Gedichte eines Lebendigen . Druck von Zürcher \& Furrer. Gedichte eines Lebendigen . Mit einer Dedikation an den Verstorbenen. Zürich und Winterthur Verlag des literarischen Comptoirs . 1841. An den Verstorbenen. O Ritter, toter Ritter, Leg' Deine Lanze ein! Sie soll in tausend Splitter Von mir zertrümmert sein. Heran auf Deinem Rappen, Du bist ein arger Schalk, Trotz Knappen und Trotz Wappen, Trotz Falk und Katafalk! Ich steh' nicht bei dem Trosse, Der räuchernd vor Dir schweigt, Weil Du ein Herz für Rosse Und für's Kameel gezeigt; Baschkire oder Mandschu — Was schiert mich Deine Welt? Ich schleudre meinen Handschuh Dir in Dein ödes Zelt. Dem Reich der Mameluken Weissagst Du Auferstehn, Und sähest ohne Zucken Dein Vaterland vergehn; Doch wiegtest unter Palmen Du Dein Profetenhaubt, Wenn nicht aus unsern Halmen Du erst Dein Gold geraubt? Du steuerst nun so lange Im Weltmeer aus und ein, Und ward es nie Dir bange, Daß Du so klein, so klein? Ist er Dir nie erschienen, Der Fürst von Ithaka, Wenn Deine Sündermienen In seinem Reich er sah? Und sprach er nie mit Grollen:? „Fort aus dem freien Meer! „Wirf nicht in seinen Schollen „Dein Lügenkorn umher! „Zieh' heim an Deine Pleisse, „Zieh' heim an Deine Spree; „Nicht jede Fürstenreise „Ist eine Odyssee.“ Wohl ist er unerreichbar Der göttliche Uliß, Doch Du bist ihm vergleichbar Am wenigsten gewiß. Im Saus nicht und im Brause Hat er die Zeit verdehnt, Er hat sich stets nach Hause Zu Weib und Volk gesehnt. Für Deines Volkes Rechte, Wie fochtest Du so schlecht! Du standest im Gefechte — Ja, für das Türkenrecht; Du stirbst auch auf dem Schilde, Ja, auf dem Wappenschild; Klag' nicht, daß Deine Gilde Fortan bei uns Nichts gilt! Den Marmor bringt Carrara Noch nicht für den hervor, An den der Niagara Den Donner selbst verlor, Der nur in alle Fernen Zu seiner Schmach gereist, Und noch vor Gottes Sternen Auf seine Sternchen weist. O Ritter, schlechter Ritter, Leg' Deine Lanze ein! Sie soll in tausend Splitter Von mir zertrümmert sein. Lass' ab, lass' ab und spähe Nicht nach der Wüste Sand! Ich setze in der Nähe Dich in Dein Vaterland. Georg Herwegh. An Frau Carolina S. in Zürich. Nur zagend lass' ich meinen Worten Vor andern Menschen ihren Lauf; Dir schließen sich die letzten Pforten Von meinem Herzen klingend auf; Mir ist, Dir dürf' ich Alles sagen, Die tiefste Seele wird mir flott; Wie ich mag in die Saiten schlagen, Um Deine Lippen blitzt kein Spott. Die Welt will, daß man sie betrüge Durch ein erheuchelt fromm Gefühl, Mit Anstand einen Frieden lüge, Wenn's in der Brust uns dumpf und schwül; Du hörest, seltenste der Frauen, Den kecken Schwärmer ohne Groll, Du weißt, man muß ihn selber bauen, Den Himmel, dran man glauben soll. — Gleichwie am stillen Abend schmettert Durch heitre Luft Trompetenklang, Gleichwie 's um Rosenbüsche wettert Ein blühendes Gestad entlang, Gleichwie zum Sturme ruft die Glocke, Indeß noch Beter am Altar, Wie neben eines Kindes Locke Ein graues, ernstes Greisenhaar, — — So tönt zu meinem stillen Volke Mein zürnend, freiheitheischend Lied; Ich bin die schwere, schwarze Wolke, Der Gott den Donner nur beschied; Ich bin kein froher, freud'ger Buhle, Deß Wappen Rose und Pokal, Ich sitz' als Geist auf Banko's Stuhle Bei jedem frechen Königsmal. O könnt' im finstern Rath der Alten Mein Lied ein zündend Feuer sein! Doch ach! die Nüchternen, die Kalten Verlangen abgelegnen Wein. Im Zorn oft drück' ich auf die Flasche Den Kork — es öffnet sich Dein Haus, Auf Deinem Herde schlägt die Asche Zu neuen kühnen Flammen aus. Ich trug mein Lied, wie jener Meros Den Dolch, tief unter meinem Hemd; Es klang, wo man dem Liede Nero's, Des neugekrönten, lauscht, so fremd. Wohl waren manche Perlen fertig, Doch noch der ächten Taucherhand, Noch Deiner lieben Hand gewärtig; Nimm sie — und wirf sie in den Sand! Leicht Gepäck. Ich bin ein freier Mann und singe Mich wohl in keine Fürstengruft, Und Alles, was ich mir erringe, Ist Gottes liebe Himmelsluft; Ich habe keine stolze Veste, Von der man Länder übersieht, Ich wohn' ein Vogel nur im Neste, Mein ganzer Reichthum ist mein Lied. 2 Ich durfte nur, wie Andre, wollen, Und wär' nicht leer davongeeilt, Wenn jährlich man im Staat die Rollen Den treuen Knechten ausgetheilt; Allein ich hab' nie zugegriffen, So oft man mich herbei beschied, Ich habe fort und fort gepfiffen, Mein ganzer Reichthum ist mein Lied. Der Lord zapft Gold aus seiner Tonne, Und ich aus meiner höchstens Wein; Mein einzig Gold die Morgensonne, Mein Silber all der Mondenschein! Färbt sich mein Leben herbstlich gelber, Kein Erbe, der zum Tod mir rieth; Denn meine Münzen prägt' ich selber; Mein ganzer Reichthum ist mein Lied. Gern sing' ich Abends zu dem Reigen, Vor Thronen spiel' ich niemals auf; Ich lernte Berge wohl ersteigen, Paläste komm' ich nicht hinauf; Indeß aus Moder, Sturz und Wettern Sein golden Loos sich Mancher zieht, Spiel' ich mit leichten Rosenblättern; Mein ganzer Reichthum ist mein Lied. Nach Dir, nach Dir steht mein Verlangen, O schönes Kind, o wärst Du mein! Doch Du willst Bänder, Du willst Spangen, Und ich soll dienen gehen? Nein! Ich will die Freiheit nicht verkaufen, Und wie ich die Paläste mied, Laß ich getrost die Liebe laufen; Mein ganzer Reichthum sei mein Lied. Wer ist frei? Der ist allein ein freier Mann, Und seiner sei gedacht, Der sie sich selbst verdienen kann, Die Freiheit in der Schlacht, Der mit der eignen Klinge Sie holt herbei, Der Mann ist's, den ich singe, Der Mann ist frei! O wehe, wer dem Franken traut Und ihn zu froh begrüßt; Er bringt uns immer unsre Braut, Wenn Er sie satt geküßt. Noch gibt's in unsren Reihen Pulver und Blei — Drum laßt uns selber freien, So sind wir frei! Die Freiheit wohnt am Don und Belt, Sie trinkt aus unsrem Rhein, Die Freiheit schläft im Wüstenzelt Und glänzt im Sternenschein; Doch muß man um sie werben, Wo 's immer sei, Doch muß man für sie sterben, Dann wird man frei! Noch hat der Deutsche eine Hand Und eine starke Wehr, Gibt keinen Schritt vom Vaterland Selbst für die Freiheit her; Und die mit uns erheben Solch Feldgeschrei, Die sollen alle leben, Denn sie sind frei! Viel tausend Funken, Eine Glut, Viel Herzen und Ein Schlag, So harren wir gar wohlgemut Bis an den jüngsten Tag; Die Einheit muß verschlingen Die böse Zwei, Dann soll es donnernd klingen: Deutschland ist frei! Arndt's Wiedereinsetzung. O Jubelbotschaft, die zu uns gekommen! O selten, selten Glück! Ihr hattet einen starken Mann genommen, Und gebt uns einen Greis zurück! Als einst gehemmet ihr des Schwertes Blitze Bei diesem Sohne Teut's, Da in das Land stieß fluchend er die Spitze, Und kniete vor dem stumpfen Kreuz. Deß Lied man sich erfreut in Süd und Norden, Im Feld, am stillen Herd, Durch Eure Ruthen ist verwandelt worden Sein Pegasus zum Steckenpferd. Und nun, da 's Zeit, daß man sie wieder zücke, Die Flammberg' allzumal, Nun schickt Ihr uns den Alten mit der Krücke, Alt — nicht blos durch der Jahre Zahl. Wohl möcht' er stehn, wie wir noch, und nicht wanken Im heissen Pulverdampf, Doch rufen andre Fahnen und Gedanken Und andre Götter uns zum Kampf Die Kugel blieb dieselbe allerwegen Vom alten guten Blei, Doch trägt man ihr ein ander Haubt entgegen, Sie reißt ein stolzer Herz entzwei. Vor Einem Altar, dem der Freiheit, reichen Sich Völker nun die Hand, Und weiter, als die Lorbern und die Eichen, Dehnt sich des Deutschen Vaterland. Die Sterne blassen, wenn die Sonnen funkeln, Und Sonne ist er nicht; Er ist ein schöner Stern, laßt ihn im Dunkeln! Was reißt Ihr ihn an's Morgenlicht? Er ist ein Abendrot und mag noch feuchten Manch Auge, kummerschwer, All e in verzeiht, ihr hohen Herrn, erleuchten nn er die junge Welt nicht mehr. Es zieht durch sie ein frischer schaffend Wehen In ungehemmtem Lauf, Und mit des Frühlings neuen Blumen gehen Auch neue große Herzen auf! Gebet. Brause, Gott, mit Sturmesodem durch die fürchterliche Stille, Gib ein Trauerspiel der Freiheit für der Sklaverei Idylle; Laß das Herz doch wieder schlagen in der Brust der kalten Welt, Und erweck' ihr einen Rächer, und erweck' ihr einen Held! Wenn sie in der eignen Heimat frei zu leben uns nicht gönnen, Schaff' uns eine grüne Insel, wo wir frei noch sterben können, Sterben können froh und freudig in der frischen freien Luft Und uns selbst die Rosen träufeln aus den Wunden auf die Gruft! Aus dem Nachtmalkelch der Freiheit laß uns wieder einmal schlürfen, Baue wieder einen Altar, drauf wir uns dir opfern dürfen, Breite vor uns einen Wahlplatz, einen Platz der Völkerwahl, Aus dem Kerker, aus der Scheide sehnt sich wieder unser Stahl! Ach! um jenes Sturms Verheissung hat der Frieden uns betrogen, Und das goldne Schiff der Hoffnung, das als Wiege in die Wogen Unter Klang und Sang gesteuert und so reiche Schätze barg, Ruht gescheitert, schwarzbewimpelt in dem Hafen jetzt, ein Sarg. Will mein Volk nun ewig klagend dieses morsche Wrack umstehen? Soll in thatenlosen Seufzern seine beste Kraft verwehen? Donnert nie durch seinen Himmel der Entscheidung scharfer Ton? Wahrlich ein Despote zaudert nicht so lang am Rubikon! Glaubet ihr, der Frieden werd' euch für des Hauses Freude bürgen? Nur vernichten kann der Krieg uns, solch ein Frieden wird uns würgen! In dem wilden Kampfgewühle mag es wohl ihr werden heiß, Aber straucheln muß die Freiheit auf des Russen starrem Eis! So ihr nicht begießt die Pflanze, wird sie allgemach verkümmern, So ihr nicht gebraucht den Degen, wird ihn schnell der Rost zertrümmern; Eine Ader sich zu öffnen für die Freiheit, wäre gut, Sonsten zweifeln die Tyrannen an der Völker reinem Blut. Aber wollen mich die Männer nicht verstehn, die schwerverirrten, O so höret Ihr mich, Frauen! Traget Ihr ein Schwert in Myrten! Traget Ihr ein Schwert in Myrten; denn mich dünket, Frau und Frei, Nicht so fremd einander klingen diese Worte, diese Zwei! Der letzte Krieg. Wer seine Hände falten kann, Bet' um ein gutes Schwert, Um einen Helden, einen Mann, Den Gottes Zorn bewehrt! Ein Kampf muß uns noch werden, Und drin der schönste Sieg, Der letzte Kampf auf Erden, Der letzte heilige Krieg! Herbei, herbei, ihr Völker all, Um euer Schlachtpanier! Die Freiheit ist jetzt Feldmarschall, Und Vorwärts heissen wir. Der Zeiger weist die Stunde, O flieg', mein Polen, flieg', Mit jedem Stern im Bunde, Voran zum heiligen Krieg! Ja! vorwärts, bis der Morgen blinkt, Ja! vorwärts, frisch und froh! Vorwärts, bis hinter uns versinkt Die Brut des Pharao! Er wird auch für uns sprechen, Der Herr, der für uns schwieg, Und unsre Ketten brechen Im letzten heiligen Krieg. O walle hin, du Opferbrand, Hin über Land und Meer, Und schling' ein einig Feuerband Um alle Völker her; So wird er uns beschieden, Der große, große Sieg, Der ewige Völker-Frieden, — Frisch auf, zum heiligen Krieg! Der sterbende Trompeter. Der Teufel, daß ich daniedersank! Wie werden die polnischen Lanzen, Wie werden die Schwerter bei anderem Klang Den Schlachtenreigen nun tanzen! Wohl stand ich so oft, wohl stand ich so oft, Umbraust von grimmigen Wettern, Und habe gehofft, und habe gehofft, In befreiete Lüfte zu schmettern; Ich habe gehofft, wenn der blutige Tod Auf sausenden Kugeln geflogen, Gehofft, wenn er donnernd um mich gedroht, Gehofft, und hab' mich betrogen. Daß die Seele leichter von hinnen zieht, Kameraden, seid jetzo beschworen! Nehmt meine Trompete und blast mir das Lied: „Noch ist Polen nicht verloren!“ Und blast mir das Lied, sonst Nichts, sonst Nichts, Und laßt es mich sterbend noch hauchen! Dann gebt sie mir wieder; am Tag des Gerichts Werd' ich die Trompete brauchen. Denn wenn Gott den Toten auf Erden ruft, Wenn er will aus den Gräbern sie schrecken, Da muß er zuerst aus ihrer Gruft Doch die Trompeter erwecken. Das wird ein Tag der Freude, juchhei! Wie spreng' ich den drückenden Rasen, Um allen Völkern der Erde herbei Dann gegen die Russen zu blasen! 3 Reiterlied. Die bange Nacht ist nun herum, Wir reiten still, wir reiten stumm, Und reiten in's Verderben. Wie weht so scharf der Morgenwind! Frau Wirthin, noch ein Glas geschwind Vorm Sterben, vorm Sterben. Du junges Gras, was stehst so grün? Mußt bald wie lauter Röslein blüh'n, Mein Blut ja soll Dich färben. Den ersten Schluck, an's Schwert die Hand, Den trink' ich, für das Vaterland Zu sterben, zu sterben. Und schnell den zweiten hinterdrein, Und der soll für die Freiheit sein, Der zweite Schluck vom Herben! Diß Restchen — nun, wem bring' ich's gleich? Diß Restchen Dir, o römisch Reich, Zum Sterben, zum Sterben! Dem Liebchen — doch das Glas ist leer, Die Kugel saust, es blitzt der Speer; Bringt meinem Kind die Scherben! Auf! in den Feind wie Wetterschlag! O Reiterlust, am frühen Tag Zu sterben, zu sterben! Rheinweinlied . (Okt. 1840.) Wo solch ein Feuer noch gedeiht Und solch ein Wein noch Flammen speit, Da lassen wir in Ewigkeit Uns nimmermehr vertreiben. Stoßt an! Stoßt an! der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben. Herab die Büchsen von der Wand, Die alten Schläger in die Hand, Sobald der Feind dem welschen Land Den Rhein will einverleiben! Haut, Brüder, mutig drein! Der alte Vater Rhein, Der Rhein soll deutsch verbleiben. Das Recht und Link, das Link und Recht, Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht! Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht, Des Franzmanns Mühlen treiben. Stoßt an! Stoßt an! der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben. Der ist sein Rebenblut nicht wert, Das deutsche Weib, den deutschen Herd, Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert, Die Feinde aufzureiben. Frisch in die Schlacht hinein! Hinein für unsern Rhein! Der Rhein soll deutsch verbleiben. O edler Saft, o lauter Gold, Du bist kein ekler Sklavensold! Und wenn ihr Franken kommen wollt, So laßt euch vorher schreiben. Hurrah! Hurrah! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben. Das freie Wort. Sie sollen Alle singen Nach ihres Herzens Lust; Doch mir soll fürder klingen Ein Lied nur aus der Brust: Ein Lied, um Dich zu preisen, Du Nibelungenhort, Du Brot und Stein der Weisen, Du freies Wort! Habt Ihr es nicht gelesen: Das Wort war vor dem Rhein? Im Anfang ist's gewesen, Und soll drum ewig sein. Und eh' Ihr Einen Schläger Erhebt zum Völkermord, Sucht unsern Pannerträger, Das freie Wort! Ihr habet zugeschworen So treu dem Vaterland, Doch seid Ihr All' verloren Und haltet nimmer Stand, So lang in West und Osten, So lang in Süd und Nord Das beste Schwert muß rosten, Das freie Wort! Ach! es will finster werden, Wohl finster überall, Doch ist die Nacht auf Erden Ja für die Nachtigall. Heraus denn aus der Wolke, Die, Sänger, Euch umflort; Erst predigt Eurem Volke Das freie Wort! Laßt Eure Adler fliegen, Ihr Fürsten, in die Welt, Und sie nicht müssig liegen Auf Eurem Wappenfeld! O jagt einmal die Raben Aus unsern Landen fort, Und sprecht: Ihr sollt es haben, Das freie Wort! Der beste Berg. Es ist ein Berg auf Erden, Der Gutenberg genannt, Der soll besungen werden Wohl auf und ab im Land. Er heget keine Veste, Er pfleget keinen Wein, Und wird doch stets der beste Von allen Bergen sein. Es ist ein Berg auf Erden, Der steht zu Mainz am Rhein, Mit trutzigen Geberden Schaut er in's Land hinein. Da schaut er, was wir treiben Vom Rheine bis an's Meer, Da liest er, was wir schreiben Im weiten Land umher. — Zu lang war dem Kyffhäuser Des Rothbarts Todesnacht, Da ist für seinen Kaiser Der gute Berg erwacht. Zu Schanden heißt er werden Der Raben schwarzes Werk, Der beste Berg auf Erden, Das ist der Gutenberg. Drei Gutenbergslieder . (Juni 1840.) I. Die Sonne, der wir lang geharrt, Ist endlich aufgegangen; Wir schauen ihre Himmelfahrt Voll Sehnen und Verlangen. Wo ist ein Herz, das ruhig schlägt, Wenn solch ein Tag die Schwingen regt? Ihr Völker wachet auf! Die Ketten brach der Lenz entzwei Mit seinen Rosendüften, Und unsre Seelen rauschen frei, Wie Adler, in den Lüften. Die Toten drückt der Tod heut' nicht; Horcht! unser Meister lebt und spricht: Ihr Völker, wachet auf! Ihr Völker, wachet auf und seht Den Himmel selbst in Flammen! Ihr Völker, wachet auf und steht Ein einig Heer zusammen! Voran, voran, im Sturm voran! Der Gutenberg trägt uns die Fahn'. Ihr Völker, wachet auf! Verheissend schaut sein selig Haubt Aus Wolken zu der Erden; Ob man die Blüten uns geraubt, Die Frucht soll uns doch werden; Was solch ein guter Geist ersann, Das thut kein Teufel in den Bann. Ihr Völker, wachet auf! II. Seht ihr den Geist der Freiheit schreiten Auf Blumensohlen durch das Land? Zum stillen Segen liebend breiten Die schwertgewohnte Götterhand? Auf hohem Berg, im tiefsten Thale, So freudig rauscht's, so wundersam; Die Freiheit weint zum vierten Male, Zum vierten Male nicht aus Gram. Denn Völker knieen am Altare, Den ihrem Sohn man auferbaut, Das Opfer sind vierhundert Jahre, Die Ewigkeit ist seine Braut. Vierhundert Jahre sind erschlagen, Vierhundert Feinde liegen tot, Bald wird er frei die Waffen tragen, Die ihm die freie Mutter bot. Bald wird er schleudern frei die Blitze In des Verbrechens düstres Haus, Und dann auf ihrem Lottersitze Des Volkes Feinde spähen aus. III. Aus Hütten einzig kommt das Heil der Welt, Im härnen Mantel predigt der Prophete — So ward auch Blei, und nicht das Gold, bestellt, Daß tausendzüngig jede Wahrheit rede. Ein böser Geist der Tiefe haust im Gold, Es ist ein Knecht und gibt sich gern in Sold; Wie Porzia, faßt das Beste man in Blei, Und reimt man drauf, so reimt man immer: Frei! Das schwere Blei wird in des Meisters Hand Der Elfengeister luftiges Gewand; Er läßt es nicht als Todeskugel fliegen, Er führet es als Wort von Sieg zu Siegen, Und wo die beste Waffe fehlt von Erz, Da trifft ein Wort des rechten Mannes Herz; Es zittert nicht vor des Tyrannen Miene — Was will die Flocke gegen die Lawine? Kein Censor fällt der Wahrheit in die Zügel, Er hat nur Federn, doch die Wahrheit Flügel. Die Jungen und die Alten. „Du bist jung, Du sollst nicht sprechen! Du bist jung, wir sind die Alten! Laß die Wogen erst sich brechen Und die Gluten erst erkalten! Du bist jung, Dein Thun ist eitel! Du bist jung und unerfahren! Du bist jung, kränz' Deinen Scheitel Erst mit unsern weissen Haaren! Lern', mein Lieber, erst entsagen, Laß die Flammen erst verrauchen, Laß Dich erst in Ketten schlagen, Dann vielleicht kann man Dich brauchen!“ Kluge Herren! Die Gefangnen Möchten ihres Gleichen schauen; Doch, ihr Hüter des Vergangnen, Wer soll denn die Zukunft bauen? Sprecht, was sind euch denn verblieben, Außer uns, für wackre Stützen? Wer soll eure Töchter lieben? Wer soll eure Häuser schützen? Schmäht mir nicht die blonden Locken, Nicht die stürmische Geberde! Schön sind eure Silberflocken, Doch dem Gold gehört die Erde. Schmähet, schmäht mir nicht die Jugend, Wie sie auch sich laut verkündigt! O wie oft hat eure Tugend An der Menschheit still gesündigt! 4 Protest. So lang ich noch ein Protestant, Will ich auch protestiren, Und jeder deutsche Musikant Soll's weiter musiziren! Singt alle Welt: Der freie Rhein! So sing' doch ich: Ihr Herren, nein! Der Rhein, der Rhein könnt' freier sein — So will ich protestiren. Kaum war die Taufe abgethan, Ich kroch noch auf den Vieren, Da fing ich schon voll Glaubens an, Mit Macht zu protestiren, Und protestire fort und fort, O Wort, o Wind, o Wind, o Wort, O selig sind, die hier und dort, Die ewig protestiren. Nur Eins ist Not, dran halt' ich fest Und will es nit verlieren, Das ist mein christlicher Protest, Mein christlich Protestiren. Was geht mich all das Wasser an Vom Rheine bis zum Ocean? Sind keine freien Männer dran, So will ich protestiren. Von nun an bis in Ewigkeit Soll euch der Name zieren: So lang ihr Protestanten seid, Müßt ihr auch protestiren. Und singt die Welt: Der freie Rhein! So singet: Ach! ihr Herren, nein! Der Rhein, der Rhein könnt' freier sein, Wir müssen protestiren. Aufruf. Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeih'n. Laßt, o laßt das Verseschweißen! Auf den Ambos legt das Eisen! Heiland soll das Eisen sein. Eure Tannen, eure Eichen — Habt die grünen Fragezeichen Deutscher Freiheit ihr gewahrt? Nein, sie soll nicht untergehen! Doch ihr fröhlich Auferstehen Kostet eine Höllenfahrt. Deutsche, glaubet euren Sehern, Unsre Tage werden ehern, Unsre Zukunft klirrt in Erz; Schwarzer Tod ist unser Sold nur, Unser Gold ein Abendgold nur, Unser Rot ein blutend Herz! Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Hört er unsre Feuer brausen Und sein heilig Eisen sausen, Spricht er wohl den Segen drein. Vor der Freiheit sei kein Frieden, Sei dem Mann kein Weib beschieden Und kein golden Korn dem Feld; Vor der Freiheit, vor dem Siege Seh' kein Säugling aus der Wiege Frohen Blickes in die Welt! In den Städten sei nur Trauern, Bis die Freiheit von den Mauern Schwingt die Fahnen in das Land; Bis du, Rhein, durch freie Bogen Donnerst, laß die letzten Wogen Fluchend knirschen in den Sand. Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeih'n. Gen Tyrannen und Philister! Auch das Schwert hat seine Priester, Und wir wollen Priester sein! Neujahr. (1841.) Herr, o Herr, soll größer noch Deine Kette werden? Reicht sie von dem Himmel doch Längst herab zur Erden! Wieder, weil ein Jahr verging, Sprudelt man Sonette, Singt von einem neuen Ring An der alten Kette. Kette, o du klirrend Bild, Schreckwort aller Zungen, Welch ein Gott hat grausam wild Dich ums All geschlungen? Daß er seine Sterne wohl Vor dem Falle rette, Muß der Ewigkeit Symbol Bleiben eine Kette? Kann der Jahre Trauerschar, Herr, Dir nicht genügen? Wirst Du immer, immerdar Ring zum Ringe fügen? Endigt nie der Menschheit Qual? Hebt sie nie ihr Bette? Wächst sie nie, der Freien Zahl? Wächst nur Deine Kette? Fragend schaut' ich manche Nacht Auf zu Deinen Hallen; Endlich, hab' ich oft gedacht, Muß die Kette fallen. Ach! mein Hoffen trieb im Sturm Auf dem letzten Brette, Und ward, ein getretner Wurm, Auch ein Ring der Kette. Herr, o spare Deinen Grimm Fürder den Tyrannen, Einmal mit dem Jahre nimm Einen Ring von dannen! Gib uns, was wir heiß gesucht, Trüg's auch Dorn und Klette, Mindre nur die schwere Wucht Deiner goldnen Kette! Nimm, die sie so lang umfing, Nimm sie von der Erden; Laß der Kette letzten Ring Freiheitsbrautring werden! Höre unser banges Schrein: Herr, o Herr errette, Und den Teufel laß allein Ewig an der Kette! Ja! Du wirst. Schon seh' ich, traun! Neue Sterne ziehen, Neue Tempel seh' ich bau'n, Neue Völker knien; Donnerklang und Harfenton Rufen in die Mette — Still! die Engel opfern schon Einen Ring der Kette. Frühlingslied . (1841.) Noch ein Lied dem deutschen Bürger, Noch ein ächtes Maienlied! Frühling sei es keinem Würger, Der sein Volk zum Staube zieht; Frühling Jedem bis zum Tod, Frühling nie für den Despot! Selbst der Himmel, warm und rein, Der des Freien Brust erweitert, Eine Klippe, dran er scheitert, Mög' er jedem Wütrich sein. Alle Blumen sollen flüstern: „Seht ihr, seht ihr den Tyrann? „Bleib' in Deinem Reich, dem düstern, „In der Hölle, finstrer Mann! „Willst Du noch des Weihrauchs mehr? „Unser Kelch ist für Dich leer. „Fort, Du taugst nicht an das Licht! „Weiche ferne, Du Verräther, „Du verstehst den freien Aether „Und die Frühlingsfreiheit nicht!“ Jede Biene dünk' Tarantel, Jeder Rose Purpurkleid Ihm ein Carbonarimantel, Drin ein Dolch für ihn bereit! Jeglich Säuseln, das er hört, Ihm sein Volk, das sich empört; Keine Freude und kein Scherz, Keine Wonne soll ihm blühen, Und von keiner Sonne glühen Je ihm sein sibirisch Herz! Nächtlich mit Entsetzen dreh' er Sich im sternenlosen Nichts, Und von allen Engeln seh' er Nur den Engel des Gerichts; Jeder Schlag der Nachtigall Kling' ihm wie Posaunenschall, Der ihn vor den Ew'gen ruft; Und der Lerche jubelnd Schmettern, Wie der Blitz von tausend Wettern Treff' es ihn aus blauer Luft. Jeder Blütenbaum am Wege Streu' auf's Haubt ihm Silberschnee, Einen eis'gen Panzer lege Um sein Schiff ihm jeder See; Wo er immer landen mag, Flieh' erschreckt der goldne Tag; In der öden kahlen Flur Soll sich seine Seele spiegeln, Ihm ein Buch mit tausend Siegeln Sei im Lenze die Natur. Ja, o Lenz, sei für die Dichter, Für die Völker Lenz allein! Für Tyrannen sollst Du Richter, Für Tyrannen Rächer sein. Schreib' auf jedes grüne Blatt: Ich bin eurer herzlich satt, Eurer schnöden Tyrannei! Frei sind meiner Blumen Düfte, Meine Wolken, meine Lüfte, Auch die Menschen seien frei! Der Freiheit eine Gasse! Vorm Feinde stand in Reih' und Glied Das Volk um seine Fahnen, Da rief Herr Struthahn Winkelried: „Ich will den Weg Euch bahnen! „Dir, Gott, befehl' ich Weib und Kind, Die ich auf Erden lasse — “ Und also sprengt' er pfeilgeschwind Der Freiheit eine Gasse. Das war ein Ritter noch mit Fug, Der wie ein heiß Gewitter Die Knechte vor sich niederschlug — O wär' ich solch ein Ritter, Auf stolzem Roß von schnellem Huf, In schimmerndem Kürasse, Zu sterben mit dem Donnerruf: Der Freiheit eine Gasse! Doch zittert nicht! ich bin allein, Allein mit meinem Grimme; Wie könnt' ich Euch gefährlich sein Mit meiner schwachen Stimme? Dem Herrscher bildet sein Spalier, Wie sonst, des Volkes Masse, Und Niemand, Niemand ruft mit mir: Der Freiheit eine Gasse! 5 Ihr Deutschen ebnet Berg und Thal Für Eure Feuerwagen, Man sieht auf Strassen ohne Zahl Euch durch die Länder jagen; Auch dieser Dampf ist Opferdampf — Glaubt nicht, daß ich ihn hasse — Doch bahnet erst in Streit und Kampf Der Freiheit eine Gasse! Wenn alle Welt den Mut verlor, Die Fehde zu beginnen, Tritt Du, mein Volk, den Völkern vor, Laß Du Dein Herzblut rinnen! Gib uns den Mann, der das Panier Der neuen Zeit erfasse, Und durch Europa brechen wir Der Freiheit eine Gasse! Vive le Roi ! (Frei nach Hégésippe Moreau .) Vive le roi ! .... Wie haben Trugprofeten Mit diesem Lügenwunsch ihn doch berauscht! Wie gierig haben stets bei seinen F è ten Furcht, Interesse, Eitelkeit gelauscht! Ich mag den Herren ihre Kreuze gönnen, Wenn ich sie so zu Hofe traben seh', Und steh' bei Seit', um rufen noch zu können: Vive la liberté ! Vive le roi ! .... So hatten Höflingsweise Dem Hochmut eines Erdengotts gefröhnt; Wie ward ihr lauter Jubel doch so leise, Als drauf der Leoniden Ruf ertönt! O heil'ger Ruf, der noch in unsern Tagen So prächtig klingt, wie bei Thermopilä; Auch unsre Fahne soll als Wahlspruch tragen: Vive la liberté ! Vive le roi ! .... Wie oft mußt' das erschallen Von unsern Burgen, wenn am eignen Herd In ihres Fürsten Namen die Vasallen Erwürgte unsrer gnäd'gen Herren Schwert! Noch heben nächtlich sie bei Mondenschimmer Die blut'gen Klingen fluchend in die Höh', Doch lächelnd schreibt der Wandrer auf die Trümmer: Vive la liberté ! Vive le roi ! ... Ha! so erstickt der Sklave Der Rache Ruf im eitelen Refrain; Daß ja das ew'ge Kind recht ruhig schlafe, Seht ihr, so wiegt man einen Fürsten ein! Doch bricht das Wetter aus, so lang beschworen, Ist er verlassen, ohne Schmeichler — Weh! Dann donnert ihm vernichtend in die Ohren: Vive la liberté ! Vive la République. (Beim Alpenglühen gedichtet.) Berg an Berg und Brand an Brand Lodern hier zusammen; Welch ein Glühen! — ha! so stand Ilion einst in Flammen. Ein versinkend Königshaus Raucht vor meinem Blicke, Und ich ruf' ins Land hinaus: Vive la république! Heil'ge Gluten, reiner Schnee, Golden Freiheitkissen, Abendglanzumstralter See, Schluchten, wild zerrissen — Daß im Schweizerlandrevier Sich kein Nacken bücke! Kaiser ist der Bürger hier; Vive la république ! Eine Phalanx stehet fest, Fest und ohne Wanken, Und an Euren Alpen meßt Euere Gedanken! Eurer Berge Kette nur Ward Euch vom Geschicke; Auf die Kette schrieb Natur: Vive la république ! Blumen um die Schläfe her Steigen Eure Höhen, Frisch, wie Venus aus dem Meer, Auf aus Euren Seeen; Daß aus Deinem Jungfernkranz Man kein Röschen knicke, Schweizerin, hüt' ihn wohl beim Tanz! Vive la république ! Auf die Felsen wollte Gott Seine Kirche bauen; Vor den Felsen soll dem Spott Seiner Feinde grauen! Zwischen hier und zwischen dort Gibt's nur Eine Brücke: Freiheit, o du Felsenwort! Vive la république ! Dem deutschen Volk. Deutschland, o zerrissen Herz, Das zu Ende bald geschlagen, Nur um Dich noch will ich klagen Und in einer Brust von Erz Schweigend meinen kleinen Schmerz, Meinen kleinen Jammer tragen, Vaterland, um Dich nur klagen. Lustig grünt Dein Nadelholz, Lustig rauschen Deine Eichen; In den sechs und dreißig Reichen Fehlt ein einzig Körnchen Golds: Freier Bürger hoher Stolz Fehlt im Lande sonder Gleichen, In den sechs und dreißig Reichen. Wenn ein Sänger für Dich focht, Wenn ein Mann ein Schwert geschwungen, Hast Du scheu nur mitgesungen, Hast Du schüchtern mitgepocht; Und man hat Dich unterjocht, Hat Dich in den Staub gezwungen, Weil Du gar so still gesungen. Ihr beweinet's und bereut's — Und das nennt ihr deutsche Treue? Laßt die Thränen, laßt die Reue, Soll nicht einst der Enkel Teut's Sterben an der Zwietracht Kreuz, Kämpf' und handle, Volk, auf's Neue, Denn der Teufel ist die Reue! Tritt in Deiner Fürsten Reihn! Sprich: die sechs und dreißig Lappen Sollen wieder besser klappen Und Ein Heldenpurpur sein; Ein Reich, wie Ein Sonnenschein! Ein Herz, Ein Volk und Ein Wappen! Helf' uns Gott — so soll es klappen. Das Lied vom Hasse. Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß Dem Morgenrot entgegen! Dem treuen Weib den letzten Kuß, Und dann zum treuen Degen! Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt, Und wollen endlich hassen! Die Liebe kann uns helfen nicht, Die Liebe nicht erretten; Halt Du, o Haß, Dein jüngst Gericht, Brich Du, o Haß, die Ketten! Und wo es noch Tyrannen gibt, Die laßt uns keck erfassen; Wir haben lang genug geliebt, Und wollen endlich hassen! Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's Im Hasse nur sich rühren; Allüberall ist dürres Holz, Um unsre Glut zu schüren. Die ihr der Freiheit noch verbliebt, Singt durch die deutschen Strassen: „Ihr habet lang genug geliebt, O lernet endlich hassen!“ Bekämpfet sie ohn' Unterlaß, Die Tyrannei, auf Erden, Und heiliger wird unser Haß , Als unsre Liebe, werden. Bis unsre Hand in Asche stiebt, Soll sie vom Schwert nicht lassen; Wir haben lang genug geliebt, Und wollen endlich hassen! Gesang der Jungen bei der Amnestirung der Alten. Wie Wogendonner vom fernen Meer, Wie Wetter und Sturm im Lenze, So brauset der Tag, der junge, daher, Und die alten Kerker, sie werden leer — Kredenze, mein Liebchen, kredenze! — Doch weiß ich noch manch einen wackeren Mann, Der drein mit Ehren kommen kann. Gott schütze Dich, Liebchen! Ihr habt die Erlösung so nahe gedacht, Ihr Brüder, ihr lustigen Zecher; Ihr glaubtet zu fallen in blutiger Schlacht; In den Kerkern wird uns Quartier gemacht — Den Becher, mein Liebchen, den Becher! — Die Alten heraus und die Jungen hinein! Wie sollte der Weltlauf anders sein? Gott schütze Dich, Liebchen! Es gehet auf Erden wieder um Der Teufel mit wildem Gebrülle; Die deutsche Lippe bleibet nicht stumm, Der Deutsche schützet sein Heiligthum — O fülle, mein Liebchen, o fülle! — Der Himmel will's und das Herz gebeut's: Wir sprechen wie Männer und tragen das Kreuz. Gott schütze Dich, Liebchen! Vom hohen Thurme schauet ein Aar — Denk' mein, Feinliebchen, o denke! — Dort ruhet mein Arm, dort bleichet mein Haar; Doch über drei Tage und über ein Jahr — Schenk' ein, mein Liebchen, o schenke — Da läuten die Völker zum heiligen Sturm, Wir leeren die Gläser, und steigen vom Thurm! Gott grüße Dich, Liebchen! 6 An die deutschen Dichter. Seid stolz! es klingt kein Gold der Welt, Wie Eurer Saiten Gold; Es ist kein Fürst so hoch gestellt, Daß Ihr ihm dienen sollt! Trotz Erz und Marmor stürb' er doch, Wenn Ihr ihn sterben ließet; Der schönste Purpur ist annoch Das Blut, das Ihr als Lied vergießet! Der Ruhm der Herrscher wird verweht — Lobpreis' ihn, wer da will! Man jagt und spornt ihn, doch er steht Mit ihrem Herzen still. O laßt sie donnern fort und fort! An ihrem Grab verhallt es. Ihr Dichter, sprecht Ein grollend Wort, Und zu dem ew'gen Gotte schallt es! Es hat dem Vogel in dem Nest Der Himmel nie gewankt; Den Mächtigen dünkt er nur fest, So lang' der Thron nicht schwankt! Palast und Purpur hin und her, Ob Glanz sie überschütte — Seid stolz, seid stolz, Ihr seid ja mehr; Seid Ihr nicht Könige der Hütte? Blitzt ewig nicht der Thau im Feld, Gleich wie der Diamant? Ist nicht ob dieser ganzen Welt Ein Baldachin gespannt? Wiegt nicht die Rebe, die hinauf An einem Strohdach gleitet, Den unfruchtbaren Epheu auf, Der sich um Zwingherrnburgen breitet? Hoch, Sänger, schlage Euer Herz, Wie Lerchen in der Luft! Es ruht sich besser allerwärts, Als in der Fürstengruft. Ein Liebchen, das die Treue bricht, Ist überall zu finden; Verschmähet mir die Ringe nicht, Doch laßt Euch nie an Ketten binden! Dem Volke nur seid zugethan, Jauchzt ihm voran zur Schlacht, Und liegt's verwundet auf dem Plan, So pfleget sein und wacht! Und so man ihm den letzten Rest Der Freiheit will verkümmern, So haltet nur am Schwerte fest, Und laßt die Harfen uns zertrümmern! Anastasius Grün. (Wien, 13. Februar 1840. Anastasius Grün befindet sich seit einigen Tagen hier, um sich um den Kammerherrnschlüssel zu bewerben, da seine Frau, geborne Gräfin Attems, Sternkreuzordensdame wurde und doch nicht allein zu Hofe gehen kann. Der Graf soll dem Poeten völlig entsagt haben. Leipz. Allg. Z.) Ein heiß Gebet, befremdend wohl und neu, Sei, Todesengel, heut' an Dich gerichtet: Tritt in die Hütte, an die harte Streu, In den Palast, und horch, wo Einer dichtet! So lang er sich und seinem Schmerze treu, Bei seinem schönsten Lied werd' er vernichtet! Für tausend Tote will ich Thränen haben; Doch Lebende lernt' ich noch nicht begraben! Ein Fähndrich warf das Banner hin und floh, Und hat sein Heer, halb siegreich schon, verlassen. Ich aber frage angsterfüllet: Wo, Wo darf ich ferner lieben oder hassen? Ein Lied, begeistert, traurig oder froh — Am Ende wird's ein Spottlied auf den Gassen! Das wie ein Held gepanzert vorwärts drang, Dein Lied, auch Deines, wär' der Lüge Klang? O, sage: Nein! O, sage jenen Flachen, Daß ewig Deiner Seele sie nicht wert! Die Freiheit träumte jüngst noch vom Erwachen, Als Du ein „neues Ostern“ uns bescheert — Behalt' das Ruder! steure fort den Nachen, Blitz' durch die Finsterniß mit Deinem Schwert! Du wolltest in dem Rath der Spötter stehen? Ich will Dich lieber auf dem Munkatsch sehen! Was gibt es wohl, das unverdorben bliebe, Wo jene schwere Luft des Dünkels weht? Zum Hasse wird im Herzen dort die Liebe, Vergiftet auf der Lippe das Gebet! Kein Stern so schön, daß er nicht bald zerstiebe, Wenn er am Ordenssternenhimmel geht! Und Alles um ein Weib? Soll ich es glauben? Ein Weib darf Dich Dir selbst — doch uns nicht rauben! Darf man den Tempel um ein Weib entweih'n? Mit einem Weib um goldne Götzen tanzen? Du willst nicht mehr so frei sein, frei zu sein? Dein Schwert als Kreuzlein auf die Brust Dir pflanzen? Ich such' den Dichter nur in unsern Reihn — Leb' wohl! Leb' wohl! Ich laß Dich Deinen Schranzen! Schon hör' ich Dich: „Herz, Herz — nicht mehr so warm! Wir geh'n zu Hofe — Gräfin — Ihren Arm!“ Béranger . Frühling! Frühling! Die Feder wird zur Schwinge, Und jedes Elend eine Seligkeit! Frühling! Frühling! Der Griffel wird zur Klinge, Die mutig die verjüngte Welt befreit! Ein Lied mein Morgen- und mein Abendsegen, Ein Lied für jeden Jubel, jedes Weh', — Doch meiner Kränze schönsten laßt mich legen Ums Silberhaar heut' meinem Béranger ! Er küßte jede Freiheit in der Wiege, Er weinte jeder in die Grube nach; Er war der zweite Held bei jedem Siege, Er rief den Donner für Tyrannen wach; Es wurde zur erschütternden Lawine Des holden Haubtes leichter Flockenschnee; Der Freiheit ewig unerschöpfte Mine, Es ist das Herz von meinem Béranger . Die von der Heimat Boden sich verbannten, Wo freier Seelen Opfer Nichts mehr nützt, Und Ihr, des Czaren reinste Diamanten, Die er vor Dieben in Sibirien schützt, Auf Deinen Bergen, kühner Suliote, Du, Türk', in Deiner luftigen Moschee, Theilt heute zwischen Ihm und Eurem Gotte, Theilt zwischen Gott und meinem Béranger ! Wer lag am Boden, den Er nicht erhoben? Und wessen Herz ist seinem Lied zu klein? Wo ist die Hütte, drum er nicht gewoben Hätt' einen Paradieses-Heil'genschein? Du „Alter Vagabund“, den ich dem Grabe So grollend dort entgegenschleichen seh', — Heil, dreifach Heil dem morschen Bettelstabe, Dem Aaronsstab von meinem Béranger ! Frühling! die Gärten wollen Rosen tragen, Die ersten flugs hier meinem Mann ums Haubt! Die Nachtigall, die für Freiheit hat geschlagen, Hat an die Liebe glühend auch geglaubt. Doch wollt' er einzig von der Liebe singen, Daß auch die Liebe bei der Freiheit steh', — Ein Schwert mit Rosen wollen wir ihm bringen, Ein Schwert mit Rosen meinem Béranger ! Der Gang um Mitternacht. Ich schreite mit dem Geist der Mitternacht Die weiten stillen Straßen auf und nieder — Wie hastig ward geweint hier und gelacht Vor einer Stunde noch! ... Nun träumt man wieder. Die Lust ist, einer Blume gleich, verdorrt, Die tollsten Becher hörten auf zu schäumen, Es zog der Kummer mit der Sonne fort, Die Welt ist müde — laßt sie, laßt sie träumen! Wie all mein Haß und Groll in Scherben bricht, Wenn ausgerungen eines Tages Wetter, Der Mond ergießet sein versöhnend Licht, Und wär's auch über welke Rosenblätter! Leicht wie ein Ton, unhörbar wie ein Stern, Fliegt meine Seele um in diesen Räumen; Wie in sich selbst, versenkte sie sich gern In aller Menschen tiefgeheimstes Träumen! Mein Schatten schleicht mir nach wie ein Spion, Ich stehe still vor eines Kerkers Gitter. O Vaterland, dein zu getreuer Sohn, Er büßte seine Liebe bitter, bitter! Er schläft, — und fühlt er, was man ihm geraubt? Träumt er vielleicht von seinen Eichenbäumen? Träumt er sich einen Siegerkranz um's Haubt? — O Gott der Freiheit, laß ihn weiter träumen! Gigantisch thürmt sich vor mir ein Palast, Ich schaue durch die purpurnen Gardinen, Wie man im Schlaf nach einem Schwerte faßt, Mit sündigen, mit angstverwirrten Mienen. Gelb, wie die Krone, ist sein Angesicht, Er läßt zur Flucht sich tausend Rosse zäumen, Er stürzt zur Erde, und die Erde bricht — O Gott der Rache, laß ihn weiter träumen! Das Häuschen dort am Bach — ein schmaler Raum! Unschuld und Hunger theilen drin Ein Bette. Doch gab der Herr dem Landmann seinen Traum, Daß ihn der Traum aus wachen Aengsten rette; Mit jedem Korn, das Morpheus Hand entfällt, Sieht er ein Saatenland sich golden säumen, Die enge Hütte weitet sich zur Welt — O Gott der Armut, laß die Armen träumen! Beim letzten Hause, auf der Bank von Stein, Will segenflehend ich noch kurz verweilen; Treu lieb' ich dich, mein Kind, doch nicht allein, Du wirst mich ewig mit der Freiheit theilen. Dich wiegt in goldner Luft ein Taubenpaar, Ich sehe wilde Rosse nur sich bäumen; Du träumst von Schmetterlingen, ich vom Aar — O Gott der Liebe, laß mein Mädchen träumen! Du Stern, der, wie das Glück, aus Wolken bricht! Du Nacht, mit deinem tiefen stillen Blauen, Laßt der erwachten Welt zu frühe nicht Mich in das gramentstellte Antlitz schauen! Auf Thränen fällt der erste Sonnenstrahl, Die Freiheit muß das Feld dem Tage räumen, Die Tyrannei schleift wieder dann den Stahl — O Gott der Träume, laß uns Alle träumen! Schlechter Trost. Du wirst ein schöner Leben schauen, Und ewig, ewig bleibt es Dein; Man wird Dir goldne Schlösser bauen, Nur — mußt Du erst gestorben sein! Du wirst bis zu den Sternen dringen, Und stellen Dich in ihre Reihn, Von Welten Dich zu Welten schwingen, Nur — mußt Du erst gestorben sein. Du wirst, ein freier Brutus, wallen Mit Brutussen noch im Verein, All' Deine Ketten werden fallen, Nur — mußt Du erst gestorben sein. Wenn Sünder in der Hölle braten, So gehest Du zum Himmel ein; Du wirst geküßt und nicht verrathen, Nur — mußt Du erst gestorben sein. — — Ob ihm der Ost die Segel blähe, Was hilft's dem morschen, lecken Kahn? Was hilft dem Vogel die Sonnennähe, Den tot ein Adler trägt hinan? 7 Strophen aus der Fremde. I. Auf dem Berge. Da wären sie, der Erde höchste Spitzen! Doch wo ist der, der einst an sie geglaubt? Das Auge sieht die Sonne näher blitzen, Doch arm und sonnenlos ist dieses Haubt. Ich sehe die granitnen Säulen ragen, Und endlos wölbt das Blau sich drüber hin; Doch will das Herz mir tief beklommen schlagen, Wie unter einem Königsbaldachin. Hier wollte ich als frommer Parse beten, Hier singen nach der Sterne reinem Takt, Hier mit der Donnerstimme des Profeten Gotttrunken jauchzen in den Katarakt. Ich wollte — ja, ich habe mich vermessen — In diesen Bergen suchen mir mein Glück; Ich wollte, ach! und konnte nicht vergessen Die Welt, die ich im Thale ließ zurück. O wie verlangt mich nach dem Staub der Strassen, Dem Druck, der Not da unten allzumal! Wie nach den Feinden selbst, die ich verlassen, Und nach der Menschheit vollster, tiefster Qual! Ihr glänzt umsonst, ihr Purpurwolkenstreifen, Und ladet mich gleich sel'gen Engeln ein; Ich kann den Himmel hier mit Händen greifen, Und möcht' doch lieber auf der Erde sein. II. Ich möchte hingehn wie das Abendrot Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten — O leichter, sanfter, ungefühlter Tod! — Mich in den Schoos des Ewigen verbluten. Ich möchte hingehn wie der heitre Stern, Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken; So stille und so schmerzlos möchte gern Ich in des Himmels blaue Tiefen sinken. Ich möchte hingehn wie der Blume Duft, Der freudig sich dem schönen Kelch entringet Und auf dem Fittig blütenschwangrer Luft Als Weihrauch auf des Herren Altar schwinget. Ich möchte hingehn wie der Thau im Thal, Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken; O wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl, Auch meine lebensmüde Seele trinken! Ich möchte hingehn wie der bange Ton, Der aus den Saiten einer Harfe dringet, Und, kaum dem irdischen Metall entflohn, Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust verklinget. Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot, Du wirst nicht stille wie der Stern versinken, Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod, Kein Morgenstrahl wird Deine Seele trinken. Wohl wirst Du hingehn, hingehn ohne Spur, Doch wird das Elend Deine Kraft erst schwächen, Sanft stirbt es einzig sich in der Natur, Das arme Menschenherz muß stückweis brechen. Ufnau und St. Helena. I. Laut mit dem Schwall der Wogen ringend, Durchzieht den See der stolze Dämpfer, Und braust, das Schweizerbanner schwingend, Dahin, ein zornentbrannter Kämpfer. „Wenn wir an Ulrich Huttens Grabe, Dort bei des Seees größter Breitung, Dann rufe mich, mein Schifferknabe!“ Und weiter träumt' ich in der Zeitung. Die Zeit, wie sich gebührt, in Ehren, Kann mich die Zeitung nie erfreuen; Doch mag der Teufel sie entbehren, Der Mensch will nun einmal vom Neuen! Frankreich! Ha — was wird dort verhandelt? Gift? Dolch? Emeuten? Carbonaris? Die Scene wiederum verwandelt? Das Stück heißt Helena und Paris! Sie haben ihren Unvergeßnen Geraubt dem Schoos krystallner Wogen, Den Helden aus dem Unermeßnen In ihres Babels Koth gezogen. Sie kamen über ihn im Schlafe, Wie über Simson die Philister; Es triumphirt der große Sklave, Und pfiffig lächelt sein Minister. Was Albion heilig, wird man lesen, Das hat der Franken Volk vernichtet; England ließ ruhig Ihn verwesen, Wo Ihn der Weltgeist hingedichtet; Wo Ihn des Meeres Flut umschäumte, Wo mit dem All Er im Vereine Wohl oft von jenem Gothen träumte, Deß Grab doch sichrer, als das seine. O Spott! es schleppt in ihre Mauern Ein Hänfling dieses Adlers Leiche; Nicht Jubelschall, nur banges Trauern Sollt' herrschen in der Franken Reiche. Das eigne Volk saß zu Gerichte, Des Kaisers Zauber ist geschieden; Es schläft die fränkische Geschichte Mit Ihm im Dom der Invaliden ! II. Ufnau! Hier modert unser Heiland, Für's deutsche Volk an's Kreuz geschlagen; Ein deutsches Mekka wär' diß Eiland, Hätt' Ihn kein deutsches Weib getragen. Der Hutten ist's, und Ihn erkür' ich Zu meines Herzens erstem Helden; Mein Weltmeer sei Dein See, o Zürich! Von seinen Mähren laßt mich melden. Der Hutten ist's, ob den Despoten Verachtet Ihr des Volkes Vesten; Ihr buhlet täglich mit den Toten, Ach! und vergesset Eure Besten. Ihr weintet jener Hieroglife Im Ocean manch verlorne Thräne, Und ahntet nicht die Wundertiefe Der reinen deutschen Hippokrene. Der Hutten ist's, ihr Männer tretet Heran zum Hügel des Verbannten! Der Hutten ist's, ihr Männer betet, Und lernt ihn kennen, den Verbannten! Die Freiheit schwanket zwischen Klippen Umher auf steuerlosem Boote, Schon nahn sich ihr mit ekeln Lippen Zum Kusse die Ischariote. Wir brauchen einen großen Schatten, Deß Geist um unsre Waffen schwebe, Der, wenn im Kampfe wir ermatten, Uns Blut von seinem Blute gebe. O glaubet nicht, daß ihr ihn fändet Auf jenem Fels im fernen Meere; Hier ist ein Grab, noch ungeschändet, Hier ist der Stein der deutschen Ehre! Wie zitterte manch stolzer Gibel, Als donnernd einst in böser Stunde, Gleich Schwerterklang zu Luthers Bibel, Das Wort erscholl aus Huttens Munde! Das Wort, das, als die Welt geknechtet, Als finstrer Wahn sie unterjochte, So kühn für alle Welt gerechtet, So einsam an den Himmel pochte. Ließ er sich von den Kutten meucheln, Und hat er darum sterben müssen, Daß nun die Enkel sonder Heucheln Den Mantel von Marengo küssen? Wie lang mit Lorbern überschütten Wollt ihr die corsische Standarte? Wann hängt einmal in deutschen Hütten Der Hutten statt des Bonaparte ? Jacta alea est. Wiewohl mein fromme Mutter weint, Da ich die Sach' hätt gfangen an: Gott woll sie trösten, es muß gahn, Und sollt es brechen auch vor'm End, Wills Gott, so mag's nit werden g'wend't, Darum will brauchen Füß und Händ. Ich hab's gewagt . U . Hutten. Ich hab's gewagt! und meine Fehde, Sie währe fort; Ich hab's gewagt! so steh' ich Rede Für Manneswort. Und vor des Thrones Stufen, Wenn ihr nach meinem Rechte fragt, Will ich mit Hutten rufen: Ich hab's gewagt! Von gestern ist mein Brief und Siegel, Mein Pergament; Ich weiß, daß außer meinem Spiegel Mich Niemand kennt. Ihr laßt die Dämmrung gelten, Bevor der helle Morgen tagt — Wohlan — wer will mich schelten? Ich hab's gewagt! Ja, gibt der greise Knecht die Zölle Dem Laster frei, Dann sei der Jugend Glut die Hölle Der Tyrannei. Schaut her, die Ihr am Alten Euch Euer Leben müde tragt, Werft Euer Haubt in Falten: Ich hab's gewagt! Ich sah in manch gepriesnem Tempel Die Unnatur, Auf manch erlauchter Stirn den Stempel Des Kain nur; Und ich ward ungeduldig, Daß Alles zagt und Niemand klagt, Ich donnerte ein: „Schuldig!“ Ich hab's gewagt! Ich sah viel feige Riesen strecken Zu Boden sich, Manch übermütig Zwerglein recken Sich fürchterlich; Ich lacht' und sprach: O Zwerge, Ob ihr auch aus dem Kothe ragt, Ihr seid drum keine Berge! Ich hab's gewagt! Ich sah im Hohepriesterkleide Die Unvernunft, Gleich Rohr zerbrechen ihre Eide Die Henkerzunft; Ich sah von schnöden Hunden Der Freiheit Edelwild gejagt, Und wusch ihm still die Wunden: Ich hab's gewagt! Dürft' ich an einer Marmorsäule Ein Simson stehn, In meiner Faust Heraklis Keule Zum Schwunge drehn, Wenn die Paläste brechen — O Gott, was hast du mir's versagt? — Zu den Despoten sprechen: Ich hab's gewagt! An die Zahmen. Die ihr im Abendsäuseln schon Des Herren Spur gewahrt, Und denen er im Kräuseln schon Der See sich offenbart — O freut euch eurer Loose, Und dankt und laßt mich gehn! Im wilden Sturmgetose, Im Feuer nur, wie Mose, Mag ich den Herren sehn! 8 So Einer glücklich, sonn' er sich In Frieden vor dem Haus; Ich lobe mir den Donner, ich, Des Sinai Gebraus. Ich fühl's durch alle Nerven, Durch alle Adern sprühn: Ich möchte Speere werfen, Ich möchte Klingen schärfen, Und thatlos nicht verglühn. Nicht mehr an Blumenhügeln möcht' Ich liegen auf der Wacht, In eines Streithengsts Bügeln möcht' Ich wiegen mich zur Schlacht, Nicht mehr im Mondschein wandeln, Nicht länger schreiben mehr, Ich möcht' nun einmal sandeln, Ich möcht' nun einmal handeln — Auf! bringt mir Fahnen her! Laßt endlich das Geleier sein Und rührt die Trommel nur! Der Deutsche muß erst freier sein, Dann sei er Troubadour. Im Freiheitsfeuertranke Werd' unser Reich erfrischt, Ihr ewiger Gedanke Führ' unser Schwert, das blanke, Wenn's in die Feinde zischt! Gegen Rom. Noch einen Fluch schlepp' ich herbei: Fluch über Dich, o Petri Sohn! Fluch über Deine Clerisei! Fluch über Deinen Sündenthron! Nur Gift und Galle war, o Pabst, Was Du vom Pol bis zu den Tropen Der Welt mit Deinem Scepter gabst, Mit Deinem Scepter von Ysopen. Weh Dir, Europa's Canaan, Das einen Brutus einst gezeugt, Und jetzt sich vor dem Vatikan Mit feigem Sklavengruße beugt; Im Fleisch der Menschheit ward zum Pfahl Die Wiege des Rienzi Cola, Seit Luthern traf des Bannes Strahl Und seit loyal dort nur Loyola. Der Boden, der von Honig trof, Nur Thränen bringt er noch hervor, Seit Heinrich in des Pfaffen Hof, Ein Knecht im Büßerhemde, fror; Sein Weihrauch ist ein Grabgeruch, Das Eden wurde zur Sahara, Und zu Italiens Leichentuch Die farbenglühende Tiara. Doch spreiz' Dich nicht, Du stolzes Rom, Dir ist ein baldig Ziel gesetzt; Du bist ein längst versiegter Strom, Der keines Kindes Mund mehr letzt; Du bist ein tiefgefallen Land, Du bist das auferstandne Babel, Der Trug ist Deine rechte Hand, Dein Schwert das Mährchen und die Fabel. Und ob Du Diener Dir erkürst In aller Welt, Du mußt vergehn; Es kann wohl ohne Kirchenfürst Der Geist, der heilige, bestehn. Du Autokrat im Höllenpfuhl, Empfange noch mein letztes Zeter: Du Herrscher auf St. Petri Stuhl, Fürwahr! Du gleichest jenem Peter — Dem keine Glut ins Antlitz flammt, Wenn man ob Göttern hält Gericht, Der, wenn man sie zum Kreuz verdammt, Noch ruft: „Ich kenn' die Menschen nicht!“ Der, wenn die Erde selbst sich härmt Und tief in sich zusammenschaudert, Am Feuer seine Hände wärmt Und mit des Richters Mägden plaudert. Du bist kein Fels, wie Petrus war, Du bist nur feig und schwach, wie er; Ein Morgenhauch bringt Dir Gefahr Und streut Dein Reich wie Sand umher! Du wirst erliegen, Lügenhirt, Empören werden sich die Denker, Das Brausen des Jahrhunderts wird Zertrümmern seine letzten Henker! An den König von Preußen. Einst hat ein bessrer Mann gewagt, Mit seinem Lied vor Dich zu treten; Du kennst Ihn, der so unverzagt Die Tyrannei bei Dir verklagt Und Dich um Deinen Schutz gebeten, Um Schutz für jenes arme Land, Das blutend vor dem Himmel stand Und keine, keine Hülfe fand, Als die Verzweiflung der Poeten. O lebt' Er noch, er würde heut Dich aus dem süßen Schlummer stören; Ob alle Welt Dir Weihrauch streut Und jeden Siegerkranz Dir beut, Sein stolzes Herz würd' sich empören. Er spräch' dem falschen Jubel Hohn Und nahte zornig Deinem Thron; Tot ist der Vater, und der Sohn, Der Mächtige, müßt' Ihn hören. Doch Platen schläft am fernen Meer, Und Polen ist durch uns verloren; In Ehrfurcht tret' Ich zu Dir her, Wirf nach dem Dichter nicht den Speer, Weil eine Hütte ihn geboren, Weil er vor Dir, dem Fürst, den Mut, Zu flehen für Dein eigen Gut, Zu flehen für Dein eigen Blut, Für's deutsche Volk, dem Du geschworen! Sieh, wie die Jugend sich verzehrt In Gluten eines Meleager, Wie sie nach Kampf und That begehrt — O drück' in ihre Hand ein Schwert, Führ' aus den Städten sie ins Lager! Und frage nicht, wo Feinde sind; Die Feinde kommen mit dem Wind: Behüt' uns vor dem Frankenkind Und vor dem Czaren, Deinem Schwager! Die Sehnsucht Deutschlands steht nach Dir, Fest, wie nach Norden blickt die Nadel; O Fürst, entfalte Dein Panier; Noch ist es Zeit, noch folgen wir, Noch soll verstummen jeder Tadel! Fürwahr, fürwahr, Du thust nicht Recht, Wenn Du ein moderndes Geschlecht, Wenn Du zu Würden hebst den Knecht; Nur wer ein Adler, sei von Adel! Lass', was den Würmern längst verfiel, In Frieden bei den Würmern liegen; Dir ward ein weiter, höher Ziel, Dir ward ein schöner Ritterspiel, Als krumme Lanzen grad' zu biegen. Sei in des Herren Hand ein Blitz, Schlag' in der Feinde schnöden Witz, Schon tagt ein neues Austerlitz, Mögst Du in seiner Sonne siegen! Das rathlos auseinanderirrt, Mein Volk soll Dir entgegenflammen; Steh' auf und sprich: „Ich bin der Hirt, Der Eine Hirt, der Eine Wirt, Und Herz und Haubt, sie sind beisammen!“ Das West und Ost, das Nord und Süd — Wir sind der vielen Worte müd; Du weißt, wonach der Deutsche glüt, — Wirst Du auch lächeln und verdammen ? Der Fischer Petrus breitet aus Auf's Neue seine falschen Netze; Wohlan, beginn' mit ihm den Strauß, Damit nicht einst im deutschen Haus Noch gelten römische Gesetze! Bei jenem großen Friedrich! nein, Das soll doch nun und nimmer sein. Dem Pfaffen bleibe nicht der Stein, An dem er seine Dolche wetze. Noch ist es Zeit, noch kannst Du stehn Dem hohen Ahnen an der Seite, Noch kannst Du treue Herzen sehn, Die gern mit Dir zum Tode gehn, Zum Tod im heiligen Streite. Du bist der Stern, auf den man schaut, Der letzte Fürst, auf den man baut; O eil' Dich! eh' der Morgen graut, Sind schon die Freunde in der Weite. Nun schweig', du ehernes Gedicht! Des Fürsten Mund wird bitter schmollen. Ich weiß, man hört die Sänger nicht, Man stellt die Freien vor Gericht Und wirft sie in die Schar der Tollen. Gleichviel — wie er auch immer schmollt, Ich hab' gethan, was ich gesollt; Und wer, wie ich, mit Gott gegrollt, Darf auch mit einem König grollen. Zuruf. Schaut der Sonne Auferstehn! Strahlend blickt sie in die Runde, Strahlend, wie zur ersten Stunde, Und hat vieler Jahre Leid gesehn. Wie's auch stürme, haltet Stand, Junge Herzen, unverdrossen! Der ihn einstens ausgegossen, Hat den Geist uns abermals gesandt. Bald erschallt in Ost und West Jubel, millionentönig; Freiheit heißt der letzte König, Und sein Reich bleibt ewig felsenfest. Nimmer schwingt in unsrem Haus Der Kosake seine Knute, Unsre deutsche Zauberruthe Schlägt noch manchen goldnen Frühling aus. Junge Herzen, unverzagt! Bald erscheint der neue Täufer, Der Messias, der die Käufer Und Verkäufer aus den Tempeln jagt. Und die Götter nicht allein, Schon der Mensch wird heilig leben, Priester nur wird's fürder geben, Und kein Laie mehr auf Erden sein. Doch wie Donner ist sein Gang, Und er naht nicht unter Psalmen, Und man streut ihm keine Palmen, Der Messias kommt mit Schwerterklang. Darum legt die Harfen ab! Laßt darin die Windsbraut spielen! Unser warten Thermopilen, Perser — und im Schatten manch ein Grab. Sonette. Aus einer größern Sammlung „ Dissonanzen .“ 9 I . Was schmerzlich oft die Seele mir durchwühlte Und drin in stillen Nächten sich bewegte, Wie meine Mutter mich, die Zeit , erregte, Was ich für sie, was ihr zum Trotz ich fühlte — Hier ist es, wie ich's aus der Brust mir spülte, Wie ich's in scharfgeschliff'ne Formen legte, Vor roher Hand mit einem Zaun umhegte, Beglückt, daß ich das Herz mir endlich kühlte. Doch schaudert mich, so wild sind meine Musen, Ein toll Geschlecht, gleich jener Rotte Kora, Abscheuliche, versteinernde Medusen — Allein nur zu — periculum in mora — Fort mit den Ungeheuern aus dem Busen, Und aufgethan die Büchse der Pandora! II. Ja, ich bekenn's, die Stimme Gottes ist Des Volkes Stimme! und wer ihr vertraut, Der hat sein Haus auf Felsen sich gebaut, Indeß der Zorn des Herrn die Frevler frißt. Dem Sänger Heil, der ihrer nie vergißt, Dem nur des Volkes Schmerz vom Auge thaut, Der nicht im eignen Jammer sich beschaut Und selbstgefällig seine Silben mißt! Doch sollt' er drum nur Waffenträger sein, Der dienend hinter seinem Heere steht Und, wenn es Not thut, reicht ein Schwert hinein? Der nicht voran , ein Feuerzeichen, geht, Und Seher ist wie sonst? Ich rufe: Nein! Und dreimal: Nein! und stimme für Profet ! III. Der Gott des Friedens will uns nimmer segnen, Den Oelzweig weinend auf die Seite legen; Vom Nil zum Tajo höret man schon regen Die Kriegsdämonen sich, die wildverwegnen. Und mancher sieht im Geist nur Helden regnen, Die sollen auf den Spitzen ihrer Degen Der Völker künftige Geschichte wägen, Und so dem Sturme stürmisch auch begegnen. Der Dichter aber denkt man nicht, der stillen, Wenn blutig weithin sich die Felder röten Und Unheil alle finstern Mächte brauen. Und doch — nur sie verstehn der Gottheit Willen; Jetzt, eben jetzt sind Seher uns vonnöten, Den Flug der Adler wieder zu beschauen! IV. An A. A. L. Follen in Zürich , als er nach Deutschland übersiedeln wollte. Manch böser Geist haust in Helvetiens Schlünden, Manch schlimmer Pfaffe keucht den Berg hinan, Der Teufel bricht sich mit dem Kreuze Bahn, Der Teufel in den frommen Thalesgründen. Doch lieb' ich sie mit allen ihren Sünden. Ha! klebt nicht Winkelriedens Blut daran? Hier ist die Wüste und das Canaan, Um ein Profet der Welt das Heil zu künden. Hier fliegen noch die Adler, mein Follen — Hier rauschen sie noch über Deinem Haubte — Was willst Du tot sie und gefangen sehn? O laß den Traum, an den der Jüngling glaubte, Vergiß, wo frische Alpenrosen stehn, Der deutschen Freiheit Rose, die bestaubte! V. Wer Etwas auf dem Herzen hat, der eile, Es noch bei Zeiten vor sein Volk zu bringen; Schon rührt der Hader seine schwarzen Schwingen, Schon liegt das Haubt des Friedens unterm Beile. Der Henker harrt, daß er's vom Rumpfe theile, Bald wird der Blutstrahl in die Lüfte dringen, Verharschte Wunden werden wieder springen, Und fehlen wird der Arzt dann, der sie heile. Schon hör' ich ferne die Kanonen brummen, Die Säbel klirren und die Trommeln schallen, Kein Vogel will im Wald sein Lied mehr summen. Noch eine Nacht — die Würfel müssen fallen; Dann gibt's ein trübes, trauriges Verstummen, Des Hahnen Ruf verscheucht die Nachtigallen. VI. Ich zähle gerne mit bei guten Christen Und streite ritterlich und ohne Wanken, Wenn sie uns wollen das Gemüt abdanken, Die unausstehlich pfiffigen Sophisten. Doch hass' ich das Gemüt der Pietisten, Das, frech getreten aus des Anstands Schranken, Uns möcht' die reinsten himmlischen Gedanken Mit seinen Nebelworten überlisten. Auch mir hat sich das Aug' schon oft genetzt, Sah ich das Herz mißhandelt und zerschlagen Und von den Rüden des Verstands gehetzt. Es darf das Herz wohl auch ein Wörtchen sagen; Doch ward es weislich in die Brust gesetzt, Daß man's so hoch nicht wie den Kopf soll tragen. VII. Nie wurden noch der Sylben mehr gemessen, Und glaubt man unserm kritischen Gelichter, So wäre schier der dritte Mann ein Dichter Von Thule bis zum Lande der Tscherkessen. Und Alle nur auf eitel Ruhm versessen, Ein jeglicher Poet begehret, spricht er Zwei Verse nur, gleich Publikum und Richter, Und würd' sein Pfeifen anders bald vergessen. Doch mir däucht nur ein Dichter, der noch sänge, Der seinen Wohllaut noch verströmen müßte, Wo keines Menschen Stimme zu ihm dränge: Im stillen Meer an unwirtbarer Küste — Zuhörer nur die wilden Felsenhänge — Und in Arabiens grauenvoller Wüste. VIII. Von Büchern liegt vor mir ein Perserheer, Doch keins kann mir den Unmut ganz verwischen; Der will den Geist auf Reisen sich erfrischen, Der holt sich seinen Helden über Meer. Unwillig schwingt der Kritiker den Speer: Warum die fremde Kost auf unsern Tischen? Warum nach Gold in fremden Flüssen fischen? Ist unsre Heimat, unser Herz so leer? Geh' wieder in dein Kämmerlein und dichte! Brauchst keinen Turban, keine welschen Blousen; Zünd' deinen Zunder an am eignen Lichte! Greif', Sänger, wieder in den eignen Busen, In deines eignen theuern Volks Geschichte! Da, oder nirgends wohnen deine Musen. IX. Den Naturdichtern. Titan und Zwerg, das Große, wie das Kleine, Ist Poesie, und Poesie im Halme, Wie in des Orientes stolzer Palme, Und Poesie noch in der Weisen Steine; Und Poesie die Mück' im Sonnenscheine, Und Poesie in eines Dampfschiffs Qualme, Und Poesie auf einer Schweizeralme, Und Poesie vor Allem auch im Weine. Wo Euch des Himmels heil'ge Luft umweht, Da rauscht die Poesie mit ihren Schwingen; Sie fehlet nie, oft fehlt nur der Poet. Wie Gott, ist sie zuletzt in allen Dingen: Doch wenn einmal ein Löwe vor Euch steht, Sollt Ihr nicht das Insekt auf ihm besingen. X. Ein Glück, ihr Götter, oder nur ein Leiden, Ein himmlisch würdig Leiden Eurem Sohne! Im Grunde ist es doch die Dornenkrone, Um die wir Eure Lieblinge beneiden. Ich kann das Glück mit stummem Lächeln meiden — Naht' ich mich je, ein Sklave, seinem Throne? — Nur Eines wünsch' ich, daß ich einst nicht ohne Des Unglücks Weihe mög' von hinnen scheiden. Ich bin entsagend gern zurückgeblieben, Wenn blühendrot das Volk sich auf den Straßen, Mit seinen Dirnen schäckernd, umgetrieben; Doch manch ein stilles Antlitz von den blassen, War's auch nur um ein unglückselig Lieben, Es mußte sich von mir beneiden lassen. XI. Shelley. Um seinen Gott sich doppelt schmerzlich mühend, War er ihm, selbsterrungen, doppelt theuer, Dem Ewigen war keine Seele treuer, Kein Glaube je so ungeschwächt und blühend. Mit allen Pulsen für die Menschheit glühend, Saß immer mit der Hoffnung er am Steuer, Wenn er auch zürnte, seines Zornes Feuer Nur gegen Sklaven und Tyrannen sprühend. Ein Elfengeist in einem Menschenleibe, Von der Natur Altar ein reiner Funken, Und drum für Englands Pöbelsinn die Scheibe; Ein Herz, vom süßen Duft des Himmels trunken, Verflucht vom Vater und geliebt vom Weibe, Zuletzt ein Stern im wilden Meer versunken. XII . Die Ihr voll Mut zu schleudern euch nicht scheutet Ein blitzend Wort in unsres Lebens Schwüle, O Glück, wenn ihr euch auf dem Sterbepfühle Vom Neid zerstückter Kränze noch erfreutet! Wie haben Ruhm in Scheffeln sich erbeutet, Die ruhig trabten ihren Weg zur Mühle Und immer hübsch die trunkensten Gefühle Gleich tauben Blüten aus dem Korn gereutet! Brauch' deine Hand, die ist der Welt genug, Und Kopf und Herz sind beide überflüssig; Man will den Flaum vom Vogel, nicht den Flug. Kannst du nur dichten, gehe lieber müssig; Die Welt, die stets das Ungereimte trug, Ist des Gereimten schnell sehr überdrüssig. XIII. O lobt Euch nur des Westes Schmeichelwehen, Wenn kräuselnd er ob blauen Flächen zittert Und kaum dem Schilf ein welkes Blatt zerknittert — Ihr stillen Seelen, mög's Euch wohl ergehen! Ich aber muß das Meer im Sturme sehen, Wenn Segel reißen, wenn der Mast zersplittert, Wenn's in mir, um mich, über mir gewittert, Wenn Luft und Wasser hell im Brande stehen. Ihr mögt ein ungleich größer Glück erfahren, Daß Eure Gluten lange schon verlodert, Eh' Euer Leib im Schoos der Erde modert. Ich werd' nun einmal wilder mit den Jahren, Die Leidenschaft ist mein Eliaswagen, Und Feuer nur kann mich zum Himmel tragen . XIV. Auch ich wär' nach der süßen Ruhe lüstern, Auch ich möcht' unter Blütenbäumen liegen, Ein treues Liebchen in den Armen wiegen, Statt also mir das Leben zu verdüstern! Ließ' nur, wie sonst, der Lorber sich erflüstern, Ließ' nur, wie sonst, die Palme sich ersiegen, Das Musenpferd muß jetzt zum Ziele fliegen Mit wildrem Hufschlag, flammensprühnden Nüstern. Die große Zeit zertrümmerte die Flöte, Sie braucht Posaunen und den tiefsten Basso, Und schwarze Nacht statt milder Abendröte. Die Losung ist nun Dante, und nicht Tasso. Was sollen uns noch Schiller oder Göthe? Was soll uns gar der Pascha Semilasso? XV . Wie blinkend sie von eurem Ruder triefe, Die Perle stammt doch oft aus dunkler Quelle, Klar scheint in flacher Hand so manche Welle, Die doch geschöpft aus grauenvoller Tiefe. Schließt, wie's auch einer Welt zuwiderliefe, Auf's Heiligthum nie von der blanken Schwelle, Das Einzelwort mag faßlich sein und helle, Der ganze Geist bleibt eine Hieroglife. O denket immer bei des Dichters Pracht, Bei allen seinen funkelnden Gesteinen, Daß ihre Mutter ist die heil'ge Nacht! Sein Rauschen mögt ihr zu verstehen meinen; Er selbst birgt sich ein See im Felsenschacht, Der ewig sieht des Himmels Sterne scheinen. 10 XVI. Ich kann oft stundenlang am Strome stehen, Wenn ich entflohen aus der Menschen Bann; Er plaudert hier, wie ein erfahrner Mann, Der in der Welt sich tüchtig umgesehen. Da schildert er mir seiner Jugend Wehen, Wie er den Weg durch Klippen erst gewann, Ermattet drauf im Sande schier verrann, Und jedes Wort fühl' ich zum Herzen gehen. Wie wallt er doch so sicher seine Bahn! Bei allem Plänkeln, Hin- und Wiederstreifen Vergißt er nie: „Ich muß zum Ocean!“ Du, Seele, nur willst in der Irre schweifen? O tritt, ein Kind, doch zur Natur heran, Und lern' die Weisheit aus den Wassern greifen! XVII. Die uns als wilde, rohe Zweifler hassen, Und drob manch derben Fluch uns schon gespendet, Die frommen Leute — wie sind sie verblendet; Der Glauben ist's, von dem wir nimmer lassen. Zieht erst der Frühling jubelnd durch die Straßen, Wie wird des Herzens eitler Trotz gewendet, Daß sich's mit jedem Strauch nach oben wendet Ein Stück des schönen Himmels zu erfassen! Ja, naht des Jahres Fürst mit seinem Hof, Und jauchzt der Lenz auf Bergen und in Klüften, Wo klagend kaum der Nebel niedertrof — Schlief' auch sein Glaube dann in Todesgrüften, Der ew'ge Faust, der stolze Philosoph, Er hascht ihn wieder aus den blauen Lüften. XVIII. Der Tod, ihr Freunde, ja, der Tod soll leben! Ich hab' ein glühend Lied in tiefster Nacht Dem treusten Freund der Erde angefacht; Die Toten will ich und den Tod erheben! Wir sind nur Kinder, die mit Widerstreben, Gleich Tropfen von dem Meer, sich losgemacht, Und die vom Tode werden heimgebracht Und liebend an das All zurückgegeben. Vernichtung dünkt Euch eine herbe Pille? Doch — heischt' das Element nicht diesen Zoll, Das Sterben würde unser eigner Wille. Das Sterben macht das Leben ganz und voll; Erst sei das Herz in unsrem Busen stille, Wenn's in der Brust der Menschheit schlagen soll. XIX. Von Hermelin den Mantel umgeschlagen, Das trunkne Haubt weit über mir im Blauen, Die Alpen — wie so stolz darein sie schauen, Als wüßten sie, daß sie den Himmel tragen! Gleich leichtbeschwingten Liebesboten jagen Die Silberströme hin durch Nacht und Grauen, Dem Oceane von den hohen Frauen Manch einen sehnsuchtsvollen Gruß zu sagen. Die Herden läuten und die Adler fliegen, Das ist ein ewig Rauschen, ewig Rinnen, Als könnt' das Leben nimmer hier versiegen. Läßt sich ein schöner, schöner Bild ersinnen? Und doch hab' ich das Schönste noch verschwiegen: Den frommen, stillen Friedhof mitten drinnen! XX. Der Freiheit Priester, der Vasall des Schönen, So wird der Dichter in die Welt gesandt; Ein Troubadour zieh' er von Land zu Land, Das Herrlichste mit seinem Lied zu krönen. Die Heldenthat gewinn' in seinen Tönen Für alle Zeiten sicheren Bestand, Den eignen Kummer schreib' er in den Sand, Des eignen Herzens mög' er sich entwöhnen. Ein Gärtner, dem der Garten nur gegeben, Für fremde Busen Blumen draus zu pflücken, Ein Winzer, der für Fremde baut die Reben — Sei all sein Trost, nur And're zu beglücken; Dem armen Taucher gleich, wag' er das Leben, Mit seltnen Perlen seine Zeit zu schmücken. XXI. O Freiheit, Freiheit! Nicht wo Hymnen schallen, In reichgeschmückten fürstlichen Arkaden — Freiheit! Du wohnst an einsamen Gestaden, Und liebst die Stille, wie die Nachtigallen. Du fliehest das Geräusch der Marmorhallen, Wo trunkne Schlemmer sich im Weine baden, Du läßt in Hütten dich zu Gaste laden, Wo Thränen in die leeren Becher fallen. Ein Engel nahst Du bei verschloßnen Thüren, Stellst lächelnd Dich an Deiner Treuen Bette, Und horchst der himmlischen Musik der Kette. Nicht stolze Tempel wollen Dir gebühren, Drin wir als Opfer unsern Stolz Dir bieten — Wärst Du die Freiheit , wenn wir vor Dir knieten ? XXII. Die Geschäftigen. Nicht Einen Hauch vergeuden sie, nicht Einen, Nein, Alles wird gleich für den Markt geboren, Kein Herzensschlag geht ohne Zins verloren, Die Herren machen Brod aus ihren Steinen. Sie machen Brod aus Lachen und aus Weinen — Ich hab' mir die Beschaulichkeit erkoren, Und niemals streng gerechnet mit den Horen, Ich denke fromm: „Gott gibt's im Schlaf den Seinen!“ Ich kann des Lebens banggeschäftig Rauschen, Dieß laute Thun und Treiben nicht verstehn, Und möcht' mein einsam Glück nicht drum vertauschen. Laßt mich die stillen Pfade weiter gehn, Der Wolken und der Sterne Zug belauschen, Und schönen Kindern in die Augen sehn! XXIII. Sei mir gesegnet, frommes Volk der Alten, Dem unglückselig sein hieß: selig sein, Das jedes Haus, in das der Blitz schlug ein, Für ein dem Zeus geweihetes gehalten! Du fühltest wohl, des Himmels heimlich Walten Enthüll' sich den Geschlagenen allein, Und da leucht' erst der Wahrheit voller Schein, Wo sich das Herz, der Wolke gleich, gespalten. O sprecht, war's nicht zumeist des Unglücks Stunde, Die Euch hinan zum Ewigen gehoben, Der Himmelsoffenbarung klang vom Munde? Der Frieden nicht, der Sturm trägt uns nach Oben, Die höchsten Freuden sind auf dunklem Grunde, Gleichwie des Aethers Sterne, eingewoben. XXIV. Nimm nicht als Himmel an die Wolkenschichte, Erprobe selbst Dein jugendlich Gefieder, Wirf mutig in die schwanken Schalen nieder Des Zweifels Deine eigenen Gewichte! Erwärm' den Geist am selbstgeschaffnen Lichte, Und forsche heut und forsche morgen wieder, Senk' nie zufrieden Deine Augenlider, Ruf' Deinen Glauben täglich zu Gerichte! Doch was Du immer wagest, o beschönig's Nie vor den Menschen durch ein zaghaft Schweigen, Bekenn' es mit dem Freimut eines Königs! Ob sie Dir flammend auch den Holzstoß zeigen; Mit Flammen tauft der Ewige den Phönix, Der stolz soll über ihre Wasser steigen. XXV. Am schönsten Tag um einen Wunsch betrogen, Und eine Niete jede, jede Karte, An meinem Schwerte Scharte nur an Scharte, Wenn einmal aus der Scheide ich's gezogen. Doch halt' ich mutig über allen Wogen Die Poesie, die leuchtende Standarte, Durch sie versöhn' ich mein Geschick, das harte, Den rauhsten Sturm mit ihrem Regenbogen. Nie tönte meine Leier Tod und Fluch, Nie schnitt ich aus des Hyperioniden Purpur ein traurig-düstres Leichentuch; Der Herr hat mir ein frommes Herz beschieden, Die Welt ist mir ein heilig, heilig Buch, Drin alle Blätter flüstern: Frieden! Frieden! XXVI. Wir haben, was auch eine Sage schreibe, Den Funken des Prometheus nicht gepachtet; So tief wir unter uns das Weib geachtet, Die reinste Flamme wohnt in seinem Leibe. Und wer dem selbstisch frostigen Getreibe, Das ihm des Herzens liebste Kinder schlachtet, Wer dieser Kälte zu entrinnen trachtet, Wo flöh' er hin, als zu dem treuen Weibe? Ein Felsen ist der Mann, der nur erglüt, Wenn trotzig er gen Himmel sich erhoben, Zurück ihm schleudernd seiner Sonne Strahlen; Ein stiller See des Weibes weich Gemüt, Das fromm in sich empfängt das Licht von Oben, Drin sich die Himmel himmlischer noch malen. XXVII. Tot ist die Freundschaft! wer mag sie noch singen? Mit manchen Göttern ward in unsern Tagen Auch diese Göttin von dem Volk erschlagen, Und Niemand will ihr mehr ein Opfer bringen. Allein mußt Du entfalten deine Schwingen, Allein nach Deinen Idealen jagen, Allein Dich auf die See des Lebens wagen, Allein , allein nach Deinem Himmel ringen. Der Alten denkt man wohl in manchen Stunden, Und auch ihr Geist, so gern man sich's verhehlte, Ist aus der Jugend noch nicht ganz verschwunden; Doch hin das Herrlichste, was sie beseelte; Würd' ein Aristogiton heut' gefunden, Ich glaube, daß ihm der Harmodius fehlte. XXVIII. Einer Schriftstellerin. Du willst den Lorber auf die Locken drücken, Nicht einsam mehr in stillen Nächten beten, Hin auf den Markt mit Deinen Thränen treten, Ein müssig Volk mit Deinem Schmerz beglücken? Nur Rosen sollten Deine Stirne schmücken, Und nicht die Martyrkrone des Poeten, Das ist fürwahr der Mund nicht zum Profeten, Und würd' mit Küssen leichter uns entzücken. Daß meine Nachtigall im Dunkeln bliebe! Schwer wird die Höh', nach der Du strebst, erklommen, Wär's auch, daß Dich ein starker Genius triebe. Nur Hekatomben werden angenommen Auf dem Altar des Ruhms, auf dem der Liebe — — O liebe! — ist ein Schärflein auch willkommen. XXIX. Tief, tief im Meere sprach einst eine Welle: Wie glücklich müssen meine Schwestern leben, Die droben strahlend auf und nieder schweben; O dürft' ich einmal an des Tages Helle! Wie sie gebeten, so geschah ihr schnelle, Sie durfte aus dem dunkeln Schoos sich heben; Doch kaum war ihr Ein Sonnenstrahl gegeben, Lag sie schon sterbend an des Ufers Schwelle. O mögen Alle doch ihr Schicksal loben, Die still geheim des Lebens Kreis beschreiben Und nie die Wut der offnen See erproben. O mögen sie in tiefer Nacht verbleiben, Und ihrer Keiner streben je nach oben, Um mit den Winden auf den Sand zu treiben. XXX . Freiligrath. Der Himmel fing von Neuem an zu blauen, Der Winter sich zum Abmarsch anzuschicken, Die Erde sich mit jungem Grün zu sticken, — Ich nahm Dein Buch, recht tief darein zu schauen. Und mich erfaßt ein heimlich lüstern Grauen; Ich seh' die alten Straußenfedern nicken, Und glaub' in Tausend Eine Nacht zu blicken — Hier, denk' ich, wären so für mich die Frauen! Da bringt mein Mädchen mir die ersten Veilchen, Im blauen Shawl, im leichten Rosakleide, Die weiche Hand das Einzige von Seide. Dein Orient ruht wieder auf ein Weilchen; Mein Herz, kaum nach der Fremde so begehrlich, Bleibt gern im Lande nun und nährt sich ehrlich. XXXI . Unsern Künstlern. Das Leben hat am Ende doch gewonnen, Und all die überhimmlischen Gestalten, Verklärten Leiber und verklärten Falten, Die schattenhaft durchsichtigen Madonnen, Aus Aetherduft und Veilchenblau gesponnen, Die nur auf Rosen und auf Lilien wallten, — Sie konnten sich nicht mehr zusammenhalten, Und sind in Andacht gottvollst nun zerronnen. Doch, liebe Künstler, drum kein Klaggestöhn! Die Erde mag noch viel des Guten treiben, Verlasset nur die schroffen, kühlen Höh'n; Sucht wieder Gott der Welt einzuverleiben! Das Heilige gelingt so selten schön, Das Schöne nur wird ewig heilig bleiben. 11 XXXII. Wie Jakob hab' ich oft mit Gott gerungen, Oft fühlt' ich meinen Glauben zweifelnd stocken, Und oftmals haben Eure Kirchenglocken, Ich läugn' es nicht, verdrießlich mir geklungen. Ich habe gern mein eigen Lied gesungen, Gesponnen gern von meinem eignen Rocken, Bin nie nach eines Priesters schmalen Brocken, Ein hungeriger Zionsheld, gesprungen. Doch scheint auch Ihr mir nicht vom besten Stempel, Und so verschmerz' ich Euer pfäffisch Schnauben Und Euere für mich verschloßnen Tempel. Wär' ich wie Schlangen klug und fromm wie Tauben, Würd' ich ein Heiliger gar zum Exempel — Ihr steinigtet mich wohl um meinen Glauben ! XXXIII. Russophobie. Die Einen: Wie gehet Ihr nur so verkehrte Bahnen! Ihr hättet besser ewig sie gemieden, Euch gänzlich von der Politik geschieden, Ihr Geisterseher, ihr Baschkiromanen! Ihr möchtet gern Europa's Zukunft ahnen? Ich sag' Euch, unsre Freiheit wird hienieden Kein Czar an seinen Kaukasus je schmieden, Ihr Geisterseher, ihr Baschkiromanen! Die Andern: Ihr werdet sie zu frühe nur verlieren, Und Euer Spott wird in sich selbst zu nichte, Denn Alles, Alles deutet auf Baschkiren. Reißt man sich nicht um russische Gedichte? Wird Raupach wohl umsonst dramatisiren Schon jetzt die ganze russische Geschichte? XXXIV. Pferdeausfuhrverbot. Wir müssen uns bei Zeiten tüchtig rühren, Und können drum, trotz manchem schönen Gulden, Getreue Unterthanen, nimmer dulden, Daß Franken Eure Pferde uns entführen. Wir wollen nicht zu früh das Feuer schüren, Wir thun nur, was wir unsern Liebden schulden, Beschlossen demgemäß in allen Hulden, Also zu steuern solchen Ungebühren: Habt uns ein Aug' auf jede Mäklerschar, Daß sie uns keinen Huf contrebandiren, Vom Karrengaule bis zum Bairaktar! Doch naht sich eins von unsern Flügelthieren, Die sind zum Kriegsdienst völlig unbrauchbar — Laßt sie die Grenzen immerhin passiren! XXXV. Franz Dingelstedt's Jordanslied. Die Nachtigall hat für den Aar gesungen, Der, fortgeflogen aus dem Alpenlande, Verschmachtend lag in unsrem deutschen Sande, Weil er sich hatt' zu hoch hinangeschwungen. Wem wäre nicht ihr Lied ans Herz gedrungen, Ihr grollend, rührend Lied von unsrer Schande? Doch sprecht, wann sind bei uns des Freien Bande Von eines Sängers Liede je gesprungen? Du sankest, schier ein Knecht, am Throne nieder, Damit der Freie bälder auferstände; Geh' hin, mein Freund, und frag' nach Jahren wieder! Statt seiner Alpen bleiben ihm vier Wände; Die Macht, sie lächelt über Deine Lieder, Und wäscht noch, ein Pilatus, sich die Hände. XXXVI. Ludwig Uhland. Nur selten noch, fast graut's mir, es zu sagen, Nehm' ich der Freiheit Evangelium, Den Schatz von Minne und von Ritterthum Zur Hand in unsern hartbedrängten Tagen. Wie hab' ich einst so heiß dafür geschlagen! Wie hastig dreht' ich Blatt um Blatt herum! Ich kann nicht mehr — ich kann nicht — sei es drum! Es soll doch Niemand mich zu schelten wagen. Ein ander Hassen und ein ander Lieben Ist in die Welt gekommen, und von allen Sind wenig Herzen nur sich gleich geblieben. So sind auch Deine Lieder mir entfallen; Ein einziges steht fest in mir geschrieben; Kennst Du das Lied: „Weh Euch, Ihr stolzen Hallen!“ XXXVII. Deutsche und französische Dichter. Gemälde, Spiegel, Uhren und Tapeten, Und rings, wie bei dem türkischen Sultane, Von Sammt und Seide strotzende Divane, Auch Kruzifixe, nie davor zu beten. So lieben's überm Rheine die Poeten; Ums Haubt gewunden farbige Turbane, Durch Wolken Weihrauchs rauschend im Kaftane — Sind das noch Dichter, noch Anachoreten? Hoch über meinem Volk, in der Mansarde, Umduftet von des Gartens blühndem Flieder, Am Hut von Rosen eine Festkokarde, Indeß die jungen Spatzen auf und nieder Vorm Fenster schildern, eine Ehrengarde — So schreib' Ich für mein deutsches Mädchen Lieder. XXXVIII. O hätten sie mir doch ihr Ohr geliehen In jenen ersten unglücksel'gen Stunden, Da ich die Spur der Herrlichen gefunden, Und sprach: Ihr Freunde, laßt mich weiter ziehen! Sie lachten aber meiner nur und schrieen: Pah! ein Paar kleine, leichte Liebeswunden? Der Vogel ist nun einmal festgebunden, Und soll so bald nicht wieder uns entfliehen. Jetzt wollen Alle die Gefahr erkennen; Sie führen mir den Engel aus dem Haus, Da mir die Kraft versagt, um mich zu trennen. Lauft darauf alle Weisheit denn hinaus? Ihr laßt den Schmetterling getrost verbrennen, Und löscht voll Mitleid dann die Kerzen aus! XXXIX. O heiss' mich nicht von Deinem Antlitz fliehn, Auf dem der Liebe heilige Gedanken Gleich goldnen Sternen auf und nieder schwanken, Die still und furchenlos am Himmel ziehn! Hier ist mein Tempel und hier will ich knien, Um diesen Altar meine Arme ranken, In diesen Armen meinen Göttern danken, Daß sie mir ihre Seligkeit verliehn! Bist Du, mein Herz, selbst wider dich im Bunde? Was soll der volle schäumende Pokal, Was die Unendlichkeit dem Mann der Stunde? Begehre nicht die Herrlichkeit zumal! Bitt' um Ein Wort nur aus dem lieben Munde, Ein halbes Lächeln, Einen Sonnenstrahl! XL. Ob die Locken eine Glorie quellen Um Dein Antlitz und Du himmlischmild Auf mich blickst, ein stumm Marienbild, Das zwei blaue Sterne fromm erhellen, Ob Dein Haar in ungebundnen Wellen Um den Nacken flutet, stolz und wild, Und Dein Aug' ein harter Demantschild, Dran die kühnsten Wünsche jach zerschellen; Ob ich sehe mit dem Heil'genscheine Dich, ob mit des Unmut's düstrer Falte, Ewig, ewig fleh' ich nur das Eine: Daß Dein schöner Mund doch nie erkalte, Daß Dein schönes Auge niemals weine, Und mir Gott Dein schönes Herz erhalte. XLI. „Eins — zwei — drei — vier — nun, eine hübsche Schar! Mein guter Freund, Ihr treibt das Ding ins Große; Heut' ist es diese, Morgen jene Rose: Mit Eurem Herzen steht es sonderbar.“ Der Dichter ist der Sultan Scheriar, Und liebt, wie dieser Herr, das Grandiose; Der ruht' auch zweimal nie im selben Schoose, Bis er Scheherezaden ward gewahr. Ich sah wohl manch ein schönes Angesicht, Das ich besungen und belobt; nur schade, Das, was ich suchte, war es immer nicht. Und Alles, Alles mord' ich ohne Gnade, Was meinem Ideale widerspricht: Wann kommst Du endlich, o Scheherezade? XLII. Ich thue Jedermänniglich zu wissen, Daß ich den finstern Unmut sehr bereue Und mich von Herzen meines Lebens freue, Daß ich erlöst von allen Kümmernissen. Mein liebes Fischchen hat nun angebissen Und schwört mir über alle Maßen Treue, Es herzt und herzt und herzt mich stets aufs Neue, Und drückt mich schmeichelnd in die Sophakissen. Ich lad' Euch, meine Freunde, sämmtlich ein, Mir eine frohe Stunde 'mal zu schenken; Doch laßt mir dann die tolle Frage sein: Wann wir uns wohl zu ehlichen gedenken? So lange noch der ganze Himmel mein, Will ich mich nicht auf Haus und Hof beschränken. XLIII. Ich stand auf einem Berg, da hört' ich singen Zur Linken plötzlich ernste, trübe Lieder; Ein Opfer war es für die Erde wieder, Ich kannte wohl der Glocken dumpfes Klingen. Zur Rechten sah ich einen Säugling bringen; Wie eines Schmetterlinges bunt Gefieder, Viel lust'ge Bänder wehten auf und nieder, Ein Glöckchen wollt' vor Freude schier zerspringen. Die Andacht wagt' kein Wesen rings zu stören: Die Herden hielten still auf ihren Weiden, Wie fromme Beter flüsterten die Föhren. Als ob die Glocken sich umarmt, die Beiden, Konnt' ich bald Einen süssen Klang nur hören Und Tod und Leben nicht mehr unterscheiden. XLIV. Erreichbar nur dem Sturm und Sonnenbrand, Von keines Wandrers Fuße umgebogen, In scheuen Kreisen nur vom Aar umflogen, Wie ein Johannes in der Wüste, stand Ein Blümchen einst auf kahler Alpenwand; Der Himmel hatte, doppelt ihm gewogen, Es seinem Herzen näher auferzogen, Doch nur mit Klagen schaut' es in das Land. „Warum, o Gott, in eines Felsen Schoos? Warum, o Gott, mir solch ein einsam Loos? Was sterb' ich nicht in holder Schwestern Mitten?” Still, meine Blume, still! Was klagst Du noch? Wohl bist Du einsam, aber sicher doch Vor Menschenhänden und vor Menschentritten. XLV. Der Gefangene. Der uns die Freiheit einst so kühn gelehret, Hört ihr ihn hinter jenem Gitter wohl, Dran spottend noch des Glaubens rauh Symbol, Manch eisern Kreuz, das ihm die Flucht verwehret? Das also ist der Lohn, der ihm bescheeret Ward von dem angebeteten Idol? Die Wangen blaß, die Augen trüb und hohl, Die Augen, die er — nicht zum Himmel kehret. Seit Jahren sah er keine Wolke schweben, Seit Jahren kein Gestirn in blauer Ferne Die goldne, thaubeglänzte Schwinge heben. Die Erde — ach! er ließ' sie Euch so gerne; Doch sprecht, ihr Herrn, wer hat Euch Macht gegeben, Die Hand zu legen auf des Himmels Sterne? XLVI . Einem Schauspieler. Ja, ich will Kugeln gießen aus den Lettern, Hör' ich die Stunde der Erlösung schlagen, Und Du auch wirst in solchen großen Tagen Die Welt nicht suchen mehr auf Deinen Brettern. Gilt es, der Erde Götzen zu zerschmettern, Ich kenne Dich, Du wirst Dein Leben wagen. Wer unsers Friedens drückend Joch getragen, Dem graut auch wahrlich nicht vor Sturm und Wettern. Bis dahin aber opfere dem Schönen So treu, wie jetzt, und heisse nicht despotisch Dein Herz zu früh desselben sich entwöhnen. So Manche macht die Freiheit jetzt zelotisch, Daß sie, Barbaren gleich, die Kunst verhöhnen; Sei lieber göthisch, theurer Freund, als gothisch! XLVII. Nach langem Ringen ist der Tag gewichen; Ein reizend Weib im leichten Silberflor, Tritt Luna hinter dem Gebirge vor, Der Ostwind ist ihr neckend nachgestrichen. Und eine bunte Schar von wunderlichen Gestalten taucht vor meinem Blick empor, Sie kommen zaghaft, wie ein Mädchenchor, Und wie auf Zehen zu mir angeschlichen. Ein Rauschen naht von tausend, tausend Schwingen, Ich fühl', wie Geister meine Stirne küssen Und mir die Hände legen auf das Haubt. Ich hör' die Sterne aus den Lüften singen: „Wohl dem, den wir noch wachen Augs begrüssen, Der an die Nacht, die heilige, noch glaubt!“ 12 XLVIII. Hölderlin . Den Klugen leiten sicher stets die Horen, Nur mit dem Genius spielen oft die Winde; Daß er, so Glück, wie Unglück, früher finde, Wird er mit Schwingen in die Welt geboren. Doch bleibt ihm treu die Gottheit zugeschworen; Sie legt am bösen Tag dem armen Kinde Mit weicher Hand ums Aug' des Wahnsinns Binde, Daß es nie sehe, was das Herz verloren. Die Götter haben freundlich Dein gedacht, Die Du so fromm gehalten einst in Ehren, Und lebend schon Dich aus der Welt gebracht. Nichts Irdisches kann fürder Dich versehren, Und reiner, denn ein Stern zum Schooß der Nacht, Wirst Du zurück zur großen Mutter kehren. XLIX. Trüg' ich ein Schwert als Krieger um die Lenden, Ging' ich als Landmann hinter einem Pfluge, Dann säß' ich Abends froh bei meinem Kruge, Um mit dem Tag mein Tagewerk zu enden. So aber, wenn sie sich zur Ruhe wenden, Schweift mein Geist noch auf irrem Wanderzuge, Und meine Seele kreist in stetem Fluge, Ihr will kein Abend seinen Frieden spenden. Dem Himmlischen erbaun wir keine Schranken, Es folgt uns nach ins laute Weltgetriebe Und wird im Schlummer auch nicht von uns wanken. Kein Ort — daß ich vor ihnen sicher bliebe! Gleich Blitzen zücken um mich die Gedanken Und treffen mich selbst in dem Arm der Liebe. L. So redet nur! Ihr sollt mich nicht bekehren. Er ist in Eurer Hütte nie gestanden, War Euch nie weihend, segnend nie zu Handen, Mein Genius — er gab Euch niemals Lehren. Was man nicht kennt, das mag man leicht entbehren. Doch mir geht ohne ihn mein Werk zu Schanden, Indeß die Nüchternen in allen Landen, Die Gottentfremdeten, die Schätze mehren. Behagt Euch wohl im friedlichen Genuß, Das Bischen Witz, es bleib' Euch unbenommen, Das auf die Frohne wie ein Sklave muß. Mir aber mag nur Zeus, der Donnrer , frommen, Zu meinem Werke muß ein Himmelsgruß, Ein heil'ger Sturm mein Herz erst überkommen. LI. Byron's Sonett an Chillon. (Bekanntlich haßte B. das Sonett.) Dein himmlisch Lied — es hat schon manche Labe In schwarzen düstern Stunden mir bereitet, Und wie den Jüngling treulich Du begleitet, So freute Dein sich schon der wilde Knabe. Die Besten haben über Deinem Grabe Wetteifernd Lorberkränze hingebreitet, Ach! wo ein Lob das andre niederstreitet, Wie wenig ist's, was ich zu bieten habe! Wenn ich mich zu Sonettendichtern wende, Die auch die Reime sträubend nur verschlungen, Seh' ich vor Allem Göthe's kleine Spende; Doch hat er nicht, wie Du , den Groll bezwungen, Der seines Liebens Anfang noch und Ende, Der noch die Freiheit im Sonett besungen. LII. Grabschrift. Sein oder Nichtsein ist hier keine Frage; Ich bin gewesen, was ich konnte sein. Kein Schelm und Schuft, bei Gott! ein Narr allein, Der auch sein Lämpchen brannt' am hellen Tage. Kein Turner, aber doch von deutschem Schlage; Und wär' mein Vers wie meine Hände, rein, So ruhete diß dichterlich Gebein Dereinst in einem stolzen Sarkophage. Ich nahm das Leben für ein Würfelspiel, Das Keinem seine stete Gunst geschworen, Doch oft hatt' ich der Augen noch zu viel; Ich trieb's, ein Thor, wie tausend andre Thoren, Und, glücklicher als weiland Freund Schlemihl, Hab' niemals meinen Schatten ich verloren. Zum Andenken an Georg Büchner den Verfasser von Danton's Tod. Zürich, im Februar 1841. Die Guten sterben jung, Und deren Herzen trocken, wie der Staub Des Sommers, brennen bis zum letzten Stumpf. I. So hat ein Purpur wieder fallen müssen! Hast eine Krone wiederum geraubt! Du schonst die Schlangen zwischen Deinen Füßen Und trittst den jungen Adlern auf das Haubt! Du läßt die Sterne von dem Himmel sinken Und Flittergold an Deinem Mantel blinken! Sprich, Schicksal, sprich, was hast Du diesen Tempel So früh in Schutt und Asche hingelegt? So rein und frisch war dieser Münze Stempel — Was hast Du heute schon sie umgeprägt? O theurer, als im goldenen Pokale Einst jene Perle der Kleopatra, Lag eine Perle in dem Haubte da; Der Mörder Tod schlich nächtlich sich in's Haus, Der rohe Knecht zerbrach die zarte Schale Und goß den hellen Geist als Opfer aus. — Mein Büchner tot! Ihr habt mein Herz begraben! Mein Büchner tot, als seine Hand schon offen, Und als ein Volk schon harrete der Gaben, Da wird der Fürst von jähem Schlag getroffen; Der Jugend fehlt ein Führer in die Schlacht, Um einen Frühling ist die Welt gebracht; Die Glocke, die im Sturm so rein geklungen, Ist, da sie Frieden lauten wollt', zersprungen. Wer weint mit mir? Nein, — Ihr begreift es nicht, Wie zehnfach stets das Herz des Dichters bricht, Wie blutend, gleich der Sonne, nur sich reißt Von dieser Erde — stets ein Dichtergeist, Wie immer, wo er von dem Leib sich löste; Sein eigner Schmerz beim Scheiden war der größte. Ein Scepter kann man ruhig fallen sehn, Wenn einmal nur mit ihm die Hand gespielt, Von einem Weibe kann man lächelnd gehn, Wenn man's nur einmal in den Armen hielt; Der Todesstunde Qual sind jene Schemen, Die wir mit uns in unsre Grube nehmen, Die Geister, die am Sterbebette stehn, Und uns um Leben und Gestaltung flehn, Die schon die junge Morgenröte wittern Und ihrem Werden bang entgegen zittern, Des Dichters Qual die ungeborne Welt, Der Keim, der mit der reifen Garbe fällt. Ich will Euch an ein Dichterlager bringen. Seht mit dem Tod ihn um die Zukunft ringen, Seht seines Auges letzten Fieberstrahl, Wie es so trunken in die Leere schaut Und drein noch sterbend Paradiese baut! Die Hand zuckt nach der Stirne noch einmal, Das Herz pocht wilder an die schwachen Rippen, Das Zauberwort schwebt auf den blassen Lippen — Noch Ein Geheimniß möcht' er uns entdecken, Den letzten, größten Traum in's Dasein wecken. — O Herr des Himmels, sei ihm jetzt nicht taub! Noch eine Stunde gönn' ihm, o Geschick! Verlösche uns nicht des Profeten Blick! Umsonst — es bricht die müde Brust in Staub, Und mit ihr wieder eine Freiheitsstütze, Auf's stille Herz fällt die gelähmte Hand, Daß sie im Tod noch vor der Welt es schütze; Und die so reich vor seinem Geiste stand, Er darf die Zukunft nicht zur Blüte treiben, Und seine Träume müssen Träume bleiben; Ein unvollendet Lied sinkt er in's Grab, Der Verse schönsten nimmt er mit hinab. Du flammst nun wieder nach durchbrochner Schranke In Gottes Haubt ein leuchtender Gedanke; Am kalten Herde sitzen wir allein, Und weinen in die Asche still hinein. O, mein Jahrhundert, sammle sie geschwind, — Er war ein Held, und mehr: Er war Dein Kind! An Deiner Brust hast Du ihn aufgesäugt, Dein Banner einzig hat er ja geschwenkt; Vor Dir allein hat er sein Knie gebeugt, Vor Dir, vor Dir allein sein Schwert gesenkt; Für Dich und mit Dir hat er kühn gestritten, Für Dich und mit Dir hat er treu gelitten; Um Deinetwillen stieß sein Vaterland Ihn aus, gleich wie der Mutterborn die Welle, Daß sie am fremden, freudenlosen Strand Mit allen Himmeln in der Brust zerschelle. An fremdem, freudenlosem Strande, ja! Denn wessen Herz stand hier dem seinen nah? Wo scheu der Mensch den Fuß vom Boden hebt, Und Fels und Stein allein nach oben strebt? Wo doppelt, doppelt schön der Aether blaut Und doppelt tief der Mensch zu Erde schaut, Wo stolze Adler ihre Heimat haben, Und wo am Ruder sitzen doch die Raben. Der Alpen Kind, wie ist Dein Ruf verhallt! Einst groß, wie sie, und jetzt, wie sie, nur kalt ! _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ II. Gleich Rosenhauch auf einer Jungfrau Wangen Seh' ich den Abend im Gebirge prangen, Im zarten Dufte glühen sie vor mir Die Gletscher, denen treu die Sonne hier Ihr erstes und ihr letztes Lächeln zeigt, Und aus den Flammen wie ein Phönix steigt Der Mond mit silberstrahlendem Gefieder, In jede Woge taucht sein Bildniß nieder, Ob stumm sie ruht, ob leuchtend sie sich bricht, Sie wird verklärt und er vergißt sie nicht; So mag der Geist der Welt in unser Denken, In jede Blüte, jede Brust sich senken. Dem Mond streut still mit schmeichelnder Geberde Goldwölkchen auf die Bahn des Abends Wehn Gleich Blumen, doch nicht Blumen dieser Erde, Die welken müssen, ehe sie vergehn; Dort in den Nachen wirft mit kalter Hand Sein letztes Gold, das herbstlich gelbe Land, Und meine Seele sieht in süßer Ruh Der Perlen Träufeln von den Rudern zu, Wie sie von Ringen hin zu Ringen tönen, Ein fliegendes Symbol der Ewigkeit, Und endlich sich, von jeder Form befreit, Gestaltlos mit dem Element versöhnen. O Geist, der über diesen Wassern lebt, Der hier aus diesen kühlen Gründen thaut, Der aus der Tiefe Himmel wiederblaut, Du Geist des Friedens, der mich jetzt umschwebt, Der sich den Aether maßlos läßt entfalten, Der Erde stillen Drang zum Lenz gestalten — So liebend beut die Luft des Vogels Schwingen, Der Harfe Ton, um d'rin sich auszuklingen — Was hast Du uns um diesen Stern betrogen, Und, eh' es tagen wollte, uns entzogen Den Genius, der Dir so rein verwandt, Sich in Dein All, wie Hauch in Hauch empfand, D'rein wie in einer Blume Kelch sich senkte, Und d'raus ein Herz, so gottesdurstig, tränkte? Du hast ein Auge der Natur genommen, Das ihr in ihre tiefste Seele sah, Um einen Beter bist Du selbst gekommen — Um einen Beter? ei, so staunet, ja! Um keinen Beter, ruhig, sicher, still, — Die Flamme bebt, wenn sie nach oben will! Um keinen Beter — nein, um keinen Wurm — Es tobt das Meer und lobt den Herrn im Sturm! Der Blumen schönste brauchet einen Dorn, Ein edles Herz zu Schutz und Trutz den Zorn; Manch heiß Gebet hüllt sich in einen Fluch, Wie unsre Hoffnung in das Leichentuch. III . Was er geschaffen, ist ein Edelstein, D'rin blitzen Strahlen für die Ewigkeit; Doch hätt' er uns ein Leitstern sollen sein In dieser halben, irrgeword'nen Zeit, In dieser Zeit, so wetterschwül und bang, Die noch im Ohr der Kindheit Glockenklang, Und mit der Hand schon nach dem Schwerte zittert, Zur Hälfte tot, zur Hälfte neugeboren, Gleich einer Pflanze, die den Frühling wittert Und ihre alten Blätter nicht verloren. Er hätte — aber gönnt ihm seine Ruh! Die Augen fielen einem Müden zu; Doch hat er, funkelnd in Begeisterung, Vom Himmelslichte trunken, sie geschlossen, Der Dichtung Quelle hat sich voll und jung Noch in den stillen Ocean ergossen. Und eine Braut nahm ihn der andern ab; Vor der verhaucht er friedlich sanft sein Leben, Die Freiheit trug den Jünger in das Grab, Und legt sich bis zum jüngsten Tag daneben. Auch nicht allein ist er dahingegangen, Zwei Pfeiler unsrer Kirche stürzten ein; Erst als den freisten Mann die Gruft empfangen, Senkt man auch Büchner in den Totenschrein. Büchner und Börne! — Deutsche Dioskuren, Weh', daß der Lorber nicht auf deutschen Fluren Für solch geweihte Häubter wachsen darf! Der Wind im Norden weht noch rauh und scharf, Der Lorber will im Treibhaus nur gedeihen, Ein freier Mann holt sich ihn aus dem Freien! O bleibe, Freund, bei deinem Danton liegen! 's ist besser, als mit unsern Adlern fliegen. — Der Frühling kommt, da will ich Blumen brechen Auf Deinem Grab und zu den Deutschen sprechen: „Kein Held noch, noch kein Ziska oder Tell? Und Eure Trommel noch das alte Fell?“ 13 Schlußlied. Was soll der Becher, Ihr tobenden Zecher, Was soll die funkelnde Flasche In Eurer Hand? Es trauert in Sack und Asche Das Vaterland. Was soll, ihr Bräute, Das Jubelgeläute? O heißt die Rosen erblassen Am deutschen Strand? Vom Bräutigam ist verlassen Das Vaterland. Was soll, ihr Fürsten, Nach Kronen das Dürsten? Zerreißt die goldenen Schnüre, Das Prunkgewand! Es frieret vor Eurer Thüre Das Vaterland. Was macht, ihr Pfaffen, Euch also zu schaffen? Was soll uns jetzo das Beten? O eitler Tand, So lang in den Staub getreten Das Vaterland! Weh Euch, ihr Reichen, Die nicht zu erweichen! Ihr zählt die Rubel, die runden, Im Sonnenbrand Der Lazarus seine Wunden, Das Vaterland. Weh Euch, ihr Armen! Was heischt Ihr Erbarmen? Es liegen viel Edelsteine Vor Euch im Sand, Auch meine Thränen, auch meine, Ums Vaterland. Doch Du, o Dichter, Bist nimmer der Richter! Gebeut der fertigen Zungen, Gebeut ihr Stand! Dein Schwanenlied ist gesungen Dem Vaterland. Inhaltsverzeichniß. Seite. An den Verstorbenen. 1841. 7 An Frau Carolina S. in Zürich. 1841. 13 Leicht Gepäck. 1840. 17 Wer ist frei? 1841. 20 Arndt's Wiedereinsetzung. 1841. 23 Gebet. 1841. 26 Der letzte Krieg. 1841. 29 Der sterbende Trompeter. 1840. 32 Reiterlied. 1841. 34 Rheinweinlied. (Okt. 1841.) 36 Das freie Wort. 1841. 38 Der beste Berg. 1841. 41 Seite. Drei Gutenbergslieder. (Juni 1840.) 43 Die Jungen und die Alten. 1840. 48 Protest. 1841. 50 Aufruf. 1841. 53 Neujahr. 1841. 56 Frühlingslied. 1841. 60 Der Freiheit eine Gasse! 1841. 64 Vive le Roi! 1840. 67 Vive la République. 1840. 70 Dem deutschen Volk. 1841. 73 Das Lied vom Hasse. 1841. 76 Gesang der Jungen bei Amnestirung der Alten. 1841. 79 An die deutschen Dichter. 1840. 82 Anastasius Grün. 1840. 86 Béranger. 1840. 89 Der Gang um Mitternacht. 1840. 92 Schlechter Trost. 1840. 96 Strophen aus der Fremde. I . II . 1839. 98 Ufnau und Helena. 1841. 102 Seite. Jacta alea est. 1841. 109 An die Zahmen. 1841. 113 Gegen Rom. 1841. 116 An den König von Preußen. 1841. 120 Zuruf. 1841. 126 Sonette. (Aus einer größern Sammlung „Dissonanzen.“) I . bis LII . (Herbst. 1840.) 131 Zum Andenken an Georg Büchner. 1841. 183 Schlußlied. 1841. 194 Avis in Betreff etwaiger Druckfehler. Voll von Fehlern ist diß Buch; Freiheit steht auf jeder Seite; Gleichviel — gebt ihm Euern Fluch Oder Segen zum Geleite! Für das Sündenregister Sorge der deutsche Philister.