Flegeljahre . Eine Biographie von Jean Paul Richter . Viertes Baͤndchen . Tuͤbingen , in der J. G. Cotta 'schen Buchhandlung. 1805 . N ro . 51. Ausgestopfter Blaumuͤller. Entwicklungen der Reise — und des Notariats. D er Notar glaubte wie ein erwachter Sieben¬ schlaͤfer eine ganz umgegossene Stadt zu durchtre¬ ten, theils weil er einige Tage daraus weggewesen, theils weil eine Feuersbrunst, obwohl ohne Scha¬ den, da gehauset hatte. Noch in den Gassen blieb er auf Reisen. Auch zog das Volk, durchs Feuer aus der Alltaͤglichkeit aufgerissen, geschaaret hin und her, um das Ungluͤck zu besehen, das haͤtte geschehen koͤnnen. Walt lief zuerst zum Bruder mit dem groͤßten Drange, dessen Neugierde un¬ glaublich zu spannen und zu stillen. Vult empfing ihn ruhig, sagte aber von sich, er sehe erhitzt aus und gebe das gluͤhende Gesicht der Feuers- Noth Schuld. Der Notar wollte ihn sofort mit den erlebten Reise-Wundern in die Hoͤhe schrau¬ ben und droben erquicken; er schickte daher die lockendsten Ankuͤndigungen voraus, indem er sag¬ te: Bruder, ich habe dir Sachen zu melden, in der That Sachen — „Auch unterbrach Vult „bin mit einigen sieben Wundern der Welt verse¬ „hen und kann erstaunen lassen. Nur erst das „erste! Flitte genaß! Noch staunt und starret „die Stadt.“ — „Unter dem Lazarus-Thor sah „ich ihn schon am Schallloch stehen,“ ver¬ setzte Walt eilig wegredend. — „Das ist ganz „natuͤrlich, fuhr jener fort. Denn der D . Hut, „ein wahrer Chaupeau wie wenige, hat ihn wie¬ „der auf die Hinter-Beine gebracht, so daß der „Testator sich selber beerbt als allernaͤchster An¬ „verwandte und du so wenig bekommst als der „Rest. Wie freilich daruͤber die alten Aerzte, be¬ „sonders die aͤltesten, welche in jeder Stadt als „ein wahrer Rath der Alten einen Alterser¬ „ laß ( veniam ætatis ) nicht von 20, sondern „von allen irdischen Jahren dem Juͤngsten erthei¬ „len und so die Sterblichkeit der Einwohner koͤst¬ „lich mit der Unsterblichkeit verknuͤpfen, wie sie „sag' ich, daruͤber, daß ein so junger Wicht ei¬ „nen nicht aͤltern herstellte, außer sich sein muͤs¬ „sen: dieß kann man ganz natuͤrlich noch wenig „oder nicht bestimmen, bevor gar eine bekannte „Arbeit von Flitte gedruckt und bekannt gewor¬ „den. Es hat naͤmlich der Elsasser eine schwache „Danksagung ein Paar male umgearbeitet, wor¬ „in er im Reichs-Anzeiger ( D . Hut schießt die „Inserats-Gelder her) mitten vor der Welt Hu¬ „ten geruͤhrt genug dankt und betheuert, nie „koͤnn' ers ihm lohnen, was ein so wahres Ge¬ „fuͤhl ist, da er nichts hat.“ Walt konnte sich nicht laͤnger eindaͤmmen: „liebstes Bruͤderlein, begann er, wahrlich mehr „deinen Einfaͤllen als deinen Berichten horcht' „ich zu; denn das was ich dir zu erzaͤhlen . . . „Deinen Brief naͤmlich mit dem Wunder-Traum „hab' ich wirklich und in der That empfangen; „aber was waͤre blos dieß? Eingetroffen ist er von „Punkt zu Punkt, von Komma zu Komma; „hoͤre nur!“ Er legte ihm jetzt die Spiel-Wunder zum ersten male vor — dann (wegen der verworrenen Wellen der alles heran schwemmenden Fluth) — zum zweyten male. Kein Abentheuer, selber das schlimmste, ist je so selig zu erleben als zu erzaͤh¬ len. Ja er haͤtte beinahe von Wina's liebendem Blick unter dem Wasserfalle, in seinem Sturm den Schleier gehoben, haͤtt' er nicht auf dem gan¬ zen Wege, mit Wina an einer Hand und mit Vulten an der andern, das Wichtigste vorlaͤufig bedacht und sich die staͤrksten Gruͤnde eingepraͤgt gehabt, daß er durchaus Wina in den General einkleiden muͤsse und Empfindungen, obwohl nicht Thatsachen, unterschlagen; so gern er auch in das einzige, ihm vom Leben aufgeschloßne Herz die beiden Arme seines in Liebe und in Freundschaft getheilten Stroms ergossen haͤtte. „Aus deinen Abentheuern in Bezug auf mei¬ nen Brief, sagte Vult, mach' ich eben nicht das Meiste — ich lege dir nachher eine sehr gute Hy¬ pothese daruͤber vor — hingegen in Jacobinens „Stell — dich — ein“ saͤh' ich mit Freuden klaͤrer.“ Walt erzaͤhlte dann den Nachtbesuch ganz wahr, hell und leicht und vergaß keine einzige Empfin¬ dung dabei. „Nichts will ich leichter erklaͤren, fing end¬ „lich Vult an. Kann denn nicht ein Kerl, der „alle Verhaͤltnisse weiß, dir durch Waͤlder und „Felder immer drei Schritte nach- oder vorge¬ „schlichen sein — mit der Floͤte geblasen haben — „deinen Namen in den Kruͤgen und Hotels vor¬ „aus gesagt — die kleinste Sache bestellt und an¬ „gestellt, z. B. mit dem Bilderhaͤndler und dem „Quodlibet und dessen quod deus vult est bene „ factus , statt factum — und so fort? Was den „Brief anlangt, so war er ja in meinem Namen „und Stil so leicht zu schreiben, unterwegs auf¬ „zugeben, darin alles zu weissagen, was man „eben selber vollfuͤhren wollte, das Geld aber „eine Minute vorher einzugraben!“ — „Un¬ „moͤglich! sagte Walt. Und vollends der Lar¬ „venherr?“ — Hast du die Larve etwa in der Tasche, sagte Vult. Er zog sie hervor. Vult druͤckte sie vor das Gesicht, funkelte ihn darhinter mit Zorn-Augen an, und rief wild mit bekann¬ ter Stimme des Larvenherrn: „He? Bin ichs? — Wer seid ihr?“ — Himmel, wie waͤre denn das? rief der erschrockene Walt. — Sanft hob Vult die Larve ab, sah ihn ganz heiter an und sagte: „ich weiß nicht, was deine Gedanken uͤber die Sache sind; ich sentire, daß sowohl der Lar¬ venherr und Floͤtenspieler als auch ich und der Briefschreiber dieselben Personen sind.“ — Mein Verstand steht still, sagte Walt. „Kurz, ich wars,“ beschloß Vult. Aber der Notar wollte seiner eigenen Bestuͤrzung nicht recht glauben: „etwas Wunderbares, sagte er, steckt gewiß noch „hinter der Zauberei; und warum haͤttest du „mich uͤberhaupt so sonderbar hintergangen?“ Aber Vult zeigte, daß er ihm einige Lust zu¬ wenden, ja einige Unlust ersparen wollen. Er fragte schelmisch-blickend, ob er nicht zur rechten Zeit seine Maske ins Zimmer geworfen, ehe Ja¬ cobine die ihrige fallen lassen? Endlich sagte er gerade heraus, die Klausel des Testaments, wel¬ che fuͤr Fleisches-Suͤnden um halbe Erbschaften bestrafe, sei allgemein bekannt und Walt sei leider stets sehr unschuldig, auf nichts aber werde in einer Akzion oͤfter und besser geschossen als auf Schimmel wegen der Farbe der Unschuld — die sieben Erben decken, wie kluge Feldherrn, ihr La¬ ger mit Morast — kurz, beschloß er, wie Tau¬ benhaͤndler wahrhaft betruͤgen und zwei Taͤubin¬ nen oft fuͤr ein ordentliches Paar Ehetauben aus¬ geben: haͤtte man es mit dir und der Aktrize nicht eben so machen koͤnnen, waͤr' ich dir nicht nachgereiset? — Da wurde der Notar blutroth vor Schaam und Zorn, sagte: o garstig uͤber die Massen, setzte unter dem Umherfahren nach dem Hute hinzu: „in diesem Lichte steht ein armes Maͤdchen bei dir? Und dein eigner Bruder dazu?” lief fort — sagte wild weinend: „gute Nacht; aber bei Gott, ich weiß nicht, was ich dazu sa¬ gen soll“ — und ließ keiner Antwort Zeit. Vult aͤrgerte sich fast uͤber den unvermutheten Zorn. „Ich, ich? — wiederholte Walt auf der Gasse innigst-verletzt — ich haͤtte mich versuͤn¬ digen sollen an einem Tage, wo mir Gott den ruͤhrendsten Reise-Abend bescherte und die from¬ me Wina mir so nahe lebte? — Das wolle Gott nicht!“ — Als er aber in sein Stuͤbchen trat: uͤberflog ihn eine ganz besondere Seligkeit und zehrte den Schmerz auf: — eine neue Empfindung wird an einem alten Orte lebendiger; — es war Wina's guter Blick unter dem Wasserfalle, der jetzt ein ganzes Leben wie ein Morgenlicht golden uͤber¬ strahlte und alle Thaublumen darin blitzen ließ. Vieles um ihn war ihm nunmehr zu eigen ge¬ worden so wie neu; der Park unten, in dessen Gaͤngen er sie einmal gesehen, und Raphaela im Hause, die ihre Freundinn war, gehoͤrten unter die Habseligkeiten seiner Brust. Selber seinen eignen Roman Hoppelpoppel kannte er kaum mehr, auf so neue Gemaͤlde des liebenden Her¬ zens stieß er jetzt darin, von denen er erst diesen Abend recht faßte, was er neulich etwa damit haben wollen; nie fand er Autor einen gleichtoͤniger ge¬ stimmten Leser als er heute. Er bauete sich so¬ gleich ein zartes Bilderkabinet fuͤr die Gemaͤlde von den Auftritten, die Wina vermuthlich diesen Abend haben koͤnnte; z. B. im Schauspielhause, oder in den Leipziger Gaͤrten, oder in einer ge¬ waͤhlten Gesellschaft mit Musik. Darauf setzte er sich hin und beschrieb es sich mit Feuerfarben, wie ihr etwa heute sei in Glucks Iphigenie auf Tau¬ ris; dann machte er selige Gedichte auf sie; dann hielt er die Papiere voll Eden ins Talglicht, und verkohlte alles, weil er, sagt' er, nicht einsehe, mit welchem Rechte er ohne ihr Wissen so vieles von ihr offenbare ihr oder andern. Als er zu Bette ging, verstattete er sich, Wina's Traͤume sich zu ertraͤumen. „Wer kann mir verbieten, sagt' er, ihre Traͤume zu besuchen, ja ihr sehr viele zu leihen? Ist der Schlaf ver¬ nuͤnftiger als ich? O sie koͤnnte im wilden Wahn¬ sinn desselben ja recht gut traͤumen, daß wir beide unter dem Wasserfalle staͤnden, verbunden auffloͤ¬ gen in ihn, umarmend hinschwaͤmmen auf seinem fluͤßigen Feuergolde und zum Sterben herabstuͤrz¬ ten mit ihm und vergoͤttert still nun weiter floͤs¬ sen durch die Blumen, in den Strahlen, sie mit ihrer Welle in meine schimmernd, und wir so uns in einander verroͤnnen in das weite hohe blaue rei¬ ne Meer, das sich uͤber die schmutzige Erde deckt? Ach, wenn du so traͤumen wolltest, Wina!“ — Dann sah er auf dem Kopfkissen recht hell und scharf — weil Nachts in der wilden Zeit des Vor¬ traums vor der Seele alle blasse Bilder junge Le¬ bensfarben annehmen und die Gestalten blitzende Augen oͤffnen — das liebe, milde Auge Wina's vor sich aufgethan und wie einen Mond, den der Tag zum Woͤlkchen verduͤnnte, am Nachthimmel herrschend stralen; und er sank in das liebe Auge, wie ein Frommer in das Auge, unter welchem man Gott abbildet. Wie leicht und duͤnn ist ein Blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenroͤs¬ chen ist er, das der Mensch von der hoͤchsten Stelle seines Lebens herunter bringt. Aber doch haͤlt der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augen¬ lied bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstan¬ denen Blick — und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Baͤumen fest! So sind Geister; denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit! Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her. Alle Bluͤten zu Zankaͤpfeln waren abgefallen. Die Morgenstunde hat Gold, aber das reinste, im Mund; die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemuͤth; das finstere Ueber¬ maß, besonders des Hasses, hoͤrt auf. Walt sah sich um im Morgenlicht, fand sich wie von einem Arm aus den Wolken durch alle uͤbereinander ste¬ henden Wolken des Lebens durchgehoben ins Blau — Wer liebt, vergiebt, wenigstens den Rest dem Rest; er fragte sich, wie er denn gestern, gerade am Heimkehr-Feste, so gegen den armen Bruder aufbrausen koͤnnen. „Ja wohl den armen Bruder, fuhr er fort; „denn er hat gewiß keine Geliebte, deren Liebes¬ „blick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen „bleibt.“ Nun ging er ganz ins Einzelne und stellte sich — nach seinem Instinkte, der ihn stets in die fremde Seele trieb und in ihr uͤber sie hin¬ zuschauen zwang — an Vults Stelle, wie dieser nichts habe, nichts wisse (vom Wasserfalle naͤm¬ lich) wie er alles oder vieles so sehr gut meine, besonders fuͤr Walt, wie er nur herrschsuͤchtig hart verfahre u. s. w. In dieser Gesinnung beschloß er, zum Bru¬ der zu gehen und kein Wort zu sagen uͤber die Essig-Sache, sondern blos mit seiner Hand eine schon in Mutterleib verknuͤpft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen, besonders was bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe. Vult war verreiset. Ein Briefchen an Walt war an die Thuͤr gesiegelt: „Bester! Ich reisete heute fluͤchtig ab, um in Rosenhof mein verspro¬ chenes Konzert zu blasen. Kuͤnftig arbeit' ich viel fleißiger; denn wirklich thu' ich fuͤr unsern Ge¬ sammt-Roman zu wenig, besonders da ich gar nichts dafuͤr thue. Es entgeht uns nicht, daß ich lieber spreche — im reissendsten Strome mich schwemmend — als schreibe. Gut aber ists nicht, weder fuͤr die Litteratur noch das Honorar.In Schu¬ len gilt sonst Rechen - und Schreib -Meister fuͤr Einen; ein trefflicher Buch-Schreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister; leider bin ich nicht einmal einer von beiden und brauche doch Geld. Adieu! v. H. „Der gehetzte Bruder! sagte Walt, so muß er sich jetzt das Geschenk erpfeifen, das er mir so spaßhaft in die Haͤnde gespielt; warum fall' ich immer so heftig aus und druͤcke den Guten?“ Er faßte den ernstlichen Vorsatz, kuͤnftig seinem Sturm- und Poltergeiste ganz anders den Zuͤgel anzuziehen. — Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den Floͤtenspieler, den er in den nachschimmernden Auen des schoͤnsten Mor¬ gens mit Glanz bespruͤtzt umher waten sah. Wackerer als je betrat er nun seine Notariats- Gaͤnge wieder, die sich gegen das Ende seines Erbamts immer haͤufiger aufthaten. Es war ihm ganz einerlei — so freudig ging sein Puls — woruͤber er ein Instrument aufsetzte, ob uͤber die Verlassenschaft eines Hofpredigers, oder uͤber eine angebohrte Oel-Tonne, oder uͤber eine Wette: immer dacht' er an das Haus des Generals, oder an den Wasserfall, oder an Leipzig und es konnte ihm gleichguͤltig seyn, (denn er gab nicht darauf Acht,) was er niederschrieb als offner kaiserlicher Notar. So glaͤnzend-umsponnen vom Nachsommer des Herzens kam er aus dem September und dem Notariat endlich in den Oktober hinuͤber, wo er vor den Kabelschen Testaments-Exekutoren die Rechnung uͤber das bisherige Erbamt abzulegen hatte, vor welcher ihm nicht im geringsten bange war; denn Wina's Blick hatte in ihm einen so feurigen Herzschlag entzuͤndet, daß er mit einem solchen Fruͤhlings-Pulse vermochte, in jeder aͤus¬ sern Kaͤlte des Schicksals warm zu bleiben. Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von Brief-Originalen (die der Schulze behielt, weil im Briefschreiben das Ori¬ ginal das schlechtere ist) seine Angst vor dem No¬ tariats-Hintergrund und die Betheurung seiner „Herbeikunft“ wissen lassen. Walten wurde die Wiederholung desselben duͤrren Gedankens, die so manchen frischen erdruͤckte, sehr zur Last und er wuͤnschte nichts weiter als die alte Freiheit, an hundert Dinge zu denken: „warum ist denn ein „Irrweg so verdrießlich, sagt' er, als blos weil „man so lange, bis man den rechten wieder „erwischt, immer die abgeschabte platte Idee des „Wegs besehen und behalten muß?“ Die ge¬ meinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer Geburt als waͤhrend ihrer Schwangerschaft und der eigentliche Leidenstag geht 24 Stunden oder Zeiten fruͤher an als der aͤußere. Der erste Schritt, den Walt am anberaumten Morgen ins Rathhaus that, machte ihn zu einem andern Menschen, naͤmlich zum alten — die Sache war fuͤr ihn vorbei, denn sie war so nahe. — Zu bald kam er im Vorzimmer an, harrte aber vergnuͤgt und machte einen Polymeter, worin er einige gute Gruppen besang, die in halberhobener Arbeit am Rathsofen mit aller der Waͤrme dargestellt waren, welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen Ofen erlaubt. Tanz-Horen, Fuͤllhoͤrner voll Heu, Fruchtschnuͤre oder Stricke, Buͤschel von dicken festen Blumen oder Obst, und sechs Fruͤhlinge aus Thon (denn es war ein Zirkulier-Ofen) waren aller¬ dings im Stande, einen Dichter wie er zu heitzen. — Als noch immer die Rathsstube zu blieb, so ge¬ rieth er auf Neben- Ideen, ob naͤmlich nicht ein ganzer Roman aus Ofen-Pasten darzustellen und zu entwickeln waͤre, besonders ein komischer. So vermag nur ein Mann vor einer wichtigen Wende¬ punktsstunde z. B. vor einer Kroͤnung, Schlacht, Selbstermordung, nicht aber seine Frau vor einer aͤhnlichen, z. B. vor einem Balle, — zu dichten, zu schlafen, zu lesen. Da endlich der Schirmherr der Kabelschen ent¬ erbten Erben, der Pfalzgraf Knoll, eintrat, so fing alles an und wurde gehoͤrig vor den Buͤrger¬ meister Kuhnold gestellt. In seinem Leben war ihm nie so federleicht in einer Rathsstube gewesen; auf dem Staubfaden einer Lilie haͤtt' er sich schaukeln koͤnnen. Er fiel aber bald von seiner Lilie ins Beet herunter, als der Flegeljahre IV . B. 2 Schirmherr anfing vorzutragen und zu belegen, „daß der offne geschworne Notar bisher sehr absurd gewirthschaftet“ — daß er nicht nur erstlich und zwei¬ tens zweimal in Instrumenten abbreviret — drit¬ tens ein naͤchtliches (das Thurm-Testament) mit zweierlei Dinte und viertens bei einerlei Licht ge¬ schrieben — fuͤnftens einmal radiert — sechstens ein¬ mal gar nicht angegeben, daß er ausdruͤcklich zur Aufrichtung des Instruments vorgefordert worden, — desgleichen siebentens in dem naͤmlichen auch die Stunde nicht — achtens den naͤgelein-braunen Bind¬ faden, womit die Klagschrift N . N . contra N . N . umwickelt gewesen, als einen gelben zu Protokoll gebracht — neuntens Hauszeugen, als sie eidlich aussagten fuͤr ihren Herrn, ihrer Pflicht vorher durch Handgeben sowohl zu entlassen, als diesen Akt des Entlassens anzuzeigen ganz vergessen — sondern daß er auch zehntens einen falschen Datum im Wech¬ selprotest, ja eilftens neuerlich und ganz zuletzt ein Instrument gar an einem 31 September, der nicht existire, auszufertigen wenig Anstand genommen. — Nun wurd' er gerichtlich befragt, was er da¬ wider einzuwenden habe. „Ich wuͤßte eigentlich „nichts — versetzt' er gegnerischen Seits; — auch „trau ich fremdem Gedaͤchtniß hier weit mehr als „eignem. Doch was die Hauszeugen anlangt, so „hielt ich es fuͤr eigenmaͤchtig und unmoͤglich, sie „durch mein bloßes Wort ihren Pflichten zu ent¬ „nehmen, und wieder zuruͤck zu geben.“ Darauf sagte H. Kuhnold, dieser Grund sei mehr edel ge¬ dacht als juristisch und berief sich auf H. Fiskal Knoll. Nichts sei laͤcherlicher, versetzte dieser und schob nun zehn bis zwanzig breite hohle Worte an einander, um bei den Testaments-Exekutoren um daß nachzusuchen, was sich von selber verstand — die Eroͤffnung des hier eintretenden geheimen Ar¬ tikels. Eh' es Kuhnold that, erwies er dem Pfalzgra¬ fen, daß gar nicht alle Rechtsgelehrten allgemein zu Nacht-Kontrakten drei Lichter begehrten, son¬ dern nur mancher; und langte — als Knoll auf sei¬ nem Satze beharrte — blos das promtuarium juris von Hommel oder Muͤller als den naͤchsten Beweis aus dem Schranke vor. Die Rathsbibliothek war nicht hoͤher als die vier Baͤnde des promtuarium stark; dennoch fehlte ihr, wie den meisten oͤffentlichen Bibliotheken, ein Katalog. Knoll behielt sich das Seinige vor; Kuhnold gab aber nicht nach, sondern verlas den Straftarif; „daß nehmlich fuͤr jeden juristischen Notariats¬ „Schnitzer des jungen Harnisch jedem der 7 Erben „ein Tannenbaum in Kabels Waͤldchen zu faͤllen „verstattet sein sollte.“ Da er nun in 10 Suͤnden gerathen war — ohne die streitigen Lichter — so be¬ lief sich der Decem, mit den 7 letzten Plagen mul¬ tiplizirt, auf den ansehnlichen Schlag von 70 Staͤmmen, so daß Walt nie halb so gut dadurch gelichtet werden konnte, als das Waͤldchen selber. — „Nu, sagte der Notar, schnell beide Haͤnde seit¬ waͤrts auswerfend, was ist zu machen?“ — Er wußte sich innerlich uͤber die Zufaͤlle des Lebens so erheiternd zuzureden, wie ein Schuster den Kunden uͤber neue Stiefel, die er bringt; sind sie zu enge, so sagt der Meister, sie treten sich schon aus; sind sie zu weit, so sagt er, die Naͤsse zieht sie schon ein. So dachte Walt heimlich: „das witzigt mich. Jetzt kann ich doch als Notar ruhig alle meine Instrumente machen, ohne daß mir geheime Arti¬ kel das Geringste zu befehlen oder zu nehmen haben.“ Aber am Ende machte ihm doch der Fiskal Knoll den leichten poetischen Goͤtter-Ichor des Herzens schwer, dick und salzig, als dieser, ohne im Ge¬ ringsten durch die Freude uͤber den Gewinn von Schlagholz irre oder trunken zu werden, seine Pro¬ testation im Punkte der 3 Lichter erneuert zuruͤckließ. Die stehende Gegenwart eines deutlich hassenden Wesens druͤckt und preßt eine immer liebende Seele, die ihre Kaͤlte schon fuͤr Haß ansieht, mit dem schwuͤ¬ len Dunstkreis eines Gewitters, dessen Schlag we¬ niger quaͤlt als dessen Naͤhe. Betruͤbt, selber von Kuhnolds sanftem Worte, das ihm so vermeidliche Fehler eben als die unverzeihlichern vorwarf, ging er nach Hause; und er sah Vults Fluchen und Scherzen daruͤber schon entgegen. Das erste, was er zu Hause machte, war ein Sprung aus demselben auf die schoͤnen stillen Hoͤhen der Oktober-Natur, um seinem Vater, dem Schultheiß, und dessen Scherbengerichte zu ent¬ springen, der, wie er gewiß wußte, in die Stadt laufen wuͤrde, um jede Scherbe des zerbrochenen Gluͤcktopfes ihm an den Kopf zu werfen. Auf ei¬ ner friedlichen Anhoͤhe — dem Waͤldchen gegen¬ uͤber — konnt' er, waͤhrend er das medizinische Miserere des Schicksals durch Dichten und Em¬ pfinden in ein musikalisches verwandelte, recht gut wahrnehmen, daß schon mehrere Erben mit ver¬ staͤndigen Holzhauern im Erb-Forste lustwandel¬ ten, um eintraͤchtig mit Waldhaͤmmern ihr Gna¬ denholz einzuplaͤtzen. Endlich ritt im Schritt Flitte an der Spitze einer holzersparenden Gesell¬ schaft mit Aexten, Saͤgen, Maßstaͤben in den Haͤnden, den Wald hinan. Gleich einem Wittwer, der seine Halbtrauer taͤglich in kleinere Bruͤche zer¬ faͤllt, in Drittelstrauer, in ein ¼, ⅛, \frac{1}{64} Theil — wiewohl die Trauer oder der Zaͤhler nie null wer¬ den kann, nach mathematischen Gesetzen — ver¬ kehrte Walt bei diesem Anblick seine schwache Halb¬ trauer, arithmetisch zu sprechen, in einen unend¬ lich großen Nenner und in einen unendlich kleinen Zaͤhler, d. h. er wurde das, was man gemeinhin froh nennt. „Es ist schon recht, dacht' er, daß ich dem guten Flitte fuͤr seine gutmuͤthige Erbein¬ setzung meiner Person, doch einen schwachen Dank durch meine Fehler zuschanze; er habe recht viele Freude dabei, nur keine Schadenfreude.“ Aber die Lustigkeit uͤber die Holz-Einbusse wurde Walten etwas verkuͤmmert, als er den alten Schulzen aus der Stadt schreiten und ins Holz dringen sah, Maͤrtirerkrone und Zepter tragend. Auf die ange¬ plaͤtzten Staͤmme lief Lukas zu — fragte, sagte dieß oder das und keifte — durchschnitt den Gehau nach allen Ecken — stritt ohne Vollmacht wider alles — flog als ein fluͤchtiges Waldgericht und Forstkollegium hin und her, an jeden Busch, neben jede Saͤge — machte die Wuͤste, seines Gesichts im¬ mer duͤrrer und arabischer, je mehrere Erben an¬ kamen, die groͤßten Baumschaͤnder, die er sich den¬ ken konnte — sah seufzend zu jedem Gipfel auf, der stuͤrzen wollte — und trieb nichts durch als forst¬ gerecht den Weg, auf welchem der fallende Baum das Buschholz schonen mußte. Walt schaute erbaͤrmlich heruͤber; so leicht er sonst sein schwarzes Schicksal wie sein weisses nur zu dichterischer Farbengebung verrieb, gleichsam zu Kohle und zu Kreide: so konnt' er sich doch den Holz¬ schlag des Schlagholzes zu keinem dichterischen Baumschlag ausmalen, weil ihn der Vater pei¬ nigte. Er wartete aber fest dessen Weggang ab; dann fragte er nach der gluͤhendsten Abendroͤthe vor seinen Augen nichts, sondern er ließ in sich abstim¬ men, welches Erbamt, das seinen Vater freudig lasse, er jetzt zu waͤhlen habe. Nun fehlte es ihm aus Mangel des Floͤtenspie¬ lers, an einer Stimmensammlung und an irgend einer, auch nur kleinsten Minoritaͤt, weil die Ma¬ joritaͤt selber (er) nur 1 Mann stark war, welches, wenn nicht die kleinste — denn oft ist gar kein Mann beim Stimmen — doch keine betraͤchtliche ist. Endlich waͤhlte er das kuͤrzeste Amt, naͤmlich das siebentaͤgige Leben bei einem Erben. Die Stelle daruͤber heißet im Corpus juris des Testaments claus . 6. Litt . g . so: „er (Walt) soll bei jedem „der H. Akzessit-Erben eine Woche lange wohnen „(der Erbe muͤßt' es sich dann verbitten) und alle „Wuͤnsche des zeitigen Miethsherrn, die sich mit „der Ehre vertragen, gut erfuͤllen.“ Ein so kurzes Amt, hoffte er, ohne große Fehltritte und Fehl¬ spruͤnge und mit einiger Ehre und in Kurzem, noch eh' der Bruder erschiene, zu beendigen. Nach der Wahl des Amts mußt' er wieder die neue desjenigen Erben anstellen, welchem die erste Ehre davon zu¬ zuwenden sei. Er erlas sich zum woͤchentlichen Wohnen den, bei welchem er bisher gewohnt, H. Neupeter. „Auch begehrts die Zarte” sagt' er. N ro . 52. Ausgestopfter Fliegenschnaͤpper. Vornehmes Leben . Nachdem er am Morgen die feinste Anrede an den Hofagenten ganz in den Kopf gebracht hatte, woraus sie ohnehin noch nicht gekommen war: trat er vor Neupeter, der ihn in der Schreibstube neben einem brennenden Lichte, mit dem Petschaft am nassen Maul und mit der Nachricht empfing, es sei Posttag. Waͤhrend der Kaufmann fortsiegelte, hielt er hinter dessen Ruͤcken leicht seine Rede voll Zaͤrte, bis dieser, da er ausgesiegelt hatte, das Licht ausputzte und fragte: was giebts? Zerfahren war dem Notar der ganze Sermon. Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nach einander halten; in der Eile mußte er nur darauf denken, aus dem Gesagten einen duͤnnen Bleiextrakt zu liefern. Der Hofagent ersuchte ihn aber, „mit solchen Schnurpfeifereien den Leuten vom Halse zu bleiben.“ Alle moͤgliche Suͤnden im neuen Amte haͤtt' er lieber getragen, als dieses harte Thuͤrzuschlagen vor demselben. — Jemanden nun ferner Ordens¬ ketten durch geschenktes Vorkaufsrecht der Wohn¬ probewoche uͤberhaͤngen zu wollen, fiel ihm nicht mehr ein: sondern wo ein armer, aber guter Teu¬ fel, mit welchem sich mehr Thraͤnen- als Him¬ melsbrod, z. B. ein elendes Wohnloch, theilen liesse, anzutreffen und zu begluͤcken waͤre, darnach ging sein Sehnen, nicht sein Fragen; denn besagter Teufel war laͤngst da, Flitte aus Elsaß. Walt ging auf den Nikolai-Thurm und trug, aber furcht¬ sam, Flitten den Vorzug an, daß er bei ihm die erste Probewoche halten wolle. Der Elsaßer um¬ halste ihn erfreuet; und versicherte, er ziehe diesen Tag noch vom Thurm herab, weil er ganz herge¬ stellt sei und der frischen Thurmluft weniger beduͤrfe. „Ich miethe fuͤr uns ein Paar kostbare garnierte Zimmer beim Caffetier Fraisse ; pardieu wir wollen leben comme il faut ,“ sagt' er. Walt wurde zu selig. In einer halben Stunde hatte Flitte ein- und darauf ausgepackt; denn mit sei¬ nem Geraͤthe hatt' er, wie eine Raupe und Spinne mit ihrem Fadengespinnste, gewoͤhnlich den Gang durch seine Wechselwohnungen bedeckt und bezeich¬ net; gleichsam mit schoͤnen Haarlocken, die zum Andenken ausgerauft werden; und hatte sich, wie gedacht, wie Weltkoͤrper durch Umlauf kleiner ein¬ geschliffen. Er wagte es jetzt, aus seinem Thurm, — seiner bisherigen Bastie und Graͤnzfestung gegen Glaͤubiger — herabzuruͤcken in ein unbefestigtes Caffeehaus, weil er theils sein eignes Testament beerbet hatte, naͤmlich den Kredit davon, theils das Kabelsche, in dessen Guͤtergemeinschaft ihn Walts neueste Fehler vor der Stadt einzusetzen schienen, theils die 10 Tannenstaͤmme, Walts Klage-Eichen. „Der ausgestopfte Blaumuͤller“ Nro. 51. erwaͤhnte schon weitlaͤufiger, mit welchem Gepraͤnge er die durch Walt gesaͤete Fehler-Ernte von Steinobst und Kernhaͤusern aufgeknackt und ausgekernet hatte, um sich der Stadt zu zeigen. Walt schied am schoͤnsten Nachsommer-Mor¬ gen halb wehmuͤthig aus seiner leisen Klause; ihm war, als brauche sie ihn und habe denn so leer und allein Langweile, besonders sein Sessel. Aber wie fuhr er, da er beim Caffetier Fraisse eintrat, vor der Garnitur der Zimmer, vor den langen Spiegeln voll Zuruͤckfahrern, vor den Ei-Spiegeln an den Wandleuchtern und vor der Rest-Pracht zuruͤck! — Er erschrack. Flitte laͤchelte — Fremden wollte Walt ein Ersparer sein; — daß der gute Elsaßer solche Pallaste von Stuben miethe, bedacht' er und stoͤhnte sehr. Denn er hielts fuͤr Aufwand seinet¬ wegen, weil er nicht voraussetzte, daß Flitte unter die wenigen sogenannten Verschwender gehoͤre, die wie der deutsche Kaiser schwoͤren, nichts auf die Nachkommen zu bringen, Reich oder Reichthum, und welche wie hohe Staatsbediente Athens zum Zeichen ihrer Vaterlandsliebe nichts hinterlassen, als Nachruhm und Schulden. Walt zog ohne weiteres das aus der Kabel¬ schen Operazionskasse fuͤr die Probenwoche bewil¬ ligte Goldstuͤck hervor, und legt' es mit den Wor¬ ten auf den Tisch: „dieß bestimmte der Testator; ich wollte gern, es waͤre mehr.“ — Wenige Men¬ schen wurden noch so stark angefahren, als er von Flitten, der ihn fragte, ob er denn beim Henker nicht sein Gast sei? Aber nun hatt' er noch einen feinern Punkt, naͤmlich den testatorischen Zweck seines Wohnens zu besprechen. Er nahm folgende Wendung: „es wird ordentlich schwer, in diesen kostbaren „heitern Zimmern und bei Ihnen an etwas so „Juristisches wie das Testament und dessen Haupt- „Klausel zu denken; da ich aber meine Freude nicht „meiner Obliegenheit gegen meine Eltern opfern „darf: so — darf ich eben schwerlich, sondern ich „muß Sie um den Vorschlag dessen bitten, wor¬ „in ich etwa Fehler begehen koͤnnte. Wahrlich, „es wird mir schwerer, zu fragen als zu han¬ „deln.“ — Der Elsaßer faßte ihn nicht sogleich mit sei¬ nen Feinheiten: „Pah, sagt' er, was ist zu sa¬ „krisiziren? Wir parliren und tanzen zusam¬ „men; das geht den alten Kabel nichts an.“ — — „Parliren und tanzen? (versetzte der vom No¬ tariat zusammengescheuchte Walt) Und zw bei¬ des zusammen? — Ich kann hier nichts sagen, als daß schon eines von beiden einen unabsehbaren Spielraum zu Fehlern aufthaͤte, geschweige — Wahrlich, an und fuͤr sich oder fuͤr mich, lieber Herr Flitte — aber . . .“ — — „ Sacre —! wovon „reden wir denn eigentlich? — Wird denn ein „Mensch auf der Erde praͤtendiren, daß man „zum langnasigen Buͤrgermeister laͤuft und ihm „es vorsingt, wie man lustig gewesen ist?“ — Walt faßte schnell die Hand und sagte: ich ver¬ traue; und Flitte umarmte ihn. Sie fruͤhstuͤckten unter freudigen Gespraͤchen. Die langen Fenster und Spiegel fuͤllten das ge¬ glaͤttete Zimmer mit Glanz; ein kuͤhler blauer Himmel lachte hinein. Der Notar verspuͤrte sich in vornehmer Behaglichkeit; das Gluͤcksrad drehte ihn, nicht er das Rad, und er brauchte es nicht wie ein Wagenrad erst roth zu malen. Flitte las ihm zwei fuͤr den Reichs-Anzeiger in wenigen Ta¬ gen ausgearbeitete Inserate vor; — im ersten fo¬ derte er einen Generalkriegszahlmeister H. v. N . N . in B. auf, ihm die Summa von 960 Albustha¬ lern fuͤr Wein innerhalb 6 Monaten zu bezahlen, wenn er nicht gewaͤrtig sein wolle, daß er ihn oͤf¬ fentlich an den Pranger in dem R. Anzeiger stellte. Dem Notar entdeckte er gern den Namen des Mannes und der Stadt; indessen war an der Sache nichts. Das zweite Inserat enthielt mehr ungefaͤrbte Wahrheit, naͤmlich die Nachricht, daß er einen Compagnon mit 20,000 Thlr. zu einem Weinhandel suche und wuͤnsche. Walts Gesicht glaͤnzte von Freude, daß der gutmuͤthige Mensch so viele Mittel habe, und er¬ hob dessen vergoldete Wetterstangen des Lebens recht stark. Flitte aber versetzte: „Sagen Sie mir auf¬ richtig, ob keine Stil-Fehler darin sind? Ich warf die Dinge in der Zeit einer kleinen Stunde hin.“ Walt erklaͤrte, je kleiner eine Anzeige sei, desto schwerer werde sie; er wolle leichter einen Bo¬ gen fuͤr den Druck ausarbeiten, als dessen \frac{1}{24} Bo¬ gen. „Schadet wohl uͤberhaupt lukubriren viel? An der Makrobiotik sahen mich oft die Nachbarn bis 3 Uhr aufsitzen,“ sagte Flitte, nicht ganz un¬ wahr, da er bisher durch seine Nachtmuͤtze auf einem Haubenstock und durch ein Licht daneben ei¬ nen makrobiotischen Leser auf die leichteste und ge¬ suͤndeste Weise vorgestellt hatte. Darauf schnuͤrte er vor dem Notar, dessen herzliches aufrichtiges Bewundern und einfaͤltiges Vertrauen ihn mit suͤsser Waͤrme durchzog, ein Buͤndel seiner Liebes¬ briefe an sich auf, worin er, sein Herz und sein Stil sehr geschaͤtzet wurde. Der Elsaßer hatte das Paquet von einem jungen Pariser, an den es ge¬ schrieben war, zum sichern Verschlusse bekommen. Walt wußte sich so wenig zu lassen vor Bei¬ fallklatschen uͤber den Stil der schoͤnen Schreiberin, daß der Elsaßer am Ende beinahe selber glaubte, die Sache sei an ihn geschrieben; aber jener thats sehr deshalb, um nicht uͤber die Liebe selber viel zu reden. Da er als ein unerfahrner verschaͤmter Juͤngling noch glaubte, die Empfindungen der Liebe muͤßten hinter dem Klostergitter, hoͤchstens in einem Klostergarten leben. So sagt' er nun im Allgemeinen: „die Liebe dringt wie Opferrauch, so zart auch beide sind, doch im dicken Regenwet¬ ter durch die schwere Luft empor” — wurde aber ungemein roth. „ Surement , sagte der Elsaßer, die Liebe strebt jeden Tag immer weiter.” Flitte ging noch weiter und zeigte sich seinem Gaste Gaste gar gedruckt, er wieß ihm naͤmlich die fein¬ sten Liebes-Madrigale, die er, wie er sagte, drucken lassen in Centesimo-Vigesimo Format und nie uͤber einen \frac{1}{20} Bogen stark; es waren Verseblaͤtt¬ chen aus Pariser Zuckerwerk ausgeschaͤlt, wahre Suͤßbriefchen, deren Plagiat Flitte sich dadurch erleichterte, daß er den suͤßen Einband aufaß. Warum laͤsset die deutsche Poesie der franzoͤsischen den Vorzug der suͤßesten Einkleidung; warum wollen wir naͤmlich, wenn die Franzosen Zucker und Gebaͤck um ihre Verse wickeln, es umkehren und mit dem unserigen Zucker und Gewuͤrz einklei¬ den und einpacken — koͤnnte man hier fragen, wenn es der Ort waͤre, hier zu antworten. — Walt prieß unmaͤßig; der Elsaßer schwamm auf Freudenoͤl, ertrank beinah in Lobes-Salb-Oel. Ueber jeden Genuß, den man den Menschen wohl¬ wollend zubereite, waltet der Zufall der Aufnah¬ me, des Gaumens, des Magens, der ihn verar¬ beitet; hingegen fuͤr den Genuß eines aufrichtigen Lobes hat ohne Ausnahme jeder Mensch zu jeder Stunde Ohr und Magen aufgethan; und er sagt Flegeljahre IV . Bd. 3 ausser sich: „Lob ist Lust, die das einzige ist, was der Mensch unaufhoͤrlich verschlucken kann und muß.“ Flitte nicht anders; neuerfrischt zog er den Notar auf die Stadtgassen hinaus, um ihm einige Freuden zu machen und sich Platz. Naͤm¬ lich die alten Glaͤubiger jagten ihm so eifrig nach als er neuen; da er nun die Maxime der Roͤmer kannte, welche nach Montesquieu so weit als moͤglich vom Hause Krieg fuͤhrten: so war er selten zu Hause. Beide durchstrichen die Morgen¬ stadt; und Walten wurde sehr wohl. Da Flitte der Stadt sich zeigen wollte — naͤmlich den Ka¬ bels-All-Erbenharnisch in der Probewoche — so sprach er mit vielen ein Wort; und der Notar stand gluͤcklich dabei. Vor jedem Parterre-Fen¬ ster — par-terre , sagte Flitte, sprechen die Deutschen ganz falsch aus — klopft' er wie an ei¬ ner Glasthuͤre an und sagte dem aufmachenden Maͤdchenkopfe, dem noch die halbe Aurora des Morgenschlafs anschwebte, hundert gute Dinge, und die Tochter in der Morgenkleidung mußte am Fensterrahmen fortnaͤhen. Oft gab er ohne weiteres Fragen Kuͤsse von aussen hinein — was Walt fuͤr einen Grad von Lebensart hielt, den nur einige Guͤnstlinge Frankreichs erreichten. Rauchte ein ansehnlicher Mann in der Schlafseide mit der Pfeife aus dem zweiten Stock herab: so sprach oder ging Flitte hinauf und Walt thats mit. Jener kannte jeden lange; denn bei dem Hoch¬ buͤrgerstande lehrte er die Kinder tanzen und beim Adel die Hunde; letzterem ging er auch auf heili¬ gern Wegen nach, naͤmlich zur Altar-Partie. Denn da der Haßlauer Adel, wie bekannt und sonst gewoͤhnlich ist, in corpore oͤffentlich auf einmal als eine heilige Tischgesellschaft und Kom¬ pagniegasse das Abendmal genoß: so war er hin¬ terdrein und der letzte Mann, wie hinter den Buͤr¬ gerlich'en der Scharfrichter; das einzige mal aus¬ genommen, wo er wie ein Schieferdecker es blos nahm, weil er einen Thurm bestiegen. Walt be¬ trat nie mehr Zimmer als an diesem Morgen. Sprengte ein Herr vorbei, Flitte wußte ein Wort uͤber den Gaul nachzuschicken, etwa dieses: er hinke. Stand ein Wagen fahrfertig: Flitte paßte bis man einstieg und verhieß nachzukommen aufs Landgut. Kehrten verspaͤtete Kaufleute von der Leipziger Messe zuruͤck: Flitte ließ sie auf die Meß- Neuigkeiten von Haßlau nie so lange warten bis sie unter Dach und Fach waren, sondern er pack¬ te aus, waͤhrend sie auspackten. Walt wurde aller Welt vorgestellt und redete mehrmals. Es waͤre schwer zu glauben, daß beide an Einem Morgen so viele Besuche abgestattet haben, waͤre nicht die Gewißheit da. Sie gingen zu den Spitzen- oder Kloͤppelherrn H. Oechsle und besa¬ hen die Sachen und die huͤbschen Kloͤpperinnen aus Sachsen und viele Knoͤpfe aus Eger, in welche Voͤgel halb mit Farben, halb mit eigenen Federn gefasset waren. Walt hatte dessen schoͤne Fußtape¬ ten ganz mit Stiefelspuren verschont durch einen einzigen tapfern Weitschritt, den er uͤber sie sogleich in die gebohnte Stube that. Sie gingen ins Gartenhaus des Kirchenrath Glanz, wo Flitte seine Latinitaͤt an dem Kupfer¬ stich eines Kanzelredners schwach zu zeigen suchte, indem er die darunter gesetzten lateinischen Verse und Notizen fertig und mit gallischer Aussprache ablas, ausgenommen bis zu den Worten mortuus est anno MDCCLX . Denn wer solche fremde Zahlen-Zeichen mehr in eigner als in fremder Sprache ablesen muß, weil er diese nicht versteht, faͤllt halb ins Laͤcherliche bei aller sonstigen Ge¬ lehrsamkeit. — Er ging mit Walt zum Postmeister, blos um, wie er gewoͤhnlich that, nach Marseiller Brie¬ fen vergeblich zu fragen. Dem Postsekretair las er eine schwere franzoͤsische Aufschrift vor. Walt pries dessen Accent und Prononciation aufrich¬ tig. Auf der Strasse macht' ihm nun Flitte zehn vergebliche male vor, wie er wenigstens beide Worte zu accentuiren und zu prononciren habe. Walt gestand, daß ihm mehr Ohr als Zunge fehle, druͤckte ihm die Hand mit dem Bekenntniß, daß er die meisten Franzosen gelesen, aber noch keinen gehoͤrt, und daß er deswegen so eifrig auf jeden Laut von Flitte horche; indeß berief er sich auf den General Zablocki, ob er nicht vielleicht eine ertraͤg¬ liche Hand von Schomacker davon gebracht. Dar¬ auf zeigte ihm Flitte gegenseitig Germanismen der Phrasen, die ihm noch anklebten. Sie gingen zur Stuͤckjunkerin, bei welcher Walt neulich Saiten aufgezogen hatte. Diese sprach von dem Tode ihres Mannes und der Ein¬ aͤscherung eines Pallastes, den sie im belagerten Toulon gehabt, aus welchem sie nichts gerettet, als was sie zur Erinnerung ewig aufbewahrte, ei¬ nen Nachttopf aus feinstem Porzellan. Der Zug entzuͤckte den Notar durch den vornehmen Zynis¬ mus, womit er in Hoppelpoppel Leute von Welt koloriren konnte. Selten sieht ein romantischer Anfaͤnger einen alten General oder jungen Hofjun¬ ker im Zwielicht z. B. pissen, ohne sich an den Schreibtisch wieder zu setzen und wieder zu schrei¬ ben: „Herren vom Hofe stellen sich gemeinhin im Zwielicht in Ecken.“ Man sprach viel franzoͤ¬ sisch; und Walt that was er konnte und sagte haͤu¬ fig: comment ? — Flitte zeigt' ihm nachher den Germanismus in der Frage. Sie gingen in die weibliche ihm durch Vult bekannte Pensions-Anstalt, worin noch mehr Gal¬ lizismen und noch mehr Schoͤnheiten regierten. Flitten war nicht nachzufliegen im freien Artigsein; doch wars ihm genug, nur nachzublicken und zwi¬ schen den Beeten voll Seelenlilien eng die eine Fu߬ zaͤhe an die Ferse der andern anzuschienen. „Ach ihr Lieben!” sagte sein Herz. Was er nur hoͤrte, entklang ihm so zart; „aber dacht' er, sind denn „Frauenzimmer anders? Mitten im unreinen „maͤnnlichen Weltleben, das alle Stroͤme und „Leichen aufnimmt, sind sie ja abgesondert voll „eigner Reinheit; im salzigen Weltmeer kleine „Inseln voll frischen klaren Wasser; o diese Gu¬ „ten!” — Als er heraus trat, wurden ihm auf einem goldnen Eßgeschirr des regierenden Fuͤrsten leichte Farschen, Rouletten und Frikandellen aufgetischt — fuͤr die Freßspitzen der Phantasie. Das Ge¬ schirr — das Geschenk eines alten Koͤnigs — wur¬ de naͤmlich jaͤhrlich zweimal oͤffentlich auf dem Markte abgescheuert und geputzt unter den Augen eines kleinen Kommandos zu Fuß, das seine Waf¬ fen hatte, um es gegen ungerathene Landeskinder zu decken. Sie gingen zum Galanteriehaͤndler Prielmayer und ließen sich von der Pracht der weiblichen Welt umgeben. Ein so freier, leichter, alle Staͤnde mischen¬ der Vormittag war Harnischen noch nie vorgekom¬ men; ein Musenpferd nach dem andern wurde sei¬ nem Siegeswaͤgelchen angeschirrt und es flog. Flit¬ tens Leben hielt er von jeher fuͤr ein tanzendes Fruͤh¬ stuͤck und fuͤr einen thé dansant ; sein eignes hielt er jetzt fuͤr ein eau dansant . Er genoß eben so sehr in Flitten — den er sich wie sich begeistert dachte — als in sich selber hinein; die elsaßischen Sonnenstaͤubchen vergoldete und beseelte er zu poe¬ tischem Bluͤtenstaub. Zuletzt macht' er neben ihm gehend, heimlich folgende Grabschrift auf ihn: Grabschrift des Zephyrs. Auf der Erde flog ich und spielte durch Blu¬ men und Zweige um zu weilen um das Woͤlkchen — Auch im Schattenland werd' ich flattern um die dunkeln Blumen und in den Hainen Elysiums. Stehe nicht, Wanderer, sondern eile und spiele wie ich. Um 10 Uhr bracht' ihn Flitte dem Hofe naͤ¬ her: „wir gehen in die champs élisées und neh¬ men ein déjeûner dinatoire .“ Es war ein bejahr¬ ter Fuͤrstengarten, welcher den Weg zur ersten Chaussee im Lande gebahnt hatte. Unterwegs fin¬ gen zwar Warnungstafeln gegen Kinder und Hun¬ de an; aber in den champs élisées wurde erst or¬ dentlich alles verboten, besonders die elysischen Felder selber, — in keinem Paradies gab es so viele verbotene Baͤume und Frucht- und Blumen- Sperren — auf allen Gaͤngen bluͤhten oben oder keimten unten Kerker-Diplome und Aus- und Ein¬ wanderungsverbote — unter Expektanzdekreten der Zuͤchtigung durchkreutzte jeder als ein lustwandeln¬ der Zuͤchtling das Eden und feierte Petri Ketten¬ feier im Gehen und strapazirte sich hinter seinem Ruͤcken — mehr wie eine Wallfarth durch Dante's Hoͤllenkreise (der Himmel blieb nirgends uͤber dem Kopfe) denn als ein katholischer Bußgang durch Christi Leidens-Stazionen kam jedem unter dem schriftlichen Anschnauzen aller fluchenden Baͤume und Tempel sein Lustwandeln vor — — ja der Mensch verstimmte sich zuletzt in den champs und kam fatigirt heraus. War Walt je froh und frei: so wars in die¬ sen Feldern; sein innerer Mensch trug ein Thyrsus- Staͤbchen und rannte damit. Von allen diesen Warnungstafeln war naͤmlich nichts mehr da als die Tafel, das Holz, Stein, Blech; die Warnung aber war gut vermooset, verraset, versandet. Koͤst¬ liche Freiheit und Freilassung beherrschte nun Eden, wie ihm Flitte beschwur und bewieß. Die ganze Sperrordnung war blos in jenen Zeiten an der Tagesordnung gewesen, wo große und kleine Fuͤr¬ sten — ganz anders als jetzt die großen (hoͤflich zu sprechen,) etwas grob gegen Unterthanen wa¬ ren, und wo sie als Ebenbilder der Gottheit — welche darin eben nicht von dem Maler geschmei¬ chelt wurde — dem mehr juͤdischen als evangeli¬ schen Gotte der damaligen Kanzeln aͤhnlich, oͤfter donnerten als segneten. „Was die Herrschaft jetzt „etwa im Parke sehr lieb und gern hat, sagte „Flitte, dieß ist schon besonders recht eingezaͤunt, „so daß ohnehin niemand hinein kann.” Beide nahmen ihr déjeûner dinatoire , Mor¬ genbrod und Morgenwein, in einen offenen und lustigen Kiosk, unweit des Gartenwirths. Der Notar war erwaͤhnter massen selig; — den auf- und absteigenden Tag- und Nachtgarten sammt dem leichten wie herabgeflogenen Lustschlosse, das ein versteinerter Fruͤhlings-Morgen schien, ferner die Waͤldchen, woraus bunte Lusthaͤuschen wie Tulpen heraus wankten, desgleichen die gemalten Bruͤcken und weissen Statuen und die Regelschnuͤ¬ re vieler Hecken und Gaͤnge — — das konnt' er dem Elsaßer, dem ers zeigte, gar nicht feurig ge¬ nug entfaͤrben, je laͤnger er trank. Diesem gefiels natuͤrlich; denn gewoͤhnlich fuͤhrte er seine Claude- Lorrain's nur mit dem einzigen Wort und Striche wacker aus: suͤperb! — Jeder aber hat seine ande¬ re Hauptfarbe der Bewunderung; der eine sagt: englisch — der andere: himmlisch! — der dritte: goͤttlich! — der vierte: ei der Teufel! — der fuͤnf¬ te: ei! — Walt aber sagte, obwol zu sich: „dieß ist „von Morgen an, oder ich irre entsetzlich, das „wahre Weltleben Eleganter. Bin ich nicht wie „in Versailles und in Fontainebleau; und Louis „quatorze regiert zuruͤck? Der Unterschied ist „schwerlich erheblich. Diese Alleen — diese Beete „— Buͤsche — diese vielen Leute am Morgen — „dieser lichte Tag!“ — Walten war naͤmlich, der Himmel weiß von welchen Fruͤhblicken des Lebens, eine so romantische Ansicht von der Jugendzeit des galanten liberalen, Laͤnder, Weiber, Hoͤfe besie¬ genden Ludwigs XIV . nachgeblieben, daß ihm dessen Jugend mit ihren Festen und Himmeln, wie eine eigene Vorjugend, schoͤn als sanftes Feuer¬ werk in den Luͤften vorschwebte, und wie der freie frische Morgen eines im Neglig é spazierenden Hofs — so daß ihn jeder Springbrunnen nach Marly warf, jede geschniegelte Allee nach Versailles, und hohe Fantanger Kupferstiche an Schraͤnken-Waͤn¬ den ins damalige Koͤnigs-Schloß, ja sogar die ausgeschnittenen aufgepappten Bildchen auf sei¬ nem Schreibtische flogen mit ihm in jene lustige Hof-, wenn auch nicht lustige Voͤlkerzeit. — „Ist „nicht das Leben der Hofleute — hat er sich mehr¬ „mals gesagt — fortgehende Poesie, (wenn an¬ „ders die franzoͤsischen Mémoires nicht luͤgen,) oh¬ „ne pressende Nahrungs-Qualen und in gefluͤ¬ „gelten Verhaͤltnissen, und die Hofmaͤnner koͤnnen „sich an jedem Musik-Abend verlieben und dann „am Garten-Morgen mit den herrlichsten Ge¬ „liebten spazieren gehen? O wie ihnen die Goͤt¬ „tinnen bluͤhen muͤssen im frischen schminkenden „Morgenroth!“ Dadurch genoß er im Garten einen ganz an¬ dern schon beerdigten; als Feuerwerk hing das phantastische Nachbild uͤber dem liegenden Vorbild. Gluͤcklicher Weise that ihm Flitte — der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte — den Gefallen, daß er mit dem Garten-Restaurateur in ein Ge¬ spraͤch gerieth und ihn dadurch mit der koͤstlichen Einsamkeit zu einigen traͤumerischen Streifzuͤgen beschenkte. Wie freudig that er diese! Er sah al¬ les und dabei an — die gruͤnen Schatten, von Sonnen-Funken durchregnet — die fernen Seen, einige wie dunkle Augenlieder des Parks, einige wie lichte Augen — die Barken auf Wassern — die Bruͤcken uͤber beide — die weissen hohen Tem¬ pel-Staffeln auf Hoͤhen — die fernen aber hell¬ herglaͤnzenden Pavillons — und hoch uͤber allen die Berge und Strassen drausen, die kuͤhn in den blauen Himmel hinauf flogen — Sein Vormittag hatte sich stuͤndlich gelaͤutert, aus reinem Wasser zur Zephyr-Luft, diese oben zu Aether, worin nichts mehr war und flog als Welten und Licht. Den Bruder haͤtt' er gern hergewuͤnscht — Wina's Blick unter dem Wasserfall sah er am hellen Tage. Er war selig ohne recht zu wissen wie oder warum. Seine Fackel brannte mit gerader Spitze auf in der sonst wehenden Welt und kein Luͤftchen bog sie um. Nicht einmal einen Streckvers macht' er, aus Flucht des Sylbenzwangs, es war ihm, als wuͤrd' er selber gedichtet, und er fuͤgte sich leicht in den Rhythmus eines fremden entzuͤckten Dichters. In diesem innern Wolklang stand er, vor ei¬ nem sonderbaren Garten im Garten und zog fast nur Spiels-Weise an einem Gloͤckchen ein wenig. Er hatte kaum einigemale gelaͤutet: so kam ein reich besetzter schwerer Hofdiener ohne Hut herbei¬ gerudert, um einigen von der fuͤrstlichen Familie die Thuͤre aufzureissen, weil das Gloͤckchen den Zweck einer Bedientenglocke hatte. Als aber der vornehme Mensch nichts an der Thuͤre fand als den sanften Notar: so filzte er den erstaunten Gloͤckner in einer der laͤngsten Reden, die er je ge¬ halten, aus, als haͤtte Walt die Sturm- und Tuͤrkenglocke ohne Noth gezogen. Diesem war indeß sein Inneres so leicht und fest gewoͤlbt, daß das Aeussere schwer eindringen konnte, nicht mit einem Tropfen in sein leichtes fliegendes Schiff; zu Flitten kehrte er sogleich zu¬ ruͤck. Sie gingen heim. Die großen Eßglocken riefen die Stadt zusammen, wie zwei Stunden spaͤter kleinere den Hof; dieß wirkte auf den satten Notar, der jetzt nicht zum Essen ging, sehr ro¬ mantisch. Gibt es einen wahren Mann nach der Uhr, der zugleich die Uhr selber ist, so ists der Magen. Je dunkler und zeitiger das Wesen, desto mehr Zeit kennt es, wie Leiber, Fieber, Thiere, Kinder und Wahnsinnige beweisen; nur ein Geist kann die Zeit vergessen, weil nur er sie schafft. Wird nun dem gedachten Magen oder Manne nach der Uhr, seine Speise-Uhr um Stunden voraus oder zuruͤck gestellt: so macht er wieder den Geist so irre, daß dieser ganz romantisch wird. Denn er mit allen seinen Himmels-Sternen muß doch der koͤrperlichen Umdrehung folgen. Das Fruͤh¬ stuͤck, das ein Spaͤtstuͤck gewesen, warf den Notar aus einem Gleise, worin er seit Jahrzehenden ge¬ fahren war, so weit hinaus, daß vor ihm jeder Glockenschlag, der Sonnenstand, der ganze Nach¬ mittag ein fremdes seltsames Ansehen gewann. Vielleicht macht daher der Krieg den disziplinir¬ ten Soldaten durch die Vorkehrung aller Zeiten in unordentlichen Ebben und Fluthen des Genus¬ ses romantisch und kriegerisch. Um die Vesperzeit erschien ihm der Schatten¬ wurf der Haͤuser noch wunderlicher und in Frais¬ sens Zimmer wurd' ihnr die Zeit zugleich eng und lang', weil er wegen seiner untergrabenen Stern¬ warte nichts voraussehen konnte. Er wollte wie¬ der Monde , und begleitete Flitten in ein Billard¬ zimmer, wo er verwundert hoͤrte, daß dieser die Baͤlle nicht franzoͤsisch zaͤhlte, sondern deutsch. Hier entlief er bald aus dem magern Zuschauen allein hinaus an das schoͤne Ufer des Flusses. Als er da die armen Leute erblickte, welche an diesem Tage nach den Stadtgesetzen fischen durf¬ ten (obwol ohne Hamen) und Holz lesen (obwol ohne Beil): so erhielt er ploͤtzlich an ihren heuti¬ gen Genuͤssen eine Entschaͤdigung der seinigen, die ihm allmaͤhlich zu vornehm und zu muͤßig¬ gaͤngerisch vorgekommen waren: „auch ich habe, „dacht' er, heute vornehm genug geschwelgt und „kein Wort am Roman geschrieben; doch mor¬ gen „gen soll ganz anders zu Hause geblieben wer¬ „den.“ Die langen Abend-Schatten am Ufer und die langen rothen Wolken legten sich ihm als neue große Schwingen an, welche ihn bewegten, nicht er sie. Er durchstreifte allein die daͤmmernden Gas¬ sen, bereit zu jedem Abentheuer, bis der Mond aufging, und seine Mond-Uhr wurde. Da war der Wirrwarr gelichtet, und der Magen wußte, welche Zeit es sei. Vor Wina's schimmerndem Hause trug er das vielfach erregte Herz auf und ab; da sank ihm in dasselbe eine stille Sehnsucht wie vom Himmel nieder und den lustigen Erden- Tag kraͤnzte die heiligste Himmels-Stunde. N ro . 53. Kreutzstein bei Gefrees im Bayreuthischen. Glaͤubiger-Jagdstuͤck . Am Morgen freuete sich Walt kindisch in den vergangenen Tag zuruͤck, weil dieser durch eine kleine Wendung sein Leben so schillernd gegen die Flegeljahre IV . Bd. 4 Sonne gehalten, daß er eine Menge Tage an Einem verlebte, indeß sonst viele hintereinander fliegende sich deckende Zeiten des Menschen kaum eine zeigen. Heute aber blieb er zu Hause und schrieb sehr. Das war Flitten nicht recht; zu Hause blei¬ bende Einsamkeit war ihm wohl Wuͤrze und Zukost der Gesellschaft, aber nicht diese selber. Indeß wer nicht nachahmt, wird eben nachgeahmt; Walt hatte ihm mit seinem poetischen Saus und Braus so sehr gefallen — ob er sich gleich als seine prosaische Sprech-Walze neben jenes dich¬ terischer Spiel-Welle drehte und ihn selten ver¬ stehen oder beantworten konnte — und dessen un¬ gewoͤhnliches Anlieben und Anlegen hatte den umherfliegenden Menschen so sehr erwaͤrmt, daß er selber mit zu Hause blieb, blos bei ihm, ob er gleich besser als einer in der Welt voraussah, welche Glaͤubiger-Moskiten ihn heute stechen wuͤr¬ den, da Muͤcken bekanntlich uns mehr im Stehen als Gehen anfallen. Denn ein Grundgesetz der Natur ist dieß: wer nichts baut als spanische Schloͤsser, rechne auf nichts als spanische Fliegen, welche so gewaltig ziehen. Ein zweites Gesetz ist: man kann nicht fruͤh genug bei einem schlechten Schuldner vorsprechen, der eben Tags vorher Geld bekommen. Es kam das gewoͤhnliche wuͤthende Heer, das er Elsaßer immer als ein geheiltes zuruͤck schicken mußte, zu rechter fruͤher Tageszeit an; und Flitte konnte es hier wie uͤberall in der besonders dazu ge¬ waͤhlten Audienz-Kammer empfangen, um sol¬ chem das einzige zu geben, was er hatte, Gehoͤr. Blos letzteres mußte wieder der Notar versagen, der eifrig-taub fortdichtete, waͤhrend Flitte von weitem seine Schlachten schlug. Es lohnet der Muͤhe, die Feldzuͤge fluͤchtig zu erzaͤhlen, welche der Elsaßer an einem Tage that, bevor er Abends das warme Winterquartier des Betts bezog. Der linke Fluͤgel des taͤglich angreifenden Heeres war aus Juden geworben; und den rechten formirten Zimmer- und Pferde- und Buͤcher-Verleiher und saͤmmtliche Professionisten des menschlichen Leibs und deren Fisch-Weiber; und an der Spitze zog als Generalissimus ein Mann mit einer Trat¬ te; — die offiziellen Berichte davon sind aber fol¬ gende: Am Fruͤh-Morgen im Nebel griff ein Quar¬ r é e Juden an; leicht schlug er sie mehr mit gro¬ bem Kriegsgeschrei als feiner Kriegslist zuruͤck und sagte nur: „sie waͤren nur Juden, und er habe noch nichts, und was sie weiter wollten?“ Beim Fruͤhstuͤck mit Walt berennte ihn ein Uhrmacher, von welchem er eine Repetier-Uhr gegen seine Zeige-Uhr und Geld-Assignate einge¬ kauft hatte. Flitte schwur, sie repetire schlecht, seine sei ihm eben so lieb — auch repetirt eine Zeige-Uhr wenigstens das Zeigen — und bot Auswechslung der Gefangnen an. Da nun der Mann die stumme schon selber verkauft hatte — Flitte freilich auch die laute: — so zog sich der Feind mit dem Verlust einer Uhr zuruͤck. Spaͤter sah er zu seinem Gluͤcke aus dem Fenster und die Bewegungen des berittenen Feindes, eines Pferde-Verleihers. Er empfing ihn in der Audienz-Kammer, bekannt mit dessen einhauen¬ der Stimme und Kriegsgurgel; erstickte aber des¬ sen Feldgeschrei durch die Dampfkugel, die er so warf: „lieber Mann! kennt Er die Ecktanne in „Kabels Wald, die eben mein Erbstuͤck gewor¬ „den, sammt vielem anderem des Kuͤnftigen zu „geschweigen — Eine Muͤhlwelle drechselt sich „daraus her! — Was brauchts Redens! Kurz „ich hatte sie schon halb einem andern verspro¬ „chen; Er soll aber das Vorzugsrecht haben — „schaͤtz' Er sie — dann geb' Er nach Abzug der „Schuld heraus, was honett ist — was sagt „Er, mein Freund?“ — Sein Feind versetzte, das sei einmal ein Wort, das Hand und Fuß habe und raͤumte das Feld. Hart hinter ihm trabte ein zweiter Pferde¬ lieferant ein, in langem, blauen, uͤber dem Schurz¬ fell aufklaffenden Ueberrock, und schob grimmig und gruͤssend die Ledermuͤtze von hinten uͤber die halbe Stirne hinein: „wie wirds, fragt' er? „Finten und Quinten schlagen heute nicht an bei „mir.“ — „Gemach! versetzte Flitte. Kennt „Er die Ecktanne ꝛc. — Eine Muͤhlwelle drech¬ „selt ꝛc. — kurz, ich hatte sie schon ꝛc.“ — Der Feind versetzte: ists aber Vexirerei: Gott soll — Gott befohlen! Mit einer harthoͤrigen Altreißin turnierte er gefaͤhrlich, weil ihr Geschrei nur mit einem sol¬ chen empfangen werden mußte, daß Walt es ver¬ nehmen konnte. Zum Gluͤck konnt' er einen alten vergoldeten Schaupfennig — der schon 100 mal seine Belagerungsmuͤtze und sein Heckthaler gewe¬ sen — herausziehen und ihn hinhalten und blos ins Ohr schreien: „wechseln — Abends 6 Uhr!“ Doch feuerte sie auf dem Schlachtfeld noch lange fort; weil sie sich nie verschoß. Die weibliche Bellona ist furchtbarer als der maͤnnliche Mars. „Nur hieher!” rief er; ein kurzstaͤmmiger, rundbackiger, runder Apothekers-Junge kugelte sich herein. „Allhier uͤberbring ich als Diszipel „unserer Hechtischen Offizin laut Rechnung die „Rechnung fuͤr die arme Bitterlichinn in der „Hopfegasse, weil sich mein Herr Prinzipal be¬ „stens empfiehlt und die Heilungskosten dafuͤr zu „haben ersucht. Es ist nur von wegen unsrer „Ordnung in der Offizin; denn uͤbermorgen wer¬ „de ich bekanntlich zum Subjekt gesprochen.“ Vor dem sanften Feinde streckte er das Gewehr, eine halbe Pistole (auf alten Pistolenfuß), sagte aber: „H. Hecht laͤsset sich seine versilberten Pil¬ len stark vergolden. Den Geburtshelfer — richt Ers aus — hab' ich schon saldiret.“ Guter, gu¬ ter Mann! sagte Walt. „Die Frau war ja in den kuͤmmerlichsten Umstaͤnden von der Welt und heute noch; und ist nicht einmal huͤbsch dabei,“ sagt' er. Ungesehen war eben ein Heerbann eingeruͤckt, Einen Banner stark, der so anfing: „Gehorsa¬ „mer! — Ein fuͤr allemal, der Mensch laͤßt sich „in die Laͤnge nicht haͤnseln. Seit Pauli Be¬ „kehrung bin ich Sein Narr und laufe nach dem „Bischen Miethzins. Herr, was denkt Er denn „von Unser-Einem?“ — Weiß Er wol, ver¬ setzte Flitte, daß ich nur Messenweise zahle und „uͤberhaupt mich gar nicht mahnen lasse, Er? — „So? erwiederte der Banner. Ich und noch drei „Hausherren und der Stiefelwixer haben uns „schon zusammengeschlagen und die Schuld dem „Armen-Leute-Hause vermacht.“ — „Wahhas, „ungehobeltes Pack, sang Flitte dehnend? Das „ist mir ja recht lieb. Eben gab ich dem Hech¬ „tischen Subjekt (der Herr da zeugts) ein halbes „Goldstuͤck fuͤr die blutfremde blutarme Bitter¬ „lich; was geht sie mich weiter an?“ — Hier hielt er ihm den einen, mit einem Ringe zuge¬ schraubten vollen Beutelpol mit der Erklaͤrung vor, der Zins sei hier fuͤr ihn schon bereitgezaͤhlt gewesen, jetzt bekomm' er keinen Deut; — wor¬ auf der Feind nach vergeblichen Einlenkungen, das Armenhaus habe nichts Schriftliches, ohne alles klingende Spiel abzog, aͤußerst verdruͤßlich, daß der Beutel, wie bei den Tuͤrken, das Geld selber bedeutet habe. Diesem folgte der 23te Herr, der Territorial¬ herrschaft uͤber ihn ausgeuͤbt — dem 23ten suk¬ zedirte der 11te — diesem der fuͤnfte, — jeder, um den Grundzins, die Quatembersteuer, das Staͤttegeld fuͤr den Winkel seines Staatsgebaͤud¬ chens einzutreiben. Groben Herren gab er nichts als die Antwort, unter ihnen sei in die Zimmer mehr der Wind als das Licht eingedrungen, die Aufwartung schlecht und die Moͤbeln alt gewesen. Hoͤfliche bezahlte er fuͤr ihre Territorialrechte mit Territorialmandaten auf die 10 Erb-Staͤmme, mit den Bonbons der Bons. Darauf kam der Herr, der vor dem Thuͤrmer regiert hatte, ein frommer Huter, mit zwei großen grauen Locken, welche aus dem knappen Lederkaͤppchen vorwalle¬ ten, und bat ihn um ein Darlehn, gerade die Haͤlf¬ te der Schuld. Flitte gab ihm das Geld und sagte: „ohnehin restire ich, entsinn' ich mich recht, noch etwas, Herr Huter.“ „Es wird sich finden,“ sagt' er. Nach dem Vesperbrod lief ein Buͤcherverlei¬ her Sturm und Gefahr. Er forderte fuͤr ein Buch à 12 gr. und 12 Bogen genau 2 Thlr. Le¬ segeld auf 2 Vierteljahre. Flitte hatte naͤmlich nach seiner Weise, keine Sache abzuborgen, die er nicht ihrer Bestimmung gemaͤß wieder verborg¬ te, das Werk so lange umlaufen lassen — denn jeder ahmte ihm nach — daß es verloren war. Umsonst erbot er sich zum Drittel, zum Kaufe; der Verleiher bestand auf Lesegeld und fragte, ob viel mehr als ein Pfennig auf die Seite komme? Selber Walt suchte den Verleiher von seinem „Eigennutzen“ zu uͤberzeugen. „Eigennuͤtzig? das verhoff' ich eben; vom Eigennutzen lebt der Mensch,“ sagte der Verleiher. Flitte ließ ihn ganz kurz ab- und wild in die naͤchste Gerichts¬ stube hineinlaufen, nachdem er blos zehn Neu¬ jahrswuͤnsche und fuͤnf Kalender, die er zur Aus¬ wahl gehabt und behalten, großmuͤthig bezahlet hatte. Kurz vor 6 Uhr wollte das Paar ein wenig in die Luft, von der Flitte am liebsten lebte; auf der Hausschwelle bebte der Pinselmacher Purzel — juͤngerer Bruder des Theaterschneiders — ihnen entgegen mit einem ausgehoͤhlten Gesicht wie ein Hohlglas (Stirn- und Kinn-Raͤnder waren konvex) — das verschabte Ueberroͤckchen auf die linke Sei¬ te hinuͤbergeknoͤpft — mit einem langen Faden¬ wurm von Zopf aus Zopfband — und wackelnd mit dem rechten Knie: „Ihro gnaͤdigen Gnaden, „fing das Jammerbildchen an, werden meinen „Miniatur-Pinsel vorgestern herrlich und nett „erhalten — Ich stehe davor, daß der Pinsel „ganz vortrefflich einigermassen — und bitte denn „um das Wenige, was er kostet, und auch, „daß Sie mir bei dieser Gelegenheit etwas schen¬ „ken.“ — „Hier!“ sagte Flitte zum stillen le¬ bendigen Friedensfest, ja ruhigen R. Friedens¬ protokoll, zu Purzel dem Juͤngern. Abends machte den Waffentanz der Caffe tier Fraisse mit einem Großvatertanz aus. Er kam herauf, um hoͤflich anzumerken, es sei seine herkoͤmmliche Weise, Gaͤsten aus der Stadt jeden Abend die Rechnung zur Einsicht vorzulegen, da¬ mit sie solche saͤhen und saldirten. Walt sah hier zum erstenmale einen franzoͤsischen oder elsas¬ sischen Zorn ohne Ohren; es war ein stuͤrzend¬ fortrollender Streit- und Sichelwagen, woran Fluͤche, Schwuͤre, Blicke, Haͤnde, auf- und niederschlugen und zersaͤbelten. Fraissen wurde das noͤthige Geld vor die Fuͤße, ja an den Kopf geworfen, dann eingepackt und fluchend fortgezo¬ gen in des verreiseten D. Huts leeres Haus. Walt wehte durch seine niederblasenden Friedenspredig¬ ten die Flammen nur hoͤher auf. Eine verlebte Stunde war fuͤr Flitte der einzige Epiktet. N ro . 54. Surinamischer Aeneas. Malerei — Wechselbrief — Fehdebrief. Licht und leicht flogen die Horen in D. Huts vielgehaͤusigem Hause ein und aus und holten Honig. Hier, in diesem sonnenhellen Eiland der unschuldigen Freude sah Walt keinen hoͤflich-gro¬ ben Fraisse — hoͤrte keinen Geld-Werber und Geld-Jaͤger, der das durch Kontrakte eingezaͤun¬ te Wild puͤrscht, keinen aus den fuͤnf (Mosis- Buͤcher-) Klassen der Glaͤubiger, die uns ewig an die Lebens-Darre und Doͤrrsucht erinnern — hier hoͤrt' er nur Liederchen und Spruͤnge; hier waren ganze Sackgaͤßchen aus dem neuen Je¬ rusalem. Denn was aus dem alten theils von Juden, theils von Christen einwanderte, konnt' er nicht hoͤren, weil Flitte sich von seinen Arse¬ nikkoͤnigen der Metalle, den Glaͤubigern, blos in einem fernen Schmollwinkel vergiften ließ. Im ersten Stockwerke wohnte die streitende Kirche, Flitte und die Koͤnige; im dritten die triumphiren¬ de, Flitte und Walt. Indeß brachte der Notar es doch nicht so weit, daß er gar nichts gemerkt haͤtte. „Ich wollt', ich waͤre kurzsichtiger, (sagt' er sich); bedenkt man, wie froh und freigebig der gute Mensch schon ist in Drangsalen und wie ers vollends waͤre ohne die geringsten Qualen — denn wahrlich gewisse Menschen haͤtten Tugend, wenn sie Geld haͤtten —; und mit welcher Suͤßigkeit er vom Reichseyn spricht: wahrhaftig, so wuͤßt' ich keinen schoͤnern Tag als den, wo der arme Narr die hoͤchsten Geldkaͤsten und Geldsaͤcke ploͤtz¬ lich in seiner Stube stehen saͤhe. Wie koͤnnten ei¬ nem solchen Menschen schon die Zinsen von den Zinsen der Zinsen der englischen Nazionalschuld aufhelfen!“ Er fragte, warum, da alle Leiden Ferien finden, denn die eines deutschen Schuldners nie absetzen, indeß in England doch der Sonntag, ein Ruhetag des verschuldeten Ohrs ist, wie so gar um die Verdammten (nach der juͤdischen Religion) am Sabbath, am Feste des Neumonds und un¬ ter dem woͤchentlichen Gebete der Juden die Hoͤlle erstirbt und ein sanfter kuͤhler Nachsommer des begrabnen Lebens uͤber die heißen Abgruͤnde weht. Lieblich uͤberwallete ihm das Herz, wenn er sich das Seelenfest ausfaͤrbte, womit er den Floͤ¬ tenspieler durch den Elsaßer und diesen durch je¬ nen zu beschenken hoffte, wenn er Vulten die un¬ schuldige liberale poetische Lebensfreiheit Flittens beschwuͤre und diesem einen Spiel- und Edelmann zugleich zufuͤhrte: „o ich will dabei dem wackern Bruder das Bewußtsein und Gestaͤndnis, geirrt zu haben, so sanft ersparen!“ sagt' er entzuͤckt. Immer waͤrmer lebten beide sich in die Wo¬ che und in einander hinein, sie haͤtten die Probe¬ woche lieber wiederholt als geendigt. Flitten war das liebende, warme Wesen, womit Walt wie mit einer elektrischen Atmosphaͤre umgeben war, etwas neues und anziehendes; er konnte zuletzt schwer mehr ohne ihn aus dem Hause. Walt machte daraus desto mehr, je weniger beide eigentlich, wie er fuͤhlte, einander unterhal¬ ten konnten; ihre Nervengewebe hatten sich zer¬ strickt, sie waren wie Polypen in einander gesteckt; doch fraß jeder so auf eigne Rechnung, daß keiner weder der Magen, noch die Nahrung des andern war. Es kam der letzte Probe- und Flitterwochen¬ tag. Walt scheuete alles letzte, jedes scharfe Ende, sogar einer Klage. Ein Ripienist von Vults Spiele in Rosenhof hatte dessen Eintreffen ver¬ kuͤndigt. Auch der D . Hut wollte Nachts an¬ langen. Einige schoͤne Mitternachtsroͤthe stand ihm bevor. Flitte bat ihn, diesen letzten Nach¬ mittag, wo sie beisammen waͤren, ihn zu Ra¬ phaelen zu begleiten, welche ihm heute fluͤchtig sitze zu einem schlechten Miniatur-Portrait fuͤr den Geburtstag ihrer Mutter: „wir 3 sind suͤ¬ „perbe allein, fuͤgt' er hinzu. Wenn ich nun „male, parlir' ich wenig; und doch animirt „Reden ein Gesicht unglaublich.” Ob Walt gleich wenig delikate Welt darin fand, daß man ihn als Sprach- und Reitz-Maschine vor ein Sitzgesicht aufzustellen trachtete: so folgte er doch. Er wars schon gewohnt seit einer Woche, einige male des Tags zu erstaunen uͤber Mangel an zaͤrtester Denkart, sowohl auf dem Markte als in den besten Haͤusern, welche aͤusserlich einen glaͤn¬ zenden Anstrich und Anwurf hatten. Mit Vergnuͤgen kam er in dem eigenen Hau¬ se wie in einem fremden an. Raphaela laͤchelte beiden von der obersten Treppe herab und fuͤhrte sie hastig in ihr Schreibzimmer hinein. Hier wa¬ ren schon widersprechende Weine, Eise und Ku¬ chen gehaͤuft. Da eine Frau leichter das Herz als den Magen eines Mannes erraͤth: so weiß sie freilich nicht, was er Abends um 4 Uhr am liebsten trinkt. Ein Bedienter nach dem andern sah durch die Thuͤre, um einen von Raphaelens Wuͤnschen zu holen und erfuͤllt zuruͤck zu bringen. Die ganze Dienerschaft schien ihre Regierung fuͤr eine goldne von Saturn zu halten; man sah ei¬ nige von der weiblichen sogar im Park spazieren gehen. Die immer voller ins Zimmer hineinstroͤ¬ mende Abendsonne und der Freudenglanz, der je¬ dem Gesichte steht, bewarfen das Maͤdchen und die Situazion mit ansehnlichen Reitzen. Flitte war gegen Raphaela nicht die Falschheit selber, sondern ein Fuͤnftelsaft von Wesen — naͤmlich ein Fuͤnftel galant, ein Fuͤnftel gut, eines sinnlich, eines Geldsuͤchtig, ein Fuͤnftel ich weiß nicht was als sie zu Walts Entzuͤcken gesagt hat¬ te: „Schmeicheln sollen Sie meinem Gesichte nicht, es hilft nichts; machen Sie es nur, daß ma chère mère es wieder erkennt.“ — Im Notar kroch heimlich die stille Freude herum, daß er jetzt gerade unter seinem eignen Zimmer stehe, im Hause zugleich Gast und Miethsmann, daß er ferner nicht die kleinste Verlegenheit spuͤre — denn Flitte war ihm nicht fremd und uͤber Eine Frau war war schon zu regieren — und daß die schoͤnsten Duͤfte und namenlosesten Moͤbeln jede Ecke schmuͤckten: „haͤtt ich aber dieß sonst als Bauern¬ sohn aus Elterlein denken sollen?“ dacht' er. Flitte zog nun das Elfenbein und das Far¬ benkaͤstchen hervor und erklaͤrte dem Modelle, je freier und belebter es sitze, desto besser gluͤck' es dem Maler. Indeß haͤtte sie eben so gut auf dem Nordpol sitzen koͤnnen, er aber auf dem Suͤdpol kleben: die Aehnlichkeit waͤr' ihm nicht anders gelungen; er, uͤberhaupt kein malerischer Treffer, wollte nichts treffen als das, was sie anhatte. Sie setzte sich hin und verfertigte das Sitz-Gesicht, das die Maͤdchen unter dem Malen schneiden. Die noble masque , womit sich alsdann der Mensch uͤberstuͤlpen will, ist das Kaͤlteste, wozu er je sein Gesicht aushauet, so daß seltner Menschen als ihre Buͤsten portraitirt werden. Dieses Gesicht heißet in weiblichen Pensions-Anstalten das Sitz- Gesicht der Maͤdchen; — dann kommt das ge¬ spannte Frisiergesicht — dann das essende Butter¬ brod-Gesicht, eines der breitesten — endlich zwei Ballgesichter, das eine, die Wetterseite, fuͤr die Flegeljahre IV . Bd. 5 Putzjungfer, das andere, die Sonnenseite, fuͤr den Taͤnzer. Walt kam jetzt in Gang und ins Feuer, und zwar, um selber zu malen, nicht um andere malen zu helfen. Er kelterte — vortreflich genug — Auszuͤge aus seiner neuesten Reise um die Welt und mischte beiher ein, daß er ihre Freundin, Wina, unter der Katarakte gesehen. Unter allen Erzaͤhlern und Unterhaltern sind Rei¬ sebeschreiber die gluͤcklichsten und reichsten; in eine Reise um \frac{1}{1000000} der Welt koͤnnen sie die ganze Welt bringen und niemand kann ihnen (zweitens) widersprechen. Der Notar wollte sich seiner malerischen Staͤrke in Sommer- und Herbst- Landschaften — Flitte lieferte die Winter-Land¬ schaft — noch staͤrker bedienen und setzte zu einem wandbreiten goldnen Bergstuͤcke der Rosenhoͤfer Berghoͤrner an; — aber Raphaela war ganz ent¬ zuͤckt davon und brachte die Rede bald auf ihre Freundin Wina, um solche allein fortzuspinnen. Sie erhob deren Reize und Handlungen mit Feuer — sie zeigte ein Mahagony-Kaͤstchen, worin de¬ ren Briefe lagen — sie wies die sogenannte Wi¬ nens-Ecke im Winkel, wo diese gewoͤhnlich saß und zwischen der Park-Allee der untergehenden Sonne nachsah — sie g l aͤnzte ganz liebend und warm. — Der Notarius war ziemlich schwach bei sich; nach seinen stillen Augen zu urtheilen, jubelte er laut, feierte er Bacchanalien, trieb artes semper gaudendi , lieferte Lusttreffen, sprach sich selber die Seligsprechung — ja er ging so weit, daß er sich zufaͤllig hinein setzte in Wi¬ na's Ecke — Der Jubel wuchs ganz. Man trank fort — in jeder halben Viertelstunde machte ein Diener die Thuͤre auf, um einem zweiten spaͤtern Befehle wegzufangen. Flitte wußte gar nicht, wie er auf einmal zu der Gluͤckseligkeit gelangte, daß man so viel sprach ohne alles Langweilen zum Henker, und daß Raphaela sich so herrlich enthusiasmirte. Zufaͤllig ruͤckte Walt den Fenster-Vorhang und eine Sonne voll warmer Tinten uͤbergoß Raphae¬ lens Gesicht, daß sie es wegkehrte; auf sprang Flitte, wies ihr ihr Sbozzo, fragte, ob es nicht halb aus den schoͤnen Augen gestohlen sei. „Halb? Ganz!“ sagte Walt aufrichtig, aber einfaͤltig; denn sie haͤtte demselben Bildchen eben so gut mit dem Hinter-Kopfe und Stahlkamm gesessen. Der Elsaßer gab ihr darauf einige Kuͤsse oͤffentlich. Er thats vermuthlich zu abrupt, dach¬ te zu wenig daran, daß auch erblickte Empfin¬ dungen — so gut als gelesene — vor dem Zu¬ schauer wollen motivirt seyn; Walt sah eiligst in den Park und stand endlich gar auf. „Ich waͤre ja ein Satanas, dacht' er, ließ' ich sie nicht einander abherzen“ und schlich unter einem landschaftsmalerischen Vorwand ein wenig auf sein Zimmer. Flitte machte sich, so bald er die Thuͤre zugedruͤckt, vom schoͤnen Munde wie¬ der ans Malen desselben und punktirte fleißig. „Wie muͤssen jetzt die Seligen, sagte oben Walt, „einander an den Herzen halten, und die Abend¬ „sonne gluͤht praͤchtig dazwischen hinein!“ — In seine eigne Stube quoll das Fuͤllhorn der Abend¬ rosen noch reicher und weiter aus; dennoch stan¬ den seine verschlissenen Zimmer- Pieces (die Wohn- und die Schlaf-Kammer) im Abstich von der eben verlassenen Putz-Stube und er maß die Kluft seines aͤusserlichen Gluͤcks. Er wurde weich, und wollte aus Sehnsucht, die Liebe wenigstens zu sehen, eben eilig hinunter, als Vult hereintrat. Ans Herz, ins Herz flog ihm Walt: „ach so himmlisch, sagt' er, daß du jetzt eben kommst!“ Vult mit sanfter Stimmung zuruͤckkehrend, that zuerst (nach seiner Gewohnheit) die Fragen nach fremder Geschichte, eh' er die nach eigner auf¬ loͤßte. Walt theilte frei und froh den Ablauf des Notariats-Amtes und den Verlust der 70 Staͤm¬ me mit. „Schlimm ists nur, sagte Vult gelas¬ „sen, daß ich gerade selber verschwende und Geld „verachte; sonst wuͤrd' ich dir aus Vernunft, „Gewissen, Geschichte zeigen, wie sehr und wie „recht ich meine Ebenbildnerei an andern, z. B. „an dir verfluche. Verachtung des Geldes macht „weit mehrere und bessere Menschen ungluͤcklich, „als dessen Ueberschaͤtzung; daher der Mensch oft „ pro prodigo , nie pro avaro erklaͤrt wird.“ — „Lieber ein volles Herz als einen vollen Beutel!“ sagte lustig Walt, und sprach sogleich von der neuen Erbamts-Wahl, und von der schoͤnen Flitte's-Woche, und vom Lobe des Elsaßers: „wie oft, beschloß er, wuͤnscht ich dich her in „unsere heimlichen gefluͤgelten Feste hinein; auch „damit du ihn weniger hart richten lerntest; denn „dieß thust du, Lieber!“ „Flitte scheint dir erhaben? ein Seelenklas¬ „siker oder so? Und seine Lustigkeit poetisches Se¬ „gel- und Flugwerk? fragte Vult. Ich habe „in der That, versetzte Walt, recht gut seinen „schoͤnen Temperaments-Leichtsinn, der nur Ge¬ „genwart abweidet, von dem dichterischen leich¬ „ten Schweben uͤber jeder unterschieden; er freue¬ „te sich nie lange nach.“ — — „Hat er dich in deiner Probe-Woche, „die du dir selber sehr gut ohne allen fremden „Rath gewaͤhlt, keine bedenklichen Spruͤnge ma¬ „chen lassen, die etwa Baͤume kosten?“ sagte Vult. „Nein, versetzte Walt, aber franzoͤsische Fehltritte hat er mir abgewoͤhnt.“ Hier fuhr Notarius fort und bediente sich der fragenden Fi¬ gur, ob Flitte ihm nicht das Feinste entdecket ha¬ be, z. B. daß man nie oder selten comment fra¬ gen muͤsse, sondern hoͤflicher Monsieur oder auch Madame ? Hab' Ers nicht geruͤgt, fragte Walt, als er so ganz unfranzoͤsisch bon appetit wuͤnsch¬ te, oder eine Kammerfrau, femme de chambre zur Kammerjungfer machte, oder einen Friseur nicht coeffeur hieß? Hab' Er ihm nicht gut er¬ klaͤrt, warum porte-chaise dumm sei, weil man die Wahl habe zwischen einer chaise à porteur und porteurs de chaise ? „Ich glaube nicht, sagte Vult, daß dich „diese Sprachstunden mehr kosten als den Rest „des Kabel-Walds.” — „Ein Hund woll' Er „heissen, sagte Walt, schwur mir Flitte, benuͤtz' „Ers. In der Rechtschreibung aber dient' ich „Ihm, z. B. jabot schrieb er chapeau . Ach, „bekaͤme der Arme nur weniger Glaͤubiger und „mehr Geld!” „Das wird eben deine Klippe „auf ihm, sagte Vult. Wer arm wird — nicht „wers ist , — verdirbt und verderbt, und waͤr's „nur, weil er jeden Tag einen andern Glaͤubiger „oder denselben anders zu beluͤgen hat, um nur „zu bestehen. So feiert er jeden Tag ein Fest der „Beschneidung fremder Narren. So muß auch „jeder Schuldner ungemessen prahlen; er muß „mit Leibnitzens Dyadik die 8 (z. B. Gulden) „mit 1000 schreiben. Welche Reden — jeden „Tag eine andere — hab' ich oft denselben Schuld¬ „mann an seinen Faust- und Pfand-Glaͤubiger „halten hoͤren und seine herrliche Unerschoͤpflich¬ „keit Dichtern und Musikanten gewuͤnscht, womit „er dasselbe Thema — daß er naͤmlich eben nichts „habe — so koͤstlich und suͤß immer mit Varia¬ „zionen vorzuspielen verstanden!“ — „Ich lasse dich erst ausreden,“ sagte Walt. „So beschoß z. B., um es kurz zu machen „— fuhr Vult fort — der polnische Fuͤrst *** in „W. jeden Glaͤubiger anders; denn ich stand da¬ „bei, gemeines tiefes Volk beschoß er theils mit „dem dragon , der 40 Pfund schießt, theils mit „dem dragon volant , der 32 — naͤmlich er war „grob gegen das Grobe — Honorazioren, beson¬ „ders Advokaten, denen er schuldete, griff er „theils mit der Coulevrine , die 20 Pf. schießt, „theils mit der demi - coulevrine an, die 10 — „hoͤher hinauf gebraucht' er den Pelican , der 6 „— den sacre von 5 — den sacert von 4 — „und gegen seines Gleichen einen Fuͤrsten, den „ ribadequin , der 1 Pf. schießt.“ „Nun, begann Walt, darf ich dir doch mit eini¬ „ger Zufriedenheit berichten, daß der gute Mensch, „weit entfernt hartherzig zu seyn, eben durch „Arme selber ein Armer wird. Aus lauter guter „Freude uͤber ihn, bezahlt' ich hinter seinem „Ruͤcken zwei Damenschneiderinnen; denn er sel¬ „ber braucht doch nur einen Herrenschneider, und „zwar Einen; so aber uͤberall; z. B. die Bit¬ „terlich.” Da entbrannte der Bruder — sagte, dieß sei vollends der Satan, im Dezember Haͤuser anzu¬ zuͤnden, um einige Braͤnde an Hausarme auszu¬ theilen — niemand verschenke mehr, als Personen, die man spaͤter henke — nichts sei weicher als Schlamm, der versenke — Tyrannen, solche Thraͤ¬ nen-Raͤuber, saͤngen und klaͤngen wie Seraphim, aber mit Recht, da Seraphim feurige Schlangen bedeuteten — und haß' er etwas, so sei es diese Mischung von Stehlen und Schenken, von Mau¬ sen und Maussern — — „O Gott, Vult! — sagte Walt — kann „der Sterbliche so hart richten? — Soll denn „ein Mensch sich gar nicht ein wenig liebhaben „und etwas fuͤr sich thun, da er doch den gan¬ „zen Tag bei sich selber wohnt und sich immer „hoͤrt und denkt, was ihn ja schon mit den nie¬ „drigsten Menschen und Thieren zuletzt versoͤhnt, „naͤmlich das Beisammenseyn? Wer nimmt sich „dann eines armen Ichs von Ewigkeit zu „Ewigkeit so sehr an als dieses Ich selber? „— Ich weiß recht gut, was ich sage; „und jeden Einwurf. Doch basta ! — Nur „moͤcht' ich wissen, wenn man wie du, schon „kalt und ohne Leidenschaft die armen Menschen „so rauh richtet und nimmt: was dann werden „soll in heftiger Hitze, wo man von selber uͤber¬ „treibt? Vielleicht wie mit deiner Uhr, wovon „du mir sagtest, daß der Stift, blos weil er „eben und recht passe, in kalter Zeit gut thue, „aber in der Hitze, weil er sich ausdehne, das „Werk aufhalte.“ „Solltest du nicht getrunken haben? — sag¬ „te Vult. Du sprichst heute so viel; aber in der „That sehr gut.“ Nun bat ihn Walt, selber mit zu trinken, und mit ihm hinab zu gehen, um sich drunten mit eignen Ohren von seinem schoͤnen Leben mit Flitte zu uͤberreden. „Der Tollheit wegen, thu ichs, versetzt' er, ob ich gleich weiß, daß ich beiden buͤrgerlichen Narren einen Eitelkeits-Jubel uͤber die Herablassung eines adelichen bereite; du aber mußt mich mit einer Feinheit zu entschuldi¬ gen wissen, die kaum zu schaͤtzen ist.“ „H. v. Harnisch — fuͤhrte drunten Walt ihn ein — fand mich in meinem Zimmer: wie sollt' ich, Demoiselle, nun mein Vergnuͤgen schoͤ¬ ner theilen, als daß ichs mit Ihm und mit Ih¬ nen zugleich theilte.“ Er warf dieß so leicht hin und bewegte sich so leicht auf und ab — auf den theils von Flitte bisher polirten Raͤdern, theils auf den vom Wein eingeoͤlten — daß Vult ihn heimlich auslachte und sich dabei aͤrgerte; er ver¬ glich still den Bruder mit Minervens Vogel, mit einer Eule, der der Vogelsteller gewoͤhnlich noch einen Fuchs schwanz anheftet. Das erstemal, da ein Mensch, den wir vorher als unbeholfen gekannt, uns beholfen und gewandt voruͤbertanzt, will er unsrer Eitelkeit durch einen Schein der seinigen nicht sonderlich gefallen. Vult war sehr artig — sprach uͤber Malen und Sitzen — lobte Flitte's Miniatur-Punktir¬ kunst als ziemlich aͤhnlich, ob die Farben-Punkte gleich so wenig als rother und weisser Friesel ein Gesicht darstellten — und lockte dadurch den Bru¬ der, der aufrichtiger lebte, in den Ausbruch der schelmischen Zartheit hinein: „Raphaela ist ja nicht weit von Raphael.“ Als jene indeß nach ihrem Trauerreglement der Lust, sich ihr Freudenoͤl in Thraͤnentoͤpfen zu kochen, auf des Floͤtenspielers Musik, dann schnell auf die Blindheit und deren schoͤnen Eindruck auf andere verfiel, und sich nach seinem Augen-Stand erkundigte: unterbrach Vult sie kurz: „das war nur ein Scherz fuͤr mich und ist voruͤber . . . . . . H. Notar, wie koͤnnen wir beide so muͤßig daste¬ hen und reden, ohne zu Malen zu helfen?“ — „H. von Harnisch?“ fragte Walt, ohne com¬ ment zu sagen. „Kann denn nicht einer von uns, Freund, vorlesen, versetzte Vult, — ist nichts dazu da? — und ich dazu die Begleitung blasen? — Wie oft sah ich auf meinen Reisen, daß Personen, welche saßen, sich hoben und ent¬ falteten, weil nichts die Physiognomie, welche der Maler auffangen will, in ein so schoͤnes Leben setzt, als eine mit Musik begleitete Vorlesung von etwas, das gerade anpaßt!“ — Raphaela sagte, sie nehme freilich ein Dop¬ pelgeschenk von Musik und Deklamazion dankend an. Vult faßte einen nahen Musenalmanach, — blaͤtterte — sagte, er muͤsse klagen, daß in allen Musenkalendern leider der Ernst zu hart mit dem Spaß rangiere, wie in J. P. .s Werken, wolle aber Hoffnung geben, daß er vielleicht durch Toͤne zu diesen Mißtoͤnen Leittoͤne herbeischaffe — und reichte Walten eine Elegie, mit der Bitte, sie vor¬ zulesen und darauf unbekuͤmmert die satirische Epistel und dann das Trinklied. Da dieser erfreuet war, daß er seinem Feuer eine Sprache, obwohl eine nachsprechende, geben durfte: so verlas er so, heiß, laut, und taub das sehr ruͤhrende Gedicht, daß er gar anfangs nicht vernahm, mit welchen naͤrrischen \frac{6}{8} Tak¬ ten, Ballet-Passaden, sogar mit einem Wach¬ telruf ihn der Bruder floͤtend sekundirte. Erst als er die satirische Epistel vorlas, hoͤrte er in der Kaͤlte einigen Wider-Ton, daß naͤmlich Vult dem Witze mit Lagrimosi's Passagen und eini¬ gen Sylben aus Haydn's 7 Worten zur Seite ging; er nahm sie aber fuͤr Ueberreste voriger Ruͤh¬ rung. Dem Trinkliede nachher setzte Vult meh¬ rere Languido's -Halte, gleichsam schwarz und weisse Trauerschneppen an. Der Widerstreit pre߬ te den Zuhoͤrern einen gelinden Angstschweiß aus, der eben, wie Vult fest behauptete, ein Gesicht, das sitze, beseele. Aber ploͤtzlich trat ein ganz anderer Miß- und Dur-Ton, der vier Fuß lang war, hoͤflich mit dem Hut in der Hand ins Zimmer. Es kam naͤmlich der Reisediener des Kauf-Herrns in Mar¬ seille, bei welchem Flitte lange gewesen, und praͤsentirte ihm einen faͤlligen Wechsel, den er auf sich ausgestellt. Flitte verlor die Farben, die er Raphaelen geliehen, und verstummte ein wenig, und wurde wieder reich an rother. Endlich fragte er den Reisediener: „warum er so spaͤt am Verfalltage komme? Jetzt hab' er eben nichts.” Der Diener laͤchelte und sagte, er habe ihn vergeblich gesucht zu seinem Verdruße, denn er muͤsse jede Minute fort, so bald er die Valuta habe. Flitte zog ihn aus dem Zimmer auf Ein Wort; aber fast noch unter dem Worte trat der Fremde wieder mit ge¬ zuckten Achseln ein und sagte: „entweder — oder —; in Haßlau gilt das saͤchsische Wechselrecht.“ Lieber fuhr Flitte in die Hoͤlle, welche wenigstens gesellig ist, als in die Einsiedelei des Kerkers; dennoch lief er ohne eine sanfte Miene auf und ab und murmelte fluchende Angriffe; endlich sagt' er franzoͤsisch Raphaelen etwas ins Ohr. Diese bat den Reisediener so lange um Geduld, bis eine Antwort auf ein Blaͤttchen von ihr zuruͤck sei; es war eine Bitte an ihren Vater um Geld oder Buͤrgschaft. Flitte setzte sich wieder zum Malen mit jener Folie des Stolzes nieder, wovon der Diener ei¬ gentlich den Juwel besaß. Walt jammerte leise und flatterte so aͤngstlich um den Bauer, als Flitte in demselben und folgte jedem Umherschies¬ sen des eingekerkerten Vogels aussen am Gitter nach. Vult beobachtete scharf den gewandten Diener: „sollt' ich Sie nicht, sagt' er, in der Gegend von Spolletto schon gesehen haben, wo¬ von die alten Roͤmer, wie bekannt, die Opfer- Thiere hergeholt wegen der weißen Farbe?“ — Ich war nie da und reise blos noͤrdlich (sagt' er), „mein Name klingt zwar italienisch, aber nur meine Großeltern warens.“ „Er heißet Mr. Pa¬ radisi ,“ sagte Flitte. Endlich kam Neupeters Antwort, Flitte sah keck mit Raphaela ins aufgehende Blatt: „ich glaube, du bist betrunken. Dein Vater P. N.“ Mit großem Schmerzen blickte sie sinnend auf die Erde. Der Elsaßer war von oben und von unten geraͤdert zu einem organischen Knaͤul, und sann, wiewohl ins Blaue hinein. Paradisi trat hoͤflich vor Raphaela, und bat um Verge¬ bnug, daß er sie und die Gesellschaft in der schoͤ¬ nen Stunde des Malens unterbrochen habe; „aber, beschloß er, H. Flitte ist in der That ein wenig mit Schuld.“ — „O sacre ! sagte er, was bin ich?“ — „Sie kommen, fragte Raphaela, aus Norden wieder hiedurch? und wann?“ — In 6 Monaten, aus Petersburg, sagte der Reisediener. Darauf blickte sie ihn, dann den Notar mit feucht-bittenden Augen an. „O, „H. Paradisi! (fuhr dieser heraus) ich will ein „Wort „Wort mit wagen — ein Kriegszahlmeister, den „H. Flitte im R. Anzeiger auffodert, muß ihn „dann gewiß bezahlt haben —“ — „Lassen Sie „denn keine Buͤrgschaft bis zu Ihrer Ruͤckkehr „zu, edler Signore ? fragte Raphaela. „Herr Harnisch!” sprach sie und zog ihn in ihr Schlaf¬ zimmer. „Nur auf Ein Wort, H. Notar!“ sagte Vult. „Gleich!“ versetzte Walt und folg¬ te Raphaelen. „Ach guter Harnisch, fing sie leise an, ich „bitte Sie mit Thraͤnen — ich weiß, Sie sind „ein edler Mensch und lieben den armen Flitte so „aufrichtig — denn ich weiß es von ihm selber — „Und er verdients, er geht Freunden durchs „Feuer — Mit diesen meinen Thraͤnen . . . .“ Aber eine nahe laute Trommelschule von Kriegs- Anfaͤngern, ein taub-stumm-machendes Insti¬ tut, zwang sie unwillig inne zu halten. Er blick¬ te ihr unter der Laͤrmtrommel in die großen run¬ den Regen-Augen und nahm ihre weiße Wachs- Hand, um etwan durch beides ihre Bitte zu er¬ rathen. „Mit Wonne thu' ich alles — rief er im wohlduftenden Kabinette voll Abendsonnen, Flegeljahre IV . Bd. 6 und rother Fenstervorhaͤnge, voll Amor und Psy¬ chen, und vergoldeter Standuhren mit heruͤber gelegten Genien, — weiß ich nur was .“ „Ihre Buͤrgschaft fuͤr H. Flitter., (fing sie an) sonst muß er heute noch ins Gefaͤngniß; — hier in Haßlau, ich betheure Ihnen, borgt und buͤrgt fuͤr ihn kein Mensch, selber mein lieber Va¬ ter nicht. — O waͤre meine Wina da; — oder haͤtt' ich mein Nadelgeld noch. . . . — Sie schlug ihren weissen Bettvorhang auf die Seite und wieß ihn oben auf die kurze Furche des blendenden Deckbettes mit den Worten: „da liegt er stets am Morgen, der holdselige Wurm, den ich ernaͤhre, ein Soldatenkind — aber ich buͤrg' Ihnen fuͤr alles.“ — „H. Notarius Har¬ nisch, rief Vult aus dem Malerzimmer, Sie sind hier noͤthig!“ — „Ich bin in der That selig (sagte Walt und faltete die gehobnen Haͤnde) — Auch jene theuren Spielwaaren dort auf dem Tisch, schafften Sie fuͤr Kinder an?“ — „Ach ich wollte lieber, ich haͤtte das Geld noch,“ sagte Raphaela. — „Mit welcher Gesinnung ich H. Paradisi'n Buͤrgschaft leiste, — denn ich leiste sie — brauch ich wahrlich Ihnen in solchem Zimmer nicht auszusprechen; glauben Sie mir!“ sagt' er. Sie stuͤrzte aus ei¬ ner von ihr halb angesetzten Umarmung zuruͤck, druͤckte die Hand und fuͤhrte ihn daran heiter in die Gesellschaft zuruͤck, der sie alles meldete. Der Reisediener dankte dem Maͤdchen lange und ver¬ bindlich, kam aber mit einer fein gekleideten Fra¬ ge uͤber des Buͤrgen Ruͤckbuͤrgschaft zum Vor¬ schein. Sie schrieb hastig eine Bitte an ihren Vater, den der Diener laͤngst fuͤr solid gekannt, damit er diesen uͤber Walts kuͤnftige Reichthuͤmer belehre und bewaͤhre. Paradisi ging handkuͤssend damit ab und versprach wieder zu kommen. Vult bat freundlich den Notar um einen Au¬ genblick auf seinem Zimmer. Auf der Treppe da¬ hin sagte er: „Himmel, Hoͤlle! Rasest du? — „Oeffne nur hurtig! — Eile, fleh' ich! — O Walt, „was hast du heute gemacht im Schlafzimmer! „— Dreh' nicht — es ist Brod im Schluͤssel — „Klopf ihn aus — Ist denn der Mensch ewig ein „Hund, der zu passen hat? — Was hast du „darin gemacht! — Wieder ein Ebenbild „von dir; — wenn nun Feuer waͤre! — Aber „so bist du uͤberall. . . Ein Ebenbild waͤre mir „daraus wahrlich lieber entgegengehuͤpft als du „selber — Gottlob!“ Die Stube war offen. Walt begann: ich erstaune ganz. — „Du merkst „also nicht, sagte Vult, daß alles ein vom Sa¬ „tan gedrehter Fallstrick ist, womit sie dich H. „Buͤrgen wuͤrgen, und in den Fußblock schnuͤ¬ „ren, damit du dich ihnen der dummen Testa¬ „mentsklausel In der neunten steht ausdruͤcklich: „Tagreisen und Sitzen im Kerker koͤnnen nicht zur Erwerbzeit der Erbschaft geschlagen werden.“ so lange verzinsest als du sitzest?“ „Ich fuͤrchte nichts,“ sagte Walt. „Du hoffest wohl, versetzte Vult, der alte Kaufmann werde dir den Kredit schon abschneiden, daß man deine Buͤrgschaft gar nicht annimmt?“— „Das ver¬ huͤte der Himmel!“ sagte Walt. — „Du ver¬ buͤrgst dich?“ — „Bei Gott! schwur Walt. Der Floͤtenspieler sank jetzt steilrecht und ver¬ steinert auf den Stuhl, starrte wagrecht vor sich hin, jede Hand auf eines von den aufgesperrten, rechtwinklichten Knien gelegt und wimmerte ein¬ toͤnig: „nun so erbarms denn Gott und wer will! Das sind also die Garben und Weinlesen, die ich davon trage nach allem Anspannen und Hierseyn! Und der Teufel hauset wie er will! das ist der Lohn, daß ich wie der Rumormeister bald hinten, bald vornen im Heere ritt bei jedem Un¬ fug. — — Nu so schwoͤr' ich, daß ich tausend¬ mal lieber einem Schiffsvolk mitten im Sturm auf einem Schaukel-Schiffe den Bart abnehmen will, als einen Dichter sauber scheeren, den alles bewegt und erschuͤttert. Lieber den Brocken hinauf will ich als hinterster Leichentraͤger im Wedel- Mantel eine Leiche tragen und nachstemmen, als einen Poeten geleiten und fortschaffen hinauf und hinab; denn dem redlichen, nicht ganz vieh¬ dummen Bruder glaubt der Poet weniger als weichem Diebsgesindel, das ihn umstellt und mit Fuͤßen tritt wie ein Toͤpfer den Thon, um ihn zu knaͤten.“ „Ich muß dir gestehen — erwiederte Walt sehr ernst — daß der weichste Mensch zum ersten mal hart werden koͤnnte gegen einen harten, der uͤber die Menschen stets ungerecht richtet. „Wie gesagt — fuhr Vult fort — das thut er nicht, der Poet. Vergeblich reitet ihm ein leiblicher Zwillingsbruder, wie dem Suworow ein Kosak, nach und hat den leichten Nachtstuhl fuͤr ihn am Halse haͤngen, so daß er sich nur zu setzen brauchte aufs Gestelle — er thuts nicht, sondern er zeigt sich — und mehr dazu — der Welt” — „An Menschheit glauben, versetzte Walt, an fremde und eigne — durch sein Inneres ein Fremdes ehren und kennen — das ists, worauf das Leben und die Ehre ankommt; alles Uebrige hole der Henker. Wie, groͤßere Leute haben in groͤßern Gefahren auf Leben und Tod vertrauet, ein Alexander hat seinen Schein-Gift waͤhrend der Brief-Lesung seines Arztes getrunken; und ich sollte den heißen Thraͤnen eines menschenfreund¬ lichen Maͤdchens nicht glauben? Nein, lieber nehm' ich diesen Stab, der ein Bettelstab ist, und gehe damit so weit mich meine Fuͤße tra¬ gen”.. „Weiter kann auch kein Bettler — sagte Vult — aber du unterbrichst. So daß also, will ich nur noch zusetzen, die Alten nicht ohne An¬ spielung dem Gotte der Dichter einfaͤltige junge Schafe geopfert. — Daher ein Reichs-Hofraths- Schluß jeden, der einen Band Gedichte bei Trattner verlegen lassen, sofort pro prodigo er¬ klaͤren sollte, da er in Betracht seiner ewigen goͤtt¬ lichen Apollo's-Jugend von 15 Jahren zu buͤr¬ gerlichen Handlungen, z. B. Schenken unter den Lebendigen nicht faͤhig ist, welche Volljaͤhrigkeit befehlen. . . . . „Nun aber einmal gelassen, Bru¬ „der! Was ist denn das fuͤr ein Leben dahier, „zum Sacrament? — Aber ganz ruhig! Va¬ „ter, Mutter, Zwillingsbruder willst du Leuten „opfern, von denen ich — nichts weiter sage? „Bedenk' alles — siebzig eben gefaͤllte Notariats¬ „Baͤume — eine so unerwartete Verkettung so „vieler Ketten — manche deiner Irrsaale auf „dem Weg nach Rosenhof — und in der That „bist du auch heute ganz. . . . . belebt durch den „Wein. — Am Ende fliegst du wohl gar mit „Sperber- und mit Weihes-Fittichen um das „Brautherz der Sitzerin, Fuchs, und brauchst „den Pinsel-Braͤutigam nur zum Lockvogel, du „Raub- und Spaßvogel! doch du wirst roth. „Was Raphaelens Thraͤnen anlangt — glaube „mir, die Weiber haben groͤßere „ Schmerzen als die , woruͤber sie wei¬ „ nen !” „Gott, wie desto trauriger!” rief Walt. „Weiber und Muͤller, sagte Vult, halten ver¬ „steckte Windloͤcher, damit Mehl fuͤr sie verstaͤu¬ „be, wenn der andere mahlt.” — „Meinetwegen! sagte Walt. Ich gab einem „Frauenzimmer mein Wort. Ich buͤrge. Gott „dank' ich nur, daß er mir eine Gelegenheit be¬ „scherte, das Vertrauen zu zeigen, das man zu „den Menschen haben soll, will man nicht das „eigne verlieren. Soll es aber seyn — lass' mich „reden in dieser Stunde — daß kein Gefuͤhl mehr „wahrsagt, soll der Glaube und die Liebe bluten „und verbluten: o so freu ich mich, daß ich die „Wunde nur empfange, aber nicht schlage. Ich „buͤrge entschieden. Vater-Zorn — aber kennt „er in seiner Dorf-Welt meine hoͤhern Verhaͤlt¬ „nisse? — und Mutter-Zorn — und Kerker „und Noth: es brech' ein; ich buͤrge. Zuͤrne „du. Ich buͤrge und gehe hinab.“ Vult hielt ordentlich noch an sich, ganz be¬ stuͤrzt und aus dem Sattel gehoben von Walts Spruͤngen, der jetzt immer weniger zu regieren war, je mehr er ihn stach und trieb; — vielleicht, weil der sanfteste Mensch, so bald man seiner Freiheit statt zu schmeicheln droht, spornste¬ tig So sagt man von Pferden, welche das Spornen zu nichts bringt als zum Stehen. wird —: „Du gehst, sagte Vult, (ich bitte dich gewiß ruhig), gehe blos in dich. Fahre nicht, wie ein geblendeter Vogel, gerade in die Hoͤhe! Kehr' um. Ich flehe dich, Bruder!“ — „Und muͤßt' ich gleich ins Gefaͤngniß, ich hielte Wort!“ sagt' er — „Verschimmle da, sagte Vult; ich wehr' es nicht; nur aber die klaͤrste Vernunft und Billigkeit behalt' ihr Recht — nur das Gesindel triumphire nicht — Am Ende wird noch dazu erfahren, daß ich mit dir verwandt bin und ich werde so verflucht ausgelacht als einer von uns — Freund, Bruder, hoͤre, Teufel!“ Er ging aber. „O du wahrer Linker! So hiessen in Elterlein bekanntlich die adeligen Insassen. (sagte gluͤhend der Floͤtenist) Doch zusehen will ich dir unten, wie du vor meinen Augen die Wintersaat zur herrlichsten Sommer-Ernte von Distelkoͤpfen fuͤr Finken aussaͤest!“ Als sie eintraten, fanden sie das Liebes-Paar allein; der Reisediener war noch nicht zuruͤckge¬ kommen zu Vult's Verdruß, der oben manche Reden lange gesponnen hatte, um versaͤumen zu lassen. Walts Gesicht gluͤhte bewegt, auch die Stimme; dabei warf er Blicke auf Vult in Angst, dieser werde grob. Aber gegen alles Erwarten war der Floͤtenspieler eine Floͤte; er schauete so unbefangen an und sprach so sanft. „Malen Sie ganz lustig weiter,“ sagte Vult zu Flitten. „Daruͤber kann wohl jeder sein Lied singen, uͤber dergleichen Bußtexte; manche besitzen ganze Lie¬ derbuͤcher. Ich habe selber einmal in diesem Ge¬ sange der drei Maͤnner im Feuer auf eine Weise eine Stimme gehabt, daß ichs beinah' hier zum Besten geben moͤchte, wenn ich wuͤßte, daß es uns zerstreuete. Ich entsinne mich naͤmlich noch sehr wohl, daß ich vorher in London eine Zeitlang in einer Sakristei wohnte und Nachts den Knie¬ polster des Altars als Kopfkissen unterhatte, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus Deutsch¬ land bezog. Nicht ganz reich, noch weniger be¬ quem kam ich mit noch 6 Emigranten auf der Post nach Berlin, aber nicht blind, sondern sammt unserer ganzen geldersparenden Gesellschaft fuͤr ein einmaͤnniges Postgeld. Einer naͤmlich ließ sich stets einschreiben, welcher zahlte und oͤf¬ fentlich vor der Welt einsaß. Draussen stieg ei¬ ner um den andern von uns auf, nach der an¬ cienneté der Muͤdigkeit, indeß die uͤbrigen Deutsch¬ landsfahrer neben dem Wagen auf beiden Seiten mitgingen; so daß vor dem zweiten Posthaus im¬ mer ein anderer Passagier absprang als vor dem ersten aufgesprungen war. Die deutschen Posten fahren immer so gut, daß man schon mit fort¬ kommt zu Fuße. In Berlin selber fuhr ich, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus England bezog, noch viel haͤrter. Vom einzigen Berge da, monte di pietà , hatt' ich Aussicht; in großen Staͤdten miethet man sich alles, Haͤuser, Pferde, Kutschen, boͤse Frauen, besonders aber zuerst Geld. In letzterem ging ich weit. Schulden fuͤh¬ ren wie andere Silber-Pillen erst den Morgen darauf, wenn man ausgeschlafen, das ab, was man noch hat. Eine Figurantin bei dem Ballet, welche ich heirathen wollte; weil sie die Unschuld selber war, und folglich solche nie verlieren konn¬ te, steigerte das Leid ohne Beilied, die Schulden, noch hoͤher, weil wir die Flitter- und Honig- Wochen vor der Ehe abthaten, damit diese nach¬ her ungestoͤrt aus Einem Stuͤck gemacht waͤre; Flittern und Honig wollen aber gekauft seyn. Wie wir freilich liebten, sie im bessern Sinne Figu¬ rantin, ich Figurist, mit welchen Konfigurazio¬ nen — davon ist kein anderer Zeuge mehr da — denn sie wollte kein bloßes Bruststuͤck — als ihr Herzgrubenstuͤck, das ich in einer Ferne von 6 Schuhen malte, indem ich naͤmlich, selber ein lebendiges Kniestuͤck, die niedrigen Beine aus Ehrfurcht hinter mich oder meine Schenkel zuruͤck¬ werfend, vor ihr stand auf den bekannten Scheiben der Kniee. Aerzte haben oft bemerkt, daß ploͤtz¬ liches Erschrecken den Koͤrper und dessen Finger so frostig-knapp einziehe und einklemme, daß Rin¬ ge, die letztern sonst nicht abzuschrauben waren, von selber abglitten. Es sollte mir so gut wer¬ den, etwas aͤhnliches zu beobachten. Das gute Tanz-Wesen erschrack so fuͤrchterlich, als ich nach¬ her beschreiben werde, den 7 Februar im Karne¬ val. Ich stieß bei ihr vorher meine gewoͤhnliche Anzahl Seufzer in einer Minute aus — naͤmlich vier und zwanzig, wovon, weil man in einer nur zwoͤlfmal athmet, die Haͤlfte aus-, die Haͤlfte eingezogen wird — that die alten Wuͤnsche, ich moͤchte meinen Seufzern Luft machen koͤnnen, als ob ein Seufzer aus etwas anderm bestaͤnde, und rief endlich im Feuer aus: „wie viel, du Kost¬ bare, bin ich Berlin schuldig , daß ich dich kennen lernte, Unbezahlbare“ —: als ploͤtzlich bei diesen Worten, wie bei Stichworten, meine ganze Dienerschaft von Lakaien und meine ganze Herrschaft von Hausherren an der Spitze eines Jokeys herein drangen auf mein Theater — leider keines, worauf meine Kebsbraut sprang — und Dinge von mir verlangten, die ich natuͤrlich nicht bewilligen konnte. Meiner Geliebten — die weniger darauf vorbereitet war als ich — ent¬ glitschte vom erschrocknen erkaͤlteten Ringfinger unser großer Ring der Ewigkeit, und sie sagte im Schrecken ohne Bewußtseyn verflucht grob: Herr von Lumpenhund! Wer in Berlin war, wundert sich gar nicht, sondern weiß, wie man da zuweilen angeredet wird, wenn man zwar von Stand und folglich nicht zu bezahlen ist, aber auch nicht zu bezahlen hat. Ich muthmasse, ich waͤre damals gestor¬ ben in der Friedrichs-Straße, waͤr' ich nicht zu meinem Gluͤcke erkrankt an einem hitzigen Fieber. Die Krankheit — weniger der Arzt — rettete mich. Sie, H. Flitte, wurden, hoͤr' ich, von der Ihrigen auf dem Thurm durch die Kunst gerettet; wahr¬ scheinlich also eine ganz andere als die meinige. Mein Fieber organisirte mich so sonderbar, daß mir nicht nur die alten Haare ausfielen — blos zu einem Titus behielt ich schwachen kurzen Pelz — sondern auch die alten Ideen, vorzuͤglich ver¬ druͤßliche. Platner bemerkt recht gut, — so wie den te¬ leologischen Vortheil davon — daß das Gedaͤcht¬ niß des Menschen das Suͤsse weniger fahren lasse als das Bittere. Mit mir — obwohl nicht vom Krankenla¬ ger — standen meine Glaͤubiger auf. „Treffli¬ cher H. Musikhaͤndler Rellstab! — mein Bedien¬ ter versichert, Sie hiessen so — (sagt' ich zu dem bekannten Manne, meinem starken Glaͤubiger) eben mach' ich mich vom hitzigsten Fieber von der Welt auf und habe alles, 100000 Dinge, ja den Namen vergessen, den ich gewoͤhnlich unterschrei¬ be. Erklaͤren laͤßt sichs gut genug aus Physio¬ logie, aus Schweißen, Fieberbildern und Ermat¬ tungen; aber verdruͤßlich ists fuͤr einen Mann wie ich, der gern seine Nota von Musikalien ab¬ fuͤhrt, und dem doch alles entfallen. In dieser Noth bitt' ich Sie, so lange zu warten, bis ich mich der Sache entsinne, guter Rellstab; dann, wahrlich haben Sie Ihr Geld auf der Stelle im Hause, was sich im anderen Sinne ohnehin ver¬ steht.” Darauf erschien der erste Theaterschneidermei¬ ster und Garderobier und ersuchte mich um das Seinige. Ich antwortete: „lieber H. Freytag — denn Sie sind, hoͤre ich, ein Namensvetter des heutigen Charfreitags — entfaͤhrt jedem Schuld¬ ner so viel auf dem Krankenbette als mir (z. B. etwa den Blutschuldnern, Ehrenschuldnern,) so ists schlimm fuͤr Glaͤubiger. Denn mir fuͤr meine Person ist rein alles entfallen, was ich schuldig bin; — Sie werden mir kaum glauben, wenn ich Sie an meine Krankenmatraze fuͤhre, wo ich geschwitzt, und gefiebert, daß ich nichts behalten habe. Muͤnzen helfen hier wenig ohne Gedaͤcht¬ niß-Muͤnzen; es ist aber betruͤbt, Rellstab.” Er heiße Freytag, sagt' er. „Das hole der Teufel, sagt' ich, brauch' ich auch gar einen Kor- Repetitor? Nun, ich will nicht vergessen, mich zu erinnern.” — Der Kammerherr Julius ..... trat ein und wuͤnschte zu meiner Genesung sich sowohl Gluͤck als die zwanzig Friedrichsdo'r Spielgeld von mir. „Ich soll Sie kennen,” sagt' ich. — „Quod¬ deusvult? — Ich hoffe, du verstehst mich,” sagt' er. — „Entschieden!” sagt' ich. „Aber du verschreckst; denn wenn ich weiß, ob ich mehr dir oder dem Mann im Mond oder dem Gro߬ wessir wessir Spielgeld schuldig bin: so will ich nicht krank gewesen seyn. Recht hast du gewiß; aber sollte man sich denn nicht jedesmal, eh' man in ein hitziges Fieber verfaͤllt, tausend Knoten ins Schnupf¬ tuch machen, um genesen manche besser zu loͤsen als durch das Zuwerfen des Schnupftuchs? Sprich, Kammerherr! — Pass' also, bis mir die Memorie wieder aufhilft! — aber verflucht fatal, daß Ihr Leute vom Hofe ganz gegen Plattners Bemerkung gerade nur das Fatale (weniger fast Fatalien) be¬ haltet. Aber wie gehts uͤbrigens? Revuͤe schon an?” — „Wie im Winter, Vult?” sagte Ju¬ lius. Nun, du siehst es selber, sagt' ich. Was macht denn die liebenswuͤrdige Koͤnigin? — Man¬ ches, glaub' ich, vergißt man weniger.” — Darauf bat ich ihn, naͤchstens mich zu erinnern und wir schieden ganz guͤtlich. Anders gings, als ich von der langen Bruͤcke in die Koͤnigsstraße wollte und mich ein gebildeter Jude aufhielt: „lieber Moses! sagt' ich, boͤse Nachrichten! das Fieber hat mich zu einem Titus geschoren.” — „Boͤse! unterbrach der Jude; Flegeljahre IV . Bd. 7 wenn wir Juden einen schlimmen Fuͤrsten malen wollen, so sagen wir: das ist ein wahrer Titus! — Die Tituskoͤpfe bauen uns kein Jerusalem.“ „Sonst — fuhr ich fort — war Hebraͤisch, Ju¬ denteutsch, Neuhebraͤisch, mein Fach, sammt den Huͤlfssprachen, dem Chaldaͤischen, Arabischen — alles ist vergessen durchs starke Fieber, Moses — Sonst kannt' ich meine Schuldner auf hundert Schritte, die Glaͤubiger auf tausend weit.“ — „Wechsel, versetzt' er, sind da gut“ und praͤsen¬ tirte mir einen faͤlligen noch uͤber der Spree“ . . . . . Hier machte aufgeheitert H. Paradisi die Thuͤre auf und dankte Raphaelen sehr fuͤr ihr Blatt, und warf ein hoͤfliches Auge auf Walt. Er nahm dessen Buͤrgschaft an. Selten war der Notarius seliger — und unseliger gewesen. Vults parodischer, zynischer Spaß hatte ihm allein rein¬ bitter geschmeckt — andern nur abgeschmackt —; indeß ihn das neue Gluͤck erquickte, Flittes Ent¬ satz und Schutzgeist zu werden. Vor Vults Oh¬ ren und Augen wurde kuͤhn und kalt die Wechsel¬ sache vollfuͤhrt und geruͤndet und der Floͤtenspieler wurde uͤber die so frei auseinander bluͤhende Ge¬ genwart bestuͤrzt und erzuͤrnt, obwohl heimlich; so wenig vertraͤgt sogar der Kraftmensch fremde Staͤrke und Konsequenz, sobald sie mehr wider ihn auftritt als fuͤr ihn, weil jeder uͤberhaupt vielleicht von fremder mehr zu fuͤrchten als zu hof¬ fen hat. Als der Wechsel erneuert war, schied der Floͤ¬ tenspieler sanft von der Gesellschaft, besonders von Walt. Dieser begleitete ihn nicht. Er fragte Flit¬ ten, ob er die wenigen Stunden, die etwa seiner Probe-Woche noch abgingen, nicht in seinem eignen Zimmer verbringen duͤrfe. Flitte sagte freu¬ dig Ja. Raphaela druͤckte dankend Walten noch ihre zarte Hand in die seinige. Er ging in seine stille Stube zuruͤck, und beim Eintritte war ihm, als wenn er in Thraͤnen ausbrechen sollte, ob vor Freude, oder Einsamkeit, oder Trunk oder uͤber¬ haupt, das wußt' er nicht; am Ende vergaß er sie vor Zorn. N ro . 55. Pfefferfraß. Leiden des jungen Walts. — Einquartirung. Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang weder schlafen, noch seinen Bruder lieben; son¬ dern der Zorn war sein Traum, und das naͤcht¬ liche Aufthuͤrmen zankender Gruͤnde erhitzte ihn zu¬ letzt dermassen, daß er, wenn Vult sich an dessen Bett gewagt haͤtte, vielleicht faͤhig gewesen waͤre, ihm zu sagen: „ich rede nun anders mit dir, Bruder; „setze dich aber nicht aufs scharfe Bettbret, son¬ „dern mehr auf die Kissen herein!” — Unbegreif¬ lich und unverzeihlich fand er dessen Kraft, Men¬ schen ins Gesicht hinein zu martern, den armen Flitte und ihn selber. Schon oͤfters hatt' er bei der Weltgeschichte versucht, in jene maͤchtigen Schnee- und Gletscher-Maͤnner, welche mitten unter dem Hasse eines ganzen Hofs und Volks heiter glaͤnzen und gedeihen, sich so gut poetisch zu versetzen als in andere Karaktere; aber es hatte nie besondern Erfolg — er waͤre eben so gut einer Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm griff schon ein Menschen-Antlitz in die Seele und waͤr' es punktirt an der Puppe eines Nachtschmet¬ terlings erschienen, oder waͤchsern an der Puppe eines Kindes; er haͤtte beide nicht kalt eindruͤcken koͤnnen mit dem Daumen. Er stieg aus dem Bette in einen platt-gemaͤh¬ ten Herbsttag; denn er wollte, wie er pflegte, lieben, und der suͤßesten Empfindung kaum maͤch¬ tig seyn; fand aber nichts Brauchbares dazu, sondern nur die Zuckersaͤure der vorigen Zuckerin¬ sel. Jetzt stellte er sich, da es sein erstes Zuͤrnen war, recht dazu an. Ein Herz voll Liebe kann alles vergeben, sogar Haͤrte gegen sich, aber nicht Haͤrte gegen andere; denn jene zu verzeihen, ist Verdienst, diese aber Mitschuld. Darauf machte er sich auf den matten Weg aufs Rathhaus, um da, wie bisher, sich fuͤr seine Erbamts-Suͤnden wacker abstrafen zu las¬ sen. Der Spaßvogel Flitte, jetzt sein gestriger Ungluͤcksvogel, war schon da — denn er hatte fast nichts auf der Erde, als Zeit —; sammt Paßvogeln, dem Buchhaͤndler. Walt sah so lie¬ be-gießend dem Elsaßer ins Auge, als haͤtte die¬ ser sich fuͤr ihn verbuͤrgt; nie warf irgend ein Feg¬ feuer auf den Gegenstand, der es fuͤr ihn schuld¬ los angezuͤndet, vor seiner Seele irgend einen gel¬ ben haͤßlichen Wiederschein; vielmehr freuete er sich recht, allein im Fegfeuer zu stehen, und den Fremd¬ ling rein aus den Flammen anzuschauen. Der Testaments-Ober-Vollstrecker H. Kuh¬ nold eroͤffnete nach der 7 ten Klausel — moͤchte doch jeder Leser das Testament aus dem Buche heraus¬ geschnitten, broschirt, immer neben sich haben — den geheimen Artikel des Reg ú liertarifs, der rechtmaͤßig zu oͤffnen war. In der That war darin auf jeden franzoͤsischen Germanismus, den Flitte von ihm an Eidesstatt berichten wuͤrde, ein Tag verspaͤteter Erbschaft zur Schulstrafe ge¬ setzt. Flitte erwiederte darauf, „er wisse Nie¬ „mand, der so viel Organ fuͤr franzoͤsische „Sprache besitze, so wie Kalligraphie dafuͤr, als „Herrn Walt, und er entsinne sich keines erheb¬ „lichen Fehlers.“ Walt griff nach dessen Hand, und sagte: „o wie schoͤn, daß ich mir Sie so im¬ „mer dachte! Aber meine Freude ist nicht so un¬ „eigennuͤtzig, als sie scheint, sondern noch unei¬ „gennuͤtziger.“ Der Ober-Vollstrecker wuͤnschte ihm erfreuet Gluͤck — desgleichen der Buchhaͤnd¬ ler — und jener bat ihn um die Wahl des neuen Erbamtes. Es ist sehr schlimm fuͤr diese Geschichte, daß die Welt nicht die sechste Clausel „ Spaßhaft und leicht mags ” auswendig kann, auf wel¬ cher doch gerade die Pfeiler des Gebaͤudes stehen. Der Notar wußte sie ganz gut, und der Buch¬ haͤndler am besten. Als Walt in dem Seelen- Rausche uͤber die schoͤnste Rechthaberey, die es gibt, sich naͤmlich nicht in guten Voraussetzun¬ gen von Flitte geirrt zu haben — nicht so gleich das Erbamt erlesen konnte, das er begleiten wolle: trat Paßvogel zu ihm, und erinnerte ihn an den Buchstaben C der Klausel, welcher sagt, „er soll „als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen.” — Treflich genug! sagte Walt, verstand und erklaͤrte sich dazu; — in das vom Nacht-Zorne zerfressene Herz floßen die kleinsten Erguͤsse menschlicher Mil¬ de balsamisch-heilend ein. Ausserhalb der Rathsstube fand er auf einmal sein Herz um-, und dem Bruder wieder zugewandt; Flitte war gerechtfertigt, er selber entschuldigt, und er verzieh in Massen, blos weil er so viel — Recht gehabt. Nachdem er eilig seinem geaͤngstig¬ ten Vater den schoͤnen Ablauf seines Wochenam¬ tes geschrieben hatte: so machte er sich ernsthafter an seine alte Versetzung ins fremde Ich, und fragte: „kann denn Vult seine Handlungen nach andern Grundsaͤtzen zuschneiden, als nach seinen eigenen? Und wollt' er denn anders, als ich sel¬ ber, eben fuͤr mich handeln? — Jeder begehrt von Andern Gerechtigkeit und dann noch ein we¬ nig Nachsicht dazu; ei gut, so geb' er andern auch beides, und das will ich thun.“ Er fand zuletzt in Vults Stoßkraft eine Ergaͤnzung seiner eigenen weichwolligen Außenseite; die Freundschaft und Ehe wird, so wie ein Fernrohr, durch Zu¬ sammensetzung erhobner und hohler Glaͤser gemacht. Was half aber sein aufgethanes Herz? Nie¬ mand ging hinein. Liebes-schamhaft harrte er, daß Vult nur eine Viertels-Elle von einer weissen Friedensfahne flattern ließe, um sogleich mit Lie¬ besaugen in die fremde Seele einzuziehen; aber nicht einen Fingerbreit davon streckte dieser aus, sondern er schickte ihm Ausschweifungen fuͤr den Hoppelpoppel ohne ein Wort dazu. Walt sandte ihm mehrere Kapitel, die er in seinem Herzens¬ kloster um so leichter aufgesetzt, da ihn Paßvo¬ gel noch immer auf den ersten Korrekturbogen war¬ ten ließ, so wie die Stadt ihn auf irgend ein No¬ tariats-Instrument, das ihn haͤtte stoͤren und bereichern koͤnnen. Ihnen fuͤgt er blos zwey Streck¬ verse bei: I . Meine ganze Seele weint, denn ich bin allein; meine ganze Seele weint, mein Bruder! II . Ich sah dich, und liebte dich. Ich sah dich nicht mehr, und liebte dich. So muß ich dich immer lieben, ich mag nun frohlocken oder wei¬ nen tief im Herz. Einen Tag darauf schickte ihm Vult die aus¬ gearbeitetsten Ausschweifungen zu, und gedachte des Genußes kurz, den ihm jetzt Walts Hoppel¬ poppel oder das Herz zufuͤhre, da jedes Kapitel mit wahrer Kunstwaͤrme erschaffen sey, und uͤber¬ feilt — und schrieb noch, er selber schreibe zwar eifriger als je, duͤrfe aber nicht entscheiden, wie gluͤcklich — und schrieb weiter nichts. „Nun denk' ich“ — sagte Walt zu sich — „weiß ich „recht gut, woran ich bin, ich bin fast sehr un¬ „gluͤcklich — es ist vorbey mit dem Himmel, der „sich hier aufthat fuͤr mein Armen-Auge — Auf „ewig ist mir der Bruder begraben und eingesenkt „— Tritt er etwan einmal vor mich, so, weiß „ich wohl, ists ein Antlitz grimmig verzogen, „und mich wird schaudern durch mein Herz. O „mein Bruder, wie schoͤn war es einst, als ich „dich noch umarmte, und zwar weinen mu߬ „te, aber ganz anders!“ Darauf schrieb er wieder ein gutes Kapitel am Romane, schickt' es ihm mit folgendem, hier ganz mitzutheilendem Briefe: Bruder! Hier! — — — — — — — Dein Bruder G. Vult versetzte nichts darauf. Gott Walt er¬ zuͤrnte sich nach der Terzien-Uhr; dann hatt' er wieder lieb nach der Thurm-Uhr. Nur die Traͤu¬ me drangen mit ihren graͤulichen aufgerissenen Larven in seinen Schlaf, jede mußte wie ein Bruder aussehen, der ihn martert auf einer un¬ absehlichen Folterleiter, auf der er ausgespannt lag von Stern zu Stern. An einem November-Nachmittage ging er in das Wirthshaus zum Wirthshaus, wo er ihn, wie bekannt, nach einem langen Lebens-Winter gefunden hatte, wie einen Mai. Der Herrnhuti¬ sche Wirth pruͤgelte eben, da er eintrat, die Wir¬ thinn aus dem Gasthofe hinaus, warf ihr seinen Jungen nach, und schrie: waͤr' er kein Christ, so wuͤrd' er sie anders behandeln; so eben zaͤhm' er sich, und kein boͤses Wort komme aus sei¬ nem Maule. Walten kannt' er gar nicht mehr, als dieser um das vorige, jetzt zugemauerte, Ober¬ zimmer anhielt, wo er im July geschlafen hatte. Theils Wuͤrste, theils Flachs auf Stroh waren darin auseinander gebreitet. Er entfloh auf den herrnhutischen Gottesacker, wo er einstens, als die Sonne unter- und der Bruder aufging, so froh und so neu geworden. — Aber die Baͤume waren, anstatt begrabne Gerippe laubig zu bedecken, sel¬ ber steilrechte geworden — dabei schneiete es reg¬ nerisch — mehr das Gewoͤlke als die Sonne ging unter — und Abend und Nacht waren schwer zu sondern. Der Notarius sah aus wie der eben re¬ gierende November, der, noch weit mehr dem Teufel als dem April aͤhnlich, nie ohne die ver¬ druͤßlichsten Folgen abtritt. Von da trug er sich verarmet — fern von je¬ nem reichen Morgen, wo er neben dem reitenden Vater zu Fuße hergelaufen — zuruͤck in die Stadt. Als er uͤber die kalt wehende Bruͤcke ging und nichts um ihn war als die oͤde dunkle Nacht: so flogen zwei dicke Wolken auseinander — der helle Mond lag wie eine Silberkugel einem weißen Wol¬ kengebuͤrge im Schoß und der lange Strom wand sich erleuchtet hinab. Auf dem Wasser kam etwas herabgeschwommen wie ein Hut und ein Aermel. „Geht es durch die Bruͤcke unter mir durch, sagte Walt, so nehm' ichs fuͤr ein Zeichen, daß auch mein Bruder so von mir dahin geht; stoͤßt es sich an die Pfeiler, so bedeutet es etwas Gutes.” Er fuhr zusammen, da es unten wieder hervor kam; endlich fiel ihm ein, daß wohl gar ein ertrunkener Mensch unter ihm ziehen koͤnne, ja Vult selber. Er sprang herunter ans Ufer herum, wo sich das schwimmende Wesen in eine Bucht voll Busch¬ wurzeln verfangen hatte. Muͤhsam und zitternd hob er mit seinem Stabe einen leeren Aermel, dann noch einen und darauf gar noch einige auf, bis er sehr sah, daß das Ganze nichts sei als eine ins Wasser geworfene, von der Jahrszeit abgedankte — Vogelscheuche. Aber ein Schauder dauert laͤnger als sein An¬ laß oder Irthum; er ging noch sorgend fuͤr den Bruder in dessen Wohngasse, als seine Floͤte schon von ferne herauf toͤnte und wie nun die Fluth alle die offnen rauhen Klippen der Welt mit Einem weichen Meer zudeckte. Der elende November, der herrnhutische Wirth, die Vogelscheuche und die leere Ebbe des Lebens gingen nun unter in schoͤ¬ nen Wogen. Walt trat, weils finster war — denn am Tage schauete er nur die lange Gasse hinab — dicht vor Vults Haus, obwohl in die Monds-Schatten-Seite. Er druͤckte den Thuͤr¬ druͤcker, wie eine Hand, weil er wußte, wie oft ihn die bruͤderliche mußte angefaßt haben. Vult, dieß merkte er aus dem Schatten und dem Licht¬ schimmer gegenuͤber, mußte mit dem Notenpulte nah' am Fenster stehen. Als wieder ein langer Wolkenschatte die Gasse heraufflog: schritt er quer uͤber und guckte hinauf, und sah hinter dem er¬ leuchteten Notenpulte das so lange begehrte Ge¬ sicht; und weinte bitter. Er ging an ein großes rothes Thor seitwaͤrts, worauf Vults Schatten¬ riß, aber graͤulich aus einander gezogen wie ein angenagelter Raubvogel hing und kuͤßte etwas vom Schatten, aber mit einiger Muͤhe, weil sein eigner viel verdeckte. Gern waͤr' er jetzt zu ihm hinauf gegangen mit der alten Bruder-Brust an sein Herz; aber er sagte: „blies' ich selber droben, o so weiß ich al¬ les wohl — nein es gaͤbe fuͤr mich kein fremdes Herz; aber er ist fast immer das Widerspiel seines Spiels und oft fast hart, wenn er sehr weich da¬ hin floͤtet. — Ich will ihn in seiner Geister-Lust nicht stoͤren, sondern lieber manches zu Papier bringen und morgen schicken.” Er thats zu Hause, die Floͤtentoͤne des Bru¬ ders fielen schoͤn in das Rauschen seiner Gefuͤhle ein — er versiegelte einen geistigen Sturm. Er legte dem Sturm zwei Polymeter uͤber den Tropf¬ stein bei, dessen Saͤulen und Bildungen bekannt¬ lich aus weichen Tropfen erstarren. Erster Polymeter . Weich sinkt der Tropfe im Hoͤlen-Gebirge, aber hart und zackig und scharf verewigt er sich. Schoͤner ist die Menschen-Thraͤne. Sie durch¬ schneidet das Auge, das sie wund gebiert; aber der geweinte Diamant wird endlich weich, das Auge sieht sich um nach ihm und er ist der Thau in einer Blume. Zweiter . Blick' in die Hoͤle, wo kleine stumme Zaͤhren den Glanz des Himmels und die Tempelsaͤulen der Erde spielend nachschaffen. Auch deine Thraͤnen und Schmerzen, Mensch, werden einst schimmern, wie Sterne, und werden dich tragen als Pfeiler. Vult antwortete darauf: „muͤndlich das Uebrige, Lieber! Wie mich unser so wacker ge¬ foͤdertes Schreiben freut, weißt du besser als ich selber.“ — „So hol' ihn der Henker, sagte Walt, ich habe mehr eingebuͤßt als er, denn ich lieb ihn ganz anders.“ Er war nun so ungluͤcklich als es die Liebe auf der Erde seyn kann. Er webte — ganz entbloͤßt von Menschen und Geschaͤften — seinen Roman fort, als das einzige duͤnne leichte Band, das sich noch aus seiner Stube in die bruͤ¬ derliche spannen ließ. An einem Abende, als der ausgewachsene reife Mond gar zu hell und loͤsend schien, bedacht' er, ob es denn nicht schicklich sei, ordentlich Abschied zu nehmen. Er schrieb folgendes Briefchen: „Empfange mich nicht uͤbel, wenn ich die¬ sen Abend um 7 Uhr komme. Wahrlich, ich nehme nur Abschied; alles wird auf der Erde oh¬ ne Abschied aus einander gestuͤrmt; aber der Mensch nimmt seinen von einem Menschen, wenn er kann, wenn kein Meer-Sturm, wenn kein Erdbeben die Seelen-Naͤchsten ploͤtzlich zerwirft. Sei wie ich, Vult; ich will dich nur wieder sehen und dann nicht laͤnger. Antworte nur aber nicht; weil ich mich fuͤrchte.“ Er bekam auch keine Antwort, und wurde noch furchtsamer und trauriger. Er ging Abends, aber ihm war, als sei der Abschied schon vorbei. In Vults Stube war Licht. Welche Buͤrde trug er er die Treppe hinauf, nicht um sie oben abzula¬ den, sondern zu verdoppeln! Aber niemand sagte: komm' herein! Das Zimmer war ausgeleert, die Kammerthuͤre offen — auf einem Stallleuchter wollte ein sterbendes Licht verscheiden — die Bett¬ stelle beherbergte, gleich einer Scheune, nur fata¬ les Stroh — verzettelte Papier-Spaͤhne, Brief- Umschlaͤge, zerschnittene Floͤten-Arien bildeten den Bodensatz verlaufener Tage — es war das Gebeinhaus oder Gebeinzimmer eines Menschen. Walt dachte im ersten Unsinn des Schreckens, Vult koͤnne, wenn nicht damals, doch spaͤter, im Wasser gelegen seyn, und griff alle Papier-Reli¬ quien mit groß tropfenden Augen halb unbewußt zusammen. Auf einmal rief die baßstimmige Frau des Theaterschneiders herauf, wer droben umtra¬ be. Harnisch, versetzt' er. Da fuhr sie die Treppe herauf und schalt: das sei Harnischens Stimme nicht. Als sie ihn gar im Finstern sah — denn er hatte das sterbende Licht getoͤdtet, weil jede Nacht besser ist, so wie der Tod besser als Ster¬ ben, — so mußt' er sich mit der Theaterschnei¬ Flegeljahre IV . Bd. 8 derin in ein anzuͤgliches Hand- naͤmlich Wortge¬ menge uͤber seine Diebs-Tendenzen einlassen und zuletzt uͤber sein Luͤgen. Denn er hatte sich in der Eile fuͤr Vults dasigen Bruder ausgegeben und doch gefragt, wohin Vult gekommen sei. Verworren und gescholten wanderte er seiner Stube zu und schlich auf den Treppen voll Lichter und Leute — der Hofagent gab einen tanzenden Thee — gebuͤckt hinauf. Da fand er sein Zimmer aufgethan und einen Mann darin mit Haͤmmern arbeitend, um sich gut einzurichten in seiner neuen Wohnung. Es war Vult. „Erwuͤnschter — sagte Vult und nagelte an einer Theaterwand fort — Aber guten Abend! Er¬ wuͤnschter, meint' ich naͤmlich, kann mir nichts kommen, als du endlich kommst. Schon seit Schlag sieben vexir' ich mich ab, um alles aufs Beste aufzustellen und etwa so einzurichten, daß keiner von uns nachher brumme oder grunze; unterstuͤtze mich aber dabei, bei der gemeinschaftlichen Ein¬ richtung und hilf! — Du siehst mich so an, Walt? — „Vult? — Wie? — Sprich nur! (sagte Walt) Es koͤnnte doch etwas himmlisches seyn! Und sei nur von Herzen willkommen!“ Hier lief er mit Kuß und Umhalsen an ihn; Vult konnte aber, da er in der einen Hand den Nagel hielt, in der andern den Hammer, nichts dazu ablassen als Gesicht und Hals, und antwor¬ tete: „die Hauptsache ist wohl, daß du jetzt ein vernuͤnftiges Wort daruͤber hoͤren laͤssest, wie die Sachen zu traktiren sind fuͤr beiderseitige Lust. Denn ist einmal alles fest genagelt: so aͤnderts der Mensch ungern. Mich daͤucht aber, so besitzest und beherrschest du gerade das eine Fenster und fast druͤber, und ich das andere; ein drittes fehlt.“ „Ich weiß wahrlich nicht, was du vorhast, aber mache nur alles und sage dann, was es ist,“ sagte Walt. „So muß ich dich gar nicht verste¬ hen, versetzte Vult, oder du mich nicht. Solltest du kein Briefchen von mir erhalten haben?“ sagte Vult. — Nein, sagte er. „Ich meine das heutige, fragte jener fort, worin ich schrieb, ich wuͤrde dein Schweigen fuͤr ein Ja auf meine Bitte nehmen, daß wir doch moͤchten zusammen wie ein Voͤgelpaar Ein Nest oder Quartier bewohnen, dieses naͤmlich? Wie?“ — „Nichts (sagte Walt). Aber du willst dieß? O warum traut' ich denn deinem Gemuͤthe weni¬ ger? Gott zuͤchtige mich dafuͤr! O wie bist du!“ — „In diesem Falle muß ich das Blatt noch in der Tasche tragen, (versetzte Vult und zog es hervor) zuvoͤrderst muͤssen wir aber unsern Stuben- Etat fuͤr den Winter ins Reine und aufs Trockne bringen; denn, Freund, leichter vertraͤgt sich ein Simultaneum von Religionsparteien in einer Kir¬ che als eines von Zwillingen in einer Stube, wie sie dann schon als kleine Kraken nicht einmal im Mutterleibe es ein Jahr lang ausdauern, sondern sich sondern. Mein Wunsch ist allerdings, daß die Feuermauer, die ich zwischen uns Flammen gezogen, — und die Buͤhnenwand langt zum Gluͤck so nett — uns koͤrperlich genug abtrenne, um uns nicht geistig zu trennen. Die Scheide¬ wand ist auf deiner Seite mit einer schoͤnen Reihe Pallaͤste uͤbermalt, auf der meinigen ist ein arka¬ disches Dorf hingeschmiert und ich stoße nur die¬ ses Pallast-Fenster auf, so seh' ich dich von mei¬ nem Schreibtische an deinem. Reden koͤnnen wir ohnehin durch die Mauer und Stadt hindurch.” „Das ist ja koͤstlich,” sagte Walt. „Wir arbeiten dann in unserm Doppel-Kaͤfig am Hoppelpoppel Tag und Nacht, weil der Win¬ ter fuͤr Autoren und Kreuzschnaͤbel die beste Zeit zum Bruͤten ist, und wir darin und die schwarze Nießwurz (was sind wir anders als Nießwurz der Welt?) im Froste bluͤhen.” „O herrlich,” sagte Walt. „Denn ich muß leider bekennen, daß ich bis¬ her aus einer Ausschweifung in die andere, naͤm¬ lich aus spaßhaften in reelle gerathen und in der That wenig gegeben. So aber werden wir beide schreiben und dichten, daß wir rauchen; — nur fuͤr Buͤcher und Manuskripte wird gelebt, naͤmlich von Honorarien. — In 14 Tagen, mein guter Freund, kann schon ein sehr huͤbscher Aktenstoß an einen Verleger ablaufen vom Stapel.” „O goͤttlich”, sagte Walt. „Falls ein solches gemeinschaftliches Zusam¬ menbruͤten in Einem Neste — ich als Tauber, du als Taͤubin — nicht am Ende einen Phoͤnix oder sonst ein Fluͤgel-Werk aussitzen kann, das sich vor der Nachwelt so gut sehen laͤsset, daß sie ihre Vorwelt fragt, wer beide Bruͤder waren, wie lang, wie breit, wie sie gegessen, genieset, und was die Gebruͤder sonst fuͤr Sitten und Moͤbeln und Narrheiten gehabt; wenn das, sag' ich, nicht der Fall bei uns seyn soll: so will ich nicht im Ernste gesprochen haben.” „Ach du schoͤner Gott”, rief Walt mit Freu¬ denblicken. „Fressen will ich meine Zunge vor Hunger und, wie man von Bomben sagt, krepieren, crêper , wenn wir uns hier nicht lange vorher lieben, eh' wir uns zanken, kurz uͤberhaupt wenn nicht Sachen vorfallen, wovon in Zukunft ein Mehreres muͤnd¬ lich. — „Bei Gott, du gibst mir neues Leben,” sagte Walt. „Haͤltst du es aber genehm, sagte Vult und fuͤhrte ihn in die Schlafkammer, daß ich unsere Bettstellen durch die spanische Wand — fuͤr die spanischen Schloͤsser der Traͤume — queer geschieden halte? Ich sehe sie aber mehr fuͤr einen alten Bettschirm an.” „Du kennst daruͤber meine Grundsaͤtze, sagte Walt; ich hielt es schon in fruͤhern Jahren fuͤr unschicklich, nur mit einem Freunde gymnastisch zu ringen oder ihn zu tragen, es muͤßte denn aus Lebensgefahren seyn.” Darauf zeichnete ihm Vult den ganzen Weg und engen Paß vor, worauf er hereinkommen, ferner seine Zukunfts-Karten. Schon laͤngst hab' er, sagt' er, zu ihm ziehen wollen, theils aus Liebe fuͤr ihn und den Hoppelpoppel, theils des halbirten Miethzinses halber, theils sonst. Neu¬ lich auf einem Spaziergange hab' er sich in die Gunst der guten Raphaela zuruͤck geschwungen, mit welcher er als mit einem Hebels-Langarm dann den Vater habe bewegt. Vor einer Stunde sei er mit der Theaterwand von Purzel und mit dem Koffer eingetroffen und habe den Stubenschluͤs¬ sel im bekannten Maußloch gefunden. „Nun erbrich aber doch mein Schreiben”, beschloß er. Auf dem Umschlag stand: „an H. Walt, abzu¬ geben bei mir.” Walt bemerkte nicht, daß auf dem Briefe neben Vults Siegel auch seines stand und daß es jener alte war, worin Vult ihm in der Zukunft das naͤchtliche Poltern, Thuͤren-Zuwerfen seines Polter- oder Schmollgeistes voraussagt, um nach¬ her entschuldigt zu seyn, und den wir fruͤher gele¬ sen als Walt, oder vielmehr spaͤter. B. II . S. 10. Walt glaubte eilig, er meine eine von heute an zukuͤnf¬ tige Zukunft und sagte, dahin komm' es nicht; aber als Vult ihm am Datum zeigte, daß eine vergangne geschildert sei: so faßte der Notar seine Haͤnde mit beiden fest, sah ihm in die Augen und fing mit langem Ton der Ruͤhrung an: Vult! — Vult! — Den Floͤtenspieler druͤckte es, daß er eini¬ ge Tropfen in die eignen Augen, uͤber die er mit den gefangnen Haͤnden nicht hin fahren konnte, mußte treten lassen: „nun, fuhr er auf, auch ich bin kein Kiesel; lasse mich aber auf mein Zimmer ge¬ hen und auspacken,” und fuhr hinter die Buͤh¬ nenwand. Er packte aus und stellte auf. Walt ging im seinigen auf und ab und erzaͤhlte ihm uͤber die Stadt heruͤber seine bisherigen Versuche, ihren Seelen-Tauf-Bund zu erneuern. Alsdann kam er wieder in den Verschlag und half ihm sein Haus- oder Stubengeraͤthe ordnen. Er war so huͤlf-fer¬ tig, so freundlich-thaͤtig, er wollte dem Bruder so viel Plaz aufdringen samt Fenster-Licht und Moͤbeln, daß Vult heimlich sich einen Narren schalt, daß er ihm den eigensinnigen Widerstand in der Flittischen Wechselsache zu hart nachgetra¬ gen. Walt hingegen stellte seiner Seits wieder heimlich den Floͤtenspieler ins groͤßte Glanzlicht, dafuͤr daß er ihm zu Liebe den Widerwillen gegen Raphaela ersticke; und nahm sich vor, alle schoͤ¬ nen Zuͤge desselben unbemerkt aufzuschreiben, um sie als Rezepte nachzulesen, wenn er wieder knur¬ ren wolle. Die Guͤtergemeinschaft und Stuben- Verbruͤderung wurde auf die hellsten Graͤnzvertraͤ¬ ge zuruͤckgebracht, damit man am Morgen gleich anfangen koͤnnte, beisammen zu seyn. Schoͤn be¬ merkte Vult, man muͤsse innerlich dem Zorne recht viel Plaz machen, damit er sich abtobe und todt renne an den Gehirnwaͤnden; dann werde ja dem Menschen nichts leichter als mit dem gestorbenen Wolf im Herzen ein weiches Lamm zu seyn aussen mit der Brust. Man koͤnnte aber hier noch an¬ dere Bemerkungen machen, z. B. — Die starke Liebe will fuͤr Fehler nur bestra¬ fen und dann doch vergeben — — Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird: so ist daran blos eine hassende Denkungsart uͤber alle Menschen schuld, die ihn dann in jedem einzelnen Falle ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht. — — Die hoͤch¬ ste Liebe kennt nur Ja und Nein, keinen Mittel¬ stand; kein Fegefeuer, nur Himmel und Hoͤlle; — und doch hat sie das Ungluͤck, daß sie Gebur¬ ten der Stimmung und des Zufalls, die nur zu Vorhimmel und Vorhoͤlle fuͤhren sollten, zu Pfoͤrtnerinnen von Himmels- und Hoͤllenthoren macht — Beide kleideten von einander die eigen¬ thuͤmlichsten Gefuͤhle in allgemeine Saͤtze ein. Aber als Vult hinter dem Schirme ins Bett einstieg: sagt' er: „versetze mir nichts darauf — denn ich stopfe mir eben die Ohren mit dem Kopfkissen zu — aber ich glaube selber, ich haͤtte dich bisher noch besser lieben koͤnnen.“ — Nein, ich dich, schrie Walt. N ro . 56. Fliegender Heering. Brief des Biographen — Tagebuch . Gegenwaͤrtiger Biograph der jungen Harni¬ sche bekam nach dem Abschlusse der vorigen Num¬ mer, (des sogenannten Pfefferfraßes,) von dem Haßlauer Stadt-Rathe vier neue — naͤmlich den fliegenden Heering 56, den Regenpfeifer 57, die Giftkuttel 58 und die Notenschnecke 59 — sammt einem aͤußerst wichtigen Tagebuche Vults uͤber Walt. Darauf antwortete er den trefflichen Testa¬ ments-Exekutoren Folgendes, was durchaus als ein Zeitstuͤck der Flegeljahre hereingehoͤrt. P. P. Indem ich Ihnen, verehrlicher Stadtrath und Vollstrecker, die Ausarbeitung der 55sten Nummer Pfefferfraß zusende und den Em¬ pfang der vier neuesten Naturalien, der Num¬ mern 56, 57, 58, 59, desgleichen des Vultischen Tagebuchs, bescheinige: leg' ich zugleich die vier Kapitel fuͤr das Nummern-Viereck bei, welche ich dadurch geliefert zu haben hoffe, daß ich das Vultische Tagebuch unzerzauset einwob und es durch Ueberschriften in Kapitel schnitt und andere Drucker-Sachen anflocht, z. B. Gaͤnsefuͤße, um Vults jetzige Worte von meinen kuͤnftigen zu schei¬ den. Man griffe ohne weiteres meinen Karakter an, wenn Sie mich deßhalb etwan einen Schelm, einen Naturalien-Raͤuber schoͤlten und einen Ar¬ beits-Knauser. Saͤh' es ein verehrlicher Haßlauer Stadtrath etwan lieber, — was so unmoͤglich zu glauben —, wenn ich den herrlichen Vult, einen zwar außen ungemalten, aber innen schoͤn gla¬ sirten Sauertopf, mit meinen Toͤpferfarben um¬ zoͤge? Oder kann irgend ein Testament ansinnen, daß ich einem fremden Karakter etwas aus meinem eignen vorstrecke? Mich duͤnkt, ich und saͤmmtli¬ che poetische Weberschaft haben oft genug bewie¬ sen, wie gern und reich wir jedem Karakter — und waͤr' er ein Satan oder Gott — von unserem lei¬ hen und zustecken. Wir gleichen am wenigsten — dieß duͤrfen wir sagen — jenem englischen Geitz¬ halse, Daniel Dancer, welcher auf einen frem¬ den Acker nichts von dem, was die Natur bei ihm uͤbrig hatte, wollte fallen lassen, sondern wie toll vorher auf seinen eignen rannte mit der Sache. Sondern recht freudig leihet der Roman¬ cier alles, was er hat und was er ist , seinen geschriebenen Leuten ohne das geringste Ansehen der Person und des Karakters! Folglich haͤtte wohl niemand Vults Tagebuch so gern umge¬ ackert und besaͤet als ich, waͤr' es noͤthig gewesen. Andere Gruͤnde, z. B. Zeitmangel und Haus- Tumult schuͤtz' ich nicht einmal vor, weil diese sich auf persoͤnliche Vertrauungen gruͤnden, wo¬ mit man wohl schicklicher das Publikum, als ei¬ nen verehrlichen Stadtrath, behelligt; worunter aber in jedem Falle die Nachricht gehoͤren wuͤrde, daß ich gestern nach meinem Wechselfieber des Wechsels — doch nur mit Staͤdten — wieder aus Koburg abgezogen bin nach Bayreuth. Niemand muß uͤberhaupt die Zeit mehr sparen als einer, der fuͤr die Ewigkeit nicht so wohl lebt — das thut jeder Christ — als schreibt. Wie viel Blatt¬ seiten laͤsset denn die Biographia britannica un¬ seres Ichs der Historiole des Universums uͤbrig? — Wie ohnehin alles uns Dichter druͤckt, schei¬ nen nur die alten Holzschnittschneider zu ahnen, wenn sie Bienen und Voͤgel — diese bildlichen Verwandten unsers Honigs und unsers Flugs — blos als fliegende Kreutze zeichnen. Wer haͤngt an diesen Kreutzen als wir Kreuztraͤger, z. B. Ihr testirter Bayreuth, d. 13. August 1804. Biograph, J. P. F. Richter ? Jetzt geht Walts Geschichte so fort, naͤmlich Vults Wochenbuch faͤngt so an: „Ich schwoͤre hiemit mir, daß ich ein Tage¬ buch wenigstens auf I Vierteljahr schreiben will; hoͤr’ ich fruͤher auf, so strafe mich Gott oder der Teufel. Von heute — dem Tage nach dem gestri¬ gen Einzuge — geh' es an. Ja wenn mich der Gegenstand — nicht ich, sondern Walt — hinge, pfaͤhlte, knebelte, zerfetzte, nach Siberien schickte, in die Bergwerke, in die zweite Welt, in die drit¬ te, ja in die letzte: so fuͤhr' ich das Wochenbuch fort; und damit ich nicht wanke, so will ich mit den Fingern, die man sonst dazu aufhebt, es herschreiben: Ich schwoͤre. Die Welt — welche aber nie dieses Blatt be¬ kommen soll — kann sich leicht denken, uͤber wen das Wochenbuch gefuͤhret werde; nicht uͤber mich. Ein Tagebuch uͤber sich macht jeder Dinten-Mann schon an und fuͤr sich, wenn er seine opera om¬ nia schreibt; bei einem Schauspieler sinds die Komoͤdienzettel; bei einem Zeitungsschreiber die Jahrgaͤnge voll Welthaͤndel; bei einem Kaufmann das Korrespondenzbuch; bei einem Historienmah¬ ler seine historischen Stuͤcke; Angelus de Con¬ stantio , der an seiner storia de regno di Napoli 53 Jahre verschrieb, konnte bei jeder Reichsbege¬ benheit sich die seinigen obwohl nur auf 53 Jahre denken; und so schreibt jeder Verfasser einer Welt¬ geschichte damit seine eigne mit unsichtbarer Dinte dazwischen, weil er an die Eroberungen, innern Unruhen und Wanderungen der Voͤlker seine eignen herrlich knuͤpfen kann. Wer aber nichts hat und thut, woran er seine Empfindungen bindet, als wieder Empfindungen: der nehme Lang- und Queerfolio-Papier und bringe sie dazu, naͤmlich zu Papier. Nur wird er Danaiden- und Teufels¬ arbeit haben; waͤhrend er schreibt, faͤllt wieder etwas in ihm vor, es sei eine Empfindung oder eine Reflexion uͤber das Geschriebene — dieß will wieder niedergeschrieben seyn, — kurz der beste Laͤufer holet nicht seinen Schatten ein. Und welch ein lumpiges knechtisches katoptri¬ sches Nach-Leben, dieses grabes-luftige Zuruͤck¬ athmen aus lauer Vergangenheit statt eines fri¬ schen Zugs aus frischer Luft! Das fluͤchtige Ge¬ tuͤmmel wird ein Wachsfigurenkabinet, der bluͤ¬ hende flatternde Lebensgarten ein festes pomologi¬ sches Kabinet. Ists nicht tausendmal kluͤger, der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, und der froͤhliche Trieb thut seinen Windstoß in die Blumen und Wellen hinein, wirft Blumenstaͤubchen und Schif¬ fe an ihren Ort und gaͤhnt und stoͤhnt nicht wie¬ der erbaͤrmlich zuruͤck? Hingegen ein Tage- und Wochenbuch uͤber andere! — Ich gesteh' es meinem geneigten Leser, dem guten Vult, dieß ist etwas anderes; aber ich muß freilich sehen und — anfangen. Doch so viel laͤsset sich auch, ohne anzufangen, annehmen, daß mein Hausherrlein und Bruͤder¬ lein lein Walt, vielleicht zu einem historischen Roman (den Titel „Toͤlpeljahre eines Dichters“ verschwoͤr' ich nicht) zu verbrauchen ist, naͤmlich als Held, besonders da er eben in Liebes-Bluͤte und vollends gegen eine Haͤßlichkeit Gegen Raphaela, glaubt er. steht; wenn mich nicht der ganze neuliche Wechsel-Prozeß und sein heißes Vertheidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betruͤgt. Nur ist durchaus er¬ forderlich, daß ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt, wie eine herkulanische Buͤcherrolle, auseinander winde und dann kopire. Ich seh' auch nicht ein, warum ich nicht uͤberhaupt so gut einen goͤttlichen Roman schreiben sollte, wie Bil¬ lionen andere Leute. Mir selber ist Schriftstelle¬ rei so gleichguͤltig, Vult! Wie ich lebe, nicht um zu leben, sondern weil ich lebe, so schreib' ich blos, Freund, weil ich schreibe. Worin soll denn das Ebenbild Gottes sonst bestehen, als daß man, so gut man kann, ein kleines Aseitaͤtchen aseitas , seine eigne Ursache seyn. ist und — da schon Welten mehr als genug Flegeljahre IV . Bd. 9 da sind — wenigstens sich Schoͤpfer taͤglich er¬ schafft und genießt, wie ein Meßpriester den Ho¬ stiengott? — Was ist uͤberhaupt Ruhm hienie¬ den in Deutschland? Sobald ich mir nicht einen Namen machen kann, daß ich vom Niedrigsten bis zum Hoͤchsten taͤglich genannt, gelobt und vor Begierde verschlungen werde — diesen Namen aber hat in Deutschland weiter niemand als Broi¬ hann, naͤmlich der erste Bauer des Broihanns — so erhebe mich doch nie ein Journal, fleh' ich. Eben so gern als einer Vergroͤßerung durch das¬ selbe, will ich einem Erzengel zu Gebote stehen, welcher mit einem mittelmaͤßigen Sonnen- und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes etwas verdienen will und daher, um an¬ dern neugierigen Markt-Engeln die Wunder Got¬ tes und des Mikroskops zu zeigen, mich als die naͤchste Laus einfaͤngt und auf den Schieber setzt mit vergroͤßerten Gliedmassen zum allgemeinen Bewundern und Eckeln. Dieß bei Seite, so merk' ich noch fuͤr dich besonders an, liebes Waͤltlein, falls du der zwei¬ te Leser dieses Wochenbuchs wuͤrdest, wie dein Vult der erste ist — in welchem Falle du aber ein ausgemachter ausgebaͤlgter Spitzbube waͤrest, der sein gestriges Wort braͤche, nie in meine Papiere zu blicken — ja ich setz' es absichtlich zur Strafe der Lesung fuͤr dich her, was ich jetzt behaupten werde, daß ich naͤmlich dich aͤchter zu lieben fuͤrchte als du mich liebst. Waͤre dieß gewiß: so ging' es schlimm. Sehr zu besorgen ist, mein' ich, daß du — ob du gleich sonst wahrlich so unschuldig bist wie ein Vieh — nur poetisch lie¬ ben kannst, und nicht irgend einen Hans oder Kunz, sondern bei der groͤßten Kaͤlte gegen die besten Haͤnse und Kuͤnze, z. B. gegen Klothar, in ihnen nur schlecht abgeschmierte Heiligenbilder deiner innern Lebens- und Seelenbilder knieend verehrst. Ich will aber erst sehen. Du wirst dich nicht erinnern, Waͤltchen, daß ich dir gestern oder heute oder morgen wei߬ gemacht, daß ich nicht aus andern Gruͤnden, sondern deinetwegen allein in deine Schweiß-, Dachs- und Windhunds-Huͤtte eingezogen bin. Folglich log ich nichts vor. Nur keine Luͤge sage der Mensch, dieser Spitzbube von Haus aus! Fast alles ist gegen einen Geist eher erlaubt, weil er gegen alles sich wehren kann, nur keine Luͤge, welche ihn wie ein altroͤmischer Henker die un¬ mannbare Jungfrau in der Form der innigsten Vereinigung schaͤnden und hinrichten will. Schauest du also so sehr spitzbuͤbisch und ehr¬ vergessen in dieses Journal: so erfaͤhrst du hier nach dem vorigen Doppel-Punkt, daß ich ein Narr bin, und eine Naͤrrin will, mit Einem Wort, daß ich eben ein Fenster von dir, — wie zu einer Hinrichtung Damiens um vieles Geld — gemiethet, blos um aus dem Fenster mich selber hinzurichten, naͤmlich hinunter zu sehen in den Neupeterschen Park, wenn Wina , in die ich mich vergafft habe, zufaͤllig mit deiner Ra¬ phaela lustwandelt. Ich freue mich darauf, wie wir beide an unsern Fenstern stehen und hinab¬ schmachten und laͤcherlich seyn werden. Nichts ist komischer als ein Paar Paare Verliebter; noch mehr waͤr' es ganzer rechter und ein linker Fluͤgel, der seufzend einander gegen uͤber staͤnde; — hin¬ gegen eine ganze Landsmannschaft von Freunden saͤhe nur desto edler aus. Fuͤr jeden ist eine Frau freilich etwas ande¬ res; fuͤr den einen Hausmannskost, fuͤr den Dich¬ ter Nachtigallenfutter, fuͤr den Mahler ein Schau¬ essen, fuͤr Walten Himmelsbrod und Liebes- und Abendmahl, fuͤr Weltmenschen ein indisches Vo¬ gelnest und eine pommersche Gaͤnsebrust — kalte Kuͤche fuͤr mich. Die Lungensucht, welche Lie¬ bende und die Waͤrter der Seidenraupen — jene wollen ja auch Seide dabei spinnen — davon tragen, wird mich als Seladon eher verlassen als ergreifen, weil ich so lange die lungen-ge¬ faͤhrliche Floͤte einstecke, als ich auf den Knieen liege und spreche. Ich bin dir aber wirklich sehr gut, Wina, zumal da deine Singstimme so ka¬ nonisch ist und so rein! — Aber ich will denn mein heutiges Tagebuch uͤber den Bruder anhe¬ ben. . . Nachtrag zu N . 56. der fliegende Heering. Das vorstehende war zur Testaments-Exe¬ kuzion abgeschickt, als ich es von derselben — dem trefflichen Kuhnold — mit diesem Briefe wieder bekam: „Verehrtester Herr Legazions-Rath! Ich glaube nicht, daß die van der Kabelschen Erben das bloße Einheften der zugefertigten Dokumente, wie das Vultische Tagebuch ist, fuͤr eine hinlaͤng¬ liche Erfuͤllung der biographischen Bedingungen, unter welchen Ihnen das Naturalienkabinet testi¬ ret worden, nehmen werden. Und ich selber bin, gesteh' ich, mit den Vortheilen meines Geschmacks zu sehr dabei interessirt, als daß es mir gleich¬ guͤltig seyn sollte, Sie durch Vult verdraͤngt zu sehen. Ihr Feuer, Ihr Stil ꝛc. ꝛc. — — hul¬ digen Die Bescheidenheit erlaubt nicht, Lobspruͤche ste¬ hen zu lassen, die, wie leicht zu errathen, den Gegenstand zu einem litterarischen Pair ausrufen und die desto groͤßer und folglich desto unverdien¬ ter sind, je feiner, gebildeter und aufrichtiger der Geschmack des H. Buͤrgermeisters bekanntlich ist. . — Dazu steht noch vieles andere dagegen. Es kommen im Verfolge des Vultischen Tagebuchs — zumal im Februar, wo er in vollen Flammen tobt — Stellen vor, deren Zynismus schwerlich durch den Humor, weder vor dem poetischen, noch sittlichen Richterstuhle, zu entschuldigen steht. Z. B. die am 4ten Februar, wo er sagt, „das junge Leben als eine Sonne verschlingend verdauen und es als einen Mond kaken“ — Oder da, wo er dem dezenten Bruder, um ihn zu aͤr¬ gern, erzaͤhlt, wie er, da er kein Wasser um sich gehabt, um es ins vertrocknete Dintenfaß zu gießen, sich doch so geholfen, daß er eintunken konnte, um sein Paquet Briefe, seinen „Briefbeu¬ tel“, zu schreiben. Das zweite mag eher hinge¬ hen, daß er, wenn er mit vielen Oblaten Paque¬ te gesiegelt und doch keine Siegelpresse und keine Zeit, sondern zu viele Arbeit gehabt, sich blos ei¬ ne Zeit lang darauf gesetzt, um andere Sachen zu machen unter dem Siegeln. Es sind uͤber¬ haupt, Verehrtester, in unserer Biographie so manche Anstoͤßigkeiten gegen den laufenden Ge¬ schmack — vom Titel an bis zu den Ueberschrif¬ ten der meisten Kapitel — daß man ihn wohl mehr zu versoͤhnen als zu erbittern suchen muß. Noch einen Grund erlauben Sie mir, da er der letzte ist. Unsere Bieographie soll doch, der Sache, der Kunst, der Schicklichkeit und dem Testamente gemaͤß, mehr zu einem histori¬ schen Roman als zu einem nackten Lebenslauf ausschlagen; so daß uns nichts verdruͤßlicheres begegnen koͤnnte, als wenn man wirklich merkte, alles sei wahr. Werden wir aber dieses verhuͤten — verzeihen Sie mein unhoͤfliches Wir — wenn wir blos die Namen veraͤndern, nicht aber den Stil der Akteurs? Denn wird man uns nicht auf die Spur kommen schon durch Vults unveraͤn¬ dert geliefertes Tagebuch allein, so bald man dessen Stil mit dem Stil des Hoppelpoppels (auch dieser Titel gehoͤrt unter die Gesammt- Ruͤge), den die Welt gedruckt in Haͤnden hat und dessen Verfasser seit dem neulichen Artikel im litterarischen Anzeiger jeder kennt, zusammen zu halten anfaͤngt? O ich fuͤrchte zu sehr. — Aber alle diese Noten stoͤren die Verehrung nicht, womit ich ewig ꝛc. Kuhnold . Ich antwortete Folgendes: „Ich fluche, aber ich folge. Denn was haͤlf' es, den Deutschen zuzumuthen und das Bei¬ spiel zu geben, nur wenigstens auf dem Druckpa¬ pier — nicht einmal auf dem Reichsboden — so keck zu seyn als ihre Vorfahren im 16ten, 17ten Saͤkul auf beiden waren? Gedachte sagen, sie hofften seitdem von den Franzosen weiter gebracht zu seyn. Unser Diamant der Freiheit ist aus un¬ serem Ringe in einen Drachenkopf gekommen, wo er nicht eher glaͤnzen kann als bis wir im Drachenschwanze stehen. Ich weiß nicht, ob ich mich dunkel erklaͤre, hoff es aber. Trefflichster! der Humorist hat zwar einen naͤrrischen, widerlichen Berghabit zum Einfahren in seine Stollen; — er verleibt sich zwar nach Vermoͤgen alle Aus- und Miß-Wuͤchse der Menschheit ein, um das Beispiel der Mißgebur¬ ten zu befolgen und zu geben, die in vorigen Jahrhunderten blos darum mit fleischernen Fon¬ tangen, Manschetten und Pluderhosen geboren wurden, um damit der Welt, wie die Strafpre¬ diger erriethen, ihre angezogenen vorzuwerfen; — und hiemit waͤre Vult entschuldigt —; aber wie gedacht, ich folge und schlage nichts ein als den alten aristotelischen Mittelsteig, der hier darin be¬ steht, daß ich weder erzaͤhle, noch erdichte, son¬ dern dichte; und wenn Skaliger in einem Werk¬ chen von 8 Bogen uͤber seine Familie im Stande war, vierhundert und neun und neunzig Verfaͤl¬ schungen anzubringen, wie Scioppius gut erwie¬ sen Mencken de Charl . erud . ed . IV . : so duͤrfte in einem Werkchen von eben so vielen Baͤnden die Doppelzahl davon eben so leicht als nuͤtzlich ausfallen. Vor dem Errathen der wahren Namen un¬ serer Geschichte duͤrfen wir, H. Buͤrgermeister, uns nicht aͤngstigen, da bisher fuͤr keine von al¬ len Staͤdten, die ich in meinen vielen Romanen abkonterfeiet habe, der Buͤschingische Name aus¬ gespaͤhet wurde, ungeachtet ich in einigen davon selber wohnte, sogar z. B. in Haelwebeemcebe und Efgeerenengeha . Indeß ersuch' ich die Testaments-Exekuzion, daß mir doch Vults Einleitung zu seinem Tage¬ buch sammt unserem Briefwechsel daruͤber in den fliegenden Heering ( No . 56.) einzunehmen zuge¬ lassen werde, weil Sachen dadurch vorbereitet werden, die ohne das Tagebuch kein Mensch mo¬ tiviren kann, naͤmlich Vults schnelles Einzie¬ hen und Verlieben. Wahrlich Sie, verehr¬ licher Stadtrath, sind gluͤcklich und erfahren nichts von den Vater- und Mutterbeschwerungen ertraͤglicher Autoren. Sie als Menschen stehen sammtlich unter dem herrlichen Satze des Grun¬ des, und der Freiheit dazu, und alles was Sie nur machen oder sehen, bekommen Sie sogleich schon motivirt — — Aber Dichter haben oft die groͤ߬ ten Wirkungen recht gut fertig vor sich liegen, koͤnnen aber mit allem Herumlaufen keine Ursachen dazu auftreiben, keine Vaͤter zu den Jungfernkin¬ dern. Wie ihnen dann Kritiker mitspielen, die weniger mit als von kritischem Schweise — der hier die Krankheit, nicht die Krisis ist — ihr Brod verdienen, wissen der Himmel und ich am besten. Der ich verharre ꝛc. ꝛc. J. P. F. R. Meiner Bitte wurde, wie man sieht, willfahren. N ro . 57. Regenpfeifer. Doppel-Leben . „Der Himmel besteht wahrscheinlich aus ersten Tagen — wiewohl die Hoͤlle auch — so sehr jauchzet mich heute dein elendes Nest an,” sagte Vult beim Fruͤhstuͤck. Beide gingen in ihre Wohnungen an ihre Arbeiten nach Hause. Vult schrieb am Tagebuch ein wenig und schnitt zwei brauchbare Ausschweifungen sogleich heraus fuͤr den Hoppelpoppel. Dann sah er aus dem Fen¬ ster und sprach zur freundlichen Raphaela herab, welche auf Vaters Befehl im Garten Wach-ste¬ hen mußte, weil man die Bildsaͤulen wie die Orangerie-Kaͤsten in die Winterquartiere trug. Da er voraus sah, daß Walt ihn hoͤren muͤßte, so schneiete er zierlich-gefrorne Eisbluͤmchen von Anspielungen auf Liebe, Kaͤlte, Halbgoͤtterchen und ganze Goͤttinnen hinab, welche, hofft' er, Walts und Raphaelens Waͤrme schon zu schoͤnen bunten Tropfen aufthauen wuͤrden. Raphaela ließ aͤhnliche Eisblumen an seinen Scheiben an¬ schießen; und wurde im kalten Wetter des Gar¬ tens schoͤn geheitzt, blos weil Vult ein Mann und ein Edelmann war. Fuͤr manches Maͤdchen sitze ein Ahnen-Mann auf seinem Stammbaum so eingliedert und zerschoßen wie ein Schuͤtzenvo¬ gel am dritten Tage auf der Stange, sie wird doch an ihm gern zur Koͤnigin und will ihn er¬ zielen. Mit einer Freude ohne Eifersucht gab sie ihm auf die Frage, wann der General mit seiner Tochter komme, die Hoffnung ihrer Naͤhe. Kaum hatten die Gebruͤder mit groͤßerer Muͤhe wieder zu fliegen und zu scherzen angefan¬ gen im Roman: so stand Vult auf und murmel¬ te so zu sich — Walt mußt' es hoͤren —: „ich wuͤßte nicht, warum ich nicht zu meinem einsa¬ men Bruder einmal einen Spaziergang machte, da die Wege von hier zu ihm noch ebener und fe¬ ster sind als selber in Chursachsen.” Darauf oͤff¬ nete er das Kapfensterchen am gemahlten Palla¬ ste der Buͤhnenwand und rief hindurch: kannst du mich hoͤren? Ich haͤtte Lust zu dir zu mar¬ schiren, wenn du eben allein waͤrest. „Du Schelm, du guter,” sagte Walt. Jener reisete denn um die Wand mit anderthalb Schritten und dem Wandnachbar entgegen mit vorgestreck¬ tem Handschlag sagend: „mich schroͤckt das Schneegestoͤber draußen wenig ab, dich in deiner Einsiedelei aufzusuchen und sie vielleicht zu ver¬ wandeln in eine lachende Zweisiedelei.“ — „Bru¬ der, sagte Walt, vom Schreibetisch aufstehend, koͤnnt' ich komisch dichten oder duͤrfte man einen Freund abschatten in Rissen und Schattenrissen: wahrlich ich schriebe jeden Schritt ab von dir. Aber ich glaube nicht, daß es sich geziemt, ein geliebtes Herz auf den poetischen Markt zur Schau zu legen. Bin ich etwa zu sehr im Schreib¬ feuer?“ „Nein, versetzte Vult, auch nicht im Rech¬ te; ists Zufall oder was, daß du in der Stube wieder ein Linker bist, und ich ein Rechter? Bekanntlich hießen im Dorfe Elterlein die fuͤrst¬ lichen Unterthanen am rechten Bachufer die Rech¬ ten, die adelichen am linken die Linken. — Aber ich muß endlich nach Hause, Alter, und da spaßen — vor Welt und Nachwelt.“ Er ging. Walt hielt es fuͤr Pflicht, ihn auch bald zu be¬ suchen, um ihm die Einsperrung in eine halbirte Stube ein wenig zu vergelten. Er sagte Vulten, wie heute so viele andere Zufaͤlle sich zu ihrem Gluͤck vereinigten, daß z. B. der erste Schnee falle, der von jeher etwas haͤusliches und heimi¬ sches fuͤr ihn aus der Kindheit gehabt, gleichsam die Maienbluͤmchen des Winters — und daß er heute von hier aus die ersten Drescher hoͤre, diese Sprach- oder Spielwalzen des Winters. „Du meinst die Flegel, sagte Vult; nur stoͤret ihr Takt meiner Floͤte ihren.“ — „Wie kommts bei¬ laͤufig, mein Alter, — sagte Walt — daß ein fast so einfaͤltiger Vers, der den Takt von drei Dreschern nachklappen soll, etwas Anziehendes fuͤr mich hat: „im Winter, mein Guͤnther, so drischt man das Korn; wenns kalt ist, nicht alt bist, tapfer gefror'n.“ — Es kann so seyn, ant¬ wortete Vult, daß der Vers in seiner Art vor¬ trefflich ist, und nachahmend, wer wills wissen? — Oder auch, weil ihn uns unser Vater so oft aus H. v. Rohrs Haushaltungs-Recht vorlas. Naͤmlich in Chursachsen hatte damals die Dre¬ scherzunft besondere Gesetze. Z. B. wer wie du weißt, das halbe Vierte nicht nach dem Verse drasch: Fleisch in Toͤpfen, laßt uns hoͤpfen, be¬ kam 40 Streiche mit der Wurfschaufel auf den Steiß. So wars ein Zunftartikel, daß man fuͤr jeden Zank in der Scheune einen neuen Flegel ab¬ geben mußte; eine Strafe, welche bei litterari¬ schen Zwistigkeiten schon im Fehler selber abge¬ fuͤhrt wird. Beide hoben wieder das Schreiben an. „Ich dachte jetzt daran — rief ihm Vult aus dem Pallastfensterlein — als ich dich laut das Papier umwenden hoͤrte und innen hielt, wie von solchen Kleinigkeiten ganze europaͤische Staͤdte, fuͤr die wir etwa arbeiten, mit ihren feinsten Empfindun¬ gen geradezu abhaͤngen. Eine von Staub verdickte Dinte — oder eine elende weiße, die sich spaͤter schwaͤrzt — ein aͤhnlicher bestohlner Kaffer — ein rauchender Ofen — eine knuspernde Maus — ei¬ ne verdammte rißige Feder — ein Bartscheerer, der dich gerade mitten in deinem hoͤchsten Schuß durch den Aether einsaift und dir mit dem Bart die Fluͤgel beschneidet — — sind das nicht lauter elende Wolkenflocken, welcher einer ganzen Erde eine Sonne voll Strahlen, um einen Autor so zu zu nennen, verdecken koͤnnen? Es ist ja or¬ dentliche Fopperei der Welt. Auf der andern Seite ist es allerdings — schreibe aber dann fort — eben so ermunternd und erhaben, daß der Tropfe Dinte, den du oder ich nachher aus der Feder aufs Papier im Stillen hinfloͤßen, Wasser fuͤr die Muͤhlraͤder der Welt seyn kann — aushoͤ¬ lendes Aetzwasser und Tropfbad fuͤr das Riesen¬ gebirge der Zeit — ein Riechspiritus und Hirsch¬ horngeist fuͤr manches Volk — der Aufenthalt des Meergottes als Zeitgeistes — oder sonst etwas aͤhnliches dem Tropfen, womit ein Banquier oder ein Fuͤrst Staͤdte und Laͤnder uͤberschwemmt. Gott! womit verdient man es, daß man so er¬ haben ist? — Jetzt schreib aber.“ Abends gegen vier Uhr hoͤrte Walt deutlich, daß Vult zu Floren sagte: „eh' du uns bettest, schoͤnes Kind, so laufe zum H. Notarius Har¬ nisch, in meiner Nachbarschaft, und ich ließ' ihn bitten, diesen Abend zum Thee, auf einen Thé marchant — und bringe nur mir Licht, weil er dann keines braucht.“ — Walt erschien, um das erstemal in seinem Leben einen Thee anders als Flegeljahre IV . Bd. 10 nach Laxiermitteln zu trinken. Vult gab ihn mit Wein, den er nie vergaß zu borgen. „Wenn die Alten schon den Ahorn mit Wein begossen, wie viel mehr wir den Lorbeer! — Wer einen Hoppelpoppel schreibt, sollte ohnehin einen Hop¬ pelpoppel trinken, ja er sollte beides vereinen, und ein Punsch-Royalist werden, wenn du weißt, was Punsch royal ist. Ich genieße das Leben sub utraque .“ Beide fuͤhrten darauf ihre guten Diskurse wie Menschen pflegen und sollen. Vult: „Ich sprech unendlich gern — vorher eh' ich das Gesprochne aufschreibe. Tausend Sachen lassen sich erfinden, wenn man keift und kriegt. Daher kommts vielleicht, daß man auf Akademien sich in alle Wuͤrden und Erlaubnisse, zu lehren, nicht wie an Hoͤfen hineinschmeichelt, sondern hinein¬ zankt, d. h. disputirt, wozu Sprechen so noͤthig, z. B. so bring ich selber diesen Einfall oder den vormittaͤgigen vom Flegel zu Papier.“ — Walt: „darum werden Briefe als Nachhalle der Ge¬ spraͤche so geschaͤtzt.“ — Vult: „denn sogar zum Philosophiren ist ein zweites Menschengesicht be¬ huͤlflicher als eine weiße Wand- oder Papier¬ Seite.” — Walt: „O Lieber, wie hast du Recht! Doch kann es nicht so sehr auf poetische Darstel¬ lungen passen, als auf scherzhafte und witzige und philosophische; dir hilft Reden mehr, mir schweigen.” — Vult: „Der Winter ist uͤberhaupt die furcht¬ barste Lettern-Zeit; Schneeballen gefrieren zu Buͤcherballen. Hingegen, wie reiset und fliegt ein Mensch im Lenz! Hier waͤren Bilder leicht; aber die Ostermesse ist der beste Beweiß.” — Walt: „Es ist, als wenn der Mensch von neuen Bergen aus Wolken umschlossen, ohne Himmel und ohne Erde, blos im Meer des Schnees trei¬ bend — so ganz allein — kein Sington und keine Farbe in der Natur — ich wollte etwas sagen; naͤm¬ lich der Mensch muß aus Mangel aͤußerer Schoͤ¬ pfung zu innerer greifen.” Vult: „Trink' diese Tasse noch. O sehr wahr! Wiewohl wir heute eben nicht viel geschrieben und ich gar nichts.” Beide bedauerten nur, daß ihre so schoͤne Ge¬ meinschaft der Guͤter durch Mangel an Guͤtern etwas gestoͤrt wuͤrde, indem alles, was sie von Gold in Haͤnden haͤtten, sich blos auf die Gold¬ finger daran einschraͤnke. Weder Vult konnte auf dem Instrumente, das er blies, noch Walt mit den Instrumenten, die er jetzt selten zu machen bekam, sich viel verdienen. Armen-Anstalten fuͤr beide mußten getroffen und jeder der Allmo¬ sen-Pfleger des andern werden. Noch heute, ja auf der Stelle mußte ein Zauberschlag von un¬ absehlichen Folgen gethan werden; sie thaten ihn im Weinfeuer mit vier Armen. Sie schickten die ersten Kapitel und Aus¬ schweifungen des Hoppelpoppel oder das Herz an den Magister Dyk in Leipzig zum Verlage. Denn ein Werk kann immer mit dem hintern Ende noch in der Schneckenschale des Schreib¬ pultes wachsen, indeß das vordere mit Fuͤhlhoͤr¬ nern schon auf der Poststraße kriecht. Sie setzten ihre erste Hofnung guͤtiger Annahme darum auf den Magister, weil sie glaubten, ein Buchhaͤnd¬ ler, der selber ein Gelehrter ist, habe doch immer mehr pruͤfenden Geschmack fuͤr Manuskripte als ein Buchhaͤndler, der erst einen Gelehrten haͤlt, wel¬ cher pruͤft. Walt mußte im Briefe — auf Vults Welt¬ Rath — sich stolz gebehrden und viel begehren, und sich alle Rechte der folgenden Auflagen vor¬ behalten. „Da Milton — setzte er hinzu — 12 Guineen fuͤr sein verlohrnes Paradies einstrich: so wollen wir, um in Leipzig zu zeigen, wie we¬ nig wir uns ihm gleichsetzen, acht und vierzig be¬ gehren.” — Der Notar erstaunte, daß ein Autor, besonders er, die große Gewalt ausuͤbe, Papier, Druck, Format, und Staͤrke der Auflage — 3000 Exemplare wurden dem Magister zu drucken erlaubt — dem Verleger vorzuschreiben. Vult trug darauf selber die Kapitel auf die saͤchsische Post, um, wie er sagte, einmal wieder die Welt zu sehen. Am Tage darauf schufen beide sehr. Ein junger Autor glaubt, alles was er auf die Post schickt, sei schon dadurch verlegt und gedruckt, und schreibt darum fleißiger. Kein Besuch, kein Fest, kein Mensch, kein Brief stoͤrte sie. Vult hatte kein Geld und Walt war zum Sitzling geboren. Dichter bauen, wie die afrikanischen Voͤl¬ ker, ihre Brodfelder unter Musik und nach dem Talte an. Wie oft fuhr Walt uͤbergluͤcklich vom Sessel auf und durch die Stube mit der Feder in der Hand (Vult sah oben uͤber die spanische Wand hinein und merkt' es an ) und ans Fenster und sah nichts und konnte den suͤssen Sturm kaum aus der Brust aufs Papier bringen und setzte sich wieder nieder! Darauf sagt' er uͤberfliessend: „Floͤte immer, mein Vult, du stoͤrest mich nicht; ich gebe gar nicht darauf Acht, sondern verspuͤre nur im Allgemeinen das Ertoͤnen vor¬ theilhaft.“ — „Sagt mir lieber, ihr Kautz, von was ich jetzt auszuschweifen habe in Euerem Kapitel, damit wir beisammen bleiben?“ sagte Vult. Ueber dem Essen — bald auf Walts, bald auf Vults Zimmer — dehnten beide die Mahlzeit in die Laͤnge, die aus Einer Porzion fuͤr zwei Menschen bestand, weil kein Wirth die zweite herborgte (was jedoch das Beisammenwohnen desto schoͤner motivirt), und zwar dadurch, daß sie mit hoͤherem Geschmacke sprachen als mit koͤr¬ perlichem und mehr Worte als Bissen uͤber die Zunge brachten. Sie rechneten aus, um wie viele Meilen die ersten Kapitel dem Magister Dyk schon naͤher waͤren, mit welchem Feuer der Hoppelpoppel ihn durchgreifen und aus allen Fu¬ gen schuͤtteln wuͤrde und ob das Drucken etwa, wenn es anginge, nicht so schnell fortginge, daß mit dem Schreiben kaum nachzukommen waͤre. — Vult bemerkte, wenn ein Romanschreiber ge¬ wiß wuͤßte, daß er sterben wuͤrde — z. B. er braͤchte sich nur um — so koͤnnt' er so seltsame herrliche Verwicklungen wagen, daß er selber kein Mittel ihrer Aufloͤsung absaͤhe, ausser durch seine eigne; denn jeder wuͤrde, wenn er todt waͤre, die durchdachteste Entwicklung voraussetzen und darnach herum sinnen. „Weißt du denn gewiß, „Walt, daß du am Leben bleibst? Sonst waͤre „manches zu machen. — Inzwischen seh' ich „jetzt in unsrer Stube herum und denke daran, „wie auffallend, falls wir nun beide durch un¬ „sern Hoppelpoppel uns unter Ehrenpforten und „in Unsterblichkeits-Panthea hinein schrieben, „unser Nest wuͤrde gesucht und besucht werden — „jeden Bettel, den du an die Wand spucktest, „wuͤrde man wie aus Rousseau's Stube auf der „Peters-Insel abkratzen und abdrucken — die „Stadt selber bekaͤme einigen Namen, wahr¬ „scheinlich nach Aehnlichkeit von Ovidiopolis „den Namen Harnischopolis — Was mir aber „die persoͤnliche Unsterblichkeit versaͤuert, ist, „daß mein Name nur lange waͤhrt, nicht „ lang Lange bezieht sich auf Zeit, lang auf Raum. . O wer es wissen koͤnnte bei der Tauf¬ „schuͤssel, daß er sich einen großen Namen mach¬ „te, wuͤrde sich ein solcher Mann, wenn er sonst „scherzt, nicht einen der ausgestrecktesten erkie¬ „sen, zum Beispiel (denn der Sinn hat nichts „zu sagen) den Namen, den schon ein Muskel „fuͤhrt, naͤmlich Mr. Sternocleidobronchocri¬ „cothyrioideus . Belesene Damen kaͤmen zu „ihm und redeten ihn an: H. Sternocl und „koͤnnten nicht weiter. Militairs thaͤtens nach „und sagten: H. Sternocleido ! — Die Gelieb¬ „te allein suchte den Namen auswendig zu koͤn¬ „nen und liebt' ihn so lange als sie ausspraͤche: „theurer M . Sternocleidobronchocricothyrioid ! „Er wuͤrde gern zitirt von Gelehrten, weil schon „sein Name eine Zeile gilt vor Setzern und Kaͤu¬ „fern. — Apropos! Warum schickt denn der „Sieben-Erbe Paßvogel nicht den ersten Korrek¬ „turbogen, gemaͤß allen Testaments-Klauseln „in Haßlau?“ „Der Autor bessere noch an der Handschrift, „ließ er mir vorgestern sagen,“ sagte Walt. — Darauf verschnauften sich beide in der Luft. Wie manchen fluͤchtigen Zug der hoͤhern Staͤnde schnapp¬ te der Notar auf der Straße im Vorbeigehen auf fuͤr seinen Roman. Die Art, wie ein Haßlauer Hofkavalier aus dem Wagen sprang oder wie ei¬ ne Graͤfin aus dem Fenster sah, konnte roman¬ tisch niedergeschrieben werden und Ein Mann fuͤr Tausend stehen und fallen! Diese Uebertragungs- Manier, ein Farbenkorn zu einer erhobenen Ar¬ beit zu machen, erleichtert Bauernsoͤhnen das Studium der hoͤhern Staͤnde unglaublich. Aus demselben Grunde besuchte Walt am liebsten die Hofkirche und that die Augen auf. Alsdann ging man nach Hause und ans Er¬ schaffen, das so lange waͤhrte bis es finster wur¬ de. Auf die Daͤmmerung verschoben sie — um Licht zu ersparen — theils weitlaͤuftigere Gespraͤche, theils Floͤte. Wenn Vult so blies hinter der Wand und Walt so dort saß im Finstern und in den blauen Sternenhimmel sah und an den Mor¬ gen in Rosenhof dachte und an Wina's Herz und Wiederkunft und unter dem mondhellen Floͤten- Lichte sein klippenvolles Leben eine romantische Gegend wurde: o so stand er oft auf und setzte sich wieder hin, um den Bruder dadurch im Bla¬ sen nicht zu stoͤren, daß er ihm bekannte, wie ihn jetzt die Minuten in Brautkleidern umtanzten und mit Rosenketten umfloͤchten. Aber wenn er ausgeblasen hatte, und nach der langen Polar¬ daͤmmerung Licht kam: so sah ihn Walt forschend an und fragte froh: „bist du zufrieden, Bruder, mit dieser suͤssen Enge des Lebens; und mit den Orchester-Toͤnen und innern Zauberbildern, die wir heute vielleicht eben so reich, nur ungestoͤr¬ ter, genossen haben als irgend ein großer Hof?“ — „Eine wahre Himmelskarte ist unser Leben, versetzte Vult, freilich vor der Hand nur ihre weisse Kehrseite; doch einen Thaler, den mir je¬ mand auf die Karte legte, saͤh' ich nicht mit Un¬ lust.“ Am Morgen darauf sprach Walt von seinen schoͤnen Aussichten auf die floͤtende Nachtigallen- Daͤmmerung. Etwas muͤhsam wurde Vult zu einer neuen Wiederschoͤpfung des melodischen Him¬ mels gebracht. Aber mit desto groͤßerem Feuer erzaͤhlte darauf der Notar, wie gluͤcklich er die daͤmmernde harmonische Hoͤrzeit angewandt ha¬ be, naͤmlich zur Verfertigung einer Replik und eines Streckverses im Roman; der Held sei, — hab' er unter der Floͤte gedichtet — getadelt wor¬ den, daß er uͤber das Wort einer alten, kranken, dummen Frau, welche ihn fuͤr seine Gaben an jedem Abend in ihr Gebet eifrig einzuschliessen versprochen, sich innigst erfreuet, allein der Held habe versetzt: nicht ihres Gebetes Wirkung auf ihn waͤre ihm etwas, sogar wenn diese gewiß waͤ¬ re, sondern die auf sie selber, daß ein so frieren¬ des Wesen doch jeden Abend in eine schoͤne Erhe¬ bung und Erwaͤrmung gelange. „Ist das kein wahrer Zug von mir, Vult?“ „Es ist ein wahrer von dir (sagte Vult). In der Kunst wird, wie vor der Sonne, nur das Heu warm, nicht die lebendigen Blumen.“ Walt verstand ihn nicht; denn oft kam es ihm vor, als finde Vult zuweilen spaͤter den Sinn als das Wort. Im naͤchsten Daͤmmerungs-Feiertag, und Feierabende, naͤmlich im dritten, war der dritte abgeschaft, Vult griff kein Floͤtenloch, blies kei¬ ne Note. Aber der Bruder nahm den kuͤnstleri¬ schen Eigensinn nicht uͤbel, hielt den Bruder fuͤr so gluͤcklich als sich und wandte nichts ein gegen einen Wechsel der Daͤmmer-Partien. „Hab' ich denn nicht eine Luftroͤhre wie du, so gut zu Lau¬ ten gebohrt als die Floͤte? Kann ich denn dir nichts sagen, ohne das Holz ins Maul zu ste¬ cken? — Diskuriren wir lieber beiderseits,” sag¬ te Vult. In den folgenden Daͤmmerungen kehrte die¬ ser zur alten Sitte zuruͤck, hinter den Laternen¬ anzuͤndern die Gassen zu durchstreifen — ein Abentheuer mit einer Schauspielerin zu bestehen — Burgunder allein zu borgen (Walten hielt er, seit dieser ihn mit Zucker absuͤßte, keines mehr wuͤrdig) — mit der Floͤte in fremde Floͤten auf der Gasse oder in die Kulisse einzutreten — und sich endlich auf dem Kaffee-Hause halb todt zu aͤrgern, daß er am Ende so gut als einer, sich unter die Haßlauer mische, und, allmaͤhlich hin¬ abgewoͤhnt, sich mit ihnen in Gespraͤche verflech¬ te, da er doch mit der festesten Verachtung im Sommer angekommen sei. Walt blieb freudig zu Hause; er fand in den kleinsten Bluͤmchen, die durch einen Schnee hin¬ durch wuchsen, so viel Honig als er brauchte. Als die Tage abnahmen: so freuete er sich uͤber die Laͤnge der Abenddaͤmmerung so wie des gestirn¬ ten Morgens; ohne dabei zu vergessen, daß er sich eben so gut, nur spaͤter, uͤber die Zunahme freuen wuͤrde. Der Mond war eigentlich sein Gluͤcksstern, so daß er ihm in jedem Monate nicht viel weniger als 27 schoͤne Abende oder Morgen herunterwarf; denn beinahe 14 Tage (nur die Paar ersten ausgenommen) konnt' er auf dessen Wachsthum bauen; — von Vollmond bis zum letzten Viertel, wurde ohnehin Elysiums Schimmer, blos spaͤter, oft uͤber seinem Bette aufgetragen, und das letzte Viertel gab den Mor¬ genstunden Silber in den Mund. Da einmal gerade in der Daͤmmerung Ballmusik gegen uͤber war: so nahm er sich sein Stuͤck Winterlustbar¬ keit heraus, so gut wie einer. Die Musik drang unsichtbar, ohne den Armen-Zickzack und die Backen-Kurven des Orchesters, nur entkoͤrpert mit seligen Geistern in sein daͤmmerndes Stuͤb¬ chen. Er stellte sich zum Tanzen an, und weil es ihm an den schoͤnsten Taͤnzerinnen nicht fehl¬ te — da ganze Harems und Nonnenschaften dar¬ in waren und mehrere Rosenmaͤdchen und alles —: so zog er Goͤttinnen von solchem Glanz zum Tanzen auf und machte mit ihnen — obwohl leise, um unter seinen Fuͤßen nicht rezensirt zu werden — nach den fernen Takten, die er beglei¬ tete, so gut seine Pas, seine Seiten-, seine Vorpas zu Hopstaͤnzen, zu Eier- zu Schalltaͤn¬ zen, daß er sich vor jedem sehen lassen durfte, der nichts suchte als einen muntern Geist, der im Finstern umher setzt. Was er in der Selig¬ keit zu scheuen hatte, war blos Vults ploͤtzlicher Eintritt. Ihn — der ohnehin nicht gewohnt war, daß er etwas hatte — druͤckte kein Entbehren, er hatte Phantasie, welche helles Krystallisazionswasser ist, ohne welches die leichtesten Formen des Lebens in Asche zerfallen. Doch wurde sein Himmel nicht immer so phantastisch weit uͤber die Luͤfte der Erde hinaus gehoben, er wurde auch zuweilen so real herun¬ ter gebaut wie ein Theater- oder ein Betthimmel. An Sonntagsgelaͤuten, am Hofgarten, an frischer kalter Luft, an Winterkonzerten (die er unten auf der Gasse spazierend hoͤrte) hatt' er so viel Antheil als irgend eine Person mit Schluͤssel und Stern, der im Innern gerade beide fehlen. Aß er sein Abendbrod, so sagt' er: „der ganze Hof ißt doch jetzt auch Brod wie ich;” dabei setzte und benahm er sich zierlich und artig, um ge¬ wissermassen in guter Gesellschaft zu sitzen. An Sonntagen kauft' er in einem guten Hause sich einen der besten Borsdorfer Aepfel ein und trug ihn sich Abends in der Daͤmmerung auf und sagte: „ganz gewiß werden heute an den ver¬ schiedenen Hoͤfen Europens Borsdorfer ausgesetzt, aber nur als seltner Nachtisch; ich aber mache gar meinen Abendtisch daraus — und wenn ich mehr Leibliches begehre, du guter Gott, so er¬ kenne ich deine Guͤte nicht, die mir ja in Einem fort mit stillsten Freuden wie mit tiefen Quellen die Seele uͤberfuͤllt.” Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder voruͤberschießende Freuden-Zwei¬ falter — dazu gehoͤrte sogar ein erwachender gel¬ ber Schmetterling im Gartenhaus — jeder Stern, der stark funkelte — italienische Blumen, deren deutschen Treibscherben zwischen Schauls er auf der Gasse aufgestoßen — eine bekraͤnzte, zwischen Andacht und Putz gluͤhende Braut — ein schoͤnes Kind — ein Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in Kanarieninseln und in Sommergaͤrten hinuͤber schauen ließ — und alles. Flog Flora, die Bettmeisterin, mit hellen Gesaͤngen die Treppen herauf, so hoͤrte er erste Saͤngerinnen fuͤr seinen Theil. — Einst an einem Markttage hatt' er halb Ita¬ lien mit einem ganzen Fruͤhling um sich. Der Tag schien dazu erlesen zu seyn. Es war ein sehr kalter und heller Winternachmittag, worin Muͤcken Muͤcken in den schiefen Strahlen spielen, als er im Hofgarten — den der gute Fuͤrst jeden Winter dem Publikum oͤffnen ließ — die silbernen Schneeflocken der Baͤume unter der blitzenden Sonne in weiße Bluͤten, die den Fruͤhling uͤberluden, umdachte und darunter weiter spazierte. So ploͤtzlich auf die Fruͤhlings-Insel ausgesetzt, schlug er in ihr die heitersten Wege ein. Er machte einen nahen an der Bude eines Saͤmereienhaͤndlers vorbei und hielt ein wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Duͤte zu kaufen — wozu ihm ein Beet fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Mor¬ genland bestanden — sondern um den Samen von franzoͤsischen Radiesen, Maienruͤben, bunten Feuerbohnen, Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gel¬ bem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaub ich) einen Vorfruͤhling zu schnupfen. In der That geht unter allen Sinnen-Wegen keiner so offen und kurz in das fest zugebauete Gehirn als der durch die Nasenhoͤhlen. Darauf holte er sich beim Buͤcherverleiher vie¬ les, was er von guten Werken uͤber Schmetter¬ Flegeljahre IV . Bd. 11 linge, Blumen- und Feldbau erwischen konnte — und las aufmerksam in den Werken, um sich die Lenz-Sachen vorzustellen, die darin auftraten. Blos das Oekonomische, Botanische und Natur¬ historische uͤberhuͤpfte er ohne besondern Verstand und Eindruck, weil er auf wichtigere Dinge zu merken hatte. Als der Bruder fort war, stand gerade die Abendroͤthe am Himmel und auf dem Schneege¬ buͤrg, dieses Vorstuͤck Aurorens, dieser ewige Wie¬ derschein des Fruͤhlings. Ueber das Haus heruͤber war schon das Monds¬ viertel geruͤckt, und konnte, nicht weit von der Roͤthe, zugleich mit ihr in sein Stuͤbchen kleine Farben und Strahlen werfen. „Wenn nicht der Winter nur eine laͤngere Polar-Morgenroͤthe des Fruͤhlings fuͤr die Menschen ist, sagt' er, indem er aufstand, so weiß ich in der That nicht was sonst.“ Der ganze Nachmittag war voll Fruͤhling gewesen — und jetzt in der Abendstunde quoll gar ein Nachtigallenschlag wie aus einem aͤußern Bluͤ¬ tenhain in seinen innern heruͤber. Er nahm einen Judenjungen, der im naͤchsten Wirthshaus schlug, fuͤr eine wahre Nachtigall. Ein unmerklicher Irr¬ thum, da die Philomele, die uns singt, eigent¬ lich doch nirgends sitzt und nistet als in unserer Brust! Schnell, wie von einem Zauberer, wur¬ den die steilen Felsenwaͤnde seiner Lage umher mit Epheu und mit Bluͤmchen uͤberzogen. Der Mond kam heller herein und Walt stand und ging mit¬ ten in seinem leisen Glanze traͤumend betend, es war ihm als hoͤben und hielten ihn die geraden Strahlen und als habe er jeden gemeinen Gegen¬ stand im Zimmer oder auf der Gasse mit Festta¬ peten zu verhuͤllen, damit der Himmel nur Himm¬ lisches auch auf der Erde beruͤhre. „So war es ge¬ rade einst,“ sang er mehrmals, auf jenen Abend deu¬ tend, wo er neben Wina's Zimmer mondstill auf und ab ging. Ja er improvisirte singend den Polymeter: „Liebst du mich“, fragte der Juͤngling die Geliebte jeden Morgen; aber sie sah erroͤthet nie¬ der und schwieg. Sie wurde bleicher und er fragte wieder, aber sie wurde roth und schwieg. Einst als sie im Sterben war, kam er wieder und fragte, aber nur aus Schmerz: „liebst du mich nicht?“ — und sie sagte Ja und starb. Er versang sich immer tiefer in sein Herz — Zeit und Welt verschwand — er spielte wie eine sterbende Ephemere suͤß in den hellern Strahlen des Mondes und unter Mondsstaͤubchen —: da kam Vult heiter zuruͤck und brachte die Nachricht, Wina sei angekommen, deckte aber sogleich deren Werth fuͤr ihn selber durch eine zweite lustige zu (und lachte stark) „daß er naͤmlich, sagt' er, im Vorbeigehen zu seinem Schuster gegangen, um ihn zu fragen, ob er denn seit 14 Tagen keinen 15ten gefunden, um die Rehabilitirung, Palin¬ genesie, Petersensche Wiederbringung seiner Stiefel (so druͤcke mancher leider ihr Besohlen aus) zu vol¬ lenden; er habe ihn aber nicht eher als auf dem Ruͤckwege gefunden, wo er auffallend ihm immer rechts in die Schattenseite ausgebogen; — bis er nach langem Predigen gesehen, daß der Mann die Stiefel, welche der Bußtext der Kasualrede waren, an den Beinen bei sich habe, und herumtrage, um sie erst noch etwas abzutreten, bevor er sie flicke.“ „War dieser Spaß, der noch dazu voll Anspielungen steckt, nicht so viel werth als das beste Paar Stiefel selber?“ — „Ist er denn so sonderlich?“ sagte Walt. — „Warum, fragte Vult bestuͤrzt, siehst du so sonderbar aus? Warest du traurig?“ — „Ich war selig, und jetzt bin ichs noch mehr,“ versetzte Walt, ohne sich weiter zu erklaͤren. Die hoͤchste Entzuͤckung macht ernst wie ein Schmerz und der Mensch ist in ihr eine stille Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber innen voll uͤberirdischer Traͤume. No. 58. Giftkuttel. Erinnerungen. Der Notarius erwartete am Morgen nichts geringeres und gewisseres als einen Bedienten aus¬ ser Athem, der ihn eilig vor das Schreibepult des Generals bestellte. Nichts kam. Der Mittelmann glaubt, die Obermaͤnner stehen darum auf den hoͤhern Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu uͤberschauen; indeß er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet; und so alle auf und ab. Die mittlern Staͤnde haben den hoͤhern keine andere Vergeßlichkeit schuld zu geben als die, welche die niedern wieder ihnen vor¬ werfen. Die Daͤmmerung konnte Vult kaum erwar¬ ten, um ein Daͤmmerungsfalter zu werden und auszuflattern; Walt zaͤhlte eben so stark darauf, um ein Daͤmmerungs- ein Nacht- und ein Tag¬ falter zugleich zu seyn, aber nur geistig und nur daheim. Himmel! er wurd' es so sehr! Denn als Vult ganz spaͤt und nicht in bester Laune nach Hause kam, fand er Walten hingegen darin, naͤmlich in bester — feurig schreitend — fast ver¬ juͤngt, ja verkindlicht — so daß er ihn fragte: „du hast, ich schwoͤre, heute Gesellschaft gehabt oder gesehen und zwar die angenehmste, nur weiß ich nicht welche. (Er meinte heimlich Raphaela). Oder hat der Magister Dyk gut geschrieben?“ „Ich erinnerte mich, versetzte Walt, den ganzen Abend fort und zwar der Kindheit; denn sonst hatt' ich noch nichts. — Lehre mich diese Gedaͤchtnißkunst, sagte Vult. — „Das Schul¬ meisterlein Wutz von J. P. macht' es wie ich, so wunderbar erraͤth ein Dichter das Geheimste. Ich moͤchte wohl Tage lang uͤber die kleinen Fruͤhlings¬ bluͤmchen der ersten Lebenszeit reden und hoͤren. Im Alter, wo man ohnehin ein zweites Kind ist, duͤrfte man sich gewiß erlauben, ein erstes zu seyn und lange zuruͤckzuschauen ins Lebens-Fruͤh¬ roth hinein. Dir offenbar' ichs gern, daß ich mir hoͤhere Wesen, z. B. Engel ordentlich weniger se¬ lig aus Mangel an Kindheit denken kann, wie¬ wohl Gott vielleicht keinem Wesen irgend eine Kindheits- oder Vergißmeinnichts-Zeit mag ab¬ geschlagen haben, da sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner Geburt. Besteht denn nicht das gute Kinderleben nur aus Lust und Hoffnung, Bruder, und die Fruͤhregen der Thraͤnen fliegen daruͤber nur fluͤchtig hin?“ „Fruͤh-Regen und alter Weiber Taͤnze und so weiter — naͤmlich junge Noth und alte Lust und so weiter. Fall' ich noch in den Zeit- Punkt deiner versus memoriales ?“ sagte Vult. „Wahrlich, stets hob ich in Leipzig und hier nur Tage dazu heraus, wo du noch nicht mit dem Musikus entlaufen warst.“ „So erinnere dich deines heutigen Erinnerns wieder vor mir, bat Vult; — ich stehe dir mit neuen Zuͤgen bei.“ „Ein neuer Zug aus der Kindheit ist ein goldnes Geschenk“, sagte Walt „— nur wirst du manches zu kindisch finden. (Kindisch blos, sagte Vult) Ich nahm heute zwei Tage, nahe am kuͤr¬ zesten und laͤngsten.“ Der erste Tag fiel in die Adventszeit. Schon dieser Name und der andere „Adventsvogel“ um¬ fliegt mich wie ein Luͤftchen. Im Winter ist ein Dorf schoͤn, man kann es mehr uͤberschauen, weil man mehr darin beisammen bleibt. Nimm nur den Montag. Schon den ganzen Sonntag freue¬ te ich mich auf die Schule am Montag. Jedes Kind mußte um 7 Uhr bei Sternenschein mit sei¬ nem Lichtchen kommen; ich und du hatten schoͤn bemahlte von Wachs. Vielleicht mit zu großem Stolze trug ich einen Quartband, einige Oktav¬ baͤnde und ein Sedez-Werkchen unter dem Arm. „Ich weiß, sagte Vult. du holtest der Mut¬ ter noch Semmel aus dem Wirthshause, als du schon den Markus und seinem Ochsen griechisch exponirtest. „Dann fing die schoͤne Welt des Singens und Lehrens in der suͤßen Schulstubenwaͤrme an. Wir großen Schuͤler waren hoch uͤber die kleinen erhoben; dafuͤr hatten die Abc-Zwerge das Recht, — und es war ihnen zu goͤnnen — daß sie den Kandidaten laut anreden und ohne Anstand ein wenig aufstehen und herumgehen durften. Wenn er nun entweder die Spezialkarte auf¬ hing und wir am meisten froh waren, daß Ha߬ lau und Elterlein und die umliegenden Dorfschaf¬ ten darauf standen — oder wenn er von den Ster¬ nen sprach und sie bevoͤlkerte und ich voraus sah, daß ich Abends den Eltern und Knechten dasselbe erweisen wuͤrde — oder wenn er uns laut vorle¬ sen hieß: — „Du weißt, fiel Vult ein, daß ich dann das Wort Sakrament, er mochte sagen was er wollte, immer mit einem Accent herlas, als ob ich fluchte, desgleichen Donnerwetter. Auch war ich der einzige, der ins laute gemeinschaftliche Abbe¬ ten eine Art ⅜ Takt zu bringen versuchte. „Ich haͤtte dem arbeitsamen Manne so gern Entzuͤckungen gegeben, wenn ich sie gehabt haͤtte. Ich betete oft ein leises Vater unser, damit Gott ihn einen Finken, wenn er hinter seinem Kloben lauerte, darauf fangen ließe; und du wirst dich erinnern, daß ich stets die Schlachtschuͤssel mit Fleisch (du aber nur den Suppentopf) zu ihm trug. Wie ich mich auf das naͤchste Wiedersehen in der Schule freuete!“ „Wer mich hart gegen den Schulmeister fin¬ det, sagte Vult, dem halt' ich blos vor, daß mir der Schulmann einmal eine angerauchte Pfeife abpfaͤndete und sie in derselben Schulstunde oͤffent¬ lich vor meiner Nase gar ausrauchte. Heißt dieß exemplarischer Lebenswandel von Schulmeistern? Oder etwa dieß, daß sie Fischchen-Fangen und Voͤgel-Stellen uns Scholaren sprichwoͤrtlich ver¬ bieten wie Fuͤrsten die Wagspiele, sich aber selber erlauben? Daruͤber moͤcht' ich einmal Maͤnner in oͤffentlichen Blaͤttern hoͤren.“ — „O die liebe erste Schulzeit! Mir war alles erwuͤnscht, was gelehrt und geboten wurde, die kleinste Wissenschaft war ja ganz voll Neuigkeiten, indeß ihr jetzt in Messen nur einige nachwachsen. Kam nun vollends der Pfarrer mit den großen Augenbraunen im Priesterornat und verdunkelte doch den Kandidaten wie ein Kaiser oder Pabst ei¬ nen Landesregenten, den er besucht: wie suͤ߬ schauerlich! Wie groß fiel jeder Laut seiner Ba߬ stimme! Wie wollte man das Hoͤchste werden! Wie wurde jedes Wort unsers Schomakers drei¬ fach besiegelt durch seines! „Ich glaube, man ist schon darum in der Kindheit gluͤcklicher als im Alter, weil es in ihr leichter wird, einen großen Mann zu finden und zu waͤhnen; ein geglaubter großer Mensch ist doch der einzige Vorschmack des Himmels.” In sofern, sagte Vult, moͤcht' ich ein Kind seyn, blos um zu bewundern, weil man damit sich so gut kitzelt als andere. Ja ich moͤchte als ein Foͤtus mit Spinnenarmen an die Welt treten, um die Wehmutter als eine Juno Ludovisi anzu¬ staunen. Ein Floh findet leicht seinen Elephanten; ist man hingegen aͤlter, so bewundert man am Ende keinen Hund mehr. Doch muß ich dir be¬ kennen, daß ich schon damals unserem knurrenden Pfarrer Gelbkoͤppel aus seiner Kragen-Glorie ei¬ nige Strahlen ausrupfte. Ich hatte, wie gewoͤhn¬ lich, ein Buch unter die Schultafel in der Absicht fallen lassen, hinunter zu kriechen und drunten die Fruchtscheuer von Haͤng-Fuͤßen am Bank-Galgen laͤcherlich zu finden: als ich auch Gelbkoͤppels Wochen-Stiefel auf dem Boden antraf und durch den aufklaffenden Priesterrock die Hosen, die er bei dem Grummet-Aufladen angehabt, zu Gesicht bekam — weg war seine ganze oben darauf ge¬ pelzte Wuͤrde — Der Mensch, wenigstens der Apostel, sei aus Einem Stuͤck gekleidet, er sei kein halber Aposteltag, Walt!” „Vult, bist du dergleichen nicht fast in man¬ cher Bemerkung? — Nun kam 11 Uhr heran, wo wir beide auf den Thurm zum Laͤuten und Uhr-Aufziehen gehen durften. Ich weiß noch gut, wie du dich oben auf dem Glockenstuhl an das Seil der ausschwankenden Glocke hingst, um geschwungen zu werden, ob gleich viele dir sagten, sie werfe dich durch das Schallloch. Ich haͤtte selber hindurch fliegen moͤgen, wenn ich so hinaus sah uͤber das ganze kreutzweiß gebahnte Dorf voll laͤrmender Treschtennen, und an die dunkle Berg¬ straße nach der Stadt, und uͤber den weiten Schnee-Glanz auf allen Huͤgeln und Wiesen und dabei den blauen Himmel daruͤber her! Doch da¬ mals war der Erde der Himmel nicht sehr noͤthig. — Hinter mir hatt' ich die ernsthafte Glocke mit ihrer eiskalten Zunge und mit ihrem Hammer, und ich dachte mir es schauerlich, wie sie einsam in der frostigen Mitternacht zu mir ins tiefe Haus und warme Bette hinab reden werde. Ihr Sum¬ men und Aussummen in dieser Naͤhe umfloß den Geist mit einem stuͤrmenden Meere, und alle drei Zeiten des Lebens schienen darin unter einander zu wogen.“ „Bei Gott! Hier hast du Recht, Walt. Nie hoͤr' ich dieses Tonbrausen ohne Schauder und oh¬ ne den Gedanken, daß der Muͤller erwacht , so bald die rauschende Muͤhle still steht; unser Leib mit seiner Holz- und Wasser-Welt; indeß ergoͤzt die Betrachtung schlecht fuͤr den Augenblick.“ „Nimm nicht dein ernstes Herz so wieder zuruͤck, Bruder! Sollt' ich dein Gleichniß wieder mit einem beantworten, so wuͤrd' ich sagen, diese Stille sei die auf dem Gipfel des Gotthardsberges. Alles ist dort stumm, kein Vogel und kein Luͤft¬ chen zu hoͤren, jener findet keinen Zweig, dieses kein Blatt; aber eine gewaltige Welt liegt unter dir, und der unendliche Himmel mit allen uͤbrigen Welten umfaͤngt dich rings. — Willt du jetzt wei¬ ter gehen in unserer Kindheit, oder lieber mor¬ gen?” „Jetzt, besonders jetzt. Der Kindheit werf' ich nichts vor als zuweilen — Eltern. Wir stie¬ gen also beide die langen Thurmtreppen herunter” — „und im elterlichen Hause wurden wir durch die reinlich-geordnete Mittags-Welt erfreuet an der Stelle der truͤben Morgenstube; uͤberall Son¬ nenschein und Aufordnung. Da aber der Vater in der Stadt war und also das Mittagsbrod schlechter und spaͤter: so ließ ich mir es bis nach der Schule aufheben, weil ich nicht zu spaͤt in diese kommen wollte, und weil mir jetzt aus der Ferne durchs Fenster schon Kameraden und Lehrer wieder neu erschienen.” In der Schulstube gruͤßte man die unveraͤn¬ derten Baͤnke als neu, weil man selber veraͤndert ist. Ein Schul-Nachmittag ist, glaub' ich, haͤus¬ licher, auch wegen der Aussicht, Abends zu Hause und noch haͤuslicher zu bleiben. Ich freute mich auf das ungewoͤhnliche Allein-Essen und auf den Vater mit seinen Sachen aus der Stadt. Ein ganzer Wolkenhimmel von Schneeflocken wirbelte herunter, und wir Schuͤler sahen es gern, daß wir kaum mehr die kleine Bibel lesen konnten, in der ohnehin dunkeln traulichen Schulstube. Draußen nun sprang jeder in neu gefallnen Schnee sehr lustig mit den lange muͤßigen Glied¬ massen. Du warfst deine Buͤcher ins Haus und bliebst weg bis zum Gebetlaͤuten; denn die Mut¬ ter erlaubte dir das Austoben am meisten in Abseyn des Vaters. Ich folgte dir selten. Der Himmel weiß, warum ich stets kindischer, ausgelassener, huͤpfender, unbeholfen-eckiger war, als du — ich machte meine Kinds- oder Narrenstreiche allein, du machtest deine als Befehlshaber fremder mit.“ „Ich war zum Geschaͤftsmann geboren, Walt!“ „Aber in der Vesper las ich lieber. Ich hatte erstlich meinen orbus pictus , der, wie eine Iliade, das Menschen-Treiben auseinander blaͤtterte. Ich hatte auf dem Gesimse auch viele Beschreibungen, theils vom Nordpol, theils von alter Norden-Zeit, z. B. die fruͤhesten Kriege der Skandinavier u. s. w. und je grimmig-kaͤlter ich alles in den geogra¬ phischen Buͤchern fand oder je wilder in den histo¬ rischen: desto haͤuslicher und bequemer wurde mir. Noch kommt mir die altnordische Geschichte wie meine Kindheit vor, aber die griechische, indische, roͤmische, mehr wie eine Zukunft. In der Daͤmmerung verflatterte das Schnee¬ gestoͤber, und aus dem reinen Himmel blitzte der Mond durch das Blumengebuͤsch der gefrierenden Fenster — Hell klang draußen in der strengen Luft das Abendlaͤuten unter den aufgebaͤumten Rauchsaͤulen — Unsere Leute kamen Haͤnde-reibend aus dem Garten, wo sie die Baͤume und Bienen¬ stoͤcke in Stroh eingebauet hatten — Die Huͤhner wurden in die Stube getrieben, weil sie im Rau¬ che mehr Eier legen — Das Licht wurde gespart, weil man aͤngstlich auf den Vater harrete — Ich und du standen auf den Hand- oder Fußhaben der Wiege unserer seel. Schwester, und unter dem heftigsten Schaukeln hoͤrten wir dem Wiegenlied von von gruͤnen Waͤldern zu und der kleinen Seele thaten sich thauschimmernde Raͤume auf — End¬ lich schritt der geplagte Mann uͤber den Steg, be¬ reift und beladen, und eh' er noch den Quersack abgehoben, stand sein dickes Licht auf dem Tisch, kein duͤnnes. Welche herrliche Nachrichten, Gel¬ der und Sachen bracht' er mit und seine eigne Freude!“ „Wer bezweifelt seine Entzuͤckung weniger als ich, den er darin allemal auspruͤgelte, blos weil ich auch mit entzuͤckt seyn wollte, und da¬ durch, springend und tanzend, den Laͤrm erregte, den er in stiller Lust am meisten verfluchte; so wie ein Hund sich nie mehr kratzen muß, als wenn er freudig an seinem Herrn aufspringt.“ „Scherze nicht! Und bedenke, was er uns mitbrachte; ich weiß es aber nicht mehr — mir einen fuͤr mein Geld gekauften Bogen Konzeptpa¬ pier, wovon ich damals nicht denken konnte, daß so etwas breites nettes mehr koste als zwei Pfennige. — Fuͤr die Schwester ein Abc-Buch mit Gold-Buchstaben schon auf der aͤußern Deckel¬ Flegeljahre IV . Bd. 12 Schale und mit frischen saubern Thier-Bildern im Vergleich gegen unsre abgegriffenen alten. „Schießpulver als Digestivpulver fuͤr das Schwein, wovon die wenigen Koͤrnchen, die ich zusammenkehrte, mir bessere Feuerwerke auf einen Spahn bescherten als irgend einem Koͤnig ein dreißigjaͤhriger Krieg.“ — „Das beste war wohl der neue Kalender. Es war mir als hielt ich die Zukunft in der Hand, wie einen Baum voll Fruchtlage. Mit Lust uͤber¬ las ich die Namen: Laͤtare, Palmarum, Jubi¬ late, Kantate, wobei mir mein wenig Latein gute Dienste that. Die Epiphanias waren mir ver¬ druͤßlich, besonders zu viele; hingegen je mehrere Trinitatis-Sonntage fielen, desto laͤnger gruͤne, dacht' ich, die freudenreiche Zeit. Laͤcherlich kommt es mir vor, daß, eben da ich hinten im Kalender die Haßlauer Postberichte las, die kaiserliche rei¬ tende Post im Dorfe ins Horn stieß, und ich den guten Menschen bewunderte und bedauerte, der nun, laut dem Berichte, mitten im Winter allein nach ganz Pommern, Preussen, Polen und Ru߬ land ritt; ein Irrthum, den ich erst in Leipzig fahren ließ. Wenn nun darauf der Kandidat Schomacker zum Essen kam und wir vom Vater manche Historien mit Vergnuͤgen zum zehntenmal hoͤrten — wenn du nach dem Essen auf einer Spahn-Geige aus gewichstem Zwirnfaden kratz¬ test — und ich einen glimmenden Schleußen- Spahn zu einem Feuerrad umschwang — und ich und du und der lange Knecht, der mir damals, wie den Kindern vielleicht alle gewohnte Gesichter, schoͤn vorkam, spielten und sangen: „Ringe, „ringe Reihe, 's sind der Kinder dreie, Sitzen „auf den Holderbusch, Schreien alle Musch, „Musch, Musch! Setzt euch nieder! Es sitzt 'ne „Frau im Ringelein, Mit 7 kleinen Kindern. „Was essens gern? Fischelein. Was trinkens gern? „Rothen Wein. Setzt euch nieder!“ — Innig erfreuet las ich neulich in Graͤters Bragur das einfaͤltige Kinderding — Ich muß aber meinen Satz ganz anders angefangen haben.“ — „Nunmehr ist er geschlossen. Das Leben faͤngt, wie das griechische Drama, mit Possen an. Beginn' ohne eh' du erwachst, deinen versproche¬ nen Sommertag. „Ich koͤnnte ihn wohl von der Faßnacht an¬ heben, wo der neu erstandene Fruͤhling lauter Son¬ nenstrahlen in die Schulstube voll kleiner geputzter Taͤnzer streuet, so daß es in den Seelen fruͤher bluͤhte als in den Gaͤrten. Schon der alte simple Vers: „Zur Lichtmeß essen die Herrn am Tag', Zur Faßnacht thuns die Bauern auch nach,“ zog Abendroͤthe und Bluͤtenschatten um den Abendtisch. Gott, wie wehen noch die Namen: Marientage, Salatzeit, Kirschenbluͤte, Rosenbluͤte, die Brust voll Zauberduft! — So denk' ich mir auch die Jugend meines Vaters blos als einen ununter¬ brochenen Sommer, besonders in der Fremde; so wie ich meinen Großvater und uͤberhaupt die zu¬ ruͤckliegende Zeit vor meiner Geburt immer jung und bluͤhend sehe. Da gab's schoͤne Menschentage, sagt man sich. Wie frisch und hell springend, gleich Fruͤhlingsbaͤchen, kommen mir die alten Uni¬ versitaͤten, Bologna und Padua, vor mit ihren ungemessenen Freiheiten, und ich wuͤnschte mich oft in diese hinein!“ „Macht' ich weniger aus dir, so muͤßt' ich bei deinem Wunsche denken, es waͤre damals aus¬ ser Hauspump, Buren, Landesvater, auch Gas¬ satim rumoren und Degen wetzen deine Sache ge¬ wesen; aber ich weiß gut, du wolltest zu allem nur ruhig sitzen und zusehen als Rector magnifi¬ cus . — Allein gib nun deinen heutigen Sommer¬ tag!” „Es war das H. Dreifaltigkeitsfest, und zwar das jener Woche, worin du auf und davon gingest. Nur vorher lasse mich noch bemerken, daß mir deine erwaͤhnten Studenten-Woͤrter theils neu klingen, theils roh. An diesem h. Feste nun, das mit Recht in die schoͤnste Jahreszeit faͤllt, gingen, wenn du es nicht vergessen, unsere Eltern immer zum h. Abendmahl. Gerade an jenem Sonnabend — wie denn uͤberhaupt an jedem Beicht¬ sonnabend — bezeigten die lieben Eltern sich noch guͤtiger und gespraͤchiger gegen uns Kinder als sonst; Gott aber schenke ihnen in dieser Stunde die Freude, die mir jetzt in ihrem Angedenken das Herz durchwallt! Die Mutter ließ vieles im Stall durch Leute besorgen und betete aus dem schwarzen Kommunion-Buͤchlein. Ich stand hinter ihr und betete unbewußt mit herunter, blos weil ich das Blatt umkehrte, wenn sie es herab hatte. Die Bauernstube war so rein und schmuck aufgeraͤumt fuͤr den Sonntag — wie am h. Christabend war es am Beichtabend — aber schoͤner und hoͤher — dazu hing nun der reich schwere Fruͤhling herein, und der Bluͤtengeruch zog durch das ganze Haus und jeden Dachziegel — Fruͤhling und Froͤmmig¬ keit gehoͤren gewiß recht fuͤr einander — Ich sah nachher, als der Nachtwaͤchter antrat, noch ein wenig aus dem Dachfenster, voll Duͤfte und Sterne war der Himmel uͤber dem Dorfe — die Generalin ging so spaͤt noch mit ihrem Kinde an der Hand auf dem Schloßwall spazieren, und das ganze Dorf wußte, daß sie morgen kommunizirte und ich und du die Kommunikantentuͤchlein dabei hielten — Wahrlich, ob ich gleich schon sprechen konnte, die weißgekleidete Generalin kam mir als die Mutter Gottes vor, und das Kind als ihr Kind.“ „Hat denn die Generalin einen Sohn? Walt sagte verlegen: ich stellte mir naͤmlich ihre damalige Tochter so vor in der Ferne. Ich moͤchte jetzt noch vor Freude uͤber die Wundernacht weinen, wenn du nicht lachtest. ...” „So weine zum Henker! Wer lacht denn, Satan, wenn einmal ein Mensch die Aufrichtig¬ keit in Person ist? „Es erschien denn das h. Trinitatis-Fest mit einem blauen Morgen voll Lerchen und Bir¬ kenduͤfte; und als ich aus dem Bodenfenster diese Blaͤue uͤber das ganze Dorf ausgespannt erblickte, wurde mir nicht, wie sonst an schoͤnen Tagen, be¬ klommen, sondern fast wie jauchzend. Unten fand ich die Mutter, die sonst nur in die Nach¬ mittagskirche ging, schon angeputzt, und den Va¬ ter im Gottes-Tischrock, wodurch sie mir, zumal da sie unser Sonntags-Warmbier nicht mittran¬ ken, sehr ehrwuͤrdig erschienen. Den Vater liebt' ich ohnehin am Sonntag staͤrker, weil er blos da rasiert war. Ich und du folgten ihnen in die Kirche; und ich weiß, wie darin die Heiligkeit meiner Eltern gleichsam in mich heruͤber zog unter der ganzen Predigt; eine fremde wird in einem bluts¬ verwandten Herzen fast eine groͤßere.” „Mein Fall war es weniger. Ich lebte nie lustiger als an ihren Kommuniontagen, weil ich wußte, daß sie es fuͤr Suͤnde hielten, mich fruͤ¬ her als nach Sonnenuntergang auszuwichsen — und weil sie nach dem Abendmahl auch das Mit¬ tagsmahl bei dem Pfarrer nahmen, und wir folglich das Schachbrett zum Roͤsselsprung frei hatten. Steht es noch vor deiner Seele, mahlt es sich noch gluͤhend, faͤrbt es sich noch brennend, daß ich an demselben Sonntage mit einem Taschen¬ spiegel vom Chore herab den Sonnenglanz wie ei¬ nen Paradiesvogel durch die ganze Kirche, und sogar um die zugedruͤckten Augen des Pfarrers schießen ließ, indeß ich selber ruhig mit nachsah und nachspuͤrte? Und gedenkst du noch — denn nun entsinn' ich mich alles — daß mich daruͤber der satanische Kandidat erwischte, und der Vater nach der Kirche mich nach der peinlichen Halsge¬ richts-Ordnung von Karl, die (im Art. 113.) Gefangenschaft mit Besen-Streichen leicht ver¬ tauschen laͤsset, aus Andacht blos einkerkerte, an¬ statt, was mir lieber gewesen, mich halb todt zu schlagen?“ „Du hieltest aber dennoch in der Kirche das rechte Altartuͤchlein bei der Oblate unter den Kom¬ munikanten auf und ich das linke beim Kelch. Es soll nie von mir vergessen werden, wie demuͤ¬ thig und ruͤhrend mir unser blasser Vater auf sei¬ nen Knieen an der scharlachenen Altarstufe vor¬ kam, indeß der Pfarrer ihm sehr schreiend den goldnen Kelch vorhielt. Ach wie wuͤnscht' ich, daß er stark traͤnke vom h. Weine und Blut. Und dann die tief geneigte Mutter! Wie war ich ihr unter dem Trinken so rein-gut! Die Kindheit kennt nur unschuldige weiße Rosen der Liebe, spaͤter bluͤhen sie roͤther, und voll Schamroͤthe. Vorher aber trat die majestaͤtische lange Generalin in ih¬ rem schwarzen und doch glaͤnzenden Seidengewand an die Altarstufe, sich und die langen Augenwim¬ pern senkend wie vor einem Gott, und die ganze Kirche klang mit ihren Toͤnen drein in die andaͤch¬ tige Gegenwart dieser idealen Herzogin fuͤr uns alle im Dorf.“ „Die Tochter soll ihr so aͤhnlich sehen, Walt?“ „Die Mutter wenigstens ist ihr sehr aͤhnlich. Darauf zog man denn aus der Kirche, jeder mit emporgehobnem Herzen — die Orgel spielte in sehr hohen Toͤnen, die mich als Kind stets in helle fremde Himmel hoben — und draußen hatte sich der blaue Aether ordentlich tief ins Sonntagsdorf hineingelagert und vom Thurme wurde Jauchzen in den Tag herab geblasen — Jeder Kirchgaͤnger trug die Hoffnung eines langen Freudentags auf dem Gesichte heim — Die sich wiegende lakirte Kutsche der Generalin rasselte durch uns alle durch, nette, reiche Bedienten sprangen herab — — Ue¬ berhaupt waͤre nur nachher nicht die Sache mit dir gewesen — “ „Zu oft kaͤme sie nicht wieder!“ „Also ging der Vater im Gottestischrock ins Pfarrhaus und hinter ihm die Mutter. Und als ich, da sie abgegessen hatten, die Klingelthuͤre des Pfarrhofs oͤffnete und schon die Truthuͤhner des¬ selben mit Achtung sah: „Du brauchst mirs nicht zu verdecken, daß du mich druͤben aus meiner verfluchten Karzer¬ kammer losbitten wolltest, weil ich zu sehr schrie und Fenster und Kopf einzustoßen schwur.“ „Die Bitte half wenig beim Vater; vielleicht weil der Pfarrer sagte, du haͤttest ihn zu sehr be¬ leidigt und geblendet. Ich vergaß leider bald dich und die Bitte uͤber dem herrlichen suͤßen Wein, den ich trank. Auf dem Lande hat man zu wenig Erfahrung der vornehmern Welt und bewundert ein Glas Wein. Der Pfarrer ließ mich Entzuͤck¬ ten durch ein Prisma schauen und gleichsam jedes einzelne Stuͤck Welt mit einer Aurora und Iris umziehen. Ich bildete mir oft ein, ich koͤnnte wohl, da ich so viel Gefuͤhl fuͤr Mahlerei, sogar fuͤr Farben an Schachteln, Zwickeln, Zwickelstei¬ nen zeigte, fast mehr zum Mahler taugen als ich daͤchte. Da ich meinen Vater tief unten an der Tafel sitzen sah, dacht' ich mir das Vergnuͤgen, ihn einst sehr auszuzeichnen, falls ich etwas wuͤrde.“ „Es ist auffallend, wie oft auch ich schon seit Jahren geschworen, mich meiner Herkunft zu entsinnen, wenn ich im Publikum bedeutend in die Hoͤhe und Dicke wuͤchse, und mich weder dei¬ ner! noch der Eltern zu schaͤmen. Man kann fast nicht fruͤh genug anfangen, sich bescheiden zu ge¬ woͤhnen, weil man nicht weiß, wie unendlich viel man noch wird am Ende. — Liebe fuͤr Farben, wovon du sprachst, ist darum noch keine fuͤr Zeich¬ nung; inzwischen kannst du immer, wenn die eine Art Mahler sich von fremder Hand die Landschaf¬ ten, die andere sich die Menschen darin mahlen ließ, beide Arten in dir vereinen. Vergieb den Spaß!“ „Recht gern! Wir zogen als vornehme Gaͤ¬ ste durchs Dorf nach Hause, wo der Vater die Scharlachweste anlegte und mit mir und der Mut¬ ter spazieren ging, um Abends gegen 6 Uhr im Gartenhaͤuschen zu essen. Nun glaub' ich nicht, daß an einem solchen Abende, wo alle Welt im Freien und angeputzt und freudig ist, und die Ge¬ neralin und andere Vornehme mit roth seidnen Sonnenschirmen spazieren gehen, irgend ein Herz, wenn es zumal in einem Bruder schlaͤgt, es er¬ tragen kann, daß du allein im Kerker hausest.“ „Sakerment!“ sagte Vult. „Sondern es war natuͤrlich, daß ich und der Knecht dir eine Dachleiter ans Fenster setzten, damit du herunter koͤnntest ins Dorf zur Lust. — Nein, kein Spaziergang mit Menschen ist so schoͤn als der eines Kindes mit den Eltern. Wir gingen durch hohe gruͤne Kornfelder, worin ich die Schwe¬ ster hinter mir nachfuͤhrte in der engen Wasser¬ furche. Alle Wiesen brannten im gelben Fruͤhlings¬ feuer. Am Flusse lasen wir ausgespuͤlte Muscheln wegen ihres Schillerglanzes auf. Das Floͤßholz schoß in Herden hinab in ferne Staͤdte und Stu¬ ben, und ich haͤtte mich gern auf ein Scheit ge¬ stellt und waͤre mitgeschifft! Viele Schafherden waren schon nackt geschoren und legten sich mir naͤher ans Herz, gleichsam ohne die Scheidewand der Wolle. Die Sonne zog Wasser in langen wolkigen Strahlen, aber mir kam es vor, als sei die Erde mit Glanzbaͤndern an die Sonne gehan¬ gen und wiege sich an ihr. Eine Wolke, die mehr Glanz als Wasser hatte, regnete blos neben, nicht auf uns; ich begriff aber damals gar nicht, als ich die Graͤnzen der nassen und der trocknen Blu¬ men sah, wie ein Regen nicht allezeit uͤber die ganze Erde falle. Die Baͤume neigten sich gegen einander, als die Wolke tropfend daruͤber wegwehte, wie die Menschen am Abendmahls-Altar. Wir gingen ins Gartenhaus, das innen und außen nur weiß ist; aber warum glaͤnzet dieser kleine Name uͤber alle stolz gedeckte Prachtgebaͤude her¬ uͤber und blinkt in seinem Abendroth sehr gegen fremdes Morgenroth? Alle Fenster und Thuͤren waren aufgemacht — Sonne und Mond sahen zu¬ gleich hinein — die rothweissen Aepfelknospen wur¬ den von ihren starren struppigen Aesten hineinge¬ halten und zuweilen eine schneeweiße Aepfelbluͤte mit (o Vult, ich gebe den Aepfel fuͤr die Aepfel¬ bluͤte gern) — Die Bienen gaben dem Vater Zei¬ chen eines nahen Schwaͤrmens — Ich fing mir in eine Schachtel Goldkaͤfer, fuͤr welche ich den Zucker laͤngst aufgesparet hatte — Noch glaͤnzt mir das Gold und der Schmaragd, dieses Para¬ diesvoͤgelchen hienieden, in Deutschland meint' ich — Auch zog ich mir im Garten Schoͤßlinge aus, um sie daheim anzupflanzen zu einem Lustwaͤld¬ chen unter meinem Knie. Die Voͤgel schlugen wie bestellt in unserem Gaͤrtchen, das nur fuͤnf Apfel¬ baͤume und zwei Kirschbaͤume hatte und mehrere Pflaumenbaͤume sammt guten Johannisbeer- und Haselstauden. Zwei Finken schlugen, und der Va¬ ter sagte, der eine singe den scharfen Weingesang und der andere den Braͤutigam. Aber ich zog — und noch jetzt — meinen guten Embritz vor.“ „Deutlicher in der ornithologischen Sprache Emmerling, Goldammer, Groͤning, Gelbling, Geelgerst, Emberiza citrinella L . — welcher, wie die Eltern sagten, sang: wenn ich eine Sichel haͤtt', wollt ich mit schnied. — Was ist denn das Dunkle im Menschen-Innern, daß ich wirklich den einfachen Embritz, wenn ich durch Wiesen gehe und ihn an belaubten Abhaͤngen hoͤre, leider uͤber die goͤttliche Nachtigall, die freilich wenig rein durchfuͤhrt, sondern heftig springt, zu setzen suche? — Floß aber nicht nachher die Abendroͤthe in den ganzen Garten hinein und faͤrbte alle Zweige? Kam sie mir nicht wie ein goldner Son¬ nentempel mit vielen Thuͤrmen und Pfeilern vor? Und gingen nicht auf den Wolkenbergen die Stern¬ chen wie Maienbluͤmchen auf? — und die breite Erde war ein Webstuhl rosenrother Traͤume? Und als wir spaͤt nach Hause wandelten, hingen nicht in den finstern Buͤschen goldne Thautropfen, die lieben Johannis-Wuͤrmchen? Und fanden wir nicht im Dorfe ein ganz besonderes Fest-Leben, sogar die kleinen Viehhirten endlich im Sonntags¬ putz, und dem Wirthshause fehlte nichts als Mu¬ sik und auf dem Schloße wurde gesungen? „Und nahm mich nicht, fuhr Vult fort, der gute Vater, als er mich in dieser Freude als Theilhaber fand, leise bei den Haaren mit nach Hause und pruͤgelte mich so verflucht? — O daß doch der Teufel alle Erziehungen holte, so wie er selber keine erhalten! Wer nimmt mir jetzt die Fest-Pruͤgel ab und den Karzer? Du kannst dich leicht herstellen und entsinnen und vergnuͤgt außer dir seyn und die Repetiruhr der Erinnerung aus der Tasche ziehen. Aber Hoͤlle, was hab' ich denn schmelzend mich zu erinnern als an die lausige Aurora eines aufgehenden Schwanzsterns? O wie gluͤcklich, gluͤcklich koͤnnte man ein Kind machen! Dieß probire aber einmal einer bei einem greisen Schelm von 40 Jahren! Ein einziger Kindertag hat mehr Abwechsel als ein ganzes Manns-Jahr. Sieh an, wie er mich, wenn das kuͤhne Bild zu ge¬ brauchen ist, aus einem zarten weißen Kindsge¬ sicht so zu einem braunen Kopfe geraucht und er¬ hitzt hitzt hat, wie einen Pfeiffenkopf! — Waͤrme mich nicht mehr wieder so auf! — Was seh' ich denn von Clysien und elysischen Aeckern um mich her als ein Paar Sessel? — unsern Bett- und Stu¬ ben-Schirm? — nichts zu trinken? — dich gu¬ ten Millionaͤr blos voll innerer Gedaͤchtnißmuͤn¬ zen? — und einen hoͤlzernen Sitz der Seligen? — O ich moͤchte . . . He herein nur! Vielleicht bringt uns doch, Walt, ein Himmelsbuͤrger ein oder ein Paar Himmelspforten und Empyraͤen.“ Es schritt die gelbe Postmontur ein mit dem Hoppelpoppel oder das Herz unter dem Arm, das der Magister Dyk mit den Worten zuruͤck¬ schickte, er verlege zwar gern Rabener'sche und Wezelsche Plaͤsanterien, aber nie solche . „Nu, ist das kein Sonnenblick aus unserm Freuden¬ himmel?“ fragte Vult. „Ach, sagte Walt, ich glaube, ich war eben vorhin und bisher zu gluͤcklich; darauf kommt immer ein wenig Be¬ truͤbniß — Es ist doch gut, daß das Werk nicht auf der Post hin und her verloren gegangen.“ — „O du weiches — Holz! fuhr jener auf. Aber nicht du sollst es ausladen, sondern der Magister. Flegeljahre IV . Bd. 13 Ich will ihn waschen mit Seewasser, ob's gleich nicht weiß macht.“ Er setzte sich auf der Stelle nieder und schrieb im Grimm einen unfrankirten Brief an den Ma¬ gister, worin die Hoͤflichkeit des Briefstils so gut als ganz hintan gesetzt war. N . 59. Notenschnecke. Korrektur — Wina. Am Morgen kam wieder ein Manuskript, aber ein fremdes abgedrucktes; der Setzer der Paßvogelschen Buchhandlung — fuͤr Walt war ein Setzer viel — haͤndigte den ersten Korrektur¬ bogen ein, damit der Universalerbe der Kabelschen Verlassenschaft daran seinen Testamentsartikel er¬ fuͤlle. Das Werk, dessen Titel war: das gelehrte Haßlau alphabetisch geordnet von Schieß, — nun in aller Haͤnden — war sehr gut in deutscher Sprache mit lateinischen Lettern geschrieben, nur aber ganz schlecht oder unleserlich, und enthielt je¬ den Haßlauer, der mehr als eine Seite, naͤmlich zwei, d. h. ein Blatt fuͤr Straße und Welt ge¬ macht, sammt einem kurzen Nachtrag von den Lands-Gelehrten, die schon als Kinder verstor¬ ben. Wenn man zaͤhlt, welche Menge von Au¬ toren Fikenscher aus seinem gelehrten Bayreuth blos dadurch hinaus sperrt, daß er keinen aufnimmt, der nicht mehr als Einen Bo¬ gen geschrieben — sogar zwei reichen als Vorrede nicht hin, wenns blos Gedichte sind — und wel¬ che noch groͤßere Meusel aus seinem gelehrten Deutschland verstoͤßt, dadurch daß er nicht ein¬ mal Leute einlaͤßt, die nur Ein Buͤchlein geschrie¬ ben, nicht aber zwei: so sollte wohl jeder wuͤn¬ schen, in Haßlau gebohren zu seyn, blos um in das gedruckte gelehrte zu kommen, da Schieß nicht mehr dazu begehrt zum Einlaßzettel als et¬ was nicht groͤßeres als der Zettel ist, nur ein gedrucktes Blatt: denn sich mit noch wenigerem in einen solchen Charons-Kahn, der stets zur Unsterblichkeit des Edens entweder, oder des Tartarus abfuͤhrt, einschiffen wollen, hieße ja Schriftsteller einladen, die ganz und gar nichts geschrieben. Der Notar fing sofort das Korrektiren an — in die Korrekturzeichen hatt' er sich laͤngst ein¬ geschossen —; aber er fand statt der Huͤgel Klip¬ pen zu uͤbersteigen. Schieß schrieb eine gelehrte Hand und eine ungelehrte zugleich; der Korrek¬ turbogen war aus Titeln, Namen, Jahrszah¬ len und solchen Sachen gewebt, die nirgends zu¬ sammenhaͤngen als in Gott. Es ist daher die gemeine Meinung, daß Paßvogel blos zum Drucke des Notars den Druck des Werkes einge¬ gangen. Vult wollte zwar bessern helfen, aber Walt fand fremde Huͤlfe gott- und treulos und korrigirte allein. Eh' ers hintrug in die Buchhandlung, frag¬ te ihn Vult, ob man nicht einen witzigen Einfall haben, und er, Vult, nicht ihren Roman mit einem Briefe an Paßvogel tragen koͤnnte, worin er sich als den Verfasser ausgaͤbe und sagte, der Endes Unterschriebene stehe dem Leser eben vor der Nase. Es geschah. Beide trafen zufaͤllig einan¬ der im Buchladen. Kaum sah Paßvogel aus Vults Tasche eine Manuskript-Rolle stechen: so machte er sich nichts aus ihm — weils ein Autor war —, sondern setzte Walt, den Korrektor und Erben, hoͤher und uͤberlas freundlich den Bo¬ gen: „der H. Autor, sagte er, wird schon nach¬ sehen.” Darauf uͤberreichte ihm Vult furchtsam den Brief sammt Roman und sah begierig in seine le¬ sende Physiognomie, wie sie sich bei der Stelle umsetzen wuͤrde, wo der Briefschreiber dasteht als Brieftraͤger. Aber dem feinen im Gesetze der ge¬ selligen Staͤtigkeit lebenden Manne that der Riß und Zuck weh auf der eleganten Haut und er sagte — nach dem Ueberlaufen des Titels — ver¬ druͤßlicher als gewoͤhnlich, er bedaure, daß er schon uͤberladen sei und schlage kleinere Buchhaͤndler vor. „Wir Autoren, versetze Vult, gehen anfangs wie Hirsche, denen das zarte Gehoͤrn erst entspries¬ set, mit gesenktem Haupte; aber spaͤter, wenn es groß und hart zu sechszehn Enden ausgeschossen, schlaͤgt man damit an die Baͤume heftig, und ich fuͤrchte, H. Paßvogel, ich werde im Alter grob.” Wie so? sagte dieser. Vult that darauf, als kenn' er Walten von weitem und sagte: wenn er als Kabelscher Erbe erst den ersten Bogen uͤbergeben, so schein' es fast, als wollten ihm die Erben das zwoͤlfbogige Korrektoramt zu zwoͤlf Wochen ausdehnen. Dann entsprang er nach seiner boshaften Sitte ploͤtzlich, um dem Feinde die Replik zu entwenden. Beide verliehen daheim vor allen Dingen dem Romane Fluͤgel, weil die Hoffnung immer so lange zum Todtliegenden gehoͤrte als das Buch. Man schickte ihn an H. Merkel in Berlin, den Brief- und Schriftsteller, damit er das Buch ei¬ nem Gelehrten, H. Nikolai, empfaͤhle und auf¬ heftete. Mitten in dem Genuß der abfahrenden Post fiel wieder ein Staubregen; der hinkende Notar, der bekannte Geschaͤftstraͤger der Erben, kam mit dem ersten Korrekturbogen und Schießens Re- Korrekturen. Walt hatte ein und zwanzig Druckfehler ste¬ hen lassen. Schieß wies aus dem Manuskripte nach, daß er ein c statt einem e — dann ein e statt eines c — ein s statt eines s — ein s statt eines f — ein Komma statt eines Semikolons — eine 6 statt einer 9 — ein h statt eines b — ein n statt eines u und umgekehrt, da eben beide umgekehrt waren — habe stehen lassen u. s. w. Walt sah nach und sann nach und sprach seuf¬ zend: „wohl ists nicht anders!“ Arme Korrektoren! wer hat noch eurer Mut¬ ter-Beschwerungen und Kindsnoͤthen in irgend einem Buche ernsthaft genug gedacht, das ihr zu korrigiren bekommen! So wenig, daß Mil¬ lionen in allen Welttheilen aus der Welt gehen, ohne je erfahren zu haben, was ein Korrektor aussteht, ich meine nicht etwa dann, wann er theils hungert, theils friert, theils nichts hat als sitzende Lebensart, sondern dann, wann er ein Buch gern lesen moͤchte, das er zwar vor sich sieht (noch dazu zweimal, geschrieben und ge¬ druckt), aber korrigiren soll; denn verfolgt er wie ein Rezensent die Buchstaben, so entrinnt ihm der Sinn und er sitzt immer trister da; eben so gut koͤnnte einer sich mit einer Wolke, durch de¬ ren Dunststaͤubchen er eine Alpe besteigt, den Durst loͤschen. Will er aber Sinn genießen, und sich mit nachheben: so rutscht er blind und glatt uͤber die Buchstaben hinweg und laͤsset alles stehen; reisset ihn gar ein Buch so hin wie die zweite Auflage des Hesperus, so sieht er gar keinen gedruckten Unsinn mehr, sondern nimmt ihn fuͤr geschriebnen und sagt: „man verstehe nur aber erst den goͤttli¬ chen Autor recht!” — Ja wird nicht selber der Korrektor dieser Klage blos aus Antheil an dem Antheil, den ich zeige, so manches uͤbersehen? — Endlich brachte das schlecht sprechende und schoͤn singende Kammermaͤdchen des General Za¬ blocki nicht nur Raphaelen ein Briefchen der Tochter, sondern auch um eine Treppe hoͤher Walten die Frage des Vaters, ob er nicht diesen ganzen Tag bei ihm schreiben koͤnnte? „O Gott, gewiß!” sagte er und begleitete das Maͤdchen drei Treppen herab. Vult laͤchelte ihn seltsam an und sagte: Er kopire ja mémoires érotiques mit und ohne Feder und jage Maͤdchen; er Hund hingegen muͤsse, wie die Schmetterlings-Puppe eines Na¬ turforschers, sich in eine Schachtel von Stube zum Falter entfalten, wenn jener im Freien gauck¬ le. „Allein, setzt' er dazu, ein Greifgeier, ein Basilisk wie ich, hat so gut seinen Liebes-Pips als ein Phoͤnix wie du.” — Walt wurde sehr roth, er sah sein und Wina's Herz gleichsam ge¬ gen das helle freie Tagslicht gehalten. „Nu, nu, versteige dich nur um drei Treppen hinauf, oder hinab; indeß ich daheim hinter meiner arka¬ dischen Dorfwand ein Madrigal auf den Schmelz der Auen und der Zaͤhne setze, und Blumen und Lippen roͤthe. Das Maͤdchen gefiele mir selber, sie sollte eher ein Pallast- als ein Kammermaͤd¬ chen seyn.“ Sehr zornroth erwiederte Walt, der endlich eigne und fremde Verwechslung errieth: „du thust gar nicht Recht, da du weißt, wie mir dieses Maͤdchen bei der besten Singstimme einmal durch unziemliche Reden aufgefallen.“ Damit ging er so rasch und wild fort, daß Vult sich gestand, er wuͤrde, wenn er nicht schon fruͤher dessen Liebe fuͤr eine vornehmere Raphaela kennte, sie jetzt aus dem Grimm errathen, den bloße Heiligkeit unmoͤglich einbliese. Als der No¬ tar in den großen Zablockischen Pallast, wovor und worin viele leere Wagen standen, und unter die kalte Dienerschaft kam: so wirkten Vults Scherze, die seine Liebe entweder wie Schießpul¬ ver unter das Dach, oder wie Oehl in den Keller lagerten, verdruͤßlich nach und er erstaunte nun erst, daß er Wina liebe, und ihren Morgenblick aufbewahre. Sein Gluͤck bluͤhte als eine nackte Blumenkrone auf einem entblaͤtterten Stiel. Spaͤt kam er nach seinem Erinnern an fruͤhestes Vor¬ fordern in das alte Schreibstuͤbchen; und spaͤter der General. „Innigst — so spann Walt, nahe an ihn tretend, die Unterredung an, um sie dem andern nach den Gesetzen der Lebensart zu erleichtern — wuͤnsch' ich Ihnen Gluͤck zum Gluͤck der Wieder¬ kunst, wie damals in Rosenhof zur Abreise, wenn Sie sich dieser Kleinigkeit noch entsinnen. Moͤg' Ihnen Leipzig ein fortgesetzter Spaziergang gewe¬ sen seyn!“ — „Sehr verbunden!“ (sagte Za¬ blocki) Sie verpflichten mich, wenn Sie heute die bewußten Briefe zu Ende kopiren und mir Ih¬ ren Tag weihen.“ — „Welchen nicht? — War Ihr dreifaches Gluͤck — verzeihen Sie die kecke Fra¬ ge — nicht, wie ich hoffe, der Jahrszeit ungleich?“ fragt' er. „Fuͤr die spaͤte Jahrszeit war das Wetter gut genug.“ versetzte Zablocki. Da der Notar nichts schwierigeres kannte, als zu fragen — d. h. im Ozean zu angeln —, nichts leichteres aber, als zu antworten, weil die Frage die Antwort umkraͤnze: so hielt er es fuͤr Pflicht jedes Unter-Sprechers, auf den Ober- Sprecher nur die leichtere Last zu laden und frag¬ te sogleich. Wie bequem wohnen dagegen Maͤn¬ ner, welche gerade das Widerspiel als Weltsitte kennen und ehren, unter ihrer Gehirnschale, und wie vergnuͤgt, wenn sie vor Kronen und Kron¬ erben treten! Aller Anreden gewaͤrtig und gewiß, machen sie ausser der Verbeugung nichts und kei¬ ne eigne, sondern warten ab. Sogar nach der ersten Antwort passen die Welt-Maͤnner gelassen von neuem, weil kein anderer als der gekroͤnte Kopf fort zu weben hat. Der Notar machte darauf seine Abschriften von den verliebten Zuschriften, aber seine Seele wohnte mit ihren Fuͤhlfaden nirgends als in der Schnecke des Ohrs: um jedem Laute der verbor¬ genen Lebensseele nachzustellen. Er schrieb keine Seite ohne sich umzudrehen und das heilige Zim¬ mer zu beschauen, — das er einen ganzen Tag, aber als den letzten bewohnen durfte, — fuͤr ihn wenn kein Sonnen- doch ein Mondtempel, dem nichts fehlte als die Luna dazu. Sogar der blaue Streusand voll Goldsand — das blauweiße Din¬ tenfaß und Papier — das blaue Siegellack — und die Blumenduͤfte, welche aus dem Neben¬ zimmer einwehten, schmuͤckten sein stilles Aether- Fest der Hoffnung. In der Liebe ist das Erndte¬ fest der Freude nicht um eine halbe Sekunde vom Saͤetage und Saͤefest der Freude verschieden. Als er sich nun abschreibend abmahlte, wie ihm das Herz schlagen wuͤrde, das schon heftig schlug, wenn die Liebes-Gestalt aus seinem Kopf und lange Traume wie eine Goͤttin lebendig ins Leben spraͤnge, naͤmlich vor ihn hin: so kam nichts als das verhaßte Kammermaͤdchen mit ei¬ nem Stick-Geruͤste, aber bald ihr nach die bluͤ¬ hende Wina, die Rose und das Rosenfest zugleich. Es ist schwer zu sagen, womit er sie anmurmel¬ te, da er sie damit nicht anredete. Sie verbeugte sich so tief vor ihm, als waͤre er der goldene und figurirte Knopf am Oberstabe des Generals, und sagte das hoͤflichste Bewillkommungs-Wort, und setzte sich an den Stickrahmen. Konnte sie nicht hundert Deckmaͤntel ihrer Absicht, im Schreibzim¬ mer zu seyn, als ein Maͤdchen finden und umle¬ gen? Haͤtte sie nicht z. B. ihr blaues Kleid aus dem Wandschrank holen koͤnnen — oder das weiße — oder den Schleier — oder einmal ein¬ tunken wollen — oder an der elektrischen Lampe ein Licht zum Siegeln anzuͤnden — oder hier den Vater ganz vergeblich suchen? — So aber trat sie herein, und setzte sich vor den Stickrahmen, um fuͤr eine Stiftsdame einen Ordensstern aufge¬ hen zu lassen, der fuͤr den abschreibenden Stern¬ seher, wie oft fuͤr Traͤgerinnen, nichts werden konnte als ein Irr- und Nebelstern. Der Schreiber schwamm nun in der Wonne einer himmlischen Gegenwart, wie in unsichtba¬ rem Duft einer hauchenden Rose, Wina's Da¬ seyn war eine sanfte Musik um ihn. Er sah zu¬ letzt sehnsuͤchtig kuͤhn ihre gesenkten großen Augen¬ lieder und den ernst geschloßnen Mund im Spie¬ gel zu seiner Linken an, versichert der eignen Un¬ sichtbarkeit, und erfreuet, daß gerade zufaͤllig, wenn er eben in den Spiegel sah, immer ein warmes Erroͤthen das ganze niederblickende Antliz uͤberfloß. Einmal sah er im Spiegel den Braut¬ schaz ihres Blicks ausgelegt, sie zog leise wieder den Schleier daruͤber. Einmal da ihr offnes Au¬ ge darin wieder dem seinigen begegnete, laͤchelte sie wie ein Kind; er drehte sich rechts nach dem Urbild und ertappte noch das Laͤcheln. „Gieng es Ihnen seit Rosenhof wohl, H. Harnisch?“ sagte sie leise. „Wie einem Seligen, versetzte er, wie jetzt.“ Er wollte wohl etwas viel anderes fei¬ neres sagen; aber die Gegenwart unterschob sich der Vergangenheit und testirte in deren Namen. Doch gab er die Frage zuruͤck. „Ich lebte, sag¬ te Wina, mit meiner Mutter, dieß ist genug; Leipzig und seine Lustbarkeiten kennen Sie selber.“ — Diese kennt freilich ein darbender Musen- und Schulzensohn wenig, der an den Rosen des kauf¬ maͤnnischen Rosenthals nicht hoͤher aufklettert als bis zu den Dornen, weil er jene nicht einmal so oft theilt als ein Maurer-Meister einen fuͤrstlichen Saal, zu welchem dieser stets so lange Zutritt hat, als er ihn mauert. Indeß denken sich die hoͤheren Staͤnde nicht leichter hinab, zu Honora¬ zioren besonders — denn von Schaͤfer-, d. h. Bauerhuͤtten, haben sie im franzoͤsisch eingebun¬ denen Geßner eine gute Modell-Kammer — als sich die tiefern hinauf. „Goͤttlich ist da der Fruͤh¬ ling, antwortete er, und der Herbst. Jener voll Nachtigallen, dieser voll weichen Duft; nur ge¬ hen der Gegend Berge ab, welche nach meinem Gefuͤhl durchaus eine Landschaft beschließen muͤs¬ sen, doch nicht unterbrechen; denn auf einem Berge selber ist nicht die Landschaft, sondern wie¬ der ein fernster Berg schoͤn und groß. — Die Leipziger Gegend enget also ein, weil die Graͤnze, oder vielmehr die Graͤnzlosigkeit, nichts der Phan¬ tasie uͤbrig laͤsset, was, so viel ich gehoͤrt, nicht einmal das Meer thut, das sich am Horizont in den Aether-Himmel aufloͤset.” — „Sonderbar, versetzte Wina, bestimmt hier die Gewohnheit des aͤußern Auges die Kraft des innern. Ich hatte eine niedersaͤchsische Freundin, welche zum ersten¬ male von unsern Bergen eben so beschraͤnkt wur¬ de, als wir von ihren Ebenen.” Der Notarius war uͤber ihre philosophische Sprachkuͤrze — da uͤberhaupt der Mann an der Frau gerade so sehr seinen Kopf bewundert, als seine Brust verdammt — so betroffen, daß er nicht wuste, was er sa¬ gen sollte, sondern etwas anderes sagte. „Be¬ suchten Sie zuweilen die Badoͤrter um Leipzig,” fragte sie spaͤt. Da er darunter nicht Lauchstaͤdt, sondern die Studenten-Badoͤrter in der Pleiße verstand; und eine solche Frage von weiblichen Lippen zum vornehmen Zynismus rechnete: so umging er sie nach Vermoͤgen, in der Antwort: „der Leipziger Magistrat habe zu seiner Zeit we¬ gen mehrerer Ungluͤcksfaͤlle erst die bessern Badoͤr¬ ter bestimmen lassen.” — Wina mißverstand wie¬ der sein Mißverstehen. Und so kann in Deutsch¬ land und fast auf der Erde jeder, der sich ver¬ spricht, auf einen zaͤhlen, der sich verhoͤrt; so wenige Ohren, ob sie gleich doppelt am Kopfe stehen, giebt es fuͤr die hiesigen Zungen und man findet noch schwerer ein offnes als ein kurzes. Ploͤtzlich sprang der General wie mit einem verschimmelten bleichen Gesicht herein aus dem Puderstuͤbchen — mit einem Bilde in der Hand und trocknete sich aus den Augenliedern den Pu¬ der wie Zaͤhren ab. „Sage mir, wer ist aͤhnli¬ cher cher, die Mutter oder die Tochter? — In der That recht brav retouchirt!” Das Gemaͤlde stellte Wina vor, wie sie zu einem ihr aͤhnlichen Toͤch¬ terchen, das nach einem Schmetterling fing, ihr Gesicht herab an die kleine Wange beugt, sehr muͤtterlich-gleichguͤltig, ob sie vom Kinde uͤber dem Schmetterling uͤbersehen werde oder nicht. Im Kunst-Feuer fragte der General auch den Notar: „ist denn die Mutter nicht so ausneh¬ mend getroffen, meine Wina naͤmlich, daß man die Aehnlichkeit sogar im Kinde wieder findet? — Sprechen Sie als Dritter!“ — Walt verlegen mit seiner Erroͤthung uͤber den bloßen Gedanken, das Kind sei Wina's, versetzte: „die Aehnlichkeit ist wohl Gleichheit?“ — „Und zwar auf beiden Seiten?“ erwiederte Zablocki, ohne sehr den No¬ tar zu fassen, der nach den gewoͤhnlichen Vor¬ aussetzungen des Standes schon alles voraussetzen sollte und zwar Folgendes: der General wollte seiner losgetrennten Gattin ein Denkmahl seiner Zaͤrte zuwenden, einen Spiegel, der nur sie ab¬ bildete, naͤmlich ein festes Bild; hatt' aber leider aus Kaͤlte sie sonst nie sitzen lassen, außer zu¬ Flegeljahre IV . Bd. 14 letzt juristisch — Zum Gluͤcke war nun Wina ihr so aͤhnlich — die wenige Jahrzehende ausgenom¬ men, wodurch sich Toͤchtern hauptsaͤchlich von Muͤttern zu unterscheiden suchen — daß die jetzige Wina als die vorige Mutter zu gebrauchen war, der man nichts als die vorige Wina in die Hand zu geben hatte, die als Kind gemahlt eine Auri¬ kel in der Linken haͤlt und darauf einen weißen Schmetterling mit der Rechten setzt. Diese zwei¬ mal, als Bild und als Urbild, angewandte Wina wollte der General seiner Frau als einen oͤhlge¬ mahlten Ichs-Himmel auf Leinwand aufthun, um sie in Erstaunen zu setzen, daß sie uͤber vier¬ zig Meilen gesessen — einem Mahler. Als der Vater fort war, machte Walt — noch tiefer in Erstaunen und Unglauben gesetzt — die Bemerkung, sie sehe dem schoͤnen Kinde aͤhn¬ lich, um nur herausgezogen zu werden. „O bliebe man sich nur auch in wichtigern Punkten aͤhnlich — sagte Wina. Auch war ich noch bei meiner Mutter; ich glaube Sie oder Ihr Bruder lag damals am Tage des Mahlens an den Blattern blind; denn sie gieng mit mir in Ihr Haus. Schoͤne Zeit! ich wollte gern die eine Aehnlichkeit auf mich nehmen, koͤnnte ich damit meiner Mut¬ ter die andere zuruͤckfuͤhren.“ Nun fuhr der Notar uͤber die Naͤhe des er¬ helleten Abgrunds, in der er haͤtte treten koͤnnen, roth zuruͤck, und fuͤrchtete ordentlich, die Betise fahre ihm noch wider Willen aus dem Halse. „Auch ich gienge gern in jene Blindheit zuruͤck; die Nacht ist die Mutter der Goͤtter und Goͤttin¬ nen!” sagte er und wollte ertraͤglich auf die Au¬ rikelbraut anspielen. Wina verstand nichts da¬ von als den Ton und Blick; und so war es ge¬ nug und gut gemacht. Man rief sie zum Essen: Da er glaubte, er werde wie im Rosenhoͤfer Wirthshaus wieder an Generals-Tafel gezogen: so stand er auf, um ihr den Arm zu bieten, sie stickte aber fort; und er stand nahe am Rahmen und sah herab auf das lockige Haupt, worin seine Welt und seine Zu¬ kunft wohnte, die sich in lauter Schoͤnheiten ver¬ barg — das Fruchtgewinde des Geistes war vom Blumengewinde der Gestalt schoͤn verhuͤllt und schoͤn verdoppelt. Sie stand auf. Jetzt naͤherte er sich mit dem rechten Arme, um sie fort zu fuͤh¬ ren. „Ich werde — sagte Wina sanft — nach dem Essen wieder kommen, und Ihrem Herzen eine Bitte bringen;“ und sah ihn mit den großen guten Augen unverlegen an, und gab, wie zur Antwort auf seinen fragenden Arm, ihm ein we¬ nig die ablenkende Hand in seine, um sie zu druͤcken. Mehr braucht' er nicht, der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm, wie ein Blick mehr als ein Auge. Er blieb reich zuruͤck, am einsa¬ men Eßtische, den ein verdruͤßlicher Bedienter an den Schreibtisch gesetzt hatte. Seine Hand war ihm wie geheiligt durch das Wesen, das bisher nur von seiner Seele beruͤhrt wurde. Wer kann es sagen, warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zauberwaͤrme in die Seele sendet als selber ein Kuß, wenn nicht etwa die Einfachheit, Unschuld, Festigkeit des Zeichens es thut? Er speißte an einer Goͤttertafel — die Welt war der Goͤttersaal —, denn er sann Wina's naͤchster Bitte nach. Eine thun, heißt in der Liebe mehr geben, als eine erhoͤren. Aber warum macht die Liebe denn diese Ausnahme? Warum giebt es denn keine verklaͤrte Welt, wo alle Men¬ schenbitten so viel gelten und geben, und wo der Geber fruͤher dankt, als der Empfaͤnger? Mit wunderbaren Gefuͤhlen irrte er um Wina's Bitte herum, da er doch fuͤhlte, Wina sei ein durchsichtiger Juwel ohne Woͤlkchen und Federn. Denn dieß ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schaͤrfer als sich, so daß man den blauen Himmel dadurch erblickt, durch welchen man wieder die Sterne sieht — indeß der Haß uͤberall Nacht sieht und braucht und bringt. Als er die wenigen Stralen kuͤßte, die am Sterne des Stifts und der Liebe aufgegangen waren oder gestickt: that sein Himmel alle Wol¬ ken wieder auf, naͤmlich die Fluͤgelthuͤren, und Wina erschien und schien. Er wollte sagen: ich bitte um die Bitte; aber er hielt es fuͤr unzart, das eine Bitte zu nennen, was Wina eine ge¬ nannt. So hatt' er den hoͤchsten Muth fuͤr sie, aber nicht vor ihr; und von den langen Gebeten an dieses Heiligenbild, welche er zu Hause sich aussann und vornahm, brachte er nichts zum Bilde selber auf seinen Knieen als: Amen, oder Ja, ja. „Sind Sie zuweilen bei den hiesigen Thees,” fieng Wina an, und setzte, wie es ihr Stand thut, immer ihren Stand voraus. „Neu¬ lich bei mir, bei dem vortreflichen Floͤtenspieler, den Sie gewiß bewundern.” — „Ich hoͤr' dieß heute von meinem Maͤdchen,” sagte sie, meinend die Nachricht des Beisammenwohnens; Walt aber nahm an, sie habe von seinem magern Weinthee manches gehoͤrt. „Ich meine vorzuͤglich, sind Sie oͤfters bei den geistreichen Toͤchtern des H. Hofagenten? Eigentlich red' ich blos von meiner Freundin Raphaela.” Er fuͤhrte — doch ohne die Wech¬ sel-Noth — den Abend an, wo sie fuͤr den muͤt¬ terlichen Geburtstag gesessen. „Wie schoͤn! sagte Wina. So ist sie eben. Einst als sie bei mir in Leipzig in eine lange Krankheit fiel, durfte ihrer Mutter nichts geschrieben werden, bis sie entwe¬ der genesen oder verschieden sei. Um dieser Liebe wegen lieb ich sie so. Ein Maͤdchen, das seine Mutter und seine Schwestern nicht liebte, — ich weiß nicht, warum oder wie es sonst noch recht lieben koͤnnte, nicht einmal seinen Vater.“ — Walt wollt' es gern aͤußerst fein auf sie selber zuruͤckwenden und machte daher die allgemeine Bemerkung, daß Toͤchtern, die ihre Mutter lie¬ ben, die besten und weiblichsten sind. „Ich tauge nicht zu Wendungen, wie Sie hoͤren, H. Sekretair. Empfangen Sie meine offne Bitte gutmuͤthig auf einmal.“ Es war diese: da Raphaelens Geburtsstunde in die Nach¬ mitternacht oder Morgenstunde des Neujahrs ein¬ falle: so wolle sie durch den Beistand Engelber¬ tens sie durch leises Ansingen zur Feier des er¬ neuerten Lebens wecken; wuͤnsche aber zur duͤrf¬ tigen Stimme eine Begleitung, naͤmlich die Floͤ¬ te, und an wen koͤnne sie sich schicklicher wenden, als an H. von Harnisch? — Walt schwur freu¬ dig, dieser blase freudig dazu. Sie bat auch um das Setzen des Gesangs; Walt schwur wieder. „Aber sogar um die Verse dazu muß ich ihren werthen Freund angehen — setzte sie unbeschreiblich-lieblich laͤchelnd hinzu —, da ich ihn aus unserer Zeitung als einen weichen Dichter des Herzens kenne.“ — Ganz froh erstaunt fragte Walt, was Vult darin gemacht. Sie sagt' Ihm — mit der den Litteratoren noch gewoͤhnlichern Verwechslung glei¬ cher Namen — folgenden Polymeter von ihm selber her: Das Maibluͤmchen. Weißes Gloͤckchen mit dem gelben Kloͤppel, warum senkst du dich? Ist es Scham, weil du bleich wie Schnee fruͤher die Erde durchbrichst als die großen stolzen Farbenflammen der Tulpen und der Rosen? — Oder senkst du dein weißes Herz vor dem gewaltigen Himmel, der die neue Erde auf der alten erschaft, oder vor dem stuͤr¬ menden Mai? Oder willt du gern deinen Thau¬ tropfen wie eine Freuden-Thraͤne vergießen fuͤr die junge schoͤne Erde? — Zartes, weißes Kno¬ spenbluͤmlein, hebe dein Herz! Ich will es fuͤl¬ len mit Blicken der Liebe, mit Thraͤnen der Won¬ ne. O Schoͤnste, du erste Liebe des Fruͤhlings, hebe dein Herz! Walten waren unter dem Zuhoͤren vor Freu¬ de und Liebe, und vor Dichtkunst, die Augen uͤbergegangen — und Wina hatte mit geweint, ohne es zu merken —; darauf sagt' er: „ich ha¬ be wohl den Vers gemacht.“ — „Sie, Lieber — fragte Wina und nahm seine Hand — und alle Polymeter?“ — „Alle,“ lispelte er. Da bluͤhte sie wie das Morgenroth, das die Sonne verspricht, und er wie die Rose, die schon von ihr erbrochen ist. Aber einander verborgen hinter den froher nachquellenden Thraͤ¬ nen glichen sie zwei Toͤnen, die unsichtbar zu Einem Wohllaut zittern, sie waren zwei gesenkte Maienbluͤmchen, einander durch fremdes Fruͤh¬ lingswehen mehr nachbewegt als angenaͤhert. Jetzt hoͤrte sie den Vaterstritt. „Und Sie machen den Text fuͤr den Geburtstag?“ sagte sie. — „O! (versetzte er) — Ja, ja!“ und durfte nicht fort reden, weil Zablocki eintrat und mit dem Vaͤter- und Gatten-Schnauben ihr den arbeitsamen Verzug vorruͤckte, da sie, wie er sagte, wisse, daß die Neupeters — dahin fuhr er mit ihr — Buͤrgerliche waͤren, und eh' er sol¬ che im Kleinsten manquire, komm' er lieber bei Seines gleichen um Stunden zu spaͤt. Sie floh dahin; er rief sie aber zuruͤck, um selber mit einem Schluͤsselchen, so groß wie ein Staubfa¬ den, ein goldnes Schloß an einer Kette auf Ih¬ rem schoͤnen Halse aufzuschliessen und sie abzu¬ nehmen. Unter dem Aufsperren sah sie gutmuͤ¬ thig dem Vater ins Auge; dann warf sie schei¬ dend dem Notar einen Flugblick voll Weltall zu. Kauen und Schlucken unter einem Adagio Pianissimo einer Tafelmusik haͤtte Walten nicht so widerstanden, als die Annahme von Kopirge¬ buͤhren, die ihm der General jetzt aufnoͤthigen wollte. Das Weigern hielt dieser anfangs scher¬ zend aus, bis er durch den Argwohn, Walt handle aus Ehrgefuͤhl, sein eigenes so beleidigt fand, daß er so heftig schwur, ihn, wenn er nicht gehorche, nie mehr zu einem Notariats- Instrument ins Haus zu lassen, daß Walt sich entschloß, sich seine Himmelspforte nicht selber zuzuriegeln. Nun war er allein und zum letztenmale als Kopist im Zimmer; und hatte, was der Mensch zum feinsten Gluͤcke braucht, naͤmlich einen Wi¬ derspruch der Wuͤnsche: er wuͤnschte nicht nur wegzukommen, um uͤber Wina's Kopf zu Hause mit Sternen-Traͤumen auf und ab zu schweben, sondern auch da zu bleiben, da er Kroͤnungs- Zimmer seines Lebens zum letztenmale bewohnte. Die Sonne fiel immer feuriger hinein und vergol¬ dete es zu einer Zauberlaube im elysischen Haine. Als er es verließ, war ihm, als falle ein bluͤhen¬ der Zweig herab, worauf bisher die Nachtigall seiner Seele gesungen. Wie lag zu Hause, wo ihm nichts fehlte als Vult — aber dieser kaum —, das Leben und der Traum im Leben wie vergoldetes Gewoͤlk um ihn her! Tausend Paradieses-Zweige schlugen uͤber ihm unsichtbar zusammen und durchzogen ihn heimlich mit einem berauschenden Bluͤthen-Dufte, in dessen Eden er nicht hineinsehen koͤnnte. Wenn bisher die Wolke zu stehen schien und der Mond zu fliehen: so sah er jetzt die Flucht der Wolken unter dem festen schoͤnen Gestirn. „Wenn sie nur recht innig liebt — dacht' er — gesetzt auch, sie meinte mich nicht allein; die Hauptsache ist ihre Wonne. Sie sollte dazu ordentlich mehrere Muͤtter haben, mehrere Vaͤter und unzaͤhlige Freundinnen!“ Er freuete sich mehr als dreißigmal uͤber die Freude, womit Wina die Neujahrs-Nacht und jetzt unter seinen Fuͤßen die Freundin anschauen werde. Daß sie ihn liebe und achte, wußt' er nun recht; aber nicht wie stark; — den hoͤchsten Grad ihrer Liebe gegen ihn sich jetzt zu denken hieß' ihm, sich ab¬ zuzeichnen, wie ihm seyn wuͤrde, wenn man ihn auf Millionen Weltstufen auf die Gipfel-Sonne geleitete, um ihn, den Notar, zum Gott zu kroͤnen. Er hatte schon viel von dem Geburtstags- Gedicht ohne sein Wissen ausgearbeitet — blos durch das Denken an Wina's Bitte —, als end¬ lich Vult erschien. In der Angst, dieser schlage aus Kaͤlte gegen Raphaela und den Adel, das Musikfest ab, wollt' er ihn etwas kuͤnstlich, wie in einem englischen Garten, auf feinen Schlan¬ genlinien und mit Maͤandern vor den Vorschlag wie vor ein Denkmahl fuͤhren. „ Leide r schrieb ich heute das letztemal beim General,“ sagt' er mit der seligsten Miene von der Welt. „Du willst sagen „Gottlob,“ sagte Vult. Walt stolperte schon vornen in den Maͤander hinein und ertrank fast. „Ich hoffte bisher, versetzte Vult, du solltest mich Stimmen-Narren allmaͤhlich beim Vater einfuͤhren, damit die Tochter saͤnge, wenn ich bliese.“ — „Beides, schlug Walt heraus, kannst du ohne ihn und mich jetzt haben, dieß hab' ich dir sogar vorzuschlagen.“ Der Floͤtenspieler fragte heftig. Walt be¬ stand aber darauf, daß er, bevor er deutlich werde, ihm einen einzigen Zug von Raphaelen geben duͤrfte; es war der schoͤne vom Verschwei¬ gen des Krankseyns. Es gab keinen Karakterzug von der Welt, den der Floͤtenspieler je mit einem so abstrebenden Gesichte sich vorzeichnen lassen, als diesen; doch zog er den satirischen zuckenden Stachel in die Scheide zuruͤck, um nur den Vorschlag zu be¬ kommen. Walt quaͤlte ihn so lange um sein Urtheil hieruͤber, daß er losbrach: „ich schwoͤre dir ja, ich schaͤtze die Handlung; der Teufel und seine Großmutter koͤnnten nicht zaͤrter verfahren; es ist eine Redensart, ich meine wir beide. Nun sprich!“— Walt schlugs vor. „Du bist ein guter Mensch — sagte Vult mit einer schwer zu bergenden Erfreuung — ich nehm' es willig an. Ich scherze uͤberhaupt oft blos. Als Miethsmann zeig' ich der Tochter vom Hause so gerne einige Aufmerksamkeiten — und ich soll es. Doch die Wahrheit zu sagen — ein boͤser Ausdruck, gleichsam als habe man vor¬ her keine gesagt — so stimmt mich hier Wina mit ihrer reinen rollenden Perlen-Stimme noch mehr. Gott! wie kann nicht eine Singpartie gesetzt wer¬ den (besonders von mir), wenn man das edle Portamento der Sopran-Person, deren dimi¬ nuendo und crescendo und ihre herrliche Ver¬ einigung von Kopf - und Brust -Stimme — du verstehst mich unmoͤglich, Bruder, ich spre¬ che als Kuͤnstler — dermassen kennt wie ich? Mensch, glaubst du, daß ich damals, als ich sie in Elterlein hoͤrte, schwur, sie soll mit mei¬ nem Willen nie mehr à secco singen? — à sec¬ co , Walt, heißt naͤmlich allein ; ein Punsch- Royalist wie ich, kommt freilich auch leicht aufs Trockne, aber anders.“ Walten schien es ein wenig, als komme Vult eben nicht vom festen Lande her. Beider Abend wurde aber im Feuer der Liebe vergoldet. Jeder glaubte, er sehe uͤber den Paradieses-Strom hinuͤber recht gut die Quelle der Freude des an¬ dern von weitem rauchen und nebeln. Walt zwang ihn scherzhaft, es auf einen Bogen zu schreiben, daß er morgen noch der heutigen Mei¬ nung seyn und blasen und setzen wolle. Vult schrieb: „ich will, wie Siegwart, den Mond zu meinem Bettwaͤrmer machen — oder ein Lauf¬ feuer im Laufe aufhalten — ja ich will die erste beste Glacière von Pruͤde heirathen und mir es also gefallen lassen, daß eine Jungfrau die Fruͤchte der Glutzeit zu Eiszierrathen ausquetscht, z. B. zu Rosen- und Aprikoseneis, zu Stachel¬ beereneis, zu Citroneneis: wenn ich nicht die beste Floͤtenmusik sogleich Mozartisch setze und blase zur Zauberfloͤte, in der Minute, wo diese mein Bruder gedichtet und aufgeschrieben hat; und ich entsage jeder Exzeption, besonders der, daß ich heute nicht gewußt haͤtte, was ich mor¬ gen wollte.“ — „Ein wahrer Schelm ist doch mein Walt — dacht' er im Bette — wuͤrde ihn ein anderer wohl im Hauptpunkte so durchschauen wie ich? — Kaum!“ N ro . 60. Scheerschwaͤnzel. Schlittschuh-Fahrt. Der naͤchste Tag des Notars war aus 24 Morgenstunden gemacht; weil er uͤber das Ge¬ burtstags-Lied fuͤr Wina nachsann. Der zweite bestand aus eben so vielen Mittagsstunden, weil er es ausfuͤhrte. Es war, als muͤßt' er sich selber verklaͤren, um Wina's heiliges Herz auf seine Zunge zu nehmen; als muͤßt' er in Liebe zerrin¬ nen, um ihre Liebe gegen die Freundin in seiner Seele wie ein zweiter Regenbogen neben dem er¬ sten nachzuglaͤnzen. Da die Liebe so gern im fremden Herzen lebt: so wird sie noch zaͤrter, wenn sie in diesem wieder fuͤr ein drittes zu leben hat, wie das zweite Echo leise uͤber die Milde des ersten siegt. — Dieß alles aber war nur leichtes Saͤen im Fruͤhling, wo lauter neue Saͤnger am Himmel flogen; aber am zweiten Tage fiel die heiße heiße Erndte ein — Walt mußte um die aͤtherischen Traͤume die feste Form des Wachens legen, naͤm¬ lich nicht nur die neue metrischer Verhaͤltnisse, sondern auch musikalischer, weil Vult oft den be¬ sten Gedanken weder sing- noch blasfaͤhig fand. So muß sogar der Geist des Geistes, das Ge¬ dicht, aus seinem freien Himmel in einen Erden¬ leib, in eine enge Fluͤgel-Scheide ziehen. Vult hingegen hatte leicht Gesang und Be¬ gleitung gesetzt; denn im unermeßlichen Aether der Tonkunst kann alles fliegen und kreisen, die schwer¬ ste Erde, das leichteste Licht, ohne zu begegnen und anzustossen. Da Walt bekanntlich das Gedicht in seinem Roman ganz abdrucken lassen, nur mit wenigen, aber unwesentlichen Abaͤnderungen in den Stellen: Wach' auf Geliebte, der Morgen schimmert, dein Jahr geht auf — dann: Schlaͤferin, hoͤrst du nicht die Liebe rufen und traͤumst du, wer dich liebt — und endlich: Dein Jahr sei dir ein Lenz und dein Herz im langen Mai die Blume — so setz' ich die Verse als allgemein bekannt voraus. Flegeljahre IV . Bd. 15 Jetzt war blos die Schwierigkeit, Winen Musik und Text zuzuspielen. Walt schlug meh¬ rere ausfuͤhrbare Mittel und Wege dazu vor, die sehr dumm waren, Vult schlug aber jedes aus, weil man beim Treibjagen der Maͤdchen, sagt' er, nichts zu thun habe als ruhig zu stehen auf dem Anstand schußfertig, um sogleich abzubrennen, wenn sie das Wild vortreiben. Indeß wurde nichts gebracht; Wina verstand von den weiblichen Vermittlers- und Dietrichs- Kuͤnsten so viel als Walt. Endlich erschien eine helle Dezember-Daͤmmerung im Park, wo der lange See (es war ein schmaler Teich) mit dem Besen von Schnee gesaͤubert wurde, und wo spaͤ¬ ter, da der Mond scharf jeden duͤrren Schatten- Baumschlag auf dem weißen Grund abriß, nicht nur die drei Ursachen davon verschwanden in die nahe Rotonda — ein schoͤnes Rindenhaus, das dem roͤmischen Pantheon auffallend aͤhnlich war in der Oeffnung nach oben — sondern auch so¬ gleich einander wieder herausfuͤhrten aufs See¬ Eis, weil die drei saͤmmtlich Schlittschuhe darin angeschnallet hatten, Wina so wohl als Raphaela und Engelberta. „Goͤttlich — rief Walt, als er fahren sah — fliegen die Gestalten wie Welten durcheinander, um einander; welche Schwung- und Schlangen¬ linien!“ Eben machte Engelberta, beide Arme mahlerisch aufgehoben, hernickende Fingerwinke. „Lauf, mit deinem Musikblatt und sei drunten ein Mensch! sagte Vult zu Walt, Sie wollen uns beim Teufel.“ — „Unmoͤglich, versetzte Walt, betrachte doch die Daͤmmerung und die Zaͤrte!“ — „Fuͤr ein Paar Stiefel hat doch der See noch Platz?“ fragte Vult hinab und flatterte drei Treppen hinunter, um einen Ladendiener ohne Weiteres zum Nachtragen von ein Paar Schlitt¬ schuhen zu kommandiren, die er voraussetzte. Walt steckte das heilige Blatt voll Ton- und Dichtkunst an einen Ort, den er fuͤr schicklicher als die Rocktasche ansah, naͤmlich an dessen Geburts¬ ort, d. h. unter die Weste ans Herz. Drunten am See-Teich ließ er an seinem langen Buͤckling die drei Danksagerinnen voruͤber gleiten uud theilend loosen, weil er nicht offenbaren konnte, wie viel er jeder von Ruͤckenbogen abschneide. Aber welche entwickelnde Lebenskraft war mit Vulten aufs Eis gefahren und wie schwebte der Geist uͤber dem Wasser, das gefroren war! — Zuerst bald Wina's Bart-, bald ihr Wandelstern, bald ihre gerade schießende Sternschnuppe zu seyn, damit fing er an — sie Schachkoͤnigin zu decken gegen jede Koͤnigin, es sei als Laͤufer, als Sprin¬ ger oder Thurm — als Amors Pfeil zu fliegen, so oft sie Amors Bogen war, es nicht zu leiden, wenn sie kuͤhner fliegen wollte als er, sondern sie so lange zu uͤberbieten, bis er selber uͤberboten wur¬ de und dann leichter den Wettflug mit einem Dop¬ pelsiege schloß — dieß war die Kunst, womit seine schoͤne von der Welt erzogne Gestalt ihren Werth entwickelte in leichter Haltung und Wechslung. Walt war am Ufer als Strandlaͤufer außer sich vor Lust und warf laut den schoͤnen Tanz- und Schweb-Linien Kraͤnze von Gewicht in so richtigen Kunstwoͤrtern zu, daß man haͤtte schwoͤren sollen, er tanze. Er sprach noch vernehmlich von drei Grazien; — „welche noch dazu, versetzte Vult, wenn nicht um die Venus, doch um deren Mann, tanzen; und was fehlt denn uns, Herr Harnisch, zu drei Weisen als die Zahl?” — Nur mußte Walt unter dem Bewundern beklagen, naͤmlich sich und sein Strandlaufen; denn auf dem Eise waͤre er nicht viel leichter zu drehen gewesen als ein Kriegsschiff. Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfun¬ den als in den geselligen Festen, zu welchen die duͤrftige Erziehung nicht mit den Kuͤnsten der Freude ausruͤstete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, franzoͤsisches Sprechen sind. Gegen Raphaela war Vult der artigste Mann, den es auf dem Teiche gab, sagte ihr Hoͤflichkeiten uͤber ihre fuͤr diesen Tanz gemachte Gestalt — wel¬ che ihm und ihr leicht zu glauben waren, weil sie wirklich einige Zolle uͤber Wina hinaus maß — und schnitt oder fuhr sogar ihr Namens-R mit den Schuhen in die Eisrinde wie in eine Baum¬ rinde ein. Sie nahm indeß sein hoͤfliches Uebermaß ohne eignes auf; vielleicht weil das seinige den Scherz nicht genug verbarg und weil sie als eifersuͤchtige Freundin Wina's unwillig die Hand sah, die er so offen nach dieser ausstreckte. Er uͤberhuͤpfte oder uͤberfuhr es. Zu Engelberta sagt' er: wir wollen Geliebtens spielen. — „Auf dem Eise bin ich dabei,“ erwiederte sie; und so neckten beide sich leicht und rasch mit ihrem Rollen-Schein, er mit edel- und weltmaͤnnischer Keckheit, sie mit kaufmaͤnnischer weiblicher. „Wuͤßte man nur, schien sie zu denken, ob er mehr ein seltsamer Ha¬ berecht waͤre als ein naͤrrischer Habenichts: dann waͤre mehr zu thun.“ Fuͤnfmal hatte schon Walt an sein Musikblatt gedacht, um es einzuhaͤndigen, und es viermal vergessen, wenn Wina wie seine ganze Zukunft um sein Ufer flog oder gar ihn mit einem Blumen¬ blicke bewarf, dem er zu lange nachtraͤumte. End¬ lich sagte er der Eisfahrerin: „zwei Ja sind neben Ihnen.“ — „Ich verstand Sie nicht ganz,“ sagte sie laͤchelnd wiederkommend und entglitt. Er gieng ihr am Ufer ein wenig entgegen aufs Eis: „Ihr Wunsch wurde auch der fremde,“ sagte er. „Wie ists mit der Floͤtenmusik?“ fragte sie fliehend. „Ich trage Musik und Text bei mir, aber nicht blos am Herzen,“ antwortete er, als sie wieder herfuhr. „Wie herrlich!“ sagte sie umwendend, und glaͤnzte vor Freude. Vult flog wie eifersuͤchtig fragend her: hat sie das Blatt? — „Sehr hingedeutet hab' ich drei¬ mal, versetzte Walt, aber wie natuͤrlich faͤhrt sie nicht unweiblich vor mir aus und steht.“ — Je¬ ner zog seine Floͤte oͤffentlich vor und sagte laut, daß der ganze Teich es hoͤrte: „H. Harnisch, Sie haben vorhin mein Musikblatt eingesteckt? Jetzt blas' ich.“ Dieser reichte es (seinem Blicke mehr als seinem Worte) zu. Wina kam herbei: „koͤn¬ nen Sie, sagte Vult laut zu ihr, es uͤbergebend, im Mondschein noch lesen, was ich abspiele?“ Das trauende Maͤdchen sah ihn lieblich an und ernsthaft ins Blatt hinein, da er zu floͤten anhob. Am Haͤrchen des Zufalls hing nun der ganze Neujahrs-Morgen herab, zwar kein Schwerdt, aber eine blumige Krone. Gleichwohl tobt und jauchzet der Mensch wechselnd uͤber dasselbe Haͤr¬ chen, blos weil es zur einen Zeit ein Schwerdt, zur andern ein Diadem uͤber seinem Kopfe haͤlt und auf diesen fallen laͤßt. Wina las lange auf dem Blatt Noten nach, die er gar nicht blies, bis sie endlich Vults End- Absichten merkte und erfuͤllte. Wie flog sie dann der Floͤte nach, um mit Blicken zu denken — und Walts Stand-Ufer voruͤber, um ihn anzuschauen — und freudig uͤber die kalte Flaͤche, weil ihre freundschaftlichen Wuͤnsche so schoͤn beguͤnstigt wa¬ ren und dieser Nacht nichts mehr fehlte, als die erste des kuͤnftigen Jahrs. Welche erfreuete Blicke warf sie auf ihre Freundin und zum Sternenhim¬ mel! Dazu ging nun die umher irrende Floͤte, die wie mit einem Springstabe den Notar vom Eis der Erde ans Empyreums-Eis des Himmels aufhob. Alles war zwar selig, Vult besonders, Walt aber am meisten. Ach wolltest du mir nicht — sagte Vult herfahrend mit vergnuͤgtem Gesicht — ein Paar Doppel-Louis vorstrecken nur auf zwei Stunden, armer Wicht?“ — Ich? fragte Walt. Aber jener fuhr und blies froͤhlich weiter; um als Chorfuͤhrer mit Sphaͤrenmusiken den himm¬ lischen Koͤrpern auf dem Eise vor- und nach zu schweben. Wenn die Tonkunst, welche schon in die gemeine feste Welt gewaltsam ihre poetische ein¬ schiebt, vollends eine offne bewegte findet: so wird darin statt des Erdbebens ein Himmelbeben entste¬ hen und der Mensch wird seyn wie Walt, der das Ufer mit stillen Dankgebeten und lautem Freuden¬ rufen umlief und seine Herzens-Welt, so oft die Floͤte sie ausgesprochen, immer von neuem und verklaͤrter erschuf. Er sammelte alle fremde Freu¬ den wie warme Strahlen in seiner stillgehaltenen Seele zum Brennpunkte. Den mit Sternen wei߬ bluͤhenden Himmel ließ er ins kleine Nachtigallen¬ spiel herabhaͤngen und der Mond mußte seinen Heiligenschein mit Wina's Gestalt zusammen we¬ ben. Dieser Mond, sagt' er sich, wird in der Nachmitternacht des Neujahrs fast wieder so am Himmel stehen, und ich werde nicht nur die Floͤte und meine Gedanken, auch Ihre Stimme hoͤren. — Die Sterne des Morgens werden blinken — und ich werde erst unter dieser kuͤnftigen Musik denken: „so groß haͤtt' ich mir die Wonne am fro¬ hen Abend der Eisfahrt nie gedacht.“ Jetzt trat er immer weiter in den Teich hinein, oder stach weiter in die See oder ins Eismeer, um der Geliebten naͤher zu begegnen. Da sie ihn nun ein paarmal nahe umkreisete, und seine Freuden¬ blumen den hoͤchsten Schuß thaten und mit brei¬ ten Blaͤttern wogten, maͤhte sie Zablockis Bedien¬ ter mit der Nachricht ab: der Wagen sei da. Der stolze Lakai erinnerte ihn wunderbar an Wina's Stand, und an seine Kuͤhnheit. Nach der Flucht der Drei nahm ihn Vult am Arme aufs Eis hinein, und sagte: „jede Lust ist eine Selbstmoͤrderin, und damit gut. Aber giebt es denn ein kahleres Paar arme Haͤute als ich und du, saͤmmtlich? Denn wenn es ein Lumpen- Huͤndchen-Paar giebt, das drei durstige Engel den ganzen Abend trocken auf dem Wasser herum¬ fahren laͤsset, weil es nicht so viel in der Tasche, oder droben in der Stube zusammen bringen kann, um den Engeln nur die kleinste Erfrischung vorzu¬ setzen, das wenige Kommiß-Eis ausgenommen, worauf sie fuhren —: so ist wahrlich das Paar niemand als wir. — Ach waren wir denn im Stande, wenn sie schlechter Wetter und kein Fuhr¬ werk hatten, nur eine Halbchaise anzuspannen, und einen Floh dazu anzuschirren, wie einmal ein Kuͤnstler in Paris eine sammt Passagieren und Postillon so fein ausgearbeitet hatte, daß ein ein¬ ziger Floh alles zog? — Sonst war der Abend huͤbsch.“ „O wahrlich! Freilich; — aber gewiß so we¬ nig als ich diesen Abend an leibliche Genuͤsse dach¬ te, so wenig vielleicht die guten Wesen! Die Frau hat einen Schmerz, eine Freude; der Mann hat Schmerzen, Freuden. Sieh nach, dis trift schoͤn mit den Worten auf der Tafel, die dort an der Eiche haͤngt.“ — „Eine Linde ists,“ sagte Vult. „So kenn' ich, versetzte Walt, immer die Gewaͤchse nur in Buͤchern. — Darauf steht: die schoͤne weibliche Bluͤte sucht, wie die Biene, nichts als Bluͤte und Blume; aber die rohe sucht, wie die Wespe, nur Fruͤchte.“. . . „Ja sogar Ochsenleber, wie die Fleischer wis¬ sen.“ „O, alle, fuhr Walt fort, waren heute so froh, und besonders uͤber dich! Nun ich sage dir's offen, habe ich dich je als freien, gewandten, kuͤhnen, alles schlichtenden Weltmann erkannt, so wars heute,“ sagte Walt und hob besonders sein Benehmen gegen Raphaela heraus. Vult bedankte sich mit einem — Spasse uͤber sie. Es war der, daß Weiber den Augen glichen, die so zart, rein und fuͤr Staͤubchen empfindlich waͤren, und denen doch Mettelsafran, Cayennepfeffer, Vitriolspiritus, und andere angreifende Aetzmittel als Heilung dienen. Von Zeit zu Zeit ließ er einen maͤßigen Scherz ge¬ gen Raphaela los, um den Bruder von einer ver¬ druͤßlichen Eroͤffnung seiner Liebe zuruͤckzuschrecken. Allmaͤhlich sanken beide sanft und tief in die Stille ihres Gluͤcks. Von der schimmernden Ge¬ genwart war ihnen nichts geblieben als oben der Himmel, und unten das Herz. Der Floͤtenspieler maß seinen Weg zu Wina's Ich zuruͤck, und fand sich schon auf halbem — Ihr Danken, ihr Blicken, ihr Naͤhern, Raphaelens Meiden, langte zu, ihm fuͤr die Neujahrs-Nacht, wo er alles durch einen Zauberschlag entscheiden wollte, die schoͤnste Hofnung zu lassen, und doch noch groͤßere Sehnsucht. Aber gerade diese war ihm fast lieber und seltner als jene; er dankte Gott, wenn er sich nach irgend etwas unbeschreiblich sehnte, so sehr mußte er sich nach Sehnen sehnen. Aber die Entbehrungen und Schmerzen der Liebe sind eben selber Erfuͤllungen und Freuden, und geben Trost, und brauchen keinen, so wie die Sonnenwolken eben das Leuchten der Sonne erzeugen, und die Erdenwolken vertreiben. Nur auf Walt, dessen dichterische Nachtigallen in seinem warmen Duft-Eden betaͤubend schlugen, machten die goͤttlichen Sterne, und ein gluͤcklicher Bruder zu starken Eindruck; er duͤrfe, schwur er vor sich, dem aufgeschloßnen Freunde gerade die heiligste Herzens-Staͤtte, wo Wina's Denkmahl in Gestalt einer einzigen Himmelsblume stand, nicht laͤnger verdecken und umlauben. Daher schickte er ohne weiteres Hand-Drucke und Au¬ gen-Blicke als Vorspiele der schamhaften Beichte seiner kuͤhnsten Sehnsucht voraus, um ihn zu fra¬ gen und vorzubereiten; dann fing er an: „sollte der Mensch nicht so offen seyn als der Himmel uͤber ihm, wenn dieser gerade alles Kleinliche ver¬ kleinert, und alles Große vergroͤßert?” — „Mich vergroͤßert er wenig, versetzte Vult. Laß' uns aber im Schatten gehen; sonst muß ich alles vorbeigehend lesen, was da von Empfindungen an die Baͤume genagelt ist. Denn so sehr mir Raphaela seit naͤherer Bekanntschaft in einem an¬ dern Lichte erscheinen muß als sonst, so hasse ich doch das gewaltsame Herauskehren und Umstuͤl¬ pen des Innern zum Aeußern noch fort, als sei man eine kehrbare Thierpflanze. Wenn ein Maͤd¬ chen anfaͤngt, „eine schoͤne weibliche Seele”: so lauf' ich gern davon; denn sie besieht sich mit. — Herzen hat ohnehin jedes so viele aufzumachen und zu verschenken, als ein Fuͤrst Dosen, und beide enthalten das Bildniß des Gebers, nicht des Empfaͤngers. Ueberhaupt! — Und so fort! — Aber ich berufe mich auf dich selber, ob du wohl bei deiner und unserer Delikatesse faͤhig waͤ¬ rest, von deinen heiligern Herzens-Gegenden, vom innersten und heißesten Afrika, alles bekannt zu machen und Landkarten davon zu stechen. Ein anderes, Bruder, sind Spitzbuͤbereien der Liebe — bloße schlimme Streiche — Wiegenfeste des alten Adams — alles dieses dergleichen wilde Fleisch am Herzen, oder, moͤcht' ich mit den Aerzten spre¬ chen, solche Extravasata, oder mit den Kanoni¬ sten, solche Extravagantia, kurz deine starken Ausschweifungen, kannst du mir, ob ich sie dir gleich kaum zugetrauet haͤtte, ohne Schaden ent¬ bloͤßen. Verliebte Liebe hingegen — bedenke dies wenigstens fuͤr kuͤnftige Faͤlle. Denn der vortref¬ liche Mann, dem du etwa deine Flamme und de¬ ren Gegenstand bekannt gemacht, weiß nicht recht, da er doch an deinen frohen Empfindungen den frohesten Antheil nehmen will, wie er die Person zu behandeln habe — Ob ganz wie du? Aber dann fehlte gar der Unterschied, und du knurrtest wohl am Ende. — Oder ob ganz matt und hoch¬ achtend? Dann wirst du gequaͤlt und gedraͤngt, daß er dir mit seinen gipsernen Augen, in deine naß-brennenden sieht. Der vortrefliche Mann schluckt jedes Wort zuruͤck, das nicht wie ein Wunderungs-O uͤber sie aussieht, dieser schoͤne Selbstlauter, der im Munde eben so gut den Kreis als die Nulle nachspielt. — Ihr beide oder ihr drei, sitzt immer befangen neben einander. Der Mann schaͤmt sich vor dem Mann stets mehr der Liebe, als der Ehe; denn in der Ehe finden ein paar Freunde schon eher etwas zum Sympathisi¬ ren, z. B. Wechsel-Jammern uͤber ihre Weiber u. s. w. Walt schwieg, legte sich ins Bett und in die Traͤume hinein, und that die Augen zu, um alles zu sehen, was ihn begluͤckte. N ro . 61. Labrador Blende von der Insel St. Paul. Vults antikritische Bosheit — die Neujahrs-Nacht. Auf die suͤßen Fruͤchte und Rosen, die sie an der Wetterseite ihres Lebens zogen, blies wieder ein rauhes Luͤftchen, naͤmlich H. Merkel, der ih¬ ren Roman mit wahrer Verachtung zuruͤckschickte, den Waltischen Antheil noch ertraͤglich, den Vul¬ tischen aber nicht nur abgeschmackt fand, sondern gar dem Gukguk Jean Paul nachgesungen, wel¬ cher selber schon ohne die Gukguks-Uhr der Nach¬ ahmung langweilig genug klinge. Dieses brachte den Floͤtenmeister dermaßen auf, daß er alle kriti¬ schen Blaͤtter dieses Selbst-Redakteurs durchlief, und darin blos nach Ungerechtigkeiten, Bosheiten, Fehlschluͤssen, Fehlgriffen und Fehltritten so lange nachjagte, bis er ihm gerade so viele, als man Delille Delille in seinem homme aux champs Wieder¬ holungen Im Appel aux principes , wozu noch 558 — Antithesen vorgeworfen werden. vorwarf, zum zweiten Einruͤcken zu¬ fertigen konnte in einem Briefe, naͤmlich sechs¬ hundert und drei und vierzig. Der ganze Brief war voll Ironie, naͤmlich voll Lob — Anfangs erwaͤhnte Vult achtend der Kritik im Allgemeinen, welche er eine noͤthige Zuchthaͤusler-Arbeit nennt, da sie im Poli¬ ren des Marmors, Schleifen der Brillen, Raspeln der Faͤrbe hoͤlzer, und Hanfklopfen fuͤr Stricke bestehe — machte glaublich, daß, in¬ sofern Genies nur durch Genies, Elephanten nur durch Elephanten zu baͤndigen und zu zaͤhmen waͤren, ein kritischer Floh sich ganz tauglich da¬ zu anstelle, da er sich von anderen Elephanten weder in der Gestalt, noch, unter einem Vergroͤs¬ serungsglase, in der Groͤße unterscheide, und noch den Vorzug habe, sich leichter ins Ohr zu setzen, und uͤberall zu stechen und zu huͤpfen — erklaͤrte jedoch die gewoͤhnliche Regelgeberei bei Maͤnnern Flegeljahre IV . Bd. 16 wie z. B. Goͤthe, fuͤr eben so unnuͤtz als eine zu¬ rechtweisende Sonnenuhr auf der Sonne — ruͤck¬ te nun Herrn Merkel nicht ohne Bosheit naͤher, indem er es erhob, daß er gerade an großen Autoren, die es am ersten und stillsten vertruͤgen, sich am meisten zeige durch kleine Ergießungen von Galle und Hirnwasser, so wie man nirgends (selten an kleine Privathaͤuser) so oft, als an er¬ habene und oͤffentliche Gebaͤude wie Raths-, Opernhaͤuser und Kirchen pißet. — Er wundert sich, daß das Publikum sich noch nicht die Qual und Arbeit stark genug vorgestellt, womit er ganz allein in den Frauenzimmer-Briefen das todte Musenpferd aus der Straße wegzuschleppen streb¬ te, eine Marter, wovon ein Wasenknecht zu sprechen wisse, der mehrere Tage ganz allein, weil jeder Vorbeigehende sich zur Handreichung aus Vorurtheil fuͤr zu ehrlich halte, an einem gefal¬ lenen Gaule abtrage — nahm davon Gelegenheit, dessen Stolz im vortheilhaften Lichte zu erblicken, da M. allerdings uͤber die ungeheuren Riesen¬ schenkel und den Riesenthorax seines Schattens vergnuͤgt erstaunen muͤsse, den er auf die Maͤrker¬ Flaͤche projectire bei dem tiefen Stand der Mor¬ gensonne der neuen Zeit. — Da aber Vult im Verfolge anfaͤngt, anzuͤg¬ lich zu werden, ja verachtend: so haͤlt sich der Verfasser durch kein Kabelsches Testament und durch keine Labrador-Blende von der Insel St. Paul fuͤr das Kapitel verbunden, den Rest hier zu exzerpiren; um so mehr, da nicht einmal Mer¬ kel selber das ganze Schreiben eingeruͤckt oder be¬ antwortet hat, den ich hier oͤffentlich zu bezeugen auffordere, ob nicht der unterdruͤckte Rest noch unschicklichere Angriffe enthalten habe, und aus gleichen Gruͤnden von ihm, wie von mir, unter¬ schlagen worden ist. — Darauf wurde der Roman an H. v. Tratt¬ ner in Wien geschickt, weil man dahin, sagte Vult, nur halb frankiren duͤrfte. „Ich danke Gott, so bald ich nur hoffen kann,“ sagte Walt. Die neue Arbeit wurde der alten mit beigelegt. Der Buchhaͤndler blieb dabei, daß er jede Woche nicht mehr als Einen Korrektur-Bogen zuschickte, und folglich dieses Erbamt des Korrektorats ungewoͤhnlich ausdehnte. Der Notarius beging jede Woche zwar nicht neue Korrektorats-Fehler, aber unzaͤhlige; nur uͤber den Buchstaben W keine, weil sein Wohl und Weh, Wina, damit anfing. Todt-oͤde waͤre das Doppel-Leben der Bruͤ¬ der ausgefallen ohne die Liebe, welche den Bau¬ gefangenen der Noth die hoͤchsten Luftschloͤsser er¬ bauen laͤßt, welches so viel ist, als sie bewoh¬ nen! Nichts ertraͤgt die Jugend leichter als Ar¬ muth, (so wie das Alter nichts leichter als Reich¬ thum) denn irgend eine Liebe — sie meine ein Herz oder eine Wissenschaft — erhellet ihre dunkle Ge¬ genwart kuͤnstlich, und laͤsset sie im kuͤnstlichen Tage so freudig seyn, als sei es ein wahrer, wie Voͤgel vor dem Nachtlicht fortschlagen, weil sie es fuͤr einen Tag ansehen. Vult war nun entschlossen, in der Neujahrs- Nacht auf Wina's Herz seine feindliche Landung — mit der Floͤte in der Hand — zu machen. Hoffnungen hatt' er — da aus Gemeinschaft der Arbeit leicht die des Herzens wird, und aus dem Faktor der Handelswittwe leicht ihr Mann — genug: „wenn ein Paar durch das Ausfuͤhren eines zweistimmigen Satzes nicht einstimmig werden: so irr' ich mich sehr,” sagt' er. Walt hingegen entwarf keinen andern Eroberungsplan als den, Wina verstohlen anzuschauen — vor Freude zu weinen — je heranzuruͤcken mit sich — und, wenn Gott ihm Finsterniß, oder sonst Gelegen¬ heit bescherte, im Saus und Braus der Wonne ihre Hand zu kuͤssen, und gewiß irgend Etwas zu sagen. Bis dahin sagte er ihr noch mehr, aber gedruckt auf Taffent und feinstem Papier. Da er naͤmlich durch seinen poetischen Antheil an der Haßlauer Zeitung das Vertrauen des Herausgebers so sehr gewonnen hatte, daß dieser von ihm die ganze Lieferung gedichteter Neujahrs¬ wuͤnsche, eines betraͤchtlichen Handels-Artikels des Mannes, sich verschrieben, so legte er in die Blaͤtter, die fuͤr Maͤdchen verkauft wurden, un¬ zaͤhlige Phoͤnix-, Paradiesvoͤgel-, und Nachti¬ gallen-Eier zum Wuͤnschen nieder, welche das Schicksal spaͤter ausbruͤten sollte; naͤmlich es gab mit anderen Worten wenig Freudenkraͤnze, Freu¬ denmonde, Freudensonnen, Freudenhimmel, Freu¬ denewigkeiten, welche er auf dem Taffent nicht den verschiedenen Maͤdchen wuͤnschte, blos in der Hofnung, daß unter so vielen Wuͤnschen wenig¬ stens einer von so vielen Freundinnen Wina's werde gekauft werden, fuͤr diese. „O wohl zehn!“ sagt' er. So kam Weihnachten heran und gieng vor¬ uͤber, ohne daß aus der Asche der Kindheit die gewoͤhnlichen schillernden Phoͤnixe aufstiegen — da die Neujahrs-Nacht ihnen zu nahe vorglaͤnz¬ te — und diese brach endlich mit ihrer Abend- Aurora an, die noch dem alten Jahre gehoͤrte. Noch Abends beim Schimmer des Hesperus, oder sonst eines Sterns, verflucht' es Vult von neuem, daß er nichts weiter hatte, als die schoͤn¬ ste Gelegenheit, aber kein Geld, Nachts den ga¬ lantesten Mann von Welt bei den Jungfrauen zu spielen: „ich wollte, ich waͤre wie schlechtere Musici mit dem Bettelorden der Neujahrsfahrer umhergeschifft, und haͤtte wenigstens mir so viel erbettelt, um den Reichen zu machen,“ sagt' er. Sobald Engelberta ihn auf 4 Uhr Morgens in die große gelbe Stube mit dem Bewußten bestell¬ te: so gieng er Nachts mit Walt freudegluͤhend in das Weinhaus, wo er als ein alter Haus¬ freund den Tag vorher (es kostete ihm blos seine feinen Beinkleider-Schnallen) Champagner-Wein ohne Kork aufs Eis setzen lassen, um, wie er sag¬ te, die Ruinen ihres Hunds-Lebens ein wenig auszutapeziren. Walt nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um zu begreifen, daß dem offenen Weine kein Wein¬ geist verrauchet sei. Dann trank — allen Nach¬ richten zufolge, die man hat — jeder; doch so, daß beide einander als positive und negative Wol¬ ken entladend entgegen blitzten, Walt mehr mit scherzhaften Einfaͤllen, Vult mit ernsten. In einer Blumenlese aus ihrem Gespraͤche, wuͤrden die Farben so bunt neben einander kommen, als hier zur Probe folgt: „Der Mensch hat zum Guten im Leben so wenig Zeit, als ein Perlenschiffer zum Perlen- Aufgreifen, etwa zwei Minuten. — Manche Staatseinrichtungen zuͤnden ein Schadenfeuer an, um die eingefrornen Wasserspritzen aufzuthauen, damit sie es loͤschen. — Man steigt den gruͤnen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eis¬ berge zu sterben. — Jeder bleibt wenigstens in Einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu niesen. — Winkelmann verdient Suwarow's Ehrennamen Italiskoi. — Heimlich glauben die die meisten, Gott existire blos, damit sie erschaf¬ fen wurden; und die durch den Aether ausgestreckte Welten-Partie sei die Erdzunge ihres Dunst- Meers, oder ihre Erde sei die Himmelszunge. — Jeder ist dem Andern zugleich Sonne und Son¬ nenblume, er wird gewendet, und wendet. — Viele Witzkoͤpfe an Einer Tafel, heißt das nicht mehrere herrliche Weine in Ein Glas zu¬ sammengießen? — Kann eine Sonne mit andern Kugeln als Welt-Kugeln beschossen werden? — Sterben heißt sich selber durch Schnarchen wecken. — — Und so weiter; denn im Verfolge war viel weniger Zusammenhang und mehr Feuer. So schlug endlich die Todtenglocke des Jahrs; und der unsichtbare Neumond des neuen schrieb sich bald mit einer Silber-Linie in den Himmel ein. Als die Glaͤser endlich geleert waren, wie das Jahr: so lustwandelten beide auf der Gasse, wo es so hell war, wie am Tage. Ueberall riefen sich Freunde, die von Freuden-Gelagen herka¬ men, den Neujahrs-Gruß zu, in welchem alle Morgen- und Abendgruͤße eingewickelt liegen. Auf dem Thurm-Gelaͤnder sah man die Anblaͤser des Jahrs mit ihren Trommeten recht deutlich; Walt dachte sich in ihre Hoͤhe hinauf, und in die¬ ser kam es ihm vor, als sehe er das Jahr wie eine ungeheure Wolke voll wirbelnder Gestal¬ ten am Horizont heraufziehen; und die Toͤne nannten die Gestalten kuͤnftiger Stunden beim Namen. Die Sterne standen als Morgensterne des ewigen Morgens am Himmel, der keinen Abend und Morgen kennt, aber die Menschen schaueten hinauf, als gaͤb' es droben ihren eiligen Wechsel, und ihre Stunden- und ihre Todten¬ glocken, und den deutschen Januar. Unter diesen Gefuͤhlen Gottwalts stand die Geliebte als ein Heiligen-Bild, von Sternen ge¬ kroͤnt, und der Himmels-Schein zeigte ihre großen Augen heller, und ihre sanften Rosenlip¬ pen naͤher. Nicht wie sonst stellte ihm das alte Jahr, das an der Geburt des neuen starb, das Vergehen des Lebens dar; die Liebe verwandelt alles in Glanz, Thraͤnen und Graͤber; und vor ihr beruͤhrt das Leben wie die niedergehende Sonne auf den nordischen Meeren am langen Tage, nur mit dem Rande die Untergangs-Erde und steigt dann, wieder morgendlich den Himmelsbogen hinauf. Beide Freunde giengen Arm in Arm, endlich Hand in Hand, in den Straßen umher. Walts kurze Lustigkeit war dem tiefern Fuͤhlen gewichen. Er sah sich oft um, und in Vults Gesicht hin¬ ein: „so muͤssen wir bleiben in einem fort, wie jetzt,“ sagt' er. Geschwind druͤckte ihm Vult die Hand auf den Mund, und sagte: „der Teufel hoͤrts!“ — „Und Gott auch,“ versetzte Walt; und fuͤgte dann leise, rosenroth, und abgewandt hinzu: „In solchen Naͤchten solltest du auch ein¬ mal das Wort Geliebte ! sprechen.“ — „Wie? sagte Vult roth, dieß waͤre ja toll.“ — Nach langem Genuß des hellen Vorfestes sa¬ hen sie endlich Wina mit Engelberta, wie eine weiße Blumen-Knospe in das Feuerhaus ein¬ schluͤpfen. Hoffend auf die ausgearbeiteten Plane seiner Liebes-Erklaͤrung, und so gluͤcklich wie ein Astronom, dem sich der Himmel aufklaͤrt, ehe sich der Mond total verfinstert, suchte Vult jetzt die Ohren des Bruders in etwas vom Lieb¬ haber-Theater wegzustellen, indem er ihm vor¬ hielt, wenn er in einiger Ferne, z. B. unten im Park zuhorchte, wuͤrden ihn die Toͤne viel feiner ergreifen. „Gukst du mir uͤber die Achsel: so ists soviel, als schnaubest du selber mit ins Floͤten¬ loch hinein, wobei wenig zu holen ist; und was uͤberhaupt die Heldin des ganzen Musikfestes zu einem Lager, das zwei junge Maͤnner vor ihrem eignen im Bette aufschlagen, sagt, braucht doch auch Bedacht, mein Walt!“ — „Da es dir so lieb ist, so wend' ich nichts ein,“ sagte dieser, und ging in den kalten Garten, wo der blenden¬ de Schnee so gut gestirnt war, als der tiefe Aether. Aber oben ging es wider Vults Vermuthen, doch nicht wider dessen Wunsch. Engelberta versicherte, ihre Schwester wuͤrde, da sie Floͤte und Stimme so kenne, vom ersten Anklang er¬ wachen, und alles verderben. „So muß die Musik in groͤster Ferne anfangen, und wachsend sich naͤhern.“ „Gut, das geschieht im Park,“ sagte Wina, und eilte hinab. Auf der Treppe hinter nahen Ohren, nahm Vult eiligst alle mu¬ sikalische Abreden mit ihr, damit er auf dem einsamern Park-Wege nichts zu machen brauch¬ te, als seine Eroberung. Zu seinem Schrecken stand jetzt wie eine stille Pulverschlange, die blos auf das Loszuͤnden wartete, der Notar auf der Hauptstrasse, der mit seiner heitern Miene sich und andern versprach mitzugehen, und alles zu begleiten. Wina gab ihm einen freudigen Mor¬ gen-, dann noch einen Neujahrs-Gruß, und die Frage, „geht nicht alles vortreflich?“ — Sta , Sta , Viator , sagte Vult, und winkte ihm heftig ruͤckwaͤrts, still zu liegen — was jener nachdenkend vollzog, „weil ich ja, dacht' er, nicht weiß, was er fuͤr Ursachen dazu hat.“ „Ein wahrer, inniger Mensch und Dichter,“ begann Vult. „Seine Gedichte sind himmlisch,“ versetzte sie. „Dennoch haben Sie uns beide als Verfasser verwechselt? (fragt' er rasch, weil ihm wie einem Ewigen und Seligen jetzt nichts fehlte, als Zeit.) Ein solcher Irrthum verdient nicht die geringste Verzeihung, sondern Dank. Eine andere, aber richtigere Verwechslung denk' ich mir eher — (Wina sah ihn scharf an). Denn ich und er haben ein paar gegenseitige Zwillings- Geheimnisse des Lebens, die ich niemand in der Welt entdecke — außer Ihnen, denn ich vertraue Ihnen.“ — „Ich wuͤnsche nichts zu wissen, was Ihr Freund nicht gern erlaubt,“ versetzte sie. Jetzt sprang er, weil das Entdeckungs-Ge¬ spraͤch viel zu lange Wendungen nahm, und er vergeblich auf langsamere Schritte sann, um ihr naͤher zu kommen, ploͤtzlich vor eine Linde, und las davon folgende Tafelschrift von Raphaelen ab. „Noch im Mondenschimmer toͤnen Bienen in den Bluͤten hier, und saugen Honig auf; du schlummerst schon, Freundin, und ich ruh' hier, und denk' an dich, aber traͤumst du, wer dich liebt? „Eilen wir nur, sagte sie. Wie koͤstlich ist Ihr Auge wieder hergestellt!“ — „Ich nehme auch alles lieber von Amor an, besonders die Giftpfeile, als die Binde; ich sah Sie stets , verehrte Wina, wer dabei von uns beiden am meisten gewinnt, das weiß nicht ich, sondern Sie, sagte er mit feiner Miene. „Schoͤn, fuhr er fort, hat der Dichter in Ihren Gesang die Zeile eingewebt: traͤumst du, wer dich liebt?” — Darauf drehte er sich halb gegen sie, sang ihr leise diese Zeile, die er absicht¬ lich zu diesem Gebrauche komponirt, ins treuher¬ zige Angesicht, und sein schwarzes Auge stand im langen Blitze der Liebe. Da sie schwieg und staͤrker eilte: so nahm er ihre Hand, die sie ihm ließ, und sagte: „Wina, Ihr schoͤnes Herz er¬ raͤth mich, Ihnen will ich anders, ja, wenns nicht zu stolz ist, aͤhnlicher erscheinen als der Menge. Ich habe nichts als mein Herz und mein Leben; aber beides sei der Besten geweiht.” — „Dort, Guter!” sagte sie leise, zog ihn ei¬ liger an die Stelle, wo sie spielen wollten; dann stand sie still, nahm auch seine andre Hand, hob die Augen voll unendlicher Liebe zu ihm empor, und auf ihrem reinen Angesicht standen alle Ge¬ danken klar, wie helle Thautropfen auf einer Blume. „Guter Juͤngling, ich bin so aufrich¬ tig als Sie, bei diesem heiligen Himmel uͤber uns versichere ich Sie, ich wuͤrd' es Ihnen offen und froh gestehen, wenn ich Sie liebte, in dem Sinne, worin Sie es wahrscheinlich meinen. Wahrlich, ich thaͤt' es kuͤhn aus Liebe gegen Sie. Schon jetzt schmerzen Sie mich. Sie haben mei¬ nen Morgen gestoͤrt, und meine Raphaela wird mich nicht froh genug finden.” Vult zog, schon ehe sie die letzten Worte sag¬ te, die Floͤtenstuͤcke heraus, setzte sie zusammen, und gab, nur einen Blick hinwerfend, ein stum¬ mes Zeichen anzufangen. Sie begann mit erstick¬ ter Stimme, eine kurze Zeit darauf mehr forte , aber bald ordentlich. Walt durchschnitt den Hauptgang unten hin und her, um beiden nachzublicken, bis sie ihm ferne in den Mondschimmer wie zergingen. Endlich hoͤrte er den wunderbaren Gruß-Gesang an die Schlafende, seine eigenen Worte, aus der Daͤm¬ mer-Ferne, und sein Herz in eine fremde Brust versetzt, wie es der armen Schlaͤferin droben, an die selber er bisher gerade am wenigsten ge¬ dacht, die Worte sagt: „erwache froh, gelieb¬ tes Herz!” — Er sah deshalb aufrichtig mit Gluͤckwuͤnschen an ihr Fenster hinauf, um sich zu entschuldigen, und wuͤnscht' ihr alles, was Leben und Liebe Schoͤnes zu reichen haben, unter dem groͤsten Bedauern, daß ihr Flitte gerade verreiset seyn muste. „Moͤchtest du dich doch, gutes Maͤdchen, dacht' er, taͤglich fuͤr immer schoͤner halten, waͤr' es auch nicht ganz wahr! Und deine Mutter, deine Wina muͤsse auch so denken, um sich sehr an dir zu freuen!“ Auf einmal hoͤrt' er Engelberta, die ihm rieth, er moͤge, wenn er sich warm laufen wolle, lieber ins Haus hinauf. Da ihn nun diese Auf¬ merksamkeit eines Zeugen stoͤrte: so ging er ins nahe Rindenhaus, wo er nichts sah, als uͤber sich das naͤchtliche Himmelsblau, mit dem her¬ einstralenden Monde, und nichts hoͤrte und in sich hatte, als die suͤßen Worte der fernen zarten Lippen. Er sah hinter der Rinde die schimmern¬ de Wildniß des Himmels aufgethan und er jauch¬ zete, daß das neue Jahr in seiner mit Sternen besetzten Morgenkleidung so groß und voll Gabe vor ihn trat. Nun kam Wina, die melodische Wekerin zum Wiegenfesttage, immer naͤher mit staͤrkeren Toͤ¬ nen, Vult hinter ihr, um die heißen Thraͤnen des des Unmuths, die er neben der Floͤte nicht trock¬ nen konnte, niemand zu zeigen, als der Nacht. In der Naͤhe gab ihr Engelberta, auf das Schlaf¬ zimmer der Schwester und Walts Rinden-Ro¬ tunda winkende Zeichen, welchen sie zu folgen glaubte, wenn sie sich in die Rotunda singend verbarg, um da sich und ihr Fruͤhlings-Lied von der erwachenden Freundin finden zu lassen. Sie fand den Notar mit dem Auge auf dem Monde, mit dem Geiste in dem blauen Aether — ihre naͤheren Toͤne und Vults fernere hatten ihn berauscht, und außer sich und außer die Welt gesetzt. Eigentlich versteht niemand als nur Gott unsere Musik; wir machen sie, wie taubstumme Schuͤler von Henecke Worte, und vernehmen sel¬ ber die Sprache nicht, die wir reden. Wina mußte fortsingen, und die Anrede durch ein eng¬ lisches Anlaͤcheln ersetzen. Da er gleichfalls nichts sagen durfte, so laͤ¬ chelte er auch an, und sehr, und schwamm vor ihr in Liebe und Wonne. Als sie nun die schoͤne melodische Zeile sang: traͤumst du, wer dich liebt? und sie so nahe an seiner Brust die heimli¬ Flegeljahre IV . Bd. 17 chen Laute derselben nachsprach: so sank er auf die Knie, unwissend ob zum Beten oder zum Lie¬ ben, und sah auf zu ihr, welche vom Mond, wie eine obenherabgekommene Madonna umkleidet wurde mit dem Nachglanze des Himmels. Sie legte sanft die rechte Hand auf sein weichlockiges Haupt; — er hob seine beiden auf, und druͤckte sie an seine Stirn; — die Beruͤhrung loͤsete den sanften Geist in Freudenfeuer auf, wie eine wei¬ che Blume in uͤppiger Sommernacht Blitze wirft — Freudenthraͤnen, Freudenseufzer, Sterne und Klaͤnge, Himmel und Erde zerrannen in einan¬ der zu Einem Aethermeere, er hielt, ohne zu wissen wie, ihre Linke an sein pochendes Herz ge¬ druͤckt, und der nahe Gesang schien ihm wie ei¬ nem Ohnmaͤchtigen aus weiten Fernen herzu¬ wehen. Die Floͤte stand ganz nahe, das letzte Wort wurde gesungen. Wina zog ihn sanft von der Erde auf; er glaubte noch immer, es toͤne um ihn. Da kam mit freudigem Ungestuͤm Ra¬ phaela hineingestuͤrzt, an die Brust der Geberin des schoͤnsten Morgens. Wina erschrack nicht, aber Gottwalt — sie gab der Freundin eine ganze Freundin. Sie sagte zu Gottwalt, der nicht spre¬ chen konnte: wir sehen uns Abends wieder, am Montage? — Bei Gott, antwortete er, ohne das Mittel zu kennen. Jetzt trat Vult hinzu, und empfing von Raphaela lauten Dank, und er verließ schweigend mit Walt den seltsamen Garten. Oben hieng sich dieser warm an seinen Hals. Vult nahm es fuͤr Freuden-Lohn seiner Bemuͤ¬ hung um Raphaelens Morgenfest, und druͤckt' ihn einmal an die Brust: „Laß' mich reden, Bruder,“ begann Walt. „O laß mich schlafen, Walt, versetzte er — nur Schlaf her, aber rech¬ ten tiefen, dunkeln; wo man von Finsterniß in Finsterniß faͤllt. O Bruder, was ist recht derber Schlaf nicht fuͤr ein koͤstlicher weiter Landsee fuͤr beidlebige Thiere, z. B. einen Aal, der matt vom schwuͤlen Lande kommt, und der nun im Kuͤhlen, Dunkeln, Weiten, schwanken und schweben kann! — Oder leugnest du so etwas, und mehr?“ — „Nun, so gebe dir Gott doch Traͤume, und die seligsten, die ein Schlaf nur haben kann, sagte Walt. N ro . 62. Saustein. Einleitungen. Walt hatte nun in seinem (mit Blumen aus¬ geschmuͤckten ) Kopf nichts weiter als den Mon¬ tag, an welchem er Wina sehen sollte, ohne zu wissen, wo? Nach einigen Tagen ließ ihm Ra¬ phaela durch Flora sagen, die Redoute am Mon¬ tage sei durch eine Landestrauer verschoben. Er stutzte das Maͤdchen an, und sagte: „wie, es war eine Redoute?“ Als ihm Vult aber nachher auf die Achsel klopfte, und anmerkte, wahrschein¬ lich habe ihn Engelberta dahin bestellt, und lasse es fein genug durch die Schwester sagen, so ging ihm ein Licht, ja ein Stern uͤber Wina's Mon¬ tag auf. Seine Gehirnkammern wurden 4 Mas¬ kensaͤle; er schwur, so lange sich abzukargen — und sollte er verhungern — bis er so viel Geld zusammen haͤtte, daß er zum erstenmal in seinem Leben den Larventanz besuchen und mitmachen koͤnnte. „Hab' ich einmal eine Maske vor, dacht' er, so tanz' ich selig mit Ihr, oder fuͤhre Sie, und frage wahrlich nichts darnach, wie alles aus¬ sieht.“ Wie sanft haͤtte es ihn beruͤhrt und ge¬ waͤrmt, wenn er seinen Zwillingsbruder an und in sein Herz und Geheimniß haͤtte ziehen koͤnnen! Nur wars zu unmoͤglich. Die Schmerzen hat¬ ten in diesen harten Edelstein Wina's Namen und Nein sehr tief geschnitten — dieß ertrug er nicht, sondern er wollte den Juwel selber abnutzen und abscheuern, damit nichts mehr daran zu le¬ sen waͤre; nicht vor Liebe, sondern vor Ehrliebe, nicht vor Sehnsucht, sondern vor Rachsucht, haͤtte er sterben oder toͤdten koͤnnen. In diesem Zustand war es jedem, der kein Notarius war, schwer, mit ihm auszukommen. Vor allen Din¬ gen mißfiel ihm die Naͤhe und die Ferne, er ver¬ fluchte Quartier und Stadt, jenes fein, diese ge¬ radezu, indem er sie eine Chaluppe zu Brands Narrenschiff — eine Loge zum hohen Licht voll ausgeloͤschter, stinkender Studierlampen — ein Gebeinhaus von Gekoͤpften ohne Schaͤdelstaͤtte — eine Thierresidenz mit Viehmarkt und Thiergaͤr¬ ten, feinen Kaͤferkabinetten, und einigen Maͤuse¬ thuͤrmen — nannte; Ausdruͤcke, wovon er viele in den Hoppelpoppel oder das Herz hineinnahm. Walt leitete die Ergießungen auf die Stadt, doch auf sich selber, naͤmlich als ob der Bruder sagen wollte: „Deinetwegen sitz' ich im Nest.” — „Ach waͤrst du doch gluͤcklicher, Vult,” sagte er einmal, und nicht mehr. „Was hast du von mir gehoͤrt?” sagte zornig Vult. „Nun eben das vorige,” versetzte er, und nahm ihm den Arg¬ wohn, daß er um die Fehlschlagung seiner Liebes- Erklaͤrung wuͤßte. Am schoͤnen Halbzimmer mit der arkadischen Aussicht auf das gemahlte Buͤhnen-Doͤrfchen verschliß jetzt aller vorige Glanz. Vult donner¬ te — als waͤre Walt an der Stoͤrung des Floͤ¬ tens und Schreibens schuld — hinter der Wand, wenn draussen ein guter angehender Zwerg von Tambour bei leidlichem Wetter sich auf der Trom¬ mel nach Vermoͤgen uͤbte und angriff; — oder wenn der naͤher wohnende Fleischer von Zeit zu Zeit ein Schwein abstach, das schrie, wenn er blies; — oder Nachts, wenn der Nachtwaͤchter so abscheulich absang, daß Vult mehrmals im Mondschein ihm uͤber den Park hinuͤber die staͤrksten Schimpf- und Drohworte zuschreien mußte. Die milde Waͤrme des ewig liebenden Notars trieb und blaͤhte seinen Sauerteig nur mehr auf; „auch ich waͤre an seiner Stelle, sagte Vult, ein Gottes-Lamm und eine Madonna und ein Johannes Schooß-Juͤnger, wenn ich das haͤtte, wofuͤr er seine Grazie haͤlt.“ Der Notar aber dachte blos an den Larven¬ tanz und an die Mittel dazu. „O liebte nur mein Bruder irgend eine Geliebte, wie leicht und selig wollten wir seyn! Wir druͤckten dann alle uns an Eine Brust, und, welche er auch liebte, es waͤre meine Geliebte mit. — So ists leicht, ihm alles zu vergeben, wenn man sich an seine truͤbe Stelle nur setzt!“ Zufaͤllig verflogen sich in ihre Zimmer Loose einer Kleiderlotterie. Da nun Walt aus der Sattel- und Geschirrkammer der Masken man¬ ches brauchte und nichts hatte, und Vult gar noch weniger; und doch beide in die Redoute be¬ gehrten: so nahm jeder ein Loos, um etwa eine Maske zu ziehen. Beide scharrten das Loosgeld zusammen, Vult unter vielem Fluchen auf ihre Nichtshabe¬ rei, und unter dem Beschwoͤren, es geh' ihm so schlimm als den Hinterbacken eines Gaules. — Ueberhaupt hielt er uͤber jeden Mangel und Un¬ fall, lange Schimpfreden gegen das Leben, indem er sagte, auf der Vorhoͤllen-Fahrt sei das Leben ein Hemde-Wechseln, naͤmlich mit Haͤren-Hemden, und zu jedem pis sage das Schicksal bis und auf das Kanonen-Fieber folge das Lazareth-Fieber — oder indem er fragte, ob nicht so das Gebiß den Zahnfraß bekommen muͤ߬ te, da es nichts anderes anzubeißen habe, wie Muͤhlsteine ohne Koͤrner sich selber angreifen? — Bald sagte er auch, das Leben sei durch Eis gut darzustellen — auf einem Eisfeld habe man, außer kalter Kuͤche und Gefrornes, noch seinen rußischen Eispallast mit einem guten Eiskeller fuͤr Kuͤhltraͤnke, und, von Eisvoͤgeln umsungen, druͤcke man den Glacier ans Herz, in der heißern Zeit eines Maifrosts. — „Ich kann dir nicht sagen, sagt' er unter dem Anziehen einmal, wie sehr ich wuͤnschte, es waͤre bei uns, wie bei den Dahomets in Ober-Guinea, wo niemand Struͤm¬ pfe tragen darf, als der Koͤnig, und es waͤre jetzt wie unter Karl dem VII . von Frankreich, wo im ganzen Land niemand 2 Hemden besaß, als seine Gemahlin. — „ Warum?“ fragte Walt. „Ei, dann koͤnnten wir uns recht gut mit unserm Stand entschuldigen,“ versetzte er. Durch diese Ergießungen fuͤhrte er eine Menge Verdruß ab, nur aber dem Bruder manchen zu, weil sich dieser fuͤr die Quelle hielt. „Armuth, antwortete Walt, ist die Mutter der Hoffnung; gehe mit der schoͤnen Tochter um, so wirst du die haͤßliche Mutter nicht sehen. Aber ich will gern dein Simon von Zyrene seyn, der dir das Kreuz tragen hilft.“ — Bis naͤmlich auf den Berg, versetzte jener, wo man mich daran schlaͤgt.“ — Liebe kennt keine Armuth, weder eigne noch fremde. Endlich wurde die Kleider-Lotterie gezogen; auf welche beide sich blos durch Laͤnge der Zeit die groͤsten Hoffnungen angewoͤhnt und weiß ge¬ macht hatten. Die Gewinnste waren fuͤr Nro . 515 (Walt), ein beinah' vollstaͤndiger Anzug von Schuͤtzischem Gichttaffent, so, daß er fuͤr jeden Gichtischen, es mochte ihn reißen in wel¬ chem Gliede es wollte, brauchbar war. Nro . 11000. (Vult), gewann ein ertraͤgliches blaues Fuhrmanns-Hemd. In dieser Minute brachte der Postbote den Hoppelpoppel wieder, den sie an die Buchhandlung Peter Hammer in Koͤlln mit vielen aufrichtigen Lobspruͤchen des H. Ham¬ mers ablaufen lassen — nachdem vorher leider das Mscpt . von H. von Trattner mit der kahlen Entschuldigung abgewiesen worden, er drucke sel¬ ten etwas, was nicht schon gedruckt sei —; auf dem Umschlag hatte das loͤbl. Koͤllnische Postamt blos bemerkt, es sei in ganz Koͤlln keine Peter Hammersche Buchhandlung dieses Namens zu erfragen, und der Name sei nur fingirt. Haͤtte Vult je die beste Veranlassung gehabt, uͤber die ewigen Erdstoͤße des Lebens zu fluchen, etwa zu fragen, ob nicht alle Hoͤllenfluͤße fuͤr ihn aufgingen, und Eis und Flammen fuͤhrten, oder auch zu behaupten, daß in ihr Schicksal gerade so gut Poesie zu mahlen sei, als auf eine Heu¬ schreckenwolke ein Regenbogen — haͤtte er je eine solche Gelegenheit gehabt, so waͤre es jetzt gewe¬ sen, wenn er nicht aus diesem Schlagregen waͤre herausgekommen gar unter die Traufe eines Was¬ serfalls. Der Elsaßer erschien, aber er gehoͤrte noch zum Regen. Er dankte beiden sehr fuͤr die Geburtstags-Arbeiten — noch regnete es — dar¬ auf aber, da er mit seinem Auftrage von Ra¬ phaela herausruͤckte, welche Walten einen voll¬ staͤndigen Berghabit ihres Vaters, den er zuwei¬ len in seinem Bergwerkchen Gott in der Hoͤh' sei Ehre , trug, fuͤr den Larventanz anbot — als Flitte seine Gluͤckwuͤnschungs-Minen, und Walt seine Danksagungs-Minen spielen ließ — dann beide wieder die Minen umtauschten, und dieß alles so wohlwollend gegen einander, daß, wenn der Notar nicht der ausgemachteste Spitz¬ bube des festen Landes war, Raphaela durchaus noch die Geliebte des Elsaßers seyn mußte: so fiel auf einmal der lange Nebel und Vult in die Traufe. „Gott verdamme, Er liebt Wina! (sagte Vult in sich) und sie wohl ihn!“ Alle seine wil¬ den Geister brauseten nun wie Saͤuren auf — doch fest zugedeckt, ausgenommen im Tage¬ buch. „So falsch, so heimlich, so verdammt keck, und wie toll emporstrebend dacht' ich mir doch den Narren nicht — sagte sein Selbst¬ gespraͤch — o recht gut! — Bei Gott, ich weiß was ich thue, hab' ich's nur ganz gewiß! — Aber auf dem Larventanz entlarv' ich; — der Plan geht leicht, darauf kommt der Teufel und holt. Erst recht klar will ich mich, zum Beweise meiner Freundschaft gegen ihn, uͤberzeugen lassen, und zwar von Ihr selber. Himmel, wenn der Gluͤckliche meinen refus in der dummen Neu¬ jahrs-Nacht erfuͤhre! — Ich thaͤt' ihm viel an. — O lieber Vult, so sei nur dießmal, eben des¬ wegen, desto gezaͤhmter und stiller, und baͤndige dein Sprech-Zeug und Gesicht, blos bis mor¬ gen Nachts!“ Vults bisherige Fehlblicke entschuldigt leicht die Bemerkung, daß dieselbe Leichtigkeit, womit man sich einbildet, geliebt zu werden, ja auch weiß machen muͤsse, daß ein anderer geliebt werde, Walt von Raphaelen. Auch glaubte er, als Weiberkenner, die Weiber so verschieden, und folglich ihre Weisen, die Liebe zu bekennen, noch mehr, daß er nur eine Weise annahm, worauf zu fußen sei, welche aber nicht darin bestehe, daß die Frau etwa an den Hals, oder an das Herz falle, sondern daß sie blos einfach sage: ich liebe dich; alles Uebrige, sagte er, sagt dieß ganz und gar nicht.“ Um also sich das Wort der Ruhe zu halten, und kalt und fest wie ein Hamilton auf der heis¬ sen Lava-Rinde zu stehen, auf welcher er fort¬ ruͤckte: so sprach er, wovon er wollte, und berich¬ tete Flitten, er und Walt duzten sich jetzt. Er rieth sehr ernsthaft dem Notar, lieber im Gicht- Taffent eingescheidet auf dem Ball zu erscheinen; und als dieser sich in seinem und der Mittaͤnzerin Namen eckelte vor der Krankenhuͤlle: blieb jener dabei, er sehe hierin nichts als eine ungewoͤhnli¬ che Maske, die ganz unerwartet sei. „Doch fahre meinetwegen in den Berghabit ein, und da¬ mit in den goldhaltigen Lustschacht: aber mein Fuhrmanns-Hemd wirf wenigstens uͤber das A — leder,“ sagte Vult. „Wenn in der Re¬ doute, versetzte Walt, sich das Leben und alle Staͤnde untereinander und an einander mischen: so moͤgen zwei sich wohl an Einem Menschen fin¬ den und einen.“ „Verzeih nur das ganz gewoͤhn¬ liche Berg wort,“ sagte Vult, fuͤr welchen es keine groͤßere Freude gab, als Walten ins ver¬ legne Gesicht zu schauen, wenn er von Culs de Paris sprach, welche er anus cerebri Lutetiae nannte (so heißt der Anfang der vierten Gehirn¬ kammer), nie ein anderes Wort zur Uebersetzung erlas, als das gedachte, so sehr auch schon dem schwachen Kenner der deutschen Sprache der groͤ¬ ste Reichthum zum Wechsel vorliegt. „Er kann naͤmlich, wandt' er sich zu Flit¬ ten, das bekannte Wort A. nicht leiden; ich bin hierin fast mehr frei wie irgend ein Pariser oder Elsaßer. Ueberhaupt H. Flitte, seh' ich doch nicht, warum die Menschen so viel Umstaͤnde machen, Sachen auf die Zunge zu bringen, zu welchen Gott selber mit seiner sagen mußte: wer¬ det. Zur Suͤnde sagte ers gewiß nicht. Kannst du denn uͤberhaupt je vergessen, H. Notar — mehr frag' ich nicht — wenn du an der groͤsten Hofta¬ fel Europens speisest, die es geben soll, daß hin¬ ter den feinsten Ordensbaͤndern doch Splanchnolo¬ gien liegen, wovon jeder die seinige unter die zier¬ lichsten Menschen mitbringt, und sich damit vor den heiligsten Herzen, weil er die Splanchnologie nicht wie seinen Mantel dem Bedienten geben kann, verbeugt. Wenigstens ist dieß immer meine Entschuldigung, wenn er mich scharf vornimmt, weil ich die Feder an der innern unsichtbaren Ue¬ berrocks-Klappe abstreife, indem er immer ein¬ wirft, die abgewandte Flaͤche sehe doch wenigstens der Geist; worauf ich ihm, wie gesagt, den Na¬ bel der Menschheit entgegenhalte. Doch Scherz bei Seite! Reden wir lieber von Liebe, die auf dem Larven-Ball gewiß nicht fehlen wird. Ewi¬ ge, glaub' ich, dauert lange, und laͤnger als man glaubt — denn ich wuͤßte nicht, warum ein Liebhaber die seinige beschwuͤre, wenn er nicht damit verspraͤche, sein Herz so lange brennen zu lassen, als das Steinkohlen-Bergwerk bei Zwi¬ kau, das es nun I Saͤkulum durch thut.“ „ Vive I’Amour !“ sagte Flitte. Vult erzaͤhlte jetzt, Jakobine, die Schauspie¬ lerin, sei angekommen: „sie wird auf dem Balle auch ihre Rolle spielen, spiele du weder den er¬ sten, noch den letzten Liebhaber, Walt. Es ist Teufels-Volk, die Weiber; scheinen sie schlimm, so sind sie es auch; scheinen sie es nicht, so sind sie es doch. Indeß zieh' ich alle Jakobinen allen Pruͤden vor, welche ihre himmelblauen Netze durch den Aether aufspannen.“ Walt fragte, wie es denn eine arme S ne machen solle, wenn Schein und Seyn nichts haͤlfen. Allerdings ist eine gewisse Zuruͤckziehung ein Netz, aber eines um einen Kirschbaum voll suͤßer Fruͤchte, nicht um die Sperlinge zu fangen, sondern um sie ab¬ zuhalten. Aber Vults Zunge schonte, ungleich dem Loͤwen, jetzt keine Frau. Walt trug mit stillem Beklagen des verarm¬ ten Bruders alles ganz gern. Vor Vult hatte sich die Lebensseite in die Nachtseite gekehrt, darum mußte er im Schatten kalt seyn, und, wie andere Gewaͤchse, Gift-Luͤfte ausathmen. Hin¬ gegen der Liebe wendet sich die Himmelskugel, wie auch die irdische Welt sich drehe, stets mit auf¬ aufgehenden Sternen zu. Wie ein Schiffer auf einem windstillen Meer, sieht sie ohne alle Erde, Himmel uͤber, Himmel unter sich offen, und das Wasser, das sie traͤgt, ist blos der dunklere Himmel. Als Vult mit Flitte freundlich fortging, dach¬ te Walt: „ich mach' ihn ja immer friedlicher; sogar mit dem Elsaßer scheint er sich auszusoͤhnen,“ N ro . 63. Titan-Schoͤrl. Larven-Tanz. „Nachts werden wir uns sehen,“ sagte Vult zu Walt am Morgen der Redoute — und ging mit diesem Vorgrusse wie mit dem Entschleiern eines Schleiers davon. In der Einsamkeit brann¬ te dem Notar der Tag zu hell fuͤr die schoͤne Nacht, woraus und wozu dieser Tag bestand. Unter dem Essen sehnte er sich nach dem Bruder, dessen lee¬ res Gehaͤuse noch leerer wurde, weil er ihn Abends antreffen sollte, ohne doch zu wissen in welcher Gestalt. Flegeljahre IV . Bd. 18 Walt ging in eine Larven-Bude, und suchte lange nach einer Larve, welche einen Apollo oder Jupiter darstellte; er begreife nicht, sagte er, warum man fast nur haͤßliche vorstecke. Da Vult ihm gerathen, erst um 11 Uhr in den vollen Saal zu kommen: so holte er im gemaͤchlichen Anputzen sich aus jedem Kleidungsstuͤck wie aus Blumen¬ kelchen feinen Traum-Honig. — Das Ankleiden gerade in der Zeit des Auskleidens, und das all¬ gemeine spaͤte Wachen und Laͤrmen der Stadt so wie des Hauses, faͤrbte ihm die Nachtwelt mit romantischem Scheine, besonders der Punkt, daß er eine Rolle in diesem großen Fastnachtsspiele hatte. Wie anders klingt das Rollen der Wagen, wenn man weiß, man kommt ihnen nach, als wenn man es hoͤrt, mit der Nachtmuͤtze vor dem Bett-Bret stehend! — Da er aus dem Stuͤbchen trat, bat er Gott, daß er es froh wieder finden moͤge, es war ihm wie einem ruhmdurstigen Helden, der in seine er¬ ste Schlacht auszieht. Mit haͤuslichem Gefuͤhle, in der Doppelmaske des Bergknappen und Fuhr¬ manns gleichsam zu Hause zu seyn, und nur wie aus zwei Mansardenfenstern zu gucken, trug er sich, wie eine Saͤnfte, uͤber die Gasse, und konnte es kaum glauben, daß er so herrlich unge¬ sehen, und zweigehaͤusig mit allen Seelen-Raͤdern uͤberall vorbei gehe, wie eine Uhr in einer Tasche. Durch einen Irrweg, der sein Leben verfolgte, trat er zuerst in das Punschzimmer ein, das er fuͤr den Tanzsaal hielt, worein Musik aus schick¬ licher Ferne schoͤn-gedaͤmpft eindringe. Ihn wun¬ derte nichts so sehr, als daß er seine Bergkappe, einfahrend in die schimmernde Baumannshoͤhle voll Figuren, nicht abzog. Als er sich kuͤhn aus der Maske mit den Augen ans Fenster legte, fand er umhersehend nicht ohne Verwunderung viele nackte Angesichter, mit der abgeschundenen Maske in der einen Hand, in der andern mit einem Glas. Das allgemeine Schoͤpfen aus dem Gesundbrunnen oder Ordensbecher, rechnete er zu den Ballgesetzen, und verlangte sogleich sein Glas, und darauf — weil eine Admiralsmaske sein Fluͤgelmann und Muster war — noch eines. Wina sah er nicht, auch kei¬ nen Schein von Vult. Eine Ritterin vom Orden der Sklavinnen der Tugend ging gewandt umher, und sah ihm sehr in die Augenhoͤhlen hinein. End¬ lich faßte sie seine Hand, machte sie auf, und zeichnete ein H. darein; da er aber von dieser Fern- oder Naheschreibekunst nichts wußte, druͤck¬ te er ihre Hand maͤßig, anstatt solche zu beschreiben. Endlich gerieth er, da er das hereinstroͤmende Nebenzimmer pruͤfen wollte, in den wahren schal¬ lenden brennenden Saal voll wallender Gestalten und Huͤte, im Zauberrauch hinaus. Welch' ein gebaͤhrender Nordschein-Himmel voll wider ein¬ ander fahrender zickzackiger Gestalten! Er wurde dichterisch erhoben, da er, wie bei einer auferstehen¬ den Erdkugel am juͤngsten Tage, Wilde, alte Ritter, Geistliche, Goͤttinnen, Mohren, Juden, Nonnen, Tyroler, und Soldaten durch einander sah. Er folgte lange einem Juden nach, der mit herausgeschnittenen Schuldforderungen aus dem R. Anzeiger behangen war, und las ihn durch, dergleichen einen andern, welcher die Warnungs¬ tafeln des fuͤrstl. Gartens, an passende Gliedmaßen vertheilt, um hatte. Von einer ungeheuren Pe¬ ruͤcke voll Papillotten, welche der Traͤger ab¬ wickelte und austheilte, nahm er auch seine an, und fand nichts darin, als einen gemeinen Lob¬ spruch auf seine bezauberten Augen. Am meisten zog ihn und seine Bewunderung ein herumrutschender Riesenstiefel an, der sich sel¬ ber anhatte und trug, bis ein altvaͤterischer Schul¬ meister mit dem Bakel ihn so kopfschuͤttelnd ernst und zurechtweisend ansah, daß er ganz irre wur¬ de, und sich selber an sich, und an seinem Fuhr¬ manns-Hemde nach seinem Verstoße umsah. Als der Schulmann dieses merkte, winkte und ruͤgte er noch heftiger, bis der Notar, der ihm erschro¬ ken in die thraͤnenden Augen geblickt, sich in die Menge einsteckte. Es war ihm etwas fuͤrchterli¬ ches, in die dunkle unbekannte Augenhoͤhle wie in die offne Muͤndung eines Geschoßes hinein zu schauen, und lebendige Blicke eines Unbekannten zu empfangen. Noch hatte er werde Vult noch Wina gesehen; und ihm wurde am Ende bange, ob er auch in diesem Meere sie wie Perlen oder Inseln finde. Auf einmal stellte sich eine Jungfrau mit ei¬ nem Blumenkranz auf dem Kopfe vor ihn; aus dem Munde der Maske hing ein Zettel des In¬ halts: „ich bin die personifizirte Hofnung oder Spes , die mit einem Blumenkranz auf dem Kopfe, und einer Lilie in der rechten Hand abgebildet wird; mit dem linken Arm stuͤtzt sie sich auf einen Anker oder eine starke Saͤule. S. Damms Mythologie, neue Auflage von Levezov §. 454.“ Walt, der anfangs in jeder Sache mit den duͤmmsten Ge¬ danken geplagt war, wollte innerlich auf Wina rathen, waͤre die Gestalt nur feiner und weniger groß gewesen. Die Hoffnung drehte sich schnell um; eine verlarvte Schaͤferin kam, und eine ein¬ fache Nonne mit einer Halbmaske und einem duftenden Aurikelstraus. Die Schaͤferin nahm seine Hand, und schrieb ein h hinein; er druͤckte die ih¬ rige nach seiner Gewohnheit, und schuͤttelte den Kopf, weil er glaubte, sie habe sich mit einem h unterzeichnen wollen. Ploͤtzlich sah er die Halb¬ maske, naͤmlich das Halbgesicht der Nonne recht an, an der feinen aber kecken Linie der Rosenlip¬ pen, und am Kinn voll Entschiedenheit erkannte er ploͤtzlich Wina, welche blos aus dem Dunkel mit sanften Augen-Sternen blickte. Er war mit der Hand schon auf dem Wege nach der Berg¬ kappe, bis er sie nahe daran wieder in Masken¬ freiheit setzte. „O wie selig! (sagt' er leise) Und Sie sind die Mademoiselle Raphaela ?“ Beide nickten. „O was begehrt man denn noch in sol¬ cher geistertrunkenen Zeit, wenn man sich, verhuͤllt wie Geister ohne Koͤrper, in elysischen Feldern wieder erkennt.“ Ein Laͤufer tanzte daher, und nahm Raphae¬ la zum Tanzen davon: „Gluͤck auf, H. Berg¬ knappe!“ sagt' er entfliegend, daß Walt den El¬ saßer erkannte. Jetzt stand er eine Sekunde allein neben der ruhigen Jungfrau — die Menge war einen Augenblick lang seine Maske — Neu, rei¬ zend, drang aus der Halb-Larve wie aus der Bluͤten-Scheide einer gesenkten Knospe die halbe Rose und Lilie ihres Gesichts hervor. — Wie aus¬ laͤndische Geister aus zwei fernen Weltabenden sahen sie einander hinter den dunkeln Larven an, gleichsam die Sterne in einer Sonnenfinsterniß, und jede Seele sah die andre weit entfernt, und wollte darum deutlicher seyn. Da aber Walt in dieser Stellung Miene mach¬ te, als wollte er einige Jubilaͤen dieser schoͤnen Minuten feiern und erleben; so sagte ihm Wina, als Spes forschend die Sklavin der Tugend vor¬ uͤberfuͤhrte, ob er nie tanzte? Sogleich wurde er in den Tanz-Sturm geweht, und half wehen, indem er tanzte wie die Roͤmer, bei welchen nach Boͤtticher das mimische Tanzen in nichts bestand als in Bewegung der Haͤnde und Arme. Mit den Fuͤßen ging er feurig den Walzer bis zum Rast- Zeichen der Wage, wo der fliegende Schwarm hin¬ tereinander sich anlegte als Stand-Heerde. Indeß glaubt' er, er floͤge hinter einem mit Sommervoͤ¬ geln fliegenden Sommer. Wie ein Juͤngling die Hand eines beruͤhmten großen Schriftstellers zum erstenmale beruͤhrt: so beruͤhrte er leise, wie Schmet¬ terlingsfluͤgel, wie Aurikeln-Puder, Wina's Ruͤcken, und begab sich in die moͤglichste Entfer¬ nung, um ihr lebenathmendes Gesicht anzuschauen. Giebt es einen Erndte-Tanz, der die Erndte ist; giebt es ein Feuerrad der liebenden Entzuͤckung, Walt, der Fuhrmann, hatte beide. Da er aber keinen Fuß bewegen konnte, ohne die Zunge: so war der Tanzsaal nur sein groͤßerer Rednerstuhl; und er schilderte ihr unter dem Tanz: „wie da sogar der Koͤrper Musik werde — wie der Mensch fliege, und das Leben stehe — wie zwei Seelen die Menge verlieren, und einsam wie Himmels¬ koͤrper in einem Aetherraum um sich, und um die Regel kreisen — wie nur Seelen tanzen sollten, die sich lieben, um in diesem Kunst-Schein harmo¬ nischer Bewegung die geistige abzuspiegeln. Als sie standen, und er die Redoute mit ihrem tanzen¬ den Sturmlaufen uͤbersah, so sagte er: „wie er¬ haben sehen die Maͤntel und großen Huͤte der Maͤnner aus, gleichsam die Felsenpartie neben der weiblichen Gartenpartie! Ein Ball en masque ist vielleicht das Hoͤchste, was der spielenden Poe¬ sie das Leben nachzuspielen vermag. Wie vor dem Dichter alle Staͤnde und Zeiten gleich sind, und alles Aeußere nur Kleid ist, alles Innere aber Lust und Klang: so dichten hier die Menschen sich selber und das Leben nach — die aͤlteste Tracht und Sitte wandelt auferstanden neben junger — der fernste Wilde, der feinste wie der roheste Stand, das spottende Zerrbild, alles was sich sonst nie beruͤhrt, selber die verschiedenen Jahreszeiten und Religio¬ nen, alles Feindliche und Freundliche, wird in Einen leichten, frohen Kreis gerundet und der Kreis wird herrlich wie nach dem Sylbenmaaß bewegt, naͤmlich in der Musik, diesem Lande der Seelen, wie die Masken das Land der Koͤrper sind. — „Nur Ein Wesen steht ernst, unbedeckt und unverlarvt, dort nd regelt das heitere Spiel. — Er meinte den Redoutenmeister, den er mit einem nackten kleinen Gesicht und Kopfe in einem Mantel ziemlich ver¬ druͤßlich Acht geben sah. Wina antwortete leise und eilig: „Ihre An¬ sicht ist selber Dichtkunst. So mag wohl einem hoͤhern Wesen die Geschichte des Menschengeschlechts nur als eine laͤngere Ball-Verkleidung erscheinen.” — „Wir sind ein Feuerwerk, versetzte Walt schnell, das ein maͤchtiger Geist in verschiedenen Figuren abbrennt,“ und fuhr in seinen eckigen Walzer hinein. Je laͤnger er ging, bis er stand, je maͤch¬ tiger pries er die Fruͤhlinge, die im Tanzflug ihm duftend begegneten. „O duͤrfte ich mich heute fuͤr die schoͤnste Seele opfern, dann waͤr' ich die gluͤck¬ lichste,“ sagt' er. Die Hofnung ( Spes ) stand ihm uͤberall zur Seite, wenn er sprach. Die Nonne Wina, eine sanfte Taube, noch dazu mit dem Oehlblatt im Munde, bemerkte gar nicht, daß er ungestuͤm spreche, und schien sich aus Kuͤhnheit uͤber Mißdeutung fast so leicht wegzu¬ setzen, als er aus Unwissenheit. Heute erschien sie ihm ganz vollendet, wiewohl er bisher jedes letztemal geglaubt hatte, er uͤber¬ schaue ihren ganzen weiten Werth; wie der Mond schon vorher, eh' er mit vollem Lichte uͤber uns haͤngt, uns als eine vollendete Scheibe aufzugehen scheint. Nach dem Ende des deutschen Tanzes ersuchte er sie — da ihm ihre Nachsicht allmaͤhlig zu einer Ehrenpforte seiner Kunst aufwuchs — gar um ei¬ nen englischen, blos damit er recht oft ihre Hand faßen, und recht lange den guten Lippen und Au¬ gen gegenuͤberstehen koͤnnte, ohne aufspringen zu muͤssen. Sie sagte leise: Ja! — Noch leiser hoͤrt' er seinen Namen; hinter ihm stand Spes und sagte: „gehe gleich durch die große Saalthuͤre, und siehe links draußen um¬ her.“ Es war Vult. Erfreuet fand er unter Un¬ bekannten, seinen lieben Bekannten wieder, den er auf seiner elysischen Insel herumfuͤhren konnte. Er ging hinaus; Spes ins fuͤnfte Kabinet; draußen winkte sie ihm aus einer Thuͤre hinein. Walt wollte den Bruder umarmen, aber dieser fuhr nach beiden Thuͤrschloͤßern: „bedenke das Ge¬ schlecht unserer Masken,“ und schloß zu. Er warf seine Larve weg, und eine seltsame heiße Wuͤsten-Duͤrre oder trockne Fieberhitze brach durch seine Mienen und Worte. „Wenn du je Liebe fuͤr deinen Bruder getragen — begann er mit trock¬ ner Stimme, und nahm den Kranz ab, und loͤ¬ sete das Weiberkleid auf — wenn dir die Erfuͤl¬ lung eines innigsten Wunsches desselben etwas gilt, dessen Wichtigkeit du 24 Stunden spaͤter er¬ faͤhrst; — und ist es dir unter deinen Freuden nicht gleichguͤltig, ob er die kleinsten oder groͤßten haben soll, kurz wenn du eine seiner flehentlichsten Bitten erhoͤren willst: so ziehe dich aus; dies ist die halbe; ziehe dich an, und sei die Hoffnung, ich der Fuhrmann; dies die ganze.“ „Lieber Bruder, — antwortete Walt erschrocken und ließ den im langen Erwarten geschoͤpften Athem los — darauf kann ich dir, wie sich von selbst versteht, nur zur Antwort geben: mit Freuden.“ „So mache nur schnell,“ versetzte Vult ohne zu danken. Walt setzte hinzu, sein feierlicher Ton erschrecke ihn beinahe, auch faß' er den Zweck des Umtauschs wenig. Vult sagte, morgen werd' alles heiter entwickelt, und er selber sei gar nicht verdruͤßlich, sondern eher zu spassend. Unter dem wechselseitigen Entpuppen und Verpuppen fiel Walt auf den Skrupel, ob er aber als Masken¬ dame mit Wina, einer Dame, den versprochenen Englischen tanzen koͤnne: „O, ich freue mich so sehr darauf, sagte er dem Bruder, unter uns, es ist die allererste Angloise, die ich in meinem Leben tanze; aber auf mein heutiges Gluͤck und auf die Maske muß ich ein wenig rechnen.“ Da schoßen auf Vults duͤrrem Gesicht lebendige Mie¬ nen auf. „Himmel, Hoͤlle, sagte er, eben so leicht nach dem Takte will ich niesen, oder die Arme zuruͤckstrecken, und meine Flûte traversière hinten anlegen, als was du vorhast, nachthun. Deine Walzer bisher, nimm nicht die Nachricht uͤbel, liefen als gute mimische Nachahmungen, theils wagrechte des Fuhr-, theils steilrechte des Bergmanns im Saale durch, aber einen Engli¬ schen, Freund! und welchen? Ein teuflischer, nicht einmal ein irlaͤndischer wirds. Und erwaͤgst du deine Mittaͤnzerin, die ja schamroth und leichen¬ blaß wird einsinken als eine Ritterin von trauri¬ ger Gestalt, als deine leidtragende Kreuztraͤgerin, sobald du nur stockst, plumpst, drunterfaͤhrst als Schwanzstern? — Aber diß ist nun alles so herrlich zu schlichten, als ich eben will. Der Poͤbel soll nun eben sehen, daß der Fuhrmann sich entlarven, und aus dem Tanz Ernst machen kann. Denn ich tanze in deiner Maske die An¬ gloise. Sogar in Polen galt, ich fuͤr einen Taͤn¬ zer; geschweige hier, wo nichts von Polen tanzt, als der Bar.“ Walt blieb einige Minuten still, dann sagte er: „die Dame, wovon ich meynte, ist Wina Zablocki, der ich die Muͤhe bisher gemacht haben soll. Aber da sie meiner Maske den Tanz ver¬ sprochen, wie willst du mich und den Wechsel entschuldigen bei ihr?“ — O diß ist eben unser Triumph (sagte Vult); aber du sollst nicht eher errathen, wie ich es mache, als morgen. — Dar¬ auf entdeckte er ihm, er habe heute im Pharao so viel gewonnen, daß er durchaus ein Goldstuͤck als Stuͤckwerk zum Zerstuͤcken von ihm anneh¬ men muͤsse, waͤre es auch nur, damit er unter den Zuschauern etwas zu thun habe, im Magen¬ zimmer; dabei empfahl er ihm, sich als Spes mit keiner weiblichen Maske einzulassen, da aus einer guten Hoffnung leicht die andere werde. Walt's Abendstern trat allmaͤhlig wieder ins Volllicht, und als er Vulten die Halbbuͤste an¬ legte, und ihm ins sehr ernste Gesicht und Auge sah, so sagte er heiß: „sey froher! Freuden sind Men¬ schenfluͤgel, ja Engelsschwingen. Ich bin nur heute zu sehr von allem berauscht, als daß ich dir meinen Wunsch fein genug ausdruͤcken koͤnnte, wie du noch mehr lieben solltest, als mich.” — „Liebe, versetzte Vult, ist, um in deiner Floͤtensprache zu reden, ewig ein Schmerz, ent¬ weder ein suͤsser oder ein bitterer, immer eine Nacht, worin kein Stern aufgeht, ohne daß ei¬ ner hinter meinem Ruͤcken untertaucht — Freund¬ schaft ist ein Tag, wo nichts untergeht, als ein¬ mal die Sonne; und dann ists schwarz, und der Teufel erscheint. — Aber ernsthaft zu sprechen, die Liebe ist ein Paradies- und Spaßvogel — ein Phoͤnixvogel voll weicher Asche ohne Sonne — ist zwar weib¬ lichen Geschlechts, hat aber, wie die Ziege, Hoͤr¬ ner und Bart, so wie wieder deren Ehemann wahre Milch hat. Nach Bechstein und andern Naturforschern hat der Bock so gut als der Amerikaner Milch, und das alte Sprichwort ist richtig. Es ist beinahe einerlei, was einer uͤber die Liebe sagt oder einwirft; denn alles ist wahr, zu gleicher Zeit. — Hiemit setze ich dir den Blumenkranz auf, und verkleide dich in das, was du hast, die Spes . Gehe aber durch meine Thuͤre in den Saal, wie ich durch deine — sieh' zu, schweige still, und trinke fort!” Walten kams beim Eintritt vor, als sehe je¬ der ihm den Larventausch an, und kundschafte seinen Kern hinter der zweiten Huͤlse leichter aus, als hinter der ersten. Einige Weiber merkten, daß Hoffnung hinter den Blumen jetzt blonde Haare, statt der vorigen schwarzen, trage, mas¬ sen es aber der Peruͤcke bei. Auch Walt's Schritt war war kleiner und weiblicher, wie sichs fuͤr Hoff¬ nungen geziemt. Aber bald vergaß er sich und Saal und al¬ les, da der Fuhrmann Vult ohne Umstaͤnde Wi¬ na, die jeder kannte, an die regierende Spitze des englischen Tanzes stellte, und nun zum Erstau¬ nen der Taͤnzerin mit ihr einen Tanzabriß kuͤnst¬ lich warf, und, wie einige Maler, gleichsam mit dem Fusse malte, nur mit groͤßeren Dekorations¬ strichen. Wina erstaunte, weil sie den Fuhrmann Walt vor sich zu haben glaubte, dessen Stimme und Stimmung Vult wider Walt's Vorausse¬ zung hinter der Larve wahrhaft nachspielte, da¬ mit er nicht etwa als Luͤgner befunden werde, der sich fuͤr den Notarius nur ausgebe. Spaͤt am Ende des Tanzes ließ Vult im eili¬ gen Haͤndereichen, im Kreuzen, im fliegenden Auf- und Ableiten sich immer mehrere polnische Laute entwischen — nur Hauche der Sprache — nur irre aufs Meer verwehte Schmetterlinge ei¬ ner fernen Insel. Wie ein seltner Lerchengesang im Nachsommer klang Winen diese Sprache herab. Freudenfeuer brannten hinter ihrer halben Larve, Flegeljahre IV . Bd. 19 Wie sie aus der einsylbigen Angloise in den sprach¬ faͤhigen Walzer sich hinuͤbersehnte, weil sie ihm ihr Erstaunen und Erfreuen gern anders, als mit frohen Blicken, sagen wollte, sahen seine, die keine frohen waren. Es geschah. Aber das zuwehende Lob seiner so lange bedeckten Talente blaͤtterte wieder eines auf, seine Bescheidenheit. Er habe, sagte er von sich in den besten Polonismen, so wenig Welt, so viel Einfalt, wie wenig andere Notarien, und heisse mit Recht Gottwalt, naͤmlich Gott walte! Doch sein Herz sey warm, seine Seele rein, sein Leben leise dichtend; und er nehme, wie er vor¬ hin im ersten Walzer gesagt, den Larventanz im Erdensaal gern und froh vom Laͤnderer und Schaͤ¬ ferballet an, bis zum Waffen- und Todtentanz. Da jezt der zweite Theil der Musik in jene sehnsuͤchtige Ueberfuͤlle, wie in tiefe Wogen, ein¬ sank, welche gewaltsamer, als alle Adagio's, den innersten Boden der Sehnsucht heiß aus tiefem Meer aufhebt — und da die Menschen und die Lichter flogen und wirbelten — und das weite Klingen und Rauschen die Verhuͤllten wieder in sich selber einhuͤllte, so sagte Vult im Fluge, aber polnisch: „Mit großblaͤtterigen Blumengewinden rauscht die Lust um uns. Warum bin ich der Einzige hier, der unaufhoͤrlich stirbt, weil er kei¬ nen Himmel und keine Erde hat, Nonne? denn du bist mir beides. Ich will alles sagen, ich bin begeistert zur Pein, wie zur Lust — willst du einen Gottverlaßnen aus einem Gottwalt ma¬ chen? O gib ein Zeichen, aber eines Worts! Nur der Zunge glaube ich mein Hochgericht; sie sey mein Schwerdt, wenn sie sich bewegt, Nonne!” „Gottwalt, sagte Wina erschuͤttert, und schwerer, als er, dem Tanze folgend, wie koͤnnte eine Menschenzunge diß seyn? — Aber duͤrfen Sie mich so quaͤlen, und sich?“ — „Nonne, fuhr er fort, der Laut sey mein Schwerdt!“ — Harter, antwortete sie mit leiserer Stimme, Sie foltern haͤrter zum Schweigen, als andere zum Reden. Jezt hatt' er alles: naͤmlich ihr Liebes-Ja fuͤr seinen Scheinmenschen, oder Rollenwalt, und lachte den wahren aus, der als Rolle und als Wahrheit noch blose Hoffnung sey und habe; allein sein erzuͤrntes Gemuͤth bequemte sich nun zu keinem Schattendank, sondern hartstumm tanz¬ te er aus, und verschwand ploͤtzlich aus dem fort¬ jauchzenden Kreise. Lange hatte sich Spes mit lauter Segnungen einer Doppelwonne in der Naͤhe gehalten, und sich und Wina zum besten Taͤnzer Gluͤck ge¬ wuͤnscht, und in der Meinung, ihr sey gesagt, was ihn abbilde, hatte er ihre himmelsvollen Blicke ganz auf sich bezogen. Zum Ungluͤck schoͤpfte er eben im Trinkzimmer, als der lang¬ weilige englische Tanz ausging, auf desse Enden er seine Anreden verschoben — Vult schwebte eben in der tanzenden Liebeserklaͤrung, und Spes stand mit dem Blumenkranze auf dem Kopfe und dem Flatterzettel der Inschrift am Kinne leer-harrend da, und mußte dem langen Walzer zusehen. Kurz vorher, ehe dieser schnell abbrach, kam die Sklavin der Tugend, und zog Spesen in ein Nebenzimmer. Hundert der seltensten Er¬ eignisse hoffte Spes . „So, kennen Sie mich nicht mehr, fragte die Maske.“ Kennen Sie mich dann? fragte Spes . „Machen Sie nur einen Moment die Augen zu, so bind' ich Ihre Maske ab, und meine da¬ zu,” sagte sie. Er thats. Sie kuͤßte ihn schnell auf den Mund, und sagte: Sie habe ich ja schon wo gesehen. Es war Jakobine. In diesem Au¬ genblick trat der General Zablocki durch eine zweite Thuͤr hinein: „ei Jakobine, schon wieder bei der Hoffnung,” sagte er, und ging zuruͤck. Was meynte er damit? sagte sie. Aber Walt lief er¬ schrocken und halb nackt in den Saal, und beve¬ stigte darin mit einiger Muͤhe die verschobene Maske wieder vor den bekraͤnzten Kopf. Wina und Vult waren nicht mehr zu finden, nach langem Suchen und Hoffen mußte er ohne Umtausch als Hoffnung nach Hause gehen. So schloß der Larventanz voll willkuͤhrlicher Verhuͤl¬ lungen endlich mit unwillkuͤhrlichen von groͤßerer Schwere. N ro . 64. Mondmilch vom Pilatusberg. Brief — Nachtwandler — Traum. Vult war, sobald er Walt's uͤberkuͤhne Liebe gegen Wina und deren Beguͤnstigung, so wie sei¬ ne eigne Niederlage, sich recht nah' vor die eignen Augen gehoben hatte, nach Hause geeilt, mit ei¬ ner Brust, worin die wilden Wasser aller Leiden¬ schaften braußten, um sogleich an Walt so zu schreiben: „Nur die Laͤcherlichkeit fehlte noch, wenn ich dir's lange verdaͤchte, daß dein sogenanntes Herz nun auch endlich den Herzpolypen, den ihr Liebe nennt, in sich angesetzt, wenn gleich manches da¬ bei so wenig das Beste ist, als dein kuͤnstliches Verstecken vor mir. Das aber nimmst du mir jezt nicht uͤbel, daß ich zum Teufel gehe, und dich allein deinem Engel ablasse, da der Liebe die Freundschaft so entbehrlich und unaͤhnlich ist, als dem Rosenoͤl der Roseneßig. Halte denn deinen geistigen Schar- und sonstigen Bock aus, bis du auf gruͤnes Land aussteigst, und auf der Stelle genesest, die schwerlich auf der Freundschaftsinsel ist. Himmel! zu was waren wir denn beide uͤberhaupt beisammen, und ritten, wie alte Rit¬ ter, auf Einem Trauer- und Folter-Pferd ( equu¬ leus ) oder Folteresel? — Etwa dazu, daß ich auf dem Wege und zum Besten deiner Erbschaft dich und dein Pferd lenkte und hielte, und einen von euch steigen oder fallen ließ? — Nun die sieben Erben wissen, ob ich ihnen geschadet. Ue¬ berhaupt, was sind denn die irrenden Menschen anders, als Himmelskoͤrper auf Erden, bei deren taͤglichen und jaͤhrlichen Aberrationen und Nuta¬ tionen man nichts machen kann, als blos den guten Zach dabei, naͤmlich die Zachischen Tafeln davon. Eben so haͤttest du dich auch sonst hin¬ tergangen, wenn du dir geschmeichelt haͤttest, ich wuͤrde dich sonderlich ausbilden und auspraͤgen mit meinem Muͤnzkopf. Ich lasse dich, wie du warst, und gehe, wie ich kam. Auch du hast mich nicht merklich umgemuͤnzt, so daß ich leicht schliesse, du bist der — so wahren — Meinung, es sey im Geisterreich, so wie im Koͤrperreich — man trage das Fuhrmannshemde sowohl auf Re¬ douten als auf Chausseen — das Spurfah¬ ren verderblich. Morgen bin ich in die freie Welt hinausge¬ zogen. Der nahe Fruͤhling ruft mich schon ins weite helle Leben. Spielgeld, das meine Schul¬ den bezahlt, liegt bei; — und somit guten Tag. Faͤllt und klagt mich jemand an, Bruder, so verficht mich nicht; wahrlich, sobald man mich haßt, so frag' ich wenig darnach, ob man mich um drei Stufen staͤrker hasse oder nicht; und wie viele Menschen verdienen es denn uͤberhaupt, daß man sich von ihnen lieben laͤsset? Mich ausge¬ nommen, nicht zwei, und kaum. Wir beide waren uns einander ganz aufge¬ than, so wie zugethan ohnehin; uns so durch¬ sichtig, wie eine Glasthuͤr; aber Bruder, ver¬ gebens schreibe ich aussen ans Glas meinen Cha¬ rakter mit leserlichen Charakteren: du kannst doch innen, weil sie umgekehrt erscheinen, nichts lesen und sehen, als das Umgekehrte. Und so bekommt die ganze Welt fast immer sehr lesbare, aber umgekehrte Schrift zu lesen. Wozu sollen wir denn mit einander und von einander Plagen haben? Du, als liebender Dich¬ ter, als dichtender Liebhaber, haͤltst deine kuͤnfti¬ gen so leicht aus, als ein Vogel das Erdbeben — und ich meine so leicht, als eine Winterlandschaft den Hagel. Aber warum war ich so dumm, und trank taͤglich eine Flasche Burgunder weniger, ja oft zwei? Du bezahltest mirs nicht, daß ich nichts trank, und ich nicht einmal, wenn ich etwas trank. Oder glaubst du, daß ein Mann, der seine Floͤte blaͤset, der mehr Welt hat, sah und genoß, als alle seine Anverwandten, der in Paris und Warschau Abends um 1 Uhr, nach Mitternacht, seine Tasse Suppe trank, und sei¬ nen Loͤffel Eis speißte, so leicht sein Paris und Warschau, als du dein Haßlau und Elterlein, in einer Neupeterschen Mansardstube opfert, die nicht einmal den Quadratinhalt eines Opferal¬ tars groß ist? Ich aber glaube, ich war ein Coock, der Freundschafts- und Gesellschaftsinseln entdeckte, und darunter die schoͤne Insel O-Wai¬ hi, welche aber den Entdecker und Weltumfahrer zulezt, als er den Mastbaum wollte wieder zu¬ sammenschienen lassen, gar todt machte und auffraß. Sogar meine Floͤte ist dir entbehrlich, da du einmal (was du wohl vergessen) eine Hoboe fuͤr eine Floͤte angesehen, naͤmlich angehoͤrt. Und da dir, wie du sagst, uͤberall die hoͤchsten Toͤne am meisten gefallen; so wirst du immer musika¬ lisch-gluͤcklich bleiben, weil in der That alle Schrei-, Miß- und Zorn-Toͤne, die den Ohren auf Gassen begegnen, stets hohe und hoͤchste sind. Meine Gedanken werfen sich so wild umher, wie Granitbloͤcke; aber ich schreibe hier im Fin¬ stern bei hellem Sternenlicht; ich habe keine Zeit — die Post ist bestellt — nichts noch eingepackt; und du sollst nicht eher von meinem Unsichtbar¬ werden wissen, als nach ihm. Mit Briefen, die ich dir, hoff' ich, schicke, sollen dir gar die we¬ nigen Ausschweifungen zukommen, die unserem Hoppelpoppel noch fehlen, wenn er als fest zu¬ sammengeleimter und langgeschwaͤnzter Papier¬ drache aufsteigen will in Leipzig in der Zahl¬ woche. Gehabe dich wohl, du bist nicht zu aͤndern, ich nicht zu bessern; so wollen wir einander denn in wechselseitiger Luftperspective entlegen erblicken, und jeder von uns sage: „warum warst du ein Narr und kein Lamm?“ Und doch Walt, bist du allein an allem Schuld. Als er eben in das Papier noch den zweiten Inhalt, das Geld, gelegt hatte — und eilte, um noch vorher sein Tagebuch, seine Noten und Notæ und alles vorher fuͤr die Post zugesperret zu haben, bevor der Bruder erscheine: hoͤrte er ihn kommen. Er warf sich vor dessen Eintreten aufs Bett, und schnarchte als Fuhrbergmann ihm entgegen. Walt trat nahe an ihn, sah als Spes ins braungluͤhende Gesicht voll stuͤrmischer Traͤume. Leise ging er umher, hauchte sich Tanz¬ melodieen vor, und legte als Text Liebesworte unter. Zulezt richtete sich Vult — von diesem wind¬ stillen und hohen Himmel wie geaͤrgert — auf, trat mit zugeschloßnen Augen im Zimmer umher, und stellte sich als Nachtwandler an, um in sol¬ cher Rolle ungefragt einzupacken, und sobald jener schliefe, unbedauert fortzugehen. „He da, rief er, her ihr Leute, und was es noch sonst fuͤr Spitzbuben gibt, helft packen, Bestien, und schleppen! Greift mehr zu, ihr Helfershelfer! Soll ich denn nicht heute um 3 Uhr nach der Spitzbubeninsel, und unten steht schon mein Pferd gesattelt, wie?“ Dabei zog er sich an. Walt begleitete seine blinden Schritte bewachend. „Al¬ lerdings, Freund, taugen die Menschen und die Gurken nichts, sobald sie reif sind; das ist ja mein eigner Satz. Der Mensch im Allgemeinen verdient viele Nasen von Gott, und mehrere Na¬ sen, als sich je durch einen alten Theatervorhang gesteckt haben, den man daher an manchen Orten in Blech einfaßte. Die Gruͤnde sind freilich nicht jedem gelaͤufig.“ Jezt ging er in seinen Zimmerverschlag und pakte, blinzelnd und sich oft von Walt abkeh¬ rend, sein Tagebuch und alles in den Koffer. „Auf der Floͤte? — Nein, sondern auf dem Kamm will ich ihn kuͤnftig anblasen und ab¬ kaͤmmen. Sagen Sie mir nichts von Liebe, H. Reisemarschall, sie ist zu dumm, eine huͤbsche Antike, die man den ganzen Tag ergaͤnzen muß — ein Sonnentempel in Hosentaschenformat — und das dumme Ding glaubt, es lebe. Ich hab' es von ihr selber. Der Mensch fuͤhrt sogar Gott vor einen Vergroͤßerungsspiegel, so uner¬ saͤttlich und so einfaͤltig ist er — Stecht mich in Kupfer, wie einen brittischen Kampfhahn, ich will eben ein Monatskupfer zum Wolfsmonat abgeben, liebster Artilleriesekretair!“ Als er fertig war, und blos den Koffer zuzusperren brauchte, schien er nachzusinnen und auf eine neue Idee zu gerathen. „Scheer er sich weg, Leichenmarschall, ich sperre meinen Sarg schon selber zu, und will auch den Schuͤssel als Hals- Geschenke tragen, und niemand hineinlassen, als einen oder den andern guten Freund. Was die ganze und halbe Trauer um mich anlangt, so soll sie niemand anlegen, als ich. Musik wird als requiem waͤhrend der Trauerzeit am wenig¬ sten verboten, aber ich bestehe auf einem schar¬ fen Trauer-Reglement. Der Nachtstuhl muß schwarz ausgeschlagen werden — man lasse das Kammergeschirr wie den Degen stahlblau an¬ laufen; — jede Maus in meinem Haus soll in Krepp gehen — meine Papillotten koͤnnen Trauer¬ schneppen seyn, und der Zopf in einer Trauer¬ schleppe herabfallen. Aber was Henker ist das? Dort steh' ich ja leibhaftig, und erscheine mir eigenhaͤndig. — Warte, wir wollen gleich fin¬ den, wer von uns beiden wahren Du's der wahre und haltbarste ist. Hier versetzte er sich und dem Notar zugleich einen derben Schlag und erwachte davon; erst, nachdem er wie verdutzt sich von Walten lange auseinandersetzen lassen, wo und was er sei, wur¬ de er dahin gebracht, sich angekleidet aufs Bett zu werfen. Indem beide einander eine Zeit lang be¬ wachten, fielen beide in einen wahren Schlaf. Jetzt weckte ihn Walt, der noch traumtrunken und in berauschter Vergessenheit der vorigen Sze¬ nen ihm aus dem Bette folgenden Traum aufdrang: Ich weiß kaum recht, wie oder wo der Traum eigentlich anging, wie ein Chaos wollte die un¬ sichtbare Welt auf einmal alles gebaͤren, eine Gestalt keimte auf der andern, aus Blumen wuch¬ sen Baͤume, daraus Wolkensaͤulen, aus welchen oben Gesichter und Blumen brachen. Dann sah ich ein weites leeres Meer, auf ihm schwamm blos das kleine graue fleckige Welt-Ei, und zuck¬ te stark. Es wurde mir im Traum alles genannt, ich weiß aber nicht von wem. Dann fuhr ein Strom mit der Leiche der Venus durchs Meer; er stand fest, das Meer floß wieder an ihm hin. Darauf schneiete es helle Sterne hinein, der Him¬ mel wurde leer, aber an der Mittagsstelle der Sonne entglomm eine Morgenroͤthe; das Meer hoͤhlte sich unter ihr aus, und thuͤrmte in unge¬ heuren bleiernen Schlangen-Wuͤlsten am Horizonte auf sich selber auf, den Himmel zuwoͤlbend — und unten aus dem Meeres-Grund stiegen aus unzaͤh¬ ligen Bergwerken traurige Menschen wie Todte auf, und wurden geboren. Eine dicke Gruben- Nacht quoll ihnen nach. Aber ein Sturm schlug sich auf den Dampf, und zerquetschte ihn zu einem Meer. Gewaltig fuhr er auf und ab, und schuͤt¬ telte alle Wellen, hoch oben im stillen Blau flog langsam eine goldene Biene leise singend einem Sternchen zu, und sog an dessen weißen Bluͤten, und rund um den Horizont standen Thuͤrme hei¬ ter mit leuchtenden Gewitterspitzen, bis wieder ungeheure Wolken als reissende Thiere gestaltet ankamen, und am Himmel fraßen. Da hoͤrte ich einen Seufzer, alles war ver¬ schwunden. Ich sah nichts als ein glattes stilles Meer, aus diesem brach die boͤse Feindin , oh¬ ne eine Welle zu machen, wie Licht durch Glas: „seit der Ewigkeit, fing sie an, ist das Wasser oͤhl-glatt, das bedeutet eben den großen Sturm. Ich soll dir, sagt man, das aͤlteste Maͤhrchen erzaͤhlen; bist du aber voruͤber?” Sie sah seltsam aus, sie war in Meergruͤn, und Meerbluͤten ge¬ kleidet, kleine Floßfedern zuckten an ihrem Ruͤcken, ihr Gesicht war meergrau, und doch jung, aber voll kaͤmpfender Farben. „Ehe ich antwortete, fuhr die boͤse Feindin fort — „es war einmal ein ewiges Maͤhrchen, alt, grau, taub, blind, und das Maͤhrchen sehnte sich oft. Dort tief in der letzten Welt-Ecke wohnt es noch, und Gott besucht es zuweilen, um zu sehen, ob es noch flattert und sich sehnt. — Bist du denn voruͤber? So schaue die Thiere am Ufer an!” — Am glatten Meere hinauf lag es voll reißender Thiere, welche schliefen, aber im Schlafe sprachen, und einander einen ur¬ alten Heißhunger und Blutdurst erzaͤhlten. Ehe ich antwortete, versetzte die boͤse Feindin: „vernimm das alte Wiederhallen; noch kein We¬ sen hat den Ton gehoͤrt, den es nachspricht. Wenn aber aber einst der Wiederhall aufhoͤrt, so ist die Zeit vorbei und die Ewigkeit kommt zuruͤck, und bringt den Ton; sobald alles sehr still ist, so werd' ich die drei Stummen hoͤren, ja den Urstummen, der das aͤlteste Maͤhrchen sich selber erzaͤhlt; aber er ist, was er sich sagt. Hoͤlle, du erschrickst wie ein Sterblicher, bist du denn nicht voruͤber, Thor?“ Noch eh' ich antwortete, wuchsen ihr die Flo߬ federchen zu hohen zackigen Schwingen aus, wo¬ mit sie mich unverdient und grimmig schlug; da verschwand alles, nur das schoͤne Toͤnen blieb. Es war mir, als saͤnk' ich in gefluͤgelte Wogen eines wolkenhohen Meeres. Wie ein Pfeil schnitt ich durch seine weltenlange Wuͤste; aber ich konn¬ te durch die glaͤserne Flaͤche nicht hindurch, son¬ dern hing im dunkeln Wasser, und schaute hin¬ durch. Da sah ich draußen, nah oder fern, ich weiß es nicht, das rechte Land liegen, ausge¬ dehnt, glaͤnzend-daͤmmernd. Die Sonne schien als Ephemere in ihren eignen Stralen zu spielen, und die Stralen hoͤrten auf. Nur die leisen Toͤne des rechten Landes flogen noch um mein Ohr. Flegeljahre IV . Bd. 20 Goldgruͤne Woͤlkchen regneten heiß uͤbers Land, und fluͤßiges Licht tropfte uͤberquellend aus Rosen- und Lilien-Kelchen. Ein Stral aus einem Thau¬ tropfen schnitt heruͤber durch mein duͤsteres Meer, und durchstach gluͤhend das Herz, und sog darin, aber das Toͤnen erfrischte es, daß es nicht welkte. Ich sagte laut, es regnet druͤben heisse Freuden¬ thraͤnen; nur die Liebe ist eine warme Thraͤne, der Haß eine kalte. — Tief hinten im Lande stie¬ gen Welten, wie Dunstkuͤgelchen, unter einem weit umhuͤllten Sonnenkoͤrper auf. In der Mitte drehte sich ein Spinnrad um, die Sterne waren mit tausend Silberfaͤden daran gereihet, und es spann sie immer naͤher und enger vom Himmel hernieder. — An einer Lilie hieng ein Bienen¬ schwarm. Eine Rose spielte mit einer Biene, bei¬ de nekten sich mit ihren Stacheln und ihrem Ho¬ nig. Eine schwarze Nachtblume wuchs gierig gen Himmel, und bog sich immer heftiger uͤber, je heller es wurde; eine Spinne lief und wob aͤmsig im Blumenkelche, um mit Faͤden die Nacht fest¬ zuhalten, ja den Leichenschleier der Welt zu spin¬ nen; aber alle Faͤden wurden bethaut und schim¬ merten, und der ewige Schnee des Lichts lag auf den Hoͤhen. Es schlaͤft alles im rechten Lande , sagt' ich, aber die Liebe traͤumt. Ein Morgenstern kam, und kuͤßte eine weiße Rosenknospe, und bluͤhte mit ihr weiter — ein Zephyr hing sich kuͤssend an einen Eichengipfel — einer der leise¬ sten Toͤne kam, und kuͤßte eine Maiblume und ihr Gloͤckchen wurde heftig empor geweht — tau¬ send warme Wolken kamen und hingen sich bruͤnstig an Himmel und Erde zugleich — Tur¬ teltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtvio¬ len, und warfen girrend sich die Kuͤsse auf Blu¬ menblaͤttern zu. Auf einmal quoll am Himmel ein scharfbliz¬ zendes Sternchen heraus — es hieß die Aurora — wie vor Lust riß sich einen Augenblik mein Meer auf. — Statt der daͤmmernden Ebene lag ein fester breiter Blitz vor mir. Aber es schlug sich wieder zu, das verdaͤmmerte Land erwachte, und alles wurde veraͤndert; denn die Blumen, die Sterne, die Toͤne, die Tauben waren nur schlummernde Kinder gewesen. Nun umarmte jedes Kind ein Kind, und die Aurora klang un¬ zaͤhlig darein. Die hohe Bildsaͤule des Donner¬ gottes stand in der Landes-Mitte. Ein Kind um das andere flog auf den Stein-Arm, und setzte einen Schmetterling auf den lebendigen Adler, der den Gott umkreiset. Dann flatterte das Kind wie leichtsinnig auf die naͤchste Wolke, und sah her¬ ab nach seinem andern, das liebende Arme auf¬ hob. Ach so wird schon Gott, vor dem wir ja alle Kinder sind, unser Lieben nehmen! Darauf spielten die Kinder untereinander „Liebens.“ „Sey meine rothe Tulpe,“ sagte das eine, und das andere war sie, und ließ sich an die Brust stecken. „Sei mein liebes Sternchen oben,“ und es war es und wurde — an die Brust gesteckt. „Sey mein Gott“ — „und du meiner,“ aber dann verwandelten sich beide nicht, sondern sa¬ hen sich lange an voll zu großer Liebe, und ver¬ schwanden wie sterbend dahin. — „Bleibe bei mir, mein Kind, wenn du von mir gehst,“ sagte das bleibende; da wurde das scheidende in der Ferne ein kleines Abendroth, dann ein Abendsternchen, dann tiefer ins Land hinein nur ein Mondschimmer ohne Mond, und endlich ver¬ lor es sich ferner und ferner in einen Floͤten- oder Philomelenton. Aber der Morgenroͤthe gegenuͤber stand eine Morgenroͤthe auf; immer herzerhebender rausch¬ ten beide wie zwei Choͤre einander entgegen, mit Toͤnen statt Farben, gleichsam als wenn unbe¬ kannte selige Wesen hinter der Erde ihre Freu¬ denlieder heraufsingen. Die schwarze Blume mit der Spinne bog sich krampfhaft bis zum Knicken nieder. Zu einem Lilienkranze waren vom Rade die Sterne vom Himmel herabgesponnen, und er nur hellblau gemacht. Der Allklang hatte die Blumen zu Baͤumen gereift. Die Kinder waren dem Auge zu Menschen gewachsen, und standen endlich als Goͤtter und Goͤttinnen da, und sahen sehr ernst nach Morgen und Abend. Die Choͤre der Morgenroͤthen schlugen jezt wie Donner einander entgegen, und jeder Schlag zuͤndete einen gewaltigern an. Zwei Sonnen sollten aufsteigen, unter dem Klingen des Mor¬ gens. Siehe, als sie kommen wollten, wurde es leiser, und dann uͤberall still. Amor flog in Osten, Psyche flog in Westen auf, und sie fan¬ den sich oben mitten im Himmel, und die beiden Sonnen giengen auf — es waren nur zwei leise Toͤne, zwei an einander sterbende und erwachen¬ de; sie toͤnten vielleicht: „Du und ich“; zwei heilige, aber furchtbare fast aus der tiefsten Brust und Ewigkeit gezogne Laute, als sage sich Gott das erste Wort, und antwortete sich das erste. Der Sterbliche durfte sie nicht hoͤren, ohne zu sterben. Ich schlief in den Schlaf hinunter, doch schlaf- und todestrunken, war mir, als ver¬ huͤlle und vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses — — Da fand ich mich ploͤtzlich am alten ersten Ufer wieder, die boͤse Feindin stand wieder im Wasser; aber sie zitterte wie vor Frost, und zeigte aͤngstlich auf das glatte Meer hinter ihr, mit den Worten: „die Ewigkeit ist vorbei, der Sturm kommt, denn das Meer wird geregt.“ Ich sah hin, und die Unermeßlichkeit gohr zu unzaͤhligen Huͤgeln auf, und zum himmelhohen Sturme; doch tief im Horizont wallete hinter den Zacken ein sanftes Morgenlicht empor. Aber ich erwachte; was sagst du, Bruder, zu diesem kuͤnstlich-fuͤgenden Traume?“ „Du sollst es sogleich hoͤren in dein Bett hin¬ ein,“ versezte Vult, nahm die Floͤte, und gieng, sie blasend, aus dem Zimmer — die Treppe hinab — aus dem Hause davon, und dem Post¬ hause zu. Noch aus der Gasse herauf hoͤrte Walt entzuͤckt die entfliehenden Toͤne reden, denn er merkte nicht, daß mit ihnen sein Bruder entfliehe. Ende des vierten Baͤndchens .