Wolfarth ein grosses Arminius und Thußnelda. grosses Geld opffern; etliche Staͤdte von dem Tage seiner Dahinkunfft die Jahrs-Rechnung anfangen; und in letzten Willen die Erlebung seiner Herrschafft fuͤr ein Gluͤcke der guͤldenen Zeit anziehen moͤgen/ erlaubet; wie nichts min- der viel silberne Bilder der Goͤtter eigennuͤtzig verschmeltzet; und aus ebenmaͤßigem Geitze eine ziemliche Anzahl Buͤrger ins Elend ver- jagt haͤtte/ um sich nur ihrer Corinthischen Ge- faͤsse zu bemaͤchtigen. Die Zagheit haͤtte er fast in ieden Schlachten/ sein boͤses Gewissen aber bey allen Gewittern spuͤren lassen; und sich zu solcher Zeit in die tieffsten Hoͤlen versteckt/ auch mit der Haut eines Meer-Kalbes/ oder mit Feigen bedecket/ aus gleichmaͤßigem Aberglau- ben: daß sie die Beleidigung des Blitzes ab- wendeten. Am allermeisten aber waͤre seine Unzucht unersaͤ t tlich gewest; weßwegen er von denen fremden Voͤlckern/ mit welchen er Frie- den oder Buͤndnuͤße gemacht/ auff eine neue Art ihr schoͤnstes Frauen-Zimmer zu Geißeln erkieset; aus denen zwantzigen/ welche zu Ve- stalischen Jungfrauen fuͤrgestellet wurden/ die heßlichste dem Heiligthume/ die schoͤnste seinem Bette geeignet/ die zaͤrtesten Kinder der edlen Geschlechte unter dem Scheine sie mit seinen Enckeln zu erziehen zu seinem Mißbrauche an sich gezogen; die noch nicht reiffe Claudia/ und die schwangere Livia aus toller Brunst unzeitig geheyrathet; vielmahl unter dem Vorwand der Unpaͤßligkeit in Mecenas Hause geschlaf- fen; und schier aller schoͤnen Weiber in Rom durch Draͤuen oder Geschencke genoßbar ge- macht haͤtte. Die Graͤfin von der Lippe stimmte Adgan- destern bey/ mit Versicherung: daß die gering- sten Laster vom August waͤren ans Tagelicht kommen; von denen aber die Fuͤrstin Asblaste nebst ihr auf der Ziegen-Jnsel alleine so viel wahr genommen haͤtte: daß/ wenn sie daran gedaͤchte/ ihr noch die Haare zu Berge stuͤn- den; und sie sich damahls mit einander bera- then/ durch selbst eigenen Tod/ wenn es durch die Flucht unmoͤglich waͤre/ sich dieses zwar eusserlich guͤldenen/ inwendig aber vom Unfla- te der Laster stinckenden Gefaͤngnuͤßes zu ent- brechen. Wiewol sie diesen Anschlag moͤglichst verstellen/ und Asblaste sich selbige Nacht in ih- re angewiesene Zimmer; auff den Morgen a- ber mit auffs Lust-Hauß des Apollo verfuͤgen muͤssen. Dieses schimmerte von Gold und Edelgesteinen/ und war rings umher dreyfach mit Wacholder-Baͤumen umgeben; wie denn auch alle Gaͤnge des wunderwuͤrdigen Gar- tens darmit besetzt/ alle Wacholder-Beeren a- ber mit unsaͤglicher Arbeit verguͤldet warẽ. Wie durch die Seltzamkeit der Speisen gleichsam die Erde/ die Lufft und das Meer erschoͤpfft war; also schimmerten auch alle Gerichte; in- sonderheit die zu Schau-Essen aus Wachs ge- machten Bilder von Golde. Bey und nach der Mahlzeit erlustigte er seine Gaͤste mit allen Arten der Olympischen Spiele; bey welchen er zwoͤlff Lorber-Kronen mit Golde und Dia- manten reichlich ausgeputzt zum Preiß auff- setzte. Diese Goͤtter selbst erlustigten sich mit einem Bogenschuͤssen nach einem hin und wie- der durch kuͤnstliches Raͤderwerck lauffenden Drachen; zum Gedaͤchtnuͤße des Pithonischen/ welchen Apollo erlegt haben soll. Welchen Tag es denn so zuͤchtig und ansehnlich hergieng: daß es schien: es waͤren diese Menschen/ so den Tag vorher Vieh gewest/ nunmehr in wahre Goͤt- ter verwandelt worden. Nach dem die Reye nun an die Fuͤrstin As- blaste/ als eine wahrhafftig keusche Vesta kam; verfuͤgten sie sich alle des Morgens zu dem auf einem lustigen Berge liegenden/ und recht in die rundte gebauten Lust-Hause der Vesta; wel- cher/ weil durch sie der Geist der Erde fuͤr ge- stellet wird/ auch die Tempel rundt gebauet wurden. Es war mit eitel Vaͤumen oder Stauden umsetzt/ welche feuerrothe Blumen und Fruͤchte trugen. Jnwendig waren eitel N n n n n n n 2 feurige Achtes Buch feurige Mahlwercke aufgestuͤrtzt; insonderheit wie die des Servilius Tullus Haupt umge- bende Flamme ihm die Roͤmische Krone/ die brennenden Lantzen den Roͤmern den Sieg wieder die Sabiner/ der opffernden Lavinia das Feuer die Emporklimmung ihres Ge- schlechtes wahrgesaget; die dem grossen Ale- xander auf den Hals dringenden Jndianer er- schrecket; den die Stadt Syracusa belaͤgern- den Nicias seine Feuerwercke beschirmet/ und der vom Demetrius angezuͤndete Wald die Spartaner gerochen; endlich wie unterschie- dene Deutsche Frauen-Zimmer nicht anders/ als die Priesterinnen der Persischen Diana durch unversehrende Betretung gluͤender Kohlen/ und Betastung feuriger Braͤnde ihre Keuschheit bewehret hatten. Die Taffel hatte sie in einer tunckeln Hoͤle/ theils wegen der uͤ- bermaͤßigen Mittags-Hitze; theils: daß sie den Nutzen ihres heiligen Feuers angewehren koͤn- te/ bestellet. Denn sie ließ ihr/ wie Vestalische Jungfrauen/ aufgeputztes/ und zu Bedienung dieser Goͤtter bestelltes Frauen-Zimmer in ei- nem einwerts geschliffenem Stahl- oder Breñ- Spiegel/ darinnen sich die Sonnen-Strah- len zusammen in einen Mittelpunct zwaͤngten/ eine gleichsam himmlische Flamme anstecken. Diese zuͤndete das mitten in der Hoͤle auffge- setzte/ und aus eitel wolruͤchendem Talcke und eingeamberten Wachs bereitete Bild der Por- cia an/ und erleuchtete durch das sie verzehren- de Licht die Hoͤle. Die auff allen Fall eben so hertzhafft/ als Porcia zu sterben entschlossene Fuͤrstin Asblaste hatte nicht ohne Nachdencken an den Fuß dieses brennenden Bildes schreiben lassen: Hier brennet Porcia; doch ist ihr Brand ein Licht Unglůcklichen den Tod/ die Ruhms-Bahn uns zu zeigen/ Wenn unser Geist sich soll fuͤr Gluͤck und Siegern neigen; Wenn jenen thoͤr’chle Gunst goͤnnt Gifft und Messer nicht; Weil dem/ der sterben will/ kein Mittel nie gebricht. Auch jagt ein gluͤend Brand nur Schrecken ein den Feigen. Die Thraͤnen/ die hier falln/ die Seuffzer/ die hier steigen/ Sind Wehmuth/ die mehr uns als Porcien anficht. Die Kohlen/ die sie schlingt/ gebehrn ihr keine Pein. Denn ihrer Liebe Glut/ ihr sehnliches Verlangen Des todten Vaters Geist/ den Eh-Herrn zu umfangen Jst heisser/ als kein Brand um Schmeltz und Grtzt kan seyn. So plagt und toͤdtet nun der/ der den Tod uns wehret. Die aber lebt/ die sich in Asche so verkehret. Die Taffel verlaͤngerte sich mit allem Fleiße biß in den sinckenden Abend; Da denn As- blaste einen Aufzug hundert Jndianischer Frauen fuͤrstellte; welche in einem kuͤnstlichen Tantze einen Holtzstoß aufbauten/ selbten mit allerhand wolruͤchenden Zunder anfuͤllten; dar- auff sich endlich ihre ziemlich lebhafft gebilde- te Koͤnigin setzte/ welche zwischen denen kra- chenden Flammen ihren Leib dem Geiste ihres verstorbenen Ehgemahls aufopfferte. Wel- ches Trauerspiel so artlich eingerichtet war: daß die meisten Zuschauer diese Verbrennung fuͤr die rechte Warheit aufnahmen. An dem lodernden Holtz-Stosse stiegen auch allerhand Lust-Feuer mit nachdencklichen Bildungen empor; welche sich endlich in einen fenrigen Regen verwandelten; und das an einem erho- benen Orte aufgestellte Bild der Semele an- zuͤndeten; daß es hernach in Asche zerfiel/ zu einer denckwuͤrdigen Erinnerung: wie gefaͤhr- lich es sey sich in der Liebe allzuhoch zu verstei- gen. Lucius fuͤhrte den neundten Tag sie auff das Lust-Hauß des Kriegs-Gottes; welches zwischen eitel rauen und unfruchtbaren Klip- pen lag. Seine Zierrathen bestunden in eitel Stuͤrme/ Brand und Schlachten abbildenden Gemaͤhlden. Die Taffel war auffs koͤstlichste bestellt/ aber ohne Brod/ vielleicht/ weil nichts minder der feurige Kriegs-Stern/ als der Krieg selbst die Saaten/ ja gleichsam Laub und Graß versenget. Nach der Taffel erlustigte er seine Gaͤste mit einem kuͤnstlichen Roß-Tan- tze; darinnen Jupiter und Mars mit einander stritten; welcher unter ihnen zu der Hoheit der Stadt Rom am meisten beygetragen haͤtte. Jupiter hatte auff seiner Seite zwantzig Cre- tensische Arminius und Thußnelda. tensische Schuͤtzen/ Mars so viel Thracier mit Wurff-Spiessen. Dem Jupiter kam Juno mit zwoͤlff Amazonen/ dem Mars Venus mit so viel Liebes-Goͤttern zu Huͤlffe. Welche alle sich zwar kaͤmpffende wunderseltzam durch ein- ander vermischten/ gleichwol aber in solchem Handgemenge allezeit eine richtige Ordnung/ und eine den Seiten-Spielen gemaͤße Bewe- gung schauen liessen. Darzwischen wurden ie- des Gottes Thaten wechselsweise heraus gestri- chen/ und insonderheit vom Jupiter geruͤhmet: daß er selbst das Capitolium zu seinem Sitze er- wehlet/ das vom Ariovist dem Mars wieder Rom gethane Geluͤbde unterbrochen/ von der Juno: daß sie endlich zu Einaͤscherung ihrer ei- genen Stadt Carthago Rom zu Liebe geholffen; vom Mars: daß er den ersten Stiffter Romu- lus selbst gezeuget; seine Woͤlffin ihm mit der Milch einen streitbaren Geist eingefloͤst; von der Venus: daß sie den Eneas wieder die ge- haͤßige Juno in Schutz genommen/ ihr vorge- hender Stern ihm in Jtalien den Weg gewie- sen/ von ihm den Julius gebohren; und eine Mutter des Julischen Geschlechtes waͤre; wel- ches Rom allererst zu der hoͤchsten Macht und Glantze empor gehoben haͤtte. Der Kriegs- Gott erlangte endlich den Preiß/ nemlich einen mit Diamanten umwundenen Grase-Krantz/ den ihm/ als er gleich in der Mitte der Kaͤmpf- fenden zu halten kam/ der aus der Hoͤhe herab fahrende Geist der Stadt Rom auffsetzte. Den zehenden Tag gieng der Zug auffs Lust-Hauß der Venus/ welches an Lust allen andern den Preiß wegnahm. Denn es lag an der See in einem Myrten-Walde; darinnen mehr/ als zwantzig Quellen aus den Klippen entsprangen/ und mit ihren rauschenden Baͤ- chen nichts minder die Ohren/ als Augen ver- gnuͤgte. Unter diesen Klippen waren ihrer zwey einander gegen uͤber; aus d ah er einem Eyskal- tes/ aus dem andern warmes Wasser in zwey neben einander stehenden und zum Baden ge- schickte Alabaster-Schalen spritzten. An der kal- ten war das Getichte des zur Blume werdenden Narcisses kuͤstlich gebildet; und in den mar- melnen Fuß eingegraben: Narciß/ der seinen Durst allhier zu leschen meinte/ Gerieth in sich verliebt durch dieses Quell in Glut; Durch Kaͤlt’ und Brand in’s Grab. Alleine diese Flut Die ihm zum Sterben halff/ doch bald den Tod beweinte/ Bezengt/ wie sehr sie ihn des Lebens schaͤtzet werth; Weil sie die Blumen netzt/ in die er ward verkehrt. Massen denn an der Bach/ in welche sich die- ses Quell ausschuͤttete/ viel tausend Nareissen wuchsen. An der Alabaster - Schale/ in welche das warme Wasser fiel/ stand das Getichte/ wie Venus dem vom wilden Schweine angetaste- ten Adonis zu Huͤlffe eilet; den Fuß aber an den Dornen ritzet/ und damit die weissen Rosen roͤ- thet. Am Fusse war in rothem Marmel zu lesen: Diß Quell war vormahls Eyß/ Und iede Rose weiß/ Als Venus aber sie bespritzte durch ihr Blut/ Ward diese Purpur/ jene Glut. Die aus der Schale abschuͤssenden Baͤche machten gleichsam ein kleines Eyland/ ehe sie sich mit einander vereinbarten/ welches mit eitel in voller Bluͤte stehenden Rosen-Straͤuchen be- saͤtzt war; gleich als wenn an diesem Orte aller Jahrs-Zeiten Annehmligkeit stets mit einan- der verbunden waͤren. Mitten aber/ wo sie zu- sammen ranen/ stand ein Marmel-Bild; da die fuͤnff Sinnen die in einer Muschel schlaffende Venus auf den Achseln trugen; und aus allen Oefnungen theils warmes/ theils kaltes Wasser spritzten. Um den Fluß war eingegraben: Das Ranschen dieser Bach liebkos’t den zarten Ohren/ Durch ihr schoͤn Silber wird iedwedes Aug’ ergetzt/ Und der Geruch erquickt von Blunten die sie netzt. Wem nicht ihr Wasser schmeckt/ hat den Geschmack verloren. Wer Waͤrmd’ und Kuͤhlung sucht/ der fuͤhlt hier Glut und Eys. Und so vergnuͤgt die Bach vollkoͤmmlich alle Sinnen. Allein in dem besteht ihr allergroͤster Preiß: Daß wir vergaͤnglichen sie ewig sehen rinnen. N n n n n n n 3 Diese Achtes Buch Diese gantze Gegend war auch von Rosen derogestalt angefuͤllt: daß derselben Geruch vieler Haͤupter einnahm. Das Lust-Hauß war mit denen kuͤnstlichsten Gemaͤhlden ausgezie- ret/ in welchen ihre Geschichte abgebildet; die Speisen aus allen ersinnlichen Dingen/ welche eine fuͤhlende oder wachsende Seele haben/ aufs koͤstlichste bereitet/ und mit Blumen gezieret waren. Die erste Tracht bestand aus eitel Gra- nat-Aepfeln/ weil Venus sie in Cypern zum er- sten gepflantzt haben soll. Auf der gantzen Taffel aber ward kein Wein gefunden; weil Antonia nicht die irrdische/ sondern die himmlische Ve- nus fuͤrbilden wolte/ welche die Weisen fuͤr ein Kind des Himmels ohne Mutter/ und eine Feindin der Wollust/ fuͤr ein Bild der Goͤttli- chen Schoͤnheit/ eine Anreitzerin der Seele zur Liebe Gottes und der Tugend halten; und wel- cher Feyer auch zu Athen ohne Wein begangen werden muͤssen. Uber diß stellte sie in einem kuͤnstlichen Schauspiele die gewaffnete Venus; wie sie alle ihr zusaͤtzende schaͤdliche Gemuͤths- Regungen; und den himmlischen Liebes-Gott; wie er die fleischlichen Wolluͤste unter dem Bil- de des ihn anfallenden halb-viehischen Pan uͤ- berwand/ so zierlich fuͤr: daß auch die/ welche sich auff eine andere Uppigkeit verspitzt hatten/ dennoch ihre Vergnuͤgung fanden; biß in dem dritten Aufzuge des Schauspiels die vorhin mit eitel Sternen bekleidete Venus sich in ein Trauer-Gewand huͤllete; und einem ieden nach der Reinigkeit seiner Liebe ein gnaͤdiges/ oder nach seiner Geilheit ein grimmiges Todtes- Urthel schrieb/ ja so gar ihre Seelen theils in Ergetzligkeit/ theils in Pein versetzte. Sinte- mahl diese Goͤttin nicht nur fuͤr eine Vorstehe- rin der Geburt/ sondern auch des Todes und der Geister gehalten wird; weßwegen Cana- chus ihr Bildnuͤs aus reinesten Gold und Helf- fenbeine fertigte/ das auf dem Haupte die Him- mels-Kugel/ in der rechten Hand einen Gra- nat-Apffel/ in der lincken ein schlaͤffrichtes Mah-Haupt trug. Alleine zuletzte besudelte die sonst ihrer Keuschheit wegen beruͤhmte An- tonia das vorhergehende Gute mit einem schlimmen Beysatze/ in dem sie das Gerichte des Paris zwischen der Juno/ Pallas/ und Venus in einem Tantze zwar wegen ihrer gaͤntzlichen Entbloͤssung und unzuͤchtigen Stellungen hoͤchst aͤrgerlich/ iedoch so kuͤnstlich fuͤrbilden ließ: daß iede Person ihre Meinung mit stum- men Gebehrden so deutlich ausdruͤckte/ als sie mit ihrer Rede schwerlich besser zu thun ver- mocht haͤtte. Den eilfften Tag verfuͤgten sie sich auff das in einem annehmlichen Foꝛst liegende Vorweꝛg der Dianen; welcher keuschen Goͤttin Stelle Julia wenig keusch vertrat. Das aus eitel gruͤnem Marmel und Wacholder - Holtze ge- baute Lust-Hauß war mit denen koͤstlichsten Ge- maͤhlden ausgezieret; welche der Kayser theils aus dem zweyhundert Jahr fuͤr der Trojani- schen Einaͤscherung von denen Zazynthern aufgefuͤhrten/ und vom Annibal verschontem Tempel/ theils aus dem Auldischen eben so al- tem Heiligthume Dianens dahin hatte bringen lassen. Fuͤrnehmlich war wuͤrdig zu schauen das Gemaͤhlde der sich aus den Netzen winden- den Britomartis/ des Timarete/ des Nicons Tochter/ der Dyctynnischen Dianen nachge- macht haben soll/ und der Aufzug der geschwaͤn- gerten Gespielen/ welche die Diana zu versoͤh- nen in ihren Koͤrben allerhand Opffer in ihren Tempel trugen/ und ihre Guͤrtel darein auff- hiengen; ferner das vom Apelles gemachte Bild der Taurischen Diana/ welche in der rechten Hand einen Pardel/ in der lincken einen Loͤ- wen hielt; um sich aber herum viel aufgeopffer- te Fremdlinge hatte. Am allerhoͤchsten aber ward geschaͤtzt eine Taffel; darauff die Pelle- nische Diana alle Menschen/ welche sie ansa- hen/ wahnwitzig; alle von ihren Augen bestrahl- te Baͤume aber unfruchtbar machte/ und der Fruͤchte beraubte. Unter dem Lusthause stand ein Arminius und Thußnelda. ein kuͤnstlicher Spring-Brunn aus Corinthi- schem Ertzt und Marmel; in welchem die vom verliebten Fluße Alfeus verfolgte Diana sich und ihre Gespielen mit Kothe bekleibet; und al- so ihm entrinnet. Die Speisen waren eitel Wildpret; und von so vieler Art: daß es schien: es haͤtte das gantze Roͤmische Reich alle Sel- tzamkeiten seiner Waͤlder und Gebuͤrge dahin versammlet; und in denen Schau-Essen wa- ren nicht nur alle nur ersinnliche Thiere/ son- dern alle Geschichte/ die man von der Diana oder beruͤhmten Jaͤgern erzehlet/ abgebildet. Nach der Taffel fuͤhrte Julia ihre Gaͤste mit- ten in den Forst; da sie/ nach dem die Jaͤger al- ter Gewonheit nach die falsche Diana um Er- laubnuͤs zu jagen angeflehet/ und den ersten ge- hetzten Hasen/ entweder weil ihr Fleisch schoͤn machen/ oder sie fuͤr andern Thieren ein groß Hertze haben sollen/ der Liebe zu opffern fort- geschickt hatten/ zum ersten in einer umgarn- ten Stallung mehr/ als tausend Hasen/ wor- von aber die jungen alsbald abgesondert/ und der Diana zu Liebe loß gelassen wurden; theils die Hunde erwuͤrgen/ theils ihre Gaͤste mit Pfeilen erlegen ließ. Hierauff kamen in die Stallung dreyhundert Fuͤchse; welche von de- nen Jaͤgern eine gute Zeit in die Lufft geprellt/ und hernach allererst zu tode gehetzt wurden. Diesen folgten hundert Woͤlffe; welche mit so vielen Hunden einen blutigen Zweykampff hielten. Zweyhundert Rehe/ die alle von der Goͤtter Pfeilen fielen; ferner/ hundert wilde Schweine; die von grossen Britannischen und Thracischen Hunden erlegt wurden. Endlich traten in die Stallung funffzig Hirsche mit grossen Geweihen/ derer keines unter dreyzehn Enden hatte; wovon die meisten gleicher Ge- stalt der Zuschauer Pfeile faͤlleten/ etliche aber dennoch uͤber die hoͤchsten Garne setzten. Nach dieser Erlustigung fuͤhrte Julia die Versam- lung in den nahe dabey gelegenen Thier-Gar- ten; in welchen der Kayser alles dieses Wild aus Africa und Hispanien hatte bringen lassen. Da denn in einem gemauerten Kampff-Platze anfangs drey Luchse gegẽ drey Tiger; zuletzt ein wilder Ochse gegen einen Loͤwen kaͤmpffen; die Uberwinder aber gleichwol mit Pfeilen getoͤd- tet wurden. Endlich verlohr sich Julia von der Gesellschafft/ und ließ den Mercur ihre Gaͤste in ein lustiges Thal leiten; da sie denn auf ei- nem mit fruchtbaren Baͤumen uͤberschatteten Felsen die Julia mit zwoͤlff andern Frauenzim- mern in Gestalt der badenden Diana finger- nackt antraffen. Kurtz darauf hoͤrten sie ein Ge- thoͤne der Jaͤger - Hoͤrner/ und Gebelle der Hunde. Worauff sich denn ein wolausgeputzter Jaͤger sehen ließ/ und biß an diß Bad eine Hin- din verfolgte. So bald aber Julia und ihre Gespielen ihn mit ihrem Wasser bespritzten/ kriegte dieser ar mselige Acteon zu aller Zuschau- er Erstaunung grosse Geweihe auff den Kopff. Worauff ihn seine eigene Hunde anfielen und in Stuͤcke zerrissen. Niemand wuste zu sa- gen/ wie es zugieng; und ich selbst als eine Zu- schauerin weiß nicht zu errathen: Ob es Ver- blendung oder Zauberey gewesen sey. Wiewol nun diese Tage August die Fuͤrstin Asblaste auffs freundlichste unterhielt; also: daß Teren- tia gegen sie eiffersuͤchtig zu werden begonte; blieb er doch iederzeit in den Schrancken einer solchen Bescheidenheit: daß Asblaste nunmehr durch die einmahl geschehene hefftige Beweh- rung ihrer Keuschheit Augustens unziemliche Begierden uͤberwunden/ und sich in voͤllige Sicherheit gesetzt zu haben vermeinte. Weß- wegen sie mit desto wenigern Sorgen sich den zwoͤlfften Tag mit denen andern Goͤttern zu dem Vorwerge des Saturn verfuͤgte; als bey dessen gramhafftigen Eigenschafft sie so viel we- niger Liebes-Versuchungen vermuthete; der Kayser auch auff des Roͤmischen Rathes be- wegliche Bitte den folgenden Tag nach Rom auffbrechen wolte. Der sonst dem sanersehenden Saturn ziem- lich Achtes Buch lich aͤhnliche Tiberius bewillkommte seine Gaͤ- ste mit einer ungemeinen Freundligkeit/ und zwar auf einem so annehmlichen Lust-Hause; welches zwar mit allerhand Sinnenbildern er- fuͤllet war; in welchem seine selzamen Geschichte auf die Zeit und andere natuͤrliche Dinge ver- staͤndlich ausgelegt standen/ sonst aber nichts unannehmliches in sich hatte. Er speisete zwar gar kein Fleisch; weil es unter der Herrschafft des Saturns nicht soll zulaͤßlich gewesen seyn; aber alle andere koͤstliche Gewaͤchse unter der Sonnen waren hier beysammen; ja von denen saͤuerlichen Granat-Aepfeln wurden gleichsam gantze Berge aufgethuͤrmet; und die Saͤder in Speisen waren mit denen koͤstlichsten Saͤfften alle saͤuerlich zugerichtet. Weil der bitter und sauere Geschmack diesem Gotte allein zukom- men soll. Das Getraͤncke war der herrlichste Wein uͤbers Meer auf den fernen Gluͤcks- Jnseln geholet; welchen er die Thraͤnen des Saturn nennte; weil diesen Nahmen sonst das bittere Meer selbst fuͤhret. Nach der Taffel zeigte Tiberius/ aus Andeutung: daß die Dra- chen und Schlangen dem Saturn gewiedmet sind/ in einem gemauerten Gebaͤue die funffzig Ellen lange Schlange/ welche der Kayser aus Africa dahin hatte bringen lassen/ und hernach zu Rom im oͤffentlichen Schauplatze zu grosser Verwunderung des Volckes gewiesen ward. Und zwar auf diesen Eylande unter einer Men- ge von mehr als tausend kleinern Schlangen und Nattern/ die der grossen/ als ihrer erkiesten Koͤnigin/ ich weiß nicht/ durch was fuͤr Kunst eine guͤldene Krone auffsetzten. Hierauf stellte Tiberius in einem grossen Saale ein Schau- Spiel fuͤr: da auff einem in Gestalt einer Him- mels-Kugel gefertigten Schauplatze die sieben Jrrsternen mit einander stritten; welcher unter ihnen das koͤstlichste Ertzt bereitete. Saturn stritt fuͤr die Nutzbarkeit seines Bleyes/ Jupiter fuͤr die Zierde seines Zienes/ Mars fuͤr die Nothwendigkeit seines Eisens/ die Sonne fuͤr die Unversehrligkeit des Goldes; Mercur fuͤr die heilsame und durchdringende Krafft des Quecksilbers/ Venus fuͤr die Pracht des Kupffers/ der Mohnde fuͤr die Herrligkeit des Silbers/ und fuͤhrte ieder allerhand Ursachen seines Vorzugs an. Nach dem nun die uͤbrigen Goͤtter fuͤr das Gold den Ausschlag gaben/ und erwehnten: wie alle andere Arten des Ertztes durch die Krafft der Sonne und des Feuers sich muͤhten die Vollkommenheit des Goldes zu er- reichen; wie Jupiter sich selbst in Gold verwan- delt/ Mars seine Waffen/ Mercuꝛ seinen Stab/ Venus ihren Wagen/ Diana ihre Hoͤrner mit Golde ausputzten; machte Saturn der Sonne die Zeugung des Goldes strittig; und meinte selbte fuͤr sich zu behaupten; weil unter seiner Herrschafft unstrittig die rechte goldene Zeit gewest waͤre. Da denn nach einem langen Streite der Ausschlag dieses Streits dahinaus fiel: daß die Sonne in den Bergen; der einfaͤl- tige Saturn aber in den Hertzen der Menschen das koͤstliche Gold-Ertzt zeugte. Hierauf ward in einem Tantze die Zentner-Last der eisernen; die Beschwerligkeit der silbernen/ und die Herꝛ- ligkeit der guͤldenen Zeit; in welcher alles ge- mein gewest ist; das Meine und Deine keinen Krieg erregt; auch die Felder ohne Arbeit Fruͤchte gebracht haben/ fuͤrgestellet. Worbey die vier und zwantzig Stunden die Goͤtter sin- gende beweglich anfleheten die guͤldene Zeit und die Gemeinschafft aller Sachen wieder einzufuͤhren; das Ertzt des Goldes aber/ wel- ches ein schaͤdliches Terpentin-Oel in sich ste- cken haͤtte/ daran die Seelen der Menschen/ wie die Vogel an dem Leime kleben blieben/ aus der Welt verbannen moͤchten. Sintemahl damahls/ als man von keinem Golde gewuͤst haͤtte/ die rechte guͤldene Zeit gewest waͤre. Alldieweil aber August abermahls Schrei- ben empfieng: daß der Koͤnig und Priester des Bacchus in Thracien Vologeses einen maͤchti- gen Krieg erregt haͤtte/ muste er sich der Gesell- schafft Arminius und Thußnelda. schafft entziehen; gab auch in Anwesenheit der Fuͤrstin Asblaste Livien zu vernehmen: daß er die gantze Nacht mit noͤthigen Anstalten der Reichs-Geschaͤffte zubringen wuͤrde. Worvon Livia Anlaß nahm Asblasten zu ersuchen: daß sie solche Nacht bey ihr im Zimmer schlaffen moͤchte. Asblaste gab ihren Willen unschwer darein; weil Livia ihr bey diesem Zustande be- fehlen konte/ sie auch nichts boͤses argwohnte. Sie schlieff kaum drey Schritte von Livien gantz sicher; biß sie nach Mitternacht erwachte und gewahr ward: daß ihr iemand die Bruͤste betastete. Woruͤber sie einen so hefftigen Gall anfieng zu schreyen: daß ich und Liviens Frauen-Zimmer im Vorgemache daruͤber er- wachten. August und endlich Livia selbst such- ten Asblasten zu besaͤnfftigen/ und sie zur Liebe zu bewegen. Nach dem aber Asblaste aus dem Bette sprang/ den Nacht-Rock uͤber sich warff/ den liebkosenden August mit Gewalt von sich stieß/ und ihn einen Ehbrecher/ Livien aber ei- ne Kuplerin ihres eigenen Ehmanns schalt; fieng Livia/ um uͤbele Nachrede zu verhuͤten/ an/ Augusten zu entschuldigen: daß/ weil sie sonst in dem der Asblaste aus Hoͤfligkeit ein geraͤum- ten Bette zu schlaffen pflegte; waͤre August irre gegangen/ haͤtte also fuͤr die ein gebildete Livia Asblasten angeruͤhret. Diese aber war durch nichts zu bereden in selbigem Zimmer vollends zu uͤbernachten/ sondern sie kam mit zitternden Gliedern ins Vorgemach/ und fiel ohnmaͤchtig auf mein Bette: daß ich laͤnger als eine Stun- de an ihr zu reiben und zu kuͤhlen hatte; ehe sie wieder ein wenig zu Kraͤfften kam. Mit die- sem aber/ (sagte die Graͤfin von der Lippe/) gieng meine Angst allererst an; denn sie wolte fuͤr Unmuth: daß sie von Augusten so geile Be- tastungen gelitten hatte/ ihr das Messer in die Bruͤste stossen/ vorgebende: daß kein ander Wasser/ als Blut/ ihre Flecken abwaschen koͤn- te. Jch wand ihr aber mit genauer Noth das Messer aus/ und hielt ihr beweglich ein: wie kein Leib/ sondern nur die Seele durch den Werckzeug boßhaffter Einwilligung von La- stern besudelt zu werden faͤhig; der Selbstmord aber eine Wiederspenstigkeit gegen das Ver- haͤngnuͤs/ welche das ihm anvertraute Leben nichts minder/ als ein unbaͤndiges Last-Thier seine aufgelegte Buͤrde halsstarrig von sich wirfft/ eine Mißgeburt der Kleinmuth; und ein thoͤrichtes Werck eines verletzten Gewis- sens waͤre. Weßwegen Tarquinius und an- dere Obrigkeiten solche Leichen haͤtten lassen an die zu Bestraffung der Knechte aufgerichtete Creutze nageln. Asblaste aber versetzte mir: dieses haͤtte seine Weise; wenn ein tugendhafft Gemuͤthe mehr keine Anfuͤgung Schimpfes und Schande zu besorgen haͤtte. Sie aber saͤhe ihre Ehre in der hoͤchsten Gefahr fuͤr dem nach ihr wiegernden August. Und hiermit/ als es kaum zu tagen begunnte/ erhob sie sich unverse- hens aus dem Gemache/ und lieff gantz ver- zweiffelt einem abschuͤßigen Felsen zu. Ob ich ihr nun zwar gleichsam schon auf der Fersen war; sprang sie doch von dar in das Meer. Die Goͤttliche Versehung aber schickte es so wundersam: daß die Fischer auf dreyen Na- chen gleich an ihren Netzen zohen; und/ als As- blaste ins Wasser fiel/ in Meinung: daß ein grosser Fisch aus dem Netze springen wolte/ die Netze zusammen zohen/ also statt des Fisches die wunderschoͤne Asblaste aus dem Wasser zohen. Mein zwischen ihrem Geraͤusche vorhin nicht wahrgenom̃enes Wehklagen kam den Fischern nun auch zu Ohren; daher sie mit ihrem seltza- men Fange so viel mehr ans Ufer eilten; und mir meine verlohrne Asblaste/ der ich mich Lebenslang schon verziehen hatte/ wieder uͤber- antworteten. Sie war mehr einer Leiche/ als einem lebendigen Menschen gleich; und schoß ihr das Wasser haͤuffig aus Mund/ Nase und Ohren. Gleichwol aber kam sie nach ein par Stunden durch meine und zweyer anderer Frauen-Zimmer Huͤlffsleistung wieder zu sich; Erster Theil. O o o o o o o nach Achtes Buch nach dem wir sie ins Vorwerg an einen beque- men Ort gebracht hatten. August/ als er diese Begebenheit erfahren/ war nicht minder be- schaͤmt/ als erschrocken. Daher er in hoͤchster Eil zu Schiffe nach Minturne forteilte/ und Befehl hinterließ/ Asblastens auffs beste zu pfle- gen. Jhre zwey Soͤhne/ Herrmañ und Flavius/ welche der Kayser nebst dem jungen/ aber sehr plumpen Agrippa und andern edlen Roͤmern mit allerhand Kurtzweil hatte unterhalten/ und die in dem Misenischen Seebusem liegende Seeplaͤtze besehen lassen/ musten so eilfertig mit nach Rom: daß sie ihrer Frau Mutter kaum die Haͤnde zu kuͤssen Zeit hatten. Woruͤ- ber Asblaste aber mahls so wehmuͤthig ward: daß sie nach ihrem Abschiede aus gefaster Ein- bildung sie nim̃ermehr wieder zu sehen/ Spra- che und Seele verlor/ und in etlichen Tagen kaum aus dem Bette und wiederum zu Ge- spraͤchen gebracht werden konte. Wir blieben wol zwey Monate auf diesem Eylande; da ich denn noch genungsam an Asblasten zu troͤsten/ und ihr einzuhalten hatte: daß der Himmel sie nicht ungefaͤhr bey ihrer verzweiffelsten Ent- schluͤssung aus dem Rachen des Meeres erret- tet; sondern zu noch etwas sonderbarem vor- enthalten haͤtte; daher solte sie durch ihre Unge- dult GOtt nicht beleidigen; und das ihr be- stimmte Heil nicht mit Fuͤssen von sich stossen. Alleine dieses Eylandes Lust-Garten war nun- mehr Asblasten so sehr zu wieder/ als die Jnsel Jthaca den Hasen/ Creta und der Berg Olym- pus den Woͤlffen/ Africa den Hirschen. Die wolruͤchenden Kraͤuter stancken sie an; und fuͤr denen heilsamsten Fruͤchten eckelte ihr. Daher sie an den Kayser eine demuͤthige Bittschrifft abgehen ließ: daß er zu ihrem Gefaͤngnuͤße ihr unter einem kuͤhlern Himmelsstriche einen an- dern Ort ausstecken moͤchte/ weil sie so heisser Lufft entwohnet waͤre. Welches denn auch so viel fruchtete: daß der Kayser verordnete uns auf das zwischen Corsica und Etrurien liegende Eyland Caprasia/ so gleichfalls von den wilden Ziegen den Nahmen hat/ zu fuͤhren. Wir hatten diß schon im Gesichte; als ein hefftiger Sud- Ost-Wind uns bey selbter vorbey trieb/ und sich hernach in einen sechstagichten Sturm ver- wandelte/ endlich unser Schiff nicht ferne von dem Munde des Flusses Jberus an einem Fel- sen zerschmetterte; also: daß ich mit genauer Noth auf einem Stuͤcke Brete ans Ufer schwamm/ und nach etlichen nicht erzehlens- wuͤrdigen Ebentheuern unser Deutschland wieder erreichte; biß auf den gestrigen Tag fe- ste glaubende: daß die Fuͤrstin Asblaste ihr Be- graͤbnuͤs in dem Jberischen Meere gefunden haͤtte. Fuͤrst Adgandester loͤsete nunmehr die Graͤ- fin von der Lippe in ihrer Erzehlung ab; mit der Vertroͤstung: es wuͤrde die tugendhaffte Asblaste ihnen die Uberbleibung ihrer Schif- farth und seltzamen Lebens-Lauffs nicht miß- goͤnnen; er muͤste nunmehr seinem Verspre- chen nach sich zu dem mit dem Kayser nach Rom gediegenen Fuͤrsten Herrmann und Fla- vius wenden. Herrmann hatte das Gluͤcke noch auf der Reise nach Rom des Kaysers Ge- wogenheit zu erwerben. Denn als er bey Minturne aus dem Schiffe gieng/ von der aus selbtem ans Land angeworffenen schmalen Bruͤcke mit den Fuͤssen abgliet/ und ins Was- ser fiel; alle anwesende Roͤmer aber hieruͤber einander nur fuͤr Schrecken ansahen/ sprang der von Kind auf des Schwimmens gewohnte Fuͤrst Herrman behertzt ins Wasser/ erwischte den untersinckenden Kayser beym Arme/ und brachte ihn aus augenscheinlicher Lebens-Ge- fahr gluͤcklich ans Land. Der errettete August umarmete diesen jungen Fuͤrsten/ nennte ihn seinen Sohn; und versicherte ihn: daß er und sein gantzes Geschlechte dieser unver geßlichen Wolthat genuͤssen solten. Dessen erste Frucht er und sein Bruder Flavius daran genaß: daß sie bey des Drusus Siegs - Gepraͤnge wegen der in Arminius und Thußnelda. in Deutschland gefuͤhrter Kriege nicht als Ge- fangene mit eingefuͤhret wurden; sondern mit dem Kayser den Tag vorher in Begleitung des jungen Agrippa und des Germanicus zu Rom einzogen. Nach dem auch Drusus kurtz hierauff an statt des Stadtvogts des Kaysers Geburts- Tag in der Stadt Rom mit allerhand Schau- Spielen und Jagten feyerte; der Kayser aber darbey das Ungluͤck hatte: daß ihm an einem hauenden Schweine das Eisen brach/ der neben ihm stehende Ausgeber Diomedes auch aus Furcht hinter den Kayser sprang; war der jun- ge und zarte Flavius so behertzt: daß er mit sei- nem kleinen Eisen deñ schaumenden Hauer be- gegnete/ und dem in Gefahr stehenden Kayser so lange Lufft machte/ biß zwey Britannische To- cken diß wilde Thier anfasten/ und August ihm ein ander Eisen durchs Hertze trieb. Wordurch Flavius die vorige Gnade des Kaysers nicht allein befestigte/ und dem zaghafften Diomedes das Leben erbat/ sondern diese zwey Fuͤrsten erwarben durch ihre Ehrerbietung Liviens; durch ihre lebhaffte Freundligkeit aller edlen Roͤmer Gewogenheit. Der Kayser ließ sie auch in der Gesellschafft des jungen Agrippa und Germanicus so wol in der Grichischen Spra- che und der Welt-Weißheit/ als in allen Rit- ter-Spielen und Kriegs-Ubungen fleißig un- terweisen; wiewol beyde junge deutsche Fuͤr- sten/ fuͤrnemlich Herrmann in denen erstern ei- nen guten Grund in Deutschland gelegt hatten; in denen letztern aber schon den Meister spielte; und es im Ringen/ Rennen/ Fechten/ Schuͤs- sen/ Spießwerffen den meisten jungen Roͤ- mern zuvor that/ also: daß der auf die Schen- ckel schwache Germanicus/ welchen die Roͤmer gleichsam fuͤr ein Wunderwerck zeigten; nicht nur an Schoͤnheit/ Geschickligkeit und Kraͤff- ten des Leibes ihm ohne Wiederrede nachgeben muste; sondern in der Beredsamkeit/ in Ferti- gung Grichischer Getichte und denen Ritter- Spielen mit ihm eifferte; beyde also zu Erlan- gung der Vollkommenheit gegen einander an- geflammet wurden. Jm Schwimmen that es dem Fuͤrsten Herrmann und Flavius kein Mensch in Rom gleich. Denn sie schwammen zu aller Verwunderung in voller Ruͤstung uͤ- ber die Tiber; beglaubigten also die Getichte des schwimmenden Cocles/ daran die Roͤmer biß auff selbigen Tag selbst gezweiffelt hatten; und verursachten: daß der Vorsteher der Stadt Rom Mecenas zur Ubung des Roͤmischen A- dels eine grosse mit Marmel umsetzte Schwem- me mit vielen Unkosten erbaute/ welche aus ei- tel warmen Brunnen angelassen ward. Wor- durch der sonst zwar wegen Staͤrcke des Leibes wilde/ aber traͤge/ tollkuͤhne und keiner guten Kuͤnste erfahrne Agrippa gleichwohl einen Trieb bekam sich derogestalt auffs Schwim- men zu legen: daß er sich meist auff den See- Kuͤsten auffhielt/ und den Nahmen des Neptun an sich nahm. So sehr sich nun Agrippa mit seinen knechtischen Sitten beym Kayser ver- hast machte; und den Glantz seines Vaters verduͤsterte; also von ihm wahrhafft zu sagen war: der alte Agrippa sey aus Staube ein Stern/ der junge aus einem Stern Staub worden; so beliebt ward von Tage zu Tage mehr und mehr Fuͤrst Herrmann; also: daß der Kayser ihn fast taͤglich um sich hatte/ ihn ausser- halb der Stadt Rom in den Lust-Haͤusern bey seiner Taffel speisen ließ; ihm nicht allein ein Wort frey zu reden enthieng/ sondern auch auf seine Vorbitte viel Roͤmer und Auslaͤnder ihres Wunsches gewehrte. Daher als August den Drusus wieder in Deutschland schickte/ ja er auch selbst/ um dem deutschen Kriege desto naͤ- her zu seyn/ sich in das Lugdunische Gallien zu reisen fertig machte/ und er aus den ihm vom Rathe und Volcke zu Rom zu Giessung seiner Bilder geschenckte Gold und Silber/ des ge- meinen Heils der Eintracht und des Friedens Seulen fertigen/ und diese nebst das Siegs- Bild auff dem zum Gedaͤchtnuͤße des Kaysers O o o o o o o 2 Julius Achtes Buch Julius erbauten Rathhause aufsetzen ließ; Fuͤrst Herrmann zu Augusten anfieng: Er wuͤste ei- nen viel herrlichern Ort/ wo die Bilder der Eintracht und des Friedens stehen solten. Als nun der Kayser fragte: wo denn? Antwortete Herrmann: das erste auf dem Vogesischen Gebuͤrge/ das andere auf dem Blocksberge; und selten das erste die zur Zwietracht so ge- neigten Catten/ das andere aber die ohne Ursa- che wieder die Cherusker streitenden Roͤmer da- selbst auffthuͤrmen. Augusten gefiel diese frey- muͤthige Erinnerung so wohl: daß er dem Fuͤr- sten Herrmann nicht allein erlaubte an seinen Vater den Hertzog Segimer zu schreiben/ und des Kaysers Neigung zum Frieden zu berich- ten; sondern er befahl auch dem Drusus mit den Deutschen/ insonderheit denen Cherus- kern einen billichen Vergleich zu treffen. Aber der Ehrgeitz des Drusus und die Verachtung seines Feindes schlug des Kaysers Befehl in den Wind; welche Thorheit aber er mit Ver- lust des Roͤmischen Kriegs-Heeres und seines Lebens buͤßen muste. Unterdessen bemeisterte Fuͤrst Herrmann mit seiner Gestalt und An- muth die Gemuͤther zu Rom; darunter auch der edelsten Frauen; also: daß nach dem Livia dem Tiberius zu Ehren wegen besiegter Dal- mater dem Roͤmischen Frauen-Zimmer ein koͤstlich Mahl ausrichtete/ und sie mit der we- gen des Kaysers Liebe hochmuͤthigen Terentia in einen Wort-Streit verfiel; welche unter ihnen die schoͤnste waͤre; erkieseten sie ihn/ als in ihren Augen den Schoͤnsten hieruͤber zum Richter. Wiewol nun der verschmitzte Fuͤrst Herrmann sich dieses Urthels durchaus nicht unterfangen wolte; nebst andren hoͤflichen Entschuldigungen vorschuͤtzende: daß der Hoch- muth uͤber Goͤtter Recht zu sprechen iederzeit mit dem tode des Richters waͤre abgebuͤsset worden; so lagen ihm doch Livia und Teren- tia/ ja das gantze anwesende Frauen Zimmer auffs beweglichste um seinen Ausspruch an; ihn versichernde: daß wie ihr Zwist ohne diß mehr eine Kurtzweil/ als ein ernsthaffter Streit waͤre; die geringste Empfindligkeit ihm dar- aus erwachsen koͤnte; wei sie sich selbst wol be- scheideten: daß in Urtheilung uͤber die Gestalt man ins gemein die Meinungen nach der An- zahl der richter zehlte/ und die/ welche gleich unter ihnen das Recht verliere/ an ihrem An- sehen schlechten Verlust leiden wuͤrde. Sin- temahl der Purper nichts minder dem Maah/ als der Rose gemein; die Schoͤnheit auch eine Blume waͤre; welche zuweilen uͤbel ruͤche/ und aus einem schlechten Erd - Reiche wuͤchse; ja weñ sie auch einen untadelhafften Grund haͤtte; dennoch nur fuͤr die Rinde/ die Tugend aber alleine fuͤr die rechte Frucht eines Baumes zu achten waͤre. Dannenher man offtmahls fuͤr einer uͤbermaͤßigen Schoͤnheit/ wie fuͤr einem andere Gestirne wegstechenden Schwantz- Sterne mehr zu erschrecken/ als sich in selbte zu verlieben haͤtte. Fuͤrst Herrmann/ als er die Unmoͤgligkeit sahe sich loß zu wuͤrcken; bat mit tieffer Ehrerbietung: Sie moͤchten sei- nen Gehorsam fuͤr keinen Vorwitz/ seinen Fehler fuͤr kein vorsetzlich Verbrechen ausdeu- ten; ihn aber vor keinen solchen Richter anneh- men; von dessen Urthel man sich nicht an einen hoͤhern ziehen koͤnte. Hierauff fieng er an: Terentia haͤtte den schoͤnsten Mund; Livia die vollkommensten Bruͤste. Alles Frauen- Zimmer konte hieruͤber sich des Lachens nicht enthalten; und die Geurtheilten nahmen sei- nen Ausspruch fuͤr eine Vorruͤckung ihrer Feh- ler auf; weil der Augenschein das unstrittige Gegenspiel wieß; indem an Terentiens Schoͤnheit niemand nichts; als daß sie einen zu weiten Mund; und an Livien: daß sie zu schlaffe Bruͤste haͤtte/ ausstellte. Wie ihn nun deßwegen Terentia rechtfertigte; versetzte Fuͤrst Herrmann: Es waͤre kein Richter zwar die Ursachen seines Ausspruchs zu eroͤffnen schuldig; er scheute sich aber nicht seine Mei- nung Arminius und Thußnelda. nung dennoch zu behaupten. Terentia drang alsobald darauff selbte nicht zu verschweigen. Worauff Fuͤrst Herrmann anfieng: Wenn Terentiens Lippen nicht von Honig trieffen; wuͤrden die in dem Munde des beredten Me- cenas wohnenden Musen darauff nicht ihre an- nehmliche Saͤttigung finden. Weil nun Te- rentia ihm so bald nichts entgegen zu setzen wu- ste; fragte Livia nach dem Grunde ihres em- pfangenen Urtheils. Herrmann begegnete ihr: Selbter stuͤnde auff denen ihr nechsthin von dem Roͤmischen Rathe auffgesetzten Por- phyr- und Alabaster-Seulen geschrieben. Nach deme ihr aber Livia solchen fremde machte; fuhr er fort: Sind denn die Bruͤste einer so frucht- baren Mutter/ welcher zwey Soͤhne ihr das Recht dreyer Kinder zueigneten/ nicht denen- selben vorzuziehen/ die mit Noth ein einiges Kind zu saͤugen gehabt? So wol Livia/ als Terentia waren mit dieser Auslegung ver- gnuͤgt/ und alle Anwesenden musten nichts min- der die Vorsicht dieses jungen Herrn nieman- den zu beleidigen/ als seine scharffsinnige Aus- windung aus dem ihm gestellten Garne ruͤh- men. Die freudige Julia versuchte an ihm noch alleine ihr Heil; und fragte: was denn Herrmann ihrer Gestalt fuͤr einen Mangel auszustellen wuͤste? worauff Fuͤrst Herrmann augenblicks antwortete: Jhren Augen. Ju- lia/ welche mit ihren kohlschwartzen Augen gleichsam zwey lebhaffte Sternen beschaͤmte; versetzte: worinnen denn ihr Gebrechen be- stuͤnde? welcher Herrmann alsofort begegnete: weil sie um die von ihnen getoͤdtete Seelen sich haͤtten muͤssen in die Trauer kleiden. Julia erlangte hiermit ihre vollkommene Abferti- gung; Terentia aber hatte inzwischen auf ei- nen Einwurff gedacht; und fieng gegen den Herrmann an: Jhre Bruͤste waͤren darum: daß sie nur ein Kind gestillet haͤtten/ so wenig veraͤchtlich/ als die Perlen-Muscheln; welche sich auch nur einer eintzelen Geburt ruͤhmen koͤnten; Nichts minder gienge der Purper- Schnecke an ihrer Koͤstligkeit nichts ab; ob ihre Fruchtbarkeit gleich nur in einem Tropf- fen bestuͤnde. Fuͤrst Herrmann versetzte: der Uberfluß thaͤte zwar wol der Seltzamkeit; wor- an sich die Mißguͤnstigen vergnuͤgten/ nicht a- ber der Koͤstligkeit/ welche nichts minder schoͤn/ als nutzbar waͤre/ Abbruch; sonst wuͤrde Teren- tia die guͤtige Natur schelten/ und die Muscheln ihrer schoͤnen Augen; in welchen die Wehmuth so viel hundert Thraͤnen - Perlen zeigte/ ihre lebhafften Bruͤste/ welche uͤber und uͤber mit Perlen beschuͤttet waͤren; ihre Blut-rothen Lippen/ welche von dem uͤberfluͤßigen Purper gleichsam auffspringen wolten/ veraͤchtlich halten muͤssen. Terentia ward hieruͤber stumm/ und alles Roͤmische Frauen-Zimmer uͤber die- sem jungen Fuͤrsten nichts minder verwun- dernd/ als vergnuͤgt; sonderlich/ weil sie die Hoͤfligkeit und Scharffsinnigkeit nur fuͤr eine Geburt der Stadt Rom hielten; und in Ge- dancken waren: daß selbte so wenig das Alpen- Gebuͤrge/ als der Fenix die saͤndichten Wuͤste- neyen Arabiens uͤberfluͤgen koͤnten. Jnson- derheit warff Terentia auff diesen Fuͤrsten ein Auge; und sie empfand in ihrem Hertzen an- fangs eine gewisse Ergetzligkeit/ wenn sie ihn nur zu Gesichte bekam; hernach ein Verlan- gen seinen Ritter-Spielen und Kriegs Ubun- gen zuzuschauen/ noch mehr aber in seiner Ge- sellschafft zu seyn/ und sich mit ihm in Gespraͤ- che einzulassen; insonderheit als August im Lugdunischen Gallien war. Hierdurch kam er auch beym Mecenas in veꝛtraͤuliche Kundschaft; dessen Hauß ohne diß ein Auffenthalt aller fuͤr- treflichen Koͤpfe/ nichts minder/ als sein Leben ein Beyspiel der menschlichen Vergnuͤgung war. Bey dem Fuͤrsten Herrmann aber unter- nahm er sich gar einer sorgfaͤltigen Unterwei- sung; und/ wormit er ihm/ als einem Fuͤrsten O o o o o o o 3 die Achtes Buch die Weltweißheit so vielmehr verzuckerte; be- nahm er ihm alsbald anfangs den Jrrthum des Poͤfels und der Stoischen Weisen; Welche diese añehmliche Gefaͤrthin als eine sauersehen- de Unholdin abbilden/ uñ ihꝛ nichts/ als Strang und Messer in die Hand geben. Er zohe ihr diese abscheuliche Larve vom Antlitze/ und lehrte ihn: daß weil der Zweck der unverfaͤlsch- ten Weltweißheit in der Ruhe des Gemuͤthes/ und in der Freudigkeit eines ungefaͤsselten Gei- stes bestuͤnde; muͤste man aus allen an sich selbst auch verdruͤßlichen Dingen eben so Wollust schoͤpffen; als man mit sauern Granat-Aepf- feln die allzusuͤssen Speisen annehmlich mach- te. Diesemnach waͤre es ein laͤcherlicher Aber- witz/ wenn Zeno diese edle Goͤttin in eine Hen- ckerin/ und ihre Liebhaber in Ruder-Knech t e verwandelte; ihre Taffel in Sand und Koth deckte/ und nur Wasser und Gritze zur Kost auffsetzte. Wenn er ihr ein verschimmeltes Faß zum Zimmer einraͤumte; und nur Sack-Lein- wand zum Kleide verlaubte/ wenn er ihr eine schlammichte Tasche zum Behaͤltnuͤß alles Vorraths anhienge; und einen knoͤrnrichten Stab zum gantzen Beyschube ihrer Reisen mit gaͤbe; Gleich/ als wenn die Goͤttliche Verse- hung nicht alle Geschaͤncke der Natur dem Menschen zum Gebrauche geeignet haͤtte: daß also diese hartnaͤckichte Bettlerin die Natur und das Gluͤcke/ wenn sie ihre milde Hand und Gaben mit Fuͤssen von sich stiesse/ zu trotzen sich nicht scheuete/ und zwischen ihrem zerrissenen Mantel mehr Hoffart fuͤrbleckte; als der zu gelegener Zeit sich seiner Gemaͤchligkeit bedie- nende/ im Fall der Noth aber sich auch mit Wasser und Brodt vergnuͤgende Epicur unter seinem Goldenstuͤcke und Scharlach-Mantel verborgen haͤtte. Die Weißheit waͤre nichts minder/ als die Natur eine Magd und Befehl- haberin Gottes; also koͤnte weder ihr Zweck/ noch ihre Anleitung einander zu wieder seyn. Haͤtte iene nun eine Guͤte in der Heßligkeit ge- funden/ wuͤrde sie gewiß eitel flennende Maͤu- ler/ haͤngende Wangen/ kruͤplichte Ruͤcken/ und hinckende Huͤfften/ ja an statt der Trauben und Pomerantzen nur Schleen und Holtz- Aepffel haben wachsen lassen. Warum solte denn die Weißheit ihre Kraͤfften zu solchen Er- findungen anwenden/ wie sie ihren Zucker vergaͤllen moͤchte? Warum solte sie von den Rosen-Straͤuchen ihre Purper-Blumen ver- tilgen; und nur der Dornen warten? Da sie doch GOtt dem Menschen als ein uͤberirrdi- sches Geschaͤncke verliehen haͤtte: daß sie als eine Erfinderin vieler Kuͤnste und Werckzeuge die Gebrechen der Natur ersetzen; und als ei- ne Meisterin des Lebens/ eine Herrscherin der Gemuͤths-Regungen ihre Schwaͤche in Voll- kommenheit versetzen solte. Jch weiß wohl/ liebster Herrmann/ fuhr Mecenas fort: daß die/ welche in eitel Haaren von Wichtel-Zoͤpf- fen/ mit rauchen Antlitzen wilder Maͤnner/ in Lumpen voller Unflat daher gehen/ die rein- lichte Weltweißheit eben so fuͤr ein verzaͤrteltes Lustweib/ als den Mecenas fuͤr einen Weich- ling schelten; aber ich bin versichert: daß jene bey ihrer Faͤhigkeit viel mehr Maaß zu halten; und/ ob sie zwar nicht wilde und moͤrderisch aussiehet/ doch hertzhafft zu seyn; als Mecenas sich so wol auf dem Rasen/ und in Haare/ als auf Marmel und in Seide seine Vergnuͤgung zu fuchen wisse. Denn in Warheit: Die/ wel- che auf Sammet und Purper sitzen/ empfinden am allerersten die Folterbanck; und die Spi- tzen des stachlichten Gluͤckes. Jener Sauer- toͤpffe Unschuld und Hertzhafftigkeit bestehet in einem unzeitigen Urthel/ und einer ungedulti- gen Verzweiffelung; in dem sie auff fremde Fehler alle Fluͤche ausschuͤtten/ selbst aber lan- ge Zeit das draͤuende Gesichte des Ungluͤcks nicht vertragen koͤnnen; sondern durch Eigen- Mord wieder sich selbst wuͤten; Dahingegen der sittsame Epicur aus fremden und so gar seines Ehgenossen Lastern ein Oel der Tugend zeucht/ Arminius und Thußnelda. zeucht/ und ein kraͤncklichtes Leben dem Ster- ben; ja den Auffenthaltin einem gluͤenden Och- sen einem unzeitigen/ wiewohl Ehrsuͤchtigen Begraͤbnuͤsse fuͤrzeucht. Daß der vergnuͤgte Mecenas bey seinem unauffhoͤrlichen Feber gesunder Vernunfft ist; und bey seinem nahe drey Jahr entpehrten Schlaffe doch die Ruhe seines Gemuͤthes nie verlohren hat; Dieses ist die unverfaͤlschte Weißheit/ welcher sich die Fuͤrsten nicht schaͤmen doͤrffen/ und von der auch die Niedrigen ihre Vergnuͤgung haben. Bey dieser kan der reiche Licin/ und der arme Fabricius/ der wollebende Apicius/ und der maͤßige Tubero nach Unterscheid der Zeit zu rechte kommen; und nichts minder der uͤber- maͤßigen Wollust abbrechen; als die zu scharffe Bitterkeit der Zufaͤlle verzuckern. Mit diesen Lehren unterhielt Mecenas den Fuͤrsten Herr- mann; und bestaͤrckte selbte durch sein eigenes Beyspiel; in welchem er ihm seinen vollkomme- nen Lebens-Lauff abmahlete/ und viel ihm/ auch so gar mit seiner zaͤnckischen und uͤppigen Terentia begegnete Zufaͤlle/ wiewol unter ver- bluͤmten Nahmen erleuterte; und Anleitung gab: wie ein Weiser hierzu lachen koͤnte; wenn ein Thoͤrichter daruͤber wolte aus der Haut fah- ren. Wie er durch diese Unempfindligkeit des Kaysers Gunst; die Obsicht uͤber gantz Rom er- worben; bey dem Roͤmischen Adel die Benei- dung seines Auffnehmens verhuͤtet; Augusten mehrmahls von den hitzigsten Entschluͤssungen/ ja von Niederlegung der Roͤmischen Herr- schafft/ die ihm theils Agrippa/ theils die Ver- druͤßligkeit der grossen Bemuͤhung und oͤfftere Unpaͤßligkeit ver gaͤllete/ zuruͤck gehalten haͤtte. Nebst diesen Sitten - Lehren brachte er dem Fuͤrsten Herrmann unter ihren Kurtzweilen/ oder/ wenn sie mit einander in denen Lust-Gaͤr- ten die Zeit vertrieben/ allerhand Kuͤnste/ nem- lich geschwinder Rechnung/ einen von ihm selbst erfundenen Handgrieff so geschwinde zu schreiben/ als einer redete; die Feld- und Was- ser-Maͤssung ohne gewoͤhnlichen Werckzeug/ und noch mehr andere Wissenschafften gleich- sam spielende bey; also: daß dieser nicht nur un- ter die vollkommenste Unterweisung/ welche nicht nach dem Staube roch/ noch im Schat- ten der Einsamen/ sondern in dem Lichte der erfahrnen Weisen begriffen ward/ gerieth; son- dern beym Mecenas gleichsam das Kind im Hause war. Wiewol ihm nun Terentia mehr- mahls/ theils durch ihre uͤppige Lebens-Art aͤr- gerlich fiel/ theils durch ihre Liebkosungen die- sem jungen Fuͤrsten offt die Neigung zu einer solchen Wollust/ welche keine Aufwaͤrterin der Tugend ist/ beybringen wolte; waren doch die derselben wiedrige Sitten in seinem Hertzen so tieff eingewurtzelt: daß sie auch die empfindlich- sten Versuchungen heraus zu reissen viel zu un- vermoͤgend waren. Denn ob zwar die ange- nommene Tugend nach Art des mit schlechter Erde mehrmahls vermengten Ertztes einen schlimmen Beysatz vertraͤgt; so ist doch die Krafft der angebohrnen und durch die Sitten des Landes angewoͤhnten Tugend so starck: daß sie/ wie das Oel/ keinen schlechten Beysatz oder Feuchtigkeit mit ihr vermischen laͤst; sondern ihre koͤstliche Fettigkeit auch in den groͤsten Tieffen der Laster allezeit oben schwimmt. Uber diß stand des Fuͤrsten Herrmanns Tugend in des Mecenas Hause und Terentiens Gemein- schafft gleichsam wie das Gold in dem Schmeltz- Ofen ihre richtige Pruͤfung aus. Sintemahl es unter eitel tugendhafften/ und wo man zu suͤndigen weder Anlaß noch Gelegenheit hat/ tugendhafft seyn eine so schlechte Kunst ist/ als bey stiller See und gutem Winde einen Schif- fer abgeben. Einer/ den sein Blut nicht reitzet/ ist mehr frostig; und den keine Schoͤnheit lo- cket/ mehr eingeschlaffen/ als keusch. Daher verdienet nur der/ welchem sein frisches Alter/ sein kraͤfftiger Leib/ sein liebkosendes Gluͤcke/ das Vermoͤgen seine Uppigkeit auszuuͤben ge- ben/ und welchem schoͤne Terentien Koͤrner der Achtes Buch der Wollust fuͤrstreuen/ den Ruhm der Maͤs- sigkeit/ wie ein Kriegs-Mann der Tapfferkeit/ der durch ihm zusetzendes Feuer und Eisen sich hertzhafft durchgeschlagen hat. Salonine brach ein: So hoͤre ich wol: Fuͤrst Adgandester pflichte dem neuen Weltweisen bey; welcher unlaͤngst keine nicht in Versuchung gefuͤhrte Tugend darfuͤr wolte gelten lassen; und daher das Behaͤltnuͤß der Vestalischen Jungfrauen fuͤr einen knechtischen Kercker der Seele/ und die Einsamkeit fuͤr ein Fuß - Eisen der Tu- gend verdammte; hingegen seine Schuͤler in offentliche Huren-Haͤuser zu Anschauung der schaͤndlichen Geilheiten fuͤhrte; denen entbloͤ- sten Weibern ihre Bruͤste betastete/ und darbey sich einer kaltsinnigen Unempfindligkeit ruͤhm- te/ um seinen Nachfolgern theils die Heßligkeit der Laster fuͤr Augen zu stellen/ theils sie anzu- gewoͤhnen/ wie sie die Versuchungen der Wol- luͤste auch/ wenn sie mit allen ihren Waffen an- saͤtzten/ mit unverwendetem Gesicht uͤber stehen solten: Daher er auch Ulyssen fuͤr kein Bild der Tugend gelten ließ/ weil selbter der Wollust keinen Streich auszuhalten/ noch die liebreitzen- den Sirenen anzuhoͤren sich getrauet/ sondern die Ohren verstopfft/ und fuͤr seinem Feinde entlauffen waͤre. Alleine diese Weißheit wolte nicht den Stich halten. Denn dieser Lehrer fuͤhrte seine Schuͤler zwar leicht auff diese ge- faͤhrliche Syrten; aber sie wieder heraus zu bringen war kein Rath; und wurden bey nahe alle Nachfolger des wolluͤstigen Aristippus. Seiner Schwester/ welche hundert schoͤne Maͤgdlein in taͤglicher Gemeinschafft junger Edelleute zu Keuschheits-Maͤrterern machen wolte/ gieng es nicht besser. Denn ehe das Jahr vorbey war/ giengen ihrer neun und neuntzig schweren Leibes. Adgandester ant- wortete: Er stimmte mit niemanden weniger/ als mit dieses aberwitzigen Affter-weisen thoͤ- richter Meinung uͤberein. Sintemahl ihm die menschliche Schwachheit/ die angebohrne Neigung zum Boͤsen/ und die Unvollkommen- heit der Tugenden all zuwol bekandt waͤre. Jn Anfechtungen muͤste freylich wol die Keuschheit eben so wol/ als andere Tugenden den Siegs- Krantz verdienen. Jn die Stricke der Wollust aber selbst vorsaͤtzlich rennen/ waͤre eben so naͤr- risch/ als wenn ein Schiffer mit auffgespann- ten Segeln in den Charybdischen Strudel ren- nen/ und darmit seine Wissenschafft pruͤfen wolte. Sonderlich liesse es zwar sich allen an- dern Lastern die Stirne bieten/ und selbte/ wie Hercules die Ungeheuer/ auffsuchen; fuͤr der Wollust aber waͤre am rathsamsten Scythisch zu fechten; welche auff der Flucht mit ihren Pfeilen dem Feinde den groͤsten Abbruch thun. Mit dem Neide moͤchte man/ wie Alcides mit dem Anthaͤus ringen/ die Wollust aber muͤste man ihm nicht lassen zu nahe auf den Hals kom- men/ sondern sie wie Apollo die Gifft-hauchen- de Schlange Python von weitem erlegen. Also machte es Fuͤrst Herrmann; der in al- lem zugleich ein Lehrmeister seines juͤngern Brudern Flavius; und bey seiner Gefangen- schafft so vergnuͤgt war: daß er bey nahe seines Vaterlandes daruͤber vergessen haͤtte; wenn selbtes ihm durch die Zeitungen von des Drusus Kriege nicht mehrmahls waͤre ins Gedaͤchtnuͤß geruͤckt/ und deßwegen eine kindliche Sorgfalt in seinem Gemuͤthe erweckt worden. Denn ob ihm zwar sein kluger Lehrmeister mit gutem Grunde beybracht hatte: daß der Kampff wie- der das Verhaͤngnuͤß eine unfruchtbare Rie- sen-Stuͤrmung des Himmels waͤre; und wer schon ungluͤckselig seyn solte/ von der Last der vorsichtigsten Huͤlffs-Mittel erdruͤckt wuͤrde; ja seinen Aertzten unter den Haͤnden ver gienge; so kan sich doch ein großmuͤthig Hertz dieseꝛ zaͤrt- lichen Empfindligkeit und der Bekuͤmmernuͤß fuͤr sein so suͤsses Vaterland unmoͤglich ent- schlagen; als dessen Liebe unserer Eltern/ ja unsere eigene niederschlaͤgt. Seine Sorge verfiel aber gleicher Gestalt nach und nach; weil/ Arminius und Thußnelda. weil/ wie in ungluͤcklichen Begebenheiten zu geschehen pflegt/ anfangs durch zweiffelhaffte Zeitungen/ endlich durch vergebene Vermaͤn- telungen die Niederlage der Roͤmer/ und des Drusus Tod zu Rom ruchbar; und/ ungeach- tet der ausgesprengten Siege/ gantz Jtalien in grosses Schrecken versetzt; ja August so bestuͤrtzt ward: daß er alles Einredens ungeachtet/ sich der Herrschafft begab; und es den Rath nicht geringe Muͤh kostete/ solche ihm gleichsam wie- der Willen wieder aufzudringen. Wiewol nun des Volckes zum Drusus getragene Neigung bey seinem Verluste eine nicht geringe Verbit- terung verursachte/ und daher Mecenas dem Fuͤrsten Herrmann und Flavius rieth: daß sie sich bey Drusus Verbrennung auf dem Platze des Kriegs-Gottes nicht solten schauen lassen; so hieß sie doch August und Livia bey beweglicher Ablegung ihres Mitleidens nebst ihnen daher erscheinen. Und/ weil sie ihn mit dem Nahmen des deutschen Drusus beehrten; so liessen sie ih- nen auch gefallen: daß Herrmann und Flavius/ als zwey deutsche Fuͤrsten/ die in einen gantz guͤldenen Todten-Topff zusammen gelesene A- sche des Drusus in das Kayserliche Begraͤbnuͤs trugen. Ja/ als uͤber des Kaysers und Tibe- rius Lobrede der Roͤmische Rath ihm auf der Appischen Strasse einen marmelnen Siegs- Bogen aufrichten/ und in einer Uberschrifft eingraben ließ: Drusus haͤtte Deutschland uͤ- berwunden; der großmuͤthige Herrmann aber daruͤber als einer ungegruͤndeten Heucheley lachte; und wie Drusus nicht die Helfte Deutsch- lands gesehen haͤtte/ deutsch heraus meldete/ be- fahl der Kayser die Uberschrifft zu maͤßigen; und uͤber seine Siegs-Zeichen einzugraben: Von denen in etlichen Schlachten ge- schlagenen Deutschen. Sintemahl der damahlige Zustand allzu klar an Tag legte/ wie weit es fehlte: daß die Deutschen im Kriege vom Drusus waͤren uͤberwunden worden. Nach dem auch die Buͤr germeister bey denen dem Drusus zu Ehren angestellten Spielen viel Deutsche auff Leib und Leben gegen einander zu fechten zwingen wolten; vermittelte es Au- gust dem Herrmann und Flavius zu Liebe da- hin: daß nicht nur hierzu kein Cherusker/ ja auch kein edler Deutscher/ welcher nicht mit de- nen auch edlen Roͤmern sich freywillig dem Kayser zu Liebe in Kampff-Platz verfuͤgten/ ge- zwungen ward; sondern auch hinfuͤhro jaͤhrlich mehr nicht/ als zweymahl derogleichen Schau- Spiele gehalten/ und zum meisten nur sechzig paar Fechter aufgestellt werden solten. Dahin- gegen vorher monatlich/ ja zuweilen hundert und zwantzig Tage nach einander solches ge- schehen/ und wohl zehen tausend Fechter auff einmahl denen blutgierigen Augen zur Kurtz- weil aufgeopffert; ja so gar von denen/ die nicht eben so reich/ noch auch Raths-Herren/ vielmehr aber nur Freygelassene waren/ wieder das vom Cicero gemachte Gesetze/ solche grimmige Er- getzungen angestellet wurden. Alldieweil auch August ohne Schande und Verkleinerung der Roͤmischen Hoheit den letz- ten dem Drusus versetzten Streich so schlechter Dinges nicht verschmertzen konte; oder viel- mehr den Deutschen den Einfall in Gallien verwehren muste/ schickte er zwar den Tiberius an Rhein; er ließ aber durch Livien dem Fuͤr- sten Herrmann an die Hand geben: daß er um der streitbaren Cherusker Gemuͤther zu be- saͤnfftigen an seinen Vater Hertzog Segimern umstaͤndlich schreiben solte: wie ehrlich und Fuͤrstlich er und sein Bruder zu Rom gehalten wuͤrden; und wenn nur August von ihm einige Friedens-Zuneigung verspuͤrte; sie von Rom erlassen zu werden sichere Vertroͤstung haͤtten. War also Herrmann abermahls der nuͤtzliche Werckzeug: daß selbiges mahl die Kriegs- Flamme zwischen diesen beyden Voͤlckern nicht allzusehr zu Schwunge kam; sondern daß viel- Erster Theil. P p p p p p p mehr Achtes Buch mehr ein Stein zu dem Friedens-Grunde mit den Cheruskern gelegt ward. Uber welcher Friedens-Hoffnung Tiberius zum andern mal die Buͤr germeister-Wuͤrde und den Nahmen eines Roͤmischen Feldherrn erwarb; dem Au- gust aber zu Ehren der Monat/ in welchem er das erste mahl Buͤr germeister worden war/ sei- nen Nahmen bekam. Als Herrmann nun derogestalt gleichsam dem Kayser und dem Gluͤcke in der Sch e s saß; zohe das Verhaͤngnuͤs an dem Himmel eine truͤbe Wolcke zusammen; welche allen seinen Wolstand haͤtte einaͤschern koͤnnen; wenn nicht feine Unschuld ihren Schlag auf ein ander Haupt gewendet haͤtte. Die geile Terentia hatte mit ihrem Zauber-Liede dem wunderschoͤ- nen Herrmann lange Zeit in Ohren gelegen; mit ihren hefftigen Liebesreitzungen aber bey ihm nichts als hoͤflichen Schertz erworben. Weil sie nun nicht begreiffen konte: daß dieser junge Fuͤrst/ dem Liebe und Anmuth aus den Augen sah/ und zwar in denselben Jahren: da das aufjaͤhrende Gebluͤte gleichsam auch ge- frorne Menschen aufthauet/ aus blossem Triebe der Tugend gegen ihren Liebreitz/ welcher auch den Kayser bezaubert hatte/ so unempfindlich seyn koͤnte; vermochten ihre Gedancken ihr nichts so seltzames fuͤrbilden; in welchem sie nicht die Ursache seiner Kaltsinnigkeit er gruͤ- beln wolte. Wenn ihr einkam: daß er sie als allzu alt/ oder nicht schoͤn genung/ verschmaͤhe- te/ wolte sie bey nahe von Sinnen kommen. Denn keiner verdammten Seele Pein kan die/ welche eine verschmaͤhete Frau erduldet/ uͤber- treffen. Wenn ihr aber wieder das so vortheil- haffte Urthel einfiel/ welches Fuͤrst Herrmann mehrmahls fuͤr sie gefaͤllt hatte; liebkosete sie wieder ihrer suͤssen Hoffnung/ und raffte/ wie zuvor/ alle Waffen des Liebreitzes ihn zu faͤsseln/ also itzt alle scharffsinnige Gedancken zusammen hinter das Geheimnuͤs seines Hertzens zu kom- men. Wie sie nun einmahl auf des Mecenas Tiburtinischem Vorwerge der Meyen-Lust genaßen; und sie des Morgens fruͤh vor Auff- gang der Sonnen sich auff dem uͤber die mar- melnen Gewoͤlber gepflantzten und meist mit auslaͤndischen Gewaͤchsen besetzten Lustgarten er gieng; hoͤrte sie in dem Thale gegen den Fluß Anio eine annehmliche Stimme; welcher sie sich gemaͤchlich naͤherte; sonderlich/ als ihr selb- te ie mehr und mehr bekandt fuͤrkam/ und sie endlich fuͤr des Fuͤrsten Herrmanns erkennte; welcher aus einem Grichischen Schau-Spiele in der Person des auff der Helena Raub sin- enden/ und mit ihm selbst streitenden Paris gleich nachfolgende Reymen sang: Der Sporn der Liebe reitzet mich/ Allein mich hemmt der Zaum der Ehren. Sie meiden ist mein Hertzens-Stich/ Sie lieben/ Seel’ und Freund verjehren. Ja/ wie soll ich und ein solch Weib Vermengen Lieb’ und Hertz zusammen/ Die taͤglich ihren schnoͤden Leib Aufo p ffert eines andern Flammen? Denn/ liebt sie gleich nur einen Herrn Von hoher Wuͤrd’ und vielen Gaben; So mag ich doch auch Jupitern Selbst nicht zum Neben-Buhler haben. Fuͤrst Herrmann haͤtte Zweiffels-frey weiter gesungen; wenn er nicht durch einen aus der Tieffe des Hertzens geholeten Seuffzer von Terentien waͤre gestoͤret worden. Denn diß fuͤr Liebe brennende Weib meinte nun die Aus- legung des ihr zeither verborgenen Raͤthsels aus dem Munde des allzu verschlossenen Herr- manns gehoͤrt zu haben; dessen Gedancken sie aus einer suͤssen Uberredung antichtete: daß er mit dem Kayser eyferte/ und Terentien entwe- der gar nicht/ oder nicht halb besitzen wolte. Sie bereuete aber alsobald den Vorwitz ihres unzei- tigen Seuffzers/ oder vielmehr das Unvermoͤ- gen: daß sie mit ihren Gemuͤths-Bewegungen so gar nicht hinter dem Berge halten koͤnte; sonderlich/ als sie diese in ihren Ohren mehr als himm- Arminius und Thußnelda. himmlische Stimme gaͤntzlich verstummen hoͤr- te. Gleichwol wolte sie sich nicht ferner bloß geben; verbarg sich also zwischen zwey Palm- Baͤume/ und enteusserte sich des Gartens: daß Herrmann weder ihr weiter gewar ward; noch wem er diesen Seuffzer zueignen solte/ sich groß bekuͤmmerte; am allerwenigsten aber dißmahl auf Terentien dachte. Sie hingegen saan nach/ wie sie dem Fuͤrsten Herrmann ihre gegen dem Kayser zeither bezeigte Gewogenheit auffs kalt- sinnigste/ ihre Liebe aber gegen ihm auffs feurig- ste entwerffen moͤchte. Weil sie nun auff alle seine Tritte Kundschafft legte/ und folgenden Tag nach bereit unter gegangenen Sonne er- fuhr: daß er seinen gewoͤhnlichen Lustgang er- kieset haͤtte/ versteckte sie sich in ein an dem Flus- se Anio liegendes Gepuͤsche; bey welchem Herr- mann nothwendig vorbey gehen muste; fieng daselbst an den Brand ihrer Seele auszurau- chen; und hierdurch nicht so wol ihr/ als ihm den Stein seiner Schwermuth vom Hertzen zu weltzen. Zuallem Ungluͤcke aber traff sichs: daß August den Mecenas selbigen Abend uͤber- fallen/ und wegen Erweiterung der Roͤmischen Stadt-Mauern mit ihm Unterredung pflegen wolte. Wormit er ihm aber so viel unvermu- theter auf den Hals kaͤme; hatte er seinen gan- tzen Aufzug hinter dem nechsten Lustwege zu- ruͤck gelassen/ und mit der einigen Livia diesen bekandten Lustgang erkieset; auf welchem er dem Fuͤrsten Herrmann zuvor kam/ und die einsame Terentia ihm eben gleich folgende Rey- men mit vielen hertzbrechenden Seuffzern ent- gegen schicken hoͤrte: Verschmaͤhstu/ schoͤnster Fuͤrst der Welt/ Die Seele/ die sich dir zum Weyhrauch zuͤndet an? Die einem Kayser zwar zum Schein ist beygethan/ Doch dich fuͤr ihren Abgott haͤlt; Die zwar umarmet den August/ Dich aber schleust in Seel’ und Brust. Halt deiner Eyversucht doch ein: Daß ich das Wunder - Qvell der Garamanten bin; Daß wenn der Schatten faͤllt der Mitternacht dahin/ Pflegt heiß/ deß Mittags kalt zu seyn. Der Roͤmer Sonne bin ich Eys/ Dir/ kaltes Nord- Kind/ brennend heiß. Du aber gleichst dem Brunne dich/ Der Fackeln zuͤndet an/ wenn sie verloschen sind/ Und brennende lescht aus. Dein Liebes-Schwefel rinnt Jn mein kalt Hertz/ und peinigt mich. Beruͤhrt dich aber meine Glut/ So bistu Schnee/ gefrorne Flut. Der Kayser/ welcher sich von Terentien tausend vergeisterter Kuͤsse zum Willkommen versehen hatte/ erstarrte uͤber dieser veraͤchtli- chen Verschmaͤbung. Livia hingegẽ nahm durch das Gestraͤuche den an dem Flusse herab kom̃en- den Herrmañ wahr. Welche Begebenheit ihm Terentiens Gesang noch mehr auslegte; ob selb- ter zwar seiner Klarheit nicht bedorffte. Au- gust kehrte hiermit auf dem Fuße um; und fuhr also fort ohne Beschreitung des Mecenatischen Vorwergs auff das Lust-Haus/ welches des gefangenen Koͤnigs Syphax Wohnstatt gewest war. Fuͤrst Herrmann aber/ der den Kayser ebenfalls erblickt hatte/ lenckte sich mit allem Fleiß von dem durch das Gepuͤsche gehenden geraden Wege ins Vorwerg/ theils dem Kay- ser durch vorwitzige Ausspuͤrung seiner einsa- men Belustigung nicht verdruͤßlich zu seyn/ theils dem Mecenas von seiner Ankunfft Wind zu geben. Mecenas machte alsbald moͤglichste Anstalt zu des Kaysers wuͤrdiger Empfangung; etliche Leibeigne berichteten auch: daß sie seine Senffte und Wagen in der Naͤhe gesehen haͤt- ten. Alleine nach vielem Warten war kein Kayser zu sehen; und nach eingeholter Kund- schafft/ er mit seinem gantzen Auffzuge ver- schwunden. Mecenas verfiel hieruͤber in aller- hand seltzame Gedancken; insonderheit/ da er von der Einkehr in das einsame Lust-Haus des Syphax gewisse Nachricht erhielt. Am aller- meisten ahnete Terentien nichts gutes/ als sie verstand: daß August und Livia an dem Fluße Anio waͤren gesehen worden; allwo sie ihr Her- tze so frey ausgeschuͤttet hatte. Es war unge- faͤhr Mitt e rnacht; als Lucinius ein Freygelasse- P p p p p p p 2 ner Achtes Buch ner vom Kayser ankam/ und den Fuͤrsten Herr- mann abforderte. Dieser traff den Kayser an Gebaͤhrden und Gesichte so verstellt an/ als er ihn vor niemahls gesehen hatte. Denn/ weil Eyversucht nichts anders/ als eine aus Liebe und Haß vermischte Mißgeburt/ ja ein rechter Centaurus ist; kan ihre Begegnung nicht ohne Ungebaͤhrdung/ und sonder Ausschuͤttung Feuer und Gifftes geschehen. Welche Ent- ruͤstung beym August so viel hefftiger war; weil Fuͤrsten eben so empfindlich sind/ wenn man ih- nen ans Hertze ruͤhret/ als wenn man ihnen an den Zepter greifft; ja auch die Eyversucht gegen eine heimliche Buhlschafft so viel hefftiger/ als gegen sein eigen Ehweib ist; so viel jene Liebe die- se an Hefftigkeit uͤbertrifft. Daher wie sie vorher dem so holdseligen Gestirne des Baͤres aͤhnlich gewesen/ also hatte nach ihrem Abfalle sie sich in die Grausamkeit eines Wald-Baͤres verwan- delt; Gleichwol aber hatte die Gegenwart des beliebten Herrmanns noch so viel Nachdruck: daß der Kayser nichts thaͤtliches entschloß/ son- dern diesen Fuͤrsten beschwur/ ihm die War- heit nicht zu verschweigen; was zwischen ihm und Terentien/ welche ihre Untreu bereit mit ihrem eigenen Munde verrathen haͤtte/ fuͤr vertrauliche Gemeinschafft gepflogen worden waͤre. Fuͤrst Herrmann antwortete mit un- veraͤndertem Antlitze: Er haͤtte sich der Wol- thaten des Mecenas gebrauchet; und Teren- tien mit derselben Ehrerbietung begegnet/ die eines so edlen Roͤmers Frau/ und eines so gros- sen Fuͤrsten Freundin verdiente. August ver- setzte: seine Unschuld doͤrffte keiner Vertheidi- gung; aber Terentiens Verbrechen eine un- verfaͤlschte Entdeckung. Herrmann begegnete dem Kayser abermahls unerschrocken: Teren- tia haͤtte gegen ihn mehr Gewogenheit bezeu- get/ und ihm mehr Liebes gethan/ als er sich wuͤrdig schaͤtzte; ob sie aber was unverantwort- liches darunter angezielet/ waͤre er ein allzu unverstaͤndiger Ausleger; zumahl er niemahls wahrgenommen: daß Terentia auch einem Knechte ein sauer Auge gegeben/ vielmehr aber auch dem gemeinen Poͤfel mit aller Hoͤfligkeit begegnet haͤtte. August ward hieruͤber so ver- wirret: daß er zu keiner gewissen Entschluͤssung kommen konte. Endlich fieng er zum Herr- mann an: So solte er denn seine Auslegung fuͤr keinen Traum halten: daß Terentia unter dem Zucker ihrer Freundligkeit nichts anders/ als sein Hertze mit Galle/ Herrmanns mit Giffte anzufuͤllen bemuͤht gewest waͤre. So bald nun der Kayser dem Fuͤrsten Herrmann Urlaub gegeben/ befahl er seinem Geheim- Schreiber Thallo an den Mecenas diesen Be- fehl zu fertigen: daß er die Ehbrecherin Teren- tien fuͤr aller Menschen Augen verbergen/ dem Thallo aber alle in ihrem Zimmer befindliche Schrifften abfolgen lassen solte. Weil nun des Kaysers liebster freygelassener Proculus/ der auch selbst mit zu Tibur gewest war; aus Au- gustens Ruͤckkehr und Gebaͤhrden was grosses besorgte; bestach er den Thallo mit fuͤnffhundert Groschen: daß er ihm den Auffsatz des Kayser- lichen Befehls eroͤffnete. Proculus erschrack hieruͤber auffs hefftigste; und weil er ihm uͤbel be- wust war; reñte er selbigen Augenblick Sporn- streichs voran Terentien zu warnigen. Sie hatte aber die gantze Nacht keinen Schlaff in ih- re Augen bracht; und auf den Morgen/ weil ihr gleichsam die Welt zu enge/ und die herrli- chen Lustgaͤrte eine abscheuliche Wuͤsteney wa- ren/ sich in das raue Thal an dem Flusse Anio verstecket; also: daß der aͤngstige Proculus sie kaum in etlichen Stunden auffinden konte. Er traff sie auff der Erde gantz erstarrt an; und er selbst bebte wie ein Aspen-Laub; also: daß beyde einander ohn einig Wort schon ihr Bekuͤmmer- nuͤs entdeckten. Endlich erzehlte Proculus des Kaysers ertheilten Befehl/ welcher genung zu verstehen gaͤbe: daß er hinter ein groß Geheim- nuͤs muͤste kommen seyn. Jtzt aber liedte es die Zeit nicht Weh zu klagen; sondern sie solte ohne Versaͤu- Arminius und Thußnelda. Versaͤumung einigen Augenblicks ihre gehei- me Schreiben ins Feuer werffen/ oder sonst aus dem Wege raͤumen. Er wolte inzwischen in selbiger Einoͤde ihres Befehles erwarten. Terentia eilte zwar ins Vorwerg; wie sie aber bey dem mittelsten Spring-Brunnen die Mar- mel-Stuffen hinauf stieg/ begegnete ihr der auf der andern Stiege gegen uͤber empor steigende freygelassene Euceladus mit noch sechs Unter- gebenen; welcher Angesichts mit dem Mece- nas auffs Kaysers Besehl reden wolte. Teren- tia nahm sich eines freudigen Gesichts an/ mit Vertroͤstung: daß sie ihn beym Mecenas gleich anmelden wolte. Weil ihr nun diese Auffseher so geschwinde auff den Hals kommen waren: daß sie unmoͤglich alle geheime Schreiben zu- sammen lesen und verber gen konte; sie auch bey ihrem Ehmanne ihr keinen fremden Anklaͤger wolte zuvor kommen lassen; weil doch des laster- hafftesten Menschen eigenes Bekaͤntnuͤß gleich- sam allen andern das Maul stopfft; so gieng sie in des Mecenas Zimmer/ schloß selbtes hinter ihr zu; und fiel bey seinem Bette fuͤr ihm auf die Erde nieder/ redete ihn hier auff mit starrenden Augen also an: Mecenas/ ich habe mich leider! genug befleckt; und dich zu sehr beleidiget! Mei- ne Geilheit ist Ursache: daß das uhralte Koͤnigli- che Geschlechte der Hetrurischen Lucumoner mit dir erleschen muß. Meine Eigensinnigkeit hat dich gezwungen/ fast taͤglich eine neue Ehbe- redung mit mir auffzurichten. Meine unzeiti- ge Bruder-Liebe gegen den aufruͤhrischen Mu- rena hat deinen Ruhm bey dem Kayser ver ge- ringert; Mein Vorwitz aus dem anfaͤnglichen Wesen deines Ansehens einen blossen Schat- ten/ meine Uppigkeit dich zum Gelaͤchter des Poͤfels gemacht. Nach dem ich aber mit mei- ner Unsauberkeit die unver gleichliche Tugend des Fuͤrsten Herrmanns zu besudeln mich geluͤ- sten lassen; habe ich die Goͤtter so sehr beleidigt: daß sie alle meine Anschlaͤge haben zu Rauche/ mein Gewissen zum Hencker; den geneigten Kayser zu meinem Tod-Feinde werden lassen. Weil ich nun mit nichts anderm meine Seele reinigen; deine Beleidigung vergnuͤgen/ Au- gusten versoͤhnen/ und Herrmanns Unschuld ein Zeugnuͤs ablegen kan; als durch Verspri- tzung dieses schuldigen Blutes; so veꝛgnuͤget euch alle mit dem/ was zwar ein Behaͤltnuͤs der ed- len Seele/ aber der verzweiffelten geringstes Wasser und eine verdruͤßliche Uberlast ist; Gleichwol aber derogestalt zuweilen so nuͤtzlich angewehret wird: daß ihrer viel/ denen man im Leben selbtes nicht gegoͤnnet hat/ nach dem Tode zu leben verlangt worden. Uber diesen letzten Worten stach sie ihr den versteckten Dolch biß ans Hefft in die Brust; und weil Mecenas herzu sprang/ ihr auch den Dolch heraus zoh; war er von ihrem Blute derogestalt bespritzet: daß/ als er die Thuͤre oͤffnete/ Euceladus sich hieruͤber entsetzte/ und ihn selbst auff den Tod fuͤr verwundet hielt. Mecenas aber erkennte fuͤr grosseꝛ Gemuͤths-Verwirrung diesen Frey- gelassenen nicht einmahl; sondern rieff allein: daß iederman der sterbenden Terentia zu Huͤlffe kommen solte. Das Gemach ward zwar voll Volckes/ aber Terentia hatte ihren Geist schon ausgeblasen. Woruͤber denn unter denen Frey- gelassenen und Maͤgden ein solches Heulen und Wehklagen entstand: daß es dem versteck- ten Proculus zu Ohren kam; und verursachte: daß er sich ohne Nachdencken des ihm daraus erwachsenden Verdachts in das Vorwerg und in das Zimmer/ wo Terentia todt lag/ verfuͤgte. Als dieser den Euceladus bey der Leichen stehen sahe/ und von ihm seiner Einbildung nach (weil ein boͤses Gewissen den Schuldigen auch aus einem Schatten einen Anklaͤger macht/) scharff angesehen ward/ bildete er ihm nicht anders ein; als daß Terentia von des Euceladus Hand er- mordet; und dieser ihn in Hafft zu nehmen gesin- net waͤre. Daher er grieff er den blutigen Dolch/ und schnitt ihm damitin einem Augenblicke zu aller Anwesenden Verwunderung die Gurgel P p p p p p p 3 ab. Achtes Buch ab. Der bestuͤrtzte Mecenas aber sanck hieruͤ- ber in Ohnmacht auff das mit beyder Blute be- spritzte Bette; also: daß Enceladus einen seiner Gefehrten an Kayser abfertigte/ und selbten so wol des gantzen Verlauffs verstaͤndigte/ als neu- en Befehl verlangte. August ward hieruͤber nicht wenig bestuͤrtzt; muthmaste/ das Geheim- nuͤs seines Befehls muͤste verrathen worden seyn; Proculus aber an Terentiens Verbre- chen Theil gehabt haben. Diesemnach setzte er den Thallo/ als welcher allein hierum wuste/ zur Rede; brachte ihn auch durch angedreute Marter zum Bekaͤntnuͤße: daß er dem Procu- lus davon gesagt haͤtte/ weil der Kayser ihm vor- hin groͤssere Geheimnuͤsse zu vertrauen pflegen. Woruͤber August sich dero gestalt entruͤstete: daß er dem Thallo Arme und Beine zu zerschmet- tern/ und des Proculus Leiche in Fluß Anio zu werffen befahl. Weil aber Terentia bereit tod war; und entweder seine alte Liebe aufwallete/ also sich in Mitleiden verwandelte; oder weil er besorgte: daß aus Terentiens Schrifften etwan eine mit dem Proculus gepflogene und ihm selbst verkleinerliche Vertraͤuligkeit ans Licht kommen moͤchte/ kam er selbst zum Mecenas ihn zu troͤsten; beredete ihn auch unter dem Vorwand: es moͤchten einige zwischen ihm und Terentien gewechselte Schreiben bey sei- ner Unpaͤßligkeit vom Gesinde verruͤckt wer- den: daß er alle Brieffe in dem Vor-Saale/ und zwar in des Kaysers selbsteigener Anwe- senheit verbrennen ließ. Mecenas schoͤpffte bey des Kaysers Ankunfft zwar etwas Lufft; es hatte aber keinen Bestand; sondern die Kranck- heit nahm von Tage zu Tage uͤberhand: daß er selbst sein bevorstehendes Ende leicht wahr- nahm/ deßwegen seinen letzten Willen fertigte/ und darinnen den einigen August zum Erben einsetzte/ etlichen guten Freunden aber nur et- was weniges vermachte/ worunter Fuͤrst Herr- mann mit aller seiner Ruͤstung und Pferden/ Horatius aber mit seinen Buͤchern/ unter wel- chen sich des Maro selbsth aͤndige Eneis befand/ die er zu Brundusium verbrennen wollen; Mecenas aber in ein guͤldenes Kaͤstlein auffge- hoben hatte/ bedacht war. Weil es ja um die- ses Tichters herrliches Werck nichts minder/ als um das von ihm beschriebene Troja schade gewest waͤre: daß es haͤtte sollen eingeaͤschert werden. Acht Tage hernach starb er zu grossem Betruͤbnuͤs des Kaysers und aller Gelehrten in den Armen des Horatius; welcher aber die sen Tod derogestalt empfindlich betrauerte: daß er dem neundten Tag nach ihm gleichfalls sein Leben beschloß; und nicht minder den Kayser zum Erben hinterließ. Aller dreyer Leichen Asche ward auf dem eussersten Esqvilischen Berge in das vom Mecenas selbst aus Marmel koͤstlich gebaute Grab gesetzet; und zwar des Mecenas Asche in einem Geschirre von Berg- Kristallen durch zwoͤlff beruͤhmte Tichter/ des Horatius aber in einem Kruge von Corinthi- schem Ertzte durch neun edle in so viel Musen verkleidete Jungfrauen; und alle drey mit sinn- reichen Grabeschrifften verehret. Es hatte aber in einer Nacht ein unbekandter Erfinder an ihr Grab folgende Zeilen eingraben lassen: Die lebend nicht war werth/ Mecenas Weib zu seyn/ Verdient durch ihren Tod: daß sie in einem Grabe Vermischt mit seiner Asch’ an ihm die Ruhstatt habe. So ist es Schade nun fuͤr ihn: daß ihn der Stein So bald; fuͤr sie: daß er so langsam sie bedecket; Weil in dem Leben sein’/ im Tod’ ihr Bestes stecket. Fuͤrst Herrmann setzte durch seine ruhmba- re Bezeugung gegen Terentiens Anmuthun- gen ihm beym Kayser einen neuen Gluͤcksstein ins Bret; also: daß er bey allen wichtigen Sa- chen ihm etwas zu vertreten anvertraute; wel- ches fuͤr ein Kennzeichen der Kayserlichen Ge- nade/ und ein Aufnehmen seines Ruhmes zu achten war. Als August das Heiligthum der Eintracht einweihen/ seinen und des Drusus Nahmen nicht allein uͤber die Pforten schrei- ben/ sondern auch ihrer beyden Bilder/ wiewol nach Arminius und Thußnelda. nach dem Vorbilde des Jupiters und Apollo darein setzen ließ/ hatte Fuͤrst Herrmann die Ehre das Bild der Eintracht zu tragen/ gleich als wenn August durch ihn die Deutschen und Roͤmer vereinbaren wolte. Wie auch Livien und des Kaysers Mutter ein Tempel gewied- met ward; uͤberliefferte er Livien vom Kayser/ als obersten Priester/ die guͤldene Taffel/ in welche die Ordnung des ihnen bestim̃ten Got- tesdienstes geschrieben stand. Jngleichen als Tiberius auffs neue wieder die Deutschen auf- ziehen/ August Gallien in Ruhe zu erhalten da- hin folgen muste; Cajus und Piso aber fuͤr des Kaysers gluͤckliche Ruͤckkunfft kostbare Schau- Spiele anstellten; und in selbten alle Voͤlcker die Heldenthaten ihres Hercules auf den Schau- Platz brachten; ließ Herrmañ in einem Kampfe zu Fuße in Gestalt des deutschen Hercules fuͤr allen andern seine Geschickligkeit sehen. Ja der Kayser stellte die zwey deutschen Fuͤrsten den Herrmann und Flavius seinen zweyen aus dem Geschirre schlagenden Enckeln dem Cajus und Lucius mehrmahls zum lobwuͤrdigen Bey- spiele der Sittsamkeit und Tugenden fuͤr. Sin- temahl das Gute vom Schaͤdlichen selten durch eigene Klugheit/ mehrmahls aber aus anderer Beyspiele/ und dem Ausschlage der Sachen unterschieden wird. Zugeschweigen: daß er dem Herrmann Anlaß gab/ diese zwey freche Juͤnglinge/ darunter der juͤngste fuͤr den aͤlte- sten/ im offentlichen Schauplatze das Buͤrger- meister-Amt zu begehren sich erkuͤhnete; in ih- reꝛ Gesellschafft zuꝛ Bescheidenheit anzuweisen. Alleine ihre Unart war weder durch des Kay- sers Sorgfalt; und daß er den Cajus zum Prie- ster machte/ in den Rath zu kommen/ bey denen Raths-Herren zu sitzen und zu speisen erlaubte; noch durch des Fuͤrsten Herrmanns Vorbild zu veraͤndern. Sintemahl/ wenn das mensch- liche Gemuͤthe schon einmahl verwildert ist/ selb- tes schwerer/ als ein mit denen ungeheuersten Hecken verwachsenes Feld zu rechte gebracht werden kan. Ja ihre Verwegenheit stieg so hoch: daß Tiberius/ (welchen der Kayser zum Roͤmi- schen Zunfftmeister/ und zum Feldherrn in Ar- menien erklaͤrte/ um durch dieses Ansehen des Cajus und Lucius Vermessenheit zu steuern/) es laͤnger nicht zu Rom auszustehen getraute; sondern nach dem Beyspiele des Agrippa nach Rhodus zoh; welcher auch dem Marcellus als einer neuaufgehenden Sonne nach Mytilene/ um selbtem in Erlangung der hoͤhern Wuͤrden nicht am Wege zu stehen/ noch/ wenn er ihm et- was zuvor thaͤte/ ihn zu verduͤstern auswiche. Und vermochten weder Liviens Thraͤnen/ noch daß August im Rathe von ihm verlassen zu wer- den beklagte/ den Tiberius in Rom zu erhalten/ als welcher von ihnen Verlaub der Einsamkeit durch viertaͤgichte Enteusserung der Speise er- preste. Nichts desto weniger wuste Herrmañ sich in allem seinem Beginnen derogestalt zu maͤßi- gen: daß er keinen Fuß breit von der Tugend absetzte; durch seine Bescheidenheit aber nebst dem Flavius noch die Zuneigung des Caius und Lucius behielt. Mitler Zeit als der verreisete Tiberius theils in Armenien den Tigranes zum Koͤnige einsetz- te; theils auf dem Eylande Rhodus der Welt- weißheit oblag; schien das Gluͤcke die dem Fuͤr- sten Herrmann zugethane Gewogenheit der Menschen zu beneiden. Denn nach dem der Kayser den Flaminischen Renne-Platz an- waͤsserte/ und um das wegen verminderter Austheilung des Getreydes unwillige Volck mit Schau-Spielen zu gewinnen/ sechs und dreyßig Krocodilen durch allerhand Arten des Kampffes hinzurichten fuͤrstellen ließ; wolte der halb wahnsinnige Agrippa/ als ein eingebil- deter Wasser-Gott/ darbey seine Tapfferkeit und Geschickligkeit fuͤr andern Roͤmern/ welche diese Thiere nur durch Wurff-Spieße/ und ein- gesenckte Angelhacken hinzurichten bemuͤht wa- ren/ schauen lassen. Diesen seinen Enckel Agrip- pa hatte August in seineꝛ Kindheit noch nebst an- dern Ubungen im Schwim̃en unterweisen las- sen. Deñ wie er selbst ein fuͤrtreflicheꝛ Schwim̃er war/ Achtes Buch war/ also hielt er diese Kunst nichts minder/ als Solon/ der die Atheniensische Jugend durch ein Gesetze zu der Erlernung verband/ fuͤr eine hochnoͤthige und nuͤtzliche Sache; und zwar auch selbst den Fuͤrsten. Denn ob diese zwar nicht Perlen fischen/ noch wie zur Zeit des Xer- res Scylias aus dem Schwimmen Schau- Spiele machen doͤrffen; so koͤnnen sie doch leicht in eine Noth verfallen/ aus welcher nichts/ als diese Geschickligkeit ihr Leben retten kan. Da- hingegen wegen dieser Unwissenheit in der Schlacht bey Salamine so viel Persische Fuͤr- sten; und als Himilco Meßina einnahm/ so viel edle Sicilier ertrincken/ und der grosse Alexan- der bey Risa uͤber seine Ungeschickligkeit sich be- weglich beklagen musten; der geharnschte Co- cles aber in der Tiber/ und Kayser Julius im Meere bey Alexandria mit ihrem Schwim- men nichts minder einen unsterblichen Ruhm erworben/ als ihre Wolfarth erhalten. Agrip- pa/ der sonst fast zu allem ungeschickt war/ hatte doch aus des Fuͤrsten Herrmanns Anleitung darinnen ziemlich viel begrieffen; daher machte er nicht alleine ein Handwerck/ sondern suchte auch Ehre daraus. Es ward einer der groͤsten Krocodiln in den mit Wasser hochangespannten Renneplatz gelassen/ als der in ein leichtes weis- ses seidenes Gewand gekleidete Agrippa aus einem eroͤffneten Eingange in diß Wasser sprang/ und in einer Hand mit einer Sichel/ in der andern mit einem Spieße diesem grim̃igen Thiere entgegen schwam. August/ als ein Zuschauer dieser Lust/ konte sich nicht enthalten bey dieser Gefabr mit Worten und Geberden alle Anwesenden um Rettung seines bereit in dem Rachen des Todes steckenden Enckels an- zuflehen. Zumahl dieses grausame Thier den Agrippa zeitlich in die Flucht brachte. Die An- gelhacken waren bereit verbraucht; die Pfeile fielen auf den Ruͤcken vergebens; und es waͤre um Agrippen sonder Zweiffel gethan gewest; wenn sich nicht Fuͤrst Herrmann ins Wasser gestuͤrtzt/ den Krotodil anfangs mit seinem De- gen gencckt/ und Agrippen zu verlassen verlei- tet; hernach aber diesem Spieß und Sichel aus- gerissen/ und das er grimmte Thier behertzt an- gegriffen haͤtte. Dieses schoß zwar wie ein Blitz auff ihn zu; aber er wiech schwimmende mit unglaublicher Geschwindigkeit nicht allein auf die Seite; sondern versaͤtzte ihm auch mit der Sichel zwey tieffe Wunden in Bauch; ehe es sich umwenden konte. Als diß aber mit noch groͤsserem Grimme geschah; wendete sich Herr- mann abermahls; und brachte dem Krocodile zwey noch tieffere Wunden bey; also: daß sich das gantze Wasser darvon roͤthete/ und diß Unge- heuer nunmehr alle seine Bewegungs-Krafft zu verlieren schien. Wie ihm nun Herrmann den letzten Streich beyzubringen bemuͤht war/ machte ihn das Geschrey des Volckes aufsich- tig: daß ein ander entweder aus Unvorsichtig- keit der Bewahrer/ oder auch durch Arglist aus- gelassener Krocodil so nahe ihm entgegen schoß: daß er keine Zeit hatte ihm auszuweichen/ son- dern er den in der Hand habenden Wurffspieß ihm in den aufgesperrten Rachen schieben mu- ste. Dieser Bissen hielt seinen Feind so lange auff: daß Herrmann die Seite des Crocodils erreichte; und weil selbter uͤber dem Spiesse kaͤuete/ ihm durch drey Schnitte Zorn und Le- ben benahm; also zwischen dem Zuruffe des fro- lockenden Volckes unversehrt seinen erstern Sitz erreichte. Fuͤrst Herrmann haͤtte den Kayser durch Eroberung eines Koͤnigreichs ihm nicht so sehr/ als durch Errettung des al- bern Agrippa verbinden koͤnnen. Denn es ist sich nicht uͤber die Blindheit der Eltern zu ver- wundern: daß sie die Gebrechen ihrer Kinder nicht selten fuͤr anstaͤndige Maale ansehen; wel- che/ wie das glaͤserne Schmeltz dem Golde/ eine mehrere Zierde beysetzen. Sintemahl ihre thum̃e Affen-Liebe sie zuweilen in dem Schlam- me der Wolluͤste erstecket; oder zwischen den Flammen der angereitzten Begierden der Ehr- sucht Arminius und Thußnelda. sucht aufopffert. Diesemnach ward Fuͤrst Herr- mann zu einem obersten Hauptmanne der Kay- serlichen Leibwache erkieset/ und solche hoͤchste vor bey einem bestandene Wuͤrde diesem Hel- den zu Liebe nunmehr zertheilet. Hingegen aber/ weil Agrippa seine verwegene That da- mit entschuldigte: daß Kayser Julius auch Rathsherren oͤffentlich haͤtte Fechter/ und Koͤni- gliche Kinder Taͤntzer abgeben lassen; ward durch ein Gesetze allen Rathsherren das oͤffent- liche Fechten verboten. Hoͤret aber/ wie der Puls des Gluͤckes so wunderlich schlaͤgt; und wie seine beste Bewe- gung mehrmahls ein Vorbote der gefaͤhꝛlichsten Kranckheit/ also sich in selbtes zu richten so viel schwerer ist; weil es die Unbestaͤndigkeit eines Weibes und die Leichtsinnigkeit der Jugend an sich hat. Die vom Tiberius verlassene Julia meinte hierdurch nunmehr die Freyheit erlangt zu haben ihre Laster auf oͤffentliche Schaubuͤhne zu bringen; und aus ihren Heßligkeiten noch Ruhm und Ehre zu suchen. Gleich als wenn die Gemuͤths-Flecken hohe Standes-Peꝛsonen eben so/ wie die Nacht die Sternen lichter machte; Da doch in Sammet ein Schandfleck viel heßlicher stehet/ als in einem halb-woͤllenem Schaͤfer-Rocke. Sie erkuͤhnte sich auf oͤffent- lichen Plaͤtzen mit veraͤchtlicher Gesellschafft verschwenderische Gast-Mahle/ und uͤppige Nacht-Taͤntze zu hegen; ja die schandbarsten Gesellschafften der Stadt Rom an sich zu zie- hen. Wiewol nun die Wollust ins gemein dero- gestalt gearthet ist: daß sie wie eine Fliege in ei- nerley Garten so begierig auff stinckende Blu- men und Unflat/ als die Biene auff wolruͤchen- den Klee faͤllt/ so geluͤstet sie doch auch nicht selten nach Art der Spinnen aus den edelsten Ge- waͤchsen Gifft zu saugen. Nach dieser Art warff Julia ein Auge auf des beruͤhmten Marcus Antonius/ und der grimmigen Fulvia Sohn Julius/ welcher vom August nach seines Va- ters Tode seiner Eltern groͤstes Vermoͤgen er- halten/ auch durch einen an des Kaysers Ge- burts-Tage gehaltenen praͤchtigen Pferde- Streit/ durch Anstellung einer seltzamen Jagt/ und ein dem gantzen Rathe ausgerichtet koͤst- liches Gast-Mahl seine Gewogenheit befestigt/ ja endlich gar die Buͤrgermeister-Wuͤrde er- langt hatte. Diesen zu gewinnen brauchte sie ihre zauberische Kuplerin Phebe eine Freyge- lassene; die anfangs mit vielen Thraͤnen das E- lend der schoͤnen Julia bejammerte/ und des Kaysers gegen seine Tochter veruͤbte Unbarm- hertzigkeit verdam̃te: daß er sie nach dem sauerse- henden Agrippa dem gramhafften Tiberius verheyrathet/ und hierdurch ihr nicht nur alle Lust/ sondern auch die Hoffnung des ihr beym Mangel der Soͤhne nach des Vaters Tode von Rechtswegen zustaͤndigen Kayserthums entzo- gen haͤtte. Wie sie nun den Julius Antonius fuͤr diesen Beschwerden die Ohren nicht ver- stopffen sah; fiel sie auff die Grausamkeit und das Unrecht; welches August an dem grossen Antonius veruͤbt haͤtte; durch dessen Beystand er doch wieder den Brutus und Caßius obge- siegt haͤtte. Er solte die ihm angestammte Groß- muͤthigkeit seines Vaters/ den Loͤwen-Muth seiner Mutter der streitbaren Fulvia durch kei- ne Furcht in seinem Gemuͤthe erstecken lassen; sondern durch eine hertzhaffte Entschluͤssung das hohe Geschlechte der Antonier auf die fuͤr- laͤngst veꝛdiente Staffel der Oberherꝛschafft ver- setzen/ durch den Genuͤß der vollkom̃ensten Ju- lia sich begluͤckseligen; und bey dieser guten Ge- legenheit/ da ihm des Kaysers Tochter beyde Armen reichte/ da Marcellus/ Agrippa und Mecenas todt/ der junge Agrippa wahn- siñig/ Cajus und Lucius zwey rohe Buben/ und Tiberius dem gantzen menschlichen Geschlechte verhast waͤre/ seine Scheitel auf einmahl mit Rosen und Lorbern kraͤntzen. Herrschafft und Schoͤnheit hat in sich einen so kꝛaͤftigen Schwe- fel/ welcher in dem Feuer der Ehrsucht und Liebe staͤhlerne Hertzen zerschmeltzet/ die kluͤgstẽ Koͤpfe einnim̃et und verwirret. Also ward Julius An- tonius duꝛch die schmeichlerische Phebe gefangẽ/ Erster Theil. Q q q q q q q durch Achtes Buch durch die in allen Arten des Liebreitzes den Mei- ster spielende Julia aber derogestalt bezaubert: dz er keinen Tag ließ vorbey gehen; in welchem er nicht in den Mecenatischen Garten Juliens Geilheit seine Leibes-Kraͤfften aufopfferte; al- len seinen Witz aber dahin verwendete; wie er sich und Julien zur Roͤmischen Herrschafft em- por heben moͤchte; als die sich oͤffentlich gegen ihm heraus ließ: Sie wuͤnschte die Gluͤckselig- keit Tulliens zu geniessen; und sie scheute sich nicht mit trockenen Augen uͤber ihres Vaters blutige Leiche die bestuͤrtzten Pferde zu jagen; wenn sie nur den Julius Antonius zugleich als ihren Ehmann und Kayser gruͤssen koͤnte. Zwi- schen diesen Berathschlagungen fiel das der Flo- ra zu Ehren gehaltene Feyer ein; da denn Ju- lius Antonius aus dem Tempel unterschiedene vornehme Roͤmer/ und sein Ehweib Servilia Julien und ander edles Frauen-Zimmer mit sich in die Servilischen Gaͤrte zur Mahlzeit nahm. Weil nun an diesem Tage fast ieder- man der Ehrbarkeit den Zaum schiessen ließ/ und die Laster gleichsam keine Schande waren; gleich als wenn gewisse Zeit eben so wol das Boͤse gut/ als unreiffe Fruͤchte reiff zu machen maͤchtig waͤre; bediente diese Gesellschafft sich unter diesem Scheine nicht geringer Freyheit. Julius Antonius redete mit Julien ab: daß sie bey einbrechender Nacht in dem Eck-Zimmer des eussersten Lusthauses ihrer gewohnten Lust sich bedienen wolten. Dieser kam auffbestimmte Zeit in das Lust-Hauß; ward daselbst an der Stiegen von der vermeinten Julia mit der em- pfindlichsten Umarmung und vielen Kuͤssen be- willkommt/ und empor in ein Zimmer gefuͤhrt; da sie denn eine gute Stunde mit einander ihre Lust buͤßeten; iedoch weil sie in dem nechsten Zimmer darbey Leute vermerckten/ kein Wort mit einander wechselten. Zuletzt/ als sie beyde gesaͤttiget zu seyn vermeinten/ und Julius An- tonius vom Bette auffstund; fieng die vermeinte Julia an: Mein allerliebster Schatz/ Lepidus; wenn und wo werde ich dein mit so vieler Ver- gnuͤgung wieder genuͤssen? Julius Antonius erkennte nunmehr an ihrer Stimme: daß diß nicht Julia/ sondern sein eigenes Ehweib Ser- vilia war; welche nichts minder/ als er/ in ihrer Liebe betrogen worden. Er schwieg eine gu- te Weile stille; in dem er wegen selbst eigener Gemuͤths-Verwirrung nicht wuste/ was er entschluͤssen solte. Er verstand zwar ihre Un- treu und Verstaͤndnuͤs mit dem Lepidus/ wel- cher des beruͤhmten Lepidus mit des Brutus Schwester erzeugter Sohn/ und nebst dem Fuͤrsten Herrmann oberster Hauptmann der Kayserlichen Leib-Wache war. Aber er traute sich doch an Servilien diß nicht zu verdammen noch zu straffen; was er durch eigenes Begin- nen billigte. Nach vielem Nachdencken ant- wortete er: Du bist betrogen Servilia; du hast keinen Lepidus/ sondern deinen Antonius um- armet; und deine heutige Vergnuͤgung hat dich gelehret: daß die blosse Einbildung fremdes Wasser zu Zucker mache. Servilia/ welcher ihr Gewissen sagte: daß ein Ehweib keuscher/ als ihr Mann zu seyn verbunden waͤre/ bebte und zitterte fuͤr Furcht und Schrecken; und sahe immer/ wenn Antonius ihr seinen Degen durch den Leib treiben wuͤrde. Er aber fuhr fort: Jch verzeihe dir/ Servilia/ nicht nur zum Zeug- nuͤs meiner Liebe dein Verbrechen; sondern er- laube dir auch: daß/ weil du dir am Lepidus was angenehmeꝛs ersehen zu haben meinest; daß du ohne Scheu meiner deine Vergnuͤgung bey ihm such en magst; iedoch mit dem Bedinge: daß du mich euch beyde in eurer Liebe beysam- men betreten laͤssest; nicht: daß ich ihm deßwe- gen einiges Unheil zufuͤgen wolle; son- dern: daß ich ihn hierdurch mir zu einem wich- tigen Anschlage verbinden koͤnne. Servilia fiel dem Antonius zu Fusse/ danckte fuͤr seine Begnadigung; und versprach seinem Befehl treulich nachzukommen. Jnzwischen war Ju- lia durch eine irrsame Verwechselung in die Armen Arminius und Thußnelda. Armen des Lepidus verfallen; und nach dem sie gleicher Gestalt in der Stille sich mit ein an- der in dem Neben-Zimmer abgemattet/ lernten sie auch allererst einander kennen. Lepidus er- schrack so sehr in diesem/ als Servilia im andern Zimmer: daß er mit Julien so weit sich vergan- gen; und auf allen Fall mit dem Grimme des Kaysers und des Tiberius seinen Untergang ihm auf den Hals gezogen hatte. Die nichts minder schlaue als unzuͤchtige Julia aber rede- te den Lepidus an: Glaube: daß zwar du in dei- ner Liebe geirret habest; ich aber bin heute mei- nes fuͤrlaͤngst begehrten Zweckes durch deinen Jrrthum gewehret worden. Lasse dir diesen Fehler nicht mißfaͤllig seyn/ welcher dir und mir einen Grundstein zu besserem Gluͤcke ab- geben/ ja nicht nur den Genuͤß einer von so viel andern angebeteten Schoͤnheiten zueig- nen; sondern dich auch in die Wuͤrde deines vom August arglistig gestuͤrtzten Vaters verse- tzen; also Gelegenheit an die Hand geben kan/ das unter das Bild des Julius schimpflich ge- worffene Haupt deines Oheims/ des unver- gleichlichen Brutus/ uͤber die Ehren-Maale beyder Kayser zu erhoͤhen. Der von Brunst noch rauchende/ und wieder den Kayser im Hertzen noch immer Rache und Galle kochen- de Lepidus wuste/ seinem Beduͤncken nach/ sein Gluͤcke nicht zu begreiffen; verschwur sich also in allem Julien aufihr blosses Wincken zu Ge- bote zu stehen. Nach diesen seltzamen Bege- benheiten schieden alle bey spaͤter Nacht von sammen; und verfolgte Antonius bey Julien/ Lepidus bey Servilien und Julien ihre ein- mahl angesponnene Liebe. Servilia sahe den Antonius von aller Eyversucht entfernet/ ja er selbst gab ihr mehrmahls Gelegenheit an die Hand sich mit dem Lepidus zu vergnuͤgen. Al- so ist die Ehrsucht die Sonne der Gemuͤths- Begierden/ welche mit ihrem Feuer alle ande- re verduͤstert/ und alle vorige Regungen/ wie das Koloquinten-Kraut alle Kraͤuter toͤdtet. Diesemnach bestellte sie den Lepidus auff eine gewisse Zeit in den Servilischen Garten; gab dem Antonius aber Wind und Schluͤssel: daß er beyde beysammen in einem warmen Bade daselbst betrat. Antonius gebehrdete sich an- fangs/ als wenn er von Rache gluͤete/ und das Qvell mit beyder Blute mehr waͤrmen wolte; als aber der nackte/ und aller Waffen entbloͤste Lepidus sich gegen ihm auffs tieffste demuͤthig- te; sich auch erbot fuͤr das ihm geschenckte Leben mit eben der Pflicht/ als ein freygelassener ver- bunden zu bleiben/ maͤßigte er seinen ohne diß nur zum Schein angenommenen Grimm; und schwur endlich dem Antonius zu seiner angeziel- ten Herrschafft uͤber die Roͤmer auch mit Dar- setzung seines Blutes befoͤrderlich zu seyn. Wel- ches Lepidus so viel leichter entschloß; weil er Julien eben diß so theuer angelobt hatte. Jn- mittelst war diß eine ungemeine Begebnuͤs: daß Lepidus aus einem Nebenbuhler des An- tonius vertrauter ward; als welchem durch die seltzame Wuͤrckung der Rache die Wermuth suͤsse schmeckte/ die aͤrgste Beschimpffung un- empfindlich fiel/ da er nur Hoffnung hatte sei- nem doch so wohlthaͤtigen Feinde so weh zu thun. Durch das Band dieser Laster ward endlich eine vollkommene Verschwerung wieder Au- gusten und sein gantzes Hauß zu wege gebracht; Zumahl es denen Zusammenverschwornen am Anfange nicht fehlete. Sie haͤtten auch durch Hinrichtung des Kaysers solche bewerckstelligt/ wenn nicht Fuͤrst Herrmann/ welcher fuͤnfftau- send Mann von der Leibwache meist Deutsche/ und darunter tausend Batavische Reuter un- ter seiner Obsicht/ und den Ruhm einer unver- aͤnderlichen Treue hatte/ sie geschreckt und zu- ruͤck gehalten haͤtte. Julia/ welche den Anto- nius und Lepidus durch Unzucht in ihr Garn bracht; stellte dem Fuͤrsten Herrmann auf viel- faͤltige Art ein Fallbret; aber er stopffte die Ohren fuͤr diesem geilen Weibe sorgfaͤltiger/ Q q q q q q q 2 als Achtes Buch als die Schlange fuͤr dem Beschwerer zu; also: daß sie nunmehr auf eine andere Arglist ihr Ab- sehen gruͤnden muste. Phebe suchte alle ihre Kuͤnste herfuͤr; darunter die Liebestraͤncke und Zaubereyen nicht die geringsten waren; allein keine schlug bey diesem Fuͤrsten an; und sahe die Boßheit in vergebener Bestuͤrmung seiner Tu- gend als eines unversehrlichen Felsens sich nicht wenig beschaͤmet. Durch oͤffentliche Gewalt ihn anzutasten verbot die in Haͤnden habende Macht der Leibwache; und seine unvergleichli- che Tapfferkeit; allen Verlaͤumdungen aber war seine so vielmahl bewehrte Unschuld und sein grosses Gemuͤthe uͤberlegen. Unter diesen zweiffelhafften Berathschlagungen fiel Julien der Sternseher Thrasyllus ein/ der dem Tibe- rius die Vermaͤhlung mit Julien wiederra- then; sonst aber wegen seiner mehrmahls einge- troffenen Wahrsagungen sich in gantz Rom in grosses Ansehen versetzt hatte. Diesen zu gewin- nen brauchte sie abermahls die arglistige Phebe; welche ihn anfangs unter dem Schein eines ihr von Julien zugeeigneten grossen Braut-Scha- tzes zur Liebe verleitete; hernach ihn beredete: daß wenn er durch seine Weißheit den verdaͤch- tigen Auslaͤnder Herrmann aus des Kaysers Gnade werffen koͤnte; wuͤrde er bey der ihm ungnaͤdigen Julia sich nicht nur wieder einlie- ben; sondern auch grosse Belohnung zu gewar- ten haben. Thrasyllus versprach Pheben moͤg- lichst zu willfahren; iedoch bat er zu dessen kluger Einrichtung einige Bedenck-Zeit; weil er hier- innen gleichwol nicht ohne allen Grund verfah- ren/ und seinen gantzen Ruhm auf einmahl in die Schantze setzen wolte. Nach etlichen Tagen meldete Thrasyllus: daß dem Kayser den zehen- den Tag eine grosse Gefahr fuͤrstuͤnde. Weßwe- gen die Verschwornen schluͤßig wurden ihren wieder den Kayser fuͤrhabenden Entschluͤssun- gen durch den Einfluß der Gestirne ein Ge- wichte beyzulegen; und also selbigen Tag ihm das Licht auszuleschen; sie koͤnten gleich dem Fuͤr- sten Herrmann ein Bein unterschlagen oder nicht. Folgenden Tag aber ereignete sich dieser Zufall: daß in dem Kayserlichen Thier-Hause ein aus Deutschland gebrachter Baͤr loß rieß/ und die drey groͤsten Adler erwuͤrgte. Thrasyl- lus legte auff Befehl des Kaysers diß auff den Fuͤrsten Herrmann derogestalt aus: daß der/ welchen der Kayser so sor gfaͤltig unterhielt/ mit der Zeit den Roͤmern die empfindlichsten Strei- che versetzen wuͤrde. Wiewol nun Lepidus bey dieser Auslegung Augusten rieth: daß er diesen nachdencklichen Zufall nicht schlechter Dings in Wind schlagen solte/ gab doch der Kayser ein Lachen darein. Jnzwischen beredete Phebe einen Jllyrischen Kriegs-Knecht; welcher un- ter des Fuͤrsten Herrmanns Jaͤgern bedient/ und in eine Freygelassene Juliens verliebt war/ durch Versprechung grosser Gnaden und der gewuͤnschten Heyrath dahin: daß als auf be- stim̃ten Tag August in dem beruͤhmten Lorber- Walde an dem Tyrrhenischen Meer/ wo E- neas ausgestiegen seyn soll/ gejagt hatte/ und in einem schlechten Jaͤger-Hause uͤbernachtete/ er- wehnter Jllyrier sich durch die Wache unter dem Scheine den Kayserlichen Jaͤger-Zeug zur Anrichtung zu holen durchspielte; und biß an das Kayserliche Schlaff-Gemach kam. Zu allem Gluͤcke aber ward der gleich die Wache untersuchende Fuͤrst Herrmann gewahr: wie daselbst der Jllyrier lein Jaͤger-Messer zuͤckte/ und recht gegen des noch schlaffenden Kaysers Bette sich wendete. Diesemnach sprang er her- zu/ fiel dem Jllyrier in die Armen; und hielt den auff den Kayser gezuͤckten Streich zuruͤcke. Woruͤber er zwar in Hafft genommen/ August erwecket; der Jaͤger-Knecht um die Uhrheber solcher Mordstifftung guͤtlich und scharff be- fraget/ aber durch keine Pein nichts aus ihm gebracht ward; weil Phebe ihm vorher viel ausgepresten Maah-Safft eingegeben hatte/ in Meynung ihn dadurch auff allen Fall des mißrathenden Mordes zu toͤdten; worvon er aber Arminius und Thußnelda. aber wegen seiner vermoͤgenden Lebens-Kraͤff- ten nur wahnsinnig ward; also: daß er auf der Folter hundert Fluͤche wieder den Kayser/ und so viel Lobspruͤche fuͤr Pheben/ und die Freyge- lassene/ in die er verliebt war/ ausstieß; und daruͤber seinen Geist verlohr. Lepidus und Fuͤrst Herrmann waren beyde bey dieser Mar- ter; jener um denen Verschwornen Nachricht zu geben; dieser um die wahrhafften Anstiffter zu erforschen; und sich selbst alles Verdachts zu entschuͤtten; weil dieser Jllyrier in seinen Dien- sten gewest war. Weil nun Fuͤrst Herrmann von des Jllyriers Buhlschafft wuste; und er in seinem Wahnwitze so viel von Pheben redete; rieth er beyde zu erfordern. Jene bekennte: daß Phebe im Nahmen Juliens ihr fuͤr drey Ta- gen nicht nur die zeither schwer gemachte Eh verwilliget; sondern auch eine ansehnliche Mit- gifft versprochen haͤtte. Phebe ward hieruͤber befragt/ leugnete es aber; ungeachtet es ihr jene bestaͤndig unter die Augen sagte. Woruͤber sie beyde abgesondert in Hafft kamen. Lepi- dus gerieth hierbey in halbe Verzweiffelung; also: daß er ihr im Gefaͤngnuͤße Gifft beyzu- bringen entschloß. Alleine Phebe hatte sich selbige Nacht schon erhenckt; iedoch einen de- muͤthigen Brieff an den Kayser zu lieffern einem deutschen Kriegs-Knechte/ der den Kercker ver- wachte/ vorher eingehaͤndiget; in welchem sie die gantze Verraͤtherey entdeckte. Dem Kayser kam diß anfangs unglaublich vor; gleichwol ließ er sich alsbald durch eitel Deutsche/ Juliens/ Serviliens/ des Lepidus und Antonius versi- chern; und ihr Geraͤthe versiegeln; bey dessen Untersuchung noch viel grausamere Dinge her- aus kamen/ als Phebe getichtet hatte. August zwar hieruͤber so bestuͤrtzt: daß er ihm selbst keinen Rath nicht wuste; sich gute Zeit nicht sehen ließ; ja mehrmahls lieber Phebens als Juli- ens Vater zu seyn wuͤnschte; und rund heraus bekennte: daß wie er fuͤr den Lebenden/ also Rom bey der Nachwelt sich ewig seiner unver- schaͤmten Tochter wuͤrde schaͤmen muͤssen; also dem Roͤmischen Rathe die gantze Sache uͤber- gab; welcher den Lepidus und Antonius zum Tode; Servilien zu ewigem Gefaͤngnuͤße ver- dammte; auch uͤber Julien zwar dem Kayser zu urtheilen heimgaben; iedoch als dieser seine Tochter in einem Sacke ersaͤuffen lassen wolte/ ihr das Leben erbaten; und daß sie also auf das Eyland Pandataria verwiesen/ ihr aller Wein und herrliche Kost/ wie auch aller Maͤnner Ge- meinschafft/ wenn es August nicht absonderlich erlaubte/ abgeschnitten/ auch endlich vom Kay- ser die Ehe mit dem Tiberius zertrennet ward; welcher gleichwol Augusten ersuchte ihr die von ihm empfangenen Geschaͤncke zu lassen. Das Todes-Urthel ward am Antonius und Lepidus vollzogen/ ihre Leiber mit Hacken in die Tiber geschleppt; viel andere mit Landes-Verwei- sung/ Ruthen und Gefaͤngnuͤße gestrafft; hin- gegen Fuͤrst Herrmann seiner aus denen auff- gefundenen Schreiben und Bekaͤntnuͤssen er- scheinenden Keuschheit und Treue halber vom Kayser umarmet; fuͤr einen Buͤrger/ Freund/ Ritter und Raths-Herrn der Stadt Rom er- klaͤret. Hieruͤber verfiel der Kayser mit dem Par- thischen Koͤnige Phraaten wegen Armeniens in Zwietracht; worzu er den zu seinem Nach- folger bestimmten Cajus als obersten Feld- Herrn erkiesete; und ihm zu seinem geheimsten Staats-Rathe den Mecenas Lollius; zu einem Kriegs-Obersten aber den Fuͤrsten Herrmann mit fuͤnfftausend Deutschen zugesellte; wiewol ohne diesen auch nichts wichtiges entschlossen werden solte. Der Kayser aber/ welcher nach Art der Groß-Vaͤter seine Enckel mehr/ als seine eigene Kinder oder sich selbst lieb- te/ opfferte in allen Tempeln zu Rom/ und ruffte die Goͤtter an: daß sie ihn mit der Gewogenheit des Pompejus/ mit der Q q q q q q q 3 Kuͤhn- Achtes Buch Kuͤhnheit Alexanders/ und mit seinem Gluͤcke begleiten moͤchten. Cajus segelte mit der ihm anvertrauten Kriegs-Macht gegen Syrien/ stieg aber auf dem Eylande Samus aus/ allwo ihn der von Rhodus ihm zuvorkommende Ti- berius auffs hoͤflichste bewillkommte/ und mit einem gantz verguͤldeten Renn-Schiffe/ welches mit eitel in der Schiffarth beruͤhmten Rhodiern besetzt war/ mit hundert Faͤssern des besten Rho- dischen Weines/ mit etlichen Geschirren koͤst- lichen Balsams/ fruͤhzeitiger Feigen/ und dem unvergleichlichen Hundes-Gemaͤhlde des Pro- togenes/ weßwegen Demetrius die Stadt Rho- dis nicht mit Feuer zur Ubergabe zwingen wol- len/ beschenckte. Woruͤber zwar anfangs wie- derum Cajus dem Tiberius so viel Ehrerbie- tung/ als kaum einem Obern gehoͤret/ erwieß; hernach aber auff des Lollius Vergaͤllung und Einredung: daß Tiberius alleine ihn in der Nachfolge des Kayserthums abzustechen durch seine tuͤckischen Kuͤnste anzielte/ ihm kaum das Gesichte goͤnnte. Ehe aber diese Veraͤnderung erfolgte/ hielt Cajus allerhand verschwenderi- sche Gastmahle/ fuͤllte sie mit Weine uͤbermaͤßig an/ und erwieß sich durchgehends mehr einen Bacchus als einen Feldherrn. Hingegen rich- tete Tiberius dem gesammten Kriegs-Volcke eine auskommentliche Mahlzeit aus; beschenck- te den groͤsten biß zum kleinsten; tranck denen Kriegs-Obersten des Kaysers und Cajus Ge- sundheit zu; und erinnerte dieselben Hauptleute/ welche durch seine Befoͤrderung so hoch kom̃en waren/ des gedruͤckten Tiberius nicht gar zu vergessen. Welches alles Lollius dahin aus- legte: daß Tiberius das Kriegs-Volck dem Ca- jus abwendig; ihm selbst geneigt machen/ und sie nichts minder zu einer gaͤntzlichen Neuerung der gegenwaͤrtigen Herrschafft/ als zum Auff- stande wieder den Cajus bewegen wolte. Aus solcher Verhetzung haͤtte der unbaͤndige Cajus sich am Tiberius gar vergrieffen; wenn nicht Fuͤrst Herrmann seine hitzige Entschluͤssungen gemaͤßigt/ der schlaue Tiberius auch durch un- gewoͤhnliche Demuͤthigung ihn besaͤnfftiget haͤtte. Gleichwol schied Cajus ohne von ihm genom̃enen Abschied weg; und Lollius bemuͤhte sich den Tiberius beym Kayser auffs aͤrgste zu vergaͤllen; also: daß er um sich alles Verdach- tes zu entschuͤtten selbst einen Aufmercker aller seiner Worte und Wercke verlangte; die ge- woͤhnlichen Pferderennen und Kriegs-Ubun- gen unterließ; des Roͤmischen Adels Gepraͤn- ge ablegte/ und die Tracht der Griechischen Weltweisen annahm. Ja Tiberius war des Cajus Schos-Kindern so veraͤchtlich: daß ein junger Hauptmann von freyen Stuͤcken sich gegen dem trunckenen Cajus erbot/ sonder ei- niges Bedencken auff seinen Befehl zuruͤck zu schiffen/ und ihm des Tiberius Kopff zu lief- fern. Welchen Meuchelmord Cajus verhan- gen haͤtte; wenn er nicht abermals vom Fuͤrsten Herrmann durch bescheidene Einredung beru- higet worden waͤre. Cajus erreichte hierauff Syrien/ dariñen Lollius mit Fleiß das Kriegs- Volck uͤber die Zeit aufhielt/ um die Einwohner nach seinem Belieben zu schaͤtzen; ja er fuͤhrte selbtes nicht allein durch allerhand ungebaͤhnte Umwege/ wormit er die verschonte/ welche ihn bestochen hatten; sondern er hinderte auch den zu Entsetzung der Stadt Artaxata voran gezo- genen Censorin auff alle ersiñliche Weise an sei- nem Vorhaben. Endlich kam Cajus mit dem Roͤmischen Heere gleichwol an den Phrat; traff auch den Phraates mit seinem Persischen Lager daselbst an. Wiewol nun die Persier viel staͤr- cker als die Roͤmer waren; auch beyde Ufer ein flaches Feld an der Seite hatten/ da die Parthi- sche Reuterey sich voͤllig ausbreiten konte/ und derogestalt Fuͤrst Herrmann nebst allen Roͤmi- schen Kriegs-Obersten daselbst den Feind anzu- greiffen wiederriethen; so erhielt doch des vom Phraates durch viel Gold und Edelgesteine bestochenen Lollius Meynung die Uberwage bey dem verwegenen Cajus; theils weil Lollius durch Arminius und Thußnelda. durch Heucheley sich seines Gemuͤthes voͤllig bemaͤchtigt hatte; theils weil der Jugend die hitzigsten Rathschlaͤge am anstaͤndigsten sind. Also musten dißmahl die Klugheit der unzeiti- gen Verwegenheit/ und treuer Rathgeber heil- same Meynung den schlimsten Verraͤthereyen ausweichen. Das Roͤmische Heer muste/ ehe es von der beschwerlichen Reise verblasen konte/ auf den Morgen nicht so wol wieder die Par- then/ als den strengen Phrat kaͤmpffen; woruͤ- ber aber viel von dem Flusse verschlungen; und die/ welche gleich das andere Ufer erreichten/ von dem Feinde erschlagen wuꝛden. Fuͤrst Herꝛ- mann setzte zwar mit fuͤnffhundert Batavischen Reutern auf dem festen Lande Fuß; aber/ weil die Roͤmischen Legionen mit ihrer schweren Ruͤ- stung ihn unmoͤglich entsetzen konten/ muste er dem mit zwoͤlff tausend Parthischen Edel-Leu- ten andringenden Koͤnige Phraates nur diß- mahl die Ehre der Oberhand lassen; und nach dem alle Bataver von so viel tausend Pfeilen/ er auch selbst durch die Hand und den dicken Schenckel verwundet war/ sich zuruͤck ziehen. Gleichwol hoͤrte Cajus und Lollius nicht auff das Kriegs-Volck gleich einer Heerde Schafe wieder den Strom und die uͤber solcher Thor- heit lachenden Parther anzutreiben. Als auch Fuͤrst Herrmann die Unmoͤgligkeit dem Cajus augenscheinlich fuͤrstellte/ und so tapfere Kriegs- Leute zu schonen erinnerte; kriegte er zur Ant- wort: Die vorhergehende Nacht waͤren zu Rom mehr junge Kriegs-Leute gezeugt worden; als ihrer diesen Tag darauff gehen wuͤrden. End- lich muste bey sinckender Nacht nur Cajus zum Abzuge blasen/ den Parthen nicht allein den ohne sonderbahre Muͤh erworbenen Sieg mit Schimpff und Schaden uͤberlassen; und noch darzu vertragen: daß ihm Phraates durch ei- nen gefangenen Roͤmer zuruͤck entbieten ließ: Er wolte auf den Morgen ihm selbst eine Bruͤ- cke von den erschlagenen Roͤmern bauen helf- fen/ wenn ihn die Lust sich mit den Parthen zu beruͤchen nicht vergangen waͤre. So verwe- gen Cajus anfangs gewest; so verzagt war er nach diesem Verluste; besorgende: daß er nicht gluͤckseliger/ als Craßus und Antonius aus den Klauen der Parthen entrinnen wuͤrde. Also ist die Verachtung seines Feindes schon der hal- be Verlust des Sieges; wie derselbe seine Kraͤff- ten zweyfach vergroͤssert/ der zwar die Vollkom- menheit seinem Gemuͤthe beylegt; niemahls aber sie ihm in seine Einbildung kommen laͤst. Den Fuͤrsten Herrmann kraͤnckte diese Nieder- lage in der Seele. Denn ob er zwar daran kei- ne Schuld trug/ sondern vielmehr diesen Tag den Ruhm eines unvergleichlichen Loͤwen- Muths erworben hatte; wuste er doch wohl: daß wenn ein Kriegs-Oberster drey Spannen seinem Feinde weichen muß/ er zwoͤlff Pfund von seinem Ansehen einbuͤße; und in verlohr- nen Schlachten die tapfferen von den Furcht- samen selten unterschieden werden. Diesem- nach besetzte er selbige Nacht den Strom nicht so wol wieder besorglichen Einfall der Parthen; als daß der ihm bereit vielfach verdaͤchtige Lol- lius den Parthen seinen Anschlag nicht verra- then moͤchte/ zum Theil mit Roͤmischen Kriegs- Leuten/ meist aber nur mit dem gemeinen Droß; und ließ um die Menge der dahin gestell- ten Bewahrer so viel mehr zu beglaubigen viel Wachfeuer anzuͤnden. Er abeꝛ nahm alle Deut- schen und den Kern von den Roͤmischen Legio- nen/ fuͤhrte selbte in aller Stille eine gute Meil- weges Strom-auff; da ihm denn ein erkauffter Armenier einen Furth durch den Phrat zeigte: daß die Reuter/ derer ieder einen Fuß-Knecht auffs Pferd nahm/ ehe der Feind das geringste merckte/ uͤberkam; das uͤbrige Fuß-Volck/ dem etliche Fahnen Reuterey in der Mitte die Ge- walt des Stromes auffhielten; auch noch fuͤr Tage das andere Ufer erreichte; und in dem da- selbst puͤschichten Felde noch mit einem Graben und Brust-Wehre verbaute. Mit anbrechen- dem Tage machte Cajus auffs neue Anstalt/ als ob Achtes Buch ob er wieder durch den Phrat setzen wolte. Wie nun die Parthen sich daselbst gegen ihn stellten; gieng Fuͤrst Herrmann mit der deutschen Rey- sigen Zeuge ihnen in Ruͤcken; erlegte derer zwar mehr nicht/ als tausend Mann vom Hin- terhalte; jagte aber dem Phraates ein solches Schrecken ein; sonderlich als er vernahm: daß die Roͤmer sich schon auff der lincken Seite des Phrats verschantzt hatten: daß er den Roͤmern Friedens-Handlung antrug; und noch selbigen Tag solchen auf einem mitten im Phrat gele- genen Eylande mit dem Cajus durch beyder- seitige Erkiesung des Fuͤrsten Artavasdes zum Koͤnige in Armenien abredete. Beyde Phraa- tes und Cajus bekraͤfftigten ihre neue Freund- schafft durch herrliche Gast-Mahle; jener be- schenckte auch den Fuͤrsten Herrmann seiner erwiesenen Tapfferkeit halber; und weil er hoͤr- te: daß er des beruͤhmten Surena Enckel/ also von Ankunfft ein halber Parthe waͤre/ mit zwoͤlff Arabischen Pferden/ einer mit Diaman- ten reich versetzten Sebel/ und einem mit Tuͤr- kißen prangendem Koͤcher und Bogen. Lolli- us ließ hieruͤber/ und wegen der dem Fuͤrsten Herrmann sonst mehr bezeigten Hoͤfligkeit ei- niges Unvergnuͤgen blicken; welches den trun- ckenen Phraates derogestalt verdroß: daß er ihn einen Verraͤther schalt/ und dem Cajus alle vom Lollius erhaltene Nachrichten einliefferte. Weßwegen Cajus den Lollius zwar durch Gift hinrichten; dieser aber seinen Erben einen in diesem Feldzuge zusam̃en gescharreten Schatz von unglaublichem Werthe verließ; also: daß nach der Zeit seine Enckelin Lollia Paulina des Kaysers Cajus Buhlschafft auf einem mittel- maͤßigen Verlobungs-Mahle mit Perlen und Schmaragden alle Kleider und Glieder gleich- sam verhuͤllete; und uͤber eine Tonne Goldes an Edelgesteinen am Leibetrug. Dieser Friede ward aber bald durch die Ar- menier selbst zernichtet; welche den Artavasdes der Koͤniglichen Wuͤrde entsetzten/ den Gotar- tzes an seine Stelle erhoben/ und den Censorin mit dem meisten Theile zweyer Legionen erleg- ten. Cajus ruͤckte hieruͤber zwar in Armenien/ brach aber wieder des Fuͤrsten Herꝛmanns Rath zugleich mit den Parthen; und suchte durch Bestechung des Persischen Stadthalters Don- nes sich der vorhin dem Phraates abgetretenen Stadt Artagera zu bemeistern; ungeachtet ihm Fuͤrst Herrmann einhielt: daß boͤse Wercke sel- ten wol von statten giengen; und alles diß/ was nach Verraͤtherey ruͤche/ den guten Nahmen stinckend machte. Massen denn auch Cajus daruͤber gefaͤhrlich vom Donnes verwundet ward; Fuͤrst Herrmann aber mit seinen Deut- schen diesen arglistigen Meuchel-Moͤrder in ei- nem Berg-Schlosse besetzte/ und dergestalt be- aͤngstigte: daß er in seinem eigenen Degen fal- lende sich zugleich auff einen brennenden Holtz- stoß von einem Thurme stuͤrtzte/ und also die Thorheit begieng: daß er zeitlicher starb/ als das Verhaͤngnuͤs ihm bestimmt hatte; wormit er nicht laͤngsamer sterben muͤste. Dem Fuͤrsten Herrmann lag inzwischen bey der Unfaͤhigkeit des verwundeten Cajus die gantze Krieges- Sorge auf dem Halse; da er denn theils durch seine und der Batavischen Reuterey Tapffer- keit den Parthen in vielen Scharmuͤtzeln nicht geringẽ Abbruch that; theils durch seine Klugheit zwischen ihnen und denen Armeniern allerhand Saamen des Mißtrauens und der Zwietracht ausstreute/ insonderheit aber sich sehr wol der aus etlicher Gefangenẽ erprestem Bekaͤntnuͤße/ wie in Persien wieder den Phraates ein maͤch- tiger Auffstand sich ereignet haͤtte/ bediente; in dem er bey solcher im Parthischen Laͤger er- wachsenden Bestuͤrtzung selbten unverzuͤglich auf den Halsruͤckte; und dem Phraates einen vortheilhafften Frieden abzwang/ Krafft dessen er in die Entsetzung des Gotartzes willigen/ und den Ariobarzanes zum Koͤnige in Armenien belieben muste. Also ist die Geschwindigkeit im Kriege meist die Mutter des Gluͤckes; und die haben Arminius und Thußnelda. haben insgemein grosse Thaten gethan/ die nichts auff den folgenden Morgen verschoben haben. Die unabtrennliche Gefaͤrthin grossen Gluͤcks die Heucheley eignete diesen gluͤcklichen Streich zwar dem nunmehr halb-wahnsinni- gen Cajus zu; uͤberredeten ihn auch gar: Er solte nicht ehe nach Rom kehren/ biß er das Ziel des grossen Alexanders erreicht haͤtte. Aber alle vernuͤnfftige Roͤmer und der Kayser selbst musten hierinnen die Ehre diesem deutschen Fuͤrsten lassen/ und seine Tapfferkeit mit einer guͤldenen Krone belohnen. Ja daß dem Fuͤr- sten Herrmann nicht ein oͤffentliches Siegs- Gepraͤnge erlaubt ward; stand ihm nicht der Abgang seines Verdienstes/ sondern alleine die Beschaffenheit seines Vaterlandes/ als einem Fremden im Wege/ derer keiner noch zu Rom solches gehalten haͤtte. Jedoch ward er bey sei- ner Wiederkehr nach Rom mit so grossem Fro- locken des Volckes/ als einiger Sieger fuͤr ihm/ und mit nicht geringerer Freude/ als Tiberi- us vorher angenommen; ja aus diesem wie- der die Parthen erhaltenen Sieg des Fuͤrsten Herrmanns Koͤniglicher Uhrsprung und das Recht solcher Hoheit zu genuͤssen bey Deutschen und Roͤmern bekraͤfftiget. Sintemahl die Si- byllinischen Wahrsagungs-Buͤcher ausdruͤck- lich vermochten: daß die Parthen von nieman- den/ als einem Koͤnige uͤberwunden werden koͤnten. Also ist der Nachruhm von der Tugend so schwer/ als der Schatten vom Lichte zu schei- den; und wenn schon die unvernuͤnfftigen Grie- chen sich den schlauen Ulysses bethoͤꝛẽ lassen: daß sie ihm den von des Hectors Blute gefaͤrbten Schild des Achilles zusprechen; so wirfft selb- ten doch das gerechte Verhaͤngnuͤs durch Schif- bruch und tobende Wellen auf das an dem Ufer des Meeres gebaute Grab des hierzu besseres Recht habenden Ajax. So weit sich nun Her- tzog Herrmanns Ruhm in der Welt ausbreite- te/ so sehr wuchs sein Ansehen zu Rom und die Gewogenheit des Kaysers gegen ihm im Her- tzen; der/ als er den Tiberius zum Sohne an- nahm; weil Lucius zu Maßilien/ Cajus in Sy- rien gestorben war/ sich zu grossem Nachden- cken verlauten ließ: Wolte GOtt! Herrmann waͤre ein Roͤmer; ich wolte meinen Nachfolger nicht in meiner Freundschafft/ sondern unter dem Volcke suchen. Unterdessen zohe er doch hernach den Fuͤr- sten Herrmann zu denen wichtigen Raths- schlaͤgen/ und versicherte ihn: daß die Cherus- kische Herrschafft durch Huͤlffe seiner Waffen in alten Stand; und so wol er Herrmann/ als sein Vater Hertzog Segimer; da er anders nur denen Roͤmischen Feinden nicht selbst anhaͤn- gen wolte/ in die Wuͤrde seiner Vor-Eltern versetzt werden solte. Alleine dieser Glantz seiner Tugend beginnte nun auch den neidi- schen Tiberius in die Augen zu stechen; und des Kaysers Gunst sein argwoͤhnisches Hertze ge- gen den Fuͤrsten Herrmann zu ver gaͤllen. Sei- ne Mißgunst verwandelte sich endlich in eine Tod-Feindschafft/ als der Kayser uͤber der Ver- raͤtherey des Cornelius Cinna nebst Livien und dem Tiberius nicht nur auch den Fuͤrsten Herꝛ- mann zu Rathe nahm/ sondern wie Tiberius seiner angebohrnen Grausamkeit nach den Cinna mit allen Verschwornen durch die grau- samste Pein hinzurichten; Herrmann aber Li- vien beyfallende sie alle ungestrafft zu lassen einrieth/ August der letztern Meynung so weit beyfiel: daß er den Cinna gar zum Buͤrger- meister machte. Massen denn Tiberius von selbiger Stunde an diesen Fuͤrsten zu stuͤrtzen alle Kunst seiner Arglist herfuͤr suchte. Also ist diß/ was gegen einem ein Magnet der Gewo- genheit gewest/ bey einem andern eine Ursache der aͤrgsten Gramschafft; welche Tiberius mit so viel mehrerm Rechte gegen den Fuͤrsten Herrmann auszuuͤben vermeinte; weil er sich fuͤr dem Tiberius nicht nach Gewonheit der Knechtischen Roͤmer demuͤthigte; als welche ihn nichts minder schon fuͤr den kuͤnfftigen Erster Theil. R r r r r r r Fuͤrsten Achtes Buch Fuͤrsten ansahen/ als er diese Wuͤrde fuͤrlaͤngst in der Hoffnung verschlungen hatte. Sinte- mahl bereit in seiner Kindheit ihm vom Stern- seher Scribonius gewahrsagt worden war: Er solte herrschen/ wiewol ohne Koͤnigliche Zier- rathen. Gleicher Gestalt hatte ihn dessen der Sternseher Thrasyllus versichert; welcher so gar von dem ihn aus Rhodus abzuholen kom- mendem/ aber noch entferntem Schiffe zu sagen gewust hatte: daß es ihm froͤliche Zeitung braͤch- te. Dannenher weder auff seiner noch auf der Roͤmer Seiten nichts/ was zu Vermehrung seiner Hoheit einigerley Weise dienen konte/ unterlassen; und er solchem nach als ein neu- aufgehendes Gestirne/ ja mehr als ein halber Kayser von iederman angebetet ward. Zu des Tiberius Hasse gegen den Fuͤrsten Herrmann kam zuletzt auch die Eyversucht; ei- ne Unholdin/ welche Laub und Graß zu ver- sengen; die heilsamsten Kraͤuter zu ver gifften; und wie der Neid bey fremdem Feuer zu erfrie- ren/ also diese bey fremdem Schnee zu schwitzen gewohnt ist. Denn es war ein aus dem Che- ruskischen Gebluͤte entsprossener Fuͤ r st in Deutsch l and der Chaßuarier und Dulgibiner Hertzog Nahmens S e gesthes; ein Herr fuͤr- treflicher Gestalt/ grossen Gemuͤthes/ und hauptsaͤchlichen Verstandes. Weßwegen er nicht nur von dem Feldherrn Segimer zum Groß-Stadthalter uͤber die Quaden; sondern auch in den Kriegen mit den Catten und Roͤ- mern mehrmals zum Feldhauptmann bestellet worden war; und nicht geringe Merckmaale seiner Klugheit und Tapfferkeit erwiesen; ja nach dem Hertzog Segimer in dem vom Mar- bod nicht bemeisterten Deutschlande das groͤste Ansehen hatte. Dieser hatte zu seiner ersten Gemahlin des Cimbrischen Koͤnigs Frotho Tochter; mit welcher er zwey Kinder/ nemlich den Fuͤrsten Siegesmund/ und die wunderschoͤ- ne Thußnelda/ von welcher Vollkommenheiten ich nichts weiter erzehlen darff/ erzeuget hatte. So lange diese Ehe tauerte/ war weder Un- gluͤck noch die grossen Versprechungen der Roͤ- mer maͤchtig Segesthens Gemuͤthe eines Na- gels breit von der Liebe seines Vaterlandes ab- wendig zu machen/ zu einem unvergeßlichen Merckmahle: daß der Wanckelmuth so wenig des weiblichen Geschlechtes/ als die Bestaͤndig- keit des maͤnnlichen Eigenthum sey. Als es aber in Deutschland theils wegen der vom Koͤnige Marbod; theils von den Roͤmern erhobener Kriege so sehr durch einander gieng/ und Fuͤrst Segesthes zu Verhuͤtung des eussersten Unter- gangs der zwischen dem Rheine und der Elbe gelegenen/ und gleichsam von einem Ost- und West-Winde zugleich bestuͤrmten Laͤnder mit dem Roͤmischen Land-Vogte Sentius Satur- ninus eine Zusammenkunfft beliebte; dieser a- ber jenen mit den allerersiñlichsien Hoͤfligkeiten unterhielt/ und insonderheit ihn durch seine drey uͤberaus schoͤnen Toͤchter auff alle Weise bedie- nen ließ; verliebte sich Hertzog Segesthes in die Mitlere derogestalt: daß er beym Saturnin um sie warb; und noch fuͤr seinem Abschiede selb- te ihm vermaͤhlen ließ. Dieser neue Brand erstockte in Segesthens Hertze schier alle Liebe des Vaterlandes; und ward er durch seine Ge- mahlin Sentia nichts weniger aus einem Deutschen in einen Roͤmer; als Antonius durch Cleopatren aus einem Roͤmer in einen Egypti- er verwandelt. Der Kayser/ um sich dieses Vortheils zu bedienen/ nahm Sentien fuͤr sei- ne Tochter an; beschenckte sie mit einem ansehn- lichen Braut-Schatze; ließ ihn durch den Sa- turnin in seinen beyden Hertzogthuͤmern der Chaßuarier und Dulgibiner befestigen/ und der dem Cheruskischen Hause zukommenden/ beym Fuͤrsten Segimer aber durch so viel Un- gluͤcks-Faͤlle nicht wenig verfallenen Feld- Hauptmannschafft nebst mehr andern guͤldenen Bergen versichern. Massen denn auch dem Sentius Saturninus nicht so wol wegen eini- ger grossen uͤber die Deutschen erlangten Sie- ge/ Arminius und Thußnelda. ge/ als weil er durch diese Heyrath ihnen nicht veraͤchtliche Faͤssel angelegt haͤtte/ ein Siegs- Gepraͤnge verstattet ward. Hierdurch ward August auffs neue veranlast den Tiberius in Deutschland zu schicken; und nach Segesthens gegebenen Anschlaͤgen die Caninefaten/ Attua- rier und Bructerer; als welche nunmehr den von dem Willen seines Ehweibes haͤngenden Segesthes wenig gutes zutrauten/ und sich sei- ner entschlugen/ zu uͤberfallen. Jnzwischen kam Saturnin nicht allein nach Rom; sondern brachte auch Segesthens zwey Kinder den Fuͤr- sten Siegesmund und die Fraͤulein Thußnel- da zwar unter dem Scheine das wunderwuͤr- dige Rom zu beschauen/ und mit dem Kayser die angefangene Freundschafft mehr zu bestaͤr- cken; aber eigentlich darum mit dahin: daß sie gleichsam als Geissel daselbst verbleiben/ und Segesthen alle Gedancken von den Roͤmern abzusetzen benehmen solten. August empfing beyde mit ungewoͤhnlicher Freundligkeit/ gantz Rom aber die Fuͤrstin Thußnelda mit grosser Verwunderung; wiewol weder sie/ noch ihr Bruder von iemanden/ ausser dem Kayser und Livien gekennet ward. Denn Segesthes wolte bey den Deutschen den Nahmen nicht haben: daß er so gut Roͤmisch waͤre; und seine Treue den Roͤmern durch seine eigene Kinder verpfaͤn- dete. Jnzwischen ver gnuͤgte diese vorwitzige Stadt sich daran: daß ihrer Schoͤnheit gleichen zu Rom noch nie gesehen worden war. Und die/ welche zeither mit einander um den Vorzug der Gestalt gestritten hatten; huͤlleten wie die Ge- stirne fuͤr der aufgehenden Sonne nichts min- der ihren Glantz/ als Zwist ein. Uber diß ward ihre Schoͤnheit mit einer so lebhafften Freund- ligkeit beseelet: daß die Anschauer ihr alsofort gewogen zu seyn genoͤthigt wurden; iedoch nicht zu urtheilen wusten: welchem Geschencke der Natur sie an ihr den Preiß des Vorzuges bey- legen solten. Fuͤrst Herrmann aber ward bey dem ersten Anblicke gleichsam ausser sich selbst entzuͤckt. Denn ihm hatte die Nacht vorher nachdencklich getraumet: wie das Bild der Ca- pitolinischen Venus in dem in voller Flamme stehendem Tempel sich mit beyden Armen um seinen Hals schrenckte/ und er selbte aus solchem Feuer errettete; wofuͤr sie ihm einen Schma- ragd-Ring/ in welchem zwey Loͤwen mit einan- der kaͤmpfften/ einhaͤndigte. Diese Fuͤrstin aber sahe nicht alleine dem ihm zuvor kommen dem Bilde so vollkommentlich aͤhnlich; als wenn es aus Thußneldens Gesichte geschnitten waͤre; sondern zu seiner groͤsten Verwunderung trug sie auch eben derogleichen Ring an ihrem Fin- ger; also: daß er hierunter was sonderliches ihm angedeutet zu seyn unschwer ermessen/ und da- her nicht ohne ihm selbst angethanen Zwang bey Bewillkommung dieser unbekandten Lands- mannin seine Gemuͤths-Regungen verdecken konte. Ja er muste sich fuͤr der Zeit und gleich- sam nicht ohne Abbruch seiner wiewol ange- bohrner Hoͤfligkeit ihrer Gemeinschafft entzie- hen; um seine Bloͤsse nicht alsobald zu zeigen. Alleine er aͤnderte hiermit zwar den Ort/ aber nicht seine Kranckheit. Thußnelde kam ihm wol aus den Augen; nicht aber aus dem Ge- muͤthe; ob schon ihr Bild in dieses sich bereit so eigen eingepregt hatte: daß es solches nicht an- ders/ als ein Spiegel dem Gesichte unaufhoͤr- lich fuͤrhielt. Denn die Unruhe seines Gemuͤ- thes ließ ihm weder einigen Schlaff zu; noch seine Gedancken auf etwas anders zu werffen. Er quaͤlete sich hieruͤber derogestalt: daß er sich nicht traute nach Hofe/ oder unter andere Ge- sellschafft zu kommen; sondern unter fuͤrgeschuͤtz- ter Kranckheit drey Tage sich in seiner Ein- samkeit mit seinen eigenen Gespraͤchen vergnuͤ- gen muste. Er entruͤstete sich mehrmahls uͤber sich selbst: daß/ da er vorhin uͤber so viel fremde Liebes-Regungen den Meister gespielet hatte/ nunmehr ein Knecht seiner eigenen wer den; und das durch so viel Muͤh aufgethuͤrmte Bild sei- ner Freyheit durch einen einigen Strahl eines R r r r r r r 2 annehm- Achtes Buch annehmlichen Augenblicks eingeaͤschert sehen muste. Welch Erkaͤntnuͤs seiner eingebuͤsten Freyheit denn nach langem Kampffe seiner Seele eine gantz andere Bewegung in ihm ge- hahr; nehmlich ein Verlangen nach derselben Sonne/ die sein Hertze mit so empfindlichem Feuer angesteckt hatte. Denn die Verliebten sind dißfalls anders nicht/ als die Motten ge- arthet; welche sich von der schoͤnen Flamme zie- hen lassen/ ob sie ihnen gleich schon die Helffte der Fluͤgel versenget haben. Dem vierdten Tag wagte sich Fuͤrst Herrmann wieder nach Hofe; da er denn diesen seinen Abgott seinem Beduͤn- cken nach noch viel schoͤner/ als das erste mahl/ an Liviens Taffel antraff; und gleichsam mit seinen erstarrenden Augen an ihrem himmli- schen Antlitze kleben blieb; also fast noch mehr/ als voꝛhin seine Schwachheit mercklich gemacht haͤtte. Denn ob zwar sonst die Verwunderung eine Gefaͤrthin der Neuigkeit ist; und sich durch oͤfftere Gemeinschafft nach und nach verlieret; so ist es doch viel anders mit der Liebe beschaf- fen; welche von Tag zu Tage waͤchset; und aus einem Funcken ein grosser Brand/ aus ei- nem Zwerge in weniger Zeit ein unuͤberwind- licher Riese wird; weil ihre Scharffsinnigkeit iedesmahl was neues erforschet/ das einen neuen Zunder der Zuneigung abgeben kan. Die Begierde um diese Fuͤrstin zu seyn wuchs in weniger Zeit so sehr: daß Fuͤrst Herrmann sich uͤberredete: er wuͤrde nicht leben koͤnnen; wenn er nicht taͤglich durch einen Anblick die- ser Goͤttin lebendig gemacht wuͤrde. Und wie er anfangs glaubte: daß die Natur durch sie ein in der Welt noch nie gesehenes Muster der Vollkommenheit; oder eine Schoͤnheit/ welche auch der alle irrdische Schrancken uͤbersteigen- den Einbildung genung thun koͤnte/ ausgear- beitet haͤtte; also gab er ihm nunmehr selbst nach: daß seine Liebe die Regungen aller Menschen uͤberstiege. Als er hernach unter- schiedene mahl ihrer annehmlichen Gespraͤche bey Livien und anderm Frauen-Zimmer ge- naß; welches wegen allzu uͤberirrdischer Schoͤn- heit sie zu beneiden fuͤr eine Beleidigung der Goͤtter; ihrer Anwesenheit zu genuͤssen fuͤr un- gemeines Gluͤcke hielt; ward er offtmahls so entkraͤfftet: daß er durch allerhand Vorwand sich derselben entbrechen muste; ohne welche er nicht zu leben getraute; und wegen welcher er mehrmahls zweiffelhafft war: Ob das Ver- haͤngnuͤs ihn durch sie beym Leben zu erhalten oder zu toͤdten bemuͤht waͤre/ biß er nach und nach lernte: daß die Verliebten gleichsam an den Scheide-Weg des Lebens und Sterbens versetzt sind; und diß/ was an ihnen lebet/ so wenig ein rechtes Leben/ als diß/ was sie toͤd- tet/ ein wahrhaffter Tod sey. Worbey ihm diß nicht die geringste Pein verursachte: daß er durch keine Sorgfalt zu erfahren vermochte: wer die waͤre; die sich so geschwinde der Bot- maͤßigkeit uͤber seine Seele angemast hatte. Deñ ob er zwar bey denen; welche Satur nin mit aus Deutschland gebracht hatte; so viel/ wiewol auch nur wegen ihrer selbsteigenen Unwissen- heit/ muthmaßlich ergruͤbelte; auch aus der ihr von dem Kayser und Livien geschehenden Be- gegnung unschwer schluͤssen konte: daß sie eine deutsche Fuͤrstin hoher Ankunfft seyn muͤste; ward hier durch doch das wenigste seines Zweif- fel-Knotens aufgeloͤset. Hingegen heuchelte er zuweilen seiner Einbildung; wenn er sich beduͤncken ließ: daß diese Fuͤrstin ihn mit einem annehmlichern Anblicke/ als andere Anwesen- den betheilt haͤtte. Alleine diese suͤsse Gedan- cken verschwunden bald wieder als ein Traum; wenn er entweder wahrnahm: daß die unver- gleichliche Freundligkeit dieser Goͤttin nicht anders/ als die wolthaͤtige Sonne eben so wol auff das geringste Graß/ als die hoͤchsten Cedern ihren Einfluß hatte; oder er bey Erwegung ih- rer hervor leuchtenden Tugenden sich bescheide- te: daß man auch die reineste Zuneigung eines Frauen-Zimmers ihm nicht ohne gaͤntzliche Verklei- Arminius und Thußnelda. Verkleinerung ihres Ansehens einbilden kan; weil man die eigene Liebe zwar fuͤr eine unta- delhaffte Wuͤrckung der vollkommensten See- len; fremde aber allezeit fuͤr eine kleine Schwachheit haͤlt. Alldieweil aber die Veraͤn- derung gleichsam ihre taͤgliche Kurtzweil mit der Liebe hat/ verwandelte sich seine Sorge wieder in eine neue Hoffnung; da doch kein Liebhaber leicht darauff fussen soll; nach dem zwar die Abwechselung der Liebe gewiß/ ihre Hoffnung aber sehr zweiffelhafft ist. Gleichwol aber heuchelte seiner Hoffnung eine gewisse bey der Einweihung eines Tempels sich zutragen- de Begebnuͤs. Diesen baueten die zwey Bruͤ- der Germanicus und der junge Tiberius Ne- ro ihrem verstorbenen Vater Drusus zu Ehren auf; eigneten aber ihn dem Castor und Pollux zu. Der Kayser/ Livia und alle Grossen/ wie ingleichen die Fuͤrstin Thußnelda fuͤgten sich mit grosser Pracht in diß neue Heiligthum/ und bemeisterte diese des Roͤmischen Volckes Au- gen und Hertzen derogestalt: daß/ als die Bil- der des Castors und Pollux mit ihren umflam- meten Haͤuptern auf zwey Opffer-Tische ge- hoben worden; selbtes dem obersten Priester zurieff: Er solte ihrer Schwester der schoͤnen Helena nicht vergessen; welche nichts minder/ als ihre Bruͤder unter die Sternen waͤren ver- setzt worden; und sich in der Gestalt dieser Deutschen oder vielmehr himmlischen Fuͤrstin schauen liesse. Thußnelde ward hieruͤber be- schaͤmt; ersuchte daher den Fuͤrsten Herrmann ihr mit einem Zeugnuͤße beyzuspringen: daß in Deutschland das Frauen-Zimmer ins ge- mein ihre geringe Gestalt uͤbertreffe; und man ihr also ihre Gebrechen nicht durch uͤbermaͤßi- ges Lob fuͤrruͤcken moͤchte. Fuͤrst Herrmann begegnete ihr mit tieffster Ehrerbietung; sie versichernde: daß sie uͤber ihn das Recht einer vollkommenen Botmaͤßigkeit besaͤsse; er aber nicht uͤber seine Augen/ welche weder in Deutschland/ noch sonst in der Welt eine ihr nur biß an die Helffte kommende Schoͤnheit gesehen haͤtten: daß sie ihr fuͤrlaͤngst seiner Seele gefaͤlletes Urthel wiederruffen solten; noch auch uͤber ihre Zunge: daß sie dem etwas unvernuͤnfftig abbreche/ dessen Vollkommen- heit seine Gedancken nicht zu begreiffen ver- moͤchten. Diesemnach er denn dem Urthel der Roͤmer; mit welchen das sonst zwistige Deutsch- land dißfalls zweiffelsfrey einstimmete/ un- nachbleiblich beypflichten muͤste; wenn er nicht einer Goͤttin ihres gleichen fuͤr anstaͤndiger hielte: daß ihr lebhafftes Bild in das Heilig- thum eines tugendhafften Hertzens; als ein Ertztener Nachguß in ein marmelnes Hauß versetzt wuͤrde. Thußnelde faͤrbte sich hieruͤber und versetzte ihm laͤchelnde: Sie haͤtte zwar bey ihm als ihrem Landsmanne und einem so vollkommenen Fuͤrsten Huͤlffe und Beystand zu finden gehoffet; sie muͤste aber ihre Vermes- senheit nunmehr selbst erkennen/ weil sie sich von Anfang bescheiden sollen: daß auch die Deutschen/ wenn sie zu Rom waͤren/ der Roͤ- mer Meynungen/ wenn schon irrig/ beypflich- ten muͤsten. Herrmann antwortete: Er wol- te in andern Dingen der Roͤmer Wort nicht reden; hierinnen aber waͤre kein Jrrthum zu vermuthen; sondern vielmehr/ weil iedes Volck das andere uͤbertreffen wolte/ etlicher Roͤmer unpartheyisches Urthel gantz Deutschlands Meynung fuͤrzuziehen; als welches an dem Ruhme ihrer Vollkommenheit Theil haͤt- te. Ja er waͤre versichert: daß wenn sie mit ihrem Ebenbilde gleich als wie das Eben- bild der Sonne der gantzen Welt ihr schoͤnes Antlitz zeigen koͤnte; ihres nichts weniger/ als jenes allenthalben wuͤrde verehret werden; und Xerxes/ welcher die Schwester des Ca- stors aus so viel ausgelesenen Crotoniati- schen Jungfrauen kaum zusammen setzen koͤn- nen/ wuͤrde nach der schoͤnen Thußnelda R r r r r r r 3 so Achtes Buch so viel Helenen mahlen koͤnnen; als die Natur sie mit vollkommenen Gliedern beschenckt haͤt- te. Thußnelda brach diesen Lobspruͤchen ein; als welche die am ungernesten hoͤren/ die sie am meisten verdienen; und um den Fuͤrsten Herr- mann auf was anders zu bringen/ sagte sie: Es waͤre zwar zu enthengen: daß die eusserliche Ge- stalt noch der Farben und des Pinsels werth waͤren; als welche meist in uͤbelruͤchender Erde und blossem Schatten eben so wie die Schoͤn- heit des eitelen Leibes bestuͤnden; aber die Ver- ehrung der Sonnen dem Brunnen des Lichts und der Seele der Welt ließe sich einem so ver- gaͤnglichen Gespenste/ als die Schoͤnheit waͤre/ ohne jener Entweichung nicht zueignen. Fuͤrst Herrmañ fragte alsofort: ob sie nicht die Schoͤn- heit fuͤr ein besonder Geschencke Gottes hielte; oder nicht glaubte: daß diß/ was dem Gestirne so aͤhnlich waͤre/ seinen Uhrsprung vom Him- mel/ und eine nicht geringere Wuͤrckung als die obern Lichter in denen Hertzen der Men- schen haͤtte? Phryne haͤtte durch Entbloͤssung ihrer schoͤnen Bruͤste das schon abgefaste Ver- dammungs-Urthel von sich abgelehnt; nach dem des Hyperides Beredsamkeit die Schaͤrffe der Richter zu erweichen viel zu ohnmaͤchtig geschienen. Die Schoͤnheit waͤre eine Mutter der maͤchtigsten Koͤnigin der Welt/ nemlich der Liebe; welche Goͤtter und Menschen beherrsch- te. Sie waͤre ein so kraͤfftiges Gestirne/ welches die truͤben Zorn-Wolcken der grimmigsten Feinde ausklaͤrte; auffs Finsternuͤs der Un- gluͤckseligen mehrmahls einen lebhafften Freu- den-Blick wuͤrffe/ und denen Verzweiffelten aus ihrem Schiffbruche einen Genesungs- Weg zeigete; ja auch diß/ was seinem eigenen Wesen nach entweder unangenehm oder beß- lich waͤre/ mit einer Anmuth betheilete; also: daß Traurigkeit und Zorn in einem schoͤnen Antlitze lieblich aussaͤhe; daß die Thraͤnen den schoͤnsten Perlen/ die waͤßrichten Augen einem mit Regenbogen gefaͤrbtem Gewoͤlcke gleichte. Ja die Kranckheiten selbst sehen auf wol gebilde- ten Wangen; und der grausame Tod auf einem zierlichen Munde anmuthiger/ als sonst aus. Das Ungluͤck werffe seinen Schatten nach de- nen Schoͤnen/ wo nicht mit minderer Tunckel- heit; iedoch mit geringerer Hartnaͤckigkeit. Die Wolcken der Rache und des Hasses/ welche al- les andere zermalmen/ schertzten und spielten nur mit denen/ welche den Zierrath des gestirn- ten Himmels in den Augen/ der gebluͤmten Er- de auff allen Gliedern/ und ein grosses Theil menschlichen Verhaͤngnuͤßes in ihren Haͤnden truͤgen. O des ungluͤckseligen Gestirnes! O der vergaͤnglichen Neben-Sonne! fieng Thuß- nelde seuffzende an. Denn in Wahrheit/ wo die eitele Gestalt einen Platz unter den Ster- nen/ oder den Blumen verdienet; weiß ich ihr keinen wuͤrdigern einzuraͤumen/ als den die schaͤdlichen Schwantz-Gestirne im Himmel/ oder gifftiges Napel in Gaͤrten hat. Sintemal die Schoͤnheit wie jene; ie lichter sie brennen/ nicht nur sich selbst; sondern gantze Staͤdte und Laͤnder einaͤschert; und nicht selten die reinesten Seelen vergifftet/ also ein Vermoͤgen ist/ wel- ches seinen eigenen Besitzer ungluͤckselig; die aber/ welche ein Auge drauff haben/ unruhig macht; ja vielen sich aus einem Abgotte in ei- nen Hencker verwandelt. Denn ihre Tochter die Liebe kehret zwar mit Jasmin in der Hand/ mit Rosen auf dem Haupte in die zarten Seelen ein; hernach aber wuͤtet sie mit Feuer und Schwerdt in ihrer eigenen Behausung. Des- sen bewaͤhrtes Beyspiel die einige Helena seyn kan/ in welche mich ein allzuguͤtiges Urthel des Volckes verwandeln wil. Fuͤrst Herrmann wolte zum Nachtheil der Schoͤnheit/ die er an Thußnelden anbetete/ nichts verkleinerliches verhaͤngen; setzte also ihr entgegen: Man eig- nete nicht selten denen heilsamsten Sternen den aus sumpfichten Erdreiche herruͤhrenden Hagel und Ungewitter; denen gesuͤndesten Kraͤutern aber von einem verterbten Leibe/ oder aus Miß- brauche Arminius und Thußnelda. brauche verursachte Wuͤrckung/ und der Schoͤnheit mit eben dem Unrechte/ als der Sonne einen schaͤdlichen Schatten zu; den der gifftige Eiben-Baum von sich wuͤrffe. Eine vollkommene Seele vertruͤge nicht ein Behaͤlt- nuͤs heßlicher Glieder; ja es koͤnte nach vieler Weisen Urthel so wenig ein Zirckel ohne Mit- telpucnt/ als ein wolgestalter Leib ohne ein gutes Gemuͤthe seyn. Dannenhero ins gemein nie- mand grosser Verrichtungen faͤhig zu seyn ge- achtet wuͤrde/ als den die Natur auch mit eusserlicher Zierde zu begaben gewuͤrdigt haͤtte. Fuͤrnehmlich waͤre diß ein unschaͤtzbares Eigen- thum der Fuͤrsten; als wordurch die Natur gleichsam ihnen die Botmaͤßigkeit uͤber andere bestetigte; welche sie durchs blosse Gluͤcke erlan- get haͤtten. Die Schoͤnheit des Gebietenden ver zuckerte gleichsam die Bitterkeit der be- schwerlichen Herrschafft/ sie erleichterte den Achseln ihre Last; also: daß das gemeine Volck/ welches als ein Thier/ das seine Vernunfft meist in den eusserlichen Sinnen hat/ so viel williger gehorsamte; und dem das Hertze zu- eignete/ der einmahl seine Augen gewonnen haͤtte. Weßwegen derselben Voͤlcker Ge- wohnheit nicht allerdings zu verwerffen waͤre/ die den Wolgestaltesten zu ihrem Koͤnige; und die Schoͤnste zu seiner Gemahlin erwehleten. Die Fuͤrstin Thußnelde versetzte abermahls: Jn ihren Augen waͤre die Schoͤnheit des Ge- muͤthes alleine schoͤn; des Leibes aber ein ver- gaͤnglicher Wind/ und eine mit Seiffe ver- mischte Wasser-Blase. Sie beliebte zwar ins gemein vielen/ aber darum eben waͤre ihre Bewahrung so viel gefaͤhrlicher. Wiewol auch zuweilen die guͤtige Natur eine schoͤne Seele mit einem zierlichen Leibe wie den Balsam- Geruch der Rosen/ und Krafft der Granat- Aepffel mit Purper umhuͤllete; waͤre doch diß ein blosser Zufall; und es steckte vielmahl in ungestalten Gliedern die tugendhaffteste See- le/ wie die weisseste Perle in der hoͤckrichten Muschel; der helleste Diamant in der rauesten Schale/ das edelste Gold in der schwaͤrtzesten Schlacke. Ja die Tugend selbst haͤtte kein en gefaͤhrlichern Stand/ als in den Huͤlsen eines schoͤnen Leibes. Die Anfechtungen des Gluͤ- ckes liessen zuweilen nach/ und haͤtten ihre Ruh- Stunde; der Schoͤnheit aber ein Bein unter- zuschlagen/ suchte die Wollust unaufhoͤrlich Gelegenheit; alle ihre annehmliche Blicke wuͤr- den ihr selbst zum Fallbrete; und ihre Lieb haber zu aͤrgsten Tod-Feinden. Keine Unschuld dien- te ihr zum Schilde; keine Hertzhafftigkeit waͤ- re genung sich aller Versehrungen zu erweh- ren; und die keusche Lucretia so wenig/ als die geile Lais unversehrlich. Fuͤrst Herrmann haͤtte hierwieder noch gerne ferner der Schoͤn- heit das Wort geredet; wenn nicht die Ein- segnung des Tempels sich geendiget; und Au- gust dem Herrmann/ Livia Thußnelden ihr auf der Seite gehaltenes Gespraͤche zu unterbre- chen durch ihren genommnen Abschied aus dem Tempel Anlaß gegeben haͤtte. Gegen Abend selbigen Tages ward in dem grossen Schaupla- tze zu Ehren des Castors ein Riesen-Tantz von zwantzig geharnischten Juͤnglingen/ und dem Pollux zum Gedaͤchtnuͤße ein Kampff mit Streit-Kolben/ an welchen bleyerne Kugeln hiengen/ gehalten; weil Pollux dieses Gefech- te er funden/ Griechenland aber den Castor mit einem Tantze auf den Dreyschlag verehret ha- ben soll. Wiewol nun dazumahl noch so gemein nicht war: daß Erlauchtes Frauenzimmer und Raths-Herren denen Fechtern zuschauten/ so ließ doch August seinen Enckeln zu Liebe dieses mahl alle Grossen beydes Geschlechtes einla- den; iedoch die Fechter nicht nackt/ sondern koͤstlich/ wiewol leichte angekleidet im Schau- Platze erscheinen. Weil ab er u m selbige Zeit der vorhin gantz helle Himmel sich in Regen- wetter verwande lt e/ fand die Fuͤrstin Thußnel- da uͤber der Pforte des Eingangs in dem Schauplatze/ der sie zu ihrem Sitze leitete/ durch Achtes Buch durch eine unbekandte Hand mit Saffran in deutscher Sprache angeschrieben: Der gantze Tag ist schoͤn/ die Lufft glaͤntzt wie Safier; Nun du Thußnelde kommst/ und’s Schau-Spiel hat begonnen; Umwoͤlckt die Sonne sich. Warum? sie weichet dir Und schaͤmet sich zu stehn bey einer schoͤnen Sonnen. Wie aber Thußnelde an diesem schlechtes Vergnuͤgen fand/ und deßwegen diese Uber- schrifft alsbald abzuthun anbefahl; also sahe sie nicht ohne inner sie Gemuͤths-Kraͤnckung/ wie nicht allein unter denen in denen Antlitzen mit Zinober und Berg-blau seltzam gemahlten Fechtern so viel tapffere Deutschen zu diesem blutigen Kampffe genoͤthiget; sondern auch/ wenn sie dem zornigen Poͤfel nicht grausam genung auf einander raseten/ auffs schimpff- lichste geschmaͤhet/ und nach ihrer Athem-losen Abmattung mit einem Getraͤncke aus Lauge zu ihrem nur laͤngerem Elende erquicket wur- den. Woruͤber sie fuͤr Unwillen in ihrem Si- tze die blauseidenen mit Golde durchwuͤrckten Fuͤrhaͤnge; wormit Germanicus und Tiberi- us alle Gestuͤle des Adels hatte versehen lassen/ fuͤrzoh. Welches der nicht ferne davon sitzende Fuͤrst Herrmann genau wahrnahm; und daher ihm Gelegenheit suchte bey dem Gast-Mahle/ welches noch selbige Nacht Germanicus und Tiberius allen Grossen ausrichtete/ gegen dem erstern und zwar der anwesenden Fuͤrstin Thußnelde zu Liebe zu erwehnen: Es waͤre ei- ne allzugrosse Strengigkeit: daß die Roͤmer ihre Gefangenen/ und insonderheit aus denen streitbarsten Voͤlckern/ welche der Kayser selbst zu seiner Leib-Wache brauchte/ zu selbsteigener Hinrichtung noͤthigten. Germanicus ant- wortete: Es waͤre ihm leid: daß aus dem/ was er seinen Vorfahren in seinem Schau-Spiele nur nachgethan haͤtte/ zu iemandens Unver- gnuͤgen gereichen solte. Er meinte aber: daß diese bey den Roͤmern hergebrachte Gewonheit sich allerdings mit dem gemeinen Rechte der Voͤlcker vertheidigen liesse; welches nicht nur die streitbaren/ sondern alle Feinde ohne Unter- scheid des Alters und Geschlechtes/ ja auch die/ denen man gleich nicht im ersten Eyver der Schlacht das Licht ausgelescht hat/ zu toͤdten verstattete. Sintemahl bey diesen letzten der Tod nur verschoben/ das Leben aber keines We- ges geschenckt wuͤrde. Welches nicht nur das Beyspiel aller Voͤlcker; der vom Pyrrhus ab- geschlachtete Priamus/ die auf dem Grabe A- chillens geopfferte Polyxena/ die von denen aus Corcyra getoͤdteten Epidamnier/ die vom Han- nibal auff einmahl hingerichteten Roͤmer/ son- dern auch die eigenen Sitten der Deutschen und Scythen erhaͤrteten/ da sie ihre Goͤtter mit dem Blute der Gefangenen versoͤhneten. Fuͤrst Herrmann versetzte: Er wiederspreche die Ge- walt uͤber das Leben und den Tod der Gefan- genen nicht; aber die sich selbst/ wiewol nur auf Gnade und Ungnade/ und also sonder einige Bedingung Ergebenden zu toͤdten/ oder auch die mit Zwang Gefangenen zu selbst eigener Auffreibung anzustrengen waͤre beydes eine Haͤrtigkeit/ die in sich kein Maß haͤtte/ und die Feinde zu verzweiffelter Verbitterung veran- laste. Denn ob zwar die ersten ihren Willen der Willkuͤhr des Uberwinders unterwuͤrffen; also: daß nichts beschwerliches wieder ihr Be- lieben ihnen zu begegnen schiene; so wuͤrde doch allezeit stillschweigend ausgedungen/ was der Bedraͤngte nur auf den Fall der eussersten Wiedersaͤtzligkeit verlieren koͤnte/ nehmlich das Leben. Ja/ da einem Knechte Unrecht gesche- he; wenn der Herr ihn mit unertraͤglicher Last bebuͤrdete/ mit unmenschlichen Straffen aus- aͤderte; da kein Herr ohne richterliches Erkaͤnt- nuͤs seinen Leibeigenen toͤdten/ oder denen wil- den Thieren fuͤrwerffen doͤrffte/ und sich uͤber ihn des Eigenthums verlustig machte/ der ihm die Lebens-Mittel oder die Artzney entzoͤge/ o- der selbten auch gleich auf das Eyland des Escu- lapius ausladen liesse; wie viel mehr Unbarm- hertzigkeit waͤre es sich gegen die Ergebenen grausa- Arminius und Thußnelda. grausamer bezeigen; die auff die Gnade des Siegers ihre uͤbrige Wolfarth gebaut haͤtten; und den mit den Klauen zerfleischen/ der unter unsern Fluͤgeln Schirm zu finden getrauet haͤt- te. Weßwegen die/ welche sich nicht uͤberwin- den koͤnten/ denen Ergebenden weniger als das Leben zu nehmen/ die angebotene Ergebung de- nen Feinden auszuschlagen/ und sie ihnen zu be- deuten schuldig waͤren: daß sie nach der Schaͤrffe des Kriegs-Rechts das eusserste thun/ und hin- wieder erwarten solten. Sintemahl es zwar Rechtens ist/ aus seines Feindes weggeworffe- nen Degen/ fuͤr ihn Fessel/ nicht aber Hencker- Beile schmieden zu lassen. Und waͤre daher Scipio nichts minder wegen seiner Gerechtig- keit/ als sonst wegen seiner Tapfferkeit zu ruͤh- men: daß er von denen biß auffs eusserste ver- stockten Numantiern keinen zu toͤdten begehret/ welche nicht selbst sich eigen beliebig hingerich- tet haͤtten. Ja bey denen meisten Voͤlckern waͤre auch die Dienstbarkeit der sich selbst er ge- benden viel leidlicher/ als der Gefangenen. Die sonder einige ihre Einwilligung Gefangenen muͤsten freylich zwar dem Sieger den Nacken gedultig hinrecken; daher er es den Roͤmern nicht fuͤr uͤbel hielte: daß sie auf ihren Siegs- Gepraͤngen sich an so viel sterbenden Feinden erlustigten; daß aber sich Freunde und Bunds- Genossen selbst unter einander aufreiben muͤ- sten/ hiesse der Natur einen Zwang anthun/ und die Menschen sich in ein wildes Pantherthier verwandeln. Germanicus bezohe sich zwar auf das Beyspiel des von den Roͤmern getoͤdte- ten Pometischen Fuͤrstens/ der vom Sylla er- schlagener Samniter/ der vom Julius nieder- gehauener Numidier. Uber diß/ sagte er/ waͤre der denen Fechtern aufgedrungene Zwang nichts so abscheuliches; weil die zwey vertraute- sten Freunde Juba und Petrejus auff diese Art einander selbst von der Uberlast des beschwerli- chen Lebens geholffen haͤtten. Ja weil ihrer so viel durch eigenhaͤndigen Tod sich aus der Dienstbarkeit versetzten/ haͤtte ein Gefangener kein Bedencken zu tragen/ auch diß gegen seinen Bruder auszuuͤben/ was er gegen sich selbst zu thun nicht fuͤr grausam hielte. Fuͤrst Herrmann aber bezohe sich auf viel mildere Sitten/ derer bey den Roͤmern fuͤr uͤberaus grausam beschrie- ner Voͤlcker/ und daß die uͤber sich selbst habende Gewalt sich nicht gleich uͤber andere ausdehnen liesse. Jnsonderheit aber wuͤste er nicht: wor- durch es die Deutschen verschuldet haͤtten: daß sie mehr als andere zu so grimmigem Gefechte angestrenget wuͤrden? Es wuͤrden gewiß hier- durch dieselben/ welche mit so fester Treue fuͤr das Roͤmische Volck die Waffen gefuͤhret/ sehr stutzig; die aber/ welche aus eingewurtzeltem Mißtrauen ihnen noch die Spitze bietetẽ/ mehr verbittert gemacht werden. Der kluge August hoͤrte dieser Wortwechselung mit Fleiß zu/ un- terbrach aber selbte mit folgender Erklaͤrung: daß mit seinem Wissen kein sich gutwillig Er- gebender einen Fechter abzugeben/ noch auch andere Gefangenen mehr/ als einmahl den Kampff auszustehen gezwungen/ sondern sodeñ bey nahe in voͤllige Freyheit gesetzet wuͤrden. Da auch hiewieder/ insonderheit: daß man die tapf- fern Deutschen fuͤr andern hierinnen anspan- nete/ etwas gehandelt worden waͤre; wolte er solchem Mißbrauche zu so vieler verdienter Hel- den Vergnuͤgung vollkoͤmmlich abhelffen. Diese Empfindligkeit des Fuͤrsten Herr- manns vergnuͤgte Thußnelden so sehr: daß sie noch selbige Nacht/ als Germanicus und Tibe- rius zu denen auf den dritten Tag bestimmten Rennen die saͤmtlichen Gaͤste einlud/ ihn unter dem Scheine der Landsmannschafft zu ihren Gefaͤrthen erkiesete. Denn weil Pollux und Helena aus einem/ Castor und Clytemnestra aus einem andern Ey/ welches Leda gebohren/ entsprossen seyn solten; pflegten in denen dem Castor und Pollux zu Ehren gehaltenen Rit- ter - Spielen allezeit die Helffte Frauen- Zimmer untermengt zu werden. Thußnelda Erster Theil. S s s s s s s nam Achtes Buch nam folgenden Tag unter dem Vorwand sich uͤber ihrem Aufzuge mit einander zu bereden Gelegenheit/ dem Fuͤrsten Herrmañ ihr Wol- gefallen uͤber dem/ was er fuͤr die tapferen Deut- schen den Tag vorher geredet hatte/ zu bezeugen. Woruͤber sie denn durch die diesem Volcke an- gebohrne Vertraͤuligkeit beyderseits ferner ver- anlast wurden/ uͤber die Bedraͤngungen Deutschlands anfangs zu seuffzen/ hernach a- ber ihren innerlichen Unwillen gegen die herrschsuͤchtigen Roͤmer auszulassen; ja ihr Un- gluͤck zu beklagen: daß sie das Verhaͤngnuͤs in solchen Stand und an einen solchen Ort versetzt haͤtte; da sie ihren Feinden noch heucheln/ und ihre Dienstbarkeit ruͤhmen muͤsten. Endlich ließ Thußnelda aus dem innersten ihres Hertzen ei- nen tieffen Seuffzer aus/ und beschloß ihre Un- terredung mit diesen Worten: Wolte GOtt! Unsere deutsche Freyheit haͤtte sonst keine Fein- de/ als die Auslaͤnder; so wuͤrde ich mir uͤber ih- rer Gefahr kein graues Haar wachsen lassen. A- ber leider! wir saͤugen den uns fressenden Krebs mit unsern eigenen Bruͤsten/ und wormit ein deutscher Fuͤrst dem andern koͤnne zu Kopffe wachsen/ schaͤmet er sich nicht ein Fußschemmel der Fremden zu werden. Fuͤrst Herrmann wol- te fuͤr dißmahl Thußnelden nicht ferner in Pulß fuͤhlen; um durch fruͤhzeitige Sorgfalt ihr nicht Ursach zu Verschluͤssung ihres Ge- muͤthes zu geben; sondern redete allein ihrer beyder kuͤnfftigen Aufzug derogestalt mit ihr ab: daß sie wie die zwey Halb-Goͤtter der Na- harvaler/ Alcis genennt/ welche ohne diß die Roͤmer fuͤr den Castor und Pollux auslegten/ auf der Rennebahn erscheinen wolten. Auf die- ser war zu dem einen Ziele auffgestellt das Bild des Lynceus; welcher den Castor getoͤdtet/ aber von dem Pollux wieder durch eine ihm auf den Hals gestuͤrtzte Marmel-Seule erlegt worden. Das andere Ziel war das Bild des vom Pol- lux in einem Gefechte erschlagenen Anycus. Das dritte Ziel war der vom Blitz in Asche verkehrte Jdas; als er den Pollux antasten wollen. Nach dem ersten Ziele ward in vollem Rennen mit dem Bogen/ nach dem andern mit einem Wurff-Spiesse geschossen; nach dem dritten aber mit einer Lantze gerennet. Alle sassen auf schneeweißen Pferden; weil Castor und Pollux in einer Schlacht unter dem Au- lus Postumius wieder die Latiner auff solcher Art Pferden fuͤr die Roͤmer sollen gefochten; an solche ihre Pferde zu Rom beym Heiligthume der Vesta gebadet und den Sieg zum ersten an- gekuͤndiget haben. Derogleichen Beystand und Ankuͤndigung ihnen denn auch in dem Macedonischen Kriege wieder den Koͤnig Per- ses nachgeruͤhmet wird. Die Fuͤrstin Thuß- nelda glaͤntzte fuͤr allen andern in ihrem Him- mel-blauen mit ein gewuͤrckten guͤldenen Ster- nen schimmernden Kleidern; gleich als wenn eine solche Goͤttin nicht geringer als mit et- was himmlischem bekleidet seyn koͤnte; aber vielmehr mit ihrer unvergleichlichen Schoͤn- heit und Lebhafftigkeit/ mit welcher letztern sie nichts minder alle Roͤmische Edelleute/ als mit der ersten alles Frauen-Zimmer uͤbertraff. Jn dem Rennen erwieß sie: wie diß ihr leichtestes Handwerck waͤre. Fuͤrst Herrmann und alle andere thaͤten ihr Bestes; um sich nicht so wol der aufgesetzten herrlichen Preisse/ als der dar- aus erwachsenden Ehre faͤhig zu machen. Ger- manicus gewan den Preiß in der Lantze/ Herr- mann im Wurff-Spiesse; Thußnelde aber hat- te dem Lynceus ins rechte Auge/ welches zum innersten Hertz-Zwecke ausgesetzt war/ einen mit folgenden Worten umschriebenen Pfeil zu- geschossen: Dem Lynceus in das Aug’. Es lehre dieser Schuß: Daß Kunst der Tugend Magd/ das Gluͤck’ ihr Knecht seyn muß. Zu aller Anschauer hoͤchster Verwunderung aber steckte des Fuͤrsten Herrmanns Pfeil ge- rade auf Thußneldens Pfeile/ und stand daran mit guͤldenen Buchstaben geetzt: Nichts Arminius und Thußnelda. Nichts seltzam’s: daß ein Pfeil den Pfeil trifft nicht so fern’. Erzielt doch der Magnet den weitern Angelftern. Denn die Gewonheit der Persen: da nemlich alle Pfeile der in Krieg ziehenden fuͤr dem An- gesichte des Koͤnigs auf gewisse Art bezeichnet wurden; war bey denen Roͤmern nunmehr auch/ insonderheit bey derogleichen Lust-Spie- len eingefuͤhret; wormit ein ieder den seinigen von Fremden unterscheiden konte. Die uͤber dieses Rennen gesetzte Richter verwunderten sich nicht wenig uͤber diese Begebnuͤs/ sonder- lich/ da die an denen zwey Pfeilen befindliche Schrifft klar genung erhaͤrtete: daß beyde Schuͤsse nicht ungefaͤhr/ sondern aus rechter Kunst und Vorsatz geschehen waͤren; Gleich- wol aber waren sie uͤber der Zueigung des Preisses nicht wenig zweiffelhafft; ja dardurch am allermeisten verwirret: daß so wol Thußnel- de/ als Herrmann mit Anfuͤhrung vieler die- nenden Ursachen sich des Preißes enteusserten. Diesemnach sie denn nach selbst eigener Bera- thung des Kaysers beyde veranlasten mit ein- ander durch ein neues Bogenschuͤssen zu glei- chen. Viel tausend begierige Augen waren gleichsam an das Ziel angehefftet; da denn die Fuͤrstin in ihrem Vorrennen dem Lynceus recht durch das lincke Auge/ Fuͤrst Herrmann aber recht durchs Hertze schoß; aus welchem ein derogestalt bezeichneter Pfeil gezogen ward: Mein Pfeil fehlt zwar den Zweck/ doch trifft er/ was ich wil. Denn Aug’ und Hertz hat offt ein unterschieden Ziel. Jedermann verwunderte sich abermahls uͤ- ber beyde so kuͤnstliche Schuͤsse; und zohe sie des Asterius Meisterstuͤcke fuͤr; welcher in der Schlacht dem Koͤnige Philippus Vermoͤge der daran befindlichen Schrifft einen ins Auge be- stimmten Pfeil gleichfalls gluͤcklich anbrachte. Weil aber die Augen einmahl zum Hertzzwecke ausgesetzt waren/ und die Fuͤrstin Thußnelde diesen Lynceus auf beyden Augen blind gemacht hatte/ ward ihr im Pfeil-Schuͤssen der Preiß zugesprochen/ und unter dem Zuruffen des Roͤmischen Volckes von Livien uͤberreichet. Hierbey aber nahm die kluge Thußnelda ge- nungsam wahr: wie Fuͤrst Herrmann ihr nicht nur mit Fleiße diesen Preiß zugelassen/ sondern auch dardurch seine absondere Zuneigung mehr und mehr gegen sie bestaͤrcket hatte. Weil nun die Unempfindligkeit nur gefrorner Hertzen/ die Bewegung einer zarten Seele Eigenschafft ist/ und ihr Zunder Feuer zu fangen nur einen Funcken darff/ spielte sich in Thußneldens Her- tze nach und nach eine solche Gemuͤths-Regung/ von der sie selbst nicht wuste: ob ihr der Nahme der Gewogenheit/ oder der Liebe anstuͤnde. Denn diese zwey Bewegungen graͤntzen so ge- nau und nahe an einander: daß ihre Eigen- thums-Herren sie selbst so lange Zeit nicht zu unterscheiden wissen; wo anders ein Mensch sich uͤber die Gemuͤths-Regungen/ und nicht vielmehr diese uͤber ihn sich einer Herrschafft zu ruͤhmen hat. Man nehme sie nur fuͤr eines oder das ander an/ so wuͤrckte sie keine geringe Merckmaale ihrer Zuneigung. Denn als der gantze Hof mit dem Kayser zu Lanuvium sich aufhielt/ und sie aus Deutschland Schreiben und Nachricht erhielt: daß Tiberius biß uͤber die Weser gesetzt/ denen Cheruskern nicht ge- ringen Abbruch gethan/ zum groͤsten Ungluͤcke Deutschlands aber der großmuͤthige Feldherr Segimer Todes verblichen waͤre; meinte die treuhertzige Thußnelda allerdings unverant- wortlich zu seyn diese Nachricht dem Fuͤrsten Herrmann/ als welchem hieran so viel gelegen waͤre/ zu verschweigen; zumahl sie besorgte: daß doch August Segimers Todes-Fall fuͤr ihm so viel moͤglich verborgen halten wuͤrde. Dahero wie der Kayser und Livia nach erhaltener Post aus Deutschland Rath hielten/ veranlaste Thußnelda in Gesellschafft nur zweyer aus ihrem Frauen-Zimmer den Fuͤrsten Herrmañ mit ihr den eingefallenen Schau Platz der al- ten Lateinischen Koͤnige und Evanders Burg S s s s s s s 2 zu Achtes Buch zu beschauen. Wie sie nun dahin kam/ fieng sie mit waͤßrichten Augen an: Großmuͤthiger Herrmann und liebster Vetter; ich muß mich bald anfangs dieses Titels gebrauchen; wormit er theils so viel weniger uͤber meiner Vertraͤu- ligkeit sich wundere; theils meiner Auffrichtig- keit so viel mehr Glauben gebe. Jch bin Se- gesthens Tochter; den das Verhaͤngnuͤs Sa- turnins Tochter Sentia zu heyrathen/ diese a- ber ihn verleitet hat/ mich zu einer Roͤmischen Geißel zu machen. Wolte aber GOtt! ich haͤtte mit ihr nur eine Stieff-Mutter; Deutsch- land an ihm keinen Stieff-Vater bekommen! Alleine leider lich erfahre: daß wenn das Ver- haͤngnuͤs iemanden zu verterben beschlossen hat/ laͤst es ihn anfangs von Vernunfft oder gar von Sinnen kommen. Denn Segesthes; welcher fuͤr die Freyheit Deutschlandes so viel mahl sein Leben gewagt; so viel Blut verspri- tzet/ laͤsset nunmehr allem Ansehen nach die Hand sincken/ und hilfft sein Vaterland selbst denen Roͤmern dienstbar machen; gleich als wenn er mit der Zeit nicht auch wuͤrde einen Knecht der Roͤmer abgeben muͤssen. Unsere schlauen Feinde verleiten ihn mit Vertroͤstung der Deutschen Feld-Hauptmannschafft; da er doch erwegen solte/ mit was Unrecht solche dem Fuͤrsten Herrmann entzogen; und wie August Segesthen hieran nichts/ als den Schatten entraͤumen; das Hefft aber uͤber das einmahl uͤberwundene Deutschland keinem andern aus- haͤndigen werde. Er lege nicht uͤbel aus/ ver- trauter Herrmann/ meine freymuͤthige Her- tzens-Ausschuͤttung. Denn die Liebe des Va- terlandes uͤberwiegt die/ welche man den El- tern schuldig ist. Ja zu bezeugen: daß ich sei- nem Rechte mehr/ als dem Wachsthume mei- nes Geschlechtes wol wolle; so werde ich ge- zwungen ihm die traurige Zeitung zu bringen: daß der einige Pfeiler der Deutschen Frey- heit/ nehmlich sein Vater der hochverdiente Feldherr Segimer verfallen und todt sey. Jch weiß wol: daß das Trauren einem frischen Schmertze allerdings nicht unanstaͤndig sey; aber das Heil des Vaterlandes/ die Erhaltung seines Volcks/ und die Hoheit seines Standes erfordern dißmahl von ihm trockene Au- gen/ reiffen Rath/ und eine hertzhaffte Ent- schluͤssung. Jch bin ohne diß versichert: daß diesen Verlust sein Gebluͤte zwar nicht gar un- empfindlich/ sein grosses Gemuͤthe aber nicht weibisch aufnehmen; weniger seine Klugheit es gaͤntzlich in Wind schlagen; sondern die Sor- ge dem Vaterlande zu helffen das kraͤfftigste Huͤlffs-Mittel wieder dieses Betruͤbnuͤs seyn werde. Hertzog Herrmann hoͤrte Thußnel- den mit unverwendeten Augen/ und unveraͤn- dertem Antlitze an; so lange sie redete. Als sie aber beschloß; fiel er auff das eine Knie/ umar- mete Thußneldens/ die diß zu verwehren ver- gebens sich bemuͤhte; und fieng an: Jch wuͤrde den Tod meines Vaters nachdruͤcklicher zu be- trauren haben; wenn das guͤtige Verhaͤngnuͤs diesen Verlust nicht durch das Geschaͤncke ei- ner so vollkommenen Freundin ergaͤntzt/ und Deutschland mit einer so grossen Schutz-Goͤt- tin versorgt haͤtte. Die Noth und der Be- fehl derselben; in welcher Hand das Verhaͤng- nuͤs mein Gluͤck und Ungluͤck vertrauet hat/ erfordert freylich/ mein Bekuͤmmernuͤs nicht fuͤr eine todte Leiche/ sondern fuͤr die Erhaltung des kranckenden Vaterlandes anzugewehren. Aber die uͤbermaͤßigen Wolthaten der Fuͤrstin Thußnelda verbinden mich so wol als Deutsch- land/ nicht alle Kraͤfften dorthin und zu seinem eigenen Besten; sondern zum minsten die Helf- te zu einem unver geßlichen Danck-Maale ge- gen sie als unsern Schutz-Stern anzuwenden; dessen holden Anblick das scheiternde Vater- land nichts minder/ als ich kluger Wegweisung beduͤrfftig bin. Thußnelde/ welche ohne diß diese nachdenckliche Demuͤthigung nicht gerne ihr/ Arminius und Thußnelda. ihr/ wiewol der Treue und Verschwiegenheit halber genungsam gepruͤfftes Frauen-Zimmer sehen lassen wolte/ noͤthigte den Fuͤrsten zum Wiederauffstehen; und kamen sie hieruͤber in Berathschlagung: Ob Fuͤrst Herrmann heim- lich; oder mit Vorbewust und Einwilligung in Deutschland reisen solte? Dieses letztere hielt Herrmann fuͤr rathsamer; weil der ihm fuͤr so viel treue Dienste verbundene August ihn mehr- mahls versichert haͤtte: daß er auff Segimers Todes-Fall ihm nicht nur zur Herrschafft der vaͤterlichen Lande/ sondern gar zu allen Vor- Elterlichen Wuͤrden behuͤlflich seyn wolte. Diß aber wiederrieth Thußnelda bestaͤndig. Denn/ sagte sie/ weil die Wolthaten zeitlicher ihr Andencken/ als die Rosen ihre Blaͤtter ver- lieren; die Staatssucht auch mit keiner Tu- gend groͤssere Unvertraͤgligkeit hat/ als mit der Danckbarkeit; doͤrffte die Hoffnung auff Au- gustens grosse Vertroͤstungen ein schlechtes Gebaͤue auffuͤhren. Zumahl der Kayser we- der sein selbst/ noch sein Versprechen zu erfuͤl- len mehr maͤchtig waͤre; nach dem die ihn in Haͤnden habende Livia und Tiberius eben diß und ein mehrers Segesthen mit vielen Betheuerungen verfprochen haͤtten; dessen sie beyde zugleich unmoͤglich habhafft seyn koͤn- ten. Diesemnach waͤre es nichts minder in diesem Falle rathsam/ als durchgehends ei- ne grosse Klugheit sich eines solchen Herrn entbrechen/ der sich durch Vergeltung von Wolthaten nicht entbinden kan. Denn die- se wuͤrden zwar iederzeit gerne angenommen/ der Wolthaͤter aber nicht gerne fuͤr Augen gesehen; ja wenn einem seine Schwaͤche vol- lends die Hoffnung treue Dienste auszuglei- chen benehme/ verwandelte sich das erste Er- kaͤntnuͤs in eine Abscheu; und weil die Ver- bindligkeit nicht auszuleschen waͤre/ trachtete man gar den Glaͤubiger zu vertilgen. Wenn aber auch August so wol den Vorsatz als das Vermoͤgen haͤtte dem Fuͤrsten Herrmann wol zu thun; wuͤrde doch der vom Segesthes neu entworffene Vorschlag die Chautzen zu bemei- stern dem Kayser die Haͤnde binden; und fuͤr diesen zur Dienstbarkeit geneigten Fuͤrsten et- was auffzuheben/ mit dessen Schatten August immer fort seine Hoffnung speisen; ihn selbst aber an der Angel fuͤhren koͤnne. Woruͤber ihr/ wenn sie daran gedaͤchte/ das Hertze in tausend Stuͤcke zerspringen moͤchte; auch nichts anders glaubte: denn das die Stieff-Mutter Sentia ihren Vater bezaubert/ oder wenig- stens verblaͤndet haͤtte. Herrmann befließ sich der bestuͤrtzten Thußnelde zu Liebe auff aller- ley Weise die Schuld von Segesthen auff sei- ne Gemahlin zu schieben/ und zu behaup- ten: daß es leichter waͤre gegen ein gewaff- netes Heer/ als ein liebreitzendes/ und zu- gleich Ehrsuͤchtiges Weib bestehen. Denn ihre Herrschafft bemaͤchtigte sich ihrer eigenen Gebieter; und dehnete ihre Gewalt uͤber al- le Schrancken der Leibeigenschafft aus. Sie verwechselte den Genuͤß ihres Leibes mit der Botmaͤßigkeit uͤber seine Seele; sie vergaͤll- te das Hertz gegen seine Kinder; sie verhaͤrte- te sein Gemuͤthe wieder seine eigene Wol- farth; und weil die groͤssesten Riesen fuͤr ih- rer Schwaͤche erliegen muͤsten/ wenn sie schon alle ihre Vernunfft und Kraͤfften zusam- men fasten; waͤre sie keinem Dinge besser/ als dem kleinen Fische zu vergleichen/ der ein mit vollem Segel durch Schaum und Wellen strei- chendes Schiff/ wie der Kapzaum ein schaͤumen- des Pferd hemmete und anhielte. Hierauf gab er bescheidentlich nach: daß Thußneldens Rath auff unumstoßliche Seulen gegruͤndet; und es in Geheim von Rom sich zu machen sicherer waͤ- re; wiewol August deßhalben eine Ursache vom Zaune zu brechen/ und Gelegenheit ihn fuͤr Feind zu erklaͤren nehmen koͤnte. Allein es laͤge ihm ein ander Stein auff dem Hertzen; S s s s s s s 3 der Achtes Buch der seiner Reise am Wege laͤge/ den er aber auf die Seite zu raͤumen sich nicht uͤberwuͤnden koͤnte. Thußnelden war dieser tunckele Ein- wurff zwar etwas nachdencklich; iedoch hatte sie ihre Unterredung schon so vertiefft: daß sie nicht vorbey konte nach diesem Hindernuͤße zu fragen. Herrmann faͤrbte sich hieruͤber/ und antwortete nach einem kurtzen Stillschweigen und Seuffzer: Vollkommenste Thußnelda/ mein blosses Stillschweigen ist schon Redner genung meines Schmertzens/ iedoch begreifft es in dem/ daß ich nichts sage/ bey weitem nicht alles/ was meine Seele in ihr empfindet. Thuß- nelda stellte sich; als wenn sie seine Meynung gar nicht verstuͤnde/ und antwortete: Es waͤre unschwer zu ermessen: daß das Schweigen kei- nen richtigen Abdruck der Gedanckenab geben koͤnte; nach dem so gar die Sprache ein unvoll- kommenes Nachgemaͤhlde des Gemuͤthes waͤ- re. Sie glaubte wol: daß nichts schlechtes sei- ne Entschluͤssung hemmete; alleine solchen Hel- den muͤsten auch Klippen aus dem Wege tre- ten. Alle Unterfangungen in Zentner-Sa- chen doͤrfften ein Loth Vermaͤssenheit; und die Rathschlaͤge waͤren zuweilen denselben Ge- waͤchsen gleich zu halten/ die man nicht muͤste lassen reiff werden. Denn wie diese mit ihrer Saͤuerkeit den angenehmsten Geschmack mach- ten; also schluͤgen fruͤhe und unreiffe Schluͤsse offt gluͤckseliger aus/ als die man gleichsam duꝛch allzusor gfaͤltige Ausbruͤtung veraͤrgerte. Her- tzog Herrmann fieng hierauff mit einem freu- digen Gesichte an: Er wuͤrde sich niemahls un- terwunden haben ihr mit eroͤffneter Hindernuͤs seine innerliche Wunden zu entdecken; wenn sie nicht der Vermaͤssenheit selbst das Wort ge- redet; und ihm dardurch zwar seine Beschwer- de nicht zu erleichtern; iedoch seiner innerli- chen Glut durch diese Ausrauchung ein wenig Lufft zu machen Anlaß gegeben haͤtte. Sein Anliegen waͤre dieses grosse: daß er von einer so vollkommenen Fuͤrstin so viel; an ihm selbst a- ber so wenig Vergnuͤgen findete; welches hin- gegen ihr einlges Belieben an ihm geben koͤnte. Gleichwol aber hielte er diese seine Regung ihm mehr fuͤr eine Ehre/ als fuͤr ein Leiden; weil er dardurch den Ruhm erlangte: daß er faͤhig waͤ- re nichts minder eine so grosse Pein auszuste- hen; als nichts anders/ denn die groͤste Voll- kommenheit lieb zu gewinnen. Thußnelde roͤthete uͤber diesen letzten Worten ihre ohne diß denen frischen Morgen-Rosen gleiche Wan- gen/ und versetzte ihm laͤchelnde: Sie wuͤste gar wol ihre Gebrechen/ und die Art so hoͤflicher Fuͤrsten; welche meistentheils ihrer gemeinsten Verbindligkeit den Nahmen einer so hefftigen Liebesregung gaͤben; in Meynung: daß das Frauen-Zimmer sich nichts minder/ als ein- faͤltige Kinder an den Schalen der Sachen zu belustigen pflegte. Sie nehme es inzwischen entweder fuͤr einen Schertz auf; oder vergnuͤg- te sich mit der blossen Wolgewogenheit eines so vollkommenen Fuͤrsten. Herrmann versetzte: Es waͤre nichts minder eine Art der empfind- lichsten Grausamkeit einen Krancken uͤberre- den: daß er gesund sey; und das hefftigste Feuer der Liebe einen zu Wasser machen wollen; als eine Verdoppelung der Pein; wenn man diese gewaltsame Gl u t in der Hoͤle des Hertzens zu erstecken trachtete. Mit dem letztern haͤtte er sich zeither fast zu tode gequaͤlet; daher hoffte er: ihre Guͤtigkeit wuͤrde nicht verhaͤngen: daß die Entdeckung seiner inbruͤnstigsten Liebe ihm nur deßwegen den Lebens-Athem erhalten haͤtte; wormit er durch ihre Unbarmhertzigkeit in eus- serste Verzweifelung versetzt wuͤrde. Jhm waͤre nicht unbekandt: daß die Liebe nichts minder als Epheu ohne einige Wartung das groͤste Wachsthum erlangte; ja daß sie eben so durch Verachtung wie gluͤende Steine durch ange- spritztes Wasser mehr erhitzet wuͤrden; aber seine Liebe uͤberstiege ohne diß die Groͤsse aller andern/ und seine Seele waͤre geschickter ein- geaͤschert/ als mehr angezuͤndet zu werden. Dem Arminius und Thußnelda. Dem Himmel wuͤrde zwar zugetrauet: daß er durch Donner und Blitz der Erde Fruchtbar- keit befoͤrderte; aber vielfaͤltig mahl mehr nuͤ- tzete ein sanffter Regen. Also wuͤrde sie an sei- nem durch ihren guͤtigen Anblick angezuͤndeten und nach und nach verglimmenden Hertzen ein suͤsser Opffer genuͤssen; als wenn sie durch ihre unbarmhertzige Strahlen selbtes auff einmahl in Grauß und Staub verwandelte. Die leut- selige Fuͤrstin begegnete ihm hingegen: wenn sie nicht wuͤste: daß die Haͤrtigkeit kein noth- wendiges Kennzeichen eines zuͤchtigen Gemuͤ- thes waͤre; sondern sich auch ohne Befleckung der Ehre eine unerlaubte Anmuthung mit Glimpff ablehnen liesse; wuͤrde sie schier ge- zwungen werden ihn mit einer ernstern Ge- behrdung anzuweisen: daß er derselben nichts abheischen solte/ was sie zu erlauben selbst nicht berechtiget waͤre. Aber sie wolte zum minsten ihre Gelindigkeit dar durch erweisen: daß sie ihm selbst so viel Zeit entraͤumte; seine Entschluͤs- sung zu uͤberlegen; als seine Regung sich wie- der zu bestillen von noͤthen/ er aber die Ehre haͤtte ohne fremde Huͤlffe genesen zu seyn. Deñ Zeit und Abwesenheit waͤren nicht nur die aufjaͤhrenden Bewegungen der Jugend zu daͤmpffen; sondern auch tieff eingewurtzelte Entschluͤssungen zu vertilgen maͤchtig. Jch gestehe es/ antwortete Herrmann: daß die Kuͤhnheit meiner Liebe keiner Entschuldigung; ihre Hefftigkeit aber keiner Verschwindung faͤ- hig/ und weder die Zeit/ noch einige andere Kraͤfften selbte zu tilgen geschickt sind. Denn wie die von dem Schweiße der Morgenroͤthe empfangene Perle so feste verwahret ist: daß selbte ohne Zerdruͤmmerung der Muschel/ und Toͤdtung ihrer Mutter ihr nicht kan entfrem- det werden; also wird das in meinem Hertzen so fest verschlossene Bild Thußneldens der un- schaͤtzbaren Perle dieser Welt ohne gaͤntzliche Zernichtung meines Wesens mir nimmermehr geraubt/ ja die selbtes verwahrende Flamme meiner Liebe durch den von ihrer Grausamkeit mir zuwachsenden Tod selbst nicht ausgelescht werden. Diese Worte brachte der tapffere Herr- mann mit so durchdringender Gebehrdung fuͤr: daß Thußnelden die Augen uͤber giengen; und sie sich kaum erholen konte ihm wiewol mit halb- verbrochenen Worten zu sagen: Lebe Herr- mann/ dem Vaterlande und derselben zu Lie- be; welche dir mehr als gewogen seyn wuͤrde; wenn sie ihr selbst iemanden zu lieben gebieten koͤnte. Hertzog Herrmann/ welcher sich ehe von Thußnelden eines Todes-Urthels/ als ei- ner so holdseligen Erklaͤrung versehen haͤtte/ wuste fuͤr Freuden kein Wort aufzubringen/ sondern senckte sich nieder ihre Knie zu umfan- gen. Thußnelde aber reichte ihm solche Er- niedrigung gleichsam zu verwehren ihre Hand/ die er als ein sicheres Pfand nicht nur ihrer Ge- wogenheit/ sondern wahrhafften Liebe mit der hoͤchsten Empfindligkeit kuͤssete/ biß sie selbte zuruͤck zu ziehe n genoͤthiget ward; weil eine ih- res Frauen-Zimmers sich ihnen naͤherte/ und Bericht brachte: daß der Kayser den Rath ge- endiget/ und Livia nach ihr gefragt haͤtte. Wel- che denn Thußnelden nicht ohne Nachdencken etliche Tage nicht von ihrer Seiten ließ; also: daß Hertzog Herrmann keine Gelegenheit zu finden vermochte/ den letzten Schluß seiner Reise vertraͤulich abzureden. Jnzwischen kam ein deutscher Edelmann zum Hertzog Herrmann/ der sich unter die vom Segesthes nach Rom gehende Gesandschafft verstecket hatte; und brachte ihm vom Fuͤrsten Jngviomer Schreiben des Jnnhalts: Daß Tiberius etliche mahl mit den Deutschen son- der einigen Vortheil geschlagen; ja der Ritter Stirum ihn bey nahe selbst erlegt haͤtte. Her- tzog Segimer waͤre auch bereit fertig gewest denen Bructerern zu Huͤlffe zu kommen. Die- ses zu hintertreiben haͤtte Tiberius die seinem Sohne zu Rom wiederfahrende Wolthaten mit vertroͤsteter Freylaß- und Versprechung guͤldener Achtes Buch guͤldener Beꝛge heraus gestriechen; iedoch nichts zu erhalten vermocht; sondern nur von Segi- mern zur Antwort bekommen: daß er lieber sei- nen Sohn in Band und Eisen/ als sein Va- terland dienstbar wissen; auch ehe sterben/ als sein Land von der Gnade eines Auslaͤnders be- sitzen wolte. Zu letzt haͤtte Tiberius in einem Schreiben ihm noch angeboten: daß/ wenn er nur ruhig bleiben/ und denen Caninefaten und Attuariern keine Huͤlffe leisten wolte; der Kay- ser ihm wieder die Quaden unter seine Bot- maͤßigkeit lieffern/ und den Vannius seines Reiches entsetzen wolte. Uber Erbrechung dieses Schreibens waͤre Hertzog Segimer au- genblicklich uͤber einen Hauffen gefallen/ haͤtte im gantzen Leibe eine uͤbernatuͤrliche Hitze be- kommen; also: daß sein Verstand alsofort waͤre verwirret/ und nach dreyen Stunden/ unge- achtet aller Artzney-Mittel/ sein Helden-Geist aus dem Gefaͤngnuͤsse des sterblichen Leibes zu grossem Betruͤbnuͤs gantz Deutschlands befrey- et worden. Daher man nicht anders schluͤssen koͤnte/ denn daß dieser Brieff mit einem fluͤ- genden und uͤberaus hefftigen Giffte muͤsse seyn angestaͤubt gewest. Er haͤtte zwar inzwischen/ als nechster Anverwandter/ statt seiner bey den Cheruskern ein und andere gute Anstalt ma- chen/ und denen bedraͤngten Deutschen mit ze- hen tausend Cheruskern Beystand leisten wol- len; allein dem erstern haͤtten sich etliche herꝛsch- suͤchtige Koͤpffe entgegen gesetzt/ die grosse Macht des Tiberius aber die Bructerer und Cherusker uͤber die Weser zu weichen; wie auch Segodun und die Cattenburg zu verlassen. Al- so stuͤnden nun die Cherusker in hoͤchster Be- kuͤmmernuͤs und Verwirrung; wuͤsten sich auch auff keinen andern Ancker/ als alleine auf ihn/ als ihre noch einige Hoffnung/ zu verlassen. Hertzog Herrmann ward uͤber solcher Todes- Art seines Volckes und dem Nothstande seines Volckes so wehmuͤthig: daß ihm etliche Thraͤ- nen auf Jngviomers Brieff fielen. Sintemahl doch auch die Helden nicht Hertzen aus Ertzt/ und Augen aus Diamant haben. Vom Kayser Urlaub zu nehmen/ schiene nach der zwischen den Roͤmern und Cheruskern auffs neue entstandener Feindschafft so viel mehr gefaͤhrlich; ins geheim zu entweichen waͤre nicht allein ein undanckbares Mißtrauen/ sondern schiene auch seinem Treu und Glau- ben abbruͤchig zu seyn; welches die redli- chen Deutschen ihrem Leben weit vorsetzten. Weil nun Hertzog Herrmann bald anfangs/ als er gefangen einbracht ward/ dem Kayser sein Wort: ohne seinen Willen nir gendshin zu ent- weichen/ gegeben/ August aber den Fuͤrsten Herrmann dessen nie ausdruͤcklich erlassen hat- te; standen ihm diese erhebliche Bedencken al- lerdinges im Wege seinen Vortheil zu ersehen; und sich aus des Kaysers Gewalt zu ziehen. Denn ob wol denen festgesetzten Gefangenen das Recht der Flucht in alle Wege zustehet; lei- det doch diß einen Absatz; wenn ein Gefange- ner mit nichts gewaltsamen/ sondern allein mit seinem Angeloͤbnuͤs zu bleiben beschrenckt wird. Ob nun wol Hertzog Herrmanns gantzer Zu- stand samt seiner Gefangenschafft durch seine in Armenien geleistete Kriegs-Dienste/ und sei- ne zu Rom erworbene Wuͤrden veraͤndert zu seyn schien/ hielt er doch die Hoheit der Fuͤrsten an ihr selbst fuͤr unveraͤnderlich; und ihr Wort so hoch: daß desselbten Beobachtung keinen spitzfindigen Absatz vertruͤge; und ein Fuͤrst Treu und Glauben zu halten verbunden sey; wo gleich einem Niedrigen uͤber die Schnure zu hauen uͤbersehen werden koͤnte. Denn wenn Treue und Auffrichtigkeit gleich in der gantzen Welt verschwinde; solte sie doch in den Hertzen eines Fuͤrsten ihre Wohnstatt behalten. Diese Bedencken hielt er auffs neue seiner geliebten Thußnelde fuͤr/ welche denn entweder ihrer Wichtigkeit halber/ oder weil das in ihren Her- tzen sich ielaͤnger ie mehr vergroͤssernde Liebes- Feuer an seiner annehmlichen Anwesenheit abzu- Arminius und Thußnelda. abzukuͤhlen verlangte/ ihre erstere Meynung verließ und seiner Gedancken ward: daß er noch zu Rom bleiben/ und seinem Vetter Jngviomer inzwischen die Beobachtung seiner Laͤnder an- vertrauen solte. Wie denn auch der Kayser ihm nach etlichen Tagen selbst den Tod seines Va- ters vermeldete; und andeutete: Er moͤchte zu Rom bleiben/ biß Tiberius zuruͤck kaͤme/ und er den wahren Zustand Deutschlands vernaͤhme/ also deßhalben mit ihm ein sicheres Abkommen treffen koͤnte. Hertzog Herrmann theilte bey dieser Be- schaffenheit gleichsam sein Hertze; in dem die ei- ne Helffte sich an der Gewogenheit Thußnel- dens erquickte/ die andere aber sich uͤber dem Nothstande seiner Unterthanen schier zu Tode graͤmete. Hieruͤber kam Tiberius und Se- gesthes nach Rom; bey welchem letztern sich Hertzog Herrmann durch seine unver gleichliche Leibes- und Gemuͤths-Gaben; insonderheit a- ber durch die Erklaͤrung: daß er bey so verwirr- tem Zustande Deutschlands Segesthen/ als ei- nem Fuͤrsten des Cheruskischen Hauses/ die Feldhauptmannschafft fuͤr allen Fremden von Hertzen goͤnnte/ derogestalt einliebte: daß er ihm nicht nur versprach beym Kayser sein Wort aufs beste zu reden/ und die Herrschafft uͤber seine vaͤ- terliche Laͤnder zu wege zu bringen; sondern auch hernach/ als August Segesthen noch zuvor kam/ und vermerckte: wie er den um ihn so sehr verdienten Hertzog Herrmann allerdings zum Besitzer der Cheruskischen Laͤnder wissen wolte/ ihm seine Tochter Thußnelda zu mehrer Befe- stigung ihrer alten Freundschafft zu vermaͤhlen antrug. Und dieses zwar geschahe eben selbi- gen Tag/ als August ihm andeutete: daß er mit Segesthen zu Beherrschung seines Erbtheils nunmehr in Deutschland verreisen moͤchte; und/ wenn er denen Feinden der Roͤmer keinen Bey- stand leistete/ als er von ihm sich keines Weges versaͤhe; waͤre Sentius Saturnin noch befeh- licht ihm wieder alle Cheruskische Feinde huͤlff- bar zu seyn. Hertzog Herrmann/ wie groß sein Gemuͤthe gleich war/ vermochte diese zweyfache Gluͤckseligkeit kaum zu begreiffen; Sintemahl er Thußneldens Besitzthum weit hoͤher/ als die Beherrschung der gantzen Welt schaͤtzte. Thuß- nelda ward ebenfalls von Segesthen uͤber der angezielten Heyrath vernommen; welche denn dem Willen ihres Vaters zu gehorsamen ohne einige Bedingung sich erklaͤrte; weil sie hier- durch nichts minder die hoͤchste Vergnuͤgligkeit der Welt; und wornach ihre Seele zeither in ge- heim geseuffzet hatte/ zu uͤberkommen hoffte. Alleine/ wie ins gemein eine grosse Windstil- le ein Vorbothe eines grossen Ungewitters ist; also ward der diese zwey Verliebten anblickende Soñenschein bald in eine schwartze Betruͤbnuͤs- Wolcke verwandelt. Gleich als wenn das Ver- haͤngnuͤs auch denen tugendhafftesten Gemuͤ- thern nicht zutraute: daß selbte nicht bey unun- terbrochener Gluͤckseligkeit solten in Wolluͤste versenckt/ und wie der zaͤrteste Alabaster von so vielen Thau - Tropffen anlachender Anmuth fluͤßig gemacht werden; oder weil es vor hatte durch den Vorschmack so vieler Bitterkeiten die letztere Añehmligkeit so viel mehr zu verzuckern. Tiberius kriegte in dem Tempel der Venus/ welchen Pompejus uͤber seinen Schauplatz ge- bauet hatte/ die schoͤne Fuͤrstin Thußnelda das erste mahl zu Gesichte. Dieser Anblick verwirꝛte anfangs seine Augen: daß sie nicht zu unterschei- den wusten: ob sie einen Menschen/ oder die Goͤt- tin solchen Heiligthums erkieseten; bald hierauf aber nahm er sein Gemuͤthe derogestalt ein: daß er sich fuͤr geendigtem Opffer entfernen/ Lirien aber bekennen muste: daß er ausser Thußnelden kein Frauenzimmer nimmermehr seines Bey- schlaffs/ weniger seiner Liebe/ am wenigsten sei- nes Ehbettes wuͤrdigen wolte. Von welcher Heftigkeit der Liebe Tiberius so gar erkranckte/ sonderlich/ als sich mit ihr die Eyversucht ver- einbarte/ und Tiberius durch seine Kundschaff- ter die Heimligkeit erforschte: daß Thußnelda Erster Theil. T t t t t t t schon Achtes Buch schon dem Fuͤrsten Herrmann ihr Hertze geeig- net hatte. Daher Livia genoͤthigt ward ihm hierinnen huͤlffbare Hand zu leisten; ungeachtet sie alles auslaͤndische Frauen-Zimmer fuͤr ihren allbereit zum Kayserthume bestimmten Sohn viel zu geringe/ oder doch ihrem Absehen nicht vortraͤglich/ ja den Kayser solcher Heyrath selbst wiedrig schaͤtzte. Nach dem sie nun durch viel kraͤftige Vertroͤstungen seiner ersteꝛn Schwach- heit mercklich abgeholffen hatte; beredete sie mit dem Tiberius: daß er beym Fuͤrsten Sege- sthes/ Livia bey Thußnelden ohne einigen Um- schweiff sein Wort anbringen solte; in Mey- nung: daß beyde dieses ungemeine Gluͤcke mit beyden Haͤnden umarmen wuͤrden. Weil ih- ren Gedancken nach der Poͤfel nur nach Lie- be/ Fuͤrsten aber nach ihrem Vortheil heyrathe- ten. Tiberius richtete durch seinen ersten Vor- trag bey dem Ehrsuͤchtigen Segesthes so viel aus: daß er ihm zu willfahren sich allerdings verknipffte/ wenn er anders sich seines dem Hertzog Herrmann bereit gegebenen Jaworts mit Ehren entbrechen koͤnte. Dieses war der einige Ruͤgel/ welcher nicht so bald aus dem Hertzen dieses von seiner Geburts-Art sonst ziemlich entfernten Deutschen wegschuͤben zu lassen moͤglich schien. Sintemahl doch die ver- aͤnderten Gemuͤther nichts minder/ als die in fremde Laͤnder versetzten Gewaͤchse noch allezeit etwas von der Eigenschafft ihres Uhrsprungs behalten muͤsten. Alleine Segesthens hoch- muͤthige Gemahlin Sentia war nicht nur Meisterin uͤber ihres Ehmanns Hertz; son dern auch uͤber die Natur; brachte es also unter dem Schein: daß Vermoͤge der Roͤmischen Gese- tze/ denen er sich in der Stadt Rom allerdings bequemen muͤste/ auch wuͤrcklich vollzogene Vermaͤhlungen aus geringern Ursachen auff- loͤßlich/ die Staats-Gesetze auch aller Ver- wandschafft; die Vergroͤsserung seines Ge- schlechtes allem andern Absehen uͤberlegen waͤren; so weit: daß Segesthes den dritten Tag seine Tochter dem Tiberius zu verlo- ben versprach. Viel anders aber lieff es auf Liviens Seiten ab. Denn Thußnelde setzte ihrer Heyraths-Werbung entgegen: daß des Tiberius wie anderer so grosser Leute Liebe ins gemein Schertz oder Versuchung waͤre; und sie ihr von ihm so viel weniger Zuneigung ein- zubilden haͤtte; weil die liebreitzende Julia ihn zu vergnuͤgen viel zu kalt gewest waͤre; nach ih- rer Ehtrennung aber er ein Geluͤbde kein Weib mehr zu heyrathen gethan haͤtte. Diesemnach sie sich denn fuͤr seine Gemahlin zu geringe/ fuͤr sein Kebsweib zu vornehm schaͤtzte. Als aber Livia mit grossen Betheuerungen sie seiner eh- lichen Liebe versicherte; schuͤtzte sie fuͤr: daß ih- rer beyder Vermaͤhlung ihrem Geschlechte nachtheilig/ dem Tiberius aber noch schaͤdlicher seyn wuͤrde. Denn ihrer seits wuͤrde diese Ver- knipffung ihrem Vater/ welchen ohne diß seine Sentia allen Deutschen verdaͤchtig machte/ den aͤrgsten Haß ihres Vaterlandes auff den Halß ziehen; Tiberius aber nichts minder als Antonius durch Cleopatrens Heyrath sich der Roͤmischen Herrschafft verlustig machen. Sin- temahl die Roͤmer nichts unleidlicher/ als frem- den Frauenzimmers Hoheit in Rom vertragen koͤnten. Livia bemuͤhte sich zwar eusserst ihr diese Bedencken auszureden/ und einzuhalten: wie Kayser Julius mit der Koͤnigin Cleopatra und Eunoͤe so vertraͤulich gelebt/ August des Koͤnig Cotisons Tochter zu heyrathen fuͤr gehabt haͤtte; insonderheit aber nunmehr des Roͤmi- schen Kayserthums Verfassung so feste gesetzt waͤre: daß kein Mensch das Hertze haͤtte des Kaysers Liebe oder anderes Thun zu recht- sertigen. Alleine Thußnelda sagte Livien rund heraus: daß sie dem Fuͤrsten Herrmann bereit verlobt waͤre; und also in ihrer Gewalt nicht stuͤnde auch dem groͤsten Herrscher der Welt mit dem zu betheilen/ was sie schon diesem Helden mit ihres Vaters Willen zugeeignet haͤtte. Hiermit muste Livia fuͤr dißmahl abziehen. Wie sie Arminius und Thußnelda. sie aber vom Tiberius erfuhr: daß Segesthes schon auf einen andern Weg und seine Seite gebracht war; meinte sie den vorhin vergebens angetasteten Baum der Bestaͤndigkeit durch noch einen kraͤfftigen Hieb/ wordurch viel Hel- dinnen geworben worden/ zu faͤllen; und Thuß- nelden durch fuͤr gestellte Veraͤnderung des vaͤ- terlichen Willens/ welcher allezeit den Kindern am heilsamsten zu rathen pflegte; durch fuͤrge- bildete zulaͤßliche Bereuung uͤbereilter Ver- loͤbnuͤsse/ und die ihr hierdurch zuwachsende hoͤchste Wuͤrde der Welt/ nach welcher so viel tausend Seelen laͤchseten/ zu gewinnen. Alleine die tugendhaffte Thußnelde nahm alle diese Lo- ckungen fuͤr dieselbigen Sonnen-Strahlen an; welche/ um den Himmel mit den schwaͤrtzesten Wolcken zu verstellen/ die unsaubersten Duͤnste empor ziehen; blieb also wie ein unbeweglicher Fels auf ihrer ersten Entschluͤssung stehen. Wormit auch Livia und Tiberius ihnen so viel weniger Hoffnung machen/ und sie mit weitern Versuchungen nicht quaͤlen moͤchten; beschloß sie ihre Beantwortung mit diesen nachdruͤckli- chen Worten: daß kein menschlicher Witz/ keine Gewalt der Welt/ ja das Verhaͤngnuͤs selbst nicht durch was anders/ als den Tod ihr und Hertzog Herrmanns Buͤndnuͤs zu zerreissen maͤchtig waͤre. Als diese Wellen an Thußnel- dens so fest geanckerter Liebe nun auch zerschei- tert wurden; wolte Segesthes mit dem Nach- drucke seiner vaͤterlichen und mit denen hefftig- sten Bedruungen aus geruͤsteter Gewalt durch- brechen. Thußnelda aber/ nach dem sie mit tieffster Demuth und kindlicher Ehrerbietung das steinerne Hertze ihres unerbittlichen Va- ters nicht zu erweichen vermochte; ruͤhrte ihm durch Fuͤrstellung der denselbten zuhaͤngenden Goͤttlichen Rache/ welche das einmahl feste Band der heiligen Eh aus irrdischem Absehen zerreissen; und der ungluͤckseligen Heyrathen; welche man durch Zwang verknuͤpffte/ sein Ge- wissen; ihm vorbildende: daß diese zwar ein zu- sammen gedrungener/ aber die Gemuͤther kei- nes vereinbarender Knoten; oder vielmehr ei- ne Sonnen-Finsternuͤs der Seele waͤren; da zwar die zwey grossen Welt-Lichter auff einem Puncte zusammen gehefftet schienen/ in War- heit aber von einander nicht nur weit entfernet stuͤnden; sondern auch der Glantz des allerschoͤn- sten Welt-Auges durch solche Vermaͤhlung entkraͤfftet und gleichsam verlescht wuͤrde. Als aber der gluͤende Stein des unbarmhertzigen Vater-Hertzens durch die Thraͤnen dieser aͤng- stigen Tochter noch immer mehr entzuͤndet ward/ und Segesthes Thußnelden auf den Fall fernerer Weigerung Laub und Graß versagte; fiel sie endlich mit halb-verzweiffelnder Weh- muth ihm zu Fuße; erzehlte/ so viel ihre Jung- fraͤuliche Schamhafftigkeit zuließ/ die dem Se- gesthes vielleicht fremden Laster des Tiberius. Jnsonderheit/ wie er in der Schwaͤlgerey und Unzucht gantz ersoffen waͤre/ bey dem bekand- ten und von dem August selbst aller Ehren ent- setzten Huren-Wirthe Sestius Gallius etliche Jahre zubracht/ sich bey Tische von eitel nackten und unkeuschen Weibern bedienen lassen; seine Gemaͤcher mit den schandbarsten Bildern und Buͤchern/ seine Lustgaͤrte und Hoͤlen mit den aͤrgerlichsten Saͤulen angefuͤllet; und/ nach dem ihn endlich seine unersaͤttliche Geilheit auf un- natuͤrliche Luͤste verleitet/ ihn alles Frauenzim- mer angestuncken; also Segesthes zu erwegen habe: Ob sie diesem garstigen Unflate ihre reine Seele ohne eusserste Entsetzung wiedmen koͤn- te. Wie Segesthes aber dennoch unbeweglich blieb/ zohe sie einen unter ihrem Rocke verbor- genen Dolch herfuͤr/ reichte selbten dem Sege- sthes/ und beschwur ihn bey der Liebe/ welche die Natur in die Hertzen der Elterlichen Seelen pflantzete: Er moͤchte mit diesem Stahle ihr lieber den Drat des Lebens/ als das Verlo- bungs-Band des Fuͤrsten Herrmanns zerker- ben; Weil sie doch mit keinem andern leben koͤnte/ sondern mit seinem Verluste ohne diß T t t t t t t 2 Athem Achtes Buch Athem und Seele einbuͤssen muͤste. Sege- sthes ward hierdurch derogestalt geruͤhret; son- derlich/ als er sie gantz erblassen und halb todt zur Erden sincken sahe: daß er sonder einiges Wort sich aus dem Zimmer entbrach/ und in den Vorgemache ihrem Frauenzimmer befahl Thußneldens wahrzunehmen. Diese blieb bey nahe zwey Stunden/ ungeachtet aller ge- brauchten Erquickungen/ in dieser Unem- pfindligkeit; und zwar vielleicht zu Erleichte- rung ihres uͤbermaͤßigen Schmertzens. Denn die Ohnmacht hindert mehrmahls: daß man die Galle des Ungluͤcks nicht allerdinges schme- cket; und erhaͤlt die bißweilen im Leben/ die sonst bey voͤlligem Erkaͤntnuͤs ihres Elends ver- schmachten/ oder fuͤr uͤbriger Bestuͤrtzung Ver- stand und Vernunfft verlieren wuͤrden. Wie sie sich nun gleich ein wenig erholte; ward sie doch von einer solchen Schwachheit und Hertz- klopffen bedraͤngt: daß sie bettlaͤgerig bleiben muste. Und der Kummer: daß ihre andere Seele Hertzog Herrmann von diesem Unfalle zu seiner Beunruhigung nicht Wind bekom- men moͤchte; ließ ihren Augen nicht den wenig- sten Schlaff zu. Wiewol ihr nun alle Glieder bebten/ und sie fast keinen Finger nach ihrem Verlangen ruͤhren konte; so gab ihr doch/ als sie vernahm: daß Tiberius folgenden Tag Liviens Geburts-Tag mit einem praͤchtigen Gastmah- le feyern wolte/ und seinen verhasten Neben- Buhler den Hertzog Herrmann gleichfalls ein- geladen hatte/ die Sorge fuͤr sein Heil so viel Kraͤfften: daß sie ihm schrieb: Weil sie aus wich- tigen Ursachen den Tiberius fuͤr seinen Tod- feind hielte; moͤchte er bey seiner Taffel; worvon er sich freylich ohne seinẽ Haß zu veraͤr gern nicht entbrechen koͤnte/ seines Lebens wol wahrneh- men. Herrmañ kam also mit der ihm vorgesetztẽ Behutsamkeit zum Tiberius/ ruͤhꝛte keine Spei- se an/ worvon nicht der Kayser und Livia vorher gessen hatten; ließ ihm Wasser und Wein seine Deutschen einschencken. Tiberius nahm die- ses wahr; und hatte es Noth: daß dieser Mei- ster in Verstellungen seine Empfindligkeit nicht mercken ließ. Bey der letzten Tracht ward eine Schuͤssel voll der allerschoͤnsten Pomerantzen- Aepffel/ welche der Land Vogt in Egypten Li- vien als eine besondere Seltzamkeit geschickt hat- te/ aufgetragen; Dahero Tiberius selbte selbst vorlegte. Unter diesen war eine/ welche keine Blaͤtter mehr am Stiele hatte/ mit dem aͤrgsten Giffte angemacht. Aus sonderbahrer Fuͤrse- hung Gottes waren noch einem andern Apfel die Blaͤtter abgefallen; den Fuͤrst Herrmann zu allem Gluͤcke uͤberkam/ und ohne Schaden auf des Tiberius Erinnerung verzehrte; der ihm bestimmte ver gifftete aber kam in die Haͤnde Otaciklens; welche anfangs eine freche Freyge- lassene und des Tiberius Buhlschafft gewest; nunmehr aber dem edlen Caͤsonius Priscus vermaͤhlt war; den er hernach zu seinem Wol- lust-Meister machte. Also ist es bey Hofe kein Wunder: daß stinckende Fliegen mit einem Fluge sich von dem Misthauffen des Poͤfels biß an die Fuͤrstlichen Taffeln erheben. Ja es waren zu Rom nunmehro die Laster so hoch ans Bret kom̃en: daß man sich nicht schaͤmte durch Aemter und Bestallungen ihrem Wachsthume Vor- schub zu thun. Otacilla aber hatte den Apfel kaum gekostet; als eine uͤbermaͤßige Hitze ihren gantzen Leib entzuͤndete; und sonder einig ander Wort/ als: ich bin vergifftet! niedersanck; hier- auff in einem Augenblicke Eys-kalt und zu- gleich Stein-todt ward. Alle Anwesenden er- starreten und verstummten; Und weil sie den wegen aller Boßheit verdaͤchtigen Tiberius nicht anzuschauen getraueten/ sahen sie selbst einander gleichsam fragende an: ob sie bey einer solchen Gifft-Taffel sich laͤnger auffhalten sol- ten? August selbst veraͤnderte sich hieruͤber nicht wenig; als welchem zwar des Tiberius Mord- stuͤcke nicht unbekandt waren; iedoch nicht be- greiffen konte: warum er diß bey ihm so beliebte Weib hinrichten solte? Livia hingegen maßte sich Arminius und Thußnelda. sich dieses Dings aͤngstig an/ ließ Otacillen als- bald in das Neben-Gemach tragen; und ver- fuͤgte: daß die Aertzte ihr moͤglichst beyspringen solten; wiewol wegen besorglicher Gifft-Zei- chen ihrem eigenen Ehmanne sie zu beschauen nicht erlaubt; sondern sie noch selbigen Abend von einem vertrauten Weibe in die Todten- Tracht gekleidet/ und den dritten Tag verbren- net/ die Aertzte aber/ die sie gleich nicht gesehen hatten/ gezwungen wurden/ zu bestaͤtigen: daß sie am Schlage gestorben waͤre. Der bey so viel Boßheit abgehaͤrtete Tiberius veraͤnderte hier- uͤber weder Antlitz noch Gebehrden. Denn die Laster kamen ihm damahls nach vollbrachter That nicht groͤsser/ als vorher fuͤr. Hertzog Herrmañ/ ob er wol aus Thußneldens Schrei- ben ihm die Rechnung machte: daß dieser auff seinen Hals angezielte Streich auff einen frem- den Nacken abgeglitten waͤre/ hielt doch fuͤr das beste Mittel solchen Nachstellungen zu entkom- men/ wenn er keinen Argwohn von sich blicken ließe. Daher/ als alle andere ihrer Bezeugung halber bekuͤmmert waren/ unterhielt er den Ti- berius mit gantz unnachdencklichen Gespraͤ- chen. Weil aber Tiberius in allen Dingen/ fuͤrnehmlich aber in kuͤhnen Unterfangungen fuͤr noͤthig hielt das Eisen zu schmieden/ weil es noch warm war; liebkosete er diesem in seinen Gedancken schon tausend mahl ermordeten Fuͤrsten so sehr/ als iemahls; wiewol er auf wie- derholete Warnigung Thuß neldens auff fuͤr- sichtiger Hute stand; ja als endlich Thußnelde aus besorgter Gefahr dem Hertzog Herrmann des Tiberius Heyraths-Werbung zu seiner hoͤchsten Bestuͤrtzung eroͤffnete/ und er ihrer ihm unauffhoͤrlich anliegender Bitte sich von Rom in Sicherheit zu begeben Folge zu leisten be- schloß; bezeugte er gleichwol gegen dem Tibe- rius eine ungemeine Vertraͤuligkeit; um seine Entfernung so viel sicher er einzurichten; such- te ihn also oͤffterer/ als vormahls heim; woruͤber er zum andern mahl in Lebens-Gefahr verfiel. Denn es hatte Tiberius eine vom Tacfarinas aus Numidien ihm geschickte und gekirrte Schlange gleichsam zu seinem Schoß-Kinde oder Spiel-Vogel/ die mit ihm aus einer Schuͤssel aß/ in einem Bette lag; und auch Fremden sondeꝛ die geringste Beschaͤdigung sich um den Hals und andere Glieder wand; also: daß Hertzog Herrmann auch mehrmahls mit diesem so wol gewoͤhnten Thiere Kurtzweil ge- trieben hatte. Eine in Wahrheit ungemeine Gemeinschafft! nicht so wol wegen des zwischen Menschen und Schlangen befindlichen Unter- schieds; als weil Tiberius ein viel gifftiger Her- tze/ als dieser Wurm Zaͤhne hatte. Wie nun Hertzog Herrmann auff sein Ansuchen von der Rennebahn mit dem Tiberius nach Hause ritt/ um etliche neuangekom̃ene Africanische Pferde zu beschauen; hatte Tiberius bestellt ihm anzu- deuten: daß iemand wegen des Kaysers mit ihm reden wolte; also er den Fuͤrsten Herrmann al- leine im Zimmer/ die Thiere eines Neben-Ge- machs aber mit Fleiß offen/ und eine daselbst verwahrte Schlange heraus ließ; die den auch bey Ersehung des gifftigen Wurmes gantz siche- ren Fuͤrsten Herrmann; welcher in Meynung: es waͤre die gekirrte/ ihr noch die Hand reckte/ grimmig anfiel/ und in den Arm bieß. Woruͤber er selbte alsofoꝛt von sich schleudeꝛte/ und mit dem Fuße ihr den Kopff zerquetschte: daß sie nach langer Windung des halb-lebenden Schwan- tzes todt blieb; Gleich als wenn dieser Held auch in Erwuͤrgung der Schlangen dem Hercules gleich werden muͤste. Hertzog Herrmann aber/ als er seine Wunde aufschwellen sahe/ gieng als- bald aus dem Zimmer/ und befahl denen Auff- waͤrtern alsofort einen Wund-Artzt herbey zu schaffen. Zu seinem Gluͤcke aber war unter des Tiberius Knechten ein Marser/ wel- ches um den Fucinischen See in Jtali- en wohnende Volck von der Circe Soh- ne entsprossen seyn/ und eben so wohl/ als die Ophiogenes am Hellespont/ und die Psyllen in Africa eine Tugend das Gifft auszusaugen haben soll; Dieser T t t t t t t 3 unwis- Achtes Buch unwissende: daß die Schlange durch Ver- wundung dieses Fuͤrsten dem Tiberius ei- nen so grossen Dienst gethan haͤtte/ sog ihm das Gifft alsbald aus; also: daß Hertzog Herrmann zwar hier durch genesete/ ihm auch deßwegen die Freyheit bey seinem Herrn ausbat; dieser aber seine Wolth at bald mit dem Tode buͤssete; in dem Tiberius ihn folgende Nacht in die Ti- ber werffen ließ. Jnzwischen hatte Livia dem Kayser des Tiberius Liebe entdecket/ und um seine Einwilligung sich beworben. Als dieser aber ihr zu verstehen gab: Tiberius waͤre bey solchen Jahren und in dem Stande: daß er der Goͤttin Rom zu freyen und sie durch keine frem- de Kebs-Weiber eyversuͤchtig/ sondern vielmehr durch Erkiesung einer angenehmen Priesterin sie ihm geneigt zu machen bedacht seyn solte/ und derogestalt auf Heyrathung einer Roͤme- rin anzielte; verfuͤgte er sich in den Tempel der Capitolinischen Juno; und thaͤt ein hochbe- theuerliches Geluͤbde: daß er nimmermehr kei- ne andere/ als Thußnelden ehlichen wolte. Wel- ches Livia dem Kayser abermahls fuͤrtrug; und unter dem Fuͤrwand: daß das Kayseꝛliche Haus/ welches ohne diß auf so wenigen Augen beruhe- te/ allerdings von noͤthen haͤtte: daß es durch anderwertige Verheyrathung des Tiberius be- festigt wuͤrde; weil doch kein Kriegs-Heer/ keine Freunde so feste Schutz-Wehren eines Hauses und Reiches waͤren; als eine gute Anzahl Kin- der. Wie nun August hieruͤber nachzudencken sich erklaͤrte; also bestuͤrtzte Livien und den Ti- berius Segesthens Erzehlung uͤberaus/ was Thußnelde fuͤr verzweiffelte Erklaͤrung von sich gegeben haͤtte. Nichts desto weniger entschloß sich Livia Thußnelden mit Liebes- Traͤncken zu gewinnen/ und Tiberius ver- schwor sich den Fuͤrsten Herrmañ durch Meu- chel-Mord aus dem Wege zu raͤumen. Diese zwey hatten nun mit der innersten Hertzens- Kraͤnckung/ fuͤrnehmlich aber Herrmann/ wel- chem nicht so wol seine Gefahr/ als Thusnel- dens unauff hoͤrliches Bitten endlich zu solcher Entschluͤssung brachte/ Abschied/ und zum scheinbaren Vorwand seiner Reise die Gele- genheit wahrgenom̃en die auf des Kaysers Be- fehl aus Egypten nach Ostia zu Schiffe uͤber- brachte hundert Ellen hohe marmelne Spitz- Seule zu beschauen/ welche Koͤnig Psammir- taus zu Hieropolis aufgerichtet hatte/ August aber hernach auf dem grossen Renne-Platze zu Rom auffsetzen ließ. Als nun Hertzog Herr- mann nach Ostia kam/ diß neue steinerne Wun- der betrachtet hatte/ und unter dem Scheine das alte Merckmaal/ wo das die Mutter der Goͤtter von Peßinunt uͤberbringende und ge- strandete Schiff von der einigen Vestalischen Jungfrauen Claudia mit ihrem Guͤrtel loßge- zogen worden war/ zu beschauen/ ihm ein frem- des Schiff zu dingen sich gegen dem lincken ver- saͤudeten Munde der Tyber mit nur zweyen deutschen Dienern verfuͤgte; folgten ihm in ei- nem Nachen zwoͤlff wolgeruͤstete Kriegs-Leu- te/ welche/ so bald sie nach ihm ans Ufer ausstie- gen/ den Fuͤrsten Herrmañ meuchelmoͤrderisch antasteten. Diesen aber begegnete er/ wiewol ohne gehoͤrige Ruͤstung nebst seinen treuen Deutschen mit unerschrockenem Helden-Mu- the; durchstach auch bald beym ersten Anfall ihre zwey Anfuͤhrer. Jnzwischen hatten seine Getreuen auch dreyen das Licht ausgelescht/ woruͤber die uͤbrigen sieben entweder aus bey- wohnender/ oder bey Ausuͤbung boͤser Stuͤcke auch die Verwegensten befall ender Zagheit die Flucht nach ihrem Nachen nahmen. Gleich- wol aber erwischte Hertzog Herrmann noch ei- nen; und weil er unter denen fuͤnff Todten ei- nen fuͤr des Tiberius Freygelassenen erkennte/ draͤute er dem zuletzt Gefangenen den Tod/ wo er nicht die Anstifftung dieses Meuchelmords ihm auffrichtig bekennen wuͤrde/ davon er ohne diß schon Wind haͤtte/ und aus dem fuͤr seinen Fuͤssen liegenden Anfuͤhrer unschwer den Uhr- sprung ermessen koͤnte. Dieser bekennte also- fort: Arminius und Thußnelda. fort: daß Tiberius sie zu dieser boͤsen That mit Draͤuen und Versprechungen angestifftet haͤt- te. Worauff er ihm denn dieses Bekaͤntnuͤs in einem nahe darbey gelegenen Fischer-Hause schrifftlich ausfertigen muste; und damit sein Leben errettete. Hertzog Herrmann war froh uͤber diesem gluͤcklichen Ausschlage; insonder- heit da der erforderte Wund-Artzt seiner zwey- en Getreuen empfangene Wunden von keiner Gefaͤhrligkeit zu seyn befand; er aber hierdurch eine so wichtige Ursache erlangte beym Kayser zu entschuldigen: daß er wegen eines so maͤchti- gen Feindes/ als Tiberius waͤre/ und der/ ver- moͤge beygelegten Bekaͤntnuͤsses/ ihm so verraͤ- therisch nachstellte/ nicht wieder nach Rom zu kehren getrauet haͤtte. Sintemahl die Unschuld selbst unter den Haͤnden ihrer Feinde eine Ver- brecherin wuͤrde; eines fuͤr Gefahr gewarnig- ten Sicherheit aber ein Sterbens-wuͤrdiges Laster waͤre. Hierbey sagte er dem Kayser Danck fuͤr so viel Gnade und Wolthaten; ihn versichernde: daß/ so viel seine Ehre und die Freyheit Deutschlands vertragen wuͤrde/ er ein Freund Augustens und der Roͤmer zu bleiben gedaͤchte. So bald Hertzog Herrmann dieses Schreiben bestellt/ setzte er sich mit den Seinen in ein nach Maßilien gleich abgehendes Jagt- Schiff. Jnzwischen suchte Livia Thußnelden in ihrer anhaltenden Leibes- oder vielmehr we- gen Entfernung Hertzog Herrmanns sich ver- groͤssernden Gemuͤths-Kranckheit heim; be- zeugte gegen ihr das empfindlichste Mitleiden. Und weil sie sonderlich uͤber Hertz-Klopffen klagte/ gab sie einer Cheruskischen Edel-Frau- en/ welche Thußnelda bey sich hatte/ ein Glaͤß- lein voll nach Ambra ruͤchenden Wassers; wel- ches sie noch von dem beruͤhmten Artzte Musa bekommen haͤtte/ und Thußnelden wol zuschla- gen wuͤrde. Diese treuhertzige Frau aber; welcher Liviens Liebeswerbung nicht unbewust war/ war so sorgfaͤltig: daß sie Thußnelden kei- ne Speise noch Artzney beybrachte/ die sie nicht vorher an ihr selbst versucht hatte. Als sie nun auch von Liviens Ambra-Wasser nur drey Tropffen in einem Loͤffel Wein gebraucht hat- te/ ward sie im Haupte derogestalt verwirret: daß sie dem Tiberius in den vom August der Chalcidischen Minerva gewiedmeten Tempel nachlieff/ und im Angesichte des Kaysers und Liviens dem Tiberius um den Hals fiel/ ihm wie eine Klette anhieng/ ihn kuͤssete/ und mit Noth von ihm loß zu machen und auf die Sei- te zu bringen war. Nicht nur Livia/ welche leicht den Uhrsprung dieser Wahnsinnigkeit errathen konte; sondern auch Tiberius/ wel- cher um das von einer beruͤhmten Zauberin be- reitete Wasser gute Wissenschafft hatte; sinte- mahl er darzu einen Pusch seiner Haare und das abgeschnittene von Naͤgeln hatte geben muͤssen/ erschracken uͤber diesem Zufalle dero ge- stalt: daß der Kayser beyder Veraͤnderung dentlich warnahm/ und muthmaste: daß diß ei- ne Wuͤrckung eines vielleicht fuͤr Thuß nelden bereiteten Liebes-Tranckes waͤre. Wie er denn auch hernach von Thußnelden/ die hieruͤber nicht nur eusserst bestuͤrtzt/ sondern wegen ihres gefaͤhrlichen Zustandes halb verzweiffelt ward/ erfuhr: daß die Streithorstin/ also hieß die Frau/ nach Gebrauch dieses Wassers so wahn- sinnig worden waͤre. Welches Livien und den Tiberius bey herfuͤr blickendem Argwohne des Kaysers so ferne verhitterte: daß jene von Thuß- nelden mit empfindlichen Worten ihr Wasser zuruͤck fordern; dieser aber die Streithorstin als ein unzuͤchtiges Weib anklagen; und in seinem Hause/ wie hernach in gantz Rom/ die gewoͤhn- lichen Empfang- und Gesegnungs-Kuͤsse ver- bietẽ ließ. Der Kayser schlug sich noch mit seinen Gedancken; was er wegen des fuͤr Liebe halb unsinnigen Tiberius entschluͤssen solte; als ihm des Herrmanns Schreiben wegen des vom Tiberius angestiffteten Meuchel-Mords zu- kam; das ihn denn derogestalt entruͤstete: daß er den zu Ostia gefangenen im Meere zu er- saͤuffen/ Achtes Buch saͤuffen/ die uͤbrigen Rottgesellen aufzusuchen; und dem Tiberius befahl: daß er noch fuͤr Aben- de aus Rom/ und biß auff fernere Verfuͤgung sich nach Capua begeben solte. Thußnelde krieg- te noch selbigen Tag hiervon Wind/ und wuͤrck- te diese ihre erfreuliche Zeitung mehr/ als alle bißherige Artzneyen/ in dem sie des andern Ta- ges schon so viel Kraͤfften hatte sich aus dem Bet- te zu machen. Wormit auch der Kayser theils Thusnelden aus fernerer Gefahr zu setzen/ und dardurch bey denen Deutschen in keinen uͤbeln Nach klang verfallen; theils auch des Tiberius mit ihr wieder sein anders Absehen angezielte Heyrath unterbrechen moͤchte; ertheilte er dem Fuͤrsten Segesthes den dritten Tag seine Abfer- tigung; uñ befahl ihm unter dem Scheine seines Erlaubnuͤßes: daß er nach nunmehr genugsam bewehrter Treue gegẽ die Roͤmer seine Tochter Thusnelde wieder mit in Deutschland nehmen moͤchte. Livia/ welche von dem Abschied neh- menden Tiberius noch auffs flehentlichste er- sucht worden war/ ihn Thusneldens durch alle eusserste Mittel faͤhig zu machen; erschrack hier- uͤber so sehr/ als wenn es um den Verlust ihrer eigenen Buhlschafft zu thun waͤre. Denn es giebt so thoͤrichte Muͤtter/ welche die Regungen ihrer Soͤhne zweyfach in ihrem Hertzen fuͤhlen/ und wieder die Natur sich in ihr eigen Ge- schlechte verlieben. Weil sie sich nun nicht un- terwinden dorffte dem hierinnen verdruͤßlichen Kayser einiges Wort einzureden/ bey Thus- nelden aber nichts fruchtbarliches aus zurichten getraute/ dachte sie auffs wenigste einen Nagel in diesem Entwurffe zu befestigen/ und durch Segesthens Verbindligkeit des Tiberius Liebe und Hoffnung in gantzen zu erhalten. Nach dem sie nun den Segesthes schon so weit aus genom- men hatte: daß er durch nichts leichter/ als durch den ihm fuͤrgehaltenen Schatten der Ehre zu blaͤnden waͤꝛe/ stifftete sie den beruͤhmten Steꝛn- seher Thrasyllus an/ Segesthen wahrzusagen: daß er durch Huͤlffe des Tiberius der Deutschen Feldherr/ Thusnelde aber eine Roͤmische Kay- serin und Mutter vieler nachsolgenden Kayser werden wuͤrde. Weil nun dieses Chaldeers Worte bey nahe hoͤher/ als des Apollo Wahr- sagungen gehalten wurden; insonderheit aber Tiberius ihm umstaͤndlich erzehlt hatte: wie alle seine Andeutungen auf ein Haar eingetroffen/ er selbst zu Rhodus/ als er ihn wollen ins Meer stuͤrtzen/ sein ihm zuhaͤngendes Ungluͤcke aus den Sternen wahr genommen; ja ihm bey Er- sehung eines von ferne segelnden Schiffes an- gedeutet hatte: daß selbtes ihm die von Livien zu wege gebrachte Erlaub nuͤs wieder nach Rom zu kehren mitbraͤchte; so nahm Segesthes auch dieses betruͤglichen Sternsehers erkaufften Worte fuͤr einen unveraͤnderlichen Schluß des Verhaͤng nuͤßes auff. Sintemahl wol kluͤgere hierinnen geirret/ und nicht gewuͤst haben: daß die dem Nothzwange der Gestirne beypflich- tende und daraus wahrsagende Weißheit/ als eine Naͤrrin ins Krancken-Haus zu verdam- men/ und mit eitel Niese-Wurtz zu speisen sey; ja sich das menschliche Gemuͤthe in sein einge- bildetes Gluͤcke derogestalt verliebet: daß es auch an sich selbst unglaͤubliche Sachen nicht nur fuͤr moͤglich/ sondern fuͤr eine schon in Haͤn- den habende Gewißheit annimmt. Massen denn Segesthes durch seines Ehweibs Sentia ehrsuͤchtige Rath gebungen/ und das Thrasyllus Wahrsagung in seiner Hoffnung derogestalt verhaͤrtet ward: daß hernach weder Thusnel- dens Thraͤnen/ noch Hertzog Herrmanns Wachsthum in Segesthens Hertzen des Tibe- rius Heyrath/ noch Deutschlands auf den Herꝛ- mann fallende Wahl ihm die Hoffnung seines Vaterlands Haupt zu werden/ benehmen kon- te. Gleichwol nahm Segesthes und Thus- nelde auff des Kaysers eigene Erinnerung den zehenden Tag nach Hertzog Herrmanns Ab- reise zu Rom Abschied; und segelte von Ostia mit gutem Winde geraden Weges auf Galli- en zu; allwo Segesthes in den Rhodan einzu- lauffen/ Arminius und Thußnelda. lauffen/ und so ferner nach Deutschland zu rei- sen fuͤr hatte. Sie kriegten den vierdten Tag bey aufgehender Sonne allbereit das Vorge- buͤrge von dem Eylande Jlva ins Gesichte; als sie zugleich zwey Schiffe recht auff sich und zwar von beyden Seiten zusegeln sahen; wel- ches dem Segesthes verdaͤchtig fuͤrkam/ und er deß wegen mit seinen Leuten sich auff allen Fall zur Gegenwehr ruͤstete. Demnach aber der Wind gerade Ost war/ rieth der Steuer-Mañ nach Corsica in den Fluß Tavola/ an welchem Marius die Stadt Nicaͤa mit Roͤmischem Volcke besetzt haͤtte/ einzulauffen; Weil es sonst in diesem wilden Eylande gefaͤhrlich waͤre; ja vermuthlich diese zwey Raub-schiffe Corsen auf haͤtten. Die Schiff-Leute thaten ihr bestes/ son- derlich/ als sie die zwey andeꝛn Schiffe/ ungeach- tet des veraͤnderten Lauffs/ ihnen folgen/ und al- le Segel aufspannen sahen. Alleine diese waren so wol besegelt/ und in zweyen Stunden dem Segesthes so nahe: daß die Schiffer Nicaͤa zu erreichen nicht getrauten; sondern gerade an dem Corsischen Ufer/ wo das beruͤhmte Schutz- Altar zu sehen ist/ zu stranden riethen. Diß bil- ligte die Fuͤrstin; weil sie aus einer gleichsam heimlichen Eingebung/ oder in Ansehung die- ses Altars daselbst aus der Gefahr zu entrinnen hoffte. Die Raͤuber ereilten sie dennoch zwey Stunden fuͤr Abends drey Meilen vom Lande/ und setzten auff beyden Seiten ihnen hefftig zu; also: daß ob zwar Segesthes auf einer/ und die geruͤstete Thußnelda auff der andern Seiten durch ihre und der ihrigen tapffere Gegen- wehre die Enterung hinderten; sie dennoch von denen so haͤuffigen Pfeilen fast alle verwundet wurden. Endlich erreichten sie bey dem Schutz- Altare in der daselbst sich ins Meer ausguͤssen- den Bach das Land. Allein die dieser Gegend besser kundige Raͤuber setzten auff Corsica so ge- schwinde Fuß/ als die Fluͤchtigen; ungeachtet diese jene mit dem hinterlassenen Schiffe und der darinn befindlichen Beute zu saͤttigen ge- dachten. Diesemnach sich denn der Schiffs- Streit nunmehr in eine Feld-Schlacht ver- wandelte; Wiewol Segesthens Theil hier also- bald den kuͤrtzern gezogen haben wuͤrde; in dem der Raͤuber uͤber hundert; ihr Gegentheil aber nicht dreyßig streitbare Maͤnner/ das uͤbrige ohnmaͤchtige Weiber waren; wenn nicht an- fangs diese an einem Felsen den Ruͤcken frey ge- habt/ hernach aus dieser sich gleichsam zu ihrer Errettung zerspaltenden Stein-Klippe einen unvermutheten Entsatz bekommen haͤtten; und zwar zu der Zeit: als schon uͤber zwoͤlff Mann erlegt waren/ die hertzhaffte und von Blut trieffende Thußnelde zwar noch Hertzens genung/ aber keinen Athem; Segesthes auch sich gantz verblutet und entkraͤfftet hatte. Als die Noth derogestalt recht an Mann kommen war/ drang ein in einem guͤldenen Harnische geruͤsteter Held mit noch zwantzig streitbaren Kriegs-Leuten aus dem Munde einer Hoͤlen herfuͤr; welcher denen Bedraͤngten nicht nur Lufft machte/ und den auff den Segesthes von dem obersten Raͤuber gezuͤckten Streich auff- fieng; sondern auch die ebenfalls ab gematteten Raͤuber so hertzhafft anfiel: daß sich der Streit alsofort/ ungeachtet der ungleichen Zahl/ in ein gleiches Gefechte/ bald darauff aber/ weil schon dreyßig der kuͤhnesten Raͤuber ins Graß gebis- sen hatten/ ihrer seits in die schimpflichste Flucht auff ihre Schiffe verwandelte; und derogestalt nicht nur Segesthes mit seinem uͤberbliebenen Volcke/ sondern auch das Schiff/ darauff das zuruͤck gebliebene Frauen-Zimmer bey nahe fuͤr Angst Seele und Geist verloren hatte/ er- rettet wurden. Es war allbereit ziemlich dun- ckel/ als dieser Kampff sich endigte/ und also die Personen schwerlich zu erkennen. Gleichwol aber waren die glaͤntzenden Waffen Thußnel- den; weil Segesthes inzwischen fuͤr Mattigkeit zur Erde gesuncken war/ ein genungsames Erster Theil. U u u u u u u Kenn- Achtes Buch Kennzeichen das Haupt dieser ihnen gleichsam vom Himmel gefallener Helffer zu erkiesen. Diesemnach sie denn sich ihm naͤherte/ und nach abgezogenem Helme ihm mit der tieffsten Ehr- erbietung nicht so wol als einem Erretter/ als einem Schutz-Gotte fuͤr solche Erloͤsung danck- te; iedoch zugleich als ein Ungluͤck entschuldig- te: daß sie demselben die ihr anstaͤndige Demuͤ- thigung nicht erzeigte/ welchen sie wegen so sel- tzamer Erscheinung und so unvergleichlicher Tapfferkeit nicht wol fuͤr einen Menschen hal- ten doͤrffte. Dieser hingegen verkleinerte seinen geringen Dienst/ den er in Verjagung der Raͤu- ber ihnen geleistet hatte; als welche Menschen schon wegen der in ihrem Hertzen steckenden Boßheit auch die derselben anklebende Zagheit im Busen truͤgen. Uber diß haͤtte er ihnen viel- leicht mehr/ als sie ihm zu dancken; indem er durch ihre Huͤlfe von diesem gefaͤhrlichen Raub- Ufer; an welchem sein von Ostia abgelauffenes Schiff fuͤr steben Tagen gestrandet haͤtte; an einen sichern Ort zu entrinnen hoffte. Thußnel- de hoͤrte dieser annehmlichen und ihr in etwas kentbaren Stimme sorgfaͤltig zu; diese letztere Erzehlung aber loͤsete ihr vollends das Raͤtzel auff; und weil sie diesen ihren Schutz-Gott fuͤr den wahrhafften Hertzog Herrmann erkennte/ fiel sie ohne einige fernere Antwort ihm mit beyden Armen ihn kuͤssende/ und sein Gesichte mit tausend Freuden-Thraͤnen netzende um den Hals. Dieser/ weil er ihm der Fuͤrstin Thußnelde Reise von Rom nicht traͤumen las- sen; noch sie aus der angenommenen maͤnnli- chen Sprache erkennen konte/ stand wie ein unbewegliches Marmel-Bild; und wuste ihm diese zwischen Helden ungewoͤhnliche Liebko- sungen nicht auszulegen; biß Thußnelda end- lich selbst anfieng: hastu denn/ mein liebster Herrmann/ zwischen diesen rauen Felsen ihre unempfindliche Unart angenommen: daß du von deiner geliebten Thußnelde die wenigste Regung nicht empfindest. Herrmann/ der sich gleichsam von einem Meere der groͤsten Gluͤck- seligkeit uͤberschwemmt befand; wuste ihr mit nichts anders/ als eben so viel Kuͤssen seine Freu- de auszudruͤcken; und haͤtten sie hieruͤber bey nahe Segesthens gantz vergessen; wenn nicht ein Chaßuarischer Edelmann kommen/ und Thußnelden/ wo sie ihn hintragen solten/ be- fragt haͤtte. Thußnelde naͤherte sich hierauff mit dem Fuͤrsten zum Segesthes; und weil ihm bereit die beschwerlichen Waffen abgenommen waren; wolte sie ihn wieder lassen zu Schiffe bringen. Hertzog Herrmann aber rieth das Schiff nur mit genungsamer Mannschafft zu besetzen/ er wolte fuͤr den Segesthes/ sie/ und ihr Frauenzimmer schon einen bequemern Aufent- halt anweisen. Hiermit befahl er etliche Kuͤhn- Hoͤltzer anzuzuͤnden; fuͤhrte sie also durch den Steinfelß vermittelst einer engen Hoͤle in ein aus eitel Klippen gehauenes und wol abgetheil- tes Gebaͤue; welches nur von dem innern und zwar kugel-rundten Hofe in die Zimmer Licht bekam/ auswendig aber um und um von denen abschuͤßigsten Bergen/ welche auch die Gem- sen nicht beklettern kunten/ umgeben/ und de- rogestalt fuͤr allen sterblichen Augen/ welche nicht durch diesen Eingang gar hinein kamen/ verborgen ward. Jn dieser gleichsam andern Welt wurden sie von einem alten Greiß em- pfangen/ der nicht nur dem mit steten Ohn- machten befallenen Segesthes/ sondern auch al- len andern dahin gebrachten Verwundeten mit sehr heilsamen Wund-Kraͤutern zu Huͤlffe kam. Welche Sorge denn die halbe Nacht zuruͤcke legte. Auff den Morgen befand sich Segesthes nach einem sanfftem Schlaffe um ein gut Theil besser; ward auch theils erfreuet/ theils verwir- ret; als er seine zwar auch an unterschiedenen Orten des Leibes verbundene/ aber bey guten Kraͤfften sich befindende Tochter nebst dem Fuͤrsten Herrmann und dem alten Greiße zu ihm ins Zimmer kommen sahe. Nach dem diese nun ihre Ehrerbietung abgelegt/ berichtete Thußnel- Arminius und Thußnelda. Thußnelda Segesthen: daß Herrmann ihr ge- striger Erloͤser/ dieser Alte aber ihr gutthaͤtiger Bewirther waͤre. Segesthen giengen die Augen uͤber/ und sein Hertze ward hierdurch deroge- stalt bewegt: daß er gegen den Fuͤrsten Herr- mann von freyen Stuͤcken anhob: Er wuͤrde nunmehr gewahr: daß es hoͤchste Unvernunfft waͤre ihm fuͤrsetzen durch menschliches Absehen des Verhaͤngnuͤsses Ziel zu verruͤcken. Diesem- nach er zwar seinen Fehler nicht umstehen koͤn- te: daß er mit denen Gedancken seine Tochter dem Tiberius zu vermaͤhlen/ schwanger gegan- gen waͤre. Nach dem aber er und seine Toch- ter nunmehr ihm Leben und Freyheit zu dan- cken genoͤthiget wuͤrden; wolte er dem durch das Mittel obliegender Vergeltung ihn leiten- dem Himmel gehorsamen; und also seine un- wiederruffliche Einwilligung zu seiner und Thußneldens Heyrath hiermit ertheilen; die- sem fremden Wolthaͤter aber inzwischen sich zu einem zwar dieser Orten unvermoͤgenden doch danckbaren Schuldner verbinden. Wie nun Herrmann und Thußnelde dieser annehmlich- sten Erklaͤrung halber Segesthens Hand mit tieffster Demuͤthigung kuͤsten; also verband dieser Alte Segesthen und den andern Kran- cken abermahls ihre Wunden; brachte es auch dahin: daß Segesthes den dritten Tag sich in den im Mittel dieses Wunder-Gebaͤues be- findlichen Garten um frische Lufft zu schoͤpffen bringen ließ; darinnen beyde Verliebte mit de- nen suͤssesten Unterredungen/ theils unter sich selbst/ theils mit ihrem eyßgrauen Wirthe ih- nen die Zeit verkuͤrtzten. Welcher in Anwesen- heit des sorgfaͤltigen Segesthens erwehnte: daß er des an dem Ufer des Meeres stehenden Schutz-Altares gewiedmeter Priester waͤre/ und in dieser Einsamkeit theils wegen der die- sem Orte zugeeigneter Heiligkeit/ theils wegen seiner Armuth in diesem sonst gefaͤhrlichen Or- te zwar sorgfaͤltig lebte; weil er nur von denen auf dem Gebuͤrge erkletterten Wurtzeln sich unterhielte; iedoch zwischen diesem Mangel der hoͤchsten Vergnuͤgung genuͤsse. Sintemahl man doch in dieser Welt auch bey dem schein- barsten Wolstande sich mehr in wenigerm Elen- de/ als in vollkommener Gluͤckseligkeit auff ent- hielte. Beydes so wol das Altar/ als dieses ver- borgene Gebaͤue waͤre ein Gemaͤchte des Daͤ- dalus. Denn nach dem er/ wie beym Minos in Creta/ nach erbautem Jrrgarten; also bey dem Koͤnige Cocalus in Sicilien nach viel verfer- tigten Kunst-Stuͤcken in Ungnade verfallen; haͤtte er sich von Agrigent in dieses damals noch unbewohnte/ und ziemliche Jahre hernach al- lererst von einer Ligurischen Hirtin Corsa durch Anleitung eines uͤberschwimmenden Ochsen aus gespuͤrte und besetzte Eyland gefluͤchtet; und der Nachwelt zum Gedaͤchtnuͤs/ dem Cocalus aber zu Hohne dieses Gebaͤue ausgehauen; als welches nicht nur an Festigkeit das von ihm bey der Stadt Camikum in Sicilien erbaute Schloß uͤbertraͤffe; in dem ein einiger Mann mit Herablassung eines leicht wieder durch ge- wisse Kunst-Raͤder in dem engen Eingange aufheblichen Felsens aller Welt Gewalt auff- halten koͤnte; sondern an Liebligkeit der kalten und warmen Brunnen/ die in dem Garten in wunderwuͤrdige Marmel-Kessel eingefast wa- ren/ wie nichts minder der edlen Garten- Fruͤchte den Sicilischen Bau wegstaͤche. Jn- sonderheit war nicht allein denckwuͤrdig zu schauen/ sondern kam auch denen Kranckenden uͤberaus zu statten/ die in einem Felß vom Daͤ- dalus gehauene Schweiß-Hoͤle; in welcher sich noch viel gesuͤndere warme aus der Erden em- por steigende Duͤnste versamleten; und denen darinnen Schwitzenden die geschwaͤchten Le- bens-Geister erquickten; als welche in dem Selimutischen Gebiete Siciliens sich in die vom Daͤdalus vorher bereitete Hoͤle versamletẽ/ und einen allzustarck ruͤchenden Schweffel mit sich fuͤhrten. Endlich zeigte er ihnen auch ein Thuͤr-Geruͤste zu einem unterirrdischen Gan- U u u u u u u 2 ge/ Achtes Buch ge/ welcher zwey Meilen lang biß zu dem See der Diana ausgetragen haͤtte/ von der Zeit aber als einem Scharffrichter nichts minder uͤber die Felsen/ als andere Herrligkeiten durch ein Erd- beben waͤre verfaͤllet worden. Weil nun Daͤ- dalus an diesem Orte nicht nur sein Leben ru- hig verfuͤhret/ sondern auch beschlossen; (wor- bey er ihnen denn das vom Daͤdalus ihm selbst gebaute Grabmaal zeigte) haͤtte er vorher dem Schutz-Gotte dieses Eylandes das am Ufer des Meeres in Stein gehauene Altar erbauet; welches die Einwohner so hoch/ als die Troja- ner das vom Himmel gefallene Bild der Mi- nerva/ und die Stadt Pesinunt das eben so uͤ- berkommene Bild Cybelens hielten; er auch von ihnen deßwegen dahin zum Priester be- stellt waͤre/ und iederman festiglich glaͤubte: daß kein Mensch in diesem Gebaͤue sich einiger Feindseligkeit unterfangen koͤnte. Hertzog Herrmann laͤchelte uͤber diesem letztern; und sagte unvermerckt zu Thußnelden: Wenn er an Segesthens so erfreuliche Erklaͤrung ge- daͤchte/ muͤste er mit diesem Priester und den Corsen schier eines Glaubens werden. Dero- gestalt brachten sie mit hoͤchster Vergnuͤgung/ weil sie in ihrem Schiffe alle Nothdurfft und Erfrischungen bey der Hand hatten/ biß in den siebenden Tag zu; da sie denn nach em- pfangenen Segen von diesem guthertzigen Priester Abschied nahmen; welchem sie aber vergebens einige Geschencke einnoͤthigten/ und von ihm zur Antwort kriegten: daß Wolthaten bezahlt zu nehmen eben so thoͤricht waͤre/ als den Preiß des Geldes durch Einmischung ge- ringer Schlacken zu vergeringern. Hierauff setzten sie mit einem sanfften Sud-Ostwinde ih- re Reise zwischen dem Eylande Capraria und dem heiligen’ Vorgebuͤrge/ als der eussersten Nord-Spitze vor Corsica nach Gallien ohne ei- nigen fernern Anstoß fort. Sie kamen den siebenden Tag durch des Marius aus dem Rhodan ins Meer gemach- ten Graben in der Stadt/ die von dem daselbst erbauten Tempel der Ephesischen Diana den Nahmen fuͤhrt/ gluͤcklich an; stiegen im Hasen aus/ und reiseten zu Lande durch Gallien ge- rade auf Mayntz zu; da sie denn von denen Roͤ- mischen Stadthaltern/ als welchen nicht unbe- wust war: wie hoch Segesthes beym August angesehen waͤre/ allenthalben wol unterhalten wurden. Wie sie nach Mayntz kamen/ erhielt Hertzog Herrmann/ welcher zwar durch Gal- lien unkentbar gereist/ nunmehr aber vom Se- gesthes seinem Schweher-Vater entdeckt wor- den war/ von diesem daselbst hin den Tag vor- her angekommenen Sentius Saturnin die Nachricht: daß der Kayser ihn befehlicht haͤtte/ ihm nicht alleine zum Besitz seiner vaͤterlichen Laͤnder befoͤrderlich zu seyn; sondern auch mit ihm hinfort vertraͤuliche Nachbarschafft zu pflegen. Wie sehr diß nun diesen Fuͤrsten ver- gnuͤgte/ so bekuͤmmert erfuhr er den Tag her- nach aus einem vertrauten Schreiben: daß Tiberius durch Livien beym Kayser ausge- soͤhnt/ er auch bereit in Deutschland zu kom- men unterweges waͤre/ und in zehen Tagen erwartet wuͤrde. Weßwegen Saturnin vom August Befehl erhielt/ alle Kriegs-Voͤlcker in Gallien zusammen zu ziehen; wormit der mit Segesthen wieder die Chautzen abgeredete Feldzug so viel fruͤher bewerckstelliget/ und die- se streitbaren Voͤlcker unvermuthet uͤberfal- len werden moͤchten. Bey welcher Beschaffen- heit er nicht fuͤr rathsam hielt seinen Tod-Feind Tiberius zu Mayntz zu erwarten; sondern er eilte unter einem wichtigen Vorgeben nach Hause/ nehmlich: daß er seine ohne Haupt gleichsam in der Jrre gehende Cherusker von aller Verleitung benachbarter Voͤlcker zuruͤck hielte. Daher ihn denn nicht allein Satur- nin mit einer ansehnlichen Reuterey biß auff seine Landes-Graͤntze begleiten ließ; sondern die Fuͤrstin Thußnelde kriegte auch Verlaub mit denen Chaßuariern nach Teckelnburg/ als dem Arminius und Thußnelda. dem Hertzoglichen Sitze abzureisen. Sege- sthes alleine blieb zuruͤcke/ um mit dem Tibe- rius den bevorstehenden Feldzug abzureden. Jnzwischen kam Hertzog Herrmann zwar in wenig Tagen auff seine Graͤntzen; aber das auch den Wind an Geschwindigkeit uͤbertref- fende Geschrey war ihm schon zuvor kommen; und hatte seinen Vetter Jngviomer den tapfern Fuͤrsten der Bructerer/ als seinen bißher gewe- senen Stadthalter mit einer ansehnlichen An- zahl des Cheruskischen Adels ermuntert/ ihm biß an den Eder-Strom entgegen zu ziehen. Auf der Graͤntze aber begegnete ihm bey na- he das halbe Land; weil sein blosser Nahme auch dieselben/ welche bey denen verwirrten Zeiten fuͤr Bekuͤmmernuͤs gantz verzagt oder gar todt gewest waren/ gleichsam auffs neue lebhafft machte. Sintemahl nicht nur Unter- thanen ihnen von einem neuen Fuͤrsten eben so grosse Hoffnung machen/ als die Schiff-Leute von einem gluͤcklichen Gestirne; ja sie bilden ihnen von dieser neuaufgehenden Sonnen ein: daß er besser als der abgelebte Fuͤrst seyn wer- de/ wie gut er es gleich gemacht hat; sondern die in der Fremde ausgeuͤbten Helden-Thaten hatten auch zu so grosser Hoffnung einen be- wehrten Grund gelegt. Also ward er zwischen dem Gedraͤnge des frolockenden Volckes nach Deutschburg begleitet; gleich als wenn er die entfremdete Gluͤckseligkeit Deutschlands wie- der nach Hause braͤchte. Ja keine Cheruski- sche Seele lebte/ welche nicht zeither diesen tapf- fern Fuͤrsten zu haben/ nunmehr aber lange zu behalten seuffzeten. Jedoch war diß bey Her- fuͤrbrechung eines so wunderwuͤrdigen Fuͤr- stens nicht zu verwundern. Sintemahl iede Neuigkeit ein Licht ist/ welches vieler Augen an sich zeucht und sie verblaͤndet. Denn weil der Mensch fuͤr sich selbst sterblich/ die Sterblig- keit aber abscheulich ist/ kriegt er fuͤr allen ver- alternden/ was sich zum Untergange neigt/ ein Grauen/ und hengt sich an das/ was von seiner frischen Geburt zu wachsen anfaͤngt. Weil nun der erste Ansprung entweder der Jrrweg oder die rechte Bahn des gantzen Lebens/ fuͤr- nehmlich aber der Anfang im Herrschen denen gefaͤhrlichsten Fehltritten unterworffen ist; raff- te Hertzog Herrmann alle Gemuͤths-Kraͤfften zusammen in seinem Thun die rechte Maaß zu halten/ und auf kein falsches Ziel abzukommen. Wie er nun die Geschichte voriger Zeiten/ in- sonderheit aber die Deutschen im Kopffe hatte; also erforschte er fuͤr allen Dingen von Jngvio- mern den gegenwaͤrtigen Zustand seines Lan- des/ die Neigungen des Adels/ das Vermoͤgen des Volckes/ die Buͤndnuͤße und Kraͤfften der Nachbarn/ um aus dieser beyder mehrmahli- gen Erfolg/ nicht aber aus einer einzelen Be- gebenheit und einem blinden Gluͤcks-Falle von allen kuͤnfftigen Faͤllen vernuͤnfftig zu ur- theilen. So bald er ihm hatte huldigen las- sen; beehrte er die alten Bunds-Genossen des Cheruskischen Hauses mit Gesandschafften/ fuͤrnehmlich aber trug er denen Catten/ welche ins gemein denen Cheruskern uͤber Achsel ge- west waren/ seine Freundschafft fuͤr/ und legte ihnen fuͤr Augen: daß nichts als dieser Voͤlcker Mißhelligkeit fremder Macht in Deutschland Thuͤr und Thor aufgesperret haͤtte. Er be- schenckte die treuen Diener seines Vaters; be- kraͤfftigte seiner Vorfahren Gesetze/ und er- freute wolverdiente mit Freyheiten. Er ent- schlug sich mit fleißigster Auffsicht aller Neuig- keiten; ob zwar sonst neue Fuͤrsten ins gemein fuͤr alber halten in die Fußstapffen voriger Herꝛ- scher zu treten; ob sie schon ihre eigene Eltern gewest. Gleichwol aber vergnuͤgte er sich nicht mit den Siegs-Fahnen seiner ruͤhmlichen Ah- nen; sondern wie er ihm ehe zu sterben fuͤrsetzte/ als etwas ihrer Tugend unaͤhnliches und ih- rem Ruhme verkleinerliches zu beginnen; also hielt er ihr gelassenes Ziel fuͤr seinen Ansprung/ U u u u u u u 3 und Achtes Buch und muͤhte sich ihnen es bevor zu thun. Wiewol auch ohne diß von Alters her der Deutschen schoͤnster Purper-Rock/ Schild und Spieß der Jugend erste Zierrathen waren; sie auch nichts minder als die Celtiberier ein tapfferes Pferd hoͤher als ihr eigenes Blut hielten; so brachte doch Hertzog Herrmann uͤber diß auf: daß der Adel zu Hochzeiten und allen andern Freuden- Versamlungen geruͤstet erschien/ um hierdurch nicht allein der einreissenden Kleider-Pracht (die selten fuͤr Frost und Hitze dienet/ den Feind nicht verwundet; aber ihn wol zum Angrieffe und Beute reitzet) zu steuern/ sondern auch ie- den zu Handthierung der Waffen zu gewoͤh- nen. Er hoͤhnte die sich eines Wagens bedie- nenden Maͤnner; und also lernte ein ieder rei- ten. Kein Feyer ließ er ohne Kriegs-Ubungen vollbringen/ und hiermit ward das Gefechte eines iedweden Cheruskers Handwerck. Jns Laͤger dorffte man keine niedliche Speise brin- gen/ die harten nicht einst kosten/ kein unge- waffnetes Weib sich darinnen blicken lassen. Dem Heere ließ er keine Wagen/ ausser die das grosse Geschuͤtz fuͤhrten/ nachziehen; sondern ieder Kriegs-Mann muste sein unentpehrliches Geraͤthe und Kost tragen. Alle andere Spiele und Kurtzweilen verwandelte er in Waffen- Ubung; alle seine Geschencke und Gaben wa- ren entweder schoͤne Pferde/ oder blinckende Waffen; Und sein gantzes Gebiete im Frieden kriegerisch; welcher sonst die Waffen verrostern/ und die frischesten Gemuͤther welck werden laͤst. Er befestigte den Gottesdienst durch das Beyspiel seiner eigenen Froͤmmigkeit; und vertraute mehr auf Goͤttlichen Beystand; als auf den zerbrechlichen Fuͤrsten-Stab. Er war bey seinem sechs und zwantzig-jaͤhrigen Alter ein vollkommener Meister uͤber seine Gemuͤths- Regungen; wolwissende: daß wer ein Fuͤrst uͤ- ber andere seyn will/ es muͤsse vorher uͤber sich seyn; welches letztere schwerer ist/ als das erste; weil dieses nur ein Sieg eusserlicher Staͤrcke/ jenes aber der Vernunfft uͤber das Gemuͤthe; und ein Thun von groͤsserer Wichtigkeit ist. Sintemahl die Schwachheit unzeitiger Ge- muͤthsregungen einen Fuͤrsten um sein gantzes Vermoͤgen bringt/ das in seinem einigen An- sehen besteht. Alle Sachen betrachtete er in ih- rem wahrhaftẽ Wesen/ nicht aber in ihren blaͤn- denden Schatten. Kein Zorn bemaͤchtigte sich seiner Vernunfft/ keine Mißgunst seines Her- tzens; und daher sagte er in lachendem Muthe denen Fehlenden die Warheit; und denen/ die was ruͤhmliches ausuͤbten/ gab er noch einen Sporn sich in groͤsseres Ansehen zu bringen. Er beschaͤmte die Verleumdungen durch Verach- tung und tapffere Thaten; wiewol er in allem Thun so behutsam verfuhr: daß selbtes nicht zweyerley/ und also eine boͤse Auslegung ver- trug. Denn Fuͤrsten werden nicht nur eigene/ sondern auch so gar fremde Fehler wie dem Mohnden Finsternuͤsse; welche doch nicht sein eigener/ sondern des Mohnden Schatten sind/ zugeeignet/ ja auff ein Haar und einen Augen- blick nachgerechnet. Hingegen wendete er al- les Vermoͤgen an/ den Nahmen eines guten Landes-Fuͤrsten zu bekommen. Kein Schlaff war ihm zu suͤsse/ keine Lufft zu rau/ keine Kaͤlte zu strenge/ keine Hitze beschwerlich die Reichs- Geschaͤffte zu verschieben; wenn es gleich oͤhne Verminderung seiner Gesundheit und ohne Gefahr seines Lebens nicht auszurichten war. Denn er hielt ihm anstaͤndiger sich nach Art ei- nes Schwantz-Gestirns mit herrlichem Glan- tze einzuaͤschern; als eine todte Kohle in der Er- de unverweßlich zu bleiben. Gleicher Gestalt verdeckte er auffs sorgfaͤltigste die Bloͤssen seiner Staats-Diener/ und die Schwaͤche seines Reiches; weil ihm unverborgen war: daß wie der Mittel-Punct bey einer gerade stehenden Seule; also das eusserliche Ansehen bey grossen Herrschafften die einige Ursache ihres so festen Standes sey; Herentgegen ein schon seitwerts sich neigendes Riesen-Bild auch mit einem Fin- ger; Arminius und Thußnelda. ger; und das groͤste Kayserthum/ wenn es schon einmahl ihm hat die Bruͤste betasten/ und ein Fuͤrst ihm in die Karte sehen lassen/ von ei- nem mittelmaͤßigen Feinde uͤber einen Hauf- fen geworffen werden koͤnne. Er straffte grosse Verbrechen an wenigen/ uͤbersahe die kleinen an vielen. Er hielt seinen Gewalthabern/ als denen Armen seiner Macht/ kraͤfftigen Schutz; und raͤumte die/ welche sich an seinem Vater vergrieffen hatten/ aus dem Wege. Als er ei- nem Edelmanne/ welcher mit Hertzog Segi- mers Feinden heimlich zugehalten hatte/ den Kopff wolte abschlagen lassen/ und seine Ge- schlechts-Freunde solches im Kercker zu voll zie- hen baten/ antwortete er ihnen: der Gerechtig- keit wuͤrde nicht ihr Recht gethan; wenn es an einem unrechten Ort geschehe; und ein fuͤr ih- res verdammten Mannes Leben ein ansehnli- ches Stuͤcke Geld anbietende Frau bescheidete er: Die Gerechtigkeit liesse sich durch aller Welt Schaͤtze nicht bezahlen; dahero stuͤnde es auch ihm nicht zu sie zu verkauffen. Nichts desto we- niger uͤberwog seine Gnade iederzeit die Schaͤrffe der Richter; und die Belohnungen theilte er nach dem schweren; die Zuͤchtigungen nach dem leichten Gewichte aus. Er ließ der Zeit nicht nur seinen Lauff; und buͤckte sich de- nen Verfolgungen des Gluͤcks bescheidentlich aus; nach dem die Ungedult eine Mutter schaͤd- licher Mißgeburten; die Hoffnung eine Uber- winderin so gar des Verhaͤngnuͤsses ist; sondern er behielt bey Gluͤck und Ungluͤck einerley Ge- sichte; und die Vollkommenheit seines Gemuͤ- thes nicht anders/ als ein Loͤwe in iedem Stuͤcke eines zerbrochenen Spiegels das Bild seines gantzen Leibes. Also: daß der sonst so uner- schrockene Fuͤrst Jngviomer sich selbst offt/ und insonderheit eines mahls/ als Quintilius Va- rus die Deutschen so ins Gedrange brachte/ auch Segesthes ihm die verlobte Fuͤrstin Thußnelde zu vermaͤhlen rund abschlug/ daruͤber ver wun- derte; und auff seine Befragung: Ob ihm denn Deutschlands Unterdruͤckung und seiner Braut Verlust nicht zu Hertzen gienge? Vom Hertzog Herrmann zur Antwort bekam: die Natur haͤt- te dem Menschen ein Hertze in die lincke/ keines in die rechte Seite gesetzt; weil sie beym Wol- stande keines bedoͤrfften/ beym Ungluͤcke aber ihre Hertzhafftigkeit bezeugen solten. Ja seine Großmuͤthigkeit wuste aus ieder Noth eine Tugend/ seine Klugheit aus dem Verlust einen Vortheil zu machen/ und seine Erfahrenheit mit iedem/ ja auch mit wiederwaͤrtigem Winde zu schiffen; und bey zweyen unvermeidlichen U- beln nach dem Beyspiel eines lieber auff einer Sand-Banck strandenden/ als auff einer Klip- pe zu scheutern gehenden Schiffers das erleid- lichste zu erkiesen. Wie es nun viel zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde alle absondere Faͤlle zu vernehmen/ darinnen unser Herrmann alles dieses angewehrete; also laͤst sich doch nicht verschweigen/ wie er bey dem Roͤmischen Feldzuge wieder die Chautzen und Longobarden nicht nur sein Gemuͤthe bey sich ereignenden Gelegenheit seine Herrschafft zu vergroͤssern gemaͤßiget/ sondern auch seinen Unwillen zu verstellen/ und sich unzeitigen Mitleidens zu enteussern gewust habe. Tibe- rius/ Saturnin und Segesthes drangen Deutschlande biß ins iñerste Heꝛtze; bemeisteꝛten nicht nur die denen Cheruskern so wehrte Chau- zen/ sondern legten auch so gar der Elbe em- pfindlichere Fessel/ als Xerxes dem Meere an. Die Cherusker fuͤhlten alle Tage mit Einlauf- fung einer traurigen Zeitung uͤber die andere in ihrem Gemuͤthe einen Donnerstrahl; also la- gen sie ihrem Hertzoge Tag und Nacht mit Thraͤnen an/ ihren alten und lieben Freunden in ihrer eussersten Noth beyzuspringen. Herr- mann aber stillte sie darmit: Man waͤre einem Schiffbruch-leidenden Freunde nicht seine Hand zu reichen verbunden/ wenn man allem Ansehen nach selbst von ihm in Abgrund gezo- gen werden solte. Seine Huͤlffe wuͤrde auff Seiten Achtes Buch Seiten der Chautzen wegen der allzugrossen Macht der Roͤmer umsonst/ und der Cherus- ker Untergang seyn. Die eigene Liebe gienge fremder fuͤr; und ein Fuͤrst solte lieber seine Nachbarn/ als seine Unterthanen weinen se- hen. Ja seine Huͤlffe doͤrffte denen Chauzen noch darzu mehr schaͤdlich als vortraͤglich fal- len; weil sie sich hierauff verlassen und alles auf die Spitze setzen/ die vom Tiberius aber ihnen noch angetragene leidliche Friedens-Vorschlaͤ- ge ausschlagen moͤchten. Welches letztere er dem Fuͤrsten Ganasch treuhertzig gerathen/ sich auch zum Vermitler angeboten haͤtte; unge- achtet er wuͤste: daß nichts gefaͤhrlicher sey/ als auch auf Ansuchen oder aus Pflicht einem Rath geben; weil dessen Guͤte nach dem ungewissen Ausgange geurtheilt/ und alle schlimme Zu- faͤlle dem kluͤgsten Rathgeber zugemaͤssen wuͤr- den. Hierbey setzten ihm nicht nur die Chauzen/ sondeꝛn auch die Brueterer/ Chamaver/ Angri- varier uñ Friesen mit dieser empfindlichen Ver- suchung zu: daß sie ihm uͤber sich die deutsche Feldhauptmannschafft eigenbeweglich antru- gen; und einhielten: Er koͤnte ohne Verklei- nerung seines Hauses/ ohne uͤbeln Nachklang bey der Nachwelt diese von seinen Vor-Eltern so viel hundert Jahr erhaltene Wuͤrde nicht aus den Haͤnden lassen/ und sie dem wanckel- muͤthigen Segesthes/ oder vielmehr seinem herrschsuͤchtigen Weibe/ eines schlechten Roͤmi- schen Edelmanns Tochter/ und zwar zu ewi- ger Schande aller deutschen Fuͤrsten/ von den Roͤmern zu entraͤumen verstatten. Hertzog Herrmann seuffzete zwar uͤber diesen an sich selbst allzuwahren Bewegungs-Gruͤnden; sahe auch wol: daß der Ruhm seiner Tapffer- keit in Gefahr und Zweiffel gerathen wuͤrde. Sintemahl der wenig Wesens von der Tugend machen koͤnte/ der nicht viel nach der Ehre fragte. Gleichwol aber ließ er sich weder die uͤbele Nachrede hitziger Koͤpffe; nach den Schat- ten ohnmaͤchtiger Vertroͤstungen zu einem un- zeitigen Eyver bewegen/ sondern hielt fuͤr ver- antwortlicher ein Theil von seinem grossen Na- men/ als sein gantzes Reich einzukuͤssen. Wel- ches letztere besorglich war/ weil die grosse Macht der Roͤmer/ wie in einem halben Zir- ckel die Cherusker schon durch Besetzung der Cattenburg/ der Festung Segodun/ Alison/ und Fabiram umzingelt hielten/ und alle Tage an unterschiedenen Orten in seine durch so lan- ge Kriege an Vorrath und Mannschafft aus- gesogene Laͤnder einbrechen konten/ auff der Catten Huͤlffe sich nicht zu verlassen/ Marbod auch selbst am Ruͤcken zu fuͤrchten war. Dahero er denn seinen eigenen hierzu geneigten Raͤthen einhielt: Einem gemeinen Manne gienge es hin/ wenn er auch nach was unmoͤglichem streb- te; Ein Fuͤrst aber solte sich nicht einst in was gefaͤhrliches verlieben. Der meisten Reiche Untergang ruͤhrte daher: daß ihrer Fuͤrsten uͤ- bermaͤßige Ehrsucht nicht die Umschrenckung ihrer Macht/ und das Gewichte des von ihnen verlangten Dinges uͤberleget haͤtten. Den heff- tigsten Streit aber in Hertzog Herrmanns Ge- muͤthe erregte: daß die Roͤmer nach uͤberwun- denen Chautzen nunmehr auch die Angeln und Longobarden/ derer Nahmen sie kaum gehoͤret/ also keine Beleidigung zur Ursache des Krieges anzuziehen hatten/ mit aller Macht angrieffen; also denen Cheruskern in Ruͤcken kamen/ und mit Behauptung der Elbe sie vollends gar um- schlossen. Wie nichts minder: daß der durch diesen gluͤckseligen Streich und Unterdruͤckung des ihm verhasten Fuͤrsten Ganasch hochmuͤthi- ge/ oder durch seiner Gemahlin Sentia Lieb- kosen/ und des Tiberius grosses Versprechen gantz umgewendete Segesthes dem Fuͤrsten Herrmann Thußnelden zu vermaͤhlen rund abschlug; Sie auch dem Tiberius wuͤrcklich uͤ- her geben haͤtte/ wenn sie nicht auff unsers Her- tzogs Warnigung sich zu der Cattischen Hertzo- gin gefluͤchtet haͤtte. Nicht nur die Cherusker/ sondern auch die Angeln und Longobarden stell- ten Arminius und Thußnelda. ten beym erstern dem Fuͤrsten Herrmann der Roͤmer Herrschenssucht/ und die aus ihrer U- berwuͤndung auch denen Cheruskern unzweif- felbar zuwachsende Dienstbarkeit vor Augen; als welche von Roͤmern sich keiner andern Gna- de/ als am letzten gefressen zu werden/ versehen moͤchten. So viel augenscheinliche Beyspie- le: daß nach dem die Fuͤrsten mit den Roͤmern stets einzelicht gefochten/ die halbe Welt unters Joch verfallen waͤre/ solten doch denen Cherus- kern die Augen aufthun/ daß sie mit ihnẽ wieder aller Feind in Gemeinschafft der rechtmaͤßigen Gegen wehre traͤten. Aber auch dieses war nicht genung: daß Hertzog Herrmann seinen Vor- satz sich vorher in sich selbst zu befestigen/ ehe er mit den Roͤmern braͤche/ geaͤndert/ oder seine Furcht und Abneigung von den Roͤmern haͤtte mercken lassen. Sintemahl er vernuͤnfftig vor- her sahe: daß Koͤnig Marbod/ welcher gegen die Cheruskische Macht mehr keine Eyversucht zu fassen Ursache hatte/ die Longobarden un- moͤglich Huͤlff-loß/ und die Roͤmer uͤber der Elbe festen Fuß setzen lassen koͤnte. Uber diß erwog er: wie das sonst so beschwerliche Ungluͤck diese troͤstliche Eigenschafft habe: daß es nichts minder viel Mitleider/ als der verfinsterte Mohnde viel Anschauer habe; also gar: daß zu- weilen die/ welche einen bey seinem scheinenden Gluͤcks-Stern gar zur Eule gehabt haben; ihn bey seinem Nothstande als einen edlen Fenix bejammern. Mit welcher unnuͤtzen Gewo- genheit das veraͤnderliche Gluͤcke gleichsam die Scharte seines verterblichen Hasses auswetzen wolte. Wiewol zuweilen einige mehr aus ed- ler/ als kluger Entschluͤssung sich auf die Seite der Ungluͤcklichen schluͤgen; und den Dorn in ihre Hand staͤchen/ den sie ihrem Nachbar aus der Zehe gezogen haͤtten. Wormit er theils seiner Raͤthe fruͤhzeitige Anschlaͤge ablehnte; theils die Longobardischen Gesandten ver- gnuͤgte/ auch durch Betheuerung seiner Ge- wogenheit ihre Freundschafft erhielt/ und sie selbst zum Erkaͤntnuͤs brachte: daß sein Zustand nicht vertruͤge/ sich in ihre Gefaͤhrligkeit zu vertieffen. Hingegen erhielt er hier durch des Kaysers Gewogenheit; und hemmte darmit dem neidischen Tiberius den Ziegel; welcher nach der Gelegenheit sich an ihn zu reiben be- gieriger/ als ein Fisch nach der Lufft schnapte. Welche Vorsicht denn die Sicherheit seiner Herrschafft ohne die minste Verkleinerung sei- ner Auffrichtigkeit unterbaute. Denn ob wol der koͤstliche Purper-Rock eines Fuͤrsten ohne einigen Fleck des Betruges seyn soll; und kein Sonnen-Staub einiger Untugend so klein seyn kan/ welchen man nicht so reinen Gestirnen ansehe; als Fuͤrsten seyn sollen; so ist doch ih- nen unverwehret: daß sie denenselben/ welche sie in ein Ungluͤcks-Garn arglistig zu verwi- ckeln trachten/ ein ander Gesichte weisen/ als ihr Hertze ist; oder vernuͤnfftig verbergen/ was sie im Schilde fuͤhren. Sintemahl ein kluger Herrscher zwar sich mit keiner Luͤgen behelffen soll; aber fuͤr einem ieden sein Hertz auszu- schuͤtten nicht schuldig; und einen Betruͤger mit seinem eigenen Netze zu fangen wol be- rechtiget ist. Alle diese Klugheit bekleidete Her- tzog Herrmann mit einer angenommenen Ein- falt; gleich als wenn er des Tiberius gefaͤhrli- che Anschlaͤge/ und die denen Cheruskern hier- aus erwachsende Gefahr nicht ergruͤndete. Wenn ihm auch schon ein und ander selbte fuͤr- zustellen vermeinte/ fertigte er selbten darmit ab: daß nichts weiter das Ziel der Wahrheit verfehlte/ als Argwohn. Dieser bildete ihm ins gemein unzeitig ein: daß die gantze Welt sich wieder ihn ruͤstete/ nicht anders als die Schif- fenden vermeinten; alle Gebuͤrge lieffen von ihnen zuruͤcke. Jn Staats-Sachen gaͤben auch Zwerg-Baͤume einen Riesen-Schat- ten hoher Cedern von sich; sonderlich/ wenn die Sonne eines Reiches auff- oder zu Golde gienge; welchen die allzusorg- faͤltigen meist fuͤr dem wahrhafften We- Erster Theil. X x x x x x x sen Achtes Buch sen umarmten. Nichts desto weniger mach- te dieser kluge Fuͤrst allenthalben solche Anstalt auff den Graͤntzen/ als wenn er sich taͤglich ei- nes feindlichen Einfalls zu verfehen haͤtte; und in seinem Gebiete Kriegsverfassungen; gleich als ob er einen maͤchtigen Feind zu uͤberziehen im Wercke begrieffen waͤre; also: daß er dero- gestalt vorher nicht anders/ als ein zum Kampfe bestimmter Auer-Ochse/ welcher seine Hoͤrner an harten Baͤumen versuchet/ seine Kraͤfften pruͤfete; weil doch allererst in der Noth aus dem Steigereiff et was wagen mehr einem Fechter/ als Fuͤrsten zukommt; wegen seines Fuͤrhabens aber anfangs die Nachbarn/ hernach sein Volck/ endlich seine eigene Staats-Diener sich in ih- rer Einbildung betrogen schauten; und sein Ab- sehen weniger/ als wo eine sich durch die Dor- nen windende Schlange endlich mit dem Kopfe durchfahren wuͤrde/ vorsehen konten. Welche Klugheit so viel weniger zu tadeln ist; weil die Natur darmit: daß sie unser Hertze so tieff in das verborgene unser Brust versteckt/ uns selbst darzu Anweisung gethan hat. Deßwegen ha- ben nicht nur die klugen Roͤmer der Goͤttin der Rathschlaͤge ein Altar unter die Erde gebaut/ sondern die Bienen/ wenn man sie in durch- sichtige Bienstoͤcke setzet/ uͤberziehen vorber der- selben Glaß/ ehe sie ihre andere Arbeit anfan- gen. Jhre heilsame Wuͤrckung machet auch wahr: daß sodenn/ wenn man mehr nicht als die Helffte seines Thuns zeiget/ die an dere Helf- te aber verbirgt und zum Stichblate behaͤlt/ eine solche Helffte mehr/ als das gantze unsers Vor- habens sey; wenn man sich nemlich mit selbtem auff einmahl bloß giebt. Fuͤrnehmlich aber verursachte diß zuruͤcke halten bey iederman grosses Nachdencken; weil Hertzog Herrmann sich vorher durch so viel behertzte Entschluͤssun- gen sehen lassen; und die/ welche ihn recht kenn- ten/ diß fuͤr keine zweiffelhaffte Zagheit ausdeu- ten konten. Denn durch Zeigung seiner Faͤ- higkeit; durch Verbergung seines Anschlages machet man eine Kleinigkeit seiner Kraͤfften ansehnlich; eine Maͤßigkeit unbe greiflich und sich selbst zum Wunderwercke. Ja die Thor- heit selbst verliert ihre Schande und den Nah- men einer Miß geburt; wenn sie nur nicht ans Tagelicht kommt. So vorsichtig er nun seine Heimligkeiten verbarg; so meisterlich wuste er durch das Bleymaaß seiner Scharffsichtigkeit die Tieffen fremder Gemuͤther/ und zwar auch des versteckten Tiberius zu ergruͤnden; also: daß die Roͤmischen Adler nir gendshin kamen; wo sie Herrmann nicht in Gedancken schon gu- te Zeit vorher hatte fluͤgen sehen. Dieser arg- listige Roͤmer machte ihm zwar wieder die Lar- ve einer absondern zum Fuͤrsten Herrmann tra- gender Freundschafft fuͤr die Augen; und um selbten in den Krieg wieder die Longobarden und endlich den Koͤnig Marbod einzuflechten/ versprach er ihm allen Beystand zu Erlangung der deutschen Feld-Herrschafft. Aber diesen blauen Dunst vertilgete der kluge Herrmann mit einem andern Nebel. Denn ob er wol wu- ste: daß eine einmahl zerfallene Freundschafft einem zerstuͤckten und zu ergaͤntzen unmoͤgli- chem Edelgesteine; ein versoͤhnter Feind auch einem heute glaͤntzenden/ mor gen rosternden Ertzt-Geschirre/ oder einem ausgemahlnen und bald wieder waͤßrichten Moraste aͤhnlich; ja gleichsam des menschlichen Gemuͤthes Ei- genschafft waͤre/ dem Beleidigten gram zu seyn; so reichte er doch dem Tiberius beyde Armen seiner Freundschafft durch scheinbare Vertroͤ- stungen und oͤfftere Beschenckungen. Wiewol sich sein Hertze von Tag zu Tage/ besonders we- gen des ihm zum andern mahl abspenstig ge- machten Segesthes von ihm abneigte; und er fuͤr nichts mehr/ als dem Greuel aller Tugen- den/ und mit dem Tod-Feinde seines Vater- landes Bindnuͤs zu machen Abscheutrug. Un- terdessen verhuͤllete Hertzog Herrmann seine in- nere Entschluͤssung so kuͤnstlich: daß Tiberius alle Tage sich des wuͤrcklichen Beystandes ver- sahe; Arminius und Thußnelda. sahe; und gleichwol nach vieler Monathe Auff- ziehung sich uͤber keine muthwillige Aeffung be- klagen konte. Hingegen brachte Herrmann durch seine sich noch im̃er vergroͤssernde Kriegs- Anstalt denen Longobarden so viel zeitlicher den Beystand des Koͤnigs Marbod zu wege; ob er schon unter der Hand den Longobardischen Hertzog Wilhelm nachmahls versicherte: daß er sich von den Cheruskern ehe der Huͤlffe/ als eines Wiedrigen zu versehen haͤtte. Sintemahl Marbod ihm die Rechnung machte: daß das eingebildete Bindnuͤs der Roͤmer und Cherus- ker nicht so wol auf die Longobarden/ als Maꝛck- maͤnner das Absehen haͤtte. Also gelten und wuͤrcken alle Sachen nicht nach der Eigen- schafft ihres Wesens/ sondern nach dem Schat- ten ihres blaͤndenden Ansehens. Dahero auch ins gemein nicht nur albere/ sondern auch scharffsichtige sich an der Schale der Dinge ver- gnuͤgen; und die wenigsten derselben den Kern erkennen lernen. Wie nun Herrmann hier- durch bewehrte: daß eine nach Beschaffenheit der Zeit gebehrdete Stirne nichts minder/ als die Klugheit im Gehirne und die Unerschro- ckenheit im Hertzen noͤthig sey; also wolte er hernach zeigen: daß bey sich ereignender Gele- genheit was fruchtbares zu stifften/ seine Ent- schluͤssung keines Hebers/ seine Tapfferkeit kei- nes Spornes von noͤthen haͤtte. Denn nach dem die Roͤmer bey der Zusammenrinnung der Havel und Elbe von denen Longobarden und Marckmaͤnnern den ungluͤcklichen Streich bekamen; und Tiberius theils wegen verzweif- felter Uberkunfft uͤber die Elbe in dem Longo- bardischen Gebiete/ theils sich anderwerts an denen Marck maͤnnern zu raͤchen an dem Stro- me hinauf biß zu denen Hermundurern zohe; und nun zwischen diesen beyden Voͤlckern ein bestaͤndiger Krieg vermuthet war; schick- te Hertzog Herrmann an Koͤnig Marbod eine Gesandschafft um mit ihm wieder die Roͤmer ein Buͤndnuͤs zu schluͤssen. Den Tag aber/ als der Gesandte nach Marbods-Stadt kam/ ver- glich sich Marbod mit dem Tiberius; daher je- ner mit seiner Botschafft hinter dem Berge halten/ und seinen Verrichtungen einen andern Firnis anstreichen muste. Nichts desto weniger schoͤpffte der schlaue Tiberius einen nicht gerin- gen Argwohn hieraus; daher er sein Kriegs- Heer unter dem Sentius Saturnin grossen Theils bey den Chauzen/ Bructerern/ und auff die Cheruskischen Graͤntzen verlegte; um die- sen streitbaren Voͤlckern die Fluͤgel zu verschnei- den; wormit sie sich nicht uͤber die Roͤmischen Adler empor schwingen moͤchten. Alleine der vorsichtige Herrmann fand durch seine ange- bohrne Anmuth ein Hefft sich aus dieser Schwe- rigkeit zu reissen. Denn wie es fuͤr viel hoͤher zu schaͤtzen ist aller Gewogenheit/ als vieler Ruhm zu erlangen; die Hoͤfligkeit aber die gewisseste Angel edler Gemuͤther/ ja gleichsam eine Be- zauberung der Unhold ist; also wuste Hertzog Herrmann hier mit gegen den tapffern Satur- nin den Meister zu spielen/ und sich seines Ge- muͤthes durch freundliche Bewillkommung und allerhand Ehrenbezeigungen zu bemaͤchtigen. Wor zu ihm denn Saturnins vom Herrmann bereits vorher geschoͤpffte Meynung leicht die Bahn brach; weil doch die/ welche man schon hoch schaͤtzt/ leicht die Staffel beliebt zu werden erreichen koͤnnen. Wiewol dieses letztere nicht so wol von unserm eigenen Beginnen/ als von einem gewissen Einflusse des Gestirnes/ das etlichen eine Magnetische Krafft anderer Her- tzen an sich zu ziehen einfloͤsset/ den Uhrsprung hat; oder zum minsten seine Vollkommenheit erreicht. Durch dieses Band ward Saturnin so gefaͤsselt: daß er ohne den Hertzog Herrmann schier nicht seyn konte; sondern von der Festung Alison mehrmahls nach Deutschburg kam/ um seiner annehmlichen Gesell schafft zu genuͤssen; all wo er theils mit aller hand Ritter-Spielen/ theils Jagten und andern Kurtzweilen hoͤchst- ver gnuͤglich unterhalten ward. Wie nun Sa- X x x x x x x 2 turnin Achtes Buch turnin dem Tiberius aus einer angebohrnen Abneigung/ oder wegen seiner Laster von Her- tzen gram war; und er deßwegen denen Deut- schen/ welchen Tiberius zu Kopffe wachsen wol- te/ so viel moͤglich/ beym Kayser die Stange hielt; also ward Saturnin durch einen beson- dern Zufall in seinem Fuͤrnehmen gestaͤrcket. Denn als ihm Hertzog Herrmann auf dem Blocks-Berge eine Jagt bestellt hatte/ und sie um Mitternacht schon aus ihrem Nacht-Lager aufwaren desto zeitlicher in die Stallung zu kommen/ traffen sie noch fuͤr anbrechen dem Ta- ge auff einer gaͤhen Klippe ein Wahrsager- Weib an/ welche von eitel besondern Kraͤutern einen Kreiß um sich gemacht; inwendig aber selbten mit eitel dinnem Sande bedeckt hatte. Fuͤr dem Kreiße kniete ein Kriegs-Mann in Roͤmischeꝛ Tracht/ welcheꝛ die Wahꝛsageꝛin um seine zu Rom verlassene Buhlschafft/ und etliche andere kuͤnftige Zufaͤlle; endlich um das Gluͤcke des Kaysers/ des Tiberius und Saturnins be- fragte. Die Wahrsagerin/ welcher die Haare gantz ungekaͤm̃t um den Kopf floyen/ und welche einen weiten weißen uñ nirgendswo geguͤꝛteten oder zugeschlingten Guͤrtel an hatte/ und sich an einen mitten im Kreiße stehenden Wacholder- Baum lehnte; fieng an etwas unvernehmli- ches zu murmeln; darnach setzte sie den lincken Fuß in ein mit Wasser gefuͤlltes kuͤpffernes Be- cken; wusch denselben/ und trocknete ihn an ein weiß Gewand; nahm den aus Eisen-Kraute geflochtenen Krantz vom Haupte/ hieng densel- ben uͤber sich an einen Wacholder-Ast; und nach dem sie den lincken Arm samt der lincken Brust entbloͤst hatte/ schlug sie mit einer Tamarinden- Ruthe sieben mahl an die Wacholder-Aeste: daß die daran hangenden reiffen Beeren haͤuffig herunter fielen. Diese nahm sie niederknien- de/ betrachtete eine iede darvon gegen dem durch die Baͤume scheinenden Mohnden auffs ge- naueste; hernach setzte sie von diesen Beeren in den Sand eine Schrifft zusammen; welche sie mit vielen zwerch uͤber einander gelegten Wei- den-Zweigen unter scheidete. Zuletzt machte sie den von Kraͤutern gemachten Zauber-Kreiß auff/ und nach dem sie die Tamarinden-Ruthe zerbrochen/ die Kraͤuter aber in das kuͤpfferne Becken zusammen gelesen hatte/ rieff sie: Ließ dein und anderer Verhaͤngnuͤs; und hiermit sprang sie in das dickeste Gepuͤsche. Weil aber in einem Augenblicke ein so hefftiger Sturm- Wind entstand; welcher die staͤrcksten Baͤume mit ihren Wur tzeln auszureissen draͤute; fieng Saturnin/ welcher mit dem Hertzog Herrmañ hinter einer zwießlichen Tanne dieser Gaucke- ley zugesehen hatte/ lachende an: Dieser Ein- faͤltige wird nun wol schwerer seine Wahrsa- gung zusammen lesen; als welche fuͤr Zeiten aus denen mit einem Buchstaben bezeichneten/ und von der Sibylle ausgestreuten Blaͤttern muste erkieset werden. Nichts desto weniger sahen sie: daß dieser Mensch ihm einen kyhnenen Spaan anzuͤndete/ und der Wahrsagerin Bee- ren-Schrifft mit Fleiß untersuchte. Daher sie sich dem Orte naͤherten/ dem uͤber Zusam- menreymung der Wahrsagung fast aller eusser- lichen Sinnen beraubten Roͤmer zusahen/ und ihn endlich folgende Reymen zusammen flicken hoͤrten: Nach dreyen Jahren wird dein Absehn treffen ein/ Wenn Gifft den Ledens-Drat dem Kavser wird verkuͤrtzen. So denn wird auch Tiber das Haupt der Roͤmer seyn/ Der von Tarpejens Felß den Saturnin wird stuͤrtzen. Saturnin/ welcher diese letzten Worte nicht ohne Bestuͤrtzung vernahm/ fuhr aus einem ihn uͤberlauffenden Eyver diesen sorgfaͤltigen Rath- frager mit hefftigen Worten an: welch boͤser Geist verleitet dich uͤber des Kaysers Leben und Hauß die Zauberer zu fragen? Weist du nicht: daß du Leben und Vermoͤgen hierdurch ver- schertzet hast? Dieser/ als er sich umkehrte/ und den ihm allzuwol bekandten Roͤmischen Feld- Hauptmann Sentius vor sich sahe/ erstarrte wie Arminius und Thußnelda. wie ein Scheit/ oder als ein von dem Blitz ent- feelter Leichnam. Endlich erholete er sich ein wenig; und nach dem er dem Saturnin zu Fuße gefallen/ bat er nur um sein Leben; welches er nach dem Kriegs-Rechte; weil er als ein Haupt- mann uͤber hundert Kriegs-Knechte ohne seiner Befehlhaber Bewilligung diß fuͤrgenommen/ verlohren zu haben bekennte. Ausser dem aber meinte er genungsam entschuldigt zu seyn; weil Tiberius selbst ihm nicht diese Wahrsage- rin (welche fuͤr kurtzer Zeit in Rom gewest waͤ- re/ und dem Augustus etliche Wahrsagungen in seinen Arm eingeschnitten haͤtte) um sein und des Kaysers Begebnuͤsse zu befragen befohlen haͤtte. Diesen Fragen haͤtte er aus Vorwitz seiner Buhlschafft/ und aus sonderbahrer Ver- bindligkeit des Saturnins kuͤnfftiges Gluͤck zu vernehmen beygesetzt. Denn er waͤre Scri- bonius; welcher unter dem Saturnin zum er- sten den Kriegs-Guͤrtel umgemacht/ auch von ihm itzige Staffel erlangt/ auff des Kaysers Befehl aber von dieser beruͤhmten Wahrsage- rin/ welche mit denen tieffsinnigsten Druyden in vertraͤulicher Gemeinschafft lebte/ und un- geachtet der ihr vom Kayser und Livien zu Rom verordneten herrlichen Verpflegung/ doch die- ses wegen vieler zu der Wahrsagung bewehr- ter Kraͤuter beruͤhmte Gebuͤrge mit denen Lieb- ligkeiten Jtaliens nicht haͤtte ver wechseln wol- len/ so gar unterschiedene Geheimnuͤße/ die ihm die Chaldeer nicht zu eroͤffnen gewuͤßt/ erlernet haͤtte. Saturnin antwortete ihm: Es solte zwar fuͤr dißmahl seinem Verbrechen die Straffe nach gesehen seyn; er solte sich aber fort- hin entweder dieses Aberglaubens/ oder des Krieges enteussern. Er kam hierauff zwar mit dem Hertzog Herrmann in die Stallung/ und die Jagt gieng mit Erlegung vieler Baͤ- ren und wilder Schweine gluͤcklich ab; aber Saturnin war allezeit in tieffen Gedancken; ob ihm schon Hertzog Herrmann durch vor ge- bildete Eitelkeit der Zauberey alle Traurigkeit auszureden sich eusserst bearbeitete. Ja es wurtzelte in dem Gemuͤthe des Saturnins ein un versoͤhnlicher Haß wieder den Tiberius; hin- gegen eine nicht geringe Gewogenheit gegen die von ihm gedruͤckte Deutschen ein. Weil doch das menschliche Gemuͤthe dem schwerlich hold bleiben kan/ von dem es seinen Untergang zu besorgen hat; und die neu-angesponnene Feindschafft die aͤltere nicht nur verduͤstert/ son- dern auch verursacht: daß man sich auff dieser ihre Seite schlaͤgt. Diesemnach denn die Chau- tzen und andere gleichsam gefaͤsselte Deutschen vom Saturnin nicht als Uberwundene/ son- dern als Bunds-Genossen gehalten; und des Tiberius wieder die Cherusker zu Rom ange- sponnene Anschlaͤge durch Saturnins Vor- schrifften zu Wasser gemacht wurden. Nach- dem auch Saturnin die Roͤmischen Waffen von Deutschland unmoͤglich gar abhalten kon- te; brachte er es doch beym Kayser so weit: daß selbte von dem Fuͤrsten Herrmann abgelehnt/ und gegen den uͤber die Roͤmische Hoheit einen all zugrossen Schatten abwerffenden Marbod zu gebrauchen bestimmt wurden. Die Fuͤrstin Thußnelda lebte inzwischen bey der Cattischen Hertzogin des Fuͤrsten Arpus Gemahlin so verborgen: daß Segesthes und Tiberius das wenigste von ihrem Auffenthalt erfahren konten. Gleich wol aber unterhielt sie den Fuͤrsten Herrmann mit ihrer holdseligen Brieff-Wechselung. Und ob wol dieser die zwischen ihnen beschlossene und vom Sege- sthes zweymahl beliebte Heyrath zu voll zie- hen bey Thußnelden beweglich anhielt; so machte doch diese fromme Heldin wegen besorgten vaͤterlichen Unwillens allerhand Schwerigkeit/ und Hertzog Arpus/ welcher durch Thußneldens Vermittelung mit dem Cheruskischen Hertzoge vertraͤuliche Freund- schafft aufrichtete/ wiederrieth solches noch zur X x x x x x x 3 Zeit Achtes Buch Zeit deßhalben: daß der fuͤr toller Brunst gleich- sam wuͤtende Tiberius so viel ehe gegen die Che- rusker in Harnisch gebracht/ und Saturnin sei- nem Eydam Segesthes zu Liebe das bißherige gute Verstaͤndnuͤs mit dem Fuͤrsten Herrmann abzubrechen verursacht werden doͤrffte. Weil nun Thußnelda bey den Catten in sicherer Verwahrung waͤre/ solte er der Zeit/ welche alle Dinge doch endlich zu ihrer reiffen Voll- kommenheit braͤchte/ noch ein wenig nachsehen. Die Cherusker und Catten stuͤnden zwar wie- der in ziemlicher Verfassung/ um auf allen Fall den Roͤmern die Spitze zu bieten/ und August selbst wiederstrebte des Tiberius ungesunder Liebe. Allein die/ welche mit dem Lichte der Vernunfft/ und nach der Richtschnur der Klug- heit einen gewissen Zweck zu erreichen gedaͤch- ten/ vertiefften sich nicht ausser eusserste Noth in die gefaͤhrlichen Strudel ungewisser Zufaͤlle. Von den Klippen guter Hoffnung liesse sichs zwar leicht biß an das Ufer des gluͤckseligen Ey- landes sehen; aber es waͤre zwischen beyden En- den eine tieffe Klufft befestigt. Diesemnach waͤ- re es besser dem Gluͤcke die Gelegenheit beneh- men mit uns nach seinem Belieben zu spielen/ als desselbten mit so viel Gefahr Meister wer- den. Das Verhaͤngnuͤs/ welches ihr heiliges Band der Ehe augenscheinlich selbst gestifftet haͤtte/ wuͤrde schon der Gelegenheit diesen Noth- zwang auffbuͤrden; daß sie beyden Verlobten selbst die Hand reichen muͤste/ um sie in den Ha- fen ihrer verlangten Vergnuͤgung zu ziehen. Also muste nur Hertzog Herrmann sich mit Ge- dult fassen/ ungeachtet er seiner Liebsten Abwe- senheit so lange Zeit nicht ohne die hefftigste Gemuͤths-Kraͤnckung vertragen konte. Alleine das Gluͤcke muͤhte sich entweder dem großmuͤ- thigen Herrmann noch ein Bein unterzuschla- gen/ oder das Verhaͤngnuͤs wolte seine Treue noch besser pruͤfen. Daher die fuͤr dem Tiberius versteckte Fuͤrstin Thußnelda aus ihrer Ver- duͤsterung einem andern unter Augen leuchtete/ um vielleicht dem Fuͤrsten Herrmann zu begluͤ- cken: daß er die zwey groͤsten Haͤupter Euro- pens zu N e ben-Buhlern gehabt/ auch beyden den Preiß abgerennt haͤtte. Diese Begebnuͤs aber/ sagte Adgandester/ kan diese Erlauchte Versamlung nicht unverfaͤlschter/ als aus dem Munde der Cattischen Hertzogin vernehmen; als welche nicht nur eine gegenwaͤrtige Zu- schauerin; sondern eine wahrhaffte Schutz- Goͤttin unser Hertzoglichen Braut abgegeben haͤtte. Diese aber lehnte die Erzehlung von sich hoͤflich ab; weil sie selbst mit in die Geschich- te eingeflochten waͤre/ und sich ehe dieser Gesell- schafft zu entbrechen Ursache haͤtte; wenn ihre Begierde derselben auffzuwarten sie nicht zu- ruͤcke hielte. Es koͤnte aber die sich ohne diß in der Schuld befindende Graͤfin von der Lippe alle so wol vergnuͤgen/ als sie vertreten; weil sie von allem die genaueste Wissenschafft haͤtte. Einer solchen Fuͤrstin Anmuthen war der Graͤ- fin ein genungsamer Befehl; und daher fieng sie ohne Umschweiff die verlangte Erzehlung derogestalt an: Es sind wenig Jahre: daß Koͤnig Marbod auff einer Jagt an der Bojischen und Hermun- durischen Graͤntze ein siedend heißes Quell/ welches mitten aus einer kalten sich kurtz dar- auff in den Enger-Fluß stuͤrtzenden Bach sei- nen Uhrsprung nimmt/ bey Verfolgung eines daraus auff gejagten und von dem heissen Was- ser rauchenden wilden Schweines erforschet hatte. Weil man nun solches fuͤr ein heilsames Mittel wieder viel Kranckheiten-erkennet/ also daselbst fuͤr Jnn- und Auslaͤnder zu bequemem Auffenthalt etliche zierliche Haͤuser erbauet/ und diesen Ort mit grossen Freyheiten begabet hatte; riethen dero Aertzte auch der gefaͤhrlich erkranckenden und hier anwesenden Fuͤr- stin Erdmuth: daß sie sich dieses warmen Ba- des gebrauchen solte. Eine Thußnelden/ wie- wol aus blosser Gemuͤths-Kranckheit zustossen- de Schwachheit; und daß Erdmuth vorer- wehnte Arminius und Thußnelda. wehnte Cattische Hertzogin gleichsam ohne die annehmliche Thußnelde nicht leben konte; ver- ursachten: daß diese jener Reise-Gefaͤrthin war; Wiewol sie/ um so viel unbekandter zu bleiben/ nur die Stelle einer adelichen Jung- frau bekleidete. Koͤnig Marbod/ so bald er von der Dahinkunfft einer so grossen Fuͤrstin Nach- richt erhielt; ließ selbte mit allerhand Noth- durfft und Erfrischungen versorgen. Der Rit- ter/ welcher diß uͤberbrachte/ wuste seinem Koͤ- nige den grossen Helden-Geist und die Klugheit dieser Fuͤrstin/ wie auch die Schoͤnheit ihres Frauenzimmers nicht genungsam zu ruͤhmen; Daher er unter dem Vorwand einer Jagt mit wenig Edelleuten unbekandter Weise in diesen warmen Brunnen kam. Und weil die Fuͤrstin mit dem andern Frauenzimmer in einem rund gewoͤlbten Saale badete/ worinnen ein von weissem Marmel gemachtes Behaͤltnuͤs durch verborgene Roͤhren das vorhin eine gantze Nacht abgekuͤhlte Wasser in sich bekam/ nach selbiger Landes-Art aber dieser Platz dem Vor- witz aller dahin kommenden unverschlossen stand/ kriegte Marbod diß/ was er verlangte/ unschwer zu Gesichte. Aber so leicht die Rose zwischen andern Blumen/ ein Diamant un- ter andern Edelgesteinen/ der Mohnde bey an- dern Sternen zu erkiesen ist; so geschwinde fiel dem Koͤnige fuͤr andern die unver gleichliche Gestalt Thußneldens ins Gesichte; oder die Liebe kroch vielmehr durch diese zwey Pforten ihm in das innerste seiner Seele. Der Schnee ihrer zarten Glieder steckte in diesen nicht so wol von unter-irrdischem Schwefel/ als von ihren lodernden Anmuths-Strahlen erhitztem Wasser Marbods Hertze mit unausleschlichen Flammen an. Sein Gemuͤthe beklagte: daß sein Leib allzu wenig Augen haͤtte sich durch An- schauen einer mehr/ als irrdischen Schoͤnheit zu ersaͤttigen. Je mehr er aber sie anschauete; so viel mehr ward sein Verstand verfinstert/ und sein Geist entseelet. Denn die Schoͤnen ver- blaͤnden mit ihrem Glantze wie die Sonne/ und toͤdten mit ihrer Lebhafftigkeit/ wie das Feuer. Ja Marbod war in einem Augenblicke schier gantz ausser sich. Denn seine Seele hatte ihr eine andere Wohnstatt nehmlich den herrlichen Tempel dieser himmlischen Fuͤrstin er wehlet; und es schiene von seinem Leben nichts/ als die Empfindligkeit groͤssester Schmertzen uͤbrig geblieben zu seyn. Weil er nun seine eigene Ohnmacht an sich erkennte; war er will ens/ sich nicht/ wie er wol anfangs ihm fuͤrgesetzt hatte/ erkennen zu geben; sondern zu Verhuͤtung sei- ner Schwachheit sich wieder zu entfernen. Aber Thußneldens Anmuth zohe seine Augen mit unsichtbaren Ketten nachdruͤcklicher/ als der Nordische Angel-Stern die Magnet-Nadel an sich. Daher er nach Art derselben Welt- weisen/ welche nur um die Sonne anzuschauen gebohren zu seyn vermeinten/ sein Gesichte nie von ihr verwendete/ auch von dar zu scheiden sich nicht uͤber winden konte/ biß die Zeichen zum Ausbaden durch eine Glocke gegeben/ und alle Zuschauer zu entweichen genoͤthiget wurden. Unter wehrender Ankleidung des Frauenzim- mers erholte sich Marbod gleichwol so viel: daß er unter dem Nahmen eines vom Koͤnige um ihre Gesundheit zu vernehmen abgeschickten Marckmaͤnnischen Ritters bey dem Heraus- gehen der Hertzogin den Saum des Rockes/ ih- rem Frauen-Zimmer aber die Hand zu kuͤssen Erlaubnuͤs bat. Es waͤre aber diese Vermes- senheit dem Koͤnige bald uͤbel gerathen; weil er bey Anruͤhrung Thußneldens schneeweißer Hand gantz erstarrete; also daß er mit genauer Noth/ iedoch nicht ohne Anmerckung seiner Veraͤnderung/ so wol seiner Gefaͤrthen/ als der Hertzogin denen folgenden Fraͤulein die aus- gebetene Ehrerbietung bezeigen konte. Weß- wegen auch die Fuͤrstin Erdmuth bald darauf mit Thußnelden/ als sie an der Bach auf einer Wiesen sich ergiengen/ schertzte; und ihr/ wie sie eine Marckmaͤnnische Land-Frau so bald werden Achtes Buch werden koͤnte/ laͤchelnde vorhielt. Marbod war kaum in seinen Koͤniglichen Sitz ankommen; als er seine vierzehnjaͤhrichte wunderschoͤne Tochter Adelmund/ derer Mutter die beruͤhm- te Gothonische Fuͤrstin Marmeline vor zwey Jahren gestorben war/ in den warmen Brun- nen die Hertzo gin Erdmuth annehmlich zu un- terhalten abfertigte. Diese kam mit einem praͤchtigen Aufzuge daselbst an/ und erzeigte der Hertzogin nicht allein alle ersinnliche Hoͤff- ligkeiten/ sondern beschenckte sie und das ge- samte Frauenzimmer mit vielen Koͤstligkeiten/ in sonderheit aber mit Perlen/ Diamanten und Granaten/ welche in den Bojischen Waͤssern und Gebuͤrgen gefunden werden. Nach dem auch diß Bad der Hertzogin sehr wol zuschlug/ und sie sich bey ziemlichen Kraͤfften befand; lud die Fuͤrstin Adelmund die Hertzogin und ihr Frauenzimmer in einen eine Meile von dar gelegenen Koͤniglichen Garten/ welcher wegen der koͤftlichen Spring-Brunnen/ der seltzamen Gewaͤchse/ der frucht baren Baͤume/ der lusti- gen Gegend und des mit vielerley Wild erfuͤll- ten Thier-Gartens fuͤr den herrlichsten in Deuschland gehalten ward. Jnsonderheit wa- ren um selbige Gegend so viel Fasanen zu schauen: daß sie mit dem Flusse Phasis um den Vorzug zu kaͤmpffen schien. Als diese Ver- samlung des Frauenzimmers in der vertraͤu- lichsten Erlustigung sich befand/ und in einer von eitel Muscheln und Korallen besetzten Hoͤ- le bey dem hin und wiederspritzenden Wasser wegen damahliger Mittags-Hitze sich abkuͤh- lete/ kam ein Edel mann/ und deutete der Her- tzogin an: daß Koͤnig Marbod schon im Gar- ten waͤre. Sie war auch kaum aus der Hoͤle durch einen uͤberlaubten Gang zu einem mar- melnen Spring-Brunnen kommen/ als der Koͤnig in praͤchtiger Tracht mit vielen Grossen seines Hofes ihr begegnete; und sie und alle ihr Frauenzimmer auffs hoͤflichste bewill kommte. Diese aber wurden auffs hoͤchste bestuͤrtzt/ als sie nun mehr wahrnahmen: daß der sie fuͤr etlichen Tagen im warmen Brunnen heimsuchende Edelmann eben der Koͤnig Marbod selbst ge- wesen waͤre. Weßwegen denn die Hertzo gin nichts minder sich/ als die Jhrigen entschuldig- te: daß sie aus Jrrthum ihm nicht mit gehoͤri- ger Ehrerbietung begegnet waͤren. Marbod versetzte: es koͤnte eine so voll kommene Fuͤrstin mit ihrer so außerlesenen Gesellschafft gegen niemanden sich einigerley Weise gebehrden: daß sich nicht auch ein Koͤnig darmit zu verg nuͤ- gen haͤtte. Mit welchen annehmlichen Wort- wechselungen sie denn einander biß zu der an der Seite des rauschenden Wassers unter einem goldgestuͤckten Persischen Zelt zubereiteten Taffel unterhielten. Bey welcher Thußnelde alsbald wahrnahm: daß Marbod ein beson- ders Auge auff sie hatte; indem er bey seiner an- gemasten Frende doch allezeit eine Schwer- muth mercken ließ; und wenn er mit Thußnel- den nur etliche Worte wechselte/ oder sie nur ansahe/ iedesmahl seine Farbe veraͤnderte. Denn weil das Feuer der Liebe an Geschwin- digkeit den Blitz uͤbertrifft/ die Seele aber gleich sam im Blute schwimmet/ kan diese schier keine Bewegung ohne seine Aufwallung em- pfinden Gleichwol unter hielt Marbod Thuß- nelden am aller meisten mit Gespraͤchen; und vergnuͤgte sich gleichsam: daß seine Veraͤnde- rung ie mehr und mehr die Verwirrung seines Gemuͤthes an Tag gaͤbe/ und sein Antlitz der erste Vorredner seiner Liebes-Werbung wuͤr- de. Hiermit hatte Thußnelde uͤber der Taffel bey solchen Anmerckungen so tieff in das Hertze Marbods gesehen/ als wenn die Natur ihm ein Fenster an die Brust gesetzt haͤtte. Denn die/ welche ihre eigene Liebe schon pruͤfen ge- lernet/ verstehen leicht auch fremder Verliebten stumme Sprache; und ihre Augen geben nicht weniger rechte Fern-Glaͤser ab/ welche so gar die verborgensten Gedancken erkiesen; sie selbst als das aller geistreichste Theil des Menschen/ in Arminius und Thußnelda. in welchem die Seele wohnet/ die Jaͤger unser Begierden/ die deutlichsten Dolmetscher unsers Hertzens/ die Mahler unser Gedancken/ die Maͤckler unser Liebe/ ja gleichsam unsere Ge- bieter/ alle andere Theile des Menschen aber nur ihre Dienstboten sind. Dieses Urthel ih- rer Scharffsichtigkeit ward dardurch so viel mehr bestaͤrcket: daß Koͤnig Marbod/ als Thuß- nelde aus Hoͤfligkeit einem Edelmanne die Giß-Kanne aus der Hand nahm/ und ihm das Hand-Wasser reichen wolte/ einen unschaͤtz- baren Ring mit einem Sardonich in das Giß- Becken Thußnelden zum Geschencke fallen ließ; welchen der Samische Koͤnig Polycrates um eine Scharte in sein uͤbermaͤßig und da- her so viel mehr verdaͤchtiges Gluͤcke zu ma- chen/ ins Meer geworffen/ ein Fisch aber ihm wieder in seine Kuͤche; hernach August aus den Schaͤtzen Cleopatrens nach Rom gebracht/ und in das Heiligthum der Eintracht gewied- met; letztens aber dem Koͤnige Marbod/ als ein Zeichen seiner Freund schafft zum Geschen- cke uͤberschickt hatte. Thußnelde konte aus Hoͤfligkeit diese grosse Gabe nicht verschmaͤhen; iedoch/ weil sie aller Welt Schaͤtze mit einem andern/ als ihrem Herrmann/ in verbindliche Eintracht zu treten allzu veraͤchtlich hielt; er- weckte ihr diese verdaͤchtige Freygebigkeit eine nicht geringe Unruh des Gemuͤthes; welche auff die Nacht noch mehr vergroͤssert ward/ als sie vernahm: daß Marbod um ihren Uhr- sprung und Zustand die Hertzogin Erdmuth so genau befraget; wiewol eine ihr annehmliche Antwort erhalten hatte: daß sie eines Cattischen Grafen Tochter waͤre/ und bereit das Geluͤb- de ewiger Keuschheit geleistet haͤtte/ zu dessen Kennzeichen sie denn nach Art der derogestalt verlobten Jungfrauen einen Ring im Finger truͤge; in dessen Rubin zwey ackernde Fliegen/ als Merckmaale unversehrlicher Jungfran- schafft gegraben waͤren. Weil aber alle Kuͤh- lungen der Liebe nur ihr Feuer vergroͤssern/ ward Koͤnig Marbod von zweyen Gemuͤths- Regungen/ nehmlich der Liebe und Furcht/ nicht nur beunruhigt/ sondern gepeinigt; al- so: daß er bey nahe die gantze Nacht kein Auge zu zuthun vermochte. Denn jene scheinet zwar ein aus dem Himmel eines schoͤnen Antlitzes gezeugeter Engel zu seyn; aber Furcht und Zweiffel wegen des ungewissen Genuͤßes ver- wandelt sich in dem Hertzen des Liebenden in eine hoͤllische Unholdin. Nach langer Abmer- gelung und veraͤnderter Berathung; wie er Thußneldens Gewogenheit gewinnen/ und das bey den Deutschen so heilige Geluͤbde der Keuschheit zernichten moͤchte/ fiel er endlich in einen Schlaff/ oder vielmehr in eine halbe Ohnmacht; die von einer vollkommenen nur dardurch entschieden war: daß er noch durch al- lerhand aͤngstige Traͤume gequaͤlet/ und end- lich mit Schrecken erwecket ward. Weil er nun den Tag vorher schon die Cattische Hertzo- gin auff eine Jagt eingeladen hatte; die Son- ne aber bereit die Spitzen des blauen Gebuͤr- ges bestrahlte/ muste er seine traͤumende Un- ruh nur mit der wachenden veraͤndern/ und zu solcher Lust sich anschicken. Die Fuͤrstin Adelmund hatte sich als eine Diana darzu ge- ruͤstet; und solcher Gestalt sich aus zuputzen dem Cattischen Frauen Zimmer Pferde/ Waf- fen und ander Geraͤthe herbey schaffen lassen. Marbod hatte Thußnelden den Tag vorher nur als ein Frauen-Zimmer verwundernd an- gesehen; diesen aber sahe er sie zu Pferde als eine streitbare Heldin. Er hatte sie als eine Halb-Goͤttin verehret; nunmehr aber ward er gezwungen sie als eine voͤllige anzube- ten. Denn sie saß als eine lebhaffte A- mazone zu Pferde; im Rennen und Schuͤssen that sie es allen Rittern zuvor: und erlegte zweymahl so viel Wild/ als iemand anders. Denn kein Hirsch war Erster Theil. Y y y y y y y ihr Achtes Buch ihr zu geschwinde; kein Baͤr zu grausam/ und kein Luchs zu erschrecklich. Koͤnig Marbod thaͤt auch im Jagen sein eusserstes/ um seine Tapfferkeit sehen zu lassen; und sich derselbigen Jaͤgerin zu bemaͤchtigen; welche mit ihren Pfeilen diese Wildnuͤs am Wilde arm machte; durch ihre Schoͤnheit und Anmuth aber sie mit unschaͤtzbaren Blumen bereicherte; welche auf ihren Lippen und Wangen viel bestaͤndiger/ als in dem Rosen- und Lilgen-Monate bluͤhen. Thußnelde setzte nach Erlegung eines Thieres alsofort dem andern nach; Marbod aber verlohr niemahls die Spur dieser wunderwuͤrdigen Hindin; welche nichts minder die Vollkom- menheit derselben/ welche Hercules dem Euri- stheus liefferte/ uͤbertraff; als er von einem groͤs- seren Wuͤtterich/ nehmlich der Liebe zu dersel- ben Einholung angereitzet ward; und mein- te so viel Steine in ihr Liebes-Bret eingesetzt zu haben; so viel wilde Thiere er in ihrem Ange- sichte erlegte. Weil er aber stets nur ein Auge auf diese/ das andere aber auf Thußnelden hat- te; als nach welcher seine eigene Seele auff die Jagt zoh; versahe es Marbod bey Verfolgung eines Baͤren: daß er mit dem Pferde stuͤrtzte; und von diesem wegen seiner Verletzung so viel mehr verbitterten Thiere auffs grimmigste uͤ- berfallen; von der Fuͤrstin Thußnelde aber/ welche einen Wurff-Spieß selbtem mitten durchs Hertze jagte/ zu grossem Gluͤcke entse- tzet; und hierauff auf ein ander Pferd gebracht ward. Marbod/ welcher sich hierdurch ihr das Leben zu dancken verpflichtet erkennte/ haͤtte ihr gern ein verdientes Danck-Opffer erstattet/ oder vielmehr Gelegenheit gehabt/ ihr die Wunden seines Hertzens zu entdecken; aber diese fluͤchtige Daphne wolte auch dieser gros- sen Sonne Deutschlands nicht Stand halten; sondern sie rennte in die duͤstersten Hecken; also: daß sie Marbod bey nahe zwey Stunden ver- gebens suchte. Wie er nun fuͤr Mattigkeit laͤchste/ und sein Pferd fuͤr Muͤdigkeit sich kaum bewegen konte/ leitete ihn das Wiegern eines Pferdes auf einẽ Pfad; welcher ihn kurtz darauff zu eben dem aus einem rauen Felsen springen- den Quell leitete; darauff Thußnelde saß/ und ihren Durst mit diesem kristallenen Wasser leschte. Marbod kriegte mit ihrem ersten An- blicke gleichsam ein neues Leben; sprang also vom Pferde/ umarmete sich buͤckende ihre Knie; und redete sie alsofort an: Warum fleuchstu so sehr fuͤr mir/ du Gebieterin meiner Seele? hast du fuͤr Marboden groͤssere Abscheu/ als fuͤr die- ser traurigen Einoͤde? Wilstu dich aber fuͤr Licht und Sonne verstecken/ so mustu/ Sonne des Erd-Kreißes/ dich von dir selbst zu entfer- nen den Anfang machen. Bistu von der Hitze des Mittags gezwungen deine anklebende Zunge mit dieser Eyß-kalten Flut abzukuͤh- len; so uͤberlege/ was eine verliebte Seele fuͤr Pein erdulde; und erquicke sie aus Erbarm- nuͤs nur mit einer Hand voll deiner holdseligen Gewogenheit. Glaube: daß der Blitz deiner Augen mein loderndes Hertze nicht anders/ als die Glut die um selbte schwermende Muͤcken schon eingeaͤschert habe; wenn aber du vom Balsam deiner Gegen-Liebe nur wenig Tropf- fen in diese Asche fallen laͤst; wird es als ein neu- er Fenix daraus lebhaffter/ als vor gezeuget werden. Vollkommene Goͤttin! sey nicht ein- samer/ als diese Wildnuͤs; noch unbarmhertzi- ger/ als diese Felsen; in dem jene meine Ge- sellschafft so willig vertraͤget; diese aber uns beyde nicht erduͤrsten lassen. Sorge nicht: daß meine Liebe die Fluͤchtigkeit dieser Bach/ sondern die Aehnligkeit des ewigen Feuers ha- be. Jch habe vor dir nur eine/ wiewol dir nicht vergleichliche Fuͤrstin lieb gewonnen; und es hat meine Flamme nichts/ als der Todt aus- leschen koͤnnen; der ihr zwar das Tacht der erblichenen Marmeline entzogen hat; Gleich- wol aber lebet ihr Gedaͤchtnuͤs in meinem ihr gewiedmeten Gemuͤthe; und unserer beyder Geister ver gessen nicht auch noch so viel reiner sich Arminius und Thußnelda. sich mit einander zu umarmen. Wie viel mehr hastu dich/ du Ausbund aller Vergnuͤgungen/ einer unausleschlichen Liebe zu versichern; weil deine Tugenden taͤglich mehr Oel in die bren- nende Ampel meines Hertzens/ als die Adern dieses Gebuͤrges Wasser in diß Quell zu floͤs- sen haben. Weil dir nun die Natur eine Bot- maͤßigkeit uͤber alle Augen/ deine Tugend uͤber die Seele Marbods verliehen hat; so verschme- he nicht die dir vom Verhaͤngnuͤße heut ange- botene Herrschafft uͤber die streitbaren Marck- maͤnner/ und die Voͤlcker des halben Deutsch- lands. Da dir aber auch diß zu verschmaͤhlich ist/ so habe doch zum minsten Mitleiden mit dem fuͤr Liebe vergehenden Marbod/ und glau- be: daß der Siegs-Preiß des Grimmes nur an der Menge der Todten/ der Liebe aber an Vielheit der Genesenden bestehe. Marbod druͤckte diese Worte mit einer solchen bewegli- chen Art aus: daß man das Leiden seiner See- le an seinem Antlitze klar genung abgebildet sah. Thußnelden war iedes liebkosende Wort ein neuer Donner-Keil; sie setzte ihm aber mit einer mehr ernst-als freundlichen Gebehrdung diese Antwort entgegen: Wenn es in meiner Gewalt stuͤnde einen so grossen Koͤnig zu lie- ben/ wuͤrde meine Verweigerung billich den Titel des Wahnwitzes verdienen. Denn wie koͤnte mein Wille mit Vernunfft dem wieder- spenstig seyn/ dessen Tapfferkeit so viel Voͤlcker uͤbermeistert/ und dessen Tugend der Fluͤchtig- keit des Gluͤckes einen Stillstand zu bieten ge- wust hat? Wie moͤchte ich Albere so viel Kro- nen verschmaͤhen; fuͤr welche so viel Menschen ihre Kinder/ ihr Blut/ ja ihre eigene Seele aufopffern? Aber so hat den Platz meiner Schei- tel schon ein ander Krantz/ und die Hoͤle meines Hertzens schon eine andere Gottheit eingenom- men; also: daß ich mich selbst; weil ich mein Eigenthum nicht mehr bin/ niemanden ferner vergeben kan. Diesemnach uͤber wuͤnde/ groß- maͤchtiger Marbod/ hierinnen nunmehr auch dich/ nach dem du ausser dir nichts mehr zu uͤ- berwaͤltigen hast. Denn sein selbst maͤchtig seyn/ ist das groͤste Kayserthum; mit der Un- moͤgligkeit aber einen Krieg anfangen/ heisset alle vorige Siegs-Kraͤntze mit Fuͤssen treten. Erwege: daß die ersten Regungen unsers Ge- muͤthes nur Versuchungen/ die hefftigsten auch am unbestaͤndigsten sind. Jn dreyen Tagen wird die auffwallende Hitze deiner Begierden sich abkuͤhlen/ und deine Klugheit dir einhal- ten; wie unbedachtsam der grosse Marbod ei- ne schlechte Edel zu seiner Gemahlin erkie set habe; und wie ungedultig die streitbaren Marckmaͤnner eine fremde Dirne zu ihrer Koͤnigin leiden koͤnnen. Du selbst wirst wahr- nehmen/ wie unsere blinden Regungen uns mehrmahls verleiten: daß wir in unser eigen Ungluͤck auff der Post rennen/ und uͤber Aus- zimmerung unsers eigenen Fallbrets schwi- tzen. Da du dich aber selbst uͤber windest/ wird dieser herrliche Sieg noch mit zwey andern be- gleitet seyn. Denn nicht nur ich/ sondern auch die Tugend/ der ich mich vermaͤhlet habe; wer- den deßwegen deine Schuldner ersterben/ und an statt der bald faulenden Rosen/ auf deine Scheitel einen Krantz von Palmen und Lor- bern winden muͤssen. Koͤnig Marbod hoͤrte diese Ablehnung mit nicht geringer Bewe- gung/ als ein Verbrecher sein Todes-Urthel an. Weil er aber vermeinte: daß Thußnel- den nichts/ als ihr Geluͤbde der Keuschheit am Wege stuͤnde; setzte er diesem entgegen: das Ge- luͤbde der ewigen Jungfrauschafft thaͤte der Natur selbst Gewalt an; und der Vorsatz nicht zu lieben stuͤnde so wenig in unser Gewalt; als die Eigenschafft des Brennens von dem Feuer abzusondern. Unmoͤgligkeiten aber koͤnten so wenig in Geluͤbden/ als in andern Verbind- nuͤßen uns einen Nothzwang aufhalsen. Da aber ja diese Geluͤbden einige Krafft haͤtten; wuͤrden selbte doch sodenn ausleschen; wenn das Verhaͤngnuͤs uns selbst einen andern Weg lei- Y y y y y y y 2 tete; Achtes Buch tete; oder uns die Natur selbst ungeschickt mach- te selbigem laͤnger Folge zu leisten. Zu geschwei- gen: daß/ weil das Verhaͤngnuͤs in seinem Lauffe gantz unveraͤnderlich/ in seiner Stren- gigkeit unerbittlich waͤre; so wenig durch Ge- luͤbde/ als durch die Opfferung weißer Laͤm̃er- Koͤpffe diß/ was der Himmel schon uͤber uns beschlossen/ abgelehnet werden koͤnte. Machte sie ihr aber noch ihres Geluͤbdes halber ein Ge- wissen; waͤre er erboͤthig statt ihrer fuͤnff hun- dert andere Jungfrauen ewiger Keuschheit zu wiedmen/ und also der von ihr verehrten Gott- heit die Pflicht mit Wucher zu erstatten. An welcher Vertretung sie so viel weniger zu zweif- seln haͤtte; weil er als zugleich oberster Priester der Marckmaͤnner das Band aller Geluͤbde aufzuloͤsen befugt waͤre. Thußnelda hoͤrte die- sen von dem Rauche der Begierden gantz ver- blaͤndeten Vortrag mit nicht mindern Unwil- len/ als Aergernuͤs an; daher sie ihm nicht ohne Hefftigkeit begegnete: Wenn GOtt uner bitt- lich; unser Ungluͤcke gantz unablehnlich waͤre; muͤste man nicht nur die Geluͤbde/ sondern alle Gottesfurcht aus der Welt verbannen. Des Verhaͤngnuͤsses Schluͤsse haͤtten nichts minder ihre Beschrenckung/ als die Handlungen der sterblichen Menschen; und es hielte GOtt mehrmahls die zum Schlagen schon gezuͤckte Hand zuruͤcke; weñ die Boß heiten sich duꝛch An- dacht fuͤr ihm demuͤthigten. Da aber auch der Ausschlag der Dinge bereit fuͤr unser Geburt von dem Verhaͤngnuͤße unveraͤnderlich bestim̃t waͤre; ruͤhrte doch auch unseꝛ Gebet und Geluͤbde von seinem Zwange her; als ein uñachbleiblicher Werckzeug/ der den Ausschlag dieser Fuͤrsehung veꝛbesseꝛte; uñ also denẽ Lasteꝛhaften ein schlim̃es/ denen From̃en ein gutes Urthel zu wege braͤch- te. Das Geluͤbde der Keuschheit koͤnte auch nur denen unnatuͤrlich vorkommen/ welche wie das wilde Vieh ihren Begierden keinen Kapzaum der Vernunfft anzulegen wuͤsten; und gleich- s am als gantz andere Geschoͤpffe von tugend- hafften Gemuͤthern so weit/ als unver nuͤnfftige Thiere vom menschlichen Geschlechte entfernet waͤren. Denn zwischen GOtt und einer durch Geluͤbde ihm verlobten Seele geschehe eine ge- nauere Vermaͤhlung/ als durch irrdische Hey- raths-schluͤsse zwischen zwey Ehleuten. Daher haͤtte in der Andacht die Vertretung durch fremde so wenig/ als im Eh-Bette statt; und wuͤrden nicht nur seine fuͤnff hundert/ sondern hundert tausend genoͤthigte Jung frauen bey GOtt nichts minder fuͤr Wechsel-Baͤlge/ als sie fuͤr eine Abtruͤnnige und Eydbruͤchige ge- halten/ ihr Verbuͤndnuͤs aber von keinem frem- den Priester/ sondern nur von der Gottheit/ der sie sich verlobt haͤtte/ auffgeloͤset werden. Koͤ- nig Marbod setzte hierauf aber mahls mit allen ersinnlichsten Liebkosungen/ und halb-verzweif- felten Bezeugungen an Thußnelden; aber sie lehnte sie mit einer hertzhafften Großmuͤthigkeit ab; beschloß auch ihre Abmahnung mit diesen Worten: Jhre Seele wuͤrde sich ehe dem Ge- spenste/ welches auch die hertzhafftesten nicht mit unverwendeten Augen ansehen koͤnten/ als dem Marbod sich vermaͤhlen; und in seiner Gewalt moͤchte es vielleicht wol bestehen/ einmahl ihr todtes Gerippe/ nimmermehr aber ihren be- seelten Leib zu umarmen. Marbod wuͤtete nun nicht mehr nur fuͤr Liebe/ sondern er schaͤumte fuͤr Verzweiffelung und Grimm. Denn wie Liebe und Gluͤcke ins gemein einen so starcken Trieb haben: daß sie alle Pfosten der Vernunfft aus ihren Angeln zu heben maͤchtig sind; also ist insonderheit die Liebe gekroͤnter Haͤupter sehr unleidlich/ und die Zaͤrtlig keit ih- rer zu uͤberwinden gewohnten Hertzen kan un- schwer auffs empfindlichste verwundet werden. Daher er seinen Degen entbloͤste; die gantz un- gewaffnete Thußnelda aber/ welche alle ihre Pfeile und Wurffspieße verschossen/ den Degen auch im Gestrittig verlohren hatte/ einen toͤdt- lichen Streich zu empfangen vermeinte/ und daher auf allen Fall solchen mit dem leeren Bo- gen so viel moͤglich zu versetzen gedachte. Alleine Marbod fieng an um sie einen Kreiß zu schar- ren; Arminius und Thußnelda. ren; aus welchem sie ohne Enderung ihrer har- ten Erklaͤrung nicht ohne Spott zu kom̃en be- draͤuet ward. Er hatte diesen Kreiß aber noch nicht halb vollendet; als eine Natter unverse- hens empor sprang/ und den Koͤnig in die Hand stach: daß er daruͤber den Degen fallen ließ. Thußnelde/ welche wol wuste: daß aus der Noth eine Tugend/ und aus einem blossen Zufalle ein Bewehrung seiner Meinung/ oder gar ein Wunderwerck zu machen die groͤste Klugheit waͤre; machte ihr diese Begebnuͤs also fort nuͤ- tze/ und fieng an: Siehestu wol/ Marbod; daß die Goͤtter das ihnen angethane Unrecht selbst raͤchen; wenn Menschen solches nicht thun wol- len oder koͤnnen. Weil aber Marbod hieruͤber nicht nur erstummete/ sondern als wenn er von der Hand GOttes geruͤhret waͤre/ erstarrete; war Thußnelde um ihres Beleidigers Gene- sung bekuͤmmert. Wie sie denn ein denen Nat- tern schier gleich gebildetes Kraut abropffte/ sol- ches mit einem Steine zerklitschte/ und dem Marbod aufband; weil sie von der Artzney zwar keine eigentliche/ iedoch so viel Wissenschafft hatte: daß die Natur unterschiedenen Kraͤutern eusserliche Merckmaale/ worzu sie dienende Artzneyen sind/ eingepreget/ und deßwegen das fuͤr die Schlangen-Bisse dienende Schlangen- Kraut/ den Schlangen die dem Miltze heilsame Kapern gleich gebildet; und das dem brennen- den Krebse abhelffende Erd-Beeren-Kraut mit einem absondern Feuer und Roͤthe bezeichnet habe. Marbod ließ diese Verbindung zwar ge- schehen/ seine zitter nden Glieder aber waren mit Schrecken/ und sein Antlitz mit Schamroͤ- the angefuͤllet; welche Farbe hier nicht die frohe Morgenroͤthe der aufgehenden/ sondern die traurige Abendroͤthe der verfallenen Tugend- Sonne war; daher er auch sonder Abschied und Verlierung einigen Wortes sich zu Pferdesetz- te/ und spornstr eichs in das dickste Gepuͤsche verbarg; gleich als wenn er noch von tausend Nattern verfolgt wuͤrde. Denn die Furcht hat das groͤste Leibzeichen unter allen Gemuͤthsre- gungen; sie ist zwar die glaub haffteste/ aber auch die schlim̃ste Rathgeberin ihres Gemuͤthes/ und die aͤrgste Verblaͤnderin der Augen; Denn sie siehet/ was gar nicht ist; sie machet aus nichts et- was/ und aus einer Ameiße einen Krocodil. Der Fuͤrstin Thußnelde hingegen war ein grosser Stein vom Hertzen geweltzet. Denn weil sie Marbods ploͤtzliche Veraͤnderung fuͤr eine Wuͤrckung des Aberglaubens hielt/ nichts aber mehr/ als dieser/ die Gemuͤther der Menschen umkehren kan; glaubte sie: daß Marbods so lich- ten Loh brennende Liebe schon wieder zu Wasser wordẽ waͤre. Weßwegẽ sie sich noch einmal aus dem frischen Quell er quickte/ und sonder einiges Bedencken wieder zu der Cattischen Hertzogin zu kehren gedachte. Sie ritt einen kurtzen Weg durchs Gehoͤltze/ als sie auf eine gedruͤckte Strasse gerieth/ und bald darauf ein Geraͤusche gegen ihr ankommender Reuterey vernahm; welcher sie auszuweichen nicht fuͤr noͤthig achte- te/ weil sie die Ankommenden fuͤr Marbods Jaͤ- ger hielt. Sie ward aber kurtz darauf/ iedoch so spar: daß sie nicht mehr ausweichen konte/ der Roͤmischen Tracht gewahr; mit welcher die mei- sten bekleidet waren. Nach dem sie iedoch auch Deutsche darunter erblickte/ und in Marbods Gebiete sich von den Roͤmern keiner Gewalt- That versah/ ritte sie getrost auff sie zu. Sie war etwan drey Schritte von ihnen entfernet; als der im ersten Gliede zwischen zweyen Roͤ- mern reitende Deutsche sie mit diesen barten Worten anfuhr; Finde ich dich in dieser Wuͤ- steney/ du Ungehorsame? Fasset alsofort die Boßhaffte: daß sie ihrem Vater nicht mehr entfliehen koͤnne. Diese Worte waren Thuß- nelden kein so harter Donnerschlag/ als das zornige Antlitz ihres ergrimmten Vaters; als aus welchem sie alsofort den Sege- sthes erkennte. Sintemahl dieser in Ge- sandtschafft des Kaysers Augustus nebst dem Cajus Silus/ welcher in Ober- Y y y y y y y 3 Deutsch- Achtes Buch Deutschland uͤber das Roͤmische Kriegs-Volck gesetzt war/ und dem Stertinius zum Koͤnige Marbod reisete/ diesen entweder wegen des auf ihn angezielten Krieges sicher zu machen; oder/ weil Tiberius dem Kayser auffs beweg- lichste anlag die Cherusker vollkommen zu un- terdruͤcken/ sich der Marckmaͤnner: daß sie je- nen nicht zu Huͤlffe kaͤmen/ zu versichern. Weß- wegen es auch Tiberius nunmehr dahin brach- te: daß der dem Hertzog Herrmañ all zu geneig- te Saturnin nach Rom beruffen/ und Quin- tilius Varus an seine Stelle zum Landvogte gesetzt ward. Die zwar uͤberaus bestuͤrtzte Thuß- nelde war gleichwol so hurtig: daß/ ehe sie ie- mand von den Reisigen anruͤhren konte/ sie aus dem Sattel auf die Erde sprang; und fuͤr dem Segesthes auf die Knie fallende ihn auffs be- weglichste anflehete. Er moͤchte sein vaͤterli- ches Hertz gegen der nicht versteinern/ welche kindliche Liebe und Gehorsam in ihrem Hertzen unversehrt behalten/ auch niemahls was ihrem Geschlechte verkleinerliches begangen haͤtte. Segesthes antwortete ihr mit nicht freundli- cher Gebehrdung: Du solst/ sichere dich/ mir als Richter/ nicht als Vater Rechenschafft thun. Aber welch Ungluͤck fuͤhret dich in die- ser Tracht hieher? Welchem Thußnelde ver- setzte: Sie haͤtte sich auf der vom Koͤnige Mar- bod angestellten Jagt verritten. Segesthes stutzte; und hielt gleichwol so viel an sich: daß er in so vieler Personen Anwesenheit um ihre Be- gebnuͤße nicht fragte; sondern sie zu Pferde si- tzen/ und von den Reisigen beobachten hieß. Si- lius aber fieng an: Sie muͤsten aber gleichwol erfahren; weil Marbod dar zu seyn gesagt wuͤr- de/ wo er zu finden waͤre. Thußnelde berichtete ihn: daß der Koͤnig aller Vermuthung nach sich auch verritten/ und dem Verlaß nach auf einem Lust-Hause; welches uͤber eine Meile/ ihrem Muthmassen nach/ von dar nicht entfer- net waͤre/ uͤbernachten solte. Unter diesem Ge- spraͤche kamen sie an einen Quer-Weg; da sie denn ein grosses Gethoͤne von Jagt-Hoͤrnern vernahmen; welches sich nach und nach naͤher- te. Es kam auch alsofort ein Jaͤger voran ge- hauen/ um wegen des darbey sich befindenden Marbods zu fragen; wer die Ankommenden waͤren. Diese schickten alsbald einen Edel- mann mit dem Jaͤger zuruͤck um dem Koͤnige ihre ohne diß schon vorher vergewisserte An- kunfft an zu zeigen/ und seine Anverweisung zu vernehmen. Dieser brachte alsofort zuruͤcke: Sie moͤchten verziehen/ der Koͤnig wolte sie all- dar empfangen/ und mit sich auf ein nicht weit entferntes Lust-Hauß nehmen. Diß erfolgte/ wiewol mit abermahls nicht geringer Ge- muͤths-Veraͤnderung Marbods; als er mitten in diesem Hauffen die allererst verlassene Thuß- nelde gleichsam als eine Gefangene fuͤhren sa- he. Daher er sich unmoͤglich enthalten konte zu fragen: Wie seine schoͤne Jaͤgerin unter sie verfallen waͤre? Segesthes/ weil er entweder darfuͤr hielt: daß Marbod Thußnelden schon kennte/ oder ihre Beschaffenheit bey so viel sie keñenden Roͤmern unmoͤglich verholen blieben waͤꝛe/ ja er sich auch sonst ihꝛ nicht anmassen koͤn- te/ antwortete: Er haͤtte mit Wiedererlangung dieser seiner Tochter ein seltzamer Wild/ als vielleicht der Koͤnig nicht gefangen; weil er sie fuͤr halb verlohren/ oder auch gar fuͤr tod gehal- ten. Marbod wolte durch fernere Nachfrage nicht unzeitigen Vorwitz begehen/ sondern saan den gantzen Weg nach: warum Thußnelde von ihrem Vater so lange abwesend gewest seyn/ und dieser sie aller Anzeigung nach so unfreundlich halten muͤste? Nach dem er aber nichts bestaͤndi- ges ergruͤbeln konte/ kamen sie in den Garten/ worinnen Marbod Segesthen/ den Silius und Stertinius mit ihren Leuten nach Wuͤrden be- wirthete. Segesthes nahm Thußnelden selbst zu sich/ verschloß sich alsbald mit ihr in dem in- nersten Zimmer/ und befahl ihr mit entbloͤstem Degen: Sie solte alle Umstaͤnde und Ursachen ihrer Flucht bey Verlust ihres Lebens andeuten. Thuß- Arminius und Thußnelda. Thußnelde fiel Segesthen abermahl zu Fuße; und fieng an: die Ursache waͤre ihm allzuwol bewust; in dem es eben dieselbe waͤre/ weßwegen sie lieber ihr Leben aufopffern/ als dem laster- hafften Tiberius ihre schon dem Fuͤrsten Herr- mann verlobte Seele wiedmen wolte. Jhre Zuflucht waͤre ihre nechste Base die Cattische Hertzogin Erdmuth gewest; welche sie mit in warmen Brunnen/ und vollends in diesen Gar- ten bracht/ auch zeither bey ihr die muͤtterliche Auffsicht vertreten haͤtte. Diese wuͤrde ihrer Wahrheit selbst muͤndliches Zeugnuͤs geben; weil sie in einem andern Lust-Hause eben dieses Gartens sich auffhielte. Segesthes antwortete ihr kein Wort; verschloß sie aber im in nersten Gemache; weil er zu der Taffel abgefordert ward. Jnzwischen verfuͤgte sich Marbod nach kurtzer Bewillkommung der Gesandten gera- den Weges zu der Cattischen Hertzogin um von ihr Thußneldens Heimligkeiten aus zulocken. Denn so viel die Kaͤlte des Erschrecknuͤßes bey ihm nach und nach laulichter ward; so sehr fieng die Liebe in ihm wieder an zu glimmen. Er be- klagte sich alsbald: daß die Hertzogin Thußnel- dens Stand/ als einer Tochter von so hohem Fuͤrstlichen Hause/ verschwiegen/ und dardurch verursacht haͤtte ihr nicht die gehoͤrige Ehrer- bietung zu erzeigen. Die Hertzogin Erdmuth antwortete: Marbods Hoͤfligkeit haͤtte der Nie- drigsten ihres Frauen-Zimmers so viel Ehre angethan: daß eine Fuͤrstin darmit wol ver- gnuͤgt seyn koͤnte. Aber sie mochte wol verneh- men: wer Thußnelden zu einer Fuͤrstin erklaͤ- ret haͤtte? Marbod versetzte: Ob sie ihr denn mißgoͤnnte: daß Thußnelde des Chaßuarischen Hertzogs Segesthes Tochter waͤre? der Erd- muth schoß hieruͤber das Blat; gleichwol fragte sie: wer dem Koͤnige deßhalben Versicherung gethan haͤtte? Marbod antwortete: daß Thuß- nelde Segesthens Tochter sey/ habe ich aus sei- nem Munde; doch koͤnte er nicht verschweigen: daß sie nichts minder seine Gefangene/ als sein Kind sey. Was Segesthes? fieng Erdmuth an; wo ist der? und welch Unstern hat ihm sei- ne tugendhaffte Tochter seiner strengen und un- rechtmaͤßigen Gewalt eingehaͤndigt? Marbod fieng an: Sie kan den Segesthes selbst hier im Garten finden und rechtfertigen. Aber wie mag sie die vaͤterliche Gewalt ungerechter Strengigkeit beschuldigen? Erdmuth sahe sich so weit eingeflochten: daß sie nicht zuruͤck kon- te; zu dem meinte sie durch diese Eroͤffnung der Freyheit Thußneldens vielleicht ein Thor auf- zuthun; daher sie getrost heraus sagte: Weil die Ehe die allerverbindlichste Freundschafft/ auch mehr eine Vereinbarung der Seelen/ als der Leiber seyn solte; ja nichts ungeschickter zu seyn schiene/ als nach eines andern Gemuͤthe und Neigungen lieben sollen/ so kaum Herren erlaubet ihre leibeigenen Knechte dieser Freyheit zu entsetzen; wie viel weniger koͤnte Segesthes entschuldigen: daß er seine Tochter wieder ihr vorher genehm gehabtes Geluͤbde den gram- hafften Tiberius zu heyrathen zwingen wolte? Marbod stutzte abermahls uͤber seinem so maͤch- tigen Neben-Buhler; und/ weil er durch das Geluͤbde Thußneldens eine gelobte Keuschheit angedeutet zu seyn vermeinte/ wolte er der Her- tzogin mit mehrern Ausforschungen nicht be- schwerlich seyn; noch/ weil er mit sich selbst noch nicht eines war/ sich ferner heraus lassen/ son- dern gab seiner Tochter Adelmund mit/ die Fuͤrstin Erdmuth zu unterhalten. Er aber konte hierauf die gantze Nacht kein Auge zu- thun. Denn eines Theils quaͤlten ihn die seiner Liebe am Wege stehenden schier unuͤberwind- lichen Schwerigkeiten; andern Theils aber kitzelte er sich mit der Hoffnung: daß er viel- leicht Thußneldens Hertze gewinnen koͤnte/ weñ er sie dem Tiberius aus den Zaͤhnen ruͤckte. Gleichwol bedachte der schlaue Marbod wol: daß die Einbildung mit dem Verlangen sich ins gemein vermaͤhlte; und seinem Vermoͤgen mehr Kraͤffte zueignete/ als sie wesentlich waͤ- ren; Achtes Buch ren; daher ihre Tochter die Hoffnung als eine grosse Verfaͤlscherin der Wahrheit von der Keuschheit wol muͤste gemaͤßiget werden. Diese aber schien zu ihrer Ausuͤbung Zeit zu beduͤrf- fen. Denn durch dieser ihre langsamen Um- schweiffe kom̃t ein Vorsichtiger zu dem Mittel- Puncte einer erwuͤnschten Gelegenheit; und auff dem langsamen Maul-Esel der Gedult weiter/ als mit dem Renn-Thiere einer gaͤhen Entschluͤssung. Diesemnach er denn auff den Morgen die Gesandten bedeuten ließ: weil er nur auf eine zweytagichte Lust in diesen Garten kommen waͤre; wolte er sie in seinem Koͤnigli- chen Sitze hoͤren; und noch selbigen Tag dahin aufbrechen; sie aber koͤnten nach ihrer guten Gemaͤchligkeit vor- oder nach reisen. Er ver- schaffte auch: daß auff ihren Befehl allerhand Vorgespan und Vorschub bey der Hand seyn/ sie auch unter Weges wol unterhalten werden solten. Als die Cattische Hertzogin den so schleu- nigen Aufbruch vernahm/ verlangte sie beym Segesthes vorhero eine Unterredung. Dieser entschuldigte es auffs hoͤflichste durch den Vor- wand: Er waͤre itzt nicht so wol als ein Hertzog der Chaßuarier/ sondern als ein Gesandter des Kaysers dar; also muͤste er wegen der zwischen den Roͤmern und Catten schwebender Mißhel- ligkeiten auch den Schatten aller verdaͤchtigen Gemeinschafft von sich entfernen. Erdmuth verbieß diese schimpfliche Abweisung/ und er- suchte ihn um der unter ihrem Schirm dahin gebrachten Fuͤrstin Thußnelde Ausfolgung. Segesthes ließ ihr hoͤnisch zu entbieten: Wie viel ihre angemaste Gewalt fuͤr der vaͤterlichen einen Vorzug/ und ob die Catten auch in dem Gebiete der Marckmaͤnner zu befehlen haͤtten? Die um Thußnelden und den Hertzog Herr- mann bekuͤmmerte Hertzogin nahm zum Koͤni- ge Marbod hiermit ihre Zuflucht; und weil er ihr und ihrer gantzen Gesellschafft nicht nur ein sicher Geleite ertheilet/ sondern auch vollkom- menen Schutz in seinen Laͤndern versprochen haͤtte; moͤchte er die vom Segesthes eigenmaͤch- tig geschehene Entwehrung Thußneldens durch dieser ihrer so werthen Base Befreyung wieder ergaͤntzen. Marbod hingegen schuͤtzte hierwieder fuͤr: Alles/ was in der Gesandten Haͤuser kaͤme/ oder seine Zuflucht dahin nehme/ waͤre nichts minder/ als sie selbst und ihre Ge- faͤrthen heilig und unversehrlich; also: daß auch die aͤrgsten Missethaͤter mit Gewalt aus solcher Verwahrung nicht gezogen werden koͤnten; in dem ieder Gesandte seines Fuͤrsten Antlitz/ sein Hauß seines Koͤnigs Hof fuͤrbildete; und durch die einmahl beliebte Annehmung der Botschaft ausser dem Gerichts-zwange desselben Fuͤrsten/ zu dem die Gesandtschafft kaͤme/ gleichsam durch eine still sch weigende Handlung Vermoͤ- ge des Voͤlcker-Rechts gezogen wuͤrde. Ja wenn er auch kein Gesandter waͤre/ koͤnte mit Fugkein Mensch ihm seine eigene Tochter entwehren; als uͤber welcher Leben und Todt nichts minder die Deutschen/ als die Perser und Roͤmer unverschrenckte Gewalt/ und in ihren Haͤusern das peinliche Recht zu hegen Macht haͤtten. Jnsonderheit aber waͤren die Vaͤter bey denen Ebreern und andern Voͤl- ckern der Kinder Geluͤbde zu zernichten befugt. Hingegen haͤtte die Fuͤrstin Erdmuth zu seiner fluͤchtigen Tochter keinen rechtmaͤßigen An- spruch; sondern sie zielte nur sie demselben in die Haͤnde zu spielen; welchen er zu seinem Eyda- me nimmermehr belieben; sondern ihr vielmehr die Kehle selbsthaͤndig abschneiden wuͤrde. Die Cattische Herzogin fuͤhrte hier wieder zwar aus: daß Thußnelde weder eine Gefaͤrthin der Ge- sandtschafft waͤre/ noch sich dahin gefluͤchtet haͤt- te; wiewol auch derselben Haͤuser sonder aus- druͤcklicher Abrede keine Freystaͤdte den Fluͤch- tigen abgeben koͤnten. Segestes haͤtte durch Gewalt-That Thußneldens sich bemaͤchtigt; daher koͤnte sie auch mit Gewalt ihm genommen werden. Denn der sonst unversehrlichen Ge- sandten Thaͤtligkeit koͤnte man durch Beschuͤtz- und Arminius und Thußnelda. und Abnehmung des Raubes gar wol begeg- nen/ ja sie gestalten Sachen und anderer Voͤl- cker Beyspiele nach gar toͤdten. Segesthens angefuͤhrtes absondere Vater-Recht gienge ei- ne eintzele Person an/ und kaͤme wieder das all- gemeine Recht der Fuͤrsten und Voͤlcker in kein Ansehen. Wiewol jenes auch wieder Thuß- nelden/ die bereit zu ihrem Verstande/ und fuͤr- laͤngst ausser seinem Hause und Brodte kom- men waͤre/ so genau nicht aus geuͤbet/ noch ihr einiger Heyraths-Zwang auf gedrungen wer- den koͤnte/ sonderlich/ weil Thußnelde nieman- den in Segesthens Hauß eindringe/ dieser auch ihr Geluͤbde gebilliget; Marbod aber noch fuͤr Annehmung der Roͤmischen Botschafft ihr und darunter Thußnelden Schirm und Sicherheit versprochen haͤtte. Beydes hoͤrte Koͤnig Mar- bod zwar ausfuͤhrlich an; aber bey der uͤber Thußneldens Zustande erwachsenden Berath- schlagung hatte er seine eigene Vergnuͤgung zum vornehmsten Absehen. Weil nun Se- gesthes sich bereit so weit heraus gelassen hatte: daß Thußnelde sich einem ihm unbeliebigen Ey- dame zu vermaͤhlen vorhaͤtte/ hielt er das von der Hertzogin Erdmuth angegebene Geluͤbde der Keuschheit nichts minder/ als die schon ver- rathene Standes-Niedrigkeit fuͤr einen blau- en Dunst; fuͤhrte derohalben den Fuͤrsten Se- gesthes in einen annehmlich en Spatziergang; hielt ihm ein die Wichtigkeit der von der Catti- schen Hertzogin angezogener Gruͤnde; und wie er Vermoͤge seines ihr ertheilten sichern Gelei- tes auf allen Fall sie in den ersten Stand zu se- tzen gezwungen werden wuͤrde. Weil er aber ihm/ als einem so grossen Fuͤrsten nicht gerne weh thun/ noch der Roͤmischen Gesandschafft bey vorhabender neuen Buͤndnuͤs einigen Arg- wohn seiner Abneigung verursachen wolte; traute er es bey der Hertzogin zu vermitteln/ hielt es auch der Billigkeit zu seyn: daß Thuß- nelde seiner Verwahrung biß zu Ausmachung des Haupt-Streites uͤberlassen wuͤrde. Er gebe ihm hiermit sein Koͤnigliches Wort: daß er Thußnelden keinem/ welchen Segesthes zum Eydame verschmehte/ ausfolgen lassen wolte. Segesthes/ nach dem er etliche mahl im Gar- ten nachsinnende auf- und abgegangen war/ er- klaͤrte sich Marbods Vorschlag anzunehmen; und als er durch seine Tochter Adelgung eben diß der Cattischen Hertzogin vortragen ließ; er- hielt sie gleicher Gestalt ihre Genehmhabung; weil sie Thußnelden nirgends/ als in der Ge- walt ihres Vaters unsicherer zu seyn schaͤtzte. Marbod ward uͤber dieser fast unvermutheten Einwilligung hoͤchst vergnuͤgt; nahm also die hierzu nicht unwillige Thußnelde in seine Ge- wehr/ und in seiner Begleitung auff ein an dem Fluße Caßurgis bey Marbods-Stadt auf einem steilen Felsen liegendes Schloß; welchem nicht nur die Roͤmische Gesandschafft/ sondern auch die Cattische Hertzogin folgte. Segesthes trug bey der Verhoͤr im Nahmen des Kaysers dem Koͤnige ein Buͤndnuͤs zu Be- schirmung ihrer Laͤnder wieder alle kuͤnfftige Feinde an; und fieng darbey an: daß Marbod kein groͤsser Merckmaal seiner zu den Roͤ- mern tragender Neigung an Tag geben koͤn- te; als wenn er ihm als einem Roͤmischen Bunds Genossen seine Tochter/ und hier durch zugleich dem Tiberius seine Braut ausfolgen liesse. Marbod verordnete etliche seiner Raͤ- the mit der Botschafft hieruͤber ausfuͤhrlich zu handeln. Jnzwischen reitzte er nichts desto we- niger die Pannonier und Dalmatier mit Ver- sicherung seiner Huͤlffe zum Aufstande wieder die Roͤmer an. Die Fuͤrstin Thußnelde ließ er inzwischen auffs herrlichste in der Gesell- schafft seiner Tochter Adelgung bedienen; und gegen Segesthen bezeigte er eine absondere Gewogenheit. Nach dem er ihm eine fe- ste Einbildung seiner Freundschafft nach und nach eingepregt hatte; nahm Marbod Segesthen einsmahls nach der Abend- Mahlzeit/ als er ihn in gar guter Laune Erster Theil. Z z z z z z z und Achtes Buch und von dem Weine so viel freyern Gemuͤthes zu seyn vermeinte/ bey der Hand/ fuͤhrte ihn an ein Fenster des Schlosses/ daraus man bey na- he das halbe Koͤnigreich der vertriebenen Bo- jen uͤbersehen konte. Hierauff lobete er Sege- sthens hohe Ankunfft/ seine unver geltbare Freundschafft/ die er den Roͤmern geleistet haͤt- te; und daß er ihm fuͤr sie ein neues Buͤndnuͤs zu wege zu bringen so sehr angelegen seyn liesse. Alleine ihn beduͤnckten schon seine Wolthaten groͤsser zu seyn/ als sie ihm vom Kayser ver golten werden koͤnten. Wenn man aber diese so hoch braͤchte/ wuͤrden sie ins gemein mit Haß beloh- net/ oder gar als Laster verdammet. Diese schaͤdliche Wuͤrckung waͤre den Roͤmern nichts seltzames/ als welche mehrmahls ihre eigene Er- halter ins Elend gejagt/ oder gar von Felsen gestuͤrtzt haͤtten. Oder/ wenn sie es am besten meinten/ zahlten sie ihre groͤsten Glaͤubiger mit einem Eich- oder Lorber-Zweige; mit ei- nem gemahlten Rocke/ oder einem beinernen Stabe. Denn in ihren Schatz-Cammern waͤ- re diß ihr groͤstes Haupt-Gut: daß sie einer Hand voll Rauch einen unschaͤtzbaren Werth zueigneten. Fuͤrnehmlich aber schienen sie es mit dem Segesthes derogestalt zu spielen; wel- chem sie die deutsche Feld-Herrschafft mit so grossen Betheuerungen versprochen/ mit so leichtem Undanck hinterhalten; ja den ihm so abholden Herrmann zeither gleichsam auff den Haͤnden getragen/ und dem Segesthes zum Gegen-Gewichte gemacht haͤtten. Er hin- gegen koͤnte den Quadischen Koͤnig Vannius zu einem Beyspiel seines danckbaren Gemuͤ- thes der gantzen Welt fuͤrstellen. Sie waͤren beyde Deutschen; diesen aber moͤchte man mehr Gutes zutrauen/ wenn man mit ihnen kriegte/ als den Roͤmern/ wenn man schon ihr Bunds- Genosse waͤre. Weil der Roͤmer Freundschafft nun so verdaͤchtig/ ihre Treue so ungewiß/ und ihr Absehn so veraͤnderlich waͤre; stuͤnde er billich an sich durch Buͤndnuͤße mit dem Kayser/ son- derlich aber mit dem gefaͤhrlichen Tiberius zu vertieffen; er wuͤrde auch bereit den Silius und Stertinius gar schlecht abgefertigt haben; weñ er nicht Segesthen/ als einem deutschen Fuͤr- sten/ bessere Begegnung/ als den Roͤmern/ die vorhin ihr feindselig Gemuͤthe gegen die Marckmaͤnner haͤtten blicken lassen/ schuldig waͤre. Diesemnach waͤre er zwar geneigt mit den Roͤmern in Ruhe/ nicht aber ihnen durch Bindnuͤs verbunden zu leben; welches letztere er mit dem Segesthes und seinen deutschen Bunds-Genossen auffs festeste zu schluͤssen er- boͤthig waͤre; ihn versichernde/ daß er sein Haupt nicht sanffte legen wolte/ biß Segesthes in dem uͤbrigen Deutschlande zum Feldherrn er- koren; und dardurch ihr Vaterland in Ein- tracht/ und ausser der Auslaͤnder Gefahr/ sein Fuͤrstliches Hauß aber in den alten Glantz ver- setzet seyn wuͤrde. Segesthes solte hierbey ver- nuͤnfftig unterscheiden: daß man von guten Worten sich nicht saͤttige; denn sie bestuͤnden in einem blossen Athem; und von Hoͤfligkeit nicht lebte; denn sie waͤre ein zierlicher Betrug. Mit dem scheinbarsten Lichte blaͤndete man das Gefluͤgel/ welches man beruͤcken wolte. Daher waͤre es zwar boͤse einem nicht gute Worte ge- ben; wenn schon die Wercke nicht boͤse waͤren; aber es waͤre viel aͤrger: daß gegen ihn die Roͤ- mer keine boͤse Worte ausliessen; ihm aber auch nichts gutes thaͤten. Das beste hingegen waͤ- ren rechtschaffene Wercke/ wenn man nicht viel Werckes oder Großsprechens davon machte. Dieses letztere versicherte er ihn auf Deutschen Treu und Glauben; und hiermit tranck er Segesthen eine Kristallen-Schale mit Weine zu; diese Betheuerung beysetzende: daß er in diesem Glase ihm sein halbes Hertze und seine vollkommene Freundschafft uͤberliefferte. Se- gesthes/ dem diese Gemuͤths-Ausschuͤttung dienliches Wasser auff seine Muͤhle war/ hoͤrte den Koͤnig mit grosser Vergnuͤgung/ und nahm sie an mit aller Ehrerbietung; ja mit einer er- freuten Arminius und Thußnelda. freuten Umarmung. Er bekennte: daß die Roͤmer ihn zeither freylich mit Winde gespei- set/ und mit leeren Vertroͤstungen geaͤffet haͤt- ten. Ja seine durch den Wein so viel mehr be- geisterte Treuhertzigkeit ließ sich deutlich her- aus: daß er den Roͤmern selbst eine geraume Zeit nicht allerdings getraut haͤtte; und kein groͤsse- res Gluͤcke ihm zuwachsen koͤnte; als wenn er sich auf die Achsel eines so maͤchtigen deutschen Fuͤrsten lehnen/ also den gefaͤhrlichen Rohrstab auslaͤndischer Macht nicht mehr zu seiner Stuͤ- tze wieder die ihm gehaͤßigen Cherusker/ als de- rer Hertzoge er seine wiederspenstige Tochter Thußnelde ein fuͤr alle mahl nicht vermaͤhlen koͤnte/ brauchen doͤrffte. Er haͤtte diese dem Tiberius wol verlobet; aber nicht nur Thuß- nelde hassete ihn aͤrger/ als Spinnen; und der Kayser selbst bezeigte uͤber des Tiberius Fuͤr- haben nicht schlechten Unwillen. Hiermit waͤ- re auch alles diß/ was man ihm zu Rom verspro- chen/ stecken blieben. Gleichwol aber waͤre die Macht der Roͤmer so groß: daß man ihre Feind- schafft zu verhuͤten alles eusserste thun muͤste. Diesemnach er zwar dem Koͤnige Marbod hieꝛ- mit die Hand reichte alles das/ was er verlang- te/ einzugehen. Nach dem aber Boßheit und Klugheit die zwey Bots-Leute der gantzen Welt waͤren/ erinnerte sie diese jener Fallstricken be- hutsam fuͤrzubeugen. Jnsonderheit haͤtten sie noͤthig auch ihre Gedancken in ihrem Hertzen so enge zu verschluͤssen: daß zu sagen kein Schweiß-Loch offen bliebe/ wordurch sie eusser- lich herfuͤr dringen koͤnten. Augen und Ge- behrden waͤren Verraͤther der Seele; Silius und Stertinius aber verschlagene Auskund- schaffter der Gedancken. Daher muͤsten sie am wenigsten mercken lassen/ was sie am sehnlich- sten verlangten. Und es moͤchten die Sitten- Lehrer die Heucheley fuͤr ein Laster schelten/ wie sie wolten; so waͤre sie doch der Staats- Klugheit eine grosse Tugend; und dieselbte Lufft/ wormit die Fuͤrstliche Gewalt sich nicht anders/ als ein Kameleon naͤhrete. Hierbey liessen sie es beyde dißmahl beruhen; nur: daß sie noch unterschiedene Schalen einander zu- trancken/ und dardurch ihre Vertraͤuligkeit be- staͤrckten. Marbod ward insonderheit hoch vergnuͤget: daß er Segesthen nicht nur/ wen Thußnelda zu heyrathen verlangte/ heraus ge- locket; sondern auchuͤber sein Hertz einen ziem- lichen Vortheil erlangt hatte. Folgenden Mor- gen aber/ als Marbod bey Segesthen im Zim- mer war/ sagte man dem Koͤnige an: daß in der Elbe ein Stier ungewoͤhnlicher Groͤsse gefan- gen/ und selbter des Nachts in einem Netze auff dem Flusse Cassurgis biß an die steinerne Bruͤ- cke gefloͤst worden waͤre. Diese Seltzamkeit gab ihm Anlaß nicht allein Segesthen/ den Si- lius und Stertinius dahin zu leiten; sondern er ließ auch seine Tochter Adelgund die Fuͤrstin Erdmuth und Thußnelden dahin fuͤhren. Der aus dem Wasser gezogene Fisch uͤbertraff an Groͤsse aller Einbildung; denn er war neun Ellen lang. Marbod befahl hierauf dieses neue Wunder auffzuhauen; bey dessen Erfolg denn ein guͤldener Arm-Ring in dem Bauche des Stiers gefunden ward. Jedermann ward hieruͤber sorgfaͤltiger als die Einwohner auf dem Eylande Chios/ nach dem die Fischer einen guͤldenen vom Vulcan gemachten Dreyfuß aus dem Meere zohen. Marbod alleine stellte sich anfangs bekuͤmmert/ und vermeldete: Nach dem er der Fuͤrstin Thußnelde des Polycrates Ring verehret/ schiene das Gluͤck durch Erstattung eines andern eben so gefaͤhrlich/ als mit dem Po- lycrates zu spielen; welchem der Koͤnig in E- gypten bey der auf gleichmaͤßige Art geschehen- den Wieder-Erlangung seines in die See ge- worffenen Ringes den Untergang all zuwahr gewahrsagt haͤtte. Segesthes hingegen nahm den Ring in die Hand/ und nach dem er selbten auffs genaueste betrachtet hatte; fand er auf dem eingefasten grossen Rubine das Bojische Wa- pen/ nehmlich einen aufgelehnten Loͤwen/ und Z z z z z z z 2 des Achtes Buch des ersten Bojischen Koͤnigs Siegfests Nah- men; um den Ring inwendig ins Gold aber folgende Worte in der Gallier Sprache ein- gegraben: Wenn die Elbe dieses von dem sterbenden Siegfest ihr gewiedme- tes Opffer dem ersten Koͤnige der Marckmaͤnner wieder geben wird; beschencket ihn die Emß mit einer zwey- fach-verlobten Braut; das Verhaͤng- nuͤs aber mit einer gluͤckseligen Mut- ter/ mehr als hundert tapferer Reichs- folger. Jederman hoͤrte mit grosser Ver- wunderung Segesthens aus dem Ringe gelese- ne Worte; Marbod selbst stellte sich als unglaͤu- big an; biß er solche gleichfalls gelesen; und ward dieser Ring allen Grossen/ ja auch der Fuͤrstin Erdmuth und Thußnelde gegeben diese wun- derwuͤrdige Wahrsagung anzuschauen; welche die einige war/ die diese fuͤr einen kuͤnstlichen Betrug des Marbods hiel; und als die unzehl- bare Menge der zugelauffenen Marckmaͤnner hieruͤber jauchzete/ auch zu Freuden-Feuern und andern Lustbezeigungen allerhand An- stalt machten/ in grosse Schwermuth verfiel; weil sie sich nun auffs neue eines gefaͤhrlichen Liebes-Sturmes besorgte. Marbod und seine grossen Gaͤste kamen hierauf wieder auffs Schloß; uñ wor mit er dieses Ringes ebentheu- erliche Wahrsagung so viel mehr bestaͤrckte/ ließ er aus seinem Schatze einen andern Ring her- bey bringen; welchen der letzte Bojische Koͤnig ebenfalls aus einem in dem Flusse Caßurgis ge- fangenem Fische geschnitten hatte. Derselbe Ring hatte eben so wol Koͤnig Siegfests Wa- pen/ Nahmen und diese Worte in sich- Als die Bojen hier festen Fuß setzten; empfieng der Fluß dieses Geschencke; giebt es auch nicht ehe als bey ihrer vorstehenden Entfernung wieder. Die Anwesenden wurden hieruͤber noch mehr ver- wundernd; weil dieses letzten Ringes Wahrheit allbereit durch die Austreibung der Bojen be- stetigt ward. Silius fuͤrnehmlich konte beyde Ringe nicht genungsam betrachten; und ver- meldete: daß er nunmehr der Lycier Gewon- heit von den Fischen kuͤnfftige Dinge zu erfor- schen nicht unbilligen koͤnte; und in seiner Mey- nung so viel mehr bestaͤrcket wuͤrde: Es haͤtten die von der Eitelkeit gereinigten Gemuͤther der Menschen eine Krafft noch weit entfernete Zu- faͤlle vorher zu sehen. Ja er hielte den zu Capua etliche Monat fuͤr des Kaysers Julius Ermor- dung gefundenen Grabestein des Capys; dar- auff sein Tod bey Aus grabung seiner Gebeine bestimmet war/ nicht fuͤr eine Erfindung des Brutus oder Caßius. Hier auff ward der Tag mit einem praͤchtigen Mahle und allen ersinn- lichen Lustbezeigungen hingebracht; ja folgen- de Nacht sahe man viel Meilen im Umkreiße die Berge mit spielenden Lust-Flammen gekroͤ- net. Der Tag war kaum angebrochen/ als die anwesenden Reichs-Staͤnde den Koͤnig Mar- bod durch zwoͤlff Gesandten um Beschleuni- gung der vom Verhaͤngnuͤße gleichsam anbe- fohlenen Heyrath anfleheten. Woꝛauf er sich deñ zum Segesthes verfuͤgte/ ihn des gefundenen Ringes erinnerte/ ihm auch vorstellte: wie des- sen Wahrsagung augenscheinlich auf seine und seiner an der Emß gebohrnen Tochter Heyrath zielte. Wormit auch kein Mensch an dieser Aus- legung zweiffelte; haͤtte das guͤtige Verhaͤng- nuͤs es so wunderlich geschickt: daß Segesthes selbst zum ersten diesen Goͤttlichen Befehl zu Gesichte bekommen/ und ihm andeuten muͤssen. Beyder Hertze haͤtte ihnen schon bey der vorge- strigen Vertraͤuligkeit gesagt; und ihre Gemuͤ- ther durch einen geheimen Magnetzug dahin geleitet; wohin sie das Verhaͤngnuͤs nun mehr mit dem Finger wiese. Weil nun kein kraͤffti- ger Siegel ihrer Freundschafft/ als die Ver- maͤhlung seiner Tochter seyn koͤnte; Gott auch solche Arminius und Thußnelda. solche zu einem Grund-Steine des Gluͤckes fuͤr sein Koͤnigreich/ und zu einer Wurtzel seines Koͤniglichen Stammes bestimmt haͤtte/ versehe er sich: daß Segesthes ihm mit geneigter Hand das Kleinod uͤberreichen wuͤrde; Welches der Himmel schon zu seinem Eigenthume außerse- hen haͤtte. Segesthes gab seine Willfaͤhrigkeit ehe mit seinen Augen/ als mit der Zunge dem Marbod zu verstehen. Denn sein Ehrgeitz/ welcher ihm/ als einem Anherrn so viel Marck- maͤnnische Koͤnige als Enckel fuͤrbildete; und der bey ihm eingewurtzelte Aberglauben wegen des Ringes hatte sein Gemuͤthe so verfinstert: daß er kaum an Hertzog Herrmanns zu Thuß- nelden habendes Recht/ noch an sein dem Tibe- rius gethanes Versprechen/ am wenigsten aber an die von beyden bevorstehende Gefahr ge- dachte. Diesemnach er denn dem Koͤnige also fort Thußnelden sonder einige Bedingung ver- sprach; und auf Marbods Gutbefinden seiner Tochter Einwilligung/ jener aber durch den Silius vom Kayser/ oder vielmehr dem Tibe- rius die Begebung seines Anspruchs an Thuß- nelden zu wege zu bringen uͤbernahm. Sege- sthes gieng also in das Zimmer Thußneldens/ beruͤhrte anfangs uͤberhin diß/ was mit ihr we- gen Ehlichung des Tiberius fuͤrgegangen waͤ- re. Hernach fuhr er fort: Es entschuldigte das Verhaͤngnuͤs selbst ihre Wiederspenstigkeit; in dem diß gestern ihn und sie an den Koͤnig Mar- bod verwiesen; welcher mit samt seinen Reichs- Staͤnden diesen Morgen schon um ihre Hey- rath geworben haͤtten. Das Gluͤcke mit einem so maͤchtigen Koͤnige vermaͤhlet/ und eine Be- herrscherin so vieler Voͤlcker zu seyn/ uͤberstiege schier seinen Wunsch/ und vermuthlich ihre selbsteigene Hoffnung; also zweiffelte er nicht: daß sie mit beyden Haͤnden annehmen wuͤrde/ was zehn ihres gleichen zu vergnuͤgen genung waͤre. Nicht so wol er/ als der Himmel waͤre der vermaͤhlende Vater; und die Goͤttliche Versehung fuͤhrte sie zum Koͤnige Marbod ins Braut-Bette. Dem Verhaͤngnuͤße wieder- streben waͤre vergebene Arbeit; weil es den mit den Haaren nach zuͤge/ welcher ihm nicht frey- willig folgte; und daher in seine anleitende Fußstapffen zu treten/ die hoͤchste Klugheit. Thußnelde fiel Segesthen mit thraͤnenden Au- gen zu Fuße; danckte ihm fuͤr seine wolgemein- te Vorsorge; und daß er die dem Verhaͤng nuͤs- se selbst wiedrige Heyrath des Tiberius nun- mehr erkennte/ auch ihre Entschuldigung mehr fuͤr kein Laster hielte. Aber auch Marbods koͤnte GOtt nicht gefaͤllig seyn; weil dardurch die nichts minder vom Segesthes als ihr dem Hertzog Herrmann so betheuerlich gelobte Ehe zerrissen werden wolte. Der aus dem Fische geschnittene Ring waͤre ein Betrug des Mar- bods/ und kein Wunder-Zeichen des Ver- haͤngnuͤßes; mit dessen Lichte die Finsternuͤs seines boßhafften Gemuͤthes erleuchten wollen/ aͤrger waͤre/ als die Boßheit selbst. Denn es wunderte sie nur/ wie niemand aus so viel klu- gen Leuten die Falschheit der Gallischen Schrifft/ wie sie/ wahrgenommen haͤtte; nach dem die Bojen zu Zeiten Koͤnig Siegfests nicht die itzige Sprache der Gallier; sondern der Celten; auch nicht glatte/ wie im Ringe/ sondern gebrochene Buchstaben gebraucht haͤtten. Da- her flehete sie ihn wegen des heiligen Verhaͤng- nuͤßes/ welches den ihr Gewalt zu thun vorha- benden Marbod schon durch einen Natter bieß abgewiesen haͤtte/ demuͤthigst an: er moͤchte sie dieser einmahl zu belieben unmoͤglichen Hey- rath uͤberheben. Segesthes veraͤnderte hier- uͤber unter schiedene mahl Farbe und Gebehr- den; begegnete ihr daher mit ziemlicher Heff- tigkeit: Sie solte ihr den thummen Wahn mit der unvernuͤnfftigen Liebe des Herrmanns nur als einen eitelen Traum aus den Augen strei- chen; und in Auslegung des Wunder-Rin- ges sich nicht kluͤger/ als so viel scharffsichtige Z z z z z z z 3 Leute Achtes Buch Leute zu seyn; oder: daß das Verhaͤngnuͤs nicht solche Wunderdeutungen in eine mehr leßbare Schreib-Art den Menschen zum besten ver- wandeln koͤnte/ beduͤncken lassen. Allzu genaue Scharffsichtigkeit in uͤberirrdischen Dingen wuͤrde zur Blindheit/ und Unglaube zum Fall- Brete. Denn weil das Verhaͤngnuͤs allezeit seine verborgene/ das Gluͤcke seine absondere Ursache haͤtte/ muͤste man sich nicht zu sehr auff das Absehen der Vernunfft/ und die Klugheit scheinbarer Rathschlaͤge staͤmmen. Das Ver- haͤngnuͤs waͤre die weiseste Richtschnur; und das Gluͤcke die vorsichtigste Wegweiserin un- sers Thuns; die wo man weder vor/ noch hinter sich gewuͤst/ durch Felß und Wellen eine Aus- flucht eroͤffnete. Dahingegen unsere Anschlaͤge querwegs lieffen/ und die gewissesten Dinge krebs gaͤngig wuͤrden; weil jene die Vermessen- heit menschlicher Rathschlaͤge auffs grausamste zu straffen ihr fuͤr Ehre/ und das Verhaͤngnuͤs der wachsamsten Sorgfalt uͤberlegen zu seyn fuͤr ihre Eigenschafft hielte. Diese Strengigkeit solte Thußnelde/ da sie ihr Gluͤck und die vaͤ- terliche Gewogenheit nicht mit Fuͤssen von sich stossen wolte/ wol erwegen; und an dem Koͤnige Marbod behertzigen: daß in der Welt niemand so elende waͤre/ der nicht am Himmel seinen Gluͤcks-Stern stehen haͤtte; am Herrmann a- ber: daß die Thorheit selbten offt verkennte; oder die Hartnaͤckigkeit mehr mahls das regnende Sieben-Gestirne mit der heiteren Venus ver- wechselte; oder gar einen Jrrwisch fuͤr einen Leit-Stern erkiesete. Weil nun einen blinden auff seinem Jrrwege zu lassen eben so unverant- wortlich als eigene Thorheit waͤre; muͤste er/ als Vater/ end- und ernstlich befehlen ihr Ge- muͤthe zum Gehorsam; und ihr Vorhaben zu der nur wenig Tage auffschieblichen Hochzeit zubereiten. Die biß in die innerste Seele be- stuͤrtzte und halb-verzweiffelte Thußnelde ant- wortete Segesthen nun nicht mehr mit vo- riger Demuth; weil das Gewoͤlcke ihrer Be- stuͤrtzung das Licht ihrer Vernunfft mercklich vertunckelte: Jch bin schon bereitet zu sterben; meine Lebens-Zeit aber ist mir viel zu enge: daß ich mich einen Koͤnigs-Moͤrder zu ehlichen ge- schickt machen koͤnte. Jch wil sterben; ehe ich eine Eydbruͤchige gegen den tugendhafftesten Hertzog der Cherusker; und eine Magd eines Wuͤtterichs seyn wil. Jch wil sterben/ und mit meinen von aller andern Schuld reinen Haͤn- den nur wieder mich Grausamkeit uͤben lassen/ wormit ich sie zu keinem Werckzeuge der Un- treue brauchen doͤrffe. Seiner Freyheit sich enteussern ist viehisch; sie ihm aber nehmen las- sen/ knechtisch. Wer sich des Lebens halber zum Sclaven machen laͤst; versteht nicht: daß die Dienstbarkeit ein todtes Wimmern/ kein Le- ben sey. Wer nicht fuͤr Ruhm schaͤtzt sein Leben zu verschwenden um die Tugend nicht ein zubuͤs- sen; hat weder Ehre noch Leben in sich. Daher werde ich ehe auf hoͤren Segesthens Tochter/ als Hertzog Herrmanns Braut und Liebste zu seyn. Mich ver gnuͤget schon: daß es ruͤhmlicher ist eines solchen Heldens Gemahlin zu werden wuͤrdig/ als es wuͤrcklich seyn; ja/ daß es besser ist durch den Tod seine Braut zu seyn aufhoͤren; als durch Ehlichung eines andern sich unwuͤr- dig machen im Leben seine Braut zu seyn. Se- gesthes ward uͤber diesen letzten Worten so erbit- tert: daß er den Degen zuͤckte/ und Thußneldens Vater zu seyn ver gessen haͤtte; wenn nicht die aus dem Neben-Gemache hervortretende Fuͤr- stin Erdmuth ihm in die Armen gefallen/ und durch ihre Leitseligkeit diese truͤbe Wolcke zer- trieben haͤtte. Gleich wol rieß er sich voller Zorn aus dem Zimmer; und erwartete mit Ungedult Marbods in dem Seinigen; welcher endlich kam und erzehlte: daß Silius an des Kaysers Genehmhabung der zwischen ihm und Thuß- nelden angezielten Eh nicht zweiffelte; weil er bald anfangs des Tiberius Heyraths-Weꝛbung zu wieder gewest waͤre; und die Staats-Klug- heit fuͤr rathsamer hielte mit seinem Unvergnuͤ- gen Arminius und Thußnelda. gen ein vortheilhafftig Bindnuͤs erlangen; als mit seiner Ergetzligkeit ihm einen maͤchtigen Feind erwecken. Heyrathen waͤren Vermaͤh- lungen der Buͤrger/ Buͤndnuͤße aber der Fuͤr- sten. Stertinius hingegen/ als ein Schoß- Kind des Tiberius/ haͤtte hieruͤber viel Schwe- rigkeiten erreget/ und dieses Werck sehr weit geworffen. Nichts desto weniger haͤtte er ihm rund ausgesaget: daß/ weil Thußnelde dem Ti- berius niemahls ihr Wort gegeben/ haͤtte er kein Recht/ weniger aber ein solches zu ihr/ wie der Vater und das Verhaͤng nuͤs; ja seine eigene Koͤnigliche Macht und der wuͤrckliche Besitz Thußneldens ihm zueignete. Also muͤste er geschehen lassen/ was Tiberius fuͤr Empfind- ligkeit zu Rom hieruͤber schoͤpffen moͤchte; wie hingegen dieser ihm nicht wehren koͤnte; was er in seinem Gebiete fuͤr gut befindete. Jedoch wolte er nicht gerne mit den Roͤmern zerfallen; weil doch die Freundschafft zwischen denselben am bestaͤndigsten waͤre/ die ihre Kraͤfften noch nie gegen einander versucht haͤtten. Segesthes hingegen erschreckte den Marbod uͤberaus; als er ihm Thußneldens beharrliche Wiedersetzlig- keit/ und den Vorsatz ehe zu sterben/ als den Hertzog Herrmann zu lassen eroͤffnete; und zu- gleich einrieth selbter durch enge Bestrickung sich so viel mehr zu versichern/ und durch Schaͤr- fe andere Gedancken in Kopff zu bringen. Sintemahl doch der Zwang das beste Versiche- rungs-Mittel waͤre; und ein zweiffelhaffter Zweck ehe durch eusserste Entschluͤssung/ als mitlere Rathschlaͤge erreichet wuͤrde. Koͤnig Marbod aber/ welcher behertzigte: daß all zu grosse Schaͤrffe nur eine Gebaͤhrerin der Ver- zweiffelung/ und eine Stieff-Mutter der Liebe fey/ wolte sich so bald hierzu nicht entschluͤssen/ sondern setzte Segesthens Meynung entgegen: daß ihre Wiedersetzligkeit zwar dem Hertzog Herrmann und seinen Verleitungen/ Thuß- nelden aber selbst eben so wenig beyzumaͤssen sey/ als der Salbey die Toͤdligkeit/ welcher heil- same Blaͤtter die Kroͤte vergifftet hat. Und weil der Eigenschafft der Liebe nichts mehr/ als die Wuͤrckungen des Hasses/ nehmlich Gewalt und Grausamkeit zu wieder; die unzerbrechli- chen Felsen/ welche Hammer und Feuer nicht nachgeben/ vom linden Regen ausgewaschen/ und durch ein hanfenes Seil abgenuͤtzt werden; traute er ihm durch gelinde Mittel mehr/ als durch Hefftigkeit auszurichten. Denn das weibliche Geschlechte waͤre nicht nur so schoͤn; son dern entzuͤndete auch das maͤnnliche wie das Feuer; ja es vermoͤchte Laͤnder und Staͤdte ein- zuaͤschern; Daher muͤste man auch mit selbtem so behutsam/ als mit der Flamme umgehen. Es haͤtte nichts minder Rauch als Licht; dieses leuchtete denen Behutsamen/ jener aber schluͤge denen Unvorsichtigen in die Augen/ und preste ihnen Thraͤnen aus. Jenen waͤre Glut und Liebe eine lebhaffte Waͤrmde/ diesen eine toͤd- tende Einaͤscherung. Massen denn auch Koͤ- nig Marbod die Anstalt machte: daß folgen- den Tag fuͤnff und zwantzig Ritter im Namen der Marckmaͤnner und anderer zwischen der Elbe und Weichsel ihm gehorchender Voͤlcker Thußnelden eine Koͤnigliche Krone und vier und zwantzig Fuͤrsten-Huͤte zu ihren Fuͤssen legten/ sie anflehende: daß sie ihre Frau und Beherrscher in zu weꝛ den solche nicht verschmaͤ- hen moͤchte. Thußnelde hoͤrte diese Gesand- schafft zwar mit bestuͤrtztem Gemuͤthe/ und sahe diese Geschencke mit einem veraͤchtlichen Auge an; beantwortete sie aber mit einem freundli- chen Munde: Sie waͤre nicht aus der Lehre derselben gramhafften Weltweisen; welche Kron und Zepter als ein verdammliches Ding von sich stiessen/ und in einem geflickten Bett- lers-Mantel oder Wein-Fasse ihre Ehrsuͤch- tige Demuth versteckten; sondern sie schaͤtzte die Ehre so vielen Voͤlckern fuͤrzustehen fuͤr eine danck wuͤrdige Gabe des Verhaͤngnuͤßes/ ja fuͤr eine halbe Vergoͤtterung; weil Fuͤrsten gleich- sam ein Mittel-Ding zwischen GOtt und den Menschen Achtes Buch Menschen waͤren/ und mehr/ als viel tausend Niedrige Gutes stifften koͤnten. Aber die Ruhe des Gewissens waͤre ein so koͤstlicher Schatz: daß alles Kronen-Gold der Welt gegen ihr Bley/ und alle Edel-Gesteine fuͤr Bohnen zu halten waͤren. Jenen Schatz aber muͤste sie wegstossen/ wenn sie diesen aufhiebe; Da doch jener Verlust auch dem Feinde nicht zu goͤnnen waͤre; diesen aber viel verschmehet haͤtten/ die ihn gleich mit Rechte zu besitzen vermocht. Sie wuͤste wol: daß einige das Unrecht fuͤr ein der Herrschafft nicht unanstaͤndiges Ding und so gar Meineyd fuͤr zulaͤßlich hielten. Alleine diß hiesse GOtt spotten/ die Gerechtigkeit zur Eule machen; und den Diebstahl eines Sto- ckes verdammen; eines Koͤnigs-Stabes aber billichen. Daher solten sie ihr verzeihen: daß sie ihnen und diesem Gepraͤnge den Ruͤcken kehren muͤste. Denn sie waͤre entschlossen ihr Antlitz ehe dem Tode/ als dem Koͤnige Mar- bod und seiner Krone zu zuwenden. Mit wel- chen Worten sie auch sich in ihr innerstes Zim- mer zuruͤck zoh. Kurtz darauff kam die Fuͤr- stin Adelgund und setzte Thußnelden mit allen ersinnlichsten Liebkosungen zu: daß sie die Mut- ter-Stelle so wol uͤber sie/ als so viel sie anbe- tende Laͤnder zu fuͤhren sich erbitten lassen moͤch- te. Thußnelde hingegen verzuckerte ihr Nein mit einer wunderwuͤrdigen Anmuth; und schloß: Sie koͤnte auff diese Art ihre Mutter nicht seyn; sonder vorher ihre Selbst-Moͤrde- rin zu werden. Sintemahl die/ welche der Tu- gend sich enteusserten/ nicht lebendig/ sondern nur umgehende Leichen waͤren; und Hertzog Herrmann/ in dem sie mehr/ als in ihr selbst lebte/ nicht wuͤrde koͤnnen ihre Untreue verneh- men und unentseelet bleiben. Seiner Tochter Adelgund folgte Koͤnig Marbod auf dem Fus- se/ und druͤckte seine Liebꝛ mit so grossen Ver- sprechungen aus: daß aller anderen Frauen- Zimmer Hertzen/ ausser Thußneldens/ hier- durch haͤtten koͤnnen bewegt werden; welche a- ber ihm mit der hoͤchsten Bescheidenheit das unaufloͤßliche Band zwischen ihr und dem Che- ruskischen Hertzoge/ und die Ermessung seiner besor glichen Empfindligkeit aus Marbods ei- gener Liebes-Hefftigkeit einhielt; und nach dem sie wahrnahm: daß Marbods großmuͤthiges Hertze ehe mit vernuͤnfftigen/ als eussersten Entschluͤssun gen zu lencken waͤre; heuchelte sie ihm mit diesem Schlusse/ uͤber welchen er ihr nichts ferners zumuthen solte: Wenn sie nicht den Fuͤrsten Herrmann liebte/ wolte sie keinen andern als Marboden heyrathen. Als nun aber etliche Tage nach einander diese und viel andere Zusetzungen von ihr nicht anders/ als die Wellen von einem unbeweglichen Felsen zuruͤck prellten; machte sich der ergrimmte Se- gesthes mit dem letzten Sturm an sie; und nach dem er in hundert beschwornen Draͤuungen ihr Laub und Graß versagt hatte; schloß er: Du hast nunmehr die Wahl/ entweder in einem Koͤ- niglichen Bette zu schlaffen/ oder im stincken- den Kercker zu verfaulen. Thußnelden flossen anfangs die Thraͤnen als eine Bach aus den Augen; gleich als wenn die/ welche der Uhr- sprung ihrer Liebe gewest/ nunmehr ein Spring-Brunn ihrer Schmertzen seyn solten. Hernach aber versiegen sie auff einmahl; ent- weder weil ihr Hertzeleid schon alles Wasser in ihr erschoͤpfft hatte/ oder der trockene Schmertz hefftiger als der nasse ist; in dem durch seine U- bermaaß sich diese truͤbe Flut nicht anders als etliche andere Wasser zu versteinern pflegte. Endlich fieng sie nach etlichen tieffen Seuffzern bey Segesthens Beschlusse diese durch stetes Hertz-Klopffen mehrmahls unterbrochene Worte an: Jch erkiese mir nicht allein den Kercker und den Tod/ sondern dancke auch dar- fuͤr als eine vaͤterliche Mitgifft. Denn ein tu- hendhafft Gemuͤthe laͤst ihm lieber die Uber- bleibung seines Lebens abstricken/ welche ohne diß ungewiß/ und ins gemein nicht gar lang ist; als daß es durch ein schimpfliches Leben das groͤste Arminius und Thußnelda. groͤste Theil seines hinterlegten verunehren solte. Und es ist viel aͤrger/ um den Tod zu vermeiden/ also leben: daß man des Lebens nicht wuͤrdig ist; als dem Tode selbst in die Ar- men rennen/ wenn man nur den Ruhm ver- laͤst: daß man laͤnger zu leben wuͤrdig gewest waͤre. Sintemahl ohne diß das Gluͤcke benei- det/ die Lebenden gescholten werden; die Un- gluͤcklichen aber Mitleiden/ die Todten Ehren- Seulen erlangen. Segesthes ward hieruͤber mehr/ als vorher niemals entruͤstet; uñ nach dem er seinen Degen halb ausgezogen/ iedoch bald wieder stuͤrmerisch in die Scheide gestossen hat- te; brach er noch derogestalt aus: Du solst deine Hartnaͤckigkeit aͤrger/ als du dir traͤumen laͤst/ buͤssen. Denn wer seiner Gefahr spottet/ dessen spottet sie bald wieder. Hiermit entbrach er sich mit hoͤchster Ungedult aus dem Zimmer/ und lag dem Koͤnige Marbod an/ ihm selbst zum besten die Cattische Hertzogin aus seinem Reiche/ seine ungehorsame Tochter aber in ein strenges Gefaͤngnuͤs zu schaffen. Beydes ward auch derogestalt in wenigen Tagen vollstreckt; in dem die Hertzogin Erdmuth biß an die Saa- le gefuͤhret/ Thußnelde aber in ein unter dem Sudetischen Gebuͤrge auf einem hohen Stein- Felsen gelegenes Schloß gantz einsam einge- sperret ward. Von diesem/ meldete die Graͤfin von der Lippe/ habe ich umstaͤndlichen Bericht geben koͤnnen. Weil ich nun das Gluͤcke hatte mit Thußnelden/ wiewol nicht an einem Orte/ eine Gefangene abzugeben; Die Unwissenheit aber bey niemanden vermuthlicher und verant- wortlicher/ als bey Eingekerckerten ist/ als wird Fuͤrst Adgandester den Verfolg so viel glaub- haffter nachtragen koͤnnen. Dieser fand sich alsofort darein/ und fieng an: Ehe Thußnelde noch so feste verschlossen ward/ kam Tiberius nach Meyntz/ Stertinius aber verstaͤndigte ihn alles/ was sich mit ihr begeben hatte. Wor- auff Tiberius vom Koͤnige Marbod zwar die Abfolgung seiner Braut hoͤflich suchte; Sege- sthen aber einen nachdencklichen Draͤu-Brieff schrieb; und im Fall er ihm nicht zum Besitz seiner Tochter verhuͤlffe/ ihm rund heraus sag- te: daß er ihn nicht allein des geschenckten Lan- des zwischen dem Meyn/ der Saale/ und dem Brunnen der Weser an dem Gabretischen Ge- buͤrge/ sondern auch seines an der Emß ererb- ten Hertzogthums entsetzen wolte. Segesthes/ wie eiffrig er vor fuͤr Koͤnig Marbods Heyrath gearbeitet/ so bestuͤrtzt war er itzt. Denn die hefftigsten Bewegungen der Begierden sind doch ein unfehlbares Kennzeichen der groͤsten Gemuͤths-Ohnmacht. Daher er entweder aus Furcht/ oder wenigstens zum Scheine beym Marbod anhielt dem Stertinius und Silius/ welcher nunmehr aus gleichmaͤßiger Furcht fuͤr den Tiberius reden muste/ die ohne diß zu seiner Liebe allem Ansehen nach unbewegliche Thußnelde folgen zu lassen. Marbod aber ant- wortete ihnen ins gesamt: daß ein Koͤnig/ der ihm liesse den Purper seines Ansehens/ und sei- ne Braut abtrotzen/ seine Schwaͤche zeigte/ und Anlaß gaͤbe/ ihn auch vollends seines Reichs/ ja seines Lebens zu berauben. Sintemahl die An- tastung seines Zepters nur die angendmmene Hoheit eines Fuͤrstens/ ohne die ihrer so viel hun- dert tausend ver gnuͤgt lebten/ die Bekraͤnckung aber seines Hertzens ihn als einen Menschen beleidigte/ welchen er nicht ausziehen koͤnte. Weil er nun Thußnelden fahren zu lassen nicht verantwoꝛtlich/ Steꝛtinius abeꝛ andereꝛ Gestalt etwas buͤndiges zu schluͤssen nicht fuͤr thulich hielt/ musten Segesthes/ Silius und Sterti- nius nach etlicher Monate vergeblicher Hand- lung nur unverrichteter Sachen Abschied neh- men; wiewol Segesthes dem Tiberius nicht traute/ sondern unter einem scheinbaren Vor- wand seinen Weg durch das Land der Her- mundurer zum Quintilius Varus einrichtete/ um ihm selbten bey so verwirrtem Zustande zum Freunde zu machen. Koͤnig Marbod/ der bey solcher Beschaffenheit den Krieg mit den Roͤmern fuͤr Augen sah/ und nach der Richt-Schnur der Staats-Klugheit wol Ersterl Theil. A a a a a a a a ver- Achtes Buch verstund lincks und recht zu seyn/ auch mit zwey- en Antlitzen vor und hinter sich zu sehen/ kehrte nunmehr seine Deichsel gantz anderwerts hin; schloß noch selbigen Tag mit denen heimlich an- wesenden Gesandten der Pannonier und Dal- matier das verlangte Buͤndnuͤs; und bewegte den Quaden-Koͤnig Vannius zu einer ansehn- lichen Kriegs-Bereitschafft. Hingegen schlieff Tiberius auch nicht/ sondern stellte sich so wol selbst/ als durch den Sentius Saturnin und Silius in gute Verfassung. Welche uͤber aus grosse Krieges-Ruͤstung der Roͤmer dem Quin- tilius Varus so viel mehr Gelegenheit gab die Cherusker/ Bructerer/ Sicambrer/ Catten und andere Voͤlcker zwischen dem Rhein und der Elbe auffs eusserste zu druͤcken. Sintemahl sie sich theils fuͤr der grossen Roͤmischen Macht nicht ruͤcken dorfften; theils ihre Ungedult ver- schmertzen musten/ um dieses wieder den Mar- bod auff ziehende Gewitter nicht ihnen auf den Hals zu ziehen. Jnsonderheit aber beseuffzete Hertzog Herrmann/ dem die Fuͤrstin Erdmuth Thußneldens Gefahr und Gefaͤngnuͤs um- staͤndlich berichtet hatte/ sein und seines Vater- landes Nothstand. Wie er nun einst des Nachts diesen schwermuͤthigen Gedancken nach hieng/ kam ein langer weisser Geist bey hellem Mon- den-Schein fuͤr sein Bette; er grieff ihn bey der Hand/ und redete ihn mit diesen gantz verstaͤnd- lichen Worten an: Es ist Zeit/ Herrmann/ daß du deiner ertrinckenden Thußnelde zu Huͤlffe kommst. Herrmann/ der ohne diß et- liche Stunden gantz wache war/ und diß fuͤr keinen Traum annehmen konte; antwortete oh- ne Bedencken: Jch wils thun; stand auch von Stund an auff; nahm drey der bewehrtesten Ritter zu sich; und ritt mit selbten in Jaͤger- Tracht noch fuͤr Tage fort; nach dem er mich mit wenigen Worten zu seinem Stadthalter verordnete/ und beredete: daß er in unauff- schieblichen Reichs-Geschaͤfften den Hertzog Jngviomer ins geheim/ und ohne des Quinti- lius Varus Vorbewust heimsuchen muͤste. Er lenckte aber bald gegen der Saale/ all wo er sich und seine Gefaͤrthen wie Marck maͤnner aus- kleidete. Keiner unter diesen wuste/ wohin sein Anschlag waͤre/ ja Herrmann selbst nicht; in dem Vertrauen: daß weil der Himmel sein Auffwecker gewest waͤre/ wuͤrde er auch sein Wegweiser seyn. Zumahl ihm die Cattische Hertzogin zwar: daß Thußnelde auf einem Berg-Schlosse gefangen saͤsse/ nicht aber den eigentlichen Ort zu wissen gemacht hatte. Herꝛ- mann setzte seinen Weg gleich wol durch das Ge- biete der Hermundurer gegen Marbod-Stadt/ allwo er etwas gewisses zu vernehmen hoffte/ getrost fort. Also kam er an der Elbe nahe an das Sudetische Gebuͤrge; und ob zwar in einem dicken Walde ihn ein erschreckliches Donner- Wetter uͤberfiel/ ließ er sich doch an der Reise nichts auff halten. Denn ihm ahnte etwas un- gemeines/ und sein Hertz sagte ihm ein abson- deres Ebentheuer wah r . Nach des gantzen Tages verdruͤßlicher Reise brachte sie der Weg gerade an den Elbe-Strom; da sie denn theils der Mangel eines Abweges/ theils die sie nun- mehr uͤberfallende stock finstere Nacht an die sem Ufer zu bleiben noͤthigte. Der offtere Blitz zeigte ihnen zwar auff der andern Seite des Flusses etwas Strom auff ein hohes Gebaͤue; aber in Mangel der Schiffe konten sie dahin nicht gelangen; sondern die breiten Aeste etli- cher dicken Baͤume must e n ihnen fuͤr ein Dach dienen. Das Gewitter schien fast gar verzogen zu seyn/ als ein erschrecklicher Schlag/ darvon nicht nur sie/ sondern der Erd-Boden erbeb- te/ in vorerwaͤhntes hohe Gebaͤue in Gestalt einer langen Feuer Seule einschlug; worauff denn alsofort der Himmel sich ausklaͤrte/ und der Mohnde ihrem Augenmaße nach uͤber die Erde empor kam. Herrmann befahl hierauf seinen Gefaͤrthen etwan einen andern Weg/ oder eine Huͤtte zur Ubernachtung zu suchen. Wie er nun derogestalt gantz alleine an der El- be Arminius und Thußnelda. be saß/ sahe er von ferne einen kleinen Nachen den Strom herab fahren; in Meynung: daß etwan seine Ritter einen Schiff-Mann zur U- bersetzung errufft haͤtten. Alleine/ wie dieser Nachen kaum eines Bogen-Schusses von ihm war/ stieß er so harte an einen entweder unter dem Wasser verborgenen Baum oder Felß/ daß er sich umkehrte; und an statt: daß alles fuͤr seinen Augen verschwand/ ihm nur ein einiger Gall ins Gehoͤre; und der ihm vorhin erschienene Geist ins Gesichte fiel; ihm zuruffende: Es ist Zeit/ Herrmann/ zu helffen. Dieser warff au- genblicks seinen Rock von sich/ sprang in den Fluß/ und schwam gerade mitten in Strom; darinnen er denn also fort etwas/ das selbter herab trieb/ zu Gesichte bekam; also sich mit demselben armte/ und ans Ufer brachte. Er hatte noch ein Stuͤcke zu schwimmen/ als seine drey Ritter mit etlichen in einer nicht ferne von der gefundenen Kohl-Huͤtte angezuͤndeten Kyn Hoͤltzern zuruͤck kamen/ und ihres aus dem Wasser mit einem Menschen steigenden Her- tzogs Zufall nicht begreiffen konten. Herr- mann/ welcher bereit wahr genommen hatte: daß seine Beute zwar ein Weibes-Bild/ aber ohne Regung war/ ließ ihm dieses alsofort be- leuchten; Er sanck aber bey dem ersten Anbli- cke fuͤr todt zu Bodem. Wiewol diß nun die Ritter auffs empfindlichste erschreckte/ vergas- sen sie doch nicht ihre Vorsorge den Hertzog zu kuͤhlen/ dieses allem Ansehen nach geringe Frauen-Zimmer zu reiben; und sie auff zuhe- ben/ wormit ihr das eingetrunckene Wasser zum Halse heraus schuͤssen konte. Welches letz- tere denn zu athmen anfieng/ ehe Hertzog Herꝛ- mann sich wie der besinnen konte. So bald diß aber geschach; waren seine erste/ wiewol ver- brochene Worte: Jst sie todt? Wie sie ihn aber versicherten: daß sie an ihr Leben verspuͤrten; kam er wieder so weit zu Kraͤfften: daß/ nach dem er das zwar Lufft-schoͤpffende/ aber noch mehr todt als lebende Frauen-Zimmer mit ei- nem tieffen Seuffzer gekuͤst hatte/ sie ihn zu Pferde setzen und gegen der Kohlen-Huͤtte lei- ten konten; dahin denn auch ihrer zwey die aus dem Wasser gezogene mit unter sich gekehrtem Antlitze trugen; und beyde mit etlichen von dem Kohl-Weibe uͤber den gluͤenden Kohlen ge- waͤrmten Tuͤchern rieben. Hertzog Herrmanns Hertze wallete inzwischen so tief zwischen Furcht und Hoffnung: daß er mehr einem traͤumen- den/ als wachenden gleich war; biß das Frauen- Bild nach und nach ein und anderes Glied zu regen/ und die Augen zu oͤffnen begonte. Die- semnach denn Hertzog Herrmann sie kniend umarmte und anredete: Wilstu/ meine Sonne/ mich Todten nicht mit deinen Strahlen le- bendig machen? Sie sahe ihn hierauff zwar mit starren Augen/ aber sonder einige andere Be- wegung an. Wie nun Herrmann mehrmahls nichts minder seine Liebe/ als Mitleiden auffs klaͤglichste ihr vorhielt; holete sie einen tieffen Seuffzer/ und bewegte die Lippen. Endlich fieng sie/ wiewol sehr unverstaͤndlich an: Leb ich? und nach einer guten Weile: Jch Elende! wil mich auch der Tod nicht haben: daß mich nur das Leben mehr martern koͤnne; welches doch ich nicht haben mag? Dem Hertzog Herr- mann schossen die Thraͤnen haͤuffig uͤber die Wangen/ und er antwortete ihr: Lebe/ lebe mein Leben: daß ich nicht sterbe; du aber mich liebest! Sie hingegen machte hieruͤber eine grausame Gebehrdung/ sagende: Liebe! Lie- be! besser sterben und nicht lieben/ als leben/ und deine Hoͤllen-Pein fuͤhlen! Herrmann kuͤste inzwischen ihr die Hand; welche sie aber weg zoh/ und anfieng: Hilff Gott! leb ich noch unter der Henckerey derer/ die unter dem Schein der Liebe meine Tod-Feinde sind? Und eine Weile darauff: Also leben/ ist kein Leben; sondern nur nicht auffhoͤren zu sterben. Worauff sie noch etliche verwirrte Worte her- aus ließ/ und zu schlaffen anfieng. Daher denn die Ritter dem Hertzoge riethen: daß/ da er A a a a a a a a 2 diesem Achtes Buch diesem Frauen-Zimmer das Leben und was gutes goͤnte/ muͤste er ihr und ihm selbst die Ru- he goͤnnen. Welchem er denn derogestalt nach- kam; wiewol sein und ihr Schlaff oͤffters Merckmaale ihrer Unruh von sich gab. Er enteusserte sich des Schlaffes mit dem tagenden Morgen. Daher er denn von dieser wol zwey Stunden nach der Sonnen Auffgange Schla- fenden kein Auge verwendete/ und/ so viel mahl sie Athem holete/ gleichsam eine neue Krafft be- kam/ ja sich sie zu umarmen aus Beysorge den Schlaff ihr zu stoͤren kaum enthalten konte. Endlich erwachte sie; und sahe nunmehr bey gesundem Verstande den Fuͤrsten Herrmann vor ihrem Gesichte. Traͤumet mir? fieng sie an/ und hob sich von ihrem armseligen Bette des guthertzigen Kohl-Weibes auff. Keines Weges/ meine Seele/ meine him̃lische Thuß- nelde/ versetzte Herrmann; und umarmte sie mit einer unbegreiflichen Hertzens-Freude. Jst es glaublich: daß ich lebe/ und zugleich dich/ mein Leben/ hier finde? fuhr sie fort; welcher er ant- wortete: daß sie an beyden nicht zu zweiffeln/ sondern GOtt fuͤr ihre Erhaltung zu dancken/ auch zu glauben haͤtte: daß er itzt allererst mit ihrer Wiederersetzung wieder zu leben anfien- ge; weil er durch die Sorge fuͤr sie taͤglich mehr/ als zehnmahl waͤre entseelet worden. Sintemahl eine verliebte Seele/ wenn sie nicht weiß/ was seine Geliebte leidet/ eben diß/ ja ein mehrers deßhalben ausstehe; weil sie es nicht weiß; nach dem die Furcht alles Boͤse vergroͤs- serte/ wie es die Hoffnung verkleinerte. Mit diesen liebkosenden Wortwechselungen brachten sie wol eine halbe Stunde zu/ ehe eines das an- dere/ wie sie zusammen kommen waͤren/ zu fra- gen vermochte. Endlich machte die ihre Freu- de kaum begreiffende Thußnelde hier innen den Anfang: welcher denn Herrmann auffs kuͤrtze- ste erzehlte: wie ein guter Geist ihn an die El- be gefuͤhret/ und sie aus dem Wasser zu erretten geleitet haͤtte. Worauff sie auff ihre Knie zur Erden sanck/ und der Goͤttlichen Versehung/ der himmlischen Beschir mer in fuͤr diß Wunder- werck ihrer Erloͤsung inbruͤnstig danckte. Sie hingegen berichtete: daß Koͤnig Marbod nach vergebens geschehener Liebes-Werbung sie in ein an der Elbe gelegenes Schloß eingesperret; das Wetter aber in den Thurm eingeschlagen; und weil sie zu allem Gluͤcke sich in einem Ne- ben-Zim̃er befunden/ ihre Ohren nur etwas be- taͤubet/ ihre Bewahrer aber getoͤdtet/ die Thuͤ- ren des Gefaͤngnuͤsses eroͤffnet/ ja ihr eigentli- ches Wohngemach nebst etlichen andern gantz eingeaͤschert haͤtte. Dieser Gelegenheit und Ungluͤcks haͤtte sie sich zu ihrem Vortheil bedie- net; und weil die uͤbrigen Einwohner des Schlosses fuͤr Schrecken gleichsam in starren- de Seulen waͤren verwandelt worden; haͤtte sie sich uͤber den Grauß der eingeworffenen Ge- baͤue herab gearbeitet/ und an dem Ufer einen Fischer-Kahn gefunden/ mit welchem sie sich uͤ- ber den Fluß zu setzen bemuͤhet; weil sie aber we- gen Unerfahrenheit im Schiffen das Ruder eingebuͤsset/ haͤtte sie der Strom mit genom- men/ und so viel sie sich erinnerte/ den Kahn uͤ- ber und uͤber gedrehet; also: daß/ was sich fer- ner mit ihr begeben/ das wenigste zu sagen; wol aber ihr Leben GOtt und dem/ welchem sie es ohne diß als ein Opffer fuͤrlaͤngst gewied- met/ zu dancken haͤtte. Hertzog Herrmann muste bey dieser Erzehlung die unbegreifliche Vorsorge Gottes nicht allein durch eine inner- liche Andacht verehren; sondern er brach auch/ seine Augen gegen den Himmel wendende/ in diese Worte heraus: Du allsehendes Auge der Goͤttlichen Versehung! wie deutlich zeigestu doch in deinen Schickungen: daß du uns Menschen fuͤr dein angenehmes Eigenthum haͤltest; und/ um diß nicht zu verlieren/ keinen Blick von uns verwendest! Warlich/ deim Ge- stalt ist voller Ohren; denn du hoͤrest auch das ohn maͤchtige Winseln derer in unterirrdische Kercker versteckter Elenden; dein Antlitz hat nicht Arminius und Thußnelda. nicht nur/ wie das von den Griechen gemach- te Bild des Jupiters drey Augen/ welche Him- mel/ Erde und Hoͤlle durch dringen/ das ver- borgene/ gegenwaͤrtige und kuͤnfftige erkiesen; sondern es ist ein mehr als hundertaͤugichter Argos; ja alles voller Augen; denn du siehest auch in stock finsterer Nacht unsere Gefahr; und kein Haar kan ohne deine Vorsehung von unser Scheitel fallẽ. Dein Hertze floͤsset uns mit mehr Bruͤsten/ als eine Jsis gehabt/ die suͤsse Mutter- Milch deiner unerschoͤpflichen Guͤtigkeit ein; wormit iederman sich an dem Uberflusse deiner Wolthaten saͤttigen koͤnne. Wer wil nun/ ausser ein Unmensch/ zweiffeln: daß du unser Gluͤck und Ungluͤck nach dem Gewichte deiner Ge- rechtigkeit abgemaͤssen/ ja uns noch eine Zuga- be deiner Barmhertzigkeit beygeleget hast/ ehe wir von dir gemacht worden; und uns daher fuͤr kein so geringschaͤtzig Ding bey dir zu halten haben/ daß dir nur einen Augenblick unser An- dencken entfallen koͤnte? Sintemahl aus ge- gen waͤrtigem Falle augenscheinlich erhellet: daß die Goͤttliche Weißheit auch dieselben Din- ge/ welche die allerverwirresten Zufaͤlle zu seyn scheinen/ nehmlich die Ergiessungen der Re- gen/ den Blitz der donnernden Wolcken/ Ge- witter/ Schiffbruch und Erdbeben auff seinem Finger abwiege; wormit selbte als Werckzeu- ge nicht nur seines Zornes/ sondern auch Er- barmens den fuͤrgesetzten Zweck erreichen/ un- sere Kercker erbrechen/ und unsere Fessel zer- schmettern. Darum last uns nur auch GOtt; welchem kein irrdischer Werck meister an Fleiß und Klugheit es zuvor thut/ uͤber uns und die Zeit die Auffsicht und Eintheilung anheim stel- len; und des uns anvertrauten Pfundes be- hutsam wahrnehmen! Boͤses und Gutes rin- net aus diesem einigen Brunnen; darum last es uns auch mit einerley Gesichte anneh- men; und versichert leben: daß uns niemahls nichts Boͤses denn zu unserm Besten begegne! Hierauff berathschlagten sie; wie sie nun ihre Ruͤck-Reise sicher anstellen solten; nach dem zwar allem Ansehen nach iederman Thußnel- den fuͤr todt und unter dem Grause des meh- rentheils eingeaͤscherten Schlosses begraben zu seyn erachten wuͤrde; Gleichwol aber in dem Gebiete des so wachsamen Marbods sich lange auffzuhalten nicht sicher/ und keine Behutsam- keit genung; ja diese zuweilen die erste Ver- raͤtherin eines Geheimnuͤßes waͤre. Diesem- nach sie denn von dem einfaͤltig- und guthertzi- gen Kohl-Manne nach einer danck baren Be- schenckung Abschied nahmen/ sich aber so lange verbargen/ biß ein Ritter in dem nechsten Dorffe ein geringes Kleid und Pferd erkauff- te/ und dahin brachte; welches einer unter ih- nen an statt seines/ das er Thußnelden zur Verkleidung geben muste/ gebrauchte. Nach dem auch auff der Cheruskischen Graͤntze Va- rus viel Roͤmisches Kriegs-Volck zusammen fuͤhrte/ das Saturnin wieder den Marbod fuͤhren solte/ Thußnelde auch noch zur Zeit ih- re Vermaͤhlung nicht fuͤr thulich; und beym Hertzog Herrmann sich aufzuhalten fuͤr be- dencklich hielt; richteten sie ihren Weg gegen der Catten Haupt-Stadt Mattium ein; all wo Hertzog Arpus mit seiner Gemahlin Erdmuth Hoff hielt; theils mit diesem Hertzoge noch mehr Vertraͤuligkeit bey so gefaͤhrlichem Zu- stande Deutschlands/ da Varus ihrer Freyheit vollends das Messer an die Gurgel setzte/ zu stifften; theils Thußnelden wieder in die treuen Haͤnde dieser tapfferen Fuͤrstin zu uͤberantworten. Sie kamen in dreyen Tage - Reisen aus dem Gebiete des Koͤ- nigs Marbod sonder den geringsten An- stoß; ungeachtet das Geschrey ihnen schon zuvor kommen war: daß die vom Marbod gefaͤnglich gehaltene Thußnelde in einem vom Donner eingeaͤscherten Schlosse verfallen; Marbod aber hierdurch fast in Verzweiffelung A a a a a a a a 3 versetzt Achtes Buch versetzt worden waͤre; in dem ihn theils die Heff- tigkeit seiner Liebe/ theils sein uͤber so strenger Verfahrung aͤngstiges Gewissen beunruhig- te. Als sie aber schon uͤber die Cattische Graͤn- tze in einen Wald kamen/ hoͤrten sie ein erbaͤrm- liches Geschrey und ein Geraͤusche von Pfer- den sich ihnen ie mehr und mehr naͤhern; weß- wegen sie sich ein wenig aus dem Wege in ein Gepuͤsche setzten. Nach dem sie aber wahr- nahmen: daß von neun Reutern ein Frauen- Zimmer von schoͤner Gestalt und nicht gerin- gem Ansehen/ wiewol mit zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern gewaltsam fortge- schleppet ward; war Thußnelde die erste/ die diesen Raͤubern die unanstaͤndige Beute abzu- nehmen erinnerte; wormit sie und Hertzog Herrmann nebst denen drey Rittern solche also fort ansprengten; und ehe sie ihrer recht gewahr wurden/ fuͤnff Raͤuber entweder toͤdteten oder aus dem Sattel hoben; die vier uͤbrigen aber auf die Flucht und ihre Beute zu verlassen noͤ- thigten. Diß Frauen-Zimmer/ welches sie fuͤr ihr vom Himmel zugeschickte Schutz-Geister hielt/ wuste nicht Worte genung zu finden fuͤr ihre Erloͤsung zu dancken; berichtete hiernebst mit zitternden und erblaßten Lippen: Sie waͤre Rhamis des Cattischen Hertzogs Ukrumer Tochter/ und eine Braut des Dulgibinischen Fuͤrsten Segimers/ des Segesthes Brudern. Diesem zugefuͤhret zu werden waͤre sie auf dem Wege begrieffen gewest; aber von einem Schwarm mehr als fuͤnffhundert meist Roͤ- misch gekleideter Kriegs-Leute uͤberfallen; und an diesen Ort geschlept worden/ unwissende wie das Gefechte mit ihren viel schwaͤchern Beglei- tern abgelauffen seyn wuͤrde. Hertzog Herr- mann und Thußnelde bezeugten gegen dieser Fuͤrstin ein absonderes Mitleiden; und ver- sprachen sie in ihrer Gesellschafft ihrem Herꝛn Vater in der Stadt Bicurg/ dahin sie ohne diß der Weg truͤge/ zuzubringen. Hertzog Herr- mann aber bedreute mit gezuͤcktem Degen zwey der noch lebenden Raͤuber zu entdecken/ wer sie waͤren; und auff wessen Befehl sie diesen Raub begangen haͤtten? Der eine war so verstockt: daß er ihm lieber das Schwerdt in Daͤrmen um- wenden ließ; als ihm einiges Wort abzubrin- gen war; der andere aber sagte umstaͤndlich heraus: daß Quintilius Varus/ der sich in diese Fuͤrstin verliebt haͤtte; als er in seinem Durch- zuge vom Fuͤrsten Ukrumer aufs herrlichste waͤ- re bewirthet worden/ von ihrer Abholung Kundschafft erlanget/ und sechshundert Reisi- gen ihr auffzulauern/ und sie ihm zu entfuͤhren befehlicht haͤtte. Hertzog Herrmann bieß uͤber dieses Roͤmers Frevel-That die Zaͤhne zusam- men; und schwur/ die Deutschen entweder die- ses Jochs zu entbuͤrden/ oder das Leben nicht zu haben; zwang auch diesen Raͤuber ihm zu fol- gen. Sie ritten etwan eine halbe Meile fort/ und kamen auff ein blanck es Feld; wurden aber alsofort dreyer Hauffen gegen sie ankommen- den Kriegs-Volcks gewahr; fuͤr welchem sie sich zwar wieder in den Wald zu verstecken ver- meinten; weil aber ihre Pferde von der starcken Reise abgemattet waren/ wurden sie bey Zeite eingeholet und umringt. Gleichwol aber zo- hen jene wenige von Leder; und ermahnte sie Hertzog Herrmann mit dem Degen ihnen ei- nen Weg und Ausflucht zu eroͤffnen. Es gab aber ein Ritter/ der den Vordrab fuͤhrte/ und die Fuͤrstin Rhamis erkennte/ ihnen ein Zeichen des Friedens; weil sie keine Feinde waͤren. Hier- auff naͤherte sich auff dieses Ritters Nachricht alsofort der Fuͤhrer des erstern Hauffen; sprang vom Pferde um die Fuͤrstin Rhamis zu empfan- gen; welcher denn hiermit fuͤr den Hertzog Se- gimer/ der seiner Braut entgegen kam/ erken- net ward. Als dieser mit der Fuͤrstin Rhamis sich unterhielt/ kam der andere und dritte Hauf- fen auch darzu; dessen Fuͤhrer denn alsofort Hertzog Herrmann und Thußnelde fuͤr Sege- sthen erkennte; welcher mit tausend Caßuari- ern gegen dem Meyne gieng/ um das von dem Tiberius Arminius und Thußnelda. Tiberius an dem Fluße Werre geschenckte/ oder als ein ihm vielmehr durch Erbgangs-Recht zu- gefallene Stuͤcke Landes bey bevorstehendem Roͤmisch- und Marckmaͤnnischen Kriege in bes- sere Verwahrung zu nehmen/ und bey dieser Gelegenheit seinen Bruder Segimer begleite- te. Es ist unschwer zu ermaͤssen/ was diese Zu- sammen kunfft beyden fuͤr Gemuͤthsaͤnderung gegeben; welche sich so viel mehr vermehrte; als Segesthes sie beyde starr ansahe/ bald erblaste/ bald sich wieder faͤrbte; endlich zum Segimer anfieng: Mein Bruder/ wenn ich nicht vom Koͤnige Marbod eigenhaͤndige Nachricht haͤt- te: daß meine Tochter vom Blitz erschlagen waͤre; solte ich mir einbilden hier so unverhofft mein Kind/ als du deine Braut zu finden. Thuß- nelde dieses hoͤrende/ drehte sich mit dem Pferde um/ und gab dem Pferde die Sporne sich zu fluͤchten. Segesthes wolte ihr folgen; Hertzog Herrmann aber wiedersetzte sich ihm mit ge- waffneter Hand; aber es waren in einem Au- genblicke wol zwantzig Schwerdter uͤber dem Cheruskischen Hertzoge und seinen ihm beyste- henden Rittern. Die Fuͤrstin Rhamis dieses sehende/ fieng erbaͤrmlich an zu wehklagen/ und den Hertzog Segimer zu beschweren: Er moͤch- te diese tapffere Ritter/ welche sie fuͤr einer Stunde aus den Haͤnden der grausamsten Raͤubeꝛ errettet haͤtten/ nicht so undanckbar auf- opffern lassen. Segimer ritt also darzwischen/ und mahnete seinen Bruder von solcher Ge- walt-That ab. Segesthes aber antwortete: Kennestu nicht den Raͤuber meiner Tochter Herrmann? Dieser versetzte: O du undanckba- rer Guckuck; ist das der Lohn: daß ich dir zweymahl das Leben errettet/ und deine tugend- haffte Tochter noch fuͤr wenig Tagen aus dem Rachen des Todes gerissen habe? Dessen unge- achtet; fuhr Segesthes nicht nur selbst in seiner Gewalt-That fort; sondern befahl auch seinem gantzen Hauffen sich des Cheruskischen Her- tzogs als seines Tod-Feindes zu bemaͤchtigen. Segimer ward hieruͤber nicht wenig erbittert; und setzte sich dem Segesthes selbst entgegen/ also: daß beyde Hauffen mit daruͤber in ein blu- tiges Gefechte geriethen; und sich allerseits son- der eigentliche Erkiesung: wer Feind oder Freund waͤre/ einander erwuͤrgten. Massen denn/ ungeachtet die Fuͤrstin Rhamis/ wie auch die zuruͤckkommende Thußnelde/ und zwar um so viel mehr von denen Chaßuariern erkennt zu werden/ mit entbloͤsten Bruͤsten sich zwischen die Streitenden einmischten/ und nach dem Beyspiel der Sabinischen Frauen beyder Zorn und Blutstuͤrtzung zu unterbrechen bemuͤhten; nahm doch ihre Verbitterung keine Kuͤhlung an; weil Segesthes die Seinigen auf den Her- tzog Herrmann bedreulich anfrischte/ Segimer aber den Erloͤser seiner Braut Huͤlff-loß zu las- sen fuͤr die schimpflichste Kleinmuͤthigkeit hielt. Also fochten Hertzog Herrmann und Segimer zwar als zwey Loͤwen; aber nach dem der letzte in den rechten Arm verwundet ward: daß er den Degen nicht mehr brauchen konte/ dem er- sten sein Pferd getoͤdtet/ ihm auch wol sieben Wunden angebracht wurden/ uͤber diß Sege- sthens Hauffen wol dreymahl des Segimers uͤ- berlegen war/ wurden die drey Cheruskischen/ und nicht wenig Dulgibinische Ritter erlegt/ die wenigen uͤbrigen in die Flucht bracht; und Her- tzog Herrmann blieb ohnmaͤchtig auf dem Pla- tze liegen. Woruͤber Thußnelde sich uͤber ihn streckende ein so klaͤgliches Geschrey anfieng: daß es alle Menschen/ ausser den Segesthes; ja einen Stein zum Erbarmnuͤs haͤtte bewegen moͤgen. Ob nun wol Segimer und Rhamis dem Segesthes mit harten Worten seiner ver- uͤbten Grausamkeit halber zusetzten/ Thußnel- de auch ihrem Vater das Gewissen ruͤhrte und einhielt: Wie Hertzog Herrmann sie aus der Elbe und dem Tode errettet haͤtte; ließ er sich doch das minste bewegen; sondern/ weil die un- vernuͤnftigen Gemuͤths-Regungen ihre eigene Blindheit fuͤr fremde Flecken/ und Schielenden auch Achtes Buch auch die vollkommensten Spiegel fuͤr schlimm halten/ schuͤttete er wieder den Hertzog Herr- mann und Thußnelden allerhand hefftige Schelt-Worte aus; ja als Herrmann sich ein wenig nur erholet/ ließ er Ketten bringen/ sie beyde darmit belegen/ und auff einem Wagen wegfuͤhren; seinem Bruder meldende: Er moͤchte ihm seine Braut/ welche nichts minder/ als Thußnelde bey ihrer wolgemeinten Schei- dung etliche/ wiewol nicht gefaͤhrliche Wun- den bekommen hatte/ heim/ oder/ wohin es ihn beduͤnckte/ fuͤhren. Denn nach dem er sich seines Feindes angemast haͤtte/ verlangte er sei- ner Gemeinschafft nicht mehr/ Segesthes kam hierauff mit seinen Gefangenen nach Henne- berg/ allwo er dem Fuͤrsten Herrmann/ welcher seiner Meynung nach ihm allein an Erlan- gung der obersten Feldherrschafft im Wege stand/ allem Vermuthen nach das Licht ausge- lescht haͤtte/ weil doch die Feindschafft den Tod des Verhaßten fuͤr den Hafen seiner Sicher- heit/ und der Ehrgeitz die Einaͤscherung seiner Neben-Sonne fuͤr seinen Leit-Stern haͤlt/ weñ er nicht ein Schreiben vom Tiberius daselbst gefunden haͤtte/ welcher zu Damasia in Rhetien sich auffhielt/ und an der Donau und Lech An- stalt zum Kriege wieder den Marbod machte. Darinnen beschwerte er sich uͤber den Sege- sthes: daß er seine ihm versprochene Tochter ei- nem Feinde der Roͤmer verlobet/ hierdurch nicht allein zu ihrem so grausamen Tode und Kraͤnckung seines Gemuͤthes/ sondern auch dem Kayser zu grossem Mißtrauen Ursach gegeben haͤtte. Diesemnach solte er diese Scharte nun- mehr durch einen ansehnlichen Vorschub an Vorrath und Huͤlffs-Voͤlckern auswetzen; und sich derogestalt sehen lassen: daß der Kayser ihn fuͤr einen Freund oder Feind zu unterscheiden/ und wegen der deutschen Feldherrschafft auff sein oder des Fuͤrsten Herrmanns Wageschale das Gewichte zu legen wuͤste. Dieses Schrei- ben hatte bey Segesthen einen solchen Nach- druck: daß er auff einmahl alle Hoffnungs- Ancker verlohr; welche er auff die Groͤsse des Marbods gegruͤndet hatte. Jn dem der listige Tiberius Segesthens Schwaͤche fuͤrlaͤngst hat- te kennen lernen: daß es ihm nehmlich um die Wuͤrde der Feldherrschafft zuthun waͤre; und kein unter das Eyß verschlossener Fisch so sehr nach der Lufft/ als er nach diesem Winde schnappte. Denn in Wahrheit die Kunst sich eines fremden Willen zu bemaͤchtigen beruhet bloß allein an dem Erkaͤntnuͤße; mit was fuͤr einer Handhabe ein Mensch zu fassen sey; und daß man ihn an dem Seile zu sich leite/ daran er selbst gerne gehet. Sintemahl doch keine Sache ohne Hefft/ kein Mensch ohne eine be- sondere Neigung ist; in dem einer die Ehre/ der ander den Eigennutz/ der dritte die Wollust zu seinem Abgotte hat; ja zuweilen das niedrigste Absehen etlicher Leute erster Bewegungs- Zirckel ist/ und der/ welcher diesen trifft/ den Schluͤssel zu der verschlossenstẽ Menschen Her- tzen/ und die Botmaͤßigkeit uͤber ihren Willen in seinen Haͤnden hat. Bey so gestalten Sa- chen schrieb Segesthes an Tiberius: daß ihn keine besondere Gewogenheit zum Marbod; sondern theils seine Ohnmacht ihm Thußnel- den aus den Haͤnden zu winden/ theils sein Ab- sehen den Roͤmern auch mit Enteusserung sei- nes Kindes ein vortheilhafftiges Buͤndnuͤs zu wege zu bringen/ ihm seine Tochter zu verlo- ben gezwungen haͤtte. Es schiene aber der Him- mel selbst an diesem Zwange keinen Gefallen zu haben; weil er mit Donner und Blitz die vermeintlich todte Thußnelde aus ihrem Ge- faͤngnuͤße gerissen/ und seinen Feind den Fuͤr- sten Herrmann zu einem Werckzeuge selbte sei- ner vaͤterlichen Gewalt einzulieffern gebraucht haͤtte. Also waͤre er nunmehr nicht allein wil- lig und maͤchtig diese zwey zu des Tiberius Liebe und Rache auszuantworten; und in dem Marckmaͤnnischen Kriege sich nicht als einen Bundsgenossen/ sondern als einen Roͤmischen Buͤrger Arminius und Thußnelda. Buͤrger zu bezeigen. So sehr diß Schreiben den Tiberius vergnuͤgte; so sehr bestuͤrtzte ihn eben selbigen Tag die einkommende Nachricht: daß der Quaden Koͤnig Vannius mit achtzig tausend Mann uͤber die Donau gesetzt/ und Carnunt zu belaͤgern vor haͤtte; Marbod aber mit einem maͤchtigern Heere gegen die Vin- delicher/ und mit einem andern sein Feldhaupt- mann Bercka gegen den Meyn und Rhein im Anzuge waͤre. Denn dieser kluge und streit- bare Fuͤrst nahm den Verlust seiner Thußnelde zwar nicht/ wie etliche/ die aus der Unempfind- ligkeit Ehre suchen; noch wie ein Weichling/ des- sen Thraͤnen niemahls verseigen/ weibisch an; sondern er suchte die Linderung seines Schmer- tzens in dem Geraͤusche der Waffen; und nach dem Beyspiele jenes Roͤmers/ der eben den Tag in den Rath kam/ als sein einiger Sohn gestor- ben war/ seinen Trost in den Armen und in der Schos des gemeinen Wesens zu holen. Tiberi- us/ welcher bereit ein Schreiben gefertigt/ und dariñen dem Segesthes befohlẽ hatte/ dem Her- tzog Herrmann durch Gifft aus den Wege zu raͤumen/ ward durch diese Zeitung gezwungen eine gantz andere Farth zu erkiesen; wormit er hierdurch nicht die Cherusker denen Caßuari- ern oder gar den Roͤmern auff den Hals hetzte. Diesemnach er den Silius zum Segesthes schickte/ zwischen ihm und dem Hertzog Herr- mann einen Vergleich zu treffen/ und durch des letztern Freyheit die Cherusker zu verknipf- fen: daß sie nicht denen Marckmaͤnnern bey- pflichteten/ noch den Segesthes an der verspro- chenen Huͤlffs-Leistung hinderten. Gleich- wol aber traute er weder einem noch dem an- dern Deutschen; sondern befahl: daß sechtzig tausend Gallier da und dort in Deutschland zu Besetzung der Festungen am Rhein/ am Meyn und an der Weser ruͤcken solten; wor- mit er die alten Besatzungen leichten und ge- gen den Marbod ins Feld fuͤhren koͤnte. Als Tiberius derogestalt mit seiner Zuruͤstung alle Haͤnde voll zuthun hatte; ward er durch eine aus Jstria einlauffende Zeitung: daß nach de- nen von dar gegen die Donau abgefuͤhrten Legionen gantz Jllyricum wieder die Roͤmer die Waffen ergriffen haͤtte/ uͤberaus erschre- cket; und wenig Tage hernach dardurch fast gantz entseelet: daß alle zwischen der Teiße und Euxinischen und Adriatischen Meere gelege- ne/ und mit dem Koͤnige Marbod verbunde- ne Voͤlcker wieder die Roͤmer auffgestanden/ und bereit uͤber achtmahl hundert tausend Maͤnner im Anzuge waͤren/ theils denen in Pannonien und Deutschland stehenden Roͤ- mern in Ruͤcken zu gehen/ theils in das Hertze Jtaliens einzubrechen. Diese Gefahr wuchs taͤglich mit allen neu-ankommenden Berich- ten; und der Kayser selbst schrieb von Rom: Es schiene: daß sich Himmel und Erde wieder die Roͤmer verschworen/ Rom auch nach der Schlacht bey Canna nie in gefaͤhrlicherm Stande gesteckt haͤtte. Der schlaue Tiberius sahe wol: daß die Roͤmischen Kraͤffte so vielen Feinden die Stirne zu bieten zu ohnmaͤchtig/ die Bunds-Genossen auch entweder zu schwach waͤren; oder auch gar auff zwey Ach- seln truͤgen; ja ins gemein das Gute nicht so leicht theilhafftig/ als das Boͤse anfaͤllig sey/ also er sein Heil dißmahl aus seinen Feinden/ wie kluge Aertzte die Genesung des Krancken aus Giffte suchen muͤste. War also seine groͤ- ste Sorge den grossen Stein der Marckmaͤn- ner von sich abzuwaͤltzen; und durch Zertren- nung der Feinde ihrer aller Meister zu werden. Den Koͤnig Marbod nun zu versoͤhnẽ/ war kein besser Mittel zu erdencken/ als Thußnelde. Die- ser aber sich selbst zu berauben schiene ihme em- pfindlicheꝛ zu seyn/ als das Heꝛz aus seinem Leibe reissen lassen. Gleichwol uͤberwog die Ehrsucht in seiner Seele die Regung der Liebe/ und er entschloß sich in dieser eussersten Noth ihm lie- Erster Theil. B b b b b b b b ber Achtes Buch ber weh zu thun/ als mit dem Verluste seiner Hoheit auch diß/ was er itzt zu erhalten vermein- te/ einzubuͤssen. Diesemnach schrieb er an Marbod/ wiewol mit mehrmahls erstarrender Hand/ diese Erklaͤrung: der Kayser habe die mit dem Marbod auffgerichtete Freundschafft ie- derzeit so sorgfaͤltig zu erhalten getrachtet: daß er auch allen Schatten einigen Mißtrauens aus dem Wege geraͤumet. Weil er nun dessen seiner seits vergewissert waͤre; koͤnte er dem ge- meinen Ruff nicht glauben: daß Koͤnig Mar- bod mit den Roͤmern den Frieden zu brechen; und denen Eydbruͤchigen Pañoniern beyzuste- hen vorhaben solte; derer Aufruhr er mit dreys- sig Legionen zu zuͤchtigen befehlicht waͤre. Der blinde Lermen der schwuͤrigen Jllyrier wuͤrde schwerlich einen so klugen Fuͤrsten/ als Marbod waͤre/ unter die Fahnen so weibischer Voͤlcker wieder die Stadt Rom verleiten/ welcher die Goͤtter schon in ihrer Kindheit sich so geneigt erwiesen: daß sie selbte mit Ketten gefangener Koͤnige an statt der Windeln beschencket. So ungestuͤme Schwermungen der Voͤlcker waͤ- ren mehr schreckliche/ als gefaͤhrliche Zufaͤlle nach Art der Mutter-Kranckheit; und haͤtte ein kluger Herrscher diese nicht so sehr/ als die- selben Schwachheiten zu fuͤrchten/ die wie die Schwindsucht uns in der Stille erschliechen und toͤdteten. Daher haͤtte das Roͤmische Volck zwar mit der Vielheit ihrer Feinde stets sein Gluͤcke sich vergroͤssern sehen; aber es haͤtte sich iederzeit mehr an der Anzahl ihrer Freunde/ als an der Menge seiner Siege vergnuͤget. Seine Freundschafft haͤtten sie auch so viel fester gehal- ten; weil der Kayser ihn schon/ als er noch nicht in solchem Stande gewest/ darmit betheilet; und/ als hernach ihm fast niemand wol gewolt/ sein Bundsgenosse geblieben waͤre. Die Ferne seiner/ und der Uberfluß der Roͤmischen Laͤn- der koͤnten ihn auch leicht versichern: daß Rom auff nichts seines Eigenthums ein Auge/ son- dern stets geglaubt habe: man koͤnne wol zu viel Unterthanen/ aber niemahls genung Freunde haben. Zumahl Marbod selbst wuͤste: daß der Kayser die Graͤntzen des Reiches einzuziehen/ und nicht uͤber den Phrat und Rhein/ weniger uͤber die Elbe zu erweitern geneigt waͤre/ auch die Maͤßigung des Cato/ der die Macedonier nach uͤberwundenem Perseus fuͤr freye Leute erkennet/ stets geruͤhmet haͤtte. Er/ Tiberius/ wolte auch nicht gerne durch sein Fuͤrhaben von Rom ein wiedriges zu glauben eine Ursache/ weniger zwischen ihm und dem Kayser ein Stein des Anstosses seyn; und waͤre ihm leid: daß Stertinius bey der Buͤndnuͤs-Handlung nicht gewuͤst haͤtte; wie viel hoͤher er das gute Vernehmen mit einem Bundsgenossen/ als die Vergnuͤgung seiner Begierden schaͤtzte. Es schiene ihm aber des Stertinius damahliges Bedencken nunmehr zum Ruhme seiner Freundschafft auszuschlagen. Denn damahls wuͤrde er ihm Thußnelden nicht so wol uͤberlas- sen/ als sich einer schon verlohrnen Sache ver- ziehen haben; weil sie Marbod bereit in Haͤn- den gehabt. Nunmehr aber wolte er ihm sein Recht auff sie abtreten/ nach dem es in seiner Gewalt stuͤnde derselben selbst zu genuͤssen. Denn ihm muͤste zur Nachricht dienen: daß/ um das Unvernehmen zwischen den Roͤmern und Marckmaͤn nern zu verhindern/ die Tod- ten lebendig werden muͤsten. Massen er denn seine Thußnelde nunmehr aus den Haͤnden ihres Vaters/ oder vielmehr seinen eigenen ab- holen lassen koͤnte; da er seine Freundschafft und der Roͤmer Buͤndnuͤs durch diß Siegel zu befestigen fuͤr noͤthig hielte. Ja wenn Mar- bod zugleich den in seiner Hand habenden Koͤ- nig Vannius zu frieden spraͤche/ wormit dieser benachbarte Krieg nicht zwischen den Kayser und Marbod einen neuen Zanck-Apffel wuͤrf- fe/ und er am Jster die Ubersetzung der Sar- mater verhinderte/ verspraͤche er denen Marck- mann- Arminius und Thußnelda. mann- und Quadischen Graͤntz-Voͤlckern jaͤhr- lich zwey tausend Pfund Silber als einen Sold zu geben. Jn diesen sauern Apffel muste Ti- berius beissen; weil die Groͤsse der Gefahr kei- ne suͤssere Artzney vertrug. Wiewol dieser vom Tiberius gemachte schlimme Anfang denen Roͤ- mern hernach fast ein unauff hoͤrliches Joch auf- halsete/ denen Deutschen und andern Koͤnigen den Frieden durch eine jaͤhrliche Schatzung/ welcher man den schoͤnen Namender Geschen- cke gab/ abzukauffen. Und ob zwar die Roͤmer sonst nicht gewohnt waren so linde Seiten auff- zuziehen; verstand doch Tiberius all zuwol: daß die Klugheit keine Sclavin der alten Art/ und ein nicht geringer Aber glaube sey; weñ man die Fußstapffen der Vorfahren anbetet/ und ausser selbten nirgendswohin ohne Versinckung zu treten vermeinet; und daß es ein Aberwitz sey lieber auff der gebaͤhnten Strasse des Zwe- ckes fehlen/ als auff einer neuen denselben er- reichen. Nichts minder hielt er sein/ wiewol sonder einige vorragende Furcht geschehendes Nach geben eben so wenig fuͤr einen Verlust/ als die Einziehung der Segel beym Ungewitter; massen denn mehrmahls sein Sprichwort war: daß man von seinem Ansehen nicht so leicht et- was einbuͤße/ wenn man nur seinen Zweck er- reiche; und daß die Uberwindung durch Ge- schickligkeit der Staͤrcke keinen Abbruch thue/ weniger ein Merckmahl der Schwaͤche sey. Marbod hatte zu allem Gluͤcke von Thußnel- dens Entkommung und Leben noch keine Wis- senschafft. Daher ihm des Tiberius Erbieten nicht nur als ein Traum/ sondern/ ungeachtet der an Marbod abgeschickte Paterculus diß eusserst betheuerte/ als eine Erfindung seine Kriegs-Macht auffzuhalten fuͤrkam; biß den vierdten Tag darauf Segesthes ihn versicherte: daß Thußnelde nicht nur lebte; sondern/ nach dem Tiberius sich alles Anspruchs auff sie ver- ziehe/ truͤge er selbte dem Marbod/ als ein Band der Eintracht/ zwischen zwey so maͤchti- gen Voͤlckern/ und als einen guͤldenen Apffel des Friedens von neuem an. Sintemahl doch zwischen hohen Haͤuptern die Zwistigkeiten durch nichts mit groͤsser Ehre/ als durch Ver- maͤhlungen beygelegt wuͤrden; in dem diese in Wahrheit rechte Ehren-Pforten waͤren aus dem Jrrgarten eines entsponnenen Krieges zu kommen; den man ohne Schaden offt nicht laͤn- ger fuͤhren/ und gleichwol ohne Verkleinerung nicht abbrechen koͤnte. Marbod/ ob er wol ei- nen grossen Vortheil sahe den Roͤmern Abbruch zu thun; so erwog er doch: daß so viel maͤchtige Voͤlcker an ihnen den Kopff zerstossen haͤtten; und es gleichsam einerley zu seyn schiene wieder Rom oder das Verhaͤngnuͤs sich auflehnen; und daß er in seinem neuen Reiche unzehlbare heimliche Feinde zu verwahren haͤtte. Jnson- derheit aber hatte die Tug end und Schoͤnheit Thußneldens eine solche Wuͤrckungs-Krafft uͤber ihn erlanget: daß die Hoffnung ihres Be- sitzthums bey ihm alles andere Absehen wie die Sonne einen Nebel zu Bodem schlug. Denn diese Fuͤrstin ist in Warheit ein merck wuͤrdiges Beyspiel: daß der Himmel gewissen Personen eine verborgene Ober-Herrschafft uͤber alle an- dere Menschen einraͤumet; also: daß man in ihnen gleichsam eine uͤberirrdische Botmaͤßig- keit/ welche mit einem Winck alle andere Ge- setze unterbricht/ erkennen/ und denselben/ man weiß selbst nicht warum/ als Koͤnigen von Na- tur gehorsamen/ und als fuͤr Loͤwen sich demuͤ- thigen muß. Welcher Zwang am Marbod so viel mehr wunderns werth war; weil weder sei- ne Liebkosungen/ noch Segesthens Strengig- keit uͤber Thußneldens Abneigung eines Haa- res breit Vortheil hatte erlangen koͤnnen. Sin- temahl die Hoffnung ein so unschaͤtzbares Gut zu erlangen eine solche Suͤßigkeit in sich hat: daß sie ihr auch die Unmoͤgligkeit zu uͤberwuͤn- den traͤumen laͤst/ und hiermit im Wercke be- stetigt: daß die Hoffnung ein Traum der Wa- chenden/ und die Wollust der ungluͤckseligen B b b b b b b b 2 sey. Achtes Buch sey. Bey so gestalten Sachen hielt er mit sei- nem Kriegs-Heere bey Kintzen an der Do- nau stille; schrieb auch an den Koͤnig Van- nius und den Feldhauptmann Bercka nicht weiter fortzuruͤcken; an Tiberius aber: daß er an die Roͤmer sich zu noͤthigen nicht verlangte; wenn sie aber was mit ihm zu versuchen gedaͤch- ten/ nichts ausschluͤge. Sein Absehen waͤre auch kein anders gewest/ als mit seinen Kriegs- Heeren die eussersten Spitzen seiner Laͤnder zu bedecken; weil an so viel Orten allerhand truͤbe Kriegs Wolcken auffzuziehen geschienen; mit- ten in seinem Lande aber seines Feindes zu er- warten so viel waͤre; als ihm selbst schon halb verlohren geben. Nach dem aber Tiberius ihn der Roͤmischen Freundschafft versicherte/ seine eigene auch durch Abtretung der Fuͤrstin Thuß- nelde bekraͤfftigte/ nehme er das letzte zu Danck/ das erstere nebst dem versprochenen Solde fuͤr die Quaden (denn seine eigene Kriegs-Leute zu zahlen doͤrffte er keines fremden Beyschubs/) fuͤr eine Verneuerung des alten Bundes an; welcher von ihm so heilig/ als unversehrlich ge- halten/ und darmit bezeugt werden solte: daß seine Herrschafft keiner Erweiterung/ sein Ehrgeitz keinen fremden Zunder von noͤthen haͤtte. Also ward die gefaͤhrliche Kriegs-Flam- me zwischen dem Koͤnige Marbod und den Roͤ- mern/ welche nunmehr alle ihre Kraͤfften wie- der die den Marbod/ als Uhrhebern ihres Auf- standes/ verfluchenden Pannonier und Dal- matier anwehreten/ durch die Vollkommenheit eines Frauen-Zimmers in der ersten Geburt getoͤdtet; und zwar mit so viel mehrerm Wun- der; weil in dem Zanck-Apffel der Schoͤnheit sonst selten Kerne stecken/ woraus die Oelzwei- ge des Friedens wachsen; und das weibliche Geschlechte so offt Zwietracht in Laͤndern/ als Zwillinge im Kind-Bette gebiehret. Als Ti- berius und Marbod nun so friedliche Hand- lung pflegten/ bemuͤhte sich auch Silius den Fuͤrsten Segesthes mit dem Hertzoge Herrmañ zu vereinbaren; und diesen in Freyheit zu setzen. Alleine Segesthes erzeigte sich hierinnen so hartnaͤckicht: daß kein Einreden etwas verfieng; weil er die dem Herrmann angethane Beleidi- gung selbst fuͤr so groß erkennte: daß er sie ihm sein Lebtage nicht verzeihen weniger vergessen koͤnte. Also ist die Boßheit im Anspinnen der Laster blind/ wenn sie selbte aber ausgemacht hat/ taub; in dem sie keinen vernuͤnfftigen Rath- schlaͤgen/ sondern alleine der Anklage ihres Ge- wissens/ welches ihr von nichts/ als Rache pre- digt/ Gehoͤre giebt. Nach dem auch Silius auf Draͤuungen verfiel; kam Segesthes auff diese eusserste Entschluͤssung: daß er den Her- tzog Herrmann heimlich hinrichten/ und mit ihm den Stein des Anstosses aus dem Wege raͤumen wolte. Denn die Grausamkeit haͤlt ins gemein fuͤr sicherer/ sein Verbrechen durch ein noch groͤsseres/ als durch Tugend auszuwe- tzen; weil ein Laster mit dem andern eine Ver- wandschafft/ mit der Tugend aber eine ewige Zwietracht hat. Zu welchem Ende er auch bereit dem Wund-Artzte ein vergifftetes Pfla- ster eingeantwortet haͤtte um solches dem Che- ruskischen Hertzoge aufzulegẽ; welches aber die- ser aus Verdacht zuvor einem Hunde aufband/ und nach erkundigtem Giffte wegwarff; weil er ein Werckzeug so eines schaͤndlichen Meu- chel-Mords zu seyn Abscheu trug. Hieruͤber lieff Segesthen die Nachricht ein: daß nicht nur die Cherusker und Catten/ die vom Hertzoge Segimer und der Fuͤrstin Rhamis seine Ge- faͤngnuͤs erfahren hatten/ in das Gebiete der Caßuarier eingefallen waͤren/ und sich der fuͤr- nehmsten Oerter bemaͤchtiget/ sondern auch Se- gesthens Gemahlin Sentia und seinen Sohn Siegesmund gefangen bekommen/ und um hierdurch Herrmanns Freyheit zu erwerben dem Hertzoge Jngviomer eingelieffert haͤtten. Wordurch Segesthes allererst gezwungen ward durch den Silius die Auswechselung des Hertzog Herrmanns abzuhandeln; welcher ge- gen Arminius und Thußnelda. gen den Silius/ weil Segesthes selbst aus Schamroͤthe uͤber seiner Beleidigung vom Fuͤr- sten Herrmann sich zu beurlauben Bedencken trug/ sich erklaͤrte: er wuͤste zwar: daß Sege- sthes ihn auffs aͤrgste anzufeinden nicht ablassen wuͤrde; weil es der Beleidiger Eigenschafft waͤre den Beleidigten gram zu seyn/ und der un- verdiente Haß der hefftigste waͤre; er wolte aber aus Liebe des Vaterlandes nicht nur alle Ra- che/ sondern alles Unrecht vergessen/ und ein Beyspiel seyn: daß nicht alle den hassen/ wel- chen sie vorher fuͤrchten muͤssen. Sintemahl er fuͤr eine Pflicht grosser Gemuͤther hielte nicht allein denen guten/ und Freunden/ so lan- ge sie diß sind/ wol zu thun; sondern auch den Boͤsen und Feinden/ damit sie es zu seyn auff- hoͤren. Hertzog Herrmann war kaum aus seinem Gefaͤngnuͤße zu Henneberg erlediget/ und von fuͤnffhundert Cheruskischen Edelleuten/ welche hingegen Segesthens Gemahlin und Sohn eben so viel Caßuariern an dem Fulde-Strome aushaͤndigten/ angenommen/ als zwey tausend Marckmaͤnnische Edelleute zu Henneberg an- kamen die Fuͤrstin Thußnelde abermahls dem Koͤnige Marbod zuzufuͤhren; Worvon Hertzog Herrmann in seinem ersten Nachtlaͤger durch einen Cattischen Edelmann Nachricht bekam. Woruͤber er so bekuͤmmert ward: daß er seine Freyheit mehr fuͤr Verlust/ als fuͤr Gewinn schaͤtzte. Er trug seinen Kummer seinen Che- ruskern vor; welche zwar diese Fuͤrstin aus der Marckmaͤñer Haͤnden zu reissen ihr Leben und Blut feil boten; aber die kaum erlangte Freyheit ihres Hertzogs auffs neue in so augenscheinliche Gefahr zu setzen beym Vaterlande fuͤr unver- antwortlich hielten; sonder lich weil Herrmann mit anbrechendem Tage Kundschafft bekam: daß noch zweytausend Caßuarier Thußnelden biß an den Fichtelberg/ den Vater vier beruͤhm- teꝛ Fluͤsse/ begleiten soltẽ/ alwo der Ritter Beꝛcka mit zehntausend Marckmaͤnnern sie zu bewill- kommen fertig stuͤnde/ und der Aufbruch den andern Tag geschehen solte. Hertzog Herrmañ hingegen sagte: Er muͤste gestehen: daß mit so kleiner Macht der zehnmahl groͤssern eine Beu- te abzuschlagen nicht ohne Gefahr zu seyn schie- ne. Alleine/ alle Gefaͤhrligkeiten auffs Gewich- te legen waͤre nur eine Klugheit der Verzagten; und also sein Vorsatz zu sterben/ oder die zu ero- bern/ ohne welche sein Leben ihm ohne diß eitel Verdruß seyn wuͤrde. Hiermit bewarb er sich um etliche Schuͤtzen/ die des Gabretischen Ge- buͤrges Gelegenheit wol wusten/ und ihn mit seinem Volcke durch allerhand bedeckte We- ge gegen Sud-Ost dahin leiteten/ wo allem Vermuthen nach die Marckmaͤnneꝛ mit Thuß- nelden ihren Ruͤckweg nehmen wuͤrden. Nach zweyen Tagen theilte er seine Cherusker in zwey Theil/ er selbst stellte sich an einen verdeckten Ort nahe an einen durch den Meyn gehenden Furth/ wodurch eines ihm in die Haͤnde fallen- den Marckmannes Berichte nach/ folgenden Tag zur rechten Hand des Flusses Thußnelde folgen solte. Daher er daselbst ausruhete/ und auf denen Tannen-Gipffeln fleißige Schild- Wache halten ließ. Den andern Hauffen setzte er unter dem Grafen von Lingen uͤber den Strom zur lincken Hand. Den dritten Tag zwey Stunden nach der Sonnen Aufgange kam vom Lingen/ Roßwurm/ ein Cheruskischer Ritter mit verhengtem Zuͤgel zum Hertzoge Herrmann/ ihn berichtende: daß eine viertel Meilweges von seinem Stande er ein Schla- gen zwischen etlichen tausend Mann wahrneh- me; Und haͤtten zwey seiner auf Marckmaͤnni- sche Art gekleidete Reuter/ die er auf Kundschaft sich selbten naͤhern lassen/ fuͤr gewiß berichtet: daß sie darunter Cherusker erkeñt haͤtten. Herꝛ- mann ließ ihm alsofort befehlen: daß er den Rit- ter Gnesebeck mit hundert Pferden dahin gehen und die Gewißheit erforschen lassen solte. Er hatte aber kaum diesen abgefertiget; als seine Wache ihm von einer Tanne die Nachricht gab; B b b b b b b b 3 die Achtes Buch die Marckmaͤnner waͤren mit drey starcken Hauffen keine Viertelstunde mehr entfernet; und folgeten diesen etliche bedeckte Wagen. Da- her Herrmann sich nicht allein mit den Seini- gen ruͤstete/ sondern auch den Graff Lingen mit Zuruͤckziehung des Ritters Gnesebeck wol auff der Hute zu seyn warnigen ließ. Der Hertzog blieb hinter einem puͤschichten Huͤgel gantz stille stehen/ biß der dritte Hauffen an den Furt kam/ und er den Vordrab mit seinen Cheruskern uͤ- ber dem Meyne schon ins Gefechte kommen hoͤrte. Hiermit fiel er dem dritten Hauffen so unversehens in Ruͤcken: daß das letzte Glied sich ehe durch die Cheruskischen Lantzen durch- bohret fuͤhlte/ ehe die Marckmaͤnner ihren Feind zu Gesichte kriegten. Der Feldhaupt- mann Bercka/ der diesen von sechs hundert Marckmaͤnnischen Edelleuten bestehenden Hauffen selbst fuͤhrte/ und mit einem Theile schon in dem Flusse war/ wolte sich zwar schwen- cken; aber so wol die Enge des Furths/ als die Hoͤhe des Ufers verhinderte es; und gab denen Cheruskern Zeit inzwischen mit der andern Helffte dieses Hauffens fertig zu werden; in dem der Blitz der Cheruskischen Schwerdter/ und fuͤrnehmlich des einen Loͤwen abbildenden Herrmanns sie bald von Anfang in Unordnung brachte/ und theils sie seiner Liebe und Rache ab- schlachtete/ theils sie auch uͤber Hals und Kopff in den Strom trieb. Wie nun wegen Vor- theilhafftigkeit dieses Ortes Herrmann sich de- nen Marckmaͤnneꝛn/ ob schon der mitlere Hauf- fe gleichfalls zuruͤck kommen war/ genungsam gewachsen sahe/ schickte er unter dem Ritter Maltzan hundert Cherusker/ um sich der Wa- gen/ und darinnen Thußneldens zu versichern; durch welche funffzig darbeystehende Caßuari- sche Ritter nach einem kurtzen Gefechte in die Flucht gebracht/ und darmit Thußnelde in Freyheit gesetzt ward. Sie sprang mit tau- send Freuden aus dem Wagen/ als sie das sie- gende Theil fuͤr Cherusker erkennte. Wie diese ihr aber gar Hertzog Herrmanns Gegenwart andeuteten/ wuste sie weder ihr Gluͤcke/ noch die seltzamen Schickungen des Verhaͤngnuͤßes zu begreiffen; hielt also ihre Erloͤsung nicht so wol fuͤr eine wahrhaffte Begebnuͤs/ als fuͤr eine suͤsse Einbildung eines Traͤumenden. Jh- re Freude aber ward ihr nach wenig Augenbli- cken versaltzen/ als sie mehr/ als tausend Cas- suarier spornstreichs gegen die hundert Cherus- ker und sie/ anrennen sah. Daher Ritter Met- tich sie im Nahmen seines Hertzogs beschwur: Sie moͤchte ohne Zeitverlierung; weil sie sich um einen vortheilhafftern Stand zu bekom- men gleichfalls zuruͤck ziehen muͤsten; in dem Walde auff dem Berge dieses fuͤr sie allein ge- schehenden Streites auswarten. Welchem sie denn mit Ergreiffung eines auff der Erde lie- genden Helms und Schwerdtes eines erlegten Caßuariers Folge zu leisten gezwungen ward. Jnzwischen traffen nicht nur die Caßuarier auf die sich zwischen das Gehoͤltze zuruͤck gezo genen Cherusker; sondern der Feldhauptmann Ber- cka/ der seinen Kopff ohne Thußnelden nicht nach Hause zu bringen getraute/ hatte mit fuͤnf- hundert Marckmaͤnnern an einem andern Or- te uͤber den Strom zuruͤcke gesetzt; und gieng dem Hertzog Herrmann/ welcher an dem ersten Furthe gegen die von dem Ritter Sternberg durch den Fluß halb verzweiffelt angefuͤhrten Marckmaͤnner alle Haͤnde voll zu thun hatte/ in die Seite; und weil der Graff von Lingen mit seinen anderthalb hundert Cheruskern dem gantzen ersten Hauffen begegnen muste/ nach dem Gnesebeck fuͤr der Zuruͤckruffung schon mit dem fremden Feinde verwick elt war/ gieng an allen Orten das blutigste und hartnaͤckichste Treffen an. Wiewol nun die an allen dreyen Orten mehr als achtfach schwaͤchern Cherus- ker den Abgang durch ihre Tapfferkeit zu er- setzen sich muͤhten/ der großmuͤthige Herrmann auch den streitbaren Bercka zu Bodem rennte und toͤdtete; ward er doch vom Ritter Kinßke/ einem Arminius und Thußnelda. einem ansehnlichen und tapffern Marckmaͤn- nischen Soldaten/ so hefftig in den Nacken ver- wundet: daß er von haͤuffiger Verblutung kaum die Kraͤfften auff dem Pferde zu bleiben/ und sich gegen die ihn anfallenden zu beschirmen be- hielt. Wenig Cherusker waren auch/ die nicht drey oder mehr Wunden bekommen hatten; Bodendorff/ Bardeleben/ Meysenburg/ Spie- gel/ Kampen/ Mingerode/ Heym/ Reden/ Bu- ren/ Bodenhausen/ Zwydorn/ Hermßdorff/ und uͤber sechzig andere hatten schon auch ihren Helden-Geist/ wiewol nach Aufopfferung wol siebenmahl so vieler Feinde aus geblasen. Die uͤbrigen Cherusker waren so im Gedrange: daß sie schienen verlohren zu seyn; als dem Grafen von Lingen Gnesebeck mit fuͤnffhundert Che- ruskern zu Huͤlffe/ wie auch ein ander unbe- kandter Ritter mit tausend Hermundurern an den Meyn-Furth kam/ und dem Ritter Stern- berg in Ruͤcken gieng; also dem in der eusser- sten Noth steckenden Herrmann auf der einen Seite Lufft machte. Wenige Zeit darnach schwemmeten andere fuͤnffhundert Cherusker oberhalb/ und so viel Hermundurer unterhalb uͤber den Meyn/ wormit sich das Blat an allen Orten wendete/ indem nicht nur der rings her- um besetzte Malzan erloͤset/ die Caßuarier auch in die Flucht getrieben; sondern die Marck- maͤnner von dem Hertzog Herrmann/ dem Fuͤh- rer der Hermundurer/ und dem Grafen von Lingen an dem Flusse in die Mitte eingeschlos- sen/ und biß auf wenig sich in das Gebuͤrge Fluͤchtende und dreyhundert Gefangene nie- dergemacht wurden. Als nun alles vorbey/ Hertzog Herrmann aber/ ob ihm diese Huͤlffe vom Himmel gefallen waͤre/ bekuͤmmert war/ sonderlich/ weil die Hermundurer ja des Koͤ- nigs Marbod Unterthanen waren/ kam ihr Fuͤhrer/ nahm den Helm mit sonderbarer Ehr- erbietung gegen den Cheruskischen Hertzog vom Haupte; welchen er denn fuͤr den vertrie- benen Fuͤrsten der Hermundurer Jubil erkenn- te/ und als seinen vertrauten Freund und Noth- helffer vertraulich umarmte; wordurch ihm deñ ein genungsames Licht aufgesteckt ward. Sin- temahl ihm gar wol bewust war: daß dieser vom Marbod seines Landes entsetzte Fuͤrst/ bey der zwischen den Marckmaͤnnern und Roͤmern sich entspinnender Zwietracht/ zwey tausend ver- triebene Hermundurer/ nebst tausend freywil- ligen Cheruskern zusammen gezogen/ und dem Tiberius wieder den Marbod beyzustehen sich biß an die Donau gezogen hatten. Worauf nun- mehr Jubil erzehlte: daß als er nach dem zwi- schen dem Tiberius und Marbod gemachten Vergleiche seinen Weg wieder in Nieder- Deutschland haͤtte nehmen wollen; er nicht nur diesen Tag das Gluͤcke gehabt gegen den Her- tzog Herrmann die unvergeltbare Wolthat sei- ner Aufnehmung/ nach dem sonst die Ungluͤck- seligen keine Freunde oder Bekandten zu haben pflegten/ durch einen geringen Beystand zu vergelten; sondern auch seinem Tod - Feinde sein werthestes Kleinod abzunehmen/ und dar- bey ein paar tausend Marckmaͤnnern das Licht auszuleschen; welches beydes ihm zu zeigen er den Hertzog Herꝛmann uͤber den Meyn auff die uͤber und uͤber mit Leichen bedeckte Wallstatt fuͤhrte/ und daselbst ihm die von tausend Her- mundurern und Cheruskern verwahrte Fuͤr- stin Adelgund des Marbods Tochter/ als eine Gefangene zeigte; auch den Ritter Gnesebeck wegen seiner Tapfferkeit ruͤhmete. Hertzog Herrmann/ welcher auff Maltzans Bericht in- zwischen seine Thußnelde wieder aus dem Walde zu suchen Befehl ertheilt hatte/ erzeig- te der Fuͤrstin Adelgund alle Hoͤfligkeit/ und ein Mitleiden uͤber ihrem Ungluͤcke; welches sie nach Vernehmung/ wer er waͤre/ mit einer be- sondern Anmuth/ und ohne das geringste Merckmahl einiger Furcht oder Schreckens annahm/ auch auff Befragen ihm Nachricht gab: daß sie Marbod mit drey tausend Marck- maͤnnern der Fuͤrstin Thußnelde biß an den Meyn Achtes Buch Meyn entgegen geschickt/ von denen Hermun- durern aber/ welche sie anfangs fuͤr den Auffzug Thußneldens angesehen haͤtten/ angefallen und geschlagen/ sie aber gefangen worden waͤre. Der Streit haͤtte fast zwey Stunden an gleicher Wage gehangen; es waͤren aber zuletzt hundert Cherusker den Marckmaͤnnern aus dem Wal- de so unvermuthet in Ruͤcken gefallen: daß diese hieruͤber in Schrecken und bald darauf in die Flucht gerathen. Sie wuͤste zwar nicht/ wer der feindlichen Hermundurer Heerfuͤhrer waͤ- re; sie getroͤstete sich aber durch eines so grossen Fuͤrsten Vorbitte ein gnaͤdiger Auge/ als an- fangs von ihm zu erlangen; und daß man sie als eine Fuͤrstliche Gefangene halten wuͤrde; weil doch auch im Kriege das Frauen-Zimmer/ wo nicht einen Voꝛtheil zu haben/ doch ein Mit- leiden zu erbitten verdiente. Hertzog Herrmann ersuchte hierauf den Fuͤrsten Jubil: daß er seine Gefangene wol unterhalten lassen moͤchte; weil es nicht nur ihre Tugend werth zu seyn schiene/ sondern auch Thußnelde die von ihr genossene Freundschafft bey ihrer Gefangenschafft hoch geruͤhmet haͤtte. Jubil erklaͤrte sich darauff: Er haͤtte zwar seinen Tod-Feind und Vater- Moͤrder Marbod so sehr zu hassen Ursache: daß er auch in seiner Tochter Blute die Haͤnde zu waschen sich berechtigt hielte; und diß im ersten Eyver auszuuͤben nicht ungeneigt gewest waͤ- re; weil die wieder seinen Oberherrn aus geuͤbte Verraͤtherey auch auf die Kinder das Rach- Schwerdt abweltzte; alleine seines so grossen Wolthaͤters Begehren vermoͤchte bey ihm alle Empfindligkeit auch gegen den Marbod selbst auszutilgen. Sintemahl die/ welche die Rache der Goͤttlichen Gerechtigkeit heimstellten/ ihrer Feinde Ungluͤck auf Wucher anstehen liessen; in dem ihr miß brauchtes Mord-Eisen so sehr/ aber gerechter nach des Moͤrders/ als dieser vorher nach fremdem Blute geduͤrstet haͤtte. Wiewol es auch das Ansehen zu haben schiene: daß er durch dieses herrliche Pfand seiner einigen Tochter dem Marbod ein Theil seines abge- drungenen Landes abtrotzen koͤnte; so waͤre doch auf diese Hoffnung wenig zu anckern; weil die Begierde zu herrschen auch die hefftigste Kin- der-Liebe ersteckte. Diesemnach er denn Adel- gunden nicht besser anzugewehren wuͤste/ als wenn sie der Cheruskische Hertzog von ihm fuͤr ein Geschaͤncke anzunehmen wuͤrdigen wolte. Hertzog Herrmañ nahm diß zu Danck an; und nach dem sie allerseits zuruͤcke uͤber den Meyn gesetzt/ die Fuͤrstin Thußnelde aber noch nicht gefunden hatten/ ließ ihm Herrmann seine Wunden verbinden/ und nicht erwehren: daß er/ wiewol schon bey anbrechender Nacht selbst ins Gebuͤrge ritt; und als er nicht weiter reiten konte/ an den Klippen hinauff kletterte/ nach dessen Beyspiele das Gabretische Gebuͤrge mit unzehlbaren Fackeln und dem Geschrey der Cherusker erfuͤllet ward; welche weder die Stil- le und Finsternuͤs der Nacht/ noch die verborge- nen Hoͤlen der Berge die so sehr gewuͤnschte Thußnelde wolten verstecken lassen. Hertzog Herrmann hatte mit dem Steigen und Ruffen sich so abgemattet: daß er einem von ferne rauschenden Wasser/ um sich darmit zu erqui- cken/ sich naͤhern muste; wie ihn denn ein un- versehens gefundener Fußsteig zu einer von lau- ter in einander geflochtenen Wuꝛtzeln derer dar- uͤber stehenden Vaͤume artlich gemachten Hoͤle leitete/ in welcher aus einem gespaltenen Felsen zwey starcke Quelle herfuͤr schossen. Wie nun Herrmann sich zu dem einen buͤckte daraus zu trincken/ ward er mit dem einen Arme gewalt- sam zuruͤck gezogen; massen er denn auch sich umwendende ein alle menschliche Groͤsse uͤber- steigendes Weibes-Bild hinter sich an den Stein - Felß angelehnet zu Gesichte bekam. Herrmann entsetzte sich zwar; iedoch erholte er sich bald wieder/ und fragte: warum ihm zu trin- cken verwehret wuͤrde? Diese antwortete: weil der/ welcher vom Verhaͤngnuͤße zum Erloͤser des schon halb dienstbaren Deutschlandes erkie- set Arminius und Thußnelda. set ist/ mit diesem gifftigen Wasser sich nicht be- schaͤdigen solte. Er koͤnte sich aber sicher aus dem andern gesunden Brunnen erquicken. Herrmann folgte dieser Anweisung; und nach dem er drey starcke Trincke gethan/ weil dieses Quell ihn etwas kraͤfftigers/ als gemeines Was- ser zu haben bedeuchtete/ fragte er: wer sie waͤre? und woher sie ihn fuͤr einen Erhalter der deut- schen Freyheit erkennete? Sie meldete hierauf: Jch bin der Schutz - Geist des Gabretischen Gebuͤrges; und so gut ich weiß: daß du der Cherusker Hertzog bist; der du hier deine ver- lohrne Braut suchest/ so wenig ist mir auch das erste verborgen; und du wirst meine Wahrsa- gung auch bey dem Tanfanischen Tempel in Felsen eingeschrieben finden. Kehre um/ und saͤume dich nicht/ wo du deine geraubte wieder zu haben verlangest. Nach diesen Worten ver- schwand diß Gespenste fuͤr Herrmanns Augen; welchem die Haare hieruͤber zu Berge giengen; Gleichwol machte er sich mit seinem brennen- den Kyne zuruͤcke/ und erreichte mit anbrechen- dem Tage das inzwischen vom Fuͤrsten Jubil geschlagene Laͤger. Er ließ aber alsofort ein Zeichen denen in dem Walde umbirrenden Cheruskern geben sich wieder einzufinden; und erzehlte dem Fuͤrsten der Hermundurer zu sei- ner nichts minder grossen Freude/ als Ver- wunderung sein seltzames Ebentheuer. Jubil selbst rieth: daß sie der so denckwuͤrdigen Anlei- tung des Verhaͤngnuͤßes/ welches auch dieblin- den durch die gefaͤhrlichsten Strudel und die verfuͤhrischen Jrrwege gerade zu leitete/ folgen/ und mit denen schon in Bereitschafft stehenden Voͤlckern forteilen solten. Nach dem sie nun ihren Kriegs-Obersten den Nachzug anbefoh- len/ giengen beyde Hertzoge mit zweytausend außerlesenen Kriegs-Leuten voran; als sie aber etwan fuͤnff Meilweges hinter sich gelegt/ er- eilte der Vordrab einen Hauffen Fluͤchtiger a- ber meist gefaͤhrlich verwundeter Cassuarier/ unter denselben war ein eyßgrauer alter Ritter/ der zwar fuͤr die Hertzoge gebracht ward/ aber fuͤr uͤbermaͤßigen Thraͤnen kein Wort aufzu- bringen wuste. Nach dem ihm aber Hertzog Herrmann uͤberaus gnaͤdig zusprach/ und daß er zwar nicht als ein Gefangener/ sondern sei- nem Ritterstande gemaͤß verhalten werden sol- te/ vertroͤstete; fieng er an: Sein eigen Ungluͤck waͤre sein geringster Kummer; in dem er unter denen itzt zwistigen Hertzogen nicht wuͤste/ wen er ihm zu seinem Herrn auslesen solte; weil er von vaͤterlicher Ankunfft zwar Ketteler ein Chassuarier/ von der muͤtterlichẽ ein Cherusker; ja diese zwey hohen Haͤuser nicht nur aus einer Wurtzel entsprossen; sondern iederzeit auch mit einander hoͤchst vertraͤulich gewest waͤren. Nach dem er aber zwischen ihnen itzt eine solche Ver- bitterung verspuͤrte/ und Segesthes seine Toch- ter lieber den Feinden Deutschlands/ oder gar der Hoͤllen aufzuopffern/ als einem so tapfferem Fuͤrsten wie der Cheruskische waͤre/ zu vermaͤh- len gedaͤchte; diese Zwietracht aber nichts an- ders/ als eine Mutter beyderseitigen Unter- gangs seyn koͤnte; wolte er mit seinen Thraͤnen ihm vorher die Augen ausbeitzen: daß sie an de- nen bereit schon vorgesehenen Trauer-Faͤllen nicht mehr Hertzeleidanschauen muͤsten. Hertzog Herꝛmañ lobte seine wolgemeinte Empfindlig- keit; bemuͤhte sich aber ihm die so traurige Ein- bildung durch Vertroͤstung: daß Hertzog Herr- mañ mit Segesthen alle Augenblicke ihre Zwi- stigkeit bruͤderlich beylegen wolte/ auszureben. Dieser gute Alte seufzete/ wendete die Augen ge- gen den Him̃el/ und fieng an: Wolte Gottldieses erfolgte also. Und wenn Hertzog Herꝛmañ diese Meynung hat/ wuͤnsche ich: daß er Segesthens Tochter ehe ereile/ ehe sie ihrem Vater wieder in die Haͤnde kom̃t! Hertzog Herrmann fuhr fort/ meldende: Er solte an dem ersteꝛn keinen Zweifel tragen/ wegen des letztern aber ihnen klaͤrere Nachricht geben. Der Ritter antwortete: Jch habe gesagt/ was ich weiß; ihr habt die gebaͤhnte Strasse fuͤr euch/ darauf man Thußnelden nach Erster Theil. C c c c c c c c Henne- Achtes Buch Heñeberg wieder gefangen fuͤhrt; und bejam̃ere ich am meisten: daß ich so ungluͤckselig gewesen mich ihrer in dem Gabretischen Walde zu be- maͤchtigen/ nach dem bereit drey gewafnete Cas- suarier von ihrer Hand gefallen waren. Beyde Hertzoge verfolgten Spornstreichs ihre Reise; erreichten aber allererst gegen Abend etwan dreyhundert Cassuarier/ welche iedoch keinen Stand hielten/ sondern sich auff die Flucht be- gaben; also: daß die berittensten Cherusker kaum zwey Cassuarier einholeten; welchen mit ge- nauer Noth auszupressen war: daß die Fuͤrstin Thußnelde ungefaͤhr eine halbe Meilweges voran waͤre/ und daselbst/ weil sie wegen Schwachheit nicht ferner zu bringen; die Pferde auch auffs eusserste abgemattet waͤren/ auf einen festen Berg-Schlosse uͤbernachten; sich auch die fluͤchtigẽ Cassuarier daselbst wieder zusam̃en zie- hen wuͤrden. Hertzog Herrmañ wolte bey solcher Bewandnuͤs seine muͤden Cherusker nicht einst verblasen lassen/ aus Beysorge: die zu letzt ge- fluͤchteten wuͤr den seinen Anzug verrathen/ und Thußnelden weiter zu fuͤhren veranlassen. Weßwegen auch die/ welche noch am besten be- ritten waren/ um dieser besor glichen Entrin- nung vorzubeugen voran hauen musten; welche denn zu allem Gluͤcke auch gerade dahin ge- langten/ als die Cassuarier mit Thußnelden den Schlo ß berg herab kamen; nach erlangter Kundschafft aber: daß di e Cherusker schon un- ten im Thale stuͤnden/ sich wieder hinein zohen. Wiewol nun beyde Hertzoge dieses Schloß rings um auffs beste besetzten; konten sie doch nicht hindern: daß nicht Segesthes/ welcher nur fuͤnff Meilweges davon Hof hielt/ noch selbige Nacht hiervon Nachricht erlangte. Folgenden Tag kamen vollends die Hermundurer und Cherusker an. Daher die Hertzoge sich zu einer rechten Belaͤgerung mit Umschantzung des Laͤ- gers und Fertigung des Sturmzeuges ruͤsteten; zumahl folgenden Tag die Kundschafft einlieff: daß Segesthes alles/ was Waffen tragen koͤnte/ in seinem Gebiete aufbieten ließ. Wiewol nun das Schloß nur einen einigen in eitel Felsen gehauenen Weg hatte/ brachten doch die Che- rusker den fuͤnfften Tag zwey Sturm-Balcken an; mit welchen sie/ ungeachtet die uͤber tausend darinnen belaͤgerten Cassuarier mit ausgeworf- fenem Feuer/ Steinen und Pfeilen ernste Ge- genwehr thaten/ zwey Thuͤrme in Tag und Nacht derogestalt zerschmetterten: daß sie uͤber einen Hauffen fielen/ und mit ihrem Grause die Graͤben fuͤlleten; also zum Stuͤrmen einen bequemen Zugang machten. Welches denn auch erfolgt waͤre/ wenn nicht die Cassuarier ein Zeichen des Friedens ausgesteckt haͤtten. Worauf auch alsofort drey edle Cassuarier Pra- beck/ Voße und Amelunx zum Hertzog Herr- mann heraus kamen/ an statt der verhofften Er- gebung aber ihm Segesthens eigene Hand vor- legten/ darinnen er dem obersten Befehlhaber im Schlosse Aschenbruch bey Verlust seines Kopffes und Ehren befahl/ sich auffs eusserste zu wehren/ und des Entsatzes ihn unfehlbar ver- sicherte. Jm Fall aber es so weit kaͤme: daß er an laͤngerer Erhaltung der Festung zweifel- te; solte er Thußnelden/ als einen Brand/ der schon so viel Feuer angezuͤndet haͤtte/ und noch gantz Deuschland einaͤschern wuͤrde/ ausleschen/ und ehe von den Klippen herab stuͤrtzen/ als le- bendig in Herrmanns Haͤnde lieffern. Hertzog Herrmann hielt durch diese Abgeschickten dem Schloß-Obersten zwar ein: was fuͤr un mensch- liche Grausamkeit Segesthens Befehl in sich begrieffe; und daß auch ein Knecht in solchen Befehlen/ die den Gesetzen der Natur wieder- strebten/ seinem Herrn zu gehorsamen nicht schuldig waͤre. Dieser aber ließ den Hertzog zur Antwort wissen: Es stuͤnde kein em Unter gebe- nen zu sich so verstaͤndig beduͤncken zu lassen: daß man uͤber seines Fuͤrsten Verordnung: ob selbte recht oder unrecht waͤre/ urtheilen koͤnte. Denn das Urtheil waͤre ein Werck des Obern; der Gehorsam aber die Ehre der Unterthanen. Und Arminius und Thußnelda. Und da ein Schiff - Hauptmann sein Schiff ehe in Brand zu stecken/ und sich selbst ehe auf- zuopffern/ als ein Raub des Feindes zu werden verbunden werden koͤnte; wie viel mehr waͤre er schuldig die hinzurichten/ derer Leben und Tod ohne diß in der Willkuͤhr seines Gebieters stuͤn- de. Nach dem dieser nun von seinen Gedan- cken nicht zu bringen war/ wie beweglich ihm man gleich einhielt: daß die Ausliefferung Thußneldens/ mit welcher man sich sonder Er- gebung des Schlosses bestillen wolte/ nicht nur eine ruhmwuͤrdige Erbarmung uͤber diese tu- gendhaffte Fuͤrstin waͤre; die als eine Rose auff ihrem muͤtterlichen Stengel von so schmertz- hafften Dornen zerstochen wuͤrde/ und davon entfernet zu werden wol verdiente/ sondern auch der gemeinen Ruhe Deutschlandes vor- traͤglich/ wiedrigen Falls aber die Festung eine blutige Grabestatt der Belaͤgerten seyn wuͤrde; schlug Hertzog Jubil fuͤr: Ermoͤchte Thußnel- den ihm ausfolgen lassen/ welches er wegen des nur gegen den Fuͤrsten Herrmann empfange- nen Verbots ohne Verantwortung eingehen koͤnte/ zumahl er ihm angelobte/ Thußnelden nicht dem Cheruskischen Hertzoge/ sondern dem Fuͤrsten Segimer Segesthens eigenem Bru- der auszuantworten. Aber ebenfalls vergebens; in dem er antwortete: dieser Vorschlag waͤre ihm/ als einem Kriegs-Manne zu spitzfinnig; Daher Herrmann aus Eyver diesem hartnaͤ- ckichten die aͤrgste Marter/ und einen solchen Tod/ den erfuͤhlen wuͤrde/ andraͤuen/ und aus einer ihn uͤberlauffenden hernach selbst bereuetẽ Hitze seine in voller Bereitschafft stehende Che- rusker an beyden Orten anlauffen ließ; ihm ein- bildende: daß die hartnaͤckichte Erklaͤrung dieses Cassuariers mehr Trotz/ als Ernst waͤre; in dem die/ dereꝛ Gꝛoßmuͤthigkeit auf deꝛ Zunge schweb- te/ selten viel davon im Hertzen haͤtten/ und die Redner meist Kuͤnstler in Worten/ nicht in den Wercken waͤren. Die Cherusker und hieꝛauf die Hermundurer stuͤrmten so erhitzt: daß ungeach- tet der tapfern Gegenwehr nach zweyen Stun- den die Cherusker auf dem Thore/ die Hermun- durer auf der innersten Schloß-Mauer ihre Fahnen auffsteckten. Aber diese Siegs-Zeichen verwandelten sich dem Hertzog Herrmann/ wel- cher nahe bey der eingestossenen Mauer sein Volck zum Sturme anleitete/ Augenblicks in klaͤgliche Trauer-Binden. Denn er sahe aus einem Thurme ein Frauenzimmer herab stuͤr- tzen/ welches er fuͤr kein anders/ als seine Thuß- nelde halten; und daß selbte uͤber die gaͤhen Fel- sen in tausend Stuͤcke sich zerschmettern muͤste/ muthmassen konte. Dieses Schrecken ver- bitterte ihn so sehr: daß er seinen Hinterhalten vollends nachdringen/ und befehlen ließ: die Cherusker solten keine Seele von den Moͤrdern seiner liebsten Thußnelde leben lassen. Er selbst aber eilte mit etwan hundert Mann gegen die Klippen/ woruͤber Thußneldens Abstuͤrtzung geschehen war. Wie nun aber im Grunde nichts von ihr zu spuͤren/ kletterte er mit der Seinigen und der verhandenen Sturm-Leitern Huͤlffe an den Felsen hinauff biß an den Thurm/ da er denn zu seiner hoͤchsten Verwunderung Thuß- nelden schier an der mitlern Hoͤhe des uͤber hun- dert Ellen hohen Thurmes gleichsam klebende fand; in dem sie mit ihrem von der Lufft auff- gefacheten Rocke an einem spitzigen Felsen haͤn- gen blieben/ mit den Haͤnden eine aus den Stei- nen ragende Baum-Wurtzel im herab fallen ergrieffen/ und nicht sonder augenscheinlichen Beystand Gottes sich so lange daselbst angehal- ten/ also dardurch bewehret hatte: daß Fuͤrsten gantz absondere Schutz-Geister/ und in sich ei- nen ungemeinen Einfluß von auch Fuͤrstlichen Sternen zu ihrer mehrmahls unglaublichen Erhaltung haben muͤsten. Hertzog Herrmann ließ als bald zwey Leitern/ weil keine allein zu dieser Hoͤhe langte/ zusammen binden; und nach dem der abschuͤßige Felß keine sichere Aufsetzung der Leitern verstattete/ selbte mit Stricken un- ten umfassen/ und die Cherusker auf der Seite C c c c c c c c 2 gleich- Achtes Buch gleichsam schwebende halten. Er selbst aber stieg oder flog vielmehr die Leiter hinauff/ und hob Thußnelden darauf/ welcher Haͤnde schon gantz verschwartzt/ und kaum wenig Augenblicke sich mehr zu erhalten geschickt waren. An statt der nunmehr entbundenen Haͤnde/ erstarrten alle ihre Glieder/ als sie ihren liebsten Hertzog Herꝛ- mann fuͤr sich sah/ und ihn abermahls fuͤr ihren Erloͤser erkennete. Ja auch ihre Zunge war unbeweglich; nur die Augen zeigten ihre Leb- hafftigkeit mit denen daraus fallenden Thraͤnen an. Hertzog Herꝛmann selbst konte entweder fuͤr Mitleiden/ oder fuͤr Freuden sich derselben nicht maͤßigen; und gab darmit an Tag: daß die Augen der Helden nichts weniger in sich Wasser der Empfindligkeit/ als Felsen Quelle haben. So bald sie nun beyde von dieser gleich- sam in der Lufft haͤngenden Leiter auf die feste Erde sich begeben hatten/ umarmete der gleich- sam auffs neue lebendige Herrmañ seine Thuß- nelde/ welche ihn aber erinnerte: daß selbige Zeit unauffschieblichere Dinge zu eroͤrtern haͤt- te. Wie dieser nun: worinnen solche bestuͤnden/ fragte; antwortete sie: daß er in dem eroberten Schlosse der besorglichen Blutstuͤrtzung ein Ende machte. Denn ob zwar die Belaͤgerten ihn beleidiget haͤtten/ baͤte sie doch zu erwegen: daß diese Beleidigung ein Gehorsam gegen ih- ren Fuͤrsten; und sie alle ihre Landes-Leute waͤ- ren. Hertzog Herrmann eilte hiermit geraden Weges in das von Blut allenthalben bespruͤtzte Schloß; welchem denn Thußnelde selbst auff der Fersen folgte/ und durch ihre Vorbitte zu wege brachte: daß der Hertzog niemanden mehr zu toͤdten/ alsofort ein Kriegs Zeichen geben ließ. Wie nun bey nahe die Helffte noch gefan- gen ward; also brachten Boͤltzig und Tecke/ zwey Cherusker den Schloß-Hauptmann A- schenburg in Band und Eisen fuͤr den Hertzog dem sie den auff sich selbst gezuͤckten Degen aus- gewunden/ und um ihn zu einer groͤssern Pein aufzuheben zu sterben verwehret hatten. Dieser fiel gantz verzweiffelt fuͤr dem Hertzog Herrmañ und Thußnelden nieder; entweder/ weil er itzt allererst seine bey ihrer Herabstuͤrtzung aus ge- uͤbte Grausamkeit erwog; indem alle Laster nach ihrer Vollbringung nach Art des in die Lufft kommenden Stein-Saltzes vielmahl schwerer im Gewichte werden; oder/ weil er nicht zu be- greiffen wuste: wie diese mit seiner eigenen Hand herab gestuͤrtzte Fuͤrstin nicht nur unzerschmet- tert/ sondern lebendig/ ja gantz gesund seyn koͤn- te. Er konte zwar fuͤr Schrecken kein Wort auffbringen; aber seine zitternde Glieder rede- ten sie deutlich genung um Erbarmnuͤs an; biß seine stammelnde Zunge endlich eine Bitte um keinen langsamen Tod halb zerbrochen aus- schuͤttete; ja sich selbst so vielmehr verdammete; weil ihm Hertzog Herꝛmann in Rom wegen ei- nes Kriegs-Verbrechens das Leben geschenckt; Er auch diesen Ausschlag leicht haͤtte vermuthen koͤnnen; weil die Gerechtigkeit der Waffen auf Seiten der groͤsten Tapfferkeit der Welt mit diesem Uberwuͤnder gestanden waͤre. Hertzog Herrmann antwortete ihm mit einer ernsthaff- ten Gebehrdung: wer das vergangene vergist/ das gegenwaͤrtige nicht wahrnimmt/ das kuͤnff- tige verachtet/ ist des Lebens nicht werth. Denn der weiß nur zu leben/ der aller dreyer Zeiten Genuͤß durch Erinnerung geschehener/ durch tugendhaffte Anwehrung gegenwaͤrtiger/ und kluge Vorsehung kuͤnfftiger Dinge nicht ver- absaͤumet. Der aber verdient nicht einst die Ruhe des Todes zu genuͤssen/ der der Unschuld Leben bitterer macht/ als der Tod an sich selbst ist. Und daher solstu nicht leben/ noch auch ster- ben; sondern die Wermuth von beyden auff einmahl schmecken. Die mitleidende Thuß- nelde sagte zwar kein Wort/ ihr einiger Anblick aber war ein so beredsames Stillschweigen/ und hatte in sich eine so lebhaffte Vorbitte: daß er ihr die Willkuͤhr uͤber sein Leben und Tod ent- raͤumete. Welche denn hierauff sich erklaͤrte: Sie wolte ihm die voͤllige Freyheit schencken; weil Arminius und Thußnelda. weil sie ohne diß dem das Leben zu nehmen nicht befugt waͤre/ das er vom Hertzog Herꝛ- mann/ als dem Gebieter ihrer Seele/ schon einmal zum Geschencke bekommen haͤtte. Die- ser schon halb-todte ward hierdurch auffs neue beseelet/ Herꝛmann aber veranlasset: daß er alle Gefangene von Stund an frey/ seine wenige Todten aber herrlich beerdigen/ und der Ver- wundeten in dieser besetzten Festung wol pfle- gen ließ. Den dritten Tag darauff erhielt Herꝛmann und Jubil die Nachricht: daß Se- gesthes sich mit zehntausend Galliern ver- staͤrckt/ und bey Henneberg ein Laͤger geschla- gen/ auch an der Werra und der Fulde ihnen alle Paͤsse verhauen und besetzt haͤtte. Wenig Stunden darauff fand sich ein Roͤmischer E- delmann beym Hertzog Herꝛmann mit Schrei- ben aus Meyntz vom Quintilius Varus ein; darinnen er ihn versicherte: daß der Kayser die vorhabende Heyrath Marbods und Thuß- neldens nicht/ wol aber Hinderung dieses ver- daͤchtigen Beginnens und die Demuͤthigung des undanckbaren Segesthes billigte/ derowe- gen er auff den Nothfall dem Fuͤrsten Herꝛ- mann huͤlffbar beyzuspringen nicht vergessen wuͤrde. Herrmann/ ob er wol dieser Vertraͤu- ligkeit des schlimmen Varus wenig zutraute/ fertigte doch diesen Roͤmer mit Geschaͤncken und mit vielem Wort-Gepraͤnge seiner Ver- bindligkeit halber gegen den Kayser und Va- rus ab. Denn solche Anstellung ist ein ehrba- rer Betrug der Fuͤrsten wieder die Betruͤger; und also nicht nur zulaͤßlich/ sondern noͤthig. Dieser war kaum abgefertigt/ als beyde Her- tzoge den Segesthes des Nachts zu uͤberfallen schluͤßig wurden; und mit dem sinckenden A- bend ihre Voͤlcker in moͤglichster Stille gegen Henneberg fortruͤcken liessen. Denn ob sie zwar sich dreymahl schwaͤcher/ als den Feind wusten/ trauten sie doch ihrer Tapfferkeit in al- lem so viel zu: daß sie an nichts einiges Miß- trauen hatten; zumahl ihr voriger Sieg ihrem Volcke so viel mehr Hoffnung/ den Feind aber verzagt gemacht hatte/ und selbter also ein Werckzeug mehrer Siege zu seyn tauglich schien. Die Cherusker und Hermundurer ka- men guter drey Stunden fuͤr Tage harte an das Laͤger/ in welchem sich schier keine Mauß nicht ruͤhrte; hingegen sahen sie das Schloß in Henneberg von unzehlbaren Lichtern und Fa- ckeln gleichsam lodern; und die hellen Krumb- Hoͤrner erfuͤlleten die Lufft mit einem unauff- hoͤrlichen bey denen Gesundheit-Trincken ge- woͤhnlichen Gethoͤne. Weil nun dieses das wenigere Geraͤusche verdruͤckte/ ließ Herrmann etliche Cherusker an die Wagenburg kriechen; welche alsofort zwey in so tieffen Schlaff und Trunckenheit versenckte Gallier zum Herꝛ- mann schlepten: daß sie nach vielem Ruͤtteln kaum zu erwecken waren. Diese bekennten: daß zwey Fuͤrsten der Gallier nebst den fuͤr- nehmsten Kriegs-Obersten beym Hertzog Se- gesthes zu Gaste/ die den Abend vorher mit vieler Kost und Getraͤncke beschenckten Gal- lier auch grossen theils truncken waͤren. Die Hertzoge theilten ihr Kriegs-Volck sonder ei- nige Zeit-Verlierung in vier Theil; mit zwey- en ward ins Laͤger gebrochen/ die schlaffenden Wachen nieder gehauen/ die Wagenburg er- oͤffnet/ ehe sich schier ein Mensch in dem Laͤger ruͤhrte/ weniger zu den Waffen grieff. Man schlachtete die Gallier gleichsam wie das unver- nuͤnfftige und angebundene Vieh ab; biß Her- tzog Jubil an das Lager der Chassuarier kam; welche alsofort die Waffen ergrieffen/ und de- nen Hermundurern die Stirneboten. Hier- uͤber ward auch Lermen in Henneberg/ und Segesthes nebst seinen von dem Truncke erhitz- ten Gaͤsten wolten durch das nechste Thor mit dreytausend darinnen liegenden Chassuariern heraus brechen/ und denen die Lufft mit erbaͤrmlichem Mord-Geschrey erfuͤllen den Galliern/ welche nun hin und wieder zu der Gegenwehre sich anstelleten/ zu Huͤlffe kom- men. Aber Hertzog Herrmann hatte bald im Anfange seines Einbruchs dieses Thor mit C c c c c c c c 3 dem Achtes Buch dem dritten Theile der Hermundurer versetzt; also: daß Segesthes eine Stunde lang verge- bens heraus zu kommen sich muͤhte/ als inzwi- schen die Cherusker die Gallier abschlachteten/ Jubil aber die Cassuarier im Laͤger in Verwir- rung/ hernach in die Flucht brachte. Bey an- brechendem Tage brach Segesthes durch das andere Thor mit zweytausend Mann heraus; aber Hertzog Herrmann setzte ihm nicht allein seinen Hinterhalt entgegen; sondern/ weil die Gallier ohne diß schon meistentheils aufgeopf- fert waren/ und der Ritter Stirum mit sechs- hundert Cheruskern und einer daselbst gemach- ten Wagenburg das andere Thor genungsam einschloß/ gieng er mit fuͤnffhundert Pferden gleichfalls dem Segesthes entgegen; welcher von Wein und Rache erhitzet mehr verzweiffelt/ als tapffer fochte/ auch bey Erblickung Hertzog Herrmanns gegen ihn sich so weit herfuͤr zuͤck- te: daß nach dem dieser seinen Wurffspieß be- hutsam versetzt/ und ihm das Pferd durch einen Schwerdtstreich in Hals getoͤdtet hatte/ Sege- sthes/ ungeachtet der Cassuarier ruhmwuͤr diger Gegenwehr/ vom Ritter Bodenstein gefangen; und hierauff die Cassuarier in die Flucht ge- bracht wurden. Wie nun diese in die Stadt sich fluͤchteten/ Hertzog Herrmann aber mit sei- nen Cheruskern sich mit ihnen so vermengte: daß es unmoͤglich war fuͤr dieser ein dringenden Gewalt das Thor zu sperren; also drang Her- tzog Jubil nach gantz uͤberwundenem Lager mit seinen Hermundurern zum andern Thore mit einer gleichmaͤßigen Tapfferkeit in die Stadt; welche denn nunmehr fuͤr denen Uberwuͤndern mit Wegwerffung der Waffen sich demuͤthigte. Und ob wol das Schloß sich noch zu einer Ge- genwehr ruͤstete; ergab es sich doch folgenden Tag bey verspuͤrtem Ernste des Sturmes als ein solches Glied/ welches nach Verlust des Hauptes zwar noch einige Regung/ aber keine Geschickligkeit zu vernuͤnfftigen Anstalten hat. Jn dem Schlosse wurden die zwey Fuͤrsten der Gallieꝛ gefangen/ und in Segesthens Geheim- Schrancke ein Schreiben des Tiberius und Varus gefunden/ derer ersteres dem Segesthes die heimliche oder gewaltsame Hinrichtung Hertzog Herrmanns/ und anderer ihm am liechten stehender deutschen Fuͤrsten/ mit hoch- betheuerlicher Versicherung der deutschen Feld- herrschafft auftrug; das andere aber Segesthen wieder den Herrmann mit vielen Schmehun- gen auffrischte; und daß uͤber die bereit zu sei- nen Diensten geschickten Gallier ihm auff den Nothfall noch mehr Huͤlffe zukommen solte. Hertzog Herrmann/ welcher Segesthens Ab- neigung endlich durch die Ubermaaß seiner Wolthaten zu gewinnen vermeinte/ und durch seine Beleidigung nicht seine hertzliebste Thuß- nelde/ durch diese aber sein eigen Hertz beleidi- gen wolte; ließ ihm nicht nur die von etlichen verbitterten Cheruskern und Hermundurern umgelegte Ketten und Fessel abnehmen/ und ihn Fuͤrstlich bedienen; sondern auch durch den Fuͤrsten Jubil ihm die augenscheinliche Wie- derstrebung des Verhaͤngnuͤßes in anderwaͤr- tiger Verheyrathung seiner Tochter/ aus des Tiberius Schreiben seine Mord-Lust; aus den zweyen Briessen des Varus aber/ dieses auf beyden Achseln tragenden Verraͤthers Arglist und Vorsatz/ die Deutschen an einander zu he- tzen/ fuͤr Augen stellen. Die verheissene Huͤlffe zu der deutschen Feldherrschafft waͤre dem Her- tzog Herrmann so betheuerlich/ als Segesthen versprochen; und ein Angel - Hacken/ an wel- chem alle beyde ersticken solten. Der Roͤmer Absehen waͤre: daß die Cassuarier und Cherus- ker/ als zwey gegen einander stuͤrtzende Felsen einander zermalmen/ und ihrer einfaͤltigen Bunds-Genossen Haͤnde die gebratenen Ka- stanien aus den gluͤenden Kohlen scharren/ den Kern aber ihnen zu essen geben solten. Dieses moͤchte er doch nun einmahl behertzigen; des Cheruskischen Helden auffsteigende Gluͤcks- Sonne durch ferner verweigerte Vermaͤhlung und Arminius und Thußnelda. und andere Wiedersetzligkeiten nicht verduͤ- stern; als welcher erboͤtig waͤre ihm nicht nur seine Freyheit und alles abgenommene wieder zu erstatten/ sondern auch alle Beleidigung mit dem Schwamme ewiger Vergessenheit auszu- leschen. Segesthes/ welcher vom Hertzog Herr- mañ die grausamste Ausuͤbung der Rache wiedeꝛ sich besorgt hatte/ ward durch die erstere Ent- bindung zwar etlicher massen aus dem Kum- mer gesetzt; wiewol die Erkaͤntnuͤs seineꝛ Schuld ihm immer im Gedaͤchtnuͤße/ und daher die Beysorge der Straffe noch auff dem Hertzen lag; durch diß letztere Anbieten aber so beschaͤ- met: daß er antwortete: Er waͤre in wenig Ta- gen von dem großmuͤthigen Herrmann zwey- mahl uͤberwunden worden; aber dieser letztere Sieg uͤbertreffe alle seine vorhergehende. Deñ jene Siege erstreckten sich nur uͤber die eusserli- chen Glieder; seine Begnadigung aber uͤber sein des Segesthens Gemuͤthe/ ja uͤber sich selbst. Seine Beleidigung uͤberwiege das Gewichte aller Verzeihung; Herrmanns Guͤ- te aber uͤbermeisterte auch die Unversohnligkeit selbst. Nichts schlimmers und gefaͤhrlichers waͤre/ als zu dem Boͤsen einen Zug/ und fuͤr dem Guten einen Eckel haben; Gleichwol aber haͤtte er/ doch wuͤste er nicht aus was fuͤr Ver- blendung oder Zauberey/ so sehr in der schaͤdli- chen Freundschafft der Roͤmer sein Ungluͤck/ als die Muͤcken in dem Feuer ihren Tod gesucht. Ja es haͤtte an dem Fuͤrsten Herrmann nichts so tugendhafftes geleuchtet; welches er nicht fuͤr einen verfuͤhrischen Jrrwisch an gesehen. Nun- mehr aber erweichte ihm die Leitseligkeit dieses wolthaͤtigen Uberwinders sein eisernes Hertze; und seine Klugheit zuͤndete ihm durch die Ge- geneinanderhaltung der Roͤmischen Mord- Schreiben ein soches Licht an: daß er von nun an ihre Gemeinschafft verdammen/ und ihre Freundschafft abschweren muͤste. Wenn ihn Hertzog Herrmann nunmehr wuͤrdigte fuͤr sei- nen Schweher anzunehmen/ wolte er sich be- muͤhen sein Diener zu seyn. Wenn er ihn aber so gar mit dem Abgewonnenen beschencken wol- te/ wuͤrde er ihm hingegen die Herrschafft uͤber sein Gemuͤthe einraͤumen. Diese durch den Fuͤrsten Jubil uͤberbrachte Erklaͤrung verur- sachte bey dem Cheruskischen Hertzoge und Thußnelden eine solche Vergnuͤgung: daß sie bald darauf Segesthen im Zimmer heimsuch- ten/ und die/ welche allererst mehr als eine Tod-Feindschafft gegen einander ausgeuͤbt hatten/ einander bruͤderlich umarmten. Ja Se- gesthes selbst verordnete: daß das Feld bey Hen- neberg zu einem unausleschlichen Gedaͤchtnuͤs- se der von Hertzog Herrmann darauff ausgeuͤb- ten Heldenthaten den Nahmen Herrmanns- feld ewig fuͤhren solte. Einen so grossen Vor- zug hat die Tugend fuͤr den Lastern: daß je- ner ihre eigene Feinde Lorber-Kraͤntze auffzu- setzen; diese aber auch von denen/ die sie gleich lieben/ verdammt werden muͤssen. Die Ver- traͤuligkeit zwischen diesen Neuversoͤhnten ver- mehrte sich alle Tage/ und Segesthes selbst ver- anlaste den Cheruskischen Hertzog: daß er bey denen verwirrten und also alles Gepraͤnge leicht entpehrenden Zeiten sein Beylager als- bald zu Henneberg vollziehen solte. Alleine Thußnelde selbst hielt um desselbten Auffschub beweglich an; weil sie vorher ein gewisses Ge- luͤbde in dem Tanfanischen Heiligthume abzu- gelten haͤtte. Wiewol nun Hertzog Herrmann sie gerne eines andern beredet haͤtte/ ihr auch die unvermutheten Umschlagungen der Gele- genheit/ welche man keinmahl aus den Haͤnden lassen solte/ und die veraͤnderliche Beschaffenheit der Gemuͤther mit dieser Erinnerung einhielt: daß wer seine Genesung auff andere Zeit ver- schiebt/ zur Zeit der Noth derselben ins gemein entpehren muͤsse; lehnte sie doch solches mit ih- rer gelobten Andacht bescheidentlich ab; und be- wehrete: daß man nichts gewinne/ wenn man schon etwas zu seinen Haͤnden braͤchte; nichts aber verliere/ was man der Hand Gottes auff- zuheben Achtes Buch zuheben gebe. Bey einmuͤthiger Beliebung nun: daß die Heyrath zu Deutschburg vollzo- gen werden solte/ nahmen Herꝛmann/ Sege- sthes/ Jubil und Thußnelde nach wenig Tagen ihren Weg nach Marpurg zum Hertzoge Ar- pus; weil Herꝛmann mit den Catten das wie- der die Roͤmer lange im Schilde gefuͤhrte Buͤnd- nuͤs auf festern Fuß zu setzen/ Thußnelde aber ihre andere Mutter die Hertzogin Erdmuth nunmehr zu ihrer Ausstattung zu erbitten vor hatte. Sie kamen daselbst gluͤcklich an/ und ihre Bewillkommung war dem Vergnuͤgen gemaͤß/ welches die Cattische Fuͤrstin uͤber der Versohnung des Cheruskischen und Chassuari- schen Hertzogs schoͤpfften. Den Tag darnach fand sich auch der streitbare Hertzog der Sicam- brer Melo nur mit zwoͤlff Edelleuten auff der Post zu Marpurg ein. Sein erster Anblick zeugte alsofort eine Verwirrung der Gedan- cken/ und die Schwermuth bey einer so an- nehmlichen Zusammenkunfft ein nicht gerin- ges Anliegen seines Hertzens an. Gleichwol wolte er am ersten Abende seiner Ankunfft die freudige Gesellschafft mit seinem Wehklagen nicht irre machen. Des Morgens aber sehr fruͤh ließ er Ansuchung thun: daß Hertzog Ar- pus in seinem geheimsten Zimmer Verhoͤr ge- ben/ den Cheruskischen Hertzog aber darzu er- bitten moͤchte. Bey dessen Erfolg muste Her- tzog Melo ihm etliche mal die Thraͤnenabtrock- nen/ ehe er nachfolgende Worte nicht ohne Stammeln heraus bringen konte: Verstattet mir/ ihr zwey nur noch uͤbrigen Pfeiler unsers Deutschlands: daß ich fuͤr euch mein Hertzeleid ausschuͤtte; welches zwar keiner Huͤlffe; aber durch euer Mitleiden vielleicht einer Erleich- terung faͤhig ist. Denn ist gleich mein Ungluͤck so groß: daß ich es nicht ohne Schamroͤthe ent- decken kan; so tilget doch die rechte Begierde der Rache alles Bedencken meine eigene Schande zu sagen. Mein Hauß ist verun- ehret; mein Geschlechte beschimpfft; Deutsch- lands Ehrbarkeit zu Bodem getreten; und mei- ne Tochter geschaͤndet. Quintilius Varus/ den ich auff seiner von Meyntz nach der Fe- stung Alison fuͤr genommenen Reise auff einem meiner Lusthaͤuser als einen Freund bewirthet; hat mit gewaffneter Hand mein Kind aus den Armen ihrer Mutter geraubet; nach dem er ih- rer Keuschheit vorher mit den schaͤndlichsten Zu- muthungen fruchtloß zugesetzt. Jch habe bey meiner Gegenwehr diese drey Wunden davon getragen. Wolte GOtt aber: daß mir das Leben nicht uͤbrig blieben waͤre/ um nichts von meiner Tochter Unehre/ und der Schmach meines Stammes zu wissen! Alle andere Guͤ- ter und Tugenden sind wieder zu erlangen; der Verlust aber der Keuschheit ist unersetzlich/ und der Ehre unwiederbringlich. Die blosse An- ruͤhrung der Ehre ist so empfindlich: daß auch die/ welche gleich keine mehr in ihrer Seele be- herbergen/ doch keine Ehren-Verletzung ver- tragen wollen. Weil die gedultige Verschmer- tzung eines angethanen Unrechts ein Kennzei- chen ist: daß man solche Schmach verdient ha- be. Nun denn die Verletzungen unsers guten Nahmens unvergeblich; eines Fuͤrsten Be- schimpffungen allen Fuͤrsten gemein sind; so traue ich/ ihr Helden/ euch unzweiffelbar zu: daß ihr nicht weniger Raͤcher dieser Schand- that seyn werdet/ als ich weiß: daß ihr redliche Deutschen seyd. Auch Unterthanen werden ihrer Eyds-Pflicht loß: daß sie solche Laster an ihren Herren bestraffen koͤnnen; wie viel weni- ger werdet ihr/ denen die Freyheit angebohren/ diesem Ehrenschaͤnder es ungerochen hingehen lassen/ der nichts minder euren Haͤlsen das Joch der Dienstbarkeit auffzudringen fuͤr Ruhm/ als unsere Frauenzim̃er zu besudeln fuͤr Kurtzweil haͤlt. Die versehrte aber gerochene Keuschheit hat Rom aus einer Magd zu einer Freyin ge- macht; wie viel mehr vermag eure Rache durch des Varus Blut die Flecken meiner geschwaͤch- ten Tochter/ und euer Freyheit abzuwaschen. Leidet Arminius und Thußnelda. det aber ja das Verhaͤngnuͤs unseres bedraͤng- ten Zustandes nicht: daß ihr euch so wol meiner/ als des Vaterlandes anmasset; so wil ich allei- ne mich raͤchen/ oder sterben. Denn die Rache oder der Tod ist allein die Seiffe solcher Brandmahle. Alles beydes gereichet mir zum Vortheil/ es schlage mein Vorsatz gleich aus wie er wolle; weil die verunehrten Todten aller Schamroͤthe; die lebenden Ubelthaͤter aber selten eines unblutigen To- des entfreyet sind. Diese Rede trug Her- tzog Melo mit einer so beweglichen Art fuͤr: daß beyden andern Hertzogen die Augen uͤber- giengen; und beyder Gemuͤther nichts minder zur Rache gegen den Varus/ als zum Mitlei- den gegen den Melo bewegt wurden. Her- tzog Herrmann/ nach dem er den Hertzog Ar- pus um Verzeihung gebeten: daß er seiner Er- klaͤrung mit einer noͤthigen Erinnerung zuvor kaͤme; fieng hierauff an: Die Beschimpffung des Sicambrischen Hauses zuͤge er so sehr auff sich und das Cheruskische/ als Melo auf sich und das Seinige; weil beyde mehr als durch hun- dert Vermaͤhlungen so in einander verflochten waͤren: daß er sie fuͤr einerley Stammbaum hielte. Das Hertzeleid des Fuͤrsten Melo waͤre so viel mehr zu empfinden; als Deutschland zu seiner bißherigen Unterdruͤckung waͤre unem- pfindlich gewest. Sein Schmertz verdiente ein allgemeines Mitleiden; gleichwol schoͤpffte er noch einigen Trost daraus; weil er saͤhe: daß nicht alle Deutschen schon gar todt waͤren. Deñ ein grosser Schmertz waͤre noch besser/ als gar keine Empfindligkeit; weil diese der schon Ent- seelten Eigenschafft/ jener aber gleichwol noch ein Merckmal des Lebens waͤre. Bey so gestal- ten Sachen schiene dem Vaterlande gut zu seyn: daß die Wunde ihnen einst ins Fleisch/ und der Schmertz zur Seele gienge. Jm Fall aber auch dieser die Deutschen nicht aus ihrer Schlaffsucht zu reissen vermoͤchte; solten sie aus diesen dreyen Schreiben des Tiberius und Varus die Boßheit und Mord-Lust der Roͤ- mer; und die beschlossene Austilgung aller Fuͤrstlichen Haͤuser; also die Rache nicht nur wieder den Varus/ sondern die Ausrottung aller Roͤmer in Deutschland lernen; und die/ welche vorhin ein Vorbild der Freyheit und Tapfferkeit andern Voͤlckern gewest/ nun- mehr ein Beyspiel von denen der Dienstbar- keit doch gewohnten Pannoniern und Dalma- tiern nehmen; welche das Roͤmische Joch nicht nur abzustreiffen Gut und Blut ruͤhmlich ver- schwendeten; sondern auch den Deutschen gleichsam den Dorn aus den Fuͤssen gezogen; und sich der geringen Uberbleibung der meist in weibischen Galliern bestehender Roͤmischen Macht zu entschuͤtten eine in hundert Jahren kaum wiederkommende Gelegenheit an die Hand gegeben haͤtten. Er haͤtte bey sich nun- mehr schon den Schluß gemacht mit den Roͤ- mern zu brechen; nach dem der Auffstand der Gothonen und Sidiner/ den andern Feind der deutschen Freyheit/ nehmlich den Koͤnig Marbod gleichfalls anderwerts beschaͤff t igte. Zwar schiene das Werck freylich nicht ohne Schwerigkeit zu seyn/ weil Deutschland noch sechs Legionen/ auch uͤber anderthalb hundert tausend Gallier und andere Auslaͤnder auf dem Halse haͤtte; aber es waͤre ertraͤglicher einmahl unter gehen; als taͤglich auf dem Scheide-We- ge des Heiles und des Unterganges schweben. Jedoch sehe er keine solche Gefahr/ welche ih- nen alle Hoffnung des Obsieges abstrickte. Um sich selbst haͤtte er den wenigsten Kummer. Deñ/ weñ er die Roͤmer erlegt/ haͤtte ihm Deutschland sein Leben zu dancken; wuͤrde er aber selbst er- druͤckt/ so bliebe es ihm doch fuͤr seinen Tod ver- pflichtet. Das letztere waͤre der aͤrgste Ausschlag seines Vorsatzes/ aber nicht der geringste seines Ruhmes. Wer nicht voꝛheꝛ zu steꝛbẽ entschlossen waͤre/ wuͤꝛde einen Wuͤtterich zu toͤdten sich nicht entschluͤssen. Zu dem stuͤnde einem Helden ohne diß nicht an aus blosseꝛ Gnade seines Feindes zu Erster Theil. D d d d d d d d leben Achtes Buch leben/ wie die Deutschen zeither fast unter den Roͤmern gelebt haͤtten. Also waͤre sein unver- aͤnderlicher Vorsatz/ entweder in der Freyheit zu leben/ oder fuͤr dieselbe zu sterben. Hertzog Arpus hoͤrte mit einer großmuͤthigen Aufwal- lung seines Gemuͤthes Herꝛmanns Vortrag; und nach dem er die fuͤr gelegten Schreiben/ in derer einem ihm absonderlich sein Todes-Ur- thel gefaͤllt war/ durchlesen hatte/ erklaͤrte er sich dahin: Varus haͤtte den Melo biß in die See- le beleidiget; ihm aber nach dem Leben getrach- tet; keines waͤre gelinder/ als mit seinem To- de zu raͤchen. Alle redliche Deutschen wuͤrden bey ihnen stehen/ welche verstuͤnden: daß wer einmahl der Tugend gram wuͤrde/ sich an mit- lern Lastern nicht saͤttigte; und daß das Mord- Eisen der Wuͤtteriche nur durstiger nach meh- rerm Blute wuͤrde. Denn so ruchlose Leute hegten diesen Aber glauben: daß die auffs hoͤch- ste gewachsenen Laster zu Tugenden/ wie die ih- res gleichen verschlingende Schlangen zu Dra- chen wuͤrden. Weil nun derogestalt dem Va- terlande das Wasser in den Mund/ ihnen selbst biß uͤber die Scheitel gienge/ waͤren mittel- maͤßige Entschluͤssungen der Roͤmer Gewalt zu steuern unvermoͤgende Bemuͤhungen/ oder vielmehr ohnmaͤchtige Wehen der vergehenden Freyheit. Wenn die Tugend ihr selbst durch gewisse Maaßgebung ein Gebieß anlegte/ muͤ- ste sie allerdings darhinten bleiben; und die Boßheit/ welche weder Maaß noch Ziel kenn te/ lieffe ihr allezeit das Vortheil ab. Dahero jene ihr Gutes ins gemein boͤse/ diese aber ihr Boͤses wol ausuͤbte. Also stimmte er in alle Wege dahin: daß man die Roͤmische Macht/ als die deutsche Gifft-Wurtzel/ mit Strumpff und Stiel ausrotten solte; und er stuͤnde fuͤr sei- ne Catten: daß sie beyde Schaͤrffen ihrer Schwerdter fuͤr die gemeine Freyheit brauchen wuͤrden. Sie alle muͤsten Deutschland fuͤr ihre Mutter; aber Deutschland koͤnte niemanden wol fuͤr seinen Sohn erkennen/ wenn sie es in diesem Nothstande versincken/ und in dem Schlamme der Roͤmischen Uppigkeiten ersti- cken liessen. Man schaͤtzte fuͤr keine Schande an seiner Liebes-Kranckheit vergehen; warum haͤtte man denn Bedencken mit dem sterbenden Vaterlande umzukommen? Wer nicht fuͤr ruͤhmlich schaͤtzte das Leben einzubuͤssen/ um die Ehre zu behalten/ haͤtte weder Ehre noch Leben in sich. Hingegen wuͤrde Deutschland durch ihre Regung einen neuen Geist/ und sie durch die Abscheu fuͤr so grausamen Lastern des Va- rus uͤberfluͤßigen Beystand bekommen. Wolte ihnen aber auch gleich das Vaterland/ so wolten sie doch nicht dem Vaterlande entfallen. Haͤtte er nicht zu verhindern vermocht: daß die Roͤ- mer in Deutschland den Fuß gesetzt/ so wolte er doch sich bearbeiten: daß ihr Gluͤcke darinnen nicht berasete. Was der Roͤmer Herꝛschens- sucht in Deutschland eingenommen/ haͤtte ih- nen ihre Zwietracht eingeraͤumt; und also kleb- te ihrem Besitzthume ein zweyfacher Fleck/ de- nen Deutschen aber die groͤste Schande an. Und derogestalt wuͤrde er vom Melo und Herꝛmann durch ihren hertzhafften Schluß nicht so wol zu einem gefaͤhrlichen/ als ruhmwuͤrdigen Wer- cke beruffen. Wiewol eine unvermeidliche Nothwehr keine bedenckliche Uberlegungen der Gefahr vertruͤge. Er erinnerte allein bey die- sem Fuͤrhaben: daß sie ihren Schluß ohne Saͤumnuͤs ins Werck richten solten. Denn die Uberlegung eines Dinges habe wol Zeit/ der Schluß aber unsaͤumbarer Ausfuͤhrung von noͤthen. Viel Heimligkeiten kaͤmen ohne ei- nigen Wortes Auslassung aus. Denn die Muthmassung waͤre ein schaͤrfferer Ausholer/ als die Zunge ein Verraͤther. Weil nun vorher gesehene Streiche meist nichts/ als die Lufft ver- letzten/ ein mißrathender Anschlag aber nur warnigte; rieth er: daß man wie ein Blitz loß- brechen/ und durch eine behertzte Geschwin- digkeit die bißherige Versaͤumung des Vater- landes einbringen solte. Also brachte dieser Fuͤrsten Arminius und Thußnelda. Fuͤrsten einmuͤthige Meynung ehe/ als man sichs haͤtte einbilden koͤnnen/ dieses Buͤndnuͤs zu wege: daß sie den Quintilius Varus mit al- len Roͤmern aufopffern/ und Deutschland in den alten Stand voriger Freyheit versetzen wol- ten. Hierauff kam in Berathschlagung: wie dieses wichtige Werck kluͤglich auszuuͤben; und ob dem Segesthes und Jubil hiervon etwas zu eroͤffnen waͤre? Nach unterschiedener Uberle- gung ein- und anderer Bedencken fiel endlich der Schluß dahin: Hertzog Herꝛmann und Arpus solten gegen dem Varus groͤssere Ver- traͤuligkeit/ als iemahls vorher bezeugen; Her- tzog Melo aber an den Kayser eine Beschwerde wegen seiner geraubten Tochter abschicken/ a- ber zugleich die Waffen unter dem Vorwand: nur gegen dem Quintilius Varus sein Unrecht zu raͤchen/ wieder die Roͤmer er greiffen. Her- tzog Herꝛmann und Arpus wolten inzwischen zum Scheine aus ihren Großelterlichen Zwi- stigkeiten einen Dorn herfuͤr suchen; und ihre gegen einander geschehende Kriegs-Ruͤstung uͤber der allgemeinen Feinde Koͤpffe ausbrechen lassen. Segesthen aber hiervon etwas zu ent- decken/ hielten sie insgesamt fuͤr bedencklich; weil seine Gemahlin Sentia in dem Verdach- te waͤre: daß sie Segesthen durch Zauberey be- stricket/ und nichts minder zu einem Sclaven der Roͤmer/ als einem Tod-Feinde des Che- ruskischen Hertzogs gemacht haͤtte. Welche Abneigung ihn nur itzt die Noth verbergen hies- se/ ein einiger Anblick der Sentia aber sein Ge- muͤthe gegen den Hertzog Herrmann mehr/ als der Zauber-Kopff Medusens versteinern wuͤr- de. Dem Hertzoge Jubil waͤre dieses Geheim- nuͤs zwar sicher genung zu vertrauen; aber es waͤre noch Zeit genung darzu; wenn sie dem Wercke naͤher/ als itzt seyn wuͤrden. Sintemal solche Verbindungen gefaͤhrlicher in ihrer An- spinnung/ als in derselben Ausuͤbung waͤren. Und ein groß Werck wuͤrde mit weniger Ge- fahr ausgemacht; welches nichts minder weni- gen bewust; als nicht in viel Umstaͤnde verwi- ckelt waͤre. Mit diesem Verlaß reisete Melo den andern Tag von Marpurg wieder ab; und ob wol niemand sonst sein Anliegen erforschet hatte; diente doch zu einer ziemlich mercklichen Auslegung seiner Ankunfft: daß Varus zwar seine Tochter mit Gewalt geraubet/ selbte aber noch ehe/ als er sie mißbrauchen koͤnnen/ ihren gewaltsamen Fuͤhrer mit einem verborgenen Messer getoͤdtet; und weil sie aus so vieler Roͤ- mer Haͤnden unmoͤglich anders entrinnen koͤn- nen/ sich in den Siege-Strom gestuͤrtzt haͤtte. Jnsonderheit steckte dem argwoͤhnischen Sege- sthes diese Nachricht ein grosses Licht auff; wel- cher sich sonst in des Hertzogs Melo eilfertiger Ankunfft/ und so uhrploͤtzliche Abscheidung nicht zu richten wuste. Wie nun alle Geheim- nuͤße verdaͤchtig sind; also hielt es Segesthes ihm verkleinerlich: daß weder Melo noch Ar- pus gegen ihn was entdeckten. Hierzu kam: daß Hertzog Herrmann und Jubil auch gleich- sam uͤber Hals und Kopff von Marpurg auff- brachen; und Segesthens Reise/ welcher seine Gemahlin Sentia nach Marpurg verschrie- ben hatte/ nicht erwarten wolten. Welches Segesthen in einen so grossen Argwohn setzte/ oder zum minsten ihm von Sentien hernach eingeredet ward: daß man nicht nur die Roͤ- mer/ sondern auch ihn aus dem Wege zu raͤu- men fuͤr haͤtte. Also ist der Verdacht der be- truͤglichste Wegweiser zu bereuens-wuͤrdigen Entschluͤssungen; und die Furcht Gewalt zu leiden mehrmahls eine Ursache einem andern Gewalt anzuthun. Denn ob wol Herrmann und Arpus ein Unvernehmen gegen einander bezeugten/ hielt es doch Segesthes und Sentia wegen vorgaͤngiger Vertraͤuligkeit fuͤr ein blos- ses Spiegelfechten. Diesemnach er denn seinen Weg gerade nach Alison zum Quintilius Va- rus richtete; und ihm seine Muthmassungen Haar-klein entdeckte. Wenig Tage darauff kriegte Varus Zeitung: daß Hertzog Melo mit D d d d d d d d 2 seinen Achtes Buch seinen Sicambrern alle in seinem Gebiete be- findliche Roͤmer erwuͤr get/ die Gallier uͤber den Rhein gejagt/ auch in der bey dem Altare der Ubier aufgerichteten Festung eine Legion be- laͤgert haͤtte. Wie nun Varus hieruͤber nicht wenig bestuͤrtzt ward/ sonderlich/ weil der Goͤtt- lichen Rache Gerichts-Anwald nehmlich das Gewissen ihn uͤberzeugte: daß er durch seine Boßheit dem Melo diese feindliche Antastung abgenoͤthigt/ die deutschen Fuͤrsten ins gesamt durch seine Hoffart/ den Adel durch Beschimpf- fung/ die Buͤrger durch unertraͤgliche Scha- tzung/ alle aber durch die Schaͤrffe neuer mehr spitzfinniger/ als gerechter Gesetze/ den Ackers- Mann durch knechtische Arbeit/ besonders in Suchung der Ertzt-Gruben ihm gehaͤßig ge- macht hatte; also ward er noch kleinmuͤthiger; als er die so starcke Zuruͤstung der Cherusker und Catten vernahm. Weßwegen er in aller Eil die hin und wieder zertheilten Gallier an sich zoh; und nichts minder den Hertzog Herr- mann/ Jngviomer/ Jubil und etliche andere Fuͤrsten zu sich nach Alison erbat. Hertzog Herꝛ- mann stand zwar mit Jngviomern und dem Jubil lange im Bedencken: ob sie dem Varus trauen solten; sonderlich weil der von der Roͤ- mischen Grausamkeit so sehr gedruͤckte Her- tzog der Chautzen Ganasch/ mit welchem Her- tzog Herrmann eine heimliche Unterredung hielt/ ihnen ihre Erscheinung so sehr mißrieth; ja als sie seiner Abwehrung nicht folgen wol- ten; sie mit diesen Worten gesegnete: Es waͤre rathsamer eine Hand ohne Herrschungs-Stab/ als einen Nacken ohne Kopffhaben. Alleine/ weil kein Mensch vom Segesthes etwas Boͤfes muthmaste; sie auch von des Varus Furcht uͤber der Sicambrer Auflehnung sichere Nachricht; durch ihre Enteusserung aber den Roͤmern die Freundschafft aufzukuͤndigen/ oder dem Varus boͤses Nachdencken zu verursachen anstunden; weil sie theils ihꝛe Kriegs-Verfassung noch nicht in einem solchen Stande hatten: daß die Roͤmi- sche und Gallische Macht nicht der Cherusker uñ Bructerer Meister zu werden vermocht haͤt- te; andern theils auch von grossen Siegen des Tiberius und Germanicus wieder die Panno- nier und Dalmatier Zeitung einlieff; hielt es Herrmann fuͤr rathsamer sich beym Varus ein- zufinden/ und ihm dardurch nicht nur einen blauen Dunst seiner Treue wegen fuͤrzumah- len; sondern auch die Heimligkeit seines wieder den Melo fuͤhrenden Anschlags zu ergruͤnden. Also kam Herꝛmann zu nichts minderer Ver- wunderung des Segesthes als des Varus in A- lison unvermuthet an/ und wurde vom Varus mit ungewohnter Freundschafft bewillkommt; welcher nicht so kluͤglich den Firnß der Heuche- ley/ als Hertzog Hermann den Schatten seines Mißtrauens zu verdecken wuste. Weil nun der/ welcher mit Betruge Wucher treiben wil/ seine Waare im Tunckeln feilhaben/ sich auch selbst nicht zu erkennen geben muß/ auffer dem aber ihm selbst viel nicht eingebildetes Ubel auf den Hals zeucht; so gewann Varus hiervon nichts bessers/ als daß er dem Fuͤrsten Herꝛmañ in seinem wieder ihn gefasten Argwohne eines ungemeinen Betruges befestigte; hingegen a- ber durch seine so freye Einfindung gantz irre gemacht ward: Ob er dem Cheruskischen Her- tzoge etwas boͤses zutrauen/ und Segesthens Warnigung Glauben zustellen/ oder auch an einem Unschuldigen sich vergreiffen solte. Also klebt Laster und Tugend so uͤbel/ als vermischtes Ertzt und Thon an einander; und daher ist es ei- ne gerechte Straffe: daß denen Boßhafften auch die angenommene Tugend/ welche durch ihren Mißbrauch entweihet wird/ zum Ver- raͤther und Verterb gereiche. Noch mehr ver- daͤchtiger war dem Hertzog Herꝛmann: daß Varus und Segesthes etliche mahl des Nachts geheim zusam̃en kamen; und jener ihnen keinen richtigen Vortrag thun wolte/ biß auch Hertzog Jngviomer/ Jubil/ Ganasch und etliche ande- re zu Alison ankaͤmen. Nach dem aber von diesen Arminius und Thußnelda. diesen allerhand Entschuldigungen und Ver- troͤstungen ihrer Huͤlffe wieder den Melo ein- lieffen/ lag Segesthes dem Varus auffs beweg- lichste an: daß er diesen Vogel nicht aus dem Garne lassen/ sondern ihn/ den Malovend und den Segesthes selbst zum Scheine gefangen se- tzen/ und derogestalt durch des Cheruskischen Hertzogs Hinrichtung den Auffwieglern das Haupt abschneiden; und denen noch zweiffel- hafften ein Schrecken einjagen solte. Allei- ne Varus war hier zu nicht zu bereden/ und ihm also dißmahl selbst unaͤhnlich; entweder/ weil er durch seine angenom̃ene Freundligkeit noch Jngviomern/ ohne welchen Fuchß er nichts ge- fangen zu haben fuͤrgab/ ins Netze zu locken ihm einbildete; oder/ weil er durch seine Grau- samkeit sich zu einem Scheusal der gantzen Welt zu machen/ und gantz Deuschland vol- lends wieder sich in Harnisch zu jagen Beden- cken/ oder auch an Herꝛmanns Beschuldigung Zweiffel trug. Welche letztere Barmhertzig- keit denn dem Hertzoge Herꝛmann/ welcher so wol sein/ als Jngviomers halben wieder den Melo Huͤlffe zu schicken versprach/ das Leben erhielt/ dem Varus aber verkuͤrtzte; in dem er nicht verstand: daß der Glimpff eines Wuͤtte- richs ihm selbst die gefaͤhrlichste Grausamkeit/ und auff den Fuß seiner abscheulichen Laster ei- ne Tugend-Seule zu bauen eben so thoͤricht sey/ als auff einen stinckenden Misthauffen ein guͤldenes Sonnen-Bild zu setzen. Sintemahl in Warheit kein schluͤpffriger Weg ist/ als auff den Graͤntzen der Tugend und der Boßheit wandeln; und in dem einen nicht warm/ in dem andern nicht kalt seyn. Also entrann Her- tzog Herꝛmann nicht allein aus diesen Fallstri- cken des unbestaͤndigen Segesthes/ sondern er machte auch den Varus noch mehr sicher: daß er seine Kriegs-Ruͤstung wieder die Roͤmer be- werckstelligen konte. Ja er wiegte ihn vollends gar in Schlaff/ als er den Varus um Vermit- telung derer zwischen ihm und dem Arpus er- wachsenden Streitigkeiten/ oder auch Sege- sthen zu einem Schieds-Richter zu vermoͤgen ersuchte; wormit er so viel sicherer seine Waffen mit den Roͤmischen gegen den Melo vereinba- ren koͤnte; also Hertzog Ganasch hernach selbst Herzog Herꝛmanns Kuͤhnheit loben und beken- nen muste: daß derselbe nicht irrete/ wer mit sei- nem vermeinten Jrꝛthume den rechten Zweck treffe. Massen denn Varus sich zwischen beyde Hertzoge legte/ und biß Segesthes bey ihrer Zu- sam̃enkunft die Vereinbarung unteꝛsucht haͤtte/ einen Stillstand der Waffen zu wege brachte. Die Zusam̃enkunft ward bey dem Tanfanischen Tempel bestim̃et/ wormit dieser heilige Ort ihre Gemuͤther so viel mehr gewinnen moͤchte. Se- gesthes selbst drang auf Beschleunigung dieses Wercks/ nicht so wol/ daß es ihm ums Heꝛtze waꝛ die Zwistigen zu vereinbaren/ als die Warheit ihrer Uneinigkeit/ und die Geheimnuͤsse ihrer Gemuͤther auszuholen. Er kam mit zweytau- send Chassuariern in den Deutschburgischen Heyn/ um auf allen Fall sich dieser Kriegs- Macht zu seinem Vortheil zu bedienẽ. Er ward aber nicht wenig bestuͤrtzet/ als er recht zwischen die Cheruskische und Cattische Macht verfiel/ welche iederseits uͤber zwantzig tausend Mann starck war/ und also die Anzahl gewoͤhnlicher Friedenshaͤndler/ oder auch der vom Varus be- gehrten Huͤlffs Voͤlcker weit uͤbertraff. Noch mehr bekuͤmmert war ihm: daß er die Cherusker und Catten in groͤsserer Vertraͤuligkeit mit ein- ander leben sahe; als sonst Voͤleker/ welche nur den Grimm ihrer feindlichen Waffen wenige Zeit ruhen zu lassen beliebẽ/ gewohnt sind. Weil er nun von dieser grossen Macht unter dem Schein der Ehren gantz umschlossen ward/ mu- ste er nur sein Mißtrauen/ so gut er konte/ ver- bergen; sonderlich als Hertzog Herꝛmañ und Ar- pus einanderwie Bruͤder umarmten; uñ folgen- den Tag Hertzog Jngviomer mit zehentausend Bructereꝛn/ Herzog Ganasch mit zwoͤlfftausend Chauzen/ Hertzog Jubil mit sechstausend Her- mundurern/ ja Segesthens eigeneꝛ Bruder Se- gimer und sein Sohn Siegesmund mit acht- D d d d d d d d 3 tausend Neuntes Buch tausend Angrwariern/ Tubanten und Chama- vern sich einfanden. Gleichwol aber gab er dem Quintilius Varus die unvermerckte Nach- richt: daß die Kraͤfften des halben Deutschlands unter dem Fuͤrwand der verlangten Huͤlffs- Voͤlcker wieder den Melo/ und der Cattischen Friedens-Handlung alldar versammlet waͤren; und wenn Varus nicht alle seine Kraͤfften zu- sam̃en/ das Lager auch gar von Alison in Zeiten zuruͤck zuͤge; wuͤrde schwerlich von den Roͤmern ein Gebein davon kommen. Als nun Quin- tilius Varus diesem Rathe zu folgen Tag und Nacht bemuͤht war; musterten die deutschen Fuͤrsten ihre Kriegs-voͤlcker/ verrichteten in der Tanfanischen Hoͤle ihren Gottesdienst; erwehl- ten den Hertzog Herrmann zum Obersten Feld- Herꝛn Deutschlands; und versetzten hernach den Roͤmern einen so gewaltigen Streich/ als denen Anwesenden uͤberfluͤßig bekandt/ dem Feinde schrecklich/ allen Helden aber/ und in- sonderheit der hertzhafften Thußnelde/ welche bey erfahrner ruͤhmlicher Entschluͤssung der Deutschen nicht zu Marpurg die Haͤnde in die Schoß legen wolte; sondern ins geheim sich mit Waffen versahe und unter die Cattischen Edelleute vermengte/ zu unverwelckendem Ehren-Ruhme dienlich ist. Massen sie denn mit ihren Thaten nicht nur ein Beyspiel allen Helden; sondern auch nach der Schlacht gegen ihren Braͤutigam durch die Entschuldigung ih- rer uͤbernommenen Gefahr/ allen edlen Frau- en diese heilsame Lehre gab: Ein Kebsweib waͤ- re eine Geferthin zu Tische und Bette/ eine Braut oder Ehfrau aber alles Gluͤcks und Un- gluͤcks; Also iederman bey Anschauung dieser Heldin sie fuͤr einen Ausbund ihres Geschlech- tes/ und ein Vorbild der kuͤnfftigen Zeiten er- kennen muͤste. Denn in Warheit/ wie alle Sachen/ welche sich der Eigenschafft ihrer Na- tur enteussern/ und zum Boͤsen sich abneigen zu Ungeheuern/ wenn sie aber zum Guten sich schwingen/ zu Wunderwercken werden; Also sind die wolluͤstigen Maͤnner iederzeit weibi- scher/ als die Weiber/ die behertzten Frauen aber maͤnnlicher/ als die Maͤnner und Werck- zeuge des Verhaͤngnuͤsses gewest/ wenn es et- was der menschlichen Vernunfft unbegreifli- ches auszuuͤben vorgehabt hat. Mit diesem Lobspruche beschloß Fuͤrst Ad- gandester zu der saͤmtlichen Zuhoͤrer groͤsten Vergnuͤgung seine Erzehlung. Der uͤbrige Abend ward mit einer herrlichen Mahlzeit und allerhand Schertz-Spielen auffs annehmlich- ste hingelegt. Jnhalt Des Neunten Buches. E Jnbildung die sinnreichste Mahlerin bey denen Schlaffend- und Traͤumenden. Hertzog Herrmanns und Thußneldens Ankunfft in das Tanfanische Heiligthum/ beyder Verehligung/ Andacht und Opffer. Thußneldens absonderes Geluͤbte. Der uͤbrigen Fuͤrstlichen Versam̃lung Nachkunfft und Freuden-volle Empfa- hung. Asblastens und Erato Gedancken uͤber diesem und andern der Schamhafftigkeit gewiedmeten Heiligthuͤmern und Gebraͤu- chen. Roͤthe allen andern Farben vorgaͤngig/ insonderheit der Tugend Leibfarbe. Die Flammen der Keuschheit noch so hell- scheinend in denen Hochzeits-Fackeln/ als in denen noch unvereinbarten Liebes-Sternen. Hertzog Herrmanns angestelltes herrliche Mahl/ die Ruͤckkehr nach Deutschburg. As- blastens Arminius und Thußnelda. blastens Erzehlung ihrer erlittenen Ebentheuer und Schiffbruch. Jhre wunderbahre Errettung durch eine ihre Schiffbruchs-Klippe vorbey-schiffende Cimbrische Fuͤrstin. Jhre Ankunfft bey der uhralten Stadt Gades und beruͤhmtem Tempel des Hercules. Dieser beyder Vertrauligkeit veranlasset diese Cimbrische Fuͤrstin Tirchanis ihren Ur- sprung/ ihre abgelegte Koͤnigliche Wuͤrde/ ihre Ankunfft nach Rom/ die Antretung des Vestalischen Heiligthums zu eroͤffnen/ ingleichen: wie lange sie solchem beygewohnet/ auch was vor Verdruß sie uͤber dieser aberglaͤubisch- und scheinheiligen Lebens-Art ge- schoͤpffet/ biß sie endlich aus Anstifftung der Livia daraus gestoßen/ mit harter Straf- fe/ bey Ausschlagung des Kaͤysers Buhlschafft/ bedraͤuet/ letzt doch durch ihres Bruders Koͤnigs Frotto Gesandtschafft erlassen/ und nachgehends auf diesem ihrem Schiffe in der Ruͤckreise von Asblasten angetroffen worden. Asblastens Gegen-Erzehlung. Jh- re Ankunfft im Cimbrischen Gebiethe. Koͤnigs Frotto freudige Bewillkommung/ und wie diese wegen ihres mit Gifft getoͤdteten Segimers in euserstes Betruͤbnuͤß verwan- delt worden. Frotto Gemahlin durch Zauberey zum Ehbruch verleitet. Die Zaube- rin zum Feuer verdammt. Die Koͤnigin dem Cimbrischen Fuͤrsten als seine Buhlschafft zu heyrathen vom Koͤnige zugelassen. Koͤnigs Frotto Liebe gegen Asblasten stehet das mit seiner Schwester Tirchanis gelobte Alironische Heiligthum am Wege. Dieses Heiligthums Beschaffenheit/ und Lehre. Die irrdischen Geschoͤpffe herrliche und of- fenbahre Beweißthuͤmer einer unbegreifflichen Gottheit. Asblaste/ Tirchanis und die oberste Priesterin suchen des Koͤnigs Liebe durch alle auf Andacht und Vermaͤhlung der Seele mit GOtt/ auch auf die Wohlfarth seines Reichs gegruͤndete Mittel abzulehnen. Weißheit nicht minder der Sitz der weiblichen als maͤnnlichen Seelen. Asblaste findet ihre fernere Gemuͤths-Vergnuͤgung in Lehre und Unterricht der Alironischen Frauen; Koͤnig Frotto aber die seinige durch Ehligung Alvildens einer Sitonischen Fuͤrstin. Py- thagorische Lehre die andere Staffel des Alironischen Heiligthums. Die Vernunfft im Menschen unruhiger/ als der natuͤrliche Trieb in andern Thieren. Die Alironische Weißheit mit keiner uͤbrigen Strengigkeit des Leibes noch des Gemuͤths angefesselt. Die Wuͤrckungen des Mißbrauchs von ihrer Art und Eigenschafft vernuͤnfftig abzu- sondern/ wie den Rauch vom Feuer zu saubern. Scharffsinniger Wortwechsel zwischen Asblasten und Erato uͤber die menschliche Gemuͤths-Regungen. Thußneldens Ver- nunffts-Beylage. Die Ruhe des Gemuͤths der eintzige Ancker der Gluͤckseligkeit. Kei- ne Tiefsinnigkeit das Buch der Natur seiner unzehlbaren Geheimnuͤße halber zu er gruͤ- beln/ noch das Gemuͤthe der Menschen als ein Meer voller Kruͤmmen und Strudel zu ergruͤnden faͤhig. Dritte Schule der Alironischen eitel Geheimnuͤße von GOtt und seinem Wesen in sich haltenden Weißheit in Asblasten durch ein Siegel angelobter Ver- schwiegenheit verschlossen. Wahrsagerey auf was Grund solche bestehe? Und wie sol- che durch Asblastens erlernte Weißheit der Deutschen herrliche Siege gegen die Roͤmer nebst ihrer Tochter Thußneldens und Hertzog Herrmanns Vermaͤhlung zwvor bedeu- tet. Hertzog Herrmann wird wegen des an Thußnelden erlangten hohen Preißes zum Zweykampf gefordert. Des Deutschburgischen Schauplatzes Beschreibung. Kuͤnst- licher und die Fuͤrstin Thußnelde durchgehends vorbildender herrlicher Aufzug. Bey- der des Tiberius und Hertzog Herrmanns gegen einander vorgebildete Verfassung zum Achtes Buch zum Kampfe. Jhr hitziges Treffen. Hertzog Herrmann neiget den eroberten Roͤmi- schen Adler vor Thußnelden/ und die darzwischen kommende Gerechtigkeit machet dem Streit ein Ende. Der besiegte Tiberius oder der ihn abbildende Cattische Hertzog Ar- pus und Hertzog Herrmann sein Sieger nebst denen uͤbrigen deutschen Speisen unter gewissen nach Art der sieben Jrrsterne kuͤnstlich eingetheilten und mit allen ersinnlichen Ergotzligkeiten zubereiteten Zelten. Der uͤppigen Roͤmer dabey vorgestellte Schwel- gerey. Gesundheits-Truͤncke schon bey den Roͤmern gebraͤuchlich. Hertzog Herr- mann wird vom Scythisch-Parthisch- und Jndianischen Koͤnige unter Fuͤrst Catu- mers/ Ganasch und Jubills Person durch gewisse Herolden entweder ihnen seine Thuß- nelde abzutreten/ oder seinen Untergang zu erwarten/ bedrohende ausgefordert. Sein ihnen statt der Antwort gegebenes hertzhaffte Zeichen bringet seine Feinde in Harnisch und auf den darzu erkiesten Kampfplatz. Scythischer Aufzug wird durch das Bild der eindringenden Tapferkeit; der Persisch und Jndianische aber durch der Goͤttin Juno als Vorsteherin der Hochzeit-Feste in Lust- und Freuden-Spiele verwandelt/ und dem stegenden Herrmann von Thußneldens Bilde ein von der Tapferkeit bereiteter Ster- nen-Krantz aufgesetzet. Jndien als eine Koͤnigin aller Edelgesteine auf einem weißen Elephanten reitende abgebildet. Elephanten-Tantz. Der Perlen Eigenschafft und Schaͤtzbarkeit/ dieser und der Liebe Aehnligkeit. Kampf zwischen denen Elementen ums Vorrecht in Zeugung des herrlichen Geschoͤpfs der Perlen. Jndiens Abzug und Lob-Gedichte fuͤr Thußnelden. Der vier Jahrszeiten sinnreiche Vorstellungen. Diese nebst denen vier Theilen der Welt hegen um die Blumen-Goͤttin allerhand sehens- wuͤrdige Rennen und Taͤntze. Blumenstreit um ihre Koͤnigliche Wuͤrde. Der Blu- men Eigenthum in einem Tage ein Kind und ein altes Weib zu seyn. Tauerhafft- und bald vergchender Blumen Zwietracht. Maͤnn- und weiblicher Blumen Unterscheid. Bundter Blumen Anstrich. Der Blumen-Goͤttin gesuchte Vereinbarung/ und das von der Sonnen/ als aller Blumen Vater/ von denen uͤbrigen sechs Jrrsternen verge- sellschafftet/ der Rose auf gantz verwundernde Art zuerkenntes Urtheil und aller wie- dersinnigen Blumen Beyfall/ so sich gleichsam ihrer Koͤnigin selbst aufopffern/ die Jrr- sterne aber sie in ihre Zahl versetzen. Die von denen tantzenden Jrrsternen erhoͤhete Blumen-Koͤnigin die Rose verehret Thußneldens Bild mit ihrem Sternen-Siegs- Krantze und einem sinnreichen Gedichte. Hertzog Jubills Jndianische Bewirthung. Antiopens der Koͤnigin der Amazonen und Candaces der Mohren dabey vorgestellte Eiffersucht gegen Thußnelden wegen ihres unvergleichlichen Hertzog Herrmanns. Deutschlands Aufzug mit seinen zwoͤlff Fluͤssen durch die Natur und Kunst zu Hertzog Herrmanns Ruhm gehandhabet. Der Morgenroͤthe annehmliche Abbildung. Der Koͤnigin Candaces unter der Fuͤrstin Jßmene in Gestalt der Sonnen oder einer Feuer- Goͤttin nebst andern Sonnentoͤchtern; Jngleichen der Amazonischen Koͤnigin Antio- pe unter der Fuͤrstin Adelgunde in Gestalt der Goͤttin Juno; Thußneldens aber unter der Goͤttin Thetys samt andern vielen Goͤttinnen vorgestellter Aufzug und Kampf auf Elementarische kuͤnstliche Art. Die fuͤuff Sinnen veruneinigen sich uͤber ihrem der Liebe zu Ehren gesungenem Gedichte. Thußneldens gluͤckliches Rennen; der eifersich- tigen Jßmene/ wie auch der alle vier Jahrzeiten an ihr abbildenden Cattischen Fuͤrstin und Arminius und Thußnelda. und der Chaucischen Adelmunde als Lufft-Goͤttin gleichmaͤßige Befolgung. Der Lie- bes-Goͤttin ausgetheilte Preiße/ und ihre dabey vorgekehrte sonderbare Klugheit. Der Silenen Feyer. Der Barden uͤber Hertzog Herrmann und dessen Verewigung aufge- richteter Saͤule mit Deutschland der Natur und Kunst angetretener Kampf. Ehren- Maale sollen Merckmaale lobwuͤrdiger Thaten nicht ihre Ausgleichung seyn. Der Kunst groͤste Vergnuͤgung. Der Ehren- und Gedaͤchtnis-Maale durch Ehrsucht und Heucheley eingerissener Mißbrauch; dieser unvermeidlicher Wurmstich und Zermal- mung. Der auf Tugend gegruͤndeten Unverweßligkeit und ruͤhmliche Nachfolge. Ei- telkeit der Ehrsucht ohnmaͤchtige Naͤhrerin. Der Alten insonderheit der Roͤmer ver- ehrte Schutzbilder/ und daher genommene Frey-Staͤdte. Der Barden Gedichte und Gesaͤnge der ihrigen Helden Ruhm/ und zugleich auch durch ihren ruͤhmlichen Beysatz den Hertzog Herrmann und seine Ehren-Saͤule zu verewigen. Die Vermaͤhlung des Himmels und der Erden machet den Beschluß des Deutschburgischen Hochzeit-Feyers. Das Neundte Buch. D Er gantze Cheruskische Hof hatte die letztern Tage mit solcher Ver- gnuͤgung hingelegt: daß niemand weder durch Seiten-Spiele/ noch durch unterlegtes Laͤt- tich-Kꝛaut ihm die Suͤs- sigkeit des Schlaffes dorffte zu wege bringen. Weil nun die Ubermaße der Freude oder der Traurigkeit uͤber die eusserlichen Sinnen eine grosse Botmaͤßigkeit hat/ diese aber die innerli- chen rege machen; war kein Wunder: daß die denen Junwohnern des Eylandes Thule/ wel- che ihre Wohnungen von eitel Gerippen der Wallfische bauen/ alle Nacht von Schiffbruche und Meer-Wundern; also denen Cheruskern von eitel Taͤntzen/ Hochzeit-Fackeln/ Siegs- und Freuden-Feuern traͤumte. Denn wie der Wille des Menschen der allergluͤcklichste Ge- bieter ist/ also: daß ihm im Augenblicke alle Glieder mit fertigster Ausrichtung seiner Be- fehle gehorsamen/ ja selbtem gleichsam zuvor kommen; so ist die Einbildung die sinnreichste Mahlerin/ welche denen Schlaffenden die Bilder der Wachenden/ mehrmahls eigentli- cher/ und mit einem groͤssern Aufputz fuͤrstellet/ als sie wesentlich gewest; ja eine Schoͤpfferin neuer in der Welt nie gesehener Dinge/ offt auch eine Wahrsagerin der zukuͤnfftigen; wenn die Traͤumenden gleich nicht den Stein/ der wegen seiner Aehnligkeit den Nahmen des Am- mon-Hornes bekommen/ ihnen unters Haupt gelegt haben. Diesemnach war sich nicht zu- verwundern: daß das Frauen-Zimmer im Traume tantzte/ die edlen Ritter-Spiele uͤbten/ das gemeine Volck sich mit Gastereyen und anderer Kurtzweil erlustigte. Fuͤrnehmlich aber hatten die vorhergehen- den Erzehlungen des Fuͤrsten Adgandesters und der Graͤfin von der Lippe der Fuͤrstlichen Versamlung Hertzog Herꝛmanns und der Fuͤrstin Thußnelde Zufaͤlle so feste ins Gehir- ne gedruͤckt: daß die Traͤume solche Begebnuͤs- se ieder Person mit allerhand Verstellungen wie in einem Zauber-Spiegel auffs neue fuͤr- bildeten. Diese naͤchtliche Erinnerungen/ und die Begierde der Neuigkeit/ welche auch sich so gar des Himmels bemaͤchtigt: daß er sich mit Gebehrung neuer Sternen belustigt/ erweckte Erster Theil. E e e e e e e e gar Neuntes Buch gar fruͤh in ihnen ein unmaͤßiges Verlangen von der Fuͤrstin Asblaste vollends zu verneh- men/ wie sie aus dem Schiffbruche in das Cim- brische Heiligthum/ und von dar nach Deutsch- burg gleich so zu rechter Zeit kommen waͤre. Al- leine/ es war diese drey Tage kein Mittel an sie zu kommen/ weil sie Tag und Nacht in der Tan- fanischen Hoͤle mit Beten zubrachte; auch ausser dem Genuͤß etlicher Kraͤuter und des daselbst herfuͤr quellenden Wassers keine Speise zu sich nahm. Diesemnach sie denn mit allerhand an- dern annehmlichen Ergetzligkeiten die Zeit ein- ander vertreiben musten; biß Hertzog Herꝛmañ und Thußnelde den vierdten Tag mit der Mor- genroͤthe sich schon herfuͤr machten/ und mit ei- ner kleinen Begleitung zu dem Tanfanischen Heiligthume verfuͤgten. Denn es trugen ihnen nur drey Edel-Knaben/ und zwey Jungfrauen fuͤnff Fackeln fuͤr; welche ungleiche Zahl so wol deßwegen: daß sie nicht in zwey gleiche Theile zertrennet werden kan/ als die ungleiche Ge- walt der Vermaͤhlten anzudeuten; bey denen Hochzeiten fuͤr heilig gehalten wird. Hertzog Herꝛmañ und Thußnelde sassen beysam̃en zwar auf einem in Gestalt einer Muschel zierlich ver- guͤldetem Wagen; an statt koͤstlicher Tapeze- reyen aber waren ihnen nur gemeine Lamm- Felle untergelegt. Die wurden fuͤr dem Al- tare auch auff die Erde gebreitet: daß die neuen Ehleute bey ihrer Andacht und Opfferung dar- auff treten und knien konten. Denn auf diese Art pflegten nicht nur bey denen Deutschen/ sondern auch bey andern Nord-Voͤlckern die allerfeftesten Buͤndnuͤsse bestetigt zu werden. Thußnelde hatte ihr Haupt und Antlitz mit ei- nem Safran-faͤrbichten Tuche verhuͤllet zum Zeichen ihrer Schamhafftigkeit/ und des ih- rem Eh-Herꝛn verpflichteten Gehorsams. Hingegen prangete der Feldherꝛ mit einem Krantze frischer und nur halb aufgeschossener Rosen gleich als mit einem Sieges Zeichen we- gen eroberter Jungfrauschafft. Dieses Altar war von uhralter Zeit her der Schamhafftig- keit geeignet; und opfferten niemand/ als die neuen Ehleute einmahl nach dem Beylager darauff. So bald das Brenn-Holtz darauff von den Priester-Knechten zu rechte/ und die Opffer-Thiere darauff gelegt waren; kam die heilige Asblaste eilfertig aus der Hoͤle gerennet; und zuͤndete mit einer in der Hand habenden Wachs-Fackel beydes an; meldende: daß ihr/ als einer Mutter/ nicht nur die Hochzeit-Fa- ckeln fuͤrzutragen; sondern auch als einer Prie- sterin die Opffer zu verrichten zukaͤme. Wel- ches die anwesenden Priester/ die sie wegen ih- rer Heiligkeit auffs demuͤthigste verehrten/ ger- ne geschehen liessen. Nach dem alles verbrennt war/ Asblaste auch aus der Asche alles Gutes wahrsagte/ stand Thußnelde auf/ raffte vom Al- tare dreymahl mit ihren zusammen gehoͤlten Haͤnden die noch heisse Asche/ streute sie auf den Rasen/ trat mit beyden nackten Fuͤssen darauf/ und rieff: Verhaͤngnuͤs! wo du wieder meinen Wunsch die Reye des Todes mir nach meinem Gemahle bestimmet hast; und ich mit seiner Todten-Asche nicht die Meinige/ wie diese all- hier mit meinen Fuͤssen vermische; so lasse mich die Lufft keinen gesunden Athem schoͤpffen; und die Erde goͤnne meinen Gebeinen keine ruhige Grabstatt! Goͤnne mir und Deutschlande die Gluͤckseligkeit: daß dieses uns ein Grabmahl der Liebhaber auffrichte/ wie Tarent Orestillen und dem Plautius; welcher auff seines Ehwei- bes Leiche entseelet und verbrennnet worden. Koͤnte ich aber diese Ubermaße des Gluͤckes er- bitten: daß ich durch meinen Tod meinem Herꝛ- manne/ wie Alcestis durch ihren dem Admetus/ und Gracchus seiner Cornelien/ verlaͤngern koͤnte; wuͤste ich die Freude meiner Seele nicht zu begreiffen. Der Feldherꝛ umarmte nach diesem Geluͤbde seine Thußnelde. Der Prie- ster Libys aber kam/ und nach dem Asblaste ihr das Tuch und Schleyer vom Gesichte wegge- zogen/ saͤtzte er ihr den aus gewissen mit purper- faͤrbichten Arminius und Thußnelda. faͤrbichten Blumen prangenden Disteln ge- machten Krantz der Keuschheit aufs Haupt/ und besprengte beyde mit dem aus dem heiligen Brunnen geschoͤpfften Wasser. Die Koͤnigin Erato/ die Fuͤrstin Erdmuth/ Catta/ Adelmund/ Jsmene/ Salonine/ die Gꝛaͤ- fin von der Lippe und ander Frauen-Zimmer kamen gleich uͤber dieser Bekraͤntzung bey dem Heiligthume an; und weil hiermit Thußnel- dens Andacht sich endigte/ empfiengen sie sich mit einander auffs holdseligste. Nach gesche- hener annehmlichen Umarmung bat Erato ih- ren Vorwitz nicht zu verargen; wenn sie frag- te: was dieses fuͤr ein Altar/ und fuͤr eine Ge- wonheit alldar zu opffern waͤre? Die heilige Asblaste kam denen andern mit ihrer Antwort zuvor/ und meldete: dieses A l tar waͤre von der zuͤchtigen Vorwelt der Schamhafftigkeit ge- wiedmet worden; darauff dieselbigen ihre Opf- fer liefferten/ welche auch in dem Eh-Bette die Keuschheit unversehrt zu behalten gedaͤchten. Erato versetzte: Sie haͤtte zu Athen ein gleich- maͤßiges Altar der Schamhafftigkeit/ und zu Sparta ein gleichmaͤßig-heiliges Bild/ welches Jcarius seiner verschaͤmten Penelope zu Liebe aufgerichtet haͤtte/ gesehen; es doͤrfften aber da- selbst nur Juͤnglinge und Jungfrauen ihre An- dacht verrichten; welcher Absehen dahin zielte: daß die Goͤtter sie nicht in etwas verfallen lassen wolten/ woruͤber sie Ursach haͤtten schamroth zu werden. Weß wegen auch die Verehlichten/ oder die/ welche der Wollust schon einmahl den Zuͤgel verhangen haͤtten; daselbst ausgeschlossen blieben. Asblaste antwortete: Jch hoͤre wol: daß die Griechen die Schamhafftigkeit fuͤr eine scheltbare Gemuͤths-Regung und eine Schwe- ster der Furcht daselbst halten; welche bey Erin- nerung eines Verbrechens das Geluͤbte nicht anders/ als ein Sturm das Meer erreget; und in alle Glieder des Leibes mit einer langsamen Hitze sich ausschuͤttet/ dem Hertzen aber eine kal- te Beysorge einiger ihm bevorstehender Schan- de zuzeucht. Diese Schwachheit des Gemuͤ- thes/ ob sie zwar ein gutes Zeichen eines verletz- ten Gewissens und ein Kennzeichen ist: daß der Zunder der Tugend im Hertzen noch nicht gar verglommen/ sondern noch allerdinges rege sey; ist doch keines Altares nicht werth; und zwar auch/ wenn solche Schamroͤthe gleich nicht von einer ihm uͤbel bewusten Schuld/ son- dern von einer angebohrnen Fluͤchtigkeit des Gebluͤtes herruͤhrt; welches sich bey ieder neuen Begebenheit/ wie das Meer bey dem Vollmon- den/ reget/ und seine Schrancken uͤberschreitet. Denn es ist nichts seltzames: daß diese Schwach- heit durch blosse Einbildung einem auch nicht lasterhafften Menschen nicht anders/ als Traͤu- me oder Zauber-Laternen aus nichts/ oder ei- nem blossen Schatten Gespenster und Riesen mache; und ohne Ursache auff schaͤdliche Ab- wege der Kleinmuth leite; und die/ welche sol- che nicht durch eine hertzhaffte Unbewegligkeit zu uͤberwuͤnden wissen/ mehrmahls in augen- scheinlichen Untergang zu rennen veran as- se. Es ist wahr/ sagte Erato; ich erinnere mich: daß die an des Calippus/ Antipa- ter an des Demetrius/ Hercules des grossen Alexanders Sohn an des Polysperchon Tafel ihr Leben eingebuͤsset; weil sie ihr Mißtrauen blicken zu lassen/ und sich von solchen Blut- Mahlzeiten zu entschuldigen geschaͤmet. Ja es mangelt nicht an Beyspielen: daß ihrer viel ehe einem was zu versagen/ als dardurch in Suͤnde und Schande sich zu stuͤrtzen gescheuet haben. Weßwegen auch ich/ woher in Deutsch- land die Schamhafftigkeit in einer bessern Art/ und in groͤsserm Ansehen seyn koͤnne/ nicht zu begreiffen weiß. Die Fuͤrstin Asblaste laͤchelte; und fieng an: Jch weiß wol: daß etliche Ge- waͤchse in gewissen Laͤndern gifftig/ in andern zum Essen und unschaͤdlichem Gebrauche dien- lich sind; aber die Gebrechen der Natur und die Schwachheiten des Gemuͤthes werden un- ter dem guͤtigsten Himmels-Striche zu keiner E e e e e e e e 2 Vollkom- Neuntes Buch Vollkommenheit und Tugend. Daher wir Deutschen auch nicht vorerwehnte Schamhaf- tigkeit werth achten; welche ich mit Rechte ent- weder die Abend-Roͤthe der unter gegangenen Tugend/ oder das Feuer eines ungesunden Menschen nennen kan; sondern alleine diesel- be/ welche der regen Tugend/ wie die Mor- gen-Roͤthe der aufgehenden Sonne Vorlaͤuffe- rin ist; welche uͤber allem/ was gleich nichts unreines in sich kleben hat/ eine so zarte Em- pfindligkeit hat: daß sie mit ihrem Purper auch den geringsten Schatten erleuchtet/ der ihrer Tugend einige Duͤsternheit zuzuziehen schei- net. Jch verstehe die zuͤchtige Hoffmeisterin aller Gemuͤths-Regungen; insonderheit der Liebe und Begierde; welche zuweilen bey ihrer Hefftigkeit das Gesichte verlieren/ und bey uͤ- bermaͤßiger Verfolgung der Annehmligkeit in unsaubere Pfuͤtzen treten; und also wol von die- ser Gebieterin im Zaume gehalten zu werden noͤthig haben. Diese ist eine Geferthin der Hertzhafftigkeit; welche ehe fuͤr Erhaltung der Ehre zu sterben; als um das Leben zu retten was schimpfliches zu beginnen einraͤthet. Jh- re Roͤthe hat zwar in dem Antlitze die Farbe des Feuers; das Hertz aber empfindet davon keinen Brand oder Unruh. Denn ihre Bewegung ist eine Lebhafftigkeit der Tugend/ welche mit diesem Purper ihrer Vollkommenheit noch ei- ne schoͤnere Farbe anstreichet; und alle Un- sauberkeit/ die um sie zu beflecken ihr etwan zu nahe kommen wil/ beschaͤmet; also: daß sie bil- lich eine Bluͤte der Schoͤnheit/ eine Blume des Leibes/ ein Schatten der Seele/ der sichtbare Glantz oder die Farbe der Tugend/ eine na- tuͤrliche Schmincke keuschen Frauenzimmers genennet/ und bey diesem Altare verehret zu werden verdienet. Die tugendhaffte Erato fand sich unschwer in den Unterscheid der Schande und Schamhafftigkeit; und setzte bey: Asblastens Unterricht bewegte sie zu glauben: daß die Tugend nichts minder/ als die Natur in die Roͤthe verliebt/ und mit dieser Farbe/ als einem Zeichen der Vollkommenheit/ sich auszu- putzen geneigt waͤre. Sintemahl die edelsten Gestirne mit diesem Feuer sich fuͤr denen blaͤs- seren herfuͤr zuͤckten. Die Sonne schmuͤckte nichts minder ihre Wiege/ als ihre Bahre mit Purper. Die Wolcken mahlten sich mit Zino- ber/ wenn sie am schoͤnsten seyn wolten; und der Himmel verwandelte nichts minder als das Meer seinen Saphirnen Spiegel in Rubin. Das lebhaffteste der natuͤrlichen Dinge das Feuer/ das Marck der Erde und der Kern des Ertztes das Gold waͤren/ wenn sie am reinsten/ auch am roͤthesten. Der Ausbund der Blumen die Rose; und der Stauden der Granaten- Baum striechen ihre Blaͤtter und Aepffel mit Scharlach an/ um durch diese Koͤnigs-Farbe ihre Hoheit abzubilden. Und nach dem nicht allein die keuschesten Thiere auch die schoͤnsten waͤren/ sondern auch so wol die Tapfferkeit/ als die Liebe ihre Wangen mit eben diesem Pur- per bedeckte. Dahingegen die Furcht und der aͤngstige Neid sich mit der blassen Todten-Far- be verstellete; so koͤnte sie leicht gedencken: daß die reine Lilge der Tugenden die Keuschheit eben so wol/ als selbige Blume mit dieser Golde ihre Lebhafftigkeit zu kroͤnen verlange; und sie so we- nig/ als die edelsten Gewaͤchse ohne Schamroͤ- the sich gerne schauen lasse. Dieses aber begriffe sie noch nicht/ warum die Verehlichten/ nicht a- ber die Jungfrauen bey diesem Altare ihre An- dacht haben doͤrfften; und jene/ nicht diese/ den Krantz der Schamhafftigkeit erlangten? Jst deñ die Keuschheit nicht das eigenthuͤmliche Kleinod der Jungfrauschafft? Doͤrffen die reinen Bie- nen/ welche nichts von Lust oder Liebreitz wissen/ nicht aus den Rosen der Schamhafftigkeit den Honig ihrer Vergnuͤgung saugen? Sind die in der Muschel noch verschlossenen Perlen nicht so rein/ als die/ welche der Vorwitz von ihrer Mut- ter gerissen/ und die Eitelkeit durchloͤchert hat? Jst das in denen Nestern sich gattende Gefluͤgel schoͤner/ Arminius und Thußnelda. schoͤner/ als der Paradies-Vogel/ welcher um sich nicht zu beflecken/ niemahls die Erde beruͤh- ret/ und so wol als der einsame Fenix seine ewi- ge Jungfrauschafft in der reinesten Lufft unver- sehrlich erhaͤlt? Verdienet der/ welcher sich nie- mahls iemanden hat uͤberwinden lassen/ mehr einen Siegs-Krantz als der/ welcher einen ihm hat zum Meister werden lassen? Oder ist es schwereꝛ in dem Genuͤß der Liebe Maaß zu bal- ten/ als sich derselben gar enteussern? Asblaste fiel der Koͤnigin Erato ein: Es ist in alle wege die keusche Jungfrauschafft ein Stern ohne Fle- cken/ und weil sie nicht nur Netze aus Gold und Seide der Wollust und Heucheley; sondern mehrmahls die Stricke des Todes/ und die Ketten der Schande zu uͤberwinden hat/ ist sie wuͤrdig herrlichere Siegs-Kraͤntze zu tragen/ als die/ welche nur eusserliche Feinde geschla- gen haben. Verdienet die Tapfferkeit Lorber- Blaͤtter/ so ist diese unverwelcklicher Amaran- then werth. Alleine/ nach dem iede Tugend selbst eine gewisse Liebe/ ja diese die Krone und Vollkommenheit aller Tugenden ist; bleibet unlaugbar: daß auch die Keuschheit mit ihr nichts minder/ als Schnee und Feuer sich auff denen Rosen fuͤglich vermaͤhlen lasse; sondern auch jener Reinigkeit von den Flammen der Liebe einen herꝛlichen Glantz bekomme. Solte die Glut der Hochzeit-Fackeln einen schwaͤr- tzenden Dampff von sich rauchen; wuͤrde man die Natur selbst fuͤr eine Feindin der Keuschheit erklaͤren; weil sie das Band der Liebe zum eini- gen Mittel erkieset hat ihre sonst vergaͤnglichen Geschoͤpffe zu verewigen. Diesemnach ist aus- ser allem Zweiffel: daß zwey keusche Seelen nichts minder ohne Befleckung einander lieben/ als zwey reine Sternen ohne Verfinsterung einander anscheinen koͤñen. Ja weil die Verein- barungs-Macht der Liebe dem/ was sie liebet/ alle ihre Eigenschafften mittheilet; muͤsten die zwey Vereinbarten durch ihren Gegenschein den Glantz der Schoͤnheit eben so wie die Son- ne mit ihren Strahlen das Licht der andern Sonnen vergroͤssern. Und benimmet diß der Reinigkeit nichts: daß die Verehlichten von ih- rer Liebe so viel Fruͤchte der Vergnuͤgung ein- erndten. Denn die Ergetzligkeit kan mit der Tugend eine so unschaͤdliche Gemeinschafft/ als die Suͤßigkeit mit dem Thaue haben. Ja die Tugend selbst/ ob ihre Rinde zwar herber/ als Schleen schmeckt/ ist im Kerne suͤsser als Zu- cker-Rohr; der liebliche Geschmack der Wollust aber verwandelt sich in die bitterste Wermuth. Diese Vergnuͤgung nun/ weil sie einen so gros- sen Hang zur Ubermaaß hat/ und leichter als die reissenden Fluͤsse uͤber ihr Ufer schlaͤget/ eig- net der sie in Schrancken haltenden Tugend ei- ne so viel herrlichere Guͤte zu. Nach dem auch die einmahl geschmeckten Suͤßigkeiten verges- sen/ und statt selbter sich mit denen bittern Thraͤ- nen einer gelobten Einsamkeit speisen/ vielen ein großmuͤthiger Werck zu seyn scheinet/ als das weibliche Geschlechte auszuuͤben faͤhig ist; schaͤtzte ich diese/ welche sich und so viel empfind- liche Regungen durch Verzeihung der andern Eh uͤberwuͤnden/ und dardurch erhaͤrten: daß sie nicht so wol die Eh/ als ihren Ehmann lieben/ eines absonderen Krantzes der Keuschheit wuͤr- dig. Diesen erlangen/ und zwar bey andern Voͤlckern/ die Wittiben so denn allererst; wenn sie nach ihres Eh-Manns Tode eine gute Zeit ihre Pruͤfung ausgestanden/ und ihr schweres Geluͤbde wuͤrcklich bewehret haben. Alldie- weil aber in Deutschland ohne diß nicht braͤuchlich ist aus den Lastern ein Gelaͤch- ter/ und aus Unehre Sitten zu machen; sondern man vielmehr bey uns nur von Heyrathen der Jungfrauen hoͤret/ die mit ihrem Eh-Manne einen Leib erkiesen/ ihm aber ihre gantze Seele und Leben wiedmen; so verdienet auch das Geluͤbde derer/ die gleich nur das erste mahl aus ihrem Eh- Bette schreiten/ einen so festen Glauben: daß man ihnen diesen Keuschheits-Krantz/ welcher E e e e e e e e 3 nicht Neuntes Buch nicht ohne Ursache von Disteln geflochten ist/ auffzusetzen kein Bedencken hat. Erato/ und alles andere Frauen-Zimmer haͤtten Asblasten gern laͤnger zugehoͤret/ wenn nicht der Feldherꝛ sie ins gesamt zu dem in einem koͤstlichen Gezelt bereiteten Fruͤh-Mahle haͤtte beruffen lassen/ welches mit denen allervergnuͤglichsten Unter- redungen/ wormit sie Thußnelden oͤffters die von Asblasten so sehr vertheidigte Schamroͤthe heraus trieben/ vollbracht ward. Hierauff kehrten sie insgesamt wieder nach Deutschburg. Denn Hertzog Herꝛmann hatte verlassen noch selbigen Tag Krieges-Rath zu halten; in dem dieser ruhmwuͤrdigste Liebhaber auch zu der Zeit/ da die Regungen bey solcher Neuigkeit pflegen am hefftigsten zu seyn; sein Gemuͤthe und die Zeit derogestalt vernuͤnfftig abtheilte: daß weder die Liebe Thußneldens/ noch des gemeinen Wesens sich uͤber einige Un- gleichheit zu beschweren Ursach hatte. Wiewol nun der Feldherꝛ seiner Mutter Asblasten eine absondere Senffte bestellet hatte; brachte doch die Koͤnigin Erato und das andere Frauen zim- mer durch ihre Bitte zu wege: daß sie in ihrer Gesellschafft zuruͤcke fuhr; und sich ihre nie- manden sonst bekandte Ebentheuer zu eroͤffnen bewegen ließ. Diesemnach sie denn mit einer besondern Anmuth anfieng: Die Goͤttliche Versehung/ welche die Unwissenden fuͤr den blinden Abgott des Gluͤckes halten/ lachet aus ihrer verborgenen Ewigkeit der irrdischen An- schlaͤge/ wenn sie als die einige Koͤnigin aller Mittel-Ursachen/ und als eine Schiedes-Rich- terin aller Begebenheiten den Gluͤcks-Topff der Menschen nach ihrem Wolgefallen durch einander ruͤhret; und ob sie gleich unserm albe- ren Vorsatze zuweilen den Zuͤgel schuͤssen/ doch uns zuletzt auf ein gantz anders Ziel abkommen laͤst/ als wir das Absehen haben/ und die ersten Begebenheiten gezeuget hatten. Dieses habe ich sonderlich damahls erfahren/ als ich statt des Eylandes Caprasia an das Jberische Ufer getrieben/ und durch einen Schiffbruch aus der Dienstbarkeit der Roͤmer erloͤset ward. Denn da unser Schiff an einem hohen weit uͤ- ber das Meer hervorragenden Felsen zerschmet- tert ward/ und in kleine darvon schwimmenden Stuͤcke zerbrach/ derer eines der Graͤfin von der Lippe zu einem Kahne gedienet/ erwischte ich in der Angst eine Wurtzel des an solchen Fel- sen gewachsenen Kraͤutichts/ durch welcher und der mich hebenden Wellen Huͤlffe ich auff der Klippe feste zu stehen kam/ und mich endlich biß auf dessen Gipffel empor arbeitete. Es war sonst keine Seele um mich. Die barmhertzigen Wellen hatten mich zwar leben lassen; weil a- ber dieser unfruchtbare Felß mir weder Speise noch Getraͤncke zu reichen vermochte/ schiene mir der Tod nicht geschenckt/ sondern nur zu einer mehrern Verbitterung geborgt zu seyn. Nichts desto weniger verzweiffelte ich nicht gar an der Errettung. Denn diese Kleinmuth ist ein gewisses Zeichen der Unwissenheit: daß in der Welt nichts ungefaͤhr geschehe; und daß das Verhaͤngnuͤs noch Vorsorge fuͤr uns trage; weñ wir schon den letzten Athem auszuhauchen scheinen. Zwey Tage lebte ich in dieser Ein- samkeit; der raue Felß speisete mich mit weni- gen Wurtzeln/ beschattete mich durch einen U- berhang fuͤr der Sonnen-Hitze; der Himmel a- ber traͤnckte mich des Nachts mit kraͤfftigem Thaue/ und einmahl auch mit einem sanfften Regen. Den dritten Tag aber striech ein Se- gel so nahe bey dieser Klippe vorbey: daß mein Wincken konte erkieset werden; welches denn bey denen Schiffenden ein solches Mitleiden mich durch einen Nachen abholen zu lassen er- weckte. Jch wuste der Goͤttlichen Barmher- tzigkeit fuͤr diese wundersame Errettung nicht genungsam zu dancken; insonderheit als ich auf dem Schiffe eitel Deutsche antraff/ und von ihnen um so viel freundlicher bewillkom̃t ward; weil ich ihnen in ihrer Sprache zu antworten wuste. Die Gebieterin dieses Schiffes war ein Arminius und Thußnelda. ein in einem schneeweißen leinen Kittel geklei- detes Frauenzimmer; welche alsbald eine solche Gewogenheit auf mich warff: daß ich bey ihr in ihrem Gemache mich auf halten/ und an ihrer Seite schlaffen muste. Diese wuchs noch mehr/ als ich sie versicherte: daß ich eine deutsche Fuͤr- stin waͤre; und/ nach dem ich in Gallien zu schif- fen vermeinet/ an diesem Felsen Schiffbruch gelitten haͤtte. Diesemnach sie mir denn ihre sonderbare Freude zu verstehen gab; weil sie/ welche ebenfalls von Rom absegelnde durch das Ungewitter auf diese Kuͤste getrieben/ und das beschaͤdigte Schiff auszubessern waͤre genoͤthigt worden/ hierdurch das Gluͤck erlangte mich in Deutschland zu fuͤhren; da sie mich denn/ wo- hin ich nur verlangte/ sicher lieffern wolte; weil sie noch zur Zeit vernuͤnfftig zuruͤck stuͤnde mei- ne Beschaffenheit vorwitzig auszuforschen. Die- se Bescheidenheit nahm ich nichts minder fuͤr ein Merckmahl ihrer Klugheit/ als ihre Guͤ- tigkeit fuͤr eine Wuͤrckung seltzamer Tugenden an. Jhre Geberden bildeten auch eine absondeꝛe Froͤmmigkeit; und/ daß sie stets den halben Tag und die halbe Nacht sich in ein kleines Gemach einsperꝛete/ daꝛiñen sie auf dem Antlitze liegende betete/ eine ungemeine Gottesfurcht ab; Ja ihr uͤbriges Gespraͤche war meistentheils nur von der Goͤttlichen Liebe und der suͤssen Ergetzlig- keit einer andaͤchtigen Seele. Denn ihrer Leh- re nach/ waͤren alle andere Erquickungen giff- tig und vergaͤnglich; alle andere Regungen kalt und unrein. Gottes Liebe aber haͤtte nichts un- reines oder irrdisches an sich; Sie waͤre eitel Geist und Licht/ gegen welcher die Sternen fle- ckicht und die Sonne finster waͤre. Sie er- leuchtete die Seelen; und erwaͤrmte die Her- tzen. Jhre Flamme gaͤbe keinen Rauch von sich; ihr Feuer machte seine Liebe niemahls schamroth. Kein Ungluͤck der Welt vermoͤchte die Freude ihres Gemuͤthes zu vermindern; und das abscheulichste Gespenste der Tod koͤnte ihr kein Schrecken einjagen/ wenn er ihm schon die grausamste Larve fuͤrmachte. Wenn ihre Andacht GOtt ein einig Koͤrnlein Weyrauch anzuͤndete/ waͤre sie vergnuͤgter/ als die ohn- maͤchtigen Welt-Goͤtter; wenn ihnen der heu- chelnde Aberglaube tausend Ochsen opfferte. Wiewol auch das Schiff mit einem Uberfluße koͤstlicher Speisen und Erquickungen erfuͤllet war/ und sie mich reichlich versorgen ließ; maͤs- sigte sie doch ihren Unterhalt so sehr: daß sie nur einmahl des Tages und zwar das geringste spei- sete; Jhre Demuth haͤtte auch die ihr zustehen- de Herꝛschafft uͤber dieses Schiff zweiffelhafft gemacht; wenn nicht alle andere sie mit tieffer Ehrerbietung fuͤr ihre Frau erkennet haͤtten. Von ihrem Volcke erfuhr ich zwar: daß sie eine Cimbrische Fuͤrstin waͤre; ein mehrers aber aus- zugruͤbeln verbot mir ihre eigene Maͤßigung: daß sie nicht/ wer ich waͤre/ zu fragen sich erkuͤh- nete. Wir hatten schon zehn Tage gesegelt/ und waren biß an die Gaditanische Meer-En- ge gediegen; allwo wir einem Roͤmischen Ge- sandten zu Liebe/ der auf diesem Schiffe mit zum Cimbrischen Koͤnige Frothe reisete/ anlen- den musten; wormit dieser dem Hercules auff seiner Seule oder dem Berge Calpe opffern konte. Die Gebieterin des Schiffes und ich stiegen gleichfalls ans Land/ um uns durch die Land-Lufft zu erfrischen/ und die von denen Tyriern gebaute uhralte Stadt Gades zu be- schauen. Wir kamen alldar in den Tempel des Hercules/ und wormit wir den heiligen Bruñ/ welcher bey dem durch die Fluth wachsenden Meere ab bey der Eppe aber zunimmt/ so viel besser betrachten moͤchten/ hielten wir uns da- selbst zwey Tage auf. Wie wir nun zusammen diese wundersame Abwechselung betrachteten/ konte ich mich/ ich weiß nicht/ aus was fuͤr einer verborgenen Regung/ nicht enthalten/ in diese Worte auszubrechen: Wer wolte nicht gegen GOtt durch inbruͤnstige Andacht entzuͤndet werden/ nach dem er mit einer solchen Ubermaß seine Guͤte/ als den Anfang seiner Liebe/ und einen Neuntes Buch einen thaͤtigen Geist/ der die gantze Welt besee- let/ in die Sternen/ aus diesen in die Erde/ von dar in die Thiere und Pflantzen/ ja in Baͤche und Brunnen ausgeust/ und derogestalt Got- tes vaͤterliche Vorsorge von dem Menschen biß zum Kefer/ von der Sonne biß zu Quendel sich erstreckt? Diese hat nicht minder auf die Tropf- fen des Thaues/ und den Uhrsprung der Brun- nen/ als auf die unbegreifliche Bewegung des Meeres acht. Die Hand/ welche entweder die Sonnen- oder die gantze Erd-Kugel alle Ta- ge so schnell herum treibet/ oder umwendet; ist eben so wol um den Schaum der See/ und die Adern der Quelle bekuͤmmert. Das Auge/ wel- ches weiter als alle Lichter des Himmels siehet; zehlet und unterscheidet die Federn des Gefluͤ- gels: daß keine der andern gleiche ist; ja es be- obachtet und gestaltet die Borsten der Schwei- ne und Jgel also: daß kein Geschoͤpffe so klein/ kein Ding so geringe ist; welches nicht ein Roͤhr abgebe den Strom der Goͤttlichen Liebe allent- halben einzufloͤssen; und den Reichthum seiner Guͤte auszuleeren. Die Cimbrische Fuͤrstin schoͤpffte uͤber diesen unvollkommenen Gedan- cken eine solche Vergnuͤgung: daß sie mich noch auf der Schwelle des Tempels (weil darinnen alle Neigungen GOtt abgestolen werden/ die man ausser ihm iemanden anders zueignet) umarmte/ mit dem Nahmen ihrer Schwester beehrte/ und an das Ufer des Meeres fuͤhrende alle Heimligkeiten ihres Hertzens derogestalt ausschuͤttete: Es waͤre Unvernunfft entweder denselben Zustand wissen wollen; die durch ihre uͤberirrdische Weißheit alles diß/ was ich durch so vieler Jahre Fleiß kaum gelernet/ uͤberstiege; oder derselben mich zu entdecken anstehen; die so tieff in die Geheimnuͤsse Gottes und der Na- tur siehet. Diesemnach wisse sie/ wer sie auch ist: daß ich Tirchanis des Cimbrischen Koͤnigs Friedlevs Tochter/ des beruͤhmten Bojorichs Enckelin sey. Meines Vateꝛs Siege wiedeꝛ die meisten Nord-Voͤlcker sind der Welt so bekant: daß sie keiner Erzehlung bedoͤrffen/ und was ich/ nach dem mein Vater mir zum Erbtheile zwey Koͤnigreiche zugeeignet/ fuͤr Heldenthaten ausgeuͤbet/ werden alle die ruͤhmen muͤssen/ wel- che die Unterdruͤckung der Voͤlcker/ die Auff- opfferung vieler tausend Feinde fuͤr Tugend/ das weibliche Geschlechte aber der Hertzhafftig- keit und der Herꝛschens Kunst faͤhig achten. Die Reichs-Staͤnde schoͤpften uͤber meinen Siegen eine solche Vergnuͤgung: daß sie meinten den Grund-Stein ihres Wolstandes zu verruͤcken; wenn die Herꝛschafft auf andere Schultern nach mir verfallen solte; als welche aus meinen Huͤf- ten kommen waͤren. Diese Einbildung verlei- tete sie so weit: daß sie mir ihrer Gebieterin ein Gesetze der Eh aufzudringen vermeinten. Also gebieret auch das Gute zuweilen etwas arges/ wie die Sonne gifftige Wuͤrmer und Kraͤuter. Nach dem nun die/ welche einmahl aus den Schrancken des Gehorsams geschritten/ kei- nen Zaum mehr leiden/ sondern ihr Verbre- chen durch ein groͤsseres zu verkleinern vermei- nen; so schritten meine Unterthanen nunmehr so weit: daß sie mir so gar/ wem ich mich ver- maͤhlen solte/ fuͤrschrieben. Dieser war zwar ein Fuͤrst von hoher Ankunfft/ und aus dem A- lemannischen Stamme/ auch ein Held von gros- ser Tapfferkeit und ungemeiner Hoffnung. A- ber/ weil mich der Himmel entweder zur Ein- samkeit bestimmet hatte; oder der Zwang ein abgesagter Feind der Liebe ist; gewann ich nicht allein wieder diesen einen ungemeinen Haß/ sondern auch fuͤr dem Heyrathen eine gaͤntzliche Abscheu. Ja ich zohe mir an statt: daß ich die Rathschlaͤge dieses vielkoͤpfichten Thieres leicht zu verwirren/ und den Sturm des unsinnigen Volckes durch leichte Mittel/ wie das schaͤu- mende Meer durch einen linden Regen zu be- saͤnfften vermocht haͤtte/ die Kuͤhnheit des Vol- ckes als eine meiner Hoheit zu wachsende Ver- kleinerung so tieff zu Hertzen: daß ich selbst mei- ner Herrschafft und Wuͤrde gram ward. Denn weil Arminius und Thußnelda. weil das Ansehen die Seele des Gebietens/ ein veraͤchtlicher Herrscher aber mehr eine todte Leiche/ als ein Fuͤrst ist; meinte ich wegen die- ser Zumuthungen meinem Reiche schon abge- storben/ und denen Unterthanen vorzustehen allzu ohnmaͤchtig zu seyn. Daher ich/ unge- achtet alles Einredens/ und vieler hieruͤber ver- gossener Thraͤnen/ den festen Schluß machte Thron und Zepter abzutreten/ und die Ein- samkeit der Alironischen Frauen zu erkiesen. Viel weise Leute haben die Ausschlagung ei- ner angetragenen Koͤnigs-Wuͤrde fuͤr eine fast unuͤberwindliche Anfechtung/ und die solcher Enteusserung maͤchtig waͤren/ fuͤr Riesen von einem grossen Hertzen/ und einem gesunden Kopffe gehalten; welche ohne Verblendung der Vernunfft/ und ohne Verwirrung des Ge- muͤthes einen solchen empfindlichen Dampff uͤ- berhin gehen liessen. Aber diese Versuchung reichet der nicht das Wasser; welche bey ange- ziel t er Vonsichstossung der hoͤchsten Wuͤrde/ nach welcher sonst alle Seelen seuffzen/ ein ed- les Gemuͤthe anficht. Jch aber kan sonder ei- telen Ruhm wol sagen: daß ich meinen Koͤnigs- Krantz mit weniger Gemuͤths-Veraͤnderung/ als einen Puͤschel verwelckter Rosen von mir geworffen/ und die Meinigen/ denen es zweif- fels-frey mehr um ihre/ als meine Erniedri- gung leid war/ gescholten habe; wie sie den Grund und den seichten Schein meiner Ent- schluͤssung nicht zu unterscheiden wuͤsten; und fuͤr rathsamer hielten an geschmacken Speisen sich zu tode/ als durch eckelhaffte Rhabarber ge- sund essen. Wiewol ich nun die herrlichste Ge- legenheit hatte in meinem verlassenen Reiche dem Alironischen Gottesdienste beyzupflichten; traute ich mir doch nicht zu den Glantz der ver- lohrnen Hoheit ohne Aergernuͤs taͤglich fuͤr Au- gen zu haben; sondern entschloß mich zu denen in dem Belgischen Gallien an dem Fluße Sa- bis und der Maaß eingesessenen Cimbern/ oder nunmehr so genennten Aduatichern zu bege- ben. Daselbst ward ich zwar von meinen al- ten Lands Leuten freundlich angenommen/ und hoͤflich unterhalten; ich selbst aber weiß nicht ei- gentlich zu sagen/ durch was fuͤr einen Zug ich mich in die Entfernung von meinem sonst so geliebten Vaterlande noch immer mehr verlieb- te. Gleichwol aber halff hierzu der Aduati- schen Wahrsagerinnen selbsteigene Anleitung; welche nicht nur mir am heilsamsten/ sondern ih- nen ins gesamt am ruͤhmlichsten zu seyn ver- meinten/ wenn ich mich zu Rom/ als in dem Gesichte der gantzen Welt in ihre Einsamkeit einsperrete; gleich als wenn der Gottesfurcht noch eiteles Gepraͤnge anstaͤndig; und dersel- ben/ welche fuͤr Purper einen leinenen Kittel zu erkiesen bestim̃t haͤtte/ das vorwitzige Auffsehen des unvernuͤnfftigen Poͤfels etwas dienlich waͤ- re. Nichts desto weniger waren diese kluge Frauen bey mir in so grossem Ansehen: daß ich alle ihre Worte fuͤr Goͤttliche Offenbahrungen/ und ihren Rath fuͤr uͤberirrdische Leitung an- nahm. Jch kam also nach Rom/ und zwar zu der Zeit/ wenn die Sonne in Wider tritt/ und da die Vestalischen Jungfrauen das ewige Feu- er aus denen in einem Wasser-Becken zusam- men schuͤssenden Sonnen-Strahlen anzuzuͤn- den pflegen. Unter denen Vestalischen Prie- sterinnen war die andere in der Wuͤrde die Cim- brische; welche uͤber die Alironische Jungfrauen die Aufsicht hat/ und fuͤr alle Auslaͤnder die An- dacht verrichtet. Diese waren vom Marius zu dem Vestalischen Heiligthume gelassen woꝛden. Denn ob wol nach seiner den Cimbern versetzten Niederlage ihr Frauenzimmer; weil ihm in das Vestalische Heiligthum sich einzuschluͤssen verweigert ward; nach einer hertzhafften und verzweiffelten Gegenwehr sich/ aus Beysor- ge verunehret zu werden/ fast alle eigenhaͤn- dig toͤdteten; hatte doch Marius bey Durch- brechung der Cimbrischen Wagenburg das Gluͤcke die wunderschoͤne Tochter des Koͤ- nigs Bojorichs Hiarnen/ welche so sehr von Erster Theil. F f f f f f f f denen Neuntes Buch denen Roͤmern in denen Armen verwundet war: daß sie ihren Vorsatz sich zu toͤdten nicht ausuͤben konte/ nebst etwan noch dreyßig andern Cimbrischen Frauen-Zimmern gefangen zu bekommen. Von diesen wurden zwoͤlff Jung- frauen durchs Looß erkieset um des Marius ge- opfferter Tochter Calphurnia zu Ehren le- bendig verbrennt zu werden. Weil nun dieses die sterbens-wuͤrdige Hiarne nicht traff/ stach sie einer unter den zwoͤlffen unversehens das Mes- ser in die Brust/ um statt ihrer das Gluͤcke der Verbrennung zu genuͤssen. Aber als der sie uͤber dieser That rechtfertigende Marius zu Gesichte bekam/ ward sein Hertze gegen sie feu- riger/ als der von ihm angezuͤndete Holtzstoß. Ob sie nun zwar um verbrennet zu werden/ dem Marius tausend Thraͤnen opfferte/ ja sich nach Erkiesung einer andern Jungfrau mit Gewalt in die Flammen stuͤrtzen wolte/ ließ es doch Ma- rius verwehren/ sie sorgfaͤltig verwahren/ und auf sein an dem Misenischen Strande haben- des schoͤne Vorwerg fuͤhren. So bald nun Marius zu Rom sein Siegs-Gepraͤnge gehal- ten/ und den Nahmen des dritten Roͤmischen Uhrhebers bekommen/ ja die Ehre: daß ihm das Roͤmische Volck eben so/ wie den Goͤttern opfferte/ erworben hatte/ kam er auf sein Vor- werg seiner hefftigen Liebes-Flamme ein Ver- gnuͤgen zu schaffen. Er eroͤffnete seine Zunei- gung Hiarnen; welche aber/ nach dem Marius an Julien schon eine Eh-Frau hatte/ und sie selbst eine Braut eines Cimbrischen Fuͤrsten war; ja wie sie vorher in Gallien in den feuri- gen Holtzstoß/ also sich nunmehr in das benach- barte Meer zu stuͤrtzen muͤhte/ nach dem Ma- rius durch ihre Seuffzer und Thraͤnen seine Liebe nicht ausleschen lassen wolte. Alleine nach Hiarnens so verzweiffelter Entschluͤssung entbrennte des Marius Seele nur noch immer hefftiger gegen sie. Denn es ist kein kraͤfftiger Zunder der Liebe/ als der Schnee der Keusch- heit in der/ die man liebet. Aber an der tugend- hafften Hiarne richteten alle seine Lock- und Draͤuungen eben so wenig/ als das sich auff- schwellende Meer an dem weichen Ufer San- de aus. Wiewol er endlich was grausamers entschlossen haͤtte/ wenn nicht des Marius be- ruͤhmte Wahrsagerin Martha dahin kommen waͤre/ und dem Marius angedeutet haͤtte: daß/ im Fall er Hiarnen und die andern Cimbri- schen Frauenzimmer zu Rom in den Tempel der Vesta liefferte/ wuͤrde er aus Goͤttlichem Verhaͤngnuͤsse durch einen Cimber sein sonst unfehlbar verspieltes Leben erhalten; wiedrigen Falls aber sich in fruͤhzeitigen Tod und grau- samstes Ungluͤck stuͤrtzen. Wordurch er denn bewogen ward/ sie alle saͤmtlich in dem Vesta- lischen Heiligthume mit auskommentlichen Stifftungen/ und Erbauung eines absonderen Altares/ darauf sie ihr ewiges Feuer gleichsam zur Nachartung der unausleschlichen Gestir- ne unterhielten/ zu versehen. Wie sie nun von denen Vestalischen Jungfrauen wegen ihrer so theuer bewehrten Keuschheit fuͤr Schwestern billich aufgenommen wurden; also erwarben sie hernach des Roͤmischen Volckes allgemeine Gewogenheit/ nach dem sie bey der sieghafften Ruͤckkunfft des verjagten/ und wieder den Adel unmenschlich-wuͤtenden Marius vielen Edlen das Leben erbaten; als welcher der heiligen Hiarne nichts abzuschlagen getraute; nicht so wol/ weil die Jungfrauen dieses Heiligthums die schon verdammten Missethaͤter/ denen sie bey ihrer Ausfuͤhrung ungefaͤhr begegnen/ vom Tode erretten; Dahingegen die/ welche ihre Senffte anruͤhren/ das Leben verwuͤrcken; als weil der Martha Wahrsagung ihm so genau eingetroffen; und der ihn zu ermorden geschick- te Cimber den Degen weggeworffen hatte. Ja es brachten diese Jungfrauen durch ihre unge- meine Tugenden so viel zu wege: daß hernach fort fuͤr fort von denen Cimbern derogleichen der Keuschheit sich wiedmendes Frauenzimmer ausgebeten/ und zu Rom unterhalten ward. Bey Arminius und Thußnelda. Bey so gestalten Sachen ward ich/ fuhr die im Nahmen der Fuͤrstin Tirchanis redende Asbla- ste fort/ als eine Koͤnigin daselbst wie ein Wun- derwerck angenommen. August selbst zohe mir entgegen/ verehrte mich als eine Halb-Goͤttin/ vergroͤsserte mir zu Liebe die Einkommen der Vestalischen Jungfrauen/ versetzte diesen Got- tesdienst aus dem alten schlechten nach der Ge- stalt der Erd-Kugel rundgebauten Tempel des Numa/ in sein eigenes darzu eingeweihetes Hauß/ zierte es mit Marmel/ Gold und Edel- gesteinen aus/ verstattete ihnen/ wie vogtbaren Haußmuͤttern im siebenden Jahre ihres Alters schon einen letzten Willen zu machen/ eignete selbten die Freyheiten zu/ welche die haben/ die drey Kinder gebohren/ ja er gelobte unter sei- nen Basen die erste die beste/ die das hierzu er- forderte Alter erreichen wuͤrde/ in eben diß Hei- ligthum zu wiedmen. Jch fand mich eine ziem- liche Zeit darinnen uͤberaus vergnuͤgt/ und in ei- ner erwuͤnschten Gemuͤths-Ruh. Nach dem aber meine Schwestern mir die rechten Heim- ligkeiten ihres Gottesdienstes entdeckten; ward ich gewahr: daß auch die Cimbrischen Jung- frauen von der Reinigkeit unsers Vaterlandes weit abgewiechen/ und ihr Glaube mit denen Griechischen Getichten/ mit denen Persischen und Roͤmischen Aberglauben vermischt war; in dem sie wieder unsere/ und ihre alte Gewonheit ein Bild der Vesta/ welches in der lincken Hand eine Fackel/ in der rechten eine Opffer-Schuͤs- sel hielt/ und vor sich eine Drommel stehen hat- te/ auf das Altar gesetzt hatten; und solches nicht etwan als ein Bild der Goͤttlichen Eigenschaff- ten/ sondern als einen wesentlichen GOtt ver- ehrten; ja aus iedem Geschoͤpffe schier einen ab- sondern GOtt machten. Weil nun diß den ersten Grund-Stein des Cimbrischen Glau- bens/ nehmlich die Einigkeit Gottes uͤber einen Hauffen zu werffen schien/ und miꝛ uͤber diß ein- fiel: daß die keuschen Frauen/ welche schon ein- mahl geheyrathet hatten/ wieder die Gewonheit der Cimbern und Griechen zu Bedienung der Vesta unfaͤhig seyn solten; hingegen sie nach dreyßig-jaͤhriger Bedienung der Vesta sich des geweiheten Lebens gar entbrechen moͤchten; uͤ- brigens aber die heiligen Jungfrauen bey allzu zartem/ und ihre Faͤhigkeit zu pruͤfen nicht faͤ- higem Alter (in dem keine unter sechs noch uͤber zehen Jahr ihres Alters dazu kam) erkieset/ und nicht nur/ wenn sie kranck wurden/ sich aus dem Heiligthume begeben/ sondern auch/ ausser ih- rem Beschluß/ mit beyderley Geschlechte Ge- meinschafft haben/ ja denen Fechtern und Schauspielern zusehen; die Maͤnner auch zwar darinnen nicht uͤbernachten/ aber taͤglich aus- und eingehen dorfften/ also ihre Keuschheit und Reinigkeit mehrmahls nicht wenig befleckt ward/ und als ein unnuͤtzer Aberglaube uͤbrig blieb: daß sie nur schneeweiße Kleider tragen/ sich alles Blumwercks und Balsams enteussern/ ihnen auch die Haare abschneiden lassen musten. Diesemnach fieng ich an unser Priesterin uͤber ein- und anderm meine Bedencken zu eroͤff- nen/ und aus denen aͤltesten Buͤchern meinen Gegen-Satz zu behaupten. Welches eine Wei- le zwar zwischen uns verborgen blieb; aber die von meinen Meynungen ziemlich eingenom- mene Priesterin verschnaptesich gegen der Roͤ- mischen Auffseherin Occia; welche dieses dem Kayser/ als zugleich oberstem Priester nicht ver- schweigen dorffte. Dieses bewegte ihn: daß er alsbald/ ausser wenigen Sibyllinischen Buͤ- chern/ alle andere/ und zwar derer uͤber zwey- tausend zu aller unser empfindlichem Leidwesen oͤffentlich verbrennen/ jene aber noch darzu in zwey guͤldene Schachteln verschluͤssen/ und in den Fuß des Palatinischen Apollo verstecken ließ. Wiewol nun die Roͤmische Priesterin Occia dieses darmit abzulehnen meinte: daß ein kluger Fuͤrst die Glaubens-Zwistigkeiten in der ersten Bluͤte daͤmpffen muͤste; weil hierinnen die Neuigkeit nichts minder die Gemuͤther/ als ein neuer Stern die Augen an sich lockte/ aber F f f f f f f f 2 auch Neuntes Buch auch verblaͤndete; die denen Jungfrauen ent- raͤumte Freyheit aber darmit entschuldigte: daß ein verborgenes Licht nicht besser als die Fin- sternuͤs; und die Tugend/ welche durch ihr Bey- spiel bey andern keinen Nutzen schafft/ ein beses- sener Schatz; nichts weniger die Enteusserung der Laster aus Mangel der Gelegenheit zu suͤn- digen keine Tugend; diß aber die rechte Voll- kommenheit waͤre; wenn man mitten unter de- nen wolluͤstigen Lockvoͤgeln seine Ohren zu ver- stopffen; ja den Schwefel der Begierden/ wie die mit gewissen Kraͤutern verwahrte Haͤnde das gluͤende Eisen ohne Beschaͤdigung betasten koͤnte; so schien mir doch das erstere eine Erfin- dung der eyver suͤchtigen Staats-Klugheit/ und eine vorsaͤtzliche Unterdruͤckung der Wahrheit zu seyn/ welche keinem alten Jrrthume aus dem Wege zu treten schuldig; die andere Meynung aber war mir deßhalben verwerflich: daß die Tugend in ihr selbst ihren Preiß besitze/ und nicht von noͤthen habe offentlich zur Schaue getragen zu werden/ um den unwuͤrdigen Zu- ruff des Poͤfels zu erwerben. Und ob wol viel ihre Schaͤtze fuͤr wenig achten/ wenn nicht auch andere darum Wissen schafft tragen; so wird doch noch weniger/ ja nichts daraus/ wenn man sich durch derselben Feilbietung gar darum bringt. Jnsonderheit da die Keuschheit eine so zarte Farbe/ welcher auch die Lufft schadet/ an sich hat/ und ein so reiner Spiegel ist: daß er von den blossen Augen derer/ die eine garstige Seele haben/ befleckt wird; also sie sich fuͤr der Besudelung eben so wenig huͤten kan/ als es un- moͤglich ist bey angesteckter Lufft durch den A- them kein Gifft an sich ziehen. Welches denn durch die traurige Erfahrung wiederlegt ward/ da in weniger Zeit drey Vestalische Jungfrau- en/ und zwar von Leuten/ die beym August hoͤchst am Brete warẽ/ geschaͤndet wurden; zu einer all- spaͤten Warnigung: daß es mehr zu als mensch- lich sey nicht suͤndigen/ wo man gar wol kan; gleich wie es mehr als viehisch ist/ den Vorsatz haben sich zu vergehen/ wo gleich das Vermoͤ- gen ermangelt. Diesemnach es in alle Wege rathsamer/ die besor glichen Laster zu verhuͤten/ als die begangenen zu straffen. Denn jenes ist nicht nur eine Bewahrung der Tugend/ son- dern auch eine Huͤlffe der Schwachbeit; dieses aber macht der Verbrechen nicht weniger; denn auch eine gestraffte Boßheit oͤffnet mehrmahls denen Ungearteten die Augen zu liederlicher Nachfolge; insonderheit wenn das Laster etwas ungemein; oder die Gewalt des Ubelthaͤters dem gemeinen Rechts-Zwange uͤberlegen ist. Zumahl viel ihnen einbilden: daß ihre Groͤsse in der Freyheit boßhafftig zu seyn bestehe. Bey solcher Beschaffenheit kriegte ich/ sagte Tircha- nis/ ein Mißtrauen gegen die gesamte Vestali- sche Versamlung/ und einen Eckel fuͤr Rom/ zuletzt aber gar eine Abscheu; als Livie uns in die Servilischen Gaͤrte mit sich nahm/ darin- nen Tiberius dem Kayser zu Ehren aller hand uͤppige Spiele mit Fuͤrstellung heßlich-gebilde- ter Wald-Goͤtter und geiler Nymphen fuͤrstel- lete; ja Livia in dem Tempel der Vesta/ wenn andere am andaͤchtigsten waren/ des Naso geile Liebes-Schrifften laß; und als ich einsmahls solches wahrnehmende daruͤber einige Entsez- zung mercken ließ/ nicht nur lachte/ sondern noch darzu folgenden heiligen Tag mir das von der Elephantis gefertigte Schand-Buch zu lesen gab; uͤber dessen bey der erstern Eroͤffnung mir in die Augen fallenden Stellung ich so beschaͤmt und verbittert ward; daß ich es in das Vestali- sche Feuer warff; und hierdurch nicht alleine Liviens Gramschafft auf mich lud/ sondern alle Vestalische Jungfrauen wieder mich erregte/ als welche hierdurch ihr heiliges Feuer verun- reiniget zu seyn vermeinten. Diese/ oder viel- mehr die hinter ihnen steckende Livia/ brachte es so weit: daß die sonst denen/ welche das Feuer ausleschen liessen/ ausgesetzte Ruthen-Zuͤchti- gung fuͤr mein Verbrechen fuͤr zu wenig erkeñt/ und ich aus dem Heiligthume gar verstossen/ in des Arminius und Thußnelda. des Mecenas Thurm/ wiewol mit hoͤflicher Bedienung/ eingesperret ward. Daselbst er- kuͤhnete sich Livia mich noch aͤrger zu versuchen/ in dem sie nach vorher durch andere geschehenen Aufmutzung meines Verbrechens/ und dar auf gesetzter schimpflichen Straffe/ mir als eine Thorheit auslegte: daß ich durch einsame Ein- schluͤssung meiner Jugend und Schoͤnheit der Natur selbst Gewalt angethan haͤtte; daher sol- che so uͤbelen Ausschlag erlangete. Also waͤre der beste Rath durch die Liebe nichts minder die Natur/ als den Kayser zu ver gnuͤgen; mich aber von der Schuld und dem Gefaͤngnuͤße ledig zu machen; ja von mehrer Schmach und Pein zu befreyen; nach dem die strengen Gesaͤtze mei- nem Verbrechen die Vergrabung in eine Hoͤle/ darinnen ich bey wenigem Brodte/ Oele und Lichte verschmachten muͤste/ aussetzten. Jch erstarrte uͤber dieser unverschaͤmten Kuplerin/ in welcher die Ehrsucht nicht nur alle Funcken der Tugend/ sondern auch den Brand der Ey- versucht aus gelescht hatte; gab ihr aber eine sol- che Antwort: daß sie zum andern mahl mir de- rogleichen Vortrag zu thun sich nicht erkuͤhn- te; sondern vielmehr glaubte: es wuͤrde ihr leichter fallen dem Vestalischen Feuer die Krafft des Breñens zu benehmẽ/ als mein Hertze durch schandbare Geilheit anzustecken. Livia/ welche aus Aufputzung der Laster gleichsam ein Hand- werck machte/ und/ wie man nach der Kunst uͤp- pig seyn solte/ gewisse Richtschnuren an die Hand gab/ wagte sich nach der Zeit gar nicht mich ferner anzufechten; aber ich erlangte gleich wol nicht meine Freyheit. Jnzwischen erfuhr mein Bruder Koͤnig Frotho den Noth- stand meines Gefaͤngnuͤßes; schickte also an Augusten eine ansehnliche Botschafft/ welche meine Befreyung in der Guͤte abhandeln/ oder mit Andraͤuung der Cimbrischen Waffen/ fuͤr welchen Rom wol ehe sich erschuͤttert haͤtte/ zu wege bringen solte. August/ welcher wol ver- stand/ was die Cimbrische Macht/ wenn selbte denen Cheruskern/ Catten und Chautzen bey- fiele/ denen Roͤmern fuͤr Abbruch thun koͤnte; haͤtte gerne mich der Hafft/ sich aber eines neu- en Feindes erlediget; all eine die Geistligkeit/ welche ohne ihre absondere Vergnuͤgung die Tirchanis nicht wolten unangefertigt lassen/ und welcher August sich so gerade entgegen zu setzen Bedencken trug/ machte meine Loßge- bung uͤberaus schwer. Zuletzt schlug der Kay- fer zu einem Loͤsegelde den verguͤldeten Tiegel fuͤr; welchen die Cimbern aus denen zusammen geschmeltzten Roͤmischen Waffen/ als von ihnen der Buͤrgermeister Caͤpio und Manlius auffs Haupt erlegt worden/ gegossen/ und als ein ewiges Merckmahl des Sieges nach Hause ge- schickt hatten/ an sich selbst aber ein Kessel war/ welcher uͤber zwantzig Eymer hielt. Alleine mein Bruder weigerte sich bestaͤndig dieses herꝛ- liche Merckmahl der Cimbrischen Tapfferkeit ausfolgen zu lassen; sonderlich/ weil die Cim- brischen Priester der abgeschlachteten Gefan- genen Blut darein aufzufangen pflegten/ und also diesen Tiegel nicht allein als ein bereits Gott gewiedmetes Gefaͤsse fuͤr unenteusserlich/ sondern auch so gar fuͤr ein Schutz-Bild des Cimbrischen Reiches/ und fuͤr so heilig wie den grossen Scythischen Kessel von sechshundert Eymern hielten/ den ihr Koͤnig Arimantes aus so viel Pfeilen/ als ihm Kriegs-Leute folgten/ zusammen geschmeltzt/ und am Flusse Hippa- nis zum Goͤttlichen Beschirmungs - Zeichen eingeweihet hatte. Worbey sie denn scheinbar anfuͤhrten: daß August durch diß Anmuthen nicht so wol der Roͤmer Schande abzuwischen/ als die Cimbern der Goͤttlichen Beschirmung zu berauben anzielten. Sintemahl die Roͤ- mer auff solche Schutz - Bilder so gar biß zum Aberglauben grosse Thuͤrme bauten. Da- hero sie auch von dem in dem innersten Heiligthume der Vesta verwahrten Pallas- Bilde/ welches in der rechten Hand einen Spieß/ in der andern einen Rocken hatte/ vom F f f f f f f f 3 Him- Neuntes Buch Himmel gefallen seyn/ und das Dardanus nach Troja/ Eneas aber in Jtalien gebracht haben soll/ glaubten: daß solches von niemanden/ aus- ser denen Vestalischen Jungfrauen/ ohne Be- schaͤdigung gesehen werden koͤnte/ und deßhal- ben in einem Fasse verdeckt gehalten wuͤrde. Sintemahl der oberste Priester Metellus/ als er selbtes aus dem Brande gerettet haͤtte/ nicht so wol von der ihn versehrenden Flamme/ als dem Ansehen dieses Schirm-Bildes sein Ge- sichte verlohren; und wegen seiner geheimen Krafft das Roͤmische Reich/ so lange es zu Rom behalten blieben/ keines Untergangs sich zu be- sorgen haͤtte. Bey solcher Beschaffenheit wuͤrde er bey Entfremdung dieses Siegels nicht ver- antwortlicher thun/ als die geile Scylla/ die ih- rem Vater sein geweihtes Haar/ mit welchem sein Reich zugleich unversehrlich bleiben solte/ abschnitt/ und seinem Feinde einliefferte/ um nur seine Hold zu erwerben. Die Priesterin Alironia aber war so aufrichtig: daß sie meinem Bruder den von solchem Schutz-Tiegel einge- bildeten Aberglauben ausredete/ und behaupte- te: es waͤren alles diß/ was von derogleichen Schirmbildern geglaubt wuͤr de/ blosse Getich- te/ und Larven/ darmit man den alberen Poͤfel blendete. Denn wer koͤnte glauben: daß die unaufhaltbare Gewalt des Verhaͤngnuͤßes sich an einen Stein/ oder Stuͤcke Ertzt/ das der Bildhauer nach seiner Willkuͤhr ausgeetzt hat/ und der Gewalt des Feuers/ der Verzehrung der Lufft/ der Abnuͤtzung des Wassers unter- worffen ist/ angebunden/ und sich gleichsam zu einem Sclaven/ welcher ein Klotz an dem Fuße geschlept/ gemacht haben solte. Da aber auch diesem Bilde eine solche geheime Krafft einge- pflantzt waͤre; wuͤrden die Roͤmer solches eben so wol den Cimbern/ als Diomedes das Pallas- Bild dem Eneas wieder zu geben/ durch das Verhaͤngnuͤs gezwungen werden. Denn dessen Lauff waͤre so wenig durch irrdische Zufaͤlle; als der Gestirne durch thoͤrichte Beschwerungen; wie ihnen die wahnsinnigen zuweilen traͤumen liessen/ aufzuhalten. Wiewol nun einige rie- then: daß Koͤnig Frotho nach dem selbsteigenen Beyspiele der Roͤmer/ welche nach dem Schil- de (der zu des Koͤnigs Numa Zeiten vom Him- mel gefallen seyn solte) viel andere machen lies- sen/ einen andern nachgegossenen Tiegel nach Rom schicken moͤchte/ so weigerte er doch die- sen Einschlag bestaͤndig/ meldende: daß einem Fuͤrsten so wenig der Betrug/ als der Sonne eine Larve anstaͤndig waͤre. Wormit er aber durch diß kostbare Loͤsegeld fuͤr mich seine gelieb- te Schwester nicht etwas von dem Cimbrischen Ansehen vergeben moͤchte/ brachte er es durch Unter handlung so weit: daß der Kayser hinge- gen den vom Marius wegen uͤberwundener Cimbern aufgerichteten Siegs-Bogen einreis- sen/ die aufgehenckten Waffen dem Frotho zu- ruͤck geben; und aus denen Marmelsteinen ei- ne Bruͤcke uͤber den Fluß Nar bauen ließ. Auf diese Art bin ich dem Roͤmischen Gefaͤngnuͤsse entkommen; und nehme nun auf diesem Schif- fe meinen Ruͤckweg in mein geliebtes Vater- land; mit der unveraͤnderlichen Entschluͤssung: daß ich daselbst mich auf mein Lebetage zu dem Alironischen Frauenzimmer einsperren wolle. Diese treuhertzige Erzehlung der Tircha- nis/ sagte Asblaste/ vergnuͤgte mich nicht allein uͤber die massen/ sondern sie erweckte in mir nichts minder eine sonderbare Ehrerbietung/ als eine hertzliche Zuneigung zu einer so tugend- hafften Fuͤrstin; also: daß ich fuͤr ihr das minste meiner Begebnuͤsse zu verbergen fuͤr ein un- verant wortliches Mißtrauen hielt/ und hier- durch ihre voll kommene Gewogenheit er warb. Wiewol wir nun auf dieser Reise/ wegen des mehrmahls wiedrigen Windes/ der uns zu Ga- des drey Wochen aufhielt/ und wegen oͤffteren Sturmes/ der uns so gar auf das Eyland Thu- le trieb/ auf dem unser Schiff verfror/ acht Monat zubrachten; verkuͤrtzte mir doch der Koͤnigin Tirchanis Anmuth die Zeit/ und ver- suͤssete Arminius und Thußnelda. suͤssete mir alle Verdruͤßligkeiten. Endlich kamen wir an dem Cimbrischen Vorgebuͤrge an/ und wurden vom Koͤnige Frotho/ nebst dem Roͤmischen Gesandten Lucius Arnutius/ wel- cher vom Kayser kostbare Geschencke uͤberbrach- te/ um selbten von denen andern Deutschen ab- zuziehen/ auffs freundlichste angenommen; mir auch/ als er mein en Stand vernahm/ alle Fuͤrst- liche Bedienung verschaffet. Sintemahl das Cheruskische und Cimbrische Hauß vielfaͤltig durch Heyrathen und andere Buͤndnuͤße an einander verknuͤpfft war. Wiewol ich nun nach meinem Segimer hertzlich seuffzete/ wolte mich doch Koͤnig Frotho nicht von sich lassen; in dem es dazumahl in Deutschland/ besonders in dem Chauzischen und Cheruskischen Gebiete bund uͤber Ecke gieng. Gleichwol ließ er den Feld- Herrn Segimern durch den Ritter Buch wald wissen: daß ich bey ihm mit seiner Schwester gluͤcklich ankommen waͤre. Dieser mein Eh- Herr druͤckte in einem Schreiben seine uͤber- maͤßige Freude uͤber meine Erloͤsung und seine Begierde mich zu sehen auffs beweglichste aus; iedoch wiederrieth er selbst meine Anheimkunft. Nach dem ich nun drey Monat nach unserer Umarmung geseuffzet hatte/ kriegte ich die trau- rige Nachricht: daß Segimer durch Roͤmisches Gifft sein Leben; Deutschland aber an ihm den Beschirmer seiner Freyheit eingebuͤst haͤtte. Dieses war ein solcher Donnerschlag in meiner Seele; welcher mein gantzes Wesen einzuaͤ- schern vermocht haͤtte/ wenn ich nicht von dem Ungluͤcke geraume Zeit waͤre abgehaͤrtet/ und von der Tirchanis/ welche sich nun in das Ali- ronische Heiligthum eingeschlossen hatte/ zu großmuͤthiger Gedult aufgemuntert worden. Denn ob zwar einige in dem Wahn stecken: daß wie die Biene an niedrigem Rosen-Gepuͤ- sche und an denen sich zur Erde buͤckenden Blu- men erquickte/ aus diesen ihre Seele/ und den reinen Geist des Gestirnes/ nehmlich den suͤs- sen Thau saugte/ und die Spitzen der Cedern den Adlern und andern Raub - Voͤgeln ein- raͤumte; also die Liebe vollkommener in den Schaͤfer-Huͤtten/ als in Koͤniglichen Schloͤs- sern befindlich/ und die Hoheit der Fuͤrsten fuͤr sie all zu aufgeblasen waͤre; So weiß ich doch ge- wiß: daß die Vereinbarung des Hertzens mit des Segimers/ als worinnen alleine das ei- gentliche Wesen und die Suͤßigkeit der Liebe bestehet; ein so festes Verbindnuͤs/ als iemahls ein menschliches Hertze zu beschluͤssen faͤhig ist/ gewesen sey; und daß der Tod diese Kette in mir zu zergliedern niemahls vermocht habe; in dem ich/ wenn es moͤglich waͤre/ seine Seele eben so in einen andern Leib zu guͤssen/ als sich das Bild eines geliebten Leibes in die Taffel unsers Ge- muͤthes eingepreget/ auch noch die erblaste Lei- che meines Segimers zu beseelen/ und mich in sein Grab zu verscharren begierig waͤre. Wie ich denn auch keine Ursache finde/ oder begreif- fen kan; warum diese maͤchtige Gemuͤths-Re- gung/ welche aller Groͤsse der Welt uͤberlegen ist/ sich nicht auch des Gluͤcks bemeistern/ und die Hertzen der Herrschenden vollkommentlich zu besitzen maͤchtig seyn solte? Dieser meiner Betruͤbnuͤs folgte auf dem Fuße ein den Koͤnig Frotho auffs eusserste bestuͤrtzender Zufall; in dem seine Gemahlin/ welcher Koͤniglichen Uhr- sprung ich billich verschweige/ mit einem der fuͤrnehmsten Cimbrischen Fuͤrsten im Ehbruche begrieffen ward. Je ungemeiner nun dieses Laster bey den Deutschen ist/ und ie mehr Fro- tho sie geliebt hatte; ie hefftiger war seine Ver- bitterung; als welche in einem Augenblicke die Geister seiner so heissen Liebe ersteckte. Denn die Rache der Beleidigten hat eine viel hefftigere Regung/ als die Liebe; nach dem das Gebluͤte in den Puls-Adern viel thaͤtiger/ als in andern ist. Daher er sie den Richtern/ sie nach der Schaͤrffe ihres Rechtes anzusehen uͤbergab; welche sie auch beyde verdammten; den Fuͤrsten zwar: daß ein Stein ihm an Hals gehenckt/ und er ins Meer gestuͤrtzt; der Koͤnigin aber die Haare Neuntes Buch Haare abgeschnitten/ und aus dem Lande ge- peitscht werden solte. Der Tag war schon zu Ausuͤbung des Urthels bestimmt/ als ein Fen- nisches Weib fuͤr dem Richter-Stule erschien; und daß diese zwey Unschuldigen nicht mit so grausamer Straffe belegt werden moͤchte/ fuß- faͤllig anhielt. Die Richter fragten: aus was fuͤr Grunde ein Ehbruch vertheidigt/ und die/ welche ihr Laster selbst zugestuͤnden/ fuͤr unschul- dig erkennt werden moͤchten? Jn alle Wege antwortete diese Feñin/ wo nicht der willkuͤhr- liche Vorsatz/ sondern ein unvermeidlicher Nothzwang der Uhrheber des Verbrechens waͤre. Denn die Noth gaͤbe das grausamste Gesetze unter allen ab/ und zuͤge nach sich eine Botmaͤßigkeit; welche alle andere Gesetze zer- malmete/ und alle Gerechtigkeit in Unrecht ver- kehrte. Die Richter forschten ferner von ihr: Was fuͤr eine Noth denen Ehbrechern ihre Missethat auf gehalset haͤtte? Diese meine Zau- ber-Gaͤrthe/ antwortete sie; welche nicht nur die Hertzen/ sondern den Schnee und das Eyß der eussersten Nord Spitze entzuͤnden kan. Die Richter erschracken fuͤr so frechem Bekaͤntnuͤsse; und wusten nicht: Ob sie diß Weib fuͤr wahn- sinnig; oder ihre Rede fuͤr wahrhafft halten sol- ten; fragten aber: wie sie ihre Zauberey bewerck- stelligt; und was sie hierzu bewegt haͤtte? Sie zo- he hierauf zwey Wachsbilder heraus; derer das eine der Koͤnigin; das andere dem Cimbrischen Fuͤrsten gantz gleich sahe. Diese/ sagte sie/ habe ich durch gewisse Kraͤuter und meine Kunst de- rogestalt zubereitet: daß wenn ich selbte mit mei- nem Schwefel uͤberziehe/ selbte brennend ma- che/ und gewisse Segen darzu spreche/ alle Ein- fluͤsse der Gestirne/ alle Regungen der Keusch- heit viel zu ohnmaͤchtig sind die von mir in ih- ren Seelen entzuͤndete Brunst/ welche mit ih- rem auffsteigenden Rauche alle Vernunfft zu Bodem schlaͤgt/ zu daͤmpffen. Diese meine Hand wuͤrcket auch in den Haͤuptern der Wei- sen: daß sie das heßlichste Laster fuͤr einen Aus- bund der Tugend annehmen; sie erleuchtet mit der Finsternuͤs des Abgrunds die Unzucht: daß sie wie der des Nachts leuchtende Wurm fuͤr ein himmlisches Licht angesehen wird. Massen diese Zauberin denn auch alsofort solches be- werckstelligte/ und zu wege brachte: daß die auf der Seite stehende Verdammten/ welche vor- her gantz ausser sich/ und als todte Marmel- Bilder unbewegt gestanden/ auf einander wie ein Blitz zurennten/ und einander umhalseten. Die Richter alle erzitterten uͤber dieser Zaube- rey; sie aber fuhr fort und sagte: Wisset aber auch die Ursache dieses meines Beginnens; und daß diese Liebes-Flamme aus dem feurigen Ra- chen der Rache angezuͤndet worden sey. Denn nach dem Frotho in dem Kriege wieder die Slaven meinen Braͤutigam den Fuͤrsten des Eylandes Latris gefangen bekommen/ selbten aber toͤdten lassen/ und mich also meiner Liebe beraubet/ habe ich durch keine andere Vergel- tung mich zu saͤttigen gewuͤst/ als daß ich ihm seine tugendhaffte Gemahlin/ als den Zweck seiner einigen Vergnuͤgung/ hinweg naͤhme. Jch habe meiner Fuͤrstlichen Wuͤrde mich ent- eussert; ich bin ein Lehrling der allerschlim̃sten Zauberin worden; ich habe durch verborgene Ungedult mir mein Hertz abgenaget/ nur die Suͤßigkeit der Rache zu genuͤssen. Ja/ weil ich wol gewuͤst: daß draͤuende sich ver gnuͤgen ihre Zunge an statt des Rach-Schwerdts zu ge- brauchen/ und der durch den Mund ausrau- chende Zorn die Glieder krafftloß lasse/ die Be- leidigung mit Worten auch eine fruchtlose Boßheit/ in der That aber sich raͤchen eine Hel- den-Eigenschafft sey/ habe ich schon zehen Jahr bey den Cimbern als eine Dienst-Magd zu- bracht/ nur daß ich der Koͤnigin und dieses Fuͤr- sten Haar/ als den Werckzeug meiner Zaube- rey/ zur Rache erlangte; welche mir biß auff diese Stunde kein Mensch angemerckt hat/ nimmermehr auch wuͤrde ergruͤnder haben/ weñ ich zugleich die Barmhertzigkeit gegen die Tu- gend Arminius und Thußnelda. gend ausgezogen; oder nicht fuͤr ruͤhmlicher ge- achtet haͤtte den mir bevorstehenden schmaͤhlich- sten Tod zu leiden/ als der durch mich verleite- ten Unschuld zu Grabe zu leuchten. Die Rich- ter erstarrten uͤber diesem freymuͤthigem Be- kaͤntnuͤße/ liessen die Zauberin feste machen/ und brachten diese Begebnuͤße dem Koͤnig Frotho umstaͤndlich bey. Alleine dieser hielt des Fenni- schen Weibes Beginnen fuͤr ein Spiegelfech- ten/ oder eine angestellte Sache; nach dem die Zauberey uͤber die der Goͤttlichen Herrschafft unterworffene Seelen/ die Zeichen und Se- gnungen uͤber das Wesen und die Neigung der Menschen keine Gewalt haͤtten. Die Liebe wuͤrde entweder durch eine Goͤttliche Regung unmittelbar im Hertzen/ oder durch eine kluge Wahl im Haupte gezeuget; also: daß weder die Zauberey noch die Hoͤlle selbst/ als die Mutter der Zerruͤttung/ welche beyde mit unaufloͤßli- chen Ketten in den Abgrund eingekerckert waͤ- ren/ solche zu gebehren vermoͤchte. Die Liebe haͤtte so gar aus den Sternen als ein him̃lischer Balsam ihren Uhrsprung; ihr Geist waͤre rein/ ihre Bewegung unverwirret; Die Zauberey aber eine Mutter der Rasenden und Mond- suͤchtigen. Diesemnach denn/ da in einem Din- ge/ gewiß in Zauberey der Unglaube fuͤr die Spann-Ader menschlicher Klugheit seyn muͤ- ste. Die Richter hingegen stellten dem Koͤnige Frotho beweglich vor Augen: Die Flamme keuscher Liebe waͤre freylich wol ein zu schoͤnes Kind fuͤr die Zauberey/ welche als eine Tochter der Hoͤlle nichts als Mohren gebaͤhren koͤnte. Die boͤsen Geister vermoͤchten eben so wenig der Seele eine so reine Regung/ als die aus Schacht und Thaͤlern aufsteigenden Nebel der Welt ein Licht anzuzuͤnden; weniger koͤnten so grau- same Gespenster einen so holden Engel/ als die Liebe waͤre/ gebaͤhren; Die Unholden waͤ- ren viel zu ohnmaͤchtig ihre von dem Abgrun- de ausgespeite Kohlen in ein Gestirne/ und ihren gifftigen Tugend - Haß in das Ebenbild der unbefleckten Zuneigung verwandeln. Al- leine die Mißgeburt der Unzucht waͤre aller- dinges ein Brut der Hoͤllischen Unholden; und ob zwar Cirze aus den Menschen keine reine Schwanen/ keine unbefleckte Fenixe oder Ad- ler zu machen gewuͤst; haͤtte sie doch Ulyssens Geferthen in Schweine/ Woͤlffe und Hunde verwandelt. Diese Neigung waͤre der Kern des gifftigsten Hasses/ und eine rechte Nattern- Buhlschafft/ die mit ihrer Umarmung mehr/ als Tiger und hauende Schweine mit ihren Klauen und Zaͤhnen zerfleischte/ und mit ihren Liebes-Blicken grimmiger/ als Basilisken toͤdtete. Diese verteuffelte Wissenschafft ge- brauchte sich nicht nur seltzamer Kraͤuter/ die den Verstand in Wahnwitz/ das Gebluͤte in ei- ne lodernde Glut verkehrten; ja nicht selten durch solche Liebes - Artzneyen den Menschen gar das Licht ausleschten/ wie Lucilia ihren ei- genen Ehmann Lucretz/ Callisthenes den Lu- cullus hierdurch aufgerieben; sondern sie uͤbte auch durch Zeichen und fremde Worte zweif- felsfrey mit Zuthat eines Hoͤllischen Geistes solche Greuel aus/ fuͤr welchen die Vernunfft erstarren/ und der Himmel verschwartzen muͤ- ste; wie sie an dieser Zauberin mit Augen gese- hen; und die Perfische Kriegs-Flotte fuͤr Zei- ten vom Nectabis erschrecklich erfahren haͤtte. Ja die Zauberin selbst erbot sich durch groͤssere Wunder die Warheit ihres bekennten Lasters zu erhaͤrten. Sie wunderte sich: daß man die so viel tausend mahl bewehrte Kraͤfften der Zauberey in Zweiffel zuͤge; Da man doch zu Bysantz eine Ertztene Schlange/ und in Tripolis einen mit Storpivnen be- zeichneten Stein allen gifftigen Thieren in selbige Staͤdte/ des Hercules Bild in die Haͤuser schaͤdlichen Dingen den Ein- gang verwehren sehe. Da doch gewisse Wur- tzeln Gemsen und Hirsche feste machten/ Erster Theil. G g g g g g g g etliche Neuntes Buch etliche Kraͤuter oder Worte Drachen einschlaͤff- ten/ und Schlangen zertheilten/ gewisse Stei- ne Nester der Voͤgel fuͤr allem Ungeziefer ver- sicherten. Nun aber waͤre ja der Mensch ein Begrieff der gantzen Welt. Wie solte er denn nicht mehr Kraͤfte in sich haben als etliche Kraͤu- ter und Steine/ oder gar als die gegen ihm un- e dlen Gestirne? Daher sie all zuwol wuͤste/ und uͤberfluͤßig bezeugen koͤnte: daß alle Geschoͤpffe einer wol aufgeraͤumten Seele gehorsamen muͤsten. Hierdurch/ sagte die Hertzogin As- blaste/ ward endlich Koͤnig Frotho bewegt: daß er sein Gemuͤthe besaͤnfftigte; und/ als die Zau- berin bey der ihr zuerkennten Verbrennung auf ihrem Bekaͤntnuͤße standhafft verharrete/ gab er nach: daß dieser Cimbrische Fuͤrst die Koͤnigin nicht nur heyrathen/ sondern sie auch in seinem Gebiete die erblichen Guͤter ruhig besitzen moͤchten. Die Beruhigung dieser Schuldi- gen/ die ihre so uͤbel angefangene Liebe durch ein tugendhafftes Leben verbesserten/ zohe die Unruh der Unschuld nach sich; weil Koͤnig Frotho/ ich weiß nicht aus was fuͤr Triebe/ ein Auge auf mich warff; und mich zur Eh ver- langte. Allein ich hatte mich schon zu der Tir- chanis in das Alironische Heiligthum verlobet; welches ein mit hohen Mauern verschlossenes Gebaͤue an dem Strande der Nord-See war; darein ausser den Koͤnig keim Mann niemahls/ auch kein Weibs-Bild ohne Vorbewust der obersten Priester in/ die alle Schluͤssel selbst ver- wahrte/ setzen darff. Gleich wol werden hier- ein auch die/ welche gleich ein mahl verehlicht ge- west/ angenommen; und die/ welche ihr Leben darinnen nicht zu beschluͤssen vermeinen/ wer- den wieder Willen nicht darein ein gekerckert. Wiewol die Ausziehenden die Helffte ihres Vermoͤgens/ welches sonst gar dem Heiligthu- me zuwaͤchst/ zuruͤck lassen muͤssen. Jhre Tracht ist durch gehends/ wie ihr sie an mir sehet; ihre Speise auskommentlich/ aber sonder Uberfluß; welcher aber niemand genuͤssen darff/ ehe er seines Thuns/ und was er selbigen Tag gutes begrieffen/ Rechenschafft gegeben habe; wiewol anfangs ein Jahr lang die Neukoͤmmlinge mit einem strengen Still schweigen beschrenckt sind. Ausser dem wird unter Adel und Unadel in die- ser Versamlung kein Unterscheid gemacht/ noch ein Vorzug beobachtet. Denn weil alle sich fuͤr Maͤgde Gottes erkennen; und alle ihr Thun nach den Gesetzen der Natur einrichten/ ma- chen sie auf den Stand/ als eine Erfindung des Buͤrgerlichen Lebens/ kein Absehen; und ge- horsamen mehrmahls Fuͤrstinnen eines Gaͤrt- ners Tochter; wormit sie sich dem Himmel aͤhn- lich machen/ der sein Saphirenes Antlitz eben so schoͤn daselbst entdecket/ wo er nur Sand und Disteln/ als wo er Gold und Edelgesteine zeu- get; oder der Soñe/ welche nichts minder die in der Milch-Strasse verborgenen/ als denen be- ruͤhmten Jrrsternen ihr Licht mittheilet. Jhre Weißheit ist/ wie das Gebaͤue/ in drey Theile unterschieden; dem ersten drey/ dem andern fuͤnff Jahre/ dem letztern die uͤbrige gantze Le- bensfrist zugeeignet. Worinnen sie von der Art der Vestalischen Jungfrauen zu Rom abweichẽ/ wolche zehn Jahr lernen/ zehn Jahr opffern/ zehn Jahr lehren/ und hernach ihres Geluͤb des loß sind. Jm erstern Theile werden nur die Geheimnuͤße der Natur gelehret/ iedoch zu kei- nem andern Ende/ als die Wahrheit eines Goͤttlichen Wesens/ und seine allerweiseste Fuͤrsehung/ als den Grundstein aller Weiß- heiten daraus zu begreiffen. Alldieweil sie ihr Unvermoͤgen willig gestehen: daß sie noch we- niger Gott in ihm selbst durch ihre blinde Ver- nunfft/ als das Wesen der Sonne in derselben gerader Anschauung mit den bloͤden Augen/ welche bey uͤbrigem Lichte weniger als bey kei- nem sehen/ erkennen; am allermeisten aber die Weißheit Gottes in den engen Kreiß unsers Hauptes einschrencken koͤnnen. Diesemnach sie denn/ wie ich den ersten Tag aus ihrem Un- terrichte erlernet habe/ festiglich glauben: daß die Arminius und Thußnelda. die gantze Welt in GOtt/ und GOtt in der Welt/ ja wie die Seele in dem Theile befind- lich/ alles ihm/ und er allem gegenwaͤrtig/ sei- nem Leibe nach nirgends an-seinem unbegreiff- lichen Wesen nach nirgends abwesend/ und um ihn etlicher massen zu erkennen/ nicht nur die Welt sein Buch/ die Sonne sein Spiegel/ der Mensch sein Ebenbild; sondern auch unwie- dersprechlich sey: daß keine Ameiße oder Schne- cke auf der Erde krieche/ welche nicht eben so wol als der ungeheure Wall fisch/ kein Ysop an der Wand wachse/ der nicht so wie die Ce- der/ ja keine veraͤchtliche Fledermauß und kein Kaͤfer herum schwerme/ der nichts minder/ als Strauße und Paradieß - Voͤgel ein solches Bild sey/ darinnen man ein gewisses Kennzei- chen/ und gleichsam im Staube die Fußstapf- fen eines obersten Herꝛschers und Erhalters zwar nicht in seinem Verstande begrieffe; aber doch durch Verwunderung/ welche all ein der Maͤß-Stab aller unbegreiflicher Dinge ist/ wahrnaͤhme. Ja die taͤglich abwechselnde Finsternuͤs sey ein helles Licht und Merck- mahl des zwar unsichtbaren/ aber sich in Geschoͤpffen/ und so gar an Spinnen-Weben und Schnecken-Haͤusern offenbarenden Got- tes; welcher erstern Gewebe so kuͤnstlich ist: daß die Natur denen Spinnen hierzu sechs biß acht Augen hat geben muͤssen; die letzteren aber eine solche Baukunst in sich haben: daß sie aller Werckmeister Erfind- und Abtheilungen uͤber- treffen. Die Raupen waͤren ein Wunderwerck der Augen/ die Bienen des Geschmacks/ die Nachtigal des Gehoͤres/ Ambra des Geru- ches/ die Spinne des Fuͤhlens/ die Ameiße der Klugheit; alle aber Beweißthuͤmer einer un- begreiflichen Gottheit. Also haͤtte ihm Hera- clitus gantz falsch eingebildet/ daß sich Gott mit Fleiß zu verstecken suchte. Wie denn er in sich selbst seine unausmaͤßliche Wohnung/ und we- der den Himmel zu seinem Stule/ noch die Er- de zu seinem Fußschemmel geduͤrfft; sondern die Welt alleine zu seinem Erkaͤntnuͤße geschaf- fen/ hier zu aber nichts/ als den Saamen seines einigen Befehl-Wortes gebraucht/ und unter so unzehlbar-wiedrigen Dingen eine wunder- wuͤrdige Ubereinstimmung gemacht haͤtte: daß die Welt die vollkommenste Harffe genennt zu werden verdiente. Seine Ewigkeit bildete er in denen irrdischen Gewaͤchsen fuͤr; welche un- beschadet ihrer Vergaͤngligkeit/ den noch durch derselben Fortpflantzung sich verewigten. Sei- ne Groͤsse durch das kleinste Gesaͤme/ in dem in einer einigen Eichel das gantze Wesen einer Eiche/ einer Himmel-hohen Ceder/ in einem kaum sichtbaren Koͤrnlein/ die Krafft des suͤssen Weinstocks/ und in einem schlechten Kerne die Pracht der Granataͤpffel-Baͤume/ derer Bluͤ- te niemahls ohne Purper/ die Frucht nie mahls ohne Krone waͤre; in einer ungestalten Zwie- bel die alle andere Schoͤnheit beschaͤmenden Blumen/ fuͤr denen alle Farben und Mahl- wercke erblasten/ ungeachtet sie verbor gen steckten/ ihrer Feuchtigkeit halber in einem Ta- ge zugleich neugebohrne Kinder und alte Wei- ber waͤren. Die unaufhoͤrliche Bewegung der Gestirne stellte seine niemahls ruhende Wuͤr- ckung; des Meeres vergebliche Bemuͤhung sich uͤber seine Graͤntzen zu ergiessen/ seine all- maͤchtige Herꝛschafft; welcher auch die tauben Wellen/ und die blinden Winde gehorsamen muͤssen; Die Sonne seine unerschoͤpfliche Frey- gebigkeit durch die Abwechselung der Jahres- Zeiten/ des Tages und der Nacht/ als der zwey so ungleichen Zwillinge der Zeit das Reichthum seiner wolthaͤtigen Guͤte; Das allen Dingen/ ja denen waͤchsernen Bienhaͤusern zugeeigne- te und wolanstaͤndige Maaß seine uͤberschweng- liche Weißheit/ allen/ welche nur nicht blind zu seyn sich bemuͤhen/ fuͤr Augen; als welche an der Runde eines Apffels und Auges keine ge- ringere Kunst/ als an der eben so gedrechselten Welt und Sonne; an der ordentlichen Ab- theil- und unvergleichlichen Faͤrbung der Mu- G g g g g g g g 2 scheln/ Neuntes Buch scheln/ derer eusserliche Schale so wundersam/ als des Zimmet-Baumes ist/ an dem Mahl- wercke des Pfauen-Schwantzes/ des Tauben- Halses/ und der Papegoyen-Fluͤgel kein schlech- ter Wunder/ als an der Ausspannung des mit so viel Golde durchstuͤckten Himmels/ an Stel- lung der niemahls sehlenden Sonnen-Uhr/ an Ausmaͤssung der Regen-Bogen beweiset; und erhaͤrtet: daß er in denen kleinsten Dingen nicht kleiner/ als in den Grossen/ ja/ wenn man es durch das Vergroͤsserungs-Glaß klugen Nachdenckens eigentlich betrachtet/ noch groͤs- ser sey. Sintemahl in Wahrheit die Zusam- mendringung aller Sinnen in dem kaum sicht- baren Leibe der so spitzige und gleichwol zum Blutsaugen aus gehoͤlete Stachel einer Muͤcke/ die Geschwindigkeit einer Fluͤge/ und das Ge- maͤchte einer Biene/ das Nest einer Wiede- hopffe mehr Wunders/ als der Lauff eines Kro- codils/ die Staͤrcke eines Elefanten/ und die Bemuͤhung eines Kamels/ ja der beseelte Kaͤ- fer et was edlers als die alles beseelende aber un- beseelte Sonne in sich hat. So viel hatte ich nur begrieffen/ und bey mir hernach wol hundertmahl uͤberleget; als Koͤnig Frotho in unser Heiligthum kam/ und mir sei- nen Vorsatz mich zu ehlichen vortrug; alleine der Vorschmack dieser heiligen Weißheit hatte mich bereit mit einer solchen Suͤßigkeit uͤber- schuͤttet: daß mir alle andere Vergnuͤgungen wie bittere Wermuth schmeckte. Sie zohe mein Gemuͤthe kraͤfftiger als der mitternaͤchtige An- gel-Stern die Magnet-Nadel an sich; also: daß es sich auch die Sonne Koͤniglicher Wuͤrden nicht auf die Seite ziehen ließ. Diesemnach ich denn sein Begehren darmit ablehnete: daß in Deutschland eine Frau ohne eusserste Schande nicht zum andern mahl heyrathen koͤnte. Sin- temahl eine keusche Seele nicht so wol den Eh- stand/ als den Ehmann lieb gewinnen koͤnte. Frotho aber setzte mir entgegen: daß diß Ge- setze nicht nur dem Rechte fast aller Voͤlcker/ sondern auch den Sitten der meisten Deutschen wiederstrebte. Jnsonderheit aber haͤtten die Cimbern diese raue Gewonheit der Heruler nie gebilliget/ weil sie der Natur selbst Gewalt an- thaͤte. Alle Dinge weltzten sich gleichsam wie ein Rad herum/ und wechselten nicht nur die Jahrs Zeiten/ sondern auch die Sitten nach einander ab. Den deutschen Fuͤrsten waͤre un- verwehret/ nach des Ariovistens Beyspiele auff einmahl zwey Weiber zu haben; wie moͤchte sie ihr denn selbst diesen grausamen Zwang aufhal- sen/ nach ihres Ehherrns mit dem Tode erlosche- ner Liebe ihre Seele einer neuen Flamme abzu- stehlen? Als nun meine Entschuldigung nicht verfieng; schuͤttete ich mein iñerftes Hertze gegen ihm aus: daß ich ausser der Betrachtung Got- tes/ nir gends keine Ruhe meines durch so viel Ungluͤcks-Faͤlle zu Bodem gedruͤckten/ auch zu keinen irrdischen Erquickungen mehr taugli- chen Gemuͤthes findete/ also mit derselben Stoͤ- rung mich ungluͤcklich/ ihn unver gnuͤgt machen wuͤrde. Alleine der/ ich weiß nicht/ aus was fuͤr einem Triebe/ mir allzuwol zugethane Koͤnig Frotho bemuͤhete sich mich duꝛch alleꝛhand Lieb- kosungen zu gewinnen/ mir einhaltende: daß die Natur mich viel zu zart fuͤr eine so strenge Lebens-Art geschaffen haͤtte; und daß/ wenn ich als eine treue Landes-Mutter denen Untertha- nen fuͤrstuͤnde/ GOtt ein so angenehmeꝛ Dienst/ als durch ein erwehltes Priesterthum geleistet wuͤrde. Die Natur haͤtte den Menschen zur Ge- meinschafft; insonderheit aber das Frauenzim̃er zu Fortpflantzung beyder Geschlechts/ das Ver- haͤngnuͤs Fuͤrsten zu Beherrschung der Voͤlckeꝛ/ und Ausuͤbung anderer Tugenden/ dardurch sie nichts minder/ als durch tieffsinniges Nachden- cken die Gewogenheit des Himmels erlangten; andere aber/ und fuͤrnehmlich das maͤñliche Ge- schlechte zu Ubung der Weißheit und Beobach- tung des Gottes dienstes erkieset; wiewol die An- dacht auch mit der Hoheit/ der Ehstand mit dem Gottesdienste/ ja gar mit dem Priesterthume ei- ne Arminius und Thußnelda. ne Vertraͤgligkeit/ und keine gaͤntzliche Enteus- serung der Welt/ oder eine so strenge Lebens-art von noͤthen haͤtten. Die denen Fuͤꝛsten gleich sam eigenthuͤmliche Gꝛoß muͤthigkeit veꝛmoͤchte uͤbeꝛ Gluͤck und Tod zu gebieten. Mir fielen uͤber dieser zwar vernuͤnfftigen Zusetzung fuͤr Weh- muth die Thraͤnen aus den Augen. Die oberste Priesterin aber nahm sich mein an; und setzte dem Koͤnige entgegen: Die Andacht waͤre eine Vermaͤhlung der Seele mit GOtt/ und eine Vergoͤtterung der Menschen. Warum solte sie deñ Fuͤrsten verschmaͤhlich/ oder denen zarten zu rau seyn? Adler/ keine Kefer waͤren dem Jupiter gewiedmet. Der Weyrauch/ nicht geringes Baumharzt wuͤrde bey den Opfern angezuͤndet. Weñ Helfenbein und Alabaster unter die Hand des Bildhauers/ das zaͤrteste Ertzt das Gold in den Guß des Kuͤnstlers/ das weiche Gespinste des Seiden-Wurmes auf die Werffte des We- bers kaͤme/ wuͤrde das voll kom̃enste Gemaͤchte daraus; warum solten nur raue Felsen zu heili- gen Bildern aus gehauen weꝛden; odeꝛ ein zaꝛtes Geschoͤpffe nicht den Zwang unser Gesetze/ wie der Marmel die Feile/ und das Gold die Glut ausstehen? was die wenigsten Huͤlsen eines irrdi- schen Talgs an sich haͤtte/ waͤre desto geschickter zu denen Durchwuͤrckungen des Geistes. Die- ser selbst haͤtte nicht seinen Sitz in den harten Knochen/ noch in denen starrenden Spann-A- dern; sondern in dem weichsten und zaͤrtesten Theile des Menschen/ nehmlich in dem Gehir- ne. Andere Tugenden verdienten zwar ihren Preiß; und die/ welche Fuͤrsten machten/ haͤtten einen groͤssern Glantz/ als die Gottesfurcht; a- ber alle waͤren ohne diese eine Blaͤndung/ ohne Geist und Bestand; die Tapfferkeit ohne An- dacht ein hitziger Trieb eines grimmigen Thie- res/ die Klugheit ein verfuͤhrerisches Jrꝛlicht/ die Anmuth halb Mensch und halb Schlange. Die Gottesfurcht waͤre die Zungein der Wage der Gerechtigkeit/ sie hielte der Gꝛoßmuͤthigkeit den Ruͤcken: daß sie weder die sanfften Luͤffte des Gluͤckes zu hoch empor huͤbe/ noch das Elend zu Bodem trete; Sie schwinge die Seele so hoch: daß sie ihres mit dem Leibe und seinen fleischlichen Reitzungen gepflogenen Buͤndnuͤs- ses vergaͤsse; Die ansehnlichste Wuͤrckung aber haͤtte sie wieder den Tod/ den alle Klugheit und Tugend selten fuͤr den Aufloͤser der irrdischen Banden/ sondern ins gemein fuͤr den Scheusal alles lebenden/ fuͤr das Schrecken der Natur/ und die Abscheu der Hertzhafftigkeit/ die An- dacht aber alleine fuͤr einen Pfoͤrtner des Him- mels anschaute. Denn sie lehrte bey dem An- tritte der unendlichen Ewigkeit: daß der Zir- ckel der Zeit in vergaͤnglichen Augenblicken be- stuͤnde; und daslaͤngste Leben nach der Span- ne auszumessen/ die wahrhaffte Ruhe und Lust der Seele aber erst nach Ablegung der Sterb- ligkeit zu finden waͤre. Die Gottesfurcht waͤre endlich die von dem Himmel henckende Kette; die ein Reich so befestigte: daß alle Kraͤfften der Welt es nicht versehren koͤnten. Diesemnach moͤchte der Koͤnig versichert leben: daß der Fuͤr- stin Asblaste Vermaͤhlung ihm zwar einige Vergnuͤgung/ ihre Andacht aber dem Cim- brischen Reiche eine bestaͤndige Schutz-Seule abgeben wuͤrde; fuͤr welch letzteres er als ein Fuͤrst und Werckzeug Gottes/ durch welchen seine erste Bewegungs-Krafft ein ziemlich Stuͤ- cke der Welt bewegte/ mehr als fuͤr sich selbst Sorge zu tragen haͤtte. Diese Zuredung hatte in des Koͤnigs Frotho Gemuͤthe einen solchen Nachdruck: daß er sich erklaͤrte meine heilig- Einsamkeit nicht mehr zu stoͤren; noch der Wol- farth seines Reiches einigen Abbruch zu thun. Seine Schwester Tirchanis aber war mit ihm noch nicht allerdinges/ wie ich/ vergnuͤget; son- dern hielt ihr fuͤr unverantwortlich/ dem weibli- chen Geschlechte fuͤr nachtheilig: daß er die Weißheit nicht fuͤr sie so wol/ als fuͤr die Maͤn- ner gewiedmet zu seyn meinte. Sie bescheidete sich wol: daß diese fuͤr ihnen mehr Staͤrcke und weniger Feuchtigkeit von der Natur be- G g g g g g g g 3 kommen Neuntes Buch kommen haͤtte; aber die maͤnnlichen Seelen haͤtten fuͤr den weiblichen keinen Vorzug. Die- se allein/ als der Sitz des Nachsinnens und der Tugend/ haͤtten eigentlich nur mit der Weiß- heit zu schaffen. Jene waͤren nicht mit meh- rerm Geiste gefluͤgelt; diesen klebte nicht mehr Erde und Schlacke an; beyde ruͤhrten von ei- nem Uhrsprung her. Jhre Feuchtigkeit hin- derte ihr Geschlechte an nichts/ ja sie waͤre als ein denen Wissenschafften zu Einpregung der Bilder in das Gedaͤchtnuͤs dienender Talg vielmehr befoͤrderlich. Der Mohnde waͤre so schoͤn und nutzbar als die feurigen Gestirne/ wiewol auch die feurigsten und die Sonne selbst guten theils aus einem fluͤssenden Wesen/ und nichts minder/ als die Erdkugel aus einem Meere bestuͤnden. Jhr waͤre zwar nicht un- bekandt: daß man sie beschuldigte: sie flatterten mit ihren Gedancken all zu leicht und veraͤn- derlich; aber der Maͤnner ihre waͤren auch an keinen Nagel gehefftet; und den tieffsinnigen Wissenschafften dienten mehr die Adlers-Fluͤ- gel/ als Schildkroͤten-Fuͤsse. Ja da sie auch in ein- oder dem andern einigen Gebrechen haͤt- ten/ thaͤte ihnen die Weißheit/ als welche der Vernunfft zu Huͤlffe kommt/ die Finsternuͤße des Geistes erleuchtet/ und die Gemuͤther voll- kommen macht/ so viel mehr von noͤthen. Uber diß doͤrffte man zu derselben Weißheit/ welche eine Wegweiserin des Lebens/ und eine Mut- ter der Tugend ist/ weder die Tieffsinnigkeit hohen Verstandes/ noch das Vermoͤgen aus- buͤndiger Gliedmassen. Man traͤffe sie mehr- mahls in Vollkommenheit bey der Einfalt/ und in einem kriplichten Leibe an. Denn sie ver- truͤge sich mit beyderley Gluͤcke/ und gaͤbe den beyden Geschlechten so noͤthigen Unterricht/ wie gute Begebungen ohne Schwindel; und schlimme Zufaͤlle waͤren sonder Ohnmacht zu vertragen. Sie haͤtte zu ihrem Zwecke das mangelhaffte zu verbessern/ die Unvergnuͤgten gluͤckselig zu machen; und durch Daͤmpffung hefftiger Regungen den Menschen vom Poͤfel so weit zu entfernen/ als er an sich selbst vom Vieh unterschieden zu seyn scheinet. Koͤnig Frotho begegnete seiner Schwester mit einer besondern Hoͤfligkeit; und entschuldigte: daß er dem Frauenzim̃er ihre Faͤhigkeit die Weiß- heit zu begreiffen/ und den ihm daraus qvellen- den Nutzen strittig gemacht; sondern nur: daß sie nicht wie die Maͤnner sich darinnen zu ver- tieffen verbunden waͤren; verließ uns also beyde in unser annehmlichen Einsamkeit/ fand auch wie ich in der Unterweisung der Alironischen Frauen/ also er durch Ehlichung Alvildens ei- ner Sitonischen Fuͤrstin seine gewuͤnschte Ver- gnuͤgung. Jch muste in dieser Schule die natuͤrlichen Dinge zu erforschen drey Jahr zubringen; aber die Anmuth der Gesellschafft und die Lehrart/ welche einem alles gleichsam spielende bey- brachte/ verkuͤrtzte mir sie so sehr: daß sie mir we- niger/ als drey Monate schienen; Denn ob ich zwar vorher mich auch auf diese Geheimnuͤße gelegt hatte; ward ich doch nunmehr inne: daß meine Lehrmeister mir zwar viel gutes unter die Haͤnde gegeben/ aber nicht recht aus gearbeitet hatten; und war zwischen beyden ein solcher Unterscheid/ wie zwischen dem Marmel/ den die Werck-Leute aus seinen Adern hauen/ und dem/ der bereit durch die Hand des Bildhauers gegangen. Allhier ward nichts gewiesen oder iemand dessen uͤberredet; was man nicht aus den Eigenschafften der Dinge her nahm; und dessen man gleichsam mit seinen fuͤhlenden Haͤnden und sehenden Augen uͤberwiesen ward. Welches bey denen Lehrlingen nicht nur mehr Beyfall erweckte/ sondern auch in ihrem Thun mehr Nachdruck hatte. Denn die/ welche ihre vermeinte Weißheit nur hinter das Alterthum und ihrer Vor-Eltern Meinung verbergen/ sind wenig besser als die jenigen Priester/ die sich in die holen Bilder ihrer Goͤtter versteckten/ um den Wahn ihrer Wahrsagungen so viel glaubhaffter zu machen. Nach dieser Zeit kam ich zu der andern Staf- fel/ Arminius und Thußnelda. fel/ da der Mensch nach des Pythagoras Leh- re sich taͤglich bey hellem Tage im Spiegel be- sehen/ das ist/ sich selbst muste kennen und uͤber- wuͤnden/ also diß/ was uns die Natur an die Hand giebt/ nuͤtze machen lernen. Denn ob wol die Welt nur eine Wohnung ist/ alle Men- schen darinnen einerley Haußhaltung fuͤhren/ und die Goͤttliche Versehung als eine um sie bekuͤmmerte Mutter fuͤr einen ieden Menschen absonderlich so sehr/ als wenn er das gantze Ge- schlechte waͤre/ bekuͤmmert ist/ sie auch alle in gleicher Vollkommenheit wuͤnschet/ und ihre Seele von dem irrdischen/ wie die Sonne die Duͤnste aus den Suͤmpffen hervor zeucht; so sind doch hingegen die Neigungen der Men- schen boͤse/ und wie alle schwere Dinge den Mittel-Punct der Erde zu erreichen so begie- rig: daß sich derselben zu enteussern schier un- moͤglich ist. Hieraus erwaͤchset eine Wieder- setzligkeit gegen die himmlischen Leitungen. Und wenn die Tugend sich durch die engen Pforten in die Seele einlagern wil; findet sie wie in einem feindlichen Lande ihr alles auff- saͤtzig zu seyn. Wenn nun die unaustreiblichen Reitzungen der Natur mit einer lasterhafften Gewonheit sich verschwistert/ zeucht der Mensch eben so den Menschen/ als die Schlan- ge ihre Haut/ iedoch mit dieser Ungleichheit aus: daß diese ihre eusserliche Gestalt veraͤn- dert/ die innerliche behaͤlt/ Menschen aber die eusserliche behalten/ die innerliche verlieren; und seinem Wesen nach zum unvernuͤnfftigen Thiere werden. Ja diese scheinen dißfalls schier fuͤr den Menschen einen Vorzug zu ha- ben. Denn sie thun nichts uͤbels/ als worzu sie die Eigenschafften ihres Geschlechtes bewe- gen/ und hat fast iede Art Thiere nur einerley ihnen eingepflantzte Tuͤcke. Den Menschen aber verleiten nicht nur seine eben so viehische Regungen; sondern der Mißbrauch seiner Vernunfft; es geschehe gleich aus Jrrthum o- der aus Vorsatz/ halset ihm so gar unmenschli- che Wercke auf. Welche Anmerckung denn den Vellejus zu Rom auf diesen aͤrgerlichen Wahn brachte: daß er wieder den Cotta be- haupten wolte: wenn die Goͤtter einen Men- schen verfolgen wolten/ koͤnten sie ihm nichts schaͤdlichers/ als die Vernunfft zueignen. Sin- temahl die Fehler des Verstandes Lehrmeister des Willens/ und seiner Vergehungen waͤren; und keiner weniger suͤndigte/ als der am we- nigsten verstuͤnde. Ob ich nun zwar diese Ke- tzereyverdamme; bleibt doch wahr: daß der na- tuͤrliche Trieb in Thieren keinen so innerlichen Krieg/ als wie die Vernunfft im Menschen mit seinen Regungen zu fuͤhren hat. Denn diese muͤhen sich eiffriger unsere Seele von dem Si- tze der Vernunfft zu stuͤrtzen; als iemahls die Riesen Jupitern aus dem Himmel zu jagen gemeinet. Sie verblaͤnden die Vernunfft: daß sie so wenig den Glantz der Tugend/ als blind- gebohrne die Schoͤnheit der Sonne/ und den Mittag fuͤr Mitternacht erkiesen. Woruͤber die Goͤttliche Barmhertzigkeit/ welche selbst gerne die Annehmung ihrer ausgegossenen Wolthaten zu Danck annaͤhme/ wehmuͤthig seuffzen und bejammern muß: daß wenig die Milch ihres Heiles aus ihren gleichsam stru- tzenden Mutter-Bruͤsten saugen; sondern die meisten sich lieber aus den Pfuͤtzen der Wollust/ und der Galle ihrer boͤsen Gemuͤths-Regun- gen saͤttigen wollen. Diese nun zu bemeistern habe ich in dieser Gemeinschafft die herꝛlichsten/ wiewol glimpflichsten Mittel gefunden. Denn ob wol die Wahrheit/ Weißheit und Tugend nur einerley Wesen und Eigenschafft hat/ so ist sie doch nicht gezwungen stets einerley Gesichte zu zeigen/ und in einem haͤrenen Kleide aufzu- ziehen. Viel Gemuͤther sind in dieser Lehre wie etliche Krancken/ welche den Artzt nicht se- hen koͤnnen; und alle Kraͤuter fuͤr bittere Rha- barber halten/ ehe sie sie noch gekostet haben. Zugeschweigen: daß die Tugend an ihr selbst wie der anfangs aus dem Meere kommende und Neuntes Buch und noch weiche Ambra uns aͤrger/ als ein Aaß anstincket/ ob schon mit der Zeit dieser alles suͤsse Rauchwerck Arabiens im Geruche/ jene alle Wolluͤste der Welt an Suͤßigkeit uͤbertrifft. Diesemnach denn die Alironische Anweiserin- nen/ welche allzuwol verstehen: daß heilsam und bitter nicht einerley sey/ und die Wermuth viel eine andere Wuͤrckung/ als Gifft habe/ alle ihre heilsame Artzneyen/ besonders anfangs mit wolruͤchendem Bisam und Zucker anmachen; und die Tugend zwar nicht als ein geiles Kebs- Weib/ doch auch nicht als eine Betlerin; son- dern mit einem anstaͤndigen Schmucke/ und ohne Knechtische Fessel fuͤrstellen. Bey diesem Grunde verschmehen sie dieselben Mißgebur- ten der Weisen/ welche den Betler-Stab und die Tasche fuͤr ihr Eigenthum halten/ und gleichwol unter ihren zerrissenen Lumpen mehr Ehrsucht/ als andere unter Goldstuͤcke und Purper verbergen; welche ihren Begierden den Zuͤgel schuͤssen lassen/ und dennoch Liebe/ Freude/ Haß/ Furcht und andere Gemuͤths- Regungen als abscheuliche Ungeheuer ver- dammen; Gleich als wenn diese die Ver- nunfft versinsterten/ den Leib schwaͤchten/ und den Menschen oͤffter/ als Feber und Wasser- sucht toͤdteten. Viel glimpflicher aber urtheil- te der Alironien Weißheit hiervon; welche we- der den Leib mit uͤbriger Strengigkeit quaͤlet/ noch das Gemuͤthe in Eisen schleust. Denn sie goͤnnet der Natur ihre Ergetzligkeit/ wie den heilsamen Kraͤutern ihre Zlerde und Geruch; sie enthenget dem Gemuͤthe seine Erleichte- rung/ und machet den Menschen durch Be- raubung aller Zuneigungen zu keinem todten Klotze oder Steine. Die Koͤnigin Erato fiel Asblasten/ als selbte ohne diß etwas Athem schoͤpffte/ mit diesem hoͤflichen Einwurffe ein: Jch kan nicht leugnen: daß ich zum Theil ein Lehrling der Stoischen Weltweisen gewest sey/ welche diese Regungen fuͤr Kranckheiten des Gemuͤths halten/ und/ weil auch die schlechtern Schwachheiten eben so wenig aufhoͤren ein U- bel/ als das kleinere Ungeziefer schaͤdlich zu seyn/ duͤnckt mich also thulicheꝛ zu seyn/ selbte gaꝛ zu vertilgen/ nicht aber mit selbten so sanffte/ als mit denen Feuchtigkeiten des Leibes/ welche e- ben so wol als das Gebluͤte ein Oel des Lebens sind/ umzugehen. Asblaste antwortete: Es waͤren zwar gewisse Kranckheiten/ welche mehr der Gesundheit zu statten kaͤmen/ als ihr schadeten/ nichts minder als das gifftige Gestir- ne des hoͤchsten Jrrsternes in der Welt viel heil- sames wuͤrckte. Gleichwol wolte sie ihr und ihren Lehrern recht geben; wenn ihr Grund: daß alle Neigungen Kranckheiten waͤren/ nicht auf schluͤpfrigem Grunde bestuͤnde; Sie waͤ- ren aber diß weder nach ihrem Uhrsprunge/ noch nach ihrem Wesen. Denn die Natur waͤ- re gegen ihr liebstes Kind den Menschen eine viel zu guͤtige Mutter: daß sie ihm eitel Kranck- heiten der Seele solle eingepflantzt haben. Jhre Eigenschafft wuͤrde nur zufaͤlliger Weise ver- terbet/ und wie der suͤsseste Wein in schaͤrffsten Eßig verwandelt. Denn wer wolte glauben: daß sie so viel aͤrger/ als die Galle der Drachen; die Gifftblaͤßlein der Nattern/ als Napel und andere zwar zum Theil schaͤdliche/ iedoch auch sehr nutzbare Dinge waͤren. Diese Neigun- gen stiffteten mehrmahls tausend Ubel/ fraͤfsen gantze Staͤdte/ aͤscherten die halbe Welt ein. Dieses aber waͤren Wuͤrckungen ihres Miß- brauchs/ nicht ihrer Natur. Die Sonne das Hertze der Welt/ welche alles lebhafft macht/ wuͤrde derogestalt eben so verdammlich/ und mit den Mohren zu verfluchen seyn/ weil sie mit ihrer Hitze eben so wol Kroͤten/ als Schwa- nen beseelte; nichts minder die heilsamen/ als die Schwantz-Sterne erleuchtete; und mit eben der Waͤrmbde/ welche Oel und Granat- Aepffel zeuget/ Ungeheuer heckete. Das so nuͤtzliche Feuer/ daß das Ertzt gleichsam zum andern mahl gebieret/ das unvollkommene aus- kochet/ und die andere Sonne der meisten Hand- Arminius und Thußnelda. Handwercker ist; wuͤrde widriger Meinung nach in der gantzen Welt auszuleschen seyn/ weil es alles verzehret/ dessen man es Meister werdenlaͤßt. Das Meer und der Wind/ weil sie Laͤnder uͤberschwemmen/ Baͤume ausreissen/ und Schiffbruch verursachen/ wuͤrden muͤssen/ ungeachtet jenes Perlen/ Purper und Korallen gebieret/ den Erdbodem befeuchtet/ die Sternen saͤuget/ dieser die Lufft reinigt/ die Fruchtbarkeit und die so nuͤtzliche Schiffahrt befoͤrdert/ aus der Welt verbannet werden. Dannenhero muͤste man nur den Rauch von dem Feuer der Ge- muͤths-Regungen saubern/ und mit diesen Nei- gungen so behutsam/ wie die Aertzte mit den Feuchtigkeiten des Leibes umbgehen/ als welche zwar zu reinigen/ aber nicht gar auszutrocknen waͤren; Oder man muͤste selbte/ wie die Haare und Naͤgel beschneiden/ nicht aber gar veꝛterben. Die Koͤnigin Erato warf hierwider ein: Sie koͤnte unter diesen Regungen/ und denen Kꝛanck- heiten des Gemuͤthes noch zur Zeit keinen Un- terscheid finden; als daß jene geschwinder ver- rauchten/ diese aber/ als schon tief eingewurtzelt/ hartnaͤckichter waͤren. Massen denn auch jene sich in diese mit der Zeit eben so leicht/ als die Seiden-Wuͤrmer in Molcken-Diebe verwan- delten. Die Maale wuͤrden mit uns so wol gebohren/ als die Neigungen; gleichwol aber blieben sie Ungestaltnuͤsse/ und waͤre eines so schwer als das andere zu vertreiben. Der Natur goͤnnete man ihren Preiß; aber es haͤt- ten mehrmals weisse Muͤtter heßliche Mohꝛen- Kinder. Die Wurtzel schaͤdlicher Regungen koͤnte nichtbesser seyn/ als ihre gifftigen Fruͤchte. Weil nun diese Gespenster zu herꝛschen/ nicht zu dienen gewohnt waͤren/ wuͤchsen sie der Ver- nunfft zu Kopffe/ welche doch das Auge der Seele/ die Magnet-Nadel des Lebens/ der Maͤßstab der Tugend und der Ancker der Gluͤckseeligkeit waͤre. Wie die so genennte Kranckheit die Rose ihren Eintritt mit einer annehmlichen Purper-Farbe beschoͤnte/ also endigte sich diese Kranckheit eben so wol/ als die anfangs in Gestalt einer Morgenroͤtbe der Tugend sich zeigenden Regungen mit unsaͤgli- chen Schmertzen. Diesemnach muͤste man sie in der ersten Bluͤte toͤdten/ und als das schaͤd- lichste Unkraut ausrotten. Denn wenn nur ein Kaͤum uͤbrig bliebe/ naͤhme es unversehens uͤberhand/ und ersteckte in uns den Saamen des guten. Alle Laster waͤren anfangs Zwer- ge/ hernach Riesen. Sie stellten sich erstlich verschaͤmt und maͤßig; die Gewohnheit aber vertilgte bald ihre Schamroͤthe/ und mit der Zeit zerlechsete ihr Umschranck. Die Grau- samkeit erlustigte/ wie die Wuͤtteriche zu Athen sich anfangs an dem Blute eines Betruͤgers/ hernach der unschuldigsten Weltweisen. Der Geitz verliebte sich anfangs in sein/ hernach in seines Nachbars Gut. Ja diese anfangs ver- aͤchtliche Schwachheiten fraͤßen ins geheim/ wie der Krebs umb sich; Und der Allerweiseste wuͤste diese einmahl zu Kraͤfften gekommene Ungeheuer/ welche den Menschen in heßlichere Thiere als Ciree verwandelte/ nicht zu baͤndi- gen. Sie wuͤrffen ihn aus dem Sattel/ wenn er ihnen nur ein wenig den Zuͤgel verhienge. Die Vernunfft waͤre viel zu schwach sie zuruͤcke zu halten. Denn sie waͤren eben so wol/ als die wilden Thiere gegen ihre Beredungentaub. Sie wuͤrden wie die gekirꝛten Tiger/ wenn man sichs am wenigsten versehe/ wieder rasend; und dahero verließen sie niemals ihre boͤse Ei- genschafft gar/ durch eine die Tugend allein gut und vollkommen machende Maͤßigung. Denn was boͤse von Natur waͤre/ haͤtte weder Maas noch Ziel. Das Feber/ wie gelinde es waͤre/ das Haupt-Weh/ ob es schon nur den halben Kopff einnehme/ bliebe nichts desto weniger eine Kranckheit eben so wie die Schwachheiten des Gemuͤthes/ nemlich die in etwas gemaͤßig- ten Regungen. Ja wer beyde nicht gar aus- zutilgen wuͤste/ verstuͤnde noch weniger selbte aufs rechte Gewichte zu legen. Asblaste hoͤrte Erster Theil. H h h h h h h h sie wol Neuntes Buch sie wol aus/ fieng aber hierauf an: Meine liebste Erato/ ihre Weisen kommen mir fuͤr/ wie jener neue Gaͤrtner/ welcher/ als er im Fruͤh- linge seine Nachbarn ihre Weinberge behau- en/ ihre Baͤume beschnoͤteln sahe/ solches durch derselben gaͤntzliche Ausrottung noch zu ver- bessern vermeinte. Aber warumb schleiffen die Steinschneider von denen rauen Diaman- ten nicht alle Flecken weg? Lassen sie nicht mehrmals einer unreinen Ader Uberbleibung daran; ehe sie diesen koͤstlichen Stein gar zer- malmen? Oder warumb zoͤpfet sie nicht viel- mehr das Blut gar aus ihren Adern; wenn seine uͤbermaͤßige Hitze Feber- und Seiten- Weh erreget; sondern nur den Uberfluß? Warumb schneiden die Sitten-Lehrer nicht der Keuschheit zu gefallen/ wie die Elevsini- schen Priester ihnen nicht gar die Geburts- Glieder ab? Warumb haben die Aertzte so gar aus Laͤmmern und Kaͤlbern den Mangel unsers Gebluͤtes zu erstatten durch eine in sil- bernen Roͤhren geschehende Eingießung er- funden? So gut und noͤthig nun in dem Leibe das Blut ist; so gut und unentpehrlich sind auch in dem Gemuͤthe die Regungen; welche ohne dis mit dem Gebluͤte so sehr vermaͤhlet sind: daß sie selbtes wie der Monde das Meer bewegen/ und darinnen ihre Siegs-Fahn an- stecken/ wenn Liebe/ Zorn/ Scham und Freude selbtes mit Gewalt ins Antlitz treibt; die Furcht es aber dem Hertzen zu Huͤlffe rufft. Die Regungen haben zwar keine vollkommene Guͤte/ wie die Tugend; eben so wenig/ als die andern Glieder dem Hertzen zu vergleichen sind. Sie haben aber ein so noͤthig Ampt/ als Haͤnde und Fuͤsse; und sind offtmahls so nuͤtzlich/ als die Uberstroͤmung des Nil und Nigers. Denn sie machen alle Kraͤfften der Vernunfft rege und lebhafft; also: daß die Menschen ohne die Gemuͤths-Regungen ein marmelnes Volck; und nicht viel leb- haffter/ als die aus der Welt nach Rom ver- sammleten Bilder; Unsere Seele aber ohne sie eine Fuͤrstin ohne Befehlhaber und Diener seyn wuͤrde; welche aber weit uͤber die Glieder und Sinnen gesoͤtzt sind/ und diesen zu gebie- ten haben: daß beym Verlangen des Guten/ bey Abwendung des Boͤsen/ das Gehoͤre und das Gesichte solche ausspuͤren/ die euserlichen Glieder allenthalben handlangen muͤsten/ weñ der verwegene Zorn auf die Feinde und Laster einen Ausfall thut/ oder die Furcht die Pfor- ten verschleußt; die von dem Verlangen und der Hoffnung wieder eroͤfnet werden; wormit Liebe und Freude in das Gemuͤthe ihren Ein- zug halte; in welchen letztern Regungen der Genuͤß der Tugend bestehet/ als die in sich selbst ihre frohe Vergnuͤgung findet/ und in sich inbruͤnstiger/ als ein Braͤutigam in der ersten Hochzeit-Nacht in seine Braut verliebt ist. Diese Tugend hat selbst ihre Abfaͤlle/ wie die Sonne ihre Finsternuͤsse/ die Freygebig- keit verfaͤllt in Verschwendung/ die Tapfer- keit wird verwegen; ja die meisten Laster sind die Mißgeburten der lebhafftesten Tugenden. Solten diese destwegen verwerflich seyn? Sol- ten die Tugenden destwegen durch die Ver- nunfft nicht in den Schrancken ihrer Mittel- Bahn erhalten werden koͤnnen? Wir koͤnnen ins gemein etwas nicht; weil wir uns desselb- ten Unmoͤgligkeit fruͤhzeitig einbilden? Nach dem wir uns in unsere Schwachheiten verlie- ben/ reden wir ihnen das Wort; und wormit wir uns derselben nicht entschuͤtten koͤnnen/ entschuldigen wir sie. Denn wie keine Kranck- heit gefunden wird/ fuͤr welche die Natur nicht habe eine Artzney wachsen lassen; also ist kein Gemuͤths-Gebrechen/ welchen zu uͤberwuͤn- den sie uns nicht Kraͤfften genung gegeben haͤtte. Die tugendhaffte Thußnelde brach all- hier mit einer ehrerbietigen Bescheidenheit derogestalt ein: Sie waͤre zwar in der Weiß- heit Arminius und Thußnelda. heit so seichte beschlagen: daß ihr das still- schweigende Zuhoͤren anstaͤndiger waͤre/ als durch vorwitzige Einmischung in diesen Zwist ihre Unwissenheit zu verrathen. Gleichwol aber hielte sie/ ihrer Einfalt nach/ nicht fuͤr so schwer beyde streitende Meinungen dardurch zu vereinbaren; wenn man die Regungen fuͤr Mittel-Dinge annehme/ welche an sich selbst weder boͤse noch gut/ sondern dem veraͤnder- lichen Thiere Cameleon zu vergleichen waͤren/ welches auf den Kraͤutern gruͤn/ auf Schar- lach roth/ in der Lufft blau aussehe; ja alle Farben seines Behaͤltnuͤsses in einem Augen- blicke annehme. Denn eben diese Gewalt ei- ner geschwinden Verwandelung schiene der Wille uͤber solche Regungen zu haben; welcher ihnen nichts minder die Eigenschafft der Tu- gend und des Lasters/ als ein Bildhauer seinem Marmel ein Gesichte einer Eule/ als einer Helena einpregen koͤnte. Daher weñ auch diese Regungen fuͤr sich selbst/ und nicht allererst nach der boͤsen oder guten Anleitung des mensch- lichen Willens fuͤr boͤse oder gut geurtheilt wer- den solten; wuͤrde man auch nicht alleine dis/ was uns wider unsern Willen traͤumet/ loben oder schelten/ sondern auch die Woͤlffe und Raub-Voͤgel aufhencken/ die Loͤwen mit Lor- bern/ die Turtel-Tauben mit Rosen/ die fuͤr ihren Weiser kaͤmpfende Bienen mit Eichen- Laube kraͤntzen muͤßen. Die Koͤnigin Erato wuͤrde ihr hierinnen vielleicht so viel mehr Beyfall geben; weil sie zu Rom einmahl von einem Nachfolger des Zeno gehoͤrt zu haben sich erinnerte: daß sie alle euserliche Guͤter der Gestalt/ der Staͤrcke/ des Vermoͤgens/ fuͤr ebenmaͤßige Mittel-Dinge und fuͤr einen Werckzeug nichts minder der Tugend als Laster/ und also weder fuͤr herrlich/ noch fuͤr scheltbar hielten. Zwischen diesen Guͤtern/ und denen innerlichen Regungen aber waͤre/ ihrer guten oder boͤsen Anwehrung nach/ kein Unterscheid/ sondern selbten machte allein der Gebrauch und der Mißbrauch. Sie waͤren beyde eine ungefaͤrbte Wolle/ welche Tinte und Schnecken-Blut an sich zu ziehen faͤhig waͤren; also: daß der Zorn eben so wol eine Seene der Tugend/ einen Wetzstein der Tapf- ferkeit/ als ein Fallbret der Grausamkeit; die Begierde einen Zunder der Wolthaͤtigkeit/ und ein toͤdtend Gifft der Wollust/ die Furcht einen Leitstern der Klugheit/ und ein Jrrlicht der Zagheit abgaͤben/ ja die Regungen ins ge- sampt den Lastern und Tugenden zu Waffen dieneten. Die weise Fuͤrstin Asblaste hinge- gen wuͤrde diesen Regungen schwerlich einen Ehren-Stul in dem Reiche der Vernunfft ein- zuraͤumen verlangen/ weil sie ihren Sitz und Herrschafft nur in den euserlichen Sinnen haͤtten; und daher auch den stummen Thieren gemein waͤren; welche doch so wenig von der Vernunfft erblickten/ als die unter uns woh- nenden und uns die Fuͤsse zukehrenden Men- schen von unserm Mittags-Lichte. Sie haͤt- ten fuͤr sich selbst weniger Licht als der Monde; wenn sie aber ja einigen Glantz bekaͤmen/ muͤ- sten sie es der Vernunfft/ wie die andeꝛn Ster- nen der mitcheilenden Sonne dancken; und ihre eigene Blindheit ließe sich den ersten den besten Leiter dahin fuͤhren/ wohin er nur wolte. Alleine die Koͤnigin Erato antwortete: Thuß- neldens Meinung waͤre zwar maͤßiger als Asblastens/ aber ihr Zeno wuͤrde sie noch schwerlich zur Vermittelung annehmen. Denn die euserlichen Guͤter haͤtten in sich selbst keinen so wilden Trieb als die Regungen; welche fuͤr sich selbst nicht nur blinde Fuͤhrer/ sondern auch schaͤdliche Knechte der Vernunfft waͤren/ die ihr nur zum Scheine gehorsamten: daß sie mit Gelegenheit uͤber sie herrschen moͤchten. Sie waͤren geartet wie die Stroͤme/ welche so viel grimmiger raseten/ je enger man sie in ihren Ufern vertaͤmmete: daß sie nicht uͤber- H h h h h h h h 2 schlagen Neuntes Buch schlagen solten. Daher waͤre es entweder eine grosse Unvollkommenheit/ oder ein gefaͤhr- licher Zustand der Tugend; wenn sie diese unter sich selbst unvertraͤgliche Regungen zu ihren Gehuͤlffen annehmen muͤste. Sinte- mal ja die Furcht nicht mit dem Zorne/ der Haß mit der Begierde/ das Schrecken mit der Freude in stetem Kriege zu Felde laͤge. Die Vernunfft und die Tugend jagte sie zwar selbst gegen einander in Harnisch; umb ihre gewalt- same Herrschafft zu vertilgen. Sie brauchte sie/ wie die Jndianer Loͤwen und Tiger/ nem- lich mit selbten anderes Wild zu fangen. Und wenn sie eine gegen der andern auf die Wag- Schale legte/ machte sie dardurch ein gleiches Gewichte; aber sie schaͤmte sich gleichwol einige unter ihnen zu ihrer Beschirmerin aufzuneh- men. Die Tapferkeit koͤnte ohne Zorn uͤber- winden und siegen; ja sie muͤste sich dieser Hitze entbrechen; wo sie sich nicht selbst stuͤrtzen wolte. Denn der Zorn machte an den besten Fecht e rn Bloͤßen; welche vorher die Kunst verdeckte. Und die staͤrcksten Riesen-Voͤlcker waͤren mehrmals von denen Schwaͤchsten uͤberwaͤlti- get/ oder auch der bereit erworbene Sieg ihnen aus den Haͤnden gewunden worden/ wenn sie sich aus Zorn uͤbereilet haͤtten. Denn dieser waͤre der rechte Nemeische Loͤwe/ der Brut der sich ergießenden Galle/ welchen alle toͤdten muͤ- sten; die mit dem Hercules den Ruhm grosser Helden erwerben wolten. Die Vernunfft waͤre in sich schon so rege/ die Tugend in ihr selbst so vollkommen: daß sie keine Spieß- Rute der Begierde zum Wolthun anfrischen/ kein Kapzaum der Furcht von einiger Ver- gehung zuruͤck halten doͤrffte. Die Regungen dienten freylich wol zu Waffen den Lastern/ aber nicht der Maaß-liebenden Tugend. Denn man koͤnte sie nicht/ wie Schwerdt und Schild/ seinem Belieben nach ergreiffen und weglegen. Die Vernunfft hingegen waͤre ihr uͤberfluͤßig genung zu noͤthiger Beschir- mung; welche allezeit in einem bliebe und tau- erhafft waͤre. Dahingegen der Zorn entweder wie die Drachen-Zaͤhne unersaͤttlich rasete; oder wie die Bienen nach der ersten Ver- wundung den Stachel verliere. Und mit einem Worte: der natuͤrliche Trieb dieser Re- gungen neigte sich zum boͤsen/ wie die Schwer- de zum Bodem/ wenn nicht die Vernunfft sie mit Gewalt zu was gutem noͤthigte. Das Wesen aller Regungen bestuͤnde entweder in einer Ubermaaß oder in einem Mangel; und hielten selbte niemahls das rechte Gewichte; also: daß die Vernunfft alle Augenblicke ge- nung zu thun haͤtte auf ihrer Wag-Schale diese Ungleichheit zu verbessern. Alleine jene Guͤte waͤre kein Gold ohne Schlacke/ und diese Ausgleichung bliebe doch immer etwas hoͤck- richt. Viel ein wenigers meinte die Fuͤrstin Asblaste von ihrer Meinung fallen zu lassen. Daher fuͤhrte sie an: Die Regungen verdien- ten zwar nicht den Sitz und den Ruhm der uͤber alle Hoheit erhabenen Tugend; aber man muͤste sie zu keinem Fußschemmel ma- chen. Sie waͤren zwar keine Geburt der edelsten Krafft in der menschlichen Seele/ die uͤber die lebende der Gewaͤchse und die fuͤhlen- de der Thiere noch etwas goͤttliches/ nemlich die Vernunfft in sich begrieffe; aber sie waͤ- ren keine Mißgeburt eines nur irꝛdischen Vermoͤgens; also keines weges zu entraͤumen: daß sie bloß in denen euserlichen Sinnen ihren Sitz und Ursprung haͤtten. Die stummen Thiere fuͤhlten (der Stoischen Weisen Mei- nung nach) in sich zwar einen blinden Trieb; denen Menschen aber kaͤme Zorn/ Liebe/ Furcht und dergleichen nur eigentlich zu; und dis/ was jene diesen nachzuthun schienen/ waͤre nur fuͤr einen Schatten zu halten. Weil nun aber diese mit keiner Vernunfft betheilet waͤ- ren/ gleichwol aber Krafft solcher nur unvoll- kom- Arminius und Thußnelda. kommenen Neigungen nichts minder merck- liche Nachahmungen vernuͤnfftiger Schluͤsse von sich blicken ließen/ in dem sie bald nach der Geburt die gifftigen Kraͤuter von den gesun- den auszuschaͤlen; den Schatten ihrer Feinde zu fliehen; die Bienen so ordentlich eingetheilte Gemaͤcher/ die Spinnen so kuͤnstliche Netze/ die Papegoyen so vorsichtige Nester zu bauen wuͤsten; ja die Hunde durch ihre bewehꝛte Treue Masanißens Leibwache zu werden; die Stoͤr- che durch Aufachselung ihrer schwachen Eltern den Ruhm des danckbaren Eneas; die Tauben durch ihre betruͤbte Einsamkeit das Lob einer Artemisie verdienten; so koͤnte man so viel we- niger denen natuͤrlichen Regungen/ welche doch in diesen Thieren nur unvollkommen seyn solten/ ihren Preiß gar absprechen. Das Haupt waͤre freylich wol das Schloß der Vernunfft/ und der Sitz der Klugheit; aber das Hertze/ dar- innen alle Regungen walleten/ haͤtte gleichwol auch kein geringes Theil an ruͤhmlichen Ent- schluͤßungen. Unser Leben wuͤrde ein rechtes Eben-Vild des todten Meeres abgeben/ und wie dis sonder Bewegung und Fische/ also jenes ohne einiges Thun und Nutzen seyn/ wenn uns die Gemuͤths-Regungen nicht von der erbaͤrm- lichen Schlaffsucht aufmunterten; ja das be- truͤbte Leben uns verzuckerten; welches sonst eine unaufhoͤrliche Betrachtung unsers Elen- des seyn wuͤrde. Fuͤhrte man doch eines Ubeꝛ- wuͤnders herrlich aufgeputztes Pferd mit in dem Siegs-Gepraͤnge auf; man behienge ein aus einer See-Schlacht ruͤckkehrendes Siegs- Schiff mit koͤstlichen Tapeten; man stuͤrtzte die Waffen der Helden in Tempeln auf; da doch diese nur Werckzeuge der Siegenden ge- west waͤren. Warumb solte man denn die so edlen Regungen des Gemuͤthes; welche in sich selbst eine mehrere Lebhafftigkeit/ mit der Ver- nunfft und Tugend auch eine naͤhere Veꝛwand- nuͤs haͤtten/ so gar unter die Banck stossen? Zwar waͤre nicht zu laͤugnen: daß selbte einen Menschen nichts minder in einen Affen zu ver- stellen/ als in ihm einen Loͤwen vorzubilden ver- moͤchten; sie waͤren aber des so heilsamen Mit- telmaaßes und einer klugen Abtheilung aller- dings faͤhig/ und also ihrer Eigenschafft nach zur Vollkommenheit geschickter als zum Ge- brechen. Die Natur braͤchte selten und kein- mal vorsetzlich/ sondern durch frembden Zufall und Hindernuͤs/ oder Unvermoͤgen/ Kriepel und Zwerge ans Licht; was fuͤr Lust solte sie denn haben mit denen Regungen allezeit Miß- geburten des Gemuͤthes zu gebehren? Zu was Ende solte sie fuͤr den Leib so sorgfaͤltig/ fuͤr die Seele so unachtsam/ oder vielmehr grausam seyn? da doch jener nur die Herberge/ diese die Herrscherin in dem Menschen waͤre. Die Tugend haͤtte zwar in sich ihre Lebhafftigkeit und Vollkommenheit/ wie die Sonne; aber beyde muͤsten etwas haben außer sich/ in wel- chem sie ihre Wuͤrckungen auslassen koͤnten; wo man sie nicht zu einer unbeseelten Seule sonder Armen und Fuͤsse zu einer muͤßigen Fliegen-Faͤngerin machen; oder ihre Wuͤr- ckung nur in Traͤume und Einbildungen ver- wandeln wolte. Denn GOtt alleine waͤre ein Kreiß der Vollkommenheit; welcher in sich alles begrieffe/ und alles dessen/ was außer ihm/ ohne Abgang entpehren koͤnte. Diesem- nach die Vernunfft eben so sehr die theils zu heff- tigen/ theils zu todten Neigungen des Willens zu Erreichung des in der Tugend allein befind- lichen Mittelpuncts/ als der Leib eine gewisse Abtheilung der Schwerde und Leichtigkeit/ des- selben Gesundheit eine richtige Vermischung der Waͤrmbde und Kaͤlte/ die Welt theils Feuer und Lufft/ theils Erde und Wasser/ und die Jahres-Zeit nichts minder hitzigen Sonnen- Schein/ als kuͤhlende Regen/ Winde und Schnee zu Erlangung ihres rechten Maasses bedoͤrfften. Ja diese Neigungen liessen nicht H h h h h h h h 3 nur Neuntes Buch nur in sich die Vernunfft wuͤrcken/ sondern sie selbst legten mit Hand an das Werck/ und be- foͤrderten die Geburt der Tugend/ nichts min- der/ als die andern Gestirne nebst der Sonne/ die Fruchtbarkeit der Erde. Sie eigneten de- nen Tugenden einen herrlichen Nachdruck/ wie das Haus des gestirnten Loͤwen/ oder der Hunds- stern/ der Sonnen-Hitze eine mehrere Krafft zu. Sintemal die Tugendẽ so wenig/ als die Sternẽ alle einerley Groͤsse oder Glantz haͤtten; und ihr Mittel-Maaß eben so wenig verhinderte: daß eine Tugend die andere absteche; als daß unter zweyen Diamanten einer Groͤsse dieser von je- nem verduͤstert wuͤrde. Aus diesem Ursprun- ge ruͤhrten die ungemeinen Helden-Thaten/ weil die Begierde der Ehren die Unmoͤgligkeit gleichsam bemeistern lehrte; und die Eiversucht uͤber frembden Gedaͤchtnuͤß-Saͤulen auch in gefrornen Gemuͤthern den Schwefel der Groß- muͤthigkeit brennend machte. Die Liebe waͤre nicht nur ein Leit-Stern der Weißheit/ sondern eine Erfinderin vieler Wissenschaften. Die Vegierde und Hoffnung habe die Einoͤden be- wohnet/ die Meere wegbar/ die Winde zahm/ alle Arbeit leichte/ die Erde fruchtbar/ die Welt schoͤn/ das Leben behaͤglich gemacht. Der Zorn und die Furcht dienten der Tugend fuͤr eine Leibwache/ ohne welche sie iedermann zur Eule machen/ und als einen Bovist oder Erd- Schwam̃ mit Fuͤssen treten wuͤrde. Ja wenn sie sich aller dieser natuͤrlichen Waffen und Kraͤffte enteuserte/ waͤre der Mensch ein helffenbeinern Bild ohne Fuͤhle/ die Tugend abeꝛ bey nahe selbst eine Ohnmacht der Seele/ und eine Entfal- l n ng aller innerlichen Gemuͤths- Kraͤfften. Mit einem Worte: Diese Neigungen waͤren wilde Staͤmme/ welche fuͤr sich selbst dienliche iedoch etwas rauhe und herbe Fruͤchte truͤ- gen. Wenn aber die Vernunfft auf selbte die Zweige der Tugend pfropfte; wuͤrden die Fruͤchte mehr/ als hundertfach verbessert. Endlich diente zu Behauptung ihrer Meynung dieser unwiderlegliche Satz: daß Gott/ welche ꝛ doch die unbegreiffliche Grund-Saͤule/ und der Mittel-Punct der Natur/ auf welcher alles erschaffene ruhete/ ja alles in sich selbst in hoͤchster Vollkommenheit/ und deꝛogestalt wie auser aller Veraͤnderungen/ also auch ohne unsere Ge- muͤths-Regungen waͤre/ dennoch durch seine allgemeine Macht alle Wercke unserer Nei- gungen/ wiewohl sonder die mindeste Bewe- gung auszuuͤben sich nicht enteuserte/ wenn er die Frommen mit den Fittigen seiner Barm- hertzigkeit deckte/ uͤber den Fehltritten der Jrren- den Mitleiden haͤtte/ fuͤr die ihn liebenden Wa- che hielte/ denen Schlangen das Gifft/ dem Feuer die Gewalt zu brennen benaͤhme/ den Winden einen Zaum/ und den Wellen ein Ge- biß anlegte; und wenn fuͤr seiner gegen die Boͤ- sen ausbrechenden Rache/ und der in den Wol- cken krachenden Donner-Stimme die Zedern sich splitterten/ die Gebuͤrge rauchten/ die Erde bebte/ und die Felsen sich zermalmeten. Diese Rede beseelte sie mit so beweglicher Ge- berdung/ und die ihr aus den Augen blickende Andacht gab ihren Gruͤnden einen so wichtigen Nachdruck: daß niemand unter der Versam̃- lung ihr einiges Wort mehr entgegen zu setzen sich erkuͤhnte. Die das Ebentheuer ihrer Dahinkunft zu erfahꝛen hoͤchst-begierige Thuß- nelde aber gab durch ihre Nachfrage/ wie viel Jahre sie in dieser andern Schule haͤtte aushal- ten muͤssen? gleichwohl zum Verfolg ihrer Erzehlung Anlaß. Diesemnach denn Asbla- ste aufs freundlichste nachtrug: Man haͤtte in derselben zwar nur die einige Kunst der Maͤs- sigung zu begreiffen/ und nichts zu lernen/ als daß man die schrecklichen Dinge nicht fuͤrchtete/ in die annehmlichen sich nicht zu sehr verliebte/ und also zwischen einer wilden Unart und der Verzaͤrtelung das rechte Mittel treffe; als wordurch ein Mensch mit sich selbst einen voll- kommenen Friede stiftete/ und die Ruhe des Ge- muͤthes den einigen Ancker der Gluͤckseligkeit befe- Arminius und Thußnelda. befestigte. Gleichwohl wuͤrde fuͤr fuͤnf Jahren hier niemand erlassen und loßgesagt. Daher sie denn auch so viel Zeit darinnen angewehret/ wiewohl sie bekennen muͤste: daß der vollkom- menste Mensch sein Lebtage uͤber Erlernung dieser einigen Tugend genung zu thun haͤtte/ welche so sehr viel in sich begrieffe/ und ein so weites Gebiete als die Klugheit haͤtte; denn ob sie zwar eigentlich von andern Tugenden noch unterschieden/ dennoch gleichsam aller uͤbrigen Seele waͤre. Sintemal wie keine Tieffsinnig- keit das Buch der Natur seiner unzehlbaren Geheimnuͤsse halber auszugruͤbeln vermoͤchte; also waͤre das Gemuͤthe des Menschen ein Meer voller Kruͤmmen/ Klippen/ Sandbaͤn- cke und Strudeln: daß kein Weiser noch dar- uͤber eine richtige See-Karte gefertiget; kein Bleymaß seine Tieffen ergruͤndet/ kein Mensch mit dem Kompasse seiner Klugheit alle Verirr- oder Vergehungen zu vermeiden vermocht haͤtte. Dieser meiner Unvollkommenheit ungeach- tet/ fuhr die weise Asblaste fort/ versetzte man mich wider meinen Willen in die dritte Schule; darinnen einem die tieffsten Geheimnuͤsse entde- cket werdẽ; theils wie Gott/ welcher doch aus der Natur nur unvollkommen und als ein Schat- ten erkennet wird/ sich selbst viel heller offenbaret habe; theils wie der Mensch zur Wissen- schafft kuͤnftiger Dinge gelangen koͤnne. Von beyden etwas gemein zu machen wird der Anwesenden hohe Bescheidenheit nichts verlan- gen/ welche wohl wissen: daß mir und meines gleichen die Lippen durch ein Siegel angelobter Verschwiegenheit verschlossen sind; welche man unsers Heiligthums Verfassungen so viel weni- ger verargen kan/ weil auch die Natur ihr bestes Ertzt in die Tieffen der Berge/ ihre Perlen in den Abgrund des Meeres verbirgt/ und der Himmel seine wenigste Sternen/ Gott aber selbst sich niemals sehen laͤst. So haben auch die Egyptier von denen Goͤttlichen Geheim- nuͤssen in einer ungemeinen Sprache/ oder nur durch Raͤtzel geredet. Sie haben zu derselben Verbergung eine absondere Schrifft aus sel- tzam-gestellten Voͤgeln/ Schlangen und an- dern Thieren erfunden/ und darmit ihre kostba- re Tempel und Spitz-Saͤulen bemahlet/ hier- durch aber mehr des Volckes gespottet/ als die Einfalt unterwiesen; wie sie denn auch solches selbst zu bedeuten fuͤr ihre Heiligthuͤmer das unauslegliche Wunder-Bild setzen; welches vorwerts einen Loͤwen/ uͤbrigens einen Men- schen mit Greiffen-Fluͤgeln und Adlers-Klau- en fuͤrbildete; und uͤber ihre Jsis schrieben: daß kein Sterblicher ihr den Schleyer noch nicht aufgedeckt haͤtte. Eben so haben die Griechẽ die- se Geheimnuͤsse hinter den Schatten der Getich- te versteckt; Pythagoras nur die Schalen seiner Wissenschafftẽdenẽ Lehrlingẽ fuͤrgeworffen/ den Kern fuͤr sich behalten/ Orpheus diese Weißheit mit dem Klange seiner Seiten verhuͤllet/ und von denen/ welchen er was offenbaret/ einen Eyd solches mit ins Grab zu nehmen abgehei- schen. Plato hat in seinen Gespraͤchen durch Verbluͤmungen seine Gedancken verwirꝛt; daß sie weniger zu verstehen sind/ als wenn er sie auff tausend von den Winden durch einander gewe- hete Blaͤtter verzeichnet haͤtte. Aristoteles lehrte bey fest verschlossener Thuͤre/ und bedeckte alle Schluͤsse gleich als wie mit einem Nebel. Ja alle Weisen/ weñ sie von dem Goͤttlichen Erkentnuͤß ihꝛe Gedancken eꝛoͤffnen sollen/ machẽ es/ wie deꝛ- selbe Meerfisch/ der wenn er die Nachstellung ei- nigen Netzes mercket/ mit einer von sich gelasse- nen Tinte das Wasser truͤbet. Was fuͤr Wun- der wird nicht von denen Wahrsagungen der Sibyllen zu Rom gemacht/ in welche nie- mand/ als der oberste Priester sehen darff? Wie viel hat eine kluge Frau fuͤr den Augen des Numa verbrennet; und der Kaͤyser August nach der Zeit sie schier gar aus den Haͤnden der Welt gerissen? Jch versichere sie aber: daß al- les dis/ was in diesen Blaͤttern/ und in den Steinen Neuntes Buch Steinen der Egyptier/ als den Buͤchern der ersten Welt/ aufgeschrieben stehet/ nur Huͤlsen sind gegen dem/ was die Alironischen Frauen in denen buͤrckenen Rinden aufgezeichnet bey sich verwahren/ und von einer Juͤdin bekommen haben. Welche Geheimnuͤsse zu entdecken so gefaͤhrlich ist: daß Theopompus wahnsinnig/ Theodectes blind worden; als er sie in Grie- chi cher Sprache Frembden kund zu machen sich erkuͤhnet. Was der kuͤnfftigen Dinge Vorbewust anreichet/ weiß ich zwar wol: daß einige selbten als einen bloßen Traum der Thoren/ oder als einen Betrug der Arglistigen schlechter dings verwerffen. Jch habe zu Rom auch gehoͤrt: daß Cato sich verwundert habe: wie zwey Wahrsager einander ohne Lachen auf der Straße begegnen koͤnten; weil beyde wol verstuͤnden; wie ihr gantzes Ampt nichts an- ders waͤre/ als die gantze Welt zu Narren ha- ben. Jch vertheidige auch nicht die Telchinen auf Rhodus; welchen ihre redende Marmel- Bilder weissagten; die Dactyler auf Creta/ welche aus Schmiedung des Eisens kuͤnfftig Ding zu wissen vermeinten/ noch die Thuscani- schen Vogel-Aufseher/ die aus frembder Leber mehr/ als aus eigenem Gehirne verstehen wol- ten. Wer wolte aber glauben: daß die Na- tur so viel Thiere mit der Wissenschafft kuͤnffti- gen Gewitters/ bevorstehender Todes- und an- derer Zufaͤlle begabt/ den Menschen aber nur dis/ was ihm fuͤr den Fuͤssen liegt/ wissen zu lassen gewuͤrdigt haben solte? Zwar ist aller- dings irrig: daß einige die traurigen Feuch- tigkeiten/ andere die von der Sonne aus der Erde gezogene Duͤnste/ ihrer viel eine feste Einbildung/ oder das Eingeben der Geister zur Mutter der Wahrsagungen machen; und ich halte bey unsern Deutschen ebenfals fuͤr eine zauberische Blaͤndung/ wenn ein ungeheu- res Gespenste durch einen Loͤwen-Adler- und Nacht-Eulen-Kopff wahrsagte; als wenn anderwerts ein aus Ertzt gegossenes Bild auf alle Fragen be cheidentlich geantwortet haͤtte. Alleine es haͤtte der Mensch in sich Funcken ei- nes himmlischen Wesens/ von welchen nicht zu verwundern ist: daß derselben weise Anweh- rung ihm auch ein Licht der kuͤnfftigen Zeit an- stecken kan; nach dem Steine und Kraͤuter we- gen des Einflusses aus den Sternen in sich auch so seltzame Wuͤrckungen haben. Wie- wol der wahre Ursprung dieser Wissenschafft in der Einfloͤßung des Verhaͤngnuͤsses so wie des Thaues in dem fruchtbaren Kreisse des Monden steckt; und nicht jedermann sich die- ser Gabe faͤhig machen kan; also die Alten gar tiefsinnig geurtheilet haben: daß die Wissen- schafft kuͤnfftiger Dinge nur eine Eigenschafft der Weisen/ und eine koͤnigliche Verrichtung sey. Wie unwuͤrdig ich nun mich hierzu be- kenne; so hat doch der barmhertzige Erbarmer dieses allen mich so ferne damit betheilet: daß ich nicht nur der Deutschen herrlichen Sieg gegen die Roͤmer; sondern auch die Vermaͤh- lung meines Sohnes mit der vollkommensten Fuͤrstin der Welt fuͤr geraumer Zeit vorgese- hen; und meinen Gespielen eroͤfnet habe. Hiermit zohe sie eine ertztene Taffel ziemlicher Groͤße unter ihrem Gewand herfuͤr; in wel- che so wolihre itzt erwaͤhnte/ als bereit fuͤr einem Jahre in dem Alironischen Heiligthume ent- deckte Wahrsagung/ als auch/ wie Hertzog Herrmann noch viel gefaͤhꝛliche Kriege/ Thuß- nelde mit ihrem Sohne/ den sie nach neun Monden gebaͤhren wuͤrde/ die Gefangenschafft der Roͤmer zuuͤberstehen; jedoch alle ihre Ve- truͤbnuͤsse einen gewuͤnschten Ausschlag zu er- warten haͤtten/ tief eingeetzt stand. Diese Taffel uͤbergab sie Thußnelden/ und zugleich ein versiegeltes Buch/ mit der Versicherung: daß alle ihre kuͤnfftige Zufaͤlle darinnen haar- klein verzeichnet waͤren. Dieses solte sie zu ihrem Gedaͤchtnuͤsse aufheben; jedoch solches nirgends/ Arminius und Thußnelda. nirgends/ als in der Stadt Artaxata zu oͤffnen ihr angeloben. Sintemal Gott iedem Men- schen zwar die Klugheit auf das kuͤnftige zu se- hen/ nicht aber desselbten Vorbewust anzuver- trauen fuͤr rathsam geachtet hat; weil die guten Zufaͤlle ihn allzu vermaͤssen und sicher; die schlimmen aber allzu kleinmuͤthig machen doͤrf- ten. Thußnelde nahm dieses seltzame Geschen- cke/ wiewohl mit ein wenig Veraͤnderung uͤber denen ihr angedeuteten Begebnuͤssen/ aufs de- muͤthigste an; und die Versam̃lung danckte mit grosser Ehrerbietung dieser weisen Fuͤrstin fuͤr die Entdeckung ihrer so denckwuͤrdigen Begeb- nuͤsse. Die uͤbrige Zeit des Tages ward mit froͤlichern Gespraͤchen/ und einem praͤchtigen Abend-Mahle in des Feldherrn Lusthause hin- gelegt. Es war schon etliche Stunden in die Nacht; als diese ansehnliche Versam̃lung aus dem gros- sen Speise-Saale sich erhob. Wie nun ein iedes uͤber einen breiten Gang sich in sein Zim- mer verfuͤgen wolte; oͤffnete sich das Burg- Thor mit grossem Geraͤusche; und das Licht vieler sich naͤhernden Fackeln erfuͤllte den gan- tzen Hof; beydes aber verursachte: daß die saͤm̃tliche Fuͤrstliche Personen sich an das Ge- lender lehneten/ diese Neuigkeit zu vernehmen. Diesen zeigten sich alsofort eine Anzahl gantz glatt geschorner Leibeigenen/ derer ieder eine brennende Wachs-Kertze fuͤrtrug. Diesen folgten zu Pferde etliche zwantzig theils Roͤ- misch/ theils Scythisch/ theils Morisch/ und auf andere Art gekleidete und zu Pferde sitzende Frembdlinge; welche theils in Krum̃-Hoͤrner von Auer Ochsen/ oder aus Ertzt gegossen/ blies- sen; theils auf von gedrechseltem Holtze und mit Ochsen-Ledeꝛ uͤberzogene Paucken schlugen. Hierauf erschien auf einem zierlichen zweyraͤ- drichten Wagen/ den vier neben einander ge- spannte Pferde zohen/ ein Herold/ dessen Ampt und Meynung seine Merckmale also gleich entdeckten. Denn er hatte den mit zwey ein- ander ansehenden Schlangen umbwundenen Stab/ als das Friedens-Zeichen in der lincken; den Spieß aber in der schon zum Wurff ge- zu c kten Hand; uͤber diß war sein Haupt mit kein e m Blumen-Krantze bedeckt; sondern mit einem blutfaͤrbichten Wollen-Tuche umbwun- den. So bald dieser in die Mitte des Hofes kam/ hielten nichts minder die Blaͤser und Pau- cker/ als der Wagen stille; der Herold aber fieng an: Der Kern der Ritter aus den streit- barsten Voͤlckern der Welt ist durch das Ge- schrey: daß ein deutscher Fuͤrst die vollkommen- ste alles Frauenzimmers ihm zu vermaͤhlen sich erkuͤhnt haͤtte; noch Deutschburg betagt/ ich aber befehlicht wo rd en/ dich/ Herrmann/ Her- tzog der Cherusker/ u nd alle Deutschen/ die dich einer solchen Fuͤrstin wuͤrdig achten/ auf mor- gen in den Kampfplatz zu fordern; da du entwe- der dem Uberwinder Thußnelden abtreten/ odeꝛ durch deine Tugend die Wuͤrdigkeit sie zu besi- tzen erhaͤrten sollst. Alser dreymal diese Wor- te wiederholet hatte/ warf f er seinen Spieß mit einer solchen Heftigkeit von sich: daß er in der Mauer stecken blieb. Er aber drehete mit sei- nem Aufzuge sich umb/ und kehrte auf der Burg zuruͤcke/ der gantze Hof aber zur Ruhe. Die Morgen-Roͤthe faͤrbte mit ihren Bli- cken kaum die Wolcken und die oberste Spitze des Blocks-Berges; als man fuͤr der Burg und in allen Strassen schon durch allerhand Gethoͤ- ne das Zeichen zu den Ritter-Spielen geben hoͤrte. Der Schau-Platz war nicht allzu weit von dem Fuͤrstlichen Schlosse auf einem flachen Felde zwischen einem annehmlichen Lust-Wal- de/ und an einer rauschenden Bach/ wormit man den innern Platz anwaͤssern konte/ erbauet. Diesen hatte Fuͤrst Adgandester/ welcher zu Rom nicht nur die Bau-Kunst/ sondern auch die Roͤ- mische Art der Schau- und Ritter-Spiele voll- kommentlich begrieffen; nach dem Muster des- sen/ welches Kaͤyser Julius auf dem Mars- Felde zu Rom aus Holtze erbaut hatte/ nach dem Erster Teil. J i i i i i i i das Neuntes Buch das erstere des Curio vorher mit Erschlagung vieler tausend Menschen eingefallen war. Je- doch hatte Adgandester nach der Anleitung des steinernen Schau-Platzes den Statilius T a u- rus aus Tiburtinischen Werckstuͤcken dem Kaͤyser August zu Ehren aufgefuͤhrt/ vie l in sei- nem verbessert; insonderheit: daß es nicht kreiß-sondern zu mehrer Beque m ligkeit der Zuschauer Ey-rund/ auch von e it el zwey- und drey-grieffigen Eichbaͤumen / also viel fester als des Julius erbaut war Sonst hatte es die Hoͤhe wie dieses/ und stiegen von denen innersten und fuͤrnehmsten Sitzen/ welche gegen dem Platze mit zierlichem Drate verwahrt/ und in gemaͤchliche Zimmer eingetheilt waren/ dreis- sig um und um gehende Re y en Baͤncke heraus- werts empor/ wormit auch die letztern alles un- verhindert sehen konten. Diese konten funf- zig tausend Menschen o hne Gedraͤnge beher- bergen. Der Schau-Platz hatte an denen zwey breiten Seiten z wey weite Thore gegen einander uͤber/ aber wohl zwoͤlff Stiegen. Zu unterste waren Hoͤlen/ und darinnen viel wilde Thiere/ welche ma n durch eiserne Fall-Gegitteꝛ aus und einlassen konte. Daruͤber waren ge- wisse Gemaͤcher/ welche sich auf den mitlern mit Sande bestreuten Platz heraus drehen; und durch derselben Zusammenfuͤgung dem Schau- Platze die Gestalten eines Waldes/ eines Fel- des/ einer Wiesen und andere geben; oder auch den Platz gar bestroͤmen/ und nicht nur mit Fi- schen und Wasser-Thieren/ sondern auch mit Schiffen anfuͤllen kontẽ. Ja der innere gleiche Platz hatte in sich gewisse Hoͤlen/ welche zur Zeit alles/ was sich darauf befand/ in einem Au- genblicke in sich zu verschlingen/ und uͤber sich wieder eine Flaͤche zuzuschluͤssen/ oder auch aus sich Feuer und Flammen auszuspeyen geschickt waren. Uber diß waren auch hin und wieder kleine Spring-Brunnen gemacht; welche durch verborgene Roͤhre zwar nicht wie zu Rom Balsam und zerlassenen Saffran; aber wohl frisches Brunn-Wasser theils zu Erfrischung des Schau-Platzes/ theils zu Erquickung der durstigen Ringer und Zuschauer hervor spruͤtz- ten. Wiewohl bey diesem Hochzeit-Feyer der sonst denen allzu uͤppigen Zaͤrtligkeiten nicht holde Feldherr dem Fuͤrsten Adgandesteꝛ erlaubt hatte: daß durch gewisse Roͤhren von wohlruͤ- chendem Rosen-Wasser ein sanfter Regen uͤber den gantzen Schau-Platz abtroͤpfeln moͤchte. Die Fenster waren gleichfalls mit bund-seide- nen Vorhaͤngen fuͤr die Sonne beschattet; worzu die Beute aus dem Roͤmischen Lager einen uͤberfluͤssigen Vorrath herbey geschafft hatte. Das Gethoͤne machte den Hof/ die Stadt und die gantze Gegend nicht allein rege/ sondern fuͤllte in weniger Zeit den Schau-Platz deroge- stalt mit Zuschauern an: daß in selbtem kein Apfel zur Erde haͤtte fallen koͤnnen; alle Treppen besetzt wurden/ und ihrer gleichwohl noch viel keinen Raum fanden. Als die Gros- sen des Hofes ihre Sitze kaum eingenommen hatten/ oͤffnete sich in dem untern Schau- Platze ein Thor; daraus kam auf einem blau- en mit Sternen bestreueten Wagen das Ge- schrey in eine helle Posaune blasende/ gefahren. Diesem folgten hundert Herolden mit aller- hand Seitenspielen; und hierauf ein auf vier gantz niedrige Raͤder gesetzter vieꝛeckichter Grund-Fuß mit einem Absatze/ darauf die Hoffnung in einem blauen mit gruͤnenden Oel- Zweigen bestreuten Rocke stand/ mit der lincken Hand sich auf einen Ancker lehnete/ in der rech- ten eine Lilge/ auf dem Haupte auch einen Krantz von solchen der Hoffnung gewiedmeten Blumen und Bluͤthen als Vorbothen kuͤnftigeꝛ Fruͤchte hatte/ und von vier Luchsen/ welche mit ihrer Scharffsichtigkeit denen Hoffenden nicht unehnlich sind/ foꝛtgezogen ward. Hierauf brach- ten vier schwartze Pferde einen sechsraͤdrichten Wagen gefuͤhꝛt/ auf welcher die Bestaͤndigkeit in einem mit unausleschlichen Sternen gebluͤmten Rocke Arminius und Thußnelda. Rocke saß; und fuͤr ihr eine Seule ziemlicher Groͤsse liegen hatte. Nach diesem er s chien auf einem vergoldeten von vier weissen Pferden ge- zogenen Wagen der Sieg/ in der Hand einen Oel-Zweig/ auf dem Haupte einen Lorber- Krantz haltend; Auf der rechten Achsel saß ein Habicht/ auf der lincken eine Nacht-Eule; fuͤr ihr lag eine guͤldene Krone. Zuletzt erschien ein grosser laͤnglicht-rundter von zwey Loͤwen gezogener Wagen; darauf standen die Tapf- ferkeit/ die Gedult/ die Gerechtigkeit mit der Keuschheit/ und trugen ein goldenes Bild der Fuͤrstin Thußnelde auf den Armen. Dieser Aufzug machte in dem Platze einen laͤnglich- ten Kreiß; die Saͤiten-Spieler aber vertheil- ten sich in die ihnen zugeeignete Sitze. Wie nun diese mit ihrem anmuthigen Klange vori- ges Kriegs-Gethoͤne abloͤseten/ kamen aus vier Hoͤlen acht ungeheure an lange Ketten mit ei- nem Fusse geschmiedete Cyclopen herfuͤr; wel- che gegen der Hoffnung sich bis zur Erde neig- ten; hernach einen seltzamen Riesen-Tantz anfiengen; darinnen sie das Schwirren ihrer Fessel nach dem Klange der Saͤiten artlich be- quemeten; und nach dem die Hoffnung mit einem einigen Streiche sie alle/ als sie fuͤr ihr niederknieten/ ihrer Ketten erledigte/ namen sie immer zwey und zwey wechsels-weise auf die Armen; und hieben nach einem ziemlichen Herumbtantzen sie auf einen in dem untersten Gestuͤle gesetzten Stul empor. Zuletzt faßten sie den Fuß-Bodem/ darauf die Hoffnung ge- standen hatte/ und saͤtzten ihn mit ungemeiner Geschickligkeit recht in dem Mittel des Schau- platzesfeste. Als diese Riesen in einem Augen- blicke sich verlohren/ weltzte sich die auf dem Wagen der Bestaͤndigkeit liegende Seule her- ab/ richtete sich von sich selbst auf; und nach dem sie umb den befestigten Bodem-Fuß einmal her- umb kommen war/ wurden die zwoͤlf in dem innersten Schauplatze stehenden Seulen/ auf denen die Bilder der zwoͤlf Cheruskischen Feld- Herrn standen/ rege; stellten auch durch eine kuͤnstliche Verwirrung/ in welcher die erstere Seule bey jedem Schlusse stets in die Mitte kam/ den allerzierlichsten Tantz fuͤr. Endlich armten sich diese Bilder mit der Seule/ hoben sie auf den Bodem-Fuß der Hoffnung/ und fuͤgte sich jedes wieder an seine erste Stelle; allwo sich ihre vorige Geschickligkeit wieder in unregsame Hoͤltzer verwandelte. Diese aber loͤseten ab sechs von den Spitzen des Schau- platzes herab schuͤßende Adler; welche anfangs umb den Wagen des Sieges fliegende zierliche Kreisse machten/ hernach umb die aufgerichtete Seule gegen einander einen annehmlichen Lust-Kampff hielten; Zuletzt aber alle ins ge- sampt die auf dem Wagen des Sieges stehende Krone empor hoben/ und nach dem sie mit selb- ter den gantzen Schauplatz umbflogen/ sie auf die erhobene Seule feste saͤtzten. Endlich ka- men zwoͤlf gefluͤgelte Winde aus der Hoͤhe in den Schauplatz/ welche nach dem bald linden/ bald staͤrckerem Gethoͤne der Saͤiten-Spiele und Krumm-Hoͤrner aufs zierlichste durch ein- ander tantzten/ und so wol mit ihrer Bewegung/ als dem Geraͤusche der Fluͤgel die Eigenschaff- ten der Winde artlich fuͤrstellten; zuletzt das Bild der Fuͤrstin Thußnelde aus den Haͤnden der vier Tugenden empfiengen/ mit selbtem em- por flohen/ und es auf die gekroͤnte Seule saͤtz- ten. Wormit denn so wol diese Winde/ als alles andere von diesem Aufzuge/ außer der Seule/ im Augenblicke mit einem grossen Ge- raͤusche veꝛschwand. Alsofort oͤfnete sich das eine grosse Thor des Schauplatzes; durch welches der des Abends vorher in der Burg geweste Herold herein fuhr. Diesen folgten fuͤnf Geschwader Roͤ- misch gekleidete Reiter/ jede dreißig Pferde starck/ allesampt Deutsche von Adel mit so viel Fuͤhrern; welche alle von tapffern Thaten be- ruͤhmte Ritter waren; nemlich Loͤwenrod/ Kranchsfeld/ Lobdiburg/ Hohenwart/ Spiegel- J i i i i i i i 2 berg/ Neuntes Buch berg/ Eisenburg/ Daun/ Gleißberg/ Dorgau/ Woldenburg/ Kolditz/ Hatzfeld/ Brauneck/ Hardeck/ Muͤhlberg/ Flevsheim/ Schlieben/ Streithorst/ Landsberg/ Binau/ Wolffskehl/ Kronberg/ Hirschhorn/ Waltenstein/ Stuͤben- berg/ Hohenack/ Stoͤffel/ Biberstein/ Freuden- berg und Glachau; ihr Oberster aber war der Graf zu Steinfurt. Sie hatten alle kohl- schwartze Pferde mit gelben Sitz-Decken an statt der Saͤttel; die Fuͤhrer aber weisse mit blauen. Alle waren gleichsam in schopfichte von Leder gemachte Pantzer eingenehet. An der Seite hatten sie einen langen Degen/ in der rechten Hand einen langen Spieß/ einen Bo- gen auf dem Ruͤcken/ in dem Koͤcher drey Pfei- le; auf dem Haupte einen Helm/ und darauff blau und gelbe Strauß-Federn eines Ellenbo- gens hoch/ welches diese Reiteꝛ so viel ansehnlicheꝛ machte. Dieser Reiterey folgten zehn Fahnen zu Fusse/ iedes vierhundert und zwantzig Mann starck; diese bestanden an drey Geschwadern leichten Knechten/ welche mit einem kurtzen Spanischen Degẽ an deꝛ rechtẽ Seite/ 7. Wurff- Spiessen/ und einem rundten von Leder uͤber- zogenen drey Fuß langen Schilde geruͤstet wa- ren; an so viel jungen starcken Picken-Traͤ- gern/ wie nichts minder so vielen mit grossen zweyschneidenden Schwerdtern/ wie auch vier Fuß lang- und drittehalb breiten Schilden ge- waffneten Maͤnnern; und sechzig alten grau- en Kriegs Leuten; welche nebst ihren Degen mit dreyzanckichten Spiessen zum Hinterhalt aus geruͤstet waren. Das erste Fahn hatte den guͤldenen Adler/ das andere einen Minotau- rus/ das dritte eine Welt-Kugel/ das vierdte ei- nen Drachen/ das fuͤnste ein Schwein/ das sech- ste eine Schlange/ das siebende einen Wolff/ das achte einen Elefanten/ das neunte einen Sphynx/ das zehnde einen Wieder zum Kriegs- Zeichẽ; und in diese bey den Roͤmern hochheilige Merckmale war auf einer Seite des Kaͤysers August/ auf der andern Seite des Tiberius Nahmen mit Golde gemahlet; sie auch selbst mit Perlen und Edelgesteinen behenckt. Die Faͤhnriche waren alle mit Loͤwen-Haͤuten uͤber- deckt. Fuͤr dem ersten Fahne ritt in Kaͤyserli- chem Schmucke unter dem Nahmen des Tibe- rius der Catten Hertzog Arpus. Alle diese Kriegsleute waren deutsche Ritter oder Edelleu- te. Die vier Obersten waren Hertzog Melo/ Siegemer/ Catumer/ und Siegesmund/ Se- gesthens Sohn. Uber den guͤldenen Adler war gesetzt der Graf von der Marck. Die dreissig Hauptleute waren die Grafen von Ebersberg/ Winßenburg/ Abensperg/ Hohen- warth/ Castell/ Rheineck/ Schwaꝛtzburg/ Beuch- lingen/ Stolberg/ Leißneck/ Orlemund/ Retz/ Phirdt/ Sonnenburg/ Helffenstein/ Leiningen/ Hanau/ Loͤwenstein/ Mondfurth/ Hirßberg/ Zimbern/ Scheiern/ Lechsmund/ Urach/ Ky- burg/ Veringen/ Kalb/ Pfauenburg/ Sarwer- den und Acheln. Gleicher gestalt waren alle sechzig aͤlteste Kriegsleute des erstern Fahnes Ritter; und zwar unter selbten Breuberg/ Burcksdorff/ Rodemach/ Rolingen/ Schellen- berg/ Ratzenhaus/ Zetlitz/ Hohenburg/ Bicken- bach/ Ehenheym/ Nostitz/ Erbach/ Grunbach/ Hohenhewen/ Wolfartshausen/ Radenburg/ Schoͤnberg/ Falckstein/ Seidlitz. Jhre Waf- fen waren alle verguͤldet/ und ihre Kleider Pur- per-roth und weiß. Nach diesen Fuß-Voͤl- ckern kamen abermals fuͤnf Geschwader Reite- rey; eben so wie die ersten gewaffnet/ aber mit staͤhlernen Pantzer-Hembden und verguͤldeten Helmen; darauf Regenbogenfaͤrbichte Strauß- Federn flatterten/ ausgeruͤstet. Sie waren alle Deutsche von Adel/ ihre dreissig Fuͤhrer Rit- ter/ nemlich Brandiß/ Hohenstauffen/ Kwer- furth/ Malzan/ Eynenberg/ Thrunberg/ Neu- enburg/ Firneberg/ Arnstein/ Thoͤring/ Gerß- dorff/ Waldensteyn/ Arburg/ Rode/ Rothal/ Greiffenklau/ Schweinitz/ Kobern/ Weißbach/ Stosch/ Birckenfels/ Borschnitz/ Malditz/ Kit- litz/ Katzau/ Moͤrsberg/ Neuhaus/ Seeburg/ Franckenberg und Daun. Jhr Oberster war ein Graf von Nassau. Der ersten Rei- Arminius und Thußnelda. Reiterey Kriegs-Zeichen war ein Kranch/ der andern ein Schwan: jenen beobachtete der Graf von Ortenburg/ diesen der Graf von der Lippe. Dieses gantze Kriegs-Volck zohe umb die aufgerichtete Seule/ und neigte seine Waffen fuͤr dem Bilde Thußneldens. Her- nach stellte es sich in die Breite nach der Laͤnge des Schauplatzes in Schlacht-Ordnung; also: daß auf jeder Seite fuͤnf Geschwader Reiterey das Fuß-Volck bedeckte. Von diesem aber wurden die Piquen-Traͤger in zehn Hauffen abgetheilt; und in das erste/ die eben so star- cken und derogestalt abgetheilten Schwerdt- Fechter in das andere Treffen; und endlich der Kern der sechs-hundert erfahrnen Kriegs- Helden in Hinterhalt gestellet; fuͤr denen in der Mitte Tiberius und bey ihm der guͤldene Adler sich befand. Die zwoͤlf-hundert Mann des leichten Fuß-Volckes aber wurden fuͤr alle drey Ordnungen zum ersten Anfalle einge- theilet. Diese Roͤmische Macht war kaum in ihren Stand kommen; als das andere grosse Thor mit Gewalt aufgieng/ und uͤber hundert halb- nackte Deutschen/ welche mit ihrem Blasen in eitel Auer-Ochsen-Hoͤrner ein erschreckliches Gethoͤne erregten/ voran in den Schauplatz traten. Sie waren aber nur Vorboten hun- dert und funfzig deutscher in fuͤnf Geschwader vertheilter Reiter/ alle mit Luchs-Augen bedeck- te/ mit einem hoͤltzernen Schilde/ kurtzem Schwerdte/ Lantzen und Wurff-Spießen ge- waffnete deutsche Edel-Leute. Jhre dreißig Fuͤhrer waren die Grafen von Andechs/ Hoye/ Arnsberg/ Bentheim/ Gretsch/ Mansfeld/ Schwartzburg/ Ufheim/ Rethel/ Stirum/ Weissenfels/ Gleichen/ Rochlitz/ Hohen-Zol- lern/ Stolberg/ Eberstein; und die Ritter Rap- pelstein/ Epstein/ Ellersbach/ Ruͤxingen/ Frey- berg/ Hohberg/ Thennesberg/ Giech/ Warns- dorf/ Braun-Eltz/ Muͤhlheim/ Bebran/ Al- tenstein. Jhr Oberster war Hertzog Ganasch; Jhr Fahn oder Kriegs-Zeichen war ein wilder Eber. Alle diese Fuͤhrer waren mit Baͤren- Haͤuten; der Hertzog aber mit einer Loͤwen- Haut bedecket. Die Reiterey hatte eitel braune Pferde; die Fuͤhrer aber Blauschim̃el. Hier- auf folgten zehn Fahnen Fuß-Volck zu hun- dert und zwantzig Mann. Sie waren fast wie die Roͤmer gewafnet; ihre Ruͤstung aber waren eitel Wolfs-Haͤute/ und schmale/ flache/ aus Rinde oder Wieten geflochtene Schilde in Mannes-Laͤnge. Das fuͤrnehmste Kriegs- Zeichen/ welches der Graf von Hanau fuͤhr- te/ war ein Pferd/ das andere ein Baͤr/ das dritte ein Luchs/ das vierdte ein Tiger-Thier/ das fuͤnffte ein Habicht/ das sechste eine Eule/ das siebende ein wilder Mann/ das achte ein Loͤw/ das neundte ein Biber/ das zehnde ein Wallfisch. Alle waren deutsche Ritter oder Edelleute. Jhre dreißig Hauptleute/ der Graf von Ascanien/ Egmont/ Horn/ Zweybruͤcken/ Henneberg/ Barby/ Werthheim/ Hohenloh/ Fuͤrstenberg/ Catten Ellenbogen/ Waldeck/ Veldentz/ Luͤtzelstein/ Spanheim/ Schaum- berg/ Wasserburg/ Burghausen/ Diffalden/ Lechsmund/ Stalberg/ Vochburg/ Kyburg/ Scherding/ Stoͤfling/ Weissenhorn/ Dorn- berg/ Freyburg/ Thassel/ Teckelnburg und Senisheim. Alle diese hatten umb sich Loͤwen- Haͤute/ und auf dem Haupte an statt des Hel- mes einen Kopff eines grausamen Thieres aus Ertzte gebildet. Uber dis waren zu Un- ter-Befehlhabern bestellet der Ritter Warin- grode/ Schaff/ Hahnburg/ Plessau/ Schlieben/ Gerau/ Tauttenberg/ Promnitz/ Wildenfels/ Warberg/ Reibnitz/ Weinsberg/ Schwerin/ Schoͤnach/ Logau/ Ehrenfels/ Sack/ Bicken- bach/ Riet-Esel/ Rabenstein/ Kammerau/ Not- hafft/ Stoͤssel/ Seckendorff/ Rothenhahn/ Jch- tritz/ Biberstein/ Muͤhlheim/ Lestwitz/ Eisen- burg/ Bodman/ Buchwald/ Tschirnhauß/ Rainer/ Littwitz/ Breitenstein/ Hagen/ Schel- king/ Frauenstein/ Kuͤnring/ Braun/ Welwaꝛd/ J i i i i i i i 3 Jngel- Neuntes Buch Jngelheim/ Zelcking/ Fuͤrwangen/ Waldau/ Best/ Lierheym/ Pritwitz/ Rosenberg/ Schwei- nichen/ Gelhorn/ Ringenberg/ Bock/ Allen- dorff/ Unruh/ Eltershofen/ Haubitz/ Schellen- dorff und Schwanberg. Diese waren bekleidet mit Baͤren-Haͤuten. Der Feldherr aber war Hertzog Herrmann mit einer Loͤwen- Haut und Keule wie Hercules ausgeruͤstet. Seine vier Obersten waren Hertzog Flavius/ Henrich ein Hertzog der Marsinger/ Wolde- mar ein Fuͤrst der Cimbern/ und Leithold ein Graf von Habspurg; welche sich alle mit Pan- ther-Haͤuten bedeckt; und mit Loͤwen-Koͤpffen an statt der Helme verwahrt hatten. Hier- auf beschlossen endlich den Einzug fuͤnf Ge- schwader Reiterey/ alle mit Tiger-Haͤuten be- deckt; welche alle von Adel; ihre dreißig Fuͤh- rer aber die Grafen zu Cleve/ Salm/ Solms/ Nellenburg/ Bucheg/ Salgans/ Fuͤrwangen/ Weissenwolff/ Hardeck/ Forchtenstein/ Hayn- burg/ Lichtenstein/ Windischgraͤtz/ Sternberg/ Moßburg; und die Ritter Wassener/ Bre- derode/ Nesselrode/ Walsee/ Falckenstein/ Kren- ckingen/ Zinzendorff/ Leipe/ Mutschelnitz/ E- schenbach/ Rohr/ Planitz/ Quad/ Marwitz/ Bernstein waren. Jhr Oberster war der Hermundurer Hertzog Jubil; welcher ebenfals mit einer Loͤwen-Haut bedeckt/ und wie Hertzog Ganasch geruͤstet war. Die zwey Kriegs- Zeichen der Reiterey waren ein Reiger/ und ein Eis-Vogel; jenen beobachtete der Graf von Ravensberg/ diesen der von Berg. Alle diese Kriegs-Leute neigten ebenmaͤßig ihre Waffen fuͤr Thußneldens Bildnuͤsse; und stellten in gleicher Abtheilung sich gegen die Roͤmer in Schlacht-Ordnung; jedoch nicht nach der gemeinen Art viereckicht; sondern beyde standen wie zwey halbe Monden/ theils wegen der Rundte/ theils wegen der Enge des Schauplatzes gegen einander. Hierauf verwandelte sich das bisherige Ge- raͤusche in eine Stille; da denn der Tiberius sich vier Ritter auf einem Schilde durch die Kriegs-Schaaren tragen ließ/ und zur Tapf- ferkeit ermahnte/ welche mit einem hellen Kriegs-Geschrey und Aufhebung ihrer gewaf- neten Haͤnde ihn dessen versicherten. Der Feldherr Herrmann aber redete sein Volck von einem in der Eyl von Rasen aufgeworffe- nen Huͤgel an; welches durch Zusammen- Stoßung ihrer Schilde und Emporschwin- gung der Waffen seine behertzte Einwilligung zu verstehen gab. Wie nun alsofort hierauf beyderseits durch das grausame Gethoͤne der Krumhoͤrner/ und durch Aufsteckung eines rothen Tuches das Zeichen zur Schlacht auf der Roͤmer Seite das Gluͤcke/ auf der Deutschen/ die Tugend zum Worte gegeben ward; so fieng das Tref- fen an beyden Hoͤrnern der Reiterey an. Erst- lich traffen fuͤnff Ritter/ als Fuͤhrer eines an der Spitze stehenden Geschwaders/ und hernach ihr Geschwader von fuͤnf und zwantzig Edel- Leuten gegen einander mit Pfeilen. So bald sie sich auf die Seite zuruͤck geschwenckt hatten; loͤseten sie allerseits zehn Fuͤhrer mit zweyen Schachweise darhinter stehenden Geschwadern ab; und als auch diese sich zuruͤck schwenckten; ruͤckten die vier Obersten der Reiterey mit drey Geschwadern und ihren funfzehn Fuͤhrern herfuͤr; traf also Hertzog Ganasch itzt und alle- mal auf den Grafen von Steinfurth; und Hertzog Jubil auf den Grafen von Nassau. Nach der Zuruͤckschwenckung dieser dreyen Geschwader/ saͤtzten sich allenthalben alle sechs Hauffen neben einander; und giengen hierauf insgesampt auf einander spornstreichs loß. Bey ihrer Zuruͤckschwenckung aber saͤtzten sie sich spitzig zu und schachweise hinter einander/ wie sie von anfangs gestanden hatten. Bey welcher Vermengung nicht allein aus dem Un- terscheide der Pferde und der Kleidung die gute Ordnung aller auf einander so genau treffen- der Glieder/ sondern auch nicht ohne Verwun- derung Arminius und Thußnelda. derung zu sehen war; wie in eines jeden kaͤmpf- fenden Schilde zwey Pfeile steckten/ und also/ weil niemand gefehlet hatte/ keiner auf dem Bodem gefallen war. Maßen denn auch alle Pfeile und Wurff Spieße mit dessen Wappen/ der sie brauchte/ gezeichnet waren; wormit die Fehlenden hernach erkennet werden moͤchten. Unterdessen traf auch das Fuß-Volck; jedoch weil in diesem nicht jedermann/ wie sonst der Kriegs-Brauch erfordert/ fuͤr voll drey Schuh weit Platz umb sich hatte/ nur nach und nach auf einander. Anfangs fielen zehn Hauffen leichtgeruͤsteter Kriegs-Leute/ jeder viertzig Mann starck/ einander mit leichten Wurff- Spießen an/ welche ebenfals alle mit den Schilden aufgefangen wurden. Diese saͤtz- ten sich bey ihrer Zuruͤckweichung in die Luͤcken zwi s chen die Piquen-Traͤger; die unterdeß ge- gen einander ruͤckten; und mit ihren Lantzen einander zu durchbohren/ oder die Ordnung zu durchbrechen trachteten. Wie sich denn auch ereignete: daß auf deutscher Seiten von dem Fahne des Luchses in die Roͤmische Welt-Ku- gel/ vom Tiger in Drachen/ vom wilden Maũe in Wolff/ und vom Loͤwen in Elefant/ hingegen von Roͤmischer Seiten vom Minotaur in den deutschen Baͤr/ vom Schweine in Habicht/ von der Schlange in die Nacht-Eule eingebrochen ward; die mittelsten Haupt-Fahnen des Pfer- des und Adlers; ingleichen die eusersten des Bibers/ gegen den Sphynx/ und des Wallfi- sches gegen den Wieder/ blieben aber in geschlos- sener Ordnung gegen einander stehen. Die- semnach denn die zwischen dem Luchs und wil- den Manne stehenden leichten Schuͤtzen dem Habichte/ die zwischen dem Pferde und Tiger dem Baͤren/ die zwischen dem Loͤwen und dem Tiger der Nacht-Eule; hingegen auf Roͤmi- scher Seite die zwischen dem Adler und der Sau der Welt-Kugel/ zwischen dem Minotaur und der Schlange dem Drachen/ zwischen dem Sphynx und der Sau dem Wolffe/ zwischen der Schlange und dem Wieder dem nothleiden- den Elefanten mit ihren Wurff-Spießen zu Huͤlffe eilen musten. Welches beyderseits mit einer so geschickten Geschwindigkeit geschach: daß sich alle Hauffen nicht nur ordentlich zu- sammen schlossen/ sondern es ruͤckten auch diese Piquen-Traͤger mit einer zierlichen Art zuruͤ- cke/ und die Schwerdt-Fuͤhrer durch die leere Plaͤtze neben ihnen herfuͤr. Jnzwischen ge- rieth die Reiterey mit voriger Abwechselung: daß anfangs fuͤnf Fuͤhrer mit einem Geschwa- der/ hernach zehn mit zweyen/ ferner der Ober- ste selbst und funfzehn Fuͤhrer mit dreyen; end- lich alle sechs in die Breite gesaͤtzten Geschwa- der auf einander traffen. Das erste Treffen geschahe mit einem langen Wurff-Pfeile; dar- unter abermals nicht ein einiger fehlete; son- deꝛn jeder Schild einen Pfeil in sich stecken hatte. Das gesampte Treffen aber mit langen Lantzen; welche durch das erschreckliche Knacken und die Emporfluͤgung der abspringenden Spitzen/ nach dem gleichsam in einem Augenblicke drey- hundert und sechzig auf einmal gebrochen wur- den/ denen furchtsamen Zuschauern ein Schre- cken/ denen Behertzten aber eine ungemeine Lust erweckte. Worbey denn dis wunderns- werth war: daß keiner unter den Streitenden aus dem bloß von gleichen Decken gemachten Sitze kam; nur allein verwundete Hertzog Ganasch des Grafen von Steinfurth/ Graf Bentheim des Ritters Hohenwarts/ hingegen Wolffskehl des Ritters Freybergs/ und in dem andern Horne der Graf von Salm des von Hohenstauffen/ und Wassenar des Rothals/ hingegen Querfurt des Grafen von Solms Pferd so sehr: daß sie bey dem folgenden Tref- fen andere aus ihren Bey-Pferden erkiesen musten. Kolditz/ Brauneck/ Biberstein/ Greiffenklau und Seeburg wurden auf Roͤ- mischer/ Arnsberg/ Stirum/ Rohr und Pla- nitz auf deutscher Seiten/ jedoch ohne Gefahr und Hindernuͤs fernerer Kriegs-Ubung ver- wundet/ Neuntes Buch wundet. Eben so scharf gieng es bey dem Fuß- Volcke her. Denn die mit grossen Schwerd- tern geruͤsteten Helden liessen zwar die ihnen zugeordnete vierhundert leichte Schuͤtzen mit ihren Wurff-Spießen ihren Feind eben so wie anfangs reitzen. Wie diese sich aber zwischen ihre in drey Glieder geordnete zehn Hauffen saͤtzten/ grieffen die ersten Glieder/ und also zu- sammen vierhundert Mann einander mit de- nen Schwerdtern so grausam an: daß es schien: es wuͤrde der groͤste Theil auf dem Schauplatze erblassen. Als auch die ersten Glieder abge- mattet/ traten die andern/ und folgends die drit- ten mit einer ordentlichen Abwechselung an die erste Stelle. Die zwey Obersten Melo und Catumer auf Roͤmischer/ Flavius und Woldemar auf Deutscher Seiten/ fochten auch selbst so scharf gegen einander; als wenn es um ihre Herrschafft zu thun waͤre; welchen denn die beyderseits gegen einander stehenden zehn Hauptleute nichts nachgaben; Woruͤber der Graf von Abensberg/ Stolberg/ Loͤwenstein/ Kyburg und Acheln jenseits/ und disseits die Grafen von Barby/ Ellenbogen/ Burghau- sen/ nebst vielen Rittern beyderseits ziemlich verwundet wurden; ungeachtet die Schwerd- ter mit Fleiß zu diesen bloßen Kriegs-Ubungen stumpff gemacht wurden. Gleichwol blieben aller Ortes die Glieder feste geschlossen/ und alle zehn Hauffen in unversehrter Ordnung. Durch dieses Schwerdt-Gefechte ward die Reiterey an beyden Hoͤrnern nun auch gleich- sam aufgefrischt: daß sie zu ihren Degen grief; und erstlich das eine in der Spitze stehende/ her- nach die zwey andern/ ferner die drey letzten/ und endlich alle sechs Geschwader mit ihren Ober- sten und Fuͤhrern in ein heftiges Gefechte ver- fielen. Gleicher gestalt ruͤckten die Feldherꝛen und die vier Obersten/ nemlich Hertzog Segi- mer und Siegesmund Roͤmischer/ und der Marsinger und Cimbern Hertzog Deutscher Seiten/ wie auch zwantzig Graͤfliche Haupt- leute mit dem Kerne der sechshundert erfahrner Kriegs-Helden an die Spitze. Es scheinet un- glaublich zu seyn: daß in einer Kriegs-Erge- tzung solcher Ernst und Heftigkeit sonder grosses Blut-Bad angewehret weꝛden koͤnne; als diese in zehn Hauffen abgetheilte Ritter anfangs mit ihren dreyzanckichten und viereckichten Spies- sen/ hernach mit ihren Degen bezeugten. Wie es denn auch ohne gefaͤhrliche Beschaͤdigung nicht abgegangen waͤre/ wenn die Geschicklig- keit dieses Helden-Ausbundes solches nicht kluͤg- lich zu verhuͤten gewuͤst haͤtte; Wiewol es ohne Verwundung mehr als zwantzig streitender Ritter nicht abgieng. Jnsonderheit aber zo- hen der Feldherr Hertzog Herrmann und Her- tzog Arpus aller Zuschauer Augen auf sich; Zumal jener mit seiner einigen Keule allen Waffen gewachsen war/ und sich derogestalt im Wercke als der rechte Hercules der Deutschen fuͤrstellte. Als alle Glieder der Reiterey/ all- wo Hertzog Jubil und Graf Nassau wie zwey erzuͤrnte Adler einander antasteten/ wie auch des Fuß-Volcks getroffen hatten/ schwenckten sie sich alle; und saͤtzte sich beyderseits das Kriegs- Volck in eine gantz neue Ordnung; nemlich die Reiterey machte auf jeder Seite ein eintziges Geschwader; diesen standen einwerts an der Seite der leichten Schuͤtzen an jedem Orte sechshundeꝛt; ferner hinein zwey so staꝛcke Hauf- fen Piquen-Traͤger/ hernach eben so viel mit Schwerdtern Geruͤstete/ und endlich mitten gleichsam im Hertzen der Kern der Kriegs-Leute/ und zwischen selbten die zwey Feldherrn und die Haupt-Fahnen/ das Pferd und der Adler; also: daß dieser Ordnung nach alle und jede Hauffen auf einmahl gegen einander treffen konten. Welches denn auch mit so unglaubli- cher Vollkommenheit geschach: daß alle vorige Treffen gegen diesem allgemeinen nur Kurtz- weil gewesen zu seyn schien; und wusten die Au- gen der Zuschauer sich kaum mit sich selbst zu vergleichen/ wo sie am ersten oder meisten hin- schauen Arminius und Thußnelda. schauen solten. Denn aller Armen und Waf- fen regten sich. Es geschahen so viel Einbruͤ- che und Begegnungẽ; gleichwol aber blieb alles in wol erkenntlicher Ordnung. Endlich brach Hertzog Herrmann mit seinen Rittern entwe- der durch uͤberlegene Tugend/ oder aus hoͤfli- cher Ehrerbietung des Hertzog Arpus und sei- ner Ritter so weit ein: daß er den Roͤmischen Adler ergrief/ und selbten gegen Thußneldens Bilde neigte. Woruͤber sich aber ein neues Gethoͤne von denen lieblichsten Saͤiten-Spie- len an statt der rauen vorher schreyenden Hoͤr- ner hoͤren ließ; wormit die Gerechtigkeit auf einem g o ldenen von vier weissen Pferden gezo- genen Wagen mitten zwischen die Streitenden gerennet kam/ und hierdurch einen unvermu- theten Stillestand der Waffen machte. Sie war gantz anders als sonst ins gemein ausgeruͤ- stet. Denn sie hatte auf dem Haupte eine Nacht-Eule das Bild der Weißheit. Sinte- mahl die Gerechtigkeit in dem Gemuͤthe der Menschen nichts anders als die Weißheit ist. An statt des schwerdtes/ oder des mit Ruthen umwundenen Richtbeiles/ welches nichts min- der der Gerechtigkeit/ als der Buͤrgermeister zu Rom Kennzeichen zu seyn pfleget/ hatte sie einen mit Schlangen umwundenen Herold- Stab/ als das Merckmaal der Eintracht; weil die Gerechtigkeit in den Haͤusern oder in buͤr- gerlichen Dingen nichts als die Eintracht/ und mit dem Schwerdte mehr einer grausamen Atropos/ als einer so holden Tugend aͤhnlich ist; oder auch/ weil die gegen einander gestellte Schlangen nicht nur den Friede/ nemlich die Gerechtigkeit des gemeinen Wesens und der Herr;schafften; sondern auch das Draͤuen gegen die Widerspenstigen fuͤrbildet. Westhalben denn auch auf ihrer Schoos ein Horn des Uber- flusses lag. Uberdis hatte sie neben der gemei- nen Wage in der lincken Hand einen ertztenen weiten Ring das Zeichen der Versehung/ als welche im Himmel ebenfals nichts anders als die Gerechtigkeit ist. Also stellte sie sich recht gegen die Roͤmische aufs neue geschlossene Schlacht-Ordnung/ und fieng mit einer scharf- fen doch annehmlichen Stim̃e folgender Weise an zu singen: Jhr Roͤmer steckt die Waffen ein; Tiber laß deinen Zorn verschwinden; Wer Deutschland meint zu uͤberwinden/ Weiß nicht: daß Donan und der Rhein Der Roͤm’schen Siege Graͤntz-Maal seyn. Bist du Tiber ein Herr der Welt; So werde nicht ein Knecht des Neides/ Ein Stiffter deines eignen Leides. Weil/ wenn der Mißgunst was gefaͤllt/ Sie ihr nur Maͤngel selbst ausstellt. Mein Urthel ist fuͤrlaͤngst gefaͤllt/ Fuͤrst Herrmann sey nur werth Thußneldens/ Und sie so eines grossen Heldens. Wer nun was anders moͤglich haͤlt/ Glaͤubt kein Verhaͤngnuͤs in der Welt. Eh wird der Sternen Baͤr den Fuß Von Mitternacht nach Sud verruͤcken/ Eh dir dein Vorsatz wird geluͤcken; Weil aller Welt Macht doch den Schluß Des Himmels uͤbernehmen muß. So bald dieser Gesang’ geendiget war/ fieng das gantze Roͤmische Heer gleichsam durch ein Feld-Geschꝛey an zu ꝛuffen: Niemand ist Thuß- neldens wuͤrdiger als Herrmann. Worauf selbtes denn auch unter dem Gethoͤne der K ꝛ um- hoͤrner in guter Ordnung aus dem Schauplatze abzoh; alle Roͤmisch gekleidete aber gegen dem an der Spitze der Deutschen zu Pferde halten- den Feldherꝛn ihre Waffen und Kriegs-Zeichen neigten. Kurtz hierauf aber erschien ein Herold in den Schauplatz/ welcher im Nahmen des fuͤrgebildeten Tiberius den Feldherrn mit sei- nem Kriegs-Volcke und den gantzen Hof unte r seine Zelten zu Gaste einlud; weil er als ein Frembdling sie bequemer nicht zu bewirthen wuͤste. Wohin beyde/ und fuͤrnemlich das Fuͤrstliche Frauen-Zimmer zu Wagen mit groͤsserem Gepraͤnge/ als vorige Tage folgten; Erster Theil. K k k k k k k k weil Neuntes Buch weil Hertzog Arpus dieses mal durch sein Bey- spiel die Eitelkeit der Roͤmischen Verschwen- dung fuͤrzubilden/ oder vielmehr durchzuziehen gemeint war. Auf einer an einer rauschenden Bach gelegenen/ und mit einem Lust-Walde umbgebenen grossen Wiese waren einen Kreiß herumb fuͤnfhundert denen Roͤmern abgenom- mene Zelten aufgespannet/ in welchen so viel Tafeln mit Speisen auf Roͤmische Weise fuͤr das Kriegs-Volck zubereitet waren. Jn der Mitte aber sahe man auf einem lustigen Huͤgel sieben Zelten ausgespannet; welche Quintilius Varus noch mit aus Syrien gebracht/ und ih- nen nach Roͤmischer Art/ welche ihre Speise- Saͤle nicht nur nach gewissen Goͤttern nenne- ten/ sondern auch selbten eine gewisse Anzahl und Kostbarkeit der Speisen zueigneten/ die Nahmen der sieben Jrrsterne nach ihrer eige- nen Beschaffenheit gar fuͤglich beygelegt hatte. Alle waren aus Persischem Gewebe. Und zwar anfangs zeigte sich das Zelt des Saturn aus Viol-blauer Seide gewebet/ und darein eitel Stein-Boͤcke aus Silber gewuͤrcket. Jn diesem stand die ey-rundte Taffel mit eitel seltza- men Fischen bedeckt; vielleicht/ weil das Meer aus des Saturnus Thraͤnen entsprungen seyn soll. Diese waren so kuͤnstlich gesotten: daß sie ebẽ die Farbe/ welche sie lebendig haben/ behalten hatten. Darunter waren etliche grosse Bar- ben; nicht so wol: daß dieser in Deutschland allzu gemeine Fisch eine sonderbaꝛe Seltzamkeit/ sondern vielmehr eine Verhoͤnung der Roͤmer seyn solte; bey denen mehrmals einer fuͤnf-auch acht-tausend Groschen gegolten/ und also ein Fisch den Preiß etlicher Fischer uͤbeꝛtꝛoffen hatte. Hierunter waren auch zugerichtete Kameel- Fersen/ des Apicius Lecker-Bißlein/ und gan- tze Schuͤsseln voll Murenen-Milch; welcher Fisch an unterschiedenen Orten Deutschlands/ und sonderlich in dem Gebiete der Burier ge- fangen wird. Auch mangelten hierbey nicht die gar aus dem Carpatischen Meere mehrmals nach Rom verschriebene Skarus-Lebern; wel- cher alleine unter allen Fischen kaͤuet/ und denen Felsen die Kraͤuter abfrißt; von den Roͤmern auch seiner Niedligkeit halber fuͤr den Koͤnig der Fische gehalten/ ja gar das Gehirne des Ju- pitersgenennt wird. Die Taffel war uͤberdis aus allerhand von Zucker und Wachs kuͤnstlich gearbeiteten und fast alle Arten der Fische ab- bildenden Schau-Essen besaͤtzt; unter denen in der Mitte fuͤrnemlich als ein grosses Wunder- werck der Wallfisch zu sehen war; welcher die fuͤr ihm in Lebens-Groͤße angebundene An- dromeda zu verschlingen vergebens draͤute; auf der Taffel aber darzu diente: daß er aus seinen Naseloͤchern in zwey bleyerne Kessel wol- ruͤchendes Wasser spruͤtzte. Jn dem Taffel- Zeug waren allerhand Arten Fische; in die Teppichte aber alle Getichte vom Saturnus gewuͤrcket. Die Trinck-Geschirre/ Schuͤsseln und andere Gefaͤße waren alle Porcellanen/ die bey den Seren aus einer zarten Erde ge- macht werden/ Pompejus aber aus dem Mi- thridatischen Kriege zum ersten nach Rom ge- bracht hat. Das andere dem Jupiter gewied- mete Zelt war aus weisser Seide gewebt/ und mit guͤldenen Adlern/ die innern Teppichte aber mit Loͤwen durchwuͤrckt. Die dreyeckichte Taffel ward mit eitel koͤstlichen Speisen von Fluͤgelwerck angefuͤllt/ unter welchen zwey grosse Schuͤsseln gleichsam zwey Berge Fasa- nen in sich hatten; welche die Roͤmer zwar aus Colchis holeten/ und meist nur an grossen Fey- ern und ihren Geburts-Tagen verspeiseten/ die Deutschen aber in ihren eigenen Puͤschen fiengen. Unter der grossen Menge vieler koͤst- lichen Speisen waren auch viel Zucker-Bilder/ welche alle die Geschichte des Adlers fuͤꝛbildeten; wie selbter nemlich die zu opffern gewiedmete Helena/ und die Valeria Luperca errettete/ dem Jupiter den Blitz/ und den Ganimedes zufuͤh- rete/ dem Tarquinius Priscus den Hut aufsaͤtz- te/ in Liviens Schoß eine weisse Henne warf/ und Arminius und Thußnelda. und dem Augustus das geraubte Brod wieder in die Haͤnde gab. Jnsonderheit aber hackte ein durch Kunst bewegter Adler dem Prometheus unaufhoͤrlich in die Leber; woraus der koͤstliche Baum-Balsam troͤpfelte/ und alle Zelten mit dem suͤssesten Geruche anfuͤllte. Ein ander uͤber der Taffel schwebender Adler spritzte aus dem Schnabel weissen Wein in zwey tieffe Jaspis- Schalen. Die Taffel-Geschirre waren alle aus Jaspis; die Trinck-Geschirre aber mit Schmaragden/ Saphiren und Hiacynthen be- saͤtzt. Das dritte nach dem Mars genennte Zelt war aus Feuer-farbichter Seide/ und darinnen von Gold gewuͤꝛckte Wieder. Die Speisen auf der achteckichten Taffel waren meist von Raub- Thieren bereitet; unter denen war eine Menge bey den Roͤmern so hochgeschaͤtzter/ in Deut s ch- land aber gemeiner Trappen/ und eine grosse Schuͤssel voll Zungen von denen Phoͤnicopter- Voͤgeln. Zu Schau-Gerichten standen drey ausgestopfte und Eisen verschlingende Straus- sen auf der Taffel. Jn der Mitte war der bren- nende Berg Etna aufgesaͤtzt/ welcher eitel Zim- met in sich verzehrte/ und also auch die Lufft dar- mit erfuͤllte. Uber dis waren auch des Mars und der Venus Liebe/ des Vulcanus Netze/ und viel andere Gestalten mit grossen Zucker-Bil- dern fuͤrgestellt. Auf der einen Seite der Taffel stand die Roͤmische Woͤlffin nebst zweyen unter ihr liegenden Kindern aus Stein gehau- en; welche in einen marmelnen Kessel mit vier Stroͤmen unaufhoͤrlich Milch ausstroͤmete; Auf der andeꝛn Seite spritzte ein Einhorn duꝛch sein Horn rothen Wein in eine maꝛmelne Scha- le aus. Die Taffel-Geschirre waren die koͤstlich- sten Samnitischen Gefaͤße; die Trinck-Ge- schirre mit Amethisten und Diamanten versaͤtzt. Das vierdte der Venus geeignete Zelt war aus Rosen-farbener Seide und Golde gewuͤrcket/ und durch und durch mit guͤldenen Rosen/ Nar- zissen und Lilgen/ der Bodem mit eitel Saffran/ die Taffel mit allerhand umb diese Jahres-Zeit ungewoͤhnlicher Blumen bestreuet/ sonst aber mit eitel Fruͤchten/ als Granaten- und Serischen Aepfeln/ Jndianischen Nuͤssen/ Cyprischen Fei- gen/ Cretischen Weintrauben/ Africanischen Datteln/ Melonen und andeꝛn seltzamen Erfri- schungen bedecket. Zwischen diesen aber standen zwoͤlf zuckerne Liebes-Knaben/ welche mit ihren ausgestreckten Haͤnden in Schuͤsseln aus To- patz/ mit Ambra/ und dem Kraute Satyrion/ wie auch Bibergeilen vermischtes Pfauen- und Straussen-Gehirne/ eingemachte Granaten- Zitron- und Pomerantz-Bluͤten denen Gaͤsten zureichten/ und gleichsam einnoͤthigten. Denn diese Goͤttin/ als eine absondere Liebhaberin der Bluͤten und Blumen/ soll mit dieser wunder- schoͤnen Geschoͤpfe Augen-Vergnuͤgung sich nicht gesaͤttiget/ sondern selbte zum Genuͤße des Mundes in einem zuckernen Begraͤbnuͤsse auf- zuheben/ oder ihre Seele durchs Feuer in hertz- erquickende Thraͤnen zu zerfloͤßen gelehret ha- ben. Jn der Mitte stand ein grosses ertztenes Bild der Natur/ welches aus der einen Brust Narden- und Jasmin-Wasser/ aus der andern Palmen-Wein in zwey Onyx-Schalen spꝛuͤzte. Jn diesem Zelt war auch des Varus alabasterne mit koͤstlichen Salben und Balsam gefuͤllte Wanne zu sehen/ dariñen er sich zu waschen oder gar zu baden pflegte. Außer dem war alles Ta- fel-Geschirre aus Agstein. Des fuͤnfften Zeltes Bodem war aus blauer Seide/ darein aus viel- faͤrbicht andeꝛer eitel auf Baͤumen spielende Pa- pegoyen gewebt waren. Auf der viereckichten Tafel waren meist aus gesunden Fruͤchten ge- preßte Saͤffte; aus seltzamen Gewaͤchsen und Wuͤrtzen vereinbarte Torten/ eingemachte Wurtzeln und Backwerck aufgesaͤtzt; vielleicht weil Mercur nichts minder der Artzney/ als der Handlung fuͤrstehet. Diese Geruͤchte aber warẽ mit unterschiedenen aus Wachse/ Helffenbein uñ Marmel gemachtẽ falschen Speisen/ wie auch dem Tiburtinischen Kiesel-Zucker vermischet/ umb die geitzigen Gaͤste schertzweise zu aͤffen. Auf der einen Ecke der Taffel stand sein grosses silbernes Bild/ die Zunge heraus reckende; wel- K k k k k k k k 2 ches Neuntes Buch ches in der einen Hand eine silberne Schuͤssel aus Lasursteine mit eitel Fisch- und Vogel-Zungen/ in der andern mit Papegoyen/ Staaren/ Agla- stern/ Nachtigaln/ Lerchen und dergleichen zu reden/ oder kuͤnstlich zu singen gewohnten Voͤ- geln den Gaͤsten zureichte; umb hierdurch die Roͤmer und fuͤrnemlich den verschwenderischen Esopus anzustechen; welcher in einer Schuͤssel derogleichen fuͤr sechs-hundert-tausend Sester- stier erkauffte Voͤgel seinen luͤsternen Gaͤsten auftrug/ wormit sie gleichsam etwas/ was dem Menschen nahe kaͤme/ kosten moͤchten. An der andern Eckestand ein ander Bild des Mercur/ welches in der rechten Hand seine ihm zugeeigne- te Schlaff-Gerthe/ in der andeꝛn eine Agathene Schale mit ausgepreßtem Mahsaffte hielt. Auf der dꝛittẽ Ecke stand sein Bild aus Silbeꝛ in Ge- stalt eines Hiꝛtẽ/ welcher aus einem Kꝛuge in eine Schale einẽ Safft ausgoß; der dem Ansehẽ nach Milch/ in Warheit aber ein koͤstlicher Griechi- scher Wein war. An der vierdten Ecke stand gleicher gestalt ein silbeꝛner Mercur/ in der rech- ten Hand eine Schuͤssel voll gesunder Kraͤuter; in der andern ein Gefaͤße heissen Wassers hal- tende/ welches aus einem Jndianischen Kraute gekocht und zur Gesundheit gebraucht wird. Die Tisch-Geschirre waren aus eitel Helffen- bein gedrehet. Das sechste Zelt war auswendig aus gruͤner/ inwendig aus weisser Seide gewe- bet/ und beyderseits mit silbernen Narcissen be- streuet. Auf der Spitze des Zeltes glaͤntzete ein halber Monde. Die Taffel hatte gleicher weise eine solche Monden-Gestalt. Alle Taffel- und Trinck-Geschirre waren aus vollkommenen Berg-Kristallen; Die Speisen allerhand Arten von Britannischen Austern/ Schnecken/ Kreb- sen/ Wasser-Schnepfen und anderm Gefluͤgel/ und zwar in solchem Uberflusse: daß nach der Weise der Roͤmischen Uppigkeit die bloßen Hin- tertheile zu Saͤttigung vieler Gaͤste einen Uber- fluß abgaben; Auch waren allhier Biber und andere Thiere/ die theils auf der Erde/ theils im Wasser leben. Nichts minder allerhand Arten Piltze und Schwaͤmme; welche die Roͤmischen Leckermaͤuler unter die geschmacktesten Koͤstlig- keiten rechneten; und Tiberius den Asellius Sa- binus damit fuͤr ein Gespraͤche ansehnlich be- schenckte; dariñen die Piltze mit denen Austeꝛn/ Drusseln/ und denen Voͤgeln/ welche nichts als Feigen und Weinbeeren essen/ umb den Vorzug kaͤmpften. Diese stachen ferner ab viel glaͤserne Schalen mit eingemachten Wuꝛtzeln und koͤstli- chen Kraͤutern. Gleicher gestalt sahe man aus Zucker allerhand dem Mohnden gewiedmete Thiere/ als Katzen/ Gaͤnse/ Reiger und deroglei- chen mit eingemischet. Jn der Mitte stand ein grosses aus Perlen-Mutter kuͤnstlich gearbeite- tes Bild der dreyfachen Hecate; welche auf dem einen Haupte einen halben Monden hatten; aus dessen zwey Enden ein annehmlicher Wey- rauch- und Ambra-Rauch empor stieg/ und das gantze Zelt uͤberwoͤlckte. Jn der rechten Hand hielt sie eine See-Muschel voller Perlen/ in der andern eine Schale mit Eßig/ die Gaͤste gleich- sam einladende: daß sie nach Cleopatrens und des wolluͤstigen Clodius Esopus Beyspiele jene Him̃els- und Monden-Frucht durch die im Es- sige befindlichen Wuͤrmer zerbeitzen/ und ihren uͤppigen Gaumen darmit vergnuͤgen solten. Das andere Haupt der Hecate bildete einen Hirsch fuͤr; weil sie auf der Erde eine Vorstehe- rin der Jagt/ wie im Himmel eine Mutter der Feuchtigkeit; und unter der Erde eine Beherr- scher in der Geister seyn soll. Aus denen obersten Enden der Geweihe spruͤtzte ein wolruͤchendes Wasser/ welches sich aber in der Lufft in einen linden Regen zertheilte. Jn der einen Hand hat- te sie eine wolruͤchende Fackel von weissem Ag- steine/ in der andern ein viereckicht gespitztes Stuͤcke Stein-Saltz/ als ein Merckmaal der Fruchtbarkeit/ welches in hoͤchster Vollkom̃en- heit nicht ferne von Carrodun gegraben wird. Heeatens drittes Haupt bildete einen Hunds- Kopff ab; in beyden Haͤnden hatte sie zwey Schalen mit gantz guͤldenen Brodten. Das siebende recht in die Mitte der andern sechs ge- schlossene Arminius und Thußnelda. schlossene Zelt war aus eitel Golde gewuͤrckt; und mit einem regenbogichten Streiffen durch- zogen/ in welchem als dem gestirnten Thier- Kreiß die zwoͤlf him̃lischen Zeichen aus Golde gestuͤckt zu sehen warẽ. Oben auf der Spitze des Zeltes leuchtete eine guͤldene Kugel mit Rubinen versaͤtzt. Die Taffel war kugel-rund; alle Ge- schirre feines Gold; und alle niedliche in denen andern Zelten vertheilte Speisen nichts minder als fuͤr Zeiten in Mohren-Land auf der den Nahmen eines Sonnen-Tisches verdienenden Wiese hier zusammen vereinbart/ und das seltza- me Wildpret in den weissesten Teig/ welcher sel- bigen Thiere Gestalt fuͤrbildete/ eingebacken; gleich als wenn sonder Zuthat der Sonne kein ander Gestirne etwas zu zeugen vermoͤchte. Unter diesen stand eine hochaufgethuͤꝛnte Schuͤs- sel von eitel denen noch lebendigen Haͤhnen ab- geschnittenen Kaͤmmen/ mit Pfauen- und Nachtigal-Zungen/ Phoͤnicopter-Gehirne/ Rebhuͤner-Eyern/ Papegoy- und Fasan-Koͤp- fen/ Kramß-Voͤgel-Gehirne/ Meer-Barben- Baͤrten angefuͤllet. Nachdem aber dieser Uberfluß auf einem Taffel-Blate keinen Raum fand/ waren dereꝛ drey/ iedes eines Ellen- bogens hoͤher uͤber einander gethuͤrmet. Unter diesen seltzamen Speisen waren fuͤrnemlich die aus Zucker bereitete zwoͤlff him̃lische Zeichen wuͤrdig zu betrachten. Auf der Mitte des obersten Blates war ein guͤldener Fenix; wel- cher in einem Zimmet-Feuer sich nicht so sehr einaͤscherte/ als mit seinem durch etliche kleine Lufft-Loͤcher ausschmeltzenden Balsam die Flamme lebhafft/ die Lufft aber wohlruͤchend machte. Umb die Taffel herumb standen zwoͤlff silbern-verguͤldete Thiere/ nemlich ein Loͤwe/ ein Pferd/ ein Ochse/ ein Wieder/ ein Adler/ ein Schwan/ ein Hahn/ ein Pfau/ eine Heydechse/ eine Feuer-Schlange/ ein Meer- Schwein/ und ein Gold-gruͤner Kefer; wel- che in zwoͤlff guͤldene Schalen so viel Arten Weine spruͤtzten. Wormit aber nichts von der Roͤmischen Verschwendung vergessen/ odeꝛ auch des Antonius Kuͤche beschaͤmet wuͤrde/ standen auf einer absondern Taffel in viereckich- ten Schuͤsseln zwoͤlff gebratene wilde Schwei- ne/ welche alle uͤber sechs Centner wogen. Ja wormit man allhier des verschwenderischen Caranus in Macedonien beruͤhmtes Hoch- zeit-Mahl nicht wegstaͤche/ waren sie alle mit Reb- und Hasel-Huͤnern/ wilden Tauben/ Austern/ Kaͤlber-Milch und Sartellen gefuͤllt. So war auch unter den deutschen Helden keiner bey dieser Taffel/ welcher nicht auserhalb der Netze ein wildes Schwein gefaͤllet hatte; wel- ches alle die veruͤbt haben musten/ so in Mace- donien mit zu einer solchen Taffel gelassen wer- den wolten. Zwischen diesen 7. Zelten waren die annehmlichsten Seiten-Spiele verstecket/ wel- che die darinnen nach Roͤmischer Gewohnheit bewirthete Fuͤrstliche Versam̃lung zu voller Belustigung ermunterten. Jn dem Zelte des Saturnus waren zwoͤlff Wald-Goͤtter/ des Jupiters/ zwoͤlff schoͤne Juͤnglinge/ des Mars/ zwoͤlff Cyclopen/ der Venus/ zwoͤlff nackte Jungfrauen/ des Mercur/ zwoͤlff Affen/ des Monden/ zwoͤlff Wassermaͤnner/ der Sonnen/ zwoͤlff Goͤtter die Gaͤste zu bedienen bemuͤht/ und wormit die Abwechselung sie so viel mehr vergnuͤgte/ leiteten sie sie aus einem Zelte in das ander. Massen denn in allen Zelten kein Trinck- Geschirre verhanden war/ wor aus die Fuͤrsten oder der Adel nicht des Feldherrn oder Thußnel- dens Gesundheit tranckẽ. Deñ ob zwar hier alles auf Roͤmisch hergieng; so hatte doch diese den Griechen und Deutschen von uhralter Zeit ge- meine Gewohnheit: daß sie ihren Goͤttern und Helden bey den Gastmahlen grosse Schalen mit Weine opferten/ auch bey den Roͤmern fuͤr- laͤngst Buͤrger-Recht gewonnen/ und ist nach dem Siege des Fabius und Marius zu Rom keine Mahlzeit gehalten worden; da sie nicht auf Gesundheit dieser ihrer Erloͤser grosse Be- cher ausgeleeret. Ja der Roͤmische Rath hat bey ieder Mahlzeit des Kaͤyser August Gesund- heit zu trincken den Roͤmern durch ein offentlich K k k k k k k k 3 Gesetze Neuntes Buch Gesetze aufgebuͤrdet. Uber diß ist nicht zu ver- gessen: daß bey des Saturnus Zelte zwoͤlff Ge- fangene/ aber hier deutsch-geruͤstete nackte Roͤ- mer/ als welche bey ihren Gastmahlen die Deutschen hierzu gleichfalls zwangen/ biß aufs Blut fechten musten. Bey dem Zelte des Ju- piters aber stellte Amalthea und Melissa nebst noch vierzehn Schaͤferinnen und einer Ziege/ welcher Hoͤrner verguͤldet waren/ in einem zier- lichen Tantze mit der blossen Geberdung die Auferziehung des Jupiters so deutlich fuͤr/ als wenn sie redeten. Sintemal diese Kunst mit den Haͤnden allerhand Schauspiele vorzustellen zwar schon alt/ auch vom Socrates und Plato gebilliget; aber neulich durch des Kaͤysers Au- gustus Schauspiel-Meister den Pylades und Bathyllus aufs hoͤchste gebracht war. Fuͤr dem Zelte des Mars ward ein Mohren-Tantz/ wie ihn selbte fuͤr angehenden Schlachten zu halten pflegen/ wie nichts minder ein Waffen- Tantz/ wie selbten die Curetes in Creta erdacht haben sollen/ von vier Cyclopen und zwoͤlff ge- harnschten Zwergen geheget; darinnen sie den Streit des Ulysses und seiner Gefaͤrthen mit dem Polyphemus aufs deutlichste fuͤrstellten; und die Riesen mit ihren flennichten Antlitzen und grausamen Geberdungen/ die Zwerge abeꝛ mit ihrer Behendigkeit/ da sie denen Cyclopen bald zwischen den Beinen durchkrochen/ bald auf den Achseln und den Koͤpfen sassen; auch mit Aneinanderstossung ihrer silbernen Schilde und Waffen ein annehmliches Gethoͤne mach- ten/ die Zuschauer zu oͤffterem Gelaͤchter und Ergetzung bewegten. Hinter dem Zelte der Venus sangen die sieben Musen in einem Schauspiele die Liebe des Cupido und der Psy- che; und regte iede ein absonderes Seitenspiel darzu. Fuͤr dem Zelte des Mercur ward durch kuͤnstliche Seil-Taͤntzer/ welche auf gantz dinnen und unsichtbaren Faͤdemen sich durch die Lufft bewegten/ der Flug des Dedalus/ und die Ab- stuͤrtzung des Jcarus fuͤrgebildet. Und hier- auf der Tantz des Theseus von zwoͤlff Knaben/ welche die seltzamen Gaͤnge des Cretischen Jrr- Gartens andeuteten/ fuͤrgestellt. Fuͤr dem Zelte des Monden sahe man das Bad Dia- nens/ die Verwandel- und Zerreissung des Acteons in einem Tantze/ darinnen auch die Hunde/ wie bey den Jndianern die Elefanten/ bey den Sybariten die Pferde zu tantzen abge- richtet waren/ aufgefuͤhꝛt wuꝛden. Endlich bilde- ten bey dem Zelte der Sonnen des Atlas sieben Toͤchter die gestirnten Plejades den Lauff der sieben Jrr-Sterrnen ab; welcher Bewegung zur Erfindung des Tantzens den ersten Anlaß gegeben haben soll. Celaͤno war wie der bley- farbichte Saturn; Sterope wie der helle Ju- piter/ Merope wie der feurige Mars/ Alcyone wie die strahlende Venus/ Maja wie der blasse Mercur/ Taygete wie der liebliche Monde/ und Electra wie die freudige Sonne ausgeruͤstet. Hierzu leuchteten grosse angezuͤndete Wachs- Seulen; die Zelten aber wurden mit Ampeln erhellet; darinnen ein balsamichtes Oel brenn- te. Mit welchem Gastmahle denn der uͤbrige Tag und die halbe Nacht durchgebracht/ auch iedem Fuͤrsten von sechs Wald-Goͤttinnen/ iedem Fuͤrstlichen Frauenzimmer von sechs Satyren mit grossen silbernen Leuchtern nach der Burg vorgeleuchtet/ und von eben so vielen allerhand koͤstliche Geschirre mit denen kraͤfftig- sten Saͤfften und Erfrischungen/ als ein Ge- schencke iedem in sein Zimmer getragen/ alle andere Speisen aber vollends unter das Kriegs- Volck vertheilet wurden. Welches alles bey dem deutschen Adel nicht kleine Verwunderung erweckte/ zumal bey dem der nicht zu Rom vor- her die unmaͤssige Pracht und Verschwendung/ (die bey diesem vorhin etliche hundert Jahr lang so maͤssigem Volcke erst nach Uberwin- dung des Antonius bey Actium mit Gewalt eingerissen war/) gesehen hatte. Folgenden Morgen/ als es beginnte zu ta- gen; kamen auf einmal drey Herolden in das Fuͤrstliche Schloß. Der erste war ein Scythe oder Sarmatier. Er saß auf einem leichten Wagen/ Arminius und Thußnelda. Wagen/ war mit einem gelben seidenen Unter- Kleide/ und einem blauen Ober-Rocke belegt; welcher nichts minder/ als seine Haupt-Decke mit einer gewissen Art weicher/ und fuͤr den Wind guter Maͤuse- oder Marder-Felle ge- fuͤttert waren. Sein auf der foͤrdersten Spi- tze des Wagens sitzender Knecht jagte fuͤr ihm vier fluͤchtige Walachen her; welche Art der verschnittenen Pferde die Scythen zum ersten erfunden haben. Er fuͤhrte eine blancke Se- bel in der Hand. Fuͤr ihm ritten etliche Scy- thische mit Koͤcher und Bogen geruͤstete Scy- then. Sein Anbringen begehrete: daß Her- tzog Herrmann dem Scythischen Koͤnige Thuß- nelden abtreten/ oder solche diesen Tag mit den Waffen behaupten/ vorher aber erwegen solte: daß die Scythen unuͤberwindlich; von keiner euserlichen Gewalt noch bemaͤchtigt worden waͤren. Hingegen haͤtten sie den Koͤnig Dari- us/ und des grossen Alexanders Feldhauptmann Zopyrion aufs Haupt erlegt/ ihn selbst erschre- cket/ und Kaͤyser August sich mit ihnen zu verbin- den bemuͤhet. Jhr Koͤnig haͤtte auf eines ge- opferten Ochsen ausgebreiteter Haut bey ent- bloͤster heiligen Sebel geschworen: daß er de- nen Uberwundenen nach ihrer Landes-Art die Nasen abschneiden/ und die Haut mit sam̃t den Haaren von den Koͤpfen abschinden wolte. Er pflegte kein Pferd zu beschreiten/ welches nicht taͤglich fuͤnff und zwantzig deutsche Mei- len lauffen/ und derogestalt zehn Tage austau- ern koͤnte. Also wuͤrde Herrmann durch keine Fluͤchtigkeit seinen Haͤnden entrinnen. Wenn sich aber Herrmann entschluͤsse/ ihm Thußnel- den gutwillig abzutreten; wolte er selbte mit ihm auf Scythische Weise gemein haben. Auser dieser Erklaͤrung wartete er mit seinen Pfeilen ihm auf den Dienst/ welche alle in zu- sammen verfaultem Nattern-Gifte und Men- schen-Blute eingetaucht/ und dahero im Augen- blicke toͤdtlich waͤren. Diesem Herolde folgte ein ander auf einem Parthischen Zelter/ wel- cheꝛ mit seinen geschwinden und sanften Schrit- ten gleichsam herein drabte. Sein Haar war ihm uͤber die Achseln lang ausgebreitet/ das Haupt mit einem vielfaͤrbichten Bunde bedeckt. Er war mit einem weiten gebluͤmten Rocke be- kleidet. Mit der Hand streckte er einen lichten loh brennenden Topf empor. Sein im Nah- men des Parthischen Koͤnigs geschehender Vor- trag war vorigen Jnnhalts; seine Draͤuung aber: daß er bey nicht erfolgter Gewehrung diesen Feuer-Topf wuͤrde in das Wasser werf- fen/ die Uberwundenen aber bey dem guͤldenen Dreyfusse vom Koͤnige ein scharffes Urthel/ entweder: daß ihnen uͤber den gantzen Leib die Haut abgezogen werden/ oder sie in einem ver- schlossenen Nachen verfaulen solten/ erwarten muͤssen. Hierauf erschien in den Schloß-Hof auf einem mit Gold-Stuͤck uͤberdecktem Ele- fanten ein Jndianischer Herold/ in einem din- nen schneeweissen seidenen Rocke. Die kurtz- krausen Haare umbhuͤllete ein mit goldenen Faͤ- demen durchwuͤrcktes Tuch. An den Ohren hiengen perlene Ohrgehencke. Das Antlitz war mit allerhand Farben geschmuͤckt; die Armen mit guͤldenen Ringen gezieret; an de- nen Fingern aber hatte er Naͤgel wie Adlers- Klauen; als welche viel Jndianer ihr Lebtage nicht abzuschneiden gewohnt sind. Jn der rechten Hand fuͤhrte er einen Pfeil dreyer Ellen- bogen lang. Fuͤr diesem Herolde giengen her etliche halbnackte Jndianer/ welche/ als sie die gleich aufgehende Sonne erblickten/ selbte mit einem zierlichen Tantze verehreten. Des He- rolds Anbringen war: daß der Koͤnig in Jn- dien durch Thußneldens Schoͤnheits-Ruhm gereitzet das heilige Ganges-Wasser zu trincken sich entschlagen haͤtte/ und in der Naͤhe sich be- findete. Er truͤge dem Fuͤrsten Herrmann an gegen sie einen weissen Elefanten zu verwech- seln; welcher kostbarer/ als kein Koͤnigreich waͤre. Das Geschencke eines gemeinen Elefanten waͤ- re in Jndien so hoch geschaͤtzt: daß die keuscheste Jungfꝛau dafuͤꝛ ihꝛe Jungfꝛauschaft aufzuopfeꝛn sich nicht weigerte/ und dieser theure Verlust ihr die Neuntes Buch die minste Unehre nicht zuzuͤge. Uber diß ge- lobte er die unvergleichliche Thußnelde der Jn- dianischen Weißheit faͤhig zu machen; da doch sonst ihr Gesetze das gantze weibliche Geschlechte als unwuͤrdig davon ausschluͤsse. Da aber Hertzog Herrmann dis weigerte/ wuͤrde er mit Leuten zu thun bekommen/ welche nichts min- der an Tapferkeit/ als an Alter und Groͤsse des Leibes die ersten Menschen der Welt waͤren. Jhre Pfeile durchbohrten alle lederne Schilde/ staͤhlerne Harnische/ und ertztene Pantzer. Diese wuͤsten sie durch einen Ring in die Ferne zu schuͤssen/ und auf einen Nagel zu treffen. An statt der verlangten Antwort ließ Hertzog Herrmann einen scharffen Spieß von der ober- sten Buͤhne gegen die Herolden in den Schloß- Hof werffen/ und durch die Krum̃-Hoͤrner Ler- men blasen. Worauf der Scythische Herold mit seiner Sebel einen Spaan aus dem Thore hieb/ der Parthische seinen Feuer-Topf in die an dem Schlosse vorbey fluͤssende Bach warff; der Jndianische seinen Pfeil hoch in die Lufft schleuderte. Wenige Zeit hernach zohen die drey ausfor- dernden Koͤnige mit grossem Gepraͤnge in den mittler zeit mit viel tausend Menschen ange- fuͤllten Schau-Platz ein. Der Scythische Aufzug hatte zwar nichts von Gold oder Silber an sich. Denn diß Ertzt hassen sie uͤberaus; weil es die Schaͤdligkeit des Eisens hundertfach/ seinen Nutzen aber nicht zur Helffte an sich hat. Gleichwohl aber gieng dem Ansehn dieses Koͤ- nigs nichts ab; welchen Fuͤrst Catumer fuͤr- stellte. Am ersten kamen drey Wagen; dar- auf eitel lederne Paucken lagen/ und mit meßin- genen Schlaͤgeln von unbaͤrthichten Juͤnglingẽ mit weiß-gekraußten Haaren geschlagen wur- den. Jhre Kleider waren auch alle aus weis- sem Hermelinen Rauchwercke; die Muͤtzen aber von schwartzen Fuͤchsen. Hierauf ritten zweyhundert Sarmater/ in mardernen Peltzen/ mit Sebeln/ Bogen und Pfeilen ausgeruͤstet. Jeglicher aber fuͤhrte auf ieder Seite ein Bey- Pferd. Diesen folgten so viel in Luchsen-Haͤu- te gekleidete Scythen/ derer ieder drey Pferde nebst dem/ welches er ritt/ an der Hand fuͤhrte. Nach diesen kam ein von sechs weissen Pferden bespannter/ mit allerhand Laubwerck besteckter und von zwoͤlff Auer-Ochsen gezogener Wa- gen. Aufdiesem lag ein uͤberaus groß entbloͤ- stes Schwerdt/ als ein Kennzeichen der Gott- heit bey den Scythen. Umb den Wagen her- umb giengen ein und zwantzig Priester in Her- melinen Peltzen; derer Haͤupter mit Laub- Kraͤntzen umbgeben waren. Hierauf folgte der Koͤnig in einem langen zobelnen Rocke. Dieser suͤhrte auf ieder Seite drey Hand-Pfer- de/ und zwar eitel Stutten/ weil sie diese in Krieg am geschicksten halten/ neben sich; darun- ter das eine grauaͤpflicht/ das andere Perlen- weiß/ das dritte hoch-goldfaͤrbicht/ das vierdte schneeweiß mit blauen Flecken/ das fuͤnfte Tie- gerfaͤrbicht; das siebende/ worauf er ritt/ Fluͤ- gen-trappicht; allen aber das Zeichen des Fa- sans/ umb ihr Vaterland anzudeuten/ einge- brennet war. Nach dem Koͤnige folgten zwan- tzig Scythische Fuͤrsten/ eben so wie der Koͤnig mit Zobeln bekleidet/ nur/ daß sie alle schwartz- fuͤchsene Muͤtzen auf/ und nur fuͤnf Pferde ne- ben sich hatten. Diese waren die Grafen von Duͤllingen/ Stalberg/ Dachau/ Kam̃/ Wasser- burg/ Wittin/ Dieffalden/ Lechsmund/ Hohen- bogen/ Reneck/ Phirdt/ Falckstein/ Luͤtzelstein/ Stoͤfling/ Leißneck/ Rochlitz/ Teckelnburg/ Winßenburg/ Staden und Brenn. Aller dieser Pferde Zeuge/ insonderheit des Koͤnigs waren mit grossen Scythischen Schmaragden reichlich besetzt; welche die Bactrianische/ Egy- ptische und alle andꝛe der Welt bey weitem weg- stechen. Hierauf ward auf einem mit zwoͤlff Elend-Thieren bespannten Wagen das Bild des Hercules/ und seines Sohnes Scytha/ von dem diese Voͤlcker entsprungen seyn sollen/ ge- fuͤhret; und folgten ferner hundert mit weissen Baͤren Haͤuten bedeckte und vier Pferde neben sich fuͤhrende Edelleute. Endlich beschlossen hundert Arminius und Thußnelda. hundert in wilde Katzen gleichsam eingenehete/ und mit zwey Bey-Pferden geruͤstete Sarma- ter diesen Aufzug. Der Scythen Koͤnig stell- te sich alsofort in eine vorwerts zugespitzte/ ruͤck- werts aber sich immer mehr und mehr ausbrei- tende Schlachtordnung. Unterdessen hielt Her- tzog Herrmann durch das gegenuͤber stehende Thor des Schau-Platzes einen fast gleichmaͤssi- gen Aufzug; nur: daß die Deutschen ihre Haare zusammen gebunden/ keinen andern Schmuck/ als Agstein; und nur Luchsen-Baͤ- ren-Wolff- und Fuchs-Haͤute zu Kleidern hat- ten; weil der Feldherr die uhralte Art der Deut- schen fuͤrstellen/ nicht aber die falsche Meynung/ als wenn sie von Scythen entsprossen waͤren/ behaupten wolte. Nach beyderseits gleichge- stellter Schlacht-Ordnung/ fuͤr welcher der Scythen Koͤnig und Hertzog Herrmann an deꝛ Spitze hielten; neigte jener sich fuͤr dem in der Mitte des Schau-Platzes stehenden Bilde der Fuͤrstin Thußnelda. Auf beyden Seiten ward ein blutfaͤrbichter Rock/ als ein Zeichen des Kampfes auf einen langen Spieß aufge- steckt/ und es hatten beyde Theile schon die Pfeile auf ihre gespannte Bogen gelegt; als das Quer-Thor des Schau-Platzes sich mit einem grossen Sturme oͤffnete; welcher zugleich die von vielen schon abgeschossenen Pfeile auf die Seite schleuderte. Durch das aufgeschlagene Thor kam ein mit Sternen uͤber und uͤber be- mahlter aber an den Raͤdern gantz gefrorner Siegs-Wagen gefahren/ welchen vier schnee- weisse Baͤren zohen; die der von eitel Eyß und Schnee raschelnde Nordwind leitete. Auff dem Wagen aber saß das Nord-Kind die Tap- ferkeit nicht anders als die gewaffnete Pallas/ oder vielmehr als Perseus/ wie er gegen die Gorgonen gezogen/ ausgeruͤstet/ in dem sie mit einem krystallenen Schilde und Helme/ dero- gleichen Minerva dem Perseus geschenckt ha- ben soll/ gewaffnet war. Diese begleiteten auch noch sechs andere Winde; welche aus kuͤnstlich beꝛeiteten Blase-Baͤlgen in dem Schau-Platze einen empfindlichen Wind erregten; alle aber sich eilfeꝛtig zwischen die Deutschen und Scythen eindrangen/ und ihren fuͤrgesetzten Kampf hin- derten. Die Tapferkeit aber bestillte alsofort die rauschenden Winde mit einem Wincke/ und fieng mit einer durchdringenden Stimme fol- gende Reymen an zu singen: Wer hat euch diesen Wahn/ Einfaͤltige/ bracht bey: Jhr die ihr nicht so wohl in Norden Nachbarn seyd/ Als Bruͤder von Gebluͤt’/ und in der Tapfferkeit; Daß Fried’ ein Kind der Furcht und Krieg der Tugend sey/ Meynt ihr: weil Mitternacht der Erden Ausbund ist/ Das hoͤchste Theil der Welt/ die meisten Sternen zehlt/ Ja weil ein zweyfach Baͤr dem Himmel sich vermaͤhlt: Daß ihr auff euch nur selbst die Waffen schaͤrffen muͤßt. Nein sicher! zwar der Streit erhaͤlt so Staͤrck’ und Preiß Als wie der Wind die Glut/ und Sturm das bittre Meer. Doch kaͤmpfft nie mit ihm selbst mein zweygestirnter Baͤr; Der kalte Nord-Wind weht nach Sud sein hartes Eyß. Ein Luchs spielt mit dem Luchs/ auch wenn er grimmig scheint. Der Wolff hegt mit dem Wolff ein nur anmuthig Spiel. Diß Beyspiel lehr’ euch nun/ was mein Gesetze wil. Schertzt unter euch/ und seyd den Mittags-Laͤndern feind. Der Himmel hat das Reich der Welt fuͤr Mitternacht/ Fuͤr der Cherusker Held Thußnelden laͤngst bestimm’t; Jch dem/ der uͤber Jud’ und Persen heute klimm’t/ Der sieben Sternen Krantz zum Lohne zugedacht. Mit dem Beschlusse dieses Gesanges fuhr die Tapferkeit harte unter das Bild der Fuͤrstin Thußnelda/ und legte in ihre ausgestꝛeckte Hand einen das Sieben-Gestirne kuͤnstlich abbilden- den Krantz. Das vorhin zum Kampfe anrei- tzende Pauckenschlagen verwandelte sich in ein annehmliches Gethoͤne; der angezielte Streit in das Sarmatische Ritter-Spiel; welches nichts minder bey allen Voͤlckern/ als zu Rom fuͤr das allerannehmlichste gehalten ward. Thußneldens Seule blieb das Ziel des von de- nen Deutschen und Scythen bald die Quere bald die Laͤnge geschehenden Rennens. Den Anfang machten die/ welche nur mit drey Pfer- den versehen waren; welche fuͤr erreichtem Zwe- cke mit einer artlichen Geschwindigkeit alle Pferde bespringen/ und doch faͤdem-gleiche neben obeꝛwehntem Bildnuͤsse anhalten musten. Den Preiß unter diesen etlichen hundert Ren- nern erhielt der Ritter von Reißen; welcher war ein mit Agstein versetzter Bogen. Hierauf Erster Theil. L l l l l l l l kamen Neuntes Buch kamen zu rennen die vier Pferde fuͤhrende und uͤberspringende Ritter; worunter der Graf von Ascanien einen mit Agstein versetzten Koͤcheꝛ und Bogen zum Dancke bekam. Auf diese erwiesen die fuͤnff Pferde im Rennen fuͤhrende Ritter solche Geschwindigkeit: daß iedermann glaubte: Sie haͤtten durch ihr fuͤnsffaches Uber- springen der Pferde in einem so kurtzen Ziele al- ler groͤssern Geschickligkeit den Vortheil abge- rennet/ insonderheit der Graf zu Duͤringen; welcher ein mit Agstein geziertes Schwerdt zum Preiße erhielt. Aber aller Augen wurden schier verblendet; als die zwantzig Deutschen und so viel Seythische Grafen mit ihren sechs Pfer- den solches noch allen vorhergehenden im Ren- nen und Springen zuvor thaͤten; und darmit den Ruhm erhielten: daß sie dem Koͤnige Teu- tobach/ den die Roͤmer destwegen fuͤr ein Wun- derwerck gehalten/ gleich kommen waͤren. Jn- sonderheit frolockte der gantze Schauplatz uͤber dem darunter rennenden Fuͤrsten der Wenden/ welchem die Cattische Hertzogin einen mit Scy- thischen Schmaragden versetzten Koͤcher/ Bogen und Schwerdt selbsthaͤndig uͤberlieferte. Jeder- mann verlangte nun zu vernehmen: Ob es moͤglich waͤre: daß der auf Deutscher Seiten zuruͤckbliebene Feldherr/ und auf Scythischer/ Fuͤrst Catumer/ an statt so vieler vollkommener Renner und Springer alleine den Schauplatz vergnuͤgen koͤnten. Alleine dieser ward bald gewahr: daß er zu wenig Augen fuͤr zwey so ausbuͤndige Helden hatte. Anfangs erschie- nen beyde nur auf einem Pferde; Herrmann bildete den Morgen-Catumer den Abend- Stern fuͤr. Jeder aber sprang bey waͤhren- dem Rennen siebenmal vom Pferde/ und so viel mal wieder darauf; das erste mal auf der lin- cken/ das andere auf der rechten Seite des Pferdes/ das drittemal mit beyden/ das vierdte mal mit einer/ das fuͤnfte mal ohne Gebrauch einiger Hand uͤber den Ruͤcken/ das sechste und siebende mal/ iedoch auf unterschiedene Art/ uͤber den Kopf des Pferdes in Sattel; also: daß alle Zuschauer hieruͤber erstarreten. Hierauff setzten sie sich in Gestalt des Monden auf einen mit zwey weissen Pferden bespannten Wagen; dar mit sie durch ein uͤberaus kuͤnstliches Kreiß- Rennen und auf der Stelle geschehendes Umb- drehen umb Thußneldens Seule den Schau- platz auffs neue gleichsam bezauberten. Sie erschienen aber bald darauf wie der Pluto geruͤ- stet/ auf einem mit drey kohlschwartzen Pferden jagendem Wagen; mit welchem Rennen sie fast an statt der Proserpina das Bild Thußnel- dens zu rauben vorhaͤtten. Nach diesem voll- brachten Rennen kam ieder nicht anders/ als ein Blitz auf einem mit vier goldgelben Pferden rennenden Wagen durch den Schauplatz ge- jagt; von welchem sie sich mehrmals wie ein Phaethon abstuͤrtzten; gleichwohl aber so genau die Gelegenheit ihren Sitz wieder zu erlangen beobachteten: daß sie weder den Ansprung ver- saͤumten/ noch auch die Pferde in vollen Buͤgen hemmeten. Nach diesem erschien Hertzog Herrmann wie Castor/ Fuͤrst Catumer wie Pol- lux mit fuͤnf rennen den Pfeꝛden auf den Schau- platz/ welche sie fuͤr dem Ziele nicht alleine nach der Reye/ wie vorige Ritter/ sondern mit Uber- hopfung eines/ zweyer und dreyer besprangen. Welches alles so viel wunderwuͤrdiger war; weil dieses Numidische Pferde waren/ und weder Zaum noch Saitel hatten; gleichwohl aber sich mit blossen Worten und andern An- deutungen so leichte regieren liessen. Als diß Rennen vollendet war/ erschienen sie wie der Bellerophon gefluͤgelt mit sechs Pferden; wel- che sie nicht nur in vollem Lauffe uͤbersprangen; sondern auch sechs Pfeile von ihrem Bogen in die Lufft schossen; und zuletzt denen Pferden gleichlauffende das Ziel/ wie in denen Olympi- schen Spielen braͤuchlich war/ zu Fusse erreich- ten. Endlich erschienen sie in ihrer ersten Deutschen und Scythischen Tracht mit sieben Pferden/ weil kein Mensch aus dem Alterthum sich Arminius und Thußnelda. sich ihnen mit derogleichen Rennen und Uber- springung so vieler Pferoe/ wie sie mit grossem Frolocken des gantzen Schauplatzes wunder- wuͤrdig verrichteten/ zu vergleichen haͤtte. Dan- nenhero Hertzog Herrmann von der Cattischen Hertzogin/ Catumer von Thußneldẽ mit einem Krantze von Oel-Zweigen nach Art der Sieger in den Olympischen Spielen beschencket ward. Das Jauchzen des gluͤckwuͤnschenden Vol- ckes ward durch ein neues Gethoͤne allerhand kriegerischer Hoͤrner und Paucken gestillet; wel- che durch das eine Thor in den Schauplatz ein- zohen. Hierauf folgte ein verguͤldeter Wagen mit zwey weissen Pferden; darauf ein silberneꝛ Opfer-Tisch stand/ worauf das ewige Feuer brennte. Hinter demselben saß ein weiß-ge- kleideter Priester/ mit einem aus goldfaͤrbichten Sonnen-Blumen gewundenem/ und denen Persischen Weisen zugeeignetem Krantze auf dem Haupt/ in den uͤber der Stirne der Nahmẽ Gottes mit Golde genehet war. Auf der Brust hieng ihm eine rundte Schale von Kristall/ in die das aus Rubin gemachte Bild der Sonnen geschlossen war/ welches der Persische Koͤnig auf die Spitze seines Zeltes zum Zeichen stellen laͤßt: daß er mit seinem Heere aufbrechen wolle. Jn der einen Hand trug er einen Oel-Zweig/ in der andern ein guͤlden Rauch-Faß/ mit gluͤen- den Kohlen und Weyrauch angefuͤllt. Umb den Wagen ritten auf schneeweissen Pferden sieben Persische Weisen alle mit Myrten- und Lorber-Ruthen in der Hand. Diesen folgten hundert Parther zu Pferde mit versilberten Lantzen/ verguͤldeten Bogen und Pfeilen; die- sen folgte aber das Pferd der Sonnen/ von Far- be schneeweiß/ von ungemeiner Groͤsse und Schoͤnheit. Uberdiß war es mit einer gold- gestuͤckten Decke belegt; der Zeug war mit Tuͤrckissen versetzt. Die es fuͤhrten/ waren in weisse Seide gekleidet/ und hatten guͤldene Spißgaͤrten. Hierauf ritten dreyhundert fuͤnf und sechzig noch unbaͤrthichte Persische Edelleute auf gelben Pferden in purperfar- benen und mit Golde durchwebten Roͤcken. Nach diesem kamen zwey Maul-Esel mit pur- pernen Decken/ und trugen in einem guͤldenen Gefaͤsse das so genennte goldene Wasseꝛ/ welches der Koͤnig trinckt/ und kein ander Mensch/ ja seine eigene Kinder nicht kosten doͤrffen. Hier- auf erschienen zwantzig Persische Herren/ die Anverwandten des Koͤnigs genennt/ welche nicht nur mit guͤldenen Pantzern uͤber und uͤber bedeckt waren/ und eitel mit Edelgesteinen ver- setzte Waffen hatten; sondern ihre Pferde wa- ren auch gantz und gar uͤberpantzert; ihr Hals und Armen auch mit koͤstlichen Kleinodien als Koͤniglichen Geschencken/ auser denen kein Perser einige tragen darff/ gezieret. Diesen folgte der Koͤnig (welchen allhier Fuͤrst Ga- nasch bekleidete) auf einem Perlen-farbenen Hengste/ dessen Gang nach der Persischen Pferde angebohrner Art schnell/ praͤchtig und doch sanfte/ der Zeug mit grossen Rubinen be- setzt/ die Huf-Eisen oder der Hufschlag Gold waren. Des Koͤnigs Unter-Kleid war halb purpern/ halb schneeweiß. Der Ober-Rock war Goldstuͤck/ und in selbten mit Edelgestei- nen Habichte gestickt/ welche mit den Schnaͤ- beln an einander setzten. Auf dem Haupte hatte er einen blau- und weissen Bund/ an dem uͤber die Stirne ein Pusch Reiger-Federn stand/ welche ein unschaͤtzbares Kleinod von Rubinen zusammen schloß. Oben auf dem Wirbel stand das Bild des Cyrus aus wohlruͤchendem Labycus Hartzte; das der Myrrhe gleich/ aber ein viel koͤstlicher Gewuͤrtze ist. Den Leib umbschloß ein guͤldener mit Diamanten glaͤn- tzender Guͤrtel; daran sein gleichmaͤssiges Schwerdt hieng/ dessen Scheide mit denen groͤ- sten Perlen bedeckt war. Umb den Koͤnig her giengen vier und zwantzig in Goldstuͤck geklei- dete Knaben; welche auf weissen Schilden die großsprecherischen Nahmen des Persischen Koͤ- nigs trugen; indem er darauf der grosse L l l l l l l l 2 Koͤnig/ Neuntes Buch Koͤnig/ ein Koͤnig der Koͤnige; ein Bruder der Sonne und des Monden/ ein Anverwandter der Gestirne; ein Sohn des Feuers/ ein Herr der Welt geheissen ward. Nach dem Koͤnige folgten abermals zwantzig gantz geharnschte Persische Fuͤrsten; und hierauf eine Menge Kamele mit Senften/ darinnen das Koͤnigliche Frauenzimmer eingesperret war. Und endlich beschlossen hundert in blauen Damast gekleide- te/ und wie die erstern geruͤsteten Perser diesen Aufzug; welche/ nachdem die Deutschen und Scythen sich inzwischen auf die breite Nord- Seite des Schauplatzes gesetzt hatten/ sich auff das West-Theil der Sud-Seiten den Deut- schen gleich gegen uͤber in Schlacht-Ordnung stellten; ieder Perser aber vorher in einen fuͤr dem Koͤnige stehenden Korb einen mit seinem Nahmen gezeichneten Pfeil warff; welches die- ses Volck fuͤr allen Treffen zu thun pflegte/ umb hernach von denen gebliebenen Gewißheit zu haben. Unterdessen kam zu dem vierdten Thore eine Anzahl Jndianischer Heerpaͤucker; und derer/ welche in ein gewisses Rohr bliessen. Hier auf ritten hundert in weisse baumwollene Leinwand biß auf die Fuͤsse gekleidete Jndia- ner. Die Haͤupter waren mit bundten seide- nen Tuͤchern umbhuͤllet; an den Ohren hien- gen helffenbeinerne Kugeln. Sintemal die Ohrgehencke nichts minder/ als bey den Grie- chen/ wie bey den Roͤmern die guͤldenen Ringe an Fingern/ und die kleinen Monden auf den Schuhen ein Merckmal des Adels sind. Etliche hatten Schuh aus Baum-Rinden/ etliche aus weissem wiewohl mit andern Farben geputzten Leder mit hohen Absaͤtzen. Auf dem Ruͤcken fuͤhrten sie in einem guͤldenen Koͤcher Pfeile aus Jndischem Schilffe eines Mannes lang; auf der Seite einen zierlichen Bogen/ den sie mit den Fuͤssen spannen/ und darmit durch Stahl und Eisen schuͤssen. Diesen folgte ein guͤldener mit zwey einhoͤrnrichten Thieren gezogener Wagen/ auf welchem das Riesen-Bild des von ihnen verehrten Hercules zu sehen war. Hier- auf ꝛitten in den Schauplatz hundeꝛt eben so aus- geruͤstete Jndianer/ nur daß ihr Gewand weisse mit Golde durchzogene Seide/ die Ohrgehencke Edelgesteine waren/ und sie noch darzu perlene Halsbaͤnder umbhatten. Diesen folgte ein von Tiegern gezogener Wagen mit dem Bilde des Bacchus/ welcher ihnen die ersten Frie- dens- und Kriegs-Gesetze gegeben/ sie Wein und Staͤdte zu bauen gelehret haben soll. Und hierauf abermals eine noch reicher mit Gold gekleidete Reiterey von hundert Pferden. Nach diesem erschien ein weisser Elefant von ungemeiner Groͤsse mit Goldstuͤcke bedeckt; welchem seine verguͤldete Speise-Gefaͤsse fuͤr- getragen wurden. Diesem folgten zwantzig Jndianische Fuͤrsten in Goldstuͤcke/ darein aller- hand seltzame Voͤgel gewebt waꝛen/ deꝛeꝛ Haupt/ Hals und Waffen von Edelgesteinen schimmer- ten; und auf diese der Koͤnig (welchen hier Fuͤrst Jubil vertrat) auf einem grossen gethuͤrm- ten mit Golde gantz uͤberdeckten Elefanten; dessen Kleid Purper/ in selbten aber eitel guͤl- dene Drachen gestuͤckt; die Hauptbinden uͤber und uͤber mit grossen Perlen/ die Waffen mit Diamanten bedeckt waren. Hinter ihm stand ein Weib/ welche ihm die Haa- re kaͤmmete. Der Thurm/ in dem er saß/ war mit frembden Zweigen umbfloch- ten/ und in selbte redende Papegoyen und andere singende Voͤgel angebunden. Umb den Elefanten rings herumb giengen zwan- tzig Mohren-Knaben mit silbernen Rauch-Faͤssern/ welche von Aloe/ Casi/ Arom und Weyrauche loderten. Nach dem Koͤnige erschienen abermals zwan- tzig koͤstlich-aufgeputzte Fuͤrsten; nach die- sen fuͤnf Elefanten/ welche Wechsels-weise bey ihrem Herrn die Wache zu halten abgerichtet waren; und endlich zwey hun- dert geruͤstete edle Jndianer; die alle neben denen Persen sich gegen die Scythen in Schlacht- Arminius und Thußnelda. Schlacht-Ordnung saͤtzten. So bald nun mit den Paucken und Krumhoͤrnern das Zeichen zur Schlacht gegeben ward/ grief ein jeder zu seinem Bogen; also: daß durch die Pfeile/ wel- che die Scythen und Parthen meist nicht schnur gerade auf den Feind/ sondeꝛn empor in die Lufft schuͤssen/ umb durch den Herunter-Fall selbten zu beleidigen/ der gantze Schauplatz erfuͤllet ward/ und hierdurch unzehlbar viel verwundet waͤren worden/ wenn nicht bey diesem Schat- ten-Streite alle Spitzen der Pfeile mit Fleiß waͤren verbrochen oder stumpff gemacht gewest. Hier auf saͤtzten sie mit Schwerdteꝛn und Wun- der-Spießen an einander; und wusten sich die Hauffen so artlich zu schwencken: daß die Deutschen und Scythen einmal mit den Per- sen/ das andeꝛmal wechsels-weise mit den Jndia- nern zu treffen kamen. Der Unterscheid der Kleidungen/ und die gute Ordnung/ wie im̃er ein geschlossenes Glied auf das andere traf/ gab dem Schauplatze eine ungemeine Vergnuͤ- gung. Jnsonderheit ließen sich die vier Heer- fuͤhꝛer tapfer schauen; und war insondeꝛheit eine Lust; wie bald Hertzog Herrmann/ bald Catu- mer gegen des Fuͤrsten Jubils Elefanten fochte/ und selbten bald mit bꝛennenden Fackeln schuͤch- tern/ Jubil aber mit Maulbeer-Saffte wider heꝛtzhafft machte/ und seine sich kluͤglich wenden- den Feinde verfolgte. Mit dem Hertzog Ga- nasch brach jeder auch drey Lantzen; also: daß/ wer mit seiner Tapfer- und Geschickligkeit dem andeꝛn etwas zuvor thaͤt/ schweꝛlich zu unteꝛschei- den war. Als nun alle Glieder dreymal mit einander getroffen/ ließ die Abgoͤttin Juno und Vorste- herin der Hochzeiten auf einem guͤldenen mit Pfauen bespannten Wagen in einer lichten Wolcken sich mitten auf den Schauplatz/ und noͤthigte also die zu einem neuen Kampfe sich ruͤ- stende Hauffen auf ihrem Stande festen Fuß zu halten. Uber der Juno saß auf einem Re- genbogen J r is/ und fuͤr ihr die Geister beyder Angelsternen; und sieben mit gestirnten Klei- dern bedeckte Jungfrauen; welche alle durch Harffen und andere Saͤiten-Spiele gleichsam die suͤsse Ubereinstimmung der himmlischen Gestirne; welche die Egyptier ohne dis durch eine siebenseitichte Leyer/ die Griechen durch so viel Pfeiffen des Paris fuͤrgebildet haben/ aus- druͤckten. Jn dis annehmliche Gethoͤne sang Juno mit einer lebhafften Bewegung und durchdringenden Anmuth folgende Reimen: Welch Unstern regt die Helden dieser Welt Durch Menschen-Blut mein Feyer zu entweihen! Wer weiß nicht: daß bey meinem holden Freyen Die Hochzeit-Lust durch Zwytracht wird vergaͤllt. Das Blut/ wormit mein Hymen mich beschenckt/ Der Braͤute Schatz/ die Bluͤte der Jungfrauen/ Mag nur allein mein friedsam Auge schauen: So werd’ ich nun durch euren Streit gekraͤnckt. Jch bin vergnuͤgt mit einer Gans und Kuh. Ja/ welcher mir wil opfernde gefallen/ Muß uͤber dis hinwegthun ihre Gallen; Und sich bey mir durch Eintracht liebeln zu. Wer aber scheut nicht Herrmanns blitzend Schwerdt? Wer spiegelt sich nicht an Jxions Straffen? Der Lust gewinnt Thußnelden beyznschlaffen/ Die GOtt und ich dem Herrmann hat beschert. Dis todte Bild dient durch sein rege-seyn Des Himmels Schluß/ und wem der Krantz gehoͤre Der Tapferkeit/ euch Frembdlingen zur Lehre; Wenn’s Herrmanns Haupt mit Sternen huͤllet ein. Uber diesen Worten bewegte sich die in der Mitte des Schauplatzes stehende Seule/ und das Bild Thußneldens naͤherte sich dem an der einen Ecken haltenden Feldherrn/ und saͤtzte ihm den von der Tapferkeit empfangenen Sternen- Krantz auf. Hierauf sang Juno weiter: Doch/ laͤchs’t in euch der Kriegs-Geist noch nach Blut/ So laßt es hier Luchs/ Baͤr und Pferd vergießen. Denn Menschen solln der suͤssen Ruh genuͤssen/ Krieg aber ist des Viehes Art und Gut. Nach vollendetem Gesange hob sich Juno in ihrer Wolcke wieder empor; alle Fuͤrsten L l l l l l l l 3 und Neuntes Buch und Kriegs-Helden aber neigten ihre Waffen gegen dem gekraͤntzten Herrmann. Jedes Oberhaupt zohe auch seine Kriegs-Schaaren aufs engste zusammen/ also daß in der Mitte des Schauplatzes ein grosser leerer Raum uͤbrig blieb; welchen alsobald eine Menge herfuͤr kommender Wald-Maͤnner mit eisernen ge- guͤtterten Netzen umbspannten. Jn diesen Umbkreiß ließen die Jndianer einen Elefant/ welcher vorher fuͤr seinem Koͤnige die Knie beug- te/ und ein Thier mit einem Nasen-Horne; die Perser ein Pferd und einen Tiger/ die Scythen einen weissen Baͤr und Auer-Ochsen/ die Deut- schen einen Luchs und einen Wolff zusammen. Anfangs tastete der Baͤr den Elefanten/ der Ochse das Pferd/ der Luchs den Tiger/ der Wolff das einhoͤrnrichte Thier an; und wehrete dieser Kampff eine gute halbe Stunde sonder ein oder des andern Thieres Vortheil. Als aber fast alle verwundet war e n/ vergassen diese Thiere ihre angewohnte Gemeinschafft; und verwechsel- ten also ihre Feinde nach ihrer angebohrnen Eigenschafft/ indem das Horn-Thier den Ele- fanten antastete/ sein Horn an einem Stein wetzte/ um darmit des Elefanten weichen Bauch aufzuritzen/ hingegen aber dieser jenes zu Bo- dem zu rennen; der Tiger das Pferd zu belei- digen/ der Baͤr den Ochsen zu zerreissen/ und der Luchs des Wolffes Meister zu werden bemuͤht war. Jedes Volck/ welches diesen Streit fuͤr eines buͤr gerlichen Krieges Andeutung annam/ bemuͤhte sich diese Thiere mit Stangen/ Fackeln und andern Erfindungen von einander zu brin- gen/ worauf denn der Luchs an den Elefanten gerieth/ und ihn in seine Schnautze so heff t ig verwundete: daß er die Netze uͤber einen Hauf- fen rennte/ also aus den Schrancken floh/ und seinen Wunden die bekandte Aloe-Artzney ein- floͤßete. Der Wolff verwundete das Pferd so sehr an der Gurgel: daß es todt zu Bodem fiel. Hingegen toͤdtete das Horn-Thier den Auer-Ochsen; und der Baͤr kratzte dem Tiger die Augen aus. Nach diesem Siege geriethen die verwundeten Uberwinder allererst an ein- ander; alleine der Luchs ward durch seine Ge- schwindigkeit endlich des Horn-Thieres/ und der Wolff durch seine Arglist zu grosser Ver- wunderung aller Zuschauer des Baͤres Mei- ster. Welchen Sieg sie mit gꝛossem Frolocken/ und durch ein in die hole Hand geschehendes Pfeiffen annahmen. So bald die erlegten Thiere und die Garne von denen Wald-Maͤnnern auf die Seite ge- raͤumet waren/ saͤtzte sich Hertzog Jubil mit sei- nem gantzen Jndianischen Heere in die Mitte in einen rundten Kreiß; darinnen gleichsam in einem Augenblicke ein viereckicht Geruͤste aufgerichtet/ und auf jeder Seite ein grosses Seil von dem Bodem daran ausgespannet ward. Jn diesen Kreiß kam Jndien als eine mit eitel Edelgesteinen gekroͤnte Koͤnigin auf dem weissen Elefanten geꝛitten. Jn der Hand hatte sie eine Muschel/ darinnen eine uͤberaus grosse Perle lag; welche bis zweyhundert Ger- sten-Koͤrner wog/ und also billich fuͤr eine Koͤni- gin dieser edlen Gewaͤchse zu achten war/ sondeꝛ- lich da es fuͤr kein Getichte zu achten: daß die Perlen oder vielmehr ihre Muscheln und Schnecken nichts minder als die Bienen ihre Koͤnige und Fuͤrsten haben/ welche sich aus den Haͤnden und Hamen der Perlen-Fischer mei- sterlich aus uwinden wissen; mit ihrem Fange aber aller andern nach sich ziehen sollen. Des Elefanten Decke war gleichfals mit Perlen ge- stuͤckt/ und er selbst hatte zwey grosse und wie eine Birnelaͤnglichte Perlen an den Ohren hencken. Dieser stieg auf einem ausgedehnten Seile gleichsam tantzende auf den Schauplatz. Jhm folgten zwoͤlf Mohrische Liebes-Goͤtter; wel- che alle im lincken Arme zierlich-geflochtene Koͤrbe/ und darinnen Perlen-Muscheln/ in der rechten Hand brennende Wachs-Fackeln/ und daran haͤngende Schilde mit denen zwoͤlf himmlischen Zeichen und beygesaͤtzten guͤldenen Buch- Arminius und Thußnelda. Buchstaben hatten. An denen vier Ecken des Geruͤstes thaten sich des Ganges/ Jndus/ und zweyer anderer Fluͤsse Bilder herfuͤr; welche nebst Regung zweyer absonderer Saͤitenspiele zum Preisse der Perlen und der Liebe folgende Reimen sangen: Wenn der Gestirne Krafft/ Der besten Kraͤuter Safft/ Der Sonn’ ihr Oel/ der Glantz der Edelsteine/ Der Berge Marck/ des Balsams Eigenschafft/ Des Monden Thau/ der Glantz von Helffenbeine/ Der Blumen Geist/ des Meeres Reichthum sich Vereinbart gleich in einen Kreiß/ Behaͤltst du/ Perle/ doch den Preiß/ Es reicht kein Schatz des Himmels nicht an dich! Maͤßt der Natur nicht bey: Daß sie zu sparsam sey/ Weil keine Muschel Zwillinge gebieret. Ein edles Kind ist schaͤtzbarer als drey. Und dieses/ was die Purper-Schnecken zieret/ Jst zwar ein Schatz/ doch nur ein Tropfen Blut. Ja aus der Perlen Rundt’ erhellt: Es habe Himmel/ Meer und Welt Jn einer Perl umbschraͤncket all ihr Gut. Die Liebe mag allein Der Perle Nachbild seyn. Denn man schaͤtzt sie im Himmel und auf Erden, Die Schoͤ n heit pregt in sie ihr Bildnuͤs ein. Sie laͤßt in sich auch nur ein Kind jung werden; Und schoͤpfft keinmal an Nehen-Sonnen Lust. Kurtz wie die euserliche Welt Die Perle fuͤr ihr Kleinod haͤlt/ So ist die Lieb’ auch’s Kleinod in der Brust. Zu diesem Singen und Saͤitenspielen heg- ten die zwoͤlf Liebes-Goͤtter einen annehmlichen Tantz mit kuͤnstlichen Abwechselungen. Bey dem Schlusse eines jeden Satzes saͤtzten ihrer sechs auf einer Seite in einem halben Kreisse mit ihren an denen Schilden stehenden Buch- staben das Wort: Jndien; auf der andern Seite das Wort: Perlen zusammen. Bey dessen Schlusse kam in den Schran- cken ein ander Elefant; dessen Ruͤcken mit ei- nem Silberstuͤcke bedeckt/ und mit einer Mu- schel bethuͤrmt war; darinnen die Goͤttin The- tys oder das Meer saß; und zwoͤlf in Silber- schupfichte Roͤcke nach Art der Syrenen geklei- deten Wasser-Nymphen sie rings umbher be- gleiteten. Diese ruͤhrten alle grosse mit Saͤi- ten bezogene Muscheln; worvon der Elefant mit seiner Thetys zu tantzen/ und gegen dem weissen die Knie zu beugen anfieng; endlich auch auf dem einen grossen Seile hinauf und wieder zuruͤck tantzte. Diese Wasser-Goͤttinnen loͤ- seten die vier Fluͤsse mit ihren Saͤlten spielen ab/ woruͤber jene einen zierlichen Tantz anfiengen/ in dem die Thetys mit ihrem Elefanten wun- derwuͤrdige Wendungen fuͤrstellte/ und zugleich in ihrer Muschel folgende Reimen darzu sang: Kommt! kraͤntzet mit Corall mein Haar/ Schmuͤckt Hals und Brust mit perlenen Geschmeiden; Die Hand mit Palmen/ und den Leib mit Seiden; Gewehrt mir Weyrauch aufs Altar; Nach dem das Meer allein ist herrlich/ reich und groß/ Ja Feuer/ Erd und Lufft gestehn: Es sey in ihnen nichts so schoͤn/ Als Perl’ und Liebe sind die Toͤchter meiner Schoß. Die beyd’ in mir zwar haben ihre Wiege Doch auf der Erd’/ im Himme! ihre Siege. Nach diesem vollendeten Tantze kam ein an- der mit gruͤnem Silberstuͤcke bedeckter Elefant in den Schrancken. Auf dem Ruͤcken saß un- ter einer Fichten-Laube die gethuͤrmte Cybele/ oder die Erde. Umb sie herum giengen zwoͤlf junge Verschnittene/ derer sechs/ Koͤrbe mit Blumen/ die andern mit Fruͤchten trugen. Bey einem anmuthigen Floͤten-Gethoͤne/ machte die Erde dem Meer nachfolgender Weise die Geburt der Perlen streitig: Wenn die Natur das Wasser nicht Durch’s Roͤhr der Berg’/ und meiner Adern triebe/ Wenn nicht mein Geist ins Meeres-Fluthen bliebe/ So waͤr’ es Schaum/ dem Seel’ und Kr  fft gebricht. Das Auge sieht’s/ es fuͤhlt es jede Hand: Daß Perl’ und Muschel zwar die Naͤsse liebe; Doch beyder Talg ist ein geleutert Sand. Der Schnecke Fleisch/ das Erd’ ist/ und von Erden/ Emofaͤngt die Perl’/ ist ihre Mutter-Schooß. Und was dort waͤchst/ Corall/ Ambr’/ Agstein/ Mooß/ Das muß gesaͤugt aus meinen Wurtzeln werden. Cybele Neuntes Buch Cybele tantzte mit ihrem Elefanten hieruͤber auf der Leine hinauf und wieder zuruͤcke; die Verschnittenen aber unter sich. Bey welchem Tantze sie mit einer wunderwuͤrdigen Ge- schwindigkeit aus eitel Blumen/ wie selbte bey jeder Jahres-Zeit zu finden sind/ die Bilder des Fruͤhlings/ des Sommers/ des Herbstes und des Winters zusammen flochten/ und der Cy- bele uͤberreichten. Hierauf oͤfnete sich der Schrancken einem Elefanten/ dessen Ruͤcken mit einem Regen- bogen-faͤrbichten Goldstuͤcke bedeckt/ und mit einem von allerhand koͤstlichen Federn uͤber- schatteten Koͤnigs-Stule belegt war; den die Juno oder die Lufft mit einem Krantze von Per- len und Opalen/ welcher Stein fast alle Farben im Wider scheine zeiget/ und am nechsten der Perle kommt/ besaß. Umb den Elefanten spiel- ten zwoͤlf Straussen; vorher aber sechs West- winde mit den lieblichsten Saͤitenspielen; wor- zu der Elefant bald auf der Leine/ bald unter denen Straussen tantzte/ die Lufft aber ihr Vor- recht in Zeugung der Perlen derogestalt sin- gende behaupten wolte: Die Perlen schmuͤckt der Glantz der Regenbogen/ Auch zeigt ihr Gold/ Schmaragd/ Rubin/ Saphir/ Und was sie sonst aus meiner Brust gesogen/ Jhr Zeug sey himmlisch/ ihre Pracht von mir. Wenn nach dem Meer-Saltz’ itzt die durst’gen Schnecken lechsen/ Floͤß’ ich den Thau den geilen Muscheln ein; Bepurper ihn durch’s braunen Morgenschein/ Da schwaͤngern sie sich mit so himmlischen Gewaͤchsen. Ja/ daß von meinem Thau/ vom Monden ruͤhr’ ihr Wesen/ Wird durch die Krafft des Eßiges bewehrt/ Der sie zerbeitzt/ in ersten Thau verkehrt. Auch schwinden/ die man laͤßt bey’s Monden Abfall lesen. So bleibt nun wahr: die Mnschel-Toͤchter sind Ein Brutt der Lufft/ und der Gestirne Kind. Endlich kam auch der vierdte mit Feuer-roth von Goldstuͤck belegte Elefant in den Schran- cken. Auf seinem Ruͤcken saß das Feuer/ oder die Goͤttin Vesta/ eine thoͤnerne und lichten loh brennende Ampel in der rechten Hand/ eine Drommel in der lincken haltende. Diesen begleiteten zwoͤlf ungeheure Cyclopen mit bren- nenden Fackeln; derer drey auf einem Amboße mit grossen Haͤmmern ein artliches Gethoͤne machten; die andern neun aber nach solchem Dreyschlage mit ihrem Elefanten einen seltza- men Fechter-Tantz hielten/ in welchem der ge- blaͤndete gegen die andern/ und diese gegen ihn mit den Fackeln stritten; und das wunderlichste war: daß weder der bald auf der Leine/ bald zwischen diesen einaͤugichten Riesen tantzende Elefant von so vielem Feuer scheue gemacht; noch bey so vielen Streichen und Wendungen einige Fackel ausgelescht ward. Zwischen der mittelsten Erholung dieses Tantzes eignete ihr Vesta durch folgenden Gesang fuͤr andern die Geburt der Perlen zu: Das Fener ist der Geist der Welt/ Der alles schwaͤngert/ waͤrmt/ erhaͤlt. Die Haͤrtigkeit/ die blitzend-lichten Strahlen/ Die Krafft das Hertz von Gifft zu machen frey/ Bewehrn: daß Glut der Perlen Ursprung sey. Die Erd’ ist Schnee/ die Lufft ist Frost/ das Wasser Eiß/ Die Welt ein hol’ und totter-loses Ey/ Die Muschel todt und leer/ macht sie die Glut nicht heiß. Denn Feuer saͤmt den Glantz in die Opalen/ Blut in’s Geaͤder/ Purper in die Schnecken/ Oel in’s Gestirn’/ anch Safft in Staud’ und Hecken/ Jn Berge Gold/ die Perl’ in Muschel-Schalen/ Jn Bruͤste Milch/ die Lieb’ in Seel’ und Blut; Ja Lieben selbst ist meine reinste Glut. Bey dem Ende dieses Riesen- und Elefan- ten-Tantzes/ fieng das auf dem weissen Elefan- ten sintzende Jndien an/ selbten durch einen klei- nen Mohren mit einem silbernen Griffel wie ein Pferd herumb zu werffen; wie denn dieses Thier schier mehr wegen seiner lehrsamen Sitt- samkeit/ als wegen seiner Kraͤffte wunderwuͤr- dig ist. Hier auf tantzte er nach denen sanfften Saͤitenspielen eben so sanffte. Jndien aber sang Thußnelden zu Ruhme nachfolgendes Getichte: Der gruͤnen See schneeweisses Kind/ Jn dem die Schaͤtze der Natur/ Der Allmacht GOttes grosse Spur Verwunderns-werth zu schauen sind/ Verdient Arminius und Thußnelda. Verdient zwar alles Lob/ doch muß gestanden werden: Daß/ was die Perl’ im Meer/ Thußnelde sey auf Erben. Verlaͤumbdung/ die die Perlen zwar Fuͤr krancker Schnecken Druͤsen haͤlt/ Und der die Sonn’ auch nicht gefaͤllt/ Weiß gleich wol nichts zu nehmen wahr/ Was Deutschlands Perle sey fuͤr Mangel auszusetzen/ Die Welt sie nicht zu zahln/ die Tugend nicht zu schaͤtzen. Des rothen Meeres Perlen sind Offt hole Blasen/ blaß und todt/ Die Sonne macht sie gelb’ und roth; Allein an Deutschlands Perle find’t Der frembden Voͤlcker Neid/ die Scharfsicht kein Gebrechen/ Kein Unstern/ Nebel/ Sturm weiß ihren Preiß zu schwaͤchen. Giebt’s Edelsteine sonder Fleck’/ Jst manche Perlen-Muschel gleich Voll Purper/ hundert Perlen reich/ So sticht sie doch Thußnelde weg/ An der von Schnecken-Blut die Lippen und die Wangen/ Hals/ Antlitz/ Bruͤste/ Schooß mit tausend Perlen prangen. Wiewol nun Purper/ Perle/ Stern Thußneldens Schoͤnheit giebet nach; So uͤbersteigt doch hundertfach Die Schalen/ ihres Geistes Kern. Denn ihre Tugend ist ihr Schatz/ der Leib die Hoͤle/ Die Muschel die Gestalt/ die Perle selbst die Seele. Nach diesem Liede tantzten die vier Elefan- ten auf denen vier Leinen; und der huͤpfende weisse Elefant beugte die Knie/ so offte Thußnel- dens Nahme geneñet ward. Zwischen jedem Gesetze aber hegten die zwoͤlf schwartzen Liebes- Goͤtter/ die zwoͤlf Sirenen/ die zwoͤlf Verschnit- tenen/ die zwoͤlf Straussen/ und zwoͤlf Cyclopen zwar nach einerley Saͤitenspiele/ aber gantz un- terschiedene Taͤntze. Worauf Jndien seinen Ab- zug hielt/ die Cyclopen auch alles Geruͤste im Schrancken eilends auf die Seite raͤumten. Hierauf erschien in den Schrancken der Herold des Fruͤhlings/ und der Vater des Blumwercks der sanffte Westwind. Wegen Reinigung der Lufft hatte er seiner Gewohn- heit nach ein weiß seidenes Gewand an; auf dem Haupte einen Blumen-Krantz; an dem Arme einen Korb; darauf er umb sich aller- hand Gesaͤme streuete/ und fuͤr sich einen ala- basternen Krug/ woraus er etnen hellen Regen von wolruͤchendem Thaue herumb sprengte; wie sonst in denen Blumen-Feyern auch braͤuchlich war. Diesem traten vier und zwan- tzig in gruͤnem Damast auf Persi s ch gekleidete Gaͤrtner nach. Jeder hatte von einer beson- dern Art einen Pusch Blumen auf dem Bunde/ in der einen Hand ein Garten-Messer; in der andern einen Blumen-tragenden Baum. Nemlich ihrer drey Persische Baͤume mit fast Rosen-faͤrbichten Bluͤten; drey Gemsen-Baͤu- me mit gelben Blumen/ ihrer drey Myrten- Baͤume mit weissen/ ihrer drey Lorber-Baͤu- me mit gruͤnlichten/ drey Oelbaͤume mit gruͤn- licht-gelben/ drey Holder-Baͤume mit weiß-gel- ben/ drey Egyptische Dornstraͤuche mit theils gruͤn/ theils gelben/ theils blassen/ drey Africa- nische Stauden mit purpernen/ und endlich ih- rer drey Jndisches Gepuͤsche mit roth-weissen Saffran-Blumen. Mitten in dem Schau- platze machten sie einen Kreiß; fiengen darauf einen zierlichen Bauer-Tantz an; dadurch sie mit Einsteckung ihrer Baͤume in die Erde allerhand Blumenstuͤcke bildeten/ und darein sie den Westwind allezeit einschlossen. Her- nach ihrer sechs und sechs die vier Jahrs-Zeiten mit ihrem Blumwercke in menschlicher Gestalt abbildeten; derer ein Theil den Mund mit rothen Nelcken/ die Wangen mit leibfarbenen Anemonen/ die Augen mit tunckelen Waid- Hyacinthen/ das Haar mit Genisten-Blumen/ die Kleider mit Sammet- und andern Blumen/ andere anders fuͤrstelleten; und diese Bildnuͤsse an die Ende der Schrancken saͤtzten. Nach dem nun alle Winde Vorlaͤuffer der Goͤtter zu seyn pflegen/ wartete der Schauplatz mit Verlangen auf den Verfolg dieses Aufzugs. Massen denn auch der Fruͤhling in Gestalt ei- nes hurtigen Juͤnglings auf einem mit vier Rehen bespañnten Wagen; daran die drey himmlischen Zeichen des Wiedeꝛs/ des Stieres und der Zwillinge zu sehen/ ihre Sternen aber/ Erster Theil. M m m m m m m m wie Neuntes Buch wie eitel guͤldene Blumen gemahlet waren. Der Fꝛuͤhling hatte ein grase-gruͤn Kleid an/ wel- ches wie das Haupt mit hundeꝛterley aus Seide gestuͤckten Fruͤhlings-Blumen bedeckt war. Fuͤr diesem Wagen zeigten sich fuͤnf und zwan- tzig weibliche/ hinter dem Wagen aber eben so viel maͤnnliche Fruͤhlings-Blumen; welche/ wie aller folgenden Jahres-Zeiten/ durch eine ihrem Nahmen/ oder ihrer Farbe/ Ursprunge/ oder andern Eigenschafften anverwandte Per- son aufgefuͤhret wurden. Jm ersten Gliede erschienen fuͤnf schneeweisse wie Najaden/ oder Goͤttinnen der Baͤche unten blau oben weiß ge- kleidet/ die weisse Heroldin der Sonne Levco- thea bildete die Heroldin des Fruͤhlings/ die fruchtbaꝛe Antope die Kinder-zeugende Schluͤs- sel-Blume/ die in den Narciß verliebte Echo die mit ihm an Farbe und Geruch kaͤmpfende Meyen-Blume/ oder Springauf/ die mit ih- rem Sternen-Krantze geschmuͤckte Ariadne die Stern-Rose/ Artemisia die weisse Beyfuß- Blume ab/ in die sie verwandelt worden. Jm andern Gliede der wie Napeen oder Wiesen- Nymfen unten gruͤn-oben in Gold gekleide- ten gelben fuͤhrte Venus die aus ihren Thraͤnen entsprossene Anemone/ Asterie die wie sie leuch- tende Feld-Zwiebel/ die Eyer-legende Leda die Gaͤnse-die Chryseis die ihr aͤhnliche Mooß-die geile Pasiphaͤe die reitzende Schooß-Wurtz- Blume auf. Das dritte Glied der rothen war die Oreaden oder Berg-Nymfen unten blau oben roth ausgeputzt. Die sich gleichsam von den Flammen speisende Thais prangte mit der Purper-Lilge von Susis/ Juno mit der Blume des sie schwaͤngernden Kuckucks. Smi- lax stellte mit der Winde-Blume ihre Ver- wandelung fuͤr; die flammende Aglaope die Zinober/ und die von Golde geschwaͤngerte Danae das hohe Gold der Maaßblume fuͤr. Jm vierdten Gliede kamen die nach Art der unten gruͤn oben blau gekleideten Nereiden oder Meer-Goͤttinnen gleichsam traurig her- ein die in eine Schilfblume verwandelte Syr- nix mit ihrer blauen Schw erdt-Lilge/ Aglaja mit ihrer Aglay/ die in eine Kuh verwandelte Jo mit ihrer suͤssen Speise der Feilge/ die wirthliche Penelope mit ihrer Kuͤchen-Schelle/ die fuͤr ihren Ehmann zu sterben begierige Al- ceste mit ihrer Maß-Liebe. Das fuͤnffte Glied der scheckichten Fruͤhlings-Blumen war nach Art der Dryaden oder Wald-Goͤttinnen mit bund-gebluͤmtem Damast vielerley Farben angethan. Die bald weinend bald lachende Andromache bildete die zugleich freudig- und traurigen Farben der Tulipane/ die uͤber der Schatten-Umarmung ihres todten Ehmanns sterbende Laodamia die brennende Liebe/ die von ihres ermordeten Bruders Absyrtus Blu- te bespruͤtzte Chalciope die fleckichte Anemone von Chalcedon/ die in Gold und Seide stuͤ- ckende Omphale/ die von der Natur gewuͤrckte Wuͤrffel-Blume/ und die eitel mit Purper ge- kroͤnte Aepfel-bewachende Hesperethusa die Koͤnigs-Krone ab. Dem Fruͤhlings-Wagen folgten im ersten Gliede der/ wie tantzende Sa- tyren in weiß-raucher Kleidung aufziehender weissen Fruͤhlings-Blumen der sich buͤckende Narciß/ und der den Schnee beschaͤmende Hyacinth/ jener mit der Blume/ darein ihn seine eigene/ dieser mit der/ darein seine Leiche des Apollo Liebe verwandelt. Der weisse Bren- nus mit seinem ihm gleichen Schwerdte/ der zerrissene Absyrtus mit seinem Ruhrkraute/ und Tityus mit dem Leberklee/ gleich als wenn er seiner vom Geyer unendlich gefressenen Leber darmit wieder zu Huͤlffe kommen wolte. Jm andern Gliede der gelben/ zeigte sich in Gestalt der hoͤrnrichten Sylvanen oder Wald-Goͤtter in gruͤn-gelber Tracht Atlas mit dem Himmel- Schluͤssel/ gleich als wenn er die Macht haͤtte selbten zu oͤfnen/ Bacchus mit dem ihm gewied- meten Narciß-Stengel/ Agamemnon mit seinem Koͤnigs-Spieße/ Phaeton mit dem ihm an statt des Zepters zugeeigneten Son- nen- Arminius und Thußnelda. nen-Stengel/ und der wegen seiner Vogel/ in die seine Gefaͤrthen verwandelt worden/ nicht weniger als wegen seiner Tapferkeit beruͤhmte Diomedes mit dem gelb-bluͤhenden Vogel- Neste. Das dritte Glied der rothen Fruͤhlings- Blumen stellten fuͤnf Feuer-roth ausgeputzte Priaper oder Garten-Goͤtter fuͤr; unter diesen aber Crocus den Fruͤhlings-Saffran/ als die andere Beschaffenheit seines Wesens/ und ein nebst seinen Gefaͤrthen in Frosch verkehrter Ly- cier den Frosch-Stengel/ der verliebte Acontius den Frauen-Handschuch/ der bey Felsen und Bergen so ungluͤckliche Athaͤmas den Berg- Sanickel/ und der durch ein Schwerdt nichts minder geheilete als verwundete Telephus das Blumen-Schwerdt. Jm vierdten Gliede stellte in Gestalt Himmel-blau aufziehender Silenen der dem Apollo so angenehme Knabe Cyparissus das blaue Cypreß-Kraut/ Adonis das der Liebe dienende Knaben-Kraut/ der hun- dert Armen habende Briareus den nicht aͤrme- ren und den blauen Himmel beschaͤmenden Hyacinth/ der geschundene Marsyas den Guͤn- tzel/ Perseus das Sperben-Kraut; gleich als wenn dis alles weich machen solte/ was er durch seinen Medusen-Schild in Stein verwandelt hat. Endlich erschienen im fuͤnfften Gliede wie scheckichte Faunen der funfzig Soͤhne ha- bende Danaus mit dem eben so Blumen-rei- chen Purper-Hyacinth/ der verschlaffene Ale- ctryon mit seinem ihn gleichsam aufweckenden Hahnen-Fusse; der geile Satyrus Corax mit dem scheckichten Satyrion/ der Riese Titan mit seinem Sonnen-Auge/ und der sorgfaͤltige Sternen-Vater Astreus mit dem bundten Stern-Kraute. Nach diesem Aufzuge erschien mit nicht ge- ringerem Gepraͤnge der Sommer. Sein Haupt war mit einem aus Weitzen-Eeren und Sommer-Blumen geflochtenen Krantze gezie- ret. Das Kleid war purperfaͤrbicht. Am Wagen war der himmlische Krebs/ der Loͤw und Astrea mit gebluͤmten Sternen zu sehen. Den Wagen zohen zwey gantz zahme Loͤwen. Sintemal in den Blumen-Feyern keine grim- mige Thiere gebraucht werden. Fuͤr dem Wagen prangten eben so viel weibliche Som- mer-Blumen in obiger Nymfen-Tracht. Jm ersten Gliede der weissen hatte die schnee- weisse Liriope billich den Vorzug mit der glaub- haffter aus ihrer/ als der neidischen Juno Milch gewachsenen Lilge. Sie begleitete Galathea mit ihrer gethuͤrmten Milch-Glocke/ die in einen Baͤr verwandelte Calisto mit der Baͤren- klau/ Daphne mit der Lorber-blaͤttrichten Har- mel-Raute/ die schwartz-aͤugichte Phryne mit der Venus Augenbraue; als welcher Anadyo- menisches und Gnidisches Bild nach jener Ge- stalt gefertigt worden. Jm andern Gliede der gelben trug die Mutter der Aertzte Coronis die heilsame Moly-Blume/ Vesta die feurige Gold-Lilge/ die in einen Hund verwandelte Hecuba die Hunds-Nelcke. Die schwache Beroe stuͤtzte sich nut der als Gold-bluͤhenden Stabwurtz/ und die mit Kraͤutern geschaͤfftige Medea hatte die boͤse Blume. Das dritte Glied der rothen Sommer-Blumen bestand an der unersaͤttlichen Aegiale mit der brennen- den Nelcke/ an der zur Flamme werdenden Psyche mit der Feuer-Lilge/ an der zarten Mandane mit der Sammet-/ an der blutigen Jphigenia mit der Scharlach-Blume/ an der Erfinderin des Ackerbaues Polymnia mit ih- rer Korn-Rose. Jm vierdten Gliede der blau- en folgte Ceres mit der Korn-die schwaꝛtze Caßio- pea und Andromeda/ mit der ihr gleichenden Boragen-Blume und Glocke/ die traurige Minthe/ zu der sie worden/ und die Mutter der Musen Mnemosyne mit der Blume: Vergiß mein nicht. Jm fuͤnfften Gliede der scheckich- ten prangete die Susische Koͤnigin Sisygambis mit der Susianischen Schwerdt-Lilge/ Jris mit der Regenbogen-faͤrbichten Lischblume/ die zur Spinne weꝛdende Arachne mit der bundten M m m m m m m m 2 Spin- Neuntes Buch Spinnenwebe/ die Papegoyen-Koͤnigin Pan- dea des Jndischen Hereules Tochter mit den bluͤhenden Papegoy-Federn/ Camille mit der Blume ihres Nahmens und letzten Wesens. Dem Som̃er-Wagen folgten in obiger Bock- und Ziegen-Tracht eben so viel maͤũliche Som- mer-Blumen/ und zwar im ersten weissen Gliede der schwartze Schluͤssel-Gott Pluto mit der ihn desto besser abstechenden weissen Schluͤs- sel-Blume. Sein fast ungewoͤhnlicher Ge- faͤrthe war Aristeus des Apollo und der Cyrene Sohn/ welcher wegen des von ihm erfundenen Honigs das Bienen-Kraut erkieset hatte. Neben ihm war Neptun mit weissem Klee/ weil er mit dessen Suͤßigkeit vielleicht die Bienen-Mutter Melissa zu mehrerm Bey- schlaffe locken wolte; die Mauer und der Schirm der Stadt Troja Hector mit dem Koͤnigs-Spieße. Endlich der Himmel- stuͤrmende Tiphon mit Hochmuth. Jm andern Gliede der gelben befand sich der Sohn der Morgenroͤthe Memnon mit dem Sonnen- Wirbel; Orion mit dem heilsamen Scorpion- Schwantze/ vielleicht: daß Diane ihn durch dis gifftige Thier nicht noch einmal toͤdten koͤn- ne/ Castor mit seinem Biber-Kraute/ der Schif- fer Aug-Apfel Pollux mit seinem guͤldenen Bacillen-Kraute oder Meer-Sterne/ und Ti- thonus mit dem Blumen-Kraute: je laͤnger je lieber; durch welches er die Morgenroͤthe bezaubert: daß sie ihn in seinem runtzlichten Alter so sehr als in seiner glatten Jugend lie- ben muͤssen. Das dritte Glied der purper- faͤrbichten hielt der Urheber des Persischen Rei- ches Cyrus mit dem Pers- oder Scythischen Bunde/ der scharffe Minos mit dem Bley- Kraute/ der sich in einen Ochsen verwandelnde Jupiter mit dem Rind-Auge/ der seine fuͤr ihn sterbende Aleestis mit taͤglichen Grabe-Liedern verehrende Admetus mit Ehren-Preisse/ und der die Lufft einbisamende Zephyrus mit sei- nem bluͤhenden Berg-Balsam. Jm vierd- ten Gliede der blauen ließ sich der Kern der Grichischen Helden/ Achilles mit Rittersporn/ der lahme Silenus mit seinem Geißblatte/ Corydon mit dem Augen-Troste der Schaͤfer/ nemlich dem Quendel; der dem Hercules be- liebte Hylas mit dem ihm/ als dem Vorsteher des Badens/ gewiedmeten Bade-Kraute/ nem- lich dem Lavendel/ und der schwartze Cepheus mit dem Mohren-Kraute sehen. Jm fuͤnff- ten Gliede der scheckichten hatte ihm Alcida- mas den Tauben-Fuß/ darein seine Tochter verwandelt worden/ der versorgende Triptole- mus die Hauß-Wurtz/ Morpheus den schlaͤf- rigen Mah/ Vulcan das einen Zepter abbil- dende Erdspinnen-Kraut/ weil er den ersten dem Jupiter so kuͤnstlich gemacht: daß die Cheroneer ihn goͤttlich verehret haben; und endlich der kriegerische Troilus das Schild- Kraut. Hierauf erschien die Goͤttin der Blumen selbst in einem kleinen sich bewegenden Lust- Garten/ darinnen die Gaͤnge mit Jnngruͤn und niemals verdorrendem Winden-Kraute umwunden/ die Bethe mit allerhand Blumen besaͤtzt waren. Gleicher Gestalt war ihr Rock aus tausenderley Blumwerck zusammen ge- stuͤcket; auf dem Haupte aber trug sie einen Krantz von niemals verwelckenden Amaran- then. Bey diesem waͤhrenden Blumen-Auf- zuge sang sie selbst mit einer durchdringenden Stimme: Jch bin die Blumen-Koͤnigin/ Die Welt- und Himmels-Gaͤrtnerin. Denn Berg’ und Thal/ Gebuͤrg’ und Wiesen saͤugen Die edlen Blumen nicht allein. Sie wachsen in Kristall und Stein/ Sie lassen sich in Ertzt und Muscheln zeugen. Die Fluͤsse/ Seen und das Meer Sind nicht von Klee und Feilgen leer/ Ja Vorwitz hat so wol die Pracht Agsteinenen gebluͤm’t/ und Rosen aus Kristallen/ Als die sich in der Lusst versteinernden Korallen Aus Thetys Schooß ans Licht gebracht. So Arminius und Thußnelda. So ist’s auch nur ein Alb-Bild im Gehirne: Daß einig Stern ein Baͤr sey oder Stier. Der Erd-Ball stellt ja einen Garten fuͤr Durch meiner Blumen irrdische Gestirne. Der Himmel aber ist ein Garten/ seine Sternen Sind Blumen. Der neun hellen Sternen Glantz War vor der Zeit der Ariadne Krantz. So moͤgt ihr euch fuͤr mir schamroͤthig nur entfernen/ Jhr Goͤttinnen der andern Jahres-Zeit; Weil Ceres nur allein im Sommer Korn abmeiht/ Pomone nur den Herbst ausziert mit Obst-Gerichten/ Der Himmel auch nur prangt mit Blumen/ nicht mit Fruͤchten. Hingegen ist mein Schmuck des gantzen Jahres Kleid/ Den nicht der Reiff des Herbstes kan entfaͤrben/ Der Sommer nicht versengen und verterben/ Des Winters Frost nicht tilgt/ der alles sonst verschneit. Kein Kraut/ kein Baum bringt seine Frucht herfuͤr/ Die nicht vorher mit Bluͤth’ und Blumen pralen. Der Pomerantzen Purper-reiche Schalen Sind doch beschaͤmt durch ihrer Bluͤthe Zier. Die Nuß giebt nach der Blume der Muscaten; und der Geschmack der Aepfel von Granaten Weicht ihrer Bluͤth an Farben und Geruch. Das fette Feld ist ein Schmaragden-Tuch/ Eh’ als man kan einerndten reiffe Saaten. Mein Blumwerck hegt so gar wie Trauben Wein und Most/ Dient Menschen zur Artzney/ und Bienen zu der Kost. Ja meiner Blumen Purper giebt Der Lieb’ ein Wohn-Haus ab/ der Wollust eine Wiege. Jedweder Stengel ist ein Merckmal ihrer Siege. Denn alle Blumen sind verliebt/ Jhr gut Geruch ist ihrer Seele Sehnen/ Die Farb’ ihr Brand/ der Thau die Liebes-Thraͤuen. Auf diese Blumen-Goͤttin folgte der Herbst in einer etwas aͤltern Gestalt. Er war gelbe gekleidet. Unter dem Arme hatte er zwar ein Horn des Uberflusses mit vielerley Baum- Fruͤchten; aber es war eben so wohl mit Herbst- Blumen umbflochten/ als sein Haupt darmit bekraͤntzet. An dem Wagen war die Wage/ der Scorpion und der Schuͤtze mit gestirnten Blumen gebildet/ und selbten zohen zwey weisse Kuͤhe mit verguͤldeten Hoͤrnern. Fuͤr dem Wagen hielten gleicher gestalt fuͤnff und zwantzig weibliche/ und nach ihm so viel maͤnnliche Herbst-Blumen in ebenmaͤssiger Nymphen- und Satyren-Tracht ihren Auf- zug. Jm ersten Gliede der weissen leuchtete die Koͤnigin und Goͤttin der Syrier Atarga- tis mit ihrer Damascenischen Musch-Blume herfuͤr. Jhr both aber Tamyris mit der Serischen Mogorin/ und beyden die bittere Myrrha mit der ihr nahe verwandten Soco- trinischen Aloe beyden Kampf an. Diese begleitete Briseis mit der Schaf-Garbe/ als einer ihrem liebsten Achilles angehoͤrigen Blu- me; und die in eine Pappel verwandelte Pha- etusa mit der Pappel-Blume. Jm andern Gliede der gelben pralete Helena mit der nach ihr genennten und aus ihren Thraͤnen entspros- senen Aland-Blume/ weil sie durch selbte den Griechen und Trojanern die Vergessenheit al- les ausgestandenen Ubels eingefloͤsset. Dido mit ihrer Africanischen Sammet-Blume/ die sich ins Wasser stuͤrtzende Jno mit der daraus entsprossenen Serischen Wasser-Lilge; die von der Sonne geschwaͤngerte Koͤnigs-Tochter zu Babylon Levcothoe mit der Sonnen-Krone/ und Lampetie mit der ihrer Mutter der Sonne gewiedmeten Rhein-Blume. Das dritte Glied prangte mit eitel Purper/ und zwar das Auge der Dianischen Gespielen Opis mit dem Auge der Blumen/ nemlich der Jndianischen Nelcke; die in einen Wein-Stock verwandelte Staphyle mit der Wald-Rebe/ die zum Felsen gewordene Aglauros mit der Stein-Nelcke/ Dryope mit der Blumen- und fruchtreichen Staude/ darein sie verkehrt worden/ nemlich der Colocasia oder Egyptischen Bonen-Blume. Proserpina mit der unschaͤtzbaren Peonie/ mit welcher Peon ihren vom Hercules verwundeten Ehmann Pluto geheilet hat. Jm vierdten Gliede der blauen erschien die durch den Blitz gebehrende Semele mit der Flamme Jupiters; Semiramis mit ihrer Rose von Jericho/ die veꝛsteineꝛte Niobe mit ihꝛer blauen Stein-Wir- bel-Blume/ die uͤber ihrem Rocken sitzende Alci- thoe mit ihrer Lein-Blume; welche diese Liebe M m m m m m m m 3 nicht Neuntes Buch nicht vergessen kan/ ungeachtet sie daruͤber zur Fleder-Maus/ und ihr Gespinste zu Weinre- ben worden. Fuͤr allen andern aber glaͤntzte die von dem Preiße nichts minder/ als ihre Blu- me den Nahmen fuͤhrende Clymene mit der preißwuͤrdigen Jucca. Jm fuͤnften Gliede der scheckichten fuͤhrte die verliebte Clytie diß/ worzu sie worden war/ nehmlich die sehnsuͤchti- ge Sonnen-Wende; die nasse Cymodoce die Feld-Rose/ darein der von ihr erzogene Adonis verwandelt worden; Melissa ihre den Bienen so angenehme Melissen-Blume; die bald uͤbeꝛ bald unter der Erde scheinende Hecate/ die Tag und Nacht auf ihren Blaͤttern habende Jndi- sche Nelcke; uͤber alle andere aber ragte die ren- nende Atalanta mit ihrer Atlantischen Aloe das Haupt gegen dem Himmel; welche alle Blu- men an Hoͤhe und Geschwindigkeit des Ge- waͤchses uͤbertrifft. Unter den maͤnnlichen hatte in dem Gliede der weissen Jason mit dem Jasmin/ welchen er nebst dem guͤl- denen Wieder als ein seltzames Kleinod mit aus Colchis gebracht/ nebst ihm sein scharff- sichtiger Reise-Gefaͤrthe Lynceus mit Augen- Troste; der Fischer Glaucus mit seinem ver- goͤtternden Jbisch; der geitzige Myrtillus mit dem Silber-Eneas mit dem Asch-Kraute/ dar- durch jener sein/ dieser seines Vaterlandes Un- gluͤck ihm indenck machte. Jm andern Glie- de der gelben hatte der sich in einen Brunn ver- wandelnde Acis sich mit den Brunnen-Blu- men/ nemlich Narcissen/ Phryxus sich mit dem vom guͤldenen Wieder gefaͤrbten Berg-Saff- ran/ der von der Morgen-Roͤthe geliebte Ce- phalus mit dem Hauptstaͤrckenden Gold-Jas- min aus Morgenland/ der Baͤren-Huͤtter Ar- eas mit Baͤren- und Midas mit Heidnischem Wund-Kraute oder der guͤldenen Rutte aus- geputzt. Jm dritten Gliede der purpernen zeigte sich Sardanapal mit dem Serischen Blumen-Koͤnige/ gleich als wenn diese Blume ihn des Koͤnig-Tittels wuͤrdig machen solte. Porus wieß sein Jndianisch Blumen-Rohr/ der Schiffer Argus seinen Colchischen Herbst- Stengel/ Calanus das Jndische Bilsen-Kraut/ Cissus den Cilicischen Epheu/ darein er verwan- delt worden. Das vierdte blaue Glied bestand am Philoctetes mit dem kraͤfftigen Flecken- Kraute/ wormit des Vulcanus Priester ihn von dem bey des Smyntheischen Apollo Altare empfangenen Schlangen-Stiche heileten; Priamus troͤstete mit dem erfreuenden Krau- te Nepenthes/ damit er ihm alle Betruͤbnuͤsse verzuckert; Geryon nach dem ihm vom Her- cules abgenommenen Ochsen mit der in seinem Gebiete wachsenden Ochsen-Zunge; Amphi- on hatte das vom Mercur empfangene Bin- gel-Kraut/ durch dessen Huͤlffe er nach verlohr- nen funfzig Kindern seine verzweifelnde Niobe noch einmal fruchtbar machen wolte. Endlich prangte der Geist des Jndischen Flusses Tubero mit seinem aus knollichter Wurtzel wachsenden Hyacinth-Stengel. Das letzte Glied der maͤnnlichen Herbst-Blumen beschloß der wegen verrathener Proserpina in eine Nacht-Eule verwandelte Ascalaphus mit Nacht-Schatten/ der zur Schlange wordene Cadmus mit seinem Drachen- und Schlangen-/ Eupator mit sei- nem erfundenen Hanff-Pyramus mit dem von seinem Blute befleckten Wiesen-Kraute. Zuletzt ließ sich Ajax mit dem Herbst-Hyacinth; worauf sein Nahme gewachsen/ sehen/ und meynte darmit fuͤr allen Sterblichen so wohl als die Blume fuͤr andern einen Vorzug zu haben. Endlich erschien in den Schrancken der graubaͤrthichte Winter/ dessen Krantz aus Win- ter-gruͤn/ das Kleid aus Buchsbaume zusam- men gewunden war. Am Wagen standen mit gestirnten Blumen der Steinbock/ der Wassermann und die Fische gebildet; ihn zo- hen zwey beschneyete Renn-Thiere. Vor und hinter dem Wagen zohen gleichfalls in obiger Kleidung funfzig Blumen auf/ welche ent- Arminius und Thußnelda. entweder das gantze Jahr durch/ oder nur im Winter bluͤhen und gruͤnen. Jm ersten Glie- de der weiblichen weissen erschien die vom Jupi- ter in einen veilgen-farbichten Ochsen verwan- delte Jsis mit der weissen Hornungs-Veilge/ die ihr gleich - gestallte Europa mit der Kalb-Lischblume/ die vom Schnee den Nahmen fuͤhrende Chione mit den Schnee-Tropfen; die schnee-weisse Levcoja mit der ihren Nahmen fuͤhrenden fruͤhen Zeitlose; Deianira mit der ihrem geliebten Achilles gewiedmeten Edelgarb. Jm andern Gliede ließ sich die gelbe Xantho mit der gelben Hornungs-die unverwundliche Coͤnis mit der Drat-Blume/ Scyalle mit der Meer-Zwiebel/ darein sie verkehrt worden/ Euphrosyne des Eteocles Tochter mit der Gar- ten-Zypresse/ darein sie verwandelt worden; die Koͤnigin des Taurischen Chersonesus Heca- te/ die Erfinderin der giftigen Kraͤuter mit der giftigen Nelcke aus Jndien sehen. Das dritte Glied der rothen fuͤhrte Candace mit der Strauß-Feder/ die waͤßrichte Arethusa mit der Erd-Aepfel-Blume; die nicht weniger bren- nende/ als schoͤne Cleopatra mit der Scharlach- Nessel; die zu Anschauung der Gestirne gleich- sam geborne Aglaonice mit der deꝛ Soñe folgen- den Ringel- und Arsinoe mit ihrer aller Faͤul- nuͤß und Gifft widerstehenden Kreutz-Blume; dardurch ihr Bruder so wol fuͤr den Wuͤrmern ihre Leiche verwahret/ als durch das Magneti- sche Gewoͤlbe ihr eisernes Bild im Alexandri- nischen Tempel schwebend in die Lufft gezogen hat. Jm vierdten Gliede der blauen gab Thysbe mit der von ihrem Blute besudel- ten fruͤhen Mertz-die aus der Hoͤllen herfuͤr- kommende Eurydice mit der in blauer Trauer gehenden Hornungs-Blume; die sich und ih- ren sie befleckenden Vater durchstechende Cyane mit der schwartz-blauen Fruͤh-Veilge; die ihr gleichende Lucretia mit der Degen- Blume ihre Bestuͤrtzung in Tag. Die den Jupiter mit Ziegen-Milch und Ho- nig auferziehende Amalthea hatte die Geiß- Blume. Das fuͤnste Glied der scheckich- ten bestand an der blaͤttrichten Phillodoce mit der Blumen-reichen Zaum-Glocke/ an der ihres Hauses Ungluͤck webenden Phi- lomela mit der Spinn-Blume; an der die Menschen in Loͤwe/ Baͤren und Ti- ger verwandelnden Circe/ mit der fleckich- ten Tiger-Blume. Die bestuͤrtzte Progne und Procris weiseten die mit ihrem Blute betroͤfelte fruͤhe Mertz- und Hor- nungs-Blume. Unter den maͤnnlichen fuͤhrte das weisse Glied das Schoß-Kind der Venus Paris mit dem Frauen Haa- re; der fuͤr Liebe gegen die silberne Argyra zer fluͤssende Silemnus mit dem Silber-Bla- te; der zu ewigem Froste vergebens gewied- mete/ und durch eigene Hand erblassende Atys mit dem Winter-Hyacinth; der schoͤne aber ungluͤckliche Astyanax mit dem Winter-Nar- ciß; der Hirte Theodamas mit der Hirten- Tasche oder dem Blut-Kraute/ damit er sei- nen vom Hercules empfangenen Wunden das Blut zu stillen bemuͤhet ist. Jm andern Gliede der gelben erschien Jcarius mit seinem Trauben-Hyacinth/ mit dem er sich statt des vom Bacchus empfangenen Wein-Stocks vergnuͤgen muste/ weil er sich dessen so schaͤdlich mißgebraucht/ Lycaon mit seinem Wolffs-Stengel/ Nisus mit dem Winter- Saffran umb die ihm zum Verterben von seiner Tochter Scylla abgeschnittenen Haare zu ersetzen; der fruͤhzeitige Herr- scher Jcarus mit dem gelben Winter- Narciß/ und der von seinen gelben Haa- ren beruͤhmte Menelaus mit Wintergelbe. Jm dritten Gliede trug der weise Phe- recydes den niemals verwelckenden Ama- ranth oder Tausendschoͤn; dardurch dieser erste Lehrer dieses Geheimnuͤsses in Grie- chenland die Unsterbligkeit der Seelen vorbildete. Machaon den gesunden Ba- then- Neuntes Buch thengel/ der weise Jaͤger und Schuͤtze Chiron mit dem Niese-Kraute/ damit er seine Pfeile anzumachen pflegte; der Hunds-Stern Si- rius mit dem Hunds-Zahne/ und Acteon mit dem gelben Winterlichen Hahnen-Fusse. Das vierdte Glied der blauen bestand am Archi- medes/ welcher als der Haupt-Kuͤnstler in Spiegeln ihm den Frauen-Spiegel zuge- eignet hatte. Der vom Loͤwen zerrissene Jaͤger-Knabe Hyas hatte ihm den Winter- Hyacinth; der vom Rauche den Nahmen fuͤhrende ungeheure Sohn der Erde Typheus den Erd-Rauch/ Zevxes den Garten-Schar- lach/ und wegen des ihm gewiedmeten Hah- nes Esculapius den blauen Winter-Hahnen- Fuß. Endlich kamen die bundten Winter- Blumen auch ans Licht/ und zeigte sich der guͤ- tige Chrysanthes mit dem guͤldenen Klee/ Al- cydes seiner geliebten Omphale zu Liebe mit dem nach ihr genennten Nabel-Kraute/ Hy- rius mit dem Harn-Kraute zum Gedaͤchtnuͤs- se seines aus der Goͤtter Garne gezeugten Sohnes Orion/ Cinyras der Myrrha Ehmann mit dem Mastich-Kraute/ und sein das koͤstli- che Balsam-Geschirre zerbrechende Knabe Amaracus mit dem Winter-Majoran/ dar- ein er aus Bestuͤrtzung verwandelt worden. Alle vorerwehnte Personen hatten von denen ihnen zugeeigneten Blumen auf dem Haupte und umb beyde Armen Kraͤntze/ welche ent- weder natuͤrlich oder von Seide waren. So bald die Blumen-Goͤttin ihren Gesang geendigt hatten/ fiengen auf einem zwoͤlff- eckichten Thurme/ welcher nach dem vom Andronicus zu Athen erbautem gemacht zu seyn schien/ und an ieder Seite eines Win- des Bildnuͤß hatte; die West- und Mit- ternacht-Winde/ derer jene ein Lufft-diese ein Wasser-farbenes Drey-Eck in der Hand fuͤhrten/ mit Paucken und einer Art Posaunen ein kriegerisches Gethoͤne an/ welche denen Hispanischen Narcissen gantz aͤhnlich waren/ die uͤber ihre sechs ausgebreite- te Blaͤtter einen langen holen Hals hervor streckten; gleich als wenn die Werckzeuge/ wordurch die Ohren vergnuͤgt werden solten/ nach denen die Augen so sehr erfreuenden Blumen gebildet werden muͤsten. Nach diesen hielten die vier Theile der Welt umb die Blumen - Goͤttin herumb ein sehens- wuͤrdiges Rennen/ worinnen die Rehe/ die Loͤwen/ die Kuͤhe und Renn-Thiere sich in denen schnellen Umbwendungen und Ringel- Drehungen nicht anders als zugerittene Pfer- de herumb werffen liessen. Endlich setzten sie sich harte an die Blumen-Goͤttin an/ und zwar der Fruͤhling gegen Morgen/ der Som- mer gegen Mittag/ der Herbst gegen Abend/ der Winter gegen Mitternacht. Nach wel- cher Ordnung sich nunmehr die Blumen der vier Zeiten ausbreiteten. Der auf vorer- wehnten Thurmes Spitze stehende Triton wendete sich hiermit gleichfalls umb gegen die Mittags- und Ost-Winde; derer jene ein feuriges/ diese ein grase-gruͤnes Drey-Eck zum Zeichen hatten/ beyde zusammen aber liebliche Seitenspiele anstimmeten. Hierzu fiengen an allen vier Enden die Blumen einen lustigen Tantz an/ in welchem die weiblichen Blumen sich mit denen maͤnnlichen bald ver- mengten/ bald wieder absonderten/ und zwar so kuͤnstlich: daß man iedesmals ihre genau beobachtete Ordnung nach ihren fuͤnferley Farben unterscheiden konte. Beym Ende ieden Satzes stellten sich die maͤnnlichen und weiblichen absonderlich; und kam iedesmals in das Mittel eine andere Blume/ umb welche die andern Blumen ihrer Farbe einen Kreiß machten/ und sich gegen ihr als ihrer Fuͤrstin neigten. Die anderfaͤrbichten Blu- men aber bildeten mit ihrer artlichen Stel- lung die Gestalt der so denn in der Mitte ste- Arminius und Thußnelda. stehenden Blume ab. Diese Abwechselung geschahe fuͤnf und zwantzig mal/ also: daß einer ieden Blume unter denen zweyhunderten diese Verehrung wiederfuhr. Nach diesem Be- schlusse fieng die Blumen-Goͤttin an dieses Jnnhalts zu singen: Weil die vierfuͤssigen Thiere den Loͤwen/ die Vogel den Adler/ die Sternen die Sonne/ die Bienen den Weisel/ die Baͤume den Oel- oder Granat-Apfel- Baum fuͤr ihren Koͤnig erkennten; und die Blumen ihre Luͤsternheit hiernach in dem Tan- tze an Tag gegeben haͤtten/ waͤre ihr Vorsatz ih- nen allen ein gleichmaͤssiges Ober-Haupt zu er- kiesen. Dieser Vortrag erregte unter den Blumen einen allgemeinen Ehrgeitz solche Wuͤrde zu erlangen. Als diese nun unter ein- ander herumb irreten/ redete der Fruͤhling sin- gende denen Seinigen das Wort/ und fuͤhrte an: Seine Blumen haͤtten das Recht der Erst- geburt; der Lentz waͤre der eigentliche Vater der Blumen. Sie verdienten so wohl ihrer Schoͤnheit/ als Anzahl halber den Vorzug. Denn er haͤtte allein so vielerley Arten Narcis- sen/ Hyacinthen und Anemonen/ als die andern Jahres-Zeiten gar mit einander Blumen. Seine Zeit waͤre auch an ihr selbst der Anfang der Welt/ die Jugend des Jahres/ der Braͤuti- gam der Liebe/ und eine rechte Mutter der Wol- lust. Der Sommer hingegen meynte zu be- haupten: Die Fruͤhlings-Blumen waͤren nur ein Vortrab und Trabanten der recht schoͤnen Sommer-Blumen; ja unzeitige Fruͤh-Ge- burten des noch unvollkommenen und sich von der Kranckheit des Winters kaum ein wenig erholenden Jahres. Jene waͤren auch als Toͤchter einer ohnmaͤchtigen Mutter allzu ver- gaͤnglich; und fluͤchtiger als die Calingischen Weiber in Jndien; welche zwar im fuͤnften Jahre schwanger wuͤrden/ aber das achte nicht uͤberlebten. Denn der Fruͤhlings-Blumen Alter erstreckte sich selten uͤber einen Tag. Ja die schoͤnsten unter ihnen haͤttẽ entwedeꝛ wie die Tulipen keinen/ oder einen schwachen Ge- ruch. Da hingegen die Sommerblumen laͤnger tauerten/ und mit ihren Farben nicht nur die Augen bezauberten/ sondern mit ihrem Geru- che die Luͤffte einbisamten. Alle andere Jah- res-Zeiten waͤren zu frostig diese Wunder- Gewaͤchse vollkommen auszukochen. West- wegen in dem hitzigen Cyrene die Blumen bes- ser/ als nir gends anders wo ruͤchen; hingegen selbte in dem waͤßrichten Egypten meist Miß- Geburthen ohne Geruch waͤren. Der Herbst widersprach beyden/ und fuͤhrte an: Er waͤre der Vater der Vollkommenheit; die schoͤnsten Blumen rasteten nichts minder/ als die voll- kommensten Thiere lange in der Schoß ihrer Mutter. Seine ergetzten nicht nur wie die eitelen Fruͤhlings- und Sommer-Blumen das Gesichte; vergnuͤgten den Geruch mit ihrem Bisame; sondern sie saͤttigten auch mit ihrer Speise/ und gaͤben durch ihre Krafft heilsame Artzneyen ab. Mit einem Worte: Alle andere gefielen meist nur dem Vorwitze/ oder dienten bloß zur Wollust/ seine aber zum Nu- tzen. Endlich meynte der Winter niemanden etwas bevor zu geben; sintemal seine mitten aus dem Schnee herfuͤr wachsende Blumen gegen alle andere Wunderwercke waͤren. Andere Blumen erlangten ihre Zierden aus der Guͤte des Himmels; die Winter-Blumen aber aus ihrer eigenen Wurtzel Fuͤrtreffligkeit; also: daß Sturm/ Schnee und Eiß/ welche an- dere Blumen in einem Augenblicke zernichte- ten; seiner Blumen Geburt nicht hindern/ weniger ihrer Zierde schaden koͤnten. Wie nun diese und andere Gegen-Saͤtze die stritti- gen Jahres-Zeiten nicht vereinbaren konten; rennten sie von einander/ und rufften ihren Blumen zu: daß sie die Waffen ergreiffen solten. Zum ersten traff der Fruͤhling und Herbst gegen einander; da denn jener auf Erster Theil. N n n n n n n n die- Neuntes Buch diesen/ als sie neben einander vorbey jagten/ mit Karten-Disteln/ dieser auf jenen aber mit Gra- nat- und andern Aepfeln warff. Jhre Blu- men traffen auch von Gliede zu Gliede auf einander/ und zwar warff iede Blume mit ei- nem Puͤschel Blumen auf seinen Feind/ wel- che alle ihrer Farbe waren/ nemlich die weissen mit weissen/ die rothen mit rothen und so fort. Sie verwechselten aber ihre Glieder deroge- stalt: daß allemal zweyerley Farben Blu- men gegen einander fochten/ und also durch solche Vermischung so wohl der Blumen an sich selbst/ als ihrer unschaͤdlichen Kugeln/ die Augen sich uͤberaus erlustigten. Auf gleiche Weise traten nun auch bald der Sommer und Winter gegen einander. Des Som- mers Geschoß waren Schwaͤmme/ des Winters die so genanten Schnee-Ball- Blumen. Und folgten beyder Zeiten Blumwerck mit gleichmaͤssigem Gefech- te. Wie sich nun iedes Theil nach ein- ander herumb schwang/ fielen der Fruͤhling und Sommer/ der Herbst und Winter/ das dritte mal der Fruͤhling und Winter/ der Sommer und Herbst mit denen nachfolgenden Blumen einander an. Diesen Kampf aber unterbrach die Blumen-Goͤttin mit ihrem nichts minder lieblichen Gesange/ als anmuthigem Antlitze; darinnen sie denen Jahres-Zeiten zu verstehen gab: daß ehe einer ieden Zeit Blumen mit frem- den umb den Vorzug kaͤmpften; sie unter sich selbst einen Koͤnig erwehlen solten. Diese Anweisung erregte unter denen Blumen einen vierfachen buͤrgerlichen Krieg; indem keine Zeit-Blume so klein oder niedrig war; die ihr durch eine ehrsuͤchtige Heucheley nicht wie der Schnee-Koͤnig fuͤr dem Adler ein Vor- Recht zueignete. Unter denen Fruͤhlings- Blumen trug das Haupt uͤberaus empor die zweyfache Anemone. Die Chalcedonische ruͤhmte sich: Sie waͤre aus dem Schnecken- Blute des Adon; die blassere: Sie waͤre von denen Thraͤnen-Perlen der Venus ent- sprossen; sie prangte nicht nur mit dem Koͤ- niglichen Purper/ sondern mit allen andern hohen Farben. Sie beschaͤmte mit ihren Spiegeln die Pfauen-Schwaͤntze; ja man haͤtte ihr auch fuͤrlaͤngst den Koͤniglichen Titul beygelegt. Vom linden West-Wind waͤre sie fuͤr seine Braut erkieset worden/ dem sie nur die Liebe thaͤte: daß sie bey seiner Ankunft sich oͤffnete/ sonst aber als ein Bild der Keusch- heit sich verschlossen hielte. Andere Blumen waͤren auch nur Kinder einer einigen Jahres- Zeit/ sie aber bluͤhete nach dem Unterschiede ihrer eingesetzten Zwiebel im Fruͤhlinge/ im Sommer/ im Herbst/ ja gar im Winter. Der Anemone both der Narciß-Stengel maͤnnlich die Stirne/ anfuͤhrende: Er waͤre aus dem schoͤnsten Juͤnglinge der Welt in eine nicht heßlichere Blume verwandelt. Wie er in der ersten Gestalt aus einem eyß - kalten Brunnen eine uͤbermaͤssige Flamme der Selbst-Liebe geschoͤpft haͤtte/ also koͤnte kein Auge seinen belebten Schnee anschauen/ das nicht gegen ihn entzuͤndet wuͤrde. Die Na- tur haͤtte ihn nicht ohne Ursache mit einem so ausgestreckten Kamel-Halse begabet; wor- mit er die andern Blumen gleichsam als sei- ne Unterthanen uͤbersehen koͤnte. Er zaͤhlte/ wie fast alle andere/ seine Blumen nicht einze- lich; sondern er haͤtte auch solche Stengel/ welcher iede der neun Musen mit einer Nar- cisse deschencken koͤnte. Diesem widersetzte sich aufs eifrigste die Tulipane mit dem Ein- halte: Andere Blumen moͤchten sich mit einer ertichteten Todten-Farbe seltzamer Ver- wandlungen schmuͤcken; sie haͤtte die kuͤnst- lichste Mahlerin die Natur mit mehr als zwey- hunderterley Farben ausgeputzt/ also: daß we- der das Gold der Sterne/ der Saphier des Himmels/ der Schmaragd der Erde/ die Per- len Arminius und Thußnelda. len des Meeres/ die Rubinen der Schnecken/ noch alle andere Farben durch ihre Vermi- schungen gegen ihr zulangten; zumal sie noch alle Jahr neue Farben/ wie Africa neue Wunder gebehre; sie haͤtte auch nichts an ihr/ was nicht etwas goͤttliches waͤre/ auser die Sterbligkeit. Wiewohl es der meisten Blu- men Eigenschafft waͤre in einem Tage ein Kind und ein altes Weib seyn; oder wenn sie lange tauerten/ laͤgen sie heute in der Wie- ge/ morgen kriegten sie Runtzeln/ uͤbermorgen wuͤrden sie zu Leichen. Der maͤnnliche Hya- cinth laͤchelte hieruͤber/ und warff ein: Jhn wunderte: daß der Narciß/ dessen Wesen in nichts/ als im Wasser bestuͤnde/ massen diß vorher seine Moͤrderin gewest waͤre/ und noch immer seine Amme abgaͤbe/ oder auch die Tu- lipane mit ihren vergaͤnglichen Farben ihrer Hoffart eine Farbe anstreichen wolte; da sie doch selbte nicht uͤbers andere Jahr ohne Huͤlf- fe der Kunst unveraͤndert zu behalten wuͤßte; sondern endlich alle Vermischung in eine Bau- er-Roͤthe oder Gelbe-Sucht abschuͤsse. Sie waͤre ein lebloses Gewaͤchse. Denn eine Blume ohne Geruch gleichte einem Leibe ohne Seele. Bey truͤbem Himmel liesse sie den Muth/ bey nassem Wetter das Haupt sincken/ bey der Hitze die geistlosen Blaͤtter fallen. Der Hyacinth hingegen prangte fast mit al- lerhand Farben/ aber bestaͤndig. Er wiese sich auf einem Baͤthe wie Scharlach/ auf dem an- dern wie Perlen. Bald bildete er mit seiner Ascher-Farbe einen die Asche beseelenden Fe- nix/ bald mit seinẽ Berg-blau als ein Archi- medes den Himmel/ mit seineꝛ Roͤthe die Wan- gen der Liebe/ mit Vielheit seiner Blumen eine fruchtbare Kinder-Mutter/ mit seinem Geru- che das gantze wohlruͤchende Arabien/ und eine schier verschwenderische Wohlthaͤterin ab. Die Phoͤnicier haͤtten von seiner Farbe das Mu- ster genommen aus Schnecken-Blute den Koͤniglichen Purper zu faͤrben; die Agathyr- sen und die Periegeten in Jndien ruͤhmten sich die schoͤnsten Leute in der Welt zu seyn/ weil ihr Haar denen unvergleichlichen Hya- cinthen gleichte. Seine Gemeinschafft mit der Sonne bestaͤtige: daß sie ihn aus einem ihr lieben Knaben in eine so holde Pflantze verwandelt habe; ja die klaren Buchstaben mit Koͤniglichem Blute auf seinen Blaͤttern: daß er nichts minder ein Koͤnig der Blumen/ als eine Geburt des verwundeten Ajax sey. Die Koͤnigs-Krone warff sich hierauf fuͤr eine Koͤnigin auf; sintemal diese Wuͤrde ihr nicht allein die Hoͤhe ihres Stengels/ der Purper ihres Kleides/ das Gold seiner inwendigẽ 6. Zep- ter/ sondern die gantze Welt durch den zugeei- gnetẽ Nahmẽ der Koͤniglichen Krone zuerkennte. Welcher Eigenschafft sie auch darmit abbilde- te: daß sie in iedem Blate zwey perlene Huͤ- gel haͤtte/ woraus sie bey Regen- und hellem Wetter stets suͤsse Tropfen abthraͤnete; zu ei- nem nachdencklichen Merckmale: daß die Kro- nen auch Quellen der Thraͤnen waͤren. Alle Hecken erkennten den Egyptischen Dorn- Strauch fuͤr ihren Koͤnig/ weil ihre Blaͤtter sich von der Zeit an wie Koͤnigs-Kraͤntze zusammen wickelten; da die uͤber dem Tode des Titho- nus bestuͤrtzten Mohren ihre Kraͤntze auf selbi- gen Strauch geworffen haͤtten. Warumb wolte man denn ihr die Ehre mißgoͤnnen/ wor- mit sie der Himmel beschenckt/ die Natur aus- geschmuͤckt haͤtte? Aber der guͤldene Sonnen- Stengel meynte nichts minder unter dem Gebluͤme/ als das grosse Welt-Auge unter den Sternen die Ober-Stelle zu verdienen; deꝛ Koͤnigs-Krone aber/ welche nach Knobloch und Boͤcken stincke/ keinen Fuß breit zu entraͤumen. Denn waͤre sie eine Krone; so waͤre er ein Zepter; welches ein eigentlicher Merckmal der Herr- schafft als jene waͤre. Jupiter und Apollo be- dienten sich dessen selbst im Himmel; und Aga- memnon waͤre von den Goͤttern selbst damit beschencket worden. Das Sonnen-Auge N n n n n n n n 2 wolte Neuntes Buch Auge wolte nichts minder allen vorgehen. Denn die Soñe waͤre das Auge der Welt; seine Blume aber ihrer Schoͤnheit halber gleichsam die Sonne/ und also ein rechter Spiegel der Blumen/ wie das Auge der Natur. Allein diesen Riesen bot die Zwergin die Meyen- Blume Kampf an; und meldete: Sie such- ten ihre Hoheit nur aus der Schale ihres praͤchtigen Nahmens zu behaupten; sie aber aus ihrem fuͤrtreflichen Wesen. Denn sie waͤre die rechte Thal-Lilge/ und so voll Geist: daß wie an der Nachtigall mehr Gesang als Vogel/ also an ihm mehr Geruch als Blume waͤre. Dahero sie nichts minder wegen ihrer verein- barten Tugend/ welche die Lebens-Geister der Ohnmaͤchtigen selbst wieder beseelete/ ja die Lei- che des Eßigs in heilsame Staͤrckung verwan- delte/ allen groͤssern Blumen als eine Dattel einem Kirbse/ und der Paradis-Vogel einem Trappen vorgezogen zu werden veꝛdiente. Unter denen Sommer-Blumen erhob sich keine geringere Zwytracht. Die Lilge ruͤhmte sich eine Koͤnigin aller Blumen; weil sie aus der Milch der Goͤtter-Koͤnigin/ nemlich der eyversuͤchtigen Juno entsprossen; ihr Stengel der hoͤchste/ ihre Farbe die vollkommenste/ ihr Geruch kraͤfftiger als Balsam/ ihre Thraͤne ihr selbst eigener Saame; ihre Blaͤtter voll Oel und Salbe/ ihre Krafft eine nuͤtzliche Artz- ney/ ihr Safft ein Ursprung des Honigs; und sie; nwendig mit Golde gekroͤnet/ und an statt der Dornen mit Anmuth gewafnet waͤre. Die sich fuͤr eine Lilge ruͤhmende Meyblume waͤre gegen ihr ein kaum sichtbarer Kriepel/ und noch dazu unfruchtbar. Denn seine Blumen haͤtten keinen Saamen/ und stuͤrben durch ihre Ver welckung nicht nur ihr/ sondern gar der Nachwelt ab. Daher diese pucklichte Zwergin mit ihrem gebuͤckten Halse sich gar billich fuͤr ihr in duͤstere Thaͤler verkrieche. So seind die Bienen dem Oele sind/ so entruͤstet stellte sich auch das Bienen-Kraut gegen die oͤlichte Lilge. Es fuͤhrte fuͤr sich an: daß es das Labsal der keuschen und gerechten Bienen/ und der Brunnquell des Honigs waͤre; wor- mit die heilige Priesterin der grossen Goͤttin Jupitern auferzogen/ den Sterblichen den Zucker des himmlischen Nectars zugefroͤmet/ ihnen ein Mittel das Leben zu verlaͤngern/ und ihre Leichen fuͤr der Faͤulnuͤs zu verwahren/ ja sich von Suͤnden und Traurigkeit rein zu be- waschen geschencket haͤtte. Seine Blume und Kraut waͤre ein Tod der Traurigkeit/ eine Uberwinderin des Gifftes/ und eine Aertztin aller Frauen-Kꝛanckheiten. Die Susianische Schwerdt-Lilge ruͤckte dieser hingegen fuͤr: Wie das Honig ein Bild des Todes waͤre; also waͤꝛe auch an seineꝛ Blume nichts lebhaftes. Sie hingegen waͤre auf Erden/ wie der Regenbogen im Himmel ein Begrief aller schoͤnen Farben/ ein Wunder der Augen/ und eine Koͤnigin der Blumen/ wie ihr Vaterland Persien/ anderer Laͤnder. Alleine sie ward von der Nelcke verhoͤ- net uñ eꝛmahnet: Sie moͤchte sich mit ihꝛeꝛ waͤß- richten Eitelkeit fuͤr ihrem Feuer nur unter das Wasserdes Flusses Euleus verkriechẽ/ und aus ihꝛes Vateꝛlandes bꝛeñenden Haꝛtztbꝛuñen mehr Feuer an sich ziehen. Deũ der Nelcken starcker Wuͤrtz-Geruch waͤre ein selbststaͤndiger Ge- schmack der Jndianischẽ Naͤgel. Alle Farben der Welt muͤsten ihr zum Pinsel dienen/ dadurch er sich oͤfter/ als Proteus verkleiden koͤnte. Und wie kein Apelles mit seinem Pinsel ihre Schoͤnheit ausdruͤcken koͤnte/ also waͤre sie der rechte Mah- ler der Gaͤrte. Beyden wideꝛsprach ins Antlitz das Knaben-Kraut: die vielen Farben der Nel- cken waͤre eine gemeinẽ Kleider-Verwechse- lung; das Knaben-Kraut aber bildete auf sei- nen vielen Blaͤttern die Gestalten allerhand Thiere/ ja der Maͤnner und Weiber mit einer wundersamen Roͤthe ab. Seine Kraͤfften uͤberstiegen das Vermoͤgen aller andern Pflan- tzen. Denn sie zuͤndeten in denen eyskalten Adern den Zunder der Liebe an; und machten gleich- Arminius und Thußnelda. gleichsam die todten Steine rege und lebhafft. Dahero sie die Liebe nicht nur auf der Welt den Blumen; sondeꝛn auch allen Einfluͤssen der Ge- stirne vorzuͤge. Alleine die gelbe Molyblume ruͤhmte sich ein Kind des Mercur/ und eine Uberwinderin aller Zauber-Kuͤnste zu seyn; welche auch den Monden aus dem Himmel zu ziehen/ und die Sonne zu beflecken vermoͤchte. Durch sie haͤtte Mercur Ulyssen von allen Zau- ber-Kuͤnsten der Circe befreyet/ und also waͤren ihre Kraͤfften so wenig mit Golde zu bezahlen/ als ihre Farbe des edelsten Ertztes Glantze was nachgaͤbe. Fuͤr dieser aber meinte noch zu ge- hen die Peonie; welche ihr aber vielmehr mit dem Nahmen der Koͤnigs-Blume heuchelte/ und sich ruͤhmte: daß sie nichts minder wegen Vielheit der Blaͤtter/ und ihrer Scharlach- Roͤthe eine Koͤnigin/ als eine Tochter schattichter Berge/ und eine Mutter der Gesundheit waͤre. Daher die Aꝛtzney-Kunst nicht weniger von ihr/ als ihrem Bruder dem eben diesen Nahmen fuͤhrenden Steine/ der die Weiber fruchtbar machte/ und die Geburt erleichterte/ einen Ti- tel geborgt haͤtte. Hierwider aber saͤtzte sich der Sonnen-Wirbel; als welchem ein unbenehm- liches Vorrecht geben solte: daß er durch eine verborgene Zuneigung einꝛ richtige Sonnen- Uhr/ und eine beseelte Leiche der verliebten Cly- tie abgaͤbe; also auch bey woͤlckichtem Himmel niemals sein Ziel der guͤldenen Sonne fehlen koͤnte; des Nachts aber aus einer traurigen Sehnsucht die Blume gantz zusammen zuͤge. Erhaͤtte die Eigenschafft den gifftigen Schlan- gen und Scorpionen zu widerstehen/ und die Ameissen zu toͤdten. Uber dis stritten fuͤr sei- nen Obsieg die niemals veꝛwelckenden Blaͤtter; da fast alle andere fruͤh in der Wiege liegende Blumen/ des Abends schon in Sarch kaͤmen. Da aber die Verwandschafft einiges Vorrecht geben koͤnte/ haͤtte er einen veꝛschwiste ten Stein/ der von der Natur mit blutigen Sternen be- saͤmt waͤre/ der der Sonne einen Spiegel ab- gaͤbe/ ihre Finsternuͤsse zeigte/ im Wasser ihre Strahlen erhoͤhete/ und den Zauberern zur Un- sichtbarkeit diente. Allein auch diesem wolte sich das Stern-Kraut fuͤrzuͤcken/ weil selbtes auch die Finsternuͤs der Nacht zu bemeistern/ und dardurch dem Gestirne gleich zu werden wuͤste. Endlich warf sich auch die Blume der welschen Baͤrenklau fuͤr eine Koͤnigin auf; und ruͤhmte ihre Schoͤnheit daher: daß die fuͤrtreflichsten Bildhauer ihre zierlichen Blaͤt- ter in die koͤstlichsten Marmel- und Ertzt-Seu- len einaͤtzten. Nichts minder gieng der Krieg unter den Herbst-Blumen an. Denn die Damascenische Musch-Blume meinte: daß ihre Farbe ein Ebenbild der Keuschheit/ ihr Geruch aber der Kern des wolruͤchenden Musches waͤre. Die Griechische Aloe ruͤhmte nichts minder ihre Gestalt/ als den bittern Safft ihrer Wurtzel wegen seiner heilsamen Artzney-Krafft/ und daß er durch unversehrliche Erhaltung der Leichen die Vergaͤngligkeit entkraͤfftete. Der Jasmin hingegen ruͤhmte sich Krafft seines Geruches eine Seele der Entseelten; Krafft seiner unzaͤhlbaren Blumen gleichsam ein Briareus zu seyn; welcher mit hundert Ar- men seine Schoͤnheiten ausbreitete. Allein diese vergeringerte die Mogorin-Blume/ wel- che sich fuͤr eine Einbisamerin gantz Jndiens hielt/ und den Jasmin/ der Gestalt nach/ zwar fuͤr ihren Bruder erkennte/ mit einer Blume aber ein gantz Hauß anzufuͤllen/ und also tau- send Jasminen wegzustechen vermeinte. Die preißwuͤrdige Jucca erkennte den Jasmin und die Mogorin zwar fuͤr ihr Geschwister/ aber sie haͤtte das Recht der Erst-Geburt/ und die Kraͤffte einer Blumen-Riesin. Denn sie triebe ihren Stengel drey Fuͤsse hoch/ und der Vor- rath ihrer wolruͤchenden Blumen machte sie zu der reichsten unter allen Herbst-Blumer. Jhre oͤfftere Fruchtbarkeit aber zuͤge sie der nur einmal gebaͤhrenden Atlantischen Aloe fuͤr. N n n n n n n n 3 Alleine Neuntes Buch Allein diese hierdurch angestochene Riesin reck- te uͤber alle Blumen ihr Haupt empor/ und meinte den koͤniglichen Krantz keiner andern zu goͤnnen. Sintemal sie/ bey der zwar lang- samen/ aber es reichlich-einbringenden Geburt ihres Blumen-Stengels/ an geschwindem Wachsthum die Zedern uͤbereilte/ und an Men- ge der wolruͤchenden Blumen es allen in der Welt zuvor thaͤte/ ja ihre Kinder zu hunderten zehlte. Gegen dieser aber lehnte sich der grosse Hyacinth mit den knollichten Wurtzeln auf/ und stellte ihr zum Gebrechen aus: daß sie alsdenn erst Blumen braͤchte/ wenn sie ein funfzig- oder hundert- j aͤhrig altes Weib wuͤꝛde; also ihren wolthaͤtigen Pflantzer ins gemein mit vergebener Hoffnung speisete/ und meist ehe ihn sterben ließe/ ehe sie schwanger wuͤrde; ja mit threr ersten Geburt auch alsofort untergienge und verdorrete. Sie hingegen truͤge alle Herbste nicht viel weniger Blumen/ als die Aloe; also: daß ihr mit Gewalt und schier sichtbar emporstossender Stengel den Nahmen eines gantzen Blumen-Gartens verdiente. Seiner Blumẽ Geruch uͤbertraͤffen dẽ der Aloe und der Jasminen. Er vergleichte sich der kraͤfftigsten Pomerantz-Bluͤte/ ja wenn die un- tergehende Soñe andern Gewaͤchsen fast allen ihren Geist entzuͤge/ vergroͤsseꝛten seine Blumen ihre Balsam-Krafft/ umb die gleichsam ohn- maͤchtige Welt die Nacht uͤber zu erquicken. Nach diesem stellte sich auch der Saffran zur Schaue; anziehende: daß mit seinen guͤldenen Haaren die Liebes-Goͤttin ihre untermengte; seine guͤldene Eeren noch die Fruchtbarkeit der guͤldenen Zeit abbildeten/ und die Welt in ihn noch so verliebt waͤre/ als jemahls das Epheu gewesen. Er haͤtte die Krafft die Trunckenheit/ ja die grausamen Krokodile zu vertreiben; die Ehre die Schauplaͤtze einzubisamen; und die niedlichsten Speisen anzuwuͤrtzen; die Wun- den zu heilen/ oder auch gar der Traurigkeit ab- zuhelffen. Westwegen nichts minder die Eu- menides/ als Ceres den Saffran ihnen zu einem Heiligthume zugeeignet haͤtten. Dem Saff- ran fiel die Aland-Blume in die Haare/ und zohe an: Sie waͤre der schoͤnsten Frauen in der Welt schoͤnste Geburt/ und milterte nicht nur die Traurigkeit/ sondern sie vergruͤbe alles Leid in das Nichts der Veꝛgessenheit. Aber alle diese wolte die Sonnen-Krone verdringen; welche ins gemein sechs und zwantzig/ offt auch gar vieꝛ- tzig Schuch hoch ihr Haupt empor thuͤrmete/ und also nicht nur alle Blumen in gebuͤckter Demuth unter sich saͤhe/ sondern auch hohen Baͤumen zu Kopfe wuͤchse. Diese ungeheure Blume verhoͤhnete das Sonnen-Auge; weil sie eine Schale ohne Kern; hingegen dis ein Kern ohne Schale/ ja ein recht heilsames Marck der kraͤfftigsten Artzneyen waͤre. West- wegen diese Blume die Minerva ihren vom Tempel gefallenen Pericles im Traume als sein einiges Genesungs-Mittel gewiesen; die Koͤnigin Artemisia auch als ein Labsal ihres Traurens fuͤr allen andern Blumen verehr e t haͤtte. Gegen dieser streckte auch ihr zehn Fuͤsse hohes Haupt die Egyptische Colocasia herfuͤr/ ruͤhmte nicht nur die Groͤsse ihrer Blaͤt- ter/ und ihre mit einer suͤssen Frucht traͤchtige Haͤupter oder Kelche/ welche nach abgezinseten Bohnen Trinck-Geschirre abgaͤben; sondern auch ihre suͤsse Zwiebeln/ welche nichts minder zu einem kraͤfftigen Liebes-Zunder/ als einer koͤstlichen Speise dienten; und sie daher als ein Wunderwerck/ ja als eine die Gluͤckseelig- keit gleichsam mit sich fuͤhrende Pflantze in den Roͤmischen Gaͤrten sorgfaͤltig unterhalten wuͤr- de. Endlich beruffte sich der Serische Blu- men-Koͤnig auf seine unvergleichliche Schoͤn- heit/ fuͤr welcher Glantze alle weisse Blumen schamroth wuͤrden/ alle gefaͤrbte wie die Ster- nen fuͤr der Morgenroͤthe erblaßten. Er gruͤn- dete sich auf das fuͤr ihn schon gefaͤllete Urthel der klugen/ und allein zwey Augen habenden Seꝛer; welchem kein ander ein-aͤugichtes Volck wider- Arminius und Thußnelda. widersprechen koͤnte. Der Colchische Herbst- Stengel brach ein: Seine Lands-Leute die Thibier waͤren scharfsichtiger als die Serer; denn sie haͤtten Zwey-Aepfel in Augen; diese aber erkennten ihn fuͤr den Fuͤrsten aller Blu- men. Denn weil er mit allen Farben in der Welt prangte/ koͤnte man in seiner Anwesenheit aller andern entpehren. Das Haar der Ve- nus aber wolte noch schoͤner und kraͤfftiger seyn. Denn das Haar waͤre der Loͤwen und Menschen schoͤnster Schmuck/ ein Kennzeichen der edlen Freyheit; ja die Strahlen der Gestirne waͤꝛen nichts anders als ihre Haare/ und seine Blume der Strahl der Blumen. Zuletzt war der stuͤrmische Winter in keiner friedsamern Beschaffenheit. Denn die Erd- Aepfel-Blume oder der Nabel der Erde machte sich so krauß/ als seine fleckichten Blaͤtter gekraͤuselt sind. Jnsonderheit striech diese Blume ihre Wuͤrckung wider Gifft und Schlangen/ und die unschaͤtzbare Erleichterung der menschlichen Geburten heraus. Diesem begegnete das Nabel-Kraut: Es wuͤꝛden zwar die schoͤnsten Geschoͤpfe mit dem Nahmen des Nabels oder der Augen betheilt. Die wun- derlichsten Steine hieße man Augen/ und die seltzamsten Muscheln Nabel der Nymphen. Seine Blaͤtter aber waͤren der Nabel der Ve- nus/ und die Blumen Augen der Liebe. Ja uͤber viel andere heilsame Kraͤfften diente es zu Liebes- Traͤncken. Hingegen ruͤhmete die Wolffs-Wurtzel sich viel groͤsserer Kraͤffte; als welche zwar von dem Schaume des Cer- berus entsprungen waͤre/ und die Panther- Thiere toͤdtete; im Menschen aber entseelte sie das verhandene Gifft/ und ihr bloßes An- ruͤhren waͤre der Tod der Scorpionen. Ubri- gens erinnerte ihre gifftige Eigenschafft die Menschen: daß/ weil unter deren schoͤnsten Blumen doch Schlangen verborgen laͤgen/ sie niemals die Vorsicht außer Augen setzen/ und den Mißbrauch ihnen gefallen lassen solten. Die blaue Hornungs-Feilge fuhr mit einer empfindlichen Ungedult heraus: Unterstehet ihr gifftigen Spinnen euch wol nicht nur unter so nuͤtzliche Bienen zu mischen/ sondern gar ih- nen zu Kopfe zu wachsen? Hebet euch von hier ihr Unholden! entfaͤrbet eure geschminckte Ant- litze fuͤr der nichts minder heilsamen als schoͤnen Feilge; welche mit ihrer Farbe dem Himmel/ mit ihrem Geruche dem Zimmet am nechsten kommet; welcher Saame nicht nur die Scor- pionen toͤdtet/ sondern hunderterley Kranckhei- ten abhilfft. Aber auch dieser meinte der Win- ter-Hyacinth die Oberstelle nicht zu entꝛaͤumen/ dessen Feuer mit nicht geringerm Wunder mit- ten aus dem Schnee/ als siedende Quellen aus kaͤltesten Baͤchen herfuͤr braͤchen; und den fro- stigen Winter in einen annehmlichen Lentz ver- wandelten. Die fruͤhe Zeit-lose gebꝛauchte fuͤr sich fast eben die Gruͤnde; und daß sie wesentlich die Schoͤnheit aller Farben in sich haͤtte; wor- mit der Schatten der Sonne und die Unwahr- heit des woͤlckichten Himmels nemlich der Re- genbogen die Augen blaͤndete. Alleine der Majoran behauptete: daß nicht die Farbe/ son- dern die kraͤfftigen Eigenschafften der Blumen den Koͤnigs-Krantz verdienten. Raupen und Wespen haͤtten die Farben der Regenbogen/ die Roßkaͤfer des Goldes/ das gifftige Napel des Purpers. Solten destwegen diese Ge- schwuͤre der Erde/ diese Mißgeburten der Na- tur einen besondern Vorzug verdienen? Er waͤre zwar nicht die schoͤnste Blume/ aber so viel kraͤfftiger; ja er haͤtte alleine die herrliche Eigenschafft des Jndischen Gewuͤrtzes: daß sein bloßer Safft ein unverterbliches Oel und Salbe abgaͤbe. Endlich wunderte sich der Amaranth: daß noch nicht alle Blumen sich fuͤr ihm/ als einem unsterblichen Wunder- wercke unter denen vergaͤnglichen Gewaͤchsen buͤcketen. Er waͤre so lebhafft: daß er nicht nur wie etliche Baͤume im Winter gruͤnete/ sondern auch nach seiner Abbrechung/ ja nach seiner Neuntes Buch seiner Abdoͤrrung Merckmaale seiner Unsterb- ligkeit behielte; und daher waͤre er allein des lebenswuͤrdigen Achilles Grab zu begraͤntzen gewuͤrdigt worden. Die Blumen-Goͤttin haͤtte ihm den Nahmen Tausendschoͤn zugeeig- net/ und also ihm das Besitzthum tausendfacher Schoͤnheit zugesprochen. Schoͤnheit aber waͤ- re nichts minder das erste Kleinod der Blumen/ als der Zunder der Liebe; und mehrmahls in der Welt eine Werberin und Braut koͤnigli- cher Wuͤrde gewest. Diesemnach seine niemals verwelckende Gestalt derselben ihn unzweifel- bar versicherte. Und koͤnte niemand als die Eitelkeit einer fluͤchtigen Blume den Koͤnigs- Krantz aufsetzen. Dieser letzten Meinung fielen alle dieselbi- gen Blumen bey/ welche das gantze Jahr wo nicht bluͤheten/ doch an ihren Stengeln ihre gruͤnen Blaͤtter behielten; in Hoffnung: daß wegen ihrer wenigen Anzahl jede so viel ehe zur Koͤnigs-Wuͤrde kommen/ oder nach der Koͤnigin doch eine ansehnliche Fuͤrsten-Stelle erlangen wuͤrde. Alleine die grosse Menge der ver- gaͤnglichen Blumen umbringte jene wenigen durch einen zierlichen Kreiß-Tantz; dardurch sie nach und nach/ wie kuͤnstlich sie sich auszuwin- den vermeinten/ je mehr und mehr ins Gedran- ge gebracht wurden. Dieselben/ welcher Alter nach der Laͤnge eines Tages abgemaͤssen ist/ hiel- ten denen andern singende ein: Sie verstuͤnden so wenig was das beste in den Blumen/ als der Kern in der Wollust waͤre. Die Laͤnge der Zeit muͤste zwar vielen Dingen zur Vollkom- menheit/ und vielen Gewaͤchsen/ daß sie reiff wuͤrden/ dienen. Alleine das Alter beraubte die meisten Sachen ihrer Guͤte/ und vergerin- gerte auch die besten. Die von denen alten Zim- met-Baͤumen abgebrochene Casia reichte der von juͤngern geschaͤlten Zimmet-Rinde nicht das Wasser. Die Runtzeln waͤren nicht nur Frembden/ sondern auch den Runtzlichten selbst verhaßt. Wie moͤchte denn die veralternden Blumen ein annehmliches Augen-Ziel abge- ben; welche gerne sterben wolten/ wenn sie sich nur wie die Fluͤchtigen verjuͤngen koͤnten. Das Marck der Vollkommenheit waͤre die Ver- gnuͤgung ohne Saͤttigung. Denn allzu lan- ger Genuͤß auch der niedlichsten Suͤßigkeit ver- ursacht einen Eckel. Was aber einem/ wenn es am besten schmeckt/ aus den Zaͤhnen gerissen wird/ verlieret niemals seinen Geschmack; und die vergaͤngliche Wolust veraltert nicht/ sondern das Verlangen mehrer Genuͤßung verzuckerte so viel mehr dis/ was denen bitter geschienen/ die das erste mal nicht waͤren satt worden. Diese Vergaͤngligkeit waͤre so gar die Wuͤrtze der Lie- bes-Wercke/ welche doch der Ausbruch aller Wolluͤste seyn solten. Die Natur haͤtte durch ihre Sparsamkeit so gar dem Golde/ als dem Marcke der Erden/ den Diamanten als den edelsten der Edelgesteine ihre Koͤstligkeit erhal- ten muͤssen. Nicht anders erhielte die Fluͤch- tigkeit den vollkommensten Wunder-Blumen ihr Ansehen/ welche man so wenig/ als Nesseln einigen Anblicks wuͤrdigen wuͤrde/ wenn sie ein gantz Jahr lang bluͤheten. Uberdis haͤtten die unverwelckenden Blumen-Stengel auch keine andere/ als nur eine gruͤne Zierde/ welches ohne dis die todte Erd-Farbe/ hingegen die gelben/ weissen/ rothen und blauen Sternen- und Him- mels-Farben der Vergaͤngligkeit und Abwech- selung/ besonders im Gebluͤme am meisten un- terworffen waͤre. Als der Amaranth sich und seine Gespielen derogestalt uͤbermannet sahe; muste er durch Fuͤrwerffung eines neuen Zanck-Apfels sich aus dem Gedraͤnge/ und seine Feinde in Tren- nung zu bringen trachten. Daher er den Hy- acinth/ den Jasmin/ und Saffran verhoͤhnete: daß sie mit so viel weiblichen Blumen wider ihn und ihr eigenes Geschlechte in Buͤndnuͤs getre- ten waͤren; Die Weiber aber so wenig unter den Blumen/ als unter den Thieren der Herr- schafft faͤhig waͤren. Dieser Einwurff erregte bey Arminius und Thußnelda. bey denen saͤmtlichen Blumen eine neue Tren- nung. Sintemal die weiblichen aller vier Jah- res-Zeiten sich durch einen zierlichen Tantz von denen Maͤnnlichen in einen Kreiß versammle- ten; und der Blumen-Goͤttin singende fuͤr- stellten; wie der Amaranth sie und die Liebes- Goͤttin beschimpft/ und die Rache einer gaͤntzli- chen Austilgung verdient haͤtte. Die maͤnn- lichen Blumen aber namen sich des Amaran- thes an/ und hiermit kam es zu einem neuen Blumen-Kriege. Sintemal beyde abermals sich nach dem Unterscheide ihrer Farben in eine Schlacht-Ordnung stellten/ und von Gliede zu Gliede mit ihren Blumen-Kugeln einander antasteten. Die vier Jahres-Zeiten wurden bestuͤrtzt/ als sie ihre eigene Blumẽ mit einander in Feindschafft verfallen sahen; rennten also umb die Schrancken herumb ein Mittel zu fin- den; wie jede Zeit die Jhrigen wieder in einen Hauffen braͤchte. Aber die allzu grosse Ver- mengung zernichtete alle Bemuͤhung. Die- semnach denn umb diese Zertrennung zu stoͤ- ren der Fruͤhling rief: daß aus denen bundten Blumen ein Koͤnig zu erkiesen waͤre. Die- sem folgte der Sommer/ und vertroͤstete dessen die Purperfarbenen/ der Herbst die gel- ben/ und der Winter die weissen. Durch die- sen Anschlag wurden aus zwey streitenden Theilen ihrer fuͤnff. Denn die uͤbergangenen blauen sammleten sich in der Mitte auch zu- sammen; und beschwerten sich gegen dem Him- mel uͤber grosses Unrecht solcher Veraͤchtligkeit; als welcher die Saphieren-Farbe zu seiner Zier- de erkieset haͤtte. Sie klagten bey der Sonne/ welche nicht nur darmit die Wolcken faͤrbte/ und ihren Hyacinth in eine blaue Blume ver- wandelt haͤtte/ ja auf tunckelen Dingen am kraͤfftigsten die Macht ihrer Stꝛahlen ausuͤbte; sondern auch denselben ihre geheime Weissa- gungen eroͤfnete/ welche mit Saphieren sie ver- ehreten. Sie rufften die Menschen zum Beystande an; sintemal je mehr etwas von weisser Farbe in sich haͤtte die Strahlen des Gesichtes zerstreuete/ und die Augen verduͤster- te/ ihre schwaͤrtzlichte Farbe aber die Augen- Strahlen zu einer genauen Betrachtung zu- sammen zuͤge/ und das Gesichte staͤrckte. Aber alle andeꝛe Farben rieffen: die Mohren-Blu- men waͤren keines Koͤnigreichs/ sondern viel- mehr einer traurigen Bahre werth; weil ihre Schwaͤrtze mit der Farbe der Nacht und des Todes eine so nahe Verwandschafft haͤtte. Die blauen Blumen seuffzeten gegen dem Himmel/ und fleheten ihn an: daß weil der Winter kei- ner blauen Veilgen/ der Fruͤhling keiner Mertz- und Lischblumen/ der Herbst keines Jasmins/ keiner Sonnenwirbel/ und keine Jahres-Zeit noch die Erde der Hyacinthen werth waͤre/ moͤchte selbter sie nicht mehr so niedrig wachsen lassen/ sondeꝛn sie mit edlen Saphieren zwischen die gestirnten Blumen des Ariadnischen Kran- tzes versaͤtzen. Zumahl nichts minder unter- schiedliche Arten der irꝛdischen Hyacinthen/ als der Saphiere schon mit guͤldenen Sternen be- streuet waͤren. Die weissen Blumen hinge- gen gruͤndeten sich auf die allgemeine Verdam- mung der blauen; und meinten aus dem Gꝛun- de solchen Urthels bereit das Recht gewonnen zu haben. Sintemal die weisse Farbe alleine den Nahmen einer Farbe verdiente. Denn sie waͤre alleine das Licht/ alles andere Schat- ten. Sie waͤꝛe der einige Ursprung aller Faꝛ- ben. Aus dreyen Theilen ihres Lichtes/ und einer Helffte des Schattens kaͤme die gruͤne; aus zwey weissen/ und einem schwartzen Theile eutspringe die gelbe/ aus anderthalb Theilen des Lichts und einem der Finsternuͤs ruͤhrte die Purper-/ aus einem weissen/ und anderthalb finstern Theilen mischte sich die Himmel-blaue/ aus drey Theilen der Schwaͤrtze/ und einem Theile des Lichtes die Feilgen-Farbe zusam- men. Je mehr nun etwas dem Schatten naͤher kaͤme/ je geringer waͤre es; das von allem Finstern entfernte aber waͤre die Voll- Erster Theil. O o o o o o o o kom- Neuntes Buch kommenheit. Dahero sich der frohe Tag/ und die reinen Gestirne in die weisse Farbe des Lich- tes gekleidet haͤtten. Und in denen weissen Blumen glaͤntzete die Milch ihrer unbefleckten Mutter der Blumen-Goͤttin; welche ihr Be- lieben an so reiner Farbe dardurch bezeigte: daß auch die tunckelsten Pflantzen anfangs an der Wurtzel oder Zwiebel weiß aus schluͤgen/ hernach gruͤnlicht-gelbe wuͤrden/ oder ferner in mehr schattichte Farben sich verstellten. Die gelben Blumen widersprachen die Vollkom- menheit der weissen. Denn sie haͤtten nicht einst das Wesen einer Farbe/ sondern ihr Licht waͤre nur eine blancke Tafel/ darauf die Natur/ als die kuͤnstlichste Mahlerin/ mit ihrem Pinsel ihre Schoͤnheiten streichen solte. Diese haͤtte in allen ihren Geheimnuͤssen nichts kraͤfftigers als den Schwefel/ welchem aller Farben Unter- scheid zuzuschreiben waͤre. Fuͤr sich selbst aber behielt er die gelbe Farbe/ als die erste und vollkommenste/ und eignete sie denen herꝛlich- sten Geschoͤpffen/ in der Erde dem Golde/ im Himmel der Sonne zu. Daß alle weisse Kaͤu- me der Pflantzen sich meist anders faͤrbten/ waͤre ein unverneinliches Merckmaal ihrer Unvollkom̃enheit; Weil die kluge Mutter der Natur ja ihre Fruͤh-Geburten mit nichts vollkommenerm/ als ihre zeitige Kinder aus- putzen wuͤrde. Was im Lentzen weiß bluͤhe- te/ im Sommer gruͤnete/ faͤrbte der reiffe Herbst ins gemein gelbe. Ja keine Narcisse oder andere weisse Blume waͤre fast zu finden/ die nicht in ihrer Mitte zu ihrem Aufputze et- was zu ihrem Schmucke entlehnte; und wie die Danae ihr Gold in ihre Schoos regnen ließe. Die rothen Blumen gaben denen gel- ben zwar nach: daß ihr Gold die Bluͤte der Schoͤnheit fuͤrstellte; allein der Purper der Roͤthe waͤre der koͤnigliche Glantz aller Far- ben; woruͤber weder die Natur noch die Kunst mit ihrer Mahlerey zu steigen wuͤste. Durch diese prangte das Meer mit seinen Korallen und Purper-Schnecken; die Erde mit ihren Rubinen; die Lufft mit ihrer Mor- gen- und Abend-Roͤthe; ja die schoͤnsten un- ter den Sternen waͤren die roͤthesten. Wenn Kunst und Feuer das Ertzt zerfloͤßete/ und auf seine hoͤchste Staffel braͤchte/ naͤhme es nach vielen Verwandlungen die Gestalt eines ro- then Loͤwen an. Eben dieses wuͤrckten sie in den Blumen. Die weisse Schoͤnheit der Narcissen wuͤste ihre innerliche Freude nicht vollkommen auszudruͤcken/ und ihꝛe Anschau- er annehmlich genung anzulachen/ wenn nicht ihre Milch sich mit ihrem Schnecken- Blute vermaͤhlte/ oder mit einer verschaͤm- ten Roͤthe ihre Unschuld beschirmete. Die gelben Blumen aber besaͤßen den lebhafften Zinober mit Armuth; den die Natur mit verschwenderischer Hand uͤber sie ausgestreu- et/ und sie durch diese eigenthuͤmliche Farbe der Liebe aller Welt beliebt/ ja gegen ihrer Flamme das Feuer gleichsam blaß und todt gemacht haͤtte. Endlich striechen die bundten Blumen ihre Fuͤrtrefligkeit heraus; in denen die Natur mehr herꝛliche Veꝛmischungen mach- te/ als die reichsten Sprachen nicht zu neñen/ kei- ne Seidenstuͤcker nachzuwebẽ/ kein Apelles nach- zumahlen/ ja weder Erde noch Meer gnungsam und so hohe Farben her zu geben wuͤsten. Fuͤr- nemlich aber waͤre an ihnen die Verschwiste- rung der weissen und rothen Farbe mehr wun- derns werth/ als daß der Wasser-Gott Pro- teus sich auch habe in Feuer verwandeln koͤnnen. Denn jede Farbe fuͤr sich waͤre nur Stuͤckwerck; die Vollkommenheit aber muͤste hier und anderwerts alles in sich begreiffen. Aus diesem Absehen haͤtte die Natur die Wie- sen mit so vielfaͤrbichten Blumen/ die Baͤume mit unter schiedenen Bluͤten/ Blaͤttern und Fruͤchten/ die Voͤgel mit so seltzamen Federn/ die Haͤlse der Tauben/ die Schwaͤntze der Pfauen/ und die Fluͤgel der Fasanen mit so veꝛ- mengten Spiegeln/ den Regenbogen mit allen Farben Arminius und thußnelda. Farben begabt/ ja die Gestirne selbst nicht ein- ander gleiche gemacht. Dieser Wuͤrde halber haͤtten etlicher Voͤlcker Gesaͤtze niemanden/ als den Priestern/ weil sie goͤttliche Stellen vertraͤten/ scheckichte Kleider zu tragen erlaubet. Und alle kraͤfftige Blumen nehmen entweder zugleich/ oder nach und nach unterschiedene Farben an. Nach diesem annehmlich-gesun- genem Wort-Streite geriethen sie wieder zu einem neuen Blumen-Gefechte; indem an- fangs der blaue Hauffe von denen gesammten vier andern angegrieffen/ und aus seiner Mitte getrieben ward. Diese behaupteten die weis- sen Blumen; sahen sich aber alsofort von de- nen vier mißguͤnstigen andern angefeindet; also daß hierauf die gelben/ hernach die rothen/ endlich die bundten das Mittel einnahmen; als inzwischen dieses Gluͤcks-Wechsels halber die weissen und gelben gegen die blauen und rothen ein Buͤndnuͤs machten. Bey welcher Zwytracht die bundten zwar gewonnen Spiel zu haben vermeinten; aber sie blieben ein An- stoß aller beyder Theile zu einer nachdencklichen Erinnerung: daß der/ welcher keinem Theile beypflichtet/ von oben den Staub/ von unten den Rauch aufnehmen muͤsse. Alle fuͤnf Hauffen waren nunmehr/ wiewol Glieder-weise zusammen vermischet; als die Blumen-Goͤttin sie herzu rennende von sammen trennete/ und ihnen singende den Jrꝛ- thum benaam; da sie den Vorzug der Blume allein an ihrer Farbe zu bestehen vermeinten. Die Farben haͤtten nichts minder in Blu- men/ als im Menschen ihre veraͤnderliche Eitelkeit. Jene entfaͤrbte der Winter/ wie diese das Alter; jener Blaͤtter kriegten nichts minder Runtzeln/ als dieser Wangen. Ja die Aeffin der Natur/ die Kunst/ wuͤste gleich einer zaubernden Circe den Schnee der Blumen in Scharlach/ das Gold in Zinober/ in Schma- ragd/ und alle andere Farben zu verwandeln. Die duͤrren Tannzappen kehrten schneeweisse Blumen-Kinder in Mohren/ der Rauten- Safft machte sie gruͤn/ die Kornblume blau/ weñ sie nebst Eßig und Saltze in ihre Schaf-Tin- gung gemengt wuͤrde. Eine Blume strieche der andern eine Farbe an; das Haar des Saff- rans koͤnte durch daraus gemachte Netzung die Lilgen bepurpern; hingegen der Schwefel die fast brennenden blaß machen; ihre Zwiebeln waͤren fast so geschickt alle Farben/ als das Wachs jede Gestalt anzunehmen/ und die Schwaͤmme die Feuchtigkeiten einzutrincken. Ja die Kunst erkuͤhnte sich einem Blumen- Stengel gantz anders gefaͤrbte Blumen-Zwei- ge nicht anders/ als einem einaͤugichten Ari- masper mehr Augen einzusetzen/ und selbten zu vieraͤugichten Mohren/ wo nicht gar zu einem hundert-aͤugichten Argos zu machen. Daher kleidete sich die Anemone bald weiß/ bald roth/ bald blau/ bald Pfirschken-bluͤtig aus. Die Nelcken prangten mit so viel Farben/ als der Himmel mit Sternen. Die Hyacinthen waͤ- ren nicht verliebter in blau als in weiß. Die Lilgen und Tulipanen spielten mit einer Farbe/ wie mit der andern. Diesemnach muͤste fast jede Blume wider sich selbst in Krieg ziehen. Bey solcher Bewandnuͤs/ und da zumal die Schmincke den Blumen so gemein/ als dem Frauen-Zimmer waͤre/ sey der Blumen Preiß nicht auf ein beyfaͤllig und veraͤnderlich Ding der bloßen Farbe/ sondern auf ihr gantzes We- sen zu saͤtzen/ also zugleich auf den Geruch/ auf die Vielheit der Blaͤtter und ihre innerliche Krafft zu sehen. Wer aber alle Schaͤtzbarkeit der unbestaͤndigen Farbe zueignete/ handelte so unvernuͤnfftig/ als welcher der so wol garstig- als langsamen Schnecken zerbrechliche Haͤu- ser dem Golde/ und das Flosern-Holtz dem Sil- ber fuͤrzuͤge; welches nur desthalben fuͤr kostbar geachtet wuͤrde; weil das ungluͤckliche Wachs- thum einen Baum in so viel Knoten verdreht haͤtte. Dieser Vortrag saͤtzte die Blumen in die euserste Verwirrung. Denn weil an ei- O o o o o o o o 2 nem Neuntes Buch nem Orte die wolruͤchenden/ am andern die vollblaͤttrigen/ am dritten die heilsamen sich zu- sammen schlagen wolten; ihrer viel aber mit ihnen selbst nicht eins waren/ zu welchem Hauf- fen sie gehoͤreten; schwermten sie wie die Bie- nen auf einer Klee-reichen Wiese durch einan- der. Wiewol die Rache die meisten nunmehr ihre Kraͤntze zu Waffen zu ergreiffen noͤthigte/ nach dem sie bereit ihre Schuͤrtzen ausgeleeret hatten. Welches die Blumen-Goͤttin ver- anlaßte/ ihnen einen neuen Einhalt zu thun: der Geruch alleine waͤre auch zu wenig zu Entscheidung ihres streitigen Vorzugs. Denn dieser waͤre der Veraͤnderung der Jahres-Zei- ten unter worffen/ im Winter und gegen Mit- ternacht schwaͤcher als im Sommer/ oder in denen Morgen-Laͤndern. Die Menschen/ welche der Blumen zu genuͤßen auch allein wuͤꝛ- dig waͤren/ haͤtten unter allen Thieren ihres feuchten Gehirnes halber den schwaͤchsten Geruch. Jhr Urthel waͤre auch so unter schie- den: daß einige lieber Knoblauch/ als Musch ruͤchen. Perlen/ Diamanten/ ja das edle Gold und viel andere Dinge haͤtten keinen Geruch; dis aber benaͤhme nichts ihrer Wuͤrde und Schaͤtzbarkeit. Die den Blumen so holde Bienen koͤnten weder Zibeth noch Ambra veꝛ- tragen; ja wenn eine diesen Geruch mit in ihr Behaͤltnuͤs braͤchte/ strafften es die andern als ein Laster an ihr. Uber dis wuͤste die Kunst auch durch Einbalsamung des Tingers/ oder durch Einwaͤsserung des Blumen-Gesaͤmes/ ihnen den angebohrnen Geruch gaͤntzlich zu be- nehmen; der widrig-ruͤchenden Ringel Blu- me die Anmuth des Musches/ denen Nelcken durch gewisse Bebisamung ihrer Wurtzel den Geruch des Zibeths einzupfropffen; ja die Sammet-Blume durch die Nachbarschafft ei- ner stinckenden Staude/ welche gleichsam das Gifft magnetisch an sich zeucht/ ihres Gestan- ckes zu befꝛeyẽ. Nichts mindeꝛ veꝛstuͤnde sie duꝛch Versetzung bey gewisser Monden-Zeit/ durch Abbrechung uͤbriger Bluͤte-Knospen/ durch ge- wisse Ting- und Anfeuchtung aus holen Nel- cken volle/ und aus schlechten Anemonen viel- blaͤttrige; ja durch Windung der Zwiebeln aus glatten krause Blumen zu machen. Uber dis unterwindete sie sich durch warme Anfeuchtung und sorgbare Verwahrung der Blumen-Ge- faͤße fuͤr Frost und Winde sie fuͤr der Zeit zu ge- behren; oder auch durch Versetz- oder Vertief- fung der Zwiebeln/ und oftere Annetz- oder Veꝛ- brechung der Knospen ihre Geburt zu verlaͤn- gern/ also Fruͤhling und Herbst/ Sommer und Winter durch einander zu mischen; und die fluͤchtigsten Mertz-Blumen gleichsam das gan- tze Jahr in unsterbliche Amaranthen zu ver- wandeln. Ja es waͤre/ wiewol ohne Beschaͤ- mung der Natur/ nicht zu verschweigen: daß die Kunst aus dem Saltze eingeaͤscherter Blu- men durch eine daraus bereitete Lauge und ver- moͤge eines linden Feuers durch die in einem glaͤsernen Gefaͤße verursachte Jaͤhrung/ her- nach geschehende Vermischung mit reiner Erde die todten Leichen der verbreñten Blumen wie- der lebend gemacht/ und derogestalt aus ihrer Asche ohne neuen Saamen junge Blumen- Fenixe gezeuget habe. Bey Vernehmung dieses Wunders er- starreten alle Blumen wie die steinerne Niobe; also: daß sie nicht nur ihres Kampfes/ sondern ihrer selbst vergaßen. Sie wurden aber bald durch ein allersuͤssestes Gethoͤne wieder beseelet. Deñ es kam die Soñe auf einem guͤldenen und mit unzehlbaren Blumen bestreuten von vier weissen Pferdẽ gezogenen Wagẽ in die Schran- cken gefahren. Die Pferde waren nichts min- der/ als die Soñe selbst mit Blumen gekraͤntzet. Fuͤr dem Wagen giengen die sieben Plejaden/ welche den Boden mit wolruͤchenden Wassern netzten. Auf der Spitze des Wagens saß Ariadne/ welche den Weg mit Blumen be- streute. Auf beyden Seiten des Wagens zohen die uͤbrigen sechs Jrr-Sternen her. Der Arminius und Thußnelda. Der Monde spielte auf einer Viole/ Mercur auf einer Floͤte/ Venus auf einer Laute/ Mars auf Zimbeln/ Jupiter auf einer Harffe/ Saturn auf einer Schalmey/ die Sonne selbst auf einer Leyer; wiewohl hiervon ein uͤber-irrdischer Klang erreget ward/ welcher die him̃lische Zu- sammenstimmung abbildete. Die sich wieder in erste Ordnung stellenden Blumẽ verehrten die Sonne als ihren Vater mit gebogenen Knien; sie aber deutete ihnen an: daß sie kommen waͤre ihnen einen anstaͤndigen Koͤnig zu geben. Wor- auf Mercur ein grosses Kristallen-Gefaͤsse in Gestalt einer See-Muschel in die Mitten setz- te; darein iede Blume ihren Pusch; die Ster- nen ihre beste Schaͤtze zu bringen befehlicht wurden. Saturn goß aus einer Muschel Perlen und Meer-Saltz; weil das Meer seine Thraͤnen seyn sollen; Jupiter eine Schale Nectar/ Mars ein Glas voll Schne- cken-Blut/ Mercur/ als der Hirten- und Han- dels-Gott/ einen Topf voll Milch/ und ein Faͤß- lein allerhand Gewuͤrtze/ die Venus eine Fla- sche voll des kraͤfftigsten mit ihrem Blute ge- faͤrbten Balsams/ der Monde ein Horn voll Morgen-Thau uͤber das versam̃lete Blum- werck. Die Sonne verdoppelte hieruͤber ihre lebhafte Krafft alles zu beseelen so nach druͤcklich: daß aus diesem Gefaͤsse/ ich weiß nicht ob viel- leicht durch Zauberey ein annehmlicher Strauch mit allerhand Arten Rosen hervor wuchs. Alle anwesende Sternen aber erstarreten/ und hien- gen ihre vorhin stoltzẽ Haͤupter traurig zur Er- den. Die Sonne alleine ward gleichsam von einem zweyfachen Geiste gereget/ und fieng an in ihꝛe-vollstimmige Leyeꝛ nachfolgende Reymen zu singen: Diß ist die Koͤnigin der Blumen und Gewaͤchse/ Des Himmels Braut/ ein Schatz der Welt/ ein Sternen- Kind; Nach der die Liebe seufzt/ ich Sonne selber lechse; Weil ihre Krone Gold/ die Blaͤtter Sammet sind/ Jhr Stiel und Fuß Schmaragd/ ihr Glantz Rubin beschaͤmet/ Dem Safte Zucker weicht/ der Farbe Schnecken-Blut/ Weil ihr Geruch die Lufft mit Balsame besaͤmet/ Wenn der beliebte West ihr tausend Hold anthut. Fuͤhrn Hyacinthen gleich des Ajax Helden-Nahmen; So ist die Schoͤnheit selbst auf Rosen abgemahlt. Jst gleich der Juno Milch der Lilgen edler Saamen/ So denckt: daß hier das Blut der Liebes-Goͤttin prahlt. Was die Geschoͤpfe sonst nur einzelweis’ empfangen/ Mit allem dem macht die Natur die Rose schoͤn. Sie selber schaͤmet sich/ und roͤthet ihre Wangen/ Weil sie fuͤr ihr beschaͤmt sieht alle Blumen stehn. Kurtz! sie ist ein Begrieff der schoͤnen Welt/ ein Spiegel Der Anmuth/ und der Lieb’ ihr wahres Ebenbild. Der Dorn ist ihr Geschoß/ die Blaͤtter sind die Fluͤgel/ Zur Fackel dient ihr Glantz/ das Laubwerck ist ihr Schild. Sie muß zwar selbten Tag/ da sie gebohrn/ erblassen/ Allein ich Sonne selbst versch wind iedweden Tag. So wil der Himmel auch sie nicht vergrauen lassen/ Weil er kein altes Weib zur Buhlschafft haben mag. Der Monde traͤncket sie mit Thau/ sie saugt die Bieuen/ Die ihren edlen Safft in suͤssen Honig kehrn. Ja ihres Purpers muß sich ieder Mund bedienen/ Wenn ein nicht-todter Kuß ist noͤtbig zu gewehrn. Der Morgen selbst muß sich mit eitel Rosen faͤrben/ Wenn er der Herold ist des Auges dieser Welt. Auch muß der guͤldne Tag in ihrem Purper sterben/ Wenn mir die Abend-Roͤth’ ein falsch Begraͤbnuͤß haͤlt. Jch Sonne werde selbst nie angebetet werden/ Wenn sich mein Antlitz nicht in Rosen huͤllet ein. Ja wie die Rose wird die Sonne seyn auf Erden; So muß der Sonne Rad des Himmels Rose seyn. Und daß der Erd-Kreiß recht moͤg’ unser Buͤndnuͤß wissen/ Wie Sonn’ und Rose sind einander zugethan/ Soll’n Rosen solcher Art in Morgenland aufschuͤssen/ Die/ wie der Tag/ schneeweiß den Morgen fangen an/ Die/ wie das Mittags-Licht/ so denn mit Feuer brennen/ Des Abends/ wie die Nacht/ kohlschwartz im Trauren gehn. Wer nun die Sonne wil fuͤr’s Sternen-Haupt erkennen/ Der muß den Koͤnigs-Krantz auch Rosen zugestehn. Was aber wird das Lob der Rose viel gesungen? Kein Ruhm gleicht ihrem Werth/ sie selbst ist schon ihr Preiß. Die Red’ ist ihr Geruch/ d i e Blaͤtter sind die Zungen; Dardurch sie sich allein recht aus zustreichen weiß. Bey diesem Singen ruͤhrte die Sonne mit ihrem Koͤnigs-Stabe den Rosen-Stab an; worauf alsofort eine Anzahl schnee weisser Rosen herfuͤr bluͤheten; welche sich her- nach in eine hohe Leib - endlich in eine schwartz-tunckele Purper-Farbe verwan- delten. Gleich als wenn auch dieser Wunder- Blume Kindheit sich an ihrer Mutter-Milch ergetzte/ ihre Vollkommenheit aber sich denen menschlichen Lippen aͤhnlich/ und daher desto O o o o o o o o 3 beliebter Neuntes Buch beliebter machen; endlich durch ihr purpernes Begraͤbnuͤß doch die Hoheit ihrer Koͤniglichen Wuͤrde behaupten wolte. Alle vorhin be- schaͤmte Blumen fielen als geringer Poͤfel fuͤr diesem edlen Rosen-Proteus gleichsam in Ohn- macht; und die Gestirne verwendeten kein Au- ge von dieser Wunder-Blume; welche deroge- stalt mehr vornehmere Buhler/ als fuͤr Zeiten die schoͤne Helena hatte. Denn ob zwar die Waͤrmde bey Durchkochung des waͤßrichten Saftes in dem Obste/ in Trauben/ und im Koh- le nach und nach ebenfalls die ersten Farben ver- aͤndert; die schweflichte Tingung auch eine Ur- sache vielfaͤltiger Blumen ist; das Kraut der dreyfachen Poley auch taͤglich dreymal seine Farbe verwandelt; so kan doch der ersten lang- same und kaum wahꝛnehmliche deꝛ letzteꝛn kaum sichtbare Veraͤnderung dieser schnellen Umfaͤr- bung der Sinischen Rosen nicht vergliechen wer- den. Es erholete sich zwar aus einer Eiversucht dieselbe Tulipane/ welche ihre schneeweisse Klei- dung behaͤlt/ so lange sie die Mutter-Milch aus den Bruͤsten der Erde zu ihrer Saͤttigung aus- saugt; wenn sie aber durch Ubermasse trun- cken/ zugleich schamroth wird. Diese meynte ihrer Verwandelung halber dieser Rose nichts nachzugeben; und erinnerte die andern Blu- men nicht zu vergessen: daß auch die geringste unter ihnen ein Wunder werck waͤre. Alle Neu- igkeit legte mittelmaͤssigen Dingen einen hohen Werth bey; die koͤstlichsten aber wuͤrden nicht geachtet/ wenn sie gemein waͤren. Also puͤchte man in Arabien mit dem Weyrauch die Schif- fe; den man anderwerts nur Koͤrner-weise in die heiligen Opfer-Feuer streuete. Hingegen trete man in Deutschland Sauer-Ampf und Holderbaͤume mit Fuͤssen/ die die Jndianer mit grosser Sorgfalt in ihren Gaͤrten zeugeten. Die Sonne selbst und der Fruͤhling wuͤrde nicht halb so schoͤn zu seyn scheinen/ wenn es mehr als eine Sonne gaͤbe/ und der Fruͤhling das gantze Jahr durch bluͤhete. Also baͤte sie nach dem Werthe ihrer Tugend; die fremde Blume nicht nach ihrer unnuͤtzen Seltzamkeit zu urthei- len; und die Rose fuͤr eine falsche Neben-Son- ne zu halten/ welcher Schoͤnheit nicht so wohl in einem selbstaͤndigen Wesen/ sondern nur in ei- nem bey- und baufaͤlligen Dinge bestuͤnde/ und daher auch so geschwinde als eine Wasser-Galle verginge/ oder in ihrem Aufgange schon zugleich ihren Untergang erreichte. Nichts minder that sich die Jndianische Narcisse herfuͤr/ welche mit mehr Haͤuptern als die Lernische Wasser- Schlange prangete; und sich so viel lebhaffter als diese zu seyn ruͤhmete. Sintemaldes Her- cules Keulen ihr keine Furcht einjagten/ sondern ihre Blumen Haͤupter noch unterstuͤtzten; sie auch nicht/ wie jene/ von der Hitze entseelet wuͤr- de; sondern sich nur fuͤr dem Froste als dem ge- meinen Todten-Graͤber der Blumen zu ver- wahren haͤtte. Wenn sie aber auch schon ihre Blaͤtter einbuͤssete/ vergroͤsserten sich doch ihre dreyeckichten Haͤupter/ und ihre Staͤnglichen breiteten sich in einen zierlichen Sternen-Kreiß aus; also daß ihre/ als der schoͤnsten Blume Lei- che/ nichts geringers/ als ein Gestirne/ und nichts weniger/ als die in Himmel erhobene Lernische Wasser-Schlange werden koͤnte. Welche wesentliche Verwandelung wunder- wuͤrdiger waͤre; als der blossen Farbe leicht ab- schuͤssender Camelion. Der wohlruͤchende Jes- min/ als er wahrnahm: daß diese Sinische Ro- sen keinen Geruch haͤtten/ schalt sie fuͤr eine nur den Augen liebkosende Schmincke; und meyn- te ihr Ansehn zweifelhaft zu machen; weil der Geruch der scheinbarste Nutzen einer Blume waͤre/ und durch selbten das Gehirne gestaͤrckt wuͤrde/ westwegen ein Weltweiser die nicht un- billich verlacht zu haben schiene: welche Blu- men auf dem Haupte truͤgen. Hingegen ver- moͤchte auch nach des Jasmins Verwesung sei- ne Asche Wasser/ Lufft und Menschen einzubi- samen. Die Lilge tadelte an den Rosen ihre Dor- nen; und ruͤhmte an ihr selbst die alle Baum- Wolle/ Arminius und Thußnelda. Wolle/ und das Gespinste der Seiden-Wuͤr- mer uͤbertreffende Zaͤrtligkeit. Alleine alle an- dere Blumen redeten der Rose ihr Wort; und schalten diese drey Zwerge: daß sie dieser Riesin der Blumen/ ja der Sonne selbst/ als ihrem Blumen-Vater/ sich Krieg anzukuͤndigen wag- ten; dessen Urthel nach die Rosẽ nicht nur Ster- nen/ sondern Sonnen des Erdreichs waͤren; und/ weil sie an der Soñe selbst ihr wahres Eben- bild im Himmel haͤtten/ nicht allererst unter die geringeren Nacht-Gestirne versetzt zu werden verlangten; auch wo nicht alle/ doch die meisten Blumen mit ihrem Geruche/ ja gar Weyrauch/ Ambra und Musch wegstaͤchen. Den Abgang aber des Geruchs deꝛ Sinischẽ Rose eꝛsetzte reich- lich ihre Staͤrcke und Tauerhaftigkeit; indem sie auf keinem schwachen Stengel aus einer unge- stalten Zwiebel nicht einzelich/ sondeꝛn auf einem rechten Baume in der Menge wuͤchse; und nach Art der den Winter und Frost verhoͤhnen- den Damascener-Rose schier das gantze Jahr durch/ biß die Sonne selbst im Winter einen Stillestand haͤlt/ bluͤhete; ja zu noch groͤsserer Verwunderung auch/ wenn sie schon von ihrem muͤtterlichen Stiele abgebrochen waͤre; doch in einem angewaͤsserten Gefaͤsse nach dem Auf-Fort- und Untergange der Sonne eben so richtig ihre Farben verwan- delt; als die verliebte Sonnenwende ihr Haupt diesem ihrem Buhler nachwendet; gleich als wenn sie gegen dem Anaxagoꝛas behaupten wol- te: daß die Blumen nichts minder als die Men- schen umb das gꝛosse Welt-Auge nuꝛ anzuschau- en gebohren waͤren. Sintemal sie auch allein mit dem Sonnen-Lichte den Geist/ und von ih- rer Waͤrmde die Seele bekaͤmen. Die Dor- nen der Rosen aber waͤren theils ihre Waffen/ welche den Vorwitz abhielte: daß er ein so him̃- lisch Geschoͤpfe nicht verunehrte/ theils Anrei- tzungen der Augen umb diese Koͤnigin desto ge- nauer zu betrachten/ weil sich die Haͤnde sonder Verwundung ihnen schwerlich naͤhern doͤrften. Die es allgemeine Urthel noͤthigte nunmehr auch die obige widersinnige Blumen: daß sie ihre Ehrsucht in einen ehrerbietigen Beyfall verkehreten; und wuͤrden sie die Rose mit meh- rern Ruhm-Spruͤchen verehret haben/ wenn sie nicht wahꝛgenommen haͤtten: daß ihre Blaͤt- ter eitel Zungen abbildeten; gleich als wenn sie nur selbst/ keine andere Zunge aber sie anstaͤndi- ger zu ruͤhmen faͤhig waͤren. Zumal uͤber diß ihr sich in die Luͤffte zertheilender Geruch ein an- nehmlicher Ausruff und Ausbreitung ihres Lo- bes; ihre Purper-Farbe nichts minder eine Erinneꝛung deꝛ schamhaften Veꝛschwiegenheit/ als ein Kennzeichen ihres Koͤnigreichs ist. Diesemnach denn die Blumen abermals um den neugebohrnen Rosen-Strauch einen zierli- chen Tantz hegten/ aller ihrer Feindseligkeit ver- gassen; also: daß der sonst alle benachbarte Blumen/ insonderheit die Anemonen versaͤu- gende Hahnen-Fuß/ und die aus Ehr-Geitz schier keine Gemeinschafft vertragende Tulipa- nen sich mit allen andern friedlich gatteten/ beym Anfange und Beschlusse iedes Reyen fuͤr der neuen Blumen-Koͤnigin demuͤthig buͤckten/ und ihre vorhin abgenommene Kraͤntze zum Zeichen des Friedens wieder aufs Haupt setz- ten; endlich aber selbte/ als ein ihnen unanstaͤn- diges Kennzeichen des Sieges zerrissen/ und die zerstreuten Blumen davon ihrer Koͤnigin opferten. Bey diesem waͤhrenden Tantze ruͤhrete die Sonne mit ihrem kraͤfftigen Griffel abermals den Rosen-Strauch an; worvon er sich denn nach und nach in ein den Geist der Rose fuͤrbil- dendes Frauenzimmer verwandelte; gleich als wenn hierdurch die Scharte ausgewetzt werden solte: daß die fuͤr der verliebten Sonne fliehen- de Dafne zu einem Lorberbaume worden. Die vor die Geschwindigkeit des Windes gleichsam uͤbereilende Blumen blieben wie steinerne Bil- der stehen; nicht zwar fuͤr Verwunderung uͤber der Verwandelung; sintemal sie aus ihrem eigenen Neuntes Buch eigenen Ursprunge wohl wusten: daß die Sonne als die Seele der Welt/ der Brunn des Lebens/ der Vater der Fruchtbarkeit/ der Fuͤrst der Na- tur/ das Hertze des Himmels/ der Geist des Erd- reichs/ ein Gott der Geburt nicht nur aus Schlamme allerhand Gewuͤrme/ aus dem Ge- saͤme alle Pflantzen machte; sondern auch als der rechte Prometheus der Uhrheber menschli- cher Zeugung waͤre; aber wohl uͤber der unver- gleichlichen Schoͤnheit dieses neuen Bildes ; welches mit den krausen Haaren die durcheinan- der geflochtenen Blaͤtter der Rose/ mit dem Ant- litze und denen Augen zugleich ihre Rundte und Liebreitz/ mit den Lippen/ Wangen und Spi- tzen der Bruͤste ihre Purper-Farbe/ mit ihrem Athemeden Geruch/ ja in allen Gliedern etwas von der anmuthigen Eigenschafft ihreꝛ muͤtter li- chen Blume abbildete. Diese Verwunderung erwieß allhier ein merckwuͤrdig Beyspiel: daß sie staͤrcker waͤre als der Mutter-Schmertz/ wel- che die Kinderlose Niobe in einen Thraͤnen-rin- nenden Steinfels verkehret hat; als die Furcht; wordurch die vom Pan gejagte Syrinx zum Schilff-Rohre/ und des Alpheus Buhlschafft Arethusa zu einem Brunnen worden; als das Schrecken/ welches alle/ die der Medusen Schlangen-Haar ansahen/ in Steine verwan- delte; als die Liebe/ durch die Alpheus in einen Fluß zerran; als die Eiversucht/ die die Cal- listo zum Baͤren machte; als die Mißgunst/ die die Seiden-Weberin Arachne zur Spinne wer- den ließ; ja als die Zauberey/ wordurch Circe die Menschen in wildes Vieh verstellte. Denn die Lilge fieng an allen Gliedern an so weich/ als geronnene Milch zu werden. Aus ihren Bruͤ- sten spruͤtzte/ und von Fingern und Zeen troff Milch; endlich zerran ihr gantzer Leib in diese suͤsse Feuchtigkeit/ wor aus sie anfangs entspros- sen war. Die Naꝛcisse ließ auch helle Tropfen von ihren Wangen abschuͤssen/ welche man an- fangs fuͤr Mitleidungs-Thraͤnen uͤber ihre Schwester der Lilge hielt; sie zerfloß aber her- nach gantz und gar in Wasser/ als den ersten Ursprung der Verwandelung. Aus dem Mun- de der Melisse kamen anfangs/ wie weiland aus dem Zucker-Munde des noch in Windeln lie- genden Plato Bienen geflogen; welches an- fangs darfuͤr aufgenommen war/ als wenn sie von ihren suͤssen Lippen Honig geholet haͤtten. Her nach aber fiengen alle euserste Glieder an diese Thierlein zu gebehren/ biß en dlich der gan- tze Leib in einen Bienen-Schwarm verflog. Gleich darauf ward die Acanthus- oder Baͤ- renklau-Blume wie Wachs weich/ fieng an vom Oele zu trieffen/ gleich als wenn sie mit diesem denen Bienen so widrigen Safte das aus Me- lissen entsprossene Gewuͤrme toͤdten/ und ihr zu vorigem Wesen verhelffen wolte. Alleine sie zerfloß endlich in eitel Oel. Der Jasmin fiel zugleich ohnmaͤchtig zur Erde; denn sein Leib ward zu einem Nebel/ welcher sich hernach wie ein dinner Rauch in eitel Geruch zertheilte. Der Nelcke Antlitz fieng an wie ein Stern/ her- nach wie der Blitz zu schimmern/ endlich ihr gan- tzeꝛ Leib lichten Loh zu brennen; und also ihr gan- tzes Wesen zu einer sich verzehrenden Flamme zu werden. Gleicher gestalt zerfloß der Klee in Honig/ die Koͤnigs-Krone in Thraͤnen/ die Anemone in Blut/ die Thal-Lilge in Thau/ das Frauen-Haar in Wein/ vielleicht weil dieser fuͤr der Venus Milch gehalten wird; die Feil- ge in Zucker/ der Hyacinth in eine Himmel- Farbe/ die Tulipane verschwand in einen Wind/ die Schwerdt-Lilge ward zu einem Regen-Bo- gen/ der Tausendschoͤn zu einem Sterne/ und mit einem Worte: alle in Gestalt der frischesten Juͤnglinge und der schoͤnsten Jungfrauen in dem Schau-Platze erschienenen Blumen ver- rauchten oder wurden zu Wasser. Die sechs der Sonnen aufwartende Jrr-Gestirne wusten nicht: ob sie sich uͤber Verschwindung so vieler Blumen/ welche ihrem Glantze wohl ehe Kampf angeboten hatten/ erfreuen/ oder uͤber dem Siegs-Gepraͤnge der Rose betruͤben solten. Nach- Arminius und Thußnelda. Nachdem aber die Sonne sie mit unverwende- ten Augen fort fuͤr fort ansahe/ und dardurch seine Zuneigung mehr/ als niemals blicken ließ/ musten sie sich auch nuꝛ gegen diesem Welt-Ge- stirne zu geziemender Ehrerbietung bequaͤmen; und also die schoͤnsten aus denẽ ihnen zugeeigne- ten Sternen (wie denn ieder eines oder des an- dern Jrr-Sternes Eigenschafft zugethan ist) zu einem Krantze erkiesen; welchen sie der Ro- sen-Koͤnigin aufsetzten/ gleich als wenn der Him- mel durch diesen Danck erwiedern muͤste: daß selbter vorher eine nicht schlechte Zierrath von Ariadnens Krantze erlanget hat. Dieses aber war noch nicht genung. Denn die Sonne selbst erklaͤrte sie an statt ihreꝛ Mutteꝛ der Erde fuͤr den achten Jrr-Stern/ und die andern sechs musten sie in einem annehmlichẽ Reyen fuͤr ihre Schwe- ster annehmen. Worzu die Sonne ihre Leyer ruͤhrte/ die anmuthigen Luͤfte/ und der West- Wind aber folgende Reymen sangen: O Liebe! die du auf Damast Und Perlen stets geruhet hast/ Weist du: daß du auf Stein gelegen/ und an Ketten? Die Ros’ ist Perl und Purper gleich/ Doch keine Seide nicht so weich; So lasse dir hinfort doch nur auf Rosen betten. Du guͤldner Himmels-Garten du/ Schleuß dein saphieren Fenster zu/ Daß dich der Erden-Ball mit Rosen nicht beschaͤmet/ Wo nicht; so aͤndere dein Haus/ Treib alle deine Sternen aus: Daß statt der Sternen es mit Rosen sey besaͤmet. Laͤßt doch der Sonne guͤldner Schein/ Die schoͤne Daphne/ Daphne seyn/ Sie laͤchst/ wie Phaeton/ fuͤr zweyfach-heissen Flammen. Wo nun das Untertheil der Welt Die Rose nur vor sich behaͤlt/ Schmeltzt Ros’ und Stern/ die Erd’ und’s Himmelreich zusam̃en. Die Rose aber leitete diesen Tantz nach und nach biß zu dem Bilde der Fuͤrstin Thußnelde; welche sie mit tiefferer Demuth/ als vorhin die Sonne/ verehrete/ ihren sternenen Siegskrantz vom Haupte nam/ und mit denen andern sie umbkreissenden Sternen zu singen anfieng: Nicht glaube: daß mein Koͤnigs-Krantz Ver d uͤst’re deinen Himmels-Glantz/ O Sonne der Natur/ der Rosen Koͤnigs-Blume ! Denn ich weiß wohl: daß dir gehoͤrt/ Wormit mich Erd’ und Himmel ehrt; Des Schattens Preiß gereicht dem Lichte ja zu Ruhme. An dir/ Thußnelde/ lebt kein Glied/ Was nicht den Blumen aͤhnlich sieht/ Die Lilge gleicht der Brust/ der Hyacinth den Augen/ Der Hals sticht die Narcissen hin/ Der Athem toͤdtet den Jasmin/ Und aus den Haaren wolln die Bienen Honig saugen. Zwar alles diß sicht mich nicht an; Weil keine sich mir gleichen kan; Wohl aber: daß man auch von dir kan Rosen lesen. Ja meines Blumwercks Eitelkeit Weicht deinen edlen Rosen weit/ Weil meine bald vergehn/ und deine nicht verwesen. Auf deiner Wangen Wiege sind Die Rosen ein noch saugend Kind/ Und auf den Bruͤsten stehn wie Knospen sie zu schauen; Worvon der Kelch zwar ist durchritzt/ Die Blaͤtter aber zugespitzt/ Wie/ wenn die Morgen-Roͤth’ auf sie laͤst Perlen thauen. Nehmt aber aller Sterne Glut/ Der Rosen Kern/ der Muscheln Blut/ Jhr werdet gleich wohl nichts den Lippen gleiches faͤrben. Denn auf dem Munde glaͤntzt allein Der Rosen voller Mittags-Schein/ Die auf der Brust nur bluͤhn/ auf andern Gliedern storben. Bey dem Schlusse hoben die sechs tantzenden Jrrsternen die Rose empor; welche den ihr vor- her gewiedmeten Sternen-Krantz dem Bilde Thußneldens aufsetzte. Woruͤber auf allen Seiten des Schau-Platzes sich ein so durch drin- gendes Freuden-Gethoͤne erhob: daß der Erd- bodem bebete/ und kein Ohr mehr sein Ampt verrichten konte. Hier uͤber endigte sich nun auch dieser Tag; aber nicht seine Freude; weil die vom Hertzog Jubil diesen Abend uͤberkom- mene Bewirthung/ darbey er den gantzen Hof auf Jndianisch bedienen ließ/ sich biß nach Mit- ternacht erstreckte. Alle Fuͤrstliche Personen sassen noch uͤber der Taffel beysammen; als zwoͤlff schneeweisse Maͤgdchen mit weissen Wachs-Fackeln in den Erster Theil. P p p p p p p p Spei- Neuntes Buch Speise-Saal kamen/ und sich durch die Men- ge der Aufwartenden durch drangen/ zugleich aber einer ihnen folgenden Amazonischen Hel- din Raum machten; welche mit einem durch Freundligkeit vermischten Ernste Thußnelden derogestalt anredete: Antiope der unuͤber- windlichen Amazonen Koͤnigin waͤre durch das vom Hertzog Herrmann die Welt durch fluͤgen- de Geschrey wie Alcibiades in die Odatis/ (ob dieser gleich seine Buhlschafft nur im Traume/ jener gar nicht gesehen/) verliebet worden. Dieses unruhige Feuer haͤtte sie mit unauslesch- licher Begierde entzuͤndet/ diesen deutschen Her- cules/ als ihre Uhr-Ahn-Frau die Fuͤrstin Tha- lestris den grossen Alexander zu umbarmen. Zu dem Ende waͤre sie mit dreyhundert Hel- dinnen einen viel weitern Weg in der Naͤhe an- kommen. Sie haͤtte an der Gewehrung we- niger/ als an dem morgenden Aufgange der Sonne gezweifelt; weil sie wuͤste: daß die Deutschen ihres Gebluͤtes waͤren/ und so wohl als die Sarmaten iederzeit so sehnlich nach der Amazonen Heyrath geseufzet haͤtten. Gleich- wohl haͤtte sie seine anderwertige Vermaͤhlung mit der heftigsten Gemuͤths-Regung vernom- men. Nachdem aber die Sonne das Licht allen andern Gestirnen ausleschte; und sie sich erin- nerte: daß der streitbare Theseus wegen seiner liebern Aegle Ariadnen/ wegen Antiopens (welcher sie nichts minder an Gebluͤte/ als im Nahmen gleich waͤre/) des Ajax Mutter Peri- boͤa/ und andere Buhlschafften verstossen haͤtte; hoffte sie: es wuͤrde Thußnelde nunmehr ihr eigenbeweglich so wohl Bette als Wuͤrde ein- raͤumen; wo sie sich nicht vom Hertzog Herr- mann verschmaͤhet/ oder von Antiopen durchs Recht der Waffen verdrungen wissen wolte. Als diese Amazonin nun von Thußnelden kein Wort/ sondern von dem saͤm̃tlichen Frauen zim- mer nur ein hoͤfliches Lachen zur Antwort er- hielt; schoß sie einen Pfeil durch einen Ring in die Decke/ und warff einen Puͤschel-voll brau- ner Feilgen auf die Taffel; welch letzteres da- hin ausgelegt ward: daß Antiope so wohl von Eiversucht gegen Thußnelden/ als von Liebe gegen den Feldherren brennete; das erstere aber: daß sie mit ihren Waffen ein Loch durch Thußneldens Heyrath zu machen gedaͤchte. Dieses Fede-Weib war kaum aus dem Ge- mache; als zwoͤlff umbs Haupt mit seidenen Binden geputzte/ am Leibe mit Zinober gemahl- te Mohren-Knaben mit so viel von wohlruͤchen- dem Zunder unterhaltenen Ampeln erschienen. Diesen folgte eine Mohrin/ welche an der Unteꝛ- Lippe einen messenen Ring hengen/ in der rech- ten Hand einen guͤldenen Apfel/ in der lincken eine rauche Kaͤsten-Nuß hatte. Uber den Ruͤcken hieng ihr ein Bogen vier Ellenbogen lang/ an der Seite ein Koͤcher mit verguͤldeten Pfeilen. Diese redete/ nachdem alle durch ihr Stillschweigen ihren Vortrag zu vernehmen bezeigten/ sie derogestalt an: Die Mohren- Koͤnigin Candace haͤtte nach dem Beyspiele ih- rer Vorfahren in der Welt den vollkommen- sten Fuͤrsten aufzusuchen ihr fuͤrgesetzt/ welcher wuͤrdig waͤre nichts minder dem Mohrenlande eine kuͤnftige Beherꝛscherin/ als einer so vollkom- menen Heldin in der Liebe Vergnuͤgung zu ge- ben; weil ihre Landes-Gesetze dem maͤnnlichen Geschlechte den Koͤniglichen Stul/ den Koͤni- ginnen eine bestaͤndige Eh verschrenckten. Der weltkuͤndige Ruhm des Fuͤrstens Herrmann haͤtte sie desthalben wie ein Magnet in Deutsch- land gezogen; mit dem Vorsatze nichts minder von ihm das Gluͤcke zu genuͤssen: daß ein so vollkommener Held sie schwaͤngern/ als mit Kriegshuͤlffe ihr unter die Armẽ greiffen wuͤꝛde. Sintemal sie entweder zu ster ben/ oder ihrer Mutter vom Petronius erlittene Niederlage gegen die Roͤmer zu raͤchen ein Geluͤbde gethan haͤtte. Sie vernehme aber bestuͤrtzt die Rau- igkeit der deutschen Sitten; welche die Maͤn- ner zu Knechten eines einigen Weibes machten; ja das andere mal zu heyrathen verschrenckten. Wor- Arminius und Thußnelda. Wordurch sie selbst der Natur Gewalt anthaͤ- ten; welche darumb so viel mehr des weiblichen Geschlechtes liesse geboren werden: daß ein Mann sich mit mehrern betheilen koͤnte. Viel- leicht aber waͤren diß nur Gesetze fuͤr den Poͤfel/ nicht fuͤr Fuͤrsten. Diesen Unterschied haͤtten die zwey Kaͤyser zu Rom gehalten; indem Ju- lius aller Weiber Mann gewest waͤre; August aber ihm so gar eines andern schwangeres Weib geheyrathet haͤtte. Jnsonderheit aber ver- moͤchte die Schoͤnheit des Mohrischen Frauen- zimmers alle Gesetze aufzuloͤsen/ und durch ihre Kohlen die kaͤltesten Seelen anzuzuͤnden. Dan- nenhero haͤtte Antonius gegen der braunen Cleopatra/ und Julius gegen der schwartzen Tochter des Koͤnigs Bogudes alle weisse Wei- ber zu Rom verschmaͤhet. Uber diß stuͤnde ei- nem so streitbaren Fuͤrsten nicht an iemanden anders/ als die fuͤrtrefflichste Heldin zu lieben. Ein Ninus koͤnte nur eine Semiramis umb- armen; kein Adler aber gatte sich mit einer Tau- be. Aus eben dieser Ursache haͤtte der Libysche Koͤnig Antaͤus seine behertzte Tochter Alceis/ Danaus alle seine funfzig/ Oenomaus seine ei- nige Tochter Hippodamia/ Pisander seine Schwester als einen Preiß dem tapfersten Hel- den aufgesetzt. Also wuͤrde nun auch Hertzog Herrmanns Braut Schande halber mit ihr umb den Fuͤrsten Herrmann kaͤmpfen/ oder sich ihres Anspruchs an ihn/ wo nicht gar verzeihen/ doch mit ihr seine Liebe theilen muͤssen. Mit diesen Worten warff sie den Granat-Apfel und die Kaͤsten-Nuß/ jenes als ein Friedens-/ diß als ein Krieges-Zeichen auf die Taffel; mit der Erinnerung: daß die/ welche hierbey einigen Zuspruch haͤtte/ eines/ oder das andere erkiesen solte. Worauf Thußnelde zum letztern grieff/ die Mohrin aber dreuenden Abschied nam. Folgenden Tag ward bey noch waͤhrender Finsternuͤß der Schau-Platz schon wieder an- gefuͤllet; wiewohl der in einen silbernen Rock gekleidete Monde auf einem helffenbeinernen Wagen/ welcher von einem weissen und einem schwartzen Pferde gezogen ward/ erschien/ und theils mit seinem auf dem Haupte brennenden Horne/ theils mit einem feurigen Spiegel den Schau-Platz so sehr erhellete; daß es schien: es haͤtten die Thessalischen Zauber-Weiber durch diesen Wunder-Spiegel den Monden vom Himmel auf die Erde gezogen; zumal dieser fort fuͤr fort umb den gantzen Schau- Platz herumb kreissete. Jhm folgete auf einem verguͤldeten Wagen in Gestalt einer ansehnlichẽ Koͤnigin Deutschland. Diesen zohen vier schneeweisse Pferde. Jhre gelben Haare wa- ren hinten in einen Knoten zusammen gebun- den/ und das Haupt mit einem Lorber-Krantze bedecket. Zu ihren Fuͤssen lagen zerbrochene Fessel und Ketten. Sie begleiteten zwoͤlff mit Schilff und Mooß bekleidete Fluͤsse; welche umb sie herumb mitten in dem Schau-Platze stehen blieben. Bald darauf erschien die Na- tur auf einem Wagen; welcher ein vollkomme- nes Ey dieses aber die Welt abbildete. Denn wie die Natur an sich selbst nichts anders/ als die Werckmeisterin Gottes ist/ also ist die Welt sein Schatten. Den Wagen zohen ein weisser und ein falber Hirsch/ als zwey Bilder der fluͤchtigen/ und in Tag und Nacht getheilten Zeit. Die Natur saß auf einem gruͤn-gebluͤmten Stule. Auf dem Haupte hatte sie einen Sternen- Krantz/ ein Himmel-blaues Ober-Kleid und einen Meer-gruͤnen Rock an; in der Hand eine gruͤne Rutte an statt des Koͤnigs-Stabes. Jhr Busem war gantz bloß; weil diese guͤtige Mutter die Weißheit durch den beweglichsten Liebreitz locket ihre Schoͤnheit und Schaͤtze zu erforschen und zu genuͤssen. Aus der einen helffenbeinernen Brust spruͤtzte sie gleichsam als aus einem unerschoͤpflichen Liebes-Brunnen Milch/ aus der andern Oel; die Fuͤsse aber troffen vom Wasser/ alles als ein guͤtigstes Ge- schencke der von ihr ernaͤhreten Welt. Auf dem einen Rade des Wagens stand das Feuer/ P p p p p p p p 2 auf Neuntes Buch auf dem andern die Lufft/ auf dem dritten die Erde/ auf dem vierdten das Wasser. Der Na- tur kam durch das andere Thor die Kunst entge- gen/ auf einer verguͤldeten grossen Schild-Krote aus Metall; welche durch ein Uhrwerck getrie- ben ward: daß sie sich schneller/ als eine Lebende dahin bewegte; wohin es die Kunst mit ihꝛem an- deutenden Fusse verlangte. Die Kunst bildete eine junge Dirne ab/ mit aufgekrauseten Haa- ren/ einem geschminckten und mit ausgeschnit- tenen Fliegen und Gewuͤrme bekleibten Antli- tze. Das Haupt und der Hals strahlete mit vielerley nachgemachten Perlen und Edelge- steinen. Auf den Rock waren die Gestirne nach ihrer wesentlichen Beschaffenheit gestickt. Sie saß auf einem aus Helffenbein gedrehtem Dreyfusse. Jn der Hand hatte sie einen holen Maͤß-Stab; den sie nicht allein zu einem Circkel/ sondern auch zu einem Fern- Glase brauchen konte. Jhr folgte ein zierlich ausgeschnitzter Wagen mit zwey Maul- Eseln. Selbten hielten hinten das Bild der Liebe und des Mercur; welchen beyden das Alterthum die Erfindung fast aller Kuͤnste zu- geeignet hat. Auf dem Wagen lag allerhand Handwercks-Zeug. Auf der Seite giengen drey ungeheure Riesen mit Beilen und Haͤm- mern. Als die Natur auf einer/ die Kunst auf der andern Seiten sich Deutschlande naͤherten/ fiengen die zwoͤlff Fluͤsse mit eitel irrdenen Ge- faͤssen an ein liebliches Wasser-Gethoͤne zu ma- chen; Deutschland aber mit freudiger Geber- dung sie folgender Gestalt anzusingen: Jhr Muͤtter aller Wunderwercke/ Bau’t mir zu Lieb’ ein Ehren-Maal/ Dem Helden/ dessen Riesen-Staͤrcke Wie Glas zermalmt der Roͤmer Stahl/ Der Fessel kan wie Wachs zerwinden/ Wormit Rom Deutschland meynt zu binden. Natur/ zu was fuͤr einem Ende Gebierst du Ertzt und Marmel-Stein? Als daß der Kunst geschickte Haͤnde Der Heiden Bilder etzen drein. Wer etwas schlechters draus laͤst machen/ Berunehrt nur so edle Sachen. Nichts werthers aber ist zu bauen Jn Helffenbein/ Gold und Porphir/ Als Herrmann seiner Feinde Grauen/ Des Himmels Schoß-Kind/ Deutschlands Zier; Der durch die Tapferkeit in Norden Mehr als ein Hercules ist worden. Deutschland hatte noch nicht gar ausgesun- gen; als die Natur mit ihrer Rutte auf die Er- de schlug. Bald hierauf erhob sich daselbst ein kleiner Huͤgel; welcher anfangs nur einem Maulwurffs-Hauffen zu gleichen war/ her- nach aber zu einer zwoͤlff Ellen-hohen Stein- Klippe ward. Also daß die allezeit zugleich schwangere und gebehrende Natur/ die fuͤr Zei- ten auch Delos/ Rhodus und andere Eylande aus dem Meere herfuͤr gestossen haben soll/ all- hier einen neuen Berg zu gebehren schien. So bald aber diß Wachsthum aufhoͤrete; hoben die drey Riesen die Kunst mit ihrer Schild-Kro- te empor; welche mit ihrem Maͤß-Stabe diese Klippe abmaaß/ und/ was daran zu arbeiten waͤ- re/ die Riesen anwieß. Diese machten sich al- sofort mit ihrem Werckzeuge an diese Klippe/ welche diesen starcken/ und uͤber so embsiger Ar- beit schwitzenden Riesen wie weiches Holtz nach- gab; und in kurtzer Zeit stellte dieser vorhin raue Stein ein geschicktes Marmel-Bild Hertzog Herrmanns fuͤr. Am wunderwuͤrdigsten war hierbey/ daß die Cyclopen mit ihrem Hauen und Feilen ein so wohl abgetheiltes Geraͤusche machten/ nach dem die zwoͤlff Fluͤsse tantzen kon- ten. Deutschland bezeugte hieruͤber seine nicht geringe Vergnuͤgung/ und sang abermals zu seiner zwoͤlff Fluͤsse Wasser-Gethoͤne: Zwar Winde/ Zeit und Wolcken stuͤrmen Zu aͤschern falsche Bilder ein/ Die Heucheley pflegt aufzuthuͤrmen. Dis Bild wird aber ewig seyn. Denn Senlen koͤnnen nicht ver gehen/ Die auf der Tugend Fusse stehen. Die drey Cyclopen/ und die vieꝛ von dem Wagen der Natur abspringenden Geister des Feuers/ der Lufft/ der Erde und des Wassers mischten sich hier auf unter die zwoͤlff Fluͤsse; und hegten zusammen umb diese Herrmanns-Seule einen artlichen Tantz; darinnen sie beym Schlusse jeden Arminius und Thußnelda. ieden Satzes/ wiewohl allemal veraͤndert/ Her- tzog Herrmanns Nahmen durch ihre Stellun- gen abbildeten. Nach dessen Endigung ruͤckte Deutschland/ die Natur und Kunst mit ihrem Aufzuge an ein Ende des Schau-Platzes enge zusammen; der Monde aber zoh/ weil es nun voͤllig tagte/ vom Schau-Platze wieder ab. Zu denen eroͤffneten Thoren sahe nun der gleichsam in der Geburt stehende Tag hinein. Es kam auch also fort der fuͤr Furcht gleichsam erblaßte Morgen-Stern auf einem weissen Pferde hinein gerennet; welch Pfoͤrtner des Tages aber nicht Stand hielt/ sondern geraden Weges zum andern Thore hinaus eilete. Hier- auf folgte die Morgen-Roͤthe auf einem roth- guͤldenen und von zwey gefluͤgelten weissen Pferden gezogenem Wagen. Die Raͤder und Pferde waren so naß: daß sie troffen; gleich als wenn sie allererst in dem Meere waͤ- ren abgespielet worden. Diese rauchten gleich- sam und schaͤumeten schier Feuer aus gegen die vorher gehende in eine Wolcke eingehuͤllete/ und mit einer schwartzen/ iedoch mit Stralen besaͤ- meten Haube bedeckte Nacht. Die Morgen- Roͤthe hatte ein weiß silbern Gewand an/ umb die Stiꝛne einen guͤldenẽ und puꝛpeꝛnen Schley- er/ einen erhobenen Leib/ gleich als wenn sie alle- zeit mit dem Tage schwanger gienge. Auf der Schoß lag ein hell-glaͤntzender Spiegel; gleich als wenn sie der Welt sich aufs neue zu beschau- en das Gesichte wieder gaͤbe. Auf dem Haupte trug sie einen Rosen-Krantz; sintemal sie den Garten des Himmels gleichsam mit eitel sol- chem Gebluͤme bestreuet. Hinter ihrem Haupte glaͤntzete eine guͤldene Sonne; weil sie/ wo nicht die Tochter/ doch der Schatten dieses Ge- stirnes ist. An der Spitze des Wagens aber erblaßten und flohen zugleich fuͤr ihr her der gemahlte Monde und andere Sternen. Jhr Mund lachte fuͤr Purper/ aus ihren Augen fie- len haͤuffig Thraͤnen/ womit sie taͤglich ihren vom Achilles getoͤdteten Sohn Memnon be- weinet. Mit jenem mahlet sie; mit ihren Perlen aber bethauet und erfrischet sie sie; und mit beyden scheint sie zu erinnern: daß alle Lust ein weinendes Lachen/ ja die fruchtbaren Thraͤnen nuͤtzlicher/ als Schimmer und Freude sind. Uber diß stand zu ihren Fuͤssen auf der rechten Seiten ein alabasterner Krug/ auf der lincken ein zierlich geflochtener Korb/ jener ein Geschencke deꝛ Thetys/ dieser deꝛ Blumen-Goͤt- tin. Aus dem Kꝛuge schuͤttete sie mit einẽ Spꝛen- gewedel wohlruͤchendes Wasser/ aus dem Korbe Blumẽ aus. Harte fuͤr dem Wagẽ giengen der nasse Sud-Wind/ der spielende West- und der beschneyete Nord Wind/ als ihre drey mit dem Astreus erzeugete Soͤhne; der Ost-Wind aber folgte dem Wagen als ein Diener nach. Bey ihr auf dem Wagen aber saß als ein schoͤner Juͤngling ihr geliebter Orion/ von dem sie schier kein Auge verwendete. Jhres Sohnes Mem- nons schwartz-steinerne Seule aber stand auff der Spitze des Foͤrder-Wagens hoch erhoͤhet; hatte in der Hand eine Harffe/ auf dem Haupt einen Vogel/ darein er bey seiner Verbren- nung soll verwandelt worden seyn. Von dem Bilde der Sonne gieng ein sichtbarer Feuer- Strahl auf Memnons Mund/ wovon er den allersuͤssesten Laut/ gleich als dieser Stein wahr- haftig auf der Harffe spielte/ von sich gab. Nach diesem Aufzuge der Morgen-Roͤthe folgten vieꝛ gethuͤrmte Elefanten mit Gold-Stuͤck be- deckt. Die Thuͤrme waren mit Mohren- Jungfrauen angefuͤllt; welche mit denen an- nehmlichsten Seiten-Spielen die Lufft erfuͤlle- ten. Worunter fuͤrnemlich eine vollstimmige Leyer als ein der Sonne eigentlich zugehoͤren- des Seiten-Spiel zu hoͤren war; weil sie mit ihrer Bewegung in der Welt einen so suͤssen Laut machen soll/ und desthalben fuͤr den Vater der Musen/ der Himmel fuͤr die Leyer Gottes/ und die Welt fuͤr eine Harffe der Sonne gehalten wird. Hier- auff ritt auff einem feuer - farbich- ten Pferde Zirolane eine Marsingi- sche Fuͤrstin/ welche die Tochter der P p p p p p p p 3 Son- Neuntes Buch Sonnen Pasiphae in einem Regenbogen-faͤr- bichten Kleide fuͤrstellete. Auf dem Haupte hatte sie eine mit Opalen glaͤntzende Krone von Golde. Nach ihr ritten fuͤnf und siebenzig edle Jungfrauen alle wie Mohrinnen/ und der Pasiphae/ außer der Krone/ gleich gekleidet. Alle waꝛen auch mit guͤldenen Koͤchern/ Bogen/ Pfeilen/ Schwerdtern und Wurff-Spießen ausgeruͤstet. Pasiphaen trugen auf der Seite sechs Mohren-Knaben die Waffen. Mitten in diesem Geschwader fuͤhrte die Graͤfin von Salms auf einer Stange zum Kriegs-Zeichen einen Ochsen mit einem Menschen-Kopffe oder Minotaurus. Hieꝛauf kam auf einem gleich- fals feuerfaͤrbichten Hengste Leitholde eine Fuͤr- stin der Chauzen; welche hier die andere Toch- ter der Sonne Phaetusen abbildete. Jhr goldgestuͤckter Purper-Rock sahe wie eitel Feuer-Flammen aus. Jhre Krone brennte von eitel Rubinen. Jhre Waffen trugen gleichfals sechs Mohren-Knaben; und nach ihr ritten fuͤnf und siebzig gleich gekleidete edle Jungfrauen. Jhr Krieges-Zeichen war ein schwartzer Papel-Baum/ darein die uͤber ihren Bruder so sehr betruͤbte Phaetusa soll verwan- delt worden seyn. Hierauf folgte ein mit vier feuer-faͤrbichten Pferden gezogener guͤldener Wagen; auf welchem das Bild des Feuers in Gestalt eines Loͤwen/ mit einem menschlichen Antlitze/ und grossen gewundenen Wieder- Hoͤrnern/ welcher mit den Klauen eines Ochsen Hoͤrner faßte/ zu sehen war. Fuͤr diesem stand ein Mohren-Priester/ welcher in eine guͤldene Schale unaufhoͤrlich Zimmet warf/ der sich von sich selbst anzuͤndete. Auf jeder Seite des Sonnen-Wagens giengen zwey von so viel Mohren-Knaben geleitete Elefanten; derer jeder zwey Mohren einen steinernen Kes- sel fuͤrtrug; aus welchem die Elefanten mit ihrem Schnabel Wasser an sich zohen/ sich dar- mit wuschen und bespruͤtzten; hernach sich gleichsam aus einer angebohrnen Andacht fuͤr dem Bilde der Sonne neigten; gegen selbtem ehrerbietig den Schnabel ausstreckten/ und et- liche abgebrochene Zweige selbtem auf den Wagen lieferten. Nach denen Elefanten wurden vier der Sonne gewiedmete Pferde mit guͤldenen Zaͤumen und Decken von vier Mohrinnen gefuͤhret. Worauf die Fuͤrstin Jsmene unter dem Nahmen der Koͤnigin Can- dace auf einem fuͤr Edelgesteinen schuͤtternden Pferde in Gestalt der Sonne oder einer Feuer- Goͤttin erschien; und zwar noch schwaͤrtzer/ als alles andere Mohrische Frauen zimmer. Sin- temal die Schwaͤrtze ein Fuͤrbild der Sonne ist/ wegen ihrer Eigenschafft: daß sie die Men- schen schwaͤrtzet. Sie hatte einen Rubinenen Krantz in Gestalt der sich zuspitzenden Sonnen- Strahlen auf; ein guͤldenes Gewand an. An der Achsel hieng ein guͤldener Bogen. An der Seite ein mit Rubinen versetzter Koͤcher mit guͤldenen Pfeilen. Umb sie giengen zwoͤlf weisse/ und zwoͤlf schwartze Knaben/ welche die vier und zwantzig Stunden des Tages und der Nacht abbildeten/ und zugleich Waffen-Traͤ- ger dieser Koͤnigin abgaben. Diese fuͤhrete der fuͤr eitel Golde schimmernde Mittag. Hier- auf erschien des Hertzogs der Catten Arpus Tochter Catta/ auf einem weissen Pferde die Sonnen-Tochter Lampetie darstellende. Jhr Kleid war Silberstuͤck; ihr Krantz von eitel Perlen. Nebst sechs ihr die Waffen tragenden Knaben folgten ihr fuͤnf und siebentzig weiß gekleidete Mohꝛen-Jungfꝛauen. Jhr Kriegs-Zeichen war ein Loͤwe. Zuletzt kam mit eben so viel schwartzen Jungfrauen und gleichmaͤßigem Aufzuge Melinde eine Graͤfin von Waldeck als die vierdte Sonnen- Tochter Circe in einem gold-gelben Kleide/ und mit einem Krantze von gelb-rothen Hyacinthen- Steinen. Jn der Hand hatte sie eine Gaͤrthe in Gestalt einer Natter. Jhr Kriegs-Zeichen war ein Drache. Als dieser Mohren-Aufzug beschlossen war/ kam ein von sechs weissen Kuͤhen gezogener sechs-raͤdrichter silberner Wagen in Schauplatz. Auf selbtem saß in einem Regen- bogen- Arminius und Thußnelda. bogen-faͤrbichten Rocke Jris/ nebst noch drey- zehn so gekleideten und der Juno gewiedmeten Jungfrauen. Jris hatte einen Krantz von Perlen/ die andern von Weitzen-Eeren auf; welche Juno fuͤr ihre Blumen baͤlt. Jede ruͤhrte ein absonder Saͤitenspiel. Dem Wa- gen folgten vier Centauren; welche von vier Winden an silbernen Ketten als Gefangene gefuͤhrt wurden. Hierauf ritt auf einem Per- len-farbenen Hengste eine Graͤfin von Stirum in Gestalt der Amazonischen Hippodamia; und nach ihr fuͤnf und siebenzig schneeweisse alle in Silber gekleidete Amazonen; deren lincke Brust gantz/ der rechte Schenckel bis uͤbers Knie entbloͤßet/ das Haar in die Lufft ausge- streuet/ jede mit silbernen Bogen/ Pfeilen und Wurf-Spießen ausgeruͤstet; Hippodamia uͤber dis von sechs weissen Knaben bedienet war. Auf einer versilberten Stange fuͤhrten sie zum Kriegs-Zeichen eine der Juno gewiedmete Gans. Den andern von fuͤnf und siebenzig lichte-gelbe bekleideten Amazonen bestehenden Hauffen fuͤhrte eine Graͤfin von Hohenloh; welche die Widersacherin des Hercules Mena- lippe mit einem Kꝛantze von eitel Milch-weissen/ gleichwol aber durchsichtigen Monden- oder Spiegel-Steinen fuͤrbildete. Jhr Krieges- Zeichen war ein der Juno heiliger Pfau. Auf diesen Hauffen erschien ein silberner von vier weissen Ochsen gezogener Wagen. Auf dem- selben stand das Bild der Lufft/ wie die von vie- len Bruͤsten strutzende Jsis; welche auf dem Haupte einen halben Mohnden/ in der Hand ein Thau-Gefaͤße hatte. Fuͤr ihr stand Callir- rhoͤe eine Priesterin der Juno/ und schlachtete ihr ein weisses Schaf ab. Umb den Wagen giengen acht Winde; nach ihnen der Tag. Hierauf erschien auf einer Perlen-farbenen Stutte die andere Cattische Fuͤrstin Adelmunde/ als allhier die Amazonin Antiope/ oder vielmehr die Goͤttin Juno wie eine Amazone ausgeruͤ- stet. Jhr Kleid war Silberstuͤck mit guͤldenen Lilgen; das Haupt mit einet Perlen-reichen Krone bedeckt. Auf ihrem silbernen Schilde war ein Kuckuck geetzt/ als in welchen Vogel sich Jupiter ihr zu Liebe verwandelt haben soll. Um diese Koͤnigin giengen die zwoͤlff in Perlen-far- benen Damast gekleidete himmlische Zeichen mit weissen Fackeln geruͤstet; und wurden von dem in Purpur gekleideten Abende/ als welcher allen Gestirnen ihr Licht anzuͤndet/ aufgefuͤhꝛet. Nach ihr aber zohe eine Graͤfin von Teckelnbuꝛg unteꝛ dem Nahmen Hippolitens des Theseus Buhl- schafft mit einem Krantze von Berillen und einer zum Kriegs-Zeichen erwehlten Kuhe. Endlich eine in Sardonich-Farbe gekleidete/ und mit solchen Steinen gekraͤntzte Graͤfin von Horn/ unter der Gestalt der hertzhafften Orythie nebst einem Horne des Ubeꝛflusses/ und zwar jede mit fuͤnf und siebenzig alle in Silber oder weiß ge- kleideten Amazonen/ und jede mit sechs Knaben auf. Alle dieser Amazonen Pferde waren Perlen-weiß. Zu dem andern Thore hingegen kamen vier durch geheime Gewichte bewegte Meeꝛschweine in den Schauplatz; welche den auf der Laute lieblich spielenden Aꝛion auf dem Ruͤcken tꝛugen. Umb ihn herumb sassen vier Tritonen/ die bald auf weit schallenden Hoͤrnern/ bald auf so viel mit Seiten bezogenen Muscheln ihm wechsels- weise einstimmeten. Nach diesen wurden vier ansehnliche und mit perlenen Decken belegte Pferde/ als welche Neptun zum ersten soll ans Licht gebracht/ oder der Thetys auf die Hochzeit geschencket haben/ von vier Tritonen gefuͤhret. Hierauf erschien/ wie alle folgende Meer-Hel- dinnen/ auf einem Meer-blauen Pferde eine Graͤfin von Reineck unter dem Nahmen der Meer-Tochter Clytie; welche wie ihre fuͤnf und siebenzig nach folgende Gespielen auf Amazo- nische Art mit einem himmelblauen Kleide/ und einem Korallen-Krantze bedeckt war. Zum Kriegs-Zeichen fuͤhrte eine Graͤfin von Hen- neberg auf einer Meer-gruͤnen Stange das Bild Neuntes Buch Bild ihrer geliebten Sonne. Hierauf folgte in einem himmel-blauen Rocke/ und mit ei- nem Krantze von Saphieren eine Ascanische Fuͤrstin Theudelinde/ in Gestalt der andern Meer-Tochter Asiens; und nach ihr fuͤnf und siebenzig gleiche Gefaͤrthinnen. Die Graͤfin von Andechs fuͤhrte derer Kriegs-Zeichen eine Feuer-Seule; entweder weil Thetys aus Ab- neigung gegen den Peleus sich in eine Flamme verwandelt/ oder Asiens Sohn Prometheus das Feuer vom Himmel gestohlen haben soll. Nach diesen ward das Bild des Wassers aus Marmelsteine/ welches unter dem Arme aus einem weiten Gefaͤße eine Bach aus schuͤttete/ auf einem von zwey Wallfischen gezogenem Wagen gefuͤhret. Ein schwartz-gekleideter Priester saß auf einem abgeschlachteten wilden Schweine/ und opferte von selbtem eine Scha- le Blut nach der andeꝛn denen Wasser-Goͤtteꝛn. Hierauf erschien die Goͤttin Thetys/ oder die unbefleckte Fuͤrstin Thußnelde/ als eine deut- sche Amazone selbst in einem gewaͤsserten Per- len-farbenen Kleide/ welches nichts minder als ihre Krone mit Peꝛlen bedeckt war. Sie war/ wie alle andere/ auf Amazonisch geruͤstet; nur/ daß sie in der Hand einen silbeꝛnen Dreyzancks- Stab fuͤhrte. Umb sie herumb giengen vier und zwantzig von der kohlschwartzen Mitter- nacht gekleidete Nereides; sintemahl zu dieser Zeit die Sonne im Meere schlaffen oder sich baden soll. Dieser Koͤnigin folgte ihre Toch- ter Fleione der Plejaden Mutter mit einem ebenfals Perlen-farbenen Rocke/ und einem Krantze von Meer-gruͤnen Berillen; welche Stelle eine Fuͤrstin der Wenden vertrat. Nach dieser kamen ihre Toͤchter die sieben Plejades nebst noch acht und sechzig weiß gekleideten See-Goͤttinnen; zu ihrem Merckmaal fuͤhrte eine Graͤfin von Thurn den Sternen-Baͤr. Zuletzt erschien eine Graͤfin von Holland in Gestalt der Meer-Tochter Ephyre in einem gruͤn- und blau-vermengtem Rocke/ mit ei- nem Krantze von Tuͤrckissen. Nicht andeꝛs waren ihre fuͤnf und siebenzig Nachfolgerin- nen gekleidet. Jhre zum Kriegs-Zeichen er- wehlte zwey guͤldenen Stern-Fische fuͤhrte eine Graͤfin von Spiegelberg. Den vierdten Aufzug fieng ein in den Schauplatz gleichsam kriechender Berg an/ auf dem die neun mit Rosen gekraͤntzten Mu- sen/ als des Himmels und der Erde Toͤchter/ mit ihren gewoͤhnlichen Saͤiten spielen aller Zu- schauer Ohren und Augen an sich zohen. Die- sem Berge folgten vier von so viel Maͤgdlein gefuͤhrte Loͤwen/ als die der Goͤtter-Mutter Cy- bele gewiedmeten Thiere. Nach ihr ritt auf einem schwartzen/ aber mit einem Rosen-farbe- nem Tuche bedecktem Pferde eine Graͤfin von Rheinfeld/ als die Blumen-Goͤttin/ in einem Rosen-farbenem Rocke mit Rosen und Chry- solithen gekraͤntzt. Neben ihr giengen sechs Blumen ausstreuende Knaben. Jhre fuͤnf und siebenzig nachfolgende Frauenzimmer wa- ren alle eben so gekleidet/ und mit Bogen/ Pfei- len und Zweyzancks-Staͤben gewaffnet. Jhr Krieges-Zeichen eine Rose fuͤhrte eine Graͤfin von Fuͤrstenberg. Dieser folgte die in gelben Atlas gekleidete/ und mit einem aus Agstein ge- bildeten und mit Weitzen-Eeren umbflochte- nen Eeren-Krantze gezierete Ceres/ eine Fuͤr- stinder Sicambrer. Sie bedienten sechs mit Eeren gekraͤntzete und mit Sicheln gewaffnete Mohren-Knaben. Jhre fuͤnf und siebenzig Gefaͤrthinnen waren wie die Ceres gekleidet/ und wie sie mit Bogen und Sicheln geruͤstet/ ihre schwartzen Pferde mit gelben Decken ge- putzt. Das Kriegs-Zeichen eines Mah- Hauptes fuͤhrte eine Graͤfin von Wertheim. Nach diesem kam ein von zwey Schlangen ge- zogener Wagen/ darauf das Bild der Erde in Gestalt eines schwartzen großbruͤstigen schwan- gern/ und mit Thuͤrmen gekroͤnten/ ein Horn des Uberflusses in einer/ und eine Fackel in der andern Hand habenden Weibes saß; fuͤr ihr Arminius und Thußnelda. ihr aber eine Dromel stand. Sintemal diese uraͤlteste Goͤttin als eine allgemeine Mutter/ als ein Thurm Jupiters/ als ein Tempel der Welt/ und als ein Becher der Helden/ wie der Himmel fuͤr den Vater verehret zu werden pfleget. Fuͤr diesem Bilde kniete ein Priester mit einer Schale voll Milch/ und einer Schuͤs- sel voll Honig. Diesem Wagen folgte die Nacht/ als eine Tochter der Erde und Mutter der Fruchtbarkeit mit zwoͤlf Gaͤrtnern/ und nach ihr riett die in gruͤnen Damast gekleidete/ und mit einem schmaragdenen Krantze und herrlichen Waffen prangende Fuͤrstin Rhamis/ des dritten Cattischen Hertzog Ukrumers Toch- ter. Sie bedienten die zwoͤlf Monate/ unter denen der Ceres gewiedmete August den Vor- zug/ und den praͤchtigsten Krantz auf/ alle aber den mit Perlen und Rosen prangenden Mor- gen zu ihrem Fuͤhrer hatten. Hierauf erschien eine Graͤfin von Mannsfeld/ als die Obst- und Wein-Goͤttin/ in einem gruͤn-roͤthlichten Kleide/ mit einem aus Granat-Aepfeln und Weintrauben geflochtenen/ aber zugleich mit vielerley Edelgesteinen geschmuͤckten Krantze. Die Decken der schwartzen Pferde waren gleichfals bund. Fuͤnf und siebenzig gleich- gekleidete Frauen begleiteten sie/ und eine Graͤ- fin von Stolberg trug zu ihrem Zeichen einen Granat-Apfel. Endlich ruͤckte vollends die Goͤttin des Ertztes in einem silbernen Rocke mit einer guͤldenen Krone/ mit staͤhlernen Waffen/ einem kuͤpfernem Schilde/ und bleyernen Schuen herfuͤr. Diese Stelle bekleidete eine Graͤfin von der Marck. Sie bedienten sieben Berg-Geister/ derer jeder seines absonderen Ertztes Eigenschafft in Tracht und Waffen zeigte. Fuͤnf und siebenzig Gespielen waren außer der Krone gleicher Gestalt ausgeputzt/ und eine Graͤfin von Berg fuͤhrte einen sie- benspitzichten Stern als ihr Kriegs-Zeichen. Aller dieser schwartze Pferde waren mit guͤlde- nen Teppichten bedeckt. Diese vier Goͤttinnen stellten ihr streitbares Frauen zimmer/ und zwar jede das Jhrige in vier Hauffen; ihre Wagen zusammen in die Mitte unter die Seule des Feldherrn; ihre Thiere und Dienstbothen aber zwischen die Schlacht-Ordnung; also: daß die waͤßrichte Thetys oder Thußnelde gegen der feurigen Sonne oder der Jsmene/ gegen Clytie Pasi- phaen/ gegen Asien Phaetusen/ zwischen diesen aber der Thetys vier Pferde/ gegen der Sonne vier Elefanten/ vier und zwantzig Nereides gegen so viel Stunden; ferner Pleione gegen Lampetien/ und endlich Ephyre gegen Cyrcen zu stehen kam. Auf der andern Helffte des Schauplatzes bot die annemliche Rhamis/ oder Cattische Fuͤrstin der hoffaͤrtigen Juno oder holdseeligen Adelmunde; die Blumen-Goͤttin Hippodamia/ die Getreide-Goͤttin der Men a- lippe/ zwischen innen der Erde vier Loͤwen de- nen vier Centauren als vom Jxion eingebilde- ten Soͤhnen der Juno/ die Nacht mit zwoͤlff Gaͤrtnern dem Tage und seinen zwoͤlff Win- den/ die zwoͤlff Monate denen zwoͤlff gehaꝛnisch- ten Amazonen; ferner die Obst-Goͤttin der Hippolite/ und die Ertzt-Goͤttin der Orythie die Stirne. Das Feuer munterte seine Pfer- de durch Fackeln/ welche von denen Waffen- Traͤgern der ihrer vier Heerfuͤhrerinnen ge- schwungen wurden/ die Lufft die Jhrigen durch einen hurtigen Tantz/ das Wasser durch ein Gethoͤne der Krummhoͤrner/ die Erde durch Verhaltung allerhand bundter Tuͤcher auf. Die 4. Goͤttinnen und ihre 16. Heerfuͤhrerin- nen tasteten einander zum ersten mit Pfeilen an; hernach traf ihr streitbares bey jedem Hauffen in fuͤnf Glieder jedes von funfzehn Haͤuptern gestelltes Frauenzimmer von Gliede zu Gliede tapfer auf einander. Worbey die fuͤrtrefliche Ordnung aus der Sonnen Feuer-faͤrbichten Fuͤchsen/ des Wassers blaue Schimmeln/ der Lufft Perlen-farbenen und der Erde kohl- schwartzen Pferden; wie auch aus jeden Ge- Erster Theil. Q q q q q q q q schwaders Neuntes Buch schwaders absonderlichen Decken/ und denen Kleidungen der Streitenden wundeꝛns-werth; und schier eines jeden Frauenzimmers aus allen zwoͤlf hundeꝛten durch ein besonder Meꝛck- maal zu erkiesen war. Gleicher Gestalt fuͤhr- ten ihre Leiter die Pferde gegen die Elefanten/ und die Loͤwen gegen die Centauren. Derer erste mit ihren Schnauzen/ die andere mit ih- rem Huff/ die dritten mit ihren Klauen/ die vierdten mit ihren Bogen; die Nacht gegen den mit Blitze geruͤsteten Mittag mit einem Rauch-Kopffe/ der Abend gegen den mit einer Fackel gewaffneten Morgen; die Wasser- Nymphen aber mit Dreyzancks-Staͤben ge- gen die mit Sensen ihnen begegnenden Stun- den/ die zwoͤlff himmlischen Zeichen gegen die zwoͤlff Monate kaͤmpfften/ welche letztern mit denselben Waffen versehen waren/ die derselbe Gott fuͤhret/ dem ein jeder Monat zugeeignet ist. Nach zweymaligem Pfeil-Treffen gien- gen die Wasser-Kaͤmpferinnen gegen die mit Wurff-Spießen sich beschirmenden Feuer- Heldinnen mit Dreyzancks-Staͤben/ die der Erde gegen die mit Lantzen versehenen Lufft- Amazonen mit zweyzanckichten Gabeln hertz- hafft loß; also: daß wenn nicht alle diese Ge- wehre mit Fleiß stumpff gemacht worden waͤ- ren/ schwerlich eine unbeschaͤdigt wuͤrde geblie- ben seyn. Bey diesem dritten Treffen schwenckten sich alle vier Heere so kuͤnstlich herumb: daß sonder die geringste Verwirrung die Erde gegen dem Feuer/ und das Wasser gegen der Lufft/ nicht ohne geheime Andeutung zu stehen kam. Deñ/ ob zwar alle vier Elemente einander auf gewisse Art verwand sind/ und sich mit einander ver- einbaren/ so verbinden sich doch Erde und Meer durch die gemeine Eigenschafft ihrer Kaͤlte/ und eine diesen zweyen allein anstaͤndige Vermi- schung/ das Feuer und die Lufft durch ihre Waͤrmbde/ und daß sie beyde einander voͤllig durchdringen/ am sestesten zusammen. Wel- che zwey letztere auch schier nur durch ihre geschwindere oder laͤngsamere Bewegungs- Art von einander unterschieden sind. Muß also nur die Lufft durch Huͤlffe ihrer Feuchtig- keit das Wasser und das Feuer/ hingegen die Erde durch ihre Trockenheit das Feuer/ als welchem sie allen Zunder reichet/ und das Was- ser durch eine sanffte Vermittelung mit einan- der veꝛsoͤhnen. Derogestalt waꝛen diese Bunds- genossen ihre Widrige auf eine neue Art anzu- greiffen im Wercke schon begrieffen; als das eine Thor des Schauplatzes sich mit grossem Schuͤttern eroͤffnete/ und der schwartze Vulcan mit sechs einaͤugichten Cyclopen einhinckte. Er schwenckte als der Gott des Feuers eine hellodernde Fackel umb sich; als welche er auf den Goͤtter-Hochzeiten fuͤrzutragen bestellt ist. Vier ihm als dem Erfinder der Ertztgießung und Schmiede-Arbeit folgende Cyclopen tru- gen allerhand kuͤpferne Platten/ ertztene Ku- geln/ Schleudeꝛ-Tische/ eiserne Baͤlle/ meßinge- ne Rincken/ Bley-Gewichte/ Schleudern/ und allen andern in denen Olympischen Spielen gebraͤuchlichen Vorrath nach. Polyphemus der staͤrckste unter ihnen war mit dem schoͤnen aus Ertzt gegossenem Hunde beladen/ den Vulcan nach dem Muster des dem Jupiter verehꝛten ausgeetzt/ und seiner Venus geschenckt hatte. Nach diesem ungestallten Riesen folgte der Liebe Waffen-Traͤger Bacchus mit seinen pfeiffenden Silenen und tantzenden Bacchen/ welche den Erdbodem mit Ulmen-Zweigen peitschten; gleich als wenn sie hierdurch aber- mals neue Wein-Honig- und Milch-Brun- nen erwecken wolten. Hierauf erschienen die drey singenden Holdinnen/ derer Gestalt sich der Schoͤnheit/ die Stimme der suͤssen Uber- einstimmung des Himmels gleichte/ die Rosen streuenden und wolruͤchen des Wasser ausspren- genden Haͤnde aber den Erdboden bebluͤmten und die Lufft einbisamten. Nach diesem kam auf dem einer Perlen-Muschel gleichen und von Arminius und Thußnelda. von zweyen Schwanen gezogenem Wagen die Goͤttin der Liebe in einem blauen mit guͤldenen Rosen oder vielmehr Sternen bestreuten Rocke. Die Schlaͤfe waren mit Rosen/ der Hauptwir- bel mit einer perlenen Krone bedeckt/ der Hals mit Perlen/ der Leib mit einem Guͤrtel von koͤstlichsten Edelgesteinen/ die Seite mit einem schmaragdenen Koͤcher/ der Arm mit einem guͤldenen Bogen geschmuͤckt. Zu ihren Fuͤs- sen lag der geharnschte Kriegs-Gott gebunden. Gegen uͤber saß ein annehmlicher Liebes-Gott; dessen Leib gleichsam die Milch/ seine Wangen die Rosen/ der Mund Zinober wegstach. Sein lichtes Haar war noch mit Gold-Staube be- streuet; also: daß sein Haupt mit so viel Son- nen-Strahlen bekleidet zu seyn schien/ als auf selbtem Haare zu sehen waren; welche sich einem wellichten Gold-Drate gleichten. Er hatte zwey Koͤcher einen mit guͤldenen-den andern mit bleyernen Pfeilen erfuͤllet. Seine Fluͤ- gel waren zwey Pfauen-Schwaͤntzen aͤhnlich/ in dem alle Federn voller Frauen-Augen hien- gen/ seine purperne Schuͤrtze aber unzehlbare Hertzen beschloß. Dieser hielt seiner Mutter einen grossen kristallenen Spiegel vor; womit sie/ weil in der Welt nichts schoͤners zu finden/ sie sich nur uͤber ihrer eigenen Vollkommen- heit vergnuͤgen moͤchte. Fuͤr dem Wagen giengen noch funfzehn andere gefluͤgelte Lie- bes-Goͤtter; derer ein jeder einen kostbaren Siegs-Preiß trug. Umb den Wagen lieffen die fuͤnf Sinnen/ welche einen Lobgesang der Liebe sangen/ hieruͤber aber unter einander selbst in Zwist geriethen/ welch Sinn die Liebe zu erwecken oder zu unterhalten das meiste bey- truͤge. Diesen Kampff druͤckten sie mit ihrer suͤssen Kehle und folgende Wechsel-Reimen aus: Das Gehoͤre. Die Halsfrau aller Seel’n/ der Hertzen Henckerin/ Die Mutter der Natur/ der Ursprung aller Sachen/ Die Heb-Amm’ aller Lust/ der Goͤtter Koͤnigin Die Liebe/ die die Welt kan lieb- und lebhafft machen/ Braucht alle Sinnen zwar zum Werckzeug ihrer Macht; Allein die Lieb’ ist selbst durch mich zur Welt gebracht. Mein helffenbeinern Ohr ist ihre Mutter-Schoos/ Die Muschel/ in der sie soll worden seyn empfangen. Hier wird die Liebe jung/ hier waͤchst sie starck und groß; Denn das Gehoͤre zeugt begieriges Verlangen; Eh Aleibiades noch die Medontis sieht/ Wuͤrckt schon ihr Ruhm so viel: daß er fuͤr Liebe gluͤht. Besaͤnfftigt Orpheus nicht das Vieh durch Saͤitenspiel? Die Schlang’ entgifftet sich/ und siarret als beschworen/ Die Tiger werden kirr/ und kurtzweiln/ wie er wil/ Ja Felsen/ Winde/ Wald und Kraͤuter kriegen Ohren; Er preßt das Thraͤnen-Saltz den Hoͤllen-Geistern ab/ Macht: daß Proserpina sein Weib ihm wieder gab. Die suͤsse Kuͤtzelung der Ohren hat die Krafft: Daß man Gehoͤre giebt halb schlaͤngichten Sirenen/ Und sich in Abgrund stuͤrtzt/ wenn es ihr Lock-Lied schafft. Denn ihre Stimmen sind die Zauberey der Schoͤnen. Der Hamen/ der all zeit schlingt tausend Seelen ein/ Wenn Liebreitz und Gestalt vergebne Jaͤger seyn. Die edlen Ohren sind zwey Pforten suͤsser Brunst/ Die allzeit offen stehn die Lieb’ in’s Hertz zu lassen; Sie sind zwey Labyrinth’/ aus denen keine Kunst Sich weiß zu wickeln aus/ die sie schon einmal fassen. Sie sind der Anmuth Roͤhr/ und das Gehoͤr’ ein Sinn/ Der Marmel fuͤhlend macht/ und Unmuth schlaͤget hin. Das Gesichte. Verkreuch Gehoͤre dich/ du brauchst nur Unterschlief. Des Leibes Schoͤnheit ist vereinbart ins Gesichte/ Die Augen aber sind des Antlitzes Begrief. Die Lebens-Geister sind vermaͤhlt mit ihrem Lichte; Sind also mehr/ als sonst kein ander Glied/ geschickt: Daß Seel’ und Hertz durch sie den regen Trieb ausdruͤckt. Sie sind ein Sommer-Glantz der alles Ding entdeckt/ Ja sie sind selbst das Hauß der Seel’/ ein Sitz der Hertzen/ Ein Spiegel der uns zeigt/ was in Gedancken steckt Fuͤr heimliche Begierd’ und angenehme Schmertzen. Jhr stumm Gesprache giebt glaubhaffter zu verstehn Den Wunsch als Worte/ die meist nicht von Hertzen gehn. Die Liebe wird gezeugt in Augen/ in der Brust Getraͤncket/ in der Seel’ ernehret und erzogen. Jn Augen kaͤumt und waͤchst der Liebe meiste Lust/ Dar wird/ wo sonst der Mund nur Milch saugt/ Blut gesogen; Wenn Lippen kaum einmal aus Kuͤssen Honig ziehn/ Trinckt’s Auge tausendmal viel Nectar aus Rubin. Die schoͤnen Augen sind dem Sonnen-Brunnen gleich/ Die Thraͤnen in dem Tag’/ und Glutt zur Nacht gebehren. Wenn anfangs sie das Hertz mitleidend machen weich/ Hernach eys-kalte Seeln durch heissen Brand verzehren. Q q q q q q q q 2 Es Neuntes Buch Es ist ihr Mitler-Ampt zu machen einen Schluß: Daß Hertz und Liebe sich zusammen schmeltzen muß. Die Blicke sind der Pfeil/ die Augen das Geschoß/ Die Augenbrauen sind der Koͤcher und der Bogen. Der Himmel mache sich mit einer Sonne groß/ Es hat mein Paradis zwey Sonnen auferzogen. Der Liebe Richt-Stul ist den Augen heimgestellt; Denn jene liebt und lobt/ was diesen wolgefaͤllt. Der Geschmack. Was ruͤhmt ihr Augen euch? die Lieb’ ist ja stockblind Jhr fangt zu leben an zum letzten/ sterbt am ersten. Die Lieb’ ist im Gesicht’ ein noch ohnmaͤchtig Kind/ Und euer Brutt pflegt offt fuͤr der Geburt zu bersten. Jhr lechst fuͤr eitel Durst/ genuͤßt kein Labsal nicht; Speist euch mit leeren Schal’n/ hegt ein nur zehrend Licht. Jch aber bin allein der Liebe Koch und Kost. Bin ich die Mutter nicht/ so bleld’ ich doch die Amme. Der Augen Strahlen sind fuͤr mir nur hitzig Frost; Der Liebe Zunder kommt durch mich erst recht zur Flamme. Sie labt und speiset sich durch meinen Uberfluß/ Die Schuͤssel ist der Mund/ ihr Himmel-Brod ein Kuß. Dis ist der Goͤtter Lust/ des Paradieses Frucht/ An der man sich kan matt/ nie uͤberdruͤßig essen- Der Zucker/ den die Bien’ aus Kraͤutern saugt und sucht/ Und den der Jnde laͤßt aus Palmen-Fruͤchten pressen/ Jst Wermuth gegen dem/ den ein begeistert Kuß Aus Rosen-Lippen saugt/ und andern geben muß. Jedoch vermischen sich zwey Muͤnd’ und Zungen nicht So bruͤnstig als zwey Seel’n durch einen Kuß zusammen; Denn Kuͤssen ist allein der Seelen ihr Gericht’/ Als die sich hier vermahln durch ihre susse Flammen. Es schleußt ein enger Mund zwey gantze Seelen ein/ Und zweyer Leben scheint ein e nig Kuß zu seyn. Wiewol die Lippen nicht nur Liebes-Taffeln sind. An Bruͤsten saugt nicht nur ein Kind/ Verliebte laben Sich an der Milch/ die nie verrinnet/ nur gerinnt. Sie sind Gebuͤrg’ aus Schnee/ die an den Gipfeln haben Zwey Erdbeern suͤsser Art wie Honig/ roth wie Blut; Zwey Aepfel voller Safft/ zwey Berge voller Glut. Der Geruch. Wahr ists: daß Lieb’ aus Mund und Brust ihr Labsal nimmt/ Die Sternen koͤnnen nichts vom Himmel suͤssers thauen/ Als was hier auf der Milch/ dort auf den Rosen schwimmt. Ein alabastern Leib/ ein Antlitz schoͤner Frauen Jst ein recht Sonnen-Tisch/ der nie wird aufgezehrt/ Ein Kelch der Seelen traͤnckt/ der Geist- und Goͤtter nehrt. Allein/ wem eckelt nicht bey reichstem Uberfluß? Fuͤr ungewuͤrtzter Kost und stinckenden Geruͤchten? Mein Balsam aber ist der alles machen muß/ Das Oel der Liebes-Glut/ das Saltz in ihren Fruͤchten. Er ist der Kuͤsse Geist; weil nichts beliebt seyn kan/ Was uns nach Leichen schmeckt und als ein Grab ruͤcht an. Die Rose wuͤrde nicht der Liebe Blume seyn/ Jhr Purper muͤst’ umbsonst auf ihrem Stiel’ erbleichen/ Wenn sie nicht balsamte Zibeth und Amber ein. Dis machet: daß sich ihr darf keine Blume gleichen; Da Tulipanen doch ihr gehn an Farben fuͤr; Und auf den Nelcken brennt mehr Feuer/ als auf ihr. Wie nun der Blumen-Roͤth’ ist ihrer Liebe Brand/ Der Thau ihr Traͤhnen-Saltz/ so ist ihr suͤsses Ruͤchen Die Sehnsucht/ die die Pein der Blumen macht bekand; Jn die die Seelen sind der Liebenden gewiechen. Ja Venus haͤtte nie verliebt sich in Adon/ Waͤr’er gewesen nicht der Myrꝛhen-Staude Sohn. Sie hat den Westwind auch zum Vordrab ihr erkiest/ Weil seine Lippen nichts als Wuͤrtzen athmen sollen. Nach dem doch der Geruch der Goͤtter Mahlzeit ist/ Die Aloe/ nich? Vieh zu Opffern haben wollen. Der Liebe Sitz/ das Hertz/ staͤrckt sich durch mich allein. Wie soll nicht der Geruch zur Liebe dienlich seyn? Das Fuͤhlen. Jhr seyd der Liebe Maͤgd’ und Werckzeug ins gesamt/ Das Hoͤren dienet ihr zu einem Harffensehlaͤger/ Und der Geschmack vertritt des Speisemeisters Ampt/ Das Auge dolmetscht ihr/ und ist ihr Botschaffts-Traͤger/ Auch steckt ihr der Geruch/ als Priester Weyrauch an/ Doch seyd ihr Sinnen mir nichts minder unterthan. Das Auge siehet nur/ die Zunge schmeckt allein/ Die Nase reucht/ das Ohr hat einig das Gehoͤre; Mein Fuͤhlen aber nimmt die Glieder saͤmtlich ein/ Und eure Wollust fleußt durch meine Zucker-Roͤhre. Mit einem Wort: ich bin des Liebens einig Ziel/ Jhr Wagen/ ihr Geschoß/ ihr Zucker und ihr Kiel. Jch bin der Wollust Meer und aller Sinnen Grund/ Die gegen mir allein fuͤr Baͤche sind zu schaͤtzen/ Die schlechte Kitzelung in Augen/ Ohr und Mund Macht durstig/ niemals satt/ wie mein vergnuͤgt Ergetzen. Bey dem kein ander Sinn mehr seiner Lust geneust/ Ja auch die Seele selbst wie schmeltzend Wachs zerfleust. Wie offt armt Aug’ und Ohr nur mit Gespensten sich/ Sieht Jrꝛwisch’ an fuͤr Stern’/ und Schatten fuͤr recht Wesen. Die Hoffnung speiset sie/ Vergnuͤgung aber mich; Jhr Sehnen schafft Berdruß/ mein’ Qhnmacht ist genesen. Jn Austern/ die kein Sinn/ als nur mein Fuͤhlen ruͤhrt/ Wird doch der Liebe Geist durch meine Krafft gespuͤrt. Jst auch die Lieb’ ein Brand und eine Seelen-Glut/ So ist die Liebe nichts als ein empfindlich Fuͤhlen/ Das Liebenden bald weh/ bald wol und suͤsse thut. Auch laͤßt ihr Brand durch nichts sich/ als durchs Fuͤhlen kuͤhlen. So fallt ihr Sinnen denn der Warheit w i llig bey: Daß ich der Wollust Kern/ der Seelen Balsam sey. Der Arminius und Thußnelda. Der gantze Schau-Platz ward durch diß Singen gleichsam in unbewegliche Steine ver- wandelt. Jnsonderheit standen die Cyclopen/ als wenn sie wie Atlas zu Bergen werden wol- ten. Nach dem Beschlusse ihres Wort-Strei- tes loͤseten sie die drey Holdinnen mit ihꝛen Sei- ten-Spielen ab; nach welchen die 5. Sinnen ei- nen Tantz hegten/ die Cyclopen mit einer nach den Seiten-Spielen geschehenden Bewegung sich ihrer Last fuͤr der Herrmanns-Seule ent- buͤrdeten; die Liebes-Goͤtter aber ihre Preiße fuͤr der Liebes-Goͤttin niederlegten. Hernach aber mischten sich die 5. Cyclopen und die 15. Liebes-Goͤtter in den Tantz der 5. Sinnen; darinnen sie ein zierliches Gefechte mit Pfeilen und andern Gewehren fuͤrstellten. Zu iedem Sinne schlugen sich ein Cyclope und drey Lie- bes-Goͤtter; und traffen nebst ihnen in fuͤnff Hauffen/ und zwar jene mit grossen Haͤmmern/ diese mit Blumen-Peitschen auf einander. Bald verwandelte sich auch der Tantz in ein Ringen/ bald in ein Ball-Spiel/ bald in ein Wette-Lauffen. Zuletzt theilte die Liebes- Goͤttin einem Cyclopen/ der in den Hammer- Schlaͤgen das Beste gethan hatte/ eine Scha- le mit Weine/ einem im Ringen sich wohl hal- tenden Liebes-Gotte ein alabastern Gefaͤsse mit Oele/ darmit sich die Ringer einzusalben pfleg- ten; dem besten Ballen-Spieler einen guͤlde- nen Apfel/ dem geschwindesten Laͤuffer ein paar guͤldene Schuch-Monden; dem Fuͤhlen ein guͤldenes Hertze aus. Sintemal das Hertz/ als der Brunn der Waͤrmde/ auch der Ursprung aller Sinnen ist. Hierauf fuhr die Liebe in Begleitung ihres gantzen Aufzuges in einem Kreisse sanfft umb die Herrmanns-Seule her- umb; und sang in die Seiten-Spiele der Hol- dinnen die vier zum neuen Kampfe fertigen vier Hauffen des gewaffneten Frauenzimmers fol- gender Gestalt an: Welch Jrrwisch falscher Liebes-Brunst Verleitet euch/ ihr Toͤchter der Natur? Der Eiversucht verblaͤndend Dunst Verfuͤhrt euch auf der Zwytracht arge Spur. Nicht meine suͤsse Glut/ nicht mein unschuldig Trieb Macht: daß ihr allzumal habt einen Fuͤrsten lieb. Zwar Herrmanns Tugend ist wohl werth: Daß iede Frau in ihn verliebet sey. Wer aber fremdes Gut begehrt/ Reißt der Natur und Liebe Band entzwey. Und diese legt sich selbst mit dem Verhaͤngnuͤß ein/ Die fuͤr Thußnelden sich můht Herrmanns Braut zu seyn. Die Lilgen-Brust/ der Rosen-Mund/ Der Haare Gold/ der Angen schoͤn Saphier/ Sind Schalen/ nicht der Schoͤnheit Grund Sind Wunder/ doch nur’s schlechste Theil an ihr. Denn Schoͤnheit macht sie zwar zur irrd’schen Koͤnigin/ Die Tugend aber setzt sie zu den Goͤttern hin. Wo euer Eiversucht und Leid Sich aber nicht laͤßt ohne Kampf abkuͤhln; So wißt ihr: daß der Liebe Streit Jn Lust besteh und frohen Kurtzweil-Spieln. Jn diesen laßt euch sehn/ und thut’s Thußnelden gleich/ So wird ein Herrmann auch vermaͤhiet werden euch. Nach diesem Gesange gab die Liebes-Goͤt- tin dem Vulcan einen Winck/ worauf er durch seine Cyclopen bey dem Bilde Hertzog Herr- manns zwey ertztene oben zugespitzte/ darunter aber ein rundtes Loch habende Seulen aufrich- teten; denen Liebes-Goͤttern aber einen sie- benfachen mit denen Merckmalen der Jrr- Sterne bezeichneten/ mit einem silbernen Ha- cken an eine purperfarbene Schnure gehenck- ten Ring/ dergleichen der weise Jndianer Jar- cha zum ersten kuͤnstlich gemacht/ denen sieben Goͤttern gewiedmet/ und durch Krafft solcher Ringe sein Leben auf hundert und dreissig Jahr erstreckt haben soll. Mit diesen kletterten sie an denen aufgerichteten Seulen hinauf/ und knuͤpften die Schnure mit iedem Ende an eine Seule an. Die Cyclopen trugen an dem Eingang der gegen die zwey Seulen gemachten Renne-Bahn eine grosse Menge messingener Kugeln/ und rundter in der Mitte loͤchrichter Ertzt-Platten. Wormit auch dieses Frauen- zimmer so vielmehr diese Kampf-Art zu belieben aufgemuntert werden moͤchte/ namen die Q q q q q q q q 3 Cyclo- Neuntes Buch Cyclopen einen rundten und dicken Ertzt-Tel- ler/ den ein mittelmaͤssiger Mann kaum erheben konte/ und stritten mit einander/ wer solchen am hoͤchsten in die Lufft werffen koͤnte. Bey wel- chem Spiele Hyacinthus soll umbkommen seyn. Die Liebes-Goͤtter aber waffneten ihre Armen und Achseln mit kuͤpfernen Platten; und foch- ten mit hoͤltzernen an einem Riemen hangenden Kugeln/ nach Art der Olympischen Guͤrtel- Kaͤmpfer/ mit grosser Geschickligkeit gegen ein- ander; indem sie alle Streiche entweder durch geschwinde Auswendungen abzulehnen/ oder sie mit ihrem Leibe/ so fern er geharnischt war/ wie nichts minder oͤffters mit einem begegnen- den Gegen-Streiche aufzufangen wusten. Jn welcher Krieges-Art zu Sparte nicht nur die Knaben/ sondern auch die Maͤgdchen sorg- faͤltig geuͤbet wurden; und ist selbte auf den Olympischen Spielen in so grosses Ansehen kommen; weil hierinnen Neptun der Bebry- cier streitbaren Koͤnig Amycus getoͤdtet haben soll. Als diese Riesen und Knaben den Schau- Platz mit ihren Spielen unterhielten/ ruͤstete sich das Frauenzimmer zu ihren Ritter-Spie- len. Wie nun die kriegerischen Trompeten/ Krum̃-Hoͤrner und Paucken das Zeichen zum Rennen gaben; ruͤckte die Liebe/ als die Rich- terin uͤber diese Spiele/ mit ihrem Wagen nicht ferne von dem erkieseten Ziele; die Holdinnen aber namen ihre helffenbeinerne Schreibe-Taffeln zur Hand/ umb nach dem Erkentnuͤsse der Liebe alle Treffen genau auf- zuzeichnen. Den Anfang machte vom Feuer Pasiphae mit ihren fuͤnf und siebentzig Gefaͤr- thinnen; und zwar so gluͤcklich: daß sie mit der Lantze den Ring abnam/ mit der einen ertztenen Kugel durch das Loch der einen Seule/ und den rundten Ertzt-Teller so recht in die Lufft warff: daß er mit seiner mittelsten Hoͤle recht in die Spitze der andern Seule zu fallen kam; also daß ihr mehr nicht/ als der eine Kugel-Wurff mißrieth. Dieser folgte von Seiten des Was- sers Clytia; ferner von Seiten der Lufft Hip- podamia/ und von Seiten der Erde die Blu- men-Goͤttin mit ihren Hauffen. Nach die- sem ersten Rennen ward von Seiten der Lufft/ und zwar von der Amazonin Menalippe der Anfang gemacht; dieser folgte vom Wasser Asien/ von der Erde die Getreyde-Goͤttin/ vom Feuer Phaetusa mit ihren vier Geschwadern; wiewohl aller Bewegung dem schnellen Feuer zu vergleichen war. Alle Zuschauer aber muͤh- ten sich gleichsam alle ihre Glieder in Augen zu verwandeln; als die Wasser-Goͤttin Thuß- nelde/ oder vielmehr die unschaͤtzbare Perle der Welt/ und das Meer aller zusammen fluͤssen- den Vollkommenheiten in die Renne-Bahn kam. Sie schwenckte beym Anritt die Lantze freudig umbs Haupt/ warff sie in vollem Rennen in die Lufft/ und fieng sie mit der an- nehmlichsten Geschickligkeit; nam auch darmit den Ring zierlich ab/ und legte selbten der Liebe gleichsam als ein demuͤthiges Opfer fuͤr den ihr verliehenen herrlichen Liebes-Sieg zun Fuͤssen. Hierauf warff sie im andern Rennen beyde Ku- geln durch die Seulen: daß keine irgendswo in der engen Durchfarth anstieß; die Ertzt- Platte auch mit der hoͤchsten Vollkommenheit in die Spitze der Seule/ als in das hierzu be- stim̃te Ziel. Woruͤber der gantze Schauplatz in ein Frolocken- und Freuden-Geschrey sich ausließ; biß die Feuer-Goͤttin/ oder die gleich- sam fuͤr Eiver-Sucht uͤber dem dem Wasser schon zugesprochenen Siege entzuͤndete Fuͤrstin Jsmene aller Augen auf sich zoh/ und hiermit gleichsam ihre Zungen faͤsselte. Diese in den Augen mit Strahlen der Sonnen/ auf dem Munde mit Feuer-Flammen geruͤstete/ und in der Bewegung den Blitz fuͤrbildende Heldin that es in allen Rennen Thußnelden nach; und weil sie alle Zwecke in Vollkommenheit erzielte/ erwarb sie gleicher gestalt des gantzen Schau- Platzes Arminius und Thußnelda. Platzes Zuruff. Weil aber die Augen ins ge- mein alle Neuigkeiten zu Wunderwercken ma- chen; fielen alle Kraͤfften der Sinnen durchs Gesichte auf die die Erde fuͤrbildende Fuͤrstin der Catten; welche auf den Wangen den Fruͤhling/ in den Augen den Sommer/ mit den Bruͤsten den Herbst/ und auf allen Gliedern durch ihren Schnee den Winter/ in ihrem Rennen aber die Geschwindigkeit des Windes fuͤrstellete/ und durch Erreichung aller vier Ziele ihren Vorgaͤngerinnen nichts zuvor gab; also von der Zuschauer Zungen nichts minder ge- priesen/ als von ihren Haͤnden mit Blumen be- worffen ward. Die auf die Rennebahn als die Lufft-Goͤttin sprengende Cattische Fuͤrstin Adelmunde stillete alles Geꝛaͤusche wieein duꝛch- dringender Donner-Strahl. Sintemal sie als eine Koͤnigin der Goͤtter/ als eine Vorstehe- rin der Hochzeiten/ eine Fuͤrstin der Schaͤtze fuͤr allen andern des Vorzugs sich berechtigt hielt. Wie sie nun in den Augen die Vollkom- menheit des Saphiers/ auf dem Munde des Rubins/ in den Haaren des Goldes/ und sonst allenthalben ihrer annehmlichen Thau-Toͤchteꝛ zeigete; also war ihre Bewegung auch der stuͤr- menden Lufft gleich/ welche/ wenn sie schon am stillsten zu seyn scheinet/ doch keinen Augenblick unbeweglich ist. Diese erlangte nun auch in allen Reimen ihren Vorsatz/ und hiermit keine geringere Lob-Spruͤche als die drey vorren- nende Fuͤrstinnen. Nach dieser vier Haͤupter Abzuge traff die Reye den Anfang zu machen die Erde. Daher die Obst-Goͤttin alles denen vier geschienenen Sonnen nachzuthun bemuͤht war/ gleich als wenn der guͤldene Apfel in die- sem Liebes-Streite zu ihren Haͤnden wieder kommen solte/ den die Zanck-Sucht in dem Kampfe der Schoͤnheit von ihr erbor- get hatte. Jhr folgte aus dem feurigen Frauenzimmer so schnell als ein vom Him- mel fallender Stern Lampetia/ aus der Lufft die Amazonin Hippolite/ und von der Erde Pleione mit ihren zugeeigneten Hauffen. Den letzten Aufzug fuͤhrte von Seiten des Feu- ers Circe/ welcher wunderwuͤrdige Bezeigun- gen einer Zauberin nicht unaͤhnlich schienen. Von Seiten der Lufft folgte die geschickte Ory- thia/ vom Wasser die annehmliche Ephyre; und endlich machte die nichts minder vom euser- lichen Schimmer/ als tapferer Thaͤtligkeit her- fuͤr leuchtende Ertzt-Goͤttin mit ihrem Ge- schwader diesem Ritterspiele ein Ende. Hier- mit aber fieng sich bey den Zuschauern die Sorgfalt an: wem bey so vollkommenen und dem Augenscheine nach so viel gleichen Rennen die Preiße wuͤrden zuerkennet werden. Die Holdinnen bezauberten mit ihren linden Sei- tenspielen gleichsam aufs neue alle Ohren des Schau-Platzes; daͤmpften aber dardurch am wenigsten die Befehle der Liebes-Goͤttin. Denn nachdem diese sich genau in denen gegen einander wohl uͤberein treffenden Vermercken unterrichtet hatte; fieng sie von den medrigsten Siegen an die Preiße auszutheilen. Wiewohl nun wenige mehr als zwey Fehler begangen hatten; ward doch unter diesen zweyen aus dem Wasser-Hauffen die Graͤfin von Spiegelberg beruffen/ und empfieng aus der Hand der Lie- be einen Rubin - Ring. Ein Liebes - Knabe rieff: Diese Siegerin hat in dem Ringe den mittelsten Kreiß der Sonne/ und mit der Ertz- Platte vollkommen eingetroffen. Hiermit kam die Ordnung alsbald zu denen/ die nur in einem gefehlet. Denn aus dem Feuer-Hauffen kriegte ein Fraͤulein von Hirschfeld einen Saphier- Ring; weil sie im Ringe den vierdten Kreiß des Jupiters getroffen/ und nur mit einer Ku- gel gefehlt hatte. Drittens empfieng die Graͤfin von Andechs eine Perlen-Schnure; weil sie der vorigen gleich; aber im Ringe den dritten Kreiß der Venus mit der Lantze getrof- fen hatte. Vierdtens empfieng die Graͤfin von Neuntes Buch von Teckelnburg einen Ring umb und umb mit Schmaragden versetzt; weil sie nur mit dem ertztenen Teller gefehlet/ und im Ringe den andern Kreiß des Mars erreicht hatte. Fuͤnf- tens gab die Liebe der Graͤfin von Rheinfeld ei- ne Diamant-Rose: weil von ihr statt der einen fehlenden Kugel der Ring in dem mittelsten Sonnen-Kreisse weggenommen war. Hier- mit traff die Reye schon die/ welche in allem ge- troffen hatten; also empfieng sechstens die Graͤ- fin von Waldeck ein paar perlene Arm-Baͤn- der; weil ihre Lantze nur in den eusersten Mon- den-Kreiß des Ringes geluͤckt war. Der sie- bende Preiß war ein Schmuck von Opalen/ fuͤr die Graͤfin von der Marck; der achte ein Hals- band von Schmaragden fuͤr die Graͤfin von Horn; der neundte ein Rubinen-Halsband fuͤr die Chauzische Fuͤrstin Leitholde; der zehnde ein Diamanten Halsband fuͤr die Graͤfin von Hohenloh; der eilffte ein mit allerhand Edel- gesteinen versetzter Guͤrtel fuͤr die Graͤfin von Mansfeld; der zwoͤlffte ein mit Tuͤrckissen ver- setzter Koͤcher und Bogen fuͤr die Fraͤulein von Fuͤrstenberg; weil die ersten drey in den fuͤnften Kreiß des Mercur/ die letzten in den vierdten des Jupiters getroffen hatten. Der dreyzehn- de Preiß war ein von Rubinen gleichsam bren- nendes Hertze fuͤr die andere Cattische Fuͤrstin Adelmunde/ die biß in den driten der Venus ge- eigneten Kreiß des Ringes kommen war. Den vierzehnden Preiß/ nemlich einen mit Rubinen versetzten Krantz aus Oelzweigen kriegte nach Art der Olympischen Uberwinder die Cattische Fuͤrstin Rhamis; und einen solchen mit Dia- manten gezierten Krantz das Ascanische Fraͤu- lein Theudelinde? Weil nun aber die Fuͤrstin Jsmene und die Hertzogin Thußnelde mit un- vergleichlicher Vollkommenheit in allen Ren- nen getroffen hatten; gleich wohl aber nur noch ein einiger Sieges-Preiß/ nemlich eine perlene Krone uͤbrig war; war iedermann be- gierig zu sehen/ welcher selbte zuerkennet wer- den wuͤrde; nachdem sie nicht zu begreiffen wu- sten; welche unter ihnen ohne Unrecht koͤnte uͤbergangen werden. Dahero die meisten muthmasten: daß beyde durch ein neues Ren- nen mit einander wuͤrden gleichen muͤssen. Alleine die Liebes-Goͤttin machte diesem Kum- mer bald ein Ende; und rieff: Die Tugenden und der Sieg dieser zwey Heldinnen waͤren ein- ander so gleich; als sonst das Feuer und Was- ser einander zuwider waͤre. Jhre Vollkom- menheit waͤre so groß: daß keine der andern durch neuen Versuch einen Vortheil abren- nen; vielmehr aber einer ieden Hoͤfligkeit durch mit Fleiß angenommene Fehler der andern et- was wuͤrde zuvor geben; in Wercke aber/ wie vor in Tapferkeit/ also letztens in der Demuth den Obsieg behaupten wollen. Gleichwohl aber gehoͤrete diese Perlen-Krone Jsmenen; und (hiermit nam die Liebe ihre eigene Krone vom Haupte) diese andere der unvergleichlichen Thußnelde. Nichts/ was im Schau-Platze einigen Athem hatte/ brauchte selbten zu was anderm/ als zu Vergroͤsserung des Freuden- Geschreyes. Thußnelde rennte nach empfan- gener Sieges-Krone zu der erhobenen Herr- manns-Seule/ und setzte sie durch Huͤlffe ihrer Lantze selbter aufs Haupt; gleich als wenn die/ welche schon einem andern einmal ihr Hertze zu- geeignet hatte/ nichts mehr fuͤr sich selbst zu er- werben faͤhig waͤꝛe. Diese Freygebigkeit war bey den Helden eine neue Gemuͤths-Vergnuͤ- gung/ dem Schau-Platze aber eine Ursache nicht nur ihre frohlockende Gluͤcks-Wuͤnsche zu wiederholen; sondern auch allerhand neue Kampf-Spiele anzufangen. Die Silenen ergetzten sich/ wie auf den Fey- ern des Wein-Gottes bey den Griechen braͤuch- lich war/ auf einem von Wein gefuͤllten/ und euserlich mit Oel geschmierten ledernen Sacke; auf welchen bald einer bald der andere sprang; dieseꝛ Arminius und Thußnelda. dieser aber/ der von denen andern nicht bald von einem so glatten Kampf-Platze herab gerissen werden konte/ fuͤr den Sieger erkennet/ und mit einem mit Wein gefuͤllten Bockleder beschenckt ward. Die Winde steckten ihnen ein Ziel von hundert fuͤnf und zwantzig Schritten aus/ wor- nach sie nach der Stiftung des Hercules/ in ei- nem Atheme mit einander die Wette rennten. Worinnen sie so embsig waren/ gleich als ihr Vater Eolus ihnen seine Herrschafft/ wie fuͤr Zeiten Endymion sein Reich dem Uberwinder in dieser Ubung zwischen seinen Soͤhnen auf- gesetzt haͤtte. Einen andern/ wiewohl bald vor sich/ bald ruͤckwerts/ bald in einen Kreiß ge- henden Lauff hielten die der Sonnen Wagen bedienende vier und zwantzig Stunden; welche hier gleichsam die Beschuldigung ihrer Lang- samkeit ablehnten/ aber wohl den Ruhm ihrer weichen Fuͤsse behielten; weil ihre Fußstappen kaum im Sande zu sehen waren. Die vier Centauren der Lufft rennten mit denen dem Wasser zugeeigneten Pferden die Wette; und zwar mit so embsiger Bemuͤhung/ gleich als wenn jene die Scharte ihres Verlustes gegen den Hercules und die Lapithen auswetzen/ diese aber es denen Epirischen und Niseischen Pfer- den zuvor thun solten/ die Alcibiaden und Hera- cliten so offt zum Sieger gemacht hatten. Die Cyclopen legten auf ihr Haupt einen schweren Ertzt-Teller/ an ieden Arm hiengen sie einen messingenẽ Rincken/ in iede Hand namen sie eine staͤhlerne Kugel/ und umb die Schien-Beine machten sie kuͤpferne Platten feste; tantzten aber damit so leichte/ als wenn sie keine Last auf sich haͤtten. Die zwoͤlff Wasser-Nym- phen fochten gegen einander mit ihren Drey- zancks-Staͤben; hernach warffen sie diese Ge- wehre weg/ rungen also zusammen/ und endlich weltzten sie sich mit einander auf der Erden herumb; biß die mit weissen Wachs-Fackeln sie antastenden Liebes-Goͤtter sie sich zu verein- baren/ und mit denen ergrieffenen Dreyzancks- Staͤben/ aus derer Spitzen sie haͤuffig Wasser spritzten/ und damit die Fackeln ausleschten/ zu vertheidigen zwang. Die Maͤgdchen/ welche die der Erde geeignete Loͤwen fuͤhrten/ setzten sich darauf/ und rennten damit die Wette. Denen zwoͤlff him̃lischen Zeichen setzte die Son- ne einen guͤldenen Bogen zum Preiße auff; den der haben solte/ welcher mit einem Pfeile am geraͤdesten/ mit dem andern am hoͤchsten/ mit dem dritten am geschwindesten schuͤssen wuͤrde. Der Tag und die Nacht stritten gleich- falls gegen einander/ indem sie anfangs nur die- selbige Ringens-Art gegen einander angewehr- ten; da kein ander Glied als nur die Finger einander beruͤhren doͤrffen; hernach Wechsels- weise auf eine hohe Ertzt-Platte traten/ und einander davon herab zu stossen/ oder einander einen in der Hand feste gehaltenen Apfel aus- zuwinden bemuͤht waren. Jn welchen bey- den Ubungen Milo so beruͤhmt gewest ist. Die Monathe fochten anfangs mit laͤnglicht- rundten Ertzt-Rincken zusammen/ hernach wurffen sie mit den Lantzen theils nach einem Ziele/ theils in die Hoͤhe in die Wette. Bey diesen Lust-Spielen erhob sich umb die Herrmanns-Seule allem Ansehen nach ein ernster Krieg. Denn es brachten zwoͤlff mit Lorberkraͤntzẽ gezierte Barden eine Menge mit Grabescheiten/ Haͤmmern und Aexten verse- hene Leute in Schau-Platz/ und wiesen selbte an die Herrmanns-Seule zu untergraben und zu zernichten. Die hiefuͤr eivernde und von der Kunst zu derselben Aufrichtung gebrauchte Riesen kamen als ein Blitz herzu/ und bothen denen/ die die Hand daran legen wolten/ die Stange. Deutschland/ die Natur und die Kunst naͤherten sich alsofort auch; und recht- fertigte Deutschland alsofort die Barden: ob sie alleine ihre ungeartete Miß-Geburten Erster Theil. R r r r r r r r waͤren; Neuntes Buch waͤren; welche mit so schaͤndlichem Undancke des umbs gantze Vaterland so hoch - verdienten Heldens Ehren - Maale vertilgen wolte? Der Elteste unter den Barden antwortete: Sie waͤren nichts minder Freunde der Helden/ als Feinde der Vergessenheit/ ja eines ihrer fuͤr- nehmsten Absehen/ wohl - verdienter Leu- te Gedaͤchtnuͤß mit der Ewigkeit zu ver- maͤhlẽ; und den Schimmel der Jahre von allem ruhmwuͤrdigen abzuwischen. Wie die Natur bey der Trophonischen Hoͤle neben dem Brunn der Vergessenheit das Gedaͤchtnuͤß-Quell gesetzt haͤtte/ dessen getrunckenes Wasser de- nen alles wieder indenck machte/ was sie durch jenes aus der Acht gelassen haͤtten; also haͤtte das sorgfaͤltige Gedaͤchtnuͤß sie und ihres gleichen der Tugend zum besten verordnet: daß sie der Nachwelt unversehrt ver- wahren solten/ was die Zeit nicht nur aus dem Gesichte/ sondern auch aus dem Andencken der Welt zu rauben bemuͤhet waͤre. Da aber ja sie nicht allemal der Eitelkeit auf den Hals zu treten vermoͤchten; bliebe es doch allemal darbey: daß ein Ding erstlich sein Ansehn/ hernach sein Wesen/ und zum letzten allererst den Nahmen und den Ruhm/ als den von ihren Blaͤttern triessenden Balsam verlie- re. Jn Erwegung dessen Koͤnig Archelaus denen Tichtern unter dem Nahmen der Mu- sen Schau- und Kampf-Spiele zugeeignet; der grosse Alexander auch selbte feyerlich begangen/ und des Homerus Getichte in dem edelsten Schatz-Kaͤstlein des Darius verwahrt haͤtte. Deutschland versetzte: Jhre Anstalt waͤre seinen Reden nicht gemaͤß; nachdem sie an die Gedaͤchtnuͤß-Seule die Hand anleg- ten/ ehe Zeit und Zufall den geringsten Staub daran zu versehren gemeynt waͤre; da doch Herrmann nicht nur eine Seule auff Erden; sondern so gar Ehren-Maale im Himmel verdiente. Der Barde begegnete Deutsch- lande hierauf: Das letztere nehmen wir mit beyden Haͤnden an; das erstere aber verwerffen wir als ein zu unwuͤrdiges Denckmal; da ein schlechter Stein/ den der Regen abwaͤscht/ die Lufft abnuͤtzt/ und die Feile zermalmet/ der Nachdruck eines so grossen Fuͤrsten seyn soll. Die Natur meynte sich hierdurch geruͤhret zu seyn; gleich als wenn ihr wie fuͤr Zeiten zu Athen dem Phidias/ welcher Minervens Bild nicht aus Helffenbein/ sondern Mar- mel gemacht/ fuͤrgeruͤckt wuͤrde/ samb sie allzu schlechten Talg hierzu hergegeben haͤtte. Dahero sie den Barden anfiel: Sie haͤtte so viel Wunder und Geheimnuͤsse in die Steine/ als in Ertzt gesaͤmt; welches vom Roste gefressen/ von der Flamme verschmeltzt/ und nichts minder als jene von der Ver- gaͤngligkeit verzehret wuͤrde. Ja sie haͤtte in Marmel und Agath mehrmals mit ei- gener Hand ausgewuͤrckt; was die Kunst ihr allererst im Ertzte nachmachen muͤssen. Auf dem Lande Paris waͤre in einem Marmel-Bruche ein von sich selbst gewach- ser Silen/ und Lorber-Baum/ auf Chio eines Wald-Gottes-Kopf/ bey Syracuse Fische ausgegraben worden. Jn des Pyr- rhus Edelgesteine waͤren Apollo mit den neun Musen; in vielen andern Gestirne/ Ge- buͤrge/ Landschafften/ und allerhand Thiere als ihr eigenes Gemaͤchte zu sehen. Bey so gestalten Sachen waͤren die Steine/ als die Wunder-Taffeln der Natur/ als zu geringschaͤtzig nicht zu verwerffen. Uber diß kaͤme kein Nach - Bild dem wahren Bilde gleich/ wenn der Zeug gleich noch so gut waͤre. Der Monde das Ebenbild der Sonne waͤre viel geringer. Haͤtten doch die Goͤtter sich vergnuͤgt: daß anfangs ihre Bilder aus Thone gebacken/ aus Eichen/ Zedern/ und wenns aufs hoͤchste kommen/ aus Zypressen/ oder Zitron-Holtze waͤren geschnuͤtzt/ und Arminius und Thußnelda. und an statt eines schimmernden Firnßes mit Hartzt uͤberzogen worden. Das fuͤr ein Wun- derwerck der Welt gepriesene Bild des Olym- pischen Jupiters waͤre zwar zum Theil aus Gold und Helffenbein/ aber grossen Theils aus Kreide gewest. Ja wormit Agathocles erhaͤrten moͤchte: daß der geringe Ursprung ein herrliches Ding nicht veraͤchtlich machen koͤnte; haͤtte er aus seinen Nacht-Geschirren die Bilder seiner Goͤtter guͤssen/ und in die Tempel setzen lassen. Der allzu grosse Werth der Ehren-Maale diente mehrmahls zu ihrer desto geschwindern Verterbung. Das erste Bild aus Golde waͤre der Goͤttin Anaitis auf- gesetzet worden; aber als ihre andere Seulen unversehret blieben/ haͤtten jenes des Antonius Kriegs-Knechte zerdruͤmmert; derer einer zu Bononi e n noch gegen den Kaͤyser August ein Gespoͤtte damit getrieben; und daß er von der Anaitis Schienbeine ihm eine Mahlzeit aus- richtete/ sich zu schertzen erkuͤhnt haͤtte. Der Barde versaͤtzte: Er stellte der marmelnen Herrmanns-Seule nicht den zu geringen Zeug zum Maͤngel aus; weil weder Gold noch Edelgesteine Goͤtter und Helden abzubilden wuͤrdig waͤren; und dieser Bescheidenheit nicht nur mit was schlechterm vorlieb nehme/ sondern sie auch allzu grosse Kostbarkeiten ver- schmaͤheten; und wie August die ihm gewied- mete Silber - Bilder wieder umbgießen lies- sen. Denn Ehren-Maale solten ein Merck- maal lobwuͤrdiger Thaten/ nicht ihre Ausglei- chung seyn. Ja er beschiede sich: daß keiner Stadt/ keines Reiches Schaͤtze zu Belohnung ihrer Helden zulangen wuͤrden/ wenn ihre Seulen alle aus Golde/ und ihre Sieges- Kraͤntze aus eitel Perlen seyn solten. Das Armuth waͤre hierinnen der Roͤmischen Klug- heit Lehrmeisterin gewest/ und habe sie unter- wiesen mit dem Hammer der Ehre in der Lufft Muͤntze zu pregen; welche guͤltiger als Silber gewest/ und darzu ihr beym hoͤchsten Unvermoͤ- ger niemals Schrott und Korn gefehlet haͤtte. Sintemal sie mit ein paar Eichen- oder Lor- ber-Zweigen; mit Ertheilung eines Zunah- men/ mit Bezeichnung-eines Geschlechts- Schildes/ mit einer geringen Seule ihre Er- halter zu ihrem grossen Vergnuͤgen bezahlet; derer Wolthaten mit allem Vermoͤgen des Volckes nicht auszugleichen gewest waͤre. Wordurch sie gleichsam Gold und Silber in die Schachte niedriger und zu allem feilste- hende Seelen verdammt; hingegen das ge- meine Wesen mit einem minder erschoͤpfften Vorrathe versehen haͤtten; als die Gold- Gruben der Araber und Dalmatier waͤren. Alleine der Wind behielte seinen Werth und die Lufft ihre Schaͤtzbarkeit nur so lange; als man sie nicht zu gemein machte. Wohin aber waͤre es in der Welt nicht mit den Ehren- Seulen kommen? Zu Rhodis sollen ihr nur drey und siebenzig-tausend/ zu Athen und Co- rinth aber vielmehr gewest/ und das schlechte Staͤdtlein Volsinium wegen ihres Reichthums von zwey-tausend Seulen eingenommen wor- den seyn. Rom waͤre nicht nur ein Auffent- halt unzehlbarer Menschen; sondern auch stei- nerner Voͤlcker. Wer in einem Olympischen Spiele gesiegt haͤtte/ waͤre darmit verehrt/ und er uͤber die eingebrochene Mauer seines Va- terlandes mit so praͤchtigem Siegs-Gepraͤnge eingeholet worden; als wenn er Griechenland von einem neuen Xerxes befreyet haͤtte. Der kaum halbweise Gorgias/ und die Hure Phry- ne haͤtten ihnen selbst zwey Bilder aus dichtem Golde im Delphischen Tempel/ und der kleine Tichter Actius im Hause der Musen ihm eine Riesen-Seule aufgesaͤtzt. Es vergienge sich hierinnen nicht nur eigner Duͤnckel/ und der Vorwitz der Kuͤnstler/ welche bey Ausarbei- tung derogleichen Bilder mehr ihre Geschick- ligkeit sehen lassen/ als wuͤrdig angewehren R r r r r r r r 2 wol- Neuntes Buch wolten; sondern auch frembdes Urthel; in- dem der Poͤfel mehrmals auf die Tugend das Messer wetzte; und den Lasterhafften Ehren- Maale aufthuͤrmete/ oder nach dem Beyspiele der Ephesier durch offentlichen Ausruff den ruhmwuͤrdigen Hermodor und alle ehrliche Buͤrger aus der Stadt verbannte. Zu Athen haͤtte nicht allein die Hure Leena ein/ sondern der unwuͤrdige Demetrius Phalereus so viel Seulen erlanget/ als Tage im Jahre waͤren. Welchen unzeitigen Uberfluß dersel- ben Urheber doch selbst bald verdammet; und daraus Nacht-Scherben machen/ oder zum minsten sie mit Kothe uͤberziehen lassen. Die Kunst fuͤhlte sich hierdurch angegrieffen/ ver- saͤtzte also: Sie liesse dem Eigenduͤnckel und der Ehrsucht ihre Vertheidigung; ihre eigene aber bestuͤnde darinnen: daß sie uͤber die Ver- dienste der Helden nicht zu urtheilen/ sondern dis/ was man ihr angaͤbe/ nur ohne Tadel auszumachen haͤtte. Da man aber sonst keine andere Bilder als der Leena und des Demetrius zu tadeln wuͤste/ wuͤrde sie wenig scheltbares gearbeitet haben. Sintemal jene bis auf den Tod die grausamste Peinigung ausgestanden/ ehe sie des Harmodius fuͤr die Freyheit des Vaterlandes vorhabende An- schlaͤge verrathen wollen. Demetrius aber habe seine Seulen/ wo nicht vorher/ doch her- nach verdienet; als er aus Egypten noch das ihn verweisende Athen beschencket. Wegen der gegenwaͤrtigen Herrmanns-Seule aber wuͤrde sie Deutschland als ihre Anweiserin vertreten muͤssen; niemand aber hierbey ihr einige Eitelkeit beymessen koͤnnen. Die Kunst vergnuͤgte sich an der Ehre ihres Gehorsams; und finde man an den wenigsten Seulen den Nahmen des Werckmeisters. Der einige Theodor/ der den Samischen Jrrgarten mit mehr als tausend Seulen gebauet/ haͤtte nur in eine einige sein Bild/ jedoch so klein und so wenig sichtbar gegossen: daß ihn und den bey- gefuͤgten Wagen mit vier Pferden eine einige Fliege haͤtte bedecken koͤnnen. Deutschland nam alsbald das Wort von ihr/ und hielt den Barden ein: Es waͤre zwar wahr: daß Ehr- sucht und Heucheley die Gedaͤchtnuͤs-Seulen zu gemein machte; daß es eine Thorheit waͤre sich selbst oder Unwuͤrdige damit beehren; und daß so denn diese unzeitige Hoffart zeitlich in Rauch vergienge. Alleine der Uberfluß be- nehme eines Dinges innerlicher Guͤte nichts; und der Mißbrauch koͤnte dem nuͤtzlichen Ge- brauche keinen Abbruch thun. Denn sonst wuͤrde man auch die Sonne zu schelten ha- ben: daß sie so offt schiene/ und nichts minder Froͤsche und Kefer/ als Menschen beseelte. Unverdiente Ehren-Maale kriegten bald den Wurmstich/ wenn sie gleich mit Zeder-Oel uͤberfirnßet waͤren; der Blitz zermalmete sie; ob sie schon Lorber-Kraͤntze uͤberschatteten; und das durchs Feuer unversehrliche Gold wuͤrde unschwer zu Asche verbrennt. Wo sie aber die Tugend zum Fusse haͤtten; uͤberstuͤnden sie alles Ungewitter der Zeit und des Neides. Xerxes haͤtte die ersten und einfaͤltigen Seu- len des verdienten Harmodius/ und Aristogi- tons als ein seltzamer Schatz in Persien ge- fuͤhret; und der grosse Alexander selbte als ein Heiligthum nach Athen zuruͤcke geschickt. Die fast baͤurischen Gemaͤchte des ersten Roms; die zu Pferde sitzende Clelia aus schlechtem Steine waͤren noch zu Rom in groͤsserm An- sehn; als der seiner Kunst wegen unschaͤtzbare ertztene Hund in dem Heiligthume der Juno/ und das Wunder-Bild des mit sampt seinen Kindern von einer Schlange umbwundenen Laocoons; und die nur drey Fuͤsse hohen Bilder des Romulus und Numa wuͤrden mehr verehrt/ als der viertzig Ellen hohe Hercules zu Tarent/ der dreißig Fuß ho- he Apollo zu Rom/ die siebentzig Ellen- bogen Arminius und Thußnelda. bogen hohe Sonnen-Seule zu Rhodis/ und das aus dem Medischen Berge gemachte Bild der Semiramis. Also waͤre die Eitel- keit der Ehrsucht nicht bald eine Vermehre- rin des Ehren-Ruhms. Die Natur hinge- gen billigte selbst das Gedaͤchtnuͤs der Ehren- Maale/ wenn sie nicht nur selbst mehrmahls eine Bildhauerin; ja nichts minder als jener Grieche/ der sich mit des Praxiteles Venus vermaͤhlen wolte; und Junius Pisciculus/ der eine marmelne Thespias umbarmete/ eine Liebhaberin der Kunst-Bilder abgebe; wenn sie dem auf derselben Haͤuptern gewachsenem Kraute die Krafft dem Haupt-Weh abzuhelf- fen zueignete. Nichts weniger hielte das Verhaͤngnuͤs gleichsam absonderlich die Hand uͤber wolver dienten Gedaͤchtnuͤs-Seulen; wel- che so gar die grimmigsten Feinde zu beschaͤ- digen sich allezeit gescheuet haͤtten. Mum- mius haͤtte aus dem brennenden Corinth der Griechischen Helden Bilder/ und Lucullus der Pontischen Koͤnige aus dem Verterben errettet. Diomedes waͤre durch eine Kranck- heit gezwungen worden/ dem Eneas das Tro- janische Schutz-Bild wieder zu geben. Cam- byses haͤtte zwar die von denen Sonnen- Strahlen laute Memnons-Seule eroͤffnet; als er aber darinnen keinen Werckzeug sol- chen Gethoͤnes gesunden/ selbte wie andere Egyptische Seltzamkeiten zu zerdruͤmmern nicht das Hertze gehabt. Den Kaͤyser Au- gust haͤtte ein Traum so lange gequaͤlet/ bis er den Ephesiern ihren vom Myron gemach- ten Apollo wieder gegeben/ den ihnen Anton genommen hatte. Wenn auch schon die Ehr- sucht einem Helden-Bilde den Kopff abge- brochen/ und eines unwuͤrdigen Wuͤtterichs darauf gesaͤtzt haͤtte; waͤre doch dieser niemals lange stehen; des erstern Ruhm aber unver- sehrt/ und die Seule sein Eigenthum geblie- ben. GOtt haͤtte diese mehrmals zu Merck- maalen seiner Straffe gebraucht; und selbte wie der Bildhauer Agoracritus seine mar- melne Venus in das Bild der Rache ver- wandelt. Kaͤyser Cajus/ der des Pompejus blutiges Haupt mit Freuden-Thraͤnen bene- tzet/ waͤre todt und blutig unter die Seule des Pompejus gefallen. Hingegen habe sie deꝛ Him- mel offt aus einer geheimẽ Neigung zu Schutz- Bildern der Menschen und Reiche eꝛkieset. Von den Roͤmern waͤren selbte mehrmals als ge- wisse Graͤntz-Maale/ welche ihre Feinde un- moͤglich uͤberschreiten koͤnten/ wider die Deut- schen und andere Voͤlcker eingegraben wor- den. Aus diesem Glauben haͤtte Cajus Ce- stius allezeit ein gewisses Bild mit in die Schlacht genommen/ und des grossen Alexan- ders Zelt waͤre von eitel Bildern unterstuͤtzt gewest; derer zwey die Roͤmer hernach fuͤr das Heiligthum des raͤchenden Kriegs-Gottes gesaͤtzt haͤtten. Uber dis waͤren durch solche heili- ge Schutz-Seulen denen Feinden die Durch- farth der Sicilischen Meer-Enge/ dem Berge Etna mit Feuer-ausspeyen Schaden zu thun/ den Stoͤrchen die Stadt Byzantz zu beunru- higen verwehret; und durch das aufgerich- tete Bild des Charons die Pest gestillet wor- den. Zu geschweigen: daß das Bild des Apollo zu Buma drey Tag und Naͤchte we- gen des von den Roͤmern wider die Griechen erhobenen Krieges/ und die Juno zu Lamiri- um wegen bevorstehender Pest jaͤmmerlich geweinet haͤtten. Welche Eigenschafften ver- muthlich Anlaß gegeben: daß die Bilder der Fuͤrsten zu Freystaͤdten waͤren erkieset wor- den. Wenn aber auch schon die Welt von den Ehren-Seulen keinen so seltzamen/ son- dern nur diesen allgemeinen Vortheil zu hof- fen haͤtte: daß sie die Nachkommen zu tapf- ferer Nachartung auffrischen/ und die glim- mende Tugend recht in Brand bringen/ waͤre doch ihr Nutzen unschaͤtzbar; und fuͤrnemlich in R r r r r r r r 3 Deut- Neuntes Buch Deutschland kein so grosser Mißbrauch zu be- sorgen; als wo diese Ehren-Maale noch neu/ oder zum minsten ungemein waͤren. Der Barde antwortete: Er haͤtte auf die wunder- lichen Wuͤrckungen der Seulen schlechtes Ab- sehen; als welche entweder betruͤglichen Aber- glauben zum Grunde haͤtten/ oder doch eben so wol/ als die Reden und Weissagungen der stum- men Steine von Zauberey herruͤhrten. Sin- temal: daß die Wahrsagungen der Dreyfuͤsse und anderer beredsamen Seulen von denen in selbte aufsteigenden Duͤnsten der Erde her- ruͤhren solten/ ein eiteler Wahn etlicher Welt- weisen waͤre. Gleiche Bewandnuͤs haͤtte es mit ihrer Krafft Regen zu verschaffen. Die- ses aber waͤre freylich wol der eigentliche Zweck aller Gedaͤchtnuͤs-Maale: daß sie nicht alleine derer verstorbenen Thaten verewigen/ sondern fuͤrnemlich die Lebenden wol anweisen solten. Außer diesem waͤren sie abscheuliche Graͤber der Lebenden/ und ihr Andencken ein unnoͤ- thiger Goͤtzen-Dienst. Beydes aber zu wuͤr- cken/ nemlich die Verdienste der Todten wider die Vergessenheit zu schuͤtzen/ und die Nach- kommen in ihren Fuß-Pfad zu leiten/ waͤren der Barden geistige Lieder geschickter/ als die todten Steine; oder auch das so genennte Sterck-Kraut; von welchem der Aberglaube tichtete: daß wer darmit sich besalbte/ der Menschen Gunst und einen Ruhms-vollen Nahmen erlangte. Diese druͤckten zum hoͤch- sten die Aehnligkeit des Leibes; jene aber auch die Eigenschafften der Seelen aus. Und es moͤchte Euphranor wie er wolte seinen ge- machten Paris heraus streichen: daß er in selb- tem zugleich als ein Richter der Goͤtter/ als ein Liebhaber Helenens/ und als ein Erleger Achillens waͤre gebildet gewest. Es moͤchte ihm das Volck zu Chio einbilden: daß das Antlitz ihrer marmelnen Diana sich denen in Tempel kommenden traurig/ denen hinaus- gehenden freudig zeige. Es moͤchte die Kunst sich bereden: daß sie ihre Marmel lebhafft/ ihr Ertzt lachend machen/ und mit Helffenbeine die Gemuͤths - Regungen ausdruͤcken koͤnte; so waͤre doch dis gegen der Seelen ihrer Ge- saͤnge ein bloßer Schatten. Welches der Kuͤnstler Demetrius wol verstanden; daher er sein Minerven-Bild deꝛogestalt gegossen haͤtte: daß die Drachen des Gorgons-Kopffes auf ihrem Schilde zu den darbey gespielten Saͤi- tenspiele stets einen annehmlichen Widerschall gegeben; also sein Kunst-Bild sich haͤtte mit der Anmuth des Gethoͤnes behelffen; und die schwartze Memnons-Seule zu Thebe von denen Strahlen der Sonne/ als der allersuͤsse- sten Leyer des Himmels/ den annehmlichen Klang entlehnen muͤssen. Deutschland brach bey diesen Worten ein: Sie nehme fuͤr bekandt an: daß die Saͤitenspiele zur Vollkommen- heit der Ehren-Bilder Beytrag thaͤten. Weil nun die Tichter-Kunst die Seele der Saͤitenspiele waͤre; und die Barden so wenig fuͤr veraͤchtlich hielten ihre Lobgesaͤnge auf Baum-Rinden/ als die Sibyllen ihre Weissa- gungen auf Palmen-Blaͤtter zu schreiben; so solten sie den Marmel dieser Herrmanns- Seule nicht geringer/ als das leicht verfau- lende Laub und Rinde schaͤtzen/ und derogestalt den Ruhm ihres Helden in diesem harten Steine unausleschlich/ diese Seule aber durch ihre unvergaͤngliche Getichte auch nach ihrer Einaͤscherung ewig machen. Sie waͤre er- boͤtig nach dem Beyspiele Achillens/ fuͤr den besten Tichter einen guͤldenen Dreyfuß zum Preiß aufzusetzen. Sintemal freylich nach- gegeben werden muͤste: daß die herrlichsten Seulen ohne Zuthat einer gelehrten Hand stumme und unerkenntliche Goͤtzen waͤren; und wie die Spitz-Seulen in Egypten weder ihre Uhrheber noch ihr Absehen zu eroͤfnen wuͤsten. Die Kunst bot sich mit ihren Riesen zu Arminius und Thußnelda. zu einer willigen Handlangerin an; und daß sie/ was die Barden dem Feldherrn zu Liebe singen wuͤrden; sie alsbald an die Herrmanns- Seule einetzen wolte. Die Barden ins ge- sampt ließen ihnen diese annehmliche Ver- mittelung gefallen/ und fieng der Elteste unter ihnen an nachfolgende Reimen zu singen; wel- che auf der Kunst Verordnung die Riesen zu- gleich an die eine Taffel des die Herrmanns- Seule haltenden Fusses eingruben: Gleicht nicht Andromede/ bestuͤrtztes Deutschland/ dir? Hat nicht der Eltern Schuld dir Fessel angeschraubet? Zwar ist kein Wallfisch dar/ dem man dich wuͤrffe fuͤr/ Doch liefert man dich Rom/ das alle Freyheit raubet/ Der Woͤlfin/ welcher sich gleicht kein gefraͤßig Thier. Haͤtt’stu wol/ Vaterland/ fuͤr wenig Zeit geglaubet/ Als du in Dienstbarkeit vergiengest neben mir/ Dir wuͤrde frey zu gehn so zeitlich seyn erlaubet? Schreib deinem Herrmann dis/ dem neuen Perseus zu/ Der deine Ketten bricht/ das grimme Thier verschret/ Ja der sich gar vermaͤhlt. Thußneldens Beyspiel lehret Dich aber/ was nunmehr sey noͤthig: daß man thu. Sie opffert ihm sein Hertz fuͤr die Erloͤsungs-Guͤte. So zuͤnd’ auch du ihm an ein danckbares Gemuͤthe. Die saͤmptlichen Barden loͤseten ihren Vorsteher ab/ betasteten auf allen Seiten die Herrmanns - Seule/ und sangen hierzu fol- gende Worte: Soll dieser weiß’ und harte Marmelstein Das Ebenbild des grossen Herrmanns seyn? Der von so zarter Lieb’ und hertzlichem Erbarmen/ Das er fuͤr’s Vaterland stets traͤgt/ Und von den Feinden die er schlaͤgt/ Hat ein Wachs-weiches Hertz/ und von Blut fette Armen? Jedoch er und Thußnelde scheinen Gleichwol zu gleichen diesen Steinen. Denn beyder Treue kommt an Farbe/ beyder Hertze An Haͤrte weissem Marmel bey. Heg’t jene keinen Fleck/ so weicht dis keinem Schmertze; Daß er und sie ein Bild/ ja dieses Bildes sey. Die Riesen waren mit Einetzung dieser Lobspruͤche so fertig: daß sie bey nahe denen singenden Barden zuvor kamen; also nach voꝛigem Schlusse auf die dritte Seite des mar- melnen Fusses sich verfuͤgten/ und durch An- setzung des staͤhlernen Grieffels den alten Bar- den fortzusingen noͤthigten: Der Helden Geist ist Stahl/ ihr Hertz aus Diamant/ Wenn es mit Maͤnuern kampfft; alleine Wachs/ bey Frauen. Denn Adler lieben zwar nur Adler/ Pfane Pfauen/ Doch Alexandern zwingt der geilen Thais Brand/ Die Spindel Omphalens entweiht Alcidens Hand/ Achilles/ wenn er lieb’t/ kriegt fuͤr dem Krieg’ ein Grauen/ Anton stirbt als ein Weib in einer Mobrin Klauen/ Ja auch der Goͤtter Lieb’ ist Wahnwitz anverwand. Fuͤrst Herrmann aber liebt mit grosser Tapfferkeit; Denn er vermaͤhlet ihm Minerven mit Thußnelden/ Sie ihr den Hercules mit Deutschlands grossem Helden; Und zwischen beyden ist kanm einig Unterscheid. Man weiß nicht/ wer sey Mars/ wenn sie die Waffen uͤben; Nicht/ wer die Liebe sey/ wenn sie einander lieben. Dieser Vorgesang/ und die noch uͤbrige leere Taffel an der vierdten Seite verband die Barden zu folgendem Nachgesange: Die Marmel bilden sonst die Leiber nur allein; Der aber zeichnet nicht nur Herrmanns schoͤn Gesichte/ Er ist ein recht Entwurff der seltzamen Geschichte; Denn wie Feil’/ Hammer/ Art/ macht herrlich diesen Stein/ So scheinet Haß und Neid der Werckzeug auch zu seyn/ Der Herrmanns Thun betheilt mit einem schoͤnen Lichte. Des Ungluͤcks Bley-Hand legt zur Tugend mehr Gewichte/ Und die Verleumbdung giebt der Unschuld hellern Schein. Was aber ist’s: daß man in Marmel Helden etzet? Weil Hercules den Fuß auf Neid und Sterne setzet/ Kan Herrmanns Seule nicht auf Erden bleiben stehn. Jedoch sie stehet schon im Himmel reiner Hertzen. Der Neid selbst opffert ihr/ die Mißgunst brennt ihr Kertzen/ Ja das Verhaͤngnuͤs wil sie uͤber sich erhoͤhn. Die Barden haͤtten mit ihrem Singen/ und die Riesen mit ihrem Etzen beschlossen; wenn nicht Deutschland beyden den gantz blancken Schild in dem lincken Arme des marmelnen Herrmanns gewiesen; und beyde solchen nicht leer zu lassen erinnert haͤtte. Dannenher denn diese nach dem Gesange aller Barden nachfolgende Worte darein gruben: Der Neuntes Buch Der Pallas heilig Schild sey Alexanders Ruhm. Sey seines Heeres Schirm/ dem Feind’ ein Donner-Knall; Des grossen Herrmanns Brust ist Deutschlands Schild und Wall. Das beste Schutz-Bild ist der Tugend Heiligthum; Erzt aber nur ein Garn/ das eine Spinne spinnt/ Wenn Hertzen nicht der Schild/ und Maͤnner Mauern sind. Dieser Gesang war nur beschlossen; als der gantze Schauplatz mit einem neuen Ge- raͤusche rege/ und von vielem kriegrischen Ge- thoͤne erfuͤllet ward. Denn die das Feuer anzeigende Fuͤrstin Jsmene stellte mit ihren vier gewaffneten Hauffen in einem zierlichen Fackel-Tantze die Spiele des Prometheus fuͤr; darinnen sie bald die Fackeln unaufhoͤrlich umbs Haupt schwenckten/ und darmit in ei- nem zweyfachen doch durch einander gehenden Schlangen - Kreisse herumb rennten; bald die Fackeln gerade hinter sich hielten/ und doch sonder derselben Verleschung nach ei- nem gewissen Ziele die Wette rennten/ bald die brennenden Fackeln einander wechsels- weise in einem sanfften Tantze zuwarffen. einen gleichmaͤßigen Fackel - Tantz hielt zu Fusse der Tag mit denen vier und zwantzig Stunden; darinnen bey jedem geendigten Satze wie oben Jsmene als eine Sonne; also hier der Tag in der Mitte des Kreisses seinen Stand bekam. Nach diesem fieng die das Wasser abbildende Thußnelde einen Waffen- Tantz an/ dergleichen nach uͤberwundenen Titanen die Goͤttin Minerva/ oder vielmehr der Thetys Sohn Achilles erfunden/ und sein Sohn Pyrrhus bey seines Vaters Grabe mit grosser Pracht gehalten haben soll. Die Nacht mit denen Wasser - Nymphen hegte eben diesen Tantz zu Fusse; darinnen die Tantzenden mit ihren Degen allerhand zier- liche Streiche gegen einander machten; ihre Lantzen bald einander zu/ bald auch in die Lufft wurffen/ und wieder fiengen. Die Lufft oder die Fuͤrstin Adelmunde mit ihrem Hauffen stellte zu Pferde die zwoͤlff Winde/ und die zwoͤlff himmlischen Zeichen/ zu Fusse aber den Tantz der Cureten/ und darinnen die Aufer- ziehung des Jupiters fuͤr; wormit sie sonder- lich durch an einander geschehende Schlagung der Waffen so wol ihre Geschickligkeit zeigten; als mit den Saͤitenspielen ein gleichstimmiges Gethoͤne machten. Bald darauf stellte die Cattische Fuͤrstin in einem kuͤnstlichen Wald- Goͤtter-Tantze das Wette - Rennen der Ata- lanta mit dem Hippomenes vor; darinnen sie mit Granat-Aepffeln artlich spieleten; durch derer Vorwurff Hippomenes Atalanten auf- gehalten; und sie ihm selbst zur Braut ge- wonnen haben soll. Endlich ward von allen Haͤuptern und Hauffen insgesampt durch ei- nen allen Begierden der Augen zuvor kom- menden Tantz die Vermaͤhlung des Himmels und der Erde fuͤrgestellet/ und dardurch zum Beschlusse des Deutschburgischen Hochzeit- Feyers angedeutet: daß wolbedaͤchtige Hey- rathen grosser Fuͤrsten die Gestirne gleichsam mit der Unterwelt verknuͤpffen; die Men- schen durch ihre Andacht dem Himmel beliebt/ ihn aber zu Ausschuͤttung tausenderley See- gens geneigt machten. Die Holdinnen mach- ten durch ein Braut - Lied nicht alleine diesen grossen Tantz annehmlicher/ sondern legten zugleich auch darmit desselben seltzame Wend- und Bildungen aus; ob schon die Kunst in einem stuminen Tantze durch blosse Gebehr- den alle Geschichte verstaͤndlich auszudruͤcken/ welche Telestes in Griechenland erfunden ha- ben soll/ nicht nur durch den Pylades aus Ci- licien/ und den Bathyll von Alexandria nach Rom gebracht; sondern wie bey denen an- dern Voͤlckern/ also auch in Deutschland ziem- lich gemein worden war. Wiewol die Deut- schen selbst diese Taͤntze als allzu weibisch selten hegten/ sondern sie nur denen Auslaͤndern er- laubten. Denn ihre eigene Spiele waren alle Arminius und Thußnelda. kriegrisch; und ihr fuͤrnehmster Tantz bestund darinnen: daß nackte Juͤnglinge zwischen blos- sen Degen und Spissen sich ohne Verletzung mit vielen geschwinden Springen und Wen- dungen herum dreheten. Durch oͤfftere Ubung ward hieraus eine Kunst/ aus der Kunst eine annehmliche Zierligkeit. Der Preiß solcher verwegenen Wollust aber war nichts anders/ als die Vergnuͤgung der Zuschauer. Das in folgenden Reymen bestehende Braut-Lied der Holdinnen ward mit einer unvergleichli- chen Liebligkeit abgesungen; und wurden nach desselbtem hoͤherm oder niedriger m/ lang- samern oder geschwinderm Thone alle Glieder derer Taͤntze beweget. Kein Ding ist in der Welt so klein/ Auch nichts so kalt in Meer und Fluͤssen/ Das nicht der Liebe sey befliessen. Der Wallfisch fuͤhlt so heisse Pein/ Wenn er die Flutten spruͤtzt empor/ Die in ihm von der Lieb’ entflammt und siedend werden. Das stumme Meer-Schwein sagt mit aͤngstigen Gebehrden Dem andern Meer-Schwein in ein Ohr: Es sey verliebt nicht nur in seines gleichen. Es zingelt nach Arions Seiten-Spiel; Springt aus der See wenn er nicht kommen wil/ Muß es gleich auff dem Ufer bald erbleichen. Es fuͤhrt den Knaben/ den es liebt/ Weil er ihm taͤglich Speise giebt/ Durch die beschaͤumte See; und zwingt sich zu erblassen/ Weil es den Hermias im Meer ertrincken lassen. Die Aspe bebt/ die Esche seuffzt fuͤr Liebe/ Und das verliebte Eppich-Kraut Umarmt den Mandel-Baum als Braut/ Die Eiche knackt geruͤhrt vom innern Triebe/ Der Weinstock hals’t sich mit den Ulmen-Zweigen/ Der Nelcke Brand/ der Rose Purper-Blut/ Des Safrans Roͤth’ ist eitel Liebes-Glut/ Der Ambra/ den Jasmin von sich laͤßt steigen/ Jst seiner Seelen-Seuffzer Geist. Das Wasser/ das von Lilgen fleußt/ Sind Liebes-Thraͤnen zwar/ doch auch der Lilge Saamen. Der Feilgen lebender Saphier Stellt Eyfersucht und Liebe fuͤr; Der Hyacinth prangt gar mit seines Liebsten Nahmen. Ja in die Marmel-Adern hat Die guͤtige Natur ihr Liebes-Oel gefloͤsset/ S s s s s s s s Durch Neuntes Buch Durch das er sich so schoͤn faͤrbt/ bildet und vergroͤsset. Den Stahl und den Magnet vereinbaret ihr Drat. Der Erde Marck das Gold kan nicht seyn leer von Flammen/ Sonst floͤßte Jupiter sich Danaen nicht ein/ Es knuͤpffte sie mit ihm kein regnend Gold zu sammen. Kurtz alle Regung der Natur Jst eine wahre Liebes-Uhr. So ist die Liebe nun von so viel mehrern Staͤrcke/ Je groͤsser der Natur Geschoͤpffe sind und Wercke. Was ist nun herrlicher als dieser Erden-Kreiß? Was ist der grossen Himmels - Kugel gleiche/ Der Sternen Burg/ der Goͤtter Koͤnigreiche? Sie zwey sind aber stets von Liebe gluͤend-heiß. Kein Blick vergeht: daß sie von suͤssen Flammen Nicht fluͤssen gleichsam schmeltzende zusammen. Der Himmel ist der Mann/ die Erd’ ist Braut und Weib Sein Saamen ist die Glut/ Jhr Saame Saltz und Flut/ Und ihre schwang’re Schoß ein stets gebehrend Leib. Der grosse GOtt/ der Himmel blickt am Tage Mit einem Auge sie so stet und bruͤnstig an/ Als kaum ein Poliphem des Acis Braut thun kan. Der Donner - Knall ist seine Liebes-Klage; Plagt aber ihn die Sehnsucht in der Nacht/ Liebaͤugelt er/ und giebt mit tausend Sternen Mehr als ein Argos auf sie acht; Laͤßt auch sonst nirgendhin sich keinen Blick entfernen. Die Erd’ hingegen ist bemuͤht/ Die Wiesen mit Schmaragd/ die Ufer mit Korallen/ Die Waͤlder mit Saphier/ die Berge mit Kristallen/ Zu schmincken: daß sie nur dem Himmel schoͤn aussieht. Die Schoß prangt mit Rubin/ ihr Haar bebluͤmet Gold/ Ja ihrer edlen Rosen Glantz/ Beschaͤmet Ariadnens Krantz/ Sie schickt die Duͤnst’ empor als Zeichen ihrer Hold; Und wenn die Berge Glut ausspeyen/ Geraͤth ihr Liebes-Brand in wilde Rasereyen. Dis ist’s Gebeimnuͤs und der Kern/ Das in den Schalen steckt getraͤumter Goͤtter Liebe. Denn in dem Himmel steht kein Stern Den nicht die Unter-Welt zeucht zu so suͤssem Triebe. Die Arminius und Thußnelda. Die Sterne regnen Gold/ Zien/ Kupfer/ Silber/ Bley/ Die Schoß der Danae sind die Gebuͤrg’ auf Erden/ Die von der Krafft des Himmels schwanger werden. Wenn Jupiter als Stier Europen schlaͤffet bey/ Wenn er als Schwan der Leda sich beqvemet/ Wird die Vermehrungs-Krafft gesaͤmet Vom Himmel tausend Thieren ein. Giebt Jupiter denn seiner Thetys Kuͤsse/ So schwaͤngern sich vom Himmel Meer und Fluͤsse; So Fisch als Muschel fuͤhlt gesaͤmet sich zu seyn. Wenn aber er den Ganymed umschraͤncket Als Adler/ ihn in Himmel nimmt/ Zum Nectar-Schencken ihn bestimmt/ Wird das Gestirn’ erqvickt/ des Himmels Mund getraͤncket Von Feuchtigkeiten/ die das Meer Dem durst’ gen Braͤutigam zum Labsal giebet her. Ja alle Regungen der Himmels - Harffe sind Der Liebe Seitenspiel/ ihr Werck und ihre Gaben. Weil die Gestirne doch sonst keine Seele haben/ Als dieses holde Anmuths - Kind/ Das auch die Sternen schwanger macht/ Dadurch manch neuer Stern wird an das Licht gebracht. Der Lieb’ ist auch allein zu maͤssen bey: Daß Erd’ und Himmel nicht unfruchtbar Frost stets decket. Sie hat gelegt des Himmels grosses Ey/ Aus welchem die Natur itzt alle Sachen hecket. Der Sterne Wuͤrckungen sind die unsichtbarn Ketten/ Der Venus Guͤrtel/ der die Welt Zusammen knipfft/ und in der Eintracht haͤlt. Denn wenn nicht Erd und Stern so lieb einander haͤtten/ Verlangte der Magnet in Nord so sehnlich nicht Des Angel Sternes Licht. Die Wider siehet man die Lager anders machen/ So bald die Sonn in Wider steigt. So Mensch/ als Staude scheut den Sternen-Schwantz des Drachen; Wenn sich der heisse Hunds-Stern zeigt/ So beten ihn Cyrenens Ziegen an/ Den sonst die Ungluͤcks-Voͤgel fliehen/ Und gegen dem kein Guckuck singen kan. S s s s s s s s 2 Sieht Neuntes Buch Sieht man den Mandel-Baum nicht auch beym Froste bluͤhen/ Wenn nur der Adler geht mit seinen Sternen auff? Der Del- und Ulmen-Baum verkehret seine Blaͤtter/ Wenn in den Krebs die Sonne nimmt den Lauff. Wird Schneck’ und Auster nicht bey vollem Mohnden fetter? Die Kraͤuter kriegen mehrern Safft; Die Zwiebel schwindet nur; das Meer wird aufgeschwellet Von des vermehrten Mohnden Krafft; Des Mohnden-Steines Wunder stellet Des Mohnden Lauff/ Gestalt und Wachsthum fuͤrs Gesichte. Der ist des Kefers Uhr/ sein Speichel ist der Thau/ Das Silber sein Metall/ ja er des Meeres Frau/ Und ieder Regen stroͤmt aus seinem feuchten Lichte; Das/ wenn sein Schein ist voll/ die Nacht Jm Winter warm/ im Sommer kuͤhler macht. Hierinnen fleckt die Brunst der Erd’ und Sternen Amme; Die/ wenn sie Ertzt in den Gebuͤrgen zeigt/ Zu dem Endymion ins Latmus Hoͤle steigt/ Und sich vermaͤhlt mit’s reichen Pluto Flamme. Wenn aber sie in Sternen-Wider tritt/ Den Pflantzen theil’t des Thaues Perlen mit/ Wird der versteckte Pan im Wider - Fell umarmet. Auch ist kein ander Jrrstern nicht/ Der nicht von irrd’scher Liebes-Brunst erwarmet. Die Lung’ erqvickt des Hermes Licht/ Kweck Silber/ Affen/ Bien’/ und Froͤsche sind sein Brut. Die holde Venus zeugt Ertzt/ Ambra/ Schwane/ Pfauen/ Staͤrckt was zur Zeugung dient durch ihre milde Glut. Mars/ der zwar Galle naͤhrt/ laͤßt sich doch fruchtbar schauen/ Wann Pardel/ Wolff und Bok/ Napell/ Magnet und Stahl Jhr Feuer von so heissem Sterne kriegen. Ja es gebiehrt des Kinder-Fressers Strahl Bley/ Maulwurff/ Eulen/ Gifft/ Hanff/ Wiedehopff und Fliegen. Jm Sternen-Thier-Kreiß ist kein Thier/ Dem sich ein Monat nicht vermaͤhlet; Das Jahr bringt keinen Tag/ auch keine Nacht herfuͤr/ Es ist ein Stern zur Wuͤrckung ihm erwehlet. Doch alle diese Liebes-Brunst Jst kaltes Wasser/ Wind und Dunst Fuͤr der verliebten Sonnen Flammen/ Denn Arminius und Thußnelda. Denn die ist’s Himmels Hertz’/ der Geist der gantzen Welt/ Die Seele der Natur/ der Liebe Brunn und Amme/ Die sich uhrspruͤnglich nur in Hertz’ und Seel’ aufhaͤlt. Die Sternen sind unfruchtbar/ ohne Schein/ Wenn nicht die Sonn’ in sie so Licht/ als Saamen floͤsset. Sie machet: daß die Zahl der Sterne sich vergroͤsset/ Weil mehrmahls Drach’ und Schwan mit neuen traͤchtig seyn. Von ihrer Schwaͤngerung gebiehrt Die Erde Gold/ das Meer Korall/ die Baͤume Fruͤchte. Die Welt ist aber todt/ und die Natur gefriert/ Wo nur der kalte Baͤr mit dem geborgten Lichte Bescheint die duͤstre Mitternacht/ Wenn’s holde Sonnen-Rad die Sud-Welt schwanger macht; Und durch ihr Licht der Jsis Bild/ die Erde Befruchtet: daß sie Milch aus tausend Bruͤsten spritzt; Daß ihre Mutter-Schoß Wein/ Oel und Balsam schwitzt. Jedoch zeigt diese Braut durch ihr verliebt Gebehrde Wie angenehm ihr Braͤutigam ihr sey. Sie muͤhet sich sein Bild/ der Sonne Liebes-Strahlen Auf edlen Stein- und Blumen abzumahlen. Die Sonne rennt so schleunig nicht vorbey/ Es folgt ihr die in sie verliebte Sonnen-Wende. Sinckt denn die Sonn’ in Meer und Nacht/ Verkehrn in Thraͤnen - Thau sich aller Kraͤuter Braͤnde. Die Rose/ die der Welt ihr Auge stets anlacht/ Schleußt ihre Blaͤtter zu/ entpurpert ihre Wangen/ Haͤngt zu der Erd ihr traurig Haupt/ Sie huͤllt sich in die Nacht fuͤr luͤsternem Verlangen/ Weil sie des Liebsten ist beraubt. Wenn aber nur der Tag vermaͤhlet Erd’ und Sonne/ So schoͤpfft Natur und Werck Erqvickung/ Lust und Wonne. Alleine Deutschland noch vielmehr/ Nun seine zwey Gestirne sich vermaͤhlen. Man wird die guͤldne Zeit von diesem Tag’ an zehlen/ Der Nachwelt Wolstand rechnen her/ Da Herrmanns und Thußneldens keusche Flammen Uns neigen zu des milden Himmels hold/ Der Erde Fruchtbarkeit/ der edlen Freyheit Gold/ Und hundert tausend Seeln vereinbaren zusammen. So Neuntes Buch Arminius und Thußnelda. So segne die Verhaͤngnuͤs-Hand Nun euer festes Liebes - Band/ Die schon fuͤr tausend Jahrn in die Gestirne schrieb: Die Heyrath wuͤrde’s Gluͤck’ ans Vaterland vermaͤhlen/ Es wuͤrden eurem Stamm auch niemals Zweige fehlen/ Weil Erd’ und Himmel wuͤrd’ einander haben lieb. Ende des Ersten Theils.