Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Von Leopold Ranke. Zweiter Band. Berlin, 1839. Bei Duncker und Humblot. Inhalt . Seite Drittes Buch. Versuche einer nationalen Durchfuͤhrung der Reform . 1521—1525 1 Erstes Capitel. Unruhen in Wittenberg . Octo- ber 1521 bis Maͤrz 1522 8 Friedrich der Weise 25. Zweites Capitel. Weltliche und geistliche Ten- denzen des Reichsregimentes 1521—23 37 Reichstage zu Nuͤrnberg 1522, 1523. 40 ff. Entwurf eines Grenzzollsystemes 44. Drittes Capitel. Ausbreitung der Lehre . 1522 bis 1524 65 Viertes Capitel. Opposition gegen das Regi- ment, Reichstag von 1523, 24 100 Sickingen und seine Gegner 101 Die Staͤdte und der kaiserliche Hof 124 Reichstag von 1524 133 Fuͤnftes Capitel. Ursprung der Spaltung in der Nation 145 Convent in Regensburg 158. Sechstes Capitel. Der Bauernkrieg 182 Siebentes Capitel. Anfang entgegengesetzter Buͤndnisse, Reichstag zu Augsburg im Dez . 1525 225 Erste Saͤcularisationsversuche 233 . Inhalt . Seite Viertes Buch. Auswaͤrtige Verhaͤltnisse, Gruͤndung der Landeskirchen . 1521—1528 249 Erstes Capitel. Franzoͤsisch-italienische Kriege bis zur Ligue von Cognac . 1521—1526 251 Feldzug von 1521, 22 260 Feldzug von 1523, 24. Angriff auf Frankreich 283 Schlacht bei Pavia 305 Mißverstaͤndnisse zwischen Papst und Kaiser 320 Zweites Capitel. Reichstag zu Speier im Jahr 1526 346 Drittes Capitel. Eroberung von Rom im Jahr 1527 372 Viertes Capitel. Besitznahme von Boͤhmen und Ungern 402 Fuͤnftes Capitel. Gruͤndung evangelischer Ter- titorien 431 Prinzip des evangelischen Kirchenrechts 437. Visitation in Sachsen 442. Hessen 450. Fraͤnkisch-brandenburgische Fuͤrstenthuͤmer 452. Nuͤrnberg 454. Luͤneburg 459. Ostfriesland 460. Schleswig und Holstein 461. Schle- sien 462. Preußen 466. Drittes Buch. Versuche einer nationalen Durchführung der Reform. 1521 — 1525. Ranke d. Gesch. II. 1 W ir haben gesehen, wie aus der einseitigen Entwickelung welche das lateinische Kirchenwesen genommen, die Noth- wendigkeit entsprang dasselbe zu reformiren, die allgemeine Lage der Weltverhältnisse das forderte, die nationalen Re- gungen des deutschen Geistes, die Fortschritte der Gelehr- samkeit, die Gegensätze der Theologie dazu vorbereiteten, — wie endlich die Mißbräuche des Ablaßhandels, die daran sich knüpfenden Streitigkeiten, ohne daß Jemand die bewußte Absicht gehabt hätte, zu dem gewaltigsten Ausbruche der Opposition führten. War das nun unvermeidlich, so dürfen wir doch nicht weiter gehn, ohne zu bemerken wie höchst gefährlich es zu- gleich werden konnte. Denn in der Totalität des Bestehenden, wie es nun einmal geworden, ist alles verbunden, unterstützt sich alles: sind die innern Lebenskräfte einmal in Kampf gesetzt, wer kann sagen, wo dem siegreichen Angriff wieder Einhalt ge- schehen, ob er nicht alles umstürzen werde. Bei welchem Institute auf Erden wäre aber diese Ge- fahr größer gewesen, als bei dem Papstthum, welches auf 1* Drittes Buch . das gesammte Leben der europäischen Nationen seit Jahr- hunderten einen so mächtigen Einfluß ausgeübt hatte. Was in Europa bestand, war doch im Grunde eben jener kriegerisch-priesterliche Staat, der im 8ten, 9ten Jahrhundert gebildet worden, und allen Veränderungen welche eingetreten seyn mochten zum Trotz, in seiner Tiefe, der Mischung seiner Grundbestandtheile immer derselbe ge- blieben war. Ja die Veränderungen welche geschehen selbst, hatten doch in der Regel das priesterliche Element begünstigt; eben vermöge seiner Siege hatte es alle For- men des öffentlichen und des Privat-Lebens, alle Adern der geistigen Bildung durchdrungen. Wie war es möglich, es anzugreifen, ohne alles zu erschüttern, in Frage zu setzen, ohne das ganze gebildete Daseyn zu gefährden. Man dürfte nicht glauben, dem Dogma, in dem Fort- gange seiner hierarchisch-scholastischen Formation, habe eine so unwiderstehliche Kraft die Gemüther zu überzeugen, sich zu ei- gen zu machen, beigewohnt. Diese Festsetzung selbst hatte viel- mehr unaufhörlichen Widerspruch gefunden; in der Regel wohl nur innerhalb des Kreises der einmal angenommenen Ideen, zuweilen aber auch jenseit desselben in entschlossener Feindseligkeit. Allein das enge Verhältniß, in dem sich das Papstthum zu allen bestehenden Gewalten zu erhalten wußte, hatte immer bewirkt, daß die Oppositionen unterlagen. Wie hätte auch z. B. ein Kaiser es wagen können, eine dem herrschenden System der Gedanken nicht in einzelnen Bestimmungen, worauf wenig ankam, sondern innerlich und wesentlich entgegengesetzte religiöse Meinung in Schutz zu nehmen? Selbst einem Papste gegenüber, den er bekriegte, Vorwort . durfte er es nicht wagen: er hätte fürchten müssen den gei- stigen Grund zu untergraben auf welchem seine eigne Würde beruhte; übrigens hätte er ja auch erst selbst den Kreis der Vorstellungen zu durchbrechen gehabt, der die Gemüther fes- selte. Die Staatsgewalten fühlten sich immer in unauflös- lichen Beziehungen zur Hierarchie; die Verfolgungen der Andersgläubigen führten sie in der Regel selber aus. Dazu kam, daß sich mit den letzten Angriffen auf das römische Kirchenwesen in der That Unternehmungen der ge- fährlichsten Art in Verbindung gesetzt hatten. Es war nun anderthalb Jahrhunderte her, daß John Wicliffe in England ziemlich mit denselben Waffen wie Lu- ther, und durch verwandte nationale Regungen unterstützt, den Kampf mit dem Papstthum unternommen hatte, aber auf der Stelle hatte sich ihm eine stürmische Bewegung der untersten Stände zugesellt, die mit den Verbesse- rungen des Dogma oder der Emancipation von dem rö- mischen Stuhle nicht zufrieden, auf die Vertilgung der gesammten Pfründen besetzenden Geistlichkeit, Vgl. Prioris et capituli Cantuarensis mandatum 16 Spt. 1381 bei Wilkins Concilia Magnae Britanniae III, 133. ja auf die Gleichmachung des Edelmanns und des Bauern, d. i. auf eine vollständige Umkehr der Kirche und des Staates aus- gieng. Mochte nun Wicliffe an diesem Treiben Antheil haben oder nicht, genug, von der Ungunst welche es er- weckte, ward auch er betroffen, und von dem Schauplatz seiner Thätigkeit, von Oxford, von wo er sich unmittelbar in der Welt hätte Bahn machen können, auf den engen Wirkungskreis einer Landpfarre verwiesen. Drittes Buch . Die Bewegungen in Böhmen, die in Folge der Leh- ren und der Verdammung Hussens ausbrachen, hielten sich zwar zunächst an das geistliche Element von dem sie aus- gegangen waren; Ein Hauptmotiv der Bewegungen, das man gewoͤhnlich uͤber- sieht, stellt der wohlunterrichtete Hemmerlin in seinem Tractat de libertate ecclesiastica heraus und ich will es doch hier mit seinen Worten in Erinnerung bringen. In regno Bohemiae quasi omnes possessiones et terrarum portiones et portiones portionum quasi per singulos passus fuerunt occupatae, intricatae et aggravatae per census, reditus et proventus clero debitos. Vnde populares nimis exasperati — insultarunt in clerum et religiosos — et ter- ram prius occupatam penitus liberarunt. allein der Widerstand den sie fanden erweckte gar bald eine höchst verderbliche fanatische Rich- tung. Die Taboriten verwarfen nicht allein die Lehren der Kirchenväter, so gut wie die spätesten Satzungen, sondern sie wollten die Bücher, in denen sie enthalten, vertilgt wissen. Sie erklärten es für eitel und unevangelisch, ja sündlich, Studien zu treiben, Grade auf den Universitäten zu em- pfangen. Formula fidei Taboritarum ap. Laur. Byzynium (Brzezina): Ludewig Reliquiae MSS Tom. VI, p. 191. Sie predigten, daß Gott die Welt verderben wolle, und nur die gerechten Menschen in fünf Städten erretten werde: Byzynii Diarium belli Hussitici ib. p. 155 sq. ihre Prediger hielten sich für die Racheen- gel Gottes, gesendet, um sein Gebot der Vernichtung zu vollstrecken. Sie würden die Welt im Namen Gottes in eine Wüste verwandelt haben, wenn es in ihrer Macht gestanden hätte. Denn mit einer gelingenden Opposition pflegen sich zerstörende Tendenzen zu entwickeln; um so heftiger, je ge- waltiger der Feind noch ist, mit dem sie kämpfen muß. Vorwort . Und sollte nun in Deutschland, wo der Papst bis- her einen Theil der Reichsgewalt in Händen gehabt, nicht auch ein ähnlicher Sturm zu befürchten seyn? Die Nation war von einer allgemeinen Gährung er- griffen: in der Tiefe hatte sich, den geordneten Gewalten gegenüber, schon immer die drohende Empörung geregt: sollte sie durch den Angriff auf die höchste irdische Gewalt die man anerkannte, nicht aufgerufen werden? sollten sich nicht die destructiven Kräfte erheben, welche jede Gesellschaft birgt, und welche dieser priesterlich-kriegerische Staat schlech- terdings nicht hatte beseitigen können? Für die Zukunft der deutschen Nation kam nun alles darauf an, ob sie diese Gefahr bestehen würde, oder nicht, ob es ihr gelingen würde, sich von dem Papstthum zu trennen, ohne zugleich den Staat und die allgemeine lang- sam gewonnene Cultur zu gefährden, zu welcher Verfassung — denn ohne große politische Veränderung konnte es nicht abgehen — die Nation alsdann sich entwickeln würde. Darauf beruhte zugleich die Möglichkeit einer Einwirkung auf die übrige Welt. Zunächst nahm der Gang der Ereignisse einen höchst gefährlichen Character an. Erstes Capitel . Unruhen in Wittenberg. October 1521 bis März 1522. Noch einmal hatte sich in Deutschland die höchste welt- liche Gewalt mit dem Papstthum verbündet, und im ersten Augenblick machte das doch einen großen Eindruck. Das Wormser Edict ward allenthalben verkündigt, und hie und da wurden die Beichtväter von den Bischöfen instruirt, Nie- manden zu absolviren, der sich lutherischer Meinungen schul- dig mache. Luthern selbst wußte sein Fürst nur dadurch zu retten, daß er ihn auf der Reise im Thüringer Wald überfallen, zum Schein gefangen nehmen und nach der Wartburg führen ließ, wo er ihm eine Freistatt bestimmt hatte. Man breitete aus, er sey von einem Feinde des Churfürsten aufgehoben und vielleicht getödtet worden. Allein sehr bald zeigte sich doch, wie wenig damit er- reicht war. Wo Carl selbst sich aufhielt, in seinen niederländischen Städten brachte man wohl Luthers Schriften zu Hauf und verbrannte sie; man sah den Kaiser ironisch lächeln, wenn er über einen Marktplatz gehend an so einem Feuer vorüber kam; in dem innern Deutschland hören wir nichts von Unruhen in Wittenberg . diesen Executionen. Vielmehr machte hier der Ruf der Ereignisse am Reichstag, das erscheinende Edict Luthern neue Freunde. Daß er in Worms sich zu seinen Büchern bekannt, sich erboten, sie zu widerrufen, wenn man ihn widerlege, und sich doch Niemand an ihn gewagt habe, erschien als ein großes Argument für die Wahrheit seiner Lehre. Ein schoner Dialogus und gesprech tzwischen eim Pfarrer und eim Schulthayß, betreffend allen uͤbel Stand der Geystlichen ꝛc.; ohne Zweifel unmittelbar nach dem Reichstag: wo es heißt „warum hand ir dan nit Doctor Luther mit Disputiren yez zu Worms uͤberwunden.“ Dieß ist das Argument, durch welches der Schulze den Pfarrer auf seine Seite bringt. „Je mehr man Luthers Lehre einschränkt,“ sagt Zasius, „desto mehr breitet sie sich aus.“ Epp. I, 50. Machte man an der Universität Freiburg diese Erfahrung, wo die alt- gesinnte Partei so mächtig war, wie viel mehr anderwärts! Der Churfürst von Mainz hielt es nicht für gut, den Mi- noriten die Erlaubniß zu geben, um die ihr Provinzial bat, in seinen Diöcesen gegen Luther zu predigen; er fürchtete die Bewegung nur zu vermehren. Capito ad Zwinglium Hallis IV Aug. 1521. (Epp. Zw. I, p. 178.) Er forderte Predigten „citra perturbationem vulgi, absque tam atrocibus affectibus.“ Den Censurverord- nungen des Edictes zum Trotz erschien Flugschrift auf Flugschrift im Sinne der Neuerung. Die meisten waren anonym, Hutten wagte es sogar, mit seines Namens Un- terschrift, geradezu den Nuntius des Papstes, den Ver- fasser des Edictes, Aleander anzugreifen. Unter anderm fragt er ihn, ob er denn glaube mit einem einzigen Edictchen, das er einem jungen Fürsten listig abgepreßt, Religion und Freiheit zu unterdrücken. Gleich als ver- Drittes Buch. Erstes Capitel . möge ein kaiserlicher Befehl etwas gegen das unwandelbare Gottes Wort. Sey nicht vielmehr die Meinung eines Für- sten veränderlich? Der Kaiser, meint er, werde mit der Zeit schon anders denken lernen. Invectiva in Aleandrum. Opera IV, 240. Diese römischen Agen- ten waren selbst erstaunt, daß die mit so vieler Mühe aus- gebrachte Verordnung so wenig nutzte. Sie sagten, noch sey die Tinte kaum trocken, mit welcher der Kaiser das Edict unterzeichnet, so werde es schon allenthalben gebro- chen. Sie sollen sich damit getröstet haben, wenn es zu weiter nichts führe, so sey doch damit der Grund zu einer unausbleiblichen Entzweiung zwischen den Deutschen selbst gelegt. Vor allem war es bedeutend, daß die Universität Wit- tenberg von dem kaiserlichen Edict so wenig berührt wurde, wie früher von der päpstlichen Bulle. Hier hatten die neuen Doctrinen bereits ein von der Persönlichkeit und un- mittelbaren Theilnahme Luthers unabhängiges Leben ge- wonnen, und die Blüthe der deutschen Jugend strömte her- bei, sie in sich aufzunehmen; es trug fürs Erste wenig aus, ob Luther zugegen war oder nicht; die Hörsäle wa- ren eben so voll: Spalatini Annales 1521 Octob. „Scholastici, quorum supra millia ibi tum fuerunt.“ Im Laufe des Winters ward je- doch die Universitaͤt den Braunschweigischen und Brandenburgischen Unterthanen von ihren Fuͤrsten verboten. Mencken Scriptt. II, 611. Auch nahmen die Inscriptionen besonders im Wintersemester bedeu- tend ab. Sennert p. 59. seine Grundsätze wurden in Vortrag und Schrift mit dem gleichen Eifer verfochten. Ja die kühnste Stellung nahm in diesem Augenblick die neue kleine Uni- versität. Als die Sorbonne ihr Stillschweigen endlich Unruhen in Wittenberg . brach und sich gegen Luther erklärte, glaubte sich Melanch- thon nicht nur verpflichtet für seinen abwesenden Freund das Wort zu nehmen, ihn zu vertheidigen, sondern er wagte es, der Universität zu Paris, von der alle theologischen Doctrinen ausgegangen, von der die deutschen Universitä- ten selbst sich nur abgezweigt, auf deren Entscheidung die Welt von jeher gehorcht, der alma mater, die Anklage zurückzugeben die sie erhob, sie selbst des Abfalls von dem wahren Christenthum zu beschuldigen. Er trug kein Be- denken, die ganze auf den Universitäten herrschende Lehre, die Scholastik überhaupt, dem Inhalt der Schrift gegen- über, für abgewichen für ketzerisch zu erklären. Adversus furiosum Parisiensium theologastrorum decre- tum Phil. Melanchthonis pro Luthero apologia. Corp. reforma- torum I, p. 398. Die höch- sten Gewalten der Christenheit hatten gesprochen; der Papst hatte eine verdammende Bulle erlassen; die große Mutter- Universität unterstützte seinen Ausspruch mit dem ihren; der Kaiser hatte befohlen ihn zu vollziehen; in dem kleinen, vor wenig Jahren kaum genannten Wittenberg wagte ein junger Professor der noch im Anfang der zwanziger Jahre stand, in dessen unscheinbarer Gestalt und bescheidner Hal- tung Niemand Heldenmuth oder Kühnheit gesucht hätte, sich allen diesen Gewalten entgegenzustellen: die verdamm- ten Lehren zu vertheidigen, ja den Ruhm christlich zu seyn für sie allein in Anspruch zu nehmen. Das machte wohl auch: man beurtheilte die Sachen nicht nach dem grandiosen Anschein den sie trugen: man wußte, welche Motive namentlich dominicanischer Einwir- kung den römischen Hof bestimmt hatten, mit welchen Mit- Drittes Buch. Erstes Capitel . teln dann das Edict bei dem Kaiser ausgebracht, wie es publicirt worden war: man nannte die drei Männer, von welchen die Verdammung in Paris herrühre, und bezeich- nete sie mit den verächtlichsten Namen. Glareanus ad Zwinglium Lutetiae 4 non. Julii 1521: Beda, Quercus, Christophorus: Belua, Stercus, Christotomus. Epp. Zw. p. 176. Das Schreiben Glareans p. 156, in welchem der Tod Leo’s X erwaͤhnt wird, gehoͤrt nicht in das Jahr 1520, sondern in das folgende. Dagegen war man sich hier einer reinen Gesinnung, eines festen und uner- schütterlichen Grundes bewußt. Die Bedeutung des Für- sten, der einen nicht ausgesprochenen, aber auch nicht zwei- felhaften Schutz gewährte, sicherte gegen alle unmittelbare Gewalt. Wagte man es aber eine so unabhängige großartige Stellung zu ergreifen, allen anerkannten Gewalten entge- gengesetzt und im Grunde nur mit der Meinung verbün- det, die ihren ganzen Inhalt selber noch nicht kannte, ihre positive Gestaltung erst noch empfangen sollte, so liegt auch am Tage, welche Verpflichtung man damit über sich nahm. Mit der Durchführung der Grundsätze, die man bekannte, hatte man einer zahlreichen, empfänglichen, har- renden Menge theilnehmender Geister voranzugehn. Hier zuerst, wo doch alle Elemente des priesterlich-kriegerischen Staates so gut vorhanden waren wie anderwärts, mußte es sich zeigen, in wie fern es möglich sey den Abfall von dem Priesterthum zu wagen und doch nicht zugleich den Staat zu gefährden. Unmöglich aber wäre es gewesen, stehen zu bleiben. Die Aufregung der Gemüther war zu groß, um sich mit der Doctrin allein zu begnügen. Auf die Lehren die man Unruhen in Wittenberg . erschüttert, waren Gebräuche gegründet die jeden Augen- blick des täglichen Lebens beherrschten; von dieser thatkräf- tigen, sich selber fühlenden, durch mächtig erwachende Ideen vorwärts getriebenen Generation ließ sich nicht erwarten, daß sie ihrer Überzeugung Gewalt anthun, und Ordnungen befolgen würde, die sie zu verdammen anfieng. Das Erste was geschah war das Allerpersönlichste. Ein paar Pfarrer in der Nähe, die sich zu der Wit- tenberger Schule hielten, Jacob Seidler auf der Glashütte und Bartholomäus Bernhardi von Kemberg sprachen sich selbst von der Pflicht des Cölibates los. Es war das die- jenige Einrichtung der Hierarchie, die wegen der natürli- chen Neigung der Deutschen zu einem traulichen Familien- leben bei dem deutschen Clerus von Anfang den meisten Widerspruch gefunden, und in ihren Folgen die Moral der Nation am tiefsten verletzt hatte. Die beiden Pfarrer ga- ben als ihren Grund an, daß es keinem Papst und keiner Synode freigestanden, die Kirche mit einer Satzung zu be- schweren, welche Leib und Seele gefährde. Quid statuerint pontificii canones, nihil refert christia- norum. Schreiben der Wittenberger Theologen an den Bischof von Meißen: Corp. Ref. I, 418. Hierauf wur- den beide von der geistlichen Gewalt in Anspruch genom- men. Aber nur Seidler, in dem Gebiete des Herzog Georg von Sachsen, ward ihr überlassen: er ist da in dem Ge- fängniß umgekommen. Gegen Bernhardi lieh Churfürst Friedrich dem Erzbischof von Magdeburg seinen Arm nicht; er wollte sich, wie Spalatin es ausdrückt, nicht zum Scher- gen brauchen lassen. Carlstadt faßte Muth, das Institut des Cölibates in einer ausführlichen Schrift anzugreifen. Drittes Buch. Erstes Capitel . Wie der Cölibat die Übertragung eines Mönchsge- lübdes auf den Priesterstand war, so stand die Auflösung desselben auch mit den Ideen über das Klosterwesen in Verbindung. In der kleinen Augustinerkirche in welcher Luther anfangs aufgetreten, hielt jetzt einer seiner geschick- testen Mitbrüder, Gabriel Zwilling, feurige Predigten, in denen er die Gelübde überhaupt, das ganze Mönchswesen angriff, und es nicht allein für erlaubt, sondern für noth- wendig erklärte, sich von denselben loszusagen, „denn in der Kutte könne man nicht selig werden.“ Dreizehn Au- gustiner auf einmal traten aus, und nahmen ihre Woh- nung zum Theil unter den Bürgern zum Theil unter den Studenten; einer von ihnen, der das Tischlerhandwerk ver- stand, bat um das Bürgerrecht und gedachte sich zu ver- heirathen. Bericht von Gregorius Bruͤck an den Churfuͤrsten 11 Octo- ber. C. Ev. I, p. 459. Eine allgemeine Aufregung entstand; die noch in dem Kloster verbliebenen Augustiner hielten sich nicht mehr für sicher; das Barfüßerkloster in Wittenberg mußte des Nachts mit einer starken Wache geschützt werden. Aber schon hatte derselbe Bruder Gabriel noch einen andern weiter führenden Angriff gemacht. Die Grundsätze Luthers über das Sacrament dehnte er dahin aus, daß er die Anbetung desselben, ja die Celebration der Messe ohne Communicanten in der Idee des Opfers, die soge- nannte Privatmesse, für einen Mißbrauch für eine Sünde erklärte. Bericht des Augustinerpriors Helt an den Churfuͤrsten 12 Nov. C. Ev. 483. Zunächst sah sich der Prior in dem Kloster durch die allgemeine Bewegung, wie er sagte um größeres Är- Unruhen in Wittenberg . gerniß zu vermeiden, genöthigt die Privatmessen in seiner Kirche wirklich einzustellen. Das wirkte nun sogleich in der Universität so wie in der Stadt nach. Als am 3ten Dez. 1521 die Messe in der Pfarrkirche gesungen werden sollte, erschienen einige Studenten und jüngere Bürger mit bloßen Messern unter den Röcken, nahmen die Meß- bücher weg und trieben die Priester vom Altar. Als der Rath die Schuldigen welche vor sein Forum gehörten einzog, und zu bestrafen Miene machte, erhob sich Lärm in der Gemeine: sie legte dem Rathe Artikel vor, in denen sie fast im Tone des Aufruhrs die Loslassung der Gefan- genen forderte. Der Rath zu Wittenberg an den Churfuͤrsten 3. 5 Dez. C. Ev. 487. Welchen Eindruck diese Neuerungen in weiter Ferne machten davon zeugt besonders eine Stelle im 32sten Band der ve- nezianischen Chronik Sanuto’s im Arch. zu Wien: Novita di uno ordine over uso de la fede christiana comenzada in Vintibergia. Li frati heremitani di S. Augustino hanno trovato e provato per le st. scripture che le messe secondo che se usano adesso si è gran peccato a dirle o a odirle (Man sieht die ganze Neue- rung wird wie eine Entdeckung des Augustinerordens behandelt.) e dapoi el zorno di S. Michiel 1521 in qua ogni zorno questo hanno predichado e ditto e stanno saldi in questa soa oppinione e questo etiam con le opre observano e da poi la domeniga di S. Michiel non hanno ditto piu messe nella chiesia del suo mo- nasterio e per questo è seguito gran scandalo tra el popolo li cantori e canonici spirituali e temporali — — — Versuche, die einen völligen Umsturz des bisherigen Gottesdienstes und zwar von unten her, ohne alle Bera- thung und Ordnung in sich schlossen. Der Churfürst, an den alle diese Dinge zur Entscheidung gebracht wurden, wünschte nach seiner Weise das Urtheil einer oder der an- dern einigermaaßen constituirten Autorität zu vernehmen. Zuerst wurde ein Convent der Augustiner aus den Drittes Buch. Erstes Capitel . Provinzen Meißen und Thüringen nach Wittenberg beru- fen. Alle diese Augustiner waren mehr oder minder von Luthers Meinung: sie hielten seine Sache für die ihre. Auch in seiner Abwesenheit trafen sie, wie er später erklärt hat, in ihrem Urtheil mit dem seinen zusammen. Sie giengen nicht so weit, wie Frater Gabriel, die Gelübde für sündlich zu erklären; aber sie wollten sie auch nicht mehr für verbindlich halten. Ihre Meinung war: alle Creatur sey dem Worte Gottes unterworfen, und brauche sich nicht mit menschlichen Satzungen beschweren zu lassen: Jedermann stehe frei, das Kloster zu verlassen oder darin zu bleiben. Decreta Augustinianorum C. Ref. I, 456: nur ist die Versammlung nicht in den October zu setzen, sondern eher in den Dezember oder Anfang Januar, wie das Seckendorf ( Historia Luther. I. s 54 § 129) aus einem gleichzeitigen Briefe anmerkt. Vgl. Spal. Ann. 610. Wer da gehe, müsse nur seine Freiheit nicht nach dem Gelüste des Fleisches mißbrauchen: wer es vor- ziehe zu bleiben, möge auch die Kutte behalten und seinen Obern aus Liebe Gehorsam leisten. Zugleich entschlossen sie sich, nicht mehr zu betteln, und jene gestifteten für Geld abzuhaltenden Messen, die Votivmessen abzuschaffen. Indessen war auch die Universität von dem Fürsten aufgefordert worden, ihr Urtheil über die Messe im allgemei- nen auszusprechen. Es ward eine Commission niedergesetzt, in der auch Melanchthon saß, und diese entschied sich für die Abschaffung der Messe, nicht allein in Wittenberg sondern im ganzen Lande, es möge daraus folgen was da wolle. Ernstlich Handlung der Universitaͤt ꝛc. C. E. I, 465. Allein als nun die Gesammtheit der Corporation dieß Unruhen in Wittenberg . dieß bestätigen sollte, war sie nicht dahin zu bringen. Ei- nige der angesehensten Mitglieder blieben von der Versamm- lung weg, mit der Erklärung: sie seyen zu gering um die Kirche reformiren zu wollen. Bericht Christian Beiers 13 Dez. ib. 500. Da nun weder der Convent noch auch die Universi- tät sich geradezu für die Neuerung erklärten, so war auch der Churfürst nicht weiter zu bringen: er meinte, wenn man sich schon in Wittenberg nicht vereinigen könne, wie ungleich würde die Welt über jede Änderung urtheilen! Man möge von der Sache lesen, disputiren und predigen, aber indeß bei dem alten Gebrauche bleiben. Instruction des Churfuͤrsten Lochau 19 Dez. ib. 507. Schon waren aber die feurigen Gemüther durch An- ordnungen eines von jeher so nachgiebigen Fürsten nicht mehr in Zaum zu halten: dem Befehl desselben zum Trotz kündigte Dr Carlstadt an, er werde zum Fest der Beschnei- dung Christi die Messe nach einem neuen Ritus feiern, das Abendmahl nach den Worten der Einsetzung austhei- len. Schon einmal, im October, hatte er etwas Ähnliches versucht, jedoch in engerm Kreise, ganz nach dem Vorbild Christi, nur mit zwölf Theilnehmern. Da es schien, als werde man ihm jetzt Hindernisse in den Weg legen, so war- tete er nicht bis auf den angekündigten Tag. An dem Christtag 1521 predigte er in der Pfarrkirche von der Nothwendigkeit, von der bisherigen Weise abzulassen und beide Gestalten des Sacraments zu empfangen: nach der Predigt trat er vor den Altar, sprach die Messe, jedoch ohne die Worte welche sich auf die Idee des Opfers be- Ranke d. Gesch. II. 2 Drittes Buch. Erstes Capitel . ziehen, so wie ohne die Ceremonie der Elevation, und theilte hierauf erst das Brod, dann auch den Wein aus mit den Worten: das ist der Kelch meines Blutes des neuen und ewigen Testamentes. Er traf damit den Sinn der Ge- meine: man wagte ihm nicht zu widersprechen. Er wieder- holte seinen Ritus am Neujahrstag, den Sonntag darauf, und so weiter: auch des Freitags erschien er auf dem Pre- digtstuhl. Zeitung aus Wittenberg wie es ao̅ 1521 etc. sey zugangen. In Strobels Miscellaneen V, p. 121. Carlstadt gehörte zu den nicht seltenen deutschen Na- turen, die mit einer angeborenen Neigung zum Tiefsinn den Muth verbinden, alles zu verwerfen was man festgesetzt hat, oder alles zu behaupten was man verwirft, ohne daß sie doch das Bedürfniß hätten, sich zu voller Klarheit und allgemein gültiger Begründung ihrer Ideen zu erheben. Carlstadt hatte sich früher den Lehrmeinungen der Schola- stiker hingegeben, dann war er von Luther zu dem Stu- dium der h. Schrift fortgerissen worden: doch hatte er nicht die Geduld gehabt wie dieser, sich der Grundsprachen zu be- mächtigen: er nahm sich die seltsamsten willkührlichsten Er- klärungen nicht übel: er gieng nur dem Zuge seiner Ge- danken nach. Merkwürdig auf welche Bahnen er gerieth. Schon als man sich zur Leipziger Disputation rüstete, äußerte er sich auf eine sehr besondre Weise über die hei- lige Schrift, auf deren Gesammtinhalt er anwandte was man sonst nur von dem Gesetz verstand: sie diene zu Über- tretung, Sünde und Tod, und gewähre nicht den wahren Trost dessen die Seele bedürfe. Im Jahr 1520 ward es Unruhen in Wittenberg . ihm zweifelhaft, ob Mose die Bücher geschrieben die seinen Namen tragen, ob die Evangelien in ihrer ächten Gestalt auf uns gekommen: Ideen, welche Kritik und Gelehrsam- keit später so vielfach beschäftigt haben: — schon ihm stiegen sie auf. Einige Auszuͤge aus seinen Schriften in Loͤschers Historia motuum I, 15. Indessen beherrschte ihn noch damals die Gegen- wart und Überlegenheit Luthers. Jetzt aber war er von Niemand mehr zurückgehalten: er hatte einen freien Schau- platz für seinen Ehrgeiz: ein enthusiasmirtes Publicum um- gab ihn: er selbst war unter diesen Umständen nicht mehr der alte; mit der feurigsten Beredtsamkeit entwickelte der kleine, schwarzbraune, sonnenverbrannte Mann, der sich sonst nur undeutlich ausdrückte, eine Fülle tiefsinniger, ex- travaganter, eine neue Welt athmender Ideen, mit denen er Jedermann hinriß. Da ereignete sich nun, daß er, noch gegen Ende des Jahres 1521, Gehülfen bekam, die von einer andern Seite her auf gleichartige Bahnen gerathen waren, auf denen sie sogar noch verwegener einhergiengen. Es ist eine bekannte Thatsache, daß bei dem Beginn der hussitischen Bewegungen, als Huß und Hieronymus entfernt waren, vor allem ein paar Fremde, Niclas und Peter von Dresden, verjagt von dem Bischof von Meißen und in Prag aufgenommen, die gewesen sind, welche die Menge auf die Abänderung des Ritus, namentlich im Sa- crament hinführten, womit sich gar bald andre fanatische Meinungen vereinigten. Besonders merkwuͤrdig ist hieruͤber die Notiz bei Pelzel: 2* Drittes Buch. Erstes Capitel . Sey es nun, daß diese Meinungen nach den Gegen- den ihres Ursprunges zurückwirkten, oder daselbst eine tie- fere ältere Wurzel hatten, eben von dort her aus dem Erz- Gebirge, von Zwickan, wo sich jener Peter von Dresden eine Zeitlang aufgehalten, erhob sich eine verwandte Ten- denz, welche sich der wittenbergischen Bewegung zu bemäch- t igen suchte, wie damals der prager. Besonders um einen schwärmerischen Tuchmacher des Namens Claus Storch, sammelte sich dort eine Secte, welche sich zu den weitaussehendsten Meinungen be- kannte. Luther that diesen Leuten bei weitem nicht genug: sie fanden, es seyen noch ganz andre Männer als er, von höherm Geiste, nothwendig. Denn was könne es helfen, sich so enge an die Bibel zu halten? Zu wahrer Unter- weisung eines Menschen sey sie doch unkräftig, der Mensch könne nur durch den Geist gelehrt werden. So bezeichnete ein aus Zwickau an den Churfuͤrsten einge- gangener Bericht, von welchem dieser der Universitaͤt Nachricht giebt, die Linie ihrer Meinungen. Acta Einsiedelii cum Melanthonio C. R. p. 536. Die Nachrichten in Enoch Widemann Chronicon Curiae bei Mencken Scriptt. R. G. III, 744 bezeichnen eine etwas spaͤtere Entwickelung der Storchischen Phantasien. Tobias Schmidts Cronica Cygnea 1656 ist fuͤr die Ereignisse des dreißigjaͤhrigen Kriegs nicht ohne Werth: fuͤr die Reformationszeit aber unzureichend. Sie steiger- ten ihren Enthusiasmus bis zu dem Grade daß sie sich überzeugt hielten, ihnen sey das beschieden: Gott selbst rede mit ihnen, gebe ihnen an, was sie thun, was sie predigen sollten. Amtliche Erklaͤrung Melanchthons 1sten Jan. 22. C. R. I, Auf den Grund dieser tiefern unmittelbar inspi- Wenceslaus: II, Urkunden nr. 238 ex MS coaevo capituli. Sie erklaͤrten gleich im Anfang, „quod papa sit antichristus cum clero sibi subjecto.“ Unruhen in Wittenberg . rirten Einsicht drangen auch sie nun zunächst auf Abände- rungen des kirchlichen Ritus. Vor allem verwarfen sie, weil das Sacrament ohne den Glauben keinen Sinn habe, die Taufe der Unmündigen, die ja des Glaubens nicht fä- hig seyen. Aber noch viel weiter giengen ihre Gedanken. Sie hielten dafür, daß der Welt eine totale Verwüstung, vielleicht durch die Türken, bevorstehe. Kein Priester werde leben bleiben, selbst keiner von denen die sich jetzt verhei- rathen, überhaupt kein Unfrommer: aber nach dieser bluti- gen Reinigung werde das Reich Gottes eintreten, Eine Taufe, Ein Glauben seyn. Zeitung aus Wittenberg p. 127. Natürlich brachten Lehren die- ser Art in Zwickau ähnliche Bewegungen und Unruhen her- vor, wie die carlstadtischen in Wittenberg; doch nahmen sie dort eine andre Wendung. In Zwickau stand den Neue- rern nicht eine leicht aufzuregende akademische Jugend zur Seite: Rath und Pfarrer behielten die Oberhand und die Neuerer mußten die Stadt verlassen. Aber was ihnen zu Hause nicht gelungen, hofften sie anderwärts um so voll- ständiger durchzusetzen. Die einen begaben sich nach Prag, um hier wo möglich die alte taboritische Gesinnung wieder zu beleben: was ihnen denn freilich mißlang. Die andern, auf die es uns ankommt, erschienen in Wittenberg, wo sie in der allgemeinen Aufregung der Geister, die nach einem Unbekannten Neuen trachteten, in dem Ubergewicht der Ge- meine und Jugend über den Rath der Stadt und den Se- nat der Universität einen für ihre Saat vortrefflich vor- bereiteten Boden fanden. 533: aus der man zugleich sieht, daß die Leute ein Halbjahr fruͤher sich der goͤttlichen Gespraͤche noch nicht geruͤhmt hatten. Drittes Buch. Erstes Capitel . Auch zeigt sich, daß nach ihrer Ankunft die Bewegung in Wittenberg noch einen kühnern Anlauf nahm. Carlstadt, mit dem sie sogleich in Verbindung traten, schritt von Tag zu Tag zu auffallendern Veränderungen fort. Das Meßgewand ward abgeschafft; die Ohrenbeichte nicht mehr gefordert, ja ohne alle Vorbereitung gieng man zum Abendmahl, und suchte etwas darin, die Hostie sich nicht mehr von dem Priester reichen zu lassen, sondern sie mit den Händen selber zu ergreifen. Man hielt es für ein Zei- chen besserer Christlichkeit, daß man eben an den Fastta- gen Eier und Fleischspeisen genoß. Man begann schon, sich an den Bildern in den Kirchen zu vergreifen. Carl- stadt nahm keine Rücksicht auf den Unterschied zwischen Verehrung und Anbetung, den man immer gemacht hatte; alle Stellen der Schrift wider die Abgötterei wandte er auf den Bilderdienst an; er hob hervor, daß man sich vor ihnen krümme und beuge, ihnen Lichter anzünde, Opfer bringe; eben deshalb rieth er, sie zu stürmen und zu zerstören, „diese Ölgötzen diese abgöttischen Klötze;“ selbst das Crucifix wollte er nicht gelten lassen, das man seinen Herrgott nenne, und das höchstens an das fleischliche Lei- den Christi erinnere; Von Abthuung der Bilder, eine Schrift die ich jedoch nur aus den Widerlegungen kenne — namentlich Emsers — welche sie hervorrief, wo denn viele Stellen woͤrtlich angefuͤhrt sind. es erhob sich zum ersten Mal eine bilderstürmerische Bewegung, wie sie sich seitdem über ein halb Jahrhundert hindurch an so viel andern Orten erzeugt hat; man riß die Bilder von den Altären, zerhieb und ver- brannte sie. Es leuchtet ein, welch einen überaus gefähr- Unruhen in Wittenberg . lichen drohenden Charakter die Bewegung dergestalt em- pfieng. Carlstadt befand sich im Widerspruch nicht allein mit den geistlichen, sondern auch mit den weltlichen Ge- walten. Er lehrte schon, wenn die Obrigkeit nachläßig sey, dürfe die Gemeine die nothwendigen Änderungen voll- ziehen. Wirklich legte die Wittenberger Gemeine dem Rath einige Artikel vor, in denen sie die förmliche Abschaffung aller nicht schriftmäßigen Cerimonien, aller Messen, Vi- gilien, Begängnisse, und für ihre Prediger eine unbedingte Freiheit forderte; der Rath sah sich gezwungen, bald in dem einen bald in dem andern nachzugeben. Artikel bei Strobel V, 128. Und noch um vieles umfassender waren ihre Ideen. Man suchte den Begriff einer streng christlichen Gemeine unverzüglich zu realisiren; man forderte den Rath auf, alle Häuser öffent- licher Vergnügung, versteht sich vor allem der unerlaubten, aber auch der erlaubten zu schließen, und unter andern keine Bettler mehr zu dulden, deren es in der Christenheit nicht geben dürfe, sondern die Güter der ohnedieß verderb- lichen Brüderschaften zu deren Nutzen zu verwenden. Ja mit diesen Bestrebungen einer in ihrem einseitigen Eifer die Natur der menschlichen Gesellschaft mißkennenden Recht- gläubigkeit verbanden sich unmittelbar die verderblichsten Ideen der Taboriten. Ein alter Professor wie Carlstadt ließ sich zu der Meinung fortreißen, man bedürfe keiner Gelehrten mehr, keines Studiums an den Universitäten, viel weniger ihrer Grade. In den Vorlesungen rieth er sei- nen Zuhörern nach Hause zu gehn und Ackerbau zu trei- ben, denn im Schweiß seines Angesichtes solle der Mensch Drittes Buch. Erstes Capitel . sein Brod essen. Einer seiner entschlossensten Anhänger war der Rector der Knabenschule, Georg Mohr, der aus dem Schulfenster heraus die versammelten Bürger aufforderte, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen. Wozu bedurfte es auch ferner der Gelehrsamkeit? Hier waren die himm- lischen Propheten aus Zwickau, Storch, Thomä und Stüb- ner, welche mit Gott redeten und die Fülle der Gnade und Wissenschaft besaßen ohne alles Studium. Leicht war der gemeine Mann zu überzeugen, daß auch ein Laie, ein Hand- werker zu dem Amte eines Priesters und Predigers tauge. So ließ man die conservativen Ideen fallen, an die sich Luther noch festgehalten; der Begriff der weltlichen Obrigkeit, von welchem aus er die Anmaaßungen des Prie- sterthums bekämpfte, ward jetzt ebenfalls verworfen. Luther hatte die herrschende Lehre mit den Waffen einer gründli- chern Gelehrsamkeit angegriffen: eine der rohesten Inspira- tionstheorien welche je vorgekommen, wollte sich jetzt an deren Stelle setzen. Nimmermehr wäre das durchzuführen gewesen. Gegen ein so wildes destructives Beginnen muß- ten sich alle Kräfte der geordneten Welt erheben, und es entweder vernichten oder in den engsten Kreisen beschließen. Kam es zur Herrschaft, so war jede Hofnung der Welt verloren, die sich an die neue Bewegung knüpfen mochte. In Wittenberg war Niemand, um dem allgemeinen Taumel zu widerstehen. Dazu war Melanchthon zu jung und unerfahren, wenn er auch sonst Standhaftigkeit genug gehabt hätte; wenn er mit den Zwickauer Propheten sprach, so fand er doch, daß sie in den Hauptprinzipien des Glau- bens mit ihm einig und wohlbefestigt seyen; ihre Behaup- Unruhen in Wittenberg . tungen in Hinsicht der Kindertaufe wußte er nicht zu wi- derlegen. Er sah, daß sie Geist hatten: ihn zu prüfen fühlte er sich selbst nicht stark genug. Auch der Churfürst war nicht fähig nachdrücklichen Widerstand zu leisten. Wir kennen diesen Fürsten schon: sein Temporisiren, seine Abneigung persönlich hervorzutre- ten, einzugreifen, seine Gewohnheit die Dinge sich selbst entwickeln zu lassen. Es war die friedfertigste Natur welche dieß kriegerische fehdelustige Zeitalter hervorgebracht hat: nie griff er zu den Waffen; zuletzt hatte dann immer seine stille, beobachtende, kluge und geistreiche Politik den Sieg davon getragen. Sein Vergnügen war, in seinem Lande das er so schön fand wie irgend ein anderes auf Erden seine Schlösser zu bauen, die Lochau, Altenburg, Weimar, Coburg: seine Kirchen mit Gemählden zu schmücken, wozu er den trefflichen Meister Lucas Kranach an sich gezogen: seine Capelle und Singerey, die eine der besten im Reiche war, im Stande zu halten: die hohe Schule die er gestiftet emporzubringen. Obwohl er nicht sehr zugänglich war, so liebte er doch das gemeine Volk. Er zahlte einst den schon eingesammelten gemeinen Pfennig zurück, da es zu der Un- ternehmung nicht kam, wozu er bestimmt war. „Wahr- lich,“ sagt er von Einem, „es ist ein böser Mensch, denn er ist armen Leuten ungütig.“ Auf der Reise ließ er die Kinder beschenken, die am Wege spielten: heut oder mor- gen werden sie dann sagen: es zog ein Herzog von Sach- sen vorüber, der gab uns allen. Nunmehr war er zu Jah- ren gekommen: von den alten deutschen Fürsten, mit denen er zu seiner Zeit in engerer Vertraulichkeit gelebt, seinen gu- Drittes Buch. Erstes Capitel . ten Gesellen und Freunden, wie er sie nannte, waren die Meisten gestorben, und gar manches Unangenehme mußte er erfahren. An der Gesinnung des jungen Kaisers war er irre geworden: „selig der Mann,“ rief er aus, „der nichts am Hofe zu schaffen hätte.“ Sein nächster Nachbar, sein stürmischer Vetter Georg, trat in immer stärkern Gegensatz mit ihm. „Ah mein Vetter Georg,“ sagte er, — „Wahr- lich ich weiß keinen Freund, als meinen Bruder:“ dem er denn auch allmählig die Regierung zum großen Theil über- ließ. Wenn er Luthern beschützte, so war das im Laufe der Zeit wohl sehr natürlich so gekommen: anfangs nicht ohne Rücksichten der Politik, dann eine Pflicht der Ge- rechtigkeit; Seine Raͤthe erklaͤrten 2 Jan. 22 in Wittenberg: „S. Ch. G. hatt sich Doctor Martinus Sachen bisher nicht anders — an- genommen, denn allein weil er sich zu Recht erboten, daß er nicht bewaͤltigt wuͤrde.“ (C. Ref. 537.) aber überdieß theilte er die unbedingte Vereh- rung für die heilige Schrift, welche Luther geltend machte; er fand, alles andre, so scharfsinnig es auch laute, lasse sich am Ende widerlegen: nur das göttliche Wort sey hei- lig majestätisch und die Wahrheit selbst; er sagte, dieß Wort solle rein seyn wie ein Auge. Ihm entgegenzutre- ten, zu widerstehen, hatte er eine tiefe, eine ehrwürdige Scheu. Es ist die Grundlage aller Religion, daß man das Heilige anerkennt, das sittliche Geheimniß der Schö- pfung, und es nicht wagt, ihm mit den unreinen Trieben des Augenblicks zu nah zu treten. Darin bestand vor al- lem die Religion unsers Fürsten; dieß hatte ihn abgehalten, in Luthers Sache selbstthätig und mit eigener Willkühr ein- Unruhen in Wittenberg . zugreifen: eben dieß aber bewirkte, daß er auch den Neue- rungen in Wittenberg, so wahrhaft ungern er sie auch sah, sich doch nicht mit aller Kraft entgegenstellte. Er wagte sie nicht zu verdammen, so wenig wie Melanchthon. Als er einst in Prettin die Bedenken seiner Gelehrten und Räthe in dieser Sache vernommen, zeigte er sich von der Mög- lichkeit, daß die Leute Recht haben möchten, betroffen und erschüttert. Er sagte, er verstehe es nicht als ein Laie; ehe er sich aber entschließe gegen Gott zu handeln, wolle er lieber den Stab in die Hand nehmen und sein Land ver- lassen. Spalatin Leben Friedrichs des Weisen. Vermischte Abhand- lungen zur saͤchsischen Gesch. B. V. Gewiß: es hätte dahin kommen können. Die begon- nene Bewegung konnte zu nichts führen, als zu offenem Aufruhr, zur Umkehr auch des Staates in dem Sinne ei- ner neuen christlichen Republik; allerdings würde alsdann Gewalt die Gewalt aufgerufen haben, und Gutes und Böses wäre mit einander zerstört worden. Wie viel kam da noch einmal auf Luther an. Von der Grundlage seiner Ideen giengen auch diese Bewegungen aus, oder schlossen sich daran an. Wenn er ihnen beistimmte, wer wollte ihnen Schranken setzen? Widersetzte er sich aber, so fragte sich, wie er das vermögen, ob er sich dann sel- ber behaupten würde. Während dieser ganzen Zeit war er auf der Wartburg. Anfangs hielt er sich hier ganz innerhalb der Mauern, dann finden wir ihn noch zaghaft in die Erdbeeren am Schloßberg gehn; später, sicherer geworden, durchstreifte er Drittes Buch. Erstes Capitel . als Junker Georg mit einem Reiterbuben die Umgegend; einmal wagte er sich sogar in langem Haar und Bart, kaum noch wieder zu erkennen, in eisernem Harnisch nach Wittenberg. Allein sein Reiterleben hatte doch zugleich ei- nen sehr theologischen Inhalt; seine Seele war immer in der Mitte des kirchlichen Kampfes. „Auf der Jagd,“ sagt er, „theologisirte ich;“ in den Netzen und Hunden des Jägers sah er die Bischöfe und Anwälte des Antichrists, die den armen Seelen nachstellen. An Spalatin 15 Aug. D. W. II, 43. In der Einsamkeit der Burg kehrten ihm auch andere Anfechtungen des Klo- sters zurück. Hauptsächlich beschäftigte er sich damit das Neue Testament zu übersetzen: er faßte den Gedanken, der deutschen Nation eine richtigere Bibel zu geben, als die lateinische Kirche in der Vulgata besitze. An Amsdorf 13 Jan. p. 123. Indem er hiebei seinen Sinn tiefer und tiefer befestigte, und nur den Wunsch hegte, in Wittenberg zu seyn, um mit Hülfe seiner Freunde ein so wichtiges Werk zu vollenden, vernahm er von den dortigen Bewegungen und Unruhen. Er war über ihren Character keinen Augenblick in Zweifel. Er sagt, nie in seinem Leben habe ihn etwas tiefer verletzt; was ihm sonst zu Leide gethan worden, sey nichts dagegen. Auf ihn machte es keinen Eindruck, was man von den Inspirationen der himmlischen Propheten sagte, ihren Gesprächen mit Gott. Auch er kannte die geheimnißvollen Tiefen der gei- stigen Welt; da hatte er andre Erfahrungen gemacht, sich mit einem zu erhabenen Begriff von dem Wesen Gottes durchdrungen um sich überreden zu lassen, er erscheine der Unruhen in Wittenberg . Creatur, entzücke sie, und spreche mit ihr. „Willst du wissen,“ schreibt er Melanchthon, 13 Jan. 22 ib. p. 125. „Zeit und Ort und Art der göttlichen Gespräche, höre: wie der Löwe hat er meine Gebeine zerschmettert, und: ich bin verworfen vor deinen Augen, meine Seele ist mit Pein erfüllt, mit Vorgefühl der Hölle.“ „Darum redet Gott durch die Menschen, weil wir es nicht ertragen könnten, wenn er selber spräche.“ Er wünschte seinem Fürsten Glück zu dem Kreuze das ihm Gott aufgelegt; wider das Evangelium müsse nicht allein Annas und Caiphas toben, sondern auch Judas müsse unter den Aposteln seyn. Er kündigt ihm an, er werde sich selbst dahin begeben. Der Churfürst bat ihn, dieß noch nicht zu thun: es werde zur Zeit noch nicht zum Guten gereichen; er möge lieber seine Verantwortung für den nächsten Reichstag vorbereiten, an dem seine Sache, wie sich hoffen lasse, noch einmal zu rechtlichem Verhör ge- langen werde. Instruction an Oswald Corp. Ref. I, 561. Jedoch durch Vorstellungen dieser Art war Luther nun nicht mehr zurückzuhalten. Nie war er fester überzeugt gewesen, daß er das Evangelium vom Him- mel habe, daß der Glaube ihn schützen werde; was in Wittenberg vorgefallen, schien ihm ein Schimpf, der ihn und das Evangelium treffe. An den Churfuͤrsten 5 Maͤrz II, 137. So brach er auf, ohne Rück- sicht auf des Papstes Bann oder die Acht des Kaisers, indem er seinen Fürsten selbst aufforderte sich nicht um ihn zu kümmern. Er war in der großartigsten Stimmung. Ein paar junge Schweizer die nach Wittenberg zur Uni- Drittes Buch. Erstes Capitel . versität reisten trafen in Jena, in dem Gasthof zum schwar- zen Bären, auf einen Reitersmann, der am Tisch saß, seine rechte Hand auf dem Knopf des Schwertes, vor sich den hebräischen Psalter. Es war, wie sie später inne wurden, Luther, und man muß in den Aufzeichnungen des einen von ihnen lesen, wie er sie zu sich an Tisch lud, wie mild und groß er in alle seinem Bezeigen war. Aus der Chronik von Keßler in Bernet Leben Keßlers p. 27. Freitag am 7ten März langte er in Wittenberg an. Den Sonnabend fan- den ihn jene Schweizer im Kreise seiner Freunde wie er sich näher über alles unterrichtete, was in seiner Abwesen- heit geschehen. Am Sonntag fieng er an zu predigen. Er mußte versuchen, ob man ihm anhängen, ob er noch eine Wirksamkeit haben, ob es ihm gelingen werde die Bewe- gung zu beruhigen. Wie enge und unscheinbar auch der Schauplatz war, auf den er zurückkehrte, so hatte doch sein Unternehmen die Bedeutung einer Weltbegebenheit. Es mußte sich zeigen, ob die Lehre, die sich ihm ohne Willkühr, mit innerer Nothwendigkeit gebildet, und die einen so großen Mo- ment für die künftige Entwickelung des menschlichen Ge- schlechts in sich enthielt, auch fähig seyn werde die Elemente der Zerstörung zu besiegen, die nicht minder in den Gei- stern arbeiteten, allenthalben den Boden des öffentlichen Le- bens unterwühlt hatten und erzittern machten, und hier ihren ersten Ausdruck gefunden. Die Frage war, ob es möglich seyn werde, zu verbessern ohne zu zerstören, einer neuen Entwickelung des Geistes Bahn zu machen ohne die Re- sultate aller frühern zu vernichten. Luther faßte die Sache aus dem Gesichtspunct eines Seelsorgers und Predigers. Unruhen in Wittenberg . Er verwarf die Veränderungen, die man gemacht, nicht an und für sich, noch die Lehre, aus der sie geflossen; auch hütete er sich wohl, die Wortführer der Neuerung persönlich zu verletzen, auf sie zu schelten; er urtheilte nur, man sey zu rasch verfahren, man habe dadurch Ärgerniß bei den Schwachen verursacht und das Gebot der Liebe nicht gehalten. Er gab zu, daß es Gebräuche gebe, die man wohl durchaus abschaffen müsse, z. B. die Privat- messen, obwohl man auch dabei alle Gewaltsamkeit, alles Ärgerniß zu vermeiden habe; von den meisten andern aber sey es für einen Christen gleichgültig, ob man sie beobachte oder nicht. Es komme so viel nicht darauf an, ob man das Abendmahl unter Einer Gestalt nehme oder unter bei- den; ob man besondre oder allgemeine Beichte vorziehe; in dem Kloster bleibe oder es verlasse; Bilder in den Kir- chen habe, die Fasten halte oder auch nicht; darüber Ge- setze zu machen, Lärmen zu veranlassen, schwächern Mit- brüdern Anstoß zu geben, sey eher schädlich als heilsam, und widerstreite dem Gebote der Liebe. — Die Gefahr der tumultuarischen Neuerung lag darin, daß sie sich für noth- wendig, für die unmittelbare Forderung des ächten Chri- stenthums erklärte; beinahe eben so, wie man auf der päpst- lichen Seite jedes kirchliche Gebot für einen unantastbaren Ausfluß der höchsten Idee ausgab, mit der man auch das gesammte bürgerliche Leben in engsten Zusammenhang ge- setzt hatte. Es war ein unendlicher Gewinn, zu zeigen, daß die Religion ein freies Gebiet anerkenne, welches sie nicht unmittelbar zu beherrschen brauche, wo sie sich nicht um die Leitung jeder Einzelnheit zu bekümmern habe. Luther Drittes Buch. Erstes Capitel . that das mit der Milde und Schonung eines Vaters und Führers, mit der Überlegenheit eines weiter schauenden, tiefer begründeten Geistes. Diese Predigten gehören wohl zu den bedeutendsten von allen die er gehalten hat; es sind zugleich Demegorien, wie die des Savonarola, aber nicht um aufzuregen, um fortzureißen, sondern um einzuhalten auf einem verderblichen Wege, die Leidenschaften zu be- schwichtigen, zu dämpfen. Sieben Predigten D. M. L. so er von dem Sontage In- vocavit bis auf den andern Sontag gethan, als er aus seiner Path- mos zu Wittenberg wieder ankommen. Alt. II, p. 99. Wie hätte die Gemeinde der wohlbekannten Stimme, dieser überzeugten und überzeugen- den Beredsamkeit widerstehen können, durch welche sie zu- erst auf die neuen Bahnen des Geistes geführt worden. Was sonst wohl einem ähnlichen Beginnen entgegnet wird, daß man Furcht habe, Rücksichten hege, war hier nicht vorzubringen. Nie war Luther heldenmüthiger erschienen. Dem Banne des Papstes und der Acht des Kaisers bot er Trotz, indem er zu seiner Gemeine zurückkehrte; sein Fürst hatte ihm gesagt, daß er ihn nicht schützen könne; er hatte überdieß auf diesen Schutz ausdrücklich Verzicht geleistet; er stürzte sich in die größte persönliche Gefahr, und zwar that er das, nicht, wie wohl auch Andre gethan, um einer Bewegung voranzugehn, sondern um ihr entge- genzutreten; nicht um umzustürzen, sondern um zu erhalten. Vor ihm verstummte die Empörung, legte sich das Ge- tümmel: die Ruhe ward wiederhergestellt; auch einige der am heftigsten aufgeregten Wortführer wurden überzeugt und schlos- Unruhen in Wittenberg . schlossen sich an. Carlstadt, der so weit nicht zu bringen war, wurde zum Schweigen verurtheilt; es ward ihm hauptsächlich zum Vorwurf gemacht, daß er sich unberu- fen in das Pfarramt eingedrängt habe, und er durfte die Kanzel nicht mehr besteigen. Die gemäßigtere Meinung wie sie Luther verfocht und die von einer drohenden Ge- fahr befreite Staatsgewalt traten einander noch einen Schritt näher. Eine Schrift Carlstadts, in seinem bisherigen Sinne abgefaßt, von der schon einige Bogen abgedruckt waren, wurde von der Universität, die dem Churfürsten darüber be- richtete, unterdrückt. Noch einmal stellten sich die Zwi- ckauer Luthern dar. Er warnte sie, sich nicht von den Vor- spiegelungen des Satans verblenden zu lassen: sie antwor- teten ihm: zum Beweis ihrer göttlichen Mission würden sie ihm angeben, was er in diesem Augenblicke denke; da er es gestattete, sagten sie ihm, er fühle jetzt in seiner Seele eine Hinneigung zu ihnen. Luther fuhr auf: „strafe dich Gott, Satan;“ er hat später gestanden, das sey in der That in ihm vorgegangen, aber eben daß sie es getroffen hielt er für ein Zeichen satanischer, nicht göttlicher Kräfte: er entließ sie indem er gleichsam ihren Geist gegen seinen Gott herausforderte. Camerarius Vita Melanchthonis, cap. XV. Abstrahiren wir von der Schroffheit sei- nes Ausdrucks, so hat dieser Kampf zwischen zwei entge- gengesetzten Geistern, einem verderblichen und einem schützen- den Genius eine tiefe, grandiose Wahrheit. Hierauf ward es ruhiger in Wittenberg. Die Messe ward so weit als möglich hergestellt; vorhergehende Beichte und das Empfangen mit dem Munde; mit geweihten Klei- Ranke d. Gesch. II. 3 Drittes Buch. Erstes Capitel . dern, Gesang und allen gewöhnlichen Cerimonien, selbst latei- nisch ward sie gehalten; man ließ nichts weg als die Worte des Canon, die sich unmittelbar auf die Idee vom Opfer be- ziehen. Luther von beider Gestalt des Sacraments zu nehmen. Al- tenb. II, p. 126. Übrigens aber bestand eine volle Freiheit, eine Un- bestimmtheit aller Formen. Luther blieb im Kloster und trug die Augustinerkutte nach wie vor; doch hatte er nichts dawi- der daß Andre weltlich wurden. Das Abendmahl ward un- ter Einer oder auch beiden Gestalten ausgetheilt. Es war gleich viel, ob Jemand sich mit der allgemeinen Absolution begnügte, oder nach einer besondern Verlangen trug. Gar oft wurden Fragen über die Grenzen des Unbedingt-ver- werflichen und des Noch-zuläßigen rege; die Maxime Lu- thers und Melanchthons war, nichts zu verdammen, was nicht eine unzweifelhafte Stelle der Bibel, wie man sich aus- drückte, „ganz klare und gründliche Schrift“ wider sich hatte. Man dürfte dieß nicht für Gleichgültigkeit halten. Vielmehr: die Religion zog sich in das ihr unmittelbar eigene Gebiet zurück und vertiefte sich in ihre reinsten Ten- denzen. Dadurch wurde es möglich, die Lehre zu ent- wickeln und auszubreiten, ohne daß man geradezu in Kampf mit dem Bestehenden gerathen wäre, ohne daß man durch raschen Umsturz die destructiven Kräfte erweckt hätte, deren erste Regung eben so gefährlich geworden war. Ja die Entwickelung der Lehre selbst konnte nicht ohne Rücksicht auf diese Gegner von der andern Seite geschehn. Luther ward schon damals inne, daß es gefährlich sey, nur immer von der Kraft des Glaubens zu predigen: Unruhen in Wittenberg . schon drang er darauf, daß der Glaube in guten Sitten, brüderlicher Liebe, Zucht und Ordnung sich darstellen müsse. Eine merkwuͤrdige Stelle aus einer seiner Predigten fuͤhrt Eberlin von Guͤnzburg an: Vermanung an alle frumen Christen zu Augsburg am Lech. Ich hab gehort, sagt er, von D Martin Luther, in ainer Predig ain groß war wort, das er sagt, wie man die sach anfacht, so felt unrat darauf; predigt man den glauben allein, als man thon sol, so unterleßt man alle zucht und ordnung, predigt man zucht und ordnung so felt man so gantz darauff das man alle se- lickait darein setzt und vergißt des glauben; das mittel aber were gut, das man also den glauben yebte das er ausbreche in zucht und ordnung, und also uͤbte sich in guten siten und in briederlicher liebe das man doch selikait allein durch den glauben gewertig were. Nach allen Seiten wies die sich entwickelnde religiöse Überzeugung das Ungleichartige von sich und bildete ihren Inhalt zugleich individueller und allgemein gültiger, nach ihrer innern Nothwendigkeit aus. Noch mitten in den Stürmen, im Dezember 1521, war das erste Lehrbuch der Theologie nach den neuen Grundsätzen erschienen, Melanchthons loci communes, noch lange kein vollständiges Werk, in seinem Ursprung nur eine Zusam- menstellung der Grundsätze des Apostels Paulus über Sünde, Gesetz und Gnade, und zwar durchaus in den strengen Begriffen, von denen Luthers Erweckung ausgegangen, aber dabei schon darum höchst merkwürdig, weil es von der bisherigen Entwickelung der scholastischen Theologie so völ- lig abwich und seit so vielen Jahrhunderten in der lateini- schen Kirche zum ersten Mal ein System aus der Schrift allein zusammenstellte; von Luthers Beifall empfohlen machte es nun seinen Weg durch die Welt; in immer neuen Aus- gaben ward es umgebildet, vervollständigt. Man erkennt den Ursprung und die Zusammensetzung dieser Und eine noch 3* Drittes Buch. Erstes Capitel . weiter reichende Wirkung, auf das Volk unmittelbar mußte die Übersetzung des Neuen Testamentes haben, die Luther nach seiner Rückkunft mit Melanchthon nochmals durchar- beitete, und mit der er im September 1522 hervortrat. Indem man sich von den Formen los riß, welche Schule und Hierarchie der Lehre gegeben, bot man dagegen die erste Urkunde des Christenthums, in wortgetreuer Übertra- gung, verstanden und verständlich, der Nation dar. Eben war ihr Geist dazu gereift ihren Inhalt in sich aufzunehmen; von dem ächten Ausdruck der unvermittelten Religion ward er in den wichtigsten Momenten seiner Bildung in seiner Tiefe ergriffen und durchdrungen. Von den Wirkungen die- ser Thätigkeit ließ sich alles erwarten. Luther hegte die groß- artige Zuversicht, daß die Lehre allein zum Ziele führen, daß wenn sie durchdringe, schon ganz von selbst eine Umge- staltung der äußern Verhältnisse eintreten werde. Daß er diese Meinung hegen, und durch baldigen Erfolg darin bestärkt werden konnte, dazu trug vor allem die Haltung bei, welche die indeß umgebildeten Reichsge- walten annahmen. Schrift durch eine Vergleichung des ersten Entwurfes von 1520, der handschriftlich in viele Haͤnde kam, in Strobel’s Neuen Beitraͤ- gen V, p. 323 mit der ersten Ausgabe von 1521, abgedruckt in v. d. Hardts Hist. lit. ref. IV. Zweites Capitel . Weltliche und geistliche Tendenzen des Reichs- regimentes 1521 — 1523. Es ist ein großartiges Zusammentreffen, daß eben in dem Momente, wo sich diese gewaltigste nationale Re- gung erhob, jene ständische Regierungsform, die das Ziel so anhaltender und mannichfaltiger Bestrebungen gewe- sen, wirklich ins Leben trat. Der mächtige Kaiser hatte sie als Bedingung seiner Wahl bewilligen müssen; in Worms hatte man sich über die Einrichtung verständigt; in dem Herbst 1521 schritt man zur Ausführung. Die Churfürsten und die Kreise wählten ihre Abgeordneten, und wir finden wohl wie dieselben der besondern Vasallenpflich- ten entlassen und nur auf das Beste des Reiches zu den- ken angewiesen werden. Die alten Acten des Kammerge- richts, viele Centner schwer, bei vierthalbtausend ältere noch nicht ausgemachte Processe und eine große Anzahl neuer Klagen, auf die noch keine Ladung erkannt war, wurden nach Nürnberg geschafft. Hans v. Planitz an Friedrich v. Sachsen 18 Octob. 1521, nach den Mittheilungen von Adam v. Beichlingen. Die Correspon- denz von Planitz in zwei Baͤnden und einem kleinern Hefte des Wei- Nach und nach langten die Ab- Drittes Buch. Zweites Capitel . geordneten an: am längsten ließen die kaiserlichen auf sich warten. Im Laufe des November kam man so weit, daß zuerst das Reichsregiment, dann auch das Kammergericht eröffnet werden konnte. Anfangs hatte man nun noch von den Einwirkungen der kaiserlichen Hofräthe zu leiden, Planitz sagt schon am 18 Oct. „Churfuͤrsten Fuͤrsten und Andre so itzund allhie vorhanden haben Beisorge, es werde bei etz- lichen Kaiserischen gefleißigt, ob suͤlch Vornemen des Regiments in Verhinderung oder Aͤnderung gestellt werden mecht.“ 14 Mai ge- denkt er eines gewissen Rem, der nach langer Gefangenschaft eine kaiserliche Absolution ausbringt. „Ist vermutlich, weil das Regi- ment die Sach zu sich forderet und die Sach den Hofretten nicht gestatten wollte, hierin zu handeln, das sie die Absolution gefuͤrdert, damit das Regiment auch nichts daran haben solt.“ Die Briefe sind voll von aͤhnlichen Aͤußerungen. großentheils derselben, mit denen die Stände schon unter Maximilian so oft sich entzweit hatten, die noch immer keins ihrer lucrativen Rechte fallen lassen wollten und nach wie vor der Bestechlichkeit an- geklagt wurden. Es kamen sehr sonderbare Dinge vor. Un- ter andern hatte der Bischof von Würzburg einen gewissen Raminger, der mit kaiserlichem Geleite versehen war, nie- derwerfen lassen und hielt ihn gefangen; billigerweise nahm sich das Regiment des Überwältigten an. Wie sehr er- staunte man aber als ein Erlaß des Kaisers einlief, worin er erklärte, er habe jenes Geleit unbedachtsam gegeben; es könne nicht dafür gehalten werden, daß der Bischof ein wahres kaiserliches Geleite gebrochen habe. Es machte hierin keinen Unterschied, ob die Stände dem Regiment zur Seite standen oder nicht. Im März 1522 waren die mar. Archivs ist fuͤr das Folgende unsre Hauptquelle. Harpprecht und Muͤller (Staatscabinet I ) berichten nur das Aͤußerlichste. Reichsregiment . Stände zusammengekommen, und beide vereinigt verwandten sich für den Bischof von Hildesheim, der sich über die Acht beklagte, die gegen ihn und seine Freunde ergangen war, ohne daß sie citirt und verhört worden; aber der Kaiser wollte nicht leiden, daß man ihm „in seine Ge- schäfte“ greife; er wies die Verwendung mit einer kurzen nichtssagenden Antwort zurück. Ende Mai aber verließ der Kaiser die Niederlande. Seine Gegenwart war in Spanien nothwendig, um die Unruhen der Comunidades vollends beizulegen. Seine Ge- danken wurden von den Verwickelungen des italienischen Krieges den er unternommen, von den großen Entdeckun- gen und Eroberungen welche eine Handvoll glücklicher und geistreicher castilianischer Abenteurer unter seinen Fahnen in einem entfernten Continent vollzogen, vollauf beschäftigt. Auch die deutschen Hofräthe die ihn begleiteten, konnten unmöglich von Spanien her auf die Einzelnheiten der deut- schen Verwaltung einwirken. Nun erst kam das Regiment zu voller Selbständigkeit. Der junge Kaiser hatte kommen müssen um es zu autorisiren, und ließ ihm durch seine Ent- fernung freie Hand. Wir betrachten zunächst die weltliche Seite seiner Ver- waltung. Da waren nun schon mancherlei wichtige Geschäfte in Gang gekommen. Besonders ward auf eine Executionsord- nung gedacht, nach den im J. 1512 gemachten Vorschlägen, und man setzte fest, wogegen Maximilian sich so lebhaft ge- sträubt hatte, daß die Hauptleute der Kreise durch diese selbst gewählt werden sollten. Die ungrisch-türkischen Ver- Drittes Buch. Zweites Capitel . hältnisse nahmen die Aufmerksamkeit dringend in Anspruch. Während die beiden vorwaltenden Fürsten der Christenheit ihre natürliche Eifersucht in den italienischen Kriegen zu immer heftigerm Haß entflammten, hatte der Gewaltherr des osmanischen Reiches seine durch Christenhaß und Er- oberungslust angefeuerten Kriegsschaaren daher gewälzt und das alte Bollwerk der an jenen Grenzen nur wenig gesi- cherten Christenheit, Belgrad, in seine Hände gebracht. Man war in Deutschland nicht stumpf für diese Gefahr; aus- drücklich deshalb kamen die Stände im Frühjahr Das Ausschreiben ist vom 12 Februar: auf den Sonntag Oculi (23 Maͤrz 1522), damit man noch Zeit habe sich zu ruͤsten; am 28 Maͤrz war eine Anzahl Staͤnde zugegen und es wurden Pro- cessionen und Gebete angeordnet, „damit S. goͤttlich Barmherzigkeit den Zorn, ob und wie wir den durch unsre Schuld und Missethat verschuldet haͤtten, von uns wende.“ Die Proposition geschah am 7 April; der Kaiser ließ darin erklaͤren, daß er sich der zu seinem Romzug bewilligten Huͤlfe begebe, damit sie zum Tuͤrkenkrieg angewendet werde. Die Staͤnde beschlossen von derselben anderthalb Viertel (⅜) ins Feld zu stellen, jedoch nicht in Mannschaft sondern in Geld. Es gieng alles sehr eilend her, da man eine bessere Ruͤstung auf eine Bespre- chung mit ungrischen Commissarien gruͤnden wollte. Der Frkf. Ge- sandte meint, es werde nicht viel ausgerichtet werden, sondern „aufs fuͤrderlichste wieder zum Thor hinaus.“ Am meisten hielten die Ses- sionsirrungen auf. „Der Sachen halber bleiben andre Haͤndel un- ausgerichtet und wir verzehren das Unsre ohne Nutzen.“ Der Ab- schied ist vom 7 Mai. (Frankf. A.) Am folgenden Reichstag (Dez. 1522) wurden fernere zwei Viertel des Romzugs bewilligt. und noch einmal im Herbst 1522 zusammen; ein Theil der dem Kaiser für seinen Romzug bewilligten Hülfe ward mit des- sen Genehmigung zur Unterstützung der Ungern bestimmt: umfassende Entwürfe zu einer vollständigern und allzeit be- reiten Kriegsrüstung zu dem nemlichen Zwecke wurden ge- macht und berathen. Worauf aber alles ankam, wovon alles abhieng, das war die Befestigung der Regierungs- Reichsregiment . form selbst. Man fühlte jeden Augenblick, wie mißlich es war, die Besoldung der Mitglieder des Gerichts und des Regimentes auf Matricularanschläge zu gründen, die von Jahr zu Jahr bewilligt werden mußten, und immer nur schwer beizutreiben waren; auch wollte man es nicht etwa dem Kaiser überlassen, die Besoldungen zu zahlen: man fürchtete mit Recht, dann werde er auch Anspruch darauf machen, die Mitglieder zu ernennen. Man gerieth deshalb auf mancherlei andre Vorschläge: Innebehaltung der An- naten, Judensteuern, oder endlich auch im Zusammenhang mit einer beharrlichen Rüstung eine Erneuerung des ge- meinen Pfennigs. Allein es zeigte sich alles gleich unaus- führbar. Für die Annaten wären erst Vereinbarungen mit dem römischen Stuhl erforderlich gewesen, die nicht so leicht zu treffen waren; einer Anlage auf die Juden widersetzten sich die Städte, welche von frühern Kaisern das Recht ihre Juden selbst zu schatzen, erworben, und dasselbe neuerdings auch gegen den kaiserlichen Fiscal behauptet hatten; über einen neuen gemeinen Pfennig konnte man es nicht weiter als bis zum Entwurf, nicht einmal bis zu ernstlicher Berathung bringen. Unter diesen Umständen nahm das Regiment einen schon früher gehegten Plan auf, der auch an sich eine große nationale Bedeutung entwickelt haben würde, und noch mit andern Absichten der Reichs- verwaltung zusammenhängt, welche unsrer Aufmerksamkeit würdig sind. Unter den Beschwerden, welche die verschiedenen Stände in jener Zeit gegen einander erhoben, traf eine der allge- meinsten, lebhaftesten die Kaufmannschaft. Die alten Handelswege waren noch immer im Gange; Drittes Buch. Zweites Capitel . noch immer genoß die Hanse den größten Theil ihrer Pri- vilegien im Ausland: Venedig stellte nach dem Frieden sei- nen Markt wieder her; allein der Glanz dieses Betriebes erbleichte doch verglichen mit dem Aufschwung welchen seit der Entdeckung beider Indien der überseeische Verkehr nahm. Große Handelshäuser von Oberdeutschland setzten sich mit Lissabon in unmittelbare Berührung; oder sie hatten an den westindischen Unternehmungen der Spanier Antheil. Antwerpen kam hauptsächlich mit dadurch empor, daß es die Niederlage für diesen deutsch-überseeischen Handel bildete. In Deutschland war jedoch nicht Jedermann hiemit zufrieden. Die Strenger-gesinnten mißbilligten die Einfüh- rung neuer Genüsse und neuer Bedürfnisse; Andre beklag- ten, daß man so viel Geld aus dem Land gehen lasse; fast Alles war mißvergnügt, daß man die Waaren so un- gebührlich theuer bezahlen müsse. Besonders in den Jah- ren 1516 bis 1522 bemerkte man ein allgemeines Steigen in den Preisen derselben. Das Pfund Zimmet, langer oder kurzer, war um mehr als einen Gulden; der Centner Zucker von 12 auf 20 G.: einige ostindische Gewürze waren auf das Vierfache ihres früheren Preises gestiegen. Aus einem Gutachten des kleinen Ausschusses uͤber die Mo- nopolien 1523 (Fr. A.) entnehme ich folgende Tabelle. Z. B. der beste Safran, catalonischer, der 1516 3 G. 6 Kr. gekostet, kostet 1522 4 G. 15 Kr. geringerer 1519 2 G. 21—27 Kr. — — 4 G. Negelein 1512 19 Schill. — — 2 G. langer Zimmet 1516 1 G. 18 Kr. — 1518 2 G. 3 Ort kurzer — 1515 3 Ort. — 1519 1 G. 21 Kr. Muscatnuß 1519 27 Kr. — 1522 3 G. 28 Kr. Muscatbluͤth 1518 1 G. 6 Kr. — — 4 G. 6 Kr. bester Pfeffer (in der Haut) 1518 18 Kr. — — 32 Kr. Es mochte Reichsregiment . dazu mancherlei mitwirken: vermehrter Luxus und erhöhte Nachfrage; die Nachwirkung des venezianischen Krieges, der die alten Gewohnheiten unterbrochen hatte, wohl auch ein Sinken des Geldwerthes, nachdem die amerikanischen Zuflüsse eröffnet worden, wiewohl noch nicht in ihrem spätern Reichthume; damals aber suchte man vor allem, und wohl auch dieß nicht ganz mit Unrecht, den Grund in dem monopolistischen Wesen, das durch die Gesellschaf- ten der großen Handelshäuser, den oft wiederholten An- ordnungen der Reichstäge zum Trotz, nur immer mehr um sich gegriffen hatte. Schon an sich, sagte man, seyen sie in Besitz so großer Capitalien, so mannischfaltiger und ver- breiteter Factoreien, daß Niemand neben ihnen aufkom- men könne. In Portugal seyen sie bereit dem König selbst noch höhere Preise, als er sonst fordere, zu zahlen, wenn er ihnen nur dagegen verspreche, die Später-kommenden noch mehr zu steigern. Man berechnete, daß man in Deutschland jährlich 30000 Centner Pfeffer, 2000 Centner Ingwer einführe; nun sey der erste binnen wenig Jah- ren das Pf. von 18 auf 32 K., der zweite von 21 Kr. auf 1 G. 3 Kr. gestiegen: welch einen ungeheuren Vor- theil müsse das geben! Wie Rom wegen seiner Indulgenzen, die Ritterschaft wegen ihrer Räubereien, so wurden die Kaufleute, die Städte Ingwer fruͤher 21—24 Kr. 1516 1 G. 3 Kr. Galgant — 1 G. 36 Kr. — 1 G. 39 Kr. Zucker, der Centner, 1516 11—12 G. 1518 20 G. Zuckerkandis — 16—17 G. 1522 20—21 G. Venedegisch Mandeln, der Centner. 1518 8 G. — 12 G. — Weinberlein 1518 5 G. — 9 G. — Feigen — 3 G. 2 Sch. — 4 G. 1 Ort. Drittes Buch. Zweites Capitel . wegen dieser Übertheuerungen unaufhörlich angegriffen: die Ungunst welche sie seit einiger Zeit in Bezug auf ihre reichs- ständischen Verhältnisse erfuhren, leiten wenigstens die Frank- furter vor allem von dem Widerwillen gegen die Monopo- lien her. Auf dem Reichstag von 1522—23 faßte man den förmlichen Beschluß, jede Gesellschaft zu verbieten welche über 50000 G. Capital habe: anderthalb Jahre sollten ihnen gelassen werden, um sich auseinanderzusetzen. Man hoffte damit, den kleinern Häusern eine Concurrenz mit den grö- ßern möglich zu machen, die Ansammlung von Waaren und Geldern in wenigen Händen zu verhüten. Indem man aber den ungemeinen Vortheil überschlug, den der Verkehr mit dem Ausland, er mochte nun geführt werden wie er wollte, den Kaufleuten verschaffte, kam man auf den Gedanken das allgemeine Bedürfniß durch eine Besteue- rung des Handels zu decken. Zog nicht auch jeder einzelne Fürst seine besten Einkünfte aus den Zöllen, welche frühere oder spätere Kaiser ihnen verwilligt hatten? Man sah, daß es mit keiner directen Steuer Fortgang gewinnen wollte; man faßte die Idee einer indirecten Besteuerung, zu Gunsten des Reiches, in Form eines allgemeinen Grenzzollsystems. Es ist wohl der Mühe werth, bei diesem Entwurf einen Moment zu verweilen. Die Ausführung desselben müßte unberechenbare Folgen entwickelt haben: aber auch schon an sich ist es merkwürdig, daß man ihn fassen konnte. Bereits im J. 1521 war die Sache zur Sprache gekom- men: Churfürst Joachim I von Brandenburg faßte sie da mit besonderer Lebhaftigkeit auf und empfahl sie unaufhörlich. Entwurf eines Grenzzollsystemes . Im Frühjahr 1522 beschlossen dann die Stände wirk- lich, auf diesen Plan einzugehn, vorzüglich deshalb, weil der gemeine Mann dadurch nicht beschwert werde, um aber ihrer Sache sicher zu seyn, vor jedem weitern Schritte den Kaiser um seiner vorläufige Einwilligung zu ersuchen. Nachdem diese von Spanien eingegangen, nur mit der Bedingung, daß die nähern Bestimmungen noch einmal mitgetheilt werden möchten, ward anf dem Reichstag im Winter 1522—23 auf Veranlassung des großen Ausschus- ses der Stände eine Commission niedergesetzt, um einen ausführlichen Entwurf auszuarbeiten. Ordnung ains gemainen Reichs Zolls In Ratschlag ver- fast. (Fr. A. Bd 38.) Ein Actenstuͤck das ich unter den Urkunden mitzutheilen denke. Man gieng in demselben von dem Grundsatz aus, die unentbehrlichen Lebensbedürfnisse unbesteuert zu lassen. Als solche betrachtet man: Getraide, Wein und Bier, Zug- und Schlachtvieh, auch das Leder. Alle andern Artikel dagegen sollten sowohl bei der Ausfuhr als bei der Ein- fuhr verzollt werden. Man dachte sie weder nach dem Gewicht noch nach einem Tarif, der zu mancherlei Nach- suchung genöthigt haben würde, anzuschlagen, sondern nach dem Einkaufspreis, den ein Jeder angeben müsse: der Zoll sollte 4 Procent desselben betragen. Es ward der Entwurf gemacht, das ganze Gebiet des römischen Reiches deutscher Nation durch eine Zollli- nie einzuschließen. Sie ist folgende. Sie soll beginnen bei Nikolsburg in Mähren und von hier gegen Ungarn gewandt über Wien und Gräz nach Drittes Buch. Zweites Capitel . Villach oder Tarvis im Canal gehen; von da wird sie sich längs der Alpen hinziehen, gegen Venedig und Mai- land, und ihre Zollstätten in Trient, Brunegg, Insbruck, Feldkirchen aufrichten. Die Schweiz, welche sich der Auf- lage die in dem Zoll liegt nicht unterwerfen würde, wird man durch einige Zölle an ihren Grenzen ausschließen; die Grenzlinie wird dann jenseit des Rheines ihre Rich- tung nach Strasburg nehmen, und sich über Metz, Luxen- burg, Trier nach Aachen ziehen. So gelangt man bis in die Nähe der Küste, in das Gebiet des überseeischen Ver- kehrs. Man betrachtet die Niederlande ohne Bedenken als einen Theil des Reichsgebietes; als binnenländische Zoll- stätten werden Utrecht und Dordrecht so gut wie Cölln und Wesel, für den eigentlichen Seehandel namentlich mit England und Portugal Antwerpen, Brügge und Ber- genopzoom in Vorschlag gebracht. Mit der Küste nimmt dann die Linie ihre fernere Richtung nach Norden und Osten. Gegen Dänemark — staatsrechtlich noch das Unionsreich — sollen die Hansestädte von Hamburg bis Danzig, dieses eingeschlossen; gegen Polen Königsberg in der Neumark und Frankfurt a. d. Oder als Reichszollplätze dienen, an die sich einige andre in Schlesien und der Lausitz anreihen sollen. Ein Entwurf der noch nicht zur Reife gediehen, bei dem noch Vieles unbestimmt gelassen war; wie man denn auch sogleich beschloß, die Grenzen noch einmal bereisen zu lassen, weil man vielleicht Plätze finden könne, die noch geeigneter seyen den Schleichhandel zu verhindern als die angegebenen; man zweifelte noch, ob man Böhmen einschlie- Entwurf eines Grenzzollsystemes . ßen könne oder nicht, und weder auf Preußen noch auf Liefland hatte man Rücksicht genommen; aber alles das be- trifft nur Modalitäten, die erst bei der Ausführung fest angeordnet werden konnten: mit der Hauptsache nahm man es sehr ernstlich, und war darüber entschieden. Es liegt in der Natur der Menschen, daß der gesammte Handelsstand dadurch beeinträchtigt zu werden glaubte, den Entwurf nur von der Ungunst herleitete, die er über- haupt erfuhr, und sich in tausend mehr oder minder ge- gründeten Einwendungen vernehmen ließ. Man suchte sie ihm ausführlich zu widerlegen. Man machte auf das Bei- spiel benachbarter Reiche aufmerksam, wo die Beschwerun- gen bei weitem stärker seyen und dennoch Handel und Wandel auf das beste gedeihe. Man bemerkte, daß die Steuer ja keineswegs auf die Handelsleute falle, sondern auf die Käufer, die Verbrauchenden; dem Handel selbst werde es zum größten Vortheil gereichen wenn mit Hülfe dieser Steuer den Unordnungen im Reiche endlich abgehol- fen, allgemeine Sicherheit eingeführt werden könne. Und das ist wenigstens nicht zu leugnen, daß dieser Entwurf die großartigsten Aussichten für die Zukunft von Deutschland in sich schloß. Es war schon überaus nütz- lich, genau bestimmte und beaufsichtigte Grenzen zu ha- ben, deren gesammter Umkreis in enger Beziehung zu ei- nem lebendigen Mittelpuncte gestanden hätte: das Bewußt- seyn der Einheit des Reiches mußte dadurch an jeder Stelle belebt werden. Aber auch das gesammte Staatswesen hätte einen andern Charakter bekommen. Das Reichs- regiment, die wichtigste vaterländische Institution, an der Drittes Buch. Zweites Capitel . man so lange gearbeitet hatte, würde dadurch zu einer natür- lichen und sichern Grundlage gelangt seyn, und hinreichende Kräfte zur Handhabung der Ordnung erhalten haben. Noch immer war kein Friede im Lande; alle Straßen waren un- sicher; bei keinem Urtel, keinem Beschluß konnte man auf seine Ausführung zählen; jetzt aber würde die beschlossene Executionsordnung Leben gewonnen, das Regiment würde Mittel erlangt haben, um die Hauptleute und Räthe in den Kreisen, von denen so oft die Rede gewesen, mit Be- soldung zu versehen, und einiges Kriegsvolk in seinem und ihrem Gehorsam aufzustellen. Im Frühjahr 1523 schien es, als würden diese Ab- sichten unfehlbar erreicht werden. Der Entwurf gieng nur noch zur Bestätigung an den Kaiser zurück, der durch seine vorläufige Einwilligung bereits gebunden war. Wir sehen wohl: das Reichsregiment hatte wirklich die Idee, eine kräftige centrale Gewalt zu constituiren, und ergriff, mit den Ständen in Verein, allen Einwendungen zum Trotz die dazu geeigneten Mittel. Da war es nun von um so größerer Bedeutung, in welches Verhältniß diese emporkommende Gewalt zu den religiösen Bewegungen treten würde. Im Anfang des Jahres 1522 war die Stimmung des Regimentes denselben sehr abgeneigt. Herzog Georg von Sachsen war zugegen, ein Fürst, in welchem natür- liche Anhänglichkeit an das Herkömmliche, Herzog Georg sagte unserm Berichterstatter Planitz: wenn S. F. Gn. nicht mit der Tatt und Gewalt dazu thaͤt wuͤrd S. Gn. alle der man- cher- Reichsregiment , 1522. cherlei alte Hader den er gegen seine Vettern von der ernestinischen Linie hegte, und ein persönliches Mißfallen das ihm die Verwegenheit des rücksichtslosen Mönches er- weckte, zu einem lebhaften und heftigen Widerwillen zu- sammenwirkte. Die Wittenberger Unruhen kamen ihm eben gelegen, um seinen Klagen Nachdruck zu verschaffen. Er brachte wirklich ein Edict aus, durch welches das Regi- ment die benachbarten Bischöfe Naumburg, Meißen und Merseburg aufforderte, die Neuerungen nicht einreißen zu lassen, die bisher üblichen kirchlichen Gebräuche aufrecht zu erhalten. Resolution und Decisum etc. 20 Jan. 1522. Walch XV, 2616. Merkwuͤrdig ist der Zusatz nr. 10 „bis so lang durch Ver- sehung der gemeinen Reichsstaͤnde, christliche Versammlung oder Con- cilia solcher Sachen halben eine bedaͤchtliche wohlerwogene gegruͤndete gewisse Erklaͤrung — vorgenummen werde;“ woraus man doch zu- gleich eine andre Tendenz abnimmt, aber noch in ihrer ganzen Un- bestimmtheit. Schon in jenem Vierteljahr aber, so wie die Nach- richt von der Beilegung dieser Bewegung anlangte, änderte sich die Stimmung. Es war natürlich von der Rückkehr Luthers nach Wittenberg die Rede, durch welche einer kaiserlichen Achtserklärung so gradezu Trotz geboten wurde, und Herzog Georg hatte wohl den Gedanken, die Inter- vention des Kaisers unmittelbar anzurufen; aber er ver- letzte damit nur das Selbstgefühl des Regimentes. Der Gesandte Churfürst Friedrichs Hans von der Planitz wollte es nicht tadeln lassen, daß sein Herr Luthern in Witten- Land schyr gar ketzerisch: wollten alle die behemische Weis an sich nemen, und sub utraque communiciren: er gedaͤcht es aber mit Gewalt zu weren . (Schreiben vom 2 Jan. 1522.) Ranke d. Gesch. II. 4 Drittes Buch. Zweites Capitel . berg dulde; er wollte es nicht Wort haben daß der Mönch Ketzereien lehre. „Daß dort das Abendmahl unter beiden Gestalten genommen werde, ein und der andre Priester sich verheirathe, ein paar Mönche ihr Kloster verlassen, könne man nicht Ketzereien nennen; das betreffe Anordnungen, welche von Papst und Concilien vor nicht gar langer Zeit gegeben worden, und daher auch am Ende zurückzunehmen seyen. Würde man dagegen Luthern entfernen, so würden sich Nachahmer erheben, jedoch ohne seinen Geist; die möch- ten dann leicht nicht allein gegen Satzungen der Kirche, sondern gegen Christenthum und Gott predigen; ein Auf- ruhr, ja ein vollkommner Mißglaube dürfte sich erheben.“ Dieser Gesandte ist überhaupt ein Mann von Geist, eben so entschlossen, wie gewandt; er ist ganz für Luther, we- niger jedoch aus theologischer Überzeugung, obwohl er ihm auch darin beistimmt, als weil er in der Sache des- selben zugleich eine Sache seines Fürsten, des Regimentes und des Reiches sieht. Im Sommer 1522 traf nun die Reihe, an dem Re- giment persönlich anwesend zu seyn, den Churfürsten Frie- drich selbst. Er war noch aus der Schule jener alten Für- sten, aus deren Ideen das Institut des Regimentes her- vorgegangen: auch jetzt hatte er an der Festsetzung der Ver- fassung persönlich den lebendigsten Antheil genommen. Schon war er öfter wegen einzelner Förmlichkeiten zu Rathe ge- zogen worden. Die besonnene Ruhe mit der er verfuhr, die Erfahrung die er besaß, die allgemeine Hochachtung welche er sich durch Redlichkeit und Geschäftstalent erwor- ben, brachten ihm eine ungemeine Autorität zu Wege. Der Churf. v. Trier hoͤrte von einem Unwohlseyn Friedrichs. Reichsregiment , 1522. Man kann sagen: er regierte in diesem Momente das Reich, in so fern es überhaupt regiert werden konnte. Da läßt sich nun denken, daß Luther, der die Gnade dieses Fürsten in so hohem Grade genoß, von dem Regi- ment nichts zu befürchten hatte. Herzog Georg fuhr fort, ihn bei dieser Versammlung zu verfolgen: er beschwerte sich zu wiederholten Malen über die Heftigkeit des Mönchs, über die Schmähungen die er gegen Reichsfürsten, Kaiser und Papst ausstoße. Nichtssagender aber war wohl nie eine Antwort, als die, welche ihm einst das Regiment auf eine dieser Klagen zustellte. „Wir ersehen,“ schreibt es ihm am 16ten Aug. „daß Ew. Liebden die Schmähungen gegen päpstliche Heiligkeit und kaiserliche Majestät mißfallen, ge- ben darauf E. L. zu erkennen, daß wir Ks r M t Schmach und Schaden nicht gern gedulden wollten wo wir sie er- führen und sähen.“ Instruction ans Regiment zu Nuͤrnberg — Antwort dessel- ben — Schreiben Herzog Georgs, Dienstag nach Nativ. Mariaͤ (9 Sept.) Otto Packs an den Herzog, Montag vom XI ten Virginum (20 Oct.) Dresdner Arch. Kein Wunder, wenn sich der Her- zog später einmal bei dem Statthalter, Pfalzgraf Friedrich über diese Antwort beschwerte: der antwortete, es habe sich damals gegen Dinge dieser Art nichts thun lassen. Überhaupt bildete sich in dem Regiment eine Luthern geneigte Partei, die zwar in jedem Vierteljahr durch den Eintritt neuer Mitglieder unsicher ward, aber kraft der na- türlichen Consequenz einmal aufgefaßter Grundsätze immer Er ließ ihm durch die Gesandten sagen: E. Ch. Gn. solten vest hal- ten, nicht krank werden noch abgehn, denn man hett im Reich E. Ch. G. nye als wol bedurft als itzund, nachdem E. Ch. G. wußte, wye es allenthalben im Reiche stuͤnde. Planitz 1 Nov. 1521. 4* Drittes Buch. Zweites Capitel . wieder die Oberhand behielt, und in der That die Majo- rität constituirte. Wunderbarer Wechsel! Nachdem der Kaiser 1521 Luthern in die Acht erklärt, nahm die Be- hörde welche die kaiserliche Gewalt repräsentirte, 1522, 23, den Geächteten in Schutz und näherte sich seinen Tenden- zen. Politischen Combinationen wie sie auf den Kaiser ein- gewirkt, war sie natürlich unzugänglich. Und um so mehr hatte das zu bedeuten, da in den letzten Monaten des einen, den ersten des andern Jahres die Stände beisammen waren, und nun, auf Anregung des neuen Papstes, Adrian VI , einen Beschluß in der lu- therischen Sache fassen sollten. Gewiß war Adrian VI ein überaus wohlgesinnter Mann. Er war früher Professor in Löwen gewesen und schon damals hatte er gegen den Übermuth der Geistlichen, gegen die Verschwendung der kirchlichen Güter geeifert; Excerpte aus seinem Commentar in quartum sententiarum in dem Schreiben von Joh. Lanoy an Heinr. Barillon bei Burmann Vita Adriani p. 360. dann war er Lehrer Carls V geworden; man hatte ihn zur Verwaltung von Spanien gezogen: da hatte er die Dinge der Welt noch mehr in der Nähe gesehen, und sich mit Widerwillen gegen die weltlichen Tendenzen des Papst- thums durchdrungen. Eine Reform zu versuchen war er daher sehr geneigt. Er erklärte, er habe seinen Nacken nur darum in das Joch der päpstlichen Würde gebeugt, um die verunstaltete Braut Christi in ihrer Reinheit wieder her- zustellen. Aber dabei war er doch auch ein entschied- ner Gegner Luthers. Er gehörte mit zu jenen Magistri Reichstag von 1522, 23. nostri von Löwen, welche gegen die neuernde Literatur und Theologie so lange in Kampf gelegen: die Erklärungen dieser Universität hatte er ausdrücklich gebilligt. Die dominica- nisch-orthodoxe Tendenz, welche sich 1520 wieder aufs engste mit dem römischen Hofe vereinigt, kam in ihm be- reits zu einer momentanen Herrschaft. In dem Sinne nun, der ihm natürlich war, instruirte Adrian den Nuntius Chieregati, welchen er an den deut- schen Reichstag sendete. Er betrachtete das Aufkommen der lutherischen Meinungen als eine Strafe für die Sün- den der Prälaten. „Wir wissen,“ sagt er, „daß bei diesem Sitze einige Jahre daher viele Abscheulichkeiten vor- gekommen sind: alles ist zum Bösen verkehrt worden, von dem Haupte hat sich das Verderben in die Glieder, von dem Papst über die Prälaten verbreitet.“ Indem er sich nun bereit erklärte, die Übelstände abzustellen, forderte er die deutschen Stände zugleich auf, dem Um-sich-greifen der lutherischen Meinungen ernstlich Einhalt zu thun; acht Gründe führte er auf, welche sie dazu bewegen müßten. Expergiscantur, excitentur — et ad executionem senten- tiae apostolicae ac imperialis edicti praefati omnino procedant. Detur venia iis qui errores suos abjurare voluerint. Instructio pro Cheregato. Auf diese Anträge sollte nun Antwort gegeben, Be- schluß gefaßt werden; und dem Regiment kam es zu, einen Entwurf dazu abzufassen. Gleich bei dem ersten Erscheinen des Nuntius hatten sich die beiden Parteien in diesem Collegium mit einander gemessen. Die altgesinnte Minorität hatte eine Beschwerde Drittes Buch. Zweites Capitel . des Nuntius über ein paar Prediger hervorgerufen, die zu ihrem und seinem Verdruß unter den Augen des Regimen- tes lutherische Meinungen verkündigten. Erzherzog Ferdi- nand, der jetzt selbst das Statthalteramt versah, der Chur- fürst von Brandenburg, an den in diesem Quartal die Reihe war, erklärten sich für die Wünsche des Nuntius. Allein die Majorität leistete ihnen unter Anführung des Planitz entschlossenen Widerstand. Es kam hierüber zu manchem lebhaften Wortwechsel. Ferdinand rief einmal aus: „ich bin hier an des Kaisers Statt.“ „Ja wohl,“ fiel Planitz ein, „jedoch neben dem Regiment und nach den Ordnungen des Reiches.“ Die Sache ward nach den Vorschlägen dieses Gesandten an die Stände gewiesen, Planitz erzaͤhlt dieß selbst 4 Jan. 1523. Die Staͤnde ant- worteten, es sey eine große Sache die wohl uͤberlegt werden muͤsse; sie bitten sich Abschriften des Breves und der Instruction aus und wollen „etzliche daruͤber verordnen, die die Sach mit Fleiß bewegen.“ „In der Stadt ist groß Murmeln, will nicht rathen, das man einen gefangen annehme.“ d. i. ins Weite geschoben; und man kann sich denken, daß die Prediger nun noch beherzter, ungestümer wurden. „Und wenn der Papst,“ rief einer zu St. Lorenz aus, „zu seinen drei Kronen noch eine vierte auf dem Kopfe hätte, so sollte er mich nicht von dem Worte Gottes abwendig machen.“ Vor den Augen seines Nuntius ward dem Papst auf der Kanzel Trotz geboten. Unter diesen Eindrücken wählte das Regiment einen Ausschuß, um die den Ständen vorzuschlagende Antwort an den Nuntius zu entwerfen. Er ward ebenfalls aus beiden Parteien zusammengesetzt, einigen geistlichen und ei- Reichstag von 1522, 23. nigen weltlichen Mitgliedern, und die Majorität ließ sich einen Augenblick zweifelhaft an: aber gar bald war sie ent- schieden. Ohne Frage das einflußreichste Mitglied desselben war Johann von Schwarzenberg, Hofmeister von Bamberg, schon ein Mann von höhern Jahren, den Sechzigen nahe, der einst in seiner Jugend mitten in der Völlerei damali- gen Hoflebens, die auch ihn fortzureißen drohte, auf die Ermahnung seines Vaters ernste sittliche Entschlüsse gefaßt, und sich seitdem mit unermüdlichem Eifer dem Staatsdienst und den Studien gewidmet hatte. Wir haben Übersetzun- gen ciceronianischer Schriften unter seinem Namen, in de- nen er sich besonders eines reinen, der gebildetern Redeart entsprechenden Ausdrucks befleißigte. Z. B. de senectute. Die erste Arbeit machte Neuber, Hut- ten verglich dessen Uͤbersetzung noch einmal mit dem Text, Schwar- zenberg brachte sie in „Hoffraͤnkisch Deutsch.“ An der ersten pein- lichen Halsgerichtsordnung, zu Bamberg, in der man sich vor allem dem geschriebenen, d. i. dem römischen Rechte zu nähern suchte, hatte er wenigstens den größten Antheil, wenn er sie nicht gradezu verfaßt hat. Er war, wie wir sehen, nach beiden Seiten hin productiv: er wunderte sich daß Jemand lange Weile haben könne. Der lutherischen Bewegung, in welcher er die wissenschaftliche und prakti- sche Richtung seiner eignen Sinnesweise wiederfand, und zwar durch die religiöse Tendenz so großartig erweitert, hatte er sich vom ersten Augenblick an mit Freuden ange- schlossen, mit einem seiner Söhne darüber ernste Schriften gewechselt, eine seiner Töchter aus dem Kloster genommen: Drittes Buch. Zweites Capitel . er lebte und webte darin. Nachrichten von ihm bei Strobel Vermischte Beitraͤge 1775 nr. 1. Heller: Reformationsgesch. von Bamberg p. 45. Mit der Überlegenheit einer vollen und nach allen Seiten begründeten, gegen jede Ein- wendung gerüsteten Überzeugung nahm er sich nun an der so überaus wichtigen Stelle in die er gelangt war, dersel- ben an, und riß seine Collegen mit sich fort, die einen, weil sie ohnehin sich zu derselben Gesinnung neigten, wie Sebastian von Rotenhan und Dr. Zoch, die andern, weil sie wenigstens in diesem Augenblick keinen Widerstand zu leisten wußten, wie der Bischof von Augsburg. Wer diese Gesinnung nicht theilte, blieb lieber von den Versammlun- gen weg, z. B. der Gesandte des Herzog Georg, Dr. v. Werthern, und der Erzbischof von Salzburg. Dergestalt kam in diesem Ausschuß, der jetzt die centrale Gewalt des Reiches darstellte, ohne vielen Widerspruch ein Gutachten zu Stande, durchaus im Sinne der Opposition gegen das Papstthum, und von der größten Wichtigkeit für die ganze folgende Entwickelung. Darin gieng man von den Eingeständnissen und Re- formversprechungen des Papstes aus, die man annahm, aber ohne sich nun dagegen, wie der Papst forderte, zu einer Verfolgung der lutherischen Meinungen zu verste- hen. Man erklärte vielmehr, daß es eben um der zuge- standenen Mißbräuche willen unmöglich sey, die Bulle Leos X und das Wormser Edict zu vollziehen. Denn vor allem von Luther sey man über die Mißbräuche un- terrichtet worden. Würde man ernstlich gegen ihn verfah- ren, so würde Jedermann glauben „man wolle durch Ty- Gutachten des Ausschusses . rannei evangelische Wahrheit unterdrücken und unchristliche Mißbräuche behaupten, woraus denn nur Widerstand ge- gen die Obrigkeit, Empörung und Abfall hervorgehn könne.“ Man erinnerte den Papst, die Concordate zu halten, die Beschwerden der deutschen Nation abzustellen, vor allem die Annaten fallen zu lassen, doch war man nicht der Mei- nung, daß die Irrung jetzt noch hiemit beizulegen sey. Das könne auf keine andre Weise geschehen als durch ein Concilium. Die Forderung eines Conciliums, welche ein halbes Jahrhundert in Athem halten sollte, war zuerst in einem Gespräch des Nuntius mit Planitz ernstlich zur Sprache gekommen, ekam nun durch den Ausschuß des Reichsregimentes licistisch gültige Anregung. Zu- gleich gab er aber einige Bestimmungen dafür an: — es müsse von päpstlicher Heiligkeit mit Verwilligung kaiserli- cher Majestät berufen werden, denn beiden Häuptern stehe das zu: an eine bequeme Malstadt: unverzüglich: binnen eines Jahres müsse es beginnen: und zwar wesentlich un- ter andern Formen als die frühern. Einmal nemlich müsse darin auch den Weltlichen Sitz und Stimme zustehen, so- dann müsse jede Verpflichtung aufgehoben seyn, durch die man abgehalten werde irgend etwas vorzutragen was „zu göttlichen, evangelischen und andern gemeinnützigen Sa- chen“ nothwendig sey. Eine Versammlung welche der lu- therischen Idee über die Kirche bereits entsprochen und al- lerdings ganz eine andre Gestalt gehabt haben würde als späterhin die Tridentiner. Fragte man nun, wie man sich bis zu den Entscheidungen dieses Conciliums zu verhalten habe, so war die Antwort des Ausschusses: man hoffe, Drittes Buch. Zweites Capitel . wenn der Papst die Vorschläge genehmige, bei Churfürst Friedrich und bei Luther auszuwirken, daß weder von die- sem noch von seinen Anhängern etwas geschrieben oder ge- lehrt werde was zu Ärgerniß und Aufruhr Anlaß geben könne: nur das heilige Evangelium und bewährte Schrift nach rechtem christlichen Verstand solle man lehren. Auf diese letzten Bestimmungen kam es besonders an. Alles an- dre lag in der Ferne, diese aber enthielten eine Norm für den Augenblick. Sie waren, wie man leicht wahrnimmt, durchaus in dem Sinne der zu Wittenberg und an dem sächsischen Hofe die Oberhand behalten, mit den Intentio- nen einer freien Entwickelung der Lehre, die dort gefaßt worden, übereinstimmend. Der 13te Januar 1523 ist der Tag, an welchem dieß auf ewig denkwürdige Gutachten den Ständen zu weiterer Berathung übergeben ward. Voll Freuden schickte es Hans von der Planitz noch an demsel- ben Tage seinem Herrn zu. Weß der Ausschuß zu pepstlicher Heiligkeit Antwurdt den lutherischen Handell betreffen verordnet derhalb gerathschlagt hat. Frankf. RAA. Tom 38, f. 99. In den Ständen war ohnehin eine starke Gährung, eine lebhafte Reibung zwischen geistlichen und weltlichen Mitgliedern zu bemerken. Früher schien es wohl, als wür- den beide Theile gemeinschaftliche Sache gegen Rom ma- chen, und noch in Worms hatten die Bischöfe den allge- meinen Beschwerden der deutschen Nation ihre besondern hinzugesellt; allein eben dort entsprang auch die Entzweiung: die Geistlichen sahen sich durch die Beschwerden welche die Weltlichen aufgesetzt selbst angegriffen, und waren entschlos- Debatten in den Staͤnden . sen ihre hergebrachten Rechte zu vertheidigen. In der da- maligen Versammlung war es schon ein paar Mal zu Aus- brüchen dieser Feindseligkeit gekommen. Eine Eingabe der Städte voll der heftigsten Invectiven war verlesen wor- den: das Oberhaupt der deutschen Geistlichkeit, der Chur- fürst von Mainz hatte sein Mißfallen darüber sehr lebhaft zu erkennen gegeben: er meinte, man wolle die Geistlichen wie Verbrecher behandeln, man wolle unmittelbar Hand an sie legen. Aber auch die übrigens katholisch-eifrigsten weltlichen Fürsten forderten Reformen. Hatte ein Fürst ja keinen Auftrag dazu gegeben, so neigten seine Räthe von selber dahin. Die Beschwerden der Nation wurden aufs neue zusammengestellt, zwar dieß Mal ohne Theil- nahme der Geistlichen, aber übrigens vermehrt und ge- schärft, großentheils gegen die Geistlichen selber gerichtet. In den tausendfältigen Unordnungen, die sie aufzählen, drückt sich das Bedürfniß einer Scheidung beider Gebiete und Jurisdictionen aus, welches nie dringender gewesen war. Diese Gegensätze nun weiter zu entwickeln, mit ein- ander in Kampf zu bringen war nichts geeigneter, als das Gutachten, das jetzt von dem Ausschuß des Regimentes an die Stände gebracht ward. In der That gelang es den Geistlichen, einige Modi- ficationen in demselben durchzusetzen. Zunächst wurden die aus dem päpstlichen Breve wie- derholten Geständnisse nur in so fern geduldet als sie den Papst angiengen: die Worte die sich auf Priester und Prälaten bezogen, mußten weggelassen werden. Ferner wur- den der Ansprüche der Weltlichen auf Sitz und Stimme Drittes Buch. Zweites Capitel . in dem Concilium nicht gedacht. In dem Entwurf heißt es: „Ist von Ppl. Heiligkeit — — woll angezeigt daß solches von wegen der Sund beschee und daß die Sund des Volks von den Sunden der Priester und Praͤlaten herfließen, und daß darum dieselben zufoͤrderst und am ersten als die endlich Ursach solcher Krankheit von der Wurzel geheilt gestraft und abgewendet werden soll.“ Diese Stelle fehlt in der Antwort welche dem paͤpstlichen Nuntius wirklich gegeben. Vgl. den Abdruck bei Walch XV, p. 2551, nr. 8. Es kam hiebei oft über einen einzelnen Ausdruck zu heftigem Wortwechsel. Bei dem Artikel über die Verpflichtungen z. B. wollten die Geistlichen das Wort evangelisch nicht aufnehmen. Hierüber fielen von der weltlichen Seite so anzügliche Reden, daß der Churfürst von Mainz die Sitzung verließ und nach seiner Behausung ritt. Die Majorität entschied jedoch zuletzt für ihn, für die Weglassung des Wortes. Was nun aber hiedurch im Einzelnen auch geändert werden mochte, so blieb doch die Hauptsache stehen: die Ausführung des Wormser Edictes ward abgelehnt; Es geschah dieß in der dem Nuntius uͤbergebenen Antwort in folgenden Ausdruͤcken: Majori namque populi parti jam pridem persuasum est — — nationi Germanicae a curia Romana per certos abusus multa et magna gravamina et incommoda illata esse: ob id, si pro executione apostolicae sedis sententiae vel impe- ratoriae majestatis edicti quippiam acerbius attemptatum esset, mox popularis multitudo sibi hanc opinionem animo concepisset ac si talia facerent pro evertenda evang ca veritate et sustinendis manutenendisque malis abusibus, unde nihil aliud quam gravis- simi tumultus populares intestinaque bella speranda essent. (Fr. A.) es ward ein Concilium gefordert, wo möglich binnen eines Jahres zu beginnen, in einer deutschen Stadt, unter Mit- wirkung des Kaisers; sogar auf die Veränderung der For- men einer solchen Versammlung ward Bezug genommen; die Theilnahme weltlicher Stände ward stillschweigend vor- Debatten in den Staͤnden . ausgesetzt; für beide sollten alle Verpflichtungen aufgeho- ben seyn, durch welche die Freiheit der Meinungsäußerung beschränkt werden könnte. Ein so entschiednes Übergewicht erlangte die nach einer Umbildung der kirchlichen Verhält- nisse strebende Tendenz in beiden Ständen des Reichs. Auch die Geistlichen sahen die Nothwendigkeit einer Än- derung ein; die Weltlichen drangen darauf. Selbst von Herzog Ludwig von Baiern versichert man, er habe gegen den Widerspruch der Geistlichen eifrig festgehalten. Planitz nennt ihn schon am 18 Jan. neben Schwarzenberg und Feilitzsch. Da waren nur noch jene letzten, und für den Mo- ment bedeutendsten Bestimmungen, wie es bis zur Ent- scheidung eines Conciliums gehalten, welche Thätigkeit Schriftstellern und Predigern gestattet werden solle, zu be- rathen übrig. In Hinsicht der ersten gelang es den Geistlichen ei- nige weitre Beschränkungen durchzusetzen. Die Verwendung bei dem Churfürsten wollten sie dahin gerichtet wissen, daß von Luther und dessen Anhängern überhaupt nichts Neues geschrieben, gedruckt, oder gethan werde; nicht allein daß das nicht zu Aufruhr gereiche. Auch sollte diese Verwen- dung sofort geschehen, ohne daß man erst die Zusage des Conciliums von dem Papst erwarte. Der sächsische Reichs- tagsgesandte Philipp von Feilitzsch suchte die Vorschläge des Regimentes zu behaupten; da es ihm nicht gelang, so protestirte er wenigstens: er erklärte, „sein Fürst könne sich durch diesen Beschluß nicht gebunden achten, er werde sich christlich, löblich und unverweislich zu halten wissen.“ Drittes Buch. Zweites Capitel . Es ist, wie wir sehen, ein Kampf wo sich der Sieg bald auf die eine, bald auf die andre Seite neigt. Bei dem letzten Punct, der vielleicht noch wichtiger war, bei den Bestimmungen über die Predigt, welche die große Masse unmittelbar berührte, nahmen die beiden Parteien ihre Kräfte noch einmal zusammen. Die Geistlichen wollten sich mit der allgemeinen Anweisung der Prediger auf Evan- gelium und bewährte Schriften nicht begnügen, sie forder- ten eine nähere Bezeichnung der letztern und brachten die Nahmhaftmachung der vier großen lateinischen Kirchenvä- ter, Hieronymus, Augustin, Ambrosius und Gregor, de- nen man ein canonisches Ansehen beimaß, in Vorschlag. Es ist das um so bezeichnender, wenn man sich erinnert, daß hundert Jahr früher auch die entwickeltern hussitischen Doctrinen zunächst als eine Abweichung von diesen vier Begründern der lateinischen Kirche betrachtet worden wa- ren. Aber so tief waren schon die Ideen Luthers in die Nation gedrungen, daß sie sich auf die particularen Bil- dungen des Latinismus nicht mehr verpflichten lassen wollte. Der gemeine Menschenverstand sperrte sich dagegen, daß St. Paulus weniger gelten sollte als Ambrosius. Dieß- mal konnten die Geistlichen nicht durchdringen. Nach mancherlei Hin und Widerreden gerieth man vielmehr auf eine Fassung welche die Bedeutung des ursprünglichen Vor- schlags in Wahrheit nur noch ausdrücklicher sicherte. Man beschloß, es solle nichts gelehrt werden als das rechte reine lautere Evangelium, gütig sanftmüthig und christlich, nach der Lehre und Auslegung der bewährten und von der christ- lichen Kirche angenommenen Schriften. quod nihil praeter verum purum sincerum et sanctum Vielleicht fühl- Debatten in den Staͤnden . ten sich die Anhänger des Alten dadurch befriedigt, weil doch zugleich die Auslegung der lateinischen Kirchenväter damit gutgeheißen war; allein wie diese Verweisung all- gemein gehalten, dunkel und unbestimmt, in demselben Grade war die Empfehlung der evangelischen Doctrin dagegen unzweifelhaft bestimmt und dringend; diese allein konnte Eindruck machen. Und so war diese Antwort zwar hie und da verän- dert, aber dem Geiste nach in der Hauptsache mit dem ursprünglichen Entwurf durchaus übereinstimmend, als sie an das Regiment zurückkam. Wider Erwarten gab es hier noch einmal eine sehr stürmische Sitzung. Einige Mitglieder, unter ihnen auch der Bischof von Augs- burg, dem seine Theilnahme an dem Entwurf wieder leid geworden war, machten noch einmal einen Versuch, die Nahmhaftmachung der vier Kirchenväter festzuhalten. Pla- nitz berichtet, er habe darüber viel hoffärtige böse Worte hinnehmen, einen starken Sturm bestehen müssen, besonders zeigt er sich über die Abtrünnigkeit des Bischofs unwillig, der von Gott aus dem Staube erhoben und zu den Für- sten seines Volkes gesetzt, dafür das Evangelium verfolge. Planitz 4 Februar. „Ich will aber Patienz und Geduld tragen. Es haben die Staͤnde obangezeigte Wort (er hat sie in sein Schreiben eingeruͤckt) haben wollen und nit die vier Doctores zu benennen und sulchs dem Regiment anzeigen lassen, dabei es blieben.“ Aber durch Geduld und Standhaftigkeit, mit Hülfe Schwar- zenbergs, gelang es ihm die einmal durchgegangene Fas- sung zu behaupten: die Antwort ward, wie sie aus der evangelium et approbatam scripturam pie mansuete christiane juxta doctrinam et expositionem approbatae et ab ecclesia chri- stiana receptae scripturae doceant. So lautet der Satz in der dem paͤpstlichen Nuntius gegebenen Antwort. Drittes Buch. Zweites Capitel . Ständeversammlung zurückgekommen, dem Nuntius über- geben. Planitz 9ten Febr. Die Schrift ist dem paͤpstl. Nuntius auf die Maß uͤbergeben wie ich E Chf D. zugeschickt. Der ist der nicht zu frieden und hat darauf replicirt. — — Er will den Kayser dabei nit haben, so gefaͤllt ihm auch nit daß es sogar frei seyn soll wie begehrt. Dieser verbarg sein Erstaunen, seinen Mißmuth nicht: weder der Papst, sagt er, noch der Kaiser noch irgend ein anderer Fürst habe solch einen Beschluß von ihnen erwartet: er erneuerte seine Anträge auf die Ausführung des Worm- ser Edictes, die Einrichtung einer bischöflichen Censur; allein wie hätte eine Versammlung, die sich so langsam und schwer bewegte, auf eine Zurücknahme einmal gefaßter Be- schlüsse denken können? Es war alles vergeblich. Der Inhalt der Antwort ward als ein kaiserliches Edict in das Reich verkündigt. Der Churfürst von Sach- sen, Luther selbst war damit höchlich zufrieden. Luther fand, daß Bann und Acht, die über ihn ausgesprochen worden, dadurch eigentlich zurückgenommen seyen. In der That waren diese Beschlüsse von Nürnberg das grade Gegentheil der Wormsischen. Was man von Carl V erwartet hatte, daß er sich an die Spitze der na- tionalen Bewegung stellen würde, das that das Regiment nun wirklich. Die politische Opposition, die sich schon so lange vorbereitet, trat dem Papst kräftiger als jemals ent- gegen. Mit ihr verbündet, durch die Repräsentanten der kaiserlichen Macht geschützt konnte nun auch die religiöse Bewegung sich ungehindert entwickeln. Drit- Drittes Capitel . Ausbreitung der Lehre. 1522 — 1524. Es war keine Anstalt zu treffen, kein Plan zu verab- reden: einer Mission bedurfte es nicht; wie über das be- ackerte Gefilde hin bei der ersten Gunst der Frühlingssonne die Saat allenthalben emporschießt, so drangen die neuen Überzeugungen, durch alles was man erlebt und gehört hatte, vorbereitet, in dem gesammten Gebiete wo man deutsch redete, jetzt ganz von selbst oder auf den leichtesten Anlaß zu Tage. Eine Ordensverbindung mußte es seyn, welche die ersten Mittelpuncte für die allenthalben entstehende Oppo- sition bildete. Hatten doch die thüringisch-meißnischen Augustiner durch förmlichen Beschluß die Emancipation begonnen! Da standen Luthern die alten Freunde zur Seite, die mit ihm denselben Gang der Meinungen und Studien gemacht. Aber auch unter den entferntern Augustiner-Conventen mö- gen wenige gewesen seyn, wo sich nicht verwandte Re- gungen hervorgewagt hätten; wir finden sie namentlich verzeichnet: in Magdeburg, Osnabrück, Lippe, Antwerpen, Ranke d. Gesch. II. 5 Drittes Buch. Drittes Capitel . in Regensburg und Dillingen, Nach Eberlin’s Syben frumme aber trostlose Pfaffen, lehrte Dr Caspar Amon, „ain erwirdig Man,“ zu Dillingen. Es ist ohne Zweifel derselbe, welcher 1523 einen Psalter herausgab „ge- teutscht nach warhaftigem text der hebreischen Zungen;“ dessen Zu- schrift von Lauingen datirt ist. Panzer II, p. 131. Nürnberg, Straßburg, im Hessischen und im Wirtenbergischen. Oft waren es äl- tere Männer, welche die Doctrinen denen sie sich seit der Zeit des Johann Proles gewidmet, jetzt mit Freuden zu voller Entwickelung gelangen, zur Herrschaft emporstreben sahen: zuweilen aber auch jüngere feurige Gemüther, welche vor allem von Bewunderung für ihren siegreichen Wittenber- ger Mitbruder durchdrungen waren. Johann Stiefel zu Eßlingen erblickt in ihm den Engel der Offenbarung, der mitten durch den Himmel fliegt und ein ewiges Evange- lium in der Hand hält: er widmete ihm ein mystisch-he- roisches Lobgedicht. Von der christfoͤrmigen rechtgegruͤndeten Lehre Doctoris Martini Luthers. Er thut sich worlich fyegen zu Got in rechten Muth, Gwalt mag ihn auch nit biegen: er geb er drum sein Blut. Zu Worms er sich erzeyget: er trat keck auf den Plan. Sein Feynd hat er geschweyget: keiner dorft ihn wenden an. Vgl. Strobel Neue Beitraͤge I, p. 10. Auch hatten sie den Ruhm, die ersten Verfolgungen auf sich zu ziehen. Ein paar Augustiner zu Antwerpen waren die ersten Märtyrer der neuen Lehre. Nicht unterstützt von ihrem Orden, sondern vielmehr sich davon losreißend, aber wie man schon daraus sieht, um so kräftigere Naturen, erhoben sich eine ganze Anzahl Franciscaner. Zuweilen Gelehrte, wie Johann Brismann zu Cottbus, der eine lange Reihe von Jahren den schola- stischen Studien gewidmet, Doctor der Theologie gewor- Ausbreitung der Lehre . den war, sich aber jetzt nach dem Vorbild Luthers aus dessen Schriften mit entgegengesetzten Ideen durchdrang; Auszug aus seinen Predigten bei Seckendorf Historia Lu- theranismi I, 272. oder Geister von tieferem religiösen Bedürfniß, die dasselbe im Kloster nicht befriedigt fanden, wie Friedrich Myconius: man kennt den Traum den er die Nacht nach seiner Ein- kleidung gehabt haben soll: auf beschwerlichen ermüdenden Irrwegen war ihm ein heiliger Mann erschienen, kahlköpfig, in antikem Gewand, wie St. Paulus gemahlt wird, und hatte ihn zu einem Brunnen geführt — an dem er sich labte, dessen Wasser er, wie er um sich schaute, von einem Ge- kreuzigten herabströmen sah — und dann nach einem unab- sehlichen Gefilde voll reichen Getraides, wo die Schnitter sich zur Arbeit der Ernte sammelten: Adami Vitae theologorum Ausg. v. 1705 p. 83. man sieht seine Ge- müthsrichtung und nimmt den Eindruck ab, welchen nun die wiedererwachende apostolische Doctrin und die Aus- sicht einer großen Wirksamkeit auf ihn machen mußte. Oder es waren Männer die in den mancherlei Beziehungen zu den niedern Ständen, in welche sie die Wirksamkeit eines Barfüßerklosters setzte, die verderblichen Folgen des Werk- dienstes wahrgenommen und ihn nun aus allen Kräf- ten angriffen, wie Eberlin von Günzburg, Heinrich von Kettenbach, die beide aus demselben Kloster zu Ulm her- vorgiengen: ein paar außerordentliche Talente populärer Beredsamkeit; von Eberlin sagten die Gegner, er könne wohl eine ganze Provinz verführen: so viel Eindruck mache er bei dem gemeinen Mann. Man fand unter ihnen die stand- 5* Drittes Buch. Drittes Capitel . haftesten Streiter, wie Stephan Kempen, durch dessen tapfere kampffertige Haltung man an die Bedeutung seines Namens erinnert ward: — fast überall haben Franciscaner an den ersten Bewegungen Theil genommen: dieser hat die neue Lehre in Hamburg begründet, und drei Jahr lang so gut wie allein gegen alle Feindseligkeiten vertheidigt. Es mochte aber auch keinen andern Orden geben, aus dem nicht Genossen der Neuerung, oft eben die nahm- haftesten hervorgegangen wären. Martin Butzer war von den Dominicanern zum Professor der thomistischen Doc- trinen bestimmt: jetzt löste er seine Verbindung mit diesem Orden durch eine Art von Proceß auf: an der Begrün- dung des neuen Lehrsystems nahm er von Stund an den lebendigsten, mithervorbringenden Antheil. Aus der Kar- thause zu Mainz gieng Otto Brunnfels hervor, der sich dann unserm Hutten mit wetteiferndem Feuer zur Seite stellte. In der Benedictinerabtei Alperspach fühlte sich der junge Lesemeister, P. Ambrosius Blaurer durch die begin- nenden Gährungen zu dem Studium der heil. Schrift er- weckt, und gerieth auf Meinungen die ihm den Aufent- halt im Kloster gar bald unmöglich machten. In dem Brigittenkloster zu Altomünster erhob Öcolampadius, der erst seit kurzem den Habit genommen, seine Stimme im Sinne der Neuerung: er hatte da für die gelehrten Arbeiten, die er beabsichtigte, ungestörte Muße zu finden gehofft: die Überzeugung die sich seiner gar bald bemächtigte, riß ihn zur lebendigen Theilnahme an allen Bewegungen der Epoche mit fort. Zu den Brüdern U. L. Fr. den Carmelitern in Augsburg, welche den Prior an der Spitze gleich anfangs Ausbreitung der Lehre . für Luther Partei genommen, gehörte wenigstens eine Zeit- lang Braun Geschichte der Bischoͤfe von Augsburg III, 239. Auch in Welser’s Augsburger Chronik heißt er ein Carmelit. Urbanus Regius, einer der vertrautesten ergebensten Schüler Johann Ecks, der sich aber jetzt von demselben losmachte, Ein paar Briefe die sie wechselten bei Adami p. 35. Eck zeigt sich heftig und bitter: Regius (Koͤnig) setzt die gewohnte Ehr- erbietung gegen den Lehrer bei aller Festigkeit seiner Opposition doch nicht aus den Augen. und anfangs in dem obern, dann besonders in dem niedern Deutschland die großartigste Wirksamkeit entwickelt hat. Später stand ihm hier Johann Bugenhagen zur Seite, der damals lange Zeit in dem Prämonstra- tenser Kloster zu Belbuck in Pommern eben auch auf ganz andern Wegen gegangen war. Bugenhagen war zwar, wie die pommersche Geschichte zeigt, welche er be- reits 1518 verfaßte, von der Nothwendigkeit einer Um- wandlung des geistlichen Standes überzeugt, und befehdete die Mißbräuche nach Kräften; J. H. Balthasar Praefatio in Bugenhagii Pomeraniam p. 5. allein auch von Luther wollte er nichts wissen: als ihm dessen Buch von der ba- bylonischen Gefangenschaft zu Gesicht kam — einst bei Tisch — rief er aus, einen verderblicheren Ketzer habe es seit dem Leiden Christi nicht gegeben. Aber eben dieß Buch machte ihn andern Sinnes. Er nahm es mit nach Hause, las es, studirte es, und überzeugte sich, daß die ganze Welt irre und Luther allein die Wahrheit sehe. Diese Meinung theilte er seinen Collegen an der Klosterschule der er vor- stand, seinem Abte, allen seinen Freunden mit. Chytraei Saxonia p. 287. Lange: Leben Bugenhagens 1731 enthaͤlt nichts besonderes. — So Drittes Buch. Drittes Capitel . war es nun in allen Orden. Nicht selten wurden die Obern am lebendigsten ergriffen: wie jene Prioren der Augu- stiner und Carmeliterconvente, so unter andern der Propst am Johanniskloster zu Halberstadt, Eberhard Widensee, und durch dessen Einfluß die Pröpste zu Neuenwerk, Gottes- Gnaden, zu St. Moritz zu Halle, der Abt Paulus Lem- berg zu Sagan, der sich wohl vernehmen ließ, einen Mönch der sich durch sein Bleiben im Gewissen beschwert fühle, würde er statt ihn zurückzuhalten, lieber auf seinen Schul- tern aus dem Kloster tragen. Catalogus Abbatum Saganensium in Stentzel Scriptt. Rer. Siles. I, p. 457. Bei näherer Betrachtung finde ich doch nicht, daß Weltlust, unordentliche Begierde sich dem Klosterzwange zu entziehen hier viel gewirkt habe, wenigstens bei den Be- deutenderen nicht, deren Motive die Zeitgenossen aufbe- wahrt haben: da ist es immer eine tiefere Überzeugung, sey es daß sie sich allmählig entwickelt, oder daß sie auch plötz- lich, etwa beim Anblick einer schlagenden Bibelstelle ent- springt; — Viele giengen nicht von selbst, sie wurden ver- jagt; Andern, an und für sich friedfertigen Gemüthern, ver- leideten doch die entstehenden Zwistigkeiten den Aufenthalt in den engen Mauern; die Bettelmönche ekelte selbst vor ihrem Gewerbe: einen Franciscaner, der mit seiner Büchse in eine Schmiede zu Nürnberg tritt, fragt der Meister, warum er sich nicht lieber sein Brod mit seiner Hände Arbeit verdiene: der starke Mensch wirft den Habit von sich und tritt als Schmiedeknecht an, Kutte und Büchse schickt man an sein Kloster. Wer erinnert sich nicht der indischen Büßer, die in Ausbreitung der Lehre . einsamer Waldung leben, in Baumrinde gekleidet, nur von Wasser und Luft und Laub sich nähren, frei von Begierde, Herrn ihrer Sinne, schon selig, eine sichere Zuflucht der Be- drängten, Nalas: Zwoͤlfter Gesang. von denen wohl auch das Mönchthum des Occidents eine Nachahmung war; aber wie so ganz hatte es sich hier von seiner Idee entfernt! es nahm Antheil an allen Bestrebungen, Entzweiungen, Verwirrungen der Welt; zur Aufrechthaltung einer geistlich-weltlichen Herr- schaft durch gleichgesinnte gleichwirkende Massen war es angelegt; durch unfreie, häufig um eigennütziger Rücksich- ten willen geleistete Gelübde ward es zusammengehalten, denen man sich dann so viel irgend möglich entzog: so wie die Gültigkeit dieser Gelübde, ihr religiöser Werth für der Seelen Seligkeit zweifelhaft wurde, fiel alles auseinander; ja aus dem Institut, auf welches die abendländische Kirche vornehmlich gegründet war, giengen eben die rüstigsten Be- kämpfer ihrer hierarchischen Entwickelung hervor. Dieser allgemeinen Bewegung der Klostergeistlichkeit traten nun allenthalben Weltgeistliche von hohem und nie- derem Range zur Seite. Unter den Bischöfen gab es wenigstens Einen, Polenz von Samland, der sich offen für Luther erklärte, zuweilen wohl selbst die Kanzel zu Königsberg bestieg, hauptsächlich aber dafür sorgte, daß an vielen Orten seiner Diöces Pre- diger dieser Gesinnung aufgestellt wurden. Luthern gieng das Herz auf, indem er das wahrnahm: so eine ruhige gesetzmäßige Umwandlung entsprach seinen Wünschen voll- kommen. Lutheri Dedicatio in Deuteronomium: Reverendo — Ge- Drittes Buch. Drittes Capitel . Auch von den übrigen Bischöfen hielt man einige für günstig. Johann Eberlin von Günzburg nennt den Bi- schof von Augsburg, der es nicht verhehle, daß „die Lu- theranischen in ihrem Wandel minder sträflich seyen als die Gegenpartei;“ den Baseler, der es gern sehe wenn man ihm lutherische Bücher bringe, die er fleißig lese; den Bamber- ger, welcher die evangelische Lehre in seiner Stadt nicht verhindere; auch den Bischof von Merseburg, der nach ihm dem Verfasser selber geschickt habe, um sich über die vor- zunehmende Reform mit ihm zu besprechen. Er versichert daß noch mancher andre seine Chorherrn in Wittenberg studiren lasse. Die Namen die wir unter den Gönnern Reuchlins aufgeführt finden begegnen uns unter den Ge- nossen der religiösen Neuerung großentheils wieder. An diese schlossen sich dann die patricischen Pröpste in den großen Städten an, wie ein Wattenwyl in Bern, so die Besler und Bömer in Nürnberg, unter deren Schutze sich die evangelische Predigt in ihren Kirchen festsetzte. Auch ohne diese Unterstützung erklärte sich doch eine große Anzahl bereits angestellter Prediger und Priester im niedern und hauptsächlich im obern Deutschland im Sinne Luthers. Bekannt ist Hermann Tast, einer der vier und zwan- zig päpstlichen Vicarien in Schleswig; — zu Husum auf dem Kirchhof standen zwei Linden, genannt die Mutter und die Tochter: unter der größern, der Mutter, pflegte Tast zu predi- orgio de Polentis vere episcopo. Tibi gratia donata est, ut non modo verbum susciperes et crederes, sed pro episcopali auto- ritate etiam palam et publice confessus doceres docerique per tuam diocesim curares, liberaliter his qui in verbo laborant pro- visis. Opp. III, f. 75. Hartknoch Preußische Kirchengeschichte I, p. 273. Ausbreitung der Lehre . gen: seine Zuhörer holten ihn bewaffnet aus seinem Hause ab und führten ihn bewaffnet dahin zurück. In Ostfriesland zu Emden ward Georg von der Dare anfangs, als er nach Luthers Vorbild zu predigen anfieng, aus der großen Kirche vertrieben; aber das Volk hörte ihm eine Zeitlang un- ter freiem Himmel zu und bewirkte dann daß ihm die Kirche wieder geöffnet ward. In Bamberg eiferte der Custos zu St. Gangolph Johann Schwanhäuser in den Ausdrücken eines Carlstadt wider die Verehrung der Heiligen. Auszuͤge aus seinen Predigten bei Heller a. a. O. S. 62. Der Pfarrer zu Cronach war einer der ersten Priester die sich verheira- theten. In Mainz war es der Domprediger, Wolfgang Köpfl, eine Zeitlang der vertrauteste Rathgeber des Chur- fürsten, in Frankfurt der Prediger zu St. Catharina, Hart- mann Ibach, in Straßburg der Pfarrer zu St. Lorenz, Matthäus Zell, in Memmingen der Prediger zu St. Mar- tin, Schappeler, welche den neuen Lehren zuerst Bahn mach- ten. Im Kreichgau sammelte sich unter dem Schutze der Gemmingen um Erhard Schnepf her eine Verbrüderung gleichgesinnter Landpfarrer. In Basel sah man wohl den Pfarrer zu St. Alban Röubli bei der Frohnleichnamspro- cession statt der Hostie eine Bibel in prächtigem Einband einhertragen, mit der Äußerung, nur er trage das rechte Heiligthum. Dann folgte am Münster zu Zürich der große Leutpriester Ulrich Zwingli, der eine politisch und kirchlich gleich bedeutende kühne Stellung einnahm, in dem der Vi- car von Constanz gar bald einen zweiten Luther zu erken- nen glaubte. Bis in das hohe Gebirg können wir diese Regungen begleiten. Die Vornehmsten in Schwytz richte- Drittes Buch. Drittes Capitel . ten ihren Spazirritt gern so ein, daß sie noch zur Zeit des Gottesdienstes in Freienbach anlangten, wo ein Freund Zwinglis predigte: des Mittags blieben sie dann bei ihm zu Tisch. Hottinger Geschichte der Eidgenossen I, S. 415. Es macht keinen Unterschied, daß dieß zur Schweiz gehört: in das Nationalgefühl war es dort noch nicht gedrungen daß sie sich von Deutschland abgesondert: in Wallis nannte man das Gebiet der eidgenössischen Städte Deutschland. Dieselben Doctrinen zogen sich dann am Gebirg entlang nach dem Innthal, wo sie zuerst Johann Strauß vor vielen tausend Gläubigen verkündigte, nach Salzburg, wo Paul von Spretten sie im Dom erschallen ließ, nach Östreich und nach Baiern. In Alten-öttingen, eben bei einem der besuchtesten wunderthätigen Bilder, hatte der Gesellpriester Wolfgang Ruß den Muth, die Wall- fahrten anzugreifen. Es versteht sich, daß das alles nicht ohne Widerstand und harten Kampf abgieng. Viele mußten weichen: ei- nige hielten sich doch, und selbst die Verfolgung schadete nichts. Als der noch eifrig katholische Bogislaw X von Pommern die neugläubige Reunion zu Belbuck zerstörte, und die Klostergüter einzog — denn von dieser Seite fieng man zuerst an, sich der Kirchengüter zu bemächtigen, — gab er nur Gelegenheit, daß mit den jungen Liefländern die dort studirten, einer ihrer Lehrer nach Riga gieng und den Samen des Wortes in diesen entferntesten deutschen Län- dern ausstreute. Andreas Cnoph von Cuͤstrin. Er hat viel herrlicher und geist- reicher Lieder, darin die Summa von der Lehre von der Gerechtig- Paul von Spretten ward von Salzburg Ausbreitung der Lehre . verjagt: wir treffen ihn darauf bei St. Stephan in Wien, und als er auch von da verwiesen wird, in Iglau in Mähren; auch da aber gerieth er in nicht geringe Ge- fahr; endlich findet er eine Freistatt in Preußen. Dem feurigen Amandus genügte selbst dieser Schauplatz nicht: er zog von da wieder aus: wir finden ihn zu Stolpe die Mönche der Stadt zu einer Disputation über die Wahr- heit der bisherigen oder der neuen Auffassung herausfor- dern: er sagt, man möge einen Scheiterhaufen errichten und ihn darauf verbrennen wenn er unterliege; siege er aber, so solle die Strafe der Gegner seyn, sich bekehren zu müssen. Auf den Ort der Predigt sah man noch nicht. Für die Bewegung der kirchlichen Opposition ist es fast sym- bolisch, daß in Bremen eine unter dem Interdict ste- hende Kirche es seyn muß, in der ein paar aus Antwer- pen dem Tod im Feuer entflohene Augustiner zuerst eine Gemeinde um sich sammeln. In Goßlar wird die Lehre zuerst in einer Kirche der Vorstadt und als diese verschlos- sen worden, von einem Eingebornen, der in Wittenberg stu- dirt hat, auf dem Lindenplan verkündigt: ihre Anhänger be- kommen den Namen der Lindenbrüder. Hamelmann Historia renati evangelii. Opp. hist. gen. p. 869. In Worms stellt man eine tragbare Kanzel außerhalb der Kirchenmauern auf. Zu Arnstadt hält der Augustiner Caspar Güttel von Eis- leben, aufgefordert von den Einwohnern, nach alter Sitte auf dem Marktplatz sieben Predigten. Bei Danzig war keit, dem Glauben und desselbigen Fruͤchten — — verfasset. Hiaͤrn Lieflaͤndische Gesch. Bch V. p. 193. Drittes Buch. Drittes Capitel . es sogar eine Anhöhe vor der Stadt, wo man sich um einen von drinnen verjagten Prediger sammelte. Und hätten sich ja keine Geistlichen gefunden, so hät- ten Laien das Wort genommen. Unter den Augen des Doctor Eck zu Ingolstadt las ein begeisterter Webergesell die Schriften Luthers dem versammelten Haufen vor. Als man dort einen jungen Magister, des Namens Seehofer, der nach Melanchthons Heften zu dociren begann, zum Widerruf nöthigte, erhob sich eine Dame zu seiner Ver- theidigung, Argula von Staufen, vermählte Grumbach, die von ihrem Vater auf Luthers Bücher hingewiesen, sich ganz nach deren Anweisung gebildet in die h. Schrift ver- senkt hatte; sie forderte die gesammte Universität zu einer Dis- putation heraus: in Kenntniß der Schrift glaubte sie ihr gewachsen zu seyn: vor den Fürsten, in Gegenwart der Gemeine hoffte sie es zu bewähren. Winter Gesch. der evang. Lehre in Baiern I, 120 f. Darauf trotzten die Vorfechter der kirchlichen Bewegung. Freudig zählt Heinrich von Kettenbach Länder und Städte auf — er nennt Nürnberg, Augsburg, Ulm, die Rheinlande, die Schweiz und Sachsen, — wo Weiber und Jungfrauen, Knechte und Handwerker, Ritter und edle Herren mehr Kenntniß von der Bibel haben als die hohen Schulen. Ein new Apologia unnd Verantwortung Martini Luthers wyder der Papisten Mortgeschrey, die zehen klagen wyder jn ußbla- siniren so wyt die Christenheyt ist. 1523. Wunderbarer Anblick: diese allgemeine, überall her- vorbrechende, in ihrem Ursprung wahrhaft religiöse Über- zeugung, in Opposition gegen die Jahrhunderte lang verehrten Formen des kirchlich-politischen Lebens, in wel- Ausbreitung der Lehre . chen man jetzt nur noch den Widerspruch wahrnahm in den sie mit dem ächten ursprünglichen Christenthum gera- then, nur den Dienst, der einer drückenden und verhaßten Gewalt durch sie geleistet werde. Wie nun aber der Action sich allenthalben eine Reac- tion entgegensetzte, dem Angriff die Verfolgung, so war es von hoher Wichtigkeit, daß es in Deutschland wenig- stens Einen Punct gab, wo diese nicht Statt fand, das Churfürstenthum Sachsen. Noch einmal, im Jahr 1522, hatten auch hier die be- nachbarten Bischöfe einen Versuch gemacht, ihren Einfluß herzustellen, in Folge jenes ersten ihnen günstigen Erlasses der Reichsregierung, und Churfürst Friedrich hatte sie ge- währen lassen, so lang sie davon sprachen daß sie Predi- ger senden würden, um dem Worte mit dem Worte zu begegnen; Friedrich weist seine Amtsleute an, sie „an Verkuͤndigung des Wortes Gottes nicht zu hindern;“ er setzt voraus, „sie wuͤrden die Ehre Gottes und die Liebe des Naͤchsten suchen.“ als sie aber dabei nicht stehn blieben, sondern auf die Auslieferung der Abtrünnigen antrugen, der Prie- ster welche sich verheirathet, oder das Abendmahl unter beiderlei Gestalt auszutheilen gewagt, der ausgetretenen Mönche, erklärte er ihnen nach kurzem Bedenken, dazu verpflichte ihn das kaiserliche Edict nicht. Geuterbock St Lucastag. Die sehr merkwuͤrdige Corre- spondenz in der Sammlung vermischter Nachrichten zur saͤchsischen Geschichte IV, 282. Daß er ihnen seinen Arm entzog, reichte schon hin, ihre ganze Wirksam- keit zu vernichten. Daher geschah nun aber, daß Alle, die anderwärts Drittes Buch. Drittes Capitel . flüchtig geworden, sich hieher zurückzogen, wo ihnen keine geistliche Gewalt zu nahe kommen konnte. Eberlin, Stie- fel, Strauß, Seehofer, Ibach aus Frankfurt, Bugenha- gen aus Pommern, Kauxdorf aus Magdeburg, Musteus aus Halberstadt, den man grausam verstümmelt hatte, Welche Greuel sind damals geschehen. Aliquot ministri canonicorum capiunt D. Valentinum Mustaeum (er hatte mit Be- willigung des Buͤrgermeisters in der Neustadt das Evangelium ge- predigt) et vinctum manibus pedibusque injecto in ejus os freno deferunt per trabes in inferiores coenobii partes ibique in cella cerevisiaria eum castrant. (Hamelmann l. c. p. 880.) und wie viele andere aus allen Theilen von Deutschland sehen wir hier ankommen, eine Freistatt, vielleicht selbst auf ei- nige Zeit eine Anstellung finden, und dann durch den Um- gang mit Luther und Melanchthon in ihrer Überzeugung befestigt von hier wieder ausgehn. Wittenberg erschien als ein Mittelpunct der gesammten Bewegung. Dadurch ward es erst möglich, daß in den Tendenzen eine gewisse Einheit obwaltete, ein gemeinsamer Fortschritt darin zu bemerken ist; wir dürfen aber wohl hinzufügen, daß auch für die dor- tige Entwickelung der Zutritt der fremden Elemente von großem Werthe war. Namentlich erhielt die Universität den Character einer allgemein vaterländischen Vereinigung: ohne Zweifel der wahre Character einer großen deutschen hohen Schule: aus allen deutschen Landesarten kamen die Lehrer, die Zuhörer zusammen, wie sie von da wieder nach allen Seiten hin ausgiengen. Eine eben so wichtige Metropole bildete Wittenberg für die Literatur. Erst mit diesen Bewegungen kam die deutsche popu- läre Literatur zu allgemeiner Aufnahme und Wirksamkeit. Ausbreitung der Lehre . Bis zum Jahr 1518 waren ihre Productionen nicht zahlreich; der Kreis, in welchem sie sich bewegte, nur enge. Man zählte, wie in den 80er Jahren des 15ten Jahrhunderts, einige vierzig, so noch 1513 35, 1514 47, 1515 46, 1516 55, 1517 37 deutsche Drucke: haupt- sächlich Laienspiegel, Arzneibüchlein, Kräuterbücher, kleine Erbauungsschriften, fliegende Zeitungsnachrichten, amtliche Bekanntmachungen, Reisen: was der Fassungskraft der Menge ungefähr gemäß ist; das Eigenthümlichste waren immer die Schriften der poetischen Opposition, der Sa- tyre und des Tadels, deren wir oben gedachten. Wie ge- waltig aber steigt die Anzahl deutscher Drucke nachdem Lu- ther aufgetreten ist. Im Jahr 1518 finden wir deren 71 verzeichnet: 1519 111, 1520 208, 1521 211, 1522 347, 1523 498. Fragen wir denn woher der Zuwachs kam, so ist Wittenberg der Ort; der Autor vor allem Lu- ther selbst. Wir finden unter seinem Namen im J. 1518 20, 1519 50, 1520 133, 1521 wo er durch die Reise nach Worms abgehalten und durch eine gezwungene Ver- borgenheit gefesselt war, etwa 40; dagegen 1522 wieder 130, 1523 183 neue Drucke. Ich fuße auf Panzers Annalen der aͤltern deutschen Litera- tur 1788. 1802. Daß diese Verzeichnisse, so viel Verdienst sie auch haben, doch nicht vollstaͤndig sind, ist ein Fehler den sie mit den meisten statistischen Arbeiten theilen. Das allgemeine Verhaͤltniß, um das es uns hier allein zu thun, laͤßt sich daraus doch abnehmen. Selbstherrschender, gewal- tiger ist wohl nie ein Schriftsteller aufgetreten, in keiner Nation der Welt. Auch dürfte kein anderer zu nennen seyn, der die vollkommenste Verständlichkeit und Populari- tät, gesunden treuherzigen Menschenverstand mit so viel ächtem Geist, Schwung und Genius vereinigt hätte. Er Drittes Buch. Drittes Capitel . gab der Literatur den Character den sie seitdem behalten, der Forschung, des Tiefsinnes und des Krieges. Er be- gann das große Gespräch das die seitdem verflossenen Jahrhunderte daher auf dem deutschen Boden Statt ge- funden hat, leider nur zu oft unterbrochen durch Gewalt- thaten und Einwirkungen fremder Politik. Anfangs war er allein: allmählig aber, besonders seit 1521 erscheinen seine Jünger, Freunde und Nebenbuhler: im Jahre 1523 gehören außer seinen eignen noch 215 Schriften von An- dern der Neuerung an, mehr als vier Fünftheile der gan- zen Hervorbringung; entschieden katholische Schriften las- sen sich wohl nur 20 zählen. Es war das erste Mal, daß der nationale Geist, ohne Rücksicht auf fremde Mu- ster, nur wie er sich unter den Einwirkungen der Welt- schicksale gebildet, zu einem allgemeinen Ausdruck gelangte; und zwar in der wichtigsten Angelegenheit die den Menschen überhaupt beschäftigen kann; er durchdrang sich in seinem Werden, dem Momente seiner Geburt, mit den Ideen der religiösen Befreiung. Ein großes Schicksal war es, daß der Nation in diesem Augenblick des vollen geistigen Erwachens die hei- ligen Schriften wie des neuen so nun auch des alten Testamentes dargeboten wurden. Man kannte die Bi- bel: vorlängst gab es Übersetzungen; man muß sich aber einmal die Mühe nehmen sie anzusehn, um inne zu wer- den, wie voller Irrthümer, roh im Ausdruck, und un- verständlich sie sind. Luther dagegen ließ sich keine Mühe dauern, den Sinn unverfälscht zu begreifen, und verstand es, sie deutsch reden zu lassen: mit aller Reinheit und Ge- walt Ausbreitung der Lehre . walt, deren die Sprache fähig ist. Die unvergänglichen Denkmale der frühesten Jahrhunderte, in denen der Odem der jungen Menschheit weht, die heiligen Urkunden späterer Zeit, in denen sich die wahre Religion in aller ihrer kind- lichen Ingenuität offenbart hat, bekam das deutsche Volk jetzt in der Sprache des Tages in die Hände, Stück für Stück; wie eine Flugschrift, deren Inhalt sich auf die un- mittelbarsten Interessen der Gegenwart bezieht, und die man mit Begierde in sich aufnimmt. Es giebt eine Production des deutschen Geistes, die aus eben diesem Zusammentreffen unmittelbar hervor- gieng. Indem Luther die Psalmen übersetzte, faßte er den Gedanken sie für den Gesang der Gemeinde zu be- arbeiten. Luthers Vorrede auf Johann Walters geistliche Gesaͤnge erin- nert an „das Exempel der Propheten und Koͤnige im alten Testa- ment, die mit singen und klingen mit dichten und allerlei Seiten- spiel Gott gelobet haben.“ Altenb. A. II, p. 751. Denn eine ganz andere Theilnahme derselben an dem Gottesdienst als die bisherige machte die Idee der Kirche nothwendig, wie er sie ausgesprochen und ins Leben zu rufen begann. Bei der bloßen Bearbeitung je- doch, wie es wohl anderwärts geschehen, konnte man hier nicht stehen bleiben. Das gläubige Gemüth, beruhigt in der Überzeugung das geoffenbarte Gottes Wort zu besitzen, gehoben durch das Gefühl des Kampfes und der Gefahr in der man sich befand, angehaucht von dem poetischen Genius des alten Testamentes, ergoß sich in eigenen Her- vorbringungen religiöser Lyrik, die zugleich Poesie und Musik waren. Denn das Wort allein hätte nicht vermocht, die Stimmung der Seele in ihrer ganzen Fülle auszudrücken, Ranke d. Gesch. II. 6 Drittes Buch. Drittes Capitel . oder das Gemeingefühl zu entbinden, festzuhalten: durch die Melodie erst geschah das, in der sich die alten Kirchen- tonarten mit ihrem Ernst, und die anmuthenden Weisen des Volksliedes durchdrangen. So entstand das evange- lische Kirchenlied. In das Jahr 1523 müssen wir seinen Ursprung setzen. Riederer: von Einfuͤhrung des deutschen Gesanges p. 95. Das merkwuͤrdige Schreiben an Spalatin, uͤber eine Bearbeitung der Psalmen in deutschen Versen, bei de Wette II, p. 490 ist ohne Zweifel fruͤher als das vom 14ten Januar 1524 datirte ib. p. 461. Da sieht man erst, was die Musae germanicae , woruͤber de Wette in Zweifel ist, sagen wollen. Aus den Briefen an Hausmann er- giebt sich, daß Luther im Nov. und Dez. 1523 mit der Abfassung der Liturgie umgieng. Einzelne Lieder, von Spretten oder von Luther, fanden sogleich eine allgemeine Verbreitung: in diesen frühesten Bewegungen des reformatorischen Geistes wirkten sie mit; aber erst einige Jahrzehnde später entfaltete der deutsche Geist seinen ganzen Reichthum poetischer und be- sonders musikalischer Production in dieser Gattung. Und auch übrigens widmete sich die volksthümliche Poesie mit dem Geiste der Lehrhaftigkeit und der Opposi- tion, der ihr überhaupt eigen war, den aufkommenden Ideen. Schon Hutten hatte seine bittersten Anklagen in Reime ge- worfen: das Verderben der Geistlichkeit hatte Murner in langen, anschaulichen Beschreibungen geschildert; der Ver- werfung und dem Tadel gesellte sich jetzt, wenn nicht bei Murner, doch bei der Mehrzahl der Andern, die positive Überzeugung, die Bewunderung des Vorkämpfers hinzu. Da ward der Mann gepriesen, der inmitten der rothen Barette und Sammetschauben die gerechte Lehre behauptet. In Fastnachtsspielen erscheint der Papst, der sich freut daß Ausbreitung der Lehre . man seiner Büberei zum Trotz ihm die Macht zuschreibe, über den Himmel zu erheben, oder in die Hölle zu binden: darum könne er auch manchen Vogel rupfen: ihm falle der Schweiß des Armen zu, und mit tausend Pferden könne er reiten: er heißt Entchristelo: neben ihm erscheinen mit ähnlichen Expectorationen der Cardinal Hochmuth, der Bi- schof Goldmund Wolfsmagen, der Vicarius Fabeler, der Kirchherr Meeher, und wie sie sonst schon in diesen Na- menbildungen dem Spott und der Verachtung Preis gegeben werden: zuletzt aber tritt auch der Doctor auf, der die reine Lehre im Tone der Predigt verkündigt. Ein Faßnachtspyl, so zu Bern uf der Hern Faßnacht in dem MDXXII Jare von Burgerßsonen offentlich gemacht ist Darinn die Warheit in Schimpffswyß vom pabst und siner priesterschaft ge- meldet wuͤrt. Neu gedruckt bei Gruͤneisen: Nicl. Manuel p. 339. Unter diesen Ein- drücken bildete sich Burkard Waldis, der dann die alte Thierfabel mit so großem Erfolg auf die geistlichen Streitig- keiten angewendet hat. Unmittelbar aber stellte sich das große poetische Talent, das es in der Nation gab, Luthern zur Seite. Das Gedicht von Hans Sachs: die Wittember- gisch Nachtigall ist vom Jahr 1523. Er betrachtet darin die Lehre die seit 400 Jahren geherrscht habe, wie den Mondschein, bei dem man in Wüsteneien irre gegangen, jetzt aber kündigt die Nachtigall Sonne und Tageslicht an, und steigt über die trüben Wolken auf. Die Gesinnung eines durch das untrügliche Wort belehrten seiner Sache gewiß ge- wordenen gesunden Menschenverstandes ist dann überhaupt die Grundlage der mannichfaltigen wohl nicht von dem Beigeschmack des Handwerks freien, aber sinnreichen, hei- 6* Drittes Buch. Drittes Capitel . teren und anmuthigen Gedichte, mit denen der ehrenfeste Meister alle Classen der Nation erfreute. In Deutschland hatte auch die Kunst den Zweck, Ideen zu versinnbilden, zu lehren, niemals aus den Augen gelas- sen. Darum war sie so ernst, und ihrer Symbolik halber doch so phantastisch. Das Glück wollte, daß einer der großen Meister dieser Epoche, Lucas Kranach zu Witten- berg Wohnung nahm, und hier in ununterbrochenem ver- trauten Umgang mit Luther sich mit den reformatorischen Gesinnungen durchdrang, sein Talent ihrer Darstellung wid- mete. Zuweilen trat er mit kleinen Werken selbst in die Schlachtreihen, z. B. mit dem Passional Christi und Antichristi, in welchem die Gegensätze der Niedrigkeit und Demuth des Stifters und der Pracht seines Statt- halters vor das Auge gebracht werden: man hat diese Holzschnitte gradezu in Luthers Werke aufgenommen. Es versteht sich, daß sich sein keuscher Pinsel auch übrigens keinen andern Arbeiten widmete, als solchen die mit der evangelischen Überzeugung harmonirten. Die Anmuth und Lieblichkeit, mit der er früher glückliche Gruppen weiblicher Heiligen ausgestattet, ergoß er nun über die Kinder die Christus segnet. Das Geheimnißvolle, das die alte Kunst andeutet, sprach sich in den beibehaltenen Sacramenten, die zuweilen auf derselben Tafel erscheinen, in dem My- sterium der Erlösung aus. Die merkwürdigen Männer die ihn in Staat und Kirche umgaben, boten seiner Auffas- sung Gestalten und Züge einer so bedeutenden Individualität dar, daß er nicht in Versuchung kam, über sie hinaus nach dem Ideale zu streben. Auch Dürer, der seine Ausbildung be- Ausbreitung der Lehre . reits vollendet hatte, ward doch von dieser Bewegung noch ein- mal gewaltig angeregt. Das vielleicht vollkommenste von allen seinen Werken, die beiden Evangelisten Johannes und Marcus, und beiden Apostel, Petrus und Paulus, entstand unter dem Einfluß dieser Jahre: wir haben Stu- dien dazu, die mit der Jahrzahl 1523 bezeichnet sind; sie spiegeln den Begriff ab, den man aus der nunmehr einer frischen Auffassung zugänglich gewordenen Schrift von dem Tiefsinn, der Hingebung und der Kraft dieser äl- testen Zeugen der Kirche faßte; Lebendigkeit und Großheit der Auffassung durchdringen sich darin. Wie Pirkheimer und Duͤrer uͤber die Abendmahlsfrage strit- ten in Gegenwart Melanchthons: Erzaͤhlung Peucers bei Strobel: Nachricht von Melanchthons Aufenthalt in Nuͤrnberg p. 27. Die gesammte Entwickelung des deutschen Geistes stand mit den neuen Ideen im Bunde; wie in den po- pulären, so gieng es in den gelehrten Zweigen der geistigen Thätigkeit. Wittenberg war keineswegs die einzige Universität wo sich der Gang der Studien veränderte. Auch in Freiburg, wo man von Luther nichts wissen wollte, hörte man doch auf, die aristotelischen Schriften nach der bisherigen Gewohnheit zu studiren, einzuüben; mit Petrus Hispanus, sagt Ulrich Zasius, ist es aus: die Bücher der Sentenzen schweigen: von unsern Theologen liest der eine Matthäus, der andre Paulus: auch die ersten Anfänger, die neuesten Ankömm- linge laufen in diese Vorlesungen. Zasii Epistolae I, 63. Ja Zasius selbst, ei- ner der ausgezeichnetsten deutschen Juristen jener Zeit, giebt Drittes Buch. Drittes Capitel . ein merkwürdiges Zeugniß für die allgemeine Verbreitung des reformatorischen Geistes. Er klagt darüber daß sein Hörsaal veröde: kaum sechs Zuhörer zähle er noch und die seyen alle Franzosen; zugleich aber weiß er doch sein eignes wissenschaftliches Bemühen nicht anders zu bezeichnen, als indem er es mit den Bestrebungen Luthers vergleicht. Die Glossatoren der ächten Texte, mit denen er es zu thun hat, kommen ihm nicht anders vor, als die Scholastiker welche Luther bekämpft: er möchte das ursprüngliche römische Recht in seiner Reinheit wiederherstellen, wie Luther die Theolo- gie der Bibel. Von allen andern Studien aber, welchen wäre ein ähnliches Bestreben nothwendiger gewesen als den histo- rischen? Da war ein unermeßlicher Stoff aufgesam- melt; aber die früheren Epochen verhüllte die noch im- mer in fortgehender Entwickelung begriffene gelehrte Fabel: die spätern kannte man nur höchst fragmentarisch, nach der Darstellung der jedes Mal siegreich gebliebenen Partei: die große kirchliche Fiction hatte die wichtigsten Theile ab- sichtlich verfälscht. Zu wahrhaft geistiger, lebendiger, zu- sammenhangender Auffassung war nicht zu gelangen: der Geist, den nach ächter Erkenntniß dürstet, schauderte doch vor diesen unbezwinglichen Massen. Einen Ver- such sie zu durchbrechen, machte eben in diesem Jahre Johann Aventin, ein Mann, der früher die literarische Richtung der Neuerung mittheilnehmend begleitet und sich jetzt der religiösen mit lebendigem Eifer hingab. Er ließ sich keine Mühe verdrießen, für seine bairische Chronik, die zugleich einen allgemein deutschen, ja universalhistorischen Ausbreitung der Lehre . Inhalt hat, Bibliotheken und Archive zu durchsuchen, um mit ächten Urkunden wenigstens hie und da über die seichte und unglaubwürdige Tradition hinauszukommen; vor allem opponirte er sich den Vorstellungen der Unberufenen, „die nie unter Leuten gewesen, nicht wissen wie es in Städten und Ländern zugeht, menschlicher und himmlischer Dinge uner- fahren sind, und doch über alles urtheilen;“ er dagegen sucht die Historie in ihrer Wahrheit zu begreifen, „wie das seyn muß.“ Der Geist der nationalen Opposition gegen das Papstthum arbeitet gewaltig in ihm. Wie er die Einfachheit der christlichen Lehre zu vergegenwärtigen sucht, wo er ihres Ursprungs gedenkt, so hebt er den Ge- gensatz der geistlichen Macht in ihrer Entstehung Ent- wickelung und Wirksamkeit an jeder Stelle hervor: die Ge- schichte Gregors VII muß man noch heute bei ihm lesen: von den Wirkungen, welche die Herrschaft des hierarchi- schen Prinzipes hervorgebracht, hat er einen großartigen Begriff, den er freilich nicht zu vollkommener Evidenz zu erheben vermochte. Überhaupt vollendete er nicht. Aber er begann die Arbeit der gründlichen Erforschung und le- bendigen Durchdringung der allgemeinen Geschichte, in der wir noch heute begriffen sind. Es schien wohl einen Augenblick als würde die theo- logische Richtung alle andern verschlingen. Erasmus klagt, man wolle nichts mehr lesen und kaufe nichts mehr als die Schriften für oder wider Luther: er fürchtete schon die kaum gegründeten humanistischen Studien einer neuen Scholastik unterliegen zu sehen. In Chroniken hat man verzeichnet, daß die Mißachtung in welche der Clerus ge- Drittes Buch. Drittes Capitel . rieth auf die Studien im Allgemeinen zurückwirkte; das Sprichwort: die Gelehrten die Verkehrten, nahm überhand, die Eltern trugen Bedenken ihre Kinder den Studien zu widmen, die nur eine zweifelhafte Aussicht darboten. Das waren jedoch nur momentane Verirrungen. Wie hätte der erwachte, nach originaler Kenntniß trachtende Geist das Element wieder fallen lassen können, das zu seiner Ent- stehung so wesentlich beigetragen? Im Jahr 1524 erließ Luther ein Sendschreiben „an die Bürgermeister und Raths- herrn aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten sollen.“ Altenb. Ausg. II, p. 804. Eoban Heß ließ die Briefe die er in diesem Sinn empfangen, von Luther, Melanchthon, Jonas, Draco u. A. 1523 zusammendrucken: in dem Hefte De non con- temnendis studiis humanioribus. Er meint damit vor allem Schulen für künftige Geistliche, denn nur durch das Stu- dium der Sprachen lasse sich das Evangelium festhalten, wie es denn auch dazu schriftlich aufgezeichnet worden, sonst würde alles einer wilden, wüsten Unordnung, einem Gemenge von allerlei Meinungen verfallen; jedoch bleibt er dabei nicht stehen: er tadelt, daß die Schulen so ganz auf den geistlichen Stand berechnet werden: sie von dieser engen Bestimmung loszureißen, einen weltlichen Gelehrten- stand zu gründen, ist seine vornehmste Absicht. Er stellt die Erziehung der alten Römer seinen Deutschen zum Mu- ster vor; vor allem zur Regierung bedürfe man der Ge- lehrten, in Geschichte Erfahrenen; er dringt darauf daß man Bibliotheken aufrichte, nicht allein für die Ausgaben und Auslegungen der heiligen Bücher, sondern auch für Ora- toren und Poeten, sie mögen Heiden seyn oder nicht, Bü- Ausbreitung der Lehre . cher von den freien Künsten, Recht und Arzneibücher, Chroniken und Historien, „denn die seyen nütze, Gottes Wunder und Werke zu sehen.“ Eine Schrift, die für die Entwickelung der weltlichen Gelehrsamkeit dieselbe Beden- tung hat wie das Buch an den deutschen Adel für den weltlichen Stand überhaupt. In Luther erhebt sich schon die Idee eines gelehrten weltlichen Beamtenstandes, die für das deutsche Leben eine so unendliche Wichtigkeit gewon- nen hat; die populäre Pflege der Wissenschaften nach ihrem eignen Prinzip, getrennt von der Kirche, faßt er ins Auge; die norddeutsche universale Gelehrsamkeit strebt er zu grün- den. Darin stand ihm nun der unermüdliche Melanchthon mit lebendiger Thätigkeit zur Seite. Von ihm stammt die lateinische Grammatik, welche die norddeutschen Schulen bis in den Anfang des 18ten Jahrhunderts beherrscht hat; Strobel: von den Verdiensten Melanchthons um die Gram- matik zaͤhlt die bemerkenswerthesten Ausgaben auf, bis 1737. Neue Beitraͤge II, III, 43. um das Jahr 1524 erwuchs sie ihm aus einigen für den Privatunterricht eines jungen Nürnbergers gemachten Auf- zeichnungen; eben damals bekam auch die griechische, die schon früher entworfen war, die Form, in der dieser Unterricht Jahrhunderte gegeben worden ist. Aus der Disciplin Melanchthons giengen Lehrer hervor die sich ganz nach seinem Muster gebildet, und die deutsche Schulzucht zu gründen unternahmen. Besonders ist Valentin Trotzen- dorf merkwürdig, der 1523 von Wittenberg nach Gold- berg in Schlesien berufen ward, von dem man gesagt hat, er sey zum Schulrector so gut geboren, wie Cäsar zum Drittes Buch. Drittes Capitel . Feldherrn, Cicero zum Redner, der Bildner unzähliger an- derer deutscher Schullehrer. Überlegt man das alles, faßt es zusammen, so sieht man wohl, daß es hier nicht allein um das Dogma zu thun ist: es bildet sich ein System von Bestrebungen und Gedanken aus, von eigenthümlichem Geist und gro- ßem eine neue Welt in sich tragenden Inhalt, welches mit der theologischen Opposition, in der man sich befindet, auf das engste vereinigt ist, an ihr und durch sie sich entwickelt, aber sich weder von ihr herschreibt, noch jetzt darin auf- geht. Die Opposition ist selber ein Product dieses Gei- stes, der auch außerhalb derselben seine eigene Zukunft hat. Fürs Erste kam freilich alles darauf an, daß er von der gewaltigen Weltmacht frei würde, welche das gute Recht zu haben behauptete ihn zu vernichten. Treten wir diesem Kampfe, wie er sich in allen Ge- genden von Deutschland eröffnet hatte, noch einmal näher, so würden wir irren, wenn wir schon die Gegensätze des nachherigen protestantischen und des weiterhin neu aufge- richteten katholischen Systems wahrnehmen wollten. Die Ideen und geistigen Mächte die jetzt wider einander zu Feld lagen, standen in viel entschiedenerm, großartigerm, einleuchtenderm Widerspruch. Einer der bedeutendsten Gegensätze war der zwischen Werken und Glauben. Aber man würde ihn mißkennen, wenn man hier die tieferen und minderverständlichen Streit- fragen voraussetzen wollte, welche der Scharfsinn oder die Hartnäckigkeit der Schulen späterhin entwickelte. Damals, vor allem im populären Vortrag war die Sache sehr ein- Ausbreitung der Lehre . fach. Unter guten Werken verstand man auf der einen Seite wirklich die kirchlichen Handlungen durch die man sich Verdienste für diese und jene Welt zu erwerben glaubte: das Wallfahrten, Fasten, Seelmessen-stiften, das Sprechen bevorzugter Gebete, Verehren besondrer Heiligen, jenes Be- schenken der Kirchen und der Geistlichkeit, das in der Fröm- migkeit des Mittelalters eine so große Rolle spielt. Die- sem Unwesen, das man auf eine unverantwortliche Weise um sich greifen lassen, ward nun auf der andern Seite die Doctrin von der Wirksamkeit des Glaubens allein ohne die Werke entgegengesetzt. Besonders nach den Be- wegungen in Wittenberg hütete man sich in den Predig- ten, von einem idealen, abstracten, unthätigen Glauben zu reden. Wir haben noch eine ganze Anzahl Predigten aus diesen Jahren. Man wird schwerlich eine finden, worin nicht Glaube und Liebe in untrennbarer Vereinigung gedacht würde. Wie dringend und lebhaft schärft Cas- par Güttel ein, daß alles darauf ankomme, wie man sich um Gottes willen gegen seinen Nächsten verhalte. Schutzrede wider etzlich ungezemte Clamanten: eben die in Arnstadt gehaltenen Predigten: abgedruckt hinter Olearii Syntagma rerum Thuringicarum II, 274; ein Abdruck, den Panzer Annalen II, 93 nicht verzeichnet. Viel- mehr eben das tadelte man, daß so Mancher sein Geld verschwende um die Geistlichen reich zu machen, ein Hei- ligenbild auszuschmücken, oder auf einer fernen Wallfahrt, und dabei der Armen nicht gedenke. Eben so verhält es sich mit der Lehre von der Kirche. Man will diesseit vor allem nicht zugestehen, daß in den. Papst und seinen Prälaten und Priestern die heilige Drittes Buch. Drittes Capitel . alleinseligmachende christliche Kirche erscheine: man findet es anstößig zu sagen, die heilige Kirche befehle etwas oder besitze etwas: dieses geistliche Institut, das durch die Ver- werflichkeit seines Verhaltens die Idee Lügen straft auf die es gegründet ist, unterscheidet man von dem geheimnißvol- len Daseyn der seligen Gemeinschaft, die nicht äußerlich er- scheint, an die man nach den Worten des Symbols nur glaubt, und die allerdings Himmel und Erde vereinigt, jedoch ohne den Papst. Ain sermon oder predig von der christlichen kirchen welches doch sey die hailig christlich kirche, davon unser glaub sagt: gepredi- get zu Ulm von Bruder Heinrich von Kettenbach. 1522. „Es sey ferne,“ sagte der Pastor Schmidt zu Küßnacht in einer Predigt, die vielen Ein- druck machte, „daß die christliche Kirche ein so beflecktes, sündenvolles Oberhaupt anerkenne wie der Papst ist, und von Christus sich abwende, der von dem h. Paulus so oft das Oberhaupt der Kirche genannt wird.“ Myconius ad Zwinglium. Epp. Zw. p. 195. Damit hängt es zusammen, daß man dem Zwange, alle seine Sünden zu beichten, jede insonderheit, der zu so viel Greueln des Beichtstuhls, zu so viel Gewaltsamkeiten einer starren und herrschsüchtigen Rechtgläubigkeit Anlaß gab und Anlaß giebt, die an keine priesterliche Vermitte- lung gebundene Verheißung des Nachtmahls entgegensetzte. Mit der Gewißheit der realen Gegenwart bestreitet man die Willkühr welche die Priester bei der Absolution ausüben; man widerräth sogar das lange Durchdenken einzelner Sün- den, das nur erneuerten Kitzel oder Verzweiflung hervor- bringe, und fordert nichts als ein getrostes, fröhliches und Ausbreitung der Lehre . gelassenes Vertrauen auf den barmherzigen Gott und seine gegenwärtige Gnade. Eyn verstendig trostlich Leer uber das Wort St. Paulus: Der Mensch sol sich selbst probieren und alßo von dem Brott essen und von dem Kelch trinken: zu Hall in Innthal von D. Jacob Strauß geprediget. MDXXII. Der Leib Christi und sein Blut wird genommen als das allersicherste Zeichen seiner barmherzigen Zu- sage uns im Glauben die Suͤnde zu vergeben. Auch in einigen spaͤ- tern Schriften dieses Autors tritt dieser Gegensatz hervor. Entscheidend ist endlich der Gegensatz zwischen Men- schenlehre und Gotteswort. Auch da ist aber nicht von der Tradition die Rede, etwa nach den feineren Auffassun- gen einer späteren Zeit, so daß sie nur der sich fortpflan- zende christliche Sinn, das im Herzen der Gläubigen le- bende Wort wäre: Moͤhler Symbolik p. 361. es ist vielmehr das ganze, im Laufe der Jahrhunderte, durch die hierarchische Gewalt und die Scholastik entwickelte, eine unbedingte Autorität in Anspruch nehmende System der lateinischen Kirche, dem man sich entgegensetzt. Man bemerkt, daß die Kirchenväter geirrt, Hieronymus sehr häufig, sogar Augustin zuweilen, was sie denn auch selber sehr gut gewußt, — dennoch habe man auf ihre Aussprüche ein System gegründet, und mit Hülfe heidnischer Philosophie weiter ausgesponnen, von dem keine Abweichung erlaubt seyn solle. Aber eben damit habe man sich dem Menschenwahn hingegeben: kein Lehrer führe mehr zu wahrem Verstand des Evangeliums. Und dieser Menschenlehre nun, die in sich widersprechend, untröst- lich, mit allen Mißbräuchen verbündet sey, setzt man das ewige Gottes Wort entgegen, „das so edel, rein, herzlich, fest und tröstlich ist, das man denn auch ungefälscht und Drittes Buch. Drittes Capitel . ungemakelt erhalten soll.“ Das hailig ewig wort gots was das in im Kraft Sterke Frid Fred erleuchtung und leben in aym rechten christen zu erwecken ver- mag — zugestelt dem edlen Ritter — Hern Joͤrgen von Fronsperg; von Haug Marschalk der genennt wirt Zoller zu Augsburg 1523. Er ruͤhmt in der Vorrede den Ritter „daß Eur Gestreng yetzumal so hoch benennt und gepreist wird, daß das edel rain lauter und unvermischt Wort Gottes das heilig Evangelium bey Eur Gestreng Statt hat, und in eur ritterlich gemuͤt und herz eingemaurt und be- festiget“ ꝛc. Man ermahnt die Laien, selbst zu ihrem Heile zu sehen, sich das göttliche Wort zu eigen zu machen, das nach langer Verborgenheit wieder in vol- lem Glanze hervorgehe, dieß Schwerd in die Hand zu neh- men und sich damit gegen die Prediger der streitigen Opi- nionen zu vertheidigen. Cunrad Distelmair von Arberg: ain trewe Ermannung u. s. w. 1523. In diesen Gegensätzen hauptsächlich bewegt sich der Kampf der populären Literatur, der Predigt. Auf der ei- nen Seite gewisse äußere kirchliche Beziehungen als ver- dienstlich erachtet: die Idee der Kirche gebunden an die bestehende Hierarchie: das Geheimniß der individuellen Be- ziehung zu Gott, das sich in der Absolution ausspricht, von der Ergebenheit gegen den Clerus abhängig: das seine Gültigkeit mit Feuer und Schwerd verfechtende Lehrsystem. Auf der andern die Forderung von Glaube und Liebe: die Idee der unsichtbaren, in der Gemeinschaft der Geister be- stehenden kirchlichen Einheit: Vergebung der Sünden durch den Glauben an die Erlösung, durch Genuß des Sacra- mentes ohne Beichtzwang: die Schrift allein die Quelle des Glaubens und der Lehre. Es ist hier nicht von den Modificationen die Rede, welche ein oder der andre Theo- Ausbreitung der Lehre . log seinen Begriffen geben mochte: sondern nur von den Ideen wie wir sie auf dem weiten Boden des nationalen Kampfplatzes sich allenthalben mit einander messen sehen. Schon im Jahr 1521 erschien eine kleine Schrift, die diesen Widerstreit versinnbildete: vom alten und vom neuen Gott. Auf dem Titel sieht man als die Repräsentanten des neuen Gottes den Papst, einige Kirchenlehrer, Aristo- teles, und ganz unten Cajetan, Silvester, Eck und Faber; ihnen gegenüber aber den wahren alten Gott in seiner Drei- faltigkeit: die vier Evangelisten: Paulus mit seinem Schwert und weiterhin Luther. Dem entspricht nun auch der In- halt. Panzer II, 20. Den Cerimonien Diensten und Lehrmeinungen, welche unter dem Schutze der aufkommenden Hierarchie, ihres blu- tigen Schwertes erwachsen, bis das Christenthum ein Ju- denthum geworden, wird der alte Gott entgegengesetzt, sein unverfälschtes Wort, die einfache Lehre von der Erlösung, von Hofnung, Glauben und Liebe. Vgl. Vorrede von Hartmann Dulich abgedruckt bei Veesen- meier Sammlung von Aufsaͤtzen p. 135. Wie sehr man uͤbrigens in jenen vornehmsten Tendenzen den Zweck der ganzen Bewegung sah, davon zeugt auch folgende Stelle in Eberlin von Guͤnzburg fraindlicher Vermanung Bog. III. Ich halt, Luther sey von Gott gesandt zu seubern die Biblia von der lerer auslegung und zwang, die gewissen zu erloͤsen von banden der menschlichen gebot od’ bapst- gesetzen und den gaistlichen abziehen den titel christi un̄ seiner kir- chen, dz fuͤrohyn nit mer sollich groß buͤberey — strafflos sey und’ dem heyligen namen gottes — — auch ist der Luther gesant dz er lere das creutz und glauben, welche schier durch alle doctores verges- sen seindt; darzu ist Luther beruft von got und got gibt im weyß- hait kunst vernunft sterke und herz dazu. In diesen harten Ausdrücken zeigt sich doch, daß man Drittes Buch. Drittes Capitel . in der Nation fühlte, womit man beschäftigt war: der deutsche Geist war sich bewußt, daß die Zeit seiner Reife gekommen: er widersetzte sich der unbedingten Alleingültig- keit zufälliger Formen, die man ihm auferlegt, wie sie denn die ganze Welt beherrschten, und kehrte zurück zu den einzigen ächten Quellen religiöser Belehrung. Sermon von der Kirche; gleich im Anfang. Bei dieser großen Bewegung, diesem starken Gefühl des Kampfes ist es doppelt merkwürdig wie sehr man doch zugleich an sich hielt, wie behutsam man in vielen Stücken zu Werke gieng. Heinrich von Kettenbach nimmt noch an, daß die Kirche, in der er schon eine unsichtbare Gemeinschaft sieht, den Schatz der Verdienste Jesu Christi, Mariä und aller Auserwählten besitze. Indem Eberlin von Günzburg von Wittenberg her seine Augsburger Freunde ermahnt, sich das neue Testa- ment anzuschaffen, selbst wenn sie sich den Preis an Klei- dung oder Nahrung absparen müßten, erinnert er sie doch zugleich, sich nicht zu rasch zur Verwerfung der her- kömmlichen Meinungen fortreißen zu lassen: es sey vieles was Gott in seinem Geheimniß sich vorbehalten, wonach man nicht zu fragen brauche, z. B. das Fegefeuer oder die Fürbitte der Heiligen. Auch Luther verwerfe nur das, was einen klaren Spruch der Schrift gegen sich habe. Es war von einem jungen böhmischen Gelehrten mit einer ganzen Reihe von Gründen in Zweifel gezogen wor- den, ob Petrus je in Rom gewesen; und auf der katholi- schen Ausbreitung der Lehre . schen Seite sah man ein, daß die Lehre von dem Primat durch die Verneinung dieser Frage vollends umgestoßen werde; allein in Wittenberg ließ man sich von dem glän- zenden Resultat dieser Argumentation nicht fortreißen: Luther an Spalatin 17 Febr. 1520 bei de W. I, 559. man fand, sie trage für Glauben und Frömmigkeit nichts aus; ja in einer Schrift, in welcher man diese Sache ausführ- lich behandelt, und die schlechten Folgen des mißverstan- denen Primates lebhaft erörtert, wird doch sogar die Hof- nung ausgesprochen, daß der neue Papst selbst, Adrian VI, von den bisher gehegten Irrthümern zurückkommen und sich ganz an die Schrift halten werde — einige Stellen aus seinen Schriften schienen diese Hofnung begründen zu können: — dann werde nicht allein die gegenwärtige Irrung beigelegt werden, sondern auch die alte Spaltung sich heben: auch von Seiten der Griechen und Böhmen werde man zur Einheit der Kirche zurückkehren. Apologia Simonis Hessi adv. dominum Roffensem episc. Anglicanum super concertatione ejus cum Vlrico Veleno. Julio mense 1523. Der Autor beweist hauptsaͤchlich, quod gentiliter et ambitiose pro Petri primatu a multis pugnetur, cum hinc nihil lucri accedat pietati: — quod impie abusi sint potestate sua Ro- mani pontifices in statuendis quibusdam articulis seditiosis ma- gis quam piis. — Die Stelle Adrians in titulo de sacram. baptismi ist: Noverit ecclesia se non esse dominam sacramentorum sed ministram, nec posse magis formam sacramentalem destituere aut novam instituere quam legem aliquam divinam abolere vel novum aliquem fidei articulum instituere. — Spero fore, heißt es dann, si ille perstat in sua sententia, ut tota catholica ecclesia, quae nunc in sectas videtur divisa, in unam fidei unitatem aggre- getur, adeo ut et Bohemos et Graecos dexteras daturos confi- dam bene praesidenti Romano pontifici. — Ich hege die Vermu- thung, daß Simon Hessus, der auch sonst zuweilen als tapferer Mit- Ranke d. Gesch. II. 7 Drittes Buch. Drittes Capitel . Andre, die so kühne Hofnungen nicht hegten, waren doch der Meinung, daß man jede eigenmächtige Verände- rung vermeiden, die Abstellung der Mißbräuche der Obrig- keit überlassen müsse. Wohl lehrten einige, man müsse sich der Geistlichkeit entschlagen, wie die Kinder Israel des Pharao: aber selbst Männer wie der feurige Otto Brun- fels setzten sich dem entgegen: „das Wort werde ohne Mühe und Schwerd die Dinge bessern. Was man unbesonnen beginne, gedeihe nie zu einem guten Ende.“ Vom evangelischen Anstoß, Neuenburg in Breisgau Simo- nis und Judaͤ 1523. Eben dieß war Luthers Meinung und eine geraume Zeit folgte man ihr über das ganze Gebiet des Reiches hin. Noch durfte man alles von der Leitung des Reichs- regimentes erwarten. Indem das Regiment die Predigt des lautern Gottes Wortes angeordnet und die Nahm- haftmachung der Kirchenlehrer, welche als die Grundlage des modernen Romanismus angesehen wurden, glücklich vermieden hatte, war es selbst auf die vornehmsten Ideen der reformatorischen Bewegung eingegangen. Während des Jahres 1523 nahm es dieselbe auch weiter in seinen Schutz. Als der Vicar von Constanz, Faber, eine Commis- sion von Rom empfangen wider Luther zu predigen, und nun um Geleit und Schutz bei dem Regiment nachsuchte, bekam er wohl ein dahin lautendes Schreiben, aber in sol- chen Ausdrücken, daß er, wie Planitz sagt, gern ein besseres gehabt hätte. kaͤmpfer erscheint, der bekannte Euricius Cordus ist, aus Sims oder Simshausen in Hessen. Ausbreitung der Lehre . Herzog Georg hatte sich bei dem Regimente aufs Neue über die Ausfälle Luthers beschwert; und ein Theil der Bei- sitzer hielt wohl auch dafür, der Churfürst müsse erinnert werden Luthern zu strafen. Allein die Majorität war da- gegen. Pfalzgraf Friedrich, der Statthalter meinte, man könne die Briefe des Herzogs dem Churfürsten wenigstens zuschicken. „Herr,“ sagte Planitz, „das Mehr ist, daß meinem gnädigen Herrn nicht geschrieben werde.“ Dem Herzog ward geantwortet, er möge sich nur nochmals selbst an den Chur- fürsten wenden. Bei dem Ausschreiben eines neuen Reichstages ward darauf Bedacht genommen, daß der Religionsirrungen gar nicht erwähnt ward. Schreiben von Planitz vom 28 Februar, 3 Maͤrz, 18 Aug. 1523. Die Hauptsache endlich war, daß man so ganz und gar nicht daran dachte, das Edict von Worms auszufüh- ren, sondern in Aussicht auf das geforderte Concilium der Lehre völlig freien Lauf ließ. Man sieht, wie viel wie für den Staat so für die Kirche daran lag, ob eine Regierung, in der Gesinnungen dieser Art herrschten, sich werde aufrecht erhalten können oder nicht. 7* Viertes Capitel . Opposition gegen das Regiment, Reichstag von 1523, 24. Es waren zwei große Ideen welche den Geist der deutschen Nation beschäftigten, die eine einer zugleich na- tionalen, ständischen, und starken Regierung, die andre einer Erneurung und Verjüngung der religiösen Überzeugun- gen und Zustände: sie hatten jetzt beide eine gewisse Re- präsentation empfangen, berührten unterstützten einander, und schienen eine politisch und geistig gleich bedeutende Zukunft anzukündigen. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß Kräfte die nach so umfassenden großartigen Zielen streben, auch auf mannichfaltigen Widerstand stoßen. Nicht als wäre ihre Verbindung so stark gewesen um gerade einem Jeden einzuleuchten, als wären in den Geg- nern beide Seiten der Opposition zum Bewußtseyn gekom- men: jedwede erweckte vielmehr ihre besonderen Antipa- thien. Wenn man dem Regiment widerstrebte, so folgte noch lange nicht, daß man auch der Reformation der Kirche entgegen gewesen wäre. Überhaupt verfallen wir bei der Betrachtung der Ver- Opposition gegen das Regiment . gangenheit nicht selten in den Irrthum, einem neu eintre- tenden Weltelement zu früh einen alles beherrschenden Ein- fluß zuzuschreiben. So mächtig es auch seyn mag, so giebt es doch neben ihm noch andere lebendige Kräfte, die nicht sogleich geneigt sind sich unterzuordnen, sondern nach ihren eigenen selbständigen Trieben sich weiter entwickeln. Was nun dem Regiment entgegenstand waren im Grunde zwei entgegengesetzte Dinge. Einmal ließ es die Aussicht auf eine starke und nachdrückliche Regierungsweise, mit der doch nicht Jedermann gedient war, in der Ferne erscheinen. Sodann aber und zwar für den Augenblick war es sehr schwach: es fehlte ihm an aller wirksamen executiven Gewalt. Die Opposition auf die es stieß rührte dann auch zunächst von Ungehorsam her. Sickingen und seine Gegner. Man dürfte nicht glauben, der Landfriede Carls V sey besser gehalten worden als die früheren. Ein paar kaiserliche Räthe, die von dem Reichstag zu Worms, wo sie ihn hatten beschließen helfen, nach Augsburg reisten, Gregor Lamparter und der Schatzmeister Johann Lucas, wurden eben auf dieser ihrer ersten Reise überfallen und gefangen genommen. Der Sitz der Regierung und des Gerichtes, in gewissem Sinn in diesem Augenblick die Haupt- stadt des Reiches, Nürnberg, war auf allen Seiten von wilder Fehde umgeben. Hans Thomas von Absberg, dop- pelt gereizt, weil der schwäbische Bund Beschlüsse gegen ihn faßte, sammelte im J. 1522 noch einmal die verwe- gensten Reitersmänner aus allen umliegenden Gebieten um Drittes Buch. Viertes Capitel . sich: immer neue Feindesbriefe trafen in Nürnberg ein: zuweilen fand man sie in den nächsten Dörfern in die Mar- tersäule gesteckt: alle Straßen des Reiches nach Osten und Westen wurden unsicher. Bei Krügelstein im Bambergi- schen war eine einsame Capelle, wo alle Woche dreimal Messe gehalten wurde. Unter dem Schein sie zu hören fanden sich hier die raublustigen Genossen und die Kund- schafter zusammen: wehe dem Kaufmannszug der in ihr Bereich gerieth. Sie führten nicht allein die Waaren da- von: sie hatten jetzt den furchtbaren Gebrauch, den Ge- fangenen die rechte Hand abzuhauen; vergebens baten wohl die armen Leute, ihnen wenigstens nur die linke zu nehmen und die rechte zu lassen; Hans Thomas von Absberg hat einem Krämerknecht die abgehauene Rechte in den Busen gesteckt, mit den Worten: komme er nach Nürnberg, so möge er sie in seinem Namen dem Bürgermeister bringen. Muͤllner’s Nuͤrnberger Annales bei den Jahren 1522 und 23 enthalten dieß und noch mancherlei anders Detail. Z. B. Ruͤ- digkheim und Reuschlein „haben im Junio 2 Waͤgen mit Kupfer be- laden zwo Meil von Frankfurt angenommen und die Fuhrleut un- gescheut benoͤthiget, daß sie das Kupfer in das Schloß Ruͤcking dem von Ruͤdigkheim zugehoͤrig fuͤhren muͤssen.“ Dem Nuͤrnberger Buͤr- ger dem es gehoͤrt schreibt Ruͤdigkheim: wolle er das Kupfer wieder haben, so moͤge er kommen und es ihm abkaufen. Sie waren da- durch gereizt, daß Nuͤrnberg bei dem Kaiser wider sie geklagt hatte. Ein sehr bezeichnendes Beispiel der allgemeinen Un- sicherheit bieten die Frankfurter Acten vom Jahr 1522 dar. Philipp Fürstenberg, den die Stadt Frankfurt an das Regiment schickte, um an der Regierung des Reiches Theil zu nehmen, fand die Straße von Miltenberg nach Wertheim, die er kam, so unsicher, daß er seinen Wagen Sickingen . verließ, und mit einigen Schneidergesellen auf die er ge- troffen, als wäre er einer von ihnen zu Fuße einen Sei- tenweg einschlug. Den Wagen sprengten einige Reiter mit aufgespannten Armbrüsten an. Um nur nach Wertheim zu kommen, mußte er sich noch auf dem Weg eine Bedeckung von fünf oder sechs Gefährten nehmen, die mit Büchsen oder Armbrüsten bewaffnet waren. Fuͤrstenberg aus Wertheim St. Petri und Pauli Tag ao̅ 22. „also hab ich meyn gnedigen Herrn gebeten, uns gen Wirtzburg zu verhelfen: ist er willig Gott helf uns furter —“ „Die Reiter sind zor- nig“, sagt er, „was ihnen anliege weiß ich nicht.“ In diesem Zustande nun, als das Regiment seine ei- genen Mitglieder nicht zu schützen vermochte, brach eine Fehde aus, wie zu Maximilians Zeiten keine so gewaltig das Reich in Bewegung gesetzt hatte. Franz von Sickin- gen wagte es, im August 1522, mit einem wohlgerüsteten Heer, Fußvolk Reiterei und Geschütz, einen Churfürsten des Reiches, den Erzbischof von Trier in seinem Land, sei- ner wohlbefestigten Residenz zu überziehen. In der Hauptsache war das eben auch nur eine Fehde, wie so viele andere: entsprungen aus persönlichem Mißver- ständniß, — eben dieser Churfürst hatte früher einmal be- sonders lebhaft die Hülfe des Reiches gegen Sickingens Gewaltthätigkeiten in Hessen aufgerufen: — begründet durch einige zweifelhafte Rechtsansprüche, namentlich auf ein Lö- segeld von welchem der Erzbischof losgesprochen, und das dann auf Sickingen übertragen war: berechnet auf Brand- schatzung und wo möglich Eroberung der festen Plätze. Man muß den Brief lesen, in welchem ein alter Vertrau- Drittes Buch. Viertes Capitel . ter Sickingens denselben von diesem Unternehmen abmahnt, um zu erkennen, welche Möglichkeiten des Gelingens oder Mißlingens hier erwogen wurden. Balthasar Schloͤrs Schreiben an Sickingen o. D. jedoch unmittelbar vor dem Ausbruch der Fehde: bei Guͤnther Codex di- plomaticus Rheno-Mosellanus V, p. 202. Dabei kamen nun aber einige andre Beweggründe ins Spiel, welche diesem Unternehmen eine universale Bedeu- tung gaben. Bei Sickingen war eine glückliche Feindselig- keit nicht mehr das letzte Ziel: er hatte größere Interessen im Auge. Es waren das vor allem die der Ritterschaft über- haupt. Wir wissen, wie sehr die Ritterschaft über den da- maligen öffentlichen Zustand mißvergnügt war: über den schwäbischen Bund, der zugleich Ankläger Richter und Voll- strecker der Urtel seyn wolle, — das Kammergericht, das nur den Schwachen zu finden wisse, aber den Mächtigen in Ruhe lasse, — das Umsichgreifen der fürstlichen Macht, die fürstlichen Gerichte, Zölle und Lehensein- richtungen. Der oberrheinische Adel hatte sich im Früh- jahr 1522 zu Landau vereinigt, seine Lehenssachen nur vor Lehnrichter und Mannen, wie vor Alters hergebracht, seine Streitigkeiten mit andern Ständen nur vor unpar- teiischen, mit rittermäßigen Leuten besetzten Gerichten „wo der Kleger den Antwurter erfordert vor sein des Antwurters Genoß, oder ungefehrlich dem etwas gemeß oder dar- uͤber, unparteilichs Rechten oder Austrags, vor die, so inlendisch der Sachen gesessen oder gelegen seyn.“ Bruͤderlicher Verein bei Muͤnch: Leben Sickingens Bd II, p. 188. ent- scheiden zu lassen, und einem Jeden dem dieß versagt werde zu Hülfe zu kommen: dazu hatte er Franz von Sickingen Sickingen . zu seinem allgemeinen Hauptmann ernannt. Eine Schrift Huttens, ungefähr vom Mai 1522, Beklagunge der Freistette deutscher Nation. Die Zeit er- giebt sich aus den Worten: Der (Kaiser) zeucht nun von uns wider Mher; sie wollen nit, daß er widerkheer. Diese Ideen reichen aber auch in das naͤchste Jahr, wie wir aus einer Schrift von Kettenbach sehen: Practica practicirt u. s. w. (Pan- zer II, p. 190) wo die Staͤdte ermahnt werden, sich nicht in die Fehde zwischen Adel und Fuͤrsten einzulassen. an die Reichsstädte ist ein Manifest der Gesinnungen die man in der Umge- bung Sickingens hegte. Nie sind die Fürsten heftiger der Gewaltthätigkeit und Unrechtlichkeit angeklagt worden: die Städte werden aufgefordert, die Freundschaft des Adels anzunehmen und vor allem das Regiment zu zerstören, das ihm als eine Repräsentation der fürstlichen Gewalt erschien. Dazu kam nun aber ferner die religiöse Neuerung. Zu einem Unternehmen gegen einen der mächtigsten geistli- chen Fürsten gab sie noch einen besondern Antrieb. Im Grunde ist es die Ebernburg wo der evangelische Gottes- dienst zuerst in seinen neuen Formen eingeführt ward. In Sickingens Umgebung hielt man die Austheilung des Abend- mahls unter beiderlei Gestalt nicht allein für erlaubt, wie damals noch in Wittenberg, sondern für nothwendig. Jo- hann Öcolampadius war der erste welcher die religiöse Befriedigung, die das Volk darin findet, alle Tage dem unverstandnen Murmeln der Messe zuzuhören, der Ceri- monie der Segensprechung beizuwohnen, und sich ohne viel Aufwand von Aufmerksamkeit oder Zeit Gott zu befehlen, geradehin verdammte, und die Messe nur noch Sonntags, mit Weglassung der Elevation und nur noch in deutscher Drittes Buch. Viertes Capitel . Sprache hielt. Oecolampadii Epistola ad Hedionem bei Gerdesius Histo- ria Evangelii: Tom. I, Monumenta p. 166. Von Sickingen selbst haben wir einen Brief, worin er sich gegen die Bilder ausspricht, welche mehr für schöne Gemächer als für die Kirchen geeignet seyen, und wider die Anrufung der Heiligen eifert; einem seiner Prediger, Joh. Schwebel, richtete er die Hochzeit aus. Unter seinen Freunden finden wir einen, Hartmuth von Kronenberg, den man als den ersten im Style einer spätern Zeit frommen vollkommen überzeugten Lutheraner betrachten kann. Schreiben Kronenbergs an die vier Bettelorden 25 Juni 1522; an die Einwohner von Kronenberg: bei Muͤnch Sickingen II, p. 145. 153. Durch die Verbindung mit diesen mächtigen Elemen- ten bekamen nun die Unternehmungen Sickingens eine un- gemeine Wichtigkeit. Ein großer Theil der Ritterschaft in dem ganzen Reiche war für ihn, und regte sich um ihn zu unterstützen. Auch die Unterstützung Luthers, dem er frü- her oft seinen Schutz angeboten, nahm er in Anspruch. In der That, es wäre kein schlechter Bund gewesen, wenn der Mönch, den die Nation wie einen Propheten verehrte, seinen Wohnsitz bei dem gewaltigen Rittersmann genom- men und ihn mit der Macht seines Wortes unterstützt hätte. Aber Luther hatte den großen Sinn, sich von allen politischen Verbindungen fern zu halten, keine Gewalt ver- suchen, einzig der Macht der Lehre vertrauen zu wollen. Von Sachsen bekam Sickingen überhaupt nur Abmahnun- gen. Wie sehr er dennoch auf diese nationale Hinneigung zählte, beweist fein Manifest an die Unterthanen von Trier, Sickingen . denen er verspricht, „sie von dem schweren antichristlichen Gesetz der Pfaffen zu erlösen und sie zu evangelischer Frei- heit zu bringen.“ Auszuͤge aus den Manifesten bei Meiners Leben Huttens p. 317. In seinem Kopfe durchdrangen sich die Gedanken eines fehdelustigen, einem mächtigen Fürsten sich gewachsen fühlenden Edelmannes, eines Oberhauptes aller Ritterschaft, eines Vorfechters der neuen Religionsmeinungen. Es ist nicht ohne Bedeutung, wenn Hutten in einem seiner Gespräche dem Sickingen eine feurige Lobeserhebung Zis- ka’s in den Mund legt: des unüberwindlichen Helden, der sein Vaterland von den Mönchen und unnützen Priestern gesäubert, ihre Güter zum allgemeinen Besten vertheilt, den Räubereien der Römer ein Ende gemacht habe. Monitor secundus Opp. IV, p. 144. Am 27 Aug. 1522 kündigte Sickingen dem Erzbischof Fehde an, vor allem um der Dinge willen „die er gegen Gott und Kaiserl. Maj. gehandelt;“ von dem Churfürsten von Mainz eher ins geheim unterstützt als verhindert, langte er nachdem er St. Wendel genommen, am 7 Sep- tember vor Trier an: mit 1500 Pf., 5000 M. und nicht geringem Geschütz zog er über den Marsberg daher. Diese Anzahl geringer als die gewoͤhnliche Angabe, enthaͤlt die Flersheimer Chronik: in Muͤnchs Sickingen III, p. 215. So viel wir sehen, rechnete er darauf, daß hier seine Freunde zu ihm stoßen würden, Rennenberg, der in Cleve und Jü- lich, der Bastard von Sombreff, der im Erzstift Cölln, Franz Voß, der im Limburgischen für ihn rüstete: auch aus Braunschweig sollte Nickel Minkwitz 1500 M. her- beiführen. In seinem Lager sprach man davon, daß er in Drittes Buch. Viertes Capitel . Kurzem Churfürst seyn werde, ja vielleicht noch mehr als das. Das ganze Reich wendete seine Augen dahin: der Abgeordnete des Herzog Georg von Sachsen schrieb an seinen Herrn, in viel hundert Jahren sey nichts so ge- fährliches wider die Fürsten des Reiches unternommen wor- den. Schreiben im Koͤn. Saͤchsischen Archiv. Es sey alles dahin gerichtet gewesen, behaupten Andre, daß man in Kurzem nicht hätte wissen sollen, wer König oder Kaiser, Fürst oder Herr sey. So erhob sich noch einmal das tumultuarische Ritter- wesen zu einer das ganze Reich bedrohenden Gewalt. Man kann es sich nicht recht ausdenken, was daraus werden sollte wenn es ihm gelang. Konnte wirklich aus der ritterlichen Unabhängigkeit, die nun zu voller Herrschaft gelangt wäre, eine einigermaaßen geordnete Regierung hervorgehn? Würde etwa die verwil- derte Selbsthülfe des damaligen Ritterthums durch die neue Predigt so leicht zu bezähmen gewesen seyn? Öcolampadius wenigstens fand auf Sickingens Burg einen harten Boden für seine Saat. Auch waren es an sich höchst ungleich- artige Elemente die hier vereinigt erschienen, das Ritter- thum, die eigenthümlichste Hervorbringung der mittlern Jahr- hunderte, die auf einer Zersetzung kräftiger Staatsgewalten beruhte, und die neue Lehre, welche die Tendenz in sich schloß, und sie schon ausgesprochen, eben dieser Staats- gewalt eine neue feste Grundlage zu verschaffen. Sickin- gen selbst hatte eine sehr anomale Stellung. Es wa- ren keineswegs ritterliche Kräfte die er ins Feld führte. Er stand an der Spitze eines geworbenen Heeres, das nur Sickingen . durch Geld zusammengehalten werden konnte, mit allem Apparat einer dem Ritterthum wesentlich entgegengesetzten Kriegskunst. Wunderbarer Anblick, wie die beherrschenden Kräfte verschiedener Zeitalter hier einander berühren und der Gedanke aufkommt, als könnten sie sich vereinigen, mit einander gehn. Wir können heut zu Tag wohl einsehn, wie unmöglich dieß war. Denn nur in lebendigem und wahrem Einverständniß mit dem Fortgang der Weltent- wickelung wird sich etwas Haltbares gründen lassen. Aber auch damals sah man ein, daß wenn das Fürstenthum besiegt, die noch keineswegs fest begründete Reichsordnung gewaltsam zertrümmert worden, nichts als ein ausschlie- ßendes wildes und doch wieder in sich selbst widersprechen- des Regiment des Adels zu erwarten sey. Es kam nun darauf an, wer die Vertheidigung der gefährdeten Ordnungen übernehmen würde. Das Regiment that so viel es vermochte. Abmahnun- gen ergiengen an Sickingen: Mandate an alle benachbarte Fürsten, sich seinem Vorhaben zu widersetzen. Auf Sickingen jedoch machten die Mahnungen des Regimentes wenig Ein- druck. Er entgegnete, er selber gedenke eine neue Ord- nung im Reiche einzuführen. Planitz an Churf. Friedrich 13 Sept. Sickingen habe ge- sagt, er wolle sich eines Thuns unterstehn, dessen sich kein Roͤmischer Kaiser unterstanden. 28 Spt. er habe den Boten des Regiments gesagt: er wißt vorwar, sein Herr der Kaiser werde nicht zuͤrnen, ob er den Pfaffen ein wenig strafet und ihm die Kronen eintraͤnkt, die er genommen haͤtte. Wirklich fieng man an zu glauben der Kaiser moͤge gar mit ihm einverstanden seyn. Der Kaiser sagte spaͤter, Franz habe ihm nicht so gut gedient um ihm Dinge dieser Art nachzusehen. Von einer Entscheidung des Kammergerichts wollte er nichts wissen: er sagte, er Drittes Buch. Viertes Capitel . habe ein Gericht um sich, besetzt mit Reisigen, wo man mit Büchsen und Carthaunen distinguire. Wohl ist es nicht wahrscheinlich, daß sein ganzes Heer gedacht habe wie er. Wenigstens das Regiment versichert, durch seinen Eifer sey Franzens Anhang und Macht vermindert worden: — allein um ihn zu Paaren zu treiben, waren doch ganz an- dre Kräfte nöthig, und alles lag daran, welchen Wider- stand Sickingen bei dem Angegriffenen und dessen Verbün- deten finden werde. Richard von Greiffenklau Erzbischof von Trier hatte die besten Anstalten getroffen. Das Kloster S. Maximin, auf dessen Vorräthe die Feinde gerechnet, hatte er in Brand stecken lassen: er selbst war mit der Fackel dazu herbeigeeilt: in der Stadt hielt seine Anwesenheit die Bewegungen nieder, die sich allerdings regten. Die Geistlichen stellten sich um den Dom her auf, die Bürger auf dem Markte: auf Mauern und Thürmen hielten die Söldner: der einheimische Adel, der sich von dem Stift nicht trennen lassen, hatte die An- führung. Und indem nun Sickingen, der einen raschen Schlag auszuführen gedacht, hier auf einen unerwarteten nachhal- tigen Widerstand stieß, begegnete ihm, daß seine Freunde und Verbündeten, durch deren Zuzug er erst in den Besitz seiner vollen Macht gekommen wäre, allenthalben aufge- halten oder geschlagen wurden. Der Herzog von Cleve und der Churfürst von Cölln geboten den Reitern die in ihren Gebieten geworben waren, bei Verlust ihrer Lehen, ja ihres Lebens, zu Hause zu bleiben. Dem jungen Land- grafen von Hessen gelang es, die Minkwitzische Truppe, Sickingen . die von Braunschweig daher zog, zu übermannen, ihren Anführer mit alle seinen Papieren in seine Gewalt zu be- kommen, hierauf diese Leute in seine eignen Dienste zu zie- hen. Schreiben Landgr. Philipps an den Churf. v. Trier 5 Spt. 1522 in Rommels Gesch. von Hessen Bd V, p. 858. Da wagten auch die westphälischen und lünebur- gischen Reisigen sich nicht ins Feld. Dagegen rüsteten sich der Churfürst von der Pfalz, der alte Gönner Sickingens, so gut wie der Landgraf von Hessen, sein erbitterter Gegner, ihrem Nachbar und Ver- bündeten von Trier zu Hülfe zu eilen. Sickingen, im Angesicht einer tapfer vertheidigten Stadt, im offenen, durch Verwüstungen erbitterten Lande, ohne die erwartete Unterstützung, wagte es nicht, das Zusam- mentreffen so übermächtiger Streitkräfte zu erwarten: er selbst entwickelte auch nicht die Kräfte und eigenen Hülfs- quellen des Talentes und der Tapferkeit, ohne die man sich so kühner Wagestücke nicht ungestraft unterfängt: am 14ten September mußte er sich entschließen, Trier zu ver- lassen. Diese Trierschen Ereignisse schildern Latomus, Browerus Annal. Trev. II, 340, der auch Latomus aufgenommen, Gesta Tre- virorum in Hontheims Prodromus p. 858, Chronicon S. Maximini ibid. p. 1035. In diesen acht Tagen liegt eine große Wendung der deutschen Geschicke. Die drei Fürsten, Repräsentanten der gefährdeten fürst- lichen Gewalt, bekamen jetzt die Oberhand über die em- pörte Ritterschaft und ihren Anführer. Sie begnügten sich nicht, das Erzstift von dem Feinde zu säubern: merkwür- Drittes Buch. Viertes Capitel . dig aber, auch Sickingen verfolgten sie nicht: sie wandten sich zunächst wider dessen Verbündete. Der Churfürst von Mainz, dem sie vorwarfen, einer Anzahl sickingenscher Pferde den Übergang über den Rhein nicht verwehrt zu haben, mußte seinen Frieden mit 25000 G. erkaufen. Der Gesandte des Herzog Georg sagt, das sey der Ursa- chen eine, „die andern stecken in der Feder.“ Hartmuth von Kronenberg, an dem der Landgraf vor allem den Antheil den er einst an dem Darmstadter Zuge Sickingens genommen, bestrafen wollte, ward in seiner Burg unfern Frankfurt aufgesucht. Der Landgraf wollte von Gnade und Unterhandlung nichts hören: er selbst hat zuweilen das Geschütz gerichtet. Der Ritter war noch zur rechten Zeit entwichen: seine Burg mußte sich aber am 16ten October ergeben; die drei Fürsten nahmen die Hul- digung in Person ein und die Stadt ist hierauf eine geraume Zeit hindurch als hessische Landstadt behandelt worden. Tendel: Beschreibung der Belagerung von Kronenberg bei Muͤnch III, p. 28. Dann gieng der Zug gegen Frowen von Hutten „weil er sich des Aufruhrs theilhaftig gemacht und erklärte Ächter bei sich aufgenommen:“ seine Burg Saalmünster ward erobert. Dasselbe geschah dem Philipp Waiß zu Haußen in der Fuldischen Mark, dem Rudeken in Rukingen: andre suchten sich durch Vertrag zu retten. Und schon drohte ein ähnliches Ungewitter den Ver- bündeten Sickingens auch in entfernten Gegenden. Der frän- Sickingen . fränkische Adel hatte ihn zwar nicht eigentlich unterstützt, aber in seinem Vorhaben bestärkt, sich im Ganzen zu ihm gehalten; der schwäbische Bund dagegen war mit den Für- sten, namentlich mit der Pfalz in Einung getreten, und forderte jetzt die fränkischen Ritter vor sein Bundesgericht, um sie wegen einiger Landfriedensbrüche zu vernehmen; die Ritter hielten sich nicht für verpflichtet, einer solchen Mah- nung Folge zu leisten, und kamen in Schweinfurt zusam- men, um Beschluß dagegen zu fassen: sie waren noch ent- schlossen sich zu vertheidigen: dem Bischof von Würzburg, der zuletzt in den Bund getreten war, kündigten seine Un- tersassen darüber entrüstet im Anfang des Jahres 1523 alle seine Ämter auf. Ganz Schwaben und Franken ge- rieth hierüber in Bewegung. Bei der Übermacht des Bun- des ließ sich das Ende des Kampfes leicht voraussehn, wofern nicht das Regiment ihn zu verhindern wußte. Für diese höchste Reichsbehörde bekam überhaupt das Ereigniß jetzt eine ganz andre Bedeutung. Früher war seine Autorität von Sickingen und dessen Freunden verspottet, bekämpft worden: auch hatte man dafür Sickingen auf die Anklage des Anwalts von Trier, ohne ihn den Reichssatzungen gemäß vorgeladen und verhört zu haben, bereits am 8ten October in die Acht erklärt; — allein in eine eben so trotzige, dem Regiment gefährliche Haltung warfen sich nun die Gegner Sickingens: statt den Geächteten zu verfolgen, griffen sie dessen vermeinte Ver- bündete an, deren Schuld nicht immer nachgewiesen war, und nahmen ihre festen Häuser ein: — der schwäbische Bund, der schon ohnehin behauptete, nur mit Vorbehalt seiner Ranke d. Gesch. II. 8 Drittes Buch. Viertes Capitel . Einung in das Regiment gewilligt zu haben, griff durch jene Ladungen offenbar in das Gebiet der Reichsgerichte über, und auf eine Erinnerung, Niemand über den Land- frieden zu beschweren, hielt er es nicht für der Mühe werth, auch nur eine Antwort zu geben. Denn mit der Macht ist auch natürlich der Anspruch verbunden. Wie die Unternehmungen Sickingens, die Gäh- rungen des fränkischen Adels nicht durch das Regiment unterdrückt worden waren, sondern durch die Übermacht und Kriegsgewalt der Nachbarn, so setzten diese auch den Kampf nach ihren eignen Interessen fort, ohne viel Rück- sicht auf die höchste Gewalt im Reiche. Vgl. Schreiben des Chf. von Trier 2 Nov. 1522 bei Muͤnch III, 33. Daher kam es, daß das Regiment gar bald Diejenigen in Schutz nahm, die es noch eben als seine Feinde betrach- tet hatte. Frowen von Hutten brachte ohne viel Mühe, nachdem die Meinungen der angesehensten Mitglieder des Kammergerichts vernommen worden, ein Mandat aus, durch welches die Fürsten aufgefordert wurden, ihm seine Häuser zurückzugeben; kurz darauf erfolgte ein förmliches Urtel zu seinen Gunsten. Zugleich drang das Regiment in die Fürsten, Churmainz der ihm so gewaltsam auferlegten Verpflichtungen zu entlassen. Planitz vom 4ten Februar 1523: sie sollen ihm seine Ver- schreibung zuruͤckgeben und Sickingen zu guͤtlichem Verhoͤr kommen lassen. Diese Fürsten hätten ge- wünscht, gegen den geächteten Sickingen mit der Hülfe des Reiches unterstützt zu werden: aber weder bei dem Regiment noch bei den Ständen in den ersten Monaten Sickingen . des Jahres 1523 konnten sie dieß auswirken: wäre die Acht nicht schon ausgesprochen gewesen, so wäre sie jetzt wohl unterblieben. Planitz meint schon am 24 Nov. jetzt wuͤrde man Sickin- gen nicht in die Acht erklaͤren, „man haͤtte ihn denn citiert, — aber geschehn ist geschehn.“ Einige Mitglieder des schwäbischen Bundes trugen auf ein Verbot der ritterschaftlichen Zu- sammenkünfte und Verbindungen an: das Regiment war jetzt nicht mehr dahin zu bringen: es kündigte vielmehr den Rittern an, es werde sie mit Ausnahme deren welche gegen den Landfrieden gehandelt in seinen Schutz nehmen. Meines Erachtens bekam nun erst die Sache der Rit- terschaft ein wahres Interesse für die Reichsentwickelung. Mit jenem wilden Vorhaben eine unabhängige Macht zu gründen, war es vorüber. Ihr einziger Rückhalt war das Regiment: und mit diesem mußten sie sich verbinden. Da- durch nun daß sowohl die Ritter als das Regiment sich für die evangelischen Doctrinen erklärten, bekamen die ge- trennten Elemente einen engern Zusammenhang. Auch der Churfürst von Sachsen, die Hauptstütze des Regimentes, trat jetzt in eine gewisse Verbindung mit den Rittern. In dem zweiten Quartal des Jahres 1523, wo die Pflicht persönlicher Anwesenheit auf den Churfürsten von Mainz traf, vertrat dessen Vetter, der Hochmeister Albrecht von Preußen seine Stelle: der damals noch keine andre Idee hatte, als die Herrschaft des Ordens, d. i. der deutschen namentlich der fränkischen und schwäbischen Ritterschaft in jenem Lande aufrecht zu erhalten, und die Kräfte des Reichs dafür in Bewegung zu setzen. 8* Drittes Buch. Viertes Capitel . So wenig man Sickingen vor dem Jahr die Erobe- rung von Trier hätte wünschen können, so wichtig war es doch, daß er sich gegen die Angriffe behauptete, die sich im Frühjahr 1523 wider ihn vorbereiteten. Sonderbares Schicksal! An die Erhaltung des Rit- ters der so oft den Landfrieden gebrochen und Gewaltsam- keiten ausgeübt, knüpfte sich jetzt, nachdem er geächtet war, ein Interesse der Reichsordnung. Auch gab er noch keineswegs seine Sache auf. Er glaubte Hülfe von Niederdeutschland und vom Oberrhein erwarten zu dürfen: Zuzug fränkischer und böhmischer Rit- ter: Beistand der Lutheraner. Von Landstuhl, wo er sich aufhielt, sah er eines Tages Reiter in den entfernten Ge- büschen erscheinen: er schmeichelte sich, es seyen Luthera- ner, welche sehen wollten was er mache; Hubert Th. Leodius Acta et gesta Francisci de Sickin- gen bei Freher Scriptt. Rer. Germ. III, p. 305. aber sie kamen nicht näher: sie banden die Pferde in jenem Buschwerk an: es war eben der Vortrab der Feinde, welche anlangten um ihn zu belagern. Indessen war er unbesorgt. Er zweifelte nicht, sich in der Feste die er erst vor kurzem hergestellt hatte, we- nigstens ein Vierteljahr halten zu können: seinen Verbün- deten werde Zeit bleiben zu kommen und ihn zu entsetzen. Da aber zeigte sich doch, daß er die Kriegskräfte, wie sie sich in dem letzten Jahrhundert entwickelt, nicht richtig berechnete. Er war jetzt darauf angewiesen sich wie die alten Ritter zu vertheidigen: es kam darauf an, ob die Bergspitze, die felsenfesten Thurmgewölbe, die dicken Mauern noch eine Freistatt gegen das Geschütz gewährten. Es Sickingen . zeigte sich sehr bald, daß die neue Kriegskunst der alten Vertheidigung zu mächtig war. Am 30sten April 1523 fiengen die Fürsten an, die Burg aus ihren Carthaunen, Nothschlangen und Scharfmetzen zu beschießen: sie waren sehr wohl versehen, sehr wohl bedient: der junge Landgraf, der in der Tracht eines Landsknechtes erschien, zeigte Muth und Geschicklichkeit: Lettera da Ispruch a dì 12 Mazo 1523 al S r Mch. di Mantoa. Il Landgrafio si è portato magnanimamente, essendo sempre stato de li primi, in zuppone con le calze tagliate et in corsaletto da Lanzichenech, et è giovane di 18 anni . (Venez. Chronik von Sanuto Bd 34.) noch an demselben Tag brach der große Thurm, von welchem ihr Lager übersehen und be- droht wurde, zusammen. Eben ihrer Neuheit halber leiste- ten die Mauern den Kugeln keinen rechten Widerstand. Indem Sickingen dieses unerwartete Unheil bemerkte, nach einer Schießluke gieng, und an das Sturmgeräth gelehnt, zu überblicken suchte wie es stehe, was sich etwa thun lasse, war eine Nothschlange eben dahin gerichtet worden und traf nur allzugut: die Werkzeuge der Vertheidigung wurden auseinandergeworfen, Sickingen selbst gegen einen spitzen Balken geschleudert und in der Seite tödtlich ver- wundet. Das ganze Haus war zerschossen; in dem einzigen Burggewölbe das sich gehalten, lag der Hauptmann ohne Hofnung; Hülfe wollte nicht erscheinen. Wo sind nun meine Herrn und Freunde, sagte Sickingen, die mir so viel zugesagt? wo ist Fürstenberg? wo bleiben die Schweizer die Strasburger? Er mußte sich entschließen zu capituliren. Bericht wie sich Franz von Sickingen Krieg verlaufen hat bei Spalatin Sammlung zur saͤchs. Gesch. V, 148. Drittes Buch. Viertes Capitel . Die Fürsten wollten ihm keinen freien Abzug zuge- stehn, worauf er der Sitte gemäß angetragen: er sagte, ich will nicht lange ihr Gefangner seyn. Kaum hatte er noch Kräfte die Artikel zu unterschreiben; in seinem Burgge- wölbe lag er im Sterben, als die Fürsten daselbst eintraten. Der Churfürst von Trier sagte: was hast du mich geziehen Franz, daß du mich und meine armen Leute im Stift überfallen hast? Und mich, fügte der Landgraf hinzu, daß du mein Land in meinen unmündigen Jahren überzo- gest? Sickingen erwiederte: ich habe jetzt einem größern Herrn Rede zu stehen. Sein Caplan Nicolaus fragte ihn, ob er zu beichten verlange. Er antwortete: ich habe Gott in meinem Her- zen gebeichtet. Der Caplan rief ihm Worte des letzten Trostes zu, und hob die Hostie empor. Die Fürsten entblösten ihr Haupt und knieten nieder: in diesem Augenblick verschied Sickingen: die Fürsten beteten ein Vaterunser für seine Seele. Den glaubwuͤrdigsten Bericht enthaͤlt die Flersheimer Chro- nik bei Muͤnch III, 222. Sickingen wird immer unvergeßlich bleiben: nicht gerade wegen großer Thaten von nachwirkendem Gehalt die er ausgeführt, auch nicht wegen einer außerordentlichen Tapferkeit, moralisch bedeutender Vorzüge die er entwickelt hätte, sondern wegen der neuen und großartigen Stellung in die er allmählig gelangte. Was ihn zuerst emporbrachte, war sein Verhältniß zu dem Churfürsten von der Pfalz, der ihn gegen seine Feinde brauchte, ihm Raum machte, Sickingen . Rückhalt verlieh, ihn insgeheim oder offen unterstützte. Da ward er aus einem nicht sehr bedeutenden Ritter, dem ein paar Burgen gehörten, in kurzer Zeit ein mächtiger Condottiere, der ein kleines Kriegsheer auf eigene Hand ins Feld stellen konnte. Je angesehener er aber wurde, desto mehr fühlte er sich auch versucht und berechtigt, seine eigne Politik zu befolgen. Zuerst in dem wirtenbergischen Kriege riß er sich von dem Churfürsten los, dem diese Un- ternehmung nicht eben sehr erwünscht kam. Doch auch an den schwäbischen Bund schloß er sich darum nicht an: sehr bald trat er vielmehr mit den fränkischen Rittern, die dieser anfeindete, in das engste Verständniß. Eben hierin liegt das Großartige seiner Haltung. Wir sahen wie sich einige Jahre früher Wirtenberg, die Pfalz, Würz- burg dem schwäbischen Bunde entgegensetzten und dabei auch die Ritterschaft auf ihrer Seite hatten. Jetzt hatten sich die Fürsten genöthigt gesehen in den Bund zu treten: Wirtenberg war besiegt worden: Sickingen und die Ritter- schaft hielten die Opposition allein aufrecht. Der Gedanke er- hob sich in ihnen noch einmal die alten Grundlagen der Un- abhängigkeit des Adels zu beleben, sich der Territorialherr- schaft geistlicher und weltlicher Fürsten zu entledigen, der neuen religiösen Überzeugung Bahn zu brechen. Es ist die eigenste Combination: mitten in den Gewaltsamkeiten die man begeht, hat man doch einen lebendig offenen Sinn für groß- artige Ideen: eben in dieser Verbindung besteht das Wesen des Adels jener Zeit. Indessen war man weder geistig so kraftvoll, noch politisch so mächtig, um Gedanken dieser Art durchzuführen. Wie Sickingen endlich das Fürsten- Drittes Buch. Viertes Capitel . thum nun entschieden angreift, erheben sich gewaltigere Mächte wider ihn: die Pfalz läßt ihn nicht allein fallen, sondern sie verbindet sich sogar mit seinen Gegnern zu sei- nem Verderben. So sahen das auch die Zeitgenossen an: wie das Gespraͤch zwischen Fuchs und Wolf beweist. Wolf: Wie mainstu hat der Pfalz- graff gethon, wir wolten gut feiste Boͤlz erlangt han? — Fuchs: Es ist bei Got war, derselb hat uns allein den Schaden thon des wir uns nit versehen. Da muß er erfahren, daß er doch nicht so mächtig ist wie er glaubte, daß die Kräfte die ihn ge- hoben, nicht ganz die seinen sind, und sich vielmehr wider ihn wenden: in diesem Conflict geht er unter. Die Eroberung von Landstein war ein Sieg des Für- stenthums über das Ritterthum, des Geschützes über die Burgen, in sofern der neuen Zeit über die alte, eine Be- festigung der einmal emporgekommenen selbständigen Ge- walten im Reiche. Alle Burgen Sickingens und seiner Freunde fielen nun in die Hände der Fürsten. Mit denen, welche im Herbst erobert worden, sind es im Ganzen 27. Was auf dem rechten Rheinufer lag, fiel dem Landgrafen zu, was auf dem linken theilten der Pfalzgraf und der Erzbischof. Auf der Ebernburg, dem einzigen Schloß das sich eine Zeit- lang hielt, machte man eine prächtige Beute, herrliche Kleinodien zu weltlichem und geistlichem Gebrauch: vor allem 36 Stück Geschütz, das schönste die Nachtigall, vom Meister Stephan in Frankfurt gegossen, 13½ Schuh lang, bei 70 Centner schwer, mit dem Bilde des Ritters, seiner Gemahlin, ihrer beiderseitigen Ahnen, und des Heiligen den sie früher vor allem verehrten, des h. Franz. Bericht bei Spalatin: a. a. O. p. 151. Diese er- Die fraͤnkische Ritterschaft . hielt bei der Theilung der Landgraf. Die Fürsten verpflich- teten sich, was sie mit einander gewonnen, auch mit ein- ander zu behaupten. Hierauf schieden sie am 6ten Juni von einander. In demselben Augenblick hielt der schwäbische Bund eine Versammlung zu Nördlingen, wohin er die des Land- friedensbruches angeklagten fränkischen Ritter vorgeladen. Einigen gelang es wirklich sich zu reinigen: andere waren zwar erschienen, aber ohne mit ihrer Entschuldigung durch- zukommen, sie wurden nicht zum Eid gelassen: nicht we- nige hatten es überhaupt verschmäht sich vor den Bundes- räthen zu stellen. Schreiben von Noͤrdlingen im Dresdner Archiv Anf. Juni 1523: „der Bund geht teglich zwir in Rath;“ vorzuͤglich Muͤllners Annalen, welche ein Tagebuch des ganzen Zuges enthalten. Gegen die beiden letzten Classen ver- sammelte sich am 15ten Juni zu Dünkelspiel ein Heer von 1500 zu Pferd, 15000 z. F.: unter dem Feldhauptmann Georg Truchseß: die Städte Augsburg, Ulm und Nürn- berg lieferten das Geschütz. Nuͤrnberg gab 2 Scharfmetzen, 2 Carthaunen, 2 Nachti- gall, 2 Nothschlangen, 6 Feldschlangen, 6 Halbschlangen, 60 Hacken auf Boͤcken. Einer so gewaltigen Kriegs- macht war nun jene Ritterschaft nicht gewachsen. Für das festeste Schloß in Franken ward Bocksberg unfern Mer- gentheim gehalten und dahin wandte sich auf den Rath der Nürnberger der Zug zuerst; die Rosenberge, denen es gehörte, hatten anfangs sich zu wehren gedacht, eine Schaar Landsknechte geworben und Büchsenmeister für ihr Geschütz angenommen: als sie diese Übermacht sahen, gaben sie den Widerstand auf: das Schloß ward mit seinen ganzen Vor- räthen ohne weiteres überliefert. Da wagte auch kein an- Drittes Buch. Viertes Capitel . deres zu widerstehn. Der Absberg ward ausgebrannt; in jenem Krügelstein war ein fester Thurm, noch oben im Um- gang acht Schuh dick, man hob ihn mit Pulver aus dem Grund; Waldstein, mitten in seiner Wildniß, wohin frü- her mancher Gefangene hatte wandern müssen, ward von dem Hauptmann der Stadt Augsburg, Wolf von Frei- berg zersprengt und zerstört; es werden 26 Schlösser ge- zählt, die in Besitz genommen wurden, denen großentheils dasselbe geschah. Es waren einige böhmische Lehen dabei, und anfangs hatten die Böhmen Miene gemacht am Ge- birge zu widerstehn: allein der Bund befahl seinem Haupt- mann, darauf keine Rücksicht zu nehmen, sondern nach seinen Instructionen zu verfahren: worauf die Böhmen zu- rückwichen und er seinen Auftrag vollständig ausführte. Es war eine allgemeine Niederlage der unabhängigen Ritterschaft. Eben indem sie von religiösem Feuer ergrif- fen, sich eine neue Bahn zu eröffnen gedachte, ward ihre Macht auf immer gebrochen. Es steht hiemit in innerm Zusammenhange, daß der Mann der zuerst die ritterliche Streitbarkeit mit der gei- stigen Bewegung in Verbindung gebracht, Ulrich von Hut- ten, nun auch in die Katastrophe verwickelt wurde. An den Unternehmungen Sickingens hatte er den unberechen- baren Antheil eines rathgebenden, antreibenden Freundes genommen: nothwendig ward er nun auch von der Nie- derlage betroffen. Seine Verwandten durfte er nicht mit seiner Anwesenheit gefährden, in Oberdeutschland duldeten ihn weder die geistlichen noch auch nunmehr die siegreichen weltlichen Gewalten: wie andre nach Sachsen wanderte er Tod Hutten’s . nach der Schweiz. Da kehrte ihm der ganze bittere und rathlose Zustand wieder, den er schon in seiner Jugend einmal ausgehalten. Auch hier ward er nicht allenthalben gern gesehen, wir finden ihn von Ort zu Ort weichen: er war in der unglücklichen Nothwendigkeit, die Hülfe und das Geld seiner literarischen Freunde in Anspruch zu neh- men: Manchem schien schon seine Nähe verderblich: Eras- mus, der seine vornehmen Verbindungen sorgfältig auf- recht erhielt, erschrak bei dem Gedanken, von ihm einen Besuch zu bekommen, vermied ihn, stieß ihn zurück; überdieß hatte ihn seine Krankheit noch einmal furcht- bar überfallen. Noch ließ der alte Streiter den Muth nicht sinken. Eben gegen Erasmus, den er als einen Ab- gefallenen betrachtete, ergoß er noch einmal alle Heftigkeit seiner Rhetorik. Allein so gewaltsamen Erfahrungen und Anstrengungen war er jetzt nicht mehr gewachsen. Ehe er noch die Antwort des Erasmus zu Gesichte bekam, machte die Krankheit seinem Leben ein Ende, — zu Ufnau auf dem Zürcher See, wohin ihn Zwingli an einen in der Heilkunde erfahrenen Pfarrer empfohlen hatte. Zwingli an Wolfhardt 11 Oct. „libros nullos habuit, su- pellectilem nullam praeter calamum.“ Epp. p. 313. Ein Glück für Luther, daß er mit der Ritterschaft nicht in engeren Bund getreten war. Die Ungunst dieses Geschickes würde auch ihn und die Lehre die er verkündete betroffen haben. Kehren wir dahin zurück wovon wir ausgiengen, so liegt am Tage, daß diese ganze Entwickelung nun vor al- lem dem Reichsregiment unerwünscht ja gefährlich seyn mußte. Für Sickingen hätte es zwar niemals etwas thun Drittes Buch. Viertes Capitel . können, da es sich durch seine Achtserklärung die Hände ge- bunden hatte: die Ritterschaft aber hätte es gern in Schutz genommen; allein was vermochte es gegen zwei so gewal- tige Heere, wie sie jetzt zu Feld lagen, das des Bundes und das der Fürsten? Auch nahmen diese Gewalten durch ihren Sieg verstärkt nunmehr eine doppelt trotzige ja feind- selige Haltung. Die Fürsten erklärten das zu Gunsten des Frowen von Hutten ausgefallene Urtel für nichtig und un- rechtmäßig, Planitz 22 Juli. Er meint, unter solchen Umstaͤnden werde das Regiment nicht lange bestehen: „denn der dreier Fuͤrsten und des Bunds Vornehmen will sich mit unsern gethanen Pflichten gar nicht leiden.“ sie verwarfen das Verfahren des Regimentes in dieser und in allen andern Sachen. Und indem gesellte sich dieser drohenden Feindseligkeit noch eine andre von nicht minderer Bedeutung hinzu. Die Städte und der kaiserliche Hof. Eben unter diesen Umständen hätte es nun höchst ein- flußreich werden müssen, wenn jener Zoll, durch welchen dem Regiment eine bei weitem größere Macht zufallen mußte, eingerichtet worden wäre. Man hätte nicht daran zweifeln sollen: die Stände hatten ihn beschlossen, der Kai- ser schon im Voraus seine Zustimmung gegeben. Ein Fou- rier des Statthalters hatte bereits Acten und Abschied des Reichstags nach Spanien überbracht. Allein wir wissen, wie sehr sich die Städte dadurch verletzt und gefährdet glaubten: sie waren entschlossen, sich in diese Einrichtung nicht gutwillig zu ergeben. Auch noch gar manche andere Beschwerden hatten sie. Opposition der Staͤdte . Schon im Jahre 1521 war der Beschluß über den Römerzug gefaßt worden, ohne daß man wie herkömmlich die Städte zur Mitberathung gezogen hätte. Die Städte säumten nicht sich zu beschweren: man gab ihnen noch eine Erklärung die sie zufrieden stellte. Seitdem aber war nun durch die Versuche, die Be- dürfnisse des Reiches mit Steuern zu decken, welche den Städten besonders zur Last gefallen wären, durch den ent- schlossenen Widerstand den diese dagegen leisteten, durch die Angriffe auf die Monopolien auf der einen, das Fest- halten derselben auf der andern Seite der üble Willen zwi- schen den Städten und den höhern Ständen gewachsen: auf dem Reichstag von 1522, 23 kam er zu völligem Ausbruch. Am 11ten Dez. 1522 war eine allgemeine Versamm- lung der Stände angesagt: um die Vorschläge welche Re- giment und Ausschuß über eine den Ungern zu bewilligende Hülfe gemeinschaftlich machen wollten zu vernehmen und zu berathschlagen. Sonst war die Sitte, daß nach ge- schehenem Vorschlag das Regiment abtrat und die drei Collegien ihn in Berathung zogen. An diesem Tag aber trat das Regiment nicht ab: ohne Auseinandertreten ward der Antrag desselben von Churfürsten und Fürsten geneh- migt: so ward er den Städten vorgelegt. Die Städte, bei Vorschlägen dieser Art besonders stark betheiligt und schon immer etwas schwierig, baten sich Bedenkzeit aus, nur bis Nachmittag. Da empfiengen sie nun eine Ant- wort welche sie nicht erwarteten. Man sagte ihnen: „der Gebrauch im Reiche sey, was Churfürsten Fürsten und Drittes Buch. Viertes Capitel . andre Stände beschlossen, das lasse man sich auch von Seiten der Städte gefallen.“ Die Städte dagegen mein- ten: sollen sie Lieb und Leid mit andern Ständen tragen, so müsse man sie auch zu den Berathschlagungen ziehen: solle man thaten, müsse man auch rathen. Besonders die Geldhülfe war es, gegen die sie sich setzten: auch sie woll- ten nur Mannschaft stellen. Allein auf eine Eingabe, die sie deshalb machten, ward in der Ständeversammlung keine Rücksicht genommen: es ward ein Mandat verfaßt, worin ihnen die Leistung einer Hülfe die sie nicht verwilligt hat- ten, angemuthet wurde: sie baten sich aufs neue Bedenk- zeit aus: man wiederholte ihnen, das sey so nicht herge- bracht; — sie dachten zu antworten: da schlug es eilf Uhr und die Sitzung ward aufgehoben. Schreiben von Holzhausen an Frankfurt Dez. 1522. Frankf. A. Bd 36, besonders f. 110 die Supplik der Staͤdte. Die Städte waren hierüber um so mehr betreten, da man ihnen zugleich sagte, nur aus Gnaden sey es, daß man zwei ihrer Abgeordneten in den Ausschuß nehme, wäh- rend von den Grafen nur einer zugelassen werde: sie glaub- ten, es sey wohl die Absicht, sie auch von den Ausschüs- sen auszuschließen. Sie hatten im Jahr 1487 ihre alte Standesopposition aufgegeben, weil ihnen durch Vermittelung Churfürst Bertholds wesentlicher Antheil an den Berathun- gen verschafft wurde: und wir wissen, wie eingreifend dieser zu Zeiten war: jetzt glaubten sie, man wolle ihnen alle ihre Rechte entreißen und nur die Verpflichtungen fest halten. Da nun in Hinsicht auf die Monopolien und den Zoll Beschlüsse gefaßt wurden, die ihren Gewerben höchst Die Staͤdte und der kaiserliche Hof . nachtheilig zu werden drohten, da eine neue Supplication, in der sie ihre alten und neuen Beschwerden zusammen- faßten, so vergeblich war wie die frühern, so beschlossen sie, sich aus allen ihren Kräften zur Wehre zu setzen. Sie weigerten sich standhaft, in die Beschlüsse des Reichstags zu willigen: eine Anleihe die man ihnen an- muthete, und die von dem Ertrage der Auflage zum Tür- kenzug wieder erstattet werden sollte, lehnten sie hartnäckig ab. Hierauf ließen ihnen auch die Fürsten ihren Unwillen fühlen. „Die Reichsstädte,“ schreibt der Frankfurter Ge- sandte, Holzhausen 25, 26, 29 Januar 1523: Bd 37 der Frankf, AA., hier meine Hauptquelle. „scheiden in großen Ungnaden ab: die Zeit wird lehren was daraus entsteht: meine Heimfahrt wird mir schwer.“ Da war es nun ein Glück für die Städte, daß die Beschlüsse der Stände nicht sogleich Gesetzeskraft erlangten, daß sie erst nach Spanien geschickt und dem Kaiser zur Bestätigung vorgelegt werden mußten. Eine andre Hülfe gab es nicht für sie. Im März 1523 kamen die Städte in Speier zusammen, und beschlossen, wie ihrer übrigen Beschwerden so besonders des Zolles wegen, eine eigene Gesandtschaft an den Kaiser nach Spanien zu senden. Glücklicherweise haben wir einen Bericht über diese Gesandtschaft übrig, dem wir wohl einen Augenblick folgen dürfen, da er uns an einem Beispiel vergegenwärtigt wie die deutschen Angelegenheiten am kaiserlichen Hofe in Spa- nien getrieben wurden. Die Reise war doch sehr beschwerlich und langsam. Drittes Buch. Viertes Capitel . Am 15ten Juni vereinigten sich die Gesandten in Lyon: erst am 6ten August langten sie in Valladolid an. Vor- nehmlich die drückende Hitze, von der einige Mitglieder so- gar erkrankten, hatte sie aufgehalten. Sie begannen damit, außer Markgraf Johann von Brandenburg und dem Großcanzler vor allem die Räthe aufzusuchen, welchen die deutschen Geschäfte übertragen wa- ren, Hr. v. Rösch, Hannart, den Propst Märklin von Waldkirchen, Maximilian von Zevenberghen. Hierauf, am 9ten August, ertheilte ihnen der Kaiser in Gegenwart einer glänzenden Versammlung von Gran- den, Bischöfen und Botschaftern eine feierliche Audienz. Sie redeten ihn lateinisch an: in dieser Sprache antwor- tete ihnen in des Kaisers Namen der Großcanzler. Die Geschäfte mit ihnen zu besprechen, ward dann einer Commission übertragen, die eben aus den genannten vier deutschen Räthen bestand: am 11ten Aug. begannen die Verhandlungen. Die Gesandten hatten ihre Beschwerden in 6 Artikeln zusammengefaßt — über Session, Zoll, Kriegshülfe, Land- frieden, Monopolien, und einige minder bedeutende Sa- chen, — die sie den Commissarien zugleich deutsch und latei- nisch vorlegten und alsdann mit ihnen durchgiengen. Da- bei hatten sie Gelegenheit, ihre Wünsche mündlich vorzu- tragen. Die Räthe zeigten sich anfangs abgeneigt. Sie fan- den es unbillig, daß man die Frage über die Session jetzt erst, zu den Zeiten dieses jungen Kaisers in Anregung bringe, beklagten es, daß im Reiche Niemand etwas thun wolle Die Staͤdte und der kaiserliche Hof . wolle, da sich doch weder Regiment noch Gericht ohne Leistungen der Stände aufrecht erhalten lasse; und forder- ten die Städte auf, sich noch eine kurze Zeit zu fügen, sich auch der Reichshülfe zu Gunsten der Ungern, welche der Reichstag beschlossen, nicht zu entziehen. Wirklich war bereits auf den Betrieb eines andern kaiserlichen Rathes, des Doctor Lamparter eine Bestätigung der Reichsschlüsse vorläufig entworfen worden. Allein die Gesandten ließen sich so leicht nicht abweisen. Die Städte, erklärten sie, seyen bereit das Ihre zu leisten, z. B. zwei Beisitzer bei dem Kammergericht zu besolden, oder auch den Costnitzer Anschlag zu erlegen, aber nicht gemeint, die Unbilligkeiten zu dulden, die man gegen sie in Gang bringe. Diese Er- klärung unterstützten sie dann mit einigen besonders ein- dringlichen Bemerkungen. „Wer könne voraussagen, wie es mit den Zolleinkünften gehen werde? Man höre, schon sey ein Anschlag der Fürsten gemacht, sie unter einan- der zu theilen. Aber wenn auch nicht — man gehe damit um, einen römischen König zu wählen, der vermöge dieses Einkommens im Stande seyn werde sich zu behaup- ten.“ Genug sie hoben hervor, daß der Zoll dem Kaiser selber gefährlich werde: sie machten ihn überdieß aufmerk- sam, daß das Regiment nicht zum Besten des Kaisers be- setzt sey; den Räthen persönlich versprachen sie, „sich we- gen ihrer Mühe dankbarlich mit ihnen zu vergleichen.“ Hiemit hatten die Städte nun eben die Mittel getrof- fen, durch die man am kaiserlichen Hofe etwas ausrichtete. Bei der nächsten Zusammenkunft gab ihnen der Propst von Waldkirchen nicht undeutlich zu verstehen, der Kaiser Ranke d. Gesch. II. 9 Drittes Buch. Viertes Capitel . sey nicht geneigt den Zoll aufzurichten, als eine gehäßige Sache, auch denke er nicht das Regiment beizubehalten; aber er frage, wenn S. Mt die Regierung selbst in die Hand nehme, was dann die Städte für Dieselbe zu thun gesonnen seyen? Die Gesandten erwiederten, wenn der Kaiser ihnen willfahre und hernach ein leidliches Ansinnen an die Städte mache, so werde man sich dankbar und un- terthänig beweisen. Waldkirchen erinnerte, man sehe aus den alten Registern, daß den letzten Kaisern bei ihrer Thron- besteigung von den Städten ein Ehrengeschenk gegeben worden, warum habe man nur für diesen jungen Kaiser nichts gethan? Der setze sein ganzes Vertrauen auf die Städte: wären nur die Kriege nicht, so würde er mit ihnen einen graden und königlichen Weg wandern. Auch noch eine andre Sache kam hiebei zur Sprache. Der päpstliche Nuntius hatte sich beklagt, daß man zu Augsburg, Strasburg und Nürnberg den Lehren Luthers anhange und dessen Bücher drucke. Die Gesandten hier- über zur Rede gestellt, leugneten die Thatsache. Sie ver- sicherten, daß seit mehreren Jahren nicht ein Buchstabe von Luther bei ihnen gedruckt worden: durchziehende fremde Verkäufer dieser Schriften habe man sogar bestraft: so sehr der gemeine Mann nach dem Evangelium dürfte, die Men- schenlehre verwerfe, so seyen es doch die Städte nicht, bei denen Luther Schutz finde: man wisse wohl, wer ihn ver- theidige: die Städte seyen gesonnen nach wie vor der christ- lichen Kirche als christliche Glieder anzuhängen. Hierauf verständigte man sich über die wichtigsten Puncte. Am 19ten August ward eine nochmalige Zusam- menkunft der gesammten Commission mit den Gesandten Die Staͤdte und der kaiserliche Hof . gehalten, der jetzt auch der Graf von Nassau beiwohnte. Nachdem man die Thüren sorgfältig verschlossen, ward den Gesandten eröffnet, der Kaiser beabsichtige, die Regierung in seine Hand zu nehmen, einen tapfern Statthalter und ein stattliches Kammergericht zu verordnen: den Zoll aber nicht zur Ausführung kommen zu lassen. Die Bewilligung einer bestimmten Summe ward den Gesandten erlassen: aber sie versprachen, mit Hannart, der als kaiserlicher Commissar nach Deutschland kommen werde, ein Abkommen zu treffen. Auch wegen der Monopolien hatten die Gesandten, nicht eigentlich im Auftrag der gesammten Städte, aber im Namen der großen Gesellschaften, zu unterhandeln. Die Allgewalt des Geldes und der Geldbesitzer führte sie sehr bald zum Ziel. Dem Regiment sollte aufgegeben werden, auch in Hinsicht der Monopolien keinen Beschluß zu fas- sen, ohne nochmals bei S. Mt angefragt zu haben. Der gemeynen Frey und Reichs Stadt Potschafften Hand- lung bey Romisch Kayserl. Majestadt zu Valedolid in Castilia. Im Monat Augusti anno 1523. In den Frankf. AA. Tom. XXXIX fol. 39—56. Hierauf, nach wohl ausgerichtetem Auftrag, verließen die Gesandten Spanien. In Lyon hatten sie eine Audienz bei König Franz I , der seinen Unmuth über den Kaiser gegen sie ausschüttete. Im Dezember langten sie in Nürn- berg an, wo sich eben ein neuer Reichstag versammelte. Die Summe ist: zwischen den Städten und dem kai- serlichen Hofe war es zu einer Vereinbarung gegen den bisherigen Gang der Reichsverwaltung überhaupt, besonders aber gegen das Regiment gekommen. 9* Drittes Buch. Viertes Capitel . Und war es nicht sehr natürlich, daß die Hofräthe, die von Anfang mit dieser Verwaltung in Competenzen ge- rathen waren, die in dem Innern ausgebrochenen Mißhel- ligkeiten benutzten um sich derselben zu entledigen? Auch noch einen ganz besondern Grund hatten sie dazu. Wie die Städte es andeuteten, in Deutschland war wirklich der Gedanke rege geworden, einen römischen Kö- nig zu ernennen. Der eigene Bruder des Kaisers war es, den man dazu bestimmte: Ferdinand von Östreich. Man glaubte, so viel ich diese Sache übersehen kann, Ich schoͤpfe aus einem Convolut des Weimarischen Archivs, in welchem sich eine Anzahl zerstreuter Schreiben der vornehmsten Raͤthe des Erzherzogs an Churf. Friedrich finden, von denen ich in dem Anh. weitern Bericht zu thun gedenke. er werde im Einverständniß mit dem Regiment, in den Formen der gegründeten Verfassung regieren. Und am Tage liegt, daß diese erst dadurch, daß man ein nicht sehr mächtiges, von ihr abhängiges Oberhaupt in Deutschland gehabt hätte, zu ihrer Vollendung gediehen wäre. Kein Wunder aber, daß man die Anregung einer solchen Idee in Spanien sehr übel empfand: es hätte fast eine Abdankung des Kaisers darin gelegen. Auch übrigens war man dort mit Ferdinand schlecht zufrieden. Er machte unaufhörlich Anforderungen; nicht selten liefen Beschwerden gegen ihn ein; man hielt in Spa- nien seinen vertrautesten Rathgeber Salamanca für eben so eigennützig als ehrgeizig. Als Hannart nach Deutsch- land gieng, bekam er den Auftrag, Salamanca wo möglich zu entfernen und sich allen jenen hochfliegenden Plänen zu widersetzen. Reichstag von 1524. Sahen wir früher welche große Interessen des Staates und der Religion sich an das Bestehen des Regimentes knüpften, so sehen wir nun wie mächtige entschlossene Op- positionen ihm entgegentraten. Drei kriegerische, siegreiche Fürsten: der schwäbische Bund, der über so bedeutende Kräfte gebot: die reichen Städte: endlich, was freilich noch Niemand wußte, die kaiserliche Gewalt, die erst durch den Fall dieser ständischen Behörde wieder zu voller freier Wirksamkeit zu gelangen hoffte. Auch das Regiment hatte jedoch noch seine Stützen. Erzherzog Ferdinand versprach, es nicht fallen zu lassen, und einige seiner Räthe waren entschiedne Anhänger des- selben. Knüpften sich doch für ihn und für sie so große Aussichten daran. Der Churfürst von Sachsen, dem es hauptsächlich sein Daseyn verdankte, kam in Person an den Reichstag um es aufrecht zu erhalten. Der Churfürst von Mainz, der durch die drei Fürsten Gewalt erlitten, und das ganze brandenburgische Haus standen auf seiner Seite. An Sympathien in der Ritterschaft, deren Hof- nungen allein auf das Regiment sich gründen konnten, und in den Männern der religiösen Neuerung fehlte es ihm nicht. Daher trat es denn auch noch immer sehr sicher auf. Aller Veränderung in den Personen zum Trotz erhielt sich die einmal zu Stande gebrachte Majorität: wer nicht zu ihr gehörte, wie der Canzler von Trier, Otto Hundt von Drittes Buch. Viertes Capitel . Hessen, entfernte sich lieber. Otto v. Pack an Herzog Georg von Sachsen Freitag nach Luciaͤ (Dresdn. A.) meint, sie seyen ausgebissen. „Darnach wis- sen E. F. Gn. wer die andern seint, welche alle E. F. Gn. Abwe- sen wol erdulden koͤnnen.“ Der Fiscal leitete den Pro- ceß gegen die großen Gesellschaften ein. Es ward an ei- nem Strafurtel gegen die drei Fürsten gearbeitet. Dem Reichstag, welcher am 14ten Januar 1524 eröffnet ward, legte man die wichtigsten Propositionen vor, über die Mit- tel Regierung und Gericht zu erhalten, die Ausführung der Executionsordnung, die peinliche Gerichtsordnung und mehrere andre. Frankfurter Acten Band 39, in dem die Actenstuͤcke, Bd 40, in dem die Briefe Holzhausens von diesem Reichstag enthalten sind. Allein für jede Gewalt der Welt ist es ein Unglück, keine großen Erfolge für sich zu haben. Das Regiment war schon in Nachtheil. Es hatte den Landfrieden nicht handhaben, weder Sickingen noch dessen Gegner in Zaum halten können: der große Zoll-entwurf, auf den alles gegrün- det werden sollte, war gescheitert. Und jetzt erhob sich An- griff auf Angriff. Am 1sten Februar erschien der Anwalt der drei Für- sten, Dr Venningen in der allgemeinen Versammlung der Stände, und hielt einen langen, bittern und anzüglichen Vortrag wider das Verfahren des Regimentes. Ein Befehl des Kaisers ward vorgelegt, kraft dessen der gegen die Kaufmannsgesellschaften begonnene Proceß eingehalten ward: der Hof in Spanien forderte die Acten in dieser Sache an sich. Schon langte auch Hannart an. Er hielt sich von Reichstag von 1524. Anfang an die Gegner des Regimentes, den Churfürsten von Trier, in dessen Begleitung er kam, die Städte, von denen er ein Geschenk von 500 G. empfieng; Schreiben Ferdinands bei Bucholtz II, 46. dem Erz- herzog begegnete er bei der ersten Zusammenkunft nicht mit alle der Ehrerbietung die dieser erwartete; er hatte kein Hehl daß der Kaiser die Auflösung der jetzigen Regierung wünsche. Unter diesen Umständen begannen nun die Berathun- gen in der Ständeversammlung; bei dem Artikel über die zur Erhaltung des Regimentes nöthige Bewilligung mußte die Sache zur Entscheidung kommen. Das Regiment war doch der Ausdruck der ständischen Macht: war es zu glauben, daß die Stände selbst ihre Hand dazu bieten würden, es aufzulösen? Wir haben wahrgenommen, daß das Regiment sich in den frühern Reichsversammlungen die Majorität verschaffte, aber auch wie viel Mühe das machte, wie sehr sie schwankte. Jetzt waren nun eine Menge neue Antipathien hinzuge- kommen: die Interessen aller jener Fürsten und Städte, des Geldes und der Religion. Ungemein ist doch der Ein- fluß der großen Geldbesitzer auch in dieser Zeit. Die Fug- ger begünstigten die Wahl Carls V; wahrscheinlich trugen sie bei, die Bulle Leos X gegen Luther zu provociren; sie vermittelten die Verbindung der mißvergnügten Städte mit dem Hofe; durch sie hauptsächlich fiel der Entwurf des Zolles; jetzt waren sie so kühn, die Sache der Monopole, wo so viele Reichsschlüsse gegen sie ergangen, zu einer Anklage gegen das Regiment zu benutzen: denn, sagten sie, diese Behörde habe richterliche Befugniß darin aus- Drittes Buch. Viertes Capitel . üben wollen, während das doch allein dem Kammergericht zustehe. Holzhausen 12 Febr. 1524. Aus diesem Schreiben ergiebt sich, daß in der Monopoliensache nur Augsburg den Reichsbeschluͤs- sen Widerstand leistete. Alle uͤbrigen Staͤdte waren fuͤr die Abschaf- fung derselben. Dr Rolinger hatte den die Monopolien betreffenden Artikel eigenmaͤchtig in die den Gesandten nach Spanien mitgegebene Instruction gebracht. Der Bischof von Würzburg warf dem Regi- mente unverholen Begünstigung der neuen Meinungen vor: ein paar Capitularen, die er vor das geistliche Ge- richt gestellt, weil sie sich verheirathet, habe es freigegeben: einen Chorherrn, der wegen lutherischer Grundsätze verjagt worden, habe es mit sicherm Geleite unterstützt. So vie- len feindseligen Einflüssen gegenüber war doch die bishe- rige Majorität nicht compact genug. Nach einigen De- batten einigem Schwanken schlug sie zum Nachtheil des Regimentes um. So weit gieng man zwar nicht, daß man gradezu auf die Auflösung desselben angetragen hätte, man beschloß aber, am 20sten Februar, über seine Erhal- tung nicht berathschlagen zu wollen, wofern es nicht vor allen Dingen anders besetzt sey: in die bisherige Besetzung könne man nicht mehr willigen. Auch damit aber war doch schon die Sache entschie- den. Es kam darauf an, aus der Mitte der Stände eine kräftige Regierung hervorgehn zu lassen: was ließ sich aber in Zukunft erwarten, wenn die Mitglieder des bisherigen Collegiums, welche ihre Pflicht sehr ernstlich genommen und wirklich einmal zu regieren angefangen hatten, abgesetzt wurden, ohne daß man ihnen irgend eine der Rede werthe Verschuldung hätte nachweisen können. Welchen Muth, welche Selbständigkeit konnten Deren Nachfolger haben! Reichstag von 1524. Es zeigte sich aufs neue, daß die mächtigen Stände, welche das Reich ausmachten, von Einem Mittelpunct aus nicht zu regieren waren. Friedrich der Weise von Sachsen fühlte die ganze Be- deutung dieses Beschlusses. Die Idee einer ständischen Re- gierung, für welche er alle seine Lebtage gearbeitet, sah er am Ende seiner Tage scheitern. Er sagte: einen solchen Reichstag habe er noch nicht erlebt: Wenigstens entschuldigte ihn der Dompropst von Wien gegen Campeggi, der nach dem Grunde seiner Abwesenheit fragte, mit diesen Worten. Schreiben von Wolfstal 14 Maͤrz. Weimar. Arch. Die Ita- liener meinten, er sey gegangen, eben weil der Legat gekommen, „assai sdegnato“ wie der Venezianer Ziani sich ausdruͤckt, Disp. 29 Martio. Derselbe bemerkt daß Nuͤrnberg schon voͤllig vom Katholicismus abge- fallen: Di qui è totalmente scancellata la sincera fede. er verließ ihn am 24sten Februar: er ist nie wieder auf einem erschienen. Noch weigerte sich zwar Erzherzog Ferdinand in den Beschluß zu willigen: er hat sogar die Städte noch ein- mal persönlich für das Regiment zu gewinnen gesucht; al- lein nach einiger Zeit bemerkt der sächsische Gesandte, seine Räthe seyen über diese Sache nicht mehr derselben Mei- nungen: es scheint als habe Hannart, statt Salamanca zu stürzen, ihn vielmehr auf seine Seite gezogen: die Zu- schrift wenigstens, durch welche der Kaiser den Churfürsten von Sachsen aufforderte, zur Entfernung Salamancas mit- zuwirken, lieferte er demselben nicht aus: endlich wirkte das auch auf Ferdinand: „nachdem er neun Wochen fest- gehalten,“ schreibt der sächsische Gesandte am 1sten März, „ist er jähling abgefallen.“ Er gab zu, daß nicht ein einziges Mitglied des alten Regimentes in das neue auf- genommen werden dürfe. Nach einem Schreiben Wolf von Wolfstals sagte Ferdinand Drittes Buch. Viertes Capitel . Auch das Kammergericht ward einer Reinigung un- terworfen. Man fragte nicht, ob die Beisitzer fleißig oder nachläßig, geschickt oder ungeschickt seyen, sondern nur, ob sie dem Adel gegen die Fürsten beigestanden, ob einer den Fiscal in Verfolgung der Monopolisten unterstützt habe. Auch ihre religiöse Haltung ward in Betracht gezogen. Dr. Kreutner, Assessor für den fränkischen Kreis, ward sei- nes Amtes entlassen, weil er an einem Fasttage Fleisch ge- gessen, ohne Rücksicht darauf, daß er noch einen Rückstand von mehr als 1000 G. zu fordern hatte. Da kommen wir auf die Hauptfrage, in wie fern diese große Veränderung auf die Behandlung der religiösen Angelegenheiten zurückwirkte. Die Sache des Regiments und der religiösen Neuerung war, wie wir auch hier bei jedem Schritte sehen, verbündet: wiewohl nicht ununter- scheidbar; es fragte sich nun ob die Stände die das Re- giment fallen lassen, auch der religiösen Neuerung Ungunst beweisen würden. Nach dem unerwartet frühen Tode Adrians VI war die strengere Gesinnung, die sich in ihm zu erheben be- gann, wieder beseitigt worden. In Clemens VII hatte ein Papst den Thron bestiegen, der wie seine frühern Vor- gänger vor allem entschlossen war, die päpstlichen Vor- rechte aufrecht zu erhalten, die weltlichen Kräfte des Kir- chenstaats für persönliche oder allgemeine politische Zwecke zu benutzen, ohne daß er sich um die Nothwendigkeit einer Reform ernstlich gekümmert hätte: einen Mann seiner eig- schon am 17 April: daß Hannart ihn sampt ihm selbst verfuͤhrt, wie wenn ein Blinder den andern fuͤhrt. Reichstag von 1524. nen Gesinnung, Lorenzo Campeggi sendete derselbe an den deutschen Reichstag. Campeggi fand Deutschland, das er vor einigen Jah- ren noch im Glanze einer unerschütterten, für heilig gehal- tenen Autorität durchzogen, in vollem Abfall begriffen. In Augsburg ward er verspottet, als er bei seinem Einzug, dem Herkommen gemäß, mit erhobener Hand den Segen ertheilte. Hierauf rieth man ihm und auch er selbst hielt für das Beste, ohne alle Cerimonie in Nürnberg einzuziehen. Er kam ohne Cardinalshut: er machte kein Zeichen des Segnens, des Kreuzes: er ritt nicht nach der Sebaldus- kirche, wo die Clerisei seiner wartete, sondern ohne sich aufzuhalten nach seiner Wohnung. Das Regiment ließ ihm sagen: „daß er seinen Segen und Kreuz zu thun vermeyd, angesehen wie es deshalb jetzund stee.“ Fei- litzsch an Friedrich von Sachsen 11 Maͤrz. Auch war es als ob seine Anwesenheit den Eifer der reformirenden Prediger statt ihn zu dämpfen erst recht ent- flammt hätte. Unter den Augen des Legaten bezeichneten sie den Papst als den Antichrist. Am Palmsonntag wur- den keine Palmen gestreut: in der Charwoche ward die Cerimonie der Niederlegung und Aufrichtung des Kreuzes unterlassen: bei Tausenden nahm man das Abendmahl un- ter beiderlei Gestalt. Planitz (28 Maͤrz) rechnet 4000. „Ist deshalb Muͤhe und Erbett, und sunderlich, daß es des Regiments Personen eines Theyls also genommen.“ Er bemerkt daß Ferdinand uͤber das Bezeigen sei- ner Schwester sehr unwillig sey. „Nicht weiß ich wie es gehn will.“ Nicht allein gemeine Leute thaten dieß: man bemerkte unter den Communicanten mehrere Mitglieder des Regimentes; ja die Schwester des Erzher- Drittes Buch. Viertes Capitel . zogs, Isabella, Königin von Dänemark, auf dem Schlosse zu Nürnberg, empfieng es auf dieselbe Weise. Es ist wohl sehr möglich, daß diese offenen Bezei- gungen in Ferdinand, auf den die neuen Doctrinen keinen Eindruck machten, wie er denn in der Strenge des spani- schen Katholicismus erzogen war, den Entschluß, das Re- giment fallen zu lassen, beförderten, und leicht mag es seyn, daß der päpstliche Legat darauf Einfluß gehabt hat. We- nigstens war der Fall des Regimentes, welches die neuen Meinungen in Schutz genommen, zugleich ein Vortheil für die Behauptung des Katholicismus. Und vielleicht gründete der Legat hierauf die Hofnung, nun auch in den religiösen Angelegenheiten überhaupt eine günstige Entscheidung der Stände hervorzurufen. Er be- schwerte sich über die unter seinen Augen vorgenommenen Neuerungen. Er erinnerte die Stände an das zu Worms erlassene Edict: er könne nicht begreifen, wie es im Reiche zugehe, daß man Anordnungen dieser Art doch so wenig ausführe. Auch Hannart forderte im Namen des Kaisers die Beobachtung des Edictes. Da zeigte sich aber, daß bei dem bisherigen Gange der Dinge die Religion vielleicht bei Einzelnen mitgewirkt, jedoch die Sache keineswegs entschieden hatte. Wären die politischen Beweggründe nicht gewesen, ihrer religiösen Ten- denz halber würde man die Regimentsräthe niemals ab- gesetzt haben. Mit jenen Beschwerden machte der Legat keinen Eindruck. Ein Theil ist unwillig, schreibt Planitz, der mehrere Theil lacht. Die Städte, die so viel zum Sturze des Regiments beigetragen, geriethen bei der Er- innerung an das Edict in Feuer und Flammen. Sie er- Reichstag von 1524. klärten: der gemeine Mann sey voll Begierde nach dem Worte Gottes, es ihm entreißen zu wollen, würde Auf- ruhr, Blutvergießen und das allgemeine Verderben veran- lassen: bei den Beschlüssen des vorigen Jahres müsse man schlechterdings beharren. Mit einem Worte: in Sachen der Religion behauptete sich die alte mit Rom unzufrie- dene Majorität in den Reichsständen. Bald nach seiner Ankunft erinnerte man den Legaten an die hundert Be- schwerden der Nation, welche man seinem letzten Vorgän- ger mitgegeben. Man hatte das in Rom erwartet, man hatte dem Abgeordneten die Instruction ertheilt, sich an- zustellen als sey die Beschwerdeschrift nicht wirklich im Namen der Fürsten in Empfang genommen worden. Pallavicini I, 222: che dissimulasse che la scrittura si fosse ricevulta per nome de’ principi. Demgemäß antwortete Campeggi mit sehr unumwölkter Stirne, von jenen Beschwerden sey gar keine amtliche Kunde nach Rom gelangt: in drei Exemplaren möge der Druck nach Rom gekommen seyn, auch er habe eins ge- sehen, sich jedoch nicht überreden können, daß eine „so übermäßig ungeschickte Schrift“ von dem Reichstag aus- gegangen sey. Eine Erklärung die sich denn allerdings nicht eignete, die weltlichen Stände zu befriedigen, die es mit den so oft berathenen und so mühsam zu Stande gebrach- ten Beschwerden sehr ernstlich gemeint hatten. Auch das persönliche Betragen des Legaten, dem man einen kleinlichen Geiz, empörende Übervortheilungen armer deutscher Geistlichen Schuld gab, war seinen Unterhand- lungen nicht förderlich. Ausfuͤhrliche gleichzeitige Erzaͤhlung, wie der Legat durch das Drittes Buch. Viertes Capitel . Als es nun zu den entscheidenden Berathungen über die religiöse Angelegenheit kam, so bewirkte wohl die Con- sequenz des Geschäftsganges, die Anwesenheit des kaiserli- chen Commissars so viel, daß die Stände nicht in Abrede stellten, zur Ausführung des Wormser Edictes verpflichtet zu seyn: allein sie fügten diesem Eingeständniß eine Clau- sel hinzu, die doch wieder das Gegentheil enthielt: die Er- klärung: es ausführen zu wollen, so viel als möglich : eine Modification von so weitem Umfang, daß doch einem Jeden überlassen blieb was er thun wolle. Schon hatten die Städte weitläuftig vorgestellt, es sey nicht möglich! Zugleich ward die Forderung eines Conciliums erneuert, welches der Papst mit kaiserlicher Bewilligung in deut- scher Nation ausschreiben solle, und der Legat übernahm das bei S. Heiligkeit treulich zu fördern. Konnte man sich jedoch hiebei wirklich beruhigen? bei der allgemeinen Gährung der Geister das Zusammen- treten einer in so weiter Ferne liegenden Kirchenversamm- lung und ihre Beschlüsse erwarten? Konnte die deutsche Nation die Einheit ihrer antirömischen Tendenzen, die so tiefe Wurzeln geschlagen, so weit aufgeben, um es auf die Resultate einer Versammlung aus allen Nationen ankom- men zu lassen? Eben in dem Augenblicke, als die Vertreter der re- formatorischen Absichten, die im Regiment saßen, gestürzt Versprechen einer Pfruͤnde den geschickten armen Schoner dahin ge- bracht, ihm seine mathematischen Instrumente zu verehren, und ihm dann weder die Pfruͤnde verschafft, noch die Instrumente verguͤtet habe, bei Strobel: Nachricht vom Aufenthalt Melanchthons in Nuͤrn- berg p. 18. Reichstag von 1524. wurden, fühlte man die Nothwendigkeit doppelt, ihre Be- strebungen auf irgend eine andre Weise zu ersetzen: die Vertheidiger der Neuerung nahmen ihre Kräfte um so mehr zusammen und brachten es zu dem merkwürdigsten Be- schluß. Noch war die Frage übrig, welche früher so wichtig geworden, wie es mittlerweile, bis zu dem Concilium, in Deutschland gehalten werden solle. In dieser Hinsicht faßte man allem Widerspruch zum Trotz einen Beschluß, der noch außerordentlicher und weitaussehender war, wie der vorjährige. Man setzte fest, daß noch in dem laufen- den Jahre im November eine Versammlung der Stände zu Speier gehalten werden solle, um darüber definitiv zu berathschlagen. Zu dem Ende sollten die Fürsten von ihren Räthen und Gelehrten die streitigen Puncte verzeichnen lassen, über die man dort zu Rathe gehn und Bestimmung treffen wolle. Auch die Beschwerden der Nation und ihre Abhülfe wollte man da aufs neue in Erwägung ziehen. Indessen sollte, wie vor dem Jahr beschlossen, das heilige Evangelium und Gottes Wort gepredigt werden. Abschied des Reichstags zu Nuͤrnberg aufgericht: 18ten April 1524. Wenn man nach diesem Abschied die Schrift Luthers liest: „zwei kaiserliche uneinige und widerwaͤrtige Gebote“ (Altenb. II, 762), so erstaunt man daß er so wenig damit zufrieden ist. Das ruͤhrt aber daher, daß in dem Mandat, welches auf den Abschied gegruͤn- det wurde, die Bestimmung daß das heilige Evangelium gelehrt wer- den solle weggelassen, und dafuͤr ein ganz außerordentlicher Nachdruck auf die Beobachtung des Wormser Edictes gelegt ist; die Clausel so viel moͤglich findet sich zwar darin, aber sie verschwindet fast unter dem Schwall der Wiederholungen des Wormser Edictes. Man sieht daraus, welchen Einfluß nach Abschaffung des alten Regimentes die Reichscanzlei empfieng. Den Abschied selbst scheint Luther nicht ge- Drittes Buch. Viertes Capitel . Es ist wohl wahr: die römisch gesinnte Partei, durch den Sturz des Regimentes ermuthigt, hatte an diesem Reichstag wieder etwas mehr Einfluß: jedoch noch war sie durch eine überlegene Majorität beschränkt: entschiedner als je nahm die Nation, dem Papst und der Einheit der lateinischen Christenheit gegenüber, in kirchlichen Dingen die volle Autonomie in Anspruch. kannt zu haben, noch weniger die demselben vorhergegangenen Ver- handlungen. Fuͤnf- Fuͤnftes Capitel . Ursprung der Spaltung in der Nation. Es ist schon fast herkömmlich geworden — und wer hätte nicht einmal eine Anwandlung dazu gefühlt? — die kirchliche Reform, wie sehr man sie auch sonst billigen mag, doch deshalb zu tadeln, weil sie die Trennung unsrer Na- tion in zwei niemals ganz einverstandene und so oft feind- selige Hälften veranlaßt habe: den Anhängern der Neue- rung giebt man Schuld, sich von der Einheit des Reiches wie der Kirche abgesondert zu haben. So scheint es in der That, so lange man die Sachen aus der Ferne ansieht; wenn man ihnen dagegen näher tritt, und die Ereignisse ins Auge faßt welche die Spal- tung entschieden haben, so stellt sich, wenn ich nicht irre, ein ganz andres Resultat heraus. Welcher Confession man auch heute angehören mag, kein Mensch kann leugnen, und die katholisch-eifrigsten Zeit- genossen, z. B. Emser, haben es bekannt, daß die latei- nische Kirche einer Reform bedurfte. Ihre Verweltlichung überhaupt, der immer starrer und unverstandner sich fort- bildende Particularismus ihrer Dogmen und Dienste mach- Ranke d. Gesch. II. 10 Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . ten dieß zu einem religiösen, die nicht allein pecuniär be- schwerlichen, den Überschuß der finanziellen Erträge auf- zehrenden, sondern auch übrigens die Einheit der Nation zersetzenden, ja jede Bildung einer selbständigen Macht ver- hindernden Eingriffe des päpstlichen Hofes machten es zu einem nationalen Bedürfniß. Und dürfte man etwa sagen, daß diese Verbesserung auf eine ungehörige Weise versucht worden sey? Weder von der religiösen noch von der nationalen Seite würde sich das nachweisen lassen. Noch abgesehen von allen nähern Bestimmungen des protestantischen Dogma, die sich erst nach und nach Gel- tung verschafften, so lag die Summe der religiösen Bewe- gung darin, daß der in die Tiefe des germanischen We- sens gesenkte Geist des Christenthums nach und nach zu dem Bewußtseyn seines von allen zufälligen Formen un- abhängigen Selbst gereift war, sich nach seinem Ursprung zurückwandte, zu jenen Urkunden in welchen sich der ewige Bund der Gottheit mit dem menschlichen Geschlecht un- vermittelt ausgesprochen hat, hier seiner Wahrheit gewiß wurde, und sich zu einer entschlossenen Verwerfung unhalt- barer Theorien und erdrückender Ansprüche ermannte. Wer hätte sich verbergen wollen, daß durch die hie- mit nothwendig gewordene Abweichung von den bisheri- gen kirchlichen Formen, die in das bürgerliche und öffent- liche Leben so mächtig eingriffen, der gesammte bestehende Zustand der Nation bedroht wurde? Allein wir sahen, wie sorgfältig man alle destructiven Elemente zu beseitigen suchte, wie man sich selber bezwingend jede gewaltsame Verände- Ursprung der Spaltung in der Nation . rung vermied und noch alles von den Beschlüssen des Rei- ches erwartete. Man werfe nicht ein, daß Zwietracht eingetreten, wie wir bemerkten, Action und Reaction einander begegnet sey: wo könnte es einen bedeutenden Lebensmoment in einer großen Nation geben, ohne dieß Hin und Wiederfluthen entgegengesetzter Meinungen? Es kommt nur darauf an, daß die Entzweiungen nicht die Oberhand gewinnen, und über ihnen noch das Prinzip der Einheit anerkannt werde. Darauf war in Deutschland im Jahre 1524 noch alles angelegt. Die der Neuerung Zugethanen hatten sich der ver- fassungsmäßigen Regierung des Reiches doch immer un- tergeordnet: unter dem Schutz und Vorgang derselben hoff- ten sie zu einer den Bedürfnissen der Nation und den For- derungen des Evangeliums zugleich entsprechenden Umbil- dung der geistlichen Einrichtungen zu gelangen. Die Majorität des Regiments wirkte wie wir sahen in diesem Sinne auf die Stände. Allen Bemühungen der Gegner und der mannichfachen anderweiten Verwirrung in der man war zum Trotz, bildete sich auch in der Reichs- versammlung eine der Neuerung geneigte Mehrheit. Es kamen zwei Reichsabschiede in ihrem Sinne zu Stande. Auch als das Regiment gefallen war, erhielt sich diese Mehrheit noch, und beschloß auf einer Nationalversamm- lung, auf einen nahen Termin angesetzt, sich ausschließend mit einer definitiven Berathung über die religiösen Ange- legenheiten zu beschäftigen. Gewiß gab es für die Einheit der Nation, für die 10* Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . Fortentwickelung der Deutschen auf dem einmal eingeschla- genen Wege niemals eine großartigere Aussicht. Will man wissen wie sehr sie die Gemüther beschäf- tigte, so braucht man nur Franken ins Auge zu fassen, wo noch während des Sommers 1524 sechs Gutachten alle im Geiste der evangelischen Entwickelung zum Vorschein kamen um auf dieser Versammlung vorgelegt zu werden. Luther fühlte sich glücklich und befriedigt, als er den Rath- schlag der brandenburgischen Gelehrten zu Gesichte bekam: das sagte er sey Münze vom rechten Schlag, mit der er und seine Freunde in Wittenberg so lange schon umgegan- gen. Nicht so vollkommen übereinstimmend war das Hen- neberger: die Lehre Luthers vom freien Willen ward darin bestritten; allein übrigens war es gut evangelisch: es ver- warf die Anrufung der Heiligen, die sieben Sacramente, die Mißbräuche der Messe. Die Eingaben von Windsheim und Wertheim eiferten besonders gegen die Heiligen, die nürnberger gegen den Papst; von den zwei Parteien welche Rothenburg theilten erschien wenigstens die eine mit einem evangelischen Gutachten. Auszuͤge bei v. d. Lith Erlaͤuterung der Fraͤnk. Reforma- tionshist. p. 41. Aber nicht minder rüstete sich auch die andere, näher zum Alten haltende Seite. Unter andern forderte Ferdinand seinen Universitäten Wien und Freiburg ausführliche Erklärungen über die streitigen Puncte ab. In Wien schickten sich die Facultäten bereits an, ihre Gutachten aufzusetzen, und die theologische ermahnte die übri- gen, daß keine die andre beleidigen möge. Raupach Evangel. Oͤstreich II, 29. Einer aͤhnlichen An- mahnung von dem Churfuͤrsten v. d. Pfalz an die Universitaͤt Hei- delberg gedenkt Struve: Pfaͤlzische Kirchenhistorie p. 19. Man sieht, Ursprung der Spaltung in der Nation . in Speier würden einander die mannichfaltigsten Modifi- cationen der Meinung entgegengetreten seyn, sich gegen einander versucht haben. Zu welchen Resultaten hätte es führen müssen, wenn man vermocht hätte, die Absicht durch- zuführen die man ausgesprochen hatte, sich gemäßigt und friedlich zu unterreden, das Gute und Böse von einander zu sondern. Es ließ sich wohl nichts anders erwarten als aber- mals eine evangelische Majorität, wie denn der Vor- schlag von einer solchen herrührte; allein so war nun einmal die Lage der Dinge: wollte die Nation bestehen, so mußte sie sich der römischen Eingriffe erwehren: die religiöse Bewegung konnte nicht mehr erstickt, sie konnte nur noch geleitet werden. Eben dazu war die National- versammlung bestimmt. Und das wenigstens läßt sich nicht sagen, daß sie die Einheit der Nation gefährdet hätte. Vielmehr: wenn sie ihren Zweck erreichte, so mußte sie dieselbe noch viel fester begründen. Fragen wir nun, wer in diesem entscheidenden Mo- mente sich von der Einheit der Nation losgerissen hat, so müssen wir untersuchen, wie es geschah daß die bereits so ernstlich vorbereitete Versammlung doch unterblieb. Es ist sehr natürlich, daß sich ihr der römische Stuhl widersetzte. So bedeutend und Zukunfterfüllt die Aussicht war, welche sie der deutschen Nation darbot, eben so ge- fährlich und verderblich mußte sie in Rom erscheinen. Wir haben Nachricht von einer Congregation die un- ter diesen Umständen vor Papst Clemens VII gehalten ward, worin man die Mittel in Berathung zog, die Bulle Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . gegen Luther und das Wormser Edict den beschränkenden Reichsabschieden zum Trotz in Vollziehung zu setzen. Gar mancherlei Vorschläge sind da vorgekommen, z. B. den Herzog Friedrich von Sachsen der Chur zu berauben, wor- auf Aleander antrug, — oder bei den Königen von England und von Spanien die Drohung hervorzurufen, allen Handelsverkehr mit den deutschen Städten abbrechen zu wollen, wovon sich der Papst Erfolg versprach; am Ende aber blieb man hauptsächlich dabei stehen, daß man sich der Versammlung in Speier widersetzen müsse: sowohl bei dem Kaiser, als bei den deutschen Ständen, welche der Legat zu bearbeiten und gegen die Versammlung zu stim- men beauftragt wurde. Pallavicini lib. II, c. X, p. 227. Darauf kam es nun zunächst an, und das ist auch unsre Frage, ob sich Stände in Deuschland finden wür- den, die es vorzögen, sich mit dem Papste zu vereinigen, statt die Beschlüsse einer allgemeinen Versammlung zu er- warten. Der päpstliche Stuhl hatte schon dafür gesorgt, daß er auf Verbündete in Deutschland rechnen durfte: eins der mächtigsten Fürstenhäuser, die Herzoge von Baiern hatte er gewonnen. Früher hatte man auch in Baiern von Seiten der Regierung sowohl wie von Seiten der Unterthanen die all- gemeine antirömische Stimmung der deutschen Nation ge- theilt: man hatte dort weder der Bulle Leos X Folge ge- geben, noch das Wormser Edict beobachtet: Winter: Geschichte der Schicksale der evangelischen Lehre in und durch Baiern I, p. 62. 76. die Herzöge Verbindung des Papstes mit Baiern . waren über die Eingriffe der geistlichen Gerichtsbarkeit in die weltliche so mißvergnügt wie andre Fürsten: bei Ge- lehrten, Geistlichen und Gemeinen griffen Luthers Meinun- gen eben so gut um sich, wie anderwärts. Schon gegen Ende des Jahres 1521 aber fiengen die Herzoge an, sich dem römischen Stuhle zu nähern: und nahmen seitdem von Moment zu Moment immer entschied- ner Partei für die alten Meinungen. Die Zeitgenossen leiteten das daher, weil die Kloster- Geistlichkeit in Baiern so mächtig sey, so ausgebreiteten Besitz habe; Flugschrift von Reckenhofer uͤber die Seehofersche Sache: „Denn sobald du fuͤr Muͤnchen herauskompst auf drey Meyl gegen Burg, und fragst wes ist der Grund, Antwort: ist meines gnedigen Herrn von Degernsee, Chiemsee, Saunersee, also daß mer denn der halb Teyl des Bayrlandes der Geistlichen ist. (Panzer nr. 2462.) und gewiß hatte das Einfluß, wiewohl auf eine etwas andre Weise als man sich dachte. Das erste Symptom des innern Zusammenhanges ist eine Bulle welche noch Leo X , unter dem 14ten Nov. 1521, entwerfen ließ; in der er einer Commission von Prälaten, die von den Herzogen in Vorschlag gebracht wurden, den Auftrag ertheilte, die Klöster zu visitiren, Zucht und Ord- nung in denselben herzustellen. Winter a. a. O. II, p. 325. Er starb ehe diese Bulle ausgefertigt wurde; allein er zeigte damit der bairischen Regierung was sie auf diesem Wege erreichen könne. Eine von dem Bisthum unabhängige, unter dem Einfluß des Fürstenthums stehende Commission ward mit den Befug- nissen geistlicher Aufsicht beauftragt. Zu dieser Zeit war die Ingolstadter Universität durch eine pestartige Krankheit so gut wie aufgelöst. Als die Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . Krankheit nachgelassen, und die Professoren sich wieder ver- sammelten, sahen sie doch, daß sie ihre streng-katholi- sche Haltung nicht würden behaupten können, wenn sie nicht noch auf eine andre Weise als durch die geistliche Jurisdiction unterstützt würden, wenn ihnen namentlich nicht ein herzogliches Mandat gegen die Neuerungen zu Hülfe käme, die sonst auch in ihrer Mitte um sich greifen würden. Die drei resolutesten Kämpfer für das alte Sy- stem, Franz Burkhard, Georg Hauer und Johann Eck, der im Herbst aufs neue in Rom gewesen war, Erst im October koͤnnte er dahin gegangen seyn, im Au- gust und September finden wir ihn noch in Polling. Leben des be- ruͤhmten Joh. Eckii im Parnassus Boicus I, II, p. 521. drangen gemeinschaftlich darauf. Der Canzler Herzog Wilhelms, einer der thätigsten und einflußreichsten Staatsmänner je- ner Zeit, Leonhard von Eck ward von der Nothwendig- keit der Sache überzeugt. Winter a. a. O. p. 81. Auch die Herzöge wurden dafür gewonnen. Man darf wohl annehmen, daß das Gerücht von den damals in Wittenberg ausgebrochenen Unruhen, die Luther doch so bald zu dämpfen wußte, den Wunsch ähnliche Gährungen in ihrem Lande zu verhüten in ihnen erzeugt habe. Am Aschermittwoch, 5 März 1522, erließen die Her- zoge ein Mandat, Erstes baierisches Religionsmandat. Muͤnchen am Escher- mittiche angeender Vassten ibid. p. 310. worin sie allen ihren Unterthanen bei schweren Pönen geboten, bei dem Glauben ihrer Voreltern zu verbleiben. Was für die Universität nothwendig er- achtet worden, ward über das ganze Land ausgedehnt. Die Verbindung des Papstes mit Baiern . herzoglichen Amtleute wurden beauftragt, alle Ungehorsame, — geistliche sowohl wie weltliche, — einzuziehen und ihnen Bericht über dieselben zu erstatten. Anfangs hatte das jedoch, trotz aller Strenge die man anwandte, nicht den erwarteten Erfolg. In Sachsen lieh die weltliche Gewalt der bischöflichen Autorität ihren Arm nicht: in Baiern dagegen kamen die Bischöfe, die es wohl ahndeten, welche Gefahr ihrer Autonomie daher drohe, den Tendenzen der weltlichen Gewalt nicht mit dem gehörigen Eifer zu Hülfe. Die von den Amtleuten aufgebrachten Anhänger Luthers ließ das geistliche Gericht, dem sie über- antwortet werden mußten, nicht selten wieder gehen, ohne sie zu strafen. Als nun Dr. Johann Eck, und zwar auf die Einla- dung Papst Adrians, „Er entbot denselben durch zwei Brevia nach Rom.“ Par- nassus Boicus II, I, p. 206. sich im Sommer 1523 aufs neue nach Rom begab, trugen ihm die Herzoge auf, eine förm- liche Klage hierüber gegen die Bischöfe zu erheben, und auf eine ausgedehntere Befugniß der herzoglichen Gewalt bei den Untersuchungen gegen die Irrgläubigen in Vor- schlag zu bringen. Fragmentum libelli supplicis, quem Bavariae Ducis ora- tores, quorum caput celebris ille Eckius, Adriano VI Romae ob- tulerunt anno 1521 ap. Oefele II, 274. Die Jahrzahl ist jedoch ohne Zweifel falsch, da Adrian 1521 gar nicht Papst war. Die nach den Worten der Supplik ausgefertigte Bulle ist vom Juni 1523; erst 1523 im Dez. reclamiren die bairischen Bischoͤfe dawider, so daß sich am Jahr 1523 nicht zweifeln laͤßt. Dem orthodoxen Doctor, welcher an den engsten Berathungen über das Religionswesen Antheil nahm, konnte dieß nicht abgeschlagen werden. Papst Adrian Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . erließ eine Bulle, in welcher einer geistlichen Commission die Befugniß ertheilt ward, auch ohne Mitwirkung der Bischöfe schuldig befundene Geistliche zu degradiren und der weltlichen Strafgewalt zu überliefern. Adrian fügte nur die Beschränkung hinzu, daß die Bischöfe noch einmal in einem bestimmten Termin ihre Pflicht zu erfüllen erinnert werden sollten: später ist auch diese weggefallen. Man sieht wohl, nicht die Autonomie des großen geistlichen Institutes ist es, was die Herzoge in ihren Schutz nehmen: neben demselben gründen sie eine Autorität die unter ihrem Einfluß steht, und in die eigensten Kreise der geistlichen Pflichten und Rechte eingreift. Doctor Eck ist nicht allein als ein Gegner Luthers auf dem theologischen Gebiete zu betrachten. Auf Staat und Kirche von Baiern hatte er einen außerordentlichen Einfluß. Ihm hauptsächlich ist die Verbindung zwischen der herzoglichen Gewalt, der Universität Ingolstadt und der päpstlichen Autorität zuzuschreiben, durch welche dort der nationalen Bewegung Einhalt geschah. Und nicht bloß um die geistliche Autorität war es zu thun, sondern auch die geistlichen Güter wurden sogleich in Anspruch genommen. Papst Adrian bewilligte den Herzogen den fünften Theil sämmtlicher geistlichen Einkünfte in ihrem Gebiete: „denn die Herzöge,“ sagt er, „haben sich erboten gegen die Feinde des rechten Glaubens die Waffen zu ergreifen.“ Bulle vom 1sten Juni. Von den Herzogen heißt es da: „ad arma contra perfidos orthodoxae fidei hostes sumenda sese obtulerunt.“ (ib. 279.) Damit sind jedoch auch die Tuͤrken gemeint. Verbindung des Papstes mit Baiern . Als Papst Clemens VII zur Tiara gelangte, widerrief er alle Bewilligungen ähnlicher Art: diese aber hielt er doch für gut auf die drei folgenden Jahre zu bestätigen: sie ist dann von Zeit zu Zeit erneuert worden und eine Haupt- grundlage der baierischen Finanzwirthschaft geblieben. Vgl. Winter II, 321. Auch die Universität ward hiebei nicht vergessen. Adrian bewilligte, daß in jedem bairischen Capitel wenigstens Eine Domherrnstelle an einen Professor der Theologie übertra- gen werden könne: „zur Verbesserung dieser Facultät und leichtern Ausrottung der Ketzereien, die sich dort wie in andern deutschen Ländern erheben.“ 30sten August Oͤfele p. 277. Bei Mederer: Annales acad. Ingolstad. IV, 234 findet sich die Bulle Clemens VII hier- uͤber, worin den Herzoͤgen vergoͤnnt wird, in den Capiteln zu Augs- burg Freisingen Passau Regensburg Salzburg immer Einen ihrer Professoren der Theologie zu Ingolstadt zu einer Praͤbende vorzu- schlagen: „Sie haben angegeben, quod ecclesie predicte a Duci- bus Bavarie fundate vel donationibus aucte fuerunt.“ Der Grund ist daß sie Theologen zu haben wuͤnschen „hoc tempore periculoso, quo Lutheriana et alie plurime hereses contra sedem apostolicam — propagantur, qui se murum pro Israel exponant et contra he- reses predictas legendo predicando docendo et scribendo eas confutent dejiciant et exterminent.“ Das ist um so wichtiger, da in diesen Jahren nach der Pest die Universitaͤt, wie die Statuten der Juristenfacultaͤt sagen, fast von neuem constituirt ward. Noch ehe an irgend eine Staatsbildung im evange- lischen Sinne zu denken war, tritt uns hier eine entgegen- gesetzte Organisation zur Aufrechterhaltung des katholischen Prinzipes entgegen, die für die Geschicke unsers Vaterlan- des von der größten Bedeutung gewesen ist. Wir sahen schon, daß die Bewegungen der Epoche wesentlich auch aus den Competenzen der geistlichen mit Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . der weltlichen Gewalt herrührten: der emporkommenden weltlichen Territorialhoheit wohnte das natürliche Bestre- ben bei, sich der Eingriffe der geistlichen Nachbarn zu er- wehren. Damit hatte dann die Ansicht Luthers von der Obrigkeit den genauesten Zusammenhang: er schied dadurch die beiden Gewalten auf immer. Die Herzoge von Baiern fanden jedoch, daß das nicht der einzige Weg sey, zu dem erwünschten Ziele zu gelangen: sie schlugen vielmehr einen gerade entgegengesetzten ein, der bei weitem kürzer und sicherer war. Was man anderwärts im Kampfe mit dem Papst zu erreichen suchte, das wußten sie sich im Einver- ständniß mit demselben zu verschaffen. Auf der Stelle er- langten sie einen bedeutenden Antheil an dem Ertrage der geistlichen Güter, ein von dem päpstlichen Stuhle bestätig- tes Übergewicht über die sie umgebenden Bischöfe in dem nunmehr wichtigsten Zweige der geistlichen Gewalt selbst, wie sich das sehr bald in der Wirksamkeit des baierischen Religionsrathes aussprach. Dinge, an welche die Anhän- ger der Neuerung zur Zeit noch nicht denken durften. Nur war dabei der große Unterschied, daß während diese die nationale Tendenz, sich von Rom unabhängig zu machen, verfochten, Baiern dagegen in eine noch viel engere Unterordnung unter den römischen Hof gerieth, von dessen Bewilligung die Gerechtsame abhiengen, deren es sich erfreute. Auf jeden Fall mußte nun aber eine so entschiedene Haltung eines mächtigen deutschen Hauses, das Beispiel einer erneuerten vortheilhaften Verbindung mit Rom auf alle Nachbarn wirken. Convent in Regensburg . Von sehr glaubwürdiger Seite, aus den Verhand- lungen des Erzbischofs von Salzburg mit seinen Ständen, kommt uns die Notiz, daß bereits in dieser Zeit ein Ver- ständniß zwischen Baiern und Östreich „wider die lutheri- sche Secte“ geschlossen worden sey. Zauner Salzburger Chronik IV, 359. Unzweifelhaft ist, daß Erzherzog Ferdinand auch schon ohnehin in ein engeres Verhältniß zu dem römischen Stuhle getreten war und sich von demselben zum Behuf seiner Ver- theidigung gegen die Türken eine überaus starke Bewilli- gung — eines vollen Drittheils aller geistlichen Einkünfte — verschafft hatte. In Rom versäumte man nicht, neben den weltlichen auch die einflußreichsten geistlichen Fürsten zu bearbeiten. Dem Erzbischof von Salzburg wurde die oft streitig gewe- sene Besetzung der Bisthümer Gurk, Chiemsee, Seckau und Lavant auch für die streitigen Monate bewilligt. So gelang es dem päpstlichen Stuhl, in den Stän- den wieder eine Partei für sich zu gewinnen. Daß die katholische Meinung auf dem Reichstag von 1524 stärker auftrat als das Jahr zuvor, hängt ohne Zweifel damit zusammen. Allein auf dem Reichstag konnte sie wie wir wissen noch nicht durchdringen. Eine Anzahl von Bischöfen selbst, durch die von dem päpstlichen Stuhl unterstützten Ansprüche des Fürstenthums verletzt, leistete allen Anmuthungen ent- schlossenen Widerstand. Dem Legaten Campeggi ward es klar, daß auf einer allgemeinen Versammlung, wo die lutherischen Sympa- Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . thien mit so großer Stärke auftraten, nichts zu erreichen seyn werde. Er beklagte sich, daß er sich hier nicht mit voller Freiheit äußern dürfe. Aus einem Schreiben Ferdinands Stuttgard 19 Mai in Gemeiners Regensburger Chronik IV, VI, p. 514. Dagegen, da er doch auch eine Anzahl von gleichge- sinnten Freunden um sich sah, so faßte er die Hofnung, desto mehr auf einer provinciellen Zusammenkunft, in der eben diese anwesend wären, auszurichten. Noch in Nürnberg, wo die Nationalversammlung zu Speier beschlossen worden, brachte er eine andre in Vor- schlag, welche derselben schon in der Idee geradezu entge- gengesetzt war. Er verhehlte die Absicht nicht, der Ge- fahr zuvorkommen zu wollen, die von einer Versammlung zu erwarten sey, wo man auf die Volksstimme zu hören gedenke. Aus dem Schreiben des Legaten vom 8ten Mai bei Win- ter I, 156. Darauf giengen zuerst Erzherzog Ferdinand und ei- nige Bischöfe, dann auch die Herzoge von Baiern ein. Ende Juni 1524 fand die Zusammenkunft zu Regensburg Statt. Die Herzoge, der Erzherzog, der Legat, der Erz- bischof von Salzburg und außer diesen der Bischof von Trient, der ohnehin im Gefolge des Erzherzogs war, und der Administrator von Regensburg waren persönlich zuge- gen: durch Abgeordnete erschienen die Bischöfe von Bam- berg Augsburg Speier Strasburg Constanz Basel Frei- sing Passau und Brixen. Nicht allein Baiern und Östreich, sondern auch die oberrheinischen Gebiete, ein guter Theil von Schwaben und Franken waren, wie man sieht, hiebei betheiligt. Convent in Regensburg . Der Legat eröffnete die Versammlung mit einem Vor- trag über die Gefahren der religiösen Bewegung für beide Stände: er ermahnte sie, ihre Irrungen fahren zu lassen und gemeinschaftliche Anstalten zu treffen, damit „die ketze- rische Lehre ausgerottet und der Ordnung der christlichen Kirche gelebt werde.“ Erzherzog Ferdinand unterstützte den Vortrag und legte den Versammelten besonders die ihm gewährten Geldbewilligungen ans Herz. Die Prälaten traten hierauf in drei Commissionen auseinander, von denen die erste die Irrungen zwischen Geistlichen und Weltlichen, die zweite die zunächst vorzu- nehmenden Reformen, die dritte die über die Lehre zu tref- fenden Anordnungen in Berathung zog. Schreiben von Ebner und Nuͤtzel an Churfuͤrst Friedrich, worin sie ihm melden „was eine Schrift enthaͤlt, die ihnen vom Hofe fuͤrstlicher Durchleuchtigkeit (Ferdinands) zugekommen ist.“ 8 Juli 1524. (Weim. A.) Sechszehn Tag lang dauerten die Conferenzen auf dem Regensburger Rathhaus, Vormittag und Nachmittag. Einmal ward der Ernst der Geschäfte doch auch durch ei- nen festlichen Nachttanz unterbrochen. Vor allem ward die Geldbewilligungssache aufs Reine gebracht. Den Bischöfen leuchtete ein, daß die nach jedem Mo- ment des Einschreitens gewaltsamer aufbrausende populäre Gährung ihnen doch viel gefährlicher sey als alle Ober- hoheit des Fürstenthums. Unter denen die wir genannt, gab es wohl nur Wenige die nicht in ihrer Hauptstadt mit immer wachsendem Widerstand zu kämpfen gehabt hät- ten. Schon vor dem Jahr hatte es z. B. Cardinal Lang nothwendig gefunden, 6 Fähnlein geübten Kriegsvolks in Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . Salzburg einzuführen: an deren Spitze war er im rothen zerschnittenen Wappenrock, unter dem ein blanker Har- nisch funkelte, in der Rechten seinen Regimentsstab, da- selbst eingeritten, und hatte die Gemeine zu neuen Ver- schreibungen des Gehorsams genöthigt. War vielleicht auch noch einer und der andre wie Dieser mit neuen Concessio- nen des Papstes begnadigt worden? Unter ihren Abge- ordneten finden wir einige entschieden Römisch-gesinnte, z. B. Andreas Hanlin von Bamberg, der selbst einmal Vicerector in Ingolstadt gewesen war. Heller: Bamberg Reform. p. 70. Eck und Faber waren anwesend. Genug, die geistlichen Herrn fügten sich in das Nothwendige. Die bairischen bequemten sich so viel ich finde den fünften, die östreichischen den vierten Pfennig ihrer Einkünfte der weltlichen Herrschaft zu zahlen. Planitz, der damals in Eßlingen gewesen, an den Churfuͤr- sten Friedrich, Nuͤrnberg 26sten Juli: „Die Geistlichen in des Erz- herzogs Landen haben bewilligt, ihm den vierten Pfennig zu geben, 5 Jahr lang, und die Geistlichen unter den Herrn von Baiern ge- ben ihren Fuͤrsten den 5ten Pfennig 5 Jahr, allein daß sie in iren Fuͤrstenthumen die lutherische Lehr nicht zulassen und vest uͤber ihnen halten wollen.“ Ich habe nicht ermitteln koͤnnen, ob Planitz uͤber die Dauer der Auflagen recht berichtet war. Nach Winter II, p. 322 ist sie noch auf spaͤtere Jahre ausgedehnt worden. — Hierauf schritt man zu den Anordnungen über Lehre und Leben. Die Hauptsache war, daß man jetzt eine Bestimmung traf, welche 1523 bei den Reichsständen nicht durchzusetzen gewesen war: man wies die Prediger für die Erklärung der schwierigern Stellen der Schrift vornehmlich an die la- tei- Convent von Regensburg . teinischen Kirchenväter: was damals nicht hatte erreicht werden können, Ambrosius, Hieronymus, Gregorius und Augustin wurden als die Normen des Glaubens nahmhaft gemacht. Früherhin hätte das als eine Concession gegen die literarische Richtung der Zeitgenossen angesehen werden können, weil man damit doch des Zwanges der scholasti- schen Systeme erledigt ward: jetzt lag vor allen Dingen ein Gegensatz gegen Luther und die Majorität der Reichs- stände darin; wenigstens die Grundlagen der spätern For- mationen des Latinismus wollte man fürs Erste wieder sanctioniren. Man beschloß den Gottesdienst nach der Weise der Väter ungeändert aufrecht zu erhalten; den Ein- fluß Luthers suchte man für die Zukunft unmöglich zu ma- chen. Seine Bücher wurden aufs neue verboten. Allen Unterthanen der vereinigten Fürsten ward die Universität Wittenberg bei schweren Strafen, sogar dem Verluste des Erbtheils untersagt. Bei alle dem war man doch auch bedacht, die Miß- bräuche abzustellen, welche eine so allgemeine Gährung ver- anlaßt hatten. Alle jene Erpressungen des niedern Clerus, die das gemeine Volk so schwierig machten, die Nöthigung zu theuren Begängnissen, die drückenden Accidenzien, die Versagung der Absolution um einer Schuldforderung wil- len wurden aufgehoben; die Verhältnisse der Pfarrer zu ihren Gemeinen sollten durch eine geistlich-weltliche Com- mission neu geordnet werden. Die reservirten Fälle wur- den verringert, die Festtage bedeutend vermindert, die Sta- tionirer abgeschafft. Man verpflichtete sich, in Zukunft bei der Anstellung der Geistlichen zu sorgfältigerer Berücksich- Ranke d. Gesch. II. 11 Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . tigung persönlicher Würdigkeit. Die Prediger wurden zu größerem Ernst, zur Vermeidung aller Mährchen und un- haltbaren Behauptungen, die Priester zu sittlichem unsträf- lichem Wandel angewiesen. Constitutio ad removendos abusus et ordinatio ad vitam Cleri reformandam per rev dum D m ‒ ‒ Laurentium etc. Ratis- ponae nonis Julii bei Goldast Constitutt. Impp. III, 487. Was Strobel aus einem alten Druck, der auch mir vorliegt, mittheilte (Misc. II, p. 109 etc. ) umfaßt doch keineswegs den ganzen Inhalt der Constitution. Namentlich ist die Abschaffung einer großen An- zahl von Festtagen im 21sten Artikel, die bis auf weniges den spaͤ- tern protestantischen Einrichtungen entspricht, sehr bemerkenswerth. Wir werden nicht irren, wenn wir diese Beschlüsse als die erste Wirkung der Reformationsbewegung auf eine innere Restauration des Katholicismus bezeichnen. Wie die Verbindung des Fürstenthums mit dem Papstthum dem politischen, so entsprach dieser Versuch, der zunächst freilich sehr unvollständig ausfiel, dem religiösen Bedürf- niß, aus dem das reformatorische Wesen hervorgegangen. Bestrebungen, die gewiß wichtiger und einflußreicher ge- wesen sind, als man bisher auch auf der katholischen Seite angenommen hat: der moderne Katholicismus beruht zum Theil darauf; allein kein Mensch dürfte sie doch in Tiefe der religiösen Anschauung, oder weltumfassender, in den Lauf der Jahrhunderte eingreifender Genialität, in Kraft und Innerlichkeit des Antriebes mit den Bewegungen verglei- chen, denen Luther den Namen gab, die um ihn her ihren Mittelpunct hatten. Man eignete sich nur die Analogien der letztern an: damit dachte man sich ihnen gegenüber zu halten. Es ist alles ungefähr wie Doctor Eck auf Cam- peggi’s Veranlassung dem Buche Loci communes von Ursprung der Spaltung . Melanchthon ein ähnliches Handbuch, Enchiridion seu loci communes contra haereticos: ge- druckt 1525, verfaßt, wie Eck sich ausdruͤckt, hortatu Cardinalis de Campegiis, ut simpliciores, quibus cortice natare opus est, sum- marium haberent credendorum, ne a pseudoprophetis subverte- rentur. wie Emser Lu- thern eine Bibelübersetzung entgegensetzte. Die Arbeiten der Wittenberger Lehrer waren in dem naturgemäßen Laufe ihrer innern Entwickelung, aus dem Bedürfniß ihres auf eigner Bahn vorwärts schreitenden Geistes hervorgegangen, voll ursprünglicher, die Gemüther hinreißender Kraft: diese katholischen Werke verdankten ihre Entstehung äußern Ver- anlassungen, Berechnungen einer nach allen Mitteln des Widerstandes greifenden gefährdeten Existenz. Eben damit aber riß man sich von der großen freien Entwickelung los, in der die deutsche Nation begriffen war. Worüber in Speier unter dem Gesichtspunct der nationalen Einheit und ihrer Bedürfnisse zu Rathe gegan- gen, Beschluß hatte gefaßt werden sollen, darüber setzten hier die vereinigten Gewalten einseitige Maaßregeln fest. Man sagte wohl, einer einzelnen Nation komme es nicht zu, über Angelegenheiten der Religion, der Christenheit überhaupt Bestimmung zu treffen: — das ließ sich leicht behaupten: — aber was war für die Nation zu thun, da sie allein von allen durch die Eigenthümlichkeit ihrer Verfassung und Geistesentwickelung in diese Gährung ge- rathen war? Anfangs hatte man auf ein unverzüglich zu berufendes Concilium angetragen: da diese Hofnung sich in weite Ferne verzog, so mußte man wohl Hand anle- gen, um für sich selber zu sorgen. Die Anordnungen von 11* Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . Regensburg selbst beweisen das. Die Sache war nur: in Speier würden nach aller Wahrscheinlichkeit Beschlüsse in Opposition gegen den römischen Papst zu Tage gekom- men seyn: in Regensburg fand man aus tausend Rück- sichten für gut, sich aufs neue mit demselben zu vereini- gen. Es ist unleugbar, daß eben darin der Ursprung un- srer Spaltungen liegt. Der nationalen Pflicht, die Ver- handlungen einer bereits beschlossenen großen Versammlung zu erwarten, daran Theil zu nehmen, und fügen wir hinzu, nach bestem Wissen darauf einzuwirken, zog man die Ver- bindung mit Rom einseitig vor. Und so war der eine Theil jener Beschlüsse der rö- mischen Congregation über Erwarten glücklich ausgeführt: Campeggi machte darauf aufmerksam wie nothwendig es nun auch sey, den andern ins Werk zu setzen, den Kaiser zu veranlassen, daß er sich dieser Sache lebhaft annehme. Er klagte: non haver quella causa (Luterana) di costà (della Spagna) il caldo che bisogneria, fa che d’ogni provisione che si faccia si trahe poco frutto. Giberto Datario agli oratori Fiorentini in Spagna, Lettere di principi I, f. 133. Man versäumte in Rom keinen Augenblick, um Carl V auf seine Seite zu ziehen. Während man in den officiel- len Erlassen von Regensburg diejenigen Puncte der Reichs- abschiede heraushob, welche dem Papstthum günstig laute- teten, und die Miene annahm als sey in ihnen das Edict von Worms eben nur bestätigt, stellte man dem Kaiser in Spanien vor, wie sehr seine Autorität darunter leide, daß man in zwei Reichsabschieden nach einander sein Edict be- schränkt habe, ja es zurückzunehmen suche, was er selber sich nicht getrauen würde: es sey offenbar, daß man sich Ursprung der Spaltung . in Deutschland von allem weltlichen und geistlichen Gehor- sam loszureißen denke. Welch ein unerträglicher Übermuth liege darin, daß man dort eine Versammlung angesetzt habe, wo man über Dinge des Glaubens und die Angelegenhei- ten der allgemeinen Christenheit Beschlüsse fassen wolle. Gleich als komme es den Deutschen zu, kaiserlicher Ma- jestät und der ganzen Welt Gesetze vorzuschreiben. Wir haben zwar das Schreiben des Papstes an den Kaiser nicht selbst: aber eine hinreichende Notiz davon in der Depesche des paͤpstlichen Datars an ben Nuntius in England, Marchionne Lango Lettere di principi I, 124. N. S re ha di ciò scritto efficacemente alla M tà Ces. accioche la confideri, che facendo quei popoli poco conto di dio tanto meno ne faranno alla giornata della M tà S. e degli altri signori temporali: ‒ ‒ ‒ l’absenza della M tà Cesarea ha accresciuta l’audacia loro tanto che ardiscono di ritrattar quell’editto, cosa che Cesare proprio non faria. Dagegen heißt es in dem zu Regensburg ergangenen Edict: „Darumb so haben wir auf des hochwuͤrdigsten Herrn Lorenzen ꝛc. Ersuchen uns vergleycht daß wir und unser Principal obgemelt kaiserlich Edict zu Worms, auch die Abschied auf beyden Reichstaͤgen zu Nuͤrnberg deshalb beschlossen — vollziehen.“ Mit ähnlichen Gründen bestürmte man den Verbün- deten Carls, Heinrich VIII , der sich in eine literarische Fehde mit Luther eingelassen; man forderte ihn auf, mit seinem Einfluß bei Carl V die päpstlichen Ermahnungen zu unterstützen. Überhaupt lagen die politischen Verhältnisse für eine Einwirkung der päpstlichen Gewalt auf den Kaiser sehr günstig. Der Krieg desselben gegen Franz I war erst im Mai 1524 förmlich ausgerufen worden und in seinem hef- tigsten Feuer. Der Kaiser griff den König von Italien her in Frankreich selber an. Unmöglich konnte er den Papst, Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . der diesen Angriff nicht ganz billigte, in seinem Rücken verletzen, oder ihm eine Bitte abschlagen, die ohnehin der katholischen Unterweisung entsprach, die er in seiner Ju- gend empfangen. Carl V zögerte keinen Augenblick. Schon am 27 Juli erließ er ein Ausschreiben ins Reich, welches ganz im Sinne des Papstes und zwar in ungewöhnlich lebhaf- ten Ausdrücken abgefaßt war. Er beklagte sich, daß man sein Mandat von Worms nicht beobachte, daß man auf ein allgemeines Concilium angetragen habe, ohne ihn, wie sich doch geziemt hätte, auch nur zu befragen. Er er- klärte, daß er die beschlossene Zusammenkunft weder zuge- ben könne noch auch möge: die deutsche Nation wolle sich einer Sache unterfangen die allen andern selbst mit dem Papst nicht erlaubt seyn würde, Ordnungen abändern die so lange her unangefochten gehalten worden. Luthers Mei- nungen erklärte er für unmenschlich und verglich ihn, wie einst sein Lehrer Adrian, mit Mahomet. Bei Vermeidung des Verbrechens der beleidigten Majestät, Acht und Aber- acht, verbot er die Versammlung. In den Frankfurter Acten. Aus einem Schreiben des Chur- fuͤrsten von Sachsen an Ebner bei Walch XV, 2711, October 1524, ergiebt sich, daß man in dem ihm zugegangenen Schreiben die Aus- druͤcke „bei Vermeidung criminis lese majestatis, unser und des Reichs Acht“ etc. weggelassen hatte. Dergestalt gelang es dem römischen Hof, wie er in Deutschland einige mächtige Glieder des Reiches auf seine Seite gebracht, so auch dessen Oberhaupt in Spanien zu gewinnen, auf diesem Wege die ihm gefährlichen Beschlüsse der Reichsversammlung rückgängig zu machen; es war Ursprung der Spaltung . seine erste kräftige Einwirkung auf die kirchlichen Angele- genheiten in Deutschland. Dahin führte es, daß der Kaiser, von Spanien aus, eine von den innern Trieben des deutschen Lebens unbe- rührte, nur nach seinen anderweiten Rücksichten berechnete Politik beobachtete. Überhaupt übte seine Regierung in diesen ersten Jahren nur einen negativen zersetzenden Ein- fluß aus. Ohne etwas Ernstliches zu thun um die Be- schwerden gegen Rom zu heben, hatte er sich durch seine politische Stellung zu dem Edict von Worms bewegen lassen, was dann nicht ausgeführt werden konnte, auf der einen Seite die Antipathie der Nation erst recht entflammte, auf der andern den Anhängern der Curie eine Waffe in die Hände gab. Die sich bildende Consolidation des Re- gimentes hinderte er durch die Verwerfung des Zolles, zu dem er doch erst seine Zustimmung gegeben, und fand rath- sam es darauf ganz zu zersprengen. Wohl ward ein an- dres Regiment — zu Eßlingen — eingerichtet, das sich aber daran spiegelte was an dem vorigen geschehen, und weder Autorität genoß, noch Miene machte sich deren zu verschaffen, nur der Schatten einer Regierung. Wir be- trachteten, welche Aussichten für die Religion so wie die nationale Einheit sich an die Versammlung von Speier knüpften. Von Spanien aus ward sie verboten, gleich als liege ein Verbrechen darin. Und nicht allein auf Regierungseinrichtungen, Reichs- tagsbeschlüssen, sondern besonders auf einem vertraulichern Verständniß der vorherrschenden Fürsten hat von jeher die Einheit von Deutschland beruht. Maximilian hatte in der Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . zweiten Hälfte seiner Regierung empfunden, was ihm die Abneigung des Churfürsten von Sachsen bedeute, und nur durch eine Beseitigung dieser Zwistigkeit, durch das Ein- gehn einer engen Verbindung mit dem ernestinischen Sach- sen war die Wahl Carls V möglich geworden: auch seit- dem hatte man Churfürst Friedrich wenigstens in allen äußerlichen Beziehungen als einen unzweifelhaften Verbün- deten mit großer Rücksicht behandelt. Dieses Verhältniß löste der Kaiser jetzt auf. Er fand es seiner Weltstellung angemessener, vortheilhafter, seine Schwester Catharina mit dem König von Portugal Johann III zu vermählen, als mit dem Neffen des Churfürsten von Sachsen, dem er sie zugesagt: er hatte Hannart beauftragt, diesen Entschluß dem sächsischen Hofe anzuzeigen. Muͤller: Geschichte der Protestation theilt hieruͤber die naͤ- hern Umstaͤnde mit. Wir erinnern uns, wie schmeichelhaft dem Bruder Friedrichs, Herzog Johann, der Antrag gewesen war: wie er nur Einwendungen der Be- scheidenheit dagegen gemacht, und zuletzt erfreut nachgege- ben hatte. In demselben Grade empfindlich war ihm nun die Eröffnung Hannarts. Der sächsiche Hof war tief be- troffen. Die Freunde des Churfürsten in der Umgebung des Erzherzogs hätten gewünscht, er möchte sich dagegen regen: In der schon oben angefuͤhrten geheimen Correspondenz Friedrichs mit den Raͤthen Ferdinands findet sich ein Zettel, wo ei- ner derselben schreibt: „S. fuͤrstl. Durchlaucht begeren sonderlich, das der Heirath vollzogen werd, damit S. F. Gn. desto mer Fug und Statt hab, S. Chf. Gn. als irn angenommenen Vatern um Rath teglich anzusuchen:“ eine Meinung die schwerlich von jenem ganzen Hofe getheilt ward. allein wie er früher keinen persönlichen Antheil an Ursprung der Spaltung . den Verhandlungen genommen, so sagte er auch jetzt kein Wort: er bezwang seine Verstimmung. Nicht so zurück- haltend war Herzog Johann. Mit beleidigtem Selbstge- fühl wies er jede Eröffnung, jedes Anerbieten, das ihm dagegen geschah, von sich: er ließ sich vernehmen, diese Sache sey ihm tiefer zu Gemüthe gegangen als jemals eine andre in seinem Leben. Auch mit den übrigen Fürsten stand Ostreich nur schlecht. Das Haus Brandenburg, das sich um der main- zischen so wie der preußischen Verhältnisse willen an das alte Regiment geschlossen, war durch dessen Sturz un- angenehm berührt, sein Mißvergnügen so augenscheinlich, daß dem Hochmeister Albrecht Anerbietungen von Frank- reich geschahen, obwohl er sie nicht annahm. Die rhei- nischen Churfürsten hielten im August eine Zusammen- kunft, von der Erzherzog Ferdinand, wie er sagt, weder für sich noch für seinen Bruder etwas Gutes erwartete. Schreiben von Ferdinand bei Bucholtz II, 68. Churfürstliche Räthe verschwiegen dem kaiserlichen Com- missarius nicht, daß man unzufrieden mit dem Kaiser sey: man werde die Capitulation desselben vor die Hand nehmen, und da er sie nicht erfüllt, zu der Einrichtung einer andern Art von Regierung schreiten, entweder unter einem Statthalter, oder unter den Reichsvicarien, oder un- ter einem römischen König, den man zu wählen gedenke. Schreiben von Hannart ib. 70. Auf einem großen Armbrustschießen zu Heidelberg, wo sich mehrere Fürsten versammelt, war davon die Rede; beson- ders ward innerhalb des pfälzisch-bairischen Hauses man- Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . cherlei Verhandlung darüber gepflogen. Nicht so enge war der katholische Bund zwischen Baiern und Östreich, daß nicht in Herzog Wilhelm von Baiern die Idee aufgestiegen wäre, selber zur Krone zu gelangen. Dergestalt löste die kaum zum Bewußtseyn ihrer Ten- denzen gelangte Einheit der Reichsregierung sich wieder auf: in einem so unendlich wichtigen lebensvollen Momente, in welchem alle Kräfte der Nation in gewaltiger Reg- samkeit nach unbekannten Regionen drängten, sich neue Zustände zu erschaffen trachteten, fehlte es an jeder leiten- den Gewalt. Daher kam es daß nunmehr die localen Mächte al- lenthalben nach den in ihnen zur Herrschaft gekommenen Prinzipien verfuhren. In den durch die Regensburger Beschlüsse vereinigten Gebieten begann die Verfolgung. In Baiern finden wir Priester entsetzt, oder verjagt: adliche Besitzer aus ihren Gütern getrieben, so lange bis sie abschwören: — das Drückende, die schwüle Luft des all- gemeinen Zustandes bezeichnet besonders, was einem her- zoglichen Beamten, Bernhard Tichtel von Tutzing begeg- nete. Er war in Geschäften des Herzogs auf einer Reise nach Nürnberg begriffen, als sich einer von jenen altgläu- bigen Professoren von Ingolstadt, Franz Burkhard auf der Landstraße zu ihm gesellte: sie kehrten mit einander in Pfaf- fenhofen ein: nach dem Abendessen kamen sie auf die Re- ligionssachen zu sprechen. Tichtel mochte seinen Gefährten kennen: er erinnerte ihn, daß das neue Edict Gespräche dieser Art verbiete: Burkhard entgegnete, das solle zwischen Ursprung der Spaltung. Verfolgungen . ihnen nichts zu bedeuten haben. Hierauf verhehlte Tichtel nicht, das Edict werde sich nicht durchsetzen lassen und den Herzogen eher zum Schimpf gereichen: er erklärte sich selbst etwas zweideutig über das Fegfeuer, die Fastengebote: von blutigen Strafen wollte er nichts hören. In Burkhard, der den Herzogen bisher die gehäßigsten Rathschläge gege- ben, entbrannte hierüber die wilde Wuth eines Verfolgers, er sagte grade heraus, Kopfabhauen sey die gerechte Strafe der Lutherschen Böswichter: auch Tichtel nannte er einen Lutheraner. Obwohl er sich beim Abschied versöhnt ange- stellt, eilte er doch von dem entdeckten Verbrechen Anzeige zu machen: Tichtel ward verhaftet, in den Falkenthurm gesperrt, einer Inquisition unterworfen und zum Widerruf genöthigt: nur mit großer Mühe und durch gute Fürsprache entgieng er einer höchst entehrenden Strafe, die dem Her- zog bereits vorgeschlagen worden. Ein andrer aus jenem Bunde, der Canzler Leonhard v. Eck hatte nemlich vorgeschlagen, der Herzog moͤge „den barmherzigen Weg“ einschlagen: daher solle Tichtel blos auf den Pranger gestellt, seine Verbrechen dort abgelesen, nochmals durch ihn dort muͤndlich bekannt und widerrufen und er darauf zum Zeichen seines ketzerischen Abfalls in den beiden Backen gebrannt, dann wieder in den Fal- kenthurm zuruͤckgefuͤhrt und bis auf weitern herzoglichen Befehl darin verwahret werden. S. die Auszuͤge aus den Acten bei Win- ter I, p. 182 — 199. Im Salzburgischen war ein wegen des Lutherthums gefangener Priester, der nach Mittersill geführt wurde, wo er lebenslänglich gefangen sitzen sollte, während seine Scher- gen im Wirthhaus zechten, von ein paar Bauersöhnen be- freit worden; dafür ließ der Erzbischof die armen jungen Menschen, ohne daß sie in offenen Rechten verhört worden Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . waren, an ungewohnter Richtstatt, auf einer Wiese vor der Stadt, im Nonnthal, eines Morgens früh heimlich ent- haupten. Selbst der Scharfrichter hatte ein Bedenken, weil die Verurtheilten nicht rechtlich überwunden seyen: der Beamte des Bischofs sagte: „Thu was ich dich heiße und laß es den Fürsten verantworten.“ Zauner IV, 381. In Wien war ein Bürgersmann, Caspar Tauber, der über die Fürbitte der Heiligen, das Fegfeuer, die Beichte und das Geheimniß des Abendmahls unkatholische Meinungen geäußert, zum Widerruf verurtheilt worden: an einem hohen Festtag, Mariä Geburt, wurden zu dem Ende auf dem Kirchhof bei St. Stephan zwei Kanzeln errichtet, die eine für den Chormeister, die andre für Tau- ber, dem man die Formel des Widerrufs einhändigte, die er ablesen sollte. Aber sey es nun, daß er das niemals versprochen, oder daß sich jetzt eine entgegengesetzte stärkere Überzeugung plötzlich in ihm hervordrängte: als er die Kanzel bestiegen, und alles Volk den Widerruf erwartete, erklärte er, daß er sich für unwiderlegt halte, und appellirte an das heil. Röm. Reich. Er konnte wohl wissen, daß ihm dieß nichts helfen werde, er ist kurz darauf enthaup- tet, seine Leiche verbrannt worden; aber sein Muth, seine Beständigkeit hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck. Eyn warhafstig geschicht, wie Caspar Tawber Burger zu Wien in Osterreich fuͤr ein Ketzer und zu dem Todt verurtaylt und außgefuͤrt worden ist. 1524. (Die Hinrichtung am 17ten Sept.) Noch einige andere waren mit Tauber gefangen worden: durch sein Beispiel geschreckt leisteten sie den Widerruf, den man ihnen auflegte, und kamen mit Verbannung davon. Sententia contra Joannem Vaesel, — einer dieser Verur- Ursprung der Spaltung. Verfolgungen . Auch in den übrigen östreichischen Ländern ward mit großer Strenge verfahren. Die drei Regierungen von Ins- bruck, Stuttgart und Ensisheim setzten einen Ausschuß zu Engen nieder, der sich zum Geschäft machte, die Bewe- gungen in ihren Gebieten zu unterdrücken. Es half den Waldshutern nichts, daß sie ihren Prediger, Balthasar Hub- meyer, entlassen hatten: man erklärte ihnen zu Engen, man werde sie strafen, „man werde ihnen,“ so roh drückte man sich aus, „das Evangelium um die Ohren bläuen, daß sie die Hände über den Kopf zusammenschlagen sollen:“ man werde das Unkraut mit der Wurzel ausreißen; und schon war den übrigen Städten die Hülfe an Geschütz und Fuß- volk aufgelegt, womit man Waldshut überziehen wollte, als eine Schaar freiwilliger Schweizer besonders von Zü- rich der Stadt zu Hülfe kam und den Regierungs-Aus- schuß doch bedenklich machte. Schreiben Balthasar Hubmaier in dem Taschenbuch fuͤr Suͤddeutschland 1839 p. 67 aus schweizerischen und oberrheinischen Archiven. Nicht so leicht kam Kenzingen weg. Diese kleine Stadt ward wirklich überzogen und besetzt. Weit und breit finden wir ähnliche Regungen. Zu- weilen blieb man bei unblutigen Maaßregeln stehen: man verbot die Bücher Luthers, duldete seine Anhänger nicht auf dem Predigtstuhl, entfernte sie aus den fürstlichen Rä- then, verjagte sie aus dem Lande: die Wirtenberger Re- gierung suchte allen Verkehr mit Reutlingen abzubrechen, weil es evangelische Prediger dulde. Dabei fehlte es aber auch nicht an den grausamsten Executionen. Wir finden theilten — ult. Sptmbr. 1524 bei Raupach Evangel. Oͤstreich: Erste Fortsetzung Beil. nr. V. Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . Prädicanten, denen die Zunge an den Pranger genagelt wird, so daß sie, sich selber verstümmelnd, sich losreißen müssen, wenn sie wieder frei werden wollen. Der Fana- tismus beschränkter Mönche erwachte und suchte im nie- dern wie im obern Deutschland seine Opfer. Welch ein schreckliches Exempel ward an dem armen Heinrich von Zütphen zu Meldorf in Ditmarschen statuirt. Auch hier hatte sich eine kleine Gemeinde gebildet, die diesen Augu- stiner von Bremen auf eine Zeitlang zu sich berief, und von den Regenten des Landes, den Acht und vierzig, die Zusage erlangte, weil man ja doch eine Kirchenversamm- lung erwarte, daß indeß das Evangelium lauter und rein gepredigt werden dürfe. Allein bei weitem stärker waren doch noch die Gegner, der Prior der Dominicaner von Meldorf, die Minoriten von Lunden: in Verbindung mit dem Vicarius des bischöflichen Officials wirkten sie einen entgegengesetzten Beschluß aus, durch den ihnen der arme Mensch, weil er gegen die Mutter Gottes predige, über- lassen wurde. Neocorus herausg. v. Dahlmann II, p. 24. Das Urtheil des Vogts lautet: Deße Bosewicht hefft geprediget wedder de Mo- der Gadeß unnd wedder den Christen Gloven, uth welkerer Orsake ick ehn vorordele van wegen mines genedigen Herrn Bischops van Bremen thom Vuere. Ein trunkener Volkshaufen — Mönche trugen ihm die Fackeln voran — holte hierauf, bei Nacht, im Januar, den Prädicanten aus dem Pfarrhause hervor: unter greulichen Martern, bei denen sich Ungeschick und Grausamkeit vereinigten, brachten sie ihn um. Dem gegenüber aber schritt man nun auch auf der andern Seite zu entschiednern Maaßregeln. Ursprung der Spaltung. Staͤdte und Herren . Unmittelbar nach jenem Convent von Regensburg, hielten die Städte, die sich durch die Unterstützung bedroht sahen, welche ihre Bischöfe bei den Fürsten zu finden schie- nen, einen großen Städtetag zu Speier, und beschlossen, recht im Gegensatz mit jener Festhaltung der lateinischen Kirchenväter, daß von ihren Predigern nichts als das Evan- gelium, die Prophetische und Apostolische Schrift gepredigt werden solle. Staͤttag zu Speier Margaretha 1524. Summarischer Ex- tract bei Fels Zweiter Beitrag p. 204. Damals erwarteten sie noch die Versamm- lung zu Speier: und ihre Absicht war, einen gemeinschaft- lichen Rathschlag daselbst einzubringen. Nachdem diese aber von dem Kaiser verboten worden, und es den Anschein gewann, als werde man noch einmal den ernstlichen Ver- such machen das Wormser Edict auszuführen, so vereinig- ten sie sich gegen Ende des Jahres zu Ulm, gegen alle dahin zielende Maaßregeln einander zu Hülfe zu kommen. Weißenburg, Landau und Kaufbeuren, die schon Anfechtun- gen erfuhren, empfiengen Anweisung für ihr Benehmen dabei. Den Städten gesellte sich auch ein Theil der Herrn zu. Im Namen der Grafen am Rhein an der Eifel in Wetterau Westerwald und Niederland erschien Graf Bern- hard von Solms auf der Versammlung und bat die Städte um ihr Bedenken, wie über einen Reichsanschlag gegen die Türken, den man vorhatte, so in der lutherischen Sache. Die Städte urtheilten mit Recht, daß ihnen diese Verei- nigung sehr nützlich seyn werde; nachdem einige Schriften gewechselt worden, sah man sich einverstanden, und be- Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . schloß dort zu Ulm, „sich in diesen wichtigen Sachen, ge- fährlichen Zeitläuften nicht von einander zu sondern.“ Ibid. p. 206. Nicolai 1524. Worauf es nun aber hauptsächlich ankam, auch eine ganze Anzahl von Fürsten erklärte sich auf eine dem Re- gensburger Bündniß entgegengesetzte Weise. Markgraf Casimir von Brandenburg, der sonst nicht eben einen großen religiösen Schwung gezeigt hat, konnte doch der einmal aufgerufenen und zum Bewußtseyn ge- brachten Meinung seines Landes nicht widerstehen: er ver- warf den Antrag, zu jenem Bündniß zu treten, indem er sich auf die Versammlung zu Speier bezog, welche da- mals noch erwartet wurde. Als der Kaiser sie verbot, ergriff er das Mittel, nunmehr wenigstens für sein Terri- torium mit seinen Ständen übereinzukommen, daß daselbst nur das heilige Evangelium und Gotteswort alten und neuen Testamentes nach rechtem wahren Verstand lauter und rein gepredigt werden solle. So lautet der Landtags- abschied vom 1sten October 1524. Sein Bruder Georg, der sich zu Ofen am Hofe von Ungern aufhielt, war da- mit noch nicht einmal zufrieden. Er meinte, daß man das göttliche Wort nicht allein predigen, sondern auch allen Men- schensatzungen zum Trotz sich sonst danach halten sollte. Von der Lith p. 61 — 65. Eine höchst unerwartete Veränderung zeigte sich in Hessen. Man hatte geglaubt, jene drei Kriegsfürsten, welche Sickingen besiegt und das Reichsregiment gestürzt hatten, würden nun auch die reformatorischen Ideen bekämpfen, die Ursprung der Spaltung. Evangel. Fuͤrsten . die von ihren Gegnern unterstützt worden waren. Allein eben in dem kräftigsten von ihnen that sich sehr bald eine ganz entgegengesetzte Richtung hervor. Eines Tages, im Mai 1524, begegnete Landgraf Phi- lipp von Hessen, indem er zu jenem Armbrustschießen nach Heidelberg ritt, in der Nähe von Frankfurt dem ihm durch den Ruf wohlbekannten Melanchthon, der eben in seiner Heimath in der Pfalz gewesen, und jetzt mit ein paar gu- ten Freunden, die ihn dahin begleitet, auf der Rückreise begriffen war. Der Landgraf hielt ihn an, legte ihm, in- dem er ihn eine Strecke mit sich reiten ließ, einige Fragen vor, die sein großes Interesse an den religiösen Streitig- keiten bezeigten, und entließ endlich den überraschten und verlegenen Professor nur unter der Bedingung, daß er ihm seine Meinung über die wichtigsten angeregten Puncte schrift- lich kund thun möge. Camerarius Vita Melanchthonis cap. 26. Strobel N. Beitr. IV, 2, p. 88. Melanchthon that das mit gewohn- ter Virtuosität: kurz bündig und überzeugend; er machte damit einen entscheidenden Eindruck. Nicht lange nach seiner Rückkunft von dem Fest erließ der Landgraf eben- falls in unverkennbarem Gegensatz mit den Regensburger Beschlüssen, am 18ten Juli, ein Mandat, worin er unter andern befahl, das Evangelium lauter und rein zu predi- gen. Von Tag zu Tag vertiefte er sich mehr in die ei- genthümlichen Ansichten des neuen Dogmas: schon im An- fang des folgenden Jahres hat er gesagt: er wolle eher Leib und Leben, Land und Leute lassen, als von Gottes Wort weichen. Ranke d. Gesch. II. 12 Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . Es scheint wohl, als sey in Heidelberg überhaupt eine auf die Religion bezügliche Abrede genommen worden. Phi- lipp von Hessen zweifelte anfangs nicht, daß auch der Chur- fürst von der Pfalz ihm nachfolgen werde. Und wenigstens ließ sich dieser letztere zu keiner Verfolgung hinreißen, wenn es auch in seiner Natur nicht lag, so entschieden zu Werke zu gehn. Dagegen konnte man den verjagten Herzog von Wir- tenberg bereits für gewonnen achten. In Mümpelgard hielten sich Prädicanten nach der neuen Weise bei ihm auf. Im October 1524 bezeigt Zwingli seine Verwunderung und Freude, daß aus dem Saulus ein Paulus geworden. Zwinglius Oecolampadio. Tiguri 9 Oct. Epp. Zwinglii I, 163. Eine ähnliche unzweifelhafte Hinneigung bemerkte man an Herzog Ernst von Lüneburg, Neffen Friedrichs von Sach- sen, der in Wittenberg studirt hatte und durch den Gang der Hildesheimischen Angelegenheit in der Opposition ge- gen Östreich festgehalten wurde. Die ersten Anfänge der Reformation in Celle, unter seinem Schutze, fallen in das Jahr 1524. Huͤne Geschichte von Hannover I, 747. Ihm gesellte sich Friedrich I zu, König von Däne- mark, seit dem vorigen Jahre alleiniger Herr in Schles- wig und Holstein. Sein Sohn Christian und dessen Hofmei- ster Johann Ranzau waren auf dem Reichstag zu Worms gewesen: voll Bewundrung für Luther, durchdrungen von seiner Lehre, kehrten sie zurück. Denselben Mann der Lu- thern auf jener Reise begleitet, Peter Suave, zogen sie in Ursprung der Spaltung. Evangel. Fuͤrsten . das Land. Allmählig ward denn auch der Herzog selber gewonnen. Indem an so vielen Orten die blutige Verfol- gung sich erhob, erließ Friedrich I am 7ten Aug. 1524 eine Verordnung, in welcher er bei Leib und Lebensstrafe verbot, Jemanden der Religion halber ein Leides zuzufü- gen: ein Jeder, erklärte er vielmehr, möge sich nur immer so verhalten wie er es gegen Gott den Allmächtigen ver- antworten könne. Muͤnter Kirchengeschichte von Daͤnemark II, p. 565. Und noch weitere Aussichten eröffnete es, daß auch ein mächtiger geistlicher Fürst, der Hochmeister Albrecht von Preußen, sich von den Doctrinen des Papstthums ab- wandte. Während des Reichstags von Nürnberg hatten besonders die Predigten Osianders Eindruck auf ihn ge- macht: er hatte die Schrift selbst in die Hand genommen, und hielt sich überzeugt, daß sein Stand dem göttlichen Wort nicht eigentlich entspreche. Memorial eines Gespraͤchs zwischen Markgraf Albrecht und Achatius v. Zemen. Beitraͤge zur Kunde Preußens Bd IV. Dazu kam nun, daß ihm mit dem Sturze des Regimentes, den Unfällen des Adels überhaupt die letzte Hofnung verschwand, Hülfe vom Reiche gegen Polen zu erlangen. In welche Gemüthsstim- mung mußte er gerathen, da ihm jetzt keine Hofnung übrig blieb, sich den alten Feinden gegenüber zu behaupten, und da er zugleich an seinem Berufe irre geworden war! In Begleitung des sächsischen Regimentsbeisitzers Planitz, des- sen Gesinnung wir hinreichend kennen, nahm er nun seinen Rückweg durch Sachsen: hier sah er Luther. Der entschlos- sene Luther, der die Dinge in ihrer innern Nothwendigkeit 12* Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel . anschaute, gab ihm den Rath, die Ordensregel zu verlassen, sich zu vermählen und Preußen in ein erbliches Fürsten- thum zu verwandeln. Der Hochmeister hatte fürstliche Be- sonnenheit und Zurückhaltung genug, um dazu nicht aus- drücklich seine Beistimmung auszusprechen: aber in seinen Mienen las man, wie sehr er dazu hinneigte. Schreiben Luthers an Brismann bei de W. II, 526. Wir wer- den sehen, wie bald er, durch die Lage seines Landes, durch den Gang welchen seine Verhandlungen nahmen vorwärts getrieben, zur Ausführung dieses Gedankens schritt. Diese Folgen hatte es daß das angekündigte Natio- nalconcilium nicht zu Stande kam. Man könnte nicht sagen, daß der Gewalt die Gewalt entgegengetreten sey, daß man dem entschlossenen Festhalten des Alten mit einem eben so entschlossenen Ergreifen des Neuen geantwortet habe. Wie wenig das der Fall war, zeigt sich unter andern an dem Beispiele des Churfürsten von Sachsen, der, wie sehr auch Luther dagegen eifern mochte, noch das ganze Jahr 1524 in seinem Allerheiligenstift die Messe aufrecht erhielt, und den Mitgliedern desselben ihre clericalischen Pflichten unaufhörlich einschärfte. Die Summe des Ereignisses ist vielmehr: Das Reich hatte beschlossen, in der großen Angelegenheit welche alle Geister der Nation beschäftigte, mit gemeinschaftlicher Be- rathung zu Werke zu gehn: — dem Papst gelang es, die Ausführung dieser Absicht zu verhindern, einen Theil der deutschen Fürsten zu einer einseitigen Vereinbarung in sei- nem Sinne fortzuziehen: — die übrigen aber verfolgten Ursprung der Spaltung . die einmal im Einklang mit den Reichsgesetzen eingeschla- gene Bahn. Von der allgemeinen Versammlung mußten sie wohl zurückkommen, da der Kaiser dieselbe so ernstlich ver- bot; aber die alten Beschlußnahmen des Reiches dachten sie sich darum nicht wieder entreißen zu lassen. Sie blie- ben dabei stehn, was im Reichsabschiede von 1523 ver- ordnet, was dann 1524 einigen Einwendungen und Zu- sätzen zum Trotz doch seinem wesentlichen Inhalt nach be- stätigt war. Alle die mancherlei Mandate dieses Jahres haben im Grunde noch keinen andern Inhalt. Dieß ist der Ursprung der Spaltung, die seitdem noch nicht wieder hat beigelegt werden können: immer in Folge desselben auswärtigen Einflusses der sie damals hervorrief. Höchst merkwürdig, daß sich schon in jener Zeit alle die Hin- neigungen offenbarten, die hernach Jahrhunderte lang aus- gehalten haben: ihre Festsetzung ihren Fortgang werden wir noch weiter zu beobachten haben; — gleich im ersten Mo- ment aber zeigte sich die ganze Unermeßlichkeit der Gefahr die man damit über sich hereinzog. Sechstes Capitel . Der Bauernkrieg. Die öffentliche Ordnung beruht immer auf zwei Mo- menten, einmal dem sichern Bestehn der herrschenden Ge- walten, sodann der Meinung, die wenn nicht in jeder Ein- zelnheit, denn das wäre weder zu wünschen noch auch mög- lich, doch im Allgemeinen das Bestehende billigt, damit übereinstimmt. Zu jeder Zeit wird es Streitigkeiten über die Staats- verwaltung geben: so lange dabei die Grundlage der all- gemeinen Überzeugung unerschüttert bleibt, haben sie eine so große Gefahr nicht. Unaufhörlich schwanken die Mei- nungen, bilden sich weiter: so lange ihnen eine starke öf- fentliche Macht zur Seite steht, die ja an der Entwickelung selber Theil nehmen muß, ist keine gewaltsame Bewegung da- von zu besorgen. Sobald aber in demselben Augenblicke die constituir- ten Mächte irre werden, schwanken, sich anfeinden, und Meinungen die Herrschaft erlangen, die sich dem Bestehen- den in seinem Wesen entgegensetzen, dann treten die gro- ßen Gefahren ein. Bauernkrieg . Der erste Anblick zeigt, daß Deutschland jetzt in die- sem Falle war. Die Reichsregierung, die mit so vieler Mühe zu Stande gekommen und im Allgemeinen das Vertrauen der Nation genoß, war gesprengt: was an deren Stelle getreten, war nur ein Name ein Schatten. Der Kaiser war entfernt, und in den letzten Jahren waren seine Einwirkungen nur negativer Art gewesen: er hatte nur immer das Beschlos- sene verhindert. Die beiden Hierarchien, an deren Auf- richtung die vergangenen Jahrhunderte gearbeitet, die geist- liche und die weltliche, waren in einem tiefen allgemeinen Zwiespalt. Das Verständniß der vorwaltenden Fürsten, worauf immer die Einheit des Reiches beruht hatte, war vernichtet. In der wichtigsten Angelegenheit, die jemals vorgekommen, war die Aussicht verschwunden, es zu ge- meinschaftlichen Maaßregeln zu bringen. Das hatte nun auch auf den Gang der Meinungen eine große Rückwirkung. Bisher hatte eine Art von Ein- verständniß, über das man keine Übereinkunft zu schließen brauchte, das sich von selbst ergab, zwischen den Tendenzen der Reichsregierung und der gemäßigten Haltung welche Luther angenommen, bestanden: eben dadurch hatte man die destructiven Meinungen, die sich 1522 regten, über- winden, beseitigen können: jetzt aber, da sich nun keine Veränderung durch einen Reichsschluß weiter erwarten ließ, konnte auch Luther seine überlegene Stellung nicht mehr be- haupten, und die niedergekämpften Theorien brachen wieder hervor. In dem Gebiete seines Fürsten selbst, in dem chur- fürstlichen Sachsen, hatten sie sich Freistätten verschafft. Drittes Buch. Sechstes Capitel . In Orlamünde, einer von jenen dem Wittenberger Stift zu Gunsten der Universität incorporirten Pfarren, predigte Carlstadt. Er hatte sich hier nicht eben auf das regelmä- ßigste, im Widerspruch mit den ordentlichen Collatoren, kraft eines gewissen Anspruchs den er als Mitglied des Stiftes erhob, doch hauptsächlich durch die Wahl der Ge- meine in Besitz gesetzt, und nun die Bilder beseitigt, den Gottesdienst auf seine eigne Hand eingerichtet, über die Lehre von der Kirche, namentlich auch über die Verbind- lichkeit des mosaischen Gesetzes die wunderlichsten Ansichten verbreitet. Es kommt ein Mann vor, der auf Carlstadts Rath zwei Frauen zu nehmen begehrt. Schreiben Luthers an Bruͤck 13 Jan. 1524 (de W. II, nr. 572.) So durchaus ver- mischte dieser kühne und verworrene Geist das nationale und das religiöse Element des alten Testaments. Luther meinte, in Kurzem werde man in Orlamünde die Beschnei- dung einführen. Er hielt es für nothwendig seinen Fürsten vor allen Unternehmungen dieser Art ernstlich zu warnen. Schon war auch Johann Strauß zu Eisenach auf einen ähnlichen Abweg gerathen. Er eiferte besonders wi- der die Sitte, Zinsen von einem Darlehn zu nehmen: in- dem er meinte, an die heidnischen Rechte der Juristen sey man nicht gebunden, und dagegen die mosaische Einrich- tung des Jubeljahrs, „in welchem ein jeder wieder zuge- lassen werden soll zu seinen verkauften Erbgütern,“ für ein noch immer gültiges Gebot Gottes erklärte, stellte er den gesammten bürgerlichen Zustand in Frage. Das wucher zu nemen und geben unserm christlichen Glau- Bauernkrieg . Unfern von da hatte sich Thomas Münzer eine Kirche nach den Ideen die einst in Zwickau und Wittenberg un- terlegen waren gegründet. Er gieng nach wie vor von der innerlichen Offenbarung aus, der er allein Werth bei- legte; aber noch entschiedner als früher predigte er die ta- boritische Doctrin, man müsse die Ungläubigen mit dem Schwerd ausrotten und ein Reich aus lauter Gläubi- gen aufrichten. Es konnte schon an und für sich nicht anders seyn, als daß diese Lehren in ganz Deutschland Anklang und Wieder- holung fanden. Auch im Wirtenbergischen predigte man den Bauern vom israelitischen Jubeljahr. „O lieber Mensch,“ sagte Dr Mantel, „o armer frommer Mensch, wenn diese Jubeljahre kämen, das wären die rechten Jahre.“ Sattler Wuͤrtenbergische Geschichte Herz. II, p. 105. Otto Brunfels, der sich bisher sehr gemäßigt ausgedrückt, ließ 1524 zu Strasburg eine Anzahl Sätze über den Zehn- ten erscheinen, in denen er denselben für eine Einrichtung des alten Testamentes erklärte, welche durch das neue auf- gehoben sey, und den Geistlichen alles Recht dazu ab- sprach. De ratione decimarum Ottonis Brunfelsii Propositiones. Unter andern prop. 115. Proditores Christi sunt Juda pejores et sacerdotibus Baal, qui pro missis papisticis et canonicis pre- culis decimas recipiunt. In Hof treffen wir noch einmal auf Nicolaus Storch, der auch da mit seinen Offenbarungen Glauben fand, und 12 Apostel um sich sammelte, die seine Lehre ben entgegen ist. 1524. C III heißt es: so dann in der ordnung des Jubel jars im Text offenbarlich außgedruckt wirt das Gebot, das die notuͤrfftig bruderlich lieb fordert, muß alle einrede still halten und allen Christen desgleychen zu thun gebotten ungezweyffelt seyn. Drittes Buch. Sechstes Capitel . in Deutschland verbreiten sollten. Widemann Chron. Curiense bei Mencken III, 744. Daß Münzer und Carl- stadt, und zwar nicht ohne Zuthun Luthers, endlich aus Sachsen entfernt wurden, trug zur Ausbreitung und Ver- stärkung dieser Bewegung sogar noch bei. Wer kennt nicht die Scenen in Jena, wo Luther dem Carl- stadt einen Gulden darauf gab, daß er gegen ihn schreiben, sein Feind seyn wolle. Acta Jenensia bei Walch XV, 2422. L. hat sich uͤber die Feindseligkeit dieser Erzaͤhlung immer beklagt. Daß sie in L’s Werke aufgenommen sind, kann ihre Wahrhaftigkeit nicht beweisen, wie Fuͤßli im Leben Carlstadts p. 65 meint. Luther ge- rieth dadurch in eine falsche Stellung, daß er angedeutet hatte, auch Carlstadts Meinungen seyen aufruͤhrerisch, wie die von Muͤnzer, was so eigentlich nicht zu beweisen war. Sie nahmen beide ihren Weg nach dem Oberrhein. Erst jetzt trat Carl- stadt mit seiner Lehre vom Abendmahl unumwunden her- vor: so unhaltbar die Auslegung seyn mochte, die er sel- ber vortrug, so mächtig und von unermeßlicher Wirksam- keit war doch die Anregung die er damit gab. Münzer nahm seinen Weg über Nürnberg nach dem Hegau und Kletgau; wie um jenen die Gelehrten so sammelten sich um diesen die Schwärmer: er predigte aber nicht allein von der Verwerfung der Kindertaufe, was nun allmählig das Wahrzeichen der auf einen allgemeinen Umsturz sin- nenden Partei wurde, sondern von der Erlösung Israels und der Aufrichtung eines himmlischen Reiches. So kam zu dem Zerfall der herrschenden Gewalten die Opposition der Meinung gegen alles Bestehende: einer Meinung, welche unabsehbare Möglichkeiten einer neuen Ge- staltung der Dinge in der Ferne zeigte. Da geschah dann das Unvermeidliche. Bauernkrieg . Wir haben gesehen, wie es seit mehr als dreißig Jah- ren in den Bauerschaften des Reiches gährte, wie man- chen Versuch der Erhebung sie machten, welch ein mäch- tiger Widerwille gegen alle constituirten Gewalten sich in ihnen regte. Ihre politischen Tendenzen waren aber von jeher, lange ehe man an die Reformationsbewegungen dachte, von einem religiösen Element durchdrungen. Es findet sich bei jenen Barfüßern in Eichstädt, dem Hans Behaim im Würzburgischen, den Bauern in Untergrum- bach. Joß Fritz, der 1513 den Bundschuh zu Lehen im Breisgau erneuerte, ward durch den Pfarrer des Ortes in seinem Vorhaben bestärkt, denn dadurch werde die Gerech- tigkeit einen Fürgang gewinnen: Gott wolle den Bund- schuh, wie man aus der Schrift beweisen könne, es sey ein göttlich Ding darum. Bekenntniß Hans Hummels bei Schneider: Bundschuh zu Lehen p. 99. Der arme Kunz in Wirten- berg im J. 1514 erklärte, „daß er der Gerechtigkeit und dem göttlichen Rechte einen Beistand thun wolle.“ Es leuchtet ein, welche Nahrung Ideen dieser Art in den reformatorischen Bewegungen, durch welche die Auto- rität der Geistlichkeit so tief erschüttert ward, überhaupt fin- den mußten: aber nicht minder klar ist es, wie die Pre- digt, die an und für sich andre Gesichtspuncte verfolgte, von diesen, schon vorher so mächtigen Regungen ergriffen werden konnte; sie hat dieselben nicht erzeugt: sie ließ sich vielmehr selber von ihnen hinreißen. Denn nicht Alle konn- ten die Geister unterscheiden, wie Luther. Man lehrte wohl, weil alle eines Vaters Kinder und alle gleich mit dem Drittes Buch. Sechstes Capitel . Blut Christi erlöst seyen, müsse es auch fortan keine Un- gleichheit geben, weder des Reichthums noch des Stan- des. „Kurz das es zugang auff Erden, wie mir Theutschen von Schlauraffenland, die poeten de insulis fortunatis, und die Juden von ihres Messias Zeytten dichten, also auch zum Tayl die Junger Christi gedachten vom reych Christi.“ Eberlin v. Guͤnzburg: Ein getrewe warnung an die Christen in der Burgau. Mit den Klagen über die Mißbräuche der Geist- lichkeit vereinigte man die alten Beschwerden über Fürsten und Herrn, ihr Kriegführen, die strenge und nicht immer rechtliche Verwaltung ihrer Beamten, den Druck unter wel- chem der Arme seufze, und behauptete endlich, daß wenn die geistliche Gewalt antichristlich sey, es mit der weltli- chen nicht besser stehe: des Heidenthums und der Tyran- nei klagte man sie an. „Es wird nicht mehr so gehn wie bisher,“ schließt eine dieser Schriften, „des Spiels ist zu viel, Bürger und Bauern sind desselben überdrüßig, alles ändert sich. Omnium rerum vicissitudo. “ Ein ungewonlicher und der Ander Sendtbrieff deß Bauern- feyndts zu Karsthannsen. Am Schluß: Gedruckt durch Johann Lo- cher von Muͤnchen. Panzer gedenkt II, nr. 2777 eines ersten Briefes des Karsthansen unter 1525. In diesem zweiten finde ich noch keine Andeutung von dem Bauernkrieg; er muß spaͤtestens in die zweite Haͤlfte des Jahres 1524 fallen. Die erste Bewegung trat in den nemlichen Gegenden ein, wo sich schon die meisten frühern Regungen gezeigt, dort wo der Schwarzwald die Donauquellen von dem obern Rheinthal scheidet. Es kamen hier viele Umstände zusam- men: die Nähe der Schweiz, mit der man in den man- nichfaltigsten Verbindungen stand: die besondre Strenge, mit der die östreichische Regierung zu Ensisheim, jene Com- mission zu Engen auch die unbescholtenen Prediger der Bauernkrieg . neuen Lehre verfolgte: der Antheil den der Graf von Sulz, oberster Regent zu Insbruck, Erbhofrichter zu Rothweil, persönlich an diesen Maaßregeln nahm, — wie denn auch die Grafen von Lupfen und Fürstenberg als besondre Feinde der Lutherischen und der Bauern bezeichnet wurden: — die Anwesenheit Thomas Münzers, den ein richtig treffendes Gefühl eben dahin gezogen: endlich wohl auch die Folgen eines Hagelschlages, der im Sommer 1524 die Hofnun- gen der Ernte im Kletgau vernichtete. Schon am 24sten August 1524 zog Hans Müller von Bulgenbach mit ei- ner ansehnlichen Bauernschaar, unter schwarz-roth-weißer Fahne zur Kirchweih in Waldshut ein: er verheimlichte die Absicht nicht, eine evangelische Brüderschaft zu errich- ten, um die Bauerschaften im ganzen Reiche frei zu ma- chen. Ein kleiner Beitrag, den die Mitglieder zahlten, war dazu bestimmt, Boten zu besolden, um die Verbin- dung über alle deutsche Gebiete zu verbreiten. Schreiber Taschenbuch fuͤr Suͤddeutschland I, 72. Die Un- terthanen der Grafen von Werdenberg, Montfort, Lupfen, Sulz erhoben sich bereits. Die Sulzischen fragten vorher bei Zürich an, in dessen Bürgerrechte ihr Herr stand, und diese Stadt trug kein Bedenken, die Duldung evangelischer Prediger zur Bedingung des Gehorsams zu machen. Fuͤßlins Beitraͤge zur Historie der Kirchenreformation Bd II, p. 68. Es wäre der Mühe werth, dem Gange dieser Bewegun- gen noch genauer nachzuforschen, als es bisher geschehen ist. Nach Anshelm VI, p. 298 beklagten sich die Unterthanen der Grafen von Lupfen und Fuͤrstenberg, daß sie „am Fyrtag muͤß- Die verschiednen Momente, welche den Bauernauf- Drittes Buch. Sechstes Capitel . ruhr erzeugten, greifen hier am unterscheidbarsten in einan- der. Auch wurden hier die ersten allgemeinen Ideen ge- faßt; wahrscheinlich sind hier die zwölf Artikel entstanden die dann als das Manifest der Bauerschaften durch das Reich giengen. Fürs Erste war man jedoch noch nicht so gut gerü- stet, um den Völkern des Erzherzogs und des schwäbischen Bundes zu widerstehn. Man ward im Herbst noch ein- mal genöthigt, die Waffen niederzulegen. Dagegen nahm das Ereigniß im Anfang des Jahres 1525 einen entschei- denden Gang. Besonders schwierig waren immer die Unterthanen des Abtes zu Kempten gewesen: schon dreißig Jahr früher hatte sich in seinem Gebiete ein Aufruhr erhoben, der nur mit großer Mühe gedämpft wurde. Hier war es nun auch, wo die Bauern im Januar 1525 den ersten Sieg erkämpf- ten. Ohne Zweifel erhielten sie besonders durch die Theil- nahme der Bürger die Oberhand. Der Abt konnte sich auch auf dem Schloß, wohin er geflohen, nicht behaupten, ward nach der Stadt geführt und mußte hier einen sehr nachtheiligen Vertrag unterschreiben. Die Bauern begnüg- ten sich mit der Beute, die sie im Kloster machten. Materialien zur Geschichte des Bauernkriegs. Chemnitz 1791. Bd I, p. 28. Dieser erste Vortheil war nun eine Aufmunterung für alle Gleichgesinnte. tent Schneggenhuͤßli suchen, Garn winden, Erdbeer, Kriesen, Schle- hen gewinnen, und ander dergleichen thun, den Herren und Frouwen werken bei gutem Wetter, ihnen selbs im Ungewetter; das Gejaͤgd und d’ Hund luͤffent ohne Achtung einigs Schadens;“ die Sache sey an das Kammergericht gekommen, man habe aber die Entscheidung nicht erwartet. Bauernkrieg . Im Februar erhoben sich die Allgauer wider den Bi- schof von Augsburg: Dietrich Hurlewagen von Lindau führte sie an. Auf ihre Aufforderung gesellten sich ihnen die Seebauern zu, weit und breit an dem Bodensee, unter Eitelhans von Theuringen: wer sich nicht freiwillig an- schloß, ward mit Gewalt genöthigt; nirgends durfte die große Glocke zum Gottesdienst angezogen werden: wenn man sie hörte, bedeutete es Sturm, und alles Volk lief auf den Sammelplatz zu Bermatingen. Salmansweilersche Beschreibung bei Oͤchsle: Beitraͤge zur Geschichte des Bauernkriegs p. 485. Anfang März er- hob sich ein dritter Haufe, am Ried, dem das Volk an der Iller zulief, unter Ulrich Schmid von Sulingen. Ihr Glück war, daß der mächtige schwäbische Bund, der sich auf der Stelle rüstete, Noch im Februar ward ein Drittheil der Huͤlfe einberufen; bald darauf die beiden andern Drittheil, die jedoch Manche, z. B. Nuͤrnberg, nur in Geld leisteten. (Muͤllners Nuͤrnb. Annalen.) durch einen Einfall des Herzogs von Wirtenberg in sein Land beschäftigt wurde. Was würde geschehen seyn, wenn die Eidgenossenschaft, auf die sich dieser Fürst abermals verließ, bei ihm ausgehalten und wozu sie ein gewisses Interesse zu haben schien, zugleich die Partei der Bauern ergriffen hätte. Allein sie berief ihre Leute auch dieß Mal ab: der Herzog mußte weichen, und der Anführer der Bundestruppen Georg von Truch- seß konnte in der zweiten Hälfte des März sich gegen die Bauern wenden. Es gelang ihm in der That einige feste Plätze zu nehmen, einige abgesonderte Trupps auseinander zu sprengen: die Massen aber waren durch den Verzug des Angriffs so stark geworden, daß man ihnen im Großen nichts anhaben konnte. Von diesen Leuten waren nicht Drittes Buch. Sechstes Capitel . Wenige selbst unter den Fahnen der Landsknechte in den Waffen gewesen; das Gefühl der Wahrhaftigkeit hatte sie zur Erhebung gereizt; in den Bundestruppen selbst regte sich wohl ein gewisses Einverständniß mit ihnen. Und in- deß wurden sie durch immer neue Haufen verstärkt. An- fang April sammelte sich alles Volk des Schwarzwaldes vom Wutachthal bis zum Dreisamthal um jenen Hans Müller von Bulgenbach. Glänzend anzusehen, mit rothem Mantel und rothem Barett, an der Spitze seiner Anhän- ger zog er von Flecken zu Flecken; auf einem mit Laub und Bändern geschmückten Wagen ward die Haupt und Sturmfahne hinter ihm hergefahren. Schreiber: der Breisgau im Bauernkriege im Taschenb. f. Suͤddeutschland I, p. 235. Ein Zierhold bot allenthalben die Gemeinden auf und verlas die zwölf Ar- tikel. Denn nicht zu einer Empörung mit ganz unbestimm- ter Aussicht forderte er auf: in diesen zwölf Artikeln wa- ren sehr positive Forderungen ausgesprochen: ein Jeder erfuhr, was er zu erwarten habe, wofür er die Waffen er- greife. Die zwölf Artikel enthalten dreierlei Ansprüche. Vor allem wird darin die Freiheit der Jagd, des Fisch- fanges, der Holzung, Abstellung des Wildschadens gefor- dert. Wie oft, seit der Gründung des feudalistischen Staats haben die Bauern in allen Ländern Klagen über ihre Be- schränkungen in dieser Hinsicht ausgesprochen; schon im Jahr 997 in der Normandie finden wir sie. Guilielmus Gemeticensis lib V. Ferner dran- gen die Bauern auf die Abstellung einiger neu aufgelegten Lasten, neuer Rechte und Strafen, ungewohnter Anmaa- ßun- Bauernkrieg . ßungen der Herrn über die Gemeindegüter. Es wird durch die glaubwürdigsten Zeugnisse bestätigt, daß eben das Wei- ter-um-sich-greifen der Herrschaften den nächsten Anlaß zu der allgemeinen Aufregung gegeben hatte. Endlich aber traten auch hier die geistlich-reformirenden Bestrebungen ein. Die Bauern wollen nicht mehr leibeigen seyn, denn Christus hat auch sie mit seinem kostbaren Blute erlöst; sie wollen den kleinen Zehent nicht mehr zahlen, sondern nur den großen, Erlaͤutert sich durch folgende Stelle der Muͤllnerschen An- nalen: der Rath zu Nuͤrnberg ließ von allen Canzeln ausrufen, „daß aller lebendige Zehent, als Fuͤllen Kaͤlber Laͤmmer ꝛc., desglei- chen der kleine Zehent, den man nennt den todten Zehent, als Hei- del Erbeiß Heu Hopfen ꝛc. ganz todt und abseyn solle, aber den großen harten Zehenten von hernach benanntem Getreide, so man die fuͤnf Brand nennt, nemlich von Korn Duͤnkel Waitzen Gerste Habern sollte man zu geben schuldig seyn.“ (Nach dem Herkommen die 15te, 20ste oder 30ste Garbe.) denn diesen allein hat Gott im alten Testamente festgesetzt; endlich fordern sie das Recht, ihre Prediger selbst zu wählen, um von ihnen in dem wahren Glauben unterwiesen zu werden, „ohne den sie nichts seyn würden als Fleisch und Blut und zu gar nichts nütze.“ Dye grundlichen und rechten Hauptartikel aller Bauerschafft und Hyndersessen; abgedruckt unter andern bei Strobel Beitraͤge II, p. 9. Unter den Ausgaben fuͤhrt eine bei Panzer nr. 2705 den Zu- Man sieht, nichts Geringes führten die Bauern im Schilde; mit wie vieler Vorsicht auch ihre Artikel abgefaßt sind, so würden sie doch eine totale Emancipation zur Folge ge- habt haben. Hans Müller sprach die Hofnung aus, sie ohne Schwerdschlag ins Werk zu setzen. Wer sich wei- gere sie anzunehmen, werde von der christlichen Vereini- gung in Bann erklärt, aller bürgerlichen und nachbarli- Ranke d. Gesch. II. 13 Drittes Buch. Sechstes Capitel . chen Hülfe beraubt werden. Auch die Herrn von den Schlössern, auch die Mitglieder der Klöster und Stifter werde man in die Vereinigung aufnehmen, wenn sie ein- treten und in Zukunft in gewöhnlichen Häusern leben wol- len wie andre Leute; dann werde man ihnen alles verab- folgen, was ihnen aus göttlichem Rechte gebühre. Jene erste noch vage Idee der evangelischen Brüderschaft hatte nunmehr, wie man sieht, einen bestimmten Inhalt. Die Bauern faßten ihre Ansprüche in einer Formel zusammen, zu deren Annahme sie die Herrn zu zwingen gedachten. Im Laufe des April 1525 ließ es sich in der That an als würde es noch dahin kommen. Schon gegen Ende März hatte sich die Bewegung auch in Franken erhoben. In einem Thale des Odenwal- des, genannt der Schüpfergrund, versammelten sich ein paar tausend Bauern, aufgeregt durch die zwölf Artikel, die ihnen zu Handen gekommen, und wählten den Wirth von Ballenburg, Georg Metzler, in dessen Hause sie die ersten Vorbereitungen getroffen, einen verwegenen Menschen, der im Saus und Braus eines vielbesuchten Wirthshauses seine satz: des Monadts Martii. Nach der einstimmigen Angabe der Zeit- genossen, unter andern auch Melanchthons war Christoph Schapp- ler ihr Verfasser; selbst in der florentinischen Geschichte von Nardi ( VIII, 187) wird er genannt: uno scellerato rinnovatore della setta degli Anabatisti chiamato Scaflere. Schappeler jedoch hat das immer geleugnet (Bullinger p. 245) und es scheint in der That ein Irrthum. Wenn man spaͤter geneigter gewesen ist, Joh. Heuglin von Lindau nach seinem eignen Bekenntniß (s. Strobel a. a. O. p. 76) dafuͤr zu halten, so bezieht sich dessen Erzaͤhlung doch nur auf Artikel welche den Bauern von Sernatingen zugestanden werden, damit sie nicht zu den uͤbrigen Bauern treten: von den zwoͤlf be- ruͤhmten Artikeln wuͤrde wohl auf eine andre Weise die Rede seyn. Bauernkrieg . Tage zugebracht, zu ihrem obersten Hauptmann. Nach Hubert Thomas Leodius geschah das um Mittfasten, Laͤtare, 26 Maͤrz. In Böckingen, in Mergentheim, an gar manchen andern Or- ten wurden ähnliche Versammlungen gehalten. Man be- gann in der Regel damit die Fasten zu brechen: ein Ge- lag ward veranstaltet, bei dem dann der Beredteste Un- zufriedenste das Wort nahm: die zwölf Artikel wurden hervorgezogen gelesen und gebilligt: ein Anführer ward er- nannt, die Sturmglocke gezogen; so brach der Aufruhr los, der fast allenthalben damit anfieng daß man sich eines Mehlvorraths, eines Weinkellers bemächtigte, oder einen herrschaftlichen Teich ausfischte. Einzeln wären diese Be- wegungen leicht zu ersticken gewesen: ihre Wiederholung an so vielen Orten gab ihnen Kraft. Den bedeutendsten Charakter entwickelten sie in Rothenburg an der Tauber. Als sich die Bauern in der Landwehre regten, fanden sie in der Gemeine, die schon lange mit ihrem Rathe unzu- frieden war, vielmehr Beistimmung als Widerstand: ein Ausschuß ward gebildet, der den Rath stürzte und eine Verwaltung eben im Sinne der Empörung zu gründen unternahm. Anfang und Ende des Bauernkriegs zu Rothenburg bei Walch L. W. XVI, 180. Dr Bensen (histor. Untersuchungen uͤber Rotenburg p. 270) hat eine ausfuͤhrliche Arbeit uͤber diese merk- wuͤrdigen Ereignisse versprochen. Es muß unerörtert bleiben, wie viel jene Boten aus- gerichtet haben, von deren Absendung Hans Müller vor dem Jahre gesprochen, ob eine wirkliche Verabredung Statt gefunden hat: so viel aber sehen wir, daß man in Fran- 13* Drittes Buch. Sechstes Capitel . ken dasselbe Verfahren einschlug, welches Müller auf dem Schwarzwald angekündigt. Um frei zu werden, beschloß man die einzelnen Herrschaften zu nöthigen, die zwölf Ar- tikel anzunehmen: jedoch immer unter den localen Modi- ficationen die man nöthig erachtete und mit dem Vorbe- halt weiterer Reformen. Unverweilt schritt man an dieß Werk. Zwei Haufen begaben sich ins Feld, der eine, der sich den schwarzen nannte, von Rothenburg her, unter Hans Kolbenschlag, der andre, der helle, vom Odenwald unter Georg Metzler. Die fränkischen Bauern hatten es bei weitem leichter als die schwäbischen: kein Bundesheer trat ihnen entgegen; der Junker von Rosenberg, der Com- thur des deutschen Ordens zu Mergentheim, Verschreibung Diedrichs von Clee, Maister Teutschordens, in den Urkk. bei Oͤchsle. Vgl. diese Schrift selbst p. 135. die Grafen von Hohenlohe und Löwenstein wurden genöthigt, die Be- dingungen zu unterschreiben die ihnen die Bauern mach- ten, und sich der Reform, die sie einführen würden, im Voraus zu unterwerfen. Die Grafen Georg und Albrecht von Hohenlohe bequemten sich, auf dem Grünbühl vor dem Heere der Bauern zu erscheinen: „Bruder Georg und Bruder Albrecht,“ rief ihnen ein Keßler von Öhringen zu, „kommt her und gelobt den Bauern, bei ihnen als Brü- der zu halten, denn auch ihr seyd nun nicht mehr Herrn, sondern Bauern.“ Schreiben des Grafen Georg an die Stadt Hall Dienst. nach Palm. bei Oͤchsle 271. Wehe denen, die sich widersetzten, wie Graf Helfenstein in Weinsberg. In den Bauern entzün- dete sich bei dem ersten Widerstand ihre angeborne Roheit zu dem wildesten, übermüthigsten Blutdurst: sie schwuren Bauernkrieg . alles zu tödten was Sporen trage; als sie Helfensteins mächtig geworden, war es vergebens, daß sich seine Ge- mahlin, natürliche Tochter Kaiser Maximilians, ihren Kna- ben auf dem Arm vor den Oberhäuptern niederwarf: man bildete eine Gasse, ein pfeifender Bauer schritt dem Schlacht- opfer voran: unter Trommeten und Schalmeienklang ward Helfenstein in die Spieße seiner Bauern gejagt. Da beugte sich Jedermann: der ganze Adel vom Odenwald bis an die schwäbische Grenze nahm die Gesetze der Bauern an: die Winterstetten, Stettenfels, Zobel, Gemmingen, Frauen- berg, die Grafen von Wertheim und Rheineck: die Ho- henlohe gaben den Bauern jetzt auch ihr Geschütz. Chronik der Truchsessen II, p. 195. Um der Sache ein Ende zu machen, nahmen beide Haufen ihren Weg wider den mächtigsten Herrn in Frankenland, der den Titel des Herzogs daselbst führte, wider den Bi- schof von Würzburg. Sie hatten sich auf dem Zug nicht allein bereichert und verstärkt, sondern auch mit nahmhaf- ten Hauptleuten aus dem Ritterstand versehen. Die An- führung des Odenwalder Haufens hatte Götz vvn Berli- chingen übernommen — zum Theil wohl, weil es gefährlich gewesen wäre, sich zu widersetzen, aber zugleich angezogen durch die kriegerische Thätigkeit die sich ihm hier darbot, in der er nun einmal lebte und webte, zumal da sie gegen seine alten Feinde im schwäbischen Bund gerichtet war: Lebensbeschreibung des Goͤtz p. 201. Vgl. seine Entschul- digung in den Materialien p. 156. — den Rothenburger führte Florian Geier. Am 6ten und 7ten Mai erschienen sie von verschiednen Seiten her vor Würz- burg, freudig empfangen von den Bürgern der Stadt, Drittes Buch. Sechstes Capitel . welche sich jetzt zu reichsstädtischen Freiheiten zu erheben gedachten, Johann Reinhards Wuͤrzburgische Chronik in Ludwig Wuͤrzb. Geschichtschr. p. 886. und schwuren einander nicht zu verlassen, bis der Frauenberg erobert sey, wo die letzte Kraft der Rit- terschaft und des Fürstenthums in Franken, die sich jetzt vereinigt hatten, versammelt war. Und in diesem Augenblick, Ende April, Anfang Mai 1525, war bereits in ganz Oberdeutschland ein ähnlicher Zustand eingetreten. Allenthalben waren Bewegungen aus- gebrochen und im Grunde auch überall siegreich geblieben. Der Bischof von Speier hatte die Bedingungen der Bauern eingehen müssen: Gnodalius II, 142. der Churfürst von der Pfalz hatte sich in freiem Felde bei dem Dorfe Horst vor ihnen gestellt und ihnen Erledigung ihrer Beschwerden auf die Grundlage der 12 Artikel versprochen. Schreiben des Churfuͤrsten an Melanchthon: „Haben uns mit ihnen der 12 Artikel wegen eines Landtags vereinigt, dergestalt was wir uns derselben mit ihnen vergleichen moͤchten das hat seine Wege, weß wir uns aber nicht vertragen koͤnnen, das solt stehen zu Kur- fuͤrsten Fuͤrsten und Staͤnden des Reiches.“ Ist das Prinzip der meisten Abkommen die man traf. ( Mel. Epp. I, 743.) Im Elsaß war selbst die Residenz des Bischofs, Zabern in die Hände der Bauern gefallen: die Einwohner der kleinen Städte erklär- ten, sie hätten keine Spieße um die Bauern zu stechen: deren Hauptleute, der Schlemmerhans und der Deckerhans hatten einen Augenblick die Herrschaft. Da Markgraf Ernst von Baden die Bedingungen der Bauern nicht ein- gehn wollte, wurden seine Schlösser eingenommen, und er mußte flüchtig werden. Die Ritterschaft des Hegau ward Bauernkrieg . in der Stadt Zell am Untersee von den Bauern eingeschlos- sen und belagert. Auch der gewaltige Truchseß an der Spitze der schwäbischen Bundesvölker mußte sich endlich zum Vertrag mit den Bauern von Allgau, See und Ried bequemen und ihnen eine Erledigung ihrer Beschwerden unter Vermittelung der Städte versprechen. Ein Glück wenn sie sich nur noch auch auf die Zukunft verweisen lie- ßen. In Wirtenberg wollten sie von keinem Landtag mehr hören, sondern alles augenblicklich ihrer christlichen Ver- einigung unterwerfen, die sich bereits über den größten Theil des Landes verbreitete: jeder Ort stellte eine bestimmte Anzahl Leute ins Feld. Der Bischof von Bamberg, der Abt von Hersfeld, der Coadjutor von Fulda hatten sich zu geistlichen und weltlichen Concessionen verstanden: der letzte mit besonders leichtem Sinne: schon ließ er sich als Fürst von der Buchen begrüßen; auch sein Bruder der alte Graf Wilhelm von Henneberg nahm den Bund der Bauern an und versprach alles frei zu lassen, „was Gott der Allmächtige gefreiet in Christo seinem Sohn.“ Bundesformel bei Ludwig a. a. O. p. 879. Viel- leicht den kühnsten Versuch einer Umgestaltung aller Ver- hältnisse machten die Einwohner des Rheingau. Noch ein- mal versammelten sie sich auf dem Grund und Boden ihrer uralten Malstatt, der Lützelaue, zu St. Bartholomä, Nach Bodmanns Rheingauischen Alterthuͤmern p. 461. Daß der Wachholder die alte Malstatt gewesen, wie Vogt annimmt, be- ruht wohl auf einem Irrthnm. und vereinigten sich, vor allem ihre alte Verfassung zurückzufor- dern, das Haingericht nach dem alten Rechte, die Herstellung des Gebickes, welches das Land in eine Art von Festung Drittes Buch. Sechstes Capitel . verwandelte, überdieß aber eine gleichmäßige Herbeiziehung der weltlichen und geistlichen Herrn zu den Lasten der Ge- meine, Verwendung der Klostergüter zum Nutzen der Land- schaft; gelagert auf dem Wachholder bei Erbach, in offe- ner Empörung nöthigten sie Statthalter, Dechant und Ca- pitel, ihre Forderung in der That zu bewilligen. Artikel gemeiner Landschaft bei Schunk Beitraͤge zur Main- zer Gesch. I, p. 191. Auch in Aschaffenburg mußte der Statthalter des Erzbischofs von Mainz die Bedingungen der Bauern eingehn. Dergestalt war der ganze schwäbische und fränkische Stamm der deutschen Nation in einer Bewegung begrif- fen, die sich zu einer vollständigen Umkehr aller Verhält- nisse anließ; schon nahmen neben den Bauerschaften auch eine ganze Anzahl von Städten daran Antheil. Zuerst gesellten sich die kleineren Städte zu ihnen: wie Kempten, so Leipheim und Günzburg an der Donau, die freilich dafür sehr bald gestraft wurden, die neun oden- wäldischen Städte im Mainzer Oberstift, die Städte im Breisgau, wo wohl hie oder da ein Stadtschreiber den Bauern selbst die Thore öffnete; sie hätten ohnehin nicht die Kraft gehabt Widerstand zu leisten und theilten die mei- sten Beschwerden der Bauern; die bambergischen faßten die kühne Idee, die benachbarten Edelleute zu nöthigen, in ihre Ringmauern zu ziehen und Bürger zu werden; bei 50 Schlösser sind hier gestürmt worden. Lang Geschichte von Baireuth I, 187. Heller a. a. O. p. 88. — Dann wur- den auch einige Reichsstädte zweiten und dritten Ranges in Güte oder mit Gewalt herbeigezogen, Heilbronn, Mem- Bauernkrieg . mingen, Dünkelspiel, Wimpfen; Rothenburg trat endlich in feierlicher Versammlung in der Pfarrkirche auf hundert und ein Jahr in den Bund der Bauern. Windsheim ward nur durch die Abmahnungen von Nürnberg zurück- gehalten. Aber selbst in den größern Städten regten sich ähnliche Tendenzen. Mainz forderte die ihm nach dem letzten Aufruhr entrissenen reichsstädtischen Rechte wieder zurück. Der Rath von Trier drang nicht allein auf eine Herbeiziehung der Geistlichen zu den bürgerlichen La- sten, sondern nahm sogar einen Antheil an den geistli- chen Gefällen in Anspruch, die bei den Reliquien im Dome einkamen; Scheckmann: Additamentum ad gesta Trevirorum in Wyt- tenbachs Ausg. der Gesta II, animadv. p. 51. in Frankfurt sah sich der Rath ge- nöthigt, die ihm von der Gemeine vorgelegten Artikel von Wort zu Wort anzunehmen. Lersners Frankfurter Chronik. Zu seiner Entschuldigung führt er an daß das auch in gar manchen andern Reichs- städten geschehe. Man bemerkte, Strasburg nehme die Empörer als Bürger auf, Ulm unterstütze sie mit Waffen, Nürnberg mit Proviant. Schon findet sich ein Gelehrter, der die Meinung hegt, die Bewegung rühre fast noch mehr von den Städten her als von den Bauern, durch jüdische Emissäre habe man diese erst aufgereizt: der Sinn der Städte sey, sich der fürstlichen Gewalt überhaupt zu entziehen und zu leben wie Venedig oder die alten Repu- bliken. Conradi Mutiani Literae ad Fridericum electorem 27 April 1525 in Koͤhlers Beitraͤgen I, 270. So wenig das auch Grund hatte, — wir wissen sehr Drittes Buch. Sechstes Capitel . wohl, mit welchem Eifer manche Reichsstadt, z. B. Nürn- berg, die beginnende Bewegung in ihrem eignen Gebiet zu unterdrücken bemüht war: wir sehen allenthalben, wie die den bäurischen entsprechenden städtischen Gährungen nur durch die Gelegenheit hervorgerufen werden, — so springt doch in die Augen, wie stark und umfassend durch das Hinzutreten dieses zweiten Elementes die Empörung, die allgemeine Gefahr werden mußte. Da ist nun überaus merkwürdig, welche Ideen in diesem Moment emporstiegen. Die Bauern in Franken faßten Pläne zu einer Re- formation des Reiches. So tief lag diese Bestrebung, man möchte sagen, im Blute der Nation. Was die Fürsten auf so vielen Reichs- tagen vergebens versucht hatten, was auch Sickingen drei Jahr früher mit den Rittern auf seine Weise auszufüh- ren beabsichtigt, das glaubten jetzt die Bauern durchsetzen zu können: natürlich in einem Sinne der ihrer Erhebung überhaupt entsprach. Man wollte vor allem versuchen, der in sich zügel- losen Bewegung eine allgemeine Leitung zu geben. In Heilbronn sollte eine gemeinschaftliche Canzlei für alle Hau- fen, eine Art von Regierung eingerichtet werden. Die Massen selbst sollten nach Hause an ihr Tagewerk gehn, nur ein Aufgebot sollte im Felde bleiben, und es sein Ge- schäft seyn lassen, die noch Unüberwundenen zur Annahme der zwölf Artikel zu nöthigen. Indem man dann weiter an eine definitive Einrichtung dachte, war die vornehmste Idee, die alles beherrschte, fol- Bauernkrieg . gende. Die Bauern sollten von allen drückenden Gerecht- samen geistlicher und weltlicher Herrschaften befreit werden. Zu dem Ende wollte man zu einer allgemeinen Säcularisa- tion der geistlichen Güter schreiten. Indem dadurch die geistlichen Herrschaften weggefallen wären, hätte man auch die Möglichkeit erhalten, die weltlichen zu entschädigen: denn nicht ohne Entschädigung wollte man die letztern ihrer Rechte berauben. Die Masse der Güter war aber so groß, daß man damit auch noch alle öffentlichen Bedürfnisse des Rei- ches zu befriedigen hoffte. Alle Zölle sollten aufhören, alle Geleite; nur immer im zehnten Jahr sollte man eine Steuer zu bezahlen haben: für den römischen Kaiser, So schlug man dem Markgrafen Ernst von Baden ab, ihn als Fuͤrsten zu erkennen, nur vom Kaiser und von dessen Statthal- ter wollten sie in Zukunft regiert seyn. Etwas Aͤhnliches verstanden sie auch wohl unter dem goͤttlichen Recht das sie dem Herzog von Wirtenberg bewilligten. Daß sie den Kaiser anerkannten, hatte seinen vornehmsten Grund darin daß er in dem N. Test. vorkam. des- sen Schirm und Schutz in Zukunft allein herrschen würde, ohne alle andre Verpflichtung. Die Gerichte sollten nach einem umfassenden Grundsatz umgestaltet und popularisirt werden. Vier und sechzig Freigerichte sollten im Reiche bestehen, mit Beisitzern aus allen Ständen, auch aus den geringern; sechzehn Landgerichte, vier Hofgerichte, Ein Kam- mergericht; alle auf ähnliche Weise organisirt. Das Kam- mergericht sollte folgende Mitglieder haben: zwei von Fürsten, zwei von Grafen und Herrn, zwei von der Ritterschaft, drei von den Reichsstädten, drei von den Fürstenstädten, vier von allen Communen im Reiche. Gedanken, die schon öfter ge- faßt waren, die z. B. schon in einer 1523 erschienenen Schrift: Drittes Buch. Sechstes Capitel . Nothdurft deutscher Nation, ausgesprochen sind, jetzt aber von ein paar geschickten und kühnen Bauernanführern, Fried- rich Weigant von Miltenberg, und Wendel Hipler, früher ho- henlohischem Canzler, aufgenommen und ausgebildet wurden. Vgl. Entwuͤrfe der Bauern bei Oͤchsle p. 163 und im An- hang. Es ist schon von Eichhorn (Deutsche Staats und Rechtsgesch. III, p. 119 Ausg. IV ) bemerkt worden, daß durch diese Entwuͤrfe ein neues Licht auf die sog. Reformation Friedrichs III faͤllt. Zwar traͤgt Goldast die Schuld nicht, die ihm Eichhorn beimißt, — er hat dieß Werkchen nicht zuerst fuͤr eine Reformation des Kaisers ausgegeben; die alte Schrift, die er citirt, fuͤhrt wirklich den Titel: Teutscher Nation Notturft: die Ordnung und Reformation aller Stend im Roͤm Reych, durch Kayser Friedrich III Gott zu Lob, der ganzen Christenheyt zu Nutz und Seligkeit fuͤrgenommen. (Panzer II, p. 226.) Allein das ist ohne Zweifel nur eine schriftstellerische Fiction: die Schrift athmet durchaus den Geist der ersten Reformationsjahre. — Das Ungluͤck von Erfurt, dessen dort unter den Communen gedacht wird, die durch eigen Nutz zu Grund gegangen, bezieht sich auch wohl mehr auf die verderblichen Unruhen von 1510 als auf fruͤhere wenig bemerkte Er- eignisse. Besonders die Doctoren des römischen Rechtes waren den Bauern verhaßt: zu keinem Gericht sollten sie zugelassen werden: nur an den Universitäten wollte man sie dulden, um sich in dringenden Fällen Raths bei ihnen zu erholen. Auch übrigens sollten alle Stände auf ihre ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt werden: die Geistlichen nur die Hüter ihrer Gemeine seyn: Fürsten und Ritter sich den Schutz der Schwachen angelegen seyn lassen und sich brü- derlich halten: alle Communen eine Reformation nach göttli- chem und natürlichem Recht erfahren: nur Eine Münze sollte gelten: man wollte gleiches Maaß und Gewicht einführen. Ideen einer radicalen Umwälzung, wie sie erst in der fran- zösischen Revolution wieder zum Vorschein gekommen sind. Allein ohne Aussicht waren sie nicht. Jeden Moment Bauernkrieg . breitete sich die Bewegung weiter aus. Sie hatte schon Hessen ergriffen, und suchte von hier aus den sächsischen, von Oberschwaben den bairischen Stamm, von Elsaß her Lothringen zu erreichen und zu überfluthen. Übereinstim- mende Regungen finden wir in Westphalen, z. B. in Mün- ster, wo die Stadt ihrem Capitel gegenüber die nemlichen Forderungen aufstellt wie dort Trier, und der Bischof schon fürchtet, in Kurzem das ganze Land von dem Sturme ergriffen zu sehen; Alle und semptliche Artikel durch Die van Munster by sick solvest upgericht, und besonders das Schreiben des Bischof Frederik 8 Mai bei Niesert Beitraͤge zu einem muͤnsterschen Urkundenbuch I, 113. So juw vorgekommen, was grotes Uprores jtzont im hylli- gen Ryke und daitscher Nation weder alle christliche Ordenunge Obe- richeit geistlich uud weltlich vorhanden is — werden wy berichtet, — das sulchs allhier in unserm Gestichte unser Obericheit und insonder- heit dem geistlichen Stande zu gyner geringen Verhonynge Inbrock und Besweringe im Deile och vorgenommen und betenget. in den östreichischen Vorlanden, wo die Widerstrebenden in der That mit jener Acht der Bauern heimgesucht wurden; in allen Alpengegenden; in Tirol sah sich Erzherzog Ferdinand genöthigt, den Aus- schüssen der zwei Stände von Inn und Wippthal in of- fenbarem Widerspruch mit den Regensburger Beschlüssen die Bewilligung zu machen, daß das Evangelium in Zu- kunft „lauter und klar, wie das der Text vermag, gepredigt werden solle;“ Excerpte bei Bucholtz VIII, 330. Es ist ein Mißkennen der Sprache dieser Zeit, wenn Bucholtz annimmt, in diesen Bewil- ligungen sey das Verfaͤngliche umgangen. im Stifte Brixen stellte sich der Secretär des Bischofs Michael Geißmayr an die Spitze des Auf- ruhrs; in Salzburg sammelten sich auf den Ruf der Sturm- glocke die Bergknappen bei den Kirchen. Selbst zwischen Drittes Buch. Sechstes Capitel . Wien und Neustadt sprachen die Hauerknechte in den Wein- bergen von einer Verbindung, die es ihnen möglich mache, binnen wenigen Stunden bei zehntausend Mann ins Feld zu stellen. Schreiben von Hofrath und Renntkammer bei Bucholtz VIII. p. 88. Indessen war der Aufruhr auch in Thüringen losgebro- chen, und da in ein neues Stadium seiner Entwickelung getreten. Es sollte fast scheinen, als hätten in Thüringen und am Harz Überlieferungen des flagellantischen Spiritualis- mus, dessen Spuren wir dort noch bis ans Ende des funf- zehnten Jahrhunderts begleiten, Nach Johann Lindners Onomasticon (bei Mencken II, p. 1521) war diese Secte besonders in Aschersleben und Sangerhau- sen im Gange. Nach einem Document welches Foͤrstemann in den Provincialblaͤttern fuͤr Sachsen mittheilt (1838 nr. 232) finden wir noch eine Inquisition auf dem Schlosse Hoym gegen einen Geißler im J. 1481. Ein Anschließungspunct moͤchte seyn, daß auch jene ihren Prediger als Propheten behandelten, in ihm den Richter am juͤngsten Tage zu sehen meinten. Doch ist freilich alles metamorphosirt. den Boden für die bäuri- schen Unruhen vorbereitet. Wenigstens waren hier die Mo- tive religiöser Schwärmerei noch stärker als die politischen. Jene Meinungen, welche Luther einst in Wittenberg be- siegt, gegen deren Festsetzung in Thüringen er seinen Fürsten gewarnt, fanden jetzt Gehör bei einer großen aufgeregten Po- pulation. Münzer war nach Thüringen zurückgekehrt: in Mühlhausen, wo wie in Rothenburg durch das Einver- ständniß des Landvolkes und der geringeren Bürgerclasse eine Änderung der Verfassung und des Rathes herbeige- führt worden war, hatte er Aufnahme gefunden, und die Gährung in weiten Kreisen um sich her verbreitet. Er ver- Bauernkrieg . achtete, wie wir wissen, das „gedichtete Evangelium,“ das Luther predigte, seinen „honigsüßen Christus,“ seine Lehre daß der Widerchrist zerstört werden müsse durch das Wort allein, ohne Gewalt: er behauptete, das Unkraut müsse ausgerauft werden zur Zeit der Ernte, so habe Josua die Völker des gelobten Landes mit der Schärfe des Schwer- tes getroffen. Auslegung des andern unterschyds Danielis deß propheten gepredigt aufm Schloß zu Alstedt vor den tetigen thewren Herzo- gen und Vorstehern zu Sachsen durch Thomas Muͤntzer. 1524. Wohl eine seiner merkwuͤrdigsten Schriften. Er windet sich sehr, um einen Unterschied zwischen der aͤchten Offenbarung und den falschen Gesich- ten aufzustellen, z. B. sie komme hernieder „in eyner frohen Ver- wunderung,“ der Mensch muͤsse „abgeschieden sein von allem zeitli- chen Trost seines Fleisches,“ das Werk der Gesichte muͤsse „nit rausser quellen durch menschliche anschlege, sondern einfaltig herfließen nach Gottes unvorrucklichen Willen;“ aber es leuchtet ein, daß er mit dem allen noch lange nicht so weit kommt wie Ignatius Loyola. Zu- gleich bekaͤmpft er die gemaͤßigte Theorie Luthers, die er einer „ge- tichten Guͤte“ zuschreibt. Er sagt ganz offen, der Gottlose habe kein Recht zu leben. „Ich sage mit Christo ꝛc., das man die gotlosen regenten, sunderlich pfaffen und moͤnche toͤdten sol.“ Die Fuͤrsten sol- len die Gottlosen vertilgen, wo nicht so wird ihnen Gott ihr Schwerd nehmen. „Ah lieben Herren, wie hubsch wirt der Herr unter die alten Topf schmeißen mit einer eysern stangen.“ Auch mit den Verträgen, welche die Bauern in Schwaben und Franken schlossen, war er unzufrieden. Viel weiter giengen seine Gedanken. Er fand es unmög- lich den Leuten die Wahrheit zu sagen, so lange sie von den Fürsten regiert würden. Er erklärte es für unerträg- lich, daß alle Creatur zum Eigenthum gemacht worden sey, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden: — auch die Creatur müsse frei werden, wenn das reine Wort Gottes aufgehen solle. Alle Begriffe, auf denen der Staat beruht, stößt er um: nur die Offenbarung Drittes Buch. Sechstes Capitel . erkennt er an. „Aber ein neuer Daniel,“ sagt er, „muß sie auslegen und an der Spitze des Volkes einhergehn wie Mose.“ In Mühlhausen gelangte er zu dem Ansehn eines Herrn und Propheten. Er saß mit zu Rathe: er sprach Recht, nach der Offenbarung, unter seiner Leitung wurden die Klöster eingezogen, Geschütze gegossen, mit gewaltigem Caliber, kriegerische Unternehmungen vollzogen. Erst wur- den die Pfarren im Gebiet des Herzog Georg überfallen, dann wurden mit Hülfe des empörten Volkes die Klöster gestürmt, wie am Harz Michelstein, Ilsenburg, Walken- ried, so in der güldnen Aue Kelbra, Donndorf, Roßleben, Memleben, alle andern in der großen Thüringer Ebene bis hinan in den Wald; in Reinhardsbrunn wurden die Denk- male der alten Landgrafen verwüstet, die Bibliothek zer- stört. Thuringia sacra I, 173. Hierauf griff man, wie im Eichsfeld, so in Thü- ringen die Schlösser und Höfe der Herrn an. Hier hören wir nicht von Bedingung und Vertrag, von jener Aus- sicht auf eine künftige Reformation: es war auf das all- gemeine erbarmungslose Verderben abgesehen. „Lieben Brü- der,“ schrieb Münzer an die Bergleute zu Mansfeld, „laßt Euch nicht erbarmen, ob Euch Esau gute Worte gebe; sehet nicht an den Jammer der Gottlosen. Lasset Euer Schwerd nicht kalt werden vom Blut: schmiedet Pinke- panke auf den Amboß Nimrod, werft ihm den Thurm zu Boden, weil ihr Tag habt.“ „Daß du es wissest,“ schrieb er an Graf Ernst zu Heldrungen, „der allmächtige ewige Gott hat es geheißen dich mit der Gewalt die uns gege- ben, Bauernkrieg . ben, vom Stuhl zu stoßen. Schreiben bei Strobel: Leben, Schriften und Lehren Thomaͤ Muͤnzers p. 95. Als das Landvolk von Schwarzburg sich gegen den Grafen erhoben, auch hier ein- verstanden mit den kleinen Städten, und sich in einen star- ken Haufen zu Frankenhausen gesammelt, fürchtete Münzer nur den Abschluß eines Vertrages, Betrug wie er sich aus- drückt durch die Gerechtigkeit, und erhob sich in Person aus dem festen Mühlhausen, um das zu verhindern, und das „Nest der Adler“ anzugreifen. Aus der Apocalypse be- wies er, daß die Gewalt dem gemeinen Volk gegeben wer- den solle. „Macht Euch mit uns an den Reigen,“ schrieb er an seine Freunde zu Erfurt: „den wollen wir gar eben treten: wir wollen es den Gotteslästerern bezahlen, wie sie der armen Christenheit mitgespielt haben.“ Er unterzeichnet sich „Thomas Münzer mit dem Schwerd Gideonis.“ Eine gewaltige Stellung hatte Thomas Münzer doch, so sehr er auch ein Schwärmer war. Die spiritualistischen Meinungen früherer Jahrhunderte durchdrangen sich in ihm mit den Tendenzen geistlicher und weltlicher Reform, welche jetzt emporgekommen. Er bildete eine Meinung aus, die sich an das gemeine Volk wandte, es zur Vernichtung al- ler bestehenden Ordnung aufforderte, und die unbedingte Herrschaft eines Propheten vorbereitete. Rings umher auf allen Bergen von Thüringen und Meißen sammelten sich Volkshaufen, Pauli Langii Chronica Numburgensia bei Mencken II, 67. erwartungsvoll nach einem ersten entschied- nen Erfolg seines Unternehmens, dem sie sich anzuschließen Ranke d. Gesch. II. 14 Drittes Buch. Sechstes Capitel . gesonnen waren. Über ganz Deutschland hätten dann die Fluthen in dieser Richtung hingewogt. So kam es endlich zu Tage, was sich schon lange angekündigt: nachdem die Gewalten, welche den deutschen Staat constituirten, an einander und unter sich selber irre geworden, erhoben sich die elementaren Kräfte, auf denen er beruhte. Aus dem Boden zuckten die Blitze auf: die Strömungen des öffentlichen Lebens wichen aus ihrem ge- wohnten Laufe: das Ungewitter der Tiefe, das man so lange brausen gehört, entlud sich gegen die obern Regionen: es schien sich alles zu einer vollkommenen Umkehr anzu- lassen. Treten wir diesem größten Naturereigniß des deutschen Staates in seiner Totalität noch einmal näher, so können wir mehrere Stufen darin unterscheiden. Der Ursprung desselben lag ohne Zweifel in der grade in den letzten Jahren angewachsenen Bedrückung des Bauern- standes, der Auflegung neuer Lasten, und zugleich in der Verfolgung der evangelischen Lehre, die den gemeinen Mann in Deutschland mehr als früher oder später irgend ein gei- stiges Element ergriffen, zu selbstthät i ger Theilnahme an- geregt hatte. Es hätte sich denken lassen, daß die Bauern dabei stehn geblieben wären, die willkührlichen Anforderun- gen zu verweigern, und sich die Freiheit der Predigt zu ver- schaffen: damit würden sie noch keineswegs alle Macht der bestehenden Ordnung wider sich aufgerufen, sie würden sich vielleicht eine bedeutende Zukunft gesetzlichen Fortschrittes gesichert haben. Ja selbst noch mehr ließ sich erreichen. An so vielen Bauernkrieg . Orten sehen wir Verträge schließen, in welchen die Herr- schaften von ihren früher erworbenen Rechten die drückend- sten aufgaben: es ließe sich denken, daß man dieselben von beiden Seiten beobachtet hätte und dadurch in ein rechtlich bestimmtes Verhältniß zu einander getreten wäre. Allein es liegt nun einmal nicht in der Natur des Menschen sich mit einem beschränkten Gewinn zu begnü- gen; und die siegreiche Menge wird niemals verstehn inne zu halten. Es erwachte wohl hie und da eine verworrene Erinnerung an alte Gerechtsame der Volksgemeinden: oder man fühlte sich nicht minder wehrhaft als die Ritter — wie denn der Aufruhr zugleich als ein Symptom des wie- der emporkommenden Fußvolkes angesehen werden muß: — hauptsächlich aber Haß und Rachsucht die sich lange ange- sammelt fanden endlich Raum sich zu entladen. Indem ei- nige Oberhäupter sich vermaaßen, in dem Reiche eine bes- sere Ordnung zu stiften, fluthete die wilde Zerstörung von Schloß zu Schloß von Kloster zu Kloster, und bedrohte be- reits die Städte die sich nicht anschlossen: der Bauer meinte wohl, er dürfe nicht ruhn, bis es in Deutschland nichts wei- ter gebe als Bauernhäuser. Nach Muͤllners Annalen erklaͤrten die Bauern, verdrießlich uͤber eine abschlaͤgliche Antwort, dem Rath zu Nuͤrnberg: es sey wohl moͤglich, daß der Rath eher die Huͤlfe der Bauern beduͤrfe als die Bauern die Huͤlfe des Rathes: „darauf sind sie mit einem solchen Trutz und Hochmuth abgescheiden, als wann die Welt ihr eigen waͤre; haben sich auch ingeheim gegen etliche vernehmen lassen, sie gedenken kein Hauß im ganzen Land zu gedulden, das beßer sey denn ein Bauernhaus.“ In der „Lanndsordnung, so Michel Geismair ge- macht hat, im 1526 Jar“ bei Bucholtz IX, 651 ist der fuͤnfte Artikel, daß „alle Rinkmauern an den Stetten, dergl. alle Ge- schloͤsser und Bevestigung im Lannd niedergeprochen werden und Und mit dieser Wuth traf nun 14* Drittes Buch. Sechstes Capitel . der Fanatismus der schwärmerischen Predigt zusammen, der die Zerstörung rechtfertigte, sich berufen glaubte, Blut zu ver- gießen und nach der Eingebung des Momentes, die er für göttlich erklärte, ein neues himmlisches Reich aufzurichten. Wäre es gelungen, so wäre es mit aller ruhigen Entwicke- lung nach den dem Geschlechte der Menschen nun einmal vorgeschriebenen Gesetzen am Ende gewesen. Glücklicherweise konnte es nicht gelingen. Zu seinem gigantischen Unterneh- men war Münzer lange nicht Prophet noch Held genug. Dazu waren auch die bestehenden Zustände doch zu gut befestigt. In der reformatorischen Bewegung selbst war das stärkste und in sich wahrhaftigste Element ihm entgegen. Luther hatte sich von Sickingen und den Rittern zu keinem politischen Unternehmen fortreißen lassen: auch die Bewegung der Bauern konnte ihn nicht anfechten. An- fangs, als sie noch unschuldiger aussah, redete er zum Frieden: er hielt den Fürsten und Herrn ihre Gewaltthä- tigkeiten vor: zugleich aber verdammte er doch den Auf- ruhr, der wider göttliches und evangelisches Recht laufe, den beiden Reichen, dem weltlichen und dem geistlichen, der deutschen Nation den Untergang drohe. Ermanung zum Friede auf die 12 Artikel der Baurschaft in Schwaben. Altenb. III, p. 114. Wie sich nun aber diese Gefahr so rasch entwickelte, seine alten Gegner, „die Mordpropheten und Rottengeister,“ in dem Tumult so mächtig hervortraten, wie er wirklich fürchten mußte, die Bauern möchten obsiegen, was dann nichts als der Vorbote des jüngsten Tages seyn könne, brach sein voller Ingrimm los. Bei dem unermeßlichen Ansehen das hinfur nimmer staͤtt sonnder Doͤrfer sein, damit Unterschied der Men- schen (aufhoͤre) — und ain gannze gleichait im Lannd sei.“ Bauernkrieg . er genoß, was hätte es für Folgen haben müssen wenn er sich zu ihnen geschlagen hätte! Aber er hielt fest an der Trennung des Geistlichen und Weltlichen, die einen der ersten Grundbegriffe alles seines Denkens ausmacht: an der Lehre, daß das Evangelium die Seelen frei mache, nicht Leib und Gut. Man hat in der Predigt den Ur- sprung des Aufruhrs sehen wollen, wir wissen, wie es darum stand; vielmehr bedachte sich Luther wie drei Jahr früher so auch jetzt keinen Augenblick, sich dem Sturme entge- gen zu werfen, die allgemeine Zerstörung, die er mit deutli- cher Voraussicht kommen sah, an seinem Theile zu verhüten. Hundertmal, sagte er, solle ein frommer Christ den Tod leiden, ehe er ein Haar breit in die Sache der Bauern willige: die Obrigkeit solle kein Erbarmen haben, die Zeit des Zornes und des Schwerdes sey gekommen, sie solle drein schlagen weil sie eine Ader regen könne, das sey die göttliche Pflicht die ihr obliege. Wer in diesem Dienst um- komme, der sey ein Märtyrer Christi. So kühn er die Eine Seite der bestehenden Ordnungen, die geistliche angegriffen, so gewaltig hielt er an der andern, der weltlichen fest. Wider die raͤubischen und moͤrdischen Bauern ib. 124. Vgl. das Schreiben an Ruͤhel II, 886. Uͤbrigens stand ihm Melanchthon auch hier mit uͤberzeugenden, dogmatisirenden und doch sehr klaren Schlußfolgen bei Z. B. an Spalatin 10 April 1525, zunaͤchst wi- der die Einfuͤhrung der mosaischen Gesetze, aber auch allgemein zu verstehn: „Rationi humanae commisit Christus ordinationes politi- cas: ‒ ‒ debemus uti praesentibus legibus.“ (Corp. Ref. I, 733.) Da ermannten sich auch schon die weltlichen Gewalten selbst, in dieser größten Gefahr die sie je bestanden. Zuerst erhob sich eben der, der gegen Sickingen das Beste gethan, der junge Philipp von Hessen. Gegen Aus- Drittes Buch. Sechstes Capitel . gang April versammelte er seine Ritter und Getreuen von den Städten in Alsfeld; auf seine Frage betheuerten sie ihm mit aufgereckten Fingern, bei ihm leben und sterben zu wollen. Vor allem suchte er nun seine eignen Grenzen zu schützen: er beruhigte Hersfeld und Fulda, und zwar nicht ohne Gewaltthat, obwohl sie die Sage mythisch vergrö- ßert hat; dann stieg er über das Gebirg nach Thüringen, um hier seinen sächsischen Vettern, mit denen er in alter Erbeinigung stand, zu Hülfe zu kommen. Haarer. Warhafftige Beschreibung des Bawernkriegs c. 49 in Goͤbels Beitraͤgen p. 139. Rommel I, 108. Hier war in dem Augenblick, als sich diese Stürme am gewaltigsten erhoben, der Churfürst Friedrich gestorben. Wie contrastirt mit der ungestümen Kampfeswuth, welche Deutschland erfüllte, das stille Zimmer zu Lochau, wo Frie- drich, gefaßt in seinen peinlichen Schmerzen, den Tod er- wartete. „Ihr thut Recht,“ sagte er zu seinem Prediger und Secretär Spalatin, der sich nach langem Bedenken das Herz gefaßt hatte, sich bei ihm melden zu lassen, „daß ihr zu mir kommt, denn Kranke soll man besuchen,“ ließ den niedrigen Sessel auf dem er saß an den Tisch rollen, legte seine Hand in die Hand dieses Vertrauten seiner letzten Jahre, und sprach noch einmal mit ihm von den Dingen der Welt, von dem Bauernaufruhr, von Dr Luther, und von seinem nahen Heimgang. Er war seinen armen Leu- ten immer ein milder Herr gewesen: auch jetzt ermahnte er seinen Bruder, vorsichtig und nachgiebig zu Werke zu gehn; Seine Briefe vom 14 April, 4 Mai bei Walch L. W. XVI, p. 140. vor der Gefahr daß die Bauern Herrn werden möch- Tod Friedrichs d. W. ten erschrak er nicht, so ernstlich er sie sich auch vorstellte: denn sey es nicht Gottes Wille, so werde es doch nicht geschehn. Diese Überzeugung, die ihn während der luthe- rischen Bewegungen geleitet und muthig erhalten hatte, er- hob sich ihm mit doppelter Zuversicht in seinen letzten Mo- menten. Er hatte keinen Blutsverwandten um sich: Nie- mand als seine Diener. Bis hieher war der Gegensatz nicht gedrungen, der sonst allenthalben Herrschende und Dienende entzweite. „Lieben Kindlein,“ sagte der Fürst, „habe ich Einen von Euch beleidigt, so bitte ich ihn mir es um Gottes Willen zu vergeben: wir Fürsten thun den armen Leuten mancherlei das nicht taugt.“ Es war nur von Gott die Rede, von dem frommen Gott der die Sterbenden trö- stet. Zum letzten Mal strengte Friedrich das ersterbende Licht seiner Augen an, um eine Tröstung seines Spalatin zu lesen; dann empfieng er von einem Geistlichen den er liebte, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. In ihm war die neue Lehre, die unter seinem vorsichtigen Schirme gediehen, schon nicht mehr jene Weltmacht die sich im Kampfe zu behaupten hat und eine neue Zukunft ankün- digt: ihm war sie nur das wahrhaftige Evangelium, christ- liches Bewußtseyn, Andacht und Trost der Seele. Der Mensch überläßt die Welt sich selber und zieht sich auf sein persönliches Verhältniß zu dem Unendlichen, zu Gott und der Ewigkeit zurück. So starb er: 5ten Mai 1525. „Er war ein Kind des Friedens,“ sagte sein Arzt, „friedlich ist er verschieden.“ Spalatin Leben Friedrichs des Weisen p. 60. Es war ein schwerer Regierungsantritt, der seines Drittes Buch. Sechstes Capitel . Nachfolgers, des nunmehrigen Churfürsten Johann, mit- ten in dem gefährlichsten wildesten Aufruhr. An Nachgie- bigkeit war nicht mehr zu denken: zwischen Friedrich und Johann ist ein Verhältniß wie zwischen Luthers erster und zweiter Schrist : von Zweifel und gutem Rath zu entschied- ner Feindseligkeit. Zur guten Stunde kam ihm Philipp von Hessen zu Hülfe: auch Herzog Georg und Herzog Hein- rich erschienen im Felde; vier Fürsten mit ihren Reisigen zogen dem Bauernhaufen entgegen. Münzer hatte an der Anhöhe über Frankenhausen eine Stellung genommen, wo man das lange Thal vor sich hin übersieht, gleich als wollte er ihnen predigen; aber zur Vertheidigung bot sie ihm keinen Vortheil dar. Münzer zeigte eine völlige Unfähigkeit. Nicht einmal Pulver für seine mühsam gegossenen Stücke hatte er sich verschafft: seine Leute waren auf das elendeste bewaffnet: eine a nn se- lige Wagenburg hatten sie um sich geschlagen. Der Pro- phete, der so viel von der Macht der Waffen geredet, der alle Gottlosen mit der Schärfe des Schwertes vertilgen wollen, sah sich genöthigt, auf ein Wunder zu zählen, des- sen Ankündigung er in einem um die Mittagsstunde sich zeigenden farbigen Ringe um die Sonne erblickte; als das feindliche Geschütz zu spielen anfieng, stimmten die Bauern ein geistliches Lied an; sie wurden ganz geschlagen und zum größten Theile umgebracht. Hierauf ergriff der Schrecken, den eine halbvollbrachte Missethat begleitet, das ganze Land. Alle Bauernhaufen liefen auseinander, alle Städte ergaben sich; auch Mühlhausen fiel, ohne eine rechte Vertheidigung zu wagen. Die Histori Thomaͤ Muntzers des Anfengers der Doͤringi- In dem Lager vor Mühlhausen, wo er eine Bauernkrieg . Zeitlang geherrscht, ward auch Münzer hingerichtet. Es war, als wäre er bis in die letzte Stunde von einem wil- den Dämon beherrscht. Als man ihn an die Unzähligen erinnerte die er ins Verderben gebracht, in den Qualen der Tortur schlug er ein Gelächter auf und sagte: sie ha- ben es nicht anders haben wollen. Er besann sich nicht auf die Artikel des Glaubens als er zum Tode geführt ward. In diesem Momente bewegte sich der Angriff auch von allen andern Seiten gegen die Haufen der Bauern daher. Herzog Anton von Lothringen kam mit den Garni- sonen aus der Champagne und Bourgogne, und einigen Fähnlein deutscher Landsknechte und Reiter dem Landvogt Mörsperg in Elsaß zu Hülfe. Einige zerstreute Haufen vernichtete er im freien Felde; dann capitulirten die in Za- bern Versammelten; aber man gab ihnen Schuld, noch nachher sey ein Versuch von ihnen gemacht worden, die Landsknechte zum Übertritt zu bewegen; indem sie auszo- gen, am Morgen des 17ten Mai, wurden sie angefallen und niedergemetzelt: an Zahl siebzehntausend. Bellay liv. III. Relation von Rappoltstein in Vogts Rhei- nischen Gesch. Bd IV, p. 49. Da war auch Wirtenberg wieder in die Hände des Bun- des gefallen. Der Bundeshauptmann Truchseß, durch seinen Vertrag mit den Seebauern in seinem Rücken einigermaaßen gesichert, hatte die wirtenbergischen Empörer bei Sindelfingen erreicht, sie erst durch sein Feldgeschütz außer Fassung gebracht, dann mit seiner überlegenen wohlgewappneten Reiterei zusam- schen Ufrur. Hagenaw. Darin die bekannte Erzaͤhlung Melanch- thons, die auch in Luthers Werke (Altenb. III, 126) aufgenom- men ist. Drittes Buch. Sechstes Capitel . mengehauen; hierauf hatte er Amt für Amt, Stadt für Stadt besetzt, und zog nun gegen Franken. Hier kamen ihm die beiden andern Fürsten die gegen Sickingen gefochten, die Churfürsten von Trier und Pfalz, von Bruchsal her, das sie indeß eingenommen hatten, entgegen. Zwischen Helspach und Neckarsulm auf dem offenen Feld vereinigten sich die beiden Heere am 29 Mai. Sie bildeten eine Masse von dritthalbtausend M. zu Pferd und 8000 z. F., Das eigenhaͤndige Tagebuch Pfalzgraf Otto Heinrichs bei Freiberg: Urkunden und Schriften IV, S. 367, giebt diese Zahlen an. und nah- men nun vereint ihren Weg nach Franken. Wie wichtig war es da, daß das Schloß von Würz- burg jenen beiden gewaltigen Haufen der fränkischen Bauern noch immer Widerstand leistete. Anfangs hätte die Besatzung sich wohl bequemt, die zwölf Artikel anzunehmen, schon war sie von dem Bischof dazu ermächtigt: und ein Theil der Bauern wollte darauf eingehn, er wollte seinen be- drängten Verbündeten von andern Seiten Hülfe leisten kön- nen. Aber die Bürger von Würzburg wollten das Schloß, das ihnen einen Zaum anlege, nicht länger über sich dulden, und bewirkten, daß der Besatzung die unannehmbarsten Be- dingungen vorgelegt wurden. Hierauf entschloß sich diese zu männlichem Widerstand. Sebastian von Rotenhan, der an dem Reichsregiment dem Fortgang der lutherischen Lehre so großen Vorschub geleistet, hatte die Festung mit allen Bedürfnissen, auch mit Pulvermühlen und Zugmühlen ver- sehen, in den Gräben starke Zwerchzäune, um das Schloß den lichten Zaun aufgerichtet, und die Besatzung zu dem Versprechen bewogen, das auch sie mit aufgereckten Fingern Bauernkrieg . leistete, den Sturm redlich zu bestehn. An dem 15ten Mai, dem Tag der Frankenhäuser Schlacht, Abends um 9, liefen die Bauern den Sturm an: unter Trommeten, Pfeifen und lautem Geschrei, mit fliegenden Fahnen. Von dem Schloß antwortete man ihnen mit Pechringen, Schwefelringen, Pulverblitzen und unaufhörlichem Schie- ßen aus allen Schießluken der Mauern und Thürme. Prächtig und stolz nahm sich das einsame Schloß aus, unter dem Leuchten dieses mannichfaltigen Feuers, durch das es den wilden Feind abwehrte, der Frankenland be- zwungen und Deutschland gefährdete. Das Geschütz ent- schied auch hier den Sieg, wie bei Frankenhausen und bei Sindelfingen. Zwei Uhr nach Mitternacht wichen die Bauern zurück. Johand Reinhard bei Ludwig 889. An eine Erneuerung ihres Angriffs war nicht zu den- ken. Von allen Seiten trafen die Nachrichten von den Niederlagen ihrer Freunde ein: von Moment zu Moment wälzte sich die Gefahr gegen sie selber drohender heran. Einen Augenblick versuchten sie noch durch Unterhand- lung sich zu schützen. Aufs neue boten sie jetzt der würz- burgischen Besatzung die zwölf Artikel an; den heranrücken- den Bundesobersten Truchseß luden sie ein, Tag und Ort zu einer vermittelnden Zusammenkunft zu bestimmen: durch ein allgemeines Ausschreiben an die Stände des Reichs suchten sie die empfehlenswerthe Seite ihrer Absichten hervor- zukehren; die fränkischen Stände insbesondere forderten sie auf, Abgeordnete nach Schweinfurt zu senden, um gemein- schaftlich „über die Aufrichtung des Wortes Gottes, Friedens Drittes Buch. Sechstes Capitel . und Rechtens“ zu berathschlagen. Ausschreiben bei Oͤchsle vom 27 Mai p. 302. Die Zusam- menkunft war auf den 31sten Mai bestimmt. Allein das war jetzt alles zu spät. Zutrauen hatten sie nie gehabt, jetzt war auch das Glück von ihnen gewichen: sie mußten Herrn in dem Feld bleiben oder unterliegen. Ohne Verzug rückte das vereinigte Heer gegen sie heran: alle Ortschaften die es berührte, ergaben sich ihm auf Gnade und Ungnade: am 2ten Juni stieß es bei Kö- nigshofen auf den ersten Haufen der Bauern. Es war der odenwäldische, er hatte den Muth gehabt, dem siegrei- chen Feinde entgegenzugehn. Allein er war bei weitem zu schwach, wohl nicht über 4000 M. stark Ich halte das fuͤr die richtige Zahl, da der Bericht des Se- cretaͤr Spieß, der das Heer begleitete, bei Oͤchsle p. 197, und das Tagebuch des Pfalzgrafen p. 368 darin uͤbereinstimmen; andere ha- ben viel hoͤhere. und hatte über- dieß nur die schlechtesten Anstalten getroffen. Die Bauern versäumten, die Furten der Tauber zu besetzen: auf dem Mühlberg schlugen sie um ihr Gepäck her ihr Lager hinter einer Wagenburg auf: glücklich wenn sie den Feind nur noch hier erwartet hätten! Indem sie aber erschreckt durch die sich entwickelnde Übermacht desselben einen nahen Wald zu gewinnen suchten, luden sie ihn zu augenblicklichem Angriff ein: die Reisigen fielen ihnen in die offne Flanke: die Fürsten selbst waren bei dem Einhauen: im Nu, ehe noch die Landsknechte angekommen, war der ganze Bauernhaufe zerstreut. Brower Annales Trevirenses lib. XX, p. 353. Da hatte eine falsche Siegesnach- richt auch den Rothenburger Haufen vermocht, seine Stel- Bauernkrieg . lung bei Würzburg zu verlassen. Am 4ten Juni fiel auch er im freien Felde den Reisigen in die Hände und wurde völlig aus einander gesprengt. Beide Siege waren mit gräßlichen Metzeleien verknüpft. Ihrer sechshundert, die sich in einem festen Hause bei Ingolstadt zur Wehre ge- setzt, wurden alle bis auf siebzehn niedergemacht. Wie die Thüringer, Elsasser, Wirtenberger, so waren nun auch die beiden großen fränkischen Haufen, die ganz Deutschland zu reformiren gedacht, vernichtet; wie jene Provinzen, so ward jetzt auch Franken von den alten Herr- schaften besetzt und gezüchtigt. Am 7ten Juni mußte sich Würzburg auf Gnade und Ungnade ergeben. Wie war den alten Herrn vom Rathe zu Muthe, als sie auf dem Markt versammelt, ihr graues Haupt entblößt, die einrückenden Anführer des Bundeshee- res begrüßten, und ihnen Truchseß erklärte, sie seyen alle meineidig und ehrlos geworden, ihr Leben sey verwirkt. In Würzburg allein wurden 60 Schuldige aus Stadt und Land hingerichtet: so bewegte sich das schwere Blutgericht durch das ganze Stift: man zählte 211 in aller Form Hingerichtete; alle Waffen mußten ausgeliefert, neue Pflich- ten geleistet, Brandschatzungen gezahlt werden: die alten Kirchengebräuche stellte man her. Indessen nahm Mark- graf Casimir von Brandenburg das übrige Franken ein: Bamberg, Schweinfurt, Rothenburg; nirgends war an ei- gentlichen Widerstand zu denken; dann suchte er die Wi- derspenstigen in seinen eignen Landschaften heim. Es war nun noch übrig, die Reste der Empörer, die sich am Oberrhein und Mittelrhein hielten, zu ersticken. Drittes Buch. Sechstes Capitel . Den Mittelrheinischen begegnete das zurückziehende trierisch-pfälzische Heer bei Pfeddersheim; Haarer c. 84—89. Uͤber das Verhaͤltniß des lateinischen Textes zu dem deutschen, so wie des Gnodalius und Leodius zu Haa- rer denke ich im Anhange das Noͤthige beizubringen. es gieng wie bisher allenthalben: die Bauern wurden aus einander gejagt und niedergemacht: der kriegerische Erzbischof soll mehrere mit eigener Hand erlegt haben; hierauf unterwarfen sich die Landschaften. Auch die Rheingauer mußten ihre Waf- fen ausliefern und Brandschatzung zahlen. Mainz mußte auf die kaum wiedererworbenen Freiheiten Verzicht leisten: in Trier war man nur glücklich, daß man sich nicht ernstlich geregt hatte: alle Pläne die man gefaßt, ließ man fallen. Eine bei weitem schwerere Aufgabe hatte das große Heer des Bundes am Oberrhein. Hier war der Aufruhr zuerst entsprungen: und hatte daselbst seine tiefsten Wur- zeln: noch war dort nie etwas Entscheidendes ausgerich- tet worden. Die Allgauer waren jetzt wieder im Feld er- schienen, eine nicht geringe Anzahl versuchter Landsknechte standen in ihren Reihen. Selbst dem Geschütz des Truch- seß wußten sie zu antworten, und dachten noch einmal daran sich selbst in Angriff zu werfen. Glücklicherweise kam der in so vielen Feldzügen erprobte Georg Frunds- berg dem Truchseß noch zur rechten Zeit zu Hülfe. Es ist wohl sehr wahrscheinlich, Reisner Kriegsthaten der Frundsberge. daß er auch persönlich auf einige Anführer der Bauern, seine alten Kriegscameraden und Untergebnen, Einfluß ausübte. Oder geschah es des- wegen, weil es ihnen an Kriegsvorräthen fehlte? Genug sie trennten sich und zogen sich nach den Gebirgen. Truch- Bauernkrieg . seß eilte ihnen nach und fieng an ihre Dörfer zu verbren- nen. Zwar verbot ihm das der Bund, aber er lachte die- ser Befehle: er, der Baurenjörg, verstand sein Handwerk besser: er wußte, daß dieß das Mittel war, einen jeden an seine Heimath denken zu machen. Er hielt seine Trup- pen zusammen: so wie dann die einzelnen Haufen sich nä- herten, ward es ihm leicht sie zu schlagen. Auch hier ward der gewohnte Gehorsam wiederhergestellt. So ward die große Bewegung gedämpft, welche dem deutschen Wesen eine vollständige Umkehr drohte. Mit allen jenen Plänen einer neuen Einrichtung des Reiches von unten her, oder gar der schwärmerischen Umbildung der Welt unter der Leitung eines fanatischen Propheten war es nun auf immer vorbei. Wo die Waffen entschieden hatten, galt das Kriegs- recht. Die grausamsten Executionen wurden vollzogen: harte Brandschatzungen eingefordert: hie und da wohl selbst noch drückendere Gesetze aufgelegt. Nur da, wo es nicht so weit gekommen war, wo die Bauern nicht gradezu Niederlagen erlitten hatten, sind ihnen, nachdem nun alle jene weitaussehenden Ideen von selbst beseitigt waren, einige Erleichterungen gewährt worden. Der Graf von Sulz kam mit seinen Unterthanen über- ein, einen Austrag ihrer Zwistigkeiten durch gemeinschaft- liche Bevollmächtigte zu versuchen: Erzherzog Ferdinand be- willigte, einen Obmann dazu zu geben. Der Vertrag, den auch die Zuͤricher vermitteln halfen, in Bullingers Reformationshistorie I, 249. Für den Breisgau versprach dann Ferdinand in sei- Drittes Buch. Sechstes Capitel . nem eignen Namen, daß von Amtleuten und Obrigkeiten in Hinsicht der Klagen der Unterthanen gebührende Ein- sicht geschehen solle. Offenburger Vertrag: Auszug in Schreibers Taschenbuch p. 302. In Oberöstreich litten die Stände nicht, daß den Un- terthanen eine Brandschatzung aufgelegt würde. Erklaͤrung der Staͤnde bei Bucholtz VIII, 104. In Tirol schritt man noch unter der Einwirkung der Unruhen zur Abfassung eines Gesetzbuches, in welchem den Unterthanen alle Robothen, von denen nicht ein Herkom- men von wenigstens 50 Jahren urkundlich nachgewiesen werde, so wie der kleine Feldzehend und gar manche andre Leistungen abgenommen, Fischerei und selbst Antheil an der Jagd verstattet wurde. Auch religiöse Concessionen machte hier Erzherzog Ferdinand. Städte und Gerichte sollten be- fugt seyn, ihre Geistlichen zu präsentiren: das Evangelium sollte nach dem Buchstaben gelehrt werden. Excerpte aus den Landtagsverhandlungen bei Bucholtz VIII, 337. Salzburg war wohl das einzige Land, wo die Bauern gegen ein anrückendes geordnetes Heer sogar das Feld be- hauptet. Als sie endlich vor der Macht des schwäbischen Bundes sich beugen mußten, erlangten sie doch fürs Erste ausnehmend günstige Bedingungen. Zauner Chronik von Salzburg IV, p. 429. Alles Ereignisse, die zugleich noch einer andern Ent- wickelung angehören, welche unmittelbar nach der Bewe- gung eintrat, und die wir nun näher zu betrachten haben. Sie- Siebentes Capitel . Anfang entgegengesetzter Bündnisse, Reichstag zu Augsburg im Dez. 1525. So war der Kampf mit den elementaren Geistern des deutschen Wesens vollendet: wie die Ritter, so waren nun auch die empörten Bauerschaften und der mit ihnen ver- bündete Theil der städtischen Bevölkerung überwältigt; — die im Laufe der Jahrhunderte allmählig entwickelten lo- calen Gewalten hatten sich aufs neue in allen Stürmen behauptet; — ohne Theilnahme des Kaisers, oder des Re- gimentes, mitten im Zerfall aller centralen Autorität wa- ren sie doch stark genug dazu gewesen. Darum war aber der Friede nicht hergestellt: von den großen Fragen, die schon seit so langer Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit beschäftigten, war keine dadurch erledigt. Den Aufruhr hatte man ohne Rücksicht auf das re- ligiöse Bekenntniß bekämpft: Freunde und Feinde der Neue- rung hatten mit gleichem Eifer wider die gemeinschaftli- chen Gegner die Waffen ergriffen; nachdem dieselben be- zwungen waren, traten die alten Antipathien in verdop- pelter Stärke hervor. Ranke d. Gesch. II. 15 Drittes Buch. Siebentes Capitel . Jene Regensburger Verbündeten, welche jetzt in dem schwäbischen Bunde den vorwaltenden Einfluß ausübten, ergriffen die Gelegenheit, um die dort beschlossenen Maaß- regeln mit Gewalt auszuführen. Die Siege des Bundes waren überall mit religiöser Verfolgung verbunden. Unter denen, die in Würzburg enthauptet wurden, nannte man nicht Wenige, denen nicht der Aufruhr, an dem sie keinen Antheil genommen, sondern das evangelische Bekenntniß zum Verbrechen gemacht ward. Neun der reichsten Bür- ger wurden in Bamberg hingerichtet: man versichert, daß Einige von ihnen grade zu den Ruhigsten gehörten, den Anfall des Landvolks auf die Residenz des Bischofs eher verhindert hatten: man strafte an ihnen — und sagte es laut — daß sie sich zum Evangelium gehalten: Ausfuͤhrliche Erzaͤhlung in Muͤllners Annalen. unerhör- ter Weise überließ man ihre Güter einigen Privatleuten, un- ter ihnen einem Secretär des Truchseß. Alles was sich zu der evangelischen Lehre bekannte wich fürs Erste aus den beiden Bisthümern. Aber auch in allen andern Ge- bieten wurde den Bauern mit dem weltlichen zugleich der geistliche Gehorsam wieder aufgelegt; unter Denen die von der Begnadigung ausgeschlossen wurden, standen die soge- nannten Lutheraner obenan; am meisten wurden die Prä- dicanten verfolgt. Ein Profoß, Namens Aichili, durch- streifte mit einer Anzahl Reiter Schwaben und Franken, um die Executionen die man beschlossen, ins Werk zu setzen; man rechnet ihm nach daß er in ziemlich engem Umkreise vierzig evangelische Prediger aufgehängt habe, die Landstraßen entlang, hie und da an den Bäumen. Bullingers 140stes Cap. handelt „vom Profoßen Aichili.“ Auch Es Katholische Reaction . war die erste gewaltsame Restauration des Katholicismus im obern Deutschland. Und auch in dem nördlichen erhoben sich ähnliche Be- strebungen. Nach der Unterwerfung von Mühlhausen hatten dort die verbündeten Fürsten gemeinschaftliche Maaßregeln gegen die Bauern verabredet. Herzog Georg erzählt, er sey ei- nes Morgens als sein Schwiegersohn Philipp eben abrei- sen wollen noch zu ihm gegangen, und habe ihn gebeten, sich der Sache Luthers nicht anhängig zu machen, „in Betrachtung des Bösen das daraus geflossen:“ das habe er in derselben Stunde auch dem Churfürsten von Sach- sen gesagt: sowohl der Eine als der Andre habe seine War- nung freundlich aufgenommen. Georg hoffte nach dem Tode Friedrichs über seinen Vetter Johann und vermöge der natürlichen Stellung eines wohlwollenden Schwieger- vaters über Landgraf Philipp eine entscheidende Autorität ausüben zu können. Die drei Fürsten waren zu Mühlhausen übereinge- kommen, ihre Beschlüsse auch ihren Nachbarn mitzutheilen, und zunächst hielt Herzog Georg noch im Juli mit den Churfürsten von Mainz und Brandenburg, so wie dem Herzog von Braunschweig eine Zusammenkunft zu Des- sau. Alle diese Fürsten waren noch katholisch gesinnt, und ließen ihre Meinung, daß der Aufruhr von der neuen Predigt hergekommen, auf die Verabredungen einfließen welche sie trafen. Wie dieselben auch gelautet haben mö- Anshelm gedenkt desselben VI, S. 291: er war „sunderlich geflissen, uf die lutherischen Pfaffen, fiengs’ beroubts’ schatzts’ und henkts’.“ 15* Drittes Buch. Siebentes Capitel . gen, denn noch sind sie nicht authentisch bekannt gewor- den, so viel ist deutlich, daß sie der religiösen Verände- rung feindselig ausfielen. Herzog Georg theilte sie seinem Vetter und seinem Eidam mit: er erklärt, er habe bei ihnen keine lutherischen Meinungen mehr vorausgesetzt. Die einzige zuverlaͤßige Notiz uͤber diese Zusammenkunft habe ich in einem Schreiben des Herzog Georg in dem Dresdner Archiv gefunden. Danach war der Beschluß „sich bei einander fin- den zu lassen, wenn die Lutherischen einen von ihnen angreifen wuͤr- den, um solches Aufruhrs vertragen zu bleiben.“ Es laͤßt sich je- doch nicht absehen von wem sie einen Angriff haͤtten besorgen sollen, wenn sie Philipp und Churf. Johann wirklich fuͤr wieder bekehrt hielten, wie Herzog Georg sagt, „denn sonst wuͤrde er ihnen den Vertrag nicht mitgetheilt haben, er wisse wohl, daß man Schweizer mit Schweizern nicht schlage.“ Die Erklaͤrung liegt wohl darin, daß man bei allen Buͤndnissen jener Zeit defensive Formen liebt, wenngleich man deshalb nicht bei der Defension stehen zu bleiben gedenkt. Dem Kaiser sagte Herzog Heinrich: er habe mit seinen Freunden ein Buͤndniß geschlossen „wider die Lutherischen, ob sie sich unterstuͤnden, sie mit List oder Gewalt in ihren Unglauben zu bringen.“ Wenig- stens ließ er sich keine Rücksicht auf sie abhalten, in seinem Lande die schwersten Executionen zu verhängen. In Leipzig wurden zwei Bürger blos deshalb mit dem Schwerte gerich- tet, weil man lutherische Bücher bei ihnen gefunden. Gretschel: Leipzigs kirchliche Zustaͤnde p. 218. Es schien fast, nachdem sich der lutherischen Bewegung ein Bauernaufruhr zugesellt hatte, wie der wiklyffitischen, als würde jene wie diese nun auch von der Reaction dagegen betroffen und vielleicht zu Grunde gerichtet werden. Allein sie war doch schon bei weitem besser und fester ge- gründet. In dem nördlichen wie in dem südlichen Deutsch- land besaß sie entschlossene und mächtige Verfechter. Landgraf Philipp hatte auch vor Mühlhausen einen Widerstand der Evangelischen . evangelischen Prediger mit sich gehabt und Herzog Georg war in dem Moment jener Vorhaltung durch den Anblick desselben betroffen worden. Immer mehr vertiefte sich Phi- lipp seitdem in die evangelischen Überzeugungen. Man muß die Briefe lesen, welche er noch in diesem Jahre an Herzog Georg schrieb, worin er bald die Lehre vom Ca- non und der Messe, bald die Idee von der Kirche oder die Verbindlichkeit der Gelübde bestreitet: man sieht da, mit welchem jugendlichen und doch ernsten Eifer er die neuen Doctrinen ergriff, welche ausgebreitete und lebendige Kunde der beweisenden Stellen er sich schon verschafft hatte. Rommels Urkundenbuch p. 2. Eben so war es in Sachsen. Statt die Bahn seines Vorfahren zu verlassen, schritt der neue Churfürst noch viel entschlossener auf derselben vorwärts. Als er im August 1525 Weimar verließ, ließ er die Priesterschaft dieses Am- tes noch einmal zusammenrufen — es war der 16te die- ses Monats — und ihr, nachdem sie durch zwei Predig- ten vorbereitet worden, ankündigen, daß sie in Zukunft das lautere Wort Gottes ohne allen menschlichen Zusatz zu predigen habe. Das man das lauter rayn Evangelion on menschliche Zu- satzung predigen soll, fuͤrstlicher Befelch zu Weymar beschehen. Send- schreiben des Pfarrers Kißwetter zu Erfurt an „Herr Hainrichen Pfarher zu Elxleben a. d. Gera.“ 1525. Es waren einige ältere Priester dabei, welche die Meinung äußerten, es werde ihnen damit doch nicht verboten, Seelmessen zu halten, Salz und Wasser zu weihen: sie wurden bedeutet, was von dem Worte gelte, sey auch von den Cerimonien zu verstehn. In Folge des Mühlhauser Abschiedes hielt der Chur- Drittes Buch. Siebentes Capitel . fürst eine Zusammenkunft mit Markgraf Casimir von Bran- denburg zu Saalfeld. Wie in Dessau die katholischen, tra- ten hier die evangelischen Tendenzen hervor. Zu einem ei- gentlichen Bunde kam es nicht, aber Markgraf Casimir er- klärte, bei dem Worte Gottes wolle er festhalten. Nach einer Erzaͤhlung von Casimir selbst in einem Schrei- ben von Schrauttenbach an Landgraf Philipp 27 Dez. 1525 in Neu- deckers Urkunden S. 16. Während die Kriegskräfte des schwäbischen Bundes den Fortgang des Evangeliums zu ersticken suchten, gaben sich doch einige der mächtigsten Mitglieder desselben, die Städte, von denen der Bund ursprünglich ausgegangen, Augsburg, vor allem Nürnberg — wir werden darauf zu- rückkommen — eine evangelische Organisation. Dahin sprach sich selbst jene von dem schwäbischen Bund eroberte Landschaft aus, die wirtenbergische, von der es hätte scheinen sollen, als dürfe sie gar keinen eigenen Willen mehr haben: die Stände erklärten, die Ruhe des Landes hange davon ab, daß man dem Volke das lautere Gotteswort ohne menschlichen Eigennutz und Vorwitz predige. Und schon begannen die Evangelischen, sich von der bischöflichen Autorität förmlich loszuzählen. In Wittenberg entschloß man sich bereits im Mai 1525, auf eigne Hand zu ordiniren. Melanchthon rechtfertigt es damit, daß von den Bischöfen ihre Pflicht versäumt werde: De jure reformandi. Corp. Reform. I, 765. wie die Bi- schöfe dem Papst, so machen die Prediger den Bischöfen gegenüber die Unmittelbarkeit ihres Berufes geltend. Me- lanchthon meint, man könne den Fürsten nicht zumuthen, eine Jurisdiction aufrecht zu erhalten, von deren Miß- Widerstand der Evangelischen . brauch und Verwerflichkeit sie überzeugt worden. Auch in Hessen und Brandenburg, auch in den Städten be- gann man sich der bischöflichen Jurisdiction zu entziehen. Wir sehen: ganz wie die beiden entgegengesetzten Ten- denzen in den Kampf mit den Bauern eingetreten, so gien- gen sie aus demselben hervor: nur noch mit erhöhter Thä- tigkeit nach beiden Seiten. Die päpstliche Meinung hatte darin einen Vortheil daß ihr in einem großen Theile des Reiches die Strafge- walt in die Hände gerieth, die sie so furchtbar ausübte, aber einen am Ende doch noch größern Gewinn hatten die Evangelischen davon getragen. Es trat ein noch nie so stark bemerkter allgemeiner Wi- derwille gegen die geistliche Seite der deutschen Verfassung hervor. Den Geistlichen wurden die härtesten Bedrückun- gen zugeschrieben, durch welche der Aufruhr am meisten veranlaßt worden: gegen sie war die Feindseligkeit des ge- meinen Volkes vorzugsweise gerichtet gewesen; die Allgauer Bauern z. B., welche wider Füßen lagerten, waren von dieser Stadt zurückgewichen, als sie sich von ihrem Herrn dem Bischof von Augsburg lossagte und die Fahne von Östreich fliegen ließ; zur Dämpfung des Aufruhrs hatten dagegen die geistlichen Fürsten das wenigste gethan und hand- habten jetzt den gewonnenen Sieg auf das gewaltsamste. Daher kam es, daß die Evangelischen sich so leicht der bischöflichen Gewalt entziehen konnten, aber merkwür- diger Weise hatte das auch auf der entgegensetzten, katho- lischen Seite seine Analogie. Wurde diesseit die geistliche, so wurde jenseit sehr entschieden die weltliche Jurisdiction des Bisthums angegriffen. Drittes Buch. Siebentes Capitel . Eben hier müssen wir der Ereignisse von Tirol und Salzburg nochmals gedenken. Die merkwürdigste Stellung von der Welt nahm Erzherzog Ferdinand ein. Auf jenem Tiroler Landtag waren nur Adel, Städte und Gerichte versammelt: der geistliche Stand war gar nicht erschienen. Die anti-geistliche Stimmung, die dieß veranlaßt, trat nun auch um so mehr in den Anordnun- gen hervor die man traf. In dem Landtagsabschied be- schloß man, die Besetzung der untern Stellen von den Bi- schöfen unabhängig zu machen: in Zukunft sollten Städte und Gerichte präsentiren, der Landesfürst bestätigen, Kla- gen über die Geistlichen von jenen an diesen gehn. Bucholtz VIII, p. 338. Dem Bischof von Trient ward die Bitte, in seinem Stift die Aufrührer auch mit fremdem Kriegsvolk strafen zu dürfen, abgeschlagen: denn der gemeine Mann, sagt Ferdinand, sey der Meinung, daß den Geistlichen keine Administration im Weltlichen zustehe: gäbe er dem Bischof eine solche Er- laubniß, so würden die Edelleute sich beklagen, er veran- lasse eine neue Empörung, die auch ihnen verderblich werde. Ferdinand an Bischof Bernhard von Trient Insbruck 9ten Juli 1525 bei Bucholtz IX, 640. Und noch viel weiter gieng man. Als sich der Bischof von Brixen unfähig zeigte, in seinem Stifte, wo einer seiner Schreiber und Zolleinnehmer den Aufruhr anführte, die Ordnung wiederherzustellen, beschloß die Tiroler Landschaft, nicht etwa ihm zu Hülfe zu kommen, sondern das Stift vorläufig geradezu zu säcularisiren. Erzherzog Ferdinand ließ es zu seinen Handen einnehmen, und übertrug die Ver- Erste Saͤcularisationsversuche . waltung der Weltlichkeit einem seiner Räthe, „bis auf ein künftiges Concilium oder die Reformation des Reiches;“ von allen Unterthanen und Amtleuten empfieng er die Hul- digung. Occupationspatent 21 Juli. „auf Beger und mit R at ai- ner ersamen Landschaft dieser unsrer f. G. Tirol, — zu furkumung nachtail schadens und geferlichait, so dieselben unser Grafschaft und dem Stift zu Brichsen, des Vogt Schirm und Schutzherr wir dann sein, entstehen mechten.“ Bucholtz 642. Nicht eher kam der Hauptmann von Ehren- berg, das mit Tiroler Volke besetzt war, der Stadt Füßen zu Hülfe, als bis die Stadt sich erblich an das Haus Öst- reich ergab und dem Erzherzog huldigte. Martin Furtenbach, Stadtschreiber in Fuͤßen: Bericht we- gen der Bauern Empoͤrung, bei Oͤchsle Beitraͤge p. 478. Das Volk schrie Hei Oͤstreich damit wir nicht gar verderbt werden, der Haupt- mann nahm die Erbhuldigung auf ein Hintersichbringen an. Ab- geordnete der Stadt giengen nach Insbruck, die daselbst „wohl be- gruͤßt“ wurden. Ferdinand erklaͤrte, er werde bald kommen und die Huldigung persoͤnlich einnehmen. So wurden auch die Zillerthaler vermocht sich von Salzburg zu tren- nen, sich an Tirol anzuschließen, und den Erzherzog, der schon ohnehin die hohe Obrigkeit über sie habe, als ihren Herrn und Landesfürsten anzunehmen. Instruction an Liechtenstein und Stoͤckel, was Sy mit dem Pfleger zu Kropfsberg, mit der Nachparschaft im Zillerthal reden sollen. Bucholtz IX, 630. Ja schon faßte man selbst in Baiern ähnliche Gedanken. Als der Erz- bischof Matthäus von Salzburg auf seiner Feste von den Bauern belagert ward und sich in der bedrängtesten Lage befand, erschien Doctor Lesch, bairischer Canzler, bei dem Erzherzog, und schlug ihm eine gemeinschaftliche Sequestra- tion des Erzstiftes vor, so daß was an den Grenzen von Baiern liege, von den Herzogen, was an den östreichischen Drittes Buch. Siebentes Capitel . von dem Erzherzog eingenommen werde, und mit Freuden gieng dieser darauf ein: er beauftragte seine Commissarien bei den Bauerschaften, jedoch mit Vorwissen des Erzbi- schofs, dahin zu wirken, daß das Stift an Östreich und Baiern überliefert werde. Instruction Ferdinands an die Vermittelungscommissarien. Bucholtz p. 621. Allein in Baiern war das wohl nur ein vorübergehender Gedanke; man verfolgte hier übrigens den Plan einer unbedingten Restauration, von deren Ausführung sich die Herzoge eine noch größere Au- torität als die schon erworbene über die benachbarten Bis- thümer versprechen konnten: nach allen Seiten leisteten sie Hülfe. In Tirol dagegen hatte sich die Landschaft mit dem Fürsten zu Concessionen gegen die Empörer verstan- den: durch eine resolute Beseitigung der geistlichen Inter- essen gedachten sie zugleich den Aufruhr zu stillen und sich selber weiteren Raum zu machen. In Baiern trat man deshalb von jenem Plane sehr bald wieder zurück und be- schloß dem bedrängten Erzbischof mit der Macht des schwä- bischen Bundes zu Hülfe zu kommen. Nicht daß die Her- zoge hiebei sehr uneigennützig gewesen wären: sie dachten bei dieser Gelegenheit ihrem Bruder Ernst von Passau die Nachfolge im Erzstift zusichern zu lassen; das war ihnen lieber, als daß sie den größern Theil desselben an Östreich gebracht und sich dabei mit sich selber in Widerspruch ge- setzt hätten. Vergebens machten die Tiroler Stände einen Versuch, den schwäbischen Bund durch Vorstellung alter Gerechtsame und Verbindungen mit Salzburg von seinem Kriegszug abzuhalten. Die vom Ausschuß der dreier Staͤnde — an Hauptleute und Raͤthe des Pundts zu Swaben 31 Juli. ib. IX, 624. In Insbruck hätte man nun wenig- Baiern und Salzburg . stens gewünscht, die Nachfolge an Don Georg von Öst- reich, natürlichen Sohn Kaiser Maximilians, zu bringen; man wäre selbst geneigt gewesen, die Bauerschaften in Schutz zu nehmen. Excerpte aus einem Rescript von Ferdinand ib. VIII, 109. Allein schon waren die Herzöge in Vortheil. Herzog Ludwig von Baiern, oberster Feldhaupt- mann des schwäbischen Bundes, führte gegen Ende August die Schaaren desselben wider Salzburg. Auch er fand es fürs Erste gerathen und besonders drang Georg Frunds- berg, Feldhauptmann der Grafschaft Tirol, darauf den Bauern einen guten Vertrag zu verschaffen; — später sind sie hier denn doch so scharf gezüchtigt worden, wie nur ir- gendwo — auch dabei ließen sich alle andern Absichten er- reichen. Das Domcapitel versprach dem bairischen Prin- zen Ernst die Nachfolge in Salzburg; wie denn der Erz- bischof demselben noch andre Zugeständnisse machte: den Herzogen wurden für ihre Kriegskosten die Herrschaften Laufen, Geisfelden, Titmanning und Mattsee verpfändet. Sie erlangten überhaupt einen entscheidenden Einfluß auf Salzburg. Nur zaghaft erinnert sie später einmal der Erz- bischof, nichts von ihm zu verlangen, was wider die Ho- heit und Gerechtigkeit des Stiftes laufe. Zauner Salzburger Chronik V, 225, 133. Die Tendenzen des Bundes waren wie man sieht stärker als die der Tiroler Landschaft. Auch Füßen mußte der Erzherzog an Augsburg, das Zillerthal an Salzburg wieder abtreten. Darum ließ aber Ferdinand von den einmal gefaß- ten Ideen nicht ab. Als die wirtenbergische Landschaft Drittes Buch. Siebentes Capitel . jene Forderungen aufstellte und dabei sehr unzweideutig auf eine Säcularisation der geistlichen Güter zu den Lan- desbedürfnissen antrug, wies sie Ferdinand damit keines- wegs zurück: er erlaubte ihr, Abgeordnete auf den nächsten Reichstag nach Augsburg zu schicken: was da in Hinsicht einer Reformation der Geistlichkeit beschlossen werde, solle in Wirtenberg, so wie in seinen übrigen Ländern gelten. Extractus landschaftlicher Schlußerklaͤrung bei Sattler, Her- zoge, Beilagen zum zweiten Theil nr. 124, und Landtagsabschied 30 Oct. 1525 nr. 125. (III, 1, 4.) Erzherzog Ferdinand traf aber in diesen Ideen un- mittelbar mit den Evangelisch-gesinnten zusammen. Ganz mit Recht erblickten diese die nächste Ursache des letzten Aufruhrs in der Zurücknahme jener speierschen Versamm- lung. Im Herbst 1525 kam der Gedanke, die religiösen Irrungen auf einer Reichsversammlung zu beseitigen und hier zu einer durchgreifenden Reformation zu schreiten, noch einmal in allgemeine Anregung. Den Zusammenkünften in Dessau und Saalfeld ent- spricht eine dritte welche Landgraf Philipp mit dem Chur- fürsten von der Pfalz zu Alzey hielt. Sie kamen über- ein, „den Dingen müsse ein gleichmäßiges Wesen ge- macht,“ es müsse alles gethan werden um die Stände zu vergleichen. Schreiben des Churfuͤrsten Ludwig v. d. Pfalz in Neu- deckers Actenstuͤcken I, 16. Aus den Worten: „von E. L. und unserm Freund, von ir und uns,“ sollte man schließen daß dort wahrschein- lich auch der Churfuͤrst von Trier zugegen war. Von Saalfeld ging Markgraf Casimir nach Auerbach zu einer Unterredung mit Pfalzgraf Friedrich, der die Ober- Saͤcularisationsentwurf . pfalz im Namen seiner Neffen regierte. Sie beschlossen hier: einmal die Lasten des gemeinen Mannes so viel mög- lich zu erleichtern, sodann aber beim Kaiser nochmals auf eine Kirchenversammlung in deutscher Nation anzutragen, „um sich eines gleichen Verstandes in Auslegung des gött- lichen Wortes zu entschließen.“ Im September hielten die Städte eine Versammlung, und schon glaubte Ferdinand, widerwärtige Beschlüsse von derselben fürchten zu müssen; die Abkunft die sie trafen war jedoch nur, bei ihm selbst und dem Kaiser die Noth- wendigkeit daß in Hinsicht der Cerimonien eine einhellige Ordnung im Reiche gemacht werde, in erneute Anregung zu bringen. Indem man diese Dinge allenthalben in Berathung zog, die mancherlei Möglichkeiten sich vergegenwärtigte, kamen Ideen und Pläne der außerordentlichsten Art in Umlauf. In einem Entwurfe, der gegen Ende des Jahres 1525 gemacht und auf einer oder ein paar Reichsver- sammlungen zur Sprache gebracht worden ist, geht man davon aus, daß die geistlichen Güter zu nichts mehr nütze seyen, weder für die Religion noch für das Reich: eine Veränderung mit ihnen vorzunehmen, sey unerläßlich, je- doch dürfe man das nicht dem gemeinen Mann überlassen, sondern von der Obrigkeit, d. i. dem Kaiser und den welt- lichen Ständen müsse Hand angelegt werden. Man hat keine Scheu, eine völlige Säcularisation al- ler geistlichen Güter in Vorschlag zu bringen. Den geistlichen Fürsten und Prälaten möge man da- Drittes Buch. Siebentes Capitel . von so viel anweisen, als zu einem anständigen Leben ge- höre, den Domherrn für den Augenblick nichts entziehen, aber diese wie jene nach und nach aussterben lassen. Von den Klöstern könne man wohl nur einige Nonnenconvente behalten, für junge adliche Fräulein, jedoch mit dem Rechte wieder auszutreten. Mit dem nun, was man hiedurch gewinne, müsse man vor allem die neuen geistlichen Bedürfnisse decken, Pfarrer und Prediger versorgen, in jedem Kreise einen from- men gelehrten Mann mit bestimmter Besoldung zum Bi- schof bestellen, der aber keine weltliche Verwaltung führen, sondern nur der Vorsteher der übrigen Kirchendiener seyn dürfe, endlich auch eine hohe Schule in jedem Kreis ein- richten, um in den Sprachen zu unterweisen und die h. Schrift nach ihrem rechten Sinn auszulegen. Allein man dachte auf diese Weise auch Kräfte zu bekommen um der ganzen weltlichen Verfassung eine andre Gestalt zu geben. Der Vorschlag in diesem Entwurfe ist, in jedem Kreise ein besondres Regiment zu errichten: mit 12 Räthen, je drei von den vier Ständen, Fürsten — Grafen und Herrn — Adel — und Reichsstädten: unter einem Hauptmann, der von den Kreisständen zu wählen, aber von dem Kai- ser zu bestätigen sey: ungefähr mit denselben Rechten wie die Hauptleute und Räthe des schwäbischen Bundes. Diese sollen jene Einrichtung ausführen, eine höhere Gerichtsbe- hörde bilden und vor allem den gemeinen Frieden hand- haben: hiezu aber immer eine stehende Truppe zu Pferd und zu Fuß im Felde halten. Statt der Stifte möge der Saͤcularisationsentwurf . junge Adel im Heere dienen. Mit diesen Leuten lasse sich dann jede von Kaiser und Reich beschlossene Hülfe ins Werk setzen, ohne irgend Jemand damit beschwerlich zu fallen. Es werde das eine so große beharrliche Hülfe bil- den, wie sie kein Kaiser seit Christi Geburt gehabt habe. Rathschlag was man mit geistlichen Guͤtern zu gemeinem und des Reichs Nutz furnemen und handeln soll. Im Weimari- schen Archiv; zwar unter den Acten von 1526, aber da darin des Reichstags von Augsburg gedacht wird, ohne Zweifel urspruͤnglich fuͤr diesen bestimmt. Ein Entwurf bei welchem es nun auch nicht so sehr auf die einzelnen Bestimmungen ankommt als auf die Ideen die ihm im Allgemeinen zu Grunde liegen: Säcularisation der geistlichen Güter, — das Reich allein aus weltlichen Ständen zusammengesetzt, — dessen Verfassung vor allem auf die Ausbildung der Kreise begründet, — ein stehendes Heer vornehmlich zu Gunsten des jüngern Adels: — alles Dinge, deren Ausführung die folgenden Jahrhunderte beherrscht, das spätere Deutschland constituirt hat! Kühnlich faßte man die entferntesten Resultate ins Auge: allein welch einen weiten Weg hatte man noch bis dahin zurückzulegen! Noch war das geistliche Fürstenthum bei weitem zu stark; und man kann denken, daß es sich durch Pläne dieser Art, die ihm doch nicht verborgen bleiben konnten, ange- trieben fühlen mußte alle seine Kräfte zusammenzunehmen. Die Geistlichkeit beschwerte sich ohnehin, daß man ihr Vie- les vorenthielt, dessen sie in dem letzten Sturme beraubt worden, ja daß man fortfuhr, ihr die gewohnte Jurisdiction zu entziehen: sie zeigte sich entschlossen, am nächsten Reichs- Drittes Buch. Siebentes Capitel . tag den Angriff nicht zu erwarten, vielmehr auf eine voll- kommene Herstellung zu dringen. Dazu machte ihr ein Ausschreiben des Kaisers Muth, worin von Abstellung alle der Dinge die Rede war, von denen sich eine Zerrüt- tung unsers h. Glaubens besorgen lasse: in so strengen Ausdrücken, daß es auf eine Wiederherstellung des gesamm- ten alten Zustandes abgesehen zu seyn schien. Tolleten in Castilien 24 Mai 1525. (W. A.) Das Re- giment, das noch in Eßlingen saß, und von dem wir jetzt wieder einmal hören, bereitete sich zu Vorschlägen in die- sem Sinne. Feilitsch: Eßlingen Montag nach Martini: er haͤlt genzli- chen dafuͤr, daß von denen die sich der Aufruhr theilhaftig gemacht, auch denen die Kirchen und Kloͤster gewaltiglich zerstoͤrt, denselbigen Guͤter eingenommen und davon wieder geben was ihnen gefaͤllig, daß wider diese auf dem Reichstag gehandelt werden soll. Dahin neigte ohnehin die ganze Richtung welche der schwäbische Bund genommen. Auf dem Bun- destag, den derselbe im November hielt, empfieng er ein Schreiben des Papst Clemens, worin er aufgefordert wurde, das Trefflich-begonnene mit gleichem Eifer weiter zu füh- ren, die herrlichste That die seit vielen Jahrhunderten ge- schehen nun auch zu vollenden. Paͤpstliches Breve bei Oͤchsle p. 305, im Nov. uͤbergeben. So waren auch jene öst- lichen Fürsten gesinnt. Wir haben die Instruction welche Herzog Georg seinem Gesandten an dem Reichstag ertheilte. An sehr lebhafte Klagen über den unüberwindlichen Scha- den, der von dem lutherischen Evangelium herrühre, wird darin die Forderung geknüpft, keinerlei Veränderung in den hergebrachten Ordnungen zuzugeben, ohne Bewilligung eines all- Gefahren . allgemeinen Conciliums; selbst wenn ein Engel vom Him- mel käme, so würde man ihm nicht folgen dürfen, es ge- schähe denn in einer vollständigen christlichen Versamm- lung. Instruction auf Otto v. Pack im Dresdner Archiv. Auch uͤber die Heirath Luthers wird darin gescholten, der jetzt mit seiner Kaͤthe so viel brauche, wie sonst der ganze Augustinerconvent. Auch ein päpstlicher Nuntius machte sich auf, um den Reichstag zu besuchen. War die Absicht eine Veränderung zu treffen eben so weit verbreitet wie umfassend, so war doch auch die entge- gengesetzte Tendenz, die geistliche Verfassung wie sie be- stand aufrecht zu erhalten, oder vielmehr in ihrer Integri- tät wieder herzustellen, noch sehr kräftig. Indem man sich auf der Seite der Neuerung zu den weitaussehendsten Plä- nen erhob, verbarg man sich doch nicht, daß der Reichs- tag auch leicht eine widrige Wendung nehmen könne. Es schien Einigen als wolle man da Gutes und Böses mit einander ausrotten, die Wahrheit mit der Unwahrheit unter- drücken: als werde man am Ende eine Ordnung des Glau- bens und Lebens nach dem alten Gesetz aufrichten, und daran gehn, Jeden der sich nicht füge mit Gewalt dazu zu zwingen. Wie sich Churfürst Johann und Landgraf Philipp am entschlossensten für die Neuerung erklärten, so hatten sie auch Grund die meisten Besorgnisse zu hegen. Der Land- graf, weil er sich ringsher von mächtigen geistlichen Gebie- ten umgeben sah: — der Churfürst, weil man schon damals daran dachte, ihm als einem von der römischen Kirche Abgefallenen die Chur zu entziehen: er wurde erinnert, sich mit seinen Nachbarn — ohne Zweifel hauptsächlich Ranke d. Gesch. II. 16 Drittes Buch. Siebentes Capitel . dem Herzog Georg — besser zu stellen: eben von dieser Seite sey mancherlei Practik wider ihn im Gange. Es war bei weitem weniger die Absicht, etwas Neues durchzusetzen, als nur zunächst die Besorgniß vor eigenen Gefahren, die Nothwendigkeit sich in der einmal genom- menen Stellung zu behaupten, was die beiden Fürsten ver- anlaßte sich näher mit einander zu vereinigen. Den ersten Schritt hiezu that Landgraf Philipp, der im Anfang October 1525 seinen Kammermeister, Rudolf von Waiblingen nach Torgau schickte, wo Churfürst Jo- hann Hof hielt, und demselben den Antrag machte, sich auf dem nächsten Reichstag gemeinschaftlich alle dem zu widersetzen, was zu Gunsten der Mißbräuche, zu Unter- drückung der Wahrheit versucht werden könne, keine An- ordnung anzunehmen die dem Worte Gottes entgegenlaufe, sich zu dem Ende mit allen Gleichgesinnten zu vereinigen. Höchlich erfreut war der evangelisch-überzeugte Churfürst über diesen Antrag, der seiner Gesinnung so wohl entsprach: Anfang November gieng sein Sohn Johann Friedrich um mit dem Landgrafen persönlich eine nähere Verabredung zu treffen. Instruction in Rommels Urkundenbuch p. 10. Credenz von demselben Datum 5 Oct. im Weim. A. Ebenda Verzeichniß was — Waiblingen — auf die Werbung so er gethan zur Antwort ver- melden soll. Torgau 13 Octob. Auf dem festen Jagdschloß Friedewalt am Sullinger Walde geschah die Zusammenkunft. Die beiden jungen Fürsten verstanden sich vollkommen. Im Weimarischen Archiv findet sich noch die Aufzeichnung eines Bedenkens „unsres lieben Vetters und Bruders des Landgrafen“ von der eignen Hand Johann Friedrichs, welches ohne Zwei- Zusammenkunft zu Friedewalt . fel eben das Resultat ihrer Unterredung ist. Der Inhalt desselben lautet noch nicht auf ein eigentliches Bündniß, man beschließt nur erst was die Lage des Augenblicks for- dert. Die beiderseitigen Gesandten sollen sich in Hinsicht des Evangeliums näher verständigen, von den gleichgesinn- ten Fürsten, Grafen und Städten so viele als möglich an sich ziehen — noch hegte man sogar die Hofnung den Churfürsten von Trier zu gewinnen, — und sich alsdann gemeinschaftlich gegen die Ausdrücke des Ausschreibens er- klären, welche der alten Gewohnheit günstig, dem Worte Gottes nachtheilig seyen, in Sachen des Evangeliums über- haupt für Einen Mann stehn. An dem churfürstlichen Hofe billigte man dieß nicht allein, man hielt es für gut, das Verständniß auch noch auf andre Sachen zu erstrecken, „darin einer vor dem andern Recht leiden könne.“ Verzaichniß des Bedenkens unsres lieben Vetters und Bru- ders auf die vertreuliche Unterrede, so wir mit S. L. jetzo allhie ge- habt, so vil das h. goͤttl. Wort belangen thut. Friedewalt Mittw. nach Bernardi d. i. 8 Nov. Die Ausarbeitung, die in Torgau ge- macht ward, ist von der eigenhaͤndigen Aufzeichnung des Prinzen dadurch unterschieden, daß wenn der Prinz nur geschrieben hatte, man wolle sich vereinigen des Evangeliums wegen, hier hinzugefuͤgt ward: auch sunsten in andern Sachen, do eyner vor dem andern Recht leyden kunt, ausgeschlossen gegen den, so in der Erbeynung sind. Ausfuͤhrlichere Auszuͤge denke ich im Anhang mitzutheilen. So kam man von den verschiednen Seiten im An- fang December mit ganz entgegengesetzten Instructionen in Augsburg zusammen. Der Zwiespalt der die Abgeordneten trennte, zeigte sich selbst in der kaiserlichen Commission. Außer Erzherzog Ferdinand, dessen Haltung zweifelhaft seyn mußte, bestand 16* Drittes Buch. Siebentes Capitel . sie aus dem Herzog Wilhelm von Baiern, dem Vorfech- ter der Päpstlich-gesinnten, und Markgraf Casimir von Brandenburg, der sich schon so lange zu den Evangelisch- gesinnten gehalten. Zwar lehnte Casimir ab, auf das Ver- ständniß einzugehn das ihm die Gesandten von Hessen und Sachsen antrugen, aber er erklärte doch, er werde seine Über- zeugung innerhalb der Commission verfechten, und dadurch mehr Nutzen stiften als durch ein förmliches Bündniß. Da würde es nun wohl zu einem lebhaften ernstli- chen und entscheidenden Kampfe haben kommen müssen, wären die Fürsten persönlich zugegen gewesen: man würde sogleich gesehen haben, wohin die Majorität sich neige. Allein noch war doch im Grunde weder die eine noch die andre Partei dazu ernstlich entschlossen. Jedwede sah zu gut was die Entscheidung zu bedeuten habe, sie wünschte noch erst, alle ihre Kräfte zu sammeln, sich alle mög- liche Unterstützung zu verschaffen. In Friedewalt war es gleich rathsam gefunden worden, den Reichstag nach Speier oder nach Worms zu verlegen. Von der andern Seite zögerte der mainzische Abgeordnete, ohne den kein Schritt geschehen konnte, da er die Canzlei mit sich führte, unge- bührlich lange. Kein Fürst war in Person erschienen: selbst die Commission ward nicht vollzählig: eine große An- zahl von Abgeordneten wurde vermißt. Die erste vorläufige Versammlung ward am elften De- zember gehalten. Erzherzog Ferdinand ersuchte die Erschie- nenen noch einige Zeit Geduld zu haben, bis eine grö- ßere Anzahl angelangt sey: den guten Willen der Anwe- senden werde er dem Kaiser rühmen. Schreiben von Feilitsch an Chf. Johann 24 Dez. Weim. A. Reichstag zu Augsburg 1525. Aber noch einige Wochen später war man nicht zahl- reicher beisammen; auf erneuerte Anregung der Stände hiel- ten die Commissarien am 30 Dez. eine definitive Versamm- lung. Feilitsch und Minkwitz an Churfuͤrst Johann 2 Januar 1526. So viel leuchtete einem Jeden ein, daß bei dieser Un- vollzähligkeit der Stände und der Bedeutung der obschwe- benden Fragen nichts Nachhaltiges geschehen könne. Her- zog Wilhelm trug vor, ob man nicht besser thun werde, den Reichstag zu verschieben. Die drei Collegien traten auseinander und waren einhellig dieser Meinung. Sie ver- legten den Reichstag nach Speier auf den ersten Mai: da aber müsse ein jeder Fürst in Person erscheinen, da wolle man „von dem heiligen Glauben, Friede und Recht desto stattlicher handeln.“ Um jedoch wenigstens Etwas gethan zu haben, und aus Rücksicht auf die noch fortdauernde Gährung der Un- terthanen, setzte man einen Ausschuß nieder um einen Reichs- abschied zu verfassen. Bemerkenswerth ist dabei wohl nur, daß man die Anordnungen der letzten Reichstage von 1523 und 1524, daß das Evangelium rein und klar nach Auslegung der angenommenen Lehrer gepredigt werden solle, wiederholte, ohne der lateinischen Kirchenväter namentlich, oder auch des Wormser Edictes zu gedenken. Übrigens versprach man einander, sich gerüstet zu halten, um jeden Empö- rungsversuch sogleich zu unterdrücken, und rehabilitirte die wegen ihrer Theilnahme an dem Aufruhr für infam erklär- ten in so weit, daß sie an den Gerichtssitzungen Theil Drittes Buch. Siebentes Capitel . nehmen dürften. Reichsabschied. N. Samml. II, 271 § 1. § 4. Man sah das gleich damals als einen Sieg der Protestanten an. Schreiben der Nuͤrnberger bei Hortleder I, VIII, 1. Spalatin Annales bei Mencken II, 652: Concidit spes sperantium, eo conventu totum Baalem restitutum iri. Es war ihrer eine so große Anzahl, daß sonst die Dorfgerichte in Stocken gerathen seyn würden. Schon war die allgemeine Aufmerksamkeit, so wie die vorbereitende Thätigkeit, der nächsten Versammlung, die dann auch entscheidend geworden ist, zugewendet. Sachsen und Hessen hatten für das evangelische Bünd- niß das sie beabsichtigten, doch nicht die erwartete Theil- nahme gefunden: eigentlich nur die nürnbergischen Abge- ordneten hatten eine ernstliche Hinneigung dazu blicken las- sen; allein darum ließen sie den Gedanken nicht fallen: die beiderseitigen Gesandten waren der Meinung, die Sache müsse in einer persönlichen Zusammenkunft ihrer Herrn, des Churfürsten selbst und des Landgrafen, mit doppelter Kraft angegriffen werden. Indessen trat auch die andre Partei enger zusammen. Das Domcapitel zu Mainz suchte seine so lange verges- senen Metropolitan-befugnisse wieder hervor, und berief die Capitel seiner Suffraganen zu einer Versammlung bei der Mutterkirche. Hier ward dann die Gefahr in Betracht gezogen in der sich der Clerus überhaupt befinde, und der Beschluß gefaßt eine Gesandtschaft an Kaiser und Papst ab- zuordnen, um ihnen zu klagen daß die geistliche Jurisdiction von der weltlichen Gewalt occupirt werde, und die Verdienste in Erinnerung zu bringen welche sich die geistlichen Fürsten von jeher um Kaiserthum und Kirche erworben: so viel und Verbindung der Katholischen . noch mehr seyen sie auch in Zukunft zu leisten erbötig, aber dafür müsse man sie auch bei den hergebrachten Gerechtsamen schützen. Sie meinten, es sey wohl am rathsamsten, einige nicht abgefallene Fürsten, welche sie sogleich nahmhaft mach- ten, Schreiben des Grafen Albrecht von Mansfeld, der eine Co- pie des Bundes einsandte, an den Churfuͤrsten von Sachsen im Weim. A. Schreiben von Waldenfels an Vogler bei v. d. Lith p. 160. mit diesem Schutze zu beauftragen. Dahin schienen auch die Wünsche dieser Fürsten selbst zu gehn. Bei dem Churfürsten von Mainz, der in Halle residirte, kamen Herzog Georg von Sachsen und Herzog Heinrich von Braunschweig zusammen: in denselben Tagen finden wir sie nochmals zu Leipzig, zugleich mit dem Bi- schof von Straßburg: und auch sie beschlossen, sich an den Kaiser zu wenden. Sie stellten ihm vor, bei dem unauf- hörlichen Fortgange „der verdammten lutherischen Lehre“ sey nichts als eine Wiederholung des Aufruhrs, ja ein off- ner Krieg zwischen den Fürsten und Herrn selbst zu er- warten: auch sie suche man täglich auf die lutherische Seite zu ziehen: da das in Güte nichts helfe, so scheine es als wolle man sie durch ein Aufwiegeln der Unterthanen mit Gewalt dazu nöthigen. Hiegegen riefen sie nun die Unterstützung des Kaisers an. Excerpt aus einem zu Leipzig verfaßten Gutachten bei Schmidt Deutsche Geschichte VIII, 202. Doch weiß ich nicht, ob man eher in Leipzig oder eher in Halle war. Unmittelbar von der Versammlung be- gab sich Herzog Heinrich von Braunschweig nach Spanien, um das Gewicht persönlicher Anwesenheit in die Wag- schale zu werfen. So rüstete sich alles zu dem entscheidenden Kampfe. Drittes Buch. Siebentes Capitel . Hatten die Anhänger der Neuerung ihre vornehmste Stütze in der nationalen Sympathie, in der großen Bewegung des Geistes überhaupt, so waren dagegen die Verfechter des Papstthums durch die natürliche Kraft des Bestehenden und den entschlossenen Widerwillen einiger mächtigen Für- sten gegen alle Veränderung unterstützt. Aber überdieß suchten diese nun auch die beiden höch- sten Gewalten für sich in Thätigkeit zu setzen, deren An- sehn mit der geistlichen Verfassung des Reiches so enge zu- sammenhieng. Sie zweifelten nicht daß ihnen dieselben mit allem ihrem Einfluß zu Hülfe kommen würden. Damit berührten sie aber zwei Weltkräfte die noch in ganz andern Beziehungen zu einander standen als in den deutschen; und deren Verhältniß durch die großen Er- eignisse in Italien und den Gang der europäischen Poli- tik jeden Moment anders bestimmt ward. Wir würden die Entwickelung der deutschen Angele- genheiten nicht ferner verstehn, wenn wir nicht vor allem diese Ereignisse näher betrachten wollten: an denen überdieß auch noch eine andre Seite des deutschen Lebens hervortritt. Viertes Buch. Auswärtige Verhältnisse, Gründung der Landeskirchen. 1521 — 1528. Erstes Capitel . Französisch-italienische Kriege bis zur Ligue von Cognac. 1521 — 1526. I m zehnten Jahrhundert, als die abendländischen Völker, noch in den Anfängen ihrer Bildung begriffen, auf allen Seiten von den Einfällen überlegener feindseliger Weltele- mente heimgesucht wurden, waren es die Deutschen, welche die ersten großen Siege erfochten. Indem sie sich selber vertheidigten, leisteten sie auch allen andern unschätzbare Dienste. Sie verschafften dem Abendlande wieder eine selb- ständige Haltung: mit ihren glücklichen Waffen erneuerten sie die Idee eines occidentalischen Reiches: zwei Drittheil des großen carolingischen Erbes fielen ihnen anheim. Im elften und zwölften Jahrhunderte erkannten noch alle umwohnenden Nationen die Hoheit des Reiches an: wie im Norden und Osten, so im Süden und Westen. Arles und Lyon, so gut wie Mailand und Pisa ge- hörten zu demselben. Am Ende des zwölften, in der ersten Hälfte des drei- zehnten Jahrhunderts finden wir unsre Kaiser sich eine starke Hausmacht in Italien gründen: mehr als einmal er- Viertes Buch. Erstes Capitel . hebt sich in ihnen der Gedanke die Herbeibringung des orientalischen Reiches zu unternehmen; indessen werden im Norden und Osten weite Gebiete mit Pflanzungen bedeckt, und in der Ferne vor ihnen her die großen Ritter-colonien gegründet, welche noch in dem folgenden Jahrhundert ohne Zweifel die besteingerichtete und kräftigste Macht in dem Norden bildeten. Eine Weile giengen die Eroberungen auch dann noch fort, als die Reichsregierung schon nicht mehr die alte Energie besaß; endlich aber mußte die Auflösung der innern Ordnung, die Vernichtung eines wahrhaft selbständigen Kai- serthums auch auf die Grenzen zurückwirken: das Reich vermochte seine Stellung nicht mehr zu behaupten. Den Anfang der Beraubung hatte der Papst gemacht, der Rom, den Kirchenstaat und Avignon vom Reiche los- riß: mit ihm verbündet bemächtigte sich ohne viel Ge- räusch, Stück für Stück, die französische Krone des are- latensischen Reiches: bald darauf erfocht die emporkom- mende polnisch-litthauische Macht entscheidende Siege über die nicht mehr hinreichend unterstützte Ritterschaft: im funf- zehnten Jahrhundert machte sich Böhmen unabhängig: die italienischen Staaten rechneten sich kaum dem Namen nach zum Reiche: das Prinzip der Trennung wirkte endlich auch auf die deutschredenden Stämme in den Alpen und den Niederlanden zurück. Der Anblick so vieler Verluste er- weckte jenen Unmuth patriotischer Geister, dessen wir zu- weilen gedachten. Noch hatte man sich jedoch zu keiner definitiven Ab- tretung von Seiten des Reiches verstanden, ausgenommen Auswaͤrtige Verhaͤltnisse . etwa zu Gunsten des Papstes, mit dem man gleichwohl über die Grenzen der beiderseitigen Befugnisse auch noch nicht sehr fest übereingekommen war: noch konnte alles herbei- gebracht werden. Besonders war man nie der Meinung gewesen, das obere Italien aufzugeben. Noch im Anfang des funfzehn- ten Jahrhunderts machte der römische König Ruprecht ei- nen entschlossenen Angriff auf Mailand: in der Mitte des- selben regte sich nach dem Aussterben der Visconti in Mai- land selbst eine Partei, welche der Meinung war sich dem Kaiser zu unterwerfen: wir sahen in welch unaufhörlichen Versuchen sich Maximilian Zeit seines Lebens bewegte, die Lombardei zu erobern. Zwar war es ihm damit nicht geglückt: nach allem Wechsel der Kriegsereignisse hatten die Franzosen Mailand und Genua zuletzt doch behauptet; allein die al- ten Ansprüche waren doch auf das lebendigste in Erinne- rung gekommen: und in dem Reiche sah man Franz I , der überdieß der Lehen entbehrte, mit nichten als einen le- gitimen Besitzer an. Indem nun Carl V den kaiserlichen Thron bestieg, eröffnete sich für das Reich noch einmal die großartige Aussicht zu alle seinen Rechten zu gelangen. Wir müssen uns erinnern, daß man gleich bei der ersten Annäherung zwischen Burgund und Östreich diesen Gesichtspunct ins Auge gefaßt hatte. Als Carl der Kühne Friedrich dem III seinen Bund antrug, sagte er demselben, er wolle ihn furchtbarer machen, als irgend ein Kaiser seit dreihundert Jahren gewesen: er stellte ihm vor, welch eine unwiderstehliche Macht aus der Verbindung ihrer Besitz- Viertes Buch. Erstes Capitel . thümer und Gerechtsame hervorgehen müsse. Die einzige Nachricht hieruͤber, die jedoch als authentisch angesehen werden muß, theilte Schmidt aus dem kais. Archiv mit, Buch VII, Cap. 24. Der junge Fürst der jetzt den Thron bestiegen, war der Urenkel und Erbe sowohl des Einen als des Andern: noch viel weiter als man damals hätte ahnden können erstreckten sich seine Fürstenthümer und Königreiche. Wie hätten Ideen dieser Art nicht in ihm erwachen sollen! Noch war die deutsche von allen abendländischen Na- tionen ohne Zweifel am besten bewaffnet. Der Adel riß sich zuerst von dem für die neuere Kriegskunst nicht mehr geeigneten Formen des ritterlichen Lanzenwesens los: Herren und Diener fochten in Einem Glied. Eine Stelle in Pasqualigo’s Relation wird dieß naͤher er- laͤutern. Aus den Bauern gieng das Fußvolk der Landsknechte hervor, das außer in den Schweizern, die doch auch Deutsche waren, seines Glei- chen nicht hatte. Die Bürger waren die Meister des Ge- schützes: mit einer Vereinigung der hanseatischen und der niederländischen Seemacht hätte sich keine andre Nation der Welt messen können. Es hatte nur immer daran gefehlt, daß der Kaiser zu schwach gewesen war, um die Kräfte der Nation zu be- nutzen. Jetzt aber schien das anders werden zu müssen. Die Landsknechte feierten es in einem Liede, daß sie ei- nen Fürsten bekommen der im Stande seyn werde sie zu besolden, im Felde zu halten. Auf dem Reichstag zu Worms war auf das ernstlichste von der Wiedereroberung der ab- gekommenen Reichslande die Rede. Ausbruch des Krieges mit Frankreich . Auch für diese Verhältnisse dürfen wir jedoch keinen Augenblick vergessen, daß es nicht eine eigentlich nationale Entwickelung war, woraus die Vermehrung der kaiserlichen Macht hervorgieng. Die Nation war nicht gemeint Carl dem V größere Rechte zu gewähren als seinen Vorfahren, schloß sich nicht einmüthiger an ihn an. Der Unterschied beruhte auf der Verbindung einer Hausmacht wie sie noch niemals vorgekommen war, mit den Rechten des Kaiser- thums. Aber so fremdartige Bestandtheile umfaßte dieselbe, daß sie niemals mit der kaiserlichen Gewalt verschmelzen konnten. In der Stellung Carls V lag eine Doppelseitig- keit, welche mit der Zeit eigenthümliche Schwierigkeiten entwickeln mußte, und für die Rechte des Reiches, in wie fern sie von denen des jedesmaligen Kaisers unterschieden waren, auch wieder gefährlich merden konnte. Gleich der Ursprung seiner Kriege liegt bei weitem mehr in der Gesammtheit seiner Verhältnisse als in den Interes- sen des Reiches. Wir berührten schon, wie die alte Feindseligkeit zwi- schen Frankreich und Burgund wieder erwachte. Im Anfang des Jahres 1521 sah man die erklärten Gegner des Kaisers an dem französischen Hofe auf das beste aufgenommen und begünstigt: Franz I trat mit den empörten Communen in Castilien in Verbindung: auch in Deutschland glaubte der Kaiser noch immer Machinationen seines Gegners wahrzunehmen: Briefe und Entwürfe des feindseligsten Inhalts kamen ihm aus Italien zu Gesicht: Tractat de subtrahendis omnibus Caesaris amicis, — sollicitat licet frustra sacri imperii electores, — concitat et literis Viertes Buch. Erstes Capitel . im Mai machte Franz I einen Versuch, Alibret geradezu mit den Waffen nach Navarra zurückzuführen: auf die fried- lichen Erinnerungen der Engländer erklärte er, er könne sich in seinem Siegeslauf nicht aufhalten lassen. Auszuͤge aus den Depeschen des engl. Gesandten Fitzwilliam in Paris vom 18 Febr. und 29 Mai bei Raumer: Pariser Briefe I, p. 237. Er nahm Robert von der Mark, der um eine Verletzung seiner Ge- richtsbarkeit durch den Canzler von Brabant zu rächen, im Luxemburgischen zu Gewaltthätigkeiten schritt, öffentlich in seinen Schutz. Dagegen schloß nun auch der Kaiser sein Bündniß mit Papst Leo X , dem die Überlegenheit der Franzosen in Italien schon jetzt höchst beschwerlich fiel und jeder neue Fortschritt derselben vollends unerträglich geworden wäre. Dieß Motiv, das die Italiener spaͤterhin vergessen hatten, stellt sich besonders in einer Unterredung Heinrichs VIII mit dem franzoͤsischen Gesandten heraus: „fere off extreme subjection.“ State papers Henry VIII, I, p. 13. Der Bund war darauf berechnet, die Rechte des Kaiser- thums und des Papstthums gemeinschaftlich zu erneuern. Schon auf die entferntere Zukunft ward darin Bedacht ge- nommen. Der Kaiser versprach die Ansprüche des Pap- stes auf Ferrara, der Papst, die Rechte des Reiches gegen Venedig durchführen zu helfen. „omnibus viribus suis spiritualibus et temporalibus.“ Art. 19. Dumont IV, III, 99. Zunächst aber beschloß man, die Lombardei mit einander zu erobern. Parma und Pia- et nunciis turbatos Hispaniae populos. — Aus diesen und aͤhnli- chen Klagen in der Refutatio apologiae dissuasoriae bei Goldast P. Imp. p. 870 sieht man was den Kaiser außer den directen An- griffen noch besonders verdroß. Ausbruch des Krieges mit Frankreich . Piacenza sollten dem Papst anheimfallen, Mailand und Genua unter einheimischen Herrschern die Hoheit des Kai- sers anerkennen. Es ist darin viel von der Herstellung der gesetzlichen Unterordnung aller Fürsten unter den Papst und den Kaiser die Rede, von denen Gott einmal Rechen- schaft über den Zustand der christlichen Republik fordern werde. In Deutschland dachte man gutmüthiger Weise daran, noch eine Vermittelung zwischen Kaiser und König zu ver- suchen. Die Churfürsten entwarfen ein Schreiben, um den König von Frankreich zu friedfertigem Verhalten und einer Anerkennung der Rechte des Reiches aufzufordern. Aber der Kaiser liebte ihre Einmischung nicht: er verbot dem Churfürsten von Mainz, das Schreiben abgehn zu lassen; sein Canzler erklärte dem Churfürsten von Trier, keine Un- terhandlung werde bei dem König anschlagen, er werde nur dann Friede halten, wenn man ihn mit Gewalt dazu nöthige. „wurde keine Handlung leiden, er sey denn dermaaßen zu- gericht, daß er des Friedens begere.“ Aus dem Munde des Chur- fuͤrsten von Trier Planitz an Friedrich v. Sachsen 1sten Nov. 1521. Wie wäre auch bei den Absichten, die in dem Bunde mit dem Papste festgesetzt waren, noch ein Austrag mög- lich gewesen? Im August 1521 kamen zwar die Abgeordneten des Kai- sers und des Königs mit römischen und englischen Bevoll- mächtigten zu diesem Zwecke noch einmal in Calais zusam- men, allein es ließ sich von vorn herein nicht viel davon erwarten. Von den Vermittlern stand der eine bereits in Ranke d. Gesch. II. 17 Viertes Buch. Erstes Capitel . Bund mit dem Kaiser, der andere unterhandelte mit ihm schon lange über eine engere Allianz. Der Kaiser, durch seine Siege in Spanien, von wo die Franzosen hatten weichen müs- sen, mit neuem Selbstgefühl erfüllt, stellte seine Forderungen ohne alle weitere Zurückhaltung auf: Räumung der Reichs- lehen Mailand und Genua: Verzichtleistung auf die nea- politanischen Ansprüche und die Oberlehnsherrschaft der Krone Frankreich über Flandern und Artois, denn der Kai- ser könne nie Vasall eines andern Fürsten seyn: endlich Herausgabe des Herzogthums Burgund. Garnier Histoire de France 23, p. 359 ‒ ‒ ‒ aus den MSS von Bethune, die er jedoch nicht naͤher bezeichnet. Es waͤre wohl an der Zeit, daß in Frankreich etwas Wesentliches fuͤr die authentische Er- laͤuterung dieser Geschichte geschaͤhe, was so leicht waͤre. In den Statepapers fehlt ungluͤcklicher Weise das Schreiben Wolseys, das sich hierauf bezogen haben wird. Forderungen die denn in der That nichts als den entschlossenen Willen das Kriegsglück zu versuchen aussprachen: ohne Niederla- gen erlitten zu haben konnte sie Franz I nimmermehr be- willigen. Von der Zusammenkunft zu Calais hatte Carl V den Vortheil, daß er den König von England für sich ge- wann. Heinrich VIII hatte sich früher verpflichtet, sich ge- gen Denjenigen von seinen beiden Nachbarn zu erklären, der den Frieden zuerst brechen würde. Ein aufgefangenes Schreiben überzeugte ihn, daß die Schuld an Franz I liege. Letters sent unto Rome by the Frenshe King to the Counte de Carpye signed with his hande and subscribed by Rob t Tett (Robertet), which I have seen, conteyning the hoole discourse of his intended enterprise, as well by Rob t de la Mar- Um so weniger Bedenken trug er nun, auf die Ausbruch des Krieges mit Frankreich . Seite des Kaisers zu treten, von dem er sich überdieß we- gen jedes pecuniären Schadens der ihm aus seiner Tren- nung von Frankreich entspringen könne sorgfältig sicher stel- len ließ. Sein Bevollmächtigter, Cardinal Wolsey gieng von Calais nach Brügge, wo dann jene engere Verbin- dung geschlossen ward, von der früher die Rede gewesen. Auch der Kaiser wünschte den Krieg nur mit guter Rechtfertigung zu unternehmen. Da sich wegen der zwei- deutig gestellten Friedensartikel zweifeln ließ, wer in der Sache von Navarra Recht habe, so war es ihm beinahe lieb, als man ihm von ernstlichen Demonstrationen der Franzosen zu Gunsten Roberts von der Mark Nachricht brachte. „Gelobt sey Gott“ rief er aus „ich bin es nicht, der Krieg an- fängt: Gott giebt mir Gelegenheit mich zu vertheidigen.“ Desto entschlossener zeigte er sich, das Unternehmen zu Ende zu führen. Ich müßte, sagte er, ein erbärmlicher Kaiser seyn, oder er soll ein kläglicher König von Frankreich werden. Aluigi Aleandro de’ Galeazzi Brusselles 3 Luglio 1521. Lettere di principi I, 93. Das ist wohl ohne Zweifel der Sinn je- ner Rede. So begann der Krieg zwischen Carl V und Franz I. Es lag darin eine unmittelbare Fortsetzung der alten bur- gundisch-französischen Feindseligkeiten. Zugleich hatte er aber für das deutsche Reich eine unermeßliche Bedeutung. Zum ersten Mal eröffnete sich wieder die gegründete Aussicht die Rechte und die Autorität desselben wiederherzustellen. Die che in those parties, as the commotion of Italie and disturbance of Naples, wherby the invasion of his partie evidently apperithe. Wolsey to King Henry. Statepapers I, 27. Aus der Antwort von Pace p. 35 ergiebt sich, daß diese Angabe dem Koͤnig entscheidend vorkam. 17* Viertes Buch. Erstes Capitel . Kriegführung und ihre Erfolge, die Wechsel der Politik muß- ten dann auf das Innere eine unaufhörliche Rückwirkung ausüben, wie wir schon vorläufig bemerkten, und bald deut- licher wahrnehmen werden. Feldzug von 1521, 22. Anfangs schien es, als würde die Entscheidung auf den alten Schauplätzen der burgundischen Kriege, an den französisch-niederländischen Grenzen erfolgen. Von dem ohne viel Mühe bezwungenen Gebiete Ro- berts von der Mark bewegte sich ein stattliches kaiserliches Heer, unter dem Grafen von Nassau, Sickingen und Frunds- berg, gegen die französischen Grenzen, eroberte Mouzon, be- lagerte Mezieres, und setzte die ganze Champagne in Ge- fahr; allein indeß sammelte auch Franz seine besten Streit- kräfte: er fühlte sich gar bald so überlegen, daß er meinte, Gott selber zeige sich französisch-gesinnt: die Kaiserlichen mußten jene Belagerung aufheben, und als sie hierauf den Franzosen in der Nähe von Valenciennes begegneten, es für ein Glück halten, daß sie ungeschlagen davon kamen: Georg Frundsberg hielt diesen Abzug für eine seiner rühm- lichsten Thaten. Eben dadurch aber daß die Franzosen dieß geschehen ließen, stellte sich ein gewisses Gleichgewicht her: die Franzosen nahmen einige feste Plätze von Artois, die Kaiserlichen Tournay weg: zu ernstlichen Anstrengungen, nahmhaften Erfolgen kam es an dieser Stelle nicht. Die Memoiren von Bellay und Fleuranges von der einen, Pontus Heuterus und Sandoval von der andern Seite schildern die- sen Krieg. Ich denke im Anhang noch ein unpoetisches, aber doch belehrendes historisches Lied beizubringen. Feldzug von 1521. Dagegen entwickelten sich die Ereignisse in Italien unerwartet zur Entscheidung. Hier kam es vor allem auf jene zwar noch immer zu dem Reiche sich haltende, dazu gezählte, aber doch in ihrer Politik so gut wie unabhängige Genossenschaft der Schweizer an, von welcher die großen Entscheidungen in Oberitalien die letzten Jahrzehnde daher immer hauptsächlich abgehangen. Noch zuletzt hatten sie im Jahr 1512 Mai- land für die Sforza’s zurückerobert; nur durch ihre Ent- zweiung war es, wiewohl auch dann noch nicht ohne eine der blutigsten Schlachten, verloren gegangen; im J. 1516 hatte Maximilian mit ihrer Hülfe einen abermaligen Zug in die Lombardei unternommen und hauptsächlich den Män- geln seiner Führung schrieb man es zu, daß er mißglückt war. Auch jetzt rechneten Papst und Kaiser bei ihren Plä- nen hauptsächlich auf die Hülfe dieser nahen, kriegsfertigen und tapfern Mannschaften. Ihre Absicht war, 16000 Schweizer über die Gebirge kommen und zu derselben Zeit in Mailand vorrücken zu lassen, wenn eine kaiserliche Flotte vor Genua, und ein neapolitanisch-päpstliches Heer am Po erscheinen würde. Der Plan ist in den Allianztractat aufgenommen. Art. 9. Und wie hätten sie an dem glücklichen Erfolg ihrer Bemühungen zweifeln sollen? Die Eidgenossenschaft hatte bei der Kaiserwahl Partei für Östreich genommen: der rö- mische Stuhl war in engem Bunde mit ihr, und schon im Anfang des Jahres waren einige tausend Schweizer in den Dienst Leo’s gezogen, der dann ihre Hauptleute in Rom mit goldnen Ketten beschenkt hatte. Viertes Buch. Erstes Capitel . Auch noch eine andre Partei aber gab es in der Schweiz, die sich zu Frankreich hielt: die schon 1515 die Entzweiung in dem ausgezogenen Kriegsheer veranlaßt, hierauf den ewigen Frieden mit Frankreich durchgesetzt hatte, zwar nicht eben darauf drang, den König zum Kaiser zu erheben, wodurch er legitime Ansprüche auf sie erlangt haben würde, aber von dieser Besorgniß frei nun um so lebhafter in das engste Verhältniß mit dieser Macht zu treten wünschte. Die Fran- zosen thaten alles, um sie festzuhalten und zu unterstützen. Ihr Mittel war einfach und unfehlbar. Sie versprachen öffentlich Pensionen und wandten insgeheim Bestechung an; Anshelm versichert, es seyen nicht allein die Mitglie- der der Räthe und Bürgerschaften, sondern auch die lau- testen Wortführer in den Landgemeinden bestochen worden: mancher habe sich mit 10 G. abfinden lassen, in manches Haus dagegen seyen 3000 G. geflossen. Anshelm Berner Chronik VI, p. 25. Es fehlte wohl nicht an Widerspruch. Man bemerkte wie ein ungleiches Verhältniß die Verpflichtung begründe, daß jeder Theil die Besitzungen des andern vertheidigen solle: die Eidgenos- senschaft die weitläuftigen Länder des Königs diesseit und jenseit des Gebirges: der König das enge schweizerische Ge- biet: man sagte, Franz I werde durch Werbungen und Pen- sionen so gut Herr in der Eidgenossenschaft; Gegengruͤnde besonders in dem Fuͤrtrag der Stadt Zuͤrich an ihre Landschaft bei Bullinger I, p. 42. allein da die Majoritäten weniger durch Argumente als durch Interessen bestimmt zu werden pflegen, richtete man damit nichts aus: es ward erwiedert, einen Rückhalt für unvorhergesehene Feldzug von 1521. Fälle bedürfe doch auch die Eidgenossenschaft, und wo könne es je ein besseres Verhältniß geben? man lasse dem König die muthwillige Jugend zulaufen, die man ohnehin nicht zurückzuhalten vermöge, und ziehe dafür von ihm so große Nutzung. Nur in Zürich bildete sich, und zwar im Zu- sammenhang mit einer tieferen religiösen Überzeugung, ein fe- sterer Widerstand: alle andern Orte aber, zuletzt auch Schwyz und Glarus, die sich am längsten gehalten, gaben nach: am 5ten Mai 1521, eben indem man zu Rom mit der Festsetzung jener Pläne beschäftigt war, kam zu Lucern das Bündniß zu Stande, in welchem der König, der Eidgenos- senschaft die schon früher bezahlten Pensionen um die Hälfte zu erhöhen, „ut cognoscant intimum amorem liberalitatem benevo- lentiam et affectionem dicti christianissimi regis in eos.“ Du Mont IV, I, p. 334. diese dagegen dem König, so oft er in seinen Besitzungen angegriffen werde, zu Hülfe zu kommen, ihm jedes Mal Werbung von 6000 bis 16000 M. zu gestat- ten versprach. Es ist das die Grundlage aller späteren Bündnisse zwischen Frankreich und der Schweiz. Welch eine große Autorität in Europa hätte der Eidgenossenschaft die Erneuerung eines Verhältnisses zu Mailand geben müs- sen, wie es von 1512 bis 1515 bestanden! Allein sie ver- zichtete darauf: sie machte ihren Arm und ihre Kraft, ihre ganze kriegerische Macht, durch die sie einen Namen erwor- ben, um jener Geldzahlungen willen den Zwecken der fran- zösischen Krone dienstbar. Sie that einen neuen Schritt zu ihrer Trennung von dem Reiche, an das sie durch die Bande der Nationalität und Geschichte geknüpft war, an welches angelehnt sie eine großartige Haltung unter den Viertes Buch. Erstes Capitel . Mächten der Welt hätte einnehmen können. Im Juli 1521 erhob sich eine feierliche Abordnung nach Dijon zu König Franz I , um ihm das versiegelte Bundesinstrument zu über- bringen: und die Mutter des Königs hatte ihr Vergnügen daran, welche Ehrerbietung dabei ihrem Sohne bewiesen ward; unmittelbar hierauf zogen schweizerische Schaaren in den Krieg des Königs, so wohl in die Picardie als nach Italien. Es leuchtet ein, wie sehr nun hiedurch alle jene Pläne des Papstes und des Kaisers durchkreuzt wurden. Auch in Italien beschleunigte ein Angriff der Franzo- sen und zwar ein sehr schlecht überlegter auf die Stadt Reggio, wo sie mailändische Ausgewanderte aufzuheben gedachten, den Ausbruch der Feindseligkeiten. Schon im Juli 1521 brach Prospero Colonna, dem der Oberbefehl über die päpstlich-kaiserlichen Truppen anvertraut war, von Bologna auf, um Parma anzugreifen: eine Flotte setzte sich gegen Genua in Bewegung: in Trient sammelten sich um Maximilian Sforza deutsche Fußvölker: auf dem Co- mer See erschienen die ausgewanderten Gibellinen, die dort immer schon einen räuberartigen Krieg geführt, mit ein paar Schiffen. Benedictus Jovius Historia Novocomensis in Graevii Thes. Ital. IV, p. 71 nennt als Anfuͤhrer Johannes a Brinzia, cogno- mento stultus, doch wohl der Matto da Brinzi, wie er sonst heißt. Allein wohin konnte alle das führen, da die Haupt- macht, von der man einen großen Einbruch im Mailän- dischen erwartet, jetzt mit dem Feinde sogar gemeinschaft- liche Sache gemacht, dessen Selbstvertrauen dadurch an al- Feldzug von 1521. len Puncten erhöht hatte. Die Unternehmungen auf Ge- nua und Como mißlangen vollständig. Ein Glück, daß wenigstens die Deutschen von Trient Mittel fanden, sich mit dem Heere vor Parma zu vereinigen; dahin sammelten sich denn nicht minder die zum Angriff anf Genua bestimmt gewesenen Mannschaften: allein trotz alle dem fühlte man sich auch dort nicht stark genug zu einem ernstlichen letz- ten Angriff: am 12ten September ward die Belagerung aufgehoben. Das ziemlich controverse Detail uͤber diese Aufhebung fin- det man bei Guicciardini, Capella, Jovius ( Vita Pesc. II, 300. Leonis Xmi III, 100). Vgl. auch Nardi Storie fiorentine VI, 170. Dagegen besaßen die Franzosen in diesen Tagen das volle Übergewicht. Die Venezianer hatten 500 Hommes d’Armes und 6000 M. z. F. ins Feld gestellt: der Her- zog von Ferrara, dem es nicht entging, in welcher Gefahr er schwebe, fiel in das päpstliche Gebiet ein. Nach und nach kamen die Schweizer das Gebirg herab: die Berner voran, eben von den feurigsten Parteigängern der Franzosen an- geführt. Der päpstliche Commissarius bei der Armee, der Geschichtschreiber Guicciardini versichert, wenn die Fran- zosen in diesem Moment, wo überdieß in dem verbündeten Heere Zwietracht und Unordnungen ausgebrochen, angegrif- fen hätten, so würden sie ohne alle Mühe gesiegt haben. Guicciardini, XIV, p. 408: Se fosse sopravenuto Lau- trech, gli metteva facilissimamente in fuga. Allein in diesem Augenblicke zeigte sich von eben dort wo die Gefahr entsprungen, auch die Hofnung eines bes- seren Erfolges. Kaiserliche und päpstliche Gesandte waren reich mit Viertes Buch. Erstes Capitel . Geld und Wechseln versehen in die Schweiz gekommen, und hatten doch auch wieder für ihre Anträge einen sehr gün- stigen Boden gefunden. Indem sie auf die ältern Verpflich- tungen drangen, wie gegen den Kaiser und Östreich, so namentlich gegen den Papst, brachten sie erst zu vollkom- mener Anschauung in welche Gefahr man sich gestürzt hatte. Durch alte Bündnisse war man verpflichtet, einige östrei- chische Gebiete, z. B. die freie Grafschaft, alle Besitzthümer der römischen Kirche zu beschirmen: jetzt hatte man dage- gen einen Bund eingegangen, in welchem eine ausdrück- liche Clausel besagte, man werde auch gegen die Vorbehalte- nen — hauptsächlich eben Östreich und den Papst — zu Felde ziehen, wenn sie den König in seinem Gebiete angreifen würden. Noch dienten eine Anzahl Eidgenossen in dem päpstlichen Heere, sie waren bei der Unternehmung auf Parma, während andre unter Lautrec zu dem Entsatz die- ses Platzes mitwirkten. Was sollte daraus werden, wenn beide irgendwo auf einander stießen. Der französische Bund war das Werk einer Partei: nichts war natürlicher als daß sich ihr aller Orten eine andre entgegensetzte. Auch die Unordnung des Aufbruches, zur ungelegensten Zeit, machte man ihr zum Vorwurf: hie und da waren die Wei- ber genöthigt gewesen die Ernte einzubringen. Zürich, das den französischen Bund, kraft eines gleichlautenden Beschlus- ses des Rathes in der Stadt und der Gemeinde auf dem Lande, zurückgewiesen, war ohnehin entschlossen, den päpst- lichen aufrecht zu halten. Aller dieser Regungen bediente sich nun der alte Meister schweizerischer Umtriebe, der Car- dinal von Sitten. In Zürich ward ihm eine große Wer- Feldzug von 1521. bung gestattet, von 2700 Mann, obwohl mit der ausdrück- lichen Bedingung daß sie nur zur Vertheidigung der päpst- lichen Besitzungen, keineswegs zum Angriff auf Mailand gebraucht werden dürfe; dieß war aber nur der Kern, um den sich fast aus allen Orten päpstlich-kaiserliche Partei- gänger sammelten: der Cardinal bewilligte einen noch reich- lichern Sold als die französischen Bevollmächtigten: wir finden wohl, daß ein Fähnlein, das für Frankreich gewor- ben worden, wie es war, nur ohne den Hauptmann, in päpstliche Dienste trat: bei der Musterung in Chur in der zweiten Hälfte des September fanden sich über 6000 Mann, zu denen sich dann noch graubündner und walliser Mann- schaften gesellten. Die kaiserlichen und paͤpstlichen Anbringen finden sich bei Ans- helm: die zuͤrcherischen Angelegenheiten hat Bullinger deutlicher c. 24 — 26. Vgl. Hottinger: Geschichte der Eidgenossen: (Fortsetzung Muͤllers) I, p. 55, 63. Indem der Papst über den schlechten Erfolg seiner Unternehmung höchlich betreten war, empfieng er diese Nach- richten. Sein Nuncius Ennio versicherte ihn, die Clausel der zürcherischen Bewilligung werde die Truppen nicht ab- halten, Parma, Piacenza, selbst Ferrara anzugreifen, da das kirchliche Besitzungen seyen, ja er getraue sich, wenn er nur bei einigen Hauptleuten Geld anwende, sie auch zu jedem andern Unternehmen zu vermögen. Galeacius Capella giebt p. 180 einen Auszug des Brie- fes: Demum pecunia facile esse duces corrumpere, qui milites quo res postularet technis suasionibusque impellerent. Hiedurch erneuerte sich in den Verbündeten die fast schon aufgegebene Hofnung. Es lag am Tage, daß das Viertes Buch. Erstes Capitel . Erscheinen einer so starken schweizerischen Mannschaft in dem päpstlich-kaiserlichen Heere, wenn nichts weiter, doch die ganze Kraft des Feindes, die eben in seinen Schwei- zern beruhte, lähmen müsse. Es kam nur darauf an, sich mit ihr zu vereinigen. Hiezu setzte sich das Heer sofort in Bewegung. Cardinal Julius Medici war von Florenz her bei demselben angelangt, hatte alle Streitigkeiten der Heerführer beseitigt, den guten Willen der Truppen mit dem florentinischen Geld das er mitbrachte wiederhergestellt: 13 Saumthiere waren in seinem Gefolg: man sagte sie seyen alle mit Geld beladen. Prospero Colonna gieng am 1sten October bei Casal-maggiore über den Po und nahm seinen Marsch den Oglio aufwärts. Indessen kamen von Chiavenna her über den Morbegno die Schweizer von den Alpen herab: weder Gebirg noch Gewässer, weder die An- mahnungen der Landsleute, noch die Feindseligkeiten der Franzosen konnten sie abhalten. Ende October erschienen auch sie am obern Oglio. Augenscheinlich lag nun das Heil der Franzosen darin, die Vereinigung dieser beiden Heeresmassen zu hindern. Prospero Colonna hatte ein so wenig vortheilhaftes Lager bei Rebecca bezogen, daß sich selbst bei den bedächtigen Venezianern die Meinung regte, man müsse ihn angreifen: die Schweizer drangen darauf: sie wollten schlagen, ehe ihre Eidgenossen drüben angekommen: in einem Kriegsrath der deshalb gehalten ward, waren beinahe alle Stimmen für den Angriff: nur der Oberbefehlshaber Lautrec war nicht dazu zu bewegen. Die Version welche Leferron ( V, 130) aus dem Munde Man führt mancherlei Gründe an, die Feldzug von 1521. er dafür gehabt haben könne: die Hauptsache war: er hatte die Entschlossenheit nicht: er war kein General für einen ernstlichen Krieg. Er zog es vor, die nächsten Festungen besser zu besetzen und eine feste Stellung hinter der Adda zu nehmen. Ohne Hinderniß vereinigte sich bald darauf Prospero Colonna mit den Schweizern zu Gambara. Wie es der Nuncius vorhergesagt, nahm es sich ein Theil der- selben nicht übel, mit gegen Mailand vorzurücken; die Ge- wissenhaftern, die durch keine Versprechungen dazu zu brin- gen waren, zogen dagegen nach Reggio, um von hier aus die der Kirche zugehörenden Plätze Parma und Pia- cenza anzugreifen. Hiedurch nun bekamen die kaiserlich-päpstlichen Schaa- ren das unzweifelhafte Übergewicht. Die französischen Schweizer, mißvergnügt, daß sie den Schlachtsold nicht verdient, überdieß unzufrieden mit Lautrec, der seiner deut- schen Garde den Vorzug vor ihnen gab, und von heimi- schen Gesandten ermahnt, um Gottes Willen nicht mit ihren Eidgenossen zu schlagen, giengen schaarenweise nach Hause. Hatte die Entzweiung der Schweizer im J. 1515 die Erobe- rung von Mailand den Franzosen so wesentlich erleichtert, so war die Weiterentwickelung derselben jetzt auch an ihrem Ver- luste Schuld. Die Verbündeten bewirkten, in diesem Au- einiger Augenzeugen anfuͤhrt, Lautrec habe wirklich den andern Tag angreifen wollen, sey aber durch die Venezianer gehindert worden, ist doch wohl nur eine Ausflucht. Auch Bellay sagt: La tardiveté de nos chefs fut cause de les nous faire perdre (Coll. univ. Tom. XXVII, p. 180). Das Naͤhere erzaͤhlen dann die glaubwuͤrdigsten Italiener wie Galeazzo. Aus den Chronicles of Rabbi Josef er- giebt sich, welchen Eindruck die Sache machte. Er sagt dabei von den Franzosen: They are a nation voyd of counsel. Viertes Buch. Erstes Capitel . genblick durch neu ankommende Graubündner unterstützt, mit eben so viel Glück wie Geschicklichkeit ihren Übergang über die Adda: Lautrec sah sich ganz auf die festen Städte beschränkt. Da aber war alles schon lange in feindseliger Gäh- rung. Die Gibellinen haßten die französische Regierung: auch die Guelfen waren von ihr nicht mit alle der Rück- sicht behandelt worden die sie forderten: ihr vornehmstes Oberhaupt, der alte Trivulzi, der eine Zeitlang mehr ver- mochte als der französische Gouverneur, war eben darum in die Ungnade des Königs gefallen und darin gestorben; dazu kamen die Erpressungen und Gewaltsamkeiten, welche die Herrschaft der Franzosen in fremden Ländern gewöhn- lich verhaßt machen: als Lautrec in Mailand anlangte, fand er eine so starke Bewegung daß er eine strenge Execu- tion für nothwendig hielt; den alten Christoph Pallavicini, einen nahen Verwandten des Hauses Medici, eins der Oberhäupter der gibellinischen Faction ließ er in dem Ca- stell enthaupten. Cronaca Grumello, bei Verri III, 221. Diese Grausamkeit, der Anblick eines geschlagenen Heeres, das Gerücht von der Annäherung ei- nes übermächtigen Feindes, man kann denken wie alle das wirkte. Schon immer hatten Prospero und Cardinal Ju- lius ihre Hofnung auf diese Stimmung gesetzt. Sepulveda Praefatio in Aristotelem de parvis naturalibus (Cf. Sepulvedae Vita et Scripta p. CVII) sagt von Julius: „non ignarus, in uno Mediolano cetera oppida expugnari.“ Ganz gut druͤckt Vettori die Umwandlung des Zustandes aus. In Milano in facto la parte Ghibellina è superiore assai, i popoli sono sempre desiderosi di mutazioni: chi lascia la campagna e si ritira den- tro alle mura, perde di riputatione. Franz Feldzug von 1521. Sforza hatte sie durch einige Erlasse genährt, die nichts als Schonung und Milde athmeten, das väterliche Regi- ment eines angestammten Fürsten versprachen, und mit Be- gierde gelesen wurden. Als die Verbündeten in die Nähe von Mailand kamen, wurden sie aufgefordert, nur ohne Zögern heranzurücken, einen Angriff zu versuchen: die ganze Stadt werde sich für sie erheben. Es war im November, Wetter und Weg so schlecht wie möglich: unter diesen Um- ständen aber rückte man vorwärts. Abends am 19ten langte man an: und machte sich daran ein Lager aufzu- schlagen. Indem meldeten ein paar leichte Reiter, wie schlecht die Verschanzungen seyen, welche Lautrec in der Eile um die Stadt her aufgeworfen: der Marchese Pescara, Be- fehlshaber der spanischen Fußvölker, sagte: wir müssen das Nachtlager in den Vorstädten nehmen: und unverzüglich machte er sich an der Spitze von 60 spanischen Schützen nach der Porta Romana auf den Weg: ein Haufen Landsknechte lief hinter ihm her. Wie ein Spiel, wie ein Scherz begann das Ereigniß, das für die folgenden Jahr- hunderte von Italien entscheidend werden sollte. Wettei- fernd setzte sich Prospero Colonna mit einer andern Schaar von Deutschen und Spaniern nach der Porta Ticinese in Marsch. Die Verschanzungen waren leicht genommen: aber da fast die ganze feindliche Armee in der Stadt lag, und sich rasch zum Widerstande sammelte, so war die Sache doch noch zweifelhaft, und wenigstens ein Theil der Angreifenden hielt bereits wieder für rathsam, sich zurück- zuziehen. In diesem Momente griff die Bevölkerung ein. Das Geschrei erhob sich in den Straßen: „der Herzog, das Viertes Buch. Erstes Capitel . Reich, nieder mit den Franzosen;“ eine allgemeine Empö- rung schien sich vorzubereiten; da in diesem Augenblick erst die Masse der kaiserlich-päpstlichen Armee anrückte, die Landsknechte, bis an den Gürtel im Wasser, an verschiede- nen Stellen, durch die Gräben giengen und die Verschan- zungen erstiegen, verzweifelte Lautrec sich zu behaupten, und verließ die Stadt durch die entgegengesetzte Porta Coma- sina. Die Venezianer waren leicht entwaffnet. Die schwei- zerischen Hauptleute wollten sich von den Franzosen nicht trennen lassen und eilten ihnen nach. Binnen zwei Stun- den war die Stadt erobert. Die zugleich anschaulichste und glaubwuͤrdigste Nachricht uͤber dieß Ereigniß enthaͤlt ein Schreiben des Marchese von Mantua an seine Mutter vom 21 Nov. 1521, im 32sten Bande der Chronik des Sanuto. Ich werde es im Anhang mittheilen, so wie ein andres des Legaten Julius Medici vom 19ten Abends und 20sten fruͤh. Alle Straßen waren festlich erleuchtet, als die Kaiserlichen in die eigentliche Stadt ein- rückten. Noch an demselben Abend ward ausgerufen, daß Kaiser und Papst sich entschlossen, den Mailändern ihren angestammten Herzog Franz Sforza zurückzugeben. Dessen vertrauter Rath, Hieronymus Morone, der die Verbin- dung mit den gibellinischen Familien unterhalten, überhaupt zum Gelingen der Unternehmung das Meiste beigetragen hatte, übernahm die Verwaltung. Dem Beispiel von Mailand folgten Pavia und Lodi diesseit, Parma und Piacenza jenseit des Po. Gegen diese beiden Städte leisteten jene Schweizer, Zuger und Züri- cher die nicht mit nach Mailand gegangen, hauptsächlich eine nunmehr auch hier sehr willkommene Hülfe. Da- Feldzug von 1521. Damit war aber die Sache noch keineswegs beendigt. Das französische Heer ward nicht auseinandergesprengt, wie man erwartet hatte: es nahm eine feste Stellung in Cremona, von wo es auf der einen Seite Mailand, auf der andern Parma und Piacenza gefährdete: es hatte noch eine Anzahl Castelle, in Mailand Novara Trezzo Pizzighe- tone, die festen Plätze in den Alpenpässen, Domo d’Ossola und Arona sammt allen andern am Lago maggiore inne. Der plötzliche Tod Leos X , den sein Geschick abrief, als er die ersten günstigen Nachrichten empfangen, nöthigte die kaiserlich-päpstlichen Hauptleute sparsam zu seyn, und von ihren Truppen so viel als irgend entbehrlich zu ent- lassen. Für den Augenblick wenigstens hätten sie auf keine weitere Unterstützung aus dem toscanischen oder kirchlichen Gebiete rechnen dürfen, die in eigene gewaltsame Bewe- gung geriethen, während die Franzosen über die Unter- stützung von Genua und Venedig zu gebieten hatten. Was aber die Hauptsache war: die Schweizer nahmen nach die- sem Verluste, welchen sie im Grunde allein verschuldet, eine einträchtigere Haltung an. Der Kaiser forderte sie auf in seinen Bund zu treten: das Reichsregiment erinnerte sie an ihre Pflichten als Glieder des Reiches: eine Ge- sandtschaft von Mailand bot ihnen Tribut an; aber es war alles vergebens: die französische Partei, durch die aus Ita- lien zurückgekehrten mächtigen Kriegsanführer wieder er- gänzt, machte ihre Überlegenheit geltend: Schon am 29 Nov. finden wir den franzoͤsischen Agenten Galeatio Visconti in Luzern: Queste lige, sagt er, sono in grosso dixordine, — ma a tuto spero troverase bono recapito, etiam che cum faticha et spexa. Molini Doc. I, p. 132. die Gegner Ranke d. Gesch. II. 18 Viertes Buch. Erstes Capitel . selbst waren von der Gefahr betroffen, in welche die Eid- genossenschaft durch ihren Widerspruch gegen die Mehrheit gerathen war: jetzt rief Zürich seine Angehörigen aus Ita- lien zurück: dagegen bewilligten die zwölf Orte dem König eine Werbung von 16000 Mann: sie räumten den Be- vollmächtigten desselben Ausmusterungen ein, die sie sonst nie gestattet; noch am Ende des Januar 1522, während der Schneefall die kaum gebahnten Wege immer wieder verwehte, brachen sie auf über die Alpen. Hiedurch nahm nun aber das ganze politische Ver- hältniß erst eine vollkommener entwickelte Gestalt an. Die Schweizer setzten sich den Ansprüchen des Kai- sers und des Reiches entgegen: nur durch eigentlich deut- sche Kräfte konnte man, wenn es überhaupt möglich war, dieselben behaupten: keine Erbeinung, keine Unterhandlung half dem Kaiser ferner: er war allein auf den Arm und die Treue der Landsknechte angewiesen. Schon befand sich eine nicht geringe Anzahl von Lands- knechten im Mailändischen. Sie waren im vorigen Jahr in Tirol und Schwaben hauptsächlich mit päpstlichem Geld ge- worben worden: es findet sich, daß damals unter andern die wirtenbergischen Amtleute den Auftrag bekamen, einen Je- den laufen zu lassen, von dem es besser sey, er sey außer dem Lande: Avvisi da Trento vom 9 Juli 1521 bei Molini I, p. 99. Am 15ten ergieng der Befehl im Wirtenbergischen. Sattler p. 77. fünf Fähnlein hatte Franz von Castelalt herüber geführt. Jovius Vita Alfonsi p. 185 nennt ihn. Jetzt aber setzte sich der nahmhafteste deutsche Feldhauptmann, Georg von Frundsberg selbst in Feldzug von 1522. Bewegung. Er war mit Franz Sforza persönlich bekannt, der hatte ihn wohl einst auf seinem Schloß zu Mindelheim besucht: ein anderer italienischer Prätendent, Hieronymo Adorno, der in Genua hergestellt zu werden wünschte, und sich gleich um den Abschluß des Bundes sehr verdient gemacht hatte, erschien mit hinreichenden Geldmitteln in Deutschland; hierauf ward in Augsburg die Trommel gerührt: gar bald sammelten sich zwölf Fähnlein Lands- knechte zu Georg Frundsberg, mit denen er am 12ten Fe- bruar von Glurns aufbrach. Mit der Ungunst der Jah- reszeit hatte er um so mehr zu kämpfen, da ihm die Grau- bündner den Weg über das Valtellin nicht gestatteten: ei- nen weit beschwerlichern, über das Wormser Joch nach Lovere und dem Iseosee hin mußte er nehmen: er brauchte 200 Bauern, denselben zu bahnen: aber noch zur rechten Zeit langte er an, eben als die Schweizer und Franzosen von Monza her Mailand bedrohten. Reisner Historia Hern Georgen und Hern Casparen von Frundsberg. Und noch ein drittes deutsches Heer sammelte sich um Maximilian Sforza zu Trient, 6000 M. stark; Adorno, dessen persönliche Hofnungen von dem Ausgang dieses Feldzuges abhiengen, eilte zurück, um auch dieses herbeizu- führen. Die Franzosen machten einen Versuch auf Mailand: allein Prospero hatte sich sowohl gegen das Castell nach innen, als gegen den Feind nach außen auf das beste in Vertheidigungsstand gesetzt. Er gehörte zu der classischen Schule des damaligen Italiens, und man behauptet, eine 18* Viertes Buch. Erstes Capitel . ähnliche Vertheidigung Cäsars vor Alesia habe ihm zum Muster seiner Anstalten gedient. Jovius: Pescara p. 316. War es ein Muster, so wuͤrde das der Thebaner, als sie die Kadmea belagerten und sich zugleich gegen Alexander zu vertheidigen suchten (Arrian I, 7), noch mehr zur Sache passen. Einige Plätze, wie Novara, Vigevene, nahmen die Franzosen und Schweizer: woran aber bei weitem mehr lag, die Vereinigung Franz Sforzas mit Prospero konn- ten sie nicht verhindern: am 4ten April, nach 22jähriger Abwesenheit zog der neue Herzog in Mailand ein: unter dem Geläute der Glocken, unaufhörlichem Freudeschießen, dem Jubel der Bevölkerung; sie hatten nun gelernt, was ein einheimischer angestammter Fürst zu bedeuten habe: ein solcher, meinten sie, werde sich mehr um sie kümmern, sie bes- ser zu schätzen wissen, als ein fremder König. Franz Sforza war in der unglücklichen Nothwendigkeit, mit Forderungen beginnen zu müssen; Alles wetteiferte jedoch, sie ihm zu erfüllen. Vornehme und Geringe brachten Geld und Gel- deswerth: ein Jeder wünschte ihm Liebe zu beweisen, seine Gnade zu verdienen. Grumello bei Verri p. 223. Ein Augustiner, Fra Andrea da Ferrara erhielt das Volk durch feurige Predigten in dieser Stimmung: er stellte die Franzosen als Feinde Gottes dar. So wurden die Kaiserlichen fähig, wieder im Felde zu erscheinen. Nachdem sie Pavia entsetzt, nahmen sie eine feste Stellung vor Mailand, bei Bicocca, in der Hofnung, daß der ungestüme Feind sie hier aufsuchen würde. In der That ließ dieser nicht lange auf sich warten. Wie es zu geschehen pflegt, man suchte vor allem den zu- Schlacht bei Bicocca . letzt begangenen Fehler zu vermeiden. Jedermann war der Meinung, daß es im vorigen Herbst bei Rebecca nur ei- nes entschlossenen Angriffes bedurft hätte, um den Sieg zu erfechten: namentlich die Schweizer waren davon über- zeugt: sie wollten sich die Gelegenheit nicht wieder entgehn lassen, und forderten ihren Feldherrn mit Ungestüm auf, sie an den Feind zu führen. Auch Lautrec war wohl an sich selbst irre geworden. Obwohl er das Vorhaben der Schweizer nicht ganz billigte, so wagte er doch auch nicht ihnen abermals so ernstlich zu widerstehen: er ließ sich von ihnen fortreißen. Am Morgen des 27sten April setzten sich Schweizer und Franzosen gegen Bicocca in Bewegung. Die Kaiserlichen hatten ihr Lager in einem durch Sumpf, Hohlwege, Gräben und Hecken eingeschlossenen Landgut genommen und sich hier nach den Regeln der Kunst wie in einer Festung verschanzt, ihr Geschütz auf hohen Brustwehren aufgestellt. Das Heer bestand aus jenen deut- schen Fähnlein, die unter Georg Frundsberg und Rudolf Häl die Front einnahmen, aus spanischen Fußvölkern, namentlich Hakenschützen, die seit den frühern Kriegen in Italien geblieben, und schon unter Gonsalvo di Cordova an der Seite der Deutschen gekämpft hatten, und italienischen Gibellinen, welche die Macht des Reiches hergestellt zu sehen wünschten, um unter dessen Schutze ihrer Gegner Herr zu werden. Es war ein Heer, das die spanisch-deut- sche, auf der Idee des Reiches beruhende Macht des Kai- sers vollkommen repräsentirte. Franz Sforza, dessen Heil es hier zunächst galt, besetzte noch am Morgen mit mailän- dischen Schaaren zu Fuß und zu Pferd eine Brücke, die Viertes Buch. Erstes Capitel . sonst einen Zugang zu dem Lager eröffnet haben würde. Ein Prediger-mönch von S. Marco war mit ihm: er verkün- digte, daß der Himmel dem neuen Herzog den Sieg be- stimmt habe: diese patriotischen Regungen kamen der Idee des Kaiserthums wieder einmal zu Hülfe. Dagegen standen die eidgenossischen Schaaren dießmal ungetheilt auf der Seite der Franzosen So oft dieß früher der Fall gewesen, hatten sie immer den Sieg entschieden: auch waren sie wieder von Siegeszuversicht entflammt. Ihre Kriegskunst hatte bisher immer in dem wilden, stracken, graden Anlauf auf das Lager, das Geschütz des Feindes bestanden. So setzten sie sich auch jetzt in Marsch: in zwei großen Haufen, dem einen aus den Ländern, un- ter Arnold Winkelried von Unterwalden, dem andern aus den Städten, unter Albrecht von Stein. Sie litten keine Vermischung mit den Wälschen: den Erinnerungen des Oberbefehlshabers, der ihren Sturm zu mäßigen suchte, begegneten sie mit Geschrei und Verwünschungen: die Län- der hatten das erste, die Städte das zweite Treffen bilden sollen, aber in fast parallelen Gliedern kamen sie an, so daß jene den rechten, diese den linken Flügel ausmachten: auf das Geschrei der Menge traten die Junker, Pensioner und Trippelsöldner in das vorderste Glied: es war in ihnen ein wilder Kriegsmuth, ohne alle höhere Begeisterung, der nur auf sich selber trotzte, jede fremde Einwirkung, jede Rücksicht von sich stieß: sie wußten daß sie Miethlinge wa- ren, aber ein Jeder sollte und wollte seine Pflicht thun: den Sturmsold zu verdienen, ihre alten Gegner, die Schwa- ben, die Landsknechte zu bezwingen war am Ende ihr höch- stes Ziel. Schlacht bei Bicocca . Das Lager aber das sie jetzt angriffen war in bes- serm Vertheidigungszustand als jemals ein anders. Indem sie anrückten, wurden sie in ihrer linken Flanke von dem wohlaufgestellten feindlichen Geschütz furchtbar empfan- gen: gleich da schwankte ihre Schlachtordnung: die Länder drängten nach den Städten: da diese aber nicht wichen, so ordneten sich auch jene wieder: dem unaufhörlichen Ku- gelregen der Hakenschützen zum Trotz stürmten beide Haufen zugleich gegen die Linie der kaiserlichen Verschanzungen heran. Als Georg Frundsberg den Feind sich nähern sah, stieg er vom Pferd, nahm eine Hallbarte und stellte sich in die Reihen der Landsknechte. Sie sanken auf ihre Knie und beteten. Indem kamen die Schweizer. „Wohlauf,“ rief Frundsberg, „in einer guten Stunde im Namen Got- tes.“ Die Landsknechte sprangen auf. Die Schweizer drangen durch Graben und Hohlweg in tiefen Colonnen ge- gen die Reihen der Landsknechte vor, und begannen das Handgemenge. „Ha treff ich dich hier alter Gesell,“ rief Ar- nold Winkelried aus, als er des Frundsberg ansichtig wurde, mit dem er wohl einst unter Maximilian zusam- men gedient, „so mußt du von meiner Hand sterben.“ „Wills Gott,“ sagte Frundsberg, „du von der meinen.“ Frundsberg erhielt einen Stich im Schenkel, Winkelried fiel von einer Kugel. Weit über die Fronte hin gerieth man an einander. In Geschichten und Liedern wird die Tapferkeit des Rudolf Häl, Castelalts, des Fähndrich Bran- desser, der Rotte des Strälin gerühmt. Aber auch die Schweizer hielten an, was um so bewundernswürdiger war, da sie noch nicht aus dem Bereich des Geschützes Viertes Buch. Erstes Capitel . gekommen: sie hofften noch immer, den Feind seinem Vor- theil zum Trotz zu übermannen. Da hatte indeß auch die französische Reiterei einen Angriff auf jene Brücke gemacht und war abgeschlagen wor- den: ihre rückgängige Bewegung wirkte auf die im Hinter- treffen aufgestellten Mannschaften und zog sie mit sich fort. Das Geschrei erhob sich: „hinten fliehen sie.“ Zu der Wir- kung des Geschützes, der Uneinnehmbarkeit der Verschanzun- gen und dem hartnäckigen Widerstand des Feindes kam die Gefahr, verlassen zu werden. So ungestüm die Schweizer herangestürmt, so gewaltsam erhob sich in ihnen der Ent- schluß zurückzugehn. Ein paar tausend Todte hatten sie auf dem Schlachtfeld verloren: übrigens zogen sie in ziemlich geschlossener Ordnung von dannen. Die italienische Reiterei, die spanischen Fußvölker bra- chen nun hinter ihnen her aus den Verschanzungen hervor, jedoch ohne ihnen vielen Schaden zu thun. Auch Frundsberg ward aufgefordert, ihnen nachzu- setzen. Er war aber schon zufrieden, daß man den gewal- tigen Feind abgeschlagen: er sagte: für heute habe er ge- nug Ehre eingelegt; er fühlte was dieser Sieg zu bedeuten hatte und wollte ihn nicht durch die Unordnung des Ver- folgens gefährden. In der Erzaͤhlung dieser Schlacht halte ich mich an die aͤl- testen einfachsten Quellen: unter den Schweizern Anshelm: unter den Italienern Galeazzo Capra: unter den Deutschen das historische Lied, das ich im Anhang mitzutheilen gedenke, und Reisners Historia der Frundsberge. Es ist mir nicht unbekannt, was namentlich Bullin- ger gegen einige Zuͤge der letztern eingewendet hat. Die Schweizer wollten nemlich nicht zugestehn, von den Landsknechten besiegt wor- den zu seyn: den Liedern, worin diese ihre Thaten ruͤhmten, setzten Einnahme von Genua . Da die Kriegscasse der Franzosen erschöpft war, ließen sich die Schweizer hierauf nicht länger im Felde halten: sie begaben sich nach Hause. Auch die Franzosen gaben jetzt den Feldzug verloren. Auf einem oder dem andern Weg giengen sie über die Alpen zurück. Das ganze mailändische Gebiet kam bis auf ein paar Castelle wieder in die Hände Sforzas und erkannte den Kaiser als seinen Lehnsherrn an. Da konnte die französisch-gesinnte Partei sich auch in Genua nicht länger behaupten. Unglücklicherweise war sie zwar so mächtig, um den Abschluß eines Vertrages zu verhindern, so lang es noch Zeit war, aber zu allem ei- gentlichen Widerstand unfähig. Die Stadt ward mit Ge- walt genommen und geplündert. Die Adorni erreichten nun wirklich das Ziel das sie von Anfang an ins Auge gefaßt, und gelangten zur Regierung. Bei den italienischen Geschichtschreibern tritt der An- theil den die Deutschen daran nahmen minder hervor. Desto ausführlicher schildert das historische Lied, Ein hüpsch neü lied von der Stat Genna vnd wie sy die Lantzknecht erobert haben. Vgl. Varese: Storia di Genova IV, 315. „wie man den Adler aufs neue fliegen läßt, unter dem sich jetzt mancher sie andre entgegen, worin sie sich vertheidigten: sehr bekannt wurde ein Lied des Nicl. Manuel, das uͤberaus groͤblich ausgefallen ist. (Abgedruckt bei Gruͤneisen p. 400.) Aber auch da wird doch ei- gentlich nicht geleugnet, wie Bullinger daraus entnimmt, daß es zu einem Handgemenge gekommen sey. Sind doch nach den Erkundi- gungen die den andern Tag ein venezianischer Kundschafter einbrachte, auch auf der kaiserlichen Seite bei 1000 M. geblieben. Sehr un- klar fand ich den Bericht von Ugo Foscolo in der Chronik des Sa- nuto Bd XXXIII. Non si sa, schließt derselbe, chel causasse, nostri si misseno a ritirare in gran desordine. Nach seiner Dar- stellung bleibt das auch allerdings ganz dunkel. Viertes Buch. Erstes Capitel . schmiegen muß, der sonst die Stirn hochgetragen, und Georg Frundsberg auf des Kaisers Befehl das Heer nach der Seeküste gegen Genua führt. Gern folgen ihm die Lands- knechte: die Genuesen fühlen, daß sie der kaiserlichen Krone nicht widerstehn können, aber die Ankunft französischer Hülfe unter Peter Navarra bringt sie doch dahin, es zu versu- chen: hierauf führt man das Geschütz herbei, das die Knechte freudig bedienen: es kommt zu einem Scharmützel vor den Mauern: Stürmen und Fechten ist den Deut- schen eben ein Spiel: sie sind es welche die Stadt erobern:“ keiner fremden Theilnahme, keines ausländischen Anführers wird dabei gedacht. Gewiß ist es, daß sie großen An- theil so an dem Sieg wie an der Plünderung hatten. Sie maaßen das Tuch mit ihren Spießen: sie kleideten sich in Sammt und Seide: eine Anzahl reicher Familien kaufte die Plünderung mit Geld ab. Frundsberg war mißver- gnügt, daß so viele Reichthümer, mit denen das Heer lange Monate hindurch hätte im Feld können erhalten werden, demselben so unordentlich in die Hände geriethen: für sich selbst nahm er aus der Beute vor allem einen schönen Compaß, gleichsam zum Andenken. So groß der Verlust der Genuesen auch war, so machten sie doch nicht viel Aufhebens davon: sie hätten gefürchtet ihren Credit zu erschüttern. Polydorus Virgilius Hist. Angl. 27, 64. So wurden diese alten Reichskammerländer, Genua und Mailand nach langer Entfremdung wieder herbeigebracht: ein siegreiches kaiserliches Heer, wie seit Heinrich VI keins so mächtig gewesen, setzte ergebene Herrscher auf legitimem Wege daselbst ein. Idee einer Unternehmung auf Frankreich . Der Erfolg war im Grunde noch größer als der Kai- ser erwartet, ja selbst als er zu beabsichtigen gewagt hatte. Man hatte die Schweizer nur zu gewinnen, ja noch im Anfang des Jahres durch eine jährliche Pension zu befrie- digen gedacht, jetzt hatte man sie überwunden und ausge- schlossen. Kräfte des innern Deutschlands, über welche der Kaiser bei weitem mehr gebieten konnte, hatten den Sieg erfochten, die Eroberung vollbracht. Und in diesem Momente eröffnete sich Aussicht und Anlaß zu einer noch bei weitem umfassendern Unternehmung. Feldzug von 1523, 24. Angriff auf Frankreich. Die Rechte des Reiches erstreckten sich nicht allein auf Italien: sie umfaßten zugleich einen großen Theil des südlichen Frankreichs und waren auch hier noch keineswegs vergessen. Noch immer führte der Churfürst von Trier den Titel eines Erzcanzlers in Arelat: noch im J. 1401 hatte Ruprecht seinen Sohn zum Vicarius dieses Reiches bestimmt: 1444 hatte Friedrich den Dauphin zu Hülfe gerufen als „des heil. Reichs Verwandten und Vicarius.“ Seitdem war es öfter in Erinnerung gekommen, daß man von fran- zösischer Seite die Lehen zu erneuern versäumt hatte. Und überdieß: Carl V war nicht allein Kaiser: andre Rechte, die er niemals aufzugeben gedacht, hatte er als Prinz von Burgund: unaufhörlich forderte er die seinem Hause entrissenen französischen Besitzungen zurück: es war noch etwas von dem Blute und den Bestrebungen eines altfranzösischen Vasallen in ihm. Für diese Unternehmungen diesseit der Alpen fand Viertes Buch. Erstes Capitel . nun Carl an König Heinrich VIII von England einen so mächtigen Verbündeten wie für die jenseitigen am Papst. Auch Heinrich VIII hatte die alten Ansprüche seiner Vor- fahren an Frankreich noch nicht vergessen: er führte noch den Titel davon: noch war Calais in englischen Händen. Gleich bei dem Abschluß des Vertrags in Brügge, in wel- chem Kaiser und König einander zusagten, ihre Ansprüche mit gemeinschaftlichen Anstrengungen zu Land und See durchzufechten, stellte Wolsey seinem Herrn ein langes Ver- zeichniß der Provinzen Städte und Schlösser zu, die man den Franzosen alle zu entreißen gedenke. Pace to Wolsey 10 Sept. 1521. State Papers I, 52. In der Correspon- denz des Königs mit dem Cardinal ist sehr ernstlich davon die Rede, daß er in Person in Frankreich einfallen werde: Wolsey to Henry Sept. 1522. Ibid. p. 107. deshalb vor allem sucht man an der schottischen Grenze Ruhe zu erhalten. Zuweilen scheint es den Engländern wohl das Beste, sich auf die zunächstgelegenen französischen Gebiete, von Calais bis an die Somme zu beschränken, welche dann leichter zu behaupten seyn würden als das entfernte Guyenne; zuweilen aber erhebt sich auch in Hein- rich VIII der Gedanke, die Krone von Frankreich selber zu tragen: bei einer Nachricht von der schlechten Lage der Dinge in diesem Reiche ruft er aus: „man bahne ihm dort den Weg, wie einst Richard III in England seinem Vater: er selber denke noch einmal Frankreich zu regieren.“ More to Wolsey p. 111. The Kinges Grace saied that he trusted in God to be theyre governour hym selfe and that they shold by thys meanys make a way for hym, as King Richard did for his father. 21 Sept. 1522. Man wird nicht glauben wol- len, daß der Gedanke da erst in ihm entstanden sey. Theilnahme von England 1522. Ideen, die von Leo X nach Kräften gepflegt wurden. Er ließ eine Bulle entwerfen, in der er die Unterthanen Franz des I in aller Form von dem Eid der Treue entband. Excommunicatio lata per Leonem Papam X contra Fran- ciscum I ‒ ‒ qua etiam subditos ejus plenissime absolvit ab omni fidelitatis nexu et juramento. 4 Sept. 1521. Du Mont Supplé- ment III, p. 70. Dage- gen versprach ihm auch der König wie der Kaiser seine Un- terstützung gegen die Irrgläubigen. Herbert Life of Henry VIII, p. 118. In dem Zusammen- hang dieser Umstände gehört es, daß Heinrich VIII , gleich- wie sein Cardinal ein eifriger Anhänger des Thomas von Aquino, für diesen Kirchenlehrer eine Lanze mit Luther brach: er war glücklich über die gute Aufnahme die sein Buch in Rom fand: Pace to Wolsey 27 Oct. 1521. Itt is to Hys Graces grete contentacion and comforte. er erwarb sich damit den Titel eines Ver- theidigers des Glaubens. Im März 1522 ließ Heinrich VIII dem König von Frankreich durch seinen Herold den Krieg erklären. Schon hatten sich die englischen Kaufleute aus den Häfen, die englischen Studenten von den Universitäten in Frankreich zurückgezogen: nur einige Güter fielen Franz I in die Hand. Im Juni griff Lord Surrey, zugleich Admiral des Kaisers und des Königs, die Küste von Cherbourg an: im Sep- tember vereinigte sich ein niederländisches und ein englisches Heer und fiel in die Picardie ein; doch geschah weder hier noch dort etwas Namhaftes: einige Städte wurden ge- plündert, einige Strecken Landes verwüstet: dann kam die ungünstige Jahreszeit und man zog sich zurück. Allein um so glänzender waren die Aussichten die Viertes Buch. Erstes Capitel . sich für den Feldzug des nächsten Jahres 1523 eröffneten. Wie in den frühern Jahrhunderten, gesellte sich den Fein- den der französischen Krone ein mächtiger Vasall zu. Der zweite Mann im Königreich, der Connetable Bourbon bot dem König und dem Kaiser seine Hülfe an. Ein Ereigniß von so allgemeiner Bedeutung, daß wir auch in einer deut- schen Geschichte wohl eiuen Augenblick dabei verweilen dürfen. Schon Ludwig XI , der so viele Gebiete der großen Vasallen zu unterwerfen wußte, hatte auch daran gedacht, den Heimfall der ausgebreiteten Besitzungen des Hauses Bourbon vorzubereiten. Als er seine Tochter mit Peter von Bourbon-Beaujeu vermählte, mußte dieser versprechen, wenn er keine männliche Nachkommenschaft erhalte, daß dann, so viel es ihn angehe, alle Besitzthümer seines Hau- ses an die Krone fallen sollten. En tant qu’il le touchoit ou pourroit toucher, que tous les duchez comtez et vicomtez de la maison de Bourbon, adve- nant qu’il n’eust enfans masles de son mariage, appartinssent au roi. Auszug aus der Urkunde bei Pasquier Recherches de la France liv. VI, c. XI. Noch blühte eine jün- gere Linie des Hauses in den Grafen von Montpensier: des Königs Absicht war, dieselbe auszuschließen. Nach einiger Zeit trat nun wirklich der vorgesehene Fall ein: Herzog Peter hinterließ bei seinem Tode nur eine Tochter, Susanna. Allein der nunmehrige König Ludwig XII war nicht geneigt, die doch immer sehr einseitig erworbenen Rechte der Krone strenge geltend zu machen. Er erkannte die Lehns- ansprüche des Hauses Montpensier an: auch ein gewisses Bourbon . Erbrecht der nachgelassenen Prinzessin stellte er nicht in Ab- rede: um keine Irrung zu veranlassen, vermittelte er die Vermählung des jungen Grafen Carl von Montpensier mit Susanna: eine gegenseitige wohlerwogene Schenkung vermischte alle ihre Rechte. Eben hiedurch ward nun dieser Carl, nunmehr Her- zog von Bourbon, so mächtig. Er vereinigte zwei Fürsten- thümer, zwei Herzogthümer, vier Grafschaften, zwei Vi- comteen, sieben nicht unbedeutende Herrschaften: man be- rechnete seine Einkünfte davon auf 120000 Ecus: bei weitem mehr, als damals die reichsten deutschen Fürsten bezogen. Er hatte feste Plätze mit Garnisonen, berief seine Stände, zog Abgaben ein: König Franz erneuerte überdieß in ihm die Würde eines Connetable. Er war tapfer, frei- gebig, leutselig, und seit es ihm gelungen den Anfall Kai- ser Maximilians auf Mailand im Jahre 1516 zurückzu- weisen, genoß er ein allgemeines Ansehen in dem Heer und in der Nation. Seine Gedanken nahmen schon damals den höchsten Flug. Da der König noch keine gesicherte Nachkommenschaft hatte, so hoffte er, noch einmal den Thron zu besteigen. Zwar besaßen die Alen ç on nähere Rechte, aber er glaubte, durch eine frühere Empörung die- ser Linie seyen ihre Ansprüche verwirkt worden. Er gieng so weit, die Republik Venedig für diesen Fall um ihre Un- terstützung bitten zu lassen. Notizen besonders aus Badoer Relatione di Milano 1516 in der Chronik von Sanuto. Bourbon setzte dem Gesandten diese Anspruͤche auseinander und fuͤgte hinzu: perho in quel caso la ser ma Signoria volesse ajutarlo . Uͤbrigens schildert ihn Badoer folgender- Viertes Buch. Erstes Capitel . Einen ganz andern Gang aber nahmen die Ereignisse. Die Succession des Königs befestigte sich: nur seine und seiner Mutter Vertraute hatten Antheil an der Regierung: Bourbon ward von Mailand zurückberufen und in Frank- reich von den Staatsgeschäften ausgeschlossen: bei dem er- sten Feldzug welchen man wieder unternahm, jenem nie- derländischen, wurden ihm die Rechte eines Connetable nicht mehr zugestanden. Er konnte schon als das Oberhaupt der zahlreichen Mißvergnügten gelten, welche sich die Ver- waltung Franz I durch ihre Unordnungen zuzog, als im Jahr 1522 seine ganze großartige Stellung gefährdet ward. Seine Gemahlin Susanna starb, ohne ihm Kinder zu hinterlassen. Zwar hatte sie ihm die alte Schenknng nochmals bestätigt, allein auf der Stelle erhoben sich die mächtigsten Prätensionen auf ihre Verlassenschaft. Die Mutter des Königs, Louise von Savoyen, Nichte des Herzog Peter, Mitglied demnach der ältern Linie, for- derte überhaupt in die Gerechtsame Susannas einzutreten; kaum war aber ihr Proceß anhängig geworden, so trat die Krone selbst mit noch viel umfassendern Ansprüchen hervor: sie machte nicht allein jene Zusage des Herzog Peter, son- dern noch eine Menge andere ganz plausible Titel geltend: gar bald drang sie mit den einleuchtendsten durch, und auch wegen der übrigen wußte man von Seiten des Parlamen- tes dem Herzog keinen andern Rath zu geben, als er möge sich mit seinen Gegnern zu vergleichen suchen. Gaillard ( Histoire de François I ) hat, was man schon sonst von einer Leidenschaft Louisens fuͤr den Connetable erzaͤhlte, Der Con- ne- maaßen: prosperoso, traze un pallo di ferro molto gaiardamente, teme dio, è devoto, piatoso, humano e liberalissimo. Bourbon . netable sah sich in der ernstlichen Gefahr wieder zu einem kleinen Grafen von Montpensier herabzusinken. Aber er war entschlossen das nicht zu erleben. Er wendete sich an dasjenige Haus, das sich eben anschickte, die unterdrück- ten Rechte großer Vasallen an der französischen Krone zu rächen. Nicht der Kaiser hat ihn aufgesucht: die ersten Anträge hat Bourbon selbst gemacht, und zwar in demsel- ben Momente, in welchem sein Proceß anfieng, im August 1522. Damals sendete er Adrian von Beaurain an den niederländischen Hof, und Margareta wunderte sich nur, daß er sich einem so jungen Menschen anvertraue. Notizen aus den oͤstreichischen Archiven in Hormayrs Ar- chiv. Jahrg. 1810 nr. 6. Je gefährlicher der Rechtshandel für ihn ward, um so ernst- licher warf er sich auf diese Unterhandlung. Dem Kaiser, dem König konnte nichts willkommener seyn. Mehr als einmal machte Beaurain den Weg hin und zurück: später hat im Namen Heinrichs VIII Sir John Russel den Con- netable verkleidet besucht: Herbert aus seinen Records p. 119. Nach den Auszuͤgen bei Hormayr ( p. 27) ward die Sache dem englischen Hofe vor dem 1sten Juni 1523 nicht officiell mitgetheilt; und wenn ich niche irre, so bezieht sich darauf der undatirte Brief Wolseys in den Statepa- pers nr. 78 p. 148. Denn was sonst sollte der mervailous fordell seyn, dem kein gleicher zu erwarten: for the atteynyng of Fraunce? Die Ligue ward Anfang August unterzeichnet. (Schreiben von de Praet vom 9ten Aug. ibid. ) Es waͤre zu wuͤnschen, daß das Bundesin- strument authentisch zum Vorschein kaͤme. Am ausfuͤhrlichsten uͤber die Absichten des Momentes verbreiten sich die Schreiben Wolseys man kam überein, daß zu glei- psychologisch weiter ausgemahlt; etwas besser ist seine Bemerkung uͤber den Proceß selbst in dem Anhang. Doch wird er hierin von Garnier Bd 24, p. 17 bei weitem uͤbertroffen. Auch bei Sismondi treten die positiven Momente nicht hinreichend hervor. Ranke d. Gesch. II. 19 Viertes Buch. Erstes Capitel . cher Zeit ein deutsches Heer in Bourgogne, ein spanisches in Languedoc, ein englisches in die Picardie einfallen, und Bourbon sich unabhängig erklären solle. Er schmeichelte sich, 500 Hommes d’Armes und 10000 M. zu Fuß ins Feld stellen zu können. Der Kaiser versprach, ihn mit sei- ner Schwester zu vermählen, zum König zu erheben: er dagegen sagte zu, den König von England als seinen Lehns- herrn anzuerkennen, in so fern der Kaiser es wünsche. Eben hatte Franz I den Entschluß gefaßt, nachdem seine Heerführer so unglücklich gewesen waren, noch ein- mal in Person einen Versuch auf das Herzogthum Mailand zu machen. Ein stattliches Heer war zusammengebracht wor- den, und der Admiral Bonnivet, der die Avantgarde be- fehligte, war schon voraus, um die Alpenpässe in Besitz zu nehmen: der König setzte sich in Bewegung demselben zu folgen. Die Verbündeten dachten zur Ausführung ihrer Pläne zu schreiten, sobald er Frankreich verlassen haben würde. Allein die Sache war doch schon zu Vielen bekannt geworden, um nicht endlich zu transpiriren. Am nieder- ländischen Hofe fürchtete man, sie möchte von England, am englischen, sie möchte von den Niederlanden her ver- lauten: auch in Frankreich hatte man sie doch einigen nicht ganz zuverläßigen Personen, die man eben gewinnen wollte, mittheilen müssen. Genug, der König schöpfte Verdacht: Bourbon hatte von Glück zu sagen, daß er noch entfliehen an die englischen Gesandten in Spanien Sampson und Jerningham in Fiddes Collections hinter dessen Life of Wolsey nr. 70 und 69; — die eigentlichen Bestimmungen des Vertrages habe ich jedoch auch da vergebens gesucht. Angriff auf Frankreich 1523. konnte. Hierauf fand sich der König bewogen, die italieni- sche Armee der alleinigen Führung des Admirals zu überlas- sen, selbst aber zurückzubleiben, um jeder innern oder äußern Gefahr seines Reiches zu begegnen. Bourbon, der über Besan ç on nach der Grafschaft Pfirt geflohen war, hatte sogleich die Absicht, einen Einfall in Frankreich zu unternehmen. Ein paar tausend Landsknechte unter dem Grafen von Fürstenberg brachen in die Cham- pagne ein: und besetzten einige Plätze in der Nähe von Chaumont und Langres; Bellay Memoires I, p. 294. Petri Martyris Epp. nr. 790; welcher meint, man habe die deutschen Hauptleute mit Geld bearbeitet. Bourbons Idee war schon im- mer gewesen, daß zu gleicher Zeit die Engländer von einer andern Seite her so tief wie möglich in das Innere vordrin- gen, sich aber dabei der Plünderung enthalten, nur als Be- freier von der Tyrannei Franz des I erscheinen sollten: dann, meinte er, würden ihnen alle Städte die Thore eröffnen. More to Wolsey 20 Spt. St. P. p. 139: The Duke ad- viseth that the Kinges army shall in the marching proclayme li- bertie sparing the cuntre fro burnyng and spoile. Der Koͤnig meint: sie wuͤrden gar bald rufen: Home home, if they shold also for- bere the profite of the spoile. Jedoch die Landsknechte wurden gar bald durch Mangel an Geld und Lebensmitteln zum Abzug genöthigt: das eng- lisch-niederländische Heer drang wohl von der Picardie her vor, und setzte selbst Paris einen Augenblick in Schrecken, aber es führte seinen Krieg auf die einmal herkömmliche Weise, und konnte nirgends festen Fuß fassen. Der Kriegseifer der Spanier entlud sich vor Fuenterrabia, das die Fran- zosen eingenommen. Bourbon ward inne, daß er fürs 19* Viertes Buch. Erstes Capitel . Erste diesseit der Alpen nichts ausrichten werde, und be- gab sich nach Italien. Dahin zog sich überhaupt auch dieß Mal die nächste Entscheidung des Krieges. Als Bonnivet mit dem stattlichen Heere, das der Kö- nig gerüstet um damit seinen Ruhm und seine Eroberung zu erneuern — man rechnete es auf 30000 M. z. F. und 4000 z. Pf., — in der Lombardei erschien, waren die Kai- serlichen nicht im Stande, ihm den Übergang über den Tes- sino oder überhaupt das freie Feld streitig zu machen. Prospero Colonna sah sich genöthigt, sich auf die Verthei- digung der vier wichtigsten Plätze, Como, Cremona, Mai- land und Pavia einzuschränken. Glücklicherweise brauchte er jetzt von den sonstigen ita- lienischen Verbündeten der Franzosen nichts zu fürchten. Unmittelbar vor ihrer Ankunft hatte der Kaiser einen anti- französischen Bund mit den italienischen Mächten zu Stande gebracht. Es kam ihm hiebei außerordentlich zu Statten, daß sein alter Lehrer, Adrian, auf dem päpstlichen Stuhle saß: so wie dieser von den Eroberungsplänen seiner Vor- fahren, z. B. den Anschlägen auf Ferrara, nichts mehr hö- ren wollte, so gab auch der Kaiser alle Absichten auf Ve- nedig auf: die Venezianer traten in den Bund des Kai- sers, des Papstes und des Königs von England, Aus Paruta p. 217 sieht man, daß die Ruͤcksicht auf Eng- land wegen der Handelsverhaͤltnisse hiebei gar nicht unwirksam war. Wolsey sagt seinem Herrn geradezu: der Tractat sey zu Stande ge- kommen „by your mediacion and moost for your sake.“ St. P. nr. 66. und versprachen Sforza’n in seinem Herzogthum zu schützen. Vor allem kam es dann noch auf die Mailänder an, Feldzug in Italien 1523. und man hielt es doch für gut, als die Franzosen in der Nähe erschienen, ihre Gesinnung zu erforschen. Sie zeig- ten noch einmal ihre ganze Ergebenheit für den Herzog und das Reich. Auf den ersten Ruf der Glocken, am 22sten September, kamen sie so zahlreich wie je auf die bestimmten Sammelplätze: ein Jeder in seinen Waffen: auch Viele von denen erschienen, die sich nicht hatten bewaffnen können. Lettera di Milano, narra quelli successi de di 16 Stt. a di 22 in der Chronik des Sanuto Bd 35. Der Herzog ritt zu den versammelten Haufen. Er sagte ihnen, er werde sie mit der Milde und Groß- muth seiner Vorfahren regieren: sie zeigten sich willig, ihn zu vertheidigen. Der alte Prospero Colonna war wie geschaffen diese Stimmung zu erhalten. Er erfreute sich des Rufes, daß er eben so gut das Glück seines Vater- landes, wie die Macht des Reiches vor Augen habe. In den wilden Kriegsbewegungen war er immer als der Be- schützer der Bürger und Bauern erschienen. Auch jetzt war auf das beste gesorgt. Man hatte noch Zeit ge- habt, die Vorräthe für den Winter reichlich einzubringen: man hatte Handmühlen und Windmühlen innerhalb der Mauern, Wein in Überfluß. So waren auch die Ver- schanzungen trotz des großen Umkreises der Stadt vor- trefflich in Stand gesetzt. Täglich machte man Aus- fälle, und fast immer brachte man Gefangene ein. Das Volk ward so muthig, daß es öfter um die Erlaubniß bat, in Masse hinauszugehn die Franzosen anzugreifen. Lettera di Gratiani 21 Ott. bei Sanuto: Tanto stimano Francesi e Sguizari come se fussero tante puttane. Wenn von Mangel in Mailand die Rede ist, so konnte der nur in den ersten Viertes Buch. Erstes Capitel . Aber ohnehin sah sich Bonnivet durch Frost und Schnee genöthigt, die Belagerung aufzuheben; und schon versammelten sich ganz andre militärische Kräfte. Nach und nach trafen die italienischen Fußvölker ein, die man geworben: der Vicekönig von Neapel, Lannoy, führte schwere und leichte Reiterei herbei: die Venezianer erschienen im Felde: die wichtigste Verstärkung aber bil- deten 7000 Landsknechte, nicht ohne Fürsorge des Erz- herzog Ferdinand Dafuͤr dankt ihm spaͤter der Kaiser. Schreiben bei Bucholtz II, 264. zusammengebracht, unter Ludwig von Lodron und Eitelfritz von Zollern. Georg Frundsberg war dieß Mal zu Hause geblieben, doch hatte er seinen Sohn Caspar mitziehen heißen. Einige unternehmende Hauptleute, wie Schärtlin von Burtenbach, kamen auf eigne Kosten. Auch der Marques von Pescara, der die spanischen Fußvölker mit demselben angebornen Talent be- fehligte wie Frundsberg die deutschen, kam wieder. Er langte eben in dem rechten Moment an: als Prospero starb; die Leitung der Unternehmungen fiel dadurch vor- nehmlich ihm anheim. War man nun aber wieder im Stande, den Feind im Felde zu bestehen, so war damit auch kein Augenblick zu versäumen: auch er erwartete jeden Moment Verstär- kungen, die ihm die alte Überlegenheit wohl zurückgegeben haben würden. Er hatte einen neuen Vertrag mit den Graubündnern geschlossen: die Berner unterstützten den Kö- nig sogar mit Geld: von beiden Seiten waren nicht un- bedeutende Schaaren unterwegs. Tagen Statt finden, ehe alles recht eingerichtet war. Vgl. Gal. Capella und Carpesanus p. 1356. Feldzug in Italien 1524. Indessen hielten es die Kaiserlichen und ihre Verbün- deten auch jetzt noch nicht für rathsam, eine Schlacht zu wagen; namentlich war der venezianische Proveditore da- gegen. „Ich glaube doch nicht,“ sagte eines Tages der Feld- hauptmann der Venezianer, Herzog von Urbino, zu dem Proveditore, Pier da cha Pesaro, „ich glaube nicht, daß die Republik so viel gepanzerte Pferde, eine so große An- zahl von Fußvolk, alle diese um uns leuchtenden Waffen aus einem andern Grunde im Stande hält, als um im Felde zu schlagen wenn es nöthig ist.“ „Herr,“ erwie- derte der Proveditore, „welchen Vortheil hätte die Repu- blik davon wenn wir schlügen? Eine Niederlage brächte alle ihre Besitzungen in Gefahr: der Sieg kann uns auch ohne Schlacht nicht entgehn: wäre der Kaiser in Person hier, so würde er keine Schlacht wollen.“ Diese Mei- nung, die den Feldhauptmann überzeugte, machte sich darauf auch in jedem Kriegsrath geltend. Man faßte den Plan den Feind nicht durch offenen Anfall sondern strategisch zu überwinden. Während eine Abtheilung des Heeres sich im Gebiet von Como und Bergamo aufstellte, um die Bündner ent- fernt zu halten, gieng die Hauptmacht, bei der nun auch Bourbon, mit dem Range eines kaiserlichen Statthalters bekleidet, eintraf, in der Nähe von Pavia über den Tes- sino, und nahm in unerwartetem Überfall das feste Gar- lasco, das alle diese Gegenden beherrscht. Hiedurch wurde Bonnivet genöthigt, ebenfalls über den Tessino zurückzu- gehen, sein festes Lager von Abbiate-grasso zu verlassen, um wenigstens Vigevene und die reichen Ebenen des Lo- mellino zu behaupten, aus denen er seine Lebensmittel be- Viertes Buch. Erstes Capitel . zog. Galeatius Capella lib. III, p. 191, aus welchem die mei- sten andern geschoͤpst haben. Selbst Du Bellay hat hier nur eine Uͤberarbeitung des Capella mit einigen franzoͤsischen Zusaͤtzen. Eini- ges Schweizerische fuͤgt Anshelm hinzu, einiges Spanische, wiewohl sehr weniges, Sandoval: die ihn sonst beide ebenfalls uͤbersetzen. Schade daß nicht auch Einer sich die Muͤhe genommen hat, ihn zu ergaͤnzen, der von den Thaten der Landsknechte Kunde hatte Da- her kommt es, daß wir von denselben in diesem Feldzug fast nichts weiter wissen, als was in der Lebensbeschreibung Sebastian Schaͤrt- lins vorkommt. Gleich darauf aber giengen die Kaiserlichen auch über die Gogna und nahmen Sartirana weg. Während Bonnivet, hiedurch in seiner neuen Stellung gefährdet wie früher in der alten, sich in Bewegung setzte um sie von da zu vertreiben, gelang es ihnen vielmehr schon auch Ver- celli durch die Gunst der dortigen gibellinischen Faction in ihre Hände zu bekommen, wodurch sie jenseit der Sesia Fuß faßten, und den Admiral von der Basis seiner Ope- rationen abschnitten. Es blieb ihm nichts übrig, als sich nach der obern Sesia zurückzuziehen, nach Gattinara hin, wo eben die neuen Schweizer von Ivrea her angekommen waren. Er gab noch immer die Hofnung nicht auf, mit dieser Verstärkung gegen den Feind umkehren, ihm noch ein- mal eine Schlacht anbieten zu können. Allein schon auf dem Wege fand er kleinere Plätze von den Kaiserlichen eingenommen. Als er an der Sesia anlangte, weigerten sich die Schweizer zu ihm herüberzukommen, und er selbst mußte Anstalt treffen über den Fluß zu gehn. Indem er dieß that, ward er von Pescara angegriffen. Es entstand eine allgemeine Unordnung: die Brücke brach ein: Gatti- nara gieng in Feuer auf; so gering auch die Anzahl der Kaiserlichen jenseit des Flusses noch war, etwa tausend Feldzug in Italien 1524. leichte Pferde, tausend Mann zu Fuß, so groß war doch der Verlust den die Franzosen erlitten: es blieb ihnen nichts übrig, als Italien abermals zu verlassen. Über- haupt zeigte sich, daß es mit der Kriegsweise vorbei war, durch welche sie daselbst in den letzten dreißig Jahren ge- glänzt hatten. Einzelne Waffenthaten, momentane Über- legenheit, ritterliche Bravheit entschieden nicht mehr. Die erwachte nationale Antipathie machte eine hartnäckigere re- gelmäßigere Vertheidigung möglich: im Felde hatten die Berechnungen der Strategie, der geschickte Gebrauch der Hakenbüchsen die Oberhand. Auf diesem Rückzug fiel un- ter andern „der gute Ritter,“ „der Ritter ohne Furcht und Tadel,“ Bayard, der alle rühmlichen Eigenschaften des Ritterthums zur Bewunderung der Freunde und Feinde noch einmal in sich vereinigte. Er hatte immer die Ha- kenschützen von Herzen gehaßt: ungern hatte er einem das Leben geschenkt, der in seine Hand gefallen war: es war ihm bestimmt, jetzt selbst durch eine Kugel umzukom- men. Bei den Umstaͤnden des Todes will ich nicht stehn bleiben, auch deshalb weil sie mir in der That zweifelhaft sind. Die Franzosen (Bellay 342) erzaͤhlen, in seinen letzten Augenblicken habe ihn Bour- bon angesprochen, Bayard habe demselben noch seinen Abfall verwiesen. Es ist schon bedenklich, daß in dem Leben des Bayard, Coll. univ. XVII, 412, sich davon nichts findet. Aber in Italien erzaͤhlte man sogar Es liegt etwas Symbolisches, Allgemein-bedeutendes in diesem von so viel Geschichtschreibern hervorgehobenen Tode, der Niederlage dieses ritterlichen Heeres überhaupt, so wie in dem Untergange Sickingens. Der Harnisch ward von dem Handrohr, wie die Burg von dem Ge- schütze besiegt. Viertes Buch. Erstes Capitel . An der Verfolgung nahmen auch die Landsknechte sehr thätigen Antheil. Sebastian Schärtlin erzählt, drei Tag und Nacht sey man ihnen bis an den Fuß des St. Bernhard nachgeeilt: aus dem Thal von Aosta brachte man das eroberte Feldgeschütz festlich bekränzt nach dem Lager. Hierauf giengen die Plätze, welche die Franzosen noch in Italien besaßen, sämmtlich über: ihre Niederlage war so vollständig wie möglich. Und sogleich erhob sich nun in den Siegern — es liegt eine Art von Nothwendigkeit darin — der Gedanke, den Angriff auf Frankreich, der vor dem Jahre mißlungen, nunmehr besser ins Werk zu setzen. Bourbon fand das kaiser- liche Heer vortrefflich; auch er zeigte sich tapfer und erweckte Vertrauen. Die Lage von Italien schien es ohnehin nö- thig zu machen. Entweder mußte man Friede haben, wozu noch wenig Aussicht war, Die Instruction secrète etc. bei Bucholtz II, p. 503 kann hieruͤber nicht taͤuschen. Die Menge der dort gemachten Vorschlaͤge — es sind ihrer nicht weniger als neun — zeigt schon wie unaus- fuͤhrbar ein jeder war. Sehr gut bemerkte das Peter Martyr Ep. 798 p. 472, Juli 1524: „Temperate hujus tam incompositi psal- terii chordas. — — Dira ferri acies et humano cruore fluentes rivi has diriment querelas.“ oder man mußte dem König von Frankreich sonst zu schaffen geben. Lannoy schrieb das Gegentheil: er habe noch die Ungerechtigkeiten des Koͤnigs, die Unordnungen der franzoͤsischen Regierung beklagt; dann sey er ge- storben. Carpesanus p. 1375: questus de injusta in Borbonium ira, de fortuna et male animatorum hominum factione cuncta in Gallia permiscente. Sein Gefuͤhl mag wohl zwischen diesen bei- den Aͤußerungen geschwankt haben, die beide ihre Wahrheit hatten. Die Spanier endlich lassen ihn Gott loben, daß er stirbt „en ser- vicio de su rey y a manos de la mejor nacion del mundo.“ Ba- talla de Pabia. MS Alb. Angriff auf Frankreich 1524. dem Kaiser, der Herzog von Mailand werde ihm eine theure Waare seyn, wenn es ihm nicht gelinge den unru- higen Nachbar klein zu machen. Der Kaiser zog in Be- tracht, daß es besser sey, den Feind in seinem Lande auf- zusuchen, als ihn in Italien zu erwarten, wo man das Heer doch würde mit vielen Kosten beisammenhalten müs- sen, und gab seine Einwilligung. Auch dieß Mal stieg wohl wieder der Gedanke auf, Frankreich von vier Seiten anzugreifen: allein nach den Erfahrungen des vorigen Jahres ließ er sich nicht ernst- lich festhalten. Niemand hatte Geld dazu. Schon ge- nug wenn man nur das italienische Heer wieder auf ein paar Monat befriedigen konnte. Bourbon hoffte auch mit diesem allein die glänzendsten Thaten auszuführen. „Ihre Angelegenheiten, Sire,“ schrieb er dem Kaiser, „werden gut gehn. Wenn wir dem König von Frankreich eine Schlacht zu liefern vermögen, und sie gewinnen wie ich hoffe, werden Sie der größte Mann seyn den es je- mals gab, und der ganzen Welt Gesetze geben.“ Auszug bei Bucholtz II, 263. Und so führte Bourbon im Juli 1524 das kaiserliche Heer — 5000 Deutsche unter Zollern und Lodron, 3000 Spanier unter Pescara, und eine Anzahl Italiener — aus Italien nach Frankreich. König Franz hatte keine Nei- gung, sich den kriegerischen sieggewohnten Banden im offe- nen Feld entgegenzustellen. Ungehindert drang Bourbon vor, besetzte Antibes, Frejus, Hieres, Toulon, und ließ sich huldigen. Er führte den Titel eines Grafen von Pro- vence, doch hatte er dem König von England den Vasal- Viertes Buch. Erstes Capitel . salleneid geleistet. Guicciardini sagt zwar XIV, 448: Borbone constante- mente ricusò di riconoscere il re d’Inghilterra. Es ist aber nichts desto minder gewiß, daß er den Eid leistete, wie dieß Herbert an- giebt ( p. 133) und wir aus einem Schreiben de Praet’s bei Hor- mayr ( p. 27) unzweifelhaft entnehmen. Auch war der Koͤnig von England noch sehr mit der Unternehmung einverstanden. Richard Pace erzaͤhlte dem Venezianer Suriano, daß ihm sein Koͤnig noch durch ein Schreiben vom 28sten Juni ermaͤchtigt, Bourbon in seinem Vorhaben zu bestaͤrken, ja daß sich der Cardinal Wolsey noch un- term 14ten September erboten habe eine Landung versuchen zu las- sen, wenn sie zu etwas helfen koͤnne. Wenn Pace nicht alle Raten richtig gezahlt hatte, so entschuldigte er sich damit, daß das auch der Kaiser nicht immer gethan habe. Indessen wissen wir, daß John Russel 20000 Pf. noch in das Lager vor Marseille brachte. Daß Pace hier sehr aufrichtig zu Werke gieng, laͤßt sich daraus abneh- men, daß er doch bei alle dem schon einen gewissen Verdacht gegen den guten Willen des Cardinals aͤußert, der ein schlechter Mensch sey — attenta la pessima natura del ditto Cardenal. — Wie dem auch seyn mag, so ist es offenbar, daß man den Ausgang der Unter- nehmung in England mit Spannung erwartete. Erkannte doch Bour- bon keinen andern Koͤnig an als eben Heinrich VIII. Am 9ten August nahm er Aix die Hauptstadt des Landes ein, am 19ten langte er vor Mar- seille an: er wußte wohl, daß alles andre verloren sey, wenn er diesen festen Platz nicht besitze. Was wäre es dem Kaiser werth gewesen, üder einen Hafen von solcher Bedeutung zwischen Barcellona und Genua gebieten zu können. Mar- seille hätte die eigentliche Schutzwehr für Italien und eine unvergleichliche Grundlage für jede künftige Unternehmung auf Frankreich selbst gebildet. Beaurain hatte daran ge- dacht, Toulon für den Kaiser in Stand zu setzen: es fehlte ihm aber an allen Mitteln. Schreiben bei Hormayr a. a. O.: er meinte, er wuͤrde das mit 10000 Duc. bewerkstelligen. Um so eifriger machte man sich an die Belagerung von Marseille. Angriff auf Frankreich 1524. Jetzt aber zeigte sich, wie sehr sich auch in Frank- reich die Zeiten geändert hatten. Italiener welche das Land kannten, wie der Bischof von Bayeux Lodovico Ca- nossa, hatten es immer vorausgesagt. Z. B. Lettere di principi I, 132. E siate certo che Fran- cesi adorano il loro re, e non vi fondate nelle ribellioni altre volte seguite in Francia, perche non vi sono più di quei tali principi che le causavano. Trotz so mancher Unzufriedenheit, zu welcher der König Ursach gab, fanden sie doch, im Allgemeinen sey er angebetet: durch seinen bloßen Abfall habe Bourbon allen Credit verloren. Es kommt in Betracht daß Bourbons Ansehn, so mächtig er war, doch noch nicht Zeit gehabt hatte, sich zu befestigen. In den meisten Besitzungen die ihm gehörten, war er ein sehr neuer Herr. Auch gab es Niemand der von der Krone so unabhängig gewesen wäre, um das Herz zu ha- ben sich ihm anzuschließen. Eben dieser Augenblick beweist wie weit die sich im Stillen vollziehende Consolidation von Frankreich bereits gediehen war. Es erhob sich nicht allein Niemand für Bourbon, sondern der Angriff ver- schaffte dem König noch unbedingtern Gehorsam. Er konnte drei überaus starke Tailles, zusammen von mehr als 5 Millionen, bald nach einander ausschreiben: der Cle- rus bequemte sich zu Contributionen, die guten Städte ge- währten freiwillige Unterstützungen, selbst der Adel mußte sich gezwungenen Anleihen unterwerfen. Was wollten ge- gen so reiche Geldkräfte die langsamen und zweifelhaften Zahlungen sagen, welche von Spanien oder von England mühsam aufgebracht wurden. Garnier XXIV, 102. Sismondi XVI. König Franz stellte ein Viertes Buch. Erstes Capitel . Heer ins Feld, so stattlich wie jemals, bei 2000 H. d’A., 7000 M. französischen Fußvolks hauptsächlich aus den kriegerischen Bauern des Dauphinē, 6000 Schweizer; bei dem Verfall der deutschen Regierung war es ihm nicht schwer geworden, auch eine Anzahl Landsknechte um guten Sold an sich zu ziehen. Während diese Schaaren in der Gegend von Avignon sich sammelten, setzten die Kaiserlichen ihre Belagerung mit großer Beharrlichkeit fort; aus den genommenen franzö- sischen Plätzen schafften sie einiges taugliche Geschütz her- bei; unter ungemeinen Schwierigkeiten brachten sie Lauf- gräben, endlich eine Batterie zu Stande, mit der sie wirk- lich Bresche schossen; in den Scharmützeln leuchtete vor allen Pescara hervor, der in seiner sonderbaren Tracht — er trug rothe Unterkleider, darüber einen kurzen schwarzen Rock ohne Ärmel, einen Hut wie die Landsknechte, aber mit großen wehenden Federn — wie ein Kriegszeichen an- zusehen war; mit ihm wetteiferte sein Neffe Guasto. Noch bis in die zweite Hälfte des Septembers hatte man den besten Muth; noch am 24sten dachte man zu stürmen. Pes- cara trank seinen Spaniern zu und machte sie munter; Bourbon versprach königliche Erkenntlichkeit; die Leute be- reiteten sich durch die Beichte zu der äußersten Gefahr vor. Allein auch die Besatzung der Stadt, von einem Italie- ner der orsinischen Faction, Renzo da Ceri befehligt, hielt sich wacker und hatte sich auf das beste in Vertheidigungs- stand gesetzt. Bei den ersten vorläufigen Versuchen sah man, mit wem man es zu thun hatte. Man vernahm von den Gefangenen, wie hinter der Bresche blinde Grä- Angriff auf Frankreich 1524. ben mit Pulver angefüllt, Kanonen an den Straßenecken aufgeführt, die Truppen an den gefährdeten Orten schlag- fertig aufgestellt seyen. Sandoval lib. XI, P. I, p. 598, hier nichts als eine woͤrt- liche Wiederholung einer alten Erzaͤhlung unter dem Titel Batalla de Pabia, aus der Sandoval hie und da corrigirt werden muͤßte: wie denn statt Pizarmo zu lesen seyn wird Pizaño. Plötzlich ward Pescara andern Sinnes. „Wer sein Abendbrod in der Hölle essen will,“ rief er aus, „der mag stürmen.“ Es ward ein Kriegs- rath berufen, in welchem man nicht allein die Wahrschein- lichkeit, hier eine Niederlage zu leiden, sondern auch die Gefahr erwog, in die durch längeres Verweilen Italien gerathe. Man fieng an zu vermuthen, der König möchte, ohne sich um Marseille zu kümmern, seinen Weg unmit- telbar nach Italien nehmen. „Ihr Herrn,“ rief Pescara, „wer dem Kaiser Italien erhalten will, der folge mir nach.“ Nur ungern ließ Bourbon von der Hofnung ab, in seinem Vaterlande wieder Fuß zu fassen: aber auch die deutschen Obersten, Zollern und Lodron waren für Pescara: am 28sten September ward die Belagerung aufgehoben. Es mag dahingestellt bleiben, ob der König wirklich den vermutheten Plan hatte: wenigstens so viel ist gewiß, daß er so wie er von dem Abzug Bourbons hörte, diesen Gedanken auf das lebhafteste ergriff und sich keine Vor- stellung abhalten ließ, die treffliche Armee die er nun wie- der um sich sah, auf der Stelle über die Alpen zu führen. Er war entschlossen, noch einmal alles an die Wiedererobe- rung von Mailand zu setzen. Auf den Ärmeln seiner Leibwache las man die Worte: „noch einmal und nicht wieder.“ Carpesanus lib. X bei Martene V, p. 1379. Viertes Buch. Erstes Capitel . In wetteifernder Eile giengen nun die beiden Armeen über die Alpen. Die Kaiserlichen machten sich so leicht wie möglich. Nur einen kleinen Theil ihres Geschützes, das sie zerschlagen, führten sie auf Maulthieren mit sich fort; das übrige ward vergraben oder nach Toulon ge- schafft. In zwei Colonnen bewegten sie sich vorwärts, jedoch auf derselben Straße, so daß immer die erste das Quartier verließ wenn die andre ankam. Eines Tages hatten sich ein paar Deutsche betrunken und waren nicht fortzubringen: ohne Erbarmen ließ Pescara das Haus an- zünden worin sie lagen, so daß sie daselbst verbrannten: er wollte auch nicht Einen Mann in die Hand der Bauern gerathen lassen: er hätte gefürchtet ihre Wuth zu erwecken. So passirten sie Nizza, Ventimiglia, die Seealpen: in ihrem Äußern ziemlich heruntergekommen, aber nicht entmuthigt: hatten sie doch keinen Verlust erlitten! in langem Zuge führten sie ihr ganzes Gepäck, alle den Kriegserwerb der früheren Jahre mit sich. Indessen zog Franz I mit seiner frischen glänzenden Armee über die Oberalpen, — Brian ç on Pignerol, — und unaufhaltsam sofort nach den lombardischen Ebenen. Er hoffte der kaiserlichen Armee noch zuvorzukommen. Eine mailändische Chronik versichert, sie seyen beide an demselben Tag über den Tessino gegangen, die franzö- sische bei Abbiate-grasso, die kaiserliche in der Nähe von Pavia. Martino Verri bei P. Verri III, 241. Auf jeden Fall waren jedoch die Kaiserlichen in gro- Franz I in Italien . großem Nachtheil. Sie konnten sich jetzt nicht einmal auf Mailand verlassen, wo die Pest ausgebrochen war. Franz Sforza sagte: er sey kein Vogel, um sich in diesen Bauer sperren zu lassen. Nur das Castell hielten sie besetzt. Die übrigen Truppen vertheilten sich nach Pavia, Lodi und Cre- mona. Diese gewaltige Kriegsmacht, die noch vor ein paar Monaten den Kaiser zum Herrn der Welt machen zu wollen schien, war plötzlich aus dem Felde verschwunden. Mei- ster Pasquin zu Rom ließ sich nicht unwitzig vernehmen: es sey ein kaiserliches Heer in den Alpen verloren gegan- gen, der ehrliche Finder werde gebeten, es gegen eine gute Belohnung abzuliefern. Dagegen hatten die Franzosen un- bestritten das Land inne. Sie machten sich daran, nun auch die Festungen zu erobern, zunächst Pavia. Der An- fall auf Frankreich, der Franz I jenseit der Alpen fesseln sollte, hatte nur gedient, alle Kräfte seines Reiches noch einmal zu entbinden, und ihm das Übergewicht in Ober- italien zu verschaffen. Schlacht bei Pavia. Allein noch war auch die Sache des Kaisers nicht so ganz verloren, wie es aussah. Wenn jemals so kam es ihm jetzt zu Statten, daß er Deutsche in seinen Dien- sten hatte und ohne Mühe andre herbeiziehen konnte. Als Franz I es unternahm von den Festungen in der Lombardei zunächst Pavia zu belagern, soll ihn dazu die Hofnung vermocht haben, die Deutschen, welche daselbst die Besatzung bildeten, zum Abfall zu bewegen. Allein er sollte sie anders kennen lernen. Die beiden Obersten, Zollern Ranke d. Gesch. II. 20 Viertes Buch. Erstes Capitel . und Lodron waren dem Haus Östreich mannichfaltig ver- pflichtet; auch die Hauptleute — ihre Namen verdienen wohl genannt zu werden: es waren Martin Pfaff, Graf Chri- stoph von Lupfen, Michael Alting, Eiteleck von Reischach, Heinrich von Castelalt, Conradin Glürns, Michael Mer- tel, Caspar Schwegler — hatten sich nun schon eine Zeitlang daher unter den kaiserlichen Fahnen eingelebt. Ich will nicht sagen was ein Jeder gethan haben würde, wenn er zuerst Dienste zu nehmen gehabt hätte: allein die genom- menen, in denen er sich Ansprüche erworben, jetzt wieder zu verlassen war gewiß keiner geneigt. Bei Sandoval findet sich zwar, Zollern habe auf Verrath gesonnen, und sey deshalb bei einem Gastmahl vergiftet worden. Auch bei G. Capella findet sich hievon eine Andeutung, jedoch mit dem Zusatz: multi existimavere, was dann auch von Andern mehr oder minder bedingt wiederholt worden ist. Nach dem Bericht des Taͤgius, Physicus und Ritter, der waͤhrend der Belagerung in Pa- via war, ( de obsidione urbis Ticinensis ed. Pez p. 9) starb Zol- lern „post longas vigilias et assiduos labores ex tabida febre XVI Cal. Febr.“ Man sagte in Pavia, er sey ein Verwandter des kaiserlichen Hauses: „aliquali affinitate cum Caesare conjunctus.“ In den Liedern wird er gefeiert, als derjenige Mann der an der Vertheidigung den thaͤtigsten Antheil nahm. Auch wäre das gibelli- nische Pavia nicht geeignet gewesen Gedanken dieser Art zu erwecken. Hier sah man vornehme Damen selber an der Ar- beit des Schanzens Theil nehmen: der reichste Bürger Mat- teo Beccaria hatte auf seine Kosten aus seinem Anhang in der Stadt ein Fähnlein gebildet: er gab wohl den Haupt- leuten auch dann noch als man übrigens schon Mangel spürte, ein prächtiges Gastmahl, und den Gemeinen fehlte es wenigstens nie an „weißem Brod und kühlem Wein.“ Der kai- serliche Befehlshaber Antonio Leiva rühmt den jungen Cas- Belagerung von Pavia . par Frundsberg, der sich hier zum Hauptmann aufschwang, daß er ihn selbst bei gutem Muth erhalten habe. Antonio Leiva war übrigens ganz für Fälle dieser Art gemacht: eben so klug wie entschlossen: selber voll Aufopferung für die Sache des Kaisers: er zog seine goldne Kette vom Hals und ließ Ducaten daraus prägen. So hielt man sich auf das beste, und schlug alle Stürme ab. Den Deutschen kamen zuweilen ihre berginännischen Fertigkeiten zu gute; Carpesanus schreibt das Sprengen einer Bruͤcke „Germanis, ingeniosis viris“ zu; — Taͤgius ruͤhmt deshalb besonders den Gluͤrns, der dieselbe „instrumentis ferreis mirabili arte in medio rescindit.“ dem König dagegen setzte auch der Fluß unüberwindlichen Widerstand entgegen: der freilich verwegene Versuch den Tessin abzuleiten, mißlang ihm vollständig: im Januar 1525 sah er sich darauf beschränkt, die Stadt umschlossen zu hal- ten und wo möglich auszuhungern. Lettera di Pavia 10 Genn. Chr. Ven. MS. Man vernimmt, „che il re X mo avea deliberato di non voler piu dar battaglia a Pavia per non far morir gente, ma volea tener quella assediata et in simil modo averla.“ Einige tausend Mann sonderte er unter dem Herzog von Albanien ab, um eine Diversion in dem mittlern oder untern Italien zu versuchen. Indem aber kamen auch schon andre deutsche Schaa- ren die Berge herab. Bourbon hatte die Juwelen ver- kauft die er bei seiner Flucht gerettet, war dann selbst nach Insbruck, nach Augsburg gegangen; von Erzherzog Fer- dinand unterstützt brachte er jetzt achtzehn Fähnlein Lands- knechte unter Marx Sittich von Ems herüber: Graf Ni- colaus von Salm begleitete sie mit 200 Pferden vom Hofge- sinde. Indessen ließ der Vicekönig in Neapel alles veräußern, 20* Viertes Buch. Erstes Capitel . was einen Käufer fand: mit dem Geld schickte er dann einen Abgeordneten unmittelbar an Georg Frundsberg. Dem lag die italienische Macht des Kaisers, die er mit grün- den helfen, wie eine eigne Sache am Herzen: ein neuer Beweggrund war es für ihn, daß er seinen Sohn zu ent- setzen hatte. Am 3ten Weihnachtsfeiertag musterte auch er 11 Fähnlein zu Meran: 25 nahmhafte Hauptleute, viele Kriegsgefährten aus guten Häusern umgaben ihn, es wa- ren die Junker, die kein Bleiben zu Hause hatten, und denen die überzähligen Bauernsöhne folgten. Am 24sten Januar Reisner: Historia Herrn Georgens und Herrn Casparen von Frundsberg p. 38. Vgl. G. Bartholds Frundsberg. vereinigten sich die beiden Haufen mit dem ita- lienischen Heere in Lodi. Sie sahen sich in der Nothwendigkeit, unmittelbar ins Feld zu gehn. Trotz aller jener Anstrengungen war doch nicht Geld genug vorhanden, um die Truppen lange zu- frieden zu stellen. Die Meisten hatten nichts weiter als das Laufgeld empfangen, sie versprachen nur auf eine be- stimmte Zeit ohne Sold zu dienen. Auch mußte Pavia errettet werden. Schon am 4ten Februar langte das Heer in der Nähe dieser Stadt an, warf einige Leute mit Mu- nition hinein, und that alles, um den König zu reizen, aus seinem festen Lager hervorzukommen. Dieß waren jedoch vergebliche Anstrengungen. Der König wollte die starke Stellung, die er im Park vor Pavia genommen, nicht verlassen; da hatte man sich auf das beste befestigt: Extrait des lettres ecrites en Allemand à Monseigneur l’archiduc Ferdinand par Messire George de Fronsberg. Urkun- denbuch zu Bucholtz: Ferdinand I, p. 1. man lebte bereits ziemlich bequem: man hatte Le- Annaͤherung der Kaiserlichen . bensmittel die Fülle: er hielt es für vortheilhafter, ange- griffen zu werden, wie schon einst bei Marignano, als an- zugreifen, was den Seinen vor kurzem bei Bicocca so übel ausgeschlagen war. Dazu mußten sich nun auch endlich die Kaiserlichen entschließen, aus Mangel so an Geld wie an Lebensmitteln: In einer anonymen Zeitungsnachricht Lettere di principi I, 153, und daraus bei Sismondi Hist. de France XVI, 232, heißt es zwar, zwei Tag vor der Schlacht seyen 150000 Sc. aus Spanien im Lager angekommen: das muß aber eine falsche Nach- richt seyn: in dem Schlachtbericht des Pescara heißt es ausdruͤcklich: De ninguno canto nostra necessidad tenia rimedio; er habe ein- gesehen: „que deshazer el exercito a lavio del enemigo era tan mal como perdillo con batalla.“ sie urtheilten, es sey eben so schlimm wenn man sich im Angesicht des Feinds auflöse, wie wenn man eine Nie- derlage erleide. Gott gebe mir, sagte Pescara, hundert Jahre Krieg und nicht Einen Schlachttag, aber heute ist kein Ausweg. Er begab sich in die Mitte seiner Spanier, und stellte ihnen vor, daß kein Fußbreit Landes ihnen an- gehöre, kein Stück Brot da sey, um davon morgen zu le- ben, „aber vor Euch,“ rief er, „ist das Lager, wo man Brot vollauf hat, und Fleisch und Wein, und Karpfen vom Gardasee. Wir müssen es haben, wir müssen den Feind herausjagen. Wir wollen den Tag des h. Matthäus be- rühmt machen.“ Schon hatte auch Georg Frundsberg auf ähnliche Weise seine Deutschen angeredet. Mit erhobenen Händen hatten sie ihm versprochen, es mit dem prächtigen Feinde aufzunehmen ihre Brüder in Pavia zu erledigen. Es war nicht eine jener glänzenden Feldschlachten zu erwarten, in denen wohl sonst zwei Ritterschaften um den Preis der Ehre schlugen: eine geldbedürftige, Mangel lei- Viertes Buch. Erstes Capitel . dende Söldnerschaar, die ihren Dienst nur noch auf eine bestimmte Anzahl Tage zugesagt, mußte unverzüglich an den Feind herangeführt werden, weil sie sich sonst aufge- löst hätte. Sie wollte das reiche Lager des Feindes er- beuten, ihre Waffenbrüder entsetzen, das so oft eroberte Land endlich einmal sichern. Daran gieng sie auch unter den ungünstigsten Umständen. „Entweder,“ schreibt Pescara dem Kaiser, „mußte E. M. den erwünschten Sieg er- langen, oder wir erfüllten mit unserm Tode die Pflicht, Ihnen zu dienen.“ Der Plan Pescaras gieng eigentlich auf einen nächt- lichen Überfall. Mitten in dem Park lag die Meierei Mi- rabella, wo der Markt des Lagers gehalten zu werden pflegte, und ein Theil der Reiterei aufgestellt war. Dort wollte er sich, wo möglich, mit der Besatzung von Pavia verei- nigen. Um Mitternacht fieng man an die Mauer des Par- kes einzureißen. Zweitausend Deutsche, aus dem Frunds- bergischen wie dem Emsischen Regiment, tausend Spanier, weiße Hemden über ihre Panzer, sollten den Uberfall aus- führen. Allein die Mauer war fester als man dachte: es wurde Tag, ehe eine hinreichende Lücke gerissen war. Als jetzt — an dem Morgen des 24sten Februar — jene Truppen eindrangen, waren die Franzosen schon in voller Bewe- gung. Epitre du roi traitant de son partement de France et de sa prise devant Pavie, bei Lenglet und Goͤbel p. XXX. Au matin ils feirent leur entrée — — Et nous aussi estions ja en bataille. So viel war allerdings erreicht worden, daß sie ihre feste Stellung verließen und auf der Haide des Parks in das freie Feld kamen: allein das kaiserliche Heer selbst ge- Schlacht bei Pavia . rieth dadurch in die größte Gefahr: das bei weitem über- legene französische Geschütz erreichte die Geschwader der Landsknechte, indem sie heranmarschirten, und brachte ihnen nicht geringe Verluste bei: auch die leichte Reiterei gerieth in Nachtheil: König Franz, der sich hier selber in das erste Handgemenge stürzte, und einen tapfern Ritter mit eigner Hand erlegte, war sehr glücklich als er ein paar Fähnlein zersprengt vor sich her fliehen sah: „Heute,“ sagte er zu einem seiner Begleiter, „nenne ich mich Herr von Mai- land:“ er hielt inne, um die Pferde ein wenig verschnau- fen zu lassen. Lettera di Paulo Luzasco al S r Marchese di Mantua, nach einer Erzaͤhlung des Koͤnigs selbst, im Anhang. Seine Armee rückte in der besten Ord- nung vor: unaufhörlich spielte ihr Geschütz. Allein in diesem Augenblick sollte die Schlacht erst ei- gentlich beginnen. Pescara hatte jene dreitausend, die nun nichts mehr ausrichten konnten, zumal da auch die Freunde aus Pavia nicht erschienen, wieder an sich gezogen: allmäh- lig kamen auch die beiden großen Schaaren Frundsbergs und Marx Sittichs von Ems heran: Frundsberg mit sei- nen Gefährten, den Grafen von Ortenburg, Hag, Virne- burg, Herrn von Losenstein und Fleckenstein, und ihm zur Seite Marx Sittich bildeten jetzt den linken Flügel: Ergiebt sich aus dem frundsbergischen Schlachtbericht, „moy et ma bande tirasmes à la main senestre vers le dite Marchsith contre les dits françois;“ da findet sich auch die Zahl der Haken- schuͤtzen. Man nimmt gewoͤhnlich 500 an: auch Taͤgius nennt so viel, doch moͤgen das blos die Spanier gewesen seyn. Daß auch die Landsknechte mit Buͤchsen bewaffnet waren, beweist unter andern der Vers des Liedes: Schießt Drein, schießt Drein ihr frumme Lands- knecht. (Bei Soltau p. 250.) denn zur Rechten hielt Pescara mit den Spaniern und Viertes Buch. Erstes Capitel . jenen zweitausend Deutschen. In dessen Nähe hatte sich auch die Reiterei wieder geordnet. Da sie der franzö- sischen augenscheinlich nicht gewachsen war, so gaben ihr Pescara und Frundsberg 1500 Hakenschützen zur Seite. Der Vicekönig, der noch immer geglaubt, man könne sich dem Feinde gegenüber im Park verschanzen, sah jetzt wohl ein, daß das nicht mehr möglich war. „Es ist keine Hülfe, als bei Gott,“ sagte er, „ihr Herrn, macht es wie ich,“ bezeichnete sich mit dem Kreuz und gab seinem Pferde die Sporen, zum Angriff. So eröffnete sich das Treffen zunächst auf dem rechten Flügel: ein Theil der französischen Hommes d’Armes, den König an ihrer Spitze, schlug hier mit der spanisch-italieni- schen und der salmischen Reiterei: in dem Centrum, aber noch etwas weiter entfernt, rückten andre französische Reiter un- ter Alen ç on mit 28 schweizerischen Fähnlein gegen Pescara und Guasto mit ihren Spaniern und Deutschen heran: ge- gen den linken Flügel der Kaiserlichen, die beiden großen Landsknechthaufen, bewegten sich, vortrefflich mit Geschütz versehen, die schwarzen Fähnlein, jene Deutschen von Gel- dern und Lothringen, die unter dem König dienten. Hier kam es zuerst zur Entscheidung. Die französi- schen und die kaiserlichen Deutschen haßten einander am entschiedensten. Aus den Reihen der ersten trat ein Augs- burger, Haus Langenmantel hervor und forderte die beiden deutschen Obersten zum Zweikampf heraus. Aber er ward dessen, da er den Franzosen diente, gleichsam nicht mehr für würdig gehalten: auf der Stelle war er zu Boden ge- streckt und getödtet: ein Knecht erhob die ihm abgehauene Schlacht bei Pavia . Hand mit ihren goldnen Ringen wie ein Siegeszeichen. Hierauf ward man um so ernstlicher handgemein. Marx Sit- tich von Ems warf sich durch eine rasche Wendung den Schwarzen in die Flanke. Ein schoͤns neüwes Lied von der Schlacht newlich vor Pa- uia geschehen, zwar nicht sehr poetisch, aber desto richtiger, wie sich aus seiner Uͤbereinstimmung mit dem Berichte Frundsbergs ergiebt: Da das ersachen die Lanntzknecht, bey dem Frantzosen, merkendt rechtt, zugendt vnns vnnder augen, Herr Joͤrgen Hauff gryffenn sie an, vnnd thaͤtten in nitt fragenn. Da dz ersach herr Marxen hauff, an di- sem orth gryffen sie drauff gar tapfferlich durchtrungen. Sie wehrten sich auf das ta- pferste, sie kamen fast sämmtlich um. Ihr Geschütz gerieth den Kaiserlichen in die Hände. Unterdessen hatte sich das Centrum genähert. Schon brachten die Hakenbüchsen eine furchtbare Wirkung auf die Hommes d’Armes hervor — kein Harnisch war stark genug, um vor den Kugeln der Handrohre zu schützen, — als Pescara mit seinen spanischen Veteranen die Schweizer angriff. Sein eigentlicher Schlachtbericht, uͤbereinstimmend mit der Erzaͤhlung des Koͤnigs bei Luzasco. Wenn er sagt, er habe Guasto mit den Deutschen gegen die Landsknechte des Koͤnigs geschickt, so laͤßt sich das nicht anders verstehn, als daß auch Guasto an jenem Anfall Sittichs Theil nahm. Denn daß dieser selbst und Frundsberg das Beste dabei thaten, steht aus den deutschen Nachrichten fest. Es kam alles zusammen: die Wuth dieses Anfalles: die Wirkung des Handgeschützes auf die Reiterei: der Anblick der Niederlage der schwarzen Fähnlein: und das Heran- dringen der siegreichen Geschwader der kaiserlichen Deut- schen: das ganze französische Centrum gerieth in Unord- nung; von den Hommes d’Armes warf sich zuerst Alen ç on in die Flucht: die Schweizer wurden zum Theil mit fort- gerissen, zum Theil durchbrochen: in diesem Augenblick er- Viertes Buch. Erstes Capitel . schien auch die Besatzung von Pavia im Rücken der Wei- chenden: eine allgemeine Flucht erfolgte. Noch immer tummelte der tapfere König, obwohl auch um ihn her die Hakenschützen gewaltig wirkten, sein Streitroß auf dem rechten Flügel, als er um sich sah, und seine Leute in voller Flucht erblickte. „Mein Gott, was ist das,“ rief er aus: er dachte wenigstens die Schweizer zum Stehen zu bringen und eilte ihnen nach. Allein wie war das bei der nunmehr entschiedenen Uberlegenheit des Feindes so ganz unmöglich. Auch er ward vielmehr in die rückgän- gige Bewegung fortgezogen. Er trug eine Stickerei an sei- nem Ärmel, die ihm in guten Tagen in Frankreich, die Dame die er liebte, gegeben, der er dagegen gelobt hatte, unter keinen Umständen vor dem Feind zurückzuweichen. L’heureux present, par lequel te promys point ne fuir devant mes ennemys. Epitre du roi. Ritterlich gesinnt, wie er war, wich er wenigstens so lang- sam wie möglich, nicht ohne sich unaufhörlich noch zur Wehr zu setzen: da erreichten ihn die nacheilenden Deut- schen. Nicolaus von Salm erstach ihm das Pferd unter dem Leibe: der König stürzte und mußte sich ergeben. In diesem Moment kam der Vicekönig herbei, der ihn erkannte, ihm ehrfurchtsvoll die Hand reichte, und ihn als Gefan- genen annahm. Binnen anderthalb Stunden war das prächtigste Heer das man sehen konnte vernichtet; man rechnet 10,000 die geblieben oder auf der Flucht im Tessin ertrunken wa- ren: viele Schweizer darunter, deren alter Ruhm von den burgundischen Kriegen her nunmehr zu Grunde gieng: die Naͤchste Folgen des Sieges . Anführer der Franzosen, mit wenigen Ausnahmen, waren getödtet oder gefangen: vor allem den mächtigen König sel- ber hatte man in seiner Gewalt: nie war ein Sieg voll- ständiger. Ich habe bei dieser Schlachtbeschreibung mich nicht an die fruͤhern Historiker, wie Capella, Guicciardini, Jovius, Bellay, hal- ten zu duͤrfen geglaubt, auch bei Reisner alles vermieden was er aus Jovius genommen; da wir jetzt authentischere Kunde aus den Be- richten der Befehlshaber selbst schoͤpfen koͤnnen: 1) Frundsbergs, bei Bucholtz, wohl identisch mit einem alten deutschen Druck: Wahrli- cher Bericht ꝛc., den ich jedoch nicht sah; 2) Pescaras, im Anhang. 3) Franz des Ersten in dem Briefe Luzascos im Anhang, und in der Epitre. Außerdem existirt noch eine ausfuͤhrliche spanische Re- lation die bei Sandoval benutzt ist und einige bezeichnende Zuͤge hat; Das angefuͤhrte Lied, das ich im Anhang mittheilen werde, ist nur ein Bulletin in Versen, und deshalb ebenfalls glaubwuͤrdig. Die Sieger befriedigten ihre nächsten Bedürfnisse in dem Lager an der Beute. Jetzt waren sie endlich in dem Staate von Mailand die Herrn und Meister, und brauch- ten keinen neuen Anfall zu fürchten. Die italienischen Mächte, die so lange die Dinge schwankend standen, eine sehr zweifelhafte Stellung angenommen hatten, erinnerten sich wieder an ihre alten Versprechungen, und bequemten sich die rückständigen Subsidien zu zahlen, so daß dem Heere sein wohlverdienter Sold allmählig abgetragen wer- den konnte. Aller Augen aber, alle Befürchtungen der Einen, alle Hofnungen der Andern wandten sich nun auf den jungen Kaiser, für den diese Siege erfochten worden, während er sich in tiefem Frieden in Castilien von dem Quartanfieber, das ihn geplagt, allmählig wiederherstellte. Carl V stand in einem Zimmer des Schlosses von Viertes Buch. Erstes Capitel . Madrid und sprach mit seiner Umgebung von dem Gang der Dinge in Italien, von der Lage seines Heeres, die er noch für sehr gefährlich hielt, als ein Courier von diesem Heere ankam. Ohne etwas von seinem Auftrag zu sagen trat er ein: dem Kaiser zuerst wollte er die Nachricht ver- kündigen. „Sire,“ hub er an, „bei Pavia ist es zur Schlacht gekommen:“ „Ew. Majestät Truppen,“ fuhr er fort, „haben den Sieg davon getragen: die französische Armee ist vernichtet: der König selbst ist gefangen und be- findet sich in der Gewalt Ew. Majestät.“ Ein entschei- dendes nicht gehofftes Glück muß wohl im ersten Moment eine ähnliche Wirkung hervorbringen wie ein plötzlicher Un- fall. Indem Carl diese Worte vernahm, schien das Blut in seinen Adern zu erstarren und ein paar Augenblicke sagte er kein Wort. Dann wiederholte er nur: der König von Frankreich ist gefangen und in meiner Gewalt: die Schlacht ist für mich gewonnen! Hierauf entfernte er sich in das Nebenzimmer, wo sein Bett stand: vor einem Marienbilde kniete er nieder, um seine Gedanken zu Gott und zu der Größe seines Berufes zu erheben. Er ließ Processionen veranstalten, und Gott bitten, ihm dereinst noch andre, höhere Gnaden zu verleihen, im Kampfe gegen die Ungläu- bigen. Er sprach von einer Unternehmung gegen Constan- tinopel und Jerusalem. Schreiben des mantuanischen Gesandten Suardin an den Markgrafen von Mantua 15 Maͤrz 1525 bei Sanuto Bd 38. Gedanken dieser Art lagen jedoch in weiter Ferne. Zunächst kam es auf eine Benutzung des gegenwärtigen Momentes an. Antraͤge von England . Und da war nun die erste Idee die sich darbot, den großen Sieg zu benutzen, um die Unternehmung auf Frank- reich die man so oft versucht unter günstigern Umständen als jemals ins Werk zu setzen. Dazu bereitete sich der Herzog von Bourbon unver- züglich: der König von England drang darauf. Höchst merkwürdig, und von der weitesten Aussicht ist die Instruction, mit der Heinrich VIII eine Gesandt- schaft versah, die er in Folge der Schlacht von Pavia an den Kaiser abordnete. Er mißbilligt darin, daß man den König von Frankreich unter irgend einer Bedingung wie- derherstelle — es werde doch keine geben, die er halte: — er fordert, daß derselbe der französischen Krone geradezu beraubt werde. Und frage man dann, wem dieselbe zu übertragen, so könne man nicht etwa von Bourbon reden, der kein Recht dazu habe, und dem Kaiser keine Sicher- heit gewähre: dagegen ihm dem König von England stehe das beste unleugbarste Recht zu, das der Kaiser auch schon anerkannt habe. Im nächsten Sommer möge nun Carl in Person Frankreich von Spanien her angreifen, wie er von England aus zu thun gedenke: er werde ihn mit reichen Subsidien unterstützen: großer Widerstand sey in gegenwär- tigem Augenblick nicht zu befürchten: er denke mit Sr. Kai- serlichen Majestät in Paris zusammen zu treffen. Sey er daselbst gekrönt, so werde er dann den Kaiser zu seiner Krönung nach Rom begleiten: alles was von den Fran- zosen dem Hause Burgund oder dem Reiche entzogen wor- den, solle an ihn zurückfallen: ja zuletzt Frankreich und England selbst, wenn er sich nach den Tractaten mit der Viertes Buch. Erstes Capitel . jungen Maria vermähle. — So viele Schwierigkeiten er dabei macht, so zeigt er sich doch endlich bereit, seine Tochter dem Kaiser schon im Voraus, bis sie erwachsen seyn werde, zu übergeben. Die Instruction an Tunstall und Wingfield ausfuͤhrlich ex- cerpirt bei Fiddes: Life of Wolsey 346—352. Herbert p. 168 hat davon nur sehr ungenuͤgende Notiz. Robertson (B. IV ), der nur Herbert, nicht Fiddes kannte, haͤlt sie daher nur fuͤr eine Art von Vorwand. Aber man braucht nur das Schreiben Wolseys an den Koͤnig vom 12 Februar 1525, State papers p. 158, worin er schon auf den Sieg rechnet, zu lesen, um sich zu uͤberzeugen, daß man sich von demselben Ehre und Vortheil versprach: „The matiers suc- ceding to the avauntage of the Imperiallis the thanke laude and praise shal comme unto Your Grace.“ Aber eben so wenig kann man auch Fiddes beistimmen, welcher leugnen moͤchte, daß doch schon ein Verhaͤltniß zu Frankreich angeknuͤpft gewesen sey. Der nemliche Brief setzt das ins Licht. Auch fuͤr den Sieg von Frankreich meint Wol- sey habe man sich vorgesehen „by such communications as be set furth with France aparte.“ Von Zeit zu Zeit tauchen in unserm Europa Pläne dieser Art auf, entweder einer universalen Herrschaft ei- nes Einzigen, oder einer Theilung zwischen zwei vorwal- tenden Mächten: welche der Phantasie die Möglichkeit ei- ner allgemeinen Umkehr zeigen, aber doch immer an der Kraft des Bestehenden scheitern. So jung der Kaiser auch war, so war er doch viel zu gesetzt, um sich von so verwegenen Vorschlägen fortrei- ßen zu lassen. Auch hatte ihm England mit nichten einen Beistand geleistet, der es zu einem solchen Antheil an den Früchten des Sieges berechtigt hätte. Man kannte in Spa- nien sehr gut die Verhandlungen welche der Cardinal mit Frankreich gepflogen. Kanzler Gattinara rieth dem Kaiser zu antworten, es Entwuͤrfe des kaiserlichen Hofes . zieme sich nicht einen Feind zu bekriegen, der sich nicht vertheidigen könne, auch gestatte das Bedürfniß des Frie- dens kein solches Unternehmen: er meinte, wolle der König von England sein Glück versuchen, so werde man ihn am besten dadurch hindern, daß man ihm keinerlei Unterstützung zukommen lasse. Eine Vereinigung von Frankreich und Eng- land fand er höchst gefährlich. Dagegen war seine Idee, die Krone von Frankreich zwar aufrecht zu erhalten, aber zu- gleich das Übergewicht von Östreich auf immer zu fixiren. Ein Entwurf von ihm, den wir aus den östreichischen Ar- chiven kennen, Bei Bucholtz II, 280. geht geradezu auf das entscheidende Ziel los. Der König sollte auf seine italienischen Ansprüche, die mailändischen wie die neapolitanischen, Verzicht leisten: er sollte ferner Burgund dem Hause zurückgeben dem es gehöre: endlich, er sollte die Rechte des Kaiserthums auf das südliche Frankreich anerkennen. Auf die Provence machte man directe Ansprüche, als „eine dem Reiche zugehörige Sache:“ der Kaiser wollte es dem Herzog von Bour- bon verleihen. Auch Dauphinē glaubte man zurückfordern zu können, weil die Erneuerung der Lehenspflicht so lange versäumt worden sey: doch war man geneigt, es dem Thron- folger von Frankreich zu lassen, vorausgesetzt, daß er sich mit einer Prinzessin des Hauses Östreich vermähle. Wenn Franz I diese Bedingungen annahm, so war er allerdings dergestalt heruntergebracht, daß er nie mehr schaden konnte, Das Übergewicht des Kaisers war dann auf immer fest- gestellt. Er hätte keinen ihm gewachsenen Nebenbuhler mehr gehabt. Es gieng ein Gefühl durch Europa, als Viertes Buch. Erstes Capitel . sey der Kaiser der vom Schicksal bestimmte Herrscher. Eine neapolitanische Beschreibung der Schlacht schließt mit den Worten: „seinen Füßen hast du die Welt unterworfen.“ „Jetzt,“ sagte Wolsey einem Gesandten Carls, „wird Euer Herr Kaiser seyn, nicht mehr dem Titel, sondern der That nach.“ „Die Rathschlüsse Gottes,“ ruft ein päpstlicher Minister aus, „sind ein tiefer Abgrund.“ Nicht einem Jeden aber war eine solche Aussicht will- kommen. Es hat noch Niemand in Europa eine Stellung dieser Art eingenommen, ohne daß sich alles was sich selb- ständig fühlte, dagegen geregt hätte. Es versteht sich, daß der König von England sich durch die abschlägliche Ant- wort gekränkt fühlte und sich von Moment zu Moment mehr von dem Kaiser entfernte. Aber noch in einem an- dern Verbündeten des Kaisers, dem römischen Papst, wachte der Widerstand auf. Jener Ausdruck eines päpstlichen Ministers zeigt wahrhaftig mehr den Schrecken eines Be- drohten, als die Theilnahme eines Bundesgenossen. Schon seit einiger Zeit waren Mißverständnisse von sehr bedenkli- chem Character zwischen Papst und Kaiser eingetreten. Sie beruhten im Grunde auf einer Territorialfrage, bildeten aber sehr bald eins der wichtigsten Momente der allgemeinen Weltangelegenheiten. Mißverständnisse zwischen Papst und Kaiser. Als Leo X sein Bündniß mit dem Kaiser schloß, war es wie wir sahen seine Absicht, dadurch zu alle den Land- schaften zu gelangen, welche der römische Stuhl noch in An- Irrungen zwischen Papst und Kaiser . Anspruch nahm, besonders zu Ferrara: der Kaiser versprach ihm dazu seine Unterstützung. Als Leo so plötzlich starb, ließ der Herzog von Fer- rara eine Münze schlagen mit der Umschrift: „das Lamm aus dem Rachen des Löwen errettet.“ Er war aber nicht allein errettet, er bekam während der Sedisvacanz auch Gelegenheit, Reggio und Rubiera einzunehmen. Auf Adrian VI verschaffte er sich so viel Einfluß, daß dieser ihm dessenungeachtet die Lehen erneuerte. Von ganz andrer Gesinnung war jedoch der Nachfol- ger Adrians, Clemens VII; so wie die Franzosen 1524 aus Italien verjagt waren, forderte er die Kaiserlichen auf, ihm auch wider den Herzog Beistand zu leisten, und den- selben zunächst aus Reggio zu vertreiben. Dazu hielten sich jedoch Diese nicht mehr verpflichtet. All ihr Sinnen gieng damals auf jenen Einfall in Frank- reich und sie wollten keine Unruhen in ihrem Rücken ver- anlassen. Der Vicekönig antwortete: wenn der Papst den Kaiser liebe, so solle er dem Herzog, um ihn ganz zufrie- den zu stellen, eher auch noch Modena zurückgeben. Giberti agli oratori in Spagna 22 Ott. 1524. Als der Herzog nach kurzer Naͤherung wieder zuruͤcktrat, schrieb man das le- diglich den Kaiserlichen zu, „che tal mutatione del duca e deter- minatione di non rendere è processa del vicere.“ Sanga 21 Nov. Lettere di principi 21 Nov. Eine Anmuthung, die den Papst tief beleidigte. Wenn er auch zuletzt nicht eben viel geleistet hatte, so lebte ihm doch in frischer Erinnerung, welchen Antheil er vor drei Jahren an der Eroberung von Mailand persönlich gehabt. Sollte das nun blos zum Vortheil des Kaiserthums aus- Ranke d. Gesch. II. 21 Viertes Buch. Erstes Capitel . schlagen? das Papstthum nicht nur nicht zu der erwünsch- ten Gebietserweiterung gelangen, sondern sogar früher beses- sene Städte aufgeben? So lange die kaiserlichen Waffen in der Provence glücklich waren, hielt Clemens an sich: kaum konnte er aber die Nachricht von dem Rückzug Bourbons von Mar- seille erhalten haben, so schickte er einen Gesandten, den uns wohl bekannten Hieronymus Aleander, an den König von Frankreich: Bei Molini I, 177 findet sich sein Beglaubigungsschreiben, vom 14ten Oct. 1524: „magnis de rebus christianaeque reipubli- cae hoc tempore non solum salutaribus sed etiam necessariis.“ und so wie dann dieser den italienischen Boden betrat, so eilte ihm der vertrauteste Minister des Papstes, Giberti, der immer für französisch gesinnt gegol- ten, entgegen, um mit ihm, wie sein Beglaubigungsschrei- ben sagt, „über Dinge und Pläne zu unterhandeln, welche sowohl des Papstes als des Königs Ehre und Nutzen be- treffen.“ Fuͤr Montmorency vom 30 October. Ibid. p. 178. „mit- tentes Gibertum ad regem pro rebus ac consiliis utriusque no- strum honorem et commodum spectantibus.“ Der Gang und das Resultat ihrer Unterhand- lungen ist nicht genau bekannt geworden: so viel aber wis- sen wir, daß es zu einem Tractat kam, in welchem die Voraussetzung vorwaltet, daß der König Mailand behalte. Für diesen Fall verspricht der König, weder Parma noch Piacenza zurückzufordern, das Salz für Mailand aus den päpstlichen Salinen zu ziehen, ein für die apostolische Kam- mer sehr einträgliches Vorrecht, und den Papst gegen seine rebellischen Vasallen, ohne Zweifel Ferrara, zu unter- stützen. Die Artikel dieses Tractats sind nie authentisch publicirt: Als Giberti zurückgekommen, bemerkte man, daß Irrungen zwischen Papst und Kaiser . er nie zum Papst gieng, ohne die unterscheidende Kopfbe- deckung der Franzosen: die Pagen im Pallast trugen sich französisch: man gestattete in Rom Werbungen für Frank- reich zu Gunsten jenes Herzogs von Albanien, der einen Zug nach Neapel unternommen: die Deutschen am Hofe waren überzeugt, der Papst habe dem König auch Neapel und Sicilien verliehen. Ziegler Historia Clementis VII bei Schelhorn Amoenitates II, p. 372. Ziegler war damals am Hofe zugegen. Das ist nun wohl ein Irrthum: an der Herrschaft der Franzosen in Neapel konnte dem Papst nichts gelegen seyn: seine Absicht war ohne Zweifel nur, eine Diversion zu begünstigen, von der sich die Herstellung des Gleichgewichts in Italien erwarten ließ; Fr. Vettori sagt, der Vertrag den Alb. Carpi vermittelt sey nur auf Durchzug gegangen: solo a questo che il Papa la (gente) lasciasse passare, pagando quello aveva bisogno: et il Papa sti- mò certo, che chome questa gente del re si metteva in camino, che gli imperiali si dovessino ritirare verso Napoli, onde segui- rebbe che Francesco diventerebbe Signore di Milano ‒ ‒ ‒ e cia- scuno di loro arebbe cura che l’altro non diventassi maggiore in Italia. allein schon diese Absicht, sein ganzes Betragen, seine unleugbare Abtrünnigkeit im Mo- mente der Gefahr, erweckte die Feindseligkeit der kaiserlichen Feldhauptleute. Mit Verachtung wiesen sie seine Vermit- telungsvorschläge von sich: „wer nicht mit mir ist“ schrieb ihm der Vicekönig, „der ist wider mich.“ Einen päpstli- chen Agenten jagte Frundsberg mit dem Schwerte von sich, und die Besorgniß vor den Wirkungen der päpstlichen Um- doch gab der Papst dem Erzherzog Ferdinand Notiz davon: in die- ser Form hat sie Spalatin aufbehalten: Annales bei Mencken Scriptt. II, 641. 21* Viertes Buch. Erstes Capitel . triebe beschleunigte die Schlacht; dem Papst allein gaben sie Schuld, Contarini: Relatione di Spagna 1525. Al Papa davano principalmente la colpa, che V. Celsitudine fosse andata cosi ri- tenuta con S. M à . daß sich auch die Venezianer so säumig ge- zeigt hatten, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Daher machte die Nachricht von der Niederlage des Königs in Rom einen so peinvollen Eindruck. Frundsberg hat wirklich gerathen, dem Papst auf der Stelle zu Leibe zu gehn. Man fieng im Kirchenstaat Briefe auch von den übrigen Generalen auf, die mit Drohungen erfüllt waren, und unverzüglich besetzten kaiserliche Mannschaften das Ge- biet von Piacenza. Clemens VII verhehlt es nicht, daß er sich nur durch diesen Zwang bewogen gesehen, den Kai- serlichen 100000 Duc. zu zahlen und einen neuen Bund mit ihnen abzuschließen. Instruttione al c l Farnese. Fuͤrsten und Voͤlker IV, Anh. 27. Unglücklicherweise ist auch dieser Vertrag nicht authen- tisch bekannt geworden, aber aus den Staatsschriften die man später wechselte ergiebt sich, daß der Papst in einigen besondern Artikeln dieselben Bedingungen aufstellte, welche ihm der König gewährt hatte: er forderte den Salzverkauf im Mailändischen, die Anerkennung seiner Rechte auf Reggio, so wie Beihülfe zu deren Ausführung. Er zweifelte nicht, daß ihm der Kaiser das gewähren werde. Schon war jedoch das Eine nicht mehr möglich. Erz- herzog Ferdinand, der sich bei dem letzten Unternehmen so viele Verdienste erworben, hatte den günstigen Augenblick be- nutzt, mit Franz Sforza einen Vertrag zu schließen, kraft dessen das Salz für Mailand aus Östreich genommen wer- Irrungen zwischen Papst und Kaiser . den sollte. Rescriptum ad criminationes. Es war der erste feste Vortheil den Östreich aus der Lambardei zog. Auch zu dem Andern aber wollte sich der Kaiser nicht verstehen. Er hatte keine Neigung den Herzog von Fer- rara mit Gewalt anzugreifen. Überdieß kamen hiebei die Lehnrechte des Reiches mit denen des römischen Stuhles in Competenz. Der Kaiser wollte jene schlechterdings nicht aufgeben. Er nahm den Bund übrigens an, aber diese abgesonderten Artikel weigerte er sich zu ratificiren. „Da nun unser Herr sah,“ heißt es in einer spätern päpstlichen Instruction, „daß er betrogen war, daß sein Verhältniß zu dem Kaiser wider Erwarten immer schlim- mer wurde, so gab er der alten Behauptung Gehör, die Absicht des Kaisers sey Italien ganz und gar zu unter- jochen: er beschloß, sich mit Denen zu verbinden, welche eine gemeinschaftliche Sache mit ihm hatten, um sich vor der Gewalt sicher zu stellen die ihm drohte.“ Die angefuͤhrte Instruction p. 27. Wir sehen: die eigentliche Streitfrage liegt in den ober- italienischen Verhältnissen. Der Papst machte Ansprüche auf Finanzerträge in Mailand und eine Erweiterung sei- ner Macht gegen Ferrara, welche der Kaiser nicht zuge- ben wollte. Bemerken wir zugleich das Verfahren Carls V. Durch seine Verträge von 1521 wäre er wohl zu einer Unterneh- mung wie gegen Frankreich so gegen Ferrara verpflichtet gewesen. Seine Verbündeten glaubten auch ihrerseits An- spruch an die Vortheile des Sieges machen zu können. Viertes Buch. Erstes Capitel . Allein ihre Theilnahme war geringfügig, ihre Haltung in den letzten Momenten selbst zweideutig gewesen: der Kaiser glaubte hiedurch aller jener Verpflichtungen überhoben zu seyn. Seinen Waffen allein war der Sieg zu Theil geworden: er wollte auch allein den Vortheil haben: was hätte ihn bewegen können, sich neuen Gefahren auszusetzen, um Ver- bündete so zweifelhafter Art groß zu machen? Das Verhältniß des Papstes war im Grunde nicht an- ders, wie das von England; es bezeichnet den Geist dieser Zeiten, daß der Papst es war, der zuerst den Muth hatte sich der emporkommenden Weltmacht entgegenzustellen. Er besorgte, das Kaiserthum möchte dem römischen Stuhle wie- der zu mächtig werden: die Ideen der Wiederherstellung der italienischen Unabhängigkeit regten sich in ihm, wie in Julius II. Hatten die Päpste doch bisher immer den Im- puls zu den großen politischen Veränderungen gegeben, und ihre Absichten in der Regel durchgeführt. Clemens VII wagte es, sich als den Mittelpunct des Widerstandes gegen Carl V aufzustellen. Da mußte ihm nun vor allem andern daran liegen, eine Aussöhnung zwischen England und Frankreich zu Stande zu bringen. Schon am 8ten März brachte Lodovico Canossa einverstanden mit Giberti Vgl. ein spaͤteres Schreiben Gibertis Lett. di pr. I, 171. die Sache in Frankreich in An- regung. Am 16ten März forderte dieser selbst die päpstli- chen Nuntien in England auf, allen ihren Einfluß bei Hein- rich VIII und Wolsey aufzubieten, um ein gütliches Ab- kommen mit Frankreich zu vermitteln. Lettere di principi 157. Im April kannte Entwuͤrfe der Italiener . man die Unterhandlungen schon in den Niederlanden. Sie konnten wenig Schwierigkeiten haben, zumal da der Kai- ser sich von der Verpflichtung sich mit der Tochter des Königs zu vermählen immer augenscheinlicher zurückzog, Franz I dagegen auf kein Abkommen ohne den guten Rath des Königs von England eingehn zu wollen erklärte. Auftraͤge an Tonstall und Wyngfield bei Herbert 168. Bereits am 14ten Juni zeigte sich Wolsey, wie Giberti sagt, nicht sowohl geneigt zu einer Versöhnung mit Frank- reich, als von Verlangen danach entzündet. In Wolseys eignem Schreiben an seinen Koͤnig ( St. P. nr. 88) werden die Forderungen des Kaisers in Bezug sowohl auf Frank- reich als auf Mailand fuͤr sehr ungemaͤßigt erklaͤrt: seine Antraͤge an England fuͤr „lytel or nothing to your commodite proufit or benefit.“ Die Nun- tien versicherten am 30sten Juni daß alle Zweifel geho- ben seyen. Ein zweiter Moment war, daß man in Italien wie- der eine respectable Stellung annahm. Zu dem Ende suchte der Papst das alte Bündniß mit der Schweiz zu erneuern, um sobald es nöthig sey, auf den ersten Wink 8 bis 10000 M. kommen lassen zu können. Schon hatte er Einver- ständniß mit dem Herzog von Mailand und den Venezia- nern. Die festen Plätze welche jener besaß, das stattliche Heer welches diese im Stand hielten, — von 1000 Lanzen, 500 l. Reitern, 16000 M. z. F. — gaben eine treffliche Grundlage für die Entwürfe mit denen man umgieng. Paruta: Storia Venetiana V, 243. Man bedurfte und wünschte eine Verbindung mit Frank- reich: aber die erste Bedingung des Vertrages sollte seyn, Viertes Buch. Erstes Capitel . daß diese Macht auf alle ihre italienischen Ansprüche Ver- zicht leiste, auf die mailändischen zu Gunsten Sforzas, auf die neapolitanischen zu Gunsten des Papstes. Dann werde auch Italien, denn dieser Name erscheint jetzt wieder, ein stattliches Kriegsheer zur Befreiung Franz I ins Feld stellen. Wirklich erhob man sich in der Umgebung des Pap- stes zu der Hofnung, die Franzosen auf immer entfernt halten, die Spanier wieder verjagen, Italien in einen Zu- stand wiederherstellen zu können, wie er vor dem Jahr 1494 gewesen war. Das Gefühl der Nationalität, das sich schon öfter geregt, und vorzüglich in der literarisch- künstlerischen Cultur, deren man sich bewußt war, seine Nahrung fand, bemächtigte sich der Gemüther. Der Papst war sehr geneigt, sich an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Und in dem zeigte sich schon eine Aussicht, auf das rascheste zum Ziele zu kommen. Gleich nach der Schlacht von Pavia waren Mißver- ständnisse zwischen den kaiserlichen Heerführern ausgebro- chen: Lannoy, der am Tage selbst das Wenigste geleistet, empfieng die meisten Beweise persönlicher Gnade, und nahm sich endlich heraus, den gefangenen König, einem Beschluß der übrigen gradezu entgegen, Schreiben Bourbons 10 Juni, in Raumers Briefen I, p. 244. Uͤbrigens wird in der Refut. apologiae officiell versichert, die Uͤberfahrt sey vorgenommen worden auf des Koͤnigs eignen Vorschlag, „inscio atque inconsulto Caesare.“ auf eigne Hand nach Spa- nien zu führen. Hierüber war Jedermann mißvergnügt. Pescara, der sein Verdienst überhaupt nicht wie er wünschte anerkannt sah, bat um seinen Abschied, um wie er sagte Unterhandlung mit Pescara . in irgend einem Winkel der Erde, „fern von Verdacht und von Krieg“ sein Leben zu beschließen. Sepulveda Hist. VI, 1. Nach Jovius haͤtte er Carpi oder Sora zu erhalten gewuͤnscht, waͤre aber mit leeren Worten hinge- halten worden. Nach Sandoval I, 671 machte man ihm das Recht streitig, sich von dem Koͤnig von Navarra, den er in seine Gewalt gebracht hatte, Loͤsegeld zahlen zu lassen. Auch den Italienern ward dieß bekannt, und es lag in der That nicht ferne, darauf einen Entwurf zu grün- den. Hatte nicht vor Kurzem der erste Ritter und Feld- herr von Frankreich das Beispiel des Abfalls gegeben? War es so unmöglich, Pescara zu einem ähnlichen Schritte zu vermögen? Er war doch auch in Italien geboren und in nächstem Sinn ein Italiener. Welch einen unberechenbaren Erfolg aber mußte es haben, diesen Mann zu gewinnen! Er war der krieggeüb- teste, fähigste Feldhauptmann des Kaisers: in allen Feld- zügen hatte er bisher das Beste gethan: mit dem spanischen Fußvolk machte er was er wollte. Mit dem General hätte man den besten Theil der Armee herübergezogen: der Rest wäre dann leicht zu vernichten gewesen. Und einen herrlichen Preis hatte man ihm anzubieten. Man wollte die Spanier aus Neapel und Sicilien vertrei- ben: unmöglich konnte es der Papst selbst verwalten, ver- theidigen! Man faßte die Idee, den Abfall Pescaras mit dieser Krone zu belohnen. Seine That selbst hätte ihn auf das engste an die italienischen Mächte geknüpft. Mit Ei- nem Schlag wäre die Einheit und Freiheit Italiens er- fochten gewesen. Hieronymus Morone, der vertraute Minister des Viertes Buch. Erstes Capitel . Sforza, der die Wiederherstellung seines Herrn mit so viel Verstand vorbereitet und mit so großer Thätigkeit beför- dert hatte, der auch jetzt die Fäden der Umtriebe in sei- ner Hand vereinigte, faßte sich eines Tages das Herz, dem Marchese die Eröffnung zu machen. Er ließ sich im Vor- aus sein Ehrenwort geben, ewig geheim halten zu wol- len was er ihm sagen werde. Nachdem er dann die po- litische Lage von Europa erörtert, kam er auf die Mög- lichkeit, die sich den Italienern, zu denen auch Pescara ge- höre, darbiete, sich von dem fremden Joch zu befreien: er sprach ihm von dem Zutraun das man zu ihm gefaßt, der That die man von ihm erwarte: er nannte ihm endlich den Preis den man ihm dafür zudenke. Wie weit man gieng, ergiebt sich aus der oft erwaͤhnten Antwort des Kaisers: Cum audivisset marchio nuncium ad id per vestram sanctitatem transmissum, eidem sui parte, ut ait, offerentem sub cujusdam apostolici brevis credentia regni nostri Neapolitani investituram et possessionem ‒ ‒ ‒ ‒ ut inde Sancti- tas Vestra nos etiam ab omni imperiali dignitate deponeret. (Goldast Pol. Imp. 997.) Gar mancherlei widersprechende Bewegungen mag die- ser Antrag in Pescara angeregt haben. Die Aussicht die sich ihm darbot war glänzend, unermeßlich, — er empfand doch wirklich Mißvergnügen über den Hof; — dagegen ent- rüstete ihn die Treulosigkeit der Italiener, sein altspanisches Blut wallte ihm auf; — zugleich leuchtete ihm die Nothwen- digkeit ein, er fühlte den Trieb, der Sache auf den Grund zu kommen. Der verschlagene Kriegsmann, der so manchen Feind im rechten Moment überrascht und sich nie in seinem Leben blosgegeben, nahm sich auch dieß Mal zusammen. „Es ist etwas Großes,“ entgegnete er Morone’n, „was ihr mir da Unterhandlung mit Pescara . sagt: nicht minder groß ist, daß ihr es mir sagt.“ Er gab zu, daß er Ursache zum Mißvergnügen habe: „aber keine Unzufriedenheit der Welt,“ fuhr er fort, „könnte mich ver- mögen, wider die Gesetze der Ehre zu handeln. Sollte ich mich vom Kaiser lossagen, so müßte es auf eine solche Weise geschehen, daß der beste Ritter sich nicht besser zu betragen vermöchte. Ich thäte es nur, um dem Kaiser zu beweisen, daß an mir mehr gelegen ist als an gewissen Leuten die er mir vorzieht.“ Eigne Erzaͤhlung Pescaras in einem Schreiben vom 30sten Juli 1525 in Hormayrs Archiv Jahrg. 1810 p. 29, 30. Ausdrücke in denen Mo- rone eine nur wenig verhüllte, gar nicht zu bezwei- felnde Hinneigung zu erkennen glaubte. Zusammentreffend mit den günstigen Nachrichten von Frankreich und Eng- land beflügelte diese Meinung alle Entwürfe. „Ich sehe die Welt sich umwandeln,“ ruft Giberti aus, „Italien wird aus dem tiefsten Elend zum höchsten Glück aufsteigen.“ Lettera a Ghinucci. Lettere di principi I, 170. Wie konnte doch Giovio ( Vita Piscar. p. 408) behaupten, Giberti habe den Papst gegen diese Dinge gewarnt. Man ließ Schriften ausarbeiten, um die Scrupel Pesca- ras vollends zu heben: Couriere brachen auf, um den ver- bündeten Höfen Mittheilungen zu machen. Man wollte un- verzüglich an das Werk gehn. War aber die Sache wohl auch wirklich dazu ange- than, um zum Ziele zu führen? Die Unabhängigkeit einer Nation ist ein so großes Gut, daß sie, wenn sie jemals verloren worden, nur durch eine allgemeine Anstrengung aller Kräfte des innern und des äußern Lebens wieder errungen werden kann. Hier Viertes Buch. Erstes Capitel . war ein Bedürfniß dafür nur erst in den literarischen Krei- sen erwacht: die Masse der Nation war davon noch nicht ergriffen: ein militärisches Selbstgefühl welches beleidigt ge- wesen wäre, hatte sie nicht: vom verletzten Rechte war eben so wenig die Rede: das Recht des Kaisers war ur- alt und unbestreitbar. Daher zählten auch die Führer nicht auf die eigentliche Nation. Sie dachten sich vor allem der günstigen Lage der Umstände, fremder Kräfte, des unerwarteten Abfalls zn bedienen: eine glückliche Combina- tion der Politik sollte alles ausrichten. Gar bald aber zeigte sich dieß zweifelhaft. Von den Franzosen bemerkte Giberti schon im Sep- tember 1525, Al Vescovo di Bajusa 4 Stt. Ibid. ihre Absicht sey wohl nur, sich der Verbin- dung mit Italien zu bedienen, um eine günstige Abkunft mit dem Kaiser zu treffen. Indem man ferner auf den Abfall des kaiserlichen Heerführers zählte, vernahm man daß im Mailändischen an den Festungen gearbeitet werde: ein nach Frankreich ab- gefertigter Courier verschwand in diesem Gebiete: ja vom spanischen Hofe trafen Erklärungen ein, welche eine Andeu- tung der Sache durchblicken ließen. Man wußte nicht, was man denken sollte. War Morone ein Verräther? Aber welchen Vortheil konnte er sich versprechen, der den Haß aufgewogen hätte, den er von Italien erwarten mußte? Oder spielte Pescara eine doppelte Rolle? „Ich kann es nicht glauben,“ sagt Giberti. „Was er für den Kaiser ge- than könnte man ihm mit keinem Königreich vergelten: sollte er sich die Gnade desselben bei dieser Gelegenheit wieder er- Pescara . betteln wollen? es wäre eine Sünde, zu denken, daß in einer so edlen Seele ein so niedriger Gedanke Platz fin- den könnte.“ An Domenico Sauli. Ib. p. 174. Dennoch war eben dieß der Fall. Pescara war in Italien geboren, aber er hatte die Seele eines Spaniers. Alle seine Vorältern hatten dafür gelebt, die aragonesisch-spanische Herrschaft in Italien zu begründen. Sein Urgroßvater, Ruy Lopez de Avalos hatte sich an Alfons V angeschlossen: dessen Sohn, Inigo war der Vertraute dieses Königs gewesen: dessen Sohn, Alonso war bei dem Angriff der Franzosen durch die Hand eines Mauren umgekommen; Zurita Anales de Aragon V, 58 b. auf der Fortsetzung dieser Bestre- bungen beruhte das Daseyn auch unsres Pescara. Er lebte und webte in der Anführung der spanischen Fußvöl- ker, die ihm anvertraut war: er kannte seine Leute alle bei Namen: er nahm ihnen nichts übel, selbst nicht die verbotene Plünderung, und schonte sie, so lange es irgend möglich: genug wenn sie nur in der entscheidenden Stunde tapfer aushielten, wie sie das thaten: er fühlte sich glück- lich und ruhmvoll, wenn er vor ihnen herschritt, mit brei- ten Schuhen, wie die Deutschen, weithinwehenden Federn auf dem Hut, das bloße Schwerd mit beiden Händen vor sich hin haltend. Die Italiener dagegen haßte er: er hielt sie für feig und unzuverläßig: es kam wohl vor, daß er bei der Eroberung einer Stadt alle italienischen Soldaten niedermachen ließ. Warum, fragte man ihn, da es doch seine Landsleute seyen. Eben darum, antwortete er, weil Viertes Buch. Erstes Capitel . sie es sind und dem Feinde dienen. Wie er in der Krieg- führung eine angeborne Kühnheit durch bedächtige Vor- sicht in Zaum hielt, so war er ehrgeizig, trotzig, hochfah- rend, aber innerhalb der Schranken der Loyalität. Mehr als man glaubt, nährt sich die Seele von Idealen. Ideen, wie sie in Italien aus dem Studium des classischen Al- terthums hervorgiengen, waren ihm völlig fremd; die Vor- stellungen persönlicher Hingebung und Treue dagegen, welche dem Feudalstaat zu Grunde liegen, und von denen man sich in Italien zuerst losgerissen hatte, beherrschten seine Ge- danken, sein Gemüth. Im Umgang mit den Helden der spanischen Romantik war er aufgewachsen: er mochte sich vorkommen wie der Cid, der von seinem König beleidigt und verwiesen, ihm doch unaufhörlich treu bleibt, ohne seine stolze Haltung darum einen Augenblick einzubüßen. Dem italienischen Wesen, dem sein Nationalgefühl aus der classischen Bildung entsprang, das aber zugleich die politi- sche Moral der Zeiten des Mittelalters aufgegeben hatte, trat hier das Bewußtseyn des Ritterthums und der feu- dalen Ehre entgegen: — gewiß sie erhob sich noch einmal, aber dabei verrieth sie zugleich daß sie von der Welt des Macchiavell berührt worden. Eine so hohe sittliche Bildung hatte Pescara nicht, um dem Antrag der ihm geschah, mit dem Widerwillen zu begegnen den derselbe ver- diente. Er dachte wohl indem er ihn vernahm, Morone sey werth, zum Fenster hinausgeworfen zu werden; aber er besann sich sogleich, daß man den Plan vollständig kennen lernen müsse, um ihn zu vereiteln. Indem er nun das Verständniß unterhielt, theilte er doch die Sache gleich am Besitznahme von Mailand . ersten Tage dem kaiserlichen Commissar und seinen beiden Mitbefehlshabern, Bourbon und Leiva mit; unverweilt schrieb er nach Insbruck um Hülfe und sendete einen Cou- rier mit der Nachricht nach Spanien. Während sich Gi- berti in seinem Traume von den Gärten der neuen Freiheit wiegte, war er schon verrathen. Im September gab der Kaiser dem Marchese Voll- macht, in dem vorliegenden Fall zu verfahren wie er für nothwendig halte. Pescara an Erzherzog Ferdinand 4 Oct. bei Bucholtz III, 11. Da war nun nichts unumgänglicher nothwendig, als in Mailand selbst festen Fuß zu fassen, und von allen Rechten des Sforza zu abstrahiren. Die kaiserlichen Ge- nerale meinten, ohne das Verständniß des Marchese wür- den sie sämmtlich verloren gewesen seyn. Schreiben Leivas bei Hormayr a. a. O. 29, 30. Zuerst ward Morone festgenommen: es geschah am 14ten October 1525, als er Pescara’n einen vertraulichen Besuch gemacht, bei dem Leiva hinter einer Tapete ver- steckt ihr Gespräch vernommen, und darauf nach Hause gehn wollte. Doch bat Pescara den Kaiser, ihm die Freiheit dieses Mannes zu schenken, der noch sehr nützlich werden könne, wenn man sich seiner einmal bedienen wolle. Hierauf forderte Pescara den Herzog auf, die festen Plätze des Herzogthums den kaiserlichen Truppen zu über- antworten: denn das mache der Dienst des Kaisers noth- wendig. Der Herzog, seines Ministers beraubt, seiner Schuld sich bewußt, wagte es nicht abzuschlagen, zumal da man ihm die festesten, Mailand und Cremona noch ließ. Viertes Buch. Erstes Capitel . Allein nur so lange schwieg man von diesen, bis die ersteren eingenommen waren: wie es so weit war, forderte Pescara auch die Castelle von Cremona und Mailand. Der Herzog machte Einwendungen. Pescara erwiederte, er wisse aus den Briefen des herzoglichen Bevollmächtig- ten in Rom, Domenico Sauli, daß S. Excellenz dort ihre Person und ihren Staat zum Zweck der Befreiung Ita- liens von kaiserlichem Kriegsvolk angetragen: und bestand darauf, daß wenigstens von den Befehlshabern der Castelle dem Kaiser der Eid der Treue geleistet werde. Pescara an Ferdinand 4 Nov. Bucholtz III, 14. Da Sforza nicht nachgab, trug Pescara kein Bedenken Gewalt zu brau- chen. Er nahm Cremona in Besitz und gegen das Castell von Mailand schritt er zur Belagerung. Dreitausend Deut- sche waren dabei beschäftigt. Custode Fortsetzung Verri’s aus den einheimischen Chroni- sten p. 29. Zugleich eröffnete er einen Proceß wegen Felonie gegen den Herzog. Dem Kaiser ließ er wissen, Gott und die Welt und die gesunde Ver- nunft verlange daß er Mailand jetzt für sich behalte. Der Kaiser war entschlossen, dem Processe seinen Fortgang zu lassen, und nach dem richterlichen Spruch, der freilich nicht zweifelhaft seyn konnte, zu verfahren. Sandoval I, 668 versichert, er habe die Instrumente der Belehnung gesehen, die schon fuͤr Bourbon ausgefertigt waren: ja dieser habe die Lehen in aller Form empfangen. Dahin führte dieser erste Versuch der Italiener, sich von dem fremden Kriegsvolk zu befreien. So wie sie da- bei vor allem auf den Abfall Pescaras gerechnet, so schei- terte Friedensunterhandlungen . terte ihr Unternehmen an der Treue, mit der dieser an dem Kaiser hielt. Jetzt konnte der Kaiser wirklich daran den- ken, Mailand zu eignen Handen zu behalten. Doch war die Sache noch nicht entschieden. Der allgemeine Widerwille der sich jetzt dem kaiserlichen Kriegs- heer, das auf Kosten der Einwohner lebte, auch in der Lombardei entgegensetzte, die Hartnäckigkeit mit der sich das Castell von Mailand vertheidigte, gaben noch Hof- nung, was mit List nicht gelungen mit offener Gewalt zu erreichen. Es kam hinzu, daß der General den man am meisten fürchtete und nunmehr mit gutem Grunde am hef- tigsten haßte, Pescara eben damals starb. Vor allem aber: die große Streitfrage zwischen dem Kaiser und dem König von Frankreich ward in Spanien auf eine Weise behan- delt, daß sich eine neue allgemeine Bewegung mit Bestimmt- heit voraussehen ließ. Offenbar schlug der Kaiser, wiewohl er auf die engli- schen Pläne nicht eingieng, doch auch den Vortheil der ihm selber aus der Gefangenschaft des Königs erwachsen konnte, zu hoch an. Ich will nicht davon reden, daß er sich großmüthiger hätte betragen sollen: obwohl ich dafür halte, daß es ganz wahr ist: diese Eigenschaft, seinen Fein- den durch eine freie und herzliche Bewegung der Seele verzeihen zu können, lag überhaupt nicht in seiner Natur; allein überdem läßt sich wohl sagen, daß er die Sache auch nicht richtig ansah. Mailand und Genua hatte er er- obert, und die Gefangenschaft des Königs konnte er viel- leicht benutzen, um ihn zur Verzichtleistung auf seine ita- lienischen Ansprüche zu vermögen. Dem Königreich Frank- Ranke d. Gesch. II. 22 Viertes Buch. Erstes Capitel . reich selbst jedoch hatte er keinerlei Vortheil abgewonnen: sein Anfall war vollkommen zurückgeschlagen worden. Den- noch forderte er hartnäckig und gebieterisch die Herausgabe von Burgund. Weder die Krankheit, in welche der Kö- nig aus Mißmuth verfiel, noch die Unterhandlung seiner Schwester, die deshalb nach Spanien gereist war, noch die Deductionen seiner Räthe, machten auf Carl den min- desten Eindruck. Aus der Refutatio apologiae p. 877 sehen wir, daß es den Kaiser verdroß, daß die Herzogin von Alen ç on eine Ruͤcksicht auf die Machinationen in Italien, nicht einmal alle das zugestehn wollte, wozu der Koͤnig sich fruͤher selbst erboten: hauptsaͤchlich, daß sie ihm zur Flucht behuͤlflich seyn wollte. Auf keine Entschädigung wollte er sich einlassen, er forderte das Stammgut zurück, wovon er Na- men und Wappen trage. Dazu aber war doch sein Sieg lange nicht vollständig genug. Das Prinzip der Einheit und Nationalität, das sich in Frankreich mächtig und mäch- tiger erhob, hatte sich selbst bei dem Abfall des Conneta- bel unverletzt erhalten: von dem Verlust in Italien ward es wenig berührt. So sehr die Mutter des Königs die Rückkunft ihres Sohnes wünschte, so sagte sie doch, es sey besser, er bleibe ewig in Gefangenschaft, als daß das Reich zerstückelt werde. Ein reiner Begriff von Sittlichkeit und Würde hätte nun wohl auch den König veranlassen sollen, lieber seine Gefangenschaft zu erdulden, als auf Bedingungen ein- zugehn, welche er im Voraus entschlossen war nicht zu halten. Allein das hieß zu viel von ihm fordern: er fand seinen Zustand unerträglich und wollte um jeden Preis frei seyn. Endlich am 14ten Januar unterzeichnete er die ihm Friede zu Madrid 1526. von dem Kaiser vorgelegten Bedingungen: er versprach auf alle seine italienischen Ansprüche, auf die Oberherrlichkeit über Flandern und Artois, auf seine Verbindungen mit den Gegnern des Kaisers in Deutschland, Wirtenberg, Gel- dern, Robert von der Mark Verzicht zu leisten, er willigte ein Burgund herauszugeben: er wies die Idee, als werde damit aller Hader am Ende seyn, nicht von sich, und ver- lobte sich mit der Schwester des Kaisers, verwitweten Kö- nigin von Portugal; — aber an demselben Tage, in der- selben Stunde, einen Moment vorher, hatte er insgeheim eine Protestation unterzeichnet, in der er erklärte, daß er den Vertrag nur durch Gewalt gezwungen annehme, daß alles was darin bedungen werde, null und nichtig sey und bleibe, daß er nichts desto minder alle Rechte seiner Krone zu behaupten gedenke. Vertrag und Protestation bei Du Mont IV, i , 399. 412. Seine Religionsbegriffe ließen zu, daß er hierauf doch bei einem feierlichen Hochamt, die Hand auf das Evan- gelium, den Eidschwur leistete, den Vertrag nicht brechen zu wollen keinen Tag seines Lebens. Auf der einen Seite ließ er nun dem päpstlichen Le- gaten wissen, daß er den Vertrag nicht halten werde: Giberti an den Bischof von Bajusa Lettere di principi II, f. 31 b. schon dort in Spanien trug er selbst der König auf eine Verbindung mit den italienischen Mächten an: zugleich aber gieng er nach Illescas um seine Verlobung mit der Schwester des Kaisers zu feiern, die auf der Voraussetzung der Ausführung des Tractates beruhte. 22* Viertes Buch. Erstes Capitel . Der Kaiser und der König sahen sich hierauf öfter, ritten mit einander über Feld, ließen sich in Einer Sänfte tragen, und nannten sich Brüder. Als sie sich von ein- ander trennten, bei einem aufgerichteten Crucifix in der Nähe von Illescas, wo die Wege nach Toledo und Madrid sich scheiden, sagte der Kaiser: „Bruder, denkt daran was wir einander zugesagt.“ Der König antwortete: „ich wollte die Artikel hersagen, ohne in einem Wort zu fehlen.“ „Sagt mir die Wahrheit,“ fuhr Carl fort, „seyd ihr Wil- lens sie zu halten?“ Franz versetzte: „nichts in meinem Reiche soll mich daran hindern.“ Der Kaiser sagte hier- auf: „Eins bitte ich Euch: wollt ihr mich in etwas hin- tergehen, so betreffe es nicht meine Schwester eure Braut, denn diese,“ setzte er hinzu, „würde sich nicht rächen können.“ Erzaͤhlung bei Sandoval I, 717. Man sieht welche Ungewitter hinter dieser Vertraulich- keit schlummerten. Auf einer Barke auf der Bidassoa wurde hierauf Kö- nig Franz gegen seine beiden Söhne, den Dauphin und den nachmaligen König Heinrich II , die als Geiseln sei- ner Zusage dienen sollten, ausgewechselt. „Sire,“ sagte Lannoy, „jetzt ist Eure Hoheit frey: erfülle sie nun auch was sie versprochen.“ „Es wird alles erfüllt werden,“ sagte der König, und sprang in die französische Barke. Jetzt war er wieder bei den Seinen und sah sich von der Ver- ehrung empfangen, die er so lang entbehrt; jetzt kam er wieder zu dem vollständigen Gefühle seines Selbst; er stieg, als er an das Land trat, auf ein bereitstehendes türkisches Ligue zu Cognac . Pferd; er rief aus: ich bin der König der König, und jagte davon. Relation bei Sandoval I, 738. Diesen Moment hatten nun die Italiener erwartet. Als man dem Papst die Bedingungen des Madrider Friedens nannte, hatte er erklärt, er billige sie, vorausge- setzt daß der König sie nicht beobachte: der einzige Un- terschied werde dann seyn, daß der Kaiser statt des Kö- nigs dessen Söhne in Gewahrsam habe: was ihm wenig helfen könne. Der Bischof von Worcester an Wolsey 12 Jan. 7 Febr. bei Raumer I, 247. Jetzt sprach er den König von seinem Eide frei: Sandoval I, 746: Embiò el Papa al rey de Francia re- laxacion del juramento que avia hecho; — wir haben bei Rainal- dus eine aͤhnliche Entbindung von einem Eide vom 3ten Juli 1526. XX, 460. er ließ ihm in Gemeinschaft mit den Venezia- nern vorstellen, welch ein treffliches Heer schon im Felde stehe, wie es gar nicht so schwer fallen werde, bessere Be- dingungen zu erzwingen: — wenn er nur entschlossen sey, zur Erledigung seiner Söhne und zur Befreiung Italiens die Waffen zu ergreifen, so würden auch sie Männer seyn, und sich nicht der Willkühr des Kaisers überlassen. Einen Augenblick zögerte der König noch, diesen Bund einzugehn. Er ließ die Notabeln von Burgund zusammen- rufen, und auf ihre Erklärung, dem König von Frankreich stehe kraft der alten Verträge der Provinz mit der Krone gar nicht das Recht zu, sie abzutreten, Der Kaiser gab nicht viel auf diese Erklaͤrung: Apologiae dissuasoriae refutatio p. 884. Satis plane constat, e os duntaxat vocatos quos rex ipse antea stipendiarios et juratos habebat. sich stützend machte Viertes Buch. Erstes Capitel . er dem Kaiser aufs neue den Vorschlag, sich mit einer Summe Geldes zu begnügen. Er mochte glauben, die Gäh- rung in Italien werde ihn vermögen darauf einzugehn. Offizielle Angabe in der oratio ad proceres Germaniae in con- ventu Ratisbon. 1527 bei Goldast Polit. imp. p. 902. Conditionem ultro sibi delatam tantisper accipere sustinuit, dum legatis rur- sus missis ultimum experiretur. Vergegenwärtigen wir uns aber die Lage des Kaisers. An seinem Hofe, bei seinen ergebensten Dienern hatte der Tractat vielen Widerspruch gefunden, nicht sowohl weil die Forderung zu weit gehe, als weil die Sicherheit zu ge- ring sey: man meinte, es seyen Bedingungen, für Kna- ben beim Spiele gut, aber nicht weiter; er hatte dennoch abgeschlossen, eine geheime Besorgniß, die sich auch in ihm regte, unterdrückt; — er hatte bereits einen Gouverneur von Burgund ernannt, der auf dem Wege dahin war; seine Schwester wartete in Vittoria auf die Vollziehung des Ver- trags um sogleich als Königin in Frankreich einzuziehn; — da erhielt er nun diesen Antrag, denselben, den er schon früher von sich gewiesen: er sah daß man ihn durch die Furcht vor den italienischen Feindseligkeiten nun doch zu zwingen gedachte: das Bewußtseyn die Sache nicht ganz gut geführt zu haben, der Verdruß betrogen zu seyn, das beleidigte Gefühl ritterlicher Ehre, der Stolz der Macht erhoben sich zugleich in ihm. Er antwortete dem König, wenn er gehindert werde die Bedingungen seiner Befreiung zu erfüllen, so möge er in die Gefangenschaft zurückkehren, wo man dann eine andre Übereinkunft treffen wolle. So erzaͤhlt Carl selbst in der angefuͤhrten Refutation. Früher war das wohl ein und das andre Mal ge- schehen: jetzt waren solche Zeiten vorüber. Ligue zu Cognac . Der König trug kein Bedenken, seinen Bund mit den Italienern am 22sten Mai 1526 zu Cognac abzuschließen. Der Kaiser sollte die französischen Prinzen gegen ein Löse- geld herausgeben, Mailand an Franz Sforza überlassen, die italienischen Staaten überhaupt in den Zustand her- stellen in welchem sie vor Ausbruch der Feindseligkeiten gewesen: ja er sollte den Zug zu seiner Kaiserkrönung nur mit so viel Truppen unternehmen dürfen als der Papst und Venedig gestatten würden: man wollte ihn wieder be- handeln wie einst Maximilian. Man beschloß ihm diese Bedingungen vorzulegen, mit einem gewaltigen Heere ge- rüstet: und weigere er sich sie anzunehmen, — woran kein Zweifel seyn konnte, — ihn auch aus Neapel zu vertreiben, worüber alsdann der Papst zu verfügen sich vorbehielt. Traité de conféderation, appellé la sainte ligue bei Du- mont IV, i , 451. Es war ein Bund des ganzen westlichen Europa ge- gen die Folgen der Schlacht von Pavia, gegen die Über- macht die Absichten und das Glück des Hauses Burgund. Auch in England war man damit einverstanden. König und Cardinal forderten Franz den I auf, Verpflichtungen nicht zu erfüllen, die ihn zu einem Knecht von Spanien machen würden: Auszug der Instruction fuͤr Cheney bei Fiddes 380. sie thaten alles dafür die Ligue zu be- fördern, „that the leegge shold be, by all meanys possibyll, sett forwardys.“ Clerk an Wolsey 31 Mai St. P. p. 164. In einem Schreiben vom 9ten Oct. p. 180 schreibt Wolsey dem Koͤnig die Ligue ganz eigentlich zu: „Your Higness, by whois counsaile this liege had been begon.“ obwohl Heinrich VIII es nicht für rathsam hielt, selber einzutreten. In der Umgebung des Papstes erwachten die Ideen Viertes Buch. Erstes Capitel . die man vor dem Jahre gehegt, mit verdoppelter Stärke. Es galt jetzt nicht mehr einen Kampf der beiden Fürsten um die Oberherrschaft in Italien: König Franz wollte sich mit Asti und der Lehnsherrlichkeit über Genua begnügen: man hoffte wirklich Italien in den Zustand herzustellen, in welchem es vor 1494 gewesen war. Die Venezianer zeigten sich dafür so begeistert, wie man es in Rom war: ihr Gesandter Franz Foscari rühmt sich, er sey es, der den Papst bei seinem Entschlusse festgehalten habe: sie ver- sprachen Wunder zu thun. Über die Florentiner dispo- nirte der Papst ohnehin: auch von Piemont hörte man, der Herzog wünsche sich der kaiserlichen Übermacht zu ent- ledigen. Auf die Hülfe der Franzosen glaubte man mit Bestimmtheit zählen zu können, da der König selbst ein so großes Interesse an dem Kriege hatte; man rechnete mehr als je auf die Schweizer, weil der französische und der päpstliche Einfluß auf den Tagsatzungen zusammenwirken werde; man hoffte, der König von England werde die Pro- tection des Bundes übernehmen, die man ihm antrug, oder sich doch wenigstens zu Geldzahlungen verstehn. Sollte das kaiserliche Heer so vielen Kräften zu widerstehen ver- mögen? Noch immer hielt sich Franz Sforza in dem Ca- stell von Mailand: in dem Volke bereitete sich alles zum Aufruhr: man meinte den Kern der kaiserlichen Truppen hier zur Stelle vernichten zu können. Giberti an Don Michele de Silva 1 Juli. Lre di pn̅pi I, 230. Vgl. Provisioni per la guerra che disegnò Pp. Clemente VII contra l’imperatore. Inform. Politt. Tom. XII, nr. 46. Es ergiebt sich daraus, daß man zugleich gegen Mailand, Genua, Neapel und auch Siena, wo die kaiserliche Partei im Vortheil war, zu agiren Alle Briefe des Ligue zu Cognac . Datario Giberti, der sich nun endlich in einer Stellung sah wie er sie immer gewünscht hatte, athmen die Ent- schlossenheit die ein großartiges Unternehmen einflößt. Im Juni 1526 ließ der Kaiser dem Papst noch einmal die glimpflichsten Bedingungen vorschlagen: Sanga an Gambara 19 Juni. Ibid. 210. Clemens VII wies sie, weil er bereits gebunden sey, völlig von der Hand. Noch einmal brach der offene Krieg zwischen den bei- den höchsten Gewalten aus. Dießmal aber, in der Lage der Dinge, in welcher die Weltentwickelung nunmehr angekommen, sollte sich zeigen, daß dem Kaiser noch andre Waffen zu Gebote standen als bisher. Er entschloß sich sie zu brauchen. gedachte: in Siena mit Huͤlfe der Ausgewanderten: in Neapel mit Huͤlfe der Orsini: keine Zusammenkuͤnfte der Spanier in der Stadt, keine Correspondenz mit Spanien wollte man dulden. Den Antrag des Herzogs von Savoyen solle man annehmen, damit die Sache um so mehr als eine allgemein italienische erscheine. Zweites Capitel . Reichstag zu Speier im Jahr 1526. Schon an und für sich mußten die italienischen Er- eignisse eine nicht geringe Rückwirkung auf Deutschland ausüben. Der Angriff auf den Kaiser war zugleich ein Angriff auf die Rechte des Reiches, und sehr wohl hob Carl her- vor, wie in dem Tractat von Cognac des Reiches gar nicht mehr gedacht, wie es gleichsam als aller seiner Rechte schon verlustig gegangen betrachtet werde. Alle die Jahre daher waren es die deutschen Streitkräfte gewesen, welche seine Siege in Italien entschieden hatten. In dem gefähr- licher als jemals ausbrechenden Kriege war er nochmals auf sie angewiesen. Es konnte der Nation nicht gleich- gültig seyn, ob das Reich in Italien wieder etwas zu be- deuten haben würde oder nicht. So wichtig das aber auch ist, so war es doch im Grunde nur die minder bedeutende Seite. Das Leben der Nation bewegte sich ohne Vergleich mehr in den geistlichen Angelegenheiten, in den großen Fragen Herzog Heinrich in Spanien . welche die geistige Zukunft der Welt in sich enthielten. Wir wissen, welch mächtigen Einfluß die politischen Ver- hältnisse vom ersten Anfang an bei dem Kaiser auf deren Behandlung ausgeübt hatten: das Edict von Worms, die Zurücknahme der Versammlung zu Speier waren eine Frucht seiner Verbindung mit dem Papst gewesen: dem zu Liebe hatte er eine so strenge altkirchliche Haltung angenommen: es mußte sich zeigen ob er dieselbe nun auch jetzt be- haupten würde. Im Frühjahr 1526 ließ sich noch alles so an, als würde er um kein Haarbeit davon abweichen. Heinrich von Braunschweig, der damals in Spanien angelangt war, brachte Erklärungen des Kaisers aus, die so entschieden lau- teten wie jemals. In der That war er in einem Momente eigetroffen der für die Anträge welche er in seinem und seiner Freunde Namen machte, nicht günstiger hätte seyn können. Der Friede von Madrid war geschlossen, und man war am Hofe überzeugt, daß die große französische Strei- tigkeit damit auf immer abgethan sey. „Nach dem langen Truͤbsal und Krieg,“ schreibt Heinrich von Nassau vom spanischen Hofe an seinen Bruder in Dillenburg, „hat uns Gott den heiligen Frieden wiedergegeben.“ Tholeden 22 Jan. bei Arnoldi p. 203. Schon faßte man auf diesen Grund Absichten nach der deutschen Seite hin. Sehen wir den Frieden näher an, so enthält er nicht al- lein eine Ausgleichung der politischen und persönlichen Streitigkeiten, sondern zugleich eine Verabredung zu einer gemeinschaftlichen Unternehmung wie gegen die Türken, so auch „gegen die Ketzer, die sich vom Schooße der heiligen Viertes Buch. Zweites Capitel . Kirche losgerissen:“ die beiden paciscirenden Fürsten for- dern den Papst bereits auf, durch kirchliche Zugeständnisse dazu mitzuwirken. pour dresser tous les moyens convenables pour les di- tes emprises et expeditions tant contre les dits Turcs et infide- les que contre les dits heretiques aliénés du greme de la sainte eglise. art. 26. Der Willkühr des Kaisers ward es anheimgestellt, mit welcher Unternehmung er den Anfang machen, wann er dazu schreiten wolle. Es war das eigne freiwillige Anerbieten des König Franz, wenn der Kaiser gegen die Ungläubigen oder gegen die Lutheraner Krieg führen wolle, die Hälfte der Kosten zu tragen, und persön- lich mitzugehn. Apologiae dissuasoriae refutatio bei Goldast Pol. Imp. 884. Quod inquit (autor apologiae), quocumque proficisceretur Caesar, illuc etiam maxima cum militum manu regi eundum erat (franzoͤsischer Seits nahm man daher ein Motiv der Verweigerung, den Tractat auszufuͤhren), hic profecto se proprio gladio percutit, quum potissime rex ipse id obtulerit, ut si Caesari adversus hostes fidei eundum esset aut in Lutheranos movendum, is di- midium impensae sustineret, et si Caesari gratum esset, cum eo personaliter adesset, quam oblationem Caesar pro Christianae religionis augmento respuendam non censuit. In den Tagen nun, in welchen man am kaiserlichen Hof noch an die Vollziehung dieses Tractates glaubte, der König in sein Reich zurückkehrte, Leonora sich in Vittoria bereitete ihm nachzureisen, Oranien, Burgund in Besitz zu nehmen, — in Sevilla, wo der Kaiser so eben unter al- lem Apparat kirchlicher Pracht sich mit der portugiesischen Prinzessin vermählt hatte, ein päpstlicher Legat fungirte bei der feierlichen Cerimonie, — ward auch über die Anträge des Herzog Heinrich am Hofe berathschlagt. Sie waren Kaiserliche Instructionen . höchst willkommen: er bekam den günstigsten Bescheid. Der Kaiser erließ am 23sten März 1526 Am 16ten Maͤrz hatte die Auswechselung des Koͤnig Franz Statt gefunden. Am 23sten konnten etwa die ersten Briefe ange- langt seyn, in denen Franz noch immer versprach den Tractat zu halten. Selbst in Cognac sagte Franz I dem Vicekoͤnig Lannoy noch, der Widerspruch der Burgunder solle nichts zu bedeuten ha- ben. Refutatio apologiae. eine Mahnung an einige Fürsten und Herrn im Reich, bei dem alten Glau- ben zu beharren, und auch bei ihren Nachbarn dahin zu wirken, damit es einmal möglich werde, die ketzerische Lehre, welche die Ursache aller Unruhen sey, wieder zu vertilgen. Er belobt darin das antilutherische Bündniß, das zwischen Herzog Heinrich, Herzog Georg, Churfürst Albrecht und ei- nigen andern Fürsten geschlossen worden. Er kündigt an, in kurzem nach Rom gehn, und dann alle Anstalten tref- fen zu wollen, um die Ketzerei gründlich auszurotten. An die Grafen von Nassau und Königstein, den Bischof von Strasburg, Herzog Erich von Calenberg gelangten Mah- nungen dieser Art. Die ersten sollten mit den Grafen am Rhein, im Westerwald und in dem Niederland, der zweite mit den oberdeutschen, der dritte mit den niederdeutschen Fürsten unterhandeln. Im Weim. Archiv. Vgl. Rommel Urkundenband p. 13. Wir sehen: der Kaiser gieng voll- kommen auf die Ideen der altgläubigen Partei in Deutsch- land ein: auch nahm man, so wie Herzog Heinrich an- langte, ungewohnten Muth bei derselben wahr. Herzog Georg soll gesagt haben, wenn er wolle, könne er Chur- fürst von Sachsen werden. Vgl. Rommel Ind. p. 22. Aus Herzog Georgs Antwort geht hervor, daß er die Klage so auslegt, als haͤtte er gesagt, die Sein Canzler ließ sich eines Viertes Buch. Zweites Capitel . Tages in Torgau vernehmen, die lutherische Sache werde nicht lange Bestand haben: man möge wohl zusehn was man thue. Nothwendig aber veranlaßte das nun auch die ent- gegengesetzte Partei, alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, wie sie denn dazu schon einige Fürsorge getroffen. Jener Bund der am Ende des vorigen Jahres besprochen wor- den, war nunmehr wirklich zu Stande gekommen. Man nennt ihn gewöhnlich den Torgauer Bund; in Torgau hat man ihn aber nur von sächsischer Seite rati- ficirt: geschlossen ward er gegen Ende Februar 1526 zu Gotha. Hier kamen nach der in Augsburg genommenen Ab- rede der beiderseitigen Gesandten der Churfürst von Sach- sen und der Landgraf von Hessen persönlich zusammen, und vereinigten sich, einander mit allen ihren Kräften beizustehn, im Falle sie wegen des göttlichen Wortes oder der Ab- schaffung der Mißbräuche angegriffen würden. Dem er- sten Entwurf zufolge sollte die Einung nur so lange dauern, „bis auf nächstem Reichstag eine christliche Gleichmäßig- keit angenommen werde:“ diese Bestimmung mochte aber denn doch zu beschränkend scheinen und man ließ sie weg. Dagegen setzte man hinzu, man werde einander die nö- thige Hülfe leisten, „auf eigne Kosten und Schaden.“ Da die regierenden Fürsten persönlich verhandelten, so ist kein Protocoll über ihre Conferenzen aufgenommen worden; aber Raͤthe koͤnnten wenn sie wollten Churfuͤrsten von Sachsen seyn, d. i. das Churfuͤrstenthum verwesen. Es scheint fast, als suche er nur auszuweichen. Bund zu Gotha . so viel sehen wir, daß man sich im Gange der Verhand- lung immer enger an einander schloß. Die Urkunden im Weim. A. Die Ratification zu Torgau geschah 4ten Maͤrz. Vgl. Hortleder I, viii , 1. Mit einer Verbindung zwei einzelner Fürsten, wie- wohl sie zu den mächtigsten gehörten, war jedoch noch we- nig geschehen: man beschloß zugleich, wie das schon frü- her die Absicht gewesen war, so viel als möglich andre Reichsstände dazu zu ziehen. Von den beiden Fürsten gieng ein Jeder die zunächst mit ihm Befreundeten und alten Ver- bündeten deshalb an, Philipp die oberländischen, Churfürst Johann die niederdeutschen. Sie hatten aber hiebei sehr verschiednen Erfolg. In den Oberlanden war die Stimmung einem eigent- lichen Bündniß noch nicht günstig. Auf dem letzten Reichs- tag hatten die Nürnberger sich geneigt gezeigt; in Gotha jedoch erklärten sie, „noch zur Zeit auf Kais. Maj. und den nächsten Reichstag ihr Aufsehen zu haben.“ Sie fürchteten, der Kaiser möchte eine Ungnade auf sie werfen, und sie ihren Feinden überlassen. Der Landgraf wendete sich an Frankfurt, allein der Rath lehnte den Antrag ab; und sich mit der Gemeinde zu verbinden, von der man dem Landgrafen allerdings versicherte, sie werde den Rath zu nöthigen wissen, wäre doch allzu bedenklich gewesen. An den Churfürsten von Trier war nicht mehr zu denken: er verließ in diesem Augenblick die Stellung in der Opposi- tion, die er bisher behauptet, und nahm eine Pension von 6000 G. von dem Kaiser und dessen Bruder an. Excerpt des Vertrages bei Bucholtz IX, 5. Da Viertes Buch. Zweites Capitel . war auch der Churfürst von der Pfalz nicht zum Abschluß zu bringen: bei einer neuen Zusammenkunft mit dem Land- grafen ließ er sich wohl vernehmen, daß er in der Sache Leib, Gut und Vermögen wagen wolle; das ihm angetra- gene Bündniß ging er jedoch nicht ein: erst auf dem Reichs- tag gab er Hofnung, dazu zu schreiten: auch gegen den Ent- wurf selbst machte er einige Einwendungen. Da wolle man, sagte er die Notel weiter stellen. Schrei- ben des Landgrafen an den Churfuͤrsten Mittw. nach Palmarum 28 Maͤrz. W. A. Dagegen hatten nun die Unterhandlungen des Chur- fürsten von Sachsen in Niederdeutschland den besten Er- folg. Es gab hier eine ganze Anzahl Fürsten die sich von jeher an das Haus Sachsen gehalten, zum Theil die näch- sten Verwandten desselben. Nach einigen vorbereitenden Verhandlungen, auf die Aufforderung des Churfürsten, Sie lautet: in Meinung und in Sachen des goͤttlichen Wor- tes, damit, so der Reichstag Fortgang gewoͤnne, die Sache in christ- lichem Bedenken zuvor berathschlagt waͤre. Instruction fuͤr Caspar v. Minkwitz, welcher an Georg von Brandenburg gesendet war, der jedoch nicht erschien. W. A. kamen die Herzöge Ernst von Lüneburg, Philipp von Gru- benhagen, Heinrich von Meklenburg, Fürst Wolf von An- halt, Graf Albrecht von Mansfeld Anfang Juni nach Magdeburg. An dem bestimmten Tag, 9ten Juni, traf dann auch Churfürst Johann mit seinem Sohn und sei- nem Vetter zu Lüneburg ein. Alle waren durch jene Mah- nungen erschreckt, die der Kaiser von Sevilla erlassen, und die nun erst bekannt geworden waren. Am 10ten Juni eröffnete man die Verhandlungen: Chursachsen führte das Wort. Versammlung zu Magdeburg . Wort. Die Versammelten wurden auf die Gefahr auf- merksam gemacht, welche aus jener Verbindung zu Mainz und aus diesem Erlasse hervorgehe, auf die Nothwendig- keit, am nächsten Reichstag einmüthige Erklärungen abzu- geben: dann ward ihnen die Übereinkunft zwischen Sachsen und Hessen vorgelegt, und der Vorschlag gemacht, dersel- ben beizutreten. Sie waren alle dazu willig: am 12ten Juni unterzeichneten sie das Bündniß, wie es zu Gotha entworfen, zu Torgau ratificirt worden war, und hiengen ihre Siegel daran. Handlung uf den Tag zu Magdeburg. Eigentlich eine An- weisung zu dem Verfahren auf dieser Versammlung. „Ferner ist bedacht, das Buͤndniß so uns. gn. Herr mit dem Landgrafen zu Go- tha aufgericht, den Fuͤrsten freundlich und vertraulich zu zeigen, und wo J. F. Gn. auch darein willigen und schließen wollten, als u. gn. Hr. sich genzlichen versehen auch frundlich bitten thaͤte, sollt alsdann solch Buͤndniß durch eine Verschreibung immaaßen mit u. gn sten Herrn vorgemeldt (dem Landgrafen) auch aufgericht und vollzogen werden.“ Besonders merkwürdig ist es, daß die Fürsten es nicht verschmähten auch eine Stadt in ihren Bund aufzunehmen, die zwar große Freiheiten genoß, aber doch keineswegs als reichsunmittelbar gelten konnte, eben Magdeburg selbst, wo sie sich versammelten. Auf ihr unterthaͤniges Suchen Bitten und Erbieten, sagt der Churfuͤrst, haben wir Burgermeister Rathmannen und Innungmeister der alten Stadt Magdeburg in diese christliche Verstaͤndniß genom- men, aus dem, daß wir wissen, daß sie dem goͤttlichen Worte aus Gottes Gnaden wohlgeneigt. Sie war ihnen als ein Mittel- punct für alle niederdeutschen Gebiete wichtig: überdieß mußten sie wünschen, daß sie sich gegen den Erzbischof selbständig behaupten möchte. So bildete sich zuerst eine compacte evangelische Par- Ranke d. Gesch. II. 23 Viertes Buch. Zweites Capitel . tei: im Angesicht der durch die Verbindung des Kaisers mit ihren Gegnern ihnen drohenden Gefahr vereinigte sie sich, die erkannte Wahrheit zu vertheidigen, vor allem auf dem nächsten Reichstag jeden widrigen Beschluß zu verhin- dern. Es war eine Erweiterung der alten sächsischen Al- lianz durch religiöse Motive. Dergestalt hatte man sich auf beiden Seiten zu einem entscheidenden Kampfe gerüstet, als man im Sommer 1526 in Speier zusammenkam. Gleich die Proposition, die am 25sten Juni geschah, brachte vor allem die geistlichen Angelegenheiten zur Sprache. Nach Maaßgabe des Ausschreibeus Eßlingen 1sten April, unterzeichnet Ferdinandus archi. aust. C in Imp Locūt. F. A. Bd 41. Sie war in Ausdrücken abgefaßt, die nach beiden Sei- ten hin genügen konnten. Die Stände wurden darin auf- gefordert, über Mittel und Wege zu berathschlagen, „da- mit christlicher Glaube und wohlhergebrachte gute christliche Übung und Ordnung bis zu einem freien Concilium ge- handhabt werde;“ man wollte Maaßregeln ergreifen, um dem kaiserlichen Edicte und den Beschlüssen, die man hier fassen werde, Gehorsam zu verschaffen. Wie sehr war die Erwähnung des Wormser Edicts durch diesen letzten Bei- satz gemildert. Auszug in Neudeckers Actenstuͤcken p. 21. Die Berathungen begannen in dem fürstlichen Colle- gium, und auch hier waren die ersten Beschlüsse noch in- different. Man setzte fest, daß man in Sachen des Glau- bens keine Determination machen, und die wohlhergebrach- ten guten Gebräuche beobachten wolle: Bestimmungen, die Reichstag zu Speier 1526. dann jede Partei nach ihrem Sinn auslegen konnte. An- ders aber war es, als man nun auf die Mißbräuche zu reden kam, die man heben müsse. Die Geistlichen forder- ten, daß dieß Geschäft einem Concilium anheimgestellt werde: einem Reichstag könne es nicht zukommen, das Gute und Böse von einander zu scheiden. Dagegen wollten die Weltlichen sich nicht aufs neue ins Weite verweisen lassen: sie erklärten, der gemeine Mann sey so weit unterrichtet, daß er sich mit einfältigem Glauben nicht mehr wolle lei- ten lassen. Sie hatten die Dringlichkeit der Umstände, das Vernünftige des Vorhabens überhaupt, auch die Worte der Proposition, daß die guten Gebräuche gehandhabt werden sollten, von denen man dann doch die bösen absondern mußte, für sich. So lebhaft auch die Geistlichen, die sehr zahlreich erschienen waren, widerstrebten, so wurde doch am Ende be- schlossen, über die Abstellung der Mißbräuche zu verhan- deln, und was man beschließen werde, allenthalben beobach- ten zu lassen. Die Geistlichen mochten sich damit trösten, daß auch sie auf die nähere Bestimmung, welches die zu he- benden Mißbräuche seyen, Einfluß haben würden. Gutachten in den Frankf. Acten Bb 42. Uͤber die Verhand- lung selbst giebt Otto von Pack dem Herzog Georg von Sachsen Nachricht Vis. Mar. 2 Juli. (Dresdn. A.) Ist daruf gestanden, daß der einig Artikel den Reichstag solt zutrennt haben, wenn dy Geystlichen nicht bewilligt das sy von den Mißbraͤuchen wollten han- deln lassen. Aber auf der Stelle zeigte sich, daß sie schon hiedurch in bedeutenden Nachtheil geriethen. Die Städte, denen der Beschluß der Fürsten am 30sten Juni mitgetheilt ward, nahmen ihn mit Freuden an: zu- 23* Viertes Buch. Zweites Capitel . gleich aber gaben sie ihm eine unzweideutige Auslegung. In ihrer Antwort erklärten sie, unter guten Gebräuchen könne man keine andern verstehen, als die welche dem Glau- ben an Christum nicht zuwider seyen. Nun wisse aber je- dermann, wie viel entgegengesetzte zu allgemeinem Verder- ben eingerissen. Eine große Freude sey es ihnen, daß man dieselben abstellen wolle. Antwort der Staͤdte, gedruckt bei Kapp und bei Walch XVI, 246. Zwar widersetzten sich die Bischöfe der Annahme die- ser Erklärung, als sie am 4ten Juli in dem Fürstenrath vorkam: sie behaupteten, nicht von den Mißbräuchen rühre die Bewegung des Volkes her, sondern von den aufrühre- rischen Schriften und Predigten: in dem Ungestüm der De- batte entfiel Einem der Ausdruck, man sollte lieber alle seit acht Jahren gedruckten Bücher verbrennen; allein durch Übertreibungen solcher Art schadeten sie sich nur: man warf ihnen vor, alle menschliche Kunst und Vernunft unterdrücken zu wollen. Die Antwort der Städte ward angenommen wie sie war. Und hierauf verwandelte sich nun der ganze Reichs- tag in verschiedene Commissionen zur Abstellung der geist- lichen Mißbräuche: eine churfürstliche eine fürstliche und eine städtische: eben wie man einst zu Worms die Beschwer- den gegen den päpstlichen Stuhl zusammengestellt hatte. Es nahm die dem Clerus sehr abgeneigte Stim- mung, welche in der Nation vorherrschte, auch an dem Reichstag überhand. „Von den Geistlichen,“ klagt der Frankfurter Gesandte, „werde nichts gesucht als ihr eigner Reichstag zu Speier 1526. Nutzen, und das allgemeine Beste vernachläßigt.“ Hammann von Holzhusen 1sten Aug.: „die Geistlichen bear- beiten sich heftiglich um iren eignen und vergessen den gemeinen Nutzen.“ In den Briefen des herzoglich sächsischen Gesandten, so streng katholisch sein Herr auch war, finden wir doch dieselben Klagen. Der größere Theil der Geistlichen, sagt er, habe nur seine Hoffart im Auge: — der Unfug der ein- gerissenen Mißbräuche könne von ihnen nicht geleugnet wer- den und doch wolle sie Keiner abstellen lassen. In den Laien sey mehr Sorgfalt für das Beste der Christenheit wahrzunehmen als in den Geistlichen. Otto v. Pack: Ist am Tage, wenn die Geystlichen gemeyne Christenheit also meinten wy dy Laien, so blib Gottes Ehr, alle gute christliche Ordnung, und bliben darzu sye selbst mit aller irer Hab Ehr und Gut, denn ich hab bisher keyn Leyen vermerkt der da wolt ein Buchstaben von den guten Kirchenordnungen abthun adder der Geystlichen Guͤter um einen Pfennig schmaͤlern. Nicht weiß ich was der Kurfuͤrst von Sachsen und Hessen bringen werden. Wie sehr aber mußte diese Stimmung wachsen, als nun erst die verbündeten evangelischen Fürsten anlangten! Der Churfürst von Sachsen erschien als der mächtigste Reichsfürst. Er war mit der größten Anzahl von Pferden eingeritten, er hatte alle Tage 700 Personen zu versorgen, und seine Begleiter rühmen, wie gut sie es bei ihm gehabt. Er zeigte sich gutmüthig und prächtig. Eines Tages gab er ein Bankett, wo 26 Fürsten bei ihm speisten, an vier Tischen, ihr Adel und ihre Räthe an besondern Tafeln: einige entfernten sich bald: andre blieben bis nach zehn Uhr und spielten hoch. Dagegen machte der Landgraf mit sei- nem frischen gelehrten Glaubenseifer viel Eindruck: er zeigte Viertes Buch. Zweites Capitel . sich bewanderter in der Schrift als alle Bischöfe waren. Annales Spalatini bei Mencken 659. Beide hatten ihre Leute angewiesen, weil man sich nach dem Evangelium nenne, sich aller Leichtfertigkeiten zu enthalten. Einen um den andern Tag ließen sie in ihren Wohnungen predigen und an den Feiertagen sah man Tausende zu der Predigt strömen. An ihren Wohnhäusern erblickte man ihre Wappen mit der Umschrift, verbum dei manet in aeter- num, das Wort Gottes bleibet in Ewigkeit. Unter diesen Eindrücken wurden nun die Gutachten jener Ausschüsse abgefaßt. Alle die alten Klagen kamen aufs neue zur Sprache, über die Eingriffe von Rom, das un- ter andern die Bischöfe viel zu hoch verpflichte, da sie doch Räthe des Reiches seyen, über Commenden und Annaten, das Unwesen der Bettelorden u. s. w. Man meinte, noch nie sey gegen Papst und Bischöfe so freimüthig gesprochen worden. Die Städte drangen besonders auf eine bessere Ausstattung der Pfarren aus den geistlichen Gütern, und das Recht einer jeden Obrigkeit dieselben zu besetzen, — sie forderten die Unterwerfung der Geistlichkeit unter die bürgerlichen Lasten und Gerichte. Beschwerung der Frei und Reichsstaͤdte gegen den Geistlichen, von Holzhusens Hand in den Frankf. A. Bd 42. Bei weitem das merkwürdigste aber war das Gutach- ten, das aus dem Schooße des fürstlichen Ausschusses her- vorgieng. Er bestand aus den Bischöfen von Würzburg Strasburg Freisingen und Georg Truchseß für die geist- liche, Hessen Pfalz Baden und dem Grafen von Solms für die weltliche Bank. Bericht des hessischen Gesandten Schrauttenbach Donner- Ich finde nicht verzeichnet, wer Reichstag zu Speier 1526. von ihnen den vorwaltenden Einfluß hatte, ob vielleicht die bekannte gemäßigte Gesinnung des Bischofs von Frei- singen, oder der feurige Ernst des jungen Landgrafen den Ausschlag gab: genug in den Sitzungen dieses Ausschusses behielt man die ursprüngliche Idee, eine für beide Theile verbindliche gleichmäßige Norm aufzustellen, im Auge, und kam in der That mit einem dahin zielenden Vorschlag zu Stande. Noch war, bei allem Widerstreit zwischen den herr- schenden Gewalten, in der Nation selbst kein eigentlicher Zwiespalt. Die Stämme standen auf ziemlich gleicher Bil- dungsstufe: alle, ohne Ausnahme, wir sahen es noch zu- letzt an Tirol, nördliche und südliche, hatten eine Tendenz zur Reform, wiewohl ihre Ideen hierüber abweichen moch- ten. Allein eben, da dieselben noch nicht fixirt waren, konn- ten sie sich noch in mehr als Einer Form ausprägen. Es ließ sich denken, daß ein glücklich getroffenes nationales Ver- ständniß die Anfänge der Zwietracht und auseinandergehen- den Bildung, die in dem Regensburger Bündniß und des- sen Folgen vorlagen, vielleicht doch wieder beseitigen würde. Eben in diesem vermittelnden Sinne waren jene Vorschläge abgefaßt. Vor allem erklärte man darin die Priesterehe und den Laienkelch für empfehlenswerth. Man wollte es frei lassen, das Abendmahl unter Einer oder beiden Gestal- ten zu empfangen: man wollte dem Kaiser vorstellen, daß es für die Priester besser wäre, in ehelichem Stand zu sitzen, als mit übelberüchtigten Personen Haus zu halten. Zuzulassen, daß die Empfahung des hochwuͤrdigen Sacra- Man stag nach Udalrici (5 Juli) in den Reichstagsacten des Weimarischen Archivs, die uͤbrigens bei diesem Jahre in großer Verwirrung und wenig ergiebig sind. Viertes Buch. Zweites Capitel . wollte die Fasten, den Beichtzwang ermäßigen, die Privat- messe abstellen, bei Taufe und Abendmahl lateinische und deutsche Sprache vereinigen; zwar von den übrigen Sacra- menten nicht abstehen, aber sie umsonst geben. In Hin- sicht der Predigt ward die Formel von 1523 wiederholt, Gottes Wort solle nach rechtem wahren Verstand, nach Auslegung der von der christlichen Kirche angenommenen Lehrer gepredigt werden, jedoch mit dem Zusatz, der noch eine stärkere Hinneigung zur Reform und dem Sinne Lu- thers ausspricht: Schrift müsse man immer mit Schrift erklären. Rathschlag der Acht Verordneten im Dresdner Archiv. Zu diesem Vorschlag vereinigte sich eine aus geistli- chen und weltlichen Mitgliedern gleichmäßig zusammenge- setzte Commission. Man sieht, wenn früher das Regiment eine der Reform günstige Haltung genommen, so war es nicht Willkühr gewesen: die Nothwendigkeit dieser Schritte entsprang aus der Lage der Dinge und dem Inhalt der all- gemeinen Überzeugung, der sich kein Mensch entziehen kann. Nach so vielen Fehlgriffen und Erschütterungen zeigte sich der Nation noch einmal die Möglichkeit, in der wich- tigsten Angelegenheit, welche die menschliche Seele beschäf- tigen kann, ihre Einheit zu bewahren. Am 1sten August ward ein Ausschuß aus allen Stän- den niedergesetzt, um nun diesen Entwurf in definitive Be- rathung zu ziehen. Eine Berathung, die von dem größten ments unter einer oder beiderlei Gestalten eines Jeden Gewissen und freiem Willen heimgesetzt wurde, — daß mitlerzeit gegen den eheli- chen Priestern von keyner Uberkeyt geistlichs oder weltlichs Standes etwas Streflichs werd fuͤrgenommen. Reichstag zu Speier 1526. Interesse zu werden versprach. Ohne Zweifel würde der Entwurf vielen Widerspruch erfahren haben, wie sich denn die Evangelisch-gesinnten gegen die vier Sacramente erklär- ten, von denen nichts in der Schrift stehe: Aufsatz bei Walch XVI , 258: eine Entgegnung auf die von den acht Verordneten aufgestellten Grundsaͤtze, zum Theil beistimmend, zum Theil bestreitend. selbst die Ka- tholiken aber waren noch nicht zufrieden gestellt: — unter andern bemerkt Herzog Georg, daß die schlimmsten Miß- bräuche noch nicht berührt seyen: der Ursprung alles Übels liege in dem bösen Eingang der Prälaten, mit Hülfe mächti- ger Verwandten, durch die rechte Thüre oder die unrechte: — genug, es würde die lebhaftesten Debatten gegeben haben: Schreiben Herzog Georgs in den Reichstagsacten des Dresd- ner Archivs. aber es ist kein Grund, zu zweifeln, daß sich eine Majo- rität gebildet, und definitive, für das ganze Reich verbind- liche Beschlüsse gefaßt haben würde. Es war wieder ein Moment wie vor zwei Jahren, als man sich zu jener Nationalversammlung vorbereitete. Man hatte es jetzt schwerer als damals, da sich seitdem zu beiden Seiten autonome Bildungen festzusetzen angefan- gen hatten, aber um so wichtiger war es, denselben Ein- halt zu thun, und noch wäre es möglich gewesen. Abermals kam es nun hiebei auf jene Gewalt an, welche die Nationalversammlung verboten und schon so oft einen hemmenden Einfluß auf die Reichsbeschlüsse aus- geübt hatte. Der Kaiser schien seine alte Politik noch im- mer nicht verlassen zu wollen. In Sevilla, zugleich mit der erwähnten katholischen Viertes Buch. Zweites Capitel . Mahnung, hatte er eine Instruction an seine Commissarien ausgestellt, worin er ihnen befahl, an dem Reichstag in keinen Beschluß zu willigen, der dem alten Herkommen in Lehre oder Gebräuchen entgegenlaufe, und das Wormser Edict aufs neue einschärfte. Commission vom 23sten Maͤrz in den Fr. AA. Bd 42, f. 32. Es liegt ein gewisses Dun- kel über dieser Sache. Vorlängst mußte die Instruction an- gelangt seyn wie auch Herzog Heinrich längst zurückgekom- men war; man sieht nicht, wodurch die Commissarien sich ermächtigt gehalten, doch anfangs mit einer andern auf- zutreten: ob vielleicht durch eine dem Erzherzog seitdem zu- gegangene Weisung oder wodurch sonst. Genug erst jetzt, nachdem die Sachen so weit gediehen, kam man mit jener Instruction zum Vorschein: auf Antrieb, wie in Speier behauptet ward, einiger mächtigen Geistlichen, nicht ohne „Finanz und Hinterlist:“ und brachte damit einen gewalti- gen Eindruck hervor. Der große Ausschuß nahm sich noch ziemlich zusammen: er erklärte, sich so halten zu wollen, wie er es verantworten könne; allein was ließ sich ausrichten, da jeder neuen Anordnung das klare Wort des Kaisers ent- gegengehalten werden konnte. Man glaubte überhaupt es werde nun gar nichts mehr zu erreichen seyn: Viele woll- ten keinen Augenblick länger bleiben: die Evangelisch-ge- sinnten fürchteten doch die Anwendung der Gewalt. Des- halb hauptsächlich neigten sich jetzt die Städte dem säch- sisch-hessischen Verständniß zu, um einen Rückhalt zu ha- ben wenn man zu Thätlichkeiten gegen sie schreite. Dann werde „solch Ansuchen und Fulgung zu großem Nutz gereichen.“ Schreiben von Holzhusen 21 Aug. 25 A. haben die uͤbrigen Staͤdte schon Antwort. Vor dem foͤrmlichen Abschluß soll nur noch abgewartet werden, was die Gesandtschaft ausrichten wird. Auf Reichstag zu Speier 1526. den Antrag der Fürsten gaben Nürnberg, Straßburg, Augs- burg und Ulm nunmehr eingehende Antworten. Die Verwickelung war höchst sonderbar. Indem der Papst den Kaiser in Italien aus allen Kräften angriff, ihm einen europäischen Krieg erweckte, sollte die kaiserliche Macht noch einmal dienen, die Autorität des päpstlichen Stuhles in Deutschland aufrecht zu erhalten. In der That aber: ein solches Verhältniß widerstrei- tet zu sehr der Natur und dem Gange der menschlichen Dinge, als daß es sich hätte behaupten sollen. Schon glaubte man in Deutschland nicht mehr an den Ernst der in der Instruction ausgesprochenen Meinung. So sehr man hier auch mit seinen innern Angelegenheiten beschäftigt war, so wußte man doch auch von dem Bunde zu Cognac, von den Irrungen zwischen Papst und Kaiser. Zuerst die Städte bemerkten wie weit zurück das Datum der Instruction liege. Damals freilich seyen Kaiser und Papst noch einverstanden gewesen, allein jetzt liege das Kriegsvolk des Papstes wider den Kaiser zu Felde. Man sage wohl, jede Verbesserung müsse einem allgemeinen Concilium vorbehalten bleiben: aber wie lasse sich unter den obwaltenden Umständen ein solches noch abwarten. Wäre der Kaiser zugegen, so würde er selbst sehen, daß man sein Edict nicht beobachten könnte, wenn man auch wollte. Man erzählte sich, an Frau Margaretha in den Nieder- landen sey bereits die Weisung gelangt, in Sachen des Evan- geliums „säuberlich zu thun.“ In der Überzeugung, mit der eigentlichen Meinung des Kaisers zusammenzutreffen, trugen deshalb die Städte Viertes Buch. Zweites Capitel . darauf an, eine Gesandtschaft an ihn abzuordnen, um ihm die Lage der Dinge vorzustellen, ihn zu bitten, entweder nun doch ein National-Concilium zu bewilligen oder we- nigstens von der Forderung abzustehn, daß das Wormser Edict ausgeführt werde. Ihr Vorschlag fand in dem gro- ßen Ausschuß geneigtes Gehör. Auf der Stelle hatte sich hier eine anti-geistliche Mehrheit gebildet. Bei der Bera- thung über die Beschwerden der gemeinen Leute hatte man die Mißbräuche der Geistlichen ihnen zum Trotz als die vornehmste Ursache der Empörung bezeichnet. Jetzt erin- nerte man, das kaiserliche Edict sey nur in so weit ange- nommen worden, als es möglich seyn werde es auszufüh- ren; allein das zeige sich eben unmöglich, Niemand werde sich finden, der es ausgeführt habe, ja der sich nicht ein Gewissen daraus mache, es nach dem Wortlaut zu vollstrecken. Daß diese Motive angefuͤhrt wurden ergiebt sich aus einem Entwurfe der Instruction im Dresdner Archive, worin die Bitte so lautet: „der Kaiser wolle die Execution der Peen und Straf dessel- bigen Edictes bis uf ein kuͤnftig Concilium in Ruw stehn lassen, Ur- sach es haben die Stennd das Edict nicht anders angenommen dan so vil In muͤglich, wie die kaiserliche Instruction selbs mit ir bringt, und nachdem Etlichen unmuͤglich gewesen das Edict zu halten, so seyen sie auch nicht in die Peen gefallen, zum andern so man die Buchstaben besieht, so ist kain Fuͤrst oder Bischof der das Edict ge- hallten oder der nicht ein Entsetzen hat dasselbige ad literam zu hal- ten.“ Dort folgt dann auch die Instruction selbst. Die Frankfurter Gesandten sagen in einem Schreiben von diesem Reichstag o. D. „So wollen wir auch E. F. W. nicht bergen, daß auch das kais. Edict so aō 21 zu Worms ausgangen, allhie auf diesem Reichstag von Fuͤrsten Grafen Herrn und Stedten hochlich und fast als unmoͤg- lich in allen Puncten zu halten angefochten wird.“ Und wie werde man gegen die Türken Hülfe leisten wollen, wenn man sich indeß zu Hause gefährdet sehe? Der große Aus- Reichstag zu Speier 1526. schuß nahm den Vorschlag an, eine Gesandtschaft nach Spa- nien abzuordnen, und entwarf sogleich eine Instruction für dieselbe, worin er den religiösen Zwiespalt vor allem dem Ver- bot jener Nationalversammlung beimaß, und den Kaiser bat, sobald als möglich ein Concilium zu berufen, wenigstens ein nationales, bis dahin aber die Ausführung des Edictes gnä- dig in Ruhe zu stellen: Einigen sey sie unmöglich ihres Gewissens halben: Andern weil sie eine Empörung ihrer Un- terthanen besorgen müßten: dritten aus beiderlei Gründen. Da ist nun merkwürdig, daß indem man in Deutsch- land diese Beschlüsse faßte, man ihnen von Spanien her mit entsprechenden Ideen entgegenkam. Wir wissen, aus welchen Gesichtspuncten der kaiser- liche Hof die lutherischen Bewegungen von Anfang an betrachtete. Er hatte sich ihnen opponirt, so lange er mit dem Papstthum verbündet war: allein so weit gieng seine Hingebung nicht, um den Krieg, den ihm Clemens VII in Italien machte, mit Freundschaft in Deutschland zu erwiedern. Gleich nach der Schlacht von Pavia, als der Papst sich zuerst so unzuverläßig gezeigt hatte, dachte der Großcanzler Gattinara ein Concilium zu fordern, nicht darum, wie er sagte, um es wirklich zu berufen, sondern nur um den Papst zu nachgiebigerer Unterhandlung zu nö- thigen. Gutachten bei Bucholtz II, p. 281. Von England her ward Clemens schon damals aufmerksam gemacht, wie leicht eine Begünstigung der Fran- zosen ihm die Obedienz der noch zur Kirche haltenden Reichs- stände kosten dürfte. Excerpt eines Schreibens von Wolsey an den Bischof von Aber um wie viel entschiedner wa- Viertes Buch. Zweites Capitel . ren jetzt die Feindseligkeiten. In Deutschland selbst hatte man ihm vorausgesagt, daß seine Sache am Reichstag schlechter gehen würde als jemals: er erwartete nichts an- ders. Albert da Carpi au Roi de France 24 Juni 1526 bei Molini Doc. stor. I, p. 208: „que a cette heure se feroit le tout le pis que se pourroit contre luy et la st. siege.“ Nach einer Aͤußerung des Churfuͤrsten von Trier, vom 9ten Juni. Lange und beinahe zu lange zögerte der Kaiser sich zu erklären. Endlich aber, nachdem die letzten Unter- handlungen gescheitert waren, nahm er eine entschlosse- nere Haltung. Nach mancherlei Berathungen in dem Staatsrath, den er eben damals für die spanischen und deutschen Angelegenheiten eingerichtet, schrieb er seinem Bru- der am 27sten Juli, es sey in demselben ein Entwurf, den er auch sogleich beilegte, gemacht worden, die Strafbestim- mungen des Wormser Edictes aufzuheben, und die evan- gelische Wahrheit auf einem Concilium zur Entscheidung zu bringen. Der Papst würde sich darüber nicht zu be- klagen haben, da man ja nur die weltlichen, nicht auch die geistlichen Strafen aufhebe. Es lasse sich hoffen, daß man dann von den deutschen Fürsten eine stattliche Hülfe an Reiterei und Fußvolk gegen die Türken oder gegen Italien zum Besten der Christenheit erlangen werde. Auszug bei Bucholtz III, 371. „es sey in seinem Rath der Bath unmittelbar vor der Schlacht von Pavia: (before Parma ist ohne Zweifel verschrieben und muß heißen before Pavia.) Fiddes Life of Wolsey 32. Wolsey meinte, daß der von Campeggi eingeschla- gene Weg zum Ziele zu fuͤhren verspreche: allein „that Germany being now so much infected with the Lutheran heresy, such mem- bers of it, as still continue in the communion of the church, may be provoked to withdraw their obedience, should his holiness appear to act in favour of the French king against the emperor. Reichstag zu Speier 1526. Wer hätte unter diesen Umständen, da der Kaiser von selbst auf ein Zugeständniß kam, das man in Deutsch- land dringend forderte, nicht erwarten sollen, daß es nun auch gegeben, ausgesprochen werden würde? Ich finde, daß Markgraf Casimir von Brandenburg, einer der kaiser- lichen Commissarien, diese Aufhebung eifrig verfocht. V. d. Lith Erlaͤuterung p. 172. Es wäre ohne Zweifel nur auf Ferdinand angekommen. Der aber war doch nicht dafür. Sein vornehmster Grund war ohne Zweifel die Rück- sicht auf die katholisch-gesinnten deutschen Stände. Schon Carl hatte in jenem Schreiben bemerkt, ein Theil seiner Räthe halte für gut, das Edict noch zu verschieben, weil man sonst leicht die bisherigen Gegner der Lutheraner sich zu Feinden machen könne. Veranlassen „d’estre mauvais avec les aultres.“ Bucholtz 372. Schade daß nicht der ganze Brief gedruckt worden ist. Ferdinand wußte ohne Zwei- fel noch besser als sein Bruder, wie nothwendig es sey sie zu schonen. In Rom hatte man in diesem Augenblick den Gedanken gefaßt, die Römische Königskrone irgend ei- nem Gegner des Kaisers anzubieten, In den Provvisioni per la guerra di Clemente VII (In- form. Politt.) wird das als eine wuͤnschenswerthe Maaßregel geschildert. und schon bewarb Entwurf zu einem wohl clausulirten und wohl begruͤndeten Edict ge- macht, — dessen Frucht seyn solle daß man durch Gelindigkeit und Straferlaß fuͤr Die, welche den Irrthuͤmern Luthers angehangen, sie zugleich von diesen Irrthuͤmern abziehe (sonderbare Art sich aus- zudruͤcken) und ihnen den Weg gebe, auf welchem die Wahrheit der evangelischen Lehre durch ein gutes Concilium ent- schieden werden koͤnne, welches der Papst jetzt fuͤrchte ; zugleich werden sie Ferdinand unterstuͤtzen gegen die Tuͤrken oder ge- gen Italien „zum allgemeinen Besten der Christenheit.“ Viertes Buch. Zweites Capitel . sich Herzog Wilhelm von Baiern bei den einflußreichsten Churfürsten um diese Würde. Den katholischen Fürsten das Edict zu entreißen, auf das sie ihre Verfolgung der Evangelischen hauptsächlich gegründet, hätte sie zu der re- solutesten und gefährlichsten Feindseligkeit veranlassen können. Auch er hielt für gut, die Aufhebung des Wormser Edic- tes noch auszusetzen. Er meinte, erst wenn der Kaiser in das Reich zurückgekommen und mächtig daselbst gewor- den sey, werde diese Maaßregel mit Vortheil und ohne da- mit die alte Religion zu stürzen, ausgeführt werden können: dann werde man auch eine gute Summe Geldes für jene Vergünstigung erhalten können. Excerpt des Schreibens von Ferdinand 22sten Sept. — Daß jenes Schreiben vom 27 Juli Mitte August angekommen, ist wohl keine Frage. Briefe von Spanien giengen in der Regel 14 Tage. Allein eben so wenig vermochte er doch oder war er geneigt auf die allgemeine Execution des Wormser Edictes zu dringen. Ein vollkommener Sieg der Anhänger des Papstes wäre dem Haus Östreich sogar verderblich gewesen. Da nun weder die Ausführung noch die Aufhe- bung des Wormsischen Edictes rathsam erschien, da auch jene vermittelnden Vorschläge nicht durchdringen konnten, so machte sich ein Prinzip geltend, das schon eine Zeit daher in den Ereignissen mitgewirkt hatte, aber mehr in der Tiefe, ohne zu allgemeinem Bewußtseyn gelangt zu seyn. Das Prinzip der Territorialentwickelung bemäch- tigte sich auch der religiösen Angelegenheit. Ich finde, daß zuerst die Städte dasselbe offen in Anregung brach- ten. Reichstag zu Speier 1526. ten. Sie stellten vor, es werde nicht mehr möglich seyn, die kirchlichen Cerimonien wieder zu vereinigen: — an manchen Orten habe man sie geändert, an andern alles beim Alten gelassen, jeder glaube, wie er es mache so sey es recht — unmöglich könne man da mit Gewalt einschreiten, und nichts bleibe übrig, als einen Jeden bei den angenommenen Kirchenbräuchen zu lassen, „bis einmal ein freies Concilium vermöge des göttlichen Wor- tes darin Bestimmung treffe.“ Eingabe der Staͤdte in den Frankf. AA. Bd 42. Ein Vorschlag, der im Grunde der Natur eines Reichstags, welcher die Einheit repräsentirte, und den frühern Reichsschlüssen, welche im- mer allgemein gültige Festsetzungen enthalten hatten, wider- sprach, aber von der Lage der Dinge empfohlen ward. Es war gleich unthunlich, den katholischen Ständen das Worm- ser Edict wieder zu entziehen, und es den evangelischen neuer- dings aufzulegen: — der Gedanke brach sich Bahn, jeder Landschaft, jedem Reichsstand in Hinsicht der Religion die Autonomie zu gewähren, die sie einmal auszuüben begon- nen hatten. Es war das Leichteste, Ratürlichste: Niemand wußte etwas Besseres anzugeben. Die Triebe der religiö- sen Sonderung, welche seit 1524 hervorgetreten, behiel- ten über die Versuche, die Einheit durch Reform zu be- haupten und fester zu stellen, die Oberhand. Der Aus- schuß beschloß, „jeder Stand möge sich so verhalten wie er es gegen Gott und gegen den Kaiser zu verantworten gedenke,“ d. i. er möge thun, wie er es selber für rathsam erachte. Diesen Beschluß nahm der Ausschuß in die In- struction für die Gesandtschaft an den Kaiser sogleich mit auf. Ranke d. Gesch. II. 24 Viertes Buch. Zweites Capitel . Es ist ein Moment in welchem alle allgemeinen und deutschen Verhältnisse zusammengreifen, in welchem die frü- here und die spätere deutsche Geschichte sich von einander trennen, — obwohl er äußerlich nicht bedeutend erschien, — daß Erzherzog Ferdinand das Gutachten des Ausschusses an- nahm, die Sendung der Botschaft billigte, die für sie ent- worfene Instruction guthieß. In dem Reichsabschied setzte man fest, bis zu der allgemeinen oder nationalen Kirchen- versammlung, um welche man bitte, werde jeder Stand, in Sachen die das Wormser Edict betreffe, „so leben, regie- ren und es halten, wie er es gegen Gott und Kaiserliche Maj. zu verantworten sich getraue.“ Demnach haben wir (die Commissarien) auch Churfuͤrsten Fuͤrsten und Staͤnde des Reichs und derselben Bottschafter uns jetzo allhie auf diesem Reichstag einmuͤthiglich verglichen und vereiniget, mittler Zeit des Concilii oder aber Nationalversammlung nichts desto minder (d. i. ohne die Ruͤckkunft der Gesandtschaft zu erwarten) mit unsern Unterthanen ein jeglicher in Sachen so das Edict, durch Kais. Mt auf dem Reichstag zu Worms gehalten ausgangen, belangen moͤchten, fuͤr sich also zu leben, zu regieren und zu halten, wie ein jeder solches gegen Gott und Kais. Mt hoffet und vertrauet zu ver- antworten. (N. Samml. d. Reichsabsch. II, 274.) Man verzeihe die Wiederholung dieser Worte, weil sie so unendlich wichtig geworden sind. Sie enthalten die gesetzliche Grundlage der Ausbildung der deutschen Landes- kirchen; zugleich aber involviren sie, obwohl sie noch die Möglichkeit dereinstiger Wiedervereinigung offen lassen, die Trennung der Nation in religiöser Hinsicht. Es sind die für die deutschen Geschicke entscheidenden Worte. Der Ka- tholicismus würde sich nicht haben behaupten lassen, wenn das Wormser Edict förmlich wäre zurückgenommen wor- Reichstag zu Speier 1526. den. Die evangelische Partei hätte sich nicht auf legalem Wege ausbilden können, wenn man auf der Ausführung desselben bestanden hätte. Die Entwickelung der einen wie der andern Seite knüpft sich an diesen Moment. Im Ganzen war es die unmittelbare und nothwendige Folge des Zwiespaltes zwischen Kaiser und Papst. Der Bund des Kaisers mit dem Papst hatte das Wormser Edict herbeigeführt; da der Bund gebrochen war, nahmen der Kaiser und sein Bruder auch das Edict zurück, in so weit ihre eigenen Interessen das zuließen. 24* Drittes Capitel . Eroberung von Rom im J. 1527. Während man in Deutschland diese Berathungen pflog, ward in Italien bereits geschlagen. Noch im Juni waren die Verbündeten in der Lom- bardei ins Feld gerückt: ohne Zweifel nicht so rasch und entschlossen, wie nothwendig gewesen wäre: — die Kaiser- lichen behielten Zeit, die Empörung der Mailänder mit Ge- walt zu dämpfen und eroberten sogar zuletzt das Castell; — dagegen nahmen aber die Verbündeten Lodi und Cre- mona ein: die lange vergeblich erwarteten Schweizer er- schienen doch mit der Zeit in beträchtlicher Anzahl: eine glänzende Schaar französischer Hommes d’Armes gesellte sich dem Heere zu: die Liga war im September offenbar Mei- sterin im Lande: und die Kaiserlichen, in einer zur Rebel- lion geneigten Stadt, schlecht bezahlt und von dem Lande fast abgeschnitten, befanden sich in einer ziemlich bedräng- ten Lage. Aus dem Schreiben Guicciardinis an den Datar 24 Spt. 1526 ergiebt sich daß man daran dachte, einen neuen Versuch zu machen, um die Kaiserlichen aus Mailand zu verjagen. Uͤberfall der Colonna’s . Allein auch dem Kaiser standen, und zwar zunächst in Italien selbst, Kräfte des Widerstandes und der Vergel- tung zu Gebote. Als er dem Papst im Juni noch einmal Frieden an- bieten ließ, beauftragte er zugleich seinen Bevollmächtigten Ugo Moncada, im Fall er eine abschlägliche Antwort be- komme, Mittel zu ergreifen um die Macht des Feindes von Mailand abzulenken. Schreiben Carls bei Bucholtz III, 52. Nicht sehr schwer war das auszurichten. Der Staat, die Stadt, ja der Pallast war mit Kaiserlich-gesinnten erfüllt. Als der kaiserliche Bot- schafter, Herzog von Sessa von der letzten vergeblichen Au- dienz nach Hause ritt, nahm er einen Narren hinter sich aufs Pferd, der durch tausend Possen dem Volke zu ver- stehen gab, man mache sich nichts daraus. Albert da Carpi an Franz I. Molini Documente I, 205. In den Häu- sern der Colonnas unter den Augen des Papstes hielten seine offenbaren Feinde Zusammenkünfte. Um dann die Absicht des Kaisers zu vollführen, giengen sie mit einer ich möchte sagen groben Verschlagenheit zu Werke. Sie fiengen an den neapolitanischen Grenzen im Gebiet der Colonnas Rü- stungen an: auch der Papst rüstete. Dann erboten sie sich zu einem Vertrag: Clemens ließ sich darauf ein, und war nun so unbesorgt, daß er eine große Zahl seiner Truppen in Rom abdankte. Aber eben dieß war es, was sie erwar- teten. Nachdem sie ihn sicher gemacht, entschlossen sie sich ihn zu überfallen. Der kriegerische Cardinal Pompeo Co- lonna, ein Mann, der einst seine Stola zerrissen, um eine Streitsache im Zweikampfe auszumachen, der immer eine Viertes Buch. Drittes Capitel . bittere persönliche Feindschaft gegen den Papst zur Schau getragen, vereinte sich hiezu mit Don Ugo, wie einst Sciarra Colonna mit Nogaret. Am 19ten September erschienen die colonnesischen Schaaren vor den Mauern von Rom und drangen ohne Widerstand ein. Die Stadt war ganz wehrlos: das Volk rührte sich nicht: es war neugierig zu sehen, ob Colonna, was er zu wollen behauptete, wirklich den Vatican im Namen des römischen Kaisers besetzen würde. Gleichzeitiger Bericht bei Buder Sammlung ungedruckter Schriften p. 563. Negri an Micheli 24 Sett. Lettere di prin- cipi I, 234. (Das Datum im Druck ist falsch.) An der Besetzung wenigstens konnte ihn Niemand hindern, und wollte der Papst, der nach der Engelsburg geflüchtet, seinen Pallast wiederhaben, so mußte er sich zu einem Waf- fenstillstand verstehen, nicht allein für Neapel und die Co- lonnas, sondern zugleich für Mailand und Genua, für alle seine Truppen zu Land und zu See. Conventione di Clemente VII con Vgo di Moncada bei Molini I, 229. Nur um diesen Preis verließen die Colonnesen die Stadt: sie hatten über- dieß eine Beute von 300000 Duc. gemacht. Wohl hätte nun Clemens die Gebrechlichkeit seiner Macht, die Gefahr erkennen mögen: die Stimme hatte sich hören lassen, die im Schneegefild der Alpen die nahende Lawine verkündigt. Allein noch einmal behielten Entrüstung und Rachsucht in ihm die Oberhand. Wie sein Bevoll- mächtigter Guicciardini ihm schrieb, die Verpflichtungen welche man beim Abschluß der Liga so feierlich und öffent- lich übernommen, seyen um vieles heiliger als diese auf- gezwungenen Bedingungen, Guicciardini al Datario 24 Spt. Lettere di principi II, so war auch er nicht der Mei- Ruͤstungen in Deutschland . nung, den Waffenstillstand auch nur eine Stunde länger als nützlich zu halten; Excerpt eines Schreibens worin Clemens erklaͤrt, der Ver- trag binde ihn nicht, bei Herbert p. 155. so wie er einigermaaßen gerüstet war, griff er die Colonnas und das neapolitanische Gebiet an: in Kurzem empfieng er dazu französische und englische Gelder; der berühmte Vertheidiger von Marseille, Renzo da Ceri unternahm ein päpstliches Heer in die Abruzzen zu führen. Indessen dienten seine übrigen Truppen, nach wie vor, gegen Mailand und Genua. In diesem Momente aber erhob sich schon von einer andern Seite her eine noch viel größere Gefahr: der Kai- ser hatte noch andre Kräfte aufzubieten als die italienischen. In jenem Schreiben, das für den Ausgang des Reichs- tags so entscheidend wurde, vom 27sten Juli 1526, hatte Carl seinen Bruder aufgefordert, entweder selbst nach Ita- lien zu gehn: in welchem Fall er ihm keine Instruction, sondern nur eine Vollmacht zu geben gedenke, indem er seine Person darstelle, als sein zweites Selbst: oder wenig- stens ein starkes Heer auszurüsten und hinüber zu schicken. Excerpt bei Bucholtz III, 42. Selber zu gehn, war Ferdinand durch die Angelegen- heiten von Ungern abgehalten, die seine Anwesenheit auf das dringendste forderten: aber er wendete sich an den Mann der schon immer die Landsknechte in Italien zum Siege ge- führt, George Frundsberg zu Mindelheim, der auch jetzt bereit war, seine alternde Kraft noch einmal seinem Kaiser 14. Er druͤckt sich sehr bezeichnend aus: nell’ osservare la tregua veggo vergogna, non si fugge spesa e si augumenta il pericolo, perche quanto all’ onore, N. S re più è obligato ad una lega fatta con tanta solennità che ad un accordo fatto per forza e con ruina del mondo. Viertes Buch. Drittes Capitel . zu widmen. Eine große Schwierigkeit hatte es, Geld auf- zubringen. Ferdinand gab seinen Bevollmächtigten volle Gewalt, Land und Leute, Schlösser und Städte zu ver- pfänden: er erklärte sich bereit, seine Kleinodien aufladen und in Augsburg versetzen zu lassen. Aus dem Bericht des Otto v. Pack, der nach Insbruck ge- schickt worden, um eine Geldforderung des Herzog Georg einzutrei- ben, sehen wir, wie viel Schwierigkeiten das hatte: die Welser wa- ren nicht bei Casse, die Fugger brauchten das baare Geld das in ihren Haͤnden war selbst, um sich nach dem Tode Jacob Fuggers auseinander zu setzen. (Dr. A.) Frundsberg ver- setzte das Geschmeide seiner Frau: die italienischen Be- fehlshaber, welche sich nur noch eine kurze Zeit halten zu können erklärten, wofern sie keine Hülfe bekämen, schickten einiges baare Geld: endlich brachte man so viel zusammen, um dem Volke wenigstens das Laufgeld und einen halben Monatsold reichen zu können. Hierauf ward in allen ober- ländischen Reichsstädten die Trommel gerührt: von allen Seiten kamen die Schaaren zusammen. Wir werden uns nicht täuschen wenn wir behaupten, daß es dießmal nicht der bloße Kriegseifer war was sie versammelte: sie kamen herbei, weil man wußte, daß es gegen den Papst gieng. Man hatte das in Rom vorausgesehen. Giberti be- merkte schon im Julius: leicht werde man in Deutschland sehr zahlreiche Schaaren zusammenbringen, „in Betracht des natürlichen Hasses den sie gegen uns hegen, und der Hof- nung auf die Beute.“ Die Anmahnungen des Kaisers waren in den ver- fänglichsten Ausdrücken abgefaßt. Sein Bruder, sagt er, Ruͤstungen in Deutschland . möge nur vorgeben, daß das Heer das er rüste gegen die Türken ziehen solle: Jedermann werde wissen welche Tür- ken das seyen. In einem Manifest, das der Kaiser im September 1526 erließ, drückte er sich auf eine Weise aus, deren sich kein Anhänger Luthers zu schämen gehabt hätte: er bezeigt seine Verwunderung, daß der Papst um irgend eines Besitzthums willen Blutvergießen veranlasse: völlig entgegen sey das der Lehre des Evangeliums. Rescriptum ad Papae criminationes. „quod tamen S ti V rae non placuit, heißt es (Goldast Constit. I, 489 nr. 19), licet credere non possemus, eum qui Christi vices in terris gerit, vel unius guttae humani sanguinis jactura quamcunque secularem di- tionem sibi vendicare velle, cum id ab evangelica doctrina prorsus alienum videretur. Im Oc- tober bittet er die Cardinäle den Papst zu erinnern, daß er nicht „um die Waffen zu führen, noch zum Verderben des christlichen Volkes“ den pontificalen Thron inne habe; er trägt aufs neue auf ein Concilium an, und fordert die Cardinäle auf, wenn der Papst es verweigere, es an sei- ner Stelle zu berufen: er wenigstens wolle unschuldig seyn, „wenn der christlichen Republik dadurch ein Nachtheil er- wachse.“ Epistola Caroli ad Collegium Cardinalium VI ta Octobris. Goldast Pol. Imp. p. 1013. Und fragen wir nun nach der Gesinnung Frundsbergs, so ist kein Zweifel, daß er vorlängst evangelische Überzeu- gungen hegte, S. die oben p. 94 angefuͤhrte Stelle. und sich überdieß in dem letzten Krieg mit dem bittersten Haß gegen den Papst erfüllt hatte. Unmit- telbar nach der Schlacht von Pavia hatte er darauf ange- tragen, denselben im Kirchenstaate heimzusuchen. In dieser Viertes Buch. Drittes Capitel . Gesinnung bestärkte ihn vor allem sein Secretär und Be- gleiter auf diesem Zuge, Jacob Ziegler, der sich lange Zeit am römischen Hof aufgehalten hatte, von dem eine Lebens- beschreibung Papst Clemens VII übrig ist, aus welcher man sieht, was die Deutschen dort von dem Papst dachten und unter einander besprachen, von seiner unächten Geburt, die ihn schon von Anfang an von der Geistlichkeit hätte aus- schließen sollen, seiner verschlagenen Pfiffigkeit, seinem räu- berischen Geiz: Giftmischereien und die schändlichsten Wol- lüste gaben sie ihm Schuld: mit allen Gerüchten des Hofes, wahren oder falschen, nährten sie die nationale Antipathie von der sie erfüllt waren. Diese Erzählungen, zusammen- treffend mit den Feindseligkeiten gegen den Kaiser, die man für durchaus unrechtlich hielt, erweckten in den Deutschen, Hauptleuten und Gemeinen, ungefähr denselben religiös-po- litischen Eifer gegen den Papst, der in dem Bauernkrieg so vie- len deutschen Prälaten verderblich gewesen: auch G. Frunds- berg war davon durchdrungen: Schelhorn de vita et scriptis Jacobi Ziegleri § 21. Er weist aus einem ungedruckten Werke Zieglers nach, „magnanimo he- roi, in G. F o in expeditione italica versanti eum fuisse vel a consiliis vel ab epistolis.“ er erklärte sich entschlos- sen, der Sache ein Ende zu machen, dem Papst ein Leides zu thun, wenn er ihn in seine Hand bekomme. Wenn die Politik des Kaisers die religiösen Bestre- bungen der Deutschen unterstützte, so förderte die religiöse Stimmung hinwieder die Politik des Kaisers. Bei der er- sten Annäherung an die Neigungen der Nation kam sie ihm mit aller ihrer Kraft zu Hülfe. Im November sammelten sich bei 11000 Mann auf Auszug G. Frundsbergs . den Musterplätzen zu Meran und Botzen: Aus dem Tagesbericht in Hormayrs Archiv 1812 p. 424 sehen wir, daß das Heer aus 10650 M. bestand, auf den halben Monat mit seinen Amt und Hauptleuten 25900 G., mit dem Lauf 34832 G. brauchte. Die Mustercommissarien liehen dem Frunds- berg 2000 G., „damit er doch etwas in Haͤnden hatte:“ „mit uͤberlau- fenen Augen“ nahm er das an. in Trient ge- sellte sich ihnen die eben aus Cremona abgezogene Besatzung unter Conradin von Glürns zu; sie waren alle willig, dem schlechten Solde zum Trotz den sie erhielten: noch etwa 4000 nahmen ohne alle Löhnung an dem Zuge Theil, „ein auserlesener Haufe, wie er bei Menschen Gedenken nicht in Italien gesehen worden.“ Die nächste große Schwierigkeit war nun, nur erst dahin zu gelangen, die Alpen zu überschreiten, und sich dann drüben in Berührung mit dem Heere in Mailand zu setzen. Frundsberg hatte keine Lust, seine Kraft und Zeit an der wohl besetzten Clause von Verona zu vergeuden: er schlug die viel schwierigere Straße über die Sarka-berge ein, nach den Herrschaften seines Schwagers, des Grafen von Lodron. Hier boten sich ihm abermals zwei Wege dar: der eine zur rechten Hand, noch allenfalls von einem Heere zu passiren, aber durch die Clause von Anfo geschlossen: der andre zur Linken, eigentlich nur ein Fußsteig zwischen Untiefen und Abgründen, den ein einziger Bauer hätte un- brauchbar machen können: den aber die Feinde nicht be- achtet hatten. Diesen Pfad schlug Frundsberg am 17ten November ein: sein Schwager, der hier in der Nähe sei- nes Stammschlosses Weg und Steg kannte, gab ihm noch Viertes Buch. Drittes Capitel . das Geleite, drei Meilen bis zum hohen Gebirg. Nur wenige Pferde konnte man mitnehmen: von diesen stürzten dennoch einige die Klüfte hinab: auch von den Leuten stürz- ten einige hinunter: Keiner durfte seine Blicke abwärts wenden. Den Feldhauptmann nahmen einige sichre Knechte in die Mitte: mit ihren langen Spießen bildeten sie an den gefährlichsten Stellen wie ein Geländer zu seiner Seite: er faßte dann wohl den Vordermann an dem Goller, der Hintermann schob ihn: so gelangten sie des Abends nach Aa, am 18ten nach Sabbio: Widerstand fanden sie nicht: am 19ten erschienen sie an dem Fuß des Gebirges, bei dem Markt Gavardo im Gebiet von Brescia. Eben gien- gen ihre Lebensmittel aus: hier aber fanden sie guten Far- natzer Wein, 8000 Stück Vieh trieben sie zusammen, und thaten sich nach langer Entbehrung gütlich. Reisner Frundsberge 86. Thun bei Hormayr 428. Ihre Absicht wäre gewesen, sich nun unmittelbar mit dem Heere in Mailand zu vereinigen. Aber viel zu stark war der Feind im Felde, als daß er das zugegeben hätte. Der Oberbefehlshaber der Liga, Herzog von Urbino erschien mit seinen Halbhacken in ihrer rechten Flanke und hielt sie vom Oglio entfernt. Sie konnten nicht daran denken, irgend eine von den benachbarten Städten anzugreifen: alle waren in zu gutem Vertheidigungszustand, und sie dagegen ohne Geschütz: es blieb ihnen nichts übrig, als der Versuch, über den Po zu kommen, wo der Feind nicht so stark war und sich Bourbon mit der Zeit mit ihnen vereinigen konnte. Bourbon hatte ihm geschrieben, er koͤnne ihm den Weg nicht angeben: Frundsberg war entschlossen im Nothfall zu schlagen, doch sich sonst „in keine Gefaͤhrlichkeit zu stellen.“ Schreiben bei H. 424. Frundsberg bei Mantua . Dahin nahm Frundsberg in drei geschlossenen Haufen sei- nen Weg: die Verbündeten hatten doch nicht den Muth, ihn ernstlich anzugreifen: sie neckten ihn blos bald mit ihrer leich- ten Reiterei bald mit ihren Schützen, die sich hinter den Grä- ben den Hecken verbargen; Leoni Vita di Francesco Maria d’Vrbino p. 364. nur einmal kam er in ernst- liche Gefahr. Als er in der Landwehr von Mantua, auf dem langen schmalen Damm einherzog, griffen ihn die Feinde im Rücken an und machten zugleich eine Bewegung um die Brücke über den Mincio, den er passiren mußte, bei Governolo zu besetzen. Er wäre verloren gewesen, hätte er sich an dem höchst ungünstigen Ort einschließen lassen. Frundsberg war aber bei aller seiner handfesten Tapferkeit keinesweges ohne eine einfache und ausreichende Taktik. Jener Brücke hatte er sich noch im rechten Moment ver- sichert: den Anfall im Rücken wiesen die Schützen mit ih- ren Handrohren ab; als dann doch eine nicht unbedeutende feindliche Truppe an dem Fluß erschien und ihm den Übergang zu erschweren Miene machte, wollte ihm das Glück so wohl, daß einer der ersten Schüsse den Capitän derselben, Johann Medici, auf welchen die Italiener ihr Vertrauen gesetzt, der ganz ein Mann war nach ihrem damaligen Sinne, — gebil- det, klug, allen südlichen Lastern ergeben, aber zugleich that- kräftig, verwegen, ein guter Anführer, — tödtlich verwun- dete. Die Erzaͤhlung, daß dieß just der erste Schuß aus den so eben angekommenen Falconets von Ferrara gewesen, nahm Reisner aus Jovius Vita Alfonsi, und sie ist mir deshalb verdaͤchtig, weil nach dem Tagebuch bei Hormayr p. 429 erst nachdem man uͤber den Po gekommen, 2 Falconets und 2 Schlangen, mit 10000 G. vom Herzog anlangten. „Haͤtt ich,“ sagt Frundsberg, „4 bis 500 Pferd Hierauf gieng Frundsberg bei Ostiglia über den Viertes Buch. Drittes Capitel . Po: das rechte Ufer aufwärts nach der Trebbia: am 28sten Dez. langte er in der Gegend von Piacenza an. „Hier sind wir,“ schrieb er dann an Bourbon: „über die hohen Gebirge und tiefen Wasser, mitten durch die Feinde, in Hunger und Mangel und Armuth sind wir glücklich ange- langt. Was sollen wir thun?“ Bourbon brauchte noch den ganzen Januar, um Mai- land so weit zu beruhigen, daß er es mit einer gewissen Sicherheit einem Theile seiner Truppen anvertrauen, und mit dem andern sich mit den Deutschen verbinden konnte. Am 12ten Februar geschah die Vereinigung bei Firenzuola. Frundsberg war sehr mißvergnuͤgt daß man ihn so lange aufziehe. Er vermuthet schon Verraͤtherei: was man ihm sagt glaubt er wie St. Thomas. Schreiben a. a. O. 430. Was sie thun sollten konnte ihnen keinen Augenblick zweifel- haft seyn. Die Gesinnung Frundsbergs kennen wir. Auch von Bourbon kann man sich nicht wundern wenn er jetzt vor allen andern Menschen den Papst haßte: — daß er Herzog von Mailand werden solle, war die Forderung des Kaisers, an der bisher alle Unterhandlungen gescheitert wa- ren, die Clemens nie hatte bewilligen wollen. Ihr ein- ziger Verbündeter in Italien war der Herzog von Ferrara, der dem Papst einen nicht geringern Haß widmete: von Cle- mens wie von Leo war er unaufhörlich selbst in seinem an- gestammten Erbe bedroht worden: er unterstützte das Heer auf dem Marsch, und forderte die Anführer auf, nur kei- gehabt, so wollt ich mit der Huͤlfe Gottes kaiserlicher Mt und fuͤrst- licher Durchlaucht nicht ein klein Ehr eingelegt haben. Ihr muͤgt enndlich glauben, daß ich mein Lebtag heftigern Abzug nicht gesehn habe.“ Den Feinden wurden 500 Pferde erschossen. Vereinigung der kaiserlichen Heere . nen Augenblick zu verlieren und den gemeinschaftlichen Feind in Rom aufzusuchen. Schon im Nov. hatte ihnen der Herzog von Ferrara gera- then, die Bentivogli in Bologna einzusetzen: gehe das nicht „den Zug auf den Papst vorzunehmen: wenn Bourbon kein Geld schaffe, die Staͤdte und Flecken zu schaͤtzen, die Knechte zu unterhalten.“ Am 22sten Februar brach dann das vereinigte Heer, bei 20000 M. stark, in sechs Hau- fen vertheilt, mit einigem Geschütz und einiger leichten Reiterei aus dem Lager von Firenzuola auf und nahm die große Straße die nach Rom führte. Hauptleute und Ge- meine waren davon durchdrungen, der Papst habe den neuen Krieg angefangen; sie wußten sehr wohl, daß wenn es ihnen der Kaiser an ihrem Sold fehlen lasse, dieß nur aus Mangel geschehe, und waren entschlossen sich denselben in Rom zu holen. Der religiöse Widerwille und die Be- gierde den Kaiser zu rächen, das gerechte Verlangen, zu ihrem wohlverdienten Solde zu kommen, und der Ruf von den seit einem Jahrhundert aus aller Welt in Rom zu- sammengehäuften Schätzen durchdrangen sich in ihnen, und bildeten das wunderlichste Gemisch von Leidenschaften, de- ren Inhalt sich zuletzt in dem Entschluß zusammenfaßte, Rom zu erobern und zu plündern. Gleich bei dem ersten Hinderniß das sich ihnen in Weg stellte, flammte diese Stimmung, nun schon selbständig ge- worden und nicht mehr zu bezähmen, in den heftigsten Ausbrüchen auf. Ende Februar und Anfang März hatten die päpstli- chen Truppen einige Vortheile im Neapolitanischen davon getragen, und der Vicekönig hatte sich wirklich entschlossen einen Stillstand mit dem Papst einzugehn, in welchem ent- Viertes Buch Drittes Capitel . weder gar nicht oder doch nur unzureichend von den Geld- zahlungen die Rede war, die dem Heere geleistet werden sollten, dagegen dessen Rückzug in die Lombardei verabre- det wurde. Vertrag bei Bucholtz III, 605. Die Inhaltsangabe bei Guicciardini ( XVIII, 5) stimmt damit nicht ganz zusammen: na- mentlich findet sich in dem Text nichts von den 60000 Duc. die nach Guicciardini gezahlt werden sollten. Ich moͤchte doch glauben, daß es noch einige geheime Artikel gab, wie in der Ligue von Cognac. Vettori spricht von 65000 Duc. Es war nicht sehr wahrscheinlich, daß dieser Vertrag von dem Kaiser ratificirt, oder von den Heerfüh- rern angenommen, ja selbst nicht, daß er von dem päpst- lichen Befehlshaber ausgeführt werden würde, indem das Heer der Liga sich in diesem Fall ganz von den päpstlichen Truppen zu trennen drohte. Diese Zweifelhaftigkeiten brachten die paͤpstl. Agenten in Ver- zweiflung. „Si è sempre consigliato lo accordo, ma s’intendeva un accordo che fusse fermo e non dubio e intrigato, come que- sto che si è fatto in Roma e non osservato in Lombardia.“ Aber das bloße Gerücht da- von, der Anblick eines Gesandten, der von Rom kam und da- hin zurückeilte, brachte das Heer in Bewegung. Sepulveda: VI, 1. Zuerst murr- ten die Spanier. Sie drohten, sie würden sich zu einem an- dern Herrn schlagen, der ihre Ansprüche besser befriedige: al- lein wen hätten sie finden sollen, da ihnen der Kaiser 8 Mo- nate den Sold schuldig war! es blieb ihnen nichts übrig, als sich an die Person ihres Heerführers zu halten. Ein Glück daß Bourbon noch entfliehen konnte: sein Zelt ward geplündert, sein bestes Kleid fand man den andern Tag in einem Gra- ben. Und auf der Stelle theilten sie ihre Aufregung auch den Deutschen mit; sie riefen nur immer: Lanz Lanz, Geld Geld: das Empoͤrung im Lager . das war alles Deutsch was sie konnten, es war wie der Naturlaut dieses Aufruhrs. Frundsberg glaubte doch noch nichts fürchten zu müssen: er traute sich noch zu, seine Landsknechte in Güte zu beschwichtigen. Er ließ die Trom- meln gehn, einen Ring schließen, und hatte das Herz, mit dem Prinzen von Oranien, der dem Heere aus Deutsch- land nachgekommen, und den vornehmsten Hauptleuten in dessen Mitte zu treten: er glaubte noch durch vernünftige Worte etwas auszurichten. Er stellte ihnen vor, wie er bisher für sie gesorgt, In einem fruͤhern Schreiben aus dem Heer heißt es: „die Knecht sind vast wohl mit im zufrieden: — er ritt auch unter ihnen um wie ein Held, und ist allweg der foͤrdriste beim Haufen.“ Wit- tenbach 4ten Febr. 27 in Hormayrs Oͤstreich. Plutarch XIII, 112. sie in guten und bösen Tagen nicht verlassen: so wolle er auch künftig bei den from- men Landsknechten thun: ihr gegenseitiger Schwur sey, bei einander zu genesen und zu sterben, bis sie alle bezahlt und befriedigt worden; den denke er zu halten: den Feind des Kaisers, den Anfänger des Krieges wolle er mit ihnen überziehen. Reisner: Frundsberge 104. (Bartholds Frundsberg setze ich voraus.) Wahrhaftiger und kurzer Bericht bei Buder p. 536 und bei Goldast Politische Reichshaͤndel p. 443; es finden sich einige kleine Differenzen, die sich schwer werden ausgleichen lassen. Allein es liegt etwas Irrationales in der gewaltsamen Forderung vereinigter Massen: ihrem Unge- stüm wird durch keine Gründe Einhalt gethan; der ver- nünftigen Anrede des Hauptmanns, den ein jeder Ein- zelne doch verehrte und liebte, antworteten sie mit dem Ge- schrei Geld Geld, das sich brüllend durch ihre Glieder wälzte: sie senkten die Spieße wider die Obersten in ihrer Mitte als wollten sie sie alle durchbohren. Dem alten Ranke d. Gesch. II. 25 Viertes Buch. Drittes Capitel . Frundsberg war es beschieden, die Landsknechte, als deren Lehrmeister und Vater er sich betrachten konnte, mit de- nen er so viel gewaltige Feinde bestanden, und jetzt dem mächtigsten, den sie alle haßten, entgegengieng, die Waffen gegen sich selbst richten zu sehen. Man hat behauptet, eben dieser verschlagene, im Geheimen thätige Feind habe durch seine Emissäre das Feuer geschürt. Wenigstens gegen Frundsberg bedurfte es keiner andern Waffen. Der alte Held, der sonst wohl den stärksten Gegenmann, spielend, mit einem Finger von sich geschoben, den keine Übermacht des Feindes jemals erschreckt hatte — er pflegte zu sagen: viel Feinde, viel Ehre: — der selbst darüber hinwegkam, wenn es ihm nach großen Diensten bei Hofe schlecht gieng, seinem Unmuth in ein paar Reimen Luft machte und bei der nächsten Bedrängniß seines Herrn die aufgehenkte Wehr wieder von der Wand nahm, der konnte doch diesen An- blick nicht ertragen: er empfieng davon unmittelbar so gut wie den Tod; in dem Momente verlor er das Bewußt- seyn und die Sprache, auf eine Trommel sank er nieder: er war am Ziele seiner Heldenlaufbahn. Wunderbare Kata- strophe. Er kam um im Feld, aber nicht durch die Feinde, nicht in dem Waffenkampfe, zu dem er ausgezogen: sein ein- fach heroisches Gemüth, das sich mit alle seiner Ehrlichkeit und seinem Ernst anstrengte, die emporfluthende Bewegung der doch sonst des Gehorsams gewohnten Truppen zu bemei- stern, als es die Leidenschaft, den einmal entflammten Trieb der Empörung unüberwindlich, übermächtig sah, da erlag es: bei dem widrigen Anblick, mit Einem Schlag verließ ihn die Lebenskraft. Hätte aber der Feind dadurch etwas erreicht zu Empoͤrung im Lager . haben geglaubt, so wäre er doch im Irrthum gewesen. In demselben Grade gewaltig war nun auch die Rückwirkung dieses Unfalles auf das Heer. Er bewirkte, was keine Zu- sprache und Überlegung vermocht hatte. Die Speere wurden wieder aufgenommen: das wilde Toben legte sich: die Worte der Obersten fanden aufs Neue Gehör: Alles gieng aus einander. Erst am 4ten Tag bekam Frundsberg die Sprache wieder, doch konnte er den Leuten nun nicht weiter vor- angehn. Er erinnerte nur noch den Herzog von Bourbon, nicht abzustehen: bis hieher habe sie Gott geleitet; es könne nicht anders seyn, er werde die Sache auch zu Ende führen. Die Landsknechte schrien nun nicht mehr nach Geld: sie baten Bourbon selbst, keine Zeit weiter zu versäumen: sie wollten nur fort fort. Hätte es Bourbon auch beabsichtigt, so würde er nicht mehr im Stande gewesen seyn das Heer zurückzuführen. Nach Machiavelli Speditione a Francesco Guicciardini lettera XIV 29 Marzo meldete Bourbon dem Legaten, „quanto egli ha desiderato la pace et la fatica ch’ egli ha durata per far con- tenti quelli soldati a questa tregua, e che in effetto non ha po- tuto fargli contenti, mostrando che bisogna più danari nè dice il numero.“ Der Heftigkeit des Hasses gegen den Papst entsprach die kühle Lauheit seiner Freunde. Das Heer der Liga folgte dem kaiserlichen immer in einiger Ferne und be- drohte eher den Rückzug als das Vorrücken desselben. Alle großen Städte waren im Kirchenstaat in so gutem Vertheidigungsstand wie in der Lombardei: dem Heere blieb nichts übrig als die Straße die es vor sich hatte: nur durch übergetretene Flüsse und Regenwetter und die 25* Viertes Buch. Drittes Capitel . Pässe im Gebirg ward es gehindert: ein Feind trat ihm nirgends entgegen. Langsam zog Bourbon vorwärts: erst am 5ten April finden wir ihn bei Imola; einige kleinere Städte wurden erobert und geplündert: dann wandte er sich zur Rechten nach den Gebirgen: er nahm den Weg von Val di Bagno. Die größern Geschütze sendete er an den Herzog von Ferrara, die kleineren wurden die Berge emporgeschleift: man hatte zuweilen Mangel an Brod, doch fehlte es eigentlich niemals an Wein und Fleisch: ohne viel Mühe ward die Höhe des Gebirges in den Gegen- den erstiegen, wo unfern von einander Sapio, Folia, Me- tora, mehrere Zuflüsse des Arno entspringen, und aus zahl- reichen Quellen die Anfänge der Tiber zusammenströmen; Plinius Hist. nat. III, 175 ed. Lugd. Flavius Blondus Italia illustr. p. 344. am 18ten April erschienen die Kaiserlichen bei Pieve di S. Stefano und bedrohten von da zugleich die Thäler des Arno und der Tiber, Florenz und Rom, ohne daß man noch wußte, wohin es sich zunächst wenden werde. Ein allgemeiner Schrecken ergriff diese Gebiete. Foscari Relatione di Fiorenza 1527 fuͤhrt aus, daß Bour- bon entweder Val di Lamone, oder la via della Marca von Rimini her, oder Val di Bagno passiren konnte. Nur die mittlere, bequemste war befestigt. Auch die andern haͤtte man mit leichter Muͤhe ver- theidigen koͤnnen, „si fata deum, si mens non laeva fuisset.“ — Aus Machiavells Briefen sieht man, daß als das Heer von S. Gio- vanni aufbrach, man immer noch glaubte, es moͤchte vielleicht zuruͤck- gehn, und den Weg nach Lucca nehmen, oder es moͤchte Ravenna angreifen. Der Papst sah nun wohl, daß der Vertrag den er mit Lannoy geschlossen zu günstig war um ausgeführt zu werden. Was die Kaiserlichen schon immer von ihm ge- Empoͤrung im Lager . fordert, das Geld um das Heer zu befriedigen, konnte er jetzt nicht mehr versagen. Er sah: seine eigne Rettung hieng davon ab. In seinem Auftrag begab sich Lannoy nach Florenz, um zu sehen ob es da aufgebracht werden könne. In der That sicherte man ihm hier zu, 150000 Scudi in bestimmten Terminen zu zahlen, und er eilte nach dem Gebirg, um mit diesem Versprechen das Heer wo möglich zum Rückzug zu bewegen. Instruction Lannoys in Hormayrs Archiv 1812 p. 377. Die Excerpte bei Bucholtz p. 71 stammen wohl aus denselben Papieren. Am 21 April langte er in dem Lager an, und blieb drei Tage daselbst. Man sah ihn mit Bourbon essen und trinken: alle ihre alten Mißverständnisse waren beigelegt; jedoch zeigte sich, daß das Anerbieten der Florentiner ihnen nicht genügte: sie erklärten, daß sie wenigstens 240000 Sc. haben müßten, um das Heer zum Rückzug zu bewegen. Ob sie alsdann im Stande gewesen wären, oder auch nur den ernstlichen Versuch gemacht haben würden, es zu- rückzuführen? Ich möchte es nicht behaupten. Die Tu- multe jenes Lagers waren in zu frischem Gedächtniß. Auch finde ich nicht, daß sie der Kaiser dazu aufgefordert hätte. Höchst eigenthümlich ist doch aufs neue das Verhält- niß des Kaisers. Noch öfter wurden zwischen ihm und dem Papst jene ostensiblen Äußerungen väterlichen Wohlwollens und kind- licher Ergebenheit gewechselt, die in der katholischen Welt herkömmlich sind: der Kaiser sprach noch zuweilen von der Entwurzelung der Lutheraner: in Hinsicht Italiens gab er Versicherungen von denen der Papst sagt, er würde darauf Viertes Buch. Drittes Capitel . die ganze Welt und seine eigne Seele in die Hände des Kaisers gegeben haben. Instruttione a Farnese Paͤpste Bd III, Anh. p. 36. Allein ganz anders lauten die Wei- sungen Carls an seine Generale. Lannoy ward im Februar ermahnt, sich nur durch keinen Vertrag täuschen zu lassen: wenn er auf der einen Seite die Colonnesen unterstütze, und dann auf der andern Bourbon mit dem deutschen Heere heranrücke, so könne man zu vielen großen und gu- ten Dingen gelangen. „Wir sehen wohl,“ schrieb er, „sie werden (in Rom) nicht gut thun, wenn sie nicht wohl gestriegelt werden. Es wird nöthig seyn aus fremdem Leder Riemen zu schneiden d. i. Geld zur Bezahlung un- serer Armee aufzubringen: da wo es am nächsten liegt: man muß dabei Florenz nicht vergessen, das auch eine derbe Züchtigung verdient hat.“ Excerpte bei Bucholtz III, 57. Ungefähr dieselben Meinun- gen sind das, wie die, welche im Heere herrschten. Nicht anders lauten die Briefe an Bourbon. Er weist ihn an, alles zu thun um die Kriegsrechnung abzumachen: „ihr seht, das Spiel dauert lang, ihr werdet nichts ver- säumen um es zu endigen.“ 14 Febr. und 31 Maͤrz. Bei Bucholtz III, 66. Es ist wahr, er brach die Unterhandlungen nicht ab, er fertigte sogar eine Ratifica- tion des Stillstandes, eine Vollmacht für den Frieden aus: allein er befahl zugleich dem Vicekönig, die Ratification nur in dem Falle auszuantworten, daß indeß das Heer keine Än- derung bewirkt, keinen bessern Vertrag möglich gemacht habe. Seine Instructionen konnten bei seiner Entfernung nur sehr spät eintreffen, nur im Allgemeinen wirken. Aber Empoͤrung im Lager . es bleibt immer merkwürdig, daß er in denselben Tagen, in welchen Bourbon und Lannoy beisammen waren, am 23sten April, nachdem er von dem Stillstand wissen mußte, seinen Oberfeldherrn doch auch nicht mit einem Wort er- innert, denselben zu beobachten. „Ich sehe, mein Vetter, daß Ihr gegen Rom zieht,“ sagt er; er hütet sich wohl, das zu mißbilligen: dort vielmehr meint er könne man von einem Stillstand oder auch von einem Frieden han- deln: er sende ihm die Vollmacht, obwohl er darin zuerst genannt sey, nicht selbst zu, damit es nicht scheine, als komme er um Frieden zu bitten, sondern damit man wisse, er werde sich denselben mit Gewalt erzwingen. Auszug bei Bucholtz p. 67. Mit Ei- nem Worte, der Kaiser war es sehr wohl zufrieden, daß sein Heer gegen Rom zog, um sich daselbst bezahlt zu ma- chen und dem Feinde den Frieden vorzuschreiben. Und bemerken wir, daß in diesem Moment auch der Papst nicht mehr geneigt war, den Stillstand, der ihn von seinen Verbündeten trennte, zu halten. Eben in denselben Tagen, am 25sten April, sey es daß er die neuen For- derungen der Armee schon erfahren hatte und unannehm- bar fand, oder daß ihn auch die allgemeine Lage der Po- litik ohnehin dazu bewog, schloß er ein neues Bündniß mit der Liga ab, welches zwar nicht bekannt geworden, von dem er aber selbst sagt, es sey darin Vieles zum Nach- theil des Kaisers enthalten gewesen. Instruttione al C l Farnese p. 31: „consentendo a molte conditioni che erano in pregiudicio della M tà Cesarea.“ Genug, sowohl der Kaiser als der Papst waren ent- schlossen das Kriegsglück wider einander zu versuchen. Viertes Buch. Drittes Capitel . Hätten sich die Kaiserlichen durch den frühern Still- stand gebunden gefühlt, so hätten sie nun doch wieder freie Hände gehabt. Bourbon zögerte keinen Augenblick diesen Vortheil zu benutzen. Nach einigen Demonstratio- nen gegen Florenz und Arezzo, — von Siena unterstützt — schlug er am 28sten April die große Römerstraße ein, welche die Kriegsheere und die Pilgerschaaren aus dem Norden Jahrhunderte daher so oft abwechselnd gezogen waren. Die Reiterei der Liga war ihm auf den Fersen, vor sich aber fand er keinen Widerstand. Am 2ten Mai war er in Viterbo, wo er von den deutschen Herren bewillkommt wurde; am 4ten jagte er die ersten päpstli- chen Truppen die ihm begegneten, unter Ranuccio Farnese, aus Ronciglione; am 5ten durchzog er die Campagna und erschien des Abends von dem Monte Mario her vor den Mauern des Vatican. Commentarius captae urbis laͤßt das Heer schon am 4ten vor Rom anlangen. Ein Theil muß wohl wirklich schon da erschie- nen seyn. Einen Tag und zwei Naͤchte sey es dem roͤmischen Ge- schuͤtz ausgesetzt gewesen. So kam das deutsche Heer, wie es von Tirol und Schwaben ausgezogen, ohne irgendwo Widerstand gefun- den zu haben, nachdem alles nach beiden Seiten vor ihm zurückgewichen war, vor Rom an — durch die hinzugekom- menen Spanier und Italiener, die auch in Rom Sold und Rache suchten, in seinem Ingrimm bestärkt, von ei- nem Feldherrn angeführt, der schon von den gewohnten Bahnen des europäischen Lebens abgewichen in dem Papste den vornehmsten Gegner aller seiner Ansprüche und Aus- sichten haßte. Es würde unbegreiflich seyn, wie der umsichtige Cle- Eroberung von Rom . mens nicht alle Möglichkeiten benutzte um dieß Unwetter zu beschwören, hätte er sich nicht im Grunde immer für den stärkeren gehalten. In Neapel hatte er Fortschritte gemacht, in der Lombardei nichts verloren; daß der Feind so ungehindert vorrückte, davon maß er die Schuld sich selbst bei, dem Stillstand den er geschlossen, und der seine Verbündeten irre gemacht habe; jetzt nachdem er diesen zurückgenommen, die Liga erneuert hatte, zweifelte er nicht, daß das Heer derselben, das schon in Toscana stand, ihm noch zur rechten Zeit zu Hülfe kommen würde: bis da- hin meinte er sollte es auch in Rom keine Gefahr haben: die Mauern waren mit Kanonen besetzt, 5000 Hakenschützen geworben: dem nemlichen Hauptmann, der vor drei Jahren den nemlichen Anführer und ein gleiches Heer so glück- lich von Marseille abgewehrt hatte, war die Vertheidigung von Rom übertragen. Das mußte sich nun eben zeigen. Auch Bourbon sah sehr wohl, daß er sich von dem wohlangeführten Feinde der hinter ihm herzog, nicht durfte vor den Mauern tref- fen lassen: er hätte noch am Abend angegriffen, hätte man ihm nicht die Nothwendigkeit vorgestellt, sich doch noch mit einigen Sturmleitern zu versehen. In der Nacht zum 6ten Mai bereitete sich alles zum Sturme auf Rom. Man beichtete und machte sein Testa- ment. Auch Bourbon gab seinem Beichtvater einige Auf- träge, die uns ungefähr den Ideenkreis zeigen, in dem er lebte. Er erinnerte den Kaiser: erstens in Zukunft seine Truppen zu befriedigen, vor allem die Deutschen, ohne welche er Italien nicht in Zaum halten könne: sodann sich Viertes Buch. Drittes Capitel . in Rom krönen zu lassen, was ihm zum Frieden mit dem Papst und zur Unterwerfung der Fürsten sehr nützlich seyn werde; von sich selbst versicherte er, seine Absicht sey nur, den Papst zu einem Darlehn für die Besoldung der Trup- pen zu nöthigen, und die Krönung des Kaisers vorzube- reiten. Man sieht er fühlte sich ganz als ein Soldat des Kaisers: mit dem siegreichen und befriedigten Heer dachte er Rom besetzt zu halten, und seinem Herrn das Ansehn eines alten Kaisers zu verschaffen. Merkwürdigerweise neigte auch die Meinung eines Theils der Bevölkerung innerhalb der Mauern dahin. Rom hatte keine feste, durch ererbte Rechte zusammengehaltene Bürgerschaft, wie damals vielleicht alle andern Städte in Europa: die Einwohner waren großentheils erst in den letz- ten Jahren eingewandert. Sie lebten von den Geschäf- ten am Hofe. Da dessen Ansehn und Einkommen Schlag auf Schlag abnahm, so hätten sie es so übel nicht gefun- den, wenn die Regierung der Priester durch die Hofhaltung eines mächtigen Kaisers verdrängt worden wäre, die ihnen dieselben Vortheile gewährt hätte. Vettori: Sacco di Roma, scritto in dialogo. Gli Romani si persuadevano che l’imperatore avessi a pigliare Roma e farvi la sua residenza, e dovere avere quelle medesime comodità e utile che avevano dal dominio de’ preti. In der Frühe des 6ten Mai, es war ein nebliger Mor- gen, schritten die Kaiserlichen zum Angriff wider die Mauern welche den Vatican umgaben. Sie hatten eine Anzahl von Sturmleitern aus den Gattern der Gärten, die man mit Weidenruthen an einander band, zu Stande gebracht. Ober- halb des Thores Sti. Spirito griffen die Spanier, unter- Eroberung von Rom . halb desselben die Deutschen an: unter den Spaniern Bour- bon selbst. Die Mauern waren nur niedrig, die Ver- schanzungen in der Eile aufgeworfen: das päpstliche Ge- schütz that keine rechte Wirkung; einen einzigen großen Verlust erlitten die Kaiserlichen: Bourbon selbst fiel im ersten Anlauf durch den Schuß einer Hakenbüchse; Nach dem Ferrarischen Schreiben bei Hormayr 437 fiel Bourbon als der erste oder der dritte: eine Musketenkugel zerriß ihm Rippen und Eingeweide, in einer halben Stunde war er todt. er war nur bestimmt gewesen, das Ereigniß bis auf den Punct zu führen, wo es seinem eignen innern Antrieb über- lassen werden konnte; über ihn dahin gieng es nun sei- nen Lauf weiter. In Kurzem waren die Verschanzungen überwältigt; hierauf wurden die Leitern angelegt; unter den Ersten erstieg Claus Seidensticker, sein großes Schlacht- schwerd in der Hand, die Mauern; dann sprang Michael Hartmann mit einigen Gefährten hinab; sie hatten so we- nig nachhaltigen Widerstand gefunden, daß sie selbst kaum wußten, wie sie hinübergekommen: in ihrem evangelischen Eifer meinten sie, Gott sey ihnen im Nebel vorangegan- gen. Leicht war das päpstliche Geschütz genommen, das Thor für den nachdringenden Haufen eröffnet: ein paar hundert Schweizer, die sich auch hier den Landsknechten gegenüber finden ließen, wurden ohne Mühe zurückgewor- fen: der Borgo war erobert, ehe der Papst recht wußte daß der Angriff begonnen: er hatte nur eben noch so viel Zeit, um nach der Engelsburg zu flüchten. Vettori Storia d’Italia erzaͤhlt, was er erfuhr, folgender- gestalt. La mattina delli sei appresentò (Borbone) la battaglia tra il portone del borgo, che è drieto alla casa del C l Cesis, e quello di S. Spirito, dove ne’ piu di luoghi non è muro, ma Viertes Buch. Drittes Capitel . Das Heer war gut genug disciplinirt, um auch nach dem Verlust des Oberanführers sich noch aller Plünderung zu enthalten und dem Papst noch einmal Vorschläge zu machen. Der Ferrarische Bericht erzaͤhlt, daß nur die Troßbuben in diesem Moment gepluͤndert. Der Angriff hatte 200 M. gekostet. Wie Lannoy vor einigen Monaten 200000, Bourbon vor ein paar Tagen 240000 Sc., so forderten jetzt die Obersten, unter den Augen des Papstes, 300000 Sc. und als Sicherheit die Überlieferung der transtiberi- nischen Stadt. Der Papst, der der Hofnung lebte, je- den Augenblick müsse das Heer der Liga anlangen — schon wollte man die ersten Reiter desselben in der Ferne ent- deckt haben, — so lange werde sich die eigentliche Stadt schon zu halten vermögen, wies auch in diesem letzten Mo- ment alle Vorschläge zurück. Nach vierstündigem Zögern setzten sich die Truppen aufs neue in Bewegung, um ihr Unternehmen zu Ende zu führen. Sie nahmen Trastevere ohne Schwerdschlag ein; erbrachen das Thor an der Brücke, die nach der eigent- lichen Stadt führt; auch hier fanden sie so gut wie kei- nen Widerstand: ungehindert rückten sie in den Straßen vorwärts, Ein Uhr nach Sonnenuntergang war die ganze Stadt in ihren Händen; doch standen sie in ihrer Ord- nung bis Mitternacht; die Masse der Spanier hielt auf bene vi era facto qualche poco di riparo. Era la mattina neb- bia grande, che causava che l’artigliria non si poteva in modo indirizzare che nocesse alli inimici i quali dettono la battaglia, e quelli di drento si difendevano gagliardamente, ma furono tanti quelli di fuori che con le mani guastavano i ripari, che erano di terra e deboli, e si ridussono a combattere a piano. Vgl. Se- pulveda, der ebenfalls zugegen war, VII, 7. Eroberung von Rom . der Piazza Navona, die der Deutschen auf Campofiore, in welchen Gegenden damals der meiste Verkehr war; end- lich da weder in der Stadt, noch in der Nähe ein Feind sich zeigte, stürzten sie fort nach den Häusern zur Plünderung. Was waren in den letzten 70, 80 Jahren alles für Schätze nach Rom geflossen: so viel geistliche Gefälle aus allen Ländern der Erde, Geschenke der Pilger, Erträge von Jubileen: Einkünfte von den Pfründen, welche den Prä- laten gehörten: jede geistliche Gnade war feil gewesen um Geld; Francesco Vettori Storia d’ Italia MS fuͤgt hinzu: Romani vendevano tutte le loro entrate care et affittavano le loro case a gran pregj ne pagavano alcuna tassa o gabella. Er gedenkt noch des Gewinns den ein Jeder gemacht: li artigiani, il popolo minuto, le meretrici. Niemals ward eine reichere Stadt gepluͤndert. alle diese Reichthümer fielen nun den entblösten be- dürftigen beutegierigen Truppen in die Hände, die seit so lange auf diese Stunde vertröstet worden. An 20000 Menschen zahlten in den nächsten Tagen die Schatzung; die Kaiserlich-gesinnten, Gibellinen wurden so wenig geschont wie die Guelfen, die Kirchen so wenig wie die Privathäuser: die großen Basiliken vor den Tho- ren S. Lorenzo, S. Paolo wurden geplündert: das Grab des heiligen Peter wurde durchwühlt, der Leiche Julius II der goldne Ring vom Finger gezogen; — man rechnete, daß dem Heere bei 10 Millionen Goldes an Werth in die Hände gefallen seyen. Nova quomodo Roma capta sit relatio bei Schardius II, 611. Per decem integros dies ecclesias gynecia monachos mo- niales et cardinales episcopos praelatos bancarios spoliarunt, de- ditos ceperunt, libros et registra lacerarunt etc. Vettori La ucci- Viertes Buch. Drittes Capitel . Hiebei machten die Spanier die reichste Beute: sie hatten man möchte sagen Witterung von Geld, spürten das Verborgenste auf und wußten es herauszupeinigen. Die Neapolitaner zeigten sich persönlich noch gewalt- samer, bösartiger. Ein Italiener, Jovius, Vita Pompeji Colonnae p. 191. 2, macht die hier bezeichnete Unterscheidung. Ein Glück, daß nach einigen Tagen Pompeo Colonna eintraf, der sich Mühe gab, den römi- schen Adel wenigstens gegen die wildesten Ausschweifun- gen zu sichern, und eine Art von Asyl in seinem Hause eröffnete. Die Deutschen waren zufrieden, daß sie endlich wie- der zu essen und zu trinken hatten; wenn sie keinen Wi- derstand fanden, erschienen sie eher gutmüthig. In dem Sacco di Roma, der gewoͤhnlich dem Guicciardini zugeschrieben wird, naͤher detaillirt. Ich habe mich aber dieser De- tails doch nicht zu bedienen gewagt, da ich uͤber den Ursprung die- ser Schrift nicht ganz gewiß bin. Sie lie- ßen die Juden ohne Neid ihren Vortheil machen. In Cam- pofiore ward viel gespielt. Die Leute waren plötzlich so reich geworden, daß sie ein paar hundert Gulden auf Einen Wurf setzten. Man sah Manchen mit goldnen Gefäßen be- laden ankommen: und nachdem er alles verspielt, wieder leer nach Hause gehn. Oder sie gaben dem Simon Bat- tista zu essen, den die päpstliche Regierung eingesperrt hatte, weil er die Plünderung der Stadt geweissagt: sie hatten ihn befreit, aber auch ihnen verkündigte er kein Glück, sione fu poca, perche rari si uccidono quelli che non si vo- gliono defendere, ma la preda fu inestimabile di danari contanti, di gioie, d’oro e d’argento lavorato, di vestiti, d’arazzi, paramenti di case, mercantie d’ogni sorte e di taglie. Eroberung von Rom . denn Soldatenreichthum und Pfaffengut gehe alles densel- ben Weg. Nehmt nur, rief er aus, raubt nur, ihr müßt doch alles wieder fahren lassen. Ihre evangelische Meinung entlud sich in Scherzen. Knechte, als Cardinäle verkleidet, einen Doppelsöldner als Papst mit der dreifa- chen Krone in der Mitte, so ritten sie in festlichem Zug durch die Stadt, von Trabanten umgeben; vor dem Ca- stell von S. Angelo hielten sie still: der vermeinte Papst gab den Cardinälen, ein großes Baßglas schwingend, sei- nen Segen: dann hielten sie Consistorium und gelobten, sich in Zukunft besser zum römischen Reich zu halten: Lu- ther, dem wollten sie das Papstthum schenken. Reisner: wahrhaftiger Bericht. Noch viel staͤrkere Expecto- rationen Gruͤnewalds wider den Papst, der gegen Gottes Wort ge- handelt, erzaͤhlt Cochlaͤus und wiederholt Rainaldus aus demselben. Zuweilen brach Zwietracht zwischen den Nationen aus: dann ward ein Ausschuß von drei spanischen und drei deut- schen Hauptleuten gemacht, welche Nachts durch die Stra- ßen ritten und die Ordnung handhabten. Ἅλωσις Romae bei Hofmann nova collectio p. 535. Die Deutschen wollten den Spaniern ihre Schandthaten z. B. an 10jaͤh- rigen Maͤdchen nicht gestatten; die Spanier verboten den Deutschen dagegen die Verspottung der Priester, die sie fuͤr eine der groͤßten Gottlosigkeiten erklaͤrten. Die Anführer lagen in dem Vatican: der Prinz von Oranien hatte die Zimmer des Papstes inne. Ein Jeder hatte seine Pferde so nah wie möglich bei sich, damit sie ihm nicht gestohlen würden. Auch der Vicekönig war nach Rom gekommen, und hatte die alten Unterhandlungen wieder angeknüpft. Eine Zeitlang hoffte der Papst auf Entsatz: der Herzog von Urbino erschien Viertes Buch. Drittes Capitel . in der Nähe, und alle Nacht gab man ihm drei Mal vom Castell das Zeichen, daß man sich noch halte. Aber er schien zu fürchten, die Deutschen möchten sich besser vertheidigen, als ihnen Widerstand geleistet worden. Die Deutschen waren wenigstens sehr geneigt ihm entge- genzugehn. Schwegler schreibt (bei Hormayr a. a. O. p. 446), im Lager der Feinde sey Hunger und Unwille: kommen sie naͤher, so wollen wir sie im Feld aufsuchen. Und sollte er wohl für den Papst etwas zu wagen geneigt seyn? War er nicht vor wenig Jahren von dem Hause Medici auf Leben und Tod bekämpft, aus seinem Lande verjagt worden? Er entfernte sich wieder, ohne das Mindeste ge- than zu haben. Hierauf mußte der Papst doch endlich die Bedingungen eingehn, die er so oft zurückgewiesen, und die ihm jetzt, aber noch um Vieles gesteigert, vorgelegt wur- den. Er versprach jetzt, in verschiednen Terminen 400000 Sc. zu zahlen; zum Unterpfand ließ er einige der festesten Plätze die sich noch hielten, in der Lombardei Modena Parma und Piacenza, in der Nähe Ostia und Civitavec- chia von den Kaiserlichen besetzen. Am 5ten Juni ward dieser Vertrag geschlossen: den Tag darauf zogen Spanier und Deutsche in dem Castell S. Angelo auf die Wache. Zweihundert der schönsten und stärksten Landsknechte wur- den ausgewählt, um bei dem Papste den Dienst zu thun. Der Kaiser glaubte nunmehr mit Italien bald am Ziele zu seyn. Er zweifelte nicht daß es seiner Armee gelingen werde, mit den Florentinern, die in diesen Bewegungen das Haus Medici verjagt hatten und vom Papst abgefallen wa- ren, eine vortheilhafte Convention zu schließen: dann sollte sie sich Eroberung von Rom . sich gegen Venedig wenden und ihr Lager im Gebiet der Republik aufschlagen, um auch sie zum Frieden zu nöthigen, da werde ihr die Hülfe von Ferrara zu Statten kommen. Schreiben Carls vom 30sten Juni bei Hormayr 1812, 381. Die Absicht war, den Herzog von Ferrara zum Generalcapitaͤn zu ernennen; Mailand wollte Carl Niemanden versprechen, sondern erst erwarten, wie der Proceß Sforzas entschieden werde. In einem Schreiben Angerers vom 1sten Juli heißt es: sende man jetzt nur 6000 M. nach Mailand zur Unterstuͤtzung Leivas, so sey „ganz Ita- lia gewonnen und erobert.“ In Rom sprach man bereits nicht mehr von der apo- stolischen, sondern von der kaiserlichen Kammer. Den Deutschen war es hier an Ort und Stelle recht einleuchtend, wie dem Kaiserthum von den Päpsten mitge- spielt worden; man zeigte ihnen die Ruinen der Kaiserpal- läste, und erklärte ihnen die Kunstgriffe, durch welche dem Kaiser das Land und die Stadt und sogar seine Hofwoh- nung in der Stadt entwunden worden. Aber sie trösteten sich damit, daß Der, welcher sich selbst zum Gott auf Er- den erhoben, nun durch die Macht des eifrigen Gottes nie- dergelegt sey. Sie gaben der Hofnung Raum, daß der junge theure Kaiser Carolus durch seine milde Tugend nach dem einigen Wort unsres Seligmachers regieren werde. Worte des wahrhaftigen Berichtes; er schließt: damit unsre Seelen, daruͤber Gott Herr ist, in unserm zeitlichen Abschied zu ewi- ger Freud aufgenommen werden, darumb der Herr Jesus vom Him- mel herab in diese Welt kommen ist und am Kreuz von aller Men- schen wegen gestorben ist. Das verleihe uns Gott der Herr. Ranke d. Gesch. II. 26 Viertes Capitel . Besitznahme von Böhmen und Ungern. In dem Augenblicke dieser großen Erfolge ergossen sich die deutschen Streitkräfte und zwar ebenfalls zu Gunsten des Hauses Östreich noch nach einer andern Seite nach Un- gern hin. Erinnern wir uns, um den Ursprung und die Bedeutung dieses Ereignisses zu fassen, vor allem, daß die drei östlichen Königreiche der abendländischen Christenheit, Ungern Böh- men und Polen nicht ohne den mannichfaltigsten deutschen Einfluß zu einer festern Verfassung gelangt, civilisirt und christianisirt worden waren. Am Ende des vierzehnten Jahrhunderts schien es noch einmal, als sollte diese Ver- bindung sich unauflöslich erneuern. Das in Deutschland vorwaltende Haus, das luxemburgische besaß Böhmen und Ungern: die Erbin von Polen ward als Verlobte eines östreichischen Prinzen erzogen. Aber in alle diesen Ländern war auch ein der deut- schen Einwirkung entgegengesetztes Prinzip. Eben dem ge- fährlichsten Feinde der Deutschen, dem Großfürsten Jagjel von Litthauen gelang es, den Herzog von Östreich vom polnischen Throne zu verdrängen: später schickte er seinen Neffen Koribut nach Böhmen: sein Sohn erwarb die Krone Verfall von Ungern . von Ungern. Es bildete sich eine jagellonische Consolida- tion in dem östlichen Europa, die sich auf der einen Seite den vordringenden Osmanen opponirte, auf der andern allen deutschen Einfluß ausschloß, und sich, obwohl nach mancherlei Wechsel der Weltschicksale, im Anfang des 16ten Jahrhunderts doch noch immer erhielt: Sigismund I be- herrschte Polen und Litthauen, Wladislaw II Böhmen und Ungern. Schon hatte sie jedoch keine wahrhafte innere Stärke mehr. Wladislaw II war kein Mann, um den stürmischen Adel in Ungern in Zaum zu halten. Auch Matthias haͤtten sie gern verjagt. Die Relatio Nun- cii Apostolici von 1480 bei Engel II, 14 sagt ausdruͤcklich: Li Baroni cercano di cacciarlo del reame. Er hätte nur zum einfachsten Privatleben getaugt. Man bemerkte, er spreche von den Dingen des täglichen Lebens mit einer gewissen Einsicht, jedoch nicht mehr, wenn die Rede auf Staats- sachen komme; er wollte nicht daran glauben wenn man ihm von Jemand etwas Böses sagte, und war nur schwer dahin zu bringen ein Todesurtheil zu unterschreiben. Relatione di Sebastian Zustignan venuto orator di Hon- garia bei Sanuto IV 1503. Il re è homo grande di persona e di degnissima genealogia: devoto e religioso, e si dice: nunquam habuit concubitum cum muliere, e mai si adira, mai dice mal di niun, e se niun dice mal di qualcuno, dicit rex: forsan non est verum. — Dice assa oration, alde tre messe al zorno, ma in reliquis è come una statua. — — Est più presto homo rectus quam rex. So machte denn ein Jeder was er wollte. Unter König Mat- thias hatten die Staatseinkünfte über 800000 Duc. be- tragen: unter Wladislaw fielen sie allmählig auf 200000; in dem königlichen Pallast konnte man bald nach seinem 26* Viertes Buch. Viertes Capitel . Tod die Ausgaben der Küche nicht mehr bestreiten. Alles gerieth in den tiefsten Verfall. Jedes Reich, heißt es in den Satzungen von Tolna vom Jahr 1518, bedarf zu sei- ner Erhaltung zweierlei Mittel, Waffen und Gesetze: in unsrem ungrischen Reich haben wir weder das eine noch das andre. Ex Ludovici II decretis Tolnensis conventus bei Katona: Hist. crit. Vngariae XIX, p. 89 Unter diesen Umständen fanden es allmählich auch die Jagellonen rathsam, sich wieder an die nächste und mäch- tigste deutsche Familie, an das Haus Östreich anzuschlie- ßen. Dem Kaiser Maximilian, der wie er sagt, „seine und der deutschen Nation Gerechtigkeit“ an Ungern und Böhmen keinen Augenblick aus dem Gesicht verlor, ward es endlich im Jahr 1515 so wohl, beide Könige Sigis- mund und Wladislaw bei sich zu sehen und den engsten Erbvertrag mit ihnen zu schließen. Wladislaw verlobte seinen Sohn und seine Tochter mit einem Enkel und einer Enkelin des Kaisers: Sigismund versprach, sich mit Bona Sforza zu vermählen, die ebenfalls zur östreichischen Ver- wandtschaft gehörte. Das Jahr darauf starb Wladislaw: Ludwig II gelangte nun unter der gemeinschaftlichen Vor- mundschaft Maximilians und Sigismunds auf den Thron. Allmählig setzte sich am Hofe ein deutsches Element fest, besonders nachdem sich Ludwig im Jahr 1521 mit jener Enkelin Maximilians, Maria von Östreich wirklich vermählt hatte. Noch war aber alles in der größten Unordnung. Her- berstein kann nicht Worte genug finden, um den wettei- fernden Übermuth der Großen, der geistlichen wie der welt- Johann Zapolya . lichen, zu schildern, Rerum Moscoviticarum Commentarii Basil. 1571 p. 146. wie die Grenzen ohne Vertheidigung lagen, während ihre bewaffneten Schaaren die Straßen der Hauptstadt enge machten, wie die lauten Trompeten zum Mittagsmal der Magnaten riefen, während es um den König einsam war: — alle Stellen wurden nach Gunst vertheilt, die Münze ward verschlechtert. Zuletzt dachte wohl wenigstens die geistreiche Königinn daran, die Staats- gewalt zu erneuern; allein schon hatte sich dem Hofe gegen- über eine Macht gebildet die ihm Widerstand leistete. Unter König Matthias war besonders das Haus Za- polly emporgekommen, so genannt von einem slawischen Dorfe bei Poschega, von wo es stammte. Diesem Hause vor allem verdankte König Wladislaw seine Thronbestei- gung, aber eben darum nahm es auch einen Antheil an der Gewalt, eine gewisse Aussicht auf die Krone selber in Anspruch. Es war wohl das reichste von allen Magna- tenhäusern: man zählt 72 Schlösser die ihm eigenthümlich gehörten: Nach Turnschwamb bei Engel I, 193 waͤren viele davon dem Vater Johanns, Stephan Zapolya, blos zu treuen Handen an- vertraut gewesen. seinen vornehmsten Sitz hatte es auf der Burg Trentsin auf einem steilen Bergfelsen an der Waag: da waren die schönsten Gärten angelegt, gefangene Türken hat- ten einen bei hundert Klaftern tiefen Brunnen gegraben: alles war durch starke Befestigungen geschützt. Man sagt, dem jungen Johann Zapolya sey schon sehr früh der Be- sitz der Krone geweissagt worden. Mächtig durch sein rei- ches Erbe wie er war, Graf von Zips, Woiwode von Siebenbirgen, sammelte er sehr bald eine starke Partei um Viertes Buch. Viertes Capitel . sich. Durch ihn hauptsächlich geschah es, daß die Ungern im Jahr 1505 durch förmlichen Beschluß alle Ausländer von ihrem Throne ausschlossen, einen Beschluß, den sie zwar nicht ohne Widerspruch zu behaupten vermochten, aber auch nicht unzweifelhaft zurückzunehmen genöthigt werden konnten. Im Jahr 1514 gelang es dem Woiwoden, einen höchst ge- fährlichen Bauernaufruhr durch seine eigenthümliche Kriegs- macht zu zersprengen, was ihm der geringere Adel um so mehr als ein Verdienst anrechnete, da nun den Bauern eine desto härtere Knechtschaft auferlegt wurde. Eben gegen den Adel war der Aufruhr gerichtet. Zeckel nannte sich in einer seiner Proclamationen: regis Hungariae tantum- modo subditus et non dominorum. Bei Katona 18, 720. Er hätte gewünscht, bei dem Tode Wladislaws Gubernator des Reichs zu werden, sich mit dessen Tochter Anna zu ver- mählen und dann der kommenden Dinge zu warten. Al- lein eben hier trat ihm nun die Politik Kaiser Maximilians entgegen. Anna ward mit dem Erzherzog Ferdinand ver- mählt: Zapolya ward von der Verwaltung des Reichs aus- geschlossen: auch das vacante Palatinat ward ihm versagt, und seinem alten Gegner Stephan Bathory gegeben. Er gerieth in eine höchst gereizte Stimmung: — schon 1518 hielt der Kaiser bei dem Zusammentreten des Rakosch ein paar tausend Mann in Bereitschaft um im Fall einer Ge- waltthätigkeit von Seiten Zapolyas der ungrischen Regie- rung zu Hülfe zu kommen. Instruction Maximilians an Herberstein in Senkenbergs Sammlung ungedruckter Schriften IV, p. 26. Doch dauerte es bis zum Jahr 1525, ehe Zapolya auf einem Rakosch die Oberhand erhielt. Als der König nichtsdestoweniger seine Anträge aus- Innere Unruhen . schlug, beriefen seine Anhänger einen außerordentlichen Reichs- tag nach Hatwan, auf dem sie den Versuch machten, alle Frem- den zu entfernen, die ganze Regierung zu verändern und in ihre eigne Hände zu nehmen. Den Palatin, Bathory, setzten sie ab, und erhoben den vertrautesten Freund des Woiwoden, Stephan Verböcz, an dessen Stelle. Von Zapolya selbst zweifelte schon Niemand, daß er nach der Krone trachte. „Der Woiwode,“ sagt eine venezianische Relation von 1523, „ist ein guter Kopf, sehr gescheidt, allgemein beliebt: es würde ihm nicht unangenehm seyn, wenn das Reich einen Unfall erlitte: er würde es mit seiner eigenthümlichen Macht wiedererobern und sich zum König machen.“ Relatione del S r d’Orio 12 Dc. 1523. Saria contento che quel regno si perdesse e poi lui con il favor de Transilvani ricuperarlo e farsi re. „Er trachtet,“ fügt eine andre im Jahr 1525 hinzu, „mit allen Kräften seines Geistes nach der Krone, und bereitet alles vor, um sie zu erlangen.“ Es war im Widerstand gegen diese so rasch auf das letzte Ziel losgehende Macht eines Vasallen, daß dessen Gegner, dadurch bedroht, sich im Frühjahr 1526 enger um den Hof anschlossen, auf einer Reichsversammlung die Be- schlüsse von Hatwan für ungültig erklärten, Bathory wie- der einsetzten, und den König aufforderten, seine Autorität endlich einmal zu brauchen. Die Königin war sehr bereit dazu. Sie forderte eine völlige Freiheit der Finanzverwal- tung, eine unmittelbare Abhängigkeit der Grenztruppen. Schon warnte sie der päpstliche Nuntius, nicht allzuviel Holz aus Feuer zu legen. Viertes Buch. Viertes Capitel . Allein, ehe noch irgend etwas erreicht, als vielmehr durch Action und Reaction erst die volle Verwirrung hervorgebracht war, erschien schon der gewaltige Feind, der Osmanensul- tan Soliman: entschlossen, diesem ganzen Wesen ein Ende zu machen. So lange standen Osmanen und Jagellonen einander in dem östlichen Europa gegenüber: jetzt war der für ihn günstige Augenblick gekommen, diesen alten Wett- streit wenigstens in Bezug auf Ungern auszufechten. Schon vor fünf Jahren hatte er Belgrad erobert: welches, wie man sich erzählte, unter andern deshalb nicht unterstützt worden war, weil es der Regierung an 50 Gulden fehlte, um die schon bereit liegende Munition von Ofen nach Bel- grad zu schaffen. Seitdem waren auch die Grenzplätze von Croatien in die Hände der Paschas gefallen: das weite Land war zu einem großen Unternehmen eröffnet. Zu ei- nem solchen fühlte sich nun der Sultan zugleich durch die innere Lage von Ungern wie durch die allgemeinen euro- päischen Zerwürfnisse aufgefordert. In seiner Gefangen- schaft zu Madrid hatte König Franz das Mittel gefunden, Soliman um seine Hülfe zu ersuchen: denn einem großen Kaiser stehe es zu, Bedrängte zu unterstützen: es waren in Constantinopel Pläne gemacht worden, zugleich mit einer vereinigten Flotte Spanien anzugreifen und mit einem Land- heer durch Ungern nach Oberitalien vorzudringen. Erzaͤhlung Ibraims (des Imberi-Wascha) in dem Bericht Lambergs und Jurischitz’s in Gevay’s Urkunden und Actenstuͤcken zur Geschichte der Verhaͤltnisse zwischen Oͤsterreich Ungern und der Pforte. 1530 p. 42. So- liman war, ohne Bedingungen unterzeichnet zu haben, durch seine Weltstellung ein Verbündeter der Liga, wie der Kö- Angriff Solimans . nig von Ungern ein Verbündeter des Kaisers. Am 23sten April 1526 erhob sich Soliman, nachdem er die Gräber seiner Vorfahren und der alten moslimischen Märtyrer be- sucht, mit seinem gewaltigen Heere aus Constantinopel; — es mochte 100000 M. betragen, unaufhörlich zogen ihm Verstärkungen zu. Er wußte die Mannschaften in der streng- sten Unterordnung zu halten. Sein Tagebuch bemerkt, er habe Leute köpfen lassen, weil sie Pferde der Unterthanen weggetrieben, oder weil sie die Saaten eines Dorfes zu Grund gerichtet hatten. In Hammers Geschichte der Osmanen Bd III, p. 639. Er selber glänzte in seiner Ju- gend durch alle die Eigenschaften der Thatkraft und Er- oberungslust, welche seine Vorfahren groß gemacht hatten. Und wie wären nun die Ungern in dem Zustand worin sie sich befanden fähig gewesen, einem solchen Angriff Wi- derstand zu leisten. Ibrahim-pascha belagerte schon Peterwardein, ehe die Ungern noch die mindeste Anstalt getroffen. Vorlängst wa- ren die Mannschaften einberufen, aber Niemand war er- schienen. Man hatte Contributionen ausgeschrieben: es war so gut wie nichts eingegangen. Nur mit Mühe hatte man 50000 G. auf die Neusohler Bergwerke von Anton Fugger aufgebracht. Mit einem Gefolge von nicht mehr als 3000 M. gieng der junge König am 24sten Juli ins Feld. Broderithus Descriptio cladis Mohaczianae in appendice Bonfinii ed. Sambucus p. 558. Vgl. Turnschwamb p. 204. Ibrahim hatte Peterwardein erobert und seinen Sultan mit dem Geschenk von fünfhundert abgeschnittenen Köpfen Viertes Buch. Viertes Capitel . auf dem ungrischen Gebiet empfangen: das osmanische Heer war nun bei 300000 M. stark und wälzte sich die Do- nau aufwärts; Soliman ließ in dem Lager ausrufen: sein Ziel sey Ofen. Indessen sammelten sich diesseit um den König die Truppen einiger Gespannschaften, einzelner Ma- gnaten: einige vom Papst, einige von Polen besoldete Fähn- lein: in Tolna konnten 10 bis 12000 M. um ihn seyn. Darunter 4000 M. z. F. Brod. 559. Die Reiterei giebt er nicht genau an. Vor allem wäre nun nothwendig gewesen, die Über- gänge der Drau zu besetzen, und dahin eilte der Palatin, der es wenigstens an Eifer nicht fehlen ließ. Allein eine Anzahl Magnaten weigerten sich, ohne den König vorzu- rücken. Soliman behielt Zeit, eine bequeme Brücke zu schla- gen, über die sein Heer fünf Tage lang den Zug hinüber nahm. König Ludwig sagte: „ich sehe, mein Kopf soll für die ihren haften: wohlan! ich will ihn hintragen;“ er be- gab sich auf die schicksalvolle Ebene von Mohacz: wirklich entschlossen, mit seinem geringen Haufen die ohne Vergleich überlegene Macht des Feindes in offenem Felde zu erwarten. Noch waren die Truppen des Reiches lange nicht bei- sammen, die beiden mächtigsten Vasallen, der Ban von Croatien, der Woiwode von Siebenbirgen fehlten noch: die böhmisch-mährischen Hülfsvölker waren noch nicht ein- getroffen: mit allen neuen Zuzügen betrug das Heer in Mohacz 20 bis 24000 M. Es waren wohl nur Wenige dabei, die je einer Feldschlacht beigewohnt. Die Anfüh- rung mußte einem Minoriten, Paul Tomory, Erzbischof von Colocza, der sich einst in ein paar Streifzügen Schlacht von Mohacz . hervorgethan, anvertraut werden. Trotz alle dem hegten die Ungern das verwegenste Selbstvertrauen. Sie wären nicht zum Rückzug zu bewegen gewesen: Ongari si havea potuti ritrar salvo verso Buda. C o pia di un aviso avuto da Constantinopoli in Hammers Wiens erste auf- gehobene tuͤrkische Belagerung Anh. nr. VIII: eine einfache aber gute Nachricht. nicht einmal eine Wagenburg mochten sie um sich schlagen; so wie der Feind am 29sten Aug. von den vor ihnen liegenden Hügeln in die Ebene wo sie lagerten herabstieg, zögerten sie keinen Augenblick, auf ihn loszugehn. Allein Soliman war eben so vorsichtig wie sonst überlegen. Die Ungern dachten die Schlacht durch ungestümen Anfall zu entscheiden, sie trotz- ten auf ihre Harnische von blauem Stahl: mit Geschütz und Fußvolk waren sie schlecht versehen: sie führten den Krieg im Sinne der frühern Jahrhunderte. Dagegen hatte Soliman die aufkommenden Tendenzen der neuern Kriegs- kunst für sich, so sehr er sonst Barbar seyn mochte: er wußte sich der Erfindungen der letzten Zeiten zu bedienen: hinter den erwähnten Anhöhen hatte er 300 Feuerschlünde aufgestellt: seine Janitscharen waren im Gebrauch des Hand- rohrs so gut geübt wie irgend eine Miliz der Welt. Den Ungern ward es nicht schwer, die vorgerückten türkischen Geschwader zu zersprengen, die Hügel zu besetzen, und schon glaubten sie wohl, gesiegt zu haben: hier aber erblickten sie erst das unermeßliche Lager der Osmanen: indem sie unauf- haltsam, unbedacht, als sey das Unmögliche dennoch mög- lich, darauf losstürzten, wurden sie von dem furchtbaren Feuer empfangen, der rechte Flügel von dem Geschütz, das Mitteltreffen von den Handrohren der Janitscharen: indeß Viertes Buch. Viertes Capitel . nahm sie die Reiterei der Sipahi in beide Flanken. Da konnte keine persönliche Tapferkeit etwas helfen: die Ungern geriethen auf der Stelle in Unordnung: Auszug aus des Heiducken Nagy Geschichte des Mohacser Feldzuges, erhalten in der osmanischen Geschichte Petschewi’s: (der merkwuͤrdige Fall, daß eine recht brauchbare occidentalische Erzaͤhlung uns aus einem orientalischen Werke zuruͤckkommt;) mitgetheilt von Hammer in Hormayrs Archiv Jahrg. 1827 nr. 15. ihre besten Leute fielen, die übrigen warfen sich in die Flucht. Auch der junge König mußte fliehen. Es war ihm nicht einmal be- schieden im Schlachtgetümmel zu fallen: noch viel elender kam er um. Hinter einem Schlesier her, der ihm den Weg zeigte, war er schon durch das schwarze Wasser gesetzt, das die Ebene durchschneidet: sein Pferd klimmte bereits den Abhang des Ufers hinauf, als es ausgleitete, zurückstürzte, und sich sammt dem Reiter in Wasser und Morast begrub. Diese Nachricht (bei Nagy und A.) wird durch den Brief bei Katona 19, p. 697 uͤber das Auffinden des Leichnams bestaͤtigt. Dadurch ward die Niederlage nun vollends entscheidend. Die vornehmsten Führer der Nation, der König, und ein großer Theil der Magnaten waren gefallen. Katona p. 703: Magna dehinc rerum conversio secuta fuit, pluribus et praesulibus et proceribus una hac dimicatione ex- stinctis. Fürs Erste war an keinen fernern Widerstand zu denken. Weit und breit wurde das Land wüste gelegt. Die Schlüssel von Ofen wurden dem Sultan entgegengetragen, er hielt den Beiram daselbst. Soliman hatte einen jener Siege erfochten, welche die Schicksale der Nationen auf lange Epochen bestimmen. Die Weltmacht, an deren Spitze er stand, welche die islamiti- Successionsanspruͤche . schen Prinzipien, wie sie unter den tartarischen Einwirkun- gen sich in Asien festgesetzt, nach den andern Erdtheilen übertrug, hatte er zu vollem Übergewicht in dem östlichen Europa erhoben. Wer wäre fähig gewesen, es ihr wieder zu entreißen. — Ohne sich gerade um die Behauptung der genommenen Plätze zu kümmern, kehrte er zurück und stellte die Siegeszeichen von Ofen am Hippodrom und in der Mo- schee Aja Sofia auf. Daß nun aber zugleich zwei Königskronen, deren Suc- cession nicht über allen Zweifel erhaben war, hiedurch va- cant geworden, mußte in der christlichen Welt gewaltige Bewegungen hervorrufen. Es war noch die Frage, ob es eine europäische Macht wie Östreich geben würde oder nicht. Man braucht sie blos aufzustellen, um inne zu wer- den, welch eine Bedeutung für die Entwickelung der Welt- schicksale und besonders Deutschlands darin liegt. Ehe noch davon die Rede war, wie das Verhältniß zu den Os- manen sich nunmehr gestalten würde, mußte diese große Frage erledigt werden. Den Ansprüchen Ferdinands auf die beiden Kronen, so unzweifelhaft sie auch in Bezug auf die Tractate der regierenden Häuser seyn mochten, setzte sich doch das Wahl- recht der Nationen und die Autorität angesehener Mitbewer- ber entgegen. In Ungern erschien, so wie sich die Türken entfernt hatten, Johann Zapolya mit dem stattlichen Heer, das er außerhalb der Conflicte gehalten: die Niederlage des Kö- nigs war zugleich die Niederlage seiner Gegner: die Faction welche die Beschlüsse zu Hatwan gefaßt, war jetzt die allein Viertes Buch. Viertes Capitel . herrschende; auf einer Versammlung zu Tokay ward be- schlossen, da man ohne einen König und Herrn nichts un- ternehmen könne, zur Wahl eines solchen zu schreiten, Bei den Widerspruͤchen der Chronisten ist das einzige zu- verlaͤßige Document die Antwort des Koͤnigs von Polen auf die von Tokay an ihn ergangene Einladung bei Dogiel und Katona 19, 748. und zu dem Ende ein Reichstag nach Stuhlweißenburg be- rufen. Schon in Tokay aber soll Johann Zapolya als König begrüßt worden seyn. Indessen faßten die Herzoge von Baiern die Absicht, den böhmischen Thron an sich zu bringen. Von einem und dem andern ergebenen Großen dieses Landes wurden sie aufgefordert: noch im September sendeten sie ihren Rath Weissenfelder nach Prag, und dieser fand die Aussichten so günstig, daß sie beschlossen eine feierliche Botschaft deshalb nach Böhmen abzuordnen. Und nicht allein in den beiden Reichen selbst hatten diese Prätendenten einen bedeutenden Anhang. Es kam hinzu, daß ihnen die Lage der europäischen Politik überhaupt ei- nen mächtigen Rückhalt gewährte. In unmittelbare Verbindung trat vor allem Franz I mit Zapolya; in kurzem fand man einen päpstlichen Ab- geordneten bei ihm: und die Deutschen in Rom wenigstens behaupteten, der Papst unterstütze die Faction des Woiwo- den mit Geldzahlungen: Ziegler Vita Clem. VII bei Schelhorn Amoenit. II, 308: Ea pecunia (es ist von Erpressungen die Rede) Trentschinii factionem contra Ferdinandum regem aliquamdiu juvit. er schickte einen Agenten nach Venedig und forderte gradezu, in die Ligue von Cognac auf- genommen zu werden. Plaͤne der Herzoge von Baiern . Auch in Böhmen hatten die Franzosen seit langer Zeit ergebne Anhänger. Wir finden, daß sie im J. 1523 die Absicht hegten, Östreich von Böhmen her anzugreifen, und hiezu mit einem Ahnherrn Wallensteins Verbindungen an- knüpften. Lettera di Franc. Massario bei Sanuto Tom. 35 nennt ihn. Waldestein, barone e gran capitano di Bohemia, volentieri veni- ria a servir la S ria n ra cum 10, 20, 30 m persone. Questo è quel capitano, che’l re X mo voleva condurre. Da es dem König von Polen, der sich seit einiger Zeit von der östreichischen Allianz abgewendet hatte und auch seinerseits Ansprüche an die böhmische Krone machte, damit nicht gelingen wollte, so versprachen so der polnische wie der französische Gesandte ihre Unterstützung dem bairischen Agenten. Und noch zu umfassendern Plänen fühlte sich Herzog Wilhelm von Baiern durch diese politische Combination an- getrieben. Wir wissen, daß man in Rom die Nothwendigkeit empfand, dem Kaiser Carl einen römischen König zur Seite oder vielmehr entgegen zu setzen. Indessen hatte Herzog Wilhelm, einer der ergebensten Anhänger der Curie, schon selbst den Gedanken in sich aufkommen lassen, sich zu die- ser hohen Würde zu erheben, und Schritte dafür gethan. Auf jenem Reichstag im J. 1524, wo das Regiment gestürzt wurde, hatten die Häuser Baiern und Pfalz, welche gegen den Adel eine gemeinschaftliche Sache verfochten, ihre alten Streitigkeiten beseitigt, und einen neuen Erbverein geschlossen. Leonhard Eck machte dem Churfürsten von der Pfalz freundschaftliche Vorwürfe, daß er bei der letz- ten Vacanz seiner eigenen Ansprüche an die Krone verges- Viertes Buch. Viertes Capitel . sen und später seine Vicariatsrechte dem Regimente abge- treten habe. Mémoires de la vie et des faicts de Fréderic I (Comte Palatin) in Hoffmanns Sammlung ungedruckter Nachrichten ch. 42. Gleich darauf sahen die Fürsten einander auf dem er- wähnten Armbrustschießen zu Heidelberg. Herzog Wilhelm verbarg nicht mehr, daß er selbst die römische Krone zu erlangen wünsche. Auf einer Zusammenkunft zu Ellwangen, kurz nachher, besprachen sie die Sache weiter. Herzog Wilhelm schien bereit, dem Churfürsten von der Pfalz den Vorrang zu lassen: da dieser aber keine Anstalt machte, so unterhan- delte er ohne allen Rückhalt für sich selbst. Im Herbst 1526 waren so gar dem Chu rfü rsten von Sachsen Eröff- nungen geschehen, wiewohl o hne Frucht, da dieser einer so durchaus andern Meinung angehörte. „Es finden sich Spuren,“ sagt der baierische Staatsarchi- var Stumpf, „daß der Papst Clemens VII und der Koͤnig von Frank- reich den Endzweck des Herzogs zu befoͤrdern suchten.“ Welche Folgen aber hätte es haben müssen, wenn dieß gelungen wäre! Man kann sagen: es hätte eine ganz an- dre Staatengeschichte gegeben. Baiern hätte das Überge- wicht in deutschen und slawischen Ländern über Östreich da- von getragen: auch Zapolya hätte, hiedurch gestützt, sich zu behaupten vermocht: die Ligue und damit auch die am schroff- sten ausgeprägte päpstliche Meinung hätte im östlichen Eu- ropa die Oberhand behalten. Nie gab es ein für die Machtentwickelung des Hauses Östreich gefährlicheres Un- ternehmen. Fer- Boͤhmische Koͤnigswahl . Ferdinand betrug sich mit alle der Klugheit und Ener- gie, welche dieses Haus in schwierigen Augenblicken so oft bewährt hat. Zunächst kam ihm alles auf die Krone von Böhmen an. Sein Verhältniß als Gemahl der böhmisch-ungrischen Prinzessin, als Bruder der verwitweten Königin, setzte ihn in vielfache persönliche Beziehungen zu den mächtigsten Gro- ßen. Er verstand es vollkommen, die Geneigtheiten die sich hieran knüpften festzuhalten und für sich zu verwenden, jede keimende Antipathie durch Gnadenerweisungen zu be- seitigen. Der einflußreiche Oberstburggraf Löw von Roz- mital erhielt die Versicherung, daß man ihm die Rech- nungslegung, zu der er verpflichtet gewesen wäre, entwe- der erlassen, oder doch sehr erleichtern werde: auch den Schwanberg, Schlick, Pflug, dem Herzog von Münster- berg geschahen erhebliche Zugeständnisse: der Canzler Adam von Neuhaus war im Geleite der östreichischen Gesandtschaft herbeigeeilt, um sein Ansehen zu Gunsten Ferdinands geltend zu machen. Indem es hiedurch gar bald dahin kam, daß sich eine Anzahl böhmischer Großen vereinigte, keinen andern Herrn anzunehmen als den Erz- herzog, Auszug aus einem Schreiben Weissenfelders bei Stumpf: Baierns pol. Gesch. I, p. 39. wurde nichts versäumt, auch der Menge genug zu thun. So sehr Ferdinand überzeugt war, daß seiner Gemahlin und deshalb auch ihm ein unzweifelhaftes Erb- recht zustehe, so hütete er sich doch, den Ehrgeiz, welchen die Nation darin suchte, daß sie für einen Fall wie dieser, im Be- sitz einer unbedingten Wahlfreiheit sey, zu beleidigen: er Ranke d. Gesch. II. 27 Viertes Buch. Viertes Capitel . ließ geschehen, daß sein Recht keineswegs als das Haupt- motiv seiner Bewerbung erschien. Den anfangs gehegten Gedanken, den Königstitel auf der Stelle anzunehmen, ließ er auf den Rath seiner Gesandtschaft fahren. Er unter- warf sich der Forderung der Böhmen, einen Theil ihrer Staatsschuld zu übernehmen, so unbequem ihm das auch bei dem gedrückten Zustand seiner Finanzen seyn mußte. Auch verschmähte er nicht, die Ausstellungen, von denen seine Gesandten ihm schrieben daß man sie gegen ihn vor- bringe, mit aller Sorgfalt abzulehnen. Auszuͤge aus den Instructionen und der gesandtschaftlichen Correspondenz bei Bucholtz II, 407. Mit einem Worte: alle Maaßregeln wurden so gut genommen, daß an dem Wahltag, obwohl der bairische Agent noch bis auf den letzten Augenblick an dem Suc- ceß seiner Unterhandlung gar nicht zweifelte, eine bei wei- tem überwiegende Majorität in dem Ausschuß der drei Stände den Erzherzog Ferdinand zum Throne von Böh- men berief. Es war am 23sten October 1526. Eine feierliche Gesandtschaft gieng nach Wien, um denselben zur Besitznahme seines neuen Königreichs, eines der schönsten der Welt, welches noch Schlesien und die Lausitzen um- faßte, einzuladen. Eine sehr wichtige Frage, die eine noch genauere Er- örterung verdiente, wäre wohl, welchen Einfluß hiebei die religiösen Verhältnisse gehabt haben. Alle Landschaften der böhmischen Krone waren von antirömischen Elementen erfüllt. In Schlesien und den Lausitzen war die evangelische Doctrin zu großer Ausbrei- Einwirkung der religioͤsen Verhaͤltnisse . tung gediehen: in Böhmen und Mähren bildeten die Utra- quisten eine überaus mächtige Gemeinschaft. Läßt es sich denken daß man bei der Wahl eines Königs nicht auf diese confessionellen Verhältnisse Rücksicht genommen haben sollte? Verglich man aber in dieser Hinsicht die Bewerber, wie weit war da Ferdinand einem Herzog von Baiern vorzu- ziehen. Die Herzöge zeigten sich als unbedingte Anhänger des Papstthums, als scharfe Religionsverfolger. Der Erz- herzog dagegen, so katholisch er sich hielt, so viel Sorge er auch trug daß er so erschien, — wie es denn in allen jenen Reichen auch eine noch immer sehr bedeutende ka- tholische Partei gab, — hatte doch seit einiger Zeit in sei- nen Erblanden wieder eine gemäßigte Stellung angenom- men: wir sahen, wie wenig er die weltlichen Rechte des Clerus liebte, wie zweideutige Beschlüsse der deutsche Reichs- tag unter seiner Vermittelung gefaßt hatte. Überdieß war er in diesem Momente in offenem Kriege mit dem Papste: die böhmische Wahl fällt in die Tage, in denen die Lands- knechte Frundsbergs geworben wurden. Wir finden nichts von den Verhandlungen welche in dieser Hinsicht gepflogen worden seyn mögen; aus den Recessen aber ergiebt sich, daß sich Ferdinand zu sehr be- merkenswerthen Concessionen herbeiließ. Man weiß, daß der römische Hof die Compactaten des Basler Conciliums — wie späterhin so viele andre ihm ungünstige Verträge — niemals vollständig anerkannt, ihre Bestätigung seit Pius II ausdrücklich verweigert hatte. Ferdinand gelobte jetzt, die Compactaten zu ihrer vollen 27* Viertes Buch. Viertes Capitel . Gültigkeit zu bringen, „quod rursum ad suum vigorem pervenirent.“ Ferdinandi literae 15 Dcb. 1526 ap. Du Mont IV, 1, 469. und hierüber mit dem Papste un- ter der Voraussetzung zu verhandeln, als ob sie bestätigt seyen. Promisimus, cum summo Pontifice illud tractare, ac si Bohemis ac Moravis illa (compactata) cum effectu essent con- firmata. Eine der größten Beschwerden der Utraquisten war, daß es ihnen schon lange Jahre an Bischöfen fehlte, um ihre Priester zu weihen, und zu mancher seltsamen ja ver- derblichen Auskunft hatten sie sich deshalb genöthigt ge- sehen. Ferdinand versprach, ihnen einen Erzbischof zu ver- schaffen, welcher die Compactaten in Beziehung auf Geist- liche und Weltliche vollziehe. Genug: er übernahm die Verpflichtung, die Ansprüche der Utraquisten nicht nur zu schützen, sondern zu neuer Anerkennung zu bringen. Wohl mochte das dadurch erleichtert werden, daß sich in den Utraquisten jetzt selbst eine den Anhängern Luthers entgegengesetzte Partei regte, allein diesem Gegensatz zum Trotz wurden sie doch immer als Ketzer betrachtet. Und auch der allgemeinen kirchlichen Irrungen ward hiebei nicht ganz vergessen. Ferdinand versprach den Böh- men, auf eine christliche Vereinigung und Reformation Be- dacht zu nehmen: ein Versprechen das wohl an sich nach beiden Seiten ausgelegt werden kann; aber doch, da darin nur von der Theilnahme des Kaisers, nicht des Papstes, nur von irgend einer Versammlung, welche es auch sey, nicht von einem allgemeinen Concilium unter Theilnahme Einwirkung der religioͤsen Verhaͤltnisse . aller christlichen Nationen die Rede ist, Excerpt der in die Landtafel eingetragnen Artikel bei Bucholtz II, p. 420. schwerlich in anderm Sinne verstanden wurde, als wie man es an den deutschen Reichstagen meinte. Und noch unzweifelhafter, ohne alle Zweideutigkeit drückten sich die Schlesier aus. Nachdem sie auf einer Ständeversammlung zu Leob- schütz 4 Dez. 1526 das Erbrecht Ferdinands, wiewohl nicht ohne den Schein einer gewissen Freiheit, anerkannt, beauftragten sie die Abgeordneten welche diese Botschaft nach Wien zu bringen übernahmen, bei der ein paar sehr entschieden evangelische Fürsten waren, Friedrich von Lieg- nitz und Georg von Brandenburg, bei dem neuen König und obersten Herzog die Beilegung der Religionsirrungen in Anregung zu bringen „dem Evangelio und Worte Got- tes gemäß.“ Die Worte der Instruction lauten bei Bukisch: Religions- acten MS Tom I, f. 206. „Und nachdem der allm. Gott aus sei- ner goͤttlichen Verordnung geschickt und verliehen, daß wir S. Koͤn. Mt zu unserm Erbkoͤnige eintraͤchtiglich angenommen, welcher einmuͤt- tigen und troͤstlichen Meinung wir s. Allmaͤchtigkeit billig Lob und Dank sagen, so befinden wir nun in Notturft unser Seel und Leibs gluͤckseliger Wolfahrt, die jetzige vorfallende Irrung und Zwiespalt so sich in dem h. christl. Glauben zugetragen, bei S. K. M. anzure- gen, damit dieselb aus solchem Irrthum und Zertrennung erhaben, und nach Verordnung der h. christl. Kirchen dem Evangelio und Worte Gottes gemaͤß nach S. K. Mt. Außsatz und durch unser al- ler einmuͤthig und freundliches Vergleichen in recht christl. Bestand und gleichfoͤrmigen Gebrauch gebracht wuͤrde, welches E. L. ihn u. E. F. Gn. bei S. K. Mt alles in Unterthaͤnigkeit bitten werden, auf daß S. K. Mt dasselbe als ein christl. Koͤnig zu Trost und Heil un- srer Seelen Seligkeit, auch zu Dempfung erfolgenden Unraths nach dem h. Evangelio gnaͤdiglich zu verordnen und zu verschaffen geruhe. So ersuchten denn auch die Abgeordneten Viertes Buch. Viertes Capitel . den König, auf die Errichtung einer christlichen Ordnung eben nach Maaßgabe des Evangeliums Bedacht zu nehmen, damit Alle in Liebe und Einigkeit unter einander leben. Ferdinand erwiederte, er werde alles thun, was zu christlicher Einigkeit und dem Lobe des allmächtigen Gottes gereiche. Forderung und Resolution bei Schickfuß Schlesische Chro- nik III, 171. Auch im Anhang zu Bucholtz II, 523. Der hergebrachten Meinung gegenüber sieht es paradox aus, aber im Angesicht der allgemeinen Combination der Ereignisse dürfen wir es aussprechen, daß die politisch-an- tirömische, religiös gemäßigte Haltung, welche das Haus Östreich in diesem Zeitpunct eingenommen, dazu beitrug, ihm den Gehorsam in diesen Ländern zu verschaffen, die mit so mannichfaltigen Elementen der Opposition gegen Rom erfüllt waren. Wunderbares Verhängniß, wenn die schroff-romani- stische Meinung, welche Baiern verfocht, gleich im ersten Moment dazu mitgewirkt hat, seine Pläne nach Außen hin zu hintertreiben. Am Geburtstag seines Bruders, 24 Februar 1527, ward Ferdinand in Prag gekrönt, am 11 Mai nahm er auf dem Markte von Breslau die Huldigung ein: die deut- schen Fürsten eilten herbei, die Lehen der böhmischen Krone von dem neuen Lehnsherrn zu empfangen. Ein moscowitischer Gesandter, der damals am Hofe eintraf, bezeigte sein Erstaunen, daß ein so herrliches Reich ohne Schwerdschlag in die Hände eines neuen Herrn über- gegangen war. Herberstein R. M. C. p. 154. Besitznahme von Ungern . Nicht so leicht noch friedlich jedoch entwickelte sich die Ungrische Angelegenheit. Eine gewisse Analogie in religiöser Hinsicht bot auch Ungern dar. Königin Maria, um welche sich die östrei- chische Partei sammelte, galt für eine Freundin der neuen Meinungen: sie hielt die Fasten nicht, las lutherische Schrif- ten, hatte Anhänger Luthers an ihrem Hof: im November 1526 widmete ihr Luther vier Psalmen zum Trost in ihrem Unglück. Dagegen nahmen die Zapolyaner eine streng alt- gläubige Miene an: sie setzten 1525 den Beschluß durch, daß alle Lutheraner ausgerottet, wo man sie nur finde ver- brannt werden sollten: ihr Wortführer Verböcz galt bei den Deutschen als ein großer Gleißner: von seinem Hause hatte er zu ununterbrochener Communication einen hölzer- nen Gang nach dem nahen Barfüßerkloster anbringen las- sen. Turnschwamb bei Engel I, 197. „Stephan Verböcz Ami- cus S tis .“ Relatio Actorum bei Engel II, p. 55. Von politischen Folgen dieser entgegengesetzten Stim- mungen wird man jedoch in Ungern noch nicht viel inne. Die Hinneigungen zu einer abweichenden Kirchenform wa- ren noch zu zerstreut zu geringfügig, um eine irgend merk- liche Wirkung zu haben. Ferdinand, dem man es früher zum Vorwurf gemacht, daß er seine Gemahlin mit lauter Deutschen umgeben, Diarium in Comitiis Pesthanis bei Engel II, 51. „Dedit ei Germanos qui omnes fuerunt Lutherani.“ bei Katona XIX, 515 Art. V. Fukkarii ablegentur: oratores Caesareus et Venetus (der letzte blos wegen des ersten, wie eine venezianische Relation aus- fuͤhrt,) exmittantur: Lutherani etiam omnes de regno extirpen- tur, — ubicumque reperti fuerint, libere comburantur. welche alle Lutheraner seyen, suchte seine katholische Reputation sorgfältig zu behaupten. Den Viertes Buch. Viertes Capitel . Charfreitag 1527 bezeichnete er damit, daß er seiner Schwester Vorstellungen über ihre religiösen Hinneigungen machte. Briefwechsel bei Bucholtz IX. Am Frohnleichnamstag 1527 sah man ihn in Wien in der Procession einhergehn: in königlichem Schmuck, mit dem Schwert umgürtet, sein Gebetbuch in der Hand: er sah um sich her, ob auch jedermann dem Hochwürdigen noch die gebührende Ehrfurcht beweise. Von Zeit zu Zeit ließ er Man- date zur Aufrechthaltung der alten Gebräuche erscheinen. In Ungern kam es zur Zeit noch mehr auf die Über- macht der Waffen an als auf die religiösen Verhältnisse. Man könnte nicht sagen, daß sich die ganze Nation in zwei entgegengesetzte Parteien gespalten hätte; sondern es hatten sich in ihrer Mitte zwei politische Tendenzen ge- bildet, die eine des Hofes und des Palatins, die andre der Opposition und Zapolyas: nach der Niederlage stan- den sie einander eben so gegenüber wie vor derselben: das Übergewicht einer jeden hieng dann immer von der mo- mentanen Beistimmung der größern Anzahl ab, die sich we- der der einen noch der andern entschieden zugesellt hatte. Anfangs, als Zapolya in dem allgemeinen Ruin be- waffnet und mächtig hervortrat, hatte er die unbestrittene Oberhand. Die Hauptstadt des Reiches rief ihn an, sie in seinen Schutz zu nehmen, dann zog er nach Stuhlwei- ßenburg, wo seine Anhänger alle etwa Widerstrebenden mit sich fortrissen: So entschuldigte wenigstens der Bischof von Nitra, Pod- manizky, daß er dem Zapolya die Krone aufgesetzt habe. Er wuͤrde in Lebensgefahr gerathen seyn, wenn er sich geweigert haͤtte. — Di- ploma Ferdinandi bei Katona XIX, 752. er ward gewählt und gekrönt (11 Nov. Besitznahme von Ungern . 1526); auch in Croatien ward er auf einem Landtag an- erkannt; er besetzte alle die zahlreichen durch den Unfall von Mohacz erledigten Stellen, geistliche und weltliche, mit seinen Freunden. Wir gedachten der Unterhandlungen die er nach allen Seiten hin anknüpfte. In Venedig und Rom, in München und Constantinopel finden wir seine Agenten. Er lächelte als man ihm einmal ein Schreiben von Ferdinand zeigte, worin die Ungern zum Abfall von ihm aufgefordert wurden: er meinte, nicht auf diese Weise erobere man Königreiche. Indessen in Kurzem entwickelte Ferdinand auch andre Mittel. So viel Haltung hatte die Partei des alten Hofes doch noch, um auch für ihn, den Gemahl einer Jagello- nin, für den so viel alte Verträge sprachen, einen Reichs- tag zu Stande zu bringen — zu Presburg, ebenfalls im November 1526, wo er zum König gewählt ward. Ste- phan Bathor, Alexius Thurzo, der Bischof von Wesprim machten sich dabei besonders verdient: wir haben ein Di- plom von Ferdinand, worin er seine Anhänger nennt, ihnen seinen Dank ausspricht, und ihnen seine Hülfe, für die Zukunft die besten Stellen zusichert. Bei Katona XX, 19. Praelaturas et dignitates et bene- ficia ecclesiastica ac bona et jura hereditaria et officia quae ad collationem nostram regiam — devolventur, praefatis consiliariis et his qui nostras partes sequentur, pro suis cuique meritis ante alios donabimus. Auch an Geldzah- lungen ließ er es nicht fehlen: so schwer sie ihm wurden, so reichten sie doch nicht hin, um den Unstätigkeiten der Magnaten ein Ende zu machen. Ferdinand sah wohl ein, Viertes Buch. Viertes Capitel . — er hatte Verstand genug um sich keine Illusion darüber zu machen — daß es vor allem auf die Übermacht in den Waffen ankomme. Die Erwerbung der böhmischen Krone trug dazu bei, daß er allmählig die nöthigen Kräfte dazu erlangte. Wenn er zögerte, und die Unterhandlungen nicht zurückwies, welche der König von Polen zu Olmütz ein- leitete, so geschah das — wir haben einen Brief übrig, worin er es ausdrücklich sagt — nur deshalb, weil er Zeit gewinnen und sich rüsten wollte. Ferdinand an Maria 7 April. Combien que n’ay nulle- ment en voulenté — riens traiter ny conclure, neanmoins — pour entretenir les affaires jusques a ce que soie de tout prest pour me mettre aux champs, je lui (au roi de Pologne) ay bien voulu accorder cettc journée. Endlich war er so weit. Am 31sten Juli 1527 langte Ferdinand auf der gro- ßen Straße von Wien nach Ofen bei dem halbverfallenen Thurm an, welcher die Mark zwischen Östreich und Un- gern bezeichnet: der Palatin und ein paar hundert ungri- sche Reiter empfiengen ihn: er stieg ab, so wie er die un- grische Erde berührte, und beschwur die Privilegien des Reiches. Er hatte ein stattliches Heer ins Feld gebracht. Die Bewilligungen seiner neuen Reiche hatten ihn in Stand gesetzt ein treffliches Fußvolk zu werben; schon war Katzia- ner voran: er zeichnete sich dießmal durch die strengste Mannszucht aus, zu der er auch die Böhmen anzuhalten wußte; Rogendorf, der von Spanien wiedergekommen, und die in Italien vielversuchten Hauptleute, Marx Sittich und Eck von Reischach hatten die geübtesten Landsknechte herbeigeführt. Außerdem hatten sich die neuen Lehnsleute Besitznahme von Ungern . des Königs, Casimir von Brandenburg, Georg von Sach- sen und der alte Kriegsmann Erich von Braunschweig be- wegen lassen, dem König mit einigen Geschwadern deut- scher Reiter zu Hülfe zu kommen. Casimir, obwohl er sich fortwährend zu einer zwar gemäßigten, aber doch un- zweifelhaft evangelischen Meinung bekannte, ward mit der Oberanführung beauftragt. Nicolaus von Salm, den wir in der Schlacht von Pavia, Johann Hilchen, den wir in der Umgebung Sickingens kennen lernten, finden wir bei diesem Heer. Es zählte 8000 M. z. F., 3000 z. Pf. Dem König rieth man anfangs, seine Person nicht zu ge- fährden: damit es ihm nicht etwa gehe, wie so eben sei- nem Vorgänger; da er aber in diesem Moment die Nach- richt erhielt, daß ihm ein Sohn geboren worden, und die Succession dadurch festgestellt war, so ließ er sich nicht abhalten, dem Feldzug beizuwohnen. Ursinus Velius de bello Pannonico, ed. Kollar. Aus den Vergleichungen bei Katona, der ihn ganz aufgenommen, sieht man wie sehr Isthuanfi und selbst Zerengh gegen diese gleichzeitigen und ausfuͤhrlichen Aufzeichnungen zuruͤcktreten. Auch entwickelte sich derselbe nicht sehr gefährlich. Die ersten Festungen fielen ohne viel Widerstand: Comorn, Tata, Gran: das treffliche Geschütz, die glühenden Kugeln brachten die Besatzungen in Verzweiflung. Unaufgehalten rückten die Deutschen vor. So wie sich zeigte, daß Ferdinand siegen dürfte, begann der Abfall unter den Anhängern Za- polyas. Zuerst gieng die Donauflotte über, was eben so viel militärischen wie moralischen Einfluß hatte; dann trat der Banus Batthyany, der seine Partei schon ein paar Mal gewechselt, zu Ferdinand zurück; Peter Pereny, den Viertes Buch. Viertes Capitel . man als den ersten evangelischen Magnaten in Ungern an- sieht, Valentin Török, von dem man vermuthet, der Wunsch im Besitz einiger eingezogenen geistlichen Güter zu verblei- ben, habe ihn dazu vermocht, erschienen mit stattlichem Ge- folge; Gebhardi Gesch. von Ungarn II, 287. Bei Bucholtz IX, 323 findet sich ein Actenstuͤck uͤber die Unterwerfung Perenys, das doch wahrscheinlich hieher gehoͤrt und hoͤchst merkwuͤrdig ist. Pereny stellt als seine erste Forderung folgende auf. Inprimis cupit D. Pe- trus per S. M tem assecurari, ne a religione sua unquam prohi- beatur quandoquidem verum et bonum Christianum se profitea- tur et scientem fidem ch am per Christum juxta evange- lium . Ferdinand antwortet: Concedit M. S. uti se gerat verum et bonum Ch num ut cujusque erga deum pietas fidesque nostra vera et catolica dictare et postulare videtur. Ein Zugestaͤndniß das freilich sehr zweideutig war, bei dem sich aber Pereny doch be- ruhigt zu haben scheint. Ohne Zweifel glaubte auch er die fides vera et catholica zu haben. dem Beispiele der Großen folgten unzählige Ge- ringere nach; Zapolya sah, daß sein Gegner der Stärkere war: er wagte es nicht, ihm im Felde zu begegnen: er getraute sich auch nicht, die Hauptstadt gegen ihn zu be- haupten: er zog sich nach seinem eigenthümlichen Gebiete zurück. Am 20sten August, dem Tag des h. Stephan, hielt Ferdinand seinen Einzug in Ofen. Während sich die Stände des Reiches dort um ihn sammelten, verfolgten die deutschen Reiter, unter Nicolaus von Salm (Markgraf Casimir starb zu Ofen), den König- Woiwoden die Theis hinauf. Niemals hatten die deut- schen Truppen sich wackerer gezeigt. Velius: Haud unquam alias Germani militis virtus et pa- tientia in bello magis enituit. Sie hatten oft we- der Fleisch noch Brod, und mußten von den Früchten des Herbstes in den Gärten sich ernähren: die Einwohner schwank- Besitznahme von Ungern . ten, — unterwarfen sich und fielen dann wieder ab: die Truppen Zapolyas, von der Kenntniß des Terrains unterstützt, machten ein paar Mal sehr gefährliche nächtliche Überfälle; aber die Deutschen entfalteten in den gefährlichen Momen- ten die Gewandtheit und Entschlossenheit einer altrömischen Legion; auch übrigens zeigten sie eine herrliche Ausdauer in den Beschwerden: sie schlugen Zapolya bei Tokay aufs Haupt und zwangen ihn Ungern zu verlassen. Darauf hatten sie auch die Ehre, den deutschen Erzherzog nach Stuhlweißenburg zu begleiten, in ihrem glänzenden Har- nisch, die seidnen und zerschnittenen Wappenröcke darüber. Am 3ten November 1527 ward Ferdinand in Stuhlwei- ßenburg gekrönt: von den Magnaten des Reiches hielten nur noch fünf an Zapolya fest. Der Sieg konnte voll- kommen scheinen. Sehr wohl aber fühlte Ferdinand, daß er das mit nichten war. „Monseigneur,“ schrieb er noch im Novem- ber an seinen Bruder, „ich zweifle nicht, daß Euch die Natur der Ungern, die Veränderlichkeit ihres Willens be- kannt ist. Sie müssen von nahe bei in Zaum gehalten werden, wenn man ihrer gewiß seyn will.“ Bei Bucholtz III, 114. Nur mit großer Bedenklichkeit entschloß er sich, Ungern in diesem Augenblick wieder zu verlassen. Auch in Böhmen war er noch lange nicht sicher. Seine bairischen Nachbarn gaben die Hofnung nicht auf, ihn bei der ersten Wendung der allgemeinen Angelegenheiten vom Throne zu stoßen. Und indessen rüsteten sich die Osmanen, in der Mei- Viertes Buch. Viertes Capitel . nung, jedes Land gehöre ihnen von Rechtswegen, wo das Haupt ihres Herrn geruht, nach Ungern zurückzukehren, sey es um es für sich selbst zu behalten, oder auch um es fürs Erste, wie das immer ihre Sitte gewesen, einem dortigen Oberhaupte, eben dem Zapolya der die Verbindung mit ihnen eifrig suchte, als ihrem Lehnsmann zu überlassen. Eine Lage der Dinge, bei der die wichtigsten Ver- hältnisse noch oft von der Entscheidung des Schwertes abhängen sollten. Sich in der eingenommenen Stellung zu behaupten hatte das Haus Östreich kein Mittel als die Hülfe des Reiches, die es unaufhörlich in Anspruch nehmen mußte. An die Deutschen kam jetzt die Vertheidigung der Christenheit gegen die Osmanen. Fuͤnftes Capitel . Gründung evangelischer Territorien. So großartig entwickelten sich in Bezug auf die aus- wärtigen Verhältnisse die Momente welche am Reichstag zu Speier zusammentrafen. Zugleich aber entsprangen noch andre Folgen, in Be- ziehung auf das Innere des Reichs und der Kirche, dar- aus, welche, wie viel unscheinbarer sie auch auftraten, doch in sich selbst und für die gesammte Zukunft ohne Zweifel noch bedeutender waren. Auf den Grund des Reichsab- schiedes unternahmen die evangelisch-gesinnten Stände eine neue kirchliche Einrichtung ihrer Landschaften: sie schritten dazu, sich von der weltumfassenden Hierarchie der lateini- schen Kirche definitiv abzusondern. Wie es aber zu geschehen pflegt, daß sich bei dem Beginne durchgreifender Änderungen zunächst immer die dem Bestehenden am entschiedensten entgegengesetzten Grund- sätze hervorheben, so stellte sich auch hier das entfernteste Ziel dem Auge zuerst dar: es machten sich Ideen geltend, welche der strengen Monarchie des Papstthums am mei- sten widersprachen. Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Luther selbst hatte wohl früher dahin gewirkt. Im Jahr 1523 hatte er den Böhmen, welche in eine uner- trägliche Verwirrung geriethen, weil sie an der Nothwen- digkeit der bischöflichen Ordination festhielten, den Rath gegeben, ihre Pfarrer und Bischöfe ohne Bedenken selbst zu wählen. „Mit Gebet möchten sie sich vorbereiten,“ sagte er ihnen, „dann in Gottes Namen zusammentreten und zur Wahl schreiten. Die Angesehensten unter ihnen möchten dem Erwählten getrost die Hände auflegen; sey das in mehreren Gemeinden geschehen, so stehe dann den Pfarrern das Recht zu, sich einen Obern zu wählen, der sie besuche wie Petrus die ersten Christen-gemeinden.“ L. de instituendis ministris ecclesiae ad clarissimum se- natum Pragensem. Opp. Jen. II, p. 554: Convocatis et convenien- tibus libere quorum corda deus tetigerit, ut vobiscum unum sen- tiant et sapiant, procedatis in nomine domini et eligite quem et quos volueritis, qui digni et idonei visi fuerint, tum impositis super eos manibus illorum qui potiores inter vos fuerint, con- firmetis et commendetis eos populo et ecclesiae seu universitati sintque hoc ipso vestri episcopi ministri seu pastores. Amen. Ideen dieser Art waren in jenen Jahren wie in der Schweiz so in Deutschland sehr populär und verbreitet. Es findet sich eine Gemeinde, die so unbedeutend sie übri- gens auch ist, doch ihrem neu eintretenden Pfarrer erklärt, er sey nicht ihr Herr, sondern ihr Knecht und Diener, ihm vor allen Dingen verbietet, sich gegen irgend einen Pfarrver- wandten an den bisherigen Bischof zu wenden, und ihn mit Absetzung bedroht, wofern er nicht bei dem einigen ewigen Worte Gottes bleibe. Dorfmaister und Gemaind zu Wendelstanis Fuͤrhalten den Amptleuten zu Schwobach iren newangeenden Pfarrherrn gethan In sich selbst sehen die Gemeinen den Kirchliche Ideale . den Ursprung der geistlichen Gewalt. Nur auf einer rein demokratischen Grundlage wäre dann der Aufbau einer neuen Kirche emporgestiegen. In der That machte man jetzt in einem großen deut- schen Fürstenthum einen Versuch dazu. Nichts ist merkwürdiger als der Beschluß der Synode, welche Landgraf Philipp im October 1526 mit den geist- lichen und weltlichen Ständen seines Landes zu Homberg hielt. Die Einwendung des Franciscaner-Guardians von Marburg, daß auf einer so kleinen Versammlung nicht über Angelegenheiten entschieden werden könne, welche vor ein allgemeines Concilium gehören, war leicht beseitigt, da eben auf dem Reichstag die Unmöglichkeit ein solches ab- zuwarten, anerkannt worden war. Dagegen drang Franz Lambert mit dem entgegengesetzten Grundsatz durch, daß alle Christen des Priesterthums theilhaftig seyen, die wahre Kirche nur in ihrer Gemeinschaft bestehe, und diese Kirche nach dem Worte Gottes über die Glaubenssachen zu ent- scheiden habe. Paradoxa Francisci Lamberti bei Scultetus Annales Evang. p. 68. Tit. VI § 6. Tit. III § 1. Man faßte die Idee, eine Kirche zu con- stituiren welche aus lauter Gläubigen bestehe. Man stellte dazu folgenden Entwurf auf. Reformatio ecclesiarum Hassiae juxta certissimam ser- monum dei regulam ordinata in venerabili synodo per clem mum Mittw. nach Galli 1524. Abgedruckt in Riederers Nachrichten zur Buͤchergeschichte ꝛc. II, 334. Nachdem ainer christlichen Gemain ge- buͤrt, einhellig in sich in die Gemaind zu greifen nach einem erbarn unverleumpten Mann, — — welchen auch dieselbe Gemaind Macht hat wieder abzuschaffen. Der Widerchrist, der sie in der babylonischen Gefangenschaft halte, habe ihnen auch diese Freiheit entzogen ꝛc. Ranke d. Gesch. II. 28 Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Nachdem eine Zeitlang gepredigt worden, soll eine Versammlung gehalten, und Jedermann gefragt werden, ob er sich den Gesetzen zu unterwerfen gesonnen sey oder nicht. Die welche sich weigern, gehen hinaus und werden als Hei- den betrachtet. Die aber welche in der Zahl der Heiligen seyn wollen werden aufgeschrieben; sie lassen es sich nicht kümmern, wenn ihrer anfangs nur wenige sind, denn Gott wird schon ihre Anzahl vermehren, sie sind es welche die Ge- meine ausmachen. In ihren Versammlungen werden nun vor allem die geistlichen Vorsteher gewählt, die man hier schlechthin Bischöfe nennt. Man kann dazu tadellose und unterrichtete Bürger von jeder Profession wählen, doch nur auf so lange nimmt man sie an, als sie das reine Got- tes Wort verkündigen. Jede Gemeinde hat einige Mit- glieder welche den Dienst der Armen besorgen, eine ge- meinschaftliche Casse, zu der Alle beitragen, aus der die Armen, auch die um des Evangeliums willen Verjagten unterstützt werden; besonders wohnt einer jeden das Recht der Excommunication bei. Die Verbrechen werden genannt, welche diese Strafe nach sich ziehen; nur nach eingestandner und bereuter Missethat kann die Absolution erfolgen. Wir sehen, mit der Unabhängigkeit der gläubigen Gemeinden ist zugleich die strengste Kirchenzucht verbunden; ein tie- fer Ernst heiligt die Ansprüche die man macht. Alle Jahr sollen sich die Kirchen, durch Bischöfe und Abgeordnete aus der Gemeinde repräsentirt, zu einer Generalsynode ver- Hassorum principem Philippum aō 1526 d. 20 Oct. Hombergi celebrata cui ipse princeps interfuit. Schmincke Monumenta Has- sorum II, p. 588. Kirchliche Ideale . sammeln, wo alle Klagen zu erledigen, alle Zweifel aus- zumachen sind. Es wird ein Ausschuß von Dreizehn ge- wählt, der die Sachen vorbereiten und sie der Versamm- lung zur Entscheidung nach dem Worte Gottes vorlegen soll. Von der Generalsynode, deren Zusammenkunft man immer auf den dritten Sonntag nach Ostern festsetzt, werden drei Visitatoren gewählt, welche den Zustand jeder einzelnen Kirche zu untersuchen haben. Es ist sehr bemerkenswerth, daß ein Ausländer es war, ein Franzose, von Avignon, welcher jedoch von Zwingli bekehrt, in Luthers Schule von der evangelischen Lehre durchdrungen worden, — der diese Ideen so weit ausbil- dete. Es sind dieselben, auf welche die französische, schot- tische und amerikanische Kirche späterhin gegründet wor- den: von denen man wohl sagen kann, daß das Daseyn, die Entwickelung von Nordamerika auf ihnen beruht. Sie haben eine unermeßliche welthistorische Wichtigkeit. Gleich bei dem ersten Versuche traten sie auf: eine kleine deutsche Synode nahm sie an. Eine andre Frage aber war es, ob sie in Deutsch- land und zwar damals auszuführen seyn würden. Wenigstens Luther war schon wieder davon zurückge- kommen. Einmal er hätte dabei fast unüberwindliche Schwie- rigkeiten gefunden. Bei seinem ganzen Unternehmen war ihm der Wunsch des höhern weltlichen Standes, sich von dem Druck der unmittelbaren geistlichen Aufsicht zu eman- cipiren, zu Statten gekommen: die Menschen wollten sich einen gleichen Zwang unter anderer Form nicht wieder 28* Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . auflegen lassen. Ferner fand Luther, er habe keine Leute zu einer Einrichtung dieser Art. Er war oft über die un- gelehrige Hartnäckigkeit der Bauern, welche nicht einmal dahin zu bringen seyen ihre Geistlichen zu ernähren, höch- lich entrüstet; er meinte, mit den Ordnungen der Kirche verhalte es sich noch als wenn sie unter Türken und Hei- den auf einem freien Platz ausgeübt werden sollten: der größte Theil stehe und gaffe, als sehe er etwas Neues. Vorrede zu dem Buch uͤber die deutsche Messe. Altenb. III. Endlich die ganze Lage der Dinge war dazu nicht ange- than. Wenn jene Ideen die wir als kirchlich demokratisch bezeichnen können, später wirklich in andern Ländern zur Herrschaft gelangten, so geschah das auch deshalb, weil die neue Kirche sich in Widerspruch mit den Staatsgewal- ten festsetzte: sie bildete sich wirklich von unten her, sie hatte einen demokratischen Ursprung. Durchaus anders aber war es in Deutschland. Die neuen Kirchen wurden unter dem Schutz, dem unmittelbarsten Einfluß der zunächst re- gierenden Gewalten gegründet. Es ist natürlich, daß davon auch ihre Gestaltung bestimmt ward. Denn nicht in völliger Unbedingtheit treten die Ideen in der Welt ein. Der Moment ihres Hervortretens be- herrscht ihr Daseyn auf immer: so leben sie fort, wie sie zum Leben gelangten. Es ist wohl der Mühe werth, an der Stelle wo wir angekommen, wo wir nun die Gründung der evangelischen Kirche näher zu betrachten haben, die Umstände zusammen- fassend uns zu vergegenwärtigen unter denen sie geschah. Wir werden die Rechtmäßigkeit des dabei eingeschlagenen Prinzip des evangelischen Kirchenrechts . Verfahrens danach näher würdigen: aus der Geschichte wird sich, wenn ich mich nicht irre, das Prinzip des evangelischen Kirchenrechts, auf welches alles gebaut worden ist, ergeben. Erwägen wir dann vor allem, daß es innere kirchliche Irrungen waren, von welchen die Bewegung herkam, daß der Abfall innerhalb der eigentlich kirchlichen Kreise ge- schah. Eine Universität mit ihren Zöglingen machte den Anfang: die niedere Geistlichkeit in einem großen Theile von Deutschland folgte nach; sie waren es, welche die Überzeugungen aller Stände, der geringsten wie der vor- nehmsten, umwandelten, mit sich fortrissen. Der bisherige Cultus fiel an unzähligen Stellen ganz von selbst. Es wäre zunächst die Sache der geistlichen Gewalt gewesen, diese Bewegung zu erdrücken: allein sie vermochte es nicht. Die Bulle des Papstes ward nicht ausgeführt. Den Anordnungen der Bischöfe lieh man in einem Theile des Reiches von weltlicher Seite den Arm nicht mehr. Die neuen Überzeugungen waren in einer Anzahl von Reichsfürsten so stark geworden, daß sie sich nicht dazu verpflichtet achteten. Die kirchliche Gewalt hatte sich deshalb an die kai- serliche gewendet: ein Edict zu ihren Gunsten war ergan- gen: allein wie dessen Ursprung nicht in einem großen Ge- fühl der allgemeinen Nothwendigkeit, sondern in einseitigen politischen Rücksichten lag, so hatte man gar bald unmög- lich gefunden es auszuführen. Nach alle dem Hin und Widerfluthen der religiösen Bewegungen hatte man sich endlich am Reichstag entschlossen, es zwar nicht zu wider- rufen, aber doch in eines Jeden eignes Ermessen zu stel- len, ob er es ausführen wolle oder nicht. Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Was sollte nun unter diesen Umständen in den von den Reformationsideen ergriffenen Gebieten geschehen? Soll- ten die Fürsten eine Autorität wiederherstellen, mit der sie unaufhörlich in bittern Zwistigkeiten gelegen, die einen all- gemeinen nationalen Widerwillen gegen sich erweckt hatte, und deren Amtsführung sie sogar für unchristlich hielten? Der Reichsabschied befahl ihnen das nicht. Es ist darin davon die Rede, daß Niemand seiner Güter und seines Ein- kommens zu berauben sey: der Herstellung der geistlichen Jurisdiction hatte man absichtlich nicht gedacht. Oder sollten sie warten, bis einmal ein Concilium zusammenträte und Ordnung machte? Es war nicht abzusehen, wann das geschehen würde: der Reichstag selbst hatte es unmöglich gefunden. Man durfte die Dinge nicht ihren innern Trie- ben oder dem Zufall überlassen. Sollte nicht eine wilde Anarchie erfolgen, so mußten die bestehenden rechtmäßigen Gewalten dazu schreiten, Ordnungen zu treffen. Fragen wir was die deutschen Fürsten dazu berech- tigte, so läßt sich ihnen wohl nicht eine Art bischöflicher Ge- walt zuschreiben, wenigstens im Anfang nicht. Eben bei dieser Gelegenheit erklärt Luther ausdrücklich, „der weltli- chen Obrigkeit sey nicht befohlen geistlich zu regieren.“ Eher ließe sich eine andere Meinung die man aufgestellt hat, vertheidigen, daß nemlich die factisch bereits bestehende Kirche den Landesherrn das Amt der Oberaufsicht aufge- tragen habe; Luther, der alle diese Dinge bei sich über- legte und nichts ohne vollkommene Sicherheit thun wollte, sprach jedoch nur davon, daß man die Fürsten ersuchte sich aus Liebe und um Gottes willen dieser Sache anzu- Prinzip des evangelischen Kirchenrechts . nehmen. Die neue Kirche war noch nicht constituirt; daß sie ein Recht übertragen dürfe, traute sie sich ohne Zweifel selbst nicht zu. Das eigentliche Recht leitet sich, wenn ich nicht irre, aus einem andern Ursprung her. Sollte wohl Jemand dem Reich die Befugniß ab- sprechen, in der Verwirrung in die man gerathen war, auf einer regelmäßigen Zusammenkunft, wie die zu Speier beabsichtigte, Anordnungen auch über die kirchlichen An- gelegenheiten festzusetzen? Es ist wahr: man hat schon damals von mehr als Einer Seite allerlei Bedenken dage- gen vorgebracht: die spätere Zeit hat dieselben jedoch ge- hoben. Wir müßten sonst an der Rechtsbeständigkeit des Religionsfriedens so wie des westphälischen Friedens zwei- feln, welche doch beide von der päpstlichen Gewalt niemals anerkannt worden sind. Auch hat man in Deutschland nie an der Gültigkeit der Reichsabschiede von 1523 und 1524 gezweifelt, welche für die religiösen Angelegenheiten so wichtig waren. Was hätte daraus hervorgehn müssen, wenn die Reichs- versammlung auf diesem Wege fortschreitend sich ihres Rech- tes bedient und eine Reform für alle Stände angeordnet hätte: die großartigste Umgestaltung würde erfolgt seyn. Allein die Reichsversammlung konnte sich nicht so weit vereinigen. Sie gab aber darum ihre Befugniß nicht auf: wie sie denn später darauf zurückgekommen ist. Damals fand sie es angemessen, — und das ist der Moment von dem alles ausgeht, — die Ausübung ihres Rechtes den Ter- ritorial-gewalten anheim zu stellen. Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Denn was Anders heißt es, wenn sie es den Für- sten überläßt, über die Befolgung oder Nichtbefolgung des Wormser Edicts sich mit ihren Unterthanen zu vereinigen. Darin lag die Nothwendigkeit durchgreifender und umfas- sender Maaßregeln. „Das ist je die Wahrheit, daß das kais. Edict anders nichts innen haͤlt, denn die Sachen unsern h. Glauben und Religion, auch die Irsallehren und Mißbreuch so daraus entsprungen seyn, belan- gend. So denn an denselben, nemlich wie und was man glauben, was man lehren predigen und halten, was man auch in solchem flie- hen und vermeiden soll, ein ganz christlich Leben und unser einige Seligkeit ohne alles Mittel gelegen ist, — so folget gewißlich, daß der angezeigt Artikel auf ein ordentlich christlich Leben Regiment und Wesen muß gezogen werden. Die hineingebrachten Wort des Edicts machen auch den Artikel viel laͤuterer.“ (Worte der gleich anzufuͤh- renden Schrift.) Was die Reichsversammlung selber auszuführen nicht einmüthig noch entschlossen genug war, das überließ sie den einzelnen Ständen. So verstand es Landgraf Philipp, wenn er seine „Un- terthanen geistlichen und weltlichen Standes“ nach Hom- berg zu kommen einlud, um sich „mit ihnen in Sachen den heiligen Glauben belangend zu vergleichen.“ Darauf gründet sich Markgraf Casimir von Brandenburg, wenn er als ein Gottliebender und kaiserlicher Maj. gehorsamer Fürst wie er sagt, mit den Abgeordneten seiner Landschaft eine Einrichtung trifft, die bei aller Zurückhaltung doch einen unzweifelhaft evangelischen Inhalt hat. Wir besitzen eine kleine Schrift aus jener Zeit, in der man aus den Wor- ten des Reichsabschiedes nicht allein die Befugniß, son- dern die Pflicht der Fürsten herleitet, Anordnungen nach Maaßgabe des göttlichen Wortes zu treffen, über das ge- sammte christliche Leben und Wesen, denn dieß zu umfassen Prinzip des evangelischen Kirchenrechts . sey doch auch der Sinn des Edictes. Ein christlicher Rathschlag — welchergestalt sich alle christ- liche Personen von Obern und Unterthanen halten sollen, daß sie das nach Anzeigung eines sondern Artikels im Abschied des juͤngst- gehaltnen Reichstags zu Speier — — moͤgen verantworten. Bei Hortleder Buch I, Cap. II. Daran streift auch Luther, indem er an Kaiser Constantin erinnert, der bei den arianischen Irrungen sich bewogen gefunden, we- nigstens durch Berufung eines Conciliums einzuschreiten, um weitern Unordnungen vorzubeugen. Mit Einem Worte: es war das unbestreitbare Recht der höchsten Gewalt, bei dem Überhandnehmen kirchlicher Entzweiungen eine Auskunft zu treffen, es war das den einzelnen Ständen anheimgestellte Recht des Reiches, kraft dessen die evangelischen Fürsten dazu schritten die Reform in ihren Gebieten durchzuführen. Da konnten nun jene demokratischen Ideen sich nicht geltend machen: dahin führte die Thatsache nicht, die Kirche constituirte sich nicht von unten her. Jene Gemein- schaft von Wahrhaft-gläubigen, entsprechend der Idee der unsichtbaren Kirche, der das Recht, sich selbst Gesetze zu geben, hätte überlassen werden können, war eben nicht vorhanden. Luther fuhr fort die Kirche als eine göttliche, von allen weltlichen Mächten festzuhaltende Institution zu betrachten, jedoch nicht mehr wie bisher, um das Myste- rium darzustellen, sondern vor allem zur Unterweisung des Volkes, „als eine öffentliche Reizung,“ wie er sich aus- drückt, „zum Glauben und Christenthume.“ Indem er Wehe über die Bischöfe ruft, welche das Volk so roh da- hingehen lassen, daß es weder das Vater unser noch die Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . zehn Gebote gelernt, von dem christlichen Glauben nichts erfahren habe, bekämpft er zugleich die Vorstellungen eini- ger Evangelischen, welche nun wohl glaubten, bei der Leich- tigkeit literarischer Belehrung, der Pfarrer ganz entbehren zu können; die Kirche ist ihm eine lebendige göttliche In- stitution, zur Befestigung und Ausbreitung des Evange- liums durch Verwaltung der Sacramente und Predigt; sein Sinn ist, die Lehre der Schrift den Menschen, wie er sagt, ins Herz zu treiben, gegenwärtige und künftige Generationen damit zu erfüllen. Diese Ideen walteten bei den kirchlichen Einrichtun- gen des sächsischen Gebietes vor. Der Churfürst hatte einige Visitatoren ernannt, um den Zustand der einzelnen Gemeinden in Hinsicht auf Lehre und Leben zu prüfen. In ihrem Namen ergieng ein Un- terricht an die Pfarrer, welchen Melanchthon ausgearbei- tet hat und Luther billigte, ja selbst herausgab, der nun höchst merkwürdig ist. Darin tritt die Opposition gegen das Papstthum, so lebhaft auch sonst der Kampf noch war den man mit ihm bestand, schon sehr in den Hintergrund: man beschied sich, daß er auf die Kanzel vor das Volk nicht gehöre: man ermahnte die Prediger, auf Papst und Bischöfe, von denen keiner sie vernehme, auch nicht zu schelten; man faßte nur das Bedürfniß der Menge, die Pflanzung der evangelischen Lehre in dem gemeinen Mann ins Auge. Man gieng hiebei mit der größten Schonung des Herkömmlichen zu Werke. Man fand es nicht nothwendig, die lateini- schen Messen geradehin zu verbieten: man glaubte selbst, Saͤchsische Visitation . die Mittheilung des Sacraments unter Einer Gestalt ge- statten zu können, wo sich Jemand aus Gewissensscrupeln noch nicht von dem alten Ritus lossagen wolle; obgleich man den Zwang der Ohrenbeichte verwarf, da sie nicht in göttlichen Schriften gegründet sey, erklärte man es doch für heilsam, daß ein Jeder die Sünden beichte von denen er sich beschwert fühle, worin er Rath zu bedürfen glaube; man schaffte nicht einmal alle Feste der Heiligen ab, schon genug, wenn man nur dieselben nicht anrufe, auch nicht um ihre Fürbitte. Die Idee, die wir schon öfter wahr- genommen, daß man nur die unbedingte religiöse Bedeu- tung, die allein seligmachende Kraft der in den letzten Jahr- hunderten entwickelten Formationen verwarf, aber übrigens keineswegs den geistigen Grund und Boden der lateinischen Kirche verließ, stellt sich hier noch einmal sehr deutlich dar. Man suchte sich nur des Zwanges der tausendfältigen Tra- ditionen, der hierarchischen Anmaaßungen zu entledigen, und den reinen Inhalt der h. Schrift, der Offenbarung wieder- zugewinnen. Vgl. Luthers Vorrede auf das Buͤchlin des Herrn Licen- tiaten Klingenbeil 1528. Altenb. IV, 456. „Wir haben die Schrift fuͤr uns, dazu der alten Vaͤter Spruͤche und der vorigen Kirchen Ge- setze, dazu des Papsts selbst eigenen Brauch, da bleiben wir bei: sie aber haben etlicher Vaͤter Gegenspruͤche, newe Canones und ihren eignen Muthwillen ohn alle Schrifft und Wort Gottes.“ Was damit irgend bestehen konnte behielt man bei. Man trug Sorge, die Gemüther der gemeinen Leute nicht mit den schwierigen controversen Lehren, na- mentlich über die guten Werke und den freien Willen, zu verwirren. Nicht daß man im Mindesten von den ein- mal gewonnenen Überzeugungen abgewichen wäre, von der Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Grundlehre der Rechtfertigung durch den Glauben, von der Bekämpfung des Irrthums sein Heil in der Beobach- tung menschlicher Anordnungen, z. B. der Fasten, der sieben Gezeiten zu suchen: man wiederholte diese Sätze viel- mehr so präcis wie möglich: aber man forderte zugleich Buße Reue und Leid, Vermeidung der Vergehungen, from- mes Leben. Denn das stehe allerdings in des Menschen Gewalt, das Böse zu fliehen, das Gute zu wählen: die Unkraft des freien Willens sey nur, daß er das Herz nicht reinigen, keine göttlichen Gaben hervorbringen könne: diese müsse man allein bei Gott suchen. Unterricht der Visitatoren an die Pfarrherrn des Churfuͤr- stenthums zu Sachsen. Altenb. IV, 389. Man hat sich das Ziel gesetzt, die Menschen zu innerlicher Religion, Glauben und Liebe, unschuldigem Wandel, Ehrbarkeit und Ordnung anzuleiten. Weit gefehlt, daß man von dem äch- ten Christenthum auf irgend einer Stelle abwiche, setzt man vielmehr sein Verdienst darin, die Gemüther tiefer und tie- fer mit den Prinzipien desselben zu durchdringen. Darin sucht Luther seinen vornehmsten Ruhm, daß er die Grund- sätze des Evangeliums auf das gemeine Leben anwendet. Vor allem hat er sich angelegen seyn lassen, von dem re- ligiösen Standpunct aus die verschiednen Stände über ihre Pflicht zu unterweisen: die weltliche Obrigkeit und ihre Un- terthanen, die Hausväter und die Glieder der Familie. Er entwickelt ein unvergleichliches Talent populärer Belehrung. Er weist die Pfarrer an, wie sie zum Heile des gemeinen Mannes predigen, die Schullehrer, wie sie die Jugend in ihren verschiednen Stufen unterrichten, Wissenschaft und Saͤchsische Visitation . Religion verbinden, nichts übertreiben, die Hausherrn, wie sie ihr Gesinde zur Gottesfurcht anhalten sollen; er schreibt einem jeden Sprüche seines Wohlverhaltens vor, den Pfar- rern und den Gemeinen, Männern und Frauen, Ältern und Kindern, Knechten und Mägden, Jung und Alt: er zeigt ihnen eine Formel des Benedicite und des Gratias bei Tische, des Morgen und des Abendsegens an. Er ist der Patriarch der häuslichen, mit Andacht durchdrungnen strengen Zucht und Sitte des norddeutschen Hauswesens. Wie unzählige Millionen Male hat sein herzliches Das walt Gott den im dumpfen Treiben des Werkeltags da- hin lebenden Bürger und Bauersmann seiner Beziehung zu dem Ewigen wieder erinnert! Der Katechismus, den er im Jahr 1529 herausgab, von dem er sagt, er bete ihn selbst, so ein alter Doctor er auch sey, ist eben so kindlich wie tiefsinnig, so faßlich wie unergründlich, einfach und erhaben. Glückselig wer seine Seele damit nährte, wer daran festhält! Er besitzt einen unvergänglichen Trost in jedem Momente: nur hinter einer leichten Hülle den Kern der Wahrheit, der dem Weisesten der Weisen genug thut. Um aber dieser Tendenz der populären Unterweisung, dem gesammten Predigerwesen, das an die Stelle des Prie- sterthums trat, ein festes Bestehen zu sichern, war zunächst eine äußerliche Begründung der Kirchen nothwendig. Da dürfen wir nun nicht vergessen, daß die geistli- chen Güter von allen Seiten gefährdet wurden. Wir ha- ben berührt, wie man zuerst von der streng katholischen Seite Klöster aufzuheben anfieng, welche Ansprüche die öst- reichische Regierung an die Verwaltung der Weltlichkeit Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . bischöflicher Gebiete machte: täglich traten diese Vergewalti- gungen schroffer heraus; Luther meint, die papistischen Jun- ker seyen in dieser Hinsicht fast lutherischer als die Luthe- rischen selbst: er glaubt sich über die Maaßregeln des Churfürsten von Mainz gegen seine Klöster in Halle be- klagen zu müssen; Bericht an einen guten Freund aufs Bischofs von Meißen Mandat Altenb. III, 895. Man nehme den Kloͤstern und Stiftern ihre Barschaft und Kleinodien, greife den Geistlichen in ihre Freiheit, beschwere sie mit Schatzungen, laure auf ihre liegenden Gruͤnde. auch Landgraf Philipp bemerkt, man fange an sich um die Klostergüter zu reißen: ein Jeder strecke seine Hand danach aus, wer auch sonst nicht evan- gelisch heißen wolle. Schreiben Philipps an Luther 1526 bei Rommel Hess. Gesch. V, p. 861: es sey „viel Rappens um die geistlichen Guͤter.“ Es war das aber nicht allein eine deutsche, sondern eine europäische Tendenz. In den zwei Jahren 1524 und 25 hat Cardinal Wolsey in England mehr als 20 Klöster und Convente aufgehoben, um das neue Collegium, durch das er seinen Namen in Oxfort unsterb- lich machte, damit auszustatten. Verzeichniß in Fiddes Collection nr. 76. Besonders sind viel Augustinerconvente dabei. Man muß sich die all- gemeine Stimmung vergegenwärtigen, die sich mit diesen Bestrebungen verband, um die Schritte zu beurtheilen, welche in den evangelischen Gebieten geschahen. In Sachsen hatte sich eine große Anzahl von Klöstern von selbst aufgelöst: die Mönche waren auseinandergegangen: schon streckten die benachbarten Edelleute ihre Arme nach den vacanten Gü- tern und Gebäuden aus. Die Meinung Luthers war nicht das zuzulassen. Er urtheilte, wie die Güter ursprünglich zum Gottesdienst bestimmt worden, so müsse es ihre Ver- Saͤchsische Visitation . wendung auch in Zukunft bleiben. Er forderte vor allem, daß die Pfarren im Lande, die ohnehin sehr kärglich dotirt waren, und nach dem Wegfall so vieler Accidenzien sich gar nicht mehr behaupten konnten, mit den erledigten Pfrün- den verbessert würden. Was dann noch übrig bleibe, möge den Armen zu Gute kommen, oder zur Landesnothdurft ge- braucht werden. Nur der höchsten Gewalt, wie er sich ausdrückt, „dem obersten Haupt,“ schrieb er das Recht, zugleich aber auch die Pflicht zu, diese Dinge zu ordnen „nachdem der päpstliche Zwang im Lande erloschen.“ Er drang einst in die Gemächer seines Churfürsten, um ihm die Pflicht vorzuhalten, die Güter vor dem Um-sich-greifen des Adels zu schützen. Schreiben Luthers an den Churfuͤrsten 22 Nov. 1526 bei de Wette III, p. 137; an Spalatin 1sten Jan. 1527. ibid. 147. Vgl. 153. Jene Visitatoren empfiengen nun den Auftrag, die neuen Einrichtungen nach diesen Gesichtspuncten anzuord- nen. Wir müssen anerkennen, daß sie dabei mit großer Mäßigung verfuhren. Die Stifter, deren Mitglieder evan- gelisch geworden, z. B. in Eisenach und Gotha, blieben un- angetastet. In Heusdorf und Weimar duldete man Klo- sterfrauen die an den alten Cerimonien festhielten. Die Franciscanerconvente in Altenburg und Saalfeld, welche eine sehr lebhafte Opposition machten, blieben doch beste- hen: sie wurden ermahnt, und wie der urkundliche Bericht sich ausdrückt, „Gott befohlen.“ Auszuͤge aus den Visitations-Acten bei Seckendorf II, 102. Von eigentlicher Auf- hebung noch bestehender Institute ist hier überhaupt, so viel ich finde, nicht die Rede. Man disponirt nur über Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . die Güter der bereits vacant gewordenen Pfründen: mit diesen stattet man Pfarren und Schulen etwas besser aus: die Stiftungen, welche noch im Wesen sind, nöthigt man zu Beiträgen zu demselben Zwecke. Von den Präla- ten waren Einige, z. B. der Abt von Bosau, dazu sehr willig: Andre mußten ernstlich angehalten werden. Statt dieß Verfahren der Gewaltsamkeit anzuklagen, möchte man wünschen, daß es sogleich entschiedner gewesen, mehr im Ganzen und Großen angegriffen worden wäre. Bei der Frische und Macht des religiösen Antriebes würde es zu viel umfassendern bedeutendern Instituten gekommen seyn, als später zu Stande gebracht werden konnten. Und um wie weit großartiger, wie gesagt, hätte alles werden müssen, wenn das Reich selbst die Leitung der Umwandlung hätte über- nehmen wollen! Wie die Sachen jetzt standen, mußte man sich begnügen, es nur zu einem leidlichen Zustand zu brin- gen, in welchem die neue Kirche eben bestehen konnte. Nichts desto minder schlossen auch diese Festsetzungen einen Keim der großartigsten Entwickelung in sich ein. In der Mitte der so wesentlich hierarchischen lateini- schen Christenheit bildete sich, ohne daß man zu einem gewaltsamen Umsturz geschritten, oder von den tiefern hi- storisch gegebnen Grundlagen abgewichen wäre, eine neue Form des Lebens in Staat und Kirche aus, frei von aller Hierarchie. Wenn in Baiern ein Bund zwischen der Für- stenmacht, der Universität und dem Papstthum geschlossen ward, durch welchen die regelmäßigen hierarchischen Ge- walten beaufsichtigt und beherrscht wurden, so bildete sich hier eine Vereinigung zwischen dem Fürsten, der Universität und Saͤchsische Visitation . und der niedern Geistlichkeit, welche die bischöfliche Juris- diction gradezu ausschloß. Die niedere Geistlichkeit ge- langte zu einer großen Selbständigkeit. Durch die Super- intendenten, welche der Fürst aus ihrer Mitte ernannte, und denen einige bischöfliche Befugnisse übertragen wurden, regierte sie sich gleichsam selbst. Indem sie dann den Cö- libat verließ, ward ihr ein neuer Einfluß auf die Fortbil- dung der Nation zu Theil. Der Stand der verheirathe- ten Pfarrer wurde eine Pflanzschule für Gelehrsamkeit und Staatsbeamte, der Kern für einen gebildeten Mittel- stand; durch die sorgfältigere Erziehung, welche die Ruhe des Landlebens möglich macht, und zu der die geistliche Würde noch besonders auffordert, ist es geschehen, daß die ausgezeichnetsten Männer aus seiner Mitte hervorge- gangen sind. Daß die Klöster verfielen und ihre Mitglie- der dem bürgerlichen Leben zurückgegeben wurden, führte allmählig zu einem sehr bemerkbaren Steigen der Bevöl- kerung. Justus Möser hat im Jahr 1750 berechnet, daß 10 bis 15 Millionen Menschen in allen Ländern und Erd- theilen Luthern und seinem Beispiele das Daseyn verdan- ken: „man sollte ihm eine Statue setzen, als dem Erhalter des menschlichen Geschlechtes.“ Lettre à Mr de Voltaire Osn. 6 Spt. 1750 in Abekens Reli- quien von Justus Moͤser p. 88. Deutschen Zuständen nun und den innern Trieben des Ereignisses entsprachen Einrichtungen dieser Art bei wei- tem besser, als die in Homberg gefaßten für die Lage der Dinge zu kühnen Ideen. Wie der Unterricht der sächsischen Visitatoren gleich im J. 1528 auch in Hessen angenommen Ranke d. Gesch. II. 29 Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . ward, so giengen die sächsischen Anordnungen sehr bald dahin über: schon 1531 ernannte Landgraf Philipp sechs Superintendenten. Rommel Landgr. Philipp, II, p. 123. 124. Nur in Hinsicht der geistlichen Güter waren die Maaßregeln die man in Hessen traf mehr aus Einem Stücke. Landgraf Philipp war noch in dem ersten Feuer religiös patriotischer Ideen: „ich will den Hessen hel- fen“ ruft er einmal begeistert aus; doch verbarg er sich da- bei die Gefahr nicht, „von dem Fleische übermannt, von der rechten Bahn abgeführt zu werden;“ er faßte die Ab- sicht, die Klöster einer von Fürst und Ständen zugleich ab- hängigen Verwaltung zu unterwerfen, sowohl Die welche darin bleiben, als Die welche herausgehn würden, zu versorgen, und den Überschuß zu den allgemeinen besonders den geistlichen Bedürfnissen zu verwenden: er selbst wollte das Recht nicht haben, ohne den Willen der Landschaft zu dieser Casse zu ge- langen. „Das eine Oberkeit zu dem Kasten nit kommen kont one Verwilligung der Landschaft, sonst so verkompt das Gut, und der Oberkeit oder Landt wurd es nit gepessert.“ — Schreiben an Luther: bei Rommel V, p. 862. Die landschaftlichen Interessen traten hier in beson- derer Stärke hervor. Als Grund zur Einziehung der Kloster- güter gab man an, daß vielleicht nur der vierte Theil der Mönche und Nonnen Landsassen, alle andern Ausländer, daß deshalb die Güter ohne Nutzen für das Land seyen. Einige Klöster ließ man bestehen, weil sie sich zum evan- gelischen Glauben bekannten; aber bei weitem die meisten giengen ein: die einen, weil sie auf Almosen gestiftet wa- ren, die Niemand mehr zahlen wollte, die andern weil die Mitglieder heraustraten, entweder aus christlicher Beweg- Reformation in Hessen . niß, wie sie sich ausdrücken, aus ehrbarlichem Bedenken, oder auch weil ihre Gelegenheit sich so zutrage. Sie nah- men mit Abfindungen in Geld oder in Früchten vorlieb Von dem Überschuß sollte nun nach den Bestimmungen eines Landtags, im October 1527, ein Theil dem Adel, S. F. Gn. wollen 30 Mannspersonen (vom Adel), 15 im obern, 15 im niedern Fuͤrstenthumben, mit etlicher Steuwer an Frucht Korn und Habern Fuͤrsehung thun, damit sie sich in Ruͤstung erhal- ten und auf Erforderung desto stattlicher dienen moͤgen. Was der durchlauchtig Fuͤrst — Hr Philipps — mit den Closterpersonen Pfarr- herrn und abgoͤttischen Bildnissen vorgenommen hat. Hortleder I, V, II § 11. Es erinnert an die Ideen des Saͤcularisationsentwurfs von Augsburg 1525. ein andrer der Universität die man in Marburg zu stiften beschlossen, zu Gute kommen, der Rest aber in eine nur in Folge gemeinschaftlichen Beschlusses von Fürsten, Ritter- schaft und Städten zu benutzende Casse fließen. Es hat sich in der allmählig langsamen Ausführung wohl auch hier vieles anders gemacht. Doch sind einige größere Institute wirklich gegründet worden, zwei neue Stifte zum Besten ad- licher Fräulein: vier große Landes-hospitäler: hauptsächlich die Universität Marburg mit ihrem Seminarium theologicum. Denn vor allem eine theologische Schule war diese erste neu- gegründete evangelische Universität; die übrigen Facultäten waren nur in geringfügigen Anfängen vorhanden; die Synode von Homberg hatte bestimmt, daß da überhaupt nichts vorkommen solle, was den Geschäften des Reiches Gottes entgegen sey; und wenigstens so viel mußte jedes Mitglied bei seinem Eintritt beschwören, daß es keine Neuerung wi- der das göttliche Wort vornehmen werde. Von großer Be- deutung war es, daß der wittenbergischen Schule ein neuer 29* Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Mittelpunct für die evangelische Theologie zur Seite trat: anfangs noch ohne die kaiserlichen Privilegien, die jedoch späterhin auch erworben wurden. Diese Vorgänge wirkten nun auch auf die fränkisch- brandenburgischen Fürstenthümer, obwohl hier die Sachen nicht so ganz einfach lagen. Von den beiden Fürsten, welche die Regierung gemeinschaftlich führten, hielt sich der Eine, Markgraf Casimir, Gemahl einer baierischen Prin- zessin, und enge mit dem Haus Östreich verbunden, der altgesinnten Partei so nahe wie möglich, während der An- dre, Markgraf Georg, der jedoch in Schlesien residirte, eine entschieden evangelische Gesinnung hegte und aussprach. Im October 1526 hielt Markgraf Casimir auf den Grund des Speierischen Reichsabschiedes einen Landtag zu An- spach, in welchem Beschlüsse von doch noch zweideutiger Natur gefaßt wurden. Man kann zwar an ihrer evange- lischen Tendenz nicht zweifeln: gleich in dem ersten Artikel wird festgesetzt, daß die Prediger im Lande das reine Evan- gelium und Wort Gottes, und nichts was dawider sey, predigen sollen: auch wird man die Nachgiebigkeiten in Hinsicht des Ritus nicht zu streng beurtheilen, wenn man weiß, wie viel da selbst von Luther noch geduldet wurde; aber Viele mußten allerdings Anstoß daran nehmen, daß Markgraf Casimir die lateinische Messe befahl: die Haltung der Fasten zwar nicht gerade gebot, aber darum bat: sogar die Abhaltung der gestifteten Seelmessen und Vigilien rathsam fand. Abschied und Meinung ꝛc. Onolzbach Mittwoch nach Fran- cisci (Fr. war 1526 selbst ein Mittwoch 4 October) bei Hortleder Besonders war Markgraf Georg damit unzufrieden: Brandenburg und Nuͤrnberg . den Brief, mit welchem ihm sein Bruder die Beschlüsse zusen- dete, begleitete er mit sehr bittern Anmerkungen. In dem Lande ward Jedermann zweifelhaft. Und da nun die benach- barten Bischöfe sich doch auch nicht zufrieden gaben, ihrer Jurisdiction nicht verlustig gehen wollten, Versuche machten die Pfarren nach wie vor zu besetzen, die man nicht kräf- tig genug zurückwies, so gerieth alles in Verwirrung. Un- ter diesen Umständen war es ein entscheidendes Ereigniß, daß Casimir auf jenem ungrischen Kriegszug starb, und Markgraf Georg die Regierung der Fürstenthümer selbst übernahm. Mit ihm kamen die eifrig evangelisch gesinnten Räthe, Hans von Schwarzenberg und Georg Vogler wie- der in ungehinderte Wirksamkeit. Auf einem abermaligen Landtag zu Anspach, 1sten März 1528, ward dem frühern Abschied eine mit rein evangelischen Überzeugungen über- einstimmende Erläuterung gegeben; auch in den Cerimonien sollte nun ferner nichts geduldet werden, was dem Worte Gottes entgegen sey. Nach dem Muster von Sachsen ward hierauf auch hier eine Visitation veranstaltet, und zwar in Verbindung mit der Stadt Nürnberg, durch welche beide Gebiete eine evangelische Kirchenverfassung empfiengen. I, I, 3. Der Auszug bei Lang II, 9 verwischt das evangelische Ele- ment noch vollends. Nach Lang soll es z. B. in dem Edict heißen: Das h. Sacrament soll man keineswegs in beiderlei Gestalt empfan- gen, gegen die Verwandlung nichts lehren. In der That aber li e st man daselbst nr . 5 (Hortl. p. 35): „Woͤllen uns versehen, daß sich ein jeder mit Empfahung des Sacraments also halte, wie er das gegen Gott und Kais. Mt verhoff zu verantworten“ — was doch eine voͤllige Freiheit involvirt. „Es soll auch wider das hochw. Sa- crament — als ob in dem h. Sacrament der Leib und das Blut nicht gegenwertig waͤre nit gepredigt werden.“ — Zwischen Gegenwart und Verwandlung aber, welch ein Unterschied! Viertes Buch. Fuͤnstes Capitel . Denn indessen war die Reform auch in Nürnberg durchgeführt. Wir gedachten schon der großen Hinneigung welche die Bürger von Anfang an dazu zeigten, der Un- terstützung die sie dann bei ihren beiden Pröpsten, ein paar Nürnberger Patriciern, fanden, der Anstellung evangelischer Prediger. Man änderte anfangs auch hier nur das Noth- wendigste. Im Jahr 1524 z. B. fieng man an in deutscher Sprache zu taufen; obgleich aber schon ein Jahr früher eine Anweisung dafür von Luther erschienen war, zog man es in Nürnberg doch vor, das ganze Formular der Bam- berger Agende nur schlechtweg zu verdeutschen; dem Täufling ward nach wie vor Salz in den Mund gelegt, dreimal un- ter die Augen geblasen, die Brust mit Öl bestrichen, von den altherkömmlichen Beschwörungsformeln ließ man keine fallen. Geschichte des Exorcismi in der Nuͤrnbergischen Kirche bei Strobel Miscell. IV, 173. Zur Bezeichnung des Übergangs verdient an- geführt zu werden, daß der Rector zu St. Sebald das alte „Sey gegrüßt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit“ in ein „Sey gegrüßt, Jesu Christ, König der Barmher- zigkeit ꝛc.“ nur eben umsetzte. Statt advocata nostra heißt es dann mediator noster: statt Jesum benedictum fructum ventris tui nobis post hoc exilium ostende heißt es: o Jesu benedicte faciem patris tui nobis post hoc exilium ostende . Die vornehmste Änderung bestand darin daß man das Abendmahl unter beiderlei Gestalt reichte, den Canon ausließ, die Vigilien, Seelmessen und Jahrtäge für die Verstorbenen abschaffte, die Tagzeiten nicht mehr betete. Allein es versteht sich daß schon dieß dem Ordinarius Bischof von Bamberg viel zu viel war. Er Brandenburg und Nuͤrnberg . schloß endlich die beiden Pröpste von der Gemeinschaft der Kirche aus, erklärte ihre Stellen für erledigt, und forderte die, denen es gebühre, auf, neue Wahlen zu treffen. Allein wie sehr hatten sich die Dinge seit dem Jahr 1520 ver- ändert! Damals war es noch nothwendig gewesen, mit dem entfernten päpstlichen Commissarius eine Abkunft zu treffen: jetzt machte die Excommunication des nahen mäch- tigen Bischofs keinen Eindruck mehr. Die Pröpste appel- lirten von ihm an ein frei, sicher, christlich und gottselig Concilium. Appellation und Berufung der Proͤpst und des Augustiner Priors zu Nuͤremberg bei Strobel: Misc. III, 62. Allmählig ergriff ihre Gesinnung die wirk- samsten Mitglieder des Rathes, Hieronymus Ebner, einen Mann, in welchem sich Gewissenhaftigkeit und Sanftmuth paart, Caspar Nützel, Christoph Scheurl, Hieron. Baum- gärtner, den Rathsschreiber Lazarus Spengler, der mit ei- ner außerordentlichen Tüchtigkeit in den Geschäften die le- bendigste Theilnahme an den allgemeinen Fragen der Re- ligion und der Kirche verband. Seit dem Spätjahr 1524 nahm der Rath zu Nürnberg auf allen Versammlungen der Städte, der Mitglieder des schwäbischen Bundes, der Reichsstände, dem Kaiser und dessen Vertretern gegenüber eine muthvoll evangelische Haltung an. Es ist wohl an dem, wie er unaufhörlich versichert, daß er schon der all- gemeinen Stimmung der Bürger halber nicht anders konnte. Vergessen wir aber nicht, daß er auch einige große po- litische Vortheile damit erwarb. Die kirchliche Reform war das einzige Mittel, die Unordnungen und Widerspen- stigkeiten der Geistlichkeit, mit der man schon so lange Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . zu kämpfen gehabt, endlich zu beseitigen. Die Nürnber- ger benutzten hiezu besonders die Unruhen des Bauern- aufruhrs. Sie erinnerten die Geistlichen, ihre Nothdurft zu bedenken, die Gefahr die ihnen von dem Pöbel drohe, das dringende Bedürfniß des Schutzes, in dem sie seyen, und brachten sie in der That dahin, daß sie sich sämmtlich in Verpflichtung und Gehorsam der bürgerlichen Obrigkeit begaben. Selbst der Hauscomthur und Spitalmeister des deutschen Ordens leistete mit Bewilligung des fränkischen Landcomthurs die Losungspflicht. Auszug aus einer Entschuldigungsschrift des Rathes zu Nuͤrn- berg in Muͤllners handschr. Annalen. „Es sind aber,“ fuͤgt der Au- tor hinzu, „die Haußcommenthur mit nachfolgenden Conditionen zu Buͤrgern aufgenommen worden, 1) daß sie Buͤrgerpflicht thun und hinter die Viertelsmeister schworen sollten, 2) daß sie den deutschen Hof mit seinen zugehoͤrigen Guͤtern diesseit des Wassers gelegen ver- losungen sollten, 3) sollen von allem Getrank so im Hof und Spi- tal eingelegt wird, das Umgeld zahlen, 4) sollen sie mit dem Holze auf des Reichs Boden sich bescheidentlich halten. Hiedurch ward der Rath erst Herr innerhalb seiner Mauern. Die Klöster muß- ten evangelische Prediger bestellen, das Versprechen geben, keine neuen Mitglieder aufzunehmen: in Kurzem lösten sie sich auf, oder wurden geschlossen. Die Jurisdiction des Bischofs fand kein Object mehr. Mochte er sich beklagen wie er wollte, der Rath erklärte, daß er nur die Pflich- ten einer christlichen Obrigkeit, die Anordnungen des Reichs- abschiedes vollziehe. Ohne Bedenken vereinigte er sich mit dem Markgrafen zu jener Kirchenvisitation: „habe doch der Bischof niemals in Gebrauch gehabt die Kirchen zu visi- tiren.“ Es liegt am Tage, welchen Fortschritt die Unabhän- Brandenburg und Nuͤrnberg . gigkeit der weltlichen Macht sowohl der Städte wie der Fürsten durch diesen Gang der Dinge machte. Erinnern wir uns jener ältesten Einrichtung der deut- schen Kirche unter Carl dem Großen, die auf ein Zusam- menwirken der Gewalt der Bischöfe und der Grafen be- rechnet war. Wie es vor Jahrhunderten den Bischöfen gelungen, in einem Theile ihres geistlichen Sprengels auch die welt- liche Autorität an sich zu bringen und regierende Herrn zu werden, so gelang es jetzt den weltlichen Gewalten, die, obwohl in ganz anderer Gestalt, die gräflichen Gerechtsame ausübten, die bischöfliche Einwirkung von ihren Gebieten auszuschließen. Man würde sich durch den Schein blenden lassen, wenn man dieß so schlechtweg für einen Verlust des kirch- lichen Prinzipes halten wollte. Denn das läßt sich doch gar nicht leugnen, daß die bischöfliche Einwirkung bei wei- tem mehr in der Behauptung von allerlei Exemtionen, Ge- fällen, Anrechten bestand, die mit der Religion wenig zu schaffen hatten. In diesem Augenblick war es z. B. eine der vornehmsten Streitigkeiten zwischen Nürnberg und Bam- berg, daß die Stadt während der Bauernunruhen den kleinen Zehent nachgelassen hatte, den der Bischof schlechterdings nicht aufgeben wollte. Den weltlichen Gewalten gelang es nur dadurch, zu ihrem Ziele zu gelangen, daß sie die religiösen, reiner-kirchlichen Prinzipien zu vertreten unter- nahmen, z. B. eben die Pfarren besser einrichteten. Aus jeder Pfarre im Brandenburgischen und Nürnbergischen wurde auch ein Abgeordneter der Gemeinde berufen, um Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . über Leben und Lehre des Pfarrers der Wahrheit gemäß Auskunft zu geben. Das Unwesen der niedern Geistlich- keit, um das sich nie ein Bischof ernstlich bekümmert, wollte man nicht mehr dulden. Hatte nicht der höhere Clerus die Ausbildung der Doctrin den Universitäten, das Amt am Wort wenig beaufsichtigten und schlechtbesoldeten Mieth- lingen überlassen? Man darf sich nicht wundern, daß endlich nachdem sich die hohen Schulen so lange als Ver- fechter der clericalischen Ansprüche erwiesen, auf einer von ihnen auch einmal eine Lehre herrschend ward die densel- ben entgegenlief, daß sich in Denen die sich dem eigent- lichen Kirchendienst widmeten, Widerwille gegen ein so ver- ächtliches und schon verachtetes Verhältniß wie das bishe- rige, — Gefühl der eigenen Bedeutung, und nun mit der le- bendig gewordenen Überzeugung von der allein verpflichten- den Autorität des Evangeliums ein feuriger Eifer erhob, die Sache besser zu machen. Die weltliche Macht that nichts weiter, als daß sie, durch den Reichsabschied dazu berech- tigt, diesen doch offenbar geistlichen Bestrebungen den Raum verschaffte sich zu entwickeln. Wollte doch Niemand sagen, daß hiedurch die Kirche dem Staat ganz zu eigen gewor- den! Versteht man unter Kirche den Einfluß geistlicher, religiöser Prinzipien, so gelangte sie vielmehr erst jetzt dazu. Niemals haben dieselben mehr bedeutet, als in den Zei- ten, die nunmehr kamen. Was unter den Evangelischen begann, setzte sich unter den Katholischen auf eine analoge Weise fort. Aber zugleich ist klar, daß die Wirksamkeit der evangelischen Kirche nicht auf reicher Ausstattung, ho- hem Rang, dem Pomp hierarchischer Ordnungen beruhte, Luͤneburg . sondern auf innerer Energie, evangelischem Eifer, freier gei- stiger Entwickelung. Auf ein anderes Fundament wird sie in Deutschland niemals zu gründen seyn. Darin liegt auch allein ihre Stärke. Wie in Nürnberg gieng es in vielen andern ober- ländischen Städten, zunächst in Augsburg und in Ulm — nicht selten wurden zwischen diesen drei Städten Zusam- menkünfte gehalten, Verabredungen getroffen: im Jahr 1528 war noch einmal von einem neuen Bunde aller Reichs- städte die Rede; — ferner in Straßburg; vorzüglich in der Schweiz: eben im Jahr 1528 entschloß sich auch Bern zu der Veränderung. Wir werden die Ereignisse in diesen Gegen- den aber erst im folgenden Buche übersehen können, wenn wir den Modificationen in der Lehre, welche in der Schweiz hervortraten, eine nähere Aufmerksamkeit gewidmet haben. In dem niedern Deutschland hielt man sich dagegen überall an die in Sachsen unter der Einwirkung Luthers festgesetzten Formen. Die Unterscheidungen welche etwa eintraten, hiengen nur von der Verschiedenheit der Verfas- sungen, der in jedem Land vorherrschenden Macht ab. In Lüneburg geschah die Veränderung in Folge einer Vereinigung des Fürsten und des Adels auf dem Landtage zu Scharnebeck im J. 1527. Die Prälaten hatten sich geweigert, auf frühern Versammlungen mit zu erscheinen: auf ihren Antrieb kam so eben der alte Fürst, welcher ab- dicirt hatte, und in Frankreich der katholischen Lehre treu geblieben war, in das Land zurück, um sich den Neuerun- gen zu widersetzen. Allein schon war es zu spät. Auf je- nem Landtag versprachen einander Fürst und Mannschaften, das Evangelium rein lauter und klar predigen zu lassen; Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . sie setzten fest, daß auch die Prälaten in ihren Kirchen und Klöstern dazu verpflichtet seyn sollten, wiewohl man ihnen anheimstelle, in Hinsicht der Cerimonien sich zu halten, wie sie es bei Gott zu verantworten gedächten. Auszug aus dem herzoglichen Edict bei Pfeffinger: Historie des Braunschweig Luͤneburgischen Hauses II, 347. Vgl. Schlegels Kirchengeschichte II, 50. Seit- dem durchdrang die Reform allmählig das ganze Gebiet. Der Canzler Klammer machte sich hier so verdient, wie Brück in Sachsen, Feige in Hessen, Vogler in Anspach, Spengler in Nürnberg. In Ostfriesland war die Gewalt des Grafen noch zu neu, um in so schwierigen die innerste Überzeugung her- ausfordernden Angelegenheiten entscheiden zu können. Als Graf Etzard, der anfangs auch von den lutherischen Mei- nungen lebhaft berührt worden, später zu dem Entschluß ge- kommen war, an dem bisherigen Kirchenwesen festzuhalten, übernahm ein Häuptling, Junker Ulrich von Dornum die Lei- tung der Sache. Auf seine Veranlassung ward eine feierliche Disputation zu Oldersum veranstaltet. Sie begann sehr cha- rakteristisch. „Sprechet ein Vaterunser,“ sagte der Vor- kämpfer der Lutherischen, Heinrich Arnoldi, „und ein Ave- maria,“ fügte der Dominicaner, der die katholische Sache verfocht, Prior Laurenz hinzu. Auch der Streit bezog sich hauptsächlich auf die Verehrung der Jungfrau Maria. Da die Lutheraner aber dabei blieben, sich nur mit Stellen der Schrift bestreiten lassen zu wollen, so konnten die Dominica- ner nichts ausrichten. Vielmehr fieng der Abfall sogleich in ihren eigenen Reihen an. Am Neujahrstag 1527 bestieg ein Ostfriesland. Holstein . Dominicaner, Resius, die Kanzel in der Kirche zu Norden, um einige lutherische Sätze zu verfechten, die er schon vorher bekannt gemacht hatte; ein einziger Gegner erhob sich, der aber gar bald zum Schweigen gebracht ward: hierauf noch auf der Kanzel, legte der Dominicaner, zum Zeichen seines Übertritts, die Kutte ab. Ubbo Emmius Rer. frisicarum hist. lib. LIV, p. 839. Im Jahr 1527 gelangte das Lu- therthum in den Pfarren fast allenthalben zur Herrschaft. Im Jahr 1528 erschienen dann die ostfriesischen Kirchen mit einer ausführlichen Confessionsschrift. In Schleswig und Holstein hatte man den Vortheil daß die Bischöfe der Diöcesen Schleswig und Lübek der Reformation keinen ernstlichen Widerstand leisteten. Da- gegen gewährte ihnen auch die Regierung Schutz und ließ ihnen ihre Einkünfte zufließen. Der Übergang von dem einen zu dem andern Bekenntniß war hier besonders leicht. Wie es einer der vierundzwanzig päpstlichen Vicarien ge- wesen war, Hermann Tast, der die ersten evangelischen Predigten gehalten hatte, so fanden sich auch seine Colle- gen ohne Schwierigkeit in die Veränderung, vorausgesetzt daß ihnen ihr Einkommen auf Lebenszeit versichert ward. Von den Landpfarrern bekannten sich viele ohne Widerrede zur gereinigten Lehre: leicht nahmen sie die Artikel an, die ihnen z. B. in Hadersleben zur Danachachtung vorgelegt wur- den. In den Städten hatte man fast eben so viel mit den Wiedertäufern zu kämpfen, wie mit den Anhängern des Papstthums. Die unmittelbaren Schüler Luthers, z. B. Marquard Schuldorf von Kiel, leisteten nach beiden Seiten ersprießliche Hülfe. In Muͤnters Kirchengeschichte von Daͤnemark III, 584 fin- Nach und nach wurden die kirchli- Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . chen Einrichtungen auch hier in das Geleise der sächsischen geleitet. Auch in Schlesien war, wie wir schon berührten, die evangelische Lehre sehr früh und sehr mächtig vorgedrun- gen. Zwar unterschied sich dieses Land dadurch von an- dern deutschen Gebieten daß es nicht reichsunmittelbar war, und auf den Reichsabschied von Speier keine Ansprüche begründen konnte. Allein die Zustände waren doch nahe verwandt: Hauptstadt und Fürsten nahmen der Krone von Böhmen, der sie angehörten, gegenüber, eine nicht viel weniger selbständige Haltung ein, als die Reichsstände im Verhältniß zum Kaiser: jede geistige Bewegung des innern Deutschlands fand hier sofort ihre Analogien. So uner- schütterlich sich Breslau vor noch nicht allzulanger Zeit, in den podiebradschen Händeln, auf der Seite des Pap- stes gehalten hatte, so gieng es jetzt doch in dem Kampfe wider denselben voran. Durch gar manchen Vorgang hatte die Stimmung des Rathes und der Bürgerschaft auch hier eine anti-clericalische Richtung empfangen. Man wollte ein Bernhardinerkloster nicht mehr, weil man durch die Verbindungen desselben am königlichen Hof beeinträch- tigt zu werden glaubte. Man war über den Unfug der mit der Pfarre zu Maria Magdalena getrieben wurde, wo immer ein Prätendent den andern verjagte, mißvergnügt. Schutzred des erbarn Raths und ganzen Gemeind der K. Stadt Breslau bei Schickfuß: Neuvermehrte Schlesische Chronika III, 58. Mit den Domherrn in der Stadt gab es tausendfältigen det sich fleißige Sammlung der einzelnen sonst sehr zerstreuten No- tizen. Schlesien . Hader. Da fanden nun die lutherischen Tendenzen einen sehr wohl vorbereiteten Boden. Im Jahr 1523 wagten es die Breslauer, jene Pfarre auf ihre eigne Hand und zwar mit einem der vertrautesten Freunde Luthers und Me- lanchthons, der jüngst von Wittenberg gekommen, Dr Jo- hann Heß zu besetzen. Hierauf giengen nun die Sachen hier wie anderwarts. In einer feierlichen Disputation wur- den die neuen Grundsätze siegreich bewährt: das Volk ward gewonnen: man fieng an die Cerimonien zu ändern: ob- wohl man sich dem herkömmlichen Ritus des Breslauer Bisthums auch in mancherlei Zufälligkeiten so nah wie möglich hielt. Jene Bernhardiner hatten sich schon früher lieber aus der Stadt entfernt, als daß sie sich mit den Jacobiten wie man ihnen anmuthete vereinigt hätten: jetzt lösten die Klöster sich von selbst auf: der Rath ließ gesche- hen, daß Mönche und Nonnen austraten und sich verhei- ratheten. Doch dürfte man nicht glauben, daß nun die neue lutherisch-gesinnte Geistlichkeit, die dem Rath aller- dings ihr Emporkommen verdankte, ihm so ganz und gar zu Willen gewesen wäre. Im April 1525 hörte Dr Heß plötzlich auf zu predigen. Der Rath ließ ihn fragen wes- halb. Er antwortete: er sehe seinen lieben Herrn Christus vor den Kirchthüren liegen, über den könne er nicht hin- wegschreiten. Er hatte nemlich schon öfter den Rath auf- gefordert, für die Bettler zu sorgen, welche die Stadt an- füllten und sich zur Zeit des Gottesdienstes vor den Kirch- thüren lagerten; aber immer vergebens. Allein dieß sein ernstes Bezeigen machte Eindruck. Man schied die wirk- lich Bedürftigen von den blos Muthwilligen, und brachte Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . jene in sechs verschiedenen Spitälern unter. Im Jahr 1526 ward dann Hand an ein großes Spital gelegt, zu dem der Pfarrer selbst den Grundstein legen half, die wohlha- bendern Bürger die Materialien lieferten, an dem auch die Handwerker umsonst arbeiteten: so daß man den Bau in Jahresfrist vollbrachte, — ein rechtes Werk des jungen evangelischen Eifers. Dem Pfarrer stand besonders der Stadtschreiber, Johann Corvinus zur Seite, ein Mann, welcher früher der literarischen Richtung angehört und selbst an einigen der ersten Poetenschulen unterrichtet hatte. Über- haupt wirkte alles zusammen, alles war einmüthig: der Rath rühmte bei Hof, nie habe er eine gehorsamere Ge- meine gehabt. Die Jahrbuͤcher der Stadt Breslau von Nicolaus Pol Bd III, die Jahre 1521—1527. Gegen die glaubwuͤrdige Erzaͤh- lung dieses einfachen Chronisten nehmen sich die Erzaͤhlungen von Bu- kisch, der daraus schoͤpfte, oft wie eine schlechte Carikatur aus. — Geschah das nun von denen, welche Podiebrad bekämpft hatten, was ließ sich von seinen An- hängern erwarten? Noch war sein Geschlecht in Schlesien sehr mächtig. Der Sohn seines Sohnes, Herzog Carl, beherrschte Münsterberg, Öls, Frankenstein; der Sohn sei- ner Tochter, Herzog Friedrich II von Liegnitz hatte da- mit Brieg und Wolau vereinigt. Man kann denken, welche Gesinnung sie hegten. Herzog Carl wünschte das Anden- ken seines Großvaters von Luther rehabilitirt zu sehen. Her- zog Friedrich ließ sich von seinem Adel und seinen Städ- ten leicht bewegen, ihnen freiere Religionsübung zuzuge- stehn; allmählig ward er selbst von dem wärmsten Reli- gions- Schlesien . gionseifer ergriffen: Des Erlauchten ꝛc. Herzog Friedrichs II Grundursach und Entschuldigung auf etlicher Verunglimpfen bei Schickfuß S. 65. er faßte die Absicht, eine neue evan- gelische Universität zu errichten, und nur die in seinem Ge- biete eintretenden Irrungen des Schwenkfeldianismus hin- derten eine großartigere Organisation. Thebesii Liegnitzische Jahrbuͤcher III, 29. Eben damals hatte Markgraf Georg von Brandenburg Jägerndorf erworben, und ließ auch bier, wie sich versteht, der Lehre freien Lauf. Der junge Herzog Wenzel Adam von Teschen ward gleich in den neuen Meinungen aufgezogen. Alle dem setzte sich nun weder die geistliche noch die weltliche Gewalt ernstlich entgegen. Der Bischof von Breslau, Jacob von Salza sah sehr wohl, daß das Christenthum nicht in ein paar Cerimonien mehr oder weniger bestehe. Am Hofe König Ludwigs fand die Lehre mächtige Beschützer. Von König Ferdinand sahen wir, daß er die religiösen Forderungen, die man ihm bei seiner Wahl stellte, wenigstens nicht zurück- weisen durfte; und wenn er gleich zuweilen sehr eifrig lau- tende Mandate erließ, so war er doch nicht im Stande, ihnen Nachdruck zu verleihen. Die Breslauer stellten ihm einst die Unmöglichkeit, zu den alten Gebräuchen zurück- zukehren, so lebhaft vor, daß er selbst nicht mehr darauf zu dringen wußte: „nun wohl,“ sagte er endlich, „hal- tet nur Friede und glaubt wie ihrs gegen Gott und den Kaiser verantworten könnt.“ Nic. Pol III, 52. Er erstreckte gleichsam die Zugeständnisse des Reiches auch auf diese seine besondern Landsassen. So bildete sich zuerst in Schlesien die Ver- fassung aus, die hernach wie anderwärts, so besonders in Ranke d. Gesch. II. 30 Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . den östreichischen Gebieten ein Jahrhundert lang geherrscht hat; evangelische Stände hielten gleich eifrig an ihren po- litischen und religiösen Vorrechten fest; die Regierung war zu Milde und Duldung verpflichtet. Bei weitem die merkwürdigste und durchgreifendste Ver- änderung fand nun aber in Preußen Statt. Schon war sie daselbst mannichfaltig vorbereitet. Die politische Bedeutung, ja im Grunde auch die staatsrechtliche Stellung des deutschen Ordens in Preußen war schon vor mehr als einem halben Jahrhundert ver- nichtet worden. In dem Thorner Frieden vom J. 1466 hatte der Orden sich dazu verstehn müssen, die größere Hälfte seines Gebietes, mit all seinen reichsten und mäch- tigsten Städten an Polen abzutreten, und für die kleinere, die ihm gelassen wurde, den König dieses Reiches als sei- nen Lehnsherrn anzuerkennen. Fragen wir, wie es dahin kam, so lag der Grund nicht sowohl in der militärischen Übermacht der Polen, die zwar im Ganzen nicht geleugnet werden kann, aber an und für sich nimmermehr fähig gewesen wäre, so entscheidende Erfolge herbeizuführen, als in den innern Landesverhältnis- sen, dem Mißverständniß zwischen dem Orden und seiner Landschaft. Preußen war eine allmählig zu selbständigem Da- seyn entwickelte Colonie. Der Orden, der nicht mehr von den alten Impulsen der Religion Ehre oder Kriegslust angetrieben wurde, und nur um zu regieren und zu ge- nießen ins Land kam, war den Eingebornen höchst be- schwerlich. Sie beklagten sich, daß man ihnen keinen An- Preußen . theil an der Verwaltung gestatte, sie behandeln wolle wie Leibeigene, sich Gewaltthätigkeiten gegen sie erlaube, ihnen kein Recht gewähre. Es bildete sich ein Verhältniß wie zwischen Creolen und Chapetons in Südamerika, zwischen Pullanen und Fils Arnaud im Königreich Jerusalem, wie es nach vorgeschrittener Cultur in jeder Colonie entstehn wird. Anfangs suchte sich die Landschaft durch ihren großen Bund von 1440 zu schützen; als der Kaiser sich gegen denselben erklärte, wandte sie sich an Polen. Die Landschaft war es, die dem König von Polen die Waf- fen gegen den Hochmeister in die Hand gab, durch die derselbe den Sieg erfocht und zuletzt einen so vortheilhaf- ten Frieden errang wie der Thorner war. Die Stadt Danzig hat es sich 700000 Mark kosten lassen, um zu die- sem Resultat zu gelangen. Der König von Polen gewährte den Verbündeten dafür die provinzielle Selbständigkeit und wenigstens für die ersten Zeiten die Wohlthat der Selbst- regierung, die ihnen die Ritter nicht zugestehn wollten. Gleich sein erstes Versprechen lautete dahin, ut in muta- tione principum commutatam etiam aut sublatam deprehenderent oppressionem. Litterae Casimiri Regis bei Dlugoß Historia Pol. II, 138. Vgl. Voigt Preuß. Gesch. VIII, 378. In dem kleinern Theile des Landes nun, welcher dem Orden seitdem übrig geblieben, wo man an dem Bunde und dem Kriege ebenfalls Theil genommen, machten sich wie man denken kann, auch ferner verwandte Tendenzen gel- tend. Wir finden, daß die Stände, welche die Steuern zu bewilligen haben, sie ein und das andre Mal versa- gen. Sie fordern das Recht, im Fall daß sich der Hoch- meister entfernt, einen Stellvertreter desselben zugleich mit ihm 30* Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . zu ernennen, und zuweilen finden wir Bürgermeister als Statthalter. In dem Entwurf zu einer Landesvertheidi- gung vom Jahr 1507 werden funfzehn Hauptleute ernannt: von diesen gehören 14 dem einheimischen Adel an, nur ein einziger dem Orden. Baczko Preußische Gesch. IV, 142. Ward aber der Orden auf diese Weise in seinen Be- fugnissen beschränkt, so ward auch allmählig das ihm ei- genthümliche republikanische Wesen von einem mehr monar- chischen überwältigt. Man fand es rathsam, geborne Für- sten zu Hochmeistern zu wählen, 1498 Friedrich von Sach- sen, 1511 Albrecht von Brandenburg. Um ihnen eine stan- desgemäße Existenz zu verschaffen, wurden ganze Comthu- reien eingezogen. Diese Fürsten selbst besorgten die Ge- schäfte durch Canzler, die nicht zu dem Orden gehörten, durch ihre besondern Räthe, auf die Weise deutscher Höfe. Sie nahmen um so mehr eine landesfürstliche Stellung an, da sie ihren Untergebenen außerhalb des Landes, sowohl dem Meister in Liefland als dem Deutschmeister eine große Selbständigkeit zu gewähren, namentlich den ersten aller we- sentlichen Pflichten zu entlassen genöthigt waren. Albrecht erwaͤhnt bei Schuͤtz Hist. rer. Pruss. p. 331 „was er sich gegen den beiden Meistern verschreiben und obligiren muͤssen, damit sie sich denn ganz und gar aus dem Gehorsam gezogen.“ An die Stelle allgemeiner Beziehungen traten engere territoriale Ver- hältnisse. Da war nun die einzige Frage, die eine weiterausse- hende Bewegung erhielt, ob man sich den Verpflichtungen des Friedens von Thorn unterwerfen würde oder nicht. Die letzten Hochmeister weigerten sich die Huldigung zu leisten, Preußen . wie ihre unmittelbaren Vorgänger gethan: sie forderten eine Revision der Friedensbedingungen „nach natürlichen und christlichen Rechten:“ sie nahmen die Hülfe des Reiches, namentlich der Ritterschaft, welcher dieser preußische Besitz zu Gute kam, unaufhörlich in Anspruch; der Hochmeister Markgraf Albrecht von Brandenburg griff endlich im Jahr 1519 noch einmal zu den Waffen. Allein, was seinen Vorfahren verderblich geworden, schlug auch ihm zum Nach- theil aus. Die von dem Orden abgefallenen Städte und Gebiete durften denselben nicht wieder zu Kräften kommen lassen. Eben den Städten Danzig und Elbingen, dem Ge- schlechte der Bundherrn schrieb die öffentliche Meinung je- ner Zeit den Friedensbruch zu: denn ihr Sinn sey, den Orden ganz und gar von Land und Leuten zu bringen; Eyn newes Geticht von dem negstvorgangenen Krieg zu Preussen. Beitraͤge zur Kunde Preußens Bd II, p. 287. sie gaben dem Kriege seinen vornehmsten Nachdruck. Von Deutschland dagegen erschien dem Orden keine irgend ein- greifende Hülfe. Der Hochmeister mußte aufs neue eilf Städte mit ihren Gebieten aufgeben und sich zu einem Stillstand auf vier Jahr bequemen, binnen denen unter Vermittelung des Kaisers und des Königs von Ungern die Sache definitiv erledigt werden sollte. Albrecht gieng nach Deutschland, um noch einmal in Person zu versuchen, was sich von Ständen und Adel des Reiches erlangen lasse. Hätte Sickingen, mit dem er schon ohnehin längst in Verbindung stand, den Sieg davongetragen, so würde auch Preußen auf Hülfe haben rechnen können. Allein Sickingen unterlag, die Ritterschaft Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . erlitt die größten Verluste; sie konnte ihre Selbständigkeit im Innern nicht behaupten, geschweige an auswärtige Unter- nehmungen denken. Auch das Regiment ward gestürzt, an das sich noch einige Hofnungen knüpften. Der Kaiser war so entfernt, Hülfe erwarten zu lassen, daß er sich vielmehr den jagellonischen Ansprüchen selber zuneigte. Die ver- sprochene Vermittelung ward nicht einmal versucht. Dem Hochmeister blieb nichts übrig, als sich entweder in die Be- dingungen des Thorner Friedens zu fügen, die Huldigung zu leisten, oder zu abdiciren. Auch von der Entsagung war in der That ernstlich die Rede. Sie konnte entweder im Sinne des Ordens geschehen: dann kam Herzog Erich von Braunschweig in Vorschlag; oder im Sinne des Landes und Polens: dann würde sie zu Gunsten Sigismunds voll- zogen worden seyn: der König schickte 1524 einen Gesand- ten nach Nürnberg um den Hochmeister eben hiezu zu be- stimmen. Memorial des Hochmeister Albrecht, mitgetheilt von Faber Beitr. z. Kunde Preußens IV, 83. Der Orden und seine Herrschaft in Preußen war ohne Zweifel das eigenthümlichste Product des hierarchisch-ritter- lichen Geistes der letzten Jahrhunderte in der deutschen Na- tion; allein wohin war es damals mit ihm gekommen! Der größte Theil seines Gebietes verloren: in dem Reste des- selben mächtig emporstrebende Stände: die innere Einheit in der seine Stärke lag, gebrochen: seine Verbindung mit dem Mutterland ohne Kraft: — der Nothwendigkeit sich zu unterwerfen war nicht mehr auszuweichen: seine Zeit war vorüber. Nur ließ sich noch nicht absehen, was man thun Preußen . sollte und durfte: es gab keine Richtschnur um aus dem Labyrinth gleich beschwerlicher Möglichkeiten zu entkommen. Da trat das Element der neuen Lehre ein. An keinem Orte der Welt bedurfte man ihrer mehr, war sie willkom- mener. Man sah, daß die als in sich selbst religiös ver- ehrte Institution mit der Idee oder dem ursprünglichen In- halt des Christenthums keineswegs in dem innern Zusam- menhang stand, den man vorausgesetzt hatte. Die Stände er- griffen eine Lehre mit Freuden, die ihrer alten Opposition die höhere Rechtfertigung verlieh. Die Bischöfe, welche ihr sonst fast allenthalben entgegentraten, gaben ihr hier freudig Gehör: unter der Leitung des Bischofs von Samland wur- den die Fasten abgeschafft, die Festtage verringert, die deut- schen Messen eingeführt, die Cerimonien geändert, die Klö- ster geräumt. Der allgemeinen Stimmung konnten die Mit- glieder des Ordens selbst nicht widerstehen. Man sah sie in den lutherischen Predigten: viele legten ihr Kreuz ab: einige entschlossen sich, sich zu verheirathen. Es war ihrer über- haupt keine große Anzahl mehr: es sollen nur fünf gewe- sen seyn die bis zuletzt an dem Institute festhielten. Und indeß durchdrang sich nun der Hochmeister, in den Predigten Os i an- ders, in dem Umgang mit Männern wie Planitz, in jenem Zwiegespräch mit Luther, mit den evangelischen Überzeugungen wie sie in Sachsen und in Nürnberg die Herrschaft erlangt hatten. Auf der einen Seite ward er inne, daß sein Stand das Verdienst nicht in sich trage das er ihm zugeschrieben, ja dem göttlichen Wort nicht entspreche. Auf der andern stellte man ihm vor, daß er doch auch nicht abdiciren könne, daß er landesfürstliche Pflichten habe, denen er sich nicht Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . so leichtfertig entziehen dürfe. Die Landschaft forderte ihn auf, ihr Verderben und Unvermögen zu beherzigen und ihr einen ewigen Frieden zu verschaffen — ihr Prediger des reinen Gotteswortes zu vergönnen, und alles abzustellen was dem- selben entgegen sey. Höchst wahrscheinlich verstand sie dar- unter auch die Gelübde des Ordens: „Sind darum aus geistlichem Suchen und Begern derselben Landschaft zw dieser Verenderung und Vertrag mit der Kron Polen kommen.“ (Antwort Albrechts auf das Anbringen des saͤchsischen Gesandten Grefendorf. W. A.) — Albrecht war, ob- gleich er noch an sich hielt, in seinem Herzen ohne Zweifel entschlossen was er thun wollte, als er neue Unterhandlun- gen mit Polen anknüpfte. In Polen hatte der Reichstag von Petricau so eben den Beschluß gefaßt, daß der Hochmeister entweder huldi- gen oder sammt seinem Orden aus Preußen vertrieben wer- den müsse. Literae regiae ad sedem apostolicam: alioquin haec tra- goedia nullum unquam finem habere potuisset, praesertim cum subditi mei omnes a me exigerent modis omnibus neque ab hoc instituto dimoveri potuerint in conventu generali regni mei no- vissimo vel cogendum tandem magistrum Prussiae ad praestan- dam obedientiam et omagium mihi et regno meo debitum vel il- lum ac ordinem ex terris illis exturbandum. Da kam es nun dem Markgrafen Albrecht sehr zu Statten, daß er in Schlesien, welches sich in allen bishe- rigen Irrungen an den König gehalten, ein paar der näch- sten Verwandten hatte, seinen Bruder Markgraf Georg, und seinen Schwager Friedrich von Liegnitz, beide eben wie er Neffen des Königs, die es übernahmen, ihn mit demselben wieder auszusöhnen, und ihm günstige Bedingun- gen zu verschaffen. Preußen . Der König hatte sich mit einem Ausschuß des Reichs- tags nach Cracau begeben. Hier suchten ihn die beiden Fürsten, wie wir wissen, eifrige Vorkämpfer der Evangeli- schen, auf; sie nahmen die Grundlage an, welche der Reichs- tag festgesetzt hatte, aber sie bemerkten zugleich, daß keine Abkunft mit dem Orden etwas helfen werde, da dieser im- mer eine unzuverläßige Vielherrschaft in sich schließe; sie schlugen dem König vor, den Hochmeister zum erblichen Herzog in Preußen zu erklären. Litterae Andreae Critii Episcopi Presmilie nem Antonium Puleonem (soll wohl heißen Burgo A. v. Burgo war damals Nuntius in Ungern) lib. cium Apostolicum. Principes ingenue e vestigio ambages id quod attulerant proposuerunt. (Sam Miechovia sive promtuarium etc. p. 609.) Der König sagt, er habe in Betracht gezogen was sich thun lasse und was die Verwandtschaft von ihm for- dere. Litterae regis: „condictis conditionibus fieri potuerunt, et quales mutua nostra necessi Er gieng mit Freuden darauf ein. Als die Sache in dem polnischen Reichsrath vorge- tragen wurde, erhoben sich zwar einige Stimmen aus re- ligiösen Rücksichten dagegen, allein Andre erwiederten, man entziehe dem Katholicismus nichts, da der Orden schon zum Lutherthum übergegangen, da nichts bei demselben ver- haßter sey als der Name des Papstes: Luteranismum apud ordinem ipsum sacr nam vero ecclesiam et ejus ritus execrabiles esse nomine pontificis contemptibilius esse), plerosqu et sacrificos nubere etc. etc. man müsse Gott danken daß er in sich selbst zerfalle. Der Reichstag ent- schied sich für das Vorhaben des Königs. Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Indessen ward auch diesseit, in Beuthen, wo sich mit dem Markgrafen zugleich Bevollmächtigte des Ordens und der Stände eingefunden hatten, unterhandelt. Zuerst er- klärten sich die Ordensgesandten, auf die ohne Zweifel das Meiste ankam. Sie billigten den Vorschlag vollkommen und brachten nur zugleich einige ihnen von den Polen zu- zugestehenden Vortheile in Antrag. Die Abgeordneten der Stände hatten eher das Bedenken, daß sie von den Resten des Ordens in Deutschland und dem Reich angefochten, von Polen vielleicht nicht hinreichend vertheidigt werden möchten: sie forderten zugleich von dem neuen Fürsten das Versprechen, ihre Privilegien eher vermehren als vermin- dern, und keine Fremden anstellen zu wollen: obwohl er ihnen das letzte nicht gab, so wurden sie doch übrigens von seinen Erklärungen befriedigt. lungen finden sich auf den letzten Blaͤttern bei erklaͤrte den Staͤndeabgeordneten, die hiezu im evollmaͤchtigt waren, „er werde ihnen der- kunden mitgeben, daß sie bei den Ihren ent- Das zeigte sich denn gleich bei der Ruͤck- Auch die Ordensgesandten waren zufrieden, als ihnen der König die Rückgabe der im letzten Kriege eroberten Plätze und zugleich eine kleine Rente für den neuen Fürsten bewilligte. So vereinigten sich alle Theile leicht und freudig zu en Veränderung. Der König von Polen sah heit endlich willig anerkannt, Nachkommen sei- innerhalb seiner erweiterten Grenzen versorgt. ngte zu der Unabhängigkeit von dem frem- der es so lange getrachtet. Der Orden, Preußen . der sich selber säcularisirt hatte, ward dabei geschützt; er gesellte sich nun den Landeseingesessenen zu, denen er sonst gegenübergestanden. Markgraf Albrecht endlich gründete nicht allein eine erbliche Herrschaft, er glaubte auch seinem Lande einen Dienst zu erweisen, indem er ihm den Frieden verschaffte, und dem Evangelium die Bahn frei machte. Am 10ten April 1525 geschah die feierliche Belehnung auf dem Ringe zu Cracau. Der König, in seinem priester- lichen Krönungsornate, umgeben von seinen Bischöfen, über- trug dem neuen Herzog in dem Symbole der Fahne, an der zugleich Markgraf Georg anfaßte, denn auf die ganze Linie er- streckte sich die Belehnung, „das Land in Preußen, welches der Orden gehalten.“ Albrecht leistete den Huldigungseid mit einer Formel, in welcher der Heiligen nicht gedacht war. In Königsberg begrüßte ihn ein evangelischer Predi- ger bei seinem Einzug mit einer geistlichen Rede. Mit alle den festlichen Ehrenbezeugungen, die einem gebornen Fürsten erwiesen werden, ward er empfangen. Die Glocken läute- ten, die Häuser an den Straßen waren mit Teppichen be- kleidet, die Wege mit Blumen bestreut. Wie sich versteht, trugen nun die Stände kein Beden- ken, die Handlungen ihrer Abgeordneten zu genehmigen: sie bestätigten den Cracauer Vertrag und leisteten die Hul- digung. Das Original der Urkunde, durch welche Albrecht gleich dort in Cracau die Gerechtigkeiten Freiheiten und löb- lichen Herkommen des Landes bestätigt hatte, ward dem Altstädter Magistrat in Königsberg übergeben. An die Stelle der Großgebietiger traten Marschall, Landhofmeister, Oberburggraf und Canzler; alle diese Ämter sollten in Zu- Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . kunft mit Eingebornen besetzt werden. Mit Beirath des Adels wurden die Landgerichte neu angeordnet. Von allen Ordensrittern leistete nur ein einziger einen etwas nachhaltigen Widerstand, Erich von Braunschweig in Memel, zu dessen Gunsten Albrecht einst zu resigniren ge- dacht: später ward er durch eine kleine Rente abgefunden. Die religiösen Einrichtungen wurden ohne Schwierig- keit getroffen: die Bischöfe selbst, wie gesagt, waren dafür. Gleich in der ersten Versammlung verzichtete der Bischof Polenz von Samland auf die weltlichen Zweige seiner Ge- walt: denn einem Bischof komme nur der Dienst am Evan- gelium, nicht der Genuß weltlicher Ehre zu: und überließ sie dem Herzog; der Herzog nahm die Stände zu Zeugen dieser freiwilligen Überlieferung. Der Bischof Erhard Queis von Pomesanien that kurz darauf dasselbe. Um so vollstän- diger ward ihnen ihre geistliche Autorität gelassen, die sie nach wie vor durch Offiziale verwalteten. Bock Leben Albrechts I, 187. Sie führten eine Agende ein, in der sie sich noch immer so nah wie möglich an das Altherkömmliche hielten: die Klöster wurden in Spitäler verwandelt: die Tendenz, das Christenthum auch in den untersten noch wenig davon ergriffenen Kreisen zu verbreiten, fand hier einen neuen Wirkungskreis in den Un- deutschen, die noch in großer Zahl das Land bevölkerten: ne- ben den Pfarrern stellte man in den Kirchen die Tolken, d. i. Dolmetscher auf, welche jeden Satz der Predigt in altpreu- ßischer Sprache wiederholten. Hartknoch Preußische Kirchengeschichte p. 277. Um die Pfarrer selbst auf dem Preußen . dem rechten Wege zu erhalten, ließ der Markgraf sich die Postille auf den Winter und den Sommer von Wittenberg kommen, von jeder 200 Exemplare. Lucas Kranach hatte überhaupt den Auftrag, ihm alle guten und lesenswürdi- gen Bücher zuzuschicken. Schreiben an Kranach und dessen Rechnung, mitgetheilt von Voigt in den Beitraͤgen zur Kunde Preußens III, 246. Es liegt eine Art von Vollendung und Befestigung al- ler dieser Dinge darin, daß Herzog Albrecht sich im Jahr 1526 mit der dänischen Prinzessin Dorothea vermählte. Zu einer von allen Seiten anerkannten fürstlichen Existenz in unserm Europa gehören nun einmal verwandtschaftliche Ver- bindungen dieser Art. Die Herzogin entwickelte allmählig eine eben so starke evangelische Überzeugung, „ein festes Trauen und Glauben an unsern einigen Heiland,“ wie ihr Gemahl; sie machte ihn überdieß glücklich in seinem Hause. Er kann ihre edlen theuren Gaben nicht genug rühmen; überdieß: „wäre sie eine arme Dienstmagd gewesen,“ sagt er, „so würde sie sich nicht demüthiger und getreuer, in unwandelbarer Liebe gegen ihn Unwürdigen haben verhalten können.“ Faber: Einiges uͤber die Herzogin Dorothea. Beitr. z. K. Preußens III, p. 126. Indem ihr Bruder Friedrich, nachmals König von Dänemark, sich mit einer lauenburgischen Prinzessin verheirathete, aus wel- chem Hause später auch Gustav Wasa in Schweden seine Gemahlin wählte, traten alle diese neuen evangelischen Ge- walten des Nordens in die engste Verbindung. Bemerken wir die allgemeine Wendung der nordischen Politik, die sich in diesen Ereignissen vollzog. Im Jahre 1515 hatte Maximilian alle nordischen Gebiete slawischer Ranke d. Gesch. II. 31 Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . und germanischer Zunge in einem großen Bunde an sich zu knüpfen gedacht. Zuerst trennte sich Polen: dann ward Christiern II aus Dänemark und Schweden verjagt: jetzt trat Albrecht, der sich bisher zu Christiern gehalten, mit den neuen Königen in Bund und Verwandtschaft: jener Erich von Braunschweig mußte auch darum aus Memel entfernt werden, weil er fortfuhr, Verhältnisse mit dem Admiral Christierns, Severin Norby zu unterhalten. Vgl. die Instruction Albrechts 18 Apr. 1525 Beitr. z. K. Pr. IV, 395 und eine Abhandlung von Faber VI, p. 539. Die Stellung, in welche Albrecht gleich bei seinem Eintritt zu den nordischen Mächten gerieth, war überaus günstig und stark. Und eine andre Stütze boten ihm nach der deutschen Seite hin die evangelischen Fürsten dar. Schon damals als Churfürst Johann von Sach- sen mit seinen gleichgesinnten Nachbarn über die Zusam- menkunft zu Magdeburg unterhandelte, schickte er auch an den neuen Herzog in Preußen, um ihm anzubieten, wenn er in irgend etwas, was das Evangelium angehe beschwert werde, mit ihm für Einen Mann zu stehen. Höchst will- kommen war dieser Antrag dem Herzog. Er sendete den Bischof von Pomesanien, der überhaupt seine auswärtigen Geschäfte leitete, die Verhältnisse mit Polen und Dänemark geordnet hatte, im September 1526 nach Breslau, wo von sächsischer Seite Hans von Minkwitz mit demselben zusam- mentraf. Hier ward eine förmliche Abkunft geschlossen. Abschied zu Koͤnigsberg 5 Juli 1526. Weim. A. Der Herzog hatte bemerkt, Preußen sey durch die letzten Preußen . Kriege so erschöpft, daß er sich nur zu einer Hülfe von 100 gerüsteten Reisigen verstehen könne. Churfürst Johann war damit zufrieden: so viel versprach nun auch er dem Herzog wenn derselbe einmal angegriffen werde. Der Hülfe sendende Theil sollte die Besoldung zahlen und den Schaden tragen: der Hülfe empfangende für die täglichen Bedürfnisse stehen. Im Dezember 1526 langte die Ratification in Weimar an. Der Herzog und sein Bischof hatten die Idee, auch die gleichgesinnten schlesischen Stände, den Markgraf Georg für Jägerndorf, den Herzog von Liegnitz, die Stadt Breslau, in diesen Bund zu ziehen. Schreiben von Minkwitz: Leipzig Sonntag nach Francisci: „Trost, es soll kein Mangel haben.“ Ich finde doch nicht daß es zu einem Abschluß gekommen. Auch schien dem Landgrafen von Hes- sen die gegenseitige Verpflichtung zu geringfuͤgig. Schon ward über eine ge- meinschaftliche nähere Verabredung mit Dänemark verhan- delt: der Churfürst zeigte sich bereit dazu. Man hat oft gesagt, und es ist ganz wahr, daß das Reich durch den Act der Huldigung an Polen einen großen Verlust erlitten habe. Allein das ließ sich nun nicht vermei- den. Der polnische Reichstag hatte den Beschluß gefaßt sich auf keinen Mittelweg weiter einzulassen, die Sache nöthigen- falls mit Gewalt auszumachen: das Land war durchaus un- fähig Widerstand zu leisten, von dem Reiche keine Hülfe zu erwarten. Hätte der Orden sich nicht gefügt, so würde er aus Königsberg so gut verjagt worden seyn wie aus Dan- zig: die Landschaft wäre eine polnische Provinz geworden wie das königliche Preußen. Unter diesen Umständen ist es ohne Zweifel als eins der glücklichsten und heilbringendsten Ereignisse für das germanische Prinzip in jenen Ländern an- 31* Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . zusehen, daß ein Herzogthum, ein erbliches deutsches Für- stenthum errichtet ward. Vergleichen wir Liefland damit, so war auch da die Reformation eingedrungen: der mäch- tige Ordensmeister Plettenberg, der nun völlig unabhängig war, beschützte sie, und wußte sogar den Orden noch eine Zeitlang aufrecht zu erhalten; allein nur eine Zeitlang: später ward das Land doch auch säcularisirt, gerieth aber zugleich un- ter fremde Botmäßigkeit und gieng für das Gesammtbewußt- seyn der deutschen Nation verloren. Eben so war das kö- nigliche Preußen dadurch nicht gefördert, daß es keinen Für- sten an seiner Spitze hatte: später hat sich der polnische Einfluß gewaltig geltend gemacht; welche unbeschreibliche Be- drängnisse politischer und religiöser Art hat das Land aushal- ten müssen! Die Germanisirung ward hier wie dort nicht al- lein in ihrem Lauf aufgehalten, sondern rückgängig. Dagegen ward das herzogliche Preußen allmählig völlig deutsch; es blieb politisch schon durch die verwandtschaftlichen Verhält- nisse des Fürsten mit einem mächtigen deutschen Hause in unauflöslicher enger Beziehung zu dem großen Vaterlande; unter alle den Verwirrungen theologischer und literarischer Kämpfe, welche im Gefolge der Reformation eintraten, bil- dcte sich hier doch ein unabhängiger Mittelpunct deutscher Cultur an, von dem hinwiederum die großartigsten Ent- wickelungen unsrer Nationalität ausgegangen sind. Wie mächtig erhob sich überhaupt das deutsche We- sen in diesem Augenblicke. Man durfte Belgien und die Niederlande, Böhmen und dessen Nebenländer wieder zum Reiche zählen. Die deutschen Waffen hatten Italien dem französischen, so wie Schlußbemerkung . dem hierin von dem Reiche abgesonderten schweizerischen Einfluß entrissen: sie hatten den Namen des Reiches in Italien und in der alten Metropole zu Rom wiederherge- stellt. Mehr als einmal waren sie von dem Süden und Osten in Frankreich drohend vorgedrungen: auch in dem Westen hatten sie den Spaniern zur Wiedereroberung ver- lorner Grenzfestungen, zur Besiegung der Mauren von Valen- cia geholfen. So eben hatten sie Ungern eingenommen. Mit Hülfe der deutschen Seestädte hatten sich die beiden nordi- schen Könige in Besitz ihrer Kronen gesetzt. Hatte Polen Vor- theile davon getragen, so verdankte es sie doch ganz allein den Provocationen und dem Beistand der deutschen Provinzen sel- ber, und schon daraus ergab sich wohl, daß es nicht immer so bleiben konnte. In Liefland waren die Angriffe der Rus- sen durch glückliche Schlachten zurückgewiesen, noch im Jahr 1522 sehr vortheilhafte Friedensbedingungen erwor- ben worden. Und dieß alles war geschehen, obgleich es an jeder kräftigen centralen Regierung fehlte, unter den Stürmen der heftigsten innern Entzweiungen. Ja in diesen selber drang eine noch viel weiter reichende die Welt umfassende Tendenz zu Tage. Es war dem deutschen Geiste gelungen, die innere Wahrheit des Chri- stenthums von den Zufälligkeiten der letzten Formationen in dem Papstthum zu scheiden, und derselben mit eben so viel Mäßigung wie Entschlossenheit in weiten Gebieten eine legale Geltung zu verschaffen. In einem Churfürsten- thum, drei oder vier Herzogthümern, der größten Landgraf- schaft, der größten Grafschaft des Reiches, einem oder zwei Viertes Buch. Fuͤnftes Capitel . Markgrafthümern, und einer ganzen Anzahl von Städten war die neue Lehre zur Herrschaft gelangt, und durchdrang die Populationen, deren eingeborner Sinn eine natürliche Ver- wandtschaft damit hatte. Um sich die ursprünglichen Gesichts- puncte positiver und negativer Art wieder zu vergegenwär- tigen, sollte man einmal die Bekenntnißschriften zusammen- stellen, die schon jetzt an so vielen Orten erschienen: die Arti- kel der sächsisch-hessischen und besonders der brandenburgisch- nürnbergischen Visitation, die ostfriesische Confession, die In- struction der schleswig-holsteinischen Prediger, die Entschul- digungsschriften der schlesischen Stände, die Synodalconsti- tutionen in Preußen. Man wird in allen denselben Sinn eines nothgedrungenen Zurückgehens von dem Zufälligen auf das Wesentliche, einer noch nicht symbolisch-festgestell- ten, aber ihrer Wahrheit sich bewußten, mächtig vordringen- den Überzeugung wahrnehmen. Es liegt in der Natur der Sache, da die Entwickelung nur innerhalb beschränkter Ter- ritorien vorgieng, daß die neu sich bildende Kirche in Groß- artigkeit und Glanz ihrer Erscheinung sich mit der bisherigen Hierarchie, in der sich die Einheit eines Complexes großer Reiche aussprach, nicht von ferne messen konnte: ihr Werth und ihr Wesen bestand in ihrer innern geistigen Kraft. Sie hatte es übernommen, das christliche Prinzip dem Gemüth und dem gemeinen Volke in unmittelbare Nähe zu bringen, das Verständniß desselben frei von aller Verunstaltung fremd- artiger Formeln und Dienste dahin zu entwickeln, daß es das allgemeine Bewußtseyn der Nationen der Erde zu erfüllen ver- möchte. Schon ward die neue Lehre fast in allen Sprachen ver- nommen. Wir gedachten jener Dolmetscher in Preußen: Doc- Schlußbemerkung . tor Heß ließ in Breslau das Evangelium slawisch verkündi- gen: Luthers Schüler predigten es in Dänemark und Schwe- den: einer der ersten Inscribirten in Marburg ist der Gründer der schottischen Kirche: im Corpus Christ College zu Oxfort bildete sich 1527 ein Verein Lutherisch-gesinnter, der als ein Seminar der neuen Meinungen angesehen werden kann. Fiddes: Wolsey p. 416. In- dessen gieng seit 1528 von Bern eine unmittelbare Wirkung auf Genf und die romanische Welt aus. In Italien wan- derte die Lehre durch die alten literarischen Verbindungen ein, in Spanien ward sie sehr früh von den Franciscanern ergriffen, in Frankreich fand sie an der Königin von Navarra eine mächtige Beschützerin. Luther, der von keinem Ehrgeiz wußte, nicht einmal eigentlichen Bekehrungseifer hatte, Vgl. s. Schreiben an die Erfurter bei de W. III, 227. „Wer uns nicht hoͤren will, von dem sind wir leicht und bald geschieden.“ alles von der stillen eingebornen Macht der Überzeugung erwartete, bemerkte doch, daß das Evangelium das er wie- derhergestellt auch einst eine Kirchengeschichte haben werde. Jezuweilen erhob er sich zu noch höhern Hofnungen. „Es wird die Cedern des Libanon zu sich bringen“ sagt er. Er wendet den Spruch bei Jesaias darauf an: Eine schoͤne herrliche und troͤstliche Vorrede D. M. L. auf das Buͤchlin der gottseligen Fuͤrstin F. Ursulen Herzogin zu Muͤnsterberg: Altenb. IV, 416. „Ich spreche zum Mittag, gieb her meine Töchter, und zum Abend, wehre mirs nicht.“ Gedruckt bei A. W. Schade .