Novellen von Paul Heyse. Berlin. Verlag von Wilhelm Hertz. (Bessersche Buchhandlung.) 1855. Meinem lieben Freunde Adolph Menzel zugeeignet. Inhalt. Die Blinden Seite 1 Marion 〃 69 La Rabbiata 〃 89 Am Tiberufer 〃 125 Die Blinden. 1 Erstes Capitel. A m offnen Fenster, das auf den kleinen Blumen¬ garten hinausging, stand die blinde Tochter des Dorf¬ küsters und erquickte sich am Winde, der über ihr heißes Gesicht flog. Die zarte, halbwüchsige Gestalt zitterte, die kalten Händchen lagen in einander auf dem Fenstersims. Die Sonne war schon hinab und die Nachtblumen fingen an zu duften. Tiefer im Zimmer saß ein blinder Knabe auf einem Schemelchen an dem alten Spinett und spielte un¬ ruhige Melodieen. Er mochte fünfzehn Jahre alt sein und nur etwa um ein Jahr älter als das Mädchen. Wer ihn gehört und gesehen hätte, wie er die großen offnen Augen bald emporwandte, bald das Haupt nach dem Fenster neigte, hätte sein Gebrechen wohl nicht geahnt. So viel Sicherheit, ja Ungestüm lag in sei¬ nen Bewegungen. Plötzlich brach er ab, mitten in einem geistlichen Liede, das er nach eignem Sinne verwildert zu haben schien. „Du hast geseufzt, Marlene?“ fragte er mit um¬ gewandtem Gesicht. 1 * „Ich nicht, Clemens. Warum sollt' ich seufzen? Ich schrak nur zusammen, wie der Wind auf einmal so heftig hereinfuhr.“ „Du hast doch geseufzt. Meinst du, ich hörte es nicht, wenn ich spiele? Und ich fühl' es auch bis hieher, wie du zitterst.“ „Ja, es ist kalt geworden.“ „Du betrügst mich nicht. Wenn dir kalt wäre, stündest du nicht am Fenster. Ich weiß aber, warum du seufzest und zitterst. Weil der Arzt morgen kommt und uns mit Nadeln in die Augen stechen will, dar¬ um fürchtest du dich. Und er hat doch gesagt, wie bald Alles geschehen sei, und daß es nur thue wie ein Mückenstich. Warst du nicht sonst tapfer und ge¬ duldig, und wenn ich als Kind schrie, so oft mir was weh that, hat dich meine Mutter mir nicht immer zum Muster aufgestellt, obwohl du nur ein Mädchen bist? Und nun weißt du dich nicht auf deinen Muth zu besinnen, und denkst gar nicht an das Glück, das wir hernach zu hoffen haben?“ Sie schüttelte das Köpfchen und erwiederte: „Wie du nur denken kannst, ich fürchtete mich vor dem kur¬ zen Schmerz. Aber beklommen bin ich von dummen, kindischen Gedanken, aus denen ich mich nicht heraus¬ finde. — Seit dem Tage schon, wo der fremde Arzt, den der Herr Baron hat kommen lassen, vom Schloß herunter zu deinem Vater kam, und die Mutter uns dann aus dem Garten rief, seit der Stunde schon liegt was auf mir und will nicht weichen. Du warst so in Freuden, daß du nichts gewahr wurdest. Aber wie dein Vater damals zu beten anfing und Gott Dank sagte für diese Gnade, schwieg es ganz still in mir und betete nicht mit. Ich sann in mir herum, wofür ich danken solle und begriffs nicht.“ So sprach sie mit ruhiger, gefaßter Stimme. Der Knabe schlug wieder einige leise Accorde an. Zwischen den heiser schwirrenden Tönen, wie sie die¬ sen alten Instrumenten eigen sind, klang ferner Ge¬ sang heimkehrender Feldarbeiter, ein Gegensatz wie der eines hellen, kräftig erfüllten Lebens zu dem Traumleben dieser blinden Kinder. Der Knabe schien es zu empfinden. Er stand rasch auf, trat an das Fenster mit sicherem Schritt — denn er kannte dies Zimmer und all sein Geräth — und indem er die schönen blonden Locken zurückwarf, sagte er: „Du bist wunderlich, Marlene! Die Eltern und Alle im Dorf wünschen uns Glück. Sollt' es nun kein Glück sein? Bis mir's verheißen wurde, hab' ich auch nicht viel danach gefragt. Wir sind blind, sagen sie. Ich verstand nie, was uns fehlen soll. Wenn wir draußen saßen am Wäldchen, und Rei¬ sende kamen vorbei und sagten: Arme Kinder! ward ich zornig und dachte: Was haben sie uns zu be¬ dauern? Aber daß wir anders sind als die Andern, das wußt' ich wohl. Sie sprachen oft Dinge, die ich nicht verstand und die doch lieblich sein müssen. Nun wir's auch wissen sollen, läßt mich die Neugier nicht los Tag und Nacht.“ „Mir war's wohl, so wie es war,“ sagte Marlene traurig. „Ich war so fröhlich und hätte all mein Lebtag so fröhlich sein mögen. Nun kommt es wohl anders. Hast du nicht die Leute klagen hören, die Welt sei voll Noth und Sorgen? Und kannten wir die Sorge?“ „Weil wir die Welt nicht kannten; und ich will sie kennen, auf alle Gefahr. Ich ließ mir das auch gefallen, so mit dir hinzudämmern und faul sein zu dürfen. Aber nicht immer; und ich will nichts vor¬ aus haben vor denen, die es sich sauer werden lassen. Manchesmal, wenn mein Vater uns Geschichte lehrte und von Helden und wackern Thaten erzählte, fragt' ich ihn, ob der und der auch blind gewesen. Aber wer was Rechtes gethan hatte, der konnte sehen. Da hab' ich mich oft tagelang mit Gedanken geplagt. Dann, wenn ich wieder Musik machte und gar Orgel spielen durfte — an deines Vaters Stelle, vergaß ich meinen Unmuth. Aber wenn er wiederkam, dacht' ich: Sollst du immer Orgel spielen und die tausend Schritt weit im Dorf umher gehn, und außer dem Dorf kennt dich kein Mensch und nennt dich Keiner, wenn du gestorben bist? Siehst du, seit nun der Arzt im Schlosse ist, hoffe ich, daß ich noch ein ganzer Mann werden kann! Und dann gehe ich in die Welt, und jede Straße, die mir ansteht, und habe Keinem was nachzufragen.“ „Auch mir nicht, Clemens!“ Sie sagte das ohne Klage und Vorwurf. Aber der Knabe erwiederte heftig: „Höre, Marlene! sprich nicht so Zeugs, was ich nicht leiden kann. Meinst du, ich würde dich allein zu Hause lassen und mich so fortstehlen in die Fremde? Traust du mir's zu?“ „Ich weiß wohl, wie es geht. Wenn die Bur¬ sche im Dorf zur Stadt müssen oder auf Wander¬ schaft, da geht Keins mit, auch nicht die eigene Schwe¬ ster. Und hier sogar, wenn sie noch unerwachsen sind, laufen die Knaben von den Mädchen weg, gehn in den Wald mit ihres gleichen und necken die Mäd¬ chen, wo sie ihnen begegnen. Bisher, da ließen sie dich mit mir zusammen, und wir spielten und lern¬ ten mit einander. Du warst blind wie ich; was woll¬ test du bei den andern Jungen? Aber wenn du sehen kannst und du wolltest bei mir im Haus sitzen, wür¬ den sie dir nachspotten, wie sie's Jedem thun, der's nicht mit ihnen hält. Und dann — dann gehst du gar fort auf lange Zeit, und ich hatte mich so ganz an dich gewöhnt!“ Sie hatte die letzten Worte mit Mühe herausge¬ bracht; da übermannte sie die Angst und sie schluchzte laut. Clemens zog sie fest an sich, streichelte ihr die Wangen und sagte dringend: „Du sollst nicht wei¬ nen! Ich will nicht von dir gehen, nie, nie! und eh ich das thäte, will ich lieber blind sein und Alles vergessen. Ich will nicht von dir, wenn dich's wei¬ nen macht! Komm, sei ruhig, sei froh! Du darfst dich nicht erhitzen, hat der Arzt gesagt, weil es den Augen nicht gut ist. Liebe, liebe Marlene!“ Er drückte sie fest in den Arm und küßte sie, was er nie zuvor gethan. Draußen rief seine Mutter vom nahen Pfarrhaus herüber. Er führte die fort und fort Weinende zu einem Lehnstuhle an der Wand, ließ sie darauf niedersinken und ging eilig hinaus. Kurz darauf schritt ein würdiges Paar den Schlo߬ berg herab ins Dorf, der Pfarrer, eine hohe, gewal¬ tige Gestalt in aller Kraft und Majestät eines Apo¬ stels, der Küster, ein schlichtgewachsener Mann von demüthiger Haltung, dessen Haar schon weiß wurde. Sie waren beide vom Gutsherrn eingeladen worden, den Nachmittag mit ihm und dem Arzt zuzubringen, der auf die Einladung des Barons aus der Stadt herübergekommen war, die Augen der beiden Kinder zu prüfen und eine Operation zu versuchen. Nun hatte er den hocherfreuten Vätern wiederholt seine Hoffnung auf völlige Heilung versichert, und gebeten, auf den kommenden Tag sich bereit zu halten. Den Müttern lag es ob, in der Pfarre das Nöthige zu¬ zurüsten; denn man wollte die Kinder an dem Tage nicht trennen, der beiden das so lange gemeinsam entbehrte Licht bringen sollte. Als die beiden Väter vor ihren einander gegen¬ über gelegenen Häusern angekommen waren, drückte der Pfarrer seinem alten Freunde die Hand und sagte mit feuchtem Blick: „Gott sei mit uns und ihnen!“ dann schieden sie. Der Küster ging in sein Haus; da war Alles still, die Magd draußen im Garten. So trat er in sein Zimmer und war der Stille froh, die ihn mit seinem Gott allein sein ließ. Als er über die Schwelle geschritten, erschrak er. Sein Kind war vom Stuhle aufgefahren, drückte das Tuch hastig vor die Augen, die Brust flog ihr wie von Krämpfen, die Wangen und Lippen waren blaß. Er sprach ihr zu und bat sie, sich zu fassen und fragte ernstlich: „Was ist dir geschehen?“ Sie antwortete nur mit Thränen, die sie selbst nicht verstand. Zweites Capitel. In zwei Kammern des Pfarrhauses, die im obern Geschoß nach Mitternacht gelegen waren, hatte man die Kinder gebettet. Die Fenster waren in Erman¬ gelung der Läden mit dunkeln Tüchern sorglich ver¬ hangen, so daß vom hellsten Tage kaum ein Zwie¬ licht herein drang. Der geräumige stille Baumgarten des Pfarrers verschattete zum Ueberfluß die Mauer und hielt das Geräusch des täglichen Lebens fern. Besonders für das Mädchen hatte der Arzt die größte Vorsicht eingeschärft. Was an ihm gewesen, sei geglückt. Nun müsse die Natur im Stillen das Uebrige thun, und des Mädchens leicht erregbares Wesen brauche der strengsten Pflege und Schonung. Marlene war in der entscheidenden Stunde un¬ verzagt gewesen. Als ihre Mutter bei dem Schritt des Arztes über den Flur in Weinen ausbrach, war sie zu ihr getreten, um sie zu beschwichtigen. Der Arzt fing mit dem Knaben an, der aufgeregt, aber von gesundem Muth, niedersaß und Alles ertrug. Nur wollte er nicht dulden, daß man ihn während der Operation halte. Erst Marlenens Zureden bewog ihn, sich auch das gefallen zu lassen. Als der Arzt von den entschleierten Augen auf einige Secunden die Hand wegnahm, schrie er heftig auf vor freudi¬ gem Schreck. Marlene zuckte zusammen, dann bestand sie auch ohne einen Laut die kurze Pein. Aber Thränen stürz¬ ten ihr aus den Augen und ihr Leib zitterte, so daß der Arzt ihr die Binde eilig umthat und sie selbst in ihre Kammer bringen half, denn die Kniee wankten ihr. Dort auf ihrem Lager stritten sich lange Schlaf und Ohnmacht um sie, während der Knabe versicherte, ihm sei völlig wohl, und nur auf den ernsten Befehl des Vaters sich niederlegte. Sobald aber entschlief er nicht. Bunte Gestalten, bunt zum erstenmal, glitten an ihm vorüber, geheim¬ nißvoll, die ihm noch Nichts waren und doch so Viel werden sollten, wenn die Leute Recht hatten, die ihm Glück wünschten. Er fragte Vater und Mutter, die an seinem Bette saßen, nach hundert Dingen, die ihm freilich die tiefsinnigste Wissenschaft nicht hätte enträthseln können. Denn was weiß sie von dem Quell des Lebens? Der Vater bittet ihn, sich zu ge¬ dulden, denn mit Gottes Hilfe werde er bald in seinen Zweifeln selbst klarer sehen. Jetzt sei ihm Ruhe noth und vor Allem Marlenen, die er leicht durch sein Sprechen aufwecken könne. Da schweigt er denn und horcht durch die Wand. Er bittet flüsternd, man solle die Thür öffnen, daß er hören könne, ob sie schlafe und nicht etwa stöhne vor Schmerz. Die Mutter thut ihm den Willen. Nun liegt er unbe¬ weglich und lauscht, und das Athmen seiner schlafen¬ den kleinen Freundin, das ruhig aus- und eingeht, singt ihn endlich auch in den Schlaf. So lagen sie stundenlang. Im Dorf draußen ging es stiller zu als sonst. Wer mit einem Fuhr¬ werk der Pfarre vorbei mußte, hütete sich vor allem Lärm. Auch die Schulkinder, denen es der Lehrer gesagt haben mochte, tobten nicht wie sonst aus dem Unterricht nach Haus, sondern gingen, das Haus scheu und flüsternd anblickend, paarweise entfernten Spielplätzen zu. Nur der Gesang der Vögel schwieg nicht in den Zweigen; aber wann hätte sein Klang ein ruhbedürftiges Menschenkind gestört oder ver¬ drossen? Erst die Heerdenglocken weckten die beiden Kinder. Des Knaben erste Frage war, ob Marlene schon nach ihm gerufen habe. Er fragte sie dann halblaut, wie sie sich fühle. — Der dumpfe Schlaf hat ihr kaum wohlgethan und die Augen brennen ihr unter der leichten Binde. Aber sie zwingt sich, sagt, es sei ihr besser, und plaudert heiter mit Clemens, dem die abenteuerlichsten Gedanken über die Lippen gehen. Spät, als der Mond schon aus dem Walde stieg, klopft zaghafte Kinderhand an die Thür des Pfarr¬ hauses. Die kleinen Mädchen vom Dorfe sind's mit einem Kranz für Marlene von ihren besten Garten¬ blumen und einem Strauß für Clemens. Als man ihn dem Knaben bringt, verklärt sich sein Gesicht. Der Duft und der kühle Thau erfrischen ihn. Er bittet: „Sagt ihnen viel schönen Dank. Sie sind gute Mädchen. Jetzt bin ich noch krank. Aber wenn ich erst sehen darf, steh' ich ihnen bei gegen die Bu¬ ben.“ — Marlene, da man ihr den Kranz aufs Bett legte, schob ihn mit den blassen Händchen sanft zurück und sagte: „Ich kann nicht! Mir schwindelt, Mutter, wenn mir die Blumen nahe sind. Bring' ihn dem Clemens auch!“ Sie fiel bald wieder in ihren fieberhaften Halb¬ schlaf. Erst die gesunde Nähe des Tages beruhigte sie, und der Arzt, der in aller Frühe kam, fand sie außer Gefahr, wie er kaum gehofft hatte. Lange saß er dann am Bett des Knaben, hörte lächelnd die seltsamen Fragen an, ermahnte ihn freundlich zu Ge¬ duld und Ruhe und ging mit der besten Zuversicht. Aber Ruhe und Geduld einem anzusinnen, dem ein vielgelobtes Land endlich einen Augenblick aus der Ferne gezeigt worden! Der Vater muß, so oft sein Amt ihm die Zeit läßt, in die Kammer hinauf und erzählen. Die Thür darf dann nicht geschlossen werden, daß auch Marlene die schönen Geschichten hören kann, Legenden von frommen Männern und Frauen, denen Gott schwere Gebrechen gegeben und genommen, das Märchen vom armen Heinrich, für den das fromme Mägdlein in ihrer Demuth sich hat opfern wollen, und wie Gott Alles herrlich hinaus¬ geführt habe, und was der würdige Pfarrer an er¬ baulichen Historien aufzutreiben wußte. Wenn dann dem frommen Mann unvermerkt die Erzählung zum Gebet wurde, oder die Mutter mit ihrer klaren Stimme ein Danklied zu singen anhob, faltete Clemens auch die Hände und sang mit; aber gleich darauf warf er neue Fragen hin, die zeigten, daß er mehr Antheil an der Geschichte genommen, als am Gesang. Marlene fragte nie. Sie war freund¬ lich zu Jedermann, und Keiner ahnte, wie viele Ge¬ danken und Fragen in ihr arbeiteten. Sichtbar genasen sie von Tag zu Tag, und schon am vierten nach der Operation erlaubte ihnen der Arzt aufzustehn. Er selber stützte das Mädchen, wie sie schwach und zitternd durch die finstere Kammer ging nach der offenen Thür, in der der Knabe stand und fröhlich seine suchenden Hände nach den ihren ausstreckte. Dann hielt er ihre Hand fest und bat sie, sich auf ihn zu stützen, was sie zutraulich that. Sie schritten die Kammer auf und ab mit ein¬ ander, und er mit dem feinen Gefühl der Oertlich¬ keit, wie es Blinden eigen ist, geleitete sie behutsam an den Sesseln und Schränken vorüber, die an den Wänden standen. „Wie ist dir?“ fragte er sie. — „Mir ist wohl,“ war ihre Antwort heut wie immer. „Komm“, sagte er rasch, „lehn dich fester an; du bist noch matt. Es thäte dir gut, ein bischen Wie¬ senduft im Freien zu athmen, denn hier ist die Luft dick und schwer. Aber noch ist's nicht gesund, sagt der Doctor. Die Augen werden wund und erblin¬ den gar wieder, wenn sie zu früh ins Licht sehen. O, nun weiß ich schon, was Licht und Dunkel ist. Kein Flötenton ist so süß, als wenn es dir so weit ums Auge wird. Es that mir weh, muß ich sagen; doch hätt' ich immer so ins Bunte starren mögen; so selig war der Schmerz. Du wirst es auch erleben. Aber es ist noch mancher Tag zu überstehen, bis es uns so gut wird. Dann aber thu' ich den ganzen Tag nichts als sehen. Was ich wissen möchte, Mar¬ lene: sie sagen, jedes Ding habe eine andere Farbe. Was für Farben mag dein und mein Gesicht haben? dunkel oder hell? Es wäre garstig, wenn sie nicht recht schön hell wären. Ob ich dich wohl erkenne mit den Augen? Jetzt, so tastend, will ich dich mit meinem kleinen Finger unter allen Menschen heraus¬ finden. Aber hernach — da haben wir uns ganz von neuem kennen zu lernen. Ich weiß jetzt, deine Wangen und deine Haare sind weich anzufühlen. — Ob sie den Augen auch so sein mögen? Das wüßt' ich gern, und es ist noch so lange hin!“ In diesem Ton plauderte er unaufhörlich und ach¬ tete nicht darauf, daß sie stumm neben ihm ging. Manche von seinen Worten waren ihr tief zu Herzen gegangen. Sie war nie darauf verfallen, daß sie sich selbst nun auch sehen würde, und wußte auch kaum, wie sie sich das zu denken habe. Von Spiegeln hatte sie gehört, ohne es zu verstehen. Sie dachte sich jetzt, sobald ein Sehender die Augen aufthäte, er¬ schiene ihm sein eigen Angesicht. Nun, wie sie wieder im Bett lag und die Mutter dachte, sie schliefe, ging ihr das Wort durch den Sinn: Es wäre garstig, wenn unsere Gesichter nicht hell wären. Sie hatte von Schön und Häßlich gehört, und daß häßliche Menschen bemitleidet und oft min¬ der geliebt würden. Wenn ich nun häßlich bin, sagte sie sich, und er will nichts mehr von mir wissen! Sonst war es ihm gleich. Er spielte gern mit mei¬ nen Haaren und nannte sie Seidenfädchen. Das wird nun aufhören, wenn er mich garstig findet. Und er , wenn er's auch ist, ich will's ihn gewiß nicht merken lassen, will ihn doch lieb haben. Aber nein, ich weiß wohl, er kann nicht häßlich sein, er nicht! Lange grübelte sie in Kummer und Neugier ver¬ sunken. Es war schwül. Im Garten die Nachti¬ gallen riefen ängstlich herein und ein zuckender West¬ wind stieß gegen die Scheiben. Sie war ganz allein in der Kammer, denn das Bett der Mutter, die sonst bei ihr geschlafen, war der Hitze wegen aus dem engen Gemache wieder hinausgeschafft. Ueber¬ dies hielt man eine Nachthüterin nicht mehr für nö¬ thig, da das Fieber völlig geschwunden war. Und gerade heute überkam es sie wieder und warf sie hin und her, bis lange nach Mitternacht ein kurzer dumpfer Schlaf sich ihrer erbarmte. Indessen zog das Wetter, das die Hälfte der Nacht murrend am Horizonte gekreis't hatte, mit Macht herauf, lagerte sich über dem Wald und stand nun still; denn der Wind schwieg. Ein heftiger Donner schallt in Marlenens Schlummer hinein. Halbträu¬ mend fährt sie empor. Sie weiß nicht was sie sucht und sinnt, in ungewisser Angst treibt es sie aufzu¬ stehen, ihre Kissen sind so heiß! Nun steht sie am Bett und hört draußen den starken Regen nieder¬ rauschen. Aber er kühlt ihre fiebernde Stirne nicht. Sie sucht sich zu fassen und zurecht zu finden und findet in ihrer Seele nichts, als die traurigen Ge¬ danken, mit denen sie einschlief. Ein seltsamer Ent¬ schluß geht in ihr auf. Sie will hinein zu Clemens. Auch er ist allein. Wer hindert sie, ihrer Ungewi߬ heit ein Ende zu machen und sich und ihn zu sehn? Nur dies Eine denkt sie und alle Worte des Arztes sind vergessen. So geht sie, ohne sich zu besinnen, ganz wie sie ihr Bett verlassen, der Thüre zu, die 2 halb offen steht, findet die Lehne des Bettes, huscht auf den Zehen an des Schlafenden Seite und mit verhaltenem Athem über ihn gebeugt, reißt sie sich rasch die Binde von den Augen. Aber sie erschrickt, da es dunkel bleibt wie zuvor. Sie hatte vergessen, daß es Nacht sei und daß man ihr gesagt hatte, in der Nacht seien die Menschen allzumal blind. Sie hatte gedacht, es müsse eine Klarheit ausströmen von einem sehenden Auge und so sich und die Dinge erleuchten. Nun fühlte sie den Hauch des Knaben sanft an ihre Augen wehen, aber sie unterschied keine Gestalt. Schon will sie bestürzt und fast verzweifelnd wieder zurück — da flammt durch die nicht mehr genau verhüllten Scheiben ein secundenlanger Blitz, dann ein zweiter und dritter, die Luft wogt von Helle hin und her, Donner und Regenguß wachsen an Lärm —; sie aber starrt einen Augenblick auf das Lockenhaupt, das sanft in die Kissen gedrückt da lag; dann verschwimmt das Bild, die Augen thränen gewaltsam, und von unaussprech¬ licher Angst aufgescheucht flieht sie in ihre Kammer, legt die Binde um, sinkt aufs Bett, und in ihr ist es, als wisse sie es unerschütterlich, daß sie gesehen hat zum ersten und letzten Male. Drittes Capitel. Wochen sind vergangen. Zum ersten Mal soll sich die junge Kraft der Augen am Licht versuchen. Der Arzt, der indeß von der Stadt aus die einfache Pflege der Kinder geleitet hat, war an einem um¬ wölkten Tage herüber gekommen, um selbst zugegen zu sein und die Frucht seiner Sorge mitzugenießen. Man hatte statt der Vorhänge Laubgewinde um die Fenster gebreitet und beide Kammern mit Grün und Blumen festlich aufgeschmückt. Der Gutsherr selbst und wer im Dorfe den beiden Familien am nächsten stand hatte sich eingefunden, Eltern und Kindern Glück zu wünschen und sich am Staunen der Geheilten zu freuen. Marlene drückte sich in düsterer Angst in die Zweige im Winkel, als Clemens, hochroth vor Ent¬ zücken, ihr gegenübergestellt wurde uud ihre Hand faßte. Er hatte sich's ausgebeten, sie zuerst sehen zu dürfen. So lös'te man ihnen in demselben Augen¬ blick die Binden. Ein Ach des höchsten wortlosen Jubels klang von des Knaben Lippen. Er blieb starr auf demselben 2 * Fleck, ein verklärtes Lächeln um die Lippen, die hellen Augensterne hierhin und dorthin bewegend. Er hatte vergessen, daß Marlene vor ihm stehen sollte und wußte ja noch nicht, was menschliche Gestalt sei. Sie that auch nichts, ihn an sich zu erinnern. Ohne Re¬ gung stand sie, nur leicht mit den Wimpern zuckend, die klare, braune, todte Augen beschatteten. Noch hatte man kein Arg. Die Wunder, dachte man, die sie zuerst fremd ansehen, versteinern sie. Aber als die Freude des Knaben laut ausbrach, man ihm sagte: das ist Marlene! und er in der alten Gewohn¬ heit mit der Hand ihre Wangen suchte und sagte: „du hast ein helles Gesicht“ — da stürzten ihre Thränen hervor, sie schüttelte heftig den Kopf und sagte kaum vernehmlich: „Es ist ja dunkel hier! Es ist ja Alles wie es war!“ Wer schildert das Entsetzen der nächsten Stunde! Der Arzt, tief erschüttert, führte sie auf einen Stuhl zum Fenster und untersuchte die Augen. Das graue Häutchen des Staars, das er entfernt hatte, war nicht wieder erneut. Nichts unterschied die Pupille von gesunden, als, die leblose, traurige Starrheit. „Der Nerv ist erloschen,“ sagte er. „Eine heftige Erschütterung durch einen plötzlichen, grellen Schein muß ihn getödtet haben.“ — Die Küstersfrau ver¬ ließen ihre Sinne; sie fiel ihrem Manne todtenblaß in den Arm. Clemens begriff noch kaum, was vor¬ ging. Seine Seele war von dem neu geschenkten Leben zu voll. Aber Marlene lag in Thränen auf¬ gelöst und antwortete auf keine Frage des Arztes. Auch später erfuhr man nichts von ihr. Sie wisse nicht, wie es gekommen; man solle ihr vergeben, daß sie so kindisch geweint habe. Sie wolle Alles hin¬ nehmen, wie es ihr beschieden sei. Habe sie es doch bisher nicht anders gekannt. Als man Clemens das Unglück klar gemacht hatte, gerieth er außer sich, stürzte zu ihr und schrie unauf¬ hörlich: „Du sollst auch sehen! Ich will nichts vor dir voraus haben. Sei ruhig, es wird nicht Alles verloren sein. Ach nun weiß ich erst, was du ver¬ loren hättest! Es ist nichts, daß man selber sieht. Aber Alles ringsum hat Augen und sieht uns an, als hätt' es uns lieb. Und es wird dich auch an¬ sehen; gedulde dich nur und weine nicht.“ — Und dann fragte er nach dem Arzt und drängte sich ungestüm an ihn und bat unter Thränen, Marlenen zu helfen. Dem braven Manne standen helle Tropfen im Auge; er faßte sich mühsam, ermahnte ihn sich zu schonen, er wolle sehen, was zu thun sei, und hielt ihn mit Hoffnungen hin, um eine Aufregung zu verhüten, die ihm hätte gefährlich werden können. Den Eltern verhehlte er die trostlose Wahrheit nicht. Aber des Knaben Schmerz schien Marlene ge¬ tröstet zu haben. Sie saß still am Fenster und rief ihn leise zu sich. „Es muß dich nicht so kümmern,“ sagte sie. „Es kommt Alles von Gott. Freue dich nur, wie ich mich freue, daß du geheilt bist. Du weißt ja, ich habe nie sonderlich danach verlangt. Nun wär' ich's auch zufrieden, wenn es meine Eltern nicht so betrübte. Aber sie werden sich daran ge¬ wöhnen, und du auch, und so wird es gut werden, wenn du mich nur lieb behältst, da ich nun bleibe, wie ich war.“ Er ließ sich nicht beruhigen, und der Arzt drang darauf, die Kinder zu trennen. Man führte Cle¬ mens hinunter in das größere Zimmer, wo sich die Leute aus dem Dorf um ihn drängten. Sie drückten ihm der Reihe nach die Hand und sagten herzliche Worte. Ihn betäubte die Menge. Er sagte nichts als: „Wißt ihr auch schon, Marlene ist blind ge¬ blieben!“ Und weinte dann von neuem. Es war hohe Zeit, ihm die Binde wieder umzu¬ thun und ihn in ein einsames, kühles Zimmer zu bringen. Da lag er und war erschöpft von Freude, Schmerz und Weinen. Der Vater sprach mild und fromm zu ihm, was ihm doch wenig half. Auch im Schlaf weinte er viel und schien ängstlich zu träumen. Am folgenden Tag aber forderten Freude, Wi߬ begier und Staunen ihr Recht an ihn, und die Trauer über Marlenen schien ihm nur nahe zu kom¬ men, wenn er sie sah. Er hatte sie gleich in der Frühe besucht und mit der zärtlichsten Sorge gefragt, ob sich über Nacht nichts geändert und gebessert habe. Dann aber beschäftigte ihn die bunte Welt, die sich ihm aufthat, und wenn er zu Marlenen zurückkam, war es nur, ihr ein neues Wunder zu schildern, wo er denn oft mitten im Fluß der hastigen Erzählung einhielt, durch einen Blick auf die arme kleine Freun¬ din erinnert, wie weh ihr seine Freude thun müsse. Im Grunde that sie ihr aber nicht weh. Sie wollte nichts für sich; ihn begeistert reden zu hören, war ihr ein Fest. Aber als er seltener kam, im Wahn, sie zu betrüben, und dann schweigsam war, weil ihm alles Andere verschwand gegen Das, was er ihr nicht zu sagen wagte, wurde sie unruhig. Sie hatte ihn sonst am Tage nur selten entbehrt. Jetzt saß sie viel allein. Die Mutter kam wohl oft, ihr Gesellschaft zu leisten. Aber die gute Laune der sonst lebhaften Frau war fort, seit ihre liebste Hoffnung fehlgeschla¬ gen. Sie wußte ihrem Kinde nichts zu sagen, als Trostworte, die ihre eigenen Seufzer Lügen straften und die Marlenen wenig sein konnten. — Wie viel von dem, was sie nun litt, hatte das Mädchen vor¬ aus gefürchtet! Und doch überraschte sie das Gefühl der Entbehrung mit unbekannten Schmerzen. Sie saß nun wieder oft in ihres Vaters Gärt¬ chen unter den Zweigen und spann. Wenn dann Clemens zu ihr kam, glänzte es seltsam um ihre ar¬ men Augen. Er war immer freundlich zu ihr, setzte sich neben sie auf das Bänkchen und streichelte ihr Haar und Wangen wie sonst. Sie bat ihn einmal, er solle nicht so still sein. Wenn er ihr erzähle, wie die Welt sei und was er täglich mehr von ihr lerne, so fühle sie nichts von Neid. Aber wenn er gar nicht komme, so bleibe sie gar zu einsam. Sie erinnerte ihn mit keinem Wort daran, daß er ihr an jenem Abend versprochen hatte, sie nie zu verlassen; denn sie hatte längst darauf verzichtet. Nun aber war es, als sei sie ihm doppelt lieb geworden, seit er ihr nichts mehr zu verschweigen hatte. Da floß ihm das Herz über und er erzählte ihr stundenlang von Sonne, Mond und den Gestirnen, von allen Blumen und Bäumen, und vor Allem, wie die Eltern und sie selbst aussähen. Sie bebte freudig bis ins innerste Herz, als er ihr unschuldig sagte, daß sie hübscher sei, als alle Mädchen im Dorf. Nun beschrieb er sie, daß sie so schlank sei und einen feinen Kopf habe und dunkle, zarte Augenbrauen. Er habe sich nun auch gesehen, im Spiegel, aber er sei lange nicht so hübsch. Er brauch' es auch nicht, und es sei ihm gleichgiltig; wenn er nur ein gescheiter Mann werde. Männer seien überhaupt nicht so schön wie Frauen. Sie verstand das Alles nicht ganz; aber so viel begriff sie, daß sie ihm gefalle, und was wollte sie mehr? Sie kamen nicht wieder auf diese Dinge zu spre¬ chen. Aber unerschöpflich war er, ihr von der schö¬ nen Welt zu reden. Wenn er dann nicht kam, dachte sie seinen Worten nach und es beschlich sie fast wie Eifersucht auf diese Welt, die ihn ihr raubte. Leise wuchs dies feindliche Gefühl an und ward bald her¬ rischer, als ihre Freude über sein Glück. Vor Allem haßte sie die Sonne; denn sie wußte, daß diese glän¬ zender sei, als Alles und in ihrer unklaren Vorstel¬ lung war glänzend und schön ein und dasselbe. Nichts verstimmte sie mehr, als wenn er Abends bei ihr saß und über den Sonnenuntergang in einen Rausch von Entzücken gerieth. Mit solchen Worten hatte er nie von ihr gesprochen; und warum vergaß er sie so völlig über diesem Schauspiel, daß er es nicht sah, wenn ihr der seltsame eifersüchtige Kum¬ mer Thränen in die Augen preßte? Noch schwerer ward ihr das Herz, als der Pfar¬ rer, sobald es der Arzt gestattete, seinen Sohn zu unterrichten anfing. Vor der Heilung hatte Clemens den größten Theil des Tages mit Musikübungen ver¬ bracht. Religionsunterricht, Geschichte, Mathematik und ein wenig Latein war Alles, was früher nöthig und möglich schien, und man ließ Marlene an den Stunden Theil nehmen, die nicht viel über die all¬ gemeinsten Kenntnisse hinausgingen. Jetzt, wo der Knabe den entschiedensten Hang zu Naturwissenschaften an den Tag legte, ward er ernstlich beschäftigt und für eine der höheren Classen der städtischen Schulen vorbereitet. Sein fester Wille arbeitete sich rastlos durch, und seine guten Anlagen halfen ihm, in überraschend kurzer Zeit seinen Jahren nachzukommen und das Versäumte einzubringen. Manche Stunde saß er denn auch wohl mit einem Buch in des Küsters Garten. Aber es war doch an kein Geplauder zu denken, wie sonst, und Marlene fühlte wohl, daß sie jetzt zwei¬ fach entbehre, den Unterricht und ihren Freund. Viertes Capitel. Der Herbst unterbrach auf einige Tage die Ar¬ beiten des Knaben. Der Pfarrer hatte beschlossen, noch vor dem Winter seinen Sohn in das nahe Ge¬ birge mitzunehmen, daß er Berg und Thal sähe und weiter hineinblicke in die Welt, die ihm schon in der dürftigen Dorfebene so schön geschienen. Als man es dem Knaben sagte, fragte er: „Und wir nehmen doch Marlene mit?“ Man versuchte es ihm auszureden. Aber er wollte nicht ohne sie reisen. „Wenn sie auch nichts sieht, die Bergluft soll gesund sein, und sie ist seit lange blaß und matt und fängt Grillen ohne mich.“ So that man ihm seinen Willen. Das Mädchen wurde zu ihm und seinen Eltern in den Wagen gehoben und eine kurze Tagreise brachte sie an den Fuß des Berglandes. Nun begann das Wandern zu Fuß. Geduldig führte der Knabe seine blinde Freundin, die ver¬ schlossener war als je. Oft wäre er noch gern auf diese oder jene vereinzelte Felshöhe geklettert, die eine neue Aussicht versprach. Aber er stützte sie, wo sie ging, und trat sein Amt nicht ab, so viel sich die Eltern dazu anboten. Nur wenn sie eine Höhe er¬ reicht hatten und auf einer schattigen Stelle rasteten, beurlaubte er sich von dem Mädchen und suchte sich durch die gefährlichsten Klippen eigene Wege, seltne Steine sammelnd, oder Blumen, die in der Tiefe nicht wuchsen. Kam er dann zu den Ruhenden zu¬ rück, so hatte er immer etwas für Marlenen, Bee¬ ren oder eine stark duftende Blume, oder das weiche Nest eines Vogels, das der Wind vom Baum ge¬ weht hatte. Sie nahm ihm Alles freundlich ab und schien vergnügter zu sein, als daheim. Und sie war es auch, weil sie doch den Tag über Eine Luft mit ihm athmete. Daneben aber begleitete sie ihre thörichte Eifersucht, und sie zürnte dem Gebirge, dessen herbst¬ liche Pracht, wie sie wähnte, ihm die Welt nur lieber machte und ihn ihr selbst nur mehr entfremdete. Der Pfarrerin fiel ihr seltsames Wesen auf. Sie sprach mit ihrem Manne dann und wann über das Kind, das ihnen Beiden wie das eigene lieb war. Und Beide gaben die Schuld ihres hartnäckigen Trübsinns der getäuschten Hoffnung. Und doch entbehrte das Mäd¬ chen nichts, was ihr verheißen und ihrer Hoffnung vorgespiegelt worden war, sondern nur was sie ge¬ kannt und besessen hatte. Am zweiten Tage der Reise sollte in einem ein¬ samen Hause übernachtet werden, das durch die Nähe eines gewaltigen Wasserfalls berühmt war. Sie hatten eine weite Wanderung bestanden, und die Frauen waren erschöpft. Als sie das Haus erreichten, führte der Pfarrer seine Frau hinein, ohne vorher die Strecke nach der Schlucht weiter hinauf zu wandern, aus der man den Sturz brausen hörte. Auch Marlene war völlig ermattet; aber sie wollte Clemens folgen, den noch nicht nach Ruhe verlangte. So stiegen sie die Stufen weiter hinan, und immer deutlicher klang das tosende Wasser herüber. Mitten auf der schmalen Steile verließ Marlenen die letzte Kraft. „Ich will hier sitzen bleiben“, sagte sie. „Geh du vollends hin¬ auf und hole mich wieder, wenn du dich satt gesehen hast.“ Er erbot sich, sie zuerst ins Haus zu bringen, aber sie saß schon, und so verließ er sie und ging dem Schalle nach, selig ergriffen von der Einsamkeit und Majestät des Ortes. Das Mädchen saß auf einem Stein und wartete seiner Rückkehr. Es däuchte sie, daß er unendlich zögere. Ein Frost überrieselte sie, und der dumpfe ferne Donner des Wasserfalls machte sie schauern. Warum kommt er nicht? dachte sie bei sich. Er wird mich vergessen über seiner Freude, wie immer. Fänd' ich nur den Weg ins Haus, daß ich warm würde! — So saß sie ängstlich und horchte in die Ferne. Plötzlich war es ihr, als unterscheide sie seine Stimme, die ihr zurief. Zitternd fuhr sie in die Höhe. Was sollte sie thun? Sie versuchte unwillkürlich einen Schritt, aber ihr Fuß glitt aus, sie taumelte und fiel. Zum Glück waren die Steine neben dem Weg mit Moos überwuchert. Aber dennoch betäubte sie der Fall und sie schrie außer sich nach Hilfe. Um¬ sonst! Ihre Stimme drang nicht zu Clemens hin¬ auf, der hart an der Kluft vom Getöse umgeben stand. Und das Haus war zu entfernt. Ein schnei¬ dendes Weh fuhr ihr durchs Herz, wie sie da lag zwischen den Steinen, verlassen und hilflos; Thrä¬ nen der Verzweiflung im Auge, richtete sie sich müh¬ sam auf. Was ihr das Liebste war, schien ihr in diesem Augenblicke hassenswürdig, und die Bitterkeit in ihrem Innern ließ den Gedanken an die Nähe des Allgegenwärtigen nicht auftauchen. So fand sie Clemens, der sich um ihretwillen mit Gewalt von dem Zauber des mächtigen Bildes los¬ gerissen hatte. „Ich komme“, rief er ihr schon von ferne ent¬ gegen. „Gut, daß du nicht mitgegangen! Der Platz oben ist schmal und der kleinste Fehltritt kostet das Leben. Wie das endlos tief sich hinunterstürzt und rauscht und in Wolken aufsprüht, daß einem alle Sinne vergehn. Fühl, wie es mich bestäubt hat mit feinem Wasserdunst. Aber was ist dir? Du bist eiskalt und dein Mund zittert. Komm, es war un¬ recht, daß du im Freien bliebst. Gott verhüte, daß du dich krank gemacht hast!“ Sie schwieg eigensinnig und ließ sich in das Haus zurückführen. Die Pfarrerin erschrak. Die feinen, lieben Züge des Mädchens waren unheimlich verstört. Man sorgte eilig für ein wärmendes Getränk und brachte sie zu Bett, ohne mehr von ihr zu erfahren, als daß ihr nicht wohl sei. Und freilich war sie krank, und so schwer, daß sie sich nach dem Ende sehnte. Das Leben war ihr verhaßt, das sich ihr so feindlich bewies. In bitte¬ rem, gottverlassenem Sinnen lag sie, und die letzten Fäden, die sie an die Menschen knüpften, zerriß sie eigenmächtig. Ich will morgen hinauf, sprach sie finster bei sich selbst. Er soll mich selbst an die Tiefe führen, wo ein Fehltritt das Leben kostet. Und seines wird ihn mein Tod nicht kosten. Was soll er die Last noch ferner mit mir haben, die er aus Mit¬ leid bisher sich aufgebürdet hat? Immer fester lagerte sich der unselige Vorsatz um ihr Herz. Was war aus dem klaren, liebevollen Ge¬ müth in den kurzen Monaten der innerlichen Noth geworden? Sie dachte sogar an die Folgen ihres Frevels ohne Scheu und sagte trotzig vor sich hin: Sie werden sich darein finden, wie sie es ertragen, daß ich blind geblieben bin. Und ihm wird das Jammerbild nicht mehr vor Augen stehen, das ihm die Freude an seiner schönen Welt verdirbt. — Das war immer der letzte Gedanke, der ihr kam, wenn ein unsicheres Gefühl gegen ihren Entschluß laut werden wollte. Im Nebenzimmer, das nur durch eine dünne Wand von Marlenens Kammer getrennt war, saßen der Pfarrer und die Pfarrerin beisammen. Clemens zögerte noch draußen unter den Bäumen herum und konnte sich von Gebirg und Sternen und der ge¬ dämpften Musik des Wassers nicht trennen. „Es ängstigt mich,“ sagte die Pfarrerin, „daß Marlene so verkommt und verkümmert. — Der ge¬ ringste Anlaß erschüttert sie und das wird sie bald aufreiben. Wenn du einmal mit ihr reden wolltest, daß sie sich das Unabänderliche nicht so quälend zu Herzen nehmen möchte!“ „Ich fürchte nur, ich werde nichts ausrichten.“ erwiederte der Pfarrer. „Hat nicht ihre Erziehung und die Liebe ihrer Eltern und unser täglicher Um¬ gang zu ihr geredet, so vermag Menschenwort nichts mehr. Hätte sie Demuth gegen Gott gelernt, so er¬ trüge sie seine Fügung, die ihr noch so viel gelassen hat, mit Dank, statt mit Murren.“ „Er hat ihr aber viel genommen.“ „Ja wohl; aber nicht Alles für immer. Das ist meine Hoffnung und mein Gebet. — Die Kraft zu lieben und gegen die Liebe zu Gott und Menschen Alles gering zu achten scheint von ihr gewichen. Aber sie kommt zurück, wenn wir zu Gott zurück¬ kommen. Wie sie jetzt ist, verlangt sie nicht nach ihm. Sie hat ihren Mißmuth und ihren Groll noch zu lieb. Aber ihr Herz ist zu kräftig, um diese trau¬ rige Gesellschaft lange dulden zu können. Dann, wenn es leer in ihr geworden von Unzufriedenheit, wird Gott wieder einziehen und die Liebe im Herzen die alte Stätte finden. Und dann wird es licht in ihr aussehen, ob es auch Nacht bleibt vor ihren Augen.“ „Gott gebe das! Und dennoch betrübt mich der Gedanke an ihre Zukunft.“ „Sie wird nicht verloren sein, wenn sie sich nicht selber verlieren will. Würden auch Alle, die sie jetzt hüten und hegen, vor ihr abgerufen, Menschenliebe stirbt nicht aus. Und wenn sie recht auf Gottes Hand achtet und auf die Wege, die sie geführt wird, wird sie noch einmal ihre Blindheit segnen, die sie von Kindesbeinen an dem Schein fern gerückt und dem wahren Wesen genähert hat.“ Clemens unterbrach das Gespräch. „Ihr denkt nicht,“ rief er schon auf der Schwelle, „wie wunder¬ voll die Nacht ist. Ich gäbe eins meiner Augen darum, wenn ich's Marlenen schenken könnte, um diese Pracht der Sterne zu sehen. Wenn sie nur der Lärm des Wasserfalls schlafen läßt! Ich kann mir's 3 noch nicht vergeben, daß ich sie in der Kühle draußen sitzen ließ.“ „Sprich leiser, lieber Sohn,“ sagte die Mutter. „Sie schläft dicht nebenan. Und am besten thätest du, du gingest auch schlafen.“ Flüsternd sagte der Knabe „gute Nacht.“ — Als die Mutter zu Marlenen in die Kammer kam, fand sie das Mädchen ruhig und anscheinend entschlafen. Jener unheimliche Ausdruck der Züge war einer liebe¬ vollen Stille gewichen. Der Sturm war vorüber und hatte noch nichts in ihr verwüstet. Auch Scham und Reue regten sich kaum; so allmächtig herrschte in ihr der freudige Frieden, der ihr im Nebengemach war gepredigt worden. Denn das Böse erwirbt sich langsam und auf Schleichwegen seine Herrschaft über uns; der Sieg des Guten ist schnell entschieden. Fünftes Capitel. Mit Verwunderung bemerkten am andern Morgen ihre Freunde die Umwandlung, die mit ihr vorge¬ gangen war. Die Pfarrerin konnte sich's nicht an¬ ders denken, als daß Marlenen durch die Wand ihr Gespräch zugekommen sei. „Um so besser,“ sagte der Pfarrer; „so hab' ich ihr nichts mehr zu sagen.“ Rührend war die Freundlichkeit, mit der das Mäd¬ chen Clemens und den Eltern begegnete. Sie wollte nichts mehr, als zu ihnen gehören dürfen. Was ihr Liebes geschah, nahm sie fast bestürzt wie ein Un¬ verdientes an. Sie sprach noch immer nicht viel; aber was sie sprach, war heiter und belebt. Ihr ganzes Wesen erschien hingegeben und weich, als wolle sie stumm Abbitte thun. Sie nahm wieder Clemens Arm, wenn sie wanderten. Aber oft bat sie, daß sie ein wenig ruhen dürfe. Nicht weil sie müde war, sondern um dem Knaben die Freiheit zu lassen, her¬ umzusteigen, wohin es ihn lockte. Sie lächelte dann, wenn er zurückkam und ihr erzählte. Ihre alte Ei¬ 3 * fersucht war vergangen, seit sie nichts mehr für sich verlangte, als die innige Freude an der seinen. So gekräftigt und gehoben vollendete sie die Reise. Und sie war zur rechten Zeit gekräftigt worden. Denn als sie heim kam, fand sie ihre Mutter in schwerer Krankheit, der die schwache Frau in wenigen Tagen erlag. Nun, nachdem die ersten Wochen der Trauer überstanden waren, forderte das traurig veränderte Leben Pflichten von ihr, denen sie früher schwerlich gewachsen war. Die Sorge für das Hauswesen be¬ schäftigte sie früh und spät. Trotz ihres Gebrechens wußte sie in jedem Winkelchen des kleinen Hauses Bescheid, und wenn sie auch selbst nur selten Hand anlegen konnte, war sie doch umsichtig und geschickt, Alles anzuordnen, daß es ihrem gebeugten Vater an nichts fehle. Eine wunderbare Hoheit und Sicher¬ heit kam über sie. Wo es früher vielfacher Verweise bedurft hatte, um Knecht und Magd zum Rechten zu gewöhnen, genügte jetzt ein ruhiges Wort von ihr. — Und war einmal etwas Arges versehen oder zu irgend einer Arbeit böser Wille vorhanden, so wirkte ein ernsthafter Blick mit den großen, blinden Augen un¬ widerstehlich auf die rohste Natur. Seit sie fühlte, daß sie heiter sein müsse um ihres Vaters willen, seit sie begriff, daß sie wirken und das Leben selbst gestalten müsse, kamen auch die Stunden immer seltener, in denen sie die Trennung von Cle¬ mens schmerzlich empfand. Und als er endlich nach der Stadt in die Schule sollte, vermochte sie's, ge¬ faßter als die Andern ihm Lebewohl zu sagen. Sie ging dann freilich wochenlang wie im Traum umher, als sei die beste Hälfte ihres Wesens von ihr geschie¬ den. Bald aber war sie heiter wie sonst, sang ihre Lieblingslieder vor sich hin und scherzte mit dem Va¬ ter, bis sie ihm ein Lachen abgewann. Wenn die Pfarrerin herüberkam mit Briefen aus der Stadt und ihr Nachrichten und Grüße von Clemens vorlas, schlug ihr heimlich das Herz und sie lag länger als sonst des Abends im Bett, ohne daß der Schlaf kommen wollte. Am andern Morgen war sie hellen Sinnes, wie immer. In den Ferien kam Clemens zu den Eltern zurück, und sein erster Gang war dann ins Küsterhaus. Marlene unterschied seinen Schritt schon aus der Ferne, blieb still wo sie war und horchte, ob er nach ihr fragen würde. Sie strich hastig mit den Händ¬ chen ihr Haar ein wenig glatt, das noch immer in Zöpfchen über den schlanken Nacken hing und stand auf von ihrer Arbeit. Trat er dann an die Thür, so war jede Spur von Aufregung aus ihrem Gesicht verschwunden. Heiter gab sie ihm die Hand und bat ihn, sich zu ihr zu setzen und ihr zu erzählen. Da vergaß er denn die Zeit und mußte von der Mutter geholt werden, die anfing mit ihm zu geizen. Denn selten blieb er die ganze Zeit der Ferien im Dorf, sondern wanderte ins Gebirge, an das ihn die wach¬ sende Leidenschaft für die Natur fesselte. Die Jahre gingen ihren einförmigen Gang. Die Alten welkten langsam, und die Jungen erblühten rasch. — Als Clemens einmal wieder um Ostern zu Marlenen kam und sie vom Spinnrad aufstand, staunte er, wie stattlich sie sich in der Zeit seit dem Herbst entfaltet hatte. „Du bist ein Fräulein gewor¬ den,“ sagte er. „Aber ich bin auch kein Kind mehr. Fühl nur, wie mir der Bart gewachsen ist über dem winterlangen Studiren.“ Sie erröthete flüchtig, als er ihre Hand ergriff und an sein Kinn führte, daß sie den zarten Flaum fühlen sollte. Er hatte ihr auch schon Anderes zu erzählen, als in der ersten Zeit. Der Lehrer, bei dem er wohnte, hatte Töchter und diese Töchter Freundinnen. Die mußte er ihr alle aufs genaueste beschreiben. „Ich mache mir nichts aus den Mädchen. Sie sind albern und eitel, und schwatzen so viel. Eine ist da, Cäcilie, die mag ich noch am besten leiden, weil sie wenig spricht und keine Gesichter schneidet, um schön zu sein. Aber was gehn sie mich Alle an? Neulich, wie ich Abends in mein Zimmer komme, find' ich einen Blumenstrauß auf dem Tisch. Ich ließ ihn so liegen und stellt' ihn nicht einmal ins Wasser, obwohl mich die Blu¬ men dauerten, denn es verdroß mich; und andern Tags hatten die Mädchen ein Gekicher und Gezischel, daß ich kein Wort mit ihnen redete vor Aerger. Sie sollen mich zufrieden lassen, denn ich habe keine Zeit für ihre Narrheiten.“ Marlene verlor keines von diesen Worten, und spann ein endloses Gespinnst von wunderlichen Ge¬ danken aus ihnen. Fast wäre sie in Gefahr gekom¬ men, in unfruchtbaren Träumen hinzukränkeln, wenn nicht begründetere Sorge und ernsthafterer Schmerz sie gerettet hätten. Ihr Vater, der lange schon nur mit Anstrengung seinen Dienst versehen hatte, wurde durch einen Schlaganfall gelähmt, und lag fast ein Jahr im hilflosesten Zustande, bis ein zweiter Schlag seine Leiden verkürzte. Keine Stunde wich sein Kind von seiner Seite. Auch in den Ferien, die Clemens ins Dorf führten, gönnte sie sich nicht, ihn länger zu sprechen, als wenn er auf Viertelstunden in das Krankenzimmer kam. Sie ward immer fester in sich, immer entsagender. Keinem klagte sie und hätte Keines bedurft, wenn ihre Blindheit ihr Alles selbst zu thun erlaubt hätte. Und dies ihr Unglück, das sie innerlich erzog, ge¬ wöhnte sie auch an häusliche Tugenden, die manche Sehende vernachlässigen. Sie hielt die genaueste Ord¬ nung in allen Dingen, die sie zu verwalten hatte, und that sich nie genug in Sauberkeit, weil sie mit den Augen nicht beurtheilen konnte, wann das letzte Stäubchen entfernt war. Clemens traten die Thrä¬ nen in die Augen, wenn er sie bemüht sah, ihren gelähmten Vater zu waschen und seine dünnen Locken zu kämmen. — Sie war blaß geworden in der heißen Luft der Krankenstube, aber die braunen Augen hatten darum nur tieferen Glanz, und in aller niederen Ar¬ beit trat der Adel ihres Wesens nur lebendiger hervor. Der alte Mann starb; in das Häuschen zog sein Nachfolger ein und Marlene fand im Pfarrhause eine freundliche Zuflucht. Clemens, der indessen eine entferntere Universität bezogen hatte und nicht wie sonst zweimal des Jahres seine Heimath besuchen konnte, erfuhr dies Alles aus Briefen, die selten kamen und die er unregelmäßig beantwortete. Zu¬ weilen kam ein Zettel für das Mädchen mit, in dem er sich gegen seine Art übermüthig scherzhaft geberdete und ihr fast wie einem Kinde begegnete, daß die Mutter den Kopf schüttelte und vor dem Vater da¬ von schwieg. Marlene ließ sich diese seltsamen Brief¬ chen ernsthaft vorlesen, bat sie sich aus und bewahrte sie. Als ihr Vater gestorben war, erhielt sie einen kurzen aufgeregten Brief, der weder tröstete noch ein Wort der Mittrauer enthielt, nur heftige Bitten, ihre Gesundheit zu schonen, stille zu sein, ihn genau wis¬ sen zu lassen, wie es um sie stehe. Das war im Winter und dieser Brief der letzte an Marlenen. Man erwartete auf Ostern einen Besuch des Jünglings. Er blieb aus und schrieb, er habe die Gelegenheit nicht versäumen dürfen, einen verehrten Lehrer auf einer botanischen Wanderung zu begleiten. Der Vater war damit zufrieden, und Marlenen gelang es endlich, auch die ungeduldige Mutter zu beschwichtigen. Unangemeldet kam er plötzlich um Pfingsten, zu Fuß, von einem starken Marsch vor Tagesgrauen nicht ermüdet, mit frischen Wangen und ein voller Mann. So trat er in die stille Wohnung, in der die Mutter allein ihr Wesen hatte; denn es war der Sonnabend vor dem Fest. Mit einem Freudenschrei hing ihm die überraschte Frau am Halse. „Du?“ rief sie, als sie sich erholte und nun einen Schritt zurück¬ tretend den lang Entbehrten mit vollem Blick der Liebe maß. „Also kommst du doch noch, du Böser, du Vergeßlicher, und weißt noch den Weg zu Vater und Mutter. Gott sei gelobt! Ich dachte, du hättest dir in den Kopf gesetzt, nur als Professor dich wie¬ der sehn zu lassen, wenn meine alten Augen sich viel¬ leicht nicht mehr hier unten an dir freuen würden. Aber ich will dich nicht schelten; du bist brav, du bist der Alte, du machst mir ein Pfingsten, wie lange keins war, mir und dem Vater, uns Allen!“ — „Mut¬ ter!“ sagte er, „wie wohl ist mir, daß ich wieder hier bin! Es litt mich zuletzt nicht mehr da draußen; ich wußte selbst nicht, wie es kam, ich beschloß es nicht erst, ich mußte fort, eines schönen Morgens anstatt ins Colleg zum Thor hinaus, und bin drauf los ge¬ laufen als entliefe ich einer Sünde, Tagereisen, wie ich sie bisher noch nicht gemacht habe, so gut ich von jeher zu Fuße war. Wo ist der Vater? — wo ist Marlene?“ „Hörst du ihn nicht?“ sagte die Mutter. „Der Vater ist oben im Predigtstübchen.“ — Sie hörten über sich den starken Schritt des Alten auf und ab. „Es ist Alles wie es war,“ fuhr die Mutter fort. „Das ist sein Sonnabendsgang die zwanzig Jahr, seit ich ihn kenne. Und Marlene ist im Feld mit unsern Leuten. Ich habe sie weggeschickt, denn sie läßt mir keine Ruhe. Wenn sie im Haus ist, hätte sie am liebsten, ich säße da im Winkel, die Hände im Schoß; sie thäte am liebsten Alles allein. Nun haben wir neue Knechte, und es ist mir lieb, wenn sie die Aufsicht führt, bis sie sich eingewöhnt haben. Wie wird sie staunen, dich hier zu finden! Aber komm, ich bringe dich zum Vater, nur daß er dich sieht; es ist auch bald Mittag. Komm, er wird nicht ungehalten sein, daß du ihn störst.“ Sie führte den Sohn, leise voranhuschend, aber immer seine Hand in der ihren, das Treppchen hin¬ auf. Leise öffnete sie die Thür, winkte Clemens, und selber zurücktretend, trieb sie ihn einzutreten. „Da ist er!“ rief sie, „da hast du ihn.“ Der Alte fuhr auf wie aus tiefen Gedanken. „Wen?“ fragte er halb unmuthig. Da sah er in das Gesicht seines Sohnes, das von der Sonne hell angeschienen war. Er streckte die Hand herzlich aus. „Clemens!“ rief er, noch zwi¬ schen Ueberraschung und Freude; „du hier!“ — „Ich hatte Heimweh,“ sagte der Sohn und drückte warm die dargebotene Hand. „Ich bleibe über das Fest hier, Vater, wenn noch Platz ist, seit Marlene unter euerm Dache ist.“ — „Wie du so reden kannst!“ fiel die Mutter eifrig ein. „Und wenn ich sieben Söhne hätte, ich wollte ihnen Platz schaffen. Aber ich lasse dich dem Vater; ich will in die Küche, in den Garten; sie haben dich in der Stadt verwöhnt, du wirst vor¬ lieb nehmen müssen.“ Sie war schon hinaus, als Vater und Sohn sich noch schweigend gegenüber standen. „Ich habe dich gestört,“ sagte endlich Clemens. „Du bist in der Pre¬ digt. Sag, ob ich wieder gehen soll.“ — „Du störst nur einen, der sich selber gestört hat. Seit dem Morgen bin ich herumgegangen, mein Textwort in Gedanken, aber die Gnade war nicht mit mir und der Keim ging nicht auf. Es ist mir seltsam gewesen, Schauer über mir, die ich nicht bezwingen konnte.“ — Er trat an das kleine Fenster, das auf die Kirche sah. Der Weg zu ihr ging über den Todtenacker. Der lag still mit Blumen und blinkenden Kreuzen im Mit¬ tagslicht. „Komm heran, Clemens,“ sagte der Alte sanft. „Stelle dich neben mich. Siehst du das Grab zur Linken mit den Primeln und Monatsrosen? Du hast es sonst nicht gesehn. Weißt du, wer da schläft? Mein guter, alter Freund, der Vater unsrer Marlene.“ Er trat vom Fenster zurück, an dem der Sohn ergriffen stehn blieb. Er ging wieder das Zimmer auf und nieder, und während sie schwiegen, hörten sie den Sand unter dem ruhigen Schritt knistern. „Ja,“ sagte der Alte mit tiefem Athemzug, „es hat ihn Keiner gekannt so wie ich, Keiner das an ihm gehabt, Keiner das an ihm verloren. Was wußte er von der Welt und ihrer Weisheit, die ja Thorheit ist vor Gott! Was er wußte, war ihm Alles Offenba¬ rung von innen, und aus der Schrift, und aus dem Schmerz. Er ist selig geworden, weil er selig war.“ Nach einer Pause sprach er weiter: „Wen habe ich nun, der mich beschämt, wenn ich hoffährtig werde, und rettet, wenn ich strauchle im Glauben, und die Gedanken schlichtet, die sich anklagen und entschul¬ digen? Die Welt wird so klug um mich. Was ich höre, verstehe ich nicht, und was ich lese, will meine Seele nicht verstehen, denn es ist ihr Unheil. Wie Viele stehn auf und meinen, mit Zungen zu reden, und siehe, es ist Lippenwerk. Und die Spötter hören es und haben ihre Freude. Mein alter Freund, wäre ich wo du bist!“ Clemens wandte sich. Er hatte den Vater nie so über eigne Herzensnöthe reden hören. Er trat zu ihm und suchte nach Worten. „Laß, mein Sohn,“ sagte der Alte abwehrend. „Was willst du mir geben, das mir nicht Himmlische besser gegeben hätten? Sieh, es war kurz nach seinem Tode, ich schlief hier oben, die Nacht mit Sturm und Regen weckte mich, ich war betrübt bis zum Tode: da erschien er mir, es leuchtete um ihn — er war in seinen Kleidern als lebte er, sprach aber nicht, sondern stand zu Füßen des Bettes und sah still auf mich nieder. Erst griff es mich hart an. Ich war der Gnade nicht gewach¬ sen, ein verklärtes Angesicht zu sehn. Andern Tags empfand ich den Frieden, den es mir zurückgelassen hatte. Seitdem kam es nicht wieder. Aber die letzte Nacht — ich hatte am Abend eine Schrift gelesen, aufrührerisch gegen Gott und Gotteswort, und war im Zorn zu Bett gegangen — da war es nach Mit¬ ternacht, als ich wieder auffahre, und er steht vor mir, angethan wie damals, aber in Händen die Bi¬ bel, aufgeschlagen und mit goldner Schrift geschrie¬ ben. Er weis't mit dem Finger darauf, aber es ging ein Glanz aus von den Blättern, daß ich vergebens hinstarre und vor Fülle des Lichts keine Zeile lesen kann. Ich näherte mich ihm, halbaufgerichtet; er stand, Mitleid und Liebe im Angesicht, die immer mehr der Angst wichen, je mehr ich zu lesen strebte und es nicht vermochte. Da gingen von der Klar¬ heit mir die Augen über, verdunkelten sich ganz, und er schwand leise dahin und ließ mich in Thränen.“ Der Alte war wieder ans Fenster getreten, und Clemens sah, wie ein Zittern ihn überlief. „Vater!“ rief er und faßte die matt herabhängende Hand. Sie war feucht und kalt. „Vater! du ängstest mich. Du solltest zum Arzt schicken.“ „Zum Arzt?“ sagte der Vater fast heftig und rich¬ tete sich in allen Gliedern auf. „Ich bin gesund, das ist es eben. Es will und ahnt meine Seele den Tod, und mein Leib widersteht ihm eigensinnig.“ „Diese Träume, Vater, zerrütten dich!“ „Träume? Ich sage dir, daß ich wachte wie jetzt.“ „Ich zweifle nicht, Vater, daß du wachtest. Aber um so mehr beunruhigen mich diese Fieberschauer, die dich wachend mit Träumen heimsuchen. Sieh, noch jetzt bist du durch die Erinnerung wie außer dir und dein Puls fliegt. Ich weiß, so wenig Arzt ich bin, daß du Fieber hattest die Nacht und jetzt.“ — „Dünkst du dir das zu wissen, armer Mensch?“ rief der Alte. „O der herrlichen Weisheit! O der gna¬ denreichen Wissenschaft! Aber wen klage ich an? Bin ich nicht der Strafe werth, da ich Gottes Ge¬ heimnisse ausplaudre und mein volles Herz den Spöt¬ tern zur Scheibe mache? Ist das die Frucht deines Lernens und wähnst du Feigen zu essen von diesem Dornbusch? Aber ich kenne euch wohl, ihr Armse¬ ligen, dte ihr neue Götter macht für das Volk und im Herzen euch selbst anbetet. Eure Tage sind ge¬ zählt!“ — Er ging zur Thür, seine kahle Stirn war geröthet, er sah Clemens nicht an, der bestürzt zu Boden starrte. Plötzlich fühlte er die Hand des Va¬ ters auf seiner Schulter. „Sage mir offen, mein Sohn, bist du schon so weit wie Jene, von deren Treiben ich mit Schau¬ dern gelesen habe? Hältst du schon, wo die saubern Materialisten halten, daß du der Wunder lachst und der Geist dir ein Märchen ist, das die Dinge ein¬ ander erzählen und dem der Mensch zuhört? Hat weder deine Jugend, noch die Saat der Dankbarkeit, die Gott dir ins Herz gesät, das Unkraut ersticken können? Antworte mir, Clemens!“ „Vater,“ sagte der junge Mann nach einigem Be¬ sinnen, „wie soll ich darauf antworten? Ein ganzes Leben hab' ich darangesetzt, über diese Frage nach¬ zudenken. Ich habe sie von Männern, die ich ver¬ ehre, auf jede Weise beantworten hören. Unter mei¬ nen liebsten Freunden bekennen sich Einige zu jener Ansicht, die du verdammst. Ich höre und lerne, und wage noch nicht zu urtheilen.“ „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich, spricht der Herr.“ „Wie könnt' ich wider ihn sein? Wie könnt' ich wider den Geist sein? Wer läugnet überhaupt den Geist, wenn er ihn auch an den Stoff bindet? Blei¬ ben nicht seine Wunder was sie sind, wenn sie auch nur die Blüte der Natur sein sollten? Gereicht es einem edeln Bildwerk zur Schande, daß es aus Stein gehauen ist?“ „Du sprichst wie sie Alle; so berauscht ihr euch in trüben Gleichnissen, so betäubt ihr euch mit klin¬ genden Worten, daß ihr den Ruf in euch überhört. Und du bist gekommen, Pfingsten mit uns zu feiern?“ „Ich bin gekommen, weil ich euch liebe.“ — Es entstand eine Stille zwischen ihnen. Mehr¬ mals öffnete der Alte den Mund und preßte wieder stark die Lippen zusammen. Sie hörten Marlenens Stimme unten im Haus, und Clemens trat horchend vom Fenster zurück, an dem er traurig gestanden hatte. „Es ist Marlene,“ sagte der Alte. „Hast du sie denn vergessen? Tritt nicht, wenn deine frevelhafte Genossenschaft sich in Aberwitz überbot, dem Geiste seine freie Gotteskindschaft zu bestreiten, tritt dann nicht das Bild deiner Jugendgespielin vor deine Seele? Erinnert sie dich nicht daran, welche Wunder der Geist wirken kann, wenn ihm die Sinne abgeschnitten sind, allein aus sich, will sagen aus Gott, durch Seine Gnade, in demüthiger Brust, die stark ist im Glauben?“ Clemens drängte die Antwort zurück, die er wohl bereit hatte. Sie vernahmen jetzt den zarten Schritt der Blinden auf der Treppe. Die Thür ging auf und mit gerötheten Wangen stand Marlene auf der Schwelle. „Clemens!“ sagte sie und heftete die heitern braunen Augen auf die Stelle, wo er wirklich stand. Er näherte sich ihr und faßte die Hand, die seiner wartete. „Welche Freude hast du den Eltern gemacht! Willkommen! willkommen! — Du bist so still!“ fuhr sie fort. „Liebe Marlene.“ sagte er, „ich bin wieder hier. Ich mußte euch wieder sehn. Du siehst wohl aus, du bist noch größer geworden.“ — „Seit dem Frühling bin ich wieder aufgelebt. Der Winter war schwer. Es geht mir so wohl bei deinen Eltern, Clemens. Guten Tag, lieber Vater,“ sagte sie dann; „wir sind früh am Morgen hinausgegangen, ich konnte Euch noch keine Hand geben.“ — Sie reichte sie ihm jetzt. „Geh hinunter, mein Kind,“ sagte der Alte; „Clemens wird dich begleiten; du kannst ihm deinen Garten zeigen. Bis zu Mittag ist noch eine kleine Frist. Denk' an meine Worte, Clemens!“ Die jungen Leute gingen. „Was hat der Vater?“ fragte das Mädchen, als sie unten waren. „Seine Stimme klang seltsam, auch deine. Hatte er was mit dir?“ „Ich fand ihn aufgeregt; sein Blut scheint ihm wieder zu schaffen zu machen. Hat er nicht geklagt die Tage her?“ 4 „Nicht zu mir. Doch war er oft unruhig und schwieg stundenlang, daß es auch der Mutter auf¬ fiel. Ist er streng gegen dich gewesen?“ „Wir hatten einen Streit über ernste Dinge. Er fragte mich und ich konnte ihm meine Gedanken nicht verschweigen.“ Das Mädchen war nachdenklich geworden. Erst als sie in die freie Luft traten, erhellte sich wieder ihr Gesicht. „Ist es nicht hübsch hier?“ fragte sie und breitete die Hände aus. „Wahrhaftig,“ sagte er, „ich erkenn' es nicht wieder; was hast du aus dem kleinen wüsten Fleck gemacht? Seit ich denken kann, stan¬ den hier nur die Obstbäume und die wenigen Malven- und Asternbeete, und nun ist es voll von Rosen.“ „Ja,“ sagte sie, „deine Mutter hielt nicht viel auf das Gärtchen, und nun freut sie sich auch darüber. Der Schulzensohn, der die Gärtnerei in der Stadt gelernt hat, schenkte mir die ersten Rosenstöcke und pflanzte sie selber ein. Dann fanden sich die andern dazu und nun ist es ganz lustig. Die schönsten blühn aber noch nicht.“ „Und du pflegst sie allein?“ „Du wunderst dich, weil ich nicht sehen kann,“ sagte sie heiter. „Ich verstehe mich aber doch darauf was den Pflanzen gut thut. Ich spür' es am Geruch, ob eins welkt, oder im Aufgehn ist, oder Wasser be¬ darf. Es spricht ordentlich zu mir. Aber freilich, pflücken kann ich dir keine Blume, ich zersteche mir die Hände.“ „Ich will es für dich thun,“ sagte er und brach ihr eine von den Monatsrosen. Sie nahm sie. „Du hast so viele Knospen mitgepflückt,“ sagte sie; „ich will mir eine behalten und in Wasser stellen. Da hast du die blühende wieder.“ So gingen sie den saubern Gang hinab, bis die Mutter sie zu Tische rief. Clemens war beklommen, dem Vater gegenüber. Aber Marlene, so bescheiden sie sonst an der Unterhaltung Theil nahm, hatte heut hundert Dinge zu erzählen und zu fragen. Auch der Alte verlor darüber das Nachgefühl des ersten Ge¬ sprächs mit seinem Sohn, und das alte trauliche Verhältniß stellte sich bald wieder her. Es konnte aber nicht fehlen, daß in den nächsten Tagen die Gelegenheit zum Streit sich erneuerte. Der Vater erkundigte sich nach dem Zustande der Theo¬ logie an jener Universität, und das Gespräch sprang bald zu allgemeineren Fragen über. Je mehr Cle¬ mens auswich, desto eifriger drängte ihn der Alte. Manch besorgter, zuweilen unwilliger Blick der Mut¬ ter hielt ihn freilich in seinem Vorsatz, offene Be¬ kenntnisse zu vermeiden. Aber wenn er dann ab¬ brach oder ein Wort sagte, das für ihn leer war, drückte ihm die peinliche Stille das Herz ab. Mar¬ lene wußte immer wieder den alten Ton anzuschla¬ 4 * gen. Aber er sah, wie auch sie zu leiden hatte und wich ihr aus, wenn er sie allein traf; denn er wußte, daß sie ihn befragt hätte, und ihr hätte er nichts verschweigen können. Es schien ein Schatten über ihn zu fallen, sobald er ihrer ansichtig wurde. War es jenes kindische Versprechen, dem er untreu ge¬ worden? War es der Glaube, daß sie in dem Zwie¬ spalt der Meinungen, der ihm die Eltern entfremden wollte, stillschweigend auf ihre Seite trat? Und doch fühlte er eine Neigung zu ihr immer unwiderstehlicher in sich, die er sich nicht mehr ver¬ läugnen konnte und die er mühsam bekämpfte. Denn er war erfüllt von seiner Wissenschaft, von seiner Zu¬ kunft, und wehrte sich mit dem Eigensinn innerer Gesundheit gegen Alles, was sich hinderlich an seine Schritte hängen wollte. Ein Reisender will ich sein, ein Fußreisender, sagte er sich oft. Ich muß ein leichtes Bündel haben. — Es wurde ihm wunderlich beklemmt ums Herz, wenn er dem Gedanken nach¬ hing, sich an ein Weib zu fesseln, das einen Theil seines Lebens für sich verlangte. Und ein blindes Weib, das er sich scheuen mußte je zu verlassen! Hier auf dem Dorf, wo Alles seinen einfachen Zuschnitt hatte, den sie seit Kindesbeinen kannte, hier war sie wohl vor verwickelten Verhältnissen geborgen, die in der Stadt nicht ausbleiben konnten. So beredete er sich, daß er auch ihr ein Unrecht thue, wenn er sich ihr nähere. Daß er ihr Schmerzen mache durch seine Entsagung, wagte er nicht zu denken. Er entschied sich immer unverhohlener. Am letzten Tage, da er die Eltern umarmt hatte und hörte, Marlene sei im Garten, ließ er ihr einen Gruß zu¬ rück und mit klopfendem Herzen schlug er den Dorf¬ weg ein und wendete sich dann seitwärts über die Felder dem Walde zu. Auch der Garten öffnete sich nach dem Felde, und der nächste Weg wäre durch eine kleine Gitterthür gegangen. Er machte einen weiten Bogen. Aber draußen angelangt, vermochte er's nicht, auf dem Rain durch die junge Saat fort¬ zuwandern, ohne umzublicken. So stand er in der milden Sonne still und überschaute die Hütten und Häuser. Hinter der Hecke, die den elterlichen Garten einfaßte, gewahrte er die schlanke Gestalt des Mäd¬ chens. Ihr Gesicht war ihm zugekehrt, aber sie ahnte seine Nähe nicht. Es trat ihm heiß und heftig ins Auge, er kämpfte das Weinen gewaltsam nieder. Dann sprang er wie unsinnig über die Gräben und Wege zurück zur Hecke. Sie fuhr zusammen. „Lebe wohl, Marlene,“ sagte er mit klarer Stimme. „Ich gehe fort, vielleicht auf ein Jahr.“ Er strich ihr mit der flachen Hand leicht über Stirn und Scheitel. „Leb wohl!“ — „Du gehst,“ sagte sie. „Was ich dich noch bitten wollte, schreibe öfter an die Eltern. Deine Mutter bedarf es. Laß mich auch einmal grüßen.“ „Ja,“ sagte er zerstreut. Dann ging er. „Cle¬ mens!“ rief sie noch einmal, als er schon weg war. Er hörte wohl, aber er sah nicht wieder um. „Es ist gut, daß er es überhört hat,“ sprach sie leise bei sich selbst. „Was habe ich ihm auch zu sagen?“ Sechstes Capitel. Seit jenem Tage wohnte der Sohn nicht wieder längere Zeit in seiner Eltern Haus. Jedesmal fand er den Vater herber und unduldsamer, die Mutter immer in gleicher Liebe, aber verschlossener gegen ihn, Marlene ruhig, aber bei dem Gespräch der Männer stumm. Sie ließ sich dann auch wenig sehn. In einem klaren Spätherbst finden wir Clemens wieder oben in der Kammer, in der er als Knabe die Wochen der Genesung zugebracht hatte. Einer seiner Freunde und Studiengenossen hatte ihn begleitet. Die herkömmliche Universitätszeit war hinter ihnen und sie kehrten von einer größern Reise zurück, auf der Wolf sich ein Unwohlsein zugezogen hatte, das er in der Stille des Dorfs abzuwarten wünschte. Clemens mußte es geschehen lassen, obwohl er gerade diesen unter all seinen Bekannten am wenigsten ge¬ eignet wußte, dem Vater zu gefallen. Indessen rich¬ tete sich der Fremde wider Erwarten mit Klugheit und Gewandtheit nach der Sinnesart der alten Leute und gewann besonders die Mutter durch ein heiteres Interesse, das er an häuslichen Dingen zu nehmen schien. Er konnte ihr auch manchen Rath geben und ein Uebel, an dem sie litt, durch ein einfaches Mittel lindern. Denn er hatte sich dazu vorbereitet, die Apotheke eines alten Oheims zu übernehmen, ein Beruf, über den ihn Anlagen und Kenntnisse im Grunde hinauswiesen. Doch er war von Natur be¬ quem und es war ihm recht, beizeiten auszuruhn und zu genießen. Mit Clemens hatte er innerlich nie etwas gemein gehabt. Und so fühlte er sich auch gleich beim Ein¬ tritt in das Pfarrhaus in einer durchaus fremden Luft und hätte nach der nothdürftigsten Erholung gewiß eine Umgebung verlassen, die ihn engte und beschränkte, wäre ihm das blinde Mädchen nicht beim ersten Blick als ein merkwürdiges Räthsel aufgefallen. Sie hielt sich zwar von ihm zurück, so viel sie konnte. Als er ihr das erste Mal die Hand gegeben, hatte sie sie mit unbegreiflicher Unruhe ihm wieder entzogen und all ihre Unbefangenheit verloren. Dennoch war er stundenlang um sie und beobachtete ihre Art die Dinge aufzufassen, forschte mit einer munteren Rück¬ sichtslosigkeit, die man nicht übel nehmen konnte, nach den Mitteln, die ihr den Verkehr mit der Außenwelt möglich machten, und belauschte ihre Sinne, wie sie sich gegenseitig für die Entbehrung des einen fehlen¬ den entschädigten. Er begriff Clemens nicht, daß er sich so wenig aus ihr zu machen schien. Der aber vermied es mehr als je, dem Mädchen zu begegnen, am meisten, wenn er sie in Wolf's Gesellschaft fand. Er ward dann plötzlich blaß und suchte sich loszumachen, und die Leute im Dorf begegneten ihm oft auf entlegneren Waldwegen, wo er sich in trost¬ lose Betrachtungen vergrub. So kehrte er eines Abends wieder von einem mißmuthigen weiten Irrgang zurück und trat eben aus dem Wald in die Saatfelder ein, als ihm Wolf entgegen kam. Dieser war aufgeregter als gewöhnlich. Nach einem langen Besuch bei Marlenen, die ihn heute besonders gefesselt hatte, war er in die Dorf¬ schenke gerathen und hatte so viel von dem leichten Landwein getrunken, daß er Lust bekam, in der Abend¬ kühle ein wenig über Feld zu gehen. „Ihr werdet mich so bald noch nicht los,“ rief er Clemens entgegen. „Diese kleine blinde Hexe giebt mir noch auf zu rathen. Sie ist gescheiter, als ein Dutzend Weiber in der Stadt, die ihre Augen nur haben, um mit Gott und Menschen zu liebäugeln. Und wie sie mich kurz hält, das ist nun vollends ein Meisterstück.“ „Laß dir's lieb sein, wenn sie dich ein wenig zah¬ mer macht,“ sagte Clemens kurz. „Zahmer? das werd' ich nimmermehr. Wenn ich sie so ansehe mit ihrer prächtigen Gestalt und dem schönen Gesicht, es ist wahrlich nicht um zahm zu werden. Glaube nicht, daß ich ihr was thun will. Aber weißt du, zuweilen denk ich, wenn sie einen lieb hätte, das müßte eigen sein. So eine, die nicht sieht, die nur Gefühl ist, und Gefühl wie es sonst nirgend so fein und stark und reizbar gefunden wird, wenn die einem um den Hals fiele, es müßte ihr und ihm sonderbar wohl thun.“ „Du thätest besser, deine Gedanken für dich zu behalten.“ „Warum? Wem schaden sie? Und wem schadet's, wenn ich sie am Ende ein bischen in mich verliebt mache, um zu sehen, wie die Nerven sich dann aus der Ver¬ legenheit ziehen? So vieles von dem innern Feuer verdampft sonst durch die Augen; hier aber“ — — „Ich verbitte mir, daß du mit ihr experimentirst,“ fuhr Clemens auf. „Ich sage dir in allem Ernste, daß ich dergleichen in Zukunft weder hören noch sehen will. Danach richte dich!“ Wolf sah ihn blinzend von der Seite an, faßte ihn am Arm und sagte lachend: „Ich glaube gar, du bist in das Mädchen verliebt und willst das Experi¬ mentiren dir selber vorbehalten. Seit wann bist du denn so ekel? Hast du mich doch sonst ausgehört, wenn ich dir sagte was ich von den Weibern halte.“ „Ich bin nicht dein Erzieher; was habe ich mit deinen unsaubern Gedanken zu schaffen? Aber daß du jemand damit beschmutzest, der mir nahe steht, der tausendmal zu gut dafür ist, daß du nur dieselbe Luft mit ihm theilst, das denk ich noch dir verwehren zu dürfen.“ „Oho,“ sagte Wolf gelassen, „zu gut, zu gut! Du bist ein guter Kerl, Clemens, ein zu guter Kerl. Geh mir aus der Luft, guter Junge.“ Er gab ihm einen leichten Schlag und wollte gehn. Clemens blieb stehn, seine Wangen wurden plötzlich blaß. „Du wirst dich erklären, was diese Worte meinen,“ sagte er fest. „Daß ich ein Narr wäre. Frage Andere, wenn du willst. Es wird sich schon einer finden, der mehr Lust hat, als ich, tauben Ohren zu predigen.“ „Was heißt das? Wer sind die Anderen? Wer wagt es, schlecht von ihr zu sprechen? Wer?“ Er hielt Wolf eisern am Arme fest. „Narr,“ brummte der ärgerlich,“ du verdirbst mir den gan¬ zen Spaziergang mit deinen langweiligen Fragen. Laß mich los!“ „Nicht von der Stelle, eh du mir genug gethan hast,“ rief Clemens im höchsten Zorn. „Ich? Mach es mit dem Schulzensohn aus, wenn du eifersüchtig bist. Der arme Teufel! Erst schön zu thun, bis er aus der Haut fahren möchte, und ihm dann einen schnöden Laufpaß gegeben. Pfui, ist das ehrlich? Er hat mir seine Noth geklagt; ich habe ihn getröstet. Sie ist wie die andern Weiber auch, sagt' ich ihm, eine Kokette. Jetzt hat sie sich an mich gemacht. Wir aber wissen sie zu nehmen, und wer¬ den uns nicht das Maul verbinden lassen, damit nicht andere gute Jungen in dieselbe Schlinge rennen.“ „Nimm dies Wort zurück,“ schrie Clemens außer sich und schüttelte heftig Wolf's Arm. „Warum? Es ist die Wahrheit, und ich will sie noch beweisen. Geh, du bist ein Kind von einem Menschen.“ „Und du bist ein Lump von einem Teufel.“ „Oho, nun kommt die Reihe an dich zu wider¬ rufen!“ „Ich widerrufe nicht.“ „So weißt du, was die Folge ist. Du hörst von mir, sobald wir in der Stadt sind.“ Damit ging er kaltblütig von ihm, dem Dorfe zu. Clemens blieb eine Weile wo er stand. „Der Elende!“ brach es von seinen Lippen. Seine Brust arbeitete heftig, ein bitterlicher Schmerz nistete in ihr; er warf sich zwischen den Aehren zu Boden und lag lange, jedes Wort, das ihn empört hatte, tau¬ sendmal wiederholend. Als er spät am Abend in das Haus zurückkehrte, fand er gegen seine Erwartung die Familie noch bei¬ sammen. Wolf fehlte. Der alte Herr ging mit starken Schritten durch das Zimmer; die Mutter und Mar¬ lene saßen und hatten eine Arbeit auf dem Schoß gegen die Sitte des Hauses zu so später Zeit. Als Clemens ins Zimmer trat, stand der Pfarrer still und wandte das Haupt ernst nach ihm um. „Was hast du mit deinem Freunde gehabt? Er ist auf und davon, da wir über Feld waren, und hat nur einen kurzen Gruß hinterlassen. Als wir nach Hause kamen, fanden wir einen Boten, der seine Sa¬ chen abholte. Habt ihr euch verfeindet? Denn warum sollte er sonst so übereilt unser Haus verlassen?“ „Wir hatten einen Wortwechsel. Es ist mir lieb, daß ich ihn nicht mehr unter diesem Dache finde.“ „Um was entzweitet ihr euch?“ „Ich kann es dir nicht sagen, Vater. Ich hätt' es gerne vermieden. Aber es gibt Dinge, die ein rechtschaffener Mensch nicht mit anhören darf. Ich kannte ihn lange, daß er roh ist und weder sich noch irgend wen schont. So wie heut, sah ich ihn nie.“ Der Pfarrer sah den Sohn an und sagte mit lei¬ serer Stimme: „Wie werdet ihr's ausmachen?“ „Wie es Sitte ist unter jungen Leuten,“ erwie¬ derte Clemens ernst. „Weißt du, wie es unter Christen Sitte ist, Beleidigungen auszugleichen?“ „Ich weiß es, aber ich kann nicht so handeln. Wenn er mich beleidigt hätte, so könnt' ich ihm ver¬ geben, und ihm die Züchtigung schenken. Aber er hat ein Wesen beleidigt, das mir sehr nahe steht!“ „Ein Mädchen, Clemens?“ „Ja, ein Mädchen.“ „Und du liebst dieses Mädchen?“ „Ich liebe sie,“ sagte halblaut der junge Mann. „Ich hab' es mir gedacht,“ fuhr der Alte auf. „Die Stadt hat dich verdorben; du bist der Welt¬ kinder eines geworden, die den Dirnen nachgehen und sich raufen um sie und sie zu ihren Götzen er¬ wählen. Ich aber sage dir, so lang ich lebe, will ich arbeiten, dich zum Herrn zurückzuziehen, und will deine Götzen zertrümmern. Hat Gott Wunder an dir gethan, damit du ihn verläugnest? So wäre es besser, du säßest noch in der Nacht und hättest die Thore ewig verschlossen, durch die der böse Geist mit seinen Verlockungen in dein Herz gedrungen ist.“ Mühsam bezwang der junge Mann seine Auf¬ wallung. „Was gibt dir ein Recht, Vater,“ rief er endlich, „mir unedle Neigungen zuzutrauen? Weil ich thun muß, was nöthig ist, um in der Welt den Uebermuth des Gemeinen niederzuhalten, bin ich dar¬ um niedriger? Es gibt verschiedene Wege, gegen den unsaubern Geist zu kämpfen. Deiner ist friedlich, denn du hast es mit der Masse zu thun. Ich stehe dem Einzelnen gegenüber und kenne meinen Weg.“ „Du wirst ihn nicht wandeln,“ rief der Alte ei¬ fernd aus. „Willst du Gottes Gebote mit Füßen treten? Der ist mein Sohn nicht mehr, der die Hand an seinen Bruder gelegt hat. Ich verbiete dir den Kampf kraft meiner väterlichen und priesterlichen Gewalt. Hüte dich, ihr zu trotzen!“ „So stößest du mich aus deinem Hause,“ sagte Clemens düster. Eine Pause trat ein. Die Mutter, die in Thränen ausgebrochen war, stand auf und stürzte zu ihrem Sohn. „Mutter,“ sagte er ernst, „ich bin ein Mann, ich darf mir nicht untreu wer¬ den!“ Er näherte sich der Thür und blickte nach Marlenen hinüber, die ihn mit den blinden Augen schmerzlich suchte. Die Mutter folgte ihm, sie konnte vor Schluchzen nicht sprechen. „Halt ihn nicht auf, Frau!“ rief der alte Mann. „Er ist unser Kind nicht, wenn er Gottes Kind nicht sein will. Laß ihn gehn, wohin er will. Er ist todt für uns!“ Marlene hörte die Thür gehen und die Pfarrerin mit einem Schrei des tiefsten Mutterherzens zu Bo¬ den stürzen. Da wich die Lähmung von ihr, in der sie bisher gesessen hatte. Sie stand auf, ging zur Thür und trug mit gewaltsamer Anstrengung die ohnmächtige Frau auf ihr Bett. Der Alte stand am Fenster und sprach kein Wort. Seine gefalteten Hände zitterten heftig. Eine Viertelstunde später klopft' es oben an der Thür von Clemens Kammer. Der junge Mann öff¬ nete und sah Marlenen vor sich stehen. Sie trat still hinein. Die Kammer war voll Unordnung. Sie stieß mit dem Fuß an den Reisekoffer und sagte schmerzlich: „Was willst du thun, Clemens?“ Da brach ihm sein starrer Schmerz. — Er ergriff ihre Hände und drückte seine Augen dagegen, die in Thränen standen. „Ich muß es thun,“ rief er weich. „Ich habe lange empfunden, daß ich seine Liebe ver¬ loren habe. Vielleicht fühlt er, wenn ich ihm fern bin, daß ich nie aufgehört habe, sein Kind zu sein.“ Sie richtete ihn auf und sagte: „Weine nicht so! ich habe sonst nicht die Kraft, dir das zu sagen, was ich dir sagen muß. Deine Mutter würde es sagen, wenn der Vater ihr nicht wehrte. Ich hörte es sei¬ ner Stimme an, wie schwer es ihm ankam, hart zu sein. Aber er wird hart bleiben, ich kenne ihn wohl. Er glaubt, daß seine Strenge Gottesdienst sei, daß er sein eigen Herz zum Opfer bringen müsse.“ „Und du glaubst auch, daß er es müsse?“ „Nein, Clemens. Ich weiß nicht viel von der Welt und kenne die Gesetze der Meinung nicht, die Ehrenmännern den Zweikampf gebieten. Aber dich kenne ich genug, um zu wissen, daß der Leichtsinn der Welt dir nichts anhaben konnte, daß du dein Thun und Lassen mit aller Strenge prüfst, auch die¬ sen Schritt. Du wirst ihn der Welt schuldig sein und deiner Geliebten. Aber du bist deinen Eltern mehr schuldig, als Beiden. Ich kenne das Mädchen nicht, das man dir beleidigt hat, und fühl' es wohl nicht so ganz, wie es dich aufbringen muß, für sie nicht Alles zu thun. Unterbrich mich nicht. Glaube nicht, daß die Furcht mit im Spiele sei, du könntest mir um ihretwillen den Rest der Freundschaft ent¬ ziehen, den du mir in den letzten trennenden Jahren bewahrt haben magst. Ich gönne ihr dich ganz, wenn sie dich glücklich macht. Aber du darfst das um ihret¬ willen nicht thun was du thun willst, und wäre sie dir theurer, als Vater und Mutter. Du darfst nicht im Zorn aus deiner Eltern Hause gehen, das sich dir dann auf immer verschließt. Dein Vater ist alt und wird seine Grundsätze mit ins Grab nehmen. Er hätte dir den Kern und den Inhalt seines ganzen Lebens zu opfern, wenn er nachgäbe. Du opferst ihm die flüchtige Achtung, die du in den Augen fremder Menschen besitzest. Denn wenn jenes Mäd¬ chen, das du liebst, sich von dir lossagen könnte, weil du die alten Tage deines Vaters nicht verbit¬ tern wollest, — so wäre sie deiner nie werth gewesen!“ Die Stimme versagte ihr. Er hatte sich auf ei¬ nen Stuhl geworfen und stöhnte heftig. Sie stand noch immer nahe an der Thür und wartete, was er sagen würde. Auf ihrer Stirn lag ein seltsam ge¬ spannter Zug, als horche sie mit den Augen zu ihm hinüber. Plötzlich sprang er auf, trat zu ihr, legte ihr beide Hände auf die Schultern, und rief: „Für dich wollt' ich's thun, nnd für dich bezwing' ich mein 5 Herz!“ Damit stürmte er an ihr vorbei und die Treppe hinab. Sie blieb droben. Seine letzten Worte hatten ihr ganzes Wesen erschüttert, und eine Fluth jauchzender Gedanken strömte über ihr scheues, ungläubiges Herz. Sie setzte sich zitternd auf den Mantelsack. „Für dich, für dich!“ klang es ihr im Ohr. Sie fürchtete fast seine Rückkehr, wenn er es anders gemeint hatte — und wie sollte er es nicht anders meinen? Was war sie ihm? — — Endlich kam er wieder herauf. Die Unruhe drängte sie, sie stand auf und wollte aus der Thür. Da trat er ein und faßte sie in die Arme und sagte ihr Alles. „Ich bin der Blinde!“ rief er. „ Du bist die Sehende, die Seherin. Was wär' ich jetzt ohne deine Klarheit? Ein Verwais'ter durch alle Zukunft, vertrieben von allen Herzen, die ich liebe, durch un¬ selige Verblendung! — Und nun — nun — Alles wieder mein, und mehr als ich wußte, als ich sonst mir gönnte!“ Sie hing stumm und heftig hingegeben an seinem Halse. All die lang verhaltene Innigkeit ward frei und glühte in ihrem Kuß und verachtete die armen Worte. Der Tag brach an über ihrem Glück. Nun wußte er auch, was sie bisher standhaft verschwiegen hatte, und was dieselbe Kammer mit angesehen, in der sie jetzt, für immer einander unverlierbar, in der an¬ brechenden Frühe sich die Hände drückten und schieden. Im Laufe des Tages kam ein Brief, den Wolf noch in der Nacht vom nächsten Dorfe aus geschrie¬ ben hatte. Clemens solle es gut sein lassen, schrieb er; er nehme Alles zurück, er wisse am besten, daß es alberne Lügen seien. Der Aerger habe sie ihm ausgepreßt und die Weinlaune. Er habe es ihm freilich verdacht, wie er so kalt herumgegangen sei, da es ihn nur ein Wort gekostet hätte, ein solches Mädchen zu haben. Und wie er dann gesehn, daß es Clemens Ernst sei, habe er gegen das gelästert, was ihm selber für immer versagt bleibe. Er solle ihn nicht für schlimmer halten als er sei, ihn auch gegen das Mädchen und die Eltern entschuldigen und sich nicht ganz und gar von ihm lossagen. Als Clemens diese Zeilen Marlenen vorgelesen, sagte sie bewegt: „Er dauert mich nun! Mir war nicht wohl, als er da war, und wie viel hätte er sich und uns ersparen können! Aber ich will nun ruhig an ihn denken. Wie viel haben wir ihm zu verdanken!“ 5 * Marion. Z ur Zeit als der heilige Ludwig in Frankreich die Krone trug, war die gute alte Stadt Arras ge¬ rade um sechshundert Jahre jünger als heutzutage. Daß sie aber tausendmal lustiger war, hatte sie außer ihrer Jugend vor Allem der edlen Poetenzunft zu danken, die in ihr haus’te und durch Lieder und Mi¬ rakelstücke und kurzweilige gereimte Romane den Ruhm ihrer Vaterstadt weit über das schöne Frankreich ver¬ breitete. Nun war es im frühen Frühling, daß in einem Gärtchen zu Arras hinter dem Haus eines dieser wackern Poeten ein junges Weib beschäftigt war, Reben an das Geländer zu binden. Sie war zierlich gewachsen, von jener feinen behaglichen Fülle, die ein friedliches Gemüth anzuzeigen pflegt, und gar anmuthig von Gesicht. Stille schwarze Augen ließ sie dann und wann über den Garten schweifen, als wüßten sie weder von Freud' noch Leid. Aber ihre Hände feierten und träumten nicht. Nach der Sitte wohlhabender Bürgerinnen trug sie das blonde Haar mit mancherlei künstlichem Bänderschmuck geziert, den Rock aber aufgeschürzt der Arbeit und wohl auch den hübschen kleinen Füßen zu Liebe. Wie nun das schöne Geschöpf in seiner gleichmü¬ thigen Thätigkeit schon tiefer in das Gärtchen vor¬ geschritten war, erschien in der Thür des Hauses, die nach dem Garten offen gestanden, ein Mann, der an Gestalt und Wesen einen auffallenden Ge¬ gensatz zu dem jungen Weibe machte. Er war von mittlerem Wuchs, lebhaftem Blick und unregelmäßigen Zügen. Sein schwarzes Mäntelchen verdeckte schlecht die linke hohe Schulter, und seine Beine waren in sehr ungleichem Stil gebaut. Aber die ganze zusam¬ menhanglose Gestalt wurde durch Raschheit und Le¬ bendigkeit der Bewegung in Fluß gebracht, und um den Mund spielte ein Zug, der ihn im Spott ge¬ fährlich und in der Freundlichkeit hinreißend machen mußte. Der Mann sah eine Weile der jungen Gärtnerin zu und schien sich ihrer Schönheit zu erfreuen. Er wiegte unschlüssig den Kopf. Endlich drückte er den barettartigen Hut mit der grünen Hahnenfeder tiefer in die Stirn und schritt hastig der Schönen nach. Das junge Weib sah um, ihre Wangen färbten sich leise und die Augen begannen zu schimmern. Sie ließ die Hände sinken und sah dem Kommenden stumm entgegen. Guten Tag, Marion, sagte der Mann in fast rauhem Ton. Ist Jemand außer dir im Garten? Nein, Adam. So ist's gut; ich habe mit dir zu reden. Du bist ein gutes Weib, Marion, und thust deine Pflicht. Aber ich muß dir sagen, ich halt's doch nicht aus mit dir. Die schönen Wangen der Frau wurden todten¬ blaß. Aber sie schwieg und sah still vor sich hin. Nein, fuhr Adam fort, ich halt' es nicht aus. Du bist bildschön, Marion, und das weiß ich jetzt, vier Wochen nach der Hochzeit, besser, als da ich um dich freite. Aber — du bist langweilig, Marion. Ich will nicht sagen, daß du keinen Verstand hast. Aber die heilige Jungfrau mag wissen, ob er schläft oder in guter Hoffnung irgend eines großen Gedankens ist, und wann der zur Welt kommt. Ich habe dar¬ auf warten wollen; nun reißt mir die Geduld. Hast du die ganze Zeit, daß wir Mann und Frau sind, einmal so recht geplaudert oder einen Witz gemacht, oder haben meine Possen mehr Gnade vor dir ge¬ funden, als ein halbes Lächeln? Bist du nicht still deiner Wege gegangen wie ein wandelndes Steinbild? Was hilft mir's, daß ich dann und wann die Er¬ fahrung mache, du seiest dennoch von Fleisch und Blut, wenn ich vom Morgen bis Abend meine Späße allein belachen muß und meine Verse allein schön fin¬ den? Ich Narr! Ich hätt's freilich früher bedenken sollen — damals, als ich mich in dich verliebte. — Nun, dacht' ich, sie wird schon aufthauen. Aber sage selbst, Marion, haben wir uns nicht zusammen ge¬ langweilt wie nur je ein christliches Ehepaar? Das junge Weib schwieg beharrlich. Aber die Augen füllten sich ihr mit schweren Tropfen. Adam riß heftig an einem jungen Zweig und sprach weiter: Ich will nicht sagen, daß andere Frauen besser sind oder auf die Länge unterhaltender. Ich sage das nicht, und so bin ich dir Dank schuldig, denn du hast mich bei Zeiten überzeugt, daß ich einen dummen Streich begangen habe, als ich ein Weib nahm. Aber zum dritten Mal: ich halt's hier nicht aus! Soll ich in meinen jungen Jahren in diesem Nest verkommen und eintrocknen, bloß weil ich den Einfall hatte, dich schön zu finden? Und in Paris an den Hof des Königs, in die Säle der Prinzen, wo mir meine Kunst Ehre und Ansehn einbrächte, soll ich keinen Fuß hineinsetzen? Und keinen Fuß in die Häuser der gelehrten Doctoren an der Univer¬ sität, wo in einer Stunde mehr gescheites Zeug ge¬ sprochen wird, als du in einem Jahr vorbringst? Und das Alles, weil du ein schönes Weib bist — denn das bist du — und zufällig mein eignes Weib. Soll mich der Teufel in einen Pfannekuchen backen, wenn ich mir das gefallen lasse! Er ging einigemal auf und ab, lebhaft gesticuli¬ rend, sah dann seine Frau von der Seite an und fuhr wieder fort: Zeigst du nun nicht, daß ich Recht habe? Warum weinst du nicht, wie andere ordentliche Frauen, und fällst mir um den Hals und bittest mich zu bleiben, und ich sei dein lieber Adam, dein einziger, dein hübscher Adam — wenn ich auch nicht hübsch bin — und versprichst was du kannst, ob du's auch nie zu halten gedächtest? Nun stehst du da und weißt dir nicht zu helfen. Soll ich meine Kunst und meine jungen Jahre darum hingeben, dich anzustarren? Und wenn wir Kinder kriegen und sie arten nach dir, soll ich dann Lust behalten, das geringste Tanz¬ lied zu machen, wenn sechs oder sieben Jungen und Mädchen alle bildschön und alle bildstumm um mich herumsitzen? Aber wir wollen nicht in Unfrieden von einander gehn, und darum sage ich dir in aller Lieb' und Freundschaft, du kannst mein Weib nicht länger sein. Ich will fort nach Paris, sobald ich Geld aufbringen kann. Du gehst dann zu den Eltern zurück, oder wenn du zu meinem alten Onkel willst, der dich so lieb hat, wirst du auch gut aufgehoben sein. Und es soll dir an nichts fehlen, und wenn du ein Kind bekommst, will ich's halten als mein Kind, aber mit dir zusammenbleiben kann ich nicht, Marion, bei mei¬ ner Seelen Seligkeit. Ein Poet bin ich und das will ich bleiben, und Langeweile ist Gift für die fröh¬ liche Kunst. Nun geh' ich zum Onkel. Und sei hübsch vernünftig und laß uns in Freundschaft scheiden. Er hielt ihr die Hand hin, aber sie sah es nicht vor Thränen. Auch war ihm nicht darum zu thun, länger abzuwarten, ob sie sich betragen würde wie er's den ordentlichen Frauen nachgesagt hatte. Er wandte sich rasch zur Thür und verschwand im Hause. Eine Stunde nachdem das Ehepaar so in Freund¬ schaft geschieden war, that sich die Thür eines statt¬ lichen Hauses auf, in dem der reiche Rathsherr, Adam's Oheim, wohnte, und Adam trat eilig heraus in heftiger Aufregung. Er entfernte sich, ohne des Weges zu achten, und dann und wann brachen einige Sätze seines innerlichen Selbstgespräches hervor, wäh¬ rend er die Faust ballte oder in seinen langen rund¬ geschnittenen Haaren wühlte. Der Filz! brummte er; und er hatte noch Lappen von Tugenden, um die Blöße seines Geizes damit zu bedecken! Was geht es ihn an, wenn ich mich mit meiner Frau friedlich auseinandersetze? Mag er sie doch nehmen, wenn es nicht schade wäre um die schöne junge Creatur! Freilich, ob ich hier versaure oder nicht, das ist seinem Beutel nicht unbequem. Aber herumfahren und die Welt sehn und Wissen¬ schaft sammeln, das thut dem Junker Beutel weh. — Pah! Weil er mir das Häuschen überlassen hat und die Wirthschaft eingerichtet, darum soll ich fest¬ frieren in Arras und mit den andern Lumpen von Versmachern zusammenhocken und mein Licht unter den Scheffel stellen? — Und wenn ich's treiben müßte wie ein gemeiner Spielmann und Affen und Hunde abrichten, um mich nach Paris durchzuschlagen — ich will dem alten Geizkragen zeigen, daß Adam de la Halle kein Weiberknecht ist, sondern seine eignen Straßen zu wandern weiß. Und diese eignen Straßen führten ihn diesmal geradeswegs in die drei Lilien, die erste Schenke der guten alten Stadt Arras. Wenig Leute waren um die Stunde in der Schenkstube. Adam setzte sich stumm in einen Winkel und sah nicht auf, bis der Wirth, der ihm Wein brachte, ihn ehrerbietig begrüßte. Ihr kommt wie gerufen, Meister Adam, sagte der Lilienwirth. Da ist einer von meinen Gästen, seht Ihr, der da drüben am Ofen sitzt und nach Euch herüberschielt. Der hat vor einer Woche die Bande Schauspieler in die Stadt geführt, die auf Ostern das große Passionsspiel im Münster darstellen sollen; die Herren Geistlichen haben sie kommen lassen. Und nun sind noch an die vierzehn Tage bis dahin, und die Leute lungern müßig herum und zehren ihren Lohn im voraus auf, und der Herr Anführer der Bande hat bei mir sein Quartier und zecht immer auf die Kreide los. Herr, sagt' ich ihm kurz bevor Ihr kamt, wenn Ihr inzwischen einen Haufen Geld zu¬ sammenbrächtet mit Eurer Kunst, das thäte Euch und mir noth und gut. Ja, sagt' er, wer nur ein sau¬ beres Stück hätte, ein Mysterium oder ein Mirakel; denn meinen ganzen Packen Scripturen hab' ich in Cambrai liegen lassen, bis auf das Passionsstück. Ei Herr, sagt' ich da, es wimmelt bei uns zu Land von trefflichen Trouv è res und Ditiers und Jongleurs; und da ist der Meister Adam de la Halle, der steckt sie Alle in die Tasche. — Bei Sankt Niklas, sprach der Mann, ich wollt' ihm die Hälfte von der Ein¬ nahme geben, wenn er mir ein gutes Stück verfaßte und das auch Zulauf hätte. — Da kamt Ihr just in die Thür. Und nun schickt er mich, daß ich Euch frage. Adam stand auf, stürzte den Wein hinunter und ging dann gerade auf den Führer der Histrionenbande zu, der ehrerbietig aufsprang und sich verneigte. Sie sprachen kurze Zeit mit einander. Dann schüttelten sie sich die Hände. So sei's, sagte Adam, in acht Tagen spielt Ihr's, und Tags drauf hab' ich mein Geld, und nun behüt' Euch unsre liebe Frau! Ich will gehn und das Ding ins Werk setzen. — So ging er denn und nach seiner Gewohnheit murmelte er was zwischen den Zähnen, das ungefähr klang wie: Sie sollen an mich denken! Da nun etwa acht Tage verflossen waren, saß eines Nachmittags Marion in ihrer Kammer, mit rothgeweinten Augen und blaßgehärmtem Gesicht, blätterte in alten Manuscripten, die sie auf dem Schoß hatte, und überhört' es ganz, daß die Thür aufging und eine ihrer Gespielinnen hereintrat. Erst als diese ihren Namen rief, schreckte sie in die Höhe. Gu¬ ten Tag, Perrette, sagte sie. Was bringt dich her? — Oder was hält dich hier, Marion? sprach das Mädchen flink; du sitzest und weinst, und gehst nicht nach den drei Lilien, wo doch heut das neue Stück deines Mannes von den fremden Schauspielern auf¬ geführt wird? Das heiß' ich eine Frau! Ich liefe doch Allen zuvor, wenn ich einen Mann hätte, der die halbe Stadt in den Hof der alten Schenke lockte. Geh, was hast du nur? Hast alte Gedichte gelesen, die dein Adam auf dich gemacht hat? Nun, ich meine, die wüßtest du an den Fingern herzusagen, wie den Rosenkranz. — Die arme Frau fing bitterlich an zu weinen. „Weißt du's denn noch nicht, schluchzte sie, und spricht nicht die ganze Stadt davon, daß er fort will nach Paris und mich im Stich lassen und nim¬ mer heimkommen? — Ach Narrheiten, eiferte Per¬ rette. Wie hast du dir das eingebildet? — Er hat mirs selbst haarklein gesagt, und seit dem Tag ist er nicht ins Haus gekommen zur Essenszeit, und Nachts erst ganz spät, und hat sich unten im Erker gebettet. — Ei nun, er hat alle Hände voll gehabt, das Spiel herzurichten; und dann, die Mannsleut stecken voll Grillen, Marion, und müssen immer was haben, uns zu plagen; doch Gottlob! es ist nicht alles Ernst was nicht lacht. Trockne dir die Augen, sei eine gescheite Frau und komm ins Schauspiel. Was soll dein Mann denken, wenn du nicht einmal Lust hast sein Stück zu sehn! So halb tröstend, halb scheltend zog sie die be¬ trübte junge Frau zur Kammer hinaus nach den drei Lilien. Dort sah es bunt genug aus. In dem ge¬ räumigen Hof hatte ein gut Theil der Bürgerschaft auf Bänken Platz genommen; die Fenster der niedern Seitenflügel waren zu Logen für die Honoratioren eingerichtet, die Bühne aber in einer Scheune am Ende des Hofes aufgeschlagen, deren mächtige Thor¬ flügel man zu dem Ende ausgehoben hatte. Marion und Perrette kamen eben, als die Dame Avaritia abtrat, die den Prolog gesprochen und manchen rei¬ chen Herrn der guten Stadt ihrer fernern Protection versichert hatte. Kein Plätzchen war für die beiden Schönen weder im Hof noch an einem der Fenster frei gelassen. Perrette aber ließ sich nicht abschrecken, und da sie die Wege wußte, machte sie sich Bahn durch eins der Seitengebäude und drang mit Marion bis zu der Scheune vor. Hier stellten sie sich hinter die großen Linnentücher, mit denen man die Bühne abgegrenzt hatte, und schauten durch den Spalt der Vorhänge dem Spiele zu, ungehindert von dem Per¬ sonal des Stücks, das in seinen abenteuerlichen Ver¬ kleidungen den beiden Schönen den Hof zu machen suchte. Marion achtete der Zudringlichen nicht und blieb gespannt auf derselben Stelle. Perrette fertigte das Schauspielervolk mit ihrem flinken Zünglein von Zeit zu Zeit verständlich genug ab. Meister Adam aber, der sich nicht träumen ließ, daß sein junges Weib ihm zusah, war indeß von der andern Seite aufgetreten, und zwar in seinem eige¬ nen Costüm und Charakter. Er begann in schönen Versen seine Noth zu klagen: er wolle nach Paris und habe keinen Heller in der Tasche, und sein stein¬ reicher Onkel sei von der schlimmsten Pestilenz der Welt, einem hartnäckigen Geiz, derart befallen, daß er von ihm nichts zu erwarten habe. Nun trat ein Arzt auf und Adam zog ihn zu Rath, ob er den Geiz curiren könne, so wolle er ihm ein saubres Exemplar von Patienten nachweisen; worauf sich denn der Arzt in gelehrten Erörterungen der verschiedenen Species des Geizes ergoß, welche curabel sei und welche nicht, und in dem Fall, den Adam beschrieb, auch noch alle Hoffnung machte, wenn er den Pa¬ tienten nur mit Augen sehen könnte. Da kam denn eine dritte Figur hervor, dem alten Onkel Adams täuschend ähnlich in Gestalt, Geberde und Kleidung, daß die Zuschauer des Lachens kein Ende wußten. Diesem ehrwürdigen Herrn ging der Herr Doctor entgegen, fühlt' ihm höflich den Puls, ließ sich die Zunge weisen, fragte nach diesem und jenem und zuletzt nach einigen deutlicheren Symptomen des Erz¬ 6 übels, an dem er litte; worauf denn der alte Herr in großen Zorn gerieth, heftig auf den gottlosen Neffen schalt, der ihm dergleichen schimpfliche Gebre¬ chen nachsage, und die Gründe offenbarte, weßhalb er ihm nicht zur Reise nach Paris verhelfen wolle. Der Hauptgrund war, Adam habe eben gefreit und sei schon seines Weibes überdrüssig, das doch, wie ganz Arras wisse, ein rechter Ausbund von Tugend und Schönheit sei. In steigender Unruhe hatte die arme Marion das Alles mit angehört, und wer hätte diese Unruhe einer tugendsamen Ehefrau verargt, die auf einmal all ihre häusliche Noth dem lachenden Publicum preisgegeben sah. Sie hatte kein Ohr für die zierlichen Verse und lustigen Possen, mit denen die Reden der drei Per¬ sonen geschmückt waren und die alle Zuhörer ent¬ zückten. Aengstlich und alles Andre vergessend horchte sie nun der Vertheidigung, zu der sich ihr Mann dem Oheim gegenüber anschickte. Als aber Adam dem Publicum trocken auseinandersetzte, daß ein schönes Weib nicht immer ein kurzweiliges sei und daß der Mund seiner Marion sich besser zum Küssen als zum Plaudern schicke, durch Küssen aber kein Mensch klüger würde, wohl aber durch witziges Ge¬ spräch, und er wolle Dem zwei Kronen schenken, der ihm einen Witz von Marion erzählen könne: da hielt sich die arme Horcherin nicht länger hinter den Coulissen. Mit einem Sprung war sie auf der Bühne und stand mit glühenden Wangen und erzürntem Blick gerade vor dem, der ihr so bösen Leumund machte. Schämst du dich nicht, Adam, rief sie mitten in seine Rede hinein, schämst du dich nicht, so vor aller Ohren von deinem Eheweib zu reden? O hät¬ test du mich je nur ein armes Bischen lieb gehabt, du hättest die Rede nicht über die Lippen gebracht. Und nun sag, hab' ich's um dich verdient? hab' ich dir Eine böse Stunde gemacht, dir nicht Alles an den Augen abgesehn? Und sprichst nun schlecht von mir vor ganz Arras? So zornig und traurig unter Weinen und Schluch¬ zen eiferte das arme Weib. Die Zuhörer, die zuerst dachten, das gehöre zum Stück, lachten, je nachdem sie boshaft genug waren, sich an ihrer Nachbarn ehe¬ lichem Unfrieden zu ergötzen. Wie sie aber sahen, daß es die leibhaftige Marion war, verging denn doch auch den Aergsten die Laune und sie starrten be¬ troffen auf die Bühne. Adam aber, so sehr ihn der Handel verdroß, faßte sich doch geschwind und rief laut und unerschrocken: Ihr guten Bürger, das ge¬ hört nicht zum Spiel. Die Frau kommt da ins Stück hereingeschneit und findet sich gar nicht im Personal. Ich bitt' euch, bringe sie einer weg. Ihr hört, sie spricht nicht einmal in Versen, wie doch alle Perso¬ 6 * nen, die die Ehre haben, dies merkwürdige Stück vor euch tragiren zu dürfen. — Darauf faßte er Marion sänftlich bei der Hand, sie von der Bühne zu bringen. Die aber machte sich los und, ermuthigt durch den Zuruf Einiger, daß sie bleiben und ihre Sache führen solle, rief sie nun: Ich will auch blei¬ ben, und euch, ihr werthen Herren zu Richtern ma¬ chen, ob mir nicht übel mitgespielt worden. Nun ja, ich bin schweigsam von Natur; aber sollte das ein Fehler sein, was ihr Männer uns armen Dingern sonst allerorten vorhaltet, daß ich unnütz Schwatzen lasse und aufhorche auf das was mein Mann sagt? — Marion hat Recht! Ein Hoch auf Marion und sie soll weiter sprechen! riefen die Zuschauer lachend und winkten ihr Muth zu. — Und, fuhr sie fort und wurde immer beredter, wenn ich hier nicht her¬ gehören soll, weil ich nicht in Versen spreche — deren weiß ich genug und die allerbesten. Mein Mann, der mich jetzt verlästert, hat sie selbst auf mich ge¬ macht, da wir Brautleute waren. Und ich will sie euch hören lassen, daß ihr seht, wie zweizüngig er ist und was er damals für schöne Worte hatte, mich zu rühmen, und jetzt hat er nur schimpfliche. Damit trat sie an den Rand der Bühne und sang folgende Verse, ob ihr auch die Stimme fast versagen wollte: Schöne Augen, schöne Wangen, Arme, lieblich zu umfangen, Findst du hier und findst du dort, Und ganz Artois auf und nieder Weiche Herzchen, weiche Glieder Triffst du auch an jedem Ort. Doch so klug ist wahrlich Keine, Als die Eine die ich meine. Ein schallendes Gelächter antwortete dieser Strophe; Einige stimmten den Refrain an und die Andern fielen ein. Einer aber rief: Wie willst du aber beweisen, Marion, daß die Eine die er meint Keine andere sei, als du? — Hört nur weiter, rief Marion dagegen; daran ist kein Zweifel, und nun sang sie: Mögen Andre zierlich singen, Zierlich sich im Tanze schwingen, Sacrebleu , was gilt mir das! Plaudert nur ein halbes Stündchen Meiner Marion rothes Mündchen, Eia! das gefällt mir baß. Denn so klug ist wahrlich Keine, Als die Eine die ich meine. Das ganze Publicum sang diesmal den Refrain mit, und dann erschallten laute Hochs auf die Vor¬ sängerin, die nun, die Thränen noch im Auge und plötzlich bestürzt über ihre eigene Kühnheit, aber schö¬ ner als je auf der Bühne stand. Da sprang Adam aus dem Hintergrunde vor und rief unter die laute Menge: Still, ihr guten Bürger! Ich habe auch ein Wort zu reden. Alles verstummte und war begie¬ rig, wie Adam es anfangen würde, sich zu Gnaden zu bringen. Adam aber sprach: Es ist Keiner unter euch, der nicht wisse, daß mein liebes Eheweib hier mich gründlich blamirt und die Lacher auf ihre Seite gebracht hat. Das dank' ich ihr von Grund meiner Seele. Ich sage euch aufrichtig, mein Herz hat mir vor Freude gezittert bei jedem Wort was sie sprach; und wie sie zuletzt den allerliebsten Einfall hatte, meine eignen Worte gegen mich zeugen zu lassen, da hab' ich im Stillen zu mir gesagt: Adam, ein Schuft bist du, wenn du je von einem solchen Ausbund von Weibe weichst und wankst, und wenn es in Paris Ehre und Dublonen regnete. Und somit komm' ich in demüthiger Hoffnung, daß ihr guten Bürger bei meinem lieben Weibe Fürbitte für mich leisten werdet, daß sie den frechen muthwilligen Mann wie¬ der in ihre Liebe und Neigung aufnehmen möge und ihm seine Lästerzunge nicht nachtragen. Wie er das gesagt mit einer Bewegung, wie sie noch Keiner zuvor an ihm wahrgenommen, entstand eine Stille im Hof. Marion aber lächelte ihm in rührender Freundlichkeit zu und fiel ihm herzlich um den Hals und sagte nur: Du böser lieber Mensch! Da brach von allen Bänken und Fenstern einstim¬ miger Jubel los. Adam aber entwand sich den Ar¬ men seiner Frau, hielt ihr die Hand fest und rief: Nun bin ich euch noch das dritte Couplet schuldig und das heißt so: Mögen nach Paris die Andern, Um gelahrt zu werden, wandern, Wenn ich hier im Lande bleib; — Alles Wissens beste Blüte Trägt beschlossen im Gemüthe Ein geliebtes holdes Weib. Und so klug ist wahrlich Keine, Als die Eine die ich meine. Wie fröhlich Alles den Refrain mitsang, braucht nicht gesagt zu werden. Da sie aber im besten Sin¬ gen waren, entstand plötzlich ein Lärmen vorn im Haus. Man hatte dem Onkel Adams zu wissen ge¬ than, daß man seine ehrwürdige Person im Conterfei auf die Bühne gebracht habe, und der alte Mann kam mit Häschern, des ernsten Willens, den gott¬ losen Neffen schwer für seinen Frevel büßen zu lassen. Drinnen im Haus waren nun die Leute geschäftig, ihm die gute Wendung der Sache beizubringen, und wie er von Adams Abbitte hörte und daß er nun nicht nach Paris wolle, gab er sich zufrieden, ward sogar ganz guter Dinge und verzieh dem fre¬ chen Poeten, der, Marion im Arm, demüthig zu ihm kam. Und damit er die Anklage wegen Geizes recht feierlich Lügen strafe, veranstaltete er auf den Abend ein Fest im Saale der drei Lilien, wo es denn hoch herging und die schöne Marion mit allen Honora¬ tioren tanzen mußte. Um das Stück waren die guten Bürger von Arras freilich gekommen. Wir haben aber zu ihren guten Herzen das Vertrauen, daß ihnen das Mirakel, so mit Marion geschehn, lieber gewesen, als wenn, wie es im Plan lag, Gott Vater mit einigen Engeln vom Him¬ mel gestiegen wäre und die Dame Avaritia feierlich Landes verwiesen hätte. Danach wäre auch wahr¬ scheinlich kein Geizkragen weniger in Arras gewesen, da jetzt doch ein glückliches Paar mehr darin war. La Rabbiata. D ie Sonne war noch nicht aufgegangen. Ueber dem Vesuv lagerte eine breite graue Nebelschicht, die sich nach Neapel hinüberdehnte und die kleinen Städte an jenem Küstenstrich verdunkelte. Das Meer lag still. An der Marine aber, die unter dem hohen Sorren¬ tiner Felsenufer in einer engen Bucht angelegt ist, rührten sich schon Fischer mit ihren Weibern, die Kähne mit Netzen, die zum Fischen über Nacht draußen ge¬ legen hatten, an großen Tauen ans Land zu ziehen. Andere rüsteten ihre Barken, richteten die Segel zu und schleppten Ruder und Segelstangen aus den gro¬ ßen vergitterten Gewölben vor, die tief in den Felsen hineingebaut über Nacht das Schiffsgeräth bewahren. Man sah keinen müßig gehen; denn auch die Alten, die keine Fahrt mehr machen, reihten sich in die große Kette derer ein, die an den Netzen zogen, und hie und da stand ein Mütterchen mit der Spindel auf einem der flachen Dächer, oder machte sich mit den Enkeln zu schaffen, während die Tochter dem Manne half. Siehst du, Rachela? da ist unser Padre Curato, sagte eine Alte zu einem kleinen Ding von zehn Jah¬ ren, das neben ihr sein Spindelchen schwang. Eben steigt er ins Schiff. Der Antonino soll ihn nach Capri hinüberfahren. Maria Santissima, was sieht der ehrwürdige Herr noch verschlafen aus! — Und damit winkte sie mit der Hand einem kleinen freund¬ lichen Prete zu, der unten sich eben zurechtgesetzt hatte in der Barke, nachdem er seinen schwarzen Rock sorg¬ fältig aufgehoben und über die Holzbank gebreitet hatte. Die Andern am Strand hielten mit der Ar¬ beit ein, um ihren Pfarrer abfahren zu sehen, der nach rechts und links freundlich nickte und grüßte. Warum muß er denn nach Capri, Großmutter? fragte das Kind. Haben die Leute dort keinen Pfar¬ rer, daß sie unsern borgen müssen? Sei nicht so einfältig, sagte die Alte. Genug haben sie da und die schönsten Kirchen und sogar einen Einsiedler, wie wir ihn nicht haben. Aber da ist eine vornehme Signora, die hat lange hier in Sorrent gewohnt und war sehr krank, daß der Padre oft zu ihr mußte mit dem Hochwürdigsten, wenn sie dachten, sie übersteht keine Nacht mehr. Nun, die heilige Jungfrau hat ihr beigestanden, daß sie wieder frisch und gesund worden ist und hat alle Tage im Meere baden können. Als sie von hier fort ist, nach Capri hinüber, hat sie noch einen schönen Haufen Ducaten an die Kirche geschenkt und an das arme Volk, und hat nicht fort wollen, sagen sie, ehe der Padre nicht versprochen hat, sie drüben zu besuchen, daß sie ihm beichten kann. Denn es ist erstaunlich, was sie auf ihn hält. Und wir können uns segnen, daß wir ihn zum Pfarrer haben, der Gaben hat wie ein Erzbischof und dem die hohen Herrschaften nach¬ fragen. Die Madonna sei mit ihm! — Und damit winkte sie zum Schiffchen hinunter, das eben abstoßen wollte. Werden wir klares Wetter haben, mein Sohn? fragte der kleine Priester und sah bedenklich nach Neapel hinüber. Die Sonne ist noch nicht heraus, erwiederte der Bursch. Mit dem bischen Nebel wird sie schon fer¬ tig werden. So fahr zu, daß wir vor der Hitze ankommen. Antonino griff eben zu dem langen Ruder, um die Barke ins Freie zu treiben, als er plötzlich inne hielt und nach der Höhe des steilen Weges hinaufsah, der von dem Städtchen Sorrent zur Marine hin¬ abführt. Eine schlanke Mädchengestalt ward oben sichtbar, die eilig die Steine hinabschritt und mit einem Tuch winkte. Sie trug ein Bündelchen unterm Arm, und ihr Aufzug war dürftig genug. Doch hatte sie eine fast vornehme, nur etwas wilde Art den Kopf in den Nacken zu werfen, und die schwarze Flechte, die sie vorn über der Stirn umgeschlungen trug, stand ihr wie ein Diadem. Worauf warten wir? fragte der Pfarrer. Es kommt da noch Jemand auf die Barke zu, der auch wohl nach Capri will. Wenn Ihr erlaubt, Padre — es geht darum nicht langsamer, denn 's ist nur ein junges Ding von kaum 18 Jahr. In diesem Augenblick trat das Mädchen hinter der Mauer hervor, die den gewundenen Weg ein¬ faßt. Laurella! sagte der Pfarrer. Was hat sie in Capri zu thun? Antonino zuckte die Achseln. — Das Mädchen kam mit hastigen Schritten heran und sah vor sich hin. Guten Tag, la Rabbiata! riefen einige von den jungen Schiffern. Sie hätten wohl noch mehr ge¬ sagt, wenn die Gegenwart des Curato sie nicht in Respect gehalten hätte; denn die trotzige stumme Art, in der das Mädchen ihren Gruß hinnahm, schien die Uebermüthigen zu reizen. Guten Tag, Laurella, rief nun auch der Pfarrer. Wie steht's? Willst du mit nach Capri? Wenn's erlaubt ist, Padre! Frage den Antonino, der ist der Patron der Barke. Ist jeder doch Herr seines Eigenthums und Gott Herr über uns Alle. Da ist ein halber Carlin, sagte Laurella, ohne den jungen Schiffer anzusehn. Wenn ich dafür mitkann. Du kannst's besser brauchen, als ich, brummte der Bursch und schob einige Körbe mit Orangen zu¬ recht, daß Platz wurde. Er sollte sie in Capri ver¬ kaufen, denn die Felseninsel trägt nicht genug für den Bedarf der vielen Besucher. Ich will nicht umsonst mit, erwiederte das Mäd¬ chen und die schwarzen Augenbrauen zuckten. Komm nur, Kind, sagte der Pfarrer. Er ist ein braver Junge und will nicht reich werden von deinem bischen Armuth. Da, steig ein — und er reichte ihr die Hand — und setz dich hier neben mich. Sieh, da hat er dir seine Jacke hingelegt, daß du weicher sitzen sollst. Mir hat er's nicht so gut gemacht. Aber junges Volk, das treibt's immer so. Für Ein kleines Frauenzimmer wird mehr gesorgt, als für zehn geistliche Herren. Nun nun, brauchst dich nicht zu entschuldigen, Tonino. 's ist unsers Herr¬ gotts Einrichtung, daß sich Gleich zu Gleich hält. Laurella war inzwischen eingestiegen und hatte sich gesetzt, nachdem sie die Jacke, ohne ein Wort zu sagen, beiseit geschoben hatte. Der junge Schiffer ließ sie liegen und murmelte was zwischen den Zähnen. Dann stieß er kräftig gegen den Uferdamm und der kleine Kahn flog in den Golf hinaus. Was hast du da im Bündel? fragte der Pfar¬ rer, während sie nun übers Meer hintrieben, das sich eben von den ersten Sonnenstrahlen lichtete. Seide, Garn und ein Brod, Padre. Ich soll die Seide an eine Frau in Capri verkaufen, die Bänder macht, und das Garn an eine andre. Hast du's selbst gesponnen? Ja, Herr. Wenn ich mich recht erinnere, hast du auch ge¬ lernt Bänder machen. Ja Herr. Aber es geht wieder schlimmer mit der Mutter, daß ich nicht aus dem Hause kann, und einen eignen Webstuhl können wir nicht bezahlen. Geht schlimmer! Oh, oh! Da ich um Ostern bei euch war, saß sie doch auf. Der Frühling ist immer die böseste Zeit für sie. Seit wir die großen Stürme hatten und die Erd¬ stöße, hat sie immer liegen müssen vor Schmerzen. Laß nicht nach mit Beten und Bitten, mein Kind, daß die heilige Jungfrau Fürbitte thut. Und sei brav und fleißig, damit dein Gebet erhört werde. Nach einer Pause: Wie du da zum Strand her¬ unterkamst, riefen sie dir zu: Guten Tag, la Rab¬ biata! Warum heißen sie dich so? Es ist kein schö¬ ner Name für eine Christin, die sanft sein soll und demüthig. Das Mädchen glühte über das ganze braune Ge¬ sicht und ihre Augen funkelten. Sie haben ihren Spott mit mir, weil ich nicht tanze und singe und viel Redens mache, wie Andere. Sie sollten mich gehen lassen; ich thu' ihnen ja nichts. Du könntest aber freundlich sein zu Jedermann. Tanzen und singen mögen Andere, denen das Leben leichter ist. Aber ein gutes Wort geben schickt sich auch für einen Betrübten. Sie sah vor sich nieder und zog die Brauen dichter zusammen, als wollte sie ihre schwarzen Augen darunter verstecken. Eine Weile fuhren sie schweigend dahin. Die Sonne stand nun prächtig über dem Ge¬ birg, die Spitze des Vesuv ragte über die Wolken¬ schicht heraus, die noch den Fuß umzogen hielt, und die Häuser auf der Ebene von Sorrent blinkten weiß aus den grünen Orangengärten hervor. Hat jener Maler nichts wieder von sich hören lassen, Laurella, jener Neapolitaner, der dich zur Frau haben wollte? fragte der Pfarrer. Sie schüttelte den Kopf. Er kam damals, ein Bild von dir zu machen. Warum hast du's ihm abgeschlagen? Wozu wollt' er es nur? Es sind andere schöner als ich. Und dann — wer weiß, was er damit ge¬ trieben hätte. Er hätte mich damit verzaubern kön¬ nen und meine Seele beschädigen, oder mich gar zu Tode bringen, sagte die Mutter. Glaube nicht so sündliche Dinge, sprach der Pfarrer ernsthaft. Bist du nicht immer in Gottes Hand, ohne dessen Willen dir kein Haar vom Haupte fällt? Und soll ein Mensch mit so einem Bild in 7 der Hand stärker sein als der Herrgott? — Zudem konntest du ja sehen, daß er dir wohl wollte. Hätte er dich sonst heirathen wollen? Sie schwieg. Und warum hast du ihn ausgeschlagen? Es soll ein braver Mann gewesen sein und ganz stattlich und hätte dich und deine Mutter besser ernähren können, als du es nun kannst mit dem bischen Spinnen und Seidewickeln. Wir sind arme Leute, sagte sie heftig, und meine Mutter nun gar seit so lange krank. Wir wären ihm nur zur Last gefallen. Und ich tauge auch nicht für einen Signore. Wenn seine Freunde zu ihm gekommen wären, hätte er sich meiner geschämt. Was du auch redest! Ich sage dir ja, daß es ein braver Herr war. Und überdies wollte er ja nach Sorrent übersiedeln. Es wird nicht bald so einer wiederkommen, der wie recht vom Himmel ge¬ schickt war, um euch aufzuhelfen. Ich will gar keinen Mann, niemals! sagte sie ganz trotzig und wie vor sich hin. Hast du ein Gelübde gethan, oder willst in ein Kloster gehn? Sie schüttelte den Kopf. Die Leute haben Recht, die dir deinen Eigensinn vorhalten, wenn auch jener Name nicht schön ist. Bedenkst du nicht, daß du nicht allein auf der Welt bist und durch diesen Starrsinn deiner kranken Mutter das Leben und ihre Krankheit nur bitterer machst? Was kannst du für wichtige Gründe haben, jede rechtschaffne Hand abzuweisen, die dich und die Mutter stützen will? Antworte mir, Laurella! Ich habe wohl einen Grund, sagte sie leise und zögernd. Aber ich kann ihn nicht sagen. Nicht sagen? Auch mir nicht? Nicht deinem Beichtvater, dem du doch sonst wohl zutraust, daß er es gut mit dir meint? Oder nicht? Sie nickte. So erleichtere dein Herz, Kind. Wenn du Recht hast, will ich der Erste sein, dir Recht zu geben. Aber du bist jung und kennst die Welt wenig, und es möchte dich später einmal gereuen, wenn du um kindischer Gedanken willen dein Glück verscherzt hast. Sie warf einen flüchtigen scheuen Blick nach dem Burschen hinüber, der emsig rudernd hinten im Kahn saß und die wollene Mütze tief in die Stirn gezogen hatte. Er starrte zur Seite ins Meer und schien in seine eignen Gedanken versunken zu sein. Der Pfarrer sah ihren Blick und neigte sein Ohr näher zu ihr. Ihr habt meinen Vater nicht gekannt, flüsterte sie, und ihre Augen sahen finster. Deinen Vater? Er starb ja, denk' ich, da du kaum zehn Jahr alt warst. Was hat dein Vater, dessen Seele im Paradiese sein möge, mit deinem Eigensinn zu schaffen? 7 * Ihr habt ihn nicht gekannt, Padre. Ihr wißt nicht, daß er allein Schuld ist an der Krankheit der Mutter. Wie das? Weil er sie mißhandelt hat und geschlagen und mit Füßen getreten. Ich weiß noch die Nächte, wenn er nach Hause kam und war in Wuth. Sie sagte ihm nie ein Wort und that Alles was er wollte. Er aber schlug sie, daß mir das Herz brechen wollte. Ich zog dann die Decke über den Kopf und that als ob ich schliefe, weinte aber die ganze Nacht. Und wenn er sie dann am Boden liegen sah, verwandelt' er sich plötzlich und hob sie auf und küßte sie, daß sie schrie, er werde sie ersticken. Die Mutter hat mir verboten, daß ich nie ein Wort davon sagen soll; aber es griff sie so an, daß sie nun die langen Jahre, seit er todt ist, noch nicht wieder gesund worden ist. Und wenn sie früh sterben sollte, was der Him¬ mel verhüte, ich weiß wohl, wer sie umgebracht hat. Der kleine Priester wiegte das Haupt und schien unschlüssig, wie weit er seinem Beichtkind Recht geben sollte. Endlich sagte er: Vergieb ihm, wie ihm deine Mutter vergeben hat. Hefte nicht deine Gedanken an jene traurigen Bilder, Laurella. Es werden bes¬ sere Zeiten für dich kommen und dich Alles ver¬ gessen machen. Nie vergess' ich das, sagte sie und schauerte zusammen. Und wißt, Padre, darum will ich eine Jungfrau bleiben, um Keinem unterthänig zu sein, der mich mißhandelte und dann liebkos'te. Wenn mich jetzt einer schlagen oder küssen will, so weiß ich mich zu wehren. Aber meine Mutter dürfte sich schon nicht wehren, nicht der Schläge erwehren und nicht der Küsse, weil sie ihn lieb hatte. Und ich will Keinen so lieb haben, daß ich um ihn krank und elend würde. Bist du nun nicht ein Kind und sprichst wie eine, die nichts weiß von dem, was auf Erden ge¬ schieht? Sind denn alle Männer, wie dein armer Vater war, daß sie jeder Laune und Leidenschaft nachgeben und ihren Frauen schlecht begegnen? Hast du nicht rechtschaffne Menschen genug gesehn in der ganzen Nachbarschaft, und Frauen, die in Frieden und Einigkeit mit ihren Männern leben? Von meinem Vater wußt' es auch niemand, wie er zu meiner Mutter war, denn sie wäre eher tau¬ sendmal gestorben, als es einem sagen und klagen. Und das Alles, weil sie ihn liebte. Wenn es so um die Liebe ist, daß sie einem die Lippen schließt, wo man Hülfe schreien sollte, und einen wehrlos macht gegen Aergeres, als der ärgste Feind einem anthun könnte, so will ich nie mein Herz an einen Mann hängen. Ich sage dir, daß du ein Kind bist und nicht weißt, was du sprichst. Du wirst auch viel gefragt. werden von deinem Herzen, ob du lieben willst oder nicht, wenn seine Zeit gekommen ist; dann hilft Alles nicht, was du dir jetzt in den Kopf setzest. — Wieder nach einer Pause: Und jener Maler, hast du ihm auch zugetraut, daß er dir hart begegnen würde? Er machte so Augen, wie ich sie bei meinem Vater gesehen habe, wenn er der Mutter abbat und sie in die Arme nehmen wollte, um ihr wieder gute Worte zu geben. Die Augen kenn' ich. Es kann sie auch einer machen, der's übers Herz bringt seine Frau zu schlagen, die ihm nie was zu Leide gethan hat. Mir graute, wie ich die Augen wieder sah. Darauf schwieg sie beharrlich still. Auch der Pfarrer schwieg. Er besann sich wohl auf viele schöne Sprüche, die er dem Mädchen hätte vorhalten kön¬ nen. Aber die Gegenwart des jungen Schiffers, der gegen das Ende der Beichte unruhiger geworden war, verschloß ihm den Mund. Als sie nach einer zweistündigen Fahrt in dem kleinen Hafen von Capri anlangten, trug Antonino den geistlichen Herrn aus dem Kahn über die letzten flachen Wellen und setzte ihn ehrerbietig ab. Doch hatte Laurella nicht warten wollen, bis er wieder zurück watete und sie nachholte. Sie nahm ihr Röck¬ chen zusammen, die Holzpantöffelchen in die rechte, das Bündel in die linke Hand und plätscherte hurtig ans Land. Ich bleibe heut wohl lang auf Capri, sagte der Padre, und du brauchst nicht auf mich zu warten. Vielleicht komm' ich gar erst morgen nach Haus. Und du, Laurella, wenn du heimkommst, grüße die Mutter. Ich besuche euch in dieser Woche noch. Du fährst doch noch vor der Nacht zurück? Wenn Gelegenheit ist, sagte das Mädchen und machte sich an ihrem Rock zu schaffen. Du weißt, daß ich auch zurück muß, sprach An¬ tonino, wie er meinte in sehr gleichgültigem Ton. Ich wart' auf dich bis Ave Maria. Wenn du dann nicht kommst, soll mir's auch gleich sein. Du mußt kommen, Laurella, fiel der kleine Herr ein. Du darfst deine Mutter keine Nacht allein las¬ sen. Ist's weit, wo du hin mußt? Auf Anacapri, in eine Vigne. Und ich muß auf Capri zu. Behüt dich Gott, Kind, und dich, mein Sohn. Laurella küßte ihm die Hand und ließ ein Lebt¬ wohl fallen, in das sich der Padre und Antonino theilen mochten. Antonino indessen eignete sich's nicht zu. Er zog seine Mühe vor dem Padre und sah Laurella nicht an. Als sie ihm aber beide den Rücken gekehrt hatten, ließ er seine Augen nur kurze Zeit mit dem geistlichen Herrn wandern, der über das tiefe Kieselgeröll müh¬ sam hinschritt, und schickte sie dann dem Mädchen nach, das sich rechts die Höhe hinauf gewandt hatte, die Hand über die Augen haltend gegen die scharfe Sonne. Eh sich der Weg oben zwischen Mauern zurückzieht, stand sie einen Augenblick still, wie um Athem zu schöpfen, und sah um. Die Marine lag zu ihren Füßen, ringsum thürmte sich der schroffe Fels, das Meer blaute in seltener Pracht — es war wohl ein Anblick des Stehenbleibens werth. Der Zufall fügte es, daß ihr Blick, bei Antonino's Barke vorübereilend, sich mit jenem Blick begegnete, den Antonino ihr nachgeschickt hatte. Sie machten beide eine Bewegung, wie Leute, die sich entschuldigen wol¬ len, es sei etwas nur aus Versehen geschehn, worauf das Mädchen mit finsterm Munde ihren Weg fortsetzte. Es war erst eine Stunde nach Mittag, und schon saß Antonino zwei Stunden lang auf einer Bank vor der Fischerschenke. Es mußte ihm was durch den Sinn gehn, denn alle fünf Minuten sprang er auf, trat in die Sonne hinaus und überblickte sorg¬ fältig die Wege, die links und rechts nach den zwei Inselstädtchen führen. Das Wetter sei ihm bedenk¬ lich, sagte er dann zu der Wirthin der Osterie. Es sei wohl klar, aber er kenne diese Farbe des Himmels und Meers. Gerade so hab' es ausgesehn, eh der letzte große Sturm war, wo er die englische Familie nur mit Noth ans Land gebracht habe. Sie werde sich erinnern. Nein, sagte die Frau. Nun, sie solle an ihn denken, wenn sich's noch vor Nacht verändere. Sind viel Herrschaften drüben? fragte die Wir¬ thin nach einer Weile. Es fängt eben an. Bisher hatten wir schlechte Zeit. Die wegen der Bäder kommen, ließen auf sich warten. Das Frühjahr kam spät. Habt ihr mehr verdient, als wir hier auf Capri? Es hätte nicht ausgereicht, zweimal die Woche Maccaroni zu essen, wenn ich bloß auf die Barke angewiesen wäre. Dann und wann einen Brief nach Neapel zu bringen, oder einen Signore aufs Meer gerudert, der angeln wollte — das war Alles. Aber Ihr wißt, daß mein Onkel die großen Orangengärten hat und ein reicher Mann ist. Tonino, sagt er, so lang ich lebe, sollst du nicht Noth leiden, und her¬ nach wird auch für dich gesorgt werden. So hab' ich den Winter mit Gottes Hülfe überstanden. Hat er Kinder, Euer Onkel? Nein. Er war nie verheirathet und lang außer Landes, wo er denn manchen guten Piaster zusammen¬ gebracht hat. Nun hat er vor, eine große Fischerei anzufangen und will mich über das ganze Wesen setzen, daß ich nach dem Rechten sehe. So seid Ihr ja ein gemachter Mann, Antonino. Der junge Schiffer zuckte die Achseln. Es hat jeder sein Bündel zu tragen, sagte er. Damit sprang er auf und sah wieder links und rechts nach dem Wetter, obwohl er wissen mußte, daß es nur Eine Wetterseite giebt. Ich bring' Euch noch eine Flasche. Euer Onkel kann's bezahlen, sagte die Wirthin. Nur noch ein Glas, denn ihr habt hier eine feu¬ rige Art Wein. Der Kopf ist mir schon ganz warm. Er geht nicht ins Blut. Ihr könnt trinken, so viel Ihr wollt. Da kommt eben mein Mann, mit dem müßt Ihr noch eine Weile sitzen und schwatzen. Wirklich kam, das Netz über die Schulter gehängt, die rothe Mütze über den geringelten Haaren, der stattliche Padrone der Schenke von der Höhe herunter. Er hatte Fische in die Stadt gebracht, die jene vor¬ nehme Dame bestellt hatte, um sie dem kleinen Pfarrer von Sorrent vorzusetzen. Wie er des jungen Schif¬ fers ansichtig wurde, winkte er ihm herzlich mit der Hand einen Willkommen zu, setzte sich dann neben ihn auf die Bank und fing an zu fragen und zu erzäh¬ len. Eben brachte sein Weib eine zweite Flasche des echten unverfälschten Capri, als der Ufersand zur Linken knisterte und Laurella des Weges von Ana¬ capri daher kam. Sie grüßte flüchtig mit dem Kopf und stand unschlüssig still. Antonino sprang auf. Ich muß fort, sagte er. 's ist ein Mädchen aus Sorrent, das heut früh mit dem Signor Curato kam und auf die Nacht wieder zu ihrer kranken Mutter will. Nun nun, 's ist noch lang bis Nacht, sagte der Fischer. Sie wird doch Zeit haben, ein Glas Wein zu trinken. Hola, Frau, bring noch ein Glas. Ich danke, ich trinke nicht, sagte Laurella und blieb in einiger Entfernung. Schenk nur ein, Frau, schenk ein! Sie läßt sich nöthigen. Laßt sie, sagte der Bursch. Sie hat einen harten Kopf; was sie einmal nicht will, das redet ihr kein Heiliger ein. — Und damit nahm er eilfertig Ab¬ schied, lief nach der Barke hinunter, lös'te das Seil und stand nun in Erwartung des Mädchens. Die grüßte noch einmal nach den Wirthen der Schenke zurück und ging dann mit zaudernden Schritten der Barke zu. Sie sah vorher nach allen Seiten um, als erwarte sie, daß sich noch andere Gesellschaft ein¬ finden würde. Die Marine aber war menschenleer; die Fischer schliefen oder fuhren im Meer mit Angeln und Netzen, wenige Frauen und Kinder saßen unter den Thüren, schlafend oder spinnend, und die Frem¬ den, die am Morgen herübergefahren, warteten die kühlere Tageszeit zur Rückfahrt ab. Sie konnte auch nicht zu lange umschauen, denn eh sie es wehren konnte, hatte Antonino sie in die Arme genommen und trug sie wie ein Kind in den Nachen. Dann sprang er nach und mit wenigen Ruderschlägen waren sie schon im offnen Meer. Sie hatte sich vorn in den Kahn gesetzt und ihm halb den Rücken zugedreht, daß er sie nur von der Seite sehen konnte. Ihre Züge waren jetzt noch ernst¬ hafter als gewöhnlich. Ueber die kurze Stirn hing das Haar tief herein, um den feinen Nasenflügel zit¬ terte ein eigensinniger Zug, der volle Mund war fest geschlossen. — Als sie eine Zeitlang so stillschweigend über Meer gefahren waren, empfand sie den Son¬ nenbrand, nahm das Brod aus dem Tuch und schlang dieses über die Flechte. Dann fing sie an von dem Brode zu essen und ihr Mittagsmahl zu halten; denn sie hatte auf Capri nichts genossen. Antonino sah das nicht lange mit an. Er holte aus einem der Körbe, der am Morgen mit Orangen gefüllt gewesen, zwei hervor und sagte: Da hast du was zu deinem Brod, Laurella. Glaub nicht, daß ich sie für dich zurückbehalten habe. Sie sind aus dem Korb in den Kahn gerollt und ich fand sie, als ich die leeren Körbe wieder in die Barke setzte. Iß du sie doch. Ich hab' an meinem Brode genug. Sie sind erfrischend in der Hitze, und du bist weit gelaufen. Sie gaben mir oben ein Glas Wasser, das hat mich schon erfrischt. Wie du willst, sagte er, und ließ sie wieder in den Korb fallen. Neues Stillschweigen. Das Meer war spiegel¬ glatt und rauschte kaum um den Kiel. Auch die weißen Seevögel, die in den Uferhöhlen nisten, zogen lautlos auf ihren Raub. Du könntest die zwei Orangen deiner Mutter bringen, fing Antonino wieder an. Wir haben ihrer noch zu Haus, und wenn sie zu Ende sind, geh' ich und kaufe neue. Bringe sie ihr nur, und ein Compliment von mir. Sie kennt dich ja nicht. So könntest du ihr sagen, wer ich bin. Ich kenne dich auch nicht. Es war nicht das erste Mal, daß sie ihn so ver¬ leugnete. Vor einem Jahr, als der Maler eben nach Sorrent gekommen war, traf sich's an einem Sonn¬ tage, daß Antonino mit andern jungen Burschen aus dem Ort auf einem freieren Platz neben der Hauptstraße Boccia spielte. Dort begegnete der Ma¬ ler zuerst Laurella, die, einen Wasserkrug auf dem Kopfe tragend, ohne sein zu achten vorüberschritt. Der Napolitaner, von dem Anblick betroffen, stand und sah ihr nach, obwohl er sich mitten in der Bahn des Spieles befand und mit zwei Schritten sie hätte räumen können. Eine unsanfte Kugel, die ihm gegen das Fußgelenk fuhr, mußte ihn daran erinnern, daß hier der Ort nicht sei, sich in Gedanken zu verlieren. Er sah um, als erwarte er eine Entschuldigung. Der junge Schiffer, der den Wurf gethan hatte, stand schweigend und trotzig inmitten seiner Freunde, daß der Fremde es gerathen fand, einen Wortwechsel zu vermeiden und zu gehen. Doch hatte man von dem Handel gesprochen, und sprach von neuem davon, als der Maler sich offen um Laurella bewarb. Ich kenne ihn nicht, sagte diese unwillig, als der Maler sie fragte, ob sie ihn jenes unhöflichen Burschen we¬ gen ausschlüge. Und doch war auch ihr jenes Gerede zu Ohren gekommen. Seitdem, wenn ihr Antonino begegnete, hatte sie ihn doch wohl wiedererkannt. Und nun saßen sie im Kahn wie die bittersten Feinde, und beiden klopfte das Herz tödtlich. Das sonst gutmüthige Gesicht Antonino's war heftig ge¬ röthet; er schlug in die Wellen, daß der Schaum ihn überspritzte, und seine Lippen zitterten zuweilen, als spräche er böse Worte. Sie that, als bemerke sie es nicht, und machte ihr unbefangenstes Gesicht, neigte sich über den Bord des Nachens und ließ die Flut durch ihre Finger gleiten. Dann band sie ihr Tuch wieder ab und ordnete ihr Haar, als sei sie ganz allein im Kahn. Nur die Augenbrauen zuckten noch, und umsonst hielt sie die nassen Hände gegen ihre brennenden Wangen, um sie zu kühlen. Nun waren sie mitten auf dem Meer, und nah und fern ließ sich kein Segel blicken. Die Insel war zurückgeblieben, die Küste lag im Sonnenduft weitab, nicht einmal eine Möwe durchflog die tiefe Einsam¬ keit. Antonino sah um sich her. Ein Gedanke schien in ihm aufzusteigen. Die Röthe wich plötzlich von seinen Wangen und er ließ die Ruder sinken. Un¬ willkürlich sah Laurella nach ihm um, gespannt, aber furchtlos. Ich muß ein Ende machen, brach der Bursch heraus. Es dauert mir schon zu lange und wundert mich schier, daß ich nicht drüber zu Grunde gegan¬ gen bin. Du kennst mich nicht, sagst du? Hast du nicht lange genug mit angesehen, wie ich bei dir vor¬ überging als ein Unsinniger und hatte das ganze Herz voll, dir zu sagen? Dann machtest du deinen bösen Mund und drehtest mir den Rücken. Was hatt' ich mit dir zu reden? sagte sie kurz. Ich habe wohl gesehen, daß du mit mir anbinden wolltest. Ich wollt' aber nicht in der Leute Mäuler kommen um nichts und wieder nichts. Denn zum Manne nehmen mag ich dich nicht, dich nicht und Keinen. Und Keinen? So wirst du nicht immer sagen. Weil du den Maler weggeschickt hast? Pah! Du warst noch ein Kind damals. Es wird dir schon einmal einsam werden, und dann, toll wie du bist, nimmst du den ersten besten. Es weiß Keiner seine Zukunft. Kann sein, daß ich noch meinen Sinn ändere. Was geht's dich an? Was es mich angeht? fuhr er auf und sprang von der Ruderbank empor, daß der Kahn schaukelte. Was es mich angeht? Und so kannst du noch fragen, nachdem du weißt, wie es um mich steht? Müsse der elend umkommen, dem je besser von dir begegnet würde als mir! Hab' ich mich dir je versprochen? Kann ich da¬ für, wenn dein Kopf unsinnig ist? Was hast du für ein Recht auf mich? Oh, rief er aus, es steht freilich nicht geschrieben, es hat's kein Advocat in Latein abgefaßt und ver¬ siegelt; aber das weiß ich, daß ich so viel Recht auf dich habe, wie in den Himmel zu kommen, wenn ich ein braver Kerl gewesen bin. Meinst du, daß ich mit ansehn will, wenn du mit einem Andern in die Kirche gehst und die Mädchen gehn mir vorüber und zucken die Achseln. Soll ich mir den Schimpf an¬ thun lassen? Thu was du willst. Ich lasse mir nicht bangen, so viel du auch drohst. Ich will auch thun was ich will. Du wirst nicht lange so sprechen, sagte er und bebte über den ganzen Leib. Ich bin Manns genug, daß ich mir das Leben nicht länger von solch einem Trotzkopf verderben lasse. Weißt du, daß du hier in meiner Macht bist und thun mußt, was ich will? Sie fuhr leicht zusammen und blitzte ihn mit den Augen an. Bringe mich um, wenn du's wagst, sagte sie langsam. Man muß nichts halb thun, sagte er, und seine Stimme klang leiser. 's ist Platz für uns Beide im Meer. Ich kann dir nicht helfen, Kind, — und er sprach fast mitleidig, wie aus dem Traum — aber wir müssen hinunter, alle Beide, und auf einmal, und jetzt! schrie er überlaut und faßte sie plötzlich mit beiden Armen an. Aber im Augenblick zog er die rechte Hand zurück, das Blut quoll hervor, sie hatte ihm heftig hineingebissen. Muß ich thun, was du willst? rief sie und stieß ihn mit einer raschen Wendung von sich. Laß sehn, ob ich in deiner Macht bin! — Damit sprang sie über den Bord des Kahns und verschwand einen Augen¬ blick in der Tiefe. Sie kam gleich wieder herauf; ihr Röckchen um¬ schloß sie fest, ihre Haare waren von den Wellen auf¬ gelös't und hingen schwer über den Hals nieder, mit den Armen ruderte sie emsig und schwamm, ohne einen Laut von sich zu geben, kräftig von der Barke weg nach der Küste zu. Der jähe Schreck schien ihm die Sinne gelähmt zu haben. Er stand im Kahn, vorgebeugt, die Blicke starr nach ihr hingerichtet, als begebe sich ein Wunder vor seinen Augen. Dann 8 schüttelte er sich, stürzte nach den Rudern, und fuhr ihr mit aller Kraft, die er aufzubieten hatte, nach, während der Boden seines Kahns von dem immer zuströmenden Blute roth wurde. Im Nu war er an ihrer Seite, so hastig sie schwamm. Bei Maria Santissima! rief er, komm in den Kahn. Ich bin ein Toller gewesen; Gott weiß, was mir die Vernunft benebelte. Wie ein Blitz vom Himmel fuhr mir's ins Hirn, daß ich ganz aufbrannte und wußte nicht was ich that und redete. Du sollst mir nicht vergeben, Laurella, nur dein Le¬ ben retten und wieder einsteigen. Sie schwamm fort, als habe sie nichts gehört. Du kannst nicht bis ans Land kommen, es sind noch zwei Miglien. Denk an deine Mutter. Wenn dir ein Unglück begegnete, sie stürbe vor Entsetzen. Sie maß mit einem Blick die Entfernung von der Küste. Dann, ohne zu antworten, schwamm sie an die Barke heran und faßte den Bord mit den Hän¬ den. Er stand auf, ihr zu helfen; seine Jacke, die auf der Bank gelegen, glitt ins Meer, als der Nachen von der Last des Mädchens nach der einen Seite hinübergezogen wurde. Gewandt schwang sie sich em¬ por und erklomm ihren früheren Sitz. Als er sie geborgen sah, griff er wieder zu den Rudern. Sie aber wand ihr triefendes Röckchen aus und rang das Wasser aus den Flechten. Dabei sah sie auf den Boden der Barke und bemerkte jetzt das Blut. Sie warf einen raschen Blick nach der Hand, die, als sei sie unverwundet, das Ruder führte. Da, sagte sie und reichte ihm ihr Tuch. Er schüttelte den Kopf und ruderte vorwärts. Sie stand endlich auf, trat zu ihm und band ihm das Tuch fest um die tiefe Wunde. Darauf nahm sie ihm, so viel er auch abwehrte, das eine Ruder aus der Hand und setzte sich ihm gegenüber, doch ohne ihn anzusehn, fest auf das Ruder blickend, das vom Blut geröthet war, und mit kräftigen Stößen die Barke forttrei¬ bend. Sie waren beide blaß und still. Als sie näher ans Land kamen, begegneten ihnen Fischer, die ihre Netze auf die Nacht auswerfen wollten. Sie riefen Antonino an und neckten Laurella. Keins sah auf oder erwiederte ein Wort. Die Sonne stand noch ziemlich hoch über Pro¬ cida, als sie die Marine erreichten, Laurella schüt¬ telte ihr Röckchen, das fast völlig überm Meer ge¬ trocknet war, und sprang ans Land. Die alte spin¬ nende Frau, die sie schon am Morgen hatte abfahren sehen, stand wieder auf dem Dach. Was hast du an der Hand, Tonino? rief sie hinunter. Jesus Christus, die Barke schwimmt ja in Blut! 's ist nichts, Commare, erwiederte der Bursch. Ich riß mich an einem Nagel, der zu weit vorsah. Morgen ist's vorbei. Das verwünschte Blut ist nur 8 * gleich bei der Hand, daß es gefährlicher aussieht, als es ist. Ich will kommen und dir Kräuter auflegen, Com¬ parello. Wart', ich komme schon! Bemüht Euch nicht, Commare. Ist schon alles geschehn und morgen wird's vorbei sein und vergessen. Ich habe eine gesunde Haut, die gleich wieder über jede Wunde zuwächst. Addio! sagte Laurella und wandte sich nach dem Pfad, der hinaufführt. Gute Nacht! rief ihr der Bursch nach, ohne sie anzusehn. Dann trug er das Geräth aus dem Schiff und die Körbe dazu, und stieg die kleine Steintreppe zu seiner Hütte hinauf. Es war Keiner außer ihm in den zwei Kammern, durch die er nun hin und her ging. Zu den offenen Fensterchen, die nur mit hölzernen Läden verschlossen werden, strich die Luft etwas erfrischender herein, als über das ruhige Meer, und in der Einsamkeit war ihm wohl. Er stand auch lange vor dem kleinen Bilde der Mutter Gottes und sah die aus Silberpapier daraufgeklebte Sternenglorie andächtig an. Doch zu beten fiel ihm nicht ein. Um was hätte er bitten sollen, da er nichts mehr hoffte. Und der Tag schien heute still zu stehn. Er sehnte sich nach der Dunkelheit, denn er war müde, und der Blutverlust hatte ihn auch mehr angegriffen, als er sich gestand. Er fühlte heftige Schmerzen an der Hand, setzte sich auf einen Schemel und lös'te den Verband. Das zurückgedrängte Blut schoß wieder hervor, und die Hand war stark um die Wunde an¬ geschwollen. Er wusch sie sorgfältig und kühlte sie lange. Als er sie wieder vorzog, unterschied er deut¬ lich die Spur von Laurella's Zähnen. Sie hatte Recht, sagte er. Eine Bestie war ich und verdien' es nicht besser. Ich will ihr morgen ihr Tuch durch den Giuseppe zurückschicken. Denn mich soll sie nicht wiedersehn. — Und nun wusch er das Tuch sorgfältig und breitete es in der Sonne aus, nachdem er sich die Hand wieder verbunden hatte, so gut er's mit der Linken und den Zähnen konnte. Dann warf er sich auf sein Bett und schloß die Augen. Der helle Mond weckte ihn aus einem halben Schlaf, zugleich der Schmerz in der Hand. Er sprang eben wieder auf, um die pochenden Schläge des Bluts in Wasser zu beruhigen, als er ein Geräusch an sei¬ ner Thür hörte. Wer ist da? rief er und öffnete. Laurella stand vor ihm. Ohne viel zu fragen trat sie ein. Sie warf das Tuch ab, das sie über den Kopf geschlungen hatte, und stellte ein Körbchen auf den Tisch. Dann schöpfte sie tief Athem. Du kommst, dein Tuch zu holen, sagte er; du hättest dir die Mühe sparen können, denn morgen in der Früh hätte ich Giuseppe gebeten, es dir zu bringen. Es ist nicht um das Tuch, erwiederte sie rasch. Ich bin auf dem Berg gewesen, um dir Kräuter zu holen, die gegen das Bluten sind. Da! Und sie hob den Deckel vom Körbchen. Zu viel Mühe, sagte er, und ohne alle Herbig¬ keit, zu viel Mühe. Es geht schon besser, viel besser; und wenn es schlimmer ginge, ging' es auch nach Ver¬ dienst. Was willst du hier um die Zeit? Wenn dich einer hier träfe! du weißt, wie sie schwatzen, obwohl sie nicht wissen, was sie sagen. Ich kümmere mich um Keinen, sprach sie heftig. Aber die Hand will ich sehen und die Kräuter dar¬ auf thun, denn mit der Linken bringst du es nicht zu Stande. Ich sage dir, daß es unnöthig ist. So laß es mich sehen, damit ich's glaube. Sie ergriff ohne weiteres die Hand, die sich nicht wehren konnte, und band die Lappen ab. Als sie die starke Geschwulst sah, fuhr sie zusammen und schrie auf: Jesus Maria! Es ist ein bischen aufgelaufen, sagte er. Das geht weg in einem Tag und einer Nacht. Sie schüttelte den Kopf: So kannst du eine Woche lang nicht aufs Meer. Ich denk', schon übermorgen. Was thut's auch? Indessen hatte sie ein Becken geholt und die Wunde von neuem gewaschen, was er litt wie ein Kind. Dann legte sie die heilsamen Blätter des Krautes darauf, die ihm das Brennen sogleich lin¬ derten, und verband die Hand mit Streifen Leinwand, die sie auch mitgebracht hatte. Als es gethan war, sagte er: Ich danke dir. Und höre, wenn du mir noch einen Gefallen thun willst, vergieb mir, daß mir heut so eine Tollheit über den Kopf wuchs und vergiß das Alles, was ich gesagt und gethan habe. Ich weiß selbst nicht, wie es kam. Du hast mir nie Veranlassung dazu gegeben, du wahrhaftig nicht. Und du sollst schon nichts wieder von mir hören, was dich kränken könnte. Ich habe dir abzubitten, fiel sie ein. Ich hätte dir Alles anders und besser vorstellen sollen und dich nicht aufbringen durch meine stumme Art. Und nun gar die Wunde — Es war Nothwehr und die höchste Zeit, daß ich meiner Sinne wieder mächtig wurde. Und wie ge¬ sagt, es hat nichts zu bedeuten. Sprich nicht von Vergeben. Du hast mir wohlgethan, und das danke ich dir. Und nun geh schlafen, und da — da ist auch dein Tuch, daß du's gleich mitnehmen kannst. Er reichte es ihr, aber sie stand noch immer und schien mit sich zu kämpfen. Endlich sagte sie: Du hast auch deine Jacke eingebüßt um meinetwegen, und ich weiß, daß das Geld für die Orangen darin steckte. Es fiel mir Alles erst unterwegs ein. Ich kann dir's nicht so wieder ersetzen, denn wir haben es nicht, und wenn wir's hätten, gehört' es der Mutter. Aber da hab' ich das silberne Kreuz, das mir der Maler auf den Tisch legte, als er das letzte Mal bei uns war. Ich hab' es seitdem nicht angesehn und mag es nicht länger im Kasten haben. Wenn du es verkaufst — es ist wohl ein paar Piaster werth, sagte damals die Mutter —, so wäre dir dein Schaden ersetzt, und was fehlen sollte, will ich suchen mit Spinnen zu verdie¬ nen, Nachts, wenn die Mutter schläft. Ich nehme nichts, sagte er kurz und schob das blanke Kreuzchen zurück, das sie aus der Tasche ge¬ holt hatte. Du mußt's nehmen, sagte sie. Wer weiß, wie lang du mit dieser Hand nichts verdienen kannst. Da liegt's und ich will's nie wieder sehn mit meinen Augen. So wirf es ins Meer. Es ist ja kein Geschenk, was ich dir mache; es ist nicht mehr als dein gutes Recht und was dir zukommt. Recht? Ich habe kein Recht auf irgend was von dir. Wenn du mir später einmal begegnen solltest, thu mir den Gefallen und sieh mich nicht an, daß ich nicht denke, du erinnerst mich an das, was ich dir schuldig bin. Und nun gute Nacht, und laß es das letzte sein. Er legte ihr das Tuch in den Korb und das Kreuz dazu und schloß den Deckel darauf. Als er dann aufsah und ihr ins Gesicht, erschrak er. Große schwere Tropfen stürzten ihr über die Wangen. Sie ließ ihnen ihren Lauf. Maria Santissima! rief er, bist du krank? du zitterst von Kopf bis Fuß. Es ist nichts, sagte sie. Ich will heim! und wankte nach der Thür. Das Weinen übermannte sie, daß sie die Stirn gegen den Pfosten drückte und nun laut und heftig schluchzte. Aber eh er ihr nach konnte, um sie zurückzuhalten, wandte sie sich plötzlich um und stürzte ihm an den Hals. Ich kann's nicht ertragen, schrie sie und preßte ihn an sich, wie sich ein Sterbender ans Leben klam¬ mert, ich kann's nicht hören, daß du mir gute Worte giebst, und mich von dir gehen heißest mit all der Schuld auf dem Gewissen. Schlage mich, tritt mich mit Füßen, verwünsche mich! — oder, wenn es wahr ist, daß du mich lieb hast, noch , nach all dem Bö¬ sen, das ich dir gethan habe, da nimm mich und behalte mich und mach mit mir was du willst. Aber schick mich nicht so fort von dir! — Neues heftiges Schluchzen unterbrach sie. Er hielt sie eine Weile sprachlos in den Armen. Ob ich dich noch liebe? rief er endlich. Heilige Mut¬ ter Gottes! meinst du, es sei all mein Herzblut aus der kleinen Wunde von mir gewichen? Fühlst du's nicht da in meiner Brust hämmern, als wollt' es heraus und zu dir? Wenn du's nur sagst, um mich zu versuchen oder weil du Mitleiden mit mir hast, so geh, und ich will auch das noch vergessen. Du sollst nicht denken, daß du mir's schuldig bist, weil du weißt, was ich um dich leide. Nein, sagte sie fest und sah von seiner Schulter auf und ihm mit den nassen Augen heftig ins Ge¬ sicht, ich liebe dich, und daß ich's nur sage, ich hab' es lange gefürchtet und dagegen getrotzt. Und nun will ich anders werden, denn ich kann's nicht mehr aushalten, dich nicht anzusehn, wenn du mir auf der Gasse vorüberkommst. Nun will ich dich auch küssen, sagte sie, daß du dir sagen kannst, wenn du wieder in Zweifel sein solltest: Sie hat mich geküßt, und Laurella küßt Keinen, als den sie zum Manne will. Sie küßte ihn dreimal und dann machte sie sich los und sagte: Gute Nacht, mein Liebster! Geh nun schlafen und heile deine Hand, und geh nicht mit mir, denn ich fürchte mich nicht, vor Keinem, als nur vor dir. Damit huschte sie durch die Thür und verschwand in den Schatten der Mauer. Er aber sah noch lange durchs Fenster, aufs Meer hinaus, über dem alle Sterne zu schwanken schienen. Als der kleine Padre Curato das nächste Mal aus dem Beichtstuhl kam, in dem Laurella lange gekniet hatte, lächelte er still in sich hinein. Wer hätte ge¬ dacht, sagte er bei sich selbst, daß Gott sich so schnell dieses wunderlichen Herzens erbarmen würde. Und ich machte mir noch Vorwürfe, daß ich den Dämon Eigensinn nicht härter bedräut hatte. Aber unsere Augen sind kurzsichtig für die Wege des Himmels. Nun so segne sie der Herr und lasse mich's erleben, daß mich Laurella's ältester Bube einmal an seines Vaters Statt über Meer fährt! Ei ei ei! la Rab¬ biata! Am Tiberufer. E s war tief im Januar. Der erste Schnee hing am Gebirge, und die Sonne, die hinter dem Nebel stand, hatte nur einen geringen Streif am Fuß der Höhen weggeschmolzen. Aber die Oede der Campagne grünte wie Frühling. Nur die gelichteten Zweige der Oelbäume, die hie und da in Reihen die gelin¬ den Senkungen der Ebene hinab stehen oder eine einsame Capanne umgeben, und das niedre Gestrüpp, das bereift an den Straßen wuchert, empfanden den Winter. Um diese Zeit sind die zerstreuten Heerden in die Hürden nah bei der Hütte des Campagnuolen gesammelt, die gewöhnlich, im Schutz eines Hügels errichtet, mit Stroh bis auf den Boden dürftig ge¬ nug vor dem Wetter verwahrt ist, und wer von den Hirten zu singen oder Flöte und Sackpfeife zu spielen versteht, hat sich aufgemacht, in Rom nachzügelnd als Pifferaro, den Malern zum Modell zu dienen, oder mit anderm Erwerb das arme frierende Leben zu fristen. Herren der Campagne sind nun die Hunde, die in großen Rudeln die verlassene Weite durchstreifen, vom Hunger verwildert, von den Hirten nicht mehr streng bewacht, deren Armuth sie nur zur Last fallen. Gegen den Abend, als der Wind stärker wurde, schritt ein Mann durch die Porta Pia und wanderte den Fahrweg zwischen den Landhäusern hin. Der Man¬ tel hing ihm nachlässig um die starken Schultern und der breite graue Hut saß tief im Nacken. Er sah nach den Bergen hinüber, bis der Weg tiefer ward und nur ein geringes Stück der Ferne zwischen den Gartenmauern durchblickte. Die Enge schien ihn zu beklemmen. Er verlor sich wieder unmuthig in seine Gedanken, denen zu entrinnen er das Freie gesucht hatte. Eine stattliche Eminenz trippelte mit ihrem Gefolge an ihm vorbei, ohne daß er sie gewahrte und grüßte. Erst der nachfahrende Cardinalswagen erinnerte ihn an seinen Verstoß. Von Tivoli her rollten Carossen und leichtere Fuhrwerke voll Frem¬ der, die es gelüstet hatte, die Berge und Cascaden im Schnee zu sehen. Er warf keinen Blick auf die zierlichen Gesichter der jungen Engländerinnen, mit deren blauen Schleiern die Tramontane spielte. Ha¬ stig bog er von der Straße ab, links einen Feldweg hinein, der erst Mühlen und Schenken vorüber lief und dann mitten in die Wildniß der Campagne hin¬ aus führte. Nun stand er einen Augenblick, tief athmend, und genoß die Freiheit des weiten winterlichen Himmels. Die gedämpfte Sonne schien röthlich herüber, hauchte die Trümmer der Wasserleitung an und färbte den Schnee am Sabinergebirge. Hinter ihm lag die Stadt. Aber nicht fern von ihm begann eine Glocke zu läuten, nur leise durch den widrigen Wind. Das machte ihn unruhig. Als wolle er dem letzten Laut des Lebens verwehren, zu ihm zu dringen, ging er vorwärts. Er verließ bald den schmalen Pfad, die Wellen der Ebne auf und ab kreuzend, schwang sich über die Stangen, die im Sommer die weidenden Rinder eingehegt hatten, und vertiefte sich mehr und mehr in die einsame Dunkelheit. Es war eine tiefe Stille dort, wie mitten auf dem ruhigen Meer. Fast hörte man den Flügelschlag der Krähen, die über den Boden hin hüpften. Keine Grille sang, kein Ritornell eines heimwandernden Weibes drang von der fernen Straße bis zu ihm. Da ward ihm wohl. Er stieß den Stock mehrere Male hart gegen den Boden und freute sich an dem Ton, der ihm antwortete. — Sie spricht nicht viel, sagte er vor sich hin im Dialekt des gemeinen römi¬ schen Volks, aber sie meint es ehrlich und sorgt im Stillen für ihre plappernden Kinder, die sie mit Füßen treten. Daß ich sie nie wieder zu hören brauchte, diese windigen Schufte! Meine Ohren sind wund von ihren glatten Phrasen. Als wär' ich nichts, als wüßt' ich es nicht besser, woran diese Dinge hängen, von denen sie zu schwatzen wissen, während ich nichts verstehe, als sie zu schaffen. Und doch leb' ich von 9 ihnen und muß eine gute Miene machen, wenn die Fratzen mein Werk beschnüffeln! Accidenti! fluchte er in den Bart. — Ein Echo kam zurück. Er sah betroffen umher. Keine Hütte, kein Hügel war auf eine halbe Stunde im Umkreis zu sehn, noch konnte er einen Menschen nahe glauben. Er ging endlich weiter und dachte, ein Windstoß äfft dich. Da klang es plötzlich wieder, näher und lauter. Er stand und horchte scharf. Bin ich einer Capanne nah, oder einem Schuppen, aus dem die Rinder brüllen? Es kann nicht sein — es klang anders — es klingt an¬ ders — und jetzt, jetzt — und ein Schauder schüt¬ telte ihn; — es sind die Hunde, sagte er dumpf. Das Geheul kam näher, heiser wie von Wölfen, kein Bellen und Kläffen, sondern ein Gestöhn, rauh vorgestoßen, das die Stimme des Winds in Eine ununterbrochene furchtbare Melodie zusammenwehte. Eine lähmende Kraft schien in ihr zu liegen. Denn der Wanderer stand regungslos, den Mund und die Augen starr geöffnet, das Gesicht der Seite zugewen¬ det, von der der Schlachtruf der wüthenden Thiere heranschwoll. Endlich richtete er sich gewaltsam in seinen Gliedern auf und sagte: Es ist zu spät; sie haben längst die Witterung, und bei dem falschen Zwielicht stürzt' ich nach dem zehnten Schritt, wenn ich laufen wollte. Nun denn, wie ein Hund gelebt und von meinesgleichen umgebracht! es ist doch Sinn darin. Hätt' ich ein Messer, macht' ich's meinen Gästen leichter. So aber — und er prüfte die starke Eisen¬ spitze seines Stockes — wenn es ihrer wenige sind — wer weiß, ob mein Hunger nicht den ihren überlebt. Er schlug sich den Mantel um, daß der rechte Arm frei wurde und der linke, vielfach umwunden, zur Abwehr gerüstet war, und faßte den Stock. Mit kaltblütiger Entschlossenheit untersuchte er den Boden, wo er stand. Er fand ihn von Gras entblößt, steinig und hart. Sie mögen kommen, sagte er, und stellte sich fest gegen die Erde. Er sah sie jetzt und zählte in der Dämmerung. Fünf! zählte er, und da ein sechster! Sie rasen heran wie der höllische Feind, dürre hoch¬ beinige Bestien. Wart! — und er hob einen starken Stein — man muß doch den Krieg anzeigen, wie es Brauch ist. Damit schleuderte er den Stein gegen den vor¬ dersten, auf funfzig Schritt hinaus. Ein verdop¬ peltes Geheul antwortete. Das Rudel hielt einen Augenblick im Jagen inne. Einer von ihnen lag zuckend am Boden. Waffenstillstand! sagte der Mann. Seine Lippe zitterte, das Herz schlug tobend gegen den linken Arm, der den Mantel krampfhaft fest hielt. Aber die Wim¬ per über dem scharfen Auge zuckte nicht. Er sah seine Feinde wieder losbrechen und ihre Augen glänzen durch die Schatten. Zu Paaren kamen sie, der größte 9 * voran. Ein zweiter Stein, der diesen anflog, sprang von der knochigen Brust ab und das gereizte Thier stürzte heiser aufmurrend gegen die dunkle Gestalt. Ein Ruck, und er lag rücklings auf dem Gestein, und der im Wirbel geschwungene Stock fuhr ihm gewalt¬ sam gegen den offnen Rachen. Ein Reiter sprengte durch das Grau der Winter¬ nacht, einige Hundert Schritt dem Kampfe fern, über die pfadlose Campagne. Er spähte nach der Stelle, von der das Geheul in kurzen Pausen zu ihm kam, und sah einen Mann stehn, wanken, zurückweichen, wieder festen Fuß fassen, während die Feinde sich ab¬ lös'ten im Angriff und von allen Seiten auf ihn ein¬ stürmten. Dem zu Pferde graus'te. Er stieß seinem Thier die Sporen in die Seite und flog heran. Der Hufschlag drang dem Kämpfenden zu Ohren; aber es war, als ob der jähe Schreck der Hoffnung ihm plötzlich die Kraft bräche. Sein Arm sank nieder, seine Sinne verwirrten sich, er fühlte sich von hinten niedergerissen und taumelte zu Boden. Noch hörte er durch den Nebel des Bewußtseins einige Schüsse fallen; dann verfiel er der Ohnmacht. Als er sich wieder ermannte und die Augen zuerst aufschlug, sah er das Gesicht eines jungen Mannes über sich, an dessen Knie sein Haupt lehnte und dessen Hand ihm mit ausgerauftem nassen Gras die Schläfe rieb. Das Pferd stand dampfend neben ih¬ nen; ihm zu Füßen wanden sich zwei Hunde, blutig, im letzten Todeszucken. Seid Ihr verwundet? hörte er fragen. Ich weiß nicht. Ihr wohnt in Rom? Beim Tritone. Der Andere half ihm sich aufrichten. Er ver¬ mochte nicht zu stehen, der linke Fuß schmerzte ihn heftig. Er war barhaupt, der Mantel in Fetzen, der Rock am Arm aufgerissen und blutig, das Gesicht blaß und starr. Ohne zu sprechen, ließ er sich von seinem Retter stützen, der ihn die kurzen Schritte bis zu dem Pferde mehr trug als führte. Er saß endlich im Sattel, und der Andere faßte den Zügel des Pferdes und leitete es langsam nach der Stadt zu. Bei der ersten Osterie außerhalb der Mauern hiel¬ ten sie. Der junge Mann rief der Wirthin, daß sie Wein bringe. Als der Verwundete ein Glas geleert, belebten sich seine Züge und er sprach: Ihr habt mir einen Dienst geleistet, Herr. Viel¬ leicht verwünsch' ich ihn noch einmal, statt ihn Euch zu danken. Fürs erste dank ich aber. Man hängt nun einmal am Leben wie an anderen schlechten Ge¬ wohnheiten. Man weiß, die Luft ist voll von Fieber und Fäulniß und nichtswürdigem Dunst der Menschen, und doch dünkt Jeden Athemholen eine gute Sache. Ihr seid schlecht auf die Menschen zu sprechen. Ich habe keinen gefunden, der mich nicht für einen Dummkopf hielt, wenn ich gut von ihm sprach. Verzeiht, Ihr seid nicht aus Rom? Ich bin ein Deutscher. Gott segn' es Euch! Sie erreichten schweigend das Thor und lenkten ein nach Piazza Barberini. Der Verwundete wies auf ein kleines Haus im Winkel des Platzes, bau¬ fällig und dunkel. Als das Pferd vor der niedrigen Thür hielt, ließ sein Reiter sich niedergleiten, ehe der Andre helfen konnte, brach aber hülflos zusam¬ men. Es ist ärger als ich dachte, sagte er. Thut noch das und helft mir hinein, und da ist der Schlüs¬ sel. — Der junge Mann unterstützte ihn schweigend, rief einem Knaben, das Pferd zu halten, und einem müßigen Burschen, das Haus zu öffnen. Drinnen war es dunkel, die feuchte Kälte schlug ihnen unheim¬ lich entgegen. Sie trugen ihn durch den Flur, wie er's ihnen sagte, links in ein wüstes großes Gemach. Wo ist Euer Bett? fragte der Deutsche. — Wo Ihr wollt; aber legt mich lieber drüben an die Wand. Dort hinten ist die Mauer nicht zuverlässig. Dieser brave alte Palazzo, im Frühjahr wollen sie ihn nie¬ derreißen; ich glaube, er hat nicht die Geduld es ab¬ zuwarten. Und Ihr haltet es hier aus? — Es ist die billigste Art, sich begraben zu lassen, sagte der Andere trocken. Ich spiele hier den Wirth für freies Quartier. Indessen hatte der Bursch Feuer angeschlagen und die kleine Messinglampe angezündet, die am Fenster stand. Der junge Mann half dem Verwundeten auf eine Decke, über Stroh ausgebreitet, und deckte ihn mit dem zerrissenen Mantel nothdürftig zu. Mit einem tiefen Athemzuge streckte sich die kräftige Ge¬ stalt aus und schloß die Augen. Der Deutsche gab dem Burschen Geld und trug ihm Verschiedenes auf; dann ging er ohne Abschied hinaus, warf sich aufs Pferd und ritt eilig davon. Nach einer Viertelstunde betrat er wieder das Gemach und brachte den Arzt. Während dieser die Wunden an Bein und Arm untersuchte und verband, was der Kranke geschehen ließ, ohne einen Laut von sich zu geben, sah sich der junge Deutsche an den Wänden um. Sie waren kahl und der Bewurf in großen Stücken abgefallen. Die Balken am Dach standen nackt und geschwärzt heraus, das schlechte Fenster ließ die schneidende Luft ein, weniges Geräth stand herum. Indeß brachte der Bursch einen Arm voll Holz und macht' ein Feuer im Kamin. Wie es nun roth aufprasselte, wurden im Winkel einige ver¬ staubte Thonfiguren und Gipsabgüsse sichtbar, ein großer Delphin, der einen todten Knaben auf dem Rücken trug, eine Meduse in Relief, kolossal, die Haare noch nicht zu Schlangen belebt, wirr um die schmerzlichen Schläfen herabgeringelt — er entsann sich nicht, diese Züge an einer Antike gesehn zu haben. Abgüsse über dem Leben, Arme, Füße, die Brust eines jungen Mädchens, dazwischen flüchtige Skizzen in Thon standen und lagen wüst durch einander. Auf dem Tisch aber sah er mannigfaches Geräth, wie es ein Cameenschneider braucht, und einige Stöcke mit halbvollendeten Arbeiten, zum größten Theil Medu¬ senköpfe, die jenem großen Relief glichen, aber von verschiedenem Grad und Charakter der Leidenschaft und Hoheit. Unbearbeitete Muschel-Stücke, Abdrücke geschnittner Steine und Pasten in Glas und Gips lagen in einem Kästchen daneben. Ich denke, es hat keine Gefahr, sagte nun der Arzt. Laßt Eis holen und den Burschen die Nacht aufsitzen, den Verband unablässig zu kühlen. Sie haben Euch arg mitgespielt, Sor Carlo. Aber wer Teufel heißt Euch auch um diese Jahres- und Tages¬ zeit in die Campagne rennen? Diese eigensinnigen Schufte, die Kamine, sagte der Künstler; sie wollen ihre Schuldigkeit nicht thun, ohne daß man ihnen Scheiter in den Hals stopft. Ich hatte was gegen meinen guten alten Palazzo, Sor Dottore; ich hätt' ihm am liebsten einen Tritt gegeben, uns Beide zu erwärmen. Nun, da lief ich ihm davon, damit es nicht zu Thätlichkeiten zwischen uns komme. Ihr seid hier übel verwahrt, erwiederte der gut¬ müthige kleine Herr und wischte sich die Brillengläser, die beschlagen waren. Meine Frau soll Euch noch eine Decke schicken; und morgen seh' ich wieder nach. Der Schlaf wird kommen, und dieser Arzt steckt uns Alle in die Tasche. Gute Nacht. Der junge Mann begleitete ihn hinaus und sie sprachen im Flur eine Weile. Ich kenne ihn dem Namen nach, sagte der Arzt. Er geht so seine selt¬ samen menschenscheuen Wege, verkehrt in den Kneipen mit dem letzten Facchin am liebsten, und was er hat, verthut er. Es ist aber Keiner in Rom, der's ihm gleich thäte in Cameen. Er hat's von seinem Vater, Giovanni Bianchi, der lange todt ist. Sind die Wunden im Ernst ungefährlich? Wenn er sich schont und mit dem Eis nichts ver¬ säumt wird. Er hat Glieder wie von Eisen, sonst hätt' er auch den Bestien nicht so lange Stand ge¬ halten. Fünf, sagt Ihr! der tollkühne Mann! Aber das ist so einer von seinen Streichen. Nun nun, er wird schlafen; seid unbesorgt, Sor Teodoro! Er schlief schon, als Theodor wieder zu ihm ein¬ trat, obwohl er das Gesicht nach dem hellen Feuer gewendet hatte. Theodor betrachtete ihn lange. Er war völlig schön, nur die Nase ein wenig hager, das Haar schon hie und da verblichen, der Bart unge¬ pflegt; aus dem athmend halbgeöffneten Munde glänz¬ ten die weißen Zähne vor. Als Theodor den Mantel lüftete, um das Eis aufzulegen, sah er die ganze Kraft der Glieder. Er schickte den Burschen fort, nachdem er ihn Vorrath von Holz und Eis hatte zutragen lassen und befahl ihm, in der Frühe wiederzukommen. Er selbst schob einen Rohrstuhl an den Kamin und ließ sich nieder, den Mantel umgeschlagen, und bereitete sich zu wachen. Es war nun um die zehnte Stunde; draußen über dem öden Platz stand die klare Nacht und der Strahl des Springbrunns plätscherte leise in die Muschel des Tritonen. Aus einem nahen Hause hörte er eine Mädchenstimme singen: Chi sa se mai Ti soverrai di me! den Refrain eines alten schmerzlichen Liedes. Bald schwieg auch das und summte wortlos in ihm nach. Er sah sich wieder am Rande der Schlucht von Tivoli, auf dem Fußweg den Wassern gegenüber, die in winterlicher Dürftigkeit aus ihren vielen Mündun¬ gen niederstürzten. Sie gingen, ohne sich zu führen, neben einander, er, das schöne Mädchen und ihre be¬ wegliche kleine Begleiterin, die unablässig über den mühevollen abschüssigen Weg eiferte. Wir hätten mit Euern Eltern zurückgehn sollen, Mary, sagte sie mehr als einmal auf Englisch; ja, wir sollten es noch. Da sind sie noch, Kind, droben über der Cascade, seht nur, Mary, und werden bald ganz comfortabel am Kamin sitzen, in der Sibylle, und wir erfrieren uns die Nasen. Die Eure ist schon ganz roth, Mary; dear me , wie seht Ihr aus, Kind! Der Wind ist auch so scharf von dem Wasser herüber; Ihr sagtet es gleich, Sir, und warntet; aber unser Kind hat ihre Einfälle. Guter Gott! wir haben die Landschaft ja im Herbst gesehn und gar im Sommer und ritten damals sanft und bequem den Abhang nieder, den wir jetzt hinabstolpern und -gleiten müssen. Es ist nicht mehr weit, liebe Miß Betsy, sagte das Mädchen lächelnd, dann wird die Straße gelin¬ der. Unser Freund bot Euch ja seinen Arm; warum schlugt Ihr ihn aus? Die kleine Person näherte sich ihr und sagte leise: Mary! daß Ihr mich das fragt! Ihr kennt meine Grundsätze, daß es unschicklich ist, bergunter sich von einem unverheiratheten Manne führen zu lassen. Wenn wir gleiten und uns an ihm halten, nimmt er jeden Druck für eine Zärtlichkeit. Ihr setzt mich in Ver¬ legenheit, Kind. Marie lächelte fast unmerklich. Sie ging dann ernsthaft ihres Wegs; der Hut von schwarzem Sam¬ met verbarg ihr Gesicht dem jungen Manne bis auf die vornickende braune Locke. — Es war kein bloßes Compliment, Sir, sagte sie dann und blickte ihn un¬ befangen an, als mein Vater Euch gestand, daß Ihr durch Eure Zurückhaltung ihm weh gethan. Wenn ich mich recht entsinne, waret Ihr seit meines armen Bruders Tode nur viermal in unserm Hause. Viermal! sagte er. Und Ihr habt gezählt — Wir mußten die Zahl oft vom Vater hören. Seit ich Edward verloren habe, sagt er, mag ich mit Nie¬ mand sprechen, der ihn nicht gekannt hat. Wie soll er mich noch kennen lernen? Dann kommt er immer auf Euch und lobt Euch und vermißt Euch. Ich gestehe, sagte Theodor, die Liebe und Herz¬ lichkeit, mit der mich Eure Eltern begrüßten, als wir uns hier begegneten, überraschte und rührte mich hef¬ tig. Auch ich bin in diesem Winter menschenbedürf¬ tiger als sonst. Im vorigen, der der erste war, durfte ich mich von nichts zurückziehen, was sich aufdrängte und Gewinn versprach. Ich sehe nun, daß ich nur verloren habe. Die Gesellschaft widerspricht dem Ort. Sie fühlt das, und weil sie doch gelten will, muß sie sich überheben. Das ist widerwärtig und verbit¬ tert andächtigen Menschen, wie ich einer bin, die fruchtbare Stimmung. Darum leb' ich nun für mich oder mit Einzelnen, denen es nicht besser gegangen als mir. Und doch bin ich von meiner Heimath her verwöhnt, auf die Länge nur in der Familie meines Lebens froh zu werden. Ihr seid nun schon so lange von Euern Eltern getrennt — Ich habe sie verloren, sagte er still. Sie starben Beide in derselben Woche. Da ging ich über die Alpen, und Gott weiß, ob ich je zurückkehre. Sie betraten die leichten Schatten der Oliven¬ pflanzung. Der Weg war durchaus trocken; über ihnen in den Zweigen glänzte es von Sonne, die den flüchtigen Schnee auf den Blättern aufgethaut hatte, daß sie schimmerten wie nach feinem Frühlings¬ regen. Die kleine Ehrendame wurde der besten Laune und erzählte von ihren einsamen Wanderungen durch Rom. Man wollte wissen, daß sie an einem Buch über Rom arbeite. Wie es auch immer damit sein mochte, es stand fest, daß sie sogar ihren Grundsätzen Gewalt anthat und es sich nachsagen ließ, daß sie mit einem wildfremden jungen Italiäner eine Stunde lang die Thermen des Caracalla nach allen Seiten durchforscht und seine Begleitung nach ihrer Woh¬ nung nicht abgelehnt habe. Glaubt Ihr wohl, Mary, rief sie jetzt, daß ich mich leicht entschließen könnte, mein altes England mit keinem Auge wiederzusehn? Ihr wißt, wie ich es Anfangs keinen Monat hier auszuhalten meinte. Denn ich bin von alter Familie, Sir, und mein er¬ ster Ahn fiel bei Hastings, nachdem er für sein Theil und für seine Kinder das Land mit erobert hatte. Darum gehört mir mein Stück England so gut wie dem größten Grundbesitzer, und wer läßt gern das Seine im Stich! Und dennoch, wer weiß, ob ich nicht hier mein Leben beschlösse, wenn es nicht unedel wäre, seines Vaterlandes zu vergessen, so sehr es uns selbst und alte gute Dienste der Vorfahren vergessen ha¬ ben mag. Ich wüßte nicht, sagte Theodor lächelnd. Ihr erweis't Alt-England nur einen Dienst, wenn Ihr an Euerm Theil Rom erobert und so in die Fußstapfen Eures Urahnen tretet. Ihr seid ein Spötter, fagte sie und gab ihm einen leichten Schlag mit dem Fächer. Aber wenn ich auch noch in den Jahren stünde, wo Euer Spott artiger wäre, meint Ihr im Ernst, vorausgesetzt, Ihr hättet einigen Grund zu Eurer Aeußerung und es wäre Je¬ mand um mich bemüht — meint Ihr, sag' ich, daß englischer und italiänischer oder eigentlich römischer Charakter sich auf die Länge mit einander vertrügen? Ihr wißt, theuerste Freundin, daß die Liebe Wun¬ der thut, Abgründe ausfüllt und Schranken nieder¬ reißt. Für die Charaktere fürchte ich nicht. Fände sich die Bildung übereinstimmend, was sollte den Herzen nicht gelingen! Ich habe mehr Ehen an verschiedenem Geschmack, als an verschiedenen Leiden¬ schaften zu Grunde gehen sehn. Aber welcher Römer würde z. B. Euern Geschmack an Rom nicht theilen? Ihr habt Recht, sagte sie, im Grunde ist die Liebe Geschmackssache. — Sie zog den grünen Schleier übers Gesicht und schien in ernstlichen Betrachtungen ungestört bleiben zu wollen. Die beiden jungen Leute gingen nun ein wenig voran, denn sie hörten Miß Betsy halblaut mit sich selbst reden, wie es ihr oft begegnete, und wollten ihre Träume nicht belauschen. Die Gute! sagte Ma¬ rie mit ihrer sanften Stimme, die Reise hat sie ganz aus ihrer Fassung gebracht. Sie hatte auch sonst wohl einen abenteuerlichen Zug, den sie aber in Eng¬ land unschuldig an der Politik ausließ. Mit dem ersten Fuß auf das Festland ist dieser seltsame Hang, Erlebnisse zu machen , in ihr aufgewacht und hat uns auf der Reise schon manche Sorge um sie und freilich auch manchen Anlaß zum Lachen gegeben. In jüngern Jahren muß ihr dies phantastische Wesen allerliebst gestanden haben, sagte Theodor. Aeltere Leute wissen in der Regel, daß man schon vollauf zu thun hat, Schicksale, die kommen, zu neh¬ men, und daß es mißlich ist, sie aufzusuchen. Hof¬ fentlich wird sie es mit ihrem höflichen römischen Freunde bald eben so wenig ernst nehmen, als er es mit ihr von Anfang an genommen hat. Ich sah sie Beide nach Haus kommen. Er war um vieles jünger, ein ansehnlicher Mann mit etwas übermüthigen, aber feinen Zügen. Was haltet Ihr von der Streitfrage, die Miß Betsy aufwarf? fragte Theodor nach einer Pause. Von welcher? Ob Menschen verschiedener Nation für einander taugen? Marie schwieg eine Weile. Je mehr die Menschen von einander wollen, sagte sie dann, und je mehr sie einander zu geben wünschen, desto verwandter, dünkt mich, müßten sie sein. Und selbst dann — ich habe einen Engländer gekannt, der mit einer Creolin ver¬ heirathet war. Sie nahmen beide das Leben leicht und äußerlich; er freute sich, eine schöne Frau zu haben, und sie schien zufrieden, daß er sie mit Reich¬ thum überschüttete. Und doch war etwas zwischen ihnen, etwas Klimatisches, wo sie nun auch leben mochten. Sie wurden nicht recht froh mit einander. Sie waren aus verschiedenen Zonen. Aber wenn sie nordländisches Blut gehabt hätte —? Es mag sein. Und doch — ich spüre es an mir selber. Ich bin im Gebirge aufgewachsen und habe mich langsam an die weichen römischen Lüfte gewöh¬ nen müssen. Nun haben wir Winter. Droben liegt der schöne klare Schnee. Wenn wir heut wieder bei den Eltern sind, am Kamine sitzen, das Wasser im Kessel singt, und ich Alles um mich habe, was zu meinem Leben gehört, sollte ich billig ganz glücklich sein können. Doch gestehe ich, daß mir dann erst recht das Heimweh kommen könnte nach unserm Land¬ hause, wo die alten Ahornbäume vor den Fenstern stehn und hinter dem Garten das verschneite Feld liegt, lange nicht so schön wie dort drüben die Cam¬ pagna, und der Himmel darüber ganz in trüben Ne¬ beln versunken, während dieser Horizont, der so rein ist, mich erquicken und erheitern könnte. Es ist den¬ noch die Fremde. Und so ein Fremdes mag wohl auch zwischen den Menschen bleiben. Sie hatten das Gespräch bisher englisch geführt. Er fing plötzlich deutsch an, dessen sie völlig mächtig war bis auf einen geringen Accent. Erlauben Sie mir, sagte er, daß ich deutsch spreche. Sie haben mir von Ihrem Heimweh mitgetheilt. Als Sie von Ihrer winterlichen Stille erzählten, mußte ich an deut¬ sche Winter denken, die nun hinter mir liegen und so nie wieder kommen werden. Ich hörte wieder den leisen Ton, wenn die Raben durch die kahlen Zweige strichen und die kleinen dürren Aeste brachen, daß ein feines Schneewölkchen dem Fenster vorbei nieder¬ stäubte. Meine Mutter lag dort monatelang ans Ruhebett gefesselt; sie konnte und wollte nicht mehr in die unruhige Stadt. Der alte Landsitz hatte sonst nur sommerliche Bewohner gesehn, fröhliche Jagden, heitere Spaziergänger. Jetzt war er die Zuflucht im Winter, wo die Mutter sich von ihren beschwerlichen Badereisen erholte. Sie waren dann bei ihr? In den ersten Jahren nur immer auf Wochen. 10 Den letzten Winter aber ließ sie mich nicht von sich. Ich saß die vollen Tage neben ihr, arbeitete und sprach dazwischen, oder spielte ihr ihre Lieblingsmelo¬ dieen vor, jene einfachen alten Lieder, die nun ganz aus der Mode sind. Der kleine Saal ging auf den Garten hinaus mit vielen hohen Fenstern. Ich sehe noch meinen Vater auf der Terrasse davor auf und nieder wandeln mit der Bärenmütze und kurzen Pfeife. Er konnte die Luft des geheizten Raumes nicht lange ertragen. Aber selten verließ er jenen Platz, und wer ein Geschäft mit ihm hatte, mußte ihn dort aufsuchen. Von Zeit zu Zeit kam er auf eine Viertelstunde zu uns herein. Ich werde den Blick nie vergessen, mit dem dann meine arme Mutter zu ihm aufsah. Sie hatte schöne verklärte blaue Augen. Dann starb sie? Im Frühling. Der Vater bald darauf. Er ver¬ unglückte auf einem Ritt. Seit die Mutter von uns gegangen war, hatte er nicht Ruhe, bestieg die wil¬ desten Pferde und blieb oft halbe Tage lang aus, so sehr ich ihn beschwor, sich zu schonen. Ich kannte ihn, ich wurde die unheimlichste Angst nicht los — ich hatte nur zu sehr Recht. — — Sie waren im Grunde angekommen und blieben stehn, ihre Begleiterin zu erwarten. Marie stand einige Schritte von ihm, so daß er, wie er sich wandte und die Gegend überschaute, ihr volles Bild vor sich hatte. Die schönen klaren Züge waren schmerzlich überflort; unter den gesenkten Augenliedern schimmerte es feucht. Als sie sie aufschlug, sah er die blauen Augen groß und ernsthaft auf der Landschaft ruhen. Er kannte schon diesen Blick. Er hatte ihn früher vermieden, denn er wußte, welche Macht er hatte. Jetzt über¬ ließ er sich ihr zum ersten Mal. Marie! sagte er. Sie regte sich nicht und sah ihn nicht an. Da er¬ reichte sie die kleine nachdenkliche Freundin. Das Ge¬ spräch ward wieder angeknüpft, während sie die Höhe von Tivoli erstiegen. Marie aber nahm nicht Theil daran. Als sie gegen die erste Dämmerung von Tivoli aufbrachen, nun heiterer vom Wein, und Theodor die Damen eben in den Wagen gehoben hatte, sagte der alte Herr zutraulich zu ihm: Ich steige nicht eher ein, als bis ich weiß, wann wir Euch wiedersehn, theurer Sir. Ich habe noch eine kleine Angelegen¬ heit, die mir und uns Allen sehr wichtig ist und die ich gern mit Euch berathen möchte. Sie betrifft un¬ sern armen Edward. Ich weiß, Ihr kommt am ehe¬ sten, wenn Ihr wißt, daß man auf Euern Beistand rechnet. Kommt heute Abend noch, bat die Mutter. Er versprach es, Als man ihm sein Pferd brachte, sah er einen ängstlichen Zug auf Mariens Gesicht. Er saß bald im Bügel, und das muntere Thier leicht 10 * regierend begleitete er eine Strecke weit den Wagen. Alsdann blieb er zurück, ritt langsamer und ließ den Tag an sich vorüberziehen. Die Nacht überholte ihn. Er spornte nun wieder das Pferd, und in der Mei¬ nung, einen Umweg abzuschneiden, ritt er quer über die Heidefläche. So war er in Bianchi's Nähe ge¬ kommen. Er schüttelte sich jetzt, warf Holz nach in die Glut und starrte mit seinen schwarzen Augen ernst¬ haft hinein. Was werden sie denken, sagte er bei sich selbst, daß ich ausgeblieben bin! Was wird sie denken. Es ist nun zu spät, einen Boten zu schicken, und wen hätte ich auch? Sie wird zu Haus sitzen und nicht wissen, was dieser Tag bedeuten mag. Oder — Chi sa se mai ! — Dann wartete er wieder seines Dienstes bei dem Kranken, ging auf und ab und vertiefte sich in den Medusenkopf, den der Feuerschein warm anflog, der Farbe des schwindenden Lebens täuschend gleich, wo das widerwillige Blut mit dem Todesschrecken kämpft. Das ergriff ihn mit Gewalt. Er mußte endlich die Augen abwenden und entdeckte nun erst auf dem dun¬ keln Sims des Kamins einige freche Figürchen, theils nach verrufenen pompejanischen Bronzen, theils von neuer Hand, in die Wette mit jenen zügellos und lebendig. Daneben lag ein zerrissenes, verstaubtes Exemplar des Ariost. Danach griff er und las be¬ gierig. Es war das einzige Buch, das er entdecken konnte. So gingen die Stunden. Lange nach Mitternacht stöhnte der Schlafende heftig auf und schlug mit den Händen im Traum um sich. Als Theodor ihm das verschobene Lager wieder zurecht rückte und die Decken neu über ihn breitete, erwachte er vollends und fuhr auf. Wie zur Gegenwehr tastete er umher und rief mit entschlossener Stimme: Wer seid Ihr? Ein Freund; erkennt mich nur! erwiederte Theodor. Das ist gelogen; ich habe keinen! schrie der Ver¬ wundete und strebte in die Höhe. Der Schmerz an den verbundenen Gliedern klärte ihn auf; er sank zurück und sammelte sich vollends. Eine Zeitlang lag er still. Dann sagte er sanfter: Ihr seid's. Nun erkenn' ich Euch. Was thut Ihr hier zu dieser Zeit? Warum seid Ihr nicht nach Haus gegangen? Seid Ihr anders, als andere Mut¬ terkinder, die im Wachen rechtschaffen sind nur um einen ruhigen Schlaf zu haben? Geht! Ihr habt Euern Schlaf verdient; warum bewacht Ihr meine Träume? Der Arzt will, daß Eure Wunden über Nacht kühl gehalten werden. Ich konnt' es dem fremden Menschen nicht anvertrauen. Seid Ihr nicht auch ein fremder Mensch? Nein, denn ich thue es nicht um ein paar Paul. Ich thu' es Euch zu Liebe. Der Andere lag eine Weile stumm. Dann sagte er mit seltsamer Heftigkeit: Ihr thätet mir einen Ge¬ fallen, wenn Ihr ginget. Es ist mir wie eine Krank¬ heit, wenn sich ein Mensch um mich bekümmert, und wenn ich danken soll, bin ich ungeschickter, als ein alter Mann, der einer Dirne aufwarten will. Was geht mich Euer Dank an. Ich bleibe, weil Ihr mich braucht. Könnt Ihr mich entbehren, so sollt Ihr nicht zu klagen haben, daß ich Euch beschwer¬ lich falle. Ich kann nicht schlafen, wenn ich Euch da sitzen und frieren weiß. Der Andere schürte das Feuer. Ich hoffe, Ihr spürt bis da drüben hin, daß mir warm sein muß. Nach einer Pause, in der der Kranke mit geschlos¬ senen Augen gelegen hatte, fragte er von neuem: Ihr seid ein Lutheraner, Herr? Ja. Ich wußt' es, sagte Bianchi vor sich hin. Er will die Kirche um eine Seele betrügen. Darum thut er das Alles. Sie sind nicht besser als wir. Ihr redet im Fieber, sagte Theodor nachdrücklich. Redet was Ihr wollt. Sie schwiegen jetzt eine lange Zeit. Theodor legte nach wie vor frisches Eis auf, und Bianchi lag in¬ dessen, das Gesicht nach der Wand gekehrt, regungs¬ los als ob er schliefe. Plötzlich, als Theodor wieder mit ihm beschäftigt war, warf er sich herum und stützte sich auf. Mit dem verwundeten Arm haschte er nach Theodors Hand und hielt sie mit seiner heißen und sagte leise und langsam: Ihr seid gut! Ihr seid gut! Ihr seid ein Mensch. — Die Schwäche übermannte ihn, er fiel aufs Stroh zurück und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Als die Thränen nachließen, schlief er von neuem. Als er erwachte, brach helles Tageslicht durch die Spalten des Ladens, daß eine sonnige Dämmerung um ihn war. Er sah den Burschen an seinem Bett und den Arzt und hörte, daß Theodor am frühen Morgen, da der Bursch gekommen, in die Stadt hinunter gegangen sei, ohne eine Wort von Wieder¬ kommen zu sagen. Den halben Tag verbrachte er so, unruhig, sin¬ nend, hinaushorchend nach dem Flur. Ein paar Mäuse, die er gezähmt hatte und für die er sonst in aller Noth und Drangsal Aufmerksamkeit hatte, ka¬ men bis in die Mitte des Zimmers, blinzten ihn an, pfiffen und schwänzelten, ohne daß er einen Blick auf sie warf. Der Bursch, der es nicht wußte, daß sie Hausrecht hatten, verscheuchte sie. Es pochte einer, der einen Auftrag vom Kunsthändler brachte auf ein Paar Ohrringe in rother Muschel. Er ließ ihn ohne Bescheid abweisen. Nicht anders einen Bild¬ hauer seiner Bekanntschaft, dem das Gerücht des furchtbaren Abenteuers zu Ohren gekommen und der gutherzig genug war, den Einsamen aufzusuchen. Indessen war Theodor schon ziemlich früh die stei¬ nernen Stufen eines großen Hauses hinaufgestiegen, in dem Mariens Eltern wohnten. Der alte Diener öffnete ihm. Die Herrschaften haben Euch lange er¬ wartet gestern Abend, sagte er. Ich wurde nach Eurer Wohnung geschickt, aber Ihr waret nicht nach Hause gekommen. Miß Mary meinte, wenn Euch nur kein Unglück zugestoßen sei, da Ihr zu Pferde gewesen! Gottlob, Ihr seid ja wohlauf. Theodor antwortete nicht. Er hörte von innen Musik, eine Beethoven'sche Sonate. Plötzlich brach sie ab, ein Sessel wurde geschoben, ein Kleid rauschte. Als er eintrat, stand er vor Marien, die in der Richtung nach der Thür mitten im Zimmer stehen geblieben schien. Sie suchte nach Worten, ihre Wan¬ gen glühten. Da ergriff er hastig ihre Hand mit beiden Händen und sah nun, daß ihre Augen ver¬ weint waren. Marie, sagte er, ich höre, daß ich Ihnen mehr abzubitten habe, als ich dachte. Sie hatten Unruhe um mich! — Sie versuchte zu lächeln. Ich freue mich, daß es unnöthig war, sagte sie. Sie werden verhindert wor¬ den sein; es war thöricht, sich gleich das Schlimmste zu denken. Ich will meine Eltern rufen. Er hielt sie dringend zurück. Sie haben geweint, Marie — Es ist nichts; ich hatte eine schlechte Nacht, und eben hat mich die Musik in allen Nerven erschüttert. Er ließ ihre Hände los, sie blieb auf derselben Stelle und stützte sich auf die Lehne des Stuhls. Ein paar Mal durchmaß er das Zimmer, dann blieb er ihr gegenüber stehn. Er nahm wieder ihre Hände, er stammelte ein Wort, dann umschlang er sie heftig. Sie ruhte weinend, innig und selig in seinen Armen. Wir wollen zu den Eltern gehn, sagte Marie, als sie sich aus dem Sturm der ersten Umarmung wieder aufrichtete. Komm! Sie faßte ihn sanft bei der Hand. Er wäre gern geblieben; es dünkte ihn, als werde sie ihm wieder entrissen, wenn sie unter Andern wären. Doch ließ er sich führen. Sie fanden die Eltern zusammen im Cabinet der Mutter. Als er eintrat, war es ihm, als müsse er seine Geliebte bitten zu verschweigen, was zwischen ihnen vorgegangen war. Er fühlte sich unfähig, darüber Rede zu stehn und Andern als ihr selbst in seiner Trunkenheit zu begegnen. Da hatte sie schon das Wort gesagt. Die Mutter, eine große feierliche Frau, schloß ihn herzlich in die Arme. Wie sie auch sonst ein wenig förmlich war, konnte sie auch jetzt das freudige neue Schicksal nicht ohne einige würdige Segensworte entgegennehmen, die, so herz¬ lich sie gemeint waren, in Theodors Stimmung fremd hineinklangen. Der Vater sagte nichts; er drückte seinem Eidam immer wieder die Hand und küßte die Stirn seiner Tochter. Theodor erzählte nun die Ereignisse des letzten Abends. Marie lehnte an seiner Brust und schlang, als er von dem Kampf erzählte, den Arm ängstlich um ihren Geliebten, wie um sich zu versichern, daß Alles vorbei sei und sie ihn ja sicher besitze. Die Mutter gab ihr einen Wink, der dem jungen Manne nicht entging. Da entzog sie ihm den Arm und saß nun neben ihm, ohne ihn zu berühren. Er empfand es peinlich; er fühlte auch, als er nach einigen Stun¬ den gehen mußte und sie an der Schwelle der Thür noch einmal von Herzen küßte, daß sie es scheu er¬ wiederte und ihm zuerst ihre Lippen entzog. Er ging mit einem wunderlichen Gefühl, einen Druck auf dem Herzen, eine widerwillig gedämpfte Glut in allen Pulsen. Draußen stand er unter der Pforte still. Die Straße war menschenleer; er kühlte sich die Stirn an dem steinernen Pfosten, streckte die Arme aus, als wolle er ein Stück des Himmels herabziehn und an seine Brust pressen, und ging dann etwas ruhiger den Weg zum Tritonen. Eine leidenschaftliche Röthe schlug in Bianchi's erloschnen Wangen auf, als er Theodors Schritt draußen vernahm. Er richtete sich auf und sah ihm fest und voll entgegen, da er eintrat, größer und männlicher, als er ihm gestern erschienen. Theodor näherte sich dem Kranken und sagte: Ihr seid erholt, Bianchi, und der Arzt ist zufrieden. Haltet Euch ruhig, ich bitt' Euch. Mich laßt ein wenig auf und ab gehn; meine Gedanken sind noch in Tumult und meine Sinne wollen sich treiben. Er sagte ihm nicht, von wo er kam, nicht, daß er vor wenigen Stunden sein Schicksal an ein Weib gebunden hatte. Aber es lag eine Glorie um ihn, von der Bianchi die Augen nicht abwenden konnte. Er hatte den Hut abgelegt und den Mantel über die eine Schulter geschlagen. Der Kopf stand frei auf der breiten Brust, die kurzen krausen Haare ein wenig gesträubt, die Stirn ausgearbeitet und edel. So den Blick nach innen gewendet, die Arme überm Mantel zusammengelegt schien er fast die Absicht seines Be¬ suchs zu vergessen, ging auf und nieder, stieß mit dem Fuß an die brennenden Scheiter und sah ins Feuer. Endlich wandte er sich und sagte: Erzählt mir von Euch, Bianchi! Was wollt Ihr wissen? Der Ton dieser Frage, zweifelhaft, fast argwöh¬ nisch, und doch ergeben und willfährig, berührte Theodors feines Ohr. Er schob einen Stuhl neben das Lager, faßte Bianchi's Hand und sagte: Nichts will ich wissen, als wie Ihr Euch fühlt; und wenn Ihr zum Sprechen keine Laune habt, so sagt mir's Eure Hand, die nur einen gelinden Rest von Fieber verräth. Er fühlte den Druck dieser Hand, die sich ihm darauf verlegen entzog. Ihr werdet bald so weit sein, daß wir auf Nie¬ wiedersehn von einander gehn können. Vorläufig findet Euch noch in meine Zudringlichkeit; denn Ihr müßt wissen, daß ich nicht gesonnen bin, einen Künst¬ ler, wie Ihr seid, durch einen plumpen Burschen umbringen zu lassen. Wie ich bin! und er lachte schmerzhaft. Wißt Ihr, wie ich bin? Wer weiß es? Ein Tagelöhner bin ich, der Muscheln schnitzelt mit Weibergeduld für Weiber, daß sich seine gesunden Arme schämen, wenn sie einem Stück Marmor begegnen. Nun, es ist viel¬ leicht gestern dafür gesorgt worden, daß die armen Krüppel sich nichts mehr vorzuwerfen haben. Ihr redet wunderlich. Als ob nicht auf zwei Zollen Raum genug für den Geist wäre, der sich zuweilen in zwei Worten ausspricht. Für den Geist vielleicht; aber schwerlich für die Form. Ihr müßt das erfahren haben, sagte Theodor. Aber seid Ihr gezwungen, zu thun, was Euch widerstrebt? Der Kranke warf einen ruhigen Blick auf die nackten vier Wände und sagte: An so viel Luxus als Ihr da seht, bin ich gewöhnt. Ich habe freilich schon einmal dran gedacht, draußen auf dem Platz ein großes Stück anzufangen, am Brunnen Mittags meine Artischocken zu essen und Nachts zu Füßen meines Werks zu schlafen. Aber man ist weichlich und scheut das Wetter, und feige und scheut das Gerede. Ueberdies kann ich den Wein nicht entbeh¬ ren, noch die Weiber. Wenn Euch aber Gelegenheit würde, Euch mit aller Sorglosigkeit an einen Marmor zu machen — Der Kranke richtete sich ungestüm auf. Wißt Ihr was Ihr anrichtet mit Eurer leichtsinnigen Frage? rief er und seine Augen funkelten. Da seht in die Ecke! Dahin hab' ich Alles über einander geworfen, was mir zuweilen mit solchen Fragen kam. Der Staub begräbt diese vorlauten Schreier nach und nach, und meine Augen wissen schon, daß ich's ihnen nicht ver¬ geben kann, wenn sie da herumgehn. Und ich war Narr genug und laß mich wieder gelüsten, da es hieß, man solle Entwürfe einliefern zum Monument des verstorbenen Papstes. Ein paar Wochen seh' ich und sinn' ich nichts anders und bracht' es zu Stande mit allem Feuer und war selbst zufrieden mit meiner Sache. Ich Narr, mir was einzubilden! Das war gestern. Ich schlag' es in ein Tuch und trag' es selbst den weiten Weg zum Cardinal Staatssecretair; denn meine Seele hing dran und ich sorgte, ein Andrer möcht's zu Falle kommen lassen. Nun muß ich erst dem Schlin¬ gel von Bedienten gute Worte geben und meinen letzten Scudo, daß er mich nur vorläßt. Drinnen war es dann schwarz und roth und violett von geist¬ lichen Strümpfen, und sie besehn mich von oben bis unten, weil ich so im einfachen Rock aus der Werk¬ statt weggerannt war. Ich denke: Laß sie gaffen! mache mir einen Muth und trete mit meinem Com¬ pliment und Werk vor die Eminenz. Ich sah gleich, daß er ungnädig war und seine Nächsten schon die Mißlaune gekostet hatten. Nun erklär' ich kurz, um was ich gekommen und bitte, meine Skizze zeigen zu dürfen. Der Alte nickt, wie's seine Art ist, wirft einen halben Blick auf die Figuren, die mir unter den Schranzen doppelt anständig schienen, und sagt: Nicht übel; aber geht nicht, geht nicht! fehlt die No¬ blesse, mein Sohn, und der Hinblick auf die heilige Kirche! Tragt es heim und schmelzt es um. Der Thon ist ja noch naß! — Ich stand wie in einem Tollhaus. Umschmelzen, als ob meine festen Gedan¬ ken Brei wären! — Indem ich so keines Wortes mäch¬ tig bin, treten die Monsignori heran, setzen die ge¬ lehrte Brille auf und tadeln hinten und vorn, daß keines Nagels Breite ohne Schimpf besteht, wie wenn der alte Wolf ein Schaf halb todt gebissen hat und läßt es danach seinen Jungen, daß sie ihre Milch¬ zähne dran durchbeißen. Hätt' ich reden können und sagen, was mir Alles während des Arbeitens durch den Kopf gegangen, vielleicht daß der Alte andre Augen gemacht hätte, denn es soll ein guter Verstand in ihm sein. Nur war er gerade um die Stunde grämlich aufgelegt und ließ Alles über mich ergehn. Es ward mir endlich des Schwatzens zu viel, dieses Geschwirrs von bunten Kinderbolzen, von denen kei¬ ner die Sache traf und jeder den Mann; denn es prickelte mich wie lauter Nadeln. Ein Andrer hätte sich lächelnd geschüttelt und vielleicht das Feld be¬ hauptet. Ich aber — woher soll ich's haben? Mein Vater machte nicht viel Redens über seine Cameen, und wie er todt war, war's in Rom nicht lauter und nicht stiller. Und ich bin immer den Gelehrten aus dem Wege gegangen. So macht' ich mich auch dies¬ mal von ihnen fort und verschwor's, je wieder mit ihnen anzubinden. Wie ich nach der Ripetta hin¬ unterkam, grimmte mich's und ich warf meine Skizze in den Tiber. Der mag sie umschmelzen, sagt' ich und war erleichtert in mir, daß mich's trieb, spazieren zu gehn in die Campagne. Da habt Ihr mich ge¬ funden. Ihr sollt den Gelehrten nicht entgehn, sagte Theo¬ dor nach einer Pause scherzend, um den Andern, der in ein Brüten versank, wieder auf die Gegenwart zurückzulenken. Ihr hattet ein sichres Gefühl, als Ihr Euch gegen meine Nähe sträubtet. Denn ich bin hier in Rom, um in Pergamenten zu kramen und verschollene Dinge auszugraben, denen Wenige nach¬ fragen, Geschichten der alten Städte Italiens, Staats¬ verhandlungen und Rechtsurkunden. Und so sind wir doppelt geschiedne Leute. Ihr mögt sein und thun was Ihr wollt, sagte Bianchi lebhaft und halb für sich. Ihr seid gut und schön und ein Deutscher. Ihr kennt die deutsche Gelehrsamkeit nicht. Sie ist entsetzlicher, als die römische. Mir selber graut gelegentlich davor. Schwache Seelen kann sie so furchtbar anblicken, daß sie davon versteinern, wie jene armen Schelme, die der Meduse ins Gesicht sahen. Der Meduse? Ihr müßt sie ja besser kennen als ich. Habt Ihr sie nicht auch dort in den Winkel geworfen, und viel¬ fach angefangen und halb vollendet in Muschel ge¬ schnitten auf dem Tische liegen? Ich weiß nicht viel davon. Schon als Knabe gab mir mein Vater eine Paste, danach ich arbeitete. Ich liebte den Kopf, weil ich wenig Freude hatte und mich der finstre Tod in dem schönen Weibe lockte. Hernach sah ich das Rundbild in Villa Ludovisi und hatte nicht Ruhe, bis ich's zu Haus so gut ich's behalten, nachgeformt hatte. Es ist menschlicher und heftiger dort, als bei den Griechen, wo's zur Larve geworden ist. Ich habe nie danach gefragt, was sie davon fabeln, und lesen widersteht mir. Wenn es Euch recht ist, les' ich Euch die Ge¬ schichte vor, wie sie ein alter Poet erzählt hat. Thut's, und bald, und — wann kommt Ihr wie¬ der? fragte er, als Theodor aufstand. Heute Nacht, sagte der junge Mann. Aber nicht um vorzulesen. Denn Ihr seid noch nicht aus der Cur. Ich will nichts hören; ich weiß was Ihr sagen wollt. Aber ein Kranker hat keinen Willen. — — Als er auf die Nacht wiederkam, fand er Wein auf dem Tisch und einen bequemen gepolsterten Sessel am Kamin. Bianchi schlief, und der Bursch flüsterte ihm zu, daß er den Wein aus der Osterie holen und den Sessel von einer Nachbarin habe entlehnen müssen. Erst als Beides angeschafft, habe sich der Herr be¬ ruhigt und sei entschlafen. Am folgenden Abend las Theodor aus einem ita¬ liänischen Ovid, wie er versprochen hatte. Er sah zuweilen übers Buch weg nach Bianchi, dessen Augen still an der Decke hingen. Kein Wort gab er von sich. Die ruhige Stimme Theodors schien ihn zu be¬ zaubern, die Märchen, die er hörte, ihn im Innersten 11 aufzuregen. So las der Andere immer fort. Als er dann aufstand, seufzte Bianchi und rief: Ihr geht? Ihr wißt nicht, wie ich genossen habe. Diese Ge¬ schichten waren mir wie verstümmelte alte Steinfigu¬ ren, die Glieder verzettelt, der Kopf weit vom Rumpfe und alle Umrisse verwittert oder zerstört. Während ihr laset, fügte sich's von selber zusammen und steht nun ganz vor mir. Hätt' ich meine heilen Glieder! Es zuckt mir in den Fingern, ein Stück Thon zu kneten. Aber das soll nicht sein, und Ihr geht — Ihr lächelt? Ich rathe, wohin Ihr geht. Genießt denn Eure Jugend. Aber ich bedenke nun erst, um was für Nächte ich Euch gebracht habe! Sie waren einsamer als hier, und wohin ich gehe, rathet Ihr nur halb, Bianchi. Ich mache zwei alten Leuten den Hof und nur dann und wann streift die weiche Hand ihrer schönen Tochter heimlich meinen Arm. All mein Genuß ist Schauen und Hoffen. Und Ihr könnt das so gelassen eingestehn und knirscht nicht vor Ungeduld und Verlangen? Ich hatt' einmal so eine fruchtlose Verliebtheit. Wie ein Wurm wand ich mich am Boden und verfluchte meine Au¬ gen, die mir den Possen gespielt hatten. Ich segne sie, und wenn ich ähnliche Tollheiten in meinem Blut spüre, lüfte ich meine dumpfen Sinne im Freien, das Forum auf und ab, oder zu den Kapuzinern hinauf, wo nun Schnee um den Stamm der Palme liegt. Sie muß den Winter auch über¬ stehen, so gern ihr sommerlich zu Muth wäre. Könnt Ihr's läugnen, daß es Euch dennoch mehr plagt und verzehrt, als der ganze Bettel werth ist? Es macht uns müßig und weibisch und das ist das Schlimmste. Wenn wir nicht die Narren wären, uns ins Unmögliche zu vergaffen — Alles wäre gut, Eine so gut wie die Andere, wenn sie hübsch ist und zu haben. Ich denke nicht. Ich brauch' eine Andere als jeder Andere, wenn ich ihr nicht um jeder Andern willen davon laufen soll. Wer spricht auch davon ? Ich denke wir Beide. Ich nicht, erwiederte Bianchi. Ich konnte mir nicht einfallen lassen, daß Ihr Euch so schlecht auf Eu¬ ern Vortheil versteht, mit diesem Gesicht und diesen Jahren. Darauf schwieg er verstimmt. Lassen wir das sein wie es sein will, sagte Theodor heiter, und Je¬ der sorge für sich und freue sich, wenn der Andere auf seine Weise sich ein gutes Leben schafft. Sie sprachen in Zukunft nicht wieder über diesen Punkt; Bianchi schien ihn durchaus vergessen zu ha¬ ben, Theodor rührte ihn nicht an. Die alte Herbig¬ keit und Wildheit des Kranken kam ihm wieder, je mehr die Wunden heilten, und jene einzelnen Spu¬ 11 * ren von Weichheit, die er seinem Freunde gezeigt, vergingen für immer. Er vermied es, ihm die Hand zu reichen, er sprach nie von sich selbst und seinen Stimmungen, fragte nie nach Theodors Thun und Treiben und seinem früheren Leben und nannte ihn kaum einmal bei Namen. Doch wehrte er nichts von Theodors Seite ab, nicht sein häufiges Kommen, nicht die kleinen Erfrischungen, die er ihm brachte. Nur einmal, als er in einem Körbchen Früchte sah unter den ersten Veilchen, mit jener Aufmerksamkeit geord¬ net, wie sie nur eine Frauenhand solchen Dingen zu¬ wendet, stellte er das Geschenk kalt und ohne ein Wort zu sagen auf den Sims des Kamins neben jene unsaubern Figürchen. Theodor schwieg; aber als er ging, nahm er den Korb zu sich, wie er ihn ge¬ bracht hatte. Uebrigens fuhr er fort, ihm vorzulesen, Dichter der Alten, Stücke aus Dante und Tasso, endlich auch aus Macchiavelli. Es fiel ihm auf, als sie auf po¬ litische Dinge zu reden kamen, daß Bianchi sich mit Heftigkeit zu tyrannischen Grundsätzen bekannte, wie Alle thun, die an sich wenig Freude haben und die Menschen verachten. Sie stritten dann leidenschaft¬ lich und unfruchtbar. Um so näher begegneten sich ihre Meinungen und Gefühle, sobald es sich um künst¬ lerische Dinge handelte. Bianchi konnte nun schon wieder am Stock sich bis zum Tische schleppen und seine Arbeiten wieder aufnehmen. Während er dort saß und seine Köpfe schnitt oder eigne kleine Com¬ positionen in Wachs bildete, um sie nachher zu schnei¬ den, las ihm Theodor aus dem Homer. Die Göt¬ ter, deren Bilder, im weiten Rom verstreut, ihm so lange nur schöne Leiber gewesen, von verworrnen Begriffen dürftig belebt, wachten nun klar in ihm auf. Es war, als fasse er jetzt erst die Welt, in der er im Traum herumgegangen, offen ins Auge. Und nun wuchs die Begier, wieder hinauszugehen und das Alles leibhaftig aufzusuchen, was er sich in der Phan¬ tasie neu und zum ersten Mal angeeignet hatte. — Die Mandeln blühten röthlich in den Gärten am Monte Pincio, als er zuerst wieder an der Brüstung stand und über das weite Rom zu den Höhen hin¬ übersah. Unten lag die Stadt laut und sonnig, der Strom blinkte herauf, von der Engelsburg flatterten die großen Wimpel der Standarten im Winde, der weich vom Meer herüberkam, und über der Runde spannte sich das zarte feine Blau des römischen März¬ himmels. Bianchi stützte sich auf den Stock und sah finster unter den Augenbrauen hervor, wie er that, wenn er sich gegen sein eignes Herz wehrte. Auch Theodor stand in tiefen Gedanken. Endlich wandte er den Blick von der Ferne ab, sah Bianchi ernsthaft an und sagte: Ihr seid wieder genesen; noch wenige Tage, so werdet Ihr da unten in der Ripetta in Euer neues Studio ziehen, und ich denke, wir bleiben wohl noch ein Stück Zeit zusammen, wenn ich auch meine Arbeiten nachdrücklicher weiterführen und die Freude, mit Euch zu sein, beschränken muß. Es fügt sich nun, daß mir ein Vorwand kommt, Euch öfter auf¬ zusuchen, als sonst vielleicht erlaubt wäre; wenn Ihr anders darauf eingehen wollt, das neue Studio mit einem Werk einzuweihen, an dem mir selbst viel ge¬ legen ist. Die Sache ist die. Eine Familie, der ich befreundet bin, hat sich hier niedergelassen, vielleicht auf immer. Der Mann, ein Deutscher, lebte früher in England, heirathete eine Engländerin und sie brachte ihm zwei Kinder, einen Sohn und eine Toch¬ ter. Der Sohn, der an der Schwindsucht litt, sollte hier das Letzte zu seiner Rettung versuchen, und so siedelte die Familie über. Ich habe den jungen Men¬ schen geliebt, wie Alle, die ihn kannten, und kann es noch nicht verwinden, daß ich so viel Reiz und Adel drüben bei der Cestius-Pyramide in die Erde ver¬ senken sah. Das war im vorigen Winter. Nun wol¬ len die Eltern ihm einen Stein am Hügel aufrichten mit einem Bildwerk, das sein Wesen bezeichnet und sein Andenken ehrt. Ich wüßte Keinen, dem ich dies Werk lieber anvertraute, als Euch. Ihr könnt auf mich rechnen, Teodoro, sagte der Bildhauer. Ich will sehn was ich kann. Wollt Ihr nicht die Eltern kennen lernen und ihnen abhören, in welchem Sinne sie das Denkmal ausgeführt wünschen? Der Andere schwieg eine Weile. Nein, sagte er dann ruhig, ich mag keine Bekanntschaften und keine Thränen. Ihr habt ihn lieb gehabt, das ist genug; ich mach' es für Euch. — Ihr dürft mir das nicht verdenken, fuhr er nach einer Pause fort; ich tauge da nicht hin. Wer mich haben will, muß mich über¬ fallen wie den Bären in der Grube; wo ich nicht entrinnen kann, setz' ich mich fast manierlich auf die Hinterfüße und brumme mein Wort mit drein. Aber auch das verhütet noch. Laßt mich machen. Ich will nichts sagen und zeigen, bis der Entwurf so weit gediehen ist, daß auch Laien einen Eindruck haben. Hernach mögen sie kommen. Sie sprachen von andern Dingen; Bianchi wurde immer heller und fast übermüthig, während auf Theo¬ dors Gesicht ein Schatten lag. So blieben sie den Tag zusammen, und es war Beiden wie Abschied zu Muth; denn zum ersten Mal umgab sie der offne gemeinsame Tag, Lärm der Wagen und Gewühl la¬ chender Spaziergänger. Bianchi nahm Theodors Arm nicht an. Langsam ging er neben ihm, Frauen und Mädchen musternd, deren Viele ihn zu kennen schienen, und hie und da einem Bekannten zunickend, ohne zum Anreden einzuladen. War er vorüber, so blieben die Leute stehn, flüsterten, zeigten nach ihm, und sahen ihm mit einer Miene, in der sich Mitleid, Respect und eine Art von Grauen mischten, eine Strecke weit nach. Er selbst schien das nicht zu ge¬ wahren; er sah nur voraus, oft über die Menschen fort nach den Villen vorm Thor und der Campagne dahinter, und seine Augen blitzten. Woran denkt Ihr? fragte Theodor. — Ich denke, wie meine Mäuse das Schicksal überstehen werden, daß ihnen der Palazzo überm Kopf abgetragen wird und über kurz der Him¬ mel in ihre Heimlichkeiten und Schlupflöcher eindringt. Ich weiß, sie haben Familie bekommen. Arme Tröpfe! das lebt so lange unter Einem Dach mit einem, ohne einem was abzulernen. Wie mir zu Muth ist, daß ich arm und frei und allein bin und meinen Umzug auf einem Karren zu Stande bringen kann! — Er streckte seine Arme aus und wiegte sie so in der Höhe, als biete er sie jeder Last, die ihrer warte. Er sah jünger und frischer aus als je. Am Abend bat er Theodor, ihn in eine Schenke zu begleiten, in der er vor seiner Verwundung manche Nacht zugebracht habe. Ihr sollt erführen, was gute römische Gesellschaft ist und ein Rest besserer Ge¬ schlechter, sagte er. Sie sind ein wenig mißtrauisch gegen fremde Elemente, die so hineinschneien, ohne zu wissen was sie wollen, oder gar, die's nur zu gut wissen. Das soll ja in vornehmen Häusern nicht viel besser sein. Laßt sie treiben was sie wollen und trinkt Euern Wein, ohne viel Wesens zu machen. Mir geht Manches hin, auch wenn ich einen Deut¬ schen mitbringe, denn sie halten was auf mich. Er führte ihn einige Gassen weit vom Tritonen nach der prächtigen Wasserkunst des Bernini, der Fontona di Trevi, hinunter. Gegenüber der hohen Grotten- und Nischenfa ç ade, in deren Mitte der Wassergott über den künstlichen Felsen steht und die Bäche beherrscht, die von allen Seiten in die tiefe Schale vorbrechen, stand ein niedriges altes Haus, über der Thür eine trübe Laterne. Sie traten in den geräumigen Flur ein, der die ganze Breite des Hauses einnahm und zum Schenkzimmer hergerichtet war. Hinten schlug das Herdfeuer vor der geschwärz¬ ten Wand auf und zur Rechten führte eine Treppe nach dem obern Geschoß. An Geräth war nichts zu sehn als Bänke und Tische, deren sich eine bunte schweigsame Gesellschaft bemächtigt hatte. Ein Bursch trug die Schüsseln mit gerösteten Fischen, Salat und Maccaroni auf und verschwand von Zeit zu Zeit durch eine Fallthür, aus der er mit frisch gefüllten Flaschen wieder auftauchte. Ein freudiger Ausruf schallte aus der Tiefe der Halle herüber, als die Beiden eintraten. Eccolo! rief eine stattliche Frau und drängte sich durch bis zur Thür, die Hände an der Schürze trocknend, eccolo! Tausendmal willkommen, Sor Carlo! und sie reichte ihm herzlich die Hand. Ein Mezzo vom Frascati, Checo, vom neuen, der gestern angekommen. Sieh, sieh, Sor Carlo! Von wem, glaubt Ihr, daß ich eben mit meinem Domenico gesprochen habe, eben in diesem Augenblick, und sagte ihm: Domenicuccio, sagt' ich, du bist ein Bärenhäuter und Taugenichts, daß du nicht einmal nachfragst, wie es unserm Sor Carlo geht. Denn ich, wie du weißt, habe alle Hände voll und Kinder, Gäste und dich selber zu bedienen, du Tölpel. Aber es dünkt mich tausend Jahr, bis ich ihn wiedersehe — der brave Junge, der er ist. — Lalla mia, sagt' er, morgen will ich hinauf, und, sagt' er, wenn du willst, Lalla, eine Kleinigkeit von dem neuen Wein würd' er nicht verschmähen, so ein Bariletto, sagt' er. — Ich aber: Nun, sag' ich, Cuccio, das ist noch der gescheiteste Einfall, den du die zehn Jahre, daß wir verheirathet sind, gehabt hast, und eben tritt der Girolamo, der Carretiere, dazu, und sagt, daß er Euch heut auf dem Pincio gesehn, und ich sage noch: Gelobt sei Gott! so dauert's nicht lang und wir sehn ihn auch! — Da macht Ihr die Thür auf und steht vor mir, und wahrhaftig, es hat Euch gut gethan, Ihr seid schöner geworden, Sor Carlo; ich wollt's dem Girolamo nicht glauben, aber die Ma¬ donna hat ein Wunder gethan, ich habe nicht um¬ sonst meine Rosenkränze für Euch gebetet. Also Euch hab' ich's zu danken, Sora Lalla, daß mich die Tollwuth verschont hat und Alles nur auf ein bischen Lahmheit hinausgelaufen ist. Ihr habt die bravste Frau in Rom, Domenico, eine Heilige, einen wahren Schatz von Gnaden-Gaben! Ja, da bin ich wieder! und er schüttelte dem Wirth, einem etwas schwerfälligen zuthulichen Burschen kräftig die Hand. Und hier der Herr, daß Ihr's wißt, ist mein Freund, der mich den Bestien aus dem Rachen ge¬ holt hat. Aber hola! da drüben sitzt mein edler Gigi und ißt und trinkt und kann seine Kehle nicht ein¬ mal zu einem „guten Abend“ abmüßigen. Schämt Euch, Gigi; alte Freunde, und eine so kalte Manier sich wiederzusehn, wenn einer wie San Lazzaro auf¬ erstanden ist von den Todten! Er hat mehr als Alle nach Euch gefragt, Sor Carlo, flüsterte die Wirthin, und konnt' eine Woche lang nicht ein Glas 'runterbringen, wenn auf Euch die Rede kam. Er scheute sich nur, Euch zu besuchen. Der, von dem die gute Frau sprach, saß an einem der mittleren Tische, fest gegen die Wand gelehnt, und schob große Bissen in den Mund. Er war wohl¬ beleibt, der kahle Kopf mit einem Käppchen bedeckt, sein schwarzer Rock bis an den Hals zugeknöpft, sein Benehmen von einer gewissen Feierlichkeit, die ihn unter den Andern auszeichnete, ohne daß er sich überhob. Bianchi trat zu ihm und grüßte über den Tisch mit Händewinken. Theurer Sor Gigi, sagte er, laßt Euch nicht stören! wir kennen einander. — Er sah nun erst, daß die Augen des würdigen Mannes feucht schimmerten und daß er nur im Essen fortfuhr, um seine verlegene Freude nicht offenbar zu machen. Er ist ein Sänger, raunte Bianchi seinem Begleiter zu, der sich zu den Kirchen hält und bei Festen mitsingt. Sie haben ihn scheeren wollen, weil er Bildung hat und was vorstellt; aber er hat ihnen die Feige ge¬ boten. Das sind Alles freie Leute, so viel hier sitzen. Kommt, mein Freund Gigi macht uns Platz neben sich. Indessen kam der Bursch, fegte mit einem nicht sehr saubern Tuche die Tischplatte und stellte die große offne Flasche vor die Beiden. Theodor nahm Platz, während Bianchi noch hie und da Hände zu drücken und neugierigen Fragen zu antworten hatte. Eine qualmende Messinglampe leuchtete mit ihren drei rothen Flämmchen über den Tisch. Der junge Mann brauchte einige Zeit, sich an den Dunst und Tabacksdampf, durch den der Geruch des siedenden Oels hinzog, zu gewöhnen. Bald aber vergaß er Alles über dem Anblick eines auffallenden Paars, das ihm gegenüber am Tisch saß. Es war ein junges Mädchen in der Tracht derer von Albano; die rothe Jacke umschloß knapp den eben erst gereiften Busen, darüber war das Spitzentuch gefaltet und große sil¬ berne Nadeln hielten über den Flechten das flache weiße Tuch fest, das die Form des Kopfes nicht ver¬ barg. Das Gesicht stand im ersten Flor der Jugend, Schönheit und Gesundheit, drei Tugenden, die in jenen Gegenden gern zusammenhalten; nur war der Ausdruck des Mundes von einer scheuen Weichheit und Hingebung, fast willenlos und schmerzlich, und die großen Augenlieder bedeckten die Augen ganz, daß nur ein schmaler funkelnder schwarzer Streif verrieth, daß sie wache. Sie aß von dem Teller vor ihr, langsam und theilnahmlos, und trank ein wenig vom Wein, und ihre braune Wange glühte immer in gleichem Feuer fort. Neben ihr saß eine Alte in römischer Tracht, lebhaft um sich blickend, aber schweigsam und ganz mit ihrem Wein und Essen beschäftigt, das sie gierig genoß. Sie hatten nicht das Geringste mit einander gemein und schienen doch zu einander zu gehören. Als Bianchi endlich dazu kam, sich auf seinen Platz zu setzen und eben das erste Glas geleert hatte, fuhr er mit einem fast komischen Erstaunen zurück und rief: Madonna santa! welch eine Schönheit! Wie kommt Ihr zu solch einer Nachbarin, Sor Gigi! Eine Nichte von Euch? Oder gar ein vergessenes Kind, das Euch eines schönen Tags vor die Augen gekommen? Gesegnet sei ihre Mutter! Chè, chè ! sagte der Sänger ernsthaft. Ich wollte, Ihr hättet Recht. Fragt sie selbst, woher sie kommt. Mir hat das Zuckermündchen nicht Rede stehn wollen. Bianchi warf einen scharfen Blick auf die Alte und brummte vor sich hin: So! so! Ich denke, wir kennen uns. Die Alte ward es inne und indem sie den Rest ihrer Flasche in ihr Glas goß, sagte sie: Ein blödes Ding, meine Herren, ein armes blödes Waisenkind, war bei schlechten Leuten drüben im Ge¬ birg, als ich sie dort fand, und mich dauerte der jungen Creatur. Wie leicht wird eins verdorben, wenn es in unrechte Hände kommt! Ich nahm es denn mit nach Rom, um Jesu Barmherzigkeit willen, und halt' es hier, so gut's eine arme Alte kann, in allen Ehren und Tugenden, das arme Ding! Schlag die Augen auf, Caterina, wenn die Herren mit dir reden wollen. Das Mädchen gehorchte und ließ ihre großen stillen Augen einen Moment auf Bianchi ruhen, um sie sogleich wieder zu senken. Der Künstler hob sich halb empor auf seinem Sitz und bog sich zu ihr hinüber. Du heißt Caterina? sagte er. Ja, Herr! erwiederte sie mit einer tiefen aber wei¬ chen Stimme. Wie alt bist du? Achtzehn Jahr. Du wirst einen Liebsten in Albano zurückgelassen haben, oder mehr als Einen. Sie schüttelte den Kopf. Was Ihr redet! fiel die Alte hastig ein, eine Jungfer ist's, sag' ich Euch, und sie nickte bekräftigend, ja, ja, ein Ding so unschuldig wie Christi Blut. Hätt' ich mich sonst ihrer ange¬ nommen? Nun, nun! wenn ich's glaube, glaub' ich's ihrem Gesicht und nicht Eurem, Mutter. Kann sie tanzen? Der Herr hier ist ein Fremder, und ich gönnt' es ihm, daß er einen braven Saltarello kennen lernte. Theodor sagte einige Worte, daß ihm ein Ge¬ fallen geschehen würde. Die Alte winkte der Wirthin; Caterina stand stillschweigend aus. Bald waren die nächsten Tische zurückgeschoben, daß ein geringer Raum frei wurde, und Lalla brachte das Tamburin. Wäh¬ rend die Alte sich in einem Winkel damit zurechtsetzte, die übrigen Gäste der Schenke einer nach dem an¬ dern herankamen und der Bursch, der die Gäste be¬ dient hatte, sich zum Tanz anschickte, flüsterte Bianchi dem Freund ins Ohr: Seht diese Gestalt und die Feinheit der Hände und Füße, und wie sie steht, ein vollkommnes Gewächs, wie ich keines sah, tadellos bis zu den allerliebsten Ohren, und weiß noch nicht viel von sich. Daß ich's dem Checo lassen muß, mit ihr zu tanzen! ich verstand es sonst wohl leidlich. Aber nun beschwör' ich Euch, thut Alles auf, was Auge an Euch ist. Ein Wunder will sich begeben. Theodor bedürfte der Erinnerung nicht. Er lehnte gegen einen Tisch und verwandte keinen Blick von Caterina. Bei den ersten heftigen Tönen des Tam¬ burin begann das Mädchen den Tanz. Lalla stand neben der Alten und klapperte und schnalzte mit den Castagnetten; Sor Luigi der Sänger saß unbeweglich hinter seinem Tisch und begann schon nach den ersten Tacten eine Melodie zu summen. Bald sang er das Lied und die Worte voll heraus. Die Worte, die Theodor nicht verstand, die fieberhafte Unruhe der eintönigen Instrumente und mehr als Alles der hohe Zauber der Tänzerin verwirrten ihm allmählich die Gedanken, daß er drein sah wie in eine fremde Welt. Das Bekannte, Eigne, Theuerste trat in eine nichtige Dämmerung zurück, die es aller Farbe entkleidete. Menschen, Gedanken, Wünsche und Hoffnungen wälz¬ ten sich in diesem Halbtraum nach dem Tact des dumpfen Tamburin durch seine Seele wie zu einer großen Musterung: er verwarf sie alle; es war ihm als hörte er in sich rufen: Ihr seid werthlos und scheintodt. Hier ist Leben und Seligkeit! Mit dem Ende des Tanzes erwachte er und sah verstört um sich. Er griff nach seinem Hut. Ihr wollt fort? schon? heute? fragte Bianchi betroffen. Ich sehe, es gefällt Euch nicht unter diesen meinen Freunden. Ihr verkennt mich ganz und gar, erwiederte Theo¬ dor und sah düster vor sich hin. Wie gern bliebe ich, wie gern! Aber ich habe ein Versprechen gege¬ ben, ich muß in eine Gesellschaft; wir sehn uns mor¬ gen, Bianchi! Oh, murmelte Bianchi, schade, schade! Nun, Ihr werdet Euch unterhalten, Euch und die Andern. Schade, schade! Er lächelte scharf und bitter, als Theodor den Rücken gewendet; doch schien es ihm nicht geradezu unlieb, daß er ging. Draußen stand der junge Mann den Cascaden gegenüber und sog den Hauch des Wassers und das lebendige Rauschen seines Sturzes in die verwirrten Sinne ein. Der Mond beschien dem Wassergott das Haupt und einen Theil der Brust. Unten blitzten nur Tropfen aus der Dunkelheit auf. Er stieg hin¬ unter und trank, als wollte er den Rausch des Ge¬ müths von sich thun, und saß dann eine Weile am Rande des Beckens. Die Sage fiel ihm ein, wer aus dieser Quelle getrunken, sei dem Heimweh nach Rom verfallen, da verlor er sich in peinliches Sin¬ nen. Erst als drüben aus der Osterie das Tambu¬ rin von neuem klang, stieg er fast erschrocken aus der Tiefe auf. Mühsam zwang er sich, der Thür wieder vorüberzugehn und eine der Seitenstraßen einzuschlagen. Als er von fern zuletzt noch einmal den gedämpften Ton hörte, stand er einen Augen¬ blick und kämpfte wieder. Dann ging er entschlossen tiefer in die Stadt hinunter nach Mariens Hause. 12 Die Unterhaltung stockte, als er eintrat; seine Braut stand auf, ging ihm entgegen und gab ihm herzlich die Hand. Er ließ einen kurzen dringenden Blick auf dem edeln Gesicht ruhen, das unbefangen zu ihm aufsah, und näherte sich dann der Mutter, die ihm freundlich einen Gruß entgegenrief und sich vorneigte in dem seidnen Sessel, ihm ebenfalls die Hand zu schütteln. Sie war, wie auch die Tochter, noch im¬ mer schwarz gekleidet, nur daß sie ihr Haar unter einer grauen Florhaube trug, während ein schmales schwarzes Band über der Stirn die braunen Locken des Mädchens zusammenhielt. Auch der Vater em¬ pfing ihn freundlich und stellte ihn einigen Herren vor, die um den lichterhellen Tisch saßen. Es waren zwei englische Herren, Brüder, alte Freunde des Hau¬ ses, die vor kurzem aus England gekommen waren. Den Fremden zu Liebe sprach man englisch. Ihr seid spät gekommen, lieber Theodor, sagte die Mutter. Ihr habt uns gefehlt, als wir unsern würdigen Freunden von den letzten Stunden unseres Edward erzählten. Meine armen Augen thaten da¬ mals nur schwach ihren Dienst, und der Vater und Mary waren krank, wie Ihr wißt. Wir verloren Alle mehr als Ihr, denn Ihr kanntet ihn kaum. So hattet Ihr am meisten Fassung, und könnt ergänzen, was uns wie ein schrecklich zerrissener Traum, noch jetzt fast unglaublich, in der Erinnerung steht. Theodor war unfähig zu sprechen; die Stille im Zimmer, die Stimmung der Erschütterung in die er eintrat, fremde Gesichter und fremde Sprache be¬ klemmten ihn aufs höchste. Und hier in diesem Au¬ genblick, nachdem er kurz zuvor einem wonnevollen Leben ins Gesicht geschaut, sollte er Unbekannten vom Todbette des armen Edward erzählen. Ein Schauer überlief ihn und senkte ihn in jenen Zustand hell¬ seherischer Dumpfheit zurück, der ihn vorher in der Schenke überkommen. Sein Herz hob sich wieder aus den festen Schranken, in denen es sich selbst be¬ gnügt und gebunden hatte, und fühlte sich über und außer ihnen. Es war nur ein frevelhafter Traum ohne Antheil des wachen Willens. Aber das Bild desselben trat auch im Wachen zwischen ihn und Alles, was er bisher am Herzen gehalten hatte, und das Band, das ihn daran knüpfte, schien ihm morsch, seit der Traum es zerrissen hatte. Die Gesellschaft gab es seiner Trauer Schuld, daß ihm jede Antwort versagte. Er hatte sich neben Ma¬ rien gesetzt und sah lange auf ihre feine blasse Stirn. Das stille Weiß beunruhigte ihn. Die blauen Augen, die ihm klar und glücklich und ernsthaft entgegen schie¬ nen, hatten heut keine Gewalt über ihn. Er empfand es deutlich als seine eigene Unfähigkeit, daß er sich heut dieser adligen Gestalt nicht freuen konnte wie sonst, von diesen reizenden Lippen nicht begierig jedes Wort 12 * verschlang und jedes Lächeln sich bis ins Herz drin¬ gen fühlte. Er kämpfte eine Weile gegen diese Kühl¬ heit an, die ihm sehr wehe that. Es war umsonst. Sie ward es inne, daß er etwas zu bekämpfen hatte. Aber die Gegenwart der Andern wehrte ihr, mit vertraulicher Inbrunst der Leidenschaft das Herz festzuhalten, das sich ihr entzog. Der eine der Fremden fragte nach dem Denkmal, das dem Verstorbenen bestimmt sei. Theodor er¬ mannte sich und erzählte, daß er eben heut auf den Wunsch der Eltern die Arbeit einem Freunde über¬ tragen habe, von dessen Wesen und Schicksalen er kurz die Umrisse hinwarf. Mariens Eltern wußten mehr von ihm. Den Fremden aber schien das zer¬ stückte Bild nicht anzusprechen. Es wäre zu wünschen, sagte er, daß dieser Mann einen Hauch von Edwards inniger Natur in sich selber spürte, daß er die zarte Gestalt unseres Theuern und sein kurzes gesegnetes Leben in sich aufnehmen könnte, wie etwas Geliebtes. Er scheint, wie Ihr ihn schildert, ein heftiger starrer Mensch, dem nichts verschlossner sein muß, als diese Art unsers Edward, nur für die Seinen zu leben, den letzten Athemzug zu einem Glückwunsch für seine Geliebten zu machen. Er ist rauh und energisch, erwiederte Theodor, aber das Schöne rührt ihn und das Edelste nimmt er mit Scheu und Ehrfurcht auf. Ich sah es, als ich ihm aus Homer vorlas, wie ihn die idyllischen, ich möchte sagen die weiblichen Stellen des Gedichts ergriffen. Vielleicht, weil sie seiner künstlerischen Stimmung fruchtbarer begegneten, als die wüste Einförmigkeit von Kampf und Gefahr. Und dann ist es doch ein Anderes, ein Gemüth haben, für gewisse gemeinsame, natürliche, heidnische Rührungen empfänglich, und eines, das den Segnungen unsrer Religion geöffnet ist. Edward war Christ; Euer Freund ist höchstens ein äußerlicher Katholik. Ich läugne nicht, nahm die Mutter das Wort. ich habe mir auch schon darüber Gedanken gemacht. Ehe man diesem Unbekannten ein Werk überträgt, das uns Allen am Herzen liegt, würde es wenigstens wünschenswerth sein, eine Skizze zu sehn, über die man reden und entscheiden könnte. Ich kenne ihn, theure Mutter, sagte Theodor mit Nachdruck. Wäre es seine Art, den ersten Gedanken auf ein Blättchen zu werfen, so wäre es natürlich, über den Entwurf mit ihm zu verhandeln. Er liebt es aber, gleich in Thon und in einiger Größe zu ent¬ werfen, und hat sich besonders ausgebeten, diesmal eine Zeitlang arbeiten zu dürfen, ohne sich mitzuthei¬ len. Daß es auf Eure Entscheidung ankommt, weiß er. Darauf ward eine Stille, in der die etwas leb¬ haft gesprochenen Worte des jungen Mannes em¬ pfindlich nachtönten. Marie trat zum Flügel und begann die Verstimmung mit Musik zu besprechen. Nur bei Theodor gelang es nicht. Das einfache Lied vermochte nichts über ihn, in dessen Ohr der hastig rasende Ton des Tamburin spukhaft wieder aufwachte und das wunderliche Lied des Sängers die gegenwär¬ tige Stimme überbrauste. Er sah Bianchi's sichern Blick auf sich gerichtet und hörte wieder die Worte: Ein Wunder will sich begeben. Um ihn her war ihm Alles fremd, nüchtern und wunderlos. Nachdem sie gesungen, setzte sich Marie wieder zu ihm; sie sprach deutsch mit ihm, sie fragte nach seinem Tage, nach seinen Arbeiten, nach Bianchi. Er sprach zerstreut, und so auch halb in Zerstreuung, als spräche er mit sich selbst, erzählte er von der Osterie und dem Tanze des Mädchens. Als er dann zufällig auf¬ sah, bemerkte er eine dunkle Spannung über den feinen Brauen. Das Gespräch zwischen ihnen stockte. Der Vater fragte nach englischen Familien, über die die Gäste bereitwillig Rede standen. Sie waren Theo¬ dor fremd, und so war er von neuem seinen wüh¬ lenden Gedanken überantwortet. Er ging endlich. Die Fremden hatten eine Wohnung bei Mariens El¬ tern angenommen. So kam es ihm vor, als ob er auf einmal unselig aus diesem Kreise, der ihm sonst gehörte, verdrängt worden sei, zwiefach, durch sich und Andere. Nirgends sind unreine Stimmungen, halbe Ver¬ hältnisse und unentschlossene Wünsche widerwärtiger und empörender, als in Rom. Die großen Umge¬ bungen, voller Zeugnisse reiner Menschenkraft und sicheren Wollens, sind nur ohne Neid und Schmerz zu ertragen, wenn man sich auch im engsten Bereich des eigenen Wirkens seiner Gesundheit und Lauter¬ keit freuen kann. Wem es dort nicht gelingt, die halben und schiefen Stimmungen mit Gewalt von sich zu stoßen, dem wachsen sie wie eine Krankheit unglaublich schnell über den Kopf und verschlingen seine ganze Ruhe. Denn an Beschönigen und Be¬ trügen vor sich selbst soll er nicht denken, wo ihn jeden Augenblick die ganze Offenheit, das unbeküm¬ merte Bekenntniß einer genialen Vorwelt niederschlägt und beschämt. Und doch können wir nichts von uns ablösen, was ein Recht auf uns hat, ohne uns in neuen Streit mit uns selbst zu stürzen und mit unserm Gewissen zu zerfallen, da wir früher nur mit unsern Meinungen und Wünschen entzweit waren. Uns zu retten, bedarf es der Ueberzeugung. Und Theodor war nicht überzeugt; nur zweifelhaft und erschüttert. In lichteren Stunden wiederholte er sich die alte Weis¬ heit, daß Eines nicht für Alle tauge. Bianchi's Art zu sein und zu leben, die ihm oft als die menschlichste, nothwendigste und reinste erschien, kam ihm dann fast niedrig vor. Er schämte sich, daß er ihn hatte beneiden können. Ein zarter Glanz breitete sich wie¬ der um die lieben Gestalten seiner nächsten Angehö¬ rigen. Er sprang dann auf und stürzte mit über¬ vollem Herzen zu ihnen. Fand er aber dort Die er suchte in der ruhigen würdevollen Umgebung, die ihn verhinderte, sein Inneres auszuschütten, mußte er seine leidenschaftliche Hingebung zu einem gleichmü¬ thigen Gespräch über fremde Dinge herabstimmen und fand kaum Gelegenheit, seine Geliebte beim Weg¬ gehn flüchtig an sich zu pressen: so gerieth er in der Einsamkeit von neuem außer sich und brach in stür¬ mische Anklagen der Lauheit, des Zwanges und der Unnatur aus. Dann konnte er stundenlang am Ufer der Tiber vor Bianchi's Thür auf und ab gehn, hin¬ überstarren, wo sich Sanct Peter mächtig über die breite Masse des Vatican erhob, den Fluß verfolgen, der unter Gebüsch weit in die Landschaft hinaus lief, und dann zu der Thür seines Freundes flüchten, ohne den Klopfer zu rühren. Trat er wirklich ein, so ließ freilich die ziellose Qual von ihm. Aber die gereizte Fröhlichkeit, die ihn dann ergriff, die Begeisterung, die aus ihm sprühte, wenn er in der Werkstatt auf und ab ging und von Dingen der Kunst redete, waren weit von Gesundheit entfernt. Bianchi entging der seltsam gährende Zustand sei¬ nes Freundes nicht. Aber er vermied es, den Grund aus ihm herauszulocken, wie er überhaupt Gesprächen über persönliche Verhältnisse und innere Erlebnisse auswich. Gerade dies unruhige Gebahren fesselte ihn täglich mehr an Theodor. Er selbst war seit der Krankheit zahmer und freudiger in allem Thun und Reden. Wenn er Theodors Klopfen vernahm, deckte er ein Tuch über seinen großen Entwurf und öffnete hastig. Er war noch immer sparsam mit den gering¬ sten Liebesbezeigungen. Aber sein Gesicht konnte nicht verläugnen, daß die Gegenwart seines Freundes ihm mehr als Alles war. Er saß dann bei seinen Mu¬ scheln am offnen Fenster, das Gesicht kaum einmal zu Theodor gekehrt, und arbeitete rüstig, während sie sprachen oder ein Buch Beide erquickte. Er hatte durch Theodors Vermittlung Käufer für seine Arbei¬ ten gefunden, die ihm das Doppelte zahlten was der Händler bisher gegeben; doch war seine neue Woh¬ nung in nichts reicher ausgestattet, als die frühere. Freilich vergoldete die Sonne die nackte Wand, an der das Rundbild der Meduse hing und vor dem Fenster lag die entzückende Ferne. — — Eines Abends, im heißen Mai, als es draußen am Tiberufer einsam war und die Mücken überm Ge¬ sträuch ungestört spielten, klang der Klopfer an Bian¬ chi's Thür rascher und lauter als sonst. Er stand von der Arbeit auf, vor der er sinnend gesessen hatte, und deckte nicht wie sonst das Tuch darüber. Er mag's heute sehen, sagte er für sich, wenn er's wirk¬ lich ist, der so unbändig lärmt. — Damit ging er zu öffnen. Der junge Mann trat ungestüm ein, sein Gesicht war lebhaft geröthet, seine Augen strahlten. Bianchi, rief er, Bianchi, ich komme von ihr , ich habe sie gesehen, gesprochen, das Wunder ist mir wieder bis ins Mark gedrungen. Und Ihr, Lieber, Böser, sagtet Ihr nicht damals, sie sei fort, ins Gebirge zurück, der Alten entflohen und wie das Märchen weiter lau¬ tete! Oder ward es Euch wirklich erzählt? Denn sie ist hier, keinen Fußbreit aus Rom hinausgekommen die zwei Monate lang. Redet, Bianchi; was sagt Ihr? Preiset mein Schicksal, das mich ihr an die Seite führte, wodurch ich noch wie von Sinnen bin! Er stürmte das Gemach hin und her, ohne um¬ zublicken. Er sah nicht, daß Bianchi todtenblaß in der Thür stehn geblieben war und seinen Irrgängen mit durchdringendem Blick folgte. Caterina? brach es endlich von seinen Lippen. Caterina! rief Theodor; sie selbst, sie selbst, schön und still und Himmel und Hölle in den Augen, wie an jenem ersten unvergeßlichen Abend, nur nicht jene bitterliche Schwermuth um die Lippen, und in rö¬ mischen Kleidern. Denkt, wie es kam. Ich sitze zu Haus in der Schwüle unlustig über den Büchern und es treibt mich endlich hinaus. Einige Gassen weit, so gerath' ich in einen Schwall geputzter Men¬ schen, die es eilig haben und frage einen: wohin? Auf Monte Pincio, heißt es, das Wettrennen und die Wagen zu sehn. Ich hatte keinen eignen Weg und lasse mich treiben und gelange gedankenlos mit auf die Höhe. Ihr habt die Gerüste gesehn, die sie gestern noch zimmerten. Heut die weiten Schranken Kopf an Kopf gefüllt, daß ich Mühe hatte, einen Platz zu finden, und unbequem genug, wie ich im er¬ sten Moment dachte, denn die Sonne stand mir ge¬ genüber, daß mir's, über die Bahn blickend, vor den Augen flimmerte. Wie ich nun bedenke, ob ich gehen oder wie mich schützen soll, und stehe noch an meinem Platz, seh' ich nach unten und entdecke einen seidenen Sonnenschirm und ein bezauberndes Stück Hinter¬ haupt und Nacken darunter. Im Nu saß ich, und unter den Schirm mich bückend frag' ich meine Nach¬ barin, die sich abgewendet hatte, ob ich die Wohlthat ihres Schirmes mitgenießen darf. Sie wendet sich, und es war als zuckte mir der Blitz mitten durchs Herz, da ich sie erkannte. Sie schien mich auch wie¬ derzukennen und blieb mir die Antwort schuldig. In¬ deß kam nun auch die Alte neben ihr zum Vorschein, war gesprächig und höflich und befahl Caterinen, den Schatten mit mir zu theilen. Bianchi, wie sie das that, den Schirm in der kleinen Hand regierend, halb verlegen, halb zutraulich, und dann auf meine zudring¬ lichen Fragen bescheiden und klar antwortete mit jener süßen dunkeln Stimme — es ist über alle Worte! Ich saß hingerissen, blind für Alles umher, unter dem kleinen Dach wie mit ihr allein, und baute es zu einem Haus für uns um, in dem ich Stunden, Tage und Jahre an mir vorbeirinnen hörte so gleichgültig, als gehörte ich schon der Ewigkeit an. Wie hätt' ich Augen für die Spiele gehabt! Aber ich folgte dem Eindruck, den die wilde Jagd auf Caterinen machte, wie ihr die Freude hoch aufschlug, wenn eine kühne Wendung geschah oder ein Wagen den andern weit voraus sausend um die Ecke bog, wie sie frohlockte, wenn eins der schönen Thiere rauchend und schäu¬ mend vom Siege im Triumph nahe vorübergeführt wurde. Heilige Natur! rief ich in mir aus, wie lachst du unverfälscht und unverbildet aus diesen Augen! Wie muß der mit Leib und Seele dir wieder zuge¬ wendet werden, den diese Augen anlachen ! Laßt mich verschweigen, was ich weiter in mir ras'te und jubelte. Es nahm ein Ende. Das Volk verließ die Schran¬ ken, meine Nachbarinnen standen auf. Als ich mich erbot, sie durch den Strudel der Menschen nach Haus zu führen, lehnte es die Junge ruhig, aber bestimmt ab. Die Alte machte mir hinter ihrem Rücken mit Augenwinken und Grinsen Zeichen, die ich nicht völ¬ lig verstand. Ich aber hielt mich in einiger Ferne hinter ihnen und ging die Höhe hinunter ihnen nach in die Stadt. Es schien mir, als verdoppele Cate¬ rina ihre Schritte, nachdem die Alte sich einmal nach mir umgewendet. Endlich in Via Margutta traten sie in ein Haus. Ich wagte nicht zu klopfen, stand dort eine halbe Stunde wie angewurzelt und sah die Vorhänge wehen, aber keine Gestalt. Nur die wider¬ liche Fratze der Alten erschien einmal am Fenster. Sie sah mich nicht, da ich mich im Schatten der Häuser barg, und so riß ich mich endlich hinweg und hier bin ich, wenn es hier sein heißt, daß mir der Bo¬ den unter den Sohlen brennt und mein Sinn wie verriegelt ist, eines andern Menschen Gegenwart wirk¬ lich zu empfinden. Er warf sich auf einen Stuhl; er beachtete es nicht, daß Bianchi noch immer in der Thür stand, nicht, daß er keinen Laut von sich gab. Er sah vor sich hin. Heute zuerst, fing er wieder an, nach schweren Wochen des Druckes und Kleinmuthes einen vollen Zug Leben gesogen, eine Stunde genossen, die mich über mich selbst hinaushebt! Wer so immer hinschwimmen könnte mit vollen Segeln ins offne Meer hinaus! Aber an den Küsten hinkriechen im geflickten Boot, sich winden und krümmen, wie dem Ufer die Laune steht, um doch endlich an einem Kiesel zu scheitern — erbärmliche Feigheit! Mit diesen Worten schlug er die Augen auf und begegnete dem Relief ihm gegenüber. Der Abend schien roth durchs Fenster und die scharf umrissenen Figuren wurden deutlich genug. Man sah einen Jüngling am Ufer des Flusses, an dem der Vorder¬ theil eines Nachens und die wilde Gestalt des greisen Fährmanns harrten. Der Fuß des Scheidenden war schon auf den Bord gesetzt. Aber das Haupt und der grüßende Arm waren nach der andern Seite ge¬ wendet, wo eine blühende weibliche Gestalt, durch ein Füllhorn bezeichnet, unter einem fruchtbaren Baum saß, in edler Geberde des Schmerzes, das Haupt niedergesenkt. Ein Genius der Liebe lehnte an ihrer Seite, die Fackel umgekehrt, daß er ihr Leben erstickte, mit den Augen an dem Jüngling hangend, ob es möglich sei, ihn zurückzuhalten. Aber zwischen ihnen stand ernst und abwehrend das Schreckbild der Parze. Theodor starrte wortlos noch immer den Kopf des Jünglings an, dessen Züge ihn unbezwinglich demüthigten. Er hatte Bianchi ein Bildniß Edwards verschafft, von Mariens Hand wenige Tage vor dem Tode gezeichnet. Es zeigte die edeln Züge schon in aller Feinheit der nahen Verklärung, und besonders die Augen waren rührend frei und groß. Zugleich, da alles Zufällige abgefallen, sah man die Aehnlich¬ keit der Geschwister schlagend und fast beunruhigend für die Ueberlebende. Zum ersten Mal empfand dies Theodor. Er sah Marien vor sich in Stunden des Schmerzes oder einer hohen Bewegung, wo ihre Augen dunkler aus dem zarten Gesicht herausleuch¬ teten und der ernsthafte Mund sich leise öffnete, wie hier der aufseufzende ihres Bruders. Es litt ihn nicht länger auf dem Sitz. Er trat dicht vor das Bildwerk; er kämpfte nicht mehr in sich, mit Einem Schlage glaubte er Alles entschieden, alle Gefahr angesichts dieser Hoheit und Anmuth bezwungen für jetzt und immer. Er blieb so, bis das Abendroth erlosch und das Gesicht sich in den raschen Dämme¬ rungen ihm entzog. Dann ging er, ohne ein Wort zu sagen, nach der Thür, in der Bianchi noch immer stand; er haschte nach der Hand des Freundes, drückte sie, ohne zu empfinden, wie welk und kalt sie war, und ging hinaus. Bianchi zuckte zusammen, als die Thür ins Schloß fiel. Er sah verstört mit abwesenden Gedanken um¬ her. So verharrte er an die Wand gelehnt, unfähig sich zu regen; denn entschlossen war er längst. Aber die Glieder waren dem Willen widerspenstig. Die Nacht kam; er konnte sich endlich aufrichten und stand, das Zittern niederkämpfend, das ihn überfiel, die geballten Fäuste gegen die Augen gedrückt. Darauf stieß er einen einzigen dumpfen Schrei heraus, und es war als sei er nun wieder Herr über sich. Er ging mit ruhigen Schritten aus dem Haus; keinem der vielen Spaziergänger, die die Nachtkühle genossen, fiel er auf; so gleichmüthig sah er umher. Er betrat endlich die Via Margutta und klopfte, ohne zu zau¬ dern, an einem kleinen Hause. Die Thür gab nach und er trat in den Flur. Er sah die Steintreppe hinauf, über die ein Lichtstreif hinunterglitt. Oben mit der Lampe stand Caterina. Der Mann weidete sich einen Augenblick an der vollkommenen Bildung des jungen Weibes, das am Geländer lehnte, die Lampe weit vor sich hin gestreckt, mit der lieblichsten Geberde der Freude bemüht, unten im Schatten das bekannte Gesicht zu erkennen. Sie nickte und lächelte und grüßte hinunter. Komm, komm! rief sie, als er unten verzog. Er stieg langsam die Stufen hinan. Als aber die Lampe sein Gesicht beschien, starb ihr Lächeln und Freude von den Lip¬ pen weg. Carlo, um Gotteswillen, du bist krank! rief sie ihm entgegen. Er drängte sie sanft zurück und schüttelte den erhobnen Zeigefinger abwehrend hin und her. Laß! sagte er. Komm herein, Cate¬ rina, komm! Sie folgte ihm in athemloser Angst. Das Zim¬ merchen war niedrig, aber sauber und wohlausgestattet. Blumen standen an den Fenstern, ein Vogel hing im Bauer davor und schmetterte gerade jetzt, als der Lampenschein ihn beunruhigte; auf dem Tisch lag eine blanke Guitarre. Die Alte hatte mit einer Arbeit daneben gesessen. Sie stand nun auf, den Eintre¬ tenden begrüßend, unterwürfig und dreist. Guten Abend, Sor Carlo! rief sie. Wie geht's? Ihr kommt zur rechten Zeit. Das arme thörichte Ding da, kein Liebchen wollt' ihm glücken, keine Saite stimmte; der Schelm, der Vogel, den sie doch auch von Euch hat, sang ihr zu laut; Tochter, sagt' ich, er kommt ja, den du lieber hast als deine Augen, Närrchen das du bist! — Nenna, sagte sie, mir bangt so; und, sagte sie, das Herz schlägt mir so, ich weiß nicht wovon. — Still! still! sagt' ich, du bist ein Kind. Einen Herrn zu haben, der dich auf Händen trägt, sagt' ich, der dich hegt und pflegt wie sein eigen Herz — Und der dich in die Hölle schicken wird, verruchte Hexe! schrie Bianchi und trat hart an sie heran. Du Gift! du Niedertracht! dank es deinen grauen Haaren, daß ich dich meine Fäuste nicht empfinden lasse. — Er schüttelte sie heftig bei der Schulter, die Ader an der Stirn lief ihm glühend an. Die Alte fuhr zusammen und blinzte ihn an. Macht nicht so schlechte Späße mit einer alten Frau, sagte sie stot¬ ternd. Ihr habt mich erschreckt, daß ich die Gicht davon haben werde. Was? Redet sänftlich, Sor Carlo, und führt nicht so unchristliche Worte im Mund, daß man sich kreuzen und segnen möchte! Was habt Ihr mit der armen Nenna? Was ich habe? schäumte Bianchi und stieß sie von sich, daß sie in die Kniee sank. Sie kann fragen, 13 die Nichtswürdige? Mir ins Gesicht die heilige Un¬ schuld spielen, nachdem sie mich betrogen? Hab' ich dir nicht bei deinem Leben gedroht, zu thun was ich sage und nicht was dir der Teufel einbläs't? Und nun kitzelt sie Habsucht und Kuppelgelüst, daß sie mir das Mädchen verderben will, und muß mit ihr unter die Leute, sie zu zeigen und auszubieten, ob sie nicht einem gefiele, der reicher ist als Bianchi der Bildhauer, der von seinem Schweiß lebt und Euch zu leben giebt? Fort! aus dem Haus, und das ohne Zögern und Winseln! Denn ich kenne dich und ich hätt' es wissen sollen, daß du kein Schutz bist und der Verrath in deiner vertrockneten Brust nistet mit allen Ränken der Hölle! Die Alte hatte sich erhoben und stand lauernd mit erkünstelter Demuth einige Schritte von ihm beim Fenster. Ihr habt Recht, Sor Carlo, sagte sie, ich hätt' es nicht thun sollen. Aber mich jammerte der armen einsamen Creatur, wie sie von der Welt Sonn- und Werkeltag nichts zu sehn kriegt, als die Dächer gegenüber oder um Mitternacht, wenn Ihr einmal mit ihr ausgeht, dunkle Gassen und das bis¬ chen Sternenhimmel. Kind, sagt' ich, er ist so gut, er kann nicht böse werden, wenn du ihm heut Abend erzählst, daß du das Rennen mit angesehn hast. Sie wollte nicht, armes Ding; aber ich sah ihr's an, daß sie's gern hätte, und so redete ich ihr zu. Was ist's nun weiter? Wenn Ihr nicht den Lärm darum mach¬ tet, so hätte sie auch einmal ein Vergnügen gehabt. Und steht sie nicht da wie sie war, kein Härchen an¬ ders? Denn was Ihr da sagt, Sor Carlo, solltet Ihr Euch schämen zu sagen, einer armen ehrlichen Alten ins Gesicht, die keinen Gedanken hat, als Euch gefällig zu sein und Caterina. Du gehst, sagte Bianchi mit unerbittlicher Ruhe, und weiter kein Wort mit dir! Die Alte sah ihn scharf an, während er am Tische stand, auf die Platte niedersah und die Faust da¬ gegenstemmte, als dächte er an Anderes. Sie schlich zu dem Mädchen, das auf einem Schemel in der Ecke saß mit gesenkten Augen. Tochter, flüsterte sie, bitte du ihn! — Caterina warf einen Blick auf Bianchi's Gesicht und schüttelte dann den Kopf. Es hilft nichts, sagte sie. Laßt mich wenigstens diese Nacht hier, bat die Alte und trat dem Manne einen Schritt näher. Wo soll ich mein Haupt niederlegen? Wie mein bischen Habe zusammenraffen? Um der allerheiligsten Jung¬ frau willen, Sor Carlo, stoßt mich nicht aus wie — Du gehst, wiederholte der Mann. Habe? Du hast keine, als von mir. Du gehst, oder — Er hob seine Faust. Das Weib schrak zusammen. Flüche, Bitten, Drohungen wüst durcheinandermur¬ melnd verließ sie leise das Gemach. 13 * Caterina, sagte der Mann langsam, ohne aufzu¬ blicken, es ist aus. Du siehst mich von heute an nicht wieder. Frage mich nicht, warum? und mach dir keine Sorgen, daß du mich erzürnt hättest. Ich hab' es nur mit jener Teufelin, die eben davonge¬ gangen. Du bist gut und es soll dir wohl gehn, auch wenn du mich nicht siehst. Ein Anderer wird kommen und an dein Haus klopfen, derselbe, der heut beim Schauspiel neben dir gesessen hat. Oeffne ihm und begegne ihm, als wenn ich's wäre und habe ihn lieb und — sei ihm treu. Du darfst ihm nicht sagen, daß du mich kennst; du darfst ihm meinen Namen nicht nennen. Aber halt dich nach wie vor zu Haus, und solltest du ja ausgehn, so vermeide den Theil der Stadt unten nach dem Tiber zu. Ver¬ sprich mir das Alles, Caterina. Er harrte der Antwort. Statt ihrer brach ein Schluchzen aus der Ecke vor, das ihm in die Seele schnitt. Weine nicht! sagte er so ruhig er konnte; du hörst, es ist nicht im Zorn, daß ich von dir gehe, und du wirst glücklich sein, du wirst es besser haben als bisher, du wirst den Andern lieber haben als mich. Nie! stöhnte es von den Lippen der Armen. Das Weinen faßte sie gewaltsam. Aber der Eine Ton sprach ein langes heftiges Bekenntniß grenzenloser Neigung aus. Bianchi's düstre Miene lichtete sich jäh; er sah freudig auf, er wandte sich und trat ihr näher. Außer sich stürzte sie auf ihn zu, und er em¬ pfing sie, die wie bewußtlos ihn an sich riß, in sei¬ nen Armen. Er küßte sie auf die Stirn. Still! sagte er, du und ich, wir müssen uns fassen. Es ist nun so gut, und besser. Wer weiß, ob ich das Andere überstanden hätte. Aber es darf dennoch nicht so bleiben, es darf nicht, oder ich gehe dennoch zu Grunde. Komm, sagte er, mach' ein Bündel von deinen besten und liebsten Sachen und was du brauchst zur Reise. Eil dich, Caterina. Ich denke, wir werden uns wiedersehn, aber hier nicht. Habe Geduld! Sie sah ihn groß an, sie begriff nichts, ihr ahnte nichts. Mechanisch that sie was er befohlen hatte. Wohin gehn wir? fragte sie schüchtern, als Alles bereit war. Komm! sagte er. Er löschte das Licht. Der Vogel draußen im Bauer flatterte heftig gegen die Dräthe, die Guitarre gab einen klingenden Ton, als er im Dunkeln daran stieß; den beiden Menschen pochte das Herz laut. So gingen sie. In der seltsamsten Verfassung hatte Theodor Bianchi's Haus verlassen. Sobald er die stille Luft um sich fühlte, wich der letzte schwere Hauch von ihm, der ihn noch vor dem Bilde gedrückt hatte. Nur eine Mattigkeit, schmerzlos wie sie ein Genesender empfindet, nachdem das Fieber ausgetobt hat, breitete sich über sein Gemüth. Auch die heimliche Reue im Hintergrund seiner Gedanken trug fast dazu bei, seine innerliche Helle zu erhöhen, wie der Schatten das Licht. Er sagte sich, daß noch nichts verscherzt sei, daß Alles, was er in Verblendung von sich gestoßen, ihm noch unverändert zugehöre, daß er nur die Hand auszustrecken habe, um sich seines Besitzes zu freuen. Habe er sich die Zeit her mit widersinnigen Wünschen gepeinigt und sich die Freude am Besten verkümmert, um einem reizenden Schein nachzuhängen, so sei er an sich selber gestraft. Die Gestalten beider Mädchen gingen ihm vor¬ über und sein Herz ward keinen Augenblick irre. Noch ward es ungerecht gegen die Fremde. Ein Staunen beschlich es noch immer, indem es sich aller Züge des wunderbaren Gesichts erinnerte. Aber es hüpfte hoch auf, wie die Zeit des ersten Sehens und Findens, der wachsenden Neigung zu Marien ihm wieder le¬ bendig wurde. Und was war inzwischen anders ge¬ worden? War sie nicht dieselbe geblieben? Freilich auch dieselbe an Scheu und Gefühl der Sitte sich zurückzuhalten vor den Augen Anderer. Aber sie sagte ihm mit der ganzen gesteigerten Wärme ihres We¬ sens, mit den Augen, die nicht von ihm ließen, wenn er da war, mit den Händen, die ihn nicht lassen wollten, wenn er ging, daß sie ihm völlig und ohne Vorbehalt hingegeben war. Kann ich ihr vorwerfen, sagte er, daß sie noch im Bann der puritanischen Mutter ist? daß sie nicht das Band dieser Ehrfurcht zerriß, sobald sie sich an mich knüpfte? Und ich konnte wollen, daß sie wie eine zügellose Minente aus Tras¬ tevere, die Niemanden zu fragen hat, als ihre Leiden¬ schaft, mir an den Hals stürze! Als habe er ihr Alles abzubitten, womit er sich seit Wochen das Leben zerstört hatte, treibt es ihn jetzt nach ihrem Hause. Er weiß, daß der Besuch aus England, der ihn verdrossen, gestern Rom ver¬ lassen hat. Es ist ihm, wie wenn nun Alles von neuem beginnen solle. In dieser aufwachenden glück¬ seligen Stimmung springt er die Treppen hinauf. Wenige Augenblicke vorher war in Mariens Zim¬ mer Miß Betsy aufgestanden, um zu gehen. Das Mädchen blieb am Clavier sitzen, im Dunkeln mit den Händen sich an die Arme des Sessels klammernd, denn es war ihr als müsse sie zu Boden gleiten, wenn sie sich nicht halte. Folgt meinem Rath, Kind, schloß die kleine Dame ein langes Gespräch, das sie fast allein geführt hatte. Gleich wenn er wiederkommt und ohne Umschweife stellt ihn zur Rede, daß er nicht Zeit gewinnt, auf Ausflüchte zu sinnen. Mary, thut das, sag' ich Euch; er ist noch in den Jahren sich zu bessern, wenn man's recht anfängt. Schändlich ist es und bleibt es, und — süßes Herz — so gern ich wollte, ich kann nichts von Allem zurücknehmen, was ich im ersten Zorn gegen ihn gesagt habe. Indessen, unser Herrgott hat schon andere Sünder erleuchtet. Wenn er nur mehr Religion hätte! Ihr müßt mir zugeben, daß ich ihm das schon oft vorgeworfen habe, und nun seh' ich, wie sehr ich Recht hatte. Schande über ihn, daß er Euch so wenig ehrt, Kind, Schande fürwahr! Ich sah mich um; zum Glück saßen in unsrer Nähe keine Bekannte von Euch, denn die Meisten von der guten Gesellschaft, wenn sie nicht das Volk studiren wollen, gehen nicht auf diesen Platz, sondern in die getrenn¬ ten Logen. Aber mir hat er das ganze Schauspiel verdorben, das vergess' ich ihm nicht, Dear me, wenn Ihr mit mir gewesen wärt, Ihr wäret gestorben auf der Stelle. Meint Ihr, daß er Ein Auge von ihr gelassen? Und sie schienen sich zu kennen, eine alte Passion; und das wäre noch zu seiner Entschuldi¬ gung. Denn er wird genug Mädchen schön gefunden haben, ehe er Euch kennen lernte. Aber man achtet doch auf sich, zumal öffentlich, und thut als kenne man sich nicht wieder. Nun nun, Kind, wenn Ihr mit ihm redet, ernsthaft und ein für alle Mal, so wird er in sich gehn. Aber wenn Ihr es nicht thut — so gern ich es Euch ersparte — meine Grundsätze verlangen dann, daß ich es Euern Eltern anheim¬ stelle, ihm ins Gewissen zu reden. Eine solche Fa¬ milie! der Schimpf wäre zu groß und das Unglück, wenn sie einen leichtsinnigen Menschen in ihren Kreis aufnähme. Habt Ihr denn nie etwas von einer alten römischen Liebschaft gehört, die er Euretwegen abge¬ schafft hätte? Nein, sagte das Mädchen leise. Wie hätte sie's über die Lippen bringen können, daß ihr die Be¬ schreibung der dienstbeflissenen Zuträgerin ein Bild wieder lebendig machte, das ihr früher schon einmal einen nachdenklichen Tag gekostet hatte! Am Tage darauf, nachdem Theodor ihr von dem Tanz in der Schenke erzählt hatte, war sie an seinem Arm durch die Stadt gegangen. Aus einem niedrigen Fenster sah ein schönes Gesicht, auf das sie ihren Freund aufmerksam machte. Er hatte eine starke Bewegung nicht unterdrücken können, und auch das Mädchen schien ihn zu erkennen. Es ist die Albaneserin von gestern Abend, hatte er gesagt, und dann rasch von andern Dingen gesprochen. Ihr aber war das Ge¬ sicht Zug für Zug im Gedächtniß geblieben. Laßt es jetzt gut sein, redete ihr Miß Betsy zu und strich ihr mit der Hand über die Locken. Grämt Euch nicht, Liebe! Die Menschen und zumal die Männer sind keine Engel. Mein Gott, wer erlebte dergleichen nicht! Und sprecht mit ihm, so wird noch Alles in Ordnung kommen. Gute Nacht, Kind! Ich komme morgen und sehe nach Euch. Der Herr sei mit Euch! Sie ging rasch. Draußen begegnete sie Theodor, der sie fast überrannte. Verzeihung! sagte er, ein Bräutigam, der zu seiner Braut geht, darf es ja wohl eilig haben. Nicht wahr, liebe Miß Betsy? — Er bemerkte die kalte Miene nicht, mit der ihm entgegnet wurde: Ihr werdet Mary finden, in der That sie erwartet Euch nicht. Er verabschiedete sich schnell und stürzte in das Zimmer. Zum ersten Mal fand er sie allein, in der fast nächtlichen Dämmerung, am Fenster stehend, die Locken ganz um das Haupt aufgelös't. Er dankte im Stillen inbrünstig dem guten Glück, das so willig schien, Alles auszugleichen. Leise tritt er heran; sie bewegt sich nicht. Er schlingt den Arm um ihren Leib und ruft ihren Namen. Sie fährt zusammen und wendet sich um, und er sieht es feucht in ihren Augen schwimmen. Du weinst, Marie, liebes theuer¬ stes Leben, du weinst? ruft er und will sie fester an sich ziehen. Sie wehrt ihm, ohne zu antworten; sie drückt die Augen zu und zerdrückt die Tropfen und schüttelt mit dem Kopf. Nein, sagt sie endlich, ich weine nicht, laß! Es ist vorbei, es ist gut! Er geht drei Schritte auf und ab; er weiß nicht wie ihm geschehen, aber mit Einem Schlag ist all seine Freudigkeit gelähmt. Was hast du, fragt er nach einer Pause, das ich nicht wissen darf? Wenn du wüßtest, mit welchen Freuden ich über diese Schwelle trat, wie mich's selig durchfuhr, dich endlich einmal allein zu finden! und ich finde dich nun so fremd, verschlossner als in aller Bedrängniß fremder Gesell¬ schaft — du weißt nicht, was du uns zu Leide thust! Sie schwieg noch immer und hatte die Augen zu¬ gedrückt. Sie hielt in Gedanken die Worte, die er sprach, mit denen zusammen, die ihr so eben das Herz zusammengeschnürt hatten, seine Blicke mit de¬ nen, die ihr die alte Freundin geschildert hatte und die einer Andern galten. Es war etwas in ihr, das gern für ihn gesprochen hätte; aber zu viele Stim¬ men schrieen dagegen. Nicht, daß sie ihn für unwahr hielt, für unwürdig, und ihn anklagte in ihrem Her¬ zen. Sie hatte die Erzählung der Alten mit ange¬ hört, als gelte sie weder ihr noch ihm, wie ein Un¬ erhörtes, für das wir kein Organ in uns haben. Aber dennoch warf es ein letztes Gewicht auf die Last, die sie schon wochenlang getragen hatte. Theodor betrog sich, wenn er glaubte, durch seine gespannte unglück¬ liche Stimmung nur sich selbst wehe gethan zu haben. Daß er verändert war, der erste Glanz der Liebe verblichen, das Herz seiner selbst nicht mehr gewiß, war Marien nicht entgangen. Wenn er zugegen war, bezwang sie sich um seinetwillen; sie hätte ihm um die Welt nicht gestanden, daß sie an ihm zweifelte; und war sie allein, so schalt sie sich selbst, und sagte sich, daß sie falsch gesehn und zu viel gesehn habe, daß ein Mann sich mit Gedanken trage, die ihn zer¬ streuten und selbst bis zu seiner Geliebten verfolgten. Auch wußte sie, daß ihm der Zwang vor der Mutter immer unerträglicher wurde. Und doch brach auf Au¬ genblicke das Gefühl des bittersten Kummers durch und verschloß ihr gerade jetzt den Mund und das Herz, wo Worte so nöthig gewesen wären. Sie hoffte auch nichts von Fragen, und Vorwürfen wollte sie nichts zu danken haben. Sie war ohne heftigen Schmerz, wie abgestorben, daß sie seine Nähe nicht fühlte und doch einen tödtlichen Stoß empfangen hätte, wenn er gegangen wäre. So stehen sie in unseliger Täuschung einander ge¬ genüber. Er greift schon nach dem Hut, um dem unerträglichen Zustand ein Ende zu machen, als die Mutter hereintritt. Er muß bleiben; Lichter werden gebracht, die Frauen setzen sich, während er einsilbig steht, sich selbst und sein elendes Geschick tausendmal verwünschend. Und wie sich in solchen Stunden alles Widerwärtige häuft, kommt die Mntter von neuem auf Edwards Monument zu sprechen. Er kann nicht verschweigen, daß es ihm heut zum ersten Mal auf¬ gedeckt worden, und muß Gegenstand und Art der Darstellung beschreiben. Er belebte sich wieder ein wenig. Es ist unvergleichlich, sagt er; ich kann nicht ausdrücken, wie mich das Bild ergriff; Edward ganz und gar, lebend und verklärt zugleich, und wunder¬ bar! fast durch Offenbarung die Art wiedergegeben, wie er sich bewegte, jene eigenthümlich innige Ge¬ wohnheit den Kopf vorzuneigen, von der ich meinem Freunde nie gesprochen. Es mag Alles unbestritten sein, was Sie sagen, lieber Theodor, sagte die Mutter nach einigem Be¬ sinnen. Und doch verberge ich nicht, daß mir die Nebenfiguren, wie Sie sie beschreiben, durchaus wi¬ derstreben, daß ich mich nicht werde entschließen kön¬ nen, an dem Grabe meines Sohnes zu beten, wenn der Stein diese fremden fabelhaften Gestalten zeigt, die mich schrecken, statt mich zu erheben. Es sind Zeichen, Mutter, Zeichen für den liebe¬ vollsten Sinn, die Ihnen nicht fremd sind, sobald Ihnen der Sinn nah getreten. Und würden Sie nicht ergriffen werden, wenn ein italiänischer Poet Strophen auf Edward in seiner Sprache gedichtet hätte, obwohl sie nicht Ihre Muttersprache ist? Wohl, aber dann wär' es wirklich nur die Form, die mich fremd berührte. Hier ist der Sinn von Vor¬ stellungen, die meinem Heiligsten widerstreiten, so ge¬ tränkt, daß ich mich abwende und nichts damit ge¬ mein haben kann. Sie sprechen es hart aus. Es wundert mich, daß Sie hart finden, lieber Theodor, was das natürliche Gefühl eines Weibes und einer Christin ist. Und Sie sind in Rom und sehen täglich die Wun¬ der vergangner Geschlechter und haben Freude am Thun der tausend verschiednen Geister, die auch von Ihnen verschieden sind, und wollen sich hier ver¬ schließen und abwenden? hier wo ein edler Mensch Ihnen zu Liebe aus seinem Tiefsten hergegeben, was er nur hatte? Ich fechte seinen Willen nicht an. Aber gerade weil es mich zunächst mit betrifft, mir zu Liebe ge¬ schehen soll, bin ich empfindlicher gegen das, was geboten wird. Denn der beste Willen kann uns be¬ leidigen, wenn er keine Rücksicht auf uns nimmt. Theodor trat auf Marien zu, die auf einen Stick¬ rahmen gebeugt still dagesessen. Marie, sagte er, hat dich Bianchi's Werk auch beleidigt? Nein, sagte sie leise, aber ich gebe der Mutter Recht. Man kann nichts lieben, was fremd ist; ich nicht; ein Mann vielleicht. Er verstand nur halb ihre Worte; aber er ver¬ stand, daß sie sich von ihm gewendet. Ein unsäg¬ liches Wehgefühl ergriff ihn. Es war nicht Trotz, nicht kleine Verbitterung, daß er sich stumm verneigte und ging. Er fühlte, daß er sich sammeln, seine be¬ täubten Geister aufrichten müsse. Er hätte irre ge¬ redet, wenn er geblieben wäre. Es sollte nicht sein, sagte er vor sich hin, als er auf der Gasse war. Sie hat Recht; wir wären uns immer fremd geblieben. Ich hielt meine fruchtlosen Mühen, mich immer wieder von neuem ihr aufzudrän¬ gen, für Zug und Bestimmung. Kein Wunder, daß sie es endlich müde wird. Aber es war grausam, daß es gerade heut so kommen mußte, da ich eben mich so schön getäuscht, so selig belogen hatte und hoff¬ nungsvoller war als je. Es war grausam und heil¬ sam! Ich bin nun für immer von diesem gutmü¬ thigen vermessnen Selbstbetrug geheilt. Dann dacht' er an Bianchi. Schade! sagte er. Dem hätt' ich's sparen sollen. Er wird wieder was in die Tiber zu werfen haben. Nein, er soll nicht; ich will diese Tafel besitzen, mich in Zukunft zu war¬ nen, wenn ich Menschen vertraue. So kam er in seine Wohnung. Er zündete Licht an und setzte sich zu schreiben. Er fing einen Brief an Marien an, ruhig und sanft; nach den ersten Zeilen ward er der Lüge inne, denn es kochte und zürnte und sehnte in ihm, daß er die Feder am Tisch zerstieß und aufsprang. Er wußte nicht wohin. End¬ lich ging er wieder ins Freie, den Weg nach Bian¬ chi's Hause. Wollte er ihn aufsuchen, ihm Alles sa¬ gen, ihm Alles verschweigen, nur wieder in seiner Nähe nach Entschluß und Fassung ringen? Er wußte es nicht klar; aber er ertrug sich nicht in der Ein¬ samkeit. Nur eine schmale Mondsichel stand über den Dä¬ chern. Aber die Häuser waren hell, die Balcone und Fenster belebt; auf dem Corso wallte ein muntres Gewoge von sorglosen Menschen, die sich nach dem Tagesbrande erfrischten, lachende Mädchengesichter, fremde und römische, so leicht gekleidet, wie sie sich aus den Zimmern fortgeschlichen hatten. Die Straße glich einem langen Corridor neben einem Festsaal, wo sich die Gesellschaft zwischen den Tänzen in küh¬ lerem Zwielicht ergeht. Hie und da drang auch Musik aus einem Hause vor und eine Mädchenstimme unter der Menge sang leise die Melodie nach. Theodor mußte den Strom kreuzen. Er kam sich vor wie ein Abgeschiedener, der nichts mehr vom Le¬ ben will, den es nur noch zu einem Freunde treibt, um eine unvollzogene Pflicht ihm zu offenbaren, ehe er für immer ruht. Er vertiefte sich in öde schmale Gassen, die nach der Tiber führen, und ging so hin ohne die Kraft, irgend einen Gedanken fest zu halten. Endlich, von der vergeblichen Anstrengung ermattet, ließ er seinen Geist auf der leeren Weite des Schmer¬ zes treiben, wie auf dem uferlosen Meer in der Windstille. So kam er an den Theil des Ufers hinaus, der Riva grande heißt, wo die Kähne liegen, die nach Ostia fahren, die kleinen Postdampfboote und andere Fahrzeuge mehr. Von da hinunter bis zur Ripetta sind noch einige hundert Schritt und keine unmit¬ telbare Verbindung am Wasser hin. Er wandte sich aber rechts die breitere Straße hinauf, als ihm ein lautes Gezänk von den obersten Stufen der Wasser¬ treppe ans Ohr kam. Ein Ton klang dazwischen, der ihn plötzlich im Gehen hemmte. Er näherte sich dem Menschenhaufen, dessen einzelne Gestalten sich ihm nur langsam bei einer schlechten Straßenlaterne entwirrten. Es handelte sich um ein Mädchen, wie es schien, das ein Schiffer beim Arm hielt und hinab¬ zuziehen bemüht war. Ein Anderer suchte Beide zu trennen. Laßt sie los, Pietro! rief er. Laßt sie gehn! Seit wann ladet Ihr Weiber, Ihr Seelenverkäufer, der Ihr seid? Seht, sie weint, armes Ding! sie will nicht in Euer Loch von Kajüte zurück; sie wird ihre Gründe haben! — Hol's der Henker, schrie der Andere und riß an dem Mädchen herum, Gründe genug wird sie haben. Aber der sie mir brachte und das Geld dran wandte und sagte: „Schaff sie mir nach Ostia und gieb sie dort in sichre Hände, daß sie nicht wieder zurückkann,“ der wird auch seine Gründe haben, und Gründe, die er mit Quattrinen beweis't. Die Dirne! Sie wird nicht gut gethan haben. Wäre sie die liebe Unschuld, die sie jetzt spielen will, warum konnte sie nicht dar¬ auf pochen, wie der Mann sie brachte? Aber was denkt Ihr? Da war sie stille stille; nur geweint und 14 geschluchzt und den Mann geküßt, daß dem angst und weh wurde und er versprach, er wolle in Ostia nach ihr sehn. Und jetzt? Warum kommt ihr die Tücke, daß sie davon laufen will, die Katze, sobald ich den Rücken wende, und hier die halbe Straße gegen mich zusammenschreit, wie ich meiner Schuldigkeit nach¬ kommen und sie wieder in Sicherheit bringen will? Sag mir das Einer, wenn er kann! Nein! zurück mit der Hexe, und Maul gehalten, und Accidenti über Jeden, der mir in den Weg tritt! Ich kann nicht, ich will nicht zurück, hörte man die Stimme des Mädchens. Dieser Mann ist falsch. Er muthete mir das Aergste zu, er bricht seinen Ver¬ trag; rettet mich! Wer will ihr glauben, der verruchten Lügnerin, dem Abschaum, die nur sinnt sich loszumachen und mich zu verschwärzen? Zurück die Hand, sag' ich, und hinunter mit der Metze! Halt! donnerte eine Stimme überlaut dazwischen. Die Streitenden wandten sich stutzend um und sahen Theodor durch den Haufen brechen und die Hand auf des Mädchens Arm legen. Sie ist mein , rief er, und geht mit mir! Eine Stille trat ein; Caterina hatte aufgeblickt und den jungen Mann erkannt. Unschlüssig zwischen Freude und heftigen Zweifeln stand sie und senkte die Augen. Haltet Ihr uns für Kinder, Herr? fuhr ihn der Schiffer an, daß wir uns vom ersten besten Lassen einschüchtern lassen? Wenn Ihr ein Mädchen braucht — Ihr findet ihrer am Corso für Geld und gute Worte. Umsonst und mit bösen ist keine zu haben. Wer zum Teufel heißt Euch hier dreinreden und mit einer Manier, als hättet Ihr das beste Recht von der Welt? Ich hab' es, sagte Theodor laut und entschlossen; ich hab' es, denn sie ist meine Frau. Seine Frau! lief es durch den Haufen. Die zu¬ nächst Stehenden wichen einen Schritt zurück. Eure Frau? das habt Ihr zu beweisen, oder es könnte — halt! unterbrach sich der Schiffer. Nennt ihren Namen, Herr, ihren Namen; den pflegt doch ein Ehemann von seiner Frau zu wissen, wenn er auch nicht weiß, was sie in später Nachtzeit auf den Gassen treibt. Caterina, sagte Theodor, erkennst du mich? Ja! antwortete das Mädchen. Es ist richtig, murmelte der Schiffer. Caterina, so nannte sie der Andere. Du wirst mit mir gehn, Caterina, sagte Theodor. Du wirst mir den nennen, um dessentwillen du mich verlassen hast, daß ich in Angst und Wuth die Straßen Roms auf und ab nach dir gesucht habe. So! Nach Ostia? Und dort wollt' er nach dir sehen? Es ist genug. Komm! 14 * Er sprach diese Worte so ernsthaft und mit einem Gesicht, auf dem so deutlich Schmerz und Entschlos¬ senheit stand, daß Keinem ein Zweifel nahe trat. Es ist ihr Mann! flüsterten sie. Sie ist ihm mit einem Andern entlaufen. Dem gnade Gott, wenn er ihm auch so in die Hände kommt, wie diese! Caterina that nichts, diesen Glauben zu irren. Gehorsam stieg sie die letzten Stufen der Treppe an Theodors Hand hinauf, und ihre Ueberraschung, von dem gerettet zu werden, dem zu entfliehen sie in die Gefahr gerathen war, glich täuschend der dumpfen Niedergeschlagenheit einer ertappten Schuldigen. Der Schiffer allein schien nicht völlig überzeugt. Er sah das Geldstück an, das ihm Theodor zugesteckt hatte, und brummte in den Bart: Wär' Alles richtig, hätte der Herr die Hand nicht in die Tasche gesteckt. Nun, ich bin doppelt bezahlt. Was geht's mich an? Er ging erst mit ihr ein paar Straßen weit und hatte sie noch immer bei der Hand gefaßt; aber Keins sah das Andere an, noch fiel ein Wort zwischen ihnen, bis er sie auf einmal los ließ und fragte: Wohin soll ich Euch führen, Caterina? Ich weiß nicht, sagte sie. Nach Via Margutta? Nein — und sie schrak zusammen — die Alte fände mich da, oder er. Wer? Ich darf ihn nicht nennen, Euch am wenigsten; er hat mir's verboten. So ist es Bianchi, sagte Theodor dumpf. Sie wagte nicht zu läugnen. Während sie weitergingen, befestigte sich die Ah¬ nung, die in seinen Gedanken aufgegangen war. Die seltsame Stummheit des Künstlers, als er ihm von den Spielen und seiner Begegnung mit dem Mäd¬ chen erzählt, war ihm nun erst bedeutsam und erklärt. Hätten wir nicht geschwiegen zu einander von dem was uns das Liebste war! klagte er sich und den Freund an. Doch wußte er noch nicht Alles. Am Hause angelangt, wo Theodor wohnte, suchte dieser den Schlüssel und öffnete. Caterina trat zu¬ rück. Ich gehe da nicht mit, sagte sie. Nein, und sollt' ich auf den Stufen von S. Maria Maggiore schlafen, lieber als da hinein, mit Euch! — Kind, sagte er schmerzlich, ich bin nicht mehr, der ich dir noch vor wenig Stunden scheinen mochte. Du bist sicher bei mir, wie bei einem Bruder. Sie sah ihn in der Dunkelheit an, so scharf sie konnte, und es war, als käme ihr plötzlich eine beson¬ dere Erleuchtung. Ich weiß, sagte sie und blieb immer noch einige Schritt von der Thür; er hat es mit Euch abgeredet. Er kam und wollte mir in Gutem sagen, daß er mich an Euch verhandelt habe oder verschenkt. Ich sollte Euch lieben, wie ihn. Ich kann nicht, sagt' ich ihm, und in mir verschwor ich's, und er sah wohl, daß ich Ernst daraus mache. Da wollt' er mich überlisten und brachte mich in den Kahn hinunter und lief dann zu Euch, zu sagen, ich sei drunten und Ihr solltet mich holen. Aber Ihr sollt mich nicht haben, und wenn Ihr tausend¬ mal sein Freund seid und er mich tausendmal mor¬ den will, wenn ich seinen Willen nicht thue. Geht! Ich finde schon meinen Weg nach dem Gebirge zurück, und Ihr könnt ihm sagen — was Ihr wollt, und — gute Nacht! Sie wandte sich. Kaum hatte Theodor Zeit, aus der Bestürzung sich aufzuraffen und ihr nachzueilen. Er ergriff sie bei der Hand. Caterina, sagte er, wenn ich dir schwöre, daß du bei mir sein sollst, wie eine Schwester, daß ich dich deinem Carlo wiedergeben will, wie du von ihm gegangen — du kannst dich nicht weigern, mir in mein Haus zu folgen! Das wolltet Ihr? Das könntet Ihr? fragte sie stillestehend und ungläubig. Es ist unmöglich, Ihr kennt ihn nicht; ihn ändert Keiner. Vertraue! sagte er. Die Hoffnung, die ihr zu lieblich zusprach, kam ihm zu Hülfe. Sie machte sich sanft los und ging neben ihm ins Haus hinauf. Sobald sie oben in seiner Wohnung war, noch im Dunkeln, setzte sie sich auf einen Stuhl hart neben der Thür, ihr Bündel, das sie immer bei sich geführt, auf dem Schoße vor sich. Er zündete Licht an und sprach nicht mehr und wühlte in Papieren, mecha¬ nisch, ohne Zweck. Seine Seele brannte, wenn er an Bianchi's That dachte; das entzückende Bewußt¬ sein, ihn so zu besitzen, wie diese Stunde ihn belehrt, hielt ihn, wenn er an dem Gedanken, Marien ver¬ loren zu haben, fast vergehen wollte. Indem er so in die Zukunft hinaussinnt und sich bereitet, sein Schicksal auf sich zu nehmen, hört er ein leises Athmen von der Thür her. Er sieht auf und bemerkt, daß Caterina sich in festen Schlaf geweint hat. Leise naht er ihrem Sitz. Das Haupt ist ihr auf die Schulter gesunken, die Arme hangen nieder, die Brust stürmt in ängstlichen Träumen. Er hebt sie sicher und vorsichtig auf und trägt sie mit kräftigen Armen auf ein Sopha, das an der Wand steht. Wie er sie dort niederläßt, nähert sich sein Gesicht ihrer Wange; er empfindet den gesunden Hauch der Lippen, der Duft des Haares weht ihn an, die Fülle der Glieder ruht blühend vor ihm. Aber alles Verlangen schweigt in ihm. Er hebt sich empor, breitet seinen Mantel über die Schlafende und geht still in seine Kammer. Erst als die gerin¬ geren Sterne ausloschen, findet er einen kurzen un¬ ruhigen Schlaf. Aber kein Gedanke an Caterina macht ihn unruhig. Am hellen Morgen trat er in Bianchi's Werkstatt. Er erschrak, wie das fahle verwachte Antlitz des Freun¬ des von der Arbeit zu ihm aufstarrte. Die Haare schienen ihm grauer geworden, die Augen dunkler. Doch ward der gekniffene Mund mild, als er Theo¬ dor sah. Ihr hattet eine böse Nacht, sagte der, und mein ist die Schuld. Ich habe gewacht, erwiederte Bianchi ruhig; aber was wollt Ihr für meine Grillen können, die mich dann und wann um den Schlaf singen? Reden wir von bessern Dingen. Erzählt, les't, vor Allem bleibt, wenn Ihr könnt. Sei es denn gestanden: Es ist mir heut eine besondere Wohlthat, Euch sprechen zu hören! Lieber! es ist umsonst, noch jetzt sich in Worte hüllen, wo das geheime Herz zu Tage liegt. Ich weiß Alles! Ihr wißt? — So verschweigt, was Ihr wißt! sprach Bianchi heftig, verschweigt, von wem Ihr's habt, redet mir nie ein Wort davon! Es liegt hinter mir, hinter mir, ja! fuhr er fort, und denkt davon, was Ihr mögt; nur laßt Alles bleiben, wie es war. Versprecht mir's! Theodor stand in Schmerzen. Er dachte daran, daß er in wenig Tagen fern von hier das Alles auch ansehn würde, als läge es weit, weit hinter ihm. Aber er konnt' ihm das nicht gestehen, wenn er nicht das Nächste, was zu thun war, zerrütten wollte. Ich muß dennoch reden, sagte er endlich. Hätt' ich gestern geschwiegen, da ich mit jenen leichtsinnigen Worten Eure Ruhe erschütterte, so wäre Euch viel erspart. Ihr hättet die Perle nicht von Euch ge¬ worfen, nach der ich Thor einen übermüthigen selbst¬ vergessenen Augenblick lang die Hand ausstreckte. Bianchi schwieg; die Glut stieg ihm auf, er suchte nach Worten. — Wenn ich sie Euch nun wieder brächte und sagte: Da habt sie wieder; ich beneide Euch nicht, denn mein Herz hängt an einem andern Kleinod und es braucht kein Opfer, um uns Beide bei einander zu halten — würdet Ihr mir glauben, Carlo? Er sah den Wechsel der übermächtigen Empfin¬ dungen auf dem Gesicht des Freundes. Der Künstler hielt sich am Tisch, das Haupt auf die Brust gedrückt, die schwer arbeitete; die Lippen bewegten sich tonlos. Theodor ging zur Thür und rief: Caterina! Sie hatte draußen gestanden, Tod und Leben vor sich. Als sie langsam mit furchtsamen Schritten über die Schwelle trat, sah sie Carlo mit ausgebreiteten Armen am Tische stehn; die Kniee versagten ihm. Da stürzte sie mit einem Schrei an seinen Hals. Die Thür war offen geblieben. Theodor hatte ihr den Rücken zugewendet, in das Bild Edwards vertieft, das seitwärts unverhangen auf dem Gerüst stand. Er hörte Geräusch an der Schwelle und sah um. In demselben Augenblick lös'te sich Caterina aus Bianchi's Arm und erschrak. Sie sahen drei fremde Gestalten verlegen in der offnen Thür, ein älteres Paar und eine schöne junge Dame. Theodor erkannte sie. Wir stören, sagte der Herr. Wir bitten um Ver¬ zeihung; aber die Thür war weit offen. Wir kommen wieder, wenn es Euch gelegner ist, Signor Bianchi. Treten Sie ein, sagte Bianchi. Sie stören nicht. Die hier anwesend sind, sind ein Freund und meine Frau — Signora Bianchi. Er betonte das letzte Wort und sein Blick fiel auf Caterina, die im Ueber¬ schwang des Glückes zu ihm aufsah. Indeß war Theodor von dem Bilde zurückgetreten. Der Vater begrüßte ihn mit alter Herzlichkeit und wandte sich dann dem Kunstwerke zu. Mit den Frauen wechselte er keinen Gruß. Die lebhafte alte Dame war nach den ersten Worten Bianchi's vor das Relief getreten und stand sprachlos. Mariens Auge hing nur kurze Zeit an dem Bilde des Bruders, dann flog es zu Caterina. Sie erkannte sie wohl. Während die El¬ tern in tiefster Rührung an einander lehnend sich vom Bilde nicht trennen konnten, trat sie nahe zu Theodor. Sie faßte seine Hand, sie sprach leise zu ihm, die Augen flossen ihr über. Sie tauschten Ge¬ ständnisse, Selbstanklagen, Gelübde, Jedes dem An¬ dern zuvorkommend, Jedes das Andere an unbegrenz¬ ter Hingebung überbietend. Keiner belauschte sie. Denn auch Bianchi, obwohl er nicht sprach, vergaß Alles über den Augen seines Weibes. Endlich ging Mariens Vater auf ihn zu und drückte ihm die Hand. Seine Augen waren feucht; die Mutter weinte still in ihr Tuch. Ihr wisset ge¬ nug, sagte der alte Herr; Ihr erlaßt uns zu sprechen. Eins nur: Wann beginnt Ihr die Ausführung? Ich habe meinen Plan geändert. Ich wünsche nur einen Stein auf das Grab meines Sohnes, der die einfache Inschrift trägt. Dieses Bild wüßt' ich gern in dem Zimmer, das er bewohnte, an der Stelle, wo sein Bette stand. Wir können den Ort nicht besser ein¬ weihen. Aber ich kann den Tag nicht erwarten, wo es unser wird. Ihr werdet am besten selbst für den Marmor sorgen. Verschiebt es nicht einen Tag! Indessen hatte sich die Mutter gefaßt. Sie wandte sich und reichte Theodor die Hand; sie zog ihn heran und küßte ihn auf den Mund, was sie nur einmal gethan, da sie ihm ihr Kind verlobte. Dann ver¬ ließen sie Alle die Werkstatt. Die Lüfte waren rein und über dem Tiberufer schien die Sonne. Druck von Gebr. Unger in Berlin.