Nachtstuͤcke herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestuͤcke in Callots Manier . Erster Theil . Berlin , 1817 . In der Realschulbuchhandlung . Der Sandmann . Nathanael an Lothar . G ewiß seid ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange — lange nicht geschrieben. Mutter zuͤrnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes En¬ gelsbild, so tief mir in Herz und Sinn einge¬ praͤgt, ganz und gar. — Dem ist aber nicht so; taͤglich und stuͤndlich gedenke ich Eurer Aller und in suͤßen Traͤumen geht meines holden Claͤrchens freundliche Gestalt voruͤber und laͤchelt mich mit ihren hellen Augen so anmuthig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. — Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bis¬ her alle Gedanken verstoͤrte! — Etwas entsetzli¬ A ches ist in mein Leben getreten! — Dunkle Ah¬ nungen eines graͤßlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten uͤber mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnen¬ strahl. — Nun soll ich Dir sagen, was mir wiederfuhr. Ich muß es, das sehe ich ein, aber nur es denkend, lacht es wie toll aus mir her¬ aus. — Ach mein herzlieber Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden zu lassen, daß das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein Leben so feindlich zer¬ stoͤren konnte! Waͤrst du nur hier, so koͤnntest du selbst schauen; aber jetzt haͤltst Du mich gewiß fuͤr einen aberwitzigen Geisterseher. — Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, dessen toͤdtlichen Eindruck zu vermeiden ich mich verge¬ bens bemuͤhe, besteht in nichts anderm, als daß vor einigen Tagen, nehmlich am 30. October Mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashaͤndler in meine Stube trat und mir seine Waare anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe her¬ abzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging. — Du ahnest, daß nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben koͤnnen, ja, daß wohl die Per¬ son jenes ungluͤckseligen Kraͤmers gar feindlich auf mich wirken muß. So ist es in der That. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um ruhig und geduldig Dir aus meiner fruͤhern Jugendzeit so viel zu erzaͤhlen, daß deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, hoͤre ich Dich lachen und Clara sagen: das sind ja rechte Kin¬ dereien! — Lacht, ich bitte Euch, lacht mich recht herzlich aus! — ich bitt' Euch sehr! — Aber Gott im Himmel! die Haare straͤuben sich mir und es ist, als flehe ich Euch an, mich aus¬ zulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den Daniel . — Nun fort zur Sache! — Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, Tag uͤber den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschaͤftigt seyn. Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemaͤß A 2 schon um sieben Uhr aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzaͤhlte er uns viele wunderbare Geschichten und gerieth daruͤber so in Eifer, daß ihm die Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder an¬ zuͤnden mußte, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er uns aber Bilderbuͤcher in die Haͤnde, saß stumm und starr in seinem Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, daß wir alle wie im Nebel schwammen. An solchen Aben¬ den war die Mutter sehr traurig und kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: Nun Kinder! — zu Bette! zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk' es schon. Wirklich hoͤrte ich dann jedes¬ mal Etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das mußte der Sandmann seyn. Einmal war mir jenes dumpfe Treten und Pol¬ tern besonders graulich; ich frug die Mutter, in¬ dem sie uns fortfuͤhrte: Ei Mama! wer ist denn der boͤse Sandmann, der uns immer von Papa forttreibt? — wie sieht er denn aus? „Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind, erwiederte die Mutter: wenn ich sage, der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seyd schlaͤfrig und koͤnnt die Augen nicht offen behalten, als haͤtte man Euch Sand hineingestreut.“ — Der Mut¬ ter Antwort befriedigte mich nicht, ja in meinem kindischen Gemuͤth entfaltete sich deutlich der Ge¬ danke, daß die Mutter den Sandmann nur ver¬ laͤugne, damit wir uns vor ihm nicht fuͤrchten sollten, ich hoͤrte ihn ja immer die Treppe her¬ aufkommen. Voll Neugierde, naͤheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine juͤngste Schwester wartete: was denn das fuͤr ein Mann sei, der Sandmann? „Ei Thanelchen , erwiederte diese, weißt du das noch nicht? Das ist ein boͤser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett' gehen wollen und wirft ihnen Haͤndevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und traͤgt sie in den Halbmond zur Atzung fuͤr seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnaͤ¬ bel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf. — Graͤßlich malte sich nun im Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; so wie es Abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Thraͤnen hergestotterten Ruf: der Sandmann! der Sandmann! konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht uͤber quaͤlte mich die fuͤrchterliche Erscheinung des Sandmanns. — Schon alt genug war ich gewor¬ den, um einzusehen, daß das mit dem Sand¬ mann und seinem Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzaͤhlt hatte, wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben koͤnne; indessen blieb mir der Sandmann ein fuͤrchterliches Ge¬ spenst, und Grauen — Entsetzen ergriff mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkom¬ men, sondern auch meines Vaters Stubenthuͤr heftig aufreissen und hineintreten hoͤrte. Manch¬ mal blieb er lange weg, dann kam er oͤfter hin¬ tereinander. Jahre lang dauerte das, und nicht gewoͤhnen konnte ich mich an den unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr und mehr zu beschaͤftigen: den Vater darum zu befra¬ gen hielt mich eine unuͤberwindliche Scheu zuruͤck, aber selbst — selbst das Geheimniß zu erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon leicht im kindlichen Gemuͤth sich einnistet. Nichts war mir lieber, als schauerliche Geschich¬ ten von Kobolten, Hexen, Daͤumlingen u. s. w. zu hoͤren oder zu lesen; aber obenan stand im¬ mer der Sandmann, den ich in den seltsamsten, abscheulichsten Gestalten uͤberall auf Tische, Schraͤn¬ ke und Waͤnde mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kaͤmmerchen, das auf dem Corridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer mußten wir uns, wenn auf den Schlag Neun Uhr sich jener Unbe¬ kannte im Hause hoͤren ließ, schnell entfernen. In meinem Kaͤmmerchen vernahm ich, wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als verbreite sich im Hause ein fei¬ ner seltsam riechender Dampf. Immer hoͤher mit der Neugierde wuchs der Muth, auf irgend eine Weise des Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem Kaͤmmerchen auf den Corridor, wenn die Mutter voruͤbergegangen, aber nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur Thuͤre hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar werden mußte. Endlich von unwidersteh¬ lichem Drange getrieben, beschloß ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu erwarten. An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines Abends, daß der Sandmann kommen werde; ich schuͤtzte daher große Muͤdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich dicht neben der Thuͤre in einen Schlupfwinkel. Die Hausthuͤre knarrte, durch den Flur ging es, langsamen, schweren, droͤhnenden Schrittes nach der Treppe. Die Mut¬ ter eilte mit dem Geschwister mir voruͤber. Leise — leise oͤffnete ich des Vaters Stubenthuͤr. Er saß, wie gewoͤhnlich, stumm und starr den Ruͤcken der Thuͤre zugekehrt, er bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben der Thuͤre stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen, vorgezogen war. — Naͤher — immer naͤher droͤhnten die Tritte — es hustete und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung. — Dicht, dicht vor der Thuͤre ein scharfer Tritt — ein heftiger Schlag auf die Klinke, die Thuͤr springt rasselnd auf! — Mit Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter brennt ihm ins Gesicht! — Der Sand¬ mann, der fuͤrchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius , der manchmal bei uns zu Mittage ißt! — Aber die graͤßlichste Gestalt haͤtte mir nicht tieferes Entsetzen erregen koͤnnen, als eben dieser Coppelius . — Denke Dir einen großen breit¬ schultrigen Mann mit einem unfoͤrmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrau¬ en, unter denen ein paar gruͤnliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker uͤber die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul ver¬ zieht sich oft zum haͤmischen Lachen; dann wer¬ den auf den Backen ein paar dunkelrothe Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton faͤhrt durch die zusammengekniffenen Zaͤhne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Struͤmpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die kleine Peruͤcke reichte kaum bis uͤber den Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen hoch uͤber den großen rothen Ohren und ein breiter verschlosse¬ ner Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so daß man die silberne Schnalle sah, die die gefaͤl¬ telte Halsbinde schloß. Die ganze Figur war uͤberhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns Kindern seine großen knotigten, haarigten Faͤuste zuwider, so daß wir, was er damit be¬ ruͤhrte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und nun war es seine Freude, irgend ein Stuͤck¬ chen Kuchen, oder eine suͤße Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter diesem, oder jenem Vorwande zu beruͤhren, daß wir, helle Thraͤnen in den Augen, die Naͤscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Eben so machte er es, wenn uns an Feiertagen der Vater ein klein Glaͤschen suͤßen Weins eingeschenkt hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust heruͤber, oder brachte wohl gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir unsern Aerger nur leise schluchzend aͤußern durften. Er pflegte uns nur immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen, keinen Laut von uns geben und verwuͤnschten den haͤßlichen, feind¬ lichen Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude verdarb. Die Mutter schien eben so, wie wir, den widerwaͤrti¬ gen Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr heiteres unbefange¬ nes Wesen umgewandelt in traurigen, duͤstern Ernst. Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein hoͤheres Wesen, dessen Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune er¬ halten muͤsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden gekocht und seltene Weine kredenzt. Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in meiner Seele auf, daß ja niemand anders, als er, der Sandmann seyn koͤnne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem Ammenmaͤhrchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung holt, — Nein! — ein haͤßlicher gespenstischer Unhold, der uͤberall, wo er einschreitet, Jam¬ mer — Noth — zeitliches, ewiges Verderben bringt. Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr ent¬ deckt, und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius feierlich. „Auf! — zum Werk, rief dieser mit heiserer, schnarrender Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. Wo sie die hernahmen, hatte ich uͤbersehen. Der Vater oͤffnete die Fluͤgelthuͤr eines Wandschranks; aber ich sah, daß das, was ich so lange dafuͤr gehal¬ ten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Hoͤhlung war, in der ein kleiner Heerd stand. Coppelius trat hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Heerde empor. Aller¬ lei seltsames Geraͤthe stand umher. Ach Gott! — wie sich nun mein alter Vater zum Feuer herab¬ buͤckte, da sah er ganz anders aus. Ein graͤßli¬ cher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Zuͤge zum haͤßlichen widerwaͤrtigen Teu¬ felsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppe¬ lius aͤhnlich. Dieser schwang die gluthrothe Zange und holte damit hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann aͤmsig haͤmmerte. Mir war es als wuͤrden Menschengesichter rings¬ umher sichtbar, aber ohne Augen — scheußliche, tiefe schwarze Hoͤhlen statt ihrer. „Augen her, Augen her! rief Coppelius mit dumpfer droͤh¬ nender Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfaßt und stuͤrzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius , kleine Bestie! — kleine Bestie! meckerte er zaͤhnfletschend! — riß mich auf und warf mich auf den Heerd, daß die Flamme mein Haar zu sengen begann: „Nun haben wir Au¬ gen — Augen — ein schoͤn Paar Kinderaugen. So fluͤsterte Coppelius , und griff mit den Faͤu¬ sten gluthrothe Koͤrner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Haͤnde empor und rief: Meister! Meister! laß meinem Nathanael die Augen — laß sie ihm! Coppelius lachte gellend auf und rief: „Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Haͤnde und der Fuͤße recht observiren. Und damit faßte er mich gewaltig, daß die Gelenke knackten, und schrob mir die Haͤnde ab und die Fuͤße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. „'S steht doch uͤberall nicht recht! 's gut so wie es war! — Der Alte hat's verstanden!“ So zischte und lis¬ pelte Coppelius ; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jaͤher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein — ich fuͤhlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt uͤber mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich uͤber mich hingebeugt. „Ist der Sand¬ mann noch da?“ stammelte ich. „Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der thut dir keinen Schaden!“ — So sprach die Mutter und kuͤßte und herzte den wieder gewonnenen Liebling. — Was soll ich Dich ermuͤden, mein herzlieber Lothar ! was soll ich so weitlaͤuftig Einzelnes hererzaͤhlen, da noch so vieles zu sagen uͤbrig bleibt? Genug! — ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von Coppelius gemißhandelt wor¬ den. Angst und Schrecken hatten mir ein hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag. „Ist der Sandmann noch da?“ — Das war mein erstes gesundes Wort und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. — Nur noch den schrecklichsten Moment meiner Ju¬ gendjahre darf ich dir erzaͤhlen; dann wirst du uͤberzeugt seyn, daß es nicht meiner Augen Bloͤ¬ digkeit ist, wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, daß ein dunkles Verhaͤngniß wirklich einen truͤben Wolkenschleier uͤber mein Leben ge¬ haͤngt hat, den ich vielleicht nur sterbend zer¬ reisse. — Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt verlassen. Ein Jahr mochte vergangen seyn, als wir der alten unveraͤnderten Sitte gemaͤß Abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und und erzaͤhlte viel Ergoͤtzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend gemacht. Da hoͤrten wir als es Neune schlug, ploͤtzlich die Hausthuͤr in den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte droͤhnten durch den Hausflur die Treppe herauf. „Das ist Coppelius ,“ sagte meine Mutter erblassend. „Ja! — es ist Coppelius “ wiederholte der Vater mit matter gebrochener Stimme. Die Thraͤnen stuͤrzten der Mutter aus den Augen. „Aber Vater, Vater! rief sie, muß es denn so seyn?“ „Zum letztenmahle!“ erwiederte dieser, „zum letztenmahle kommt er zu mir, ich verspreche es Dir. Geh' nur, geh' mit den Kin¬ dern! — Geht — geht zu Bette! Gute Nacht!“ Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepreßt — mein Athem stockte! — Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich un¬ beweglich stehen blieb: „Komm Nathanael , komme nur!“ — Ich ließ mich fortfuͤhren, ich trat in meine Kammer. „Sei ruhig, sei ruhig, lege Dich ins Bette! — schlafe — schlafe“, rief mir die Mutter nach; aber von unbeschreiblicher B innerer Angst und Unruhe gequaͤlt, konnte ich kein Auge zuthun. Der verhaßte abscheuliche Coppelius stand vor mir mit funkelnden Augen und lachte mich haͤmisch an, vergebens trachtete ich sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht seyn, als ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschuͤtz losgefeiert wuͤrde. Das ganze Haus erdroͤhnte, es rasselte und rauschte bei meiner Thuͤre voruͤber, die Hausthuͤre wurde klirrend zugeworfen. „Das ist Coppelius “ rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte es auf in schneidendem trostlosen Jam¬ mer, fort stuͤrzte ich nach des Vaters Zimmer, die Thuͤre stand offen, erstickender Dampf quoll mir entgegen, das Dienstmaͤdchen schrie: Ach, der Herr! — der Herr! — Vor dem dampfenden Heerde auf dem Boden lag mein Vater todt mit schwarz verbranntem graͤßlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten und winselten die Schwe¬ stern — die Mutter ohnmaͤchtig daneben! — „ Coppelius , verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!“ — So schrie ich auf; mir ver¬ gingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszuͤge wieder mild und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Troͤstend ging es in meiner Seele auf, daß sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins ewige Verderben ge¬ stuͤrzt haben koͤnne. — Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar und kam vor die Obrig¬ keit, welche den Coppelius zur Verantwortung vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden. Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! daß jener Wetterglashaͤndler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es nicht verargen, daß ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil bringend deute. Er war an¬ ders gekleidet, aber Coppelius Figur und Ge¬ sichtszuͤge sind zu tief in mein Innerstes einge¬ praͤgt, als daß hier ein Irrthum moͤglich seyn sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmahl seinen Namen geaͤndert. Er gibt sich hier, wie B 2 ich hoͤre, fuͤr einen piemontesischen Mechanicus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola . Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu raͤchen, mag es denn nun gehen wie es will. Der Mutter erzaͤhle nichts von dem Erschei¬ nen des graͤßlichen Unholds — Gruͤße meine liebe holde Clara , ich schreibe ihr in ruhigerer Ge¬ muͤthsstimmung. Lebe wohl ꝛc. ꝛc. Clara an Nathanael . Wahr ist es, daß Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber dennoch glaube ich, daß Du mich in Sinn und Gedanken traͤgst. Denn mei¬ ner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief an Bruder Lothar absen¬ den wolltest und die Aufschrift, statt an ihn, an mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrthum erst bei den Worten inne: Ach mein herzlieber Lothar ! — Nun haͤtte ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bru¬ der geben sollen. Aber, hast Du mir auch sonst manchmahl in kindischer Neckerei vorgeworfen, ich haͤtte solch' ruhiges, weiblich besonnenes Ge¬ muͤth, daß ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller Flucht ganz ge¬ schwinde einen falschen Kniff in der Fenster¬ gardine glattstreichen wuͤrde, so darf ich doch wohl kaum versichern, daß Deines Briefes Anfang mich tief erschuͤtterte. Ich konnte kaum athmen, es flimmerte mir vor den Augen. — Ach, mein herzgeliebter Nathanael ! was konnte so ent¬ setzliches in Dein Leben getreten seyn! Trennung von Dir, Dich niemahls wieder sehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein gluͤhender Dolchstich. — Ich las und las! — Deine Schil¬ derung des widerwaͤrtigen Coppelius ist graͤ߬ lich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein guter alter Vater solch' entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder Lothar , dem ich sein Eigenthum zu¬ stellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashaͤndler Giu ¬ seppe Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schaͤme ich mich, es zu geste¬ hen, daß er selbst meinen gesunden, sonst so ruhi¬ gen Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstoͤren konnte. Doch bald, schon den andern Tag, hatte sich Alles anders in mir gestaltet. Sei mir nur nicht boͤse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa sagen moͤchte, daß ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde Dir etwas Boͤses anthun, ganz heitern un¬ befangenen Sinnes bin, wie immer. Gerade heraus will ich es Dir nur gestehen, daß, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreck¬ liche, wovon Du sprichst, nur in Deinem Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig Theil hatte. Widerwaͤrtig genug mag der alte Coppelius gewesen seyn, aber daß er Kinder haßte, das brachte in Euch Kindern wah¬ ren Abscheu gegen ihn hervor. Natuͤrlich verknuͤpfte sich nun in Deinem kin¬ dischen Gemuͤth der schreckliche Sandmann aus dem Ammenmaͤhrchen mit dem alten Coppelius , der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sand¬ mann, ein gespenstischer, Kindern vorzuͤglich ge¬ faͤhrlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Trei¬ ben mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als daß beide insgeheim alchymi¬ stische Versuche machten, womit die Mutter nicht zufrieden seyn konnte, da gewiß viel Geld un¬ nuͤtz verschleudert und obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall seyn soll, des Va¬ ters Gemuͤth ganz von dem truͤgerischen Drange nach hoher Weisheit erfuͤllt, der Familie abwen¬ dig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiß durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeige¬ fuͤhrt, und Coppelius ist nicht Schuld daran: Glaubst Du, daß ich den erfahrnen Nachbar Apo¬ theker gestern frug, ob wohl bei chemischen Ver¬ suchen eine solche augenblicklich toͤdtende Explosion moͤglich sei? Der sagte: Ei allerdings und be¬ schrieb mir nach seiner Art gar weitlaͤuftig und umstaͤndlich, wie das zugehen koͤnne, und nannte dabei so viel sonderbar klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. — Nun wirst Du wohl unwillig werden uͤber deine Clara , Du wirst sagen: in dies kalte Gemuͤth dringt kein Strahl des Geheimnißvollen, das den Men¬ schen oft mit unsichtbaren Armen umfaßt; sie er¬ schaut nur die bunte Oberflaͤche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind uͤber die gold¬ gleißende Frucht, in deren Innerm toͤdtliches Gift verborgen. Ach mein herzgeliebter Nathanael ! glaubst Du denn nicht, daß auch in heitern — unbefan¬ genen — sorglosen Gemuͤthern die Ahnung woh¬ nen koͤnne von einer dunklen Macht, die feindlich Uns in Unserm eignen Selbst zu verderben strebt? — Aber verzeih' es mir, wenn ich ein¬ faͤltig' Maͤdchen mich unterfange, auf irgend eine Weise mir anzudeuten, was ich eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. — Ich finde wohl gar am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil ich was dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt an¬ stelle, es zu sagen. — Giebt es eine dunkle Macht, die so recht feind¬ lich und verraͤtherisch einen Faden in unser Inne¬ res legt, woran sie uns dann festpackt und fort¬ zieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben wuͤrden — giebt es eine solche Macht, so muß sie in Uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und raͤumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir fe¬ sten, durch das heitre Leben gestaͤrkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild seyn sollte. Es ist auch gewiß, fuͤgt Lothar hinzu, daß die dunkle phy¬ sische Macht, haben wir uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die Außen¬ welt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so, daß wir selbst nur den Geist ent¬ zuͤnden, der, wie wir in wunderlicher Taͤuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Fantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Ver¬ wandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemuͤth uns in die Hoͤlle wirft, oder in den Him¬ mel verzuͤckt. — Du merkst, mein herzlieber Nathanael ! daß wir, ich und Bruder Lothar uns recht uͤber die Materie von dunklen Maͤchten und Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Muͤhe das Hauptsaͤchlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt. Lothar's letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich, schlage Dir den haͤßlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei uͤberzeugt, daß diese fremden Gestalten nichts uͤber Dich vermoͤgen; nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie Dir in der That feindlich machen. Spraͤche nicht aus jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemuͤths, schmerzte mich nicht Dein Zu¬ stand recht in innerster Seele, wahrhaftig, ich koͤnnte uͤber den Advokaten Sandmann und den Wetterglashaͤndler Coppelius scherzen. Sei hei¬ ter — heiter! — Ich habe mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den haͤßlichen Coppola , sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und gar nicht fuͤrchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Faͤusten, er soll mir weder als Advokat eine Naͤscherei, noch als Sandmann die Augen verderben. Ewig, mein herzinnigstgeliebter Natha ¬ nael ꝛc. ꝛc. ꝛc. Nathanael an Lothar . Sehr unlieb ist es mir, daß Clara neulich den Brief an Dich aus, freilich durch meine Zer¬ streutheit veranlaßtem, Irrthum erbrach und las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausfuͤhrlich beweiset, daß Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existiren und Fantome meines Ich's sind, die augenblicklich zerstaͤuben, wenn ich sie als solche, erkenne. In der That, man sollte gar nicht glau¬ ben, daß der Geist, der aus solch' hellen hold¬ laͤchelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher suͤßer Traum, hervorleuchtet, so gar verstaͤndig, so ma¬ gistermaͤßig distinguiren koͤnne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt uͤber mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. — Laß das blei¬ ben! — Uebrigens ist es wohl gewiß, daß der Wetterglashaͤndler Giuseppe Coppola keines¬ weges der alte Advokat Coppelius ist. Ich hoͤre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor der Physik, der, wie jener beruͤhmte Naturforscher, Spalanzani heißt und italiaͤnischer Abkunft ist, Collegia. Der kennt den Coppola schon seit vielen Jahren und uͤberdem hoͤrt man es auch seiner Aussprache an, daß er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich duͤnkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr, Du und Clara , mich immerhin fuͤr einen duͤstern Traͤumer, aber nicht los kann ich den Eindruck werden, den Coppe¬ lius verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner Nase, aufgeworfnen Lippen, kleinen stechenden Au¬ gen. Doch besser, als in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro , wie er von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht, anschauest. — So sieht Spalanzani aus. — Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, daß die sonst einer Glasthuͤre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt laͤßt. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß ge¬ wachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Aerme, die Haͤnde zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Thuͤre gegenuͤber, so, daß ich ihr engelschoͤnes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu bemerken, und uͤberhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe moͤcht' ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher er¬ fuhr ich, daß die Gestalt, die ich gesehen, Spa ¬ lanzani's Tochter, Olimpia war, die er son¬ derbarer und schlechter Weise einsperrt, so, daß durchaus kein Mensch in ihre Naͤhe kommen darf. — Am Ende hat es eine Bewandniß mit ihr, sie ist vielleicht bloͤdsinnig oder sonst. — Weshalb schreibe ich Dir aber das alles? Besser und ausfuͤhrlicher haͤtte ich Dir das muͤndlich er¬ zaͤhlen koͤnnen. Wisse nehmlich, daß ich uͤber vierzehn Tage bey Euch bin. Ich muß mein suͤßes liebes Engelsbild, meine Clara , wiederseh¬ en. Weggehaucht wird dann die Verstimmung seyn, die sich (ich muß das gestehen) nach dem fata¬ len verstaͤndigen Briefe meiner bemeistern wollte Deshalb schreibe ich auch heute nicht an Sie. Tausend Gruͤße ꝛc. ꝛc. ꝛc. Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfun¬ den werden, als dasjenige ist, was sich mit mei¬ nem armen Freunde, dem jungen Studenten Na ¬ thanael , zugetragen, und was ich Dir, guͤnstiger Leser! zu erzaͤhlen unternommen. Hast Du, Ge¬ neigtester! wohl jemahls etwas erlebt, das Deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfuͤllte, Alles Andere daraus verdraͤngend? Es gaͤhrte und kochte in Dir, zur siedenden Gluth entzuͤndet sprang das Blut durch die Adern und faͤrbte hoͤh¬ er Deine Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sicht¬ bar, im leeren Raum erfassen und die Rede zer¬ floß in dunkle Seufzer. Da frugen Dich die Freunde: Wie ist Ihnen, Verehrter? — Was haben Sie, Theurer? Und nun wolltest Du das innere Gebilde mit allen gluͤhenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und muͤhtest Dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war Dir, als muͤßtest Du nun gleich im ersten Wort Alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zuge¬ tragen, recht zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, Alles was Rede vermag, schien Dir farb¬ los und frostig und todt. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nuͤchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windes¬ hauche, hinein in Deine innere Gluth, bis sie ver¬ loͤschen will. Hattest Du aber, wie ein kecker Mahler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß Deines innern Bildes hingeworfen, so trugst Du mit leichter Muͤhe immer gluͤhender und gluͤhender die Farben auf und das lebendige Gewuͤhl mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie Du, sich selbst mitten im Bilde, das aus Deinem Gemuͤth hervorgegangen! — Mich hat, wie ich es Dir, geneigter Leser! gestehen muß, eigentlich niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; Du weißt ja aber wohl, daß ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehoͤre, denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so zu Muthe wird, als frage jeder, der in ihre Naͤhe kommt kommt und nebenher auch wohl noch die ganze Welt: Was ist es denn? Erzaͤhlen Sie Lieb¬ ster? — So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhaͤngnißvollem Leben zu Dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon er¬ fuͤllte meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich Dich, o mein Leser! gleich geneigt machen mußte, Wunderliches zu ertragen, welches nichts geringes ist, quaͤlte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend — originell, ergreifend, an¬ zufangen: „Es war einmahl“ — der schoͤnste An¬ fang jeder Erzaͤhlung, zu nuͤchtern! — „In der kleinen Provinzial-Stadt S. lebte“ — etwas bes¬ ser, wenigstens ausholend zum Climax. — Oder gleich medias in res : „Scheer' er sich zum Teu¬ fel, rief, Wuth und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael , als der Wetterglas- Haͤndler Giuseppe Coppola “ — Das hatte ich in der That schon aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael etwas possirliches zu verspuͤren glaubte; die Geschichte ist aber gar nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede C in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien. Ich beschloß gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei Briefe, welche Freund Lothar mir guͤtigst mittheilte, fuͤr den Umriß des Gebildes, in das ich nun erzaͤhlend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemuͤh¬ en werde. Vielleicht gelingt es mir, manche Gestalt, wie ein guter Portraitmahler, so aufzu¬ fassen, daß Du es aͤhnlich findest, ohne das Ori¬ ginal zu kennen, ja daß es Dir ist, als haͤttest Du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen. Vielleicht wirst Du, o mein Leser! dann glauben, daß nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und daß dieses der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem Widerschein, auffassen koͤnne. Damit klarer werde, was gleich Anfangs zu wissen noͤthig, ist jenen Briefen noch hinzuzufuͤ¬ gen, daß bald darauf, als Nathanaels Vater gestorben, Clara und Lothar , Kinder eines weitlaͤuftigen Verwandten, der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faßten eine heftige Zuneigung zu einander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte; sie waren daher Ver¬ lobte, als Nathanael den Ort verließ um seine Studien in G. — fortzusetzen. Da ist er nun in seinem letzten Briefe und hoͤrt Collegia bei dem beruͤhmten Professor Physices, Spalan ¬ zani . Nun koͤnnte ich getrost in der Erzaͤhlung fort¬ fahren; aber in dem Augenblick steht Clara's Bild so lebendig mir vor Augen, daß ich nicht wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlaͤchelnd anblickte. — Fuͤr schoͤn konnte Clara keinesweges gelten; das meinten alle, die sich von Amtswegen auf Schoͤnheit ver¬ stehen. Doch lobten die Architekten die reinen Ver¬ haͤltnisse ihres Wuchses, die Mahler fanden Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten sich dagegen saͤmmtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten uͤberhaupt viel von C 2 Battonischem Colorit. Einer von ihnen, ein wirk¬ licher Fantast, verglich aber hoͤchstseltsamer Weise Clara's Augen mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und sprachen: Was See — was Spiegel! — Koͤnnen wir denn das Maͤdchen anschauen, ohne daß uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesaͤnge und Klaͤnge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, daß da alles wach und rege wird? Singen wir selbst denn nichts wahrhaft gescheutes, so ist uͤber¬ haupt nicht viel an uns und das lesen wir denn auch deutlich in dem um Clara's Lippen schwe¬ benden feinen Laͤcheln, wenn wir uns unterfan¬ gen, ihr etwas vorzuquinkeliren, das so thun will als sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Toͤne verworren durch einander springen. Es war dem so. Clara hatte die lebenskraͤftige Fantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tie¬ fes weiblich zartes Gemuͤth, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und Schwebler hatten bei ihr boͤses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was uͤberhaupt in Clara's schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der helle Blick, und jenes feine ironische Laͤcheln: Lieben Freunde! wie moͤget ihr mir denn zumuthen, daß ich Eure ver¬ fließende Schattengebilde fuͤr wahre Gestalten an¬ sehen soll, mit Leben und Regung? — Clara wurde deshalb von vielen kalt, gefuͤhllos, pro¬ saisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefaßt, liebten ungemein das ge¬ muͤthvolle, verstaͤndige, kindliche Maͤdchen, doch keiner so sehr, als Nathanael , der sich in Wis¬ senschaft und Kunst kraͤftig und heiter bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte. Mit welchem Ent¬ zuͤcken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt ins Zimmer der Mut¬ ter eintrat. Es geschah so wie Nathanael ge¬ glaubt; denn in dem Augenblick, als er Clara wieder sah, dachte er weder an den Advokaten Coppelius , noch an Clara's verstaͤndigen Brief, jede Verstimmung war verschwunden. Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, daß des wider¬ waͤrtigen Wetterglashaͤndlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fuͤhlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus veraͤn¬ dert sich zeigte. Er versank in duͤstre Traͤume¬ reien, und trieb es bald so seltsam, wie man es niemahls von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung ge¬ worden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei waͤhnend, nur dunklen Maͤchten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demuͤthig muͤsse man sich dem fuͤgen, was das Schicksal verhaͤngt habe. Er ging so weit, zu behaupten, daß es thoͤricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbst¬ thaͤtiger Willkuͤhr zu schaffen; denn die Begeiste¬ rung, in der man nur zu schaffen faͤhig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines außer uns selbst liegenden hoͤheren Prinzips. Der verstaͤndigen Clara war diese mystische Schwaͤrmerei im hoͤchsten Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung einzu¬ lassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, daß Coppelius das boͤse Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfaßt habe, als er hinter dem Vor¬ hange lauschte, und daß dieser widerwaͤrtige Daͤ ¬ mon auf entsetzliche Weise ihr Liebesgluͤck stoͤren werde, da wurde Clara sehr ernst und sprach: „Ja Nathanael ! Du hast Recht, Coppelius ist ein boͤses feindliches Prinzip, er kann Entsetz¬ liches wirken, wie eine teuflische Macht, die sicht¬ barlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn Du ihn n i cht aus Sinn und Gedanken verbannst. So lange Du an ihn glaubst, ist er auch und wirkt, nur Dein Glaube ist seine Macht.“ — Nathanael , ganz erzuͤrnt, daß Clara die Exi¬ stenz des Daͤmons nur in seinem eignen Innern statuire, wollte dann hervorruͤcken mit der ganzen mystischen Lehre von Teufeln und grausen Maͤch¬ ten, Clara brach aber verdruͤßlich ab, indem sie irgend etwas gleichguͤltiges dazwischen schob, zu Na¬ thanaels nicht geringem Aerger. Der dachte, kalten unempfaͤnglichen Gemuͤthern erschließen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewußt zu seyn, daß er Clara eben zu solchen unter¬ geordneten Naturen zaͤhle, weshalb er nicht ab¬ ließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse ein¬ zuweihen. Am fruͤhen Morgen, wenn Clara das Fruͤhstuͤck bereiten half, stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Buͤchern vor, daß Clara bat: Aber lieber Nathanael , wenn ich Dich nun das boͤse Prinzip schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? — Denn, wenn ich, wie Du es willst, alles stehen und lie¬ gen lassen und Dir, indem Du liesest, in die Augen schauen soll, so laͤuft mir der Kaffee ins Feuer und ihr bekommt alle kein Fruͤhstuͤck! — Nathanael klappte das Buch heftig zu und rannte voll Unmuth fort in sein Zimmer. Sonst hatte er eine besondere Staͤrke in anmuthigen, lebendigen Erzaͤhlungen, die er aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnuͤgen anhoͤrte; jetzt waren seine Dichtungen duͤster, unverstaͤnd¬ lich, gestaltlos, so daß, wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fuͤhlte, wie wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war fuͤr Clara toͤdtender, als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu besiegende geistige Schlaͤfrigkeit aus. Natha ¬ nael's Dichtungen waren in der That sehr lang¬ weilig. Sein Verdruß uͤber Clara's kaltes pro¬ saisches Gemuͤth stieg hoͤher, Clara konnte ihren Unmuth uͤber Nathanael's dunkle, duͤstere, langweilige Mystik nicht uͤberwinden, und so ent¬ fernten beide im Innern sich immer mehr von ein¬ ander, ohne es selbst zu bemerken. Die Gestalt des haͤßlichen Coppelius war, wie Natha ¬ nael selbst es sich gestehen mußte, in seiner Fan¬ tasie erbleicht und es kostete ihm oft Muͤhe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksals¬ popanz auftrat, recht lebendig zu coloriren. Es kam ihm endlich ein, jene duͤstre Ahnung, daß Coppelius sein Liebesgluͤck stoͤren werde, zum Ge¬ genstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar, in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude her¬ aus, die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der entsetzliche Cop¬ pelius und beruͤhrt Clara's holde Augen; die springen in Nathanaels Brust wie blu¬ tige Funken sengend und brennend, Coppelius faßt ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuer¬ kreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig hineinpeitscht in die schaͤumenden Meereswellen, die sich wie schwarze, weißhauptige Riesen empor¬ baͤumen in wuͤthendem Kampfe. Aber durch dies wilde Tosen hoͤrt er Clara's Stimme: Kannst Du mich denn nicht erschauen? Coppelius hat Dich getaͤuscht, das waren ja nicht meine Augen, die so in Deiner Brust brannten, das waren ja gluͤhende Tropfen Deines eignen Herzbluts — ich habe ja meine Augen, sieh' mich doch nur an! — Nathanael denkt: das ist Clara , und ich bin ihr Eigen ewiglich. — Da ist es, als faßt der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis hinein, daß er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht dumpf das Getoͤse. Natha ¬ nael blickt in Clara's Augen; aber es ist der Tod, der mit Clara's Augen ihn freundlich anschaut. Waͤhrend Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend sich fuͤgte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht fuͤr sich laut las, da faßte ihn Grausen und wildes Entsetzen und er schrie auf: Wessen grauenvolle Stimme ist das? — Bald schien ihm jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dich¬ tung, und es war ihm, als muͤsse Clara's kaltes Gemuͤth dadurch entzuͤndet werden, wie¬ wohl er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzuͤndet, und wozu es denn nun eigentlich fuͤh¬ ren solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu aͤng¬ stigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstoͤrendes Geschick weissagten. — Sie, Nathanael und Clara , saßen in der Mutter kleinem Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen, in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Traͤumen und Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von lustigen Dingen wie sonst, so, daß Clara sagte: Nun erst habe ich Dich ganz wie¬ der, siehst Du es wohl, wie wir den haͤßlichen Coppelius vertrieben haben? Da fiel dem Nathanael erst ein, daß er ja die Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog auch sogleich die Blaͤtter hervor und fing an zu lesen: Clara , etwas langweiliges wie gewoͤhnlich vermuthend und sich darein ergebend, fing an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwaͤrzer und schwaͤrzer das duͤstre Gewoͤlk auf¬ stieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte starr dem Nathanael ins Auge. Den riß seine Dichtung unaufhaltsam fort, hochroth faͤrbte seine Wangen die innere Gluth, Thraͤnen quollen ihm aus den Augen — Endlich hatte er geschlos¬ sen, er stoͤhnte in tiefer Ermattung — er faßte Clara's Hand und seufzte wie aufgeloͤst in trost¬ losem Jammer: Ach! — Clara — Clara ! — Clara druͤckte ihn sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst: Natha ¬ nael — mein herzlieber Nathanael ! — wirf das tolle — unsinnige — wahnsinnige Maͤhrchen ins Feuer. Da sprang Nathanael entruͤstet auf und rief, Clara von sich stoßend: Du leb¬ loses, verdammtes Automat! Er rannte fort, bittre Thraͤnen vergoß die tief verletzte Clara : Ach er hat mich niemahls geliebt, denn er ver¬ steht mich nicht, schluchzte sie laut. — Lothar trat in die Laube; Clara mußte ihm erzaͤhlen was vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, daß der Unmuth, den er wider den traͤumerischen Nathanael lange im Herzen getragen, sich entzuͤndete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael , er warf ihm das unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor, die der auf¬ brausende Nathanael eben so erwiederte. Ein fantastischer, wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen erwiedert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlos¬ sen, sich am folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte mit scharf ge¬ schliffenen Stoßrappieren zu schlagen. Stumm und finster schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehoͤrt und gesehen, daß der Fechtmeister in der Daͤmmerung die Rappiere brachte. Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten Lothar und Nathanael so eben duͤsterschweigend die Roͤcke abgeworfen, blutduͤrstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegen einander ausfallen, als Clara durch die Gartenthuͤr herbeistuͤrzte. Schluchzend rief sie laut: Ihr wilden entsetzlichen Menschen! — stoßt mich nur gleich nieder, ehe ihr Euch anfallt; denn wie soll ich denn laͤnger leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bru¬ der, oder wenn der Bruder den Geliebten er¬ mordet hat! — Lothar ließ die Waffe sinken und sah schweigend zur Erde nieder, aber in Na ¬ thanael's Innerm ging in herzzerreissender Weh¬ muth alle Liebe wieder auf, wie er sie jemahls in der herrlichen Jugendzeit schoͤnsten Tagen fuͤr die holde Clara empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stuͤrzte zu Clara's Fuͤßen. Kannst Du mir denn jemahls verzeihen, Du meine einzige, meine herzgeliebte Clara ! — Kannst Du mir verzeihen, mein herzlieber Bru¬ der Lothar ! — Lothar wurde geruͤhrt von des Freundes tiefem Schmerz; unter tausend Thraͤ¬ nen umarmten sich die drei versoͤhnten Menschen und schwuren, nicht von einander zu lassen in steter Liebe und Treue. Dem Nathanael war es zu Muthe, als sei eine schwere Last, die ihn zu Boden gedruͤckt, von ihm abgewaͤlzt, ja als habe er, Widerstand leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Seyn, dem Vernichtung drohte, ge¬ rettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei den Lieben, dann kehrte er zuruͤck nach G., wo er noch ein Jahr zu bleiben, dann aber auf im¬ mer nach seiner Vaterstadt zuruͤckzukehren gedachte. Der Mutter war alles, was sich auf Cop¬ pelius bezog, verschwiegen worden; denn man wußte, daß sie nicht ohne Entsetzen an ihn den¬ ken konnte, weil sie, wie Nathanael , ihm den Tod ihres Mannes Schuld gab. Wie erstaunte Nathanael , als er in seine Wohnung wollte und sah, daß das ganze Haus niedergebrannt war, so daß aus dem Schutthau¬ fen nur die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, aus¬ gebrochen war, das Haus daher von unten her¬ auf gebrannt hatte, so war es doch den kuͤhnen, ruͤstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in Nathanael's im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Buͤcher, Manuscripte, In¬ Instrumente zu retten. Alles hatten sie unver¬ sehrt in ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen, welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht son¬ derlich achtete er darauf, daß er dem Professor Spalanzani gegenuͤber wohnte, und eben so wenig schien es ihm etwas besonderes, als er be¬ merkte, daß er aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia einsam saß, so, daß er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl die Zuͤge des Gesichts undeutlich und ver¬ worren blieben. Wohl fiel es ihm endlich auf, daß Olimpia oft Stundenlang in derselben Stel¬ lung, wie er sie einst durch die Glasthuͤre ent¬ deckte, ohne irgend eine Beschaͤftigung an einem kleinen Tische saß und daß sie offenbar unverwand¬ ten Blickes nach ihm heruͤberschaute; er mußte sich auch selbst gestehen, daß er nie einen schoͤ¬ neren Wuchs gesehen; indessen, Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia hoͤchst gleichguͤltig und nur zuweilen sah' er fluͤch¬ tig uͤber sein Compendium heruͤber nach der schoͤ¬ D nen Bildsaͤule, das war Alles. — Eben schrieb er an Clara , als es leise an die Thuͤre klopfte; sie oͤffnete sich auf seinen Zuruf und Coppola's widerwaͤrtiges Gesicht sah hinein. Nathanael fuͤhlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani uͤber den Landsmann Coppola gesagt und was er auch Ruͤcksichts des Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schaͤmte er sich aber selbst seiner kin¬ dischen Gespensterfurcht, nahm sich mit aller Ge¬ walt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als moͤglich: „Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!“ Da trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton, indem sich das weite Maul zum haͤßlichen Lachen verzog und die kleinen Augen unter den grauen langen Wimpern stechend her¬ vorfunkelten: „Ei, nix Wetterglas, nix Wetter¬ glas! — hab' auch skoͤne Oke — skoͤne Oke!“ — Entsetzt rief Nathanael : „Toller Mensch, wie kannst Du Augen haben? — Augen — Augen? —“ Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine Wetterglaͤser bei Seite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. — „Nu — Nu — Brill' — Brill auf der Nas' su setze, das seyn meine Oke — skoͤne Oke!“ — Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, daß es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flim¬ mern und zu funkeln begann. Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum Nathanael ; aber er konnte nicht weg¬ schauen von dem Tisch, und immer mehr Bril¬ len legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen flammende Blicke durch einander und schossen ihre blutrothe Strahlen in Natha ¬ nael's Brust. Uebermannt von tollem Entsetzen schrie er auf: halt ein! halt ein, fuͤrchterlicher Mensch! — Er hatte Coppola , der eben in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszu¬ bringen, unerachtet schon der ganze Tisch uͤber¬ deckt war, beim Arm festgepackt. Coppola machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten: „Ah! — nie fuͤr Sie — D 2 aber hier skoͤne Glas“ — hatte er alle Brillen zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seiten¬ tasche des Rocks eine Menge großer und kleiner Perspektive hervorgeholt. So wie die Brillen nur fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah' er wohl ein, daß der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervor¬ gegangen, so wie daß Coppola ein hoͤchst ehr¬ licher Mechanicus und Opticus, keinesweges aber Coppelii verfluchter Doppeltgaͤnger und Reve¬ nant seyn koͤnne. Zudem hatten alle Glaͤser, die Coppola nun auf den Tisch gelegt, gar nichts besonderes, am wenigsten so etwas gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gut zu ma¬ chen, beschloß Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und sah, um es zu pruͤfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein Glas vorgekommen, das die Gegenstaͤnde so rein, scharf und deutlich dicht vor die Augen ruͤckte. Unwillkuͤhrlich sah' er hinein in Spalanzani's Zimmer; Olimpia saß, wie gewoͤhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Aerme darauf gelegt, die Haͤnde gefaltet. — Nun erschaute Nathanael erst Olimpia's wunderschoͤn geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und todt. Doch wie er immer schaͤrfer und schaͤrfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olim ¬ pia's Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehraft entzuͤndet wuͤrde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke. Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die himmlisch- schoͤne Olimpia betrachtend. Ein Raͤuspern und Scharren weckte ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: Tre Zechini — drei Dukat — Nathanael hatte den Opticus rein vergessen, rasch zahlte er das verlangte: „Nick so? — skoͤne Glas — skoͤne Glas!“ frug Coppola mit seiner widerwaͤrtigen heisern Stim¬ me und dem haͤmischen Laͤcheln. „Ja ja, ja!“ er¬ wiederte Nathanael verdrießlich. „Adieu, lieber Freund!“ — Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael , das Zim¬ mer. Er hoͤrte ihn auf der Treppe laut lachen. „Nun ja, meinte Nathanael , er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv gewiß viel zu theuer bezahlt habe — zu theuer be¬ zahlt!“ — Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauen¬ voll durch das Zimmer, Nathanael's Athem stockte vor innerer Angst. — Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl. Clara , sprach er zu sich selber, hat wohl Recht, daß sie mich fuͤr einen abgeschmackten Geisterseher haͤlt; aber naͤrrisch ist es doch — ach wohl mehr, als naͤrrisch, daß mich der dumme Gedanke, ich haͤtte das Glas dem Coppola zu theuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar aͤngstigt; den Grund davon sehe ich gar nicht ein. — Jetzt setzte er sich hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster uͤberzeugte ihn, daß Olimpia noch da saͤße und im Augenblick, wie von unwi¬ derstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, er¬ griff Coppola's Perspektiv und konnte nicht los von Olimpia's verfuͤhrerischem Anblick, bis ihn Freund und Bruder Sigemund abrief in's Collegium bei dem Professor Spalanzani . Die Gardine vor dem verhaͤngnißvollen Zimmer war dicht zugezogen, er konnte Olimpia eben so wenig hier, als die beiden folgenden Tage hin¬ durch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er kaum das Fenster verließ und fortwaͤhrend durch Coppola's Perspektiv hinuͤberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhaͤngt. Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und gluͤhendem Verlangen lief er hinaus vor's Thor. Olimpia's Gestalt schwebte vor ihm her in den Luͤften und trat aus dem Gebuͤsch, und guckte ihn an mit großen strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Clara's Bild war ganz aus sei¬ nem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olim ¬ pia und klagte ganz laut und weinerlich: Ach Du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist Du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und mich zu lassen in finstrer hoff ¬ nungsloser Nacht? Als er zuruͤckkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzani's Hause ein geraͤusch¬ volles Treiben gewahr. Die Thuͤren standen offen, man trug allerlei Geraͤthe hinein, die Fenster des ersten Stocks waren ausgehoben, geschaͤftige Maͤgde kehrten und staͤubten mit großen Haar¬ besen hin und herfahrend, inwendig klopften und haͤmmerten Tischler und Tapezierer. Natha ¬ nael blieb in vollem Erstaunen auf der Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: „Nun, was sagst Du zu unserem alten Spalanzani ?“ Nathanael versicherte, daß er gar nichts sagen koͤnne, da er durchaus nichts vom Professor wisse, vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen duͤstern Hause ein tolles Treiben und Wirthschaf¬ ten losgegangen; da erfuhr er denn von Sieg ¬ mund , daß Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle, Conzert und Ball, und daß die halbe Universitaͤt eingeladen sei. Allgemein ver¬ breite man, daß Spalanzani seine Tochter Olimpia , die er so lange jedem menschlichen Auge recht aͤngstlich entzogen, zum erstenmahl erscheinen lassen werde. Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in den geschmuͤckten Saͤlen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft war zahlreich und glaͤnzend. Olimpia erschien sehr reich und geschmackvoll gekleidet. Man mußte ihr schoͤn¬ geformtes Gesicht, ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Ruͤcken, die wespen¬ artige Duͤnne des Leibes schien von zu starkem Einschnuͤren bewirkt zu seyn. In Schritt und Stellung hatte sie etwas abgemessenes und steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Conzert begann. Olimpia spielte den Fluͤgel mit großer Fertigkeit und trug eben so eine Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz entzuͤckt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpia's Zuͤge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppola's Glas hervor und schaute hin nach der schoͤnen Olimpia . Ach! — da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm heruͤbersah', wie jeder Ton erst deutlich auf¬ ging in dem Liebesblick, der zuͤndend sein Inneres durchdrang. Die kuͤnstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklaͤrten Gemuͤths, und als nun endlich nach der Cadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von gluͤhenden Aermen ploͤtzlich erfaßt sich nicht mehr halten, er mußte vor Schmerz und Ent¬ zuͤcken laut aufschreien: Olimpia ! — Alle sahen sich um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein finstreres Gesicht, als vorher und sagte blos: Nun nun! — Das Conzert war zu Ende, der Ball fing an. „Mit ihr zu tanzen! — mit ihr! das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wuͤnsche, alles Stre¬ bens; aber wie sich erheben zu dem Muth, Sie, die Koͤnigin des Festes, aufzufordern? Doch! — er selbst wußte nicht wie es geschah, daß er, als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olim¬ pia stand, die noch nicht aufgefordert worden, und daß er, kaum vermoͤgend einige Worte zu stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olim¬ pia's Hand, er fuͤhlte sich durchbebt von grau¬ sigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht ent¬ gegen und in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Stroͤme zu gluͤhen. Und auch in Nathanael's Innerm gluͤhte hoͤher auf die Liebeslust, er umschlang die schoͤne Olimpia und durchflog mit ihr die Reihen. — Er glaubte sonst recht taktmaͤßig getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rythmischen Festigkeit, womit Olim¬ pia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und haͤtte jeden, der sich Olimpia naͤherte, um sie aufzu¬ fordern, nur gleich ermorden moͤgen. Doch nur zweimahl geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder sie aufzuziehen. Haͤtte Nathanael außer der schoͤnen Olimpia noch etwas anders zu sehen vermocht, so waͤre allerlei fataler Zank und Streit unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das hableise, muͤh¬ sam unterdruͤckte Gelaͤchter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den jungen Leuten erhob, auf die schoͤne Olimpia , die sie mit ganz kuriosen Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz und durch den reich¬ lich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olimpia , ihre Hand in der seinigen und sprach hoch entflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia . Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverruͤckt ins Auge und seufzte einmahl uͤber's andere: Ach — Ach — Ach! — worauf denn Nathanal also sprach: „O Du herrliche, himmlische Frau! — Du Strahl aus dem ver¬ heißenen Jenseits der Liebe — Du tiefes Gemuͤth, in dem sich mein ganzes Seyn spiegelt“ und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte blos im¬ mer wieder: Ach, Ach! — Der Professor Spa ¬ lanzani ging einigemahl bei den Gluͤcklichen voruͤber und laͤchelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt befand, mit einem¬ mahl, als wuͤrd' es hienieden beim Professor Spalanzani merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht geringen Schreck gewahr, daß eben die zwei letzten Lichter in dem leeren Saal hernieder brennen und ausgehen woll¬ ten. Laͤngst hatten Musik und Tanz aufgehoͤrt. „Trennung, Trennung“, schrie er ganz wild und verzweifelt, er kuͤßte Olimpia's Hand, er neigte sich zu ihrem Munde, eiskalte Lippen be¬ gegneten seinen gluͤhenden! — So wie, als er Olimpia's kalte Hand beruͤhrte, fuͤhlte er sich von innerem Grausen erfaßt, die Legende von der todten Braut ging ihm ploͤtzlich durch den Sinn; aber fest hatte ihn Olimpia an sich gedruͤckt, und in dem Kuß schienen die Lippen zum Leben zu erwarmen. — Der Professor Spalanzani schritt langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder und seine Figur, von flackernden Schlagschatten um¬ spielt, hatte ein grauliches gespenstisches Ansehen. „Liebst Du mich — Liebst Du mich Olimpia ? — Nur dies Wort! — Liebst Du mich?“ So fluͤsterte Nathanael , aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: „Ach — Ach!“ „Ja Du mein hol¬ der, herrlicher Liebesstern, sprach Nathanael , bist mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklaͤren mein Inneres immerdar!“ „Ach, ach!“ replizirte Olimpia fortschreitend. Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. „Sie haben sich außerordentlich lebhaft mit meiner Toch¬ ter unterhalten“, sprach dieser laͤchelnd: „Nun, nun, lieber Herr Nathanael , finden Sie Geschmack daran, mit dem bloͤden Maͤdchen zu conversiren, so sollen mir Ihre Besuche willkommen seyn.“ — Einen ganzen hellen strahlenden Himmel in der Brust schied Nathanael von dannen: Spa¬ lanzani's Fest war der Gegenstand des Gespraͤchs in den folgenden Tagen. Uner¬ achtet der Professor alles gethan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wußten doch die lusti¬ gen Koͤpfe von allerlei Unschicklichem und Son¬ derbarem zu erzaͤhlen, das sich begeben, und vor¬ zuͤglich fiel man uͤber die todtstarre, stumme Olim¬ pia her, der man, ihres schoͤnen Aeußern uner¬ achtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte er, wuͤrde es wohl ver¬ lohnen, diesen Burschen zu beweisen, daß eben ihr eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpia's tiefes herrliches Gemuͤth zu erkennen hindert? „Thu' mir den Gefallen Bruder, sprach eines Tages Siegmund , thu' mir den Gefallen und sage, wie es Dir gescheuten Kerl moͤglich war, Dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da druͤben zu vergaffen?“ Nathanael wollte zor¬ nig auffahren, doch schnell besann er sich und er¬ wiederte: „Sage Du mir Siegmund , wie Deinem, sonst alles Schoͤne klar auffassenden Blick, Deinem regen Sinn, Olimpia's himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank sei es dem Geschick, Dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst muͤßte einer von uns blutend fallen.“ Siegmund merkte wohl, wie es mit dem Freunde stand, lenkte geschickt ein und fuͤgte, nachdem er geaͤußert, daß in der Liebe niemahls uͤber den Gegenstand zu rechten sei, hinzu: „Wunderlich ist es doch, daß viele von uns uͤber Olimpia ziemlich gleich urtheilen. Sie ist uns — nimm es nicht uͤbel. Bruder! — auf seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist ist regelmaͤßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! — Sie koͤnnte fuͤr schoͤn gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich moͤchte sagen, ohne Sehkraft waͤre. Ihr Schritt ist sonderbar abge¬ messen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Raͤderwerks bedingt. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der singenden Maschine und eben so ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben, es war uns als thue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe es mit ihr eine eigne Bewandniß“ — Nathanael gab sich dem bittern Gefuͤhl, das ihn bei diesen Worten Siegmund's ergreifen wollte, durchaus nicht hin, er wurde Herr seines Unmuths und sagte blos sehr ernst: „Wohl mag Euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich seyn. Nur dem poetischen Gemuͤth entfaltet sich das gleich organisirte! — Nur mir ging ihr Lie¬ besblick auf und durchstrahlte Sinn und Gedanken, E nur in Olimpia's Liebe finde ich mein Selbst wieder. Auch mag es nicht recht seyn, daß sie nicht in platter Conversation faselt, wie die an¬ dern flachen Gemuͤther. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erschei¬ nen als aͤchte Hieroglyphe der innern Welt voll Liebe und hoher Erkenntniß des geistigen Lebens in der Anschauung des ewigen Jenseits. Doch fuͤr Alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne Worte.“ „Behuͤte Dich Gott, Herr Bruder,“ sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmuͤthig, „aber mir scheint es, Du seist auf boͤsem Wege. Auf mich kannst Du rechnen, wenn alles — Nein, ich mag nichts weiter sagen! —“ Dem Nathanael war es ploͤtzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit ihm, er schuͤttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich. — Nathanael hatte rein vergessen, daß es eine Clara in der Welt gebe, die er sonst geliebt; — die Mutter — Lothar — Alle waren aus seinem Gedaͤchtniß entschwunden, er lebte nur fuͤr Olim ¬ pia , bei der er taͤglich Stundenlang saß und von seiner Liebe, von zum Leben ergluͤhter Sym¬ pathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fanta¬ sirte, welches alles Olimpia mit großer Andacht anhoͤrte. Aus dem tiefsten Grunde des Schreib¬ pults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben. Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzaͤhlungen, das wurde taͤglich ver¬ mehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonnet¬ ten, Stanzen, Canzonen, und das alles las er der Olimpia Stundenlang hinter einander vor, ohne zu ermuͤden. Aber auch noch nie hatte er eine solche herrliche Zuhoͤrerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah' nicht durch's Fenster, sie fuͤtterte keinen Vogel, sie spielte mit keinem Schooshuͤndchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte kein Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein Gaͤhnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen — Kurz! — Stundenlang sah sie mit starrem Blick unver¬ E 2 wandt dem Geliebten ins Auge, ohne sich zu ruͤk¬ ken und zu bewegen und immer gluͤhender, immer lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Na ¬ thanael endlich aufstand und ihr die Hand, auch wohl den Mund kuͤßte, sagte sie: „Ach, Ach!“ — dann aber: „Gute Nacht, mein Lieber!“ — „O du herrliches, du tiefes Gemuͤth, rief Natha ¬ nael auf seiner Stube: nur von Dir, von Dir allein werd' ich ganz verstanden.“ Er erbebte vor innerm Entzuͤcken, wenn er bedachte, welch' wun¬ derbarer Zusammenklang sich in seinem und Olim ¬ pia's Gemuͤth taͤglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia uͤber seine Werke, uͤber seine Dichtergabe uͤberhaupt recht tief aus sei¬ nem Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst herausgetoͤnt. Das mußte denn wohl auch seyn; denn mehr Worte als vorhin erwaͤhnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch Nathanael in hellen nuͤchternen Augenblicken, z. B. Morgens gleich nach dem Erwachen, wirklich an Olimpia's gaͤnzliche Passivitaͤt und Wortkargheit, so sprach er doch: „Was sind Worte — Worte! — Der Blick ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag denn uͤberhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen Kreis, den ein klaͤgliches irdisches Beduͤrfniß ge¬ zogen?“ — Professor Spalanzani schien hoch erfreut uͤber das Verhaͤltniß seiner Tochter mit Nathanael ; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines Wohlwollens und als es Natha ¬ nael endlich wagte von ferne auf eine Verbin¬ dung mit Olimpia anzuspielen, laͤchelte dieser mit dem ganzen Gesicht und meinte: Er werde seiner Tochter voͤllig freie Wahl lassen. — Er¬ muthigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloß Nathanael , gleich am fol¬ genden Tage Olimpia anzuflehen, daß sie das unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was laͤngst ihr holder Liebesblick ihm gesagt, daß sie sein Eigen immerdar seyn wolle. Er suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um ihn Olimpia als Sym¬ bol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimen¬ den, bluͤhenden Lebens darzureichen. Clara's , Lothar's Briefe fielen ihm dabei in die Haͤnde; gleichguͤltig warf er sie bei Seite, fand den Ring, steckte ihn ein und rannte heruͤber zu Olimpia . Schon auf der Treppe, auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getoͤse; es schien aus Spa¬ lanzani's Studirzimmer heraus zu schallen. — Ein Stampfen ein Klirren — ein Stoßen — Schlagen gegen die Thuͤr, dazwischen Fluͤche und Verwuͤnschungen. „Laß los — laß los — Infa¬ mer — Verruchter! — Darum Leib und Leben daran gesetzt? — ha ha ha ha! — so haben wir nicht gewettet — ich, ich hab' die Augen gemacht — ich das Raͤderwerk — dummer Teufel mit dei¬ nem Raͤderwerk — verfluchter Hund von einfaͤl¬ tigem Uhrmacher — fort mit dir — Satan — halt — Peipendreher — teuflischer Bestie! — halt — fort — laß los! — Es waren Spalan¬ zani's und des graͤßlichen Coppelius Stimmen, die so durch einander schwirrten und tobten. Hin¬ ein stuͤrzte Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine weibliche Fi¬ gur bei den Schultern gepackt, der Italiaͤner Coppola bei den Fuͤßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller Wuth um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Natha ¬ nael zuruͤck, als er die Figur fuͤr Olimpia er¬ kannte; aufflammend in wildem Zorn wollte er den Wuͤthenden die Geliebte entreissen, aber in dem Augenblick wand Coppola sich mit Riesen¬ kraft drehend die Figur dem Professor aus den Haͤnden und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fuͤrchterlichen Schlag, daß er ruͤcklings uͤber den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten, Flaschen, glaͤserne Cylinder standen, taumelte und hinstuͤrzte; alles Geraͤth klirrte in tausend Scherben zusam¬ men. Nun warf Coppola die Figur uͤber die Schulter und rannte mit fuͤrchterlich gellendem Gelaͤchter rasch fort die Treppe herab, so daß die haͤßlich herunterhaͤngenden Fuͤße der Figur auf den Stufen hoͤlzern klapperten und droͤhnten. — Er¬ starrt stand Nathanael — nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpia's todterbleichtes Wachsge¬ sicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Hoͤhlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani waͤlzte sich auf der Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie aus Springquel¬ len stroͤmte das Blut empor. Aber er raffte seine Kraͤfte zusammen. — „Ihm nach — ihm nach, was zauderst Du? — Coppelius — Cop¬ pelius , mein bestes Automat hat er mir ge¬ raubt — Zwanzig Jahre gearbeitet — Leib und Leben daran gesetzt — das Raͤderwerk — Sprache — Gang — mein — die Augen — die Augen Dir gestohlen. — Verdammter — Ver¬ fluchter — ihm nach — hohl mir Olimpia — da hast Du die Augen! —“ Nun sah Natha ¬ nael , wie ein Paar blutige Augen auf dem Bo¬ den liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalan ¬ zani mit der unverletzten Hand und warf sie nach ihm, daß sie seine Brust trafen. — Da packte ihn der Wahnsinn mit gluͤhenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein Sinn und Ge¬ danken zerreissend. „Hui — hui — hui! — Feuerkreis — Feuerkreis ! dreh Dich Feu ¬ erkreis — lustig — lustig! — Holzpuͤppchen hui schoͤn' Holzpuͤppchen dreh Dich —“ damit warf er sich auf den Professor und druͤckte ihm die Kehle zu. Er haͤtte ihn erwuͤrgt, aber das Getoͤse hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den wuͤthenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich verbunden wurde. Sieg ¬ mund , so stark er war, vermochte nicht den Ra¬ senden zu baͤndigen; der schrie mit fuͤrchterlicher Stimme immer fort: „Holzpuͤppchen dreh' Dich“ und schlug um sich mit geballten Faͤusten. Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu uͤberwaͤltigen, indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter in ent¬ setzlichem thierischen Gebruͤll. So in graͤßlicher Raserei tobend wurde er nach dem Tollhause ge¬ bracht. — Ehe ich, guͤnstiger Leser! Dir zu erzaͤhlen fort¬ fahre, was sich weiter mit dem ungluͤcklichen Na ¬ thanael zugetragen, kann ich Dir, solltest Du einigen Antheil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten Spalanzani nehmen, versichern, daß er von seinen Wunden voͤllig geheilt wurde. Er mußte indeß die Universitaͤt verlassen, weil Nathanael's Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein fuͤr gaͤnzlich unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernuͤnftigen Theezirkeln ( Olimpia hatte sie mit Gluͤck besucht) statt der lebendigen Person eine Holzpuppe einzuschwaͤrzen. Juristen nannten es sogar einen feinen und um so haͤrter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum gerichtet und so schlau angelegt worden, daß kein Mensch (ganz kluge Studenten ausge¬ nommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise thun und sich auf allerlei Thatsachen beru¬ fen wollten, die ihnen verdaͤchtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich nichts ge¬ scheutes zu Tage. Denn konnte z. B. wohl irgend jemanden verdaͤchtig vorgekommen seyn, daß nach der Aussage eines eleganten Theeisten Olimpia gegen alle Sitte oͤfter genießet, als gegaͤhnt hatte? Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstauf¬ ziehen des verborgenen Triebwerks gewesen, merk¬ lich habe es dabei geknarrt u. s. w. Der Profes¬ sor der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu, raͤusperte sich und sprach feierlich: „Hochzuverehrende Herren und Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze ist eine Allegorie — eine fort¬ gefuͤhrte Metapher! — Sie verstehen mich! — Sapienti sat !“ Aber viele hochzuverehrende Her¬ ren beruhigten sich nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefaßt und es schlich sich in der That abscheuli¬ ches Mißtrauen gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz uͤberzeugt zu werden, daß man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Lieb¬ habern verlangt, daß die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Moͤpschen spiele u. s. w. vor allen Dingen aber, daß sie nicht bloß hoͤre, sondern auch manchmahl in der Art spreche, daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das Liebesbuͤndniß vieler wurde fester und dabei anmuthiger, andere dagegen gingen leise aus einander. „Man kann wahrhaftig nicht dafuͤr stehen,“ sagte dieser und jener. In den Thees wurde unglaublich gegaͤhnt und niemahls genießet, um jedem Verdacht zu begegnen. — Spalanzani mußte, wie gesagt, fort, um der Criminaluntersuchung wegen der menschlichen Ge¬ sellschaft betruͤglicher Weise eingeschobenen Auto¬ mats zu entgehen. Coppola war auch ver¬ schwunden. — Nathanael erwachte wie aus schwerem, fuͤrch¬ terlichem Traum, er schlug die Augen auf und fuͤhlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefuͤhl mit sanfter himmlischer Waͤrme ihn durchstroͤmte. Er lag in seinem Zimmer in des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich uͤber ihn hingebeugt und unfern standen die Mutter und Lothar . „Endlich, endlich, o mein herzlieber Natha ¬ nael — nun bist Du genesen von schwerer Krank¬ heit — nun bist Du wieder mein!“ — So sprach Clara recht aus tiefer Seele und faßte den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmuth und Entzuͤcken die hellen gluͤhenden Thraͤnen aus den Augen und er stoͤhnte tief auf: „Meine — meine Clara !“ — Sieg ¬ mund , der getreulich ausgeharrt bei dem Freunde in großer Noth, trat herein. Nathanael reichte ihm die Hand: „Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.“ — Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden, bald erkraͤftigte sich Nathanael in der sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Gluͤck war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim, von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter nebst einem nicht unbedeutenden Vermoͤgen ein Guͤt¬ chen in einer angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara , die er nun zu heirathen gedachte, und Lothar . Na¬ thanael war milder, kindlicher geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Clara's himmlisch reines, herrliches Gemuͤth. Niemand er¬ innerte ihn auch nur durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund von ihm schied, sprach Nathanael : „bei Gott Bru¬ der! ich war auf schlimmen Wege, aber zu rech¬ ter Zeit leitete mich ein Engel auf den lichten Pfad! — Ach es war ja Clara ! —“ Sieg¬ mund ließ ihn nicht weiter reden, aus Besorg¬ niß, tief verletzende Erinnerungen moͤchten ihm zu hell und flammend aufgehen. — Es war an der Zeit, daß die vier gluͤcklichen Menschen nach dem Guͤtchen ziehen wollten. Zur Mittagsstunde gin¬ gen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten manches eingekauft, der hohe Rathsthurm warf seinen Riesenschatten uͤber den Markt. „Ei! sagte Clara : steigen wir doch noch einmal her¬ auf und schauen in das ferne Gebirge hinein!“ Gesagt, gethan! Beide, Nathanael und Clara , stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienst¬ magd nach Hause, und Lothar , nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern, wollte unten war¬ ten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf der hoͤchsten Gallerie des Thurmes und schauten hinein in die duftigen Waldungen, hin¬ ter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesen¬ stadt, sich erhob. „Sieh' doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich auf uns los zu schreiten scheint“, frug Clara . — Nathanael faßte mechanisch nach der Seitentasche; er fand Cop¬ pola's Perspektiv, er schaute seitwaͤrts — Clara stand vor dem Glase! — Da zuckte es krampfhaft in seinen Pulsen und Adern — todtenbleich starrte er Clara an, aber bald gluͤhten und spruͤhten Feuerstroͤme durch die rollenden Augen, graͤßlich bruͤllte er auf, wie ein gehetztes Thier; dann sprang er hoch in die Luͤfte und grausig dazwi¬ schen lachend schrie er in schneidendem Ton: „Holzpuͤppchen dreh' Dich — Holzpuͤppchen dreh' Dich“ und mit gewaltiger Kraft faßte er Clara und wollte sie herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst fest an das Gelaͤnder. Lothar hoͤrte den Rasenden toben, er hoͤrte Clara's Angstgeschrei, graͤßliche Ah¬ nung durchflog ihn, er rannte herauf, die Thuͤr der zweiten Treppe war verschlossen — staͤrker hallte Clara's Jammergeschrei. Unsinnig vor Wuth und Angst stieß er gegen die Thuͤr, die end¬ lich aufsprang — Matter und matter wurden nun Clara's Laute: „Huͤlfe — rettet — rettet —“ so erstarb die Stimme in den Luͤften. Sie ist hin — ermordet von dem Rasenden, so schrie Lothar . Auch die Thuͤr zur Gallerie war zu¬ geschlagen. — Die Verzweiflung gab ihm Rie¬ senkraft, er sprengte die Thuͤr aus den Angeln. Gott im Himmel — Clara schwebte von dem rasenden Nathanael erfaßt uͤber der Gallerie in den Luͤften — nur mit einer Hand hatte sie noch noch die Eisenstaͤbe umklammert. Rasch wie der Blitz erfaßte Lothar die Schwester, zog sie hin¬ ein, und schlug in demselben Augenblick mit ge¬ ballter Faust dem Wuͤthenden in's Gesicht, daß er zuruͤckprallte und die Todesbeute fahren ließ. Lothar rannte herab, die ohnmaͤchtige Schwe¬ ster in den Armen. — Sie war gerettet. — Nun raste Nathanael herum auf der Gallerie und sprang hoch in die Luͤfte und schrie „ Feuer ¬ kreis dreh' dich — Feuerkreis dreh' dich“ — Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zu¬ sammen; unter ihnen ragte riesengroß der Advo¬ kat Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte herauf, um sich des Rasenden zu bemaͤchtigen, da lachte Coppelius sprechend: „ha ha — wartet nur, der kommt schon herunter von selbst,“ und schaute wie die uͤbrigen hinauf. Nathanael blieb ploͤtzlich wie erstarrt stehen, er buͤckte sich herab, wurde den Coppe ¬ lius gewahr und mit dem gellenden Schrei: F „Ha! Skoͤne Oke — Skoͤne Oke,“ sprang er uͤber das Gelaͤnder. — Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem Steinpflaster lag, war Coppelius im Gewuͤhl verschwunden. — Nach mehreren Jahren will man in einer ent¬ fernten Gegend Clara gesehen haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Thuͤre eines schoͤnen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten. Es waͤre daraus zu schließen, daß Clara das ruhige haͤus¬ liche Gluͤck noch fand, das ihrem heitern lebens¬ lustigen Sinn zusagte und das ihr der im Innern zerrissene Nathanael niemals haͤtte gewaͤhren koͤnnen. Ignaz Denner. V or alter laͤngst verfloßner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jaͤgersmann, Andres mit Namen. Er war sonst Leibjaͤger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er auf weiten Reisen durch das schoͤne Welschland begleitet, und ein¬ mal, als sie auf den unsichern Wegen in dem Koͤnigreich Neapel von Straßenraͤubern angefal¬ len wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit aus großer Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirthshause zu Neapel, wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschoͤnes Maͤdchen, die von dem Hauswirth, der sie als eine Waise auf¬ genommen, gar hart behandelt und zu den nie¬ F 2 drigsten Arbeiten in Hof und Kuͤche gebraucht wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr ver¬ staͤndlich machen konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Maͤdchen faßte solche Liebe zu ihm, daß sie sich nicht mehr von ihm tren¬ nen, sondern mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach , geruͤhrt von Andres Bitten und Giorgina's Thraͤnen, er¬ laubte, daß sie sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschenbock setzen, und so die beschwer¬ liche Reise machen durfte. Schon ehe sie uͤber die Graͤnzen von Italien hinausgekommen, ließ sich Andres mit seiner Giorgina trauen und als sie dann nun endlich zuruͤckgekehrt waren auf die Guͤter des Grafen von Vach , glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen, da er ihn zu seinem Revierjaͤger ernannte. Mit seiner Giorgina und einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er schuͤtzen sollte wider die Freijaͤger und Holzdiebe. Statt des gehofften Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheißen, fuͤhrte er aber ein beschwerli¬ ches, muͤhseliges, duͤrftiges Leben und gerieth bald in Kummer und Elend. Der kleine Lohn an baarem Gelde, den er von dem Grafen er¬ hielt, reichte kaum hin, sich und seine Gior ¬ gina zu kleiden; die geringen Gefaͤlle, die ihm bei Holzverkaͤufen zukamen, waren selten und ungewiß und den Garten, auf dessen Bebau¬ ung und Benutzung er angewiesen, verwuͤsteten oft die Woͤlfe und die wilden Schweine, er mochte mit seinem Knecht auf der Hut seyn, wie er wollte, so daß bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben und Freischuͤtzen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie ihm nach auf ge¬ faͤhrliche Weise, und nur seine treuen Doggen schuͤtzten ihn vor naͤchtlichem Ueberfall des Raubge¬ sindels. Giorgina , des Clima's und der Le¬ bensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte zusehends hin. Ihre braͤunliche Gesichts¬ farbe verwandelte sich in fahles Gelb, ihre leb¬ haften blitzenden Augen wurden duͤster, und ihr voller, uͤppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie in mondheller Nacht. Schuͤsse krachten in der Ferne durch den Wald, die Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbruͤnstig zu Gott und zu den Heiligen, daß sie und ihr treuer Mann errettet werden moͤchten aus dieser schrecklichen Einoͤde und aus der steten Todesge¬ fahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das Krankenlager, und immer schwaͤ¬ cher und schwaͤcher werdend, sah sie ihr Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbruͤtend, schlich der un¬ gluͤckliche Andres umher; alles Gluͤck war mit der Krankheit seines Weibes von ihm gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den Buͤschen; so wie er sein Gewehr abdruͤckte, war es verstoben in der Luft. Er konnte kein Thier mehr treffen und nur sein Knecht, ein geuͤbter Schuͤtze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu liefern ge¬ halten war. Einst saß er an Giorgina's Bette, den starren Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr ath¬ mete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefaßt und hoͤrte nicht das Aechzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten wollte. Der Knecht ging schon am fruͤhen Morgen nach Fulda, um fuͤr das letzte Ersparniß einige Erquik¬ kung fuͤr die Kranke herbeizuschaffen. Kein menschliches troͤstendes Wesen war weit und breit zu finden, nur der Sturm heulte in schneidenden Toͤnen des entsetzlichen Jammers durch die schwar¬ zen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser Klage, um den ungluͤcklichen Herrn. Da hoͤrte Andres auf einmal es vor dem Hause daher schreiten, wie menschliche Fußtritte. Er glaubte, es waͤre der zuruͤckkehrende Knecht, un¬ erachtet er ihn nicht so fruͤh erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten hef¬ tig. Es mußte ein Fremder seyn. Andres ging selbst vor die Thuͤr: da trat ihm ein lan¬ ger, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemuͤtze tief ins Gesicht gedruͤckt. „Ei,“ sagte der Fremde: „wie bin ich doch hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab, wir bekommen ein schrecklich Wet¬ ter. Moͤchtet ihr nicht erlauben, lieber Herr! daß ich in Euer Haus eintreten und mich von dem beschwerlichen Wege erholen und erquicken duͤrfte zur weitern Reise?“ „Ach Herr,“ erwie¬ derte der betruͤbte Andres , „ihr kommt in ein Haus der Noth und des Elends und außer dem Stuhl, auf dem ihr ausruhen koͤnnt, vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich nach Fulda ge¬ schickt, wird erst am spaͤten Abend etwas zur Labung herbeibringen.“ Unter diesen Worten wa¬ ren sie in die Stube getreten. Der Fremde legte seine Reisemuͤtze und seinen Mantel ab, unter dem er ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilet und ein Paar Terzerole her¬ vor, die er auf den Tisch legte. Andres war an Giorgina's Bett getreten, sie lag in bewußt¬ losem Zustande. Der Fremde trat ebenfalls hin¬ zu, schaute die Kranke lange mit scharfen, bedaͤch¬ tigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: „Ach Gott, nun stirbt sie wohl!“ da sagte der Fremde: „Mit nichten, lieber Freund! seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als kraͤftige, gute Nahrung, und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und staͤrkt, die besten Dienste thun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir fuͤhre und auch wohl verkaufe.“ Damit oͤffnete der Fremde sein Kistchen, holte eine Phiole heraus, troͤpfelte von dem ganz dunkelrothen Liquor etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem Felleisen eine kleine geschliffene Fla¬ sche koͤstlichen Rheinweins und floͤßte der Kranken ein Paar Loͤffel voll ein. Den Knaben, befahl er, nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der Ruhe zu uͤberlas¬ sen. Dem Andres war es zu Muthe, als sei ein Heiliger herabgestiegen in die Einoͤde, ihm Trost und Huͤlfe zu bringen. Anfangs hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abge¬ schreckt, jetzt wurde er durch die sorgliche Theil¬ nahme, durch die augenscheinliche Huͤlfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezo¬ gen. Er erzaͤhlte dem Fremden unverholen, wie er eben durch die Gnade, die ihm sein Herr, der Graf von Vach , angedeihen lassen wollen, in Noth und Elend gerathen sei und wie er wol Zeit seines Lebens nicht aus druͤckender Armuth und Duͤrftigkeit kommen werde. Der Fremde troͤstete ihn dagegen und meinte, wie oft ein un¬ verhofftes Gluͤck dem Hoffnungslosesten alle Guͤter des Lebens bringe, und daß man wol etwas wagen muͤsse, das Gluͤck selbst sich dienstbar zu machen. „Ach lieber Herr!“ erwiederte Andres ,“ ich vertraue Gott und der Fuͤrsprache der Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit Inbrunst beten. Was soll ich denn thun, um mir Geld und Gut zu verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so waͤre es ja suͤndlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt zu Guͤtern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wuͤnsche, die ihr schoͤnes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einoͤde zu folgen, so kommt es wol, ohne daß ich Leib und Leben wage um schnoͤdes, weltliches Gut. Der Fremde laͤchelte bei diesen Reden des frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu erwiedern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den sie versunken, erwachte. Sie fuͤhlte sich wunderbarlich gestaͤrkt; auch der Knabe laͤchelte hold und lieblich an ihrer Brust. An¬ dres war außer sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus. Der Knecht war indessen zuruͤckgekommen und bereitete, so gut er es vermochte, von den mitgebrachten Le¬ bensmitteln das Mahl, an dem nun der Fremde Theil nehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe fuͤr Giorgina , und man sah, daß er allerlei Gewuͤrz und andere Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war spaͤter Abend worden, der Fremde mußte daher bei dem Andres uͤbernachten, und er bat, daß man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina schliefen, ein Strohlager bereiten moͤge. Das geschah. Andres , den die Be¬ sorgniß um Giorgina nicht schlafen ließ, be¬ merkte, wie der Fremde beinahe bei jedem staͤr¬ keren Athemzuge Giorgina's auffuhr, wie er stuͤndlich aufstand, leise sich ihrem Bette naͤherte, ihren Puls erforschte und ihr Arznei eintroͤpfelte. Als der Morgen angebrochen, war Gior ¬ gina wieder zusehends besser geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte, aus der Fuͤlle seines Herzens. Auch Giorgina aͤußerte, wie ihn wol, auf ihr inbruͤnstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung. Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbruͤche des Danks in gewisser Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und aͤußerte einmal uͤber das andere, wie er ja ein Unmensch seyn muͤsse, wenn er nicht der Kranken mit seiner Kenntniß und den Arznei¬ mitteln, die er bei sich fuͤhre, habe beistehen sol¬ len. Uebrigens sei nicht Andres , sondern er zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Noth unerachtet, die im Hause herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keinesweges diese Pflicht unerfuͤllt lassen. Er zog einen wohlgefuͤll¬ ten Beutel hervor und nahm einige Goldstuͤcke heraus, die er dem Andres hinreichte. „Ei Herr“, sagte Andres , „wie und wofuͤr sollte ich denn so vieles Geld von Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da ihr Euch in dem wilden weitlaͤuftigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht, und duͤnkte Euch das irgend eines Dankes werth, so habt ihr mich ja uͤberreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch belohnt, daß ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir gethan, werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott moͤge es mir verleihen, daß ich die edle That Euch mit meinem Leben und Blut lohnen koͤnne.“ Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. „Ihr muͤßt, braver Mann,“ sprach er, „durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe schuldig, der ihr damit bes¬ sere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen koͤnnt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren vorigen Zustand zuruͤckzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu koͤnnen.“ „Ach Herr,“ erwiederte Andres , „verzeiht es, aber eine innere Stimme sagt mir, daß ich Euer un¬ verdientes Geld nicht nehmen darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der hoͤhern Eingebung meines Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben gefuͤhrt und mich beschuͤtzt vor allen Gefahren des Leibes und der Seele. Wollt ihr großmuͤthig handeln und an mir Armen ein Uebriges thun, so laßt mir ein Flaͤschlein von Eurer wundervollen Arznei zuruͤck, damit durch ihre Kraft mein Weib ganz genese.“ Giorgina richtete sich im Bette auf, und der schmerzvolle wehmuͤthige Blick, den sie auf An ¬ dres warf, schien ihn anzuflehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres Widerstreben zu ach¬ ten, sondern die Gabe des mildthaͤtigen Mannes anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: „Nun wenn ihr denn durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Noth zu retten, nicht ver¬ schmaͤhen wird.“ Damit griff er noch einmal in den Beutel, und sich der Georgina naͤhernd, gab er ihr wol noch einmal so viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Gior ¬ gina sah das schoͤne funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Thraͤnen schossen ihr die Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach zu Andres : „Seht, lieber Mann! Ihr koͤnnet meine Gabe getrost annehmen, da ich nur etwas von großem Ueberfluß Euch mittheile. Gestehen will ich Euch, daß ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten Kleidung, und da ich wie ein duͤrftiger wandernder Kraͤmer zu Fuß reise, glaubt Ihr gewiß, daß ich arm bin und mich nur kuͤmmerlich von kleinem Verdienst auf Messen und Jahrmaͤrkten naͤhre: ich muß Euch jedoch jedoch sagen, daß ich durch gluͤcklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den ich seit vie¬ len Jahren treibe, ein sehr reicher Mann gewor¬ den, und nur die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und koͤstliche, zum Theil noch im grauen Alterthum geschnittene Steine, welche viele, viele Tausende werth sind. Ich habe diesmal in Frankfurt sehr gluͤckliche Geschaͤfte gemacht, so daß das wol noch lange nicht der hundertste Theil des Ge¬ winns seyn mag, was ich Euerm lieben Weibe schenkte. Ueberdem gebe ich Euch das Geld kei¬ nesweges umsonst, sondern verlange von Euch da¬ fuͤr allerlei Gefaͤlligkeiten. Ich wollte, wie ge¬ woͤhnlich, von Frankfurt nach Cassel gehen und kam von Schuͤchtern aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, daß der Weg durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade fuͤr einen Fußgaͤnger recht anmuthig ist, weshalb ich denn kuͤnftig auf gleicher Reise immer G diese Straße einschlagen und bei Euch einsprechen will. Ihr werdet daher mich jaͤhrlich zweimal bei Euch eintreffen sehen; nehmlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Cassel wandere, und im spaͤten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelis-Messe nach Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wol auch nach Welschland gehe. Dann sollt ihr mich fuͤr gute Bezahlung — einen — zwei auch wol drei Tage bei Euch be¬ herbergen und das ist die erste Gefaͤlligkeit, um die ich Euch ersuche.“ „Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waaren sind, die ich in Cassel nicht brau¬ che, und das mir beim Wandern hinderlich ist, zu behalten, bis ich kuͤnftigen Herbst wieder bei Euch einspreche. Nicht verhehlen will ich, daß die Waaren viele Tausende werth sind, aber ich mag Euch deshalb doch kaum groͤßere Sorglichkeit empfehlen, da ich nach der Treue und Froͤmmig¬ keit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue, daß Ihr auch das Geringste, was ich Euch zuruͤckließe, sorgfaͤltig aufbewahren wuͤrdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch' großem Werthe, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich thun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere. Das dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen, unerachtet es mir jetzt am noͤthigsten thut. Ihr sollt Euer liebes Weib nur auf diesen Tag ver¬ lassen und mich aus dem Forst bis auf die Straße nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Be¬ kannten einsprechen und dann meine Reise nach Cassel fortsetzen will. Denn außer dem, daß ich des Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal verirren koͤnnte, ohne von einem so wackern Mann, wie ihr es seid, aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer. Euch als einem Jaͤgersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber ich, als einsamer Wanderer, koͤnnte wohl gefaͤhrdet werden. Man sprach in Frankfurt davon, daß eine Raͤuberbande, die sonst die Gegend von G 2 Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Strasburg herauf ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von Leip¬ zig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen rei¬ cheren Gewinnst versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht waͤr' es moͤglich, daß sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwe¬ lenhaͤndler kennten. Hab' ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient, so koͤnnt ihr mich dadurch reichlich lohnen, daß Ihr aus diesem Forste mich auf Weg und Steg leitet. Andres war mit Freuden bereit, Alles zu er¬ fuͤllen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es der Fremde wuͤnschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jaͤgeruniform anzog, seine Doppelbuͤchse und seinen tuͤchtigen Hirschfaͤnger umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln. Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geoͤffnet und die praͤchtigsten Geschmeide, Halsketten — Ohrringe — Spangen herausgenommen, die er auf Giorgi ¬ na's Bette ausbreitete, so daß sie ihre Verwun¬ derung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der Fremde sie aufforderte, doch eine der schoͤnsten Halsketten umzuhaͤngen, die reichen Spangen auf ihre wunderschoͤn geformten Aerme zu streifen, und ihr dann einen kleinen Taschen¬ spiegel vorhielt, worin sie sich nach Herzenslust beschauen konnte, so daß sie in kindischer Lust aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: „Ach lieber Herr! wie moͤget ihr doch in mei¬ nem armen Weibe solche Luͤsternheit erregen, daß sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar nicht anstehen. Nehmt mir es nicht uͤbel, Herr! aber die einfache rothe Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehaͤngt hatte, als ich sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und truͤgerisch vorkommt.“ „Ihr seid auch gar zu strenge,“ erwiederte der Fremde hoͤhnisch laͤchelnd, „daß Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schoͤnen Geschmeiden herauszu¬ putzen, die keinesweges truͤgerisch, sondern wahr¬ haft aͤcht sind. Wißt Ihr denn nicht, daß eben den Weibern solche Dinge rechte Freude verur¬ sachen? Und was Ihr da sagt, daß solcher Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so muß ich das Gegentheil behaupten. Euer Weib ist huͤbsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr wißt ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug seyn wird, dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen.“ Andres sprach mit sehr ern¬ stem nachdruͤcklichen Ton: „Ich bitte Euch, Herr! fuͤhrt nicht solche geheimnißvolle verfaͤngliche Re¬ den! Wollt Ihr denn mein armes Weib bethoͤ¬ ren, daß sie von eitlem Geluͤst nach solchem weltlichem Prunk und Staat nur druͤckender un¬ sere Armuth fuͤhle und um alle Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schoͤne Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis ihr zuruͤckkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhuͤ¬ ten moͤge! Euch unterdessen ein Ungluͤck zustoßen sollte, so daß ihr nicht mehr zuruͤckkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen abliefern, und wie lange soll ich auf Euch war¬ ten, ehe ich die Juwelen dem einhaͤndige, den ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt um Euern Namen bitte?“ „Ich heiße,“ erwiederte der Fremde, „ Ignaz Denner , und bin, wie ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe weder Weib, noch Kinder, und meine Ver¬ wandte wohnen im Walliser Lande. Die kann ich aber keinesweges lieben und achten, da sie sich, als ich noch arm und beduͤrftig war, um mich gar nicht gekuͤmmert haben. Sollte ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behal¬ tet das Kistchen ruhig an Euch und, da ich wohl weiß, daß beide, Ihr und Giorgina , Euch straͤuben werdet, das reiche Vermaͤchtniß von mir anzunehmen, so schenke ich in jenem Fall das Kaͤstchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich, wenn Ihr ihn firmeln laßt, den Namen Igna¬ tius beizugeben bitte.“ Andres wußte in der That nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit und Großmuth des fremden Mannes machen soll¬ te. Er stand ganz verstummt vor ihm, indeß Giorgina ihm fuͤr seinen guten Willen dankte und versicherte, zu Gott und den Heiligen fleißig beten zu wollen, daß sie ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschuͤtzen und ihn stets gluͤcklich in ihr Haus zuruͤckfuͤhren moͤchten. Der Fremde laͤchelte, so wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, daß wol das Gebet einer schoͤnen Frau mehr Kraft haben moͤge, als das seinige. Das Beten wolle er daher ihr uͤberlas¬ sen und uͤbrigens seinem kraͤftigen abgehaͤrteten Koͤrper und seinen guten Waffen vertrauen. Dem frommen Andres mißfiel diese Aeuße¬ rung des Fremden hoͤchlich; indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwiedern schon im Begriff stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch den Forst zu beginnen, da er sonst erst in spaͤter Nacht in sein Haus zuruͤckkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen wuͤrde. Der Fremde sagte beim Abschiede noch Gior ¬ ginen : daß er ausdruͤcklich ihr erlaube, sich, wenn es ihr Vergnuͤgen mache, mit seinen Ge¬ schmeiden zu schmuͤcken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an jeder Belusti¬ gung mangle. Giorgina erroͤthete vor innerm Vergnuͤgen, da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glaͤnzendem Staat und vorzuͤglich an kost¬ baren Steinen nicht unterdruͤcken konnte. — Nun schritten Denner und Andres rasch vorwaͤrts durch den finstern oͤden Wald. In dem dicksten Gebuͤsch schnupperten die Doggen umher und klaff¬ ten, den Herrn mit klugen beredten Augen an¬ schauend. „Hier ist es nicht geheuer,“ sprach Andres , spannte den Hahn seiner Buͤchse und schritt mit den Hunden bedaͤchtig vor dem frem¬ den Kaufmann her. Oft war es ihm, als rau¬ sche es in den Baͤumen und bald erblickte er in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebuͤsch verschwanden. Er wollte seine Dog¬ gen loskuppeln. „Thut das nicht, lieber Mann!“ rief Denner , „denn ich kann Euch versichern, daß wir nicht das mindeste zu fuͤrchten haben.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein großer schwarzer Kerl mit struppigen Haaren und großem Knebel¬ bart, eine Buͤchse in der Hand, aus dem Gebuͤsch heraustrat. Andres machte sich schußfertig; „schießt nicht, schießt nicht!“ rief Denner ; der schwarze Kerl nickte ihm freundlich zu und verlor sich in den Baͤumen. Endlich waren sie aus dem Walde heraus, auf der lebhaften Land¬ straße. „Nun danke ich Euch herzlich fuͤr Euer Geleite,“ sprach Denner ; „kehrt nur jetzt in Eure Wohnung zuruͤck; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstoßen, wie wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Straße fort, ohne Euch darum zu kuͤmmern. Thut, als wenn Ihr gar nichts be¬ merktet, behaltet Eure Doggen am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung errei¬ chen.“ Andres wußte nicht, was er von dem Allen und von dem wunderlichen Kaufmann den¬ ken sollte, der, wie ein Geisterbeschwoͤrer, den Feind zu bannen und von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres durch den Forst zuruͤck, es stieß ihm durchaus nichts verdaͤchtiges auf und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Gior ¬ gina , die sich munter und kraͤftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme fiel. — Durch die Freigebigkeit des fremden Kauf¬ manns bekam die kleine Haushaltung des An ¬ dres eine ganz andere Gestalt. Kaum war nehmlich Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und außer den noͤthigsten Beduͤrfnissen noch manches Stuͤck einkaufte, das ihrer haͤuslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines gewissen Wohlstandes er¬ hielt. Dazu kam, daß seit dem Besuch des Fremden die Freijaͤger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen, und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagd¬ gluͤck war wiedergekehrt, so daß er, wie sonst, beinahe niemals einen Fehlschuß that. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und blieb drei Tage. Der hartnaͤckigen Weigerung der Wirthsleute unerachtet war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer zu ma¬ chen. Nun konnte die bildhuͤbsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand dem Andres , daß sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen Nadel, wie sie die Maͤdchen und Weiber in man¬ cher Gegend Italiens durch das in Zoͤpfen zusam¬ mengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken pfle¬ gen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in dem Augenblick war Giorgina zur Thuͤr herausgesprungen und nicht lange dau¬ erte es, so kehrte sie zuruͤck ganz so gekleidet und geschmuͤckt, wie Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schoͤne goldne Nadel prangte in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen geflochten, und Andres mußte sich nun selbst gestehen, daß der Fremde sein Geschenk recht sinnig gewaͤhlt hatte, um seine Georgina wahrhaft zu erfreuen. Andres aͤußerte dies unverholen und Gior¬ gina meinte, daß der Fremde wol ihr Schutz¬ engel sei, der sie aus der tiefsten Duͤrftigkeit zum Wohlstande erhebe, und daß sie gar nicht be¬ greife, wie Andres so wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und uͤberhaupt so traurig, so in sich gekehrt, bleiben koͤnne. „Ach, liebes Her¬ zensweib!“ sprach Andres , „die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, daß ich durch¬ aus nichts von dem Fremden annehmen duͤrfe, die schweigt bis jetzt keinesweges. Ich werde oft von innern Vorwuͤrfen gemartert; es ist mir, als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen sei und deshalb kann mich nichts recht freuen; was dafuͤr angeschafft wurde. Ich kann mich jetzt wol oͤfter mit einer kraͤftigen Speise, mit einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina ! war einmahl ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein paar ehrlich verdiente Groschen mehr bescheert, als gewoͤhnlich, dann schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zu Muthe. Hast Du wohl bemerkt, liebe Giorgina ! daß er nie¬ manden fest anzuschauen vermag? Und dabei blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so — buͤbisch moͤcht' ich sagen, lachen, daß es mich eiskalt uͤberlaͤuft. — Ach, moͤchten nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde mit einemmahl hervorrufen werde, nach¬ dem er uns in seinen kuͤnstlichen Schlingen ge¬ fangen.“ Giorgina suchte ihrem Mann die schwar¬ zen Vorstellungen auszureden, indem sie versicher¬ te, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzuͤg¬ lich bei ihren Pflegeaͤltern im Wirthshause, Per¬ sonen kennen gelernt, deren Aeußeres noch viel widriger gewesen sey, unerachtet es am Ende grundgute Menschen waren. Andres schien ge¬ troͤstet, im Innern beschloß er aber auf der Hut zu seyn. Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein wunderschoͤnes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt geworden. Es war Giorgina's Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitani¬ sche Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewoͤhnlich, bereitet, wozu der Fremde eine Fla¬ sche koͤstlichen Weins aus dem Felleisen hergab. Als sie nun froͤhlich bei Tische saßen und der kleine Knabe mit solch' wunderbar verstaͤndigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: „Euer Kind verspricht in der That mit seinem besondern Wesen schon jetzt recht viel und es ist Schade, daß Ihr nicht im Stande seyn werdet, es gehoͤrig zu erziehen. Ich haͤtte Euch wol einen Vorschlag zu thun, Ihr werdet ihn aber verwerfen wollen, un¬ erachtet Ihr bedenken moͤchtet, daß er nur Euer Gluͤck, Euern Wohlstand bezweckt. Ihr wißt, daß ich reich und ohne Kinder bin, ich fuͤhle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung zu Eu¬ erm Knaben — Gebt mir ihn! — Ich bringe ihn nach Strasburg, wo er von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste erzogen werden und mir so wie Euch große Freude machen soll. Ihr werdet mit Euerm Kinde einer großen Last frei; doch muͤßt Ihr Euern Entschluß schnell fassen, da ich genoͤthigt bin, noch heute Abend Abend abzureisen. Auf meinen Armen trage ich das Kind bis in das naͤchste Dorf; dort nehme ich dann ein Fuhrwerk.“ Bei diesen Worten des Fremden riß Giorgina das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und druͤckte es an ihren Busen, indem ihr die Thraͤnen in die Augen traten. „Seht, lieber Herr!“ sprach Andres , „wie meine Frau Euch auf Euern Vorschlag antwortet, und eben so bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag recht gut seyn; aber wie moͤget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen, das wir auf Erden besitzen? wie moͤget Ihr doch das eine Last nennen, was unser Leben aufheitern wuͤrde, waͤren wir auch noch in der tiefsten Duͤrftigkeit, aus der uns Eure Guͤte gerissen? „Seht, lieber Herr! Ihr sagtet selbst, daß Ihr ohne Frau und ohne Kinder waͤret; Euch ist daher wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen Himmelreichs herab¬ stroͤmt auf Mann und Weib bei der Geburt eines Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und H Himmelswonne selbst, von der die Eltern erfuͤllt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von ihrer Liebe, von ihrem hoͤchsten Lebensgluͤck spricht. — Nein, lieber Herr! so groß auch die Wohlthaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind werth ist; denn wo gaͤbe es Schaͤtze der Welt, die diesem Besitz gleich zu stellen? Scheltet uns daher nicht un¬ dankbar, lieber Herr! daß wir Euch Euer Ansin¬ nen so ganz und gar abschlagen. Waͤret Ihr selbst Vater, so beduͤrfte es weiter gar keiner Entschuldigung fuͤr uns.“ — „Nun, nun,“ erwie¬ derte der Fremde, indem er finster seitwaͤrts blickte, „ich glaubte Euch wohl zu thun, indem ich Euern Sohn reich und gluͤcklich machte. Seid Ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede.“ — Giorgina kuͤßte und herzte den Knaben, als sei er aus großer Gefahr errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung sei¬ ner Wirthsleute, ihm den Knaben zu geben, ver¬ drossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch den¬ selben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina veweilte , sondern mit Andres auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen Aloys von Vach erzaͤhlen ließ. Als in der Folge Ignaz Denner wie¬ der bei seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan, den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freund¬ lich wie vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch uͤberdem wie¬ derholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu schmuͤcken, welches sie auch wol dann und wann heimlich that. Oft wollte Denner , wie sonst mit dem Knaben H 2 spielen; dieser straͤubte sich aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen, als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern zu entfuͤhren. — Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die Scheu, das Mißtrauen wider Denner endlich uͤberwunden, so daß An¬ dres seinen Wohlstand ruhig und heiter genoß. Im Herbst des dritten Jahres, als die Zeit, in der Denner gewoͤhnlich einzusprechen pflegte, schon voruͤber war, pochte es in einer stuͤrmischen Nacht hart an Andres Thuͤr, und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrok¬ ken sprang er aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer Nacht so stoͤre und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um solche ungebetene Gaͤste wegzuhetzen, da sagte einer, er moͤge nur aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Den¬ ner's Stimme. Als er nun mit dem Licht in der Hand die Hausthuͤr oͤffnete, trat ihm Den ¬ ner allein entgegen. Andres aͤußerte, wie es ihm vorgekommen, als ob mehrere Stimmen sei¬ nen Namen gerufen haͤtten; Denner meinte dagegen, daß den Andres das Heulen des Windes getaͤuscht haben muͤsse. Als sie in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner naͤher betrachtete und seinen ganz veraͤnderten Anzug gewahr wurde. Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein dunkelrothes Wamms und einen brei¬ ten ledernen Gurt, in dem ein Stilet und vier Pistolen staken; außerdem war er noch mit einem Saͤbel bewaffnet, selbst das Gesicht schien veraͤn¬ dert, indem auf der sonst glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker schwarzer Bart sich uͤber Lippe und Wangen zog. „ Andres !“ sprach Denner , indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, „ Andres ! als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da wuͤnschtest Du, daß Gott es Dir verleihen moͤge, mir die Dir erzeigte Wohlthat mit Deinem Blut und Leben lohnen zu koͤnnen. Dein Wunsch ist erfuͤllt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir Deine Dankbarkeit, Deine Treue beweisen kannst. Kleide Dich an; nimm Deine Buͤchse und komme mit mir, nur wenige Schritte von Deiner Wohnung sollst Du das uͤbrige erfahren.“ Andres wußte nicht, was er von Denners Zumuthung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur moͤgliche fuͤr ihn zu unternehmen, so bald es nicht der Rechtschaffen¬ heit, Tugend und Religion zuwider laufe. „Daruͤber kannst Du ganz ruhig seyn,“ rief Denner , indem er ihm laͤchelnd auf die Schul¬ ter klopfte; und da er bemerkte, daß Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach, sie sanft zuruͤckziehend: „Laßt Euern Mann nur immer mit mir ziehen, in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch vielleicht was Schoͤnes mit. Hab' ich es denn jemals boͤse mit Euch gemeint? Habe ich selbst dann, wenn Ihr mich verkanntet, nicht immer Euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, Ihr seid recht besondere mißtrauische Leute.“ Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: „Ich hoffe Du wirst Deine Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der That, was Du gesprochen!“ Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit Denner zur Thuͤre herausschritt, sprach er noch einmal: „Alles, lieber Herr! will ich fuͤr Euch thun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wol von mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen liefe, nicht vollbringen wuͤrde.“ Denner antwortete nichts, sondern schritt rasch vorwaͤrts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf einen ziemlich geraͤu¬ migen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, daß der Ton ringsumher aus den schaurigen Kluͤften wiederhallte und uͤberall in den Buͤschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in den dunklen Gaͤngen, bis sich schwarze graͤßliche Gestalten gespenstisch hervordraͤngten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: „das ist ja wol unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann?“ „Ja,“ antwortete Den ¬ ner , „ich hab' ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestuͤck machen, es kann nun gleich vor¬ waͤrts gehen.“ Andres erwachte bei diesen Worten wie aus dumpfer Betaͤubung, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne; aber er er¬ mannte sich und rief heftig. „Was, Du schaͤnd¬ licher Betruͤger, fuͤr einen Kaufmann gabst Du Dich aus, und treibst ein hoͤllisches verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Raͤuber? Nimmermehr will ich Dein Geselle seyn und theilnehmen an Deinen Schandthaten, zu denen Du mich, wie der Satan selbst, auf kuͤnstliche haͤ¬ mische Weise verlocken wolltest? — Laß mich gleich fort, Du frevelicher Boͤsewicht, und raͤu¬ me mit Deiner Rotte dies Gebiet, sonst ver¬ rathe ich Deine Schlupfwinkel der Obrigkeit, und Du bekommst den Lohn fuͤr Deine Schandthaten; denn nun weiß ich es wohl, daß Du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit seiner Bande an der Graͤnze gehauset und geraubt, und gemordet hat. — Gleich lasse mich fort, ich will Dich nie mehr schauen.“ Denner lachte laut auf. „Was, Du feiger Bube?“ sprach er: „Du unter¬ stehst Dich, mir zu trotzen, Dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen? Bist Du nicht laͤngst schon unser Geselle? lebst Du nicht schon seit beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmuͤckt sich Dein Weib nicht mit unserm Raube? Nun stehst Du unter uns und willst nicht arbeiten dafuͤr was Du genossen? Folgst Du uns nun nicht, zeigst Du Dich nicht gleich als unsern ruͤstigen Kumpan, so lasse ich Dich gebunden in unsere Hoͤhle werfen und meine Ge¬ sellen ziehen nach deiner Wohnung, zuͤnden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde wol diese Maßregel, die nur eine Folge Deiner Halsstarrigkeit seyn wuͤrde, nicht ergreifen duͤrfen. Nun! — waͤhle! — es ist Zeit, wir muͤssen fort!“ — Andres sah nun wohl ein, daß die mindeste Weigerung seiner geliebten Giorgina und dem Knaben das Le¬ ben kosten wuͤrde; den verraͤtherischen buͤbischen Denner im Innern zur Hoͤlle verfluchend, be¬ schloß er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fuͤgen, rein von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten guͤnstigen Gelegenheit ihre Aufhebung und Ein¬ ziehung zu bewirken. Nach diesem im Stillen gefaßten Entschluß erklaͤrte er dem Denner , wie trotz seines innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit fuͤr Giorgina's Rettung ihn ver¬ pflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, so viel moͤglich mit dem thaͤ¬ tigen Antheil daran zu verschonen. Denner lobte seinen Entschluß, indem er hinzufuͤgte, wie er keinesweges verlange, daß er foͤrmlich zur Bande uͤbertreten solle, vielmehr muͤsse er Revier¬ jaͤger bleiben; denn so waͤre er ihm und der Bande schon jetzt von großem Nutzen gewesen, was denn auch kuͤnftig der Fall seyn wuͤrde. Es war auf nichts geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu uͤberfallen und auszupluͤndern. Man wußte, daß der Pachter außer dem vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besaß, eben jetzt fuͤr er¬ kauftes Getraide eine sehr bedeutende Summe ein¬ genommen hatte, die er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Raͤuber einen reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgeloͤscht und still zogen die Raͤuber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebaͤude standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen stiegen uͤber die Mauer, und sprengten von innen das Hof¬ thor; einige wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres . Bald hoͤrte er, wie die Raͤuber die Thuͤren erbrachen und ins Haus stuͤrmten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der Gemißhandelten. Es fiel ein Schuß; der Pachter, ein beherzter Mann, mochte sich zur Wehre setzen — dann wurde es stiller — aufgesprengte Schloͤsser klirrten, Raͤuber schleppten Kisten zum Hofthor heraus. Einer von des Pachters Leuten mußte in der Finsterniß ent¬ wischt und ins Dorf gerannt seyn; denn auf ein¬ mal toͤnte die Sturmglocke durch die Nacht, und bald darauf stroͤmten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die Straße herauf nach der Pachterwoh¬ nung. Nun fiel Schuß auf Schuß, die Raͤuber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der Mauer naͤherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezuͤndet. Andres , der auf einer Anhoͤhe stand, konnte alles uͤbersehen. Mit Entsetzen erblickte er unter den Bauern, Jaͤger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von Vach ! — Was sollte er thun? — Sich zu ihnen zu begeben, war unmoͤglich, nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer moͤrderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite waren die Vach schen Jaͤger gedrungen und mit den Raͤubern handgemein geworden. Die Raͤuber mußten zuruͤck, sie draͤngten sich fechtend durch das Thor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern , der unaufhoͤrlich lud und schoß und niemals fehlte. Ein junger reich¬ gekleideter Mann, von Vach schen Jaͤgern um¬ geben, schien den Anfuͤhrer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er abdruͤckte, stuͤrzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen Schrei nieder. Die Raͤuber flohen — schon stuͤrzten die Vachschen Jaͤger herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, An ¬ dres herbei und rettete Dennern , den er, stark wie er war, auf die Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden, erreichte er gluͤcklich den Wald. Nur einzelne Schuͤsse fie¬ len hin und wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, daß es den Raͤubern, die nicht ver¬ wundet auf dem Platze liegen geblieben, gegluͤckt war, in den Wald zu entkommen und daß es den Jaͤgern und Bauern nicht rathsam schien, in das Dickicht einzubrechen: „Setze mich nur nieder, Andres !“ sprach Denner , „ich bin in den Fuß verwundet und verdammt, daß ich umstuͤrzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub' ich doch nicht einmal, daß sie bedeutend ist.“ Andres that es, Denner holte eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie oͤffnete, strahlte ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen konnte: Denner hatte Recht; nur ein starker Streifschuß hatte den rechten Fuß getroffen, der stark blutete. An ¬ dres verband die Wunde mit seinem Schnupf¬ tuch, Denner ließ seine Pfeife ertoͤnen, aus der Ferne wurde geantwortet und nun bat er den Andres , ihn sachte den schmalen Waldweg her¬ aufzufuͤhren, denn bald wuͤrden sie an Ort und Stelle seyn. Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von Windlichtern durch das dunkle Gebuͤsch brechen und hatten jenen Rasen¬ platz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die uͤbriggebliebenen Raͤuber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor Freude auf, als Den ¬ ner unter sie trat und ruͤhmten den Andres , der, tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich, daß uͤber die Haͤlfte der Bande todt, oder hart verwundet auf dem Platze liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Raͤubern, die dazu bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Geraͤth, so wie eine ansehnliche Summe Geld, fortzuschaffen gewußt, so daß, unerachtet das Un¬ ternehmen schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das Noͤthige besprochen, wandte sich Denner , den man unterdessen ordentlich verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fuͤhlen schien, zu Andres und sprach: „Ich habe dein Weib vom Tode er¬ rettet, Du hast mich in dieser Nacht der Gefan¬ genschaft entzogen und mich folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quit! Du kannst in Deine Wohnung zuruͤckkehren. In den naͤchsten Tagen, vielleicht schon morgen, verlas¬ sen wir die Gegend; Du magst daher ganz ruhig daruͤber seyn, daß wir Dir aͤhnliches, so wie heu¬ te, zumuthen werden. Du bist ja so ein gottes¬ fuͤrchtiger Narr und uns nicht brauchbar. Es ist indessen billig, daß Du Theil am heutigen Raube nehmest und uͤberdem fuͤr meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn uͤber's Jahr hoffe ich bei Dir einzusprechen. „Gott der Herr soll mich behuͤten,“ erwiederte Andres heftig, daß ich auch nur einen Pfennig von Eurem schaͤndlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch doch nur durch die abscheulichsten Drohungen ge¬ zwungen mitzugehen, welches ich ewiglich bereuen werde. Wol mag es Suͤnde gewesen seyn, daß ich Dich, Du schaͤndlicher Boͤsewicht! der gerech¬ ten Strafe entzogen habe; aber Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmuth verzeihen. Es war, als flehe in dem Augenblick meine Gior ¬ gina um Dein Leben, da Du das ihrige erret¬ tet, und ich konnte nicht anders, als daß ich Dich mit Gefahr meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und meines Kindes auf's Spiel setzend, der Gefahr entriß. Denn sprich, was waͤre aus mir, wenn man mich verwundet, ja was waͤre aus meinem armen Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter Deiner verruchten Moͤr¬ derbande gefunden haͤtte? — Aber sei uͤberzeugt, daß, wenn Du die Gegend nicht verlaͤssest, wenn nur ein einziger hier geschehener Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und der Obrigkeit Deine Schlupfwinkel ver¬ I rathe.“ — Die Raͤuber wollten uͤber den An ¬ dres herfallen, um ihn fuͤr seine Reden zu zuͤch¬ tigen; Denner verbot es ihnen jedoch, indem er sagte, „laßt doch den albernen Kerl schwatzen, was thut das uns? — Andres ,“ fuhr Den ¬ ner fort, „Du bist in meiner Gewalt, so wie Dein Weib und Dein Knabe. Du so wol, als diese, sollen aber ungefaͤhrdet bleiben, wenn Du mir versprichst, Dich ruhig in Deiner Wohnung zu halten und uͤber Deine Mitwissenschaft von dem Vorfall dieser Nacht gaͤnzlich zu schweigen. Das Letzte rathe ich Dir um so mehr, als meine Rache Dich furchtbar treffen und uͤberdem die Obrigkeit Dir selbst wol Deine Huͤlfe bei der That, so wie, daß Du schon lange von meinem Reichthum genossest, nicht so hingehen lassen wuͤrde. Dagegen verspreche ich Dir noch einmal, daß ich die Gegend gaͤnzlich raͤumen will und we¬ nigstens von mir und meiner Bande hier kein Unternehmen mehr ausgefuͤhrt werden soll.“ Nach¬ dem Andres nothgedrungen diese Bedingungen des Raͤuberhauptmanns eingegangen war und fei¬ erlich versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Raͤubern durch wildverwachsne Fußsteige auf den breiten Waldweg gefuͤhrt und es war laͤngst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor Sorge und Angst todten¬ bleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im Allgemeinen, daß sich ihm Denner als der verruchteste Boͤsewicht offenbart, und er daher alle Gemeinschaft mit ihm abgebrochen habe; nie solle er mehr seine Schwelle betreten. „Aber das Ju¬ welenkaͤstchen?“ unterbrach ihn Giorgina . Da fiel es dem Andres wie eine schwere Last auf's Herz. An die Kleinodien, die Denner bei ihm zuruͤckgelassen, hatte er nicht gedacht, und uner¬ klaͤrlich schien es ihm, daß Dennern auch nicht ein Wort daruͤber entfallen war. Er ging mit sich zu Rathe, was er wol mit diesem Kaͤstchen anfangen solle. Zwar dachte er daran, es nach Fulda zu bringen und der Obrigkeit zu uͤbergeben; wie sollte er aber den Besitz desselben beschoͤnigen, I 2 ohne sich wenigstens dringender Gefahr auszu¬ setzen, das dem Denner einmal gegebene Wort zu brechen? — Er beschloß endlich, diesen Schatz getreulich zu bewahren, bis der Zufall ihm Gele¬ genheit darbieten wuͤrde, es Dennern wieder zuzustellen, oder besser noch, es, ohne sein Wort zu brechen, an die Obrigkeit zu bringen. — Der Ueberfall der Pachterwohnung hatte nicht geringen Schreck in der ganzen Gegend verur¬ sacht; denn es war das kuͤhnste Wagestuͤck, das die Raͤuber seit Jahren unternommen und ein sichrer Beweis, daß die Bande, welche sich erst durch gemeine Diebereien, dann durch das Anhalten und Berauben einzelner Reisenden kund that, be¬ deutend verstaͤrkt haben mußte. Nur dem Zufall, daß der Neffe des Grafen von Vach , von meh¬ reren Leuten seines Oheims begleitet, eben in dem Dorfe, das unfern der Pachterwohnung lag, uͤber¬ nachtete und auf den ersten Laͤrm den Bauern, die gegen die Raͤuber auszogen, zu Huͤlfe eilte, hatte der Pachter die Rettung seines Lebens und des groͤßten Theils seiner Baarschaft zu verdan¬ ken. Drei von den Raͤubern, die auf dem Platz geblieben waren, lebten noch den andern Tag und gaben Hoffnung, von ihren Wunden zu genesen. Man hatte sie sorgfaͤltig verbunden und in das Dorfgefaͤngniß gesperrt; als man indessen am fruͤhen Morgen des dritten Tages sie abfuͤhren wollte, fand man sie durch viele Stiche ermor¬ det, ohne daß man haͤtte errathen koͤnnen, wie das zugegangen. Jede Hoffnung der Gerichte, von den Gefangenen naͤheren Aufschluß uͤber die Bande zu erhalten, war daher vereitelt. An¬ dres schauderte im Innern, als er das Alles er¬ zaͤhlen hoͤrte, als er vernahm, wie mehrere Bau¬ ern und Jaͤger des Grafen von Vach zum Theil getoͤdtet, zum Theil schwer verwundet worden. — Starke Patrouillen von Fuldaischen Reitern durchstreiften den Wald, und sprachen oͤfters bei ihm ein; jeden Augenblick mußte Andres be¬ fuͤrchten, daß man Dennern selbst, oder wenig¬ stens einen von der Bande einbringen, und dieser ihn dann als Genosse jener kuͤhnen Frevelthat er¬ kennen und angeben werde. Zum erstenmal in seinem Leben fuͤhlte er die folternde Quaal des boͤsen Gewissens, und doch hatte ihn nur die Liebe zu seinem Weibe, zu dem Knaben, gezwun¬ gen, dem frevelichen Ansinnen Denners nach¬ zugeben. Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, es war unmoͤglich den Raͤubern auf die Spur zu kommen, und Andres uͤberzeugte sich bald, daß Denner Wort gehalten und die Gegend mit seiner Bande verlassen hatte. Das Geld, wel¬ ches er noch von Denner's Geschenken uͤbrig behalten, so wie die goldene Nadel, legte er zu den Kleinodien in das Kistchen; denn er wollte nicht noch mehr Suͤnde auf sich laden und von geraubtem Gelde sich guͤtlich thun. So kam es denn, daß Andres bald wieder in die vorige Duͤrftigkeit und Armuth gerieth; aber immer mehr erheiterte sich sein Inneres, je laͤngere Zeit ver¬ strich, ohne daß irgend etwas sein ruhiges Leben verstoͤrt haͤtte. Nach zwei Jahren gebar ihm sein Weib noch einen Knaben, ohne jedoch, wie das erstemal, zu erkranken, wiewol sie sich herzlich nach jener bessern Kost und Pflege sehnte, die ihr damals so wohl gethan. Andres saß einst in der Abenddaͤmmerung traulich mit seinem Wei¬ be zusammen, die den juͤngstgebornen Knaben an der Brust hatte, waͤhrend der Aeltere sich mit dem großen Hunde herumbalgte, der, als Liebling seines Herrn, wol in der Stube seyn durfte. Da kam der Knecht hinein, und sagte, wie ein Mensch, der ihm ganz verdaͤchtig vorkomme, schon seit beinahe einer Stunde um das Haus herum¬ schleiche. Andres war im Begriff mit seiner Buͤchse hinauszugehen, als er vor dem Hause seinen Namen rufen hoͤrte. Er oͤffnete das Fen¬ ster und erkannte auf den ersten Blick den ver¬ haßten Ignaz Denner , der sich wieder in den grauen Kaufmannshabit geworfen hatte, und ein Felleisen unter dem Arme trug. „ Andres ,“ rief Denner , „Du mußt mir diese Nacht Herberge geben in Deinem Hause, morgen ziehe ich weiter.“ „Was? Du unverschaͤmter verruchter Boͤsewicht?“ rief Andres in vollem Zorn, „Du wagst es Dich wieder hier sehen zu lassen? Habe ich Dir nicht treulich Wort gehalten, nur damit Du Dein Versprechen erfuͤllen und auf immer diese Gegend verlassen solltest? Du darfst nicht mehr meine Schwelle betreten entferne Dich schnell, oder ich schieße Dich moͤrderischen Buben nieder! — Doch warte, ich will Dir Dein Gold, Dein Ge¬ schmeide, womit Du Satan mein Weib verblen¬ den wolltest, hinabwerfen; dann magst Du schnell forteilen. Ich lasse Dir drei Tage Zeit, spuͤre ich aber dann nur auf irgend eine Weise Deine und Deiner Bande Gegenwart, so eile ich schnell nach Fulda und entdecke Alles, was ich weiß, der Obrigkeit. Magst Du nun Deine Drohungen gegen mich und mein Weib erfuͤllen wollen, ich verlasse mich auf den Beistand Gottes, und werde Dich Boͤsewicht mit meinem guten Gewehr zu treffen wissen.“ Nun holte Andres schnell das Kaͤstchen herbei, um es hinabzuwerfen; als er aber an's Fenster trat, war Denner verschwun¬ den, und unerachtet die Doggen die ganze Ge¬ gend rings ums Haus durchspuͤren mußten, war es doch nicht moͤglich ihn aufzufinden. Andres sah nun wohl ein, wie er, Denner's Bosheit ausgesetzt, nun in großer Gefahr schwebe; er war daher allnaͤchtlich auf seiner Hut, indessen blieb alles ruhig und Andres uͤberzeugte sich, daß Denner nur allein den Wald durchstrichen hatte. Um indessen seinen aͤngstlichen Zustand zu enden, ja um sein Gewissen zu beruhigen, das ihn mit Vorwuͤrfen quaͤlte, beschloß er nun nicht laͤnger zu schweigen, sondern dem Rath in Fulda sein ganzes unverschuldetes Verhaͤltniß mit Denner zu berichten und zugleich das Kistchen mit den Kleinodien abzuliefern. Andres wußte wohl, daß er ohne Strafe nicht abkommen wuͤrde, jedoch verließ er sich auf sein reuiges Bekenntniß eines Fehltritts, zu dem ihn der verruchte Ignaz Denner , wie der Satan selbst, verlockt und ge¬ zwungen, so wie auf die Fuͤrsprache seines Herrn, des Grafen von Vach , der dem treuen Diener ein guͤnstiges Zeugniß nicht versagen konnte. Er hatte mit seinem Knechte mehrmals den Wald durchstreift und nie war ihm etwas verdaͤchtiges aufgestoßen; fuͤr sein Weib war daher jetzt keine Gefahr vorhanden und er wollte nun ungesaͤumt nach Fulda gehen, um seinen Vorsatz auszufuͤhren. An dem Morgen, als er sich zur Reise bereit gemacht, kam ein Bote von dem Grafen von Vach , der ihn augenblicklich auf das Schloß seines Herrn mitgehen hieß. Statt nach Fulda wanderte er also fort mit dem Boten nach dem Schloß, nicht ohne Bangigkeit, was wol dieser ganz ungewoͤhnliche Ruf seines Herrn zu bedeu¬ ten haben werde. Als er in dem Schloß ange¬ kommen, mußte er gleich in das Zimmer des Grafen treten. „Freue Dich, Andres rief die¬ ser ihm entgegen, Dich hat ein ganz unerwarte¬ tes Gluͤck getroffen. Erinnerst Du Dich wol noch unsers alten muͤrrischen Hauswirths in Nea¬ pel, des Pflegevaters Deiner Giorgina ? Der ist gestorben; aber auf dem Sterbebette hatte ihn noch das Gewissen geruͤhrt wegen der abscheuli¬ chen Behandlung des armen verwais'ten Kindes, und deshalb hat er ihr zweitausend Dukaten ver¬ macht, die bereits in Wechselbriefen in Frankfurt angekommen sind und die Du bei meinem Bankier heben kannst. Willst Du Dich gleich nach Frank¬ furt aufmachen, so lasse ich Dir auf der Stelle das noͤthige Certifikat ausfertigen, damit Dir das Geld ohne Anstand ausgezahlt werde.“ Den Andres machte die Freude sprachlos, und der Graf von Vach ergoͤtzte sich nicht wenig an dem Entzuͤcken seines treuen Dieners. Andres be¬ schloß, als er sich gefaßt hatte, seinem Weibe eine unvermuthete Freude zu bereiten; er nahm daher seines Herrn gnaͤdiges Anerbieten an, und machte sich, nachdem er die Urkunde zu seiner Legitimation erhalten, auf den Weg nach Frankfurt. Seinem Weibe ließ er sagen, wie ihn der Graf mit wichtigen Auftraͤgen verschickt habe, und er daher einige Tage ausbleiben werde. — Als er in Frankfurt angekommen, wies ihn der Bankier des Grafen, bei dem er sich meldete, an einen andern Kaufmann, der mit der Auszahlung des Legats beauftragt seyn sollte. Andres fand ihn endlich und erhielt die ansehnliche Summe wirklich ausgezahlt. Immer nur an Giorgina denkend, immer darnach trachtend, ihre Freude recht vollkommen zu machen, kaufte er fuͤr sie allerlei schoͤne Sachen und auch eine goldene Na¬ del, der ganz gleich, welche ihr Denner geschenkt hatte, und da er nun das schwere Fell¬ eisen nicht wohl als Fußgaͤnger fortbringen konnte, verschaffte er sich ein Pferd. So trat er nun, nachdem er sechs Tage abwesend gewesen, wohlge¬ muth seine Ruͤckreise an. Bald hatte er den Forst und seine Wohnung erreicht. Er fand das Haus fest verschlossen. Laut rief er den Knecht, seine Giorgina , niemand antwortete: die Hunde winselten im Hause eingesperrt. Da ahnete er großes Ungluͤck und schlug heftig an die Thuͤr und schrie laut: Giorgina ! — Giorgina ! — Nun rauschte es am Bodenfenster, Giorgina schaute heraus und rief: „Ach Gott! — Ach Gott! Andres , bist Du es? — Gepriesen sei die Macht des Himmels, daß Du nur wieder da bist.“ Als Andres nun durch die geoͤffnete Thuͤr eintrat, fiel ihm sein Weib todtenbleich und laut heulend in die Arme. Regungslos stand er da; endlich faßte er sein Weib, die mit erschlaff¬ ten Gliedern zu Boden sinken wollte, und trug sie in die Stube. Aber wie mit eisigen Krallen packte ihn das Entsetzen bei dem graͤßlichen An¬ blick. Die ganze Stube voller Blutflecke an dem Boden, an den Waͤnden, sein juͤngster Knabe mit zerschnittener Brust, todt auf seinem Bett¬ chen! — „Wo ist George , wo ist George ?“ schrie Andres endlich auf in wilder Verzweif¬ lung, aber in dem Augenblick hoͤrte er, wie der Knabe die Treppe herabtrippelte und nach dem Vater rief. — Zerbrochene Glaͤser, Flaschen, Teller lagen umher. Der große schwere Tisch, sonst an der Wand stehend, war in die Mitte des Zimmers geruͤckt, eine sonderbar geformte Kohlpfanne, mehrere Phiolen und eine Schuͤssel mit geronnenem Blut standen auf demselben. Andres nahm sein armes Knaͤblein aus dem Bette. Giorgina verstand ihn, sie holte Tuͤ¬ cher herbei, in die sie den Leichnam wickelten und im Garten begruben. Andres schnitt ein klei¬ nes Kreuz aus Eichenholz und setzte es auf den Grabhuͤgel. Kein Wort, kein Laut entfloh den Lippen der ungluͤcklichen Eltern. In dumpfem duͤsterem Schweigen hatten sie die Arbeit vollen¬ det und saßen nun vor dem Hause in der Abend¬ daͤmmerung, den starren Blick in die Ferne ge¬ richtet. Erst den andern Tag konnte Giorgina den Verlauf dessen, was sich in Andres Ab¬ wesenheit zugetragen, erzaͤhlen. Am vierten Tage, nachdem Andres sein Haus verlassen, hatte der Knecht zur Mittagszeit wieder allerlei verdaͤchtige Gestalten durch den Wald wanken gesehen, und Giorgina deshalb des Mannes Ruͤckkehr herz¬ lich gewuͤnscht. Mitten in der Nacht wurde sie durch lautes Toben und Schreien dicht vor dem Hause aus dem Schlafe geweckt, der Knecht stuͤrzte herein und verkuͤndete voller Schreck, daß das ganze Haus von Raͤubern umringt und an eine Gegenwehr gar nicht zu denken sei. Die Doggen wuͤtheten, aber bald schien es, als wuͤr¬ den sie beschwichtigt und man rief laut: Andres ! — Andres ! — Der Knecht faßte sich ein Herz, oͤffnete ein Fenster und rief herab, daß der Revierjaͤger Andres nicht zu Hause sei. „Nun, es thut nichts,“ antwortete eine Stimme von unten herauf, „oͤffne nur die Thuͤr, denn wir muͤssen bei Euch einkehren, Andres wird bald nachfolgen.“ Was blieb dem Knecht uͤbrig, als die Thuͤr zu oͤffnen; da stroͤmte der helle Haufe der Raͤuber herein und begruͤßte Giorgina als die Frau ihres Cameraden, dem der Haupt¬ mann Freiheit und Leben zu danken habe. Sie verlangten, daß Giorgina ihnen ein tuͤchtiges Essen bereiten moͤge, weil sie Nachts ein schwe¬ res Stuͤck Arbeit vollbracht, das aber herrlich, gelungen sei. Zitternd und bebend machte Gior ¬ gina in der Kuͤche ein großes Feuer an und bereitete das Mahl, wozu sie Wildpret, Wein und allerlei andere Ingredienzien von einem der Raͤuber empfing, der der Kuͤchen- und Keller¬ meister der Bande zu seyn schien. Der Knecht mußte den Tisch decken und das Geschirr herbei¬ bringen. Er nahm den Augenblick wahr und schlich sich fort zu seiner Frau in die Kuͤche. „Ach wißt ihr wol,“ fing er voller Entsetzen an, „was fuͤr eine That die Raͤuber in dieser Nacht veruͤbt haben? Nach langer Abwesenheit und nach langer Vorbereitung haben sie vor etlichen Stunden das Schloß des Herrn Grafen von Vach uͤberfallen, und nach tapferer Gegenwehr mehrere seiner Leute und ihn selbst getoͤdtet, das Schloß aber angezuͤndet.“ Giorgina schrie un¬ aufhoͤrlich: „ach mein Mann, wenn mein Mann nur auf dem Schlosse gewesen waͤre — Ach, der arme Herr!“ — Die Raͤuber tobten und sangen unter¬ unterdessen in der Stube und ließen sich den Wein wohl schmecken, bis ihnen das Mahl auf¬ getragen wurde. Der Morgen fing schon an zu daͤmmern als der verhaßte Denner erschien; nun wurden die Kisten und Felleisen, die sie auf ihren Packpferden mitgebracht hatten, geoͤffnet. Giorgina hoͤrte, wie sie vieles Geld zaͤhlten und wie die Silbergeschirre klirrten; es schien alles verzeichnet zu werden. Endlich als es schon lich¬ ter Tag geworden, brachen die Raͤuber auf, nur Denner blieb zuruͤck. Er nahm eine freundliche leutselige Miene an, und sprach zu Giorgina : „Ihr seid wohl recht erschreckt worden, liebe Frau; denn Euer Mann scheint Euch nicht gesagt zu haben, daß er schon seit geraumer Zeit unser Camerad geworden. Es thut mir in der That leid, daß er nicht zu Hause gekommen ist; er muß einen andern Weg eingeschlagen und uns verfehlt haben. Er war mit uns auf dem Schlosse des Boͤsewichts, des Grafen von Vach , der uns vor zwei Jahren auf alle nur moͤgliche Weise K verfolgt hat und an dem in voriger Nacht wir Rache nahmen — Er fiel, kaͤmpfend, von Eures Mannes Hand. Beruhigt Euch nur, liebe Frau, und sagt dem Andres , daß er mich nun so bald nicht wieder sehen wuͤrde, da die Bande sich auf einige Zeit trennt. Heute Abend verlasse ich Euch. — Ihr habt lauter huͤbsche Kinder, liebe Frau! Das ist ja wieder ein herrlicher Knabe.“ Mit diesen Worten nahm er den Kleinen von Giorgina's Arm und wußte mit ihm so freund¬ lich zu spielen, daß das Kind lachte und jauchzte und gern bei ihm blieb, bis er es wieder der Mutter zuruͤckgab. Schon war es Abend gewor¬ den, als Denner zu Giorgina sagte: „Ihr merkt wohl, daß ich, unerachtet ich kein Weib und keine Kinder habe, welches mir manchmal recht nahe geht, doch gar zu gern mit kleinen Kindern spiele und taͤndle. Gebt mir doch Euern Kleinen auf die wenigen Augenblicke, die ich noch bei Euch zubringe. Nicht wahr? der Kleine ist jetzt gerade neun Wochen alt.“ Giorgina be¬ jahte das und gab, jedoch nicht ohne inneres Widerstreben, den kleinen Knaben Dennern hin, der sich mit ihm vor die Hausthuͤr setzte und Giorgina bat, ihm nun das Abendessen zu bereiten, weil er in einer Stunde fortmuͤßte. Kaum war Giorgina in die Kuͤche getreten, als sie sah, wie Denner mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube ging. Bald darauf ver¬ breitete sich ein seltsam riechender Dampf durch das Haus, der aus der Stube zu quillen schien. Giorgina wurde von unbeschreiblicher Angst er¬ griffen; sie lief schnell nach der Stube und fand die Thuͤr von innen verriegelt. Es war ihr, als hoͤre sie das Kind leise wimmern. „Rette, rette mein Kind aus den Klauen des Boͤsewichts!“ so schrie sie, eine graͤßliche That ahnend, dem Knecht entgegen, der eben in das Haus trat. Dieser ergriff schnell die Axt und sprengte die Thuͤr. Dicker stinkender Dampf schlug ihnen entgegen. Mit einem Sprunge war Giorgina im Zim¬ mer; der Knabe lag nackt uͤber einer Schuͤssel, in K 2 die sein Blut troͤpfelte. Sie sah nur noch, wie der Knecht mit der Axt ausholte, um den Den ¬ ner zu treffen, wie dieser dem Schlage auswich, den Knecht unterlief und mit ihm rang. Es war ihr, als hoͤre sie jetzt mehrere Stimmen dicht vor den Fenstern, bewußtlos sank sie zu Boden. Als sie wieder erwachte, war es finstre Nacht worden, aber ganz betaͤubt vermochte sie nicht die erstarrten Glieder zu regen. Endlich wurde es Tag und nun sah sie mit Entsetzen, wie das Blut im Zimmer schwamm. Stuͤcke von Denner's Kleidern lagen uͤberall umher — ein ausgerissener Schopf von des Knechts Haa¬ ren — die Axt blutig daneben — der Knabe vom Tische herabgeschleudert mit zerschnittener Brust. Auf's neue wurde Giorgina ohnmaͤchtig, sie glaubte zu sterben, aber sie erwachte wie aus dem Todesschlummer, als es schon Mittag gewor¬ den. Sie raffte sich muͤhsam auf, sie rief laut den Georg , aber als niemand antwortete, glaubte sie, auch Georg sei ermordet. Die Verzweif¬ lung gab ihr Kraͤfte, sie floh aus dem Zimmer in den Hof und schrie laut: „ Georg ! — Georg !“ Da antwortete es mit matter klaͤglicher Stimme vom Bodenfenster herab: „Mutter, ach liebe Mut¬ ter, bist Du denn da? Komm herauf zu mir! mich hungert sehr!“ — Schnell sprang jetzt Giorgina hinauf und fand den Kleinen, der vor Angst bei dem Laͤrm im Hause in die Bodenkam¬ mer gekrochen war und nicht gewagt hatte her¬ auszukommen. Mit Entzuͤcken druͤckte Giorgi¬ na den Kleinen an die Brust. Sie verschloß das Haus und wartete nun von Stunde zu Stunde in der Bodenkammer auf Andres , den sie auch verloren glaubte. Der Knabe hatte von oben herab gesehen, wie mehrere Maͤnner ins Haus gingen und mit Denner'n einen todten Menschen heraustrugen. — Endlich bemerkte auch Giorgina das Geld und die schoͤnen Sachen, die Andres mitgebracht hatte. „Ach, so ist es doch wahr?“ schrie sie entsetzt auf, „so bist Du doch“ — Andres ließ sie nicht ausreden, son¬ dern erzaͤhlte ausfuͤhrlich, welches Gluͤck sie be¬ troffen und wie er in Frankfurt gewesen sei, wo er sich ihre Erbschaft habe auszahlen lassen. Der Neffe des ermordeten Grafen von Vach war nun Besitzer der Guͤter worden; bei diesem wollte sich Andres melden, getreulich alles Geschehene erzaͤhlen, Denner's Schlupfwinkel entdecken und bitten, ihn seines Dienstes zu entlassen, der ihm so viel Noth und Gefahr bringe. Gior ¬ gina durfte mit dem Knaben im Hause nicht zuruͤckbleiben. Andres beschloß daher, seine besten leicht fortzuschaffenden Sachen auf einen kleinen Leiterwagen zu packen, das Pferd vorzuspannen und so mit seinem Weibe und Kinde eine Gegend auf immer zu verlassen, die ihm nur die schreck¬ lichsten Erinnerungen erregen und uͤberdem nie¬ mals Ruhe und Sicherheit gewaͤhren konnte. Der dritte Tag war zur Abreise bestimmt, und eben packten sie einen Kasten, als ein starkes Pferdegetrappel immer naͤher und naͤher kam. Andres erkannte den Vach schen Foͤrster, der bei dem Schlosse wohnte; hinter ihm ritt ein Commando Fuldaischer Dragoner. „Nun da fin¬ den wir ja den Boͤsewicht gerade bei der Arbeit, seinen Raub in Sicherheit zu bringen,“ rief der Commissarius des Gerichts, der mitgekommen. Andres erstarrte vor Staunen und Schreck. Giorgina war halb ohnmaͤchtig. Sie fielen uͤber ihn her, banden ihn und sein Weib mit Stricken und warfen sie auf den Leiterwagen, der schon vor dem Hause stand. Giorgina jammerte laut um den Knaben und flehte um Got¬ tes willen, daß man ihn ihr mitgeben moͤge. „Da¬ mit Du Deine Brut auch noch ins hoͤllische Ver¬ derben bringen kannst?“ sprach der Commissarius und riß den Knaben mit Gewalt aus Giorgina's Armen. Schon sollte es fortgehen, da trat der alte Foͤrster, ein rauher aber biederer Mann, noch einmal an den Wagen und sagte: „ Andres , Andres , wie hast Du Dich denn von dem Sa¬ tan verlocken lassen, solche Frevelthaten zu begehen? Immer warst Du ja sonst so fromm und ehrlich!“ „Ach lieber Herr!“ schrie Andres auf im hoͤch¬ sten Jammer, „so wahr Gott im Himmel lebt, so wie ich dereinst selig zu sterben hoffe, ich bin unschuldig. Ihr habt mich ja gekannt von fruͤher Jugend her; wie sollte ich, der ich niemals Un¬ rechtes gethan, solch ein abscheulicher Boͤsewicht geworden seyn? — denn ich weiß wohl, daß Ihr mich fuͤr einen verruchten Raͤuber und Theilneh¬ mer an der Frevelthat haltet, die auf dem Schlosse meines geliebten ungluͤcklichen Herrn veruͤbt wor¬ den ist. Aber ich bin unschuldig bei meinem Le¬ ben und meiner Seligkeit!“ „Nun“ sagte der alte Foͤrster, „wenn Du unschuldig bist, so wird das an den Tag kommen, mag auch noch so viel wi¬ der Dich sprechen. Deines Knaben und des Be¬ sitzthums, was Du zuruͤcklaͤssest, will ich mich ge¬ treulich annehmen, so daß, wenn Deine und Deines Weibes Unschuld erwiesen, Du den Jun¬ gen frisch und munter und Deine Sachen unver¬ sehrt wiederfinden sollst.“ Das Geld nahm der Commissarius des Gerichts in Beschlag. Unter¬ weges frug Andres Giorginen , wo sie denn das Kaͤstchen verwahrt habe; sie gestand, wie es ihr jetzt leid thue, daß sie es dem Denner uͤberliefert, da es jetzt der Obrigkeit haͤtte uͤber¬ geben werden koͤnnen. In Fulda trennte man den Andres von seinem Weibe und warf ihn in ein tiefes finstres Gefaͤngniß. Nach einigen Tagen wurde er zum Verhoͤr gefuͤhrt. Man be¬ schuldigte ihn der Theilnahme an dem im Vach ¬ schen Schlosse veruͤbten Raubmorde und ermahnte ihn die Wahrheit zu gestehen, da schon alles wi¬ der ihn so gut als ausgemittelt sei. Andres erzaͤhlte nun getreulich Alles, was sich mit ihm zugetragen, von dem ersten Eintritt des abscheu¬ lichen Denners in sein Haus bis zu dem Au¬ genblick seiner Verhaftung. Er klagte sich selbst voll Reue des einzigen Vergehens an, daß er, um Weib und Kind zu retten, bei der Pluͤnderung des Pachters zugegen war, und den Denner von der Gefangennehmung befreite, und betheu¬ erte seine gaͤnzliche Unschuld Ruͤcksichts des letzten von der Denner schen Bande veruͤbten Raub¬ mordes, da er zu eben derselben Zeit in Frankfurt gewesen sei. Jetzt oͤffneten sich die Thuͤren des Gerichtssaals und der abscheuliche Denner wur¬ de hereingefuͤhrt. Als er den Andres erblickte, lachte er auf in teuflischem Hohn und sprach: „Nun, Kamerad, hast Du Dich auch erwischen las¬ sen? Hat Dir Deines Weibes Gebet denn nicht herausgehlofen?“ Die Richter forderten Den ¬ ner'n auf, sein Bekenntniß Ruͤcksichts des An ¬ dres zu wiederholen und er sagte aus, daß eben der Vach sche Revierjaͤger Andres , der jetzt vor ihm stehe, schon seit fuͤnf Jahren mit ihm ver¬ bunden und das Jaͤgerhaus sein bester und sicher¬ ster Schlupfwinkel gewesen sei. Andres habe immer den ihm gebuͤhrenden Antheil vom Raube erhalten, wiewol er nur zweimal thaͤtig bei den Raͤubereien mitgewirkt. Einmahl nehmlich bei der Beraubung des Pachters, wo er ihn, den Denner , aus der dringendsten Gefahr errettet, und dann bei dem Unternehmen gegen den Gra¬ fen Aloys von Vach , der eben durch einen gluͤcklichen Schuß des Andres getoͤdtet worden sei. Andres gerieth in Wuth, als er diese schaͤndliche Luͤge hoͤrte. „Was?“ schrie er, „Du verruchter teuflischer Boͤsewicht, Du wagst es, mich der Ermordung meines lieben armen Herrn anzuklagen, die Du selbst veruͤbt? — Ja! ich weiß es, nur Du selbst bist solcher That faͤhig; aber Deine Rache verfolgt mich, weil ich aller Gemeinschaft mit Dir entsagt habe, weil ich drohte, Dich als einen verruchten Raͤuber und Moͤrder niederzuschießen, so wie Du meine Schwelle betreten wuͤrdest. Darum hast Du mit Deiner Bande mein Haus uͤberfallen, als ich abwesend war; darum hast Du mein armes un¬ schuldiges Kind und meinen braven Knecht er¬ mordet! — Aber Du wirst der schrecklichen Strafe des gerechten Gottes nicht entgehen, sollte ich auch Deiner Bosheit unterliegen.“ Nun wie¬ derholte Andres sein voriges Bekenntniß unter den heiligsten Betheurungen der Wahrheit; aber Denner lachte hoͤhnisch und meinte, warum er denn aus allzugroßer Furcht vor dem Tode noch erst das Gericht zu beluͤgen sich unterfange, und daß es sich schlecht mit der Froͤmmigkeit, von der er so viel Aufhebens mache, vereinbare, daß er Gott und die Heiligen zur Bekraͤftigung seiner falschen Aussagen anrufe. — Die Richter wu߬ ten in der That nicht, was sie von dem Andres , dessen Miene und Sprache die Wahrheit seiner Aussage zu bestaͤtigen schien, so wie von Den ¬ ner's kalter Festigkeit denken sollten. — Nun wurde Giorgina vorgefuͤhrt, die in namenlo¬ sem Jammer laut weinend auf den Mann zu¬ stuͤrzte. Sie wußte nur Unzusammenhaͤngendes zu erzaͤhlen, und unerachtet sie den Denner des entsetzlichen Mordes ihres Knaben anklagte, schien Denner doch keinesweges entruͤstet, sondern be¬ hauptete, wie er schon fruͤher gethan, daß Giorgina nie etwas von den Unternehmungen ihres Mannes gewußt habe, sondern ganz un¬ schuldig sei. Andres wurde in sein Gefaͤngniß zuruͤckgefuͤhrt. Einige Tage nachher sagte ihm der ziemlich gutmuͤthige Gefangenwaͤrter, daß sein Weib, da sowol Denner , als die uͤbrigen Raͤu¬ ber fortwaͤhrend ihre Unschuld behauptet, sonst auch nichts wider sie ausgemittelt worden, der Haft entlassen sei. Der junge Graf von Vach , ein edelmuͤthiger Herr, der sogar an seiner, des An ¬ dres , Schuld zu zweifeln scheine, habe Caution gestellt, und der alte Foͤrster Giorginen in einem schoͤnen Wagen abgeholt. Vergebens habe Giorgina gebeten, ihren Mann sehen zu duͤr¬ fen; das sei ihr vom Gericht gaͤnzlich abgeschla¬ gen worden. Den armen Andres troͤstete diese Nachricht nicht wenig, da mehr, als sein Ungluͤck ihm seines Weibes elender Zustand im Gefaͤngniß zu Herzen ging. Sein Prozeß verschlimmerte sich indessen von Tage zu Tage. Es war erwie¬ sen, daß eben, wie Denner es angegeben, seit fuͤnf Jahren Andres in einen gewissen Wohl¬ stand gerieth, dessen Quelle nur die Theilnahme an den Raͤubereien seyn konnte. Ferner gestand Andres selbst seine Abwesenheit von Hause waͤhrend der auf dem Vach schen Schlosse ver¬ uͤbten That, und seine Angabe wegen seiner Erb¬ schaft und seines Aufenthalts in Frankfurt blieb verdaͤchtig, weil er den Namen des Kaufmanns, von dem er das Geld ausgezahlt erhalten haben wollte, durchaus nicht anzugeben wußte. Der Bankier des Grafen von Vach , so wie der Hauswirth in Frankfurt, bei dem Andres ein¬ gekehrt war, versicherten einstimmig, wie sie sich des beschriebenen Revierjaͤgers gar nicht erinnern koͤnnten; der Gerichtshalter des Grafen von Vach , der das Certifikat fuͤr den Andres aus¬ gefertigt hatte, war gestorben, und niemand von den Vach schen Dienern wußte etwas von der Erbschaft, da der Graf nichts davon geaͤußert, Andres aber auch davon geschwiegen, weil er, aus Frankfurt zuruͤckkehrend, sein Weib mit dem Gelde uͤberraschen wollte. So blieb alles, was Andres vorbrachte, um nachzuweisen, daß er zur Zeit des Raubes in Frankfurt gewesen und das Geld ehrlich erworben sei, unausgemittelt. Den¬ ner blieb dagegen bei seiner fruͤhern Behauptung und ihm stimmten saͤmmtliche Raͤuber, die eingefan¬ gen worden, in allem bei. Alles dieses haͤtte aber die Richter noch nicht so von der Schuld des ungluͤcklichen Andres uͤberzeugt, als die Aus¬ sage von zwei Vach schen Jaͤgern, die bei dem Schein der Flammen ganz genau den Andres erkannt und gesehen haben wollten, wie von ihm der Graf niedergestreckt wurde. Nun war An¬ dres in den Augen des Gerichts ein verstockter heuchlerischer Boͤsewicht und gestuͤtzt auf das Re¬ sultat aller jener Aussagen und Beweise wurde ihm die Tortur zuerkannt, um seinen starren Sinn zu beugen, und ihn zum Gestaͤndniß zu bringen. Schon uͤber ein Jahr schmachtete An¬ dres im Kerker, der Gram hatte seine Kraͤfte aufgezehrt, und sein sonst robuster starker Koͤrper war schwach und ohnmaͤchtig geworden. Der schreck¬ liche Tag, an dem die Pein ihm das Gestaͤndniß einer That, welche er niemals begangen, abdrin¬ gen sollte, kam heran. Man fuͤhrte ihn in die Folterkammer, wo die entsetzlichen mit sinnreicher Grausamkeit erfundenen Instrumente lagen, und die Henkersknechte sich bereiteten, den Ungluͤcklichen zu martern. Nochmals wurde Andres ermahnt, die That, deren er so dringend verdaͤchtig, ja deren er durch das Zeugniß jener Jaͤger uͤberfuͤhrt wor¬ den, zu gestehen. Er betheuerte wiederum seine Unschuld, und wiederholte alle Umstaͤnde seiner Bekanntschaft mit Dennern in denselben Wor¬ ten, wie er es im ersten Verhoͤr gethan. Da er¬ griffen ihn die Knechte, banden ihn mit Stricken und marterten ihn, indem sie seine Glieder aus¬ renkten und Stacheln einbohrten in das gedehnte Fleisch. Andres vermochte nicht die Quaal zu ertragen: vom Schmerz gewaltsam zerrissen, den Tod wuͤnschend, gestand er alles was man wollte, und wurde ohnmaͤchtig in den Kerker zuruͤckge¬ schleppt. Man staͤrkte ihn, wie es nach erlitte¬ ner Tortur gewoͤhnlich, mit Wein und er fiel in einen zwischen Wachen und Schlafen hinbruͤtenden Zustand. Zustand. Da war es ihm als loͤsten sich die Steine aus der Mauer, und als fielen sie kra¬ chend herab auf den Boden des Kerkers. Ein blutrother Schimmer drang durch und in ihm trat eine Gestalt hinein, die, unerachtet sie Den ¬ ner's Zuͤge hatte, ihm doch nicht Denner zu seyn schien. Gluͤhender funkelten die Augen, schwaͤrzer starrte das struppige Haar auf der Stirn empor und tiefer senkten sich die finstern Augenbrauen in die dicke Muskel herab, die uͤber der krummgebogenen Habichtsnase lag. Auf graͤ߬ lich seltsame Weise war das Gesicht verschrumpft und verzerrt, und die Kleidung fremd und aben¬ theuerlich, wie er Dennern niemals gesehen. Ein feuerrother mit Gold stark verbraͤmter weiter Mantel hing in bauschichten Falten der Gestalt uͤber die Schultern, ein breiter niedergekrempter spanischer Hut mit herabhaͤngender rother Feder saß schief auf dem Kopfe, ein langer Stoßdegen hing an der Seite, und unter dem linken Arm trug die Gestalt ein kleines Kistchen. So schritt L der gespenstische Unhold auf Andres zu in hoh¬ lem dumpfen Tone sprechend: „Nun, Camerad, wie hat Dir die Folter geschmeckt? Du hast das Alles blos Deinem Eigensinn zu verdanken; haͤttest Du Dich als zur Bande gehoͤrig bekannt, so waͤrst Du nun schon gerettet. Versprichst Du aber, Dich mir und meiner Leitung ganz zu er¬ geben, und gewinnst Du es uͤber Dich, von die¬ sen Tropfen zu trinken, die aus Deines Kindes Herzblut gekocht sind, so bist Du augenblicklich aller Quaal entledigt. Du fuͤhlst Dich gesund und kraͤftig, und fuͤr Deine weitere Rettung will ich dann sorgen.“ — Andres konnte vor Schreck, Angst und Ermattung nicht sprechen; er sah, wie seines Kindes Blut in der Phiole, die ihm die Gestalt hinhielt, in rothen Flaͤmmchen spielte; in¬ bruͤnstig betete er zu Gott und den Heiligen, daß sie ihn retten moͤchten aus den Klauen des Sa¬ tans, der ihn verfolge und um die ewige Selig¬ keit bringen wolle, die er zu erlangen hoffe, sollte er auch eines schimpflichen Todes sterben. Nun lachte die Gestalt, daß es im Kerker widergellte, und verschwand im dicken Dampf. Andres er¬ wachte endlich aus dumpfer Betaͤubung, er ver¬ mochte sich aufzurichten vom Lager; aber wie ward ihm, als er sah, daß das Stroh, was unter seinem Haupte gelegen, sich staͤrker und staͤrker zu ruͤhren begann und endlich weggeschoben wurde. Er gewahrte, daß ein Stein aus dem Fußboden von unten herausgedraͤngt worden und hoͤrte mehrmals seinen Namen leise rufen. Er erkannte Denner's Stimme und sprach: „Was willst Du von mir?“ Laß mich ruhen, ich habe mit Dir nichts zu schaffen! „ Andres ,“ sprach Denner , „ich bin durch mehrere Gewoͤlbe gedrungen, um Dich zu retten; denn, wenn Du auf den Richtplatz kommst, von dem ich errettet wurde, bist Du verloren. Bloß um Deines Weibes willen, die mir mehr angehoͤrt, als Du wohl denken magst, helfe ich Dir. Du bist ein muthloser Feigling. Was hat Dir nun Dein erbaͤrmliches Laͤugnen gefruchtet? Blos, daß Du vom Vach schen L 2 Schloß nicht zu rechter Zeit nach Hause zuruͤck¬ kehrtest und ich mich zu lange bei Deinem Weibe aufhielt, ist Schuld, daß man mich auffing. Da! — nimm die Feile und die Saͤge, befreie Dich in kuͤnftiger Nacht von den Ketten und durch¬ saͤge das Schloß der Kerkerthuͤre; schleiche durch den Gang! Die aͤußere Thuͤr linker Hand wird offen stehn, und draußen wirst Du einen von uns finden, der Dich weiter geleitet. Halte Dich gut!“ Andres nahm die Saͤge und die Feile, die ihm Denner hineinreichte und hob dann den Stein wieder in die Oeffnung. Er war ent¬ schlossen, das zu thun, wozu ihn die innere Stimme des Gewissens aufforderte. — Als es Tag geworden und der Gefangenwaͤrter hineintrat, da sagte er, wie er sehnlich wuͤnsche vor den Richter gefuͤhrt zu werden, indem er Wichtiges zu entdecken habe. Noch an demselben Vormittage wurde sein Verlangen erfuͤllt, weil man nicht anders glaubte, als daß Andres neue, bisher noch unbekannt gebliebene, Frevelthaten der Bande ge¬ stehen werde. Andres uͤberreichte den Richtern die von Dennern erhaltenen Instrumente, und erzaͤhlte den Vorgang der Nacht. „Unerachtet ich gewiß und wahrhaftig unschuldig leide, so soll mich doch Gott behuͤten, daß ich darnach trachten sollte, meine Freiheit auf unerlaubte Weise zu er¬ langen; denn das wuͤrde mich ja dem verruchten Denner , der mich in Schande und Tod gestuͤrzt hat, in die Haͤnde liefern und ich dann erst durch mein suͤndliches freveliches Unternehmen die Strafe verdienen, die ich jetzt unschuldig leiden werde.“ So beschloß Andres seinen Vortrag. Die Rich¬ ter schienen erstaunt und von Mitleid fuͤr den Ungluͤcklichen durchdrungen, wiewol sie durch die mannichfachen Thatsachen, die wider ihn sprachen, zu sehr von seiner Schuld uͤberzeugt waren, um sein jetziges Benehmen nicht auch fuͤr zweifelhaft zu halten. Die Aufrichtigkeit des Andres und vorzuͤglich der Umstand, daß nach jener Anzeige der von Denner beabsichtigten Flucht, in der Stadt und zwar in der naͤchsten Umgebung des Gefaͤngnisses wirklich noch einige von der Bande ertappt und aufgegriffen wurden, hatte jedoch den wohlthaͤtigen Einfluß auf ihn, daß er aus dem unterirdischen Kerker, in den er gesperrt gewesen, herausgenommen wurde, und eine lichte Gefaͤng¬ nißstube neben der Wohnung des Gefangenwaͤrters erhielt. Da brachte er seine Zeit mit Gedanken an sein treues Weib, an seinen Knaben, und mit gottseligen Betrachtungen hin, und bald fuͤhlte er sich ermuthig, das Leben auch auf schmerzliche Weise, wie eine Buͤrde, abzuwerfen. Nicht genug konnte sich der Gefangenwaͤrter uͤber den from¬ men Verbrecher wundern und er mußte nothge¬ drungen beinahe an seine Unschuld glauben. Endlich, nachdem beinahe noch ein Jahr ver¬ flossen, war der schwierige verwickelte Prozeß wider Denner und seine Mitschuldigen geschlos¬ sen. Es hatte sich gefunden, daß die Bande bis an die Graͤnze von Italien ausgebreitet war und schon seit geraumer Zeit uͤberall raubte und mor¬ dete. Denner sollte gehaͤngt, und dann sein Koͤrper verbrannt werden. Auch dem ungluͤckli¬ chen Andres war der Strang zuerkannt; seiner Reue halber, und da er durch das Bekenntniß der ihm von Denner gerathenen Flucht die Entdeckung des Anschlags der Bande, durchzubre¬ chen, veranlaßt hatte, durfte jedoch sein Koͤrper herabgenommen, und auf der Gerichtsstaͤtte ver¬ scharrt werden. Der Morgen, an dem Denner und An ¬ dres hingerichtet werden sollten, war angebro¬ chen; da ging die Thuͤr des Gefaͤngnisses auf, und der junge Graf von Vach trat hinein zum Andres , der auf den Knien lag und still betete. „ Andres ,“ sprach der Graf, „Du mußt ster¬ ben. Erleichtere Dein Gewissen noch durch ein offnes Gestaͤndniß! Sage mir, hast Du Deinen Herrn getoͤdtet? Bist Du wirklich der Moͤrder meines Oheims?“ — Da stuͤrzten dem Andres die Thraͤnen aus den Augen, und er wiederholte nochmals Alles, was er vor Gericht ausgesagt, ehe ihm die unleidliche Quaal der Tortur eine Luͤge auspreßte. Er rief Gott und die Heiligen an, die Wahrheit seiner Aussage und seine gaͤnz¬ liche Unschuld an dem Tode des geliebten Herrn zu bekraͤftigen. „So ist hier,“ fuhr der Graf von Vach fort, „ein unerklaͤrliches Geheimniß im Spiele. Ich selbst, Andres , war von Deiner Unschuld uͤber¬ zeugt, unerachtet vieles wider Dich sprach; denn ich wußte ja, daß Du von Jugend auf der treuste Diener meines Oheims gewesen bist, und ihn selbst einmal in Neapel mit Gefahr Deines Le¬ bens aus Raͤuberhaͤnden errettet hast. Allein nur noch gestern haben mir die beiden alten Jaͤger meines Oheims Franz und Nikolaus geschwo¬ ren, daß sie Dich leibhaftig unter den Raͤubern gesehen und genau bemerkt haͤtten, wie Du selbst meinen Oheim niederstrecktest.“ Andres wurde von den peinlichsten, schrecklichsten Gefuͤhlen durch¬ bohrt; es war ihm, als wenn der Satan selbst seine Gestalt angenommen habe, um ihn zu verderben; denn auch Denner hatte ja sogar im Kerker davon gesprochen, daß er den Andres wirklich gesehen, und so schien selbst die falsche Beschuldigung vor Gericht auf innerer wahrer Ueberzeugung zu be¬ ruhen. Andres sagte dies Alles unverholen, indem er hinzusetzte, daß er sich der Schickung des Himmels ergebe, nach welcher er den schmaͤh¬ lichen Tod eines Verbrechers sterben solle, daß aber, sei es auch lange Zeit nachher, seine Un¬ schuld gewiß an den Tag kommen werde. Der Graf von Vach schien tief erschuͤttert; er konnte kaum noch dem Andres sagen, daß, nach seinem Wunsche, der Tag der Hinrichtung seinem ungluͤck¬ lichen Weibe verschwiegen geblieben sei, und daß sie sich nebst dem Knaben bei dem alten Foͤrster aufhalte. Die Rathhausglocke erklang dumpf und schauerlich in abgemessenen Pulsen. Andres wurde angekleidet und der Zug ging mit den ge¬ woͤhnlichen Feierlichkeiten unter dem Zustroͤmen unzaͤhlichen Volks nach der Richtstaͤtte. Andres betete laut und ruͤhrte durch sein frommes Betra¬ gen alle, die ihn sahen. Denner hatte die Miene des trotzigen verstockten Boͤsewichts. Er schaute munter und kraͤftig um sich, und lachte oft den armen Andres tuͤckisch und schadenfroh an. Andres sollte zuerst hingerichtet werden; er be¬ stieg gefaßt mit dem Henker die Leiter, da kreischte ein Weib auf und sank ohnmaͤchtig einem alten Mann in die Arme. Andres blickte hin, es war Giorgina ; laut erflehte er vom Himmel Fassung und Staͤrke. „Dort, dort, sehe ich Dich wieder, mein armes ungluͤckliches Weib, ich sterbe unschuldig!“ rief er, indem er den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel erhob. Der Richter rief dem Henker zu, er moͤge sich foͤrdern, denn es entstand ein Murren unter dem Volke und es flogen Steine nach Dennern , der ebenfalls schon die Leiter bestiegen hatte und die Zuschauer verhoͤhnte ob ihres Mitleids mit dem frommen Andres . Der Henker legte dem Andres den Strick um den Hals, da scholl es aus der Ferne her: „Halt — halt — um Christus willen halt! — Der Mann ist unschuldig! — ihr richtet einen Unschuldigen hin!“ — „Halt — halt!“ schrieen tausend Stimmen und kaum vermochte die Wache zu steuern dem Volk, das hinzudrang und den Andres von der Leiter herabreissen wollte. Naͤher sprengte nun der Mann zu Pferde, der erst gerufen hatte, und Andres erkannte auf den ersten Blick in dem Fremden den Kaufmann, der ihm in Frankfurt Giorgina's Erbschaft ausgezahlt hatte. Seine Brust wollte zersprin¬ gen vor Freude und Seligkeit, kaum konnte er sich aufrecht erhalten als er von der Leiter herab¬ gestiegen. Der Kaufmann sagte dem Richter, daß zu derselben Zeit, als der Raubmord im Vach schen Schlosse veruͤbt worden, Andres in Frankfurt, also viele Meilen davon entfernt, ge¬ wesen sei, und daß er dies vor Gericht auf die unzweifelhafteste Weise durch Urkunden und Zeu¬ gen darthun wolle. Da rief der Richter: „Die Hinrichtung des Andres kann keinesweges ge¬ schehen; denn dieser hoͤchstwichtige Umstand bewei¬ set, wenn er ausgemittelt wird, die voͤllige Un¬ schuld des Angeklagten. Man fuͤhre ihn sogleich nach dem Gefaͤngnisse zuruͤck.“ Denner hatte alles von der Leiter herab ruhig angesehen; als aber der Richter diese Worte gesprochen, da rollten seine gluͤhenden Augen, er knirschte mit den Zaͤh¬ nen, er heulte in wilder Verzweiflung, daß es graͤßlich, wie der namenlose Jammer des wuͤthenden Wahnsinns, durch die Luͤfte hallte: „Satan, Satan! Du hast mich betrogen — weh mir! weh mir! es ist aus — aus — Alles verloren!“ Man brachte ihn von der Leiter herab, er fiel zu Boden und roͤchelte dumpf: „ich will alles be¬ kennen — ich will alles bekennen!“ Auch seine Hinrichtung wurde verschoben und er ins Gefaͤng¬ niß zuruͤckgefuͤhrt, wo ihm jedes Entspringen unmoͤglich gemacht worden. Der Haß seiner Waͤchter war die beste Schutzwehr gegen die Schlauheit seiner Verbuͤndeten. — Wenige Au¬ genblicke nachher, als Andres bei dem Gefan¬ genwaͤrter angekommen, lag Giorgina in sei¬ nen Armen. „Ach Andres , Andres ,“ rief sie, „nun habe ich Dich ganz wieder, da ich weiß, daß Du unschuldig bist; denn auch ich habe an Deiner Redlichkeit, an Deiner Froͤmmigkeit ge¬ zweifelt!“ — Unerachtet man Giorginen den Tag der Hinrichtung verschwiegen, war sie doch von unbeschreiblicher Angst, von seltsamer Ahnung getrieben, nach Fulda geeilt, und gerade auf die Richtstaͤtte gekommen, als ihr Mann die verhaͤngnißvolle Leiter bestieg, die ihn zum Tode fuͤhren sollte. Der Kaufmann war die ganze lange Zeit der Untersuchung uͤber auf Reisen in Frankreich und Italien gewesen, und jetzt uͤber Wien und Prag zuruͤckgekehrt. Der Zufall, oder vielmehr eine besondere Schickung des Himmels, wollte, daß er gerade in dem entscheidendsten Au¬ genblick auf dem Richtplatze ankam, und den armen Andres von dem schmaͤhlichen Tode des Verbrechens rettete. Im Gasthofe erfuhr er die ganze Geschichte des Andres und es fiel ihm gleich schwer aufs Herz, daß Andres wol der¬ selbe Revierjaͤger seyn koͤnne, der vor zwei Jahren eine Erbschaft, die seinem Weibe von Neapel aus zugefallen, erhob. Schnell eilte er fort und uͤberzeugte sich, als er nur Andres sah, sogleich von der Wahrheit seiner Vermuthung. Durch die eifrigen Bemuͤhungen des wackern Kauf¬ manns und des jungen Grafen von Vach wurde Andres Aufenthalt in Frankfurt bis auf die Stunde ausgemittelt, dadurch aber seine voͤllige Unschuld an dem Raubmorde dargethan. Den¬ ner selbst gestand nun die Richtigkeit der Angabe des Andres uͤber das Verhaͤltniß mit ihm und meinte nur, der Satan muͤsse ihn geblendet ha¬ ben; denn in der That haͤtte er geglaubt, An¬ dres fechte auf dem Vach schen Schloß an seiner Seite. Fuͤr die erzwungene Theilnahme an der Auspluͤnderung des Pachterhofes, so wie fuͤr die gesetzwidrige Rettung Denner's , hatte, nach dem Ausspruch der Richter, Andres genug gebuͤßt durch das lange harte Gefaͤngniß und durch die ausgestandene Marter und Todesangst; er wurde daher durch Urtel und Recht von jeder weiteren Strafe freigesprochen und eilte mit seiner Gior¬ gina auf das Vach sche Schloß, wo ihm der edle wohlthaͤtige Graf im Nebengebaͤude eine Wohnung einraͤumte, von ihm nur die geringen Jagddienste fordernd, die des Grafen persoͤnliche Liebhaberei nothwendig machte. Auch die Ge¬ richtskosten bezahlte der Graf, so daß Andres und Giorgina in dem ungekraͤnkten Besitz ihres Vermoͤgens blieben. Der Prozeß wider den verrruchten Ignaz Denner nahm jetzt eine ganz andere Wendung. Die Begebenheit auf der Gerichtsstaͤtte schien ihn ganz umgewandelt zu haben. Sein hoͤhnender teuflischer Stolz war gebeugt, und aus seinem zerknirschten Innern brachen Gestaͤndnisse hervor, die den Richtern das Haar straͤubten. Denner klagte sich selbst mit allen Zeichen tiefer Reue des Buͤndnisses mit dem Satan an, das er von seiner fruͤhen Jugendzeit unterhalten, und so wurde vorzuͤglich hierauf die fernere Untersuchung mit dem Zutritt dazu verordneter Geistlichkeit gerich¬ tet. Ueber seine fruͤheren Lebensverhaͤltnisse erzaͤhlte Denner so viel Sonderbares, daß man es fuͤr das Erzeugniß wahnsinniger Ueberspannung haͤtte halten muͤssen, wenn nicht durch die Erkun¬ digungen, die man in Neapel, seinem angeblichen Geburtsort, einziehen ließ, alles bestaͤtigt worden waͤre. Ein Auszug aus den von dem geistlichen Gericht in Neapel verhandelten Akten ergab uͤber Denner's Herkunft folgende merkwuͤrdige Um¬ staͤnde. Vor langen Jahren lebte in Neapel ein alter wunderlicher Doktor, Trabacchio mit Namen, den man seiner geheimnißvollen stets gluͤcklichen Curen wegen insgemein den Wunder-Doktor zu nennen pflegte. Es schien, als wenn das Alter nichts uͤber ihn vermoͤge; denn er schritt rasch und jugendlich daher, unerachtet mehrere Einge¬ borne ihm nachrechnen konnten, daß er an die achtzig Jahre alt seyn muͤßte. Sein Gesicht war auf eine seltsame grausige Weise verzerrt und verschrumpft, und seinen Blick konnte man kaum ohne ohne innern Schauer ertragen, wiewol er oft den Kranken wohl that, so daß man sagte, blos durch den scharf auf den Kranken gehefteten Blick heile er oftmals schwere hartnaͤckige Uebel. Ueber sei¬ nen schwarzen Anzug warf er gewoͤhnlich einen weiten rothen Mantel mit goldnen Tressen und Troddeln, unter dessen bauschichten Falten der lange Stoßdegen hervorragte. So lief er mit einer Kiste seiner Arzneien, die er selbst bereitete, durch die Straßen von Neapel zu seinen Kran¬ ken, und jeder wich ihm scheu aus. Nur in der hoͤchsten Noth wandte man sich an ihn, aber nie¬ mals schlug er es aus einen Kranken zu besuchen, hatte er dabei auch nicht sonderlichen Gewinn zu hoffen. Mehrere Weiber starben ihm schnell; immer waren sie ausnehmend schoͤn und insge¬ mein Landdirnen gewesen. Er sperrte sie ein und erlaubte ihnen, nur unter Begleitung einer alten ekelhaft haͤßlichen Frau die Messe zu hoͤren. Diese Alte war unbestechlich; jeder noch so listig angelegte Versuch junger Luͤstlinge, den schoͤnen M Frauen des Doktor Trabacchio naͤher zu kom¬ men, blieb fruchtlos. Unerachtet Doktor Tra ¬ bacchio von Reichen sich gut bezahlen ließ, so stand doch seine Einnahme mit dem Reichthum an Geld und Kleinodien, den er in seinem Hause aufgehaͤuft hatte und den er niemanden verheelte, in keinem Verhaͤltniß. Dabei war er zu Zeiten freigebig bis zur Verschwendung, und hatte die Gewohnheit jedesmal, wenn ihm eine Frau ge¬ storben, ein Gastmahl zu geben, dessen Aufwand wol doppelt so viel betrug, als die reichste Ein¬ nahme, die ihm seine Praxis ein ganzes Jahr hindurch verschaffte. Mit seiner letzten Frau hatte er einen Sohn erzeugt, den er eben so einsperrte, wie seine Weiber; niemand bekam ihn zu sehen. Nur bei dem Gastmahl, das er nach dem Tode dieser Frau gab, saß der kleine dreijaͤhrige Knabe an seiner Seite, und alle Gaͤste waren uͤber die Schoͤnheit und die Klugheit des Kindes, das man, verrieth sein koͤrperliches Ansehen nicht sein Alter, seinem Benehmen nach wenigstens fuͤr zwoͤlfjaͤhrig haͤtte halten koͤnnen. Eben bei diesem Gastmahl aͤußerte der Doktor Trabacchio , daß, da nunmehr sein Wunsch, einen Sohn zu haben, erreicht sei, er nicht mehr heirathen werde. Sein uͤbermaͤßiger Reichthum, aber noch mehr sein geheimnißvolles Wesen, seine wunderbaren Curen, die bis ins Unglaubliche gingen, da blos einigen von ihm bereiteten und eingefloͤßten Tropfen, ja oft blos seiner Betastung, seinem Blick, die hart¬ naͤckigsten Krankheiten wichen, gaben endlich An¬ laß zu allerlei seltsamen Geruͤchten, die sich in Neapel verbreiteten. Man hielt den Doktor Trabacchio fuͤr einen Alchymisten, fuͤr einen Teufelsbeschwoͤrer, ja man gab ihm endlich Schuld, daß er mit dem Satan im Buͤndniß stehe. Die letzte Sage entstand aus einer seltsamen Begeben¬ heit, die sich mit einigen Edelleuten in Neapel zutrug. Diese kehrten einst spaͤt in der Nacht von einem Gastmahl zuruͤck und geriethen, da sie im Weinrausch den Weg verfehlt, in eine ein¬ same verdaͤchtige Gegend. Da rauschte und ra¬ M 2 schelte es vor ihnen und sie wurden mit Entsetzen gewahr, daß ein großer leuchtendrother Hahn, ein zackicht Hirschgeweihe auf dem Kopfe tragend, mit ausgebreiteten Fluͤgeln daher schritt, und sie mit menschlichen funkelnden Augen anstarrte. Sie draͤngten sich in eine Ecke, der Hahn schritt vor¬ uͤber, und ihm folgte eine große Figur im glaͤn¬ zendem goldverbraͤmten Mantel. So wie die Ge¬ stalten voruͤber waren, sagte einer von den Edel¬ leuten leise: Das war der Wunderdoktor Tra¬ bacchio . Alle, nuͤchtern geworden durch den ent¬ setzlichen Spuk, ermuthigten sich und folgten dem angeblichen Doktor mit dem Hahn, dessen Leuch¬ ten den genommenen Weg zeigte. Sie sahen, wie die Gestalten wirklich auf das Haus des Doktors, das auf einem fernen leeren oͤden Platze stand, zu¬ schritten. Vor dem Hause angekommen, rauschte der Hahn in die Hoͤhe, und schlug mit den Fluͤgeln an das große Fenster uͤber dem Balkon, das sich klirrend oͤffnete; die Stimme eines alten Weibes meckerte: „Kommt — kommt nach Haus — kommt nach Haus — warm ist das Bett, und Liebchen wartet lange schon — lange schon!“ Da war es, als stiege der Doktor auf einer unsichtbaren Lei¬ ter empor, und rausche nach dem Hahn durch das Fenster, welches zugeschlagen wurde, daß es die einsame Straße entlang klirrte und droͤhnte. Alles war im schwarzen Dunkel der Nacht verschwun¬ den und die Edelleute standen stumm und starr vor Grausen und Entsetzen. Dieser Spuk, die Ueberzeugung der Edelleute, daß die Gestalt, der der teuflische Hahn vorleuchtete, niemand anders, als der verrufene Doktor Trabacchio gewesen, war fuͤr das geistliche Gericht, dem Alles zu Ohren kam, genug, dem satanischen Wundermann sorglich in aller Stille nachzuspuͤren. Man brachte in der That heraus, daß in den Zimmern des Doktors sich oft ein rother Hahn befand, mit dem er auf wunderliche Weise zu sprechen und zu disputiren schien, als spraͤchen Gelehrte uͤber zweifelhafte Gegenstaͤnde ihres Wissens. Das geistliche Gericht war im Begriff den Doktor Trabacchio einzuziehen als einen verruchten Hexenmeister; aber das weltliche Gericht kam dem geistlichen zuvor und ließ den Doktor durch die Sbirren aufheben und ins Gefaͤngniß schleppen, da er eben von dem Besuch eines Kranken heim¬ kehrte. Die Alte war schon fruͤher aus dem Hause geholt worden, den Knaben hatte man nicht finden koͤnnen. Die Thuͤren der Zimmer wur¬ den verschlossen und versiegelt, Wachen ringsum das Haus gestellt. — Folgendes war der Grund dieses gerichtlichen Verfahrens. Seit einiger Zeit starben mehrere angesehene Personen in Neapel und in der umliegenden Gegend und zwar nach der Aerzte einstimmigem Urtheil an Gift. Dies hatte viele Untersuchungen veranlaßt, die fruchtlos blieben, bis endlich ein junger Mensch in Neapel, ein bekannter Luͤstling und Verschwender, dessen Oheim vergiftet worden, die graͤßliche That mit dem Zusatz eingestand, daß er das Gift von dem alten Weibe, der Haushaͤlterin Trabacchio's , gekauft habe. Man spuͤrte der Alten nach, und ertappte sie, als sie eben ein festverschlossenes kleines Kist¬ chen forttragen wollte, in dem man kleine Phio¬ len fand, die mit den Namen von allerlei Arz¬ neimitteln versehen waren, unerachtet sie fluͤssi¬ ges Gift enthielten. Die Alte wollte nichts ein¬ gestehen; als man ihr indessen mit der Tortur drohte, da bekannte sie, daß der Doktor Tra ¬ bacchio schon seit vielen Jahren jenes kuͤnstliche Gift, das unter dem Namen Aqua Toffana bekannt sei, bereite, und daß der geheime Ver¬ kauf dieses Gifts, der durch sie bewirkt worden, bestaͤndig seine reichste Erwerbsquelle gewesen. Ferner sei es nur zu gewiß, daß er mit dem Satan im Buͤndniß stehe, der in verschiedenen Gestalten bei ihm einkehre. Jedes seiner Weiber habe ihm ein Kind geboren, ohne daß es jemand außer dem Hause geahnet. Das Kind habe er denn allemal, nachdem es neun Wochen, oder neun Monate alt worden, unter besonderen Zu¬ ruͤstungen und Feierlichkeiten auf unmenschliche Weise geschlachtet, indem er ihm die Brust auf¬ geschnitten und das Herz herausgenommen. Je¬ desmal sei der Satan bei dieser Operation, bald in dieser, bald in jener Gestalt, meistens aber als Fledermaus mit menschlicher Larve, erschienen, und habe mit breiten Fluͤgeln das Kohlfeuer ange¬ facht, bei dem Trabacchio aus des Kindes Herzblut koͤstliche Tropfen bereitet, die jeder Siechheit kraͤftig widerstaͤnden. Die Weiber haͤtte Trabacchio bald nachher auf diese, oder jene heimliche Weise getoͤdtet, so daß der schaͤrfste Blick des Arztes wohl nie auch die kleinste Spur der Ermordung habe auffinden koͤnnen. Nur Trabacchio's letztes Weib, die ihm einen Sohn geboren, der noch lebe, sei des natuͤrlichen Todes gestorben. — Der Doktor Trabacchio gestand alles unver¬ holen ein und schien eine Freude daran zu finden, das Gericht mit den schauerlichen Erzaͤhlungen seiner Unthaten und vorzuͤglich der naͤhern Um¬ staͤnde seines entsetzlichen Buͤndnisses mit dem Satan in Verwirrung zu setzen. Die Geistlichen, welche dem Gericht beiwohnten, gaben sich alle nur ersinnliche Muͤhe, den Doktor zur Reue und zur Erkenntniß seiner Suͤnden zu bringen; aber es blieb vergebens, da Trabacchio sie nur verhoͤhn¬ te und verlachte. Beide, die Alte und Trabac¬ chio , wurden zum Scheiterhaufen verurtheilt. — Man hatte unterdessen das Haus des Doktors un¬ tersucht und alle seine Reichthuͤmer hervorgeholt, die, nach Abzug der Gerichtskosten, an die Hospi¬ taͤler vertheilt werden sollten. In Trabacchio's Bibliothek fand man nicht ein einziges verdaͤchti¬ ges Buch und noch viel weniger gab es Geraͤth¬ schaften, die auf die satanische Kunst, die der Doktor getrieben, haͤtten hindeuten sollen. Nur ein ver¬ schlossenes Gewoͤlbe, dessen viele durch die Mauer herausragende Roͤhren das Laboratorium verriethen, widerstand, als man es oͤffnen wollte, aller Kunst und aller Gewalt. Ja, wenn Schlosser und Mau¬ rer unter der Aufsicht des Gerichts sich eifrig be¬ muͤhten, endlich durchzubrechen, so daß wohl der Zweck erreicht worden waͤre, da kreischten im Innern des Gewoͤlbes entsetzliche Stimmen, es rauschte auf und nieder, wie mit eiskalten Fluͤgeln schlug es an die Gesichter der Arbeiter und ein schnei¬ dender Zugwind pfiff in gellenden graͤßlichen Toͤnen durch den Gang, so daß von Grausen und Ent¬ setzen ergriffen alle flohen, und am Ende niemand mehr sich an die Thuͤr des Gewoͤlbes wagen wollte, aus Furcht wahnsinnig zu werden vor Angst und Schrecken. Den Geistlichen, die sich der Thuͤr nahten, ging es nicht besser und es blieb nichts uͤbrig, als die Ankunft eines alten Dominikaners aus Palermo zu erwarten, dessen Standhaftig¬ keit und Froͤmmigkeit bisher alle Kuͤnste des Sa¬ tans weichen mußten. Als dieser Moͤnch sich nun in Neapel befand, war er bereit den teufli¬ schen Spuk in Trabacchio's Gewoͤlbe zu be¬ kaͤmpfen, und verfuͤgte sich hin, ausgeruͤstet mit Kreuz und Weihwasser, begleitet von mehreren Geistlichen und Gerichtspersonen, die aber weit von der Thuͤr entfernt blieben. Der alte Domi¬ nikaner ging betend auf die Thuͤr los; aber da erhob sich heftiger das Rauschen und Brausen, und die entsetzlichen Stimmen verworfener Gei¬ ster lachten gellend heraus. Der Geistliche ließ sich jedoch nicht irre machen; er betete kraͤftiger das Cruzifix emporhaltend und die Thuͤr mit Weihwasser besprengend. „Man gebe mir ein Brecheisen!“ rief er laut; zitternd reichte es ihm im Maurerbusche hin, aber kaum setzte es der alte Moͤnch an die Thuͤre, als sie mit furchtbar erschuͤtterndem Knall aufsprang. Blaue Flammen leckten uͤberall an den Waͤnden des Gewoͤlbes herauf und eine betaͤubende erstickende Hitze stroͤmte aus dem Innern. Demunerachtet wollte der Dominikaner hineintreten; da stuͤrzte der Boden des Gewoͤlbes ein, daß das ganze Haus er¬ droͤhnte und Flammen prasselten aus dem Ab¬ grunde hervor, die wuͤthend um sich griffen und alles rings umher erfaßten. Schnell mußte der Dominikaner mit seiner Begleitung fliehen, um nicht zu verbrennen, oder verschuͤttet zu werden. Kaum waren sie auf der Straße, als das ganze Haus des Doktor Trabacchio in Flammen stand. Das Volk lief zusammen und jauchzte und jubelte, als es des verruchten Hexenmeisters Wohnung brennen sah, ohne auch nur das min¬ deste zur Rettung zu thun. Schon war das Dach eingestuͤrzt, das inwendige Holzwerk flammte zu den Waͤnden heraus und nur die starken Bal¬ ken des obern Stocks widerstanden noch der Ge¬ walt des Feuers. Aber vor Entsetzen schrie das Volk auf, als es Trabacchio's zwoͤlfjaͤhrigen Sohn mit einem Kistchen unter dem Arm einen dieser glimmenden Balken entlang schreiten sah. Nur einen Moment dauerte diese Erscheinung, sie verschwand ploͤtzlich in den hochaufschlagenden Flammen. — Der Doktor Trabacchio schien sich herzinniglich zu freuen, als er diese Begeben¬ heit erfuhr und ging mit verwegener Frechheit zum Tode. Als man ihn an den Pfahl band, lachte er hell auf und sagte zu dem Henker, der ihn mordlustig recht fest anschnuͤrte: „Sieh Dich vor, Geselle, daß diese Stricke nicht an Deinen Faͤusten brennen.“ Dem Moͤnch, der sich ihm zuletzt noch nahen wollte, rief er mit fuͤrchterli¬ cher Stimme zu: „Fort! — zuruͤck von mir! Glaubst Du denn, daß ich so dumm seyn werde, Euch zu Gefallen einen schmerzlichen Tod zu lei¬ den? — noch ist meine Stunde nicht gekom¬ men.“ — Nun fing das angezuͤndete Holz an zu prasseln; kaum erreichte aber die Flamme den Trabacchio , als es hell aufloderte, wie Stroh¬ feuer und von einer fernen Anhoͤhe ein gellendes Hohngelaͤchter sich hoͤren ließ. Alles schaute hin und Grausen ergriff das Volk, als den Doktor Trabacchio leibhaftig in dem schwarzen Kleide, dem goldverbraͤmten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den niedergekrempten spanischen Hut mit der rothen Feder auf dem Kopfe, das Kist¬ chen unter dem Arm, ganz wie er sonst durch die Straßen von Neapel zu laufen pflegte, er¬ blickte. Reiter, Sbirren, hundert andere aus dem Volk stuͤrzten hin nach dem Huͤgel, aber Trabacchio war und blieb verschwunden. Die Alte gab ihren Geist auf unter den entsetzlich¬ sten Quaalen, unter den graͤßlichsten Verwuͤn¬ schungen ihres verruchten Herrn, mit dem sie unzaͤhlige Verbrechen getheilt. — Der sogenannte Ignaz Denner war nun kein anderer, als eben der Sohn des Doktors, der sich damals durch die hoͤllischen Kuͤnste seines Vaters mit einem Kistchen der seltensten und geheimnißvollsten Kostbarkeiten aus den Flammen rettete. Schon seit der fruͤhesten Jugend unter¬ richtete ihn der Vater in den geheimen Wissen¬ schaften und seine Seele war dem Teufel ver¬ schrieben, noch ehe er sein volles Bewußtseyn erlangt. Als man dem Doktor Trabacchio in's Gefaͤngniß warf, blieb der Knabe in dem ge¬ heimnißvollen verschlossenen Gewoͤlbe unter den verworfenen Geistern, die des Vaters hoͤllischer Zauber hineingebannt; da aber endlich dieser Zau¬ ber der Macht des Dominikaners weichen mußte, ließ der Knabe die verborgenen mechanischen Kraͤfte wirken, und Flammen entzuͤndeten sich, die in wenigen Minuten das ganze Haus in Brand steckten, waͤhrend der Knabe selbst unver¬ sehrt durch das Feuer fort zum Thore hinaus in den Wald eilte, den ihm der Vater bezeichnet hatte. Nicht lange dauerte es, so erschien auch Doktor Trabacchio , und floh schnell mit dem Sohne, bis sie wol an drei Tagereisen von Nea¬ pel in die Ruinen eines alten roͤmischen Gebaͤudes kamen, wo der Eingang zu einer weiten geraͤu¬ migen Hoͤle versteckt lag. Hier wurde der Doktor Trabacchio von einer zahlreichen Raͤuberbande, mit der er laͤngst in Verbindung gestanden, und der er durch seine geheime Wissenschaft die we¬ sentlichsten Dienste geleistet, mit lautem Jubel empfangen. Die Raͤuber wollten ihn mit nichts geringerem lohnen, als mit der Kroͤnung zum Raͤuberkoͤnige, wodurch er sich zum Oberhaupt aller Banden, die in Italien und dem suͤdlichen Deutschland verbreitet waren, aufgeschwungen haͤtte. Der Doktor Trabacchio erklaͤrte, diese Wuͤrde nicht annehmen zu koͤnnen, da er der besondern Constellation wegen, die uͤber ihn walte, nunmehr ein ganz unstetes Leben fuͤhren muͤsse, und von keinem Verhaͤltniß gebunden wer¬ den koͤnne; doch werde er noch immer den Raͤu¬ bern mit seiner Kunst und Wissenschaft beistehn, und sich dann und wann sehen lassen. Da be¬ schlossen die Raͤuber, den zwoͤlfjaͤhrigen Trabac ¬ chio zum Raͤuberkoͤnige zu waͤhlen und damit war der Doktor hoͤchlich zufrieden, so daß der Knabe von Stund an unter den Raͤubern blieb, und, als er funfzehn Jahr alt worden, schon als wirkliches Oberhaupt mit ihnen auszog. Sein ganzes Leben war von nun an ein Gewebe von Greuelthaten und Teufelskuͤnsten, in welche ihn der Vater, der sich oftmals blicken ließ und zu¬ weilen Wochenlang einsam mit seinen Sohne in der Hoͤle blieb, immer mehr einweihte. Die kraͤf¬ tigen Maßregeln des Koͤnigs von Neapel gegen die Raͤuberbanden, die immer kecker und verwege¬ ner wurden, noch mehr aber die entstandenen Zwistigkeiten der Raͤuber hoben endlich das ge¬ faͤhr¬ faͤhrliche Buͤndniß unter einem Oberhaupte auf und den Trabacchio selbst, der sich durch seinen Stolz und durch seine Grausamkeit verhaßt ge¬ macht hatte, konnten seine vom Vater erlernte Teufelskuͤnste nicht vor den Dolchen seiner Unter¬ gebenen schuͤtzen. Er floh nach der Schweiz, gab sich den Namen Ignaz Denner , und besuchte als reisender Kaufmann die Messen und Jahr¬ maͤrkte in Deutschland, bis sich aus den zerstreu¬ ten Gliedern jener großen Bande eine kleinere bildete, die den vormaligen Raͤuberkoͤnig zu ihrem Oberhaupt waͤhlte. Trabacchio versicherte, wie sein Vater noch zur Stunde lebe, ihn noch im Gefaͤngniß besucht, und Rettung von der Ge¬ richtsstaͤtte versprochen habe. Nur dadurch, daß, wie er nun wol einsehe, goͤttliche Schickung den Andres vom Tode errettet, sei die Macht sei¬ nes Vaters entkraͤftet worden, und er wolle nun als reuiger Suͤnder allen Teufelskuͤnsten abschwoͤ¬ ren und geduldig die gerechte Todesstrafe erlei¬ den. — N Andres , der alles dieses aus dem Munde des Grafen von Vach erfuhr, zweifelte keinen Augen¬ blick, daß es wol eben Trabacchio's Bande gewesen, die ehemals im Neapolitanischen seinen Herrn anfiel, so wie er uͤberzeugt war, daß der alte Doktor Trabacchio selbst im Gefaͤngniß ihm wie der leibhaftige Satan erschien und verlocken wollte zum boͤsen Beginnen. Nun sah er erst recht ein, in welch' großer Gefahr er geschwebt hatte seit der Zeit, als Trabacchio in sein Haus getreten; wiewol er noch immer nicht begreifen konnte, warum es denn der Verruchte so ganz und gar auf ihn und sein Weib gemuͤnzt hatte, da der Vortheil, den er aus seinem Aufenthalt in dem Jaͤgerhause zog, nicht so bedeutend seyn konnte. Andres befand sich nach den entsetzlichen Stuͤrmen nun in ruhiger gluͤcklicher Lage, allein zu erschuͤtternd hatten jene Stuͤrme getobt, um nicht in seinem ganzen Leben dumpf nachzuhallen. Außer dem, daß Andres , sonst ein starker kraͤftiger Mann, durch den Gram, durch das lange Gefaͤngniß, ja durch den unsaͤglichen Schmerz der Tortur koͤr¬ perlich zu Grunde gerichtet, siech und krank da¬ her schwankte und kaum noch die Jagd treiben konnte, so welkte auch Giorgina , deren suͤdliche Natur von dem Grame, von der Angst, von dem Entsetzen, wie von brennender Gluth aufgezehrt wurde, zusehends hin. Keine Huͤlfe war fuͤr sie mehr vorhanden, sie starb wenige Monate nach ihres Mannes Ruͤckkehr. Andres wollte ver¬ zweifeln und nur der wunderschoͤne kluge Knabe, der Mutter getreues Ebenbild, vermochte ihn zu troͤsten. Um dieses willen that er alles, sein Leben zu erhalten, und sich so viel als moͤglich zu kraͤftigen, so daß er nach Verlauf von beinahe zwei Jahren wol an Gesundheit zugenommen und manchen lustigen Jaͤgergang in den Forst unter¬ nehmen konnte. — Der Prozeß wider den Tra ¬ bacchio hatte endlich sein Ende erreicht und er war, so wie vor alter Zeit sein Vater, zum Tode durchs Feuer verdammt worden, den er in weni¬ ger Zeit erleiden sollte. — N 2 Andres kam eines Tages, als die Abend¬ daͤmmerung schon eingebrochen, mit seinem Kna¬ ben aus dem Forst zuruͤck; schon war er dem Schlosse nahe, als er ein klaͤgliches Gewimmer vernahm, das aus dem ihm nahen ausgetrockne¬ ten Feldgraben zu kommen schien. Er eilte naͤher und erblickte einen Menschen, der in elende schmutzige Lumpen gehuͤllt, im Graben lag und unter großen Schmerzen den Geist aufgeben zu wollen schien. Andres warf Flinte und Buͤchsen¬ sack ab, und zog mit Muͤhe den Ungluͤcklichen heraus; aber als er nun dem Menschen in's Gesicht blickte, erkannte er mit Entsetzen den Tra ¬ bacchio . Zuruͤckschaudernd ließ er von ihm ab; aber da wimmerte Trabacchio dumpf. „ An ¬ dres , Andres , bist Du es? um der Barm¬ herzigkeit Gottes willen, der ich meine Seele empfohlen, habe Mitleid mit mir! Wenn Du mich rettest, rettest Du eine Seele von ewiger Verdammniß; denn bald ereilt mich ja der Tod, und noch nicht vollendet ist meine Buße!“ „Ver¬ dammter Heuchler,“ schrie Andres auf; „Moͤr¬ der meines Kindes, meines Weibes, hat Dich nicht der Satan wieder hergefuͤhrt, damit Du mich vielleicht noch verderbest? Ich habe mit Dir nichts zu schaffen. Stirb' und vermodere wie ein Aas, Verruchter!“ Andres wollte ihn zu¬ ruͤckstoßen in den Graben; da heulte Trabacchio in wildem Jammer: „ Andres ! Du rettest den Vater Deines Weibes, Deiner Giorgina , die fuͤr mich betet am Throne des Hoͤchsten!“ An ¬ dres schauderte zusammen; mit Giorgina's Namen fuͤhlte er sich von schmerzlicher Wehmuth ergriffen. Mitleid mit dem Moͤrder seiner Ruhe, seines Gluͤcks, durchdrang ihn, er faßte den Tra ¬ bacchio , lud ihn mit Muͤhe auf und trug ihn nach seiner Wohnung, wo er ihn mit staͤrkenden Mitteln erquickte. Bald erwachte Trabacchio aus der Ohnmacht, in die er versunken. — In der Nacht vor der Hinrichtung ergriff den Trabacchio die entsetzlichste Todesangst; er war uͤberzeugt, daß ihn nichts mehr von der namenlosen Marter des Feuertodes retten wuͤrde. Da faßte und ruͤttelte er in wahnsinniger Ver¬ zweiflung die Eisenstaͤbe des Gitterfensters und zerbroͤckelt blieben sie in seinen Haͤnden. Ein Strahl der Hoffnung fiel in seine Seele. Man hatte ihn in einen Thurm dicht neben dem trock¬ nen Stadtgraben gesperrt; er schaute in die Tiefe und der Entschluß sich hinabzustuͤrzen, und so sich zu retten, oder zu sterben, war auf der Stelle gefaßt. Der Ketten hatte er sich bald mit gerin¬ ger Anstrengung entledigt. Als er sich hinauswarf, vergingen ihm die Sinne, er erwachte, als die Sonne hell strahlte. Da sah er, wie er zwischen Strauchwerk in hohes Gras gefallen, aber an allen Gliedern verstaucht und verrenkt, vermochte er sich nicht zu regen und zu ruͤhren. Schmei߬ fliegen und anderes Ungeziefer setzten sich auf sei¬ nen halbnackten Koͤrper und stachen und leckten sein Blut, ohne daß er sie abwehren konnte. So brachte er einen martervollen Tag hin. Erst des Nachts gelang es ihm weiter zu kriechen und er war gluͤcklich genug, an eine Stelle zu kommen, wo sich etwas Regenwasser gesammelt hatte, wel¬ ches er begierig einschluͤrfte. Er fuͤhlte sich ge¬ staͤrkt und vermochte muͤhsam hinanzuklimmen und sich fortzuschleichen, bis er den Forst erreichte, der unfern von Fulda anhob und sich beinahe bis an das Vach sche Schloß erstreckte. So war er bis in die Gegend gekommen, wo ihn Andres mit dem Tode ringend fand. Die entsetzliche Anstren¬ gung der letzten Kraft hatte ihn ganz erschoͤpft und wenige Minuten spaͤter haͤtte ihn Andres sicherlich todt gefunden. Ohne daran zu denken, was kuͤnftig mit dem Trabacchio , der der Obrig¬ keit entflohen, werden sollte, brachte ihn Andres in ein einsames Zimmer und pflegte ihn auf alle nur moͤgliche Weise, aber so behutsam ging er dabei zu Werke, daß niemand die Anwesenheit des Fremden ahnte; denn selbst der Knabe, ge¬ wohnt dem Vater blindlings zu gehorchen, ver¬ schwieg getreulich das Geheimniß. Andres frug nun den Trabacchio , „ob er denn gewiß und wahrhaftig Giorgina's Vater sei.“ „Al¬ lerdings bin ich das,“ erwiederte Trabacchio . „In der Gegend von Neapel entfuͤhrte ich einst ein bildschoͤnes Maͤdchen, die mir eine Tochter gebar. Nun weißt Du schon, Andres , daß eines der groͤßten Kunststuͤcke meines Vaters die Bereitung jenes koͤstlichen wundersamen Liquors war, wozu das Hauptingredienz das Herzblut von Kindern ist, die neun Wochen, neun Monate, oder neun Jahre alt und von den Eltern dem Laboranten freiwillig anvertraut seyn muͤssen. Je naͤher die Kinder mit dem Laboranten in Beziehung stehen, desto wirkungsvoller entsteht aus ihrem Herzblut Lebenskraft, stete Verjuͤngung, ja selbst die Bereitung des kuͤnstlichen Goldes. Deshalb schlachtete mein Vater seine Kinder und ich war froh, das Toͤchterlein, das mir mein Weib geboren, auf solche verruchte Weise hoͤheren Zwecken opfern zu koͤnnen. Noch kann ich nicht begreifen, auf welche Weise mein Weib die boͤse Absicht ahnte; aber sie war vor Ablauf der neun¬ ten Woche verschwunden und erst nach mehrern Jahren erfuhr ich, daß sie in Neapel gestorben sei und ihre Tochter Giorgina bei einem graͤm¬ lichen geizhalsigen Gastwirth erzogen wuͤrde. Eben so wurde mir ihre Verheirathung mit Dir und Dein Aufenthalt bekannt. Nun kannst Du Dir erklaͤren, Andres , warum ich Deinem Weibe gewogen war und warum ich, ganz erfuͤllt von meinen verruchten Teufelskuͤnsten, Deinen Kindern so nachstellte. — Aber Dir, Andres , Dir allein und Deiner wunderbaren Rettung durch Gottes Allmacht verdanke ich meine tiefe Reue, meine innere Zerknirschung. Uebrigens ist das Kistchen mit Kleinodien, das ich Deinem Weibe gab, dasjenige, welches ich auf des Vaters Geheiß aus den Flammen rettete, Du kannst es getrost aufbewahren fuͤr Deinen Knaben.“ „Das Kist¬ chen,“ fiel Andres ein, „hat Euch ja Gior ¬ gina wieder gegeben an jenem schrecklichen Tage, da ihr den graͤßlichen Mord veruͤbtet?“ „Allerdings,“ erwiederte Trabacchio : „allein ohne daß es Giorgina wußte, kam es wieder in Euern Besitz. Seht nur nach in der großen schwarzen Truhe, die in Euerm Hausflur steht, da werdet ihr das Kistchen auf dem Boden finden.“ Andres suchte in der Truhe und fand das Kistchen wirklich ganz in dem Zustande wieder, wie er es damals zum erstenmal von Trabac¬ chio in Verwahrung erhalten. — Andres fuͤhlte in sich unheimlichen Unmuth, ja er konnte sich des Wunsches nicht erwehren, daß Trabacchio todt gewesen seyn moͤge, als er ihn im Graben fand. Freilich schien Trabac¬ chio's Reue und Buße wahrhaft zu seyn; denn ohne seine Clause zu verlassen, brachte er seine Zeit nur damit hin, in andaͤchtigen Buͤchern zu lesen und seine einzige Ergoͤtzlichkeit war die Un¬ terhaltung mit dem kleinen Georg , den er uͤber Alles zu lieben schien. Andres beschloß indessen doch auf seiner Hut zu seyn und eroͤffnete bei erster Gelegenheit das ganze Geheimniß dem Gra¬ fen von Vach , der uͤber das seltene Spiel des Schicksals nicht wenig verwundert war. So ver¬ gingen einige Monate, der Spaͤtherbst war ein¬ getreten und Andres mehr auf der Jagd, als sonst. Der Kleine blieb gewoͤhnlich bei dem Großvater und einem alten Jaͤger, der um das Geheimniß wußte. Eines Abends war Andres von der Jagd zuruͤckgekehrt, als der alte Jaͤger hineintrat und nach seiner treuherzigen Weise an¬ fing: „Herr, ihr habt einen boͤsen Kumpan im Hause. Zu dem kommt der Gott sei bei uns! durch's Fenster und geht wieder ab in Rauch und Dampf.“ Dem Andres wurde es bei dieser Rede zu Muth, als haͤtt' ihn ein Blitzstrahl ge¬ troffen. Er wußte nur zu genau, was das zu bedeuten hatte; als ihm der alte Jaͤger weiter er¬ zaͤhlte, wie er schon mehrere Tage hinter einan¬ der in spaͤter Abenddaͤmmerung in Trabacchio's Zimmer seltsame Stimmen gehoͤrt, die wie im Zank durch einander geplappert, und heute zum zweitenmal habe es ihm, indem er Trabacchio's Thuͤre schnell geoͤffnet, geschienen, als rausche eine Gestalt im rothen goldverbraͤmten Mantel zum Fenster hinaus. In vollem Zorn eilte Andres herauf zum Trabacchio , hielt ihm vor, was sein Jaͤger ausgesagt und kuͤndigte ihm an, daß er sich's gefallen lassen muͤsse, in's Schloßgefaͤng¬ niß gesperrt zu werden, wenn er nicht allen boͤsen Tritten entsage. Trabacchio blieb ruhig, und erwiederte im wehmuͤthigen Ton: „Ach, lieber Andres ! nur zu wahr ist es, daß mein Vater, dessen Stuͤndlein noch immer nicht gekommen, mich auf unerhoͤrte Weise peinigt und quaͤlt. Er will, daß ich mich ihm wieder zuwende, und der Froͤmmigkeit, dem Heil meiner Seele entsage, allein ich bin standhaft geblieben, und glaube nicht, daß er wiederkehren wird, da er gesehen, daß er nicht mehr uͤber mich Macht hat. Bleibe ruhig, lieber Sohn Andres ! und laß mich bei Dir als ein frommer Christ versoͤhnt mit Gott sterben!“ In der That schien auch die feindliche Gestalt auszubleiben, indessen war es, als wuͤrden Tra¬ bacchio's Augen wieder gluͤhender, er laͤchelte zuweisen so seltsam hoͤhnisch, wie sonst. Waͤhrend der Betstunde, die Andres jeden Abend mit ihm zu halten pflegte, schien er oft krampfhaft zu erzittern; zuweilen strich eine seltsam pfeifende Zugluft durch das Zimmer, welche die Blaͤtter der Gebetbuͤcher raschelnd umschlug, ja die Buͤcher selbst dem Andres aus den Haͤnden warf. „Gottloser Trabacchio , verruchter Satan! Du bist es, der hier hoͤllischen Spuk treibt! Was willst Du von mir? hebe Dich weg, denn Du hast keine Macht uͤber mich! — hebe Dich weg!“ — So rief Andres mit starker Stimme! Da lachte es hoͤhnisch durch das Zimmer hin, und schlug wie mit schwarzen Fittigen an das Fenster. Und doch war es nur der Regen, der an das Fenster geschlagen, und der Herbstwind, der durch das Zimmer geheult, wie Trabacchio meinte, als das Unwesen wieder einmal recht arg war und Georg vor Angst weinte. „Nein,“ rief Andres : „Euer gottloser Vater koͤnnte hier nicht so herumspuken, wenn Ihr aller und jeder Gemeinschaft mit ihm entsagt haͤttet. Ihr muͤßt fort von mir. Eure Wohnung ist Euch laͤngst bereitet. Ihr muͤßt fort in's Schlo߬ gefaͤngniß; dort moͤget ihr Euern Spuk treiben wie ihr wollt. Trabacchio weinte heftig, er bat um aller Heiligen willen ihn im Hause zu dulden und Georg , ohne zu begreifen, was das Alles wohl bedeute, stimmte in seine Bitten ein. „So bleibt denn noch morgen hier,“ sagte Andres , „ich will sehen, wie es mit der Betstunde gehen wird, wenn ich heimkomme von der Jagd.“ Am andern Tage gab es herrliches Herbstwetter, und Andres versprach sich eine reiche Beute. Als er von dem Anstand zuruͤckkehrte, war es ganz finster geworden. Er fuͤhlte sich im innersten Ge¬ muͤth besonders bewegt; seine merkwuͤrdigen Schick¬ sale, Giorgina's Bild, sein ermordeter Knabe traten ihm so lebendig vor Augen, daß er tief in sich gekehrt, immer langsamer und langsamer den Jaͤgern nachschlenderte, bis er sich endlich unversehends auf einem Nebenwege allein im Forst befand. Im Begriff zuruͤckzukehren in den breiten Waldweg, wurde er ein blendendes Licht gewahr, welches durch das dickste Gebuͤsch flackerte. Da ergriff ihn eine wunderbare verworrene Ah¬ nung großer Greuelthat, die veruͤbt werde; er drang durch das Dickicht, er war dem Feuer nahe, da stand des alten Trabacchio Gestalt im gold¬ verbraͤmten Mantel, den Stoßdegen an der Seite, den niedergekrempten Hut mit rother Feder auf dem Kopfe, das Arzneikistchen unterm Arm. Mit gluͤhenden Augen blickte die Gestalt in das Feuer, das wie in roth und blau flammenden Schlangen unter einer Retorte hervorloderte. Vor dem Feuer lag Georg nackt ausgebreitet auf einer Art Rost und der verruchte Sohn des sata¬ nischen Doktors hatte hoch das funkelnde Messer erhoben zum Todesstoß. Andres schrie auf vor Entsetzen; aber so wie der Moͤrder sich umblickte, sauste schon die Kugel aus Andres Buͤchse und Trabacchio stuͤrzte mit zerschmettertem Gehirn uͤber das Feuer hin, das im Augenblick erlosch. Die Gestalt des Doktors war verschwunden. Andres sprang hinzu, stieß den Leichnam bei Seite, band den armen Georg los und trug ihn schnell fort bis ins Haus. Dem Knaben fehlte nichts; nur die Todesangst hatte ihn ohn¬ maͤchtig gemacht. Den Andres trieb es heraus in den Wald, er wollte sich von Trabacchio's Tode uͤberzeugen und den Leichnam gleich verschar¬ ren; er weckte daher den alten Jaͤger, der in tie¬ fen, wahrscheinlich von Trabacchio bewirkten Schlaf gesunken, und beide gingen mit Laterne, Hacke und Spaten an die nicht weit entlegene Stelle. Da lag der blutige Trabacchio ; aber so wie Andres sich naͤherte, richtete er sich mit halbem Leibe auf, starrte ihn graͤßlich an und roͤ¬ chelte dumpf: „Moͤrder! Moͤrder des Vaters Dei¬ nes Weibes, aber meine Teufel sollen Dich quaͤlen!“ „Fahre zur Hoͤlle, Du satanischer Boͤsewicht,“ schrie Andres , der dem Entsetzen, das ihn uͤber¬ mannen wollte, widerstand; „fahre hin zur Hoͤlle, Du, der Du den Tod hundertfaͤltig verdient hast, dem dem ich den Tod gab, weil er verruchten Mord an meinem Kinde, an dem Kinde seiner Tochter veruͤben wollte! Du hast nur Buße und Froͤm¬ migkeit geheuchelt um schaͤndlichen Verraths willen, aber nun bereitet der Satan manche Quaal Dei¬ ner Seele, die Du ihm verkauft. Da sank Trabacchio heulend zuruͤck und immer dumpfer und dumpfer wimmernd gab er seinen Geist auf. Nun gruben die beiden Maͤnner ein tiefes Loch, in das sie Trabacchio's Koͤrper warfen. „Sein Blut komme nicht uͤber mich!“ sprach Andres , „aber ich konnte nicht anders, ich war dazu aus¬ ersehen von Gott, meinen Georg zu retten und hundertfaͤltige Frevel zu raͤchen. Doch will ich fuͤr seine Seele beten und ein kleines Kreuz auf sein Grab stellen.“ Als andern Tages Andres dieses Vorhaben ausfuͤhren wollte, fand er die Erde aufgewuͤhlt, der Leichnam war verschwun¬ den. Ob das nun von wilden Thieren, oder wie sonst bewirkt, blieb in Zweifel. Andres ging mit seinem Knaben und dem alten Jaͤger zum O Grafen von Vach , und berichtete treulich die gan¬ ze Begebenheit. Der Graf von Vach billigte die That des Andres , der zur Rettung seines Soh¬ nes einen Raͤuber und Moͤrder niedergestreckt hatte und ließ den ganzen Verlauf der Sache niederschrei¬ ben und im Archiv des Schlosses aufbewahren. — Die schreckliche Begebenheit hatte den An ¬ dres tief im Innersten erschuͤttert, und wol mochte er sich deshalb, wenn die Nacht eingebro¬ chen, schlaflos auf dem Lager waͤlzen. Aber wenn er so zwischen Wachen und Traͤumen hin¬ bruͤtete, da hoͤrte er es im Zimmer knistern und rauschen, und ein rother Schein fuhr hindurch und verschwand wieder. So wie er anfing zu horchen und zu schauen, da murmelte es dumpf: „Nun bist Du Meister — Du hast den Schatz — Du hast den Schatz — gebeut uͤber die Kraft, sie ist Dein! —“ Dem An¬ dres war es, als wolle ein unbekanntes Ge¬ fuͤhl ganz eigner Wohlbehaglichkeit und Lebenslust in ihm aufgehen; aber so wie die Morgenroͤthe durch die Fenster brach, da ermannte sich An ¬ dres und betete, wie er es zu thun gewohnt, kraͤftig und inbruͤnstig zu dem Herrn, der seine Seele erleuchtete. „Ich weiß was nun noch mei¬ nes Amts und Berufs ist, um den Versucher zu bannen und die Suͤnde abzuwenden von meinem Hause!“ — So sprach Andres , nahm Tra ¬ bacchio's Kistchen und warf es, ohne es zu oͤffnen, in eine tiefe Bergschlucht. Nun genoß Andres eines ruhigen heitern Alters, das keine feindliche Macht zu zerstoͤren vermochte. O 2 Die Jesuiterkirche in G. I n eine elende Postchaise gepackt, die die Motten, wie die Ratten Prospero's Fahrzeug, aus Instinkt verlassen hatten, hielt ich endlich, nach halsbrechen¬ der Fahrt, halbgeraͤdert, vor dem Wirthshause auf dem Markte in G. Alles Ungluͤck, das mir selbst begegnen koͤnnen, war auf meinen Wagen gefallen, der zerbrochen bei dem Postmeister der letzten Station lag. Vier magere abgetriebene Pferde schleppten nach mehrern Stunden endlich mit Huͤlfe mehrerer Bauern und meines Bedien¬ ten das baufaͤllige Reisehaus herbei; die Sachver¬ staͤndigen kamen, schuͤttelten die Koͤpfe und mein¬ ten, daß eine Hauptreparatur noͤthig sei, die zwei, auch wol drei Tage dauern koͤnne. Der Ort schien mir freundlich, die Gegend anmuthig und doch erschrak ich nicht wenig uͤber den mir ge¬ drohten Aufenthalt. Warst Du, guͤnstiger Leser! jemals genoͤthigt, in einer kleinen Stadt, wo Du niemanden — niemanden kanntest, wo Du jedem fremd bliebst, drei Tage zu verweilen, und hat nicht irgend ein tiefer Schmerz den Drang nach gemuͤthlicher Mittheilung in Dir weggezehrt, so wirst Du mein Unbehagen mit mir fuͤhlen. In dem Wort geht ja erst der Geist des Lebens auf in Allem um uns her; aber die Kleinstaͤdter sind wie ein in sich selbst veruͤbtes, abgeschlossenes Orchester eingespielt und eingesungen, nur ihre eignen Stuͤcke gehen rein und richtig, jeder Ton des Fremden dissonirt ihren Ohren und bringt sie augenblicklich zum Schweigen. — Recht mißlau¬ nig schritt ich in meinem Zimmer auf und ab; da fiel mir ploͤtzlich ein, daß ein Freund in der Heimath, der ehemals ein paar Jahre hindurch in G. gewesen, oft von einem gelehrten geistrei¬ chen Manne sprach, mit dem er damals viel um¬ gegangen. Auch des Namens erinnerte ich mich: es war der Professor im Jesuiter-Collegio Aloy¬ sius Walter . Ich beschloß hinzugehen und meines Freundes Bekanntschaft fuͤr mich selbst zu nutzen. Man sagte mir im Collegio, daß Pro¬ fessor Walter zwar eben lese, aber in kurzer Zeit endigen werde, und stellte mir frei, ob ich wiederkommen, oder in den aͤußeren Saͤlen ver¬ weilen wolle. Ich waͤhlte das letzte. Ueberall sind die Kloͤster, die Collegien, die Kirchen der Jesuiten in jenem italienischen Styl gebaut, der auf antike Form und Manier gestuͤtzt, die An¬ muth und Pracht dem heiligen Ernst, der reli¬ gioͤsen Wuͤrde vorzieht. So waren auch hier die hohen, luftigen, hellen Saͤle mit reicher Architek¬ tur geschmuͤckt, und sonderbar genug stachen gegen Heiligenbilder, die hie und da an den Waͤnden zwischen ionischen Saͤulen hingen, die Superporten ab, welche durchgehends Genientaͤnze, oder gar Fruͤchte und Leckerbissen der Kuͤche darstellten. — Der Professor trat ein, ich erinnerte ihn an meinen Freund, und nahm auf die Zeit meines gezwungenen Aufenthalts seine Gastlichkeit in Anspruch. Ganz, wie ihn mein Freund beschrie¬ ben, fand ich den Professor; hellgespraͤchig — weltgewandt — kurz, ganz in der Manier des hoͤheren Geistlichen, der wissenschaftlich ausgebil¬ det, oft genug uͤber das Brevier hinweg in das Leben geschaut hat, um genau zu wissen, wie es darin hergeht. Als ich sein Zimmer auch mit moderner Eleganz eingerichtet fand, kam ich auf meine vorigen Bemerkungen in den Saͤlen zu¬ ruͤck, die ich gegen den Professor laut werden ließ. „Es ist wahr,“ erwiederte er, „wir haben jenen duͤstern Ernst, jene sonderbare Majestaͤt des niederschmetternden Tyrannen, die im gothischen Bau unsere Brust beklemmt, ja wol ein unheimli¬ ches Grauen erregt, aus unseren Gebaͤuden ver¬ bannt, und es ist wol verdienstlich, unsern Werken die regsame Heiterkeit der Alten anzueignen.“ „Sollte aber,“ erwiederte ich, „nicht eben jene hei¬ lige Wuͤrde, jene hohe zum Himmel strebende Ma¬ jestaͤt des gothischen Baues recht von dem wahren Geist des Christenthums erzeugt seyn, der, uͤber¬ sinnlich, dem sinnlichen, nur in dem Kreis des Irdischen bleibenden Geiste der antiken Welt ge¬ radezu widerstrebt?“ — Der Professor laͤchelte. „Ei,“ sprach er, „das hoͤhere Reich soll man erkennen in dieser Welt und diese Erkenntniß darf geweckt werden durch heitere Symbole, wie sie das Leben, ja der aus jenem Reich ins irdi¬ sche Leben herabgekommene Geist, darbietet. Un¬ sere Heimath ist wohl dort droben; aber so lange wir hier hausen, ist unser Reich auch von dieser Welt.“ Ja wohl, dachte ich: in Allem was Ihr thatet, bewieset ihr, daß Euer Reich von dieser Welt, ja nur allein von dieser Weit ist. Ich sagte aber das, was ich dachte, keinesweges dem Professor Aloysius Walter , welcher also fortfuhr: „Was Sie von der Pracht unserer Gebaͤude hier am Orte sagen, moͤchte sich wol nur auf die Annehmlichkeit der Form beziehen. Hier, wo der Marmor unerschwinglich ist, wo große Meister der Mahlerkunst nicht arbeiten moͤgen, hat man sich, der neuern Tendenz gemaͤß, mit Surrogaten behelfen muͤssen. Wir thun viel, wenn wir uns zum polirten Gips versteigen, meh¬ rentheils schafft nur der Mahler die verschiedenen Marmorarten, wie es eben jetzt in unserer Kirche geschieht, die, Dank sei es der Freigebigkeit un¬ serer Patronen, neu dekorirt wird.“ Ich aͤußerte den Wunsch, die Kirche zu sehen; der Professor fuͤhrte mich hinab, und als ich in den korinthi¬ schen Saͤulengang, der das Schiff der Kirche formte, eintrat, fuͤhlte ich wohl den nur zu freundlichen Eindruck der zierlichen Verhaͤltnisse. Dem Hochaltare links war ein hohes Geruͤste er¬ richtet, auf dem ein Mann stand, der die Waͤnde in Giallo antik uͤbermahlte. „Nun wie geht es, Berthold ?“ rief der Professor hinauf. Der Mahler wandte sich nach uns um, aber gleich fuhr er wieder fort zu arbeiten, indem er mit dumpfer beinahe unvernehmbarer Stimme sprach: „Viel Plage — krummes verworrenes Zeug — Kein Lineal zu brauchen — Thiere — Affen — Menschengesichter — Menschengesichter — o ich elender Thor!“ Das letzte rief er laut mit einer Stimme, die nur der tiefste im Innersten wuͤh¬ lende Schmerz erzeugt; ich fuͤhlte mich auf die seltsamste Weise angeregt, jene Worte und der Ausdruck des Gesichts, der Blick, womit er zuvor den Professor anschaute, brachten mir das ganze zerrissene Leben eines ungluͤcklichen Kuͤnstlers vor Augen. Der Mann mochte kaum uͤber vierzig Jahr alt seyn; seine Gestalt, war sie auch durch den unfoͤrmlichen schmutzigen Mahleranzug ent¬ stellt, hatte was unbeschreiblich edles, und der tiefe Gram konnte nur das Gesicht entfaͤrben, das Feuer, was in den schwarzen Augen strahlte, aber nicht ausloͤschen. Ich frug den Professor, was es mit dem Maler wol fuͤr eine Bewandt¬ niß haͤtte. „Es ist ein fremder Kuͤnstler,“ er¬ wiederte er, „der sich gerade zu der Zeit hier einfand, als die Reparatur der Kirche beschlossen worden. Er unternahm die Arbeit, die wir ihm antrugen, mit Freuden, und in der That war seine Ankunft ein Gluͤcksfall fuͤr uns; denn weder hier, noch in der Gegend weit umher haͤtten wir einen Mahler auftreiben koͤnnen, der fuͤr alles, dessen es hier zu mahlen bedarf, so tuͤchtig gewe¬ sen waͤre. Uebrigens ist es der gutmuͤthigste Mensch von der Welt, den wir alle recht lieben, und so kommt es denn, daß er in unserm Colle¬ gio gut aufgenommen wurde. Außer dem an¬ sehnlichen Honorar, das er fuͤr seine Arbeit erhaͤlt, verkoͤstigen wir ihn; dies ist aber fuͤr uns ein sehr geringer Aufwand, denn er ist beinahe zu maͤßig, welches freilich seinem kraͤnklichen Koͤrper zusagen mag.“ „Aber,“ fiel ich ein, „er schien heute so muͤr¬ risch — so aufgeregt.“ „Das hat seine besondere Ursache,“ erwiederte der Professor, „doch lassen Sie uns einige schoͤne Gemaͤhlde der Seiten-Al¬ taͤre anschauen, die vor einiger Zeit ein gluͤckli¬ cher Zufall uns verschaffte. Nur ein einziges Original, ein Dominichino, ist dabei, die anderen sind von unbekannten Meistern der italienischen Schule, aber, sind Sie vorurtheilsfrei, so werden Sie gestehen muͤssen, daß jedes den beruͤhmtesten Namen tragen duͤrfte.“ Ich fand es ganz so, wie der Professor gesagt hatte. Es war seltsam, daß das einzige Original gerade zu den schwaͤchern Stuͤcken gehoͤrte, war es nicht wirklich das schwaͤchste, und daß dagegen die Schoͤnheit man¬ cher Gemaͤhlde ohne Namen mich unwiderstehlich hinriß. Ueber das Gemaͤhlde eines Altars war eine Decke herabgelassen; ich frug nach der Ur¬ sache. „Dies Bild,“ sprach der Professor, „ist das schoͤnste was wir besitzen, es ist das Werk eines jungen Kuͤnstlers der neueren Zeit — gewiß sein letztes, denn sein Flug ist gehemmt — Wir mußten in diesen Tagen das Gemaͤhlde aus ge¬ wissen Gruͤnden verhaͤngen lassen, doch bin ich vielleicht morgen, oder uͤbermorgen im Stande, es Ihnen zu zeigen.“ — Ich wollte weiter fragen, indessen schritt der Professor rasch durch den Gang fort, und das war genug, um seine Unlust zu zeigen, mir weiter zu antworten. Wir gingen in das Collegium zuruͤck, und gern nahm ich des Professors Einladung an, der mit mir Nachmit¬ tags einen nahgelegenen Lustort besuchen wollte. Spaͤt kehrten wir heim, ein Gewitter war auf¬ gestiegen, und kaum langte ich in meiner Woh¬ nung an, als der Regen herabstroͤmte. Es mochte wol schon Mitternacht seyn, da klaͤrte sich der Himmel auf, und nur noch entfernt mur¬ melte der Donner. Durch die geoͤffneten Fenster wehte die laue, mit Wohlgeruͤchen geschwaͤngerte, Luft in das dumpfe Zimmer, ich konnte der Ver¬ suchung nicht widerstehen, unerachtet ich muͤde genug war, noch einen Gang zu machen; es gluͤckte mir, den muͤrrischen Hausknecht, der schon seit zwei Stunden schnarchen mochte, zu erwecken, und ihn zu bedeuten, daß es kein Wahnsinn sei, noch um Mitternacht spatzieren zu gehen, bald befand ich mich auf der Straße. Als ich bei der Je¬ suiterkirche voruͤberging, fiel mir das blendende Licht auf, das durch ein Fenster strahlte. Die kleine Seitenpforte war nur angelehnt, ich trat hinein und wurde gewahr, daß vor einer hohen Blende eine Wachsfackel brannte. Naͤher gekom¬ men bemerkte ich, daß vor der Blende ein Netz von Bindfaden aufgespannt war, hinter dem eine dunkle Gestalt eine Leiter hinauf und hinunter sprang, und in die Blende etwas hineinzuzeichnen schien. Es war Berthold , der den Schatten des Netzes mit schwarzer Farbe genau uͤberzog. Neben der Leiter auf einer hohen Staffelei stand die Zeichnung eines Altars. Ich erstaunte uͤber den sinnreichen Einfall. Bist Du, guͤnstiger Le¬ ser, mit der edlen Mahlerkunst was weniges vertraut, so wirst Du ohne weitere Erklaͤrung sogleich wissen, was es mit dem Netz, dessen Schattenstriche Berthold in die Blende hinein¬ zeichnete, fuͤr eine Bewandtniß hat. Berthold sollte in die Blende einen hervorspringenden Altar mahlen. Um die kleine Zeichnung richtig in das Große zu uͤbertragen, mußte er beides, den Ent¬ wurf und die Flaͤche, worauf der Entwurf aus¬ gefuͤhrt werden sollte, dem gewoͤhnlichen Verfahren gemaͤß mit einem Netz uͤberziehn. Nun war es aber keine Flaͤche, sondern eine halbrunde Blende, wor¬ auf gemahlt werden sollte; die Gleichung der Qua¬ drate, die die krummen Linien des Netzes auf der Hoͤlung bildeten, mit den geraden des Ent¬ wurfs und die Berichtigung der architektonischen Verhaͤltnisse, die sich herausspringend darstellen sollten, war daher nicht anders zu finden, als auf jene einfache geniale Weise. Wol huͤtete ich mich vor die Fackel zu treten, und mich so durch mei¬ nen Schlagschatten zu verrathen, aber nahe ge¬ nug zur Seite stand ich, um den Mahler genau zu beobachten. Er schien mir ganz ein anderer, vielleicht war es nur Wirkung des Fackelscheins, aber sein Gesicht war geroͤthet, seine Augen blitz¬ ten wie vor innerm Wohlbehagen, und als er seine Linien fertig gezeichnet, stellte er sich mit in die Seite gestemmten Haͤnden vor die Blende hin, und pfiff, die Arbeit beschauend, ein mun¬ tres Liedchen. Nun wandte er sich um und riß das aufgespannte Netz herunter. Da fiel ihm meine Gestalt ins Auge, „he da! he da!“ rief er laut: „seid ihr es Christian ?“ — Ich trat auf ihn zu, erklaͤrte ihm was mich in die Kirche gelockt, und, den sinnreichen Einfall mit dem Schattennetz hochpreisend, gab ich mich als Ken¬ ner und Ausuͤber der edlen Mahlerkunst zu er¬ kennen. Ohne mir darauf weiter zu antworten, sprach Berthold : „ Christian ist auch wei¬ ter nichts, als ein Faulenzer; treu wollte er aus¬ halten bei mir die ganze Nacht hindurch, und nun liegt er gewiß irgendwo auf dem Ohr! — Mein Werk muß vorruͤcken, denn morgen mahlt sich's vielleicht hier in der Blende teufelmaͤßig schlecht — und allein kann ich doch jetzt nichts machen.“ Ich erbot mich ihm behuͤlflich zu seyn. Er lachte laut auf, faßte mich bei beiden Schultern und rief: „das ist ein excellenter Spaß; was wird Christian sagen, wenn er morgen merkt, daß er ein Esel ist, und ich seiner gar nicht bedurft habe? Nun so kommt, fremder Geselle und Bru¬ der, der, helft mir erst fein bauen.“ Er zuͤndete einige Kerzen an, wir liefen durch die Kirche, schlepp¬ ten Boͤcke und Breter herbei und bald stand ein hohes Geruͤst in der Blende. „Nun frisch zu¬ gereicht,“ rief Berthold , indem er heraufstieg. Ich erstaunte uͤber die Schnelligkeit, mit der Bert¬ hold die Zeichnung ins Große uͤbertrug; keck zog er seine Linien, niemals gefehlt, immer richtig und rein. An dergleichen Dinge in fruͤherer Zeit gewoͤhnt, half ich dem Mahler treulich, in¬ dem ich, bald oben, bald unter ihm stehend, die langen Lineale in die angedeuteten Punkte ein¬ setzte und festhielt, die Kohlen spitz schliff und ihm zureichte u. s. w. „Ihr seid ja gar ein wackerer Gehuͤlfe,“ rief Berthold ganz froͤhlich, „und Ihr,“ erwiederte ich, „in der That einer der geuͤbtesten Architektur-Mahler, die es geben mag; habt Ihr denn bei Eurer fertigen kecken Faust nie andere Mahlerei getrieben, als diese? — Verzeiht meine Frage.“ „Was meint Ihr denn eigentlich?“ sprach Berthold . „Nun,“ erwiederte P ich, „ich meine, daß ihr zu etwas besserem taugt, als Kirchenwaͤnde mit Marmorsaͤulen zu bemah¬ len. Architektur-Mahlerei bleibt doch immer et¬ was untergeordnetes; der Historien-Mahler, der Landschafter steht unbedingt hoͤher. Geist und Fantasie, nicht in die engen Schranken geome¬ trischer Linien gebannt, erheben sich in freiem Fluge. Selbst das einzige Fantastische Eurer Mahlerei, die sinnetaͤuschende Perspektive, haͤngt von genauer Berechnung ab, und so ist die Wir¬ kung das Erzeugniß, nicht des genialen Gedan¬ kens, sondern nur mathematischer Spekulation.“ Der Mahler hatte, waͤhrend ich dies sprach, den Pinsel abgesetzt, und den Kopf in die Hand gestuͤtzt. „Unbekannter Freund,“ fing er jetzt mit dumpfer feierlicher Stimme an: „Unbekannter Freund, Du frevelst, wenn Du die verschiedenen Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines stolzen Koͤnigs. Und noch groͤßerer Frevel ist es, wenn Du nur die Ver¬ wegenen achtest, welche taub fuͤr das Klirren der Sclavenkette, fuͤhllos fuͤr den Druck des Ir¬ dischen, sich frei, ja selbst sich Gott waͤhnen und schaffen und herrschen wollen uͤber Licht und Le¬ ben. — Kennst Du die Fabel von dem Prome¬ theus, der Schoͤpfer seyn wollte, und das Feuer vom Himmel stahl, um seine todten Figuren zu beleben? — Es gelang ihm, lebendig schritten die Gestalten daher, und aus ihren Augen strahlte jenes himmlische Feuer, das in ihrem Innern brannte; aber rettungslos wurde der Frevler, der sich angemaßt Goͤttliches zu fahen, verdammt zu ewiger fuͤrchterlicher Qual. Die Brust, die das Goͤttliche geahnt, in der die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen aufgegangen, zerfleischte der Geier, den die Rache geboren und der sich nun naͤhrte von dem eignen Innern des Vermessenen. Der das Himmlische gewollt, fuͤhlte ewig den irdischen Schmerz.“ — Der Mahler stand in sich versunken da. „Aber,“ rief ich: „Aber Berthold , wie beziehen Sie das Alles auf Ihre Kunst? Ich glaube nicht, daß irgend P 2 jemand es fuͤr vermessenen Frevel halten kann, Menschen zu bilden, sei es durch Mahlerei, oder Plastik.“ Wie in bitterm Hohn lachte Ber¬ thold auf: „Ha ha — Kinderspiel ist kein Fre¬ vel! — Kinderspiel ist's wie Sie's machen, die Leute, die getrost ihre Pinsel in die Farbentoͤpfe stecken und eine Leinwand beschmieren, mit der wahrhaftigen Begier, Menschen darzustellen; aber es kommt so heraus, als habe, wie es in jenem Trauerspiele steht, irgend ein Handlanger der Natur versucht Menschen zu bilden, und es sei ihm mißlungen. — Das sind keine freveliche Suͤnder, das sind nur arme unschuldige Narren! Aber Herr! — wenn man nach dem Hoͤchsten strebt — nicht Fleischeslust, wie Titian — nein das Hoͤchste der goͤttlichen Natur, der Prometheus¬ funken im Menschen — Herr! — es ist eine Klippe — ein schmaler Strich, auf dem man steht — der Abgrund ist offen! — uͤber ihm schwebt der kuͤhne Segler und ein teuflischer Trug laͤßt ihn unten — unten das erblicken, was er oben uͤber den Sternen erschauen wollte!“ — Tief seufzte der Mahler auf, er fuhr mit der Hand uͤber die Stirn, und blickte dann in die Hoͤhe. „Aber was schwatze ich mit Euch, Geselle, da drunten fuͤr tolles Zeug, und mahle nicht wei¬ ter? — Schaut her Geselle, das nenne ich treu und ehrlich gezeichnet. Wie herrlich ist die Re¬ gel! — alle Linien einen sich zum bestimmten Zweck, zu bestimmter deutlich gedachter Wirkung. Nur das Gemessene ist rein menschlich; was druͤ¬ ber geht, vom Uebel. Das Uebermenschliche muß Gott, oder Teufel seyn; sollten beide nicht in der Mathematik von Menschen uͤbertroffen werden? Sollt' es nicht denkbar seyn, daß Gott uns aus¬ druͤcklich erschaffen haͤtte, um das, was nach ge¬ messenen erkennbaren Regeln darzustellen ist, kurz, das rein Commensurable, zu besorgen fuͤr seinen Hausbedarf, so wie wir unsrerseits wieder Saͤge¬ muͤhlen und Spinnmaschinen bauen, als mecha¬ nische Werkmeister unseres Bedarfs. Professor Walther behauptete neulich, daß gewisse Thiere blos erschaffen waͤren, um von andern gefressen zu werden, und das kaͤme doch am Ende zu un¬ serm Nutzen heraus, so wie z. B. die Katzen den angebornen Instinkt haͤtten, Maͤuse zu fressen, damit diese uns nicht den Zucker, der zum Fruͤh¬ stuͤck bereit laͤge, wegknappern sollten. Am Ende hat der Professor Recht — Thiere und wir selbst sind gut eingerichtete Maschinen, um gewisse Stoffe zu verarbeiten, und zu verkneten fuͤr den Tisch des unbekannten Koͤnigs — Nun frisch — frisch, Geselle — reiche mir die Toͤpfe! — Alle Toͤne hab' ich gestern beim lieben Sonnenlicht abgestimmt, damit mich der Fackelschein nicht truͤge, sie stehn numerirt im Winkel. Reich' mir Nu¬ mero eins, mein Junge! — Grau in Grau! — Und was waͤre das trockne muͤhselige Leben, wenn der Herr des Himmels uns nicht so manches bunte Spielzeug in die Haͤnde gegeben haͤtte! — Wer artig ist, trachtet nicht, wie der neugierige Bube, den Kasten zu zerbrechen, in dem es orgelt, wenn er die aͤußere Schraube dreht. — Man sagt, es ist ganz natuͤrlich, daß es drinnen klingt; denn ich drehe ja die Schraube! — Indem ich dies Gebaͤlk richtig aus dem Augenpunkt aufge¬ zeichnet, weiß ich bestimmt, daß es sich dem Be¬ schauer plastisch darstellt — Numero zwei herauf¬ gereicht, Junge! — Nun mahle ich es aus in den regelrecht abgestimmten Farben — es erscheint vier Ellen zuruͤcktretend. Das weiß ich alles ge¬ wiß; o! man ist erstaunlich klug — Wie kommt es, daß die Gegenstaͤnde in der Ferne sich ver¬ kleinern? Die einzige dumme Frage eines Chinesen koͤnnte selbst den Professor Eytelwein in Ver¬ legenheit setzen; doch koͤnnte er sich mit dem or¬ gelnden Kasten helfen und sprechen, er habe manchmal an der Schraube gedreht, und immer dieselbe Wirkung erfahren — Violett Numero eins, Junge! — ein anderes Lineal — dicken ausgewaschenen Pinsel! Ach, was ist all' unser Ringen und Streben nach dem Hoͤheren anderes, als das unbeholfene bewußtlose Handthieren des Saͤuglings, der die Amme verletzt, die ihn wohl¬ thaͤtig naͤhrt! — Violett Numero zwei — frisch Junge! — das Ideal ist ein schnoͤder luͤgnerischer Traum vom gaͤhrenden Blute erzeugt. — Die Toͤpfe weg, Junge — ich steige herab. — Der Teufel narrt uns mit Puppen, denen er Engels¬ fittige angeleimt.“ — Nicht moͤglich ist es mir, alles das woͤrtlich zu wiederholen, was Ber¬ thold sprach, indem er rasch fortmahlte, und mich ganz wie seinen Handlanger brauchte. In der angegebenen Manier fuhr er fort, die Beschraͤnkt¬ heit alles irdischen Beginnens auf das bitterste zu verhoͤhnen; ach er schaute in die Tiefe eines auf den Tod verwundeten Gemuͤths, dessen Klage sich nur in schneidender Ironie erhebt. Der Mor¬ gen daͤmmerte, der Schein der Fackel verblaßte vor den hereinbrechenden Sonnenstrahlen. Ber¬ thold mahlte eifrig fort, aber er wurde stiller und stiller und nur einzelne Laute — zuletzt nur Seuf¬ zer, entflohen der gepreßten Brust. Er hatte den ganzen Altar mit gehoͤriger Farbenabstufung an¬ gelegt, und schon jetzt, ohne weiter ausgefuͤhrt zu seyn, sprang das Gemaͤhlde wunderbar hervor. „In der That herrlich — ganz herrlich,“ rief ich voll Bewunderung aus. „Meinen Sie,“ sprach Berthold mit matter Stimme: „Meinen Sie, daß etwas daraus werden wird? — Ich gab mir wenigstens alle Muͤhe richtig zu zeichnen; aber nun kann ich nicht mehr.“ — „Keinen Pinselstrich weiter, lieber Berthold !“ sprach ich: „es ist beinahe unglaublich, wie Sie mit einem solchen Werk in wenigen Stunden so weit vorruͤcken konnten; aber Sie greifen Sich zu sehr an, und verschwenden Ihre Kraft.“ „Und doch,“ erwiederte Berthold , „sind das meine gluͤcklich¬ sten Stunden. — Vielleicht schwazte ich zu viel, aber es sind ja nur Worte, in die sich der das Innere zerreissende Schmerz aufloͤst.“ „Sie schei¬ nen Sich sehr ungluͤcklich zu fuͤhlen, mein armer Freund,“ sprach ich: „irgend ein furchtbares Er¬ eigniß trat feindlich zerstoͤrend in ihr Leben!“ — Der Mahler trug langsam seine Geraͤthschaften in die Capelle, loͤschte die Fackel aus, kam dann auf mich zu, faßte meine Hand und sprach mit gebrochener Stimme: „Koͤnnten Sie einen Augen¬ blick ihres Lebens ruhigen, heitern Geistes seyn, wenn Sie Sich eines graͤßlichen, nie zu suͤhnen¬ den Verbrechens bewußt waͤren?“ — Erstarrt blieb ich stehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen in des Mahlers leichenblasses zerstoͤrtes Gesicht, und er war beinahe gespenstisch anzusehen, als er fort¬ wankte durch die kleine Pforte in das Innere des Collegiums. — Kaum erwarten konnte ich am folgenden Tage die Stunde, die mir Professor Walther zum Wiedersehen bestimmt hatte. Ich erzaͤhlte ihm den ganzen Auftritt der vorigen Nacht, der mich nicht wenig aufgeregt hatte; ich schilderte mit den lebendigsten Farben des Mahlers wunderliches Benehmen, und verschwieg kein Wort, das er ge¬ sprochen, selbst das nicht, was ihn selbst betroffen. Je mehr ich aber auf des Professors Theilnahme hoffte, desto gleichguͤltiger schien er mir, ja er laͤchelte selbst uͤber mich auf eine hoͤchst widrige Weise, als ich nicht nachließ, von Berthold zu reden und in ihn zu dringen, mir ja alles, was er von dem Ungluͤcklichen wuͤßte, zu sagen. „Es ist ein wunderlicher Mensch, dieser Mahler,“ fing der Professor an: „sanft — gutmuͤthig — arbeit¬ sam — nuͤchtern, wie ich Ihnen schon fruͤher sagte, aber schwachen Verstandes; denn sonst haͤtte er sich nicht durch irgend ein Ereigniß im Leben, sei es selbst ein Verbrechen, das er beging, herab¬ stimmen lassen vom herrlichen Historienmahler zum duͤrftigen Wandpinsler.“ Der Ausdruck Wandpinsler aͤrgerte mich so wie des Professors Gleichguͤltigkeit uͤberhaupt. Ich suchte ihm darzu¬ thun, daß noch jetzt Berthold ein hoͤchst ach¬ tungswerther Kuͤnstler, und der hoͤchsten regsa¬ men Theilnahme werth sei. „Nun,“ fing der Professor endlich an: „wenn Sie einmal unser Berthold in solch hohem Grade interessirt, so sollen Sie Alles, was ich von ihm weiß, und das ist nicht wenig, ganz genau erfahren. Zur Einleitung dessen, lassen Sie uns gleich in die Kirche gehen! Da Berthold die ganze Nacht hindurch mit Anstrengung gearbeitet hat, wird er heute Vormittags rasten. Wenn wir ihn in der Kirche faͤnden, waͤre mein Zweck verfehlt.“ Wir gingen nach der Kirche, der Professor ließ das Tuch von dem verhaͤngten Gemaͤhlde herun¬ ternehmen und in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemaͤhlde auf, wie ich es nie gesehen. Die Composition war wie Raphaels Styl, einfach und himmlisch erhaben! — Maria und Elisabeth in einem schoͤnen Garten auf einem Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus mit Blumen spielend, im Hintergrunde seitwaͤrts eine betende maͤnnliche Figur! — Maria's holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Froͤmmigkeit ihrer ganzen Figur erfuͤllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie war schoͤn, schoͤ¬ ner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Ra ¬ phaels Maria in der Dresdner Gallerie ver¬ kuͤndete ihr Blick die hoͤhere Macht der Gottes- Mutter. Ach! mußte vor diesen wunderbaren, von tiefem Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die ewigduͤrstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeoͤffneten Lippen nicht troͤstend, wie in holden Engels Me¬ lodien, von der unendlichen Seligkeit des Him¬ mels? — Nieder mich zu werfen in den Staub vor ihr, der Himmels Koͤnigin, trieb mich ein un¬ beschreibliches Gefuͤhl — keines Wortes maͤchtig konnte ich den Blick nicht abwenden von dem Bilde ohne Gleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz ausgefuͤhrt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen, und der betende Mann war noch nicht uͤbermahlt. Naͤher getreten erkannte ich in dem Gesicht die¬ ses Mannes Berthold's Zuͤge. Ich ahnte, was mir der Professor gleich darauf sagte: Die¬ ses Bild, sprach er, ist Berthold's letzte Ar¬ beit, das wir vor mehreren Jahren aus N. in Oberschlesien, wo es von einem unserer Collegen in einer Versteigerung gekauft wurde, erhielten. Unerachtet es nicht vollendet ist, ließen wir es doch statt des elenden Altarblatts, das sonst hier stand, einfuͤgen. Als Berthold angekom¬ men war und dies Gemaͤhlde erblickte, schrie er laut auf und stuͤrzte bewußtlos zu Boden. Nach¬ her vermied er sorgfaͤltig, es anzublicken und ver¬ traute mir, daß es seine letzte Arbeit in diesem Fache sei. Ich hoffte ihn nach und nach zur Vollendung des Bildes zu uͤberreden, aber mit Entsetzen und Abscheu wies er jeden Antrag der Art zuruͤck. Um ihn nur einigermaßen heiter und kraͤftig zu erhalten, mußte ich das Bild ver¬ haͤngen lassen, so lange er in der Kirche arbeitet. Fiel es ihm nur von ungefaͤhr ins Auge, so lief er wie von unwiderstehlicher Macht getrieben hin, warf sich laut schluchzend nieder, bekam seinen Paroxysmus, und war auf mehrere Tage un¬ brauchbar.“ — „Armer — armer ungluͤcklicher Mann!“ — rief ich aus, „welch' eine Teufelsfaust griff so grimmig zerstoͤrend in dein Leben.“ „O!“ sprach der Professor: „die Hand sammt dem Arm ist ihm an den Leib gewachsen — Ja ja! — er selbst war gewiß sein eigner Daͤmon — sein Luzifer, der in sein Leben mit der Hoͤllen¬ fackel hineinleuchtete. Wenigstens geht das aus seinem Leben sehr deutlich hervor.“ Ich bat den Professor, mir doch nur jetzt gleich Alles zu sagen, was er uͤber des ungluͤcklichen Mah¬ lers Leben wuͤßte. „Das wuͤrde viel zu weit¬ laͤuftig seyn, und viel zu viel Athem kosten,“ erwiederte der Professor. „Verderben wir uns den heitern Tag nicht mit dem truͤben Zeuge! Lassen Sie uns fruͤhstuͤcken, und dann nach der Muͤhle gehen, wo uns ein tuͤchtig zubereitetes Mittags¬ mahl erwartet.“ Ich hoͤrte nicht auf, in den Professor zu dringen, und nach vielem Hin- und Herreden kam es endlich heraus, daß gleich nach der Ankunft Berthold's sich ein Juͤngling, der auf dem Collegio studirte, mit voller Liebe an ihn anschloß, daß diesem Berthold nach und nach die Begebenheiten seines Lebens vertraute, die der junge Mann sorglich aufschrieb und dem Professor Walther das Manuscript uͤbergab. „Es war.“ sprach der Professor: „solch ein Enthusiast, wie Sie, mein Herr, mit Ihrer Erlaubniß! Aber das Aufschreiben der wunderlichen Begebenheiten des Mahlers diente ihm in der That zur treflichen Styluͤbung. Mit vieler Muͤhe erhielt ich von dem Professor das Versprechen, daß er mir Abends nach geendeter Lustpartie das Manuscript anver¬ trauen wolle. Sei es, daß es die gespannte Neu¬ gierde war, oder war der Professor wirklich selbst daran Schuld, kurz, niemals hab' ich mehr Lan¬ geweile empfunden, als den Tag. Schon die Eiskaͤlte des Professors Ruͤcksichts Bertholds war mir fatal; aber seine Gespraͤche, die er mit den Collegen, die an dem Mahl Theil nahmen, fuͤhrte, uͤberzeugten mich, daß, trotz aller Gelehr¬ samkeit, aller Weltgewandtheit, sein Sinn fuͤr's Hoͤhere gaͤnzlich verschlossen, und er der krasseste Materialist war, den es geben konnte. Das System von dem fressen und gefressen werden, wie es Berthold anfuͤhrte, hatte er wirklich adoptirt. Alles geistige Streben, Erfindungs¬ Schoͤ¬ Schoͤpfungskraft leitete er aus gewissen Conjunc¬ turen der Eingeweide und des Magens her, und dabei kramte er noch mehr naͤrrische abnorme Einfaͤlle aus. Er behauptete z. B. sehr ernst¬ haft, daß jeder Gedanke durch die Begattung zweier Faͤserchen im menschlichen Gehirne erzeugt wuͤrde. Ich begriff, auf welche Weise der Pro¬ fessor mit solchen tollen Dingen den armen Ber ¬ thold , der in verzweifelnder Ironie alle guͤnstige Einwirkung des Hoͤheren anfocht, quaͤlen, und in die noch blutenden Wunden spitze Dolche einsetzen mußte. Endlich am Abend gab mir der Pro¬ fessor ein paar beschriebene Bogen mit den Wor¬ ten: „Hier, lieber Enthusiast, ist das Studenten- Machwerk. Es ist nicht uͤbel geschrieben, aber hoͤchst sonderbar und wider alle Regel ruͤckt der Herr Verfasser, ohne es weiter anzudeuten, Reden des Mahlers woͤrtlich in der ersten Person ein. Uebrigens mache ich Ihnen mit dem Aufsatz, uͤber den ich von Amtswegen verfuͤgen kann, ein Geschenk, da ich weiß, daß sie kein Schriftsteller sind. Der Q Verfasser der Fantasiestuͤcke in Callots Manier haͤtte es eben nach seiner tollen Manier arg zu¬ geschnitten und gleich drucken lassen, welches ich nicht von ihnen zu erwarten habe.“ Der Professor Aloysius Walther wußte nicht, daß er wirklich den reisenden Enthusiasten vor sich hatte, wiewol er es haͤtte merken koͤnnen, und so gebe ich Dir, mein guͤnstiger Leser! des Je¬ suiten Studenten kurze Erzaͤhlung von dem Mah¬ ler Berthold . Die Weise, wie er sich mir zeigte, wird dadurch ganz erklaͤrt, und Du, o mein Leser! wirst dann auch gewahren, wie des Schicksals wunderliches Spiel uns oft zu verderb¬ lichem Irrthum treibt. „Laßt Euern Sohn nur getrost nach Italien reisen! Schon jetzt ist er ein wackrer Kuͤnstler, und es fehlt ihm hier in D. keinesweges an Ge¬ legenheit, nach den treflichsten Originalen jeder Art zu studiren, aber dennoch darf er nicht hier bleiben. Das freie Kuͤnstlerleben muß ihm in dem heitern Kunstlande aufgehen, sein Studium wird dort sich erst lebendig gestalten, und den eignen Gedanken erzeugen. Das Copiren allein hilft ihm nun nichts mehr. Mehr Sonne muß die aufsprießende Pflanze erhalten, um zu gedei¬ hen und Bluͤth' und Frucht zu tragen. Euer Sohn hat ein reines wahrhaftiges Kuͤnstlergemuͤth, darum seid um Alles Uebrige unbesorgt.“ So sprach der alte Mahler Stephan Birkner zu Bertholds Aeltern. Die rafften alles zusam¬ men was ihr duͤrftiger Haushalt entbehren konn¬ te, und statteten den Juͤngling aus zur langen Reise. So ward Bertholds heißester Wunsch, nach Italien zu gehen, erfuͤllt. „Als mir Birkner den Entschluß meiner Aeltern verkuͤndete, sprang ich hoch auf vor Freu¬ de und Entzuͤcken. — Wie im Traum ging ich umher die Tage hindurch, bis zu meiner Abreise. Es war mir nicht moͤglich, auf der Gallerie einen Pinsel anzusetzen. Der Inspektor, alle Kuͤnstler, die in Italien gewesen, mußten mir erzaͤhlen von Q 2 dem Lande, wo die Kunst gedeiht. Endlich war Tag und Stunde gekommen. Schmerzlich war der Abschied von den Aeltern, die von duͤstrer Ahnung gequaͤlt, daß sie mich nicht wieder¬ sehen wuͤrden, mich nicht lassen wollten. Selbst der Vater, sonst ein entschlossener fester Mann, hatte Muͤhe, Fassung zu erringen. „Italien — Italien wirst Du sehen,“ riefen die Kunstbruͤder, da loderte von tiefer Wehmuth nur staͤrker entzuͤndet das Verlangen auf und rasch schritt ich fort — vor der Aeltern Hause schien mir die Bahn des Kuͤnstlers zu beginnen. — Berthold , in jedem Fache der Mahlerei vorbe¬ reitet, hatte sich doch vorzuͤglich der Landschaftsmah¬ lerei ergeben, die er mit Liebe und Eifer trieb. In Rom glaubte er reiche Nahrung fuͤr diesen Zweig der Kunst zu finden; es war dem nicht so. Ge¬ rade in dem Kreis der Kuͤnstler und Kunstfreunde, in dem er sich bewegte, wurde ihm unaufhoͤrlich vorgeredet, daß der Historienmahler allein auf der hoͤchsten Spitze stehe, und ihm Alles Uebrige untergeordnet sey. Man rieth ihm, wolle er ein bedeutender Kuͤnstler werden, doch nur gleich von seinem Fach abzugehen und sich dem Hoͤheren zu¬ zuwenden, und, dies, verbunden mit dem nie sonst gefuͤhlten Eindruck, den Raphaels maͤchtige Fresko- Gemaͤhlde im Vatikan auf ihn machten, bestimm¬ te ihn wirklich, die Landschaft zu verlassen. Er zeichnete nach jenen Raphaels, er kopirte kleine Oelgemaͤlde anderer beruͤhmter Meister; alles fiel bei seiner tuͤchtigen Praktik recht wohl und schicklich aus, aber nur zu sehr fuͤhlte er, daß das Lob der Kuͤnstler und Kenner ihn nur troͤ¬ sten, aufmuntern sollte. Er sah es ja selbst, daß seinen Zeichnungen, seinen Copien alles Leben des Originals fehle. Raphael's , Correggio's himmlische Gedanken begeisterten (so glaubte er) zum eignen Schaffen, aber so wie er sie in der Fantasie fest halten wollte, verschwammen sie wie im Nebel, und alles, was er auswendig zeichnete, hatte, wie jedes nur undeutlich, verworren Ge¬ dachte, kein Regen, keine Bedeutung. Ueber dieses vergebliche Ringen und Streben schlich truͤber Unmuth in seine Seele, und oft entrann er den Freunden, um in der Gegend von Rom Baumgruppen — einzelne landschaftliche Partien heimlich zu zeichnen und zu mahlen. Aber auch dies gerieth nicht mehr wie sonst, und zum ersten¬ mal zweifelte er an seinem wahren Kuͤnstlerberuf. Die schoͤnsten Hoffnungen schienen untergehn zu wollen. „Ach mein hochverehrter Freund und Lehrer,“ schrieb Berthold an Birkner , „Du hast mir Großes zugetraut, aber — hier, wo es erst recht licht werden sollte in meiner Seele, bin ich inne worden, daß das, was Du wahr¬ haftes Kuͤnstlergenie nanntest, nur etwa Talent — aͤußere Fertigkeit der Hand war. Sage meinen Aeltern, daß ich bald zuruͤckkehren wuͤrde, um irgend ein Handwerk zu erlernen, das mich kuͤnf¬ tig ernaͤhre u. s. w.“ Birkner schrieb zuruͤck: „O, koͤnnte ich doch bei Dir seyn, mein Sohn! um Dich aufzurichten in Deinem Unmuth. Aber glaube mir, Deine Zweifel sind es gerade, die fuͤr Dich, fuͤr Deinen Kuͤnstlerberuf sprechen. Der, welcher in stetem unwandelbaren Vertrauen auf seine Kraft immer fortzuschreiten gedenkt, ist ein bloͤder Thor, der sich selbst taͤuscht; denn ihm fehlt ja der eigentliche Impuls zum Streben, der nur in dem Gedanken der Mangelhaftigkeit ruht. Harre aus! — Bald wirst Du Dich erkraͤftigen, und dann ruhig, nicht durch das Urtheil, durch den Rath der Freunde, die Dich zu verstehen vielleicht gar nicht im Stande, gezuͤgelt, den Weg fortwandeln, den Dir Deines Ichs eigne Natur vorgeschrieben. Ob Du Landschafter blei¬ ben, ob Du Historienmahler werden willst, wirst Du dann selbst entscheiden koͤnnen, und an keine feindliche Absonderung der Zweige eines Stam¬ mes denken.“ Es begab sich, daß gerade zu der Zeit, als Berthold diesen troͤstenden Brief von seinem alten Lehrer und Freunde erhielt, sich Philipp Hackert's Ruhm in Rom verbreitet hatte. Einige von ihm dort aufgestellte Stuͤcke von wunderbarer Anmuth und Klarheit bewaͤhrten des Kuͤnstlers Ruf und selbst die Historienmahler gestanden, es laͤge auch in dieser reinen Nachahmung der Na¬ tur viel Großes und Vortreffliches. Berthold schoͤpfte Athem — er hoͤrte nicht mehr seine Lieb¬ lingskunst verhoͤhnen, er sah einen Mann, der sie trieb, hochgestellt und verehrt; wie ein Funke fiel es in seine Seele, daß er nach Neapel wandern und unter Hackert studiren muͤsse. Ganz jubilirend schrieb er an Birkner und an seine Aeltern, daß er nun nach hartem Kampf den rechten Weg gefunden habe, und bald in sei¬ nem Fach ein tuͤchtiger Kuͤnstler zu werden hoffe. Freundlich nahm der ehrliche deutsche Hackert den deutschen Schuͤler auf, und bald strebte dieser dem Lehrer in regem Schwunge nach. Bert ¬ hold erlangte große Fertigkeit, die verschiedenen Baum- und Gestraͤucharten der Natur getreu dar¬ zustellen; auch leistete er nicht Geringes in dem Dunstigen und Duftigen, wie es auf Hackert ¬ schen Gemaͤhlden zu finden. Das erwarb ihm vieles Lob, aber auf ganz eigene Weise schien es ihm bisweilen, als wenn seinen, ja selbst den Land¬ schaften des Lehrers etwas fehle, das er nicht zu nennen wußte, und das ihm doch in Gemaͤhlden Claude Lorrains , ja selbst in Salvator Rosa's rauhen Wuͤsteneien entgegentrat. Es erhoben sich allerlei Zweifel gegen den Lehrer in ihm, und er wurde vorzuͤglich ganz unmuthig, wenn Hackert mit angestrengter Muͤhe todtes Wild mahlte, das ihm der Koͤnig zugeschickt. Doch uͤberwand er bald dergleichen, wie er glaub¬ te, freveliche Gedanken und fuhr fort, mit from¬ mer Hingebung und deutschem Fleiß nach seines Lehrers Muster zu arbeiten, so daß er in kurzer Zeit es ihm beinahe gleich that. So kam es denn, daß er auf Hackerts ausdruͤcklichen An¬ laß eine große Landschaft, die er treu nach der Natur gemahlt hatte, zu einer Ausstellung, die mehrentheils aus Hackert schen Landschaften und Stilleben bestand, hergeben mußte. Alle Kuͤnst¬ ler und Kenner bewunderten des Juͤnglings treue saubre Arbeit und priesen ihn laut. Nur ein aͤltlicher, sonderbar gekleideter Mann sagte selbst zu Hackerts Gemaͤhlden kein Wort, sondern laͤchelte nur bedeutsam, wenn die Lobeserhebun¬ gen der Menge recht ausgelassen und toll daher brausten. Berthold bemerkte deutlich, wie der Fremde, als er vor seiner Landschaft stand, mit einer Miene des tiefsten Bedauerns den Kopf schuͤttelte und dann sich entfernen wollte. Ber¬ thold etwas aufgeblaͤht durch das allgemeine Lob, das ihm zu Theil geworden, konnte sich des innern Aergers uͤber den Fremden nicht erwehren. Er trat auf ihn zu und frug, indem er die Worte schaͤrfer betonte, als gerade noͤthig. „Ihr scheint mit dem Bilde nicht zufrieden, mein Herr, un¬ erachtet es doch wackre Kuͤnstler und Kenner nicht ganz uͤbel finden wollen? Sagt mir ge¬ faͤlligst, woran es liegt, damit ich die Fehler nach Euerm guͤtigen Rath abaͤndere und bessere.“ Mit scharfem Blicke schaute der Fremde Berthold an, und sprach sehr ernst: „Juͤngling, aus Dir haͤtte viel werden koͤnnen.“ Berthold erschrak bis ins Innerste vor des Mannes Blick und seinen Wor¬ ten; er hatte nicht den Muth, etwas weiter zu sagen, oder ihm zu folgen, als er langsam zum Saale hinausschritt. Hackert trat bald darauf selbst hinein, und Berthold eilte, ihm den Vor¬ fall mit dem wunderlichen Mann zu erzaͤhlen. „Ach!“ rief Hackert lachend: „Laß Dir das ja nicht zu Herzen gehen! Das war ja unser brum¬ mige Alte, dem nichts recht ist, der alles tadelt; ich begegnete ihm auf dem Vorsaal. Er ist auf Maltha von griechischen Aeltern geboren, ein rei¬ cher wunderlicher Kauz, gar kein uͤbler Mahler; aber alles was er macht, hat ein fantastisches Ansehen, welches wol daher ruͤhrt, weil er uͤber jede Darstellung durch die Kunst ganz tolle ab¬ surde Meinungen und sich ein kuͤnstlerisches Sy¬ stem gebaut hat, das den Teufel nichts taugt. Ich weiß recht gut, daß er gar nichts auf mich haͤlt, welches ich ihm gern verzeihe, da er mir wohlerworbnen Ruhm nicht streitig machen wird.“ Dem Berthold war es zwar, als habe der Maltheser irgend einen wunden Fleck seines In¬ nersten schmerzhaft beruͤhrt, aber so wie der wohlthaͤtige Wundarzt, um zu forschen und zu heilen; indessen schlug er sich das bald aus dem Sinn und arbeitete froͤlich fort, wie zuvor. Das große, wohlgelungene, allgemein bewun¬ derte Bild hatte ihm Muth gemacht, das Gegen¬ stuͤck zu beginnen. Einen der schoͤnsten Punkte in Neapels reicher Umgebung waͤhlte Hackert selbst aus, und so wie jenes Bild den Sonnenuntergang darstellte, sollte diese Landschaft im Sonnenauf¬ gang gehalten werden. Berthold bekam viel fremde Baͤume, viele Weinberge, vorzuͤglich aber viel Nebel und Duft zu mahlen. Auf der Platte eines großen Steins, eben in jenem von Hackert gewaͤhlten Punkte, saß Berthold eines Tages, den Entwurf des großen Bildes nach der Natur vollendend. „Wohl ge¬ troffen in der That!“ sprach es neben ihm. Ber ¬ thold blickte auf, der Maltheser sah' in sein Blatt hinein, und fuͤgte mit sarkastischem Laͤcheln hinzu: „Nur eins habt Ihr vergessen, lieber junger Freund! Schaut doch dort heruͤber nach der gruͤn berankten Mauer des fernen Weinbergs! Die Thuͤre steht halb offen; das muͤßt Ihr ja anbringen mit gehoͤ¬ rigem Schlagschatten — die halbgeoͤffnete Thuͤre macht erstaunliche Wirkung!“ „Ihr spottet,“ er¬ wiederte Berthold , „ohne Ursache, mein Herr! Solche Zufaͤlligkeiten sind keinesweges so veraͤcht¬ lich wie Ihr glaubt und deshalb mag sie mein Meister wol anbringen. Erinnert Euch doch nur des aufgehaͤngten weißen Tuchs in der Land¬ schaft eines alten niederlaͤndischen Mahlers, das nicht fehlen darf, ohne die Wirkung zu verderben. Aber Ihr scheint uͤberhaupt kein Freund der Land¬ schaftsmahlerei, der ich mich nun einmal ganz ergeben habe mit Leib und Seele, und darum bitt' ich Euch, laßt mich ruhig fortarbeiten.“ „Du bist in großem Irrthum befangen, Juͤngling,“ sprach der Maltheser. „Noch einmahl, sage ich, aus Dir haͤtte viel werden koͤnnen; denn sichtlich zeu¬ gen Deine Werke das rastlose Bestreben nach dem Hoͤheren, aber nimmer wirst Du Dein Ziel er¬ reichen, denn der Weg, den Du eingeschlagen, fuͤhrt nicht dahin. Merk wohl auf, was ich Dir sagen wer¬ de! Vielleicht gluͤckt es mir, die Flamme in Deinem Innern, die Du, Unverstaͤndiger! zu uͤberbauen trachtest, anzufachen, daß sie hell auflodert und Dich erleuchtet; dann wirst Du den wahren Geist, der in Dir lebt, zu erschauen vermoͤgen. Haͤltst Du mich denn fuͤr so thoͤrigt, daß ich die Landschaft dem historischen Gemaͤhlde unterordne, daß ich nicht das gleiche Ziel, nach dem beide, Landschafter und Historienmahler, streben sollen, erkenne? — Auf¬ fassung der Natur in der tiefsten Bedeutung des hoͤhern Sinns, der alle Wesen zum hoͤheren Le¬ ben entzuͤndet, das ist der heilige Zweck aller Kunst. Kann denn das bloße genaue Abschreiben der Natur jemals dahin fuͤhren? — Wie aͤrm¬ lich, wie steif und gezwungen sieht die nachge¬ mahlte Handschrift in einer fremden Sprache aus, die der Abschreiber nicht verstand und daher den Sinn der Zuͤge, die er muͤhsam abschnoͤrkelte, nicht zu deuten wußte. So sind die Landschaften deines Meisters correkte Abschriften eines in ihm fremder Sprache geschriebenen Originals. — Der Geweihte vernimmt die Stimme der Natur, die in wunderbaren Lauten aus Baum, Gebuͤsch, Blume, Berg und Gewaͤsser von unerforschlichem Geheimniß spricht, die in seiner Brust sich zu frommer Ahnung gestalten; dann kommt, wie der Geist Gottes selbst, die Gabe uͤber ihn, diese Ah¬ nung sichtlich in seine Werke zu uͤbertragen. Ist Dir, Juͤngling! denn bei dem Beschauen der Landschaften alter Meister nicht ganz wunderbar¬ lich zu Muthe geworden? Gewiß hast Du nicht daran gedacht, daß die Blaͤtter des Lindenbaums, daß die Pinien, die Platanen der Natur getreuer, daß der Hintergrund duftiger, das Wasser klarer seyn koͤnnte; aber der Geist, der aus dem Ganzen wehte, hob Dich empor in ein hoͤheres Reich, dessen Abglanz Du zu schauen waͤhntest. — Da¬ her studire die Natur zwar auch im Mechanischen fleißig und sorgfaͤltig, damit Du die Praktik des Darstellens erlangen moͤgest, aber halte die Prak¬ tik nicht fuͤr die Kunst selbst. Bist Du einge¬ drungen in den tiefern Sinn der Natur, so wer¬ den selbst in Deinem Innern ihre Bilder in hoh¬ er glaͤnzender Pracht aufgehen.“ — Der Mal¬ theser schwieg; als aber Berthold lief ergriffen, gebuͤckten Hauptes, keines Wortes maͤchtig da stand, verließ ihn der Maltheser mit den Wor¬ ten: „Ich habe Dich durchaus nicht verwirren wollen in Deinem Beruf; aber ich weiß, daß ein hoher Geist in Dir schlummert: ich rief ihn an mit starken Worten, damit er erwache und frisch und frei seine Fittige rege. Lebe wohl!“ — Dem Berthold war es so, als habe der Maltheser nur dem, was in seiner Seele gaͤhrte und brauste, Worte gegeben; die innere Stimme brach hervor — Nein! Alles dieses Streben — dieses Muͤhen ist das ungewisse, truͤgerische Umher¬ tappen des Blinden, weg — weg mit Allem, was mich geblendet bis jetzt! — Er war nicht im Stande Stande auch nur einen Strich weiter an dem Bilde zu zeichnen. Er verließ seinen Meister, und streifte voll wilder Unruhe umher und flehte laut, daß die hoͤhere Erkenntniß, von der der Maltheser gesprochen, ihm aufgehen moͤge. — „Nur in suͤßen Traͤumen war ich gluͤcklich — selig. Da wurde Alles wahr, was der Malthe¬ ser gesprochen. Ich lag von zauberischen Duͤften umspielt im gruͤnen Gebuͤsch, und die Stimme der Natur ging vernehmbar im melodisch klin¬ genden Wehen durch den dunklen Wald. — „Horch — horch auf — Geweihter! — Vernimm die Urtoͤne der Schoͤpfung, die sich gestalten zu Wesen deinem Sinn empfaͤnglich.“ — Und indem ich die Akkorde deutlicher und deutlicher erklingen hoͤrte, war es, als sei ein neuer Sinn in mir erwacht, der mit wunderbarer Klarheit das er¬ faßte, was mir unerforschlich geschienen. — Wie in seltsamen Hieroglyphen zeichnete ich das mir aufgeschlossene Geheimniß mit Flammenzuͤgen in die Luͤfte; aber die Hieroglyphen-Schrift war R eine wunderherrliche Landschaft, auf der Baum, Gebuͤsch, Blume, Berg und Gewaͤsser, wie in lautem wonnigem Klingen sich regten und be¬ wegten. — Doch eben nur im Traume kam solche Selig¬ keit uͤber den armen Berthold , dessen Kraft gebrochen, und der im Innersten verwirrter war, als in Rom, da er Historienmahler werden wollte. Schritt er durch den dunklen Wald, so uͤberfiel ihn ein unheimliches Grauen; trat er heraus, und schaute in die fernen Berge, so griff es wie mit eiskalten Krallen in seine Brust — sein Athem stockte — er wollte vergehen vor innerer Angst. Die ganze Natur, ihm sonst freundlich laͤchelnd, ward ihm zum bedrohlichen Ungeheuer, und ihre Stimme, die sonst in des Abendwindes Saͤuseln, in dem Plaͤtschern des Baches, in dem Rauschen des Gebuͤsches mit suͤßem Wort ihn be¬ gruͤßte, verkuͤndete ihm nun Untergang und Ver¬ derben. Endlich wurde er, je mehr ihn jene holden Traͤume troͤsteten, desto ruhiger, doch mied er es im Freien allein zu seyn, und so kam es, daß er sich zu ein paar muntern deutschen Mah¬ lern gesellte, und mit ihnen haͤufig Ausfluͤge nach den schoͤnsten Gegenden Neapels machte. Einer von ihnen, wir wollen ihn Florentin nennen, hatte es in dem Augenblick nicht sowol auf tiefes Studium seiner Kunst, als auf heitern Lebensgenuß abgesehen, seine Mappe zeugte da¬ von. — Gruppen tanzender Bauermaͤdchen — Prozessionen — laͤndliche Feste — Alles das wußte Florentin , so wie es ihm aufstieß, mit sichrer leichter Hand schnell auf's Blatt zu werfen. Jede Zeichnung, war sie auch kaum mehr als Skizze, hatte Leben und Bewegung. Dabei war Florentin's Sinn keinesweges fuͤr das Hoͤhere verschlossen; im Gegentheil drang er mehr, als je ein moderner Mahler, tief ein in den frommen Sinn der Gemaͤhlde aller Mei¬ ster. In sein Mahlerbuch hatte er die Fresko- Gemaͤhlde einer alten Klosterkirche in Rom, ehe die Mauern eingerissen wurden, in bloßen Um¬ R 2 rissen hineingezeichnet. Sie stellten das Marty¬ rium der heiligen Katharina dar. Man konnte nichts herrlicheres, reiner aufgefaßtes sehen, als jene Umrisse, die auf Berthold einen ganz eignen Eindruck machten. Er sah Blitze leuchten durch die finstre Oede, die ihn umfangen, und es kam dahin, daß er fuͤr Florentins heiteren Sinn empfaͤnglich wurde, und, da dieser zwar den Reiz der Natur, in ihr aber bestaͤndig mehr das menschliche Princip mit reger Lebendig¬ keit auffaßte, eben dieses Princip fuͤr den Stuͤtz¬ punkt erkannte, an den er sich halten muͤsse, um nicht gestaltlos im leeren Raum zu verschwimmen. Waͤhrend Florentin irgend eine Gruppe, der er begegnete, schnell zeichnete, hatte Berthold des Freundes Mahlerbuch aufgeschlagen, und ver¬ suchte Katharina's wunderholde Gestalt nach¬ zubilden, welches ihm endlich so ziemlich gluͤckte, wiewol er, so wie in Rom vergebens darnach strebte, seine Figuren dem Original gleich zu be¬ leben. Er klagte dies dem, wie er glaubte, an wahrer Kuͤnstlergenialitaͤt ihm weit uͤberlegenen Florentin , und erzaͤhlte zugleich, wie der Mal¬ theser zu ihm uͤber die Kunst gesprochen. „Ei, lieber Bruder Berthold !“ sprach Florentin : „der Maltheser hat in der That recht, und ich stelle die wahre Landschaft den tief bedeutsamen heiligen Historien, wie sie die alten Mahler dar¬ stellen, voͤllig gleich. Ja, ich halte sogar dafuͤr, daß man erst durch das Darstellen der uns naͤher liegenden organischen Natur sich staͤrken muͤsse, um Licht zu finden in ihrem naͤchtlichen Reich. Ich rathe Dir Berthold , daß Du Dich gewoͤhnst Figuren zu zeichnen, und in ihnen Deine Gedan¬ ken zu ordnen; vielleicht wird es dann heller um Dich werden. Berthold that so wie ihm der Freund geboten, und es war ihm, als zoͤgen die finstern Wolkenschatten, die sich uͤber sein Leben gelegt, voruͤber. „Ich muͤhte mich, das, was nur wie dunkle Ahnung tief in meinem Innern lag, wie in je¬ nem Traum hieroglyphisch darzustellen, aber die Zuͤge dieser Hieroglyphen-Schrift waren mensch¬ liche Figuren, die sich in wunderlicher Verschlin¬ gung um einen Lichtpunkt bewegten. — Dieser Lichtpunkt sollte die herrlichste Gestalt seyn, die je eines Bildners Fantasie aufgegangen; aber ver¬ gebens strebte ich, wenn sie im Traume von Himmelsstrahlen umflossen mir erschien, ihre Zuͤge zu erfassen. Jeder Versuch, sie darzustellen, mißlang auf schmaͤhliche Weise, und ich verging in heißer Sehnsucht. — Florentin bemerkte den bis zur Krankheit aufgeregten Zustand des Freundes, er troͤstete ihn, so gut er es vermochte. Oft sagte er ihm, daß dies eben die Zeit des Durchbruchs zur Erleuchtung sey; aber wie ein Traͤumer schlich Berthold einher, und alle seine Versuche blieben nur ohnmaͤchtige Anstren¬ gungen des kraftlosen Kindes. Unfern Neapel lag die Villa eines Herzogs, die, weil sie die schoͤnste Aussicht nach dem Vesuv und in's Meer hinein gewaͤhrte, den frem¬ den Kuͤnstlern, vorzuͤglich den Landschaftern gast¬ lich geoͤffnet war. Berthold hatte hier oͤfters gearbeitet, oͤfter noch in einer Grotte des Parks zur guten Zeit sich dem Spiel seiner fantastischen Traͤume hingegeben. Hier in dieser Grotte saß er eines Tages, von gluͤhender Sehnsucht, die seine Brust zerriß, gemartert, und weinte heiße Thraͤnen, daß der Stern des Himmels seine dunkle Bahn erleuchten moͤge; da rauschte es im Gebuͤsch, und die Gestalt eines hochherrlichen Weibes stand vor der Grotte. „Die vollen Sonnenstrahlen fielen in das Engelsgesicht. — Sie schaute mich an mit un¬ beschreiblichen Blick. — Die heilige Kathari ¬ na — Nein, mehr als sie — mein Ideal, mein Ideal war es! — Wahnsinnig vor Entzuͤcken stuͤrzte ich nieder, da verschwebte die Gestalt freundlich laͤchelnd! — Erhoͤrt war mein heiße¬ stes Gebet! —“ Florentin trat in die Grotte, er erstaunte uͤber Berthold , der mit verklaͤrtem Blick ihn an sein Herz druͤckte. — Thraͤnen stuͤrzten ihm aus den Augen — Freund — Freund! stammelte er: ich bin gluͤcklich — selig — sie ist gefunden — gefunden! Rasch schritt er fort, in seine Werk¬ statt — er spannte die Leinwand auf, er fing an zu mahlen. Wie von goͤttlicher Kraft beseelt, zauberte er mit der vollen Gluth des Lebens das uͤberirdische Weib, wie es ihm erschienen, her¬ vor. — Sein Innerstes war von diesem Augen¬ blicke ganz umgewendet. Statt des Truͤbsinns, der an seinem Herzmark gezehrt hatte, erhob ihn Frohsinn und Heiterkeit. Er studirte mit Fleiß und Anstrengung die Meisterwerke der alten Mah¬ ler. Mehrere Copien gelangen ihm vortrefflich, und nun fing er an selbst Gemaͤhlde zu schaffen, die alle Kenner in Erstaunen setzten. An Land¬ schaften war nicht mehr zu denken, und Hackert bekannte selbst, daß der Juͤngling nun erst seinen eigentlichen Beruf gefunden habe. So kam es, daß er mehrere große Werke, Altarblaͤtter fuͤr Kirchen, zu mahlen bekam. Er waͤhlte mehren¬ theils heitere Gegenstaͤnde christlicher Legenden, aber uͤberall strahlte die wunderherrliche Gestalt seines Ideals hervor. Man fand, daß Gesicht und Gestalt der Prinzessin Angiola T.... zum Sprechen aͤhnlich sei, man aͤußerte dies dem jun¬ gen Mahler selbst, und Schlaukoͤpfe gaben spoͤt¬ tisch zu verstehen, der deutsche Mahler sei von dem Feuerblick der wunderschoͤnen Donna tief in's Herz getroffen. Berthold war hoch er¬ zuͤrnt uͤber das alberne Gewaͤsch der Leute, die das Himmlische in das Gemeinirdische herabziehen wollten. „Glaubt Ihr denn,“ sprach er, „daß solch' ein Wesen wandeln koͤnne hier auf Erden? In einer wunderbaren Vision wurde mir das Hoͤchste erschlossen; es war der Moment der Kuͤnstlerweihe.“ — Berthold lebte nun froh und gluͤcklich, bis nach Bonapartes Siegen in Italien sich die franzoͤsische Armee dem Koͤnig¬ reich Neapel nahte, und die alle ruhigen gluͤckli¬ chen Verhaͤltnisse furchtbar zerstoͤrende Revolution ausbrach. Der Koͤnig hatte mit der Koͤnigin Neapel verlassen, die Citta war angeordnet. Der General-Vikar schloß mit dem franzoͤsischen General einen schmachvollen Waffenstillstand, und bald kamen die franzoͤsischen Commissarien, um die Summe, die gezahlt werden sollte, in Em¬ pfang zu nehmen. Der General-Vikar entfloh, um der Wuth des Volks, das sich von ihm, von der Citta, von allen, die ihm Schutz gewaͤhren konnten gegen den andringenden Feind, verlassen glaubte, zu entgehen. Da waren alle Bande der Gesellschaft aufgeloͤst; in wilder Anarchie ver¬ hoͤhnte der Poͤbel Ordnung und Gesetz, und un¬ ter dem Geschrei: viva la santa fede rannten seine wahnsinnigen Horden durch die Straßen, die Haͤuser der Großen, von welchen sie sich an den Feind verkauft waͤhnten, pluͤndernd und in Brand steckend. Vergebens waren die Bemuͤhun¬ gen Moliterno's und Rocca Romana's , Guͤnstlinge des Volks und zu Anfuͤhrern gewaͤhlt, die Rasenden zu baͤndigen. Die Herzoge della Torre und Clemens Filomarino waren ermordet, aber noch war des wuͤthenden Poͤbels Blutdurst nicht gestillt. — Berthold hatte sich aus einem brennenden Hause nur halb ange¬ kleidet gerettet, er stieß auf einen Haufen des Volks, der mit angezuͤndeten Fackeln und blin¬ kenden Messern nach dem Pallast des Herzogs von T. eilte. Ihn fuͤr ihres gleichen haltend, draͤng¬ ten sie ihn mit sich fort — viva la santa fede bruͤllten die Wahnsinnigen, und in wenigen Mi¬ nuten waren der Herzog — die Bedienten, alles was sich widersetzte, ermordet, und der Pallast loderte hoch in Flammen auf. — Berthold war immer fort und fort in den Pallast hinein¬ gedraͤngt. — Dicker Rauch wallte durch die lan¬ gen Gaͤnge. — Er lief schnell durch die aufge¬ sprengten Zimmer, auf's neue in Gefahr, in den Flammen umzukommen — vergebens den Aus¬ gang suchend. — Ein schneidendes Angstgeschrei schallt ihm entgegen — er stuͤrzt durch den Saal. — Ein Weib ringt mit einem Lazzarone, der es mit starker Faust erfaßt hat, und im Be¬ griff ist ihm das Messer in die Brust zu stoßen — Es ist die Prinzessin — es ist Berthold's Ideal! — Bewußtlos vor Entsetzen, springt Berthold hinzu — den Lazzarone bei der Gurgel packen — ihn zu Boden werfen, ihm sein eignes Messer in die Kehle stoßen — die Prinzessin in die Arme nehmen — mit ihr flie¬ hen durch die flammenden Saͤle — die Treppen hinab — fort fort, durch das dickste Volksge¬ wuͤhl — Alles das ist die That eines Mo¬ ments! — Keiner hielt den fliehenden Ber¬ thold auf, mit dem blutigen Messer in der Hand, vom Dampfe schwarz gefaͤrbt, in zerrisse¬ nen Kleidern sah das Volk in ihm den Moͤrder und Pluͤnderer, und goͤnnte ihm seine Beute. In einem oͤden Winkel der Stadt unter einem alten Gemaͤuer, in das er, wie aus Instinkt, sich vor der Gefahr zu verbergen gelaufen, sank er ohnmaͤchtig nieder. Als er erwachte, kniete die Prinzessin neben ihm, und wusch seine Stirne mit kaltem Wasser. „O Dank!“ — lispelte sie mit wunderlieblicher Stimme; „Dank den Heili¬ gen, daß Du erwacht bist, Du mein Retter, mein Alles!“ — Berthold richtete sich auf, er waͤhnte zu traͤumen, er blickte mit starren Augen die Prinzessin an — ja sie war es selbst — die herrliche Himmelsgestalt, die den Goͤtterfun¬ ken in seiner Brust entzuͤndet. — „Ist es moͤg¬ lich — ist es wahr — lebe ich denn?“ rief er aus. „Ja, Du lebst,“ sprach die Prinzessin — „Du lebst fuͤr mich; was Du nicht zu hoffen wag¬ test, geschah wie durch ein Wunder. O, ich kenne Dich wohl, Du bist der deutsche Mahler Ber ¬ thold , Du liebtest mich ja, und verherrlichtest mich in Deinen schoͤnsten Gemaͤhlden. — Konnte ich denn Dein seyn? — Aber nun bin ich es immerdar und ewig. — Laß uns fliehen, o laß uns fliehen!“ — Ein sonderbares Gefuͤhl, wie wenn jaͤhlinger Schmerz suͤße Traͤume zerstoͤrt, durchzuckte Berthold bei diesen Worten der Prinzessin. Doch als das holde Weib ihn mit den vollen schneeweißen Armen umfing, als er sie ungestuͤm an seinen Busen druͤckte, da durchbeb¬ ten ihn suͤße nie gekannte Schauer und im Wahn¬ sinn des Entzuͤckens hoͤchster Erdenlust rief er aus: — „O, kein Trugbild des Traumes — nein! es ist mein Weib, das ich umfange, es nie zu lassen — das meine gluͤhende duͤrstende Sehn¬ sucht stillt!“ Aus der Stadt zu fliehen war unmoͤglich: denn vor den Thoren stand das franzoͤsische Heer, dem das Volk, war es gleich schlecht bewaffnet und ohne alle Anfuͤhrung, zwei Tage hindurch den Einzug in die Stadt streitig machte. End¬ lich gelang es Berthold mit Angiola von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, und dann aus der Stadt zu fliehen. Angiola , von heißer Liebe zu ihrem Retter entbrannt, verschmaͤhte es in Italien zu bleiben, die Familie sollte sie fuͤr todt halten, und so Bertholds Besitz ihr gesichert bleiben. Ein diamantnes Halsband und kostbare Ringe, die sie getragen, waren hinlaͤnglich, in Rom (bis dahin waren sie langsam fortgepilgert) sich mit allen noͤthigen Beduͤrfnissen zu versehen, und so kamen sie gluͤcklich nach M. im suͤdlichen Deutsch¬ land, wo Berthold sich niederzulassen, und durch die Kunst sich zu ernaͤhren gedachte. — War's denn nicht ein nie getraͤumtes, nie ge¬ ahnetes Gluͤck, daß Angiola , das himmlisch- schoͤne Weib, das Ideal seiner wonnigsten Kuͤnst¬ lertraͤume sein werden muͤßte, unerachtet sich alle Verhaͤltnisse des Lebens, wie eine unuͤbersteigbare Mauer zwischen ihm und der Geliebten aufthuͤrm¬ ten? — Berthold konnte in der That dies Gluͤck kaum fassen, und schwelgte in namenlosen Wonnen, bis lauter und lauter die innere Stimme ihn mahnte, seiner Kunst zu gedenken. In M. beschloß er seinen Ruf durch ein großes Gemaͤhlde zu begruͤnden, das er fuͤr die dortige Marien¬ kirche mahlen wollte. Der einfache Gedanke, Maria und Elisabeth in einem schoͤnen Gar¬ ten auf einem Rasen sitzend, die Kinder Christus und Johannes vor ihnen im Grase spielend, sollte der ganze Vorwurf des Bildes seyn, aber verge¬ bens war alles Ringen nach einer reinen geistigen Anschauung des Gemaͤhldes. So wie in jener ungluͤcklichen Zeit der Crisis, verschwammen ihm die Gestalten, und nicht die himmlische Maria , nein, ein irdisches Weib, ach seine Angiola selbst stand auf graͤuliche Weise verzerrt, vor sei¬ nes Geistes Augen. — Er gedachte Trotz zu bie¬ ten der unheimlichen Gewalt, die ihn zu erfassen schien, er bereitete die Farben, er fing an zu mahlen; aber seine Kraft war gebrochen, all' sein Bemuͤhen, so wie damals, nur die ohnmaͤchtige Anstrengung des unverstaͤndigen Kindes. Starr und leblos blieb was er mahlte, und selbst An¬ giola — Angiola , sein Ideal, wurde, wenn sie ihm saß und er sie mahlen wollte, auf der Lein¬ wand zum todten Wachsbilde, das ihn mit glaͤsernen Augen anstierte. Da schlich sich immer mehr und mehr truͤber Unmuth in seine Seele, der alle Freude des Lebens wegzehrte. Er wollte — er konnte nicht weiter arbeiten, und so kam es, daß er in Duͤrftigkeit gerieth, die ihn destomehr nieder¬ beugte, beugte, je weniger Angiola auch nur ein Wort der Klage hoͤren ließ. „Der immer mehr in mein Innerstes herein¬ zehrende Gram, erzeugt von stets getaͤuschter Hoffnung, wenn ich immer vergebens Kraͤfte auf¬ bot, die nicht mehr mein waren, versetzte mich bald in einen Zustand, der dem Wahnsinne gleich zu achten war. Mein Weib gebar mir einen Sohn, das vollendete mein Elend und der lange verhaltene Groll brach aus in hell aufflammen¬ den Haß. Sie Sie allein schuf mein Ungluͤck. Nein — Sie war nicht das Ideal, das mir er¬ schien, nur mir zum rettungslosen Verderben hatte sie truͤgerisch jenes Himmelsweibes Gestalt und Gesicht geborgt. In wilder Verzweiflung fluchte ich ihr und dem unschuldigen Kinde. — Ich wuͤnschte beider Tod, damit ich erloͤst werden moͤge von der unertraͤglichen Quaal, die wie mit gluͤ¬ henden Messern in mir wuͤhlte! — Gedanken der Hoͤlle stiegen in mir auf. Vergebens las ich in Angiola's leichenblassem Gesicht, in ihren Thraͤ¬ S nen mein rasendes freveliches Beginnen — Du hast mich um mein Leben betrogen, verruchtes Weib, bruͤllte ich auf, und stieß sie mit dem Fuße von mir, wenn sie ohnmaͤchtig niedersank, und meine Knie umfaßte.“ — Berthold grausames wahnsinniges Betra¬ gen gegen Weib und Kind erregte die Aufmerk¬ samkeit der Nachbaren, die es der Obrigkeit an¬ zeigten. Man wollte ihn verhaften, als aber die Polizeidiener in seine Wohnung traten, war er sammt Frau und Kind spurlos verschwunden. Berthold erschien bald darauf zu N. in Ober¬ schlesien; er hatte sich seines Weibes und Kindes entledigt, und fing voll heitern Muthes an, das Bild zu mahlen, das er in M. vergebens begon¬ nen hatte. Aber nur die Jungfrau Maria und die Kinder Christus und Johannes konnte er voll¬ enden, dann fiel er in eine furchtbare Krankheit, die ihn dem Tode, den er wuͤnschte, nahe brachte. Um ihn zu pflegen, hatte man alle seine Geraͤth¬ schaften und auch jenes unvollendete Gemaͤhlde verkauft, und er zog, nachdem er nur einiger¬ maßen sich wieder erkraͤftigt, als ein siecher elen¬ der Bettler von dannen. — In der Folge naͤhrte er sich duͤrftig durch Wandmahlerei, die ihm hie und da uͤbertragen wurde. Bertholds Geschichte hat etwas Entsetzli¬ ches und Grauenvolles, sprach ich zu dem Professor, ich halte ihn, unerachtet er es nicht geradezu ausgesprochen, fuͤr den ruchlosen Moͤrder seines unschuldigen Weibes und seines Kindes. „Es ist ein wahnsinniger Thor,“ erwiederte der Profes¬ sor, „dem ich den Muth zu solcher That gar nicht zutraue. Ueber diesen Punkt laͤßt er sich niemals deutlich aus, und es ist die Frage, ob er sich nicht blos einbildet, an dem Tode seiner Frau und sei¬ nes Kindes Schuld zu seyn; er mahlt eben wie¬ der Marmor, erst in kuͤnftiger Nacht vollendet er den Altar, dann ist er bei guter Laune, und S 2 Sie koͤnnen vielleicht mehr uͤber jenen kitzlichen Punkt von ihm heraus bekommen. — Ich muß gestehen, daß, dachte ich es mir lebhaft, um Mit¬ ternacht mit Berthold allein in der Kirche mich zu befinden, mir, nachdem ich seine Geschichte gelesen, ein leiser Schauer durch die Glieder lief. Ich meinte, er koͤnnte mitunter was weniges der Teufel seyn, trotz seiner Gutmuͤthigkeit und sei¬ nes treuherzigen Wesens, und wollte mich des¬ halb lieber gleich Mittags im lieben heitern Son¬ nenschein mit ihm abfinden. Ich fand ihn auf dem Geruͤste muͤrrisch und in sich gekehrt, Marmoradern sprenkelnd; zu ihm heraufgestiegen, reichte ich ihm stillschweigend die Toͤpfe. Erstaunt sah er sich nach mir um, „ich bin ja ihr Handlanger,“ sprach ich leise, das zwang ihm ein Laͤcheln ab. Nun fing ich an von seinem Leben zu sprechen, so daß er merken mußte, ich wisse Alles, und er schien zu glauben, er habe mir Alles selbst in jener Nacht erzaͤhlt. Leise — leise kam ich auf die graͤßliche Katastro¬ phe, dann sprach ich ploͤtzlich: Also in heillosem Wahnsinn mordeten Sie Weib und Kind? — Da ließ er Farbentopf und Pinsel fallen, und rief, mich mit graͤßlichem Blick anstarrend und beide Haͤnde hoch erhebend: „Rein sind diese Haͤnde vom Blute meines Weibes, meines Sohnes! Noch ein solches Wort, und ich stuͤrze mich mit Euch hier vom Geruͤste herab, daß unsere Schaͤdel zerschellen auf dem steinernen Boden der Kirche!“ — Ich befand mich in dem Au¬ genblick wirklich in seltsamer Lage, am besten schien es mir mit ganz Fremden hineinzu¬ fahren. „O sehn Sie doch, lieber Berthold “ sprach ich so ruhig und kalt, als es mir moͤglich war, wie das haͤßliche Dunkelgelb auf der Wand dort so verfließt. Er schauete hin, und indem er das Gelb mit dem Pinsel verstrich, stieg ich leise das Geruͤste herab, verließ die Kirche, und ging zum Professor, um mich uͤber meinen bestraf¬ ten Vorwitz tuͤchtig auslachen zu lassen. Mein Wagen war reparirt und ich verließ G., nachdem mir der Professor Aloysius Walther feierlich versprochen, sollte sich etwas besonderes mit Berthold ereignen, mir es gleich zu schreiben. Ein halbes Jahr mochte vergangen seyn, als ich wirklich von dem Professor einen Brief erhielt, in welchem er sehr weitschweifig unser Beisammen¬ seyn in G. ruͤhmte. Ueber Berthold schrieb er mir folgendes: Bald nach Ihrer Abreise trug sich mit unserm wunderlichen Mahler viel sonder¬ bares zu. Er wurde ploͤtzlich ganz heiter, und voll¬ endete auf die herrlichste Weise das große Altar¬ blatt, welches nun vollends alle Menschen in Er¬ staunen setzt. Dann verschwand er, und da er nicht das mindeste mitgenommen, und man ein paar Tage darauf Hut und Stock unfern des O — Stromes fand, glauben wir alle, er habe sich freiwillig den Tod gegeben. Das Sanctus . D er Doktor schuͤttelte bedenklich den Kopf. — Wie, rief der Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, wie! so sollte Bettina's Catarrh wirklich etwas zu bedeuten haben? — Der Doktor stieß ganz leise drey oder viermahl mit seinem spanischen Rohr auf den Fußboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zaͤhle er die Rosetten an der Decke und huͤstelte mißtoͤnig ohne ein Wort zu reden. Das brachte den Kapellmeister außer sich, denn er wußte schon, solches Gebehrdenspiel des Dok¬ tors hieß in deutlichen lebendigen Worten nichts anders, als: ein boͤser boͤser Fall — und ich weiß mir nicht zu rathen und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener Doktor im Gilblas di Santillana. „Nun, so sag' er es denn nur geradezu heraus,“ rief der Kapell¬ meister erzuͤrnt, „sag' er es heraus, ohne so ver¬ dammt wichtig zu thun mit der simplen Heiser¬ keit, die sich Bettina zugezogen, weil sie un¬ vorsichtiger Weise den Schawl nicht umwarf, als sie die Kirche verließ — das Leben wird es ihr doch eben nicht kosten, der Kleinen.“ „Mit nich¬ ten,“ sprach der Doktor, indem er nochmahls die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, „mit nichten, aber hoͤchst wahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben keine Note mehr singen!“ Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Faͤusten sich in die Haare, daß der Puder weit umherstaͤubte und rannte im Zimmer auf und ab, und schrie wie besessen: „Nicht mehr singen? — nicht mehr singen? — Bettina nicht mehr singen? — Gestorben all' die herrlichen Canzonette — die wunderbaren Bollero's und Seguidilla's, die wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen stroͤmten? — Kein frommes Agnus , kein troͤ¬ stendes Bènedictus , von ihr mehr hoͤren. — O! o! — Kein Miserere , das mich reinbuͤrstete von jedem irdischen Schmutz miserabler Gedanken — das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser Kirchenthema's aufgehen ließ? — Du luͤgst Doktor, Du luͤgst! — Der Satan versucht Dich, mich auf's Eis zu fuͤhren. — Der Dom-Orga¬ nist, der mich mit schaͤndlichem Neide verfolgt, seitdem ich ein achtstimmiges qui tollis aus¬ gearbeitet zum Entzuͤcken der Welt, der hat Dich bestochen! Du sollst mich in schnoͤde Ver¬ zweiflung stuͤrzen, damit ich meine neue Messe in's Feuer werfe, aber es gelingt ihm — es gelingt Dir nicht! — Hier — hier trage ich sie bei mir, Bettina's Soli (er schlug auf die rechte Rocktasche, so daß es gewaltig darin klatschte) und gleich soll herrlicher, als je, die Kleine sie mir mit hocherhabener Glockenstimme vorsingen.“ Der Capellmeister griff nach dem Hute und wollte fort, der Doktor hielt ihn zu¬ ruͤck, indem er sehr sanft und leise sprach: Ich ehre ihren werthen Enthusiasmus, holdseeligster Freund! aber ich uͤbertreibe nichts und kenne den Dom-Organisten gar nicht, es ist nun ein¬ mahl so! Seit der Zeit, daß Bettina in der katholischen Kirche bei dem Amt die Solos im Gloria und Credo gesungen, ist sie von einer solch' seltsamen Heiserkeit oder vielmehr Stimm¬ losigkeit befallen, die meiner Kunst trotzt und die mich, wie gesagt, befuͤrchten laͤßt, daß sie nie mehr singen wird. „Gut denn,“ rief der Ka¬ pellmeister wie in resignirter Verzweiflung, „gut denn, so gieb ihr Opium — Opium und so lange Opium bis sie eines sanften Todes dahinscheidet, denn singt Bettina nicht mehr, so darf sie auch nicht mehr leben, denn sie lebt nur, wenn sie singt — sie existirt nur im Gesange, — himm¬ lischer Doktor, thu' mir den Gefallen, vergifte sie jeher desto lieber. Ich habe Connektionen im Criminal-Collegio, mit dem Praͤsidenten studirte ich in Halle, es war ein großer Hornist, wir blie¬ sen Bizinien zur Nachtzeit mit einfallenden Choͤren obligater Huͤndelein und Kater! — Sie sollen Dir nichts thun des ehrlichen Mords wegen — Aber vergifte sie — vergifte sie —“ „Man ist,“ unterbrach der Doktor den sprudelnden Kapellmei¬ ster, „man ist doch schon ziemlich hoch in Jahren, muß sich das Haar pudern seit geraumer Zeit und doch noch vorzuͤglich die Musik anlangend vel quasi ein Hasenfuß. Man schreie nicht so, man spreche nicht so verwegen vom suͤndlichen Mord und Todschlag, man setze sich ruhig hin dort in jenen bequemen Lehnstuhl und hoͤre mich gelassen an.“ Der Kapellmeister rief mit sehr weinerlicher Stimme: „Was werd' ich hoͤren und that uͤbri¬ gens wie ihm geheißen. „Es ist, fing der Dok¬ tor an, es ist in der That in Bettina's Zu¬ stand etwas ganz sonderbares und verwunderliches. Sie spricht laut, mit voller Kraft des Organs, an irgend eines der gewoͤhnlichen Halsuͤbel ist gar nicht zu denken, sie ist selbst im Stande einen musikalischen Ton anzugeben, aber so wie sie die Stimme zum Gesange erheben will, laͤhmt ein unbegreifliches Etwas, das sich durch kein Ste¬ chen, Prickeln, Kitzeln oder sonst als ein affir¬ matives krankhaftes Prinzip darthut, ihre Kraft, so daß jeder versuchte Ton ohne gepreßt-un¬ rein, kurz katarrhalisch zu klingen, matt und farblos dahin schwindet. Bettina selbst ver¬ gleicht ihren Zustand sehr richtig demjenigen im Traum, wenn man mit dem vollsten Bewußtseyn der Kraft zum Fliegen doch vergebens strebt in die Hoͤhe zu steigen. Dieser negative krankhafte Zustand spottet meiner Kunst und wirkungslos bleiben alle Mittel. Der Feind, den ich bekaͤm¬ pfen soll, gleicht einem koͤrperlosen Spuck, gegen den ich vergebens meine Streiche fuͤhre. Darin habt Ihr Recht Kapellmeister, daß Bettina's ganze Existenz im Leben durch den Gesang be¬ dingt ist, denn eben im Gesange kann man sich den kleinen Paradiesvogel nur denken, deshalb ist sie aber schon durch die Vorstellung, daß ihr Gesang und mit ihr sie selbst untergehe, so im Innersten aufgeregt, und fast bin ich uͤberzeugt, daß eben diese fortwaͤhrende geistige Agitation ihr Uebelbefinden foͤrdert und meine Bemuͤhungen vereitelt. Sie ist, wie sie sich selbst ausdruͤckt, von Natur sehr apprehensiv, und so glaube ich, nachdem ich Monate lang, wie ein Schiffbruͤchi¬ ger, der nach jedem Splitter hascht, nach diesem, jenem Mittel gegriffen und daruͤber ganz verzagt worden, daß Bettina's ganze Krankheit mehr psychisch als physisch ist.“ „Recht Doktor,“ rief hier der reisende Enthusiast, der so lange schwei¬ gend mit uͤber einander geschlagenen Aermen im Winkel gesessen, „recht Doktor, mit einem Mahl habt Ihr den richtigen Punkt getroffen, mein vortrefflicher Arzt! Bettina's krankhaftes Ge¬ fuͤhl ist die physische Ruͤckwirkung eines psychi¬ schen Eindrucks, eben deshalb aber desto schlim¬ mer und gefaͤhrlicher. Ich ich allein kann Euch Alles erklaͤren, Ihr Herren!“ „Was werd' ich hoͤren,“ sprach der Kapellmeister noch weinerlicher als vorher, der Doktor ruͤckte seinen Stuhl naͤher heran zum reisenden Enthusiasten und guckte ihm mit sonderbar laͤchelnder Miene in's Gesicht. Der reisende Enthusiast warf aber den Blick in die Hoͤhe und sprach ohne den Doktor oder den Kapellmeister anzusehen. „Kapellmeister! ich sah einmahl einen kleinen buntgefaͤrbten Schmetter¬ ling, der sich zwischen den Saiten Eures Dop¬ pelclavichords eingefangen hatte. Das kleine Ding flatterte lustig auf und nieder und mit den glaͤnzenden Fluͤgelein um sich schlagend beruͤhrte es bald die obern bald die untern Saiten, die dann leise leise nur dem schaͤrfsten geuͤbtesten Ohr ver¬ nehmbare Toͤne und Akkorde hauchten so daß zu¬ letzt das Thierchen nur in den Schwingungen wie in sanftwogenden Wellen zu schwimmen oder viel¬ mehr von ihnen getragen zu werden schien. Aber oft kam es, daß eine staͤrker beruͤhrte Saite, wie erzuͤrnt in die Fluͤgel des froͤhlichen Schwimmers schlug, so daß sie wund geworden den Schmuck des bunten Bluͤthenstaubs von sich streuten, doch dessen nicht achtend kreiste der Schmetterling fort und fort im froͤhlichen Klingen und Singen bis schaͤrfer und schaͤrfer die Saiten ihn verwundeten, und er lautlos hinab sank in die Oeffnung des Resonanzbodens.“ „Was wollen wir damit sagen,“ frug der Kapellmeister, „ Fiat applicatio mein Bester!“ sprach der Doktor. „Von einer besonde¬ ren Anwendung ist hier nicht die Rede,“ fuhr der Enthusiast fort, „ich wollte, da ich obbesagten Schmetterling wirklich auf des Kapellmeisters Clavichord spielen gehoͤrt habe, nur im Allgemei¬ nen eine Idee andeuten, die mir damals einkam, und die alles das, was ich uͤber Bettina's Uebel sagen werde, so ziemlich einleitet. Ihr koͤnnet das Ganze aber auch fuͤr eine Allegorie ansehen, und es in das Stammbuch irgend einer reisenden Virtuosin hineinzeichnen. Es schien mir nehmlich damals, als habe die Natur ein tausendchoͤrigtes Clavichord um uns herum gebaut, in dessen Saiten wir herum handthierten, ihre Toͤne und Akkorde fuͤr unsere eigne willkuͤhrlich hervorgebrachte haltend und als wuͤrden wir oft zum Tode wund, ohne zu ahnden, daß der un¬ harmonisch beruͤhrte Ton uns die Wunde schlug.“ „Sehr dunkel,“ sprach der Kapellmeister. „O,“ rief der Doktor lachend, „o nur Geduld, er wird gleich auf seinem Steckenpferde sitzen und gestreckten Gallops in die Welt der Ahnungen, Traͤume, psychischen Einfluͤsse, Sympathien, Idiosynkrasien u. s. w. hineinreiten, bis er auf der Station des Magnetismus absitzt und ein Fruͤhstuͤck nimmt.“ „Gemach gemach, mein weiser Doktor,“ sprach der reisende Enthusiast, schmaͤht nicht auf Dinge, die ihr, straͤuben moͤcht Ihr Euch auch wie ihr wollt, doch mit Demuth anerkennen und hoͤchlich beach¬ ten muͤßt. Habt Ihr es denn nicht selbst eben erst ausgesprochen, daß Bettina's Krankheit von psychischer Anregung herbeigefuͤhrt oder viel¬ mehr nur ein psychisches Uebel ist? „Wie kommt,“ unterbrach der Doktor den Enthusia¬ sten, „wie kommt aber Bettina mit dem un¬ gluͤckseeligen Schmetterling zusammen? „Wenn man man,“ fuhr der Enthusiast fort, „wenn man nun alles haarklein auseinander sieben soll, und jedes Koͤrnchen beaͤugeln und bekucken, so wird das eine Arbeit, die selbst langweilig Langeweile verbreitet! — Laßt den Schmetterling im Clavichordkasten des Kapellmeister ruhen! — Uebrigens, sagt selbst, Kapellmeister! ist es nicht ein wahres Ungluͤck, daß die hochheilige Musik ein integrirender Theil un¬ serer Conversation geworden ist? Die herrlichsten Talente werden herabgezogen in das gemeine duͤrf¬ tige Leben! Statt daß sonst aus heiliger Ferne wie aus dem wunderbaren Himmelsreiche selbst, Ton und Gesang auf uns herniederstrahlte, hat man jetzt alles huͤbsch bey der Hand und man weiß genau, wie viel Tassen Thee die Saͤngerin oder wie viel Glaͤser Wein der Bassist trinken muß, um in die gehoͤrige Tramontane zu kommen. Ich weiß wohl, daß es Vereine giebt, die ergrif¬ fen von dem wahren Geist der Musik sie unter¬ einander mit wahrhafter Andacht uͤben, aber jene miserablen geschmuͤckten, geschniegelten — doch ich T will mich nicht aͤrgern! — Als ich voriges Jahr hieher kam, war die arme Bettina gerade recht in der Mode — sie war, wie man sagt, recherchirt, es konnte kaum Thee getrunken werden ohne Zu¬ that einer spanischen Romanze, einer italiaͤnischen Canzonetta oder auch wohl eines franzoͤsischen Lied¬ leins: Souvent l'amour etc . zu dem sich Bet ¬ tina hergeben mußte. Ich fuͤrchtete in der That, daß das gute Kind mit sammt ihrem herrlichen Talent untergehen wuͤrde in dem Meer von Theewasser, das man uͤber sie ausschuͤttete, das geschah nun nicht, aber die Katastrophe trat ein.“ „Was fuͤr eine Katastrophe?“ riefen Doktor und Kapellmeister. „Seht liebe Herren!“ fuhr der Enthusiast fort, „eigentlich ist die arme Betti ¬ na — wie man so sagt, verwuͤnscht oder verhext worden, und so hart es mir ankommt es zu be¬ kennen, ich — ich selbst bin der Hexenmeister, der das boͤse Werk vollbracht hat, und nun gleich dem Zauberlehrling den Bann nicht zu loͤsen ver¬ mag.“ „Possen — Possen, und wir sitzen hier und lassen uns mit der groͤßten Ruhe von dem ironischen Boͤsewicht mystifiziren.“ So rief der Doktor, indem er aufsprang. „Aber zum Teufel die Katastrophe — die Katastrophe,“ schrie der Kapellmeister. „Ruhig ihr Herren,“ sprach der Enthusiast, „jetzt kommt eine Thatsache, die ich verbuͤrgen kann, haltet uͤbrigens meine Hexerei fuͤr Scherz, unerachtet es mir zuweilen recht schwer aufs Herz faͤllt, daß ich ohne Wissen und Willen einer unbekannten psychischen Kraft zum Medium des Entwickelns und Einwirkens auf Bettina gedient haben mag. Gleichsam als Leiter mein' ich, so wie in der elektrischen Reihe einer den andern ohne Selbstthaͤtigkeit und eignen Willen pruͤgelt.“ „Hop hop,“ rief der Doktor, „seht wie das Steckenpferd gar herrliche Cour¬ betten verfuͤhrt.“ „Aber die Geschichte — die Geschichte,“ schrie der Kapellmeister dazwischen! „Ihr erwaͤhntet,“ fuhr der Enthusiast fort, „ihr erwaͤhntet Kapellmeister schon zuvor, daß Bettina das letztemal, ehe sie die Stimme T 2 verlor, in der katholischen Kirche sang. Erinnert Euch, daß dies am ersten Osterfeiertage vorigen Jahres geschah. Ihr hattet Euer schwarzes Eh¬ renkleid angethan und dirigirtet die herrliche Haydnsche Messe aus dem D Moll. In dem Sopran that sich ein Flor junger anmuthig geklei¬ deter Maͤdchen auf, die zum Theil sangen, zum Theil auch nicht; unter ihnen stand Bettina , die mit wunderbar starker voller Stimme die kleinen Soli vortrug. Ihr wißt, daß ich mich im Tenor angestellt hatte, das Sanctus war ein¬ getreten, ich fuͤhlte die Schauer der tiefsten An¬ dacht mich durchbeben, da rauschte es hinter mir stoͤrend, unwillkuͤhrlich drehte ich mich um, und erblickte zu meinem Erstaunen Bettina , die sich durch die Reihen der Spielenden und Sin¬ genden draͤngte um den Chor zu verlassen.“ „Sie wollen fort?“ redete ich sie an. „Es ist die hoͤchste Zeit,“ erwiederte sie sehr freundlich, „daß ich mich jetzt nach der *** Kirche begebe, um noch, wie ich versprochen, dort in einer Cantate mitzusingen, auch muß ich noch Vormittag ein Paar Duetts probiren, die ich heute Abend in dem Singethee bei *** vortragen werde, dann ist Souper bei ***. Sie kommen doch hin? es werden ein Paar Choͤre aus dem Haͤn¬ del'schen Messias und das erste Finale aus Figa ¬ ro's Hochzeit gemacht.“ Waͤhrend dieses Ge¬ spraͤchs erklangen die vollen Akkorde des Sanctus , und das Weihrauchopfer zog in blauen Wolken durch das hohe Gewoͤlbe der Kirche. „Wissen Sie denn nicht,“ sprach ich, „daß es suͤndlich ist, daß es nicht straflos bleibt, wenn man waͤhrend des Sanctus die Kirche verlaͤßt? — Sie wer¬ den so bald nicht mehr in der Kirche singen!“ — Es sollte Scherz seyn, aber ich weiß nicht, wie es kann, daß mit einemmal meine Worte so feierlich klangen. Bettina erblaßte und verließ schweigend die Kirche. Seit diesem Moment ver¬ lor sie die Stimme — Der Doktor hatte sich waͤhrend der Zeit wieder gesetzt, und das Kinn auf den Stockknopf gestuͤtzt, er blieb stumm, aber der Kapellmeister rief: „Wunderbar in der That, sehr wunderbar!“ „Eigentlich“ fuhr der Enthusiast fort, „eigentlich kam mir damals bei meinen Worten nichts bestimmtes in den Sinn und eben so wenig setzte ich Bettina's Stimmlosigkeit mit dem Vorfall in der Kirche nur in den min¬ desten Bezug. Erst jetzt, als ich wieder hieher¬ kam und von Euch Doktor erfuhr, daß Betti¬ na noch immer an der verdrießlichen Kraͤnklich¬ keit leide, war es mir, als haͤtte ich schon da¬ mals an eine Geschichte gedacht, die ich vor meh¬ reren Jahren in einem alten Buche las, und die ich Euch, da sie mir anmuthig und ruͤhrend scheint, mittheilen will.“ „Erzaͤhlen Sie,“ rief der Kapellmeister, „vielleicht liegt ein guter Stoff zu einer tuͤchtigen Oper darin.“ „Koͤnnt' ihr,“ sprach der Doktor, „koͤnnt' ihr, Kapellmeister, Traͤume — Ahnungen — magnetische Zustaͤnde in Musik setzen, so wird Euch geholfen, auf so was wird die Geschichte doch wieder herauslaufen.“ Ohne dem Doktor zu antworten raͤusperte sich der reisende Enthusiast und fing mit erhabener Stimme an: „Unabsehbar breitete sich das Feldla¬ ger Isabellen's und Ferdinand's von Arra¬ gonien vor den Mauern von Granada aus.“ „Herr des Himmels und der Erden,“ unterbrach der Doktor den Erzaͤhler, „das faͤngt an als wollt' es in neun Tagen und neun Naͤchten nicht endigen, und ich sitze hier und die Patienten lamentiren. Ich scheere mich den Teufel um Eure maurischen Geschichten, den Gonzalvo von Cordova habe ich gelesen, und Bettina's Seguidillas ge¬ hoͤrt, aber damit Basta, alles was recht ist — Gott befohlen!“ Schnell sprang der Doktor zur Thuͤre heraus, aber der Kapellmeister blieb ruhig sitzen, indem er sprach: „Es wird eine Geschichte aus den Kriegen der Mauren mit den Spaniern, wie ich merke, so was haͤtt' ich laͤngst gar zu gern komponirt. — Gefechte — Tumult — Romanzen — Aufzuͤge — Cymbeln — Choraͤle — Trommeln und Pauken — ach Pauken! — Da wir nun einmal so zusammen sind, erzaͤhlen Sie, liebenswuͤrdiger Enthusiast, wer weiß, welches Saamenkorn die erwuͤnschte Erzaͤhlung in mein Gemuͤth wirft und was fuͤr Riesenlilien daraus entsprießen.“ „Euch wird,“ erwiederte der Enthu¬ siast, „Euch wird nun Kapellmeister! alles ein¬ mal gleich zur Oper und daher kommt es denn auch, daß die vernuͤnftigen Leute, die die Musik behandeln wie einen starken Schnaps, den man nur dann und wann in kleinen Portionen genießt zur Magenstaͤrkung, Euch manchmahl fuͤr toll halten. Doch erzaͤhlen will ich Euch, und keck moͤget ihr, wandelt Euch die Lust an, manchmal ein Paar Akkorde dazwischen werfen.“ — Schrei¬ ber dieses fuͤhlt sich gedrungen, ehe er dem En¬ thusiasten die Erzaͤhlung nachschreibt, Dich guͤnsti¬ gen Leser zu bitten, Du moͤgest ihm der Kuͤrze halber zu Gute halten, wenn er den dazwischen anschlagenden Akkorden den Kapellmeister vor¬ zeichnet. Statt also zu schreiben: Hier sprach der Kapellmeister, heißt es blos der Kapell¬ meister. Unabsehbar breitete sich das Feldlager Isa ¬ bellens und Ferdinand's von Arragonien vor den festen Mauern von Granada aus. Ver¬ gebens auf Huͤlfe hoffend, immer enger und enger eingeschlossen, verzagte der feige Boabdil und im bittern Hohn vom Volk das ihn den kleinen Koͤnig nannte, verspottet, fand er nur in den Opfern blutduͤrstiger Grausamkeit augenblick¬ lichen Trost. Aber eben in dem Grade, wie die Muthlosigkeit und Verzweiflung taͤglich mehr Volk und Kriegsheer in Granada erfaßte, wurde leben¬ diger Siegeshoffnung und Kampfeslust im spani¬ schen Lager. Es beduͤrfte keines Sturms. Fer ¬ dinand begnuͤgte sich die Waͤlle zu beschießen, und die Ausfaͤlle der Belagerten zuruͤckzutreiben. Diese kleinen Gefechte glichen mehr froͤlichen Tur¬ nieren als ernsten Kaͤmpfen und selbst der Tod der im Kampfe Gefallnen konnte die Gemuͤther nur erheben, da sie hochgefeiert im Gepraͤnge des kirchlichen Cultus wie in der strahlenden Glo¬ rie des Maͤrtyrthums fuͤr den Glauben erschienen. Gleich nachdem Isabella in das Lager einge¬ zogen, ließ sie in dessen Mitte ein hohes hoͤlzer¬ nes Gebaͤude mit Thuͤrmen auffuͤhren, von deren Spitzen die Kreuzesfahne herabwehte. Das In¬ nere wurde zum Kloster und zur Kirche eingerich¬ tet, und Benediktiner-Nonnen zogen ein, taͤgli¬ chen Gottesdienst uͤbend. Die Koͤnigin, von ihrem Gefolge, von ihren Rittern begleitet, jeden Mor¬ gen, die Messe zu hoͤren, die ihr Beichtvater las, von dem Gesange der im Chor versammelten Nonnen unterstuͤtzt. Da begab es sich, daß Isabella an einem Morgen eine Stimme ver¬ nahm, die mit wunderbarem Glockenklang die andern Stimmen im Chor uͤbertoͤnte. Der Ge¬ sang war anzuhoͤren wie das siegende Schmettern einer Nachtigall, die, die Fuͤrstin des Hains, dem jauchzenden Volk gebietet. Und doch war die Aussprache der Worte so fremdartig und selbst die sonderbare ganz eigenthuͤmliche Art des Ge¬ sanges that kund, daß eine Saͤngerin des kirchli¬ chen Styls noch ungewohnt, vielleicht zum ersten¬ mahl das Amt singen muͤsse. Verwundert schaute Isabella um sich und bemerkte, daß ihr Ge¬ folge von demselben Erstaunen ergriffen worden; doch ahnen mußte sie wohl, daß hier ein beson¬ deres Abentheuer im Spiel seyn muͤsse, als ihr der tapfere Heerfuͤhrer Aguillar , der sich eben im Gefolge befand, ihr in's Auge fiel. Im Betstuhl kniend, die Haͤnde gefaltet, starrte er zum Gitter des Chors herauf, gluͤhende inbruͤn¬ stige Sehnsucht im duͤstern Auge. Als die Messe geendet war, begab sich Isabella nach Donna Maria's , der Priorin, Zimmern und frug nach der fremden Saͤngerin. „Wollet Euch o Koͤni¬ gin,“ sprach Donna Maria , „wollet Euch erinnern, daß vor Mondesfrist Don Aguil ¬ lar jenes Außenwerk zu uͤberfallen und zu er¬ obern gedachte, das mit einer herrlichen Terrasse geziert den Mauren zum Lustort dient. In jeder Nacht schallen die uͤppigen Gesaͤnge der Heiden in unser Lager heruͤber wie verlockende Syrenen¬ stimmen und eben deshalb wollte der tapfere Aguillar das Nest der Suͤnde zerstoͤren. Schon war das Werk genommen, schon wurden die gefangenen Weiber waͤhrend des Gefechts ab¬ gefuͤhrt, als eine unvermuthete Verstaͤrkung ihn tapferer Wehr unerachtet noͤthigte, abzulassen und sich zuruͤckzuziehen in das Lager. Der Feind wagte nicht ihn zu verfolgen und so kam es, daß die Gefangenen und reiche Beute sein blieben. Unter den gefangenen Weibern befand sich eine, deren trostloses Jammern, deren Verzweiflung Don Aguillar's Aufmerksamkeit erregte. Er nahte sich der Verschleierten mit freundlichen Worten, aber als haͤtte ihr Schmerz keine andere Sprache als Gesang, fing sie, nachdem sie auf der Zither, die ihr an einem goldnen Bande um den Hals hing, einige seltsame Akkorde gegriffen hatte, eine Romanze an, die in tiefaufseufzenden herzzer¬ schneidenden Lauten die Trennung von dem Ge¬ liebten, von aller Lebensfreude klagte. Aguil¬ lar tief ergriffen von den wunderbaren Toͤnen, beschloß das Weib zuruͤckbringen zu lassen nach Granada; sie stuͤrzte vor ihm nieder, indem sie den Schleier zuruͤckschlug. Da rief Aguillar wie außer sich: Bist Du denn nicht Zulema , das Licht des Gesanges in Granada? — Zulema , die der Feldherr bei einer Sendung an Boab ¬ dil's Hof gesehen, deren wunderbarer Gesang seitdem tief in seiner Brust wiederhallte, war es wirklich. „Ich gebe Dir die Freiheit,“ rief Aguillar , aber da sprach der ehrwuͤrdige Va¬ ter Agostino Sanchez , der das Kreuz in der Hand mitgezogen: „Erinnere Dich, Herr! daß Du, indem Du die Gefangene frei laͤssest, ihr großes Unrecht thust, da sie dem Goͤtzendienst entrissen, vielleicht bei uns von der Gnade des Herrn erleuchtet, in den Schooß der Kirche zu¬ ruͤckgekehrt waͤre.“ Aguillar sprach, „Sie mag bei uns bleiben einen Monat hindurch und dann, fuͤhlt sie sich nicht durchdrungen von dem Geist des Herrn, zuruͤckgebracht werden nach Granada.“ So kam es, o Herrin! daß Zulema von uns in dem Kloster aufgenommen wurde. Anfangs uͤber¬ ließ sie sich ganz dem trostlosesten Schmerz und bald waren es wild und schauerlich toͤnende, bald tiefklagende Romanzen, mit denen sie das Kloster erfuͤllte, denn uͤberall hoͤrte man ihre durchdringende Glockenstimme. Es begab sich, daß wir einst um Mitternacht im Chor der Kir¬ che versammelt waren und die Hora nach jener wundervollen heiligen Weise absangen, die der hohe Meister des Gesanges, Ferreras , uns lehrte. Ich bemerkte im Schein der Lichter Zulema in der offnen Pforte des Chors stehend und mit ernstem Blick still und andaͤchtig hineinschauend; als wir Paarweise daherziehend den Chor ver¬ ließen, kniete Zulema im Gange unfern eines Marienbildes. Den andern Tag sang sie keine Romanze, sondern blieb still und in sich gekehrt. Bald versuchte sie auf der tiefgestimmten Zither die Akkorde jenes Chorals, den wir in der Kirche gesungen, und dann fing sie an leise leise zu sin¬ gen, ja selbst die Worte unsers Gesanges zu ver¬ suchen, die sie freilich wunderlich wie mit gebun¬ dener Zunge aussprach. Ich merkte wohl, daß der Geist des Herrn mit milder troͤstender Stimme im Gesange zu ihr gesprochen, und daß sich ihre Brust oͤffnen wuͤrde seiner Gnade, daher schickte ich Schwester Emanuela , die Meisterin des Chors, zu ihr, daß sie den glimmenden Funken anfache, und so geschah es, daß im heiligen Ge¬ sange der Kirche der Glaube in ihr entzuͤndet wurde. Noch ist Zulema nicht durch die hei¬ lige Taufe in den Schooß der Kirche aufgenom¬ men, aber vergoͤnnt wurde es ihr unserm Chor sich beizugesellen, und so ihre wunderbare Stimme zur Glorie der Religion zu erheben. Die Koͤni¬ gin wußte nun wohl, was in Aguillar's In¬ nerm vorgegangen, als er auf Agostino's Ein¬ rede Zulema nicht zuruͤcksandte nach Granada, sondern sie im Kloster aufnehmen ließ und um so mehr war sie erfreut uͤber Zulema's Bekeh¬ rung zum wahren Glauben. Nach wenigen Ta¬ gen wurde Zulema getauft und erhielt den Na¬ men Julia . Die Koͤnigin selbst, der Marquis von Cadix, Heinrich von Gusman , die Feldherren Mendoza , Villena , waren die Zeu¬ gen des heiligen Akts. Man haͤtte glauben sol¬ len, daß Julia's Gesang nun noch inniger und wahrer die Herrlichkeit des Glaubens haͤtte ver¬ kuͤnden muͤssen und so geschah es auch wirklich eine kurze Zeit hindurch, indessen bemerkte Ema ¬ nuela bald, daß Julia oft auf seltsame Weise von dem Choral abwich, fremdartige Toͤne ein¬ mischend. Oft hallte urploͤtzlich der dumpfe Klang einer tiefgestimmten Zither durch den Chor. Der Ton glich dem Nachklingen vom Sturm durchrauschter Saiten. Dann wurde Julia un¬ ruhig und es geschah sogar, daß sie wie willkuͤhr¬ los in den lateinischen Hymnus ein mohrisches Wort einwarf. Emanuela warnte die Neube¬ kehrte, standhaft zu widerstehen dem Feinde, aber leichtsinnig achtete Julia dessen nicht und zum Aer¬ gerniß der Schwestern sang sie oft, wenn eben die ernsten heiligen Choraͤle des alten Ferreras er¬ klungen, taͤndelnde mohrische Liebeslieder zur Zither, die die sie wieder hoch gestimmt hatte. Sonderbarer Weise klangen jetzt die Zithertoͤne, die oft durch den Chor sausten, auch hoch und recht widrig beynahe wie das gellende Gepfeife der kleinen mohrischen Floͤten. Der Kapellmeister . Flauti piccoli — Oktavfloͤtchen. Aber, mein Bester, noch bis jetzt nichts, gar nichts fuͤr die Oper — keine Expo¬ sition und das ist immer die Hauptsache, doch mit der tiefen und hohen Stimmung der Zither, das hat mich angeregt. Glaubt ihr nicht, daß der Teufel ein Tenorist ist? Er ist falsch wie — der Teufel, und daher macht er alles im Fal¬ set! Der Enthusiast . Gott im Himmel! — ihr werdet von Tage zu Tage witziger, Kapellmei¬ ster! Aber ihr habt Recht, lassen wir dem teufli¬ schen Prinzip alles uͤberhohe unnatuͤrliche Ge¬ pfeife, Gequieke ꝛc. Doch weiter fort in der Er¬ zaͤhlung, die mir eigentlich blutsauer wird, weil ich jeden Augenblick Gefahr laufe, uͤber irgend U einen wohl zu beachtenden Moment wegzusprin¬ gen. Es begab sich, daß die Koͤnigin, begleitet von den edlen Feldherren des Lagers, nach der Kirche der Benediktiner-Nonnen schritt, um wie ge¬ woͤhnlich die Messe zu hoͤren. Vor der Pforte lag ein elender zerlumpter Bettler, die Traban¬ ten wollten ihn fortschaffen, doch halb erhoben riß er sich wieder los und warf sich heulend nie¬ der, so daß er die Koͤnigin beruͤhrte. Ergrimmt sprang Aguillar hervor und wollte den Elenden mit dem Fuße fortstoßen. Der richtete sich aber mit halbem Leibe gegen ihn empor und schrie: „Tritt die Schlange — tritt die Schlange, sie wird dich stechen zum Tode!“ und dazu griff er in die Saiten der unter den Lumpen versteckten Zither, daß sie im gellenden widrig pfeifenden Tone zerrissen und alle von unheimlichem Grauen ergriffen, zuruͤckbebten. Die Trabanten schafften das widrige Gespenst fort und es hieß: der Mensch sey ein gefangener wahnsinniger Mohr, der aber durch seine tollen Spaͤße und durch sein verwun¬ derliches Zitherspiel die Soldaten im Lager belu¬ stige. Die Koͤnigin trat ein und das Amt be¬ gann. Die Schwestern im Chor intonirten das Sanctus, eben sollte Julia mit maͤchtiger Stim¬ me wie sonst eintreten: Pleni sunt coeli gloria tua , da ging ein gellender Zitherton durch den Chor, Julia schlug schnell das Blatt zu¬ sammen und wollte den Chor verlassen. „Was beginnst du?“ rief Emanuela , O! sagte Julia , hoͤrst du denn nicht die praͤchtigen Toͤne des Meisters? — dort bey ihm, mit ihm muß ich singen! damit eilte Julia nach der Thuͤre, aber Emanuela sprach mit sehr ernster feierli¬ cher Stimme: Suͤnderin, die du den Dienst des Herrn entweihst, da du mit dem Munde sein Lob verkuͤndest und im Herzen weltliche Gedanken traͤgst, flieh von hinnen, gebrochen ist die Kraft des Gesanges in dir, verstummt sind die wunder¬ baren Laute in deiner Brust die der Geist des Herrn entzuͤndet!“ — Von Emanuela's Wor¬ U 2 ten wie vom Blitz getroffen, schwankte Julia fort. — Eben wollten die Nonnen zur Nachtzeit sich versammeln, um die Hora zu singen, als ein dicker Qualm schnell die ganze Kirche erfuͤllte. Bald darauf drangen die Flammen zischend und prasselnd durch die Waͤnde des Nebengebaͤudes und erfaßten das Kloster. Mit Muͤhe gelang es den Nonnen ihr Leben zu retten, Trompeten und Hoͤrner schmetterten durch das Lager, aus dem ersten Schlaf taumelten die Soldaten auf; man sah den Feldherrn Aguillar mit verseng¬ tem Haar, mit halbverbrannten Kleidern aus dem Kloster stuͤrzen, er hatte Julia , die man vermißte, vergebens zu retten gesucht, keine Spur von ihr war zu finden. Fruchtlos blieb der Kampf gegen das Feuer, das von dem Sturm, der sich erhoben, angefacht, immer mehr um sich griff; in kurzer Zeit lag Isabellens ganzes reiches herrliches Lager in Asche. Die Mauren im Vertrauen, daß der Christen Ungluͤck ihnen Sieg bringen wuͤrde, wagten mit einer bedeuten¬ den Macht einen Ausfall, glaͤnzender war aber fuͤr die Waffen der Spanier nie ein Kampf ge¬ wesen, als eben dieser, und als sie unter dem jauchzenden Schall der Trompeten sieggekroͤnt in ihre Verschanzungen zuruͤckzogen, da bestieg die Koͤnigin Isabella den Thron, den man im Freyen errichtet hatte und verordnete, daß an der Stelle des abgebrannten Lagers eine Stadt ge¬ baut werde! Zeigen sollte dies den Mauren in Granada, daß niemals die Belagerung aufgeho¬ ben werden wuͤrde. Der Kapellmeister . Duͤrfte man sich nur mit geistlichen Dingen auf das Theater wa¬ gen, hat man nicht schon seine Noth mit dem lieben Publikum, wenn man hie und da ein bis¬ chen Choral anbringt. Sonst waͤr' die Julia gar keine uͤble Partie. Denkt Euch den doppel¬ ten Styl, in welchem sie glaͤnzen kann, erst die Romanzen, dann die Kirchengesaͤnge. Einige allerliebste spanische und mohrische Lieder hab' ich bereits fertig, auch ist der Sieges-Marsch der Spanier gar nicht uͤbel, so wie ich das Gebot der Koͤnigin melodramatisch zu behandeln Willens bin, wie indessen das Ganze sich zusammenfuͤgen soll, das weiß der Himmel! — Aber erzaͤhlt weiter, kommen wir wieder auf Julia , die hoffentlich nicht verbrannt seyn wird. Der Enthusiast . Denkt Euch, liebster Kapellmeister, daß jene Stadt, die die Spanier in ein und zwanzig Tagen aufbauten und mit Mauern umgaben, eben das heute noch stehende Santa Fe ist. Doch indem ich das Wort so un¬ mittelbar an Euch richte, falle ich aus dem feier¬ lichen Ton, der allein sich zu dem feierlichen Stoffe paßt. Ich wollte Ihr spieltet eins von Palestrina's Responsorien, die dort auf dem Pult des Fortepiano's aufgeschlagen liegen. Der Kapellmeister that es und hierauf fuhr der reisende Enthusiast also fort: Die Mauren unterließen nicht, die Spanier waͤhrend des Aufbaues ihrer Stadt auf mannig¬ fache Weise zu beunruhigen, die Verzweiflung trieb sie zur verwogensten Kuͤhnheit und so wur¬ den die Gefechte ernster als jemals. Aguillar hatte einst ein maurisches Geschwader, das die spanischen Vorwachen uͤberfallen, bis in die Mau¬ ern von Granada zuruͤck getrieben. Er kehrte mit seinen Reitern zuruͤck, und hielt unsern den er¬ sten Verschanzungen bey einem Myrthenwaͤldchen, sein Gefolge fortschickend, um so ernstem Gedan¬ ken und wehmuͤthiger Erinnerung sich mit ganzem Gemuͤth hingeben zu koͤnnen. Julia's Bild stand lebendig vor seines Geistes Augen. Schon waͤh¬ rend des Gefechts hoͤrte er ihre Stimme bald drohend bald klagend ertoͤnen und auch jetzt war es ihm als saͤusle ein seltsamer Gesang, halb mohrisches Lied halb christlicher Kirchen-Gesang, durch die dunklen Myrthen. Da rauschte ploͤtz¬ lich ein mohrischer Ritter im silbernen Schuppen¬ harnisch auf leichtem arabischen Pferde aus dem Walde hervor und gleich sauste auch der gewor¬ fene Speer dicht bey Aguillars Haupt vorbey. Er wollte mit gezogenem Schwert auf den Feind losstuͤrzen, als der zweyte Speer flog und seinem Pferde tief in der Brust stecken blieb, daß es sich vor Wuth und Schmerz hoch emporbaͤumte und Aguillar sich schnell von der Seite herab¬ schwingen mußte, um schwerem Falle nicht zu erlie¬ gen. Der Mohr war herangesprengt und hieb herab mit der Sichelklinge nach Aguillars entbloͤstem Haupt. Aber geschickt parirte Aguillar den Todesstreich und hieb so gewaltig nach, daß der Mohr sich nur rettete, indem er tief vom Pferde niedertauchte. In demselben Augenblick draͤngte sich des Mohren Pferd dicht an Aguillar , so daß er keinen zweyten Hieb fuͤhren konnte, der Mohr riß seinen Dolch hervor, aber noch ehe er zustoßen konnte, hatte ihn Aguillar mit Riesen¬ staͤrke erfaßt, vom Pferde heruntergezogen und ringend zu Boden geworfen. Er kniete auf des Mohren Brust und indem er mit der linken Faust des Mohren rechten Arm so gewaltig ge¬ packt hatte, daß er regungslos blieb, zog er sei¬ nen Dolch. Schon hatte er den Arm erhoben, um des Mohren Kehle zu durchstoßen, als dieser tief aufseufzte: Zulema ! — Zur Bildsaͤule erstarrt vermochte Aguillar nicht die That zu vollenden. „Unseliger,“ rief er, „welch' einen Namen nanntest du?“ Stoße zu, stoͤhnte der Mohr, stoße zu, du toͤdtest den, der dir Tod und Verderben geschworen hat. Ja! wisse, ver¬ raͤtherischer Christ, wisse, daß es Hichem der letzte des Stammes Alhamar ist, dem du Zulema raubtest! — Wisse, daß jener zerlumpte Bettler, der mit den Gebehrden des Wahnsinns in eurem Lager umherschlich, Hichem war, wisse daß es mir gelang, das dunkle Gefaͤngniß, in dem ihr Verruchte das Licht meiner Gedanken eingeschlos¬ sen, anzuzuͤnden, und Zulema zu retten. — „ Zulema — Julia lebt?“ rief Aguillar . Da lachte Hichem gellend auf im grausigen Hohn: Ja sie lebt, aber Euer blutiges dornen¬ gekroͤntes Goͤtzenbild hat mit fluchwuͤrdigem Zau¬ ber sie befangen und die duftende gluͤhende Blume des Lebens eingehuͤllt in die Leichentuͤcher der wahn¬ sinnigen Weiber, die ihr Braͤute Eures Goͤtzen nennt. Wisse, daß Ton und Gesang in ihrer Brust wie angeweht vom giftigen Hauch des Samums erstorben ist. Dahin ist alle Lust des Lebens mit Zulema's suͤßen Liedern, darum toͤdte mich — toͤdte mich, da ich nicht Rache zu nehmen vermag an dir, der du mir schon mehr als mein Leben entrissest.“ Aguillar ließ ab von Hichem und erhob sich, sein Schwert von dem Boden aufnehmend langsam. „ Hichem ,“ sprach er: „ Zulema , die in heiliger Taufe den Namen Julia empfing, wurde meine Gefan¬ gene im ehrlichen offenen Kampf. Erleuchtet von der Gnade des Herrn, entsagte sie Mahoms schnoͤdem Dienst und was du verblendeter Mohr boͤsen Zauber eines Goͤtzenbildes nennst, war nur die Versuchung des Boͤsen, dem sie nicht zu wi¬ derstehen vermochte. Nennst du Zulema deine Geliebte, so sey Julia , die zum Glauben be¬ kehrte, die Dame meiner Gedanken, und sie im Herzen, zur Glorie des wahren Glaubens will ich gegen dich bestehen im wackern Kampf. Nimm deine Waffen und falle gegen mich aus wie du willst nach deiner Sitte.“ Schnell ergriff Hi¬ chem Schwert und Tartsche, aber auf Aguil¬ lar losrennend, wankte er laut aufbruͤllend zuruͤck, warf sich auf das Pferd, das neben ihm stehen geblieben und sprengte gestreckten Galopps davon. Aguillar wußte nicht was das zu bedeuten haben koͤnnte, aber in dem Augenblick stand der ehrwuͤrdige Greis Agostino Sanchez hinter ihm und sprach sanft laͤchelnd: Fuͤrchtet Hichem mich oder den Herrn, der in mir wohnt und dessen Liebe er verschmaͤht? Aguillar erzaͤhlte alles was er von Julia vernommen und beyde erinnerten sich nun wohl an die prophetischen Worte Emanuela's , als Julia verlockt von Hichems Zithertoͤnen alle Andacht im Innern ertoͤdtend, den Chor waͤhrend des Sanctus ver¬ ließ. Der Kapellmeister . Ich denke an keine Oper mehr, aber das Gefecht zwischen dem Moh¬ ren Hichem im Schuppenharnisch und dem Feld? herrn Aguillar ging mir auf in Musik. — Hol' es der Teufel! — wie kann man nun besser gegen einander ausfallen lassen als es Mozart im Don Giovanni gethan hat. Ihr wißt doch — in der ersten — Der reisende Enthusiast . Still Ka¬ pellmeister! Ich werde nun meiner schon zu lan¬ gen Erzaͤhlung den letzten Ruck geben. Noch allerley kommt vor, und es ist noͤthig die Gedanken zusammen zu halten, um so mehr, da ich immer dabey an Bettina denke, welches mich nicht wenig verwirrt. Vorzuͤglich moͤcht' ich gar nicht, daß sie jemals etwas von meiner spa¬ nischen Geschichte erfuͤhre und doch ist es mir so, als wenn sie dort an jener Thuͤre lauschte, wel¬ ches natuͤrlicher Weise pure Einbildung seyn muß. Also weiter. — Immer und immer geschlagen in allen Ge¬ fechten, von der taͤglich-stuͤndlich zunehmenden Hungersnoth gedruͤckt, sahen sich die Mauren endlich genoͤthigt, zu kapituliren und im festlichen Gepraͤnge unter dem Donner des Geschuͤtzes zogen Ferdinand und Isabella in Granada ein. Priester hatten die große Moschee eingeweiht zur Cathedrale und dorthin ging der Zug, um in andaͤchtiger Messe, im feyerlichen Te deum lau¬ damus dem Herrn der Heerschaaren zu danken fuͤr den glorreichen Sieg uͤber die Diener Ma¬ homs, des falschen Propheten. Man kannte die nur muͤhsam unterdruͤckte, immer neu aufgeifernde Wuth der Mohren und daher deckten Truppenab¬ theilungen, die durch entferntere Straßen schlag¬ fertig zogen, die durch die Hauptstraße sich be¬ wegende Procession. So geschah es, daß Aguil ¬ lar an der Spitze einer Abtheilung Fußvolks eben auf entfernterem Wege sich nach der Cathe¬ drale, wo das Amt schon begonnen, begeben wollte, als er sich ploͤtzlich durch einen Pfeilschuß an der linken Schulter verwundet fuͤhlte. In demselben Augenblick stuͤrzte ein Haufen Mohren aus einem dunkeln Bogengange hervor, und uͤberfiel die Christen mit verzweifelnder Wuth. Hichem an der Spitze rannte gegen Aguillar an, dieser nur leicht verletzt, kaum den Schmerz der Wunde fuͤhlend, parirte geschickt den gewal¬ tigen Hieb und in demselben Augenblick lag auch Hichem mit gespaltenem Kopf zu seinen Fuͤßen. Die Spanier drangen wuͤthend ein auf die ver¬ raͤtherischen Mohren, die bald heulend flohen und sich in ein steinernes Haus warfen, dessen Thor sie schnell verschlossen. Die Spanier stuͤrmten heran, aber da regnete es Pfeile aus den Fen¬ stern, Aguillar befahl Feuerbraͤnde hinein zu werfen. Schon loderten die Flammen aus dem Dache hoch auf, als durch den Donner des Ge¬ schuͤtzes eine wunderbare Stimme aus dem bren¬ nenden Gebaͤude erklang: Sanctus — Sanctus Dominus deus Sabaoth . Julia — Julia ! rief Aguillar in trostlosem Schmerz, da oͤfne¬ ten sich die Pforten, und Julia im Gewande der Benedictiner-Nonne trat hervor mit starker Stimme singend: — Sanctus — Sanctus Dominus deus deus Sabaoth , hinter ihr zogen die Mohren in gebeugter Stellung die Haͤnde auf der Brust zum Kreuz verschraͤnkt. Erstaunt wichen die Spanier zuruͤck und durch ihre Reihen zog Julia mit den Mohren nach der Cathedrale — hineintre¬ tend intonirte sie das: Benedictus qui venit in nomine domini . Unwillkuͤhrlich, als komme die Heilige vom Himmel gesendet, Heiliges zu verkuͤnden den Gesegneten des Herrn, beugte das Volk die Knie. Festen Schrittes, den verklaͤrten Blick gen Himmel gerichtet, trat Julia vor den Hoch¬ altar zwischen Ferdinand und Isabellen , das Amt singend und die heiligen Gebraͤuche mit inbruͤnstiger Andacht uͤbend. Bey den letzten Lauten des: Dona nobis pacem , sank Julia entseelt der Koͤnigin in die Arme. Alle Mohren, die ihr gefolgt, empfingen, zum Glauben bekehrt, selbigen Tages die heilige Taufe. So hatte der Enthusiast seine Geschichte geen¬ det, als der Doktor mit vielem Geraͤusch eintrat, heftig mit dem Stock auf die Erde stieß und zor¬ X nig schrie: „da sitzen sie noch und erzaͤhlen sich tolle fantastische Geschichten ohne Ruͤcksicht auf Nachbarschaft und machen die Leute kraͤnker.“ — „Was ist denn nun wieder geschehen, mein Wer¬ thester,“ sprach der Kapellmeister ganz erschrocken. „Ich weiß es recht gut,“ fiel der Enthusiast ganz gelassen ein. „Nichts mehr und nichts weniger, als daß Bettina uns stark reden gehoͤrt hat, dort ins Cabinet gegangen ist und alles weiß.“ „Das habt ihr nun,“ sprudelte der Doktor, „von Euren verdammten luͤgenhaften Geschichten, wahnsinniger Enthusiast, daß ihr reizbare Gemuͤther vergiftet — ruinirt, mit Eurem tollen Zeuge; aber ich werde Euch das Handwerk legen.“ — „Herrlicher Doktor!“ unterbrach der Enthusiast den Zornigen, „ereifert Euch nicht und bedenkt, daß Bettina's psychische Krankheit psychische Mittel erfordert und daß vielleicht meine Geschichte“ — „Still still“ fiel der Doktor ganz gelassen ein, „ich weiß schon, was ihr sagen wollt.“ — „Zu einer Oper taugt es nicht, aber sonst gab es darin einige sonderbar klingende Akkorde.“ So murmelte der Kapellmei¬ ster, indem er den Hut ergriff und den Freunden folgte. Als drey Monat darauf der reisende Enthu¬ siast der gesundeten Bettina , die mit herrlicher Glocken-Stimme Pergoleses Stabat mater (jedoch nicht in der Kirche, sondern im maͤßig großen Zimmer) gesungen hatte, voll Freude und andaͤch¬ tigen Entzuͤckens die Hand kuͤßte, sprach sie: „Ein Hexenmeister sind Sie gerade nicht, aber zuweilen etwas widerhaarigter Natur.“ „wie alle Enthusia¬ sten.“ setzte der Kapellmeister hinzu.