Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus elnes Capuziners . Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestuͤcke in Callots Manier. Zweiter Theil . Berlin , 1816 . Bei Duncker und Humblot . Die Elixiere des Teufels . Zweiter Band . II . [ 2 ] Erster Abschnitt. Der Wendepunkt. I n wessen Leben ging nicht einmal das wun¬ derbare, in tiefster Brust bewahrte, Geheim¬ niß der Liebe auf! — Wer Du auch seyn magst, der Du kuͤnftig diese Blaͤtter liesest, rufe Dir jene hoͤchste Sonnenzeit zuruͤck, schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, Dir entgegen trat. Da glaubtest Du ja nur in ihr , Dich, Dein hoͤheres Seyn zu erkennen. Weißt Du noch, wie die rauschenden Quellen, die fluͤ¬ sternden Buͤsche; wie der kosende Abendwind von ihr, von Deiner Liebe, so vernehmlich zu Dir sprachen? Siehst Du es noch, wie die Blumen Dich mit hellen freundlichen Au¬ gen anblickten, Gruß und Kuß von ihr brin¬ gend? — Und sie kam, sie wollte Dein seyn ganz und gar. Du umfingst sie voll gluͤhen¬ den Verlangens und wolltest, losgeloͤset von der Erde, auflodern in inbruͤnstiger Sehn¬ sucht! — Aber das Mysterium blieb uner¬ fuͤllt, eine finstre Macht zog stark und ge¬ waltig Dich zur Erde nieder, als Du Dich aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen Jenseits, das Dir verheißen. Noch ehe Du zu hoffen wagtest, hattest Du sie verloren, alle Stimmen, alle Toͤne waren verklungen, und nur die hoffnungslose Klage des Einsa¬ men aͤchzte grauenvoll durch die duͤstre Ein¬ oͤde. — Du, Fremder! Unbekannter! hat Dich je solch nahmenloser Schmerz zermalmt, so stimme ein in den trostlosen Jammer des er¬ grauten Moͤnchs, der in finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend, das harte Lager mit blutigen Thraͤnen netzt, dessen ban¬ ge Todesseufzer in stiller Nacht durch die duͤstren Klostergaͤnge hallen. — Aber auch Du, Du mir im Innern verwandter, auch Du glaubst es, daß der Liebe hoͤchste Seelig¬ keit, die Erfuͤllung des Geheimnisses im Tode aufgeht. — So verkuͤnden es uns die dunk¬ len weissagenden Stimmen, die aus jener, keinem irrdischen Maaßstab meßlichen Urzeit zu uns heruͤbertoͤnen, und wie in den My¬ sterien, die die Saͤuglinge der Natur feyer¬ ten, ist uns ja auch der Tod, das Weyhfest der Liebe! — — Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Athem stockte, die Pulse schlugen, krampf¬ haft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! — Hin zu ihr — hin zu ihr — sie an mich reissen in toller Liebeswuth! — „Was widerstrebst Du, Unseelige! der Macht, die Dich unaufloͤslich an mich gekettet? Bist Du nicht mein! — mein immerdar?“ Doch besser, wie damals, als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons erblickte, hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsin¬ nigen Leidenschaft. Ueberdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir, im Kreise gleichguͤltiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne daß ir¬ gend einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet haͤtte, welches mir unertraͤglich ge¬ wesen seyn wuͤrde, da ich nur sie , sehen — hoͤren — denken wollte. — — Man sage nicht, daß das einfache Haus¬ kleid das wahrhaft schoͤne Maͤdchen am be¬ sten ziere, der Putz der Weiber uͤbt einen ge¬ heimnißvollen Zauber; dem wir nicht leicht widerstehen koͤnnen. In ihrer tiefsten Natur mag es liegen, daß im Putz recht aus ihrem Innern heraus, sich alles schimmernder und schoͤner entfaltet, wie Blumen nur dann vol¬ lendet sich darstellen, wenn sie in uͤppiger Fuͤlle in bunten glaͤnzenden Farben aufge¬ brochen. — Als Du die Geliebte zum ersten mal geschmuͤckt sahst, froͤstelte da nicht ein unerklaͤrlich Gefuͤhl Dir durch Nerv und Adern? — Sie kam Dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren Reiz. Wie durchbebten Dich Wonne und namen¬ lose Luͤsternheit, wenn Du verstohlen ihre Hand druͤcken konntest! — Aurelien hatte ich nie anders als im einfachen Hauskleide ge¬ sehen, heute erschien sie, der Hofsitte gemaͤß, in vollem Schmuck. — Wie schoͤn sie war! wie fuͤhlte ich mich bei ihrem Anblick von unnennbarem Entzuͤcken, von suͤßer Wollust durchschauert! — Aber da wurde der Geist des Boͤsen maͤchtig in mir und erhob seine Stimme, der ich williges Ohr lieh. „Siehst Du es nun wohl, Medardus, so fluͤsterte es mir zu: siehst Du es nun wohl, wie Du dem Geschick gebietest, wie der Zufall, Dir untergeordnet, nur die Faden geschickt ver¬ schlingt, die Du selbst gesponnen?“ — Es gab in dem Cirkel des Hofes Frauen, die fuͤr vollendet schoͤn geachtet werden konnten, aber vor Aureliens, das Gemuͤth tief ergreifen¬ dem Liebreiz verblaßte alles wie in unschein¬ barer Farbe. Eine eigne Begeisterung regte die traͤgsten auf, selbst den aͤlteren Maͤnnern riß der Faden gewoͤhnlicher Hofconversation, wo es nur auf Woͤrter ankommt, denen von außen her einiger Sinn anfliegt, jaͤhlings ab und es war lustig, wie jeder mit sichtli¬ cher Quaal darnach rang, in Wort und Mie¬ ne recht sonntagsmaͤßig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen in holder An¬ muth hoch erroͤthend auf; aber als nun der Fuͤrst die aͤlteren Maͤnner um sich sammelte und mancher bildschoͤne Juͤngling sich schuͤch¬ tern mit freundlichen Worten Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener. Vorzuͤglich gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so daß sie bald in lebhaftem Gespraͤch begriffen schienen. Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber. Er wußte, mit geringem Aufwande harmlosschei¬ nender Mittel, Sinn und Geist aufzuregen und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den lei¬ sesten Anklang erlauschend, ließ er schnell, wie ein geschickter Spieler, alle verwandte Akkorde nach Willkuͤhr vibriren, so daß die Getaͤuschte in den fremden Toͤnen, nur ihre eigne innere Musik zu hoͤren glaubte. — Ich stand nicht fern von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken — ich wollte hin zu ihr, aber wie mit eisernen Banden gefesselt, ver¬ mochte ich nicht, mich von der Stelle zu ruͤhren. — Noch einmal den Major scharf anblickend, war es mir ploͤtzlich, als stehe Viktorin bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen Hohn: „Hey! — Hey! Du Verruchter, hast Du Dich im Teufelsgrun¬ de so weich gebettet, daß Du in toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des Moͤnchs?“ — Ich weiß nicht, ob ich diese Worte wirk¬ lich sprach, aber ich hoͤrte mich selbst lachen, und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte Hofmarschall, sanft meine Hand fassend, frug: „Woruͤber erfreuen Sie Sich so, lie¬ ber Herr Leonard?“ — Eiskalt durchbebte es mich! Waren das nicht die Worte des from¬ men Bruders Cyrill, der mich eben so frug, als er bei der Einkleidung mein freveliches Laͤcheln bemerkte? — Kaum vermochte ich, etwas unzusammenhaͤngendes herzustammeln. Ich fuͤhlte es, daß Aurelie nicht mehr in meiner Naͤhe war, doch wagte ich es nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die er¬ leuchteten Saͤle. Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen seyn; denn ich bemerkte, wie mir Alles scheu auswich, als ich die breite Haupttreppe mehr herab¬ sprang, als herabstieg. Ich mied den Hof, denn Aurelien, ohne Gefahr mein tiefstes Geheimniß zu verra¬ then, wiederzusehen, schien mir unmoͤglich. Einsam lief ich durch Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester wurde meine Ueberzeugung, daß ein dunkles Verhaͤngniß ihr Geschick in das mei¬ nige verschlungen habe, und daß das, was mir manchmal als suͤndhafter Frevel erschie¬ nen, nur die Erfuͤllung eines ewigen unab¬ aͤnderlichen Rathschlusses sey. So mich er¬ muthigend lachte ich der Gefahr, die mir dann drohen koͤnnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Moͤrder erkennen sollte. Dies duͤnkte mir jedoch uͤberdem hoͤchst unwahr¬ scheinlich. — Wie erbaͤrmlich erschienen mir nun jene Juͤnglinge, die in eitlem Wahn sich um die bemuͤhten, die so ganz und gar mein Eigen worden, daß ihr leisester Lebenshauch nur durch das Seyn in mir bedingt schien. — Was sind mir diese Grafen, diese Frei¬ herren, diese Kammerherren, diese Offiziere in ihren bunten Roͤcken — in ihrem blinkenden Golde, ihren schimmernden Orden, anders als ohnmaͤchtige, geschmuͤckte Insektlein, die ich, wird mir das Volk laͤstig, mit kraͤftiger Faust zermalme. — In der Kutte will ich unter sie treten, Aurelien braͤutlich geschmuͤckt in meinen Armen, und diese stolze feind¬ liche Fuͤrstin soll selbst das Hochzeitslager bereiten, dem siegenden Moͤnch, den sie ver¬ achtet. — In solchen Gedanken arbeitend, rief ich oft laut Aureliens Namen und lachte und heulte wie ein Wahnsinniger. Aber bald legte sich der Sturm. Ich wurde ruhiger und faͤhig, daruͤber Entschluͤsse zu fassen, wie ich nun mich Aurelien naͤhern wollte. — Eben schlich ich eines Tages durch den Park, nachsinnend, ob es rathsam sey, die Abend¬ gesellschaft zu besuchen, die der Fuͤrst ansa¬ gen lassen, als man von hinten her auf mei¬ ne Schulter klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt stand vor mir. „Erlauben Sie mir Ihren werthen Puls!“ fing er sogleich an, und griff, starr mir ins Auge blickend nach meinem Arm. „Was bedeutet das? frug ich erstaunt.“ Nicht viel, fuhr er fort: es soll hier still und heimlich einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht ban¬ ditenmaͤßig uͤberfaͤllt und ihnen eins versetzt, daß sie laut aufkreischen muͤssen, klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig' Lachen. Indessen kann alles auch nur ein Fantasma, oder jener tolle Teufel nur ein gelindes Fie¬ ber mit steigender Hitze seyn, darum erlauben Sie Ihren werthen Puls, Liebster! — „Ich versichere Sie, mein Herr! daß ich von dem Allen kein Wort verstehe!“ So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen Arm gefaßt und zaͤhlte den Puls mit zum Himmel ge¬ richtetem Blick — eins — zwei, drei. — Mir war sein wunderliches Betragen raͤthselhaft, ich drang in ihn, mir doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. „Sie wissen also nicht, werther Herr Leonard, daß Sie neu¬ lich den ganzen Hof in Schrecken und Be¬ stuͤrzung gesetzt haben? — Die Oberhofmei¬ sterin leidet bis dato an Kraͤmpfen, und der Consistorial-Praͤsident versaͤumt die wichtig¬ sten Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, uͤber seine podagrischen Fuͤße wegzurennen, so daß er, im Lehnstuhl sitzend, noch uͤber man¬ nigfache Stiche betraͤchtlich bruͤllt! — das geschah nehmlich, als Sie, wie von einiger Tollheit heimgesucht, aus dem Saale stuͤrz¬ ten, nachdem Sie ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten, daß Allen ein Grausen an¬ kam und sich die Haare straͤubten!“ — In dem Augenblick dachte ich an den Hofmar¬ schall und meinte, daß ich mich nun wohl erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu ha¬ ben, um so weniger koͤnne das aber von solch' wunderlicher Wirkung gewesen seyn, als der Hofmarschall mich ja ganz sanft ge¬ fragt haͤtte: woruͤber ich mich so erfreue? „Ey, Ey! — fuhr der Leibarzt fort: das will nichts bedeuten, der Hofmarschall ist solch ein homo impavidus , der sich aus dem Teu¬ fel selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza , obgleich erwaͤhnter Con¬ sistorial-Praͤsident wirklich meinte, der Teu¬ fel habe aus Ihnen, mein Theurer! auf seine Weise gelaͤchelt, und unsere schoͤne Aurelie von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, daß alle Bemuͤhungen der Herrschaft sie zu beruhigen, vergebens blieben, und sie bald die Gesellschaft verlassen mußte, zur Verzweiflung saͤmmtlicher Herren, denen sicht¬ lich das Liebesfeuer aus den exaltirten Tou¬ pees dampfte! In dem Augenblick, als Sie, werther Herr Leonard, so lieblich lachten, soll Aurelie mit schneidendem in das Herz drin¬ genden Ton: Hermogen! gerufen haben. Ey, ey! was mag das bedeuten? — Das koͤnnten Sie vielleicht wissen — Sie sind uͤberhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr Leonard, und es ist mir nicht unlieb, das ich Ihnen Francesko's merkwuͤrdige Ge¬ schichte anvertraut habe, das muß recht lehr¬ reich fuͤr Sie werden!“ — Immer fort hielt der Leibarzt meinen Arm fest, und sah mir starr in die Augen. — Ich weiß, sagte ich, mich ziemlich unsanft losmachend: ich weiß ihre wunderliche Reden nicht zu deuten, mein Herr, aber ich muß gestehen, daß, als ich Aurelien von den geschmuͤckten Herren umla¬ gert sah, denen, wie Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer aus den exaltirten Toupees dampfte, mir eine sehr bittre Erinnerung aus meinem fruͤheren Leben durch die Seele fuhr, und daß ich, von recht grimmigem Hohn uͤber mancher Menschen thoͤrigt' Treiben er¬ griffen, unwillkuͤhrlich hell auflachen mußte. Es thut mir leid, daß ich, ohne es zu wol¬ len, so viel Unheil angerichtet habe, und ich buͤße dafuͤr, indem ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag mir die Fuͤrstin, mag mir Aurelie verzeihen. „Ey, mein lieber Herr Leonard, versetzte der Leib¬ arzt, man hat ja wohl wunderliche Anwand¬ lungen, denen man leicht widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist. —“ Wer darf sich dessen ruͤhmen hienieden? frug ich dumpf in mich hinein. Der Leibarzt aͤnderte ploͤtzlich Blick und Ton. „Sie scheinen mir, sprach er milde und ernst: Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. — Sie sehen blaß und verstoͤrt aus — Ihr Auge ist eingefal¬ len len und brennt seltsam in roͤthlicher Glut ... Ihr Puls geht fieberhaft ... Ihre Sprache klingt dumpf ... soll ich Ihnen etwas auf¬ schreiben? — „Gift!“ sprach ich kaum vernehm¬ bar. — Ho ho! rief der Leibarzt, steht es so mit Ihnen? Nun nun, statt des Gifts das niederschlagende Mittel zerstreuender Gesell¬ schaft. — Es kann aber auch seyn daß ... Wunderlich ist es aber doch ... vielleicht — „Ich bitte Sie, mein Herr!“ rief ich ganz erzuͤrnt: Ich bitte Sie mich nicht mit abgebrochenen unverstaͤndlichen Reden zu quaͤ¬ len, sondern lieber geradezu Alles ...“ — Halt! unterbrach mich der Leibarzt: halt ... es giebt die wunderlichsten Taͤuschungen, mein Herr Leonard: beynahe ist's mir gewiß, daß man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die vielleicht in wenigen Minu¬ ten in Nichts zerfaͤllt. Dort kommt die Fuͤr¬ stin mit Aurelien, nuͤtzen Sie dieses zufaͤllige Zusammentreffen, entschuldigen Sie Ihr Be¬ tragen ... Eigentlich ... mein Gott! eigentlich II . [ 2 ] haben Sie ja auch nur gelacht . . . freylich auf etwas wunderliche Weise, wer kann aber dafuͤr, daß schwachnervige Personen daruͤ¬ ber erschrecken. Adieu! — Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die Fuͤrstin kam mit Aurelien den Gang herab.— Ich erbebte. — Mit aller Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fuͤhlte nach des Leibarztes geheimnißvol¬ len Reden, daß es nun galt, mich auf der Stelle zu behaupten. Keck trat ich den Kom¬ menden entgegen. Als Aurelie mich ins Au¬ ge faßte, sank sie mit einem dumpfen Schrei wie todt zusammen, ich wollte hinzu, mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fuͤr¬ stin fort, laut um Huͤlfe rufend. Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte ich fort durch den Park. Ich schloß mich in meine Wohnung ein, und warf mich, vor Wuth und Verzweiflung knirschend, aufs Lager! — Der Abend kam, die Nacht brach ein, da hoͤrte ich die Hausthuͤre aufschließen, mehre¬ re Stimmen murmelten und fluͤsterten durch einander, es wankte und tappte die Treppe herauf — endlich pochte man an meine Thuͤ¬ re und befahl mir, im Namen der Obrigkeit, aufzumachen. Ohne deutliches Bewußtseyn, was mir drohen koͤnne, glaubte ich zu fuͤh¬ len, daß ich nun verloren sey. Rettung durch Flucht — so dachte ich, und riß das Fenster auf. — Ich erblickte Bewaffnete vor dem Hau¬ se, von denen mich Einer sogleich bemerkte. Wohin? rief er mir zu, und in dem Augen¬ blick wurde die Thuͤre meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere Maͤnner traten herein; bei dem Leuchten der Laterne die einer von ihnen trug, erkannte ich sie fuͤr Polizeysolda¬ ten. Man zeigte mir die Ordre des Crimi¬ nalgerichts, mich zu verhaften, vor; jeder Widerstand waͤre thoͤrigt gewesen. Man warf mich in den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als ich, an den Ort, der meine Be¬ stimmung schien, angekommen, frug, wo ich mich befaͤnde? so erhielt ich zur Antwort: in den Gefaͤngnissen der obern Burg. Ich wußte, daß man hier gefaͤhrliche Verbrecher waͤhrend des Prozesses einsperre. Nicht lan¬ ge dauerte es, so wurde mein Bette gebracht, und der Gefangenwaͤrter frug mich, ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wuͤn¬ sche? Ich verneinte das, und blieb endlich al¬ lein. Die lange nachhallenden Tritte und das Auf- und Zuschließen vieler Thuͤren ließen mich wahrnehmen, daß ich mich in einem der innersten Gefaͤngnisse auf der Burg be¬ fand. Auf mir selbst unerklaͤrliche Weise war ich waͤhrend der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetaͤubung erblickte ich alle Bilder die mir voruͤbergin¬ gen nur in blassen halberloschenen Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer Gedanken und Fantasie laͤhmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen erwachte, kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was geschehen und wo ich hingebracht wor¬ den. Die gewoͤlbte ganz zellenartige Kam¬ mer wo ich lag, haͤtte mir kaum ein Gefaͤng¬ niß geschienen, wenn nicht das kleine Fen¬ ster stark mit Eisenstaͤben vergittert und so hoch angebracht gewesen waͤre, daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand errei¬ chen, viel weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam hinein; mich wandelte die Lust an, die Um¬ gebungen meines Aufenthaltes zu erforschen, ich ruͤckte daher mein Bette heran und stellte den Tisch darauf. Eben wollte ich hinauf¬ klettern, als der Gefangenwaͤrter hereintrat und uͤber mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich, was ich da mache, ich erwiederte, daß ich nur hinausschauen wollen; schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloß mich sogleich wie¬ der ein. Nicht eine Stuude hatte es ge¬ dauert, als er, von zwei andern Maͤnnern begleitet, wieder erschien und mich durch lan¬ ge Gaͤnge Trepp' auf, Trepp' ab fuͤhrte, bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat, wo mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite saß ein junger Mann, dem er in der Folge Alles, was ich auf die an mich gerichtete Fragen erwiedert hatte, laut in die Feder diktirte. Meinen ehemaligen Ver¬ haͤltnissen bei Hofe und der allgemeinen Ach¬ tung, die ich in der That so lange genossen hatte, mochte ich die hoͤfliche Art danken, mit der man mich behandelte, wiewohl ich auch die Ueberzeugung darauf baute, daß nur Vermuthungen, die hauptsaͤchlich auf Aure¬ liens ahnendes Gefuͤhl beruhen konnten, mei¬ ne Verhaftung veranlaßt hatten. Der Rich¬ ter forderte mich auf, meine bisherigen Le¬ bensverhaͤltnisse genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die Ursache meiner ploͤtzlichen Verhaftung zu sagen, er erwiederte, daß ich uͤber das mir Schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug vernommen wer¬ den solle. Jetzt komme es nur darauf an, meinen ganzen Lebenslauf bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen, und er muͤsse mich daran erinnern, daß es dem Criminalgericht nicht an Mitteln fehlen wuͤrde, auch dem kleinsten von mir angege¬ benen Umstande nachzuspuͤren, weshalb ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben moͤge. Diese Ermahnung, die der Richter, ein kleiner duͤrrer Mann mit fuchsrothen Haaren, mit heiserer, laͤcherlich quaͤckender Stimme mir hielt, indem er die grauen Au¬ gen weit aufriß, fiel auf einen fruchtbaren Boden; denn ich erinnerte mich nun daß ich in meiner Erzaͤhlung den Faden genau so aufgreifen und fortspinnen muͤsse, wie ich ihn angelegt, als ich bei Hofe meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl noͤthig, alles Auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltaͤgliche, aber weit Entfern¬ te, Ungewisse zu spielen, so daß die weitern Nachforschungen dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten. In dem Augenblicke kam mir auch ein junger Pole ins Gedaͤchtniß, mit dem ich auf dem Seminar in B. studirte; ich beschloß, seine einfachen Lebensumstaͤnde mir anzueignen. So geruͤstet, begann ich in folgender Art: „Es „mag wohl seyn, daß man mich eines schwe¬ „ren Verbrechens beschuldigt, ich habe indes¬ „sen hier unter den Augen des Fuͤrsten und „der ganzen Stadt gelebt, und es ist waͤhrend „der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbre¬ „chen veruͤbt worden, fuͤr dessen Urheber ich „gehalten werden oder dessen Theilnehmer „ich seyn koͤnnte. Es muß also ein Fremder „seyn, der mich eines in fruͤherer Zeit be¬ „gangenen Verbrechens anklagt, und da ich „mich von aller Schuld voͤllig rein fuͤhle, so „hat vielleicht nur eine ungluͤckliche Aehnlich¬ „keit die Vermuthung meiner Schuld erregt; „um so haͤrter finde ich es aber, daß man „mich leerer Vermuthungen und vorgefaßter „Meinungen wegen, dem uͤberfuͤhrten Verbre¬ „cher gleich, in ein strenges Criminal-Ge¬ „faͤngniß sperrt. Warum stellt man mich nicht „meinem leichtsinnigen, vielleicht boshaften „Anklaͤger unter die Augen? ... Gewiß ist es „am Ende ein alberner Thor, der ...“ Ge¬ mach, gemach Herr Leonard, quaͤckte der Richter: menagiren Sie sich, Sie koͤnnten sonst garstig anstoßen gegen hohe Personen, und die fremde Person, die Sie, mein Herr Leonard, oder Herr ... (er biß sich schnell in die Lippen) erkannt hat, ist auch weder leicht¬ sinnig noch albern, sondern ... Nun, und dann haben wir gute Nachrichten aus der“ ... Er nannte die Gegend, wo die Guͤter des Barons F. lagen und Alles klaͤrte sich dadurch mir deutlich auf. Entschieden war es, daß Aurelie in mir den Moͤnch erkannt hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Moͤnch war ja aber Medardus, der beruͤhmte Canzelred¬ ner aus dem Capuzinerkloster in B. Als die¬ sen hatte ihn Reinhold erkannt und so hat¬ te er sich auch selbst kund gethan. Daß Fran¬ cesko der Vater jenes Medardus war, wu߬ te die Aebtissin, und so mußte meine Aehn¬ lichkeit mit ihm, die der Fuͤrstin gleich An¬ fangs so unheimlich worden, die Vermuthun¬ gen, welche die Fuͤrstin und die Aebtissin vielleicht schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur Gewißheit erheben. Moͤg¬ lich war es auch, daß Nachrichten selbst aus dem Capuziner Kloster in B. eingeholt worden; daß man meine Spur genau verfolgt und so die Identitaͤt meiner Person mit dem Moͤnch Medardus festgestellt hatte. Alles dieses uͤberdachte ich schnell, und sah die Gefahr meiner Lage. Der Richter schwatzte noch fort, und dies brachte nur Vortheil, denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens ge¬ suchte Name des polnischen Staͤdtchens ein, das ich der alten Dame bei Hofe als mei¬ nen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete daher der Richter seinen Sermon mit der barschen Aeußerung, daß ich nun ohne wei¬ teres meinen bisherigen Lebenslauf erzaͤhlen solle, als ich anfing: „Ich heiße eigentlich „Leonard Krczynski und bin der einzige „Sohn eines Edelmanns der sein Guͤtchen „verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo „aufhielt.“ Wie, was? — rief der Richter, in¬ dem er sich vergebens bemuͤhte, meinen, so wie den Nahmen meines angeblichen Ge¬ burtsorts, nachzusprechen. Der Protokollfuͤh¬ rer wußte gar nicht, wie er die Woͤrter auf¬ schreiben sollte; ich mußte beide Namen selbst einruͤcken, und fuhr dann fort: „Sie bemerken, „mein Herr, wie schwer es der deutschen „Zunge wird, meinen Consonantenreichen Na¬ „men nachzusprechen und darin liegt die Ur¬ „sache, warum ich ihn, so wie ich nach „Deutschland kam, wegwarf und mich bloß „nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. „Uebrigens kann keines Menschen Lebenslauf „einfacher seyn, als der meinige. Mein Va¬ „ter, selbst ziemlich unterrichtet, billigte mei¬ „nen entschiedenen Hang zu den Wissenschaf¬ „ten, und wollte mich eben nach Krakau zu ei¬ „nem ihm verwandten Geistlichen, Stanis¬ „law Krczynski schicken, als er starb. Nie¬ „mand bekuͤmmerte sich um mich, ich ver¬ „kaufte die kleine Habe, zog einige Schul¬ „den ein, und begab mich wirklich mit dem „ganzen mir von meinem Vater hinterlasse¬ „nenen Vermoͤgen nach Krakau, wo ich ei¬ „nige Jahre unter meines Verwandten Auf¬ „sicht studirte. Dann ging ich nach Danzig „und nach Koͤnigsberg. Endlich trieb es mich, „wie mit unwiderstehlicher Gewalt, eine Reise „nach dem Suͤden zu machen; ich hoffte, mich „mit dem Rest meines kleinen Vermoͤgens „durchzubringen und dann eine Anstellung „bei irgend einer Universitaͤt zu finden, doch „waͤre es mir hier beinahe schlimm ergan¬ „gen, wenn nicht ein betraͤchtlicher Gewinn „an der Farobank des Fuͤrsten mich in den „Stand gesetzt haͤtte, hier noch ganz gemaͤch¬ „lich zu verweilen und dann, wie ich es in „Sinn hatte, meine Reise nach Italien fort¬ „zusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, „das werth waͤre, erzaͤhlt zu werden, hat „sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. „Doch muß ich wohl noch erwaͤhnen, daß „es mir leicht gewesen seyn wuͤrde, die Wahr¬ „heit meiner Angaben ganz unzweifelhaft „nachzuweisen, wenn nicht ein ganz beson¬ „derer Zufall mich um meine Brieftasche ge¬ „bracht haͤtte, worin mein Paß, meine Rei¬ „seroute und verschiedene andere Scripturen „befindlich waren, die jenem Zweck gedient „haͤtten.“ — Der Richter fuhr sichtlich auf, er sah mich scharf an, und frug mit beinahe spoͤttischem Ton, welcher Zufall mich denn außer Stande gesetzt haͤtte, mich, wie es verlangt werden muͤßte, zu legitimiren. „Vor „mehreren Monathen, so erzaͤhlte ich: be¬ „fand ich mich auf dem Wege hieher im Ge¬ „buͤrge. Die anmuthige Jahreszeit, so wie „die herrliche romantische Gegend bestimm¬ „ten mich, den Weg zu Fuße zu machen. Er¬ „muͤdet saß ich eines Tages in dem Wirths¬ „hause eines kleinen Doͤrfchens; ich hatte „mir Erfrischungen reichen lassen und ein „Blaͤttchen aus meiner Brieftasche genom¬ „men, um irgend Etwas, das mir eingefallen „aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir „auf dem Tische. Bald darauf kam ein Rei¬ „ter daher gesprengt, dessen sonderbare Klei¬ „dung und verwildertes Ansehen meine Auf¬ „merksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer, „forderte einen Trunk und setzte sich, finster „und scheu mich anblickend, mir gegenuͤber „an den Tisch. Der Mann war mir unheim¬ „lich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald „darauf kam auch der Reiter, bezahlte den „Wirth und sprengte, mich fluͤchtig gruͤßend, „davon. Ich stand im Begriff, weiter zu ge¬ „hen, als ich mich der Brieftasche erinnerte, „die ich in der Stube auf dem Tische liegen „lassen; ich ging hinein und fand sie noch auf „dem alten Platz. Erst des andern Tages, als ich „die Brieftasche hervorzog, entdeckte ich, daß „es nicht die meinige war, sondern daß sie wahr¬ „scheinlich dem Fremden gehoͤrte, der gewiß aus „Irrthum die meinige eingesteckt hatte. Nur „einige mir unverstaͤndliche Notizen und „mehrere an einen Grafen Viktorin gerich¬ „tete Briefe befanden sich darin. Diese Brief¬ „tasche nebst dem Inhalt wird man noch un¬ „ter meinen Sachen finden; in der meinigen „hatte ich, wie gesagt, meinen Paß, meine „Reiseroute und, wie mir jetzt eben einfaͤllt, „sogar meinen Taufschein; um das Alles bin „ich durch jene Verwechslung gekommen.“ — Der Richter ließ sich den Fremden, dessen ich erwaͤhnt, von Kopf bis zu Fuß beschrei¬ ben, und ich ermangelte nicht, die Figur mit aller nur moͤglichen Eigenthuͤmlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufuͤgen. Nicht aufhoͤren konnte der Richter, mich uͤber die kleinsten Umstaͤnde dieser Begebenheit auszufragen, und indem ich Alles befriedigend beantwortete, ruͤndete sich das Bild davon so in meinem Innern, daß ich selbst daran glaubte, und keine Gefahr lief, mich in Wi¬ derspruͤche zu verwickeln. Mit Recht konnte ich es uͤbrigens wohl fuͤr einen gluͤcklichen Gedanken halten, wenn ich, den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in der That sich noch im Portefeuille be¬ fanden, rechtfertigend, zugleich eine fingirte Person einzuflechten suchte, die kuͤnftig, je nachdem die Umstaͤnde darauf hindeuteten, den entflohenen Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte . Dabei fiel mir ein, daß vielleicht unter Euphemiens Papie¬ pieren sich Briefe vorfanden, die uͤber Vikto¬ rins Plan, als Moͤnch im Schlosse zu er¬ scheinen, Aufschluß gaben, und daß dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren koͤnne. Meine Fantasie arbeitete fort indem der Richter mich frug, und es entwickelten sich mir im¬ mer neue Mittel, mich vor jeder Entdek¬ kung zu sichern, so daß ich auf das aͤrgste gefaßt zu seyn glaubte. — Ich erwartete nun, da uͤber mein Leben im Allgemeinen Alles genug eroͤrtert schien, daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen naͤher kommen kommen wuͤrde, es war aber dem nicht so; vielmehr frug er, warum ich habe aus dem Gefaͤngniß entfliehen wollen? — Ich versicherte, daß mir dies nicht in den Sinn gekommen sey. Das Zeugniß des Gefangenwaͤrters, der mich an das Fenster hinaufkletternd angetrof¬ fen, schien aber wider mich zu sprechen. Der Richter drohte mir, daß ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle. Ich wurde in den Kerker zuruͤckgefuͤhrt. — Man hatte mir das Bette genommen und ein Stroh¬ lager auf dem Boden bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des Stuhles fand ich ei¬ ne sehr niedrige Bank. Es vergingen drei Tage, ohne daß man weiter nach mir frug, ich sah nur das muͤrrische Gesicht eines al¬ ten Knechts, der mir das Essen brachte, und Abends die Lampe ansteckte. Da ließ die ge¬ spannte Stimmung nach, in der es mir war, als stehe ich im lustigen Kampf auf Leben und Tod, den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein [ 5 ] truͤbes duͤstres Hinbruͤten, Alles schien mir gleichguͤltig, selbst Aureliens Bild war ver¬ schwunden. Doch bald ruͤttelte sich der Geist wieder auf, aber nur um staͤrker von dem un¬ heimlichen, krankhaften Gefuͤhl befangen zu werden, das die Einsamkeit, die dumpfe Ker¬ kerluft erzeugt hatte, und dem ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den wunderlichen Reflexen, die der duͤstre flackernde Schein der Lampe an Waͤnde und Decke warf, grinzten mich aller¬ lei verzerrte Gesichter an; ich loͤschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber graͤßlicher toͤnte dann das dumpfe Stoͤh¬ nen, das Kettengerassel der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als hoͤre ich Euphemiens — Vikto¬ rins Todesroͤcheln: „Bin ich denn Schuld an euerm Verderben? war't ihr es nicht selbst, Verruchte! die ihr euch hingabt mei¬ nem raͤchenden Arm?“— So schrie ich laut auf, aber dann ging ein langer, tief ausath¬ mender Todesseufzer durch die Gewoͤlbe, und in wilder Verzweiflung heulte ich: „Du bist es Hermogen! ... nah ist die Rache! ... Keine Rettung mehr!“ — In der neunten Nacht mochte es seyn, als ich, halb ohnmaͤchtig von Grauen und Entsetzen, auf dem kalten Boden des Gefaͤngnisses ausgestreckt lag. Da ver¬ nahm ich deutlich unter mir ein leises, abge¬ messenes Klopfen. Ich horchte auf, das Klopfen dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor! — Ich sprang auf, und warf mich auf das Strohlager, aber immer fort klopfte es, und lachte und stoͤhnte dazwischen. — Endlich rief es leise, leise, aber wie mit haͤßlicher, hei¬ serer, stammelnder Stimme hinter einander fort: Med-ar-dus! Me-dar-dus!—Ein Eis¬ strom goß sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief: Wer da! Wer ist da? — Lauter lachte es nun, und stoͤhnte und aͤchzte und klopfte und stammelte heiser: Me¬ dar-dus ... Me-dar-dus! — Ich raffte mich auf vom Lager. „Wer Du auch bist, der Du hier tollen Spuk treibst, stell Dich her sicht¬ barlich vor meine Augen, daß ich dich schauen mag, oder hoͤre auf mit Deinem wuͤsten Lachen und Klopfen!“— So rief ich in die dicke Fin¬ sterniß hinein, aber recht unter meinen Fuͤßen klopfte es staͤrker und stammelte: Hihihi ... hihihi... Bruͤ-der-lein ... Bruͤ-der-lein ... Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma¬ mach auf ... auf... wir wo-wollen in den Wa- Wald gehn... Wald gehn! — Jetzt toͤnte die Stimme dunkel in meinem Innern wie be¬ kannt; ich hatte sie schon sonst gehoͤrt, doch nicht, wie mich es duͤnkte, so abgebrochen und so stammelnd. Ja mit Entsetzen glaubte ich, meinen eignen Sprachton zu vernehmen. Unwillkuͤhrlich, als wollte ich versuchen, ob es dem so sey, stammelte ich nach: Me-dar- dus ... Me-dar-dus! Da lachte er wieder, aber hoͤhnisch und grimmig, und rief: Bruͤ¬ der-lein ... Bruͤ-der-lein, hast ... Du, Du mi¬ mich erkannt ... erkannt? ... ma-mach auf ... wir wo-wollen in den Wa-Wald ... in den Wald! — „Armer Wahnsinniger, so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus: Armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann ich Dir, nicht heraus mit Dir in den schoͤnen Wald, in die herrliche freye Fruͤhlingsluft, die draußen wehen mag; eingesperrt im dumpfen duͤstern Kerker bin ich wie Du!“ — Da aͤchzte es im trostlosen Jammer, und immer leiser und unvernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich ganz schwieg; der Morgen brach durch das Fenster, die Schloͤsser rasselten, und der Kerkermeister, den ich die ganze Zeit uͤber nicht gesehen, trat herein. „Man hat, fing er an: in dieser Nacht allerlei Laͤrm in Ihrem Zimmer gehoͤrt und lautes Sprechen. Wie ist es damit?“ — Ich habe die Gewohn¬ heit, erwiederte ich so ruhig, als es mir nur moͤglich war: laut und stark im Schlafe zu reden, und fuͤhrte ich auch im Wachen Selbst¬ gespraͤche, so glaube ich, daß mir dies wohl erlaubt seyn wird. — „Wahrscheinlich, fuhr der Kerkermeister fort: ist Ihnen bekannt wor¬ den, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverstaͤndniß mit den Mitgefangenen hart geahndet wird.“ — Ich betheuerte, nichts der¬ gleichen haͤtte ich vor. Ein paar Stunden nachher fuͤhrte man mich hinauf zum Cri¬ minal Gericht. Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziem¬ lich junger Mann, dem ich auf den ersten Blick anmerkte, daß er dem vorigen an Ge¬ wandtheit und eindringenden Sinn weit uͤber¬ legen seyn muͤsse, trat freundlich auf mich zu, und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er war fuͤr seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Guͤte und Gemuͤthlichkeit, daß ich wohl fuͤhlte, gerade deshalb muͤsse jeder nicht ganz verstockte Ver¬ brecher ihm schwer widerstehen koͤnnen. Sei¬ ne Fragen warf er leicht, beinahe im Con¬ versationston hin, aber sie waren uͤberdacht und so praͤcis gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. „Ich muß Sie „zufoͤrderst fragen, (so fing er an) ob alles „das, was Sie uͤber Ihren Lebenslauf an¬ „gegeben haben, wirklich gegruͤndet ist, oder „ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht „dieser oder jener Umstand einfiel, den Sie „noch erwaͤhnen wollen?“ Ich habe Alles gesagt, was ich uͤber mein einfaches Leben zu sagen wußte. „Haben Sie nie mit Geistlichen ... mit „Moͤnchen Umgang gepflogen?“ Ja, in Krakau ... Danzig ... Frauen¬ burg ... Koͤnigsberg. Am letztern Ort mit den Weltgeistlichen die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt waren. „Sie haben fruͤher nicht erwaͤhnt, daß „Sie auch in Frauenburg gewesen sind?“ Weil ich es nicht der Muͤhe werth hielt, eines kurzen, wie mich duͤnkt achttaͤgigen Au¬ fenthalts dort, auf der Reise von Danzig nach Koͤnigsberg, zu erwaͤhnen. „Also in Kwiecziczewo sind Sie gebohren?“ Dies frug der Richter ploͤtzlich in polnischer Sprache, und zwar in aͤcht polnischem Dia¬ lekt, jedoch ebenfalls ganz leicht hin. Ich wurde in der That einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krcszinski im Seminar gelernt hat¬ te, und antwortete: Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo. „Wie hieß dieses Gut?“ Krcziniewo, das Stammgut meiner Fa¬ milie. „Sie sprechen, fuͤr einen Nationalpolen, „das Polnische nicht sonderlich aus. Auf¬ „richtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. „Wie kommt das?“ Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als Deutsch. Ja selbst schon in Krakau hat¬ te ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir erlernen wollten; unver¬ merkt mag ich ihren Dialekt mir angewoͤhnt haben, wie man leicht provinzielle Ausspra¬ che annimmt, und die bessere, eigenthuͤmliche daruͤber vergißt. Der Richter blickte mich an, ein leises Laͤcheln flog uͤber sein Gesicht, dann wandte er sich zum Protokollfuͤhrer und diktirte ihm leise etwas. Ich unterschied deutlich die Wor¬ te: „sichtlich in Verlegenheit“ und wollte mich eben noch mehr uͤber mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter frug: „Waren Sie niemals in B.?“ Niemals! „Der Weg von Koͤnigsberg hieher kann „Sie uͤber den Ort gefuͤhrt haben?“ Ich habe eine andere Straße eingeschlagen. „Haben Sie nie einen Moͤnch aus dem „Capuzinerkloster in B. kennen gelernt?“ Nein! Der Richter klingelte, und gab dem her¬ eintretenden Gerichtsdiener leise einen Befehl. Bald darauf oͤffnete sich die Thuͤre, und wie durchbebten mich Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter frug: „Kennen Sie diesen Mann?“ Nein! ... ich habe ihn fruͤher niemals gesehen! Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er naͤher; er schlug die Haͤnde zusammen, und rief laut, indem Thraͤ¬ nen ihm aus den Augen gewaltsam hervor¬ quollen: „Medardus, Bruder Medardus! ... um Christus willen, wie muß ich Dich wie¬ derfinden, im Verbrechen teuflisch frevelnd. Bruder Medardus, gehe in Dich, bekenne, bereue ... Gottes Langmuth ist unendlich!“ — Der Richter schien mit Cyrillus Rede unzufrie¬ den, er unterbrach ihn mit der Frage: „Er¬ „kennen Sie diesen Mann fuͤr den Moͤnch „Medardus aus den Capuzinerkloster in B.?“ So wahr mir Christus helfe zur Seelig¬ keit, erwiederte Cyrillus: so kann ich nicht anders glauben, als daß dieser Mann, traͤgt er auch weltliche Kleidung, jener Medardus ist, der im Capuzinerkloster zu B. unter mei¬ nen Augen Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rothe Zeichen ei¬ nes Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann ... „Sie bemerken, un¬ terbrach der Richter den Moͤnch, sich zu mir wendend: daß man Sie fuͤr den Capuziner Medardus aus dem Kloster in B. haͤlt, und daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Moͤnch, so wird es Ihnen leicht werden, dies darzuthun; eben daß jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse traͤgt, — welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben koͤnnen — giebt Ihnen die beste Gelegenheit dazu. Entbloͤßen Sie Ihren Hals,“ — Es bedarf dessen nicht, erwiederte ich gefaßt, ein besonderes Ver¬ haͤngniß scheint mir die treueste Aehnlichkeit mit jenem angeklagten, mir gaͤnzlich unbe¬ kannten, Moͤnch Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rothes Kreuzzeichen trage ich an der linken Seite des Halses. — Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse, die mir das diamantne Kreuz der Aebtissin zufuͤgte, hatte eine rothe kreuzfoͤrmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konn¬ te. „Entbloͤßen Sie Ihren Hals, wiederholte der Richter.“ — Ich that es, da schrie Cyrillus laut: „Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das rothe Kreuzzeichen! ... Medardus ... Ach, Bruder Medardus, hast Du denn ganz entsagt dem ewigen Heil?“ — Weinend und halb ohnmaͤchtig sank er in einen Stuhl. „Was erwiedern Sie auf die Behauptung die¬ ses ehrwuͤrdigen Geistlichen,“ frug der Rich¬ ter. In dem Augenblick durchfuhr es mich wie eine Blitzesflamme; alle Verzagtheit, die mich zu uͤbermannen drohte, war von mir ge¬ wichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zufluͤsterte: Was vermoͤgen diese Schwaͤchlinge gegen Dich Starken in Sinn und Geist? ... Soll Aurelie denn nicht Dein werden? — Ich fuhr heraus beinahe in wildem, hoͤnendem Trotz: „Dieser Moͤnch da, der ohn¬ maͤchtig im Stuhle liegt, ist ein schwachsin¬ niger, bloͤder Greis, der in toller Einbildung mich fuͤr irgend einen verlaufenen Capuziner seines Klosters haͤlt, von dem ich vielleicht eine fluͤchtige Aehnlichkeit trage.“ — Der Rich¬ ter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben, ohne Blick und Ton zu aͤndern; zum ersten¬ mal verzog sich nun sein Gesicht zum fin¬ stern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf ins Auge. Ich muß ge¬ stehen, selbst das Funkeln seiner Glaͤser hat¬ te fuͤr mich etwas Unertraͤgliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter reden; von innerer verzweifelnder Wuth grimmig erfaßt, die ge¬ ballte Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: Aurelie! — „Was soll das, was bedeu¬ det der Name? frug der Richter heftig.“ — Ein dunkles Verhaͤngniß opfert mich dem schmach¬ vollen Tode, sagte ich dumpf, aber ich bin unschuldig, gewiß ... ich bin ganz unschuldig ... entlassen Sie mich ... haben Sie Mitlei¬ den ... ich fuͤhle es, daß Wahnsinn mir durch Nerv und Adern zu toben beginnt ... entlas¬ sen Sie mich! — Der Richter, wieder ganz ruhig geworden, diktirte dem Protokollfuͤhrer vieles, was ich nicht verstand, endlich las er mir eine Verhandlung vor, worin alles was er gefragt und was ich geantwortet, so wie, was sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeich¬ net war. Ich mußte meinen Namen unter¬ schreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend etwas polnisch und deutsch aufzuzeich¬ nen, ich that es. Der Richter nahm das deutsche Blatt, und gab es dem Pater Cyril¬ lus, der sich unterdessen wieder erholt hatte, mit der Frage in die Haͤnde: „Haben die¬ se Schriftzuͤge Aehnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb?“ — Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten Eigenthuͤmlichkeiten, erwiederte Cy¬ rillus, und wandte sich wieder zu mir. Er wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerk¬ sam durch, dann stand er auf, trat dicht vor mir hin, und sagte mit sehr ernstem, entschei¬ dendem Ton: „Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt so, waͤre er auch viel weniger wis¬ senschaftlich ausgebildet, als Sie es sind.“ Ich bin in Krcziniewo geboren, folg¬ lich allerdings ein Pole. Selbst aber in dem Fall, daß ich es nicht waͤre, daß geheim¬ nißvolle Umstaͤnde mich zwaͤngen, Stand und Namen zu verlaͤugnen, so wuͤrde ich deshalb doch nicht der Capuziner Medardus seyn duͤr¬ fen, der aus dem Kloster in B., wie ich glau¬ ben muß, entsprang. „Ach Bruder Medardus, fiel Cyrillus ein: schickte Dich unser ehrwuͤrdiger Prior Leonar¬ dus nicht im Vertrauen auf Deine Treue und Froͤmmigkeit nach Rom? ... Bruder Medar¬ dus! um Christus willen, verlaͤugne nicht laͤnger auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem Du entronnen.“ Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen, sagte der Richter, und fuhr dann, sich zu mir wendend, fort: „Ich muß Ihnen bemerklich machen, wie die unverdaͤchtige Aussage dieses ehrwuͤr¬ digen Herrn, die dringendste Vermuthung bewirkt, daß Sie wirklich der Medardus sind, fuͤr den man Sie haͤlt. Nicht verhelen mag ich auch, daß man Ihnen mehrere Personen entgegen stellen wird, die Sie fuͤr jenen Moͤnch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet sich eine, die Sie, treffen die Vermuthungen ein, schwer fuͤrch¬ ten muͤssen. Ja selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich Manches gefunden, was den Verdacht wider Sie unterstuͤzt. Endlich wer¬ den bald die Nachrichten uͤber Ihre vorgeb¬ liche Familienumstaͤnde eingehen, um die man die Gerichte in Posen ersucht hat. ... Alles dieses dieses sage ich Ihnen offner, als es mein Amt gebietet, damit Sie sich uͤberzeugen, wie wenig ich auf irgend einen Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermuthungen Grund, zum Gestaͤndniß der Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie Sich vor, wie Sie wollen; sind Sie wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie, daß der Blick des Richters die tiefste Verhuͤllung bald durchdringen wird!; Sie werden dann auch selbst sehr genau wis¬ sen, welcher Verbrechen man Sie anklagt. Sollten Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczinski seyn, fuͤr den Sie Sich aus¬ geben, und ein besonderes Spiel der Natur Sie, selbst Ruͤcksichts besonderer Abzeichen, jenem Medardus aͤhnlich gemacht haben, so werden Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar nachzuweisen. Sie schienen mir erst in einem sehr exaltirten Zustande, schon deshalb brach ich die Verhandlung ab, indessen woll¬ te ich Ihnen zugleich auch Raum geben zum reiflichen Nachdenken. Nach dem was heu¬ II . [ 4 ] te geschehen, kann es Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen.“ Sie halten also meine Angaben durchaus fuͤr falsch? ... Sie sehen in mir den verlau¬ fenen Moͤnch Medardus? — So frug ich; der Richter sagte mit einer leichten Verbeugung: Adieu, Herr von Krczinski! und man brachte mich in den Kerker zuruͤck. Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie gluͤhende Stacheln. Alles was ich vorgegeben, kam mir seicht und ab¬ geschmackt vor. Daß die Person, der ich entgegengestellt werden, und die ich so schwer zu fuͤrchten haben sollte, Aurelie seyn mußte, war nur zu klar. Wie sollt' ich das ertra¬ gen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen wohl verdaͤchtig seyn koͤnne, da fiel es mir schwer auf's Herz, daß ich noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besaß, so wie, daß Vik¬ torins Felleisen, das ich auf meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem Capuzi¬ ner-Strick war! — Ich hielt mich fuͤr verloren! — Verzweifelnd rannte ich den Kerker auf und ab. Da war es, als fluͤsterte, als zischte es mir in die Ohren: Du Thor, was verzagst du? denkst du nicht an Vikto¬ rin? — Laut rief ich: Ha! nicht verloren, ge¬ wonnen ist das Spiel. Es arbeitete und kochte in meinem Innern! — Schon fruͤher hatte ich daran gedacht, daß unter Euphe¬ miens Papieren sich wohl etwas gefunden haben muͤsse, was auf Viktorins Erscheinen auf dem Schlosse als Moͤnch hindeute. Da¬ rauf mich stuͤtzend, wollte ich auf irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin, ja selbst mit dem Medardus fuͤr den man mich hielt, vorgeben; jenes Abentheuer auf dem Schlosse, das so fuͤrchterlich endete, als von Hoͤrensagen erzaͤhlen, und mich selbst, mei¬ ne Aehnlichkeit mit jenen Beiden, auf unschaͤd¬ liche Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand mußte reiflich erwogen wer¬ den; aufzuschreiben beschloß ich daher den Roman, der mich retten sollte! — Man be¬ bewilligte mir die Schreibematerialien, die ich forderte, um schriftlich noch manchen ver¬ schwiegenen Umstand meines Lebens zu eroͤr¬ tern. Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die Nacht hinein; im Schreiben erhizte sich meine Fantasie, alles formte sich wie eine geruͤndete Dichtung, und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Luͤgen, wo¬ mit ich dem Richter die Wahrheit zu ver¬ schleiern hoffte. Die Burgglocke hatte zwoͤlfe geschlagen, als sich wieder leise und entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstoͤrt hatte. — Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlaͤ¬ gen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen und zu aͤchzen. — Stark auf dem Tisch schlagend, rief ich laut: Still ihr da drunten! und glaubte mich so von dem Grau¬ en, das mich befing, zu ermuthigen; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewoͤlbe, und stammelte: Bruͤ-der-lein, Bruͤ¬ der-lein ... zu dir her-auf ... herauf ... ma- mach auf ... mach auf! — Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und aͤchzte; staͤrker und immer staͤrker wurde das Ge¬ raͤusch, das Rasseln, das Kratzen — dazwischen dumpfdroͤhnende Schlaͤge wie das Fallen schwe¬ rer Massen. — Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da ruͤhrte es sich un¬ ter meinem Fuß, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich ein Stein des Pflasters losbroͤckelte. Ich er¬ faßte ihn, und hob ihn mit leichter Muͤhe vollends heraus. Ein duͤstrer Schein brach durch die Oeffnung, ein nackter Arm mit ei¬ nem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durch¬ schauert bebte ich zuruͤck. Da stammelte es von unten herauf: Bruͤ-der-lein! Bruͤ-der¬ lein, Medar-dus ist da-da, herauf ... nimm, nimm! ... brich ... brich ... in den Wa-Wald ... in den Wald! — Schnell dachte ich Flucht und Rettung; alles Grauen uͤberwunden, er¬ griff ich das Messer, das die Hand mir wil¬ lig ließ, und fing an, den Moͤrtel zwischen den Steinen des Fußbodens aͤmsig wegzu¬ brechen. Der, der unten war, druͤckte wak¬ ker herauf. Vier, fuͤnf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob sich ploͤtzlich ein nackter Mensch bis an die Huͤften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem, entsetzli¬ chem Gelaͤchter. Der volle Schein der Lam¬ pe fiel auf das Gesicht — ich erkannte mich selbst — mir vergingen die Sinne. — Ein empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht! — hell war es um mich her, der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir, Kettenge¬ rassel und Hammerschlaͤge hallten durch das Gewoͤlbe. Man war beschaͤftigt, mich in Fes¬ seln zu schmieden. Außer den Hand- und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Ket¬ te an die Mauer gefesselt. „Nun wird es der Herr wohl bleiben lassen, an das Durch¬ brechen zu denken, sagte der Kerkermeister.“ — „Was hat denn der Kerl eigentlich gethan?“ frug ein Schmiedeknecht. „Ei, erwiederte der Kerkermeister: weißt du denn das nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. 's ist ein verfluchter Capuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben's schon ganz her¬ aus. In wenigen Tagen haben wir große Galla, da werden die Raͤder spielen.“ — Ich hoͤrte nichts mehr, denn aufs neue entschwan¬ den mir Sinn und Gedanken. Nur muͤhsam erholte ich mich aus der Betaͤubung, finster blieb es, endlich brachen einige matte Streif¬ lichter des Tages herein in das niedrige, kaum sechs Fuß hohe Gewoͤlbe, in das, wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm, man mich aus meinem vorigen Kerker ge¬ bracht hatte. Mich duͤrstete, ich griff nach dem Wasser-Kruge, der neben mir stand, feucht und kalt schluͤpfte es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene scheußliche Kroͤte schwerfaͤllig davon huͤpfen. Voll Ekel und Abscheu ließ ich den Krug fahren. „Au¬ relie!“ stoͤhnte ich auf, in dem Gefuͤhl des nahmenlosen Elends, das nun uͤber mich hereingebrochen. „Und darum das armseli¬ „ge Laͤugnen und Luͤgen vor Gericht? — alle „gleißnerischen Kuͤnste des teuflischen Heuch¬ „lers? — darum, um ein zerrissenes, qualvol¬ „les Leben einige Stunden laͤnger zu fristen? „Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien be¬ „sitzen, die nur durch ein unerhoͤrtes Verbre¬ „chen Dein werden konnte? — denn immer¬ „dar, luͤgst du auch der Welt deine Unschuld „vor, wuͤrde sie in dir Hermogens verruch¬ „ten Moͤrder erkennen und dich tief verab¬ „scheuen. Elender, wahnwitziger Thor, wo „sind nun deine hochfliegenden Plaͤne, der „Glaube an deine uͤberirdische Macht, wo¬ „mit du das Schicksal selbst nach Willkuͤhr zu „lenken waͤhntest; nicht zu toͤdten vermagst „du den Wurm der an deinem Herzmark mit „toͤdlichen Bissen nagt, schmachvoll ver¬ „derben wirst du in trostlosem Jammer, „wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner „schont.“ So, laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fuͤhlte in dem Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Koͤrper in der Busentasche meiner Weste herzuruͤhren schien. Ich faßte hinein, und zog ein kleines Messer hervor. Nie hat¬ te ich, so lange ich im Kerker war, ein Messer bei mir getragen, es mußte daher das¬ selbe seyn, das mir mein gespenstisches Eben¬ bild herauf gereicht hatte. Muͤhsam stand ich auf, und hielt das Messer in den staͤrker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich erblickte das silberne blinkende Heft. Unerforschliches Verhaͤngniß! es war dasselbe Messer, womit ich Hermogen getoͤdtet, und das ich seit eini¬ gen Wochen vermißt hatte. Aber nun ging ploͤtzlich in meinem Innern, wunderbar leuch¬ tend, Trost und Rettung von der Schmach auf. Die unbegreifliche Art wie ich das Mes¬ ser erhalten, war mir ein Fingerzeig der ewigen Macht, wie ich meine Verbrechen buͤßen, wie ich im Tode Aurelien versoͤhnen solle. Wie ein goͤttlicher Strahl im reinen Feuer, durchgluͤhte mich nun die Liebe zu Au¬ relien, jede suͤndliche Begierde war von mir gewichen. Es war mir, als saͤhe ich sie selbst, wie damals, als sie am Beichtstuhl in der Kirche des Capuzinerklosters erschien. „Wohl liebe ich Dich, Medardus, aber Du „verstandest mich nicht! ... meine Liebe ist „der Tod!“ — so umsaͤuselte und umfluͤsterte mich Aureliens Stimme, und fest stand mein Entschluß, dem Richter frei die merkwuͤrdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen, und dann mir den Tod zu geben. Der Kerkermeister trat herein und brach¬ te mir bessere Speisen, als ich sonst zu er¬ halten pflegte, so wie eine Flasche Wein. — „Vom Fuͤrsten so befohlen,“ sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug, deckte, und die Kette, die mich an die Wand fesselte, losschloß. Ich bat ihn, dem Richter zu sagen, daß ich vernommen zu werden wuͤnsche, weil ich vieles zu eroͤffnen haͤtte was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach, meinen Auftrag auszurichten, in¬ dessen wartete ich vergebens, daß man mich zum Verhoͤr abholen solle; Niemand ließ sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon ganz finster worden, hereintrat und die am Gewoͤlbe haͤngende Lampe anzuͤndete. In meinem Innern war es ruhiger als jemals, doch fuͤhlte ich mich sehr erschoͤpft, und ver¬ sank bald in tiefen Schlaf. Da wurde ich in einen langen, duͤstern, gewoͤlbten Saal ge¬ fuͤhrt, in dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die der Wand entlang auf hohen Stuͤhlen saßen. Vor ihnen, an einem mit blutrother Decke behangenen Tisch, saß der Richter, und neben ihm ein Dominikaner im Ordenshabit. „Du bist jetzt, sprach der Richter mit feierlich er¬ habener Stimme: dem geistlichen Gericht uͤber¬ geben, da Du, verstockter, frevelicher Moͤnch, vergebens Deinen Stand und Namen ver¬ laͤugnet hast. Franciskus, mit dem Kloster- Namen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist Du beziehen worden?“ — Ich wollte Alles, was ich je suͤndhaftes und freve¬ liches begangen, offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus nicht das, was ich dachte und sa¬ gen wollte. Statt des ernsten, reuigen Be¬ kenntnisses, verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhaͤngende Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengroß vor mir dastehend, und mit graͤßlich funkelndem Blick mich durch¬ bohrend: „Auf die Folter mit Dir, Du hals¬ starriger, verstockter Moͤnch.“ Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streck¬ ten ihre langen Arme nach mir aus, und rie¬ fen in heiseren grausigem Einklang: „Auf die Folter mit ihm.“ Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen, aber der Arm fuhr unwillkuͤrlich herauf! ich traf den Hals und am Zeichen des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden. Da ergriffen mich die Hen¬ kersknechte, und stießen mich hinab in ein tie¬ fes unterirdisches Gewoͤlbe. Der Dominika¬ ner und der Richter stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte ich mich an, aber in tol¬ lem Zwiespalt stand Rede und Gedanke. — Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach, be¬ kannte ich im Innern Alles — abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund aus¬ stieß. Auf den Wink des Dominikaners zo¬ gen mich die Henkersknechte nackt aus, schnuͤr¬ ten mir beide Arme uͤber den Ruͤcken zusam¬ men, und hinaufgewunden fuͤhlte ich, wie die ausgedehnten Gelenke knackend zerbroͤckeln wollten. In heillosem, wuͤthendem Schmerz schrie ich laut auf, und erwachte. Der Schmerz an den Haͤnden und Fuͤßen dauerte fort, er ruͤhrte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand ich noch außer¬ dem einen Druck uͤber den Augen, die ich nicht aufzuschlagen vermochte. Endlich war es, als wuͤrde ploͤtzlich eine Last mir von der Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermoͤnch stand vor mei¬ nem Strohlager. Mein Traum trat in das Le¬ ben, eiskalt rieselte es mir durch die Adern. Un¬ beweglich, wie eine Bildsaͤule, mit uͤbereinander geschlagenen Armen stand der Moͤnch da, und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den graͤßlichen Mahler, und fiel halb ohnmaͤchtig auf mein Strohlager zu¬ ruͤck. — Vielleicht war es nur eine Taͤuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der Moͤnch und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Da schrie ich in wahnsinniger Verzweiflung: „Entsetzlicher Meusch ... hebe dich weg! ... Nein! ... Kein Mensch, Du bist der Wider¬ sacher selbst, der mich stuͤrzen will in ewige Verderbniß ... hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg!“ — Armer, kurzsichtiger Thor, ich bin nicht der, der Dich ganz unaufloͤslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! — der dich abwendig machen will dem heiligen Werk zu dem Dich die ewige Macht berief. — Medardus! — armer kurzsichtiger Thor! — schreckbar, grauenvoll bin ich Dir erschie¬ nen, wenn Du uͤber dem offenen Grabe ewi¬ ger Verdammniß leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte Dich, aber Du hast mich nicht verstan¬ den! Auf! naͤhere Dich mir! der Moͤnch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herz¬ zerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so fuͤrchterlich, war sanft und milde worden, weicher die Form seines Gesichts. Eine un¬ beschreibliche Wehmuth durchbebte mein In¬ nerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht mich aufzurichten, mich zu troͤsten im endlo¬ sen Elend, erschien mir der sonst so schreckli¬ che Mahler. — Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe, es war kein Fantom, ich beruͤhrte sein Kleid; ich kniete unwillkuͤhrlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich seegnend. Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. — Ach! ich war in dem heiligen Walde! — ja es war derselbe Platz, wo, in fruͤher Kindheit, der fremdartig gekleidete Pilger mir den wun¬ derbaren Knaben brachte. Ich wollte fort¬ schreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) buͤßend und bereuend Ab¬ laß erhalten von schwerer Suͤnde. Aber ich blieb regungslos — mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle Stimme: der Gedanke ist die That! — Die Traͤume ver¬ schwebten; es war der Maler, der jene Wor¬ te gesprochen. „Unbegreifliches Wesen, warst „ Du es denn selbst? an jenem ungluͤcklichen „Morgen in der Capuzinerkirche zu B.? in „der Reichsstadt, und nun?“ — Halt ein, un¬ ter „terbrach mich der Mahler: ich war es, der „uͤberall Dir nahe war, um Dich zu retten „von Verderben und Schmach, aber Dein „Sinn blieb verschlossen! Das Werk zu dem „Du erkohren, mußt Du vollbringen zu Deinem „eignen Heil.“ — Ach, rief ich voll Verzweif¬ „lung: warum hieltst Du nicht meinen Arm „zuruͤck, als ich in verruchtem Frevel je¬ „nen Juͤngling ... „Das war mir nicht ver¬ goͤnnt, fiel der Mahler ein: Frage nicht wei¬ ter! vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was die ewige Macht beschlossen. ... Medardus! Du gehst Deinem Ziel entgegen... Morgen!“ — Ich erbebte in eiskaltem Schauer, denn ich glaubte, den Mahler ganz zu verste¬ hen. Er wußte und billigte den beschlosse¬ nen Selbstmord. Der Mahler wankte mit leisem Tritt nach der Thuͤr des Kerkers. „Wann, wann sehe ich Dich wieder?“ — Am Ziele! — rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feyerlich und stark, daß das Gewoͤlbe droͤhnte — „Also Morgen?“ — Lei¬ II . [ 5 ] se drehte sich die Thuͤre in den Angeln, der Mahler war verschwunden. — So wie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit seinen Knech¬ ten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Fuͤßen abloͤßten. Ich solle bald zum Verhoͤr hinaufgefuͤhrt werden, hieß es. Tief in mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut, schritt ich hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntniß hatte ich im Innern so geordnet, daß ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten Umstand mit aufgreifende Erzaͤhlung zu machen hoffte. Der Richter kam mir schnell entgegen, ich mußte hoͤchst entstellt aussehen, denn bei mei¬ nem Anblick verzog sich schnell das freudige Laͤcheln, das erst auf seinem Gesicht schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er faßte meine beiden Haͤnde und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl. Dann mich starr an¬ schauend, sagte er langsam und feierlich: „Herr von Krcszinski! ich habe Ihnen frohes zu verkuͤnden! Sie sind frei! die Untersuchung ist auf Befehl des Fuͤrsten niedergeschlagen worden. Man hat Sie mit einer andern Per¬ son verwechselt, woran Ihre ganz unglaubliche Aehnlichkeit mit dieser Person Schuld ist. Klar, ganz klar ist Ihre Schuldlosigkeit dar¬ gethan! ... Sie sind — Es schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. — Des Richters Gestalt blinkte, hundertfach ver¬ vielfaͤltigt, durch den duͤstern Nebel, Alles schwand in dicker Finsterniß. — Ich fuͤhlte endlich, daß man mir die Stirne mit star¬ kem Wasser rieb, und erholte mich aus dem ohnmachtaͤhnlichen Zustande in den ich ver¬ sunken. Der Richter las mir ein kurzes Pro¬ tokoll vor, welches sagte, daß er mir die Niederschlagung des Prozesses bekannt ge¬ macht, und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich maͤchtig. Ein unbe¬ schreibliches, mich im Innersten vernichten¬ des Gefuͤhl ließ keine Freude aufkommen. So wie mich der Richter mit recht in das Herz dringender Gutmuͤthigkeit anblickte, war es mir, als muͤsse ich nun, da man an meiner Unschuld glaubte und mich frei las¬ sen wollte, allen verruchten Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das Messer in das Herz stoßen. — Ich wollte re¬ den — der Richter schien meine Entfernung zu wuͤnschen. Ich ging nach der Thuͤre, da kam er mir nach, und sagte leise: „Nun habe ich aufgehoͤrt Richter zu seyn; von dem er¬ sten Augenblick, als ich Sie sah, interessir¬ ten Sie mich auf das hoͤchste. So sehr, wie (Sie werden dies selbst zugeben muͤssen) der Schein wider Sie war, so wuͤnschte ich doch gleich, daß Sie in der That nicht der ab¬ scheuliche, verbrecherische Moͤnch seyn moͤch¬ ten, fuͤr den man Sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen ... Sie sind kein Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie heißen nicht Leonard von Krcszinski.“ — Mit Ruhe und Festigkeit ant¬ wortete ich „Nein!“ — Und auch kein Geist¬ licher? — frug der Richter weiter indem er die Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir den Blick des Inquisitors zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. — So hoͤren Sie denn, fuhr ich heraus — „Still, „unterbrach mich der Richter: was ich gleich „anfangs geglaubt und noch glaube, bestaͤtigt „sich. Ich sehe, daß hier raͤthselhafte Um¬ „staͤnde walten, und daß Sie selbst mit ge¬ „wissen Personen des Hofes in ein geheim¬ „nißvolles Spiel des Schicksals verflochten „sind. Es ist nicht mehr meines Berufs, tie¬ „fer einzudringen, und ich wuͤrde es fuͤr un¬ „ziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend et¬ „was uͤber Ihre Person, uͤber Ihre wahr¬ „scheinlich ganz eigne Lebensverhaͤltnisse ent¬ „locken zu wollen! — Doch, wie waͤre es, „wenn Sie, Sich losreißend von allem „Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verlie¬ „ßen. Nach dem, was geschehen, kann Ih¬ „nen ohnedies der Aufenthalt hier nicht „wohlthun.“ — So wie der Richter dieses sprach, war es, als floͤhen alle finstre Schatten, die sich druͤckend uͤber mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war wieder gewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern gluͤhend in mir auf. Aurelie! sie dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? — Tief seufzte ich auf: „Und sie verlassen?“ — Der Richter blickte mich im hoͤchsten Erstau¬ nen an, und sagte dann schnell: „Ach! jetzt glaube ich klar zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard! daß eine sehr schlimme Ah¬ nung, die mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfuͤllung gehen moͤge.“ — Alles hat¬ te sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle Reue und wohl mochte es bei¬ nahe frevelnde Frechheit seyn, daß ich den Rich¬ ter mit erheuchelter Ruhe frug: „Und Sie hal¬ ten mich doch fuͤr schuldig?“ — „Erlauben Sie, mein Herr! erwiederte der Richter sehr ernst: daß ich meine Ueberzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefuͤhl gestuͤtzt scheinen, fuͤr mich behalte. Es ist ausgemittelt, nach be¬ ster Form und Weise, daß Sie nicht der Moͤnch Medardus seyn koͤnnen, da eben die¬ ser Medardus sich sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch Ihre ganz ge¬ naue Aehnlichkeit taͤuschen ließ, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht laͤugnet, daß er jener Capuziner sey. Damit ist nun Alles geschehen, was geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr muß ich glauben, daß Sie Sich frei von je¬ der Schuld fuͤhlen.“ — Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den Richter ab und so wurde ein Gespraͤch unterbrochen, als es eben begann mich zu peinigen. Ich begab mich nach meiner Wohnung, und fand alles so wieder; wie ich es verlas¬ sen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Packet gesiegelt lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche, Euphemiens Ring und den Ca¬ puziner-Strick vermißte ich, meine Vermu¬ thungen im Gefaͤngnisse waren daher richtig. Nicht lange dauerte es, so erschien ein fuͤrst¬ licher Diener, der mit einem Handbillet des Fuͤrsten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte Dose uͤberrreichte . „Es ist Ihnen uͤbel mitgespielt worden, Herr von Krcszinski, schrieb der Fuͤrst: aber weder ich noch meine Gerichte sind Schuld daran. Sie sind einem sehr boͤsen Menschen auf ganz unglaubliche Weise aͤhnlich; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklaͤrt: Ich sende Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen.“ — Des Fuͤrsten Gnade war mir eben so gleichguͤltig als sein Geschenk; eine duͤstre Traurigkeit, die geist¬ toͤdtend mein Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefaͤngnisses; ich fuͤhlte, daß mir koͤrperlich aufgeholfen werden muͤsse, und lieb war es mir daher, als der Leibarzt erschien. Das aͤrztliche war bald bespro¬ chen. „Ist es nicht, fing nun der Leibarzt an, eine besondere Fuͤgung des Schicksals, daß eben in dem Augenblick als man davon zu uͤberzeugt seyn glaubt, daß Sie jener abscheu¬ liche Moͤnch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel Unheil anrichtete, die¬ ser Moͤnch wirklich erscheint, und Sie von jedem Verdacht rettet?“ Ich muß versichern, daß ich von den naͤhern Umstaͤnden, die meine Befreiung be¬ wirkten, nicht unterrichtet bin; nur im All¬ gemeinen sagte mir der Richter, daß der Ca¬ puziner Medardus, dem man nachspuͤrte, und fuͤr den man mich hielt, sich hier ein¬ gefunden habe. „Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden, festgebunden auf einem Wagen, und seltsamer Weise zu der¬ selben Zeit, als Sie hergekommen waren. Eben faͤllt mir ein, daß, als ich Ihnen einst jene wunderbaren Ereignisse erzaͤhlen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm Hofe zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wur¬ de, als ich auf den feindlichen Medardus, Francesko's Sohn, und auf seine verruchte That im Schlosse des Barons von F. gekom¬ men war. Ich nehme den Faden der Be¬ gebenheit da wieder auf, wo er damals ab¬ riß. — Die Schwester unserer Fuͤrstin, wie Sie wissen, Aebtissin im Cisterzienser-Klo¬ ster zu B. nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von der Pil¬ gerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte.“ Die Frau war Francesko's Wittwe, und der Knabe eben der Medardus. „Ganz Recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?“ Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnißvollen Lebensumstaͤnde des Capuzi¬ ners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er aus dem Schloß des Barons von F. entfloh, bin ich von dem, was sich dort zutrug, genau unterrichtet. „Aber wie? ... von wem“ ... Ein lebendiger Traum hat mir Alles dargestellt. „Sie scherzen?“ Keinesweges. Es ist mir wirklich so, als haͤtte ich traͤumend die Geschichte eines Ungluͤcklichen gehoͤrt, der, ein Spielwerk dunkler Maͤchte, hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben wurde. In dem ...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon irre gefah¬ ren; ich kam in das Foͤrsterhaus, und dort... „Ha! ich verstehe Alles, dort trafen Sie den Moͤnch an“ ... So ist es, er war wahnsinnig. „Er scheint es nicht mehr zu seyn. Schon damals hatte er lichte Stunden und vertrau¬ te Ihnen Alles?“ ... Nicht gerade zu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im Foͤrster¬ hause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen beispiellosen Aehnlich¬ keit, war ihm furchtbar. Er hielt mich fuͤr seinen Doppeltgaͤnger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkuͤnde. — Er stammelte — stotterte Bekenntnisse her — unwillkuͤrlich uͤbermannte mich, von der Reise ermuͤdet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Moͤnch nun ruhig und gefaßt weiter, und ich weiß in der That jetzt nicht, wo und wie der Traum eintrat. Es duͤnkt mich, daß der Moͤnch behauptete, nicht er habe Euphemie und Hermogen getoͤdtet, sondern beider Moͤrder, sey der Graf Viktorin — „Sonderbar, hoͤchst sonderbar, aber wa¬ rum verschwiegen Sie das Alles dem Rich¬ ter?“ Wie konnte ich hoffen, daß der Richter auch nur einiges Gewicht auf eine Erzaͤhlung legen werde, die ihm ganz abentheuerlich klingen mußte. Darf denn uͤberhaupt ein erleuchtetes Criminalgericht an das Wunder¬ bare glauben? „Wenigstens haͤtten Sie aber doch gleich ahnen, daß man Sie mit dem wahnsinnigen Moͤnch verwechsle und diesen als den Capu¬ ziner Medardus bezeichnen sollen?“ Freilich — und zwar nachdem mich ein alter bloͤder Greis, ich glaube er heißt Cy¬ ryllus, durchaus fuͤr seinen Klosterbruder halten wollte. Es ist mir nicht eingefallen, daß der wahnsinnige Moͤnch eben der Me¬ dardus, und das Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen Prozesses seyn koͤnne. Aber, wie mir der Foͤrster sagte, hatte er ihm niemals seinen Namen genannt — wie kam man zur Entdeckung? „Auf die einfachste Weise. Der Moͤnch hatte sich, wie Sie wissen, einige Zeit bei dem Foͤrster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue brach der Wahnsinn so ver¬ derblich aus, daß der Foͤrster sich genoͤthigt sah, ihn hierher zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde. Dort saß er Tag und Nacht mit starrem Blick, ohne Re¬ gung, wie eine Bildsaͤule. Er sprach kein Wort und mußte gefuͤttert werden, da er keine Hand bewegte. Verschiedene Mittel, ihn aus der Starrsucht zu wecken, blieben fruchtlos, zu den staͤrksten durfte man nicht schreiten, ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu stuͤrzen. Vor einigen Tagen kommt des Foͤrsters aͤltester Sohn nach der Stadt, er geht in das Irrenhaus um den Moͤnch wieder zu sehen. Ganz erfuͤllt von dem trost¬ losen Zustande des Ungluͤcklichen, tritt er aus dem Hause, als eben der Pater Cyrillus aus dem Capuzinerkloster in B. voruͤberschrei¬ tet. Den redet er an, und bittet ihn, den ungluͤcklichen, hier eingesperrten Klosterbru¬ der zu besuchen, da ihm Zuspruch eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam seyn koͤnne. Als Cyrillus den Moͤnch erblickt, faͤhrt er entsetzt zuruͤck. „Heilige Mutter „Gottes! Medardus, ungluͤckseliger Medar¬ „dus!“ So ruft Cyrillus, und in dem Augen¬ blick beleben sich die starren Augen des Moͤnchs. Er steht auf, und faͤllt mit einem dumpfen Schrei kraftlos zu Boden. — Cy¬ rillus, mit den Uebrigen die bei dem Ereig¬ niß zugegen waren, geht sofort zum Praͤsi¬ denten des Criminal-Gerichts, und zeigt Al¬ les an. Der Richter, dem die Untersuchun¬ gen wider Sie uͤbertragen, begiebt sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Moͤnch sehr matt, aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, daß er der Moͤnch Medardus aus dem Capuzinerkloster in B. sey. Cyrillus versicherte seiner Seits, daß Ihre unglaubliche Aehnlichkeit mit Medar¬ dus ihn getaͤuscht habe. Nun bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und Stellung sehr merklich von dem Moͤnch Medardus, den er nun vor sich sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Pro¬ zeß so viel Aufhebens gemacht worden ist. Nun wird der Moͤnch uͤber die Begebenheiten auf dem Schlosse des Barons von F. be¬ fragt. — „Ich bin ein abscheuliger, verruch¬ „ter Verbrecher, sagt er mit matter, kaum ver¬ „nehmbarer Stimme: ich bereue tief, was ich „gethan. — Ach ich ließ mich um mein Selbst, „um meine unsterbliche Seele betruͤgen! ... „Man habe Mitleiden! ... man lasse mir Zeit ... „Alles ... alles will gestehen.“ — Der Fuͤrst, unterrichtet, befiehlt sofort den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie der Haft zu ent¬ lassen. Das ist die Geschichte Ihrer Befrei¬ ung. — Der Moͤnch ist nach dem Criminal- Gefaͤngniß gebracht worden.“ Und hat Alles gestanden? Hat er Eu¬ phemien, Hermogen ermordet? wie ist es mit dem Grafen Viktorin? ... „So viel wie ich weiß, faͤngt der eigent¬ liche Criminalprozeß wider den Moͤnch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es, als wenn nun einmal Alles was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserm Hofe in Verbindung steht, dunkel und unbegreiflich bleiben muͤsse.“ Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener Katastro¬ phe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der That nicht ein. „Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen, als die Begebenheit.“ Ich verstehe Sie nicht. „Erinnern Sie Sich genau meiner Er¬ zaͤhlung jener Katastrophe, die dem Prinzen den Tod brachte!“ Allerdings. „Ist es Ihnen dabei nicht voͤllig klar worden, daß Francesko verbrecherisch die Italienerin liebte? daß er es war, der vor dem Prinzen in die Brautkammer schlich, und den Prinzen niederstieß? — Viktorin ist die Frucht jener frevelichen Unthat. — Er und Medardus sind Soͤhne Eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, Alles Nachforschen blieb vergebens.“ Der Moͤnch schleuderte ihn hinab in den Teufels Grund. Fluch dem wahnsinni¬ gen Brudermoͤrder! — II . [ 6 ] Leise — leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte aussties, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hoͤren. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekaͤmpfen, welches mich ergriff. Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen innern Kampf zu bemerken. Er fuhr fort: „Was? ... Hat der Moͤnch Ihnen ge¬ standen, daß auch Viktorin durch seine Hand fiel?“ Ja! ... Wenigstens schließe ich aus sei¬ nen abgebrochenen Aeußerungen, halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache wirklich so verhaͤlt. Fluch dem wahnsinnigen Brudermoͤrder! — Staͤrker klopfte es, und stoͤhnte und aͤchzte; ein feines Lachen, daß durch die Stube pfiff, klang wie Medardus ... Medardus ... hi ... hi ... hi hilf! — Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort: „Ein besonderes Geheimniß scheint noch auf Francesko's Herkunft zu ruhen. Er ist hoͤchst wahrscheinlich dem fuͤrstlichen Hause verwandt. So viel ist gewiß, daß Euphe¬ mie die Tochter ...“ Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammen krachten, sprang die Thuͤr auf, ein schneidendes Gelaͤchter gellte herein. „Ho ho ... ho ... ho Bruͤderlein, schrie ich wahnsinnig auf: hoho ... hieher ... frisch frisch, wenn du kaͤmpfen willst mit mir ... der Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen mit einan¬ der, und wer den andern herabstoͤßt, ist Koͤ¬ nig und darf Blut trinken.“ — „Der Leibarzt faßte mich in die Arme und rief: Was ist das? was ist das? Sie sind krank ... in der That, gefaͤhrlich krank. Fort, fort, zu Bette.“ — Aber ich starrte nach der offnen Thuͤre, ob mein scheuslicher Doppeltgaͤnger nicht herein treten werde, doch ich erschaute nichts und erholte mich bald von dem wil¬ den Entsetzen, das mich gepackt hatte, mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand da¬ rauf, daß ich kraͤnker sey, als ich selbst wohl glauben moͤge, und schob alles auf den Ker¬ ker und die Gemuͤthsbewegung, die mir uͤberhaupt der Prozeß verursacht haben muͤs¬ se. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Ge¬ nesung bei, daß das Klopfen sich nicht mehr hoͤren ließ, der furchtbare Doppeltgaͤnger mich daher ganz verlassen zu haben schien. Die Fruͤhlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und freundlich in mein Zimmer, suͤße Blumenduͤfte stroͤmten durch das Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. — Da begruͤßten Baͤume und Buͤsche rauschend und fluͤsternd den von der Todeskrankheit Ge¬ nesenen. Ich athmete auf, wie aus langem schwerem Traum erwacht, und tiefe Seuf¬ zer waren des Entzuͤckens unaussprechbare Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauch¬ ze der Voͤgel, in das froͤhliche Sumsen und Schwirren bunter Insekten. Ja! — ein schwerer Traum duͤnkte mir, nicht nur die letzt vergangene Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich mich in einem von dunk¬ len Platanen beschatteten Gange befand. — Ich war im Garten der Capuziner zu B. Aus dem fernen Gebuͤsch ragte schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte, um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. — Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu seyn, wo ich hinwallen muͤsse, um, in den Staub niederge¬ worfen, zu bereuen und zu buͤßen den Fre¬ vel suͤndhafter Traͤume, die mir der Satan vorgegaukelt; uud ich schritt fort mit gefal¬ teten emporgehobenen Haͤnden, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. — Staͤrker und staͤrker zog der Luftstrom — ich glaubte die Hymnen der Bruͤder zu vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klaͤnge, die der Wind, durch die Baͤume sausend, ge¬ weckt hatte, und der meinen Athem fort¬ riß, so daß ich bald erschoͤpft still stehen, ja mich an einen nahen Baum fest halten mußte, um nicht nieder zu sinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Ge¬ walt nach dem fernen Kreuz; ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den Moossitz dicht vor dem Gebuͤsch konnte ich gelangen; alle Glie¬ der laͤhmte ploͤtzlich toͤdliche Ermattung; wie ein schwacher Greis, ließ ich langsam mich nieder und in dumpfem Stoͤhnen suchte ich die gepreßte Brust zu erleichtern. — Es rausch¬ te im Gange dicht neben mir ... Aurelie! So wie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! — Thraͤnen inbruͤnstiger Weh¬ muth quollen aus den Himmels-Augen, aber durch die Thraͤnen funkelte ein zuͤndender Strahl; es war der unbeschreibliche Aus¬ druck der gluͤhendsten Sehnsucht, der Aure¬ lien fremd schien. Aber so flammte der Lie¬ besblick jenes geheimnißvollen Wesens am Beichtstuhl, das ich oft in suͤßen Traͤumen sah. „Koͤnnen Sie mir jemals verzeihen!“ lispelte Aurelie. Da stuͤrzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzuͤcken vor ihr hin, ich ergriff ihre Haͤnde! — „Aurelie ... Aurelie ... fuͤr Marter! ... Tod!“ Ich fuͤhlte mich sanft emporgehoben — Aurelie sank an mei¬ ne Brust, ich schwelgte in gluͤhenden Kuͤssen. Aufgeschreckt durch ein nahes Ge¬ raͤusch, wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht zuruͤckhalten. „Erfuͤllt ist all' mein Sehnen und Hoffen“ sprach sie leise, und in dem Augenblick sah' ich die Fuͤrstin den Gang heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebuͤsch, und wurde nun gewahr, daß ich wunderlicher Weise einen duͤrren grauen Stamm fuͤr ein Cruzifix ge¬ halten. Ich fuͤhlte keine Ermattung mehr, Aure¬ liens Kuͤße durchgluͤhten mich mit neuer Le¬ benskraft; es war mir, als sey jetzt hell und herrlich das Geheimniß meines Seyns auf¬ gegangen. Ach, es war das wunderbare Ge¬ heimniß der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen. Ich stand auf dem hoͤchsten Punkt des Lebens; abwaͤrts mußte es sich wenden, damit ein Geschick er¬ fuͤllt werde, das die hoͤhere Macht beschlos¬ sen. — Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach Au¬ reliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten! der du einst diese Blaͤtter lesen wirst, bat ich, du solltest jene hoͤchste Sonnenzeit deines eigenen Lebens zu¬ ruͤckrufen, dann wuͤrdest du den trostlosen Jammer des in Reue und Buße ergrauten Moͤnchs verstehen und einstimmen in seine Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich dann dir's sagen: wie Aure¬ liens Liebe mich und Alles um mich her ver¬ klaͤrte, wie reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie mich, den goͤttlich begeisterten, die Freu¬ digkeit des Himmels erfuͤllte. Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsuͤndigt, ja! auf wunder¬ bare Weise keimte in mir die feste Ueberzeu¬ gung auf, daß nicht ich jener ruchlose Frev¬ ler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien — Hermogen erschlug, son¬ dern, daß der wahnsinnige Moͤnch, den ich im Foͤrsterhause traf, die That begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht Luͤge, sondern der wahre geheim¬ nißvolle Hergang der Sache zu seyn, der mir selbst unbegreifllich blieb. — Der Fuͤrst hatte mich empfangen, wie einen Freund, den man verloren glaubt und wiederfin¬ det; dies gab natuͤrlicher Weise den Ton an, in den Alle einstimmen mußten, nur die Fuͤr¬ stin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zuruͤckhaltend. Aurelie gab sich mir mit kindlicher Un¬ befangenheit ganz hin, ihre Liebe war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und eben so wenig vermochte ich, auch nur im mindesten das Gefuͤhl zu ver¬ hehlen, in dem allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhaͤltniß mit Aurelien, Nie¬ mand sprach daruͤber, weil man in des Fuͤr¬ sten Blicken las, daß er unsre Liebe, wo nicht beguͤnstigen, doch stillschweigend dulden wolle. So kam es, daß ich zwanglos Au¬ relien oͤfter, manchmal auch wohl ohne Zeu¬ gen sah. — Ich schloß sie in meine Arme, sie erwiederte meine Kuͤsse, aber es fuͤhlend, wie sie erbebte in jungfraͤulicher Scheu, konn¬ te ich nicht Raum geben der suͤndlichen Be¬ gierde; jeder freveliche Gedanke erstarb in dem Schauer, der durch mein Innres glitt. Sie schien keine Gefahr zu ahnen, wirklich gab es fuͤr sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer neben mir saß, wenn maͤchtiger als je ihr Himmelsreiz stralte, wenn wilder die Liebesglut in mir auf¬ flammen wollte, blickte sie mich an so un¬ beschreiblich milde und keusch, daß es mir war, als vergoͤnne es der Himmel dem buͤ¬ ßenden Suͤnder, schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige Rosalia selbst war es, und ich stuͤrzte zu ihren Fuͤßen und rief laut: O du, from¬ me, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir, im Herzen regen? — Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit suͤßer mil¬ der Stimme: Ach keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm, und liebe dich gar sehr! Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fuͤrstin auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich er¬ trug es nicht laͤnger, ich rannte hin. — Am spaͤten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine Kammerfrau, die mir Au¬ reliens Zimmer nachwies. Leise, leise oͤffne¬ te ich die Thuͤr — ich trat hinein — eine schwuͤle Luft, ein wunderbarer Blumenge¬ ruch wallte mir sinnebetaͤubend entgegen. Er¬ innerungen stiegen in mir auf, wie dunkle Traͤume! Ist das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich... So wie ich dies dachte, war es, als erhoͤbe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und: Hermo¬ gen! rief es in meinem Innern! Entsetzt rannte ich vorwaͤrts, nur angelehnt war die Thuͤre des Cabinets. Aurelie kniete, den Ruͤcken mir zugekehrt vor einem Tabourett auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst blickte ich unwillkuͤhrlich zu¬ ruͤck — ich schaute nichts, da rief ich im hoͤch¬ sten Entzuͤcken: Aurelie, Aurelie! — Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie auf¬ gestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen. Leonard! mein Geliebter! — lispelte sie leise. Da kochte und gaͤhrte in meinem Innern rasende Begier, wildes, suͤn¬ diges Verlangen. Sie hing kraftlos in mei¬ nen Armen; die genestelten Haare waren auf¬ gegangen und fielen in uͤppigen Locken uͤber meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor — sie aͤchzte dumpf — ich kannte mich selbst nicht mehr! — Ich riß sie em¬ por, sie schien erkraͤftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiederte sie meine wuͤthenden Kuͤsse. Da rauschte es hinter uns wie starker, maͤchtiger Fluͤgel¬ schlag; ein schneidender Ton, wie das Angst¬ geschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. — Hermogen! schrie Aurelie, und sank ohnmaͤchtig hin aus meinen Armen. Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! — Im Flur trat mir die Fuͤrstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem sie sprach: „Es ist mir in der That sehr be¬ fremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leon¬ ard!“ — Meine Verstoͤrtheit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe be¬ stimmterem Ton, als es ziemlich seyn moch¬ te: daß man oft gegen große Anregungen vergebens ankaͤmpfe, und daß oft das un¬ schicklich scheinende fuͤr das Schicklichste gel¬ ten koͤnne! — Als ich durch die finstre Nacht der Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als fluͤstere eine Stimme: I ... Imm ... Immer bin ich bei Di ... Dir ... Bruͤ ... Bruͤderlein ... Bruͤ¬ derlein Medardus! — Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, daß das Fantom des Doppeltgaͤngers nur in meiner Fantasie spu¬ ke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als muͤsse ich mit ihm sprechen und ihm erzaͤh¬ len, daß ich wieder recht albern gewesen sey, und mich habe schrecken lassen, von dem tol¬ len Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald mein — ganz mein seyn, denn dafuͤr waͤre ich Moͤnch und habe die Weihe erhalten. Da lachte und stoͤhnte mein Dop¬ peltgaͤnger, wie er sonst gethan, und stotterte: aber schn ... schnell ... schnell! — „Gedulde dich nur, sprach ich wieder: gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut ge¬ troffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig!“ — Hi ... hi hi ... tri... triff gut ... triff gut! — So verfluͤsterte des Doppeltgaͤngers Stimme im Sausen des Morgenwindes, der von dem Feuerpurpur herstrich, welches aufbrannte im Osten. Eben war ich in meiner Wohnung an¬ gekommen, als ich zum Fuͤrsten beschieden wurde. Der Fuͤrst kam mir sehr freundlich entgegen. „In der That, Herr Leonard! fing er an: Sie haben Sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ichs Ihnen, daß mein Wohlwollen fuͤr Sie wahre Freundschaft geworden ist. Ich moͤchte Sie nicht verlieren, ich moͤchte Sie gluͤcklich sehen. Ueberdem ist man Ih¬ nen fuͤr das was Sie gelitten haben, alle nur moͤgliche Entschaͤdigung zu gewaͤhren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard! wer Ihren boͤsen Prozeß einzig und allein veranlaßte? wer sie anklagte?“ Nein, gnaͤdigster Herr! „Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein Herr Leon¬ ard, die hat Sie (er lachte laut auf) die hat Sie fuͤr einen Capuziner gehalten! — Nun bei Gott! sind Sie ein Capuziner, so sind Sie der liebenswuͤrdigste, den je ein menschliches Auge sah! — Sagen Sie auf¬ richtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so e n Stuͤck von Klostergeistlichen?“ — Gnaͤdigster Herr, ich weiß nicht, welch ein boͤses Verhaͤngniß mich immer zu dem Moͤnch machen will, der ... „Nun nun! — ich bin kein Inquisitor! — fatal waͤr's doch wenn ein geistliches Ge¬ luͤbde Sie baͤnde. — Zur Sache! — moͤchten Sie nicht fuͤr das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufuͤgte, Rache nehmen?“ — In welches Menschen Brust koͤnnte ein ein Gedanke der Art gegen das holde Him¬ melsbild aufkommen? „Sie lieben Aurelien?“ Dies frug der Fuͤrst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fuͤrst fuhr weiter fort: „Ich weiß es, Sie haben Aurelien ge¬ liebt, seit dem Augenblick, als sie mit der Fuͤrstin hier zum erstenmal in den Saal trat. — Sie werden wieder geliebt, und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aure¬ lie nicht zugetraut haͤtte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fuͤrstin hat mir Alles gesagt. Glauben sie wohl, daß nach Ihrer Verhaf¬ tung Aurelie sich einer ganz trostlosen, ver¬ zweifelten Stimmung uͤberließ, die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals fuͤr den Moͤrder ihres Bruders, um so unerklaͤrlicher war uns ihr Schmerz. Schon damals wur¬ den Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder II . [ 7 ] vielmehr Herr von Krezinski, Sie sind von Adel, ich fixire Sie bei Hofe auf eine Art, die Ihnen angenehm seyn soll. Sie heira¬ then Aurelien. — In einigen Tagen feiern wir die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten.“ — Stumm, von den widersprechendsten Gefuͤhlen zerris¬ sen stand ich da. — „Adieu, Herr Leonard!“ rief der Fuͤrst und verschwand, mir freund¬ lich zuwinkend, aus dem Zimmer. Aurelie mein Weib! — Das Weib eines verbrecherischen Moͤnchs! Nein! so wollen es die dunklen Maͤchte nicht, mag auch uͤber die Arme verhaͤngt seyn, was da will! — Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend uͤber alles, was sich dagegen auflehnen moch¬ te. Irgend ein Entschluß, das fuͤhlte ich, mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens sann ich auf Mittel, mich schmerz¬ los von Aurelien zu trennen. Der Gedanke sie nicht wieder zu sehen, war mir unertraͤg¬ lich, aber daß sie mein Weib werden sollte, das erfuͤllte mich mit einem mir selbst uner¬ klaͤrlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, daß, wenn der verbrecherische Moͤnch vor dem Altar des Herrn stehen werde, um mit heiligen Geluͤbden freveliches Spiel zu treiben, jenes fremden Mahlers Gestalt, aber nicht milde troͤstend wie im Gefaͤngniß, sondern Rache und Verderben furchtbar verkuͤndend, wie bei Francesko's Trauung, erscheinen, und mich stuͤrzen wer¬ de in namenlose Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme: „und doch muß Aurelie dein seyn! Schwachsinniger Thor, wie gedenkst du zu aͤndern das, was uͤber euch verhaͤngt ist.“ Und dann rief es wiederum: „Nieder — nieder wirf dich in den Staub! — Verblendeter, du frevelst! — nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die du zu umfangen gedenkst in irrdischer Liebe.“ So im Zwiespalt grau¬ ser Maͤchte hin und hergetrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht zu ahnen, was ich thun muͤsse, um dem Verderben zu ent¬ rinnen, das mir uͤberall zu drohen schien. Voruͤber war jene begeisterte Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhaͤngnißvol¬ ler Aufenthalt auf dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In duͤstrer Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Luͤstling und Verbrecher. Al¬ les, was ich dem Richter, dem Leibarzt ge¬ sagt, war nun nichts, als alberne, schlecht erfundene Luͤge, nicht eine innere Stimme, hatte gesprochen, wie ich sonst mich selbst uͤberreden wollte. Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend, schlich ich uͤber die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Fuͤr¬ stin rollte voruͤber, der Leibarzt buͤckte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: „Eben komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen!“ herauf in sein Zimmer. „Ei, Ei, fing er an: Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie an¬ gefangen. Aurelien sind Sie erschienen ploͤtz¬ lich, wie ein Gespenst, und das arme nerven¬ schwache Wesen ist daruͤber erkrankt!“ — Der Arzt bemerkte mein Erbleichen. „Nun nun, fuhr er fort: arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher und kehrt Morgen mit der Fuͤrstin nach der Residenz zuruͤck. Von Ihnen, lieber Leonard! sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie wieder zu sehen, und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und thoͤrigt erschie¬ nen zu seyn.“ Ich wußte, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen, Aureliens Aeu¬ ßerung nicht zu deuten. Der Arzt schien von dem, was der Fuͤrst mit mir im Sinn hatte, unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verste¬ hen, und mittelst seiner hellen Lebendigkeit, die Alles um ihn her ergriff, gelang es ihm bald, mich aus der duͤstern Stimmung zu reißen, so daß unser Gespraͤch sich heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er Aurelien getroffen, die, dem Kinde gleich, das sich nicht von schweren Traum erho¬ len kann, mit halbgeschlossenen, in Thraͤ¬ nen laͤchelnden Augen auf dem Ruhbette, das Koͤpfchen in die Hand gestuͤtzt, gelegen, und ihm ihre krankhafte Visionen geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte, die durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des schuͤchter¬ nen Maͤdchens nachahmend, und wußte, in¬ dem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das anmuthige Bild durch einige kek¬ ke ironische Lichtblicke so zu heben, daß es gar heiter und lebendig vor mir aufging. Dazu kam, daß er im Contrast die gravi¬ taͤtische Fuͤrstin hinstellte, welches mich nicht wenig ergoͤtzte. „Haben Sie wohl gedacht, fing er endlich an: Haben Sie wohl gedacht, als sie in die Residenz einzogen, daß Ihnen so viel wunderliches hier geschehen wuͤrde? Erst das tolle Mißverstaͤndniß, das Sie in die Haͤnde des Criminal- Gerichts brachte, und dann das wahrhaft beneidenswerthe Gluͤck, das Ihnen der fuͤrstliche Freund be¬ reitet!“ Ich muß in der That gestehen, daß gleich anfangs der freundliche Empfang des Fuͤrsten mir wohl that; doch fuͤhle ich, wie sehr ich jetzt in seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiß meinem erlittenen Unrecht zu verdanken. „Nicht sowohl dem, als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie wohl erra¬ then koͤnnen.“ Keinesweges. „Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard, wie vor¬ her, jeder weiß aber jetzt, daß Sie von Adel sind, da die Nachrichten, die man aus Po¬ sen erhalten hat, ihre Angaben bestaͤtigten.“ Wie kann das aber auf den Fuͤrsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel des Ho¬ fes genieße, von Einfluß seyn? Als mich der Fuͤrst kennen lernte und mich einlud, im Zir¬ kel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein, daß ich nur von buͤrgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Fuͤrst, daß die Wissenschaft mich adle und faͤhig mache, in seiner Umge¬ bung zu erscheinen. „Er haͤlt es wirklich so, coquettirend mit aufgeklaͤrtem Sinn fuͤr Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen buͤrgerlichen Gelehrten und Kuͤnstler bemerkt haben, aber die Feinfuͤhlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seyns abgeht, die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt stellen koͤnnen, der sie uͤber das Ganze erhebt, sieht man nur selten, sie bleiben auch wohl ganz aus. Bei dem besten Willen, sich recht vorurtheilsfrei zu zeigen, mischt sich in das Betragen des Adlichen gegen den Buͤrger ein gewisses Et¬ was, das wie Herablassung, Duldung des eigentlich unziemlichen aussieht; das leidet kein Mann, der im gerechten Stolz wohl fuͤhlt, wie in adlicher Gesellschaft oft nur er es ist, der sich herablassen und dulden muß, das geistig Gemeine und Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich hoͤre ganz geistlich und wissenschaftlich er¬ zogen. Daher mag es kommen, daß Sie der erste Adliche sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter Adlichen auch jetzt nichts adliches, im schlimmen Sinn genom¬ men, verspuͤrt habe. Sie koͤnnten glauben, ich spraͤche da, als Buͤrgerlicher, vorgefaßte Meinungen aus, oder mir sei persoͤnlich et¬ was begegnet, das ein Vorurtheil erweckt habe, dem ist aber nicht so. Ich gehoͤre nun einmal zu einer der Classen, die Ausnahms¬ weise nicht blos tolerirt, sondern wirklich gehegt und gepflegt werden. Aerzte und Beichtvaͤter sind regierende Herren — Herr¬ scher uͤber Leib und Seele, mithin allemal von gutem Adel. Sollten denn auch nicht Indigestion und ewige Verdammniß den Cour¬ faͤhigsten etwas weniges incommodiren koͤn¬ nen? Von Beichtvaͤtern gilt das aber nur bei den katholischen. Die protestantischen Prediger, wenigstens auf dem Lande, sind nur Hausoffizianten, die, nachdem sie der gnaͤdigen Herrschaft das Gewissen geruͤhrt, am untersten Ende des Tisches sich in De¬ muth an Braten und Wein erlaben. Mag es schwer seyn, ein eingewurzeltes Vorurtheil abzulegen, aber es fehlt auch meistentheils an gutem Willen, da mancher Adlicher ah¬ nen mag, daß nur als solcher er eine Stel¬ lung im Leben behaupten koͤnne, zu der ihm sonst nichts in der Welt ein Recht giebt. Der Ahnen- und Adelstolz ist in unserer, al¬ les immer mehr vergeistigenden Zeit, eine hoͤchst seltsame, beinahe laͤcherliche Erschei¬ nung. — Vom Ritterthum, von Krieg und Waffen ausgehend, bildet sich eine Kaste, die ausschließlich die andern Staͤnde schuͤtzt, und das subordinirte Verhaͤltniß des Beschuͤtz¬ ten gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine Wissenschaft, der Kuͤnstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann sein Gewerbe ruͤhmen, siehe sagt der Ritter, da kommt ein ungebehrdi¬ ger Feind, dem ihr, des Krieges unerfahrne, nicht zu widerstehen vermoͤget, aber ich Waffengeuͤbter stelle mich mit meinem Schlacht¬ schwert vor euch hin, und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet Euer Leben, Euer Hab und Gut. — Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde, immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthuͤllt sich seine Alles uͤberwaͤltigende Kraft. Bald wird man gewahr, daß eine starke Faust, ein Harnisch, ein maͤchtig geschwun¬ genes Schwert nicht hinreichen das zu be¬ siegen, was der Geist will; selbst Krieg und Waffenuͤbung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder wird immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt, aus seinem innern geistigen Vermoͤgen muß er das schoͤ¬ pfen, womit er, giebt der Staat ihm auch irgend einen blendenden aͤußern Glanz, sich der Welt geltend machen muß. Auf das entgegengesetzte Prinzip stuͤtzt sich der aus dem Ritterthum hervorgehende Ahnen¬ stolz, der nur in dem Satz seinen Grund findet: meine Voreltern waren Helden, al¬ so bin ich dito ein Held. Je hoͤher das hin¬ aufgeht, desto besser; denn kann man das leicht absehen, wo einem Großpapa der Hel¬ densinn kommen, und ihm der Adel ver¬ liehen worden, so traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe liegt, nicht recht. Alles bezieht sich wieder auf Helden¬ denmuth und koͤrperliche Kraft. Starke, ro¬ buste Eltern haben wenigstens in der Regel eben dergleichen Kinder, und eben so vererbt sich kriegerischer Sinn und Muth. Die Rit¬ terkaste rein zu erhalten, war daher wohl Erforderniß jener alten Ritterzeit, und kein geringes Verdienst fuͤr ein altstaͤmmiges Fraͤu¬ lein, einen Junker zu gebaͤren, zu dem die arme buͤrgerliche Welt flehte: Bitte, friß uns nicht, sondern schuͤtze uns vor andern Junkern; mit dem geistigen Vermoͤgen ist es nicht so. Sehr weise Vaͤter erzielen oft dumme Soͤhnchen, und es moͤchte, eben weil die Zeit dem physischen Riterthum das psy¬ chische untergeschoben hat, Ruͤcksichts des Beweises angeerbten Adels aͤngstlicher seyn, von Leibnitz abzustammen, als von Amadis von Gallien oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In der einmal bestimmten Richtung schreitet der Geist der Zeit vor¬ waͤrts, und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher denn auch wohl jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und widerlicher Herablassung ge¬ mischte Benehmen gegen, der Welt und dem Staat hoch geltende Buͤrgerliche, das Erzeug¬ niß eines dunkeln, verzagten Gefuͤhls seyn mag, in dem sie ahnen, daß vor den Augen der Weisen, der veraltete Tand laͤngst ver¬ jaͤhrter Zeit abfaͤllt, und die laͤcherliche Bloͤ¬ ße sich ihnen frei darstellt. Dank sei es dem Himmel, viele Adliche, Maͤnner und Frauen, erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu der Lebens¬ hoͤhe, die ihnen Wissenschaft und Kunst dar¬ bieten; diese werden die wahren Geisterban¬ ner jenes Unholds seyn.“ Des Leibarztes Gespraͤch hatte mich in ein fremdes Gebiet gefuͤhrt. Niemals war es mir eingefallen, uͤber den Adel und uͤber sein Verhaͤltniß zum Buͤrger zu reflektiren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen, daß ich ehedem eben zu der zweiten Classe gehoͤrt hatte, die, nach seiner Behauptung, der Stolz des Adels nicht trifft. — War ich denn nicht in den vornehmsten adlichen Haͤusern zu B., der hochgeachtete, hochverehrte Beichtiger? — Weiter nachsinnend erkannte ich, wie ich selbst aufs neue mein Schicksal verschlun¬ gen hatte, indem aus dem Namen, Kwie¬ cziczewo, den ich jener alten Dame bei Ho¬ fe nannte, mein Adel entsprang und so dem Fuͤrsten der Gedanke einkam, mich mit Aure¬ lien zu vermaͤhlen. — Die Fuͤrstin war zuruͤckgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing mich mit holder jungfraͤulicher Verschaͤmtheit; ich schloß sie in meine Arme und glaubte in dem Augenblick daran, daß sie mein Weib werden koͤnne. Aurelie war wei¬ cher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll Thraͤnen, und der Ton, indem sie sprach, war wemuͤthige Bitte, so wie wenn im Gemuͤth des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es gesuͤndigt. — Ich durfte an meinen Besuch im Lust¬ schloß der Fuͤrstin denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor Au¬ relien mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. — Sie schwieg, sie schlug die Augen nieder, aber so wie mich selbst der Gedanke meines graͤßlichen Dop¬ peltgaͤngers staͤrker erfaßte, schrie ich auf: „Aurelie! um aller Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt erblicktest Du hinter uns!“ Sie sah mich voll Verwunderung an, immer starrer und starrer wurde ihr Blick, dann sprang sie ploͤtzlich auf, als wolle sie fliehen, doch blieb sie und schluchzte, beide Haͤnde vor die Augen gedruͤckt: „Nein, nein, nein — er ist es ja nicht!“ — Ich erfaßte sie sanft, erschoͤpft ließ sie sich nieder. „Wer, wer ist es nicht? — frug ich heftig, wohl Alles ah¬ nend, was in ihrem Innern sich entfalten mochte.“ — Ach, mein Freund, mein Geliebter, sprach sie leise und wemuͤthig: wuͤrdest Du mich nicht fuͤr eine wahnsinnige Schwaͤrmerin halten, wenn ich Alles ... Alles ... dir sagen sollte, was mich immer wieder so verstoͤrt im vollen Gluͤck der reinsten Liebe? — Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit seinen entsetzlichen Bildern zwischen zwischen uns, als ich Dich zum erstenmale sah; wie mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so ploͤtzlich eintratst in mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fuͤrstin. Wisse, so wie Du damals, kniete einst ne¬ ben mir ein verruchter Moͤnch, und wollte heiliges Gebet mißbrauchen zum graͤßlichen Frevel. Er wurde, als er, wie ein wildes Thier listig auf seine Beute lauernd, mich umschlich, der Moͤrder meines Bruders! Ach und Du! ... Deine Zuͤge? ... Deine Spra¬ che ... jenes Bild! laß mich schweigen, o laß mich schweigen.“ Aurelie bog sich zuruͤck; in halbliegender Stellung lehnte sie, den Kopf auf die Hand gestuͤzt, in die Ecke des Sophas, uͤppiger traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen Koͤrpers hervor. Ich stand vor ihr, das luͤsterne Au¬ ge schwelgte in dem unendlichen Liebreiz, aber mit der Lust kaͤmpfte der teuflische Hohn, der in mir rief: Du Ungluͤckselige, Du dem Satan erkaufte, bist du ihm denn II . [ 8 ] entflohen, dem Moͤnch, der dich im Gebet zur Suͤnde verlockte? Nun bist du seine Braut ... seine Braut! — In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien, die ein Him¬ melsstrahl zu entzuͤnden schien, als dem Ge¬ faͤngniß, dem Tode entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern verschwun¬ den, und der Gedanke: daß ihr Verderben meines Lebens glaͤnzendster Lichtpunkt seyn koͤnne, erfuͤllte mich ganz und gar. — Man rief Aurelien zur Fuͤrstin. Klar wurde es mir, daß Aureliens Leben gewisse mir noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst ha¬ ben muͤsse; und doch fand ich keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie alles Bittens uner¬ achtet, jene einzelne hingeworfene Aeußer¬ ungen nicht naͤher deuten wollte. Der Zu¬ fall enthuͤllte mir das, was sie zu verschwei¬ gen gedachte. — Eines Tages befand ich mich in dem Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag, alle Privatbriefe des Fuͤrsten und der dem Hofe Angehoͤrigen zur Post zu be¬ foͤrdern. Er war eben abwesend, als Aure¬ liens Maͤdchen mit einem starken Briefe hin¬ eintrat, und ihn auf den Tisch zu den uͤbri¬ gen, die schon dort befindlich, legte. Ein fluͤchtiger Blick uͤberzeugte mich, daß die Aufschrift an die Aebtissin, der Fuͤrstin Schwester, von Aureliens Hand war. Die Ahnung, alles noch nicht erforschte sey darin enthalten, durchflog mich mit Blitzesschnelle; noch ehe der Beamte zuruͤckgekehrt, war ich fort mit dem Briefe Aureliens. Du Moͤnch, oder im weltlichen Treiben Befangener, der Du aus meinem Leben Leh¬ re und Warnung zu schoͤpfen trachtest, lies die Blaͤtter die ich hier einschalte, lies die Gestaͤndnisse des frommen, reinen Maͤdchens, von den bittern Thraͤnen des reuigen, hoff¬ nungslosen Suͤnders benezt. Moͤge das from¬ me Gemuͤth dir aufgehen, wie leuchtender Trost in der Zeit der Suͤnde und des Fre¬ vels. Aurelie an die Aebtißin des Cister¬ zienser Nonnenklosters zu .... Meine theure gute Mutter! mit welchen Worten soll ich Dir's denn verkuͤnden, daß dein Kind gluͤcklich ist, daß endlich die grause Gestalt, die, wie ein schrecklich drohendes Ge¬ spenst, alle Bluͤthen abstreifend, alle Hof¬ nungen zerstoͤrend in mein Leben trat, ge¬ bannt wurde, durch der Liebe goͤttlichen Zau¬ ber. Aber nun faͤllt es mir recht schwer aufs Herz, daß wenn Du meines ungluͤckli¬ chen Bruders, meines Vaters, den der Gram toͤdtete, gedachtest und mich aufrichte¬ test in meinem trostlosen Jammer — daß ich dann Dir nicht, wie in heiliger Beichte, mein Innres ganz aufschloß. Doch ich vermag ja auch nun erst das duͤstre Geheimniß aus¬ zusprechen das tief in meiner Brust verbor¬ gen lag. Es ist, als wenn eine boͤse un¬ heimliche Macht mir mein hoͤchstes Lebens¬ gluͤck recht truͤgerisch wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte wie auf einem wogenden Meer hin und her schwan¬ ken und vielleicht rettungslos untergehen. Doch der Himmel half, wie durch ein Wun¬ der, in dem Augenblick, als ich im Begriff stand, unnennbar elend zu werden. — Ich muß zuruͤckgehen in meine fruͤhe Kinderzeit, um Alles, Alles zu sagen, denn schon da¬ mals wurde der Keim in mein Innres gelegt, der so lange Zeit hindurch verderblich fort¬ wucherte. Erst drei oder vier Jahre war ich alt, als ich einst, in der schoͤnsten Fruͤh¬ lingszeit, im Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir pfluͤckten allerlei Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht da¬ zu aufgelegt, ließ es sich gefallen, mir Kraͤn¬ ze zu flechten, in die ich mich putzte. Nun wol¬ len wir zur Mutter gehen, sprach ich als ich mich uͤber und uͤber mit Blumen behaͤngt hat¬ te; da sprang aber Hermogen hastig auf, und rief mit wilder Stimme: Laß uns nur hier bleiben, klein Ding! die Mutter ist im blauen Cabinet und spricht mit dem Teufel! — Ich wußte gar nicht, was er damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck, und fing endlich an jaͤmmerlich zu weinen. „Dumme Schwester, was heulst Du, rief Hermogen, Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er thut ihr nichts!“ Ich fuͤrch¬ tete mich vor Hermogen, weil er so finster vor sich hin blickte, so rauh sprach, und schwieg stille. Die Mutter war damals schon sehr kraͤnklich, sie wurde oft von fuͤrchterli¬ chen Kraͤmpfen ergriffen, die in einen todt¬ aͤhnlichen Zustand uͤbergingen. Wir, ich und Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich hoͤrte nicht auf zu klagen, aber Hermo¬ gen sprach dumpf in sich hinein: „der Teufel hat's ihr angethan!“ So wurde in meinem kindischen Gemuͤth der Gedanke erweckt, die Mutter habe Gemeinschaft mit einem boͤsen haͤßlichen Gespenst, denn anders dachte ich mir nicht den Teufel, da ich mit den Lehren der Kirche noch unbekannt war. Eines Ta¬ ges hatte man mich allein gelassen, mir wur¬ de ganz unheimlich zu Muthe, und vor Schreck vermochte ich nicht zu fliehen, als ich wahr¬ nahm, daß ich eben in dem blauen Cabinet mich befand, wo nach Hermogens Behaup¬ tung, die Mutter mit dem Teufel sprechen sollte. Die Thuͤre ging auf, die Mutter trat leichenblaß herein und vor eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer tief kla¬ gender Stimme: Francesko, Francesko! Da rauschte und regte es sich hinter der Wand, sie schob sich aus einander und das lebensgroße Bild eines schoͤnen, in einem violetten Man¬ tel wunderbar gekleideten Mannes wurde sichtbar. Die Gestalt, das Gesicht dieses Mannes machte einen unbeschreiblichen Ein¬ druck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude; die Mutter umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig: Was willst Du hier Aurelie? — wer hat Dich hieher gebracht? — Die Mutter, sonst so sanft und guͤtig, war erzuͤrnter, als ich sie je gesehen. Ich glaub¬ te daran Schuld zu seyn. „Ach, stammelte ich unter vielen Thraͤnen, sie haben mich hier allein gelassen, ich wollte ja nicht hier bleiben. Aber als ich wahrnahm, daß das Bild verschwunden, da rief ich: Ach das schoͤne Bild, wo ist das schoͤne Bild! — Die Mutter hob mich in die Hoͤhe, kuͤßte und herzte mich und sprach: „Du bist mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf nie¬ mand sehen, auch ist es nun auf immer fort!“ Niemand vertraute ich, was mir widerfah¬ ren, nur zu Hermogen sprach ich einmal: Hoͤre! die Mutter spricht nicht mit dem Teu¬ fel, sondern mit einem schoͤnen Mann, aber der ist nur ein Bild, und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft. Da sah Her¬ mogen starr vor sich hin und murmelte: „Der Teufel kann aussehen wie er will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter thut er doch nichts.“ — Mich uͤberfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht wieder von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt, das Bild ver¬ lor sich aus meinem Gedaͤchtniß und wurde selbst dann nicht wieder lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land zuruͤckgekehrt waren. Der Fluͤgel des Schlosses, in welchem jenes blaue Cabinet gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner Mutter, die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten Er¬ innerungen in sich aufzuregen. Eine Repa¬ ratur des Gebaͤudes machte es endlich noͤthig die Zimmer zu oͤffnen; ich trat in das blaue Cabinet, als die Arbeiter eben beschaͤftiget waren, den Fußboden aufzureißen. So wie einer von ihnen eine Tafel in der Mit¬ te des Zimmers emporhob, rauschte es hin¬ ter der Wand, sie schob sich aus einander, und das lebensgroße Bild des Unbekannten wurde sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fußboden, welche, angedruͤckt, eine Maschi¬ ne hinter der Wand in Bewegung setzte, die ein Feld des Tafelwerks, womit die Wand bekleidet, aus einander schob. Nun gedachte ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinder¬ jahre, meine Mutter stand wieder vor mir, ich vergoß heiße Thraͤnen, aber nicht weg¬ wenden konnte ich den Blick von dem frem¬ den herrlichen Mann, der mich mit leben¬ dig strahlenden Augen anschaute. Man hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet was sich zugetragen, er trat herein, als ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen Blick hatte er darauf geworfen, als er, von Entse¬ tzen ergriffen, stehen blieb und dumpf in sich hineinmurmelte: Francesko, Francesko! Darauf wandte er sich rasch zu den Arbei¬ tern, und befahl mit starker Stimme: „Man breche sogleich das Bild aus der Wand, rol¬ le es auf und uͤbergebe es Reinhold.“ Es war mir, als solle ich den schoͤnen herrli¬ chen Mann, der in seinem wunderbaren Ge¬ wande mir, wie ein hoher Geisterfuͤrst vor¬ kam, niemals wiedersehen, und doch hielt mich eine unuͤberwindliche Scheu zuruͤck, den Vater zu bitten, das Bild ja nicht ver¬ nichten zu lassen. In wenigen Tagen ver¬ schwand jedoch der Eindruck, den der Auf¬ tritt mit dem Bilde auf mich gemacht hatte, spurlos aus meinem Innern. — Ich war schon vierzehn Jahr alt worden, und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so daß ich sonderbar genug gegen den ernsten feierlichen Hermogen abstach und der Vater oft sagte, daß wenn Hermogen mehr ein stilles Maͤdchen schie¬ ne, ich ein recht ausgelassener Knabe sey. Das sollte sich bald aͤndern. Hermogen fing an, mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Uebun¬ gen zu treiben. Er lebte nur in Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfuͤllt, und da es eben Krieg, geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich Dien¬ ste nehmen zu lassen. Mich uͤberfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklaͤrliche Stimmung, die ich nicht zu deuten wußte, und die bald mein ganzes Wesen verstoͤrte. Ein seltsames Uebelbefinden schien aus der Seele zu kommen, und alle Lebenspulse ge¬ waltsam zu ergreifen. Ich war oft der Ohnmacht nahe, dann kamen allerlei wun¬ derliche Bilder und Traͤume, und es war mir, als solle ich einen glaͤnzenden Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und koͤnne nur, wie ein schlaftrunknes Kind, die Augen nicht oͤffnen. Ohne zu wissen, wa¬ rum? konnte ich oft bis zum Tode betruͤbt, oft ausgelassen froͤhlich seyn. Bei dem ge¬ ringsten Anlaß stuͤrzten mir die Thraͤnen aus den Augen, eine unerklaͤrliche Sehnsucht stieg oft bis zu koͤrperlichem Schmerz, so daß alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen Zustand, schrieb ihn uͤberreizten Nerven zu und suchte die Huͤlfe des Arztes, der allerlei Mittel verordnete die ohne Wirkung blieben. Ich weiß selbst nicht wie es kam, urploͤtzlich erschien mir das ver¬ gessene Bild jenes unbekannten Mannes so lebhaft, daß es mir war, als stehe es vor mir, Blicke des Mitleids auf mich gerichtet. „Ach! — soll ich denn sterben? — was ist es, das mich so unaussprechlich quaͤlt?“ So rief ich dem Traumbilde entgegen, da laͤchel¬ te der Unbekannte und antwortete: Du liebst mich, Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst Du die Geluͤbde des Gottgeweihten brechen? — Zu meinem Erstaunen wurde ich nun ge¬ wahr, daß der Unbekannte das Ordenskleid der Capuziner trug. — Ich raffte mich mit aller Gewalt auf, um nur aus dem traͤume¬ rischen Zustande zu erwachen. Es gelang mir. Fest war ich uͤberzeugt, daß je¬ ner Moͤnch nur ein loses truͤgerisches Spiel meiner Einbildung gewesen und doch ahnte ich nur zu deutlich, daß das Geheimniß der Liebe sich mir erschlossen hatte. Ja! — ich liebte den Unbekannten mit aller Staͤrke des erwachten Gefuͤhls, mit aller Leidenschaft und Inbrunst de¬ ren das jugendliche Herz faͤhig. In jenen Au¬ genblicken traͤumerischen Hinbruͤtens, als ich den Unbekannten zu sehen glaubte, schien mein Uebelbefinden den hoͤchsten Punkt er¬ reicht zu haben, ich wurde zusehends woh¬ ler, indem meine Nervenschwaͤche nachließ, und nur das stete starre Festhalten jenes Bil¬ des, die fantastische Liebe zu einem Wesen, das nur in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Traͤumerin. Ich war fuͤr Alles ver¬ stummt, ich saß in der Gesellschaft ohne mich zu regen, und indem ich, mit meinem Ideal beschaͤftigt, nicht darauf achtete, was man sprach, gab ich oft verkehrte Antwor¬ ten, so daß man mich fuͤr ein einfaͤltig Ding achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen uͤbersetzter Roman: Der Moͤnch! — Mit eiskaltem Schauer durchbeb¬ te mich der Gedanke, daß der unbekannte Geliebte ein Moͤnch sey. Nie hatte ich ge¬ ahnt, daß die Liebe zu einem Gottgeweihten suͤndlich seyn koͤnne, nun kamen mir ploͤtzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du die Geluͤbde des Gottgeweihten brechen? — und nun erst verwundeten sie, mit schwerem Ge¬ wicht in mein Innres fallend, mich tief. Es war mir, als koͤnne jenes Buch mir manchen Aufschluß geben. Ich nahm es mit mir, ich fing an zu lesen, die wunder¬ bare Geschichte riß mich hin, aber als der erste Mord geschehen, als immer verruchter der graͤßliche Moͤnch frevelt, als er endlich ins Buͤndniß tritt mit dem Boͤsen, da er¬ griff mich namenloses Entsetzen, denn ich gedachte jener Worte Hermogens: Die Mutter spricht mit dem Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener Moͤnch im Roman, sey der Unbekannte ein dem Boͤsen Verkaufter, der mich verlocken wolle. Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Moͤnch, der in mir lebte. Nun erst wußte ich, daß es frevelhafte Liebe gebe, mein Abscheu dage¬ gen kaͤmpfte mit dem Gefuͤhl, das meine Brust erfuͤllte, und dieser Kampf machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte sich meiner, in der Naͤhe eines Mannes ein un¬ heimliches Gefuͤhl, weil es mir ploͤtzlich war, als sey es der Moͤnch, der nun mich erfassen und fortreißen werde ins Verderben. Rein¬ hold kam von einer Reise zuruͤck, und erzaͤhlte viel von einem Capuziner Medardus, der als Canzelredner weit und breit beruͤhmt sey und den er selbst in . . .r mit Verwunderung gehoͤrt habe. Ich dachte an den Moͤnch im Roman und es uͤberfiel mich eine seltsa¬ me Ahnung, daß das geliebte und gefuͤrchtete Traumbild jener Medardus seyn koͤnne. Der Gedanke war mir schrecklich, selbst wußte ich nicht, warum? und mein Zustand wurde in der That peinlicher uud verstoͤrter, als ich es zu ertragen vermochte. Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Traͤumen. Aber vergebens suchte ich das Bild des Moͤnchs aus meinem Innern zu verbannen; ich ungluͤckliches Kind konnte nicht widerste¬ hen der suͤndigen Liebe zu dem Gottgeweih¬ ten. — Ein Geistlicher besuchte einst, wie er es wohl manchmal zu thun pflegte, den Vater. Er ließ sich weitlaͤuftig uͤber die mannichfa¬ chen chen Versuchungen des Teufels aus und mancher Funke fiel in meine Seele, indem der Geistliche den trostlosen Zustand des jungen Gemuͤths beschrieb, in das sich der Boͤse den Weg bahnen wolle und worin er nur schwaches Widerstreben faͤnde. Mein Vater fuͤgte man¬ ches hinzu, als ob er von mir rede. Nur unbegraͤnzte Zuversicht, sagte endlich der Geistliche, nur unwandelbares Vertrauen, nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als zur Religion und ihren Dienern, koͤnne Ret¬ tung bringen. Dies merkwuͤrdige Gespraͤch bestimmte mich, den Trost der Kirche zu su¬ chen, und meine Brust, durch reuiges Gestaͤnd¬ niß in heiliger Beichte, zu erleichtern. Am fruͤhen Morgen des andern Tages wollte ich, da wir uns eben in der Residenz befanden, in die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen. Es war eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu uͤberstehen hat¬ te. Abscheuliche, freveliche Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht, umgaukelten II . [ 9 ] mich, aber dann mitten drunter stand der Moͤnch da, mir die Hand wie zur Rettung bie¬ tend und rief: Sprich es nur aus, daß Du mich liebst, und frei bist Du aller Noth. Da mußt' ich unwillkuͤhrlich rufen: Ja Medardus, ich liebe Dich ! — und verschwunden waren die Geister der Hoͤlle! Endlich stand ich auf, klei¬ dete mich an, und ging nach der Klosterkirche. Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten Fenster, ein Lay¬ enbruder reinigte, die Gaͤnge. Unfern der Seitenpforte, wo ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar, dort hielt ich ein kurzes Gebet, und schritt dann auf den Beichtstuhl zu, in dem ich ei¬ nen Moͤnch erblickte. Hilf, heiliger Him¬ mel! — es war Medardus! Kein Zweifel blieb uͤbrig, eine hoͤhere Macht sagte es mir. Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Lie¬ be, aber ich fuͤhlte, daß nur standhafter Muth mich retten koͤnne. Ich beichtete ihm selbst meine suͤndliche Liebe zu dem Gottgeweihten, ja mehr als das! ... Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es mir, als haͤtte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden, die den Geliebten fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. „Du selbst, Du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaus¬ sprechlich liebe.“ Das waren die letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floß lindernder Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des Moͤnchs, der mir ploͤtzlich nicht mehr Medar¬ dus schien. Bald darauf nahm mich ein al¬ ter ehrwuͤrdiger Pilger in seine Arme und fuͤhrte mich langsamen Schrittes durch die Gaͤnge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er sprach hochheilige, herrliche Worte, aber ich mußte entschlummern wie ein unter sanften, suͤßen Toͤnen eingewiegtes Kind. Ich verlor das Bewußtseyn. Als ich erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sopha meines Zimmers. „Gott und den Heiligen Lob und Dank, die Crisis ist voruͤber, sie erholt sich!“ rief eine Stimme. Es war der Arzt, der diese Worte zu meinem Vater sprach. Man sagte mir, daß man mich des Morgens in einem er¬ starrten, todtaͤhnlichen Zustande gefunden und einen Nervenschlag befuͤrchtet habe. Du siehst, meine liebe, fromme Mutter, daß meine Beichte bei dem Moͤnch Medardus nur ein lebhafter Traum in einem uͤberreizten Zustande war, aber die heilige Rosalia, zu der ich oft flehte, und deren Bildniß ich ja auch im Traum anrief, hat mir wohl al¬ les so erscheinen lassen, damit ich errettet werden moͤge aus den Schlingen, die mir der arglistige Boͤse gelegt. Verschwunden war aus meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Moͤnchsgewand. Ich erholte mich ganz: und trat nun erst hei¬ ter und unbefangen in das Leben ein. — Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte mich jener verhaßte Moͤnch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen. Fuͤr eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich augenblicklich den Moͤnch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden. „Das ist der Teufel, mit dem die Mutter gespro¬ chen, huͤte Dich, huͤte Dich! — er stellt Dir nach!“ so rief der ungluͤckliche Hermogen im¬ mer in mich hinein. Ach, es haͤtte dieser Warnung nicht bedurft. Von dem ersten Moment an, als mich der Moͤnch mit vor frevelicher Begier funkelnden Augen anblick¬ te, und dann in geheuchelter Verzuͤckung die heilige Rosalia anrief, war er mir unheim¬ lich und entsetzlich. Du weißt alles fuͤrch¬ terliche, was sich darauf begab, meine gute liebe Mutter. Ach aber, muß ich es nicht Dir auch gestehen, daß der Moͤnch mir desto gefaͤhrlicher war, als sich tief in meinem Innersten ein Gefuͤhl re te, dem gleich als zuerst der Gedanke der Suͤnde in mir ent¬ stand und als ich ankaͤmpfen mußte gegen die Verlockung des Boͤsen? Es gab Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden des Moͤnchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus seinem Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen uͤberirrdischen Liebe entzuͤnden koͤnne. Aber dann wußte er mit verruchter List, selbst in begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Hoͤlle kam. Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu denen ich inbruͤn¬ stig flehte, den Bruder. — Denke dir, liebe Mutter, mein Entsetzen, als hier, bald nach¬ dem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen, ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick fuͤr den Moͤnch Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich ge¬ kleidet ging. Ich wurde ohnmaͤchtig, als ich ihn sah. In den Armen der Fuͤrstin erwacht, rief ich laut: Er ist es, er ist es, der Moͤr¬ der meines Bruders. — „Ja er ist es, sprach die Fuͤrstin: der verkappte Moͤnch Medardus der dem Kloster entsprang; die auffallende Aehnlichkeit mit seinem Vater Francesco ...“ Hilf, heiliger Himmel, indem ich diesen Na¬ men schreibe, rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder. Jenes Bild meiner Mut¬ ter war Francesco ... das truͤgerische Moͤnchs¬ gebilde, das mich quaͤlte, hatte ganz seine Zuͤge! — Medardus, ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum der Beichte. Medardus ist Francesco's Sohn, Franz, den du, meine gute Mutter, so fromm erziehen ließest und der in Suͤnde und Fre¬ vel gerieth. Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesco, daß sie sein Bild heimlich aufbewahrte, und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seeligen Zeit zu uͤberlassen schien? — Wie kam es, daß in diesem Bilde Hermogen den Teufel sah, und daß es den Grund legte zu meiner son¬ derbaren Verirrung? Ich versinke in Ahnun¬ gen und Zweifel. — Heiliger Gott, bin ich denn entronnen der boͤsen Macht, die mich umstrickt hielt? — Nein, ich kann nicht wei¬ ter schreiben, mir ist, als wuͤrd' ich von dunkler Nacht befangen und kein Hoffnungs¬ stern leuchte, mir freundlich den Weg zei¬ gend, den ich wandeln soll! (Einige Tage spaͤter.) Nein! Keine finstere Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage verduͤstern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwuͤrdige Pater Cyrillus hat dir, meine theure Mutter, wie ich weiß, schon ausfuͤhrlich berichtet, welch eine schlimme Wendung der Prozeß Leonards nahm, den meine Uebereilung den boͤsen Criminalgerichten in die Haͤnde gab. Daß der wirkliche Medardus eingefangen wurde, daß sein vielleicht verstellter Wahnsinn bald ganz nachließ, daß er seine Frevelthaten ein¬ gestand, daß er seine gerechte Strafe erwar¬ tet und ... doch nicht weiter, denn nur zu sehr wuͤrde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir so theuer war, dein Herz verwunden. — Der merk¬ wuͤrdige Prozeß war das einzige Gespraͤch bei Hofe. Man hielt Leonard fuͤr einen ver¬ schmizten, hartnaͤckigen Verbrecher, weil er alles laͤugnete. — Gott im Himmel! — Dolch¬ stiche waren mir manche Reden, denn auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir: er ist unschuldig und das wird klar werden, wie der Tag. — Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm, gestehen mußte ich es mir selbst, daß mir sein Bild, rief ich es mir wieder zuruͤck, Regungen erweckte, die ich nicht mißdeuten konnte. Ja! — ich liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein frevelicher Verbrecher schien. Ein Wunder mußte ihn und mich retten, denn ich starb, so wie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos, er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung aus fruͤhen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu vertruͤben suchte, herrlich, herrlich auf in regen wonnigem Leben. O gieb mir, gieb dem Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! — Ach koͤnnte Dein gluͤckliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem Herzen! — Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er groͤßer, auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der seiner Nation eigen, Du weißt daß er ein Pole ist) von Francesko und dem Moͤnch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl uͤberhaupt, den geistreichen, gewand¬ ten, herrlichen Leonard auch nur einen Au¬ genblick fuͤr einen entlaufenen Moͤnch anzu¬ sehen. Aber so stark ist noch der fuͤrchterli¬ che Eindruck jener graͤßlichen Szenen auf unserm Schlosse, daß oft, tritt Leonard un¬ vermuthet zu mir herein und blickt mich an mit seinem strahlenden Auge, das, ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht, mich unwillkuͤhrliches Grausen befaͤllt und ich Gefahr laufe durch mein kindisches We¬ sen, den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als wuͤrde erst des Priesters Seegen die fin¬ stere Gestalten bannen, die noch jetzt recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schließe mich und den Ge¬ liebten in Dein frommes Gebet, meine theure Mutter! — Der Fuͤrst wuͤnscht, daß die Vermaͤhlung bald vor sich gehe; den Tag schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken moͤgest, in ihres Lebens feierlicher, verhaͤngnißvoller Stunde ꝛc.“ Immer und immer wieder las ich Au¬ reliens Blaͤtter. Es war, als wenn der Geist des Himmels, der daraus hervorleuch¬ tete, in mein Inneres dringe und vor seinem reinen Strahl alle suͤndliche freveliche Gluth verloͤsche. Bei Aureliens Anblick uͤberfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie stuͤrmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein veraͤndertes Betragen, ich ge¬ stand ihr reuig den Raub des Briefes an die Aebtissin; ich entschuldigte ihn mit ei¬ nem unerklaͤrlichen Drange, dem ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren hoͤheren Macht, nicht widerstehen koͤnnen, ich behauptete, daß eben jene hoͤhere, auf mich einwirkende Macht, mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund thun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Rathschluß sey. „Ja, Du frommes Himmels¬ kind, sprach ich: Auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf, indem Du mir Deine Liebe gestandest, aber ich war ein un¬ gluͤcklicher vom Geschick zermalmter Moͤnch dessen Brust tausend Qualen der Hoͤlle zer¬ rissen. — Dich — Dich liebte ich mit nah¬ menloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Moͤnch, und Du die heilige Ro¬ salia.“ Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott, sprach sie: Um Gott, es geht ein tie¬ fes unerforschliches Geheimniß durch unser Leben; ach, Leonard, laß uns nie an dem Schleier ruͤhren, der es umhuͤllt, wer weiß, was grauenvolles entsetzliches dahinter ver¬ borgen. Laß uns fromm seyn, und fest an einander halten in treuer Liebe, so widerste¬ hen wir der dunkeln Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Daß Du meinen Brief lasest, das mußte so seyn; ach! ich selbst haͤtte Dir Alles erschließen sollen, kein Geheimniß darf unter uns wal¬ ten. Und doch ist es mir, als kaͤmpftest Du mit manchem, was fruͤher recht verderblich eintrat in Dein Leben und was Du nicht ver¬ moͤchtest, uͤber die Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! — Sey aufrichtig, Leonard? — Ach wie wird ein freimuͤthiges Gestaͤnd¬ niß Deine Brust erleichtern, und heller unsere Liebe strahlen?“ — Wohl fuͤhlte ich bei die¬ sen Worten Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht frevelich getaͤuscht; und dies Gefuͤhl regte sich staͤrker und staͤr¬ ker auf in wunderbarer Weise, ich mußte Au¬ relien Alles — alles entdecken und doch ih¬ re Liebe gewinnen „Aurelie — Du meine Heilige, — die mich rettet von ...“ In dem Augenblick trat die Fuͤrstin herein, ihr An¬ blick warf mich ploͤtzlich zuruͤck in die Hoͤlle, voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie mußte mich jetzt dulden, ich blieb, und stellte mich als Aureliens Braͤutigam kuͤhn und keck ihr entgegen. Ueberhaupt war ich nur frei von allen boͤsen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Him¬ mels auf. Jetzt erst wuͤnschte ich lebhaft meine Vermaͤhlung mit Aurelien. — In ei¬ ner Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand ergreifen, und wurde gewahr, daß es nur Duft sey, der sich gestaltet. Weshalb diese alberne Taͤu¬ schung, rief ich erzuͤrnt; da flossen helle Thraͤnen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen, hellblinken¬ den Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer zerriß eine schwarze fuͤrchterliche Faust den Kreis. „Du, den ich rein von je¬ der Unthat geboren, sprach meine Mutter mit sanfter Stimme: ist denn deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen ver¬ magst den Verlockungen des Satans? — Jetzt kann ich erst Dein Innres durchschau¬ en, denn mir ist die Last des Irrdischen ent¬ nommen! — Erhebe dich Franciskus! ich will dich schmuͤcken mit Baͤndern und Blu¬ men, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du sollst wie¬ der ein frommer Knabe seyn!“ — Da war es mir, als muͤsse ich wie sonst einen Hym¬ nus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul, und schwarze Schleier rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. — Mehrere Ta¬ ge nach dieser Vision begegnete mir der Cri¬ minalrichter auf der Straße. Er trat freund¬ lich auf mich zu. „Wissen Sie schon, fing er an: daß der Prozeß des Capuziners Medar¬ duß wieder zweifelhaft worden? Das Urtel das ihm hoͤchst wahrscheinlich den Tod zuer¬ kannt haͤtte, sollte schon abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das Criminalgericht erhielt nem¬ lich die Nachricht von dem Tode seiner Mut¬ ter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten Gemuͤth Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha! — die Prinzessin von ... (er nannte die Gemahlin des ermor¬ deten Bruders unsers Fuͤrsten) ist laͤngst ge¬ storben!“ — Es ist jetzt eine neue aͤrztliche Untersuchung verfuͤgt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Moͤnchs verstellt sey. — Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen! sie war mir in dem¬ selben Momente als sie starb erschienen, und tief eindringend in Sinn und Gemuͤth, war nun auch die nur zu sehr vergessene Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein werden sollte. Mil¬ der und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens liebe ganz zu verstehen, ich mochte mochte sie wie eine mich beschirmende Heili¬ ge kaum verlassen, und mein duͤsteres Ge¬ heimniß wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforsch¬ liches, von hoͤheren Maͤchten verhaͤngtes, Er¬ eigniß. — Der von dem Fuͤrsten bestimmte Tag der Vermaͤhlung war gekommen. Au¬ relie wollte in erster Fruͤhe vor dem Altar der heiligen Rosalia, in der nahe gelegenen Klosterkirche, getraut seyn. Wachend, und nach langer Zeit zum erstenmal inbruͤnstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblen¬ deter fuͤhlte nicht, daß das Gebet, womit ich mich zur Suͤnde ruͤstete, hoͤllischer Fre¬ vel sey! — Als ich zu Aurelien eintrat, kam sie mir, weißgekleidet, und mit duftenden Ro¬ sen geschmuͤckt, in holder Engelsschoͤnheit ent¬ gegen. Ihr Gewand, so wie ihr Haarschmuck, hatte etwas sonderbar alterthuͤmliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber von tiefen Schauer fuͤhlte ich mich durchbebt, als ploͤtzlich lebhaft das Bild des Altars, an II . [ 10 ] dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen stand. Das Bild stellte das Marty¬ rium der heiligen Rosalia vor, und gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. — Schwer wurde es mir, den grausigen Eindruck den dies auf mich machte, zu verbergen. Au¬ relie gab mir, mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Selig¬ keit stralte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuß des reinsten Ent¬ zuͤckens, durchdrang mich aufs neue das deut¬ liche Gefuͤhl, daß nur durch Aurelie meine Seele errettet werden koͤnne. Ein fuͤrstli¬ cher Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sey, uns zu empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das Kammermaͤdchen, daß das Haar in Unordnung gekommen sey, sie sprang fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Thuͤre, der Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem Au¬ genblick entstand ein dumpfes Geraͤusch auf der Straße, hohle Stimmen riefen durch ein¬ ander, und das droͤhnende Gerassel eines schweren langsam rollenden Wagens lies sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster! — Da stand eben vor dem Pallast der vom Hen¬ kersknecht gefuͤhrte Leiterwagen, auf dem der Moͤnch ruͤckwaͤrts saß, vor ihm ein Capuzi¬ ner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von der Blaͤße der Todesangst und dem struppigen Bart — doch waren die Zuͤge des graͤßlichen Doppeltgaͤngers mir nur zu kenntlich. — So wie der Wagen, au¬ genblicklich gehemmt durch die andraͤngende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren entsetzlichen Blick der funkelnden Au¬ gen zu mir herauf, und lachte und heulte her¬ auf: „Braͤutigam, Braͤutigam! . komm komm aufs Dach ... aufs Dach ... da wollen wir ringen mit einander, und wer den an¬ dern herabstoͤßt ist Koͤnig und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf: „entsetzlicher Mensch ... was Du was willst Du von mir.“ — Aurelie umfaßte mich mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom Fenster, ru¬ fend: „Um Gott und der heiligen Jungfrau willen ... Sie fuͤhren den Medardus ... den Moͤrder meines Bruders, zum Tode ... Leonard ... Leonard!“ — Da wurden die Gei¬ ster der Hoͤlle in mir wach, und baͤumten sich auf mit der Gewalt die ihnen verlie¬ hen uͤber den frevelnden verruchten Suͤnder. — Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wuth, daß sie zusammen zuckte: „Ha ha ha ... Wahn¬ sinniges, thoͤriges Weib ... ich ... ich, dein Buhle, Dein Braͤutigam, bin der Medardus ... bin Deines Bruders Moͤrder ... Du, Braut des Moͤnchs, willst Verderben herab¬ winseln uͤber Deinen Braͤutigam? Ho ho ho! ... ich bin Koͤnig ... ich trinke dein Blut!“ — Das Mordmesser riß ich heraus — ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden fal¬ len lassen — ein Blutstrom sprang hervor uͤber meine Hand. — Ich stuͤrzte die Trep¬ pen hinab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den Moͤnch herab, und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wuͤthend stieß ich mit dem Messer um mich herum — ich wurde frei — ich sprang fort — man drang auf mich ein, ich fuͤhlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand, und mit der linken kraͤftige Faustschlaͤge austheilend, ar¬ beitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks, die ich mit einem fuͤrchterlichen Satz uͤbersprang. „Mord ... Mord ... Hal¬ tet ... haltet den Moͤrder!“ riefen Stimmen hinter mir her, ich hoͤrte es rasseln, man wollte das verschlossene Thor des Parks sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trenn¬ te, ein maͤchtiger Sprung — ich war hinuͤ¬ ber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich erschoͤpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht worden, als ich, wie aus tiefer Be¬ taͤubung, erwachte. Nur der Gedanke, zu fliehen, wie ein gehetztes Thier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebuͤsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Ruͤcken sprang, und mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschuͤtteln — ich warf mich nieder, ich druͤckte mich hinterruͤcks an die Baͤume, alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte hoͤhnisch; da brach der Mond hellleuch¬ tend durch die schwarzen Tannen, und das todtenbleiche, graͤßliche Gesicht des Moͤnchs — des vermeintlichen Medardus, des Doppelt¬ gaͤngers, starrte mich an mit dem graͤßlichen Blick, wie von dem Wagen herauf. — „Hi ... hi ... hi ... Bruͤderlein ... Bruͤderlein, immer immer bin ich bei Dir ... lasse Dich nicht ... lasse ... Dich nicht ... Kann nicht lau .. laufen ... wie Du ... mußt mich tra¬ ... tragen ... Komme vom Ga ... Galgen ... haben mich raͤ ... raͤdern wollen ... hi hi ...“ So lachte und heulte das grause Ge¬ spenst, indem ich, von wildem Entsetzen ge¬ kraͤftigt, hoch empor sprang wie ein von der Riesenschlange eingeschnuͤrter Tiger! — Ich raste gegen Baum- und Felsstuͤcke, um ihn wo nicht zu toͤdten, doch wenigstens hart zu verwunden, daß er mich zu lassen genoͤthigt seyn sollte. Dann lachte er staͤrker und mich nur traf jaͤher Schmerz; ich versuchte seine un¬ ter meinem Kinn festgeknoteten Haͤnde loszu¬ winden, aber die Gurgel einzudruͤcken drohte mir des Ungethuͤmes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er ploͤtzlich herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf meinem Ruͤcken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzliche Worte stammelnd! — Aufs neue jene An¬ strengungen wilder Wuth — aufs neue be¬ freit! — aufs neue umhalst von dem fuͤrch¬ terlichen Gespenst. — Es ist mir nicht moͤg¬ lich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppeltgaͤnger verfolgt, durch finstre Waͤlder floh, es ist mir so, als muͤsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben. Nur eines lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in gaͤnzlich bewußtlosen Zustand verfiel. Eben war es mir gegluͤckt, meinen Doppellgaͤnger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstral, und mit ihm ein hol¬ des anmuthiges Toͤnen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke die zur Fruͤhmette laͤutete. „Du hast Aurelie er¬ mordet!“ Der Gedanke erfaßte mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank be¬ wustlos nieder. Zweiter Abschnitt. Die Buße. E ine sanfte Waͤrme glitt durch mein Inne¬ res. Dann fuͤhlte ich es in allen Adern selt¬ sam arbeiten und prickeln; dies Gefuͤhl wur¬ de zu Gedanken, doch war mein Ich hun¬ dertfach zertheilt. Jeder Theil hatte im eig¬ nen Regen eignes Bewußtseyn des Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln moch¬ ten unter seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Theile an sich zu drehen, wie leuchtende Punkte, immer schnel¬ ler und schneller, so daß sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, so wie die Schnel¬ ligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine still¬ stehende Feuerkugel schien. Aus der schos¬ sen rothgluͤhende Stralen und bewegten sich im farbigten Flammenspiel. „Das sind mei¬ Glieder, die sich regen, jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem Augen¬ blick durchzuckte mich ein jaͤher Schmerz, helle Glockentoͤne schlugen an mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! — weiter fort!“ rief ich laut, wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkraͤftet zuruͤck. Jetzt erst vermochte ich die Au¬ gen zu oͤffnen. Die Glockentoͤne dauerten fort — ich glaubte noch im Walde zu seyn, aber wie erstaunte ich, als ich die Gegenstaͤnde rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem Ordenshabit der Capuziner lag ich, in einem hohen einfachen Zimmer, auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein Paar Rohrstuͤhle, ein kleiner Tisch und ein aͤrmliches Bett waren die einzigen Gegen¬ staͤnde, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß mein bewustloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in demselben auf diese oder jene Wei¬ se in ein Kloster gebracht seyn mußte, das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Klei¬ dung zerrissen, und man gab mir vorlaͤufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen be¬ ruhigten mich ganz, und ich beschloß abzu¬ warten, was sich weiter zutragen wuͤrde, da ich voraussetzen konnte, daß man bald nach dem Kranken sehen wuͤrde. Ich fuͤhlte mich sehr matt, sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum voll¬ kommenen Bewußtseyn erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem langen Gange naͤherten. Man schloß meine Thuͤre auf und ich erblickte zwei Maͤnner, von denen einer buͤrgerlich gekleidet war, der andere aber den Ordenshabit der barm¬ herzigen Bruͤder trug. Sie traten schwei¬ gend auf mich zu, der buͤrgerlich gekleidete sah mir scharf in die Augen und schien sehr verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr, fing ich mit matter Stimme an: dem Himmel sey es gedankt, der mich zum leben erweckt hat — wo be¬ finde ich mich aber? wie bin ich hergekom¬ men?“ — Ohne mir zu antworten wandte sich der buͤrgerlich gekleidete zu dem Geistli¬ chen, und sprach auf italiaͤnisch: „Das ist in der That erstaunenswuͤrdig, der Blick ist ganz geaͤndert, die Sprache rein, nur matt ... es muß eine besondere Crisis eingetreten seyn.“ — „Mir scheint, erwiederte der Geistli¬ che: mir scheint, als wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft seyn koͤnne.“ Das kommt, fuhr der buͤrgerlich gekleidete fort: das kommt darauf an, wie er sich in den naͤchsten Ta¬ gen haͤlt. Verstehen Sie nicht so viel deutsch um mit ihm zu sprechen? „Leider nein, antwor¬ tete der Geistliche.“ — Ich verstehe und spreche italiaͤnisch, fiel ich ein; Sagen Sie mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen? — Der buͤrgerlich gekleidete, wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah, rief er aus: ah das ist gut. Ihr befin¬ det Euch, ehrwuͤrdiger Herr! an einem Or¬ te, wo man nur fuͤr Euer Wohl auf alle moͤgli¬ che Weise sorgt. Ihr wurdet vor drei Mo¬ naten in einem sehr bedenklichen! Zustande hergebracht. Ihr wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint ihr Euch auf dem Wege der Genesung zu befin¬ den. Haben wir das Gluͤck, Euch ganz zu heilen, so koͤnnt ihr ruhig Eure Straße fort¬ wandeln, denn wie ich hoͤre, wollt ihr nach Rom?“ — Bin ich denn, frug ich weiter, in der Kleidung die ich trage zu Euch gekom¬ men? — „Freilich, erwiederte der Arzt, aber laßt das Fragen, beunruhigt Euch nur nicht, al¬ les sollt Ihr erfahren, die Sorge fuͤr Eure Gesundheit ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der Geistliche hatte un¬ terdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte. „Trinkt, sprach der Arzt: und sagt mir dann, wofuͤr ihr das Getraͤnk hal¬ tet.“ — Es ist, erwiederte ich, nachdem ich ge¬ trunken: es ist eine gar kraͤftig zubereite¬ te Fleischbruͤhe. — Der Arzt laͤchelte zufrieden und rief dem Geistlichen zu: „Gut sehr gut!“ — Beide verließen mich. Nun war meine Vermuthung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand mich in einem oͤffentlichen Kranken¬ hause. Man pflegte mich mit staͤrkenden Nahrungsmitteln und kraͤftiger Arzenei, so daß ich nach drei Tagen im Stande war, aufzustehen. Der Geistliche oͤffnete ein Fenster, eine warme herrliche Luft, wie ich sie nie geathmet, stroͤmte herein, ein Garten schloß sich an das Gebaͤude, herrliche fremde Baͤu¬ me gruͤnten und bluͤhten, Weinlaub rankte sich uͤppig an der Mauer empor, vor allem aber war mir der dunkelblaue duftige Him¬ mel eine Erscheinung aus ferner Zauberwelt. „Wo bin ich denn, rief ich voll Entzuͤcken aus, haben mich die Heiligen gewuͤrdigt, in einem Himmelslande zu wohnen?“ Der Geistliche laͤchelte wohlbehaglich, indem er sprach; „Ihr seyd in Italien, mein Bruder! in Italien!“ — Meine Verwunderung wuchs bis zum hoͤchsten Grade, ich drang in den Geistlichen, mir genau die Umstaͤnde meines Eintritts in dies Haus zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, daß vor drei Monaten mich ein wunderli¬ cher Mensch hergebracht und gebeten habe mich aufzunehmen; ich befaͤnde mich nem¬ lich in einem Krankenhause, das von barm¬ herzigen Bruͤdern verwaltet werde. So wie ich mich mehr und mehr erkraͤftigte, bemerk¬ te ich, daß beide, der Arzt und der Geistli¬ che, sich in mannigfache Gespraͤche mit mir einließen und mir vorzuͤglich Gelegenbeit ga¬ ben, lange hintereinander zu erzaͤhlen. Mei¬ ne ausgebreiteten Kenntnisse in den verschie¬ densten Faͤchern des Wissens gaben mir rei¬ chen Stoff dazu, und der Arzt lag mir an, manches nieder zu schreiben, welches er dann in meiner Gegenwart las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf, daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: „In der That ... das geht gut ... ich habe mich nicht getaͤuscht! ... wunderbar... wunderbar!“ Ich durfte nur zu gewissen Stunden in den Garten hinab, wo ich manchmal grausig entstellte, todten¬ blasse, bis zum Geripp ausgetrocknete Men¬ schen, von barmherzigen Bruͤdern geleitet, er¬ blickte. Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand, in das Haus zuruͤck zu kehren, ein langer, hagerer Mann, in ei¬ nem seltsamen erdgelben Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen gefuͤhrt, und nach jedem Schritt machte er einen pos¬ sirlichen Sprung, und pfiff dazu mit durch¬ dringender Stimme. Erstaunt, blieb ich ste¬ hen, doch der Geistliche, der mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt, kommt, lieber Bruder Medardus! das ist nichts fuͤr Euch.“— Um Gott, rief ich aus: woher wißt Ihr meinen Nahmen? — Die Hef¬ Heftigkeit, womit ich diese Worte ausstieß, schien meinen Begleiter zu beunruhigen. „Ei, sprach er: wie sollten wir denn Euern Nah¬ men nicht wissen? Der Mann, der Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdruͤcklich, und ihr seyd eingetragen in die Register des Hau¬ ses: Medardus, Bruder des Capuzinerklo¬ sters zu B.“ — Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte, der mich in das Krankenhaus gebracht hatte, seyn wer er wollte, mochte er eingeweiht seyn in mein entsetzliches Geheimniß: er konnte nicht Boͤses wollen, denn er hatte ja freundlich fuͤr mich gesorgt, und ich war ja frei. — Ich lag im offnen Fenster und ath¬ mete in vollen Zuͤgen die herrliche, warme Luft ein, die durch Mark und Adern stroͤmend neues Leben in mir entzuͤndete, als ich eine kleine, duͤrre Figur, ein spitzes Huͤtchen auf dem Kopfe, und in einen aͤrmlichen erbliche¬ nen Ueberrock gekleidet, den Hauptgang nach II . [ 11 ] dem Hause herauf mehr huͤpfen und trip¬ peln als gehen sah. Als er mich erblickte schwenkte er den Hut in der Luft und warf mir Kußhaͤndchen zu. Das Maͤnnlein hatte etwas bekanntes, doch konnte ich die Ge¬ sichtszuͤge nicht deutlich erkennen, und er ver¬ schwand unter den Baͤumen, ehe ich mit mir einig worden, wer es wohl seyn moͤge. Doch nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Thuͤre, ich oͤffnete, und dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen, trat her¬ ein. „Schoͤnfeld, rief ich voll Verwunder¬ ung: Schoͤnfeld, wie kommen Sie her, um des Himmels willen?“ — Es war jener naͤrrische Friseur aus der Handelsstadt, der mich damals rettete aus großer Gefahr. „Ach — ach ach! seufzte er, indem sich sein Ge¬ sicht auf komische Weise weinerlich verzog: wie soll ich denn herkommen, ehrwuͤrdiger Herr! wie soll ich denn herkommen anders, als geworfen — geschleudert, von dem boͤsen Verhaͤngniß, das alle Genies verfolgt! Eines Mordes wegen mußte ich fliehen ...“ „Eines Mordes wegen?“ unterbrach ich ihn heftig. „Ja eines Mordes wegen, fuhr er fort: ich hatte im Zorn den linken Backenbart des juͤngsten Commerzienrathes in der Stadt getoͤdtet, und dem rechten gefaͤhrliche Wun¬ den beigebracht.“ — „Ich bitte Sie, unterbrach ich ihn aufs neue, lassen Sie die Possen, seyn Sie einmal vernuͤnftig und erzaͤhlen Sie im Zusammenhange, oder verlassen Sie mich.“ — „Ey, lieber Bruder Medardus, fing er ploͤtzlich sehr ernst an; Du willst mich fortschicken, nun Du genesen, und mußtest mich doch in Deiner Naͤhe leiden, als Du krank da lagst und ich Dein Stubenkammerad war und in jenem Bette schlief.“ — „Was heißt das, rief ich be¬ stuͤrzt aus, wie kommen Sie auf den Na¬ men Medardus?“ — „Schauen Sie, sprach er laͤchelnd: den rechten Zipfel ihrer Kutte ge¬ faͤlligst an.“ Ich that es, und erstarrte vor Schreck und Erstaunen, denn ich fand, daß der Name Medardus hineingenaͤht war, so wie mich bei, genauerer Untersuchung, un¬ truͤgliche Kennzeichen wahrnehmen ließen, daß ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons von F. in einen holen Baum ver¬ borgen hatte. Schoͤnfeld bemerkte meine in¬ nere Bewegung, er laͤchelte ganz seltsam; den Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den Fu߬ spitzen erhebend, schaute er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und bedaͤch¬ tig an: „Ew. Ehrwuͤrden wundern sich merk¬ lich, uͤber das schoͤne Kleid, das ihnen an¬ gelegt worden es scheint Ihnen uͤberall wun¬ derbar anzustehen und zu passen, besser als jenes nußbraune Kleid mit schnoͤden bespon¬ nenen Knoͤpfen, das mein ernsthafter ver¬ nuͤnftiger Damon Ihnen anlegte ... Ich ... ich ... der verkannte, verbannte Pietro Bel¬ campo war es, der Eure Bloͤße deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr wart nicht im sonderlichsten Zustande, denn als Ueberrock — Spenzer — englischen Frack trugt Ihr simpler Weise Eure eigne Haut, und an schickliche Frisur war nicht zu den¬ ken, da Ihr, eingreifend in meine Kunst, Eu¬ ern Karakalla mit dem zehnzahnigten Kamm, der Euch an die Fauste gewachsen, selbst be¬ sorgtet.“ — Laßt die Narrheiten, fuhr ich auf: Laßt die Narrheiten, Schoͤnfeld ..., Pietro Belcampo heiße ich, unterbrach er mich in vollem Zorne: ja Pietro Belcampo, hier in Italien, und Du magst es nur wisse n , Me¬ dardus, ich selbst, ich selbst bin die Narrheit, die ist uͤberall hinter Dir her, um Dei¬ ner Vernunft beizustehen, und Du magst es nun einsehen oder nicht, in der Narr¬ heit findest Du nur Dein Heil, denn Deine Vernunft ist ein hoͤchst miserables Ding, und kann sich nicht aufrecht erhal¬ ten, sie taumelt hin und her wie ein ge¬ brechliches Kind, und muß mit der Narr¬ heit in Compagnie treten, die hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden nach der Heimath — das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig angelangt, mein Bruͤderchen Medardus.“ — Ich schauderte zu¬ sammen, ich dachte an die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im erdgelben Mantel, und konnte nicht zweifeln, daß Schoͤnfeld in seinem Wahnsinn mir die Wahrheit sagte. „Ja, mein Bruͤderchen Me¬ dardus, fuͤhr Schoͤnfeld mit erhobener Stim¬ me und heftig gestikulirend fort: Ja, mein liebes Bruͤderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden, wie die wahre Geisterkoͤnigin. Die Vernunft ist nur ein traͤger Statthalter, der sich nie darum kuͤmmert, was außer den Graͤnzen des Reichs vorgeht, der nur aus Langerweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren laͤßt, die koͤnnen nachher keinen ordentlichen Schuß thun, wenn der Feind eindringt von Außen. Aber die Narr¬ heit, die wahre Koͤnigin des Volks zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! — hin¬ ter ihr her Jubel — Jubel — Die Vasal¬ len erheben sich von den Plaͤtzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen wie der pedantische Hofmeister es will; der sieht die Nummern durch und spricht: Seht, die Narrheit hat mir meine besten Eleven entruͤckt — fort¬ geruͤckt — verruͤckt — ja sie sind verruͤckt worden. Das ist ein Wortspiel, Bruͤderlein Medardus — ein Wortspiel ist ein gluͤhendes Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken kruͤmmt.“ — Noch einmal, fiel ich dem albernen Schoͤnfeld in die Rede, noch einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwaͤtz zu lassen, wenn Ihr es vermoͤget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seyd, und was Ihr von mir und von dem Kleide wißt, das ich trage. — Ich hatte ihn mit diesen Worten bei beiden Haͤnden ge¬ faßt und in einen Stuhl gedruͤckt. Er schien sich zu besinnen, indem er die Augen nieder¬ schlug und tief Athem schoͤpfte. „Ich habe Ihnen, fing er dann mit leiser matter Stim¬ me an: Ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer Flucht aus der Handelsstadt behuͤlflich war, ich war es wiederum, der Sie her¬ brachte.“ — Aber um Gott, um der Heiligen willen, wo fanden Sie mich? — So rief ich laut aus, indem ich ihn losließ, doch in dem Augenblick sprang er auf, und schrie mit fun¬ kelnden Augen: „Ey, Bruder Medardus, haͤtt' ich Dich nicht, klein und schwach, wie ich bin, auf meinen Schultern fortgeschleppt, Du laͤgst mit zerschmetterten Gliedern auf dem Rade.“ — Ich erbebte — wie vernichtet sank ich in den Stuhl, die Thuͤre oͤffnete sich, und hastig trat der mich pflegende Geist¬ liche herein. „Wie kommt Ihr hieher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu betreten?“ So fuhr er auf Belcampo los, dem stuͤrzten aber die Thraͤnen aus den Augen und er sprach mit flehender Stimme: „Ach, mein ehr¬ wuͤrdiger Herr! nicht laͤnger konnte ich dem Drange widerstehen meinen Freund zu spre¬ chen, den, ich dringender Todesgefahr ent¬ rissen!“ Ich ermannte mich. Sagt mir, mein lieber Bruder! sprach ich zu dem Geistlichen: hat mich dieser Mann wirklich hergebracht? — Er stockte. — Ich weiß jetzt, wo ich mich befinde, fuhr ich fort: ich kann vermuthen, daß ich im schrecklichsten Zustande war, den es giebt, aber Ihr merkt, daß ich vollkommen genesen, und so darf ich wohl nun alles er¬ fahren, was man mir bis jetzt absichtlich ver¬ schweigen mochte, weil man mich fuͤr zu reizbar hielt. „So ist es in der That, ant¬ wortete der Geistliche: Dieser Mann brachte Euch, es moͤgen ungefaͤhr drei bis vierte¬ halb Monate her seyn, in unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er erzaͤhlte, fuͤr todt in dem Walde, der vier Meilen von hier das ....sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden, und Euch fuͤr den ihm fruͤher bekannten Ca¬ puziner-Moͤnch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohn¬ te. Ihr befandet Euch in einem vollkom¬ men apathischen Zustande. Ihr gingt, wenn man Euch fuͤhrte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losließ, Ihr setztet, Ihr legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank mußte man Euch einfloͤßen. Nur dumpfe, unverstaͤndliche Laute vermoch¬ tet Ihr auszustoßen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft. Belcampo verließ Euch nicht, sondern war Euer treuer Waͤrter. Nach vier Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Ra¬ serei, man war genoͤthiget, Euch in eins der dazu bestimmten abgelegenen Gemaͤcher zu bringen. Ihr waret dem wilden Thier gleich — doch nicht naͤher mag ich Euch einen Zu¬ stand schildern, dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich seyn wuͤrde. Nach vier Wochen kehrte ploͤtzlich jener apathische Zustand wieder, der in eine vollkommene Starrsucht uͤberging, aus der Ihr genesen er¬ wachtet.“ — Schoͤnfeld hatte sich waͤhrend die¬ ser Erzaͤhlung des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den Kopf in die Hand gestuͤzt. „Ja, fing er an: ich weiß recht gut, daß ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause, vernuͤnftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich fange an, uͤber mich selbst zu raͤsoniren, und das ist kein uͤbles Zeichen. Existire ich uͤber¬ haupt nur durch mein eignes Bewußtseyn, so kommt es nur darauf an, daß dies Bewußt¬ seyn dem Bewußten die Hanswurstjacke aus¬ ziehe, und ich selbst stehe da als solider Gent¬ leman. — O Gott! — ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor sich selbst ein gesetzter Hasenfuß? — Hasenfuͤßigkeit schuͤtzt vor allem Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, Ehrwuͤrdiger Herr! daß ich auch bei Nordnordwest einen Kirchthurm von einem Leuchtenpfahl genau zu unterschei¬ den vermag.“ — Ist dem wirklich so, sprach ich: so beweisen Sie es dadurch, daß Sie mir ruhig den Hergang der Sache erzaͤhlen, wie Sie mich fanden, und wie Sie mich herbrachten. „Das will ich thun, erwieder¬ te Schoͤnfeld: unerachtet der geistliche Herr hier ein gar besorgliches Gesicht schneidet; erlaube aber, Bruder Medardus, daß ich Dich, als meinen Schuͤtzling, mit dem vertraulichen Du anrede. — Der fremde Mahler war den andern Morgen, nachdem Du in der Nacht entflohen, auch mit seiner Gemaͤhldesammlung auf unbegreifliche Weise verschwunden. So sehr die Sache uͤberhaupt Anfangs Aufsehen erregt hatte, so bald war sie doch im Strome neuer Begebenheiten un¬ tergegangen. Nur als der Mord auf dem Schlosse des Barons F. bekannt wurde; als die . .sche Gerichte durch Steckbriefe den Moͤnch Medardus aus dem Capuzinerkloster zu B. verfolgten, da erinnerte man sich da¬ ran, daß der Mahler die ganze Geschichte im Weinhause erzaͤhlt und in Dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der Wirth des Hotels wo Du gewohnt hattest, bestaͤtigte die Vermuthung, daß ich deiner Flucht foͤr¬ derlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam, man wollte mich ins Gefaͤng¬ niß setzen. Leicht war mir der Entschluß, dem elenden Leben das schon laͤngst mich zu Boden gedruͤckt hatte, zu entfliehen. Ich be¬ schloß, nach Italien zu gehen, wo es Abba¬ tes und Frisuren giebt. Auf meinem Wege dahin sah ich Dich in der Residenz des Fuͤr¬ sten von *** Man sprach von Deiner Ver¬ maͤhlung mit Aurelien und von der Hinrich¬ tung des Moͤnchs Medardus. Ich sah auch diesen Moͤnch — Nun! — dem sey wie ihm wolle, halte Dich nun einmal fuͤr den wahren Medardus. Ich stellte mich Dir in den Weg, Du bemerktest mich nicht, und ich verließ die Residenz, um meine Straße wei¬ ter zu verfolgen Nach langer Reise ruͤstete ich mich einst in fruͤhster Morgendaͤmmerung, den Wald zu durchwandern, der in duͤstrer Schwaͤrze vor mir lag. Eben brachen die ersten Stralen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebuͤsch rauschte, und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in zierlicher Kleidung, bei mir voruͤbersprang. Sein Blick war wild und verstoͤrt, im Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich schritt weiter fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir eine nackte menschliche Figur, aus¬ gestreckt auf dem Boden, erblickte. Ich glaubte, es sey ein Mord geschehen, und der Fliehende sey der Moͤrder. Ich buͤckte mich herab zu dem Nackten, erkannte Dich und wurde gewahr, daß Du leise athmetest. Dicht bei Dir lag die Moͤnchskutte, die Du jetzt traͤgst mit vieler Muͤhe kleidete ich Dich darin, und schleppte Dich weiter fort. End¬ lich erwachtest Du aus tiefer Ohnmacht, Du bliebst aber in dem Zustande, wie ihn Dir der ehrwuͤrdige Herr hier erst beschrieben. Es kostete keine geringe Anstrengung, Dich fortzuschaffen, und so kam es, daß ich erst am Abende eine Schenke erreichte, die mit¬ ten im Walde liegt. Wie schlaftrunken ließ ich Dich auf einem Rasenplatze zuruͤck, und ging hinein um Speise und Trank zu holen. In der Schenke saßen ***sche Dragoner, die sollten, wie die Wirthin sagte, einem Moͤnch bis an die Graͤnze nachspuͤren, der auf unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen sey, als er schwerer Verbrechen halber in *** haͤtte hingerichtet werden sol¬ len. Ein Geheimniß war es mir, wie Du aus der Residenz in den Wald kamst, aber die Ueberzeugung, Du seyst eben der Me¬ dardus, den man suche, hieß mich alle Sorgfalt anwenden, Dich der Gefahr, in der Du mir zu schweben schienst, zu entreißen. Durch Schleichwege schaffte ich Dich fort, uͤber die Graͤnze, und kam endlich mit Dir in dies Haus, wo man Dich und auch mich aufnahm, da ich erklaͤrte, mich von Dir nicht trennen zu wollen. Hier warst Du sicher, denn in keiner Art haͤtte man den aufgenommenen Kranken fremden Gerichten ausgeliefert. Mit Deinen fuͤnf Sinnen war es nicht sonderlich bestellt, als ich hier im Zimmer bei Dir wohnte, und Dich pflegte. Auch die Bewegung Deiner Gliedmaßen war nicht zu ruͤhmen, Noverre und Vestris haͤt¬ ten Dich tief verachtet, denn Dein Kopf hing auf die Brust, und wollte man Dich ge¬ rade aufrichten, so stuͤlptest Du um, wie ein mißrathner Kegel. Auch mit der Red¬ nergabe ging es hoͤchst traurig, denn Du warst verdammt einsilbig, und sagtest in aufgeraͤumten Stunden nur „Hu hu! und Me ... me ...“ woraus Dein Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen, und beinahe zu glauben, beides sey Dir untreu worden und vagabondire auf seine eigene Hand oder seinen eignen Fuß. Endlich wur¬ dest Du mit einem Mal uͤberaus lustig, Du sprangst hoch in die luͤfte, bruͤlltest vor lau¬ ter Entzuͤcken und rissest Dir die Kutte vom Leibe um frei zu seyn, von jeder Naturbe¬ schraͤnkenden Fessel — Dein Appetit ...,Hal¬ ten ten Sie ein, Schoͤnfeld, unterbrach ich den entsetzlichen Witzling: Halten Sie ein! Man hat mich schon von dem fuͤrchterlichen Zu¬ stande, in den ich versunken unterrichtet. Dank sey es der ewigen Langmuth und Gna¬ de des Herrn, Dank sey es der Fuͤrsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, daß ich errettet worden bin! — „Ey, ehrwuͤrdiger Herr! fuhr Schoͤnfeld fort: was haben Sie denn nun davon! ich meine von der besonde¬ ren Geistesfunktion, die man Bewustseyn nennt, und die nichts anders ist, als die verfluchte Thaͤtigkeit eines verdammten Thor¬ einnehmers — Acciseoffizianten — Oberkon¬ trollassistenten, der sein heilloses Comtoir im Oberstuͤbchen aufgeschlagen hat, und zu aller Waare, die hinaus will! sagt: hey ... hey ... die Ausfuhr ist verboten ... im Lande, im Lande bleibts. — Die schoͤnsten Juwelen werden wie schnoͤde Saatkoͤrner in die Er¬ de gesteckt, und was emporschießt, sind hoͤch¬ stens Runkelruͤben, aus denen die Praxis mit II . [ 12 ] tausendcentner schwerem Gewicht eine Vier¬ tel Unze uͤbelschmeckenden Zucker preßt. ... Hey hey ... und doch sollte jene Ausfuhr einen Handelsverkehr begruͤnden mit der herrlichen Gottesstadt, da droben, wo alles stolz und herrlich ist. — Gott im Himmel! Herr! Al¬ len meinen theuer erkauften Puder à la Ma¬ réchal oder à la Pompadour , oder à la reine de Golconde haͤtte ich in den Fluß gewor¬ fen, wo er am tiefsten ist, haͤtte ich nur we¬ nigstens durch Transito-Handel ein Quent¬ lein Sonnenstaͤubchen von dort her bekom¬ men koͤnnen, um die Peruͤcken hoͤchst gebilde¬ ter Professoren und Schulkollegen zu pudern, zuvoͤrderst aber meine eigne! — Was sage ich? haͤtte mein Damon Ihnen, ehrwuͤrdig¬ ster aller ehrwuͤrdigen Moͤnche, statt des floh¬ farbnen Fracks einen Sonnenmatin umhaͤn¬ gen koͤnnen, in dem die reichen, uͤbermuͤthi¬ gen Buͤrger der Gottesstadt zu Stuhle gehen, wahrhaftig es waͤre, was Anstand und Wuͤr¬ de betrifft, alles anders gekommen; aber so hielt Sie die Welt fuͤr einen gemeinen gle¬ bae adscriptus und der Teufel fuͤr Ihren Cousin germain .“ — Schoͤnfeld war aufge¬ standen und ging, oder huͤpfte vielmehr, stark gestikulirend und tolle Gesichter schneidend, von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen Zuge, wie gewoͤhnlich, sich in der Narrheit durch die Narrheit zu entzuͤn¬ den, ich faßte ihn daher bei beiden Haͤnden, und sprach: „Willst Du Dich denn durchaus statt meiner hier einbuͤrgern? Ist es Dir denn nicht moͤglich, nach einer Minute ver¬ staͤndigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?“ Er laͤchelte auf seltsame Weise und sagte: „Ist wirklich alles so albern, was ich spreche, wenn mir der Geist kommt?“ — Das ist ja eben das Ungluͤck, erwiederte ich: daß Deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt, aber Du vertroͤdelst und verbraͤmst alles mit solch buntem Zeuge, daß ein guter, in aͤchter Farbe gehaltener Gedanke, laͤcherlich und un¬ scheinbar wird, wie ein, mit scheckigen Fetzen behaͤngtes Kleid. — Du kannst, wie ein Betrunkener, nicht auf gerader Schnur ge¬ hen, Du springst hinuͤber und heruͤber — Deine Richtung ist schief! — „Was ist Rich¬ tung, unterbrach mich Schoͤnfeld leise, und fortlaͤchelnd mit bittersuͤßer Miene. Was ist Richtung, ehrwuͤrdiger Capuziner? Richtung setzt ein Ziel voraus, nach dem wir unsere Richtung nehmen. Sind Sie ihres Ziels gewiß, theurer Moͤnch? — fuͤrchten Sie nicht, daß Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen, statt dessen aber im Wirths¬ hause neben der gezogenen Schnur zuviel spiri¬ tuoͤses genossen, und nun wie ein schwindli¬ cher Thurmdecker zwei Ziele sehn, ohne zu wissen, welches das rechte? — Ueberdem, Capuziner! vergieb es meinem Stande, daß ich das Possenhafte als eine angenehme Bei¬ mischung, spanischen Pfeffer zum Blumen¬ kohl, in mir trage. Ohne das ist ein Haar¬ kuͤnstler, eine erbaͤrmliche Figur, ein armse¬ liger Dummkopf, der das Privilegium in der Tasche traͤgt, ohne es zu nutzen zu sei¬ ner Lust und Freude.“ Der Geistliche hatte bald mich, bald den grimaßirenden Schoͤnfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch sprachen, kein Wort; jetzt un¬ terbrach er unser Gespraͤch. „Verzeihet, mei¬ ne Herren! wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch beiden unmoͤglich wohl thun kann. Ihr seyd, mein Bruder, noch zu sehr geschwaͤcht, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm fruͤ¬ hern Leben schmerzhafte Erinnerungen auf¬ regen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr koͤn¬ net ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn Ihr auch ganz ge¬ nesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch wohl Euer Freund weiter geleiten. Zu¬ dem habt Ihr (er wandte sich zu Schoͤnfeld) eine Art des Vortrags, die ganz dazu geeig¬ net ist, Alles das, wovon Ihr sprecht, dem Zuhoͤrer lebendig vor Augen zu bringen. In Deutschland muß man Euch fuͤr toll halten, und selbst bei uns wuͤrdet Ihr fuͤr einen gu¬ ten Buffone gelten. Ihr koͤnnt auf dem ko¬ mischen Theater Euer Gluͤck machen.“ Schoͤn¬ feld starrte den Geistlichen mit weit aufge¬ rissenen Augen an, dann erhob er sich auf den Fußspitzen, schlug die Haͤnde uͤber den Kopf zusammen und rief auf italiaͤnisch: „Geisterstimme! ... Schicksalsstimme, du hast aus dem Munde dieses ehrwuͤrdigen Herrn zu mir gesprochen! ... Belcampo . . Belcam¬ po ... so konntest Du Deinen wahrhaften Beruf verkennen ... es ist entschieden!“ — Damit sprang er zur Thuͤre hinaus. Den andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein. „Du bist, mein lieber Bruder Me¬ dardus, sprach er: nunmehr ganz genesen, Du bedarfst meines Beistandes nicht mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf leitet ... Lebe wohl! ... doch erlaube, daß ich zum letztenmal meine Kunst, die mir nun wie ein schnoͤdes Gewerbe vor¬ kommt, an Dir uͤbe.“ Er zog Messer, Schee¬ re und Kamm hervor, und brachte unter tau¬ send Grimassen und possenhaften Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der Mensch war mir, trotz der Treue, die er mir bewiesen, unheimlich worden, ich war froh als er geschieden. Der Arzt hat¬ te mir staͤrkender Arzney ziemlich aufge¬ holfen; meine Farbe war frischer worden, und durch immer laͤngere Spaziergaͤnge ge¬ wann ich meine Kraͤfte wieder. Ich war uͤberzeugt, eine Fußreise aushalten zu koͤn¬ nen, und verließ ein Haus, das dem Geistes¬ kranken wohlthaͤtig, dem Gesunden aber un¬ heimlich und grauenvoll seyn mußte. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach Rom zu pilgern, ich beschloß, dieses wirklich zu thun, und so wandelte ich fort auf der Straße, die, als dorthin fuͤhrend, mir be¬ zeichnet worden war. Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch selbst eines gefuͤhllosen Zustandes bewußt, der uͤber jedes im Innern aufkeimende Bild einen duͤ¬ stern Flor warf, so daß alles farblos, grau in grau erschien. Ohne alle deutliche Erin¬ nerung des Vergangenen, beschaͤftigte mich die Sorge fuͤr den Augenblick ganz und gar. Ich sah in die Ferne, um den Ort zu er¬ spaͤhen, wo ich wuͤrde einsprechen koͤnnen, um mir Speise oder Nachtquartier zu erbetteln, und war recht innig froh, wenn Andaͤchtige meinen Bettelsack und meine Flasche gut ge¬ fuͤllt hatten, wofuͤr ich meine Gebete mecha¬ nisch herplapperte. Ich war selbst im Geist zum gewoͤhnlichen stupiden Bettelmoͤnch her¬ abgesunken. So kam ich endlich an das gro¬ ße Capuzinerkloster, das, wenige Stunden von Rom, nur von Wirtschaftsgebaͤuden umgeben, einzeln da liegt. Dort mußte man den Ordensbruder aufnehmen, und ich gedach¬ te, mich in voller Gemaͤchlichkeit recht aus¬ zupflegen. Ich gab vor, daß, nachdem das Kloster in Deutschland, worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden, ich fortgepilgert sey, und in irgend ein anderes Kloster mei¬ neines Ordens einzutreten wuͤnsche. Mit der Freundlichkeit, die den italiaͤnischen Moͤn¬ chen eigen, bewirthete man mich reichlich, und der Prior erklaͤrte, daß, in sofern mich nicht vielleicht die Erfuͤllung eines Geluͤbdes weiter zu pilgern noͤthige, ich als Fremder so lange im Kloster bleiben koͤnne, als es mir anstehen wuͤrde. Es war Vesperzeit, die Moͤnche gingen in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kuͤhne, herrliche Bau des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwun¬ derung, aber mein zur Erde gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst ge¬ schah, seit der Zeit, als ich, ein kaum er¬ wachtes Kind, die Kirche der heiligen Linde geschaut hatte. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet, schritt ich durch die Seitengaͤnge, die Altargemaͤlde betrachtend, welche, wie gewoͤhnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht, darstellten. Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von den, durch die bunten Fensterschei¬ ben brechenden Sonnenstralen magisch be¬ leuchtet wurde. Ich wollte das Gemaͤlde betrachten, ich stieg die Stufen hinauf. — Die heilige Rosalia — das verhaͤngnißvolle Altarblatt meines Klosters — Ach! — Aure¬ lien erblickte ich! Mein ganzes Leben — mei¬ ne tausendfachen Frevel — meine Missetha¬ ten — Hermogens — Aureliens Mord — Alles — alles nur ein entsetzlicher Gedanke, und der durchfuhr wie ein spitzes, gluͤhendes Eisen mein Gehirn. — Meine Brust — Adern und Fibern zerrissen im wilden Schmerz der grausamsten Folter! — Kein lindernder Tod! — Ich warf mich nieder — ich zerriß in ra¬ sender Verzweiflung mein Gewand — ich heulte auf im trostlosen Jammer, daß es weit in der Kirche nachhallte: „Ich bin ver¬ flucht, ich bin verflucht! — Keine Gnade — kein Trost mehr, hier und dort! — Zur Hoͤlle — zur Hoͤlle — ewige Verdammniß uͤber mich verruchten Suͤnder beschlossen!“ — Man hob mich auf — die Moͤnche waren in der Capelle, vor mir stand der Prior, ein hoher ehrwuͤrdiger Greis. Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er faßte meine Haͤnde, und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfuͤllt, den Verlornen in den Luͤften uͤber dem Flammenpfuhl fest, in dem er hinabstuͤrzen wollte. „Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior, wir wollen Dich in das Kloster bringen, da magst Du Dich erholen.“ Ich kuͤßte seine Haͤnde, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe angstvolle Seufzer verriethen den fuͤrchterlichen, zerrissenen Zu¬ stand meiner Seele. — Man fuͤhrte mich in das Refektorium, auf einen Wink des Priors entfernten sich die Moͤnche, ich blieb mit ihm allein. „Du scheinst, mein Bruder! fing er an: von schwerer Suͤnde belastet, denn nur die tiefste, trostloseste Reue uͤber eine entsetzliche That kann sich so gebehrden. Doch groß ist die Langmuth des Herrn, stark und kraͤftig ist die Fuͤrsprache der Heiligen, faße Vertrauen — Du sollst mir beichten und es wird Dir, wenn Du buͤßest, Trost der Kirche werden!“ In dem Augenblick schien es mir, als sey der Prior jener alte Pilger aus der heiligen Linde, und nur der sey das einzige Wesen, auf der ganzen weiten Erde, dem ich mein Leben voller Suͤnde und Fre¬ vel offenbaren muͤsse. Noch war ich keines Wortes maͤchtig, ich warf mich vor dem Greise nieder in den Staub. „Ich gehe in die Capelle des Klosters“ sprach er, mit feier¬ lichem Ton, und schritt von dannen. — Ich war gefaßt — ich eilte ihm nach, er saß im Beichtstuhl, und ich that augenblicklich, wo¬ zu mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete Alles — Alles! — Schrecklich war die Buße, die mir der Prior auflegte. Ver¬ stoßen von der Kirche, wie ein Aussaͤtziger verbannt aus den Versammlungen der Bruͤ¬ der, lag ich in den Todtengewoͤlben des Klo¬ sters, mein Leben kaͤrglich fristend durch un¬ schmackhafte in Wasser gekochte Kraͤuter, mich geißelnd und peinigend mit Marterin¬ strumenten, die die sinnreichste Grausamkeit erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur eigenen Anklage, zum zerknirschten Ge¬ bet um Rettung aus der Hoͤlle, deren Flam¬ men schon in mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann, wenn der Schmerz in hundert giftigen Scorpionstichen brannte und dann endlich die Natur erlag, bis der Schlaf sie, wie ein ohnmaͤchtiges Kind, schuͤz¬ zend mit seinen Armen umfing, dann stiegen feindliche Traumbilder empor, die mir neue Todesmarter bereiteten. — Mein ganzes Le¬ ben gestaltete sich auf entsetzliche Weise. Ich sah Euphemien, wie sie in uͤppiger Schoͤn¬ heit mir nahte, aber laut schrie ich auf: „Was willst Du von mir, Verruchte! Nein, die Hoͤlle hat keinen Theil an mir.“ Da schlug sie ihr Gewand aus einander, und die Schauer der Verdammniß ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzaͤhlige Schlangen durch einander und streckten ihre Haͤupter, ihre rothgluͤhenden Zungen mir entgegen. „Laß ab von mir! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust ... sie wollen sich maͤsten von meinem Herz¬ blut ... aber dann sterbe ich ... dann sterbe ich ... der entreißt mich Deiner Rache.“ So schrie ich auf, da heulte die Gestalt: — „Meine Schlangen koͤnnen sich naͤhren von Deinem Herzblut ... aber das fuͤhlst Du nicht, denn das ist nicht Deine Qual — Deine Qual ist in Dir, und toͤdtet Dich nicht, denn Du lebst in ihr. Deine Qual ist der Ge¬ danke des Frevels und der ist ewig!“ — Der blutende Hermogen stieg auf, aber vor ihm floh Euphemie und er rauschte voruͤber, auf die Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes hatte. Ich wollte beten, da begann ein sinnverwirrendes Fluͤstern und Rauschen. Menschen, die ich sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet. — Koͤpfe kro¬ chen mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an die Ohren gewachsen, umher und lachten mich haͤmisch an — seltsames Gefluͤgel — Raben mit Menschengesichtern rauschten in der Luft — Ich erkannte den Conzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte sich in wildem Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der eigenen Brust strei¬ chend, die zur Geige worden. — Belcampo, mit einem haͤßlichen Eidexengesicht, auf einem ekelhaften gefluͤgelten Wurm sitzend, fuhr auf mich ein, er wollte meinen Bart kaͤmmen, mit eisernem gluͤhendem Kamm — aber es gelang ihm nicht. — Toller und toller wird das Gewirre, seltsamer, abentheuerlicher werden die Gestalten, von der kleinsten Amei¬ se mit tanzenden Menschenfuͤßchen bis zum langgedehnten Roßgerippe mit funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden, auf der ein Reuter mit leuchtendem Eulen¬ kopfe sitzt. — Ein bodenloser Becher ist sein Leibharnisch — ein umgestuͤlpter Trichter sein Helm! — Der Spaß der Hoͤlle ist em¬ porgestiegen. Ich hoͤre mich lachen, aber dies Lachen zerschneidet die Brust, und bren¬ nender wird der Schmerz und heftiger blu¬ ten alle Wunden. — Die Gestalt eines Wei¬ bes leuchtet hervor, das Gesindel weicht — sie tritt auf mich zu! — Ach es ist Aurelie! „Ich lebe, und bin nun ganz Dein!“ spricht die Gestalt. — Da wird der Frevel in mir wach. — Rasend vor wilder Begier um¬ schlinge ich sie mit meinen Armen. — Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber da legt es sich gluͤhend an meine Brust — rau¬ he Borsten zerkratzen meine Augen, und der Satan lacht gellend auf! Nun bist Du ganz mein! — Mit dem Schrei des Entsetzens erwache ich, und bald fließt mein Blut in Stroͤmen von den Hieben der Stachelpeitsche, mit der ich mich in trostloser Verzweiflung zuͤchtige. Denn selbst die Frevel des Traums, jeder suͤndliche Gedanke fordert doppelte Bu¬ ße. — Endlich war die Zeit, die der Prior zur strengsten Buße bestimmt hatte, verstri¬ chen chen und ich stieg empor aus dem Todtengewoͤlbe, um in dem Kloster selbst, aber in abgeson¬ derter Zelle, entfernt von den Bruͤdern, die nun mir auferlegten Bußuͤbungen vor¬ zunehmen. Dann, immer in geringern Gra¬ den der Buße, wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Bruͤder er¬ laubt. Doch mir selbst genuͤgte nicht diese letzte Art der Buße, die nur in taͤglicher ge¬ woͤhnlicher Geißelung bestehen sollte. Ich wies standhaft jede bessere Kost zuruͤck, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag ich ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen Rosalia, und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste Weise, denn durch aͤußere Qua¬ len gedachte ich die innere graͤßliche Marter zu uͤbertaͤuben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten, von dem Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich preisgegeben, daß er mich hoͤhnend fol¬ tere und verlocke zur Suͤnde. Meine strenge II . [ 13 ] Buße, die unerhoͤrte Weise, wie ich sie voll¬ zog, erregte die Aufmerksamkeit der Moͤn¬ che. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu, und ich hoͤrte es sogar unter ihnen fluͤstern: Das ist ein Heiliger! Dies Wort war mir entsetzlich, denn nur zu lebhaft er¬ innerte es mich an jenen graͤßlichen Augen¬ blick in der Capuzinerkirche zu B., als ich dem mich anstarrenden Maler in vermesse¬ nem Wahnsinn entgegen rief: ich bin der hei¬ lige Antonius! — Die letzte, von dem Prior bestimmte Zeit der Buße war endlich auch verflossen, ohne daß ich davon abließ, mich zu martern, unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen schien. Meine Augen waren erloschen, mein wunder Koͤrper ein blutendes Gerippe, und es kam dahin, daß wenn ich Stundenlang am Boden gele¬ gen, ich ohne Huͤlfe Anderer nicht aufzuste¬ hen vermochte. Der Prior ließ mich in sein Sprachzimmer bringen. „Fuͤhlst Du, mein Bruder! fing er an, durch die strenge Bu¬ ße Dein Inneres erleichtert? ist Trost des Himmels Dir worden?“ — Nein, ehrwuͤrdiger Herr, erwiederte ich in dumpfer Verzweiflung. „Indem ich Dir, fuhr der Prior mit erhoͤhter Stimme fort: Indem ich Dir, mein Bru¬ der! da Du mir eine Reihe entsetzlicher Tha¬ ten gebeichtet hattest, die strengste Buße auf¬ legte, genuͤgte ich den Gesetzen der Kirche, welche wollen, daß der Uebelthaͤter, den der Arm der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine Verbrechen bekannte, auch durch aͤußere Handlungen die Wahrheit seiner Reue kund thue. Er soll den Geist ganz dem himmlischen zuwenden, und doch das Fleisch peinigen, damit die irr¬ dische Marter jede teuflische Lust der Untha¬ ten aufwaͤge. Doch glaube ich, und mir stimmen beruͤhmte Kirchenlehrer bei, daß die entsetzlichsten Qualen, die sich der Buͤßende zufuͤgt, dem Gewicht seiner Suͤnden auch nicht ein Quentlein entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht stuͤzt und der Gnade des Ewigen deshalb sich wuͤrdig duͤnckt. Keiner menschlichen Vernunft erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Thaten mißt, ver¬ loren ist der, der, ist er auch von wirklichem Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu erstuͤrmen durch aͤußeres Frommthun, und der Buͤßende, welcher nach der Bußuͤbung seinen Frevel vertilgt glaubt, beweiset, daß seine innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber Bruder Medardus, empfindest noch kei¬ ne Troͤstung, das beweiset die Wahrhaftig¬ keit Deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle Geißelungen, nimm bessere Speise zu Dir, und fliehe nicht mehr den Umgang der Bruͤder. — Wisse, daß Dein geheimni߬ volles Leben mir in allen seinen wunderbar¬ sten Verschlingungen besser bekannt worden, als Dir selbst. — Ein Verhaͤngniß, dem Du nicht entrinnen konntest, gab dem Satan Macht uͤber Dich, und indem Du freveltest, warst Du nur sein Werkzeug. Waͤhne aber nicht, daß Du deshalb weniger suͤndig vor den Augen des Herrn erschienest, denn Dir war die Kraft gegeben, im ruͤstigen Kampf den Satan zu bezwingen. In wessen Men¬ schen Herz stuͤrmt nicht der Boͤse, und wi¬ derstrebt dem Guten; aber ohne diesen Kampf gaͤb' es keine Tugend, denn diese ist nur der Sieg des guten Prinzips uͤber das boͤse, so wie aus dem umgekehrten die Suͤnde ent¬ springt. — Wisse fuͤrs erste, daß Du Dich eines Verbrechens anklagst, welches Du nur im Willen vollbrachtest. — Aurelie lebt, in wildem Wahnsinn verletztest Du Dich selbst, das Blut Deiner eigenen Wunde war es, was uͤber deine Hand floß ... Aurelie lebt ... ich weiß es.“ Ich stuͤrzte auf die Knie, ich hob meine Haͤnde betend empor, tiefe Seufzer entflohen der Brust, Thraͤnen quollen aus den Augen! — „Wisse ferner, fuhr der Prior fort, daß jener alte fremde Mahler, von dem Du in der Beichte gesprochen, schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster be¬ sucht hat und vielleicht bald wieder eintref¬ fen wird. Er hat ein Buch mir in Verwah¬ rung gegeben, welches verschiedene Zeichnun¬ gen, vorzuͤglich aber eine Geschichte enthaͤlt, der er jedesmahl, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. — Er hat mir nicht verboten, das Buch jemanden in die Haͤnde zu geben, und um so mehr will ich es Dir anvertrauen, als dies meine heiligste Pflicht ist. Den Zusammenhang Deiner eignen, seltsamen Schicksale, die Dich bald in eine hoͤhere Welt wunderbarer Visionen, bald in das gemeinste Leben versetzten, wirst Du erfahren. Man sagt, das Wunderbare sey von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das wunderbarste von dem wir taͤglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der cyklischen Wie¬ derkehr abgelauert haben, so faͤhrt doch oft durch jenen Kreis ein Phaͤnomen, das all' unsre Klugheit zu Schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen vermoͤgen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben. Hartnaͤckig laͤugnen wir dem innern Auge deshalb die Erscheinung ab, weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Flaͤche des aͤußern Auges abzuspie¬ geln. — Jenen seltsamen Mahler rechne ich zu den außerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich bin zwei¬ felhaft, ob seine koͤrperliche Erscheinung das ist, was wir wahr nennen. So viel ist gewiß, daß niemand die gewoͤhnlichen Funk¬ tionen des Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen schien, jedesmahl, wenn er bei uns gewesen, mehr Blaͤtter als vorher beschrieben waren. Seltsam ist es auch, daß mir Alles im Bu¬ che nur verworrenes Gekritzel, undeutliche Skizze eines fantastischen Mahlers zu seyn schien, und nur dann erst erkennbar und lesbar wrrde , als Du, mein lieber Bruder Medardus! mir gebeichtet hattest. — Nicht naͤher darf ich mich daruͤber auslassen, was ich Ruͤcksichts des Mahlers ahne und glaube. Du selbst wirst es errathen, oder vielmehr das Geheimniß wird sich Dir von selbst aufthun. Gehe, erkraͤftige Dich, und fuͤhlst Du Dich, wie ich glaube, daß es in weni¬ gen Tagen geschehen wird, im Geiste auf¬ gerichtet, so erhaͤltst Du von mir des frem¬ den Mahlers wunderbares Buch.“ — Ich that nach dem Willen des Priors, ich aß mit den Bruͤdern, ich unterließ die Kasteiungen und beschraͤnkte mich auf inbruͤn¬ stiges Gebet an den Altaͤren der Heiligen. Blutete auch meine Herzenswunde fort, wur¬ de auch nicht milder der Schmerz, der aus dem Innern heraus mich durchbohrte, so ver¬ ließen mich doch die entsetzlichen Traumbil¬ der, und oft, wenn ich, zum Tode matt, auf dem harten Lager schlaflos lag, umwehte es mich, wie mit Engelsfittigen, und ich sah die holde Gestalt der lebenden Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge voll Thraͤ¬ nen, sich uͤber mich hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich beschirmend aus, uͤber mein Haupt, da senkten sich meine Augen¬ lieder, und ein sanfter erquickender Schlum¬ mer goß neue Lebenskraft in meine Adern. Als der Prior bemerkte, daß mein Geist wie¬ der einige Spannung gewonnen, gab er mir des Mahlers Buch, und ermahnte mich, es auf¬ merksam in seiner Zelle zu lesen. — Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel, waren die in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgefuͤhrten Zeichnungen der Fresko-Gemaͤhlde in der heiligen Linde. Nicht das mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Raͤthsel zu loͤsen, regte sich in mir auf. Nein! — es gab kein Raͤth¬ sel fuͤr mich, laͤngst wußte ich ja Alles, was in diesem Mahlerbuch aufbewahrt worden. Das, was der Mahler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer bunt gefaͤrbter Schrift zusammen getragen hatte, waren meine Traͤume, meine Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zuͤgen darge¬ stellt, wie ich es niemals zu thun vermochte. Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers. Bruder Medardus faͤhrt hier, ohne sich weiter auf das, was er im Mahlerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzaͤhlung fort, wie er Abschied nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Bruͤdern, und wie er nach Rom pilgerte, und uͤberall, in Sankt Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giova¬ ni a Laterano, in Sankta Maria Maggiore, u. s. w. an allen Altaͤren kniete und bete¬ te, wie er selbst des Pabstes Aufmerksamkeit erregte, und endlich in einen Geruch der Heiligkeit kam, der ihn — da er jetzt wirklich ein reuiger Suͤnder worden, und wohl fuͤhl¬ te, daß er nichts mehr als das sey — von Rom vertrieb. Wir, ich meine Dich und mich, mein guͤnstiger Leser! wissen aber viel zu we¬ nig deutliches von den Ahnungen und Traͤu¬ men des Bruders Medardus, als daß wir, ohne zu lesen, was der Mahler aufgeschrie¬ ben, auch nur im mindesten das Band zu¬ sammen zu knuͤpfen vermoͤchten, welches die verworren aus einander laufenden Faͤden der Geschichte des Medardus, wie in einen Kno¬ ten einigt. Ein besseres Gleichniß uͤbrigens ist es, daß uns der Fokus fehlt, aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript des seligen Capuziners war in altes vergelbtes Pergament eingeschlagen, und Dies Pergament mit kleiner, beinahe un¬ leserlicher Schrift beschrieben, die, da sich darin eine ganz seltsame Hand kund that, meine Neugierde nicht wenig reizte. Nach vieler Muͤhe gelang es mir, Buchstaben und Worte zu entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, daß es jene im Mah¬ lerbuch aufgezeichnete Geschichte sey, von der Medardus spricht. Im alten Italiaͤnisch ist sie beinahe Chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben. Der seltsame Ton klingt im deut¬ schen nur rauh und dumpf, wie ein gesprun¬ genes Glas, doch war es noͤthig zum Ver¬ staͤndniß des Ganzen hier die Uebersetzung einzuschalten; dies thue ich, nachdem ich nur noch folgendes wehmuͤthigst bemerkt. Die fuͤrstliche Familie, aus der jener oft ge¬ nannte Francesko abstammte, lebt noch in Italien, und eben so leben noch die Nach¬ koͤmmlinge des Fuͤrsten, in dessen Residenz sich Medardus aufhielt. Unmoͤglich war es daher, die Namen zu nennen, und unbe¬ huͤlflicher, ungeschickter ist Niemand auf der ganzen Welt, als derjenige, der Dir, guͤn¬ stiger Leser, dies Buch in die Haͤnde giebt, wenn er Nahmen erdenken soll, da, wo schon wirkliche, und zwar schoͤn und romantisch toͤnende, vorhanden sind, wie es hier der Fall war. Bezeichneter Herausgeber gedachte sich sehr gut mit dem: der Fuͤrst, der Baron u. s. w. herauszuhelfen, nun aber der alte Mahler die geheimnißvollsten, verwickeltsten Familienverhaͤltnisse ins Klare stellt, sieht er wohl ein, daß er mit den allgemeinen Be¬ zeichnungen nicht vermag ganz verstaͤndlich zu werden. Er muͤßte den einfachen Chro¬ niken-Choral des Mahlers mit allerlei Er¬ klaͤrungen und Zurechtweisungen, wie mit krausen Figuren, verschnoͤrkeln und verbraͤ¬ men. — Ich trete in die Person des Her¬ ausgebers, und bitte Dich, guͤnstiger Leser! Du wollest, ehe Du weiter liesest, folgendes Dir guͤtigst merken. Camillo, Fuͤrst von P., tritt als Stammvater Familie auf, aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Fuͤrst von W., ist der Vater des Fuͤrsten Alexander von W., an dessen Hofe sich Medardus aufhielt. Sein Bruder Al¬ bert, Fuͤrst von W., vermaͤhlte sich mit der italiaͤnischen Prinzessin Giazinta B. Die Fa¬ milie des Barons F. im Gebuͤrge ist bekannt, und nur zu bemerken, daß die Baronesse von F. aus Italien abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S., eines Soh¬ nes des Grafen Filippo S. Alles wird sich lieber Leser, nun klaͤrlich darthun, wenn Du diese wenigen Vornahmen und Buchstaben im Sinn behaͤltst. Es folgt nunmehr, statt der Fortsetzung der Geschichte, das Pergamentblatt des alten Mahlers. — — — Und es begab sich, daß die Re¬ publik Genua, hart bedraͤngt von den algieri¬ schen Corsaren, sich an den großen Seehelden Camillo, Fuͤrsten von P., wandte, daß er mit vier wohl ausgeruͤsteten und bemannten Galeonen einen Streifzug gegen die verwe¬ genen Raͤuber unternehmen moͤge. Camillo, nach ruhmvollen Thaten duͤrstend, schrieb so¬ fort an seinen aͤltesten Sohn Francesko, daß er kommen moͤge, in des Vaters Abwesen¬ heit das Land zu regieren. Francesko uͤbte in Leonardo da Vinci's Schule die Mahlerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz und gar bemaͤchtigt, daß er nichts an¬ ders denken konnte. Daher hielt er auch die Kunst hoͤher, als alle Ehre und Pracht auf Erden, und alles uͤbrige Thun und Treiben der Menschen erschien ihm als ein klaͤgliches Bemuͤhen um eitlen Tand. Er konnte von der Kunst und von dem Meister, der schon hoch in den Jahren war, nicht lassen, und schrieb daher dem Vater zuruͤck, daß er wohl den Pinsel, aber nicht den Szepter zu fuͤhren verstehe, und bei Leonardo bleiben wolle. Da war der alte stolze Fuͤrst Camil¬ lo hoch erzuͤrnt, schalt den Sohn einen un¬ wuͤrdigen Thoren, und schickte vertraute Die¬ ner ab, die den Sohn zuruͤckbringen sollten. Als nun aber Francesko standhaft verwei¬ gerte, zuruͤckzukehren, als er erklaͤrte, daß ein Fuͤrst, von allem Glanz des Throns umstralt, ihm nur ein elendiglich Wesen duͤn¬ ke gegen einen tuͤchtigen Mahler, und daß die groͤßten Kriegesthaten nur ein grausames irdisches Spiel waren, dagegen die Schoͤ¬ pfung des Mahlers, die reine Abspiegelung des ihm inwohnenden goͤttlichen Geistes sey, da ergrimmte der Seeheld Camillo und schwur, daß er den Francesko verstoßen und seinem juͤngern Bruder Zenobio die Nachfolge zu¬ sichern wolle. Francesko war damit gar zufrie¬ den, ja er trat in einer Urkunde seinem juͤngern Bruder die Nachfolge auf den fuͤrstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit ab, und so be¬ gab es sich, daß, als der alte Fuͤrst Camillo in einem harten blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren hatte, Zeno¬ bio zur Regierung kam, Francesko dagegen, seinen fuͤrstlichen Stand und Namen ver¬ laͤugnend, ein Mahler wurde, und von einem kleinen Jahrgehalt, den ihm der regierende Bruder ausgesetzt, kuͤmmerlich genug lebte. Francesko war sonst ein stolzer, uͤbermuͤthi¬ ger Juͤngling gewesen, nur der alte Leo¬ nardo zaͤhmte seinen wilden Sinn, und als Francesko dem fuͤrstlichen Stand entsagt hatte, hatte, wurde er Leonardo's frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch' wichti¬ ges großes Werk vollenden, und es geschah, daß der Schuͤler, sich hinaufschwingend zu der Hoͤhe des Meisters, beruͤhmt wurde, und man¬ ches Altarblatt fuͤr Kirchen und Kloͤster ma¬ len mußte. Der alte Leonardo stand ihm treulich bei mit Rath und That, bis er denn endlich im hohen Alter starb. Da brach, wie ein lange muͤhsam unterdruͤcktes Feuer, in dem Juͤngling Francesko wieder der Stolz und Uebermuth hervor. Er hielt sich fuͤr den groͤßten Maler seiner Zeit und die er¬ reichte Kunstvollkommenheit mit seinem Stan¬ de paarend, nannte er sich selbst den fuͤrstli¬ chen Maler. Von dem alten Leonardo sprach er veraͤchtlich, und schuf, abweichend von dem frommen, einfachen Styl, sich eine neue Manier, die mit der Ueppigkeit der Gestal¬ ten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge verblendete, deren uͤber¬ triebene Lobspruͤche ihn immer eitler und uͤber¬ II . [ 14 ] muͤthiger machten. Es geschah, daß er zu Rom unter wilde ausschweifende Juͤnglinge gerieth, und wie er nun in Allem der erste und vorzuͤglichste zu seyn begehrte, so war er bald im wilden Sturm des Lasters der ruͤstigste Segler. Ganz von der falschen truͤ¬ gerischen Pracht des Heidenthums verfuͤhrt, bildeten die Juͤnglinge, an deren Spitze Fran¬ cesko stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christenthum auf freveliche Weise verspottend, die Gebraͤuche der alten Grie¬ chen nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte suͤndhafte Feste feierten. Es wa¬ ren Maler, aber noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten Alles, was neue Kuͤnstler, von dem heiligen Christenthum entzuͤndet, zur Glorie desselben erfunden und herrlich ausgefuͤhrt hatten. Francesko mal¬ te in unheiliger Begeisterung viele Bilder aus der luͤgenhaften Fabelwelt. Keiner als er vermochte, die buhlerische Ueppigkeit der weib¬ lichen Gestalten so wahrhaft darzustellen, in¬ dem er von lebenden Modellen die Carnation, von den alten Marmorbildern aber Form und Bildung entnahm. Statt, wie sonst, in den Kirchen und Kloͤstern sich an den herr¬ lichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen, und sie mit kuͤnstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er aͤmsig die Gestalten der luͤgnerischen Heiden¬ goͤtter nach. Von keiner Gestalt war er aber so ganz und gar durchdrungen, als von ei¬ nem beruͤhmten Venusbilde, das er stets in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, was Ze¬ nobio dem Bruder ausgesetzt hatte, blieb ein¬ mal laͤnger als gewoͤhnlich aus, und so kam es, daß Francesko bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell hinweg raffte, und das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnoth gerieth. Da gedachte er, daß vor langer Zeit ihm ein Capuzinerkloster aufge¬ tragen hatte, fuͤr einen hohen Preis das Bild der heiligen Rosalia zu malen, und er beschloß, das Werk, das er aus Abscheu gegen alle christliche Heiligen nicht unterneh¬ men wollte, nun schnell zu vollenden um das Geld zu erhalten. Er gedachte die Heili¬ ge nackt, und in Form und Bildung des Ge¬ sichts jenem Venusbilde gleich, darzustellen. Der Entwurf gerieth uͤber die Maaßen wohl, und die frevelichen Juͤnglinge priesen hoch Francesko's verruchten Einfall, den frommen Moͤnchen, statt der christlichen Heiligen, ein heidnisches Goͤtzenbild in die Kirche zu stel¬ len. Aber wie Francesko zu malen begann, siehe, da gestaltete sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken getragen, und ein maͤchtigerer Geist uͤberwaͤltigte den Geist der schnoͤden Luͤge der ihn beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Him¬ melreiche fing an, aus duͤstern Nebeln her¬ vor zu daͤmmern; aber als wie von scheuer Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu erliegen, er¬ griffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu vollenden, und um den nackt gezeichneten Koͤrper legten in anmuthigen Falten sich zuͤch¬ tige Gewaͤnder, ein dunkelrothes Kleid und ein azurblauer Mantel. Die Capuzinermoͤn¬ che hatten in dem Schreiben an den Maler Francesko nur des Bildes der heiligen Ro¬ salia gedacht, ohne weiter zu bestimmen, ob dabei nicht eine denkwuͤrdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des Malers seyn solle, und eben daher hatte Francesko auch nur in der Mitte des Blatts die Gestalt der Hei¬ ligen entworfen; aber nun mahlte er, vom Geiste getrieben, allerlei Figuren rings um¬ her, die sich wunderbarlich zusammenfuͤgten, um das Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war selbst der maͤchtige Geist worden, der ihn mit star¬ ken Armen umfaßte und emporhielt uͤber das freveliche Weltleben, das er bisher ge¬ trieben. Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das wur¬ de ihm zu einer hoͤllischen Qual, die, wie mit spitzen Stacheln, in sein inneres Gemuͤth bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venus¬ bildes, wohl aber war es ihm, als saͤhe er den alten Meister Leonardo, der ihn anblick¬ te mit klaͤglicher Geberde, und ganz aͤngst¬ lich und schmerzlich sprach: Ach, ich wollte Dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, Du mußt erst entsagen allem suͤndhaften Streben, und in tiefer Reue und Demuth die Fuͤr¬ bitte der Heiligen erflehen, gegen die Du gefrevelt hast. — Die Juͤnglinge, welche Francesko so lange geflohen, suchten ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn, wie ei¬ nen ohnmaͤchtigen Kranken, ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da aber Francesko ih¬ nen seine Noth klagte, wie er, als ha¬ be ein boͤser Geist seine Kraft gebrochen, nicht das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen vermoͤge, da lachten sie alle auf und sprachen: „ey mein Bruder, wie bist Du denn mit einem mahl so krank worden? — Laßt uns dem Aeskulap und der freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort genese!“ Es wurde Syraku¬ ser Wein gebracht, womit die Juͤnglinge die Trinkschaalen fuͤllten, und, vor dem unvollen¬ deten Bilde den heidnischen Goͤttern Libatio¬ nen darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu zechen begannen, und dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht trinken, und nicht Theil nehmen, an dem Gelage der wilden Bruͤder, unerachtet sie Frau Venus hoch leben ließen! Da sprach einer unter ihnen: „Der thoͤrigte Maler da ist wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank, und ich muß nur einen Doktor herbeiholen.“ Er warf seinen Man¬ tel um, steckte seinen Stoßdegen an und schritt zur Thuͤre hinaus. Es hatte aber nur wenige Augenblicke gedauert, als er wieder hereintrat und sagte: „Ey seht doch nur, ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling dort heilen will.“ Der Juͤngling, der gewiß einem alten Arzt in Gang und Stellung recht aͤhnlich zu seyn begehrte, trip¬ pelte mit gekruͤmmten Knien einher, und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten verzogen, so daß er anzusehen war, wie ein alter recht haͤßlicher Mann, und die Juͤnglinge sehr lachten und riefen: „Ey seht doch, was der Doktor fuͤr gelehrte Gesichter zu schneiden vermag!“ Der Doktor naͤherte sich dem kranken Francesko, und sprach mit rauher Stimme und verhoͤh¬ nendem Ton: „Ey, Du armer Geselle, ich muß Dich wohl aufrichten aus truͤbseliger Ohn¬ macht! — Ey, Du erbaͤrmlicher Geselle, wie siehst Du doch so blaß und krank aus, der Frau Venus wirst Du so nicht gefallen! — Kann seyn, daß Donna Rosalia sich Deiner annehmen wird, wenn Du gesundet! — Du ohnmaͤchtiger Geselle, nippe von meiner Wunder-Arzeney. Da Du Heilige malen willst, wird Dich mein Trank wohl zu er¬ kraͤftigen vermoͤgen, es ist Wein aus dem Keller des heiligen Antonias.“ Der angebli¬ che Doktor hatte eine Flasche unter dem Mantel hervorgezogen, die er jetzt oͤffnete. Es stieg ein seltsamlicher Duft aus der Fla¬ sche, der die Juͤnglinge betaͤubte, so daß sie, wie von Schlaͤfrigkeit uͤbernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen. Aber Francesko riß in wilder Wuth, verhoͤhnt zu seyn als ein ohnmaͤchtiger Schwaͤchling, die Flasche dem Doktor aus den Haͤnden und trank in vollen Zuͤgen. „Wohl bekomm Dir's“ rief der Juͤngling, der nun wieder sein ju¬ gendliches Gesicht und seinen kraͤftigen Gang angenommen hatte. Dann rief er die an¬ dern Juͤnglinge aus dem Schlafe auf, wo¬ rin sie versunken, und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. — So wie der Berg Ve¬ suv in wildem Brausen verzehrende Flam¬ men ausspruͤht, so tobte es jetzt in Feuer¬ stroͤmen heraus aus Francesko's Innern. Al¬ le heidnische Geschichten, die er jemals ge¬ malt, sah er vor Augen, als ob sie leben¬ dig worden, und er rief mit gewaltiger Stimme: „Auch Du mußt kommen, meine geliebte Goͤttin, Du mußt leben und mein seyn, oder ich weihe mich den unterirdischen Goͤttern!“ Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem Bilde stehend, und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem La¬ ger, und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeyen gedachte. Es war ihm so, als koͤnne der feste Wille nicht gebieten der Hand, denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf der heiligen Rosalia eingehuͤllt war, und strich unwill¬ kuͤrlich an den Haͤuptern der barbarischen Maͤnner, von denen sie umgeben. Und doch kam das himmlische Antlitz der Heiligen im¬ mer sichtbarlicher zum Vorschein, und blick¬ te den Francesko ploͤtzlich mit solchen leben¬ digstralenden Augen an, daß er, wie von einem herabfahrenden Blitze toͤdtlich getrof¬ fen, zu Boden stuͤrzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner Sinnen maͤchtig wor¬ den, richtete er sich muͤhsam in die Hoͤhe, er wagte jedoch nicht, nach dem Bilde, das ihm so schrecklich worden, hinzublicken, son¬ dern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische, auf dem des Doktors Weinflasche stand, aus der er einen tuͤchtigen Zug that. Da war Francesko wieder ganz erkraͤftigt, er schaute nach seinem Bilde, es stand, bis auf den letzten Pinselstrich vollendet, vor ihm, und nicht das Antlitz der heiligen Rosalia, sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit uͤppigem Liebesblicke an. In demselben Augenblick wurde Francesko von wilden fre¬ velichen Trieben entzuͤndet. Er heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des heid¬ nischen Bildhauers Pygmalion, dessen Ge¬ schichte er gemalt, und flehte so wie er zur Frau Venus, daß sie seinem Bilde Leben einhauchen moͤge. Bald war es ihm auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen wollte, sah er wohl, daß es todte Leinewand geblieben. Dann zerraufte er sein Haar und gebehrdete sich wie einer, der von dem Satan besessen. Schon zwei Tage und zwei Naͤchte hatte es Francesko so getrieben; am dritten Tag, als er, wie eine erstarrte Bildsaͤule, vor dem Bilde stand, ging die Thuͤre seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit weib¬ lichen Gewaͤndern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er fuͤr das Original seines Bildes erkannte. Es waͤren ihm schier die Sinne vergangen, als er das Bild, wel¬ ches er aus seinen innersten Gedanken nach einem Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur erdenklichen Schoͤnheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an, wenn er das Gemaͤlde ansah, das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden Weibes erschien. Es geschah ihm dasje¬ nige was die wunderbarliche Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt, die Zunge war ihm gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf die K ee und hob die Haͤnde wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib richtete ihn aber laͤchelnd auf und sag¬ te ihm, daß sie ihn schon damals, als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vin¬ ci gewesen, als ein kleines Maͤdchen oftmals gesehen und eine unsaͤgliche Liebe zu ihm ge¬ faßt habe. Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen, und sey allein nach Rom ge¬ wandert, um ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertoͤnende Stimme ihr gesagt habe, daß er sie sehr liebe und sie aus lau¬ ter Sehnsucht und Begierde abkonterfeyt ha¬ be, was denn, wie sie jetzt sehe, auch wirk¬ lich wahr sey. Francesko merkte nun, daß ein geheimnißvolles Seelenverstaͤndniß mit dem fremden Weibe obgewaltet, und daß dieses Verstaͤndniß das wunderbare Bild und seine wahnsinnige Liebe zu demselben ge¬ schaffen hatte. Er umarmte das Weib voll inbruͤnstiger Liebe, und wollte sie sogleich nach der Kirche fuͤhren, damit ein Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde. Dafuͤr schien sich das Weib aber zu entsetzen, und sie sprach: „Ey, mein geliebter Francesko, bist Du denn nicht ein wackrer Kuͤnstler, der sich nicht fesseln laͤßt von den Banden der christlichen Kirche? Bist Du nicht mit Leib und Seele dem freudigen frischen Alterthum und seinen dem Leben freundlichen Goͤttern zugewandt? Was geht unser Buͤndniß die traurigen Priester an, die in duͤstern Hallen ihr Leben in hoffnungs¬ loser Klage verjammern; Laß uns heiter und hell das Fest unserer Liebe feiern. Fran¬ cesko wurde von diesen Reden des Weibes verfuͤhrt, und so geschah es, daß er mit den von suͤndigem, frevelichem Leichtsinn befan¬ genen Juͤnglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben Abende sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen Gebraͤuchen beging. Es fand sich, daß das Weib eine Kiste mit Kleinodien und baarem Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in suͤndlichen Ge¬ nuͤssen schwelgend, und seiner Kunst entsagend, lange Zeit hindurch. Das Weib fuͤhlte sich schwanger und bluͤhte nun erst immer herrlicher und herrlicher in leuchtender Schoͤnheit auf, sie schien ganz und gar das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die uͤppige Lust seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes angstvolles Stoͤhnen weckte in einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er er¬ schrocken aufsprang und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm ein Knaͤblein geboren. Schnell mußten die Diener eilen, um Wehmutter und Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schooße der Mutter, aber in dem¬ selben Augenblick stieß das Weib einen ent¬ setzlichen, durchdringenden Schrei aus und kruͤmmte sich, wie von gewaltigen Faͤusten gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der Arzt; als sie nun aber dem Weibe Huͤlfe leisten wollten, schauderten sie entsetzt zuruͤck, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust durch blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schoͤnen Gesichts erblickten sie ein graͤßlich verzerrtes runzliches Gesicht mit off¬ nen heraus starrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber erhoben, liefen die Nachbarsleute herzu, man hatte von jeher von dem fremden Weibe allerlei seltsames ge¬ sprochen; die uͤppige Lebensart, die sie mit Francesko fuͤhrte, war Allen ein Greuel ge¬ wesen, und es stand daran, daß man ihr suͤndhaftes Beisammenseyn ohne priesterliche Einsegnung, den geistlichen Gerichten anzei¬ gen wollte. Nun, als sie die graͤßlich ent¬ stellte Todte sahen, war es Allen gewiß, daß sie im Buͤndniß mit dem Teufel gelebt, der sich jetzt ihrer bemaͤchtigt habe. Ihre Schoͤn¬ heit war nur ein luͤgnerisches Trugbild ver¬ dammter Zauberei gewesen. Alle Leute die gekommen, flohen erschreckt von dannen, kei¬ ner ner mochte die Todte anruͤhren. Francesko wußte nun wohl, mit wem er es zu thun gehabt hatte, und es bemaͤchtigte sich sei¬ ner eine entsetzliche Angst. Alle seine Fre¬ vel standen ihm vor Augen, und das Straf¬ gericht des Herrn begann schon hier auf Er¬ den, da die Flammen der Hoͤlle in seinem Innern aufloderten. Des andern Tages kam ein Abgeordne¬ ter des geistlichen Gerichts, mit den Haͤschern, und wollte den Francesko verhaften, da er¬ wachte aber sein Muth und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stoßdegen, machte sich Platz und entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Hoͤhle, in die er sich ermuͤdet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu seyn, hatte er das neuge¬ borne Knaͤblein in den Mantel gewickelt und mit sich genommen. Voll wilden In¬ grimms wollte er das, von dem teuflischen Weibe ihm geborne Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die Hoͤhe II . [ 15 ] hob, stieß es klaͤgliche bittende Toͤne aus, und es wandelte ihn tiefes Mitleid an, er legte das Knaͤblein auf weiches Moos, und troͤpfelte ihm den Saft einer Pommeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko hatte, gleich einem buͤßenden Einsiedler, meh¬ rere Wochen in der Hoͤhle zugebracht, und sich abwendend von dem suͤndlichen Fre¬ vel, in dem er gelebt, inbruͤnstig zu den Heiligen gebetet. Aber vor allen Andern rief er die von ihm schwer beleidigte Rosalia an, daß sie vor dem Throne des Herrn seine Fuͤr¬ sprecherin seyn moͤge. Eines Abends lag Francesko, in der Wildniß betend, auf den Knien, und schaute in die Sonne, wel¬ che sich tauchte in das Meer, das in Westen seine rothen Flammenwellen emporschlug. Aber, so wie die Flammen verblaßten im grauen Abendnebel, gewahrte Francesko in den Luͤften einen leuchtenden Rosenschimmer, der sich bald zu gestalten begann. Von Engeln um¬ geben sah Francesko die heilige Rosalia, wie sie auf einer Wolke kniete, und ein sanftes Saͤuseln und Rauschen sprach die Worte: „Herr, ver¬ gieb dem Menschen, der in seiner Schwachheit und Ohnmacht nicht zu widerstehen vermoch¬ te, den Lockungen des Satans.“ Da zuckten Blitze durch den Rosenschimmer, und ein dum¬ pfer Donner ging droͤhnend durch das Gewoͤlbe des Himmels: „Welcher suͤndige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, so lange der Stamm, den sein Verbrechen erzeugte, fort¬ wuchert, in frevelicher Suͤnde!“ — — Fran¬ cesko sank nieder in den Staub, denn er wußte wohl, daß nun sein Urtheil gespro¬ chen, und ein entsetzliches Verhaͤnguiß ihn trostlos umhertreiben werde. Er floh, ohne des Knaͤbleins in der Hoͤhle zu gedenken, von dannen, und lebte, da er nicht mehr zu ma¬ len vermochte, im tiefen, jammervollen Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als muͤsse er zur Glorie der christlichen Reli¬ gion, herrliche Gemaͤlde ausfuͤhren, und er dachte große Stuͤcke in der Zeichnung und Faͤrbung aus, die die heiligen Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia dar¬ stellen sollten; aber wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo be¬ saß, um Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von duͤrftigen Almosen, an den Kir¬ chenthuͤren gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte. Da begab es sich, daß als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarr¬ rend , in Gedanken malte, zwei in Schleier gehuͤllte Frauen auf ihn zu traten, von de¬ nen eine mit holder Engelsstimme sprach: „In dem fernen Preußen ist der Jungfrau Maria, da wo die Engel des Herrn ihr Bildniß auf einen Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch des Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausuͤbung Deiner Kunst sey Dir heilige Andacht, und Deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit himmlischem Trost.“ — Als Francesko aufblickte zu den Frauen, gewahrte er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen, und ein Lilien- und Rosenduft die Kirche durchstroͤmte. Nun wußte Francesko wer die Frauen waren und wollte den andern Mor¬ gen seine Pilgerfahrt beginnen. Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn, nach vielem Muͤhen, ein Diener Zenobio's auf, der ihm ein zweijaͤhriges Gehalt auszahlte, und ihn einlud an den Hof seines Herrn. Doch nur eine geringe Summe behielt Fran¬ cesko, das uͤbrige theilte er aus an die Ar¬ men, und machte sich auf nach dem fernen Preußen. Der Weg fuͤhrte ihn uͤber Rom, und er kam in das nicht ferne davon gelege¬ ne Capuzinerkloster, fuͤr welches er die hei¬ lige Rosalia gemalt hatte. Er sah auch das Bild in den Altar eingefugt, doch be¬ merkte er, bei naͤherer Betrachtung, daß es nur eine Copie seines Gemaͤldes war. Das Original hatten, wie er erfuhr, die Moͤnche nicht behalten moͤgen, wegen der sonderba¬ ren Geruͤchte, die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus dessen Nachlaß sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach genommener Copie, an das Capuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher Pilger¬ fahrt langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in Ostpreußen an, und erfuͤllte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst gegeben. Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, daß er wohl einsah, wie der Geist der Gnade in ihm zu wirken be¬ ginne. Trost des Himmels floß in seine Seele. Es begab sich, daß der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer abgelegenen wilden Gegend von einem boͤsen Unwetter uͤberfallen wurde. Der Sturm heulte durch die Kluͤfte, der Regen goß in Stroͤmen herab, als solle in einer neuen Suͤndfluth Mensch und Thier untergehen; da fand Graf Filippo eine Hoͤh¬ le, in die er sich, sammt seinem Pferde, das er muͤhsam hineinzog, rettete. Schwarzes Gewoͤlk hatte sich uͤber den ganzen Horizont gelegt, daher war es, zumal in der Hoͤhle, so finster, daß Graf Filippo nichts unter¬ scheiden und nicht entdecken konnte, was dicht neben ihm so raschle und rausche. Er war voll Bangigkeit, daß wohl ein wildes Thier in der Hoͤhle verborgen seyn koͤnne, und zog sein Schwert, um jeden Angriff abzu¬ wehren. Als aber das Unwetter voruͤber, und die Sonnenstralen in die Hoͤhle fielen, gewahrte er zu seinem Erstaunen, daß neben ihn auf einem Blaͤtterlager ein nacktes Knaͤb¬ lein lag und ihn mit hellen funkelnden Au¬ gen anschaute. Neben ihm stand ein Becher von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen duftenden Weines fand, die das Knaͤblein begierig einsog. Der Graf ließ sein Horn ertoͤnen, nach und nach sam¬ melten sich seine Leute, die hierhin, dorthin gefluͤchtet waren, und man wartete auf des Grafen B ef ehl, ob sich nicht derjenige, der das Kind in die Hoͤhle gelegt, einfinden wuͤr¬ de, es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da sprach der Graf Fi¬ lippo: „Ich kann das Knaͤblein nicht huͤlflos liegen lassen, sondern will es mit mir neh¬ men, und daß ich dies gethan, uͤberall be¬ kannt machen lassen, damit es die Eltern, oder sonst einer, der es in die Hoͤhle legte, von mir abfordern kann.“ Es geschah so; aber Wochen, Monate und Jahre vergingen, ohne daß sich jemand gemeldet haͤtte. Der Graf hatte dem Fuͤndling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen. Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Juͤngling, den der Graf, seiner seltenen Gaben wegen wie seinen Sohn liebte, und ihm, da er kinder¬ los war, sein ganzes Vermoͤgen zuzuwen¬ den gedachte. Schon fuͤnf und zwanzig Jahre war Francesko alt worden, als der Graf Filippo in thoͤrichter Liebe zu einem armen bildschoͤnen Fraͤulein entbrannte, und sie hei¬ rathete, unerachtet sie blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war. Francesko wurde alsbald von suͤndhafter Begier nach dem Besitze der Graͤfin erfaßt, und unerach¬ tet sie gar fromm und tugendhaft war, und nicht die geschworene Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach hartem Kam¬ pfe, sie durch teuflische Kuͤnste zu verstricken, so daß sie sich der frevelichen Lust uͤberließ, und er seinen Wohlthaͤter mit schwarzem Undank und Verrath lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Graͤfin Angiola die der greise Filippo in vollem Entzuͤcken der Vaterfreude an sein Herz druͤckte, waren die Fruͤchte des Frevels, der ihm, so wie der Welt, auf ewig verborgen blieb. Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und sprach: „ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn Du kinderlos vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in stiller Andacht, die Kunst uͤbend, hinbringen. Doch nicht fremdem Staat soll unser Laͤndlein anheim fallen. Jener Francesko, den der Graf Filippo S. erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf wilder Flucht ihn in der Hoͤhle zuruͤckließ wo ihn der Graf fand. Auf dem elfen¬ beinernen Becher der bei ihm stand, ist un¬ ser Wappen geschnitzt, doch noch mehr als das schuͤtzt des Juͤnglings Bildung, die ihn als aus unserer Familie abstammend, getreu¬ lich bezeichnet, vor jedem Irrthum. Nimm, mein Bruder Zenobio! den Juͤngling als Dei¬ nen Sohn auf, und er sey Dein Nachfolger!“ — Zenobio's Zweifel, ob der Juͤngling Francesko in rechtmaͤßiger Ehe erzeugt sey, wurden durch die von dem Pabst sanktionir¬ te Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, ge¬ hoben, und so geschah es, daß meines Soh¬ nes suͤndhaftes, ehebrecherisches Leben ende¬ te und er bald in rechtmaͤßiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er Paolo Francesko nannte. — Gewuchert hat der verbrecheri¬ sche Stamm auf verbrecherische Weise. Doch, kann meines Sohnes Reue nicht seine Fre¬ vel suͤhnen? Ich stand vor ihm, wie das Strafgericht des Herrn, denn sein Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das sagte mir der Geist, der maͤchtig und maͤchtiger wird in mir, und mich emporhebt uͤber den brausenden Wel¬ len des Lebens, daß ich hinabzuschauen ver¬ mag in die Tiefe, ohne daß dieser Blick mich hinabzieht zum Tode. Francesko's Entfernung brachte der Graͤ¬ fin S. den Tod, denn nun erst erwachte sie zum Bewußtseyn der Suͤnde, und nicht uͤber¬ stehen konnte sie den Kampf der Liebe zum Verbrecher, und der Reue uͤber das, was sie begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahr alt, dann starb er als ein kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner Schwester Angiola an den Hof Francesko's, der dem Zenobio gefolgt war. Durch glaͤnzende Feste wurde Paolo Francesko's Verlobung mit Vittoria, Fuͤrstin von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schoͤnheit erblickte, wurde er in heftiger Liebe entzuͤndet, und ohne der Ge¬ fahr zu achten, bewarb er sich um Vitto¬ ria's Gunst. Doch Paolo Francesko's Blik¬ ken entging Pietro's Bestreben, da er selbst in seine Schwester Angiola heftig entbrannt war, die all' sein Bemuͤhen kalt zuruͤckwies. Vittoria entfernte sich von dem Hofe um, wie sie vorgab, noch vor ihrer Heirath in stiller Einsamkeit ein heiliges Geluͤbde zu erfuͤllen. Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zuruͤck, die Hochzeit sollte vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte Graf Pietro mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zuruͤckkehren. Paolo Francesko's Liebe zur Angiola war durch ihr stetes, standhaftes Widerstreben, immer mehr entflammt worden, und artete jetzt aus in die wuͤthende Begier des wilden Thie¬ res, die er nur durch den Gedanken des Ge¬ nusses zu bezaͤhmen vermochte. — So ge¬ schah es, daß er durch den schaͤndlichsten Verrath am Hochzeitstage ehe er in die Brautkammer ging, Angiola in ihrem Schlaf¬ zimmer uͤberfiel, und ohne daß sie zur Be¬ sinnung kam, denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmal bekommen, seine freveliche Lust befriedigte. Als Angiola durch die verruch¬ te That dem Tode nahe gebracht wurde, da gestand der von Gewissensbissen gefol¬ terte Paolo Francesko ein, was er be¬ gangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns, wollte Pietro den Verraͤther niederstoßen, aber gelaͤhmt sank sein Arm nieder, da er daran dachte, daß seine Rache der That vorangegangen. Die kleine Giazinta, Fuͤr¬ stin von B., allgemein fuͤr die Tochter der Schwester Vittoria's geltend, war die Frucht des geheimen Verstaͤndnisses, das Pietro mit Paolo Francesko's Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola nach Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und sorgfaͤltig erziehen ließ. Die schuldlose Angiola troͤstete sich endlich uͤber den entsetzlichen Frevel, und bluͤhte wieder auf in gar herrlicher Anmuth und Schoͤn¬ heit. So kam es, daß der Fuͤrst Theodor von W. eine gar heftige Liebe zu ihr faßte, die sie aus tiefer Seele erwiederte. Sie wurde in kurzer Zeit seine Gemalin, und Graf Pietro vermaͤlte sich zu gleicher Zeit mit einem teutschen Fraͤulein, mit der er eine Tochter erzeugte, so wie Angiola dem Fuͤrsten zwei Soͤhne gebar. Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Ge¬ wissen fuͤhlen, und doch versank sie oft in duͤsteres Nachdenken, wenn ihr, wie ein boͤ¬ ser Traum, Paolo Francesko's verruchte That in den Sinn kam, ja es war ihr oft so zu Muthe, als sey selbst die bewußtlos began¬ gene Suͤnde strafbar, und wuͤrde geraͤcht werden an ihr und ihren Nachkommen. Selbst die Beichte und vollstaͤndige Absolution konn¬ te sie nicht beruhigen. Wie eine himmli¬ sche Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke, daß sie alles ihrem Gemal ent¬ decken muͤsse. Unerachtet sie wohl sich des schweren Kampfes versah, den ihr das Ge¬ staͤndniß des von dem Boͤsewicht Paolo Fran¬ cesko veruͤbten Frevels kosten wuͤrde, so ge¬ lobte sie sich doch feierlich, den schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie ge¬ lobt hatte. Mit Entsetzen vernahm Fuͤrst Theodor die verruchte That, sein Inneres wurde heftig erschuͤttert, und der tiefe In¬ grimm schien selbst der schuldlosen Gemalin bedrohlich zu werden. So geschah es, daß sie einige Monate auf einem entfernten Schloß zubrachte; waͤhrend der Zeit bekaͤmpf¬ te der Fuͤrst die bittern Empfindungen, die ihn quaͤlten, und es kam so weit, daß er nicht allein versoͤhnt der Gemalin die Hand bot, sondern auch, ohne das sie es wußte, fuͤr Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode des Fuͤrsten und seiner Gemalin, wu߬ te nur Graf Pietro und der junge Fuͤrst Alexander von W. um das Geheimniß von Franzens Geburt. Keiner der Nachkoͤmmlin¬ ge des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo erzog, so ganz und gar aͤhn¬ lich an Geist und Bildung als dieser Franz. Ein wunderbarer Juͤngling vom hoͤheren Geiste belebt, feurig und rasch in Gedanken und That. Mag des Vaters, mag des Ahn¬ herrn Suͤnde nicht auf ihm lasten, mag er widerstehen den boͤsen Verlockungen des Sa¬ tans. Ehe Fuͤrst Theodor starb, reiseten sei¬ ne beiden Soͤhne Alexander und Johann nach dem schoͤnen Welschland, doch nicht so¬ wohl offenbare Uneinigkeit, als verschiedene Neigung, verschiedenes Streben war die Ur¬ sache, daß die beiden Bruͤder sich in Rom trennten. Alexander, kam an Paolo Fran¬ cesko's Hof, und faßte solche Liebe zu Paolos juͤngster mit Vittoria erzeugten Tochter, daß er sich ihr zu vermaͤlen gedachte. Fuͤrst Theo¬ dor dor wies indessen mit einem Abscheu, der dem Fuͤrsten Alexander unerklaͤrlich war, die Verbindung zuruͤck, und so kam es, daß erst nach Theodors Tode Fuͤrst Alexander sich mit Paolo Francesko's Tochter vermaͤlte. Prinz Johann hatte auf dem Heimwege sei¬ nen Bruder Franz kennen gelernt, und fand an dem Juͤnglinge, dessen nahe Verwandt¬ schaft mit ihm er nicht ahnte, solches Beha¬ gen, daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz war die Ursache, daß der Prinz, statt heimzukehren nach der Residenz des Bruders, nach Italien zuruͤckging. Das ewige unerforschliche Verhaͤngniß wollte es, daß Beide, Prinz Johann und Franz, Vit¬ torias und Pietro's Tochter Giazinta sahen, und Beide in heftiger Liebe zu ihr entbrann¬ ten. — Das Verbrechen keimt, wer vermag zu widerstehen den dunkeln Maͤchten. II . [ 16 ] Wohl waren die Suͤnden und Frevel mei¬ ner Jugend entsetzlich, aber durch die Fuͤr¬ sprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich errettet vom ewigen Verder¬ ben, und es ist mir vergoͤnnt, die Qualen der Verdammniß zu erdulden hier auf Er¬ den, bis der verbrecherische Stamm verdor¬ ret ist und keine Fruͤchte mehr traͤgt. Ueber geistige Kraͤfte gebietend druͤckt mich die Last des irdischen nieder, und das Geheimniß der duͤstern Zukunft ahnend, blendet mich der truͤgerische Farbenglanz des Lebens, und das bloͤde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern, ohne daß es die wahre innere Ge¬ staltung zu erkennen vermag! — Ich erblicke oft den Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen das Heil meiner Seele, fortspinnt, und glaube thoͤrigt ihn erfassen, ihn zerreißen zu koͤnnen. Aber dulden soll ich, und glaͤubig und fromm in fortwaͤhren¬ der reuiger Buße die Marter ertragen, die mir auferlegt worden um meine Missethaten zu suͤhnen. Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht, aber der Satan ist geschaͤftig, dem Franz das Verder¬ ben zu bereiten, dem er nicht entgehen wird. — Franz kam mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf Pietro mit seiner Gemalin und seiner Tochter Aurelie, die eben funfzehn Jahr alt worden, aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer verbo¬ tener Lust auf in dem Sohn, als er das hol¬ de Kind Aurelie erblickte. Durch allerlei teuflische Kuͤnste der Verfuͤhrung wußte er die fromme kaum erbluͤhte Aurelie zu um¬ stricken, daß sie mit ganzer Seele ihm sich ergab, und sie hatte gesuͤndigt, ehe der Ge¬ danke der Suͤnde aufgegangen in ihrem In¬ nern. Als die That nicht mehr verschwie¬ gen bleiben konnte, da warf er sich, wie voll Verzweiflung uͤber das, was er begangen, der Mutter zu Fuͤßen und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in Suͤnde und Frevel befangen, haͤtte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter ließ den Franz ihren gerechten Zorn fuͤhlen, indem sie ihn mit der Drohung, die verruchte That dem Gra¬ fen Pietro zu entdecken, auf immer aus ih¬ ren und der verfuͤhrten Tochter Augen ver¬ bannte. Es gelang der Graͤfin die Tochter den Augen des Grafen Pietro zu entziehen, und sie gebar an entfernten Orten ein Toͤch¬ terlein. Aber Franz konnte nicht lassen von Aurelien, er erfuhr ihren Aufenthalt, eilte hin und trat in das Zimmer, als eben die Graͤfin, verlassen vom Hausgesinde, neben dem Bette der Tochter saß und das Toͤchter¬ lein, das erst acht Tage alt worden, auf dem Schooße hielt. Die Graͤfin stand voller Schreck und Entsetzen uͤber den unvermuthe¬ ten Anblick des Boͤsewichts auf, und gebot ihm, das Zimmer zu verlassen. „Fort ... fort sonst bist Du verloren; Graf Pietro weiß, was Du Verruchter begonnen!“ So rief sie, um dem Franz Furcht einzujagen, und draͤngte ihn nach der Thuͤre; da uͤbermannte den Franz wilde, teuflische Wuth, er riß der Graͤfin das Kind vom Arme, versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust, daß sie ruͤcklings niederstuͤrzte und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war die Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopf¬ wunde (sie war auf einen mit Eisen beschla¬ genen Kasten gestuͤrzt) hatte sie getoͤdtet. Franz hatte im Sinn, das Kind zu ermor¬ den, er wickelte es in Tuͤcher, lief am fin¬ stern Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschoßes zu kommen schien. Unwill¬ kuͤhrlich blieb er stehen, horchte und schlich endlich jenem Zimmer naͤher. In dem Au¬ genblick trat eine Frau, welche er fuͤr die Kinderwaͤrterin der Baronesse von S., in de¬ ren Hause er wohnte, erkannte, unter klaͤgli¬ chem Jammern heraus. Franz frug, wes¬ halb sie sich so gebehrde; „Ach Herr, sagte die Frau: mein Ungluͤck ist gewiß, so eben saß die kleine Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte, aber mit einemmal laͤßt sie das Koͤpfchen sinken und ist todt. — Blaue Flecken hat sie auf der Stirn, und so wird man mir Schuld geben, daß ich sie habe fallen lassen!“ — Schnell trat Franz hinein, und als er das todte Kind erblickte, gewahrte er, wie das Verhaͤngniß das Leben seines Kindes wollte, denn es war mit der todten Euphemie auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet. Die Waͤrterin, vielleicht nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes als sie vorgab, und bestochen durch Franzens reichliches Geschenk, ließ sich den Tausch gefallen; Franz wickelte nun das todte Kind in die Tuͤcher und warf es in den Strom. Aureliens Kind wurde als die Tochter der Baronesse von S., Euphe¬ mie mit Namen, erzogen und der Welt blieb das Geheimniß ihrer Geburt verborgen. Die Unselige wurde nicht durch das Sakra¬ ment der heiligen Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen, denn getauft war schon das Kind, dessen Tod ihr Leben erhielt. Au¬ relie hat sich nach mehreren Jahren mit dem Baron von F. vermaͤhlt; zwei Kinder, Her¬ mogen und Aurelie sind die Frucht dieser Vermaͤlung. Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergoͤnnt, daß als der Prinz mit Fran¬ cesko (so nannte er den Franz auf italiaͤni¬ sche Weise) nach der Residenzstadt des fuͤrstli¬ chen Bruders zu gehen gedachte, ich zu ihnen treten und mitziehen durfte. Mit kraͤftigem Arm wollte ich den schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der sich vor ihm aufgethan. Thoͤrigtes Be¬ ginnen des ohnmaͤchtigen Suͤnders, der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! — Francesko ermordete den Bruder nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geuͤbt! Francesko's Sohn ist der unselige Knabe, den der Fuͤrst unter dem Namen des Grafen Viktorin erziehen laͤßt. Der Moͤrder Francesko gedachte sich zu vermaͤlen mit der frommen Schwester der Fuͤrstin, aber ich vermochte dem Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte an heiliger Staͤtte. Wohl bedurfte es des tiefen Elends in das Franz versank — nachdem er, gefoltert von dem Gedanken nie abzubuͤßender Suͤnde, entflohen — um ihn zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt kam er auf der Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des Landmanns Toch¬ ter, eine fromme, stille Jungfrau, faßte wunderbare Liebe zu dem Fremden, und pflegte ihn sorglich. So geschah es, daß als Francesko genesen, er der Jungfrau Lie¬ be erwiederte, und sie wurden durch das heilige Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm durch seine Klugheit und Wissen¬ schaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlaß reichlich zu vermeh¬ ren, so daß er viel irdischen Wohlstand ge¬ noß. Aber unsicher und eitel ist das Gluͤck des mit Gott nicht versoͤhnten Suͤnders. Franz sank zuruͤck in die bitterste Armuth und toͤdtend war sein Elend, denn er fuͤhlte, wie Geist und Koͤrper hinschwanden in kraͤn¬ kelnder Siechheit. Sein Leben wurde eine fortwaͤhrende Bußuͤbung. Endlich sandte ihm der Himmel einen Stral des Trostes. — Er soll pilgern nach der heiligen Linde und dort wird ihm die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkuͤnden. In dem Walde, der das Kloster zur hei¬ ligen Linde umschließt, trat ich zu der be¬ draͤngten Mutter, als sie uͤber dem neuge¬ bornen vaterlosen Knaͤblein weinte, und er¬ quickte sie mit Worten des Trostes. — Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf, dem Kinde, das geboren wird in dem seegensreichen Heiligthum der Gebenedeiten! Oftmals begiebt es sich, daß das Jesuskind¬ lein sichtbarlich zu ihm tritt und fruͤh in dem kindischen Gemuͤth den Funken der Liebe ent¬ zuͤndet. — Die Mutter hat in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz, geben lassen! — Wirst Du es denn seyn, Franzis¬ kus, der, an heiliger Staͤtte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahn¬ herrn entsuͤndigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren ver¬ fuͤhrerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem himmlischen zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der wunderbaren Trost in meine Seele goß, der Mutter verkuͤndet, und es mag wohl die Prophezeihung der Gnade seyn, die mich mit wundervoller Klarheit erleuchtet, so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der Zukunft zu erschauen vermeine. Ich sehe den Juͤngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht, die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! — Er faͤllt, doch ein goͤttlich Weib erhebt uͤber sein Haupt die Siegeskrone! — Es ist die heili¬ ge Rosalia selbst, die ihn errettet! — So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergoͤnnt, will ich dem Knaben, dem Juͤng¬ linge, dem Mann nahe seyn und ihn schuͤz¬ zen, wie es die mir verliehene Kraft ver¬ mag. — Er wird seyn wie — Anmerkung des Herausgebers. Hier wird, guͤnstiger Leser! die halb er¬ loschene Schrift des alten Malers so undeut¬ lich, daß weiter etwas zu entziffern, ganz unmoͤglich ist. Wir kehren zu dem Manu¬ skript des merkwuͤrdigen Capuziners Medar¬ dus zuruͤck. Dritter Abschnitt. Die Ruͤckkehr in das Kloster. E s war so weit gekommen, daß uͤberall, wo ich mich in den Straßen von Rom blik¬ ken ließ, Einzelne aus dem Volk still stan¬ den, und in gebeugter, demuͤthiger Stellung um meinen Seegen baten. Mocht' es seyn, daß meine strenge Bußuͤbungen, die ich fort¬ setzte, schon Aufsehen erregten, aber gewiß war es, daß meine fremdartige, wunderliche Erscheinung den lebhaften fantastischen Roͤ¬ mern bald zu einer Legende werden mußte, und daß sie mich vielleicht, ohne daß ich es ahnte, zu dem Helden irgend eines frommen Maͤhrchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange Senfzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf den Stufen des Altars liegend, versun¬ ken, und ich bemerkte dann, wie rings um mich her Andaͤchtige knieten, und meine Fuͤr¬ bitte zu erflehen schienen. So wie in jenem Capuzinerkloster, hoͤrte ich hinter mir rufen: il Santo ! — und schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom verlassen, doch wie erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich aufhielt, mir ankuͤndigte, daß der Pabst mich haͤtte zu sich gebieten lassen. Duͤstre Ahnungen stie¬ gen in mir auf, daß vielleicht aufs neue die boͤse Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen faßte ich Muth und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der Pabst, ein wohlgebildeter Mann, noch in den Jahren der vollen Kraft, empfing mich auf einem reich, verzierten Lehnstuhl sitzend. Zwei wunderschoͤne geist¬ lich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser und durchfaͤchelten das Zimmer, mit Reiherbuͤschen, um, da der Tag uͤber¬ heiß war, die Kuͤhle zu erhalten. Demuͤthig trat ich auf ihn zu und machte die gewoͤhn¬ liche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber etwas gutmuͤthiges und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der Ferne wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes Laͤ¬ cheln durch alle Zuͤge. Er frug, woher ich kaͤme, was mich nach Rom gebracht — kurz das gewoͤhnlichste uͤber meine persoͤnliche Ver¬ haͤltnisse, und stand dann auf, indem er sprach: „Ich ließ Euch rufen, weil man mir von Eu¬ rer seltenen Froͤmmigkeit erzaͤhlt. — Warum, Moͤnch Medardus, treibst Du Deine Andachts¬ uͤbungen oͤffentlich vor dem Volk in den be¬ suchtesten Kirchen? — Gedenkst Du zu erschei¬ nen als ein Heiliger des Herrn und angebe¬ tet zu werden von dem fanatischen Poͤbel, so greife in Deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der Dich so zu handeln treibt. — Bist Du nicht rein vor dem Herrn und vor mir, seinem Statt¬ halter, so nimmst Du bald ein schmaͤhliches Ende, Moͤnch Medardus!“ — Diese Worte sprach der Pabst mit starker, durchdringen¬ der Stimme, und wie treffende Blitze fun¬ kelte es aus seinen Augen. Nach langer Zeit zum erstenmal fuͤhlte ich mich nicht der Suͤn¬ de schuldig, der ich angeklagt wurde, und so mußte es wohl kommen, daß ich nicht allein meine Fassung behielt, sondern auch von dem Gedanken, daß meine Buße aus wah¬ rer innerer Zerknirschung hervorgegangen, erhoben wurde, und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte: „Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu schauen; wohl moͤgt Ihr es wissen, daß Centnerschwer mich die unsaͤgliche Last meiner Suͤnden zu Boden druͤckt, aber eben so werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnoͤder Heuchelei, fern von mir jede ehrgeizige Absicht, das Volk zu taͤuschen auf verruchte Weise. — Ver¬ goͤnnt es dem buͤßenden Moͤnche, o hochhei¬ liger Herr! daß er in kurzen Worten sein verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung begonnen, Euch enthuͤlle!“ — So fing ich an, und erzaͤhlte nun, ohne Namen zu nen¬ nen und so gedraͤngt als moͤglich, meinen ganzen Lebenslauf. Aufmerksamer und auf¬ merksamer wurde der Pabst. Er setzte sich in den Lehnstuhl, und stuͤtzte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder, dann fuhr er ploͤtzlich in die Hoͤhe; die Haͤnde uͤber einander geschlagen und mit dem rechten Fuß ausschreitend, als wolle er auf mich zutre¬ ten, starrte er mich an mit gluͤhenden Au¬ gen. Als ich geendet, setzte er sich aufs neue. „Eure Geschichte, Moͤnch Medardus! fing er an: ist die verwunderlichste die ich je¬ mals mals vernommen. — Glaubt Ihr an die of¬ fenbare sichtliche Einwirkung einer boͤsen Macht, die die Kirche Teufel nennt?“ — Ich wollte antworten, der Pabst fuhr fort: „Glaubt Ihr, daß der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den Freveln trieb, die ihr begin¬ get?“ — „Wie ein von giftiger Duͤnsten ge¬ schwaͤngertes Wasser gab er Kraft dem boͤsen Keim, der in mir ruhete, daß er fortzuwu¬ chern vermochte!“ — Als ich dies erwiedert, schwieg der Pabst einige Augenblicke, dann fuhr er mit ernstem in sich gekehrtem Blick fort: „Wie, wenn die Natur die Regel des koͤrperlichen Organism auch im geistigen be¬ folgte, daß gleicher Keim nur gleiches zu gebaͤhren vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, — wie die Kraft, die im Kern ver¬ schlossen, des hervorschießenden Baumes Blaͤt¬ ter wieder gruͤn faͤrbt — sich fortpflanzte von Vaͤtern zu Vaͤtern, alle Willkuͤhr aufhebend? ... Es giebt Familien von Moͤrdern, von II . [ 17 ] Raͤubern! ... Das waͤre die Erbsuͤnde, des frevelhaften Geschlechts ewiger, durch kein Suͤhnopfer vertilgbarer Fluch!“ — „Muß der vom Suͤnder geborne wieder suͤndigen, ver¬ moͤge des vererbten Organism, dann giebt es keine Suͤnde,“ so unterbrach ich den Pabst. „Doch! sprach er: der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Thier, das in uns wuͤthet, zu baͤndigen und in Fes¬ seln zu schlagen vermag. Bewußtseyn heißt dieser Riese, aus dessen Kampf mit dem Thier sich die Spontaneitaͤt erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Thieres, die Suͤnde.“ Der Pabst schwieg ei¬ nige Augenblicke, dann heiterte sein Blick sich auf, und er sprach mit sanfter Stimme: „Glaubt Ihr, Moͤnch Medardus, daß es fuͤr den Statthalter des Herrn schicklich sey, mit Euch uͤber Tugend und Suͤnde zu ver¬ nuͤnfteln?“ — „Ihr habt hochheiliger Herr, erwiederte ich: Euern Diener gewuͤrdigt Eu¬ re tiefe Ansicht des menschlichen Seyns zu vernehmen, und wohl mag es Euch ziemen uͤber den Kampf zu sprechen, den Ihr laͤngst, herrlich und glorreich siegend, geendet.“ — „Du hast eine gute Meinung von mir, Bruder Medardus, sprach der Pabst: oder glaubst Du, daß die Tiara der Lorbeer sey, der mich als Helden und Sieger der Welt ver¬ kuͤndet?“ — „Es ist, sprach ich: wohl etwas großes, Koͤnig seyn und herrschen uͤber ein Volk. So im Leben hochgestellt, mag alles rings umher naͤher zusammengeruͤckt in jedem Verhaͤltniß commensurabler erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wun¬ derbare Kraft des Ueberschauens entwickeln, die, wie eine hoͤhere Weihe, sich kund thut im gebornen Fuͤrsten.“—„Du meinst, fiel der Pabst ein, daß selbst den Fuͤrsten, die schwach an Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazitaͤt beiwohne, die fuͤglich fuͤr Weisheit geltend, der Menge zu imponi¬ ren vermag. Aber wie gehoͤrt das hieher?“— „Ich wollte, fuhr ich fort: von der Weihe der Fuͤrsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen, goͤttli¬ chen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnißvolle Weise erleuchtet der Geist des Herrn die im Conklave verschlossenen hohen Priester. Getrennt, in einzelnen Gemaͤchern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenba¬ rung sich sehnende Gemuͤth, und ein Name er¬ schallt, wie ein, die ewige Macht lobpreisender Hymnus, von den begeisterten Lippen. — Nur kund gethan in irrdischer Sprache wird der Beschluß der ewigen Macht, die sich ihren wuͤrdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr! ist Eure Krone, im drei¬ fachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten, verkuͤndend, in der That der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger darstellt. — Nicht von dieser Welt ist Euer Reich, und doch seyd Ihr berufen zu herr¬ schen uͤber alle Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn! — Das weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in himm¬ lischer Pracht bluͤhender Thron.“ — „Das giebst Du zu, unterbrach mich der Pabst, — das giebst Du zu, Bruder Medardus, daß ich Ursache habe, mit diesem mir beschiedenen Thron zufrieden zu seyn. Wohl ist meine bluͤhende Roma geschmuͤckt mit himmlischer Pracht, das wirst Du auch wohl fuͤhlen, Bruder Medardus! hast Du Deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen. ... Doch das glaub' ich nicht ... Du bist ein wack¬ rer Redner und hast mir zum Sinn gespro¬ chen. ... Wir werden uns, merk ich, naͤher verstaͤndigen! ... Bleibe hier! ... In einigen Tagen bist Du vielleicht Prior, und spaͤter koͤnnt' ich Dich wohl gar zu meinem Beicht¬ vater erwaͤhlen. ... Gehe ... gebaͤhrde Dich weniger naͤrrisch in den Kirchen, zum Hei¬ gen schwingst Du Dich nun einmal nicht hin¬ auf — der Kalender ist vollzaͤhlig. Gehe.“ — Des Pabstes letzte Worte verwunderten mich eben so, wie sein ganzes Betragen uͤber¬ haupt, das ganz dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem Hoͤchsten der christlichen Gemeinde, dem die Macht gegeben zu bin¬ den und zu loͤsen, in meinem Innern aufge¬ gangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, daß er alles, was ich von der hohen Goͤtt¬ lichkeit seines Berufs gesprochen, fuͤr eine leere listige Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, daß ich mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen, und daß ich, da er mir aus besondern Gruͤnden den Weg dazu versperren mußte, nun gesonnen war, mir auf andere Weise Ansehn und Einfluß zu verschaffen. Auf dieses wollte er wieder aus besonderen mir unbekannten Gruͤn¬ den eingehen. Ich beschloß, — ohne daran zu denken, daß ich ja, ehe der Pabst mich rufen ließ, Rom hatte verlassen wollen — meine Andachtsuͤbun¬ gen fortzusetzen. Doch nur zu sehr im In¬ nern fuͤhlte ich mich bewegt, um wie sonst mein Gemuͤth ganz dem himmlischen zuwen¬ den zu koͤnnen. Unwillkuͤhrlich dachte ich selbst im Gebet an mein fruͤheres Leben; erblaßt war das Bild meiner Suͤnden und nur das Glaͤnzende der Laufbahn, die ich als Lieb¬ ling eines Fuͤrsten begonnen, als Beichtiger des Pabstes fortsetzen, und wer weiß auf welcher Hoͤhe enden werde, stand grell leuch¬ tend vor meines Geistes Augen. So kam es, daß ich, nicht weil es der Pabst verbo¬ ten, sonder unwillkuͤrlich meine Andachtsuͤbun¬ gen einstellte, und statt dessen in den Stra¬ ßen von Rom umherschlenderte. Als ich ei¬ nes Tages uͤber den spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequaͤke und das wie¬ hernde Gelaͤchter der Menge. Der erste Akt war geendet, man bereitete sich auf den zweiten vor. Die kleine Decke flog auf, der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen. Unter pos¬ sierlichen Bewegungen versprach er, daß nun¬ mehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß erschlagen und Israel errettet werden solle. Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hoͤren. Der Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuern Kopfe. — Wie erstaunte ich, als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den naͤrrischen Belcampo erkannte. Dicht unter dem Kopf hatte er mittelst einer besondern Vorrichtung einen kleinen Koͤrper mit Aermchen und Beinchen angebracht, seine eigenen Schul¬ tern und Aerme aber durch eine Drappe¬ rie versteckt, die wie Goliaths breit gefalte¬ ter Mantel anzusehen war. Goliath hielt, mit den seltsamsten Grimassen und groteskem Schuͤtteln des Zwergleibes, eine stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein feines Kickern unterbrach. Das Volk lachte un¬ maͤßig, und ich selbst, wunderlich angesprochen von der neuen fabelhaften Erscheinung Bel¬ campo's, ließ mich fortreißen und brach aus in das laͤngst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust. — Ach wie oft war sonst mein Lachen nur der convulsivische Krampf der innern herzzerreißenden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange Dis¬ putation voraus, und David bewies uͤberaus kuͤnstlich und gelehrt, warum er den furcht¬ baren Gegner todt schmeißen muͤsse und wer¬ de. Belcampo ließ alle Muskeln seines Ge¬ sichts wie knisternde Lauffeuer spielen und da¬ bei schlugen die Riesenaͤrmchen nach dem kleiner als kleinen David, der geschickt un¬ terzuducken wußte und dann hie und da, ja selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam. Endlich floh der Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin und die Decke fiel. Ich lachte immer mehr, durch Bel¬ campo's tollen Genius gereizt, uͤberlaut, da klopfte jemand leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben mir. „Es freut mich, fing er an: daß ihr, mein Ehrwuͤr¬ diger Herr, nicht die Lust am Irdischen ver¬ loren habt. Beinahe traute ich Euch, nach¬ dem ich Eure merkwuͤrdige Andachtsuͤbungen gesehen, nicht mehr zu, daß Ihr uͤber solche Thorheiten zu lachen vermoͤchtet.“ Es war mir so, als der Abbate dieses sprach, als muͤßte ich mich meiner Lustigkeit schaͤmen, und unwillkuͤrlich sprach ich, was ich gleich darauf schwer bereute gesprochen zu haben. „Glaubt mir, mein Herr Abbate, sagte ich, daß dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein ruͤstiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Fluth aufzu¬ tauchen und muthig sein Haupt zu erheben.“ Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an. „Ey, sprach er: wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgefuͤhrt. Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz undgar, und bewun¬ dere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele.“ Ich weiß nicht, mein Herr! wie ein ar¬ mer buͤßender Moͤnch Eure Bewunderung zu erregen vermochte! „Vortrefflich, Ehrwuͤrdigster! — Ihr fallt zuruͤck in Eure Rolle! — Ihr seyd des Pabstes Liebling?“ Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines Blicks zu wuͤr¬ digen. — Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Wuͤrde, die ihm die ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend be¬ waͤhrt fand in seinem Innern, geziemt. „Nun, Du ganz wuͤrdiger Vasall an dem Thron des dreifach gekroͤnten, Du wirst tapfer thun, was deines Amtes ist! — Aber glaube mir, der jetzige Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den sechsten, und da magst Du Dich viel¬ leicht doch verrechnet haben! — Doch — spiele deine Rolle — ausgespielt ist bald, was munter und lustig begann. — Lebt wohl, mein sehr ehrwuͤrdiger Herr!“ Mit gellendem Hohngelaͤchter sprang der Abbate von dannen, erstarrt blieb ich stehen. Hielt ich seine letzte Aeußerung mit meinen eignen Bemerkungen uͤber den Pabst zusammen, so mußte es mir wohl klar auf¬ gehen, daß er keinesweges der nach dem Kampf mit dem Thier gekroͤnte Sieger war, fuͤr den ich ihn gehalten, und eben so mußte ich auf entsetzliche Weise mich uͤberzeugen, daß, wenigstens dem eingeweihten Theil des Publikums, meine Buße als ein heuchleri¬ sches Bestreben erschienen war, mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwun¬ det bis tief in das Innerste, kehrte ich in mein Kloster zuruͤck und betete inbruͤn¬ stig in der einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich er¬ kannte bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu verstricken ge¬ trachtet hatte, aber auch zugleich meine suͤndi¬ ge Schwachheit und die Strafe des Himmels. — Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und ich beschloß mit dem fruͤhesten Mor¬ gen mich auf den Weg zu machen. Schon war beinahe die Nacht eingebrochen, als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf trat der Bruder Pfoͤrt¬ ner in meine Zelle und berichtete, daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem Sprach¬ zimmer, es war Belcampo der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang, bei beiden Armen mich packte, und mich schnell in ei¬ nen Winkel zog. „Medardus, fing er leise und eilig an: Medardus, Du magst es nun anstellen wie Du willst um Dich zu verderben, die Narrheit ist hinter Dir her auf den Fluͤ¬ geln des Westwindes — Suͤdwindes oder auch Suͤd Suͤdwest — oder sonst, und packt Dich, ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde, und zieht Dich herauf — O Medardus, erkenne das — erkenne was Freundschaft ist, erkenne was Lie¬ be vermag, glaube an David und Jonathan, liebster Capuziner!“ — „Ich habe Sie als Go¬ liath bewundert, fiel ich dem Schwaͤtzer in die Rede, aber sagen Sie mir schnell, worauf es ankommt — was Sie zu mir hertreibt?“ — „Was mich hertreibt? sprach Belcampo: was mich hertreibt? — Wahnsinnige Liebe zu einem Capuziner dem ich einst den Kopf zu¬ rechtsetzte, der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten — der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants — der, nachdem er was weniges gemordet hatte — die Schoͤnste der Welt hei¬ rathen wollte, buͤrgerlicher oder vielmehr ad¬ licher Weise.“ — „Halt ein, rief ich: halt ein, Du grauenhafter Narr! Gebuͤßt habe ich schwer, was Du mir vorwirfst im frevelichen Muthwillen.“ — „O Herr, fuhr Belcampo fort, noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die feindliche Macht tiefe Wunden schlug? — Ey, so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht. — Nun ich will sanft und ruhig seyn, wie ein frommes Kind, ich will mich bezaͤhmen, ich will nicht mehr springen, weder koͤrperlich noch geistig und Euch, geliebter Capuziner, blos sagen, daß ich Euch hauptsaͤchlich Eurer sublimen Toll¬ heit halber, so zaͤrtlich liebe, und da es uͤber¬ haupt nuͤtzlich ist, daß jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer moͤglich, so rette ich Dich aus jeder Todesgefahr, in die Du muthwilliger Weise Dich begiebst. In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespraͤch belauscht das Dich betrifft. Der Papst will dich zum Prior des hiesigen Capuzinerklosters und zu seinem Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom, denn Dolche lauern auf Dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins Himmelreich spe¬ diren soll. Du bist dem Dominikaner, der jetzt des Papstes Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. — Morgen darfst Du nicht mehr hier seyn.“ — Diese neue Bege¬ benheit konnte ich gar gut mit den Aeußer¬ ungen des unbekannten Abbate's zusammen¬ raͤumen; so betroffen war ich, daß ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich einmal uͤber das andere an das Herz druͤckte und endlich mit seinen gewoͤhnlichen seltsa¬ men Grimassen und Spruͤngen Abschied nahm. — Mitternacht mochte voruͤber seyn, als ich die aͤußere Pforte des Klosters oͤffnen und einen Wagen dumpf uͤber das Pflaster des Hofes hereinrollen hoͤrte. Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich oͤffnete und erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel folgte. „Bruder Medardus, sprach der Guardian: ein Sterbender ver¬ langt in der Todesnoth Euern geistlichen Zuspruch und die letzte Oelung. Thut, was Eures Amtes ist, und folgt diesem Mann, der Euch dort hinfuͤhren wird, wo man Eu¬ rer bedarf.“ — Mich uͤberlief ein kalter Schau¬ er, die Ahnung daß man mich zum To¬ de fuͤhren wolle, regte sich in mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern, und folg¬ te daher dem Vermummten, der den Schlag des Wagens oͤffnete, und mich noͤthigte ein¬ zusteigen. Im Wagen fand ich zwei Maͤn¬ ner ner die mich in ihre Mitte nahmen. Ich frug, wo man mich hinfuͤhren wolle? — wer gerade von mir Zuspruch und letzte Oelung verlange? — Keine Antwort! In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere Straßen. Ich glaubte an dem Klange wahr¬ zunehmen, daß wir schon außerhalb Rom waren, doch bald vernahm ich deutlich, daß wir durch ein Thor und dann wieder durch gepflasterte Straßen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden mir die Haͤnde gebunden und eine dicke Kap¬ pe fiel uͤber mein Gesicht. „Euch soll nichts Boͤses widerfahren, sprach eine rauhe Stimme, nur schweigen muͤßt Ihr uͤber alles, was Ihr sehen und hoͤren werdet, sonst ist Euer augenblicklicher Tod gewiß.“ — Man hob mich aus dem Wagen, Schloͤs¬ ser klirrten, und ein Thor droͤhnte auf in schweren ungefuͤgigen Angeln. Man fuͤhrte mich durch lange Gaͤnge und endlich II . [ 18 ] Treppen hinab — tiefer und tiefer. Der Schall der Tritte uͤberzeugte mich, daß wir uns in Gewoͤlben befanden deren Be¬ stimmung der durchdringende Todtengeruch verrieth. Endlich stand man still — die Haͤn¬ de wurden mir losgebunden, die Kappe mir vom Kopfe gezogen. Ich befand mich in ei¬ nem geraͤumigen, von einer Ampel schwach beleuchteten Gewoͤlbe, ein schwarz vermumm¬ ter Mann, wahrscheinlich derselbe, der mich hergefuͤhrt hatte, stand neben mir, rings umher saßen auf niedrigen Baͤnken Domini¬ kanermoͤnche. Der grauenhafte Traum, den ich einst in dem Kerker traͤumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen qualvollen Tod fuͤr gewiß, doch blieb ich gefaßt und betete inbruͤnstig im Stillen, nicht um Rettung, sondern um ein seliges Ende. Nach eini¬ gen Minuten duͤstern ahnungsvollen Schwei¬ gens trat einer der Moͤnche auf mich zu, und sprach mit dumpfer Stimme: „Wir haben ei¬ nen Eurer Ordensbruͤder gerichtet, Medar¬ dus! das Urtheil soll vollstreckt werden. Von Euch, einem heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im Tode! — Geht und thut was Eures Amts ist.“ Der Ver¬ mummte, welcher neben mir stand, faßte mich unter den Arm und fuͤhrte mich weiter fort, durch einen engen Gang in ein kleines Ge¬ woͤlbe. Hier lag, in einem Winkel, auf dem Strohlager ein bleiches, abgezehrtes, mit Lum¬ pen behaͤngtes Geripp. Der Vermummte setzte die Lampe, die er mitgebracht, auf dem stei¬ nernen Tisch in der Mitte des Gewoͤlbes, und entfernte sich. Ich nahte mich dem Ge¬ fangenen, er drehte sich muͤhsam nach mir um? ich erstarrte, als ich die ehrwuͤrdigen Zuͤge des frommen Cyrillus erkannte. Ein himmlisches verklaͤrtes Laͤcheln uͤberflog sein Gesicht. „So haben mich, fing er mit matter Stimme an, die entsetzlichen Diener der Hoͤlle, welche hier hausen, doch nicht getaͤuscht. Durch sie erfuhr ich, daß Du, mein lieber Bruder Medardus, Dich in Rom befaͤndest, und als ich mich so sehnte nach Dir, weil ich großes Unrecht an Dir ver¬ uͤbt habe, da versprachen Sie mir, sie woll¬ ten Dich zu mir fuͤhren in der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen und sie haben Wort gehalten.“ Ich kniete nieder bei dem frommen ehrwuͤrdigen Greis, ich beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es moͤglich gewesen sey, ihn einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. „Mein lieber Bruder Medardus, sprach Cyrill: erst nach¬ dem ich reuig bekannt, wie suͤndlich ich aus Irrthum an Dir gehandelt, erst wenn Du mich mit Gott versoͤhnt, darf ich von mei¬ nem Elende, von meinem irdischen Unter¬ gange zu Dir reden! — Du weißt, daß ich, und mit mir unser Kloster, Dich fuͤr den ver¬ ruchtesten Suͤnder gehalten; die ungeheuer¬ sten Frevel hattest Du (so glaubten wir) auf Dein Haupt geladen, und ausgestoßen hatten wir Dich aus aller Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhaͤngnißvoller Augenblick, in dem der Teufel Dir die Schlinge uͤber den Hals warf und dich fortriß von der hei¬ ligen Staͤtte in das suͤndliche Weltleben. Dich um Deinen Namen, um Dein Kleid, um Deine Gestalt betruͤgend, beging ein teuf¬ lischer Heuchler jene Unthaten, die Dir bei¬ nahe den schmachvollen Tod des Moͤrders zugezogen haͤtten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, daß Du zwar leichtsinnig suͤndigtest, indem Dein Trachten darauf ausging, Dein Geluͤbde zu brechen, daß Du aber rein bist von jenen ent¬ setzlichen Freveln. Kehre zuruͤck in unser Klo¬ ster, Leonardus, die Bruͤder werden Dich, den verloren Geglaubten, mit Liebe und Freudig¬ keit aufnehmen. — O Medardus ...“ — Der Greis, von Schwaͤche uͤbermannt, sank in eine tiefe Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine Worte, welche eine neue wunderbare Begebenheit zu verkuͤnden schienen, in mir erregt hatten, und nur an ihn , an das Heil seiner Seele denkend, suchte ich, von allen andern Huͤlfsmitteln entbloͤßt, ihn dadurch ins Leben zuruͤckzuru¬ fen, daß ich langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, ei¬ ne in unsern Kloͤstern uͤbliche Art, Todtkran¬ ke aus der Ohnmacht zu wecken. Cyrillus erholte sich bald, und beichtete mir, er der Fromme, dem frevelichen Suͤnder! — Aber es war, als wuͤrde, indem ich den Greis, dessen hoͤchste Vergehen nur in Zweifel be¬ standen, die ihm hie und da aufgestoßen, ab¬ solvirte, von der hohen ewigen Macht, ein Geist des Himmels in mir entzuͤndet, und als sey ich nur das Werkzeug, das koͤrperge¬ wordene Organ, dessen sich jene Macht be¬ diene, um schon hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus hob den andachtsvollen Blick zum Himmel, und sprach: „O, mein Bruder Me¬ dardus, wie haben mich Deine Worte er¬ quickt! — Froh gehe ich dem Tode entgegen, den mir verruchte Boͤsewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der graͤßlichsten Falschheit und Suͤnde die den Thron des dreifach Ge¬ kroͤnten umgiebt.“ — Ich vernahm dumpfe Tritte, die naͤher und naͤher kamen, die Schluͤssel rasselten im Schloß der Thuͤre. Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor, er¬ faßte meine Hand und rief mir ins Ohr: „Kehre in unser Kloster zuruͤck — Leonardus ist von allem unterrichtet, er weiß, wie ich sterbe — beschwoͤre ihn, uͤber meinen Tod zu schweigen. — Wie bald haͤtte mich ermat¬ teten Greis auch sonst der Tod ereilt — Le¬ be wohl, mein Bruder! — Bete fuͤr das Heil meiner Seele! — Ich werde bei Euch seyn, wenn ihr im Kloster mein Todtenamt haltet. Gelobe mir, daß Du hier uͤber alles was Du erfahren, schweigen willst, denn Du fuͤhrst nur Dein Verderben herbei, und ver¬ wickelst unser Kloster in tausend schlimme Haͤndel!“ — Ich that es, Vermummte waren hereingetreten, sie hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn, der vor Mat¬ tigkeit nicht fortzuschreiten vermochte, durch den Gang nach dem Gewoͤlbe, in dem ich fruͤher gewesen. Auf den Wink der Vermmum¬ ten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten einen Kreis geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Haͤufchen Erde, das man in der Mitte aufgeschuͤttet, nieder¬ knien hieß. Man hatte ihm ein Kruzifix in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in den Kreis getre¬ ten und betete laut. Ein Dominikaner er¬ griff mich beim Arm und zog mich bei Sei¬ te. In dem Augenblicke sah ich in der Hand eines Vermummten, der hinterwaͤrts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen und Cyrillus blutiges Haupt rollte zu mei¬ nen Fuͤßen hin. — Ich sank bewußtlos nie¬ der. Als ich wieder zu mir selbst kam, be¬ fand ich ich mich in einem kleinen zellenarti¬ gen Zimmer. Ein Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit haͤmischem Laͤcheln: „Ihr seyd wohl recht erschrocken, mein Bru¬ der, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr mit eignen Augen ein schoͤnes Marti¬ rium angeschaut habt. So muß man ja wohl es nennen, wenn ein Bruder aus Eu¬ erm Kloster den verdienten Tod empfaͤngt, denn Ihr seyd wohl Alle sammt und son¬ ders Heilige?“ — „Nicht Heilige sind wir, sprach ich, aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! — Ent¬ laßt mich — ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! — Der Geist des Verklaͤr¬ ten wird mir nahe seyn, wenn ich fallen sollte in die Haͤnde verruchter Moͤrder!“ — „Ich zweifle gar nicht, sprach der Dominika¬ ner: daß der selige Bruder Cyrillus Euch in dergleichen Faͤllen beizustehen im Stande seyn wird, wollet aber doch, lieber Bruder! seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen? — Schwer hatte sich Cyrillus ver¬ suͤndigt an dem Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es, der seinen Tod befahl. — Doch er muß Euch ja wohl alles gebeich¬ tet haben, unnuͤtz ist es daher, mit Euch da¬ ruͤber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Staͤrkung und Erfrischung, ihr seht ganz blaß und verstoͤrt aus.“ Mit diesen Worten reichte mir der Dominikaner einen kristalle¬ nen Pokal in dem ein dunkelrother stark duf¬ tender Wein schaͤumte. Ich weiß nicht, wel¬ che Ahnung mich durchblitzte, als ich den Pokal an den Mund brachte. — Doch war es gewiß, daß ich denselben Wein roch, den mir einst Euphemie in jener verhaͤngnißvol¬ len Nacht kredenzte und unwillkuͤrlich, ohne deutlichen Gedanken, goß ich ihn aus in den linken Aermel meines Habits, indem ich, wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die Augen hielt. „Wohl bekomm' es Euch,“ rief der Dominikaner indem er mich schnell zur Thuͤre hinausschob. — Man warf mich in den Wagen, der zu meiner Bewun¬ derung leer war, und zog mit mir von dan¬ nen. Die Schrecken der Nacht, die geisti¬ ge Anspannung, der tiefe Schmerz uͤber den ungluͤcklichen Cyrill warfen mich in einen betaͤubten Zustand, so daß ich mich ohne zu widerstehen hingab, als man mich aus dem Wagen heraus riß und ziemlich unsanft auf den Boden fallen ließ. Der Morgen brach an, und ich sah mich an der Pforte des Capuzinerklosters liegen, dessen Glocke ich, als ich mich aufgerichtet hatte, anzog. Der Pfoͤrtner erschrack uͤber mein bleiches, verstoͤrtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich zuruͤckgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Fruͤhmesse trat dieser mit besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiederte ich nur im All¬ gemeinen, daß der Tod dessen, den ich ab¬ solviren muͤssen, zu graͤßlich gewesen sey um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald konnte ich vor dem wuͤthenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand, nicht wei¬ ter reden, ich schrie laut auf. Der Wund¬ arzt des Klosters kam, man riß mir den fest an dem Fleisch klebenden Ermel herab, und fand den ganzen Arm wie von einer aͤtzen¬ den Materie zerfleischt und zerfressen. — „Ich habe Wein trinken sollen — ich habe ihn in den Aermel gegossen,“ stoͤhnte ich, ohnmaͤch¬ tig von der entsetzlichen Qual! — „Aetzen¬ des Gift war in dem Weine,“ rief der Wund¬ arzt, und eilte, Mittel anzuwenden, die we¬ nigstens bald den wuͤthenden Schmerz linder¬ ten. Es gelang der Geschicklichkeit des Wund¬ arztes und der sorglichen Pflege, die mir der Prior angedeihen ließ, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu retten, aber bis auf den Knochen dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der Bewegung hatte der feindliche Schierlingstrank gebrochen. „Ich sehe nur zu deutlich, sprach der Prior, was es mit jener Begebenheit, die Euch um Euern Arm brachte, fuͤr eine Bewandniß hat. Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus un¬ serm Kloster und aus Rom auf unbegreifliche Weise, und auch Ihr, lieber Bruder Medar¬ dus! werdet auf dieselbe Weise verloren gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlas¬ set. Auf verschiedene verdaͤchtigte Weise er¬ kundigte man sich nach Euch, waͤhrend der Zeit als Ihr krank lagt, und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der frommge¬ sinnten Bruͤder moͤget Ihr es verdanken, daß Euch der Mord nicht bis in Eure Zelle ver¬ folgte. So wie Ihr uͤberhaupt mir ein verwun¬ derlicher Mann zu seyn scheint, den uͤberall verhaͤngnißvolle Bande umschlingen, so seyd Ihr auch seit der kurzen Zeit Eures Aufent¬ halts in Rom gewiß wider Euern Willen viel zu merkwuͤrdig geworden, als daß es ge¬ wissen Personen nicht wuͤnschenswerth seyn sollte, Euch aus dem Wege zu raͤumen. Kehrt zuruͤck in Euer Vaterland, in Euer Kloster! — Friede sey mit Euch!“ — Ich fuͤhlte wohl, daß, so lange ich mich in Rom befaͤnde, mein Leben in steter Ge¬ fahr bleiben muͤsse, aber zu dem peinigen¬ den Andenken an alle begangene Frevel, das die strengste Buße nicht zu vertilgen vermocht hatte, gesellte sich der koͤrperliche empfindli¬ che Schmerz des abwelkenden Armes, und so achtete ich ein qualvolles sieches Daseyn nicht, das ich durch einen schnell mir gege¬ benen Tod wie eine druͤckende Buͤrde fahren lassen konnte. Immer mehr gewoͤhnte ich mich an den Gedanken, eines gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar als ein glorreiches durch meine strenge Bu¬ ße erworbenes Maͤrtirerthum. Ich sah mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine finstre Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk versammelte sich um den blutigen Leichnam — „Medardus — der fromme buͤ¬ ßende Medardus ist ermordet!“ — So rief man durch die Straßen und dichter und dich¬ ter draͤngten sich die Menschen, laut wehkla¬ gend um den Entseelten. — Weiber knieten nieder und trockneten mit weißen Tuͤchern die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da sieht Eine das Kreuz an meinem Halse, laut schreit sie auf: Er ist ein Maͤrtirer, ein Heiliger — seht hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse traͤgt, — da wirft sich Al¬ les auf die Knie. — Gluͤcklich, der den Koͤr¬ per des Heiligen beruͤhren, der nur sein Gewand erfassen kann! — schnell ist eine Bahre gebracht, der Koͤrper hinaufgelegt, mit Blumen bekraͤnzt, und im Triumphzuge unter lautem Gesang und Gebet tragen ihn Juͤnglinge nach St. Peter! — So arbeitete meine Fan:asie ein Gemaͤlde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit lebendigen Far¬ ben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ah¬ nend, wie der boͤse Geist des suͤndlichen Stol¬ zes mich auf neue Weise zu verlocken trach¬ te, beschloß ich, nach meiner voͤlligen Gene¬ sung in Rom zu bleiben, meine bisherige Lebensweise fortzusetzen, und so entweder glorreich zu sterben oder, durch den Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu hohen Wuͤrde der Kirche. — Meine starke lebenskraͤftige Natur ließ mich endlich den namenlosen Schmerz ertragen, und wider¬ stand der Einwirkung des hoͤllischen Safts der von außen her mein Inneres zerruͤtten wollte. Der Arzt versprach meine baldige Herstellung, und in der That empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirirens, das dem Einschlafen vorher zu gehen pflegt, fie¬ berhafte Anfaͤlle, die mit kalten Schauern und fliegender Hitze wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich, ganz erfuͤllt von dem Bilde meines Martiriums, mich selbst, wie es schon oft geschehen, durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schau¬ te. Doch, statt daß ich mich sonst gewoͤhn¬ lich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben sah, lag ich einsam in einem Laubgange des Klo¬ stergartens in B. — Statt des Blutes quoll ein ekelhafter farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde und eine Stimme sprach: Ist das Blut vom Maͤrtirer vergossen? — Doch Doch ich will das unreine Wasser klaͤren und faͤrben, und dann wird das Feuer, wel¬ ches uͤber das Licht gesiegt, ihn kroͤnen! Ich war es, der dies gesprochen, als ich mich aber von meinem todten Selbst getrennt fuͤhlte, merkte ich wohl, daß ich der wesen¬ lose Gedanke meines Ichs sey, und bald er¬ kannte ich mich als das im Aether schwim¬ mende Roth. Ich schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen — ich wollte einziehn durch das Thor goldner Morgenwolken in die heimathliche Burg, aber Blitze durchkreuz¬ ten, gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewoͤlbe des Himmels, und ich sank herab, ein feuchter, farbloser Nebel. Ich — ich , sprach der Gedanke, ich bin es, der Eure Blumen — Euer Blut faͤrbt — Blumen und Blut sind Euer Hochzeitschmuck, den ich be¬ reite! — So wie ich tiefer und tiefer nie¬ derfiel, erblickte ich die Leiche mit weitauf¬ klaffender Wunde in der Brust, aus der je¬ nes unreine Wasser in Stroͤmen floß. Mein II . [ 19 ] Hauch sollte das Wasser umwandeln in Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete sich auf und starrte mich an mit hohlen graͤßli¬ chen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft: Verblendeter, thoͤrichter Ge¬ danke, kein Kampf zwischen Licht und Feuer, aber das Licht ist die Feuertaufe durch das Roth, das Du zu vergiften trachtest — Die Leiche sank nieder; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Haͤupter, Menschen, bleichen Gespenstern aͤhnlich, warfen sich zur Erde und ein tausendstimmiger trostloser Jam¬ mer stieg in die Luͤfte: O Herr, Herr! ist so un¬ ermeßlich die Last unsrer Suͤnde, daß Du Macht giebst dem Feinde unseres Blutes Suͤhnopfer zu ertoͤdten? Staͤrker und staͤrker, wie des Mee¬ res brausende Welle, schwoll die Klage! — der Gedanke wollte zerstaͤuben in dem gewal¬ tigen Ton des trostlosen Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag em¬ porgerissen aus dem Traum. Die Thurm¬ glocke des Klosters schlug zwoͤlfe, ein blen¬ dendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. „Die Todten richten sich auf aus den Graͤbern und halten Gottesdienst.“ So sprach es in meinem Innern und ich be¬ gann zu beten. Da vernahm ich ein leises klopfen. Ich glaubte, irgend ein Moͤnch wolle zu mir herein, aber mit tiefem Entsetzen hoͤrte ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen Doppelgaͤngers, und es rief neckend und hoͤhnend: — „Bruͤderchen ... Bruͤderchen ... Nun bin ich wieder bei Dir ... die Wunde blutet ... die Wunde blutet ... roth ... roth ... Komm mit mir, Bruͤderchen Medar¬ dus, Komm mit mir!“ — Ich wollte aufsprin¬ gen vom Lager, aber das Grausen hatte seine Eisdecke uͤber mich geworfen und jede Be¬ wegung die ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln zerschnitt. Nur der Gedanke blieb und war inbruͤnstiges Gebet: daß ich errettet werden moͤge von den dunklen Maͤchten, die aus der offenen Hoͤllenpforte auf mich eindrangen. Es ge¬ schah, daß ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut und vernehmlich hoͤrte, wie es Herr wurde uͤber das Klopfen und Kichern und unheimliche Geschwaͤtz des furchtbaren Doppeltgaͤngers, aber zuletzt sich verlor in ein seltsames Summen, wie wenn der Suͤd¬ wind Schwaͤrme feindlicher Insekten geweckt hat, die giftige Saugruͤssel ansetzen an die bluͤhende Saat. Zu jener trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen, und mei¬ ne Seele frug, ist das nicht der weissagen¬ de Traum, der sich auf deine blutende Wun¬ de heilend und troͤstend legen will? — In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des Abendroths durch den duͤstern farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe Gestalt. — Es war Christus, aus jeder sei¬ ner Wunden perlte ein Tropfen Bluts und wiedergegeben war der Erde das Roth, und der Menschen Jammer wurde ein jauchzen¬ der Hymnus, denn das Roth war die Gna¬ de des Herrn die uͤber ihnen aufgegangen! Nur Medardus Blut floß noch farblos aus der Wunde, und er flehte inbruͤnstig: Soll auf der ganzen weiten Erde ich , ich allein nur trostlos der ewigen Qual der Verdamm¬ ten preisgegeben blieben ? da regte es sich in den Buͤschen — eine Rose, von himmli¬ scher Gluth hoch gefaͤrbt, streckte ihr Haupt empor und schaute den Medardus an mit englisch mildem Laͤcheln, und suͤßer Duft umfing ihn, und der Duft war das wunder¬ bare Leuchten des reinsten Fruͤhlingsaͤthers. „Nicht das Feuer hat gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. — Feuer ist das Wort, das den Suͤndigen erleuchtet.“ — Es war, als haͤtte die Rose diese Worte gespro¬ chen, aber die Rose war ein holdes Frauen¬ bild. — In weißem Gewande, Rosen in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entge¬ gen. — Aurelie, schrie ich auf, aus dem Trau¬ me erwachend; ein wunderbarer Rosengeruch erfuͤllte die Zelle und fuͤr Taͤuschung meiner aufgeregten Sinne mußt' ich es wohl halten, als ich deutlich Aureliens Gestalt wahrzu¬ nehmen glaubte, wie sie mich mit ernsten Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen, zu ver¬ duften schien. — Nun erkannte ich die Ver¬ suchung des Teufels und meine suͤndige Schwachheit. Ich eilte herab und betete inbruͤnstig am Altar der heiligen Rosalia. — Keine Kasteiung, — keine Buße im Sinn des Klosters, aber als die Mittagssonne senk¬ recht ihre Strahlen herabschoß, war ich schon mehrere Stunden von Rom entfernt. — Nicht nur Cyrillus Mahnung, sondern eine innere unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimath, trieb mich fort auf demselben Pfade, den ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen hatte ich, indem ich mei¬ nem, Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior Leonar¬ dus bestimmten Ziel genommen. — Ich vermied die Residenz des Fuͤrsten, nicht weil ich fuͤrchtete, erkannt zu werden und aufs neue dem Criminalgericht in die Haͤnde zu fallen, aber wie konnte ich ohne herzzerreißende Erinnerung den Ort betreten, wo ich in frevelnder Verkehrtheit nach einem irdischen Gluͤck zu trachten mich vermaß, dem ich Gottgeweihter ja entsagt hatte — ach, wo ich, dem ewigen reinen Geist der Liebe abge¬ wandt, fuͤr des Lebens hoͤchsten Lichtpunkt, in dem das sinnliche und uͤbersinnliche in ei¬ ner Flamme auflodert, den Moment der Be¬ friedigung des irdischen Triebes nahm: wo mir die rege Fuͤlle des Lebens, genaͤhrt von seinem eigenen uͤppigen Reichthum, als das Prinzip erschien, das sich kraͤftig auflehnen muͤsse gegen jenes Aufstreben nach dem Himm¬ lischen, das ich nur unnatuͤrliche Selbstver¬ laͤugnung nennen konnte! — Aber noch mehr! — tief im Innern fuͤhlte ich, trotz der Er¬ kraͤftigung, die mir durch unstraͤflichen Wan¬ del, durch anhaltende schwere Buße werden sollte, die Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu bestehen, zu dem mich jene dunkle, grauen¬ volle Macht, deren Einwirkung ich nur zu oft, zu schreckbar gefuͤhlt, unversehends auf¬ reizen koͤnne. — Aurelien wiedersehen! — vielleicht in voller Anmuth und Schoͤnheit prangend! — Konnt' ich das ertragen, ohne uͤbermannt zu werden von dem Geist des Boͤsen, der wohl noch mit den Flammen der Hoͤlle mein Blut aufkochte, daß es zischend und gaͤhrend durch die Adern stroͤmte. — Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich dabei Gefuͤhle in meinem Innersten, deren Suͤndhaftigkeit ich erkannte und mit aller Kraft des Willens vernichtete. Nur in dem Bewußtseyn alles dessen, wor¬ aus die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging und dem Gefuͤhl meiner Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hieß, glaubte ich die Wahrhaftigkeit meiner Buße zu er¬ kennen, und troͤstend war die Ueberzeugung, daß wenigstens der hoͤllische Geist des Stol¬ zes, die Vermessenheit es aufzunehmen mit den dunklen Maͤchten, mich verlassen habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Mor¬ gens tauchte aus dem Nebel des vor mir liegenden Thals ein Schloß auf, das ich naͤ¬ her schreitend wohl erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen des Parks waren verwildert, die Gaͤnge ver¬ wachsen und mit Unkraut bedeckt; auf dem sonst so schoͤnen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase Vieh — die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbro¬ chen — der Aufgang verfallen. — Keine menschliche Seele ließ sich blicken. — Stumm und starr stand ich da in grauenvoller Ein¬ samkeit. Ein leises Stoͤhnen drang aus ei¬ nem noch ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde einen alten eisgrauen Mann gewahr, der in dem Boskett saß, und mich, unerach¬ tet ich ihm nahe genug war, nicht wahrzu¬ nehmen schien. Als ich mich noch mehr naͤherte, vernahm ich die Worte: „Tod — tod sind sie alle, die ich liebte! — Ach Au¬ relie! Aurelie — auch Du! — die letzte! — todt — todt fuͤr diese Welt!“ Ich erkann¬ te den alten Reinhold — eingewurzelt blieb ich stehen. — „Aurelie todt? Nein, nein du irrst Alter, Die hat die ewige Macht beschuͤtzt vor dem Messer des frevelichen Moͤr¬ ders.“ — So sprach ich, da fuhr der Alte wie vom Blitz getroffen zusammen, und rief laut: „Wer ist hier? — wer ist hier? Leo¬ pold! — Leopold!“ — Ein Knabe sprang her¬ bei; als er mich erblickte, neigte er sich tief und gruͤßte: Laudetur Jesus Christus ! — „ In omnia saecula saeculorum “ erwiederte ich, da raffte der Alte sich auf und rief noch staͤrker: Wer ist hier? — wer ist hier? — Nun sah ich, daß der Alte blind war. — „Ein ehrwuͤr¬ diger Herr, sprach der Knabe: ein Geistli¬ cher vom Orden der Capuziner ist hier.“ Da war es, als erfasse den Alten tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie: „Fort — fort — Knabe fuͤhre mich fort — hinein — hinein — verschließ' die Thuͤren — Peter soll Wa¬ che halten — fort, fort, hinein.“ Der Alte nahm alle Kraft zusammen, die ihm geblie¬ ben, um vor mir zu fliehen, wie vor dem reißenden Thier. Verwundert, erschrocken sah mich der Knabe an, doch der Alte, statt sich von ihm fuͤhren zu lassen, riß ihn fort, und bald waren sie durch die Thuͤre ver¬ schwunden, die, wie ich hoͤrte, fest verschlos¬ sen wurde. — Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner hoͤchsten Frevel, die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich wiedergestalteten, und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickigt. Ermuͤdet setzte ich mich an den Fuß eines Baumes in das Moos nieder; unweit davon war ein kleiner Huͤgel aufgeschuͤttet auf welchem ein Kreuz stand. Als ich aus dem Schlaf, in dem ich vor Ermattung gesunken, erwachte, saß ein alter Bauer neben mir, der alsbald, da er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Muͤtze abzog und im Ton der vollsten ehrlichsten Gutmuͤthigkeit sprach: „Ey ihr seyd wohl weit her gewandert, ehrwuͤrdiger Herr! und recht muͤde geworden, denn sonst waͤret Ihr hier an dem schauerlichen Plaͤtzchen nicht in solch tiefen Schlaf gesunken. Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem Or¬ te hier fuͤr eine Bewandniß hat?“ — Ich ver¬ sicherte, daß ich als fremder, von Ita¬ lien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem, was hier vorgefallen unterrichtet sey. „Es geht, sprach der Bauer: Euch und Euere Ordensbruͤder ganz besonders an, und ich muß gestehen, als ich Euch so sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede etwanige Gefahr von Euch abzu¬ wenden Vor mehrern Jahren soll hier ein Capuziner ermordet worden seyn. So viel ist gewiß, daß ein Capuziner zu der Zeit durch unser Dorf kam, und nachdem er uͤber¬ nachtet, dem Gebuͤrge zuwanderte. An dem¬ selben Tage ging mein Nachbar den tiefen Thalweg, unterhalb des Teufelsgrundes, hin¬ ab, und hoͤrte mit einemmahl ein fernes durch¬ dringendes Geschrei, welches ganz absonder¬ lich in den Luͤften verklang. Er will sogar, was mir aber unmoͤglich scheint, eine Ge¬ stalt von der Bergspitze herab in den Ab¬ grund stuͤrzen gesehen haben. So viel ist gewiß, daß wir Alle im Dorfe, ohne zu wis¬ sen warum, glaubten, der Capuziner koͤnne wohl herabgestuͤrzt seyn, und daß Mehrere von uns hingingen und, soweit es nur moͤglich war, ohne das Leben aufs Spiel zu setzen, hin¬ ab stiegen, um wenigstens die Leiche des un¬ gluͤcklichen Menschen zu finden. Wir konnten aber nichts entdecken und lachten den Nachbar tuͤchtig aus, als er einmal in der mondhel¬ len Nacht auf dem Thalwege heimkehrend, ganz voll Todesschrecken einen nackten Men¬ schen aus dem Teufelsgrunde wollte empor¬ steigen gesehen haben. Das war nun pure Einbildung; aber spaͤter erfuhr man denn wohl, daß der Capuziner, Gott weiß warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet, und der Leichnam in den Teufelsgrund ge¬ schlendert worden sey. Hier auf diesem Fleck muß der Mord geschehen seyn, davon bin ich uͤberzeugt, denn seht einmal, ehrwuͤrdi¬ ger Herr! hier sitze ich einst, und schaue so in Gedanken da den holen Baum neben uns an. Mit einemmal ist es mir, als hinge ein Stuͤck dunkelbraunes Tuch zur Spalte her¬ aus. Ich springe auf, ich gehe hin, und ziehe einen ganz neuen Capuzinerhabit her¬ aus. An dem einen Ermel klebte etwas Blut und in einem Zipfel war der Nahme Medar¬ dus hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes Werk zu thun, wenn ich den Habit verkaufe und fuͤr das daraus geloͤ¬ ste Geld dem armen ehrwuͤrdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum Tode vorzube¬ reiten und seine Rechnung zu machen, Mes¬ sen lesen ließe. So geschah es denn, daß ich das Kleid nach der Stadt trug, aber kein Troͤdler wollte es kaufen, und ein Capuzi¬ nerkloster gab es nicht am Orte; endlich kam ein Mann, seiner Kleidung nach wars wohl ein Jaͤger oder ein Foͤrster, der sagte, er brauche gerade solch einen Capuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund reichlich. Nun ließ ich von unserm Herrn Pfarrer eine tuͤchtige Messe lesen und setzte, da im Teu¬ felsgrunde kein Kreuz anzubringen, hier eins hin zum Zeichen des schmaͤlichen Todes des Herrn Capuziners. Aber der seelige Herr muß etwas viel uͤber die Schnur gehauen haben, denn er soll hier noch zuweilen her¬ umspucken und so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel geholfen. Darum bitte ich Euch, ehrwuͤrdiger Herr, seyd Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise, so haltet ein Amt fuͤr das Heil der Seele Eures Ordens¬ bruders Medardus. Versprecht mir das!“ — „Ihr seid im Irrthum, mein guter Freund! sprach ich, der Capuziner Medardus, der vor mehrern Jahren auf der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet Noch bedarf es keiner Seelenmesse fuͤr ihn, er lebt und kann noch arbeiten fuͤr sein ewiges Heil! — Ich bin selbst Medardus!“ — Mit diesen Worten schlug ich meine Kutte aus einander und zeigte ihm den in den Zipfel gestickten Namen Medardus. Kaum hatte der Bauer den Namen erblickt, als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte. Dann sprang er jaͤhlings auf und lief laut schreiend in den Wald hinein. Es war klar, daß er mich fuͤr das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt, und vergeblich wuͤrde mein Bestreben gewesen seyn, ihm den Irrthum zu benehmen. — Die Abgeschieden¬ heit, die Stille des Orts nur von dem dum¬ pfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch ganz dazu geeignet, grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an meinen graͤßlichen Doppeltgaͤnger, und, ange¬ steckt von dem Entsetzen des Bauers, fuͤhlte ich mich im Innersten erbeben, da es mir war, als wuͤrde er aus diesem, aus jenem finstern Busch hervortreten. — Mich erman¬ nend schritt ich weiter fort, und erst dann, als mich die grausige Idee des Gespenstes, mei¬ meines Ichs, fuͤr das mich der Bauer gehal¬ ten, verlassen, dachte ich daran, daß mir nun ja erklaͤrt worden sey, wie der wahnsin¬ nige Moͤnch zu dem Capuzinerrock gekom¬ men, den er mir auf der Flucht zuruͤckließ und den ich unbezweifelt fuͤr den meinigen erkannte. Der Foͤrster, bei dem er sich auf¬ hielt, und den er um ein neues Kleid ange¬ sprochen, hatte ihn in der Stadt von dem Bauer gekauft. Wie die verhaͤngnißvolle Begebenheit am Teufelsgrunde auf merkwuͤr¬ dige Weise verstuͤmmelt worden, das fiel tief in meine Seele, denn ich sah wohl, wie alle Umstaͤnde sich vereinigen mußten, um jene Unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizufuͤhren. Sehr wichtig schien mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vi¬ sion, und ich sah mit Zuversicht noch deutli¬ cherer Aufklaͤrung entgegen, ohne zu ahnen, wo und wie ich sie erhalten wuͤrde. Endlich, nach rastloser Wanderung, meh¬ rere Wochen hindurch, nahte ich mich der II . [ 20 ] Heimath; mit klopfendem Herzen sah ich die Thuͤrme des Cisterziensernonnenklosters vor mir aufsteigen. Ich kam in das Dorf, auf den freien Platz vor der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Maͤnnerstimmen gesungen, klang aus der Ferne heruͤber. — Ein Kreuz wurde sichtbar — Moͤnche, paarweise wie in Prozession fortschreitend, hinter ihm. — Ach — ich erkannte meine Ordensbruͤder, den greisen Leonardus von einem jungen, mir un¬ bekannten Bruder gefuͤhrt, an ihrer Spitze. — Ohne mich zu bemerken schritten sie sin¬ gend bei mir voruͤber und hinein durch die geoͤffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise die Dominikaner und Fran¬ ziskaner aus B. herbei, fest verschlossene Kutschen fuhren hinein in den Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles ließ mich wahrnehmen, daß irgend ein außeror¬ dentliches Fest gefeiert werden solle. Die Kirchenthuͤren standen weit offen, ich trat hinein, und bemerkte, wie alles sorgfaͤltig ge¬ kehrt und gesaͤubert wurde. — Man schmuͤck¬ te den Hochaltar und die Nebenaltaͤre mit Blumengewinden, und ein Kirchendiener sprach viel von frisch aufgebluͤhten Rosen, die durchaus Morgen in aller Fruͤhe herbei¬ geschafft werden muͤßten, weil die Frau Aeb¬ tissin ausdruͤcklich befohlen habe, daß mit Rosen der Hochaltar verziert werden solle. — Entschlossen, nun gleich zu den Bruͤdern zu treten, ging ich, nachdem ich mich durch kraͤf¬ tiges Gebet gestaͤrkt, in das Kloster und frug nach dem Prior Leonardus; die Pfoͤrtnerin fuͤhrte mich in einen Saal, Leonardus saß im Lehnstuhl, von den Bruͤdern umgeben; laut weinend, im Innersten zerknirscht, kei¬ nes Wortes maͤchtig, stuͤrzte ich zu seinen Fuͤßen. „Medardus!“ — schrie er auf, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Bruͤder: „Medardus — Bruder Medardus ist endlich wieder da!“ — Man hob mich auf, — die Bruͤder druͤckten mich an ihre Brust: „Dank den himmlischen Maͤchten, daß Du errettet bist aus den Schlingen der arglisti¬ gen Welt — aber erzaͤhle — erzaͤhle, mein Bruder“ — so riefen die Moͤnche durch ein¬ ander. Der Prior erhob sich, und auf seinen Wink folgte ich ihm in das Zimmer, welches ihm gewoͤhnlich bei dem Besuch des Klo¬ sters zum Aufenthalt diente. „Medardus, fing er an: Du hast auf freveliche Weise Dein Geluͤbde gebrochen; Du hast, indem Du, anstatt die Dir gegebenen Auftraͤge auszurich¬ ten, schaͤndlich entflohst, das Kloster auf die unwuͤrdigste Weise betrogen. — Einmauern koͤnnte ich Dich lassen, wollte ich verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes!“ — „Richtet mich, mein ehrwuͤrdiger Vater, er¬ wiederte ich: richtet mich, wie das Gesetz es will: ach! mit Freuden werfe ich die Buͤr¬ de eines elenden qualvollen Lebens ab! — Ich fuͤhl' es wohl, daß die strengste Buße der ich mich unterwarf, mir keinen Trost hienieden geben konnte!“ — „Ermanne Dich, fuhr Leonardus fort: der Prior hat mit Dir gesprochen, jetzt kann der Freund, der Va¬ ter mit Dir reden! — Auf wunderbare Weise bist du errettet worden vom Tode, der Dir in Rom drohte. — Nur Cyrillus fiel als Opfer ...“ — „Ihr wißt also?“ frug ich voll Staunen. „Alles, erwiederte der Prior: Ich weiß, daß Du dem Armen beistandest in der letzten Todesnoth, und daß man Dich mit dem vergifteten Wein, den man Dir zum Labetrunk darbot, zu ermorden gedachte. Wahrscheinlich hast Du, bewacht von den Argusaugen der Moͤnche, doch Gelegenheit gefunden, den Wein ganz zu verschuͤtten, denn trankst Du nur einen Tropfen, so warst Du hin, in Zeit von zehn Minuten.“ — „O, schaut her, rief ich und zeigte, den Ermel der Kutte aufstreifend, dem Prior meinen bis auf den Knochen eingeschrumpften Arm, in¬ dem ich erzaͤhlte, wie ich, Boͤses ahnend, den Wein in den Ermel gegossen.“ Leonardus schauerte zuruͤck vor dem haͤßlichen Anblick des mumienartigen Gliedes, und sprach dumpf in sich hinein: „Gebuͤßt hast Du, der Du fre¬ veltest auf jedigliche Weise; aber Cyrillus — Du frommer Greis!“ — Ich sagte dem Prior: daß mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen Cyrillus unbekannt geblieben. „Vielleicht, sprach der Prior, hattest Du dasselbe Schicksal, wenn Du, wie Cyrillus als Bevollmaͤchtigter unse¬ res Klosters auftratst. Du weißt, daß die Anspruͤche unsers Klosters Einkuͤnfte des Cardinals ***, die er auf unrechtmaͤßige Wei¬ se zieht, vernichten; dies war die Ursache, warum der Cardinal mit des Pabstes Beicht¬ vater, den er bis jetzt angefeindet, ploͤtzlich Freundschaft schloß, und so sich in dem Domi¬ nikaner einen kraͤftigen Gegner gewann, den er dem Cyrillus entgegen stellen konnte. Der schlaue Moͤnch fand bald die Art aus, wie Cyrill gestuͤrzt werden konnte. Er fuͤhrte ihn selbst ein bei dem Pabst, und wu߬ te diesem den fremden Capuziner so darzustel¬ len, daß der Pabst ihn wie eine merkwuͤr¬ dige Erscheinung bei sich aufnahm, und Cy¬ rillus in die Reihe der Geistlichen trat, von denen er umgeben. Cyrillus mußte nun bald gewahr werden, wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser Welt und ihren Luͤsten suche und finde; wie er ei¬ ner heuchlerischen Brut zum Spielwerk die¬ ne, die ihn trotz des kraͤftigen Geistes, der sonst ihm einwohnte, den sie aber durch die ver¬ worfensten Mittel zu beugen wußte, zwischen Himmel und Hoͤlle herumwerfe. Der from¬ me Mann, das war vorauszusehen, nahm großes Aergerniß daran, und fuͤhlte sich be¬ rufen, durch feurige Reden, wie der Geist sie ihm eingab, den Pabst im Innersten zu erschuͤttern und seinen Geist von dem Irdi¬ schen abzulenken. Der Pabst, wie verweich¬ lichte Gemuͤther pflegen, wurde in der That von des frommen Greises Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde es dem Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den Schlag vorzuberei¬ ten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er berichtete dem Pabst, daß es auf nichts geringeres abgesehen sey, als auf eine heim¬ liche Verschwoͤrung, die ihn der Kirche als unwuͤrdig der dreifachen Krone darstellen sollte; Cyrillus habe den Auftrag, ihn dahin zu bringen, daß er irgend eine oͤffentliche Bußuͤbung vornehme, welche dann als Signal des foͤrmlichen, unter den Cardinaͤlen gaͤhrenden Aufstandes dienen wuͤrde. Jetzt fand der Pabst in den salbungsvollen Reden unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus, der Alte wurde ihm tief verhaßt, und um nur irgend einen auffallenden Schritt zu vermeiden, litt er ihn noch in seiner Naͤ¬ he. Als Cyrillus wieder einmal Gelegen¬ heit fand, zu dem Pabst ohne Zeugen zu sprechen, sagte er geradezu, daß der, der den Luͤsten der Welt nicht ganz entsage, der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel fuͤhre, ein unwuͤrdiger Statthalter des Herrn, und der Kirche eine Schmach und Verdammniß bringende Last sey, von der sie sich befreien muͤsse. Bald darauf, und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Pab¬ stes treten gesehen, fand man das Eiswasser, welches der Pabst zu trinken pflegte, vergif¬ tet. Daß Cyrillus unschuldig war, darf ich Dir, der Du den frommen Greis gekannt hast, nicht versichern. Doch uͤberzeugt war der Pabst von seiner Schuld, und der Befehl, den fremden Moͤnch bei den Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du warst in Rom eine auffallende Erscheinung; die Art, wie Du Dich gegen den Pabst aͤu¬ ßertest, vorzuͤglich die Erzaͤhlung Deines Le¬ benslaufs, ließ ihn eine gewisse geistige Ver¬ wandschaft zwischen ihm und Dir finden; er glaubte, sich mit Dir zu einem hoͤhern Stand¬ punkte erheben und in suͤndhaftem Vernuͤnf¬ teln uͤber alle Tugend und Religion recht er¬ laben und erkraͤftigen zu koͤnnen, um, wie ich wohl sagen mag, mit rechter Begeister¬ ung fuͤr die Suͤnde zu suͤndigen. Deine Bußuͤbungen waren ihm nur ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum hoͤ¬ heren Zweck zu gelangen. Er bewunderte Dich und sonnte sich in den glaͤnzenden, lob¬ preisenden Reden, die Du ihm hielst. So kam es, daß Du, ehe der Dominikaner es ahnte, Dich erhobst und der Rotte gefaͤhrlicher wurdest, als es Cyrillus jemals werden konnte. — Du merkst, Medardus! daß ich von Deinem Beginnen in Rom genau unterrichtet bin; daß ich jedes Wort weiß, welches Du mit dem Papst sprachst, und darin liegt weiter nichts geheimnißvol¬ les, wenn ich Dir sage, daß das Kloster in der Naͤhe Sr. Heiligkeit einen Freund hat, der mir genau alles berichtete. Selbst als Du mit dem Papst allein zu seyn glaubtest, war er nahe genug um jedes Wort zu ver¬ stehen. — Als Du in dem Capuzinerkloster, dessen Prior mir nahe verwandt ist, Deine strenge Bußuͤbungen begannst, hielt ich Dei¬ ne Reue fuͤr aͤcht. Es war auch wohl dem so, aber in Rom erfaßte Dich der boͤse Geist des suͤndhaften Hochmuths, dem Du bei uns erlagst, aufs neue. Warum klagtest Du Dich gegen den Pabst Verbrechen an, die Du niemals begingst? — Warst Du denn je¬ mals auf dem Schlosse des Barons von F.?“ — „Ach! mein ehrwuͤrdiger Vater, rief ich von innerm Schmerz zermalmt: das war ja der Ort meiner entsetzlichsten Frevel! — Das ist aber die haͤrteste Strafe der ewigen un¬ erforschlichen Macht, daß ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von der Suͤnde, die ich in wahnsinniger Verblendung beging? — Auch Euch, mein Ehrwuͤrdiger Vater, bin ich ein suͤndiger Heuchler?“ — „In der That, fuhr der Prior fort: bin ich jetzt, da ich Dich sehe und spreche, beinahe uͤberzeugt, daß Du, nach Deiner Buße, der Luͤge nicht mehr faͤhig warst, dann aber waltet noch ein mir bis jetzt unerklaͤrliches Geheimniß ob. Bald nach Deiner Flucht aus der Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den Du zu begehen im Begriff standest, er errettete die fromme Aurelie) bald nach Deiner Flucht sage ich, und nachdem der Moͤnch, den selbst Cyrillus fuͤr Dich hielt wie durch ein Wunder sich gerettet hatte, wurde es be¬ kannt, daß nicht Du, sondern der als Capu¬ ziner verkappte Graf Viktorin auf dem Schlos¬ se des Barons gewesen war. Briefe, die sich in Euphemiens Nachlaß fanden, hatten dies zwar schon fruͤher kund gethan, man hielt aber Euphemien selbst fuͤr getaͤuscht, da Rein¬ hold versicherte, er habe Dich zu genau ge¬ kannt um selbst bei Deiner treuesten Aehn¬ lichkeit mit Viktorin getaͤuscht zu werden. Euphemiens Verblendung blieb unbegreiflich. Da erschien ploͤtzlich der Reitknecht des Gra¬ fen, und erzaͤhlte, wie der Graf, der seit Monaten im Gebuͤrge einsam gelebt, und sich den Bart wachsen lassen, ihm in dem Walde und zwar bei dem sogenannten Teu¬ felsgrunde ploͤtzlich als Capuziner gekleidet erschienen sey. Obgleich er nicht gewußt, wo der Graf die Kleider hergenommen, so sey ihm doch die Verkleidung weiter nicht aufgefallen, da er von dem Anschlage des Grafen, im Schlosse des Barons in Moͤnchs¬ habit zu erscheinen, denselben ein ganzes Jahr zu tragen und so auch wohl noch hoͤ¬ here Dinge auszufuͤhren, unterrichtet gewe¬ sen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum Capuzinerrock gekommen sey, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Capuziner im Dorfe gesehen, und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese oder jene Weise zu bekommen hoffe. Gesehen ha¬ be er den Capuziner nicht, wohl aber einen Schrei gehoͤrt; bald darauf sey auch im Dorf von einem im Walde ermordeten Capuziner die Rede gewesen. Zu genau habe er seinen Herrn gekannt, zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen, als daß hier eine Verwechselung statt finden koͤnne. — Diese Aussage des Reitknechts ent¬ kraͤftete Reinholds Meinung, und nur Vikto¬ rins gaͤnzliches Verschwinden blieb unbegreif¬ lich. Die Fuͤrstin stellte die Hypothese auf, daß der vorgebliche Herr von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewe¬ sen sey, und stuͤtzte sich auf seine merkwuͤrdi¬ ge, ganz auffallende Aehnlichkeit mit Fran¬ cesko, an dessen Schuld laͤngst Niemand zwei¬ felte, so wie auf die Motion die ihr jedes¬ mal sein Anblick verursacht habe. Viele traten ihr bei und wollten, im Grunde ge¬ nommen, viel graͤflichen Anstand an jenem Abentheurer bemerkt haben, den man laͤcher¬ licher Weise fuͤr einen verkappten Moͤnch ge¬ halten. Die Erzaͤhlung des Foͤrsters von dem wahnsinnigen Moͤnch, der im Walde hausete und zuletzt von ihm aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Unthat Viktorins, sobald man nur einige Umstaͤnde als wahr voraussetzte. — Ein Bruder des Klosters, in dem Medar¬ dus gewesen, hatte den wahnsinnigen Moͤnch ausdruͤcklich fuͤr den Medardus erkannt, er mußte es also wohl seyn. Viktorin hatte ihn in den Abgrund gestuͤrzt; durch irgend einen Zufall, der gar nicht unerhoͤrt seyn durfte, wurde er errettet. Aus der Betaͤu¬ bung erwacht, aber schwer am Kopfe ver¬ wundet, gelang es ihm, aus dem Grabe her¬ aufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst machten ihn wahnsinnig — rasend! — So lief er durch das Gebuͤrge, vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit Lumpen behan¬ gen, bis er in die Gegend der Foͤrsterwoh¬ nung kam. Zwei Dinge bleiben hier aber unerklaͤrbar, nemlich wie Medardus eine solche Strecke aus dem Gebuͤrge laufen konn¬ te, ohne angehalten zu werden, und wie er, selbst in den von Aerzten bezeugten Augen¬ blicken des vollkommensten ruhigsten Bewußt¬ seins, sich zu Unthaten bekennen konnte, die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlich¬ keit jenes Zusammenhangs der Sache verthei¬ digten, bemerkten, daß man ja von den Schick¬ salen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts wisse; es sey ja moͤg¬ lich, daß sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er auf der Pilgerreise in der Gegend der Foͤrsterwohnung sich befand. Was aber das Zugestaͤndniß der Verbrechen, deren er be¬ schuldigt, belange, so sey eben daraus abzu¬ nehmen, daß er niemals geheilt gewesen, son¬ dern anscheinend bei Verstande, doch immer wahnsinnig geblieben waͤre. Daß er die ihm angeschuldigten Mordthaten wirklich began¬ gen, dieser Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet. — Der Criminalrichter, auf dessen Sagazitaͤt man sehr baute, sprach, als man ihn um seine Meinung frug: Der vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf, der Graf Vikto¬ rin gewiß nicht, aber unschuldig auch keines¬ weges — der Moͤnch blieb wahnsinnig und unzurechnungsfaͤhig in jedem Fall, deshalb das Criminalgericht auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmaßregel erken¬ nen konnte. — Dieses Urtheil durfte der Fuͤrst Fuͤrst nicht hoͤren, denn er war es allein, der, tief ergriffen von den Freveln auf dem Schlosse des Barons, jene von dem Criminal¬ gericht in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts umwandelte. — Wie aber Alles in diesem elenden vergaͤngli¬ chen Leben, sey es Begebenheit oder That, noch so ungeheuer im ersten Augenblick er¬ scheinend, sehr bald Glanz und Farbe ver¬ liert, so geschah es auch, daß das, was in der Residenz und vorzuͤglich am Hofe Schau¬ er und Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur aͤrgerlichen Klatscherei. Jene Hypothese, daß Aureliens entflohener Braͤutigam, Graf Viktorin gewesen, brachte die Geschichte der Italiaͤnerin in frisches Andenken, selbst die fruͤher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun nicht mehr schweigen zu duͤrfen glaubten, aufgeklaͤrt, und jeder, der den Me¬ dardus gesehen, fand es natuͤrlich, daß seine Gesichtszuͤge vollkommen denen des Grafen Viktorin glichen, da sie Soͤhne eines Vaters II . [ 22 ] waren. Der Leibarzt war uͤberzeugt, daß die Sache sich so verhalten mußte und sprach zum Fuͤrsten: Wir wollen froh seyn, gnaͤdig¬ ster Herr! daß beide unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich ge¬ bliebenen Verfolgung bewenden lassen. — Die¬ ser Meinung trat der Fuͤrst aus dem Grun¬ de seines Herzens bei, denn er fuͤhlte wohl, wie der doppelte Medardus ihn von einem Mißgriff zum andern verleitet hatte. Die Sache wird geheimnißvoll bleiben, sagte der Fuͤrst: wir wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen, den ein wunderbares Geschick wohl¬ thaͤtig daruͤber geworfen hat. — Nur Aure¬ lie ...“ — „Aurelie, unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit: um Gott, mein ehrwuͤrdiger Vater, sagt mir, wie ward es mit Aure¬ lien?“ —„Ey, Bruder Medardus, sprach der Prior sanft laͤchelnd: noch ist das gefaͤhrliche Feuer in Deinem Innern nicht verdampft? — noch lodert die Flamme empor bei leiser Beruͤhrung? — So bist Du noch nicht frei von den suͤndlichen Trieben, denen Du Dich hingabst. — Und ich soll der Wahrheit Dei¬ ner Buße trauen; ich soll uͤberzeugt seyn, daß der Geist der Luͤge Dich ganz verlassen? — Wisse, Medardus, daß ich Deine Reue fuͤr wahrhaft nur dann anerkennen wuͤrde, wenn Du jene Frevel, deren Du Dich an¬ klagst, wirklich begingst. Denn nur in die¬ sem Fall koͤnnt' ich glauben, daß jene Un¬ thaten so Dein Inneres zerruͤtteten daß Du, meiner Lehren, alles dessen, was ich Dir uͤber aͤußere und innere Buße sagte, un¬ eingedenk, wie der Schiffbruͤchige nach dem leichten unsichern Brett, nach jenen truͤ¬ gerischen Mitteln Dein Verbrechen zu suͤhnen haschtest, die Dich nicht allein einen, verwor¬ fenen Pabst, sondern jedem wahrhaft from¬ men Mann als einen eitlen Gaukler erschei¬ nen ließen. — Sage, Medardus! war Deine Andacht, Deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos, wenn Du Aurelien gedenken mußtest?“ — Ich schlug, im In¬ nern vernichtet, die Augen nieder. — „Du bist aufrichtig, Medardus, fuhr der Prior fort, Dein Schweigen sagt mir Alles. — Ich wußte mit der vollsten Ueberzeugung, daß Du es warst, der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns spielte und die Baronesse Aurelie heirathen wollte. Ich hatte den Weg, den Du genommen, ziemlich ge¬ nau verfolgt, ein seltsamer Mensch (er nannte sich den Haarkuͤnstler Belcampo) den Du zu¬ letzt in Rom sahst, gab mir Nachrichten; ich war uͤberzeugt, daß Du auf verruchte Wei¬ se Hermogen und Euphemien mordetest, und um so graͤßlicher war es mir, daß Du Au¬ relien so in Teufelsbanden verstricken woll¬ test. Ich haͤtte Dich verderben koͤnnen, doch weit entfernt, mich zum Raͤcheramt erkoren zu glauben, uͤberließ ich Dich und Dein Schick¬ sal der ewigen Macht des Himmels. Du bist erhalten worden auf wunderbare Weise und schon dieses uͤberzeugt mich, daß Dein irdischer Untergang noch nicht beschlossen war. — Hoͤre, welches besonderen Umstan¬ des halber ich spaͤter glauben mußte, daß es in der That Graf Viktorin war, der als Capuziner auf dem Schlosse des Barons von F. erschien! — Nicht gar zu lange ist es her, als Bruder Sebastianus der Pfoͤrtner, durch ein Aechzen und Stoͤhnen, das den Seufzern eines Sterbenden glich, geweckt wurde. Der Morgen war schon angebro¬ chen, er stand auf, oͤffnete die Kloster¬ pforte und fand einen Menschen, der dicht vor derselben, halb erstarrt vor Kaͤlte, lag und muͤhsam die Worte herausbrachte: er sey Medardus, der aus unserm Kloster entflohe¬ ne Moͤnch. — Sebastianus meldete mir ganz er¬ schrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg mit den Bruͤdern hinab, wir brachten den ohnmaͤchtigen Mann in das Refektorium. Trotz des bis zum Grausen entstellten Ge¬ sichts des Mannes, glaubten wir doch Deine Zuͤge zu erkennen, und Mehrere meinten, daß wohl nur die veraͤnderte Tracht den wohlbe¬ kannten Medardus so fremdartig darstelle. Er hatte Bart und Tonsur, dazu aber eine weltliche Kleidung, die zwar ganz verdorben und zerrissen war, der man aber noch die urspruͤngliche Zierlichkeit ansah. Er trug seidene Struͤmpfe, auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle, eine weiße Atlasweste ...“ — „Einen kastanienbraunen Rock von dem fein¬ sten Tuch, fiel ich ein, zierlich genaͤhte Waͤ¬ sche — einen einfachen goldenen Ring am Finger.“ — „Allerdings, sprach Leonardus er¬ staunt: aber wie kannst Du ...“ — „Ach, es war ja der Anzug, wie ich ihn an jenem verhaͤng¬ nißvollen Hochzeittage trug! — Der Dop¬ peltgaͤnger stand mir vor Augen. — Nein es war nicht der wesenlose entsetzliche Teufel des Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein mich bis ins Innerste zerflei¬ schendes Unthier, aufhockte auf meinen Schul¬ tern; es war der entflohene wahnsinnige Moͤnch, der mich verfolgte, der endlich, als ich in tiefer Ohnmacht da lag, meine Klei¬ der nahm und mir die Kutte uͤberwarf. Er war es, der an der Klosterpforte lag, mich — mich selbst auf schauderhafte Weise dar¬ stellend!“ — Ich bat den Prior nur fortzu¬ fahren in seiner Erzaͤhlung, da die Ahnung der Wahrheit, wie es sich mit mir auf die wunderbarste, geheimnißvollste Weise zuge¬ tragen, in mir aufdaͤmmere. — „Nicht lange dauerte es, erzaͤhlte der Prior weiter, als sich bei dem Manne die deutlichsten unzwei¬ felhaftesten Spuren des unheilbaren Wahn¬ sinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Zuͤge seines Gesichts den Deinigen auf das genaueste glichen, unerachtet er fortwaͤh¬ rend rief: Ich bin Medardus der entlaufene Moͤnch, ich will Buße thun bei Euch — so war doch bald jeder von uns uͤberzeugt, daß es fixe Idee des Fremden sey, sich fuͤr Dich zu halten. Wir zogen ihm das Kleid der Capuziner an, wir fuͤhrten ihn in die Kir¬ che, er mußte die gewoͤhnlichen Andachtsuͤbun¬ gen vornehmen, und wie er dies zu thun sich bemuͤhte, merkten wir bald, daß er nie¬ mals in einem Kloster gewesen seyn koͤnne. Es mußte mir wohl die Idee kommen: wie, wenn dies der aus der Residenz entsprungene Moͤnch, wie wenn dieser Moͤnch Viktorin waͤre? — Die Geschichte, die der Wahnsinni¬ ge ehemals dem Foͤrster aufgetischt hatte, war mir bekannt worden, indessen fand ich, daß alle Umstaͤnde, das Auffinden und Aus¬ trinken des Teufelselixiers, die Vision in dem Kerker, kurz der ganze Aufenthalt im Kloster, wohl die, durch Deine auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualitaͤt, erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes seyn koͤnne. Merkwuͤrdig war es in dieser Hinsicht, daß der Moͤnch in boͤsen Augen¬ blicken immer geschrieen hatte, er sey Graf und gebietender Herr! — Ich beschloß, den fremden Mann der Irrenanstalt zu St. Ge¬ treu zu uͤbergeben, weil ich hoffen durfte, daß, waͤre Wiederherstellung moͤglich, sie ge¬ wiß dem Direktor jener Anstalt, einem in jede Abnormitaͤt des menschlichen Organis¬ mus tief eindringenden, genialen Aerzte, ge¬ lingen werde. Des Fremden Genesen mußte das geheimnißvolle Spiel der unbekannten Maͤchte wenigstens zum Theil enthuͤllen. — Es kam nicht dazu. In der dritten Nacht weckte mich die Glocke, die, wie Du weißt, augezogen wird, sobald jemand im Kranken¬ zimmer meines Beistandes bedarf. Ich trat hinein, man sagte mir, der Fremde habe eif¬ rig nach mir verlangt und es scheine, als habe ihn der Wahnsinn gaͤnzlich verlassen, wahr¬ scheinlich wolle er beichten; denn er sey so schwach, daß er die Nacht wohl nicht uͤber¬ leben werde. Verzeiht, fing der Fremde an: als ich ihm mit frommen Worten zugespro¬ chen, verzeiht, ehrwuͤrdiger Herr, daß ich Euch taͤuschen zu wollen mich vermaß. Ich bin nicht der Moͤnch Medardus, der Euerm Kloster entfloh. Den Grafen Viktorin seht ihr vor Euch ... Fuͤrst sollte er heißen, denn aus fuͤrstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rathe Euch, dies zu beachten, da sonst mein Zorn Euch treffen koͤnnte. — Sey er auch Fuͤrst, erwiederte ich, so waͤre dies in unsern Mauern, und in seiner jetzigen Lage, ohne alle Bedeutung und es schiene mir besser zu seyn, wenn er sich abwende von dem Ir¬ dischen, und in Demuth erwarte, was die ewige Macht uͤber ihn verhaͤngt habe. — Er sah mich starr an, ihm schienen die Sin¬ ne zu vergehen, man gab ihm staͤrkende Tropfen, er erholte sich bald und sprach: Es ist mir so, als muͤsse ich bald sterben und vorher mein Herz erleichtern. Ihr habt Macht uͤber mich, denn so sehr ihr Euch auch verstellen moͤget, merke ich doch wohl, daß Ihr der heilige Antonius seyd und am besten wisset, was fuͤr Unheil Eure Elixiere ange¬ richtet. Ich hatte wohl Großes im Sinne, als ich beschloß, mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit großem Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Ra¬ the ging, war es, als traͤten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und verpuppten sich zu einem koͤrperlichen Wesen, das recht graulich doch mein Ich war. Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und schleu¬ derte mich, als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes, zwischen sprudelndem schaͤumigen Gewaͤsser, die Prinzessin schnee¬ weis hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch meine Wunden aus, daß ich bald keinen Schmerz mehr fuͤhlte. Moͤnch war ich nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war staͤrker, und trieb mich, daß ich die Prin¬ zessin die mich errettet und die ich sehr lieb¬ te, sammt ihrem Bruder ermorden mußte. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr wißt selbst, heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr, nachdem ich Euern verfluchten Trank gesoffen, mich entfuͤhrtet, durch die Luͤfte. Der gruͤne Waldkoͤnig nahm mich schlecht auf, unerachtet er doch meine Fuͤrst¬ lichkeit kannte; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und ruͤckte mir allerlei haͤ߬ liches vor, und wollte, weil wir doch alles zusammen gethan, in Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah auch, aber bald, als wir davon liefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte, haben wir uns doch ent¬ zweit. Als das laͤcherliche Ich indessen im¬ mer und ewig genaͤhrt seyn wollte von mei¬ nem Gedanken, schmiß ich es nieder, pruͤgelte es derb ab und nahm ihm seinen Rock. — So weit waren die Reden des Ungluͤcklichen einigermaßen verstaͤndlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewaͤsch des hoͤchsten Wahnsinns. Eine Stunde spaͤter, als das Fruͤhamt eingelaͤutet wurde, fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf, und sank, wie es uns schien, todt nieder. Ich ließ ihn nach der Todtenkammer bringen, er sollte in unserm Garten an geweihter Staͤtte begraben werden, Du kannst Dir aber wohl unser Erstaunen, unsern Schreck denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und ein¬ sargen wollten, spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens, und ich mußte darauf verzichten, jemals naͤhe¬ res, verstaͤndlicheres uͤber den raͤthselhaften Zusammenhang der Begebenheiten in die Du mit dem Grafen verwickelt wurdest, zu erfahren. Indessen, hielt ich alle mir uͤber die Vorfaͤlle im Schloß bekannt ge¬ wordenen Umstaͤnde mit jenen verworrenen, durch Wahnsinn entstellten Reden zusam¬ men, so konnte ich kaum daran zweifeln, daß der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war. Er hatte, wie der Reitknecht andeute¬ te, irgend einen pilgernden Capuziner im Gebuͤrge ermordet und ihm das Kleid genom¬ men, um seinen Anschlag im Schlosse des Barons auszufuͤhren. Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte, endete der begon¬ nene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens. Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold behauptet, oder er wurde es dann auf der Flucht, gequaͤlt von Gewissensbissen. Das Kleid, welches er trug und die Ermordung des Moͤnchs, gestaltete sich in ihm zur fixen Idee, daß er wirklich ein Moͤnch, und sein Ich zerspaltet sey in zwei sich feindliche Wesen. Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis zur Ankunft bei dem Foͤrster, bleibt dunkel, so wie es unerklaͤrlich ist, wie sich die Er¬ zaͤhlung von seinem Aufenthalt im Kloster und der Ort seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete. Daß aͤußere Motive statt finden mußten, leidet gar keinen Zweifel, aber hoͤchst merkwuͤrdig ist es, daß diese Erzaͤhlung Dein Schicksal, wiewohl ver¬ stuͤmmelt, darstellt. Nur die Zeit der Ankunft des Moͤnchs bei dem Foͤrster, wie dieser sie angiebt, will gar nicht mit Reinholds An¬ gabe des Tages wann Viktorin aus dem Schlosse entfloh, zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Foͤrsters mußte sich der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Wal¬ de blicken lassen, nachdem er auf dem Schlosse des Barons angekommen.“ — „Haltet ein, un¬ terbrach ich den Prior: Haltet ein, mein ehrwuͤrdiger Vater, jede Hoffnung, der Last meiner Suͤnden unerachtet, nach der Lang¬ muth des Herrn, noch Gnade und ewige Seeligkeit zu erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser Verzweiflung, mich selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben, wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit mir begab, seitdem ich das Kloster verließ, ge¬ treulich offenbaren will, wie ich es in heili¬ ger Beichte that.“ Der Prior gerieth in das hoͤchste Erstaunen, als ich ihm nun mein gan¬ zes Leben mit aller nur moͤglichen Umstaͤnd¬ lichkeit enthuͤllte. — „Ich muß Dir glauben, sprach der Prior, als ich geendet, ich muß Dir glauben, Bruder Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich, als Du re¬ detest. — Wer vermag das Geheimniß zu enthuͤllen, das die geistige Verwandschaft zweier Bruͤder, Soͤhne eines verbrecheri¬ schen Vaters, und selbst in Verbrechen be¬ fangen, bildete. — Es ist gewiß, daß Vikto¬ rin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem Abgrunde, in den Du ihn stuͤrztest, daß er der wahnsinnige Moͤnch war, den der Foͤrster aufnahm, der Dich als Dein Dop¬ peltgaͤnger verfolgte und hier im Kloster starb. Er diente der dunkeln Macht, die in Dein Leben eingriff nur zum Spiel, — nicht Dein Genosse war er, nur das untergeord¬ nete Wesen, welches Dir in den Weg gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich Dir vielleicht aufthun konnte, Deinem Blick ver¬ huͤllt bleibe. Ach, Bruder Medardus, noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher, und bietet den Menschen seine Elixiere dar! — Wer hat dieses oder jenes seiner hoͤlli¬ schen Getraͤnke nicht einmal schmackhaft ge¬ funden; aber das ist der Wille des Himmels, daß der Mensch, der boͤsen Wirkung des au¬ genblicklichen Leichtsinns sich bewußt werde, und aus diesem klaren Bewußtseyn die Kraft schoͤpfe schoͤpfe, ihr zu widerstehen. Dann offen¬ bart sich die Macht des Herrn, daß, so wie das Leben der Natur durch das Gift, das sittlich gute Prinzip in ihr erst durch das Boͤse bedingt wird. — Ich darf zu Dir so sprechen, Medardus! da ich weiß, daß Du mich nicht mißverstehest. Gehe jetzt zu den Bruͤdern.“ — In dem Augenblick erfaßte mich, wie ein jaͤher alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der hoͤchsten Liebe; Aurelie — ach Aurelie! rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: „Du hast wahrscheinlich die Zuberei¬ tungen zu einem großen Feste in dem Kloster bemerkt? — Aurelie wird morgen eingeklei¬ det und erhaͤlt den Klosternamen Rosalia.“ — Erstarrt — lautlos blieb ich vor dem Prior stehen. „Gehe zu den Bruͤdern“ rief er bei¬ nahe zornig, und ohne deutliches Bewußtseyn stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Bruͤder versammelt waren. Man bestuͤrmte II . [ 22 ] mich aufs neue mit Fragen, aber nicht faͤhig war ich, auch nur ein einziges Wort uͤber mein Leben zu sagen; alle Bilder der Ver¬ gangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glaͤnzend entgegen. Unter dem Vorwande einer An¬ dachtsuͤbung verließ ich die Bruͤder und be¬ gab mich nach der Kapelle, die an dem aͤu¬ ßersten Ende des weitlaͤuftigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das klein¬ ste Geraͤusch, das linde Saͤuseln des Laub¬ ganges riß mich empor aus frommer Be¬ trachtung. — Sie ist es ... Sie kommt ... ich werde sie wiedersehen — so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzuͤcken. Es war mir, als hoͤre ich ein leises Gespraͤch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Capelle, und siehe, langsamen Schrit¬ tes, nicht fern von mir, wandelten zwei Non¬ nen, in ihrer Mitte eine Novize. — Ach es war gewiß Aurelie — mich uͤberfiel ein krampfhaftes Zittern — mein Athem stockte — ich wollte vorschreiten, aber keines Schrit¬ tes maͤchtig sank ich zu Boden. Die Non¬ nen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebuͤsch. Welch ein Tag! — welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie — Kein anderes Bild — Kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. — So wie die ersten Stralen des Mor¬ gens aufgingen, verkuͤndigten die Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Au¬ reliens, und bald darauf versammelten sich die Bruͤder in einem großen Saal; die Aeb¬ tissin trat, von zwei Schwestern begleitet, herein. — Unbeschreiblich ist das Gefuͤhl, das mich durchdrang als ich die widersah, die meinen Vater so innig liebte, und un¬ erachtet er durch Frevelthaten ein Buͤndniß, das ihm das hoͤchste Erdengluͤck erwerben mußte, gewaltsam zerriß, doch die Neigung, die ihr Gluͤck zerstoͤrt hatte, auf den Sohn uͤbertrug. Zur Tugend, zur Froͤmmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, haͤufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost fuͤr des suͤndigen Vaters Verderbniß finden wollte. — Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, hoͤrte ich die kurze Rede an, worin die Aebtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens Ein¬ tritt in das Kloster anzeigte, und sie auffor¬ derte, eifrig zu beten, in dem entscheidenden Augenblick des Geluͤbdes, damit der Erbfeind nicht Macht haben moͤge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben, zur Qual der frommen Jungfrau. „Schwer, sprach die Aebtissin: schwer waren die Pruͤfungen, die die Jung¬ frau zu uͤberstehen hatte. Der Feind wollte sie verlocken zum Boͤsen, und alles was die List der Hoͤlle vermag, wandte er an, sie zu bethoͤren, daß sie, ohne Boͤses zu ahnen, suͤn¬ dige und dann aus dem Traum erwachend un¬ tergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die ewige Macht beschuͤtzte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg uͤber ihn wird desto glorreicher seyn. Betet — betet, meine Bruͤder, nicht darum, daß die Chri¬ stusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern daß kein irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche. — Eine Bang¬ igkeit hat sich meines Gemuͤths bemaͤchtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!“ — Es war klar, daß die Aebtissin mich — mich allein den Teufel der Versuchung nann¬ te, daß sie meine Ankunft mit der Einklei¬ dung Aureliens in Bezug, daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greuelthat voraussetzte. Das Gefuͤhl der Wahrheit mei¬ ner Reue, meiner Buße, der Ueberzeugung, daß mein Sinn geaͤndert worden, richtete mich empor. Die Aebtissin wuͤrdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten ge¬ kraͤnkt, regte sich in mir jener bittere, verhoͤh¬ nende Haß, wie ich ihn sonst in der Resi¬ denz bei dem Anblick der Fuͤrstin gefuͤhlt, und statt daß ich, ehe die Aebtissin jene Worte sprach, mich haͤtte vor ihr niederwer¬ fen moͤgen in den Staub, wollte ich keck und kuͤhn vor sie hintreten und sprechen: warst Du denn immer solch ein uͤberirdisches Weib, daß die Lust der Erde Dir nicht aufging? ... Als Du meinen Vater sahst, verwahrtest Du denn immer Dich so, daß der Gedanke der Suͤnde nicht Raum fand? ... Ey sage doch, ob selbst dann, als schon die Inful und der Stab dich schmuͤckten, in unbewachten Augen¬ blicken meines Vaters Bild, nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in Dir aufregte? ... Was empfandest Du denn, Stolze! als Du den Sohn des Geliebten an Dein Herz druͤcktest, und den Namen des Verlorenen, war er gleich ein frevelicher Suͤnder, so schmerzvoll riefst? — Hast Du jemals gekaͤmpft mit der dunklen Macht wie ich? — Kannst Du Dich eines wahren Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? — Fuͤhlst Du Dich selbst so stark, daß Du den verachtest, der dem maͤchtigsten Feinde erlag und sich dennoch erhob in tiefer Reue und Buße? — Die ploͤtzliche Aenderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Buͤßenden in den, der stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, muß selbst im Aeußern sichtlich gewesen seyn. Denn der neben mir stehende Bruder frug: „Was ist Dir, Medardus, warum wirfst Du solche sonderbare zuͤrnende Blicke auf die hochheilige Frau?“ — „Ja, erwiederte ich halblaut: wohl mag es eine hochheilige Frau seyn, denn sie stand immer so hoch, daß das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christli¬ che, sondern wie eine heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezuͤcktem Messer das Menschenopfer zu vollbringen.“ Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte, die außer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen draͤngten sich im buntem Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen. — Aurelie sollte auf immer die Welt verlas¬ sen, sie sollte, wie ich, durch ein Geluͤbde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religioͤ¬ sen Wahnsinns schien, dem Irdischen entsa¬ gen? — So wie ehemals, als ich, dem Sa¬ tan verkauft, in Suͤnde und Frevel den hoͤch¬ sten stralendsten Lichtpunkt des Lebens zu schauen waͤhnte, dachte ich jetzt daran, daß beide, ich und Aurelie, im Leben, sey es auch nur durch den einzigen Moment des hoͤchsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte sterben muͤßten. — Ja, wie ein graͤßlicher Unhold, wie der Satan selbst, ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! — Ach, ich Verblende¬ ter gewahrte nicht, daß in dem Moment, als ich der Aebtissin Worte auf mich deutete, ich Preis gegeben war, der vielleicht haͤrte¬ sten Pruͤfung, das der Satan Macht bekom¬ men uͤber mich, und mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch began¬ gen! Der Bruder, zu dem ich gesprochen sah mich erschrocken an: „Um Jesus und der hei¬ ligen Jungfrau willen, was sagt ihr da!“ so sprach er; ich schaute nach der Aebtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf mich, todtenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mußten sie unterstuͤtzen. Es war mir, als lisple sie die Worte: „O all' ihr Heiligen, meine Ah¬ nung.“ Bald darauf wurde der Prior Leo¬ nardus zu ihr gerufen. Schon laͤuteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwi¬ schen toͤnten die donnernden Toͤne der Or¬ gel, die Weihgesaͤnge der im Chor versam¬ melten Schwestern, durch die Luͤfte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Bruͤder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach der Kirche, die von Menschen beinahe so uͤberfuͤllt war, als sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen geschmuͤckten Hochaltars waren erhoͤhte Sitze fuͤr die Geistlichkeit angebracht, der Tribune gegenuͤber, auf welcher die Capelle des Bi¬ schoffs die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausfuͤhrte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich bemerkte, daß er aͤngstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung er¬ regte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwaͤhrend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der entschei¬ dende Augenblick kam; aus dem Innern des Klosters, durch die Gitterthuͤre hinter dem Al¬ tar, fuͤhrten die Cisterzienser Nonnen Aure¬ lien herbei. — Ein Gefluͤster rauschte durch die Menge, als sie sichtbar worden, die Or¬ gel schwieg und der einfache Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampf¬ haft zusammen, so daß mein Brevier zur Er¬ de fiel. Ich buͤckte mich darnach, es aufzu¬ heben, aber ein ploͤtzlicher Schwindel haͤtte mich von dem hohen Sitz herabgestuͤrzt, wenn Leonardus mich nicht faßte und fest¬ hielt. „Was ist Dir, Medardus, sprach der Prior leise: Du befindest Dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem boͤsen Feinde der Dich treibt.“ Ich faßte mich mit aller Gewalt zusammen, ich schaute auf, und er¬ blickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des Himmels, in hoher Schoͤn¬ heit und Anmuth stralte sie mehr als je! Sie war braͤutlich — ach! eben so wie an jenem verhaͤngnißvollen Tage, da sie mein werden sollte, gekleidet. Bluͤhende Myrthen und Rosen im kuͤnstlich geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments, hatte ihre Wangen hoͤher gefaͤrbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust. Was wa¬ ren jene Augenblicke, als ich Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fuͤrsten sah, gegen dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Gluth der Liebe — der wilden Begier auf — O Gott — o, all' ihr Heiligen! laßt mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig — rettet mich, rettet mich von dieser Pein der Hoͤlle — Nur nicht wahnsinnig laßt mich werden — denn das Entsetzliche muß ich sonst thun, und meine See¬ le Preis geben der ewigen Verdammniß! — So betete ich im Innern, denn ich fuͤhlte, wie im¬ mer mehr und mehr der boͤse Geist uͤber mich Herr werden wollte. — Es war mir als habe Aurelie Theil an dem Frevel, den ich nur be¬ ging, als sey das Geluͤbde, das sie zu leisten ge¬ dachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn mein zu seyn. — Nicht die Christusbraut, des Moͤnchs der sein Geluͤbde brach verbrecherisches Weib sah ich in ihr. — Sie mit aller Inbrunst der wuͤthenden Begier umarmen und dann ihr den Tod geben — der Gedanke erfaßte mich un¬ widerstehlich. Der boͤse Geist trieb mich wilder und wilder — schon wollte ich schreien: „Haltet ein, verblendete Thoren! nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut des Moͤnchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!“ — mich hinabstuͤrzen unter die Nonnen, sie herausreißen — ich faßte in die Kutte, ich suchte nach dem Messer, da war die Ceremonie so weit gediehen, daß Aurelie anfing das Geluͤbde zu sprechen. — Als ich ihre Stimme hoͤrte, war es als braͤ¬ che milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den boͤsen Geist, dem ich mit aller Gewalt widerstand. — Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft, und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder schwar¬ ze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. — Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konn¬ te von ewiger Schmach und Verderbniß. — Ihr Geluͤbde war mein Trost, meine Hoff¬ nung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf. Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Aenderung in meinem Innern wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: „Du hast dem Feinde widerstanden, mein Sohn! das war wohl die letzte schwere Pruͤfung die Dir die ewige Macht auferlegt!“ — Das Geluͤbde war gesprochen; waͤhrend eines Wechselgesanges den die Klaren Schwe¬ stern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen. Schon hatte man die Myrthen und Rosen aus dem Haar geflochten, schon stand man im Begriff die herabwallen¬ den Locken abzuschneiden, als ein Getuͤmmel in der Kirche entstand — ich sah, wie die Menschen aus einander gedraͤngt und zu Boden geworfen wurden; — naͤher und naͤher wir¬ belte der Tumult. — Mit rasender Gebaͤhr¬ de, — mit wildem, entsetzlichen Blick draͤng¬ te sich ein halbnackter Mensch, (die Lumpen eines Capuzinerrocks hingen ihm um den Leib,) alles um sich her mit geballten Faͤu¬ sten niederstoßend durch die Menge. — Ich erkannte meinen graͤßlichen Doppeltgaͤnger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzli¬ ches ahnend, hinabspringen und mich ihm ent¬ gegen werfen wollte, hatte der wahnsinnige Unhold die Gallerie die den Platz des Hoch¬ altars einschloß, uͤbersprungen. Die Nonnen staͤubten schreiend aus einander; die Aebtis¬ sin hatte Aurelien fest in ihre Arme einge¬ schlossen. — „Ha ha ha! — kreischte der Ra¬ sende mit gellender Stimme: wollt ihr mir die Prinzessin rauben! — Ha ha ha! — die Prinzessin ist mein Braͤutchen, mein Braͤut¬ chen“ — und damit riß er Aurelien empor, und stieß ihr das Messer, das er hochge¬ schwungen in die Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, daß des Blutes Spring¬ quell hoch emporspritzte. „Juchhe — Juch Juch — nun hab' ich mein Braͤutchen, nun hab' ich die Prinzessin gewonnen!“ — So schrie der Rasende auf, und sprang hinter den Hoch¬ altar, durch die Gitterthuͤre fort in die Klo¬ stergaͤnge. Voll Entsetzen kreischten die Non¬ nen auf. — „Mord — Mord am Altar des Herrn,“ schrie das Volk, nach dem Hochaltar stuͤrmend. „Besetzt die Ausgaͤnge des Klo¬ sters, daß der Moͤrder nicht entkomme, rief Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk stuͤrzte hinaus und wer von den Moͤn¬ chen ruͤstig war, ergriff die im Winkel ste¬ henden Prozessionsstaͤbe und setzte dem Un¬ hold nach durch die Gaͤnge des Klosters. Al¬ les war die That eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hat¬ ten mit weißen Tuͤchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden, und standen der ohnmaͤchtigen Aebtissin bei. Eine starke Stim¬ me sprach neben mir: Sancta Rosalia ora pro nobis , und alle die noch in der Kirche geblie¬ ben, riefen laut: „Ein Mirakel — ein Mirakel ja sie ist eine Maͤrtyrin. — Sancta Rosalia ora pro nobis — Ich schaute auf. — Der alte Ma¬ Maler stand neben mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschein . — Kein ir¬ discher Schmerz uͤber Aureliens Tod, kein Ent¬ setzen uͤber die Erscheinung des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele daͤmmerte es auf, wie nun die raͤthselhaften Schlingen, die die dnnkle Macht geknuͤpft, sich loͤsten. Mirakel, Mirakel schrie das Volk immer fort: Seht ihr wohl den alten Mann im vio¬ letten Mantel? — der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen — ich habe es gese¬ hen — ich auch, ich auch — riefen mehrere Stim¬ meu durch einander und nun stuͤrzte Alles auf die Knie nieder und das verworrene Getuͤmmel verbrauste und ging uͤber in ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Ge¬ murmel des Gebets. Die Aebtissin erwachte aus der Ohnmacht, und sprach mit dem herz¬ zerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: „Aurelie! — mein Kind! — mei¬ ne fromme Tochter! — ewiger Gott — es ist Dein Rathschluß!“ — Man hatte eine II . [ 23 ] mit Polstern und Decken belegte Bahre her¬ beigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er war anzuse¬ hen wie ein maͤchtiger Heiliger, und Alle, selbst die Aebtissin, schienen von wunderba¬ rer scheuer Ehrfurcht durchdrungen. — Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre. Aureliens Blick fiel auf mich, da erfaßte mich tiefer Jammer uͤber der Heiligen schmerz¬ liches Maͤrtirerthum. Keines Wortes maͤch¬ tig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstieß. Da sprach Aurelie sanft und leise: „Was klagest Du uͤber die, welche von der ewigen Macht des Himmels gewuͤrdigt wur¬ de von der Erde zu scheiden, in dem Augenblick als sie die Nichtigkeit alles irdischen erkannt, als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfuͤllte?“ — Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre getreten. „Aurelie, sprach ich: — heilige Jungfrau! Nur einen einzigen Augenblick senke Deinen Blick her¬ ab aus den hohen Regionen, sonst muß ich vergehen, in — meine Seele, mein innerstes Gemuͤth zerruͤttenden, verderbenden Zweifeln. — Aurelie! verachtest Du den Frevler der, wie der boͤse Feind selbst, in Dein Leben trat? — Ach! schwer hat er gebuͤßt — aber er weiß es wohl, daß alle Buße seiner Suͤnden Maaß nicht mindert — Aurelie! bist Du ver¬ soͤhnt im Tode?“ — Wie von Engelssitti¬ gen beruͤhrt, laͤchelte Aurelie und schloß die Augen. „O, — Heiland der Welt — heili¬ ge Jungfrau — so bleibe ich zuruͤck, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben, O Ret¬ tung! — Rettung von hoͤllischem Verderben!“ So betete ich inbruͤnstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach: „Me¬ dardus — nachgegeben hast Du der boͤsen Macht! aber blieb ich denn rein von der Suͤnde, als ich irdisches Gluͤck zu erlangen hoffte in meiner verbrecherischen Liebe? — Ein besonderer Rathschluß des Ewigen, hatte uns bestimmt, schwere Verbrechen unseres frevelichen Stammes zu suͤhnen, und so ver¬ einigte uns das Band der Liebe, die nur uͤber den Sternen thront und die nichts ge¬ mein hat, mit irdischer Lust. Aber dem li¬ stigen Feinde gelang es, die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhuͤllen, ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken, daß wir das himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. — Ach! war ich es denn nicht, die Dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in Dir zu entzuͤnden, die hoͤllische Gluth der Lust in Dir entflammte, welche Du, da sie Dich ver¬ zehren wollte, durch Verbrechen zu loͤschen gedachtest? Fasse Muth, Medardus! der wahn¬ sinnige Thor, den der boͤse Feind verlockt hat zu glauben, er sey Du, und muͤsse voll¬ bringen was Du begonnen, war das Werk¬ zeug des Himmels, durch das sein Rath¬ schluß vollendet wurde. — Fasse Muth, Me¬ dardus — ...“ Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen und hoͤrbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmaͤchtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. „Hat Sie Euch gebeichtet, ehrwuͤrdiger Herr? hat Sie Euch gebeichtet?“ so frugen mich neugierig die Nonnen. „Mit nichten, er¬ wiederte ich: nicht ich, sie hat meine Seele mit himmlischen Trost erfuͤllt.“ — „Wohl Dir, Medardus, bald ist Deine Pruͤfungszeit be¬ endet — und wohl mir dann!“ Es war der Maler, der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: „So verlaßt mich nicht, wunder¬ barer Mann.“ — Ich weiß selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter sprechen woll¬ te, auf seltsame Weise betaͤubt worden; ich gerieth in einen Zustand zwischen Wachen und Traͤumen, aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern — Buͤrgersleute — Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, daß ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu durchsu¬ chen, um den Moͤrder Aureliens, der noch im Kloster seyn muͤsse, aufzufinden. Die Aeb¬ tissin, mit Recht Unordnungen befuͤrchtend, verweigerte dies, aber ihres Ansehens uner¬ achtet vermochte sie nicht die erhitzten Gemuͤ¬ ther zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, daß sie aus kleinlicher Furcht den Moͤrder verhehle, weil er ein Moͤnch sey, und immer heftiger tobend schien das Volk sich zum Stuͤrmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen kraͤftigen Worten uͤber die Entweih¬ ung heiliger Staͤtten, daß der Moͤrder keines¬ weges ein Moͤnch, sondern ein Wahnsinni¬ ger sey, den er im Kloster zur Pflege aufge¬ nommen, den er, als er todt geschienen, im Ordenshabit nach der Todtenkammer brin¬ gen lassen, der aber aus dem todtaͤhnlichen Zustande erwacht und entsprungen sey. Waͤ¬ re er noch im Kloster, so wuͤrden es ihm die getroffenen Maaßregeln unmoͤglich ma¬ chen, zu entspringen. Das Volk beruhigte sich, und verlangte nur, daß Aurelie nicht durch die Gaͤnge, sondern uͤber den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster ge¬ bracht werden solle. Dies geschah. Die verschuͤchterten Nonnen hoben die Bahre auf, die man mit Rosen bekraͤnzt hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit Myrthen und Rosen geschmuͤckt. Dicht hinter der Bahre, uͤber welche vier Nonnen den Baldachin tru¬ gen, schritt die Aebtissin von zwei Nonnen, unterstuͤtzt, die uͤbrigen folgten mit den Klaren¬ schwestern, dann die Bruͤder der verschie¬ denen Orden, ihnen schloß sich das Volk an, und so bewegte sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die Orgel spielte, mußte sich auf den Chor bege¬ ben haben, denn so wie der Zug in der Mitte der Kirche war, ertoͤnten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltoͤne vom Chor herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie lang¬ sam auf, und erhob die Haͤnde betend zum Himmel, und aufs neue stuͤrzte alles Volk auf die Knie nieder und rief: Sancta Rosalia , ora pro nobis . — So wurde das wahr, was ich, als ich Aurelien zum erstenmahl sah, in satanischer Verblendung nur frevelich heuchelnd verkuͤndet. Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre niedersetzten, als Schwestern und Bruͤder betend im Kreis umherstanden, sank Aurelie mit einem tiefen Seufzer der Aebtissin, die neben ihr kniete, in die Arme. — Sie war todt! — Das Volk wich nicht von der Klosterpforte, und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau verkuͤndeten, brach Alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. — Viele thaten das Geluͤbbe , bis zu Aure¬ liens Exequien in dem Dorf zu bleiben, und erst nach demselben in die Heimath zuruͤck¬ zufahren, waͤhrend der Zeit aber strenge zu fasten. Das Geruͤcht von der entsetzlichen Unthat, und von dem Martirium der Braut des Himmels, verbreitete sich schnell, und so geschah es, daß Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem hohen die Verklaͤrung einer Heiligen feiernden Ju¬ belfest glichen. Denn schon Tages vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf den Boden lagernd, den Mor¬ gen erwarteten. Nur statt des frohen Ge¬ tuͤmmels hoͤrte man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln. — Von Mund zu Mund ging die Erzaͤhlung von der entsetzlichen That am Hochaltar der Kirche, und brach einmal eine laute Stimme hervor, so ge¬ schah es in Verwuͤnschungen des Moͤrders, der spurlos verschwunden blieb. — Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele, waren wohl diese vier Tage, die ich meistens einsam in der Capelle des Gartens zubrachte, als die lange strenge Buße im Capuzinerkloster bei Rom. Aure¬ liens letzte Worte hatten mir das Geheimniß meiner Suͤnden erschlossen und ich erkannte, daß ich, ausgeruͤstet mit aller Kraft der Tu¬ gend und Froͤmmigkeit, doch wie ein muthlo¬ ser Feigling dem Satan, der den verbreche¬ rischen Stamm zu hegen trachtete, daß er fort und fort gedeihe, nicht zu widerstehen ver¬ mochte. Gering war der Keim des Boͤsen in mir, als ich des Conzertmeisters Schwe¬ ster sah, als der freveliche Stolz in mir er¬ wachte, aber da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Haͤnde, das mein Blut wie ein verdammtes Gift, in Gaͤhrung setzte. Nicht achtete ich des unbekannten Malers, des Priors, der Aebtissin ernste Mahnung. — Aureliens Erscheinung am Beichtstuhl vollen¬ dete den Verbrecher. Wie eine physische Krankheit von jenem Gift erzeugt, brach die Suͤnde hervor. Wie konnte der dem Satan Ergebene das Band erkennen, das die Macht des Himmels als Symbol der ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen? — Scha¬ denfroh fesselte mich der Satan an einen Verruchten, in dessen Seyn mein Ich ein¬ dringen, so wie er geistig auf mich einwir¬ ken mußte. Seinen scheinbaren Tod, viel¬ leicht das leere Blendwerk des Teufels, mußte ich mir zuschreiben. Die That mach¬ te mich vertraut mit dem Gedanken des Mor¬ des, der dem teuflischen Trug folgte. So war der in verruchter Suͤnde erzeugte Bru¬ der das vom Teufel beseelte Prinzip, das mich in die abscheulichsten Frevel stuͤrzte und mich mit den graͤßlichsten Qualen um¬ hertrieb. Bis dahin, als Aurelie nach dem Rathschluß der ewigen Macht ihr Geluͤbde sprach, war mein Innres nicht rein von der Suͤnde; bis dahin hatte der Feind Macht uͤber mich, aber die wunderbare innere Ru¬ he, die wie von oben herabstralende Hei¬ terkeit, die uͤber mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen, uͤberzeugte mich, daß Aureliens Tod die Verheißung der Suͤh¬ ne sey. — Als in dem feierlichen Requiem der Chor die Worte sang: Confutatis maledictis flammis acribus addictis , fuͤhlte ich mich er¬ beben, aber bei dem Voca me cum bene¬ dictis war es mir, als saͤhe ich in himmli¬ scher Sonnenklarheit Aurelien, wie sie erst auf mich niederblickte und dann ihr von ei¬ nem stralenden Sternenringe umgebenes Haupt zum hoͤchsten Wesen erhob, um fuͤr das ewige Heil meiner Seele zu bitten! — Oro supplex et acclinis cor contritum quasi cinis! — Niedersank ich in den Staub, aber wie wenig glich mein inneres Gefuͤhl, mein demuͤthiges Flehen, jener leidenschaftli¬ chen Zerknirschung, jenen grausamen wilden Bußuͤbungen im Kapuzinerkloster. Erst jetzt war mein Geist faͤhig, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, und bei diesem klaren Bewußtseyn mußte jede neue Pruͤfung des Feindes wirkungslos bleiben. Nicht Au¬ reliens Tod, sondern nur die als graͤßlich und entsetzlich erscheinende Art desselben hat¬ te mich in den ersten Augenblicken so tief erschuͤttert; aber wie bald erkannte ich, daß die Gunst der ewigen Macht sie das hoͤchste bestehen ließ! — Das Martyrium der gepruͤf¬ ten, entsuͤndigten Christusbraut! — War sie denn fuͤr mich untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem sie der Erde voller Qual ent¬ ruͤckt, wurde sie mir der reine Stral der ewigen Liebe, der in meiner Brust aufgluͤhte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener Liebe, die, wie Aurelie sprach, nur uͤber den Sternen thront, und nichts gemein hat mit dem Irdischen. — Diese Gedanken erho¬ ben mich uͤber mein Irdisches Selbst, und, so waren wohl jene Tage im Cisterzienser¬ kloster die wahrhaft seligsten meines Lebens. Nach der Exportation welche am folgen¬ den Morgen statt fand, wollte Leonardus mit den Bruͤdern nach der Stadt zuruͤckkeh¬ ren; die Aebtissin ließ mich, als schon der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in ihrem Zimmer, sie war in der hoͤchsten Bewegung, die Thraͤnen stuͤrzten ihr aus den Augen. „Alles — alles weiß ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja ich nen¬ ne Dich so wieder, denn uͤberstanden hast Du die Pruͤfungen, die uͤber Dich Ungluͤck¬ lichen, Bedauernswuͤrdigen ergingen! Ach, Medardus, nur sie , nur sie , die am Thro¬ ne Gottes unsere Fuͤrsprecherin seyn mag, ist rein von der Suͤnde. Stand ich nicht am Rande des Abgrundes, als ich, von dem Ge¬ danken an irdische Lust erfuͤllt, dem Moͤrder mich verkaufen wollte? — Und doch! — Sohn Medardus! — verbrecherische Thraͤnen hab' ich geweint, in einsamer Zelle, Deines Vaters gedenkend! — Gehe, Sohn Medar¬ dus! Jeder Zweifel, daß ich vielleicht, zur mir selbst anzurechnenden Schuld in Dir den frevelichsten Suͤnder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden.“ — Leonardus, der gewiß der Aebtissin al¬ les enthuͤllt hatte, was ihr aus meinem Le¬ ben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen, daß auch er mir ver¬ ziehen und dem Hoͤchsten anheim gestellt hatte, hatte, wie ich vor seinem Richterstuhl beste¬ hen werde. Die alte Ordnung des Klosters war geblieben, und ich trat in die Reihe der Bruͤder ein, wie sonst. Leonardus sprach ei¬ nes Tages zu mir: „ich moͤchte Dir, Bruder Medardus wohl noch eine Bußuͤbung aufge¬ ben.“ Demuͤthig frug ich, worin sie bestehen solle. „Du magst, erwiederte der Prior, die Geschichte Deines Lebens genau aufschreiben. Keiner der merkwuͤrdigen Vorfaͤlle, auch selbst der unbedeutenderen, vorzuͤglich nichts was Dir im bunten Weltleben wiederfuhr, darfst Du auslassen. Die Fantasie wird Dich wirklich in die Welt zuruͤckfuͤhren, Du wirst alles grauenvolle, possenhafte, schauer¬ liche und lustige noch einmal fuͤhlen, ja es ist moͤglich, daß Du im Moment Aurelien anders, nicht als die Nonne Rosalia, die das Maͤrtirium bestand, erblickst; aber hat der Geist des Boͤsen Dich ganz verlassen, hast Du Dich ganz vom Irdischen abge¬ wendet, so wirst Du, wie ein hoͤheres Prin¬ II. [ 24 ] zip uͤber alles schweben, und so wird je¬ ner Eindruck keine Spur hinterlassen.“ Ich that wie der Prior geboten. Ach! — wohl geschah es so, wie er es ausgesprochen! — Schmerz und Wonne, Grauen und Lust — Entsetzen und Entzuͤcken stuͤrmten in meinem Innern, als ich mein Leben schrieb. — Du, der Du einst diese Blaͤtter liesest, ich sprach zu Dir von der Liebe hoͤchster Sonnenzeit, als Aureliens Bild mir im regen Leben auf¬ ging! — Es giebt hoͤheres als irdische Lust, die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, bloͤdsinnigen Menschen, und das ist jene hoͤchste Sonnenzeit, wenn fern von dem Gedanken frevelicher Begier die Ge¬ liebte wie ein Himmelsstral, alles hoͤhere, alles, was aus dem Reich der Liebe seegens¬ voll herabkommt auf den armen Menschen, in Deiner Brust entzuͤndet. — Dieser Ge¬ danke hat mich erquickt, wenn bei der Erin¬ nerung an die herrlichsten Momente, die mir die Welt gab, heiße Thraͤnen den Augen entstuͤrzten und alle laͤngst verharrschte Wun¬ den aufs neue bluteten. Ich weiß, daß vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird, den suͤn¬ digen Moͤnch zu quaͤlen, aber standhaft ja mit inbruͤnstiger Sehnsucht erwarte ich den Augen¬ blick, der mich der Erde entruͤckt, denn es ist der Augenblick der Erfuͤllung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die heilige Rosalia selbst, im Tode verheißen. Bitte — bitte fuͤr mich, o heilige Jungfrau in der dunklen Stunde, daß die Macht der Hoͤlle, der ich so oft er¬ legen, nicht mich bezwinge und hinabreiße in den Pfuhl ewiger Verderbniß! Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Capuziner¬ klosters zu B . In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17 . . hat sich viel wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um Mitternacht seyn, als ich in der, neben der meinigen liegenden, Zelle des Bruders Medardus ein seltsames Kichern und Lachen, und waͤhrend dessen ein dum¬ pfes klaͤgliches Aechzen vernahm. Mir war es, als hoͤre ich deutlich von einer sehr haͤ߬ lichen, widerwaͤrtigen Stimme die Worte sprechen: „Komm mit mir, Bruͤderchen Me¬ dardus, wir wollen die Braut suchen.“ Ich stand auf, und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da uͤberfiel mich aber ein besonderes Grauen, so daß ich, wie von dem Frost eines Fiebers ganz gewaltig durch alle Glieder geschuͤttelt wurde; ich ging dem¬ nach, statt in des Medardus Zelle, zum Prior Leonardus, weckte ihn nicht ohne Muͤhe, und erzaͤhlte ihm, was ich vernom¬ men. Der Prior erschrak sehr, sprang auf und sagte, ich solle geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann zum Bru¬ der Medardus begeben. Ich that, wie mir geheißen, zuͤndete die Kerzen an der Lampe des Mutter-Gottesbildes auf dem Gange an, und wir stiegen die Treppe hinauf. So sehr wir aber auch horchen mochten, die abscheu¬ lige Stimme, die ich vernommen, ließ sich nicht wieder hoͤren. Statt dessen hoͤrten wir leise liebliche Glockenklaͤnge, und es war so, als verbreite sich ein feiner Rosenduft. Wir traten naͤher, da oͤffnete sich die Thuͤre der Zelle, und ein wunderlicher großer Mann, mit weißem krausen Bart, in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr erschrok¬ ken, denn ich wußte wohl, daß der Mann ein drohendes Gespenst seyn mußte, da die Klosterpforten fest verschlossen waren, mit¬ hin kein Fremder eindringen konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein Wort zu sagen. „Die Stunde der Er¬ fuͤllung ist nicht mehr fern, sprach die Ge¬ stalt sehr dumpf und feierlich, und verschwand in dem dunklen Gange, so daß meine Bangig¬ keit noch staͤrker wurde und ich schier haͤtte die Kerze aus der zitternden Hand fallen las¬ sen moͤgen. Aber der Prior, der, ob seiner Froͤmmigkeit und Staͤrke im Glauben, nach Gespenstern nicht viel fraͤgt, faßte mich beim Arm und sagte: nun wollen wir in die Zelle des Bruders Medardus treten. Das ge¬ schah denn auch. Wir fanden den Bruder, der schon seit einiger Zeit sehr schwach wor¬ den, im Sterben, der Tod hatte ihm die Zunge gebunden, er roͤchelte nur noch was weniges. Leonardus blieb bei ihm, und ich weckte die Bruͤder, indem ich die Glocke stark anzog und mit lauter Stimme rief: „Steht auf! — steht auf! — Der Bruder Medardus liegt im Tode!“ Sie standen auch wirklich auf, so daß nicht ein einziger fehlte, als wir mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben. Alle, auch ich, der ich dem Grauen endlich widerstanden, uͤberlie¬ ßen uns vieler Betruͤbniß. Wir trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der Klosterkirche, und setzten ihn vor dem Hoch¬ altar nieder. Da erholte er sich zu unserm Erstaunen und fing an zu sprechen, so daß Leonardus selbst, sogleich nach vollendeter Beichte und Absolution, die letzte Oelung vor¬ nahm. Nachher begaben wir uns, waͤhrend Leonardus unten blieb und immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen die gewoͤhnlichen Todtengesaͤnge fuͤr das Heil der Seele des sterbenden Bruders. Gerade als die Glocke des Klosters den an¬ dern Tag, naͤmlich am fuͤnften September des Jahres 17 . . Mittags zwoͤlfe schlug, verschied Bruder Medardus in des Priors Armen. Wir bemerkten, daß es Tag und Stunde war, in der voriges Jahr die Non¬ ne Rosalia auf entsetzliche Weise, gleich nach¬ dem sie das Geluͤbde abgelegt, ermordet wur¬ de. Bei dem Requiem und der Exportation hat sich noch folgendes ereignet. Bei dem Re¬ quiem naͤmlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft, und wir bemerkten, daß an dem schoͤnen Bilde der heiligen Rosalia, das von ei¬ nem sehr alten unbekannten italiaͤnischen Maler verfertigt seyn soll, und das unser Kloster von den Capuzinern in der Gegend von Rom fuͤr erklekliches Geld erkaufte, so daß sie nur ei¬ ne Copie des Bildes behielten, ein Strauß der schoͤnsten, in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war. Der Bruder Pfoͤrtner sagte, daß am fruͤhen Morgen ein zerlump¬ ter, sehr elend aussehender Bettler, von uns unbemerkt, hinaufgestiegen und den Strauß an das Bild geheftet habe. Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein und draͤng¬ te sich unter die Bruͤder. Wir wollten ihn zuruͤckweisen, als aber der Prior Leonardus ihn scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu leiden. Er nahm ihn als Lay¬ enbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder Peter, da er im Leben Peter Schoͤn¬ feld geheißen, und goͤnnten ihm den stolzen Namen, weil er uͤberaus still und gutmuͤ¬ thig war, wenig sprach und nur zuweilen sehr possirlich lachte, welches, da es gar nichts suͤndliches hatte, uns sehr ergoͤtzte. Der Prior Leonardus sprach einmal: des Peters Licht sey im Dampf der Narrheit verloͤscht, in die sich in seinem Innern die Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden Alle nicht, was der gelehrte Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, daß er mit dem Layenbruder Peter laͤngst bekannt seyn muͤsse. So habe ich den Blaͤttern, die des Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber nicht gelesen, die Umstaͤnde seines Todes sehr genau und nicht ohne Muͤhe ad majorem dei gloriam hinzugefuͤgt. Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder Medardus, der Herr des Himmels lasse ihn dereinst froͤlich auferstehen und nehme ihn auf in den Chor heiliger Maͤn¬ ner, da er sehr fromm gestorben.