Liebelei . Von Arthur Schnitzler erschienen in dem- selben Verlage: Anatol. geh. M. 2.50. Das Märchen. Schauspiel, geh. M. 1.50. Sterben. Novelle, geh. M. 2.—. ARTHUR SCHNITZLER Liebelei Schauspiel in drei Akten . Berlin S. Fischer, Verlag 1896. Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Sowohl Aufführungs- als Nachdrucks- und Uebersetzungsrecht vorbehalten. Für sämtliche Bühnen im ausschließlichen Debit von A. Entsch in Berlin, von welchem allein das Recht der Aufführung zu er- werben ist. Für Österreich-Ungarn ist das Aufführungsrecht nur durch Dr. O. F. Eirich in Wien VII Neustift-Gasse 5 zu erwerben. Personen. Hans Weiring, Violinspieler am Josefstädter Theater. Christine, seine Tochter. Mizi Schlager, Modistin. Katharina Binder, Frau eines Strumpfwirkers. Lina, ihre neunjährige Tochter. Fritz Lobheimer, Theodor Kaiser, junge Leute. Ein Herr. Ort: Wien. Zeit: Gegenwart. Erster Akt. Zimmer Fritzens. Elegant und behaglich. Fritz. Theodor. (Theodor tritt zuerst ein, er hat den Ueberzieher auf dem Arm, nimmt den Hut erst nach dem Eintritt ab, hat auch den Stock noch in der Hand.) (spricht draußen). Also es war Niemand da? Nein, gnädiger Herr. (im Hereintreten). Den Wagen könnten wir eigentlich wegschicken? Natürlich. Ich dachte, Du hättest es schon gethan. (wieder hinausgehend, in der Thür). Schicken Sie den Wagen fort. Ja … Sie können übrigens jetzt auch weg gehen, ich brauche Sie heute nicht mehr. (Er kommt herein. Zu Theodor). Was legst Du denn nicht ab? (ist neben dem Schreibtisch). Da sind ein paar Briefe. (Er wirft Ueberzieher und Hut auf einen Sessel, behält den Spazierstock in der Hand). (geht hastig zum Schreibtisch). Ah! .. Na, na! .. Du erschrickst ja förmlich. Von Papa .. (erbricht den anderen) von Lensky .. Laß Dich nicht stören. (durchfliegt die Briefe). Was schreibt denn der Papa? Nichts besonderes .. Zu Pfingsten soll ich auf acht Tage auf’s Gut. Wär sehr vernünftig. Ich möchte Dich auf ein halbes Jahr hinschicken. (der vor dem Schreibtisch steht, wendet sich nach ihm um). Gewiß! — reiten, kutschiren, frische Luft, Senne- rinnen — Du, Sennhütten giebt’s auf Kukuruzfeldern keine! Na ja also, Du weißt schon, was ich meine .. Willst Du mit mir hinkommen? Kann ja nicht! Warum denn? Mensch, ich hab ja Rigorosum zu machen! Wenn ich mit Dir hinginge, wär es nur, um Dich dort- zuhalten. Geh, mach Dir um mich keine Sorgen! Du brauchst nämlich — das ist meine Ueber- zeugung — nichts anderes als frische Luft! — Ich hab’s heut gesehn. Da draußen, wo der echte grüne Frühling ist, bist Du wieder ein sehr lieber und an- genehmer Mensch gewesen. Danke. Und jetzt — jetzt knickst Du natürlich zusammen. Wir sind dem gefährlichen Dunstkreis wieder zu nah. (macht eine ärgerliche Bewegung). Du weißt nämlich gar nicht, wie fidel Du da draußen gewesen bist — Du warst geradezu bei Verstand — es war wie in den guten alten Tagen .. — Auch neulich, wie wir mit den zwei herzigen Mäderln zusammen waren, bist Du ja sehr nett ge- wesen, aber jetzt — ist es natürlich wieder aus, und Du findest es dringend notwendig (mit ironischem Pathos) — an jenes Weib zu denken. (steht auf, ärgerlich). Du kennst mich nicht, mein Lieber. Ich habe nicht die Absicht, das länger zu dulden. Herrgott, bist Du energisch! … Ich verlang’ ja nicht von Dir, daß Du (wie oben) jenes Weib vergiß’t … ich möchte nur, (herzlich) mein lieber Fritz, daß Dir diese unglückselige Ge- schichte, in der man ja immer für Dich zittern muß, nicht mehr bedeutet, als ein gewöhnliches Abenteuer .... Schau, Fritz, wenn Du eines Tages „jenes Weib“ nicht mehr anbetest, da wirst Du Dich wundern, wie sympathisch sie Dir sein wird. Da wirst Du erst drauf kommen, daß sie garnichts dämonisches an sich hat, sondern daß sie ein sehr liebes Frauerl ist, mit dem man sich sehr gut amüsiren kann, wie mit allen Weibern, die jung und hübsch sind und ein bischen Temperament haben. .. Warum sagst Du „für mich zittern“? Du weißt es. … Ich kann Dir nicht verhehlen, daß ich eine ewige Angst habe, Du gehst eines schönen Tages mit ihr auf und davon. Das meintest Du? … (nach einer kurzen Pause). Es ist nicht die einzige Gefahr. Du hast Recht, Theodor — es giebt auch andere. Man macht eben keine Dummheiten. (vor sich hin). Es giebt andere … Was hast Du? .... Du denkst an was ganz bestimmtes. Ach nein, ich denke nicht an bestimmtes .. (Mit einem Blick zum Fenster). Sie hat sich ja schon einmal getäuscht. Wieso? … was? … ich versteh’ Dich nicht. Ach nichts. Was ist das? So red’ doch vernünftig. Sie ängstigt sich in der letzten Zeit … zuweilen. Warum? — Das muß doch einen Grund haben? Durchaus nicht. Nervosität — (ironisch) schlechtes Gewissen, wenn Du willst. Du sagst, sie hat sich schon einmal getäuscht — Nun ja — und heute wohl wieder. Heute — Ja, was heißt denn das alles —? (nach einer kleinen Pause). Sie glaubt, .... man paßt uns auf. Wie? Sie hat Schreckbilder, wahrhaftig, förmliche Hallucinationen. (Beim Fenster). Sie sieht hier durch den Ritz des Vorhangs irgend einen Menschen, der dort an der Straßenecke steht, und glaubt — (unter- bricht sich). Ist es überhaupt möglich, ein Gesicht auf diese Entfernung hin zu erkennen? Kaum. Das sag’ ich ja auch. Aber das ist dann schrecklich. Da traut sie sich nicht fort, da bekommt sie alle möglichen Zustände, da hat sie Weinkrämpfe, da möchte sie mit mir sterben — Natürlich. (Kleine Pause). Heute mußte ich hinunter, nach- sehen. So gemüthlich, als wenn ich eben allein von Hause wegginge; — Es war natürlich weit und breit kein bekanntes Gesicht zu seh’n .... (schweigt). Das ist doch vollkommen beruhigend, nicht wahr? Man versinkt ja nicht plötzlich in die Erde, was? … So antwort’ mir doch! Was willst Du denn darauf für eine Anwort? Natürlich versinkt man nicht in die Erde. Aber in Hausthore versteckt man sich zuweilen. Ich hab’ in jedes hineingesehen. Da mußt Du einen sehr harmlosen Eindruck gemacht haben. Niemand war da. Ich sag’s ja, Hallucinationen. Gewiß. Aber es sollte Dich lehren, vorsichtiger sein. Ich hätt’ es ja auch merken müssen, wenn er einen Verdacht hätte. Gestern habe ich ja nach dem Theater mit ihnen soupirt — mit ihm und ihr — und es war so gemüthlich, sag’ ich Dir! .... lächerlich! Ich bitt’ Dich, Fritz — thu’ mir den Gefallen, sei vernünftig. Gieb diese ganze verdammte Geschichte auf — schon meinet wegen. Ich hab’ ja auch Nerven … Ich weiß ja, Du bist nicht der Mensch, Dich aus einem Abenteuer in’s Freie zu retten, d’rum hab’ ich Dir’s ja so bequem gemacht, und Dir Ge- legenheit gegeben, Dich in ein anderes hinein zu retten … Du? … Nun, hab’ ich Dich nicht vor ein paar Wochen zu meinem Rendezvous mit Fräulein Mizi mit- genommen? Und hab’ ich nicht Fräulein Mizi ge- beten, ihre schönste Freundin mitzubringen? Und 2 kannst Du es leugnen, daß Dir die Kleine sehr gut gefällt? … Gewiß ist die lieb! … So lieb! Und Du hast ja gar keine Ahnung, wie ich mich nach so einer Zärtlichkeit ohne Pathos gesehnt habe, nach so was Süßem, Stillem, das mich umschmeichelt, an dem ich mich von den ewigen Aufregungen und Martern erholen kann. Das ist es, ganz richtig! Erholen! Das ist der tiefere Sinn. Zum Erholen sind sie da. D’rum bin ich auch immer gegen die sogenannten inter- essanten Weiber. Die Weiber haben nicht interessant zu sein, sondern angenehm. Du mußt Dein Glück suchen, wo ich es bisher gesucht und gefunden habe, dort, wo es keine großen Scenen, keine Gefahren, keine tragischen Verwicklungen giebt, wo der Beginn keine besonderen Schwierigkeiten und das Ende keine Qualen hat, wo man lächelnd den ersten Kuß em- pfängt und mit sehr sanfter Rührung scheidet. Ja, das ist es. Die Weiber sind ja so glücklich in ihrer gesunden Menschlichkeit — was zwingt uns denn, sie um jeden Preis zu Dämonen oder zu Engeln zu machen? Sie ist wirklich ein Schatz. So anhänglich, so lieb. Manchmal scheint mir fast, zu lieb für mich. Du bist unverbesserlich; scheint es. Wenn Du die Absicht hast, auch die Sache wieder ernst zu nehmen — Aber ich denke nicht daran. Wir sind ja einig: Erholung. Ich würde auch meine Hände von Dir abziehen. Ich hab’ Deine Liebestragödien satt. Du langweilst mich damit. Und wenn Du Lust hast, mir mit dem berühmten Gewissen zu kommen, so will ich Dir mein einfaches Prinzip für solche Fälle ver- rathen: Besser ich als ein Anderer. Denn der An- dere ist unausbleiblich wie das Schicksal. (Es klingelt.) Was ist denn das? … Sieh nur nach. — Du bist ja schon wieder blaß! Also beruhige Dich sofort. Es sind die zwei süßen Mäderln. 2* (angenehm überrascht). Was? … Ich hab mir die Freiheit genommen, sie für heute zu Dir einzuladen. (im Hinausgehen). Geh’ — warum hast Du mir’s denn nicht gesagt! Jetzt hab’ ich den Diener weg- geschickt. Um so gemüthlicher — (draußen). Grüß Sie Gott, Mizi! — Theodor. Fritz. Mizi (tritt ein, sie trägt ein Packet in der Hand.) Und wo ist denn die Christin’? — Kommt bald nach. Grüß Dich Gott, Dori. (küßt ihr die Hand). Sie müssen schon entschuldigen, Herr Fritz; aber der Theodor hat uns einmal eingeladen — Aber das ist ja eine famose Idee gewesen. Nur hat er eines vergessen, der Theodor — Nichts hat er vergessen, der Theodor! (Nimmt der Mizi das Packet aus der Hand.) Hast Du alles mit- gebracht, was ich Dir aufgeschrieben habe? — Freilich! (Zu Fritz). Wo darf ich’s denn hin- legen? Geben Sie mir’s nur, Mizi, wir legen’s indessen da auf die Kredenz. Ich hab’ noch extra was gekauft, was Du nicht aufgeschrieben hast, Dori. Geben Sie mir Ihren Hut, Mizi, so — (legt ihn auf’s Klavier, ebenso ihre Boa.) (mißtrauisch). Was denn? Eine Moccacrêmetorte. Naschkatz’! Ja, aber sagen Sie, warum ist denn die Christin’ nicht gleich mitgekommen? — Die Christin, begleitet ihren Vater zum Theater, hin. Sie fährt dann mit der Tramway her. Das ist eine zärtliche Tochter … Na, und gar in der letzten Zeit, seit der Trauer. Wer ist ihnen denn eigentlich gestorben? Die Schwester vom alten Herrn. Ah, die Frau Tant! Nein, das war eine alte Fräul’n , die schon immer bei ihnen gewohnt hat — Na, und da fühlt er sich halt so vereinsamt. Nicht wahr, der Vater von der Christin’, das ist so ein kleiner Herr mit kurzem grauen Haar — (schüttelt den Kopf). Nein, er hat ja lange Haar’. Woher kennst Du ihn denn? Neulich war ich mit dem Lensky in der Josef- stadt, und da hab ich mir die Leut’ mit den Baß- geigen angeschaut. Er spielt ja nicht Baßgeigen, Violin spielt er. Ach so — ich hab gemeint, er spielt Baßgeige. (Zu Mizi, die lacht.) Das ist ja nicht komisch; das kann ich ja nicht wissen, Du Kind. Schön haben Sie’s, Herr Fritz — wunderschön! Wohin haben Sie denn die Aussicht? Das Fenster da geht in die Strohgasse, und im Zimmer daneben — (rasch). Sagt mir nur, warum seid Ihr denn so gespreizt mit einander? Ihr könntet Euch wirklich Du sagen. Beim Nachtmahl trinken wir Bruderschaft. Solide Grundsätze! Immerhin beruhigend. — — Wie geht’s denn der Frau Mutter? (wendet sich zu ihm, plötzlich mit besorgter Miene). Denk’ Dir, sie hat — Zahnweh — ich weiß, ich weiß. Deine Mutter hat immer Zahnweh. Sie soll endlich einmal zu einem Zahnarzt gehen. Aber, der Doktor sagt, es ist nur rheumatisch. (lachend). Ja, wenn’s nur rheumatisch ist — (ein Album in der Hand). Lauter so schöne Sachen haben Sie da! … (Im Blättern). Wer ist denn das? .. Das sind ja Sie, Herr Fritz … In Uniform!? Sie sind bei Militär? Ja. Dragoner! — Sind sie bei den gelben oder bei den schwarzen! (lächelnd.) Bei den gelben. (wie in Träume versunken). Bei den gelben. Da wird sie ganz träumerisch! Mizi, wach auf! Aber jetzt sind Sie Lieutenant in der Reserve? Allerdings. Sehr gut müssen Sie ausschau’n mit dem Pelz. Umfassend ist dieses Wissen! — Du, Mizi, ich bin nemlich auch bei Militär. Bist Du auch bei den Dragonern? Ja. — Ja, warum sagt Ihr einem denn das nicht? … Ich will um meiner selbst willen geliebt werden. Geh, Dori, da mußt Du Dir nächstens, wenn wir zusammen wohin gehn, die Uniform anziehn. Im August hab’ ich sowieso Waffenübung. Gott, bis zum August — Ja, richtig — so lange währt die ewige Liebe nicht. Wer wird denn im Mai an den August denken. Ist’s nicht wahr, Herr Fritz? — Sie, Herr Fritz, warum sind denn Sie uns gestern durchgegangen? Wieso .... Na ja — nach dem Theater. Hat mich denn der Theodor nicht bei Euch ent- schuldigt? Freilich hab ich Dich entschuldigt. Was hab denn ich — oder vielmehr die Christin’ von Ihrer Entschuldigung! Wenn man was ver- spricht, so halt’ man’s. Ich wär’ wahrhaftig lieber mit Euch gewesen … Is’ wahr? .. Aber, ich konnt’ nicht. Sie haben ja gesehen, ich war mit Bekannten in der Loge, und da hab’ ich mich nachher nicht losmachen können. Ja, von den schönen Damen haben Sie sich nicht losmachen können. Glauben Sie, wir haben Sie nicht gesehn von der Gallerie aus? Ich hab’ Euch ja auch gesehn … Sie sind rückwärts in der Loge gesessen. — Nicht immer. Aber meistens. Hinter einer Dame mit einem schwarzen Sammtkleid sind Sie gesessen und haben immer (parodirende Bewegung) so hervorgeguckt. Sie haben mich aber genau beobachtet. Mich geht’s ja nichts an! Aber wenn ich die Christin wär’ … Warum hat denn der Theodor nach dem Theater Zeit? Warum muß der nicht mit Bekannten soupiren gehn? … (stolz). Warum muß ich nicht mit Bekannten soupiren gehn? … (Es klingelt.) Das ist die Christin’. (eilt hinaus). Mizi, Du könntest mir einen Gefallen thun. (fragende Miene). Vergiß — auf einige Zeit wenigstens — Deine militärischen Erinnerungen. Ich hab ja gar keine. Na Du, aus dem Schematismus hast Du die Sachen nicht gelernt, das merkt man. Theodor. Mizi. Fritz. Christine (mit Blumen in der Hand). (grüßt mit ganz leichter Befangenheit). Guten Abend. (Begrüßung. Zu Fritz). Freut’s Dich, daß wir ge- kommen sind? — Bist nicht bös? Aber — Kind! Manchmal ist ja der Theodor gescheidter als ich. — Na, geigt er schon, der Herr Papa? Freilich; ich hab ihn zum Theater hinbegleitet. Die Mizi hat’s uns erzählt. — (zu Mizi). Und die Kathrin’ hat mich noch auf- gehalten. O jeh, die falsche Person. Oh, die ist gewiß nicht falsch, die ist sehr gut zu mir. Du glaubst auch einer jeden. Warum soll die denn gegen mich falsch sein? Wer ist denn die Kathrin? Die Frau von einem Strumpfwirker und ärgert sich alleweil, wenn wer jünger ist wie sie. Sie ist ja selbst noch eine junge Person. Lassen wir die Kathrin. — Was hast Du denn da? Ein paar Blumen hab ich Dir mitgebracht. (nimmt sie ihr ab und küßt ihr die Hand). Du bist ein Engerl. Wart, die wollen wir da in die Vase … Oh nein! Du hast gar kein Talent zum Fest- arrangeur. Die Blumen werden zwanglos auf den Tisch gestreut … Nachher übrigens, wenn auf- gedeckt ist. Eigentlich sollte man das so arrangiren, daß sie von der Decke herunterfallen. Das wird aber wieder nicht gehen. (lachend). Kaum. Unterdessen wollen wir sie doch da hinein stecken. (giebt sie in die Vase). Kinder, dunkel wird’s! (hat der Christine geholfen die Ueberjacke ausziehen, sie hat auch ihren Hut abgelegt, er gibt die Dinge auf einen Stuhl im Hintergrund). Gleich wollen wir die Lampe anzünden. Lampe! Keine Idee! Lichter werden wir an- zünden. Das macht sich viel hübscher. Komm, Mizi, kannst mir helfen. (Er und Mizi zünden die Lichter an; die Kerzen in den zwei Armleuchtern auf dem Trumeau, eine Kerze auf dem Schreibtisch, dann zwei Kerzen auf der Kredenz.) (Unterdessen sprechen Fritz und Christine mit einander.) Wie geht’s Dir denn, mein Schatz? Jetzt geht’s mir gut. — Na, und sonst? Ich hab mich so nach Dir gesehnt. Wir haben uns ja gestern erst gesehen. Gesehn … von weitem … (Schüchtern). Du, das war nicht schön, daß Du .... Ja, ich weiß schon; die Mizi hat’s mir schon gesagt. Aber Du bist ein Kind wie gewöhnlich. Ich hab nicht los können. So was mußt Du ja begreifen. Ja … Du, Fritz, … wer waren denn die Leute in der Loge? Bekannte — das ist doch ganz gleichgültig, wie sie heißen. Wer war denn die Dame im schwarzen Sammt- kleid? Kind, ich hab’ gar kein Gedächtnis für Toiletten. (schmeichelnd). Na! Das heißt, .. ich hab’ dafür auch schon ein Gedächtnis — in gewissen Fällen. Zum Beispiel an die dunkelgraue Blouse erinner’ ich mich sehr gut, die Du angehabt hast, wie wir uns das erste Mal gesehen haben. Und die weiß-schwarze Taille, gestern … im Theater. Die hab’ ich ja heut auch an! Richtig … von weitem sieht die nämlich ganz 3 anders aus — im Ernst! Oh, und das Medaillon, das kenn’ ich auch! (lächelnd). Wann hab’ ich’s umgehabt? Vor — na, damals, wie wir in dem Garten bei der Linie spazieren gegangen sind, wo die vielen Kinder gespielt haben … nicht wahr …? Ja … Du denkst doch manchmal an mich. Ziemlich häufig, mein Kind … Nicht so oft wie ich an Dich. Ich denke immer an Dich … den ganzen Tag … und froh kann ich doch nur sein, wenn ich Dich seh’! Sehn wir uns denn nicht oft genug? — Oft… Freilich. Im Sommer werden wir uns weniger sehn… Denk’ Dir, wenn ich zum Beispiel einmal auf ein paar Wochen verreiste, was möchtest Du da sagen? (ängstlich). Wie? Du willst verreisen? Nein… Immerhin wär’ es aber möglich, daß ich einmal die Laune hätte, acht Tage ganz allein zu sein… Ja, warum denn? Ich spreche ja nur von der Möglichkeit. Ich kenne mich, ich hab’ solche Launen. Und Du könntest ja auch einmal Lust haben, mich ein paar Tage nicht zu sehn … das werd’ ich immer verstehn. Die Laune werd’ ich nie haben, Fritz. Das kann man nie wissen. Ich weiß es … ich hab’ Dich lieb. Ich hab’ Dich ja auch sehr lieb. 3* Du bist aber mein Alles, Fritz, für Dich könnt ich … (sie unterbricht sich). Nein, ich kann mir nicht denken, daß je eine Stunde kommt, wo ich Dich nicht sehen wollte. So lang ich leb’, Fritz — — (unterbricht). Kind, ich bitt’ Dich … so was sag’ lieber nicht .. die großen Worte, die hab’ ich nicht gern. Von der Ewigkeit reden wir nicht… (traurig lächelnd). Hab’ keine Angst, Fritz … ich weiß ja, daß es nicht für immer ist … Du verstehst mich falsch, Kind. Es ist ja möglich, (lachend) daß wir einmal überhaupt nicht ohne ein- ander leben können, aber wissen können wir’s ja nicht, nicht wahr? Wir sind ja nur Menschen … (auf die Lichter weisend). Bitte sich das gefälligst an- zusehn… Sieht das nicht anders aus, als wenn da eine dumme Lampe stünde? Du bist wirklich der geborene Festarrangeur. Kinder, wie wär’s übrigens, wenn wir an das Souper dächten? .. Ja! … Komm’ Christin’! .. Wartet, ich will Euch zeigen, wo Ihr alles noth- wendige findet. Vor allem brauchen wir ein Tischtuch. (mit engl. Accent, wie ihn die Clowns zu haben pflegen). „Eine Tischentuch.“ Was? .. Erinnerst Dich nicht an den Clown im Orpheum? „Das ist eine Tischentuch“ … „Das ist eine Blech“. „Das ist eine kleine piccolo. “ Du, Dori, wann gehst denn mit mir in’s Orpheum? Neulich hast Du mir’s ja versprochen. Da kommt die Christin’ aber auch mit, und der Herr Fritz auch. (Sie nimmt eben Fritz das Tischtuch aus der Hand, das dieser aus der Kredenz genommen). Da sind aber dann wir die Bekannten in der Loge … Ja, ja … Da kann dann die Dame mit dem schwarzen Sammtkleid allein nach Haus gehn. Was Ihr immer mit der Dame in Schwarz habt, das ist wirklich zu dumm. Oh, wir haben nichts mit ihr … So … Und das Eßzeug? .. (Fritz zeigt ihr alles in der ge- öffneten Kredenz). Ja … Und die Teller? .. Ja, danke … So, jetzt machen wir’s schon allein.... Gehn Sie, gehn Sie, jetzt stören Sie uns nur. (hat sich unterdessen auf den Divan der Länge nach hin- gelegt; wie Fritz zu ihm nach vorne kommt:) Du ent- schuldigst … (Mizi und Christine decken auf). Hast schon das Bild vom Fritz in der Uniform gesehn? Nein. Das mußt Du Dir anschau’n. Fesch! .. (Sie reden weiter). (auf dem Divan). Siehst Du, Fritz, solche Abende sind meine Schwärmerei. Sind auch nett. Da fühl’ ich mich behaglich … Du nicht? … Oh, ich wollte, es wär’ mir immer so wohl. Sagen Sie, Herr Fritz, ist Kaffee in der Maschin’ drin? Ja … Ihr könnt auch gleich den Spiritus an- zünden — auf der Maschin’ dauert’s sowieso eine Stund’, bis der Kaffee fertig ist … (zu Fritz). Für so ein süßes Mäderl geb’ ich zehn dämonische Weiber her. Das kann man nicht vergleichen. Wir hassen nämlich die Frauen, die wir lieben — und lieben nur die Frauen, die uns gleichgiltig sind. (lacht). Was ist denn? Wir möchten auch was hören! Nichts für Euch, Kinder. Wir philosophieren. (Zu Fritz). Wenn wir heut mit denen das letzte Mal zusammen wären, wir wären doch nicht weniger fidel, was? Das letzte Mal … Na, darin liegt jedenfalls etwas melancholisches. Ein Abschied schmerzt immer, auch wenn man sich schon lang darauf freut! Du, Fritz, wo ist denn das kleine Eßzeug? (geht nach hinten, zur Kredenz). Da ist es, mein Schatz. Mizi (ist nach vorn gekommen, fährt dem Theodor, der auf dem Divan liegt, durch die Haare). Du Katz, Du! (öffnet das Packet, das Mizi gebracht). Großartig … (zu Fritz). Wie Du alles hübsch in Ordnung hast! Ja … (Ordnet die Sachen, die Mizi mitgebracht, — Sardinenbüchse, kaltes Fleisch, Butter, Käse). Fritz … willst Du mir’s nicht sagen? Was denn? (sehr schüchtern). Wer die Dame war? Nein, ärger’ mich nicht. (Milde). Schau, das haben wir ja so ausdrücklich mit einander ausgemacht: Gefragt wird nichts. Das ist ja gerade das schöne. Wenn ich mit Dir zusammen bin, versinkt die Welt — punktum. Ich frag’ Dich auch um nichts. Mich kannst Du um alles fragen. Aber ich thu’s nicht. Ich will ja nichts wissen. (kommt wieder hin). Herrgott, machen Sie da eine Unordnung — (Uebernimmt die Speisen, legt sie auf die Teller). So … Du, Fritz, sag’, hast Du denn irgend was zum Trinken zu Hause? Oh ja, es wird sich schon was finden. (Er geht ins Vorzimmer). (erhebt sich und besichtigt den Tisch). Gut. — So, ich denke, es fehlt nichts mehr! … (kommt mit einigen Flaschen zurück). So, hier wäre auch was zum trinken. Wo sind denn die Rosen, die von der Decke herunterfallen? Ja richtig, die Rosen haben wir vergessen! (Sie nimmt die Rosen aus der Vase, steigt auf einen Stuhl und läßt die Rosen auf den Tisch fallen). So! Gott, ist das Mädel ausgelassen! Na, nicht in die Teller .... Wo willst Du sitzen, Christin’? Wo ist denn ein Stoppelzieher? (holt einen aus der Kredenz). Hier ist einer. (versucht den Wein aufzumachen). Aber geben Sie das doch mir. Laßt das mich machen .... (Nimmt ihm Flasche und Stoppelzieher aus der Hand). Du könntest unter- dessen ein bischen … (Bewegung des Klavierspiels). Ja ja, das ist fesch! … (Sie läuft zum Klavier, öffnet es, nachdem sie die Sachen, die darauf liegen, auf einen Stuhl gelegt hat.) (zu Christine). Soll ich? Ich bitt’ Dich, ja, so lang schon hab’ ich mich danach gesehnt. (am Clavier). Du kannst ja auch ein bissel spielen? (abwehrend). Oh Gott. Schön kann sie spielen, die Christin’, … sie kann auch singen. Wirklich, das hast Du mir ja nie gesagt? .. Hast Du mich denn je gefragt? — Wo hast Du denn singen gelernt? Gelernt hab’ ich’s eigentlich nicht. Der Vater hat mich ein bissel unterrichtet — aber ich hab’ nicht viel Stimme. Und weißt Du, seit die Tant’ ge- storben ist, die immer bei uns gewohnt hat, da ist es noch stiller bei uns wie es früher war. Was machst Du eigentlich so den ganzen Tag? Oh Gott, ich hab’ schon zu thun! — So im Haus — wie? — Ja. Und dann schreib’ ich Noten ab, ziemlich viel. — Musiknoten? — Freilich. Das muß ja horrend bezahlt werden. (Wie die anderen lachen.) Na, ich würde das horrend bezahlen. Ich glaube, Noten schreiben muß eine fürchterliche Arbeit sein! — Es ist auch ein Unsinn, daß sie sich so plagt. (Zu Christine.) Wenn ich so viel Stimme hätte, wie Du, wär’ ich längst beim Theater. Du brauchtest nicht einmal Stimme … Du thust natürlich den ganzen Tag gar nichts! was? Na, sei so gut! Ich hab’ ja zwei kleine Brüder, die in die Schul’ gehn, die zieh’ ich an in der früh; und dann mach’ ich die Aufgaben mit ihnen — Da ist doch kein Wort wahr. Na, wennst mir nicht glaubst! — Und bis zum vorigen Herbst bin ich sogar in einem Geschäft ge- wesen von acht in der früh bis acht am Abend — (leicht spottend). Wo denn? In einem Modistengeschäft. Die Mutter will, daß ich wieder eintrete. (wie oben). Warum bist Du denn ausgetreten? (zu Christine.) Du mußt uns dann was vorsingen! Kinder, essen wir jetzt lieber, und Du spielst dann, ja? . . . . (aufstehend, zu Christine.) Komm’, Schatz! (Führt sie zum Tisch hin.) Der Kaffee! Jetzt geht der Kaffee über und wir haben noch nichts gegessen! Jetzt ist’s schon alles eins! — Aber er geht ja über! (Bläst die Spiritusflamme aus.) (Man setzt sich zu Tisch.) Was willst Du haben, Mizi? Das sag’ ich Dir gleich: die Torte kommt zuletzt! … Zuerst mußt Du lauter ganz sauere Sachen essen. (schenkt den Wein ein.) Nicht so: das macht man jetzt ganz anders. Kennst Du nicht die neueste Mode? (Steht auf, affec- tirt Grandezza, die Flasche in der Hand, zu Christine.) Vöslauer Ausstich achtzehnhundert . . . . (Spricht die nächsten Zahlen unverständlich. Schenkt ein, zu Mizi.) Vöslauer Ausstich achtzehnhundert . . . . (Wie früher. Schenkt ein, zu Fritz.) Vöslauer Ausstich achtzehn- hundert . . . . (Wie früher. An seinem eigenen Platz.) Vöslauer Ausstich … (Wie früher. Setzt sich.) (lachend.) Alleweil macht er Dummheiten. (erhebt das Glas, alle stoßen an). Prosit. Sollst leben, Theodor! . . . . (sich erhebend). Meine Damen und Herren … Na, nicht gleich! (setzt sich). Ich kann ja warten. (Man ißt.) Das hab’ ich so gern, wenn bei Tisch Reden gehalten werden. Also ich hab’ einen Cousin, der redet immer in Reimen. Bei was für einem Regiment ist er? … Geh, hör’ auf … Auswendig redt er und mit Reimen, aber großartig, sag’ ich Dir, Christin’. Und ist eigentlich schon ein älterer Herr. O, das kommt vor, daß ältere Herren noch in Reimen reden. Aber, Ihr trinkt ja garnicht. Christin’! (Er stößt mit ihr an.) (stößt mit Mizi an). Auf die alten Herren, die in Reimen reden. (lustig). Auf die jungen Herren, auch wenn sie gar- nichts reden … zum Beispiel auf den Herrn Fritz … Sie, Herr Fritz, jetzt trinken wir Bruderschaft, wenn Sie wollen — und die Christin’ muß auch mit dem Theodor Bruderschaft trinken. Aber nicht mit dem Wein, das ist kein Bruder- schaftswein. (Erhebt sich, nimmt eine andere Flasche — gleiches Spiel wie früher.) Xeres de la Frontera mille huit cent cinquante — Xeres de la Frontera — Xeres de la Frontera — Xeres de la Frontera. (nippt). Ah — Kannst Du nicht warten, bis wir alle trinken … Also Kinder … bevor wir uns so feierlich 4 verbrüdern, wollen wir auf den glücklichen Zufall trinken, der, der … und so weiter … Ja, ist schon gut! (Sie trinken). (Fritz nimmt Mizi’s, Theodor Christinen’s Arm, die Gläser in der Hand, wie man Bruderschaft zu trinken pflegt.) (küßt Mizi). (will Christine küssen). (lächelnd). Muß das sein? Unbedingt, sonst gilt’s nichts … (Küßt sie . .) So, und jetzt à place! … Aber schauerlich heiß wird’s in dem Zimmer. Das ist von den vielen Lichtern, die der Theodor angezündet hat. Und von dem Wein. (Sie lehnt sich in den Fauteuil zurück.) Komm’ nur daher, jetzt kriegst Du ja erst das Beste. (Er schneidet ein Stückchen von der Torte ab und steckt’s ihr in den Mund.) Da, Du Katz — gut? — Sehr! … (Er giebt ihr noch eins.) Geh’, Fritz, jetzt ist der Moment! Jetzt könntest Du was spielen! Willst Du, Christin’? Bitte! — Aber was Fesches! (füllt die Gläser). Kann nicht mehr. (Trinkt.) (nippend). Der Wein ist so schwer. (auf den Wein weisend). Fritz! (leert das Glas, geht zum Klavier). 4* (setzt sich zu ihm.) Herr Fritz, spielen’s den Doppeladler. Den Doppeladler — Wie geht der? Dori, kannst Du nicht den Doppeladler spielen? Ich kann überhaupt nicht Klavier spielen. Ich kenne ihn ja; er fällt mir nur nicht ein. Ich werd’ ihn Ihnen vorsingen … La … la … lalalala … la … Aha, ich weiß schon. (Spielt, aber nicht ganz richtig.) (geht zum Klavier). Nein, so … (Spielt die Melodie mit einem Finger.) Ja, ja … (Er spielt, Mizi singt mit) Das sind wieder süße Erinnerungen, was? … (spielt wieder unrichtig und hält inne). Es geht nicht. Ich hab’ gar kein Gehör. (Er phantasirt.) (gleich nach dem ersten Takt). Das ist nichts! (lacht.) Schimpfen Sie nicht, das ist von mir! — Aber zum tanzen ist es nicht. Probiren Sie nur einmal … (zu Mizi). Komm’, versuchen wir’s. (Er nimmt sie um die Taille, sie tanzen.) (steht am Klavier und schaut auf die Tasten.) (Es klingelt.) (hört plötzlich auf zu spielen; Theodor und Mizi tanzen weiter). Theodor und Mizi zugleich: Was ist denn das? — Na! Er hat eben geklingelt … (zu Theodor). Hast Du denn noch jemanden eingeladen? . . Keine Idee — Du brauchst ja nicht zu öffnen. (zu Fritz). Was hast Du denn? Nichts … (Es klingelt wieder.) (steht auf, bleibt stehen). Du bist einfach nicht zu Hause. Man hört ja das Klavierspielen bis auf den Gang … Man sieht auch von der Straße her, daß es beleuchtet ist. Was sind denn das für Lächerlichkeiten? Du bist eben nicht zu Haus. Es macht mich aber nervös. Na, was wird’s denn sein? Ein Brief! — Oder ein Telegramm — Du wirst ja um (auf die Uhr sehend) um neun keinen Besuch bekommen. (Es klingelt wieder.) Ach was, ich muß doch nachseh’n — (geht hinaus). Aber Ihr seid auch gar nicht fesch — (schlägt ein paar Tasten auf dem Klavier an). Geh, hör’ jetzt auf! — (Zu Christine.) Was haben Sie denn? Macht Sie das Klingeln auch nervös? — (kommt zurück, mit erkünstelter Ruhe). Theodor und Christine zugleich. Na, wer war’s? — Wer war’s? (gezwungen lächelnd). Ihr müßt so gut sein, mich einen Moment zu entschuldigen. Geht unterdessen da hinein. Was giebt’s denn? Wer ist’s? Nichts, Kind, ich habe nur zwei Worte mit einem Herrn zu sprechen … (Hat die Thür zum Nebenzimmer geöffnet, geleitet die Mäd- chen hinein, Theodor ist der letzte, sieht Fritz fragend an,) (leise, mit entsetztem Ausdruck). Er! . . Ah! . . Geh hinein, geh hinein. — Ich bitt Dich, mach keine Dummheiten, es kann eine Falle sein … Geh … geh … — (Theodor ins Nebenzimmer). (Fritz geht rasch durch’s Zimmer, auf den Gang, so daß die Bühne einige Augenblicke leer bleibt. Dann tritt er wieder auf, indem er einen elegant gekleideten Herrn von etwa fünfunddreißig Jahren voraus eintreten läßt. — Der Herr ist in gelbem Ueberzieher, trägt Handschuhe, hält den Hut in der Hand.) Fritz. Der Herr. (noch im Eintreten). Pardon, daß ich Sie warten ließ … ich bitte … (in ganz leichtem Tone). Oh, das thut nichts. Ich bedaure sehr, Sie gestört zu haben. Gewiß nicht. Bitte wollen Sie nicht — (weist ihm einen Stuhl an). Ich sehe ja, daß ich Sie gestört habe. Kleine Unterhaltung, wie? Ein paar Freunde. (sich setzend, immer freundlich). Maskenscherz wahr- scheinlich? (befangen). Wieso? Nun, Ihre Freunde haben Damenhüte und Mantillen. Nun ja … (lächelnd). Es mögen ja Freundinnen auch dabei sein … (Schweigen.) Das Leben ist zuweilen ganz lustig … ja … (Er sieht den andern starr an.) (hält den Blick eine Weile aus, dann sieht er weg)… Ich darf mir wohl die Frage erlauben, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft. Gewiß … (Ruhig.) Meine Frau hat nämlich ihren Schleier bei Ihnen vergessen. Ihre Frau Gemahlin, bei mir? .. ihren … (Lächelnd) Der Scherz ist ein bischen sonderbar … (plötzlich aufstehend, sehr stark, fast wild, in dem er sich mit der einen Hand auf die Stuhllehne stützt.) Sie hat ihn vergessen. (erhebt sich auch, und die beiden stehen einander gegenüber). (hebt die Faust, als wollte er sie auf Fritz niederfallen lassen; — in Wuth und Ekel). Oh …! (wehrt ab, geht einen kleinen Schritt nach rückwärts.) (nach einer langen Pause). Hier sind Ihre Briefe. (Er wirft ein Packet, das er aus der Tasche des Ueberziehers nimmt, auf den Schreibtisch.) Ich bitte um die, welche Sie erhalten haben … (abwehrende Bewegung). (heftig, mit Bedeutung). Ich will nicht, daß man sie — später bei Ihnen findet. (sehr stark). Man wird sie nicht finden. (schaut ihn an. Pause). Was wünschen Sie noch von mir? … (höhnisch). Was ich noch wünsche —? Ich stehe zu Ihrer Verfügung … (verbeugt sich kühl). Gut. — (Er läßt seinen Blick im Zimmer umhergehen; wie er wieder den gedeckten Tisch, die Damenhüte ꝛc. sieht, geht eine lebhafte Bewegung über sein Gesicht, als wollte es zu einem neuen Ausbruch seiner Wuth kommen). (der das bemerkt, wiederholt). Ich bin ganz zu Ihrer Verfügung. — Ich werde morgen bis zwölf Uhr zuhause sein. (verbeugt sich und wendet sich zum Gehen). (begleitet ihn bis zur Thür, was der Herr abwehrt. Wie er weg ist, geht Fritz zum Schreibtisch, bleibt eine Weile stehen. Dann eilt er zum Fenster, sieht durch eine Spalte, die die Rouleaux gelassen, hinaus, und man merkt, wie er den auf dem Trittoir gehenden Herrn mit den Blicken ver- folgt. Dann entfernt er sich von dem Fenster, bleibt, eine Sekunde lang zur Erde schauend, stehen; dann geht er zur Thür des Nebenzimmers, öffnet sie zur Hälfte und ruft). Theodor, … auf einen Moment. Fritz. Theodor. (Sehr rasch diese Scene). (erregt). Nun … Er weiß es. Nichts weiß er. Du bist ihm sicher hinein- gefallen. Hast am Ende gestanden. Du bist ein Narr, sag’ ich Dir, … Du bist — (auf die Briefe weisend). Er hat mir meine Briefe zurückgebracht. (betroffen). Oh … (nach einer Pause). Ich sag’ es immer, man soll nicht Briefe schreiben. Er ist es gewesen, heute Nachmittag, da unten … Also was hat’s denn gegeben? — so sprich doch — Du mußt mir nun einen großen Dienst erweisen, Theodor. Ich werde die Sache schon in Ordnung bringen. Davon ist hier nicht mehr die Rede. Also … Es wird für alle Fälle gut sein … (sich unter- brechend) — aber wir können doch die armen Mädeln nicht so lange warten lassen. Die können schon warten. Was wolltest Du sagen? Es wird gut sein, wenn Du heute noch Lensky aufsuchst. Gleich, wenn Du willst. Du triffst ihn jetzt nicht … aber zwischen elf und zwölf kommt er ja sicher in’s Kaffeehaus … vielleicht kommt Ihr dann beide noch zu mir … Geh’, so mach’ doch kein solches Gesicht … in neunundneunzig Fällen von hundert geht die Sache gut aus … Es wird dafür gesorgt sein, daß diese Sache nicht gut ausgeht. Aber ich bitt’ Dich, erinnere Dich, im vorigen Jahr, die Affaire zwischen dem Doktor Billinger und dem Herz, — das war doch genau dasselbe. Laß das, Du weißt es selbst, — er hätte mich einfach hier in dem Zimmer niederschießen sollen, — es wär’ auf’s gleiche herausgekommen. (gekünstelt). Ah, das ist famos! Das ist eine groß- artige Auffassung … Und wir, der Lensky und ich, wir sind nichts? Du meinst, wir werden es zu- geben — — Bitt’ Dich, laß das! … Ihr werdet einfach annehmen, was man proponiren wird. Ah! — Wozu das alles, Theodor. Als wenn Du’s nicht wüßtest. Unsinn. Ueberhaupt, das ganze ist Glückssache … Ebenso gut kannst Du ihn … (ohne darauf zu hören). Sie hat es geahnt. Wir beide haben es geahnt. Wir haben es gewußt … Geh, Fritz … (zum Schreibtisch, sperrt die Briefe ein). Was sie in diesem Augenblick nur macht. Ob er sie … Theodor . . das mußt Du morgen in Erfahrung bringen, was dort geschehen ist. Ich werd’ es versuchen … … Sieh’ auch, daß kein überflüssiger Aufschub … Vor übermorgen früh wird’s ja doch kaum sein können. (beinahe angstvoll). Theodor! Also … Kopf hoch. — Nicht wahr, auf innere Ueberzeugungen ist doch auch etwas zu geben — und ich hab’ die feste Ueberzeugung, daß alles … gut ausgeht. (Redet sich in Lustigkeit hinein). Ich weiß selbst nicht warum, aber ich hab’ einmal die Ueberzeugung! (lächelnd). Was bist Du für ein guter Kerl! — Aber was sagen wir nur den Mädeln? Das ist wohl sehr gleichgiltig. Schicken wir sie einfach weg. Oh nein. Wir wollen sogar möglichst lustig sein. Christine darf garnichts ahnen. Ich will mich wieder zum Klavier setzen; ruf’ Du sie indessen herein. (Theodor wendet sich, unzufriedenen Gesichts, das zu thun.) Und was wirst Du ihnen sagen? Daß sie das gar nichts angeht. (der sich zum Klavier gesetzt hat, sich nach ihm umwendend). Nein, nein — Daß es sich um einen Freund handelt — das wird sich schon finden. (spielt ein paar Töne). Bitte, meine Damen. (Hat die Thür geöffnet.) Fritz. Theodor. Christine. Mizi. Na endlich! Ist der schon fort? (zu Fritz eilend). Wer war bei Dir, Fritz? 5 (am Klavier, weiterspielend). Ist schon wieder neu- gierig! Ich bitt’ Dich, Fritz, sag’s mir. Schatz, ich kann’s Dir nicht sagen, es handelt sich wirklich um Leute, bie Du gar nicht kennst. (schmeichelnd). Geh’, Fritz, sag’ mir die Wahrheit! Sie läßt Dich natürlich nicht in Ruh … Daß Du ihr nichts sagst! Du hast’s ihm versprochen! Geh’, sei doch nicht so fab , Christin’, laß ihnen die Freud’! Sie machen sich eh’ nur wichtig! Ich muß den Walzer mit Fräulein Mizi zu Ende tanzen. (Mit der Betonung eines Clowns.) Bitte, Herr Kapellmeister — eine kleine Musik. (spielt). (Theodor und Mizi tanzen; nach wenig Takten:) Ich kann nicht! (Sie fällt in einen Fauteuil zurück.) (küßt sie, setzt sich auf die Lehne des Fauteuils, zu ihr). (bleibt am Klavier, nimmt Christine bei beiden Händen, sieht sie an). (wie erwachend). Warum spielst Du nicht weiter? (lächelnd). Genug für heut’ … Siehst Du, so möcht’ ich spielen können … Spielst Du viel? … Ich komme nicht viel dazu; im Haus ist immer was zu thun. Und dann, weißt, wir haben ein so schlechtes Pianino. Ich möcht’s wohl einmal versuchen. Ich möcht’ überhaupt gern Dein Zimmer einmal seh’n. (lächelnd). ’s ist nicht so schön, wie bei Dir! . . Und noch eins möcht’ ich: daß Du mir einmal 5* viel von Dir erzählst … recht viel … ich weiß eigentlich so wenig von Dir. Ist wenig zu erzählen. — Ich hab’ auch keine Geheimnisse, — wie wer anderer … Du hast noch keinen lieb gehabt? (sieht ihn nur an). (küßt ihr die Hände). Und werd’ auch nie wen andern lieb haben … (mit fast schmerzlichem Ausdruck). Sag’ das nicht … sag’s nicht … was weißt Du denn? .. Hat Dich Dein Vater sehr gern, Christin’? — Oh Gott! . . Es war auch eine Zeit, wo ich ihm alles erzählt hab’. — Na, Kind, mach’ Dir nur keine Vorwürfe … Ab und zu hat man halt Geheimnisse — das ist der Lauf der Welt. … Wenn ich nur wüßte, daß Du mich gern hast — da wär ja alles ganz gut. Weißt Du’s denn nicht? Wenn Du immer in dem Ton zu mir reden möchtest, ja dann … Christin’! Du sitzt aber recht unbequem. Ach laß mich nur — es ist da ganz gut! (Sie legt den Kopf auf’s Klavier). (steht auf und streichelt ihr die Haare). Oh, das ist gut. (Stille im Zimmer). Wo sind denn die Cigarren, Fritz? — (kommt zu ihm hin, der bei der Kredenz steht und schon gesucht hat). (ist eingeschlummert). (reicht ihm ein Cigarrenkistchen). Und der schwarze Kaffee! (Er schenkt zwei Tassen ein). Kinder, wollt Ihr nicht auch schwarzen Kaffee haben? Mizi, soll ich Dir eine Tasse … Lassen wir sie schlafen … — Du trink’ übrigens keinen Kaffee heut. Du solltest Dich möglichst bald zu Bette legen und schauen, daß Du ordentlich schläfst. (sieht ihn an und lacht bitter). Na ja, jetzt stehn die Dinge nun einmal so wie sie stehn … und es handelt sich jetzt nicht darum, so großartig oder so tiefsinnig, sondern so vernünftig zu sein als möglich … darauf kommt es an … in solchen Fällen. Du kommst noch heute Nacht mit Lensky zu mir ja? … Das ist ein Unsinn. Morgen früh ist Zeit genug. Ich bitt’ Dich drum. Also schön … Begleitest Du die Mädeln nach Hause? Ja, und zwar sofort … Mizi! … Erhebe Dich! — Ihr trinkt da schwarzen Kaffee —! Gebt’s mir auch einen! — Da hast Du, Kind … (zu Christine hin). Bist müd, mein Schatz? … Wie lieb das ist, wenn Du so sprichst. Sehr müd’? — (lächelnd). — Der Wein. — Ich hab auch ein bissel Kopfweh … Na, in der Luft wird Dir das schon vergehn! Gehn wir schon? — Begleitest Du uns? Nein, Kind. Ich bleib jetzt schon zu Haus … Ich hab noch einiges zu thun. (der wieder die Erinnerung kommt). Jetzt … Was hast Du denn jetzt zu thun? — (beinahe streng). Du, Christin’, das mußt Du Dir abgewöhnen! — (Mild). Ich bin nämlich wie zer- schlagen … wir sind heut, der Theodor und ich, draußen auf dem Land zwei Stunden herumgelaufen — Ah, das war entzückend. Nächstens fahren wir alle zusammen hinaus auf’s Land. Ja, das ist fesch! Und Ihr zieht Euch die Uniform dazu an. Das ist doch wenigstens Natursinn! Wann sehen wir uns denn wieder? (etwas nervös). Ich schreib’s Dir schon. (traurig). Leb’ wohl (Wendet sich zum Gehen). (bemerkt ihre Traurigkeit). Morgen sehn wir uns, Christin’! (froh). Ja? In dem Garten … dort bei der Linie wie neulich … um — sagen wir, um sechs Uhr … ja? Ist’s Dir recht? (nickt). (zu Fritz). Gehst mit uns, Fritz? Die hat ein Talent zum Dusagen —! Nein, ich bleib’ schon zu Haus. Der hat’s gut! Was wir noch für einen Riesen- weg nach Haus haben … Aber, Mizi, Du hast ja beinah’ die ganze gute Torte stehn lassen. Wart’, ich pack’ sie Dir ein — ja? — (zu Theodor). Schickt sich das? (schlägt die Torte ein). Die ist wie ein kleines Kind … (zu Fritz). Wart’, dafür helf’ ich Dir die Lichter auslöschen. (Löscht ein Licht nach dem andern aus; das Licht auf dem Schreibtisch bleibt). Soll ich Dir nicht das Fenster aufmachen? — es ist so schwül. (Sie öffnet das Fenster, Blick auf das gegenüberliegende Haus.) So Kinder. Jetzt leucht’ ich Euch. Ist denn schon ausgelöscht auf der Stiege? … Na, selbstverständlich. Ah, dieLuft ist gut, die da hereinkommt! … Mailüfterl … (Bei der Thür, Fritz hat den Leuchter in der Hand.) Also, wir danken für die freundliche Aufnahme! — (sie drängend.) Geh, geh, geh, geh … (geleitet die andern hinaus. Die Thür bleibt offen, man hört die Personen draußen reden. Man hört die Wohnungs- thür aufschließen.) Also pah! — Gieb acht, da sind Stufen. Danke schön für die Torte … Pst, Du weckst ja die Leute auf! — Gute Nacht! Gute Nacht! (Man hört, wie Fritz die Thüre draußen schließt und ver- sperrt. — Während er hereintritt und das Licht auf den Schreibtisch stellt, hört man das Hausthor unten öffnen und schließen.) (geht zum Fenster und grüßt hinunter). (von der Straße). Gute Nacht! (ebenso; übermüthig). Gute Nacht, Du mein herziges Kind … (scheltend). Du, Mizi … (Man hört seine Worte, ihr Lachen, die Schritte verklingen. Theodor pfeift die Melodie des „Doppeladler“, die am spätesten verklingt . Fritz sieht noch ein paar Sekunden hinaus, dann sinkt er auf den Fauteuil neben dem Fenster). Vorhang . Zweiter Akt. Zimmer Christinens. Bescheiden und nett. Christine (kleidet sich eben zum weggehen an). Katha- rina (tritt auf, nachdem sie draußen angeklopft hat). Guten Abend, Fräulein Christin’. (die vor dem Spiegel steht, wendet sich um). Guten Abend. Sie wollen grad weggehn? Ich hab’s nicht so eilig. Ich komm’ nemlich von meinem Mann, ob Sie mit uns nachtmahlen gehn wollen in’ Lehnergarten, weil heut dort Musik ist. Danke sehr, Frau Binder . . . . ich kann heut nicht … ein anders Mal, ja? — Aber Sie sind nicht bös? Keine Spur … warum denn? Sie werden sich schon besser unterhalten können als mit uns. (Blick). Der Vater ist schon im Theater? … O nein; er kommt noch früher nach Haus. Jetzt fangts ja erst um halb acht an! Richtig, das vergess’ ich alleweil. Da werd’ ich gleich auf ihn warten, weil ich ihn schon lang bitten möcht wegen Freikarten zu dem neuen Stück … Jetzt wird man’s doch schon kriegen? … Freilich … es geht ja jetzt keiner mehr hinein, wenn einmal die Abende so schön werden. Unsereins kommt ja sonst gar nicht dazu … wenn man nicht zufällig Bekannte bei einem Theater hat … Aber halten Sie sich meinetwegen nicht auf, Fräulein Christin’, wenn Sie weg müssen. Meinem Mann wird’s freilich sehr leid sein . . . . und noch wem andern vielleicht auch . . . . Wem? Der Cousin von Binder ist mit, natürlich … Wissen Sie, Fräulein Christin, daß er jetzt fix an- gestellt ist? (gleichgiltig). Ah. — Und mit einem ganz schönen Gehalt. Und ein so honetter junger Mensch. Und eine Verehrung hat er für Sie — Also — auf Wiedersehn, Frau Binder! Dem könnt’ man von Ihnen erzählen, was man will — der möcht kein Wort glauben . . . . (Blick). Es gibt schon solche Männer . . . . Adieu, Frau Binder. Adieu . . . . (nicht zu boshaft im Ton). Daß Sie nur zum Rendezvous nicht zu spät kommen, Fräul’n Christin’! Was wollen Sie eigentlich von mir? — Aber nichts, Sie haben ja recht! Man ist ja nur einmal jung. Adieu. Aber einen Rath, Fräulein Christin’, möcht’ ich Ihnen doch geben: ein bissel vorsichtiger sollten Sie sein! Ja, was heißt denn das? Schau’n Sie, — Wien ist ja eine so große Stadt. … Müssen Sie sich Ihre Rendezvous g’rad hundert Schritt weit vom Haus geben? Das geht wohl niemanden was an. Ich hab’s gar nicht glauben wollen, wie mir’s der Binder erzählt hat. Der hat Sie nämlich gesehn … Geh’, hab’ ich ihm gesagt, Du wirst Dich verschaut haben. Das Fräulein Christin’, die ist keine Person, die mit eleganten jungen Herren am Abend spazieren geht, und wenn schon, so wird’s doch so gescheidt sein, und nicht g’rad in unserer Gassen! Na, sagt er, kannst sie ja selber fragen! Und, sagt er, ein Wunder ist’s ja nicht — zu uns kommt sie gar nimmermehr — aber dafür lauft sie in einer Tour mit der Schlager Mizi herum, ist das eine Gesellschaft für ein anständiges junges Mädel? — Die Männer sind ja so ordinär, Fräul’n Christin’. Und dem Franz hat er’s natürlich auch gleich erzählen müssen, aber der ist schön bös worden, — und für die Fräul’n Christin’ legt er die Hand in’s Feuer, und wer was über sie sagt, der hat’s mit ihm zu thun. Und wie Sie so für’s Häusliche sind, und wie lieb Sie alleweil mit der alten Fräul’n Tant’ gewesen sind — Gott schenk’ ihr die ewige Ruh’ — und wie bescheiden und wie eingezogen als Sie leben und so weiter … (Pause). Vielleicht kommen S’ doch mit zur Musik? Nein … 6 Katharina. Christine. Weiring (tritt auf. Er hat einen Fliederzweig in der Hand.) Guten Abend. … Ah, die Frau Binder. Wie geht’s Ihnen denn? Dank’ schön. Und das Linerl? — Und der Herr Gemahl? . . Alles gesund, Gott sei Dank. Na, das ist schön. — (Zu Christine). Du bist noch zu Haus bei dem schönen Wetter —? G’rad hab’ ich fortgeh’n wollen. Das ist gescheidt! — eine Luft ist heut’ draußen, was, Frau Binder, das ist was Wunderbar’s. Ich bin jetzt durch den Garten bei der Linie gegangen — da blüht der Flieder — es ist eine Pracht! Ich hab’ mich auch einer Uebertretung schuldig gemacht! (Giebt den Fliederzweig der Christine). Dank’ Dir, Vater. Sein S’ froh, daß Sie der Wachter nicht erwischt hat. Geh’n S’ einmal hin, Frau Binder — es riecht noch genau so gut dort, als wenn ich das Zweigerl nicht abgepflückt hätt’. Wenn sich das aber alle dächten — Das wär’ freilich g’fehlt —! Adieu, Vater! Wenn Du ein paar Minuten warten möchtest, so könntest Du mich zum Theater hinbegleiten. Ich … ich hab’ der Mizi versprochen, daß ich sie abhol’ … Ah so. — Ist auch gescheidter. Jugend gehört zur Jugend. Adieu, Christin’ … 6* (küßt ihn. Dann) Adieu Frau Binder! — (Ab; Weiring sieht ihr zärtlich nach). Katharina. Weiring. Das ist ja jetzt eine sehr intime Freundschaft mit der Fräul’n Mizi. Ja. — Ich bin wirklich froh, daß die Tini eine Ansprach’ hat und nicht in einem fort zu Hause sitzt. Was hat denn das Mädel eigentlich von ihrem Leben! … Ja freilich. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Frau Binder, wie weh’ mir’s manchmal thut, wenn ich so nach Haus komm’, von der Prob’ — und sie sitzt da, und näht — und Nachmittag, kaum steh’n wir vom Tisch auf, so setzt sie sich schon wieder hin und schreibt ihre Noten … Na ja, die Millionäre haben’s freilich besser wie unsereins. Aber was ist denn eigentlich mit ihrem Singen? — Das heißt nicht viel. Für’s Zimmer reicht die Stimme ja aus, und für ihren Vater singt sie schön genug — aber leben kann man davon nicht. Das ist aber schad’. Ich bin froh, daß sie’s selber einsieht. Werden ihr wenigstens die Enttäuschungen erspart bleiben. — Zum Chor von unserm Theater könnt’ ich sie natür- lich bringen — Freilich, mit der Figur! Aber da sind ja gar keine Aussichten. Man hat wirklich Sorgen mit einem Mädel! Wenn ich denk’, daß meine Linerl in fünf, sechs Jahren auch eine große Fräul’n ist. — Aber was setzen Sie sich denn nicht, Frau Binder? Oh, ich dank schön, mein Mann holt mich gleich ab — ich bin ja nur heraufgekommen, die Christin’ einladen! . . Einladen —? Ja, zur Musik im Lehnergarten. Ich hab’ mir auch gedacht, daß sie das ein Bissel aufheitern wird — sie braucht’s ja wirklich. Könnt’ ihr wahrhaftig nicht schaden — besonders nach dem traurigen Winter. Warum geht sie denn nicht mit Ihnen —? Ich weiß nicht. . . Vielleicht weil der Cousin vom Binder mit ist. Ah, schon möglich. Den kann’s nämlich nicht ausstehn. Das hat sie mir selber erzählt. Ja warum denn nicht? Der Franz ist ein sehr anständiger Mensch — jetzt ist er sogar fix angestellt, das ist doch heutzutag ein Glück für ein … Für ein … armes Mädel — Für ein jedes Mädel ist das ein Glück. Ja, sagen Sie mir, Frau Binder, ist denn so ein blühendes Geschöpf wirklich zu nichts anderem da, als für so einen anständigen Menschen, der zu- fällig eine fixe Anstellung hat? Ist doch das gescheidteste! Auf einen Grafen kann man ja doch nicht warten, und wenn einmal einer kommt, so empfiehlt es sich dann gewöhnlich, ohne daß er einen geheirathet hat. . . (Weiring ist beim Fenster. Pause.) Na ja. . . Deswegen sag’ ich auch immer; man kann bei einem jungen Mädel nicht vorsichtig genug sein — besonders mit dem Umgang — Ob’s nur dafür steht, seine jungen Jahre so einfach zum Fenster hinauszuwerfen? — Und was hat denn so ein armes Geschöpf schließlich von ihrer ganzen Bravheit, wenn schon — nach jahrelangem Warten — richtig der Strumpfwirker kommt! Herr Weiring, wenn mein Mann auch ein Strumpfwirker ist, er ist ein honetter und ein braver Mann, über den ich mich nie zu beklagen gehabt hab’ … (begütigend). Aber, Frau Binder — geht denn das auf Sie! .. Sie haben ja auch Ihre Jugend nicht zum Fenster hinausgeworfen. Ich weiß von der Zeit nichts mehr. Sagen S’ das nicht — Sie können mir jetzt erzählen, was Sie wollen — die Erinnerungen sind doch das beste, was Sie von Ihrem Leben haben. Ich hab’ gar keine Erinnerungen. Na, na … Und was bleibt denn übrig, wenn eine schon solche Erinnerungen hat, wie Sie meinen? .. Die Reu’. Na, und was bleibt denn übrig — wenn sie — nicht einmal was zum Erinnern hat —? Wenn das ganze Leben nur so vorbei gegangen ist, (sehr einfach, nicht pathetisch) ein Tag wie der andere, ohne Glück und ohne Liebe — dann ist’s vielleicht besser? Aber Herr Weiring, denken Sie doch nur an das alte Fräul’n — an Ihre Schwester! … Aber es thut Ihnen noch weh, wenn man von ihr redt, Herr Weiring … Es thut mir noch weh, ja … Freilich … wenn zwei Leut’ so an einander gehängt haben … ich hab’s immer gesagt, so einen Bruder wie Sie find’t man nicht bald. (abwehrende Bewegung). Es ist ja wahr. Sie haben ihr doch als ein ganz junger Mensch Vater und Mutter ersetzen müssen. Ja, ja — Das muß ja doch wieder eine Art Trost sein. Wenn man so weiß, daß man immer der Wohl- thäter und Beschützer von so einem armen Geschöpf gewesen ist — Ja, das hab ich mir früher auch eingebildet, — wie sie noch ein schönes junges Mädel war, — und bin mir selber weiß Gott wie gescheidt und edel vorgekommen. Aber dann, später, wie so langsam die grauen Haar’ gekommen sind und die Runzeln, und es ist ein Tag um den andern hingegangen — und die ganze Jugend — und das junge Mädel ist so allmälig — man merkt ja sowas kaum — das alte Fräulein geworden, — da hab ich erst zu spüren angefangen, was ich eigentlich gethan hab’! Aber Herr Weiring — Ich seh’ sie ja noch vor mir, wie sie mir oft gegenübergesessen ist am Abend, bei der Lampe, in dem Zimmer da, und hat mich so angeschaut mit ihrem stillen Lächeln, mit dem gewissen gottergebenen, — als wollt’ sie mir noch für was danken; — und ich — ich hätt’ mich ja am liebsten vor ihr auf die Kniee hingeworfen, sie um Verzeihung bitten, daß ich sie so gut behütet hab’ vor allen Gefahren — und vor allem Glück! (Pause). Und es wär doch manche froh, wenn sie immer so einen Bruder an der Seite gehabt hätt’ … und nichts zu bereuen … Katharina. Weiring. Mizi (tritt ein). Guten Abend! … Da ist aber schon ganz dunkel … man sieht ja gar nichts mehr. — Ah, die Frau Binder. Ihr Mann ist unten, Frau Binder, und wart’ auf Sie … Ist die Christin’ nicht zu Haus? … Sie ist vor einer Viertelstunde weggegangen. Haben Sie sie denn nicht getroffen? Sie hat ja mit Ihnen ein Rendezvous gehabt? Nein … wir haben uns jedenfalls verfehlt … Sie gehn mit Ihrem Mann zur Musik, hat er mir gesagt —? Ja, er schwärmt so viel dafür. Aber hören Sie, Fräulein Mizi, Sie haben ein reizendes Hüterl auf. Neu, was? Aber keine Spur. — Kennen Sie denn die Form nimmer? Vom vorigen Frühjahr; nur aufgeputzt ist er neu. Selber haben Sie sich ihn neu aufgeputzt? Na, freilich. So geschickt! Natürlich — ich vergeß’ immer, daß Sie ein Jahr lang in einem Modistengeschäft waren. Ich werd’ wahrscheinlich wieder in eins gehn. Die Mutter will’s haben — da kann man nichts machen. Wie geht’s denn der Mutter? Na gut — ein bissel Zahnweh hat’s — aber der Doktor sagt, es ist nur rheumatisch. … Ja, jetzt ist es aber für mich die höchste Zeit .. Ich geh’ gleich mit Ihnen hinunter, Herr Weiring … Ich geh’ auch mit … Aber nehmen Sie sich doch den Ueberzieher, Herr Weiring, es wird später noch recht kühl. Glauben Sie? Freilich … Wie kann man denn so unvor- sichtig sein. Vorige. Christine. Da ist sie ja … Schon zurück vom Spaziergang? Ja. Grüß Dich Gott, Mizi. … Ich hab’ so Kopfweh … (Setzt sich). Wie? .. Das ist wahrscheinlich von der Luft … Geh’, was hast denn, Christin’! .. Bitt’ Sie, Fräulein Mizi, zünden S’ die Lampe an. (macht sich bereit). Aber das kann ich ja selber. Ich möcht’ Dein Gesicht sehn, Christin’! .. Aber Vater, es ist ja gar nichts, es ist gewiß von der Luft draußen. Manche Leut’ können grad’ das Frühjahr nicht vertragen. Nicht wahr, Fräulein Mizi, Sie bleiben noch bei der Christin’? Freilich bleib’ ich da … Aber es ist ja gar nichts, Vater. Meine Mutter macht nicht so viel Geschichten mit mir, wenn ich Kopfweh hab’ .. (zu Christine, die noch sitzt). Bist Du so müd’? .. (vom Sessel aufstehend). Ich steh’ schon wieder auf . (Lächelt). So — jetzt schaust Du schon wieder ganz anders aus. — (Zu Katharina). Ganz anders schaut sie aus, wenn sie lacht, was ..? Also Adieu, Christin’ … (küßt sie). Und daß das Kopferl nimmer weh thut, wenn ich nach Haus komm’! .. (Ist bei der Thür). (leise zu Christine). Habt’s Ihr Euch gezankt? … (Unwillige Bewegung Christinens). (bei der Thür). Frau Binder …! Adieu! .. (Weiring und Katharina ab). Mizi. Christine. Weißt, woher die Kopfweh kommen? Von dem süßen Wein gestern. Ich wunder’ mich so, daß ich gar nichts davon gespürt hab … Aber lustig ist’s gewesen, was ..? Christine (nickt). Sind sehr fesche Leut’, beide; — kann man gar nichts sagen, was? — Und schön eingerichtet ist der Fritz, wirklich prachtvoll! Beim Dori … (Unter- bricht sich). Ah nichts .. — Geh’, hast noch immer so starke Kopfschmerzen? Warum redst denn nichts? .. Was hast denn? .. Denk Dir, — er ist nicht gekommen. — Er hat Dich aufsitzen lassen? Das geschieht Dir recht! Ja, was heißt das? Was hab’ ich denn gethan? — Verwöhnen thust Du ihn, zu gut bist Du zu ihm. Da muß ja ein Mann arrogant werden. Aber Du weißt ja nicht, was Du sprichst. Ich weiß ganz gut, was ich red’. — Schon die ganze Zeit ärger’ ich mich über Dich. Er kommt zu spät zu den Rendezvous, er begleit’ Dich nicht nach Haus, er setzt sich zu fremden Leuten in die Log’ hinein, er laßt Dich einfach aufsitzen — das laßt Du Dir alles ruhig gefallen und schaust ihn noch dazu (sie parrodirend) mit so verliebten Augen an. — Geh’, sprich nicht so, stell’ Dich doch nicht schlechter, als Du bist. Du hast ja den Theodor auch gern. Gern — freilich hab’ ich ihn gern. Aber das erlebt der Dori nicht, und das erlebt überhaupt kein Mann mehr, daß ich mich um ihn kränken thät — das sind sie alle zusamm’ nicht werth, die Männer. Nie hab’ ich Dich so reden gehört, nie! — Ja, Tinerl — früher haben wir doch überhaupt nicht so mit einander gered’t. — Ich hab’ mich ja garnicht getraut. Was glaubst denn, was ich für einen Respekt vor Dir gehabt hab’! … Aber siehst, das hab’ ich mir immer gedacht: wenn’s einmal über Dich kommt, wird’s Dich ordentlich haben. Das erste Mal beutelt’s einen schon zu- zu ! — Aber dafür kannst Du auch froh sein, daß Du bei Deiner ersten Liebe gleich eine so gute Freundin zum Beistand hast. 7 Mizi! Glaubst mir’s nicht, daß ich Dir eine gute Freundin bin? Wenn ich nicht da bin und Dir sag’: Kind, er ist ein Mann wie die anderen und alle zusammen sind’s nicht eine böse Stund’ werth, so setzt Du Dir weiß Gott was für Sachen in den Kopf. Ich sag’s aber immer: Den Männern soll man überhaupt kein Wort glauben. Was redst Du denn — die Männer, die Männer — was gehn mich denn die Männer an! — Ich frag ja nicht nach den anderen. — In meinem ganzen Leben werd ich nach keinem andern fragen — — … Ja, was glaubst Du denn eigentlich … hat er Dir denn ..? freilich! — es ist schon alles vorgekommen; aber da hättest Du die Geschichte anders anfangen müssen … Schweig endlich! Na, was willst denn von mir? Ich kann ja nichts dafür, — das muß man sich früher überlegen. Da muß man halt warten, bis einer kommt, dem man die ernsten Absichten gleich am Gesicht an- kennt … Mizi, ich kann solche Worte heute nicht vertragen, sie thun mir weh. — (gutmüthig). Na, geh — Laß mich lieber … sei nicht bös … laß mich lieber allein! Warum soll ich denn bös sein? Ich geh’ schon. Ich hab Dich nicht kränken wollen, Christin’, wirklich … (Wie sie sich zum Gehen wendet). Ah, der Herr Fritz. Vorige. Fritz (ist eingetreten). Guten Abend! (aufjubelnd). Fritz, Fritz! (Ihm entgegen, in seine Arme). (schleicht sich hinaus, mit einer Miene, die ausdrückt: Da bin ich überflüssig). 7* (sich losmachend). Aber — Alle sagen, daß Du mich verlassen wirst! Nicht wahr, Du thust es nicht — jetzt noch nicht — jetzt noch nicht … Wer sagt denn das? … Was hast Du denn … (Sie streichelnd). Aber Schatz! … Ich hab’ mir eigentlich gedacht, daß Du recht erschrecken wirst, wenn ich plötzlich da herein komme. — Oh — daß Du nur da bist! Geh’, so beruhig’ Dich doch — hast Du lang auf mich gewartet? Warum bist Du denn nicht gekommen? Ich bin aufgehalten worden, hab’ mich verspätet. Jetzt bin ich im Garten gewesen, und hab’ Dich nicht gefunden — und hab’ wieder nach Haus gehen wollen. Aber plötzlich hat mich eine solche Sehn- sucht gepackt, ein solche Sehnsucht nach diesem lieben süßen Gesichtel … (glücklich). Is’ wahr? Und dann hab ich auch plötzlich eine so unbe- schreibliche Lust bekommen, zu sehen, wo Du eigentlich wohnst — ja im Ernst — ich hab das einmal sehen müssen — und da hab ich’s nicht aus- gehalten und bin da herauf … es ist Dir also nicht unangenehm? O Gott! Es hat mich niemand gesehn — und daß Dein Vater im Theater ist, hab ich ja gewußt. Was liegt mir an den Leuten! Also da —? (Sieht sich im Zimmer um). Das also ist Dein Zimmer? Sehr hübsch … Du siehst ja gar nichts. (Will den Schirm von der Lampe nehmen). Nein, laß nur, das blendet mich, Ist besser so … Also da? Das ist das Fenster, von dem Du mir erzählt hast, an dem Du immer arbeitest, was? — Und die schöne Aussicht! (Lächelnd). Ueber wieviel Dächer man da sieht … Und da drüben — ja, was ist denn das, das schwarze, das man da drüben sieht? Das ist der Kahlenberg! Richtig! Du hast’s eigentlich schöner als ich. Oh! Ich möchte gern so hoch wohnen, über alle Dächer sehn, ich finde das sehr schön. Und auch still muß es in der Gasse sein? Ach, bei Tag ist Lärm genug. Fährt denn da je ein Wagen vorbei? Selten, aber gleich im Haus drüben ist eine Schlosserei. Oh, das ist sehr unangenehm. (Er hat sich niedergesetzt). Das gewöhnt man! Man hört’s gar nicht mehr. (steht rasch wieder auf). Bin ich wirklich zum ersten Mal da —? Es kommt mir alles so bekannt vor! … Genau so hab’ ich mir’s eigentlich vorgestellt. (Wie er Miene macht, sich näher im Zimmer umzusehen.) Nein, anschaun darfst Du Dir da nichts. — Was sind denn das für Bilder? … Geh! … Ah, die möcht ich mir ansehn. (Er nimmt die Lampe und beleuchtet die Bilder). … Abschied — und Heimkehr. Richtig — Abschied und Heimkehr! Ich weiß schon, daß die Bilder nicht schön sind. — Beim Vater drin hängt eins, das ist viel besser. Was ist das für ein Bild? Das ist ein Mädel, die schaut zum Fenster hinaus, und draußen, weißt, ist der Winter — und das heißt „Verlassen“. — So … (stellt die Lampe hin). Ah, und da ist Deine Bibliothek (setzt sich neben die kleine Bücherstellage). Die schau’ Dir lieber nicht an — Warum denn? Ah! — Schiller … Hauff … Das Conversationslexicon … Donnerwetter! — Geht nur bis G … (lächelnd). Ach so … Das Buch für Alle … Da schaust Du Dir die Bilder drin an, was? Natürlich hab ich mir die Bilder angeschaut. (noch sitzend). — Wer ist denn der Herr da auf dem Ofen? (belehrend). Das ist doch der Schubert. (aufstehend). Richtig — Weil ihn der Vater so gern hat. Der Vater hat früher auch einmal Lieder componirt, sehr schöne. Jetzt nimmer? Jetzt nimmer. (Pause). (setzt sich). So gemüthlich ist es da! — Gefällt’s Dir wirklich? Sehr … Was ist denn das? (Nimmt eine Vase mit Kunstblumen, die auf dem Tisch steht). Er hat schon wieder was gefunden! … Nein, Kind, das gehört nicht da herein … das sieht verstaubt aus. Die sind aber gewiß nicht verstaubt. Künstliche Blumen sehen immer verstaubt aus .. In Deinem Zimmer müssen wirkliche Blumen stehn, die duften und frisch sind. Von jetzt an werde ich Dir … (Unterbricht sich; wendet sich ab, um seine Be- wegung zu verbergen). Was denn? … Was wolltest Du denn sagen? Nichts, nichts … (steht auf, zärtlich). Was? — Daß ich Dir morgen frische Blumen schicken werde, hab’ ich sagen wollen … Na, und reut’s Dich schon? — Natürlich! Morgen denkst Du ja nicht mehr an mich. (abwehrende Bewegung). Gewiß! Wenn Du mich nicht siehst, denkst Du nicht an mich. Aber was redst Du denn? Oh ja, ich weiß es. Ich spür’s ja. Wie kannst Du Dir denn das nur einbilden Du selbst bist Schuld daran. Weil Du immer Geheimnisse vor mir hast! … Weil Du mir gar nichts von Dir erzählst. — Was thust Du so den ganzen Tag? Aber Schatz, das ist ja sehr einfach. Ich geh’ in Vorlesungen — zuweilen — dann geh’ ich in’s Kaffehaus … dann les’ ich … zuweilen spiel’ ich auch Klavier — dann plauder’ ich mit dem oder jenem — dann mach’ ich Besuche … das ist doch alles ganz belanglos. Es ist ja langweilig davon zu reden. — Jetzt muß ich übrigens gehn, Kind … Jetzt schon — Dein Vater wird ja bald da sein. Noch lang nicht, Fritz. — Bleib’ noch — eine Minute — bleib’ noch — Und dann hab’ ich … der Theodor erwartet mich … Ich hab mit ihm noch was zu sprechen. Heut? Gewiß heut. Wirst ihn morgen auch sehn! Ich bin morgen vielleicht garnicht in Wien! Nicht in Wien? — (ihre Aengstlichkeit bemerkend, ruhig — heiter). Nun ja, das kommt ja vor? Ich fahr übern Tag weg — oder auch über zwei, Du Kind. — Wohin? Wohin! … Irgendwohin — Ach Gott, so mach doch kein solches Gesicht … Auf’s Gut fahr’ ich zu meinen Eltern … na, … ist das auch un- heimlich? Auch von denen, schau, erzählst Du mir nie! Nein, was Du für ein Kind bist … Du ver- stehst gar nicht, wie schön das ist, daß wir so voll- kommen mit uns allein sind. Sag, spürst Du denn das nicht? Nein, es ist gar nicht schön, daß Du mir nie was von Dir erzählst … Schau, mich interessirt ja alles, was Dich angeht, ach ja … alles, — ich möcht mehr von Dir haben als die eine Stunde am Abend, die wir manchmal beisammen sind. Dann bist Du ja wieder fort, und ich weiß gar nichts … Da geht dann die ganze Nacht vorüber und ein ganzer Tag mit den vielen Stunden — und nichts weiß ich. Darüber bin ich oft so traurig. Warum bist Du denn da traurig? Ja, weil ich dann so eine Sehnsucht nach Dir hab’, als wenn Du gar nicht in derselben Stadt, als wenn Du ganz wo anders wärst! Wie ver- schwunden bist Du da für mich, so weit weg … (etwas ungeduldig). Aber … Na schau’, es ist ja wahr! … Komm’ daher, zu mir (sie ist bei ihm). Du weißt ja doch nur eins, wie ich — daß Du mich in diesem Augenblicke liebst … (Wie sie reden will). Sprich nicht von Ewigkeit. (Mehr für sich). Es giebt ja vielleicht Augenblicke, die einen Duft von Ewigkeit um sich sprühen. — … Das ist die einzige, die wir verstehen können, die einzige, die uns gehört … (Er küßt sie. — Pause. — Er steht auf. — Ausbrechend). Oh, wie schön ist es bei Dir, wie schön! … (Er steht beim Fenster). So weltfern ist man da, mitten unter den vielen Häusern … so einsam komm’ ich mir vor, so mit Dir allein … (leise) so geborgen … Wenn Du immer so sprächst … da könnt’ ich fast glauben … Was denn, Kind? Daß Du mich so lieb hast, wie ich’s mir geträumt hab’ — an den Tag, wo Du mir den ersten Kuß gegeben hast … erinnerst Du Dich daran? — (leidenschaftlich). Ich hab ’ Dich lieb! — (Er umarmt sie; reißt sich los). Aber jetzt laß mich fort — Reut’s Dich denn schon wieder, daß Du mir’s gesagt hast? Du bist ja frei, Du bist ja frei — Du kannst mich ja sitzen lassen, wann Du willst, … Du hast mir nichts versprochen — und ich hab nichts von Dir verlangt … Was dann aus mir wird — es ist ja ganz einerlei — ich bin doch einmal glücklich gewesen, mehr will ich ja vom Leben nicht. Ich möchte nur, daß Du das weißt, und mir glaubst: daß ich keinen lieb gehabt vor Dir, und daß ich keinen lieb haben werde — wenn Du mich einmal nimmer willst — (mehr für sich). Sag’s nicht, sag’s nicht — es klingt … zu schön … (Es klopft). (schrickt zusammen). Es wird Theodor sein … (betroffen). Er weiß, daß Du bei mir bist —? Christine. Fritz. Theodor (tritt ein). Guten Abend. — Unverschämt, was? Haben Sie so wichtige Dinge mit ihm zu be- sprechen? — Gewiß — und hab’ ihn schon überall gesucht. (leise). Warum hast Du nicht unten gewartet? Was flüsterst Du ihm zu? (absichtlich laut). Warum ich nicht unten gewartet habe? … Ja, wenn ich bestimmt gewußt hätte, daß Du da bist … Aber da ich das nicht habe riskiren können, unten zwei Stunden auf und ab zu spazieren … (mit Beziehung). Also … Du fährst morgen mit mir ? (verstehend). Stimmt! … Das ist gescheidt … Ich bin aber so gerannt, daß ich um die Er- laubniß bitten muß, mich auf zehn Sekunden nieder- zusetzen. Bitte sehr — (macht sich beim Fenster zu schaffen). (leise.) Giebt’s was Neues? — Hast Du etwas über sie erfahren? (leise zu Fritz). Nein. Ich hol’ Dich nur da herunter, weil Du leichtsinnig bist. Wozu noch diese über- flüssigen Aufregungen? Schlafen sollst Du dich legen … Ruhe brauchst Du! … (Christine wieder bei ihnen). Sag’, findest Du das Zimmer nicht wunderlieb? Ja, es ist sehr nett … (Zu Christine). Stecken Sie den ganzen Tag da zu Haus? — Es ist übrigens wirklich sehr wohnlich. Ein Bischen hoch für meinen Geschmack. 8 Das find’ ich grad’ so hübsch. Aber jetzt entführ’ ich Ihnen den Fritz, wir müssen morgen früh aufstehn. Also Du fährst wirklich weg? Er kommt wieder, Fräulein Christin’! Wirst Du mir schreiben? Aber wenn er morgen wieder zurück ist — Ach, ich weiß, er fährt auf länger fort … (zuckt zusammen). (der es bemerkt). Muß man denn da gleich schreiben? Ich hätte Sie gar nicht für so sentimental ge- halten … Dich will ich sagen — wir sind ja per Du … Also … gebt Euch nur den Ab- schiedskuß, da Ihr auf so lang … (unterbricht sich) Na, ich bin nicht da. (Fritz und Christine küssen einander.) (nimmt eine Cigarettentasche hervor und steckt eine Cigarette in den Mund, sucht in seiner Ueberziehertasche nach einem Streichholz. Wie er keines findet.) Sagen Sie, liebe Christine, haben Sie kein Zündholz? O ja, da sind welche! (Auf ein Feuerzeug auf der Kommode deutend). Da ist keins mehr. — Ich bring Ihnen eins. (Läuft rasch in’s Neben- zimmer). (ihr nachsehend; zu Theodor). O Gott, wie lügen solche Stunden! Na, was für Stunden denn! Jetzt bin ich nahe dran zu glauben, daß hier mein Glück wäre, daß dieses süße Mädel — (er unter- bricht sich) aber diese Stunde ist eine große Lügne- rin … 8* Abgeschmacktes Zeug … Wie wirst Du da- rüber lachen. — Dazu werd’ ich wohl keine Zeit mehr haben. (kommt zurück mit Zündhölzchen). Hier haben Sie! Danke sehr … Also adieu. — (Zu Fritz). Na, was willst Du denn noch? — (sieht im Zimmer hin und her, als wollte er noch einmal alles in sich aufnehmen). Da kann man sich kaum trennen. Geh, mach Dich nur lustig. (stark). Komm’. — Adieu, Christine. Leb wohl … Auf Wiedersehn! — (Theodor und Fritz gehn). (bleibt beklommen stehn, dann geht sie bis zur Thür, die offen steht; halblaut). Fritz! … (kommt noch einmal zurück und drückt sie an sein Herz). Leb wohl! … Vorhang. Dritter Akt. Dasselbe Zimmer wie im vorigen. Es ist um die Mittag- stunde. Christine allein. Sie sitzt am Fenster; — näht; legt die Arbeit wieder hin. — Lina, die neunjährige Tochter Katharinens, tritt ein. Guten Tag, Fräul’n Christin! (sehr zerstreut). Grüß Dich Gott, mein Kind, was willst denn? Die Mutter schickt mich, ob ich die Karten für’s Theater gleich mitnehmen darf. — Der Vater ist noch nicht zu Haus, Kind; willst warten? Nein, Fräul’n Christin’, da komm’ ich nach dem Essen wieder her. Schön. — (schon gehend, wendet sich wieder um.) Und die Mutter laßt das Fraulein Christin’ schön grüßen, und ob’s noch Kopfweh hat? Nein, mein Kind — Adien, Fräul’n Christin’! Adieu! — Wie Lina hinausgeht, ist Mizi an der Thür. Guten Tag, Fräul’n Mizi. Servus, kleiner Fratz! (ab). Christine. Mizi. (steht auf, wie Mizi kommt, ihr entgegen). Also sind sie zurück? Woher soll ich denn das wissen? Und Du hast keinen Brief, nichts —? Nein. Auch Du hast keinen Brief? Was sollen wir uns denn schreiben? … Seit vorgestern sind sie fort! Na ja, das ist ja nicht so lang! Deswegen muß man ja nicht solche Geschichten machen. Ich versteh’ Dich gar nicht … Wie Du nur aussiehst. Du bist ja ganz verweint. Dein Vater muß Dir ja was anmerken, wenn er nach Haus kommt. (einfach). Mein Vater weiß alles. — (fast erschrocken). Was? — Ich hab’ es ihm gesagt. Das ist wieder einmal gescheidt gewesen. Aber natürlich, Dir sieht man ja auch gleich alles am Ge- sicht an. — Weiß er am End’ auch, wer’s ist? Ja. Und hat er sehr geschimpft? (schüttelt den Kopf) Also was hat er denn gesagt? — Nichts … Er ist ganz still weggegangen, wie gewöhnlich. — Und doch war’s dumm, daß Du was erzählt hast. Wirst schon seh’n … Weißt, warum Dein Vater nichts drüber geredet hat —? Weil er sich denkt, daß der Fritz Dich heirathen wird. Warum sprichst Du denn davon! — Weißt Du, was ich glaub’? Was denn? Daß die ganze Geschicht’ mit der Reise ein Schwindel ist. Was? Sie sind vielleicht gar nicht fort. Sie sind fort — ich weiß es. — Gestern Abend bin ich an seinem Haus vorbei, die Jalousieen sind heruntergelassen; er ist nicht da. — Das glaub’ ich schon. Weg werden sie ja sein. — Aber zurückkommen werden sie halt nicht — zu uns wenigstens nicht. — (angstvoll). Du — Na, es ist doch möglich! — Das sagst Du so ruhig — Na ja, — ob heut oder morgen — oder in einem halben Jahr, das kommt doch schon auf eins heraus. Du weißt ja nicht, was Du sprichst .... Du kennst den Fritz nicht — er ist ja nicht so, wie Du Dir denkst, — neulich hab’ ich’s ja gesehn, wie er hier war, in dem Zimmer. Er stellt sich nur manch- mal gleichgiltig — aber er hat mich lieb … (als würde sie Mizi’s Antwort errathen). — ja, ja — nicht für immer, ich weiß ja — aber auf einmal hört ja das nicht auf —! Ich kenn’ ja den Fritz nicht so genau. Er kommt zurück, der Theodor kommt auch zurück, gewiß! (Geste, die ausdrückt: ist mir ziemlich gleichgiltig). Mizi … Thu’ mir was zu lieb’. Sei doch nicht gar so aufgeregt — also was willst denn? Geh’ Du zum Theodor, es ist ja ganz nah’, schaust halt vorüber .... Du fragst bei ihm im Haus, ob er schon da ist, und wenn er nicht da ist, wird man im Haus vielleicht wissen, wann er kommt. Ich werd’ doch einem Mann nicht nachlaufen. Er braucht’s ja gar nicht zu erfahren. Vielleicht triffst ihn zufällig. Jetzt ist bald ein Uhr; — jetzt geht er grad zum Speisen — Warum gehst denn Du nicht, Dich im Haus vom Fritz erkundigen? Ich trau’ mich nicht — Er kann das so nicht leiden .... Und er ist ja sicher noch nicht da. Aber der Theodor ist vielleicht schon da und weiß, wann der Fritz kommt. Ich bitt’ Dich, Mizi! Du bist manchmal so kindisch — Thu’s mir zu lieb! Geh hin! Es ist ja doch nichts dabei. — Na, wenn Dir so viel daran liegt, so geh’ ich ja hin. Aber nützen wird’s nicht viel. Sie sind sicher noch nicht da. Und Du kommst gleich zurück . . . . ja? … Na ja, soll die Mutter halt mit dem Essen ein bissel warten. Ich dank’ Dir, Mizi, Du bist so gut . . . . Freilich bin ich gut; — jetzt sei aber Du ver- nünftig … ja? . . . . also grüß Dich Gott — Ich dank’ Dir! — (geht). Christine. (Später) Weiring. (allein. Sie macht Ordnung im Zimmer. Sie legt das Nähzeug zusammen u. s. w. Dann geht sie zum Fenster und sieht hinaus. Nach einer Minute kommt Weiring herein, den sie anfangs nicht sieht. Er ist in tiefer Er- regung, betrachtet angstvoll seine Tochter, die am Fenster steht.) Sie weiß noch nichts, sie weiß noch nichts … (Er bleibt an der Thüre stehn und wagt keinen Schritt weiter zu machen). (wendet sich um, bemerkt ihn, fährt zusammen). (versucht zu lächeln. Er tritt weiter in’s Zimmer herein). Na, Christin’ . . . . (Als riefe er sie zu sich.) (auf ihn zu, als wollte sie vor ihm niedersinken). (läßt es nicht zu). Also . . . . was glaubst Du, Christin’? Wir (mit einem Entschluß) wir werden’s halt vergessen was? — (erhebt den Kopf). Na ja . . . . ich — und Du! Vater, hast Du mich denn heut früh nicht ver- standen? … Ja, was willst denn, Christin’? . . . . Ich muß Dir doch sagen, was ich drüber denk! Nicht wahr? Na also . . . . Vater, was soll das bedeuten? Komm’ her, mein Kind . . . . hör’ mir ruhig zu. Schau, ich hab’ Dir ja auch ruhig zugehört, wie Du mir’s erzählt hast. — Wir müssen ja — Ich bitt Dich — sprich nicht so zu mir, Vater . . wenn Du jetzt drüber nachgedacht hast und einsiehst, daß Du mir nicht verzeihen kannst, so jag’ mich davon — aber sprich nicht so . . . . Hör’ mich nur ruhig an, Christin’! Du kannst ja dann noch immer thun, was Du willst . . . . Schau, Du bist ja so jung, Christin’. — Hast denn noch nicht gedacht . . . . (sehr zögernd) daß das Ganze ein Irrthum sein könnt’. — Warum sagst Du mir das, Vater? — Ich weiß ja, was ich gethan hab — und ich verlang ja auch nichts — von Dir und von keinem Menschen auf der Welt, wenn’s ein Irrthum gewesen ist … Ich hab Dir ja gesagt — jag’ mich davon, aber … (sie unterbrechend). Wie kannst denn so reden … Wenn’s auch ein Irrthum war, ist denn da gleich eine Ursach’ zum verzweifelt sein für so ein junges Geschöpf, wie Du eins bist? — Denk’ doch nur, wie schön, wie wunderschön das Leben ist. Denk’ nur, an wie vielen Dingen man sich freuen kann, wie viel Jugend, wie viel Glück noch vor Dir liegt … Schau, ich hab doch nicht mehr viel von der ganzen Welt, und sogar für mich ist das Leben noch schön — und auf so viel Sachen kann ich mich noch freuen. Wie Du und ich zusammen sein werden — wie wir uns das Leben einrichten wollen — Du und ich … wie Du wieder — jetzt, wenn die schöne Zeit kommt, anfangen wirst zu singen, und wie wir dann, wenn die Ferien da sind, auf’s Land hinausgehn werden in’s Grüne, gleich auf den ganzen Tag — ja — oh, so viel schöne Sachen giebt’s … so viel. — Es ist ja unsinnig, gleich Alles aufzugeben, weil man sein erstes Glück hingeben muß oder irgend was, das man dafür gehalten hat — (angstvoll). Warum … muß ich’s denn hingeben …? War’s denn eins? Glaubst denn wirklich, Christin’, daß Du’s Deinem Vater erst heut hast sagen müssen? Ich hab’s längst gewußt! — und auch daß Du mir’s sagen wirst, hab’ ich gewußt. Nein, nie war’s ein Glück für Dich! … Kenn ich denn die Augen nicht? Da wären nicht so oft Thränen drin gewesen, und die Wangen da wären nicht so blaß geworden, wenn Du einen lieb gehabt hättest, der’s verdient. Wie kannst Du das … Was weißt Du … Was hast Du erfahren? Nichts, gar nichts … aber Du hast mir ja selbst erzählt, was er ist … So ein junger Mensch, — was weiß denn der? — Hat denn der nur eine Ahnung von dem, was ihm so in den Schoß fällt — weiß denn der den Unterschied von echt und unecht — und von Deiner ganzen unsinnigen Lieb’ — hat er denn von der was verstanden? (immer angstvoller). Du hast ihn … — Du warst bei ihm? Aber was fallt Dir denn ein! Er ist ja wegge- fahren, nicht? Aber Christin’, ich hab’ doch noch meinen Verstand, ich hab’ ja meine Augen im Kopf! Schau, Kind, vergiß drauf! vergiß drauf! Deine Zukunft liegt ja ganz wo anders! Du kannst, Du wirst noch so glücklich werden, als Du verdienst. Du wirst auch 9 einmal einen Menschen finden, der weiß, was er an Dir hat — (ist zur Commode geeilt ihren Hut zu nehmen.) (Sehr rasch). Was willst Du denn? — Laß mich, ich will fort … Wohin willst Du? Zu ihm … zu ihm … Aber was fällt Dir denn ein … Du verschweigst mir irgend was — laß mich hin — (sie fest zurückhaltend.) So komm’ doch zur Besinnung, Kind. Er ist ja gar nicht da … Er ist ja viel- leicht auf sehr lange fortgereist … Bleib doch bei mir, was willst Du dort … Morgen oder am Abend schon geh’ ich mit Dir hin. So kannst Du ja nicht auf die Straße … weißt Du denn, wie Du ausschaust … Du willst — mit mir hingehn —? Ich versprech’ Dir’s. — Nur jetzt bleib schön da, setz’ Dich nieder, und komm’ wieder zu Dir. Man muß ja beinah’ lachen, wenn man Dich so anschaut, . . für nichts und wieder nichts. — Hältst Du’s denn bei Deinem Vater gar nimmer aus? Was weißt Du? (immer rathloser). Was soll ich denn wissen … ich weiß, daß ich Dich lieb hab’, daß Du mein einziges Kind bist, daß Du bei mir bleiben sollst, — daß Du immer bei mir hättest bleiben sollen. — Genug — — — laß mich — (Sie reißt sich von ihm los, macht die Thür auf, in der Mizi erscheint). Weiring. Christine. Mizi. (Dann) Theodor. (schreit leise auf, wie Christine ihr entgegenstürzt). Was erschreckst mich denn so … 9* (weicht zurück, wie sie Theodor sieht). (in der Thür stehen bleibend, er ist schwarz gekleidet). Was … was ist denn … (Sie erhält keine Antwort; sie sieht Theodor in’s Gesicht, der ihren Blick vermeiden will.) Wo ist er, wo ist er? … (In höchster Angst — sie erhält keine Antwort, sieht die verlegenen und traurigen Gesichter.) Wo ist er? (Zu Theodor.) So sprechen Sie doch! (versucht zu reden.) (sieht ihn groß an, sieht um sich, begreift den Ausdruck der Mienen und stößt, nachdem in ihrem Gesicht sich das allmälige Verstehen der Wahrheit kundgegeben, einen furcht- baren Schrei aus) … Theodor! … Er ist … (nickt). (sie greift sich an die Stirn, sie begreift es nicht, sie geht auf Theodor zu, nimmt ihn beim Arm — wie wahn- sinnig). … Er ist … todt …? … (als frage sie sich selbst.) Mein Kind — (wehrt ihn ab). So sprechen Sie doch, Theodor! Sie wissen alles. Ich weiß nichts … Ich weiß nicht, was ge- schehen ist … glauben Sie … ich kann jetzt nicht alles hören … Wie ist das gekommen … Vater … Theodor … (zu Mizi) Du weißt’s auch … Ein unglücklicher Zufall. — Was, was? Er ist gefallen. Was heißt das: Er ist … Er ist im Duell gefallen. (Aufschrei). Ah! … (Sie droht umzusinken, Weiring hält sie auf, giebt dem Theodor ein Zeichen, er möge jetzt gehen.) (merkt es, faßt Theodor). Bleiben Sie … Alles muß ich wissen. Meinen Sie, Sie dürfen mir jetzt noch etwas verschweigen … Was wollen Sie weiter wissen? … Warum — warum hat er sich duellirt? Ich kenne den Grund nicht. Mit wem, mit wem —? Wer ihn umgebracht hat, das werden Sie ja doch wohl wissen … Nun, nun —. Niemand, den Sie kennen … Wer, wer? Christin’! Wer? Sag Du mir’s (zu Mizi). … Du, Vater … (keine Antwort.) … (Sie will fort. Weiring hält sie zurück.) Ich werde doch erfahren dürfen, wer ihn umgebracht hat, und wofür —! Es war … ein nichtiger Grund … Sie sagen nicht die Wahrheit … Warum, warum … Liebe Christine … (als wollte sie unterbrechen, geht sie auf ihn zu — spricht anfangs nicht, sieht ihn an und schreit dann plötzlich). Wegen einer Frau? Nein — Ja — für eine Frau … (zu Mizi gewendet) für diese Frau — Für diese Frau, die er geliebt hat — Und ihr Mann — ja, ja, ihr Mann hat ihn umgebracht … Und ich … was bin denn ich? was bin denn ich ihm gewesen …? Theodor . . haben Sie denn gar nichts für mich … hat er nichts niedergeschrieben …? Hat er Ihnen kein Wort für mich gesagt … haben Sie nichts ge- funden … einen Brief … einen Zettel — (schüttelt den Kopf). Und an dem Abend … wo er da war, wo Sie ihn da abgeholt haben … da hat er’s schon gewußt, da hat er gewußt, das er mich vielleicht nie mehr … Und er ist von da weggegangen, um sich für eine andere umbringen zu lassen — Nein, nein — es ist ja nicht möglich … hat er denn nicht gewußt, was er für mich ist … hat er … Er hat es gewußt. — Am letzten Morgen, wie wir hinausgefahren sind … hat er auch von Ihnen gesprochen. Auch von mir hat er gesprochen! Auch von mir! Und von was denn noch? Von wie viel andern Leuten, von wie viel anderen Sachen, die ihm grad so viel gewesen sind wie ich? — Von mir auch! Oh Gott! . . Und von seinem Vater und von seiner Mutter und von seinen Freunden und von seinem Zimmer und vom Frühling und von der Stadt und von allem, von allem, was so mit dazu gehört hat zu seinem Leben und was er grad so hat verlassen müssen wie mich; . . von allem hat er mit Ihnen gesprochen … und auch von mir. . . . (bewegt). Er hat Sie gewiß lieb gehabt. Lieb! — Er? — Ich bin ihm nichts gewesen als ein Zeitvertreib — und für eine andere ist er gestorben —! Und ich — hab’ ihn angebetet! — Hat er denn das nicht gewußt? . . Daß ich ihm alles gegeben hab, was ich ihm hab’ geben können, daß ich für ihn gestorben wär’ — daß er mein Herrgott gewesen ist und meine Seligkeit — hat er das garnicht bemerkt? Er hat von mir fortgehn können, mit einem Lächeln, fortgehn aus dem Zimmer und sich für eine andere niederschießen lassen… Vater, Vater, — verstehst Du das? Christin’! (Bei ihr). (zu Mizi). Schau Kind, das hättest Du mir ersparen können … (sieht ihn bös an). Ich hab genug Aufregungen gehabt … diese letzten Tage … (mit plötzlichem Entschluß). Theodor, führen Sie mich hin … ich will ihn sehn — noch einmal will ich ihn sehn — das Gesicht — Theodor führen Sie mich hin. (wehrt ab, zögernd). Nein … Warum denn nein? — Das können Sie mir doch nicht verweigern? — Seh’n werd’ ich ihn doch noch einmal dürfen —? Es ist zu spät. Zu spät? — Seine Leiche zu sehn … ist es zu spät? Ja … ja — (sie begreift nicht). Heut früh hat man ihn begraben. (mit dem höchsten Ausdrucke des Entsetzens). Begraben… Und ich hab’s nicht gewußt? Erschossen haben sie ihn … und in den Sarg haben sie ihn gelegt und hinausgetragen haben sie ihn und in die Erde haben sie ihn eingegraben — und ich hab ihn nicht noch einmal sehen dürfen? — Zwei Tage lang ist er todt — und Sie sind nicht gekommen und haben mir’s gesagt —? (sehr bewegt). Ich hab’ in diesen zwei Tagen … Sie können nicht ahnen, was alles in diesen zwei Tagen … Bedenken Sie, daß ich auch die Ver- pflichtung hatte, seine Eltern zu benachrichtigen — ich mußte an sehr viel denken — und dazu noch meine Gemüthsstimmung … Ihre … Auch hat das … es hat in aller Stille statt- gefunden … Nur die allernächsten Verwandten und Freunde … Nur die nächsten —! Und ich —? … Was bin denn ich? … Das hätten die dort auch gefragt. Was bin denn ich —? Weniger als alle Andern —? Weniger als seine Verwandte, weniger als … Sie? Mein Kind, mein Kind. Zu mir komm’, zu mir … (Er umfängt sie. Zu Theodor). Gehen Sie … lassen Sie mich mit ihr allein! Ich bin sehr … (Mit Thränen in der Stimme). Ich hab das nicht geahnt … Was nicht geahnt? — Das ich ihn geliebt habe? — (Weiring zieht sie an sich; Theodor sieht vor sich hin. Mizi steht bei Christine). (sich von Weiring losmachend). Führen Sie mich zu seinem Grab … Nein, nein — Geh’ nicht hin, Christin’ — Christine … später … morgen … bis Sie ruhiger geworden sinn — Morgen? — Wenn ich ruhiger sein werde?! — Und in einem Monat ganz getröstet, wie? — Und in einem halben Jahr kann ich wieder lachen, was —? (Auflachend). Und wann kommt denn der nächste Liebhaber? . . Christin’ … Bleiben Sie nur … ich find’ den Weg auch allein … Geh’ nicht. Geh’ nicht. Es ist sogar besser … wenn ich … Laßt mich, laßt mich. Christin, bleib … Geh’ nicht hin! — Vielleicht findest Du grad die Andere dort — beten. (vor sich hin, starren Blickes). Ich will dort nicht beten .. nein … (Sie stürzt ab … die Anderen anfangs sprachlos.) Eilen Sie ihr nach. (Theodor und Mizi ihr nach.) Ich kann nicht, ich kann nicht … (Er geht mühsam von der Thür bis zum Fenster). Was will sie … was will sie … (Er sieht durchs Fenster ins leere). Sie kommt nicht wieder — sie kommt nicht wieder! — (Er sinkt laut schluchzend zu Boden.) ( Vorhang.) Ende. Druck von Max Schmersow vorm. Zahn \& Baendel, Kirchhain N.-L.