Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Von Leopold Ranke . Vierter Band. Berlin , 1843. Bei Duncker und Humblot . Inhalt . Seite Siebentes Buch. Weitere Fortschritte des Pro- testantismus, unter der Einwirkung der all- gemeinen politischen Verhaͤltnisse . 1535— 1544 1 Erstes Capitel. Allgemeine politische Verhaͤlt- nisse . 1534—36 10 Unternehmung Carls V auf Tunis 10 Entzweiung und Krieg mit Frankreich 1536 20 Die kirchlichen Neuerungen Heinrichs VIII von England 39 Zweites Capitel. Befestigung des deutschen Pro- testantismus . 1535—39 65 Erweiterung des schmalkaldischen Bundes 67 Bund zu Halle 70. Wittenberger Concordie 82. Ankuͤndigung eines Concils 88 Verhandlungen des Dr Held — Nuͤrnberger Buͤndniß 100 Buͤndniß gegen die Osmanen 115 Waffenstillstand zu Nizza 119. Anstand zu Frankfurt 122 Drittes Capitel. Weitere Ausbreitung der Re- formation in den norddeutschen Gebieten . Reformation in dem albertinischen Sachsen 135 Georg und Heinrich von Sachsen 135 Reformation in der Mark Brandenburg 146 Joachim II 148. Anhalt 161. Calenberg 162. Erzstift Magde- burg 163. Meklenburg 167. Quedlinburg 167. Inhalt . Seite Viertes Capitel. Wechsel der politischen Ten- denzen im Jahre 1540 169 Erbfolge in Geldern 178. Fuͤnftes Capitel. Religionsgespraͤche 191 Versammlung zu Hagenau 1540 191. Gespraͤch zu Worms 196 Reichstag zu Regensburg 1541 204 Religionsgespraͤch 205. Berathung der Reichs- staͤnde 215. Unterhandlungen des Kaisers 221. Declaration von 1541 223. Vertrag mit Hes- sen 225. Vertrag mit Brandenburg 226. Sechstes Capitel. Erneuerung des osmanisch- franzoͤsischen Krieges 1541, 1542 229 Ungarische Irrungen 230. Die Osmanen in Ungarn 233. — Carl V gegen Algier 235. — Reichstage zu Speier und zu Nuͤrnberg 1542, Reichskrieg in Ungarn 237 — Irrungen mit Frankreich 243. Krieg 1542, 1543 247. — Verhaͤltniß des Kaisers zum Papst 249. Ge- spraͤch zu Busseto 1543 253. Siebentes Capitel. Irrungen der protestanti- schen Fuͤrsten; Unternehmung gegen Braun- schweig 1542 255 Doppel-Ehe Landgraf Philipps 256. — Johann Friedrich 263. Naumburger Sache 268. Fehde von Wurzen 270. — Braunschweiger Irrung 275. Reichstag zu Nuͤrnberg 1543 285. Achtes Capitel. Kriegszuͤge des Kaisers in den Jahren 1543, 44. Reichstag zu Speier 1544 287 Gefahren des Hauses Oͤstreich im Sommer 1543. Politik der Protestanten 289. Clevi- scher Krieg 293. Vertrag Carls mit England und Daͤnemark 297. Reichstag zu Speier 1544 299. Neue Concessionen 304. Krieg mit Frank- reich 1544 310. Friede zu Crespy 316. Inhalt . Seite Neuntes Capitel. Fortschritte des Protestantis- mus im suͤdlichen und westlichen Deutsch- land 1541—43 321 Regensburg 322. Oberpfalz , junge Pfalz 323. Reformatorische Bewegungen in Metz 326. Re- formation im Erzstift Coͤlln 329. — Wittenber- ger Reformation 341. Achtes Buch. Der schmalkaldische Krieg 347 Erstes Capitel. Ursprung des Krieges 349 Concilium 350. (RT. zu Worms 1545 353.) Coͤllnische Sache 359. Fortgang des protestantischen Prinzips in den Reichsangelegenheiten: Gefangennehmung Her- zog Heinrichs von Braunschweig 366. Lage der allgemeinen Angelegenheiten von Europa : Stillstand mit den Osmanen 370, Verhaͤltniß zu Frankreich ꝛc. 373. Politik der Protestanten 374. Buͤndniß zwischen Kaiser und Papst 376. Ge- spraͤch zu Regensburg 1546, Erhebung des ka- tholischen Prinzips 380. Verhaͤltniß des Kaisers zu den katholischen Fuͤr- sten, Vertrag mit Baiern 390. Protestantische Fuͤrsten auf Seiten des Kai- sers 392. Verhaͤltnisse des Herzog Moritz von Sachsen 393. Tod Luthers 398. Definitive Entschließungen 403. Zweites Capitel. Der schmalkaldische Krieg an der Donau . Juni — November 1546 410 Reichstag zu Regensburg 1546 410. Verhaͤltnisse im schmalkaldischen Bund 413. Ruͤ- stungen 417. Der Krieg an der Donau 419. Moritz wider Johann Friedrich 440. Abzug zu Giengen 445. Inhalt . Seite Drittes Capitel. Aussoͤhnungen und Unterwer- fungen . December 1546 449 Ulm 451. Wuͤrtenberg 460. Augsburg 461. Frankfurt 462. Coͤlln 463. Straßburg 469. Viertes Capitel. Fortgang des tridentinischen Concils 473 Justificationslehre 482. Fuͤnftes Capitel. Feldzug an der Elbe 496 Unterhandlung mit Landgraf Philipp 522 Unterwerfung von Boͤhmen 532 Widerstand in Niedersachsen 536 Siebentes Buch. Weitere Fortschritte des Protestantismus, unter der Einwirkung der allgemeinen politischen Verhältnisse. 1535 — 1544. Ranke D. Gesch. IV. 1 S eitdem der menschliche Geist in der Gemeinschaft der europäischen Nationen eine sichere Grundlage der Cultur ge- wonnen hat, unterscheiden wir lange Zeiträume wo er, durch- drungen von den einmal ergriffenen Prinzipien, und damit beschäftigt dieselben in Staat und Kirche, Literatur und Kunst zur Erscheinung zu bringen, sich in ruhiger Stätigkeit fort- entwickelt. Das Widersprechende stößt er alsdann von sich: wenn er Abweichungen duldet, so müssen sie sich doch in ei- ner höhern Einheit ausgleichen. Sollte aber von diesen Epo- chen irgend eine, wie umfassend auch ihre Bestrebungen seyn mögen, die Triebe des Geistes alle zur Entfaltung bringen können? Wir dürfen vielleicht sagen: eben darum folgen die Zeiten auf einander, damit in allen geschehe was in keiner einzelnen möglich ist, damit die ganze Fülle des dem mensch- lichen Geschlechte von der Gottheit eingehauchten geistigen Le- bens in der Reihe der Jahrhunderte zu Tage komme. Nach- dem die Geschichte den stätigen Fortgang der Entwickelung eine Weile begleitet hat, findet sie sich plötzlich in der Mitte einer allgemeinen Bewegung. Die Geister fühlen gleichsam die Grenze, an welche sie auf dem bisher eingehaltenen Wege 1* Siebentes Buch . gelangt sind, und streben sie zu überwinden. Nicht länger befriedigt von dem Erworbenen oder Erreichten, reißen sie sich vielmehr davon los; alle Kräfte, bewußt oder unbe- wußt, arbeiten einen neuen Standpunct zu gewinnen. Eine solche Zeit der Umwandlung, des Überganges von einer Stufe zur andern, und zwar eine der merkwürdigsten entscheidendsten, die je in dem Leben der europäischen Natio- nen vorgekommen, macht den Gegenstand dieses Buches aus. Daß die hierarchische Gewalt, die bisher den Mittel- punct derselben gebildet, die Normen des Glaubens gegeben, auf alle weltlichen Einrichtungen und Zustände beherrschen- den Einfluß ausgeübt hatte, von einem Theile ihrer Gläubi- gen und zwar in der deutschen Nation, die ihr immer be- sonders ergeben gewesen, verworfen und verlassen ward, mußte, wenn es dabei blieb, eine unermeßliche Veränderung im Reiche der Ideen so wie in den politischen und bürgerlichen Verhält- nissen, eine neue Welt hervorbringen. Wir haben gesehen wie sich dieß Ereigniß vorbereitete und unvermeidlich wurde: wir haben auch nicht verhehlt, welche Gefahr damit eintrat, wie nothwendig es war, daß die Führer der Bewegung mitten in dem Sturme den sie hervorgerufen, doch nicht weiter giengen, als ihr Vorhaben unbedingt erheischte. Denn darauf wird es in dem Wechsel der Zeiten im- mer ankommen, daß die einmal gewonnene Grundlage der Cultur unverletzt bleibe, daß die wesentlichen Resultate, zu denen es die vergangenen Geschlechter gebracht, von einem Jahrhundert dem andern überliefert werden. Die Reformatoren hielten sich selbst in der Religion, in Siebentes Buch . Bezug auf den Ritus sowohl als auf die Lehre, bei aller Abweichung von den Satzungen der Hierarchie, dem Her- kömmlichen doch so nahe, als es mit den Urkunden des Glau- bens, auf die sie zurückgiengen, nur immer vereinbar schien; — auf dem Boden der Bildung und Gelehrsamkeit der lateini- schen Christenheit überhaupt finden wir sie nicht allein in theil- nehmender, sondern in eigener schöpferischer Thätigkeit. Um sie her erhoben sich, — längst in der Tiefe wirk- sam, und nun durch die gewaltige Erschütterung plötzlich ent- bunden, — destructive Tendenzen in einer für das Jahrhun- dert besonders verführerischen Vermischung religiöser und po- litischer Formen, und bedrohten die gebildete Welt mit all- gemeiner Auflösung und Umkehr. Die Reformatoren hatten Besonnenheit und Selbstbewußtseyn genug, um sich densel- ben vom ersten Augenblick an zu widersetzen. Immer sehen wir Luther seine Waffen nach beiden Seiten hin richten, ge- gen das Papstthum, das die sich losreißende Welt wieder zu erobern sucht, und gegen die vielnamigen Secten, welche sich neben ihm erheben, Kirche und Staat zugleich antasten. Auf dem Gebiete des Geistes, im Reiche der allgemeinen Ueberzeugung haben die Protestanten zur Überwältigung der- selben wohl das Meiste beigetragen. Nicht als hätten sie in dem einen oder in dem andern Falle klüglich erwogen, was sich erreichen lassen werde und was nicht: — es ist vielmehr ihr eigenstes Wesen, was sie zu diesem Verhalten führt. Von der Richtigkeit der dem ursprünglichen Lehrbegriffe der lateinischen Kirche zu Grunde liegenden Auffassung der heiligen Schrift sind sie vollkommen überzeugt, nur die Willkührlichkeiten hierarchischer Entschei- Siebentes Buch . dungen und Gebote, die derselben widersprechen, wollen sie wegschaffen. Und wie hätte Luther die Vermischung geistli- cher und weltlicher Elemente, die ihm am Papstthum fast am meisten verhaßt war, auf der entgegengesetzten Seite wie- der um sich greifen lassen sollen? Er hätte damit sich selbst aufgegeben. Eben darin zeigt sich der ächte, zur thätigen Theilnahme an der Fortbildung der Welt berufene Geist, daß seine innere Natur und die verborgene Nothwendigkeit der Dinge zusammentreffen. Der große Reformator war, wenn wir uns hier eines Ausdrucks unserer Tage bedienen dürfen, zugleich einer der größten Conservativen welche je gelebt haben. In verwandtem Sinne begriffen nun auch die Prote- stanten ihr Verhältniß zum Reiche. Wir wollen den Widerstand den sie fanden nicht auch, wie so oft geschieht, lediglich von Willkühr oder Neigung zur Gewaltsamkeit herleiten. Zu tief waren die hierarchischen Einwirkungen in das öffentliche Recht eingedrungen; zu enge waren schon seit den Zeiten Winfrieds die Bischöfe des Reiches und seit mehreren Jahrhunderten auch die Kaiser dem römi- schen Stuhle verpflichtet, als daß sie einem Abfall von dem- selben ruhig hätten zusehen sollen. Wenn die Reformation ihrerseits zur Vermehrung der Territorialmacht nicht wenig beitrug, so gab es doch auch auf der andern Seite Fürsten die in ihrer Verbindung mit Rom die Mittel zu einem ähn- lichen Wachsthum suchten und fanden. Die Idee der unge- trennten Einheit der Christenheit, welche die Gemüther Jahr- hunderte lang beherrscht, konnte unmöglich mit einem Mal so unwirksam geworden seyn, um gar keinen Anklang weiter zu finden. Siebentes Buch . Sollte nun aber, wie doch auch nothwendig war, dieser Widerstand überwunden werden, so würde man die evange- lischen Stände verkennen, wenn man ihnen die Absicht bei- mäße, das Kaiserthum umzustürzen, das Reich zu zerspren- gen. Ein Gedanke, der ihnen gar nicht in den Sinn kom- men konnte. In dem Reiche sahen sie vielmehr eine gött- liche Institution, nach dem Propheten Daniel , in ihrer Ver- bindung mit demselben die Grundbedingung ihres Bestehens und ihrer Macht, ihre vornehmste Ehre. Auch wollte nicht etwa Einer oder der Andere von ihnen die oberste Würde selbst in Besitz nehmen: dazu fühlte Keiner die Kraft in sich, regte sich in Keinem vielleicht nicht einmal ein vorübergehen- des Begehren. Ihr Streben gieng allein dahin, der Reichs- gewalt und namentlich dem Kaiser, welchen sie, nur mit dem Vorbehalt des unmittelbaren göttlichen Gebots, als ihre Obrig- keit anerkannten, hinwieder die Anerkennung ihrer auf den Grund der Schrift unternommenen Veränderungen abzuge- winnen. Hatten sie doch auch Beschlüsse der früheren Reichs- tage und dadurch ein positives Recht für sich. Sie wünschen nichts, als in den Frieden des Reiches, aus welchem man sie in den letzten Jahren gestoßen, wieder aufgenommen zu werden: wie sich versteht, mit Beibehaltung der Reformen die sie mit gutem Grunde getroffen haben. Hiezu bedarf es einer Modification der Reichsgerichte und der alten oder neuen Ge- setze, auf welche dieselben angewiesen sind, einer Milderung des Verhältnisses der Reichsgewalt zu dem römischen Stuhle: eben das ist alles was sie verlangen. Wie sie sich den destructiven Tendenzen überhaupt wi- dersetzen: wie sie in kirchlicher und dogmatischer Hinsicht nur Siebentes Buch . das ihnen mit der Schrift im Widerspruch Erscheinende ent- fernen; so wollen sie auch in den Angelegenheiten des Rei- ches keinen Schritt weiter gehen, als es zur Behauptung eben dieser Umwandlung unmittelbar erforderlich ist. Ein Ehrgeiz der es unternimmt die Welt im Großen umzugestalten, sich von Erfolg zu Erfolge stürzt, und bei je- dem der Zukunft neue Aussichten eröffnet, wird den Blick und die Theilnahme des Zuschauers stärker fesseln; nur selten aber, vielleicht nur ein oder zwei Mal, hat ein solcher Ehr- geiz große und nachhaltige Wirkungen hinterlassen: öfter ist er vergangen, wie ein Meteor; oder die Beschränkung die er in sich selber nicht finden konnte, ist ihm von überlegenen Weltkräften gesetzt worden. Hier dagegen lag die Beschrän- kung in dem ursprünglichen Begriff und Willen. Es war immer von unabsehlicher Bedeutung und Folge, wenn der Kreis der Hierarchien welche die Welt umfaßten an irgend einer Stelle durchbrochen ward; damit dieß aber geschehen konnte, mußten die Gefahren eines allgemeinen Umsturzes, welche dem Widerstand doppelte Energie gegeben hätten, ver- mieden werden. Ja erst dann war die neue Kirchenform, der ausschließlich auf das Evangelium gegründete Glaube be- festigt, wenn sie in der großen Genossenschaft des Reiches Anerkennung und Schutz fanden. Nur mit Ruhe, Selbst- beherrschung und Mäßigung ließ sich dieß erreichen. Ich denke, ein Fortgang auf diesen Grundlagen ist auch ein der Aufmerksamkeit würdiges Schauspiel. Eins der Hauptmomente hiebei lag nun aber, da die Protestanten der offenen Gewalt zu schwach gewesen wären, in dem eigenen Zustand und Verhältniß ihrer Gegner. Siebentes Buch . Zu dem bereits beschlossenen Angriff hatten sich Diese doch niemals wirklich vereinigen können. Dann waren die anderweiten Feindseligkeiten die der am meisten zu fürchtende Widersacher, der Kaiser, von mor- genländischen und abendländischen Feinden erfuhr, den Pro- testanten trefflich zu Statten gekommen. Ein Anfall der Os- manen hatte ihnen im J. 1532 den ersten Frieden verschafft, der so unzureichend und bedingt er seyn mochte, doch als ein großer Schritt angesehen werden mußte. Wir wissen, wel- chen Werth die Restauration von Würtenberg und der Friede von Cadan für sie hatten: ohne den Rückhalt von Frank- reich wäre daran nicht zu denken gewesen. Noch war der Kaiser dieser Feindseligkeiten mit nichten entledigt. Überdieß aber: auch in der Region der allgemeinen Be- ziehungen und Gegensätze der großen Mächte treten dann und wann neue geistige Entwickelungen ein, und zwar eben die welche die Welt am gewaltigsten beherrschen. In den Zeiten worin wir stehen, lassen sich, wenn ich nicht irre, Momente dieser Art wahrnehmen, die mit den Bestrebungen des Pro- testantismus eine lebendige Analogie haben und ihn mittelbar nicht wenig unterstützen. Wie früher haben wir vor allem andern unsern Blick auf die allgemeinen Verhältnisse der großen Mächte zu richten, wo- durch wir denn zunächst in entlegene Weltgegenden geführt werden. Erstes Capitel . Allgemeine politische Verhältnisse. 1534 — 36. Unternehmung Carls V auf Tunis . Im Sommer 1534 war Carl V entschlossen, die deut- schen Fürsten die seinem Hause Würtenberg entrissen, und den König von Frankreich der dieselben hiebei unterstützt hatte, dafür zu züchtigen. Seine Gesandten suchten die Sache in Deutschland vorzubereiten; in seinem Staatsrath ward in Überlegung gezogen ob es nicht rathsam sey Marseille zu überraschen, um den König von Frankreich bei sich selbst zu beschäftigen. In diesem Augenblick aber trat ein Ereigniß ein, das seiner Thätigkeit und vielleicht seinen Ideen fürs Erste eine andere Richtung gab. Einem glücklichen Corsaren, Chaireddin , genannt Bar- barossa , der im Dienste der alten einheimischen Dynastien des westlichen Africa emporgekommen, war es schon früher gelungen sich in Algier festzusetzen; — mit Freibeutern, die ihr Glück zu machen suchten wie er es gemacht, südeuropäischen Renegaten, und hauptsächlich spanischen Morisken, die er selbst herübergeholt, — siebenmal, sagen die osmanischen Geschicht- schreiber, gieng und kam die Carawane, — hatte er einen Unternehmung auf Tunis . barbarischen Staat gegründet, welcher der Schrecken des west- lichen Meeres wurde. In Sandoval I , 87 findet sich ein Aufsatz Origen de los Barbarrojas, genommen aus einer „Relacion de un Genoves que tratò mucho con Barbarroja “; der uͤber die Unternehmungen des Urutsch , welcher der eigentliche Barbarossa ist, das meiste Licht ver- breitet. Ludovici in seiner Relation sagt von Chaireddin : Non è quel Barbarossa che già qualche tempo era tanto nominato, ma è ni- pote suo (muͤßte heißen fratello) e li è nel nome successo. In fortgesetztem Kampfe wie mit den einheimischen Fürsten so mit den christlichen Mächten eines Rückhalts bedürftig, hielt er es für gut sich an Suleiman anzuschließen, „dessen Glorie so herrlich wie die des Dschem- schid.“ Suleiman , der sich als den Verfechter des ächten Is- lam betrachtete, z. B. den persischen Krieg, den er damals (im J. 1533) unternommen, als einen Religionskrieg ge- gen die Shii ansah, und als er Bagdad eroberte, es eine seiner ersten Sorgen seyn ließ, das Andenken des großen sunnitischen Lehrers Ebu Hanifeh zu erneuern, dessen an- gebliches Grab zu einem allgemeinen Wallfahrtsort zu erhe- ben, — war sehr empfänglich dafür, daß Chaireddin im fer- nen Westen für ihn, den Kalifen von Rom , denn diesen Ti- tel gab er sich, das Kanzelgebet abhalten ließ. Er ernannte denselben dagegen zum Beglerbeg des Meeres. Im Juli 1534 erschien Chaireddin von Constantinopel kommend an den italienischen Küsten. Wie erschrak Neapel , als sich plötz- lich der Stadt gegenüber die hundert Segel des Corsaren entfalteten. Es lag aber dießmal nicht in seiner Absicht, zu ei- nem ernstlichen Angriff zu schreiten. Er begnügte sich Schiffs- werfte an der Küste zu zerstören, Castelle von geringer Bedeu- tung zu nehmen und wieder zu verlassen, ein paar Meilen weit in das Land zu streifen und Gefangene wegzuführen; Siebentes Buch. Erstes Capitel . dann kehrte er plötzlich um: nachdem er noch die Küsten von Sardinien geplündert, warf er sich auf Tunis , wo die Beni- hafs regierten und der osmanischen Übermacht noch Widerstand leisteten. Er nahm den Schein an, als ob er an des re- gierenden Muley Hassan Stelle, der sich durch Grausamkeit die Gemüther seiner Unterthanen entfremdet, dessen Bruder Re- schid setzen wolle: und um so leichter eroberte er die Stadt; hierauf aber trug er kein Bedenken für sich selbst Besitz zu ergreifen: gegen den Angriff des zurückkehrenden Hassan wußte er sich mit seinem Geschütz zu behaupten. Haji Khaliseh maritime wars, p. 51, bezeichnet die Araber Hassans als „unable to maintain their ground against cannon and musketry.“ Auch dieß Unternehmen war nun wohl nicht ganz ohne Beziehung zu der Entzweiung zwischen dem Kaiser und dem König von Frankreich . Fortwährend stand Suleiman in gu- tem Verhältniß mit Franz I. Als ihm Carl in jenem Jahre einmal den Antrag machen ließ in Constantinopel im Namen der gesammten Christenheit mit ihm zu unterhandeln, lächelte Suleiman : er wußte wohl, wie wenig die christlichen Fürsten mit Carl Eines Sinnes seyen. Enumeratio eorum quae per Duplicium Cornelium Scep- perum acta et tractata, audita et visa sunt. Sammlung von Ge- vay 1534. p. 43. Franz I hatte dem Papst Cle- mens einst geradezu gesagt, daß er einen Anfall der Osma- nen eher hervorzurufen als demselben zu widerstehen gedenke. Nicht als ob zwischen Suleiman und Franz I der Angriff auf Tunis verabredet gewesen wäre; aber sie waren einverstan- den, dem Kaiser so viel wie möglich zu schaffen zu machen. Wie hätte das aber besser geschehen können als durch diese Eroberung. An dem Golf, von welchem einst die Seeherr- Unternehmung auf Tunis . schaft der Karthager ausgegangen, nahm Chaireddin eine noch furchtbarere Stellung ein als jemals früher. In den kaiserlichen Gebieten von Messina bis Gibraltar glaubte man in der Nähe des Meeres nicht mehr ruhig schlafen zu kön- nen. Die Spanier fanden es überdieß unerträglich, daß in einem Lande das sie zwanzig Jahre früher schon selbst gro- ßen Theils eingenommen, wo sie ein neues Spanien zu grün- den gedacht, ein so gefährlicher Feind sich festsetzen sollte. M. A. Contarini versichert, der Kaiser habe den Zug unter- nommen „sforzato delle molte e quasi continue querele del suo regno.“ Und so mußte Carl V von jenen feindseligen Entwürfen gegen das innere Europa für den Augenblick absehen, und alle seine Kräfte gegen Africa richten: er that es nicht allein ohne Wi- derstreben, sondern mit Freude und Begeisterung; er urtheilte, den räuberischen, mächtigen Ungläubigen zu bekämpfen sey eine des kaiserlichen Namens besonders würdige Unterneh- mung, zu der er mit ganz gesichertem Gewissen schreiten könne: im Frühjahr 1535 sehen wir ihn in voller Thätigkeit, die- selbe auszuführen. In den Jahrhunderten des Mittelalters war den Spa- niern bei ihren Kämpfen mit den Mauren nicht selten die Macht des übrigen Europa zu Hülfe gekommen. Was da- mals der freiwillige Eifer für die allgemeine Sache der Chri- stenheit, das bewirkte jetzt das Ansehen des Kaisers, der so viele Länder beherrschte. Nicht allein Italiener erschienen, theils in seinem Solde, theils auch von einigen Großen, z. B. dem Fürsten von Salerno , zusammengebracht, — sondern auch 8000 Deutsche, in der Gegend von Augsburg geworben, Siebentes Buch. Erstes Capitel . unter Maximilian von Eberstein , und in Genua eingeschifft: wie man denn schon früher einmal die geschlossene Schlacht- ordnung der Landsknechte im Kampfe mit den leichten Arabern sehr vortheilhaft gefunden hatte. Die Spanier selbst erschienen noch ganz als die alten: sie meinten bei diesem Zug ihre Se- ligkeit zu verdienen, wie weltlich sie sich auch sonst auffüh- ren mochten. Es war sehr in ihrem Sinn, wenn der Kai- ser vor der Abfahrt von Barcellona noch unsrer Frau von Monserrat einen Besuch machte, und an einer feierlichen Pro- cession, er wie die Andern mit unbedecktem Haupte, Theil nahm. Die Fahne die auf dem Admiralschiff wehte stellte das Bild des Gekreuzigten dar, neben ihm Johannes und Maria . Wer soll unser Anführer seyn? fragten die Großen den Kaiser: — „Der da,“ antwortete er, indem er ein Cruci- fix hervorzog, „und ich bin sein Fähndrich.“ Er sah in dem Crucifix eine Personification auch der Waffengewalt der latei- nischen Christenheit, deren Sache wider den Islam er noch einmal zu führen im Begriff war. Hist. di Guazzo p. 151, eine sehr devote Beschreibung, wo aber doch der Strahlen Apollos gedacht wird, die den Tag herauf- fuͤhren. Dem Großadmiral An- drea Doria hatte der Papst einen geweihten Degen gesendet. Die von beiden Seiten, von Italien und von Spanien her ansegelnden Flotten vereinigten sich an der sardinischen Küste, bei Cagliari ; von hier nahmen sie am 14ten Juni 1535 ihren Lauf nach Tunis ; die Landung am Golf geschah ohne alle Schwierigkeit. Es scheint, als habe Chaireddin den Nachrichten die er von der Rüstung des Kaisers allerdings empfieng, doch nie- mals geglaubt. Wenigstens war er nicht vorbereitet, der Unternehmung auf Tunis . Einschließung seines Schlosses und Arsenales, Goletta , die sehr langsam und methodisch vollzogen ward Etropius Diarium expeditionis Tunetanae bei Schardius II, p. 326 schildert sie folgendergestalt. Milites aggeres exstruere, valla figere, fossam circumducere, castella aggeribus imponere ‒ ‒ quin- que dies operi faciundo impensi sunt: nono Kal. Jul. ‒ ‒ castella imponi coepta sunt pro custodia et tuitione castrorum ‒ ‒ Non fuit nostris integrum semel locum castris metandis deligere, sed necesse fuit subinde mutare et paulatim proximius admovere, quod non sine magno labore fieri potuit. , ein ernstliches Hin- derniß entgegenzusetzen. Nachdem man nur erst dahin ge- kommen war, es zugleich von den Schiffen und aus dem Lager zu beschießen, ward es unverzüglich und ohne viele Mühe erstürmt. Die Spanier behaupten, von den Kanonen, die sie da fanden, seyen einige mit den französischen Lilien bezeichnet gewesen. Um vieles schwieriger war es nun aber, Tunis selbst anzugreifen. Muley Hassan war in dem Lager des Kaisers erschie- nen und hatte demselben Hofnung gemacht, daß ein großer Theil der Eingebornen sich für ihn, den Verjagten, erheben werde. In der Stadt Tunis unterschied man vier Parteien, und nicht die geringste war die, welche sich zu den Benihafs neigte. Aber die Gegenwart des mächtigen Corsaren hielt al- les in Zaum. Die arabischen Stämme wurden überredet daß der Kaiser das Land sich selber unterwerfen und den Islam ver- tilgen wolle. Selbst wider ihren Willen folgten die Tunisier, über 9000 Pferde stark, ihrem Gewaltherrn in das Feld. Am 20sten Juli, noch vor Tag, war der Kaiser aufgebro- chen, um auch ohne die Hülfe der Eingebornen einen Ver- such auf Tunis zu machen. Er hatte sich vorgenommen, die Siebentes Buch. Erstes Capitel . Nacht ein paar Miglien vor der Stadt zuzubringen, bei den Ruinen einer antiken Wasserleitung, wo man Baumpflanzun- gen und Brunnen fand. Er erschrak doch, als er nach Mittag mit seinem durch Hitze und Durst schon ganz erschöpften Heere in der Nähe die- ses Platzes anlangte, und denselben von weit zahlreicheren Schaaren der Feinde eingenommen fand. Was thun wir nun mein Vater? sagte er zu Alar- cone . Herr, antwortete dieser, wir greifen sie an, und wir werden sie schlagen, so gewiß als Ihr der Kaiser seyd. Die kaiserlichen Truppen mochten 26000 Mann betra- gen; sehr mühselig, mit den Armen, hatten die Deutschen ein paar Stücke Geschütz herangeschleppt. Auch Chaireddin hatte Feldgeschütz und Hakenbüchsen; sein Heer wird auf 50000 M. angegeben. In dem officiellen Schreiben des Kaisers heißt es freilich 100000 M., ja nach den Angaben der Gefangenen 150000 M. Der Marchese Vasto giebt jedoch in einem Briefe an Jovius Lettere di principi III, f. 32, Tunisi 25 Luglio nur 50000 M. an: usciti in campagna con cinquanta mila di loro e presentatane la battaglia fu- rono ributtati per l’ordine reservato ne’ nostri squadroni. Es läßt sich aber leicht einsehen, daß die nach langem Schwanken für ihn gewonnenen Araber un d Tuni- sier, so wie die mit Zwangsgewalt herbeigeführten Mauren von keinem großen Eifer für seine Sache beseelt seyn konn- ten. Nachdem man sich mit den Geschützen begrüßt, wobei die Kaiserlichen sogleich im Vortheil waren, und ein Anlauf der africanischen Reiter von dem starken spanisch-deutschen Vor- dertreffen des Kaisers, das indeß unaufhörlich vorrückte, zu- rückgewiesen worden, „Haben die Spanischen und die Teutschen Knecht den Vor- flohen zuerst die Tunisier, dann die übri- gen Hülfsvölker, so daß auch endlich die Türken und Rene- Unternehmung auf Tunis . gaten, die Chaireddins vornehmste Stärke ausmachten, deren aber nur bei 8000 M. waren, obwohl zögernd, weichen und selbst einen Theil ihres Geschützes zurücklassen mußten. Wie hätte es auch anders gehen sollen? Die Eingebornen hatten sich dem Corsaren beigesellt, weil er der Stärkere war; bei dem ersten Zusammentreffen sahen sie aber die eigene und wesentliche Macht desselben von der kaiserlichen bei weitem übertroffen; sie waren nicht gemeint ihr Leben für ihn zu wagen. Ohne viel Mühe war zu gleicher Zeit ein Angriff der Algeriner auf die Nachhut vom Herzog von Alba zurückge- wiesen worden. Die Deutschen reinigten die benachbarten Ölbaumpflanzungen von den herumschweifenden Berbern. Wohl nahm nun der Kaiser die Brunnen ein; jedoch sah er sich noch nicht am Ziele. Das Wasser das man fand reichte für das Bedürfniß des Heeres nicht zu: und es war doch sehr zweifelhaft, ob man des andern Tages, so unerquickt und ohne Belagerungswerk- zeuge, die nicht unbefestigte Stadt erobern, oder noch in schlimmern Zustand gerathen würde; das Lager erscholl von Verwünschungen gegen den Muley . Hatte nicht einst das christliche Heer das mit Ludwig dem Heiligen herübergekom- men, nachdem es einen ähnlichen Sieg erfochten, doch die Belagerung der Stadt zu unternehmen Bedenken getragen? Der Kaiser gesteht, es sey ein Augenblick gewesen, in welchem er gewünscht hätte die Sache gar nicht angefangen zu haben. Gott aber, setzt er freudig hinzu, half allem Übel ab. Das Ereigniß war, daß die in der Alca ç ava von Tu- zug gehabt.“ Aus einem deutschen Brief in der Flugschrift: Keyserli- cher Maj. Eroberung des Koͤnigreychs Tunisi . Nuͤrnberg 13 Aug. 1545. Ranke D. Gesch. IV. 2 Siebentes Buch. Erstes Capitel . nis eingesperrten Christensklaven, bei der Unordnung welche der Verlust der Schlacht veranlaßte, und vielleicht von einem reuevollen Renegaten unterstützt, Gelegenheit fanden sich zu befreien, das Schloß einnahmen, und dadurch Chaireddin nöthigten, mit seinen Getreuen Tunis zu verlassen. Uͤber dieß Ereigniß finden sich sehr abweichende Erzaͤhlungen bei Jovius , Sandoval , Antonio Doria , Sansovino , bei Etropius und in der ausfuͤhrlichen franzoͤsischen Relation die demselben zu Grunde liegt; ja sogar in den Berichten des Kaisers selbst ist eine Verschieden- heit zu bemerken. Ich denke im Anhang uͤber das Verhaͤltniß der Berichte, besonders die ausfuͤhrliche franzoͤsische Relation, die ich in der koͤniglichen Bibliothek im Haag fand, das Naͤhere beizubringen. Dadurch ward zugleich dem Kaiser der Weg gebahnt. Großherr, sagte ihm der Muley , als sich das Heer den nächsten Morgen in Bewegung gesetzt hatte, — Ihr betre- tet jetzt einen Boden, den noch nie ein christlicher Fürst be- rührt hat. Ich denke noch weiter zu kommen, sagte der Kai- ser, in welchem der glückliche Erfolg das volle Zutrauen zu einer großen Bestimmung wieder erweckte. Ohne Widerstand zog er in Tunis ein: dessenungeach- tet überließ er die Stadt seinem Kriegsvolk, wie dieses for- derte, zur Plünderung. Tausende kamen um; eine noch grö- ßere Anzahl ward zu Sklaven gemacht; selbst die Büchersamm- lung des Muley ward verwüstet. Noch waltete in diesen Christen der bittere, gewaltsame, halbbarbarische Geist der Kreuzzüge vor. Als alles vollbracht d. i. alles zerstört war, hielt man dem Apostel S. Jacob zu Ehren, mit dessen Na- men die Spanier von jeher ihre antimuhamedanischen Kriegs- thaten zu heiligen pflegten, am Tage desselben ein feierliches Hochamt in dem Franciscanerkloster. Wie bei der Eroberung der spanischen Städte fand man Unternehmung auf Tunis . auch hier, da nicht alles Frühere von dem Fanatismus der Almohaden vernichtet worden, noch einige Überbleibsel der altchristlichen Bevölkerung; der Kaiser war jedoch so weit entfernt, den Versuch einer Colonisation daran knüpfen zu wollen, daß er sie vielmehr nach Neapel überführte. Das Innere des Landes überließ er dem einheimischen Fürsten, der es beruhigen sollte; sich selbst behielt er Goletta und die Küste vor. Muley Hassan trat ihm sein Recht an die von Chaireddin noch besetzten Plätze ab; er war entschlos- sen, es geltend zu machen. Auf die Stadt Africa (das alte Aphrodisium), die da- mals von dem Corsaren besonders stark befestigt war, hätte er sogleich einen Angriff unternommen, wäre er nicht durch widrige Winde abgehalten worden. Indem er sich zuvörderst nach Sicilien begab, verlor er doch diese Küste keinen Augenblick aus den Augen; ja noch viel größere Hofnungen erwachten in ihm, und in der christ- lichen Welt überhaupt. Durch Nachrichten von einem Unfall, welchen die Osma- nen in Persien erlitten, besonders dazu bewogen, schickte Papst Paul III den General der Franciscaner an den Kaiser, um ihn zu einem umfassenden Unternehmen gegen die Osmanen anzutreiben. In den Briefen des Kaisers selbst ist zwar zunächst nur von einem Angriff auf Algier die Rede, von einer Fortsetzung des begonnenen africanischen Krieges: Al Marques de Cañete , cerca de la Goleta de Tunez bei Sandoval II, p. 290. passaremos a Napoles hazer lo mismo en lo de alli, y guiar y endereçar en lo que convenga en los nego- cios de la fè y otros publicos de Christiandad. aber ein Mitglied seines Hofes versichert mit Bestimmtheit, auch 2* Siebentes Buch. Erstes Capitel . von einem Zuge auf Constantinopel für den nächsten Som- mer habe man ihn sprechen hören. Conde de Nieva : carta cifrada bei Sandoval II, p. 301. In der Christenheit erneuerten sich hie und da die alten Weissagungen von einem Kaiser, der die ganze Welt überwinden, die Anbetung des Kreuzes bei Todesstrafe gebieten, dann aber in Jerusalem von einem Engel Gottes die Krone empfangen und daselbst ster- ben werde. In Carl V glaubte man diesen Kaiser zu sehen. Allein die Angelegenheiten der christlichen Welt lagen nicht so einfach, daß alle ihre Kräfte in einer einzigen großen Rich- tung sich bewegen, oder gar einem einzigen Oberhaupt sich hätten unterordnen sollen. Wie der Absicht gegen Frankreich und Deutschland die Nothwendigkeit, die Osmanen abzuwehren, in den Weg getre- treten war, so ward jetzt die Tendenz gegen den allgemeinen Feind durch die drohende Haltung von Frankreich zurückgedrängt. Entzweiung und Krieg mit Frankreich 1536. Wir wissen, wie König Franz I , ohne sich durch den Vertrag von Cambrai für gebunden zu achten, im Namen seiner Kinder seine alten italienischen Ansprüche erneuert, und durch Verschwägerung mit dem Hause Medici verstärkt, er- weitert hatte, wie alle seine politischen Verbindungen dahin zielten, dieselben noch einmal durchzusetzen. Nur mit großer Mühe war in den letzten Jahren der Friede erhalten worden; Der Admiral sagt der Koͤnigin Maria : que si el empera- dor no hazia alguna cosa despues retornado deste viaje de africa por el rey — — que el rey tenia occasion de quedar desesperado. der König rechnete es sich hoch an, daß er nicht während des Tunisischen Krieges losgebrochen war. Irrungen mit Frankreich . In diesem Augenblick aber, eben als der Kaiser aus Africa zurückkam, starb Franz Sforza von Mailand . Es konnte wohl nicht anders seyn, als daß der König hierauf seine Ansprüche mit doppeltem Eifer zur Sprache brachte. Nothwendig mußte dieß die ernstlichsten Erwägungen des Kaisers und seiner Räthe hervorrufen. Nach wie vor waren sie entschlossen, dem König für seine Person keinen Schritt breit nachzugeben. Sie hätten die Umkehr der so eben gegründeten Verhältnisse, den Ver- lust ihres Ansehens und einen Einfluß der Franzosen auf Rom befürchten zu müssen geglaubt, der ihnen in jedem Be- zug widerwärtig und schädlich gewesen wäre. Dabei lag ihnen aber auch alles daran, nicht nur den Krieg zu vermeiden, zumal in einem Augenblick wo sie die Möglichkeit, das westliche Africa von den Osmanen zu reinigen und in erneute Abhängigkeit von Spanien zu bringen, vor sich sahen: sondern diese Feindseligkeit, die ihnen selbst im Frieden bei jedem Schritt entgegentrat, und allen Widersachern Rückhalt gewährte, gründlich zu beseitigen. Sie faßten den Gedanken, den König durch eine solche Concession die ihnen nicht geradezu schädlich werden könnte, zugleich zu befriedigen und an sich zu fesseln. Discours fait incontinent après le trespas du duc Fran- çois-Marie Sforce sur la disposition de l’estat de Milan . Papiers d’état du card. de Granvelle II, 395. Schriften, die nur unter ihnen selbst gewechselt wurden, lassen uns nicht zweifeln daß sie wirklich geneigt waren, dem dritten Sohne des Königs, Herzog von Angouleme , Mailand zu übertragen. Sie hegten die Meinung, daß sich Mittel finden lassen würden, z. B. wenn man die Witwe Franz Siebentes Buch. Erstes Capitel . Sforzas , Nichte des Kaisers, mit dem jungen Herzog ver- mähle, die Politik desselben doch auf immer von der fran- zösischen zu trennen. Auch dieser selbst aber hofften sie hie- durch einen andern Charakter zu geben. Da es nur auf den Kaiser ankomme, Mailand für sich zu behalten, so erblick- ten sie in der Übertragung dieses Landes an einen franzö- sischen Prinzen ein so großes Zugeständniß, daß der König dagegen nicht allein die Einwendungen die er noch immer gegen die Friedensschlüsse von Cambrai und Madrid erhob, fallen lassen, sondern sich in den großen Angelegenheiten voll- kommen an den Kaiser anschließen werde. Deren waren be- sonders zwei: die kirchliche, und der Krieg gegen die Türken. Gegen die letzteren sollte sich der König mit dem Kaiser zu Angriff und Vertheidigung verbinden. In kirchlicher Be- ziehung sollte er versprechen, zur Herstellung des Katholicis- mus, namentlich in Genf und in England , zur Celebration eines Conciliums und zur Ausführung der Beschlüsse dessel- ben kräftig mitzuwirken. Sie schienen nicht zu zweifeln daß der König darauf eingehn würde. Hatte er doch bei den ersten Eröffnungen erklärt, wenn man sich einige, werde er sich als Freund der Freunde, und Feind der Feinde des Kaisers beweisen, und ihn in allen Dingen zufrieden stellen. L’empereur à son ambassadeur en France 22 déc. 1535. Papiers de Granvelle II, 420. Die Auskunft mit dem Herzog von Angouleme war von der Kö- nigin Leonora von Frankreich selbst vorgeschlagen worden. Sommaire d’une lettre de la reine ib. 411. Und wahrscheinlich hätte sich dieß erwarten lassen, wenn nur die Differenz auf der Territorialfrage allein beruht hätte. Aber so wie der Kaiser durch das Abkommen das er Irrungen mit Frankreich . vorschlug die überwiegende Autorität die er in den letzten Kriegen erworben, zu befestigen, die Kräfte von Frankreich zu den allgemeinen Zwecken die er sich gesetzt, herbeizuziehen dachte, so war auch der Gedanke, von welchem der König ausgieng, von umfassender politischer Natur. Die große Stel- lung hauptsächlich zu Italien , welche er durch das Unglück der Kriege verloren, suchte er wiederzugewinnen. Ein Zuge- ständniß das ihn verpflichtet hätte seine Waffen gegen Os- manen und Protestanten zu richten, konnte ihn nicht befriedigen. Wir lernen sein Verfahren hiebei recht eigen kennen. Er hatte immer gesagt, es komme ihm auf die Erbrechte seiner Kinder an. Konnte man leugnen, daß diese durch die Auskunft mit dem Herzog von Angouleme so weit berücksich- tigt worden wären als sich das bei Streitfragen dieser Art überhaupt thun läßt? Allein er war nicht damit zufrieden. Zuerst trug er darauf an, daß nicht sein dritter Sohn An- gouleme , sondern der zweite, Orleans , mit Mailand belehnt würde. Sein Grund war, daß derselbe sonst kraft alter Haus- verträge Bretagne in Anspruch nehmen, und dem künftigen König einmal sehr beschwerlich fallen werde. Bemerken wir hier auch das Verfahren des Kaisers. Er antwortete wohl, der Herzog von Orleans dürfte der Krone um so ge- fährlicher werden, je mächtiger man ihn mache; aber die Wahr- heit ist, daß er und seine Minister schon wirklich auf diese dereinst zu erwartende Opposition desselben gegen seinen Bruder und die Krone rechneten. Absichtlich wollte der Kaiser ihn nicht anderweit entschädigen, er wollte dieß um so weniger, da Orleans durch seine mediceische Vermählung sich auch eigene Ansprüche auf Italien verschafft hatte. Bei alle Siebentes Buch. Erstes Capitel . dem hielt er doch eine definitive abschlägliche Antwort nicht für rathsam; er verschob die weitere Unterhandlung auf seine Anwesenheit in Rom , wo er den Papst zu Rath ziehen wolle. Die Summe seines Auftrags an Hannart ist in dem Schrei- ben vom 23. Juni 1535 enthalten: Si veez qu’il n’eust moien quel- conque d’encliner ledit S r roy de venir à traicter pour led. S r d’Angolesme, en quoy toutesfois, comme il nous semble, à ce que l’on a peu conjecturer des propos dudit ambassadeur, il se con- descendra, vous à l’extreme ne romprez la pratique, non pas pour que notre attention soit de besoigner pour le dit duc d’ Orleans , mais pour gaigner tems. Aber indem trat der König mit neuen Forderungen her- vor. Wenn Orleans mit Mailand belehnt werde, nahm er für sich selbst den Nießbrauch des Landes in Anspruch, und zwar auf der Stelle, ohne allen Verzug. Schon ließ Granvella verlauten: er fürchte, daß ein Krieg ausbreche, bitterer und heftiger als jemals. Der Kai- ser hielt noch an sich: er sagte nur, er könne nicht glauben daß der König auf unausführbaren Dingen bestehe. In diesem Augenblick erhob aber der König bereits eine dritte, noch weiter reichende Forderung. Schon seit längerer Zeit machte er Ansprüche auf die Allodialverlassenschaft seines mütterlichen Großvaters Philipp von Savoyen . Er behauptete, in den Pacten von dessen er- ster Ehe, aus der seine Mutter Louise entsprungen, sey diese Verlassenschaft den Nachkommen aus derselben vorbehalten worden; den Kindern zweiter Ehe, namentlich dem regieren- den Herzog Carl III stehe kein Recht daran zu. Wir brauchen die Rechtsbeständigkeit dieser Behauptun- gen nicht zu prüfen. Der eigentliche Beweggrund des Königs war ohne Zweifel auch hiebei politischer Natur. Irrungen mit Frankreich . Carl III von Savoyen war dem König verhaßt, weil er, nachdem sein Haus sich früher fast immer zu Frankreich gehal- ten, auf die Seite des Kaisers, seines Schwagers — er hatte sich mit der Schwester der Kaiserin vermählt — übergetre- ten war; man wollte wissen, er habe in Spanien einst die Loslassung des Königs widerrathen. Höchst empfindlich fiel diesem, daß der Herzog die Grafschaft Asti , die zwar im Frie- den von Cambrai abgetreten worden, aber nicht ohne ge- heime Protestation, sich hatte übertragen lassen: Die Uͤbertragung geschah an die Herzogin Beatrix „prop- ter singularem affectum quo nos resque nostras prosequitur.“ Urkunde Bruͤssel , 20 Nov. Guichenon Histoire de la royale maison de Savoye III, p. 495. er betrach- tete dieß beinahe als eine persönliche Beleidigung. Und welch ein ungemeiner Vortheil war es, durch einen glücklichen Angriff auf denselben die Zugänge zu Italien einzunehmen! — So eben zeigte sich die beste Gelegen- heit dazu. Wir erinnern uns, daß im Jahr 1530, als sich über- haupt das katholische Prinzip in der Schweiz wieder er- mannte, auch Genf , schon erfüllt mit allen Elementen kirchlicher Neuerung von dem Herzog von Savoyen , unter Connivenz der meisten katholischen Cantone, bedroht ward, aber noch im rechten Augenblicke Schutz und Rettung fand. Seitdem war nun die Reform auch in Genf eingedrungen; der Bi- schof war verjagt worden; da dieser sich an den Herzog an- schloß, war der Krieg in dem vereinigten Interesse der geist- lichen und der weltlichen Herrschaft wieder angegangen. Ge- gen Ende des Jahres 1535 war Genf eingeschlossen, und in Gefahr sich überliefern zu müssen. Es suchte sich der zur Siebentes Buch. Erstes Capitel . Vertheidigung Untauglichen zu entledigen; aber diese wurden von den Belagerern geplündert und in diesem Zustand zu- rückgeschickt. Schon dachte Franz I sich dieser Feindseligkeiten auf eine oder die andre Weise zu seinem Vorhaben gegen Savoyen zu bedienen; aber eben dieß war ein Motiv mehr für den Rath von Bern , welcher vor vier Jahren das Beste bei Genf gethan, zu den Waffen zu greifen und den einmal be- gründeten Zustand daselbst zu befestigen. Ohne mit Frankreich in besonderm Bund zu stehn, gaben die Berner ihrer Landschaft zu erkennen, die Ehre Gottes und ihre eigene fordere, Genf nicht untergehn zu lassen: es würde ihnen zu ewigen Zeiten verweislich seyn. Ausschreiben am 29 Dec. 1535 bei Stettler II, 78. Am 26 Januar erst benachrichtigten die Berner den Koͤnig von Frankreich von dem unternommenen Feldzug, und baten ihn ihr guter Gevatter zu bleiben; am 9 Februar ließ dann der Koͤnig den schweizerischen Feldherrn wissen daß er gleichfalls auf einen Krieg gegen Savoyen denke. Schon am 2ten waren aber die Berner in Genf eingetroffen, am 5ten mit den Genfern nach Savoyen vorgeruͤckt; am 7ten unter- warf sich bereits Villeneuve . Tillier Geschichte von Bern III, 355. Im Dezember 1535 schickten sie dem Herzog seinen Bundes- brief zurück. Im Januar 1536 erschien ein aus den Ein- wohnern der Stadt und den vier Landgerichten zusammenge- setztes stattliches Heer im Felde; mit den Verbündeten von Neuenstadt und Neuenburg unter deren eigenen Fahnen. Aus politischen Gründen gesellten sich ihnen Freiburger und Wal- liser zu, so wenig das auch im Interesse ihrer Religion lag. Einem so gewaltigen Anfall konnte Savoyen nicht widerstehn. Nicht allein wurde Genf auf der Stelle befreit: — die Waat , Gex , Romont , Chablais , wurden kraft eines Artikels in dem Irrungen mit Frankreich . früheren Frieden, der eine Berechtigung hiezu enthielt, in Besitz genommen. In Genf ward die Reform auf immer festge- stellt; in der Waat ward sie zuerst begründet. Man hat damals angenommen, erst durch diesen glück- lichen Erfolg der Schweizer sey auch der König bewogen wor- den allem Verzug ein Ende zu machen. Z. B. Mémoire remis à l’empereur. Daß der Kaiser den Herzog nicht geschuͤtzt, wird erklaͤrt: pour non avoir peu conjecturer l’invasion tant subite des Bernois ny d’en penser que le roy de France eust voulsu prendre si malheureuse dampnable et effron- tée occasion p o ur courir sus audit duc. (Pap. de Gr. II, 446.) Der Kaiser leitet in seinem Gegenbericht 1536 Bog. C alles aus dem Neid ab, „den er unser schwagerschaft halber gegen ihn gefaßt, das er sich auch als ein gehorsamer Fuͤrst und Lehensmann gen mir erzeigt.“ Während die Unter- handlungen — der Kaiser behauptet, ihm sey ausdrücklich auf diese Zeit Stillstand für Savoyen versprochen gewesen — durch die beiderseitigen Gesandten noch fortgesetzt wurden, brach Franz I im März 1536 daselbst ein. Er gab an, der Herzog habe sein Land dem Kaiser einräumen wollen, und dem habe Frankreich zuvorkommen müssen. In Savoyen hielt sich nur Montmelian einen Augenblick: ohne auf eigentlichen Wider- stand zu treffen, giengen die Franzosen über die Berge; der Herzog fand auch seine Hauptstadt Turin nicht fest genug um sich gegen die Franzosen zu vertheidigen; am 3 April zogen diese daselbst ein. Indem der Kaiser noch immer an Constantinopel dachte, und der Hofnung lebte, durch Nachgiebigkeit und geschickte Benutzung der Umstände den König von Frankreich zu be- friedigen, ja die Macht desselben mit der seinen zur Aufrecht- erhaltung des Katholicismus und zur Bekämpfung der Un- gläubigen zu vereinigen, Nach dem Schreiben Hannarts vom 12 Januar sprach der auf dem Wege nach Rom , wo er Siebentes Buch. Erstes Capitel . alles zu Ende zu bringen dachte, erhielt er diese Nachrichten. In denselben Tagen vernahm man, daß auch Suleiman nach Constantinopel zurückgekehrt, Barbarossa bei ihm ange- kommen war. Es leuchtete ein, daß die Osmanen, wie bis- her immer, eher Gelegenheit finden würden einen erfolgrei- chen Anfall auf die Christenheit zu machen als diese auf ihn. Die ganze politische Lage wandelte sich um; alle Gedanken und Entwürfe mußten eine andre Richtung nehmen. Welche Gemüthsbewegung dieß dem Kaiser verursachte, sieht man recht an der Rede die er bei seiner Anwesenheit in Rom , 18 April, in dem Consistorium der Cardinäle hielt. Er schilderte ausführlich, was er von jeher, hauptsäch- lich aber seit den Verträgen von Cambrai gethan, um den Frieden zu erhalten: wie vieles er habe hingehn lassen, was dagegen geschehen; jetzt aber habe der König offen gebrochen, Savoyen überfallen, und rücke in Italien vor. Nicht zufrie- den mit der Aussicht die einem seiner Söhne auf Mailand er- öffnet worden, fordere derselbe den Besitz und Nießbrauch dieses Landes unmittelbar für sich. „Noch immer“, fuhr er fort, „biete ich dem König Frieden an. Vereinigt könnten wir der Christenheit großes Gute erweisen, sie in die erwünschte Ruhe setzen. Ich bin noch immer bereit, seinem Sohn von Angouleme unter hinreichender Sicherheit den Staat von Mai- land zu übertragen. Auch biete ich dem König noch einmal persönlichen Kampf an. Ich will den Staat von Mailand gegen das Herzogthum Burgund setzen, obgleich auch dieß Koͤnig damals noch immer von der engen Freundschaft die zwischen ihm und dem Kaiser bestehen muͤsse. Noch am 23 Januar sagt Hannart : procura y dessea de venir en mas estrechas alianças de V ras M des . (Archiv von Simancas .) Irrungen mit Frankreich . mir gehört. Wer den Andern überwindet, dem soll beides zufallen. Will aber der König weder das Eine noch das Andere, nun denn — so mag der Krieg ausbrechen: wir wer- den alles an alles setzen; es wird das Verderben des Ei- nen oder des Andern seyn; mögen derweile Türken und Ungläubige Herrn der Christenheit werden.“ Die Relationen uͤber diese Rede sind sehr unzuverlaͤßig. Die beiden gleichzeitigen Flugschriften: Kaiser Carln Fridbieten und Hand- lung, aus einem Schreiben aus Rom 18 April, und Kaiserlicher Ma- jestaͤt Protestation wider den Koͤnig von Frankreich , weichen ganz von einander ab, und sind beide unrichtig. Aus der letztern schoͤpfte Bel- lay . In dem Archiv von Simancas zu Paris findet sich Copia de la carta que S. M d escriviò a su Embaxador 17 Abril 1536 de Roma , welche authentischen Bericht giebt, und hier zu Grunde liegt. Zwar wurde auch hierauf noch unterhandelt; es liefen Briefe aus Frankreich ein, und der Cardinal von Lothrin- gen , der in Italien anlangte, machte Äußerungen, nach denen es sich anließ als werde der König auf den Vorschlag wegen seines jüngsten Sohnes am Ende doch eingehn. War das nun aber Irrthum, oder Täuschung, in Wahrheit drang der König doch nach wie vor auf die Ausstattung des Herzogs von Or- leans ohne sich um die Sicherheiten zu bekümmern, die sein Gegner verlangte; dessen Herausforderung behandelte er wie einen Scherz. Die Anmuthung, die ihm geschah, Piemont und Savoyen wieder zu räumen, wies er um so mehr von sich, da sich auf der Stelle zeigte, wie sehr er durch diesen plötzlichen Schlag sein Ansehn in der Welt erneuert hatte. Die italienischen Mächte, die Venezianer, der Papst, fiengen an zu schwanken, die florentinischen Verjagten regten sich; — Eng- land , einige deutsche Fürsten, die nordischen Könige, Alles was gegen den Kaiser Opposition machte, war für ihn; und so Siebentes Buch. Erstes Capitel . eben schloß er einen Vertrag mit den Osmanen; er nahm wieder eine Stellung ein, wie er sie vor dem Frieden von Cam- brai besessen, und unmöglich konnte er diese gegen eine Ver- sorgung seines jüngsten Sohnes aufgeben, der doch nichts als ein kleiner italienischer Fürst unter dem Einfluß des Kaisers geworden wäre. Die kaiserlichen Räthe waren überzeugt, daß der König nicht allein nichts herausgeben, sondern immer weiter vor- dringen werde: es wäre denn daß man ihn mit Gewalt be- zwinge. Man müsse ihn entweder zum Frieden nöthigen oder überhaupt unschädlich machen. Von jeher hatten sie geglaubt, das beste Mittel, den König von Frankreich zu überwältigen, sey ein Einfall in Frankreich . Wie oft war früher eine Verbindung von nie- derländischen und oberdeutschen, spanischen und italienischen Kräften zu diesem Zwecke versucht worden! Auch jetzt mein- ten sie, nur damit zu Ende kommen zu können. Antonio Leiva soll gesagt haben: ein Raubthier müsse man in seiner Höle aufsuchen. Bei Bellay zwar heißt es, Antonio Leiva habe sich wider die Unternehmung erklaͤrt „jusques à se vouloir faire mettre à ge- noux hors de sa chaire“, XIX, 296. Dagegen wissen wir von denen die im kaiserlichen Lager waren, z. B. dem Bischof von Fos- sombrone , Lettere di principi III, 45, daß Leiva dort im Lager fast als der Urheber der ganzen Unternehmung betrachtet wurde. Uͤber- haupt verkennt Bellay wie den General so auch den Kaiser: er ge- faͤllt sich darin, den Kaiser ruhmredig bis zum Aberwitz darzustellen, was sein Fehler sonst eben nicht war. Man dürfte dem Kaiser nicht die bestimmte Absicht oder Hofnung beimessen, Frankreich zu erobern oder etwa einer großen Provinz zu berauben. Seiner Schwester schreibt Krieg mit Frankreich 1536. er Anfangs nur, er rüste sich darum, um auch an der Spitze eines Heeres unterhandeln zu können wie sein Geg- ner. Im Juni 1536 hatte er bereits ein stattliches Heer beisammen. Es bestand aus 10000 Spaniern, 20000 Ita- lienern, großentheils Einwohnern des Kirchenstaats , die allen Verboten des Papstes zum Trotz ihm zugeströmt, und 3 gro- ßen deutschen Regimentern, unter Maximilian Eberstein , Cas- par Frundsberg und Franz Hemstein , 37 Fähnlein, ungefähr 20000 M. Unsers Hern Kaysers Kriegshandlung in Saffoien im mo- nat Junio 1536. Die 20 Faͤhnlein des Hern Maxen Regiment acht man auf 9000 stark. Als das frundsbergische Regiment nach Asti kam, ließ es der Kaiser eine kleine Feldübung machen, vor- rücken, zurückziehen, dann ritt er auf den Obristlieutenant Ca- spar von Waldsee zu, reichte ihm die Hand und nahm ihn an. Eine so gewaltige Macht verschaffte ihm nun auf der Stelle dort das Übergewicht — so daß er Fossan eroberte, der Marchese von Saluzzo zu ihm übertrat, — aber sie nöthigte ihn auch gewissermaaßen weiter zu gehen. Der venezia- nische Gesandte versichert, der außerordentliche Aufwand den das Heer verursacht, habe den Kaiser vermocht, zu einer außerordentlichen Unternehmung zu schreiten. Indem er fort- während erklärte, er sey zum Frieden bereit, wofern ihm der König die für die gegenwärtige Lage der Dinge nöthig gewor- denen Sicherheiten gewähre, griff er im Juli 1536 Frank- reich mit zwei großen Heeren zugleich im Norden und im Süden an. Er selbst überschritt am Tage St. Jacob, 25 Juli, was die Spanier für ein gutes Zeichen hielten, die französischen Grenzen; besetzte einige Plätze, vernichtete ein Siebentes Buch. Erstes Capitel . kleines Truppencorps unter Montejan und Boisy , das einzige das sich ihm entgegensetzte, und schlug gegen Mitte August sein Lager bei Aix auf. In diesen Tagen drang auch das niederländische Heer die große Straße, die nach St. Jago von Campostella führte, daher, unter dem Grafen von Nassau , in Frankreich ein und eroberte Guise . Der Kaiser hoffte, der König werde seine Streitkräfte theilen müssen, und auch schon aus dem Ehrgeiz, keinen Feind auf französischem Bo- den zu dulden, ihm in offenem Felde begegnen: dann zwei- felte er nicht, mit seinen krieggeübteren Truppen denselben zu schlagen und zu einem Frieden zu nöthigen, in welchem die Sicherheiten lägen, die er immer gefordert. Den päpstlichen Gesandten, die zur Vermittelung an beide Fürsten geschickt wa- ren, erklärte er, er wolle Rechenschaft fordern über das Betra- gen des Königs gegen ihn den Kaiser und gegen seine Freunde; er müsse wissen, wie sie fortan mit einander zu stehn hätten, er und der König von Frankreich . Der Vortheil, in welchen der König durch die Besitznahme von Savoyen und seine all- gemeine Politik gekommen, war ihm unerträglich; er wollte das Verhältniß des Übergewichtes, das ihm die letzten Frie- densschlüsse gegeben, erneuern und auf immer befestigen; er fühlte ganz richtig, daß er dann erst gegen andre Feinde freie Hand haben würde. Allein der König wußte durch Erfahrung, was die Ent- scheidung eines Schlachttages auf sich habe. Er hatte sich Kriegs Sachen So zwischen Keyserlicher Maiestat und dem koͤnige in Frankreich sich zugetragen Im 1536 sten Jahre. Durch Herrn Veit Weidenern Feldt Prediger der vier feinlein Knecht So Kay. May. durch Churfuͤrstl. Durchl. zu Sachsen zugeschicket worden seindt, treulich beschrieben. (Handschrift zu Gotha .) Krieg mit Frankreich 1536. in eine stattliche Kriegsverfassung gesetzt; trotz aller Verbote des Kaisers waren ihm deutsche, und trotz der Verbote der eidgenössischen Obrigkeiten schweizerische Fähnlein in großer Anzahl zugezogen; seit undenklicher Zeit zum ersten Mal hatte er den Versuch gemacht, das französische Landvolk zu be- waffnen; der Adel und die Hommes d’Armes umgaben ihn mit gewohntem Eifer; aber durch alles das ließ er sich nicht bewegen, dem Kaiser entgegenzugehn. Es war ihm genug, durch zwei feste Lager bei Avignon und Valence die Ufer der Rhone und der Durance zu sichern; Montmorency , dem die oberste Führung anvertraut war, entwickelte alle die Beson- nenheit und Umsicht welche den Vertheidigungskrieg erfolgreich machen können. Die Haltung die der König dergestalt annahm erfüllte ihn mit Selbstgefühl: und lange weigerte er sich, auf Friedensverhandlungen einzugehn, so lange der Feind in sei- nem Reiche, gleichsam in seinem Hause sey; ja nur seine Be- dingungen zu nennen. Als er dieß endlich that, forderte er nichts geringeres als die unmittelbare Überlieferung von Mai- land und Asti ; dem Herzog von Savoyen bot er einen Stillstand von sechs Monat an, in welcher Zeit der Papst ihre Streitigkeit in Güte beilegen solle. La response baillée par le roy de France au légat cardi- nal Trivulce . Papiers d’état de Granvelle II, p. 485. „que par icelluy traicté ‒ ‒ ‒ luy soit promptement et actuellement rendu et restitué en ses mains l’estat et duché de Millan , ensemble tou- tes et chascunes les villes et places d’icelluy duché, sans aucune retenir ou réserver, et pareillement le conté d’ Ast “ etc. Dort folgen dann noch einige andere treffliche Actenstuͤcke uͤber die weitere Verhandlung. Natürlich verwarf der Kaiser diese Vorschläge. Die bei- den gewaltigen Heere lagen einander gegenüber, ohne daß Ranke D. Gesch. IV. 3 Siebentes Buch. Erstes Capitel . eins oder das andere weiter vorrückte, ohne daß sie hand- gemein wurden; die beiden Fürsten, jeder an der Spitze des seinen, meinten so am besten zu unterhandeln. Keiner griff den andern an; eben so wenig aber ließ der eine oder an- dere von der Strenge seiner Forderungen nach. Einen Augenblick schien es, als würde der Tod des Dauphin, der damals eintrat und durch welchen der Anspruch auf die Thronfolge an den Herzog von Orleans kam, die Schwierigkeiten heben, da Mailand nun doch dem Herzog von Angouleme zufiel, der keine andern Rechte in Italien besaß, und den der Kaiser immer vorgezogen. Auf die Anfrage eines päpstlichen Bevollmächtigten erklärte der ver- traute Minister des Kaisers, Covos , wenn der König da- bei stehen bleibe, Mailand für den Herzog von Angouleme zu fordern, so werde der Friede gemacht seyn: Fr. Guicciardini Assais 6 Sept. 1536 Lett. di princ III, f. 44 und die Nachschrift. und schon war die Rede von einer Zusammenkunft zunächst der beidersei- tigen Minister zwischen Avignon und Aix , an die sich dann ein Gespräch der Fürsten selbst schließen könne; Il Vescovo di Fossombrone 7 Sept. ib. 45. — al- lein nur zu bald sah man, daß sich der König mit einer Überlieferung des Herzogthums wie der Kaiser sie hoffen ließ, nicht begnügen, besonders auch seine Eroberungen in Piemont nicht wieder herausgeben, daß aber dann, zumal ohne dieß letzte Zugeständniß, auch der Kaiser keinen Frieden ein- gehen würde. Die Entscheidung im Felde trat dießmal auch ohne Schlachttag ein. In dem kaiserlichen Lager zeigte sich nach Krieg mit Frankreich 1536. und nach ein unerträglicher Mangel. Die Franzosen hatten weit und breit das platte Land wüste gelegt, die Vorräthe ver- nichtet, die Bauern weggeführt. Deutsche Anführer bekla- gen sich, daß der Kaiser untauglichen Leuten, namentlich ein paar italienischen Bischöfen die Sorge für die Zufuhr an- vertraut habe. Bald mußten sich die Landsknechte nur noch von getrockneten Feigen, die sie in den verlassenen Wohnun- gen fanden, oder von dem Obste nähren, das eben reifte: man sah sie die unreifen Trauben zusammendrücken, und sich in ihrer Pickelhaube einen Trank daraus bereiten. Kein Wun- der, wenn verderbliche Krankheiten unter ihnen ausbrachen. Schärtlin von Burtenbach erzählt, daß die Hälfte seines Hau- fens zu Grunde gegangen, von seinem Gesinde nicht mehr als ein einziger Knecht übrig geblieben sey. Lebensbeschreibung p. 44. „Ist ein jammerlicher Zug ge- west, Hungers halb, sonst kein Feind nie an uns kommen.“ Jovius lib. 35, p. 177. Schreiben Pappenheims , citirt bei Seckendorf III, 127. Antonio Leiva , von dem man sagt, er habe allerdings geglaubt daß er in Frankreich sterben werde, aber nach erfochtenem Sieg, um in S. Denys begraben zu werden, erlag seiner alten Krank- heit unter dem epidemischen Einfluß des Lagers von Aix . Auf den Rath Andrea Doria’s unternahm der Kaiser noch eine Bewegung gegen Marseille , wie es scheint in der Hofnung, daß ein Verständniß, das er vorbereitet hatte, Vita MS di Guasto : Ingannato da Trajano principe di Melfi , che per dar tempo al tempo gli aveva promesso, purche fusse restituito nello stato, l’impadronirebbe di Marsiglia . Vgl. Au- thentische Nachricht bei Sepulveda lib. 14, c. 31. ihm die Überraschung dieses Seeplatzes möglich machen werde, was dann ein großer Vortheil für immer gewesen seyn würde; 3* Siebentes Buch. Erstes Capitel . allein er fand sich getäuscht. Es blieb ihm nichts übrig, als seinen Rückzug zu nehmen, wie einst Bourbon . L’empereur à Mr de Nasson 4 Sept. Arch. z. Bruͤssel . Auszug. Advertist qu’il est déliberé de se retirer vers Italie . Der Kaiser tröstete sich zwar damit, daß sein Gegner so viele Feinde in seinem Königreiche gehabt, so großen Schaden erlitten habe; Gutachten der Raͤthe im October — Bien l’a V re M té outraigé et lui fait grosse honte et dommaige dans son propre royaume qu ' il aura compourté sans revanche. Arch. z. Br. allein seine Absicht, denselben zu Bedingungen zu nöthigen welche den Frieden gesichert hät- ten, war doch auf jeden Fall gescheitert; die Wahrheit zu sagen, dieß Mal war es der König, der als Sieger aus dem Kampfe hervorgieng. Le glorieux retour de l’empereur de Provence ( Cimber et Danjou Arch. curieux III, p. 10) zeigt wie man in Frankreich triumphirte: Marseille habe mehr zu bedeuten als Goletta , das La- ger eines Montmorency bei Avignon mehr als Tunis . Die drohende Stellung welche er durch die Besetzung von Piemont eingenommen, ward nun erst recht befestigt. Auch das niederländische Heer, das eine Zeitlang Pe- ronne belagert, aber sehr vergeblich, war mißvergnügt zurück- gegangen. Die Deutschen waren mit der Führung dieses Haufens so unzufrieden, daß sie von Verrätherei redeten, und die Summe nannten, durch welche ihr Heerführer von den Franzosen bestochen worden sey. Der König nahm jetzt die aufgegebene Lehnsherrlichkeit über Artois und Flandern wieder in Anspruch, und erhob sich, in diese Länder einzubrechen. Hauptsächlich trat er in ganz unverhehlten Bund mit den Osmanen. Wir finden die französische und die osma- nische Flotte schon im Jahr 1536 vereinigt; für das Jahr Krieg mit Frankreich . 1537 verabredete der König mit ihnen einen gemeinschaftli- chen Angriff auf den Kaiser. Eben an dieser Stelle aber nehmen wir die ganze Bedeutung des Gegensatzes zwischen dem Kaiser und dem König wahr. Allerdings hatten sich christliche Mächte von niederem Range, Grenzstaaten der Christenheit, schon immer dann und wann in Bündnisse mit den Ungläubigen eingelassen, auch wohl bedeutendere, einst sogar ein Papst: jedoch nur in Mo- menten großer Bedrängniß, auf kurze Zeit, unter dem tiefsten Geheimniß. Jetzt aber trat eine der größten Mächte der Christenheit, wenn damals nicht die erste, doch gewiß die zweite, der allerchristlichste König selbst, und zwar nicht in einem Augenblick der Noth, sondern nachdem er sich des Feindes schon erwehrt und zu einem unleugbaren Überge- wicht gelangt war, in Bündniß mit den Osmanen. Eine Zeitlang hatte auch er dieß Verhältniß sorgfältig verheimlicht: es rief nicht allein allgemeinen Tadel hervor, sondern sogar eine Art von Scham; allein jetzt wie gesagt machte er kein Hehl weiter daraus. Bemerken wir wohl, was darin liegt. Die alte Christen- heit des Mittelalters beruhte wahrhaftig nicht allein auf dem Dogma, sondern sie bildete eine große militärisch-politische, auf den Grund der Kirche befestigte Einheit. Sich davon loszureißen, wie man es auch beschönigen mochte, thatsächlich, ja systematisch von der zusammenhaltenden Idee der alten Christenheit abzusehen, war in der That ein nicht viel ge- ringerer Gegensatz gegen die Sinnesweise der frühern Zei- ten, als der Abfall der Protestanten vom Dogma und den Cerimonien. Man könnte sagen: es war ein militärisch-po- Siebentes Buch. Erstes Capitel . litischer Protestantismus: — es mag seyn, einseitig, egoistisch und gehässig, aber darum doch auch unvermeidlich und von allgemeiner Bedeutung. Vielleicht von allen Ideen welche zur Entwickelung des neuern Europa beigetragen haben, die wirksamste ist die Idee einer vollkommen selbständigen, von keiner fremden Rücksicht gefesselten, nur auf sich selbst angewiesenen Staats- gewalt. Im Grunde konnte von Staaten im vollen Sinne des Wortes noch gar nicht die Rede seyn, so lange der Ge- danke der allgemeinen Christenheit vorwaltete und wie es mehrere Jahrhunderte hindurch geschehen ist, zu den großen Unternehmungen, an denen sich alle Staaten versuchten, den bewegenden Antrieb gab. Das Besondere ward durch das Mitgefühl des Allgemeinen verhindert sich in seiner Eigen- thümlichkeit auszubilden. Wohl hatte in den letzten Jahrzehn- den alles dahin gestrebt sich besser zu consolidiren, und vor- nehmlich in Frankreich war dieß gelungen. Es versteht sich aber, daß man doch so lange noch weit vom Ziele entfernt war, als der Staat durch politische Rücksichten die ihm nicht aus ihm selbst kamen, in seiner Bewegung, seinen Bünd- nissen, seiner ganzen politisch-militärischen Thätigkeit gehin- dert wurde. Die Verbindung Franz des I mit den Osma- nen bezeichnet den Moment wo die militärische Kraft eines großen Reiches sich von dem System der lateinischen Christen- heit, das bisher vorgewaltet, lossagte und nun erst selbständig auftrat. Das Prinzip kam um so besser zur Erscheinung, da eine Macht dieß that welche in Rücksicht auf das Dogma katholisch blieb. Franz I , der diesen Schritt wagte, und einem mächtigen Gegner, der ihn in den alten Bahnen festhalten Neuerungen Heinrichs VIII. wollte, mit Standhaftigkeit und Glück entgegentrat, wird im- mer eine der großen Gestalten der neuern Geschichte bleiben. Und eine noch unumwundner von allem bisherigen ab- weichende Richtung hatte indeß eine dritte Macht von Eu- ropa genommen. Die kirchlichen Neuerungen Heinrichs VIII von England . Wenn sich Frankreich Carl dem V und dem wieder aufkommenden Gedanken eines kaiserlichen Übergewichtes wi- dersetzte, jedoch an dem Papstthum festhielt, so riß sich Eng- land auch von diesem los, und zwar nicht allein der König, sondern mit ihm alle constituirten Gewalten seines Reiches. Wir erinnern uns der Absicht Heinrichs VIII , sich von seiner Gemahlin Katharina , Tante des Kaisers, auf gesetz- lich gültige Weise zu scheiden, und wie der römische Hof, so lange er mit dem Kaiser entzweit war, dieß begünstigte, es aber nicht dulden wollte, nachdem er sich mit demselben versöhnt hatte. Wäre es dem König allein darauf angekommen sich zu rächen, so hätte er nur den reformatorischen Meinungen, die bereits in England vorgedrungen waren, ihren Lauf zu las- sen gebraucht. Schon 1521, als Aleander Briefe Aleanders bei Muͤnter , Beitraͤge zur Kirchengesch. p. 76. die Verbreitung der lu- therischen Bücher in Deutschland zu hemmen suchte, entge- gneten ihm die Buchdrucker, sie würden ihre Exemplare nach England schicken. Nicht allein die gelehrten Schriften der Siebentes Buch. Erstes Capitel . Reformatoren, sondern auch die populären, welche der Be- wegung in Deutschland so großen Vorschub gethan, gewan- nen in England Eingang. Noch standen einander die bei- den Nationen in Sinnesweise und Bildung sehr nahe; in England waren die wiklefitischen und lollhardischen Meinun- gen niemals ganz unterdrückt worden. Auch dort finden wir denn das Buch vom alten und neuen Gott, die fliegenden Blätter von Otto Brunfels und Simon Hessus : — eine Schrift, welche der Clerus gradezu für infam erklärt, „vom Begräbniß der Messe“ ist wohl keine andre als Manuels Tod und letzter Wille der Messen. Und bald gesellten sich ihnen originale englische Schriften in ähnlichem Sinne bei: z. B. „der unrechte Mammon“, mit welchem Ausdruck man die kirchlichen guten Werke, fasten, Messe hören u. s. w. be- zeichnete: Gott aber fordre nur das Herz, und man müsse die Gebote erfüllen aus Liebe zu ihm, nicht aus Hofnung auf Belohnung in dieser oder jener Welt; — „Gehorsam eines Christenmenschen“: gegen Cölibat, Mönchsgelübde, Mi- rakel der Heiligen; — „Enthüllung des Antichrist“, worin die ganze Constitution der römischen Kirche, den Papst an der Spitze, für widerchristlich erklärt wird. A publick instrument made A. C. MDXXX May 24 con- taining divers heretical and erroneous opinions considered and condemned. Conc. Magn. Brit. III, 727. Auch die Statuta et or- dinationes ib. 719 koͤnnen unmoͤglich von 1529 seyn, wie dort ange- geben wird, da die Confessio exhibita Augustae darin erwaͤhnt wird. Im Jahre 1529 saß ein Parlament, welches sehr geneigt gewesen wäre, wie man gleich bei den Wahlen bemerkte, eine der Geistlichkeit entgegengesetzte Tendenz einzuschlagen. Heinrich VIII war aber nicht allein rachsüchtig und Neuerungen Heinrichs VIII. heftig, sondern er verband mit seinen Leidenschaften eine ganz eigne Umsicht und Berechnung. Es widerstrebte ihm, den neuen Meinungen, die großentheils gegen seine eignen Überzeugun- gen anstießen, freien Lauf zu lassen. Am wenigsten wäre ihm mit einem innern Hader in seinem Reiche, der dadurch hätte eintreten müssen, gedient gewesen; sein Gedanke war viel- mehr von Anfang an ein andrer. Vor allem lag ihm daran, da er nun wohl sah daß er in der Ehescheidungssache den römischen Hof niemals wie- der für sich haben werde, eine so viel möglich legale Auto- rität — denn er wünschte von seiner neuen Ehe legitime, der Nachfolge unzweifelhaft fähige Erben zu bekommen, — in seinem Reiche an die Stelle der päpstlichen treten zu lassen. Allein dieß mußte ihn sogleich noch weiter führen. Eins der wichtigsten Interessen bei der Bildung fester Staatsgewalten, dessen man sich schon seit zwei Jahrhun- derten mehr oder minder bewußt geworden, lag darin, den Einfluß des römischen Hofes auf die Landesgeistlichkeiten zu beschränken oder zu vernichten. Concordate, pragmatische Sanctionen, so wie die Autorität, die man gern einem einge- bornen Legaten übertrug, waren darauf berechnet. Wir wis- sen, wie viel auch in Deutschland der Wunsch, den Eingriffen der Curie zu begegnen, dazu beigetragen hatte, die reforma- torische Bewegung hervorzurufen: nur war hier die hohe Geistlichkeit selbst von der Neuerung verletzt worden, und hatte sich eben darum dem römischen Hofe wieder genähert; eine allgemeine Entzweiung war erfolgt. Wie dann, wenn es einem großen Fürsten, wie der König von England war, gelang eine solche Entzweiung zu vermeiden, und sein Land, Siebentes Buch. Erstes Capitel . die Geistlichkeit inbegriffen, mit Einem Schlag von Rom zu trennen? Dann wäre nicht allein jene Absicht ohne Mühe er- reicht worden: die nationale Macht des Landes mußte da- durch auf alle Zukunft consolidirt und befestigt werden. Ich weiß nicht, in wie weit es wahr ist, was Cardi- nal Poole mit Bestimmtheit behauptet, Heinrich VIII sey schon geneigt gewesen sich dem römischen Hofe zu unter- werfen, als ein alter Vertrauter Wolseys , ein Mann der den größten Theil von Europa gesehen, und sich dabei mit dem antipäpstlichen Geiste durchdrungen, der damals fast alle Literaturen beherrschte, Cromwell , ihm einen Entwurf mitge- theilt habe, wie er auch wider den Willen von Rom zu sei- ner Absicht gelangen könne: — eben den nemlich, daß er sich selbst an die Spitze seiner Geistlichkeit stellen und mit ihr von Rom losreißen solle; Apologia Reginaldi Poli ad Carolum V Caesarem. Epp I, 126. — aber das läßt sich nicht leugnen, daß Heinrich VIII diesen Plan wirklich gefaßt hat: wenn überhaupt jemals von den folgerechten Maaßregeln eines Mannes auf seinen Plan geschlossen werden kann. Es ist auch hier ein Fall der öfter vorkommt, daß ein ganz allgemeines Interesse durch ein persönliches gefördert wird. Wahrhaftig, kein Mensch könnte den Ursprung der Absichten Heinrichs VIII vertheidigen; aber durch den all- gemeinen Geist der Zeit und das Interesse des Landes be- kam seine Feindseligkeit gegen den römischen Hof eine von den Beweggründen derselben unabhängige Bedeutung. Daran nun wäre nicht zu denken gewesen, daß er durch seinen souveränen Willen hätte zum Ziele kommen können: schon an sich, noch mehr aber bei dem in England herr- Neuerungen Heinrichs VIII. schenden corporativen und constitutionellen Geist kam alles auf eine in dem Clerus selbst hervorzurufende Entschließung an. Sehr wohl berechnet aber war das Verfahren das der König hiebei einschlug. Er begann damit, die abweichenden Meinungen welche das bisherige kirchliche System bedrohten, statt sie zu begün- stigen, vielmehr zu verfolgen; er erklärte, als Vertheidiger des Glaubens könne er nicht gestatten daß eine böse Saat gesäet werde die den Weizen des katholischen Glaubens überwachse. Der Clerus, der wohl einsah daß er diesen Schutz nicht ent- behren könne, vergalt denselben damit, daß er sich in der Ehe- scheidungssache dem König anschloß. Die geistlichen Lords empfahlen sie im Vereine mit den weltlichen dem römischen Stuhle auf das dringendste: einmal aus dem nationalen Ge- sichtspuncte, weil die Regelmäßigkeit der Thronfolge und die Ruhe des Reiches davon abhange; sodann wegen der Ver- dienste des Königs um die Religion. Sie bemerkten, wenn der römische Stuhl noch ein gewisses Ansehen genieße, so sey dieß allein dem König zuzuschreiben. Schon blieben sie aber nicht bei einer einfachen Empfehlung stehn: sie sagten dem Papst, wenn er ihnen nicht helfe, so würden sie sich selbst helfen müssen. Adress of the lords spiritual and temporal, bei Collier Ecclesiastical history of Great Britain II, Records nr. 14. Auf das engste verbündeten sich dergestalt die Krone und die höhere Geistlichkeit in den beiden großen schwebenden Fra- gen. Sie machten gegen Luther , welcher die Geistlichen, und gegen den Papst, welcher den König angriff, so zu sagen gemeinschaftliche Sache. Siebentes Buch. Erstes Capitel . Und von diesem Puncte gieng nun alles Weitere aus. Es leuchtet schon an sich ein, daß in diesem sehr un- gleichen Bunde, wie die Dinge der Welt nun einmal standen, das Übergewicht dem König zufallen mußte. Heinrich VIII scheute kein Mittel um dieß Verhältniß zu entwickeln und zu befestigen. Nicht ungewöhnlich war es in England , daß die Re- gierung vergessene Gesetze in Erinnerung brachte, um die auf Übertretung derselben gesetzten Geldstrafen einzutreiben. Das aber was Heinrich VIII that, hätte doch niemand erwarten sollen. Er, der König, der die Legatengewalt Wolseys sel- ber befördert hatte, machte jetzt die Anerkennung derselben, die durch ein früheres Gesetz verpönt war, dem Clerus zum Verbrechen. Der Gerichtshof der Kingsbench unterstützte ihn hierin: „denn das Gesetz sey und bleibe in Kraft trotz aller Connivenz des Königs; der König behalte allezeit das Recht, die Geistlichkeit wegen ihres ungesetzlichen Verhaltens außer- halb seines Friedens zu setzen.“ Dießmal aber war es ihm nicht um die Geldbuße zu thun. Mit der Strafgewalt be- waffnet, die ihm durch den Gerichtshof zugesprochen wor- den, legte er der Geistlichkeit eine Frage vor, welche den Mit- telpunct aller ihrer Beziehungen berührte. In jenem Schrei- ben der Lords an den Papst war der Ausdruck vorgekom- men, der König sey ihre Seele, ihr Haupt. Manchem mochte dieß nur eben als eine Redensart erschienen seyn: der König aber, daran anknüpfend, forderte jetzt eine noch unzweideu- tigere Anerkennung seiner Hoheit über die Kirche. Denn nur einen solchen Clerus wollte er beschützen oder begnadi- gen, der sich ihm unterwürfig zeigte. War es nun blos die Neuerungen Heinrichs VIII. Furcht vor der verwirkten Strafe, oder ward die Versamm- lung noch durch andre Motive bestimmt? nachdem sie eine Zeitlang unter dem Siegel unverbrüchlichen Geheimnisses, aber nicht ohne persönliche Theilnahme Cromwells und einiger Mitglieder der Kingsbench, berathschlagt hatte, faßte sie eine Acte ab, 22 März 1531, in welcher sie, nach nochmaliger Ausführung der Verdienste die sich der König durch Unter- drückung der Ketzer, namentlich der Lutheraner, erwerbe, in al- ler Form erklärte, sie erkenne Seine Majestät als den beson- dern Beschützer, einzigen und obersten Herrn und so weit es nach Christi Gesetz erlaubt sey, als das oberste Haupt der englischen Kirche an. „in praesens quam plurimos hostes, maxime Lutheranos, in perniciem ecclesiae et cleri anglicani (cujus singularem pro- tectorem unicum et supremum dominum et quantum per Christi legem licet, etiam supremum caput ipsius majestatem recognosci- mus) conspirantes ‒ ‒ contudit.“ Collier l. l. nr. 17. Ein Ausdruck, der früher nur flüchtig hingeworfen worden, empfieng durch die feierliche Sanction der geistlichen Versammlung eine Bedeutung auf immer. Wohl ließ nun auch diese Festsetzung, namentlich die Clausel vom Gesetz Christi, welche gegen den Wunsch der königlichen Bevollmächtigten durchgegangen war, eine Aus- flucht übrig: der Bischof Tunstall von Durham behauptete bald darauf in einer öffentlichen Schrift, die Unterwerfung die der Clerus dem König versprochen, beziehe sich allein auf weltliche Angelegenheiten. Cuthberti Tunstall episcopi Dunelmensis protestatio con- tra titulum Henrico VIII in concessione subsidii datum quo vo- catur Supremum caput. Conc. M. Brit III, 745. Gleich als sey der weltliche Gehorsam gegen den König nicht ohnehin seine Pflicht. Auch von andern Protestationen, geheimen oder öffentlichen, Siebentes Buch. Erstes Capitel . hören wir. Bald sollte sich zeigen wie weit der Clerus da- mit kommen würde. In der Sitzung des Parliaments, die im Januar 1532 eröffnet ward, beschwerten sich die Communen in einer eige- nen Bittschrift bei dem König, daß der Clerus geistliche Ge- setze erlasse ohne Genehmigung der Krone und Vorwissen der Laien, in fremder Sprache, zuweilen in Widerspruch mit der bestehenden Gesetzgebung, und zugleich unter der Androhung der Excommunication, welche die Unterthanen zweifelhaft in ihrem Gehorsam gegen den König und die Verfassung mache. Der Clerus suchte sich mit dem unvordenklichen Besitz der geistlichen Gerichtsbarkeit und dem Herkommen in allen christ- lichen Reichen zu rechtfertigen: er führte selbst eine Stelle aus der Schrift des Königs gegen Luther für sich an. Darauf bezieht sich auch Bishop Gardiners Letter of ex- cuse. ib. 752. Bei einem so wichtigen Interesse aber machten die eigenen frühern Äuße- rungen auf Heinrich keinen Eindruck mehr. Ein erstes und ein zweites Erbieten der Geistlichkeit, obwohl das letztere schon ziemlich weit gieng, that ihm nicht Genüge; er forderte die umfassendsten Verpflichtungen derselben. Nicht allein kei- nen neuen Canon sollte sie machen, sondern auch nicht ein- mal einen alten in Ausführung bringen ohne Erlaubniß der Krone. Auf das engste war er in dieser Beziehung mit den Communen verbündet. Er selber erhob jetzt, und zwar zunächst gegen den Sprecher des Unterhauses, Beschwerde über das Verhältniß des Clerus gegen den Papst. Der Eid der diesem von den Bischöfen geleistet werde, stehe in offenem Widerspruch mit dem, welchen er selbst von ihnen Neuerungen Heinrichs VIII. empfange: sie seyen nur halb seine Unterthanen. Man kennt den geistlichen Lehnseid, den der römische Hof den Bischöfen zu einer Zeit aufgelegt hat, wo man noch nicht wußte ob das geistliche oder das weltliche Fürstenthum die Oberhand in Europa behalten würde: es ist nicht unwahr daß der Ge- horsam gegen die weltliche Gewalt dabei nur bedingt bestehen kann. Eben in diesem Zusammenhang mit einem schützenden mächtigen Oberhaupte lag das Geheimniß der so oft in dem Innern jedes Reiches geltend gemachten Selbständigkeit des Clerus. Jetzt aber war es so weit gekommen, daß dieser Schutz nichts mehr helfen konnte. Einer ernstlichen Vereini- gung des Königs, der weltlichen Lords und des Unterhauses in wirklich feindseligem Sinne würde die Geistlichkeit unfehl- bar unterlegen seyn. Sie zog es vor, sich zu unterwerfen. Die erste Forderung wurde von der niedern Geistlichkeit, welche das Unterhaus der Convocation ausmacht und hier wie an andern Orten der weltlichen Macht einen Schritt näher stand, vollständig, von der höhern nach einigem Sträuben wenigstens in Bezug auf die in Zukunft zu erlassenden Gesetze bewilligt. Instrumentum super submissione cleri coram domino rege 16 Maji 1532, Conc. M. Brit. III, 754, bezieht sich nur auf die hoͤhere Geistlichkeit. Dieses allein ward dem Koͤnig uͤbergeben. Auch in Hinsicht des Eides gaben sie nach. In den Acten der Sitzung findet sich ein neuer Eid, kraft dessen die Bischöfe alle Zusagen widerrufen durch welche sie sich dem Papste zum Nachtheil des Königs verpflichtet haben möchten. The oath of the clergy to the king. ib. p. 755. „Your council I shall keep and hold, knowledging my self to hold my bishoprick of you only.“ Als Cranmer den erzbischöflichen Stuhl von Canterbury bestieg und dem Papste den herkömmlichen Eid leistete, protestirte Siebentes Buch Erstes Capitel . er zugleich, daß er sich durch denselben zu nichts verpflichte, was gegen die Rechte des Königs und des Reiches von England so wie gegen das Gesetz Gottes laufen könne. Hiedurch nun war der König gewaltig vorgedrungen: richterliche und gesetzgebende Gewalt seines Reiches standen ihm zur Seite und waren mit ihm verbündet; die Autono- mie der Geistlichkeit war in ihrem Wesen gebrochen. Und nunmehr konnte er dazu schreiten, ihr seine große Angelegenheit vorzulegen, ohne Furcht daß sie sich von ander- weiten Rücksichten bestimmen lasse. Es geschah am 25 März 1533. Der König hatte Sorge getragen, von den nahmhaf- testen Universitäten der katholischen Christenheit günstige Gut- achten beizubringen. Bei den einheimischen war dieß nicht ganz ohne Verletzung der herkömmlichen Formen, bei den frem- den nicht ohne Geschenke durchgesetzt worden: genug aber, er hatte sie; und ohne Einfluß auf die Versammluung konnte es nicht bleiben, wie die gelehrten Körperschaften, vor allen die Mutter-Universitäten des Abendlands, Paris und Bologna , die Sache ansahen. Zehn Tage debattirte die Convocation: Bischof Fisher von Rochester hielt eine Zeitlang die Partei der Königin. Endlich aber ergieng das Urtheil, die Vermäh- lung zwischen Arthur und Katharina sey als wirklich vollzogen anzusehen, der Papst habe kein Recht gehabt, Heinrich VIII Dispensation zur Vermählung mit der Witwe seines Bruders zu geben. Mit einer Majorität von 216 Stimmen gegen 19 gieng dieser Beschluß durch. Collier II, 74. Burnet ( history of the reform I, 130) behauptet, die Acten der Convocation seyen verbrannt; Collier versi- chert dagegen, wenigstens von den Acten des Oberhauses der Convo- Er entsprach ganz den Wün- Neuerungen Heinrichs VIII. schen des Königs, der indeß seine Ehe mit Anna Boleyn vollzogen. Doch wurden hiebei wohl nicht allein die Interessen des Königs in Betracht gezogen. Der Gewalt oder vielmehr der Bedrohung kam die Neigung, sich zu unterwerfen, entgegen. Auch der Geistlichkeit mußte daran liegen, der Eingriffe von Rom überhoben zu werden. Es war ihr ohne Zweifel nütz- licher, sich der parlamentarischen Verfassung von England an- zuschließen und an der Omnipotenz der Staatsgewalt An- theil zu nehmen, als den Widerspruch aufrecht zu erhalten, in dem sie bisher mit derselben gestanden. War es nicht ein un- ermeßlicher Fortschritt ihrer Autorität, wenn sie eine Sache entschied, über welche zu urtheilen der römische Stuhl sich vorbehalten hatte? Auf das ernstlichste ward überhaupt die richterliche Oberhoheit der Curie verworfen. Noch in dersel- ben Sitzung faßte man den Beschluß, daß fortan jede Appel- lation nach Rom in geistlichen Angelegenheiten aufhören solle. Man gieng dabei von dem Grundsatz aus, daß das Reich wie mit weltlichen, so auch mit geistlichen Personen genügend versehen sey, um jede innerhalb seiner Grenzen entstandene Streitigkeit zu schlichten. Unmöglich konnte nun aber der römische Stuhl sich dieß gefallen lassen oder dazu schweigen. Es waren die Zeiten in welchen Clemens VII durch sei- nen Besuch bei König Franz I in Marseille , und durch die Vermählung seiner Nichte an einen französischen Prinzen sich cation, er habe sie gesehen. Meines Erachtens waͤre uͤberhaupt eine kritische Revision der Acten von 1529 bis 34 zu wuͤnschen. Eben uͤber das Factische finden sich noch allerlei Zweifel. Ranke D. Gesch. IV. 4 Siebentes Buch. Erstes Capitel . den Kaiser entfremdet hatte. Doch durfte er sich denselben nicht ganz zum Feinde machen. Als er nach Rom zurück- gekommen, eröffnete er dem kaiserlichen Gesandten, bisher habe er in der englischen Sache auf die Verwendung des Kö- nigs von Frankreich Rücksicht nehmen müssen, damit nicht etwa auch der abfalle, „ne si in causa Anglicana de jure procederet, propter quam ab ecclesia alienata fuit Anglia , alienaretur etiam Francia .“ Schreiben des Sanchez 20 Dec. 1533 bei Bucholtz IX, 123. nun er aber desselben sicher sey, so hindere ihn nichts mehr dem Rechte seinen Lauf zu lassen und die Ehe- scheidungsangelegenheit zu Ende zu bringen. Nachdem alle Fri- sten verstrichen waren, ergieng im Consistorium der Cardinäle, auf die Relation des Bischofs von Pesaro , Sermoneta , eines der Uditoren des päpstlichen Pallastes, in Abwesenheit des Decanes, am 23 März 1534 die definitive Sentenz. Wie hätte die Curie auch etwas anders thun sollen, als ihren alten Spruch, kraft dessen die Ehe zwischen Heinrich und Catha- rina geschlossen worden, aufrecht erhalten? Da aber der Kö- nig diese seine rechte Gemahlin verstoßen, und eine andere genommen, so bezeichnete das Gericht die aus der neuen Ehe entspringende Nachkommenschaft unumwunden als illegitim. Werde der König nicht bis zu Ende Septembers Catharina in ihre Rechte herstellen, so solle er in die Pön der grö- ßern Excommunication verfallen seyn und von Jedermann ge- mieden werden. Anglici matrimonii sententia diffinitiva. Conc. M. Brit. III, 769. Clemens VII war mit sich selbst zufrieden, daß er etwas gethan, wovon man immer gesagt hatte, er werde den Muth dazu nicht haben. Auf den Grund daß er seine Pflicht erfüllt habe, forderte er nun aber auch die Andern Neuerungen Heinrichs VIII. d. i. den Kaiser und dessen Bruder auf, die ihre zu thun, und die ausgesprochene Sentenz zu vollziehn. Der Gesandte derselben antwortete: Kaiser und König würden sich in einer Sache die sie so nahe angehe nicht träge finden lassen. Schreiben des Sanchez an Ferdinand , 30 Maͤrz 1534 bei Bucholz IX, p. 123. War es aber nicht gleichsam ein neues Unglück, daß der römische Stuhl in dieser Sache von Anfang fremde Hülfe anrufen mußte? Die nationale Antipathie, die ohnehin so lebhaft erregt war, bekam dadurch zugleich eine politische Be- gründung. Schon hatte man sich in England vorbereitet, jedem Ver- suche des Papstthums zur Wiedererwerbung seiner alten Gewalt ernstlich zu begegnen; und zwar nicht allein durch Parlaments- beschlüsse und Gesetze, sondern nunmehr auch durch Umwand- lung der allgemeinen Überzeugung. Jetzt erst schlug man dort einen Weg ein, auf welchem man sich der deutschen Reforma- tion annäherte. Mit großem Eifer nahm man eine Frage vor, die in Deutschland , das sich vor allem andern mit der Wahrheit des Dogma und der Angemessenheit der Kirchendienste beschäf- tigte, minder wichtig geschienen, die aber hier die unmittel- barste Bedeutung erhielt, die Frage über den päpstlichen Primat. Schriften erschienen unter öffentlicher Autorität dagegen; De vera differentia regiae potestatis et ecclesiasticae. De potestate regis. Vergl. Strype Ecclesiastical memorials I, 272. man predigte auf den Kanzeln: „der Bischof von Rom genannt der Papst habe kein größeres Recht in England als irgend ein anderer fremder Bischof, die Autorität welche er bisher aus- geübt, rühre nur von Zugeständnissen früherer Könige her, die 4* Siebentes Buch. Erstes Capitel . man jetzt zurückzunehmen befugt sey.“ Der Bischof von Lon- don ward verantwortlich gemacht, daß diese und keine andere Lehre von Sonntag zu Sonntag in St. Pauls Croß gepre- digt werde. Im königlichen geheimen Rath hatte man sogar die Idee, Mayor und Rath von London zu verpflichten, daß diese neue Lehre in den Häusern wiederholt werden solle. Wenigstens hatte sie die Beistimmung der Geistlichkeit und der gelehrten Corporationen. Die Convocation von Canter- bury entschied mit großer Majorität, daß der Primat nicht aus der h. Schrift hergeleitet werden könne; einmüthig be- stätigte das die Convocation von York . Die Universität Cam- bridge erklärte, nach reiflicher Überlegung, nachdem sie das Dafür und Dawider sorgfältig geprüft, finde sie nicht allein wahrscheinlich sondern wahr, gewiß und mit dem Sinne der heil. Schrift übereinstimmend, daß Gott dem römischen Bi- schof keine Gewalt gegeben, die sich auch auf England bezie- hen könne. Academiae Cantabrigiensis determinatio adversus supre- matum papae. Conc. M. Brit. III, 771, wie denn auch die uͤbrigen Actenstuͤcke, auf die ich mich beziehe, sich ebendort finden. Dasselbe ist der Sinn der Erklärung von Ox- fort . Wharton zählte in der Exchequer 175 authentische In- strumente, in denen die verschiedenen geistlichen Würdenträger und Körperschaften ihre Adhäsion zu diesen Doctrinen erklärten. Die Einwirkung des Papstthums auf die Landeskirchen beruht besonders auf drei Momenten: darauf, daß es die oberste richterliche Instanz in geistlichen Angelegenheiten bildet, auf der dispensirenden Gewalt, und dem Rechte die Bischöfe zu insti- tuiren. Stück für Stück entriß man ihm in England diese Befugnisse. Im Jahre 1533 hob man wie berührt die Ap- Neuerungen Heinrichs VIII. pellationen nach Rom auf; das Parlament von 1534 ver- bot nun auch, Dispense in Rom nachzusuchen, und über- trug die Ausfertigung derselben den beiden Erzbischöfen un- ter ihrem Amtssiegel, jedem in seinem Sprengel. Für die Wahl und Einsetzung der Bischöfe wurden Einrichtungen getroffen, die nur auf einem Zusammenwirken der Capitel und des Kö- nigs beruhten und dem Papst keinen weitern Einfluß ließen. Der Erzbischof von Canterbury strich den Titel: Legat des apo- stolischen Stuhles, den er bisher geführt hatte, aus und nannte sich nur noch Metropolitan. Das Bisthum, auf längst ver- gessene Rechte fußend, setzte sich dem römischen Stuhle wie- der selbständig gegenüber. Wie die ganze Bewegung von dem Könige angeregt worden, so schlug sie auch zu dessen Vortheil aus. In- dem man in der Schrift vergeblich nach einer Begründung der päpstlichen Macht suchte, fand man dagegen die deut- lichsten Einschärfungen des Gehorsams gegen die weltliche Obrigkeit. Man hob hervor, daß nicht die Päpste, son- dern die Könige von Gott eingesetzt, dessen Stellvertreter seyen: daß der Bischof, der Priester, der Mönch, nicht min- der als der Laie, dem Könige Gehorsam zu leisten, sich sei- nem Richterspruch und seiner Strafe zu unterwerfen habe. Richardi Sampsonis regii sacelli decani oratio, qua docet hortatur admonet omnes, potissimum Anglos, regiae dignitati cum primis ut obediant, quia verbum dei praecipit: episcopo Romano ne sint audientes, quia nullo jure divino in eos quicquam pote- statis habet etc. Strype Eccl. Mem. V, p. 483. Die Gesetzkundigen führten aus, daß nur das im Grunde den alten englischen Gesetzen entspreche, daß alle Macht und Ge- richtsbarkeit die dem römischen Stuhl eingeräumt worden, nur Siebentes Buch. Erstes Capitel . von der höhern Autorität des Königs herrühre. Die Politiker fügten hinzu, daß das Reich einen einziger Körper ausmache, dessen Glieder die einzelnen Bürger, dessen Haupt Niemand als der König sey. Mit allem was vorangegangen, schloß es sehr wohl zusammen, daß das Parlament im November 1534 dem König nochmals und ohne Bedingung den Titel eines ober- sten Hauptes in der englischen Kirche votirte. Nicht allein wurden ihm die Annaten und ersten Früchte zugesprochen, sondern selbst die Befugniß, Mißbräuche und Ketzereien auszu- tilgen. So mächtig erhob sich die weltliche Gewalt über die geistliche. Gardiner rechtfertigte dieß Verfahren in einer eige- nen Schrift, in der er auseinandersetzte, daß zunächst die fal- sche Meinung von der Gewalt des Papstes, die jedermann blende, aus den Gemüthern der Leute entfernt werden müsse. Und wehe dem der zu widerstreben wagte! Mit allen Waffen der Gesetze ausgerüstet, kannte der König kein Er- barmen, selbst nicht gegen die ausgezeichnetsten Männer. Moore mußte sterben, weil er an der Überzeugung fest- hielt, daß die christliche Kirche eine einzige sey, daß man sich von ihr nicht trennen dürfe. Bischof Fisher ward des Hoch- verraths angeklagt, weil er dabei blieb, man dürfe die Schrift nicht anders auslegen als wie die Kirche gebiete, und dem- zufolge den Primat des Papstes nicht fallen ließ, den Kö- nig nicht als das Haupt der englischen Kirche anerkennen wollte. Der päpstliche Hof ernannte Fisher zum Cardinal, in der Hofnung, ihn vermöge der besondern Unverletzlich- keit, die sonst an diese Würde geknüpft war, zu retten; eben dieß war für den König ein Grund mehr, ihn nicht zu scho- nen. Konnte der Gegensatz stärker hervortreten? Sie starben Neuerungen Heinrichs VIII. beide als Märtyrer der großen Idee des Mittelalters von der Einheit der Kirche, deren Bekenntniß hier bereits als ein Verbrechen betrachtet wurde. Nach Herbert Fisher 21 Juni; Moore 7 Juli 1535. In der vaticanischen Bibliothek MS nr. 3922 findet sich eine Schrift un- ter dem Titel B. Thomae Mori Angli martyrium. Darin wird nun besonders Rede und Antwort die Moore vor Gericht gegeben, ausge- fuͤhrt. In seiner letzten Antwort merke ich folgende Stelle an. La chi xia tra gli Christiani è una sola, integra et indivisa, nè voi soli havete autorità senza il consentimento de tutti gli altri Chri- stiani di far nove leggi e statuti. Hiemit war das Schisma eigentlich vollkommen voll- zogen. Die Frage erhob sich, ob es, wie der König wohl ursprünglich beabsichtigte, dabei sein Verbleiben haben würde. Da man bei den Streitigkeiten zwischen der königlichen und der päpstlichen Gewalt auf die Entscheidung der Schrift zurückgegangen war und dieselbe günstig gefunden hatte, so folgte von selbst, daß man sich zu weiterem Studium der heiligen Bücher und zu ihrer Verbreitung unter das Volk aufgefordert fühlte. Schon im Dezember 1534 bat der Cle- rus von Canterbury den König, einige redliche Männer mit der Übersetzung der Bibel zu beauftragen. Der arme Tyn- dall , der zuerst unter unaufhörlicher Lebensgefahr Hand an dieß Werk gelegt, war endlich doch zu Antwerpen , wo er sich aufhielt, der niederländischen Regierung verrathen, fest- genommen, und auf dem Schloß Vilvorden hingerichtet wor- den, so überzeugt der kaiserliche Procurator sich auch zeigte, daß der Angeklagte ein frommer und gelehrter Mann sey. Sein letztes Wort bestand in dem Gebet, daß Gott die Au- gen des Königs von England eröffnen möge. Es schien Siebentes Buch. Erstes Capitel . jetzt, als würde dasselbe erfüllt werden. The life and story of the true servent and marty of God William Tyndall in Fox Acts and Monuments of martyrs I, p. 361. Mit aller Naivetaͤt und Glaͤubigkeit des alten Englands erzaͤhlt. Nach einiger Zeit schickte Cranmer das erste Exemplar einer englischen Bibel, die auf Tyndalls Übersetzung gegründet ist, dem Könige ein. Unmöglich konnte man die Schrift studiren, zumal in diesem Geiste der Opposition gegen das Papstthum, ohne auch andere Abweichungen von dem herkömmlichen System noth- wendig zu finden. Schon 1535 erschien ein Gebetbuch, worin nicht al- lein jene mit rothen Lettern gedruckten Versprechungen beson- derer Gnaden weggelassen waren, sondern die Verehrung der Maria ausdrücklich bekämpft wurde. Noch einmal stellte die Convocation im Jahr 1536 ein Verzeichniß falscher Meinungen zusammen, in welchem sich neben anabaptistischen und lollhardischen auch wohl einige lutherische finden: zu gleicher Zeit aber publicirte man Glau- bensartikel, die sich doch offenbar an die deutsche Theologie und die augsburgische Confession anschlossen. Eigentlich in Deutschland im Exil hatte sich Cranmer mit den Tendenzen durchdrungen die er als Erzbischof von Canterbury durchsetzte. Jetzt war ein Schotte angelangt, Alexander Alesse , und hatte eine Ausgabe der Melanchthonischen Loci für König Heinrich mitgebracht. Der Bischof Fox von Hereford und Nicolaus Heyt , die gegen Ende des vorigen Jahres in Sachsen ge- wesen, sich dort mit den Theologen über alle Glaubenssätze besprochen und durchaus einverstanden erklärt hatten, waren jetzt zurückgekommen, und hatten eine Erläuterung der Con- Neuerungen Heinrichs VIII. fession mitgebracht. Die Fassung des Artikels vom Abend- mahl, wo keiner Transsubstantiation erwähnt wird, scheint darauf hinzudeuten, daß diese Erläuterung dabei zu Grunde gelegt worden. Nach Seckendorf lautet sie: — quod in sacramento cor- poris et sanguinis domini vere substantialiter et realiter adsint corpus et sanguis Christi sub speciebus panis et vini, et quod sub iisdem speciebus vere et corporaliter exhibeantur et distribuan- tur omnibus illis qui sacramentum accipiunt; — in den Articles of our faith that under the forme and figure of bread and wine ‒ ‒ is verily substancially and really contained and comprehen- ded the very selfsame body and blood of our saviour J. Chr. ‒ ‒ and that under the same forme and figure of bread and wine the very selfsame body and blood of Christ is corporally, really and in the very substance exhibited, distributed and received of all them which receive the said sacrament. Auch in dem sogenannten bischöflichen Buche „Unterweisung eines Christen“, das unter öffentlicher Autorität im J. 1537 bekannt gemacht ward, lassen sich Spuren pro- testantischer Einwirkung nicht verkennen: z. B. in den Artikeln von der Anrufung der Heiligen oder der Heilighaltung der Feiertage, hauptsächlich wo von der Rechtfertigung durch das Verdienst Christi allein die Rede ist. Es versteht sich aber, daß die protestantischen Ansichten nicht in allen Stücken durchdringen konnten. Einmal war die Bildung der Geistlichen die hier zu ent- scheiden hatten, noch in dem hierarchischen Gesichtskreis be- fangen. Wir haben Gutachten der zur Berathung über das Buch niedergesetzten Commission, die aus 7 Bischöfen und 13 Doctoren bestand; Strype I, 503 und Appendix nr. 88 zunaͤchst in Bezug auf das Sacrament der Confirmation, woraus sich Geist und Wissenschaft der Versammelten schon mit Sicherheit ergiebt. von allen näherten sich eigentlich nur zwei den evangelischen Meinungen, Erzbischof Cranmer und Siebentes Buch. Erstes Capitel . Dr Barbar ; die übrigen ziehen ihre Beweise aus den fal- schen Decretalen oder andern der alten Kirche untergeschobenen Schriften, die sie für ächt halten, oder aus der Tradition, die sie nicht fallen lassen wollen, und bleiben den gewohnten An- sichten getreu. Sodann aber, sollten diese Geistlichen, die sich dem Könige angeschlossen um von ihm gegen die anticlericali- schen Tendenzen vertheidigt zu werden, den neuen Meinungen gegen sich selber Raum geben? Mit besonderer Ausführlich- keit verbreiten sie sich in dem Buche über das Sacrament der Weihe, auf welchem ihre eigene Autorität beruht. Sie hal- ten an der Lehre vom Character fest, bezeichnen es als ein un- veräußerliches Vorrecht des Bisthums, die Hierarchie fortzu- pflanzen, die Priester nach Prüfung ihrer Würdigkeit zu ordini- ren; den römischen Primat bestreiten sie mit der Behauptung, daß die heilige Schrift und das erste Jahrhundert keinen Un- terschied zwischen apostolischer und bischöflicher Gewalt kenne. Certain truth, that neither the scripture nor any father of the apostolical age mention our Saviour’s making any distinc- tion or disparity in the apostolical or episcopal character, but that all the apostles and bishops were settled upon a foot of equa- lity. Collier p. 141. Den orthodoxen Clerus zu unterstützen scheint ihnen ein wesent- licher Theil des königlichen Amtes. Bei dem vierten Gebote schärfen sie den Gehorsam auch gegen die geistlichen Väter ein, welche die Gewissen leiten. Wir sehen: haben sie sich des Papstes entledigt, so suchen sie doch nach der Seite des Volkes und der Laien hin ihre ganze Stellung zu behaupten. In wie fern es ihnen damit gelingen würde, bei dem freien Gebrauche der Schrift und Neuerungen Heinrichs VIII. der unleugbaren Einwirkung der deutschen Meinungen, war nun überhaupt die Frage, auf welcher das Schicksal der eng- lischen Kirche beruhte. Vor Augen lag daß man auf dem gewonnenen Stand- punct nicht stehen bleiben könne. Als Latimer das Buch, an dessen Ausfertigung er großen Antheil hatte, an Cromwell übersandte, sprach er seine Hofnung aus, daß der König, wenn noch etwas unrein geblieben sey, diesen alten Sauerteig in Zukunft einmal ganz ausfegen werde. And yett yf ther be any thynge ether uncerten or un- pure, I have good hope that the kynges hynesse wyll expurgare quicquid est veteris fermenti att lestway gyffe sum notte, that yt may appere he percevyth it, thong he doo toleratt it for a hime. Statepapers I, 563. Eine der größten Veränderungen des bestehenden Zustandes trat sogar auf der Stelle ein. Schon seit längerer Zeit war in England die Aufhebung der Klöster an der Tagesordnung: die königliche Gewalt war hiebei von der päpstlichen Autorität unterstützt worden. Nicht allein bedurfte sie dieser jetzt nicht mehr: zu den alten Mo- tiven kam auch das neue hinzu, daß sich eben in den Klöstern die meisten Vertheidiger der päpstlichen Ansprüche fanden. Eine Visitation, die man angeordnet, war überdieß auf un- verantwortliche Mißbräuche und Ausschweifungen, Greuel sagt Burnet wie in Sodom, gestoßen. Und so trug das Parlament kein Bedenken zuerst die kleinern Klöster aufzulösen und ihre Güter dem König zu besserm Gebrauch, als der in so vielen Sünden davon gemacht werde, zu überlassen. Es waren ihrer an Zahl 376. Zu der Annahme der Bill mochte es beitragen, daß nur die größern Abteien, die man Siebentes Buch. Erstes Capitel . fürs Erste von der Verschuldung der kleinern frei sprach, in dem Parlamente vertreten waren; aber auch diese konn- ten sich nicht lange halten. Die Lehre von der Recht- fertigung allein durch Christum, welche in diesem Augen- blick in der ganzen Welt um sich griff und auch hier bereits Wurzel geschlagen, vertilgte nothwendig das Vertrauen auf gute Werke, Gelübde und Klosterheiligkeit. Sollten wir es nicht für Wahrheit halten dürfen, wenn hie und da Prior, Subprior und Conventualen einmüthig diesen Grund ange- ben, weshalb sie ihr Kloster mit alle seinen Besitzthümern und Gütern dem König überliefern. Z. B. Andrews Northampton ; oder St. Francis in Stan- ford , bei Collier 159. Aber gewiß wandte die Regierung auch ihrerseits jedes Mittel an, um es dahin zu bringen. Für manchen Abt oder Mönch mochte es wohl entscheidend seyn, daß sie sich nur auf diesem Wege eine leid- liche Versorgung verschaffen konnten. Nach und nach lösten sich die meisten auch von den größern Klöstern freiwillig auf Wer sich ja nicht von selbst fügte, ward späterhin durch eine Parlamentsacte dazu genöthigt. Für die Kirchenverfassung im Allgemeinen, die hier wie überall auf das Bisthum gegründet ist, trug dieß nicht so viel aus als es scheinen könnte. Eben darum haben wohl die Bischöfe die Klöster mit minderem Eifer vertheidigt, weil diese von ihrer Autorität längst befreit waren. Ihr Ansehen gewann vielleicht sogar durch die Entfernung nahe stehender Nebenbuhler. Auf jeden Fall wuchs dadurch die Macht der Krone ungemein. Neuerungen Heinrichs VIII. Die englische Klostergeistlichkeit war eine der reichsten der Welt: ein venezianischer Gesandter giebt die Klostereinkünfte auf 500000 Duc. an; und was das sagen will, sieht man erst, wenn er hinzufügt, der gesammte englische Adel nehme nur 380000 Duc. ein. Alle diese Einkünfte fielen jetzt der Krone anheim. Dazu kamen aber die Kleinodien und Schätze, welche in den Klöstern aufgehäuft waren, die Güter der Rit- terorden, endlich die ersten Früchte, Annaten, Zehnten, die bis- her der Papst gezogen. Wenigstens eine annähernde Bezeich- nung von dem Zuwachs an Macht, den sie dadurch erlangte, mag es geben, wenn jener Venezianer die bisherigen weltli- chen Einkünfte auf ungefähr 700000, die neuen geistlichen aber auf mehr als 900000 Duc. berechnet. Die Einkünfte der Krone wären dadurch mehr als verdoppelt worden. Daniele Barbaro Relatione d’Inghilterra . Levati i mo- nasteri et messe al fisco le possessioni dei monaci, il re Enrico hebbe tanto di quelle quanto aveva prima d’entrata. Und fragen wir nun, was für ein Gebrauch davon ge- macht worden, so kann man denen nicht beistimmen, welche von einer Vergeudung derselben reden. Heinrich VIII war eher geizig als verschwenderisch, und wird nichts haben in andere Hände kommen lassen, als was er doch nicht an sich selbst bringen konnte. Er verwandte sein Geld vielmehr auf bes- sere Befestigung von England und Irland . Er baute Festun- gen an der Küste, setzte die Häfen in bessern Stand (auf Portsmouth allein soll er nach und nach 300000 Sc. gewandt haben) und erhielt eine allzeit gerüstete streitfertige Flotte. Wir dürfen wohl den Ursprung des commerciellen und maritimen Aufschwungs, den England nahm, in eben diese Siebentes Buch. Erstes Capitel . Zeiten setzen. Der Vater der Königin Elisabeth war auch in dieser Hinsicht ihr wahrer Vorgänger. Wie lebhaft man auch die moralische Haltung Hein- richs VIII in den meisten seiner Angelegenheiten verurtheilen mag, so muß man doch gestehen, daß seine Politik — welche England von dem Papstthum losriß, die Einheit der natio- nalen Gewalten erhielt, und die Krone mit einem Zuwachs von Streitkräften, der ihrer alten Macht gleichkam, verstärkte, — für England von unberechenbarem Vortheil gewesen ist. Wie sehr irrte der Papst, wenn er meinte, Kaiser Carl oder ein anderer katholischer Fürst werde seine Bullen in England zu exequiren vermögen. Eben die Beleidigungen welche zu rächen waren, gaben dem König die Kraft, die Rache unmöglich zu machen. In dem Kriege des Jahres 1536 trotzte Franz I nicht selten auf die Freundschaft des Königs von England : Carl V hütete sich wohl denselben zu verletzen: seiner eigenen Nichte gab er den Rath, sich lieber zu unterwerfen als weiteren Ge- fahren auszusetzen; höchstens die Ausflucht einer geheimen Protestation wollte er ihr gestatten. Und nun sehen wir wohl in welchem Zustand sich die allgemeinen Angelegenheiten befanden, in welchen Tendenzen der europäische Geist begriffen war. Das System der Ideen, auf welches das mittelalter- liche Europa sich gründete, seiner Natur nach zugleich poli- tisch und religiös, hielt überhaupt nicht mehr zusammen, man sagte sich auf allen Seiten davon los. Neuerungen Heinrichs VIII. Mochte auch Franz I die religiösen Meinungen der Pro- testanten in seinem Reiche verfolgen, — politisch und mili- tärisch wich auch er von der alten Einheit der Christenheit ab, mit dem vornehmsten Feinde derselben trat er in offenen Bund. In noch weit engerer Verwandtschaft mit dem Protestan- tismus standen aber die Unternehmungen des Königs von England , obgleich er den wesentlichsten Theil der dogmatischen Grundsätze desselben von seinem Reiche noch ausschloß. Mit der höchsten geistlichen Gewalt, deren Abhängigkeit von politischen Beziehungen Niemand besser kannte als er, trat er eben darum in offenen Kampf: es gelang ihm alle Sympathien, welche dieselbe in seinem Reiche finden mochte, zu erdrücken und eine antirömische Consolidation zu gründen, deren Energie und Stärke den Nachbarn und Feinden Rücksicht gebot. Nur zwei Fürsten gab es, welche die natürliche Tendenz hatten die alten Ideen aufrecht zu erhalten, den Papst und den Kaiser. Die spanischen Reiche deren Besitz dem Kaiser seine große Weltstellung verlieh, wurden nicht allein durch die strengste Aufsicht, eine Repression jeder Abweichung die ihres Gleichen nicht hatte, dabei festgehalten: sondern die scholastischen Doctri- nen die dort eben erst wahrhaft durchdrangen, die fortgehenden Maurenkriege, die Colonisation einer entfernten Welt auf den Grund der vor Zeiten angenommenen weltlichen Berechtigun- gen des heiligen Petrus, erfüllten die spanische Nation mit einem den hierarchischen Jahrhunderten entsprechenden Geiste der Rechtgläubigkeit und Verfolgung. Überdieß stellte das Kaiserthum in sich selbst die Eine Seite jener Einheit dar, welche die frühern Jahrhunderte anerkannt. Hätte man nicht glauben sollen, die beiden Repräsentanten der Einheit, der Siebentes Buch. Erstes Capitel . Kaiser und der Papst, würden sich, in dieser Zeit der Ge- fahr, auf das engste verbünden? Es gehört zu dem eigen- sten Getriebe der Epoche daß dieß nicht geschah. Der alte Kampf zwischen Papstthum und Kaiserthum trat wenigstens in einer Art von Eifersucht hervor, die zugleich geistlicher und po- litischer Natur war, und die vollkommene Vereinigung beider Gewalten verhinderte. An der unbedingten Erhaltung des geistlichen Regiments, wie es bestand, konnte dem Kaiser nichts liegen; eine Erhebung der kaiserlichen Macht bis zu einem we- sentlichen und fühlbaren Übergewicht war dagegen dem Papste verhaßt: wir haben wohl gesehen daß er sich dann lieber an Frankreich anschloß, ja selbst mit dem Erbfeinde, den Osmanen, wenigstens in indirecte Beziehungen gerieth. Bis in die obersten Spitzen der alten weltlich-geistlichen Hierarchie zeigten sich die zersetzenden Tendenzen. Darauf, ob sie voll- kommen Herr werden, oder ob die zusammenhaltenden, die doch auch noch stark und mächtig waren, die Oberhand be- haupten würden, beruhte nun die Zukunft von Europa und von Deutschland . Zweites Capitel . Befestigung des deutschen Protestantismus. Ich zweifle nicht: so war die Lage der Dinge; diese Kräfte standen einander gegenüber; diese Tendenzen walteten ob, und ihr Gegensatz gab auch dem deutschen Protestantis- mus seine Stellung. Wenn es darauf ankam, die Einheit der Christenheit in der Form wie sie bestand, die aber keinen Nutzen mehr schaffte und sich nur drückend erwies, aufzu- lösen, so hatte er den wesentlichsten Theil dieses Unterneh- mens auszuführen, den Kampf mit den geistlichen Meinun- gen und Vorurtheilen, welche die Gemüther so lange mit un- widerstehlicher Gewalt beherrscht und noch jedem Angriff Wi- derstand geleistet. Allein es wäre ein Irrthum, wenn wir glauben wollten daß die Protestanten in Anschauung dieser allgemeinen Verhältnisse gelebt hätten, sich derselben bewußt geworden wären. Von der Ferne der Jahrhunderte her kön- nen wir die großen Combinationen die in den Dingen liegen wahrnehmen: die eigentliche Thätigkeit in der jedesmaligen Gegenwart aber kann davon nicht abhangen: da kommt es allein auf die richtige Behandlung des unmittelbar Vorliegen- den an, auf die gute Sache die man hat, die moralische Ranke D. Gesch. IV. 5 Siebentes Buch. Zweites Capitel . Kraft die man einsetzt. Die Momente die den Fortgang der Welthistorie bedingen, sind ich möchte sagen ein göttliches Ge- heimniß: der Werth des Menschen beruht auf seiner Selbst- bestimmung und Thätigkeit. Bleiben wir hier nur dabei stehn, was in die Augen springt, daß die allgemeine Lage der Angelegenheiten den Pro- testanten unmittelbar förderlich werden mußte. Daß die Hierarchie eine Unternehmung im Sinne der albigensischen oder der hussitischen Kriege gegen sie zu Stande bringen sollte, ließ sich bei der Stimmung der Zeit nicht mehr erwarten. Der König von England , so weit er sich auch in andern Beziehungen von ihnen entfernte, war doch ihr Verbündeter gegen den Papst. Zunächst hatten sie es nur mit dem Kaiser zu thun. Dem wollten sie, wie wir wissen, die rechtliche Anerkennung der Form des Glaubens und Lebens die sie ergriffen hatten abgewinnen. Fragen wir nach den Mitteln die ihnen hiebei zu Ge- bote standen, so machten sie nunmehr allerdings eine an- sehnliche Zahl aus, sie bildeten einen Bund der Aufsehen in der Welt erregte, und hatten die öffentliche Meinung auf ihrer Seite; mit alle dem wurden sie jedoch bei weitem nicht fähig sich irgend ein Zugeständniß zu erzwingen. Vielmehr knüpfte sich auch hier die Hauptsache an die anderweiten Verhältnisse des Kaisers, sey es nun daß aus- brechende Feindseligkeiten demselben Rücksicht auf eine deut- sche Opposition geboten, oder daß ihm aus der Lage der all- gemeinen Angelegenheiten die Neigung entsprang sie zu be- günstigen, der Wunsch sich ihrer zu bedienen. Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . Es war nicht so leicht, wie man wohl glauben möchte, diese Momente zu ergreifen. Die Protestanten konnten ihre Verbindung mit den aus- wärtigen Mächten nicht aufgeben: und mußten sich doch hüten, von der Strenge reichsständischer Pflichten auch nur einen Schritt breit abzuweichen. Nach der ganzen Lage in der sie waren mußten sie Selbständigkeit und Unterordnung, Widerstand und Gehorsam, eine gesunde auf richtigem Ver- ständniß der europäischen Geschäfte beruhende Politik und un- wandelbares Festhalten der religiösen Grundsätze vereinigen. Es gab wohl nie eine politisch bedeutende Stellung, die per- sönlichem Ehrgeiz einen geringern Spielraum gelassen hätte. Wir haben nun zu beobachten, wie sie unter diesem Ver- hältniß verfuhren, ob und wie sie es weiter brachten. Zunächst hieng alles von dem Bestehen und der Fortbil- dung ihres Bundes ab. Erweiterung des schmalkaldischen Bundes. So viel die Protestanten auch seit dem Jahr 1530, wo sie dem Untergange nahe gewesen, gewonnen haben moch- ten, so befanden sie sich doch noch keinesweges in haltba- rem Zustand. Dem Friedensschluß zu Nürnberg und den späteren Er- läuterungen desselben zum Trotz hörte das Kammergericht, in welchem sich die Meinung der reichsständischen Majorität dar- stellte, und das nun, da der religiöse Streit ein Rechtsstreit geworden, für die geistlichen Angelegenheiten die größte Be- 5* Siebentes Buch. Zweites Capitel . deutung hatte, nicht auf, einzelne Stände, welche namentlich in dem Frieden eingeschlossen waren, zu belästigen. Seitdem aber waren noch so viel andre von der al- ten Kirche abgewichen: es läßt sich denken, wie lebhaft und ernstlich nunmehr diese von dem Kammergericht angegriffen wurden. Auf Anrufen des Abtes von Altencamp z. B. — denn wir müssen wohl einiger von diesen Fällen näher gedenken — wurden die Herzoge von Pommern sehr ernstlich ermahnt, al- les in den alten Stand wiederherzustellen: Vollmacht der Herzoge fuͤr B. Schwarten und H. Lerchen- felder , um dem Kammerrichter „den Mangel s. liebden angemasten Gerichtsgewalt in obrurten Sachen anzuzeigen“, bei Medem Ein- fuͤhrung der evangel. Lehre in Pommern p. 228. hiedurch glaubte sich der Abt berechtigt, Prälaten und Ritterschaft zum Wider- stand gegen die Fürsten aufzufordern. Die Stadt Hamburg , von ihren Geistlichen verklagt, besorgte täglich, in die Acht erklärt zu werden. Dabei fürch- tete sie nicht sowohl dieß Urtheil und die Execution desselben, als die Rückwirkung die es innerhalb ihrer Mauern haben würde: man glaubte, das Volk werde sich erheben und alle jene Geistlichen tödten. In Minden war bereits ein Pönalmandat eingetroffen. Die Bürger behaupteten, ihre ganze Schuld bestehe darin, daß sie einige Capellen vor den Mauern, die ihnen bei einem etwanigen Angriff hätten gefährlich werden müssen, abgebro- chen, und ein paar Glocken zu Kanonen umgeschmolzen, al- lein das Mandat zeige, daß von ihren ehemaligen Priestern noch vieles Andre vorgegeben und von dem Gericht als wahr angenommen worden sey. Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . Der Abt des Klosters Maulbronn verklagte den Herzog von Würtenberg und jeden einzelnen seiner Räthe, der an der Reformation dieses Klosters Theil genommen, und fand wie sich denken läßt bei dem Kammergericht mehr Gehör als etwa die zurückgebliebenen Conventualen, welche hinwiederum über den Abt Klage erhoben. Unmittelbar vom kaiserlichen Hof, aus Toledo , hatten die Geistlichen von Augsburg ein Mandat ausgebracht, worin die Stadt angewiesen wurde, in einer Frist von zwölf Tagen den alten Zustand wiederherzustellen, und zwar bei Verlust aller Regalien und Freiheiten. Im Gefolge dieser zweifelhaften Rechtsverhältnisse erho- ben sich nun aber Eigenmächtigkeiten ohne Zahl. Nicht allein die Herzoge von Baiern , sondern auch ein- zelne Edelleute hielten die Zinsen ein, welche in die Kirchen und Klöster von Augsburg gehörten. Wolf von Pappenheim mißhandelte einen Augsburger Bürger auf offener Reichs- straße; er drohte demselben die rechte Hand abzuhauen und sie seinen Mitbürgern „den ketzerischen Buben“ hineinzuschicken. So sperrten die Burgmannen von Friedeberg den Frankfurtern die Zinsen, die in ihr Barfüßerkloster gehört hatten. Vie- len Andern gieng es nicht besser, sey es nun daß Zinsen und Renten protestantisch gewordenen Städten schlechthin vorent- halten wurden, oder auch daß die katholischen Stifter, welche bisher eine oder die andre Pfarre zu versehen gehabt, dieß nicht mehr thaten und die dafür bestimmten Gefälle in eignen Nutzen verwandten. Aus den Abschieden der Bundestage, besonders des frankfur- tischen von Quasimodogeniti 1536, und des schmalkaldischen Oculi Siebentes Buch. Zweites Capitel . Die Vertheidigung der katholischen Interessen nahm die Gestalt der Selbsthülfe, gleichsam des Faustrechts an. Die mächtigsten Fürsten schienen entschlossen, die An- gelegenheiten auf diesem Puncte festzuhalten, ja die Lage der Dinge sich selbst zu Nutze zu machen. Schon im November 1533 hatten die norddeutschen altgläubigen Fürsten, Cardinal Albrecht , Churfürst Joachim I von Brandenburg und die Herzöge Erich von Calenberg , Hein- rich von Wolfenbüttel , Georg von Sachsen , einen Bund zu Halle abgeschlossen, worin sie sich verpflichteten, bei den bis- herigen Ordnungen zu bleiben, falls Einer von ihnen angegrif- fen werde, sich gemeinschaftlich zur Wehre zu setzen, jedoch Niemand zu überziehen der sich zum Nürnberger Frieden halte. Eine hiemit zusammenhaͤngende Beschwerdeschrift des Cardinal Albrecht , Churfuͤrst Joachims I , Georgs von Sachsen , Erichs des Alten , und Heinrichs des Juͤngern von Braunschweig , so wie Alberts von Meklenburg 22 Nov. 1533, im Magdeburger Provinzialarchiv. So unverfänglich dieß lautete, so sah man doch sehr bald, was auch bei diesem Vorbehalt erlaubt schien. Her- zog Erich trug bei dem Kaiser auf eine Achtserklärung gegen Hannover an, das eben damals der neuen Lehre Raum gab: oder wenn man dieß nicht rathsam finde, wenigstens auf ein Mandat, wodurch er berechtigt werde die Güter und Ren- ten der Stadt, die unter sein Fürstenthum gehörig, an sich zu nehmen. Im Januar 1535 machte man, hauptsächlich auf An- trieb des leitenden Staatsmannes in Baiern , Leonhard von Eck , den Versuch, den schwäbischen Bund wieder zu er- 1537 Erster Beiabschied, den Eingaben der Bedraͤngten und den Ant- worten die sie erhielten, ergeben sich diese Beschwerden. Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . neuern. Die ausgesprochene Absicht hiebei war, einen Bun- desrath aufzustellen, der, keinem selbständigen Einfluß popu- larer Elemente unterworfen, jede weitere religiöse Neuerung verhüten und nichts dulden solle, was nicht in dem Frie- den von Nürnberg begründet sey. Zwar scheiterte dieser Entwurf an dem Widerspruch der niedrigern Stände, Erklaͤrung von Augsburg und Ulm : „wa gepetner massen die Religion nit außgenommen oder hierinnen leidenlich mittel vnd weg gefunden wurden, daß Sy in den Pundt auß gemelten beschwer- nussen nit kumen kunden.“ Abschied daß Pundtstags zu Lawgingen , auf Misericordia Domini 35 gehalten, bei Spieß Geschichte des Kay- serlichen neunjaͤhrigen Bunds, p. 156. aber zwischen den Fürsten kam allerdings ein Bündniß in jenem Sinne zu Stande, der sogenannte neunjährige Bund, von dem man nicht voraussehen konnte daß er so wenig ausrichten würde als er wirklich ausgerichtet hat. Auszug aus dem kaiserlichen Mandat bei Winter II, 22. Hatten sich doch selbst protestantische Stände, wie Nürnberg und das fränkische Brandenburg , in eine Erneuerung der Beschränkun- gen des Nürnberger Friedens gefügt! Besonders schien die bairische Regierung nicht vertragen zu können, daß sich die religiöse Neuerung in ihrer Nähe festsetze. Der Herzog von Würtenberg behauptet, sie habe den Gedanken gehabt, sich bei Gelegenheit einer Reise seiner Person zu bemächtigen. Noch lebhaftern Widerwillen erregte ihr der Übertritt von Augsburg : es ist gewiß, daß sie den Kaiser um eine Ermäch- tigung ersucht hat, gegen diese Stadt zur Gewalt zu schreiten. Bei allen diesen Maaßregeln herrscht, wie man leicht sieht, der Gedanke des gerichtlichen Krieges vor, zu dem sich die Majorität im J. 1530 entschlossen hatte. Das Kammerge- richt sollte die Acht aussprechen, die Verbündeten gedachten Siebentes Buch. Zweites Capitel . sie zu vollziehen. Es war ihnen widerwärtig genug, daß der Kaiser durch den Frieden von 1532 und die darauf ergan- genen Declarationen einen großen Theil der Stände dem Be- reich dieser Gefahren entzogen hatte; aber von ihrem Recht gegen die Übrigen wollten sie darum mit nichten abstehn. Dadurch entsprang nun aber ein Zustand von Unsicher- heit für die nicht namentlich ausgenommenen Stände, der ganz Deutschland mit Feindseligkeiten erfüllte. Und welch ein zufälliger Unterschied war es doch, daß die Einen im Nürn- berger Frieden genannt worden, die andern nicht! Ein Zu- geständniß das nur auf dem Vortheil der frühern Zeit beruhte konnte unmöglich auf lange Dauer rechnen, wenn das dem- selben entgegengesetzte Prinzip stark genug war, zur Verfol- gung der später hinzugetretenen zu schreiten. Auf den ersten Blick leuchtete ein, daß das wahre Mittel, diesem Übel abzuhelfen, in der Aufnahme der Ge- fährdeten in den schmalkaldischen Bund bestehe, wodurch dieser verstärkt und jene geschützt werden konnten. Das hatte jedoch die Schwierigkeit, daß im Nürnberger Frieden Dieje- nigen denen er zu Gute kommen sollte, nahmhaft gemacht, und eben dadurch alle Andern von der Wohlthat desselben ausgeschlossen waren. Eine Erweiterung des Bundes war dabei zwar nicht verboten, aber auch nicht vorbehalten. Ge- riethen nicht die namentlich Einbegriffenen, wenn sie Andre in ihren Bund zogen, dadurch in Gefahr, die Concession wie- der zu verlieren, die ihnen zu Theil geworden? Nur in dem Einen Falle nicht, wenn dieselbe Macht welche die Concession gewährt hatte, sich auch einer Erwei- terung derselben wenigstens nicht geradezu widersetzte. Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . So eben ließ sich das hoffen. Französische Agenten durchzogen im Jahre 1535 Deutsch- land , und suchten besonders die evangelischen Stände auf ihre Seite zu bringen: Franz I rechnete auf sie bei seinem Vorhaben alle Gegner des Kaisers um sich zu sammeln und dadurch das Gleichgewicht mit demselben wiederherzustellen. Das Haus Östreich wandte alles an um dieß zu verhindern: besonders König Ferdinand , der vor dem Jahre empfunden, zu welchen Folgen eine Verbindung dieser Art führen konnte. Und dazu kam, daß sich an dem Hofe des Königs eine gewisse Sympathie für die Protestanten regte. Sie beruhte darauf, daß der König, der das Land mit vielen Schulden und überhaupt in bedrängtem finanziellen Zustand übernommen, auf die Bewilligungen seiner Landtage angewiesen war, wo Herren und Edelleute das meiste ver- mochten: unter diesen aber die Hinneigung zu den Grund- sätzen der religiösen Reform schon damals sehr stark um sich griff. Der Erzbischof von Lunden berichtet dem Kaiser im No- vember 1534, in seines Bruders Gebieten seyen Herren und Edelleute fast sämmtlich den lutherischen Meinungen zuge- than; keiner lasse sich sagen; schon werde auch der Bürger- stand und das gemeine Volk davon ergriffen. Lyntii d. XI Novembris 1534. Praeterea in omnibus do- miniis regiae Majestatis proceres et nobiles quasi omnes sequuntur Lutheri opinionem, et nemo verbo corrigitur, quisque agit pro suo arbitrio. Arch. zu Bruͤssel . Die Ein- gaben der Landstände, die unter andern bereits im Jahre 1531 die Predigt des lauteren Gotteswortes ohne menschlichen Zu- satz forderten, bezeugen diese Gesinnung. Geistliche Güter wur- den in Östreich fortwährend eingezogen, und man nannte Siebentes Buch. Zweites Capitel . die Familien die dadurch reich geworden. Unmöglich konnte in einem Lande, von welchem der Venezianer Cavalli be merkt, der Adel sey darin mächtiger als der Fürst, die Po- litik sich von diesen Einflüssen auf die Länge frei halten. Als den ersten Repräsentanten der deutsch-östreichischen, von den spanischen und römischen Interessen nicht geradezu fortgerissenen Politik müssen wir den Rath des Königs Jo- hann Hofmann ansehen, den wir zuerst als Hauptmann in Neustadt , und Schatzmeister finden, der aber allmählig am Hof die größte Rolle spielte. Längst war Salamanca ge- wichen; auch der Bischof von Trient hielt sich entfernt, weil er sah daß er doch nur wenig ausrichten könne; Hofmann , Rogendorf , Dietrichstein , Leonhard von Fels , enge unter ein- ander verbunden, hatten die wichtigsten Geschäfte in den Händen. Schon war Östreich den Herzogen von Baiern und dem Erzbischof von Salzburg nicht katholisch genug; sie wollten mit Hofmann nichts zu thun haben; „sie hal- ten ihn“, sagt Lunden , „für verdächtig in unserer Religion“; Lunden versichert, „es gebe wenig Leute am Hof, an de- nen man nicht einen Geruch der neuen Lehre spüre.“ Noch weniger zufrieden waren die norddeutschen Katholiken, welche den Abschluß eines katholischen Bundes und die Errichtung eines Heeres, das dann wie gegen die Protestanten so auch gegen Frankreich gebraucht werden könnte, Schreiben des Erzbischofs von Lunden 8 April 1535. Op- tabant ob id, ut notabilis exercitus in Germania M tis Vestre no- mine conscribatur, ‒ ‒ medietatem majestates vestre ambo sti- pendia exolverent; reliquam medietatem ipsi principes in im- perio stabilire atque exigente necessitate exercitum totum con- tra Francorum regem aut Wayvodam emittere, et eorum opera pro voluntate uti. in Antrag ge- Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . bracht, aber damit wie sich denken läßt kein Gehör gefunden hatten. Wäre ein solcher Bund nicht in der That eben das Mittel gewesen, um die Protestanten zu einer Vereini- gung mit Frankreich , die man vermeiden mußte, vorwärts zu treiben? Vielmehr näherte sich der Hof ganz offenbar den Pro- testanten. Den Verlust von Würtenberg lernte er allmählig ver- schmerzen; als im Frühjahr und Sommer nach einander Landgraf Philipp und Herzog Ulrich in Wien erschienen, ward ein gutes Vernehmen mit ihnen hergestellt. Dem Her- zog ward Würtenberg verliehen, zwar als ein östreichisches Afterlehen, aber ohne die strengern Verpflichtungen die man ihm anfangs hatte auflegen wollen. Mit dem Landgrafen sprachen die kaiserlichen Räthe sogar von einem Bündniß; sie trugen ihm die Vermählung seines Erstgebornen und Er- ben mit einer Tochter des römischen Königs an. Hierauf bedachte sich auch Johann Friedrich , der schon seit einiger Zeit mit Hofmann in vertraulicher Correspondenz stand, nicht länger, sich im November 1535 nach Wien zu be- geben. Die beste Aufnahme wurde ihm zu Theil. Er empfieng die Belehnung mit der Chur, was seine Räthe wohl, in Erin- nerung an die allgemeine Bedeutung dieser Würde, die sich an die Idee des Kaiserthums knüpfte, selbst als einen Fort- schritt in der religiösen Angelegenheit ansahen, als eine neue Anerkennung der Christlichkeit ihres Bekenntnisses; sein clevi- scher Ehevertrag ward ihm jetzt wenigstens von Seiten des Königs bestätigt. Dagegen gab er einige Schlösser an der ve- nezianischen Grenze auf, die ihm von Friedrich dem Weisen Siebentes Buch. Zweites Capitel . her gehörten; obgleich der Kaiser noch immer den Frieden von Cadan nicht ratificirt hatte, und er deshalb wohl be- rechtigt gewesen wäre seine Anerkennung der römischen Kö- nigswürde, die sich hieran knüpfte, zurückzunehmen, so ließ er sich doch eine neue Erstreckung des Termines gefallen: der König war höchst erfreut ihn wider Erwarten so nach- giebig zu finden: er meinte, hätte er ihn auf dem Reichs- tag von 1530 so gut gekannt, so sollten die Dinge nicht so weit gekommen seyn. Bei dieser günstigen Stimmung hatte nun aber der Chur- fürst auch nicht gesäumt, die allgemeine Angelegenheit seiner Glaubensgenossen, auf die es ihm am meisten ankam, die Er- weiterung des Nürnberger Friedens, zur Sprache zu bringen. In einem Bedenken fuͤr die Zusammenkunft in Wien im weimarischen Archiv heißt es: Des Kammergerichtes Fuͤrwendung, es nehme keine Religionssachen vor, sey durch den Cadanischen Ver- trag abgeschnitten, „indem das sich Koͤn. Maj. verpflicht hat, obwol uf beruͤhrten Nuͤrnbergischen Friden etwas Mißverstand — welcher Mißverstand eben des Kammergerichts Gegenfuͤrwendung gewest — fuͤrgefallen, sol er doch aufgehoben sein, jetzt aber komme es auf die Erstreckung des Nuͤrnberger Friedens, auf die spaͤter zum Evange- lium getretenen an, weil sonst jeder Beschwerte auf Buͤndniß in oder außerhalb des Reiches gedenken werde.“ Bemerken wir wohl, daß der König einen besonderen Antrieb hatte, ihm hierin gefällig zu seyn. Der Kaiser hatte wirklich Anwendung der Gewalt ge- gen die Stadt Augsburg erlaubt, wofern sie sich hartnäckig zeige, wie sie denn that, und schon machten die Herzoge von Baiern Miene, auf diesen Grund die Stadt anzugrei- fen. Der Vortheil weder des Königs noch des Kaisers wäre gewesen, diesen damals wichtigsten deutschen Han- delsplatz in die Hände von Baiern gerathen zu lassen, Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . dessen Freundschaft für das Erzhaus nicht eben sehr sicher war; Ferdinand sah es nicht ungern, wenn Augsburg ge- gen die Macht der Herzoge einen anderweiten Rückhalt ge- wann. Der Bischof von Lunden , der sich damals am Hofe des Königs aufhielt, und sonst keineswegs als ein Anhän- ger Johann Hofmanns erscheint, stimmte ihm doch in die- ser Sache bei: in seinen Briefen empfiehlt er Augsburg und Ulm dem Kaiser, hauptsächlich deshalb, weil die Einflüste- rungen französischer Emissare in diesen Städten kein Gehör gefunden. Und zu diesen Rücksichten kam noch eine reli- giöse. In Augsburg schien sich der Zwinglianismus fest- zusetzen; wovon weitaussehende Nachwirkungen zu fürchten gewesen wären; Ferdinand forderte den Churfürsten auf, et- was dagegen zu thun. Der Churfürst antwortete, vergeb- lich würde man suchen die Anhänger Zwinglis wieder in die Gebote des Papstthums zu schnüren; möglich sey nur, sie zur Annahme der Augsburger Confession zu bewegen; aber dazu gehöre vor allem, daß ihnen der nürnbergische Friede und der cadanische Vertrag zu Gute komme. In Neudeckers Urk. p. 244. „Damit mein Fleiß bei inen eher zu Gedeihen gereichen moͤchte, — — wil ich verhoffen — wo sie durch mich vertroͤstet wuͤrden, das sie sich des kays. Friedens und auch des Cadanischen Vertrages, so vil die Religion betrifft, gleich mir und andern sollten zu erfreuen haben, — E. Koͤn. Maj. wer- den sie desselben genießen lassen.“ Man darf nicht mit Seckendorf sagen daß dieß Schreiben von Melanchthon verfaßt sey. Sein Gut- achten ist jetzt ebenfalls gedruckt ( Corpus Ref. II, 781), ist aber mit dem Schreiben keineswegs identisch. Alle diese Motive nun, Besorgniß vor den Tendenzen des Zwinglianismus, vor einer unbequemen Machtvergröße- rung von Baiern und vor den noch immer drohenden Er- Siebentes Buch. Zweites Capitel . folgen der französischen Politik, vermochten jetzt den König, einen Schritt weiter zu gehn als bisher. Unmöglich ließ sich allein für Augsburg unterhandeln, was als Feindseligkeit gegen Baiern hätte ausgelegt werden können: der König entschloß sich zu einem ganz allgemeinen Zugeständniß. Indem er, wie früher, Stillstand am Kammergericht in allen Sachen Glauben und Religion belangend zusagte, ließ er doch — und eben darauf kam es an — die nament- liche Aufführung der hiedurch Bevorzugten, worin die ganze Beschränkung des Nürnberger Friedens lag, dießmal weg. Bei Sleidan IX , 546 findet sich ein Bericht, nach welchem es scheint als sey dieß doch nicht erreicht worden, wie das denn auch in das Werk von Seckendorf und dessen Nachfolger uͤbergegangen ist. Allein die Erklaͤrung die der Churfuͤrst von Sachsen nach sei- ner Ruͤckkehr aus Weimar in Schmalkalden von sich gab, hebt alle Zweifel. Er sagt da: „er habe so viel erlangt, daß Koͤn. Majestaͤt gnediglich gewilligt von wegen Sr kais Majestaͤt in allen Sachen den Glauben und Religion belangend alsbald einen wirklichen Still- stand an Camer und andern Gerichten zu gebieten und zu verschaf- fen.“ Der erste Artikel dieser Wiener Abrede setzte den Friedestand fest bis auf ein Concilium: „oder mitler weil am Kammergericht und sonst nicht zu procediren.“ Laͤge darin nichts weiter als was in Nuͤrnberg oder Cadan bestimmt worden war, so waͤre es gar nichts. Die Auslassung der namentlichen Bezeichnung das ist die erhaltene Concession. Bei dem systematischen stillen Gange, in dem sich die deutschen Angelegenheiten vorwärts bewegen, ein nicht zu übersehender Schritt. So viel wenigstens liegt darin, daß von Seiten des Königs der Erweiterung des Bundes kein ernstliches Hinderniß entgegengestellt werden würde. Johann Friedrich war damit fürs Erste zufrieden. Unverweilt gieng er von Wien nach Schmalkalden , wo eine zahlreiche Versammlung seiner bereits harrte. Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . Auch ein französischer Gesandter war daselbst eingetrof- fen, um ein Verständniß seines Herrn, der damals jenen Einfall in Savoyen vorbereitete, einzuleiten. Dem Hause Östreich ward die Nachgiebigkeit König Ferdinands sofort ver- golten. Der Gesandte gab einen Entwurf ein, der in den wenigst anstößigen Ausdrücken die er nur finden konnte ab- gefaßt war. „So ganz linde gestellt daß er vermeint hat uns in solche Verstaͤndniß zu bewegen.“ (Erzaͤhlung des Churfuͤrsten.) Der Churfürst und seine Verbündeten ant- worteten mit aller äußern Schonung, sie wiesen das Ver- ständniß nicht mit dürren Worten zurück; aber sie machten eine Bedingung welche den Zweck des Königs aufhob, sie nahmen alle Die aus, denen sie mit Lehen und Huldigungs- pflichten verwandt seyen, namentlich den Kaiser. In der offiziellen Antwort hatte Melanchthon , der den Ent- wurf dazu machte, geschrieben: Pollicentur se nemini opitulaturos esse contra eum ‒ ‒ in iis rebus quae non pertinent ad Roma- num imperium . Dieß war dem Canzler nicht ausdruͤcklich genug; er schrieb: in iis rebus quae non pertinent ad invictissimum im- peratorem et Romanum imperium . Der Ge- sandte entfernte sich: von einer Rückantwort des Königs die er versprach hat er doch nie etwas verlauten lassen. Unter diesen Auspicien schritt man zur Erledigung der mern Geschäfte des Bundes. Die alten Mitglieder desselben entschlossen sich, ihn auf die folgenden zehn Jahr zu erneuern; sie wußten sehr wohl, daß sie ihrer Verbindung die Freiheit der Religion verdank- ten die sie genossen. Hierauf aber, nach den Erklärungen Johann Friedrichs über seine Wiener Verhandlungen, trugen sie auch kein Be- denken, die Schranken zu durchbrechen welche sie sich in dem Nürnberger Frieden ziehen lassen. Hatten sie sich doch, wie Siebentes Buch. Zweites Capitel . gesagt, damals durch keine ausdrückliche Verpflichtung ge- bunden. Versichert daß ihr eigner Friede dadurch nicht werde gestört werden, beschlossen sie, Alle in ihren Bund aufzuneh- men die darum nachsuchen und sich der augsburgischen Con- fession gemäß halten würden. Diese Bedingung setzte Jo- hann Friedrich an die Stelle einiger allgemeinen Ausdrücke welche früher vorgeschlagen worden waren. Der erste Entwurf lautete: „daß zur Erweiterung und meh- rerem Trost alle diejenigen Staͤnde, so itzo angesucht und nachmals darum ansuchen wuͤrden, die Gott und sein heiliges Evangelium lau- ter und rein bekennen, Friede liebten und sich als fromme Leute hiel- ten, und sonst mit Ursachen nicht beladen, dadurch man sich ihrer ent- schlagen muͤßte, in solche christliche Verstaͤndniß einzunehmen seyn sollten.“ Nach der Ankunft des Churfuͤrsten wurde aber die Bedin- gung ausdruͤcklicher dahin bestimmt, daß die Aufzunehmenden die Augs- burgische Confession bekennen und sich „den andern Einigungsverwand- ten in allen Puncten und Artikeln gemaͤß halten sollten.“ Eher konnte die Frage seyn, ob Denen die den Augs- burger Abschied mit unterschrieben, das Recht zustehe sich davon loszusagen. Sie begründeten ein solches auf die ungebühr- liche Verzögerung des Conciliums, welches damals verspro- chen worden: — nicht auf immer meinten sie sich der Zu- geständnisse der alten Reichsabschiede entäußert zu haben. Das vornehmste Interesse hiebei war nun aber jetzt, so gut wie früher, die gemeinschaftliche Vertheidigung gegen die Proceduren des Kammergerichts. Die Verbündeten beschlos- sen, die neue Zusage des Königs demselben bekannt zu ma- chen. Da es aber nach allem was bisher vorgegangen noch immer zweifelhaft blieb ob das Gericht darauf Rücksicht neh- men würde, so kamen sie überein, wofern dasselbe dennoch zur Acht schreite und deren Vollstreckung veranlasse, dieß als einen Act der Gewalt zu betrachten und ihm mit Gewalt Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . zu begegnen. Denn der Majorität, von welcher das Gericht abhieng, nachzugeben hielten sie sich auf keine Weise verpflich- tet. Hiezu ward sogleich die erforderliche Hülfleistung und zwar auf 20000 M. z. F. und 4000 M. z. Pf. festgesetzt. Eine Frage, die bei dem Ineinanderfallen geistlicher und weltlicher Verhältnisse unvermeidlich war, was in jedem Falle Religionssache sey, mußte nun auch von Bundes wegen in Anregung kommen. Denn nur für die geistlichen, nicht für die weltlichen Angelegenheiten war er geschlossen. Man kam überein, jedesmal durch Stimmenmehrheit zu entscheiden ob man sich einer Sache anzunehmen habe oder nicht. So weit gelangte man binnen einiger Tage in Schmal- kalden : der Abschied ist vom 24sten Dezember 1535. Abschied zu Schm. am h. Christabend 1535. Weim. A. Ge- gen Ende April des folgenden Jahres trat man aufs neue zu Frankfurt a. M. zusammen, um zur Aufnahme der neuen Mitglieder zu schreiten, die indeß darum angesucht. Es waren Herzog Ulrich von Würtenberg , die Herzoge Barnim und Philipp von Pommern , von denen der letz- tere sich im Laufe des Winters mit der Schwester des Chur- fürsten vermählt hatte, die Fürsten Johann Georg und Joa- chim von Anhalt : ferner die mächtigen Städte Augsburg und Frankfurt im obern, Hannover und Hamburg im nie- dern Deutschland : auch Kempten . Einem jeden ward ein an- gemessener Beitrag für den Fall eines Krieges auferlegt. Augsburg wurde angeschlagen auf 5000, Hamburg auf 4000, Frankfurt auf 3000, die beiden Fuͤrsten von Anhalt auf 2000, Kemp- ten auf 900, Hannover auf 767 Gulden; mit Wuͤrtenberg , das auf 10000, und Pommern , das wie der Churfuͤrst von Sachsen angeschla- gen wurde, kam man nicht voͤllig uͤberein. Ranke D. Gesch. IV. 6 Siebentes Buch. Zweites Capitel . Man faßte den Plan, der bald darauf auch ausgeführt wor- den ist, in den Bundesrath vier neue Stimmen einzuführen, zwei für die Fürsten, zwei für die Städte, so daß ihrer nun- mehr dreizehn wurden. Die Zunahme des Protestantismus im Reiche kam hie- durch erst, wie wir sehen, dem Bunde zu Statten. Nur mußte, ehe man die Sache für abgeschlossen hal- ten konnte, auch die Erörterung der religiösen Differenzen, de- ren Beilegung zwar angebahnt, aber nicht völlig zu Stande gebracht war, nochmals vorgenommen werden. An jeder Stelle greifen Politik und Theologie in einander. Unermüdlich thätig war in der Zwischenzeit Butzer ge- wesen. Fünf Wochen lang finden wir ihn in Augsburg : dann in Constanz : dann im Würtenbergischen: endlich brachte er es so weit, daß fast alle oberländische Prediger seine vermittelnde Formel annahmen, deren Nachdruck darin liegt, daß Brod und Wein allerdings Zeichen, aber zugleich dar- reichende Zeichen seyen; Brod und Leib seyen eins, jedoch sacramentlich, ohne Vermischung. Nicht allein Melanchthon , mit dem Butzer in Cassel zusammenkam, sondern auch Luther hatte sich damit einverstanden erklärt, und nur noch eine ab- schließende Zusammenkunft beider Theile in Vorschlag gebracht. Zur Seite der weltlichen Räthe versammelten sich auch die oberländischen Theologen in Frankfurt . An dem Tage an welchem der Abschied unterzeichnet ward, 10 Mai 1536, brachen sie sämmtlich nach Thüringen auf. Es waren Capito und Butzer von Strasburg , Frecht von Ulm , Otther von Eßlingen , Wolffhardt und Mäußlin von Augsburg , Schüler von Memmingen , Bernhardi von Frankfurt , Alber und Schra- din von Reutlingen . Luther war durch Krankheit verhindert Wittenberger Concordie . in Eisenach zu erscheinen, wie er versprochen hatte, und sie mußten sich entschließen ihn in Wittenberg heimzusuchen. Auf dem Wege gesellten sich ihnen einige thüringisch-sächsische Theo- logen zu: was den Vortheil gewährte, daß man sich — und zwar nicht von der Enge einer Conferenzstube beschlossen — näher kennen lernte und von der beiderseitigen Geneigtheit zum Frieden überzeugte. Der alte Widerwille, „das trübe Wasser“ schien sich wieder regen zu wollen, da so eben der Briefwechsel zwischen Zwingli und Oekolampad erschien, der nicht immer glimpflich lautete. Butzern gelang es glücklicherweise seine Unschuld an dieser Publication darzuthun. Auch in der Sache trat noch einmal eine bedeutende Differenz heraus. Luther hatte die Erklärung gefordert, daß der Leib Christi im Abendmal nicht allein von den Unwürdigen sondern auch von den Gottlosen empfangen werde. Die Oberländer ga- ben jetzt das Erste zu, nicht aber das Letzte. Bemerken wir wohl, daß hier noch einmal der Unter- schied der lutherischen und der schweizerischen Auffassung zu Tage kam. Jene, an dem Objectiven des Geheimnisses fest- haltend, nahm die Austheilung auch an die Gottlosen an. Diese, die von dem subjectiven Moment ausgegangen, konnte allenfalls den Genuß des wahren Leibes bei den Unwür- digen zugeben, vorausgesetzt daß dieselben die Kraft des Sa- cramentes im Allgemeinen anerkennen, nimmermehr aber bei den Gottlosen, die davon vielleicht gar nichts halten. Auf diese beiden Worte war jetzt der ganze Streit zurückgebracht, doch enthielt er noch die Verschiedenheit der ursprünglichen Auf- 6* Siebentes Buch. Zweites Capitel . fassung; Die Versicherung Butzers , daß er in Wittenberg den Unter- schied zwischen Gottlosen und Unwuͤrdigen hervorgehoben, hat man in Zweifel gestellt, ja ganz verworfen. Planck ( III, 380) meint, der Umstand wuͤrde der ganzen Concordie eine andre Gestalt geben, doch sey in den uͤbrigen Nachrichten nichts davon zu finden, und wahr- scheinlich habe Butzer einen Unterschied den er spaͤter machte, antici- pirt und in jene Zeit gesetzt. Nun findet sich aber in einer authen- tischen Relation: Handelung und Vergleichung der Theologen zu Wit- tenberg (in Luthers W. Altenb. VI, 1045) die Sache doch eben so. Da erklaͤrt Butzer : „Das haͤtte in ihren Kirchen zu viel grob lau- ten wollen, daß sie solten gelehret haben (man hatte es ohne Zwei- fel von ihnen verlangt) daß auch die Gottlosen den Leib Christi em- pfiengen.“ Er faͤhrt dann fort: „Dagegen wolten sie dem nicht zu wider seyn, daß nach dem Spruche Pauli die Unwuͤrdigen auch den Leib und das Blut Christi empfiengen.“ Luther sagt: „Wir haben gehoͤrt daß ihr glaͤubet, — stosset euch allein der Gottlosen halben, bekennet aber doch, daß die Unwuͤrdigen den Leib des Herrn nicht ver- kehren werden.“ In der Relation des Myconius scheint impius in der Bedeutung von unfromm genommen zu werden; Butzer verstand aber ohne Zweifel unter impius einen Unglaͤubigen, und das Argu- ment, auch Judas habe doch im Garten den wahren Leib Christi um- faßt, konnte auf ihn wenig wirken. Die Sache selbst erhellt dann noch aus der Articulorum concordiae declaratio quam habuit Bu- cerus . Corp. Ref. III, p. 80. hätte man hartnäckig seyn wollen, so würde an dem Einen Wort noch alles haben scheitern können. Luther hatte von dem Churfürsten die ausdrückliche Anweisung, von der erkann- ten Wahrheit nicht abzuweichen. Was aber Melanchthon be- merkt, daß man durch den Streit mit den Gegnern auch diesseit vieles gelernt habe, davon zeigte Luther durch die That daß es auch an ihm wahr sey. Er sah wohl ein, daß wenn er seinen Ausdruck mit voller Strenge festgehalten hätte, auch Türken und Juden Theilnahme an dem Mysterium zugeschrieben, der Begriff der Impanation, den er selber verwarf, hergestellt wor- den wäre. „Nur der Gottlosen halben“, sagte Luther end- lich, „stoßt ihr euch: darüber wollen wir nicht zanken: wir erkennen euch und nehmen euch an als unsere lieben Brü- Wittenberger Concordie . der in Christo.“ Dem wackern Butzer , der um diese Ver- söhnung das größte Verdienst hatte, traten die Thränen in die Augen, als er sein Ziel nun so weit erreicht sah: mit falteten Händen dankte man Gott. Ohne Zweifel eins der größten Ereignisse für die Ent- wickelung der evangelischen Kirche. Die Oberländer nahmen die augsburgische Confession und deren Apologie schlechthin als das eigene Bekenntniß an; „Mehr hab ich nicht wissen zu fordern oder dringen.“ An Georg von Brandenburg bei Hartmann und Jaͤger II, p. 40. wovon sie früher noch weit entfernt gewesen. Luther dagegen erkannte sie als seine Brüder im Glauben, was er dem Ulrich Zwingli dort zu Marburg abgeschlagen hatte. Auf beiden Seiten ließ man die bisherigen Mißverständnisse fallen. Die Oberländer ergriffen das Einleuchtende einer tie- feren Auffassung; sie erwehrten sich nur des schroffsten Aus- drucks derselben, durch den sie auch in der That wie- der zweifelhaft wurde. In Wittenberg dagegen ließ man den Gründen der oberländischen Auffassung mehr Gerechtig- keit widerfahren; namentlich erkannte Melanchthon die Ana- logien derselben in der alten Kirche. Auch auf dieser Seite läuterten sich die Ansichten. Luther erklärte wohl: ihm sey es nie um die Weise und Maaß der Gegenwart zu thun gewesen, sondern nur um die Gegenwart selbst; man müsse nun auf beiden Seiten die Streiche und Schmerzen des al- ten Haders vergessen, vergeben und vertragen. Schreiben an Jacob Meier in Basel : — muͤndliche Erklaͤ- rung an Butzer nach dessen Relation bei Heß Heinrich Bullinger I, p. 273 Auch über alle andern streitigen Puncte verständigte man sich. Siebentes Buch. Zweites Capitel . Am Himmelfahrtstage 1536 predigte Luther über den Text: Gehet hin in alle Welt und verkündiget das Evan- gelium allen Heiden. Myconius sagt: er habe ihn oft pre- digen hören: damals aber sey ihm vorgekommen als spreche er vom Himmel her in Christi Namen. Und gewiß gab diese theologische Versöhnung, zusam- mentreffend mit der Erweiterung des Bundes, den Prote- stanten neue Aussichten auf festes Bestehen und allgemeine Welteinwirkung. Sie wußten nicht anders, als daß die engere politische Vereinigung zu der sie geschritten, von dem Reichsoberhaupte gebilligt werde, daß ihr Daseyn und ihre Bewegung auf ge- setzlichem Boden beruhe. Mit dem Kaiser und dem König glaubten sie in dem besten Verständniß zu stehen. Auf eine Anfrage wegen der Wiener Abrede antwortete König Fer- dinand : was er einmal versprochen, das suche er auch zu vollstrecken: den rechtlichen Stillstand habe er der letzten Abrede gemäß dem Kammergericht aufs neue geboten. Insbruck 8 Aug. „Was sich Koͤn. Mt einmal in Handlung einlaͤßt, das ist J. Mt zu vollstrecken gnaͤdiglich geneigt, wie denn J. Mt auf die jungst Wienisch bescheen Handlung den Stillstand bei dem kaiserl. Kammergericht erneuert und verschaffen hat.“ Da- gegen zögerte auch Johann Friedrich nicht, eine wahrschein- lich damals in Wien gethane Zusage zu erfüllen, und einige Fähnlein zu dem Heere das sich in den Niederlanden ver- sammelte, stoßen zu lassen. Seiner Sache sicher gab er den- selben einen Feldprediger mit, um mitten im kaiserlichen La- ger das reine Gotteswort zu verkündigen. So heißt es ausdruͤcklich in der angefuͤhrten Beschreibung dieses Feldzugs von der Hand des Feldpredigers Veit Weidener . Kein Wunder Erweiterung des schmalkaldischen Bundes . wenn auch der Kaiser sich sehr gnädig vernehmen ließ. Um jede Annäherung der Protestanten an Frankreich zu verhin- dern, erklärte er aus seinem Feldlager von Savigliano , wo die letzten Unterhandlungen vor dem Zug in die Provence gepflogen wurden und auch ein päpstlicher Gesandter anwe- send war, er werde den aufgerichteten Stillstand halten, Nie- mand überziehen, den Zwiespalt in der Religion überhaupt nur durch friedliche Mittel beizulegen suchen. 7 Juli. Abgedruckt bei Neudecker Urkk. 268. Waren sie aber hier mit dem Kaiser verbündet, so ge- reichte ihnen — so sonderbar war ihre Stellung — auf einer andern Seite das Mißlingen seiner Absichten, jener Ausgang des nordischen Krieges, den wir schon berührten, zum Vor- theil. Bei den Anstrengungen die gegen Frankreich gemacht werden mußten, war man in den Niederlanden nicht im Stande, die Unternehmung des Pfalzgrafen Friedrich gegen Dänemark , die der Kaiser noch immer im Auge hatte, mit der gehörigen Kraft ins Werk zu setzen. Als der Pfalzgraf in den Niederlanden anlangte, fand er die Vorbereitungen bei weitem unter seiner Erwartung, und entschloß sich die Sache für dießmal aufzugeben. Schreiben des Herzog Heinrich , mitgetheilt in einer der Streit- schriften Philipps v. Hessen gegen ihn: bei Hortleder I, iv , 19, nr. 41. Vergeblich erwartete die Kopenhagener Besatzung die Hülfe die man ihr von dort aus zugesagt. Auch die Unterstützung die sie von Deutsch- land bisher noch empfangen hörte auf. Besonders der Erzbischof von Bremen war es, durch dessen Theilnahme und Bemühung ihr solche bisher zu Theil geworden; aber damit war jetzt nicht einmal der Bruder desselben, Herzog Siebentes Buch. Zweites Capitel . Heinrich einverstanden. Dieser selbst vielmehr und der Land- graf von Hessen trugen bei, daß sich der Erzbischof mit ei- ner Geldzahlung Christians III zufriedenstellen, alle weitere Feindseligkeit fallen ließ. So geschah daß Kopenhagen am 29sten Juli 1536 an den neuen König übergieng. Wir er- wähnten bereits, welche Veränderung Dieser in dem Reiche vornahm. Es liegt am Tage, daß die Einführung der evan- gelischen Lehre in Dänemark , die Befestigung eines mit den meisten protestantischen regierenden Familien in alter Ver- wandtschaft stehenden Hauses auf einem nordischen Throne den protestantischen Interessen überhaupt neuen Rückhalt gab. Gerade in dieser Zeit eines durch inneres Verständniß, Fortgang nach außen und politisches Glück erhobenen Selbst- gefühles mußte es nun seyn daß den Protestanten eine Ein- ladung zugieng, die zuletzt dahin zielte sie wieder in das alte Verhältniß zur römischen Kirche zurückzuführen. Ankündigung eines Conciliums. Vom ersten Augenblick seiner Verwaltung an hatte sich Paul III , nicht ohne mißbilligenden Rückblick auf seinen Vorgänger, entschlossen erklärt, das Concilium, von dem schon so lange die Rede war, zu Stande zu bringen. In Rom wollte man es zwar auch ihm nicht glau- ben: Soriano : Li suoi più intimi cardinali tengono che la voce sia vana, che se bene dice et ha detto di volerlo, che tutto sia finto nè voglia S. S tà in modo alcuno. denn er habe eine Untersuchung der Mittel und Wege, durch die er emporgekommen, nicht viel weniger zu fürchten Ankuͤndigung eines Conciliums . als sein Vorgänger. Der Unterschied war jedoch, daß wenn Clemens ein Concilium nur gefürchtet hatte, Paul III besser einsah, wozu es dem römischen Stuhle wohl auch nützlich wer- den könnte. Noch im Jahr 1535 ward ein Nuntius, Ver- gerio , nach Deutschland geschickt, um zunächst wenigstens den Ort wo es sich versammeln sollte — der Papst be- stimmte Mantua — aufs Reine zu bringen. Auf dem Wege durch Norddeutschland kam der Nun- tius auch nach Wittenberg , wo man ihm unerwartete Ehre erwies, z. B. im churfürstlichen Schloß Wohnung gab: es ist wie eine Berührung zwei verschiedener Welten, daß er hier eines Morgens Luther bei sich sah. Er wünschte, seinem Herrn von der Persönlichkeit die- ses größten aller seiner Gegner berichten zu können. Auch auf Luther machte es Eindruck daß er einen Ab- geordneten der höchsten geistlichen Gewalt — von der er ei- nen so großen Theil der Welt losgerissen — nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sehen sollte. Er legte seine be- sten Kleider an, das Kleinod das er bei feierlichen Gelegen- heiten um den Hals trug, und ließ sich schmücken. Denn er wolle, sagte er scherzend, jung erscheinen, als Einer der wohl auch in Zukunft noch etwas ausrichten könne. Doctor Bugenhagen begleitete ihn. „Da fahren“, sagte Luther , als sie beisammen im Wagen saßen, mit ironischem Selbstgefühl, „der deutsche Papst und Cardinalis Pomeranus .“ Ernster werdend fügte er hinzu: „Gottes Werkzeuge.“ Der Nuntius hatte einen andern Begriff von Papst und Cardinälen. Wie die meisten Italiener, vermißte er in Luther die Äußerlichkeiten einer imponirenden Gegenwart, Ab- Siebentes Buch. Zweites Capitel . gemessenheit des Betragens. Er nahm es übel daß Luther , als er der Zeit gedachte wo er in Rom Messe gelesen, sich ein unwillkürliches Lächeln entschlüpfen ließ, daß er in einem Augenblick wo das Gespräch stockte, mit der Frage hervor- kam, ob man ihn nicht in Italien für einen trunkenen Deut- schen halte. Dabei wurden aber doch die wichtigsten Dinge berührt: die englische Angelegenheit: worüber sich Luther nicht ohne Zurückhaltung äußerte, eigentlich das Einzige an ihm, was auf den Nuntius einen guten Eindruck machte; — die Einrichtungen der neuen Kirche: Luther sagte, da man jen- seit ihre Priester nicht mehr weihen wolle, seyen sie selbst zur Ordination geschritten, er zeigte auf seinen Begleiter als einen so geweihten Bischof; — hauptsächlich das Concilium. Luther erklärte, er glaube nicht daß es in Rom mit diesem Vorhaben Ernst sey: wenigstens werde man auf einer vom Papst veranstalteten Versammlung von nichts anderm als von clericalischen Nebendingen handeln: und doch wäre ein freies gemeines christliches Concilium höchlich von nöthen: „nicht für uns,“ sagte er, „die wir aus dem lautern Got- teswort die gesunde Lehre bereits haben, sondern für Andre welche Eure Tyrannei noch fesselt.“ „Bedenke was du sagst,“ versetzte der Nuntius; „du bist ein Mensch und kannst irren.“ „Nun wohl, antwortete Luther , habt ihr Lust dazu, so be- ruft ein Concilium, ich will kommen, und solltet ihr mich verbrennen.“ „Wo wollt ihr das Concilium haben?“ fragte der Nuntius. „„Wo es euch gefällt, in Padua , Florenz oder Mantua .““ „Würdet ihr auch nach einer päpstlichen Stadt kommen, wie Bologna ?“ „„Heiliger Gott, hat der Papst auch diese Stadt an sich gerissen? aber ich werde kommen.““ „Auch Ankuͤndigung des Conciliums . der Papst würde zu euch nach Wittenberg kommen.“ „„Er komme nur her: wir wollen ihn gern sehen.““ „Wie wollt ihr ihn sehen, allein, oder mit einem Kriegsheer?“ „„Wie es ihm beliebt, wir wollen beides erwarten.““ Aus dem Berichte des Nuntius nach Rom hat Pallavicini einen Auszug. In einer Schrift an Johann Friedrich berichtet der Nuntius noch einiges andre. Luther glaubte sich anfangs zum Schwei- gen verpflichtet; vgl. sein Schreiben an Justus Jonas IV, p. 648: Egi Lutherum ipsum tota mensa. Das Wichtigste ist immer die Nachricht wie Vergerius zu Wittenberg ankommen ꝛc. Bei Walch XVI, 2293. In Einem Moment fliegen die verschiedensten Möglich- keiten, die im Dunkel der sich vollziehenden Ereignisse ruhen, dem Geist vorüber. Das zunächst Bemerkenswerthe ist, daß es Luthern wirk- lich um die Malstatt nicht zu thun war. Auch seinem Für- sten gab er das zu erkennen: und dieser, auf seiner Reise in Prag von dem Nuntius angeredet und dann in Wien wei- ter dahin gedrungen, hat dort wirklich in die Berufung nach Mantua gewilligt. Aber dabei, wie sich versteht, war weder des Fürsten noch Luthers Meinung, von den Bedingungen einer freien und unparteiischen Erörterung nur im mindesten zurückzutre- ten. Eine solche hervorzurufen, war die ursprüngliche Ab- sicht gewesen; man hatte dabei die reformatorischen Bestre- bungen des letzten großen Concils in Basel im Auge ge- habt, und die Freiheiten desselben nur noch zu vermehren gedacht. Der vorwaltende Gedanke in diesem Augenblicke war, daß unter dem Schutze des Kaisers eine Anzahl von gelehrten und frommen Männern erwählt werden solle um die wichtigsten Streitfragen zu entscheiden. Luther studirte Siebentes Buch. Zweites Capitel . die Geschichte der ältesten Concilien; die Ordnung die in Nicäa gehalten worden, das Ansehen das die bessere Mei- nung eines Einzelnen über die Vorstellungen der Mehrzahl gehabt, machte einen großen Eindruck auf ihn. „Ja,“ hörte man ihn einmal seufzend ausrufen, „ein general, frei, christ- lich Concilium. Nun, Gott hat allen Rath in seiner Hand.“ Im April 1536, bei seiner Anwesenheit in Rom , brachte Carl V auch die Berufung eines Conciliums aufs neue in Antrag; der Papst und die Cardinäle giengen ohne Schwie- rigkeit darauf ein; bei der Abfassung der Bulle wurden auch kaiserliche Bevollmächtigte, namentlich Granvella , zu Rathe gezogen. Bald darauf ward das Concilium in aller Form auf den 23sten Mai 1537 nach Mantua ausgeschrieben. Ob es dem Papst jetzt ein Ernst damit sey, war für diejenigen, welche die Dinge übersahen, noch immer zwei- felhaft. Hatte er doch nicht einmal mit dem Herrn des Or- tes, wohin er es berufen, dem Herzog von Mantua , vor- läufige Rücksprache genommen. Im Augenblicke der Ankün- digung brach der Krieg zwischen Kaiser und König, der noth- wendig alles rückgängig machen mußte, mit neuer Heftig- keit aus. Daran aber kann kein Zweifel seyn daß sowohl der Kaiser als der Papst die vorläufige Einwilligung der Prote- stanten zu haben wünschten. Granvella erzählt, der erste Ent- wurf zur Bulle sey bei der Berathung der Commissarien „nicht ohne Mysterium,“ das heißt doch, nicht ohne geheime Rück- sichten, verbessert worden. Granvelle à l’empereur 23 avril 1535: „Et y a eu mi- stère de la réduire ainsi.“ Es war wohl eine von diesen Ankuͤndigung des Conciliums . Rücksichten, wenn man eine Formel deren sich Papst Cle- mens bedient: „das Concilium solle frei seyn nach dem viel- hundertjährigen Gebrauch der römischen Kirche“, welche den Protestanten als eine Verspottung erschienen war und ihren heftigsten Widerspruch erregt hatte, dieß Mal wirklich weg- zulassen sich entschloß. Man wollte sie nicht von vorn herein, nicht ganz und gar abschrecken. Im Herbst 1536 machte sich abermals ein Nuntius, Peter van der Vorst , aus Antwerpen , Bischof von Acqui , auf, um wie den übrigen deutschen Fürsten, so auch den protestanti- schen das Concilium anzusagen. Durften nun aber die Protestanten wohl glauben, daß dieß das Concilium sey was sie immer im Sinne gehabt, was die Reichstage gefordert? Sie hätten si absichtlich verblenden müssen um es an- zunehmen. So ängstlich man bei jener Ankündigung gewesen war, allen Anstoß zu vermeiden, so bemerkten doch die Protestan- ten, daß darin weniger von Erörterung der Glaubensartikel als von Ausrottung der Ketzereien die Rede sey. Der Papst sagte: er wolle dem Beispiel seiner Vorgänger nachfolgen; — sie erinnerten, eben von diesen seyen sie verdammt worden. Ohne Zweifel war Paul III so gut wie irgend ein frü- herer Papst entschlossen die päpstlichen Prärogative und das ganze bisherige System aufrecht zu erhalten. Schon stand er mit den heftigsten Verfechtern der alten Lehre, den Gegnern Luthers von Anfang an, in vertraulicher Unterhandlung. Er sprach seine Billigung der Schriften von Faber und von Eck über die Messe und den Primat aus, Siebentes Buch. Zweites Capitel . und verhieß sie wieder drucken zu lassen, denn auf diese Puncte komme es jetzt vor allem an. Faber hatte ihn auf- merksam gemacht, wie schädlich es werden könne, wenn man der Versammlung die Bücher Luthers und seiner Anhänger mittheile, wie dieß leicht eine weitere Verbreitung der ketze- rischen Meinungen zur Folge haben dürfte. Formidandum est vehementer quod multi ex aliis natio- nibus, si totos libros haereticorum in concilio legerent, non modo non illos impugnarent, verum potius inde Lutherani et haeretici redderentur. Der Papst billigte, daß dem Concilium blos ein Auszug ihrer Behaup- tungen vorgelegt würde, und zwar jeder Satz sogleich mit einer katholischen Widerlegung versehen. So wenig dachte er daran, eine freie Erörterung zuzulassen. Nur über abge- rissene Sätze sollte geurtheilt werden, ohne Rücksicht auf ihre Begründung. Und selbst die Zurückhaltung, die Vergerio empfohlen, beobachtete der Papst nur einen Augenblick. In einer Bulle über die Reformation des Hofes, die er in dieser Zeit er- ließ, sagt er unverholen, er habe das Concilium zur Aus- rottung der verpestenden lutherischen Ketzerei angekündigt. Rainaldus Tom. XXI, 40. Man muß sich hier vor einem sonderbaren Mißgriff des Rainaldus huͤten. Er theilt p. 18. ein aus- fuͤhrliches Schreiben des Papstes Pauls III an den Kaiser vom 31 Juli 1535 mit, welches aber nichts ist als die Uͤbersetzung eines Schreibens Clemens VII von demselben Tag, aber im J. 1530. Unter diesen Umständen konnten die Protestanten wohl nicht zweifelhaft seyn, ob sie das Concilium annehmen soll- ten oder nicht. Sie sahen mit Bestimmtheit voraus, daß der Papst es in seinem Sinne einrichten, sie darin verdam- men lassen werde. Jenes Versprechen Johann Friedrichs Ankuͤndigung des Conciliums . wegen der Malstatt konnte sie nicht irren. Es war an die Bestätigung der jülichschen Erbverträge geknüpft, welche nie- mals eingetroffen sind; ohne Mühe entschloß sich Johann Friedrich , die Verbindung seiner persönlichen und der allge- meinen Angelegenheiten überhaupt fallen zu lassen. „Seine goͤ tt l i che Allmaͤchtigkeit wuͤrde es doch mit der Juͤ- lichschen Sache nach seinem Willen wohl machen.“ Eben darum wird des Wiener Vertrags, den man auf keiner Seite weiter ur- girte, spaͤterhin nur wenig Meldung gethan. Die Frage war nur, wie man sich bei der Verwerfung zu verhalten habe. Die Gelehrten riethen, das Ausschreiben des Papstes nicht geradehin zurückzuweisen, da er sich darin doch nicht förmlich als Richter bezeichne, jeder Verhandlung in der be- fürchteten Weise aber durch die Forderung einer vorläufigen Aufstellung von unparteiischen Richtern zu begegnen. So viel als möglich wollten sie sich im gewohnten Wege der Ordnung halten. Auf der Versamm lung , der verbündeten Stände in Schmalkalden im Februar 1537 kam vor allem diese Frage in Berathung: und einige Stimmen erklärten sich auch hier im Sinne der Theologen. Aber die Meisten sahen doch mehr die Thatsachen an als die Form: sie fanden daß dieß Concilium eigentlich das Gegentheil von dem seyn würde was sie gewünscht, durchaus in den Händen des römischen Hofes, von welchem sie abgefallen, von dem sie schon so gut als verurtheilt seyen. Sie erklärten sich für die einfache Recusation, die am Ende allgemein beschlossen ward. Schmalkaldischer Abschied Oculi 1537. Die Einladungsschreiben des Papstes verschmähten sie auch nur anzunehmen. Es schien ihnen als würde schon durch die Siebentes Buch. Zweites Capitel . Annahme allein das Recht, die kirchliche Hoheit des Papst- thums anerkannt. Überrascht und durch die allerdings et- was linkische Weise wie man dabei verfuhr, beleidigt, zog sich der päpstliche Nuntius zurück. Eine eigentliche Antwort gaben sie nur dem Kaiser, der das Concilium ebenfalls empfahl. „Er möge sich erinnern,“ sa- gen sie darin, „daß in den Jahren 1523 und 1524 ein gemei- nes freies Concilium zur Ausrottung der in der Kirche einge- rissenen Irrthümer und Mißbräuche versprochen, diese Zusage auch noch in dem Frieden von Nürnberg wiederholt wor- den sey. Damit aber habe man nicht ein Concilium in den Formen der früheren gemeint, noch auch ein solches wie es der Papst jetzt in Aussicht stelle, von dem er selbst erkläre, er berufe es zur Ausrottung der lutherischen Ketzerei. Un- möglich sey es ihnen, eine Versammlung dieser Art zu be- suchen, am wenigsten in Italien . Vielmehr ergehe ihre Bitte an den Kaiser, daß er ihnen ein wahrhaft freies Concilium ohne alle parteiische und verdächtige Handlungen in deut- schen Landen verschaffen möge. Der Christlichen Confeßionsverwandten, Churfuͤrsten ꝛc. Ant- wort auf Kayserl. Majestaͤt Antragen, so viel das Concilium anlangt. Datum Schmalkalden Sonnabend am Tage Matthiaͤ 1537. Bei Walch XVI, 2333. Die Frage über die Prärogativen des Papstthums, die man früher in den Bekenntnißschriften anzuregen vermie- den hatte, nahm man nun erst ernstlich vor. Die Artikel welche Luther bei dieser Zusammenkunft in Schmalkalden ab- faßte und alle anwesende Theologen unterschrieben, sind, wie der Abschied dieß auch ausdrücklich bemerkt, in der Haupt- sache nichts als eine Wiederholung der in Confession und Ankuͤndigung des Conciliums . Apologie aufgestellten Lehre. Nur über den päpstlichen Pri- mat hatte man für gut gehalten sich näher zu verständigen. Man kann nicht zweifeln ob Luther denselben verwarf. Seine Gründe waren erstlich, wie er schon einst in Leipzig ausein- andergesetzt, daß die heilige Kirche lange Jahrhunderte ohne Papst gewesen, daß die griechische Kirche ihn noch nicht kenne und dennoch christlich sey; — sodann daß sich der Papst nicht an dem einfachen Inhalt der christlichen Lehre genü- gen lasse: er fordere, daß man ihm gehorche, so werde man selig. Schmalkaldische Artikel, 4ter Artikel, vom Pabstthum, bei Walch XVI, 2340. Darin ihm nachzugeben hätte er für einen Abfall von Gott und Christus gehalten. „Wir wollen es nicht thun,“ ruft er aus, „oder darüber sterben.“ Bei dem Widerstreit der Stellung welche die Protestan- ten einnahmen, und der Anmuthungen die man ihnen machte, stieg ihnen vielmehr ein ganz andrer Gedanke, weitester Aus- sicht, auf. Johann Friedrich meinte, man müsse dem päpstlichen Concilium ein andres entgegensetzen, ein wahrhaft freies all- gemeines christliches Concil. In eine nahmhafte, in Europa bekannte Reichsstadt, etwa nach Augsburg , könne es beru- fen und hier durch eine von den Bundesverwandten aufzu- bringende, Jahr und Tag im Felde zu erhaltende Kriegs- macht beschützt werden. Doctor Martin Luther , mu seinen Nebenbischöfen, oder auch vielleicht die Stände selbst sollten es ausschreiben. Man müsse dafür sorgen, daß die Zusam- menkommenden, — Bischöfe, Ecclesiasten, Pfarrer, Prediger, Theologen, auch Juristen, — doch ungefähr dritthalbhundert Ranke D. Gesch. IV. 7 Siebentes Buch. Zweites Capitel . seyen, damit es ein Ansehen habe. Man müsse Engländer und Franzosen, überhaupt aber einen Jeden einladen, der des Glaubens halben aus der heiligen Schrift etwas vorzutragen habe. Denn nur nach der Schrift, ohne alle Rücksicht auf menschliche Satzungen wolle man verhandeln. Das werde ein heiliges Concilium seyn, das über die Lehre entschei- den dürfe. Johann Friedrich hegte die Hofnung, der Kaiser werde entweder durch seine Bevollmächtigte oder sogar auch in Person daselbst erscheinen. Gedenk Zeddel von was Artikel zu reden und zu handeln seyn will des Concilii, auch andrer Sachen halben, Corp. Ref. III, 139. Das Actenstuͤck ist nicht datirt. Ich moͤchte es nicht mit dem Herausgeber in den August, sondern eher in den Dec. 1536 setzen. Der 18te Jan. 1537 wird als der Termin angegeben, wo die Arti- kel fertig seyn sollen, und zwar nicht ohne den Ausdruck der Eile. „Do es der Doctor mit ichte thun (fertig bringen) koͤnnte.“ Nur selten erheben sich die Protestanten, die immer um ihr Daseyn kämpfen müssen, zu so kühnen und allgemeinen Entwürfen. Die Minorität, die bisher nur an dem ihr sel- ber durch die früheren Reichsabschiede verliehenen Rechte fest- gehalten, hätte sich hiedurch auch als Vollstreckerin derselben in ihrem allgemeinen Inhalt aufgestellt. Sie hätte sich als die Repräsentation einer zu ihren ursprünglichen Grundsätzen zu- rückkehrenden universalen christlichen Gemeinschaft constituirt. Es war aber wohl dafür gesorgt, daß es so weit nicht kam. Viele wurden schon von dem Ungewohnten erschreckt: sie meinten, es werde scheinen als wolle man sich, selbst mit den Waffen, noch einmal wider die ganze Welt setzen. Für eine Stadt wie Augsburg , die so eben ihre Existenz in Gefa hr g esehen, war es ein zu kühner Gedanke, eine Ver- sa mm ung von so allgemeiner Bestimmung in ihren Mauern Ankuͤndigung des Conciliums . aufzunehmen. Dazu kam, daß derjenige Mann, der durch das Ansehen das er genoß, allein fähig gewesen wäre eine grvße Versammlung zu leiten, ihre Einheit zu erhalten, Martin Lu- ther , eben dort zu Schmalkalden von einer schmerzhaften Krankheit heimgesucht ward, die ihn dem Tode nahe brachte; er trat überhaupt in das Lebensalter, wo die Kräfte abneh- men und die Bestrebungen einer unmittelbar eingreifenden Wirksamkeit minder lebhaft werden. „Mit mir ist es aus,“ sagt Luther auf der Ruͤckreise zu Butzer — „hilft mir Gott auch dieß Mal, so habe ich doch keine Kraft mehr. Laßt Ihr Euch die Kirche befohlen seyn.“ Heß Bullinger I, 272. Wir sehen wohl, wie diese Dinge standen. Das alte verfassungsmäßige Mittel, kirchliche Irrthü- mer und Mißbräuche abzustellen, das die Evangelischen einst selbst aufgerufen, ein Concilium, sollte jetzt wider sie ange- wendet werden, ungefähr eben so, wie innerhalb des Reiches die Jurisdiction des Kammergerichts ein Werkzeug in der Hand ihrer Gegner geworden war. Sie vermochten nicht, diesen Instituten die Gestalt zu geben, welche sie für die rechtmäßige, in den früheren Abschieden begründete hielten, ob- wohl sie das nicht aufgaben: es blieb ihnen nichts übrig, als die abgesonderte Stellung zu behaupten, die sie dem ei- nen und dem andern gegenüber einmal eingenommen. Was nun das Concilium anbetrifft, so ward die Ent- scheidung einer andern Zeit vorbehalten: es ist die Frage an welche sich die großen Ereignisse der späteren Zeit knü- pfen. Fürs Erste war davon wenig die Rede; rechter Ernst war es doch auch dieß Mal nicht gewesen; noch war die Zeit nicht gekommen, welche Paul III erwartete. 7* Siebentes Buch. Zweites Capitel . Dagegen brachte der kaiserliche Vicecanzler und Orator, Doctor Matthias Held , der mit Vorst nach Schmalkalden kam, die Reichsangelegenheiten nochmals in einem ihnen feind- seligen Sinne zur Sprache, und fand dabei eine Unterstützung welche plötzlich wieder eine allgemeine Gefahr herbeiführte. Nürnberger Bündniß. Vor allem nahm Doctor Held das Verfahren des Kam- mergerichts in Schutz. Der Kaiser, sagte er, habe demsel- ben Befehl gegeben, in allen Dingen Gerechtigkeit auszuüben und nur die Religionssachen aufzuschieben, und ganz so verfahre es denn auch. Natürlich aber müsse es selbst er- messen was in jedem Falle Religionssache sey. Wollte der Kaiser den Protestanten überlassen, dieß zu bestimmen, so würde er die Regel nicht allein des Rechts, sondern auch des Evangeliums verletzen, nach welcher auch der andere Theil gehört werden müsse. Die Protestanten wandten ein, die Religionssachen zu unterscheiden sey keine Sache der Willkühr: alle die seyen dafür zu erklären, die nicht ausge- macht werden könnten, ehe die Entzweiung im Glauben bei- gelegt worden. Allein darauf nahm er keine Rücksicht. Er suchte den Standpunct jenes ersten Bescheides vom Jahr 1533, der wahrscheinlich sein eigenes Werk gewesen, wieder zu gewinnen. Der Friede von Cadan , die Abrede von Wien existirten für ihn nicht. Und eben so entschieden verwarf er auch die Aufnahme neuer Mitglieder in den schmalkaldischen Bund. Der Kaiser, sagte er, könne denen, die sich durch ihr Wort und ihr Siegel verpflichtet, die Reichsabschiede zu Verhandlungen des Dr Held . halten, unmöglich gestatten, eigenmächtig davon abzuweichen: er werde die Zusage geltend zu machen wissen die ihm gesche- hen sey; wolle jemand zurücktreten, so müsse ein solcher erst die Genehmigung des Hofes dazu nachsuchen. Genug, dem Gerichtshof, von dem die Protestanten ausgeschlossen waren, und in welchem der Mittelpunct der sie bedrohenden Feind- seligkeiten lag, suchte er die ganze Freiheit des Verfahrens vorzubehalten, welche diese beschränken wollten. Es sollte ihm überlassen bleiben, in welchen Sachen, gegen welche Stände es die alten Rechte geltend machen wolle. Da sei- nen Aussprüchen die Reichsacht folgen mußte, wäre keinen Augenblick weiter an ein ruhiges Bestehen zu denken gewesen. Die einzige einigermaßen authentische gedruckte Notiz uͤber diese Verhandlungen findet sich bei Schmidt Theil VIII, p. 374, wo sich jedoch sonst uͤber die Heldische Angelegenheit gar viele Irrthuͤmer kund geben. Von um so groͤßerem Werthe war mir ein Actenstuͤck im Bruͤsseler Archiv ohne Titel im 4ten Bde der Documens rela- tifs à la reforme, Piece 85, das die Verhandlungen uͤber Concil, surséance d. i. das Kammergericht, und novi adhaerentes d. i. den Nuͤrnberger Frieden, Vortrag, Antwort, Replik und zweite Antwort enthaͤlt. Die Protestanten, die sich auf den Frieden von Cadan , die Abrede zu Wien , das Schreiben von Savigliano ver- ließen, hätten eine Erklärung dieser Art nimmermehr erwar- tet. „Wir sind alle ganz erschrocken gewesen,“ sagt der Land- graf, „wir waren wie vor den Kopf geschlagen.“ „Wir hatten uns,“ sagt ein sächsischer Gesandter, „einer Bekräftigung des kaiserlichen Friedens versehen, nicht dieses Untrosts.“ Auch wir unsres Ortes, nachdem wir die friedliche Hal- tung wahrgenommen, die der Kaiser und nicht einmal freiwil- lig jetzt einhielt, müssen vor allem die Frage aufwerfen, ob eine Erklärung wie diese wirklich seinen Absichten entsprach. Siebentes Buch. Zweites Capitel . Wir können sie glücklicherweise mit ziemlicher Sicherheit beantworten. Nach dem mißlungenen französischen Feldzug hatte Carl V die nunmehr zu ergreifende Politik sorgfältig in Erwägung gezogen, Im Anhang denke ich dieß Gutachten, das sich im Bruͤsse- ler Archiv in der originalen Geheimschrift befindet, mitzutheilen. und sich am Ende entschlossen, auf neue Unter- handlungen mit Frankreich einzugehn, und zwar zunächst wie- der in Bezug auf Mailand . Er und seine Räthe hielten daran fest, daß in einem Abkommen mit Frankreich die erste Bedingung einer freien Bewegung nach jeder andern Seite hin liege; aber dabei verbargen sie sich doch auch nicht, wie schwer es seyn werde, zu einem solchen zu gelangen: und seinem Bruder wenigstens ließ der Kaiser melden, daß er es mit nichten hoffe: ohne Zweifel werde der König die Ent- zweiung in Deutschland ferner zu seinen Zwecken nähren, einen neuen Angriff der Osmanen veranlassen; vielleicht habe er schon den Papst gewonnen. Der Kaiser gab die Besorg- niß zu erkennen, daß der Papst und zwar aus Rücksicht auf Frankreich das Concilium gar nicht mehr wolle. est besoing ‒ ‒ ‒ adviser ce que sera de faire en cas que le pape, par induction dudit roy de France ou pour craincte que ledit sainct pere a de perdre son auctorité ou royaume de France , qu’il ne voulsit entendre a la celebration dudit concille soubz couleur de ladite guerre dentre nous et ledit Roy de France . Und unter diesen Umständen hätte er seinen Abgeord- neten angewiesen, eine Sprache zu führen welche die Ent- zweiung in Deutschland erst recht entflammen, die Prote- stanten in ihr altes Mißtrauen gegen seine Absichten zu- rückwerfen und den Einflüsterungen des Königs von Frank- reich Gehör verschaffen mußte? Verhandlungen des Dr Held . So schlecht verstand Carl V seine Sache nicht. Im Brüsseler Archiv findet sich die Instruction die er dem Doctor Held im October des Jahres 1536 nach Deutsch- land mitgab. Darin nun beauftragt er denselben, seinem Bruder zwar nochmals zu versichern daß er trotz der ob- waltenden Bedrängnisse und der zweideutigen Haltung des Papstes nichts zu bewilligen gedenke was der Substanz des Glaubens und der Kirche zuwiderlaufe; ihm aber zugleich vorzustellen daß man Deutschland doch auch nicht in noch größere Verwirrung gerathen lassen dürfe: leicht möchte man sonst Kirche und Kaiserthum zugleich zu Grunde richten. Held sollte den römischen König fragen, ob sich in Deutsch- land das Concilium nicht vielleicht durchsetzen lasse auch in dem Falle daß der Papst es nicht wolle. Wie aber wenn das dem König, wie vorauszusehen, unmöglich schien? Der Kaiser spricht sich darüber unumwunden aus: dann, sagt er, muß man auf ein anderes Mittel denken, entweder indem man die Abgewichenen auf immer vor Anwendung der Ge- walt sichert, unter der Bedingung daß sie den Landfrieden halten und sich an uns anschließen dem Nürnberger Frieden gemäß, oder indem man eine neue Abkunft zu Stande bringt nach den Verhältnissen die seitdem eingetreten sind. Selbst den Gedanken eines Nationalconciliums, der ihm früher so verhaßt gewesen, weist er jetzt nicht mehr entschieden von sich. Fauldra adviser s’il y aura quelconque expedient autre, soit d’asseurer pour toujours les devoyez de la foy, quant a la force, moyennant qu’ils se conforment sincerement avec les aul- tres membres de la Germanie pour observer la commune paix et se joindre tous avec notre dit frere et nous, soit en ensuy- vant ce traité de Nuremberg ou en faisant ung autre de nouvel Siebentes Buch. Zweites Capitel . Ferdinand soll bedenken, daß man, da alles auf dem Spiel steht, auch alles daran setzen müsse. Dergestalt hegte der Kaiser doch wirklich die Gesinnung welche die Protestanten in ihm voraussetzten: er war in der That geneigt die Nürnberger Zugeständnisse zu erweitern, die Protestanten vor Anwendung der Gewalt zu sichern. Wir können sagen, unter diesen Bedingungen wäre der Friede auf immer befestigt gewesen: die Evangelischen wünschten nichts weiter: sie wären damit vollkommen beruhigt worden. Statt dieser Zusicherungen aber trug nun Held eine Erklärung vor, welche wenn nicht dem Wortlaut, doch der Tendenz nach das grade Gegentheil von dem enthielt was ihm aufgetragen worden. Nothwendig erheben wir die zweite Frage wie dieß auch nur möglich war. Nicht mit so vieler Bestimmtheit wie die erste können wir sie beantworten, aber die Sache ist doch wohl zu erklären. Doctor Matthias Held war früher selbst Beisitzer am Kammergericht gewesen, und durch die unaufhörliche Reni- tenz der Protestanten gegen die Autorität dieses Gerichts- hofes mit Bitterkeit und Haß gegen sie angefüllt worden. Er war ein kleiner heftiger Mann, nicht eben von moralisch- reiner Haltung. Seine unechten Kinder machten ihm viel zu schaffen, und wir finden wohl daß er den jungen Vi- glius , den er am Kammergericht beförderte, dafür mit sei- ner natürlichen Tochter verheirathen wollte. Vita Viglii. Anal. Belg. II, 1, 97. In seinen selon que l’on verra et ce que depuis est succedé en aura baillé l’occasion ‒ ‒ ‒ Die ganze Instruction, ebenfalls im Bruͤsseler Archiv befindlich, folgt im Anhang. Verhandlungen des Dr Held . Briefen, deren gar manche übrig sind, theilt er zuweilen als die unzweifelhafteste persönliche Kunde Nachrichten mit, die sich dann als falsch ausweisen: und in eine Menge zweideutiger Händel läßt er sich ein. Jetzt war er als Vice- canzler an den kaiserlichen Hof gezogen worden: kein Wun- der, wenn er nun auch da die Geschäfte mit jener Leiden- schaft gegen die Protestanten angriff, die er überhaupt nährte. Die Verbindungen in denen er stand, bestärkten ihn darin. Während des französischen Feldzugs hatte er vertrauliche Bekanntschaft mit Heinrich von Braunschweig gemacht, ihm beim Abschied ermuthigende Zuschriften an die katholischen Fürsten mitgegeben, und dieselben bald in Person mit dem Worte des Kaisers zu bestätigen versprochen. Herzog Hein- rich hatte dann die Hofnungen seiner Freunde auf Held ge- richtet: aus seinen Briefen sehen wir, wie sehnlich er dessen Ankunft erwartete, mit welcher Sicherheit er davon eine Rückwirkung gegen die halblutherische Politik der königlichen Räthe versprach. Hätte nun Held das Vertrauen so vie- ler deutscher Fürsten, deren Gunst ihm sehr nützlich werden konnte, täuschen sollen? er würde alle sein Ansehen verloren haben. Sein Ehrgeiz war, als eine Säule des Reichsrech- tes und der mit demselben verbündeten kirchlichen Ideen zu erscheinen, die andersgesinnten Räthe des Kaisers und des Königs zu beschämen, und hauptsächlich, Recht zu behalten. In der allgemeinen Politik des Kaisers hatte doch auch seine Tendenz eine gewisse Nothwendigkeit: die Lage dieses Für- sten war nun einmal zweifelhafter Natur. Er mag sich dar- auf verlassen haben, daß er ein Prinzip verfechte das niemals ganz verleugnet werden könne, und einen oder den andern Tag wieder ergriffen werden müsse. Er hatte sogar münd- Siebentes Buch. Zweites Capitel . liche Äußerungen, eventuelle Zusicherungen für sich. Genug er entschloß sich, die Anweisung die er empfangen nicht weiter zu berücksichtigen, den juridischen Gesichtspunct auch gegen den momentanen Willen des Kaisers zu verfolgen. Er ver- mied es, sich erst mit König Ferdinand zu berathen; unter dem Vorwand, durch die Kürze der Zeit dazu genöhigt zu seyn, eilte er die gerade Straße nach Schmalkalden fort, und führte nun hier die Sprache deren wir gedachten. In dem Grade nun, in welchem Eröffnungen wie sie der Kaiser beabsichtigte, alles befriedigt hätten, mußten die, welche wirklich geschahen, alles aufregen und in widerwärtige Bewegung bringen. Die Protestanten konnten nicht anders als das, was sie vernahmen, für den wahren Ausdruck des kaiserlichen Willens halten. Sie glaubten mit Händen zu greifen daß man sie bisher nur habe täuschen wollen. Es versteht sich daß sie die Haltung der Opposition, die sie bereits aufgegeben, auf der Stelle wieder ergriffen. Wie hätten sie auch geneigt seyn sollen, zur Erhaltung ei- nes Gerichts, in dem sie ihren gefährlichsten Feind sahen, Beiträge zu leisten, oder wozu der Orator sie aufforderte, die Türkensteuer zu erlegen. Sie meinten, nicht in den Os- manen liege die Gefahr die ihnen furchtbar sey, sondern diesseit in der Christenheit. Sie ließen Held wissen, nach allem was er gesagt, müsse ihnen der Friede der bisher be- standen, aufgehoben scheinen. Réponse des princes: „que la proposition et declaration du Docteur Matthias donne ung tel sens par le quel icelle paix seroit non seulement tournée en mesintelligence, mais aussi to- talement abolie.“ Der ganze Zwiespalt, der 1532 vorläufig beseitigt wor- Zusammenkunft zu Zeitz . den, und den man seitdem auch in den bedenklichsten Fäl- len nicht wieder zum Ausbruch kommen zu lassen die Mit- tel gefunden, trat aufs neue hervor und nahm sogleich die gefährlichste Gestalt an. Unmittelbar nach der Schmalkaldner Zusammenkunft folgte eine andere zu Zeitz , wo die Erbvereinigung der Häu- ser Sachsen, Brandenburg und Hessen erneuert, nach dem Tode Joachims I die beiden jungen Markgrafen Joachim II und Johann in dieselbe aufgenommen werden sollten. Es gieng aber ungefähr wie bei der Erneuerung der Bünde in der Schweiz . Das Bundesverhältniß brachte die Entzweiung vielmehr zum Ausbruch. Johann Friedrich wollte die alte Formel nicht wiederholen: „der h. römischen Kirche zu Ehren“: er wollte nicht mehr wie bisher den Papst unter denjenigen nennen, gegen welche dieß Bündniß nicht gelten solle; Her- zog Georg dagegen drang auf die Beibehaltung dieser Clau- sel. Man machte dem Erstern den Vorschlag, sie in dem Tractat selbst zuzulassen, und dann in einem besonderen In- strument dagegen zu protestiren; er erwiederte, den Nach- kommen möchte dann leicht nur der Tractat bekannt wer- den; er war schon eifersüchtig auf seine evangelische Ehre, und wollte immer gerade aus gehen. Nur dann wollte er die Nahmhaftmachung des Papstes zugeben, wenn aus- drücklich dabei bemerkt werde, daß dieselbe der Antwort nicht nachtheilig seyn solle, die dem kaiserlichen Orator in Schmal- kalden wegen des Conciliums ertheilt worden sey; aber eine Einschaltung dieser Art wollte wieder Herzog Georg sich nicht gefallen lassen. Beibrief und Erbeinigung zu Zeitz Sonnabend nach Laͤtare Siebentes Buch. Zweites Capitel . Man schied aus einander, ohne eine Vermittelung ge- funden zu haben. Nachdem das päpstliche Concilium abgelehnt, das Kam- mergericht von der einen Partei zu einem Werkzeug ihrer Feindseligkeit gemacht, von der andern verworfen war, brach auch die auf Verwandtschaft der Fürsten und der Länder gegründete locale Vereinigung auseinander. Ja eben aus dieser, aus der Mitte von Deutschland stieg die Gefahr des Krieges auf. Schon öfter hatten die Mitglieder des hallischen Bun- des die Absicht gehabt, ihre Kräfte durch das kaiserliche An- sehen zu verstärken; doch war es ihnen noch immer miß- lungen. Wann aber konnte je ein günstigerer Moment dazu eintreten als der damalige, wo ein kaiserlicher Orator die nemlichen Ansichten und Forderungen aufgestellt hatte, welche immer die ihren gewesen waren? Wir wollen nicht erörtern, in wem zuerst der Gedanke dazu entsprungen seyn mag, in Dr Held oder den Fürsten. Dort in Zeitz hatte man geheime Zusammenkünfte zwischen Herzog Heinrich und dem Orator in der Abtei bemerkt; und wenn wir in den Briefen Helds an den Herzog auf die Versicherung stoßen, daß er der Sache fleißig obliege „ihrer Abrede gemäß“, so können wir nicht zweifeln daß eben zwi- schen ihnen die entscheidenden Besprechungen Statt gefunden haben. Und gewiß ließ es Held an Eifer nicht fehlen. Nach- dem er das Kammergericht besucht, Viglius ad Hermannum 14 Maji 1537. Anal. Belg. II, 241. eilte er weiter, von einem 1537, und uͤberhaupt die einzige genuͤgende Relation daruͤber in Muͤl- lers Reichstagstheater unter Maximilian Th. II, p. 659 f . Nuͤrnberger Buͤndniß . katholischen Hof zum andern. Überall stellte er vor, daß man den Fortschritten der Protestanten nur durch einen star- ken und schlagfertigen Bund Einhalt thun könne. Endlich an dem Hof des römischen Königs, wo er länger verweilte, trat er mit dem Entwurf eines solchen Bündnisses hervor, welchen er zunächst mit einem andern Mitgliede der Zeitzer Versammlung, Herzog Georg von Sachsen , berathen hatte. Und sehr entschieden und weitaussehend, wie sich das nach der Stimmung der Urheber nicht anders erwarten läßt, lautete nun dieser Entwurf. Das Bündniß sollte so gut für die weltlichen wie für die geistlichen Angelegenheiten gelten: Fertigung und Insiruction von Joachim von der Heiden ge- gen Speier uf den 4ten Tag Martii. Dresden 20 Februar. Der Gesandte „sal es also dahin arbeiten daß es uf die Religion, Pro- phan und alle andern sachen ane allen Unterscheid vollenzogen werde.“ damit man nicht bei jedem Fall erst zu untersuchen brauche, ob er zu den einen oder zu den andern gehöre. Alle Städte, auch die fürstli- chen, sollten wo möglich zum Beitritt vermocht werden. Wer- bungen im Reiche sollten nur den Mitgliedern des Bundes gestattet seyn. Man sieht diesem Entwurf seinen Ursprung an. Die territorialen Interessen des Herzogs von Braunschweig ge- gen die benachbarten Städte, die ihm im Wege waren, der albertinischen Linie gegen die ernestinische, des Erzbischofs von Magdeburg gegen den Burggrafen von Magdeburg — eine Würde die Johann Friedrich wieder geltend machte — wären dadurch mit den allgemeinen Angelegenheiten der Re- ligion zusammengeworfen worden; ein energischerer Bund Siebentes Buch. Zweites Capitel . als der schmalkaldische, überdieß durch die Autorität des Rei- ches verstärkt, hätte sie in Schutz genommen. Es ist wohl sehr deutlich, daß eben deshalb der katholi- schen Sache im Allgemeinen damit nicht gedient seyn konnte. Hie und da hatte Held selbst an geistlichen Höfen nur eine schlechte Aufnahme gefunden. Der Churfürst von Trier erwiederte seine Anträge mit der Drohung, dem Landgrafen davon Meldung zu thun. Summarie Verzeichniß was an uns Philipsen ‒ ‒ ‒ der Erz- bischof und Churf. zu Trier von wegen S. Liebden anpracht und ge- worben hat. (Weim. Arch.) Im März 1538 ward zwar wirklich eine Zusammenkunft zu Speier gehalten, um über seinen Entwurf zu Rathe zu gehn: außer den norddeut- schen Verbündeten hatten Baiern , Salzburg und König Fer- dinand ihre Abgeordneten gesendet: eben die am eifrigsten katholischen Fürsten des Reiches: aber zur Annahme seiner Vorschläge waren sie nicht zu überreden. Durch die man- cherlei Ausstellungen welche sie machten, fühlte sich Dr Held fast beleidigt. Eben so leicht ist es aber auch zu begreifen, daß der Antrag der Norddeutschen nicht völlig zurückgewiesen ward. König Ferdinand hatte sich auf das ernstlichste beklagt daß Held ihn vorbeigegangen und so gefährliche Pläne in Gang gebracht habe, „den Geschäften des Kaisers trefflich schäd- lich“. Nachdem es aber einmal geschehen, wäre es auch nicht rathsam gewesen, sich denselben geradezu entgegenzu- setzen: man hätte sich dadurch leicht auch die katholischen Fürsten entfremden können. Und hatte nicht der Kaiser selbst schon vor mehreren Jahren an einen ähnlichen Bund ge- Nuͤrnberger Buͤndniß . dacht? auch jetzt hatte er seinen Abgeordneten wenigstens mündlich ermächtigt darüber zu unterhandeln, freilich nur, wie Königin Maria versicherte, um zu erfahren, wessen er sich im Nothfall zu den katholischen Fürsten zu versehen habe. Relation vom niederlaͤndischen Hof an Landgraf Philipp im weimarischen Archiv. Koͤnigin Maria setzte hinzu, der Kaiser habe mehr Besorgniß angegriffen zu werden, als Neigung anzugrei- fen. An Kriegsabsichten konnte in der That nach obiger Instruction nicht gedacht werden. Am 10ten Juni 1538 ward wirklich zwischen den am eifrigsten katholischen Fürsten, den norddeutschen, Georg , Al- brecht , Heinrich und Erich , und den süddeutschen, Salz- burg , Baiern , König Ferdinand , zugleich im Namen des Kai- sers, ein Bund geschlossen: doch nicht in dem anfangs vor- geschlagenen Sinn noch Umfang. Er kann eigentlich nur als eine Nachbildung des schmalkaldischen angesehen werden. Er sollte sich ebenfalls nur auf Religionssachen erstrecken, wenn nicht etwa der auch dort vorgesehene Fall eintrete, daß man ihretwillen, aber unter anderm Scheine angegrif- fen werde. Er sollte auf gleiche Weise in zwei Provinzen zerfallen, eine sächsische und eine oberländische: in jener sollte Herzog Heinrich von Braunschweig , in dieser Herzog Lud- wig von Baiern die Hauptmannschaft verwalten, beide mit Zuziehung von Bundesräthen. Es ward eine ähnliche Kriegs- verfassung verabredet; die Geldbeiträge wurden auf verwandte Weise bestimmt. Kaiser und König ließen sich nicht höher anschlagen als andere Mitglieder; beide zusammen verpflich- teten sich, auch nur eben so viel zu leisten wie die Herzoge von Baiern ; der Kaiser nahm seine Niederlande ausdrück- lich aus. Siebentes Buch. Zweites Capitel . Wir sehen, auf diese Weise erlangte der Bund bei wei- tem nicht die Energie die man ursprünglich ihm zu geben beabsichtigt: noch weniger gelang es, ihn so allgemein zu machen, wie man gedacht: — Churfürst Albrecht konnte nicht einmal sein Capitel zu Mainz zum Beitritt bewegen. Nichts desto weniger erfüllte er die kriegslustigen Fürsten mit neuem Selbstgefühl. Ganz ruhmredig meldet Heinrich von Braunschweig dem Churfürsten von Brandenburg , daß er in Nürnberg gewesen und nach abgeschlossenem Bund glücklich wieder nach Hause gekommen sey, trotz aller Gefahren die er auf der Reise be- standen, aller Feinde die auf ihn gelauert. „wiewol des hin und wieder alle luͤcken woll bestellt gewe- sen, das die leute meinen es solle uns solches gefeilet haben.“ „Wir wissen nun ihre Meinung,“ sagt er, „sie nicht die unsre, sollen sie aber bald erfahren.“ Und zu verkennen ist nicht, daß doch auch hiemit eine große Gefahr eintrat. Sie liegt hauptsächlich darin, daß die Verbündeten nur den Nürnberger Frieden anerkann- ten, und kein Hehl daraus machten, wenn ein kammerge- richtliches Urtel ergehe, dasselbe vollziehen, das erlangte Recht vertheidigen zu wollen, Carlowitz an Philipp , Neudecker Urkk. 316. — die Protestanten aber eben hie- gegen ihren Bund anfangs geschlossen und zuletzt erneuert hatten. Da so viele Processe schwebten, deren Entscheidung nicht zweifelhaft seyn konnte, so war nichts anders zu erwarten, als ein feindliches Zusammentreffen der beiden Bündnisse bei der ersten Gelegenheit. Ja fast schien es, als werde es ei- ner solchen Gelegenheit nicht einmal bedürfen, um die Fehde zum Ausbruch zu bringen. Nuͤrnberger Buͤndniß . Wie auch in andern Fällen so oft, jeder Theil vermu- thete von dem andern das Ärgste; es gab Leute, die das Feuer zu beiden Seiten schürten. Im Dezember 1538 schrieb Matthias Held den Her- zogen von Baiern : er habe gewisse Kunde, daß der Land- graf im nächsten Frühjahr zum Angriff schreiten werde: an- fangs nur mit der Hülfe des Herzogs von Würtenberg , später, wenn die Sache glücklich gehe, mit Unterstützung des ganzen schmalkaldischen Bündnisses: er denke auf diese Weise der gesammten deutschen Nation mächtig zu werden. Schreiben aus Neuhausen bei Worms . Bei Hortleder I, 891. Der vertrauteste Rath Ludwigs von Baiern , Weißenfelder , schrieb hierauf an Herzog Heinrich von Braunschweig : auch er gl a ube, der Krieg werde ausbrechen: besser man greife die Sache bei Zeiten an, als daß man sich überraschen lasse; es muß, fügte er hinzu, doch einmal seyn. Muͤnchen . Bei Hortleder I, 883. Auf der an- dern Seite erhielt Landgraf Philipp aufreizende und bei dem Schein des Rechts und der Friedfertigkeit bedrohende Briefe. Es schien fast, als habe eine Cabale heftiger Eiferer es darauf abgesehen, die reizbaren Nachbarn an einander zu bringen. Einst waren Landgraf Philipp und Herzog Hein- rich die vertrautesten Freunde und Cameraden gewesen. Man hatte Herzog Heinrich wohl sagen hören, er werde Leib und Gut, Haut und Haar bei dem Landgrafen aufsetzen; sollte einer seiner Söhne sich nicht dankbar gegen denselben be- weisen, den werde er selbst umbringen. Die Verschiedenheit der Religion hatte sie an sich noch nicht getrennt: in der würtenbergischen, in der dänischen Angelegenheit waren sie Ranke D. Gesch. IV. 8 Siebentes Buch. Zweites Capitel . verbündet gewesen. Aber mit der Religionssache durchdran- gen sich so viel andre Interessen des Eigennutzes und Macht- besitzes, daß der Hader immer bitterer und widerwärtiger wurde. Für Herzog Heinrich war es unerträglich, daß Städte wie Braunschweig und Goßlar , mit denen er von jeher in Streit lag, und gegen die ihm ein kammergerichtliches Ur- tel doppelte Rechte gegeben haben würde, durch den schmal- kaldischen Bund vor ihm geschützt werden sollten. Er em- pfand es übel, daß der König von Dänemark , um den auch er Verdienste hatte, dem Bunde beitrat. Eben bei Gele- genheit der zu diesem Beitritt nach Braunschweig angesetz- ten Versammlung hat sich die Feindseligkeit des Herzogs zuerst offen gezeigt. Er versagte dem Landgrafen das sichere Geleit zur Reise; als dieser dennoch fortzog und mit sei- nem Gefolge vor Wolfenbüttel vorüberritt, ließ er das Ge- schütz der Feste über sie hin abgehn. Lauze Hessische Chronik II, 333. Seitdem war nun an kein Verständniß weiter zu denken; den kriegerischen Rath- schlägen gab eben Herzog Heinrich am meisten Gehör. Auf jene Nachrichten Weißenfelders forderte er unverweilte Be- rufung der Kriegsräthe und jede ernstliche Anstalt. In dem Schreiben hierüber drückte er sich über seinen alten Freund mit der gehässigsten Wegwerfung aus: wie derselbe keine Ruhe mehr finde als auf der Jagd, des Nachts nicht mehr schlafen könne: der wunderliche Mann werde noch toll werden. Der Zufall wollte nun, daß der Secretär welcher diese Briefschaften bei sich trug und seinen Weg durch das Hes- sische nahm, dem Landgrafen, der eben auf die Wolfsjagd Buͤndniß gegen die Osmanen . ritt, begegnete, ihm verdächtig vorkam und von ihm festge- nommen ward. Es läßt sich denken, welchen Eindruck es auf ihn machte, als er jene Papiere fand, und zu lesen be- kam was darin von ihm geschrieben stand. Von dem Mo- mente an faßte er eine tödtliche Feindschaft gegen Heinrich . Auch auf der protestantischen Seite fieng man nun an zu rüsten. Wie sehr es auch der Kaiser von Anfang an zu ver- meiden gesucht, wie viel Mühe sich der König gegeben hatte, dem von Seiten der Fürsten in Gang gesetzten Bunde seine feindseligen Tendenzen zu nehmen, so schien es nun doch durch den Gegensatz der Religion, nachbarliche Eifersucht, den Einfluß erhitzter Rathgeber und persönliche Beleidigun- gen, zwar nicht zu einem Krieg auf Leben und Tod, aber wohl zu einer allgemeinen, blutigen Fehde kommen zu müssen. Glücklicherweise trat jedoch auch dießmal eine entgegen- gesetzte Wirkung der allgemeinen Verhältnisse ein. Nach manchen Abwandlungen hatten diese doch wieder eine Gestalt angenommen, wo eine innere Bewegung in Deutschland dem Kaiser so wie dem König Ferdinand nicht weniger unwillkommen gewesen wäre als früher. Bündniß gegen die Osmanen. Im Frühjahr 1537 war geschehen was man erwarten mußte: der König von Frankreich und sein Verbündeter, der türkische Sultan, nachdem sie in den letzten Jahren die An- gegriffenen gewesen, hatten nun auch ihrerseits einen Angriff auf die Gebiete des Kaisers unternommen. 8* Siebentes Buch. Zweites Capitel . Der König widerrief seine Verzichtleistung auf die Ober- herrlichkeit über Artois und Flandern feierlich, machte einen Angriff auf die Niederlande und nahm Hesdin ein. Auszug aus den Schreiben der Koͤnigin Maria z. B. v. 26 April. (Anhang.) Im Juli 1537 setzte eine osmanische Heeresabtheilung von Avlona nach Apulien über und eroberte Castro . Nea- politanische Ausgewanderte erschienen in ihrem Gefolge. Ob- wohl nicht daran zu denken war, daß die Eingebornen sich denselben angeschlossen hätten, — die Grausamkeit der Os- manen machte jede Annäherung unmöglich, — so mußte man doch geschehen lassen daß sie Beute hinwegtrieben und Tau- sende von Menschen in die Sklaverei abführten. Guazzo p. 198. menarono di quei paesi più di X m anime. Im September 1537 machten die Franzosen auch im Piemontesischen wieder Fortschritte: ihre Armee bestand gro- ßentheils aus Deutschen, die sich zwar schwer in Zaum hal- ten ließen, aber übrigens die besten Dienste leisteten. Mit dem allen war jedoch die Macht des Kaisers noch keineswegs erschüttert; diese Angriffe stießen noch auf hart- näckigen Widerstand. Im Neapolitanischen hatte der Vice- könig Toledo im Ganzen so gute Anstalten getroffen, daß die Osmanen nicht festen Fuß fassen konnten; von den Nie- derlanden her fielen die Kaiserlichen auch wieder ins fran- zösische Gebiet ein und trugen kleine Vortheile davon; in Oberitalien hielten sich die beiden Heere wenigstens das Gleichgewicht. Hatte der Kaiser während dieser ganzen Zeit friedliche Erbietungen gemacht, so wurde durch diese Erfolge nun auch der König bestimmt, darauf einzugehn. Buͤndniß gegen die Osmanen . Es war hauptsächlich das Verdienst des Connetable Montmorency Francesco Giustiniano , Rel ne di Francia 1537, erwartet al- les von der „persuasione dell’ Ill mo Contestabile, il quale si come può tutto con S. M à , così conosce che con la pace si può con- servare in questa sua grandezza.“ — Vgl. ein Schreiben der Koͤni- gin Maria an Ferdinand 6 Aug. „que le grand maistre de France ( Montmorency ward im Anfang 1538 Connetable) desire que la paix se traicte et enfin la treve de Bomy a esté faicte.“ auf der einen, und der Königin Maria von der andern Seite, daß zunächst für die Niederlande und hier- auf im November auch für Italien ein Stillstand geschlos- sen ward. Als Grund giebt der König an, daß es ihm unmög- lich gewesen sey, zugleich eine große Armee im Felde und die festen Plätze in Piemont in gutem Stande zu erhalten, bei der allgemeinen Verwüstung des Landes. Lettre de François I à M r Castillon , Amb r en Angle- terre . Encore que mon armée fust grosse et puissante et qu’il m’eust été aisé et facile de reculer mes ennemis dedans les villes et places fortes du duché de Milan , toutesfois estant ja l’hiver com- mencé et qu’il ne m’estoit facile par un même moyen soutenir la grosse armée que j’avois et advitailler et pourvoir les villes que je tiens en Piemont pour le gros gast de vivres que les dits en- nemis y avoient fait, il m’a convenu pour cest effet choisir le moyen de la dite treve. ( MS zu Paris .) Ein anderer Grund möchte seyn, daß er jetzt in Italien Fuß gefaßt und dadurch seinem Ehrgeiz fürs Erste genug ge- than hatte. Der Waffenstillstand ließ jedem Theile die Plätze welche er bis dahin eingenommen. Die Dinge hatten einen Punct erreicht, auf welchem sie eine Weile bleiben sollten. Überdieß aber: der im Bunde mit Frankreich unternom- mene Anfall Suleimans hatte nach andern Gegenden hin Erfolge, die das ganze südliche und östliche Europa und den Siebentes Buch. Zweites Capitel . König selber erschreckten. Da gegen den Kaiser wenig aus- zurichten war, wandte sich die Seemacht des Sultans ge- gen die ihm bequemer gelegenen venezianischen Besitzungen. Corfu ward wenigstens geplündert (die Lebensbeschreibung Chaireddins will 140 zerstörte Dörfer daselbst zählen); alle die altberühmten Eilande des Archipelagus aber, Skyros , Pathmos , Aegina , Paros , Naxos , an die sich die Erinne- rung der Anfänge der abendländischen Cultur, der profanen wie der kirchlichen, knüpfen, fielen jetzt in die Hände der Barbaren. Antonio Longo commentarj della guerra del 1537, 38, 39. MS Venet. Indessen erneuerten die Paschas von Bosnien und Semendria den Krieg an den ungarisch-slawonischen Grenzen: Katzianer , der ihnen Einhalt thun sollte, erlitt bei Essek eine jener Niederlagen welche das Heer, das sie er- fährt, zugleich vernichten. Nicht allein die ferdinandeischen Gebiete standen hierauf dem Feinde offen, sondern der Kö- nig-Woiwode Johann , der schon seit mehreren Jahren in Constantinopel verdächtig und verhaßt geworden, fieng an sich zu fürchten. Dadurch geschah zunächst, daß die gefährdeten Grenz- staaten bei der größeren Macht des Hauses Östreich Rück- halt suchten. Unter Vermittelung des Papstes traf Venedig mit diesem und dem Kaiser ein Offensiv- und Defensiv- Bündniß wider die Osmanen, bei welchem man sogar die Zerstörung ihres Reiches in Aussicht nahm und der Kaiser sich die Krone von Constantinopel ausdrücklich vorbehielt. Am 24sten Februar 1538 schloß Johann Zapolya einen Vertrag mit Carl und Ferdinand , in welchem er allen sei- Waffenstillstand zu Nizza . nen bisherigen Bündnissen, namentlich dem mit den Türken entsagte, sich die Unterstützung der beiden östreichischen Brü- der, unter andern zur Wiedereroberung von Belgrad , ver- sprechen ließ, und dagegen einwilligte, daß nach seinem Tode auch derjenige Theil von Ungarn den er im Besitz habe, möge er nun Kinder hinterlassen oder nicht, an Ferdinand fallen solle. Friedensvertrag bei Katona XX, ii , 1077. Diese Verbindungen aber machten auch wieder einen großen Eindruck in Frankreich . Der venezianische Gesandte versichert, als die Nachricht von dem Abschluß der Ligue zwischen dem Kaiser, dem Papst und der Republik Venedig am französischen Hofe ankam, habe Jedermann seine Augen auf den König gewandt, und ihm stille Vorwürfe gemacht. Der Christenheit Verluste verursacht zu haben, an einer Un- ternehmung nicht Theil nehmen zu können, die auch in der französischen Nation ein starkes Mitgefühl für sich hatte, war die mißliche Seite der von Franz I ergriffenen Politik. Er durfte darin nicht zu weit gehn. Unter diesen Umständen nun gelang es dem Papst Paul , eine Zusammenkunft zwischen dem König und dem Kaiser zu Stande zu bringen, im Mai 1538, zu Nizza , die freilich noch nicht zum Ziel führte. Nicht von Frieden, sondern nur von einem längeren Waffenstillstand war zuletzt die Rede. Der König hätte einen zwanzigjährigen gewünscht, hauptsächlich um Piemont so lange als möglich in Besitz behalten zu kön- nen; der Kaiser, der seinen Schwager nicht so lange be- raubt sehen wollte, dachte nur einen dreijährigen zu bewilli- gen; dem Papst gelang es einen Stillstand auf zehn Jahre Siebentes Buch. Zweites Capitel . zu vermitteln. Ich möchte nicht sagen, daß ein so langer Stillstand einem Frieden gleich zu schätzen gewesen wäre: vielmehr blieben die alten Differenzen dabei noch immer unausgeglichen und gewissermaaßen vorbehalten; allein es bedeutete doch etwas, daß es dazu gekommen war, und allmählig mußte sich nun ein besseres Verhältniß bilden. Relatione del clar mo Nic. Thiepolo dell’abboccamento di Nizza , abgedruckt bei Du Mont IV, ii , p. 172, so wie im Thesoro politico. In Nizza hatten die beiden Fürsten einander persönlich nicht gesehen: erst als der Kaiser auf der Rückkehr die franzö- sische Küste berührte, zu Aiguesmortes , geschah dieß. Sie haben die Messe mit einander gehört, zusammen gespeist; der lebhafte König wenigstens hat sich mit aller möglichen Genugthuung über den Eindruck den der Kaiser auf ihn gemacht habe, so wie über das gute Verständniß das zwi- schen ihnen geschlossen sey, geäußert. An Castillon 18 Juli, und hierauf 28 Juli. Princes ne se departirent au plus grande amitié. Entendez que la fiance et seureté que nous avons prises entre nous deux, est si grande que je vous puis dire, qu’il n’y a celui de nous qui ne soit pour dores n’avant estimer et reputter les faits de son compagnon comme les siens propres. ( Melanges de Colbert , XIII. Bibl. zu Paris .) In diesen beiden Versammlungen ist nun aber nicht allein von den französischen und osmanischen, sondern auch von den kirchlichen und den deutschen Angelegenheiten die Rede gewesen. Wir sind zwar hierüber nicht so vollständig unterrichtet wie wir wünschten: über die vornehmsten Momente liegen uns aber unzweifelhafte Urkunden vor. Aufs neue verschob der Papst das angekündigte Concilium. Buͤndniß gegen die Osmanen . Unter den Gründen, die er dafür angiebt, ist auch der, daß man erst die in Deutschland ausgebrochenen kirchlichen Streitigkeiten zu beruhigen suchen müsse, wozu sowohl von dem Kaiser als dem römischen König Hofnung gemacht werde. Causae propter quas S. D. prorogat celebrationem Con- cilii. Bei Ribier I, 169. In der That übernahm der Kaiser, festhaltend an den wesentlichern Tendenzen seiner Politik, und zwar, wie er ver- sichert, mit Einwilligung des Papstes, noch einen Versuch zu machen, um die vom Glauben Abgewichenen in Güte herbeizubringen, und hierin so weit zu gehn wie möglich, so viel Mühe darauf zu wenden wie möglich. Er fügt hinzu, auch König Franz sey in Aiguesmortes diesem Be- schlusse beigetreten. Instruction an Lunden : „selon que avez entendu la re- solution prinse tant a Nyce avec nre st. pere que depuis en Aiguesmortes avec le roi tres chretien nre très cher et bon frere, qu’est en effect de retirer par doulceur les dits devoyez si avant que faire se pourra et y travailler jusqu’à l’extreme du possible.“ Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß da- gegen vorläufige Verabredungen gegen König Heinrich VIII getroffen worden. Zunächst jedoch gieng die große Intention wider die Osmanen: Franz I nahm an derselben noch nicht Theil; aber auch schon dadurch war etwas erreicht, daß er sich ent- schloß sie nicht zu hindern. Als sich Suleiman im Sommer 1538 erhob um Pe- ter Raresch zu züchtigen, der nicht übel Lust zu haben schien sich an die christlichen Mächte anzuschließen und Zapolya hierüber schon für sich selbst zu fürchten anfieng, eilten deut- sche und spanische Truppen herbei um ihn zu unterstützen. Hammer III. Isthuanffius , lib. XIII, p. 137. Siebentes Buch. Zweites Capitel . Indessen erschienen auch die vereinigten Flotten in See; doch waren die Erfolge ihrer Waffen dieß Mal nicht beson- ders glücklich. Im September 1538 sehen wir Andrea Doria aus den Gewässern von Sta Maura weichen. Die drei Fahnen der Verbündeten hatten einen Augenblick auf Castelnuovo im Meerbusen von Cattaro geweht: den türki- schen Anstrengungen gelang es jedoch dieß Castell wieder zu erobern. Eben darum aber fühlte man die Nothwendigkeit um so dringender sich zusammenzunehmen. Der Kaiser erklärte im November, daß er im nächsten Frühjahr mit wenigstens 60000 M. im Felde zu erscheinen denke, von welchen die Hälfte aus Deutschen bestehen sollte. Die kaiserlichen Mi- nister gaben die Hofnung nicht auf, den König von Frank- reich zu ernstlicher Theilnahme herbeizuziehen. Und in diesem Augenblick nun, wo ein begonnenes ge- meinschaftliches Unternehmen mit allgemeiner Anstrengung durchgesetzt werden sollte, — brachte der unüberlegte Eifer eines selbstsüchtigen Dieners jene Streitigkeiten in Gang, welche die deutschen Kräfte, auf die man vorzüglich rech- nete, in sich selbst aufzureiben, ja eine allgemeine Entzweiung herbeizuführen drohten. Anstand zu Frankfurt . Ein sehr besonderes Schwanken, Hin und wieder-wo- gen, das wir überhaupt in dem politischen Leben jener Jahre bemerken. Es sind so viele eigenthümliche Gegensätze vor- handen, — der abendländischen Christenheit und der Osma- Anstand zu Frankfurt . nen, der Krone Frankreich und des Hauses Östreich, der Protestanten und der römischen Kirche, noch immer auch des Papstthums und des Kaiserthums, der geistlichen und der welt- lichen Gewalt, — minder bedeutender zu geschweigen, — und jede Macht hat so viel Antheil an ihrem Streit, daß es der Politik und dem Willen der Einzelnen fast unmöglich wird, sich in einem consequenten, nach allen Seiten wohl erwoge- nen Gange zu bewegen. Den verschiedenen Tendenzen wird zuweilen freier Lauf gelassen, oder sie sind stark genug, sich selber Bahn zu brechen, die Werkzeuge der höchsten Gewalt unter ihren Einfluß zu bringen. Eben hiedurch geschah es, daß die Politik des Kaisers und des Hauses Östreich in einen inneren Conflict gerieth, der die größten Gefahren in sich schloß, und aus dem man schlechterdings herauszukommen suchen mußte. Zuerst empfanden dieß die beiden diesseitigen Regierun- gen, in Östreich und den Niederlanden . König Ferdinand durfte nicht nur auf keine Hülfe deut- scher Fürsten rechnen, wenn zwischen ihnen der Krieg aus- brach, sondern er hätte in denselben thätig eingreifen müs- sen. In diesem Falle würde auch König Franz sich schwer- lich ruhig verhalten haben. Wenigstens der Landgraf sprach noch immer von Erbietungen die man ihm von Frankreich aus mache; er meinte, bei der Unsicherheit der Verhältnisse welche die Äußerungen Helds kund gegeben, und der Ge- fahr vom Kaiser angegriffen zu werden, könne man ihm nicht verdeuken, wenn er die französischen Anträge nicht ganz von der Hand weise. In den Niederlanden sah man ein, welche Gefahr ein Siebentes Buch. Zweites Capitel . zusammentreffender Angriff von Frankreich und von Nieder- deutschland her in sich schließen würde. Königin Maria nannte Held einen Buben und Heuchler: sie fragte über das Verfahren desselben bei dem Kaiser an, der dann ant- wortete, er wisse nichts davon; sie säumte nicht, dem Land- grafen von Hessen beruhigende Eröffnungen zugehn zu lassen. Den beiden Regierungen kam es nun, wie man den- ken kann, in hohem Grade erwünscht, daß sich in der Mitte der kriegsbereiten Parteien doch auch eine Tendenz zum Frie- den und zur Versöhnung erhob. Sie gieng von den Mitgliedern der bisherigen Majori- tät aus, die trotz dem daß sie das waren, an dem Verfah- ren des Kammergerichts kein Wohlgefallen fanden und dem Bunde von Nürnberg nicht anhiengeu . In Oberwesel ward eine Zusammenkunft der rheinischen Churfürsten gehalten, auf welcher die gemäßigte Meinung das Übergewicht behauptete und eine Vermittelung beschlos- sen wurde. Schreiben der Versammelten an Churfuͤrst Joachim vom 12 August. Auch der Cardinal von Mainz war geneigt, wenn man ihn nur wolle. Indessen kam der junge Churfürst von Bran- denburg , Joachim II , seiner böhmischen Lehen halber zu Bauzen mit dem römischen König zusammen. Er hatte sich so eben in zweiter Ehe mit einer polnischen Prinzessin ver- mählt, und war dadurch der Schwager des König-Woiwo- den Zapolya geworden. Keinem Reichsfürsten konnte so viel wie ihm an der Aufrechthaltung des zwischen Zapolya und dem Hause Östreich geschlossenen Verständnisses und der Un- terstützung beider durch die Macht des Reiches liegen. Wie enge diese Dinge zusammenhaͤngen, zeigt das Schrei- Er Anstand zu Frankfurt . machte dem König das Anerbieten eine Ausgleichung in die- ser Angelegenheit zu versuchen, und dieser gieng mit Freu- den darauf ein. Schreiben Ferdinands an Joachim vom 28 Juni 1538, worin er nur die Besorgniß ausdruͤckt, daß der Kaiser in dieser „hochwich- tigen Sache Macht zu schließen nicht geben werde.“ Mit Einwilligung der Protestanten ward ein Tag zu Frankfurt am Main festgesetzt, Die Gesandten Joachims , Trott und Schlieben , unterhan- delten mit den Raͤthen Philipps und Johann Friedrichs im August zu Eisenach . wo Joachim II und Churfürst Ludwig von der Pfalz zu diesem Werke schrei- ten sollten. König Ferdinand fand es täglich dringender, nothwendiger. Nachdem der Churfürst von Brandenburg die Reise nach Frankfurt schon angetreten hat, schickt er ihm noch einen seiner Räthe nach, um ihn aufzufordern, keinen Augenblick zu verlieren, sondern nach Frankfurt fortzueilen: schon seyen Hessen und Würtenberg in Waffen; an andern Orten beginne man sich zu rüsten; was lasse sich von einem Ausbruch des Krieges anders erwarten als Zerrüttung und Verderben der deutschen Nation und Verstärkung ihres Erb- feindes, des Türken. Die Entscheidung aber mußte, wie sich versteht, vom Kaiser ausgehn. Schon in Bezug auf sein Verhältniß in Deutschland gerieth der Kaiser durch die Verhandlungen Helds in die größte Verlegenheit. Könnte man denn wirklich glauben, daß ihm an der ben von Koͤnig Sigmund von Polen an Ferdinand , Cracau 7 Sept. 1539: Neque prius eo adducta est S. Maj. Regia ( Sigismundus ) ut ser. filiam suam ser. D o Hungariae regi elocaret, quam maje- statem ejus pacem concordiam amicitiam cum ser. Romanorum inivisse certo accepisset Siebentes Buch. Zweites Capitel . Ausführung des rechtlichen Krieges, wie ihn die süddeutschen und norddeutschen Feinde der Protestanten beabsichtigten, ernstlich etwas gelegen hätte? Der Vortheil wäre doch im Fall des Sieges den Ständen selbst zu Gute gekommen, die sich dann leicht einmal mit dem Papst zu seinem Nach- theil verbünden konnten. Darum durfte er die Verhandlungen seines Agenten jedoch nicht gradehin für unbefugt und ungültig erklären. Offiziell als Reichsoberhaupt und Vogt der römischen Kirche konnte er sich von dem kirchlich gesinnten Theile der Stände, dessen gute Meinung und Beistimmung ihm in tausend Rück- sichten unentbehrlich war, so wenig trennen wie sein Bruder das gewagt hatte. Noch viel weniger aber durfte er den Krieg ausbrechen lassen, in dem Augenblick wo ein großes Vorhaben gegen den Erbfeind, wozu er vor allem des innern Friedens be- durfte, ins Werk gesetzt werden sollte. Unter diesen widerwärtigen Umständen verfuhr er wie seine Natur es mit sich brachte. Er mißbilligte das Verfahren sei- nes Gesandten nicht in ausdrücklichen Worten: aber er hütete sich fürs erste, die Nürnberger Einung zu bestätigen; erst später hat er dieß gethan, als der gefährliche Augenblick vorüber- gegangen war. Zu nicht geringem Erstaunen gereichte es damals dem Herzog Georg , der in allem Ernste der beste Verbündete des Kaisers zu seyn glaubte, daß die Mandate nicht erscheinen wollten, welche Held aufs bestimmteste an- gekündigt. Zugleich aber that der Kaiser doch das, was die vorliegenden Umstände, der Gang seiner Politik noth- wendig machte. Er entzog dem Dr Held sein Vertrauen, Anstand zu Frankfurt . er gab ihm Zeichen der Ungnade, über die sich derselbe hin- wegzusetzen die Miene annahm: denn der Hofdienst mache nur Arbeit und bringe nichts ein: die er aber nicht ableug- nen konnte. Einem Andern, dem Erzbischof von Lunden , übertrug er die Führung der deutschen Geschäfte. Wir kennen bereits Johann von Veeze , der einst durch Christian II auf den erzbischöflichen Stuhl von Lund erho- ben, in dessen Fall verwickelt worden und mit ihm hatte fliehen müssen; wir sind ihm schon dann und wann in kai- serlichen Diensten, in die er dann übertrat, begegnet. Eine Zeitlang hielt er die Fäden der Verbindung der niederlän- dischen Regierung und der nordischen Gegner Christians in seiner Hand. Dann erscheint er im Namen der Königin Maria in Ungarn , um deren dortige Geschäfte zu führen. Zuweilen dachte er wohl noch einmal in eignem Namen auf- zutreten, entweder mit seinen erzbischöflichen Rechten in Dä- nemark , oder als Verwalter der Besitzthümer der Königin, um selbst eine politische Rolle zu spielen. Allein die paar Thaler Taggelder, von denen er leben mußte, um deren Er- höhung wir ihn unaufhörlich bitten finden, erinnerten ihn wohl, wie wenig unabhängig er sey. Und so widmete er sich ganz den Geschäften seines Herrn. Er bildete recht ei- nen Gegensatz von Matthias Held : um die Aufrechthaltung der bisherigen Kirchenformen und der damit zusammenhän- genden Reichsverfassung kümmerte er sich wenig: er lebte und webte in weitaussehenden politischen Combinationen. Den Vertrag mit Zapolya , der so bedeutend in jene Zeit eingriff, hat er vermittelt; er hat zuerst den Rath gegeben und den Versuch gemacht den Landgrafen von Hessen für Östreich zu gewinnen. Der Protestantismus der schwäbi- Siebentes Buch. Zweites Capitel . schen Reichsstädte hindert ihn nicht mit denselben in Ver- bindung zu treten. Er zeigt sich schon in seinen Briefen ein wenig geschwätzig: im Gespräch bei den deutschen Ge- lagen, die er liebte, soll er dieß in hohem Grade gewesen seyn; aber zugleich finden wir ihn immer thätig, immer bei der Sache, und dem Winke seines Herrn gehorsam. Der Lage der Dinge entspricht es nun sehr gut, daß der Kaiser diesen Mann zur Unterhandlung in Frankfurt ab- ordnete. In seiner Instruction ward er mit Bezugnahme auf die zu Nizza und Aiguesmortes getroffene Abrede angewie- sen, einen Stillstand mit den Protestanten zu treffen. Es versteht sich, daß er so günstige Bedingungen zu erhalten suchen sollte wie möglich. Die Beurtheilung dieser Möglich- keit aber und dessen was überhaupt geschehen könne, ward ihm selbst überlassen. Que la chose se conduyse selon le tems et l’exigence des termes on savez et entendez que les affaires publiques sont et que trouverez l’etat de ceux de la Germanie . Am 23 Februar 1539 traf der Erzbischof von Lunden in Frankfurt ein. Den Tag darauf, dem Geburtstag des Kaisers, zogen die beiden Fürsten welche die Vermittelung übernommen, mit aller Feierlichkeit zu ihm auf den Römer. Die Verhandlungen wurden eröffnet. Anfangs aber waren die beiden Parteien noch weit von einander entfernt. Die Protestanten, die sich an den letzten Verwirrungen unschuldig fühlten, und jetzt den Vortheil hatten, angegan- gen, aufgesucht zu seyn, trugen nicht länger Bedenken mit den Forderungen hervorzutreten, deren Gewährung ihnen die Anstand zu Frankfurt . volle Wohlthat eines sicheren Bestehens verschaffen sollte: sie verlangten einen „beständigen, wahrhaftigen, undisputirlichen Frieden“, der durch kein Concilium, keine Reichsversamm- lung wieder rückgängig gemacht werden könne, auch für die gültig welche die Confession erst in Zukunft annehmen wür- den. Ferner brachten sie, wovon zunächst alles abhieng, die Besetzung des Kammergerichts mit Mitgliedern von ihrem nicht minder als dem andern Bekenntniß in Antrag. Um für diesen Fall eine Unzahl von Streitigkeiten von vorn herein abzuschneiden, schlugen sie vor, daß sich kein Theil um die Kirchengüter in fremden Gebieten zu bekümmern habe. Der König von Dänemark , der Herzog von Preußen , die Städte Riga und Reval , auch der Herzog von Liegnitz sollten in diesen Frieden eingeschlossen seyn. Unvorgreifliche Fuͤrschlaͤge, Irrungen in Religion Sachen zu Friede zu bringen, schon am 14 Dec. Joachim uͤbergeben. Eingabe Sonnabend nach Invocavit, 1 Maͤrz, im weim. Arch. Lunden kam dagegen anfangs wieder auf die nürnber- gische Abkunft zurück; so durchgreifende Änderungen wie die vorgeschlagenen, wies er ganz von der Hand. Ferdinand hatte erklärt, er betrachte sie als unverträglich mit den Pflich- ten gegen die Religion; Lunden fügte hinzu: auch mit den Pflichten gegen die Reichsstände, ohne deren Genehmigung Dinge dieser Art nimmermehr vorgenommen werden könnten. Reminiscere, 3 Maͤrz, Berl. Arch. Die Unterhandlung war eine Zeitlang so gut wie ab- gebrochen. Mittel und Vorschlaͤge der beiden Churfuͤrsten, Mittwoch nach Oculi, 12 Maͤrz. Sie bemerken, daß die Meinungen beider Theile so weit von und gegen einander daß an keine Aussoͤhnung zu denken sey. Ranke D. Gesch. IV. 9 Siebentes Buch. Zweites Capitel . Es versteht sich, daß dann auch Niemand etwas ge- gen die Türken zu thun geneigt war: weder die schmalkal- dischen Bundesgenossen, sagt Lunden , noch auch ihre Gegner; sie hatten nur Lust ihre Kräfte gegen einander zu messen. Und indem liefen neue Nachrichten von den Fortschrit- ten der Türken, einem großen im nächsten Sommer zu fürchtenden Anfalle ein. Copi den 24 Mertzen zu Venedig . Hierauf durch ein Schreiben der Königin Maria noch besonders dazu aufgefordert, entschloß sich Lunden endlich, den Protestanten einen Schritt näher zu treten. „Montag nach Judica (24 Maͤrz) ist dieser Fridstand aber- mals von dem keys. Orator und den Unterhendlern beider Churfuͤr- sten uͤbergeben worden.“ (Berl. Arch.) Diese Vorschlaͤge sind die Grundlage des ganzen Friedens und so weit sie nicht abgeaͤndert wor- den, woͤrtlich darin aufgenommen. Am 25 März meldet er dem Herzog Georg : er habe sich alle mögliche Mühe gegeben, diejenigen abzusondern, die nach dem nürnbergischen Vertrag zu den Protestirenden ge- treten: solle aber Friede bleiben und Hülfe gegen die Tür- ken geleistet werden, so müsse er auf diese Beschränkung Ver- zicht leisten. „Wir thun nicht wie wir können,“ sagt er, „sondern wie wir müssen.“ Eben dieß ist das große Zugeständniß, zu welchem er sich verstand. Er bewilligte Anstand und Suspension der Processe auf 18 Monat, für alle die, welche sich jetzt zur augsburgischen Confession hielten. Auch dieß Mal giengen die Protestanten nur schwer daran, ein solches Jetzt sich gefallen zu lassen; sie entschlos- sen sich endlich dazu, aber nur unter der Bedingung, daß Anstand zu Frankfurt . auch in den katholischen Bund Niemand weiter aufgenom- men werden dürfe. Der Orator erklärte, seine Vollmacht erstrecke sich nicht so weit, den Kaiser hierin zu binden. Auf den Vorschlag der Vermittler gab er endlich zu, daß der Kaiser darüber gefragt und die Sache indeß auf sechs Monat bewilligt seyn solle. Protestantische Eingabe Montag in Ostern 7 April. End- licher Fuͤrschlag der Friedshendler 10 April. Im Berl. Archiv. Hiemit zeigten sich auch die Protestanten zufrieden. Nun lag es aber nicht im Sinne der Zeit, sich mit einer momentanen Abkunft zu begnügen, jenseit deren dann nichts erschienen wäre als erneuerte Feindseligkeit und am Ende die Anwendung der Gewalt. Der kaiserliche Orator erinnerte, die Wurzel des gegen- seitigen Widerwillens sey die Meinung jedes Theiles, er al- lein habe Recht. Im Namen des Kaisers, um dessen fried- fertiges Gemüth den Protestanten zu beweisen, trug er selber zuerst auf den Versuch der Vergleichung der Religion an. „Wie gut der Frid“, heißt es im Vortrag des Commissars, „on Vergleichung der Hauptsach auch immer gemacht (wuͤrde), so blieb doch die Wurzel, daraus der Unwill folget, unausgereut, daß je- der Theil vermaint gerecht zu seyn; das alles abzustricken, die pro- testirende Stend ruhig zu machen und daß Roͤm. Kais. Mt wahrhaf- tigs friedlichs und gnaͤdigs Gemuͤth gewißlich und endlich gespuͤrt und erkannt werd, so hat S. Kais. Mt nichts Bessers noch Frucht- barlichers bedacht dann das zu guter erbarer christenlicher und end- licher Vergleichung im Namen Gottes zu der Hauptsache gegriffen, das dann ein gelegen Malstatt und ein Tag innerhalb dreier oder vier Monat angesetzt werde um von beiden Theilen zur Vergleichung der Hauptsache endlich zu reden.“ — Man vergaß ihm das nicht. Warmund Luithold : vom Gespraͤch zu Hagenau , Hortl. I, 35 stellt ihn als den Urheber des Gedankens vor. Er traf damit eben den Sinn der Vermittler. In dem 9* Siebentes Buch. Zweites Capitel . Schriftwechsel welcher der Zusammenkunft vorhergieng, hatte auch Joachim II die Hofnung und den Wunsch einer de- finitiven religiösen Vergleichung durchblicken lassen. In einer Schrift betitelt: Vorschlaͤge aus dem Cadanischen Vertrage gezogen, an Philipp von Hessen gerichtet: „Da solches ge- schaffen, werden die Wege zu finden seyn, einmal zu Vergleichung und einmuͤthigem Verstand der christlichen Religion zu kommen.“ Und mußte es nicht den Protestanten höchlich erwünscht seyn, daß der Kaiser, der sich unaufhörlich wiederholenden Verzögerungen müde, jetzt selbst des Conciliums das sie ver- worfen nicht mehr gedachte, sondern eine Vereinigung der Stände unter sich in Aussicht stellte? In Frankfurt war die päpstlich-gesinnte Partei eigent- lich gar nicht repräsentirt. Zwischen Männern der gemäßig- ten, vermittelnden Gesinnung und den Protestanten wurden alle Verabredungen getroffen. Und so beschloß man denn, daß auf einer noch im nächsten Sommer zu haltenden Versammlung der Stände ein Ausschuß gelehrter Theologen und verständiger Laien, bei- des Männer von Gottesfurcht und Friedensliebe, ernannt werden solle, um „auf eine löbliche christliche Vereinigung zu handeln.“ Kaiserliche und königliche Bevollmächtigte soll- ten daran mitarbeiten. Was der Ausschuß beschließen würde, solle anwesenden und abwesenden Ständen mitgetheilt und vom Kaiser ratificirt werden. Und nicht allein war hiebei auf die Selbständigkeit des clericalischen Prinzipes keinerlei Rücksicht genommen: als die Frage aufgeworfen ward, ob ein päpstlicher Nuntius bei den Verhandlungen zugelassen werden solle, verweigerten dieß die Anstand zu Frankfurt . Protestanten: die Vermittler erklärten nichts weiter als: es solle in dem Willen des Kaisers stehen. Abschied von Frankfurt § 11—14. Dahin vereinigte man sich am 19ten April 1539 zu Frankfurt am Main ; und obgleich es dadurch nun nicht zu dem definitiven Frieden gekommen war, den man an- fangs beabsichtigt, obgleich namentlich die Städte sich be- klagten, daß sie noch immer nicht von den Anfechtungen der geistlichen Gewalt befreit würden, so leuchtet doch ein, welch ein großer Fortschritt für die Protestanten in den Frank- furter Verabredungen lag. Ihre Absicht war, sich der beiden aus der bisherigen Constitution hervorgehenden feindlichen Gewalten, des im Sinne ihrer Gegner eingerichteten Kammergerichts, und des zwar noch lange nicht zu Stande gebrachten, aber doch an- gekündigten und von ihnen verworfenen päpstlichen Conci- liums zu entledigen. Sie hatten jetzt, zwar nur vorläufig, aber doch bis auf einen gewissen Grad beides erreicht. Die Processe, mit denen namentlich die später eingetre- tenen Mitglieder ihres Bundes bedroht worden, hörten jetzt wirklich auf gefährlich zu seyn. Der Bund der zur Aus- führung der ergehenden Achtserklärungen geschlossen worden, hatte wenigstens den Kaiser nicht mehr auf seiner Seite. Auch von einem Concilium sprach man fürs Erste nicht mehr. Einer einheimischen deutschen Versammlung sollte die Entscheidung der ausgebrochenen Irrungen vorbehalten bleiben. Eine Modification der öffentlichen Gewalt und des Rech- tes, unter ihrer eigenen Theilnahme, durch welche ihr Beste- Siebentes Buch. Zweites Capitel . hen in ihrem gegenwärtigen Zustand aller Gefahr überhoben würde, schien nicht länger vorenthalten werden zu können. Aus alle dem Getriebe widersprechender und zweifelhaf- ter Bewegungen, das wir begleitet, erhob sich doch zuletzt ein großes Resultat: der Bund von Schmalkalden erfocht einen entschiedenen Sieg über den Bund zu Nürnberg . Es versteht sich wohl, daß dieß nun nicht ohne die größ- ten weiteren Folgen bleiben konnte. In dem innern Deutschland mußte das Vertrauen zur protestantischen Sache unermeßlich wachsen. Zugleich aber ließ sich voraussehen, daß die gefaßten Beschlüsse an dem Hofe zu Rom , dem sie entgegengesetzt waren, Widerstand und Gegen- maaßnahmen der entschiedensten Art hervorrufen würden. Betrachten wir erst das Eine, dann das Andre. Drittes Capitel . Weitere Ausbreitung der Reformation in den norddeutschen Gebieten. Reformation in dem albertinischen Sachsen . Noch immer herrschten hier, bereits hoch in Jahren, die beiden Söhne Herzog Albrecht des Beherzten , Georg und Heinrich . Selten mag es Brüder von entgegengesetzteren Eigen- schaften gegeben haben als diese beiden. Georg , der bei weitem den größten Theil der Lande inne hatte, zeigte sich allezeit als ein Mann von buchstäb- licher Gesetzlichkeit, herbem Eigensinn und durchgreifender Thatkraft. In seinem Lande hielt er strenge Ordnung, kein Übergriff der Mächtigen wäre geduldet worden; dagegen ließ er auch diesen ihre Rechte, nirgend war das ständische Wesen weiter ausgebildet, höher geachtet: der Herzog wußte dabei doch seinen Willen durchzusetzen, seine Geldforderun- gen, wie stark sie auch seyn mochten, wurden in der Regel bewilligt. Herzog Georg war in allen Dingen pflichtgetreu; die Vormundschaft über Anhalt führte er, nachdem er sie einmal übernommen, mit musterhafter Sorgfalt; auf die Er- füllung dessen was er versprach, konnte man allezeit zählen. Siebentes Buch. Drittes Capitel . Vergnügen kannte er kaum, geschweige daß er sich Aus- schweifungen hingegeben hätte: er lebte und webte in den Geschäften: er wußte von nichts anderm zu reden, und oft fiel er im Umgang damit beschwerlich. Herzog Heinrich dagegen, der nach der Vernichtung sei- ner Aussicht auf Friesland , für das sein Vater ihn bestimmt hatte, auf Freiberg und Wolkenstein beschränkt worden war, wurde eben am ungeduldigsten, wenn er von Geschäften auch nur seines eigenen Ländchens Kenntniß nehmen sollte. Sein Vermögen reichte für seinen Hofhalt nicht zu, und man war genöthigt von Quartal zu Quartal Schulden zu machen; das hinderte ihn jedoch nicht, sorglos und gemüthlich hinzuleben. Er fuhr mit seinen Begleitern in den Stollen, besuchte die Freiberger Handwerker in ihren Werkstätten; zu Hause ließ er sich gern von fernen Kriegshändeln erzählen. Das größte Vergnügen machte ihm seine Geschützkammer. Ungeheure Stücke, mit abenteuerlichen Figuren, die ihm Meister Lucas zu Wittenberg entworfen, hatte er sich gießen lassen; es ge- währte ihm nicht geringe Befriedigung als er vernahm, selbst der Kaiser habe davon gehört; er gieng des Tages ein paar Mal um sie zu besehen, und wischte dann wohl den Staub mit seinem Mantel ab. Freydinger bei Glafei : Kern der saͤchsischen Geschichte, 115. Zwischen beiden bestand, wie sich denken läßt, nur ein schlechtes Vernehmen. Georg litt das Bildniß des Bruders nicht auf seinen Münzen; er war, auch als dessen Familie sich vermehrte und sein Bedürfniß ohne sein Verschulden stieg, doch zu keiner besondern Beihülfe zu bewegen. Am bitter- sten entzweite sie, was die ganze Welt entzweite, die Religion. Georg und Heinrich von Sachsen . Georg meinte, nach dem Spruche der Schrift, daß die Eltern den Kindern und diese wieder den ihren sagen soll- ten, was ihnen von Gott und dem Gesetz bewußt, so wolle auch er des Glaubens, den er einst von seinem gnädigen Herrn Vater und seiner herzlieben Mutter gelernt, leben und sterben. Briefwechsel mit Georg von Anhalt : Beckmanns Anhalti- sche Geschichte Bd VI. Die Lehre Luthers von der alleinseligmachenden Kraft des Glaubens schien ihm ohnehin verderblich, denn sie mache ruchlose Leute. Er kam nie darüber weg, daß Luther ein ausgetretener unkeuscher Mönch sey. Bei jedem seiner Vettern, die nach einander zur Regierung gelangten, machte er einmal einen ernstlichen Anlauf, um denselben zu stürzen. Da dieß zu nichts führte, so beschloß er wenig- stens selbst dem Irrthum zu widerstehn „mit allen Kräften, — wie er sich einmal ausdrückt — allem Vermögen, aller Macht, bis in den Tod.“ Nirgends fand die neue Lehre größern Beifall als in seinem Lande: fiel doch selbst ein Kloster, zu dem er mit eigner Hand den Grundstein gelegt, und das er min den zuverläßigsten Leuten besetzt zu haben glaubte, zu derselben ab; nirgend aber ward sie auch mit anhaltenderer Strenge verfolgt. Wir haben die Edicte, die Jahr für Jahr dagegen ergiengen; man las sie an großen Tafeln, die auf den Landstraßen aufgestellt, an den Wirths- häusern angebracht waren, und ohne Rücksicht wurden sie gehandhabt. Neigte sich ein vornehmerer Landsasse dahin, so wurden seine Unterthanen von ihren Pflichten gegen ihn freigesprochen; war es ein Beamter, so sollte sein Ende am Rabenstein seyn; ein Priester, der in Luthers Sinn geschrie- Siebentes Buch. Drittes Capitel . ben, ward gezwungen (kaum überwindet man sich es zu er- zählen) sein Buch aufzuessen; Gemeine wurden mit allem Schimpfe, den die bürgerliche Gewalt anzuthun vermag, aus dem Lande gejagt. Vgl. Gretschel: Kirchliche Zustaͤnde Leipzigs p. 221. Georg mochte damit eine Pflicht zu er- füllen glauben, doch war er auch von Natur geneigt, der Welt seinen Sinn mit Gewalt aufzuzwingen. Dagegen war nun an dem Freiberger Hofe nicht daran zu denken, daß man dem reformatorischen Elemente Einhalt gethan hätte. Gar bald wurden die Fasten gebrochen; evan- gelische Prediger erschienen: eben die welche von Georg ver- trieben worden, fanden diesseit Aufnahme und erwarben sich zuweilen, wie Anton von Schönberg , vorwaltenden Einfluß am Hofe. Die Herzogin, Catharina von Meklenburg , nahm daran den Antheil einer eifrigen Bekennerin. Der Herzog selbst ward allmählig auch gewonnen und überzeugt. Kein Wunder, wenn er sich überhaupt, dem feindlichen Bruder ge- genüber, näher an die ernestinischen Stammesvettern anschloß; er trat endlich in den erweiterten schmal ischen Bund. So stellten sich in dem albertinischen Gebiete die bei- den Meinungen, welche Deutschland entzweiten, einander auf das schroffste gegenüber. Auf der einen Seite stand der bei weitem mächtigere Fürst, von ergebenen Räthen, den gewal- tigsten unter den Landsassen und einigen heftigen antilutheri- schen Schriftstellern umgeben, mit aller Kraft der Staats- gewalt ausgerüstet. Auf der andern der kleine Freiberger Hof, Zufluchtsort der Verjagten, aber durch die allgemeine stille Hinneigung des Landes doch nicht unbedeutend. In Leipzig sah man noch an dem Palmsonntag 1537 den Her- Georg und Heinrich von Sachsen . zog Georg der Abhaltung des Offizes auf dem Markt mit unbedecktem Haupte beiwohnen: er hielt den Nuntius des Papstes an der Hand; in Freiberg ward der Kirchensessel Herzog Heinrichs — man weiß nicht einmal ob auf seinen Befehl — der Kanzel näher gerückt, damit er die Predigt des eifrigen Lutheraners, den Johann Friedrich an seinen Hof geschickt, desto besser verstehen könne. Da war nun der entscheidende Moment, daß das Haus des Herzog Georg allmählig ganz verödete. Von vier Söh- nen die ihm geboren worden, waren zwei in früher Kind- heit, ein dritter nachdem er sich schon verheirathet, und zwar ohne Nachkommen, gestorben: es war nur noch ein vierter, des Namens Friedrich , der jedoch für blödsinnig galt, übrig. Dagegen wuchsen dem Herzog Heinrich ein paar kraftvolle geistreiche Söhne empor, die er Mühe hatte zu erziehen, die aber die Hofnung des Landes ausmachten. Hieng es auch damit zusammen, daß die Anordnungen des Herzog Georg sich immer unkräftiger erwiesen? Im Jahr 1538 gesteht der vertraute Rath desselben, Georg von Carlowitz : es herrsche ein großes Murren in seines gnädi- gen Herrn Lande; Briefwechsel mit Herzog Heinrich von Braunschweig . die Stände selbst erklärten dem Herzog, das Volk wolle sich, da es doch zu keinem Concilium komme, mit Priesterehe und Communion unter beiderlei Gestalt nicht länger aufhalten lassen. Der Wunsch, seiner Meinung eine einigermaßen günstige Aussicht für den Fall seines Todes zu eröffnen, vermochte den Herzog Georg , seinen blödsinnigen Sohn noch zu vermäh- len. Die Landstände versprachen, denselben als ihren Herrn Siebentes Buch. Drittes Capitel . anzuerkennen: 24 Männer aus ihrer Mitte sollten ihm un- ter dem Namen Regenten zur Seite stehen: es wäre eine aristokratisch-katholische Regierung gegründet worden, viel- leicht nicht unfähig das bisherige System aufrecht zu erhal- ten; allein die physischen Kräfte des jungen Prinzen waren so schwach wie die geistigen: er starb kaum einen Monat nach seiner Vermählung; der Gedanke, er werde seine Ge- mahlin guter Hofnung zurückgelassen haben, verschwand sehr bald, und es blieb nichts zu erwarten, als die Nachfolge der andern Linie und der volle Umsturz des Katholicismus im Lande. In gewissem Grade erregt der alte Fürst, so gewalt- sam er sich auch gebehrdet, in diesem Augenblick unsre Theil- nahme. Sein Gesichtskreis gieng nun einmal nicht über die Ideen der römischen Kirche hinaus: eben so gut in sich selbst wie nach außen hatte er an der Unantastbarkeit ihrer Institute festgehalten; allein um ihn her war alles in vol- lem unaufhaltsamem Abfall begriffen, bei welchem sogar seine nächsten Angehörigen, seine Vettern, sein Schwiegersohn den Übrigen vorangiengen: nur mit äußerster Mühe hatte er das eigne Land rein gehalten; aber jetzt hatte er keinen Erben mehr, um sein Werk fortzusetzen: am Abend seiner Tage sah er dasselbe dem gewissen Untergange geweiht. Noch stieg in ihm der Gedanke auf, der Sache durch ein Testament abzuhelfen. Einen eigenhändig aufgesetzten Entwurf dazu theilte er bei dem Leichenbegängniß seines Sohnes den in ziemlicher Anzahl versammelten Ständen mit. Heinrich sollte dadurch verpflichtet werden, sich an den Kaiser und das katholische Bündniß zu halten. Wie aber, wenn er dieß Tod Herzog Georgs . abschlug? Herzog Georg hatte den in deutschen Rechten un- erhörten Gedanken gefaßt, daß das Land in diesem Falle an den Kaiser und den König Ferdinand gelangen solle. So durch und durch erfüllt war dieser Fürst von Orthodoxie und Haß der Gegner, daß er dem Gedanken Raum gab, sein Land an ein fremdes Haus zu vererben, nur um seine abstracte Meinung aufrecht zu erhalten. Denn in seiner gan- zen Familie hatte er keinen Glaubensgenossen mehr. Es scheint doch, als sey sein hartes Herz von dieser Nothwen- digkeit übermannt gewesen. Man sah Thränen in seinen Augen, als er den Entwurf den Ständen übergab. Auch hatte er es noch nicht über sich gewonnen, den- selben zu unterzeichnen oder sonst rechtskräftig zu machen: man hatte erst noch Unterhandlungen mit dem Bruder an- geknüpft, der dieselben aber von sich wies: — als sein Schicksal auch ihn erreichte: nach kurzem Unwohlseyn, das ihn nicht gehindert hatte seine Geschäfte zu besorgen, er- lag er den gewaltsamen Mitteln die man dagegen anwandte, 17 April 1539. Da die Erzaͤhlungen Spalatins (bei Mencken II, 2) und an- derer etwas Schwankendes haben, so will ich die Worte des Coch- laͤus , der damals am Dresdner Hofe war, anfuͤhren, welche allen Zweifel heben: Pridie quam obiit, etsi langueret, non tamen lecto addictus erat, sed causas audivit atque etiam ad coenam ivit in gynaeceum; a cibo tamen abstinens, sumpturus a quatuor me- dicis et clysterium inferne et potionem superne. Quibus sum- ptis tanto vexatus est dolore etc. (Epp. ad Nanseam p. 244.) Man wird sich nicht wundern, daß er der Sitte der Zeit folgt und dabei doch noch an Gift denkt. Carlowitz hatte der Schwester des Landgrafen zu ver- stehen gegeben, man werde Herzog Heinrich und seine Söhne Siebentes Buch. Drittes Capitel . in Dresden einlassen, sie aber hier nöthigen, sich dem Wil- len der bisherigen Räthe zu unterwerfen. Philipp an Johann Friedrich , Dienstag nach Misericordias: „Wann sie Herzog Heinrich und s. L. Sone hinein in Thresden ge- locket hetten, sie darin zu behalten und zu inen zu sagen Das und das, auch kein anders, wollen wir gehabt haben, und muͤßt uns das alsbald zusagen.“ Ich weiß nicht ob das eine Großsprecherei oder eine Einschüchterung war; wenigstens war, als der Todesfall so plötzlich eintrat, nichts zu einer Unternehmung solcher Art vorbereitet. Noch jenen 17ten April langte Herzog Heinrich in Dresden an: des Abends, bei Fackelschein, unter freudigem Zuruf des Volkes. Ein paar Tage fanden Verhandlungen mit den bisherigen Räthen statt, welche allerdings sehr bitter ausfielen und die Sache einem völligen Bruch nahe brachten. Allein so groß war doch auch ihre Gewalt nicht, daß sie es darauf hätten wagen können: Heinrich ergriff ohne Widerrede Besitz. Georg von Carlowitz an Landgraf Philipp Montag nach St. Georgi 28 April; ein Schreiben das schon Seckendorf kannte, das jetzt bei Neudecker , Urkunden p. 346, abgedruckt ist. König Ferdinand , von jenem für ihn so vortheilhaften Testamente unterrichtet, erklärte, nur dann werde er Herzog Heinrich als Erben des Landes betrachten können, wenn der- selbe sich verpflichte den Nürnberger Bund zu halten, den Herzog Georg zugleich im Namen seiner Nachfolger und sei- ner Landschaft abgeschlossen. Allein wie die Dinge standen, so konnte das auf den neuen Herzog keinen Einfluß aus- üben. Dessen schmalkaldische Verbündeten erklärten sich be- reit, ihm mit aller ihrer Macht zu Hülfe zu kommen, und zögerten aus diesem Grunde einen Augenblick, ihre Truppen zu entlassen, wie der Frankfurter Stillstand erheischte: Land- Reformation in dem albertinischen Sachsen . graf Philipp berechnet in einem Schreiben an Carlowitz , daß er über 20,000 M. z. F., 4000 z. Pf. gebieten könne. So geschah, daß das protestantische Element, repräsen- tirt in dem Fürsten und freudig bewillkommt von der Menge, auf der Stelle das Übergewicht erlangte. Ohne Säumen schritt Herzog Heinrich zum Werk. Als er die Huldigung in Leipzig einnahm, erschienen die Witten- berger Professoren, Luther an ihrer Spitze, wie 20 Jahre früher zu jener Disputation. Wie hatte der keimende Ge- danke der damals zu Tage kam, sich seitdem entwickelt: in sich selbst, und über die Welt hin! Am ersten Pfingsttag predigte Luther und setzte seinen Begriff von Kirche und in- nerer Gemeinschaft, der hier zu Lande nun siegreich blieb, der römischen Lehre darüber noch einmal entgegen. Bald erhob sich auch in Dresden ein protestantischer Prediger. Überall begannen die Reformen. Bereits am 6ten Juli ward eine Vi- sitation des ganzen Landes angeordnet: nach einer Ordnung die sich ausdrücklich auf die Augsburger Confession bezog und bei der die ernestinischen Einrichtungen überall zum Mu- ster genommen waren. Instruction der Visitatoren bei Hering : Geschichte der Ein- fuͤhrung der Reformation in Meißen und Thuͤringen p. 38. Natürlich fand der Herzog damit lebhaften und hart- näckigen Widerspruch. Die Geistlichen wollten „das freie Pfaffenleben“ dessen sie genossen, nicht aufgeben; die Bischöfe waren empört daß man ihnen ihre Jurisdiction nehmen wolle, und erboten sich nun auch zu Reformen, in einem Sinne wie sie schon zu Zeiten Herzog Georgs in Anregung gekom- men, der aber freilich den Ansprüchen des Protestantismus Siebentes Buch. Drittes Capitel . nicht genügte. Da dieß nichts half, so wendete sich Jo- hann von Meißen ohne weitere Rücksicht an den Kaiser. Er erneuerte seine alte Prätension, reichsunmittelbar zu seyn, beschwerte sich nicht allein über den Verlust seiner Gerichts- barkeit und seiner Gefälle, über die Gefahr, mit der man sein kaiserliches Stift bedrohe; sondern er fragte sogar an, ob er dem Herzog die Lehen leihen solle, die derselbe von ihm trage. Dieß war aber eine Art von Widerstand, die dem Her- zog eher zu gute kam als ihm schadete. Die Stände fühl- ten sich beleidigt, daß der Bischof sich von ihnen sondern, sein altes Verhältniß zur Landschaft aufheben wolle; sie kün- digten ihm an, sie würden das nicht nachgeben noch dul- den; als er auf seinem Sinn verharrte, erhoben sie förmlich Fehde gegen ihn. Schon war Carlowitz gestürzt und ein andrer Einfluß machte sich geltend. Der naͤchste Grund weshalb Georg von Carlowitz sich nicht halten konnte, lag nach einem Schreiben Christophs darin „daß er den Bischof als seinen Freund mit Rath nit hat verlassen wollen.“ Auf dem Landtag in Chemnitz beschwerten sich die welt- lichen Stände allerdings, daß die Visitation ohne ihren Rath vorgenommen, alte Pfarrer abgesetzt, neue eingeführt worden, ohne Rücksicht auf ihre Patronatrechte; allein nicht gegen die Sache selbst war ihr Widerstand gerichtet: man sah, daß die neue Lehre schon längst die Gemüther beherrschte; die Stände wünschten nur bei der Einziehung und Verwaltung der geist- lichen Güter zugezogen zu werden. Leicht bewilligte ihnen das der Herzog. Auf einer Versammlung des ständischen Ausschusses, zu Leipzig , im August 1540, wurden hierüber Reformation in dem albertinischen Sachsen . feste Normen gemacht. Man beschloß zunächst die Klöster einzuziehen, die ohnehin größtentheils verlassen seyen: d. h. die Güter in weltliche Verwaltung zu nehmen und den Über- schuß derselben zur Verbesserung der Stellen an Kirchen, Schulen und Universität, so wie zu den allgemeinen Landes- bedürfnissen zu verwenden. Wenn man die Acten liest, so erwecken doch die Frauenconvente ein gewisses Mitleid: die armen Nonnen, deren einfache Gedanken in den Cerimonien die sie ausübten vollkommen befangen waren, wurden genö- thigt sich davon loszureißen. Manche freilich waren dazu sehr bereit. Cäcilia von Haugwitz in St. Georg bei Leip- zig gab zu Protocoll, wäre es auf sie angekommen, so würde sie längst ihr Kleid verändert haben. So geschah die Religionsveränderung in dem alberti- nischen Sachsen : sie schließt zugleich einen vollkommenen po- litischen Umschwung ein. Die öffentliche Gewalt, welche bis- her auf einer Vereinigung des Fürsten, der Prälaten und der Majorität der Stände, zusammengehalten durch ein paar eifrige und geschickte Räthe, beruhte, wurde gestürzt und eine neue gebildet, durch einen Fürsten der von entgegengesetzten Prinzipien ausgieng, einige Räthe die früher verjagt, und die Anhänger einer religiösen Meinung die bisher mit aller Schärfe niedergehalten worden. Zugleich war es ein neuer Sieg des schmalkaldischen Bündnisses. Durch das entschie- dene Übergewicht des letztern bekam die neue Staatsgewalt einen Rückhalt und Nachdruck dessen sie schwerlich hätte entbehren können. Indem die Prälaten sich nach fremder Hülfe umsahen, bewirkten sie nur, daß in der Landschaft die ihnen feindselige Meinung die Majorität gewann; ihnen Ranke D. Gesch. IV. 10 Siebentes Buch. Drittes Capitel . zum Trotz, vor ihren Augen ward die verhaßte Veränderung zu Stande gebracht. Reformation in der Mark Brandenburg . In Sachsen trat, wie wir sehen, der Umschwung der Dinge erst nach dem Abschluß des Frankfurter Anstandes und auf einmal ein: in Brandenburg bereitete er sich allmäh- lig mit den Begebenheiten die diesen herbeiführten, vor. Auch Joachim I hatte die alte Religion durch Bünd- nisse, wie das hallische, in seinem Lande zu befestigen gemeint. Er hegte, so gut wie Georg von Sachsen , die Absicht, das- selbe bis über das Ziel seines Lebens hinaus zu erstrecken. Bei der Erbtheilung die er zwischen seinen Söhnen veran- staltete, verpflichtete er sie in aller Form, an den Reichs- abschieden von Augsburg und Regensburg und dem halli- schen Bündniß festzuhalten, ja nicht allein sie selbst, son- dern auch die Kinder die sie hätten, oder die sie noch be- kommen würden. Es ist nicht so unerhört, daß ein sterbender Fürst seine Nachkommen an die von ihm beliebte Regierungsweise auf alle Zukunft zu binden sucht; eine andere Frage aber ist es, ob er damit nicht seine eignen Rechte überschreitet, und ob es jemals eigentlich damit gelungen ist. Hier entsprang die Vereitelung des Planes gleich aus dem ersten Versuch die Bedingungen zu vollziehen an die er geknüpft war. Zwischen den beiden Brüdern brachen, wie so häufig, Streitigkeiten über die väterliche Theilung aus. Der jün- gere von ihnen, Markgraf Johann , glaubte sich durch die Reformation in der Mark Brandenburg . Mitglieder des hallischen Bundes, welche die Schlichtung derselben übernahmen und dem ältern Bruder Recht gaben, beeinträchtigt, beleidigt. Unwillig entfernte er sich von einer in dieser Sache nach Halle berufenen Tagsatzung; mit sei- nem Schwiegervater Heinrich von Braunschweig hielt er noch einmal eine besondre Zusammenkunft, auf dem Wege zwi- schen Naumburg und Weißenfels ; aber auch mit dem allein konnte er sich nicht verständigen. Nun war Johann von den evangelischen Meinungen schon längst ergriffen: man hatte wohl noch bei seines Vaters Lebzeiten bemerkt, wie er sich von dem Hochamt, zu dem ihn dieser mitnahm, heim- lich entfernte; allmählig ward er von der Wahrheit nicht einer und der andern Lehre, sondern des ganzen Systems, wie es in Wittenberg gepredigt ward, durchdrungen. Darf es uns Wunder nehmen, wenn er einem Bunde nicht mehr angehören wollte, von dem er sich in geistlichen Dingen be- schränkt, in weltlichen nicht beschützt sah? Er war in alle seinem Thun entschieden bis zum Eigensinn, durchgreifend und muthig: er wollte auch etwas seyn, und den Weg einschlagen den er für den rechten hielt. Und so riß er sich nicht allein von dem hallischen Bunde los, sondern er trat zu dem ent- gegengesetzten, dem schmalkaldischen über. Er that dieß, wie er sagt, weil er keine andre Möglichkeit sehe, bei dem gött- lichen Wort und der einmal erkannten Wahrheit zu bleiben. Was er schon begonnen, der veränderten Religion in seinem Landestheile — der Neumark mit Cottbus und Peitz — Raum zu machen, das setzte er, auf diesen Rückhalt gelehnt, nunmehr um so nachdrücklicher fort. In dem Berliner Archiv finden sich die Briefe die Mark- 10* Siebentes Buch. Drittes Capitel . Bei weitem mehr aber als auf den jüngern richteten sich alle Blicke auf den ältern Bruder: nicht allein weil er zwei Drittheil der väterlichen Lande beherrschte, sondern weil seine churfürstliche Würde ihm einen größern Einfluß auf die allgemeinen Angelegenheiten sicherte. Churfürst Joachim war eine von Grund aus friedfer- tige Natur: er hätte mit jedermann in der Nähe und Ferne in gutem Vernehmen zu stehen gewünscht. Auch in seinem Hause wollte er nur vergnügte Gesichter sehen; er liebte es sich äußerlich wohl zu befinden, fürstlich zu wohnen, eine gute Tafel zu führen; gern veranstaltete er ritterliche Fest- lichkeiten, prächtige Bankette; zu den Reichstagen begab er sich mit zahlreichem Gefolge, dessen Kosten seine Mittel bei graf Johann in dieser Angelegenheit mit Heinrich von Braunschweig und Johann Friedrich von Sachsen wechselte. Leider geben sie doch nur fragmentarische Auskunft. Die Zusammenkunft in Halle faͤllt Ostern 1536, die bei Weißenfels Juni 1536; im Herbst 1536 ward Johann beim Ausschreiben der Bundeshuͤlfe uͤbergangen; im April 1537 fragt Johann Friedrich bei dem Markgrafen an, ob es ihm mit der Aͤußerung die er in Zeitz kurz vorher gegen Landgraf Phi- lipp gethan, in den schmalkaldischen Bund treten zu wollen, ein Ernst sey; da der Markgraf dieß bejaht, so beginnen die Unterhandlungen im Mai 1537. Das Schreiben des Markgrafen, worin er sich be- reit erklaͤrt, ist undatirt; doch muß es in die erste Haͤlfte des Mai fallen; die Antwort Johann Friedrichs ist vom 22 Mai Dienstag in den Pfingstferien. Ein saͤchsischer Rath, Johann von Pack , uͤber- brachte die Bundesformel; doch dauerte es noch lange ehe man sich uͤber die Bedingungen vereinigte. Die Beitrittsurkunde des Mark- grafen ist vom 5 Juli 1538. In dem Revers, der vorangieng, heißt es: „Weil wir dann zu erkenntniß gotlichs worts und reiner lere sonder zweifel durch seiner allmechtigkeit sonderliche schickung und ver- sehung kommen und wir aber nach got kein ander noch besser mittel zu finden gewußt, welchs uns unsern landen und leuten dazu dienst- lich das wir und sie bei dem gotlichen wort und einmal erkanter war- hait pleiben und gelassen werden —“. Reformation in der Mark Brandenburg . weitem überstiegen: wie es denn überhaupt nicht sein Ta- lent war Geldgeschäfte zu führen. Unaufhörlich finden wir ihn bauen, Schlösser in den Städten, Jagdhäuser in der Tiefe der Gehölze, an den breiten Gewässern die hie und da dem Lande eine gewisse Anmuth verleihen, Kirchen und Dome mit hohen Thürmen und weitschallenden Glocken dar- auf: er wollte Gott nur an würdiger Stätte so wie mit Ehrfurchterweckenden Cerimonien verehren. An der religiö- sen Bewegung der Zeit nahm auch er, auf seine Weise, in- nerlich Theil. Sie berührte ihn vielleicht zuerst im Gespräch mit dem vertriebenen Dänenkönig Christian II , seinem Oheim, der sich lange am brandenburgischen Hofe aufhielt; dann durch seine Mutter, die ihrem Gemahl entflohen eine Freistätte in dem ernestinischen Sachsen gefunden, Luthern zuweilen bei sich sah, oder wohl ein paar Wochen in seinem Hause zubrachte. Eine entschiedenere Hinneigung zeigte er, als ein italienischer Gelehrter, der am römischen Hofe gut bekannt war, ihm er- zählte, Papst Clemens VII , dem man eines Tages seine un- eheliche Geburt vorgeworfen, habe lachend erwiedert, er theile dieß Schicksal mit Christus . Empört über diese Blasphemie ließ der junge Markgraf Luthern einen gnädigen Gruß entbie- ten. In dem Innersten seiner Seele bereiteten sich Abneigung und Hinneigung vor. Besonders die Lehre von der Recht- fertigung allein durch Christus machte auf ihn einen großen Eindruck. Er selbst hat gesagt, er habe hauptsächlich aus den alten Kirchengesängen, für die er eine besondere Vor- liebe hegte, und aus andern Denkmalen des kirchlichen Al- terthums die Überzeugung geschöpft, daß Luthers Auffassung Siebentes Buch. Drittes Capitel . die richtige sey. Scimus, ipsum crebris sermonibus asseverasse, non aliunde veram Religionem se assecutum, quam ex orthodoxae antiquitatis libris, ac veteris Ecclesiae cantionibus purioribus. Franc. Hildes- heimii de vita Joachimi II narratio historica bei Kuͤster Coll. Bd II, 21 St, p. 59. Indessen läßt sich wohl bezweifeln, ob Land- graf Philipp so ganz recht hatte, ihn gleich bei seinem Re- gierungsantritt als vollkommen einverstanden zu betrachten. Wahr ist es, daß sich Joachim von Anfang an hütete die freie Predigt zu stören wo sie sich ohne sein Zuthun ein- führte. Übrigens aber hielt er persönlich an dem alten Ri- tus fest: und Einer seiner Hofleute ruft wohl den Herzog von Preußen auf, ihn davon abzubringen. Auch trat er zu dem hallischen Bunde. Bei jener Versammlung zu Zeitz im Jahr 1537 sah ihn der Mönch der die Chronik verzeichnete, noch als einen Altgläubigen an. Und auf keinen Fall hätte es in seiner Art und Weise gelegen, sich gewaltsam loszureißen. In den meisten Ange- legenheiten geht er, bei aller Festigkeit der Gesichtspuncte die er gefaßt hat, doch nur langsam und ohne Geräusch zu Werke; sein Sinn ist, die Dinge kommen, sich entwickeln zu lassen. Die Frucht muß erst reifen, ehe er die Hand ausstreckt sie zu brechen. Von seinem Vater hatte man bemerkt, daß er in der Religionssache zwar lebhafte und drohende Reden führte, sich aber in den Handlungen glimpflich und nachsichtig er- wies. Die religiöse Differenz ergriff die brandenburgischen Fürsten nicht mit so heftiger Gewalt, daß ihnen darüber ihre anderen Beziehungen aus den Augen gekommen wären. Was nun bei Joachim II allmählig doch eine Ent- Reformation in der Mark Brandenburg . schließung hervorrief, war wie bei seinem Bruder zunächst der Gang der Dinge in dem hallischen Bunde. Wir wissen, wie die Verbündeten sich gleich dort in Zeitz feindseligen und kriegerischen Absichten hingaben. Joa- chim II hütete sich wohl ihnen darin beizupflichten. Ihm war es ganz genehm, wenn bei der Erneuerung der Erbeinigung die Formel wegfiel, die sich auf die römische Kirche bezog. Recht im Gegensatz mit den Übrigen traf er mit Johann Friedrich und Philipp die Abrede, daß keiner den andern der Religion halben befehden solle: weder für sich noch um eines dritten willen, wer das auch seyn möge. Hierauf konnte er, wie sich versteht, an den Unterhand- lungen die zum Nürnberger Bunde führten nicht Theil neh- men. Nur sehr kühl und zweifelhaft beantwortete er das Schreiben worin ihm von dem Abschluß desselben Nachricht gegeben ward. Darum ließ man ihn aber auf jener Seite nicht los. In einem seiner Briefe sagt Heinrich von Braun- schweig , An den Erzbischof von Magdeburg . Im weim. A. er wisse recht wohl, daß Joachim keine Lust zu diesem Bündniß habe: er habe es bei einer persönlichen Anwesenheit in Berlin sehr gut bemerkt: er kenne die in Zeitz getroffene Abrede: er traue dem Manne überhaupt nicht; „allein“, fügt er hinzu, „wir achten dafür, er muß hier herein, es sey ihm lieb oder leid.“ Zu einer Zeit wo der jüngere Bruder dem schmalkaldischen Bündniß beigetre- ten, wollte man den älteren fast mit Gewalt nöthigen an dem entgegengesetzten Theil zu nehmen, das sich schon berei- tete die Waffen zu ergreifen. Er sollte Diejenigen bekäm- pfen, deren Überzeugungen großentheils seine eigenen waren. Keine Frage: dem mußte er sich widersetzen. Siebentes Buch. Drittes Capitel . Wir bemerken das Eigenthümliche seiner Stellung. Was Andere abhalten mochte, sich der Neuerung zuzuwenden, — Liebe zum Frieden, Widerwille gegen nachbarlichen Hader und Verdruß, — war für ihn ein Motiv, sich derselben viel- mehr zu nähern. Zuerst faßte er, wie wir wissen, den seiner Sinnesart entsprechenden Gedanken, eine Vermittelung zwischen den kriegsbereiten Parteien selbst zu versuchen. Die Übereinkunft zu Frankfurt , nach welcher innerhalb der Nation eine Entscheidung der religiösen Streitigkeiten herbeigeführt wer- den sollte, war ganz nach seinem Herzen, und zum Theil sein Werk. Eben hier aber wurde er inne, daß er auch wohl selbst einen Schritt weiter thun könne. Wenn irgendwo, so legte sich in Frankfurt an den Tag, welch ein mächtiges Übergewicht die reformatorische Tendenz in der Nation gewonnen hatte. Die Abgeordne- ten des Kaisers und des Königs ließen sogar eine gewisse Entrüstung gegen den Papst blicken, dem sie die Verzöge- rung des Conciliums und der so oft versprochenen Reform allein Schuld gaben. Zugleich traten auf einer andern Seite, in dem eignen Lande Joachims die ersten entschiedenen protestantischen Re- gungen hervor. Was gewöhnlich erzählt wird, die gesammte Landschaft habe den Fürsten schon früher ersucht, die Veränderung vor- zunehmen, kann ich doch nicht gegründet finden. Auf dem ersten Landtag, den Joachim II im Septem- ber 1538 hielt, auf welchem er, wie herkömmlich, die Pri- Reformation in der Mark Brandenburg . vilegien und guten Gewohnheiten geistlicher und weltlicher Stände bestätigte, brachten diese unter andern auch einen Beschluß, der im Jahr 1527 in Bezug auf die geistlichen Angelegenheiten gefaßt worden war, in Erinnerung. Fragen wir was derselbe enthielt, so ist es die Aufrechterhaltung der bestehenden kirchlichen Institutionen, der bischöflichen Ver- fassung und des Bestandes der geistlichen Güter, wozu sich Fürsten und Stände vereinigt hatten: und dabei blieben sie denn noch immer. Ganz angemessen antwortete ihnen Joa- chim II , er habe sich in Beziehung auf die Religion bisher so gehalten wie es einem christlichen Churfürsten zukomme: er denke auch künftig so zu verfahren, wie er es gegen Gott und gegen seine Obrigkeit, den Kaiser und den Kö- nig, verantworten könne. Die Worte, die doch so undeutlich nicht sind, lauten: „nach deme auch uff etzlich gehaltenen Landtagen bei Zeiten unsers gnaͤdi- gen lieben Hern und Vaters, mild. Ged., alle Stende unsers Chur- fuͤrstenthums und Landschaft sich eintrechtiglichen vereiniget und ent- schlossen wie es der Religion und Cerimonien halber gehalten soll werden, und wir itzo wiederumb von den Stenden des angesucht, So hoffen wir, wir haben uns bisher in aller Religion und crist- lichen Cerimonien dermaßen wie einem christlichen Churfuͤrsten eignet, zusteht und gebuͤhret, gehalten; so wollen wir uns auch hinfuͤrder dermaßen halten und erzeigen wie wir solches gegen dem Allmaͤchtigen, der Roͤm. Ksl. und Kgl. Mt, als unsern allergnaͤdigsten Herrn und Obrigkeit, mit guten gewißen fug und ehre zu verantworten haben.“ Es leuchtet ein, nicht die Stände- versammlung, zum Theil selber eine hierarchische Corporation, ergriff die Initiative in dieser Sache. Im Gegensatz gegen sie behielt sich Joachim seine obrigkeitliche und reichsfürst- liche Freiheit vor. Wohl hatten auch in der Mark — wir wissen es aus einem Briefe Melanchthons , der kurz vorher im Lande war, — Siebentes Buch. Drittes Capitel . die reformatorischen Ideen einen großen Theil der Bevölke- rung ergriffen: in den Ständen aber, offiziell, hatten sie im September 1538 noch keine Repräsentation gefunden. Jetzt erst, im Februar und März 1539, während der Fürst in Frankfurt war, traten in einzelnen, aber eben den bedeutendsten Mitgliedern der Stände unzweifelhafte Mani- festationen der Hinneigung hervor. Am 13ten Februar wurde die Bürgerschaft von Berlin und Cölln zusammenberufen, um ein Verbot fremder Kriegs- dienste zu vernehmen. Diese Gelegenheit ergriff sie, um ihren Wunsch auszusprechen, in den nächsten Ostern das Sacra- ment unter beiderlei Gestalt zu genießen. Bürgermeister und Räthe beider Städte säumten nicht, dieß Gesuch zu dem ihren zu machen und es so an ihren Herrn zu bringen, der die Erfüllung desselben schon hatte hoffen lassen. Gesuch der Rathmanne zu Berlin und Coͤln an den Chur- fuͤrsten, wegen Veraͤnderung des Gottesdienstes, 15 Febr. 1539. Bei Fidicin , Beitraͤge zur Geschichte der Stadt Berlin , II, 336. Lag darin vielleicht ein Grund mit, weshalb sich der Bischof von Brandenburg um die österliche Zeit nach Ber- lin verfügte? Als er auf dem Rückwege nach Teltow kam, erschienen die Edelleute des Landes in dem Hause des dor- tigen Erblehnrichters von Schwanebeck in ziemlicher Anzahl, und drückten ihm ihren Entschluß aus, „die reine göttliche Lehre anzunehmen und standhaft zu bekennen.“ Das Außerordentlichste war nun, daß dieser Bischof selbst, Matthias von Jagow , sich entschloß die Umwandlung nach Kräften zu fördern. Er fand, daß das im Grunde die Bedeutung seines bischöflichen Amtes sey. „Da sey ihm Reformation in der Mark Brandenburg . auferlegt worden, allen Irrthum selbst zu meiden und bei Andern zu verhüten; darauf habe man ihm das Evange- lium in die Hand gegeben und über seine Schulter gehal- ten, als das Joch des Herrn das er zu tragen habe; der Metropolitan habe ihn aufgefordert hinzugehn und es dem Volke zu verkündigen.“ Einst traf Luther auf einem Feste zu Dessau mit Matthias von Jagow zusammen, und wie man denken kann, alle Streitpuncte, Messe, Werkheiligkeit, Opfer, Papstthum kamen zwischen ihnen zur Sprache. Der Bischof drückte sich darüber auf eine Weise aus, die Luthern vollkommen genug that. „Möchte uns nur Gott“, rief er aus, „solcher Bischöfe mehr geben.“ Weit entfernt jene Edel- leute zu hindern, ließ sich Bischof Matthias von ihnen nur versprechen, daß sie zwar evangelische Prediger annehmen, aber darum die bisherigen doch nicht verstoßen, sondern noch weiter versorgen würden. So erklärten sich die vornehmste Stadt, eine Anzahl Edelleute und der gelehrteste Bischof im Lande, und zwar eben in derselben Zeit, als sich dort in Frankfurt die Lage der Reichsangelegenheiten, die Stimmung der höchsten Ge- walten auf eine entsprechende Weise entwickelten. Ich weiß nicht, ob man sich vollkommen darauf ver- lassen kann was Melanchthon erfahren zu haben versichert, daß der Churfürst schon in Frankfurt dem Landgrafen seine weitern Pläne eröffnet habe; aber unwahrscheinlich wäre es nicht. Die nationale Vereinbarung über die Religion, die man dort in Aussicht genommen, und die nicht anders als in einem von dem Papstthum abweichenden Sinne möglich war, ward eher befördert als gehindert, wenn schon im Vor- Siebentes Buch. Drittes Capitel . aus Schritte auf einer gleichartigen Bahn geschahen. Was sich im Laufe des Sommers im albertinischen Sachsen zu- trug, machte es ohnehin doppelt schwer, den alten Zustand der Dinge in der Mark aufrecht zu erhalten. Zuerst sah der Erz- bischof von Mainz , daß der Entschluß gefaßt sey und sich nicht mehr würde rückgängig machen lassen. Er wendete sich noch einmal an Kaiser und König, und wirklich ließ Ferdinand noch eine Abmahnung ergehn. Bucholtz IX, 382. So aber verstand Joachim sein Friedenssystem nicht, daß er auf die Meinungsverschie- denheiten jedes Freundes hätte Rücksicht nehmen sollen: schon genug daß die Umstände im Allgemeinen günstig waren: zum ersten Mal fühlte er daß er sein eigner Herr sey; jetzt schritt er zum Werk. Am ersten November 1539 versammelten sich die sämmtlichen Prädicanten, die bereits im Lande thä- tig waren, in der Nicolaikirche zu Spandau ; in ihrer Ge- genwart hielt Bischof Matthias von Jagow das erste evan- gelische Hochamt. Der Hof und ein Theil des Adels em- pfieng aus der Hand desselben das Abendmahl unter bei- derlei Gestalt. Vgl. Frege’s , Spieker’s , Muͤllers Geschichten der Refor- mation in Brandenburg ; uͤber den Tag besonders die erste. Unverzüglich folgte das Land dem Beispiele des Herrn. In diesen beiden Momenten, der Lehre von der Recht- fertigung und dem Gebrauch des Sacramentes nach den Worten der Einsetzung, liegt nun aber die ganze Verände- rung: — theoretisch, so wie praktisch. Man riß sich da- durch von den hierarchischen Satzungen los und trat in ein unmittelbares Verhältniß zu Gott und den göttlichen Din- Reformation in der Mark Brandenburg . gen zurück, nur den Urkunden des Glaubens erkannte man fortan religiöses Ansehen zu. Der Werth der kirchlichen Werke und der ganze bisher gebotene Dienst fielen in sich selbst zusammen. Mit großer Naivetaͤt druͤckte sich uͤber den Sinn des Evan- gelischwerdens der alte Prediger aus, dessen Schmidt ( Brandenburg . Reformationshist. p. 185.) aus Scultetus gedenkt. Mochte dann auch manche andre Äußer- lichkeit beibehalten werden, wie es hier geschah, so war doch die Hauptsache gethan: die reformatorische Bewegung ward ihrem Wesen nach aufgenommen. Joachim fühlte sich glücklich, daß er so weit gekommen. „Wir wollen Gott bitten,“ antwortete er auf ein glückwün- schendes Schreiben des Fürsten Georg von Anhalt , „daß er uns in dem angefangenen Werke Beständigkeit verleihe, bis auf unsre letzte Stunde.“ Schreiben des Churfuͤrsten vom 30sten Nov. in dem anhal- tischen Archiv zu Dessau . Die Art wie er von dieser Tugend redet, „damit er nicht wie ein leichtes Rohr von den Winden hin und her geweht werde,“ zeigt fast eine Besorg- niß an daß es geschehen könnte. Aber ich denke, sie bürgt auch um so mehr für die Reinheit der Motive aus denen der Entschluß hervorgieng. Sein Standpunct überhaupt und der Grund, aus wel- chem er seine Befugniß zu diesem Verfahren herleitet, erhellt aus den Vorreden zu den verschiedenen Theilen der Kirchen- ordnung, die er unverzüglich zu Stande brachte. Kirchen Ordnung im Churfurstenthum der Marcken zu Bran- demburg , wie man sich beide mit der Leer und Ceremonien halten sol. M. D. XL. Bei der Abfassung derselben ist unter andern auch Georg von Anhalt zu Rathe gezogen worden. Die Lehrartikel sind fast durchweg aus der fraͤnkisch-brandenburgischen Kirchenordnung heruͤber- genommen. Er geht Siebentes Buch. Drittes Capitel . davon aus, daß von den hohen geistlichen Häuptern eine wahre Reformation niemals zu erwarten sey: könne es doch der Kaiser mit alle seinem wohlwollenden Bemühen zu keinem Concilium bringen; er erbietet sich, wenn es je- mals noch zu einem solchen komme, oder zu einer National- versammlung, oder zu einem freien Religionsgespräch, wozu er „äußersten Vermögens“ beitragen wolle, sich in allen der göttlichen Schrift gemäßen und billigen Dingen sagen zu lassen; aber indeß vergehe die Zeit, von der er doch einst dem obersten Haushalter Rechenschaft zu geben habe: län- ger seyen die offenbaren Mißbräuche nicht zu dulden: man würde sonst nur verführerische Secten und ihren ungöttlichen Wahn befördern: und so verkündige er, nach der Pflicht, mit der er dem allmächtigen Gott verwandt, nach dem Beispiel der alten löblichen Könige des israelitischen Volkes, diese Ordnung, welche er der göttlichen Wahrheit, dem Ge- brauche der ersten reinen Kirche, dem Zeugniß der alten von der Kirche angenommenen Väter, die ihre Lehren mit ihrem Tode besiegelt, gleichförmig erkenne. Er fordert ihre Beob- achtung „mit gnädigem Gesinnen“, wie er sich ausdrückt, und „ernstlichem Befehl“ sowohl von seinen geistlichen wie von seinen weltlichen Ständen. Es ist doch die ganze Autonomie der fürstlichen Ge- walt, mit der er auftritt, dieselbe aus welcher einst die al- ten Könige und Kaiser bei der Einführung des Christen- thums gehandelt. Aber dabei hatte Joachim alles im Voraus reiflich er- wogen, und auf keiner Seite war eigentlicher Widerstand zu befürchten. Reformation in der Mark Brandenburg . Auf dem nächsten Landtag, im März 1540, sah man daß die Stände mit ihrem Fürsten einverstanden waren. Die Ritterschaft begnügte sich mit der Versicherung, daß in den geistlichen Stiftungen keine unbillige, die Ehre Gottes schmä- lernde Neuerung vorgenommen werden sollte: eine Zusage, durch welche der Fürst doch nur wenig beschränkt wurde. Besonders die Jungfrauenklöster scheinen ihr und den Städ- ten am Herzen gelegen zu haben. „Was die Cloͤster belanget, wollen die beiden stende gebe- ten haben, die Armen Jungfrauenkloster gnedigst zu bedenken und sie nicht nott leiden dorfen, an oren unterhalt, essen und trinken, cleidung und anders belangend.“ (Fragment der Landtags-Acten.) Den Städten ward das Patronat der Kirchen und Schulen bestätigt, in so fern sie sich der neuen Ordnung gemäß halten würden. Die Universität empfieng zunächst die reiche Carthause bei Frank- furt an der Oder, die schon beinahe ganz verödet war: zwar mit Widerspruch des letzten Priors, der den Churfürsten über- haupt nicht als seinen Herrn anerkennen wollte; aber mit Beistimmung des Bischofs von Lebus . Der Churfuͤrst sagt in seiner Antwort auf die Klage des Carthaͤusers, von seinem Vorschlag die Verwaltung der Carthause der Universitaͤt zu uͤberlassen: „Welchen Vorschlag ich sammt dem Ordinario des orts und meiner Landschaft mit gutem Bedacht erwo- gen und beratschlagt.“ (Berl. A.) Indem die Klö- ster fielen, erhielten sich die Bischöfe. Georg von Blumen- thal zu Lebus ward durch die Zuweisung einer größeren Zahl von Vasallen in Ergebenheit gehalten: Wolbruͤck Geschichte von Lebus II, 310. nach wie vor fin- den wir ihn in gesandtschaftlichen Geschäften gebraucht. Eher zeigte Busso von Alvensleben zu Havelberg Regungen von Widersetzlichkeit: am Ende hat aber auch er nachgegeben: Siebentes Buch. Drittes Capitel . er hat noch selbst Prediger ordinirt, welche das Abendmahl unter beiderlei Gestalt austheilten. Die Vorbedingung zu dem allen und in der That ein großes Glück war, daß hier zu Lande das Bisthum schon längst von dem Fürstenthum abhängig geworden; sonst würde der Hader, der sonst überall zwischen geistlicher und weltli- cher Regierung, höherer und niederer Geistlichkeit eintrat, ohne Zweifel auch hier ausgebrochen seyn. Unter dem Vortritt des Fürsten waren sie beide vereinigt; die Prädicanten wurden von den Bischöfen entweder begünstigt, oder doch geduldet. Die Gesammtheit der Stände beruhigte der Churfürst noch dadurch, daß er ihnen versprach, sich in kein Bündniß einzulassen ohne ihre Beistimmung. Eben dieß aber gehörte dazu, um auch nach der andern Seite hin den Widerwillen zu beseitigen den sein Unterneh- men hervorrufen konnte, namentlich bei den östreichischen Brü- dern. Joachim hielt es für angemessen, denselben seine Kir- chenordnung selbst einzureichen. Ferdinand zeigte sich anfangs ein wenig verstimmt, weil auf seine letzte Abmahnung keine Rücksicht genommen worden; der geheime Rath desselben, Hans Hofmann , versicherte jedoch den brandenburgischen Ge- sandten, sein Herr sey dem ihren nichts desto minder mit Gnaden zugethan. Nach dem Protocoll von Geritz und Schilling antwortete ihnen Hans Hofmann : „Wihr sollten uns disser der Koͤn. Mt ge- thaner Rede nichts kuͤmmern lassen: denn es were gewiß das die Koͤn. Mt Chf. Gn. mit allen Gnaden zugethan, und solche Rede were von J. Mt aus herzlichem mitleiden geredt.“ Kaiser Carl hat nicht lange nachher — wir werden der Umstände noch gedenken, unter denen es ge- schah, — die Kirchenordnung in aller Form bestätigt: er for- Reformation in der Mark Brandenburg . derte nur, daß der Churfürst nun auch nicht darüber hinaus gehe, und daß er besonders alle Bündnisse vermeide: Bedin- gungen die dieser schon von selbst zu erfüllen sehr geneigt war. Eine sehr außerordentliche Stellung nahm nun Joa- chim II ein. Er hatte sich von der kriegerisch gesinnten eifrig-katholischen Majorität losgerissen: aber darum war er doch nicht zu dem politischen System ihrer Gegner überge- treten. Er wagte es, von Glauben und Ritus der römi- schen Kirche eigenmächtig abzuweichen: dabei aber war er doch weit entfernt, die wittenbergischen Einrichtungen schlecht- hin herüberzunehmen. Schon bezweifelten Einige, ob die Beibehaltung so vieler Cerimonien wirklich mit dem Evan- gelium bestehen könne, und es gehörte die ganze Autorität Luthers dazu um sie darüber zu beruhigen. Joachim dem II lag alles daran, die Lehre und die Kirchenform die er für die rechte hielt, einzuführen, und sich dabei doch weder mit dem Kaiser noch mit der Hierarchie des Reiches zu ent- zweien. Und war nicht auch dieß ein großer Gewinn, in einem Augenblick wo die Ideen der Versöhnung und friedlichen Aus- gleichung überhaupt die Oberhand zu bekommen schienen? Auch abgesehen hievon aber hatte der Schritt den er gethan, für die Ausbreitung des evangelischen Bekenntnisses sehr erwünschte Folgen. Nachbarliche Gebiete. Wir erinnern uns, daß Fürst Georg von Anhalt , der kraft der Befugnisse die er als Dompropst von Magdeburg Ranke D. Gesch. IV. 11 Siebentes Buch. Drittes Capitel . besaß, auf dem linken Elbufer zu den reformatorischen Ein- richtungen schritt, sich auf dem rechten, wo er das nicht konnte, an den Bischof von Brandenburg gehalten haben würde, hätte dieser nur nicht die ihm präsentirten verheira- theten Candidaten zurückgewiesen. Nunmehr aber war die- ser Bischof, Matthias von Jagow , den Ideen der Reform selber beigetreten. „Gelobt sey Gott,“ schreibt ihm Fürst Georg , „der Ew Liebden seine Gnade verliehen hat, den vornehmsten Theil ihres bischöflichen Amtes nun in der That ausüben zu können.“ Der Bischof weigerte sich nicht län- ger, den anhaltischen Candidaten die Weihen zu geben. Fürst Georg , der eben auch die hierarchischen Gebräuche, bei de- nen er hergekommen, nur ungern fallen ließ, konnte jetzt wie- der nach seinen ursprünglichen Absichten verfahren. In weiterer Entfernung fühlte sich durch das Beispiel der brandenburgischen Brüder auch die Schwester, die Herzo- gin Elisabeth von Braunschweig Calenberg , vorwärts getrie- ben: nach einem Besuch Markgraf Johanns in Münden ent- schloß sie sich bereits im Frühjahr 1538 mit einigen ihrer Jungfrauen und Mägde das Abendmahl unter beiderlei Ge- stalt zu empfangen. Es war Sonntag Judica, 7 April: Havemann Herzogin Elisabeth p. 38. Ihr Gemahl Erich war anderer Ge- sinnung, doch hinderte er sie nicht: er sagte wohl, da sie ihn in seiner Religion nicht irre, wolle er sie auch in der ihren nicht beunruhigen. Rehtmeyer Braunschw. Chronicon T. II, p. 790. Er sah ihre Meinung noch durch- aus als Privatsache an. Eine ganz andre Bedeutung be- kam dieselbe aber, als Erich bald nachher starb, und mit der Reform. in Calenberg , dem Erzstift Magdeburg . Vormundschaft über ihren unmündigen Sohn auch die Lei- tung der Regierung an die Fürstin gelangte. Die Stimmung des Landes kam der ihren entgegen. Es war den Einwoh- nern ganz recht, wenn sie die erledigten Stellen allenthalben mit evangelischen Predigern besetzte; unter ihrem Einfluß tra- ten die größeren Städte, Münden , Hameln über; endlich er- klärte die gesammte Landschaft sich dazu geneigt. „Gottes Wort mit uns anzunehmen und dabei pleiben.“ So versichert das der Ordnung voranstehende Edict. ( Schlegel II, 147.) Hierauf konnte eine Kirchenordnung verkündigt werden die in vielen Stücken eine Copie der brandenburgischen ist, und in der sich die Herzogin ausdrücklich auf den Vorgang ihres Bru- ders Joachim bezieht. Von allen Fürsten aus dem brandenburgischen Hause war nun nur noch ein einziger, Erzbischof Albrecht , dem al- ten Glauben getreu. Bei ihm selbst, dem Primas von Germanien , Cardinal der römischen Kirche, ältestem Gegner Luthers und der Pro- testanten, der die Idee des rechtlichen Krieges vielleicht zuerst gefaßt, wenigstens sehr hartnäckig festgehalten, ließ sich nach so vielen Jahren des Verdrusses und der Erbitterung auf keinen Rücktritt von dem alten Systeme hoffen. Eine andre Frage aber war es, ob er nach dem Umschwung der Dinge in Sachsen und dem Abfall seines Neffen seine norddeut- schen Unterthanen von dem Bekenntniß der Meinungen die sie längst gefaßt, noch ferner werde abhalten können. Schon trat hie und da ein ganz unerträglicher Zustand ein. In Neuhaldensleben z. B., wo man der Gemeinde ihren evan- gelischen Pfarrer, den sie als einen frommen ehrliebenden 11* Siebentes Buch. Drittes Capitel . Mann bezeichnet, genommen und seitdem auch keinen an- dern angestellt hatte, hörte man auf, den Sonntag zu feiern: die Einwohner starben ohne den Trost der Sacra- mente. Vorstellung der Stadt Neuhaldensleben Donnerstag nach Udalrici 1540 in Erhardts Uͤberlieferungen III, p. 53. Nun war aber die Regierung des Erzbischofs, durch einen mit der Einnahme außer allem Verhältniß ste- henden Aufwand, wir können nicht sagen in Verlegenheit, sondern eigentlich in die Unmöglichkeit, sich aus eignen Kräften auch nur fortzusetzen gerathen. Wenn sie dann die Stände um außerordentliche Beihülfe angieng, wie dieß z. B. auf dem Landtag zu Kalbe im Jahr 1541 geschah, war es da wohl denkbar daß nicht von diesen dagegen ihr größtes Anliegen, die Religionssache, zur Sprache ge- bracht wurde? Man hat von jeher erzählt, Cardinal Al- brecht habe seinen Unterthanen die Einführung der neuen Lehre dafür gestattet daß sie seine Schulden übernommen. Ganz wörtlich ist das nun wohl nicht wahr: in dem lan- gen Abschied jenes Landtages, den das Provinzialarchiv zu Magdeburg aufbewahrt, findet sich kein Wort davon. Donnerstag nach Dorotheaͤ, 10 Febr. 1541. So viel aber erhellt doch aus anderweiten unzweifelhaften Nach- richten, daß in dieser Versammlung, in welcher sich die Stände der Stifte Magdeburg und Halberstadt verpflichte- ten, zur Tilgung der erzbischöflichen Schulden eine bedeutende Summe aufzubringen, wenigstens ein Theil derselben, na- mentlich die Magdeburger Ritterschaft, den Erzbischof um Zu- lassung der freien Predigt ersucht, und dieser das nicht gradezu abgeschlagen hat. So versichert der Rath zu Halle der Buͤrgerschaft. Ver- handlungen bei Dreyhaupt I, 973. Ich finde nicht mit Bestimmtheit, ob Reformation in Magdeburg ( Halle ) . nicht die Städte ein gleiches Gesuch vorgetragen haben: we- nigstens schritten die meisten von ihnen nach dem Landtag zur Veränderung der Religion, ohne darin gestört zu wer- den. — Und ist das nun nicht das nemliche was die alte Erzählung angiebt? Der Erzbischof macht doch noch einen Unterschied zwischen erlauben und nicht verhindern. „Was in unsrer Gewalt nicht steht“, sagt er in einem seiner Briefe, „weder zu wehren noch zu erlauben, das müssen wir mit Geduld, wider unsern Willen, geschehen lassen;“ Schreiben an den Coadjutor ohne Datum, in dem Magde- burger Provinzialarchiv. In der Hauptsache laͤßt sich das mit der Erzaͤhlung bei Hamelmann Opp. genealogica p. 887 vereinigen: nur daß diese weniger authentisch und etwas anzuͤglicher ist. er soll sich damit getröstet haben, daß auch Kaiser und Papst nicht im Stande seyen, dieser Sache Einhalt zu thun. Eine förm- liche Erlaubniß gab er nicht, aber er resignirte sich, es nicht hindern zu können. Und sogleich sollte sich zeigen, wie we- nig er dazu fähig sey. Von seinen Städten wollte er nur eine, Halle , seine Residenz, wo er noch immer einen katholi- schen Rath zu behaupten gewußt, von der Neuerung zurück- halten: nur da setzte er sich derselben noch entgegen: aber er erweckte damit eine tumultuarische Bewegung, beinahe wie jene, welche vor zehn Jahren so viele niederdeutsche Städte ergriffen hatten. Als der Bürgerschaft die Leistung der auf dem Landtag bewilligten Abgabe angemuthet wurde, forderte sie dieselben Zugeständnisse, in deren Genuß andere gekom- men: sie warf ihren Ehrgeiz darauf: Halle , sagte der Aus- schuß den sie aufgestellt, sey um nichts schlechter als Hal- berstadt . Der Rath zeigte sich zu einer Fürbitte bei dem Fürsten bereit; aber damit war der Ausschuß, der bereits Siebentes Buch. Drittes Capitel . auf dem Rathhaus erschienen, mit nichten zufrieden: er er- klärte, nicht von der Stelle weichen zu wollen, bis der Rath sich mit ihm vereinigt habe: um des göttlichen Wortes wil- len wolle man niemand weiter fragen. Nothgedrungen wil- ligte der Rath ein, und die wehrhaften Bürger machten sich auf, um die Herbeiführung eines evangelischen Geistlichen, des Dr Pfeffinger aus Leipzig , gegen die Diener und Räthe des Fürsten, deren Reiter sich auf der Landstraße zeigten, mit bewaffneter Hand zu beschützen. Der tumultuarische Zustand mochte die Leipziger abhalten ihren Nachbarn den gelehrten Doctor zuzugestehn, oder diesen, dem gefährlichen Rufe zu folgen: sonst möchten sie, wie ein sächsischer Edel- mann an Johann Friedrich berichtet, In den Reichstagsacten von 1541 im Weim. Arch. s. den Anhang. auf der Straße ernst- lich an einander gerathen seyn. Es wäre die wunderlichste Form der alten Fehde zwischen Ritterschaft und Städten ge- wesen, wenn jetzt eine Bürgerschaft ihren Prediger mit bewaff- netem Geleite herbeiführend, von den ritterlichen Anhängern des Fürsten angesprengt worden wäre. Nach einiger Zeit traf jedoch ein anderer Prediger, Justus Jonas von Wittenberg , in Halle ein und begann im Bunde mit Ausschuß und Ge- meine, nicht selten im Widerspruch mit dem Rathe, die durch- greifende Veränderung. Der Cardinal mußte erleben daß seine Residenz, die er zu einer Burg des Katholicismus zu machen gedacht, zu seinen Feinden übergieng. Unfähig zu widerstreben wollte er es doch nicht mit eigenen Augen an- sehen: er verließ die Stadt mit dem Rest seiner Kleinodien, und verlegte seine Hofhaltung nach seinem besser katholischen Stifte Mainz . Reformation geistlicher Fuͤrsten . Schon gab es aber unter den geistlichen Fürsten in Norddeutschland wenigstens einen, der aus dem landesfürst- lichen Geschlechte stammend, fast im Sinne der spätern Zei- ten, Protestantismus und Bisthum verband. Auf dem Land- tag zu Parchim forderte Herzog Magnus von Meklenburg , Bischof von Schwerin , ein förmliches Verbot der Messe: was er da nicht durchsetzen können, führte er bald hernach auf seine eigne Hand in der Stiftskirche zu Bützow aus. Schreiben an Johann Friedrich Sonntag Jubilate 1540. „Wil E. Ch. Gn. nicht verhalten das ich in meyner Stifftskirchen zu Butzaw den Greuel der gotteslaͤsterlichen papistischen Messe end- lich abgeschafft.“ Unter seiner Mitwirkung erschien im Jahr 1540 eine Kir- chenordnung für die meklenburgischen Lande, die durch eine scharfe Visitation eingeführt ward. Auch die Äbtissin eines kaiserlichen Stiftes machte sich bemerklich. Anna von Stolberg , Äbtissin von Quedlinburg , konnte es nach dem Tode Herzog Georgs von Sachsen wa- gen, dem Beispiel ihrer Brüder und Nachbarn zu folgen. Auf ihren Wunsch kam der Superintendent von Stolberg herbei, und reformirte ihr Stift und Stadt. Fritsch Geschi cht e von Quedlinburg II, p. 8. Auf diese Weise nahm der Protestantismus beinahe das ganze nördliche Deutschland ein. Von den Verbündeten von Halle und Nürnberg war nun nur noch Heinrich von Braun- schweig übrig, dessen Überzeugung und Politik unerschütter- lich blieben, dessen Macht aber nur wenig bedeutete. Übrigens erschien die reformatorische Bewegung noch in ihren vollsten Lebenstrieben. Zuweilen war es die durch einen Regierungs- wechsel veranlaßte etwas gewaltsame Vertauschung eines Sy- stems mit dem andern, zuweilen die umsichtige Leitung eines Siebentes Buch. Drittes Capitel . Landesfürsten, der den günstigen Moment glücklich ergriff, wodurch sie sich vollzog, zuweilen aber auch noch die Ener- gie einer im Widerspruch mit geistlicher und weltlicher Ge- walt sich selbst in Besitz setzenden Gemeinde. Daß man das Bedürfniß und die Überzeugung so lange zurückgedrängt, hatte das Bewußtseyn derselben nur um so lebendiger, kräf- tiger gemacht. Der Protestantismus eroberte sich ein gro- ßes Gebiet, wo er nicht durch unaufhörliche nachbarliche Rei- bungen bedrängt und doch in einer gewissen Mannigfaltig- keit, deren Grund und Anlaß wir so eben wahrnahmen, sich entwickeln konnte: die norddeutschen Populationen bekamen dadurch zuerst ihr eigenthümliches, welthistorisches Gepräge. Doch wäre darum an keine Trennung von den übrigen Landsleuten zu denken gewesen: vielmehr rückten die Dinge auch im südlichen Deutschland vorwärts; ja es gewährte eine ganz allgemeine Aussicht daß jene Versammlung beschlossen worden war, wo die Stände der gesammten Nation über die religiösen Fragen entscheiden sollten. Auf die Ausführung dieses Planes kommen wir jetzt zurück. Viertes Capitel . Wechsel der politischen Tendenzen im Jahre 1540. Als der römische Hof im Jahr 1538 den Versuch zu- gab die Protestanten in Güte zu gewinnen, gieng seine Ab- sicht dahin, die Kräfte derselben zu dem Kriege gegen die Osmanen, den man vorhatte, mit herbeizuziehen. Es war ein entscheidendes Zusammentreffen daß im April 1539 die Venezianer, denen in diesem Kriege die vor- nehmste Rolle zufiel, von Mißtrauen gegen die übrigen Mächte erfüllt, einen Waffenstillstand schlossen, welcher da- nach einseitig verlängert worden ist und zum Frieden ge- führt hat, und daß in demselben Monat in Deutschland je- ner Frankfurter Vertrag zu Stande kam, durch welchen der Kaiser den Protestanten die Aussicht zu einer von Rom un- abhängigen Beilegung der religiösen Streitigkeiten eröffnete. Gegen die Osmanen war nichts erreicht worden; in Deutschland erhob sich eine der größten Gefahren die man jemals bestanden. Ein Eingriff in die clericalischen Vor- rechte mit Genehmigung des Kaisers ward in Aussicht ge- stellt, der das ganze System erschüttern mußte. Es läßt sich nicht beschreiben, welchen Eindruck die Nach- richten von Frankfurt auf die Mitglieder des römischen Hofes Siebentes Buch. Viertes Capitel . hervorbrachten. „Möchte ich mich täuschen,“ ruft Cardinal Poole aus, „aber nach meinem Dafürhalten ist es nicht der König von England , von welchem die Kirche die größten Nachtheile zu besorgen hat: noch mehr wie einst Cato fürchte ich die, die sich mit nüchternem Bedachte zur Zerstörung der Republik anschicken.“ Lettere del C l Polo 8 Giugno 1539 bei Quirini II, 158. Vor kurzem hatte Paul III den schon lange vorbereiteten Kirchenbann gegen den König von England ausgesprochen und den Kaiser zur Vollstreckung die- ser seiner Sentenz aufgefordert: jetzt mußte er besorgen daß dieser Fürst vielleicht selbst auf ein Schisma denke. Natürlich versäumte er nichts, um den Kaiser zur ge- wohnten Ergebenheit zurückzuführen. Der Nuntius Ricci , der eben wegen andrer Geschäfte nach Spanien gieng, ward zu energischen Protestationen ermächtigt: die Instruction die er empfieng mag leicht eine der heftigsten seyn welche vom römischen Hof in dieser Angelegenheit ausgegangen. Rainaldus XXI, 102: jedoch unvollstaͤndig; vollstaͤndig in Quirini Lettere di C l Polo III , CCIX; eine Uͤbersetzung in Muͤn- ters Beitraͤgen zur Kirchengeschichte, 108. Der Erzbischof von Lunden wird darin wie ein lügnerischer Ver- räther behandelt: die Summe wird genannt, mit welcher er von den Protestanten bestochen worden sey. Die Schwester des Kaisers, Königin Maria , wird unumwunden beschuldigt den Protestanten insgeheim beizustehn, sie zu ermuntern. Der Kaiser wird auf das dringendste ermahnt, die Frankfurter Abkunft zu vernichten und dagegen den katholischen Bund zu bestätigen: wo nicht, so werde es scheinen als wenn er, der erstgeborne Sohn des apostolischen Stuhles, selbst von demselben abweiche. Wechsel politischer Tendenzen . Vor diesem antiprotestantischen Interesse verschwand das osmanische. Der Papst trug kein Bedenken die Unterhand- lungen der Venezianer gut zu heißen. Er war sehr zufrie- den, daß Franz I seine Verbindung mit dem Großherrn be- nutzte um auch für die übrigen Mächte des Bundes Un- terhandlungen anzuknüpfen. Dem französischen Gesandten, der sich zu diesem Zwecke nach Constantinopel begab, sagte er, der König werde sich damit das Lob Gottes und der Menschen verdienen. Le protonotaire Monluc au roi 20 Oct. 39. Ribier I, 476. Hatte er bisher eben um des osmanischen Krieges wil- len das gute Vernehmen zwischen dem Kaiser und dem Kö- nig herzustellen gesucht, so stieg ihm nun der Gedanke auf, den Kriegskräften der beiden Fürsten eine gemeinschaftliche Rich- tung gegen die von der römischen Kirche Abgewichenen zu geben: beinahe wie einst in den hierarchischen Jahrhunder- ten die Päpste die Waffen der Gläubigen bald gegen die Saracenen, bald gegen die Ketzer ins Feld geführt ha- ben. Mit großem Eifer brachte Paul III die Friedensunter- handlungen und zunächst die alten Vorschläge über die Ab- tretung von Mailand wieder in Gang. Er ließ sich ver- nehmen: wenn der Kaiser noch immer verweigern wolle darauf einzugehn, so würde er beweisen daß er zum Ver- derben der Christenheit geboren sey. Unter dem Wort Chri- stenheit verstand er das geschlossene System der römischen Kirche, und er behauptete nicht ohne Grund, daß dieß durch die Connivenz des Kaisers in diesem Augenblick höchlich ge- fährdet sey. Wir wissen in welchen Schwankungen die Politik des Siebentes Buch. Viertes Capitel . Kaisers in den deutschen Angelegenheiten sich bewegte: bald mehr einer Abkunft mit den Protestanten, bald mehr ent- schlossenem Widerstand neigte sie sich zu. Da leuchtet nun wohl ein, daß die Anmahnung des Papstes, in dem er das Oberhaupt des Glaubens erkannte, einen gewissen Eindruck auf ihn machen mußte. Er bestä- tigte jetzt wirklich jenen Nürnberger Bund, dem freilich sein Stachel bereits genommen war. Aber so weit gieng er doch nicht, die Frankfurter Abkunft zu widerrufen: schon genug, daß er nur zögerte sie zu ratificiren. Was die kriegerischen Unternehmungen gegen die Ab- gewichenen betrifft, so bekannte er sich schuldig, sowohl ge- gen England als gegen die Protestanten die Waffen zu er- greifen, wohl verstanden jedoch: wenn dieß nothwendig und ausführbar sey. England , sagte er, habe Geld, Deutschland Männer, und man müsse sich hüten, nicht ein Bündniß zwi- schen beiden zu veranlassen. Nur darin gab er dem Papste Gehör, daß er unter der Theilnahme desselben die Unterhandlungen mit Frankreich mit erneutem Eifer fortsetzte. Dazu hatte er freilich einen ganz besondern Grund: die Empörung die so eben in Gent in Folge des letzten franzö- sischen Krieges ausgebrochen war. Eine Kriegssteuer welche damals von den andern drei Ständen der Grafschaft Flandern bewilligt worden, hatte die Stadt Gent unter dem Vorgeben verweigert, das Geld das man zahle, werde doch niemals gut angewendet; mit Kriegsvolk wolle sie ihrem Grafen dem Kaiser beistehn, je- doch nicht anders. Von Tage zu Tage weiter schreitend hat- Wechsel politischer Tendenzen . ten die Bürger umfassende alte Privilegien, die ihnen in Folge früherer Unruhen entrissen worden, zurückgefordert. Den Zwangsmaaßregeln welche die Regentin anordnete, be- gegneten sie mit förmlichen Feindseligkeiten. Jean d’Hollander discours de troubles advenues en la ville de Gand. Anal. Belg. III, ii . Das war nun aber um so gefährlicher, da diese Re- gungen nicht so vereinzelt waren wie man wohl annimmt. In den gesammten Niederlanden bewirkte es eine gewisse Verstimmung, daß man den eingebornen Fürsten so selten im Lande sah und so viele Kriege fremdartigen Ursprungs ausfechten mußte. Wir können sagen: es regte sich bereits der Gegensatz der Provinzen gegen die Centralregierung, der später zu so großen Ereignissen geführt hat. Was würde wohl erfolgt seyn, wenn der König von Frankreich den Aufforderungen der Genter, die ihm wirklich geschehen sind, Les dits de Gand ont passé si avant, et tant se dehon- tez — que de recourir a France . Schreiben des Kaisers bei Arendt in Raumers Taschenbuch 1842, p. 562. Gehör gegeben hätte, als alter Lehnsherr von Flandern ihnen zu Hülfe gekommen wäre? Zum Glück für den Kaiser trafen die Unruhen in eine Zeit wo ihnen dieser Rückhalt nicht zu Theil werden konnte, wo er mit Frankreich in Unterhandlungen über die genaueste Verbindung stand. Die Politik die Carl V gegen Frankreich beobachtet, be- wegt sich in einem noch stärkeren Schwanken, als die welche wir in Deutschland wahrnahmen. Von offener Feindseligkeit und Anwendung der Waffengewalt sehen wir ihn zu Tenden- zen der innigsten Allianz übergehen. Und dabei ist das Merk- Siebentes Buch. Viertes Capitel . würdige, daß wenn wir ihn nur hören, nicht allein in seinen amtlichen Erklärungen, sondern in seinen Briefen, den Ver- handlungen mit seinen Räthen, die Richtung die er jedes Mal einschlägt, ihm sehr ernstlich am Herzen zu liegen scheint und keinerlei Hintersichhalten vermuthen lassen sollte. Um ihn ganz zu fassen werden wir ihn noch eine Weile zu beobachten haben. Damals erklärte er wohl, er habe bisher den Weg ver- fehlt, wenn er gedacht habe, seine und seines Bruders Fa- milie noch enger zu vereinigen und aus beiden etwas Gro- ßes zu bilden; Granvella habe ihm öfter gesagt, und er sehe es jetzt ein, daß für den Dienst Gottes und das allgemeine Wohl der Christenheit nichts so nothwendig sey wie die Ver- bindung seines Hauses mit dem französischen. Castelnau , eveque de Tarbe , au roy. Toledo 26 Nov. 1538 „qu’il avoit par cydevant perdu le nort dans ses affaires, voulant unir sa maison avec celle du roi des Romains par ma- riages de leurs enfans et en faire une grande chose, mais depuis peu de tems il s’estoit resolu et arresté à ce que led. Granvelle lui avait fait souvent sentir de loin, qu’il est necessaire pour le service de dieu, et pour le bien universel de toute la chrestienté que sad. maison et la vostre s’allient bien estroitement.“ Aus einer Instruction, die für seinen Sohn bestimmt war, und im Fall seines Ablebens diesem zur Anweisung dienen sollte, geht hervor, daß er nicht nur aufs neue die Alternative in Berathung zog, von der schon öfter die Rede gewesen, den zweiten Sohn des König Franz mit seiner Toch- ter oder einer der Töchter des römischen Königs zu vermäh- len, und das junge Paar dabei mit einer Landschaft auszu- statten, sondern daß er sich schon bestimmter zur Vermäh- Wechsel politischer Tendenzen . lung seiner eignen Tochter mit diesem Prinzen und zur Aus- stattung derselben mit den Niederlanden hinneigte. Von den damaligen Unruhen, aus denen man sehe daß den Niederlän- dern die Abwesenheit ihres Fürsten unerträglich vorkomme weshalb am Ende eine vollkommene Entfremdung befürchtet werden dürfte, nahm er einen Beweggrund dazu her. Muß man nicht überzeugt werden, daß es sein voller Ernst mit diesem Plane war, wenn man liest, wie er denselben seinem Sohne durch die Bemerkung, auch die verstorbene Kaiserin, die Mutter des Prinzen, sey damit einverstanden gewesen, annehmlich zu machen sucht? Und sogar noch weiter geht er in dieser Absicht die beiden Häuser zu vereinigen. Ein Sohn seines Bruders soll sich mit einer Tochter Franz I vermählen, und dabei, nur gegen Verzichtleistung auf eine Rente im Neapolitanischen, Mailand erhalten. Um keinen Zunder zu neuen Zwistigkeiten übrig zu lassen und auch den alten Streit über Navarra zu beendigen, soll sein Sohn Don Philipp sich mit der Erbin von Navarra verheirathen. Instruction de l’empereur Charles V lors de son depart d’ Espagne à son fils. 5 Nov. 1539. Granv. II, 549. Diese enge Vereinigung der Häuser von Frankreich und Burgund , die für das erste so höchst vortheilhaft geworden wäre, sollte nun aber jene universalen Plane vorbereiten. „Un- ser Sinn ist dabei,“ sagt der Kaiser, „zugleich für die all- gemeinen Angelegenheiten der Christenheit zu sorgen: sowohl die Pacification und Herbeibringung der von unserm heil. Glauben Abgewichenen als gegen die Türken.“ Wenigstens in der ersten Absicht traf er mit den damaligen Gedanken des Papstes zusammen: auch Frankreich schien auf dieselbe ein- Siebentes Buch. Viertes Capitel . zugehn. Der spanische Gesandte fragte im November 1539 den Connetable Montmorency , auf welche Weise der König zur Reduction der Protestanten mitwirken wolle. Der Con- netable erwiederte: auf jede Weise die dem Kaiser gefalle; er möge sie nur selber angeben. Senlis 22 Nov. 1539. Archiv v. Simancas . Zunächst erwarben sich die Franzosen das Verdienst um den Kaiser, ihn seinen Weg nach den Niederlanden mitten durch Frankreich nehmen zu lassen. Im Januar 1540, nach der heitersten Reise von der Welt, wo jedoch, wie man aus- drücklich übereingekommen, nicht von Geschäften die Rede ge- wesen war, langte der Kaiser in den diesseitigen Landschaften an. Es ward ihm nicht schwer, die Stadt Gent , wo der bei bürgerlichen Unruhen fast unvermeidliche Gegensatz zwi- schen Gemäßigten und Anhängern der Pöbelherrschaft, welche letztere man hier Kreeser, Schreier, nannte, eingetreten war, zu unterwerfen. Arendt Der Genter Aufstand a. a. O. p. 514. Er veränderte die Stadtverfassung dahin, daß der Staatsgewalt ein sehr durchgreifender Einfluß gesichert ward und traf Anstalt eine Festung in Gent zu errichten. Mochte dann das Volk darüber murren und lärmen, er that was ihm nothwendig däuchte. Man war in Rom ein wenig erstaunt zu vernehmen, daß die Franzosen die Verträge während der Reise des Kai- sers nicht definitiv zu Stande gebracht. Indessen zweifelte man nicht, daß sie noch abgeschlossen werden würden. Der Papst schickte seinen Enkel, Cardinal Alexander Farnese , nach den Niederlanden , um die Vollziehung derselben zu beschleu- nigen. Schon wiegte sich dieser im Gefühle des hohen An- Wechsel politischer Tendenzen . sehens, zu dem er hiedurch in Rom aufsteigen, des kirchlichen Nachruhms, den er sich verschaffen werde. Die Politik des Kaisers hatte aber, wie wir wissen, noch eine andre Seite: hier in den Niederlanden , unter den Ein- flüssen die sich geltend machten, den neuen Betrachtungen die sich aufdrängten, trat auch diese wieder hervor. König Ferdinand , auf dessen Einwilligung sich der Kai- ser immer bezogen, erschien unverweilt daselbst, und wir be- greifen leicht, daß er mit den Combinationen mit denen man sich trug, nicht zufrieden war. Seinem ältesten Sohne war bisher die Tochter des Kaisers zugedacht gewesen: eine Ver- bindung von der größten Aussicht, da dem Kaiser nur Ein Sohn lebte und Spanien so oft durch Frauen vererbt wor- den war. Nicht allein gieng ihm diese verloren: in der Ent- fremdung der Niederlande lag ein Verlust für das gesammte Haus. Die Mitglieder des niederländischen Adels, welche der Kaiser befragte, erklärten sich dawider. Ja selbst Mai- land wurde gefährdet. Der zweite Sohn des römischen Kö- nigs konnte wohl niemals so stark werden, um dieß von allen Seiten zweifelhaften Nachbarn ausgesetzte Gebiet zu behaupten: schon hörte man von weitaussehenden Ent- würfen die in Italien daran geknüpft wurden. Und war denn endlich die Freundschaft des Königs von Frankreich eines so hohen Preises werth? Wenigstens König Ferdi- nand konnte nicht rühmen daß der Einfluß desselben auf die Osmanen sich im gegenwärtigen Augenblick vortheilhaft er- weise. An den ungarischen Grenzen sah er sich mit dem gefährlichsten Kriege bedroht. Wie dann, wenn man den Rathschlägen des Papstes folgte, mit England und den deut- Ranke D. Gesch. IV. 12 Siebentes Buch. Viertes Capitel . schen Protestanten brach, alsdann aber der König von Frank- reich seine Versprechungen nicht erfüllte, und von der andern Seite die Osmanen zu einem Angriff schritten? Zu diesen allgemeinen Befürchtungen aber kamen noch andre von besonders dringender Natur, die in den Verhält- nissen von Cleve und Geldern ihren Grund hatten. Werfen wir einen Blick auf diese Sache, in der sich in diesem Momente die Bewegungen der europäischen Poli- tik begegneten. Den Herzog Carl von Geldern hatte das Haus Bur- gund immer als Usurpator betrachtet, und nur bestehn las- sen, weil es mußte, aber dabei niemals aufgehört die Er- werbung des Landes bei seinem Tod mit Bestimmtheit ins Auge zu fassen. Dagegen hielt auch Herzog Carl seinerseits die Feindseligkeit mit Bewußtseyn fest. In dem Saale sei- nes Pallastes zu Arnheim las man an jedem Balken die Worte: „Verachtung macht den Guelfen zum Gibellinen:“ denn hauptsächlich von der schlechten Behandlung der kai- serlichen Minister leitete er seine Feindschaft her; er suchte sein Land an die Feinde von Östreich zu bringen. Im Jahr 1534 übertrug er es durch förmliche Donation auf den König von Frankreich , der ihm dagegen den lebens- länglichen Nießbrauch zugestand; Articuli inter regem Franciae et Carolum ducem Geldriae 4 ta mensis Octobris. und bald darauf erschien wirklich ein französischer Abgeordneter, dem die Militärbe- fehlshaber in sämmtlichen festen Plätzen einen Eidschwur lei- steten. Hiemit war jedoch die Landschaft keinesweges ein- verstanden. Die kriegerischen Hausleute des Herzogs, eine Erbfolge in Geldern . Art von stehender Truppe, die dem Lande schon jetzt be- schwerlich genug fielen, wären dann vollends Herren gewor- den. Auf dem Landtage zu Nimwegen , auf welchem der Herzog die Sache zur Sprache brachte, vereinigten sich Ban- nerherren, Ritterschaft und Städte zu gemeinschaftlichem Wi- derspruch. Neigten sie sich aber nicht zu Frankreich , so woll- ten sie doch auch nicht burgundisch werden. „Geldrisch sind wir,“ sagen sie dem Herzog, „und Geldrisch wollen wir blei- ben.“ Fast meinten sie auch dadurch vom Reiche abzukom- men, wenn sie Unterthanen des Kaisers würden: Carl V er- schien ihnen nur als ein Fortsetzer Carls des Kühnen . Dagegen wandten sie ihre Augen auf einen benachbar- ten Fürsten, den Herzog Johann von Cleve , der die näch- sten Ansprüche auf Geldern hatte und bereits eine ganze An- zahl niederrheinischer Landschaften vereinigte, ohne daß sie darum ihre besondere Eigenthümlichkeit eingebüßt hätten: sie fragten bei ihm an, ob er sie gegen Frankreich und gegen Burgund vertheidigen, sie als ein Fürst des Reiches bei dem Reiche behaupten wolle. Kann man zweifeln ob er es ihnen versprach? Im Januar 1538 schlossen die Stände einen Vertrag mit dem Herzog ab, nach welchem der Sohn und dereinstige Erbe desselben, Wilhelm , in den Besitz von Züt- phen und Geldern kommen, diese beiden Provinzen mit sei- nen übrigen Landschaften vereinigen sollte, nun und auf ewige Tage. Teschenmacher Ann. Cliviae, p. 531. Du Mont IV, ii , 160. Im Juni darauf starb Carl von Geldern , und ohne Weiteres ergriff der junge Wilhelm Besitz. Im Februar 1539 gelangte er durch den Tod seines Vaters auch zu seinem clevischen Erbe, und seitdem beherrschte er ein sehr ansehn- 12 * Siebentes Buch. Viertes Capitel . liches Gebiet von der Werre bis zur Maaß, und die beiden Rheinufer entlang von Cölln bis gegen Utrecht . Er konnte als einer der mächtigsten Reichsfürsten angesehen werden. Wir erinnern uns, daß Kaiser Maximilian einst die Ver- einigung von Cleve und Jülich eigentlich gestiftet, und zwar im Widerspruch mit frühern Zusagen, die Friedrich dem Wei- sen von Sachsen geschehen waren, um nicht einen so mäch- tigen Fürsten an den niederländischen Grenzen zu haben. In den Niederlanden und an dem kaiserlichen Hof war man empört, daß diese wohlerwogene Politik jetzt sogar einen Ver- lust verursachen solle. Der Kaiser sagte dem clevischen Ge- sandten, niemals habe er geglaubt daß ihm dieß von einem blutverwandten Fürsten begegnen solle. Der Gesandte ant- wortete: Cleve habe einen günstigen Spruch des Kaisers Siegmund für sich. Der Kaiser versetzte: andre Sentenzen seyen für Brabant : auf keinen Fall aber hätte sich der Herzog in den Besitz des Landes setzen dürfen, ehe es noch zu einem Rechtsgang gekommen: er seinerseits könne und werde das nicht leiden; — man möge sich in Cleve erinnern, daß er den Krieg mit dem mächtigsten Fürsten der Christenheit, dem Kö- nig von Frankreich nicht gescheut habe, als dieser Mailand dem Reiche vorenthalten wollen. Berichte des Carl Harst an den Herzog von Cleve im Duͤs- seldorfer Archiv. In der Feindseligkeit die sich hiedurch an den Gren- zen der Niederlande entwickelte, lag aber noch nicht die ganze Gefahr dieses Ereignisses. Die nemliche Combination welche Maximilian vermeiden wollen, kehrte jetzt und zwar unter unwillkommenern Umständen wieder. Wir wissen wie oft Erbfolge in Geldern . und dringend Johann Friedrich von Sachsen die Bestätigung seiner jülichschen Heirathsverträge — seine Gemahlin Si- bylla war die Schwester des Herzog Wilhelm — gefordert hatte: sie gaben ihm eventuelle Ansprüche auf alle diese Län- der. Das hatte nun aber mehr zu bedeuten als jemals frü- her, da der Churfürst von Sachsen an der Spitze des schmal- kaldischen Bundes stand. Schon wollte man am kaiserlichen Hofe wissen, der Herzog selbst sey in förmliches Bündniß mit den Protestanten getreten. Wenigstens trug derselbe kein Bedenken auf ein ande- res dem kaiserlichen Hofe nicht minder widerwärtiges Ver- hältniß einzugehn. Man kennt die Ehe König Heinrichs VIII mit Anna von Cleve : sie hat nicht wenig dazu beigetragen, ihm schlech- ten Ruf zu machen. Eben unter diesen Umständen ward sie geschlossen, sie war durchaus politischen Ursprungs. In ei- nem Augenblick wo zwischen den katholischen Mächten über einen Angriff zugleich auf England und die deutschen Pro- testanten unterhandelt ward, hatte es für Heinrich Bedeutung und Werth, sich mit einem Hause zu verbinden, welches dem Kaiser an seinen Grenzen Widerstand leistete und mit dem Haupte des schmalkaldischen Bundes in so enger Beziehung stand. Auch uͤber eine Vermaͤhlung der Prinzessin Maria mit dem Herzog von Cleve ward am saͤchsischen Hofe unterhandelt. Aus den Depeschen Marillac’s vom J. 1539 ergiebt sich, wie ernstlich Hein- rich VIII in Gefahr zu seyn glaubte: die Flotte ward auf 150 Se- gel gebracht, in dem ganzen Lande ward Musterung gehalten. Wohl ward die junge Prinzessin gewarnt, nament- lich von ihrer Mutter: aber eine Krone tragen zu können, hatte für sie, so gesetzt und gehalten sie sonst auch war, Siebentes Buch. Viertes Capitel . einen unwiderstehlichen Reiz. Von sächsischen und hessischen Gesandten begleitet, gieng sie gegen Ende 1539 nach Eng- land . Die protestantisch gesinnten Mitglieder in dem gehei- men Rathe des Königs hatten die Ehe auch darum beför- dert, um ihren Herrn durch den Einfluß Annas um so mehr für ihre Meinungen zu gewinnen. In der That begann der König damit, seine letzten den protestantischen Dogmen ent- gegengesetzten Anordnungen zu entschuldigen, und eine Ver- einigung in der Lehre aufs neue in Vorschlag zu bringen. Zunächst jedoch trug er auf ein politisches Bündniß an. Schon waren die Protestanten, denen König Heinrich nicht versäumte das Ungünstigste mitzutheilen was er vom kaiserlichen Hofe wider sie vernahm, in großer Aufregung. Auf die Nachricht daß der Kaiser bewaffnet sey, forderte der Landgraf, daß auch diesseit ein Heer ins Feld gestellt werde, ungefähr von 25000 M. Daß die evangelischen Stände auf einem Tage zu Arnstadt nicht hiemit übereinstimmten, hin- derte ihn nicht, dabei zu verharren. Obwohl der Herzog von Cleve sich in Hinsicht des Glaubens noch zweifelhaß zeigte, so waren Philipp und Johann Friedrich doch der Meinung, daß man ihm auf jeden Fall beistehen müsse. Schreiben Philipps an Johann Friedrich , Homberg Neujahrs- tag 1540. W. A. Johann Friedrichs an Philipp , Weimar Sonntag nach Circumcisionis. Ließ sich doch alsdann auch noch auf eine andre Art von Unterstützung rechnen. Schon längst hatte das Umsichgreifen der niederländi- schen Regierung, die sich vor Kurzem Utrechts bemächtigt, und dann mit Lüttich , jetzt auch mit Cölln Unterhandlungen pflog Wechsel politischer Tendenzen . die auf die engste Vereinigung mit diesen Stiftern, welche dann nichts als eine Art von Oberherrlichkeit werden konnte, hinzielten, die auf Münster , ja auf Bremen ähnliche Absich- ten zu hegen schien, die Aufmerksamkeit und den Widerwil- len der Reichsstände erregt. Sie waren nicht geneigt, auch Geldern , auf das Cleve wenn nicht über allen Zweifel er- habene, doch auch nicht zu verwerfende Ansprüche besaß, ohne Weiteres an Östreich kommen zu lassen. Ich weiß freilich nicht, ob den Erklärungen des unglaublich versatilen bairi- schen Rathes Leonhard von Eck voller Glaube beizumessen ist: aber höchst merkwürdig ist doch die Antwort, die er auf die Anfrage was es zu bedeuten habe daß man in Baiern so viel Kriegsvorbereitungen treffe, Anfang 1540, dem Landgrafen Philipp gab. Wahrhaftig nicht gegen die Protestanten, sagte er, setze man sich in Verfassung, sondern vielmehr gegen den Kaiser, dessen Bündniß mit Frankreich der deutschen Frei- heit Gefahr drohe. Die Fürsten seyen uneinig, die Städte weder gerüstet noch entschlossen, die ganze Nation stecke — so drückte er sich aus — bis an den Hals im Moor. Erst den Einen, dann den Andern werde der Kaiser vornehmen; auch von Baiern sey mancherlei geschehen, was er werde rä- chen wollen. Eck an den Landgrafen Philipp 8 Jan. 1540. Copei was Dr Eck mit dem guten Freunde (wahrscheinlich Gereon Sailer ) und hinwieder der gute Freund mit ihm geredt. Und sehr verbreitet waren diese Ansichten: man meinte fast, das Haus Burgund denke die alte Frei- heit ganz und gar zu vernichten; in dem Augenblick daß der Kaiser anlangte, beschlossen die Churfürsten, nach der al- ten Weise der Churvereine eine Zusammenkunft zu Gelnhau- Siebentes Buch. Viertes Capitel . sen zu halten, auf welcher Johann Friedrich die geldrische Angelegenheit in aller Form vorzubringen gedachte; eine all- gemeine Fürstenversammlung sollte folgen, um alle im Reiche obwaltenden Übelstände in Berathung zu ziehen. Das also war die Lage der Dinge. Auf der einen Seite stand der engste Bund mit dem König von Frankreich unter päpstlicher Vermittelung in Aussicht, und dann wäre zunächst ein Unternehmen gegen die von der römischen Kirche Abgefallenen zu erwarten gewesen. Auf der andern Seite bildete sich aber auch eine entgegengesetzte Vereinigung. Ganz Deutschland schien noch einmal zu gemeinschaftlicher Oppo- sition zusammentreten zu wollen, welche dann dem religiösen Gegensatze, der ihren Kern gebildet haben würde, eine neue Kraft verliehen hätte. Der König von England würde sich ohne Zweifel ebenfalls geregt haben. In der clevischen An- gelegenheit berührten sich alle diese Momente. Als Cardinal Farnese , dem Auftrag seines Großvaters gemäß, den Abschluß mit Frankreich in Erinnerung brachte, entgegnete der Kaiser — und wir können wohl begreifen daß es sich so verhielt — diese Sache mache ihn verlegner und verwirrter als er jemals durch eine andre geworden sey oder noch werden dürfte. Pallavicini lib. IV, cap. X, p. 418. War es in der That blos die Wirkung der Ereignisse, der vorwaltenden Betrachtungen und Rücksichten, was die verschiedenen Richtungen der kaiserlichen Politik hervorbrachte? Dürfte man sagen, daß sich nur die Kräfte der Dinge gegen einander bewegten und den persönlichen Willen bestimmten? Oder wäre der Kaiser wirklich von dem Vorwurf bewußter Wechsel politischer Tendenzen . Treulosigkeit nicht frei zu sprechen? Wir behalten den Ver- such dieses psychologische Problem zu lösen uns vor. Hier bemerken wir nur die Thatsache, daß seine politischen Absich- ten sich allmählig ganz umwandelten. Zunächst machte er dem König von Frankreich noch einen Vorschlag der sich sehr gut hören ließ: noch einmal erbot er sich, seine Tochter mit dem Herzog von Orleans zu ver- mählen, und alsdann diesem Paare die Niederlande und die Grafschaft Burgund zugleich mit Geldern und Zütphen , wenn dieß gewonnen werde, zu übertragen; er erinnerte daß diese Lande ein Königreich vorstellen könnten, daß er durch dieß Erbieten die größte Probe seiner Freundschaft für Frankreich ablege. Dagegen sollte der König nicht allein die alten Ver- träge von Madrid und Cambrai bestätigen, — wir sehen, die mailändische Combination fiel hiedurch weg, Granvella entschuldigt dieß mit „muy grandes consideracio- nes con el rey de Romanos como tan bien de los dichos reinos y paises“ : noch immer aber wolle er „indissoluble paz entre las casas, hijos y successores.“ 16 April. (Arch von Simancas .) — sondern er sollte auch Savoyen herausgeben, und dafür sorgen daß die von diesem Lande durch die Schweizer abgerissenen Be- zirke dem Herzog zurückgestellt würden; er sollte sich über- haupt verpflichten das Haus Östreich zu unterstützen, sowohl in Ungern gegen die Türken als in den Niederlanden gegen den Herzog von Cleve . Zugleich wollte man festsetzen, was der König auch in den Sachen des Glaubens, d. h. gegen die Protestanten leisten solle. Und wäre nicht auch dieser Vorschlag für Frankreich sehr annehmbar gewesen? die Abtretung so großer und rei- cher Provinzen, unter welchen Bedingungen sie auch immer Siebentes Buch. Viertes Capitel . geschehen mochte, an einen französischen Prinzen war mit den dagegen geforderten Concessionen gewiß nicht zu theuer erkauft. Wenigstens König Ferdinand fürchtete, die Franzosen würden es annehmen: er erblickte darin den Ruin seines Hauses. Allein er brauchte nichts zu fürchten. Der König von Frankreich , der Mailand als sein rechtmäßiges Eigenthum in Anspruch nahm, sah in den Niederlanden , so viel mehr sie auch werth seyn mochten, doch keine volle Entschädigung, weil sie in dem Falle daß die Ehe kinderlos blieb, an das Haus Östreich zurückfallen mußten. Überdieß wollte er Pie- mont und Savoyen nicht herausgeben. In der Antwort die er dem Kaiser gab, schlug er das letztere schlechthin ab. In Bezug auf die Niederlande forderte er Stipulationen, durch welche sein Eigenthumsrecht an Mailand gesichert wurde. Instructions à Mss. les évesques de la Vaur et Hellin pour la replique des réponses faites à l’empereur. Ribier I, 509. Plötzlich traten die alten italienischen Streitigkeiten, die man so oft und immer vergebens beizulegen versucht hatte, wieder in den Vordergrund. Der Kaiser bestand in seiner Rückantwort auf die Räu- mung von Piemont , und lehnte die geforderten Stipulatio- nen ab: niemals, sagte er, sey seine Meinung gewesen, über Mailand anders als zu Gunsten eines jüngern Sohnes von Frankreich und der Erben desselben zu verfügen. Eben darin, versetzte der König, liege der Fehler: sterbe dieser Sohn, so werde Frankreich die Ansprüche verlieren die es jetzt gerechter Weise mache. Schon erbitterte sich die Cor- respondenz aufs neue. Montmorency , der sonst als ein Ver- fechter des Friedens galt, erklärte auf das bestimmteste, der Kö- Wechsel politischer Tendenzen . nig werde von seinen Forderungen nicht abstehn: an der Ant- wort die er zuletzt ertheilt, werde nie etwas geändert werden. Résolution du roi et réponse négative touchant le duché de Milan . Ribier I, 542. Allein auch der Kaiser war nicht gemeint zu weichen. Am 5ten Juni 1540 gab er eine Erklärung, welche, so mild sie auch lautet, so viel Beziehung auf fortdauernde Freund- schaft sie auch nimmt, doch als ein förmliches Abbrechen der Unterhandlungen angesehen werden muß. Niemand war darüber unglücklicher als Farnese : Nie- mand zufriedener damit als der römische König: er meinte, Franz I habe aufs neue bewiesen daß weder Vernunft noch Ehrbarkeit in ihm sey. Je mehr nun aber die französische Allianz zurücktrat, desto nothwendiger war es die deutschen und protestantischen Angelegenheiten ins Auge zu fassen: leicht hätte sonst gesche- hen können daß die Franzosen, über die schlechte Wendung ihrer Unterhandlung dießmal nicht mit Unrecht mißvergnügt, sich mit den Deutschen verbündet und dem Herzog von Cleve vollends einen ganz unüberwindlichen Rückhalt gege- ben hätten. Ohne viel Mühe war dem römischen König gelungen die Erneuerung der churfürstlichen Zusammenkünfte zu ver- hindern. So selbständig waren besonders die geistlichen Chur- fürsten dieser Zeit nicht, um gegen den ausgesprochenen Wil- len des Kaisers oder des Königs anzugehn. Verschwand doch auch die Gefahr der französischen Allianz, die jenen Ge- danken hauptsächlich hervorgebracht. Bei weitem größere Schwierigkeit machten dagegen die Siebentes Buch. Viertes Capitel . Differenzen zwischen den beiden Bekenntnissen, die dort in Gent noch einmal in voller Stärke einander entgegentraten. Auf der einen Seite finden wir zur Seite des päpstlichen Legaten den Doctor Held , der kurz vorher die benachbarten fürstlichen Höfe besucht und ihnen zu bedenken gegeben hatte, wie mächtig und wie gut mit Geld versehen der Kaiser zu- rückkomme, wie leicht er alle Widerstrebenden besiegen werde. Hier wiederholte er seinen alten Rath, daß der Kaiser den kammergerichtlichen Prozessen ihren Lauf lassen und sich in- dessen rüsten solle die zu erwartenden Achtserklärungen zu vollziehen. Consilium D ris Matthiae Gandavi bei Rainaldus 127. Dagegen waren auch die protestantischen Gesandten er- schienen, und hatten ihre alten Bitten um Einstellung der kam- mergerichtlichen Prozesse und festen Frieden erneuert; vor allem forderten sie die Bestätigung des Frankfurter Anstandes. Da- bei wurden sie hauptsächlich von Lunden unterstützt, der al- len päpstlichen Anklagen zum Trotz sich am kaiserlichen Hofe in Ansehen erhielt: er behauptete, der Kaiser lache dieser An- klagen: im geheimen Rath habe er geäußert daß er mit den Diensten die ihm Lunden geleistet zufrieden sey, nur nach sei- nem Geheiß habe derselbe in Frankfurt verfahren. Dem Churfuͤrsten von Brandenburg schreibt Lunden : er habe jetzt manches besser kennen gelernt, „doch nit mit meiner Verkleinerung, sondern ist den Leuten zu hoͤchsten unglimpf kommen.“ (12 Mai 1540. Arch. z. Berl. ) Einst gab der Kaiser an ein und demselben Tage, früh dem päpstlichen Legaten, Nachmittag den protestantischen Ge- sandten Audienz: auf dem Wege nach Hofe begegneten diese wohl einmal dem Herzog Heinrich , der auch hier nicht fehlen wollte: er sah sie starr an ohne sie zu grüßen. Wechsel politischer Tendenzen . Die Entscheidung zwischen beiden konnte dem Kaiser, in der Lage in der man war, nicht schwer fallen. Die Protestanten anzugreifen, zu einer Zeit wo sie Eng- land auf ihrer Seite hatten, Cleve an sich ziehn, und die religiösen Sympathien die in den Niederlanden verbreitet waren erwecken konnten, wo ferner ein Angriff der Osma- nen drohte und sich nicht absehen ließ welche Politik Frank- reich nunmehr ergreifen würde, war ein Ding der Unmög- lichkeit. Granvella soll dem Kaiser gesagt haben, der Krieg mit ihnen setze seine Krone in Gefahr. Aus dem Munde von Naves : Schreiben bei Neudecker p. 601. Und hatten sie nicht überdieß durch den Vertrag zu Frankfurt neue gegründete Ansprüche gewonnen? Zunächst ersuchte sie der Kaiser durch die Grafen Nue- nar und Manderscheid , ihre Sache ihm zu überlassen: er werde einige Gelehrte unter dem Vorsitz Granvellas ver- sammeln um von den streitigen Artikeln gründlich zu reden und eine Concordia zu machen. Aber die Protestanten wa- ren nicht gewohnt, von einem ihnen einmal zu Theil gewor- denen Zugeständniß wieder zurückzutreten: sie blieben dabei, eine öffentliche Verhandlung vor den Ständen des Reiches zu fordern. Da sie sich standhaft zeigten, so mußte der Kaiser ihnen am Ende nachgeben. Er entschloß sich, eine Versammlung nach Speier auszuschreiben, „um die Dinge dahin zu rich- ten,“ wie es in dem Ausschreiben heißt, „daß der langwie- rige Zwiespalt der Religion einmal zu christlicher Vergleichung gebracht werde.“ Das war nun aber doch nichts anders als was einst in Frankfurt beschlossen worden. Vergebens ergoß sich der Siebentes Buch. Viertes Capitel . junge Legat in Ausrufungen gegen die Versammlung, die weder zu Gottes Ehre noch zu irdischem Vortheil führen könne. Sein Begleiter Cervino meldet, daß auch er alles eingesetzt habe um das Gespräch zu verhindern; aber ver- geblich. Relatio Legationis Cardinalis de Nicastro . Anecdota li- teraria. Romae 1773. p. 148. Hoc unum non transibo, nihil a me esse vel cum Caesarea majestate vel cum ejus ministris prae- termissum, quod ad dissuadendum hujusmodi colloquium multo jam tempore ab haereticis expetitum pertineret. Der Plan die Religionsstreitigkeit in Deutschland selbst unter Theilnahme von Laien zum Austrag zu bringen, der dem römischen Hof vom ersten Augenblick an in so hohem Grade zuwider gewesen, sollte nun doch wirklich un- ter kaiserlicher Autorität vollzogen werden. Es versteht sich wohl daß der römische Hof darum den Gedanken nicht aufgab, da er den Beschluß nicht hindern können, auf die Ausführung desselben Einfluß zu gewinnen. Fuͤnftes Capitel . Religionsgespräche. In späteren Zeiten hat es nicht geringe Verwunderung erregt, daß die damaligen deutschen Fürsten so häufige und lange Versammlungen hielten, zuweilen durch ihre geistlichen und weltlichen Räthe, zuweilen in Person, um über die schwie- rigsten und dunkelsten Fragen der Theologie zu verhandeln, an denen sie dann einen Antheil nahmen, welcher sonst nur den unmittelbarsten Interessen gewidmet wird. Sollte es nicht in der That scheinen, als hätten sie bes- ser gethan, wenn sie nur die Rechtsfragen, die in den letzten Jahren mehr als einmal den Ausbruch eines Krieges fürch- ten lassen, vorgenommen und zu entscheiden gesucht hätten? Die Protestanten hätten sich nichts Besseres gewünscht; aber darin vornehmlich bestand das Prinzip ihrer Gegner, dieß nicht zuzugeben. Im Juni 1540 trat jene vorbereitende Versammlung, die der Kaiser nach Speier ausgeschrieben, in Folge einer ansteckenden Krankheit nicht dort sondern in Hagenau zu- sammen. Die Majorität forderte auch hier wie immer Her- ausgabe der geistlichen Güter, Anerkennung des Kammer- Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . gerichts, Ausschließung Aller die seit 1532 in den schmal- kaldischen Bund getreten. Auf diese so oft vorgekommenen Anmuthungen wiederholten die Protestanten die eben so oft vernommenen Antworten: die geistlichen Güter seyen gerade von ihnen zu ihren wahren Zwecken verwandt worden; das Kammergericht nehme auf keine Weisung des Kaisers Rück- sicht; auf jenen Frieden seyen andre Concessionen gefolgt, in welchen von keinem Unterschied früherer oder späterer Mit- glieder ihres Bundes die Rede sey. Damit drangen sie aber nicht durch. Die Abgeordneten der Churfürsten wären ge- neigt gewesen, eine Suspension der Rechtssachen zuzugeste- hen; allein in den fürstlichen überwog der Geist des nürn- bergischen Bundes: er wollte von dem Augsburger Abschied nicht weichen, in welchem eben das System festgestellt wor- den, das die Protestanten bekämpften. Erklaͤrung der Majoritaͤt am 16ten, der Protestanten am 22sten Juli. Im Anhang theile ich den noch ungedruckten Abschied von Ha- genau mit, nur eine Relation aus den gewechselten Schriften, aber darum doppelt merkwuͤrdig. Eben darum aber, weil es unmöglich war auf dem Boden des Rechts einen Schritt weiter zu kommen, mochte man wohl zu den höheren Prinzipien aufsteigen, von denen der Ursprung des früher eingerichteten Zustandes, die gelten- den Normen des Rechtes sich herleiteten. Die kirchlich-weltliche Verfassung hieng mit den Ge- bräuchen, die Gebräuche hiengen mit der Lehre auf das engste zusammen. Nicht ein bloßes Rechtsinstitut war das Reich: etwa zur Erhaltung der päpstlichen Autorität. Denn nicht darum hatte Germanien die christliche Religion angenommen, um dieser immer unterworfen zu bleiben, sondern um der Versammlung zu Hagenau . innern Wahrheit des Glaubens willen. Es blieb allezeit vor- behalten, von jener abzuweichen, wofern sie sich dem Irrthum hingab. Alsdann konnten auch die Einrichtungen und Rechte geändert werden; daran war kein Zweifel. Für die Nation lag alles daran, daß sie sich darüber verständigte. Und daß es dahin kommen könnte, durfte man viel- leicht hoffen, wenn man die Regung betrachtete, welche sich damals in den Ländern die noch an den alten Dogmen fest- hielten, kund gab. Die Unhaltbarkeit des Zustandes, von welchem die Pro- testanten auf eigne Hand sich losgerissen, war immer stär- ker zu allgemeinem Bewußtseyn gekommen. Hatte sich doch selber der strenge Herzog Georg in seinem letzten Lebensjahr entschlossen, in seinem Lande zu einer Verbesserung zu schrei- ten, nach der Idee einer angeblich apostolischen Kirche, welche seine Geistlichen und Gelehrten realisiren zu können meinten. Im Jahre 1536 hatte der Churfürst von Cölln die Bischöfe von Lüttich , Utrecht , Münster , Osnabrück und Minden in seiner Hauptstadt versammelt, und es waren Anordnungen getroffen worden, die, wie sehr sie auch sonst auf dem al- ten Begriffe beruhten, doch zugleich einige dem Geiste des reformirenden Zeitalters entsprechende Bestimmungen enthiel- ten, z. B. daß man den Aberglauben des Glockenweihens vermeiden, nicht über das Fegfeuer disputiren solle. Im Duͤsseldorfer Archiv findet sich das Original sammt ei- ner lateinischen Uͤbersetzung, deren Zweck aus folgenden Worten er- hellt: Hanc ordinationem ego Carolus Haupt ex jussu Erasmi Ro- terodami , cum apud illum Friburgi Brisgoiae essem, verti in lin- guam latinam, ut Erasmus illam ordinationem intelligeret, nam Da- mit war freilich nur wenig geholfen. Andere meinten, Ranke D. Gesch. IV. 13 Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . Gerson habe einst hundert Mängel der kirchlichen Verfas- sung aufgezählt: von denen sey keiner gehoben, und viele neue seyen hinzugekommen. Ein eifriger Gegner der Pro- testanten, der Augustinerprior Johann Hofmeister , bemerkt doch, daß man noch fortfahre die unwürdigsten Priester zu weihen, daß die höhere Geistlichkeit sich noch immer den kirchlichen Functionen entziehe, auf die Herstellung der geist- lichen Güter einen ganz unverhältnißmäßigen Werth lege. Er warnt bereits, an den Gegnern nicht etwa Lehren zu verdammen, welche die alten Väter vorgetragen. Epp. ad Nauseam p. 302. 282. Ganz allgemein erhob sich aus dem Innern der bei dem alten Glauben verharrenden Länder, noch einmal im Sinne der alten Zeit, der Wunsch einer Reformation der Kirche. Ich finde ihn in Dedicationen fremdartiger Bücher, z. B. der Kaiser-Biographien von Cuspinian , Carl dem V ans Herz gelegt. Jacob Spiegel drückt dem Coadjutor zu Wien , Fried- rich Nausea , die Hofnung aus, ihn auf dem nächsten Reichs- tag an das Werk der Kirchenreformation Hand anlegen zu sehen; dann will auch er die schöne und geräumige Behau- sung die er sich erbaut, verlassen, herbeieilen und an der Ar- beit Theil nehmen. Epp. ad Nauseam 15 Nov. 1540 p. 288. Auch deshalb eröffnete es eine so weite Aussicht daß sich der Kaiser bewogen fühlte, Hand an dieß Werk zu le- gen. Merkwürdig, er hatte die Verabredungen von Frank- furt nicht formell bestätigt, aber er setzte sie in Vollziehung. In Hagenau ward verabschiedet, daß von beiden Theilen ipse in lingua germanica non erat adeo perfectus, et deinde suum judicium indicaret. Versammlung zu Hagenau . der Stände friedfertige und verständige Männer in glei- cher Anzahl versammelt werden sollten um sich freundlich, christlich und der heiligen Schrift gemäß über alle strei- tigen Puncte zu besprechen und sie wo möglich zur Ver- gleichung zu bringen. König Ferdinand schlug vor, da- bei von den Resultaten der letzten Augsburger Conferenzen auszugehn; die Protestanten, welche die Erinnerung an die- sen Reichstag überhaupt flohen, schienen zu glauben, daß dann vielleicht jeder Stand bei seinen damals geäußerten Meinungen festgehalten werden solle, was für sie, da seit- dem so viele Andere auf ihre Seite getreten, ein offenba- rer Nachtheil gewesen wäre: auf ihren Antrag wurde be- schlossen, daß ihre Confession und deren Apologie bei dem neuen Gespräche zu Grunde gelegt werden solle. Man be- stimmte dieß Mal alles so genau wie möglich: den Termin, der nach Verlauf von zehn Wochen festgesetzt ward, so wie die Theilnehmer. Der Hauptunterschied in den Ständen lag noch immer in dem Gegensatze der Majorität, welche die Abschiede von 29 und 1530 angenommen, und der Minorität, welche dieselben zurückgewiesen. Der König er- nannte sogleich diejenigen elf Mitglieder der Majorität, welche ihre Gelehrten zu dem Gespräche herbeisenden sollten. Den Protestanten blieb es überlassen, sich über eine gleiche An- zahl unter einander zu verständigen. Auf geistliche oder welt- liche Würde nahm man dabei, wie sich von selbst versteht, keine Rücksicht. Seit dem Anfang der reformatorischen Bewegung war es der allgemeine Wunsch gewesen, die religiösen Streitig- keiten innerhalb der Nation zu beseitigen. Wir erinnern uns, 13* Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . daß der Beschluß hiezu schon im Jahr 1524 gefaßt war. Daß er rückgängig wurde, darin lag der nächste Anlaß zu dem Zerwürfniß der Nation, zu den Provincialeinrichtungen welche einzelne Stände unternahmen. Aber auch diese waren so rasch und großartig fortgeschritten, daß man nun obwohl auf einem ganz andern Standpunct doch jenen Gedanken nothgedrungen wieder ergriff. Gespräch zu Worms . Im November des Jahres 1540 kamen die Abgeord- neten der verschiedenen Stände in Worms zusammen. Die Protestanten hegten die Hofnung, in einem freien Gespräche die Oberhand zu behalten und ihren Meinungen im Reiche weitere Bahn zu eröffnen. Schon im Voraus zeigten ihnen die beiden Abgeordneten des Kaisers, welche unmittelbar von dessen Hoflager anlangten, Naves und Granvella , Gunst und Geneigtheit. Der erste versicherte, von der Herstellung der geistlichen Güter solle dießmal nicht die Rede seyn: er gab zu, daß man erst untersuchen müss welche Partei die- selben ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß verwende, und ergoß sich in Ausrufungen gegen das Kammergericht, von dessen Händeln der Kaiser nichts wisse. Granvella , der etwas später eintraf, hob den Gedanken einer Reformation der al- ten Kirche hervor, und empfahl die Vereinigung auch aus dem Grunde, weil die Spaltung ja doch nur dem Papste nützlich sey. Der päpstliche Nuntius genoß sein Vertrauen mit nichten. Unter anderm legte ihm dieser einst ein angeb- lich von den Protestanten ausgegangenes sehr anzügliches Gespraͤch zu Worms . Actenstück vor: Granvella erklärte es für unächt, ja er gab zu verstehen, es möge wohl römischer Seits erdichtet seyn. Schreiben des Nuntius 8 Dec. S. S ria m’ha domandato se pensava la scrittura poter esse finta, forse pensando ch’io l’ha- vessi sognata per disturbare; ma torno(ai) a replicare che da me S. S ria non sarà ingannata, ma sì di Lutherani. Auch in den Mitgliedern der alten Majorität zeigte sich eine wesentliche Sinnesänderung. Im Laufe des Sommers hatte der Churfürst von Sach- sen die mächtigeren geistlichen Fürsten, die Bischöfe von Cölln , Trier , Salzburg , Würzburg , Bamberg , Augsburg , in eige- nen Anschreiben ersucht, die Dinge zu einem beharrlichen Frieden zu fördern; sie hatten ihm im Ganzen sehr befrie- digende Antworten gegeben. Der päpstliche Nuntius findet die Bischöfe feigherzig, aller Muth sey ihnen gefallen, seit- dem die Ankunft des Kaisers in den diesseitigen Ländern ihnen so wenig Vortheil gebracht habe. Die Hauptsache aber war, daß in Denen die zu dem Gespräch besonders abgeordnet waren, die Erfolge der in den letzten Jahren geschehenen Umwandlung sich hervorthaten. Der römische König hatte die fünf Churfürsten außer Sach- sen , drei geistliche Fürsten, Magdeburg , Salzburg und Straß- burg , und drei weltliche, die beiden Herzoge von Baiern und den Herzog von Cleve , als diejenigen bezeichnet welche die elf Stimmen der Majorität im Gespräche führen sollten; unter diesen waren nun aber drei, die Abgeordneten der Chur- fürsten von der Pfalz und von Brandenburg und des Her- zogs von Cleve entweder sehr zweifelhafter Gesinnung oder den Prinzipien der Neuerung entschieden zugethan. Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . Während sonst die Repräsentanten des Papsithums ein- verstanden, die des Protestantismus entzweit gewesen, trat jetzt der umgekehrte Fall ein: jene waren entzweit, und diese einmüthig. Nur vergebens versuchten die Gegner die alte Streitig- keit über das Abendmahl wieder rege zu machen. Die Wit- tenberger Concordie zeigte sich vollkommen genügend. Jo- hann Calvin , der in diesen Jahren in Straßburg lebte, war der Bevollmächtigte einer niederdeutschen Stadt, Lüneburg . Zwischen ihm und Melanchthon bildete sich hier ein inniges Vertrauen. Einer der vornehmsten Gedanken mit welchem die Protestanten auftraten, war, daß sie mit nichten Abtrün- nige seyen, daß vielmehr eben ihre Seite an der Überein- stimmung der katholischen Kirche, nicht allein den propheti- schen und apostolischen Schriften, sondern auch den alten Synoden festhalte: sie wollten nicht anerkennen daß der Ti- tel Katholische den Gegnern zukomme Responsum Evangelicorum 27 Dec. C. Ref. III, 1254. Quod a vobis (es ist an die Praͤsidenten gerichtet) adversarii vo- cantur catholici, toties jam testati sumus, genus doctrinae quod profitemur vere esse consensum ecclesiae catholicae. — in der Disputa- tion werde sich schon zeigen, welcher von beiden Theilen in der Gemeinschaft der wahren alten Kirche verharre. In der That, wenn das angeordnete Gespräch Fortgang hatte, wenn dann die Stimmen der hier Erschienenen gesam- melt wurden, so ließ sich nichts anders erwarten, als daß die Mehrheit sich im Sinne der Neuerung erklären würde. Das protestantische Prinzip hätte den glänzendsten Sieg in einer im Namen von Kaiser und Reich berufenen Versamm- Gespraͤch zu Worms . lung erfochten. Eben dieß war die Gefahr welche der rö- mische Stuhl bei der ersten Nachricht von den Frankfurter Verhandlungen vorausgesehen. Sein Glück aber wollte, daß die Protestanten in Ha- genau am Ende doch die Zulassung eines pästlichen Nuntius dem Kaiser anheimgestellt hatten, der sie dann, wie nicht an- ders zu erwarten war, aussprach. Dem römischen Stuhle ward es nicht einmal leicht darauf einzugehn. Der Papst bevorwortet die Mission mit den auf- fallenden Worten, er setze damit alle äußere Ehre hintan, gleichwie Christus die Schwachheiten des menschlichen Flei- sches angenommen, um die Welt zu erlösen. Aber er hatte keine Wahl: darin lag das einzige Mittel, um die drohende Gefahr noch abzuwenden. In der kurzen Instruction wird dem Nuntius wohl zehnmal eingeschärft, die Autorität des römischen Stuhles aufrecht zu erhalten, der allein das Recht habe, an den be- stehenden Satzungen etwas abzuändern: er möge sich lieber entfernen, als eine Schmälerung dieser Autorität zugestehen. Schlimm genug aber, wenn ein solches Mittel er- griffen werden mußte. Der Nuntius, Morone , der gleich beim Anfang der Versammlung mit officiellem Character er- schienen, war viel zu fein um es so weit kommen lassen zu wollen. Auch jetzt wie vor 16 Jahren, fand der römische Hof Verbündete in den deutschen Ständen. Ich weiß nicht ob es wahr ist, was man in Worms behauptete, zwischen dem römischen Stuhl und den Herzogen von Baiern seyen neue „wunderbare Verträge“ über die Bisthümer geschlossen wor- Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . den: aber noch immer hielten die Herzoge die damals er- griffene Partei. Auch der mainzische Abgeordnete, Doctor Braun , der als ein Unterarbeiter des Matthias Held bezeich- net wird, stand in dem engsten Vertrauen des Nuntius. Im Besitz dieses Einflusses faßte Morone den Plan, nicht etwa das Gespräch zu leiten, wozu derselbe nicht hin- gereicht haben würde, sondern vielmehr (wir können darüber mit vollkommener Sicherheit reden, da seine Briefe vor uns liegen Lettere del Vescovo di Modena (che fu poi il C l Mo- rone ) al C l Farnese . Inform. politt. Tom. XVIII. ) es gar nicht zu Stande kommen zu lassen. Nehmen wir die Mittel wahr, welche er dazu ergriff. Zunächst schlug er vor, statt des Gespräches einen Schriftwechsel einzuleiten, wobei er die Stelle eines alten Canonisten herbeizog, nach welchem es auch ein schriftliches Gespräch geben könne. Schreiben Morone’s : V ra S ria Rev. havrà considerato il modo qual si serverà nel procedere del colloquio per scrittura, deliberato da M r di Granvella e presidenti di nostro parere, per evitare il pericolo delli suffragii , perche sel colloquio fosse vocale, essendo tra cattolici molti non solo claudicanti ma aperti Luterani, gli avversarii harebbono almeno tre delli voti nostri, cioè Palatino Brandenburghese e Clevense . Und damit nicht auch hiebei ver- drießliche Meinungsverschiedenheiten zum Vorschein kommen möchten, trug er auf eine vorläufige Verständigung der Ab- geordneten der Majorität innerhalb ihres eigenen Kreises an. Der ganze Erfolg des vermeinten Gespräches würde dann gewesen seyn, daß wieder ein paar evangelische und ein paar katholische Streitschriften gewechselt worden wären: nichts weiter. Unverweilt ließ Morone eine Commission, in wel- cher der Carmeliter Billik und Dr Johann Eck saßen, an Gespraͤch zu Worms . einer neuen Widerlegung der augsburgischen Confession ar- beiten, und bald brachte Eck über die ersten Artikel eine For- mel zu Stande, von der er wohl sagte, eine bessere werde man in beiden Indien nicht ausfindig machen. Damit aber drang der Nuntius doch nicht durch. Bran- denburg , Pfalz und Cleve verwarfen nicht allein das ihnen mitgetheilte Gutachten, sondern sie widersprachen, so wie die Protestanten, dem ganzen Verfahren. Vorlauff Colloquii Vormatiensis im brandenburgischen Ar- chiv, die beste Nachricht die so viel ich weiß von diesem Gespraͤch existirt, berichtet von Versuchen die auf die abweichenden Glieder der Majoritaͤt gemacht wurden. Beim 20 Dez. „Und disen tag kegen abent ist der pfalzgrefische Theologus, Mag. Henricus Stol , predi- cant zu Heidelberg , von den vier verordenten furgenumen, Ist aber nichts außgericht, dann die proposition, das man allein durch den glauben fuͤr Gott gerecht wirt, und sonderlich die exclusiva sola hat Pfalz in kein weg begeben noch davon abstehn wollen.“ Endlich erklärte auch Granvella , er sey beauftragt ein Gespräch zu veranstalten und könne dieß nicht von einem Schriftwechsel sondern nur von mündlichen Conferenzen verstehen. „Ich war ganz er- schüttert,“ sagt Morone , „da ich sah daß es nun doch zu einem öffentlichen freien Gespräche, einem Abgeben der Stim- men kommen solle.“ Granvellas Vorschlag gieng jetzt dahin, daß zwar für jeden Theil nur ein Theolog sprechen solle, aber mit dem Vorbehalt für die andern, später ihre Meinung ebenfalls zu sagen. Eine Form, die der Absicht einer freien Conferenz eben auch nur sehr unvollkommen entspricht. Aber Morone erklärte, er werde es nimmermehr bewilligen: Etwas hinzu- zufügen könne nur dann erlaubt werden wenn die Mehrheit jeder Partei es nothwendig finde. Um keinen Preis wollte Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . er die innerhalb der bisherigen Majorität eingetretene Spal- tung hervortreten lassen. Es gab hierüber zwischen Gran- vella und Morone eines Tages einen ziemlich heftigen Wort- wechsel. Granvella warf dem Nuntius vor, er suche nur das Gespräch überhaupt zu verhindern: Morone antwortete mit einer feierlichen Protestation, daß Granvella alle das Unglück das bei der vorgeschlagenen Form zu erwarten sey, auf sei- nen Kopf nehmen müsse. Erinnern wir uns, daß der Nun- tius doch die höchste kirchliche Autorität darstellte, so begrei- fen wir wohl, daß Granvella Bedenken trug mit ihm zu brechen; er bequemte sich zu der Auskunft, daß nur die Mitglieder der Mehrheit jedes Theiles das Recht haben soll- ten dem von den beiden Hauptcolloquenten Gesagten etwas hinzuzufügen; sollte jemand von der Minderheit etwas ein- wenden wollen, der möge sein Gutachten bei den Präsiden- ten und dem kaiserlichen Orator schriftlich eingeben. Der Praͤsidenten Antwort 2 Jan. C. R. IV, 5. Schreiben Butzers an Nausea . Ein widerwärtiger Anblick: dieses Streitig-machen jedes Schrittes, dieses Hadern über die Form, um nur nicht zur Sache zu kommen. Die Protestanten ließen sich am Ende den Vorschlag gefallen, aber nur damit es nicht scheine als hätten sie Scheu vor einer neuen Erörterung. Die drei ab- weichenden Stimmen fügten sich, damit man doch endlich ein- mal zum Werk schreite und nicht so viel Zeit, Mühe und Kosten vergebens aufgewendet habe. Morone war jedoch noch immer nicht ruhig. Aus sei- nen Briefen sehen wir, daß ihn die Besorgniß, es dürfte doch zuletzt zum Sammeln der Stimmen kommen, unauf- Gespraͤch zu Worms . hörlich verfolgte. Granvella gab ihm endlich einen Trost, der ihn zufrieden stellte. Er sagte, mit dem ersten Artikel werde es wenig auf sich haben: da werde Melanchthon hof- fentlich unterliegen: sollte das nicht der Fall seyn, so könne man die Versammlung jeden Augenblick auflösen: bei der Nähe des Kaisers stehe es nur bei ihm, sich von demselben schreiben zu lassen was er selber wolle. 6 Gennaro. Mi soggiunse il disegno ch’egli haveva del modo del procedere, cioè che facendo Protestanti qualche risposta talmente conditionata che si potesse venire al colloquio, la vo- leva accettare e proponerla e dar principio al parlamento, ser- vando sempre in se, quando le cose non passassero a suo modo, la facoltà di dissolvere il convento e non procedere più oltre, il che facilmente potea fare per la vicinità dell’ impcratore, del quale si potea farsi scrivere a suo modo secondo fosse il bisogno. Nur auf diese Weise, unter diesem Vorbehalt kam es zu einem Beginn des Gespräches am 14 Januar 1541, zwi- schen Melanchthon und Eck , die als die Hauptcollocutoren der beiden Parteien aufgestellt waren: Es charakterisirt Eck , wenn Melanchthon sagt: Audivi Ec- cium gloriose jactitantem posse se utramque partem tueri. Prae- fatio ad acta Wormatiensia. Opp. II, 641. zunächst über den Artikel von der Erbsünde. Die Protestanten können nicht genug rühmen mit wie stattlichen Gründen göttlicher Schrift ohne allen Hintergang in der reinsten Sprache ihr Melanch- thon dem Widersacher begegnet sey: er verhalte sich zu dem- selben wie eine Nachtigall zu einem Raben. Ich weiß nicht ob vielleicht auch der andere Theil seine Überlegenheit fühlte; wahrscheinlicher aber ist daß Granvella noch vor dem An- fang den Kaiser um unverweilte Auflösung gebeten hatte. Noch ehe man mit dem ersten Artikel zu Stande gekommen, lief ein Schreiben ein, worin Granvella beauftragt wurde, Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . Angesichts dieses Abschied zu nehmen und die Parteien auf den in Regensburg bevorstehenden Reichstag zu laden. Und so gelang es dem römischen Stuhl doch wirklich, den Versuch der Deutschen, in sich selbst eine Vereinbarung zu treffen, auch dießmal zu vereiteln: wenigstens in der ge- fährlichen Combination, in welcher derselbe in Worms auftrat: der Nuntius nahm nur darum an der Versammlung Theil um die Erreichung ihres Zweckes zu verhindern. Noch war die Sache jedoch nicht zu Ende. Im Cha- racter des Kaisers lag es überhaupt nicht, was er einmal unternommen sobald wieder aufzugeben. Es war sehr sein Ernst, daß die Verhandlungen in Regensburg wieder erneuert werden sollten. Schon genug aber, daß sich die Curie einer Zusammen- setzung von Abgeordneten entledigt hatte, durch welche sie in Gefahr gerathen wäre, in der Minorität zu bleiben. Es mußte sich nun zeigen wie weit es der Kaiser brin- gen würde. Religionsgespräch auf dem Reichstage zu Regensburg . Am 23sten Februar 1541 langte der Kaiser in Regens- burg an: prunklos wie er es liebte, und mit geringem Ge- folge: Curt von der Schulenburg an Joachim II 1 Maͤrz. (Berl. Archiv.) erst am 5ten April waren Fürsten und Botschafter genug beisammen, um den Reichstag eröffnen zu können. Die katholischen Stände versammelten sich in des Kai- sers Wohnung: von da ritten sie nach der Domkirche, wo Gespraͤch zu Regensburg . ein Hochamt gehalten, die Heilige Geist Messe in allem Pomp gelesen ward. Die protestantischen versammelten sich bei Phi- lipp von Hessen und Wolfgang von Anhalt , von denen je- der eine Predigt halten ließ. Von den verschiedenartigen Gottesverehrungen hinweg begaben sich beide Theile nach dem Rathhaus, und setzten sich nach ihrem Range zur Reichsversammlung nieder, um die kaiserliche Proposition zu vernehmen. Der Ordnung nach wären Braunschweig und Hessen , die einander so eben in wilden Druckschriften angetastet und auch hier bereits ihre entgegengesetzten Beschwerden dem Kai- ser eingereicht hatten, neben einander zu sitzen gekommen: der Kaiser trug Sorge daß der Herzog von Savoyen , der damals dem Hof folgte und sich wieder als Reichsfürst hielt, zwischen ihnen Platz nahm. In seiner Proposition nun erklärte der Kaiser den Zwie- spalt über die Religion für den wichtigsten Gegenstand der Berathung. Er führte den Ständen zu Gemüthe, wie heil- sam die Herstellung eines einhelligen christlichen Verstandes seyn würde und erbot sich, einige friedliebende Männer zu ernennen, um sich über die streitigen Puncte zu besprechen. Von den katholischen Fürsten zogen Einige noch immer die Angemessenheit und Berechtigung eines Gespräches in Zweifel; wenigstens wollten auch sie bei der Wahl der Col- locutoren zugezogen werden. Aber der Kaiser bestand auf seiner Forderung, und setzte sie mit Hülfe der Protestanten, der Städte und der schwankend gewordenen Mitglieder der alten Majorität auch durch. Er hatte eine Combination im Sinn, vermöge deren er Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . wirklich etwas auszurichten hoffen durfte. Aus den entge- gengesetzten Parteien wußte er vermittelnde Tendenzen und Persönlichkeiten zu Hülfe zu rufen. Der tiefere Begriff von der Rechtfertigung hatte sich auch in Italien Freunde gewonnen. Eine Genossenschaft geistvoller und wohlgesinnter Männer hatte sich gebildet, die von diesem Grundsatz aus die Lehre zu regeneriren, die Starr- heit des dominicanischen Systems zu brechen, und zugleich eine Reform der kirchlichen Institute von innen her zu be- wirken gedachte, ohne darum die Ordnung der Hierarchie aufzugeben. Eins der Oberhäupter dieser Gesinnung, in dessen Seele sie ursprünglich entstanden, der Venezianer Ga- spar Contarini , ward jetzt von Paul III als Legat nach Deutschland geschickt. Ich habe ein ander Mal ausgeführt, wie viel sich von dieser Annäherung für eine innere Wiedergeburt der römischen Kirche erwarten ließ. Poole , ein Freund Contarini’s , der anfangs von den Schritten des Kaisers so viel gefürchtet, knüpfte jetzt enthusiastische Hofnungen daran. Er sah darin das wahre Heilmittel für alle Wunden der Christenheit. Von der protestantischen Seite her kam man dem Kai- ser sogar mit positiven Entwürfen entgegen. Der nemliche Theolog, dessen Bemühungen die Union der Evangelischen unter sich vornehmlich zu danken war, Martin Butzer , hatte jetzt, durch die Lage der Umstände und eine innerliche Hinneigung bewogen, den Gedanken gefaßt, zwi- schen Protestanten und Altgläubigen ebenfalls eine Vermit- telung zu versuchen. Bei der Zusammenkunft in Worms legte er seine Vorschläge dazu Granvella’n vor, der sie sehr Gespraͤch zu Regensburg . annehmbar fand und sofort den Plan faßte, bei der nächsten Versammlung davon auszugehn. Sie kamen überein, die Sache nach beiden Seiten hin vorzubereiten. Butzer traf es sehr gut, wenn er sich vor allen andern Fürsten an Joachim II von Brandenburg wandte, dessen Re- formation auf verwandten Grundsätzen beruhte, und der in einer Vergleichung der Hauptartikel der Lehre das Heil der Nation sah. Schreiben Butzers an Joachim II (10 Jan.) Berl. A. Aus den Angaben Melanchthons C. Ref. IV, 578 geht nur hervor, daß er Gropper und Gerh. Volcruck (ohne Zweifel Veltwyk ) fuͤr die Verfasser, Butzer fuͤr einen Theilnehmer haͤlt. Butzer verschwieg wie viel Theil er genommen. Joachim zögerte nicht, auf Butzers Wunsch den Ent- wurf dem Doctor Luther mitzutheilen. Luther , der darin den Begriff von der Justification in aller Reinheit ausgedrückt fand, erklärte wenigstens, die Schrift sey sehr gut gemeint, obwohl er an ihrer Ausführbarkeit zweifle. Das letzte war auch die Ansicht Melanchthons , der die Worte darauf schrieb: „Republik des Plato .“ Joachim II zeigte sich über diese Zweifel ein wenig verstimmt, doch ließ er sich dadurch nicht irren; er blieb dabei daß ein Verständniß zu treffen die drin- gende Nothwendigkeit sey. Er scheint den Landgrafen Phi- lipp von Hessen ziemlich auf seine Seite gebracht zu haben. Schreiben Joachims an Philipp bei Neudecker Actenst. p. 249. Von den Führern der Reformation in der Hauptsache gebilligt, von einigen der mächtigsten Reichsfürsten mit Bei- fall aufgenommen kam die Schrift an Granvella zurück, der sie nun auch einigen Theologen von der andern Seite und Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . hauptsächlich dem Legaten vorlegte. Sie ward von ihnen hie und da verändert, aber in der Hauptsache blieb sie die- selbe. Der Legat willigte ein, daß sie bei den Conferenzen zu Grunde gelegt würde. Die weitere Absicht des Kaisers und des Legaten gieng vor allem dahin, Priesterehe und Laienkelch in Deutschland freizustellen. Contarini dachte später eine Consulta aus ver- schiedenen Nationen zu veranstalten, um von ihr gleichsam im Namen der allgemeinen Kirche unterstützt zu werden. Memoriale rev mi C lis Contareni bei Quirini CCXXIV. Dagegen erklärten sich einige protestantische Fürsten ge- neigt, den Primat des Papstes unter gewissen Bedingungen anzuerkennen. Der Papst sollte als der Aufseher, nicht als der Oberherr und Gebieter der Kirche angesehen werden, namentlich die Bischöfe nicht ferner durch fesselnde Eideslei- stungen verpflichten. Im Reiche dachte man die Hierarchie zu behalten, aber den zur Verwaltung ihres Amtes untauglichen Bischöfen ge- lehrte Vicarien, dem weltlichen Fürsten alle Mal einen Ad- ministrator der Geistlichkeit zur Seite zu setzen. Zu dem allen hoffte man sich durch eine Vereinbarung über die höchsten Fragen, von denen alles abhieng, und über die, wie die Verhandlungen in Bezug auf die butzerische Schrift zeigten, schon ein wesentliches Verständniß obwaltete, den Weg zu bahnen. Neben Eck und Melanchthon , die beinahe herkömmlich als die Vorfechter beider Parteien betrachtet wurden, ernannte der Kaiser die gemäßigtsten Theologen die er kannte, Grop- per und Julius Pflug von der einen, Butzer und den hes- Gespraͤch zu Regensburg . sischen Prediger Pistorius von der andern Seite, zu Collo- cutoren. Unter den sechs Zeugen waren drei erklärte Prote- stanten, und ein vierter, der pfälzische Vicecanzler, wenigstens zweifelhaft; den Vorsitz vertraute er einem Fürsten der fried- fertigsten Gesinnung, dem Pfalzgrafen Friedrich , und dem Ver- trauten seiner Politik, Granvella . Unter diesen Auspicien begann noch einmal ein dialektisch- dogmatisches Gefecht, das an dieser Stelle, nachdem die ge- mäßigten Meinungen zu beiden Seiten so große Fortschritte gemacht und die höchste Gewalt im Reiche durch ihre eigen- sten Interessen mit denselben in Berührung gekommen war, eine neue große Bedeutung hatte. Man begann mit den speculativen Fragen, deren Mit- telpunct in der Lehre von der Rechtfertigung liegt. Merkwürdig, wie da die eigensten protestantischen Ideen so ganz entschieden das Übergewicht gewannen. Unter der Autorität eines päpstlichen Legaten wurden sie angenommen, ohne daß der römische Stuhl sie hätte verwerfen mögen. In der Lehre vom Urstand ist von keinem Unterschied der Ordnungen der Natur und der Gnade die Rede: es wird ausdrücklich eingeräumt daß der Mensch durch den ersten Fall die Freiheit des Willens verloren habe: art. 2. Concreata libertas per hominis lapsum est amissa, waͤhrend es in dem Tridentinum heißt: Si quis liberum hominis arbitrium post Adae peccatum amissum et extinctum esse dixe- rit, anathema sit. der Ursprung der Sünde wird fast mit den Worten der Confession angegeben: die Erbsünde wird als wahre tödtliche Sünde bezeichnet: und sogar ein Satz, der in Leos X Bulle verdammt worden, die Ranke D. Gesch. IV. 14 Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . Sündhaftigkeit nach der Taufe betreffend, mit geringer Ab- weichung wiederholt. Der verdammte Satz ist: In puero post baptismum ne- gare remanens peccatum est Paulum et Christum simul concul- care; in den Regensburger Artikeln heißt es: Etsi post baptismum in renatis remaneat materiale peccatum etc. Nicht so ganz unbedingt war dieß mit dem Artikel von der Rechtfertigung selbst der Fall. Die aufgestellte Formel genügte keinem der beiden Theile; eine andre, die Melanchthon in Vorschlag brachte, wollte doch den Katholiken nicht einleuchten: vielmehr traten diese mit einer dritten hervor, die man dem Legaten Contarini zuschrieb. Cruciger an Bugenhagen 5 Mai Corp. Ref. IV, 552. Wenigstens haben wir eine in demselben Monat verfaßte Ab- handlung von ihm, in welcher dieselben Ideen vorgetra- gen werden die der Artikel enthält. Allerdings ward darin die Lehre, welche späterhin in der katholischen Kirche festge- halten worden, von der inhärirenden Gerechtigkeit, d. i. von der an den Glauben von Christi Verdienst in dem Menschen gewirkten Tugend, ebenfalls behauptet: aber sie trat neben dem Dogma von der imputativen Gerechtigkeit, d. i. dem uns zu Gute kommenden Verdienste Christi , stark in Schat- ten. Eben hierin lag der unterscheidende Character der in Italien entwickelten Doctrin, die sich dem Protestantismus anschloß: man brauchte in Regensburg einige Ausdrücke die den deutschen Theologen nicht geläufig waren: aber sie ver- kannten darum nicht, daß dieß ihre eigene Lehre sey, die Lehre von dem lebendigen Glauben, der durch die Liebe thä- tig ist, aber die Rechtfertigung allein in dem Verdienste Christi sucht: die nemliche, mit der sie sich den Meinungen von dem Werthe und der Nothwendigkeit der guten kirchlichen Werke Gespraͤch zu Regensburg . immer entgegengesetzt hatten. Mehr als einmal ward hier wiederholt, daß die Gnade umsonst gegeben werde, nicht um unsrer Werke willen. War es nicht sogar besser, daß die Über- einstimmung nicht so ganz wörtlich ausfiel? Desto weniger konnte von einer bloßen Nachgiebigkeit die Rede seyn; der protestantischen Überzeugung kam von einer andern Seite eine wenn nicht völlig gleiche doch nahe verwandte entgegen, die nun auch auf die katholische Seite einen großen Einfluß aus- üben mußte. Granvella ließ Eck nicht los, bis er seinen Na- men unterzeichnet hatte. C. Peucer , Dedication des zweiten Theils der melanchtho- nischen Schriften an Chf. Joachim II . Granvella — Eccium, cum rescriptae formulae testimonium chirographi addendum esset, ter- giversantem et astute renuentem facere id coegit. Die Freunde Contarinis drückten ihm ihre Hofnung aus, daß auf diesem Wege Kirche und Religion zu ihrer Reinheit zurückgeführt werden würden. Episcopus Aquilanus ad C lem Farnesium bei Rainaldus 149; er hofft „daturum Christum pontifici et imperatori religio- nem pristinae unioni restituere.“ — Vgl. Burchard an Bruͤck C. Ref. p. 256. Cruciger : Quod faustum foelixque sit et salutare ecclesiae, de hoc articulo convenit. (ib. 252.) Dazu gehörte jedoch, daß man sich von der gewonne- nen Grundlage aus auch über diejenigen Artikel verständigte, welche Verfassung und Ritus unmittelbarer berührten. Auch der nächste Artikel, von der Kirche, war in einem dem Protestantismus sich annähernden Sinne entworfen. Mit Unwillen bemerkte man in Rom , daß bei der Aufführung der Zeichen der wahren Kirche dasjenige fehle was dort Viele beinahe für das Wesentlichste hielten, die Unterwürfigkeit der- selben unter den Papst; daß ferner das Recht die Schrift zu erklären der Gesammtheit der Kirche, selbst mit dem Zu- 14* Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . satz: keiner einzelnen Person, womit man doch auf Niemand anders als auf den Papst deute, zugeschrieben werde. Ita est quidem donum interpretationis penes veram ec- clesiam, sed non est certis personis aut locis alligatum. Et alias est in pluribus, alias in paucioribus, alias magis, alias minus il- lustre. D. h. es kommt auf den innern Werth der Interpretation an, die sich selber geltend machen muß. Aber auch die Protestanten fanden Vieles zu tadeln. Sie wollten der Übereinstimmung der jedesmaligen Kirche und den Con- cilien die bindende Gewalt nicht zuerkennen, welche der Ent- wurf ihnen zuschrieb: es sey wohl vorgekommen, daß der größte Theil der Kirche irre gegangen, wie damals, als der heil. Augustinus erweckt worden. Die Zeiten waren vorüber, in denen man dieß schlechthin abzuleugnen gewagt; die Geg- ner zogen sich jetzt auf den Satz zurück, daß Concilien die im heil. Geist versammelt worden, in den zum Heile nothwen- digen Dingen doch gewiß nicht irren würden. Relation Butzers uͤber das Gespraͤch p. 240. Die Pro- testanten wandten ein, leider trotze jedes Concilium, wenn es auch in einem ganz andern als dem heil. Geist versammelt sey, auf jene Verheißung: wer wolle darüber entscheiden? Doch konnten sie die Behauptung selbst in dieser Idealität und Allgemeinheit nicht verwerfen. Nur war davon noch ein weiter Schritt bis zur Anwendung. Zufrieden, daß doch kein absoluter Gegensatz bestand, obwohl man sich auch frei- lich nicht vereinigen können, beschloß man fürs Erste hier inne zu halten und zu einem andern Gegenstand fortzuschreiten. An der Reihe war der Artikel von der Eucharistie. Die Verschiedenheit des Ritus schien jetzt nach den Äußerungen des Legaten kein unübersteigliches Hinderniß zu Gespraͤch zu Regensburg . bilden. Über den Begriff hatte man sich im J. 1530 ohne viel Mühe verständigt; wie damals die Confession, so drückte sich auch jetzt der Entwurf sehr gemäßigt aus: indem er nur von der realen Gegenwart sprach. Allein damit waren die- jenigen nicht zufrieden gewesen, die den Entwurf revidirt hat- ten: eine fremde Hand hatte das Wort Transsubstantiation an den Rand geschrieben. Denn allerdings nicht auf dem Begriffe der Gegenwart, sondern dem der Verwandlung be- ruhen die Cerimonien, welche die Andacht der Gläubigen be- herrschen, die Kirchen, die Städte mit devotem Prunkt erfül- len. Die Protestanten bemerkten vergebens wie neu diese Lehre sey; den katholischen Collocutoren war es genug, daß sie von einem römischen Concilium gebilligt worden; auch der Legat hielt mit einer Hartnäckigkeit darüber, die man sonst nicht an ihm kannte. Im Gefühl der hohen Bedeutung des Momentes veranstalteten die Protestanten noch einmal eine Zusammenkunft aller ihrer Botschafter und Prädicanten. Es war eine jener Versammlungen, von denen Calvin sagt, es bedürfe darin starker Seelen welche Andre stärken: der Fe- stigkeit der Überzeugung muß sich der politische Muth zu- gesellen, sie in dem entscheidenden Momente zu bekennen. Schreiben von Glauburg 9 Mai, in den Frankf. AA. Schrei- ben von Calvin bei Henry I, 369. Erklaͤrung. „Wir lernen daß mit dem consecrirten Brot der Leib Christi den Nießenden geben werde, und sagen nit daß da werde Transsubstantiation oder Vertilgung der Substanz des Brotes.“ Sie waren Alle dazu entschlossen: sie erklärten, der aufge- stellte Begriff sey weder mit dem Worte Gottes zu vereini- gen noch mit der Natur der Sacramente: und stellten eine Gegenfassung aus, in welcher sie die Transsubstantiation in Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . aller Form verwarfen. Man kannte sie hinreichend, um sich hierauf keinerlei Nachgiebigkeit von ihrer Seite zu verspre- chen. Eher versuchte Granvella noch einmal bei Contarini sein Glück. Aber schon fühlte dieser sich von Verdacht und Übelwollen umgeben. Er erklärte, Glaubenssätze so wichti- ger Art, die Jahrhunderte gegolten, dürfe und werde er nicht in Zweifel ziehen lassen. „nunquam Legatum assensurum, ut conspicua fidei de- creta tot saeculis culta in dubium adducerentur.“ Und so war man doch auch dießmal auf dem eingeschla- genen Wege auf ganz unübersteigliche Hindernisse gestoßen: nicht in den tieferen Grundlehren der Dogmatik, die das Verhältniß Gottes zu den Menschen betreffen: auch nicht ei- gentlich in der Lehre über die Kirche, über welche man we- nigstens bis auf einen gewissen Punct einverstanden war: der Grund der Entzweiung lag vielmehr in den scholasti- schen Vorstellungen, welche während der hierarchischen Jahr- hunderte geltend geworden. Diese und die Dienste die sich daran knüpften, wollte man auf der einen Seite als allge- mein gültig und göttlich festhalten; auf der andern war es eben das Prinzip sich davon loszureißen. An eine weitere Vereinigung war nicht zu denken, so lange ein Abgeordneter der römischen Curie, die von dem Herkömmlichen nicht ablassen wollte, daran Theil nahm. Doch war das Werk noch nicht geradezu gescheitert. Uber einige der wichtigsten Lehren hatte man sich in der That verglichen, und es leuchtete ein, daß wenn man daran festhielt, ein so vollkommener Gegensatz wie früher nicht mehr eintreten konnte. Die Absicht erhob sich, die entgegengesetz- Berathung der Reichsstaͤnde in Regensburg . ten Meinungen an einander zu dulden, bis man auch darüber künftig einmal eine Vereinbarung treffe. Besonders Joachim II lebte und webte in dieser Hofnung. Im kaiserlichen Rathe vernahm man das Wort Toleranz. Der Kaiser beschloß die Acten des Gesprächs, obwohl es nicht zu dem gewünschten Ergebniß geführt, den Reichs- ständen vorzulegen: mit dem Begehren, die verglichenen Puncte wenigstens bis auf das nächste Concilium zu halten. Berathung der Reichsstände. Es hatte anfangs den Anschein, als würde der Kai- ser, nachdem so vieles andere aufgegeben war, doch wenig- stens hiemit durchdringen. In dem Churfürstenrathe, über dessen Verhandlungen wir durch ein brandenburgisches Protocoll unterrichtet sind, ward die Sache am 14ten Juli vorgenommen. Die erste Stimme nun, die von Trier , war dagegen. Trier schlug vor, alle Artikel, verglichene und unverglichene, dem Concilium anheim zu stellen. Joh. Ludw. v. Hagen , gegen den Wunsch Hessens und des Kaisers erwaͤhlt, ordnete am 21 Maͤrz Gebete fuͤr den Reichstag an, „deshalb weil so viel grausame erschreckliche verdammte Ketzerey Aͤr- gerniß Secten im h. Reich erfolgt sind.“ Ganz anders ließen sich jedoch gleich die Räthe von Cölln vernehmen: sie meinten, man würde wohl in dem großen Vorhaben weiter gekommen seyn, wenn nur nicht das Wort Transsubstantiation, das in die Schulen gehöre, hätte behaup- tet werden sollen. Auf jeden Fall müsse man die verglichenen Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . Artikel, die von allem Irrthum frei seyen, festhalten: das werde „großen Unrath für die künftigen Zeiten verhüten.“ Vollkommen derselben Meinung war Pfalz : nicht allein die verglichenen Artikel müsse man halten sondern auch auf eine Vergleichung der übrigen denken. Zugleich brachte diese Stimme die kammergerichtlichen Urtel in Anregung: der Kaiser solle doch endlich erklären, was Religionssache sey und was nicht. Und noch weiter gieng Churfürst Joachim von Bran- denburg . Die Beobachtung der verglichenen Artikel fand er schon darum unerläßlich damit doch etwas geschehen sey: welch ein Geschrei würde sich erheben, wenn man ein mit so vieler Mühe erlangtes Ergebniß nicht einmal anwenden wolle. Überdieß aber müsse auch der Genuß des Sacra- ments in beiderlei Gestalt vergönnt werden: der jetzige Le- gat werde hoffentlich nichts dagegen haben. Joachim fügte hinzu, daß man wohl auch daran denken sollte, die päpst- lichen Annaten inne zu behalten, um sie zu dem bevorstehen- den Türkenkriege zu verwenden. Hierauf machte es so viel nicht aus daß Mainz dem zu Worms ergriffenen System getreu blieb und sich der Stimme von Trier anschloß. Cölln , Pfalz und Branden- burg bildeten bei der Abwesenheit von Sachsen die Mehr- heit: und in der That wurde im Namen des Collegiums das Gutachten abgegeben, es möge bei den verglichenen Ar- tikeln sein Verbleiben haben bis zu einem freien Concilium oder einer Nationalversammlung. Damit stimmten nun auch die Städte überein: sie er- boten sich die verglichenen Artikel anzunehmen wenn der Kai- Berathung der Reichsstaͤnde in Regensburg . ser es wünsche: sie wiederholten, was Brandenburg gesagt, daß dieß zur Beruhigung der aufgebrachten Gemüther treff- lich dienen werde. In dem Rathe der Protestanten hatten zwar die Theo- logen mancherlei einzuwenden, da sie doch in den vergliche- nen Artikeln nicht ihre volle Ansicht wiederfanden. Martin Luther , an den eine eigne Gesandtschaft abgeordnet worden, an deren Spitze ein Paar Fürsten des Reiches, seine Nach- barn, Georg und Johann von Anhalt , standen, hatte sich von der Meinung, daß hinter allen diesen Anschlägen Trug und Verrath laure, nicht los machen können. Eine im er- sten Augenblick nicht ungünstige Ansicht der Sache — denn auch er sah wohl daß die Annahme und Predigt der ver- glichenen Artikel viele andre Meinungen seiner Gegner zu Schanden machen werde — ward ihm später, da er den Dingen und Personen zu ferne stand, wieder verdunkelt. Vergl. Luthers Briefe vom 6ten, 12ten, 22sten Juni (da schreibt er Melanchthon , daß der Churfuͤrst und Bruͤck an jener Ant- wort Antheil gehabt: „meam responsionem paucis verbis additis more suo formaverunt,“ und freut sich daß der mainzische Rath miß- lungen), 29sten Juni, 4ten August. D. W. V. Das hinderte aber die Gesandten und Räthe der protestan- tischen Stände nicht, in einer amtlichen Eingabe am 14ten Juli die Annahme der verglichenen Artikel zu empfehlen, wie sie sich ausdrücken, „zu einem guten, christlichen Anfang der Concordia“: möchte man nur dagegen den augsburgischen Abschied aufheben, der zur Eintracht nicht tauge. „Dieweil sie (die protestantischen Staͤnde) denn ihnen die verglichenen Artikel in rechtem christlichen Verstand, Inhalts dersel- ben ihrer uͤbergebnen Antwort und Schriften, haben gefallen lassen: so beruhen sie noch darauf, und bitten unterthaͤnigst, ihre Kais. M. Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . Hans Hofmann versichert, daß auch sein Herr, König Ferdinand , diese Annahme wünsche. Die Sache würde entschieden gewesen seyn, hätte noch das alte Reichsherkommen gegolten, nach welchem der Für- stenrath den Ansichten der Churfürsten beizutreten pflegte. Al- lein schon seit einiger Zeit war dieß nicht mehr der Fall: eben wegen der Mäßigung welche die Churfürsten zu zeigen anfiengen, zogen sich die Fürsten von ihnen zurück. Durch die große Zahl geistlicher Mitglieder und den Eifer von Baiern , das sie alle zusammenhielt, ward hier eine compacte päpstlich- gesinnte Mehrheit gebildet. Die Herzoge von Baiern woll- ten nicht auf sich kommen lassen, Unrecht gethan zu haben: sie erklärten dem Kaiser unverholen, es sey ihnen schon darum unmöglich nachzugeben, weil sie sich dann der Nachrede aus- setzen würden, als hätten sie mit Unrecht Strafen verhängt. In der That, die schlimmste Folge eines begangenen Irrthums, wenn die Consequenz daran festzuhalten nöthigt. Überdieß aber fehlte es nicht an Einwirkungen von Rom und von Frankreich . Längst schon zeigte der römische Hof über den Gang der Dinge an dem Reichstag Besorgniß. Franz I hatte zwei Gesandten in Regensburg , von denen einer sich mehr an die Protestanten hielt, der andre aber an die Ka- tholiken und unter diesen an Baiern . Der Papst, der König und die deutschen Fürsten fürchteten, eine Vereinigung von Deutschland werde den Kaiser stärker machen als gut sey. Von Baiern und Salzburg sagt der venezianische Gesandte (1540): nessuna cosa ponno avere piu contraria che la potentia die wolle dieselbigen also zu einem christlichen guten Anfang der Con- cordia ins Werk richten und bringen lassen.“ Der Religionsverwand- ten Staͤnde Antwort ꝛc. C. Ref. IV, 517. Berathung der Reichsstaͤnde in Regensburg . Hiedurch nicht veranlaßt, denn seine Meinung war unzweifel- haft, aber doch bestärkt, forderte Herzog Wilhelm im Fürsten- rath wiederholte Verkündigung des Abschiedes von Augsburg und den einfachen Befehl, denselben zu beobachten: übrigens sey ein Concilium das einzige geeignete Mittel Ketzereien zu entwurzeln und die Einigkeit der Religion herzustellen. Er legte ein Gutachten seines Theologen Johann Eck vor, worin die verglichenen Artikel in aller Form verworfen und die beiden andern katholischen Collocutoren beinahe des Abfalls beschul- digt wurden. Es versteht sich nun daß diese Erklärung den größten Eindruck bei den Fürsten machte. Was wollte ge- gen Baiern die Stimme von Pfalz-Neuburg oder Constanz , oder der Abt von Kempten ausrichten, die sich gemäßigt ver- nehmen ließen? Der Fürstenrath setzte ein Gutachten auf, worin die Annahme der verglichenen Artikel auf das entschie- denste abgelehnt wurde. Herzog Wilhelm machte einen Ver- such, die Churfürsten, denen er nicht beitreten wollen, vielmehr auf seine Meinung herüberzuziehen; da es ihm damit nicht gelang, so wurden zwei ganz entgegengesetzte Gutachten dem Kaiser eingereicht. Und hätte nun der Kaiser nicht doch es wagen kön- nen, da er eine nicht unbedeutende Partei für sich hatte, dem Fürstenrath entgegenzutreten und an den verglichenen Artikeln festzuhalten? Er hätte sich in eine offenbare Gefahr gestürzt. Schon beklagten sich die Prälaten, daß von der Her- stellung der ihnen entrissenen Güter und Rechte gar nicht dell’ imperatore, la qual augmenterà grandemente con la concor- dia della Germania . Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . mehr die Rede sey, — daß der Kaiser die Colloquenten ein- seitig gewählt habe, den Protestanten sich zuneige, gleich als wolle er noch ganz zu ihnen treten, — der Churfürst von Mainz soll gesagt haben, die Katholischen seyen ohne Schutz, sie würden sich einen andern Kaiser suchen müssen. Die Hofnung und Absicht des Kaisers war gewesen, an dem vereinigten Deutschland eine Stütze gegen den Papst zu finden. Nicht selten sagte Granvella , der Kaiser sey zur Zeit zu schwach um sich des Papstes zu begeben: man müsse ihm in dieser Beziehung entgegenkommen, einmüthig in ihn dringen. Ein Reichstagsbeschluß in diesem Sinne hätte auch die einheimischen Gegner in Zaum gehalten. Da nun aber ein solcher nicht erfolgt war, so würde jede Abweichung von dem gewohnten Wege nicht anders als willkührlich erschie- nen seyn und den katholischen Fürsten im Reiche eine Art Recht gegen ihn gegeben, sie und den Papst zu offenbarer Feindschaft gebracht haben. An der sich wieder aufhebenden Wechselseitigkeit dieser Bedingungen scheiterte überhaupt das ganze Unternehmen der Aussöhnung. Von einer Gesandtschaft des Kaisers gieng es aus, der gar kein Hehl hatte daß er mit dem Papst unzufrieden sey; — wollte er es aber ins Werk setzen, so wußte er sich doch nicht stark genug um sich des Papstes ganz zu entschlagen: er selber rief ihn herbei —; aber dadurch bewirkte er wie- der, daß der Papst Gelegenheit bekam das ganze Vorhaben, das ihm ohnehin ein Greuel war, rückgängig zu machen. Viel zu tief hatte diese Gewalt in Deutschland Wurzel geschlagen, als daß ihr ohne den entschlossensten Gegensatz etwas abgewonnen werden konnte. Unterhandlungen des Kaisers . Statt sich, wie beabsichtigt worden, unter einander al- lein zu verständigen, fragten die deutschen Stände abermals bei dem Legaten an. Nach einigen dunkeln und zweifelhaften Antworten gab er eine ganz entschiedene: und diese nahmen sie an. In dem Abschied ward festgesetzt, daß die Verhandlungen der Collo- cutoren auf ein Concilium zu verweisen seyen. Hiemit ward der Gedanke, eine Vereinigung der Nation auf den Grund einer religiösen Aussöhnung zu Stande zu bringen, vollkommen aufgegeben; die beiden Parteien traten einander so schroff entgegen wie jemals: der Kaiser hatte wie- der mit beiden zu unterhandeln. Hauptsächlich deshalb hatte er den Eifrig-katholischen den erwähnten Punct des Abschiedes zugestanden, um alle Einwirkung auswärtiger Feinde abzuschneiden. Erneuerte sich ihm aber nicht damit die Gefahr daß sich die Protestanten ihm entgegensetzen und sich, wie der Herzog von Cleve während des Reichstags wirklich that, ihrerseits an Frankreich anschlie- ßen würden? In dem Abschied wurden sie an sich etwas milder be- handelt als bisher. Der Friede von 1532 ward darin anerkannt und erstreckt (so lange hatte sich das verzögert: die Majorität gab es erst zu, als wenig mehr daran gelegen war); die Processe und Achten von denen es streitig ob sie in diesen Friedstand gehörten, wurden suspendirt. Aber die Protestanten waren damit bei weitem nicht zufrieden gestellt. Daß die Verdammung, die im Jahr 1521 über sie ergan- gen und 1530 wiederholt worden, noch immer auf ihnen Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . lasten, die allgemeine Norm des Kammergerichts ausmachen sollte, kam ihnen nachgerade unerträglich vor. Sie forderten vielmehr beständigen Frieden und gleichmäßiges Recht. Was die geistlichen Güter anlangt, so machte Churfürst Joachim den Vorschlag, von Reichswegen jedem Fürsten zu überlassen, in seiner Landschaft damit so zu verfahren wie er es gegen Gott und kaiserliche Majestät verantworten könne: eine Fassung welche dem Abschied von 1526 und der Protestation von 1529 den gesetzlichen Sieg verschafft haben würde. Noch immer meinte er eine Freistellung von Priesterehe und beider- lei Gestalt durchsetzen zu können: Forma edicti a Marchione proposita. Corp. Ref IV, 594. nach seinen Worten sollte es scheinen — wenn er nicht etwa das was er wünschens- werth fand allzu rasch für wahrscheinlich gehalten hat — als seyen wie der Kaiser so auch die alten Gegner Mainz und Trier zu dieser Concession geneigt gewesen. Davon zeigte sich jedoch keine Wirkung noch Spur, als es zu den definitiven Verhandlungen kam. Als sich die alte Majorität noch einmal beisammen sah, ließ sie sich nichts mehr abgewinnen. Am 28sten Juli erschienen die Stände von beiderlei Bekenntniß in der kaiserlichen Wohnung. Der Kaiser gieng immer von einem Theile zum andern, um eine weitere Annäherung zwischen ihnen zu vermitteln; aber alle sein Bemühen scheiterte. Wollte er die Protestanten nicht doch noch zuletzt auf die Seite seiner Gegner treiben, so blieb ihm nichts übrig als sie durch besondere Zugeständnisse sicher zu stellen, deren rechtliche Bedeutung freilich der eines Reichsabschiedes nicht gleich kam, die aber ihn wenigstens selbst verpflichteten, und, Declaration von 1541 . in so fern er das Reichsoberhaupt war, doch auch eine all- gemeine Wirkung haben mußten. Er gab ihnen eine Declaration, die einige der wichtig- sten Puncte auf sehr erwünschte Weise erledigte. Vor allem zeigte er sich darin geneigt, gleichmäßiges Recht zu gewähren: er sprach aus, daß der Abschied von Augsburg , auf welchen die Beisitzer des Kammergerichts ver- pflichtet waren, so viel die Religion anlange, für dieselben nicht mehr Statt haben solle; die augsburgische Confession solle in Zukunft kein Grund seyn, um jemand zurückzuwei- sen der zu dem Gericht präsentirt werde; auch bei der Vi- sitation solle die Religion keinen Unterschied mehr machen. Und in demselben Sinne erklärte er sich über die geist- lichen Güter. Wenn der Abschied bestimmte daß kein Geist- licher seiner Renten entsetzt werden solle, so verordnete die Declaration, daß dieß auch von den protestantischen gelten müsse, obwohl die Gegner diese bisher noch gar nicht als Geistliche hatten anerkennen wollen. Und noch eine andre Concession von weitester Aussicht fügte er hinzu. Indem er aufs neue verbot Klöster und Stifte zu zerstören, erlaubte er doch sie zu christlicher Reformation anzuhalten. In der That streift dieß an jene Absichten Joachims II ; man hat behauptet, die Declaration sey zuerst in der brandenburgi- schen Canzlei entworfen worden. Altera Caesaris declaratio. Ibid. Ref. IV, 623. Naves uͤberbrachte sie ihnen. Et me promirent iceux, sagt er in einem Bericht vom 12 Nov. d. J. an den Kaiser, que icelle declaration seroit tenue secrete et ne se divulgeroit. Auch in Hinsicht der Lehre bequemte sich der Kaiser, den Protestanten bis zum Concilium, welches überhaupt als Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . der Termin aller dieser Zugeständnisse betrachtet ward, nicht weiter Maaß zu geben. Die Majorität, welche die vergli- chenen Artikel selbst zurückgewiesen, hatte doch die Protestan- ten darauf verpflichten wollen. Der Kaiser genehmigte, daß die den Artikeln beigefügten Erläuterungen der Theologen da- mit nicht ausgeschlossen seyn sollten. So entschieden ward die Vergleichung aufgegeben. Auf der einen Seite behielten die hierarchischen Ideen ohne alle Modification den Platz; auf der andern wurden Bemerkun- gen anerkannt, durch welche sich die Protestanten auf die ei- genthümliche Ausbildung ihres Systems wieder zurückzogen. Was soll man aber vollends dazu sagen, daß der Kai- ser an demselben Tage, wo er den Protestanten seine De- claration gab, auch den Nürnberger Bund, der gegen sie ge- schlossen worden, erneuerte. Es mag seyn, daß in der For- mel dieser Erneuerung die defensive Absicht noch entschiede- ner als in der ursprünglichen Abfassung ausgedrückt war; aber zugleich zeigte der Kaiser an, daß er den Papst ver- mocht habe in das Bündniß zu treten, der den vierten Theil der Beiträge übernehmen solle, und es liegt doch am Tage daß durch die Theilnahme desselben die exclusiv romanistische Tendenz des Bundes gewaltig verstärkt ward. Die entgegengesetzten Sympathien der kaiserlichen Po- litik, die früher mehr successiv und vielleicht unbewußt er- schienen, treten jetzt in demselben Augenblicke unter vollem Bewußtseyn hervor. Der Grund lag darin, daß es dem Kaiser von seinem politischen Standpunct aus um die unverweilte Beseitigung aller der verschiedenen Feindseligkeiten zu thun war, die er Vertrag mit Hessen . sonst hätte befürchten müssen. Eine allgemeine Vereinbarung war im Werke gewesen. Es war ihm genug, daß er allein und persönlich ein einstweiliges Verständniß mit beiden Par- teien zu Stande brachte. Die politischen Motive die aus seiner europäischen Stel- lung entsprangen, beherrschten auch alle die anderweiten Ver- handlungen die er an dem Reichstage pflog. Es gelang ihm, und wir werden noch sehen durch welche Verwickelungen der besondersten Art unterstützt, den Landgra- fen von Hessen , der seit jener seiner Anwesenheit in Wien besonders mit Königin Maria in den Niederlanden ein Ver- hältniß der Freundschaft und des gegenseitigen Vertrauens unterhalten hatte, ganz auf seine Seite zu ziehen. Schon in Worms war darüber unterhandelt worden, in Regens- burg ward am 13ten Juni ein förmlicher Bund abgeschlos- sen. Jeder Theil bewilligte eben das worauf es dem an- dern am meisten ankam: der Kaiser Amnestie wegen aller frühern Unternehmungen des Landgrafen, auch wenn sie ge- gen das Haus Östreich selbst gegangen: er werde sich nie- mand gegen ihn anreizen lassen, auch nicht in den Angele- genheiten der Religion. Dagegen versprach der Landgraf, sich fortan zur politischen Partei des Kaisers zu halten, jede Verbindung des schmalkaldischen Bundes mit Frankreich oder mit England zu verhindern: namentlich den Herzog von Cleve weder in dieß Bündniß aufnehmen zu lassen, noch sonst auf irgend eine Art zu unterstützen: Auszug des Vertrages vom 13 Juni bei Rommel II, 434. sollte der Kaiser angegrif- fen werden, ihm nöthigenfalls selbst in Person zu Hülfe zu kommen. Als Landgraf Philipp bald darauf den Reichstag Ranke D. Gesch. IV. 15 Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . verließ, eilte ihm von den beiden französischen Gesandten der- jenige, der sich zu den Protestanten hielt, nach, und versuchte alles um ihn auf die Seite seines Königs zu ziehen: man kann denken daß es ganz vergeblich war. Auch mit Johann Friedrich ward in Worms und Re- gensburg eifrig unterhandelt. Mehr als einmal erklärte Gran- vella , wie leicht es demselben seyn werde einen gnädigsten Kaiser zu erlangen: wie das Haus Östreich nichts mehr wün- sche als die alte Freundschaft mit Sachsen zu erneuern. Jo- hann Friedrich gieng jedoch dießmal nicht darauf ein: er be- merkte, der Zweck der Kaiserlichen sey doch nur, ihn von seinem Schwager dem Herzog von Cleve zu trennen. Wäre die Declaration nicht so höchst zufriedenstellend ausgefallen, so würde Johann Friedrich und vielleicht mit ihm der schmal- kaldische Bund trotz des hessischen Widerspruches sich doch wohl mit Cleve vereinigt haben. Überhaupt machte dieß Verhältniß zu Cleve jetzt den vornehmsten Gesichtspunct der kaiserlichen Politik aus. Darauf vor allem war auch der Vertrag berechnet den der Kaiser am 24 Juli 1541 mit Joachim von Branden- burg schloß. Ich werde den Vertrag (aus dem Archiv zu Berlin ) im Anhang mittheilen. Joachim sagte zu, in der clevisch-geldrischen Angelegenheit auf der Seite des Kaisers und von seinem Rathe zu seyn, ihm zur Erwerbung der streitigen Lande durch seine Freunde und Unterthanen, oder auch in Person, Förde- rung und Beistand zu leisten; in der Sache der Wahl, die aufs neue in Anregung gebracht ward, oder wenn Werbun- gen zu Gunsten von Frankreich versucht werden sollten, ver- sprach er die Partei des Kaisers zu halten: er sicherte ihm Vertrag mit Brandenburg . ganz unumwunden seine „sondere Unterthänigkeit“ zu. Da- gegen entschloß sich der Kaiser auch seinerseits zu derjenigen Concession, an welcher dem Churfürsten jetzt bei weitem das meiste lag. Er vergönnte ihm mit seiner Landschaft und sei- nen Unterthanen bei seiner Kirchenordnung zu bleiben, wie dieselbe jetzt im Brauche sey, bis zu einem künftigen Con- cilium oder bis die Reichsstände etwas besseres bedacht ha- ben würden. Hiedurch wurden die Absichten des Churfür- sten, deren wir oben gedacht, erst vollständig erfüllt. Die in Brandenburg geschehene Religionsveränderung wurde von Seiten des Kaisers gewissermaaßen legalisirt; statt das gute Vernehmen zu stören, diente sie vielmehr dazu es zu befe- stigen. Mit Freuden verpflichtete sich der Churfürst weder seine Kirchenordnung zu überschreiten noch auch in den schmal- kaldischen Bund zu treten. Man hat den Protestanten oftmals vorgeworfen daß sie die geistliche Reform um weltlicher Vortheile willen un- ternommen. Hier wenigstens, im Verhältniß zum Kaiser, zeigt sich das gerade Gegentheil. Für alle Opposition im Reiche, für die freie reichsfürstliche Stellung überhaupt gab es nie eine wichtigere Angelegenheit als die clevische. Sie gaben ihre Theilnahme daran auf, um der geistlichen Con- cessionen willen, die ihnen gemacht wurden. Darum war nun aber auch nach so vielem Wechsel der Versuche und Tendenzen das bleibende Resultat von allen doch eine weitere Befestigung der neuen Glaubensformen. In dem Gespräche hatten die Grundlehren, aus denen dieselben her- vorgegangen, ohne alle Frage die Oberhand behalten. Die formelle Bestätigung der brandenburgischen Kirchenordnung, 15* Siebentes Buch. Fuͤnftes Capitel . die eben auf dieselben gebaut war, mußte als ein allgemeiner Vortheil angesehen werden. Die Declaration des Kaisers endlich übertraf alle Concessionen welche er bisher gegeben, an Umfang und Werth: indem sie das Vergangene an- erkannte, machte sie auch für die Zukunft zu weiteren Unter- nehmungen Raum. Daß in der Majorität so große Diffe- renzen und Widersprüche hervortraten, daß sie nur noch mit Mühe zusammenhielt, verschaffte der Minorität auf der Stelle oder verhieß ihr doch für die Zukunft einen größeren Einfluß in allen Angelegenheiten des Reiches. Und in diesem Augen- blicke erhoben sich dem Kaiser neue politische Verwickelun- gen, welche einer Macht wie der ihren eine verstärkte Bedeu- tung geben mußten. Ich weiß nicht, ob dieß Einem von ihnen zum Bewußtseyn gekommen ist: aber wir haben öfter beobachtet, daß es der Gang der Dinge nun einmal so mit sich brachte, und werden sogleich weiter davon hören. Sechstes Capitel . Erneuerung des osmanisch-französischen Krieges. 1541, 1542. Nachdem jene Combination eines Bundes mit Frank- reich , welche die Aussicht auf eine Abkunft mit den Osma- nen in sich schloß, aufgegeben war, ließ sich gar nichts an- deres erwarten, als eine Erneuerung dieser Feindseligkeiten. Diese Gefahr, täglich unzweifelhafter eingehende Nachrichten von kriegerischen Regungen der Osmanen, erweckten die pa- cificatorischen Tendenzen die der Kaiser am Reichstage kund gab. Eben darum hatte es für ihn ein so großes Interesse, eine Aussöhnung zu Stande zu bringen, welche ein eifriges und herzliches Anschließen der deutschen Fürsten an ihn, ihr Oberhaupt, möglich gemacht hätte. Dahin war es nun nicht gekommen: er hatte sich begnügen müssen, mit jedem der beiden Theile besondere Verträge zu treffen, durch welche sie nur zunächst vermocht wurden sich nicht zu seinen Geg- nern zu schlagen. Und ohne Zweifel war schon dieß ein Gewinn; ob es aber in den schwierigen Zeiten denen man entgegengieng, auch ausreichen würde? ob dieß Nur-nicht- sich-entgegensetzen ihm genügen, ihm die Unterstützung ver- Siebentes Buch. Sechstes Capitel . schaffen konnte deren er bedurfte? ob dabei nicht die gewal- tigen Weltkräfte, mit denen er zu kämpfen hatte, das Über- gewicht über ihn davon tragen würden? — Folgen wir den Ereignissen, die sich in einzelnen Schlägen, in entfernten Welt- gegenden, entwickeln, aber doch zuletzt zusammenwirken. Noch während des Reichstags zu Regensburg trafen die widerwärtigsten Nachrichten aus Ungarn ein. Jener Vertrag, welchen Johann Zapolya mit den bei- den östreichischen Brüdern geschlossen, kraft dessen selbst in dem Falle daß ihm ein Sohn geboren würde, doch sein Land und sein Volk nach seinem Tode an Ferdinand fallen sollte, hatte die Erfolge nicht gehabt, die man in Ungarn erwar- tete: an wirksame Hülfe von Östreich war nicht zu denken gewesen; dagegen hatte sich die Gefahr von Seiten der Tür- ken gewaltig vermehrt. Man hatte Suleiman bei der Nach- richt, die ihm erst spät zukam, in heftige Drohworte aus- brechen hören. Aus den Briefen des Verantius vom Hofe Zapolyas er- kennen wir die bedrängte Lage in der man sich in der ersten Hälfte des Jahres 1540 daselbst befand. Das schon ganz erschöpfte Land ward mit neuen Lasten belegt, um ein paar hunderttausend Ducaten zum Geschenk an die Pforte bringen zu können; — man mußte sich entschließen, den Hospodar der Moldau , Peter , der hieher geflohen, nach Constantinopel auszuliefern, und fürchtete schon die Nachrichten die er dort mittheilen werde; — noch mehr besorgte man von den Ein- flüsterungen des Hieronymus Laski , der von Östreich da- Ungarische Irrungen . hin gesendet worden, und suchte sich schon wieder durch eine Gegenwirkung von Frankreich her dagegen sicher zu stellen; Bei Katona XX, p. 1306, 1309 sq. — indessen fragten die Siebenbürger nach, wo das Geld hingerathen, das sie bezahlt; ob sie auf Schutz gegen den Angriff der Türken, der ganz unabwendlich sey, würden rech- nen können; — ein paar mächtige Woiwoden, deren Beweg- gründe man nicht genau sieht, erhoben dort endlich förmli- chen Aufruhr. Scepperus behauptet in einem Bericht an den Kaiser ( Bres recueil etc. 1542), ihr Sinn sey gewesen, dem Sultan Tribut zu zahlen und sich selber zu Herren aufzuwerfen. Indem dergestalt Gefahr von allen Seiten und innere Bewegung zusammentrafen, geschah fast zu gleicher Zeit daß dem König Johann ein Sohn geboren wurde, er selber aber, auf seinem Kriegszug gegen die siebenbürgischen Woiwoden begriffen, unmittelbar nachdem er diese Nachricht empfangen hatte, dort im Felde umkam. Doppelt berechtigt wie er war, säumte König Ferdinand nicht, seine Ansprüche geltend zu machen. Auch erkannte ihn ein Theil der Magnaten, die sich bis- her zu Zapolya gehalten, an: namentlich Franz Frangepan , von dem wir eine Auseinandersetzung der Motive die ihn dabei leiteten, übrig haben, Franz Bebek , Stephan Raskai , am eifrigsten Peter Peren , der bei der Nachricht von jenem Todesfall, wie man sagt, mit den Glocken läuten und Freu- denfeuer anzünden ließ; auch die Siebenbürger mit welchen Johann zuletzt gekämpft hatte, Mailath und Balassa . Andere aber waren nicht so bereitwillig. Am wenigsten die, in deren Vormundschaft das fürstliche Kind zurückgeblie- Siebentes Buch. Sechstes Capitel . ben, so daß ihr ganzer Ehrgeiz sich an die künftige Größe desselben knüpfte: Peter Petrowitzsch , Valentin Török und jener verschlagene Mönch, Bruder Georg , der so viel zur Gründung dieser Regierung beigetragen, sie großentheils ge- leitet, und sie jetzt nicht wollte untergehen lassen. Sie er- kannten mit der Mehrheit des Adels die Witwe des Kö- nigs, Isabella , und ihr Kind als ihre Fürsten an. Von Unterhandlungen, wie sie besonders von polnischen Gesandten versucht wurden, war da nicht viel zu erwarten. Das wahre und einzige Mittel Ungarn zu gewinnen, hätte darin bestanden, daß Ferdinand an der Spitze eines mächtigen Heeres daselbst eingerückt wäre, die Gegner mit Hülfe der Freunde erdrückt und sich stark genug gezeigt hätte, die Einen und die Andern vor den Türken zu beschützen. Unter der Bedingung dieses Schutzes versprach ihm Sieben- bürgen Gehorsam: es regte sich selbst in der Moldau eine Partei, die ihn dann als König anerkannt hätte. Wäre Deutschland mit seinen beiden Oberhäuptern wahr- haft einverstanden gewesen, so würde sich in diesem Momente der deutsche Einfluß in allen jenen Gebieten haben sichern lassen. Eine andre Rücksicht hob Franz Frangepan am Reichstag zu Regensburg hervor, die Nothwendigkeit, Deutsch- land in Ungarn zu vertheidigen. Allein weder die Größe je- ner Aussicht noch die Bedeutung dieser Gefahr hinderten den Fürstenrath, in denselben Tagen wo sich Suleiman bereits den ungarischen Grenzen näherte, die verglichenen Artikel zu verwerfen. Der Reichstag verstand sich überhaupt nur zu sehr mittelmäßigen Hülfleistungen. Ferdinand selbst war kein Kriegsmann: sein Feldoberster Wilhelm von Rogendorf , alt, unentschlossen und voll Miß- Die Osmanen in Ungarn . trauen gegen sich selbst. Er sagte selbst dem Herberstein , er sey „nunmals alt, gaͤch- zornig, vergessen, bei den Kriegsleuten verhaßt und zu solchen sachen ganz ungeschickt.“ Raittung Herbersteins bei Kovachich p. 251. Er trug Bedenken, die Stadt Ofen , die einst seinem Herrn gehören sollte, jetzt aber von den Geg- nern desselben vertheidigt wurde, von der nahen Anhöhe her, die er inne hatte, zu beschießen. Und indessen erschien nun, von der andern Seite, der Sultan in Person im Felde, mit dem schlagfertigen in räube- rischer Tapferkeit geübten siegreichen Heere, das seine Schlach- ten schlug. Man warnte Rogendorf : „es komme das große Raub- thier vom Orient, er möge sich davon machen, ehe er ver- schlungen werde.“ Aber auch zurückzuziehen konnte er sich, aus Rücksicht auf die Nachtheile die seinem Herrn daher ent- springen würden, nicht entschließen. Ein paar Paschas dem Sultan voraneilend, und von dem Bruder Georg mit Freuden in Ofen aufgenommen, tra- fen den Feldobersten noch in seinem Lager, und bedachten sich nicht lange ihn anzugreifen. Man sagt, er sey eben niedergesessen um seinem Herrn von der veränderten Lage der Dinge Meldung zu thun, als die osmanischen Kugeln bereits in sein Zelt schlugen. Eine davon traf ihn selbst; er ist an den Folgen der Wunde gestorben; sein ganzer Heer- haufe wurde vernichtet. Das waren die einzigen Feinde die Suleiman zu be- kämpfen gehabt hätte: ihre Leichen schwammen ihm die Do- nau herab entgegen. Diejenigen welche nicht gefallen, führte man als Gefangene sammt dem erbeuteten Geschütz vor sein Angesicht. Er bewunderte das Geschütz und behielt es zu Siebentes Buch. Sechstes Capitel . seinem Gebrauch; die Gefangenen ließ er tödten; so gelangte er am 25sten August 1541 vor Ofen . Bruder Georg und dessen Anhang meinten wohl, er werde verfahren wie früher, den Sohn anerkennen wie den Vater, und ihnen die Regierung des Landes ferner überlassen. Ihre Klugheit aber ward hier von ihren Wünschen irre geführt. Suleiman hatte Ungarn längst als sein Eigenthum, auch den König-Woiwoden nur als seinen Statthalter be- trachtet. Daß dieser dennoch Gedanken an Selbständigkeit gehabt, hielt er für einen Treubruch und ein Verbrechen. Vergebens versprachen Bruder Georg und dessen Freunde, nach wie vor alles zu thun, was zu Diensten Seiner Maje- stät gereichte. Suleiman wußte besser daß sie an der Politik Johanns den größten Antheil gehabt. Am 29sten August 1541 erschienen auf sein Verlangen die ungarischen Edelleute aus Ofen mit dem jungen Prinzen in seinem Lager. Indem er ihnen erklärte, es sey nicht seine Meinung, eine feste Stadt wie Ofen in den Händen eines Weibes zu lassen, bemäch- tigten sich bereits seine Janitscharen derselben. Dann zog auch er daselbst ein, ließ die Kirche U. L. Frauen zur Mo- schee weihen, setzte einen Pascha von drei Roßschweifen ein und ordnete ein völlig osmanisches Regiment an. Erzaͤhlung des Andreas von Kamova (?) bei Bucholtz IX, 319. Die Kö- nigin und der Prinz mußten zufrieden seyn, daß ihnen Sie- benbürgen überlassen ward, wo indeß die ferdinandeische Par- tei völlig unterdrückt worden war. So gerieth der größte Theil von Ungarn endlich defini- tiv in die Hände der Türken. Die Barbarei machte eine Eroberung über die Welt der Cultur. Carl V gegen Algier . In diesem Augenblick hatte Carl V , der sich die Ge- fahr von Ungarn wohl nicht so nah und entscheidend dachte, den Plan wieder aufgenommen, in dessen Ausführung ihn die französischen Feindseligkeiten von 1536 gestört hatten: die Küste von Africa von den Corsaren zu reinigen die sich daselbst festsetzten. Namentlich fiel Algier unter einem Ge- fährten Chaireddins , Hassan Aga , den Spaniern nicht min- der beschwerlich als Tunis unter diesem selber. Unterwegs ließ sich auch mit dem Papst unterhandeln (wie denn eine Zusammenkunft, in der von der Eröffnung des Concils die Rede war, zu Lucca gehalten worden ist), die Ruhe von Italien überhaupt sichern. Der Kaiser hoffte Algier ohne Verzug zu erobern und im Glanze dieses neuen Sieges das nächste Frühjahr zu einem größern Unternehmen in Ungarn zu schreiten. Er hätte es für Zeitverlust gehalten, vorher nach Spanien zu gehn. Erst im Angesicht von Algier ver- einigte er die italienisch-deutschen Streitkräfte, die er selbst herbeiführte, mit den spanischen, die von Yvi ç a kamen, und zögerte nun keinen Augenblick zum Angriff zu schreiten. Allein über seinem africanischen Unternehmen standen so ungünstige Gestirne wie über dem ungarischen seines Bruders. Am 24sten October war ein Theil seiner Truppen am Lande, und er forderte Hassan Aga auf, sich ihm zu ergeben. Der soll geantwortet haben, er habe nicht allein tapfere Leute in seiner Festung, sondern auch ein ungestümes Meer zu seiner Seite. Und niemals ist wohl das Element einer Vertheidigung bes- ser zu Hülfe gekommen. Den andern Tag, als erst ein kleiner Theil des Geschützes, das zum Angriff dienen sollte, an das Land gebracht, aber nicht einmal die Zelte aus den Siebentes Buch. Sechstes Capitel . Schiffen geholt und aufgeschlagen waren, erhob sich ein Sturm, der die Schiffe aus einander warf, und jener hef- tige, kalte, mit Hagel gemischte Regen, der dort den Ein- tritt der ungünstigen Jahreszeit bezeichnet. Ein Schreiben des Kaisers an Mendoza aus seiner Galeere 2 Nov. nel Golfo di Matafusa . Lettere di principi III, p. 74. Und in dem er- schienen die leichten maurischen Reiter, als hätten sie diesen Augenblick nur erwartet, im freien Felde und begannen ihre Angriffe. Da war an keine Behauptung der Position, die man weniger genommen als nehmen wollen, zu denken: selbst die Hakenbüchsen waren unbrauchbar geworden; der Kaiser mußte sich zuerst nach dem Cap Matafus , ungefähr 15 Mi- glien entfernt, begeben, und da das Unwetter, wie es die Jahreszeit mit sich brachte, anhielt, sich zur Rückkehr nach Europa entschließen. Relation de l’expédition d’ Alger . P. d’ét. de Granv. II, p. 615. Ich benutzte noch die Briefe des Florentiners Bandini , der zugegen war. Der Kaiser meinte, wäre ihm nur Zeit geblieben, die Landung vollständig zu bewerkstelligen, die Stadt würde er unfehlbar erobert haben. Seine Begleiter bestätigten dieß, aber sie fügten hinzu, wäre der Feind nur ein wenig stärker gewesen, so würde von ihnen allen kein Mann entkommen seyn. Auch die Rückreise wurde sehr schwer. In Bugia , wohin man nur mit Mühe gelangte, wurden feierliche Processionen gehalten, in denen der Kaiser selbst einhergieng, um von der Gottheit wenigstens die Mög- lichkeit zu erflehen, diese unheilvollen Gestade zu verlassen. Es dauerte bis zum ersten Dezember, ehe Carl Carthagena in seinen spanischen Königreichen erreichte. Hier gaben ihm nun aber die Anfälle der Corsaren, die Bewegungen der Fran- zosen und die Unterhandlungen mit den aragonesischen Cortes Reichstag in Speier 1542 . so viel Beschäftigung, daß die Theilnahme an den diesseitigen Angelegenheiten, die er versprochen und die er auch noch im- mer hoffen ließ, schwerlich mehr erwartet werden durfte. Zunächst war Ferdinand ganz auf die deutschen Stände angewiesen, die sich im Anfang des Jahres 1542 in Speier versammelten. Die Nachrichten aus Ungarn hatten dieß Mal den größ- ten Eindruck gemacht, da sie wohl geeignet waren, jedem Einzelnen seine eigene Gefahr in Erinnerung zu bringen. Schon im October 1541 ward eine Versammlung der erb- verbruͤderten Fuͤrsten von Sachsen , Hessen und Brandenburg gehal- ten, um uͤber die Huͤlfe zu berathen, die einer dem andern leisten wolle wenn etwa auch Boͤhmen in die Haͤnde des Sultans falle und dieser Deutschland unmittelbar angreife. (Urk. im Berl. Arch.) Auch zeigte man sich auf dem Reichstag zu Speier — der venezianische Gesandte ist davon ganz überrascht — endlich einmal wieder eifrig und entschlossen. Ohne Bedenken ward die sehr ansehnliche Hülfe von 40000 M. z. F., 8000 M. z. Pf. verwilligt, mit der man unverzüglich einen Versuch machen wollte, die vorgedrungenen Barbaren wieder zurück- zujagen. Churfürst Joachim II von Brandenburg sollte die Anführung übernehmen. Jedoch dürfte man nicht glauben, daß mit dem Beschluß nun auch schon die Ausführung desselben gesichert gewesen wäre. Die vorläufige Bedingung, ohne die überhaupt nicht daran zu denken gewesen wäre, ein allgemeiner Stillstand, bis fünf Jahre nach Ausgang des Krieges, genügte doch noch nicht ganz, um alles zu beruhigen. Die Protestanten ver- nahmen, der Kaiser habe bei seiner Zusammenkunft mit dem Siebentes Buch. Sechstes Capitel . Papst die ihnen gegebene Declaration abgeleugnet. Auf ihr dringendes Gesuch bestätigte nun wohl König Ferdinand die- selbe auf die Zeit des Stillstandes: aber er bediente sich da- bei eines Ausdruckes der alle ihre Befürchtungen erweckte: sie solle so lange „in ihrem Werth bleiben.“ Sie ruhten nicht bis diese höchst verfängliche Formel in die andere ab- geändert worden war: sie solle so lange „währen“. Und so- gleich bekam auch die andre Partei einen Grund sich zu be- schweren. Auf den nächsten Juni war endlich die Revision des Kammergerichts festgesetzt worden; indem man nun die nähern Bestimmungen der hierauf anzuordnenden Reform be- sprach, erklärten die Protestanten, sie würden keinen Geistli- chen in dem Gerichte dulden. „Nachdem dieß ein weltlich Gericht, daran nichts dann Pro- phan und Criminalsachen tractirt werden, daß hinfuͤro vermoͤge der Recht kein Pfaff oder Geistlicher zu dem Besitzstand gelassen werde.“ Die Katholischen fanden es unerträglich, daß die Protestanten nicht allein in dem Gerichte sitzen sondern auch schon Andere davon ausschließen wollten. Der bitterste Hader erhob sich. Was man da von einem eifrigen Zusammenwirken bei- der Parteien zu erwarten hatte, mag der Gedanke zeigen, wel- cher in diesem Augenblick auftauchte, ob es nicht gut sey, das protestantische Heer gradezu von dem katholischen zu trennen. Außerdem aber erhob man bei einem Versuche Ungarn wiederzuerobern natürlich die Frage, wem zu Gute. Das Haus Östreich auf allgemeine Kosten mit allgemeiner Anstren- gung zu verstärken, war doch eigentlich Niemand gesonnen. Eigenthümliche Klagen hatten die Städte. Entschiede- ner als je waren sie von Stimme und Session ausgeschlos- sen. Ein Antrag den sie öfter gemacht, die Kosten eines Reichskrieg in Ungarn . Reichsheeres durch einen gemeinen Pfennig einzubringen, war zwar durchgegangen, aber unter Bestimmungen die ihnen höchst unbequem fielen. Man blieb doch zugleich bei dem Anschlag von 1521 stehn, durch welchen sie überbürdet zu seyn glaubten, und belastete die Gewerbe noch einmal so stark als anderes Einkommen. Beschwerniß der erbaren frei und Reichsstett so ihn dem Bedenken der Churfuͤrsten Fuͤrsten und Staͤnde befunden, 17 Martii der koͤnigl. Mt uͤbergeben. In den Frankfurter Reichstagsacten. Diese Veränderung in der Steuer hatte den besonderen Nachtheil, daß ihre Einbringung, bei dem noch obwaltenden Mangel an administrativer Geschicklichkeit, sehr schwer von Statten gieng. Gewiß unsre Altvordern schlugen sich tapfer: aber in den Vorbereitungen des Krieges waren sie noch weit zurück. Alle diese fast selbständigen Gewalten verfuhren dabei nach dem Maaß ihres guten Willens und ihrer Einsicht. Als Joachim II im Juni 1542 vor Wien anlangte, fand er zwar stattliche Mannschaften, aber zugleich unbeschreib- liche Mängel. Da gab es Fähnlein, deren Dienstzeit schon abgelau- fen war, als sie anlangten; andre führten das Geschütz nicht, das sie den Reichsabschieden nach hätten bei sich haben sol- len; noch andern fehlte es an Pulver; aus den Niederlan- den , Westphalen und Niedersachsen war Ende Juni noch Niemand eingetroffen. Ein großes Convolut des Berliner Archivs enthaͤlt die hierauf bezuͤglichen Briefschaften. Um das Volk nur aus dem Lager zu bringen, mußte König Ferdinand aus eignen Mitteln 30000 G. darleihen. Siebentes Buch. Sechstes Capitel . In Speier hatte man es nicht an Vorkehrungen feh- len lassen: ein neuer Reichstag war im Sommer 1542 nach Nürnberg zusammenberufen um dem Unternehmen die gehö- rige Unterstützung von innen her zu verschaffen. Aber wie sehr gebrach es doch in diesen Dingen an Sorgfalt! Un- ter andern hatte man beschlossen, einen Ausschuß zur Cor- respondenz mit dem Feldhauptmann aufzustellen; als Joa- chims Briefe an denselben eingiengen, war er noch gar nicht ernannt. Am 5ten August stand das Heer bei Comorn . Es belief sich zwar bei weitem nicht auf eine so große Anzahl wie man ins Feld zu stellen beabsichtigt, aber doch auf 25—26000 M. z. F., 5000 M. z. Pf., womit sich auch schon etwas ausrichten ließ. So schlaͤgt Joachim das Volk selbst an. Schreiben vom 5ten Aug. im Feldlager zu St. Johann . Churfürst Joachim meinte, es werde nun zu Ernst und Kriegshandlungen kommen, schien allen guten Muth dazu zu haben, und rückte vorwärts nach Gran . Hier aber, in den letzten Wochen des August, den er- sten des September, stiegen die Unordnungen ins Unerträg- liche. Für die früheren Monate waren die meisten Fähn- lein noch mit Geld von ihrer Heimath aus versehen wor- den: jetzt aber fieng es an zu fehlen. Hans Schott , Haupt- mann von der Wetterau , erklärte am 11ten September, daß er schon 14 Tage, der Hauptmann von Cölln , daß er mit seinen Leuten schon den drei und dreißigsten Tag unbesoldet sey. In ähnlicher Lage waren die sämmtlichen Truppen des Oberrheins . Herzog Ernst von Lüneburg forderte bereits die Heimkehr seiner Leute. Noch schlimmer glaubten Die- Reichskrieg in Ungarn . jenigen daran zu seyn die von Hause nicht einmal Bescheid, geschweige denn Geld empfiengen: wie die Westphalen . An- steckende Krankheiten rissen ein, weil man keine Lebensmittel hatte und unzeitige Früchte brach. Schon sah man einzelne Knechte aus den Reihen treten, mit der Erklärung, sie wür- den ferner keine Wache thun, viel weniger denn mit dem Feinde schlagen. Bei dem Churfürsten gieng zwar dann und wann einiges Geld ein, aber bei weitem nicht in hinreichen- den Summen. Er war ganz entrüstet, als er vernahm, daß er, ohne seine Schuld in diese Rathlosigkeit versetzt, am Reichstag noch dazu getadelt werde. Vielmehr glaubte er sich beklagen zu müssen, daß man eine Sache, für die schon so viel aufgewendet worden, „so geringschätzig und unachtsam“ behandle: mit beschriebenem Papier sey es nicht ausgerich- tet: von der Luft könne man nicht leben: zurückziehen möge er nicht, weil dann Ungarn vollends türkisch werde, aber vorzurücken sey auch unmöglich: auf seine Aufforderung ant- worte das Volk mit dem Geschrei nach Geld: er schäme sich vor den übrigen Nationen. Alle Schreiben Joachims (im Berliner Archiv) sind voll von diesen Klagen: z. B. 23sten Aug. „daß wir solch groß Volk ohn Geld Geschuͤtz und andre nothduͤrftige Kriegsruͤstung gegen diesen geschwin- den Feind fuͤhren sollen, finden wir nit.“ Er meint, es sey eine so große Lust nicht, hier spazieren zu reiten: man moͤge ihm nicht spitzige Worte geben. Wahrhaftig er hatte Grund dazu. Der venezianische Gesandte wenigstens preist seine Signoria glücklich, daß ihre Geschäfte mit so viel mehr Ernst verwaltet würden als die deutschen. Endlich, gegen Ende September, von Ferdinand aufs Ranke D. Gesch. IV. 16 Siebentes Buch. Sechstes Capitel . neue mit einer nahmhaften Summe unterstützt, rückte das Heer nach Pesth vor. Joachim II hatte auf einige Unterstützung aus Ungarn gerechnet: er wunderte sich daß sich Niemand für Ferdinand rege. Alexius Thurzo sagte ihm, die alten Wunden der frü- heren Feindseligkeit seyen noch nicht vernarbt. Schreiben des Alexius Thurzo vom 26 Juli, Berl. Arch. Wenigstens hätte das deutsche Heer erst einen entschiedenen Erfolg er- fechten müssen. Dazu aber war es in der That nicht fähig. Im Felde war es Meister: einige Scharmützel fielen günstig genug aus; auch ward in den Befestigungen von Pesth Bresche geschossen. Als es nun aber (nachdem ein erster Versuch mißlungen) zum ernstlichen Sturm kommen sollte, weigerten sich die Landsknechte denselben anzutreten. Sie fragten, ob man sie mit dem Sturm bezahlen wolle, und machten Miene, Kriegsräthe und Pfennigmeister mit ihren Wehren zu überziehen und in die Eisen zu schlagen: ja sie drohten, sich an dem obersten Feldhauptmann, dem Churfür- sten selbst zu vergreifen. Schreiben des Churfuͤrsten aus dem Lager gegen Ofen 27 Sept., 9 Oct. Die Nachrichten des Jovius sind ganz irrig. Es mag seyn, daß Joachim II keine besonderen mili- tärischen Talente besaß: sein Character, wie wir ihn oben wahrnahmen, sollte dieß fast von vorn herein vermuthen las- sen: unter diesen Umständen, bei diesen Mängeln hätte aber schwerlich auch der begabteste Anführer etwas ausgerichtet. Nachdem er sich mit den Kriegsräthen noch einmal be- sprochen und eine Winterbesatzung angeordnet, trat er den Irrungen mit Frankreich 1540—42 . Rückzug an; die Unternehmung mußte als vollkommen ge- scheitert betrachtet werden. Während dergestalt gegen die Osmanen eine Niederlage nach der andern erlitten wurde, war auch die andre Feind- seligkeit, die französische, in volle Flammen ausgebrochen. An den verschiedenen Hofhaltungen der östreichischen Ge- schwister hatte man gleich nachdem jene Unterhandlungen des Jahres 1540 aufgegeben worden, den wiedererwachenden Haß der Franzosen bemerkt. Schon im September dieses Jah- res sagt Königin Maria in einem ihrer Briefe von ihnen, sie seyen so sehr vom Satan besessen wie jemals. Endiablés. Bei Bucholtz IV, 396. Höchst widerwärtig waren dem Kaiser die Einwirkungen Franz des I auf den Zusammenkünften zu Worms und Regensburg ge- wesen: er schrieb demselben den Abfall des König-Woiwo- den Johann in seinen letzten Tagen zu. Die unmittelbaren wechselseitigen Beziehungen zwischen Beiden waren jedoch noch immer freundschaftlicher Art. Da ereignete sich, daß zwei französische Bevollmächtigte, der eine ein Italiener, Cesar Fregoso , welcher nach Venedig , der andre ein schon länger in französische Dienste übergetre- tener Spanier, Anton Rincone , welcher nach Constantinopel bestimmt war, als sie durch die Lombardei den Po hinab- fuhren, und zwar ohne sicheres Geleit, mit Verbannten um- geben, von spanischen Truppen, die in Pavia garnisonirten, überfallen und ermordet wurden. Jedermann schrieb die That dem Marchese Guasto zu, der damals die kaiserlichen 16* Siebentes Buch. Sechstes Capitel . Truppen in Mailand befehligte; er selbst jedoch leugnete sie ab und erbot sich Untersuchung und Urtheil dem Papst anheim zu stellen. Bei Bellay IX (Coll. univ. XX, p. 309 sq.) finden sich die zwischen Bellay und Guasto hieruͤber gewechselten Schriften. In Spanien meinte man, die beiden Gesandten haben nur gefangen ge- nommen, nicht getoͤdtet werden sollen. Dem König aber genügte das nicht. An allen Höfen erhob er die bittersten Klagen; die Ausdrücke deren er sich be- diente, ließen an seinem Entschluß sich mit den Waffen Genug- thuung zu verschaffen nicht zweifeln. Während der Unterneh- mung von Algier hielt er sich noch ruhig: einem kaiserlichen Gesandten, der deshalb zu ihm geschickt worden, hatte er dieß ausdrücklich versprochen; gleich darauf aber begannen die ernst- lichsten Demonstrationen. Eine Stadt des König Ferdinand , Marano , ward im Namen des Königs von Frankreich über- fallen und eingenommen. Ähnlichen Versuchen kam man in den Niederlanden und in Neapel auf die Spur. Die Küsten von Genua und die Gebirge von Navarra sahen sich zugleich bedroht. Fünf Armeen wurden in Frankreich ausgerüstet. Allenthalben erhoben sich Bundesgenossen des Königs. Vor allem war, trotz jener Ermordung der Gesandten, mit den Osmanen abgeschlossen worden; man glaubte all- gemein, ihre Flotte würde einer Unternehmung auf Spanien zu Hülfe kommen. Dandolo Relatione di 1542. Mi fu affermato da per- sona ben intelligente, che con questo fundamento si andarebbe a far la guerra in Ispagna , per lo ajuto che si avrebbe da tale armata del Turco. Kaiser Carl setzt dieß in seinen Briefen voraus. Dann hatte sich, durch die Ansprüche, die der Kaiser zu Gunsten des pfälzischen Hauses auf Dänemark erhob, Irrungen mit Frankreich . Christian III bewogen gefühlt, mit Frankreich in Bund zu treten. Im Jahre 1541 ward eine Übereinkunft zwischen beiden Mächten, zunächst auf 10 Jahr, getroffen, worin Dä- nemark unter andern versprach, den Sund für die Feinde von Frankreich zu schließen, die Franzosen dagegen wegen des daher zu erwartenden Ausfalls an den Zolleinnahmen sich zu einer doppelt so großen Hülfleistung anheischig mach- ten, als die war, zu welcher sich die Dänen verpflichteten. Fontainebleau 19 Nov. 1541. Du Mont IV, ii , 216. Cra- gius 232. Das Interesse Dänemarks war nicht minder das von Schweden . Bei der letzten Erhebung der schwedischen Bauern, behauptete wenigstens der kaiserliche Agent, sey der Wunsch derselben dahin gegangen, daß sich der Kaiser an ihre Spitze stellen möge. Gustav Wasa erbot sich, außer der gegensei- tigen Unterstützung welche man verabredete, ein Landheer und eine Flotte bereit zu halten, deren sich der König von Frank- reich zu welcher Unternehmung er nur immer wolle, bedienen könne. Franz I sagt ihm dafür „unsterblichen Dank.“ Ligue offensive et défensive. ibid. 230. Es war nicht möglich, worüber man eifrig unterhan- delte, England in diesen Bund zu ziehen. Desto mehr nahm man Bedacht Schottland festzuhalten. „Dem allerchristlich- sten König zu Ehren“ versprach Gustav Wasa den Schot- ten mit 8000 M. zu Hülfe zu kommen, sobald sie von einer fremden Macht angegriffen werden sollten. Endlich war der König auch mit dem Herzog von Cleve , obwohl dieser im Grunde ihm Geldern entrissen hatte, we- gen seiner Opposition gegen den Kaiser in engen Bund ge- Siebentes Buch. Sechstes Capitel . treten. Unmittelbar nachdem die Unterhandlungen des Kaisers sowohl mit Frankreich als mit Cleve abgebrochen worden, schon im Juni 1540, hatte der König dem Herzog Eröffnungen ma- chen lassen; Instruction des Herzog Wilhelm fuͤr Joh. Gogreff und Heinr. v. Wachtendonk , Duͤsseldorf 20 Juni 1540. (Archiv zu Duͤsseldorf .) es war nicht allein ein Bund zur Gegenwehr son- dern auch eine verwandtschaftliche Verbindung beider Häuser beschlossen worden; im April 1541 war dann der Herzog nach Frankreich gereist und hatte sich mit der Prinzessin Johanna von Navarra verlobt. Die Abrede war, daß der Erstgeborne aus dieser Ehe dereinst Navarra und Cleve vereinigen solle. Es läßt sich fragen, ob es den Franzosen damit vollkommen Ernst gewesen ist (wenigstens die Prinzessin leugnete später ihre Einwilligung ab), für den Augenblick aber war ihnen der Bund anf jeden Fall in hohem Grade erwünscht. Ohne Zweifel glaubten sie sich eine neue Einwirkung auf Deutsch- land versprechen zu können, da sie Gerechtsame verfochten die mit den Interessen so vieler deutscher Fürsten, denen die Vermehrung der niederländischen Macht des Kaisers nicht angenehm seyn konnte, zusammentrafen. Wir haben gesehen wie viel Mühe, welche Concessionen es dem Kaiser kostete die dahin zielenden Verbindungen entweder zu zerstören oder zu verhindern. Und noch war es ihm nicht völlig gelun- gen. Aber auch ohne dieß war die clevische Allianz schon aus militärischen Rücksichten für Franz I von Wichtigkeit. Einem französischen Angriff auf die Niederlande konnte nun immer ein clevischer entgegen kommen. Gogreff zählte dem König die festen Plätze auf, von wo es leicht seyn werde die Niederlande anzugreifen: — Zütphen gegen Utrecht , Hard- Krieg mit Frankreich 1542, 43 . wik gegen Friesland und Holland : Tyel gegen Brabant : Sit- tard gegen Limburg . Dazu kam daß der König nun ohne alle Mühe so viel Truppen aus Deutschland ziehen konnte wie er nur wollte. Die holsteinische Reiterei die ihm der Kö- nig von Dänemark zuschickte nahm ihren Weg durch Cleve . Joh. Servilii Geldrogallica conjuratio, alter Druck von 1542, wiederholt bei Freher III , 313. Er meint, wohl eigentlich von einem Geldro-turco-gallischen Laͤrmen reden zu muͤssen; da wuͤrden aber immer noch die Daͤnen fehlen. Leute die sich damals am französischen Hofe aufhielten, behaupten, es sey nicht eigentlich Kriegslust gewesen, was den König vermocht im Juli 1542 zu den Waffen zu grei- fen: er würde vorgezogen haben, die Vergnügungen des Ho- fes zu genießen; aber nachdem er so oft gedroht, und nun diese großen Vorbereitungen gemacht hatte, habe er selbst nicht wieder zurückziehen können. Wie dem auch sey: es ge- schah. Dandolo Relatione di Francia 1542. Einen günstigern Augenblick konnte er nicht finden. Zwei französische Heere erschienen im Feld, von denen das eine unter dem Dauphin die spanischen Grenzen an- griff und vor Perpignan lagerte, das andere unter dem Her- zog von Orleans sich gegen Luxemburg wandte. Sie rich- teten fürs Erste noch wenig aus. Dazu diente nun doch die Anwesenheit des Kaisers in Spanien um alle Kräfte zur Ver- theidigung der Grenzen zu vereinigen; Luxemburg ward ge- nommen und wieder verloren. Das Meiste leistete noch Mar- tin von Roßheim , der mit einer clevisch-dänisch-französischen Schaar in die Niederlande einbrach, und wenn er auch die großen Städte nicht einnahm, vor denen er erschien, doch einen allgemeinen Schrecken verbreitete. Siebentes Buch. Sechstes Capitel . Um vieles gefährlicher entwickelte sich nun aber der Krieg im nächsten Frühjahr. In den nordischen Gewässern schlugen dänische und holländische Schiffe; die Dänen konnten nicht immer von den Küsten der Niederlande abgehalten werden. Das Schei- tern einer Unternehmung welche sie auf Walcheren machten, schreiben die Chronisten einer unmittelbaren göttlichen Hülfe zu. Indeß erneuerte Martin von Roßheim seine Unterneh- mungen; jetzt gelang es ihm, Amersfoort zu besetzen, eine treffliche Station für seine Plünderungszüge. Auf einer dritten Seite griff Franz I , nachdem sein Adel schon viele kleine glückliche Einfälle gemacht, Ende Mai 1543 die Nie- derlande an; neben manchen andern Plätzen eroberte er Land- recy , das er sogleich zu befestigen Sorge trug, so daß es schon im Juli vertheidigt zu werden vermochte. Es konnte ihn wenig kümmern, wenn dagegen auch niederländische Schiffe zuweilen in die Garonne einliefen und etwa ein paar Glocken aus französischen Kirchen mit sich nach Seeland führten. Zugleich hatte sich auch der ungläubige Verbündete des Königs, der Sultan Suleiman zu einem neuen Angriff auf- gemacht. Am 23sten April verließ er Adrianopel , in alle jener Pracht welche den Aufbruch zu einem heiligen Krieg bezeichnet, und erfüllt von den kühnsten Hofnungen. „ Ibra- him “, sagte der Wesir Rustan den Gesandten König Ferdi- nands , „hat Wien mit dem Finger angerührt, ich will es mit beiden Händen ergreifen.“ Es gab einen Punct wo sich diese Angriffe gleichsam die Hände boten. In Marseille wartete ein Heer, das man das von der Levante nannte, unter dem Herzog Enghien , Verhaͤltniß des Kaisers zum Papst . nur auf die Ankunft der türkischen Flotte, um den noch un- eroberten Theil von Piemont , hauptsächlich das feste Nizza anzugreifen. Unter diesen Umständen durfte der Kaiser nicht einen Augenblick länger in Spanien verweilen; glücklicherweise konnte er es ruhig verlassen, da die Stände von Aragon sich nach längerer Weigerung eben jetzt bequemten, seinen heranwach- senden Sohn als seinen Nachfolger anzuerkennen. Er eilte, um vor der Ankunft der türkischen Flotte in den diesseitigen Gewässern nach Italien zu gelangen. Hier nun kam alles auf sein Verhältniß zum Papst an. Man kann wohl erachten, daß dieß, seitdem jene Wege die der Papst empfohlen, verlassen und entgegengesetzte ein- geschlagen worden, die in die größten Gefahren zu stürzen drohten, nicht sehr vertraulich seyn konnte. Der Papst ver- heimlichte nicht, daß er den Ehrgeiz des Kaisers fürchte. Der französische Gesandte erstaunte, wie lebhaft noch im Jahr 1541 bei einem Gerücht, der Kaiser sey gestorben, am rö- mischen Hofe der Wunsch hervortrat daß es sich bestätigen möge. Monluc bei Ribier I, 557. Aber auch mit König Ferdinand war der Papst in Mißhelligkeiten: der Nuntius eilte zuweilen die Gespräche mit ihm abzubrechen, wenn sie zu bitter werden wollten. Ruppi il ragionamento. Lettera di Hieronymo Verallo al C l Farnese . „Seine Würde in Ehren,“ sagt Königin Maria in einem ihrer Briefe, „aber ich halte den Papst für so französisch als ein Franzose seyn könnte.“ Siebentes Buch. Sechstes Capitel . Zwar arbeitete Paul III unaufhörlich an der Herstel- lung des Friedens zwischen dem Kaiser und dem König: er schmiedete, wie ein Nuntius sagte, kein andres Eisen; aber die Art und Weise wie er dieß that, war den Kaiserlichen verhaßt. Er empfahl dem König wohl Verzichtleistung auf seine mailändischen Ansprüche; wenn er aber hinzufügte, er für seine Person würde nichts lieber sehen, als daß Mailand an Frankreich gelange: für den apostolischen Stuhl, ja für ganz Italien würde dieß besser seyn: so konnten diese Vorstellungen wohl das nicht wirken, was sie angeblich wirken sollten. Negotiato di lega e di pace fra l’imperatore Carlo V e Francesço re di Francia proposto di Mons r Ardinghello . (Bibl. Corsini zu Rom nr 443.) Um so mehr setzte sich bei dem Kaiser die Meinung fest, der Papst hege eine unbillige Vorliebe für Frankreich . Bei der Zusammenkunft in Lucca hatte der Kaiser die Sache des Concils in neue Anregung gebracht; am Reichs- tag zu Speier 1542 hatte dann der päpstliche Nuntius er- klärt, daß es nach Trient berufen werden solle; im Mai er- gieng die Bulle der Berufung auf nächsten ersten November. Darin sah sich nun aber der Kaiser auf gleichen Fuß mit dem König von Frankreich behandelt; von ihren Streitigkei- ten ward die Verzögerung hergeleitet, ohne daß zwischen ihnen ein Unterschied gemacht worden wäre. Er fand diese Fas- sung ungerecht, ja beleidigend. In einem Schreiben an den Papst gab er sie geradezu der ihm entgegengesetzten, franzö- sisch gesinnten Faction im Cardinalscollegium Schuld, durch welche der König alles ausrichten zu können sich rühme. Nun traten aber in diesem Augenblicke die Verbindun- gen Suleimans mit Franz I ohne alles Hehl hervor; durfte Verhaͤltniß des Kaisers zum Papst . man nicht hoffen, daß der heilige Vater, der sich als den Mittelpunct der Christenheit auch in ihren Kämpfen gegen die Ungläubigen ansah, diesen Abfall von dem alten Sy- stem empfinden und sich von dem König zurückziehen werde? Der Kaiser stellte vor, daß er die Christenheit gegen den Erb- feind vertheidige und sein Gegner eben mit diesem in Ver- bindung stehe: indem er eben nach Deutschland zu gehn und an dem Kriege in Ungarn Theil zu nehmen gedacht, habe ihn dieser ohne Verwarnung auf allen Seiten überfal- len und bringe ihn in die größte Gefahr; er forderte den Papst auf, den König nicht länger zu behandeln wie der Vater im Evangelium den verlornen Sohn, was doch zu nichts führe, sondern zu thun was er sich selber und dem apostolischen Stuhle schuldig sey, und sich ernstlich gegen ihn zu erklären. L’empereur au Pape Paul 28 Août. Pap. d’ét. du Card. Granvelle II, 634. Von demselben Datum und in verwandtem Sinn ist ein Schreiben an seinen Bruder, das bei Altmeyer 454 excerpirt ist. Statt dessen schickte der Papst, festhaltend an seiner Neutralität, einen Legaten, wie an den König, so auch an den Kaiser, um den Frieden herzustellen. Der Kaiser ge- rieth in heftige Aufwallung: „Nicht auf unsrer Seite“, ant- wortete er, „muß man den Frieden suchen; wir sind der be- trogene angegriffene mißhandelte Theil; wir können nicht un- terlassen, wozu unsre Pflicht uns zwingt.“ Er nöthigte den Legaten auf der Stelle zurückzugehn und wiederholte nur sein voriges Gesuch. Schreiben des Papstes vom 26 Aug. Antwort des Kaisers vom 29 Sept. 1542. Susmes circonvenus, provoquéz, assailliz, ou- Um auch seinerseits den Papst seinen Unwillen fühlen zu lassen, verordnete er, daß fortan kein Fremder eine Pfründe Siebentes Buch. Sechstes Capitel . in den spanischen Königreichen besitzen oder eine Pension da- her ziehen solle. Sandoval II, 431. Als er in Italien anlangte, ließ er dem Peter Ludwig Farnese , der ihm nach Genua entgegenkam, nur eine schlechte Aufnahme zu Theil werden. Eine neue Zu- sammenkunft in Bologna , die der Papst ihm antrug, schlug er ab; nur unmittelbar auf seinem Wege, etwa in Parma , wollte er sie annehmen. Den Cardinälen schien es nicht sehr ehrenvoll, darauf einzugehn. Das Motiv das sie am Ende dazu bewog, bestand in der Betrachtung, daß sonst das Ge- rücht, als stehe der Papst schlecht mit dem Kaiser, allgemeinen Glauben finden werde. Literae Sadoleti bei Rainaldus . Überdieß aber erhob sich auch ein Gedanke, der noch einmal sogar eine enge Vereinigung zwischen dem Papst und dem Kaiser möglich erscheinen ließ. Der Vorschlag wurde gemacht, daß der Kaiser gegen eine bedeutende Geldsumme, die ihm zu seinen Kriegsunter- nehmungen besser als je zu Statten gekommen wäre, seinem Eidam, dem Enkel des Papstes, Ottavio Farnese , Mailand überlassen möge. Panvinius sagt: Pontifici Mediolanensem principatum cu- pienti per ambages obtulit. Nach Granvella sollte es scheinen als sey der Antrag von den Farnesen gekommen. Eine ähnliche Abkunft traf der Kaiser so eben mit dem Herzog von Florenz , Cosimo Medici , dem die von den Spaniern noch besetzten Festungen seines Landes gegen eine Zahlung von 150000 Scudi überliefert worden. Die päpstlichen Verwandten boten 300000 Sc. an. Ihre traigez, gravez, — ne pouvons, si ne voulons estre ennemis de nous mesmes et de nos roiaumes, delaisser de faire ce que nous susmes tenus. Pap. d’ét. de Gr. II, 647. Gespraͤch zu Busseto 1543 . Gedanken giengen sehr ins Weite. Der Papst soll die Ab- sicht gehegt haben, seine Enkelin mit dem Erben von Pie- mont zu vermählen. Dandolo ( Rel. di Francia ) versichert, man sey einmal in Frankreich sehr ungehalten gewesen uͤber Unterhandlungen des Pap- stes zu Gunsten des Herzogs von Savoyen , „col quale gli voleva dar la nipote.“ Mit Parma und Piacenza hätte das Geschlecht der Farnesen das Herzogthum Mailand , Piemont und Savoyen verbunden. Es ist unleugbar, daß bei der Zusammenkunft zwischen Papst und Kaiser, die am Ende in Busseto , unsern Parma , Statt fand, hierüber unterhandelt worden ist: wir wissen es aus dem Munde Granvella’s : aber man konnte sich nicht vereinigen. Der alte Papst fürchtete die Ränke der Spanier: höchst verdächtig kam ihm der Vorbehalt der Schlösser von Cre- mona und Mailand vor, auf welchen auch die bestanden, welche die Sache am meisten beförderten: er glaubte, man werde ihn um sein Geld betrügen und dann verlachen. Noch viel weniger aber konnte der Kaiser ernstlich darauf eingehn. Einer seiner geschicktesten Diener, Diego de Men- doza , führte ihm zu Gemüthe, daß seine Macht in Italien auf dem Besitz von Mailand beruhe, seine ganze Autorität in Gefahr gerathe, wenn er es aufgebe. Und wem wolle er es überlassen? Eben dem, der ihm unter allen Menschen den meisten Schaden gethan, der die Franzosen und demnach auch die Türken gegen ihn in die Waffen gebracht habe. Bei Sandoval II, 433. Genug, man gieng unvereint, ja unvertragen aus ein- ander. Dem Kaiser machte es den bittersten Eindruck: den Siebentes Buch. Sechstes Capitel . Osmanen gegenüber dieses gar nicht beizulegende immer neu aufflammende weltliche und geistliche Zerwürfniß; und da- zwischen alle diese auf den eigenen Vortheil gerichteten Be- strebungen von Machtvergrößerung, von denen er freilich sel- ber nicht frei war. „Ich sehe wohl,“ rief er eines Tages aus, „wir müssen noch alle Türken werden, aber ich will der letzte seyn.“ Ein Gespräch mit dem Nuntius, der ihn begleitete, über neue Begünstigungen die den Franzosen gewährt worden, schloß er mit dem Wort, das die Summe seines Unmuths enthält: Geduld. Wollte er in dem großen Kampfe der ihm bevorstand, nicht allein stehn, so mußte er sich an eben Die wenden, gegen die er im J. 1540 die Waffen ergreifen zu müssen dachte, an England und die deutschen Protestanten. Betrachten wir, in welchem Zustand er namentlich die Letztern fand. Siebentes Capitel . Irrungen der protestantischen Fürsten; Unterneh- mung gegen Braunschweig , 1542. Indem sich die europäische Welt noch einmal in zwei große Parteien spaltete, alle alten Feindseligkeiten sich aufs neue gegen das Haus Östreich entluden, — gewann eine Macht, wie die protestantische, die über stattliche Mannschaften zu verfügen hatte, und auf deren Haltung der Friede in Deutsch- land beruhte, eine noch stärkere allgemeine Bedeutung, als sie ohnehin besaß. Mochten die Evangelischen auch die Osmanen verab- scheuen, — wie denn das Gefühl eines Gegensatzes der Chri- stenheit gegen den Islam, durch Luther angeregt, in ihnen besonders lebendig war, — und aus reichsständischer Pflicht Annäherung an den König von Frankreich vermeiden, so kam ihnen doch in der Theilnahme von Dänemark , das zu ihrem Bunde gehörte, und von Cleve , dessen Rechte zum Theil auch sächsische Rechte waren, das antiöstreichische Interesse beson- ders nahe: durch diese entfernteren Bundesgenossen waren sie gleichsam schon mit ergriffen und verwickelt. Welche politische Haltung sie annehmen würden, mußte Siebentes Buch. Siebentes Capitel . nicht allein für die Vertheidigung des Kaisers, sondern sey es nun daß sie sich seinen Gegnern oder ihm selber anschlos- sen, für den Fortgang ihrer eignen Angelegenheiten von durch- greifendem Einfluß werden. Nun sehen wir aber hier nicht eine centralisirte Macht vor uns, deren Bewegungen von der Einheit Eines Willens ausgegangen wären; sondern mehrere gleichberechtigte und gleichstarke Fürsten, unter denen Keiner ein anerkanntes Über- gewicht besaß, haben hier zu entscheiden. Wir müssen, um die Motive ihres Verfahrens, ihre Lage überhaupt zu erken- nen, den vornehmsten unter ihnen und deren Begegnissen ei- nen Schritt näher treten. Dann aber beginnen wir mit der Betrachtung, die sich uns wohl schon früher aufgedrängt, welche Schwierig- keit für die Durchführung der reformatorischen Gedanken, de- ren letztes Fundament ein religiös-moralisches war, darin lag, daß die Verfechter desselben, an die man den Anspruch machte diese Prinzipien in ihrem Leben darzustellen, das doch keineswegs immer leisteten. Sie waren Kinder einer rohen mit Gewaltsamkeit und Fehde erfüllten Zeit: kräftige Natu- ren, aber ihrer Leidenschaften wenig Meister. In den Zeiten, in denen wir stehen, war ein Ereigniß vorgekommen, welches diesen Widerstreit recht augenscheinlich zu Tage brachte. Wir kennen den freudigen Landgrafen, seine unermüd- liche, von innerem Leben getragene Thätigkeit wie in seinem Lande so in den allgemeinen Angelegenheiten, die Kühnheit seiner Entschlüsse, die rasche Entschiedenheit, mit der er sie ausführte; wir wissen wie er sich von der Wahrheit der Doppel-Ehe des Landgrafen Philipp . neuen Lehre fast mit theologischer Gelehrsamkeit durchdrun- gen hatte, wie fest er daran hielt, wie gewaltig er derselben dann nach allen Seiten hin Bahn eröffnete. Allein wir er- innern uns auch, daß er der Genossenschaft des Glaubens und der Politik der er angehörte, durch übereiltes Zufahren, z. B. in den packischen Händeln, zuweilen auch Schaden ge- than, üble Nachrede zugezogen hat. Etwas weit Schlimme- res aber, ganz persönlicher Art, ereignete sich jetzt. Von sinnlich derber Natur, häufig auf Reisen und in Gesellschaf- ten, wo man zu spielen und zechen liebte, niemals geübt sich selbst zu beherrschen, ohne Zweifel religiös ergriffen aber darum noch nicht moralisch gebildet wie er war, verfiel er dann und wann in grobe Ausschweifungen. Seine Gemah- lin, mit der er sich in sehr frühen Jahren vermählt, erweckte ihm durch körperliche Übelstände und unangenehme Gewohn- heiten eher Widerwillen. Indem er ihr nun aber untreu wurde, fühlte er sich als ein guter evangelischer Christ in seinem Gewissen bedrängt: er glaubte sich der höchsten Ver- söhnung, die ihm die Kirche darbot, des Genusses der Eu- charistie enthalten zu müssen, wie sehr er auch in seiner Seele darnach Verlangen trug; aber diese Entsagung machte seinen Zustand nur ärger. Er dachte oft, indem er das Schwert für die evangelische Kirche, für das Wort Gottes zog, wenn ihn eine Kugel treffe, fahre er doch zum Teufel. In diesem Zustand lernte er am Hofe seiner Schwester zu Rochlitz ein junges Fräulein kennen, Margaretha von der Saal , die seine ganze Neigung fesselte, aber von ihrer Mut- ter geleitet seinen ungesetzmäßigen Bewerbungen so vielen Ranke D. Gesch. IV. 17 Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Widerstand leistete daß er auf einen höchst außerordentlichen Gedanken gerieth. Vgl. Seckendorf Excurs ( de digamia Landgravii narratio accurata, p. 277). Strobel Beitraͤge z. Lit. des 16ten Jahrh. II. Wir erinnern uns, wie bei dem ersten Wieder-bekannt- werden des alten Testamentes von Einigen die Verbindlichkeit der Monogamie bezweifelt wurde. Luther sprach sich dahin aus, daß diese Verbindlichkeit kraft der bürgerlichen Gesetze bestehe, wenn er sie auch allerdings durch keinen Spruch der Schrift als ein göttliches Gebot nachzuweisen vermöge. An einer Stelle in der Erklärung der Genesis, worin dieß besonders mild ausgedrückt war, hielt jetzt der Landgraf fest. Sein Prediger und Beichtvater Dionysius Melander , der selbst manche ungewöhnliche Verhältnisse durchgemacht, bestärkte ihn darin, statt ihn abzuhalten. Genug, Philipp faßte den Gedanken, Margarethen in aller Form zu seiner zweiten Ge- mahlin zu machen. Die Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, mit der er in dieser Sache verfuhr, mildert doch den Fehler wieder, den er begieng. Vor allem kam es auf die Einwilligung seiner Gemah- lin Christine an. Sie gab dieselbe auf dem Schloß Span- genberg , am 11ten Dezember 1539, in einer förmlichen Ur- kunde, mit Vorbehalt wie sich versteht aller ihrer übrigen Rechte und der Rechte ihrer Kinder, die ihr denn Philipp feierlich gewährleistete. Nicht weniger aber lag ihm an der Billigung seiner Glaubensgenossen; erst durch die Beistimmung Luthers und Melanchthons , in deren Urtheil nach dem göttlichen Wort Doppel-Ehe des Landgrafen Philipp . er die dispensirende Gewalt der alten Kirche sah, glaubte er in seinem Gewissen vollkommen sicher zu werden. Sie er- schraken, wie man denken kann, als ihnen dieser unerwartete, unerhörte Antrag geschah: wohl sahen sie voraus, welch bö- ser Ruf ihnen und ihrer Lehre aus einem solchen Zugeständ- niß entspringen werde; aber so dringend waren die Auffor- derungen des Landgrafen, mit so ernstlichen Betheurungen einer ganz unabänderlichen Nothwendigkeit verknüpft, und so gut berechnet auf Gesinnung und Stimmung der beiden Gelehrten, daß diese sich endlich, wiewohl nicht als vor der Welt sondern als vor Gott, und nur unter der Bedingung des tiefsten Geheimnisses, zu einem Beichtrath entschlossen, in welchem sie zwar nochmals alle ihre Gegengründe wieder- holten, so daß ihre Schrift wie eine Abmahnung aussieht, 10 Dez. 1539. D. W. V, 236. C. Ev. III, 850. aber zuletzt doch ihre Einwilligung nicht versagten. Nun war aber hiebei nicht allein von Religion und Moral, sondern auch von Recht die Rede. Erst kurz vor- her war Bigamie in der peinlichen Halsgerichtsordnung als eins der schwersten Verbrechen verpönt worden, Art. 121, nach den Canonisten und im Gegensatz gegen die bambergische Constitution, welche Bigamie fuͤr nicht capital erklaͤrt. Gerstlacher Handbuch der Reichsgesetze Bd XI, ii , p. 2669. Mal- blanc Geschichte der p. Gerichtsordnung p. 207. Uͤbrigens hatte der Landgraf die P. HGO. schon 1535 selbst in seinem Lande eingefuͤhrt. und der Landgraf fürchtete, daß das Reichsgericht und der Kaiser in dieser seiner zweiten Ehe neuen Anlaß zu einem rechtlichen Verfahren gegen ihn finden würden. Um sich hiegegen zu sichern, ersuchte er den Churfürsten, ihr Vertheidigungsbünd- niß auf den Fall zu erstrecken, daß er um dieser Sache wil- 17* Siebentes Buch. Siebentes Capitel . len angegriffen werde; wogegen auch er ihn in allen Fällen die noch nicht in dem schmalkaldischen Bündniß begriffen seyen, unterstützen wolle. Erinnern wir uns, wie viel daran lag daß der Landgraf die sächsischen Interessen in der clevisch-geldri- schen Sache zu den seinen gemacht, dem Herzog von Cleve den Schutz des schmalkaldischen Bundes bewilligt hätte. Aber auch durch diese großartige Aussicht ließ sich der Ordnung liebende, legale, gesetzte Churfürst nicht bewegen, den Vorschlag anzunehmen. Er bat vielmehr seinen Bundesgenossen, von einem Vorhaben abzustehn, welches ihre Kirche beschimpfen werde, sey ihm das aber schlechterdings nicht möglich, die Sache wenigstens in das tiefste Geheimniß zu begraben. Wo- fern er dieß halte, habe er ja ohnehin nichts zu fürchten. Seckendorf p. 279. Hierauf vollzog der Landgraf, im März 1540, die neue Ehe zu Rothenburg an der Fulda : wie er in dem Instru- mente sagt, deshalb insgeheim und in aller Stille, „weil es ungewöhnlich sey, obwohl nicht unchristlich noch uner- laubt, zwei Frauen zu haben.“ Allein wie bald ward sein Geheimniß öffentlich bekannt. Und zwar nicht allein weil Dinge dieser Art überhaupt nicht verschwiegen bleiben — das Gerücht gieng dieß Mal eher irre — sondern zunächst weil auch noch ein dritter Hof, der al- bertinische Herzog Heinrichs zu Dresden , sich um die Sache bekümmerte. Es schien als wolle man sich dort der Landgräfin an- nehmen, die eine Prinzessin dieser Linie war. Als die Mut- ter des Fräuleins nach Sachsen zurückkam, ward sie von ihrem Gute an den Hof geholt und gleichsam peinlich be- Doppel-Ehe des Landgrafen Philipp . fragt. Um ihre Ehre zu schützen, legte sie die Schriften vor, mit denen sich der Landgraf bei ihr selbst gerechtfertigt hatte. Hierauf erhob sich aber ein noch viel lauteres Geschrei, wie über das unerhörte, ärgerliche Beginnen des Landgrafen, so auch über den Churfürsten, den man für einverstanden hielt, und dem man auch den Beichtrath der Theologen zur Last legte. Johann Friedrich war ganz erstaunt und entrü- stet. Schreiben Johann Friedrichs an Philipp Dienstag Viti 1540. Seinen Raͤthen befiehlt er, dem Landgrafen keinen Beistand zu lei- sten, „dieweil dieß ein groß vast unerhort werk; hette es von den Theologen gerathen wer da wolt, so waͤre es vor ein recht gegen der welt zu verteidingen unmuͤglich.“ Er glaubte dort auch nach der geschehenen großen Veränderung wieder den üblen Willen wahrzunehmen, der unter der frühern Regierung vorgewaltet. Bittere Schrif- ten wurden gewechselt: Botschafter giengen von einem Hof- lager nach dem andern: Tagsatzungen wurden gehalten; der Landgraf erklärte endlich, das Geheimniß sey ihm unerträg- lich: er wolle und müsse desselben überhoben werden. Melanchthon war auf der Reise nach Hagenau begrif- fen, als diese Dinge ins allgemeine Gespräch kamen. Er war nicht stark genug, um die Mißbilligung jenes Beicht- raths den er mit Luther ausgestellt, die er von allen Sei- ten vernahm, zu ertragen. Die schmerzlichen Gedanken die er sich darüber machte, warfen ihn in Weimar aufs Kran- kenlager und man glaubte seine Genesung nur der kräftigen Zusprache, dem Gebete Luthers zu verdanken. Luther , aus stärkerem Stoffe gebildet, erhob sich auf einen Standpunct, von welchem er die Sache ruhiger ansah. Es sey ein Un- terschied, sagte er, was in den Nöthen des Gewissens vor Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Gott möge nachgegeben werden, und was in äußerlicher Ord- nung auf Erden recht sey. Würde der Landgraf den Rath- schlag offenbaren, so würde er sich aus göttlichem Gericht in menschliches begeben, wo ihm damit nicht geholfen wer- den könne. Er bat ihn um Gottes willen seine Feder nicht rege zu machen. Bei Rommel II, 414. Was man nun aber auch sagen oder verschweigen mochte, so wurde die Sache in aller Welt ruchtbar. Im Sommer 1540 findet man ihrer schon in weiter Ferne in ganz ge- wöhnlichen Privatbriefen erwähnt. Und wie hätte sie nun nicht den größten Anstoß erre- gen sollen! „Wer hat in langer Zeit“, schreibt Joachim II , der eben mit der Abfassung seiner Kirchenordnung beschäftigt war, „jemals von einer thörichtern Sache gehört.“ Er meint, es müsse dem Teufel viel Arbeit gekostet haben, um dem Evangelium einen solchen Klotz in den Weg zu werfen. Am Tag Johannis Baptistaͤ 1540. (Dessauer Archiv.) König Ferdinand soll gesagt haben, er sey eine Zeitlang der evangelischen Lehre sehr geneigt gewesen, doch habe ihn diese Sache anderer Meinung gemacht. Und wer könnte die Folgen ermessen welche ein Ärger- niß dieser Art, das aus der Partei hervorgieng die in vor- züglichem Grade christlich zu seyn behauptete, auf die Stim- mung der Gemüther in aller Welt hervorgebracht hat? Auch diejenigen aber, welche unmittelbar in die Augen fielen, waren für den Fortgang der Dinge von größter Be- deutung. Johann Friedrich . Die vornehmste war, daß der Landgraf, dem man so- gar von dem Mittelpunct seiner Partei her mit Kaiser und Reich drohte (hat doch Luther selbst einmal darauf provo- cirt), sich dem Kaiser annäherte. Nicht als ob der erste Grund dazu aus dieser Ange- legenheit entsprungen wäre: wir wissen wie nach dem Frieden von Cadan ein besseres Vernehmen entstand und seitdem von Lunden und Königin Maria unterhalten wurde; doch um vieles enger schloß sich der Landgraf nunmehr dem Kaiser selber an; er sagte, er müsse Mittel suchen, um Leib und Gut, Land und Leute zu retten. Bei der Zusammenkunft zu Worms , auf dem Reichstag von Regensburg zeigte er eine unerwartete Nachgiebigkeit; er fesselte endlich seine ganze Politik durch das engste Bündniß mit dem Kaiser. In demselben Grade mußte nun aber auch sein Ver- hältniß zu andern Bundesverwandten, namentlich zu Johann Friedrich , lockerer werden. Johann Friedrich zeichnete sich eben durch die sittlich- strenge Haltung, die er beobachtete, vor allen Zeitgenossen aus. Nicht allein seiner Gemahlin hielt er unverbrüchliche Treue, sein Hof war überhaupt ein Muster von guter Zucht und Sittsamkeit; auch sein Feldlager wußte er in dieser Hinsicht in Ordnung zu halten. Nie gieng ein unzüchti- ges Wort aus seinem Munde; eine Unwahrheit hätte er um keinen Preis ausgesprochen: auf jede seiner Zusagen konnte man sich heilig verlassen. Wir lesen in dieser Zeit so viel von geheimen Ränken, hinterlistigen Umtrieben. In Johann Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Friedrich war kein Falsch. Da uns eine große Zahl seiner geheimsten Briefschaften zu Handen gekommen, so können wir mit aller Zuverläßigkeit sagen, daß von jenen weitaus- sehenden Planen, die man ihm zuweilen Schuld gab, nie die Rede gewesen ist. Er war zufrieden, in seinem Land hin und her zu ziehen: von der Hofhaltung zu Weimar , wo er dann und wann fürstliche Nachbarn, seine Freunde bei sich sah, und ihnen vielleicht ein Trinkgelag veranstaltete, immer aber mit der Rücksicht, daß er nicht des andern Morgens an der Ar- beit gehindert würde, — nach einer seiner Bergstädte, wo bei seinem Einzug die schönsten Erzstufen aus neu eröffneten Kuxen vor ihm hergetragen wurden, wo er dann wohl die Ein- wohner, Männer und Frauen, Alte und Junge, zu sich einlud und ihnen ein ländliches Fest gab, — oder nach seiner Univer- sität Wittenberg , die er zum Theil als seine eigne Schöpfung betrachtete, da er zuerst sie fester begründet, wo unter der Ju- gend, die aus aller Welt zusammenströmte, auch seine Söhne studirten und die von Melanchthon gegründete Disciplin durch- machten; er versäumte nicht den feierlichen Redeübungen bei- zuwohnen, in denen sie ihre Kenntnisse darlegten. Hier be- fand er sich in dem Mittelpunct der Thätigkeit des Jahr- hunderts und seiner eignen. Vorwort zur Dotation der Universitaͤt bei Seckendorf III, § 50, p. 142, wo denn auch „der trefflichen Geschicklichkeit“ Melanch- thons gedacht wird. Von hier war die Lehre aus- gegangen, deren Tiefsinn und Kraft sein einfaches ehrliches Gemüth vollkommen durchdrungen hatte. Aufrichtiger als er konnte Niemand überzeugt seyn daß diese Lehre den In- halt des göttlichen Wortes wiedergebe, und die unerläßliche Johann Friedrich . Pflicht erheische sie zu bekennen. Er spottete der Beschuldi- gung, die Reformation der Kirche sey von seinen Vorfah- ren oder von ihm um der geistlichen Güter willen unter- nommen worden; er meinte, das würde heißen, die Schüs- sel zertrümmern, um sich des Löffels zu bemächtigen; so viele Widerwärtigkeiten habe man darüber bestanden und bestehe sie noch; allein es reue ihn nicht; aus der bekannten Lehre sey nun auch alles Gute hervorgegangen, wahrhafter Got- tesdienst, Besserung des Volkes, auch Erkenntniß des Ge- horsams gegen die Obrigkeit; der schmalkaldische Bund habe eine fortwährende Ausbreitung des Evangeliums ohne Krieg noch Blutvergießen hervorgebracht. Unaufhörlich arbeitete, schrieb er dafür. In den Archiven finden sich eigenhändige Aufsätze von mehreren Bogen von ihm, welche sogleich in aller Weitläuftigkeit damaliger Canzleiformen, so daß er von sich selbst nicht selten in der dritten Person mit dem Prä- dicat churfürstliche Gnaden redet, abgefaßt sind. Die Ent- würfe seiner Räthe corrigirt er von Anfang bis Ende durch und bedeckt den Rand des Papieres mit seinen Zusätzen. Und man dürfte nicht etwa glauben, daß er hierin dem Rathe seiner Theologen, namentlich Luthers , zu viel gefolgt sey. Er ist von Ehrfurcht für seinen Doctor durchdrungen: ein Blatt von ihm sey ihm lieber als ganze Bogen von an- dern: sein Wort dringe ihm durch Mark und Bein; er läßt den Tadel nicht gelten, der nicht selten über seine Heftigkeit erhoben wurde, denn er werde wohl weiter sehen und mehr verstehen als andre. Aber in den Geschäften giebt er ihm vielleicht weniger Gehör als gut gewesen wäre. Nicht selten ist Luther über das Verhalten das am Hofe beliebt wird, Siebentes Buch. Siebentes Capitel . mißvergnügt: „mir kommen Gedanken,“ sagt er einmal, „von denen ich wollte, sie kämen mir nicht.“ Luther an Justus Jonas : Aula est sapiens et gaudet sese esse actricem: — olim et ipsi vellent sese fuisse spectatores — incipio unice gaudere, nos ab aula excludi et contemni. D. W. IV, 627. Hie und da habe ich sogar zu bemerken geglaubt, daß sich in Luther selbst eine ursprünglich richtige und reinere Auffassung durch die Einwir- kung des Hofes trübte. Was den Fürsten beschränkte war der mancherlei nach- barliche Hader in dem er befangen war. Einer Sinnes- weise wie der seinen, widerspricht es nicht, daß er, sehr entfernt nach dem Fremden und Entlegenen zu trachten, doch seine Rechte und Ansprüche, die er freilich für un- leugbar hielt, mit Eifersucht behauptete. Dem Grafen von Schwarzburg , der seine Herrschaften beim Reiche zu versteuern Miene macht, schickt er unverzüglich einen Drommeter nach Arnstadt und läßt ihm ungnädige Anzeigung thun; den Er- furtern die ihm einen Abtrag versagen, läßt er dafür das Amt Großrudstedt mit bewaffnetem Volk entreißen. Nun geschah aber daß Streitigkeiten dieser Art nur allzu oft und allzu nah mit der Religionssache in Berührung kamen. Wir wissen, wie Johann Friedrich mit seinen Nachbarn Albrecht und Georg , die den alten Glauben in Norddeutschland auf- recht zu erhalten suchten, in mannichfaltige Händel über al- lerlei Besitzthümer, Ansprüche, Gerichtsbarkeiten, z. B. mit dem letztern über das Burggrafthum zu Magdeburg und das Grävengeding in Halle verwickelt war. Von Heinrich von Braunschweig fürchtet er, er hege Gedanken wie seine Alt- vordern Heinrich der Stolze und Heinrich der Löwe , und Johann Friedrich . trachte nach der churfürstlichen Würde von Sachsen . Mit dem Churfürsten von Brandenburg war er auch dann noch in einer Art von Eifersucht, als derselbe dem Bekenntniß beigetreten. Unter andern erregte jene Gesandtschaft an Lu- ther im J. 1541 sein Mißfallen, einmal weil er nicht gern sah, daß der wenigstens nicht geliebte Nachbar, an dessen Festigkeit er nicht glaubte, sich an seinen Doctor wendete, so- dann weil er, der Landesfürst, vorbeigegangen worden; er selbst kam mit seinem Canzler herbei, um der Antwort Lu- thers ihre Form zu geben. In dem Verhältniß zu König Ferdinand durchkreuzten sich unaufhörlich die Sachen der Reli- gion und der Wahl. Es versteht sich, wenn die weltlichen Interessen mit den geistlichen in Widerstreit kommen, zögert Johann Friedrich keinen Augenblick die erstern nachzusetzen; für ihn beginnt die Gefahr erst, wenn sie zusammenstimmen, in einander fallen: dann gewinnt auch das Geringste für ihn eine höhere Bedeutung und er hält es mit Hartnäckigkeit fest. Wer weiß nicht, wie oft kleine, nahe, dringende Rücksichten den Blick in großen Angelegenheiten beschränken? Es ist eine der Mangelhaftigkeiten in dem menschlichen Wesen überhaupt, daß sie zusammentreffen können. Wir werden Johann Friedrich noch einmal begegnen, wo in einem großartigen Unglück alle Schlacken von ihm weggeschmolzen sind und seine religiöse Gesinnung in voller Reinheit strahlt. Damals machte sein Verfahren wohl noch den Eindruck, als wolle er „über alle Augen halten, die er im Würfelspiel geworfen.“ Er fuͤhrt wohl einmal selbst aus, wie so er sich nicht ent- ziehen lassen koͤnne, wozu er sich befugt halte. Ergruͤndete Verant- wortung bei Hortleder I, iv , 9, nr. 103. Er zeigte Siebentes Buch. Siebentes Capitel . sich reizbar, mißtrauisch, eigensinnig und durch kleine Verhält- nisse in engem Gesichtskreise befangen; die Mittel die er ergriff, entsprachen oft mehr seiner Stimmung, als daß sie auf die Erreichung des Zieles wohl berechnet gewesen wären. Betrachten wir nur sein Verfahren in der wichtigsten seiner Angelegenheiten damaliger Zeit, der Wiederbesetzung des im Jahr 1541 erledigten Bisthums Naumburg . Ein Fürst, wie sein Oheim, würde wohl verstanden ha- ben, die Domherrn zu einer ihm genehmen Wahl zu ver- mögen. Johann Friedrich hatte sie aber durch mannichfal- tige Anmuthungen geistlicher und weltlicher Natur vorlängst verstimmt, und sie wählten Julius Pflug zum Bischof, von dem sie wohl wußten, daß er ihn nicht mochte. Ju- lius Pflug war einer der gelehrtesten Edelleute Norddeutsch- lands : gebildet und gemäßigt; aber er hielt an dem Wesent- lichen der katholischen Überzeugung fest. Johann Friedrich , der ihm Schuld gab, er habe Naumburg zu dem Nürnber- ger Bündniß bringen wollen, erklärte, daß er ihn nimmer- mehr dulden werde. Mit unumwundenen Worten ließ er ihn wissen: wer es nicht mit S. churf. Gnade und ihrer Confession halte, den könne S. Gnaden nur als ihren Wi- derwärtigen betrachten. Die Räthe Johann Friedrichs ver- hehlten ihm die Gefahr nicht, die er durch einen Schritt die- ser Art auf sich ziehe. Das Reich, sagte ihm Brück , den auch Luther hiebei unterstützte, Schreiben Luthers 24 Jan. 1541. D. W. V, 331. habe sich die bisherigen An- ordnungen, von denen nur der niedere Clerus und die Klo- stergeistlichkeit betroffen worden, gefallen lassen, aber etwas ganz anders sey es, nun auch die höhere Geistlichkeit, einen Naumburger Bisthum . Bischof anzugreifen: da werde sich alles entgegensetzen, was dem Papstthum noch anhänge. Gregor Bruͤck an den Churfuͤrsten Sonntag nach Erhardi 1541: „denn wiewol der papstlich Hauf bis anher hat zugesehen, das man gemeyner Pfaffen, Moͤnche und Nonnen halber beruhrte Ver- ordenungen vorgenommen, so lassen sich doch verdunken, man wolle nu dergleichen der bischove halber auch furnehmen, dem wollen sie nu weh- ren und kais. Mt zu Huͤlfe nehmen, der Kaiser und die Pfaffen moͤch- ten leicht mit Confirmirung des Papsts ein bischof setzen.“ Der Chur- fuͤrst erklaͤrt diese Bedenklichkeiten fuͤr „etwas weitlaͤuftig, dazu auch kleinmuͤthig.“ Bruͤck bleibt dabei, daß der Churfuͤrst die Sache berge und dissimulire, bis zu seiner Zeit, die nicht fehlen koͤnne; und be- halte ihm der Pfaffen Untreu zu einer Ursach christlicher Reforma- tion zu seiner Zeit. (W. A.) Der Churfürst wandte ein, auch in Dänemark , Schweden , England und dem Herzog- thum Preußen habe man Veränderungen vorgenommen, der Kaiser selbst habe in Lüttich und Utrecht etwas Ähnliches gethan; es gebe keinen Potentaten der ihn darüber angrei- fen werde, und das Kammergericht fürchte er nicht. Er ver- gaß, daß sein landesherrliches Recht so unbestritten nicht war, daß man jetzt vor allem sich hüten mußte die Majo- rität, die schon im Zerfallen begriffen war, wieder zu verei- nigen. Die Wittenberger Theologen hätten wenigstens ge- wünscht, daß ein Reichsfürst, z. B. Georg von Anhalt , mit der geistlichen Verwaltung beauftragt worden wäre: und Lu- ther gab demselben das beste Zeugniß; aber Johann Fried- rich fürchtete die Verbindung in welcher Fürst Georg mit Erz- bischof Albrecht stehen könnte, und zog den Licentiaten Nico- laus von Amsdorf vor, dessen Sinnesweise der seinen ohnehin entsprach. Die weltliche Verwaltung nahm er selber an sich. Und wäre nun der neue Bischof nur auch ernstlich zu durchgreifenden Verbesserungen unterstützt worden! Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Luther beklagte sich, der Hof unternehme eine Sache kühnlich: ehe sie aber noch nicht ins Geleise gekommen, wenn man nur die Welt aufs neue auf sich geladen habe, rege keiner die Hand. Natürlich erfüllte Julius Pflug das Reich und den kai- serlichen Hof mit seinen Klagen, und es spann sich dort eine neue weitaussehende Streitigkeit an. Aber auch in der Nähe zeigten sich widerwärtige Folgen. Der meißnische Adel fühlte sich in Pflug , der einem seiner vornehmsten Geschlechter an- gehörte, aufs neue beleidigt. In einer verwandten Angelegenheit brach gleich darauf ein Hader zwischen beiden Landschaften aus, der ernsthafter zu werden drohte als jemals ein andrer. Bei der Erbtheilung der beiden Linien im J. 1485 war auch der Schutz und die Hoheit über die drei Bisthümer vertheilt worden; den Albertinern war Merseburg , den Er- nestinern Naumburg zugefallen: Meißen sollte beiden gemein- schaftlich seyn. Der Theilzettel sagt: das Bisthum Meißen „soll in unsers l. Bruders, unsrer und unser beider mannlicher ehlicher leibserben samptlichen schutz, schirm, vertaidung und handhabung seyn.“ Dieß war durch den Grimmaischen Machtspruch bestaͤtigt. (W. A.) Im Laufe der Zeit, bei der fortgehenden Ausbildung des Territorialstaats, war nun aber geschehen, daß auch von dem Stifte Meißen ein Theil sich mehr dem einen, ein an- drer dem andern Fürstenthum anschloß. Namentlich erkannte das Amt Wurzen die Hoheit der Ernestiner. Sie hatten da das Geleite der Straßen, sie empfiengen die Beschwerden Fehde von Wurzen . über die bischöfliche Verwaltung; ihnen ward die Heeres- folge geleistet, wie z. B. im Bauernkriege: man beobachtete ihre Landesordnungen. Allein sie mußten, wie an vielen an- dern Stellen, auch hier Gegenwirkungen der in der Nähe mächtigern Albertiner erfahren, und zwar um so mehr, seit- dem die Religionsspaltung ausgebrochen, wo sich dann der Bischof natürlicher Weise lieber an den katholischen Fürsten hielt: Herzog Georg hatte unter andern in den letzten Jah- ren die Türkensteuer auch von Wurzen eingebracht. Nun war zwar nach dessen Ableben Herzog Heinrich unter dem Einfluß Johann Friedrichs eingesetzt und befestigt worden, — nach dem Tode Heinrichs im J. 1541 hatte sich Johann Friedrich auch um dessen Nachfolger Moritz ein gro- ßes Verdienst erworben. Auf Antrieb seiner Gemahlin und sei- nes allvermögenden Ministers Schönberg hatte nemlich Hein- rich ein Testament aufgesetzt, nach welchem das Land zwi- schen seinen beiden Söhnen getheilt werden sollte. Eine selbst- süchtige Politik würde hierin vielleicht die Gelegenheit gesehen haben, sich über die gesonderten und daher schwächeren Stam- mesvettern eine fortwährende Autorität zu sichern. In dem ehrlichen Johann Friedrich kam aber ein Gedanke dieser Art nicht auf: er trug vielmehr nach Kräften dazu bei, daß Moritz in den Besitz des ungetheilten Landes gelangte. Schreiben Johann Friedrichs an Philipp Dienstag in Pfing- sten. Es war ein Testament zu Gunsten Augusts gemacht worden: Johann Friedrich erzaͤhlt, er habe Moritz gewarnt, sich nach Dres- den zu begeben, wo er leicht verleitet werden koͤnnte das Testament anzunehmen. (W. A.) Alle das aber führte doch noch immer zu keinem vollständig gu- ten Verhältniß: nicht einmal bei Heinrich , der z. B. sich der Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Ordnung des schmalkaldischen Bundes niemals ganz unter- werfen wollte, noch viel weniger aber bei Moritz , der die alten Räthe des Herzog Georg wieder hervorzog, und nicht gemeint war, um vergangener Wohlthaten willen, wie groß sie auch seyn mochten, momentane Beeinträchtigungen zu dul- den auch nur in geringen Dingen. Als im Jahr 1542 eine neue Türkensteuer ausgeschrie- ben ward, versäumte der Bischof, wie er wohl schuldig ge- wesen wäre, die zur Einbringung derselben angeordnete stän- dische Versammlung des ernestinischen Fürstenthums zu be- suchen: auf die Anforderung Johann Friedrichs gab er nur ausweichende Antworten; jetzt aber war dieser sein Recht wenigstens in Wurzen geltend zu machen entschlossen: ohne erst bei seinem Vetter anzufragen, ließ er diesen Ort im März 1542 mit Truppen besetzen, die Stände des Amtes versam- meln und sie von seinetwegen zur Zahlung der Steuer auf- fordern. Ein Bedenken von Bruͤck Montag nach Invocavit eroͤrtert alle Verhaͤltnisse. Nur mit Ungeduld habe man dem Herzog Georg nachgesehen. „Die Meißner werden sich jetzo unterstehn, den Bischof ganz an sich zu ziehen.“ Hierüber aber gerieth nun die albertinische Landschaft in Feuer und Flamme. Mit einem Theile des Adels stand der verletzte Bischof in Verbindung; ein andrer war durch die Pflugsche Sache aufgeregt; jetzt glaubten die beleidigten alten Räthe eine Gelegenheit gefunden zu haben um sich zu rächen; in dem jungen Fürsten erhob sich der leicht zu be- greifende Ehrgeiz nichts zu verlieren was seine Vorweser besessen. Er war auf der Stelle zum Äußersten entschlos- sen. Er forderte seine thüringischen, meißnischen und gebir- Fehde von Wurzen . gischen Mannschaften zusammen und erschien mit einer be- deutenden bewaffneten Schaar im Feld. Langenn Moritz Herzog und Churfuͤrst zu Sachsen S. 138. Eine so drohende Demonstration hatte der Churfürst doch nicht erwartet. Auch er mahnte nun seine Landsassen auf, aus dem Amte Weimar allein 100 M. z. Pf., 1800 M. z. F., und stellte ein wenigstens nicht minder zahlreiches Heer dem Herzog entgegen. Es schien als würden die bei- den Vettern, beide evangelische Fürsten unmittelbar an ein- ander gerathen. Ganz bestürzt war Luther , daß der alte Hader, der durch die Einführung der evangelischen Lehre gehoben zu seyn ge- schienen, nun doch in aller seiner verhaltenen Wuth her- vorbrach. Zwischen den kriegbereiten Schaaren ließ er, ihr Apostel, seinen mächtigen Friedensruf ertönen. „Der Satan suche aus diesem Funken ein Feuer aufzublasen, zur Freude der Feinde, zum Gelächter der Türken. Wie werde die Welt spotten, daß die Evangelischen, die ihr den Weg zum Him- mel zu weisen vorgeben, eine so geringe Sache nicht in Frie- den auszumachen verstehen. Bisher sey das Hofgericht nicht befragt, noch die Stände und Gelehrten des Landes, noch die erbvereinigten Fürsten: ohne Weiteres richte man Aufruhr an in einem Lande, dessen beide Fürsten unter zweier Schwestern Herzen gelegen, wo der Adel in vetterlicher, beinahe brüder- licher Verwandtschaft stehe, Bürger und Bauern gegen ein- ander Söhne und Töchter gegeben und genommen. Er sei- nerseits trete zu dem Theile der Friede und Recht anbiete; der könne sich fröhlich wehren und der Vergebung seiner Sünden gewiß seyn; den Unfriedlichen und Rachgierigen da- Ranke D. Gesch. IV. 18 Siebentes Buch. Siebentes Capitel . gegen kündige er an, daß sie, wenn sie im Krieg umkom- men, ewig verdammt seyn werden.“ Er wandte sich an die Mannschaften im Felde und forderte sie auf, den unfriedfer- tigen Fürsten zu verlassen. 7 April D. W. V, 456. Bei allem Eifer druͤckt sich Luther doch sehr gemaͤßigt aus, wenn man sich erinnert, daß er im Grunde den meißnischen Adel, „genus hominum superbia luxu libidine ava- ritia usura impietate perditissimum,“ fuͤr den eigentlichen Urheber des Krieges hielt. S. Briefe vom 7, 12, 13, 19 April bei D. W. und Auszug des Briefes vom 12ten bei Langenn 141. Und in diesem Augenblick erschien auch bereits Land- graf Philipp , der noch nicht recht versöhnt weder mit Johann Friedrich noch mit Luther , doch unmöglich den Ausbruch ei- ner Fehde unter seinen nächsten Verbündeten und Freunden dulden konnte. Hatte Luther die großen Verhältnisse vor Augen gestellt, gegen welche die Irrung anstieß, so lag dem Landgrafen das Amt ob, diese selber nun in ihren kleinen Beziehungen auszutragen. Es ward ihm schwer genug: er sagt einmal, er sey dabei lebendig im Fegfeuer; aber end- lich gelang es ihm doch. Es ward eine Abkunft geschlos- sen, nach welcher Wurzen dem Bischof zurückgegeben, aber dessen Verpflichtung, seine Türkensteuer zur Hälfte dem einen, zur Hälfte dem andern Fürsten zu überliefern, ausdrücklicher als jemals festgestellt ward. Beiden Linien sollte die Hoheit im Bisthum gemeinschaftlich zustehn: sie sollten beide (wor- über viel gestritten ward) in den verschiedenen Ämtern des- selben den freien Durchzug haben; im Amt Wurzen sollte die Visitationsordnung des Churfürsten, im übrigen Stifte die des Herzogs beobachtet werden. Vertrag Wurzen halber Montag nach Ostertag 1542 im weim. Arch., bei Du Mont IV, ii , 226. Braunschweiger Irrung . Man sieht wohl, die Abkunft war dem Churfürsten sehr günstig. Nun habe derselbe doch, sagt Melchior von Osse , einen Fuß ins Land Meißen gesetzt; wären nur die Veran- lasser dieser Unlust um eine Spanne kürzer gemacht worden: da sie wohl dafür gesorgt daß das nicht geschehen, so werde noch mancher Widerwille im Hause Sachsen erfolgen. Fürs Erste war jedoch die Beilegung dieser Händel, zumal da die Unterhandlungen dazu beigetragen hatten, das Vertrauen zwischen Johann Friedrich und Philipp wieder herzustellen, ein großes Glück. Während es sich anließ, als würden zwei der mächtig- sten evangelischen Fürsten unter einander handgemein wer- den, kamen auf der andern Seite die alten Feindseligkeiten der reichsständischen Mehrheit, die so lange gedroht, wenig- stens an Einem Puncte wirklich zum Ausbruch. Durch den Widerspruch der immer stärker wurde, war das Kammergericht nur um so heftiger gereizt worden. Die Beisitzer desselben, die mit den Priestern in Speier zusam- men lebten, mit ihnen aßen und tranken und eben so viel Anstoß gaben wie sie, waren zwar nicht etwa sehr eifrige Gläubige; sie meinten: glauben möge jeder was er wolle, allein auf den Rechtspunct komme es an in der Welt; aber nur um so mehr schalten sie auf die protestantischen Fürsten, auf das was sie deren Kirchenraub nannten, sie gedachten ihrer nie ohne Schmähungen. Pro reformatione camerae imperialis 1542, eine Beschwerde- schrift uͤber die Maͤngel des Gerichtes, im Berliner Archiv. Sie sa- Wir erinnern uns der Klagen 18* Siebentes Buch. Siebentes Capitel . welche Herzog Heinrich wider die Stadt Goßlar anhängig gemacht, weil sie ein paar Klöster in ihrer Nähe niederreißen lassen, aus denen er sie leicht hätte angreifen können. Ihrer Vertheidigung und Gegenklage, den Einreden der Protestan- ten und kaiserlichen Inhibitionen zum Trotz ward doch am Ende die Acht gegen Goßlar ausgesprochen. Während des Gespräches zu Worms ward sie dort an den Kirchthüren angeschlagen. Herzog Heinrich war entschlossen, ein Urtel zu vollstrecken, das ihm die erwünschteste Gelegenheit gab, sich an den verhaßten Nachbarn, mit denen er schon so lange haderte, zu rächen. Die Protestanten hatten nicht gesäumt sich der Stadt anzunehmen. Sie wären 1541 nicht nach Regensburg ge- kommen, hätte der Kaiser die Acht nicht suspendirt. Die sonst günstige Erklärung über die Suspension der Processe, die der damalige Abschied enthielt, genügte ihnen gleichwohl noch nicht: in der Declaration mußte ausdrücklich festgesetzt wer- den, daß damit auch die gegen Goßlar ausgesprochene Acht suspendirt seyn solle. Mit der Erneuerung der Declaration im Jahr 1542 ward auch dieser Artikel erneuert; ja Ferdi- nand gieng damals sogar noch einen Schritt weiter: um alle Ausrede abzuschneiden, erklärte er, die Aufschiebung solle auf die ganze Dauer der Declaration die Kraft einer Los- sprechung haben. Confirmation der Suspension der Goßlarischen Acht. Hort- leder I, iv , 38. Du Mont IV, ii , 227. Wie von jeher suchten die Protestanten auch jetzt an der kaiserlichen und königlichen Macht einen Rückhalt gegen gen: „man soll an den Teufel glauben und nur den Pfaffen das Ihre nicht nehmen.“ Braunschweiger Irrung . die Beschlüsse der Majorität und der in ihrem Sinne erfol- genden Gerichtssprüche. Allein Herzog Heinrich meinte nicht, sich darum küm- mern zu müssen. Schon vom Reichstag von Regensburg schrieb er in sein Land, die kaiserliche Suspension laufe wi- der die Ordnungen des Reiches und könne ihn nicht binden; er befahl seinem Großvogt, einem Stechau , sich kein Man- dat irren zu lassen, möge es nun vom kaiserlichen Hofe oder vom Kammergericht kommen. Schreiben Heinrichs Mittwoch nach Dorotheaͤ. Hortleder I, iv , 46, p. 877. Demgemäß verfuhr er, als er zurückgekehrt, auch selber. Herzog Heinrich hat später, nach seinem Unglück, auch bessere Zeiten gehabt, damals aber schien er nichts zu kennen als seine Begierden und Wünsche. Ihm machte es nicht so viel Scrupel, wie seinem hessischen Nachbar, seiner Gemahlin untreu zu werden: einem jungen Hoffräulein derselben ließ er in Gandersheim Vigilien und Seelmessen halten, indessen lebte sie auf dem hohen Schloß zur Staufenburg und empfieng Jahre lang seinen regelmäßi- gen Besuch. Den eignen Bruder hat er zwölf Jahre hindurch gefangen gehalten und ihm am Ende nur gegen den nach- theiligsten Vertrag die Freiheit zurückgegeben. Auch im täg- lichen Leben war er nicht gewohnt Rücksicht zu nehmen. Ich finde Bemerkungen darüber, daß er beim Churfürsten von Brandenburg eintritt, während dieser speist, und sich das nicht hindern läßt, Zwiesprach mit ihm zu suchen: daß er beim Gelag, wenn ihm ein älterer Fürst nicht mit gleich starken Zügen Bescheid im Trunke thut, gleichsam beleidigt aufsteht. Auch in öffentlichen Dingen weiß er nur von sich Siebentes Buch. Siebentes Capitel . selber, niemals von den Andern. Wenn er um sich sah, so konnte ihm nicht entgehn, daß er jetzt weder bei dem Kai- ser noch bei seinen nähern Verbündeten auf Hülfe rechnen dürfe. Der Stellvertreter des Erzbischof Albrecht in Mag- deburg hat ihn sogar gewarnt und ihm lediglich friedliche Rathschläge ertheilt. Er mußte sich besinnen, daß der all- vermögende bairische Rath, über den er sich wegwerfend aus- gedrückt, sein Freund nicht war. Erwägungen dieser Art aber lagen nicht in seiner Sinnesweise. Trotzend auf das Recht das ihm durch das Urtel zu Theil geworden, schritt er ge- gen die Stadt täglich gewaltsamer vor. Sein Plan zeigt sich schon in folgender Stelle eines Brie- fes an Held , Nov. 1540: „ wiewobl wir ‒ ‒ wohl vertrauwen, die Statt Goßlar in 4 Wochen zu erobern, wann wir ihnen allein die Zu- fuhr verlegten, denn sie haben weder Leut noch zu fressen darinnen.“ Die Besitzthümer derselben die in seinem Gebiete lagen, zog er ein; die Bauern auf diesen Gütern mußten das Getreide ausdreschen und das Korn in die Hauptorte seiner Gerichte führen; Klagschrift von Goßlar : „welches sich uͤber 1000 Scheffel Korns, unser Stadt Maßen , der drei und viertehalb auf ein Fuder einsmals kunnen geladen und gefurt werden, thut erstrecken.“ ihre Ren- ten und Zinsen mußten in seinen Ämtern gezahlt werden. Auch von andern Seiten schnitt er ihnen die Zufuhr ab; er ließ Holz in ihren Forsten schlagen; wehe dem der sich au- ßerhalb der Mauern betreten ließ! In ein ähnliches Ver- hältniß setzte er sich zu gleicher Zeit gegen Braunschweig , obwohl er hier größeren Widerstand fand. Wenn er die Eichen des Stadtforstes fällen ließ, kamen ihm die Bürger wohl darin zuvor, daß sie das Holz nach Hause fahren ließen. Wenn er sich an braunschweigischen Bauern vergriff, so setzte Braunschweiger Irrung . die Stadt dagegen fürstliche Bediente fest. Schon ließ er auch hier die gewohnten Straßen verlegen und befahl in seinen Dörfern Gräben zum Kriegsgebrauch zu ziehen. Tobias Olfen Geschichtsbuͤcher der Stadt Braunschweig S. 21. Die Stadt entschuldigt das Ausbleiben ihrer Gesandten zuweilen mit der Leibesgefahr, womit ihr ungnädiger Herr einen Je- den bedrohe, der das Weichbild verlasse. Es leuchtet ein, daß die beiden Städte in Gefahr wa- ren, Goßlar in einer sehr nahen und dringenden, in die Hände des Herzogs zu fallen. Vergebens schickte König Ferdinand seine Abgeordneten, Eberhard von Freiberg und Dr Knol- ler , um ihn zu warnen. Er antwortete, er werde die ergan- gene Acht vollstrecken, und sollte er darüber Güter und Ver- mögen zusetzen. Das war doch am Ende der Gedanke des rechtlichen Krieges, welcher 1530 gefaßt worden, aus welchem die Ver- bindungen von Halle und von Nürnberg hervorgegangen; jetzt wurde eigentlich der erste ernstliche Versuch gemacht ihn auszuführen, ein im Sinne der Majorität erfolgtes Urtel durch offene Gewalt zu vollstrecken. Eben hiegegen aber war der schmalkaldische Bund ge- schlossen worden. Auf dem Reichstag zu Speier gaben die Bundesverwandten den beiden Oberhauptleuten Vollmacht, wofern der Herzog den königlichen Befehlen keine Folge leiste, der Stadt Goßlar zu Hülfe zu kommen und sie im Namen Aller zu entledigen. „Wird von den Stenden eracht, wo die Puncten gemeldter Urkunth (Versicherung von Speier ) dero von Goßlar wirklich Volge geleistet und gehalten werde, das denen von Goßlar damit geholfen Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Nach Beilegung jener Wurzener Irrungen hatten Diese wieder freie Hand und konnten die Sache ernstlich ins Auge fassen. Dazu dienten nun doch die Verbindungen des Land- grafen, daß von keiner Seite Widerstand zu erwarten war. Leonhard von Eck hatte ein Geschenk desselben angenommen und ihm dafür das Wort gegeben, daß sein Herr dem Braunschweiger nicht zu Hülfe kommen sollte. Granvella hatte ihm gesagt: Herzog Heinrich verrechne sich, wenn er meine, auf den Beutel des Kaisers Krieg anfangen zu können; würde er eine oder die andere Stadt vergewalti- gen, so werde ihm der Kaiser dann mit nichten beistehn. Worte, die fast eine Ermuthigung in sich schließen, den Her- zog zu züchtigen. Die Frage konnte nur seyn, ob man einfach den bei- den Städten Hülfe zuschicken, oder dem Feinde selbst mit aller Gewalt zu Leibe gehn sollte. Ohne Zweifel wäre das Erste dem bisher eingehaltenen Systeme bei weitem angemessener gewesen: man wäre nicht über die Grenzen der Vertheidigung hinausgeschritten: man hätte nicht den Verdacht auf sich geladen als wolle man auch und sie irer beschwerungen erledigt seyn sollen; im Fallh aber do der Stat Goßlar das alles ‒ ‒ nit erfolgen, oder Herzog Heinrich nit pa- riren, sondern nichtsdestoweniger mit der Execution der vermeinten Acht wider den naͤchsten Regensburgischen, den hiesigen speirischen Abschied, kaiserl. Declaration und der kaiserl. Commissarien Urkunth und Versicherung fuͤrfahren, ‒ ‒ so ist von inen Stenden geschlossen, daß die von Goßlar auf solchen Fallh die Oberhauptleute ersuchen, welche sich dann vermoͤge der Einnung und Verfassung dermassen hal- ten sollen wie sich in Craft derselben gebuͤrt, und dadurch die von Goslar irer zugefuͤgten Beschwerden durch Huͤlfe und Beistand ent- lediget und nicht verlassen werden.“ Die Protestanten in Braunschweig . diesseit das Recht des Stärkeren geltend machen und dem Kaiser gewissermaßen in sein Amt fallen. Dagegen aber zog man in Betracht, daß eine Hülfe dieser Art nicht ver- mögen werde die Überlegenheit des Herzogs zu brechen, daß sie nur den Städten zur Last fallen und ihr Verderben voll- enden dürfte. Lauze p. 484: „wan sie schon denselben Stedten weitern Zu- satz uͤberschickten, wurden sie sich doch nur selbs on allen nutz der Stedte bekriegen, als dardurch die Stedte mehr verderbet dann ge- rettet wurden.“ Ist es wohl überhaupt ausführbar, so wie man zur Anwendung der Gewalt schreitet, dieselbe so streng in bestimmte Schranken zu beschließen? Nicht allein jene Streitschriften, sondern auch Mordbrennereien, die in den evan- gelischen Ländern auf eine erschreckende Weise überhand nah- men, und in Folge der freilich auf der Tortur erpreßten Ge- ständnisse auf Herzog Heinrich zurückgeführt wurden, hatten eine heftige Erbitterung hervorgebracht. Genug, nach wie- derholten Berathungen zu Eisenach erklärten die beiden Haupt- leute, sie seyen entschlossen, Frieden an dem Friedbrecher zu suchen und mit hinreichender Macht, denn eine geringe An- zahl könne nicht helfen, auf Sonnabend Mariä Magdalenä im Felde zu erscheinen. Der Landgraf brachte 13 Fähnlein oberländische, 4 Fähn- lein niederdeutsche Landsknechte, der Churfürst überhaupt 15 Fähnlein Knechte aus beiden Landesarten zusammen; jeder hatte 2000 Reiter; sie vereinigten sich bei Gandersheim . In- dessen hatte man zu Braunschweig nicht allein ein paar tau- send Mann zu Roß und Fuß geworben: der Rath erinnerte die Bürgerschaft daß sie jetzt zu ewigem Nachruhm ihre Frei- heit mit ihren Händen erkämpfen könne: eine gute Anzahl Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Bürger und Bürgersöhne hatten hierauf die Waffen ergriffen und erschienen in drei Haufen im Feld. Auch Goßlar fehlte nicht: Alle zusammen mochten eine Masse von 20000 M. bilden. Schaͤrtlin p. 57. Chytraͤus 455. Tobias Olfen p. 32. Wie hätte Herzog Heinrich einem so überlegenen, ihn zugleich im Innern seines Landes und von den Grenzen her bedrängenden Feinde eigentlichen Widerstand entgegensetzen können? Seine Hofnung beruhte allein darauf, daß seine festen Häuser, vor allen Wolfenbüttel , wohin er die Ge- treuesten seiner Ritterschaft und einen Theil der Mannschaf- ten von Städten und Dörfern Lichtenstein Beitrag zur Gesch. des schmalk. Bundes p. 20. versammelt hatte, sich so lange behaupten würden bis er ihnen Hülfe bringe. Um diese herbeizuholen verließ er selbst mit seinem Sohne das Land. Nach dem ersten Bezeigen und Anschein zu urtheilen, mußte man glauben, wenigstens das feste Wolfenbüttel würde sich auf das tapferste vertheidigen. Dem Trompeter, der die Aufforderung brachte, antwortete die Besatzung, er möge über drei Jahre wieder nachfragen; der Hausmann vom Thurm empfieng die Heranrückenden mit der Melodie eines Schimpf- liedes. „Hat dich der schimpf gerauwet, so zeuch nu wiederum heim.“ Als man in der Nähe zu schanzen begann, machten die Belagerten einen Ausfall, der ihnen sehr gut gelang und einen nicht geringen Schrecken unter den Bundestruppen ver- breitete: sollte die Schanze vollendet werden, so mußte der Landgraf persönlich daran Theil nehmen. Überhaupt zeigte sich Philipp eben so geschickt wie unermüdlich. Er schlich sich wohl in einem Bauerkittel bis hart an die Feste, um die schwächsten Stellen der Mauer zu beobachten: dahin ließ er dann das Die Protestanten in Braunschweig . schwere Geschütz, das er bis einen Steinwurf weit herange- bracht, mit aller Kraft wirken. Jener Thurm, von dem er spöttisch begrüßt worden, ward zuerst niedergeschossen, und hierauf boten sich die niederdeutschen Knechte zum Sturme an. Dazu brauchte es jedoch nicht zu kommen. Die Eroberung des ganzen Landes, auch der übrigen Festen, die Entfernung des Landesfürsten und der Ernst des Angriffs machten allmäh- lig so viel Eindruck bei der Besatzung, daß sie sich zu frei- williger Übergabe entschloß. Am 13ten August zogen die Evangelischen triumphirend in die Feste ein. Eine Fahne ward aufgesteckt, auf welcher die Wappen der verbündeten Fürsten, Grafen und Städte vereinigt waren. Der Hofpre- diger des Landgrafen hielt die erste evangelische Predigt zu Wolfenbüttel , zu der er den Text vom ungerechten Haus- halter wählte. Buͤnting. Rehtmeier II, 901. Und wie sehr hatte sich der Herzog getäuscht, wenn er ir- gend woher Hülfe herbeizuführen hoffte. An dem eben versam- melten Reichstag von Nürnberg war man vielmehr unwillig über ihn, daß er diese Unruhen veranlaßt. Die königlichen Räthe sagten, es sey ihm nach seinen Thaten geschehen. Der König selbst, dessen ganze Seele mit der Unternehmung ge- gen die Osmanen beschäftigt war, wünschte nur daß die Pro- testanten nicht weiter schreiten und andere Stände angreifen möchten: da sie ihm dieß versprachen und zugleich sich er- boten, wegen ihrer Kriegsübung vor Kaiser und Reich Rede zu stehen, so gewährte er ihnen dagegen der Röm. Kais. Ma- jestät, seine eigne und des Reiches Sicherheit. Koͤnigl. Mt Versicherung 24 August 1542. Hortleder I, iv , c. 43. Siebentes Buch. Siebentes Capitel . Man mußte erwarten, daß das Kammergericht sich hie- bei nicht beruhigen, daß es dem Herzog nicht immer an Freunden fehlen werde. Um so enger schlossen sich die Pro- testanten an einander. Unmittelbar nach dem Kriegszug fand eine Versamm- lung des schmalkaldischen Bundes zu Braunschweig Statt. Obgleich die Mitglieder nicht ohne Ausnahme das Verfah- ren der beiden Hauptleute gebilligt hatten, wie man denn namentlich in Nürnberg auch ungleiche Reden vernommen, so waren doch jetzt Alle einverstanden: Alle zeigten sich da- von durchdrungen, daß es kein andres Mittel gegeben habe die Städte zu schützen; sie verpflichteten sich sämmtlich, diese Sache gleichmäßig mit den beiden Fürsten zu vertreten und durchzuführen. Darauf kam es nun vor allem andern an. Es war das große protestantische Interesse. Es konnte noch nicht genügen, blos die Execution eines Urtels gehindert und den Versuch einer solchen mit Waffen- gewalt verhindert zu haben: des Gerichtes selbst, von wel- chem diese Entscheidung ausgegangen, und das jetzt mit noch gefährlichern drohte (die Revision, welche beschlossen gewe- sen, war im Momente wo sie beginnen sollte, inhibirt wor- den), mußte man sich endlich einmal, und auf immer ent- ledigen. Am 4ten December erließen der Churfürst und der Land- graf eine Erklärung zugleich für sich selbst und im Namen „der hochgebornen Fürsten, wohlgebornen Grafen und ehr- baren Städte“ ihrer Verständniß, worin sie auf den Grund der Regensburger Declaration ausführten, daß dem Kammer- Reichstag zu Nuͤrnberg 1543. gericht keine rechtmäßige Gerichtsbarkeit gegen sie oder ihre Mitverwandten zustehe. Bei Hortleder , Luͤnig , Du Mont . Am 31sten Januar 1543 ward ein abermaliger Reichs- tag zu Nürnberg hauptsächlich der Türkenhülfe wegen eröff- net. Die Protestanten beantworteten die königliche Propo- sition mit einer ausführlichen Eingabe, worin sie sich über die neuen Bedrohungen beschwerten, mit denen sie das Kam- mergericht aller königlichen Zusage zum Trotz heimsuche, — entweder vollkommene Freiheit ihrer Lehre oder wenn diese ja nicht bewilligt werden wolle, doch einen festen Rechts- zustand forderten, — endlich in aller Form auf die Auflö- sung des Kammergerichts und eine Besetzung desselben mit neuen Mitgliedern antrugen; sie erklärten, unerledigt dieser Sachen würden sie sich in keine Berathung einlassen. In den Frankfurter Reichstagsacten. Natürlich aber widersetzte sich die alte Majorität diesen Forderungen mit gewohnter Hartnäckigkeit. Es wäre den Protestanten besonders darauf angekommen, wenigstens der Declaration in dem Reichsabschiede gedacht zu sehen, und der König säumte nicht, es in Antrag zu bringen, aber ge- gen dieses Actenstück waltete grade die heftigste Aufregung ob. Leonhard von Eck soll gesagt haben, die Welt müsse vergehn, oder alles unter die Herrschaft der Türken gera- then, ehe diese Declaration als ein Gesetz in Deutschland betrachtet werden könne. Der Abschied den König Ferdinand am Ende auswirkte, war sonst nicht ungünstig: die Visitation des Kammergerichts ward darin aufs neue festgesetzt; der Herzog von Braunschweig Siebentes Buch. Siebentes Capitel . ward ersucht, seine Sache bis zur Ankunft des Kaisers an- stehn zu lassen; das in Speier angenommene Gebot des Frie- dens ward erneuert. Aber alles dieß konnte die Protestanten nicht beruhigen. Landgraf Philipp erinnerte, ein Friedens- gebot auf fünf Jahr beweise am besten, daß man keinen beständigen Frieden wolle; keine Visitation und Reform des Kammergerichts könne zum Ziele führen, wenn man die jetzi- gen Beisitzer beibehalte; die Frist in Herzog Heinrichs Sache sey nur eine Henkersfrist. So dachten sie, wenn nicht alle, doch die Mehrzahl. Sie verwarfen den Reichsabschied und nahmen ihre Stellung als Minorität und Opposition wie- der vollständig ein. In dieser Lage waren die Protestanten: zwar noch kei- neswegs zu den Rechten gelangt, die sie in Anspruch nah- men; unter sich nicht eben einig, von allerlei Tadel nicht frei; aber gewaltig vorgeschritten und vorschreitend, militä- risch mächtig und siegreich, in einer Haltung die den Geg- nern Respect einflößte und ihren Forderungen einen großen Nachdruck gab: als Kaiser Carl nach Deutschland zurückkam und aus der allgemeinen Combination der europäischen An- gelegenheiten auch für sie die Frage aufstieg, welche Politik sie darin befolgen würden. Es war vielleicht die wichtigste die ihnen jemals vorgelegt worden ist. Achtes Capitel . Kriegszüge des Kaisers in den Jahren 1543, 44. Reichstag zu Speier 1544. Im Sommer des Jahres 1543 war die Lage des Kai- sers und der ganzen burgundisch-östreichischen Macht höch- lich gefährdet. Auf der einen Seite wälzte sich das osmanische Heer nach den Überresten des christlichen Ungarns daher; am Tage St. Lorenz, 10 August, fiel Gran in die Hände Suleimans : zuvor hatten die türkischen Geschütze das goldne Kreuz vom Münster herabgeworfen. Indessen waren die Niederlande zu- gleich von den Franzosen und einer clevisch-dänischen Schaar unter Martin von Roßheim angefallen: jene nahmen Luxem- burg und Hennegau in Besitz, diese plünderten Brabant . Schon empfand man es dort, daß der König von Däne- mark allen Unterthanen des Kaisers den Sund verschloß. Hubert Thomas Leodius p. 250: quodsi clauso mari bal- tico a vandalicis civitatibus frumenta non conveherentur, pereun- dum fame. Zu gleicher Zeit beherrschte eine vereinigte türkisch-franzö- sische Flotte die entferntesten Gewässer des Mittelmeeres ; am 20sten August eroberte sie die Stadt Nizza . Siebentes Buch. Achtes Capitel . Es leuchtet ein, daß der Kaiser nur in Deutschland die Unterstützung finden konnte, deren er bedurfte, um zugleich Ober-Ungarn , die Niederlande und Oberitalien zu behaupten. Wie nun aber dann, wenn die Protestanten, die schon wieder von dem Kammergericht mit Citationen heimgesucht wurden und einen Reichsabschied hatten verwerfen müssen, sich ihm hiebei widersetzten? Die Verbindungen, in denen sie standen, hätten sie wohl dazu veranlassen können. Als Christian III im J. 1538 in den schmalkaldischen Bund trat, war er mit der Zusage einer Unterstützung für den Fall daß er um der Religion willen angegriffen werde, nicht zufrieden; konnte er auch die übrigen Bundesgenossen nicht weiter bringen, so ruhte er doch nicht, bis wenigstens Sachsen , Hessen , Lüneburg , Anhalt und Mansfeld in jedem Falle Hülfe versprachen, möge die Ursache des Krieges eine weltliche oder eine geistliche seyn. Urkunde gedruckt in der Vorrede zu Cragius (Ausg. von 1737 p. 65). Diesen Beistand nahm er jetzt allen Ernstes in Anspruch. Es hieng damit zusammen, daß Gustav Wasa in Schwe- den , der vor dem Jahre durch einen Bauernaufruhr, welcher von dem Kaiser gebilligt worden, in nicht geringe Gefahr gerathen war, unter Voraussetzung einer ähnlichen Hülfe in den schmalkaldischen Bund zu treten wünschte. Der Herzog von Cleve war wenigstens unter der Hand von seinem Schwager dem Churfürsten von Sachsen bereits unterstützt worden. Am 22sten Februar 1543 empfieng nun Herzog Wilhelm das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Politik der Protestanten . Hierauf brachte der Churfürst die Aufnahme desselben in den schmalkaldischen Bund förmlich in Antrag: denn gewiß werde er dem göttlichen Worte nun auch weiter Raum geben, und auf keinen Fall dürfe man ihn dem Hasse der Papisten überlassen. Schreiben des Churfuͤrsten Dienstag nach Fabiani. W. A. Hätte man es wohl den Protestanten verargen können, wenn sie sich dieser natürlichen Verbündeten angenommen, und, ohne darum auf entlegene Beziehungen einzugehn, die Gunst der Umstände benutzt hätten, um den festen Frieden den sie immer gefordert, ohne Rücksicht auf Kammergericht oder Concil, sich endlich definitiv zu verschaffen? Hätte nicht vielleicht ihr Interesse das wirklich erheischt? Wenigstens im Jahre 1540 waren sie auf diesem Wege gewesen. Zwischen Dänemark , Cleve und den protestanti- schen Fürsten war über einen Bund verhandelt worden, der sie alle vereinen sollte. Indessen, es geschah nicht, und zwar aus folgenden Gründen. Vor allem: der Fürst, von dem bisher der Antrieb zu jeder entschiedenen Thätigkeit ausgegangen, Landgraf Philipp , ward durch seinen Vertrag von 1541 gefesselt. Er hatte sich darin nur nicht verpflichten lassen, den Herzog von Cleve selber anzugreifen, ausdrücklich aber hatte er versprochen, ihn nicht zu unterstützen. Wohlmeinend und in aller Güte, aber unbedingt wies er den Antrag des Churfürsten, Cleve in den Bund aufzunehmen, zurück. Und auch das dänische Ver- hältniß hatten die Kaiserlichen bei jenem Vertrage nicht über- sehen. Der Landgraf hatte auf alle Bündnisse in zeitlichen Sachen, in denen der Kaiser nicht namentlich ausgenommen Ranke D. Gesch. IV. 19 Siebentes Buch. Achtes Capitel . sey, Verzicht geleistet: ausdrücklich auf das, was er mit dem Herzog von Holstein habe, „der sich nennt König von Dä- nemark .“ Für ihn also gab es schon keine Wahl mehr. Einen unermeßlichen Einfluß hatte doch jene Doppel-Ehe. Daß die Freundschaft mit Sachsen sich dadurch lockerte und keine andere Sicherheit zu finden war, hatte den Vertrag von 1541 zwar nicht allein, aber zum großen Theil veranlaßt. Bei dem Churfürsten von Sachsen und den übrigen Ständen kam nun aber dem Kaiser zu Statten, daß er mit dem Papste entzweit war. In Memmingen , wohin ihn sein Weg dieß Mal führte, nahm er erst jetzt die Huldigung ein. „Als der Eid verlesen ward,“ sagt der protestantische Be- richterstatter, „merkte ich auf, ob man die Heiligen nennen würde; aber man nannte sie nicht, sondern allein Gott den Allmächtigen; da habe ich viele Leute vor Freuden weinen sehen.“ Schreiben von Eucharius Ungelt von Tyssenhaufen an den Churf. von Sachsen im weim. Arch. War das Begehren der Protestanten auf dem Reichstag zurückgewiesen worden, so wußte man doch sehr wohl, daß die Schuld nicht an den kaiserlichen Ministern lag, die vielmehr mit den leitenden Abgeordneten der Majorität, z. B. dem Doctor Jonas von Mainz , in offenem Zwiespalt lebten. Aus der Correspondenz des Dr Jonas mit Albrecht von Mainz (im Magdeburger Provinzialarchiv) ergiebt sich, daß der Ge- sandte heftiger war als der Herr, und oft seine Hitze und Ungeschick- lichkeit entschuldigt. Granvella hatte die vollkommensten Versicherungen gegeben: „deß solle man gewiß seyn daß die Personen aus denen das Kammergericht bestehe, davon kommen und nicht dabei bleiben sollten. Wohl werde das den Kaiser bei Vie- Politik der Protestanten . len mit neuem Unglimpf beladen, aber man solle ihn für einen verlogenen Mann halten, wenn es nicht geschehe.“ Burkhard an den Churfuͤrsten von Sachsen 19 Maͤrz 1543. (W. A.) Ein besonderer Zufall bewirkte, daß man dem Kaiser und seinem Minister in diesem Augenblicke größeres Vertrauen schenkte als jemals bisher. Aus den Papieren des Herzog Heinrich , die man in Wolfenbüttel gefunden und eifrig durch- suchte, ergab sich unwidersprechlich, daß Granvella und der Kaiser demselben immer friedliche Rathschläge gegeben. Man forschte nicht nach, welche Motive in jedem Augenblick dazu mitgewirkt, man nahm an daß die wahre Gesinnung des Kaisers in diesen Briefen sich darlege, Mäßigung und Fried- fertigkeit den Grundcharacter seiner Politik ausmache. Und auch die allgemeinen Verhältnisse trugen zu dieser Stimmung bei. Die Lage der Dinge in Ungarn , die Be- drängnisse Ferdinands erweckten das Mitleiden der Stände. Am Reichstag hatten sie die Türkenhülfe, die man ihnen an- sann, abgelehnt, aber was sie dort nicht bewilligen wollen, haben sie dann aus freiem Antriebe geleistet. Endlich begieng der Herzog von Cleve , dessen enge Ver- bindung mit Frankreich sich ohnehin mit nichten allgemeinen Beifalls erfreute, so eben eine Handlung die ihm die Gunst auch seiner wärmsten Freunde raubte. Noch einmal war, hauptsächlich aus Rücksicht für den Churfürsten, dem Herzog ein Stillstand bewilligt worden, bis zwei Monate nach der Ankunft des Kaisers, Schreiben der saͤchsischen Raͤthe 21 Apr. 1543. in welcher Zeit noch ein friedlicher Austrag versucht werden sollte, un- 19* Siebentes Buch. Achtes Capitel . ter der einzigen Bedingung der Rückgabe von Sittard . Der Herzog, durch sein bisheriges Glück und wie es scheint aus- drückliche Zusagen der Franzosen verführt, „confirmatus Franci pecunia et literis:“ Pontus Heuterus XI, xx . verweigerte diese Bedingung und wies den Stillstand von sich. Nichts konnte den Wünschen des Kaisers besser entge- gen kommen. Wenn er überlegte, welchen von seinen Feinden er zuerst angreifen solle, so stellte sich ihm vor allen der Herzog von Cleve dar. Keiner war ihm so verhaßt, als der Blutsver- wandte und Reichsvasall, der ihm ein Land vorzuenthalten wagte. Der hielt doch immer das Reich in Aufregung; er verschaffte Franz I die Hülfe deutscher Waffen; er machte einen Angriff von Dänemark zu Lande allererst möglich, und unterbrach das Gedeihen, die Ruhe und auch die Leistungen der Niederlande . Granvella sagte: „und wenn der Kaiser auf der andern Seite die Türken daher ziehen sähe, würde er sich doch zuerst gegen Cleve wenden.“ Gegen diesen Feind nun ließen ihm nunmehr die deutschen Fürsten freie Hand. Der Churfürst von Sachsen versuchte höchstens noch einmal eine Fürbitte. Er bekam die Antwort, wenn er je den Herzog unterstützt, so solle das vergessen seyn: aber nun möge er sich auch nicht weiter in die Sache mischen: dann werde er einen gnädigen Kaiser haben, der sich als ein Bru- der gegen ihn zu halten gedenke. Francisci Burkhardi Relation was er uf habende sonderliche Instruction bei Hern Granvel ausgerichtet habe. (W. A.) Am 12 August fragte der sächsische Vicecanzler Burk- hard bei Granvella an, ob es kein Mittel gebe den Krieg zu Clevischer Krieg . vermeiden. Granvella erwiederte, er habe so eben auf einen neuen Antrag bei dem Herzog abermal eine abschlägliche Ant- wort bekommen: es gebe kein Mittel weiter, der Würfel sey gefallen: die Sache müsse mit den Waffen ausgefochten werden. Und so eröffnete der Kaiser seinen Kriegszug. Er hatte 4000 Spanier, alte krieggeübte Truppen, und eben so viel Italiener mit sich gebracht; bei den deutschen Kriegsleuten hatte sein Name von jeher einen guten Klang: als jetzt die Werbetrommel gerührt ward, sammelten sich die Landsknechte rasch zu seinen Fahnen: junge Edelleute sah man wider den Willen ihrer Väter Dienste nehmen: eine ganze Anzahl der Stände ließ sich bereit finden, Geschütz und Pulver herzugeben: Pfalzgraf Wolfgang trug kein Be- denken, gegen Einen aus der Mitte der Fürsten in Person einige Fähnlein herbeizuführen; mit einem Heere von 35000 M. zog der Kaiser den Rhein hinunter. Vom 17ten bis 20sten August finden wir ihn in Bonn . Einen ganz neuen Eindruck machten die Italiener und Spa- nier, von denen ihre Hauptleute selber sagten daß sie nicht zu zähmen seyen, mit den zerrissenen und zerschossenen Fahnen, Zeugen ihrer alten Dienste, unter welchen sie einherzogen. Mit der Pracht der Herren wetteiferte dieß Mal der Kaiser selbst. Er soll gelächelt haben, wie er sich zu Pferd erblickte, wie dieß ganz in Eisen und goldenem Schmuck. Man sah ihn freudig wie im Fluge die Reihen durcheilen: alles anordnen, bessern: dem Hans von Hilchen gab er mit eigener Hand die Rennfahne: so rückte er nach dem Clevischen vor. Veit Diedrich und Hedio bei Voigt p. 181. 308. Der Herzog zählte auf die Hülfe des Königs von Frank- Siebentes Buch. Achtes Capitel . reich . Allein jetzt erfuhr er, wie so mancher andre Verbün- dete dieser Macht, wie falsch seine Politik gewesen war. Kö- nig Franz dachte wenig an die Versprechungen die er gege- ben; statt ihm zu Hülfe zu kommen, wollte er den Augen- blick benutzen, um wie das Land so auch die Stadt Luxen- burg , auf die er selber Ansprüche machte, zu erobern. Die Folge war, daß der Herzog von Cleve in die nem- liche ungünstige Lage gerieth, in welcher wir so eben Hein- rich von Braunschweig gesehen; seine einzige Sicherheit be- stand in seinen Festungen. Namentlich hatte er Düren mit doppeltem Graben, zwischen beiden einem mächtigen Wall bis zur Höhe der Mauern, befestigt: er hielt es für unbezwinglich. Dem Geschütz aber widerstanden diese Befestigungen so wenig wie einst die Ebernburg oder wie Wolfenbüttel , und bald konnte Carl V zum Sturm schreiten lassen. Die Be- satzung wehrte sich mannhaft genug: an den gefährlichsten Stellen sah man den tapfern Befehlshaber Vlaten selber in dem vordersten Haufen der Vertheidiger, mit seinem breiten Schlachtschwert das er mit beiden Händen schwang, und viermal ward der Feind zurückgetrieben; endlich aber errang die wetteifernde Wuth der Spanier und Italiener den Sieg; Vlaten ward unter den Ruinen eines zusammenstürzenden Hauses begraben; die Wälle wurden erstiegen, die Festung genommen, die Stadt aufs entsetzlichste geplündert und ver- heert. In dem Schrecken den dieß verbreitete, Sepulveda XXII, 21 erzaͤhlt, man habe gesagt, der Kaiser fuͤhre eine neue Menschenrace mit sich, mit langen Krallen und her- vorstehenden Eberzaͤhnen, „cui commento locum fecerat Hispanorum agilitas.“ In deutschen Schriften finde ich jedoch davon nichts. erg aben sich Jülich , Ruremonde , Orkelen . Clevischer Krieg . Der Herzog war in seinem Schloß zu Düsseldorf , als er die Nachricht von dem Falle von Düren empfieng. Es bezeichnet die Unselbständigkeit seiner jugendlichen Regierung recht eigen, daß er hierauf in die untere Stube hinunter- gieng, um den daselbst versammelten Räthen Vorwürfe zu machen, daß sie ihn nicht besser geleitet. Wir sehen: nicht aus ihm selber war der Gedanke der Unternehmungen ge- kommen, an die er sich wagte; er war nicht fähig in dem Sturme auszudauern, den sie über ihn herbeigezogen. Im Geleite einiger Freunde und Nachbarn die bei dem Kaiser in Gnaden standen, begab er sich in das Feldlager desselben vor Venlo , that fußfällig Abbitte, und schloß einen Vertrag, worin er auf Geldern und Zütphen , so wie auf seine Ver- bindungen mit Frankreich und Dänemark Verzicht leistete. Vertrag bei Teschenmacher 7 Sept. 1543. Seine alten Lande behielt er; aber mit der großartigen Stel- lung, die er in den letzten Jahren eingenommen, war es vor- über. Mehr als er fühlte das seine Mutter Maria , durch welche Jülich an Cleve gekommen und das Land groß gewor- den war, eine Frau von starker Gesinnung und hochstrebendem Selbstgefühl, voll von Antheil für die politische und religiöse Opposition, in der ihr Sohn und ihr Schwiegersohn von Sachsen gegen die beiden Oberhäupter der Christenheit begrif- fen waren; das Unglück brach ihr Herz: sie starb, als sie die Bedingungen des Vertrags von Venlo erfahren hatte. Cognitis pactionis hujus legibus, concepto animi dolore, e vita velut indignabunda excedens humanis valedixit. Ubbo Em- mius 832. Auf diese Weise gelangte der Kaiser endlich doch in Besitz eines Landes, nach welchem seine Vorfahren und er Siebentes Buch. Achtes Capitel . selbst so lange gestrebt. In Venlo versammelten sich die vier Freiherrn, die Ritterschaft nach ihren vier Quartieren, die Abgeordneten der Städte; nachdem sie der Herzog von der ihm geleisteten Pflicht befreit, sprachen sie ihn von den Zusagen und Verträgen los, durch die er sich ihnen verbun- den. Dagegen nahm sie der Kaiser, als rechter Erbe und Herr, kraft der Belehnungen die seinen Voreltern von dem römischen Reich geschehen, in seine Unterthänigkeit auf und gelobte die Lande bei ihren Keuren und Gerechtigkeiten, die Stände bei ihren Freiheiten, Rechten, Brief und Siegel zu handhaben. Tractaet van Verzoening, bei Du Mont IV, ii , 264. Zu seinem Verweser ernannte er den Prinzen von Oranien , Statthalter in Holland . Der Kaiser glaubte es als einen Beweis seiner Gnade betrachten zu dürfen, daß er dem Herzog seine übrigen Län- der auch nur wieder zurück gab. Die Protestanten mußten zusehen, daß der mächtige Fürst, der schon auf dem besten Wege war ganz zu ihnen überzutreten, jetzt im Gegentheil verpflichtet wurde, nicht allein keine neuen Veränderungen in der Religion zu versuchen, sondern auch die schon geschehe- nen wieder zurückzunehmen. Und nun, des unbequemsten seiner Feinde entledigt, säumte der Kaiser nicht, gegen den mächtigsten derselben, den König von Frankreich , der ihn in diese Gefahren gebracht, den alten Kampf zu erneuern. Er hatte dabei das Glück, wie in den Tagen seiner Jugend, England auf seine Seite zu ziehen. Alle Motive der Politik zu entwickeln die König Hein- rich VIII seit jener Zeit befolgt hatte, wo der Kaiser im Bund Richtung gegen Frankreich . mit Frankreich und dem Papst ihn anzugreifen einen Augen- blick Miene gemacht, würde hier uns zu weit von unsern Angelegenheiten entfernen: wir versparen uns das bis zu ge- legener Stelle: hier bemerken wir nur, daß der für Deutsch- land so wichtige Augenblick, in welchem jene Combination aufgegeben ward, nothwendig auch für König Heinrich VIII maaßgebend wurde. Er zuerst, denn nun brauchte er keinen deutschen Ver- bündeten mehr, hatte den Herzog von Cleve fallen lassen; die mit dessen Schwester erst eingegangene Ehe hatte er un- mittelbar nachher wieder aufgelöst, wie denn bei ihm auf eine Weise die ohne Beispiel ist, religiöse, politische und ma- trimoniale Angelegenheiten in einander greifen und einander bedingen. Indem er sich hierauf, wenigstens in Bezug auf das Dogma, den Katholiken wieder anschloß, ließ er sich auch geneigt finden, das Andenken seiner spanischen Gemahlin Ca- tharina wiederherzustellen, ihre Tochter Maria als erbberech- tigt anzuerkennen: er näherte sich überhaupt dem Kaiser. Den Franzosen dagegen konnte er nicht verzeihen daß sie seinen Absichten auf Schottland widerstrebten; Geldforderun- gen und Grenzstreitigkeiten gab es immer: genug er entschloß sich, mit dem Kaiser noch einmal gemeinschaftliche Sache zu machen. Dem Wortlaut ihrer Allianz nach sollte es schei- nen, als hätten sie ihre alten, halb Frankreich umfassenden Ansprüche von den Zeiten der englisch-burgundischen Kriege noch einmal mit einander auszuführen beabsichtigt. Noch im Jahr 1543 unterstützten die Engländer den Kaiser von Calais und Guines her, doch kam es in diesem Jahre zu nichts Entscheidendem; vielmehr behaupteten sich Siebentes Buch. Achtes Capitel . die Franzosen in Luxenburg , das sie indeß eingenommen; ver- gebens erschien der Kaiser vor Landrecy . Wollte er im näch- sten Jahre mehr ausrichten, so mußte er sich noch besser vor- bereiten und noch mehr Verbündete suchen. Wie sehr er diese Nothwendigkeit fühlte, zeigt am be- sten, daß er sich zu einer Abkunft mit Dänemark entschloß. Leicht konnte ihm dieß doch in Wahrheit nicht werden. Er gab einen Gedanken auf, den er so viele Jahre daher ge- hegt, im Norden eine Regierungsveränderung zu Gunsten seiner Nichten und des pfälzischen Hauses hervorzubringen. In dem officiellen, zur Bekanntmachung bestimmten Vertrag behielt er zwar deren Rechte vor, allein er fügte demselben eine geheime Erklärung bei, worin er versprach, für Christiern oder dessen Töchter niemals die Waffen zu ergreifen. Cragius 263. pacem illibatam fore, sine respectu Chri- stierni (II) aut filiarum, quorum causa bellum directe sive indi- recte, ut habent verba obligatius, nunquam acceptandum. Hatte doch bisher jede Feindseligkeit nur immer zum Nachtheil sei- ner Niederländer geführt. Daß der Sund denselben geschlos- sen war, kam dem Handel von Lübek zu Gute: die Rück- sicht auf Amsterdam, das hierüber nicht wenig eifersüchtig geworden, und durch seinen Rathspensionarius an dem kai- serlichen Hof Vorstellungen machen ließ, war wohl nicht der geringste Bestimmungsgrund des Kaisers. Aber überdieß war er dadurch auch jeder feindlichen Einwirkung von Nor- den her entledigt. Noch bei weitem mehr jedoch, vielleicht der ganze Er- folg des Unternehmens hieng davon ab, ob es ihm gelin- gen würde die deutschen Reichsstände zur Theilnahme an dem Kriege gegen Frankreich zu überreden. Reichstag zu Speier 1544. An und für sich hatte sich der König von Frankreich noch nicht als Reichsfeind gezeigt. Der Krieg, in dem er mit dem Kaiser begriffen war, beruhte auf den alten Strei- tigkeiten seines Hauses mit dem burgundischen, in dem beide schon so oft die Entscheidung durch die Waffen versucht hatten. Auch griff der Kaiser die Sache nicht von dieser Seite an. In der Proposition mit der er den neuen Reichstag zu Speier (20 Febr. 1544) eröffnete, forderte er zunächst eine beharrliche Hülfe wider die Osmanen; Der Koͤnig legte an diesem Reichstag seine besondere Pro- position vor, uͤber die Nothwendigkeit der beharrlichen Tuͤrkenhuͤlfe: beide in den Frankf. u. Weim. AA. aber indem er nun vorstellte, wie seine Absicht, den Erbfeind persönlich an- zugreifen, bisher alle Zeit durch die Verbindung gehindert worden, in welcher Franz I mit demselben gestanden, kam er auf seinen zweiten Antrag, auf den er den größten Nach- druck legte, daß ihm das Reich gegen diesen König unter- terstützen, demselben den Krieg ankündigen möge. Es war doch einen Augenblick die Frage ob er damit durchdringen würde. Der päpstliche Legat Farnese war im Reich, und machte vielmehr den Vorschlag daß von Seiten der Stände eine Vermittelung zwischen Kaiser und König versucht werden möge: bei einigen eifrig-katholischen Ständen fand er da- mit Eingang. Herzog Ludwig von Baiern wollte den Gesandten dahin in- struirt wissen, daß sie gesonnen seyen sich an die Kirche zu halten, daß ihnen die Zoͤgerung des Kaisers mit Frankreich Friede zu machen sehr zuwider sey. Herzog Wilhelm war nicht ganz dieser Meinung. Stumpf 258. Naves sagt dem saͤchsischen Gesandten, „solche des Papsts List und Practica gienge dem Kaiser sehr zu Gemuͤthe.“ Siebentes Buch. Achtes Capitel . Und sollten wohl die Protestanten geneigt seyn, den Kaiser, der mehr als einmal durch seine Feindseligkeiten ge- gen Frankreich verhindert worden war sie mit Krieg zu über- ziehen, jetzt gegen diese Macht zu unterstützen? Mußten sie nicht fürchten, daß ein Sieg über dieselbe späterhin ihnen zum Verderben gereichen, der Kaiser, so wie er die Hände frei habe, sich wider sie wenden werde? Wir haben schon bemerkt, sie fürchteten den Kaiser nicht mehr. Sie fühlten sich gewissermaßen auch im Verhältniß zum Papst als seine Verbündeten. Der Vicecanzler Naves sagte ihnen, wohl müsse der Kaiser gemach thun, weil er von Pfaffen umgeben und mit diesen auch so mancher welt- liche Fürst verbunden sey; aber in seinen Sinn komme nicht, Jemanden der Religion halber zu beleidigen. Immer mehr, fügte er vertraulich hinzu, werde die Hinterlist des Papstes dem Kaiser bekannt: das sey wohl eine Veranstaltung Got- tes, um sein Wort zu fördern. Mit Freuden ergriff der sächsische Abgeordnete Burkhard diese Aussicht. Die Welt schien ihm der Zerstörung des Papstthums entgegen zu rei- fen. Johann Friedrich ließ dem Kaiser Ergebenheit und alle guten Dienste anbieten, wenn er sich in Sachen der Reli- gion so zeige wie man erwarte. Dieß Mal entschloß er sich, wie der Landgraf, in Person an dem Reichstag zu erschei- nen. Wenn es bisher immer das Verfahren der Protestan- ten gewesen war, vor aller Berathschlagung über geforderte Hülfe auf eine Erledigung der Streitfragen über Frieden und Recht zu dringen, so zeigten sie jetzt gleich im Beginn das gute Vertrauen mit dem sie erfüllt waren auch dadurch, daß sie an jenen Berathungen Theil nahmen, nur unter dem Vor- Reichstag zu Speier 1544. behalt, daß man darüber nicht abschließe ohne auch die übri- gen Artikel erledigt zu haben. Hiebei aber gegen Frankreich anzugehn, dazu bewog sie nicht sowohl Nationalhaß, zu dem sie keinen Grund noch An- laß hatten, als der Widerwille welchen die Verbindung dieser Macht mit den Osmanen, ihr gemeinschaftliches Unternehmen auf Nizza hervorgerufen. Mit ihrem Widerstand gegen den Papst meinten die Protestanten nicht etwa sich von der Ein- heit der Christenheit abzusondern; vielmehr hielten sie an die- sem Gedanken, in dem Gegensatz wider die Osmanen, mit allem Eifer fest. Hatten die Franzosen zuweilen die religiöse Meinung als Abfall bezeichnet, so gaben die Deutschen ihrem politischen Betragen diese Anklage zurück. In allen Brief- wechseln dieser Zeit findet man Ausrufungen gegen den aller- christlichsten König der türkisch geworden: man behauptete wohl, er habe mit Erlaubniß des Papstes bei Marseille eine Moschee gebaut. Joachim II beantwortete die Anträge des päpstlichen Nepoten, die auch an ihn gelangt, damit, daß er den Papst aufforderte, vor allem den König von Frank- reich zu züchtigen, ihm den Titel des Allerchristlichsten zu ent- reißen, und sich mit Kaiser und Reich gegen die Türken zu verbünden. Die Ausdrücke der Verträge die der Kaiser mit England und Dänemark schloß, die Entschuldigungen selbst welche die Franzosen in Italien wie in Deutschland vortru- gen, zeigen wie ganz allgemein diese Stimmung war. Wenn nun der Kaiser den Ständen vorstellte, dem König zu Leibe zu gehn, der mit den Türken im Bunde stehe, sey ohne Zwei- fel eben so gut wie ein Kriegszug gegen diese selbst, so fand er damit allgemeinen Beifall. Jene Vermittelungsanträge Siebentes Buch. Achtes Capitel . wurden verworfen. Die Stände faßten den Beschluß, man müsse den König von Frankreich , sie sagten nicht etwa, zur Einsicht bringen, zur Trennung von den Osmanen nöthigen, sondern man müsse ihn strafen, „damit jeder andre Potentat sich ähnlicher unchristlicher Handlungen enthalte.“ Unter diesen Umständen hatten die Bewilligungen keine Schwierigkeit. Der Kaiser forderte eine Defensivhülfe, mit welcher er 24000 M. z. F. und 4000 M. z. Pf. 8 Monat lang (vom ersten Mai an) im Feld erhalten könne. Die Stände fragten, nach welcher Seite hin er diese Hülfe zunächst zu verwenden gedenke, ob gegen die Türken oder gegen die Franzosen. Der Kaiser sprach den Wunsch aus, daß seinem Bruder 8000 M. z. F., 1000 M. z. Pf. gegen die Türken, und ihm 16000 M. z. F. und 3000 M. z. Pf. gegen die Franzosen bewilligt werden möchten. Diese letztern Mannschaften denke er mit eignem Volk dergestalt zu vermehren, daß er hoffen dürfe etwas Rechtes auszurichten, um später unverhindert von andern Seiten den Osmanen be- gegnen zu können. Bemerken wir wohl, daß er sein Wort verpfändete, nach geendigtem französischen Kriege die Osma- nen anzugreifen. Antwort auf die Duplica 29 Maͤrz. Dahin hatte von An- fang Koͤnig Ferdinand gezielt. Lettre de Ferdinand à l’empereur 18 Oct. 1543. (S. den Anh.) Schon ward auf die Ernennung eines Oberbefehlshabers in dem nächsten Türkenkriege Bedacht ge- nommen. Die Stände bewilligten die ganze Summe der Hülfs- gelder die der Kaiser gefordert, auf 6 Monat. Sie stellten Reichstag zu Speier 1544. die Art der Verwendung derselben dem Kaiser und dem Kö- nig vollkommen anheim: sie machten nur die Eine Erinne- rung, daß man nicht vernachläßigen möge, die Grenzen in guten Vertheidigungsstand zu setzen. Namentlich die Städte fürchteten einen Einfall der Franzosen in die obern Lande. Hierauf kam man an die Frage wie die bewilligte Steuer einzubringen sey: ob durch den gemeinen Pfennig, wie die Städte vorschlugen, oder durch den alten Anschlag, was dieß Mal den Fürsten besser gefiel, vorausgesetzt daß ihnen das Recht verbliebe, wie gegen die Türken, so auch gegen deren Anhänger die Hülfe der Unterthanen in Anspruch nehmen zu können. Der Kaiser, vielleicht in Erinnerung, welche Nach- theile die Einsammlung des gemeinen Pfennigs vor zwei Jah- ren veranlaßt hatte, entschied sich für die alten Anschläge. Das hatte nun aber wieder die Schwierigkeit, daß die- selben so vielfältig bestritten, die Matrikel so unrichtig war. Wir erinnern uns, wie oft darüber Streitigkeiten ausgebro- chen waren, wie viel Abzüge noch Maximilian sich hatte gefallen lassen müssen. Jetzt aber war alles voll Eifers. Es ward beschlossen, zur Deckung des Ausfalls die bewil- ligten Subsidien nicht auf 6, sondern sogleich auf 7¾ Mo- nat auszuschreiben. So weit war man gekommen, und wollte zur Bera- thung über die beharrliche Hülfe fortschreiten: als die Pro- testanten nun auch ihre Sache wieder in Anregung brachten, und den Kaiser ersuchten zunächst die Artikel Friedens und Rechtens zu erledigen. Am beschwerlichsten war ihnen alle die letzten Jahre die Weigerung der übrigen Stände gefallen, die Declara- Siebentes Buch. Achtes Capitel . tionen die der Kaiser zu ihren Gunsten erließ, anzuerkennen. Noch im letzten Herbst, als man abermal eine Revision des Kammergerichts vornahm, war alles daran gescheitert, daß die Protestanten eine Verpflichtung der Beisitzer auf die De- claration von 1541 forderten und die Gegner davon nichts wissen wollten. Zu der Herstellung eines legalen Zustandes gehörte es wesentlich, daß diese Ausflucht abgeschnitten, ihrer Berechtigungen in dem Reichsabschied ganz ausdrücklich ge- dacht würde. „Nach stattlicher Umfrage im Beiseyn fast aller Staͤnde“ (Ausdruck des Frankfurter Gesandten) ward dieser Beschluß 24 April gefaßt. In der Schrift „so die Protestation und Einungsverwand- ten Staͤnde Kaiserl. Mt Friedens und Rechtens halber eingereicht“ 26 April, ersuchen sie ihn vor aller weitern Handlung die Artikel Friedens und Rechtens gemaͤß der Declaration dergestalt zu erledigen daß sie in den Abschied kommen. Wir werden uns nicht wundern, wenn das auch dieß Mal nicht vollständig erreicht ward; aber auf je- den Fall machte doch die Majorität eine ungemeine Conces- sion. Sie erklärte, sie müsse es geschehen lassen, wenn der Kaiser aus seiner Machtvollkommenheit Ordnung gebe, sie wisse ihm hierin kein Maaß zu setzen. Das will nicht sa- gen, sie habe davon keine Notiz genommen: sie kannte die Entwürfe welche über alle einzelnen Puncte hin und her ge- schickt worden. Wenn sie dieselben nicht in aller Form zu den ihren machte, so gab sie doch auch auf, ihnen zu wi- derstreben. So geschah, daß in dem Reichsabschied von 1544 al- les vermieden ward, was an die Widerherstellung der bischöf- lichen Jurisdiction erinnert hätte; den Protestanten ward nach- gelassen, aus den geistlichen Gütern die Dienste in ihren Kir- chen und Schulen zu bestreiten; überhaupt wurden die Ver- träge welche sie über die geistlichen Güter geschlossen hätten Reichstag zu Speier 1544. oder noch schließen möchten, anerkannt. Einige Hauptartikel der Declaration von 1541 kamen wörtlich in den Abschied. Wir können sagen: der Zustand der von der Hierarchie ge- trennten Landeskirchen erhielt im Allgemeinen die Bestäti- gung des Reiches. Auf entsprechende Weise wurden die Irrungen über das Kammergericht entschieden. Mit einer Wiederholung der Sus- pension der die Confessionsverwandten betreffenden Processe und Achten war man jetzt nicht zufrieden. Wie die Prote- stanten immer gefordert, eine ganz neue Einrichtung des Kam- mergerichts ward in Aussicht gestellt: zwar nicht in dem Umfang den sie in Antrag gebracht, namentlich nicht der- gestalt, daß von den alten Beisitzern Keiner wieder gewählt werden sollte, was der Lage der Dinge hinwiederum nicht entsprochen haben würde; allein doch so, daß sie sehr zu- frieden seyn konnten. Am nächsten Reichstag sollten von allen dazu befugten Ständen aufs neue Kammergerichts- beisitzer präsentirt werden, ohne Rücksicht ob sie den Eid zu Gott und den Heiligen, oder zu Gott und dem Evange- lium schwören würden. Und damit eine vollkommen gleiche Grundlage des Rechts bestände, sollten in Zukunft die Satzun- gen des geschriebenen gemeinen Rechts in Hinsicht der Reli- gion so wenig wie die frühern Abschiede Anwendung finden. Pacificantur per hoc, klagt ein altglaͤubiger Glossator, bona et personae Lutheranorum per omnia catholicis, nec ad illas poe- nas contra haereticos adornatas procedi poterit. In der That darin lag alles was sie billigerweise for- dern konnten: Rechtsgleichheit in Hinsicht der Gesetze sowohl wie der Richter. Ranke D. Gesch. IV. 20 Siebentes Buch. Achtes Capitel . Und daran knüpft sich, daß auch die braunschweigische Sache auf eine Weise, mit welcher beide Theile zufrieden seyn konnten, erledigt ward. Herzog Heinrich trug in einer Versammlung des Nürnberger Bundes, wie nicht anders zu erwarten war, auf unverweilte Herstellung an. Er hatte da aber nicht einmal die Mehrheit der Stimmen für sich, ge- schweige den Kaiser, der sein Unglück ihm selber Schuld gab. Aber auch den Protestanten erklärte Carl , es würde seiner Hoheit schlecht anstehn, die Verjagung eines Reichsfürsten aus seinen Lehen zu dulden. Sie willigten ein, das Land ihm selbst, dem Kaiser, zur Sequestration zu überlassen; sie machten nur die Bedingung, daß die Religion daselbst in dem Stande bleibe, wie sie nunmehr sey. Bei dieser gegenseitigen Nachgiebigkeit in Streitfragen von zugleich so umfassendem und so nahem Interesse eröff- nete sich noch einmal die Aussicht auf eine allgemeine fried- liche Entwickelung der Dinge. Was man hier fast unerwar- tet erreicht hatte, schien den Weg zu einem allgemeinen Ver- ständniß zu bahnen. Der Kaiser kündigte die Absicht an, auf dem nächsten Reichstage den Entwurf einer christlichen Reformation den Ständen vorzulegen. Die Protestanten erwiederten, daß sie nicht versprochen haben wollten, einen solchen Entwurf als- dann sogleich zu dem ihren zu machen. Der Kaiser gab nach, daß von allen Ständen ähnliche Entwürfe einer Reform, d. i. einer gemeinschaftlichen Anordnung der religiösen Angelegen- heiten im Reiche, eingebracht würden. Ein Zugeständniß, doppelt wichtig durch die nähern Be- stimmungen, mit denen es in den Reichsabschied kam. Der Reichstag zu Speier 1544. Kaiser verweist darin die Vergleichung des Zwiespaltes auf ein „gemeines freies christliches Concilium.“ Ob er dabei nicht einige für den Augenblick verhaltene Gedanken hegte, ist eine andre Frage, aber so viel wenigstens leuchtet ein, daß dieß die Ausdrücke sind, in denen die Protestanten im- mer ein Concil gefordert hatten. Und noch mehr. Sollte ein solches Concilium nicht demnächst zu Stande kommen, so erklärt sich der Kaiser „zu deutscher Nation Wohlfahrt“ entschlossen, für nächsten Herbst oder Winter einen Reichs- tag vornehmlich in Sachen der Religion zu berufen und ihn selbst zu besuchen. Da sollen die Stände mit den Refor- mationsentwürfen, die sie indeß verfassen lassen, erscheinen: gleichwie auch er thun will; nach ihrer Maaßgabe werde man über eine freundliche Vergleichung der Religion ver- handeln, und zunächst wenigstens bestimmen, wie es in den streitigen Artikeln bis zu wirklicher Vollziehung eines Conci- liums gehalten werden solle. So kam man doch wieder bei jenem Gedanken a er immer die Summe der nationalen Entwürfe in sich enthielt, die Streitigkeiten unter sich selber auszutragen. Mit einer gewissen Nothwendigkeit tritt er ein, so oft sich ein Miß- verständniß zwischen Papst und Kaiser hervorthut. Die Pro- testanten hätten nichts besseres gewünscht, als unter dem Vor- tritt des Kaisers durch allgemeine Vereinbarung das Joch des Papstes abzuschütteln und sich in nationalen Kriegszü- gen zu versuchen. Zwischen den Oberhäuptern der Protestanten und dem kaiserlichen Hause hatte noch niemals ein so gutes Verhält- niß obgewaltet. Die alten Zwistigkeiten zwischen dem kai- 20* Siebentes Buch. Achtes Capitel . serlichen Hause und Sachsen über das Kloster Dobrilug , die Königswahl, die clevisch-jülichschen Heirathspacten wur- den vollkommen beigelegt; daß die letztern, natürlich ohne Beziehung auf Geldern , anerkannt wurden, führte bei der An- näherung zwischen dem Kaiser und dem Herzog von Cleve , welche auf den Krieg gefolgt, zu dem Gedanken, auch Sach- sen wieder mit dem Haus Östreich in eine Familienverbin- dung zu bringen. Es war von einer Vermählung zwischen einem Sohne Johann Friedrichs und einer Tochter König Ferdinands die Rede, jedoch nur unter der Bedingung daß vorher die Vergleichung der Religion zu Stande gebracht worden sey. Bemerken wir den Zusatz: „durch die Reichs- stände, mit Wissen und Willen des Kaisers:“ bei jeder Ge- legenheit wiederholt man die Modalitäten, unter denen man es zu einer Vergleichung will kommen lassen. Johann Fried- rich war voller Genugthuung; man sah ihn sein Erzamt mit aller Zufriedenheit und Hingebung ausüben; prächtig h er Hof. Noch eine glänzendere Stellung aber hatte dieß Mal der Landgraf. In der Berathung über die Türkenhülfe hatte er ein Feuer, eine Beredtsamkeit entwickelt, zu der ihn sonst nur die Angelegenheiten seines Glaubens, seiner Partei ent- flammten. Der Bischof von Augsburg sagte, er scheine vom heiligen Geist inspirirt zu seyn. Seine Glaubensgenossen da- gegen priesen ihn, daß er ungehindert durch die Nähe des Kaisers in der Kirche des Franciscanerklosters die evangelische Predigt erschallen ließ, an der immer mehrere Tausende Theil nahmen. Er hielt den glänzendsten gastfreiesten Hof: wenn er zu Tafel gieng, bliesen die Trompeten, damit Reich und Reichstag zu Speier 1544. Arm kommen und sich an seinem Tische satt essen könne. Er ist bei den Deutschen, sagt der florentinische Gesandte, wie ihr Gott angesehen. Finalmente da questi Alemani è tenuto lor iddio. Und auch ihm schien die Erfüllung seiner liebsten Wünsche zu nahen. An der Spitze eines deut- schen Heeres gegen die Osmanen vorzudringen, ihnen wie er sagte „ Gräcia und Thracia “ zu entreißen, war die Summe seines Ehrgeizes, die er sich selber kaum gestand. Der Kai- ser, höchlich zufrieden, sagte ihm, in dem bevorstehenden Kriege gegen Franz I ernenne er ihn nicht zum Anführer, um ihn nicht mit dem König vollends zu verfeinden: in dem nächsten Türkenkriege aber solle der Landgraf Feldoberster seyn, an seiner des Kaisers Statt. Der Landgraf wandte bescheidentlich ein, daß er einer so großen Unternehmung nicht gewachsen seyn werde. „Du hast“, versetzte der Kaiser, „bis- her für dich und Andere glückliche Kriege geführt: so denke ich wirst du auch mir dienen.“ Insgeheim mit Freuden ver- traute der Landgraf seinen Freunden an, welch einen gnädi- gen Herrn er am Kaiser habe. Lauze Hessische Chronik p. 536. Indessen war man auch über die Offensivhülfe gegen die Türken zum Schluß gekommen: der Kaiser entschied, daß sie durch den gemeinen Pfennig aufgebracht werden solle. Der Abschied giebt an, wie auch die Geistlichen, ferner der Adel in Schwaben , Franken und am Rhein , endlich diejenigen Städte die sonst mit den Reichsanschlägen nicht belegt wor- den, dazu herbeizuziehen seyen. Denn Niemand, weder hohen noch niedern Standes, sollte verschont, Keiner vor dem An- dern beschwert werden. Der Kaiser wiederholte sein Erbie- Siebentes Buch. Achtes Capitel . ten, aus seinen und seines Bruders Erbkönigreichen und Lan- den dazu eine ansehnliche Hülfe zu stellen. Der Krieg den man gegen Frankreich unternahm, ward nur als der erste Theil eines Türkenkriegs betrachtet. Für den Kaiser freilich war er auch an und für sich sehr dringend. Wir wissen welchen Vortheil die Franzosen in den Niederlanden behaupteten. Noch in Speier liefen. Nachrichten von einem bedeutenden Verlust ein, welchen der Marchese Guasto gegen den tapfern französischen Adel, den die Anwesenheit eines jungen muthigen Prinzen, des Herzogs von Enghien , mit doppelter Schlachtbegier erfüllte, Vieilleville Mémoires: Coll univ. XXVIII, 276. bei Ce- risole in Piemont erlitten hatte. Der Kaiser sah, daß er schon deshalb, um Italien zu retten, die Franzosen in ihrer Heimath beschäftigen müsse. Im Jahr 1540 war der Kaiser gekommen, um mit Frankreich und dem Papst im Bunde England und die deut- schen Protestanten anzugreifen: im Jahr 1544 zog er mit Engländern und Protestanten wider Frankreich , das mit dem Papst in dem besten Vernehmen stand. Das Heer das der Kaiser ins Feld führte, war dieß Mal fast durchaus ein deutsches. Es bestand aus 3300 oberdeutschen Reitern, welche die älteste und die jüngste Waffe, den Streithammer und das Pistol zugleich führten, 4 gro- ßen Regimentern oberdeutschen Fußvolks, das größte unter Graf Wilhelm von Fürstenberg , zusammen über 20000 M. stark, und einer stattlichen Schaar niederdeutscher Truppen, 2000 M. z. Pf., 5500 M. z. F. Italiener waren nicht viel Krieg mit Frankreich 1544. zugegen; dagegen fanden sich gegen 4000 alte und 2400 neugeworbene Spanier. Antonii de Musica commentarius rerum gestarum apud S. Digerium bei Mencken . Vergl. Bellay XXI, 188. Schaͤrtlin p. 72. Mit diesem Heere konnte der Kaiser im Juni 1544 den Weg unmittelbar nach Frankreich einschlagen, da es noch im Mai dem Grafen Wilhelm gelungen war, Luxenburg zu erobern. König Franz hatte vernehmen lassen, er werde den Kai- ser wie in der Provence , so in der Champagne weniger durch Waffen als durch Hunger bekämpfen. Um so sorgfältigere Vorkehrungen traf der Kaiser, um dieß Mal nicht einem ähnlichen Schicksal zu unterliegen. Der Churfürst von Trier beförderte die Herbeischaffung der Le- bensmittel auf dem Rhein und besonders die Mosel auf- wärts mit aller Ergebenheit. Ein spanischer Beamter, der die Leitung der ganzen Zufuhr hatte, Francisco Duarte, er- warb sich einen gewissen Namen dabei. Die Vertheilung unter die einzelnen Haufen besorgte der Großmarschall, Se- bastian Schärtlin . In Pont a Mousson und St. Michel wurden große Bäckereien errichtet, welche täglich 50000 Brode lieferten. Und nur mit großer Vorsicht rückte der Kaiser vor- wärts. Er wollte nicht wieder feste Plätze in seinem Rücken lassen, wie einst in Piemont ; ohne viel Mühe nahm er Com- mercy , Ligny ; dann griff er St. Dizier an. St. Dizier, schon an sich fest, war vor kurzem von ei- nem bolognesischen Baumeister, Marino , mit neuen Bollwer- Siebentes Buch. Achtes Capitel . ken versehen worden, und wurde jetzt von einer tapfern Be- satzung unter einem entschlossenen Anführer, Grafen San- xerre , vertheidigt. Da der erste Sturm mißlang, den die Spanier mit einer Art von Tollkühnheit unter den ungünstigsten Umständen un- ternahmen, mußte sich der Kaiser zu einer regelmäßigen Be- lagerung entschließen. Laufgräben wurden gezogen, große Bollwerke errichtet, um die Stadt von einer gewissen Höhe aus beschießen zu können: Tyroler Bergknappen, die sich in einem madruzzischen Fähnlein befanden, unterminirten die Mauern: was denn alles viel Zeit kostete: Graf Salm be- reitete die Anwendung einer neuen Art von glühenden Ku- geln vor; Mameranus : mirabiles quosdam rara arte ac miranda glo- bos parat, qui per bombardas emissi incendium inextinguibile in- ferrent, ut quo plus aquis suffunderentur, hoc magis magisque ignescerent. Wuͤrdtwein Subs. X, 395. endlich im Anfang August war alles zu einem entscheidenden Anfall reif; da erschien ein Parlementär der Besatzung. Ob es wahr ist, daß der Anführer derselben durch einen falschen Brief seines Königs, den ihm der jün- gere Granvella in die Hände spielte, dazu bewogen worden ist? Wenigstens damals ward es von sonst wohlunterrich- teten Personen behauptet. Außer Gewalt und besonders Ge- duld hätte man noch List anwenden müssen um die kleine Festung zu erobern. Am 17ten August zog die Besatzung mit allen Ehren aus. Schon einen Monat früher war König Heinrich auf französischem Boden angelangt. Ein ihm von seinen Räthen vorgelegter Plan zeigt, daß er wirklich ursprünglich die Ab- sicht hatte, auf dem alten Wege englischer Invasionen in Krieg mit Frankreich 1544. Vermandois über die Somme zu gehn, und so auf Paris vorzudringen. Statepapers I, 761. Es fehlte aber viel, daß er dieß ausgeführt hätte. Nach seiner Landung schien es ihm besser, vor allen Dingen Boulogne zu erobern, das nur mittelmäßig versehen war und dessen Besitz die größten Vortheile darbot. Ver- gebens suchte ihn der Kaiser davon zurückzubringen; mit des- sen eigenem Beispiele entschuldigte er sich. Dergestalt auf sich selber angewiesen, faßte der Kaiser den kühnen Gedanken, die verabredete Unternehmung allein durchzuführen. Was ihn dazu vermochte, war nicht gerade ein Gefühl von Überlegenheit: aus seinem eignen Munde wissen wir viel- mehr, daß man im Lager eher an Rückzug dachte; aber auch dieser hatte schon Schwierigkeiten, und bei dem ersten Unfall würde ein Friede zwischen Frankreich und England zu seinem Nachtheil geschlossen worden seyn. Ein authentisches Document fuͤr einige der wichtigsten Mo- tive der Kriegfuͤhrung und des Friedens enthaͤlt der Aufsatz: Ce que l’on doit considerer sur la declaration de l’alternative etc. in den Pap. d’et. III, 67. Damit stimmt sehr gut ein in Gosselini’s Vita di Francesco Gonzaga enthaltener Discorso uͤber den Frieden: der Kaiser habe den Zug unternommen, weil er auch nicht ruͤckwaͤrts gehen konnte, „con l’ardire celando l’impotenza.“ p. 30. Um nur nicht der verlierende Theil zu bleiben, mußte er vordringen und sich in den entschlossensten Angriff stürzen. Graf Fürstenberg , der so oft in französischen Diensten gestanden und das Land gut kannte, vermaß sich ihn gradezu nach Paris zu führen. Schon war Vitry in seine Hände gefallen; jetzt wandte er sich gegen Chalons , das damals befestigt war: die Franzo- sen meinten nicht anders, als er werde zur Belagerung die- ses Orts schreiten, und hatten ein Heer, das dem kaiser- Siebentes Buch. Achtes Capitel . lichen an Zahl wenigstens gleich war, in dasiger Gegend auf dem linken Ufer der Marne versammelt. Das waren aber nicht die Gedanken des Kaisers. Indem dort zum Scheine die Zelte aufgerichtet wurden, nahm das ganze Heer seinen Weg die Marne abwärts, die Straße nach Paris . Es war eine heitere Nacht, heller Mondschein, der Weg trocken und eben. Den Vortrab, der hauptsächlich aus Reiterei be- stand, befehligte Francesco d’Este , dann folgten die Fußvöl- ker unter dem Grafen von Fürstenberg . In den Dörfern, durch die man kam, fand man die Bauern ruhig schlafen. Wäre nicht in einem dieser Dörfer gegen Morgen Feuer ausgekommen, so würde man vielleicht — die Schiffbrücken waren zur Hand — das feindliche Heer jenseit der Marne haben überraschen können. Aber auch so gewann man ihm den Vorsprung ab. Am 4ten September fiel Epernay in die Hände des Kaisers; am 6ten finden wir das Heer in der Nähe von Chatillon ; am 8ten besetzte es Chateau Thierry , wo man sich zugleich sehr erwünschter Vorräthe bemächtigte. Die Zeitgenossen können nicht genug sagen, welcher Schrecken, welche Flucht bei dieser unerwarteten Gefahr in dem ganzen Land umher, hauptsächlich aber in Paris aus- brach. Paradin meint, seit die Stadt erbaut worden, habe sie nichts ähnliches erlebt. König Franz eilte in Person da- hin. Sein Wort, von der Furcht könne er sie nicht befreien, aber wohl vor Unglück beschützen, bezeichnet sehr wohl die Stimmung die er fand, und die gute Haltung die er doch selbst behauptete. Er traf einige Anordnungen in der Stadt, und machte Anstalt im Nothfall den Montmartre zu ver- theidigen. Krieg mit Frankreich 1544. Denn dazu, was viele Andere und auch der Dauphin wünschten, daß man dem Kaiser eine Schlacht angeboten hätte, war er auch unter diesen Umständen nicht zu bewegen. Seit dem Tage von Pavia vermied er fast systematisch alle Feld- schlachten. Er sagte wohl, der Verlust einer Schlacht werde dem Kaiser nichts als ein Heer kosten, ihm aber vielleicht eine Provinz oder das Reich. Es schien ihm genug, wenn die näch- sten Orte, Lagny , Meaux und Ferte gehörig besetzt würden. Und in der That: wenn Carl V sich rühmen konnte, daß seit den Zeiten der Ottonen kein deutsches Heer so tief in Frankreich vorgedrungen war, so war doch auch die Verle- genheit nicht gering in die er sich damit gestürzt. Bei wei- term Vorrücken hätte er ohne Zweifel in den ebengenannten Plätzen besseren Widerstand gefunden als bisher. Selbst wenn er diese genommen, wenn er Paris erobert hätte, wäre nicht bei der Plünderung der Stadt die Auflösung des eigenen Hee- res zu fürchten gewesen? Schon war es hie und da zwischen Spaniern und Deutschen zu ernsten Händeln gekommen; der Oberst der Landsknechte, Graf Fürstenberg , der sie in Ord- nung zu halten wußte, war allzu rasch vorangehend, in Ge- fangenschaft gerathen. Was einst in Rom geschehen war, hätte sich in Paris wiederholen können; aber mit weit grö- ßerer Gefahr. Das frische und unbesiegte Heer das in der Nähe stand, würde nicht unverrichteter Dinge vor den Mauern zurückgewichen seyn, wie dort der Herzog von Urbino . Ohnehin dürfte man dem Kaiser nicht, nach dem Wort- laut seiner Verträge mit England , die ernstliche Absicht zuschrei- ben, Frankreich mit dieser Macht zu theilen, in dem alten Sinn der Kriege Burgunds und Englands gegen Valois : Siebentes Buch. Achtes Capitel . seine Meinung war nur, wie im Jahr 1536, den König mit Vortheil zum Frieden zu nöthigen; dazu bot sich ihm nunmehr die Aussicht dar. Schon vor St. Dizier war die Unterhandlung eröffnet worden; jetzt, als der Kaiser sein Hauptquartier zu Soissons aufgeschlagen, kam der Friede zu Stande: zu Crespy 14 Sept. Man erstaunt, wenn man unter den Bedingungen eines Friedens der so nah bei Paris abgeschlossen worden, das Versprechen des Kaisers findet, den zweiten Sohn seines Feindes, den jungen Herzog von Orleans , entweder mit sei- ner eigenen oder mit der Tochter seines Bruders zu vermäh- len, und der ersten die Niederlande , der zweiten Mailand zur Aussteuer zu geben. Allein man muß sich erinnern, daß der Kaiser ähnliche Vorschläge von jeher gemacht, der König von Frankreich aber, der immer alle alten Rechte seines Hau- ses an Mailand vorbehalten, darauf einzugehn verweigert hatte. Der Kaiser hatte die Genugthuung, daß dieser Streit jetzt nach seiner Ansicht, nach seinen Vorschlägen entschieden wurde. Mailand sollte uͤberliefert werden „come feudo nuovo, e non come ereditario della casa d’Orliens“ (von der Valentina her). Er sollte doch die Festungen von Cremona und Mailand , so lange es ihm gefalle, in eigner Hand behalten dürfen, in allen andern Schlössern im Lande sollten nur Be- fehlshaber die ihm angenehm seyen, zugelassen werden und ihm wie dem Reiche den Eid der Treue leisten; würde der Herzog ohne lehnfähige Erben mit Tode abgehn, so sollte das Land an den alsdann regierenden Kaiser zurückfallen. Ein weiterer Vortheil war, daß nicht allein die gegensei- tigen Eroberungen herausgegeben werden sollten, inbegriffen Piemont , sondern der König aufs neue auf die Oberherrlich- Friede zu Crespy . keit über burgundische Erbländer, die er wieder in Anspruch nahm, zugleich für seine Erben Verzicht leistete. Die Stände und der Dauphin sollten diese Verzichtleistungen ratificiren. Sie trugen jedoch Bedenken dieß zu thun. Es existirt eine geheime Protestation des Dauphin, besonders wider „la renoncia- tion de la souveraineté de Flandre , le droit des roiaumes de Na- ples , duché de Milan , conté d’ Ast , restitution de terres etc.“ Du Mont IV, ii , 288. Der König von England hatte gewünscht, zum Schieds- richter über die Streitigkeiten zwischen Frankreich und dem Kaiser aufgestellt zu werden: in dem Frieden unterwarf sich Frankreich dem Ausspruch des Kaisers über seine Streitig- keiten mit England . Dahin also förderten die Unterstützungen des Reiches den Kaiser sehr bald, daß er unzweifelhafte Vortheile über seinen alten Gegner davontrug; in welchem Sinne er nun aber dieselben zu benutzen gedenke, war doch auf der Stelle nicht ganz deutlich. Im Tractat verpflichtete sich der König, den Kaiser nicht allein wider die Türken, sondern auch zur Wiedervereinigung des Glaubens zu unterstützen. Eben was das letzte zu bedeuten habe, so unverfänglich die Worte an sich auch lauten, war dunkel; nach allen Sei- ten hin gab sich darüber Besorgniß und Aufregung kund. Und wirklich finden sich Spuren, daß dem Tractat noch ein geheimer Artikel oder ein zweiter Vertrag beigefügt ward, der nie zum Vorschein gekommen ist, von dem wir aber wis- sen, daß er diesen Punct näher erläuterte. Die Englaͤnder warfen 1546 dem Kaiser vor, daß er da- mals zwei Tractate mit Frankreich gemacht und ihnen nur einen mit- getheilt: having made two treaties, he made us prevye but of oon. Die Antwort des kaiserlichen Gesandten, daß des Kaisers Ver- Siebentes Buch. Achtes Capitel . Ohne Zweifel sind darin, wie in allen frühern Freund- schaftstractaten zwischen dem Kaiser und König, Bestimmun- gen vorgekommen, welche gegen die Protestanten angewendet werden konnten; doch gieng so viel wir sehen die nächste große Tendenz in diesem Augenblick nicht wider sie. Eher war diese gegen den Papst gerichtet. Die Unterhandlungen über eine engere Familienverbin- dung zwischen Franz I und dem Papst wurden abgebro- chen und es erfolgte eine unleugbare Entfremdung zwi- schen Beiden. Man bemerkte daß der anwesende päpstliche Nuntius, der bei den Friedensunterhandlungen zugezogen zu werden wünschte, doch kein Wort davon erfuhr. Ein paar Cardinäle erschienen in Lyon , aber aus Furcht sie möchten alles rückgängig machen, vermied man sie herbei- kommen zu lassen. Marino Cavalli Relatione di Francia 1546 in der Raccolta delle relazioni I, p. 263 und 275. Der gleichzeitige päpstliche Geschichtschreiber versichert, die Nachricht von den Plänen die gegen den römischen Hof in traͤge mit Frankreich wohl dem Kaiser selbst nicht bekannt, sieht ganz aus wie eine Ausflucht. The council etc. Statepapers I, 859. Auch finden sich Angaben uͤber zwei Puncte von denen darin die Rede ge- wesen ist. Als die franzoͤsischen Gesandten sich beim Anfang des Con- cils zuruͤckzuziehen drohten, legte ihnen dieß Granvella zur Last „e mise fuori quel capitolo della pace, dove il re aveva obligato l’im- peratore a concorrere a un tal concilio,“ Pallavicini I, 556, so daß diese Sache von Frankreich zur Sprache gebracht worden zu seyn scheint. Der Kaiser selbst dagegen berichtet dem Papst, durch den Tractat werde es in seine Hand gestellt, die Huͤlfe des Koͤnigs gegen die Tuͤrken oder in Sachen des Glaubens anzuwenden: „que el rey de Francia avia de ayudar para contra el Turco o para lo de la religion (die Worte sind wohl absichtlich unbestimmt) a voluntad del Cesar.“ Instruction fuͤr Andalot bei Sandoval II, p. 525. Friede zu Crespy . Crespy gefaßt worden, habe den Papst vermocht das Conci- lium unverzüglich zu berufen. Wie man dieß in Rom verstand, zeigt unter andern der Aus- druck des Panvinius : Paul III habe erfahren „quae in pace Cre- pinii contra Romanam curiam reges agitaverant.“ Es leuchtet ein, daß er die Initiative in dieser Sache nicht etwa gar in die Hände der Höfe wollte gerathen lassen. Bald darauf werden wir unter- richtet, daß die beiden Fürsten vor allem die Frage über die Macht des Papstes dort in Gang zu bringen gedachten. „por ninguna maniera se muestra hasta que esté bien edificada la cosa del concilio de hablar del poderio del papa.“ In so fern hatte der Krieg, zu dem die Protestanten so viel beigetragen, obwohl die weitern Folgen auch noch ganz anders ausfallen konnten, doch fürs Erste ein ihren Bestre- bungen im Allgemeinen entsprechendes Resultat. Und auch den Absichten gegen die Osmanen, die dieß Mal nicht von dem Papst, sondern bei weitem mehr von den Protestanten gepflegt wurden, gesellte der König sich zu. Er versprach, dem von Kaiser und Reich beschlossenen Kriegs- zug gegen dieselben mit 10000 M. z. F. und 600 Hommes d’armes zu Hülfe zu kommen. Im November 1544 verkündigte König Ferdinand den ungarischen Ständen, alle Feindseligkeiten im Innern der Christenheit seyen nunmehr abgethan, selbst der König von Frankreich sey zu Hülfleistungen gegen den Erbfeind entschlos- sen; schon beschäftige man sich mit Vorbereitungen zu dem großen Unternehmen. Auch in Ungarn möge man sich rü- sten, damit nicht die Schuld der Verzögerung bei der An- kunft des Kaisers auf dieß Land selber falle. Den Ständen des Reiches zeigte der Kaiser an, nicht Siebentes Buch. Achtes Capitel . eignen Nutzens halber, sondern zum allgemeinen Besten habe er Friede gemacht: unverzüglich möge nun der gemeine Pfen- nig zum Türkenkrieg zusammengebracht werden. Aussichten, welche den alten nationalen Wünschen ent- sprachen und namentlich die Ausführung der Beschlüsse des letzten Reichstags in jeder Beziehung erwarten ließen. Neuntes Capitel . Fortschritte des Protestantismus im südlichen und westlichen Deutschland . Unter diesen Umständen, bei der guten Verbindung der Häupter des schmalkaldischen Bundes mit dem Kaiser, dem innern Zerfall der alten Majorität, hatte das Prinzip der kirchlichen Reform, das stärkste Element des geistigen Lebens, von Jahr zu Jahr immer weiter um sich gegriffen. Es würde hier nicht am Orte seyn, die Durchführung der religiösen Umwandlung an jeder Stelle wo sie begonnen war, im Einzelnen zu begleiten: die Thätigkeit des Dr Bu- genhagen in dem wolfenbüttelschen Fürstenthum, der auch dort eine Kirchenordnung einführte; den unermüdeten Eifer den die Herzogin von Calenberg bewies: — ein recht schö- nes Denkmal evangelisch-fürstlicher Gesinnung ist die Unter- weisung die sie am Neujahrstag 1545 ihrem Sohne Erich übergab; — die Nachfolge welche diese Beispiele in benach- barten Herrschaften und Städten fanden, z. B. in Hildes- heim 1542, in Bentheim 1544; unsre Aufmerksamkeit ist vielmehr auf diejenigen Puncte gerichtet wo die kirchliche Neuerung noch energischen Widerstand fand, oder mit der Macht ihrer alten Widersacher zusammenstieß. Ranke D. Gesch. IV. 21 Siebentes Buch. Neuntes Capitel . Wenden wir dann unsern Blick zuerst nach dem südli- chen Deutschland , den östreichisch-baierischen Gegenden, so erregt vor allem der Übertritt der Stadt Regensburg unser Interesse. Längst waren auch hier evangelische Schullehrer ange- stellt, evangelische Predigten, namentlich an den Reichstagen, gehört worden; schon nahmen viele Bürger das Abendmahl unter beiderlei Gestalt: endlich begann „der beredte Pfaff“, Erasmus Zollner , nachdem ihn der Rath für die Kirche zur schönen Maria zum Prediger angenommen, die evangelischen Lehren mit aller Ordnung und Nachhaltigkeit, unter unge- heurem Beifall, zu verkündigen. Das hätte bei der Nähe, den alten Ansprüchen und dem Religionseifer der Herzoge von Baiern nun wohl sehr gefährliche Folgen haben können; aber es gieng wie einst mit Augsburg : Östreich gewährte der Stadt einen Rückhalt, auf den sie sich verlassen konnte. Zwar mahnte König Ferdinand die Stadt von jeder Neuerung ab; als sie ihm aber hierauf eine ausführliche Erklärung über die Nothwendigkeit nicht allein der Predigt, sondern auch der andern Neuerungen an dem Reichstag zu- gehn ließ, vermied er es eine Antwort darauf zu geben; als er bald darnach auf der Rückreise in Regensburg über- nachtete, gab er wenigstens kein Zeichen seines Mißfallens. Dieß Schweigen nun sah der Rath als eine Art von Billi- gung an, so daß er jetzt erst recht entschlossen vorschritt. Am 27sten August 1542 war Ferdinand in Regensburg ge- wesen: am 3ten September räumte man dem Prediger die Kirche des Franciscanerklosters ein; auf eine erneuerte Bitte der Gemeine um Zulassung der Communion unter beiderlei Reformation in Regensburg . Gestalt erklärte der Rath, daß er damit bereits beschäftigt sey; Gemeiner Geschichte der Kirchenreformation in Regensburg 125 — 131. endlich, am 13ten October ward vom äußern und in- nern Rath sammt dem Ausschuß der Bürgerschaft, in Ge- genwart des Reichshauptmanns und mit dessen Einwilligung der Beschluß gefaßt, den folgenden Tag die öffentliche Com- munion unter beiderlei Gestalt eintreten zu lassen. Sie ward mit aller möglichen Feierlichkeit vollzogen; die Stadt erhielt eine vollkommen evangelische Organisation; die Pfarre und Superintendentur übernahm ein Zögling der Wittenberger Schule, Doctor Nopp . Zwar ließen es die Herzoge von Baiern hierauf bei dem bloßen Widerspruch nicht bewenden: durch ein förmliches Land- gebot untersagten sie ihren Unterthanen den Verkehr mit Re- gensburg , erschwerten auch wohl sonst die Zufuhr zu Was- ser und zu Lande; allein einigen Abbruch ließ man sich in Regensburg schon gefallen, Der Reichstagsgesandte Dr Hiltner soll gesagt haben, es komme nicht so viel darauf an, ob fuͤr ein paar Pfennig weniger Buttermilch an der Heubart (dem Victualienmarkt) feil sey. und zu ernstlichen Maaßregeln durften die Herzoge schon aus Rücksicht auf Östreich , das es nicht geduldet haben würde, nicht schreiten. Eben so wenig gelang es denselben, den Übertritt ihrer Vettern und Nachbarn von der Pfalz zu verhindern. Schon früher war in der Oberpfalz durch förmlichen Landtagsabschied zu Amberg erlaubt worden, evangelische Pre- diger anzunehmen, und allenthalben war es geschehen. Jetzt schritt man auch in der jungen Pfalz dazu. Wie Dr Forster von Nürnberg den neuen Ritus zu 21* Siebentes Buch. Neuntes Capitel . Regensburg eingerichtet, so berief Herzog Ottheinrich den An- dreas Osiander von Nürnberg zu sich, und erließ, nachdem der- selbe einige Wochen lang gepredigt, mit seiner Hülfe ein Aus- schreiben, worin er alle Prediger in seinem Lande aufforderte, von aller Lehre abzustehn, die in göttlicher Schrift kein Zeug- niß habe. Natürlich zog er sich hiedurch die Feindseligkeit der Herzoge von Baiern zu, und höchst empfindlich ward sie ihm. Er hatte nemlich sein wenig einträgliches Land mit einer gro- ßen Schuldenlast übernommen: was er schwerlich so ohne Weiteres gethan haben würde, hätte ihm nicht Herzog Wil- helm von Baiern ein sehr bedeutendes Anlehen zugesichert. Ottheinrich meinte wohl nicht, daß durch die religiöse Ver- änderung pecuniäre Verabredungen rückgängig werden könn- ten. Unumwunden aber ließ ihn Herzog Wilhelm wissen, er wolle nun ferner nichts mit ihm zu schaffen haben, „er wolle keine Gemeinschaft mit uns haben und in allen unsern obliegen und sachen weder rathen noch helfen.“ Sein Schrei- ben an Johann Friedrich 12 Aug. 1542. und weigerte sich seine Zahlung auf die bestimmten Termine zu leisten. Der junge Fürst gerieth hiedurch in die größte Verlegenheit; er klagt, er müsse nun in der Eile zu nach- theiligen Veräußerungen schreiten, und auch darin werde er noch gehindert. Doch konnte das kein Motiv für ihn seyn, das begonnene Werk zu unterlassen. Er schloß sich nur um so enger an den schmalkaldischen Bund an. So legten sich trotz alles Widerstandes die Elemente der Neuerung um die alte Burg katholischer Dienste an, wo man noch immer die unnachsichtigste Ordnung handhabte, wiewohl nicht mit vollkommenem Erfolg. Mir fällt doch auf, daß sich in dem Album der Universität Wittenberg im- Reformation in der Pfalz , in Oͤstreich . mer eine Anzahl Studirender aus Baiern findet, in den Jah- ren 1540—1545 jedes Mal 5, 6, 8, 10 Neuinscribirte; und außerdem noch immer einige aus München , oder Ingol- stadt , oder Freising . Namentlich in Ingolstadt hatte man im Sommer 1543 viel mit Lutherisch-gesinnten zu kämpfen. Quo ( Ingolstadium ) exitialis Lutheri lues afflarat. Or- landinus , hist. soc. Jesu lib. IV, 26. Bei weitem mächtiger aber waren diese Elemente in Östreich . Am 13ten Dezember 1541 übergab eine Deputa- tion der niederöstreichischen Stände dem König Ferdinand eine Bittschrift, worin das Unglück der türkischen Kriege geradezu von dem Widerstand hergeleitet wird den man dem göttlichen Worte leiste, von dem Götzendienste den man noch treibe: denn nicht anders bezeichnen sie die Heiligenverehrung. Sie flehen den König an, wenigstens Niemand zu verjagen der den Ar- tikel von der Rechtfertigung predige wie er in Regensburg verglichen worden. Bucholtz VIII, 155. Scepperus , der in diesen Jahren in Östreich reiste, versichert, er habe allenthalben das Volk mit unkatholischen Meinungen angesteckt gefunden; aber die Edel- leute noch mehr als das Volk: die meisten von ihnen seyen von Herzen lutherisch; fast alle Schulmeister und Pfarrer die er kennen gelernt, seyen aus der Melanchthonischen Schule hervorgegangen. Bref recueil etc., ein Bericht an den Kaiser. (Br. A.) Indessen machte sich auch an den westlichen Grenzen des Reiches der Fortschritt der reformatorischen Bewegung bemerkbar. Siebentes Buch. Neuntes Capitel . In Metz , das noch seinen Ehrgeiz darin sah zu den deut- schen Reichsstädten zu gehören, hatte dieselbe so früh wie in irgend einer andern von diesen begonnen. Auch dort fand sie ihre vornehmste Unterstützung an dem Widerstreit der Magi- strate gegen die geistliche Macht. Es bildete sich eine prote- stantische Partei, der das Glück so wohl wollte, daß eins ihrer Oberhäupter, Gaspard von Heu , zur Würde eines Maitre Echevin, überhaupt der vornehmsten in der Stadt, gelangte. Einen andern Rückhalt gewährte ihr Graf Wilhelm von Für- stenberg , dem damals das benachbarte Gorze eingeräumt war. Hierauf wagte sie es Farel von Genf zu berufen, der nun eine Zeitlang in Metz predigte und allmählig ein paar tau- send Gläubige um sich sammelte. Calmet Histoire de Lorraine II, 1241. Zugleich suchte sie die Aufnahme in den schmalkaldischen Bund nach. Schreiben von Johann Nidprucker Dr und Joh. Karquiem aus Metz , o. D. (Weim. Arch.) „der Scheffenmeister, als das ei- nig Haupt der Stadt Metz , zusampt etlichen vom Rath und der Ge- meine, deren denn nit der geringste Theil“, bitten „in das christliche Religionsbuͤndniß gnaͤdigst aufgenommen zu werden.“ Landgraf Philipp war nicht abgeneigt, es auf den Grund, daß das Oberhaupt der Stadt evangelisch gesinnt sey, zu wagen. In einem Schreiben Philipps Dienstag nach Galli 1542 find die Namen nur nicht wenig verstuͤmmelt: z. B. Hoye statt Heu, Gornau statt Gournay. Die übrigen Mitglieder fanden jedoch daß das noch nicht angehe. Den Familien Heu, Barisei, Coucy, welche sich evan- gelisch erklärt, standen mit noch überlegenem Ansehen andre, wie die Molin, Roussel, Raigecourt, Gournay, Talange, An- gerville entgegen; noch andre, z. B. die Serriere, hielten Reformatorische Bewegungen in Metz . sich unentschieden. Auf jeden Fall herrschte die katholi- sche Meinung im Rath der Dreizehn vor, und verhin- derte alle Unternehmungen des Maitre Echevin. Die pro- testantischen Fürsten erinnerten sich, daß die kaiserliche De- claration, auf die ihre Stellung im Reich sich stütze, ihnen ausdrücklich verbiete fremde Unterthanen an sich zu ziehen. Vor aller Verbindung forderten sie, daß die Evangelischen die Mehrheit im Rath und Regiment der Stadt besitzen müß- ten. Dagegen waren sie sehr bereit die dort gebildete Ge- meinde durch Fürsprache zu unterstützen: im März 1543 er- schien hiezu eine evangelische Gesandtschaft in Metz . Und in der That bewirkte diese, daß den Evangelischen eine Capelle in der Stadt zu freier Predigt eingeräumt wurde. Es ward ein Prediger aufgestellt, mit dem die Evangelischen zwar nicht vollkommen zufrieden waren, den sie sich aber ge- fallen ließen, und der nun, wie in einem Berichte von Straß- burg gerühmt wird, „auf das züchtigste“ predigte. Anderweite Supplik des Joh. Karquiem , ebenfalls o. D., im weim. Arch. Die Verwältung der Sacramente war in dieser Erlaubniß, so viel ich sehe, noch nicht eingeschlossen, aber diesem Mangel half die Nähe von Gorze ab, wohin sich Farel zurückgezogen. Man kam überein, daß die Stadt an den Reichstag nach Nürnberg schicken und hier wohl nicht eigentliche Aufnahme in den schmalkaldischen Bund aber doch förmlicheren Schutz der evangelischen Fürsten nachsuchen solle. So verstand es wenigstens der Churfuͤrst von Sachsen . S. s. Schreiben an Melanchthon 10 April 1543, Corp. Ref. V, p. 90. Auch Calmet weiß daß nach Nuͤrnberg geschickt werden sollte. Genug, es schien al- les den für die Reform erwünschtesten Gang zu nehmen. Siebentes Buch. Neuntes Capitel . Die erste Probe aber bewies, daß die Gegenpartei doch noch mehr Kräfte besaß. Bei der neuen Wahl des Maitre Echevin drang ein eifriger Katholik durch; hierauf wurden katholische Controversprediger herbeigerufen; man nahm die Hülfe des kaiserlichen Hofes in Anspruch. Und hier erschienen nun noch ganz andre Kräfte auf dem Kampfplatz als sonst im Reiche. Das Haus Lothringen , oder vielmehr der Guisische Zweig desselben, der an den Kämpfen zwischen Protestantismus und Katholicismus überhaupt einen welthistorischen Antheil ge- nommen, ergriff zuerst in dieser Angelegenheit die Haltung die es darnach behauptet hat. Der Cardinal von Lothringen , der sich noch immer als den Inhaber der geistlichen Macht in Metz betrachtete, ob- wohl er die bischöfliche Würde seinem Neffen Nicoles über- lassen hatte, forderte seinen Bruder Claude Herzog von Guise auf, zunächst die Versammlung in Gorze zu zerstören. Es waren eben ungefähr 200 Personen aus Metz gekommen um bei Farel das Abendmahl zu genießen, als die Reiter des Herzogs in Gorze eindrangen, die Versammelten aus- einandersprengten, einige tödteten, andre greulich mißhandel- ten, und den Ort besetzten. Nur verkleidet konnte Farel selbst entkommen. Bericht des Grafen Diedrich von Manderscheid und Peter Sturm uͤber die ungeschickt Handlung zu Goyrs ( Gorze ): die sie der Practik des Rathes von Metz selbst zuschreiben. Auf diese Weise trat die katholische Partei in Metz mit der geistlich-weltlichen Macht der Guisen in die engste Ver- bindung. Reformatorische Bewegungen in Metz . Wohl sah man wohin dieß führen könne. Die Evan- gelischen von Metz erklärten, nicht aus Furcht seyen sie dabei ruhig geblieben, sondern hauptsächlich darum um nicht etwa Unordnungen zu veranlassen, bei denen die Stadt selbst in fremde Hände geriethe. Die Gesandten der Stände bemerk- ten, daß die papistisch-gesinnte Partei sich zu Frankreich neige „und schon allerhand Practiken treibe um die Stadt in fran- zösische Hände zu bringen.“ So viel leuchtet ein, daß die Protestanten in Metz , wenn sie durchgedrungen wären, da sie nur in den evangelischen Fürsten ihren Rückhalt sehen konn- ten, sich der Vereinigung mit Frankreich aus allen Kräften hätten widersetzen müssen. Der Kaiser schien jedoch dieß Interesse nicht zu bemer- ken. Durch einen seiner Räthe wurde vielmehr die evange- lische Predigt in Metz verboten und alles in den alten Stand hergestellt. Schon hatte sich Calvin aufgemacht, um die ka- tholischen Controversisten, die er in Genf besiegt, auch in Metz zu bekämpfen, als er von der widerwärtigen Entschei- dung der dortigen Angelegenheiten hörte und deshalb für gerathen hielt zurückzukehren. Die Evangelischen nahmen jetzt die Unterstützung der Fürsten nur darum in Anspruch, um nicht völlig unterdrückt zu werden. Alle diese Bewegungen aber, wie merkwürdig sie auch sind, traten gegen ein Ereigniß in Schatten, das sich am Niederrhein vollzog. Einer der vornehmsten geistlichen Fürsten des Reiches, Siebentes Buch. Neuntes Capitel . Hermann von Wied, Erzbischof und Churfürst von Cölln, Administrator von Paderborn , machte einen Versuch, die evan- gelischen Lehren in seinem Erzstift einzuführen. Wenn andre geistliche Fürsten früher oder später ähn- liche Absichten gehegt haben, so ist das meistentheils darum geschehen weil sie ihre Stifter zu säcularisiren, sich vielleicht zu verheirathen, als weltliche Herren zu leben dachten. Bei Erzbischof Hermann war dieß nicht der Fall. Nebenabsich- ten haben ihm selbst seine Feinde nicht zugeschrieben. Man hat damals über ihn gelächelt, daß er wenig Gelehrsamkeit besitze, in seinem Leben kaum zwei Messen gelesen, an sei- nem Halse ein Amulet trage, an der Seite eine Wehr, welche unter dem erzbischöflichen Mantel hervorgehe, und daß er bei alle dem die Kirche reformiren wolle. Er selbst hat seine Mängel nie verhehlt. Von jeher, sagt er, habe er nicht anders gehört noch geglaubt, als daß ein Chur- fürst zu Cölln ein weltlicher Herr sey, der sich mit aller weltlichen Pracht umgeben müsse: erst spät habe er gelernt, daß er als Erzbischof vor allem für seine Kirche zu sorgen habe. Bericht uͤber seine letzten Augenblicke. (A. z. Br.) Schon seit längerer Zeit hatte er Versuche gemacht, dieß auf dem herkömmlichen Wege zu leisten. Wir gedach- ten der Reformation die er im Jahr 1536 mit seinen Suf- fraganen entwarf; sie fiel aber nicht allein ungenügend aus, sondern regte mit den clericalischen Tendenzen die sie fest- hielt, auch in den weltlichen Großen der Diöcese unüber- windlichen Widerstand auf. Hermann von Cölln bemerkte endlich, wie er sagt, daß er mit diesen Berathschlagungen darum nicht weiter komme, weil sich doch alles auf mensch- Reformation im Erzstift Coͤlln . liche Satzung, nicht auf Gottes Wort gründe. Indem er sich dann der Schrift näherte, aus welcher allein die gott- selige Lehre zu entnehmen, überzeugte er sich, daß ihr Sinn in der augsburgischen Confession enthalten sey. Je älter er ward, desto tiefer durchdrang ihn die Macht der gereinigten Lehre. Er befleißigte sich sie in seinem Leben und Wandel darzustellen. In den Schriften der Zeitgenossen erscheint er als der gute fromme Herr von Cölln , als der alte gottliebende Churfürst, der treffliche Greis. Er war ein langer Mann, mit schneeweißem Bart, von würdiger Erscheinung, und einem Ausdruck, in welchem sich Gutmüthigkeit Ernst und Ehrlichkeit durchdrangen. Nachdem er eine Zeitlang gezögert, entschloß er sich endlich auch für seine Diöcese zu thun, was, wie er sich ausdrückt, „einem Gottesmenschen“ gezieme. Da der Reichsabschied von Regensburg im J. 1541 den Prälaten auferlegte, mit denen, welche ihnen unterwor- fen seyen, eine christliche Reformation aufzurichten, so glaubte er auch eine rechtliche Befugniß zu haben, auf die er sich vor Kaiser und Reich stützen könne. Auf dem nächsten Landtag, März 1542, zu Bonn , auf welchem alle vier Stände des Stiftes vereinigt waren, die Abgeordneten des Domcapitels und der Städte, so gut wie Grafen und Ritterschaft, trug der Churfürst dieß sein Vor- haben vor. Er fand damit allgemeine Billigung. Die Stände insgesammt ersuchten ihn, ein so christliches Werk zu fördern, damit ein jeder erfahre, wessen er sich zu halten habe: — er möge nur einen Entwurf zur Reformation von den Ge- lehrten ausfertigen lassen und ihnen denselben dann mitthei- len: er könne überzeugt seyn, man werde ihn beobachten. Abschiede dreier Landtaͤge und eines Ausschußtages nach an- Siebentes Buch. Neuntes Capitel . Nun hatte der Fürst auf den letzten Reichsversammlun- gen die persönliche Bekanntschaft Butzers gemacht, ihn auch in Buschhoven kurz vor jenem Landtag bei sich gesehen und sich von seiner guten Absicht, seinen conciliatorischen Talen- ten überzeugt; er glaubte ohne Zweifel etwas sehr Angemes- senes zu thun, als er diesen Theologen gegen Ende des Jah- res 1542 nochmals und auf längere Zeit zu sich berief. Seine ursprüngliche Absicht war hiebei, das Vermitte- lungswerk, welches zu Regensburg nicht ausgeführt wor- den, jetzt durch dieselben Gelehrten, die an dem ersten Ent- wurf den meisten Theil genommen, in seiner Landschaft durch- zusetzen. Zwischen Butzer und Gropper wurden Conferenzen veranstaltet, Briefe gewechselt. Noch vom 31sten Januar 1543 haben wir einen Brief Butzers , worin er sich bemüht Groppers Freundschaft zu behaupten und ihn zu dem refor- matorischen Unternehmen herbeizuziehen. Allein täglich mehr zeigte sich daß dieß unmöglich sey. Schon in Regensburg war Gropper in vielen Puncten gefangenem Zwiespalt in Sachen unser h. Religion: Erster Landtag, zu Bonn 11 Martii 1542. Antwort auf den zweiten Punct der Proposition, belangent die Reformation der Religion, haben sich die Verordenten eyns Domcapitels, vort Graven Ritterschaft und der Stette Gesandten sich obgemelts (in der Proposition) unsers gn. Hern Fuͤrhabens, das zu vollenziehung des Regensburgischen Abschie- des beschicht und zuvor zu der Ehre des allmaͤchtigen Gottes und un- serer Seelen heil angefangen, hoͤchlich erfreut und untertheniglich be- dankt, auch neben dem gebeten, S. Ch. G. solich christlich und lob- lich Werk furdern wolt, damit dasselb ins werk gebracht und ein je- der wissen moͤcht weß er sich halten solt. Unter den Propositionen der Staͤnde: Und ferner der Reformation der Religion woͤllen S. Ch. G. die den Gelerten christlich zustellen befehlen und wanehe die gestalt ihren Gn. Erw. ꝛc. (den Staͤnden) die anzeigen, zuversichtig, man werde dere geleben. Reformation im Erzstift Coͤlln . von der ursprünglichen Abfassung des von ihm einst gebil- ligten Entwurfes zurückgetreten: und dabei war er doch, der strengen Meinung die im Fürstenrath überwog gegenüber, in große Verlegenheit gekommen. Er war gelehrt und geschickt; allein seine Stellung war zu bequem und ehrenvoll, als daß er sie gefährden mochte: neue Ideen selbständig zu fassen und entschieden durchzuführen, war er wohl nicht geeignet. Er gefiel sich als Delegirter der höchsten Gewalten, des Kai- sers oder des Papstes. Er hatte sich dem Herkommen wie- der völlig angeschlossen. Dagegen hatte auch Butzer schon während des Gesprächs, und darauf, als er einen Bericht darüber abfaßte, alle Hin- neigung zu unprotestantischen Concessionen, wenn sie jemals in ihm gewesen war, aufgegeben. In dem erwähnten Briefe bemerkt er, wenn es nach den Anhängern des Papstes gehn solle, so werde es nie zu einer Besserung kommen. Er ist erstaunt, daß man zwar in einigen Kirchen reiner predigt als bisher, aber doch übrigens ganz bei dem Hergebrachten ver- harrt, z. B. so eben für ein Bild des heil. Columba einen Schmuck von mehr als 100 G. an Werth anschafft. Zog sich nun Gropper von aller Gemeinschaft mit Butzer zurück, so war es am Ende auch diesem und seinen Freunden nicht unerwünscht, wenn sie nun ohne allen Ein- fluß fremdartiger Ideen zu Werke gehn konnten. Sie hat- ten gefürchtet, Gropper werde auf die Beibehaltung einer täg- lichen Messe, oder die Verehrung eines und des andern Hei- ligen, oder eine besondere Berücksichtigung der bestehenden kirchlichen Genossenschaften dringen. Jetzt aber behielten sie freie Hand. Der alte Chur- Siebentes Buch. Neuntes Capitel . fürst zeigte sich täglich entschiedener. Butzer predigte in Bonn , Sarcerius in Andernach : das Abendmahl ward unter bei- derlei Gestalt ausgetheilt: den Priestern ward die Ehe gestat- tet: der katechetische Unterricht andrer evangelischer Länder ward auf den Niederrhein übertragen; da Churfürst Her- mann zugleich als Erzbischof und als Landesfürst handelte, so glaubte man an dem Erfolg nicht zweifeln zu dürfen. In diesem Verhältniß lagen doch aber auch wieder Mo- mente die den Widerspruch hervorriefen. Hauptsächlich in dem Rathe der Stadt und in dem Capitel hatte derselbe seinen Sitz. Was den Rath der Stadt Cölln bisher vermocht hatte sich allen Bestrebungen der Neuerung zu widersetzen, war des Beispiel so vieler andern Städte, wo die reformatorische Be- wegung zugleich die alten Verfassungen modificirte oder um- stürzte. Er hatte sofort die strengste Aufsicht angeordnet, um jeder Regung zuvorzukommen. In den Protocollen der Stadt findet sich, wie alle Rathmannen verpflichtet werden denjeni- gen anzugeben, von dem sie hören daß er sich zu dem lu- therischen Handel neige; die Thormeister sollen einen Jeden anhalten, der von auswärts kommend sich durch irgend eine Äußerung verdächtig mache; die Stimmeister werden beauf- tragt, mit Leuten dieser Art nach Gebühr zu verfahren. Wir finden ferner, daß sich alle diese städtischen Behörden, Bür- germeister, Rentmeister, Stimmeister, Wegemeister, zusam- men in das Augustinerkloster begeben, ohne der kirchlichen Immunität zu achten, um den Predigten ein Ende zu ma- chen, die ein Mitglied desselben in Luthers Sinne zu halten angefangen. Damit waren sie auch zu ihrem Zwecke ge- Reformation im Erzstift Coͤlln . langt. Auf den Reichstagen spotten sie wohl ihrer Colle- gen aus andern Städten, die nicht so geeignete Maaßregeln ergriffen und darüber Schaden erlitten hätten. Von dem erprobten System konnten sie nun nicht geneigt seyn zurück- zutreten, am wenigsten unter dem Einfluß des Erzbischofs; diesen suchten sie vielmehr von jeher so weit wie möglich zu entfernen. Und noch wichtiger war der Widerspruch des Capitels, dem gesetzmäßig Theilnahme an der geistlichen Verwaltung zukam. Es mag seyn, wie in einigen gleichzeitigen Schriften behauptet wird, daß dieser Widerstand sich besonders an den Dompropst Georg von Braunschweig , Bruder des verjagten Herzog Heinrich knüpfte, was denn auch eine von den nach- theiligen Rückwirkungen jenes kriegerischen Unternehmens wäre; doch entschied dieß nicht: unter den Fürsten und Herren die in dem Capitel saßen, war die Mehrzahl zu einer Verände- rung geneigt. Merkwürdig ist, wovon hier die Entscheidung abhieng. In dem Cöllner Domcapitel hatten sieben Mitglie- der von der Priesterschaft Sitz und Stimme, deren Seele von aller Annäherung entfernt war. Butzer an Landgraf Philipp 13 Juni 1543 bei Neudecker Actenstuͤcke p. 350. Es entrüstete sie, daß ein Mann wie Butzer , ausgetretener Dominicaner, zweimal ver- heirathet, doch von ihrem Erzbischof berufen worden war und das Land in demselben Sinne reformiren wollte, den sie so oft von der Kanzel und in dem Beichtstuhl bekämpft hatten. Sie machten es ihm zum besondern Vorwurf, daß er die Freiheiten des Clerus bestritten, daß er sogar gesagt habe, man würde besser thun, die Stiftsgüter zu Schulen zu ver- Siebentes Buch. Neuntes Capitel . wenden. Durch diese Priester ward eine Mehrheit gegen jede Reform gebildet, die nun das ganze Capitel vorstellte. In dessen Namen griff sie Butzern an und bekämpfte überhaupt das Vorhaben des Erzbischofs. Dagegen waren nun aber die weltlichen Stände des Stiftes auf der Seite ihres Churfürsten. Am 15ten März 1543 hielt Hermann einen neuen Land- tag in Bonn . Er kündigte an, daß er jetzt mit der Abfassung eines definitiven Reformationsentwurfes beschäftigt sey, und bat die Versammlung einen Ausschuß zu ernennen, mit dem er denselben berathen könne. Das Domcapitel widersetzte sich mit allem Eifer einer bedrohten, in ihrem Besitz gestörten und sich doch für un- fehlbar haltenden Orthodoxie. Es legte den übrigen Stän- den die Schriften vor, die es mit dem Erzbischof gewechselt, und forderte sie auf, ihn zu ersuchen, sich der Religion auf eine andre Weise anzunehmen als er jetzt thue, und zwar auf eine solche die ihm bei Päpstlicher Heiligkeit, Römischem Kaiser und König und den gehorsamen Ständen des Reiches unverweislich sey. Instruction des Dhomcapitels an Graven, Ritterschaft, Stette und gemeine Landschaft uf dem Landtag im Maͤrz 1543 zu Bon . Wir ersehen daraus den ganzen ergangenen Schriftwechsel. Vergl. den Anhang. Allein die weltlichen Stände waren schon selbst von reformatorischem Begehren ergriffen: die Verhält- nisse des Capitels konnten ihnen kein Geheimniß seyn: ohne Bedingung nahmen sie das Erbieten des Fürsten an, und über- ließen ihm, den Ausschuß aus ihrer Mitte selbst zu wählen, dem jener Reformationsentwurf vorgelegt werden könne. Hatte sich der Churfürst früher durch die Beschlüsse des Reformation im Erzstift Coͤlln . Reichstages zu seinem Vorhaben im Allgemeinen autorisirt gefühlt, so sah er sich nun durch die Beistimmung seiner Stände in der besondern Art der Ausführung desselben, zu der er geschritten war, bestärkt. Jetzt, im Mai 1543, erschien auch Melanchthon , der sich bisher noch gesträubt hatte, bei ihm in Bonn , und man schritt nun ernstlich an die Ausfertigung des Reformations- entwurfes. Man legte dabei die nürnbergisch-fränkische Kir- chenordnung zu Grunde. Einen Theil derselben bearbeitete Butzer mit alle der Ausführlichkeit die ihm eigen war und worin er wenigstens Luthern oft zu viel that. Einen an- dern, namentlich die Artikel über die Rechtfertigung und die Kirchen, faßte Melanchthon ab. Besonders über den Bilder- dienst der hier noch im Schwange gieng, und der an den crassesten Aberglauben gestreift haben muß, zeigt sich Melanch- thon erstaunt. Melanchthon an Cruciger 9 Mai: Tota religio populi est in adorandis statuis. An Camerarius : Non posses sine lacrymis videre harum ecclesiarum labes, in quibus adhuc frequens popu- lus quotidie concurrit ad statuas. Et in hoc ritu summa est re- ligionis indoctae multitudinis. Iudicat igitur senex princeps, ne- cessariam esse emendationem ecclesiarum. Damit heben sich die Einwendungen welche unter andern Deckers in seiner Schrift Her- mann von Wied p. 111 gegen den Reformationsentwurf macht. Wenn der Katholicismus heut zu Tage reinere Grundsaͤtze bekennt, so war der Mißbrauch doch damals unleugbar. Kein Wunder wenn die Reformationsschrift diesen Mißbrauch mit besonderm Eifer angreift. Als sie fer- tig war, wurde sie von dem Erzbischof selbst, in Gegenwart einiger seiner Räthe, des Grafen von Stolberg , des Dr Len- nep , des Coadjutor und Melanchthons geprüft. Hermann hatte die letzte Ausgabe der lutherischen Bibelübersetzung vor Ranke D. Gesch. IV. 22 Siebentes Buch. Neuntes Capitel . sich: er schlug die Stellen nach, welche citirt wurden, um sich selbst von der Zweckmäßigkeit der Anführung zu über- zeugen: bei jedem Satz, über den ihm Zweifel aufstiegen, hielt er inne, hörte die Anwesenden, verbesserte wohl auch selbst eins und das andere: er zeigte durch sein ganzes Verhalten, daß ihm die Sache nicht allein am Herzen lag, sondern daß er lange darüber nachgedacht und sie begriffen hatte. Mel. : Miratus sum non solum diligentiam ejus sed etiam judicium: quod fortassis illi qui eum non norunt, ei non tribuunt. Er selbst soll darüber gehalten haben daß des Pap- stes nicht namentlich gedacht wurde; wie denn die Fassung der Formel auch sonst sehr gemäßigt war. Dem Domcapi- tel wurden seine Privilegien und Rechte ausdrücklich gewähr- leistet; der Orden der Czepler und Begarden ward in beson- dern Schutz genommen, weil er dem alten wahren Mönchs- beruf am nächsten geblieben. Am 26sten Juli ward dieser Entwurf, — denn einen andern, von Groppers Hand, der nur eine Beschönigung der alten Mißbräuche zu enthalten schien, hatte man ohne Wei- teres beseitigt, — den Ständen vorgelegt. Die weltlichen Stände waren vollkommen damit ein- verstanden. Sie hielten nicht für nöthig ihn erst durch ei- nen Ausschuß prüfen zu lassen: zu einer so wichtigen Sache, die das Seelenheil betreffe, möchten doch sie selbst nicht ein- mal recht tüchtig seyn: da sie aber die Wohlmeinung ihres gnädigen Herrn erkennen, so solle diesem auch die ganze Sache heimgestellt seyn. Nach Melanchthons Versicherung (17 Aug.) fanden Deli- berationen uͤber die Religionssache „inter praecipuos“ Statt. Tan- dem comites, equester ordo et legati civitatum magno consensu Reformation im Erzstift Coͤlln . Die Abgeordneten des Capitels erklärten sich nicht gera- dezu dagegen, sie behielten sich aber Rückfrage bei der ge- sammten Körperschaft vor, und gar bald zeigte sich, daß diese an ihrer bisherigen Meinung festhielt. Schreiben des Capitels 1 October 1543, womit sie ihr Anti- didagma begleiten, bei Meshovius , 79. Auch die Stadt war keinen Schritt weiter zu bringen. Im Rathsprotocoll finden wir bei Lunä — denn so wird da noch der Montag bezeichnet — am 30 Juli die Anzeich- nung, daß eine Supplication Philippi Melanchthonis und Martini Buceri gelesen, darüber auch allerlei Gespräch ge- halten, zuletzt aber dahin geschlossen worden, daß damit nichts anders gesucht werde als Zwist und Zwietracht. Indessen man zweifelte nicht, daß auch dieser Wider- stand, der sich auf wenige Priester und ein paar Rathsher- ren beschränkte, bald überwunden seyn werde. In der Stadt zeigten sich wie in dem Volke so in ei- nigen Vornehmen, welche das Abendmahl unter beiderlei Ge- stalt nahmen, entschieden reformatorische Tendenzen. Man er- wartete einen oder den andern Tag eine gewaltsame Explosion. Die kleinern Städte im Stift, Bonn , Andernach , Linz , konnten schon als evangelisch betrachtet werden. Es mag seyn daß der kaiserliche Hof die katholische Partei ermunterte, aber auch der Erzbischof behauptet, seinen Reformationsentwurf dem Kaiser vorgelegt und eine keines- wegs mißbilligende Erklärung desselben empfangen zu ha- ben. Reck p. 166. Faber an Pocci bei Rainaldus 224. Die Beschlüsse des Reichstags von Speier , beson- polliciti sunt, se ecclesias ad normam propositam instauraturos esse. (V, 159.) 22* Siebentes Buch. Neuntes Capitel . ders die Aussicht, welche damals eröffnet wurde, auf eine nationale Berathung der religiösen Angelegenheiten, mußten seinen Unternehmungen zu Hülfe kommen: die Umwandelung schritt unaufhaltsam fort. Die sehr besondre Gestalt welche der Gegensatz in dem Capitel annahm, daß der größere Theil der adlichen Mitglie- der desselben für die Reform war, die entgegengesetzte Ma- jorität aber hauptsächlich durch die Priester die darin saßen, bewirkt wurde, führte wohl zu der unerwarteten Besorg- niß, daß diese, auf welche das hochadliche Stift doch ur- sprünglich nicht gestiftet sey, die edlen Herrn am Ende noch daraus verjagen dürften. Sie klagen: daß etzliche wenige adliche Personen vom Thum- capitel sich dem Erzbischof widersetzen „sammt den Priestern Cano- niken so das fuͤrnemlich getrieben;“ und sprechen die Furcht aus, „daß Priester und Canonici, darauf das hochadliche Stift doch im Anfang nicht gestift, mit der Zeit die edlen Hern verdringen werden.“ Überhaupt zeigte der stiftsfähige Adel in Deutschland in diesem Augenblick eine große Hinneigung zur kirchlichen Reform. In einem Verzeichniß der Grafen welche auf die prote- stantischen Versammlungen eingeladen werden sollen, finden wir aus den Häusern Erpach, Öttingen, Mansfeld, Limpurg, Solms, Schwarzenberg, Stolberg, von jedem drei Mitglie- der, fünf Grafen von Nassau, zwei Witgenstein, zwei von Hanau, — ferner die Grafen von Wertheim, Helffenstein, Rheineck, Rheinstein, Barby, Gleichen, Warburg, Beichlin- gen, Isenburg, Manderscheid, Nuenar, Reifferscheid, Vinne- burg, Oberstein, Bentheim, Rietberg, Diepholt, Hoya, Lippe, Spiegelberg, Schauenburg, Teklenburg. Doch war man über- Reformation im Erzstift Coͤlln . zeugt daß es unter den Grafen-Geschlechtern auch noch „an- dere Fromme gebe, so der christlichen Religion anhängig.“ Verzeichniß dem Churf. von Coͤlln uͤbergeben. (Bruͤss. A.) Es leuchtet ein, wie viel daran lag, das Interesse das dieselben an der Erhaltung des geistlichen Wahlfürstenhums nahmen, nicht geradezu zu verletzen, die Reform durchzuführen ohne Säcularisation, wozu jetzt in Cölln alles vorbereitet war. Wenn es in Cölln gelang, so war zunächst Bischof Franz von Münster bereit diesem Beispiel zu folgen. Er bat schon seit längerer Zeit um Aufnahme in das schmalkal- dische Bündniß. Er versicherte, die Vornehmsten von seinem westphälischen Adel sämmtlich, wenige ausgenommen, seyen hiebei auf seiner Seite, auch die Städte seyen geneigt, nur daß sich in diesen die Furcht rege, es möge wohl einmal wieder ein katholisch-eifriger Bischof eintreten und sie dann um der Religion willen bedrängen. Antraͤge des muͤnsterschen Marschalls, aus einem Schreiben Landgraf Philipps 8 Juli 1543. Diesem Bedürfniß aber, welches wir als das einer Aus- söhnung mit dem Bisthum bezeichnen können, kam man nun auch noch auf eine andere Weise, von protestantischer Seite her entgegen. Bei der neuen Einrichtung der Landeskirchen, deren wir später im Zusammenhange gedenken werden, war man doch auf mannichfaltige Schwierigkeiten gestoßen, und es zeigte sich eine sehr verbreitete Neigung das Bisthum wieder an- zuerkennen. Das merkwürdigste Document hiefür ist die so- genannte Wittenberger Reformation. Wittembergische Reformation, oder Aufsatz der Protestanti- Siebentes Buch. Neuntes Capitel . In Speier hatte der Kaiser eingewilligt, daß zu der kirchlichen Reform die er versprach, von allen Ständen, auch von den protestantischen, Entwürfe eingebracht würden. Die Wittenberger Reformation ist nichts anders als der Entwurf, der im Namen des Churfürsten von Sachsen eingebracht wer- den sollte, verfaßt von den Theologen zu Wittenberg . Das nun ist allerdings nicht ihr Sinn, daß aus der Mitte der protestantischen Kirchen ein neues Bisthum auf- zurichten sey: wie sich denn auch die Frage die ihnen vor- lag gar nicht darauf bezog; allein daß sie die bischöfliche Ver- fassung wie sie im Reiche bestand anerkennen wollten unter der Bedingung „daß die Bischöfe rechte Lehrer annehmen und erhalten wollen“, darüber kann gar kein Zweifel obwalten. Vor allem denken sie nicht daran, den Stiftern des Rei- ches „ihre Hoheiten, Würden, Güter und Herrlichkeiten“ zu entziehen: weder den Capiteln noch dem Bischof. Sie sind ganz zufrieden, daß der Bischof, da es nun einmal so sey, große Güter, Herrschaften, ja Länder besitze. Aber sie sind auch bereit, ihm unter gewissen Bedingun- gen die geistlichen Befugnisse zurückzugeben die er verloren hat: Ordination, Visitation und das geistliche Gericht. Für die Ordination fordern sie die Aufhebung aller nicht evan- gelischen Verpflichtungen, und strenge Prüfung, damit nicht wie bisher Unwürdige eindringen. Die Visitation soll durch gelehrte fromme Männer, vielleicht aus der Zahl der Dom- herrn, die dann freilich aufhören müssen „Verfolger evan- schen von Christlicher Reformation und Kirchenregiment auf zukuͤnf- tigen Reichstag, zusammengetragen und von Luthero , Pomerano , Cru- cigero , Majore und Melanchthone unterschrieben. Walch , Luthers Schriften p. 1422. Wittenberger Reformation . gelischer Lehre zu seyn“, vollzogen werden, mit der doppel- ten Rücksicht, rechte Lehre und gute Sitten zu erhalten. Für das Gericht empfehlen sie die Consistorien. Es entspricht der Einfachheit der Zeit wenn sie als den Grund ihrer Hinneigung zu dieser Veränderung angeben, daß der weltliche Fürst mit Geschäften überladen sey, auch wohl die Kosten der geistlichen Verwaltung scheue. Sie meinen, dazu habe der Bischof Güter, um die Kosten des Amtes zu bestreiten. Auch hätten sie bei dem bischöflichen Regiment mehr Rücksicht auf den geistlichen Bann, der ihnen zu guter Zucht am Ende nothwendig schien, zu finden gemeint. Man könnte einwerfen, daß doch Johann Friedrichs Verfahren mit dem Bisthum Naumburg diesen Ideen nicht entspricht. Aber der Churfürst betrachtete das Bisthum Naum- burg als landsäßig, und wie gesagt, sein Verfahren wurde nicht von allen seinen Räthen gebilligt. Dagegen war jetzt von Bischöfen die Rede, die so gut Reichsfürsten waren wie er selbst. Mit der Anerkennung derselben unter den angegebe- nen Bedingungen war er vollkommen einverstanden. Land- graf Philipp hat einige Einwendungen gemacht, die auch bis auf einen gewissen Grad Berücksichtigung gefunden haben, ohne daß darum in der Hauptsache etwas geändert wurde. Denkt man sich daß dieser Plan bei den auf den näch- sten Reichstag angesetzten Berathungen durchgegangen wäre, so würde ein protestantisches Deutschland , aber mit bischöf- licher Verfassung, und auf das engste vereinigt, da man im- mer den Papst zu bekämpfen gehabt hätte, entstanden seyn. So wahr es auch ist daß die Protestanten zunächst nur nach einer gesetzlich ruhigen Existenz trachteten, so ist doch Siebentes Buch. Neuntes Capitel . augenscheinlich, daß die politische Stellung ihrer Partei auf der einen und der religiöse Fortschritt ihrer Meinung auf der andern Seite ihnen Hofnung geben konnte, es auch noch weiter zu bringen und ihr System zum allgemeinen zu machen. Auch abgesehen von aller doctrinellen Vorliebe, auf dem blos historischen Standpunct, scheint mir, für die nationale Entwickelung von Deutschland wäre dieß das Beste gewesen. Die reformatorische Bewegung war nun einmal aus den tiefsten und eigensten geistigen Trieben der Nation hervor- gegangen; sie umfaßte jetzt die weltlichen Fürstenthümer bei weitem zum größten Theile, mit wenigen Ausnahmen alle Städte, und machte so eben einen Versuch, auch das geist- liche Fürstenthum zu durchdringen ohne es umzustürzen. Sie verband die äußersten Grenzen: Riga und Metz , die Aus- flüsse des Rheins , wo sie sich gewaltig regte, und die mitt- lere Donau ; sie verknüpfte wieder auch die getrennten Glie- der mit den alten Mittelpuncten, Böhmen , wo unter der Einwirkung der deutschen Ideen die einheimische, nationale Literatur in das Stadium ihrer höchsten Vollendung trat, Schlesien , dessen Fürsten sich nichts Besseres wünschten als in den schmalkaldischen Bund zu treten, Preußen , wo Her- zog Albrecht einen deutsch-protestantischen Hof eingerichtet, und sich angelegen seyn ließ sein Land immer mit allen Ele- menten deutscher Bildung in Verbindung zu halten. Hätte sich wohl Holland jemals von Deutschland getrennt, wenn es einen protestantischen Erzbischof in Cölln gegeben hätte? Auch in der Schweiz ward der Gegensatz der noch in ei- nem Lehrartikel obwaltete in immer engere Grenzen einge- schränkt. In den deutschen protestantischen Kirchen wal- Allgemeiner Zustand . tete, wenn auch dann und wann einmal der alte Hader in einzelnen Zuckungen aufflammte, doch im Ganzen unter dem Vortritt der Wittenberger Schule die beste Eintracht. Im Allgemeinen, wissen wir, waren die ächten Grundlagen der gewonnenen Cultur erhalten; die destructiven Kräfte, die einst den allgemeinen Umsturz gedroht, machten sich kaum mehr bemerklich. Die großartigen Bestrebungen in denen man lebte, gaben dem nationalen Bewußtseyn erfüllenden Inhalt. Jetzt hoffte man nun bei der nächsten Zusammen- kunft die Zwistigkeiten vollends auszutragen und den großen Kampf gegen die Osmanen zu unternehmen. In der Ferne sah man die größte Welteinwirkung. Italien und Frank- reich waren mit den Analogien der deutschen Gesinnung er- füllt. In England ließ ihnen der eigensinnige König all- mählig wieder freieren Raum. Es erfüllte die Gemüther mit freudigem Dank, als man hörte, daß der neuangesetzte Pascha in Ofen sich den Evangelischgläubigen nicht ungünstig zeige. Wir haben eine deutsche Schrift vom J. 1544, worin der Kaiser ermahnt wird, die spanische Inquisition, welche sich jetzt gegen alle die richte „welche Christum recht zu er- kennen begehren“, nicht länger zu dulden, er der durch so viele Religionsgespräche besser unterrichtet sey; dieser Gabe Got- tes möge er nun auch seine Unterthanen theilhaftig machen. Baptista Lasdenus : Oration an kaiserliche Majest. von dem das der jetzige Religionhandel kein menschlich, sondern Gottes Werk und Wunderthat sey ꝛc. Zu so reinen und allgemein durchgreifenden Resulta- ten kommt es im Laufe der Weltgeschichte nicht leicht. Es waren noch energische Kräfte in der lateinischen Christenheit, Siebentes Buch. Neuntes Capitel . welche sich dieser vorwärtsdringenden Neuerung nothwendig entgegensetzen mußten. Wohl fühlte man es in Deutschland : man lebte keinen Augenblick ohne die Besorgniß daß man noch die härtesten Kämpfe werde bestehen müssen; doch hätte wohl Niemand voraussehen können, daß es so bald und auf die Weise ge- schehen würde wie es geschah. Achtes Buch. Der schmalkaldische Krieg. Erstes Capitel . Ursprung des Krieges. Alle die letzten Jahre daher war der Kaiser mit den Pro- testanten in gutem Vernehmen oder sogar verbündet gewesen: plötzlich sehen wir ihn eine entgegengesetzte Haltung anneh- men: er schickt sich an, sie mit Krieg zu überziehen. Ich finde davon folgende Gründe. Einen tiefen Eindruck hatten in Rom die Beschlüsse des Reichstags zu Speier hervorgebracht. Der Papst ergoß sich in ein paar ausführlichen Breven gegen die Zugeständnisse die der Kaiser den Abtrünnigen aufs neue gewährt habe, be- sonders die Ankündigung einer nationalen Berathung über die kirchlichen Angelegenheiten und die Zusage eines Con- ciliums, ohne daß des römischen Stuhles dabei gedacht worden. Dieß Mal aber hatte er nicht wie früher po- litische Vortheile einzusetzen, um seinen Worten Nachdruck zu verschaffen; im Frieden von Crespy erfolgten vielmehr jene Verabredungen, von denen wir wenigstens so viel mit Sicherheit sagen können daß sie ihm höchlich zuwider waren. Er mußte andre, wenn auch übrigens gefährliche Mittel er- greifen. Er entschloß sich, zur Aufhebung der im vorigen Jahr wiederholten Suspension des Conciliums zu schreiten, Achtes Buch. Erstes Capitel . und die Eröffnung desselben, dieß Mal ernstlich, für das nächste Frühjahr anzukündigen. Cardinal Farnese soll gesagt haben: entweder werde der Papst die Versammlung nach seinen Wünschen leiten können, oder wenn ihm das ja nicht gelingen sollte, so werde der Kai- ser sich bei der Execution der Beschlüsse mit den Protestan- ten verfeinden und dann nach keiner Seite hin etwas Rech- tes durchsetzen können. Hurtado Mendoza al Emperador 16 Abril 1545 bei Villa- nueva Vida literaria II, 418. (Durch einen Schreibfehler steht dort 1554; das ganze Fragment ist hienach falsch eingereiht.) Die Rücksicht auf den zu erwartenden Reichstag ver- mochte den Papst seine Legaten unverzüglich nach Trient gehn zu lassen: das Concilium sollte beginnen ehe dort der Ab- schied erfolgen könne. Entscheidend hiefuͤr ist Lettera del C l Cervini al C l Far- nese Genn. 1546. Er sagt, der Papst wuͤrde durch Verweigerung der Reformation alles Uͤbel auf sich laden: „essere imputato a S. S tà tutto il male che partorisse il colloquio nella dieta presente; — per provedere al qual rispetto solo S. S tà si mosse a met- tere il concilio in questo luogo e poi a comandarci che si co- minciasse questo maggio passato prima che si facesse il recesso di Vormes . (Epp. Poli IV, 291.) Nun versteht es sich wohl, daß diese ernstlichen Anstal- ten dem Kaiser sehr erwünscht seyn mußten. Fast von An- fang seiner Regierung an hatte er dahin gearbeitet: indem das Concilium berufen wurde, sah er ein Ziel erreicht das er sich vorlängst gesetzt. Natürlich aber war dabei nicht seine Meinung, die Ver- sammlung der Leitung des Papstes zu überlassen, was nur geheißen hätte, auf indirectem Wege ihm verschaffen was er ihm auf directem nicht zugestehn wollte. Ganz im Gegen- Ursprung des Krieges. Concilium . theil. Noch lebten die Erinnerungen an Constanz und an Basel und sie wurden jetzt ausdrücklich wieder ins Gedächt- niß gerufen: die Reform der Kirche an Haupt und Glie- dern, wie dort beabsichtigt worden, wahrhaftig nicht zu Gun- sten der päpstlichen Curie, endlich durchzuführen, war an dem kaiserlichen Hofe ein sehr verbreiteter Gedanke. Damit, meinte man, müsse das Concilium beginnen: wie Christus , als er in Jerusalem einzog, zuerst den Tempel gereinigt habe. Schon Adrian VI , heiligen Andenkens, würde es vollführt und na- mentlich den Deutschen Genugthuung gegeben haben, wäre er länger am Leben geblieben. Memoria de Don Francisco de Vargas 1545 bei Villa- nueva p. 412. Mendoza spottete jener Hof- nung Farnese’s , der Kaiser werde bei der Execution sich mit den Protestanten entzweien: er meinte, diese Execution müsse eben mit der Reform, d. i. am römischen Hofe selbst beginnen. Sehr wohl waren Carl dem V die Befugnisse bekannt, welche die alten römischen Kaiser, die er als seine Vorfahren ansah, bei den kirchlichen Versammlungen ausgeübt. Könige wie der König von England konnten auf ein Schisma den- ken: ihm, dem Kaiser, konnte das niemals beikommen. Seine Macht hatte ihrem ursprünglichen Character nach kirchliche Attribute: diese geltend zu machen, gab derselben erst ihre wahre Bedeutung wieder. Und damit glaubte er sich mit den Deutschen, auch den Protestanten, noch nicht zu entzweien. Die Instruction seiner Räthe zum Reichstage von Worms , der im März 1545 beginnen sollte, beweist, daß er an den letz- ten Beschlüssen von Speier noch festhielt und sie auszuführen Achtes Buch. Erstes Capitel . gesonnen war, wiewohl mit Rücksicht auf die seitdem eingetrete- nen Ereignisse. Er weist seine Gesandten darin an, auf die Umtriebe Acht zu haben, die der Papst unter dem Schein des Concils vornehmen werde, um die jetzige Verwirrung zu un- terhalten. Er mißbilligt, daß es Einige giebt, welche dem Papste zu Gefallen alle weitere Verhandlung auf das Con- cil zu verschieben rathen; er seinerseits wünscht das Gut- achten sowohl der katholischen als der protestantischen Stände über die einzubringenden Reformentwürfe zu vernehmen. Er meint, auch das tadelnde Breve könne wohl zur Sprache ge- bracht werden, das den Reichsständen nicht minder als ihm sel- ber beschwerlich sey. Man möge noch einmal den Papst drin- gend um eine Beisteuer zum Türkenkrieg ersuchen: ziehe er doch noch immer große Summen aus Spanien wie aus Deutsch- land ; Hülfe freilich habe er niemals viel leisten wollen. La declaration du bon plaisir et intention de l’empereur sur aucuns points concernant la diette pour les affaires de la Germanie . (Archiv zu Bruͤssel .) In einem ganz andern Sinne bearbeiteten indeß Emis- sare des römischen Stuhles die deutschen Stände. Auf einer Provinzialsynode von Salzburg wurde der förmliche Beschluß gefaßt, einer Berathung über geistliche Dinge, an welcher Laien theilnehmen sollten, nur dann bei- zuwohnen, wenn der Papst es erlaube. Aus dieser Region war von jeher den nationalen Tendenzen Widerspruch ent- gegengesetzt worden. Ich finde, daß einer der ersten Jesuiten die in Deutschland wirksam gewesen sind, Claudius Jaius , zu- gegen war, und durch ein paar Aufsätze, die den Prälaten zu Gesichte kamen, zu diesen Beschlüssen nicht wenig beitrug. Nach Orlandinus Historia societ. Jesu I, lib. IV, nr 112 Ursprung des Krieges. Concilium . Die kaiserlichen Räthe, ausdrücklich beauftragt wohl zu überlegen was sich wahrscheinlicherweise bei den Ständen erreichen lasse, kamen mit König Ferdinand überein, die Rück- sichten auf die Protestanten und auf die Altgläubigen, auf die frühere Abrede und auf das Concilium durch den Vor- schlag zu vereinigen, daß die Berathung über die Reforma- tionsentwürfe fürs Erste ausgesetzt werden möge, bis man sehe, welchen Gang das Concilium nehme, ob sich daselbst Hofnung zu einer Reformation zeige: sollte es daran bis zu Ende des Reichstags mangeln, so wolle man einen neuen ansetzen, um da das Werk der Reformation und Religion vor die Hand zu nehmen. Das Recht, von Seiten des Reiches auch über die geist- lichen Angelegenheiten Beschlüsse zu fassen, gaben Kaiser und König, wie man sieht, mit nichten auf; die Aussicht, in Deutschland doch noch zu einer Reformation zu schreiten, hielten sie ohne Zweifel für sehr geeignet, das Concilium zu derselben anzutreiben, womit alle weitern Gedanken des Kai- sers zusammenhiengen: das Wort Reformation ward von ihnen recht mit Fleiß wiederholt und vorangestellt. Damit drangen sie jedoch schon bei den Altgläubigen nicht ganz durch, deren Meinung es blieb, daß alle Er- örterung der streitigen Religion schlechthin dem Concilium anheimzustellen sey: noch weit weniger aber bei den Pro- testanten. Vielmehr erhoben diese eine Frage, welche für sollte der eine dieser Aufsaͤtze die Unzulaͤßigkeit aller Laienberathung uͤber geistliche Angelegenheiten beweisen; der andre hatte zum Gegen- stand: Protestantes, etsi cum Catholicis in omni doctrina consen- tiant, nolint autem Romano subesse pontifici, nihilominus pro schismaticis haereticisque ducendos. Ranke D. Gesch. IV. 23 Achtes Buch. Erstes Capitel . unsre ganze Geschichte als eine der entscheidenden betrachtet werden kann. Dieß Mal war ihnen das Concilium gar nicht angekün- digt worden: auch von Seiten des Kaisers wurden sie nicht eigentlich dazu eingeladen; war es aber nicht eben dasselbe das sie schon in aller Form abgelehnt hatten? Sie hielten sich überzeugt, daß in Trient ihre Sache vielleicht nicht einmal untersucht, und gewiß verdammt werden würde; aber außer- dem hatte die Ankündigung eines Concils für sie auch eine ganz unmittelbare Gefahr. Allen Friedständen, die ihnen ge- währt worden, war immer das freie christliche Concil zum Termin gesetzt. Mußten sie nicht fürchten, daß man sie, da dieß nun bevorstand, vielleicht sofort angreifen werde? In der Antwort welche sie auf die Proposition gaben, forderten sie die Zusicherung eines beständigen Friedens, ohne Rücksicht auf das tridentinische Concilium, bis zu dereinsti- ger christlicher Vergleichung. Des mehrern Theils der churfuͤrstlichen Raͤthe, auch Fuͤrsten und Grafen der Augsb. Confession, und aller freien und Reichsstett Bedenken 3ten April uͤbergeben. Sie fordern, daß sie „oneangesehen der Installung des Artikels der Religion eines bestendigen Fridens versichert werden, dermaßen, daß die hiebevor ufgericht Fridstende durch beruͤhrt tryentisch Concilium nit ufgehoben, sondern nichtsdesto- weniger bis zu christlicher Vergleichung bestendig bleiben und gehal- ten werden sollen.“ Der König entgegnete ihnen, er könne von einer Zu- sage der Art nichts in dem speierischen Abschied finden, und forderte sie auf, zur Mitberathung der übrigen Angelegen- heiten zu schreiten; sie machten neue Einwendungen: er re- plicirte; man kam endlich überein, da es hiebei auf die Aus- legung des letzten Abschiedes ankomme, alle weitere Verhand- lung bis auf die Anwesenheit des Kaisers auszusetzen. Ursprung des Krieges. Concilium . Am 16ten Mai 1545 traf derselbe in Worms ein, und nicht länger ließ sich die Entscheidung verschieben. In den Briefen an seine auswärtigen Gesandten bezeichnet es der Kaiser als den vornehmsten Gegenstand seiner Thätigkeit, die Protestanten zur Unterwerfung unter das Concil zu vermögen. Für alle seine Pläne, für den großen Gang, in dem wir ihn begriffen sehen, war dieß eine unerläßliche Vorbereitung. Wie wollte er Einfluß auf das Concilium ausüben, die Reform auch des Papstthums durchführen die er im Sinne hatte, wenn Diejenigen allen Beschlüssen sich im Voraus ent- zogen, um deren willen es berufen war? Er hatte unauf- hörlich auch seine südeuropäischen Reiche, ja die ganze Chri- stenheit im Sinn. Die deutschen Differenzen sollten ihm den Weg bahnen, eine allgemeine Ordnung zu machen: er konnte die Protestanten nicht im Voraus vor den dort zu fassenden Beschlüssen sicher stellen. Aber auch den Protestanten ihrerseits war diese Unter- werfung nicht anzumuthen. Wir wissen, wenn sie jemals ein Concilium gewünscht, so hatten sie doch ein ganz andres, als ein solches gemeint, das unter päpstlichem Einfluß sich versammle. Die kaiserlichen Minister selbst bemerkten, wie wir aus ihren Briefen sehen, daß der Papst auf nichts an- ders denke, als die Leitung der Kirchenversammlung völlig in seine Hände zu bringen. Es ist wahr, daß sie dieß zu ver- hindern meinten: aber welche Sicherheit hatten die Prote- stanten, bei dem mannichfaltigen Wechsel des Übergewichts und der Macht den sie erlebt, daß es geschehen würde? Und selbst in diesem Falle, was durften sie erwarten? Sie sahen den Kaiser von päpstlich gesinnten Priestern umgeben; die 23* Achtes Buch. Erstes Capitel . Verfolgungen welche in den Niederlanden vor sich giengen, wiewohl Granvella sich jede Beziehung derselben auf die Reichsangelegenheiten verbat, machten doch allgemeinen Ein- druck und erregten die stärksten Besorgnisse. Längst hatten sie ausgesprochen, daß ihr Glaube sich auf Concilien nicht gründe. Einer der ersten Schritte ihres Abfalls lag darin, daß sie die Unfehlbarkeit derselben leugneten. Man hat wohl gesagt, die Protestanten seyen durch ihre früheren Erklärungen zur Anerkennung des Conciliums ver- pflichtet gewesen: aber wir wissen schon, wie wenig dieß wahr ist. Sehr mit Absicht, und in der bestimmten Hof- nung daß eine Abänderung der conciliaren Formen zu Gun- sten der Laien zu erreichen sey, war in den Reichsabschieden von 1524, 26, bei der Forderung eines gemeinen christli- chen Concils das Wort „frei“ hinzugefügt worden. 1524 § 28. „Haben unser Statthalter, auch Churfuͤrsten und Staͤnde als vor hochnothduͤrftig eines gemeinen freien Universalcon- cilii der Christenheit (Anstellung) angesehen.“ 1526 § 1. „Haben wir, auch Churfuͤrsten ꝛc. solches nicht fruchtbarer zu beschehen er- messen dann durch ein frei Generalconcilium.“ Selbst noch 1529 § 1. „Staͤnde bitten den Kaiser, zu foͤrdern, damit zum ehesten immer moͤglich ein frei christlich Generalconcilium auszuschreiben.“ — — Was damit gemeint sey, wußte auch die andre Partei sehr wohl; eben so absichtlich ließ sie es in dem Reichsabschied von 1530 weg; bald darauf beklagte sich der Kaiser, daß die Protestanten die Forderung erneuern die in jenem Worte liegt. „Woe aber das Concilium nicht gehalten oder die Abtruͤn- Es bezeichnet den Moment ihres größten Einflusses auf die Reichsangelegenheiten, daß sich der Kaiser im Jahr 1544 die Aufnahme dieses Wortes in den Reichsabschied gefallen ließ. War hiedurch der Kaiser nicht vielmehr ihnen Ursprung des Krieges. Concilium . verpflichtet als sie dem Kaiser? Der Mangel liegt mir darin, daß sie sich mit dem Worte an sich begnügt hatten, ohne eine vollständigere Erklärung seiner Bedeutung. Daß der Kaiser nicht ganz auf ihren Sinn eingieng, konnten sie sehr gut wissen: das Wort „unparteiisch“, welches sie ebenfalls gefordert, ließ er sich nicht aufdringen. Und gestehn muß man: daß in den Ansprüchen der Protestanten für den Kaiser auf seinem Standpunct etwas Unpractisches und Unausführ- bares lag. Es schien ihm genug, daß er den Papst zur Berufung eines Conciliums vermocht hatte; er behielt sich vor, dafür zu sorgen daß es nicht ganz und gar unter des- sen Einfluß gerathe; aber eine Veränderung der Verfassung im Voraus durchzusetzen, war bei dem Einfluß der Curie nicht allein auf das romanische Europa sondern auch auf die Mehr- heit der Stände in Deutschland , ein Ding der Unmöglichkeit. So stellten sich die beiden Tendenzen, die eine Zeitlang mit einander gegangen, in ihrem vollen natürlichen Wider- spruch einander gegenüber. Die Protestanten behaupteten, das angekündigte Concil sey weder allgemein, noch frei, noch auch christlich; der Kai- ser ließ sich diese Rede nicht anfechten. Jene wiederholten auch ihm die Forderung, daß ihnen Recht und Friede ver- sichert werden möge, ohne alle Rücksicht auf das Concil, möge dessen Ausspruch nun ausfallen wie er wolle. Der Kaiser antwortete: er könne ihnen eine solche Versicherung der andern Nationen halber nicht geben: es würde ihm „zum nigen nicht gehorsam seyn wollten, wie allgereit zu besorgen, dieweil ßeithere man uf das Concilium gelendet und gesagt ßein wollen das solich Concilium frei sein ßoll“ — — Achtes Buch. Erstes Capitel . höchsten verweislich“ seyn: Was sich Her Granvell gegen Magister Franzen vernehmen lassen. Beilage zu dem Schreiben der saͤchsischen Raͤthe. Sonnabend nach Pfingsten, 30 Mai. man möge ihn nicht zu unmög- lichen Dingen dringen, wie auf dem letzten Reichstag wohl zum Theil geschehen sey. Allerdings ließ er sich zugleich ver- nehmen: er denke nicht daran die Protestanten mit Krieg zu überziehen, er werde des Papstes halber ein Einsehen haben, auch ihm nicht gestatten zu den Waffen zu greifen; allein damit waren wieder die Protestanten nicht zufrieden. Der Churfürst von Sachsen erwiederte: man werde dem Kaiser schon sagen, daß ihm nicht gebühre, dem Papst einzureden oder Maaß zu geben: der Papst werde dabei bleiben daß er Christi Stellvertreter und über den Kaiser sowohl wie das Concilium erhaben sey. Am Reichstag war ein Ausschuß protestantischer Räthe aufgestellt worden, mit welchem die kaiserlichen unterhandel- ten: eben da aber kamen alle diese Gegensätze zum Vorschein. Der Churfürst von der Pfalz trat noch einmal als Ver- mittler auf und brachte aufs neue ein Religionsgespräch in Antrag, auf das auch wirklich beide Theile eingiengen; allein s standen die Dinge so, daß sich davon wenig mehr er- n ließ. Unter den Protestanten that sich während der Verhand- lungen die Meinung hervor, daß man am besten thue un- verzüglich zu den Waffen zu greifen, da doch auf keinen Frie- den weiter zu rechnen sey. Nur Johann Friedrich predigte Ruhe; er wies sehr verfängliche Nachrichten die ihm zukamen, unberücksichtigt von sich; er meinte den Kaiser hinreichend zu kennen, um keine Gewalt von ihm fürchten zu müssen. Ursprung des Krieges. Coͤllnische Sache . Wir werden bald sehen, wie sehr er sich darin täuschte: welche Vorbereitungen dieser, ganz ins Geheim, eben damals traf. Er wußte wie viel ihm an der Unterwerfung der Pro- testanten unter das Concil gelegen sey, und war entschlossen sie zu erzwingen. Zunächst betrachten wir noch ein anderes Verhältniß, das ihm eine Richtung eben dahin gab. Bekannt ist, welche Bedeutung für die ganze Staats- verwaltung Carls V , namentlich in finanzieller Hinsicht, die Niederlande hatten. Es bildete eine der vornehmsten Rücksich- ten seiner Politik, hier materiellen Wohlstand, und zu dem Ende Frieden im Innern, gute Verhältnisse nach Außen, vor allem den gewohnten geistlich-weltlichen Gehorsam zu erhalten. Nun waren aber die Niederlande so gut wie jedes an- dre deutsche Land von Sympathien für die religiöse Neue- rung erfüllt; der Übertritt des Erzbischofs von Cölln machte daselbst den größten Eindruck. Der florentinische Gesandte versichert, nicht allein in Aachen , sondern auch in Löwen rege sich der Wunsch, der cöllnischen Metropole nachzufolgen. Er findet die Stimmung in den Niederlanden so zweifelhaft, daß er meint, die Bewegung könne daselbst vielleicht noch gefähr- licher werden als in irgend einer andern deutschen Landschaft. Im Lande selbst versäumte der Kaiser nichts, um diese Regungen zu ersticken. Die alten Bücherverbote wurden er- neuert; die strengste Censur, namentlich über fliegende Blät- ter in Versen oder in Prosa, angeordnet; alle Verdächti- gen verjagt oder verfolgt: Königin Maria konnte ihren eig- nen Hofprediger, der sich noch keineswegs entschieden aus- gesprochen, nicht behaupten. Achtes Buch. Erstes Capitel . Das konnte aber alles nicht zum Ziel führen, wenn der Erzbischof von Cölln mit seinem Vorhaben durchdrang. Die cöllnische Sache war für den Kaiser in gewisser Hinsicht zu- gleich eine einheimisch-niederländische. Wollte er sein bis- heriges System behaupten, so mußte er dieser Bewegung ein Ende machen. Da kam es ihm nun höchlich zu Statten, daß Dom- capitel, Universität und Clerus zu Cölln , nicht zwar die ge- sammten Corporationen, aber doch die Majoritäten welche im Namen derselben auftraten, gegen die Schritte des Erz- bischofes protestirten Das Instrument ist am 8 Oct. 1544 vom Procurator Hein- rich von Wildshusen vor dem Dompropst und Canzler der Univer- sitaͤt Georg von Braunschweig vollzogen. und den Schutz von Kaiser und Papst dagegen anriefen. Daß sich die weltlichen Stände zu Gun- sten ihres Herrn verwandten, auch sie ihrerseits seine Unter- stützung gegen das Domcapitel in Anspruch nahmen, gab ihm nur um so größern Anlaß sich in die Sache zu mischen. Schon öfter, mündlich und schriftlich, hatte er den Erz- bischof gewarnt; ein entscheidender Moment trat ein, als er Anfang Mai 1545, auf seinem Wege zum Reichstag, in Cölln anlangte. Die erste Audienz gab er dem Clerus, der denn nicht verfehlte nochmals auf die wachsende Gefahr auch für Sr. Maj. Erbniederlande aufmerksam zu machen. Hierauf ward der Rath vorgelassen. Der Kaiser bezeigte demselben seine Verwunderung, daß man in der Stadt das Abendmahl un- ter beiden Gestalten nehme: sey der Rath nicht mächtig genug das zu verhindern, so wolle er, der Kaiser, es selber thun. Ursprung des Krieges. Coͤllnische Sache . Er sprach sich überhaupt so unumwunden aus, daß jene Majoritäten kein Bedenken weiter trugen aller Abweichung mit möglichster Strenge entgegenzutreten. Zunächst forderte das Domcapitel einige zweifelhafte Mitglieder, z. B. den Rheingrafen, bei Strafe des verletzten Gehorsams, auf, ihre Gesinnung in Hinsicht der Religion zu erklären. Den Grafen von Horn kündigte es Bestrafung an, wofern sie nicht bis zu Pfingsten das Abendmahl un- ter einer Gestalt nehmen würden. Einem gelehrten Haus- genossen derselben gieng der Befehl zu, das Gebiet der Stadt bei scheinender Sonne zu verlassen. Hierauf hielt die Universität eine allgemeine Versamm- lung ihrer Graduirten, und forderte sie auf, ihre Beistimmung zu der ergangenen Protestation zu erklären. Da einer der Professoren der Rechte, Dr Siegfried von Löwenburg , dieß abschlug, so eröffnete ihm die Universität, weil er sich in ei- ner so hochwichtigen Sache von ihr absondere, so könne er auch ihre Ehren und Würden nicht länger genießen: er müsse derselben beraubt seyn, bis er anders stimme. Zugleich be- schloß sie, in Zukunft Niemand zu promoviren der nicht vor- her ein Glaubensbekenntniß abgelegt habe. Und nun vereinigten sich Clerus, Universität und Rath, der letzte wie er sagte auf ausdrücklichen mündlichen Be- fehl des Kaisers, die beiden ersten aber, damit der Rath nicht zu andern Mitteln greife, den erzbischöflichen Official zur Herstellung des Amtes der Inquisition ketzerischer Bos- heit aufzufordern. Der Erzbischof, hierüber angegangen, ant- wortete ausweichend; schon war es aber so weit gekommen, daß der Official keine Rücksicht mehr auf ihn nahm: er blieb Achtes Buch. Erstes Capitel . dabei, in Gemeinschaft mit dem Commissarius apostolicus ge- gen alle Die zu inquiriren, welche gegen die hergebrachte Lehre und Administration der Sacramente freveln würden. Ausfuͤhrliche Nachricht in einer den Reichstagsacten von Worms Monat Juni im weim. Arch. beigelegten Schrift. Hiedurch geschah nun, was zunächst nothwendig er- schien: der Ausbreitung der neuen Lehre in der Metropole selbst ward Einhalt gethan; aber es versteht sich daß es da- bei sein Bewenden nicht haben konnte. An der römischen Curie ward ein Proceß gegen den Erzbischof instruirt, von dem man nicht zweifeln konnte wo- hin er führen werde. Der Kaiser ließ bereits den Coadju- tor über seine Gesinnung ausforschen, und nach einiger Zö- gerung erklärte dieser, er werde sich als der allergetreueste Diener Sr Majestät beweisen. Dem Erzbischof selber ver- hehlte Carl nicht, daß er das Churfürstenthum mit allen sei- nen Privilegien als vom Erzbisthum abhängig betrachte. Bei Gelegenheit der Rückreise des Kaisers von Worms kam es hierüber noch einmal zu einer merkwürdigen Zwie- sprache zwischen ihm und dem Churfürsten. Der Churfürst behauptete, er mache keine Neuerungen, er stelle nur die al- ten Satzungen aus Befehl Christi her; durch den Reichsab- schied von 1541 sey er hiezu ausdrücklich ermächtigt. Der Kaiser antwortete, die Neuerung lasse sich nicht in Zwei- fel ziehen; der oberste Priester werde sein Urtel darüber spre- chen, das müsse er als ein gehorsamer Sohn der Kirche voll- ziehen; aber selbst wenn der Hohe Priester still säße, würde er der Sache nicht zusehen. Der Churfürst erinnerte ihn an seine alten Dienste, mit denen er sich so viel Ungnade Ursprung des Krieges. Coͤllnische Sache . nicht verdient zu haben glaube. Der Kaiser versetzte, er sey ihm nicht ungnädig, er wünsche ihn nur abzuhalten sich ins Verderben zu stürzen, und gab ihm Bedenkzeit bis auf den andern Morgen. Der alte Fürst aber war nicht zu schrecken. Er wiederholte des andern Tages, er mache keine Neuerun- gen: würde er dasjenige wieder aufrichten was er gottselig abgethan, so würde er sich der göttlichen Gnade auf ewig berauben. Der ihm angedrohte Verlust seiner Würde ängstigte ihn nicht; er sagte wohl, im schlimmsten Fall könne er auch wieder als Graf von Wied leben. Schon verliefen die Termine an der Curie: eine Ci- tation nach der andern ward an die Kirchthüren zu Cölln angeschlagen; die Verurtheilung konnte nicht lange mehr ausbleiben. Auch bei dem Kaiser aber verklagten Capitel und Cle- rus den Erzbischof, als einen Übertreter des Wormsischen Edictes und des Augsburger Abschiedes; auch hier ward ein Proceß instruirt. Man zog den Fall an den Hof, weil er an dem Reichskammergericht, den einmal gegebenen In- hibitionen nach, nicht gut verhandelt werden konnte. Chur- fürst Hermann säumte nicht einen Anwalt nach Brüssel zu schicken, um zu erklären, daß er nicht in den Gerichtszwang des Kaisers willige, und zunächst die gesetzliche Frist zu for- dern, in der er seine Exception einbringen könne. Der Kai- ser würdigte ihn keiner Antwort. So weit war es gekommen, und gewiß auf keiner Seite Schonung zu erwarten, — als der Churfürst im Einver- ständniß mit seinen weltlichen Ständen, die auf dem Land- tage zu Bonn , 9 Dez. 1545, förmlich Beschluß hierüber Achtes Buch. Erstes Capitel . faßten, die Mitglieder des schmalkaldischen Bundes, die in diesem Monat zu Frankfurt a. M. versammelt waren, er- suchte sich seiner Sache anzunehmen. Doctor Siegbert und Bächel trugen daselbst zugleich im Namen des Erzbischofs und der Stiftsstände auf eine Mission des gesammten Bundes an den Kaiser an, Auszug der coͤlnischen Raͤth Werbung zu Frankfurt 22 Dez. uͤbergeben. (Arch. zu Bruͤssel .) um denselben zu bitten, dem bisherigen Verfahren keinen weitern Raum zu geben und die cöllnische Angelegenheit als allgemeine Re- ligionssache zu behandeln. Den Einungsverwandten entgieng es nicht, wie viel persönlichen Antheil der Kaiser an dieser Sache nahm, welche Gefahr darin liege ihm hierin zu widerstreben: aber sie würden sich geschämt haben, den „gottgeliebten“, unbe- scholtenen, ehrlichen Glaubensgenossen, den sie in Cölln ge- funden, ohne Trost zu lassen. Überhaupt wurde dieser Über- tritt mit einem den deutschen Protestanten fast ungewöhnli- chen Enthusiasmus begrüßt. In einem fliegenden Blatt wird Jedermann zum Gebet aufgefordert, weil der Satan das Reich Christi im Erzbisthum Cölln antaste: dawider seyen die Herzen der Frommen zu erwecken. Nova ex Suevia de Archiepiscopo Coloniensi. (ibid.) Die Bundesstände tra- ten unbedenklich der Appellation des Erzbischofs bei, er- kannten seine Sache als eine gemeinschaftliche an, und ord- neten noch von Frankfurt aus eine Botschaft an den Kaiser ab, um demselben vorzustellen daß ihrer Meinung nach der Churfürst zu dem was er unternommen allerdings befugt gewesen sey, und ihn zu beschwören nicht etwa auf den Ursprung des Krieges. Coͤllnische Sache . Grund des Wormser Edictes oder des Augsburger Abschie- des ein Urtel ergehn zu lassen, da dieselben durch den Nürn- berger Frieden, die Declaration von Regensburg und die zuletzt in Speier getroffenen Bestimmungen außer Kraft ge- setzt worden. Instruction an den Kaiser bei Sattler III, 259. Neudecker Actenstuͤcke 626. Zaghaftigkeit ließe sich den Verbündeten in dieser Sache überhaupt nicht Schuld geben. Da sich das Gerücht ver- breitete, als werde der Kaiser zum nächsten Reichstag mit Truppen umgeben heranziehen und dabei auf dem Wege den Churfürsten von Cölln zu Grunde richten, so versahen sie ihre Botschaft nicht allein für den Fall daß sich diese Be- sorgniß bewähre, mit einer besondern Instruction, sondern sie beschlossen zugleich, wenn der Angriff wirklich geschehen sollte, dem Churfürsten unverzüglich Hülfe zu leisten, und zwar nach den Orten hin die er selber bezeichnen werde. Beschluß des Bundes 21 Januar 1546. (Fr. A.) Die Abgeordneten der Städte, welche das meiste zu fürch- ten hatten, sahen ihre Instructionen nach und fanden sich sämmtlich dazu ermächtigt. Nichts war dem Kaiser verhaßter als Einreden dieser Art, besonders in Angelegenheiten die ihn so nahe berühr- ten. Landgraf Philipp hatte wohl so Unrecht nicht wenn er später den Haß und Widerwillen des Kaisers besonders von dieser Gesandtschaft herleitete. Sein Brief an Albanus ( Butzer ) bei Rommel III, 226. Gewiß kam damit ein zweites großes Interesse zu Tage, wo sich die Protestanten dem Kaiser entgegensetzten. Achtes Buch. Erstes Capitel . Ein drittes lag in dem Fortgang welchen das protestan- tische Prinzip in den Reichsangelegenheiten überhaupt nahm. Mitte September 1545 war Herzog Heinrich von Braun- schweig wieder im Felde erschienen. Eine Söldnerschaar, die sich im Meklenburgischen gesammelt und von da über die Elbe nach der Nordsee hin gezogen war, unter dem Vor- geben nach England übersetzen zu wollen, Losius , Gedaͤchtniß Christophs von Wrisberg . Hildesheim 1742. Urkunden Nr. 5, 6, 7. Dieses Werk enthaͤlt uͤberhaupt die wichtigsten Actenstuͤcke fuͤr dieses Ereigniß, Schriften und Gegenschrif- ten, welche bald darauf vor dem Kaiser gewechselt wurden. in Diensten Hein- richs VIII , hatte er mit einer nur sehr mäßigen Geldsumme, von der jedoch nicht weiß wie er dazu gekommen, an sich gebracht, nach seinem Lande geführt, und dieß ohne viel Mühe zum größten Theil besetzt. Daß er ein so statt- liches Heer um sich sah, vorrückte, Zuzug fand, und vor al- lem eine starke Partei hinter sich wußte, erfüllte ihn mit ei- nem unglaublichen Selbstgefühl; er sagte wohl, er und der Landgraf seyen wie Hannibal und Scipio : jetzt werde es sich zwischen ihnen entscheiden, wer der Herr der Welt seyn solle. Auch auf der protestantischen Seite meinte man wohl, das werde der Pfaffenkrieg seyn, mit dem man nun schon seit 20 Jahren umgegangen, um ihre Kirche zu zerstören, Melanchthon 10 Oct. ( V, p. 864) an Camerarius : Non enim dimicabitur de illis Lycaoniis exuviis, sed πεϱὶ καταστά- οεως ἁπασῶν ἐκκληοιῶν. und setzte sich mit aller Macht zur Wehr. Die drei Für- sten von Sachsen und Hessen waren nochmals vereinigt: Philipp und Moritz persönlich zugegen, und wohl noch ein- mal so stark als der Feind. Wahrhaftige Erzaͤhlung der Geschicht ꝛc. — ein Bericht des Man möchte sagen, es giebt Urspr. d. Kr. Heinrich v. Braunschw. gefangen . eine innere Großsprecherei, die den Menschen verhindert die Lage, in der er sich befindet, zu begreifen. So wie der Feind erschien, brach Heinrich von Wolfenbüttel auf, das er zu belagern begonnen, und gieng demselben in offenem Felde entgegen. Hier geschah nun aber was nach der Heerverfas- sung jener Zeiten unausbleiblich war. Als die Uberlegen- heit der Protestanten sich entwickelte, erhoben sich die eignen Hauptleute und Obersten des Herzogs, die bei weitem nicht ihres Soldes theilhaftig geworden, zur Empörung gegen ihn selber. Der Sieg ward dem Landgrafen, der von keiner Un- terhandlung hören wollte, wenigstens während derselben immer vorrückte, nicht schwer. In der zwiefachen Gefahr, entweder von seinen eigenen Truppen gefangen zu werden oder dem vorrückenden Feinde in die Hände zu fallen, entschloß sich Herzog Heinrich , sich selber dem verhaßten Nebenbuhler zu überliefern. Er hat später behauptet, er habe dieß nur be- dingungsweise gethan, um die Unterhandlung fortzusetzen; aber weder Herzog Moritz , der in der letzten Stunde ein paar Mal hin und her geritten war, Unser von G. Gn. Moritzen — Wahrhaftiger Bericht ib. c. 52, p. 1047. noch vollends der Land- graf gestanden ihm dieß zu: Heinrich ward als Kriegsge- fangener behandelt und nach Ziegenhain in Verwahrung ge- bracht. Seine Truppen lösten sich auf; seine Anhänger wur- den in Strafe genommen und ihrer festen Plätze beraubt. Unter diesen Umständen, in dem allgemeinen Tumult von Selbsthülfe und Rache, konnte nun an jene schon in Landgrafen, die Quelle fast aller andern Erzaͤhlungen, bei Hortleder I, iv , 51, p. 1039. Heinrich hatte 11000 M. z. F., 2500 Pf., die Protestanten 22000 M. z. F., 3600 Pf. Achtes Buch. Erstes Capitel . Speier und dann aufs neue in Worms verabredete Seque- stration nicht gedacht werden. Wiewohl das Ereigniß mit der Zeit noch andere Folgen gehabt hat, so war doch die nächste, daß die Protestanten dadurch zu größerm Selbstver- trauen und neuem Ansehen im Reiche gelangten. Dazu trug nun nicht wenig bei, daß ein Churfürst des Rei- ches, den der Papst abzusetzen drohte, — eine Befugniß die das Reich früher dem römischen Hofe bestritten, — nicht bei dem Kaiser, sondern bei ihnen Schutz fand und in ihren Bund trat. Der Vorgang von Cölln vermochte auch den Churfür- fürsten von der Pfalz über seine Aufnahme in den Bund zu unterhandeln. Von Tag zu Tag erklärte er sich entschiede- ner. Am 17ten Januar 1546 empfieng seine Gemahlin und ein Theil des Hofes wie der Bürgerschaft in der Pfarrkirche zu Heidelberg das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Und noch ein fünfter Churfürst schien in diesem Augen- blick gewonnen werden zu können. Nach dem Tode des Cardinal Albrecht im September 1545 ward unter dem Einfluß von Hessen und Pfalz Se- bastian von Heusenstamm zum Erzbischof von Mainz ge- wählt. Wenn wir den Versicherungen eines landgräflichen Gesandten glauben dürfen, so versprach Heusenstamm , haupt- sächlich mit den Evangelisch-gesinnten von seinem Adel und seinem Capitel zu regieren; er bat sich sogar von Philipp einen „christlichen“ Canzler aus und erbot sich zu einer christ- lichen Reformation. Gegen den Landgrafen selbst erklärte er sich für freie Predigt, Priesterehe und beiderlei Gestalt. Schreiben des Landgrafen Hoͤchst 6 Februar bei Neudecker Actenstuͤcke p. 677. Er Ursprung des Krieges. Reichsangelegenheiten . würde wohl entschiedener zu Werke gegangen seyn, hätte er nicht erst der Bestätigung des Kaisers und des Papstes be- durft. Der Landgraf meinte fast, es werde bei ihm nur noch auf eine Anmahnung von Sachsen und Pfalz ankommen. Bei dieser Lage der Dinge dachte man sehr natürlich daran das alte Ansehen des churfürstlichen Collegiums zu er- neuern. Besonders Joachim II erörterte, wie ungehörig es sey, daß in den letzten Zeiten die Fürsten fast das Über- gewicht über die Churfürsten gewonnen. Er meinte, wenn nur das Collegium sich wieder absondere, nicht allein die Propositionen sondern auch die Obliegen des Reiches in or- dentlicher Umfrage berathschlage, so werde ihr Mehr auch in dem andern Rathe bald wieder durchdringen. Coͤln an der Sprew Dienstag nach Judica. (W. A.) So weit kam es denn auch wirklich, daß die Churfür- sten, wiewohl nicht vollzählig, sich noch einmal für ihren Col- legen von Cölln bei dem Kaiser verwandten. Die Bestrebungen des Landgrafen wurden durch die all- gemeine Furcht vor weiterm Umsichgreifen des Hauses Öst- reich befördert. Wie tief diese gieng, davon gab unter an- dern Herzog Heinrich von Braunschweig ein Beispiel. Er kündigte eines Tages an, er habe ein Geheimniß zu ent- decken, und als der Landgraf einen seiner Räthe deshalb zu ihm schickte, eröffnete er, die Absicht des Kaisers sey, Deutsch- land vollends zu zerreißen, alle Fürsten zu Bettlern zu ma- chen: sey es nicht wahr, so solle seine Seele ewig verdammt seyn. Auch die geistlichen Fürsten fürchteten den Zuwachs der Macht, welche dem Kaiser das Recht geben würde die Beschlüsse des Conciliums zu exequiren. Ranke D. Gesch. IV. 24 Achtes Buch. Erstes Capitel . Hierauf gründete Landgraf Philipp den Gedanken, einen allgemeinen Bund der Fürsten von beiderlei Bekenntniß zu Stande zu bringen, unter der Bedingung, daß Keiner an der Ausführung der in Trient zu erwartenden Beschlüsse Theil nehmen solle. Der Sinn der Protestanten war, wie sie bis- her die Unterstützung des Kaisers für sich gehabt, so jetzt die Sympathien der Mehrheit der Reichsstände für sich zu erwecken. Carln V ward zuweilen nicht wohl dabei. Er konnte mit seinen conciliaren Ideen noch scheitern. Es war sehr wohl möglich, daß ihn die Reichsstände nöthigten den Erzbischof von Cöln zu dulden, und ihm dann überhaupt eine compacte ständische Macht unter überwiegendem Einfluß der Protestanten entgegentrat. Er ließ den Papst wissen, die Zeit könne kommen, wo weder der eine noch der andre von ihnen in Deutschland etwas mehr zu sagen habe. Stumpf Baierns politische Geschichte § 84, p. 268. Nicht, als ob die natürliche Entwickelung des Prote- stantismus dahin hätte führen müssen: allein es konnte die Folge der zuletzt eingeschlagenen Politik werden, wofern er nicht eben diese mit aller Anstrengung, um jeden Preis, auf jede Gefahr durchführte. Dazu setzte ihn nun die Lage der allgemeinen Angele- genheiten von Europa mehr in Stand als jemals. Nach dem Frieden von Crespy hätte man nichts an- ders als eine allgemeine Unternehmung gegen die Osmanen erwarten sollen: wenigstens in Deutschland und in Ungarn ward Jedermann darauf vorbereitet: man beklagte sich in Constantinopel , daß König Franz nicht allein einseitig Friede gemacht, sondern sogar feindselige Verpflichtungen gegen den Urspr. d. Kr. Stillstand mit den Osmanen . Sultan übernommen habe. Der Gesandte antwortete, die Absicht seines Herrn sey nur, zwischen dem Kaiser und dem Sultan ein gutes Vernehmen zu stiften. So viel ist rich- tig, daß in den zu Crespy eingegangenen Stipulationen ein Motiv für die Franzosen lag, eine Abkunft zwischen dem Kai- ser und dem Sultan zu vermitteln. Vorsichtig, und nicht ohne am Reichstag immerfort auf fortgesetzte Rüstung zu dringen, aber doch zugleich alle der Gefahren und Verwicke- lungen sich bewußt, in welche ihn ein ernstlicher Angriff auf die osmanische Übermacht führen mußte, hielt der Kaiser für gut darauf einzugehn, einen Versuch zu machen. Im Juni 1545 finden wir einen kaiserlichen Gesandten, Mei- ster Gerhard , wie ihn der Kaiser nennt, — es ist Gerhard Veltwyk , der schon in den deutschen Angelegenheiten vor- kam, — in Begleitung eines französischen, Monluc , auf dem Wege über Ragusa nach Constantinopel . Zu gleicher Zeit eilte auch ein Gesandter König Ferdinands , auf dessen In- teressen es vornehmlich ankam, durch Ungarn und Bosnien dahin. Und ohne Zweifel kam nun die Mitwirkung Mon- lucs den östreichischen Brüdern zu Statten; später ist die- sem sogar ein Vorwurf daraus gemacht worden, und er hat sich nur mit dem Wortlaut seiner Instruction entschuldigt. Die Hauptsache aber that, wie Veltwyk wiederholt versichert, die eigene Lage der Osmanen. Schlußdepesche des Veltwyk im Anh. Die Eroberungen welche sie in Ungarn gemacht, wünschten sie nun auch zu befesti- gen, so daß nicht jeder kleine Unfall den Gehorsam der Ein- wohner zweifelhaft machen könne. An den entgegengesetzten Grenzen erhoben sich ihnen Irrungen mit den Persern, welche 24* Achtes Buch. Erstes Capitel . bald darauf wirklich zum Kriege geführt haben. An der Pforte selbst kam die Parteiung der Sultanin Churrem ( Ro- xolane ) gegen den ältesten Sohn Suleimans , Mustapha , der als der Thronerbe betrachtet wurde, zum Ausbruch; und Un- ordnungen traten ein, die eine Vertheidigung zugleich gegen zwei so gewaltige Gegner schwer gemacht hätten. Dagegen war ihnen auch der Friede ehrenvoll und vortheilhaft. Die östreichischen Gesandten hielten es schon für einen Gewinn, wenn man den römischen König nach so großen Verlusten nur im Besitz der Grenzplätze ließ, die er noch inne hatte (auch die hatten die Türken anfangs gefordert): unter die- sem Vorbehalt bewilligten sie einen jährlichen Tribut von 10000 Duc. und nahmen den Stillstand von 18 Monat an, den man ihnen anbot (October 1545). Literae Nicolai Sicci ad Ferdinandum Adrianopoli d. X Nov. 1545. Rustan , der mit ihm unterhandelt, erklaͤrt sich end- lich zufrieden, „ut quicquid V rae M tis praesidio usque ad hunc diem teneretur, in ejusdem jurisdictione permaneret: castra tan- tum Valentini (er meint V. Toͤroͤk ) captivi sui, 10 mille aureos, et castra quaedam eorum qui neutrius potestati suppositi forent, postulabant. Ubi huc ventum est nec ad meliores conditiones facile adduci posse videbantur, noluimus illas neque aperte ac- ceptare neque recusare, sed sub ea conditione pax firmata est, si M tas V ra acciperet et Caesar his consensum praestitisset: tem- pus autem huic ratihabitioni praescriptus est integer annus aut decem et octo menses.“ Man sieht wie mißlich das alles lautet. So weit ließ sich Carl V herbei. Er hatte noch vor ein paar Jahren die Hofnung gehegt, einmal als Kaiser in Constantinopel einzuziehen: jetzt dagegen, in einem Augenblicke wo die Un- garn seine Ankunft erwarteten, die Deutschen nichts mehr ge- wünscht hätten als ihm zu folgen, die Türken zugleich von einem orientalischen Feinde bedroht und durch innere Ent- Urspr. des Krieges. Verhaͤltniß zu Frankreich . zweiung gefährdet waren, jetzt entschloß er sich für sein Haus auf Ungarn Verzicht leisten und sogar eine Art von Tribut zahlen zu lassen. So viel lag ihm daran, für die religiö- sen Angelegenheiten, die seine Gedanken erfüllten, freie Hand zu bekommen. In demselben Augenblick ward auch eine andre Sache, die ihm noch viele Schwierigkeiten hätte veranlassen können, durch einen ganz unerwarteten Todesfall erledigt. Im Septem- ber 1545 starb der junge Herzog von Orleans , dem der Kai- ser Mailand zu übertragen sich entschlossen zeigte. So hatte er endlich jene Alternative, die er sich im Frieden von Cre- spy vorbehalten, entschieden; aber aus den Schriften welche er mit seinen Räthen gewechselt, sieht man wohl, welche Ge- fahren er auch bei dieser Maaßregel noch immer voraus- sah: so lebhaft der Herzog auch seine Ergebenheit aussprach, war man doch am kaiserlichen Hofe weit entfernt ihm zu trauen. Der Gesandte des Kaisers in Frankreich , St. Mau- ris , ließ sich wohl vernehmen, der Herzog sey das vollkom- mene Abbild seines Vaters, dessen Versicherungen doch auch niemals Erfolg gehabt. Nach dessen Meldungen war die Gesundheit des Herzogs ohne- hin zerruͤttet: „tenia podrido el baço y las partes inferiores entera- mente gastadas.“ Er starb an den Folgen eines kalten Trunkes nach starker Erhitzung, bei der Zeit einer grassirenden Pest. (A. v. Simanc. ) Sehr eigen hört es sich an, wenn Navagero meint, zu den andern Verpflichtungen die der Kai- ser schon gegen den Tod habe, der ihm so viele Reiche in die Hände geliefert, komme nun auch die, daß man nicht wissen könne ob er dem Herzog sein Versprechen habe hal- ten wollen, oder vielleicht auch nicht. Mit den Franzosen ward dessenungeachtet ein ganz gutes Verhältniß behauptet. Achtes Buch. Erstes Capitel . Neue Familienverbindungen, bei denen man auf die kaum Geborenen, ja auch auf die noch nicht Geborenen Rücksicht nahm, wurden in Vorschlag gebracht. Der günstigste Umstand hiefür aber war, daß der Krieg zwischen England und Frankreich noch immer fortgieng. Was Granvella gleich anfangs vorausgesehen, die Franzosen woll- ten Boulogne um keinen Preis fahren lassen, Heinrich VIII wollte es nicht wieder herausgeben. Januar und Februar 1546 waren noch mit Scharmützeln und entgegengesetzten Fortificationen an den Grenzen erfüllt. Dadurch geschah daß von diesen mächtigen und eifersüchtigen Nachbarn sich jetzt weder der eine noch der andere in die Geschäfte des Kaisers mischen konnte. Auch von dem Norden hatte er keine Störung zu fürch- ten: um so weniger, da der König von Dänemark die An- näherung des Churfürsten von der Pfalz an den schmalkal- dischen Bund mit Besorgniß ansah. Dergestalt nach allen Seiten hin frei, konnte er seine Aufmerksamkeit dieß Mal ungestört auf die deutschen Angele- genheiten richten. Wir wissen, in wie hohem Grade die Verwickelungen der europäischen Politik zum Emporkommen der Protestan- ten beigetragen, besonders ihnen Zeit gegeben, freien Raum gemacht hatten. Wir sahen auch, wie es kam daß sie die Vortheile die ihnen aus diesem Verhältniß zu des Kaisers Gegnern, das doch nie ein eigentliches Bündniß war, entspran- gen, im Jahr 1543 selber aufgaben, die ihnen dargebotene Combination nicht allein nicht benutzten, sondern den Kaiser zur Überwältigung seiner Feinde unterstützten. Ein von der Ge- wohnheit wie jeder andern, so besonders dieser Zeit sehr ab- Urspr. des Krieges. Politik der Protestanten . weichendes Verfahren. Alle diese einander entgegenstehenden Mächte, der Kaiser, die Franzosen, England , der Papst selbst, schließen ihre Bündnisse und lösen sie auf, führen ihre Kriege und endigen sie nach ihrem bestimmten Interesse, dessen sie sich sehr wohl bewußt sind: eine Freundschaft oder gemeinschaft- liche Tendenz, vor der dasselbe verschwände, giebt es für sie nicht: alle Allianzen stellen den Krieg in Aussicht, jeder Krieg trägt als Auskunftsmittel eine Bundescombination in sich: nach dem Wechsel der Ereignisse behauptet oder verändert jede Macht, nur sich selber treu, ihre Haltung nach allen Seiten hin. Anders aber die Bundesgenossen von Schmal- kalden . Ihre Einung war mit nichten gegen das Kaiser- thum geschlossen, wohl aber wider die von dem damaligen Kaiser, der eine so ganz eigenthümliche Stellung einnahm, zu besorgenden Angriffe. Sie hinderte sie nicht an dem pa- triotischen Wunsch, sich ihm anschließen, irgend eine nationale Unternehmung mit ihm ausführen zu können. Da er ihnen religiöse Concessionen machte, so faßten sie Zutrauen zu ihm, und gesellten sich ihm am Ende mit herzlicher Hingebung bei. Unglücklicherweise beruhte ihr Zutrauen zum Theil auf Irr- thum; ihre Hingebung entsprang nicht aus ruhiger Erwä- gung, sondern zugleich aus persönlichen Motiven; endlich wurden die Zugeständnisse die man ihnen machte, nicht so voll- kommen fest bestimmt, um als unzweifelhaft gelten zu können. So geschah daß sie eben in den Glaubensstreitigkeiten zuerst zu empfinden bekamen, daß der Kaiser keinen auswärtigen Feind mehr zu bekämpfen hatte. Schon in Worms hören wir sie klagen, er würde sie wohl anders behandeln, wenn er wie sonst ihrer Hülfe bedürfte. Ihre Erwartung, daß das in einem Türkenkriege geschehen könne, sahen sie getäuscht. Eben Achtes Buch. Erstes Capitel . als sie völlig isolirt waren, er dagegen sich nach allen Sei- ten seiner Feinde entledigt hatte, geriethen sie mit ihm in den schroffsten Widerspruch; Gegensätze kamen zur Sprache in denen keiner von beiden weichen konnte, und zuletzt die Gewalt zur Entscheidung herbeigerufen werden mußte. Ihre Meinung, daß ihre Sache Gottes Sache sey und nicht un- tergehn könne, hat etwas Ehrwürdiges, und ist wohl zuletzt auf andre Weise gerechtfertigt worden. Allein die höchsten Interessen fielen doch nicht so unbedingt mit ihrem Daseyn zusammen. Nach und nach, sich selber unbewußt, waren sie eine weltliche Macht geworden, wenn auch nur der Mino- rität und der Opposition. Es fällt hart, es auszusprechen, aber gewiß ist, daß ihre Politik, wiewohl sie mit den lobens- werthesten Eigenschaften, namentlich reichsständischen Pflicht- gefühls zusammenhieng, dennoch fehlerhaft war, und diese Feh- ler, wie alle auf Erden, sich rächen mußten. Schon in Worms ward zwischen Kaiser und Papst über ein Bündniß gegen sie unterhandelt. Man dürfte nicht meinen, als sey dem Papste daran gelegen gewesen, daß der Kaiser die vereinigten Fürsten und Stände sich unterwürfig mache. Vielmehr war ihm derselbe ohnehin allzu gewaltig. Aber das Einverständniß zwischen beiden war das drückendste was ihm begegnen konnte: dieß vor allem mußte er zerstören. Es ließ sich mit aller Si- cherheit voraussehen daß die Einberufung des Conciliums zunächst ein Zerwürfniß zwischen ihnen zur Folge haben werde: ein damaliger Legat, späterer Papst, erklärt unum- wunden, der nächste Beweggrund dazu sey gewesen, die Wi- dersetzlichkeit der Protestanten an Tag zu bringen: Instruttione di Giulio III a Mons r Sipontino: Non siamo und mit U. d. K. Buͤndniß des Kaisers mit dem Papste . Vergnügen sah man nun in Rom diese Folgen eintreten, die Entzweiung kommen. Paul III versäumte nichts um sie zu vollem Ausbruch zu bringen. Sein Enkel Alessandro er- schien am Reichstag, zunächst um einen kleinen Beitrag zum Türkenkrieg anzubieten, wenn ja ein solcher noch bevorstehe, hauptsächlich aber um das bisherige Verfahren des römi- schen Stuhles zu entschuldigen, überhaupt ein besseres Ver- nehmen herzustellen. Ein neues Motiv dafür sollte bilden, daß die natürliche Tochter des Kaisers, Margarethe , Gemah- lin Ottavio Farnese’s , guter Hofnung sey, und sich demnach eine immer dauernde Verbindung dieser Familie mit dem kai- serlichen Hause erwarten lasse. Die Protestanten bemerkten mit Verdruß, welche gute Aufnahme dem Legaten zu Theil ward: aber noch um vieles weiter giengen die Besprechun- gen, als sie vermutheten. Der Legat brachte die Sache des Conciliums in Anregung; der Kaiser bemerkte, daß die Pro- testanten sich demselben schwerlich unterwerfen würden, und sprach den Wunsch aus, für diesen Fall den Rath des Pap- stes zu vernehmen. Farnese hatte seine Antwort schon be- reit. Er erklärte dem Kaiser, wenn er sich zum Kriege ge- gen die Protestanten entschließe, so werde ihn der Papst nicht mit 100000 Duc., — so viel hatte er für den Türkenkrieg mit, — nicht mit dem doppelten oder dem dreifachen Be- trag dieser Summe, sondern mit seinem ganzen Vermögen, mit seiner dreifachen Krone unterstützen. Dispaccio del Vescovo di Cortona 29 Maggio 1545, aus dem Munde Granvellas : In caso che S. M à si risolvesse di sbat- tere per via d’armi, poiche per giustitia non si vedeva quasi modo adesso in quelli termini dove eravamo prima, quando s’andò la prima volta, — per chiarire la contumacia loro et honestare l’ese- cutione dell’armi. Achtes Buch. Erstes Capitel . Welches auch der Erfolg des Krieges seyn mochte, — eine Frage für später, die man jetzt weniger berücksichtigte, — un- verkennbar hatte der römische Hof ein großes Interesse dabei, ihn zum Ausbruch zu bringen, den Kaiser in dem Augenblick der wichtigsten conciliaren Beschlüsse zugleich von seiner Bei- hülfe abhängig zu machen, und in der Ferne zu beschäftigen. Gieng der Kaiser auf das Bündniß ein, so war darum auch seine Meinung nicht, daß es auf Leben und Tod ge- schlossen seyn solle; zunächst aber konnte er nicht allein sehr gut fremde Hülfe brauchen, sondern die Verbindung mit dem Papst war ihm auch wegen der Beziehung desselben zu dem katholischen Deutschland erwünscht. Gleich im nächsten Mo- nat nahm er die guten Dienste des Papstes an dem bairi- schen Hofe in Anspruch. Hierüber und über die förmliche Eröffnung des Conci- liums ward nun zwischen Kaiser und Papst im Laufe des Jahres 1545 weiter unterhandelt. Der Papst hätte gewünscht, das Concilium nach Rom zu nehmen und hier die Sache sobald wie möglich zu sol- chen Entscheidungen und Urtheilssprüchen zu fördern, auf welche eine Execution durch die Waffen folgen konnte. Instruttione per M or Beceatello . Poli Epp. IV, 281. Dal trasferirsi a Roma ogni cieco puo vedere quanto vantaggio re- sulterebbe. Der Kaiser war ganz hiegegen. Er wollte das Con- cil schlechterdings in Trient festhalten, weil nun einmal eine Kirchenversammlung in deutschen Landen versprochen war, wozu selbst Trient kaum noch gerechnet werden durfte; er alcuno, li Luterani, S. Beat ne non sol concorrerà con ogni somma di danari ma col proprio regno. (Archiv. Medic.) U. d. K. Buͤndniß des Kaisers mit dem Papste . fürchtete fürs Erste Entscheidungen welche die Anwendung der Waffen unvermeidlich machen konnten; er drang darauf daß nur die Lehren, nicht die Personen verdammt würden; vor allen Dingen aber forderte er daß auch die Reformation mit Ernst vor die Hand genommen würde. Es kostete einige Mühe, daß der Kaiser, ehe alle diese Bedingungen aufs Reine gebracht waren, die Eröffnung des Concils zugab, die dann am 13ten Dec. 1545 mit aller Feierlichkeit erfolgte. Aber um so dringender war es nun auch, die Hülf- leistung für den Krieg unverzüglich festzusetzen. Viele Schwie- rigkeit machte die Forderung des Kaisers, auch gegen Die- jenigen vom Papst unterstützt zu werden, welche ihn wäh- rend des Krieges angreifen würden. Der Papst wollte dieß höchstens auf 6 Monat zusagen; der Kaiser verlangte es für die ganze Dauer des Krieges und 6 Monat nachher. Endlich gab der Papst der Forderung des Kaisers nach. Hauptsächlich versprach er, dem Kaiser 12000 M. z. F., 500 M. z. Pf. zu Hülfe zu schicken und 6 Monat im Felde zu erhalten. Zu größerer Sicherheit des Kaisers machte er sich anheischig, 200000 Duc. niederzulegen. Im Anfang des Jahres 1546 ist man über diese Puncte übereingekom- men, doch ward der Tractat noch nicht unterzeichnet. Artikel bei Pallavicini , Rainaldus , Du Mont IV, ii , 308. Der florentinische Gesandte meldet in einer Depesche vom 14ten Ja- nuar 1545 die oben angedeutete Differenz, und da er in der Haupt- sache so gut unterrichtet ist, so ist ihm auch hierin zu glauben. Der foͤrmliche Abschluß koͤnnte etwa eben in den Januar oder vielleicht in den Februar fallen. Es ist ganz im Character des Kaisers, die Dinge bis Achtes Buch. Erstes Capitel . auf den letzten Federzug vorzubereiten, aber dann inne zu hal- ten. Einen definitiven Entschluß hatte er noch nicht gefaßt. Vielmehr leitete er in diesem Augenblicke, wie man in Worms beschlossen, noch einen Versuch der Pacification, ein neues Religionsgespräch, ein. Freilich trugen schon seine Vorbereitungen ein ganz an- deres Gepräge als die früheren. Dieß Mal suchte er nicht mehr wie früher nach Män- nern einer gemäßigten Meinung: die strengsten Eiferer viel- mehr, einen Cochläus und Billik , stellte er als Colloquenten auf; Die Gesinnung des Carmeliter Billik ergiebt sich aus seinem Bericht: Neudecker Urkk. 787. „Die Bestien“, heißt es darin von den Protestanten p. 793, „ließen sich vernemen, was sie auch ganz unverschaͤmt und mit trutzigen worten unterstunden zu erhalten das Gesprech were angesagt, damit die lautere und reine lere des Evan- gelii (also nennen sie ire ketzerei) offenbar wurde ꝛc.“ die vornehmste Rolle aber übertrug er einem Spanier, Pedro Malvenda , der von allem Anhauch deutscher Meinun- gen rein geblieben. Und dieser griff nun die Sache mit großer Entschie- denheit an. Es hätte ihm noch nicht genügt, protestan- tische Lehren zu bestreiten; seine ersten Angriffe richtete er vielmehr gegen die Lehrformel, über die man sich im J. 1541 vereinigt hatte: vor allem im Artikel von der Recht- fertigung. Die Protestanten blieben bei der getroffenen Über- einkunft stehn: namentlich Butzer , dessen Genossen Brenz , Schnepf und Georg Major waren, drückte sich fast ganz mit den Worten Contarinis aus; aber Malvenda wollte nicht mehr von der imputativen, sondern nur noch von der inhärirenden, eingegossenen Gnade hören. Auch in der Me- U. d. K. Erhebung des katholischen Prinzipes . thode zeigte sich ein nicht mehr zu vereinigender Zwiespalt. Während die Protestanten mit einer gewissen Ängstlichkeit ausführten, mit welchem Maaße sie die Kirchenväter annäh- men, nemlich deren eigenem Ausspruch zufolge nur in wie fern sie mit der Schrift übereinstimmen, trug Malvenda kein Bedenken, sich auf ein paar Scholastiker des vierzehnten und funfzehnten Jahrhunderts, Bricot und den englischen Domi- nicaner Holcoth , zu berufen. Brenz an Amsdorf 29 Febr. Corp. Ref. VI, 65. Er behauptete die ununterbro- chene Continuität der rechtgläubigen Entwickelung des Dogma stärker, als es lange in Deutschland vorgekommen: er schlug einen Weg ein, der zu keiner Annäherung, sondern nur zu immer weiterer Entfernung führen mußte. Zugleich wurden wunderlich ängstliche Maaßregeln ge- troffen, um das Geheimniß dieser Verhandlungen zu bewah- ren. Die Protocolle wurden alle Nachmittag in einen eiser- nen mit drei Schlössern versehenen Kasten niedergelegt, aus welchem sie ohne Bewilligung der Präsidenten nicht wieder- hervorgezogen werden konnten. Und auch dieß schien noch nicht genug. Die Colloquenten sollten sich eidlich verpflich- ten, keinen lebenden Menschen von ihren Verhandlungen et- was erfahren zu lassen. Bericht Georg Majors , Hortleder I, i , c. 40, p. 365. Hoͤchst auffallend ist, daß als der Landgraf diese Anordnung am kaiserlichen Hofe zur Sprache brachte, Niemand darum wissen wollte. Der Chur- fuͤrst zweifelte nicht, der kaiserliche Befehl sey von den Praͤsidenten erdichtet. (Schreiben Joh. Friedrichs Sonnab. nach Ostern.) Man kann es den Protestanten nicht verargen, wenn sie diesen Eid nicht leisten wollten. Mußten sie nicht we- nigstens den Ständen, von denen sie geschickt worden, Be- Achtes Buch. Erstes Capitel . richt erstatten? Sie wollten ihre Seele, namentlich in einer Sache die doch zu nichts führen konnte, mit dieser Verant- wortlichkeit nicht beladen, und zogen es vor, das hofnungs- lose Gespräch geradezu abzubrechen. Es war ihnen hier ein Element entgegengetreten, mit dem es keine Versöhnung gab. Wir befinden uns überhaupt in den Zeiten, in welchen der römische Stuhl, jetzt nicht mehr allein in den germanischen, son- dern auch in den romanischen Nationen angetastet, alle Kräfte die in der Disciplin der Kirche und ihrer Verbindung mit dem Staat beruhten, zusammennahm, um sich dieser Gegner zu entledigen. Die zerstreuten Inquisitionen, welche nicht mehr durchdringen konnten, wurden durch ein oberstes Tri- bunal zu einem einzigen System vereinigt, welches sehr bald eine unwiderstehliche Kraft der Vertilgung entwickelte. Zu- nächst fielen jene Literatoren in Italien , die sich dem evan- gelischen Prinzip nur angenähert, in die Hände der sie ver- folgenden Mönche und verschwanden in den Gefängnissen oder verließen das Land. In Frankreich nahmen die Parlamente sich des alten Glaubens an. Man sah die Inquisitoren mit den Officialen der Bischöfe in den Parlamentshäusern erscheinen; oder es wurden eine Anzahl der eifrigsten Räthe zu einer be- sondern Kammer vereinigt, um über die Ketzerei zu wachen, ohne andre Geschäfte. Floquet Histoire du Parlement de Rouen III, 241, 245. Von ihren Urtheilssprüchen ein Bei- spiel ist die Verdammung welche das Parlament von Rouen über die Waldenser von Merindol aussprach, nach welcher die ganze Ortschaft vertilgt werden sollte, „die Häuser, die Zufluchtsörter unter der Erde, die Bäume in den Gärten, U. d. K. Erhebung des katholischen Prinzipes . die Holzungen rund umher.“ Nach einigem Zögern, eben im Jahr 1545, schritt man zur Ausführung dieser Sentenz. Merindol und Cabrieres wurden von einer kleinen Heerschaar überfallen, wie die Orte der Morisken in Spanien , und un- ter entsetzlicher Massacre zerstört: ein paar tausend unschul- dige Bekenner, denen Wilhelm von Bellay noch vor kur- zem das rühmlichste Zeugniß gegeben, wurden als unwür- dig das Licht der Sonne zu erblicken, von dem Erdboden vertilgt. Thuanus lib. VI, 127. Auf eine Bittschrift der piemontesischen Walden- ser gab König Franz I die Antwort, er könne Leute die er in Frankreich verbrennen lasse, unmöglich auf den Alpen schonen. Unter dieser Combination war es daß sich die Verfolgung in den Niederlanden erneuerte, „fromme guther- zige Leute“, wie der sächsische Gesandte sich ausdrückt, „hin und wieder verbrannt wurden,“ die Kerker von Vilvorden sich mit Gefangenen, die benachbarten Städte sich mit Flücht- lingen erfüllten; wir berührten, wie die Inquisition in Cölln hergestellt ward. Das alte dominicanische Dogma ward aufs neue in Paris und gleich darauf in Löwen in aller Strenge verkündigt. Merkwürdig ist von den Löwener Ar- tikeln besonders der 21ste, worin als das Zeichen der wah- ren Kirche angegeben wird, daß sie das als Glaubenslehre annehme, was der römische Stuhl darüber sage, gesagt habe und sagen werde. Decanus et facultas theologorum Lovaniensium 1544 6 Nov. In diesem Sinne hatte sich der Orden der Jesuiten gebildet, dessen Thätigkeit auf der Stelle den ganzen Umkreis der römischen Kirche erfüllte: schon seit dem Achtes Buch. Erstes Capitel . Jahre 1542 finden wir Mitglieder desselben in Deutschland wirksam. Eben an den bedrohtesten Stellen sehen wir sie erscheinen: in Wien Bobadilla , in Ingolstadt Jaius , in Cölln Faber . Noch fällt ihr Thun und Treiben nicht sehr in die Augen: — aber schon ist es nicht ohne Wirkung. Im Ge- folge der Nuntien oder des römischen Königs erscheinen sie an den Reichstagen und hören die Beichte der Vornehm- sten von den Versammelten: sie dringen in den Rath der Bischöfe und machen ihre Meinung darin geltend; schon ge- lingen ihnen einzelne Bekehrungen, wie die des Petrus Cani- sius , die denn für Oberdeutschland von großer Bedeutung ge- worden ist; hauptsächlich, sie repräsentiren einmal wieder das katholische Prinzip mit aller Hingebung und Strenge. Die Zusammensetzung des kaiserlichen Hofes und Heeres war recht eigen dazu gemacht um diese Elemente nach Deutschland zu leiten. Die Anführer jener Italiener und Spanier die im Jahr 1543 mit Carln über die Alpen gekommen, warnten schon damals die lutherischen Prädicanten sich öffentlich blicken zu lassen: ihr Volk sey ihnen feind, sie seyen desselben nicht mächtig genug um eine Gewaltthat zu verhindern. Wozu es auch in Deutschland kommen könne, zeigte ein gräßlicher Brudermord, der in diesen Tagen zu Neuburg an der Donau geschah. Ein junger Spanier, Johann Diaz , dem in Paris , wo er studirte, einige Schriften der Reformatoren zu Handen gekommen, deren Meinung er in den Paulinischen Briefen bestätigt fand, war nach Deutschland gegangen und hatte sich hier ganz mit den evangelischen Lehren durchdrungen: mit Butzer , der ihm wie andern Flüchtlingen gastfreie Auf- Johann Diaz . nahme in seinem Hause zu Theil werden ließ, war er zum Gespräch nach Regensburg gekommen. Von allen wider- wärtigen Dingen die Malvenda in Deutschland wahrgenom- men, das Widerwärtigste war ihm, unter den Gegnern einen Landsmann zu sehen, von der vorzugsweise rechtgläubigen Nation, und er versäumte nichts um denselben zu bekehren. Aber weder ihm wollte das gelingen, noch auch einem Bru- der Johanns , Alfonso , der von Rom , wo er eine ansehn- liche Stelle an der Rota bekleidete, auf die erste Nachricht herbeigeeilt war. Johann Diaz war ein Mensch, der sein einziges Glück auf Erden darin sah, nach dem einmal ge- faßten Begriff zu leben: er war ganz zufrieden, dort in Neuburg an der Donau , wohin er von Regensburg aus gegangen, in ärmlichem Zustand, den Druck eines Buches von Butzer zu besorgen. Fast mit Gewalt mußte ihm Al- fons , als er Abschied nahm, ein paar Kronthaler zum Ge- schenk aufdringen. Wehe ihm aber, daß er diese Wieder- kehr brüderlicher Freundschaft für ächt nahm! In Alfonso wirkten der Fanatismus einer vermeinten Rechtgläubigkeit und der eigenthümliche Wahn der damaligen Spanier, in der Abweichung von den hergebrachten Doctrinen einen Schimpf für Land und Familie zu erblicken, zu dem Entschlusse zusam- men, den Bruder lieber zu ermorden, als ihn hier unter den Ketzern zurückzulassen. Ein Gedanke der eben so gräßlich ausgeführt ward, als er an sich selber ist. An einem der nächsten Morgen, in erster Tagesfrühe, erschien der Diener Alfonsos mit einem Briefe desselben in der wohlbekannten Wohnung zu Neuburg ; indem Johann , noch halb angeklei- det, in dem Halbdunkel sich über das Blatt beugte um es Ranke D. Gesch. IV. 25 Achtes Buch. Erstes Capitel . zu lesen, versetzte ihm jener mit einem Beil von hinten her einen Hieb in den Nacken, so daß das Schlachtopfer auf der Stelle niederstürzte und sich sterbend in seinem Blute wälzte. Der Bruder selber, Alfonso , hatte indeß die Thür gehütet: sie eilten zu ihren Pferden und hatten ihre Maaßregeln so gut ge- nommen, daß sie erst in Insbruck ergriffen wurden. Im er- sten Augenblick dachte man sie zu bestrafen: allein der Papst machte geltend, daß beide, der Herr und der Diener, Cleri- ker seyen, und entzog sie den weltlichen Gerichten. Viele Jahre nachher konnte Alfonso seine That dem spanischen Ge- schichtschreiber Sepulveda in aller Sicherheit erzählen: noch immer voll Genugthuung daß sie ihm gelungen war. Die Erzaͤhlungen von diesem Ereigniß, welche Melanchthon und Lange auf die ersten Nachrichten bekannt machten, haͤtte man spaͤ- ter nicht so ohne Weiteres wiederholen sollen. Dagegen haben wir von Claude Senarclē , dem Begleiter des Diaz auf seiner religioͤsen Wanderschaft, einen sehr zuverlaͤßigen Bericht, Historia vera de morte Johannis Diazii , 1546, wiederholt im Scriniarium von Gerdes . Da findet sich auch Johannis Diazii christianae religionis summa, die ein- zige Schrift des Ungluͤcklichen, und wohl am meisten dadurch merkwuͤr- dig, daß der Autor uͤber die Verfassung der Kirche sich ganz die deut- schen Ideen angeeignet hat, und nichts weiter fordert als eine fromme Obrigkeit und wachsame Diener am Wort. Wenn Sepulveda mit Scnarclē uͤbereinstimmt, so ruͤhrt dieß nicht davon her, daß er die- sen Bericht vor sich hatte, sonst wuͤrde er das Ereigniß nicht ins Jahr 1541 setzen wie er es thut, sondern daher, daß er an Alfonso einen zuverlaͤßigen Berichterstatter hatte. Einige weitere Momente enthaͤlt noch die Klageschrift welche die protestantischen Staͤnde am folgenden Reichstag dem Kaiser einhaͤndigten. Welchen Eindruck aber mußte nun dieß Ereigniß, in Verbindung mit so viel andern täglich eingehenden Nach- richten verwandter Natur, in Deutschland hervorbringen! War der Gegensatz der zwischen den beiden Brüdern bestand, nicht derselbe der im Colloquium zu Tage kam? Ursprung des Krieges . Johann hielt sich an Butzer : nicht ohne Malvendas Ein- fluß war Alfonso herübergekommen. Jedermann empfand dieß. Wie dieser neue Cain gegen den zweiten Abel, sagt Melanchthon , so seyen die Feinde der göttlichen Wahrheit gegen alle fromme Gliedmaßen Christi gesinnt. So eben aber zog nun der Kaiser den Rhein herauf, um den angesetzten Reichstag zu besuchen. Wir kennen ihn hinreichend, um überzeugt zu seyn, daß er nicht auch von dieser Gesinnung durchdrungen war, obwohl er nichts that, um sie unschädlich zu wachen. Noch trug er Sorge, daß der Verdacht, der sich in allen Gemüthern regte, in seinem Betragen wenigstens kei- nen Anhalt fand. Eine Verwendung der Churfürsten für ihren Collegen in Cölln , — an der aber der neue Erzbischof von Mainz , Heu- senstamm , zuletzt doch nicht den Muth gehabt hatte Theil zu nehmen, so wenig wie Trier , — empfieng er in aller Gnade: er entschuldigte was er gethan damit, daß Hermann auf keine Warnung geachtet; er versicherte, daß er in dieser wie in andern Sachen nur mit zeitigem guten Rathe der Churfürsten, Fürsten und Stände verfahren werde. Nament- lich Johann Friedrich von Sachsen zeigte sich von dieser Ant- wort vollkommen befriedigt. Dessen Schreiben vom 15 Maͤrz. Weim Arch. Neudecker Actenst. 707. So erklärten sich auch die kaiserlichen Räthe. Gran- vella versicherte, wenn der Kaiser einige Rüstungen mache, so geschehe das nur weil er seine Grenzen sichern müsse, aus keiner andern Absicht. Im Februar erwähnte der Graf 25* Achtes Buch. Erstes Capitel . von Solms in einem Gespräch mit Naves zu Mainz der allgemeinen Meinung, daß der Kaiser die Protestanten mit Krieg überziehen wolle. „Sagt man dieß?“ versetzte Naves unbefangen, „es ist nicht wahr.“ Am 28sten März traf Landgraf Philipp mit dem Kai- ser, auf dessen Wege nach Regensburg , in Speier zusam- men. Der Kaiser suchte ihm auszureden, daß seinen Ver- handlungen mit Frankreich oder den Osmanen eine feind- liche Absicht gegen die Protestanten zu Grunde liege; das Concilium habe er nur befördert, damit die Geistlichkeit sich selbst reformire; was aber dort auch beschlossen werde, so wolle er darum auf keinen Fall Krieg gegen die Protestan- ten anfangen. Der Landgraf erwiederte ganz treffend, daß sich jetzt von einem allgemeinen Concilium nichts mehr er- warten lasse: viel zu weit seyen die deutsche Nation und die andern von einander entfernt; würde der Kaiser dennoch in Folge eines solchen den evangelischen Glauben unterdrücken wollen, so werde er Hunderttausende umbringen müssen und sich zuletzt nur selbst geschwächt haben. Ihm am meisten werde es zu Statten kommen, wenn er sich durch eine bil- lige und gnädige Regierung das Wohlwollen der Stände verschaffe. Bei Schmidt N. G. I, c. 5, jedoch nicht ohne Auslassungen, die hie und da sehr wesentlich sind. Wir kommen hier noch einmal auf Sleidanus zuruͤck, lib. XVII, der hier die Handschrift des Landgrafen uͤbersetzte. Seckendorf sagt nach der Vergleichung: exacte respondet. Betrachtungen, die auch dem Kaiser wohl zuweilen noch durch den Kopf giengen. So weit die Sache auch schon gediehen, so viel Vor- bereitungen gemacht, so viel Verabredungen getroffen waren, Ursprung des Krieges . so war der Kaiser doch noch nicht definitiv entschlossen: er hatte noch nicht das letzte Wort gesagt. Anfang April hielt sich der englische Gesandte versichert, es sey an keinen Krieg zu denken. Der florentinische be- merkt am 5ten April, die Flamme, welche von Andern ge- schürt werde, suche Granvella noch immer auszulöschen. Noch im Anfang Mai ließ der Beichtvater vernehmen, die Sache gehe nicht ganz wie er wünsche. Dispaccio Florentino 4 Maggio. Parlando col confessore mi disse che le cose non procedevano a suo modo, purche s’a- visava col C l d’Augusta el piu che poteva e non era in tutto però disperato. Fuͤr den Wechsel der Gedanken und Entschluͤsse sind diese Depeschen sehr unterrichtend. Eben der Beichtvater war einer der größten Beförderer der Kriegsplane: er stellte dem Kaiser unabläßig vor, welche Verantwortlichkeit er auf sich laden werde, wenn der Katho- licismus durch sein Versäumniß neuen Verlust erleide. An- fangs war er mit dem Nuntius und dem Cardinal von Augs- burg allein. Selbst der Herzog von Alba , der um der Kriegs- gefahren willen aus Spanien berufen worden war, erklärte sich lange Zeit friedlich. Nach und nach aber, je weiter man in Deutschland reiste, ward auch in ihm über alle die Ab- weichungen die er wahrnahm, das spanisch rechtgläubige Blut rege und er schloß sich dem Nuntius an. Immer dringender erhob sich diese den Krieg fordernde Stimmung in der näch- sten Nähe des Kaisers. Alle Spanier am Hofe billigten die an dem armen Diaz vollbrachte Mordthat; Sepulveda ver- sichert, der Kaiser habe sich wenigstens nicht dagegen erklärt. Eben die Spanier waren es, auf die er besonders zählte, wenn es noch zum Kriege kam. Achtes Buch. Erstes Capitel . Beschlossen, wie gesagt, war dieser im Anfang des Mai noch nicht. Vor der definitiven Entscheidung wollte der Kai- ser erst wissen, wie er mit den deutschen Fürsten stehn werde, katholischen und Protestanten. Von jenen war ohne Zweifel Herzog Wilhelm von Baiern der wichtigste, der jetzt nach dem Tode seines Bruders allein regierte. Schon vor einem Jahre hatte sich Carl V an ihn gewendet, ihn an seine früheren Äußerungen über die Noth- wendigkeit zu den Waffen zu greifen erinnert, die Unmöglich- keit in dem jetzigen Zustand zu verharren auseinandergesetzt, und unter der Form als wolle er nur guten Rath verneh- men, auf ein Bündniß gegen die Protestanten angetragen. Damals hatte er jedoch eine ablehnende Antwort empfan- gen. Offenbar waren die Umstände nicht mehr die alten. Früher wäre der Krieg auf den Grund der Reichsabschiede, im Sinne der Majorität, zu deren Gunsten geführt worden; jetzt war diese geschwächt und zersprengt; der nächste Grund des Krieges lag in den eigensten Gedanken des Kaisers, sei- nen conciliaren Absichten, seiner niederländischen Politik; das Unternehmen mußte, wenn es damit nach Wunsch gieng, zum größten Vortheile desselben ausschlagen. Hatte früher der Kai- ser sich unschlüßig gezeigt, so ist es kein Wunder daß jetzt hinwiederum Baiern an sich hielt. Wir haben noch vom Ja- nuar 1546 eine überaus freundschaftliche Erklärung des Her- zogs an den Landgrafen Philipp . Leonh. Eck versichert dem Landgrafen, „das sein Herr s. f. Gn. guten Glauben halten werde, ye lenger ye mehr wohl gegen E. En. affectionirt sey.“ (Weim. A.) Allein allmählig drang doch auch hier das ohnehin nie aufgegebene Prinzip einer Ursprung des Krieges. Vertrag mit Baiern . gewaltsamen Herstellung des Katholicismus und der Einfluß des Hauses Östreich durch. Baiern hatte ein Interesse, an dem es immer gefaßt werden konnte. Bei dem letzten Re- gierungswechsel in der Pfalz hatte es seine Ansprüche an diese Chur in allem Ernst erneuert; weitläuftige Schriften wur- den darüber gewechselt. So schwer es dem Kaiser werden mußte, gegen einen seiner nächsten Verwandten Pfalzgraf Friedrich vorzuschreiten, so versprach er doch jetzt, wofern derselbe nicht von freien Stücken zum Gehorsam zurückkehre und sich auch dem Concilium unterwerfe, die Churwürde ohne Weiteres „absque alia juris discussione.“ Der Vertrag (2 Juni 1546) scheint in den baierischen Archiven abhanden gekommen zu seyn. Ich bemerke, daß er in dem Bruͤsseler, Bd VII der Documents rélatifs à la réforme abschriftlich zu finden ist. auf Baiern zu übertragen. Schon längere Zeit daher war über die Vermählung der zweiten Tochter Fer- dinands mit dem Erben von Baiern unterhandelt worden; Ferdinand mußte sich entschließen ihm die ältere zuzusagen, welche der Nachfolge so viel näher stand, mit der ausdrück- lichen Bestimmung, daß das baierische Haus nach Abgang der männlichen Nachkommenschaft Ferdinands in Böhmen succediren solle. Carl V ließ sich gefallen, daß hiedurch seine eigenen Nachkommen ausgeschlossen wurden. So viel ko- stete es um den Herzog endlich zu einer günstigen Erklärung zu vermögen. Doch schloß er sich nicht etwa offen an. Er versprach nur eine Geldsumme zu zahlen, nicht mehr als 50000 G., Geschütz, Munition, Lebensbedürfnisse herbeizu- schaffen, und behielt sich vor, nach Maaßgabe dessen was er leiste beim Frieden entschädigt zu werden. Wir sehen, Achtes Buch. Erstes Capitel . absichtlich vermied er jeden nicht allenfalls wieder abzuleug- nenden Antheil an dem Kriege: er wollte sich der Rache der Protestanten im Fall eines unerwünschten Ausganges nicht aussetzen. Der Kaiser ließ sich das gern gefallen: es war ihm sogar nützlich einen Verbündeten zu haben von dem man nicht wußte daß er das war. Der venezianische Ge- sandte erzählt, der Kaiser habe sich des Herzogs durch förm- lichen Eidschwur versichert, aber ihm erlaubt, mit den Geg- nern fortwährend in Unterhandlung zu bleiben. In einem ähnlichen Verhältniß hielten sich fast alle an- dern katholischen Fürsten. Die Nähe des Kaisers verhinderte wohl alle Manifestationen der Abweichung: Heusenstamm , der auf jedem ankommenden Briefe las, daß er nur erst der Er- wählte von Mainz , noch nicht der wahre Erzbischof sey, hü- tete sich vor jedem zweideutigen Schritte; allein auch ent- schlossene Hülfe war von ihnen nicht zu erwarten: allzu furcht- bar erschienen ihnen die Protestanten, die bisher in jedem Zu- sammentreffen den Sieg behauptet. Und der Kaiser selber hätte wohl noch immer Bedenken tragen sollen sie anzugreifen, wäre es ihm nicht gelungen in ihrer Mitte Verbündete zu finden. Es war der Meister- streich seiner Politik, — wir wissen aus einer Meldung an den Papst daß er schon lange sein Sinnen darauf gerichtet, — und sagen wir seines Glückes. Zum Theil ward es durch den Ausgang jener letzten Braunschweiger Fehde, die Gefangennehmung des Herzog Heinrich veranlaßt. So protestantisch gesinnt übrigens die Herzogin Elisabeth von Calenberg war, so rief sie doch jetzt zugleich mit ihrem Sohne Erich die Hülfe des römischen Protestantische Fuͤrsten auf Seiten des Kaisers . Königs an, denn unerträglich sey es, daß der altlöbliche Stamm von seinen Landen verdrängt werden solle. Der Schwiegersohn Heinrichs , Markgraf Hans von Cüstrin , der die noch unvermählten Töchter des Verjagten zu sich ge- nommen und mit diesem immer in traulichem Verhältniß stand, ließ ihn auch jetzt nicht fallen: wir finden ihn über diese Sache nach allen Seiten, auch mit Cardinal Madrucci in Briefwechsel. Während alle andern protestantischen Für- sten sich von dem Reichstage entfernt hielten, erschienen Mark- graf Hans und Herzog Erich , denen sich Albrecht von Culm- bach anschloß, in Regensburg und näherten sich dem Kai- ser, von dessen Glück sie die Wiederherstellung Heinrichs erwarteten. Das hatte jedoch so viel nicht zu sagen, da diese Fürsten nur eine geringe Macht besaßen und eigent- lich halb als Kriegsoberste dienen mußten. Von ganz an- drer Bedeutung war es, daß sich ihnen Herzog Moritz von Sachsen , einer der mächtigsten Reichsfürsten und eben so kriegerisch wie sie, zugesellte. Ein Ereigniß von so durch- greifender Wichtigkeit daß wir es etwas näher ins Auge fassen müssen. Schon längst hatte der Kaiser sein Augenmerk auf ihn gerichtet. Den ersten Anlaß hat vielleicht Landgraf Philipp gegeben, der diesen jungen Fürsten, der eben sein Schwieger- sohn geworden war, in das engere Verständniß aufnahm das er 1541 mit dem Kaiser abschloß. Dann mag es zu- sammen gewirkt haben, daß Moritz in den Irrungen über Wurzen die ganze alte Animosität seiner Linie gegen die chur- fürstliche an den Tag legte und sich zugleich in dem türki- schen Feldzug von 1542 in den Waffen hervorthat. Hierauf Achtes Buch. Erstes Capitel . näherte sich ihm Granvella ; wenigstens hat sich dieser Staats- mann immer des Verdienstes gerühmt, zuerst gesehen zu ha- ben was sich an Moritz gewinnen lasse. Die erste Eröff- nung machte er dem Gesandten desselben, Christoph von Car- lowitz , zu Nürnberg am 11ten Februar 1543. Wir wissen mit welcher Umsicht nach allen Seiten da- mals der Krieg gegen Wilhelm von Cleve vorbereitet wurde; die übrigen Fürsten begnügte man sich von ihm zu trennen: dem Herzog Moritz trug Granvella eine Befehlshaberstelle ge- gen denselben an. Er erzählte, der Kaiser habe bei den Be- richten die er über Moritz empfangen frohlockt, daß er noch einen so waidlichen jungen Fürsten im Reiche habe der sich zu mannlichen Thaten anlasse und ihm Treue und Gehorsam zeige. Habe der Herzog Lust zum Kriege, wolle er gegen Cleve oder Frankreich Dienste leisten, so werde er an dem Kaiser den besten Lehrmeister finden den es vielleicht auf der Welt gebe. Schreiben des Carlowitz an Herzog Moritz 14 Febr. Im Archiv zu Dresden . Carlowitz war gewandt genug, indem er die Theilnahme an der Unternehmung gegen Cleve ablehnte, zu- gleich den Punct zur Sprache zu bringen, auf welchen hie- bei alles ankam. Er meinte, es könne hauptsächlich des- halb nicht geschehen, weil sich sein Herr alsdann vor dem Schwager des Herzogs von Cleve , dem Churfürsten von Sachsen , zu fürchten habe. Granvella fiel ein: würde sich jemand an dem Herzog vergreifen, den würde der Kaiser dergestalt strafen daß es ihn reuen solle, er sey auch wer er wolle. Er fügte hinzu, dem Herzog würde dieß vielmehr zum Glück gereichen, und drückte sich hierüber so unumwun- Verhaͤltnisse des Herzog Moritz von Sachsen . den aus, daß Carlowitz Bedenken trug die Worte dem Pa- pier anzuvertrauen. Schon zu Herzog Georgs Zeiten ist von einer Übertragung der Chur die Rede gewesen: haben sich die Worte Granvellas etwa gleich von vorn herein darauf bezogen? Fürs Erste jedoch lag dieß dem Herzog und seinem Ra- the noch zu ferne, und sie kamen mit einem andern Anlie- gen hervor. Moritz lehnte nicht ab, gegen Cleve so wie gegen Frank- reich zu dienen; dagegen aber begehrte er nicht allein eine erbliche Verschreibung der Stifter Meißen und Merseburg , sondern er stellte eine noch weiteraussehende Forderung auf. Er bemerkte, sein Vetter der Churfürst gehe damit um, sich der Stifter Magdeburg und Halberstadt zu bemeistern, was ihn jedoch allzu mächtig machen würde; lieber möge der Kai- ser ihm dem Herzog die Schutzherrlichkeit über die beiden Stifter anvertrauen. Instruction des Herzogs Moritz vom 10ten Maͤrz 1543. Im Dresdener Archiv. Damals nun gelangte man nicht zum Abschluß hierüber. Der Kaiser eroberte Cleve auch ohne Moritz ; den Reiter- dienst den ihm der Herzog im Jahr 1544 leistete, konnte er unmöglich mit so umfassenden und ungewohnten Zuge- ständnissen erwiedern; allein er kannte nun den Preis um welchen der Herzog zu gewinnen war. Seitdem blieben nun die freundschaftlichsten Verhältnisse: — der Kaiser hatte nichts dagegen, daß der Bruder des Herzogs, August , zum Bisthum Merseburg postulirt wurde, es in Besitz nahm und zu reformiren begann —: doch war noch kein besonderes Verständniß geschlossen. Achtes Buch. Erstes Capitel . Im Laufe des Jahres 1545, den ersten Monaten des Jahres 1546 erscheint Moritz noch nicht vom Kaiser gewonnen. Am 10ten März spricht er in einem Briefe an Philipp die Hofnung aus, wenn es zum Schlagen komme, werde der mehrere Theil deutscher Nation bei dem Evangelio stehn: er wenigstens denke sein Vermögen dabei nicht zu sparen; wenn sie drei, Johann Friedrich , der Landgraf und er zusammen- halten, werde man sie wohl unangegriffen lassen. Das heißt jedoch lange nicht, was man darin hat finden wol- len, daß er auf einen neuen Bund angetragen habe. Auch bestand ja der schmalkaldische; ihn aufloͤsen wollen, wuͤrde alles in Verwir- rung gestuͤrzt haben. Im Mai war er in Cassel , und obwohl er zum schmal- kaldischen Bund, der ihm unbequeme Geldverpflichtungen auf- legte, zu treten keine Lust hatte, so versprach er doch zur Vertheidigung der Religion ein stattliches Heer ins Feld zu stellen, Leib und Gut darüber zuzusetzen. Johann Friedrich Dienstag nach Pfingstfeiert. 26 Mai. Im October finden wir ihn bei dem Kriegszug gegen Heinrich von Braunschweig , der wenn nicht gegen den Kai- ser gerichtet, doch auch nicht in dessen Sinne war und ihm am Hofe, z. B. von den Spät, schlecht ausgelegt ward. Im Anfang des Jahres 1546 trug er kein Bedenken, an der Verwendung für den Churfürsten von Cölln Theil zu nehmen. Da war nun das Unglück, daß zu gleicher Zeit seine alten Streitigkeiten mit Johann Friedrich unaufhörlich fortgiengen. Eigentlich betrafen sie sehr unbedeutende Gegenstände: eine Säule im Amt Herbsleben, das Geleit auf der Erfurter Straße, oder den Zoll, den man den Bürgern von Leipzig bei Borna Verhaͤltnisse des Herzog Moritz von Sachsen . abforderte, wenn sie Kalk nach der Stadt fuhren. Aber eben in so geringfügigen Dingen zeigte sich das Aufwallen der al- ten Erbitterung. Herzog Moritz hatte nicht allein die Räthe seines Oheims wieder hervorgezogen, sondern auch alte Gegner des Churfürsten aus den Diensten Erzbischof Albrechts bei sich aufgenommen. Denen gegenüber wollten denn die churfürst- lichen Räthe um so weniger auch nur das Geringste von dem was sie für ihr Recht hielten, fallen lassen. In der magde- burgischen Sache war jeder Theil eifersüchtig auf den andern. Waren das aber Gründe, um eine auf gemeinschaftli- chem Ursprung beruhende, durch wahre und unleugbare Dienste die von der churfürstlichen Seite der jüngern Linie gelei- stet worden befestigte, durch ein großes Interesse gebotene Freundschaft zu unterbrechen? Der alte Churfürst von Cölln erinnerte die beiden Vettern, nicht unter einander zu hadern: sie wüßten noch nicht wohin Uneinigkeit führe. Würden sie zusammenhalten, so seyen sie so stark wie ein Königreich, und nicht zu besiegen: würden sie sich trennen, so habe doch Keiner Gnade zu erwarten; verzeihe man doch ihm nicht, der eine so gelinde Reformation vorgenommen. Er machte sogar in Beziehung auf die magdeburgischen Streitigkeiten einen Vorschlag, der sich hören ließ. Es ward ein Tag fest- gesetzt, wo man eine Beilegung aller dieser Gebrechen ver- suchen wollte. Ließ sich dieß nicht wirklich erwarten? Bei weitem härter waren die beiden Fürsten vor eini- gen Jahren an einander gerathen: da hatte Luther seine Stimme erhoben, und sie hatten Friede gemacht. Eine große Persönlichkeit bemerkt man aber nicht allein wenn sie gegenwärtig ist; man wird ihren Werth oft dann Achtes Buch. Erstes Capitel . noch mehr inne, wenn die Stelle leer ist, die sie einnahm. Luther lebte nicht mehr. Als er beschäftigt war eine ähnliche Streitigkeit zwi- schen den Grafen Mansfeld zu schlichten, dort in Eisleben , wo er geboren worden, hatte seine Stunde ihm geschlagen. In seinen letzten Jahren war Luther für seine Ruhe- beinahe zu viel mit kleinen Händeln geplagt, in Universität und Land, seiner Gemeine und seinem Haus, mit alle den verschiedenen Ständen und Classen, — er glaubte wohl ein- mal, vom Schreibtisch ans Fenster tretend, gegenüber den Satan zu erblicken, der mit leichtfertigen Gebehrden seiner unnützen Geschäftigkeit spotte, — denn bei weitem nicht wie er wünschte, griff das verkündete Evangelium durch, die Welt blieb doch immer, wie er sagt, die Welt; aber wir möchten dieser Thätigkeit nicht entbehren: Luthers Briefwech- sel zeigt, mit welcher Energie und Gewalt er die Prinzipien, die er gewonnen und erkämpft, in jedem kleinen Verhältniß durchführte und geltend machte. Auch in den großen Angelegenheiten erhob er noch zu- weilen seine Stimme. Er sah wohl, welchen Gang sie nah- men; sehr gut faßt er alle wesentlichen Elemente der künf- tigen Gefahr auf: immer in dem Lichte des großen uranfäng- lichen Kampfes zwischen Wahrheit und Lüge, Gott und Sa- tan, in dem er lebt und webt. Milder war er nicht gewor- den; von seinen Schriften gegen den Papst ist die letzte nicht allein die bitterste, mit Schmähworten am meisten an- gefüllte, sondern auch in sich selber heftigste, feindseligste; man möchte sagen, wenn so verschiedenartige Dinge sich ver- gleichen lassen, sie athme den Geist der alten Comödie, wo die Tod Martin Luthers . Abweichung von der Regel als das Wesen des Gegentheils betrachtet, in ihrer inneren Falschheit ergriffen und in den Koth getreten wird. Für ihr freilich war die Zeit nicht da, der er- gangenen Entwickelung nachzuforschen, historische Gerechtigkeit auszuüben: die Gewalt die er bekämpfte, entfaltete eben alle ihre Macht, um die Lehre zu vertilgen, die er an das Licht gebracht. Bei alle seiner Heftigkeit aber, im Angesicht der wachsenden Ge- fahr sieht er doch dem Gange der Dinge ruhig entgegen: denn „wir sitzen“, sagt er, „unter dem Schatten des göttlichen Wortes und spotten ihrer.“ „Betet,“ ruft er aus, „betet ohne Aufhören.“ Er glaubt an die Kraft des Gebetes, besonders in der Gemeine, wo denn alle Persönlichkeiten und Namen schwinden, nur noch die Christen da sind, und Christus selbst unter ihnen, in seiner Gemeinschaft mit dem Weltenlenker, mit dem sieghaften Gott. Sehr merkwürdig in dieser Combination der Dinge sind die Predigten die er in Eisleben hielt. Gleich die erste handelt von dem Glauben, der im Paradies seinen Ur- sprung genommen, von Enoch und Noah, allen heiligen Pro- pheten fortgepflanzt endlich von Christus und den Aposteln gepredigt worden; dagegen aber habe sich bald von Anfang der böse Geist, der da in der Luft herrscht, mit seinen Win- den und Wellen erhoben, durch mächtige Reiche und Throne, die Jahrtausende daher: er habe sich jetzt aufs neue in sei- nem letzten Grimm und Zorn mit alle seinen Stürmen auf- gemacht; aber der Mann der in dem Schiffe schlafe, werde zu seiner Zeit durch das Gebet der Gläubigen aufwachen, den Meeren und den Winden gebieten: der rechte und älteste Glaube werde auch der letzte seyn bis ans Ende der Welt. Er starb indem er seine Freunde ermahnte, für Gott Achtes Buch. Erstes Capitel . und das Evangelium zu beten, denn der Papst und das Concilium zürne mit ihnen. Ich denke wohl, eine Zusprach dieser Stimme, welche die Autorität eines Propheten des alten Testamentes über das Volk und die Zeit besaß, würde den jungen Herzog an den großen Zusammenhang der Dinge erinnert, und auf der Seite, der er angehörte, zurückgehalten haben. Jetzt aber war sie verschollen. Dagegen gab es andre Einwirkungen, die ihn nach der entgegengesetzten Seite zogen. Der damals einflußreichste Rath des Herzog Moritz , Christoph Carlowitz , ein Mitglied jener Luthern so verhaßten Georgschen Partei im meißnischen Adel, versäumte keine Ge- legenheit, um seinen neuen Herrn, wie einst den alten, in Verbindung mit dem Kaiser zu bringen. Auf dem Reichstag von Worms hütete er sich wohl, mit den Protestanten gemeinschaftliche Sache zu machen. Er zeigt sich sehr zufrieden, durch die Sessionsirrungen mit Baiern von persönlicher Theilnahme an den Reichsverhandlungen be- freit zu seyn. Er meldet seinem Herrn, auf diese Weise er- werbe er Glimpf, und ermahnt ihn, „das bevorstehende Glück nicht in die Schanze zu schlagen.“ Im März 1546 finden wir Carlowitz bei dem Kaiser in Mastricht . Er meldet seinem Herrn, wie der Kaiser nach Granvellas Versicherung ihn lieber höher hinauf, als tiefer herab zu setzen gedenke. Er verspricht mündlich anzuzeigen, wie das Vertrauen in dem er zum Kaiser stehe, sich nicht allein behaupten, sondern mehren lasse. Aus den Briefen vom 3ten und 27sten Maͤrz. Langenn p. 216. Verbindung des Kaisers mit Moritz . Es war ganz in dem hiedurch begründeten Sinne, wenn nun Carlowitz , gegen Ende April 1546 aufs neue nach Re- gensburg abgeordnet, t zunächst ein Wort von engerem Verständniß fallen ließ. Mit Freuden ergriff dieß Granvella . Aber nicht umsonst wollte sich der sächsische Hof dem kai- serlichen anschließen: in aller Form forderte er jetzt den Erbschutz über die beiden Stifter. Wer hätte glauben sol- len, daß der Kaiser in einem Augenblick wo er die alten Formen der Kirche und des Reiches mit den Waffen auf- recht zu erhalten beabsichtigte, eins der ersten Stifter des Reiches unter den Schutz, das heißt, dem Wesen nach, un- ter die Regierung nicht allein eines weltlichen, sondern so- gar eines evangelischen Fürsten kommen lassen würde? Allein so dringend waren die Umstände, so entscheidend der Vor- theil, einen der Mächtigsten dieser Partei herüberzuziehen, daß er den Antrag nicht von sich wies. Nur meinte Granvella , schriftlich lasse sich die Sache nicht zu Ende bringen, es werde nöthig seyn daß der Herzog in Person erscheine. In der Nähe war auch die Zeit auf welche jene Ver- sammlung zur Aussöhnung zwischen den Erbverbrüderten an- gesetzt war. Jetzt mußte Moritz sich entscheiden. Was lag alles daran, ob er dahin gehn würde oder nach Regensburg ! Einen Augenblick schwankte er wohl, jedoch hauptsächlich darum, weil er selbst nicht meinte daß es dem Kaiser mit je- ner Concession Ernst seyn könne: er erklärte, er müsse erst Si- cherheit haben, er müsse wissen, worauf er hinausreiten solle. Granvella erwiederte, es werde ihn schon nicht gereuen, Ranke D. Gesch. IV. 26 Achtes Buch. Erstes Capitel . wenn er komme, der Kaiser werde sich als Freund und Va- ter gegen ihn zeigen. Hierauf säumte Moritz nicht l än ger. Er kündigte seinem Vetter die anberaumte Zusammenkunft auf, er riß sich los von seinem Blutsverwandten und der evangelischen Gemeinschaft, der er, wie Luther einst sagte, nicht allein sein Emporkom- men, sondern sein Daseyn verdankte, der er mit seiner religiö- sen Gesinnung angehörte, und begab sich nach Regensburg . Wohl wahr, daß der Kaiser in diesem Augenblick nichts als weltliche Absichten vorgab, Bestrafung des Ungehorsams, eines angeblichen Landfriedensbruchs, Herstellung der Autori- tät des Reiches: aber wir haben einen Brief von ihm, worin er ganz ausdrücklich sagt, daß dieß alles nur ein Vor- wand sey, den ihm wohl nicht Jedermann glauben, der aber doch wohl dazu dienen werde die Gegner zu trennen: Et combien que cette couverte et pretexte de guerre ne pourra du tout encourir que les dits envoyés ne pensent bien que ce soit pour cause de la religion, toutesfois sera ce occa- casion de les separer. (L’empereur à la reine Marie 9 Juin 1546.) sein vornehmstes Motiv sey, den Ruin des Katholicismus zu verhüten, dem Protestantismus Einhalt zu thun. Sollte das dem erfahrnen Carlowitz , dem mit natürli- chem Scharfsinn begabten Herzog entgangen seyn? Man kann es nicht glauben. Aber sie sahen auf der entgegengesetzten Seite die Ober- herrlichkeit über Magdeburg und Halberstadt , die Churwürde, den endlichen Sieg über ihre nachbarlichen Widersacher. Am 23sten Mai hätte Moritz zu der Tagsatzung mit seinem Vetter einkommen sollen: am 24sten langte er in Re- Urspr. d. Kr. Definitive Entschließungen . gensburg an. Tagebuch des Viglius . (Bruͤsseler A.) Seine Ankunft, die über seine Politik keinen Zweifel übrig ließ, trug zur Entscheidung der Angelegenheit überhaupt bei. In diesen Tagen traf alles zusammen, um den Kaiser zu einem definitiven Entschluß zu vermögen. Der römische Hof erklärte sich bereit, die 200000 Scudi, welche früher an einem dritten Ort hatten deponirt werden sollen, unmittelbar zu des Kaisers Handen zahlen zu las- sen; er gewährte so viele geistliche Concessionen in Spanien , daß der Kaiser 800000 bis 1 Million Scudi davon zu zie- hen gedachte. Schreiben des Kaisers an Koͤnigin Maria 9 Juni. (Br. A) Wandte der römische Hof vielleicht auch noch andre Mittel an, um auf Granvella zu wirken? Wenigstens fin- den wir ein Schreiben des Legaten am Concil, Santa Croce, worin er den Papst erinnert, von den Instructionen welche er dem Cardinal Madrucci , der von Rom nach Regensburg gieng, mitgeben könne, bestehe die beste in einem Gnaden- geschenke für Granvella , würdig sowohl des Gebers als des Empfängers: „Geld zur rechten Zeit wegwerfen, gereiche oft zum größten Gewinn.“ Auf Granvella machte ohnehin die Lage der Dinge in Deutschland , wie sie sich in Regensburg entwickelte, großen Eindruck. Eben diejenigen Fürsten blieben aus, auf deren Erscheinen alles angekommen wäre: Granvella hörte die Ent- schuldigungen ihrer Räthe an, und nahm sie hin, ohne zu antworten, aber man sah ihm an wie empfindlich sie ihm waren. Eine Erneuerung des Colloquiums ward von den 26* Achtes Buch. Erstes Capitel . Protestanten schlechtweg von der Hand gewiesen. Schon fieng man an, die Gesetzlichkeit der gegen Cölln vorgekehrten Maaß- regeln, als auf falscher Voraussetzung beruhend, zu bezwei- feln; es leuchtete ein, daß so nicht weiter fortzukommen war. Am 21sten Mai langte der Cardinal von Trient mit sei- nem Bruder Hildebrand von Madrucci , dem Grafen Felix von Arco und vielen andern Edeln aus jener Verwandtschaft, die einst so vieles zum Ausbruch des Krieges in der Schweiz beigetragen, zu Regensburg an. Der Cardinal, der früher wider die Unternehmung gewesen, erklärte sich jetzt mit Eifer dafür. Der Kaiser sagte, er finde ihn nicht von Eis, wie man gesagt, sondern von Feuer. In demselben Moment liefen Briefe von Spanien ein (vom 8 Mai), in welchen der Prinz, später König Phi- lipp II , und der Staatsrath von Spanien den Kaiser er- mahnten, keinen weiteren Verzug eintreten zu lassen, eine so heilige und zugleich für die Behauptung seiner eigenen Würde und Macht so nothwendige Unternehmung zu beginnen; von Spanien könne er außer den in solchen Fällen gewöhnlichen Bewilligungen auch noch auf andre große Geldsummen rech- nen. Der Beichtvater versicherte, daß nichts einen größern Eindruck auf den Kaiser gemacht habe. So hatte einst, in ganz andrer Lage der Welt, das Schreiben eines spanischen Königs, Ferdinand von Aragon , den Kaiser Siegmund bestimmt, von dem sichern Geleit ab- zustehn, das er dem Johann Huß bewilligt. „Ich habe darüber gedacht und wieder gedacht,“ schreibt Carl an seine Schwester, „wohlgesinnte und kundige Leute befragt, und über ihr Gutachten Berathung gepflogen, und Urspr. d. Kr. Definitive Entschließungen . bin endlich zu dem Entschluß gekommen den Krieg zu un- ternehmen.“ Wenn wir recht unterrichtet sind, sprach er sich darüber zuerst am 24sten Mai mit einiger Bestimmtheit aus. Am 25sten meldete der Nuntius mit Freuden nach Trient , jetzt könne das Concilium nicht nur auf glücklichen Fortgang, son- dern auch auf Vollstreckung seiner Beschlüsse rechnen. Eben die Angelegenheit des Conciliums behielt der Kai- ser vor allem im Gesichte: ehe er mit den protestantischen Fürsten abschloß, brachte er sie auf das ernstlichste zur Sprache. Den Herzog Moritz ernannte er jetzt wirklich zum Con- servator, Executor und Beschirmer der beiden Stifter Mag- deburg und Halberstadt , bewilligte ihm ein Provisionsgeld und nahm ihn in Dienst; dagegen forderte er aber seine Unterwerfung unter das Concilium. Er fügte hinzu, er zweifle nicht, die Versammlung werde rechtschaffen und christ- lich verfahren: wenn nur Moritz seine Gesandten dahin schicke, so solle deren Anbringen gehört und erwogen werden. Auch für Herzog Moritz war dieß der wichtigste Punct. Er wußte wohl daß seine Unterthanen von den nach so vie- ler Drangsal erlangten reformatorischen Einrichtungen nicht wieder ablassen würden, und nur zögernd ließ er sich zu ei- nem Versprechen bewegen. Zuerst brachte er ein nochmaliges Gespräch in Vor- schlag: aber Granvella hielt das mehr für eine Ausflucht und wies es zurück. Hierauf erbot sich Herzog Moritz seine Abgeordneten auf das Concilium zu schicken, um sich, wenn und worin es irgend möglich, mit demselben zu vergleichen: sollte es Achtes Buch. Erstes Capitel . aber unmöglich seyn, so müsse er den Kaiser bitten, mit ihm und seiner Landschaft Geduld zu haben. Granvella wollte anfangs auch davon nichts hören: denn einem allgemeinen Concil sey Jedermann, ohne Bedingung, Gehorsam schul- dig: der Kaiser müsse wissen, ob der Herzog die Schlüsse des Conciliums annehmen wolle oder nicht. Die sächsischen Räthe bestanden jedoch darauf, daß ihnen eine unbedingte Unterwerfung unmöglich sey, hauptsächlich aus dem Grunde, weil den Unterthanen bei der Huldigung die Erhaltung ihres Glaubens zugesagt worden. Hierauf trat Granvella einen Schritt näher: er wünschte zu wissen, welches die Meinun- gen seyen, in denen die Unterthanen nicht nachgeben möch- ten. Am 5ten Juni gaben die sächsischen Räthe eine Denk- schrift ein, lateinisch und deutsch, in welcher sie diese Puncte nahmhaft machten. Es waren die Lehre von der Rechtfer- tigung, der Gebrauch des Sacramentes und die Priesterehe; sollte es darin nicht zur Vergleichung kommen, so möge der Kaiser so lange Geduld haben, bis sich später vielleicht ein- mal dazu gelangen lasse. Und gewiß war es etwas andres, einen allgemeinen und vieldeutigen, als einen so ganz bestimm- ten Vorbehalt anzuerkennen: der in der lateinischen Kirche nicht ohne Beispiel war. Granvella zeigte sich eingehender, als man hätte erwarten mögen: über die Justification, sagte er, habe man sich ja schon verglichen: mit Pfaffenehe und Communion solle es keine Noth haben. Auch über die mehr weltliche Seite dieser Dinge verständigte man sich. Gran- vella meinte, eine Verwendung der Klostergüter, wie man sie in dem albertinischen Sachsen getroffen, zum Besten von Schulen und Universitäten, werde der Kaiser nicht anfechten. Urspr. d. Kr. Definitive Entschließungen . Dagegen versprach Herzog Moritz , die Capitel und Stifte weder in ihren Besitzthümern zu beeinträchtigen, noch in ihren Cerimonien zu stören, auch die Schutzgerechtigkeit über Mag- deburg und Halberstadt nicht bis zur Beschränkung der Wahl- freiheit auszudehnen. Ein im Archiv zu Dresden befindliches, von Christoph Tuͤrk aufgesetztes Protocoll uͤber diese Verhandlungen denke ich im Anhang mitzutheilen. Ich finde nicht, daß man nun hierüber eine Abkunft in aller Form abgefaßt und etwa unterschrieben habe: man begnügte sich wenigstens auf der sächsischen Seite, die all- gemeine Übereinstimmung zu der man gelangt war, in einem Protocoll niederzulegen. Markgraf Hans von Cüstrin , persönlich ein bei weitem eifrigerer Protestant als Herzog Moritz , ließ sich am Ende auch mit einer mündlichen Versicherung zufrieden stellen. Kö- nig Ferdinand sagte ihm im Namen des Kaisers zu, er solle nicht allein bis zu dem Beschlusse des Conciliums bei seiner Religion erhalten werden, sondern auch wenn er sich mit demselben nicht in allen Puncten einverstanden erkläre, in deren drei oder vier sich der kaiserlichen Nachsicht erfreuen. Der Markgraf wünschte dieß Versprechen schriftlich zu ha- ben; der König fragte ihn, wenn ihm der Kaiser etwas bei seiner kaiserlichen Hoheit verspreche, ob das nicht eben so gut sey, als wenn er ihm Brief und Siegel gebe? Sey doch damit auch Herzog Moritz zufrieden! Hierauf gab der Kaiser seine Zusage folgendergestalt. Der König wiederholte in des Kaisers und des Markgrafen Gegenwart die münd- lich abgeredeten Puncte, und versicherte, der Kaiser geneh- Achtes Buch. Erstes Capitel . mige sie. Hierauf reichte der Kaiser dem Markgrafen die Hand und sagte, was er verspreche, das wolle er kaiserlich und wohl halten. Wir entnehmen dieß aus der eigenen Erzaͤhlung des Mark- grafen Hans . Die kaiserlichen Raͤthe geben an: „Befinden so viel, das J. Ks. Mt mit gewalt oder dem schwert widder sr f. g. reli- gion nichst vornehmen wollten bis zur anstellung eines christlichen concilii, und mehreres wusten J. Mt nicht, wie auch die schriften da behanden und sr f. gn. konnten vorgestellet werden. Nu wer die kon. Mt dem Doctor ( Seld ) in die rede gefallen und gesagt: ich muß dennoch sagen, so viell ich weiß, denn es ist auch mehr ange- hangt worden, als nemlich, ob man sich auff alle artikel auf dem concilio nicht vergleichen konnte, das man sich dero in zween oder drei ungferlich, bis Gott ferner gnade verleihe, mit s. gn. gedulden solle.“ Wir sehen, der Unterschied zwischen diesen Erzaͤhlungen ist nicht groß. Man wird aber wohl nicht in Abrede stellen, daß sie sich Markgraf Hans genauer gemerkt haben wird; er blieb dabei, obiges verhalte sich Wort fuͤr Wort so wie er angegeben. Überschritt nun aber der Kaiser damit nicht doch wie- der die Schranken die ihm durch seine Übereinkunft mit dem Papst gezogen waren? Gab er nicht doch die Autorität des Conciliums, die er zu begründen entschlossen schien, wieder auf, zwar nur in einigen Puncten, aber doch solchen die kei- neswegs die mindest-wesentlichen waren? Wir wissen, sein Sinn war, das Concilium, nach der Idee einer Reform die ihm vorschwebte, zu leiten. Nicht ohne die größte Mühe, aber endlich war es doch gelungen, in Trient den Beschluß durchzusetzen, daß in den Verhandlungen des Concils die Sache der Reform so gut wie die der Lehre vorgenommen werden sollte. Die deutschen Fürsten wurden darauf aufmerksam ge- macht, wie auf diese Weise den obwaltenden Übelständen gesteuert werden könne; der Kaiser vertraute daß er sich auch Urspr. d. Kr. Definitive Entschließungen . in allen andern Fragen für die Nothwendigkeiten seiner Lage Gehör verschaffen werde. Zugleich dort einen für die Regeneration der alten Kirche maaßgebenden Einfluß auszuüben, und hier die Stände zur Anerkennung der Beschlüsse des Conciliums mit Güte oder mit Gewalt zu nöthigen, das war der Gedanke der ihn erfüllte. Ein Gedanke, der die Idee des Kaiserthums auf einer der alten verwandten religiösen Grundlage noch einmal zu realisiren versprach, zugleich aber die glänzendsten Aussichten für Befestigung und Erweiterung der Macht des kaiserlichen Hauses eröffnete. Schon in diesem Moment, noch vor dem Kriege, hier in Regensburg , hat Carl V mit seinem Bruder darüber berathschlagt, wir wissen es aus einem seiner Briefe, wie das Reich in ihrem Hause erblich gemacht werden könne. Zweites Capitel . Der schmalkaldische Krieg an der Donau . Juni — November 1546. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, dieser alles überlegenden, von fernher einleitenden, die Welt umfassenden Politik gegenüber Diejenigen zu betrachten auf deren Verder- ben sie zielte. Sie hatten keine Ahndung davon, was vorgieng. Der Krieg war schon beschlossen, als am 5ten Juni der Reichstag mit einer Proposition eröffnet wurde, in der so- gar die Hülfe zu einem Unternehmen gegen die Türken, woran doch nicht mehr zu denken war, in Erinnerung kam: so sehr suchte man noch in den gewohnten Formen zu bleiben. Der Churfürst von Sachsen hatte wirklich kein Arg dabei. Auf die Meldung seiner Gesandten erörtert er ausführlich, wes- halb die offensive Hülfe nicht auf den gemeinen Pfennig be- willigt werden dürfe. Die Anwesenheit seines Vetters in Regensburg erregte ihm noch keine ernstliche Besorgniß: er meinte, Moritz werde ihm das Kloster Dobrilugk zu ent- winden suchen. Schreiben an Erasmus v. Mingkwitz Gesandten zum Reichs- tag (unter den Papieren die dem Kaiser in die Hand fielen, und in Reichstag zu Regensburg 1546. Ganz so ruhig war Landgraf Philipp mit nichten: er bemerkte wohl, daß die Dinge noch nie so sorglich gestan- den; aber er gab doch noch der Vermuthung Raum, der Kaiser könne es mit seinen Kriegsrüstungen wohl auf Pie- mont oder von neuem gegen Algier abgesehen haben. Auch über die Religionssache hatte sich der Kaiser in seiner Proposition eben wie früher ausgedrückt, die Reichs- stände, als sey noch nichts beschlossen, nochmals zu ihrem räthlichen Bedenken darin aufgefordert. Wohl nahmen nun die Berathungen eine entschiednere Gestalt an als bisher. Die Altgläubigen wollten dabei von keiner Theilnahme der Pro- testanten mehr hören: weder die Churfürsten — Mainz und Trier verließen sogar die Churfürstenstube, — noch die Für- sten, die dazu von König Ferdinand besonders angewiesen zu seyn erklärten. Es war dem Kaiser erwünscht, von den Ständen, die sich als das Reich darstellten, eine ganz unbedingte Heimstellung der Religionssache auf das Concilium zu er- langen. Die Protestanten schlossen jedoch daraus auf nichts weiter, als auf eine Wiederkehr der alten Hartnäckigkeit, mit der sie schon immer zu kämpfen gehabt. Sie glaubten der Sache genug zu thun, wenn auch sie ihre frühere Stellung in aller Strenge wieder einnähmen. Sie verwarfen das tri- dentinische Concilium aus den oft vorgetragenen Gründen, und wiederholten den Vorschlag eines Nationalconciliums: bis dahin, meinten sie, möge man nur die Beschlüsse von 1544 festhalten, ihnen selber und auch denen, welche noch Bruͤssel aufbewahrt werden). Herzog Moritz nehme sich des Schutzes auf Dobrilugk mehr als zuvor an: Carlowitz habe wahrscheinlich den Brief vom Kaiser, auf den Moritz sich erhoben, selber ausgebracht. Achtes Buch. Zweites Capitel . zu ihrer Confession treten würden, sichern Frieden zugestehn. Kurzer Bericht aller ergangenen Handlung auf dem Reichs- tag zu Regensburg bei Hortleder II, iii , 2 241; jedoch so summa- risch daß man die Sache nicht einsieht; ausfuͤhrlicher in den Frank- furter Acten. Mit treuherziger Befangenheit überreichten sie diese Antwort dem Kaiser am 13ten Juni. Dem war das doch gleichsam zu viel. Schon waren die Obersten die ihm den Krieg ausführen sollten, in Pflicht genommen; den Landsknechten die man warb, wurden die verschiedenen Musterplätze bezeichnet, zu denen sie sich sam- meln sollten; Italien war von Neapel bis an die Tyroler Alpen mit Rüstungen erfüllt; ein drittes Heer war der Graf von Büren in den Niederlanden zusammenzubringen beauf- tragt. Nach einem Tagebuch im Br. A. waren diese Commissionen am 8 Juni gegeben worden. Es war ihm gegenwärtig, wie er überdieß die Pro- testanten von allem isolirt, was ihnen jemals zu Statten ge- kommen, ja sie schon in sich selbst entzweit hatte. Dennoch kamen sie ihm mit den Anmuthungen wieder, die einst nur unter den größten Gefahren bewilligt worden. Als er ihre Antwort vernahm, verlor er einen Augenblick das Gleichge- wicht der Stimmung und die vornehme Ruhe die er sonst immer behauptete: er lachte. Dieß ungewohnte Bezeigen kaiserlicher Majestät war im Grunde das Erste, was den Churfürsten von Sachsen auf die Gefahr aufmerksam machte, in der er sich befand. Schreiben des Churfuͤrsten an seine Raͤthe 21 Juni: „das ks. M., als J. Mt von den Staͤnden dieses Teils beruͤrte Antwort uͤberreicht worden, sich mit Lachen wider S. Mt erzeigt, das hatt bei uns ein Nachdenken.“ Reichstag zu Regensburg 1546. Endlich fragten die protestantischen Gesandten doch nach, wohinaus die Rüstungen des Kaisers gemeint seyen, die nun vor Jedermanns Augen vollzogen wurden. Er antwortete, nach wie vor denke er auf Vergleichung zwischen den Stän- den: wer ihm darin folge der solle seinen allergnädigsten Willen spüren; sollte ihm aber Jemand den Gehorsam ver- weigern, gegen den werde er sein Ansehen brauchen. Der ganze Hof sprach von der Züchtigung der ungehorsamen Fürsten. Dem Landgrafen und dem Churfürsten schien es kaum glaublich daß man sie als Ungehorsame bezeichnen könne: wenn jemals von irgend einem Fürsten des Reiches, so sey von ihnen unterthäniger Wille bewiesen worden. Wirklich mußte Friedrich von der Pfalz noch einmal bei dem Kai- ser anfragen, wer denn die ungehorsamen Fürsten seyen. Er antwortete, es seyen Die, welche unter dem Scheine der Re- ligion gegen ihn Practiken treiben, die Rechtspflege des Rei- ches nicht leiden wollen, geistliche Güter einziehen und sie zu ihren Eigenliebigkeiten mißbrauchen. Schon war ohnehin kein Zweifel mehr. Die ACV hatten vorgeschlagen, daß der Kaiser im Na- men des Reiches gebeten werden solle, er moͤge Niemand wider Recht, aufgerichtete Vertraͤge und Zusagen uͤberziehen. Die Uͤbrigen woll- ten aber nur bitten: er solle Niemand uͤberziehen ohne Recht. Schon hörte man die Spanier sagen, der Kaiser werde die Zähne zeigen und Einen beißen; es sey um ein paar Meilen in den böhmischen Wäldern zu thun, so könne man auf ebener Straße nach Sachsen gelangen. Die beiden Fürsten mußten sich zur Vertheidigung rü- sten; die Zeit war gekommen, wo ihr Bündniß seine Probe bestehn sollte. An dem schmalkaldischen Bunde hatten sich nun aber Achtes Buch. Zweites Capitel . besonders in den letzten Jahren nicht geringe Mängel her- ausgestellt. Vor allem fehlte viel, daß er sämmtliche evangelische Stände vereinigt hätte: Churfürst Joachim z. B. hatte die Bestätigung seiner Kirchenordnung mit dem Versprechen er- worben, den Bund zu vermeiden. Andere wollten die Ver- pflichtungen desselben nicht auf sich nehmen: wie Herzog Mo- ritz alle die Jahre daher. Der König von Dänemark hielt sich entfernt, weil man ihm im J. 1544 nicht die Hülfe geleistet, auf die er Anspruch machte. Markgraf Hans von Cüstrin sonderte sich aus Rücksicht auf seinen Schwieger- vater von Braunschweig ab. Unter den Städten hielt Nürn- berg von Anfang an immer seine eigenthümliche politische Stellung fest; das Nemliche war mit Regensburg , Rothen- burg , Schweinfurt , Dünkelspiel , Nördlingen der Fall. Aber auch unter Denen, die dem Bunde beigetreten, zeigte sich mancherlei Mißverständniß. Die oberländischen Stände waren mißvergnügt, daß ihnen die braunschweigische Sache, die sie wenig angehe, doch so viel gekostet; die niedersäch- sischen beklagten sich, daß man alle Versammlungen im Ober- land ansetze, und drohten wohl, in Zukunft bei solchen nicht zu erscheinen. Die Fürsten mit ihren mancherlei Rechtsan- sprüchen empfanden es als einen Übelstand, daß ein Bund, der alle ihre Kräfte in Anspruch nahm, sie doch gerade in Fragen verließ, an denen ihrer Politik das Meiste lag: z. B. den Landgrafen in der nassauischen Sache. Aber auch Jo- hann Friedrich beschwerte sich, daß man die Einrichtungen die er mit dem Bisthum Naumburg vorgenommen, nicht auch von Bundes wegen als eine Religionssache anerkennen Der schmalkaldische Bund . wolle: — nur daher, meinte er, schöpfe Julius Pflug den Muth ihm zu widerstehen, bei dem kaiserlichen Hof Man- date gegen ihn auszubringen. Eine ähnliche Bedenklichkeit verhinderte noch den förmlichen Beitritt des Churfürsten von der Pfalz : der Bund wollte sich nicht geradezu gegen die Ansprüche Baierns auf die Churwürde erklären. Dagegen klagten die Städte, von den Fürsten werde noch zu viel Rück- sicht auf anderweite Verhältnisse genommen. Sie wünsch- ten die Aufstellung eines Bundesrathes der immer beisam- men bleibe, und zwar zu dem doppelten Zweck, die Strei- tigkeiten der Mitglieder zum Austrag zu bringen und die gemeinschaftlichen Geschäfte zu verwalten. Die vornehmste Veränderung, die hiebei in Antrag kam, bestand darin, daß diese Räthe durch einen Eid sich verpflichten sollten, nur das allgemeine Beste der Vereinigung vor Augen zu haben. Sie wären damit, wie einst im Reichsregiment, wie im schwä- bischen Bund, der besondern Pflicht gegen ihre Mandatare gewissermaßen entledigt worden. Es war die Absicht, das Verhältniß der Stimmen nach dem Maaße der Geldbeiträge, die ein Jeder leiste, festzusetzen. Genug nach keiner Seite genügte das einfache Bündniß mehr. Eine feste Vereinigung und bleibende Institute fand man nöthig. Alsdann, meinte man, wenn erst diesseit Ordnung gemacht worden, werde Je- dermann sich anschließen. Die Verhandlungen in den Arch. zu Frankfurt u. zu Weimar . Diese Dinge beschäftigten nun um so mehr die allge- meine Aufmerksamkeit, da der Bund zu Ende gieng und über- haupt erneuert werden mußte. Unaufhörlich ward darüber berathschlagt: im Dezember 1545 zu Frankfurt a. M. , im Achtes Buch. Zweites Capitel . April 1546 zu Worms , im Mai und Juni dieses Jahres zu Regensburg . Noch war man jedoch mit nichts zu Stande gekommen: jener Bundesrath war weder angenommen noch verworfen; eine Veränderung in den Anschlägen, Aufbringung eines Bundeskriegsraths, Umgestaltung der Hauptmannschaf- ten zwar in Vorschlag, aber noch nicht beschlossen: und wie es bei Verhandlungen dieser Art geschieht, jedes Interesse regte sich: als plötzlich die Stunde der Gefahr eintrat. Die Geg- ner zählten bereits auf die ausgebrochene Uneinigkeit: die Er- klärungen des Kaisers, die den meisten der einzelnen Stände noch durch besondere Botschafter mitgetheilt wurden, waren darauf berechnet den Bund vollends zu zersprengen. Nach dem Bericht der saͤchsischen Raͤthe (Dienstag nach Viti, im weim. A) eroͤffnete Granvella den Abgeordneten von Straßburg , Augsburg , Nuͤrnberg und Ulm : des Kaisers Vorhaben sey nicht wi- der sie gerichtet, wie er ihnen auch noch niemals beschwerlich gefal- len: es gehe nur wider die Fuͤrsten, Sr Maj. Rebellen, welche das Verbrechen der beleidigten Majestaͤt begangen, Stifte und Kloͤster eingenommen, andre Fuͤrsten verjagt. Dieselben Versicherungen ent- haͤlt das Ausschreiben vom 17 Juni. Bun- desverhältnisse darf man aber wohl niemals nach den klei- nen Irrungen beurtheilen, die dabei unvermeidlich sind; wenn nur die innern Momente sich noch gesund und kräftig er- weisen. Der schmalkaldische Bund zeigte sich besser begrün- det, als man hätte meinen sollen. „Gottlob,“ schreiben die sächsischen Gesandten am Reichstag ihrem Herrn, „wir fin- den allhie bei den Ständen kein Verzagen. Sie sind ge- trost bei der Sache.“ So sehr fehlte es den Städten doch nicht an politischer Einsicht, daß sie hätten überredet wer- den können, der Kaiser wolle allein den beiden Fürsten zu Leibe, und werde sie in dem gegenwärtigen Zustand lassen. Der schmalkaldische Krieg. Ruͤstungen . Sie wußten sehr wohl, daß die Unterwerfung unter das Concilium die er forderte, mit dem Prinzip das sie bisher vertheidigt, nicht zu vereinigen, unter dieser Bedingung nichts von allem worin sie lebten und webten, seines Bestehens sicher war. Die Stadt Augsburg , von der man am ersten Abfall erwartete, weil so viel einflußreiche Einwohner durch Wechselgeschäfte an den Hof gebunden waren, übernahm es gerade, das von dem Kaiser angeschuldigte Verfahren der beiden Fürsten in ausführlicher Antwort zu rechtfertigen. Die Straßburger erwiederten dem kaiserlichen Gesandten, was von den Fürsten geschehen, dessen seyen sie eben so gut schuldig. Herzog Ulrich von Würtenberg erklärte dem Gesandten, der auch an ihn kam, er werde bei der erkannten Wahrheit blei- ben und ohne Zittern dulden was Gott über ihn verhänge. So waren sie alle gesinnt: sämmtliche Bundesgesandte ver- sprachen einander mit aufgehobenen Händen, Leib und Gut für Freiheit und Religion zu wagen, und alles eilte zu den Waffen. In Ichtershausen kamen die beiden Oberhauptleute des Bundes, Johann Friedrich und Philipp , zusammen. Noch konnte man nicht wissen, ob der Kaiser zunächst die ober- ländischen Stände, oder vielleicht von Böhmen her Sachsen angreifen würde, und die Frage entstand, ob man nicht am besten thue, seinen Angriff abzuwarten; aber die beiden Für- sten zogen in Betracht, wenn jeder für sich bleiben, nur auf das Seine sehen wolle, so werde einer nach dem andern zu Grunde gehn, und beschlossen, sich dem Kaiser mit gemein- schaftlicher Anstrengung da entgegenzustellen wohin er seinen Angriff richten werde, ein jeder mit Hintansetzung des eig- nen Landes. Schon vor vier Jahren, bei Gelegenheit der Ranke D. Gesch. IV. 27 Achtes Buch. Zweites Capitel . ersten Unternehmung nach Braunschweig , hatten sie eine Ver- abredung getroffen, den Oberbefehl gemeinschaftlich zu füh- ren, dergestalt, daß weder der eine noch der andre etwas für sich anordnen, im Fall einer Meinungsverschiedenheit aber die Entscheidung den Kriegsräthen zustehn solle. Diese Verabredung erneuerten sie jetzt. Abschied bei Hortleder II, iii, vi , 259. Der Eisenacher Ab- schied ist darin bestaͤtigt, „ausgenommen die Articul die sich auf das braunschweigische Land und nicht auf diesen jetzigen Zug hinauswaͤrts schicketen.“ Schon am 20sten Juli dachten sie sich jenseit des Thüringer Waldes zu vereinigen, mit 16000 M. z. F. und 5000 M. Reiterei. Namentlich auf die letztere kam es an, da man in dem obern Deutsch- land daran Mangel hatte. Dem Landgrafen gelang es, denn von jeher hatte er sein Augenmerk darauf gerichtet, in kur- zem 10 Geschwader zusammenzubringen, fast durchaus frem- des und geübtes Kriegsvolk. Der Churfürst mußte sich, wie- wohl ungern und nicht ohne widerwärtige Folgen, mit sei- nen eignen Landsassen begnügen. Indessen leiteten die Kriegsräthe von Würtenberg , Augs- burg , Ulm und Constanz die Rüstungen im Oberlande. Wür- tenberg allein brachte 28 Fähnlein und 600 M. z. Pf. auf; auch jeder andre Stand that sein Bestes. Binnen 8 Ta- gen waren 12000 M. im Feld, über welche ein alter kriegs- geübter Oberst, der noch unter Kaiser Maximilian gedient und bei der Eroberung von Rom gewesen, Sebastian Schärtlin von Burtenbach , den Oberbefehl übernahm. Hülfe von außen konnten die Protestanten auf keiner Seite erwarten: aber sie hatten den Vortheil, daß sie zuerst gerüstet waren. Der schmalkaldische Krieg. Schaͤrtlin . Darauf kam nun alles an, ob sie denselben zu benutzen verstehn würden. Noch waren die kaiserlichen Haufen keineswegs schlag- fertig. Hildebrand von Madrucci war noch zu Nesselwang , der Marchese von Marignan zu Füßen beschäftigt Leute zu- sammenzubringen, was etwas langsamer von Statten gieng als sie geglaubt hatten: keinen bessern Plan konnte es ge- ben als diese Versammlungen zu zerstreuen. Und auf der Stelle machten sich die ulmisch-augsburgischen Fähnlein un- ter der Anführung Schärtlins dahin auf. Natürlich aber sahen sich auch Jene vor: als Schärtlin in ihrer Nähe bei Füßen anlangte, in der ersten Tagesfrühe des 9ten Juli, wa- ren auch sie bereits aufgebrochen und zogen vor seinen Augen am andern Ufer des Flusses von dannen. Schärtlin begrüßte sie mit ein paar Falconetschüssen; er zweifelte nicht, wenn er sie verfolge, werde er sie ohne Mühe zersprengen und den größten Theil zu sich herüberziehen: dann hätte ihm der Weg nach Regensburg offen gestanden, wo der Kaiser nur noch geringe Mannschaften, ein paar hundert Mann z. F., ein paar hundert Mann z. R. um sich hatte, mitten unter ei- ner protestantischen gährenden Bevölkerung. Da aber zeigte sich zuerst, wie geschickt es von ihm gewesen, nicht sowohl daß er Baiern zu gewinnen gewußt, sondern noch vielmehr daß er diesen Bund verborgen hielt. Herzog Wilhelm ließ die Kriegsräthe wissen, wenn Schärtlin das baierische Gebiet betrete, so werde er ihr Feind werden, er, der jetzt ihr gün- stiger Nachbar sey. Schreiben Schaͤrtlins vom 9ten Juli im weim. A. Bericht des Kriegsmanns bei Mencken III, p. 1395. Schaͤrtlins gedruckter Bericht p. 88. Noch immer waren die Protestanten 27* Achtes Buch. Zweites Capitel . weit davon entfernt, den Umfang der gegen sie vereinigten Feindseligkeiten zu kennen; die Kriegsräthe fürchteten durch Rücksichtslosigkeit zu bewirken was doch schon geschehen war, und wiesen Schärtlin an, um Gottes Willen das baierische Gebiet nicht zu betreten. In guter Ruhe konnten nun die beiden Kriegshaufen ihre Ordnungen vollenden und den Weg nach dem kaiserlichen Hauptquartier einschlagen. Auf dieser Seite zu seinem Verdruß zurückgehalten, faßte Schärtlin nach einer andern hin einen nicht minder weitaus- sehenden Plan. Er hatte Füßen besetzt, wo man ihm Huldigung gelei- stet haben würde, Schaͤrtlin : „alle Unterthanen liefen mir nach, wollten gern Huldigung thun.“ wenn er nur beauftragt gewesen wäre sie anzunehmen; noch in derselben Nacht ließ er durch sei- nen Locotenenten Schankwitz einen Versuch auf die nicht weit entfernte Clause machen, der auf das beste gelang. Schank- witz griff eben noch zur rechten Stunde an, als anderthalb- hundert Schützen zwar zur Vertheidigung bereits eingerückt waren, aber ermüdet im ersten Schlafe lagen: durch den plötzlichen Lärm aufgeschreckt wußten sie kaum ihre Waffen zu finden, und wurden ohne viel Anstrengung besiegt. Triumphirend berichtete Schärtlin den Ständen, daß er diesen wichtigen Platz zu ihren Handen gebracht, daß ihm der erste Schlag gelungen sey. Sein Gedanke war nun, durch Tyrol , wo er wenig Widerstand zu erwarten hatte, — eine Aufforderung der Re- gierung dazu war so gut wie ohne Erfolg geblieben: aus 40 Gerichten sollen sich nur 18 Mann gemeldet haben, Avila behauptet, Castelalt habe Schaͤrtlin zum Ruͤckzug ge- — Der schmalkaldische Krieg. Schaͤrtlin . vorwärts zu rücken: vielleicht Trient heimzusuchen um das Concilium auseinanderzujagen: auf jeden Fall aber an den Grenzen von Deutschland die Truppen abzuwehren die aus Italien dem Kaiser zuzogen, die Straßen nach Baiern so gut zu schließen wie die nach Schwaben . Auch dieß wäre noch ein großer Erfolg gewesen, der den Protestanten die Überlegenheit im Felde gesichert hätte. Allein auch dem setzte sich die Bedenklichkeit der Kriegs- räthe entgegen. Hinter der Vieldeutigkeit der Rede, mit der man die Verhältnisse umkleidete, konnten sie das wahre We- sen derselben noch immer nicht erkennen. Wer sollte es glau- ben? Sie zweifelten noch, ob König Ferdinand sich für sei- nen Bruder, den Kaiser, erklären würde. Um ihn nicht zum Feinde zu bekommen, verboten sie ihrem Obersten alles wei- tere Vorrücken. Er mußte seine Truppen von Lermoos , wo- hin sie vorgegangen, wieder abrufen, sich mit Zusagen be- gnügen, von denen sich wohl voraussehen ließ daß sie nicht würden gehalten werden, und den Rückweg nach Augsburg einschlagen. Ein Kriegsgefährte vergleicht die Stimmung Schärtlins in diesem Augenblick mit der Stimmung Hannibals , als er von seiner Vaterstadt aus Italien abberufen ward. Hiedurch geschah nun aber, daß der Kaiser nicht allein selbst ungefährdet blieb, sondern alle seine Vorbereitungen sich ohne Hinderniß entwickelten. Während die Verbündeten in Tyrol vordrangen, ließ noͤthigt, vielleicht weil er sich diesen nicht anders erklaͤren konnte, aber ohne Zweifel faͤlschlich: Schaͤrtlin sagt ausdruͤcklich: „ich fand auch keinen Widerstand in Tyrol .“ p. 90. Achtes Buch. Zweites Capitel . er zu Regensburg in aller Ruhe und mit den gewohnten Festlichkeiten die Vermählung zweier seiner Nichten mit dem Erbfolger in Baiern und dem Herzog von Cleve vollziehen. Noch war die ganze Gesellschaft beisammen, als er, am 20sten Juli, mit der Achtserklärung gegen Johann Friedrich und Philipp hervortrat. Wir brauchen hier nicht die Gründe zu erörtern, mit denen er sie rechtfertigte. Er führte noch die packischen Händel, die würtenbergische, die braunschwei- gische Sache an, über die er sich doch schon längst mit den beiden Bundeshäuptern verständigt. Auch hatte er der Acht nicht, wie er durch seine Capitulation verpflichtet gewesen wäre, Urtheil und Recht vorhergehn lassen: sie kann nur als ein Act der Politik betrachtet werden. Da nun einmal das Schwert gezogen wurde, mochte es ihm an der Zeit schei- nen, das ganze Gewicht seiner kaiserlichen Autorität einzu- setzen. Die beiden Vorkämpfer der Feinde wurden als pflicht- und eidbrüchige Rebellen, aufrührerische Verletzer kaiserlicher Majestät von des h. Reichs Frieden ausgeschlossen; alle Stände des Reiches, geistliche und weltliche, alle Herren, Ritter, Knechte, Hauptleute, bei Verlust ihrer Regalien und Freiheiten, aufgefordert, sich von ihnen abzusondern, ihre Un- terthanen von der Erbhuldigung und den Pflichten die sie ihnen geleistet, losgezählt. An dem Tage, von welchem diese Achtserklärung datirt ist, erschienen die ersten Truppen in Regensburg die dem Kaiser zuzogen: es waren zwölf Fähnlein Spanier, die bis- her in Ungarn gedient, und 500 Reiter, die Markgraf Al- brecht und der Deutschmeister in Niederdeutschland geworben und durch Böhmen herbeiführten. Überhaupt gab die Nähe der östreichischen Gebiete für die Unternehmungen des Kai- Der schmalkaldische Krieg an der Donau . sers einen trefflichen Rückhalt. Von Wien fuhr Geschütz und Munition die Donau herauf, ohne alle Bedeckung, als wäre man mitten im Frieden: ein schwaches Streifcorps hätte sich desselben bemächtigen können. Anfang August fühlte sich der Kaiser stark genug um Regensburg ohne Besorgniß zu verlassen; zunächst vereinigte er sich mit den drei deutschen Regimentern, welche Madrucci , Marignano und Georg von Regensburg aufgebracht; dann gieng er den Truppen ent- gegen die von Italien her in Anzug waren. Wie in den alten Zeiten der salischen oder hohenstaufischen Kaiser waren die italienischen und deutschen Kräfte in einen einzigen Krieg verwickelt. Nur zog dieß Mal kein Kaiser nach dem Sü- den, um einen Papst zur Anerkennung seiner Macht zu nö- thigen; sondern umgekehrt, südeuropäische, großentheils päpst- liche Schaaren, was seit vielen Jahrhunderten nicht gesche- hen, zogen nach Norden gewendet über die Alpen , um die Abtrünnigen des Papstes, die auch dem Kaiser widerwärtig geworden, im Bunde mit ihm zu unterwerfen. Zuerst lang- ten die neapolitanischen Truppen, von Apulien nach Triest übergefahren, auf deutschem Boden an. Dann erschienen die päpstlichen Völker mit den Mannschaften der Herzöge von Florenz und Ferrara in den Alpen . Was auch die Tyroler Regierung zugesagt haben mochte, ungehindert zogen sie die gerade Straße von Insbruck und Kufstein daher. Bei Lands- hut , 12 August, geschah die Vereinigung. In dem Glanze eines Gonfaloniere der Kirche stellte sich Alessandro Farnese seinem Schwiegervater, dem Kaiser, dar, der ihm das goldne Vließ mit eigner Hand um den Hals hängte. Godoi Commentarii della guerra d’ Alemagna , uͤbersetzt bei Hortleder II, 1621. Auch ohne Achtes Buch. Zweites Capitel . die niederländischen Haufen, die noch jenseit des Rheines heranzogen, hatte der Kaiser nunmehr 34000 M. z. F., 5000 M. z. Pf. beisammen, wenn nicht das zahlreichste, doch viel- leicht das am besten organisirte Heer das er jemals im Feld gehabt. Seiner Wahlcapitulation, welche ihm verbot fremde Truppen ins Reich zu führen, zum Trotz hatte er sein Fuß- volk mehr als zur Hälfte aus Ausländern zusammengesetzt: man zählte 10000 Italiener, 8000 Spanier im Heer. Fürs Erste nahm er seinen Weg nach Regensburg zurück, wo er sein Geschütz gelassen, und das in diesem Augenblick von den Verbündeten bedroht ward. Denn indeß waren nun auch der Churfürst und der Landgraf mit den Mannschaften die sie aufgeboten und ge- worben, von Thüringen daher gezogen; ihre ursprüngliche Absicht, sich der fränkischen Bisthümer zu bemeistern, hat- ten sie, von den Oberländern täglich zu eilender Hülfleistung angemahnt, nur zur Hälfte ausführen können und sich mit dem Versprechen der Bischöfe, ihre Feinde nicht seyn zu wollen, begnügen müssen; Anfang August hatten sie sich zu Donauwerth mit dem würtenbergischen sowohl wie mit dem städtischen Haufen vereinigt und eine Masse von 35000 M. z. F., 6000 M. z. Pf. gebildet. Was ihnen für ihre ganze Stellung in diesem Augenblick besonders zu Statten kam, das waren die Erklärungen des römischen Hofes, die ihnen in die Hände fielen: z. B. ein Ausschreiben an die katholi- schen Stände der Schweiz , Wahrhaftiger Abdruck bei Hortleder II, iii , 12, 296. Bei Rainaldus finden sich aͤhnliche Schreiben nach Frankreich , nach Polen . welches ausdrücklich dahin lau- tete, daß die Widersetzlichkeit der verstockten Leute in Deutsch- Der schmalkaldische Krieg. Flugschriften . land gegen das Concilium ihn, den Papst, veranlaßt habe das Schwert zu ziehen: auch der fromme Kaiser habe sich entschlossen, die Verbrechung die an dem christlichen Glau- ben geschehen, mit gewappneter Hand zu bestrafen; ferner der Vertrag des Papstes mit dem Kaiser, dessen wir gedacht; endlich ein Ablaßversprechen für alle Die welche auf eine bestimmte Weise und Zeit um die Ausrottung der Ketzereien beten würden: nachdem der Kaiser sich entschlossen das Schwert gegen die Feinde Gottes zu zücken. In Briefen aus Trient war zu lesen: Die, welche sich aus Petrus nichts mehr machen, werde Paulus züchtigen und zwar mit dem Arme des Kaisers; es sey wie ein Kreuzzug anzusehen. Lettera di Gismondo Phedro da Trento . (Inf. Politt.) Dadurch ward nun jeder Zweifel, ob man auch berechtigt sey dem Kaiser Widerstand zu leisten, vollends gehoben: man sah denselben, wie einst Luther , nicht mehr als Reichsober- haupt, sondern als einen Gehülfen, einen Beamten des Pap- stes an, „der ein Volk heranführe das von christlicher Lehre nichts wisse und nach deutschem Blute dürste.“ In fliegen- den Blättern wird der Kaiser als ein Hercules bezeichnet, der zu den Füßen der babylonischen Omphale sitze und die- selben küsse; als eine Parodie des Aeneas, der sich aufge- macht die Götzen aus Holz und Stein zu vertheidigen. Ei- nem Dichter erscheinen die Helden deutscher Nation aus fernsten und nächsten Zeiten: Arminius , Friedrich Rothbart , Georg Frundsberg , denen er klagt, daß Der, welchen die Deutschen sich freiwillig zum Kaiser gesetzt, den sie mit ihrem Beistand groß gemacht, jetzt Deutschland von seiner Freiheit dringen wolle; die Helden urtheilen: weil der Kaiser sich Achtes Buch. Zweites Capitel . zu dem wälschen Papst geschlagen, sey die Nation frei von ihm. Oder vor dem Kaiser der auf seinem Throne mit sei- nen Vertrauten Rath pflegt, stellt sich Frau Germania dar, in ehrsamer Haltung, schwarzem Gewand, und macht ihm Vorwürfe, daß nun auch er sich zu den Päpsten schlage, von denen doch die alten Kaiser so oft betrogen worden: daran erkenne sie sein heuchlerisch-falsches Herz: aber „hast du Kriegsleute,“ fährt sie fort, „ich habe sie auch: Gott im Himmel, den du nicht hast, den habe ich.“ Eben dieß war nun die Gesinnung der Fürsten und aller Verbündeten. Johann Friedrich und Philipp widerlegten ausführlich die Anklage des Ungehorsams, die in der Achtserklärung gegen sie erhoben worden: denn über alle Puncte seyen sie mit ihm in den Jahren 1541 und 1544 vertragen. Die Be- schuldigung daß sie dem Reiche Stifte und Städte entzo- gen, weisen sie als unbegründet zurück; vielmehr habe der Kaiser Stifte des Reiches eingezogen, wie Utrecht , und sich wohl gegen die Freiheit einer Stadt wie Nürnberg sehr an- züglich vernehmen lassen. Sein Bund mit dem Papst aber zeige, daß er mit demselben übereingekommen das Wort Got- tes zu dämpfen und die Bekenner desselben auszurotten. Schon seit fünf und zwanzig Jahren habe er dieß im Sinn gehabt, wie sein Wormser Edict beweise, und schreite nun endlich zur Ausführung. Aber eben darum sey man berech- tigt ihm zu widerstehn. Er habe die verbrieften und be- schwornen Bedingungen, unter denen man ihm Gehorsam schuldig, selbst gebrochen: er könne nicht mehr als der Kaiser, als Obrigkeit angesehen werden, sondern als Einer der Ty- rannei ausübe, mehr auf des bösen Geistes Getrieb als nach Der schmalkaldische Krieg. Flugschriften . Gottes Ordnung. Das italienische Kriegsvolk das ihm zu- gezogen, verglichen sie wohl mit dem Heere des Quinctilius Varus ; eben so aber werde es ihm gehn, wie es dem ge- gangen durch den sächsischen Fürsten Arminius . Glossirte Zeitung aus Welschland bei Hortleder II, iii , 13. Nicht als hätten sie sich die Überlegenheit ihres Feindes verborgen. Die Gebete die man in den Kirchen hielt, athmen das Ge- fühl der Gefahr „vor der Feinde Rath und Macht, vor den fremden mörderischen Nationen, die ihre Unzucht ausüben und ihre Abgötterei bestätigen wollen.“ Aber eben darum hofft man auch auf den Gott der sein Volk im rothen Meer erhalten hat: er wird die Seinen auch gegen diesen neuen Antiochus vertheidigen. Hie und da werden alle Tage um zwölf die großen Glocken angezogen, dann treten die Haus- väter mit Weib und Kind und ihrem Gesinde zusammen, um die Erhaltung nicht allein des reinen Wortes, sondern auch der deutschen Zucht und Ehrbarkeit zu beten; der Ar- beiter der auf offenem Platz an seiner Arbeit ist, tritt davon zurück und fällt einen Augenblick auf die Knie. Denn der Grund des Krieges ist, wie die magdeburgischen Prediger sagen, zuletzt nur des Teufels unabläßiges Wüthen wider Christum und seine Kirche. „Dort zu Rom auf seinem Stuhl sitzt das Kind des Verderbens, der Mensch der Sünde, und hat seine Freude daran, daß die Deutschen (um sei- netwillen) gegen einander in Waffen sind und ihr eigenes Blut vergießen.“ Die Sache wäre wohl entschieden gewesen, wenn der Tiefe und Macht dieser Antriebe auch die Kriegführung und allgemeine Haltung der Protestanten entsprochen hätte. Achtes Buch. Zweites Capitel . Aber einmal: die Dinge der Welt standen nicht ganz wie sie meinten; so war das Verhältniß des Papstes nicht, wie sie es faßten; man betrügt sich mit dem idealen In- halt der Gegensätze, so wie man ihn auf das unmittelbar Vorliegende anwendet. So gefährlich ohne allen Zweifel das Vorhaben des Kaisers für sie war, so lag doch der Character den sie ihm zuschrieben keineswegs für Jeder- mann zu Tage. So lange Fürsten von so unzweifelhaft evangelischer Gesinnung wie Markgraf Hans von Cüstrin , der sogar seinen Prediger mit sich hatte, in dem kaiserlichen Lager dienten, mußte die öffentliche Meinung schwanken. Und ferner: sobald sie einmal die Waffen gegen den Kaiser erhoben, war nicht allein von der Religion und ihrer Erneuerung, sondern von der Zukunft des Reiches überhaupt die Rede. Der Grund des Krieges war: die Vertheidigung der mit so viel guter Befugniß unternommenen Religions- veränderung: der nächste Zweck die Ausführung der speieri- schen Beschlüsse von 1544, die Sicherheit der Religion vor Concilium und Kammergericht. Allein schon waren sie sel- ber hiebei nicht stehn geblieben: sie erkannten den Kaiser in diesem Augenblick nicht mehr an: wie nun, wenn es ihnen gelang ihn zu besiegen, zu verjagen? Welche Form woll- ten sie dann dem Reiche geben? Niemand hätte es sagen können; sie selber hatten keine Entwürfe darüber. Es ge- reicht den Protestanten moralisch zur Ehre, daß es so war: — ihre Absicht beschränkte sich auf die Vertheidigung: — aber vortheilhaft konnte es ihnen nicht werden. Den Fort- gang ihrer Waffen sahen Neutrale, obwohl Protestantisch- gesinnte, wie der Churfürst von Brandenburg , nicht ohne Der schmalkaldische Krieg . Besorgniß an. Dagegen gab dem Kaiser die Idee des Rei- ches und der bestehenden Ordnung der Dinge, die doch zu- letzt an seine Person sich knüpfte, des gewohnten Gehorsams, an und für sich eine gewisse Macht. Das protestantische Heer war von den religiösen Ideen wohl berührt und ergriffen, aber keineswegs durchdrungen: es bestand aus Söldnern, die um Lohn dienten, nicht anders als das kaiserliche, und eben so wenig den Eindruck religiö- ser Zucht und Ordnung machten. Und hiebei trat dann noch der Übelstand ein, daß die Heerführung keine Einheit darbot. Es war wie ein Schick- sal, daß Johann Friedrich , der sonst seiner Leibesbeschaffen- heit wegen es vorzog in seinem Lande zu bleiben, dieß Mal hauptsächlich dadurch, daß er aus Mangel an Soldreitern seine Lehnsmannschaft aufbieten müssen, bewogen worden war selbst mit zu Felde zu gehn. Da es an Meinungs- verschiedenheiten zwischen den beiden Anführern nicht fehlen konnte, da dann die Kriegsräthe zu entscheiden, die Befehls- haber des städtischen und des würtenbergischen Heeres mit- zureden hatten, so ward jedes Vorrücken und Zurückziehen, jede Bewegung ein Gegenstand der Besprechung. Für den Frieden und den gewöhnlichen Lauf der Dinge mögen Be- rathschlagungen taugen: soll aber ein Heerführer sein Talent entwickeln können, so darf er nicht erst in den entscheiden- den Momenten durch Rücksprache mit andern Gleichberech- tigten zu erforschen haben, ob er demselben vertrauen dürfe. Der Genius ist seiner Natur nach selbstherrschend: Gemein- schaft kann ihn nur lähmen. Nachdem sich die Protestanten in Donauwerth vereinigt Achtes Buch. Zweites Capitel . hatten, faßten sie die Absicht den Kaiser in seinem Haupt- kriegsplatz, Regensburg , aufzusuchen und ihm dort, oder wo er sich sonst auf dem Wege treffen lasse, eine Schlacht an- zubieten. Bedenken der saͤchsischen Kriegsraͤthe: „Lassen S. Ch. G. und sie ihnen gefallen, daß dem nechsten nach Regensburg gezogen (da- hin war das oberl. Bedenken gegangen) und ihnen der Kampf ge- boten werde. Denn s. churf. Gn. haben darum ire Lande und Leute verlassen und mit dem Zug dermaßen geeilet, daß solches mit Got- tes Huͤlf beschehen moͤcht.“ (Weim. Arch.) Ihr erster Gedanke war, dieß auf dem rechten Donauufer zu versuchen: kühnlich überschritten sie den Fluß: man sprach im Lager davon, daß man dem Kaiser, der sich indeß in Be- wegung gesetzt, auch nach Landshut oder nach München ent- gegengehn werde. Bald aber ward man doch inne, daß dieß mit großer Gefahr verknüpft sey; besonders fürchtete man, daß der Kaiser seinerseits über den Fluß gehn und sie von ihren Landschaften abschneiden könnte. Endlich ent- schloß man sich auf das linke Ufer zurückzukehren und sich jenseit dem Kaiser, der seinen Weg wieder nach Regensburg genommen, entgegenzusetzen. Der venezianische Gesandte Mocenigo versichert: der Kaiser habe gehofft sie zwischen seinem Heer und seinem Waffenplatz Regens- burg einzuschließen. Man sollte nicht immer wiederholen, dem Land- grafen seyen alle Wasser zu tief, alle Moore zu breit gewesen. Er hatte bessere Gruͤnde. Es war schon von keiner guten Vorbedeutung, daß man so erfolglos hin und her zog, Plane machte, zu vollziehen begann und dann verwarf: aber verloren war damit noch nichts. Die Protestanten beherrschten noch das rechte Rhein- ufer, zu dessen Vertheidigung eine gute Anzahl Fähnlein un- ter Reiffenberg abgeordnet waren, das linke Donauufer und Der schmalkaldische Krieg an der Donau . den untern Lech , und sie konnten noch immer mit den alten Deutschen, mit denen sie sich verglichen, wetteifern, die in ähn- licher Stellung so unzählige Mal den Römern widerstanden. Dazu gehörte nun aber, und sie wußten es sehr wohl, daß auch die festen Plätze in der Nähe der Ströme in ihrem Besitz wären: Neuburg und Rain hatten sie ohne Weiteres eingenommen. Noch bei weitem wichtiger aber wäre ihnen Ingolstadt gewesen, das eigentlich hauptsächlich gegen sie be- festigt worden war: wenigstens hat das Herzog Wilhelm dem römischen Hofe oft genug gesagt: und Schärtlin ver- sichert, daß es nur auf einen Entschluß angekommen wäre, so würde er sich des Ortes bemächtigt haben. Aber die Fürsten waren von dem Glauben an die baierische Neutra- lität, und von der Besorgniß, den Herzog zu dem Bunde mit dem Kaiser, der doch längst geschlossen war, erst zu ver- anlassen, nicht weniger gefesselt als die Kriegsräthe in Ulm . „Verließen sich auf Herzog Wilhelms Zusagen, das daselbst her nichts als Freundschaft, Guts Paß, Proviant und anders jder- zeit jnen gereichen moͤcht.“ Augsb. Bericht p. 1419. Dieselbe Nach- richt enthaͤlt der Bericht des Landgrafen Philipp bei Rommel . Schaͤrt- lin versichert, er wuͤrde Ingolstadt uͤberrascht haben, waͤre er nicht von Sachsen und Hessen abgehalten worden. Die Baiern trotzten spaͤter auf das Verdienst, daß sie Regensburg dem Kaiser geoͤffuet. Herzog Wilhelm behauptet, naͤchst Gott habe der Kaiser seinen Sieg von ihm. Sie hielten Schärtlin zurück, begnügten sich mit der Ver- sicherung, daß ihnen von da weder Zufuhr gehindert noch der Übergang über den Fluß abgeschlagen werden solle; so zogen sie nach Regensburg hinab. Der Kaiser, selbstherrschend in seinem Lager wie in sei- nem Cabinet, in Besitz einer vollkommenen Einsicht in die Achtes Buch. Zweites Capitel . Dinge, und eben darum einer geistigen Überlegenheit, zögerte nicht sich ihren Fehler zu Nutze zu machen. Er hütete sich wohl, sie in Regensburg zu erwarten, von wo er sich nur sein Geschütz hatte holen wollen; überhaupt meinte er nicht sich jenseit der Donau beschließen zu lassen, was die Heran- ziehung Bürens unmöglich gemacht haben würde; vielmehr, während sie den Fluß hinunter giengen, zog er auf dem an- dern Ufer herauf; am 24sten August überschritt er die Do- nau und nahm ungefähr dieselbe Stellung in der Nähe von Ingolstadt ein, die sie eben verlassen. In diesen Zügen auf dem Schachbrett des Kriegsschauplatzes hatte er offenbar die Oberhand. Seine Stellung war nicht allein für ihn selbst unschätzbar, sondern sie bedrohte auch die Verbindung der Protestanten mit Schwaben , von wo sie ihre Lebensmittel empfiengen. Unverzüglich eilten sie über die schlechten Wege, die sie so eben gekommen, mit noch größerer Anstrengung zurück, und schlugen dem Kaiser gegenüber bei Nassenfels ebenfalls ein festes Lager auf. Man hat von jeher behauptet, die nahmhaftesten Füh- rer selber haben es gesagt, sie hätten hier den Kaiser an- greifen sollen. Ihre Absicht war in der That, es zur Schlacht zu brin- gen. Am 30sten August fand der Landgraf einen leichten Übergang über die Sumpfgelände welche die beiden Lager trennten, pflanzte sein Geschütz an günstiger Stelle auf und begann das feindliche Lager zu beschießen. Auch seine Geg- ner fanden, er habe sich an dem Tag als ein Kriegsmann erwiesen. So viel Wirkung machte aber sein Geschütz doch nicht, daß der Kaiser sich dadurch veranlaßt gesehen hätte Der schmalkaldische Krieg an der Donau . seine Stellung zu verlassen und die Schlacht anzunehmen. Da meint man nun eben, die Protestanten hätten es darauf wagen und ihn hinter seinen Verschanzungen aufsuchen sol- len. Der Landgraf sagte, er würde es thun, wenn er al- lein wäre. Es ist sehr auffallend, daß Schaͤrtlin dem Landgrafen die Schuld giebt, dieser dem Churfuͤrsten. Die Versicherungen des Land- grafen haben aber wie die innere Wahrscheinlichkeit so auch die Prio- ritaͤt der Zeit fuͤr sich. Schon in einem Schreiben an Margaretha von der Saal (21 Sept. bei Duller Neue Beitraͤge p. 6) kommen sie vor. Der Churfürst und die Kriegsräthe fürchteten aber, nachdem sie besser eingesehen wie die Verhältnisse mit Baiern standen, die Geschütze von Ingolstadt möchten auf die andringenden Verbündeten abgehn, ohne daß selbst ein theilweises Handgemenge mit den Kaiserlichen dieß ver- hindern könne. Auch wissen wir sehr wohl, daß die kai- serlichen Völker in Schlachtordnung standen, der Kaiser in ihrer Mitte nichts weniger als erschrocken war. Er hatte den Astronomen Peter Apian in seinem Zelt und ließ sich an einem Himmelsglobus den Lauf der Planeten erklären: eine Kugel schlug neben ihnen nieder: der Kaiser bat den Astronomen in seiner Erklärung ruhig fortzufahren. Adami Vita Apiani (Vitae philos.) p. 162. Es führte die Protestanten nicht weiter daß das Beschießen noch ein paar Tage fortgesetzt ward. Bald wagten sich die kecken Spanier wieder aus den Schanzen hervor. Man sah ihnen von ferne her zu, wie sie sich mit den leichtern Deutschen im Felde herumjagten, sich um ein steinernes Haus in der Nähe oder um ein Stück Geschütz schlugen, bald gewannen, bald verloren; die spanischen Berichte fassen das ganz gut Ranke D. Gesch. IV. 28 Achtes Buch. Zweites Capitel . als einen Wettkampf der Gewandtheit und der Verwegen- heit; an eine große Entscheidung war nicht mehr zu denken. Und indem sich dergestalt der Kaiser auf dem linken Donauufer behauptete, gewannen seine noch entfernten Trup- pen auch das rechte Rheinufer. Den Fähnlein der Verbündeten die am Mittelrhein auf- gestellt worden waren zum Trotz bewerkstelligte Maximilian von Büren seinen Übergang. Man behauptet, der Vizthum von Bingen habe sein Wort verpfändet gehabt es nicht zu gestatten; Friedrich von Reifenberg , der bei Castel stand, und es noch hätte verhindern können, habe indeß bei einem Schmause gesessen den ihm einige Mainzer Domherrn gege- ben. Genug einer schlecht angebrachten Gutmüthigkeit gesellte sich die äußerste Fahrlässigkeit zu. Hätte man die Kaiserlichen nur so lange aufgehalten, bis Christoph von Oldenburg , der mit einer stattlichen Landsknechtsschaar bis nach Frankfurt ge- kommen, vollends herangerückt wäre. Jetzt aber vermochte er nichts auszurichten. Er hatte nur 1000 M. z. Pf., Büren dagegen 7000 M. z. Pf., und überdieß 10000 z. F. Bericht des Andreas Meinhart an Johann Wilhelm von Sachsen im weim. Arch. Hiedurch änderte sich nun das ganze Verhältniß der bei- den Heere. Die Protestanten verließen bei der ersten Nachricht hie- von das Lager bei Nassenfels und machten eine Bewegung um Büren entgegenzugehn und allein mit ihm zu schlagen: am 10ten Sept. finden wir sie in Wemdingen am Ries ; allein dieser Zug war so vergeblich wie die frühern: Bü- ren , zur rechten Zeit unterrichtet, nahm seinen Weg durch Der schmalkaldische Krieg an der Donau . das Würzburgische: ohne auf irgend ein wesentliches Hin- derniß gestoßen zu seyn, vereinigte er sich am 17ten Septem- ber mit dem Kaiser. Nunmehr hatte Carl V alle seine Streitkräfte beisam- men; nun erst hielt er es für angemessen, selber zum Angriff zu schreiten. Nachdem er Neuburg eingenommen und sich dadurch vollends zum Meister der Donau gemacht, faßte er die Ab- sicht den Krieg aus Baiern nach Schwaben zu versetzen. Zuerst richtete er sein Augenmerk auf Nördlingen , von wo er sich den Weg nach Würtenberg zu öffnen gedachte, und da die Stadt seiner Aufforderung kein Gehör gab, er- hob er sich mit gesammter Macht, sie zu bezwingen. Man erzählt, die Stadt habe dem Landgrafen eine bestimmte Frist gesetzt, binnen der sie unterstützt seyn müsse, wenn sie sich halten solle, und so schwer ja unmöglich dieß geschienen, in der bestimmten Stunde sey dieser mit der ganzen, nunmehr ebenfalls durch die rheinischen Truppen verstärkten Macht an- gelangt. Am 4ten October zogen die beiden feindlichen Heere gegen Nördlingen heran, ohne von einander zu wissen; als sich der Nebel erhob, wurden sie einander ansichtig. Die Protestanten hatten den Vortheil daß sie auf den Höhen vor- rückten: zum Erstaunen der Gegner nahmen sie augenblicklich eine so feste Stellung ein, daß diese doch Bedenken tragen mußten zum Angriff zu schreiten, obwohl es der Tag des h. Franciscus war, von welchem man sich mit der Prophe- zeiung trug, er werde den Kaiser zum Herrn von Deutsch- land machen. Godoi (das Original) 21 b . Avila 36 b . Alba ließ dem Landgrafen entbieten: warum 28* Achtes Buch. Zweites Capitel . er sich auf den Höhen halte? Wolle er schlagen, so möge er auf die Ebene kommen. Der Landgraf erwiederte: er habe bei Ingolstadt fünf Tag auf dem weiten Feld gehalten: den- noch sey der Kaiser nicht dahin zu bringen gewesen, sein ver- schanztes Lager zu verlassen. Weder durch die Verwüstung des Landes noch durch die Besetzung benachbarter kleiner Städte, wie Donauwerth , Lauingen , Hochstädt , ließen sich die Protestanten bewegen, aus ihrer glücklich eingenommenen Stellung zu weichen. Tagebuch des Feldzugs, zu Bruͤssel : Donawerda ad dedi- tionem coacta est, perplurimi pagi ab Hispanis exusti, quibus fa- cinoribus sperabat fore Caesar ut perterritus Landgravius ad dis- cedendum cogeretur. Hierauf, nach einigen andern Scheinbewegungen, nahm der Kaiser eine Richtung gegen Ulm . Am 13ten October finden wir sein Lager zwischen Sontheim und Brenz , von wo sich seine leichten Reiter am Morgen des 14ten auf den Weg machten um die Stadt zu berennen. Aber an dem mächtigen Ulm mußte den Protestanten noch viel mehr gele- gen seyn als an Nördlingen ; schon waren auch sie aufge- brochen und ganz in der Nähe; als jene Reiter auf den Höhen nach Ulm zu anlangten, wurden sie zu ihrem Erstau- nen von ein paar Falconetschüssen des Churfürsten begrüßt. Der Kaiser schien seinen Plan darum nicht aufgeben zu wol- len: in der nächsten Nacht war in seinem Lager alles in Bewegung, um, wie es sich anließ, am andern Morgen doch gegen die Stadt vorzurücken. Und wenigstens die Protestanten hätten sich nichts Besseres gewünscht. Ulm war durch einige Schweizerfähnlein gegen den ersten Anlauf gesichert; im Be- sitz des Rießes und der Würtenberger Steige hätten sie den Der schmalkaldische Krieg an der Donau . Kaiser zwischen zwei Feuer nehmen können. Aber ohne Zwei- fel zog Der dieß auch selber in Betracht: am Morgen des 15ten erließ er den Befehl daß man im Lager bleiben solle. Avila , welcher die Quelle aller Spaͤtern ist. Ich benutzte noch ein Tagebuch des Markgrafen Hans von Cuͤstrin , wovon ich im Anhang naͤhere Mittheilung machen will. Auch die Protestanten bezogen ein festes Lager bei Giengen . Zuweilen machten sich die leichten italienischen Reiter an die Futterwagen der Deutschen oder erschienen neckend bei dem Gehölz am Lager: dann brachen auch die deutschen Reiter hervor in ihren schwarzen Panzern und geschlossenen Helmen: besonders der kleinen zwei Spannen langen Faust- büchse wußten sie sich auf das geschickteste zu bedienen. Bald war die eine bald die andre Partei im Nachtheil; die An- höhen bei dem Lager, die Wiesen an der Brenz waren täg- lich mit diesem Lärmen erfüllt. Indessen wandten sich die beutesüchtigen Spanier nach der andern Seite hin, etwa nach einem reichen Kloster in der Nähe von Ulm , allein auf der Stelle vereinigten sich die Ausreiter der Stadt mit den Lands- knechten des Bundes: bald waren die Spanier auf den Glockenthurm zurückgetrieben, wo sie sich endlich ergaben, aber erst dann als man Anstalt machte Feuer anzulegen. Einst in der Nacht wollte der Kaiser einen Überfall, eine Incamisata nach dem Muster Antonio Leivas ausführen: die spanischen Fußvölker, mit weißen Hemden über die Rü- stung, wurden von deutschen Reitern begleitet; auch der Kai- ser war dabei, der kalten Nacht halber mit einem Wolfs- pelz bedeckt; aber als er in die Nähe kam, sah er daß die Achtes Buch. Zweites Capitel . Scharwachten in dem feindlichen Lager verdoppelt waren: man bemerkte Fackeln, die sich hin und her bewegten; auch dieß Mal hielt er für das Beste sich wieder zurückzuziehen. Mocenigo Relatione di 1548. Nelle scaramuzze quasi sempre li nostri (Cesarei) hebbero la peggiore. Vgl. Diarium Gunterrodianum bei Mogen hist. captivitatis Philippi 299. Hatten die Evangelischen einst zur Zeit ihrer Überle- genheit Bedenken getragen den Kaiser anzugreifen, so konnte sich der Kaiser, wiewohl er jetzt ohne Zweifel der Mächti- gere war, doch auch zu keinem ernstlichen Anfall auf das evangelische Lager entschließen. Die Fehler welche die Er- sten begiengen, waren hauptsächlich politischer Art: sie ent- sprangen aus freund-nachbarlichen Rücksichten, oder weil sie sich förmlich hatten täuschen lassen; militärisch aber ward die Sache so schlecht nicht geführt, wie man wohl häufig annimmt; war der Angriff nicht glücklich, so ließ sich doch nichts gegen die Vertheidigung sagen; — bis in den An- fang Novembers hatten die Kaiserlichen noch nichts Wesent- liches gewonnen. Mit der vorrückenden Jahreszeit geriethen sie vielmehr in Nachtheil. Den Spaniern, noch mehr aber den Italie- nern, war das deutsche Clima verderblich: die kalten Nächte brachten die Italiener um: man fand ihre Leichen zuweilen ganz schwarz um ein ausgebranntes Feuer her liegen. Über- dieß litt man viel von Regen: im Lager stand der Koth ei- nen Schuh hoch; tödtliche Krankheiten griffen um sich, na- mentlich die rothe Ruhr, und man wollte berechnen, daß das kaiserliche Heer nur durch Scharmützel und Krankheiten mehr als 15000 M. verloren habe. Überdieß näherte sich Der schmalkaldische Krieg an der Donau . die Zeit wo die Capitulation mit dem Papst endete und man den Abzug der italienischen Truppen erwarten konnte. Mocenigo : Cesare era consigliato da tutti li suoi capi- tani di guerra, ad invernare hormai l’esercito, dividendo in piu lochi le genti sue. Ma S. M à comandò che di questo piu alcuno non li parlasse. (Kais. Archiv zu Wien .) Wahrscheinlich rechneten die Protestanten auf den Ein- druck den diese Dinge bei dem Kaiser schienen hervorbrin- gen zu müssen, wenn sie nun doch demselben noch einmal Friedensanträge machten. Ihre Hauptbedingung war, daß es keinem Stande verwehrt seyn solle, sich zu der augs- burgischen Confession zu halten; der Friede den man ab- schließe, müsse dann durch förmliche Eidesleistung bekräftigt werden, damit kein Theil ihn wieder breche. Wir sehen, sie kehrten auf ihren alten Standpunct zurück. Aber indessen hatte der Kaiser den seinen vielmehr noch erweitert. Mit Vasallen, die ihn als vermeinten Kaiser, als Carl von Gent bezeichnet, wollte er keine Abkunft treffen, ohne ihre völlige Unterwerfung. Er antwortete ihnen, sie möchten erst sich selbst, so wie ihre Land und Leute in seine Gnade und Ungnade er- geben, dann wolle er Unterhandlung mit ihnen pflegen. Was ihn zu einer so wegwerfenden Antwort vermochte, war aber wohl nicht angeborne Standhaftigkeit allein, so sehr das seine Tugend ist: erst in diesen Tagen entwickelte die Politik die er von Anfang an eingeschlagen, alle ihre Folgen: jetzt erst griff Herzog Moritz von Sachsen in die allgemeinen Angelegenheiten ein. Nach seiner Rückkunft von Regensburg hatte Moritz noch eine Zeitlang den Schein einer neutralen Stellung behauptet. Als die Achtserklärung erschienen war und König Fer- Achtes Buch. Zweites Capitel . dinand an den böhmischen Grenzen Truppen zusammenzog, fragte Elisabeth von Rochlitz bei Moritz an, ob er nicht das Land des Churfürsten beschützen werde. Auf die Erklärung des Herzogs, daß er von der Gemahlin und den Kindern seines Vetters darum ersucht zu werden erwarte, versäumten diese nicht ihm kund zu thun, daß der Churfürst sie angewie- sen habe, sich in jeder Gefahr des Landes an ihn zu wen- den: sie ersuchten ihn, dieß Vertrauen zu rechtfertigen und die Grenzen der sächsischen Lande dem Churfürsten zum Be- sten zu besetzen. Elisabeth scheint sogar eine Zeitlang die Hofnung gehegt zu haben Moritz noch ganz auf die Seite des Bundes zu ziehen. Sie meinte, wenn man den Kaiser in Rücken falle, so werde ihm wohl der Ernst vergehn, und er werde begreifen daß die deutschen Fürsten „keine west- phälischen Bauern“ seyen. Sie gab dem Herzog zu ver- stehn, er selber würde den Böhmen wohl ein eben so an- nehmlicher König seyn wie Ferdinand . Aus den Briefen Elisabeths : bei Langenn p. 269. Und gewiß, hätte sich Herzog Moritz zu seinen Bluts- freunden und Glaubensverwandten gehalten, hätte er etwa wirklich einen Angriff auf Böhmen gewagt, dessen Erfolg bei der Stimmung der Utraquisten im Lande nicht zweifel- haft war, so würde der Krieg noch jetzt zu Gunsten der Protestanten entschieden worden seyn. Aber wir wissen, welch eine ganz andre Richtung, eben am meisten wider seinen Stammesvetter, sein Ehrgeiz ge- nommen, welche Verabredungen er mit dem Kaiser getrof- fen hatte. Wenn er noch zögerte sie auszuführen, so lag das nur an einigen Schwierigkeiten, auf die er noch stieß. D. schmalk. Kr. Moritz wider Joh. Friedrich . Einmal glaubte man in seinem Lande daß der begon- nene Krieg die Religion bedrohe. Auf eine Anmahnung des Herzogs, des Kaisers nicht in Ungutem zu gedenken, erwie- derten die Prediger, daß ihnen das unmöglich sey, da der Kaiser wider das Evangelium zu Felde liege. Sie fügten hinzu, wer sich in dieser Sache nicht recht halte, der habe zeitliches und ewiges Verderben zu erwarten. Wahrhaftige Copey einer Schrift, so die ehrwuͤrdigen Herrn Prediger zu Leipzig an Herzog Moritz gethan. Der Herzog konnte keinen Schritt thun, wenn er nicht fürs Erste die re- ligiösen Befürchtungen beseitigte. Auf dem Landtag zu Frei- berg , im October 1546, erschien er in der That mit einer Erklärung des Kaisers, worin dieser versprach, das Land von der christlichen Religion in der es jetzt sey und dem Worte Gottes nicht zu dringen. Es findet sich nicht näher, wie so der Kaiser zu dieser Erklärung bewogen worden ist. Schwerlich verstand er darunter etwas anders, als was er schon in Regensburg zugestanden hatte; auch waren die säch- sischen Staatsmänner nicht ganz damit zufrieden: sie trugen am kaiserlichen Hof gleich darauf selbst, wiewohl vergeblich, auf eine unzweideutigere Fassung an; allein wie sie hier auf dem Landtag vorgelegt und erläutert wurde, war sie aller- dings geeignet die Gemüther zu beruhigen. Aber auch dann, sollte wohl die Landschaft sich entschlie- ßen, zu einer Unternehmung wider den befreundeten Nachbar ihre Einwilligung zu geben? Es war ein sehr stürmischer Land- tag. Wir finden wohl, daß Moritz später einige widerspenstige Mitglieder desselben gefangen hält. Johann Friedrich klagt, seine erbittertsten Feinde, die Vier und zwanzig, die einst als Landesregenten aufzutreten gedacht, seyen daselbst im Über- Achtes Buch. Zweites Capitel . gewicht gewesen. Ebeleben 22 Dez. — Das Bedenken der Landschaft an Her- zog Moritz bei Hortleder II, iii , c. 36. Wie dem auch sey: genug der Fürst stellte vor, welch eine Gefahr für das Gesammthaus darin liege, wenn ein Andrer, etwa König Ferdinand , mit den Ansprüchen von Böhmen die Acht gegen Johann Friedrich ausführe. An- geblich um dieser Gefahr zuvorzukommen billigten die Stände, daß die Landschaft des Churfürsten aufgefordert, oder auch genöthigt werden solle sich dem Herzog zu ergeben. Nun erst fühlte Moritz festen Grund unter seinen Fü- ßen: unverzüglich eilte er nach Prag um sich hier mit Fer- dinand zu verständigen. Ferdinand hatte bei den böhmischen Ständen ein ähn- liches Verfahren eingeschlagen wie Moritz bei den sächsischen. Er hatte ihnen vorgestellt, die Anrechte der böhmischen Krone an die Landestheile welche Johann Friedrich von derselben zu Lehen trage, seyen in Gefahr, wenn Moritz die Acht ge- gen Johann Friedrich allein vollstrecke, indem er sich mit dem übrigen Lande auch dieser Lehen bemächtigen werde; wie dort der Landtag zu Freiberg , hatten hier Landoffiziere und Landrechtsbeisitzer den Beschluß gefaßt, daß man dieß nicht geschehen lassen dürfe. Die Stimme des Volkes erklärte hier und dort die Sache Johann Friedrichs für die bessere: den beiden Für- sten gelang es jedoch bei ihren Landständen zu bewirken, daß sie gegen ihn vorzuschreiten ermächtigt wurden. Leicht verständigten sie sich selbst unter einander. Sie bestimmten was einem Jeden von ihnen zufallen sollte. Tractat vom 14 October. Die Lehnshoheit uͤber Schwarz- D. schmalk. Kr. Moritz wider Joh. Friedrich . Während Johann Friedrich dort bei Giengen die schwäbischen Reichsstädte und Würtenberg gegen den vordringenden Kai- ser zu beschützen sich anstrengte, ward hier sein Land von eben Dem, auf dessen Schutz er gerechnet, und dem Bruder des Kaisers getheilt. Schon ward auch die Würde, auf die er stolz war, eben diesem Vetter zugesprochen. Carlo- witz ist es gewesen, der zuerst ein Formular dieser Übertra- gung entworfen und es dem römischen König vorgelegt hat. Von Dem ward es dem Kaiser zugesendet, und dieser hat es am 27sten October in seinem Lager zu Sontheim ausferti- gen lassen und unterzeichnet. Die Churwürde wird darin dem rebellischen Johann Friedrich feierlich abgesprochen und auf Denjenigen übertragen, der sich als ein Bekämpfer be- sagter Rebellion gezeigt habe. Mit großem Eifer hatte Fer- dinand auf diese Ausfertigung gedrungen. Ohne die Uber- tragung der Chur, sagte er, würde der Herzog den Vertrag der jetzt mit ihm geschlossen worden, schwerlich ausführen: geschehe sie aber, so sey niemals wieder an eine Versöhnung zwischen ihm und Johann Friedrich zu denken. Auch ließ Herzog Moritz nunmehr alle weitern Bedenk- lichkeiten fahren. Jetzt war ihm alles gewährt was er for- dern konnte: die Oberherrlichkeit über die beiden Stifter, die Churwürde, der größte Theil der Lande seines Vetters: in der That, nicht um einen geringen Preis verkaufte er seine Mitwirkung. Am 30sten October überschritten die böhmischen Trup- burg und Reuß an den Koͤnig: die uͤbrigen Lehen an den Herzog, doch nicht ohne Entschaͤdigung. Sollte der Koͤnig ein Reichslehen erobern, so wollte er es wieder herausgeben, doch gegen Entschaͤdigung. Achtes Buch. Zweites Capitel . pen die sächsische Grenze; ihre Stärke bestand besonders in der leichten Reiterei der Husaren, die im Kampfe gegen die Türken die Waffen führen gelernt: ohne Mühe warfen sie das in Eile zusammengeraffte voigtländisch-thüringische Landvolk auf den Höhen von Adorf über den Haufen. Ein allgemeiner Schre- cken ergriff die friedlichen unbefestigten Städte der Nachbar- schaft. Herzog Moritz versprach ihnen seinen Schutz, aber nur unter der Bedingung, daß ihm selber die Huldigung geleistet würde, wogegen er die Verpflichtung übernahm, sie bei ihrer Religion zu schützen und sich gegen seinen Vet- ter aller Gebühr zu halten, wofern derselbe sich mit kaiserli- cher Majestät versöhne. Diesen Vertrag nahmen sie an, eine nach der andern, auch Zwickau , auf das der Churfürst beson- ders gerechnet. Anforderung des Herzog Moritz an Rath und Gemeine zu Zwickau . Schreiben von Plauen Hortleder II, iii , 43, 44. Hierauf unterwarfen sich Borna , Alten- burg , Torgau . Der Herzog hatte sich mit seinem Kriegs- volk den Böhmen und Ungarn zugesellt. In Kurzem mußte das ganze Land in seine Hand fallen. Hiemit erst traten die Gedanken, mit denen der Kai- ser den Krieg unternommen, vollständig ins Leben. Die Nachricht von dem bei Adorf erfochtenen Vortheil traf am 6ten November in seinem Lager ein. Diarium belli gesti anno 1546 (Br. A.) stellt die Ereig- nisse des 6ten Nov. folgendergestalt zusammen: Capitanei apud Cae- sarem questi de pane, de pecunia, de lignorum inopia; consilium coeptum de munienda Lauginga; literae ab rege Romanorum de Plata et Gozgow occupata, item quod S. M. 1 mo Nov. statuebat ire contra Zwicaviam . Nicht mit Unrecht ließ er sie durch ein allgemeines Lösen seines größeren Feld- Der schmalk. Krieg. Abzug zu Giengen . geschützes feiern. Sie mußte für den gesammten Krieg ent- scheidend werden. Einen Augenblick schien es zwar, als würde die ver- stärkte Gefahr die Protestanten nur um so enger vereinigen. Auf Bitten der Kriegsräthe entschloß sich der Churfürst, nicht sogleich aus dem Felde zu weichen, der Sache noch einen Augenblick zuzusehen; aber gar bald zeigte sich daß es doch nicht zu vermeiden seyn werde. Nässe, Kälte, schlechte Lebensmittel, einreißende Krank- heiten hatten auch in dem protestantischen Lager allgemeinen Unmuth hervorgebracht. Der vornehmste Übelstand aber war, daß alle Geldmittel erschöpft waren. Die oberländi- schen Städte hatten im Laufe des Feldzugs zum Theil 12, zum Theil 18 Doppelmonate erlegt; es zeigte sich, daß man mit dem Grundsatz den Krieg mit dem Kämmereiver- mögen zu führen nicht weiter fortkommen könne. Die Kam- merräthe zu Ulm , welche das Geldwesen besorgten, wußten keinen Rath mehr. Man war den Landsknechten einen, zwei, drei Monat schuldig: haufenweise liefen sie davon. Die Stände hatten Unterhandlungen mit Frankreich eröffnet: aber der König forderte, entweder sie sollten erst einen andern Kai- ser ernennen, was in der Lage, in der sie sich befanden, auf keine Weise angieng, oder sie sollten ihm die definitive Über- lieferung von Boulogne auswirken, was nun vollends nicht in ihrer Macht stand, so mußte sich alles zerschlagen. Instructionen und Relationen des Johann Sturm , der im August und October 1546 nach Frankreich geschickt wurde, im weim. Archiv. Und konnte wohl der Churfürst seine Landsassen hier Achtes Buch. Zweites Capitel . im Lager zurückhalten, während ihre eignen Besitzungen in ihrem Vaterland angegriffen wurden? Die Meinung erhob sich, daß man das Oberland durch ein Winterlager schützen, dem Kaiser indeß durch Besetzung eines oder des andern Stiftes, z. B. von Würzburg oder von Mainz , so wie durch Wiedereroberung der n säch- sischen Lande Schaden genug zufügen, und au rühjahr den Krieg mit frischen Kräften wieder erneuern könne. Man sah sehr wohl und hatte oft überlegt, welche ge- fährliche Folgen es haben müsse, wenn man sich trenne; allein man glaubte endlich, daß es nicht zu vermeiden und dabei doch die Sache noch keineswegs verloren sey: genug man faßte endlich diesen lange vermiedenen Entschluß. „Als wir“, sagt der Landgraf in einem Briefe vom 16ten Dez., „vorrukter Tag vor Giengen von wegen unfletigs wetters, Keld, Mangels Fuͤtterung und andren unrichtigkeit mit dem Kriegsvolk len- ger nit haben pleiben konnen, sondern der unvermeitlichen notturft nach abziehen muͤssen.“ Montag am 22sten November setzte sich das Lager bei Giengen in Bewegung; Dienstag am 23sten des Morgens ward der Abzug vollzogen. Der Kaiser, der seit den Nachrichten von den Ereignis- sen in Sachsen nichts anderes erwartete, mit seinem Lager schon eine Strecke Weges näher gekommen, und täglich kleine Anfälle machen ließ, erschien am ersten Abend in Person mit einigen Reitergeschwadern; aber auch der Landgraf hatte nicht versäumt sich vorzubereiten: von einer günstigen Stellung auf einer Anhöhe begrüßte er den Vorrückenden mit seinem Geschütz. Der Kaiser eilte zurück, brachte in der Nacht auch sein Fußvolk in Bewegung und erhob sich zur Verfolgung seiner Gegner; aber sey es nun daß die Protestanten sich Der schmalk. Krieg. Abzug zu Giengen . zu früh davongemacht, wie man auf seiner Seite sagte, oder daß er vielmehr zögerte, wie diese behaupten, denn von ihm sey allerdings der helle Tag erwartet worden, genug er er- reichte sie nicht. Es bezeichnet ganz gut den schlechten Zustand in wel- chem beide Theile waren, und die gegenseitige Achtung die sie einander eingeflößt, daß die Protestanten die Meinung aussprachen: sie würden alle verloren gewesen seyn, wenn sie der Kaiser an dem ersten Abend ernstlich angegriffen hätte; während es die italienischen Berichte als ein Glück für den Kaiser betrachten, daß er die Abziehenden des andern Tages nicht erreichte: wäre es zu einem Treffen gekommen, so wäre er wahrscheinlich selber geschlagen worden. Wie sie einander gegenüber gestanden, ein Theil dem andern gewachsen, jeder gleich unangreifbar, so wichen sie jetzt von einander. Daß dieß aber geschah, daß die Protestanten es waren die das Feld verließen, darin lag nun doch ein unermeßlicher Vortheil des Kaisers. Die Häupter des Bundes waren ge- kommen um die minder mächtigen Stände des Oberlandes gegen ihn zu schützen: jetzt überließen sie ihm den Platz. Der Umgebung des Kaisers war es wie ein Traum. Noch so eben hatten sich Alle im elendesten Zustand, dem Verderben nahe gefühlt: mit Einem Male sahen sie daß sie die Herrn im Felde waren. Mocenigo : In un tratto Cesare, che pochi dì inanzi si ritrovava a pessimo partito, restò signore della campagna: la qual cosa ancora a quelli che erano sul loco pareva un insogno. Aus einem Schreiben Pagets vom 7 Dez. ( Statep. I, 886 ) ergiebt sich, daß man in England an den Abzug der Protestanten anfangs gar nicht glauben wollte. Achtes Buch. Zweites Capitel . Ein späterer großer Fürst und Feldherr sagt, in großen Angelegenheiten gebe allein Beharrlichkeit den Ausschlag. Ein Grundsatz dessen Wahrheit selten ein Feldzug so gut bewie- sen haben wird wie dieser. Nachdem Carl V nur einmal nach langem Zögern zum Entschluß gekommen, ist auch un- ter den mißlichsten Umständen kein Schwanken noch Zagen in ihm zu bemerken gewesen: weder als er fast unbewaff- net in Regensburg lag, noch der Übermacht der feindlichen Geschütze bei Ingolstadt gegenüber, noch in den Widerwär- tigkeiten des Lagers von Sontheim : er zeigte immer eine großartige Ruhe und Siegeszuversicht. Die Hauptsache that dabei ohne Zweifel die politische Überlegenheit deren er sich bewußt war. Es giebt auch eine politische Strategik: durch diese waren die Protestanten be- siegt, ehe der Krieg noch begann. Daß sie die Mittel und Wege ihres Feindes nicht kannten, machte sie verworren und unschlüssig. Als sich dieselben endlich entwickelten, mußten sie verzweifeln ihre Stellung zu behaupten, und wichen aus dem Felde. Drittes Capitel . Aussöhnungen und Unterwerfungen. December 1546. Indem die Fürsten des Bundes die Donaugegenden ver- ließen, meinten sie, wie gesagt, keineswegs ihren Widerstand fallen zu lassen. Ihre Absicht war, das Oberland durch ein Winterlager von 6000 M. z. F. und etwa 1500 z. Pf., das bei Elwan- gen aufgeschlagen werden sollte, und durch eine gute Ver- wahrung der würtenbergischen Staige und Alpen zu beschützen. Indessen dachten sie wohl in den stiftischen Gebieten noch etwas auszurichten; Johann Friedrich zweifelte nicht, daß er sein Land sofort wieder einnehmen werde. Schon hatten die Städte bewilligt, anderthalb Monat einer neuen Anlage aufzubringen; außerdem aber war man übereingekommen, eine allgemeine Contribution unter dem Namen eines gemeinen Pfennigs auszuschreiben. Auch die auswärtigen Angelegenheiten gewannen nun- mehr einen bessern Anschein. Im Juni hatten England und Frankreich Friede gemacht, und die beiden Könige begannen den Gang der Dinge in Ranke D. Gesch. IV. 29 Achtes Buch. Drittes Capitel . Deutschland , der auch für sie sehr gefährlich werden konnte, besser ins Auge zu fassen. Schon im Lager von Giengen war viel von einer Geldsumme die Rede, welche in Lyon flüßig gemacht werden und den Protestanten zu Gute kom- men sollte. Sleidanus XVIII Ausg. von Am Ende II, 357. Adriani 202. Jetzt erschien ein französischer Gesandter bei Johann Friedrich , um unter den nöthigen Versicherungen für die Rückzahlung noch andre Geldunterstützung zuzusagen. Und diesem politischen Interesse trat das religiöse zur Seite. Unter der Hand wandten sich die Oberländer an die Eidgenossenschaft, zunächst nur um eine ernstliche Verwen- dung der Tagsatzung zu erlangen, jedoch nicht, ohne auch das Wort Einigung verlauten zu lassen. Im Osten näher- ten sich Preußen und Dänemark . Der Kaiser war in diesem Augenblick Meister im Felde: seine Unternehmung aber hatte er noch bei weitem nicht durch- geführt: Sieger konnte er sich noch lange nicht nennen. Die Protestanten durften hoffen, ihm im nächsten Frühjahr er- frischt und verstärkt, besonders auch wieder mit Geld verse- hen im Felde zu begegnen. Es leuchtet ein, daß für ihn alles daran lag dieß zu verhindern. Da kam ihm nun von Anfang an zu Statten, daß die Protestanten nicht, wie sie beabsichtigt, sich in Franken fest- setzten. Der Landgraf eilte nach Hessen voraus. Der Chur- fürst führte das Heer auf weiten Umwegen über Heilbronn und Neckarsulm, wo er ein paar Tage verweilte, nach der Bergstraße, dem Stifte Mainz , der Abtei Fulda . Nach einem Schreiben von Heilbronn an Ulm . Er nahm Ausfoͤhnungen und Unterwerfungen. Ulm . der Gelegenheit wahr, sich von den Prälaten zu Aschaffen- burg und Fulda starke Brandschatzungen zahlen zu lassen, mit denen er seine Truppen einigermaßen befriedigen konnte; aber seines Bleibens war nirgend: jeden Tag erhielt er aus seinem Lande Nachrichten von größern Verlusten und drin- gendern Gefahren; dahin eilte er unverzüglich zurück. Hiedurch bekam der Kaiser, der gleich nach dem Abzug Giengen , Nördlingen , Rothenburg besetzt, und jetzt keinen Feind weiter erblickte, die beste Gelegenheit, sich gegen die bei weitem wichtigern schwäbischen Städte zu wenden. Und hier hatte er wieder den Vortheil, daß der Abschied von Giengen nicht ordentlich zur Ausführung gebracht wurde. Vor allem: die Reiter, deren man, wie wir wissen, dort zu Lande hauptsächlich bedurfte, waren nicht zurückgeblieben, wie man verabschiedet hatte. Landgraf Philipp behauptet, das habe darin seinen Grund, daß man denselben von städti- scher Seite zu geringen Sold geboten. Dann war das Winterlager überhaupt gar nicht zu Stande gekommen. Der Bürgermeister und die fünf Geheimen von Ulm behaupten, der Fehler habe an den übrigen Städten gele- gen, welche ihre Einwilligung nicht zugeschrieben. Es ist ihnen wohl entgegnet worden, es hätte keines Zuschreibens bedurft, da der Beschluß an sich klar gewesen sey. Der Grund des Übels lag darin, daß Ulm keine Neigung hatte neue Vor- schüsse und Auslagen zu machen, die ihm früher nur säumig waren wieder erstattet worden. Überhaupt ließ sich in dieser Stadt, die bisher die re- ligiöse Angelegenheit mit dem größten Eifer gefördert, eine 29* Achtes Buch. Drittes Capitel . gewisse Verstimmung bemerken, die sich von den Bürgern auch auf die anwesenden Bundesgesandten ausbreitete. Man berichtete dem Kaiser, man habe sie mit gesenkten Köpfen, mit allen Zeichen des Mißverständnisses und der Entmuthi- gung von dem Rathhaus kommen sehen. Dahin nun konnte das den Kaiser nicht führen, daß sich etwa auch Ulm und Augsburg , wie Heilbronn und Hall thaten, auf eine Gefahr drohende Bewegung seiner Truppen ihm unterworfen hätten. Waren aber nicht die Dinge viel- leicht dazu angethan, um einer Unterhandlung und billigen Mitteln Eingang zu verschaffen? Den Fürsten, die ihn jetzt auch persönlich beleidigt, hatte Carl das Verderben geschworen: im Lager von Sontheim hatte er nicht mehr vom Churfürsten und Landgrafen, sondern nur von Johann Friedrich von Sachsen , Philipp von Hessen hö- ren wollen; mit den Städten aber, die sich früher immer gut kaiserlich gezeigt, konnte er wohl auf die Eröffnungen zurückkommen die er ihnen vor dem Kriege gemacht hatte. Städtischer Seits glaubte man über die Fürsten, beson- ders den Landgrafen, gerechte Beschwerde führen zu können: die erwähnte Anfrage derselben bei dem Kaiser schien auch zu eignen Unterhandlungen zu ermächtigen. Durch Vermittelung Sr. K. H. des Kronprinzen von Wuͤr- tenberg sind mir vier starke Convolute aus dem Ulmer Archiv, Schmal- kaldische Religionsacta, mitgetheilt worden, auf die ich die folgende Darstellung gruͤnden konnte. Ohne Zweifel bildete es ein weiteres Motiv für sie, daß der schmalkaldische Bund in Kurzem zu Ende gieng und seine Erneuerung unter den obwaltenden Umständen die größten Schwierigkeiten darbot. Aussoͤhnungen und Unterwerfungen. Ulm . Durch die Vermittelung zwei geborner Ulmer, David und Johann Baumgärtner , welche Blutsverwandte des ul- mischen Bürgermeisters Georg Besserer waren und in dem besten Verhältniß mit Granvella standen, geschahen die er- sten Eröffnungen. Ein Gedanke, der anfangs angedeutet worden, als sey es um eine gemeinschaftliche Unterhandlung mit sämmtlichen oberländischen Fürsten und Städten zu thun, ward doch bald darauf von den kaiserlichen Ministern verworfen. Nicht mit dem Bund, auch nicht mit einem Theil desselben, sondern nur mit einzelnen Ständen wollten sie zu schaffen haben. Einen nach dem andern hofften sie herbeizubringen; zum An- fang hatten sie sich eben Ulm ausersehen. Vergegenwärtigen wir uns die Lage dieser Stadt nä- her, so war sie folgende. Von der protestantischen Seite liefen täglich neue An- muthungen ein. Johann Friedrich forderte Mitversicherung der von Frankreich angebotenen Summen; Philipp rieth eine Unternehmung auf einige minder gut besetzte Plätze an der Donau ; Augsburg trug auf gemeinschaftliche Besetzung von Mindelheim an; Eßlingen rief um Hülfe. Indessen rückten ein paar noch unbezahlte Fähnlein des Bundesheeres ge- radezu in das ulmische Gebiet, um die Rückstände ihres Soldes gleichsam mit Gewalt einzutreiben. Dagegen ließen es die Kaiserlichen nicht an Drohun- gen fehlen: Einziehung und Vergabung der Herrschaften auf dem Lande; förmliche Belagerung, die vollends alles ver- derben müsse, zu der schon die Kanonen von Rothenburg im Anzuge seyen. Würde dagegen die Stadt sich fügen, Achtes Buch. Drittes Capitel . so versprach man ihren Kaufmannsgesellschaften die Wieder- eröffnung aller kaiserlichen und königlichen Lande, Heraus- gabe aller festgehaltenen Waarenballen, die Gnade und Huld des Kaisers. „Wir haben in unser Capitulation ayns notigen artigkls ver- gessen, naͤmlich das Ewrn Gesellschaften Kaufleuten und hantirenden Buͤrgern der ks. koͤn. Mt Lande wider geoffnet und alle hantirung massen wie vor diesem krieg zugelassen auch was inen arrestirt waͤre wieder relaxirt wuͤrde.“ ( Giengen 2 Dez.) „Vor eurer Thüre“, schrieb ihnen der ferdinandeische Rath Georg Gienger , „stehn Friede und Krieg, Glück und Unglück, Segen und Fluch. Zwischen denen habt ihr zu wählen.“ Man wird es einer deutschen Commune schwerlich zu- trauen, daß sie unter solchen Umständen festhalten sollte. Hingebung Aller ohne Ausnahme und die entschlossenste Füh- rung hätten dazu gehört. Auch das aber wird man von einer Commune dieser Zeit nicht erwarten, daß sie nachdem sie den Krieg bestan- den, das große Interesse um deßwillen sie ihn unternommen, hätte vergessen sollen. Die ersten Vorschläge, welche Granvella machte, wur- den zurückgewiesen, weil darin der Religion nicht gedacht worden. Die Fünf erklärten, ihre Absicht sey nie eine andre gewesen, als sich vor dem Gehorsam und Glauben des Pap- stes zu schützen; der gemeine Mann in der Stadt werde Leib und Leben, Gut und Blut lieber wagen als davon ab- lassen. Mit den zweideutigen Versicherungen welche im An- fang des Krieges gemacht worden, wollten sie sich noch im- mer nicht begnügen. Auch nach dem gefährlichen und siegreichen Feldzug den der Kaiser gemacht, stellte sich ihm doch die religiöse For- Aussoͤhnungen und Unterwerfungen. Ulm . derung, die er zu beseitigen gedacht, wenn nicht mit der alten Heftigkeit, doch mit Energie entgegen. Churfürst Friedrich von der Pfalz , der in diesen Ta- gen in die Nähe gekommen, hauptsächlich um seine Theil- nahme am Kriege mit der Geringfügigkeit derselben — er hatte nur dem Herzog von Würtenberg kraft alter Tractaten ein paar hundert Mann zugeschickt — zu entschuldigen, ent- wickelte dem Kaiser, wie leicht sich ihm Deutschland jetzt un- terwerfen werde, wenn er Gnade ergehn lasse, hauptsächlich in Einem Artikel, dem der Religion. So tiefe Wurzeln habe die neue Lehre in Hohen und Niedrigen geschlagen, daß es nicht mehr möglich sey sie zu vertilgen. Alles rufe ihn an, nur in diesem Punct keine Gewalt auszuüben: in jedem an- dern wolle man Gehorsam beweisen. Es war, wie wir wissen, eben der Punct, auf den es dem Kaiser am meisten ankam. Allein auch jetzt noch war er nicht in der Lage, geradezu damit durchzugreifen. Herzog Ulrich , dem nun auch Eröffnungen waren ge- macht worden, forderte ebenfalls „bei der wahren evangeli- schen Lehre erhalten zu werden.“ Einen zweiten Vorschlag, den Granvella vorlegen ließ, wiesen die Ulmer, zwar auch wegen einiger Bestimmun- gen über den Gehorsam gegen den Kaiser die man ver- fänglich fand, Nach Granvellas Vorschlag sollten die Buͤrger versprechen, bei dem Kaiser, als ihrer hoͤchsten und ainigen ordentlichen Obrig- keit, alle Zeit als gehorsame Unterthanen zu bleiben: nie wieder einen Bund zu machen, ohne daß der Kaiser und das Haus Oͤstreich darin begriffen oder vorbehalten waͤren; dem Kammergericht zu gehorchen, wie es der Kaiser bestellen wuͤrde. Die Ulmer ermaͤßigten diese Be- hauptsächlich aber wegen der Religion von Achtes Buch. Drittes Capitel . sich. Sie forderten die Zusage, bei der Religion die sie an- genommen und noch haben, ruhig gelassen zu werden bis auf ein freies christliches Concil in deutscher Nation, zu der alle Stände berufen und dabei gehört worden. Johann Baumgärtner erschrak nicht wenig über diese Forderung, als welche nicht bewilligt werden könnte, und rieth ihnen nochmals unbedingte Unterwerfung. Bei Granvella jedoch machten diese Erinnerungen alle den Eindruck der ihnen zukam. Er sah wohl daß er ohne reli- giöse Zugeständnisse keinen Schritt weiter kommen könne. Und gab es nicht ein leichtes Mittel, hierüber eine vor- läufig befriedigende Bestimmung zu treffen? Die Ulmer selbst haben darauf aufmerksam gemacht, daß man ihnen die Zu- sicherung, wenn sie nicht in den Tractat zu bringen sey, in einer Nebenverschreibung gewähren möge, wie solche dem Herzog Moritz und den brandenburgischen Fürsten zu Theil geworden. Am 12ten December hatten die Ulmer den Gegenent- wurf eingereicht, der ihre Forderungen enthielt: am 13ten erwiederte Granvella , nicht allein gedenke der Kaiser sie nicht weiter zu verpflichten als nach den alten Eidesleistungen, sondern überdieß in dem Artikel des Glaubens halber solle es keinen Mangel haben: der Kaiser werde ihnen in einer dingungen saͤmmtlich nach den im Reiche herkoͤmmlichen Formeln. Nur nach dem alten Eide z. B. wollten sie Carl dem Fuͤnften Ge- horsam versprechen, „als einem roͤmischen Kaiser, sie als eine getreue und gehorsame Stadt Ihr Majestaͤt und des roͤmischen Reiches“; „einem Kammergericht wuͤrden sie gehorchen wie es der Kaiser mit den Staͤnden einrichten werde“; u. s. w. Auch weigerten sie sich der Achtserklaͤrung gegen Sachsen und Hessen in aller Form anzu- hangen, wie es der Kaiser forderte: es schien ihnen eine eigne Aͤchtung darin zu liegen. Aussoͤhnungen und Unterwerfungen. Ulm . Nebenversicherung zusagen, sich darin gegen sie zu halten wie gegen Herzog Moritz und die Fürsten von Brandenburg . Nur fügte er hinzu, daß der Kaiser dieß nicht als eine eigentliche Bedingung ansehen wollte: es würde sonst den Schein haben, als habe er den Krieg doch der Religion we- gen unternommen. Nach Granvellas Wunsch sollte es so aussehen, als habe der Kaiser nie etwas anders beabsichtigt. Baumgärtner rieth ohnehin: nicht eigentlich eine Capi- tulation auf bestimmte Artikel, sondern nur „einen heimlichen Verstand“ mit dem Kaiser zu schließen: ihm zu vertrauen, wie ja den beiden Hauptleuten des Bundes vertraut worden sey. Und hierauf nun giengen Bürgermeister und Fünf der Stadt Ulm ein. Allerdings waren sie weit entfernt von dem Ziele welches ihnen im Beginn des Krieges vorgeschwebt; allein die Ungewißheit ob dieß überhaupt jemals zu erreichen, verleidete ihnen die Beschwerden und Gefahren des Krieges: sie glaubten mit Zugeständnissen zufrieden seyn zu können, die so mächtigen Fürsten genügten. Am 14ten December ward der Rath versammelt und ihm zum ersten Mal von den bisherigen Verhandlungen Nach- richt gegeben. Der Rath beschloß ganz wie man ihm vorschlug sich „in höchster Unterwürfigkeit“ vor dem Kaiser zu demüthigen: und ohne alle weitere Disputation Sr Majestät auf die Ver- sicherung der Religion, wie sie gegen Herzog Moritz und Brandenburg geschehen, zu vertrauen. Der Bürgermeister Georg Besserer und Jos Weikmann , damals einer der in den weitesten Verbindungen stehenden Ulmer Kaufleute, wurden zu Gesandten gewählt, um die Sache Achtes Buch. Drittes Capitel . zu Ende zu bringen. In Neresheim gesellte sich ihnen Da- vid Baumgärtner zu, der sich als der Begründer dieser Sache betrachtete, und ihnen „durch das geheime Mittel“, das er nicht weiter entwickelt, bei Granvella nützlich zu seyn ver- sprach. Einige Tage mußten sie auf das sichere Geleit war- ten; am 22sten December früh trafen sie in Hall ein, wo sich der Kaiser und seine Räthe befanden: den ganzen Tag un- terhandelten sie mit Granvella . Die Differenzen betrafen jetzt weniger die Religion als die Ausgleichung mit den in Scha- den gerathenen Geistlichen; die Geldzahlung die der Kaiser zu eigner Schadloshaltung forderte; die weitere Unterhand- lung mit andern Ständen: sie konnten nicht alle geschlich- tet werden; da aber der Kaiser am 23sten December Hall zu verlassen gedachte, entschlossen sich die Gesandten nichts desto minder, den Act der Demüthigung zu vollziehen, zu welcher sie von dem Rath der Stadt bevollmächtigt waren. Der Kaiser nahm sie in seine Huld wieder auf, fügte aber hinzu, „wenn er der Stadt weiter in Gnaden etwas auf- lege, so versehe er sich eines solchen Gehorsams, daß er da- durch zu fernern Gnaden bewogen werde.“ So weit aber gieng ihr Zutrauen doch nicht, daß sie sich nicht Gewißheit darüber hätten verschaffen sollen, welche Bedingungen der Kaiser hiemit meine. Nach ihrem Bericht waren es folgende: Verzichtleistung auf den schmalkaldischen Bund, und Versprechen in keinen andern zu treten, in wel- chem nicht der Kaiser und der König mitbegriffen seyen — Zurückgabe alles dessen was seit dem Anfange des Krie- ges Geistlichen oder Weltlichen entrissen worden — Entlas- sung des Kriegsvolks — Gehorsam gegen das im Reich Aussoͤhnungen und Unterwerfungen. Ulm . aufzurichtende Kammergericht — eine Geldstrafe. Was aber die Religion als den vornehmsten Punct anbelangt, sagen sie, so habe sich der Kaiser erboten, „einen ehrsamen Rath bei seiner habenden Religion bleiben zu lassen, so wie Her- zog Moritz , Herzog Erich und das Haus Brandenburg , und ihn weder mit dem Schwert noch mit andrer Gewalt da- von zu dringen.“ Ausfuͤhrliches Ausschreiben, das ich im Anh. mittheilen will. So geschah, daß sich die mächtige Stadt, welche als der Heerd der gesammten Bewegung im Oberland hatte an- gesehen werden können, dem Kaiser unterwarf. Für diesen Fürsten war dieß einem neuen Siege gleich. Die Kette des schmalkaldischen Bundes war in ihrer Mitte gesprengt, und ein Beispiel des Abfalls aufgestellt, welches nothwendig Nachfolge finden mußte. Ulm selbst bot die Hand zu Unterhandlungen mit den übrigen oberländischen Städten; Anfang Januar versammelten sich hier die Ge- sandten derselben, wenigstens zum Theil ganz bereit — vor allen Memmingen und Biberach — sich eben so auszusöh- nen wie Ulm gethan. Auch war das unvermeidlich, da Ulm eine der wichtig- sten militärischen Positionen für das gesammte obere Deutsch- land darbietet. Würtenberg wie Augsburg geriethen dadurch in unmittelbare Gefahr. Der Kaiser ward durch die gute Luft, die ihm die Baumgärtner rühmten, veranlaßt, selbst ein paar Wochen in Ulm Wohnung zu nehmen. Überdieß eröffneten sich auf diesem Wege pecuniäre Hülfsquellen. Der kaiserliche Hof faßte den Gedanken, Nie- mand zur Aussöhnung zuzulassen, der nicht dem Kaiser eine Achtes Buch. Drittes Capitel . eben so große Abtragssumme zahle, als dieser im Kriege wider ihn aufgewendet. So wörtlich ließ sich das nun nicht ausführen, aber nicht weit davon entfernt war es wenigstens, wenn Ulm 100000 G. zahlen mußte. Es schien kein Vor- theil, wenn der Kaiser ein ansehnliches Geschütz sammt Pul- ver und Munition als Abschlag annahm. Nur so ist es zu verstehen, daß sie 100000 G. gezahlt. Nach der Copie der kaiserlichen Quittung vom 20 Maͤrz zahlten sie 80126 G. 47 Kr. baar; sie gaben ferner 11 Stuͤck auf Raͤdern, 900 C. Pulver, 1200 Kugeln, „so alles an Geld mach 14873 G. 13 Kr.“ — dieses alles mache 100000 G. Statt 80126 muß es wohl hei- ßen 85126 G. So zahlte auch Heilbronn 20000, Eßlingen 40000, Reutlingen 20000 G. Man nahm den Grundsatz, daß von jeden 100 G. Ver- mögen der Bürger 1 G. Abtrag gezahlt werden müsse. Hät- ten sie sich entschlossen, nur die Hälfte davon in das Lager von Giengen zu zahlen, so wäre es nie so weit gekommen. Unter diesen Umständen konnte nun auch der Herzog von Würtenberg sich nicht behaupten. Es scheint als habe er anfangs, als noch von einer gemeinschaftlichen Unterhandlung für die gesammten Ober- lande die Rede war, erträglichere Bedingungen hoffen können: wenigstens hielt Granvella den Rath des römischen Königs, Doctor Gienger , ausdrücklich deshalb von dem Geschäfte fern, damit er nicht die Ansprüche seines Herrn zu unbe- quemer Zeit rege mache; allein da jene Unterhandlung sich zerschlug, Ulm sich unterwarf, ergiengen gegen ihn, und zwar an demselben Tag da dieß geschah, die härtesten Dro- hungen, und die kaiserlichen Truppen rückten in sein Ge- biet ein. Der Herzog entwich nach Hohentwiel , und ließ Aussoͤhn. u. Unterw. Wuͤrtenberg , Augsburg . durch seinen Canzler Gültlinger Bedingungen der Unterwer- fung vorschlagen; aber der Kaiser wies sie zurück und legte selbst einen Vertrag vor, auf dessen unverweilte Annahme er bestand. Der Herzog sollte 300000 Gulden zahlen, eine Hälfte in 14, die andre in 25 Tagen, seine festen Häuser Hohenasperg , Schorndorf und Kirchheim kaiserlichen Trup- pen einräumen, ohne daß eine Zeit der Rückgabe bestimmt worden wäre, und vor allem dem König Ferdinand wegen aller Ansprüche, die er an den Herzog machen könne, Rede stehn. Noch ein Glück daß wenigstens der Cadanische Ver- trag bestätigt ward, der das Bestehen des Landes und die Religion sicherte. Nach einem Schreiben Granvellas ward der Vertrag am 7ten Januar „absolvirt.“ Der alte Fürst mußte sich selbst zu per- sönlicher Demüthigung herbeilassen. Hierauf konnte auch Augsburg nicht länger widerstre- ben. Aus dem Briefwechsel der dreizehn Verordneten des Krieges mit Ulm sehen wir zwar, mit wie vielem Muth und gutem Willen man dort die Wendung der Angelegenheiten lange Zeit ansah: man wollte nicht zugestehn, daß der Krieg schlecht geführt worden sey: von Fremden werde wohl der Widerstand bewundert den man dem mächtigen Kaiser ge- leistet habe: sey es wirklich wahr daß die niedersächsischen Städte ihrer Pflicht nicht nachgekommen, so möge man sie das verantworten lassen und nur selber zur Sache thun, die gefaßten Beschlüsse ausführen. Schreiben vom 22 December 1546. ( Ulm . Acten.) Der tapfere Kriegsmann Schärtlin vermaß sich, die Stadt Jahr und Tag zu halten, derweile könne dann Deutschland Athem schöpfen und sich Achtes Buch. Drittes Capitel . rüsten: sollte es ja zuletzt schlecht gehn, so werde man noch nach Jahrhunderten in den Chroniken lesen, daß andre sich ohne Noth ergeben, Augsburg aber für das göttliche Wort und die deutsche Freiheit bis zuletzt muthig gestritten: an leid- lichem Vertrag werde es auch dann nicht fehlen. Aber all- mählig machte sich auch hier der Einfluß der großen Kauf- herrn bemerklich, die sich anfangs entfernt hatten, jetzt aber wiederkehrten; Anton Fugger , Schwager Hans Baumgärt- ners , ward mit der Unterhandlung beauftragt, und am 29sten Januar 1547 unterwarf sich auch Augsburg . Es mußte 150000 G. zahlen, 12 Stück Geschütz, eine kaiserliche Be- satzung aufnehmen, und was dem mehr ist: in Hinsicht der Religion sich mit der mündlichen Versicherung Granvellas begnügen, daß es bei dem jetzigen Zustand derselben sein Verbleiben haben solle. Indessen war auch schon in weiterer Ferne ein nicht min- der bedeutender Abfall von der protestantischen Sache erfolgt. Als der Graf von Büren mit dem niederländischen Volk, das er nach Hause führte, in die Nähe von Frankfurt ge- langte, regte sich in dieser Stadt ebenfalls eine mächtige Partei die auf unverweilte Aussöhnung drang. Die Zünfte und die Prediger waren dagegen; allein die Mehrheit des Rathes erklärte sich dafür. Die Mannschaften des Grafen sahen nicht sehr streitbar aus, sie waren von Krankheit heim- gesucht, Belagerungsgeschütz führten sie nicht bei sich; des- senungeachtet ergab sich ihnen eine wohlbefestigte, mit allen Bedürfnissen auf lange Zeit versehene Stadt. Der Grund war die Überzeugung, daß der Kaiser doch zuletzt den Platz behalten und an Allen die sich nicht bei Zeiten unterworfen Aussoͤhn. u. Unterw. Frankfurt , Coͤlln . Rache nehmen werde. Namentlich fürchtete Frankfurt den Verlust seiner Messen, und ich finde in der That, daß die Stadt Worms sich schmeichelte, dieselben an sich zu ziehen. Der Graf versprach sein Fürwort auch in Hinsicht der Re- ligion: er würde dem Kaiser selbst nicht länger dienen, wenn diese angegriffen werden sollte. Schon am 29sten Decem- ber zogen die Kaiserlichen in Frankfurt ein; am 21sten Ja- nuar 1547 leisteten die Bürger dem Kaiser einen neuen Huldigungseid. Kirchner Geschichte von Frankfurt II, 128. Und unter diesen Auspicien ward nun auch die große Angelegenheit die den Ausbruch des Krieges hauptsächlich mit veranlaßt hatte, die cöllnische, zu Ende gebracht. Es ist ganz in der Art und Weise der Regierung Carls V , daß die päpstliche Excommunication gegen den Erzbischof schon im April 1546 ausgesprochen worden, der Kaiser aber sich wohl gehütet hatte ihr Folge zu geben. Auf dem Wege nach Regensburg hatte er noch einmal die Vertrautesten vom Clerus seiner Hülfe versichern, den Rath in seiner streng katholischen Haltung bestärken lassen; den Erz- bischof hatte er aufs neue gewarnt, aber ihn übrigens glimpf- lich behandelt. Man wußte wohl, daß Hermann seine Ge- sandten auf die Zusammenkünfte, später ins Lager der Prote- stanten geschickt, daß dagegen protestantische Abgeordnete bei ihm gewesen, sein Geschütz, seine Vertheidigungsmittel über- haupt untersucht hatten. Wäre er so entschieden bedroht worden, so würde er sich doch vielleicht zu einer ernstlichen Anstrengung seiner Kräfte ermannt haben, die er bisher ver- mied, und die vielleicht ein Gewicht in die Wagschale hätte Achtes Buch. Drittes Capitel . werfen können. Man muß wohl urtheilen, daß er es auch so hätte thun sollen. Denn wie die Sachen zwischen ihm und dem Kaiser nun einmal standen, so durfte er nicht zwei- feln, daß seine Existenz von dem Erfolg der protestantischen Waffen abhieng. In demselben Moment wo sich das Glück im Feld für den Kaiser entschieden, im November ward dem Erzbischof die gegen ihn ergangene Sentenz kund gethan. Mochte er dagegen immerhin seine alten Einwendungen wie- derholen, so wie die ersten Unterwerfungen in Schwaben er- folgt, schickte der Kaiser sich an, die päpstliche Sentenz zu vollstrecken. Aus seinem Feldlager in Schwaben entsandte er zu dem Ende seinen Commissarius Viglius van Zuichem , dem sich der Gouverneur von Geldern , Graf Hochstraaten , zugesellte, nach Cölln . Worauf hiebei alles ankam, das war die Haltung welche die Stände des Erzstiftes, die sich ihrem Fürsten zugesellt hatten, behaupten würden. Sie wurden auf den 24sten Ja- nuar 1547 zu einer Versammlung nach Cölln eingeladen. Es wäre noch immer sehr möglich gewesen, daß der Moment der Krise zu einer lebhaften Manifestation für den Erzbischof bewogen hätte, dadurch vielleicht eine günstige Be- wegung selbst in der Stadt, wo noch Viele für denselben waren, hervorgerufen worden wäre. Gab es doch auch hier Beschwerden gegen die Geistlichkeit genug, welche eben bei dem Wechsel der Regierung zur Sprache kommen mußten. Die Sorge der Commissarien gieng nun dahin, jede Be- wegung zu vermeiden, ihren Auftrag ganz im Frieden zu vollziehen. Die Absicht des Churfürsten war, zu dem anberaumten Tage selbst in der Stadt zu erscheinen. Die Commissarien Aussoͤhnungen und Unterwerfungen. Coͤlln . stellten dem Rathe vor, daß daraus leicht eine Bewegung des gemeinen Volkes, eine „Verstörung und Verhinderung ihrer Commission“ erfolgen könne, und baten, den Fürsten durch ein förmliches Schreiben von seiner Absicht abzumah- nen, weil sie keinen Auftrag an ihn hätten. Obwohl das Schreiben das einer der Bürgermeister in diesem Sinne aufge- setzt, bei dem Rathe nicht durchgieng, aus formellen Anstän- den, so hörte doch der alte Herr so viel von den gegen ihn getroffenen Vorkehrungen, daß er vorzog wegzubleiben. An seiner Stelle erschienen Abgeordnete, mit dem Auf- trag, wie sie erklärten, „ihre Nothdurft vorzuwenden, und wenn es nöthig eine Appellation aufzuschlagen“; die kaiserlichen Commissarien wiederholten aber die Einwendungen die sie gegen die Anwesenheit des Fürsten erhoben, auch gegen die Vergleitung seiner Abgeordneten: diese würde den Gegnern nur Muth machen, und was könne daraus entstehn, wenn ihnen gestattet werde, zu einer feierlichen Appellation zu schrei- ten? Die Bürgermeister folgten auch hierin ihrem Rathe. So geschah, daß die Stände sich ohne ihren Fürsten und dessen Räthe versammelten. Die Versammlung fand im hohen Chore des Domes Statt: auf der einen Seite standen die kaiserlichen Commis- sarien, und etwas tiefer die clevischen Räthe, die eben zu diesem Act herbeigekommen; auf der andern der Coadjutor in seinem Röckel und Beff, und die Mehrheit der Domca- pitularen; in der Mitte die weltlichen Mitglieder der Stände- versammlung. Nachdem die heil. Geistmesse gesungen war, eröffnete Dr Viglius die Verhandlungen mit einer ausführ- lichen Proposition, in welcher er davon ausgieng, daß durch Ranke D. Gesch. IV. 30 Achtes Buch. Drittes Capitel . die Excommunication des Papstes alle Unterthanen des Stifts vom Gehorsam gegen den bisherigen Erzbischof entbunden seyen; dahin laute auch ein kaiserliches Decret, wenn nicht der Erzbischof von seinem Vornehmen ablasse, wovon man wisse daß er es nicht gethan; Quod Sua M. in decreto suo imperiali status omnes a juramento, promissionibus et obligationibus quibuscumque, ubi decreto huic ille non paruerit aut contravenerit, quod ipsum fe- cisse notorium, censuerit liberandos et relevandos, ‒ ‒ et nunc insuper summus pontifex lata sententia eosdem omnes ab univer- sis juramentis et obligationibus absolverit, censeatque S. Maj. et velit, easdem obligationes omnes transferendas ac praestandas ipsi domino praesentato. (Aus der Proposition. Bruͤsseler A.) und da nun schon längst das Stift mit einem Coadjutor versehen sey, der den Ständen bereits vorgestellt und von ihnen angenommen worden, so sey des Kaisers ernstlicher Wille, daß der Coadjutor von den Ständen als erwählter Erzbischof und natürlicher Fürst anerkannt und ihm aller Gehorsam geleistet werde. Afterdechant und Capitel versäumten nicht, auch von ihrer Seite eine förmliche Präsentation des Coadjutors den Ständen vorzutragen. Die Stände waren jedoch nicht sogleich dieser Meinung. Die clevischen Räthe und die kaiserlichen Commissarien un- terhandelten mit ihnen den ganzen Tag, aber sie blieben da- bei, obwohl sie der Kaiser und der Papst ihres Eides ent- bunden, könnten sie doch als ehrliche Deutsche sich desselben noch nicht erledigt erachten, wofern nicht ihr alter Fürst ein- willige und ihnen ausdrücklich die Erlaubniß gebe sich ei- nem neuen Herrn zu unterwerfen. Sie forderten eine Frist um dessen Meinung zu vernehmen. Schon ward das Volk ungeduldig, das sich — mit dem Rathe der Stadt keines- wegs ganz einverstanden, wiewohl durch dessen Strenge bis- Aussoͤhnungen und Unterwerfungen. Coͤlln . her in Zaum gehalten, — in Harnisch und Wehr um den Dom gesammelt hatte. Relation uͤber den Vorgang bei Bucholtz IX, 390. Capi- tulum nolens populum, qui ad ecclesiam majorem cum consuli- bus civitatjs maximus confluxerat rei exitum sed non parivoto exspectans, diutius suspendere, seditionem si publicatio extrahe- retur diutius non injuste metuens. Andre Notizen schoͤpfte ich aus den Protocollen des Rathes. Eben darum ließen sich auch Commissarien und Capitel durch keinen Widerspruch abhalten, den Coadjutor wirklich einzusetzen. Unter dem Gesange des Te Deum, von der Or- gel begleitet, ward Adolph von Schaumburg auf den Hoch- altar gesetzt und dem Volk als der neue Erzbischof dargestellt. Wohl sah nun Hermann von Wied , daß er sich nicht behaupten würde. Was konnte ihm auch, einem achtzigjäh- rigen Greise, gesinnt wie er war, und nur noch lebend in religiösen Gedanken, so viel daran liegen? Er faßte die Ab- sicht, die Erhaltung der Religion die er eingeführt, zum Preise seiner Abdankung zu machen. Er forderte die Zusicherung, daß in dem Zustand der Religion nichts verändert, und der- jenige Theil des Capitels der es mit ihm gehalten, wieder in seine Rechte hergestellt werde. Vielleicht mochte sich der Erzbischof schmeicheln ein Zu- geständniß auszuwirken, wie den oberländischen Städten be- willigt worden; allein hier hatte der Kaiser andre Rücksich- ten: die Commissarien erwiederten, daß in ihrer Instruction von diesen Dingen nichts enthalten sey. Adolph von Schaum- burg erklärte, er werde sich in der Religion so verhalten, wie Gott und die beiden höchsten Gewalten es billigen würden. Da waren aber auch die Stände keinen Schritt weiter 30* Achtes Buch. Drittes Capitel . zu bringen. Zuweilen glaubte man eine oder die andere ihrer Äußerungen als genügend betrachten zu können; aber näher betrachtet enthielten sie doch immer den alten Vorbehalt: Anfang Februar verließen sie nach und nach die Stadt: der Landtag löste sich ohne Abschied auf. War der Coadjutor schon ohne Einwilligung der Stände inthronisirt worden, so nahm er nun auch keine Rücksicht weiter auf ihren fortgesetzten Widerspruch. Mit bewaffne- tem Gefolge — einer Schaar von 100 Reitern — brach er am 7ten Februar von Cölln auf, um das Erzstift förmlich in Besitz zu nehmen. Am 8ten Februar ward der evange- lische Prediger aus Brül entfernt: am 10ten Februar ward in der Kirche des heil. Cassius zu Bonn wieder die Messe gelesen. So gieng es weiter im Lande. Unter diesen Umständen aber, da der evangelische Got- tesdienst bereits überall umgestürzt wurde, konnte auch der Erzbischof nicht mehr auf die Erhaltung desselben bestehn. Von den Ständen des Stifts zwar nicht verlassen, aber doch auch nicht unterstützt, — ohne Aussicht auf Hülfe der einst mächtigen Verbündeten, denen er sich zugesellt hatte, — von Gewalt bedroht, resignirte er am 25sten Februar 1547. Eine so gewaltige Wirkung hatte es, daß in dem Capi- tel in Folge einiger wenigen Stimmen niederer Geistlicher sich keine evangelische Majorität bilden konnte. Da vielmehr der alte Glaube im Besitz eines im Ganzen gesetzlichen Ansehens blieb, so konnte er Anspruch auf die Unterstützung des Kai- sers und Papstes machen. Er behauptete sich nicht allein: unter den günstigen Umständen eroberte er ein beinahe ver- lornes Gebiet wieder. Aussoͤhn. und Unterwerf. Straßburg . Indeß waren, ausgenommen Constanz , alle andere ober- ländische Städte mit dem Kaiser ausgesöhnt. Am härtesten war es der Stadt Straßburg gefallen, die von einem Bür- germeister geleitet, der an den allgemeinen Angelegenheiten des Protestantismus den lebendigsten Antheil genommen, auch nach dem Abzug der beiden Fürsten aus dem Feld an den Grundsätzen des Bundes festhielt, und Andre zum Widerstand mahnte. Auch hier aber machte man doch zu- letzt die Betrachtung, daß man der kaiserlichen Übermacht auf die Länge nicht widerstehn werde, es wäre denn, man hätte sich an Frankreich anschließen wollen: ein Gedanke, den diese Zeiten noch verabscheuten und womit ihnen nicht einmal ge- holfen gewesen wäre; daß der Wohlstand der Stadt auf den auswärtigen Handelsgeschäften beruhe, worin ihr der Kaiser mit einem einzigen Federstrich unwiederbringlichen Ab- bruch thun könne; endlich daß der Kaiser die ordentliche Obrigkeit sey. Es läßt sich denken, in welche trübe Stim- mung die leitenden Mitglieder des Rathes hierüber gerie- then. „Ich habe“, schreibt Butzer , „unsern Herrn Jacob Sturm mit vielen Thränen Gott bitten sehen, ihm einzuge- ben, was er rathen solle, damit es der Stadt zu Nutzen und Wohlfahrt gereiche.“ Endlich aber behielt auch hier der allgemeine Zug der Dinge die Oberhand. Jacob Sturm war selbst in der Gesandtschaft die an den Kaiser abgeord- net wurde um sich zu unterwerfen. Es war für ihn ein bitterer Augenblick: er bat Gott um seinen Tod in derselben Stunde; aber er konnte sich nicht weigern und mußte die Gesandtschaft übernehmen. Roͤhrich . Schreiben Butzers 16 Maͤrz im Arch. zu Weimar . Doch erhielt Straßburg etwas Achtes Buch. Drittes Capitel . glimpflichere Bedingungen als die übrigen Städte: es ward ihm keine Besatzung aufgedrungen: es brauchte nur 30000 G. zu zahlen; — in dem Begnadigungsbrief werden den Bürgern ihre löblichen Gebräuche und Herkommen, wie sie die in Gebrauch haben, mithin auch die religiösen, obwohl sie nicht ausdrücklich genannt sind, zugesichert. Dergestalt war auch die vierte große Reichsstadt dem Kaiser unterworfen; geistliche und weltliche Fürstenthümer am Rhein und in Schwaben gehorchten ihm wieder. Schon er- hoben die fehdelustigen Kriegshauptleute die unter Herzog Heinrich gedient, auch in dem niedern Deutschland die Waf- fen in des Kaisers Namen: im Februar fiel Minden in ihre Hand. Carl V war in diesem Kriege ganz grau geworden: seine Krankheit griff ihn mit ungewöhnlicher Heftigkeit an: man be- merkte es fast mehr an der Bewegung seiner Lippen als an dem schwachen Ton seiner Stimme, wenn er redete: wer ihn sah, so leichenblaß, an allen Gliedern gelähmt, ward von Mitleiden ergriffen; aber eben dieß war der Augenblick wo er Herr zu werden begann, wo das unbesiegte Deutschland ihm zu gehorchen anfieng. Von allen Seiten kamen Für- sten und Herrn und die Gesandten so vieler Städte um sich vor ihm zu demüthigen. Man sah sie knien, „die ehrenfesten hochgelahrten fürsichtigen und weisen“, wie die Urkunden sie nennen, die ihm so oft Widerpart gehalten, in der Mitte des versammelten Hofes, einer hinter dem andern in langer Reihe, mit niedergeschlagenen Augen: bis dann Ei- ner von ihnen das Wort nahm und S. kaiserliche Majestät um Gottes des Allmächtigen und seiner Barmherzigkeit willen Aussoͤhnungen und Unterwerfungen . anflehte, die gegen sie gefaßte, allerdings wohl verdiente Un- gnade fallen zu lassen; nachdem der Kaiser nicht selbst, son- dern durch den Mund seines Vicecanzlers ihnen dieß zuge- sagt, „aus angeborner kaiserlicher Milde, und weil er das Verderben der Reichsstände nicht wolle“, gelobten sie dafür unterthänigen Gehorsam so für ihre Nachkommen als für sich selbst in den demüthigsten Ausdrücken die sich finden ließen; obwohl man sie aufstehn hieß, so wagten sie das doch nicht eher als bis der Kaiser selbst ihnen mit einem Wink seiner Hand dazu das Zeichen gab. Ausfuͤhrlicher Bericht der Frankfurter Gesandten, Ogier von Melem , Johann Fichard , Daniel zum Jungen , Hans Geddes , in dem 9ten Band der Rubrik „kaiserliche Briefe“ im Frankf. Stadt-Archiv. Gewiß ein Glück, daß er es so weit gebracht: aber so viel leuchtet auch ein, wenn wir unsern Blick nach einer an- dern Seite richten, daß die Art und Weise wie er dahin ge- langte, ihn in neue Schwierigkeiten verwickeln mußte. Nur mit protestantischer Hülfe hatte er den Krieg wi- der die Protestanten unternommen: doch wissen wir wohl, nicht ohne Bedingungen war ihm dieselbe gewährt worden. Je mehr nun diese Hülfe zur Entscheidung beigetragen, um so weniger waren die religiösen Concessionen wieder zu be- seitigen, mit denen man sie erworben. Aber ohne ähnliche Concessionen würden sich auch die Städte nicht unterworfen haben. Zwar waren dieselben nicht ausdrücklich in die Ver- träge aufgenommen, aber nichts desto minder waren sie ge- schehen und wurden eifrig festgehalten. Schon hiedurch gerieth der Kaiser mit dem päpstlichen Hofe in Weiterung. Der Nuntius glaubte bei alle diesen Achtes Buch. Drittes Capitel . Verhandlungen eine entscheidende Stimme zu haben: er war gar nicht einmal um seine Meinung gefragt worden. Aber auch überdieß hatte das indeß versammelte Con- cilium einen Gang genommen, der den Wünschen und Be- dürfnissen des Kaisers mit nichten entsprach. Eben in den Zeiten in welchen wir stehn, kam es zu einem Ausbruch von Mißverständnissen, welcher die weitaussehendsten Folgen ha- ben mußte. Ehe wir den Kaiser zur Fortsetzung seiner Kriegs- unternehmungen begleiten, müssen wir diese Verhältnisse ins Auge fassen. Wir würden sonst zu keinem Mitgefühl des Momentes gelangen. Viertes Capitel . Fortgang des tridentinischen Conciliums. Während die Heere des Kaisers und des Papstes ge- gen die Protestanten zu Felde lagen, hatten ihre Theologen und Prälaten sich in Trient vereinigt, um im Namen der all- gemeinen Kirche über die großen Streitfragen welche Deutsch- land und die Welt entzweiten, entscheidende Beschlüsse zu fassen. Das tridentinische Concilium, wie es sich im Frühjahr 1546 beisammen fand, dürfte doch kein Mensch als eine Re- präsentation der christlichen Welt im Sinne der alten Kir- chenversammlungen betrachten: die Diöcesen sämmtlicher dort versammelten Bischöfe betrugen nach einer Berechnung die man damals angestellt hat, einen sehr geringen Theil der Christenheit. Es waren fast nur Spanier und Italiener zu- gegen. Wie hätten die deutschen Bischöfe erscheinen können, in einem Augenblick wo ein Krieg ausgebrochen, in wel- chem ihr ferneres Bestehen bedroht war. Eine Verordnung des Papstes, welche den Prälaten verbot sich durch Procu- ratoren vertreten zu lassen ohne die dringendsten Entschul- digungen, machte es für eine große Anzahl von Diöcesen unmöglich, in Trient repräsentirt zu werden. Aus großen Achtes Buch. Viertes Capitel . Reichen die noch am Papstthum festhielten, wie Frankreich und Polen , war nur eine verhältnißmäßig überaus geringe Zahl von Prälaten erschienen. Und nicht anders stand es mit den Theologen, die zur Seite der Prälaten eine noch nie in ähnlicher Weise auf ei- nem Concilium dagewesene Corporation bildeten. Deutsche, auf die es vor allem angekommen wäre, fanden sich eigent- lich gar nicht unter ihnen. Von den deutschen Bischöfen hatte ein einziger, Otto Truchseß von Augsburg , einen Ge- lehrten herübergeschickt; aber auch der nicht einmal war ein Deutscher: es war ein Savoyard, Claudius Jaius , von der Gesellschaft Jesu. Überdieß aber waren diese Theologen fast durchaus Mönche. Von der Theologie der Mönchsorden, welche die Universitäten beherrschten, sich loszureißen war einer der vornehmsten Gedanken der ersten Reformations- zeiten gewesen: eben diese Theologie trat nun, mit wenig fremdartiger Versetzung, wesentlich vorherrschend, in Trient auf. Es waren Franciscaner, Carmeliter, Servi; der Au- gustiner-General Seripando suchte sich um so mehr durch Strenge und Eifer hervorzuthun, da in einer Congregation seines Ordens die Bewegung zuerst entsprungen war; in be- sonderer Stärke erschien der Orden der Dominicaner, welcher noch überall die Lehrstühle inne hatte. In der Congrega- tion für das tridentinische Concilium zu Rom saßen drei Dominicaner. Das unter ihrem Einfluß so eben in Spa- nien sich durchsetzende scholastische System war von Do- menico Soto und Bartolommeo Carranza , welche dasselbe in Valladolid und Salamanca vortrugen, in dieser besondern nationalen Färbung repräsentirt. Zu ihrer Seite, noch ganz Das tridentinische Concilium . mit ihnen einverstanden, erschienen einige feurige Jesuiten, Salmedon und Lainez , ebenfalls Spanier, welche ihrer dog- matischen Strenge durch eine ascetische Außenseite Nachdruck verliehen. Der Legat Cervino studirte nichts so eifrig wie die Schriften des h. Thomas, vor allem die Summa: er machte sich Excerpte daraus. Doctoris angelici, cujus doctrina tantopere in concilio Tridentino spectata est. Petrus Aurelius in Pollidori Vita Mar- celli p. 68. Es leuchtet ein, daß die Versammlung im Grunde nichts anders repräsentirte als die zwischen Kaiser und Papst in diesem Augenblick geschlossene Vereinigung und die in ihrem Besitz gestörte mönchische, hauptsächlich dominicanische Theo- logie. Das hinderte sie aber nicht, sich doch selbst als die „hochheilige öcumenische, allgemeine, in dem heiligen Geiste gesetzmäßig versammelte Synode“ zu proclamiren. Nun wissen wir aber, daß Kaiser und Papst wohl in dem Gedanken übereinstimmten, den Protestantismus zurück- zudrängen, aber weder über das Wie einig waren, noch auch sonst ihre Zwistigkeiten geschlichtet hatten. Wenn der Kaiser auf eine Reform der Gebräuche drang, so war sein Sinn, dabei auch die Vorrechte der Gewalt, die Herrschaft die das Papstthum ausübte oder in Anspruch nahm, zur Sprache zu bringen. Wohl wußte das der alte Papst Paul , und um so mehr kam ihm darauf an, die Verhandlungen des Concils seinerseits in der Hand zu behalten und zu beherrschen. Von vorn herein war es ein großer Gewinn für ihn, daß in Trient die einfache Majorität entscheiden sollte. Wie Achtes Buch. Viertes Capitel . wäre an eine Abtheilung von Nationen zu denken gewesen, da so viele Nationen hier keine Repräsentanten gegenwärtig hatten? Man glaubte fast, jene Verordnung welche die Pro- curatoren verbot, sey aus dieser Rücksicht und absichtlich sehr spät erlassen worden: es schien als wolle der Papst das Con- cilium nicht allzu zahlreich. Mendoza al emperador 16 Abril 1545: de manera, que vincendo los obispos que son muchos y suyos, y tan pocos de otras provincias, que se hara señor absoluto del concilio y lo podra baratar come quisiere. Dazu kam, daß den Legaten das Recht der Initiative zustand. Es ist keine leere Formel, wenn es im Eingange der Decrete heißt: sie seyen auf den Vorschlag der Legaten ergangen: sie behaupteten dieß ihr Recht ausschließend und auf das strengste. Schreiben der Legaten 30 October 1541. Havendo noi te- nuta sempre ferma questa bacchetta in mano di non voler che altri faccia l’officio nostro di proporre. Nicht bei dem Vorschlag aber blieben sie stehn: sie übernahmen auch die Vorbereitung. Sie theilten die ge- sammten Prälaten in drei Classen ein: nicht etwa Deputa- tionen, von denen jede besondre Geschäfte zu erledigen ge- habt hätte: diese waren vielmehr überall die nemlichen. Die Legaten haben gar kein Hehl, daß sie diese Maaßregel haupt- sächlich deshalb ergriffen, um Bewegungen zu vermeiden, wie sie in einer größern Versammlung leicht eintreten, plötz- liche Wirkung einer überlegenen Beredtsamkeit, Bildung fester Parteien. Bei ihnen kam man zusammen: sie leiteten die Besprechungen; die Zusammensetzung der Classen selbst war auf so umsichtige Weise getroffen, daß jene Gefahren auch nicht einmal im Kleinen besorgt werden durften. Das tridentinische Concilium . Anfangs war es die Absicht der Legaten, diesen Con- ferenzen auch die Theologen beiwohnen zu lassen: aber die Prälaten weigerten sich mit Mönchen zu Rath zu sitzen. Die Legaten versammelten hierauf die Theologen in einer beson- dern Congregation. Von diesen war, wie die Dinge stan- den, am wenigsten Opposition zu erwarten. Die Theologen konnten nichts wünschen, als die Sanction ihrer Doctrinen durch die päpstliche Autorität und das unter dem Schutz derselben versammelte Concil. Schon am 19ten Februar 1546 — merkwürdiger Weise gerade der Tag nach Luthers Tode — vereinigten sich die Legaten, über kein Dogma Be- schluß fassen zu lassen, es wäre denn vorher mit diesen Theo- logen überlegt. Rainaldus aus den Acten: a praesidentibus concilii decre- tum est, quoties de articulis fidei et dogmatibus agendum esset, antequam quidquam a sancta synodo decerneretur, omnia prius cum dictis theologis familiariter conferenda. Die Deutschen hatten einst ein Concilium gefordert, im Sinne des Baseler, aber noch entschiedner deutsch, wo die Geistlichen von ihrer Pflicht gegen den Papst erledigt und auch die Laien ein entscheidendes Votum führen sollten: da hofften sie die alten Streitigkeiten der Nation mit dem rö- mischen Stuhle zu schlichten und sich über die Glaubens- irrung zu versöhnen. Statt dessen bot man ihnen nun dieses Concilium an. Es war fast eine Täuschung, daß man es in Trient berief, jenseit der Berge. In diesem für die Deutschen bestimmten Concilium fanden sich beinah keine Deutschen. Man hatte gemeint der hierarchisch-dominicanischen Entwickelung des Dogma Einhalt zu thun: in Trient waren nur die eifrig- Achtes Buch. Viertes Capitel . sten Verfechter eben dieses Dogma versammelt. Man hatte davon geträumt das Papstthum zu beschränken: in Trient hatte, wie wir sehen, der Papst einen vollkommen überwie- genden Einfluß. Schon war, wie wir wissen, beschlossen worden Reform und Dogmen neben einander zu behandeln: wie sich denken läßt, begann man mit den Dogmen. Und da zeigte sich der Sinn, in welchem man über- haupt verfahren wollte, gleich bei dem ersten Schritte. Sehr methodisch fieng die Versammlung von Trient da- mit an, sich über Schrift und Tradition zu erklären. „Wir müssen“, sagte Cardinal Poole , „uns erst mit Waffen ver- sehen, ehe wir den Kampf mit dem Feinde beginnen.“ Die einzige Frage welche in Hinsicht der h. Schrift aufgeworfen werden konnte, betraf den Unterschied zwischen den canonischen und den in die gewöhnlichen Sammlungen aufgenommenen apocryphen Schriften. Bei Moͤhler sollte es scheinen, als liege etwas daran, daß sich Luther uͤber den Werth einiger Buͤcher der h. Schrift, z. B. die Epistel Jacobi oder gar die drei ersten Evangelien minder guͤnstig geaͤußert. In den Acten kann ich das nicht finden. Da ist nur von den Buͤchern Esra, Baruch, Maccabaͤer, dem 2ten Brief Petri , den Hebraͤern, Apokalypse die Rede. Und allerdings kam dieser Unterschied zur Sprache, aber der Antrag ihn zu er- örtern ward von der Hand gewiesen. Sehr characteristisch ist der Grund, weshalb. Im Jahr 1441, auf dem Con- cil zu Florenz , hatte Papst Eugen IV , als sich jener Abt Andreas im Namen der jacobitisch-ägyptischen Kirche, wir untersuchen nicht mit welcher Befugniß, der römischen an- schloß, auch die Titel der von dieser angenommenen Schrif- Das tridentinische Concilium . ten alten und neuen Testamentes verzeichnen lassen. Dem Concil von Trient schien es gleichsam eine Pflicht, dabei stehn zu bleiben, indem nach altem Ausspruch eine Art von Gott- losigkeit darin liege, Dinge die einmal entschieden worden in Zweifel zu ziehen und darüber zu disputiren. Cardinal Monte erklärte, einen Streit über die Prinzipien dürfe er überhaupt nicht zugeben. Aus Eusebius und Origenes kann man ler- nen, welche Zweifel die älteste Kirche über einige dieser Bü- cher gehegt hat. Darauf zurückzugehn hätte man aber hier gleichsam für ein Verbrechen gehalten, nachdem bereits je- nes Concil darüber entschieden. Man begnügte sich mit ei- ner einfachen Aufzählung der in die Sammlung aufgenom- menen Schriften, und belegte mit gleichem Fluch, wer eins oder das andre von ihnen, zu welcher Classe es auch gehö- ren möchte, nicht für heilig und canonisch halte. Und eben so fest hielt man an der Form, in welcher diese Schriften in der lateinischen Kirche bisher in Gebrauch gewesen: man erklärte die herkömmliche lateinische Übersetzung, die Vulgata, für authentisch. Cardinal Cervino behauptete, der griechische Text sey durch die Arianer corrumpirt wor- den; Il qual testo greco perche è stato piu corrotto dagli ar- riani ed altri eretici che il nostro latino, pero si è accettato il nostro per autentico, senza far mentione di quello. ein andrer Grund war, man wollte den Grammati- kern nicht Anlaß geben, sich zu Meistern des Glaubens zu machen. Würde ein Irrthum in der Haupturkunde zugege- ben deren man sich bediene, so dürften Dogmen und Ceri- monien, die man daraus gezogen, ebenfalls angegriffen wer- den. C lis de Monte: Si enim, inquiunt adversarii, libros bo- Genug, man setzte fest, daß bei allen öffentlichen Ver- Achtes Buch. Viertes Capitel . handlungen, Disputationen, Predigten nur die Vulgata zu Grund gelegt werden solle. Indessen war man auch schon zur Erledigung der Frage über die Tradition geschritten. Bei der Stimmung welche die erwähnten Beschlüsse verrathen, konnte es keine Wirkung machen, wenn ein ein- zelner Prälat, wie der Bischof von Chiozza , behauptete, daß in den Evangelien alles enthalten sey, wessen man zum Heil bedürfe; die Legaten antworteten wohl, das seyen Einwürfe die einem in Wittenberg Ehre machen könnten. Als eine andre Stimme die Frage überhaupt fallen zu lassen rieth, weil darüber noch kein Streit obwalte, so antwortete man, wenn sie noch keinen Streitpunct bilde, so müsse man einen daraus machen, die Welt müsse nach allen Seiten hin erfah- ren, daß man mit den Gegnern nicht übereinstimmen könne. Und in Wahrheit, Melanchthon hatte sich schon längst gewun- dert, daß man auf diesen Punct bisher so wenig gedrungen. Das Concilium setzte fest, daß es eine Tradition gebe, die sich vom Munde Christi und der Apostel bis zum heutigen Tage fortgepflanzt, die man mit eben so viel Ehrfurcht zu betrach- ten habe wie das geschriebene Wort selbst. Auseinander- zusetzen, welches diese Überlieferungen seyen, welches ihre Kennzeichen, hielt es jedoch nicht für nöthig. Alles lag viel- mehr daran, daß das Prinzip ganz im Allgemeinen anerkannt wurde. Cardinal Cervino bemerkte mit Wohlgefallen, daß dadurch auch die Concilien bestätigt würden. Quello che ha suggerito lo spirito s to nella chiesa mas- simamente mediante i concili. (L ra del C l Cervino 7 Febr.) nos non habuerunt, quomodo bona dogmata et bonas cerimonias habere possunt? Das tridentinische Concilium . Es würde ein Widerspruch seyn, wenn man von dieser Versammlung freie Untersuchungen erwarten wollte. Was allen Festsetzungen zu Grunde liegt, ist der Begriff von der Unfehlbarkeit der römischen Kirche wie sie nun einmal ge- worden. Das Concilium spricht nur aus was zur Behaup- tung dieses Begriffes nothwendig ist. Die Protestanten hat- ten für nöthig gehalten, zu den ältesten, ächtesten Quellen religiöser Belehrung aufzusteigen; die im Laufe der Jahrhun- derte unter dem Vorgeben fortdauernder Inspiration einge- tretenen Festsetzungen an der Wahrheit des Evangeliums zu prüfen; nur das damit Übereinstimmende zu behalten, alles andre zu entfernen: nach der Meinung des Conciliums lag aber eben hierin ihr Abfall. Es gieng davon aus, daß der Kirche allein das Recht beiwohne, die Schrift zu erklären. Ein älterer Concilienschluß reichte ihm hin, jeden Zweifel zu heben. Dergestalt war zuvörderst die Methode der Protestan- ten vollkommen beseitigt, und man konnte nun ohne Furcht auf die Lehrstücke übergehn, die in der letzten Zeit streitig geworden. Der Kaiser hätte lieber gesehen, daß das noch unter- blieben wäre: Granvella drückte sich sogar spöttisch über die kleine Anzahl wälscher Bischöfe aus, denen man unmöglich die wichtigsten Entscheidungen überlassen dürfe: Protocoll der Unterhandlung mit Sachsen . (Dr. A.) aber sie konnten es nicht verhindern. Auch in Trient wurden nun die Artikel vorgenommen, welche bisher die Religionsgespräche beschäftigt. Es versteht sich, daß das in dem nemlichen Sinne geschah, welcher dort zuletzt auf der altgläubigen Seite den Platz behauptet. Längst Ranke D. Gesch. IV. 31 Achtes Buch. Viertes Capitel . war die Zeit vorüber, wo eine Annäherung möglich geschie- nen hatte. Die Löwener Artikel, die Äußerungen Malven- da’s in Regensburg waren ganz entgegengesetzter Natur: da- bei blieb es nun auch in Trient . In der Lehre von der Erbsünde verdammte das Con- cil die Meinung, daß die Taufe nicht alles hinweggenommen habe, was man eigentlich Sünde nennen könne. Bei dem Artikel von der Justification kamen alle Die- jenigen schlecht weg, welche von der imputativen Gerechtig- keit viele Worte machten: sie wurden dem römischen Hofe als Solche bezeichnet, welche sich nicht katholisch ausge- drückt. Der Spanier Domenico Soto , der auf die Ent- scheidung dieser Fragen besondern Einfluß ausgeübt hat, be- merkte, ihm sey die ganze Lehre verdächtig: sie bewirke nur, daß man die Satisfactionen verachte, aus der Mittheilung der Gnade durch die Sacramente weniger mache. Acta Massarelli bei Salig III, 767. Die Ansicht der Protestanten ward in allen ihren nähern Bestim- mungen verworfen. Ich weiß nicht ob ich mich irre, wenn ich behaupte, daß der Protestantismus bei der Wendung die diese Ver- handlungen nahmen, an dem Vortheil seiner ursprünglichen Richtung nicht wenig verlor. Die lutherische Justificationslehre hatte, wie wir gese- hen, eine doppelte Quelle: tiefere Religion, die nach einer andern Sicherheit der ewigen Seligkeit verlangt, als das Be- wußtseyn inwohnender Gnade verleihen kann, und Wider- wille gegen die Äußerlichkeiten der als objectiv verdienstlich be- trachteten kirchlichen Handlungen. Sie wirkte darum so ge- Das trident. Conc. Justificationslehre . waltig, weil sie einem Bedürfniß tieferer Geister, das sich schon lebhaft regte, entgegenkam, und zugleich der Tendenz der Neuerung, die aus den unleugbaren Mißbräuchen ent- sprang, religiöse Begründung gab. Und dabei stützte sie sich auf so helle Sprüche der Schrift! Der Nachtheil nun, in den diese Doctrin bei den ge- lehrten Verhandlungen gerieth, bestand zunächst darin, daß die tiefern religiösen Antriebe, die ein persönliches In-sich-gehn voraussetzen, sich nur schwer als Argumente behandeln las- sen, gültig auch für Die, in welchen ein Bewußtseyn der Unzulänglichkeit der dargebotenen Heilslehre überhaupt nicht erwacht ist. Noch wirksamer aber war Folgendes. Wenn von der Rechtfertigung allein durch Gnade, ohne gute Werke, die Rede war, so dachte man jetzt nicht mehr an jene kirchli- chen Handlungen, deren Verdienstlichkeit vor Gott von Luther und seinen Anhängern ursprünglich bestritten worden, son- dern an sittlich-gutes Leben, Wohlverhalten überhaupt, des- sen Nothwendigkeit kein Mensch weniger in Zweifel gezogen hatte als Luther , nur daß er in dem Glauben das Ursprüng- liche sah, die Quelle, aus der alles Andre fließt. Indem aber der Streit auf dieses Gebiet übergieng, verlor die pro- testantische Ansicht an ihrer unmittelbaren Wirksamkeit, an ihrer, ich möchte sagen, oppositionellen Kraft: sie schien nur noch ein transcendentales Interesse zu haben, welches bei weitem minder einleuchtete. Vielmehr bekam auf diesem Boden die Ansicht der Scholastiker, welche die Rechtferti- gung allmählig geschehen läßt, durch die Mittel welche die Kirche darbietet, einen practischen, gewissermaßen pädagogi- 31* Achtes Buch. Viertes Capitel . schen Werth. Auch wurde sie jetzt um vieles besser vor- getragen als früher; die crassesten Auswüchse wurden ent- fernt; wie die Protestanten bemerkten, auch ihre Gegner hat- ten nun reden gelernt, sie drückten sich in einer zugleich dem Jahrhundert verständlichen und der heiligen Schrift gemäßern Sprache aus; überall zeigte sich die Rückwirkung der in den letzten Jahren angeregten Zweifel; in dem System stellte sich ein innerer das ganze Leben, das freilich um so mehr beichtväterlicher Leitung bedurfte, umfassender Zusammenhang heraus, ohne den es sich wohl nicht würde so lange behauptet haben. Die protestantische Lehre nimmt ihren Standpunct in der Anschauung der unnahbaren Vollkommenheit des gött- lichen Wesens, hauptsächlich der abgewichenen Menschheit gegenüber: nur von seinem Erbarmen rührt die Erlösung, nur von seiner unmittelbaren Einwirkung alle Heiligung her; nur darin besteht die Freiheit des Willens, daß er sich dem göttlichen hingiebt; an die feste Zuversicht auf jene geheim- nißvolle Gnade knüpft sich die Wiedergeburt. Der tridenti- nischen Lehre dagegen ist der Abfall des Menschen durch die Erlösung von vorn herein aufgewogen; in der nach der Taufe zurückbleibenden Begier sieht sie keine Sünde; der Er- löser hat die Rechtfertigung nicht vollzogen, nur möglich ge- macht: Niemand dürfte auf die geschehene Erlösung eine un- bedingte Zuversicht haben: die Rechtfertigung geschieht viel- mehr allmählig, unter Leitung der Kirche und freier Mitwirkung der Menschen. Die protestantische Lehre ist tiefsinniger, tröst- licher; die katholische verständlicher, minder abstract, eingäng- licher. Wer aber in diesen Differenzen das Wesen der bei- den großen welthistorischen Gegensätze sehen wollte, der würde Das trident. Conc. Justificationslehre . irren. Sie berühren es wohl, aber sie machen es nicht aus. Der Gegensatz ist und bleibt: auf der einen Seite: das im Laufe der Jahrhunderte zu Stande gekommene, Himmel und Erde umfassende, als göttlich und unfehlbar betrachtete prie- sterlich-hierarchische Institut; und auf der andern: Verwer- fung der göttlichen Berechtigung dieses Institutes, das viel- mehr als eine menschliche und zwar in Irrthümern befan- gene, ihrem ursprünglichen Zwecke sogar widersprechende Ein- richtung erscheint, — Zurückgehn, theoretisch, auf die Urkunden religiöser Belehrung, in denen sich die Gottheit den Menschen offenbart hat, practisch, auf das unmittelbare Verhältniß zu dem Erlöser, dem einzigen Haupte seiner Gemeinde. Dort der Particularismus der in den letzten Jahrhunderten aus- gebildeten, durch Schulmeinungen und Autorität festgesetzten Formen; hier das Bestreben, das ursprüngliche allgemeine christliche Bewußtseyn, das diesen Entwickelungen vorangieng, herzustellen, die überkommenen Formen bis zur Übereinstim- mung mit dem evangelischen Worte zurückzuführen. Wären Bestrebungen wie sie sich im J. 1541 zeigten, durchgedrungen, wäre vielleicht ein Papst von der Innerlichkeit und dem reli- giösen Genius aufgetreten, die ihn fähig gemacht hätten, an den Bedürfnissen aller seiner Obhut anvertrauten Nationen le- bendig Theil zu nehmen, ihnen entgegenzukommen, der würde jene Formen selber auf das Maaß des Haltbaren, Schrift- gemäßen und allgemein Gültigen zurückgeführt und dadurch erst der lateinischen Kirche die Möglichkeit gegeben haben, die Welt zu bekehren. Aber eben das Gegentheil geschah. An dem tridentinischen Concilium zeigte sich eine Mehrheit, deren Haß gegen die Protestanten die Legaten zuweilen selber er- Achtes Buch. Viertes Capitel . staunte. Alles Alte sollte gerechtfertigt, behauptet werden. In der Justificationstheorie gelang es, diese wichtige Frage, welche alle Geister beschäftigte und dem alten System verderblich zu werden gedroht hatte, auf eine Weise zu beantworten, daß sie demselben nicht allein nicht widersprach, sondern vielmehr einen neuen Gegensatz gegen den Protestantismus bildete. Eben darum konnte aber dem Kaiser nicht damit ge- dient seyn. Wollte er die Protestanten zur Unterwerfung unter das Concil bewegen, so war es ein Hinderniß auf seinem Wege, wenn dieß ihre Tendenz und Ansicht so vollkommen verwarf. Denn das wußte er wohl, daß er mit Anwendung der Ge- walt allein nicht zum Ziele kommen würde. Da man aber dennoch fortgeschritten, und die Beschlüsse gefaßt hatte, so forderte er wenigstens einen Aufschub in der öffentlichen Bekanntmachung. Die Trienter Versammlung wandte ein, ihr Ansehen werde leiden, wenn Beschlüsse über die so lange Berathung gepflogen worden, geheim gehalten würden. Aber der Kai- ser bestand darauf, daß man die Deutschen nicht mit De- creten eines ihnen so widerwärtigen Inhalts in Aufregung bringen dürfe, zumal da diese Nation keinen Antheil an de- ren Abfassung genommen, weder der katholische noch der protestantische Theil. Ungern, aber am Ende fügten sich der Papst und seine Prälaten diesen Vorstellungen. Auszug aus dem Schreiben Farneses bei Mendham (Coun- cil of Trent ) p. 95 und bei Pallavicini VIII, 16. Schon traten nun aber die beiden Oberhäupter auch in andern Dingen einander entgegen. Das tridentinische Concilium . So wenig es in der Sache austrug, daß das Concilium in Trient gehalten ward, so kam es doch Paul dem III wie ein Abbruch an seinem Ansehen vor, daß er sich dazu hatte verstehn müssen. Es mißfiel ihm, daß der Ort wo das all- gemeine Concil versammelt war, unter östreichischer Gerichts- barkeit stand, gewissermaßen unter dem Kaiser, der eine ihm unbequeme leitende Einwirkung darauf in Anspruch nahm. Sehr streng hielt jedoch der Kaiser darüber. Im August 1546 ließ er den Cardinal Cervino förmlich zur Rede setzen, daß er den Gedanken einer Verlegung des Conciliums in Anre- gung bringe. „Sollte der Cardinal dahin wirken, ohne vom Papst ausdrücklich beauftragt zu seyn, so solle er wis- sen, daß er eine Sache thue, die an sich böse sey und dem Kaiser höchlich mißfalle, die er aber auch einst zu bereuen haben werde. Sollte der Papst versäumen ihn zu bestrafen, so werde er der Kaiser ihn, wo er sich auch aufhalte, zu finden und dafür zu züchtigen wissen.“ Lettera di Marcello Cervino a Papa Paolo III , nella quale da conto a S. S tà della bravata e minaccie che gli fece fare in esso concilio l’imp r Carlo V. 5 Ag. 1546. Inf. pol. XVII, p. 108. Daß Trient einer deutschen Regierung angehörte, darin lag wie wir wissen eins der vornehmsten legalen Motive, die sich bei den deutschen Fürsten, welchen eine Kirchenversammlung in deutscher Nation versprochen worden, für die Anerkennung der damaligen gel- tend machen ließen. Nichts desto weniger ward bald nach- her der Antrag auf eine Translation bei der Versamm- lung in aller Form erneuert. Von dem Lager von Sont- heim aus, dort wo das Schicksal des deutschen Krie- ges sich überhaupt entschied, am 27sten October, demselben Achtes Buch. Viertes Capitel . Tag wo er die Übertragung des Churfürstenthums auf Herzog Moritz unterzeichnete, protestirte der Kaiser auf das ernstlichste wider dieß Vorhaben. Eine Translation, sagte er, werde die Katholiken zur Verzweiflung bringen, die Protestanten ermuthigen, den Fürsten, denen man bereits das Versprechen abgewonnen sich dem Concilium zu unterwerfen, Gelegenheit geben dasselbe nicht zu erfüllen; man werde ihn anklagen, daß er die am Reichstag geschehenen Zusagen nicht halte. Er wolle nicht leugnen, daß dem Papste am Ende die Be- fugniß dazu beiwohne, aber als der, welcher die Waffen führe, als das Glied der Kirche das er wirklich sey, könne er nicht unterlassen S. Heiligkeit auf die schlimmen Folgen auf- merksam zu machen, die ein solches Verfahren unfehlbar nach sich ziehen werde. Instruttione per Antonio ‒ ‒, destinato a n ro signore per la translatione del concilio 27 Ottobre. (K. Bibl. zu Paris .) In dem kamen auch schon an dem Concilium selbst Fragen in Gang, welche den Papst an jene Absichten einer durchgreifenden Reform mahnten, die der Kaiser immer ge- hegt, er dagegen immer gefürchtet. Eine der vornehmsten, dem römischen Stuhle widerwär- tigsten betraf die Nothwendigkeit der Residenz der Bischöfe: der Papst fürchtete, man wolle ihm das Recht streitig ma- chen, Cardinäle mit kirchlichen Pfründen zu versehen und sie dabei doch in seinem Dienste zu brauchen. Schon ward auch der Rechte des Bisthums im Verhältniß zum römischen Stuhle gedacht: der Bischof von Fiesole , einer von den wenigen Italienern die eine eigene Meinung verfochten, er- klärte, er könne nicht dulden, daß eine fremde Gewalt in seine Diöcese eingreife. Er schien den apostolischen Stuhl Das tridentinische Concilium . als eine fremde Gewalt zu bezeichnen: die Anhänger von Rom behandelten ihn dafür beinah als Ketzer. Aber auch die Spanier wollten die Eingriffe des Papstthums in die bi- schöfliche Gewalt beschränkt wissen: sie wurden nicht müde, über die schlechte Verfassung der Curie zu schelten, und die Anordnungen zu tadeln, welche das letzte Lateranconcilium „mehr zur Entstellung als zur Herstellung der Kirche“ ge- macht habe. Sie gaben zu verstehn, daß ein Concilium grö- ßere Freiheit haben müsse, daß es rechtlich über dem Papst sey. Unter dem Titel Censuren stellten sie einige Forderungen auf, welche sämmtlich Beschränkungen der päpstlichen Macht in sich schlossen. Um nicht Widerspruch hervorzurufen, hiel- ten die Legaten für gut, sich über die Autorität des römi- schen Stuhles nur behutsam auszudrücken; allein das zeigt am besten welche Besorgnisse sie hegten. Schreiben der Legaten am 6ten October: ci sono de’ pre- lati che vorrebbero abbassare la sede apostolica ( Mendham 92). Am 23sten Nov. gestehn sie, daß sie die Majoritaͤt nur durch die Italiener festhalten. Man wußte aus Erfahrung, ein Spanier thue keinen Schritt ohne hundert fol- gende im Voraus berechnet zu haben. In diesem Augenblick war der Kaiser in Oberdeutsch- land Herr geworden: alle Städte unterwarfen sich. Bei den Capitulationen die er mit ihnen abschloß, zog er den päpstlichen Nuntius nicht zu Rathe. Er machte aufs neue religiöse Concessionen: zwar nur mündlich und insge- heim, aber allein auf seine eigne Hand; es ist gar nicht zu denken, da darüber so viel hin und her geschrieben ward, daß sie dem Nuntius nicht bekannt geworden seyen. Sie bezogen sich zuletzt alle auf die Absicht des Kaisers, dem Con- cilium noch einmal eine andre Richtung zu geben. Achtes Buch. Viertes Capitel . Eine Zeitlang hatte man in Rom gehofft, der Kaiser werde wenn nicht die Verlegung, doch die Suspension des Conciliums gestatten; allein obgleich er die bisherige Thätig- keit desselben nicht billigte, so gewannen doch alle seine Un- ternehmungen dadurch einen gewissen Nachdruck und Rück- halt, daß es beisammen war: seine Antwort auf diesen An- trag fiel völlig abschläglich aus. War nicht zu vermuthen, daß er, sobald er nur in Deutsch- land zu Ende gekommen, selber in Italien erscheinen würde, wie seine Gesandten öfters gedroht, um das Concilium persön- lich zu leiten, und von allen Beschlüssen desselben etwa zuerst diejenigen zur Ausführung zu bringen, welche sich auf die Reform, namentlich des römischen Hofes bezögen. Der Papst beschloß dieß nicht zu erwarten. Zuerst um jedem künftigen Einfluß des Kaisers auf die dogmatischen Festsetzungen vorzubeugen, wies er seine Lega- ten an, mit der Bekanntmachung der einmal gefaßten Be- schlüsse ohne weitere Rücksicht vorzuschreiten. In der Con- gregation die darüber gehalten ward, erklärte sich zwar ein volles Drittheil der Stimmen dagegen; allein hier kam es nur auf die einfache Mehrheit an: diese war doch auf sei- ner Seite. Man behauptet, bedeutende und gefährliche Geg- ner seyen noch besonders durch Geschenke gewonnen worden. Am 13ten Januar endlich wurden jene dogmatischen Decrete wirklich publicirt; — es war die Session welche im An- gesicht der protestantischen Lehre auch die katholische An- sicht hinwiederum fixirte und die beiden Systeme auf immer trennte. Sie war, wie die Zeitgenossen sehr wohl fühlten, eine Feindseligkeit zugleich gegen den Kaiser. Schreiben des Du Mortier 29 Januar. Semble que S. Das tridentinische Concilium . Und indem dergestalt eine Vereinigung mit den Prote- stanten fast unmöglich gemacht wurde, entzog der Papst zu- gleich, so viel an ihm war, dem Kaiser die Mittel, sie zu besiegen. Die sechs Monate waren um, auf welche er sei- nen Bund mit dem Kaiser geschlossen, und er ließ sich nicht bewegen denselben weiter auszudehnen: er rief vielmehr seine Truppen von dem kaiserlichen Lager ab. Der Kaiser, unter den Schmerzen einer peinlichen Krank- heit, in jedem freien Moment mit dem Gedanken beschäftigt, die Einheit der lateinischen Christenheit aufrecht zu erhalten, sah sich plötzlich von eben Dem verlassen, der ihn — nach der officiellen Ansicht der Sache — dabei am meisten hätte unterstützen sollen, mit dem er verbündet war. Er klagte laut, daß der Papst ihm von Anfang durch unzeitige Be- kanntmachungen geschadet und ihn niemals gehörig unter- stützt habe; jetzt lasse er Decrete publiciren, die noch nicht gehörig gereift seyen, und rufe seine Truppen zurück; seine Absicht sey wohl von Anfang an nur gewesen, ihn in einen gefährlichen Krieg zu verwickeln und mitten darin zu verlas- sen. Aber er gedenke, möge es dem Papst lieb seyn oder leid, die Unternehmung in der er begriffen, mit Gottes Hülfe zu Ende zu führen; er wolle sein Amt besser verwalten, als der Papst das seinige. Copia de la carta que S. M d scriviò a Don Diego de Mendoça de Hulma a XI de Hebrero 1547 años: z. B. que aun- que pesasse a S. S d y a otros, esperavamos con la ayuda de S té ait reçeu quelque mal contentement dudit empereur, ou quel- que evidente suspicion de chose qui luy soit prejudiciable, pour raison de quoy en un mesme tems Elle ait procuré la publica- tion qui a été faite de l’article de justification, et retirer les dits gens de guerre de sa solde. ( Ribier I, 603.) Achtes Buch. Viertes Capitel . Das Mißverständniß brach ganz offen aus, und sogleich zeigten sich sehr umfassende politische Folgen. Der Papst trat mit dem französischen Hofe wieder in engere Verbindung, worüber sich der Kaiser sehr gröblich ver- nehmen ließ: mehrentheils ziehe man sich das französische Übel in der Jugend zu, der Papst bekomme es in seinem Alter. Schon gerieth ganz Italien in Gährung. Im Ja- nuar 1547 machte ein junger Fiesco in Genua einen Ver- such gegen die unter kaiserlicher Autorität vor einigen Jah- ren eingeführte Ordnung der Dinge und gegen das mit dem Kaiser auf das engste verbündete Haus Doria. In Siena weigerte man sich die Einrichtungen die Granvella angeord- net, definitiv anzunehmen; die Anwesenheit Peter Strozzi’s in Rom brachte ganz Toscana in Gährung. In Neapel regten sich Unruhen, die bald darauf zum Ausbruch des vol- len Aufruhrs führten. Alle diese Bewegungen aber hatten ihren Mittelpunct am römischen Hofe: Fiesco , Strozzi , die neapolitanischen Mißvergnügten standen mit dem Haus Far- nese in fortwährender halb offener Verbindung. Auch in Venedig erhob sich Besorgniß vor der anwachsenden Macht des Kaisers: unaufhörlich stellte der Nuntius vor, daß der Kaiser nach der Herrschaft der Welt strebe, und brachte einen Bund gegen ihn in Vorschlag. Die Autorität des Kaisers war noch so groß, sein Glück so gut, daß alle diese Versuche mißlangen. Schlimm genug, was der Papst allein und ganz auf n ro Señor, aunque sin la de S. S d , guiar esta impresa a buen ca- mino Mendoza hat ein Memorial eingegeben, dessen Inhalt man aus dem Auszug der Antwort bei Pallavicini lib. IX, c. III sieht. Es stimmt fast ganz mit jenem Schreiben uͤberein. Das tridentinische Concilium . seine Hand in den geistlichen Geschäften ihm zu Leide thun konnte! Paul III schritt nun doch zu der dem Kaiser so wider- wärtigen Translation des Conciliums. Kaum zeigte sich eine Krankheit in Trient , die in den ersten Tagen Besorgnisse er- regen konnte, aber dann sehr rasch vorübergieng, Rainaldus sagt trotz seiner Ergebenheit gegen die Curie doch: Testimonia (de morbo) relata sunt Fracastorii et Balduini medi- corum, quae ex magna parte fuisse fallacia secutus rerum exitus comprobavit. Wie nun dann, wenn es wahr ist was Mendoza sagt: Puede ser certa V. M d de que los legatos anduvieron secretamente hablando y subornando los obispos como a los medicos. (Schr. vom 10 Sept.) — in der großen Pfarre St. Peter kamen in einer ganzen Woche nur zwei Todesfälle vor, der eine eines Kindes, der andre eines Wassersüchtigen, — als die wohlinstruirten Legaten dieß zum Vorwand nahmen, die Sache ins Werk zu setzen. Die Min- derheit war dagegen: aber sie klagt, ihre Vota seyen gar nicht einmal geöffnet und gelesen, geschweige denn erwogen worden. Der kaiserliche Gesandte versichert, nicht allein eine Anzahl Prälaten, sondern auch die Ärzte habe man durch allerlei Mit- tel für die Absichten der Legaten gewonnen. Am 11ten März, einem nach der Stellung der Gestirne Glück bedeutenden Tage, ward darüber Sitzung gehalten: die Mehrheit, wie es denn nicht anders seyn konnte, entschied nach dem Wun- sche der Legaten. Paez de Castro a Zurita Trento 3 Abril. Los legados — hicieron translacion de este concilio a Bolonia sin razon nin- guna, con gran desacato de S. M d . Und darauf wäre sie keinen Augenblick länger geblieben: Tags darauf verließen die meisten Präla- ten Trient , wo ihnen Clima und Lebensweise ohnehin längst verhaßt war, und nahmen ihren Weg nach Bologna . Achtes Buch. Viertes Capitel . Dießmal aber fügte sich die Minorität nicht so unbe- dingt wie bisher. Dem Willen des Kaisers gemäß verharrte sie zu Trient . Aus der Verlegung entstand eine vollkommene Spaltung des Conciliums. Wer sah nicht, daß es keine innere Nothwendigkeit war, sondern die Interessen des Kaisers und des Papstes, was die Versammlung entzweite. An dem römischen Hofe war Jedermann zufrieden: „Ihr seid ein Erzausbund von Leuten,“ schreibt ein Vertrauter dem Cardinallegaten, „daß ihr diese unerwartete Gelegenheit des allgemeinen Heiles ergriffen habt; ich hoffe, unserm alten Papst werde noch so viel Zeit bleiben, um dieß übel eröff- nete und gut transferirte Concilium wieder zu schließen.“ Bisogna bene che si faccia una riforma con quella de- strezza e temperantia ch’ella non guasti la coda al fagiano di questa santa sede, et in parte chiudi la bocca a questi blasfema- tori di Germania . Jovio al C l Santacroce 29 Maͤrz bei Mansi Miscellanea III, 503. Als die Sache in dem Consistorium zur Sprache kam und doch einige Stimmen sie mißbilligten, zeigte sich der Papst ungehalten, daß es in diesem Collegium noch so viele Anhänger des Kaisers gebe. Auf die Anmahnungen von kaiserlicher Seite antwortete er, das Concilium sey frei: wolle es nach Trient zurückkeh- ren, so möge es das thun: er habe nichts dagegen. „Das heißt,“ sagt der spanische Gesandte in seinem Berichte, „er will es nicht.“ Und nun kann man denken, wie der Kaiser dieß auf- nahm. Der Nuntius legte ihm eines Tages die Gründe vor, durch welche der Papst gehindert werde die Rückkehr des Das tridentinische Concilium . Conciliums nach Trient anzuordnen. Der Kaiser antwortete: er wisse sehr gut, daß der Papst und der Cardinal Cervino diese Sache vorlängst beabsichtigt: nicht den Worten glaube er, sondern den Thaten. Der Papst, sagt er, ist ein hart- näckiger Alter: wir wollen aber wohl noch Mittel gegen dieß Übel finden: es soll zuletzt an einem Concilium nicht fehlen, das die Welt befriedigt. In dem kaiserlichen Hauptquartier, in der Umgebung des Herzogs von Alba sprach man von einer Unternehmung nach Italien wie von einer gewissen Sache. Man meinte: da werde Niemand seines Leibes oder seines Geldes scho- nen: ein jeder werde mitzuziehen begierig seyn. Schreiben des Joh. Ulr. Zasius von Nuͤrnberg 22 Maͤrz im Ulmer Archiv. Ich finde keinen Beweis daß der Kaiser selbst diesen Gedanken gehegt habe. Wäre dieß aber auch der Fall ge- wesen, so würde er sich doch in der Nothwendigkeit gesehen haben, die ihm näher liegenden Feindseligkeiten von Nord- deutschland , die sich allmählig wieder sehr gefährlich anlie- ßen, zuvor zu beseitigen. Fuͤnftes Capitel . Feldzug an der Elbe . In den ersten Monaten des Jahres 1547 hatte Jo- hann Friedrich noch einmal eine recht bedeutende Stellung eingenommen. Mit ungefähr 20000 Mann, die ihm aus dem Ober- land folgten, war er Mitte December 1546 in seinem Thü- ringen erschienen, und hatte die schwachen Heerhaufen, die Herzog Moritz dort aufgestellt, ohne Mühe zerstreut. Nicht allein sein eignes Gebiet hatte er erobert, sondern auch die daran grenzenden Landestheile seines Vetters, eine Menge kleiner Städte und Bergfesten. Die Harzgrafen unterwar- fen sich ihm aufs neue: Hans Georg von Mansfeld verlor das feste Haus Heldrungen ; Julius Pflug , der den günsti- gen Augenblick wahrgenommen, um sich im Bisthum Naum- burg festzusetzen, mußte es wieder verlassen. Schreiben Johann Friedrichs Zschrapel letzten Dec. (Des- sauer Arch.), an Albert von Preußen Knauthayn 14 Januar. Hierauf wendete er sich, Neujahr 1547, nach dem Stifte Magdeburg . Unter den Motiven der eilenden Rückkehr Johann Fried- richs zählte es vorzüglich mit, daß sein Nebenbuhler Moritz Stellung Johann Friedrichs 1547. so eben Anstalt machte, kraft der kaiserlichen Vergünstigung sich in Besitz der beiden Stifter Magdeburg und Halber- stadt zu setzen. Ohne Widerstand zu finden, gelangte Johann Friedrich nach Halle . In allem reichsfürstlichen Pomp, von zwei Her- zögen von Braunschweig und Lüneburg , einem Fürsten von Anhalt , einer zahlreichen Schaar von Grafen und Herrn, seinem Bruder und einem seiner Söhne begleitet, zog er da- selbst ein; zuerst nach alter burggräflicher Gewohnheit um- ritt er den Roland, der wieder am rothen Thurm aufgestellt worden. Hierauf trug er kein Bedenken, in bester Form Besitz zu ergreifen. Rath und Bürgerschaft leisteten ihm die Huldigung; ein gleichzeitiger Bericht versichert, lange sey keine so gern, „so frisch“ geschehen. Der Erzbischof Jo- hann Albert , der in Halle zugegen war, mußte sich beque- men nicht allein auf die Stadt, sondern auf die beiden Stif- ter geradezu Verzicht zu leisten, gegen eine Rente von jähr- lich 10000 G. In einem sogenannten Auflaßbrief an Capi- tel und Stände sprach er die Unterthanen von der Pflicht los, mit der sie ihm bisher verwandt gewesen, und wies sie da- mit an seinen Herrn und Oheim den Churfürsten von Sach- sen . Einige Tage darauf erschienen die Lehnsleute beider Stifte zu Halle und leisteten dem Churfürsten wirklich den Eid der Treue. Einnehmung der Stadt Halle ex actis publicis bei Drey- haupt Saalkreis I, 240. Man wird nicht anders erwarten, als daß dieß alles mit neuen Vortheilen des Protestantismus verbunden war. Im Merseburgischen wurden die bisher noch geduldeten Reste Ranke D. Gesch. IV. 32 Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . des Papstthums abgeschafft. Die Stadt Magdeburg setzte sich nunmehr auch in den Besitz des Domes und ließ da- selbst den evangelischen Gottesdienst beginnen. Und nun wandte sich der Churfürst gegen die osterlän- dischen und meißnischen Gebiete seines Vetters. Leipzig zu erobern gelang ihm nicht. Moritz hatte die Vertheidigung einem tapfern Hauptmann, des Namens Wall- witz , anvertraut, dem es Ernst damit war. Dagegen würde es, wenn es wahr ist was man damals allgemein behaup- tete, den churfürstlichen Anführern eher leid gewesen seyn, Leipzig mit Gewalt nehmen und dabei einer Plünderung aus- setzen zu müssen, nicht aus Menschlichkeit, sondern weil sie ihr Geld dort untergebracht hatten. Sonderbar, wenn hier wie im Oberland sich das Geldinteresse den protestantischen Waffen so nachtheilig erwiesen hätte. Denn daran kann kein Zweifel seyn, daß die Masse der Bevölkerung auf Seiten Johann Friedrichs war. Mo- ritz selber klagt, seine Unterthanen seyen alle Anhänger sei- nes Feindes, in welchem sie den Vertheidiger des Evange- liums erblicken. Er würde es nicht wagen, das Landvolk unter die Waffen zu rufen, er müßte fürchten, seine eignen Feinde zu versammeln. Einer seiner Amtleute meldet ihm, er wisse nicht zwanzig Menschen denen zu trauen sey. Moritz besorgt beinahe aus seinem Lande verjagt zu werden, und niemals dahin zurückkehren zu dürfen. Schreiben von Moritz Colditz 7 Jan., Berl. Arch. Vergl. Anhang. Die Gesinnung war es, was dem Churfürsten Johann Friedrich überhaupt noch einmal eine Stellung machte. Es scheint als sey auch von den niederdeutschen Städ- Stellung Johann Friedrichs 1547. ten einen Augenblick eine Annäherung an den Kaiser ver- sucht worden, ohne Zweifel, weil so viel andre die ihnen zu Theil gewordene Religionsversicherung für hinreichend hiel- ten; aber bald faßten sie eine andre Meinung. In einem ihrer Bundesentwürfe drücken sie die Überzeugung aus, das Vorhaben der Gegner sey doch, die wahre christliche Reli- gion auszurotten, deren Bekenner mit Gewalt oder heimli- chen Tücken um Leib und Leben und Ehre zu bringen. Sie sagten alle, zuerst Magdeburg , dann die vier Städte Bre- men , Hamburg , Lüneburg und Braunschweig , endlich auch Goßlar , Hildesheim und Hannover dem Churfürsten zu, bei Gottes Wort und den erlangten Freiheiten deutscher Nation bleiben zu wollen. Schreiben der saͤchsischen Raͤthe Melchior v. Creuz und Chri- stian Bruͤck uͤber die Tagleistung zu Magdeburg , Februar 1547, und die Antworten des Churfuͤrsten, im weim. Archiv. Zunächst hatten es die Kaiserlichen auf Bremen abgesehen, das an seinen Nachbarn, dem Erzbi- schof selbst, Oldenburg , Calenberg , alte Feinde hatte; da- hin richteten einige Kriegsanführer, dieselben die früher un- ter Heinrich von Braunschweig gedient und jetzt in kaiserli- chen Diensten standen, zunächst ihren Angriff. Vertrag mit Wrisberg , Langenn und Friedrich Spaͤt , 16 Faͤhnlein und 500 Pf. aufzubringen. (Arch. v. Bruͤssel .) Aber die Bürger setzten ihre Mauern und Wälle in Vertheidigungs- stand und waren, wie ihre einheimische Chronik sagt, in Gott wohl getrost, ihre Gerechtigkeiten zu vertheidigen. Die übrigen Städte brachten zunächst wenigstens so viel zusam- men, daß es den Grafen Christoph von Oldenburg und Albrecht von Mansfeld möglich wurde, mit einer Gegen- 32* Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . garde, wie es Johann Friedrich nannte, im Felde zu er- scheinen. Und in dem zeigte sich noch eine andre Bundesgenossen- schaft, welche die größten Erwartungen erregte, in den Län- dern der Krone Böhmen . Auch in den Lausitzen , in Schle- sien waren starke Regungen zu bemerken; in Prag erhob sich eine Bewegung der drohendsten Art. Auf die Aufforderung sich zum Kriege zu rüsten antwortete zuerst die Gemeine der Altstadt dem König, wider den Churfürsten von Sachsen könne sie nicht mit zu Felde gehn, da derselbe Leib und Blut Christi , wie sie, unter beiderlei Gestalt genieße, und sammt seinen Unterthanen in den meisten Artikeln mit ihr gleich- förmig sey. Der Altstadt traten Neustadt und Kleinseite bei; auf ihren Marktplätzen, durch ein Tedeum feierten sie diese ihre Vereinigung. Nun hatte der König seine Vasal- len nach Leitmeritz beschieden, um gleich von da den Zug nach Sachsen zu unternehmen; aber hier brach die Wider- setzlichkeit ganz offen aus. Nur der katholische Adel schloß sich an Ferdinand ; allein er war eher in der Minderzahl: die Meisten traten auf die Seite der Prager Städte. Der koͤniglichen May. muͤndliche Red zu Leutmeritza in Acta alter Handlungen ꝛc. bei Hortleder II, iii , 83. 767; besonders merk- wuͤrdig sind die Vortraͤge des Klenowsky . Gleich darauf sah man die utraquistischen Herrn und Edelleute aus zehn Kreisen in großen Schaaren wieder in Prag ankom- men: auch viele städtische Abgeordnete erschienen: die große Glocke am Tein, das alte Zeichen der Empörung, erscholl aufs neue: man begeisterte sich durch Absingen der eifrig- sten hussitischen Lieder, z. B. Wierni Christiane, worin die Hierarchie als ein Werk falscher Propheten verdammt wird: Stellung Johann Friedrichs 1547. allesammt vereinigten sie sich, an dem ungerechten Kriege des Königs keinen Theil zu nehmen. Mit den religiösen Gefühlen erwachte die Erinnerung an die alten politischen Rechte, die ständische Unabhängig- keit. Da König Ferdinand abgeschlagen hatte einen Reichs- tag zu berufen, so schritten die in Prag Versammelten auch ohne ihn dazu. Sie betrachteten sich auch allein als das Reich, und stellten wirklich ein Heer ins Feld, vor allem, um das Eindringen „des fremden unchristlichen hispanischen Volkes“ zu verhindern. Nicht um Johann Friedrich zu stürzen, sondern um sich nur selber gegen ihn zu behaupten, mußte jetzt der König seine Kräfte anstrengen. Dazu reichten sie nicht aus, daß er selber hätte zu Felde gehn können, aber er vermochte doch dem Herzog Moritz einige Hülfstruppen zu schicken, mit welchen dieser eine feste Stellung zu Chemnitz einnahm. Von der andern Seite ließ der Kaiser den Markgrafen Albrecht von Culmbach mit 10 Fähnlein und 1200 Reitern anrücken, der sein Hauptquartier in der Stadt Rochlitz auf- schlug, dem Leibgeding der Herzogin Elisabeth , Schwester des Landgrafen. Elisabeth hatte dem Herzog Moritz den Ort nie- mals eröffnen wollen, sogar einmal Geschütz auf ihr Schloß führen lassen, um es im Nothfall zu vertheidigen: dem kai- serlichen Befehlshaber konnte sie das aber nicht versagen. Die beiden Fürsten faßten nun die Absicht, ihre Heer- haufen am 2ten März zu vereinigen, und mit vereinten Kräf- ten auf Johann Friedrich loszugehn, der sein Lager bei Al- tenburg aufgeschlagen. Johann Friedrich , der durch die Gunst der Einwohner Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . mit bessern Nachrichten versehen ward als seine Gegner, kam diesem Angriff jedoch zuvor. Er wußte, daß der Mark- graf die Fastnachtsvergnügungen dort an dem kleinen Hof in die Fasten hinein fortsetzte, daß er seiner Truppen nicht vollkommen mächtig sey, weil er sie nicht gehörig besolde, und alle Vorsicht versäume. Am Morgen jenes zweiten März erschien er vor Rochlitz , und hatte die Höhen eingenommen, die den Ort beherrschen, ehe der Markgraf von seiner An- kunft etwas erfuhr. Zwar ließ dieser nun aufblasen und aus den Thoren rücken, aber seine Reiter hatten keine Lust, ge- gen die feindliche Übermacht ernstlich anzugehn. Zu gleicher Zeit wurde die Brücke die über die Mulde führt, genommen, und in der Vorstadt kam Feuer aus; in dem allgemeinen Wirrwarr der hierüber entstand, war an keine Vertheidigung zu denken. Der streitbare freudige Markgraf ward selber gefangen: seine Leute mußten schwören, binnen 6 Monat nicht gegen den Churfürsten zu dienen. Unter den kleineren Waffenthaten wird sich selten eine finden, die ein so allgemeines Aufsehen erregte. In allen Correspondenzen der Zeit wird ihrer als eines wichtigen Er- eignisses gedacht. Schreiben an die Universitaͤt: Rectori, magistris und Docto- ren unser Universitaͤt zu Wittenberg , bei Strobel Vermischte Beitraͤge p. 70; auch an Bugenhagen , Bruͤck und Melanchthon besonders ge- richtet: Corp. Ref. VI, 428. Im Wesentlichen, ausgenommen der Schluß, identisch mit einem Schreiben an den Koͤnig von Frankreich bei Ribier I, 621. Noch besser, besonders viel anschaulicher, ist je- doch das Schreiben Graf Volradts von Mansfeld an seinen Vater 3ten Maͤrz; aus diesem und dem Briefe des Churfuͤrsten ist wohl die wahrhaftige Zeitung bei Hortleder II, c. 62 erst zusammengesetzt. Eigenthuͤmlich ist der Bericht von Albrechts Seite in Meusels histo- rischen Untersuchungen Bd III. Stellung Johann Friedrichs 1547. Das machte: die Stellung welche Johann Friedrich dem Kaiser gegenüber einnahm, war von einer universalen politischen und religiösen Bedeutung. Bis auf einige feste Plätze fiel jetzt das ganze Gebiet des Herzog Moritz in seine Hand. Als einen letzten Zu- fluchtsort befestigte derselbe in diesem Augenblick Königsberg : Johann Friedrich bezeichnet ihn schon als verjagt. Aus den Lausitzen zogen eine Anzahl erbgesessener Va- sallen, die der König aufgerufen, dem Churfürsten zu. Die Leute der Sechs-städte, welche dem Gebot des Königs fürs Erste Folge leisteten, sangen doch Schmählieder auf ihn und schwuren niemals gegen den Churfürsten zu streiten. Richter Geschichte des Poͤnfalls der sechs Staͤdte. Die böhmischen Stände traten mit Johann Friedrich in offene Unterhandlung; sie hatten nichts dagegen, daß die churfürstlichen Truppen Joachimsthal besetzten. Zwischen bei- den Theilen ward nicht allein über die Erneuerung der alten Erbeinigung zwischen der Krone und dem Churhause, sondern über die Errichtung eines förmlichen Kriegsbündnisses, kraft dessen kein Theil ohne den andern Vertrag eingehn sollte, unter- handelt. Böhmische Gesandte erschienen im Lager des Fürsten. Wir sehen: nicht in einer bloßen Vertheidigung war Jo- hann Friedrich begriffen: das ganze Elbgebiet erkannte ihn in diesem Augenblicke als seinen Vorfechter an. Unermeßliche, wiewohl unbestimmte Aussichten breiteten sich vor ihm aus. Er mußte sie freilich ergreifen und verwirklichen. Er mußte die böhmischen Stände, die schlesischen und lausitzischen Herrn und Städte zu einem Entschluß treiben, der keinen Rückweg übrig ließ: ohnedieß waren sie so gut wie er verloren. Er Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . durfte sich mit dem unthätigen Antheil den die Populationen ihm widmeten, nicht begnügen; jetzt war die Zeit gekommen, wo Alles an Alles gesetzt werden mußte, wo der Krieg nicht mehr mit den Überschüssen der Kammergüter und der Käm- mereicassen geführt werden konnte, sondern alle Kräfte auch der Privatleute in Bewegung zu setzen waren. Alles betrach- tet, hatte er keine Wahl mehr: er war verloren oder er mußte sich vorsetzen Kaiser zu werden, ein Kaiser der pro- testantischen Stände, Städte und Bauern. Aber einmal leuchtet ein, daß das Unbestimmte und Weitaussehende dieser Stellung ihm in seinen Nachbarn neue Feinde machen mußte, — wie denn unter andern Joachim II sich jetzt ernstlich dem Kaiser zuwandte, demselben sogar von seinem Sohne mit ein paar hundert Mann einen Reiterdienst thun ließ —; Vorher waren manche Vermittelungsvorschlaͤge gegangen, z. B. Articul, worauf die jetzt beschwerliche und sorgfeltige Kriegs- handlung im h. Reich wiederumb in Frieden und Ruhe gebracht wer- den mechten (Berliner Archiv), ganz protestantischen Inhalts, mit der Forderung eines unparteiischen Kammergerichts ꝛc., so daß Jo- hann Friedrich darauf eingieng, die aber unter den damaligen Um- staͤnden zu keinem Ziele fuͤhren konnten. und sodann: Johann Friedrich , der keinen ent- schiedenen Ehrgeiz nährte, der alles von der Vorsehung erwar- tete, die Waffen nur zur Vertheidigung in der Hand hielt, war nicht der Mann, um sich in eine Rolle dieser Art auch nur zu finden: er faßte wohl keine der vor ihm liegenden Möglich- keiten weder des Glückes noch des Unglückes in ihrer gan- zen Wahrheit auf. Dagegen erkannte der Kaiser sehr wohl, was ihm ein Gegner wie dieser, dadurch allein daß er da war, schaden könne, wie mächtig ein Sieg über denselben ihn fördern müsse. Stellung Johann Friedrichs 1547. Schon war er Frankreichs nicht mehr sicher. Vielmehr versprach König Franz in diesem Augenblicke wirklich eine nicht unbedeutende monatliche Beihülfe für die fernere Dauer des Krieges. Der Koͤnig fuͤrchtete nach Besiegung der Protestanten fuͤr Piemont . Mesnage bei Ribier I, 598. Am 28sten Januar war Heinrich VIII ge- storben: die Testamentsvollstrecker versprachen, eben so viel zu leisten wie die Franzosen. Der Kaiser beabsichtigte einen Augenblick, die deutschen Stände die ihm jetzt gehorchten, in Ulm zu versammeln, und einen Bund zu Stande zu bringen im Sinne des alten schwä- bischen, mit dessen Kräften er dann den Krieg weiter zu füh- ren gedachte. Bald aber leuchtete ihm ein, daß er damit nimmermehr zu Stande kommen werde, so lange Johann Friedrich noch zu Felde lag und ein Umschlag des Glückes zu erwarten stand. Und was ihn vollends entschied, war das Ereigniß von Rochlitz . Er fürchtete, die böhmische Unruhe möchte in die Bahn der alten Rebellionen gerathen. Ferdinand schrieb ihm in einem Tone als sey alles verloren. Pirro Colonna , den er dahin geschickt, um Erkundigungen über die Lage der Dinge einzuziehen, berichtete ihm, seine eigene An- wesenheit sey dringend vonnöthen, die Person des Kaisers sey mehr werth als 25000 Mann. Hierauf entschloß sich Carl V. Er vergaß seine Krank- heit und den Rath seiner Ärzte, noch eine Zeitlang der Luft von Ulm zu genießen, seine Cur abzuwarten: „in Folge des dringenden Verlangens unsers Bruders,“ schreibt er am 20sten März an Maria , „und aus Furcht, die Dinge möch- Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . ten sonst in jenen Gegenden in volle Verwirrung gerathen, will ich morgen aufbrechen.“ Seinem Bruder meldet er, er werde ihm zuziehen mit allen Truppen die er bei sich habe, und zwar so bald als möglich, in so langen Tag- märschen als nur immer ausführbar. So eben gelang ihm auch Straßburg zur Unterwerfung zu bringen, so daß er in seinem Rücken nichts zu fürchten brauchte. Correspondenz des Kaisers mit seinem Bruder und seiner Schwester, zum Theil bei Bucholtz , zum Theil im Arch. zu Bruͤssel . Am 24sten März traf er in Nürnberg ein, um das seine Armee sich bereits gesammelt hatte. Noch einmal ward hier ein Vermittelungsversuch ge- macht. Der Herzog von Cleve hoffte, es werde ihm gelin- gen, seinen Schwager noch in diesem letzten Moment mit dem Kaiser zu versöhnen. Daran knüpfte sich in Cinem und dem Andern die Meinung, daß dann die ganze Bewe- gung sich gegen Italien und den Papst entladen werde. Allein wie wäre hier an ein Abkommen zu denken ge- wesen? Hätte man jemals erwarten dürfen, daß sich Johann Friedrich Bedingungen unterwerfen sollte wie sie Herzog Mo- ritz angenommen: die zwar nicht eine volle Unterwerfung in sich schlossen, aber doch auch die religiöse Sicherheit bei weitem nicht gewährten welche sein Gewissen hätte befrie- digen können. Johann Friedrich versprach wohl, die Rechts- pflege anzuerkennen, welche der Kaiser einrichten werde, aber mit einem Vorbehalt, der noch immer auf die Beschlüsse des Reichstags von Speier hindeutete. Und eben so wenig konnte man von Carl V erwarten, nachdem er einmal Herzog Mo- ritz als Churfürsten anerkannt, daß er dieß wieder zurück- Feldzug an der Elbe . nehmen würde. Er blieb dabei, daß sich Johann Friedrich auf Gnade und Ungnade ergeben, sogar seine Festungen über- liefern sollte. Die Ulmer Gesandten Eger 17 April: „Als wir den 15ten dieß monats zu Hirschau zum Imbiß abgestigen, Ist Hzg Wilhalm von Cleve und die Pfalzgravisch Botschaft furgiriten; hatt uns Hr v. Flaten angezaigt, das sy alle ungeschafft von kays. Mt abweichen muͤßen und all ir werbung und unterhandlen unverfengklich geweßt seyen. Dann es werden so beschwerlich Conditionen und anhengk von J. Mt ervordert, das H. Hansen zu verstaten schier unmoͤglich, dazu gar verderblich.“ Wenn er um sich sah, erhob sich in ihm das Gefühl des unzweifelhaften Übergewichts. Der Tod seines alten Nebenbuhlers Franz I , dessen letz- ter Act jene Zusage an Sachsen gewesen war, kam ihm eben zur rechten Zeit. In dem Moment eines Regierungswechsels war von dort an keine nachhaltige Hülfe zu denken. Auch von den Böhmen war kein ernstlicher entschlosse- ner Widerstand zu erwarten. Allerdings hatten sie die gro- ßen Straßen durch Verhaue verlegt, aber ihr Anführer Ca- spar Pflug von Schlackenwalde war seiner Sache nicht so gewiß, daß er auch nur dieß Unternehmen vollständig aus- geführt hätte. Was dem Kaiser in diesem Kriege überhaupt sehr zu Statten gekommen, die Autorität seiner Würde, trotz aller geistlichen Antipathie, darin lag auch der Vortheil sei- nes Bruders. Gewiß war es nicht Verrätherei an den Stän- den, auch wohl nicht Furcht, was Caspar Pflug so unschlüssig machte, sondern innere Verlegenheit. Sey Johann Friedrich der Religionsverwandte der Böhmen, sagte er, so sey doch Ferdinand ihr König: entweder sey das Reich oder die Re- ligion in Gefahr. Sastrow II, S. 10. Godoi f. 40. Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Ohne Hinderniß gelangte Kaiser Carl nach Eger ; auch Ferdinand und Moritz wurden nicht abgehalten, sich dort mit ihm zu vereinigen. Der Kaiser begieng das Osterfest daselbst; bei dem feierlichen Hochamt, mit dem das Fest be- gangen ward, sah man neben den Kriegsbefehlshabern und Ober-Hofbeamten des Kaisers, die in dem goldnen Vließ prangten, auch die deutschen Fürsten Moritz und seinen Bru- der August , so gut wie den Herzog von Cleve ; der Bischof von Arras , der jetzt in Abwesenheit seines Vaters die Ge- schäfte verwaltete, las die Messe. Und von hier aus faßte nun der Kaiser den Feind ins Auge, der jetzt der vornehmste für ihn in der Welt gewor- den. Zunächst lag am Tage, daß der Fall desselben den Ge- horsam von Böhmen in sich schloß. Für Johann Friedrich war aber nichts verderblicher als eben diese seine Verbindung mit den Böhmen. Wenn er früher seine Kräfte mit denen des Kaisers ver- glich, und die Möglichkeit eines weitern Widerstandes über- legte, so war sein Gedanke, nicht sein ganzes Land, sondern nur seine Festungen, vor allem Wittenberg und Gotha zu vertheidigen, sich da auch nicht einmal selbst einzuschließen, sondern sich nach Magdeburg zurückzuziehen, wo er hoffen durfte, am ersten seine Sache herstellen zu können. Es war darüber mit den beiden Bürgermeistern Heine Aleman und Levin von Emden unterhandelt worden. Die Stadt hatte sich sehr bereit erklärt, ihn mit seiner Familie aufzunehmen, und dazu bereits ein Haus in Vorschlag gebracht, wenn er allein erscheine. Sollte er dagegen alle seine Truppen mit- bringen, was er andeutete, so hatte sie auf einige Bedin- Feldzug an der Elbe . gungen angetragen, die jedoch keine Schwierigkeiten machen konnten, da sie hauptsächlich die Abwendung der von Her- zog Moritz über die Stifte in Anspruch genommenen Schutz- gerechtigkeit betrafen. Was den Fürsten in der Ausführung dieses sehr vernünfti- gen Planes irre machte, war im Grunde allein das Verhältniß zu den Böhmen. Um mit denen in unmittelbare Verbindung zu treten, war ein Theil seines Heeres nach den Bergstädten gezogen und hatte das Gebirg überschritten; mit den übri- gen stellte er sich an der mittleren Elbe , bei Meißen auf: hier, hoffte er, werde er das böhmische Heer am leichtesten an sich ziehen können. „Dann itziger Zeit ligen s. Chf. Gn. an einem solchen Ort da die Boheimen s. Chf. G. woͤllen zuziehen, daß s. Chf. Gn. die- selben sicher zu sich bringen moͤgen.“ (U. G.) Hatten aber die Böhmen nicht gewagt, dem Kaiser ihr Gebiet zu verschließen, so erhoben sie sich noch viel we- niger zu dem Entschluß, außerhalb ihres Landes einem Heere desselben entgegen zu gehn. So geschah daß sich Johann Friedrich mit zerstreuten Kräften an ungünstiger Stelle im Felde betreffen ließ. Niemals vielleicht waren Heere, deren Kampf über ein großes Weltinteresse entscheiden sollte, an Kräften so ungleich. Der Kaiser hatte 17000 M. z. F., 10000 M. z. Pf. Durch die Anstrengungen des Feldzugs, die mancherlei Besatzun- gen, die Unternehmung nach dem Erzgebirge und nach Böh- men war dagegen das Heer das Johann Friedrich unmit- telbar bei sich hatte, auf 4000 M. z. F., 2000 z. Pf. herab- gebracht worden. Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Der Kaiser betrat die sächsische Grenze ungefähr eben da, wo vor dem Jahre die Böhmen und Husaren eingedrun- gen waren, am 13ten April. Sein erstes Nachtlager nahm er zu Adorf , das zweite zu Plauen ; aus dem Voigtlande rückte er nach dem Osterland vor, nach Altenburg , Colditz : Tagebuch des Mameranus erlaͤutert in der Sammlung ver- mischter Nachrichten zur saͤchs. Geschichte III, 103 f. nirgends fand er Widerstand; 15 sächsische Fähnlein wur- den unterwegs aufgehoben; „wo der Kaiser hin zieht,“ schreibt Ulrich Zasius aus seinem Lager, „giebt sich alles: nie hat man ein solches Vorrücken gesehen.“ Durch die Linie die er beschrieb schnitt er den Gegner zugleich von dessen thüringi- schen Hauptlande ab, und gieng ihm selber zu Leibe. Denn noch immer wartete Johann Friedrich in der Ge- gend von Meißen der böhmischen Hülfe, die man ihn hof- fen lassen. Welch eine andre Heeresmacht die jetzt von den böh- mischen Grenzen her gegen ihn vordrang! Endlich mußte er erkennen, daß ihm nun doch nichts übrig bleibe, als sich nach seiner Festung Wittenberg zu- rückzuziehen. Aber schon war er in dem Nachtheil, daß, indem er an dem rechten Ufer der Elbe hinabzog, die Feinde in den- selben Gegenden an dem linken erschienen und nur haupt- sächlich durch den Fluß von ihm getrennt waren. Am 23sten April gönnte sich der Kaiser, nachdem er 10 Tag unausgesetzt fortgezogen, einen Rasttag, zwischen Oschatz und Lommatzsch , auf einem Schleinitzischen Gut, ge- nannt zum Hof, an der Jahna , in einer Gegend die schon Feldzug an der Elbe . einmal durch den Kampf zwischen Heinrich I und den von den ungrischen Bewegungen ergriffenen Daleminziern in der deutschen Historie nahmhaft geworden. Noch war er der Meinung, die Brücke bei Meißen , welche Johann Friedrich abgebrochen hatte, wiederherzustellen und denselben dort zu suchen oder ihm nachzueilen. Lettre de l’empereur à sa soeur 25 Avril 1547, zuerst von Dr Coremans publicirt in dem Blatte: freye Presse nr 1. (1 Ja- nuar 1840.) An der Jahna aber vernahm er, daß sich das sächsische Lager nicht mehr dort befinde. Johann Friedrich hatte eine Stellung bei Mühlberg genom- men, die man von allen Seiten für fester hielt als sie war; er erwartete nicht anders als daß der Kaiser bei Meißen über den Fluß gehn und ihm Zeit lassen werde, sich weiter zurückzuziehen. Er führte eine Schiffbrücke bei sich, um mit dem jenseitigen Ufer in Verbindung zu bleiben, und der un- ter Thumshirn nach Böhmen gegangenen Schaar, wenn sie etwa erscheinen sollte, den Übergang zu erleichtern. Der Kai- ser konnte aber nicht gemeint seyn, dieß zu erwarten, oder auch nur den Gegner zu seinen festen Plätzen gelangen zu lassen. Als man ihm sagte, daß es zwar schwer, aber nicht unmöglich seyn werde, im Angesicht des Feindes den Fluß zu überschreiten, war er auf der Stelle entschlossen es zu versuchen, entweder mit Hülfe der Pontons, die er auf einer langen Reihe von Wagen mit sich führte, oder durch die Furten von denen man ihm sagte. Jetzt hatte er den Feind, an den sich ein so großer Theil der Weltbewegung knüpfte, schwächer als je vor sich: er war entschlossen ihn nicht ent- kommen zu lassen. Noch am Abend brachen die Wagen auf: gegen Morgen erhob sich das ganze Lager. Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Die Ersten die das Ufer erreichten waren Herzog Mo- ritz und der Herzog von Alba . Von einem Bauern, den sie überredet, auf seinem Kahn hinüberzufahren, vernahmen sie mit Sicherheit, daß Johann Friedrich noch selbst zuge- gen sey. Sein Fußvolk war schon im Aufbrechen begriffen: er wollte noch seine Sonntags-Andacht abwarten, um dem- selben dann mit der Reiterei nachzufolgen. An dem Ufer standen einige Hakenschützen, um die Schiffbrücke zu ver- theidigen. Relatione di Lorenzo Contarini , 1547, dieselbe die unter dem Titel Rel ne della casa d’Austria vorkommt, dadurch merkwuͤr- dig, daß sie die von beiden Theilen, besonders aber dem protestanti- schen begangenen Fehler eroͤrtert, ruft aus: Il nemico vicino e non sta con guardia. Glücklicher, einladender konnten die Dinge nicht stehn. Eine bessere Gelegenheit, die Sache mit Einem Schlage zu Ende zu bringen, ließ sich niemals erwarten. „Eilends und übereilends“, sagt der Bericht eines Anwesenden, „zog der Kaiser herbei.“ Die spanischen Hakenschützen des Vortrabs eröffneten den Kampf gegen die Mannschaften welche die Schiffbrücke vertheidigen sollten. Unter dem schützenden Feuer der Büch- sen schwammen acht Spanier, rasch entkleidet, zwei von ihnen ihre Säbel im Mund, auf die Schiffbrücke zu, erstiegen sie und brachten sie in ihre Gewalt. Die Leute Johann Fried- richs , die eben beschäftigt gewesen sie aufzulösen, machten einen vergeblichen Versuch sie wenigstens in Brand zu stecken. Schon setzten auch einige Husaren durch den Fluß und zeig- ten sich auf dem jenseitigen Ufer. Die churfürstlichen Rei- ter, bereits im Abzug begriffen, kehrten noch einmal um und Schlacht bei Muͤhlberg . es schien als würden sie sich zu einer andauernden Vertheidi- gung des Ufers aufstellen. Das war jedoch nicht der Auftrag den sie erhalten. Ihr Herr war indessen, nachdem er die Predigt gehört und sein Frühmahl eingenommen, dem voran- gegangenen Fußvolk nachgezogen. Das thaten sie auch: sie sahen in den herübergekommenen Leuten die Begleitung des Herzog Moritz , die ihnen nicht sehr gefährlich vorkam. So wie sie aber den Rücken wandten, erschien der Kai- ser mit aller seiner Macht. Er hatte bereits über den dichten Nebel zu klagen an- gefangen, der an diesem Morgen Fluß und Feld bedeckte, der ihn hier verfolge wie dort an der Donau . Jetzt aber hob er sich, und man erblickte die Elbe . Die classisch gebil- deten Italiener und Spanier begrüßten den Fluß, den die Römer nur nennen gehört und kaum jemals gesehen. Ihr Führer kam ihnen wie einer jener römischen Imperatoren vor, die am tiefsten in Germanien eingedrungen. Die Furt zeigte sich sehr brauchbar, von festem Boden: sieben Pferde neben einander konnten sie hindurchjagen; das Wasser reichte den Reitern bis an den Sattel. In Wiersbergs 2tem Bericht heißt es: „indes ist die Elb berieten und gegrundt worden, das kais. Mt mit freier Schlachtord- nung zu Roß hindurch gezogen, also das es einem rechten Schuͤtzen- pferd nit hoher dann an den Satel geschlagen, das kein Reiter des Orts schwimmen durfen.“ ( Meusel historische Untersuch. III, 51.) Avila meint das letztere doch, ich glaube aber dem deutschen Rei- tersmann. Zuerst setzten Alba und Moritz hinüber, dann die übrigen leichten Pferde, ungefähr 4000, mit 500 Hakenschützen die den Reitern hinten auf gestiegen: dann Ferdinand , endlich der Kaiser. Die Prote- Ranke D. Gesch. IV. 33 Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . stanten hatten den Kaiser, der in der Pein der Krankheit ins Feld gegangen, noch in Nürnberg ungern Jemand vor sich ließ, beinahe als einen Verstorbenen betrachtet: wie ein ein- balsamirter Leichnam, wie ein Gespenst rücke er gegen sie an; aber sie kannten diese kranke, schwächliche, scheinbar ver- kommende Natur nicht, die sich dann mit Einem Male wie- der in aller ursprünglichen Energie erhob und das Ziel das sie vor sich sah, unaufhaltsam verfolgte: im Felde war der Kai- ser gesund und munter: täglich stand er früh um vier Uhr auf; auch heute erschien er, noch einmal sehr ritterlich an- zusehen, ganz in blanken Waffen, mit dem rothen goldgestreif- ten burgundischen Feldzeichen, begierig sich zu rächen und des Sieges im voraus gewiß. Während nun unter seinen Augen die Schiffbrücke her- gestellt wurde, und die schwere Reiterei so wie das Fußvolk in aller Ordnung über den Fluß gieng, eilten Alba und Moritz dem zurückziehenden Feinde nach. Die leichten ita- lienischen Pferde und die Husaren hatten ihn bald erreicht. Die Husaren mit ihren spitzen bunten Schilden und überaus langen Speeren, die sie beide mit großer Behendigkeit zu ge- brauchen wußten, versetzten den Krieg wie er an den türki- schen Grenzen geführt ward, jetzt in das Elbthal . Sie rissen das Hofgesind des Herzog Moritz stürmisch mit sich fort. Wohl sehr möglich, daß ihnen Johann Friedrich mit seinen ausgerasteten Pferden, und mit einem Geschütz welches zahlkeich genug gewesen wäre um einen kleinen Anfall ab- zuwehren, entgehn, wenn es ihm Ernst war noch am Abend Wittenberg hätte erreichen können. Auch ward ihm das vor- geschlagen. Es ist so recht ein Zeichen seiner ehrlichen Ge- Schlacht bei Muͤhlberg . wissenhaftigkeit, daß er es nicht that. „Wo sollte“, sagte er, „mein getreues Fußvolk bleiben?“ Es schien ihm billig, Diejenigen, die für ihn fochten, auch seinerseits nicht zu ver- lassen. Nachdem er schon ein paar Mal sich umgekehrt und die Anfälle des Feindes zurückgewiesen, sah er sich endlich genöthigt, in der Nähe von Coßdorf Halt zu machen. Seine Meinung war keineswegs, daß es zu einer Schlacht kommen würde. Er dachte nur die beschwerlichen Truppen seines Vetters — denn nur von diesem glaubte er verfolgt zu seyn Cuͤstriner Bericht: „H. Hans Friedrich vormeint, das solch nacheillen allein durch etliche geschwader beschehn, die sich also ahn jne hengen wolt, und nicht weniger geacht den (nichts weniger ge- glaubt als) das kais. und kon. Mt selbst mit dem ganzen Heer vor- handen waͤren.“ — zurückzuweisen, wie an der Donau mancher ähnliche Überfall bestanden worden, und dann in der Nacht ruhig weiter zu ziehen. Allein die Stunde war gekommen die über sein Schick- sal entscheiden sollte. Noch einmal ließ Alba , wie er nun sah daß der Feind zum Stehen gebracht worden, bei dem Kaiser anfragen, ob er zu ernstlichem Angriff schreiten sollte. Der Kaiser ant- wortete, den günstigen Augenblick dürfe man nie versäumen, und eilte, wie er dem Herzog Moritz am Morgen verspro- chen, mit seinem Gewalthaufen vorwärts, um wo möglich selber dabei zu seyn. Johann Friedrich hatte seine Mannschaften an einer Waldspitze aufgestellt, das Fußvolk mit einigem Feldgeschütz in der Mitte, die Reiterei in fünf verschiedenen kleinen Hau- fen vorwärts und rückwärts demselben auf beiden Seiten. 33* Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Es war am 24sten April, eines Sonntags, Nachmittag um vier Uhr, daß die kaiserlichen Reitergeschwader der Vor- hut, ungefähr 2200 M. stark, unter dem Feldgeschrei Hispa- nia und das Reich, das sie in verschiedenen Sprachen rie- fen, auf die Schlachtordnung losgiengen, die Johann Fried- rich umgab. Das Feuern der churfürstlichen Truppen wirkte wenig: indessen würden sie wohl Stand gehalten haben, wäre nicht in diesem Augenblicke in der Ferne der Gewalthaufen des Kaisers sichtbar geworden. Nun erst sahen sie, mit wem sie zu thun hatten: daß sie, wenn sie auch jetzt sich hielten, doch gegen die Nachkommenden verloren waren. Die neuere Kriegs- geschichte zeigt in verschiedenen Beispielen, wie gefährlich es ist sich an eine Örtlichkeit zu lehnen die man nicht beherrscht. Ohne Schwierigkeit drangen die Husaren in das Gehölz vor, das der Aufstellung zum Rückhalt hatte dienen sollen. Zuerst gerieth die Reiterei in Verwirrung: — vergebens war alles Zurufen Johann Friedrichs — sie sprengte in wilder Flucht aus einander. Ein Schreiben Johann Friedrichs an seine Soͤhne aus Augs- burg (Donnerstag nach Decollationis 1547) giebt der Reiterei alle Schuld. Da warfen auch die Fußvölker ihre Ge- wehre weg und suchten ihr Heil in der Flucht. Es war keine Schlacht, sondern ein Ansprengen auf der einen, ein Auseinanderstäuben auf der andern Seite: in einem Augen- blick war alles vollendet. Man muß freilich dabei Avila nicht glauben, der die Gele- genheit ergreift, taktische Regeln beizubringen, noch seinen Nachfol- gern. Ich habe auch hier nur die aͤltesten und einfachsten Berichte, von denen zwei aus der kaiserlichen Canzlei selbst stammen, vor Au- gen gehabt. (S. d. Anh.) Johann Friedrich , ganz allein Schlacht bei Muͤhlberg . gelassen, sah sich plötzlich selbst im Holz mit einem Husaren gleichsam in Zweikampf. Er wehrte sich männlich, und schon meinte der Husar ihn entleiben zu müssen: als ein Edelmann vom Hofgesind des Herzog Moritz , Thilo von Trotha , her- beikam. Nur einem Deutschen wollte der Fürst seine Ehre verpfänden: dem Husaren überließ er seinen Dolch und sein Schwert: dem Deutschen gab er seinen Ring. Während nun die Zersprengten verfolgt wurden, — die Reiter setzten sich dann und wann noch zur Wehre, aber das Fußvolk ward ohne Erbarmen niedergemetzelt: bis jen- seit der Heide sah man die Leichen, — ward der gefangene Fürst nach dem kaiserlichen Heerhaufen abgeführt. Vor einer Stunde hatte er sich noch als ein Oberhaupt des deutschen Protestantismus mit aller Hofnung des Wider- standes, als eins der wichtigsten Glieder der großen europäi- schen Opposition betrachten können, und wenigstens als einen Vorfechter des göttlichen Wortes hatte er sich gefühlt; jetzt war er gefangen: „nun bin ich hier,“ sagte er, „nun erbarme dich mein, du getreuer Gott.“ Der Kaiser sah ihn von ferne kommen: er erkannte den friesischen Hengst den Johann Fried- rich vor drei Jahren in Speier geritten, an jenem Reichstag, an welchem sich die Protestanten unter der Leitung desselben die ver- haßtesten Concessionen erzwungen. Johann Friedrich wollte ab- steigen: der Kaiser winkte ihm, er möge sitzen bleiben: es war ihm genug, daß er ihn sah, mit Blut besprützt, den Kopf ge- neigt, mit dem Ausdruck der Demuth. „Erkennt Ihr mich nun“, rief er ihm entgegen, „für einen römischen Kaiser?“ „Ich bin“, antwortete der Churfürst, „auf diesen Tag ein armer Gefangener: Kaiserl. Majestät wolle sich gegen mich Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . als einen gebornen Fürsten halten.“ „Ich will mich so gegen Euch halten,“ erwiederte der Kaiser, „wie Ihr Euch gegen mich gehalten.“ „Ihr suchtet,“ fiel König Ferdinand ein, gleich als habe er erklären wollen wie dieß zu verstehn sey, „mich und meine Kinder von Land und Leuten zu ver- jagen: Ihr seyd mir ein feiner Mann.“ Wie weidete der Bischof von Hildesheim , der in vollen Waffen durch die Elbe gegangen — im Namen der deutschen Bischöfe, wie er sagt, die von dem Ketzer in so große Gefahr gesetzt wor- den — bei dem Anblick des gefangenen Ebers seine Augen. So bezeichnet er ihn selbst: er sagt, er wolle nicht ein paar hundert Ducaten dafür nehmen, nicht dabei gewesen zu seyn. Sein Bericht bei Bucholtz IX, 420. Am späten Abend erst kam Herzog Moritz zurück. Er hatte an diesem Tage mehr als 20 Stunden zu Pferd gesessen; bei der Verfolgung hatte ein feindlicher Reiter, plötzlich um- kehrend, eine Feuerbüchse gegen ihn abgedrückt, die zu sei- nem Glück nicht losgieng; noch mit einem andern war er handgemein geworden, da hatte ihn ein Edelmann seiner Umgebung gerettet; für alle diese Anstrengung und Gefahr fand er nun bei seiner Rückkehr den Stammesvetter gefan- gen; nun erst konnte er sich als Churfürst betrachten. Der Hader der beiden Linien hatte ein Moment der großen Welt- bewegungen gebildet; deren Erfolge entschieden ihn. Als Gefangener ward Johann Friedrich vor seine Feste Wittenberg gebracht. Sehr ernstlich ist die Rede davon gewesen, ihm wegen des doppelten Verbrechens der Rebellion und der Ketzerei das Leben zu nehmen. In dem Todesurtheil ist hauptsäch- Schlacht bei Muͤhlberg . lich von dem ersten die Rede, dem höchsten und erschrecklich- sten aller Verbrechen, dem der beleidigten Majestät; bei den Berathungen machte sich noch mehr der andre Gesichtspunct geltend. Die Einwirkung welche den Krieg hauptsächlich hervorgerufen, gewann durch die glückliche Wendung die derselbe genommen, neue Stärke. Man schrieb dem Kai- ser das Wort zu: „ich kam, ich sah und Gott siegte.“ In diesem Sinne erblickten Einige in dem Glücke der Schlacht fast eine unmittelbare Veranstaltung Gottes: zum guten Zei- chen sey ein Adler über dem spanischen Fußvolk daher ge- flogen; den andern Tag habe man die Furt, die das Heer passirt, schon nicht mehr benutzen können; die Sonne sey blutroth aufgegangen, wie an andern glücklichen Schlacht- tagen des Kaisers; sie habe höher gestanden, als nach den Stunden des Tages zu erwarten gewesen; es fehlte wenig, daß man nicht sagte, Gott habe den Tag verlängert, um das Ermorden der verfolgten Ketzer zu begünstigen: wenig- stens hat man es angedeutet. So forderte nun auch der Beichtvater, daß Johann Friedrich die Strafe der Ketzer, den Tod erleide. Er meinte, dann werde bei dem ersten ernst- lichen Angriff auch Wittenberg fallen, das ja nicht allzu fest sey: in dem Schrecken darüber werde sich das ganze Land unterwerfen, und alles in den alten Stand wiederhergestellt werden können. Johann Friedrich war sehr ruhig dabei. Im Anfange seiner Gefangenschaft zeigte er sich bekümmert, weil man ihm sagte, sein ältester Sohn sey in der Schlacht umgekommen; als aber ein Trompeter, der deshalb in die Stadt geschickt ward, mit der Nachricht zurückkam, der Prinz lebe und werde Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . bald von der Wunde, die ihm beigebracht worden, genesen seyn, auch ein Wahrzeichen desselben mitbrachte, erschien Jo- hann Friedrich nicht anders als getrost und herzhaft. Über alle Furcht für sich selber erhob ihn die Gewißheit einer an- dern lebendigen Gemeinschaft, der er von jeher angehört, und sein vollkommen reines Gewissen. Man erzählt, das Todes- urtheil sey ihm publicirt worden, als er mit Herzog Ernst von Braunschweig , der mit ihm gefangen worden, Schach spielte. Muͤllers saͤchsische Annales 106. Faletus . Besonders Roger Asham ; doch variiren die Angaben. Er war längst darauf gefaßt: nicht einmal in sei- nem Spiel ließ er dadurch sich stören: „Vetter,“ sagte er, nachdem er das Urtel wie ein andres Papier neben sich ge- legt, „gebt Acht auf Euer Spiel: Ihr seyd matt.“ Indessen machte man im kaiserlichen Rathe doch auch einige Betrachtungen andrer Art. Man sah wohl daß Wittenberg nicht so leicht erobert werden dürfte, als man geglaubt. Es war sehr gut befe- stigt, mit allem Nöthigen auf lange Zeit versehen. Um die Belagerungsarbeiten zu fördern, hatte Moritz 15000 Schanz- gräber zu stellen versprochen, aber nicht mehr als 300 auf- bringen können. Die Spanier zeigten sich ohnehin nicht eben zu seinen Gunsten gestimmt: sie meinten, sie seyen nicht dazu da, um ihm Städte zu erobern. Dem Beicht- vater erwiederte dann der Bischof von Arras : man müsse Gott nicht weiter versuchen, nicht immer Wunder erwarten: würde man einen Anfall auf Wittenberg machen, so könne man leicht die besten Leute und überdieß die Reputation ver- lieren, durch die man jetzt stark sey: wie viel besser, wenn Wittenberger Capitulation . man dem Gefangenen die Todesstrafe in ewiges Gefäng- niß verwandle, und ihn dafür verpflichte, seine Festungen, zunächst Wittenberg , überliefern zu lassen, und wenn man dann, ehe noch die Wirkung des vorigen Sieges erkaltet sey, den Krieg so rasch wie möglich zu Ende zu führen trachte. Bavé à la reine Marie 21 Mai; l’évêque d’ Arras à la reine 20 Mai. S. d. Anhang. Von dem Beichtvater sagt Bave : Le per- sonnaige ‒ ‒ a fait tout ce qu’en luy a été pour faire mourir ledit prisonnier, et en avoit gaigné deux à sa part, mais Mes- sieurs le duc d’ Arras et Alve y ont été contraires. — — Die Abschrift der Wittenberger Capitulation im Berliner Archiv wird mit den Worten eingeleitet: „Als der gewesene Churfuͤrst — gefangen, und fuͤrgestanden das derselbige an Leib und Leben gestraft werden sollte, aber u. g. H. d. Chf. von Brandenburg sich in den sachen bei ks. Mt hochlichen bemuͤhet, in uf wege eines vertrags zu richten, und solche straffe abzuwenden.“ Diesen politischen Betrachtungen gesellte sich auch Alba hinzu. Der Bischof von Arras ward beauftragt mit dem Gefangenen zu unterhandeln. Die erste Bedingung welche er vorschlug, war, daß sich Johann Friedrich den Beschlüssen des Conciliums, überhaupt den Anordnungen des Kaisers in Bezug auf die Religion unterwerfen solle. Diese Anmuthung aber wies derselbe un- bedingt zurück: keine Gefahr Leibes und Lebens werde ihn jemals dazu vermögen. Der Bischof fand ihn so hitzig und eifrig, wie er je einen Mann gesehen. Bei weitem nachgiebiger zeigte er sich in den weltlichen Angelegenheiten. Der Kaiser hielt die Idee fest, daß Jo- hann Friedrich die Chur und alle seine Lehen verwirkt habe. Endlich unterwarf sich dieser den hierauf gegründeten Ver- abredungen zwischen dem Kaiser, dem König und Herzog Moritz . Jedoch ward Moritz verpflichtet, den Söhnen Jo- Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . hann Friedrichs ein Einkommen von 50000 Gulden zu las- sen. Die Ämter aus welchen dieß aufgebracht werden und die zu dem Ende überhaupt dieser Linie verbleiben sollten, wurden sogleich namentlich bestimmt. Für den Augenblick war das Wichtigste, daß Johann Friedrich in die Überlieferung seiner Festungen willigte. Zwar zweifelten die Wittenberger, ob sie sich nicht lie- ber bis auf den letzten Mann wehren sollten, und fragten darüber ihren Pfarrer Bugenhagen . Der rieth ihnen, den gefangenen Fürsten selbst zu Rathe zu ziehen: „denn seine Gnade“, sagte er, „hat uns lieb, S. Gn. wird uns nichts Schädliches rathen.“ Johann Friedrich rieth ihnen, sich zu ergeben. Hierauf zog eine kaiserliche deutsche Besatzung in Wit- tenberg ein, und der Kaiser konnte nun seine ganze Aufmerk- samkeit auf den zweiten Feind richten, der noch übrig war, den Landgrafen Philipp . Unterhandlung mit Landgraf Philipp . Nach dem mißlungenen Ingolstädter Zug, von Geld entblößt, auf allen Seiten von Feinden bedroht, war Phi- lipp in eine gereizte, wilde Stimmung gerathen. Am här- testen berührte ihn, daß er seines Landadels nicht sicher war. Beim Eintritt in eins seiner Schlösser soll er zu verstehn gegeben haben, man denke ihn wohl daselbst gefangen zu halten; auf der Jagd kam es ihm vor, als sey er selber das Wild das man jage. Bei alle dem fuhr man am kai- serlichen Hofe fort die Thätigkeit zu fürchten die er einst Unterhandlung mit Landgraf Philipp . bewiesen. Vom ersten Augenblick faßte der Kaiser den Ge- danken, sich entweder seiner Person zu bemächtigen — schon im Februar hoffte er durch die Unterhandlungen, die Moritz begonnen, dahin zu gelangen, 9 Febr. au roy Ferdinand . Von seiner Annaͤherung sagt er: lequel presseroit tant plus pour le moings la conclusion de la practique, qu’il a mehu par le duc Mauris , par laquelle me pour- roye asseurer de sa personne. — oder ihn doch aus seinem Lande zu verjagen. Das Glück der Mühlberger Schlacht be- stärkte ihn in der ersten Absicht. Als Meister Lucas Cranach den Kaiser, den er in der Jugend gemalt, und der ihn sehr gnädig empfieng, im Lager vor Wittenberg um Gnade für sei- nen gefangenen Herrn bat, ließ sich Carl vernehmen, an dem liege nicht so viel: wenn er nur den Andern auch hätte! Auch dazu knüpfte sich ihm hier noch im Lager vor Wittenberg eine Gelegenheit an, die er lebhaft ergriff, aber auf eine Weise von der man noch immer nicht genau weiß was man dazu sagen soll. Wir haben jetzt authentische Documente der verschie- densten Art: die Correspondenz der beiden vermittelnden Für- sten, Joachim II von Brandenburg und Moritz , mit dem Landgrafen; die diesem vorgelegten, von ihm abgeänderten Entwürfe; den Briefwechsel des Kaisers und seines Bruders in der Sache; ich habe noch eine ausführliche Relation vom kaiserlichen Hofe und ein von den vermittelnden Fürsten zu Halle aufgenommenes Actenstück benutzen können: bei alle dem bleiben noch einige Dunkelheiten übrig, namentlich eine, deren ich sogleich gedenken werde. Nach mancherlei frühern Unterhandlungen war noch zur Zeit jenes Lagers vor Wittenberg eine Zusammenkunft zwi- Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . schen Philipp und Moritz zu Leipzig gehalten worden, wo sich aber alles zerschlug. Der Kaiser forderte Überlieferung aller Festungen, Ergebung in Gnade und Ungnade: eben seine Festungen, in denen er seine Sicherheit auch gegen die eig- nen Vasallen sah, wünschte Landgraf Philipp vor allem zu behaupten. Er soll gesagt haben, ehe man ihm sie nehme, möge man ihn lieber gleich todtschlagen, wie einen tollen Hund. Er wollte nur eine und die andre auf bestimmte Zeit einräumen und vor allen Dingen wissen, bis wie weit sich die Ungnade erstrecken werde, der er sich unterwerfen solle. Die amtliche Relation versichert nun, Eine Schrift, betitelt: Touchant la prinse du Landgrave, im Bruͤsseler Archiv, die ich im Anhang mittheile. der Kaiser habe den vermittelnden Fürsten gesagt, er könne dem Landgrafen nicht trauen, er müsse ihn persönlich in seiner Gewalt haben; auf deren Einwendung, daß ein Fürst der sich selbst über- liefere, unmöglich auf gleichen Fuß mit demjenigen behan- delt werden könne, der mit den Waffen in der Hand gefan- gen worden sey, habe er erwiedert: auch der Landgraf, der jetzt zugleich von der Wetterau , von Nassau , durch einen Heer- haufen unter Büren , und durch die aus Sachsen anrückende Kriegsmacht bedroht werde, weiche nur der Gewalt. Nach mancherlei Hin und Herreden hätten sich dann die Churfür- sten wirklich mit der Versicherung begnügt, daß sich die Un- gnade der sich der Landgraf unterwerfe, nicht auf Leibesstrafe noch auf ewiges Gefängniß erstrecken solle. Es ist unleugbar, daß die beiden Fürsten diese Conces- sion gemacht haben: die Eingabe ist jetzt gedruckt, über welche dem Kaiser vorgetragen worden ist, und welche die Worte Unterhandlung mit Landgraf Philipp . auf das deutlichste enthält. Bei Bucholtz IX, 423: ne tournera a paine corporelle on perpetuel emprisonnement. Die deutsche Redaction bei Riederer ein wenig abweichend. Der Kaiser hat es immer be- hauptet, sie haben es nicht allein nicht geleugnet, sondern sogar förmlich anerkannt. Sie mochten wohl noch etwas gewonnen zu haben glauben, wenn der Kaiser dadurch ver- sprach, den Landgrafen besser zu behandeln als den Churfürsten, der wirklich zu ewigem Gefängniß verurtheilt worden war. Trotz alle dem, denn sie blieben mit dem Landgrafen in unaufhörlicher Verbindung, schickten sie demselben bald darauf den Entwurf einer Capitulation zu, in der hievon kein Wort stand, mit der Versicherung, er solle über die Artikel derselben weder an Leib noch Gut, auch nicht mit Schmälerung seines Landes oder mit Gefängniß beschwert werden. Wie dieß möglich war, darin eben liegt der Knoten unsrer Frage. Der Grund war nach den Erklärungen der Fürsten die- ser, daß man kaiserlicher Seits nicht wieder auf jene Bestim- mung zurückkam, sondern sich zu dem Vorschlag einer Capi- tulation solcher Art verstand, daß sich darnach eher alles andre als Gefangennehmung vermuthen ließ. Dieser Capitulation zufolge sollte der Landgraf sich al- lerdings auf Gnade und Ungnade ergeben und einen Fuß- fall thun, aber es ward ihm Verzeihung verheißen, für die er sich dankbar zu erzeigen habe: — er sollte allen Bünd- nissen absagen: die Feinde des Kaisers weder dieser Zeit noch künftig in seinem Lande dulden: diejenigen von seinen Unterthanen die noch wider denselben dienen möchten, der- gestalt abfordern, daß sie binnen vierzehn Tagen abziehen: alle seine Festungen bis auf Eine schleifen, alle sein Geschütz Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . herausgeben, so wie alle Gefangenen, auch den Herzog Hein- rich , und demselben sein Land wieder einantworten. Im Fall der Landgraf dieser Verwilligung nicht nachkomme, verspra- chen die beiden Churfürsten und sein Eidam, der Pfalzgraf von Zweibrücken , ihn dazu zu zwingen. Daß nun hiebei jene Concession eines auch nur einst- weiligen Gefängnisses im Sinne behalten seyn könne, glaub- ten die Churfürsten um so weniger, da so viele von diesen Artikeln die Voraussetzung enthielten, daß der Landgraf frei bleibe. Dieß ist der vornehmste Moment, der aus dem „Actum zu Halle “, das ich im Anhang mittheile, hervorgeht. Die Churfuͤrsten erklaͤren, „das ires teils in deme der mißverstand, das sie nicht ge- achtet, weill des landgraffen erste artikel gar abgeschlagen und in den andern von keinem gefenknus gesetzt, das des gefengknus halb einige share.“ Überdieß hatten sie schon mit König Ferdinand vor seiner Abreise aus dem Lager über die Nothwendigkeit ver- handelt, dem Landgrafen sicheres Geleit zuzusagen; der hatte denn die Vergleitung zwar selbst nicht übernehmen mögen, aber sie ihnen gestattet. Genug, sie trugen kein Bedenken dem Landgrafen, als er die Capitulation annahm und sich entschloß ins Lager zu kommen, ihr „frei, sicher, ehrlich, un- gefährlich Geleit, ab und zu, bis wieder in seinen Gewahr- sam“ zuzuschreiben: ja sie verpflichteten sich, wenn ihm ir- gend eine Beschwerde zugefügt werden sollte außer dem was in den Artikeln verzeichnet sey, so würden sie sich auf seiner Kinder Erfordern persönlich einstellen. Unter der Voraussetzung der Freiheit war nun der dem Landgrafen vorgeschlagene Vertrag noch günstig genug. Worauf alles ankam, die Integrität seines Landes, ganz an- ders als dem armen Joh. Friedrich , war ihm gesichert. Er Unterhandlung mit Landgraf Philipp . forderte zwar noch einige Abänderungen, die aber, wie er mit Recht sagte, nichts Wesentliches berührten, auch nach neuen Erwägungen größtentheils angenommen und vom Kaiser ge- nehmigt wurden. Dabei kam noch ausdrücklich vor, daß der Landgraf nicht über fünf oder sechs Tage aufgehalten zu wer- den gedenke; der Bischof von Arras wandte nichts dagegen ein: bei der definitiven Einladung in das kaiserliche Feldlager, das in diesen Tagen nach Halle verlegt worden, mußte das Geleit erneuert werden, und auch davon war bei dem Bi- schof die Rede: er ließ es ruhig geschehen. Es bleibt immer schwer einzusehn, wie so die Fürsten jene ihre erste Eingabe ganz aus der Acht ließen: aber durch so viel andre Festsetzungen hielten sie sich für vollkommen gesichert gegen die Ausführung derselben. Der Kaiser hatte dem Landgrafen versprochen, ihm unmittelbar nach der Ab- bitte eine Urkunde der Versöhnung, einen Sühnebrief zu ge- ben; zu vermuthen daß er ihn dennoch festhalten werde, schien eine Art von Beleidigung zu seyn. Als die beiden Fürsten nach Naumburg reiten wollten, um den Landgrafen nach Halle abzuholen, fragten sie noch einmal bei dem Kai- ser an, ob es sein Ernst sey den Landgrafen nicht über die abgeredete Capitulation zu beschweren. Der Kaiser erwie- derte fast ungehalten, es sey seine Sitte nicht, Jemand ge- gen die Abrede zu beschweren. Vortrag Moritzens bei seinen Landstaͤnden, Hortleder II, v , 1. Ich glaube da erst die rechte Lesart hergestellt zu haben. Daß der Kaiser den Irrthum der Churfürsten kannte, scheint mir ganz unleugbar. In denselben Tagen, am 15ten Juni, meldete er seinem Bruder, daß er den Landgrafen ge- fangen zu halten denke, wenn auch nur auf eine kleine Zeit. Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Er meint, die Churfürsten würden ihm das nicht übel neh- men können, da er der Versicherung die in jenen Artikeln enthalten sey, nicht entgegenhandle. Bei Bucholtz IX, 427. Me deliberant de quand il se viendra rendre, le faire retenir prisonnier; dont lesdits electeurs ne se pourront resentir, puisque je ne contreviendray à l’asseu- rance que j’ai donné, parlant de prison avec l’addition de per- petuelle. Er wußte demnach sehr gut, daß sie es nicht erwarteten: wie hätte er sonst fürchten können, sie würden es übel nehmen? Allein im Besitze jener ersten Eingabe fühlte er sich in seinem Recht. Seine Gewohnheit war nicht, um des Mißfallens willen, das ein deutscher Fürst empfinden könne, einen Gedanken aufzugeben, welchen er so lange gehegt, auf dessen Ausfüh- rung er so viel Werth legte. Nichts schmeichelte mehr sei- nem Selbstgefühl, als die alten Gegner, die ihm alle die Jahre daher furchtbar gewesen und ihm nicht selten ihren Willen aufgedrungen, endlich beide in seine Hände zu be- kommen. Noch an diesem Tage empfieng er ein Schreiben seines Bruders, der ihn darauf aufmerksam machte, daß sich der Landgraf nicht gutwillig zu irgend einer Art von Gefan- genschaft verstehn, er, der Kaiser, dagegen leicht das Mißver- gnügen der Churfürsten reizen und ihn selbst zur Verzweiflung bringen könne. Leitmeritz 17 Juni. Et pour ce (wenn man nemlich an- ders als mit der Gefangennehmung zu Werke gehe) ne se donne- roit occasion de sentiment aux princes electeurs. Aber Carl machte die Betrachtung, wenn er den Landgrafen festhalte, so könne er demselben ein ander Mal Gnade angedeihen lassen: dagegen ihn festzuhalten, wenn man ihn jetzt begnadige, dazu werde sich die Gelegenheit nie- mals wieder finden. — Er wollte seine Beute nicht fahren Gefangennehmung Landgraf Philipps . lassen. Mit dem Gefühl eines glücklichen Jägers sah er den Landgrafen in das Netz gehn. Man hatte ihn nie vergnüg- ter gesehen als an dem Tage dieses Fußfalls. Es war am 19ten Juni, Nachmittags vier Uhr, auf dem neuen Bau, der sogenannten Residenz zu Halle , daß diese Cerimonie vollzogen wurde. Ein mit Goldstoff bedeck- ter Thron, unter einem Baldachin, war aufgerichtet, ein gro- ßer Teppich davor ausgebreitet; der Kaiser hatte schon Platz genommen, als der Landgraf, der diesen ganzen Tag über einige Nebenpuncte der Capitulation mit den kaiserlichen Rä- then verhandeln müssen, noch auf sich warten ließ. End- lich stiegen die Fürsten im Hofe von ihren Pferden: der Landgraf erschien zwischen den beiden Churfürsten in schwarz- sammtnem Überkleid, unter welchem man eine querüberge- hende rothe Feldbinde wahrnahm — roth war die Farbe von Östreich —: er schien sehr wohlgemuth, sprach mit seinen Begleitern, und man bemerkte daß er lächle. So kniete er vor dem Teppich auf dem Estrich des Saales nieder, neben ihm sein Canzler Günterrode . Günterrode ver- las die Abbitte; der kaiserliche Canzler die Antwort, von der man im Getümmel nicht alle einzelne Worte auffas- sen konnte: doch enthielt sie allerdings die Formel, der Kai- ser wolle den Landgrafen über die getroffene Abrede nicht mit ewigem Gefängniß und Confiscation seiner Güter heim- suchen; Günterrode erwiederte mit einer Danksagung. Hie- mit glaubte der Landgraf seiner Pflicht Genüge gethan zu haben. Als der Kaiser einen Augenblick zögerte zu win- ken, stand Philipp , ungeheißen, von selbst auf. Der Kai- ser pflegte sonst den Versöhnten die Hand zu reichen: dieß Ranke D. Gesch. IV. 34 Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Mal unterließ er das. Aber wer hätte daraus auf Gefahr schließen sollen? Ohne Arg folgten die beiden Churfürsten mit ihrem Gaste, dem Landgrafen, einer Einladung des Her- zog von Alba zum Abendessen aufs Schloß. Hier aber trat nun die völlige Entwickelung dieses Er- eignisses hervor. Nach dem Essen, indem man sich in ver- schiedene Gruppen zum Spiel vertheilte, bemerkte der Her- zog den beiden Churfürsten, Landgraf Philipp werde diese Nacht bei ihm auf dem Schloß bleiben müssen. Die Fürsten, betroffen und erstaunt, erhoben die dringendsten Vorstellungen dagegen; Moritz wollte sich von seinem Schwiegervater schlech- terdings nicht trennen lassen. Keine Einwendungen aber ver- mochten hier eine Änderung hervorzubringen, und schon war es zu spät am Abend, um den Kaiser noch darüber zu sprechen. Wollte Moritz sich nicht allein entfernen, so konnte er, wie er that, mit auf dem Schloß bleiben. Genug, Philipp blieb und ward als Gefangener behandelt. Ein nicht ungewöhnliches Verfahren der Spanier. So hatte sich einst Gonsalvo de Cordova des Cesare Borgia be- mächtigt. So hat Alba selbst später Egmont und Horn in seine Gewalt gebracht. Daran ist zwar nicht zu denken, daß jene Erzählung, nach welcher in der Urkunde die Wörter einig und ewig ver- wechselt seyn sollen, wie sie lautet richtig wäre: die Sache im Ganzen angesehen, ist sie aber doch so irrig nicht. Mocenigo giebt gleichsam ein erstes Stadium der Erzaͤhlung, wenn er von dem Bischof von Arras sagt: E fama che la profession sua sia di negociare piu tosto astutamente che realnente; molti giudicano che per arte sua sia ingannato Landgravio, imperoche lui che ha la lingua tedescha maneggiò quella pratica con li doi elettori et usò seco sopra l’assecurar esso Landgravio parole Gefangennehmung Landgraf Philipps . Den andern Tag kam es nun zu heftigen Erörterun- gen zwischen den beiden Fürsten und den kaiserlichen Räthen. Die letztern beschwerten sich sogar selbst, über den Trotz den Moritz am vorigen Abend gezeigt habe, über den schlechten Ruf den man dem Kaiser mache, indem man zu verstehn gebe, er thue etwas was ihm vermöge der Übereinkunft nicht gebühre; sie zogen die Artikel hervor, auf welche er sein Verfahren be- gründete, und forderten das Geständniß, daß er befugt ge- wesen so zu handeln wie er gehandelt. Durch die Urkunde gedrängt, konnten das die beiden Fürsten am Ende nicht ableugnen; aber sie betheuerten daß sie dieselbe für längst beseitigt gehalten: in ihnen sey keine Ahnung davon aufge- kommen daß der Landgraf gefangen gehalten werden könne; indem sie an die Zusage erinnerten die sie ihm gegeben, flehten sie den Kaiser an, wenn sie oder ihre Vorfahren jemals et- was gethan, woran er Gefallen gehabt, wenn er je gedacht ihnen eine Gnade zuzuwenden, so möge es diese seyn: er möge sie nicht in diesem Unruhm stecken lassen. Hierauf versprach ihnen der Kaiser, sobald sich zeige daß man land- gräflicher Seits mit Ernst zur Ausführung der Capitulation schreite, wolle er ihnen auf weiteres Ansuchen so antworten daß sie zufrieden seyn sollten. Die Churfürsten sahen daß nicht weiter zu kommen war, und verließen das kaiserliche Hoflager. Höchlich zufrieden führte der Kaiser seine beiden equivoche, onde non essendo in tal assecuratione seguita scrit- tura, dopo ritenuto esso Landgravio esso Mons r d’ Arras ha vo- luto mantenere, che Cesare havea ben promesso non li dar pri- gion perpetua, ma non di lassarlo libero. Es trifft ziemlich, daß sich die Churfuͤrsten eine schriftliche Versicherung der Zusage auf die sie trauten als sie den Landgrafen einluden, haͤtten geben lassen sollen. 34* Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Gefangenen mit sich fort. Die Gefangennehmung des Land- grafen diente ihm auch noch dazu, daß man in Hessen nun um so rascher daran gieng, die versprochenen Geldsummen zu zah- len, die Festungen zu brechen, das Geschütz auszuliefern. Und so war denn ein Feldzug, den man anfangs für gefährlich halten mußte, auf das glücklichste beendigt. Mit dem Oberhaupte das die Waffen zuletzt in den Händen gehabt, war auch das andre, das sie vielleicht noch einmal würde haben erheben können, in die Gewalt des Kai- sers gerathen. Betrachten wir noch, wie dieß Schicksal nun auch auf Die zurückwirken mußte, die mit denselben in Verbindung gestanden. Unterwerfung von Böhmen . Noch in dem Augenblicke als der Kaiser und König gegen Johann Friedrich vorrückten, hatten die Böhmen in Antrag gebracht, der Kaiser möge dem Churfürsten verzei- hen und die ganze Macht des versammelten christlichen Vol- kes wider den Erbfeind führen. Aus ihrer Instruction an ihre G VI, 397. Eben gegen sie selbst aber richtete sich nun die im Felde wider den Churfürsten siegreich gebliebene Kriegsgewalt. So wie die Hauptsache bei Wittenberg entschieden war, wandte sich Ferdinand mit leichter und schwerer Reiterei und einem starken Feldgeschütz, das ihm sein Bruder überlassen, nach seinem Königreich. Herzog August von Sachsen führte ihm 1000 Pferde und 20 Fähnlein Knecht ; von al- Unterwerfung von Boͤhmen . len andern benachbarten Fürsten, Baiern , Pfalz , Branden- burg ward Hülfe erwartet; man sprach von der Ankunft spa- nischer Büchsenschützen und 8000 neugeworbener Husaren. So gerüstet und vorbereitet erschien der König am 3ten Juni in Leitmeritz . Die Ulmer Gesandten, 8 Juni Leitmeritz . „Der Allmech- tig verleihe seine Gnad, damit Blutvergießen und der Armen Ver- derben fuͤrkommen werde.“ Die Meinung Ferdinands war weniger, Krieg zu be- ginnen, als vielmehr den Eindruck des allgemeinen Erfolgs durch Furcht vor den eigenen Waffen zu verstärken und seine Gegner durch Abfall in ihren Reihen zu vernichten. Und sehr gut kannte er seine Leute. Auf sein Mandat, daß sich jeder, der auf Verzeihung hoffen wolle, bei ihm in Leitmeritz einfinden möge, traten über 200 Edelleute, die sich bisher zu den Ständen gehalten, zu ihm über; auch einige Städte sandten Deputirte. Mit Einem Schlag war das Bündniß gesprengt, das ihm die Krone streitig machen wollen. Es kam nur noch darauf an, daß er sich auch des Mittelpunctes und Heer- des der Bewegung, der Stadt Prag , bemächtige. Er begann damit, das Schloß besetzen zu lassen. Am 2ten Juli erschien er dann selber dort, worauf auch die Kleinseite und die Brücke genommen wurden. Noch wollte die Stadt, von dem umwohnenden Land- volk verstärkt, sich nicht fügen. Am 6ten Juli, dem Johann Hussens Tag, ließ sie noch ein Schreiben in die Kreise er- gehn, sie gegen den Überdrang des königlichen Kriegsvolks um Hülfe und Zuzug zu ersuchen. Noch schien sie entschlos- sen sich zu wehren. Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Allein schon war der König Herr im Felde. Eine Schaar von Kreistruppen die doch wirklich heranzog, ward von den Husaren zersprengt und vernichtet. Nicht die Stadt erhielt Hülfe, wohl aber der König: am 7ten Juli zog der Mar- quis von Marignano mit 8 Fähnlein Landsknechte auf der Kleinseite ein. Hierauf drang auch in Prag die Stimme der Unter- werfung durch. An demselben siebenten beschloß die Stadt sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben, wie es so viele deutsche Städte, so viele mächtige Fürsten und noch zuletzt der Landgraf von Hessen gethan habe. Jetzt erlebte nun auch Ferdinand einen jener Acte der De- müthigung, wie sie seinem Bruder so häufig zu Theil geworden. Am 8ten Juli hielt König Ferdinand auf dem großen Saale des Hradschin feierliche Sitzung: zur Rechten saß ihm sein Sohn Ferdinand , zur Linken Herzog August von Sach- sen ; eine große Anzahl geistliche und weltliche Herrn wa- ren zugegen. Vor dieser Versammlung erschienen die Primaten, Bür- germeister, Räthe, geschwornen Ältesten der drei Städte, und ein Ausschuß aus ihren Gemeinen, 100 aus der Altstadt , 100 aus der Neustadt und 40 von der Kleinseite . Der König ließ ihnen in böhmischer Sprache verlesen, was sie während des letzten Krieges gegen ihn verbrochen; zu besonderm Vorwurf machte er ihnen ihr jüngstes Schrei- ben: darüber wolle er sich „mit rechtlichem Erkenntniß gebühr- lich und rechtlich“ verhalten, und zunächst hören wie sie sich verantworten würden. Hierauf fielen sämmtliche Erschienene wie Ein Mann Unterwerfung von Boͤhmen . auf die Knie, und erklärten, sie seyen nicht gekommen, mit ihrem König und einigem Herrn zu rechten: sondern sich in seine Gnade und Ungnade zu ergeben. Sie baten die um- sitzenden Fürsten und Herrn ihre Fürbitte einzulegen, damit ihnen Verzeihung zu Theil werde. Erzherzog Ferdinand und Herzog August erhoben sich Einer nach dem andern von ihren Sitzen und baten den König um die Annahme dieser Unterwerfung; desgleichen auf einmal sich erhebend die sämmtlichen übrigen umsitzen- den Herrn. Schreiben der Ulmer Gesandten 19 Juli. Hierauf ließ der König die Erschienenen in zwei nahe Gewölbe abtreten und mit bewaffneter Hand bewachen; nach- dem er sich dann vor allem durch seine Boten erst in der Stadt erkundigen lassen, ob die Bürgerschaft auch wirklich gesinnt sey wie ihre Obern und Vertreter, eröffnete er, unter welchen Bedingungen er Verzeihung gewähren wolle. Fürwahr leicht waren sie nicht. Nicht allein sollte die Stadt ihre Bündnisse aufgeben, ihr Geschütz ausliefern, sondern sie sollte auch auf alle ihre Privilegien, alle Herr- schaften und Landschaften die sie besitze, alle Zölle und Maute die sie ziehe, Verzicht leisten, und sich der Ordnung die der König hierin treffen werde, ohne weiteres unterwerfen. Und selbst dieser strenge Spruch genügte dem König noch nicht. Er behielt sich ausdrücklich vor, alle Privat- personen die an dem Aufruhr Theil gehabt, an Leib und Leben zu strafen. Nur einen Theil der Gefangenen entließ er, auch nachdem die Bedingungen der Unterwerfung ange- nommen worden, die übrigen behielt er zu weiterer Bestra- fung zurück. Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Dieselben Urtheile ergiengen über die andern Städte. Sie verloren sämmtlich ihre Güter und Privilegien; die Schul- digsten wurden besonderer Bestrafung vorbehalten. Von Böh- men schritt das Gericht in gleicher Weise nach den Lausitzen vorwärts. Die Herrn und Ritter die sich mit den Städten verbündet und noch nicht übergetreten, mußten sich ebenfalls auf Gnade und Ungnade ergeben, und verloren dann ihre Güter, oder sahen sich genöthigt, was sie sonst frei besessen jetzt von dem König zu Lehen zu nehmen. Und hierauf erst ward wieder ein Landtag gehalten (Aug. 1547). Er ward mit einigen Hinrichtungen eröff- net: körperliche Züchtigungen der gefangen Gehaltenen folg- ten: das Schrecklichste war das Gefängniß selbst gewesen. Die Stände bestätigten die neue Ordnung der Dinge. Die königliche Gewalt schien zu einer Übermacht auf immer ge- langt zu seyn. So unermeßliche Folgen für alle Gebiete der böhmischen Krone hatte die Niederlage von Johann Friedrich . Daß man sich verbünden wollen und doch nicht wirk- lich verbunden hatte, diente zum gemeinschaftlichen Ruin. Widerstand in Niedersachsen . Von allen die mit Johann Friedrich verbündet gewe- sen, waren hierauf nur noch die niedersächsischen Städte übrig, die einzigen, die von Anfang bis Ende einen standhaften Entschluß und festen Willen bewiesen. Als jenes Kriegsvolk unter Gröningen und Wrisberg vor Bremen erschien, beschlossen Bürgermeister und Rath, mit Widerstand in Niedersachsen . Bremen . den Mordbrennern und Bösewichtern die vor ihren Mauern angekommen, sich in keinerlei Unterhandlung einzulassen: nach sechswöchentlicher Belagerung war Wrisberg genöthigt sich zurückzuziehen. Eine ernstlichere Gefahr aber trat ein, als Herzog Erich , der wie er sich ausdrückte den Auftrag empfangen, „die Stadt Bremen in kaiserlicher Maj. Gnad und Ungnad einzufördern,“ wohl gerüstet und mit Wrisberg vereinigt am 20sten April vor der Stadt erschien. Wrisberg lagerte sich bei Harstede an dem linken, Erich an dem rechten Weserufer auf dem neuen Lande, „mit vielem großen Geschütz“, sagt die Chro- nik, „unzähligen Reiterhaufen und Landsknechten, grimmig wie ein Löwe.“ Sehr drohend lauteten auch die Aufforde- rungen des Herzogs. Als kais. Maj. oberster Feldhaupt- mann sey er abgefertigt, kais. Maj. Feinde und Widerwär- tige mit Feuer und Schwert heimzusuchen; er fordere jetzt die Stadt auf kais. Maj. Gnad und Ungnad ernstlich auf: würde sie in ihrem Ungehorsam verharren, so werde er nach seines Amts Gebühr Feuer und Schwert nicht sparen, „so viel Gott Gnade giebt.“ Mittwoch nach Quasimodogeniti. (Arch. zu Bremen .) Man schätzte das Heer auf 29000 M. und in seinem Schreiben erklärte der Herzog, daß er noch Verstär- kung erwarte. Im Lager rühmten sich seine Leute, der Kai- ser habe ihnen Bremen geschenkt mit allem was darin sey: das wollten sie auch zur Beute haben oder darüber sterben. Johann Friedrich hatte oft gesagt, wenn auch alle andre Städte abfallen sollten, Bremen werde fest halten; er hatte daran gedacht, wenn Magdeburg sich nicht behaupten lasse, nach Bremen zurückzugehn. Ganz so waren Gemeinde und Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . Rath denn auch gesinnt: sie gelobten einander, sich nicht zu unterwerfen, bis nicht der unterste Stein zu oberst gekom- men. Die glückliche Vertheidigung der letzten Monate hatte ihnen neuen Muth gemacht. Auch war die Stadt auf das beste befestigt. Rings um waren doppelte Stakete aufge- richtet, an den Gräben viele tausend Pfähle in die Erde ge- graben: auf allen Wehren und Brustwehren, die man in gu- ten Stand gesetzt, waren Steine und große Mastbäume und Theerkränze angesammelt, um die Feinde zu empfangen. Nach Verlust der eignen Schiffe hatte man den befreundeten Nach- barn zu Hamburg die Beschützung der Weser anvertraut. Wir können nun hier nicht die Ereignisse der Belage- rung aufzählen, wie man Schanzen nahm und verlor, bald vor dem einen, bald vor dem andern Thore Scharmützel lie- ferte, dann wieder, fast im Style der ältesten Zeit, auf ein paar Tage Stillstand schloß, um die Todten auf beiden Seiten zu beerdigen, oder Sprache hielt, um die Gefangenen auszuwech- seln. Erich machte einmal den Versuch die Weser von den Mauern wegzuleiten, der ihm natürlich mißlang, so viele tau- send Bauern er auch dazu h eigetrieben. Auch sein Ge- schütz wirkte nicht so entschi daß er einen Sturm hätte wagen können. Obwohl er im Übergewicht war und das Land weit und breit beherrschte, so konnte er doch nicht verhindern, daß nicht noch Hülfe nach Bremen hinein gekommen wäre. So war er denn in der That noch weit vom Ziele, als Nachrichten einliefen, welche ihn die Belagerung aufzuhe- ben nöthigten. Noch im Anfang April nemlich war eine neue Verei- W. i. N. Schlacht bei Drakenborg . nigung der niedersächsischen Städte, Magdeburg , Braun- schweig , Hamburg und Bremen zu Stande gekommen: Vgl. Spangenbergs Mansfeldische Chronik, cap. 381, nach welcher Graf Albrecht Mansfeld erst am 14ten April verließ. mit dem Gelde das sie aufbrachten, hatten, wie oben berührt, Christoph von Oldenburg und Albrecht von Mansfeld eine Schaar Reiter und Landsknechte ins Feld gestellt, zu denen sich nach der Niederlage Johann Friedrichs die von diesem getrennten Haufen unter Thumshirn und Planitz gesellten: und so war es eine ganz stattliche Schaar, die sich gegen die Mitte des Mai zuerst nach dem Lande des Herzog Erich warf, um da die Feindseligkeiten die er so unerwartet be- gonnen, durch Brandschatzungen zu rächen, und dann die Weser abwärts vorrückte um ihn in seinem Lager vor Bre- men aufzusuchen. Natürlich trug Erich Bedenken, sich da fin- den zu lassen: am 22sten Mai hob er die Belagerung auf — früh am Morgen sah man die beiden Lager vor Bremen , die Brücke die zwischen denselben gebaut worden, so wie alle Häuser und Scheunen der Landbewohner umher in Brand gesteckt — und nahm seinen Weg nach der Grafschaft Hoya . Oldenburg und Mansfeld wußten nicht viel von dem Her- zog, noch dieser von ihnen, als ihre Vorposten am 23sten in der Gegend von Drakenborg plötzlich auf einander stie- ßen. Der Herzog nahm eine feste Stellung auf dem Krö- pelsberge bei Drakenborg , wo er Wrisberg , der einen an- dern Weg eingeschlagen, zu erwarten dachte: er zweifelte nicht, daß er siegen werde wie die Kaiserlichen allenthalben: seine trotzige Losung war: hilf Gott und laßt nicht leben. Auch auf das gräflich-städtische Heer machte es Eindruck, als sie Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . ihren Feind so stattlich gerüstet, in seinem Vortheile vor sich stehn sahen. Ist es aber nicht, als müßten die Norddeut- schen erst ein großes Mißgeschick erleben, um sich der tie- fern Antriebe ihres geistigen Lebens vollkommen bewußt zu werden? Dieser Haufe, der einzige der die protestantischen Fahnen noch aufrecht erhielt, war auch der erste der von dem Gefühle der Sache die er verfocht durchdrungen war. Die Prediger und Obersten erinnerten die Leute, daß sie in Vertheidigung des göttlichen Namens und Wortes begriffen seyen, welches Papst, Kaiser und der vor ihnen liegende Haufe dämpfen wolle. Alles Volk fiel drei Mal in die Knie, um Gott den einigen Nothhelfer um seinen Beistand zu bitten: zwei Psalmen wurden gesungen; dann mit dem Geschrei „Gott sey mit uns“ stürzten sie gegen die Anhöhe, auf welcher der Feind sich aufgestellt. Der ließ sein Ge- schütz abfeuern, das jedoch zu hoch gieng und keinen Scha- den that; ehe es zum zweiten Male geladen worden, war er schon von allen Seiten angegriffen, geworfen und zur Flucht genöthigt. Ein Theil des Heeres entkam mit dem Herzog glück- lich durch eine Furt der Weser; allein „mancher feine Held“, sagt die Chronik, „kam um, beides im Wasser und auf dem Sande“: man zählte vierthalbtausend Todte und über dritt- halbtausend Gefangene; die Rüstwagen und alles Geschütz fielen in die Hände der Sieger. Während man schlug, war auch Wrisberg in die Nähe gekommen: doch begnügte er sich das wenig bewachte Gepäck anzufallen und die Kriegs- casse mit sich fortzunehmen. Die Grafen hielten der Sitte gemäß auf der Wahlstatt, und nahmen dann ihren Weg nach Bremen . Hier wenigstens konnte man Pfingsten mit Widerstand in Niedersachsen . Freuden begehen. Die großen Stücke mit denen die Mauern hatten gebrochen werden sollen, wurden auf dem Domhof auf- gefahren. Schene’s und Renners Bremische Chroniken ( MS ) sind fuͤr diese Ereignisse hoͤchst unterrichtend und zuverlaͤßig. Besonders die Dar- stellung in der ersten, die der andern zu Grunde liegt, ist naiv und anschaulich. Minder ergiebig zeigt sich ein anonymes Heft: „vom Bremischen Kriege wie sich der zugetragen aō 1547.“ Sie befinden sich saͤmmtlich im Bremischen Archiv. Hierauf brachte die Stadt einige neue Fähnlein zusammen, mit denen sie die Stifter Bremen und Verden ohne viel Mühe einnahm. Sie überließ dieselben zunächst dem Grafen Albrecht , der sich damit für den Verlust seiner Häu- ser Mansfeld und Heldrungen trösten mußte, die der Kaiser erobert hatte. Glück genug, daß noch Landstriche übrig wa- ren wo das protestantische Prinzip auch in den Waffen die Oberhand behauptete! Anfangs hatte der Kaiser die Absicht gehabt, auch diese niederdeutschen Gegenden heimzusuchen: er war von seinem Bruder dringend ermahnt worden, sie ja nicht zu vernach- läßigen; jetzt aber sah er wohl ein, daß das besonders nach dem Abzug der ferdinandeischen Reiter ihm doch noch schwer werden und ihn tiefer verwickeln dürfte, als ihm wün- schenswerth war. Die Bewegungen des übrigen Europa , vor allem sein Verhältniß zum Papst, forderten seine An- wesenheit in den obern Landen und ungetheilte Aufmerksam- keit. Er kam auf den Gedanken zurück, den er im An- fange des Jahres gehegt, zuerst die allgemeinen Angelegen- heiten des Reiches in Ordnung zu bringen: wozu er jetzt eine ganz andre Autorität einsetzen konnte als ehedem. Der Widerspruch des verhaßten Bundes, der ihn 15 Jahre lang Achtes Buch. Fuͤnftes Capitel . gequält, war nun nicht mehr zu befürchten. Er durfte hof- fen, und gieng unverweilt daran, ohne sich um den Wider- stand der entfernteren Regionen zu bekümmern, die doch zu- letzt dem Ganzen folgen zu müssen schienen, seine allgemei- nen Ideen in Reich und Kirche ins Werk zu richten. Da- mit eröffnet sich uns eine andre Lage der allgemeinen Ange- legenheiten, als die wir bisher betrachtet haben. Wir wol- len damit ein neues Buch beginnen. Gedruckt bei A. W. Schade .