Ueber den Umgang mit Menschen. Von A. Freyherrn von Knigge. Zweyter Theil. Mit Churfuͤrstl. Saͤchsischem Privilegio. Hannover, in der Schmidtschen Buchhandlung. 1788. Zweyter Theil. Inhalt des zweyten Theils. Erstes Capittel. Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, mit Fuͤrsten, Vornehmen und Reichen. 1) Character der mehrsten Grosen und Reichen. 2) Unterschied im Umgange mit ih¬ nen, je nachdem man von ihnen abhaͤngt, Ih¬ rer bedarf, oder nicht. 3) Man soll sich den Vornehmern und Reichern auf keine Weise auf¬ dringen. 4) Man muß sich nicht das Ansehn geben, als gehoͤrte man zu der Classe der Vor¬ nehmern, oder lebte mit ihnen in der engsten Vertraulichkeit; noch ihre Gewohnheiten, oder gar ihre Fehler sich eigen machen. 5) Man baue nicht auf alle freundliche Blicke der Großen, und lasse sich dadurch nie bewegen, sich mit ihnen * 3 ge¬ gemein zu machen! 6) Grenzen der Gefaͤllig¬ keit gegen solche Großen, in deren Haͤnden unser buͤrgerliches Gluͤck ist. 7) Man soll sich von ihnen zu unedlen und gefaͤhrlichen Diensten nicht misbrauchen, sich in keine bedenkliche Haͤndel ziehn, noch gewisse Dinge vertrauen lassen. 8) Ueber die Dankbarkeit der Vornehmen und Rei¬ chen. Man soll ihnen nichts aufopfern, nichts schenken, nichts leyhen, von ihnen nichts borgen. 9) Trage nichts dazu bey, sie und die Ihrigen noch mehr zu verderben, weder durch Schmei¬ cheley, noch auf andre Art! 10) Ueberhaupt soll man bey ihnen vorsichtig im Reden seyn, und sich aller Medisance enthalten, uͤbrigens aber sie angenehm zu unterhalten suchen. 11) Vor¬ sichtigkeits-Regeln in Ansehung solcher Vertrau¬ lichkeit mit andern Menschen, woraus Fuͤrsten und Vornehme Verdacht schoͤpfen koͤnnen. 12) Rede mit den Großen der Erde nicht von Dei¬ nen haͤuslichen Umstaͤnden! Klage ihnen nicht Dein Leid! Vertraue ihnen nichts! Suche ih¬ nen zu zeigen, daß Du Ihrer nicht bedarfst! Mache Dich vielmehr ihnen nothwendig! 13) Aber huͤte Dich, sie Dein Uebergewicht fuͤhlen zu lassen, sie zu verdunkeln, besonders Deine Vorgesetzten! 14) Ueber kleine unschaͤdliche Ge¬ faͤlligkeiten gegen die Großen. 15) Betragen, wenn Vornehme und Reiche um Rath fragen. 16) Alle diese Vorsichtigkeits-Regeln werden doppelt wichtig im Umgange mit vornehmen Dummkoͤpfen. 17) Betragen, wenn man der Liebling eines Erden-Goͤtzen ist. 18) Auffuͤh¬ rung gegen einen gestuͤrzten Großen. 19) Nicht alle Großen der Erde haben die Fehler ihres Standes. Es giebt edle, gute Menschen unter ih¬ ihnen. 20) Noch etwas uͤber den Umgang der Großen und Reichen unter einander! Zweytes Capittel. Ueber den Umgang mit Geringern. 1) Der Leser wird zum Theil auf das ver¬ wiesen, was im achten Capittel des ersten Theils gesagt worden. 2) Man sey hoͤflich gegen Ge¬ ringere, auch dann, wenn man Ihrer nicht bedarf! Man ehre das Verdienst auch im niedern Stande, auch in Gegenwart der Großen, und aus reiner Absicht! 3) Aber diese Hoͤflichkeit sey weder uͤbertrieben, noch beleidigend, noch abgeschmackt! 4) Man huͤte sich vor grenzenloser Vertraulich¬ keit gegen Leute, die keine Erziehung haben! 5) Man soll sich im Wohlstande nicht raͤchen, wenn Leute von niederm Stande uns im Un¬ gluͤcke nicht geachtet, sondern unsern maͤchtigen Feinden gehuldigt haben. 6) Man soll sie nicht mit leeren Versprechungen, nicht mit falschen Hofnungen taͤuschen. 7) Man muß auch ab¬ schlagen koͤnnen. 8) Zu viel Aufklaͤrung taugt nicht fuͤr niedre Staͤnde. Drittes Capittel. Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen. 1) Hierher gehoͤren die Bemerkungen uͤber den Umgang mit Leuten, die in der so genann¬ ten großen Welt leben, uͤberhaupt. Bild der dort herrschenden Sitten. 2) Wer da kann, der bleibe * 4 bleibe fern von Hoͤfen und großen Cirkeln! Und das steht oͤfter in unsrer Gewalt, als man gemei¬ niglich glaubt. 3) Will oder muß man aber in der großen Welt auf immer oder auf einige Zeit leben, ohne den Ton derselben annehmen zu koͤn¬ nen; so giebt es doch Mittel, sich geachtet zu machen. Welche sind diese? 4) Lebt man end¬ lich immer in der großen Welt; so soll man sich in derselben nicht auszeichnen. 5) Wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehn duͤrfe? 6) Etwas uͤber den heutigen Hofton junger Leute. 7) Verachte nicht alles, was blos conventionel¬ len Werth hat! 8) Der bessere Mann wird in der großen Welt nicht leicht unangetastet bleiben. Betragen dabey. 9) Sey in der großen Welt zuversichtlich, frey, und mache Dich gelten, doch ohne Unverschaͤmtheit und Prahlerey! 10) Man messe sein Betragen gegen Hofleute puͤnctlich nach dem ihrigen gegen uns ab! Ueber Klatschereyen. 11) Man sey hoͤflich gegen sie, mache sich aber fuͤrchten, setze sich in Ansehn und Wuͤrde, und sage ihnen nach Gelegenheit die Wahrheit! 12) Noch einige Vorsichtigkeits-Regeln uͤber Ver¬ traulichkeit und Offenherzigkeit. 13) Wie viel groͤßere Vorsicht noch Derjenige beobachten muͤsse, welcher nicht blos in der großen Welt le¬ ben, sondern auch in derselben wuͤrksam seyn will. 14) Wozu das Leben in der großen Welt nuͤtzen koͤnne. Viertes Capittel. Ueber den Umgang mit Gelehrten und Kuͤnstlern. 1) 1) Was man heut zu Tage unter einem Gelehrten und Kuͤnstler versteht. 2) Ob man den Gelehrten nach seinen Schriften beurtheilen koͤnne, und ob ein Schriftsteller auch im Um¬ gange immer anders reden muͤsse, als gewoͤhn¬ liche Menschen? Es ist sehr zu verzeyhn, wenn ein Mann gern von seinem Fache redet. 3) Ei¬ nige Vorsichts-Regeln im Umgange mit Schrift¬ stellern. 4) Ueber den Umgang der Gelehrten unter einander. 5) Man soll nicht prahlen mit der Freundschaft der Gelehrten, noch mit den Brocken aus ihren Schriften. 6) Vorsicht im Umgange mit Journalisten und Anecdoten- Sammlern. 7) Ueber den Umgang mit Dich¬ tern, Musikern, Dilettanten, und wie sich ein Kuͤnstler betragen solle, der heut zu Tage sein Gluͤck machen will. 8) Etwas uͤber das Schau¬ spieler-Leben. Warnung fuͤr den Juͤngling, der sein Leben den gefaͤlligen Musen und dem Um¬ gange mit ihren Priestern widmet. 9) Wie man sich zu betragen habe, wenn man die Di¬ rection uͤber Tonkuͤnstler und Schauspieler fuͤhrt. 10) Man soll den jungen Kuͤnstler nicht durch Schmeicheley verderben. 11) Gluͤck im Um¬ gange mit dem aͤchten philosophischen Kuͤnstler, beschrieben. Fuͤnftes Capittel. Ueber den Umgang mit Geistlichen. 1) Bild eines redlichen Priesters, im Ge¬ gensatze mit einem aͤchten Pfaffen. 2) Vor¬ sichtigkeits-Regeln im Umgange mit Geist¬ li¬ * 5 lichen, ohne Unterschied, 3) Betragen in Praͤ¬ laturen, Kloͤstern, Stiftern und gegen Domherrn. Sechstes Capittel. Ueber den Umgang mit Leuten von allerley Staͤnden, im buͤrgerlichen Leben. 1) Etwas von Aerzten; welche man waͤh¬ len, und wie man sich gegen sie betragen solle? 2) Ueber Juristen, und der Art mit ihnen zu verfahren. 3) Ueber den Soldaten-Stand und den Umgang mit Officiers. 4) Ueber Kauf¬ mannschaft, den Umgang und den Handel mit großen und kleinen Kaufleuten. 5) Etwas uͤber Buchhaͤndler, Nachdrucker und dergleichen. 6) Ueber Sprachmeister, Musicmeister und derglei¬ chen. 7) Von dem Umgange mit Kuͤnstlern und Handwerksleuten. 8) Ueber Juden und die Art mit ihnen zu verfahren. 9) Ueber die Art, wie man Bauern und uͤberhaupt Land¬ leute behandeln muͤsse. Siebentes Capittel. Ueber den Umgang mit Leuten von allerley Lebensart und Gewerbe. 1) Mit Aventuriers von der unschaͤdlichern Art. 2) Mit denen von schlimmerer Gattung. 3) Etwas von Spielern; uͤber das Spiel und von dem Betragen bey demselben. 4) Ueber mystische Betruͤger, Geisterseher, Goldmacher und und dergleichen, und uͤber die Anhaͤnglichkeit unsers Zeitalters an Mystic. Achtes Capittel. Ueber geheime Verbin¬ dungen und den Umgang mit ihren Mitgliedern. 1) Ueber Unnuͤtzlichkeit und Schaͤdlichkeit geheimer Verbindungen. 2) Vorsichtigkeits-Re¬ geln, in Ruͤcksicht auf dieselben. 3) Betragen, wenn man ein Mitglied einer solchen Verbin¬ dung ist. Neuntes Capittel. Ueber das Betragen gegen Leute, in allerley besondern Verhaͤltnissen und Lagen. 1) Gegen Feinde. 2) Ueber den Umgang mit Leuten, die einander feind sind. 3) Ueber die Art, Kranke zu behandeln. 4) Ueber das Betragen gegen Arme, Leidende, Verlassene, Verirrte und Gefallene. Zehntes Capittel. Ueber den Umgang mit Leuten von verschiedenen Gemuͤths¬ arten, Temperamenten und Stim¬ mungen des Geistes und Herzens. 1) 1) Ueber die vier Haupt-Temperamente und deren Mischungen. 2) Ueber herrschsuͤch¬ tige Leute. 3) Ueber Ehrgeizige. 4) Eitle. 5) Hochmuͤthige, im Gegensatze von Stolzen. 6) Ueber sehr empfindliche Leute. 7) Ueber den Umgang mit Eigensinnigen. 8) Mit Zank¬ suͤchtigen, Staͤnkern, und Solchen, die Parado¬ xie lieben. 9) Mit Jaͤhzornigen. 10) Mit Rachgierigen. 11) Mit faulen und phlegmati¬ schen Leuten. 12) Mit mistrauischen, argwoͤh¬ nischen, muͤrrischen und verschlossenen Leuten. 13) Mit neidischen, haͤmischen, schadenfrohen, misguͤnstigen und eifersuͤchtigen. 14) Ueber den Geiz. 15) Ueber das Betragen gegen Undank¬ bare. 16) Gegen raͤnkevolle Leute und Luͤgner. 17) Gegen Windbeutel. 18) Gegen Unver¬ schaͤmte, Muͤssiggaͤnger, Schmarotzer, Schmeich¬ ler und zudringliche Leute. 19) Gegen Schur¬ ken. 20) Gegen zu bescheidene, zu furchtsame Menschen. 21) Gegen Unvorsichtige und Plau¬ derhafte, Vorwitzige und Neugierige, Zerstreuete und Vergessene. 22) Gegen Wunderliche und Sonderlinge. 23) Ueber den Umgang mit dummen, schwachen, uͤbertrieben gutherzigen, leichtglaͤubigen und solchen Menschen, die ge¬ wisse Liebhabereyen und Steckenpferde haben. 24) Mit muntern und satyrischen Leuten. 25) Mit Trunkenbolden, groben Wolluͤstlingen und andern lasterhaften Leuten. 26) Mit Enthu¬ siasten, Ueberspannten, Romanhaften, Kraft- Genies und excentrischen Leuten. 27) Etwas von Andaͤchtlern, Froͤmmlern, Heuchlern und aberglaͤubischen Leuten. 28) Von Deisten, Freygeistern und Religions-Spoͤttern. 29) Ue¬ ber die Art, wie man Schwermuͤthige, Tolle und und Rasende behandeln muͤsse. Geschichte zweyer Wahnsinnigen. Eilftes Capittel. Ueber das Betragen bey verschiedenen Vorfaͤllen im mensch¬ lichen Leben. 1) In eigenen und fremden Gefahren. 2) Auf Reisen. Einige Regeln, um bequem, angenehm, wohlfeil und nuͤtzlich zu reisen. 3) Ueber das Betragen in Gesellschaft betrunkener Leute. Zwoͤlftes Capittel. Ueber die Art mit Thieren umzugehn. 1) Ob dieser Gegenstand hierher gehoͤre? 2) Ueber Grausamkeit gegen Thiere. 3) Ue¬ ber abgeschmackte Empfindeley, in Ruͤcksicht auf Behandlung der Thiere. 4) Ueber das Ver¬ gnuͤgen an eingesperrten Thieren. 5) Ueber abgerichtete Thiere. 6) Ueber die Thorheit de¬ rer Leute, die mit Thieren, wie mit Menschen umgehen. Dreyzehntes Capittel. Ueber den Um¬ gang mit sich selbst. 1) Es ist nuͤtzlich und interessant, uͤber den Umgang mit andern Menschen, seine eigene Ge¬ sell¬ sellschaft nicht zu vernachlaͤssigen. 2) Es kom¬ men Augenblicke, wo wir uns selbst am noͤthig¬ sten sind. 3) Gehe eben so vorsichtig, fein, redlich und gerecht mit Dir selber um, als mit Andern! 4) Sorge fuͤr Deine Gesundheit, aber verzaͤrtele Dich nicht! 5) Respectire Dich selbst, und habe Zuversicht zu Dir selber! 6) Verzweifle nicht bey dem Bewusstseyn mangeln¬ der Vollkommenheiten, bey den Schwierigkei¬ ten, ein großer Mann zu werden! 7) Sey Dir ein angenehmer Gesellschafter! 8) Aber sey Dir auch kein Schmeichler, sondern ein aufrichtiger und gerechter Freund! Sey eben so strenge ge¬ gen Dich, als Du gegen Andre bist! 9) Wie man Abrechnung mit seiner Moralitaͤt hal¬ ten solle. Vierzehntes Capittel. Ueber das Ver¬ haͤltniß zwischen Schriftsteller und Leser. 1) Ueber den Schriftsteller-Beruf. Es kann auch einem verstaͤndigen Manne begegnen, etwas Mittelmaͤßiges drucken zu lassen, nie aber etwas, das der Moralitaͤt schadet, Unsinn ver¬ breitet, und einen Andern vorsetzlich kraͤnkt. 2) Was noch mehr dazu gehoͤre, um in der Welt als Schriftsteller sein Gluͤck zu machen. 3) Ue¬ ber das Betragen des Lesers gegen den Schrift¬ steller und uͤber Critic. Funf¬ Funfzehntes Capittel. Noch einige allge¬ meine Vorschriften fuͤr den Umgang mit Menschen. 1) Ueber den Schein der Vollkommenheit. 2) Ueber Selbststaͤndigkeit. 3) Man soll die Maͤngel Andrer nicht hervorziehn. 4) Schreibe nicht auf Deine Rechnung das, wovon Andern das Verdienst gebuͤhrt! 5) Ueber Ordnung und Puͤnktlichkeit. 6) Unterschied im Aeussern Be¬ tragen gegen Menschen von verschiedener Art. Sey immer der Nemliche im Umgange! 8) Rede nicht zu viel von Dir selber, noch von Deinen Werken! 9) Man soll sich nicht selbst wiedersprechen; 10) Sich nicht wiederholen; 11) Keine Zweydeutigkeit vorbringen; 12) Keine Gemeinspruͤche; 13) Keine unnuͤtze Fra¬ gen; 14) Man soll Wiederspruch ertragen koͤnnen. 15) Wo soll man nicht von ernsthaf¬ ten Geschaͤften reden? 16) Ueber kleine gesell¬ schaftliche Unschicklichkeiten. 17) Man soll keine Annecdoten nacherzaͤhlen; 18) Nicht in einem Hause wieder plaudern, was man in dem an¬ dern wahrgenommen, 19) Noch etwas uͤber Disputirgeist, u. s. f. 20) Betragen, wenn Andern unangenehme Dinge gesagt werden. 21) Mache niemand vergebliche Freude! 22) Bekuͤmmre Dich nicht um das, was Dich nicht angeht! 23) Waͤhle nicht zu Deinem Umgange den Haufen der Malcontenten! 24) Verflechte niemand in Deine Privat-Zwistigkeiten! 25) Sey vorsichtig in Briefen, u. s. f! 26) Wuͤn¬ schest Du etwas in der Welt; so musst Du dar¬ um um bitten. 27) Interessire Dich fuͤr andre Menschen! 28) Beurtheile die Menschen nach kleinen Zuͤgen! 29) Sey vorsichtig im Tadel! 30) Ueber die Art sich zu kleiden. Sechzehntes Capittel. Schluß. 1) Anrede an die Leser uͤber dies Buch. 2) Ueber den Nutzen desselben. 3) Anmerkun¬ gen uͤber den Satz: daß man aus den Menschen machen koͤnne, was man wolle. 4) Warum der Verfasser die Fehler mancher Classen von Leuten hat aufdecken muͤssen, und was er noch mehr haͤtte thun koͤnnen? Er¬ Erstes Capitel. Ueber den Umgang mit den Großen der Erde, Fuͤrsten, Vornehmen und Reichen. 1. I ch habe mich im ersten Theile auf die natuͤr¬ lichsten Verhaͤltnisse unter den Menschen einge¬ schraͤnkt, und Regeln fuͤr den Umgang unter Alten und Jungen, unter beyden Geschlechtern, Eltern und Kindern, Eheleuten, Geliebten, Freunden, Verwandten, Herrn und Dienern, Wirthen und Gaͤsten, Nachbarn, Wohlthaͤtern und Verpflichteten, Lehrern und Schuͤlern, Glaͤu¬ bigern und Schuldnern gegeben; Jetzt fuͤhrt mich die Ordnung der Gegenstaͤnde zu den Be¬ trachtungen uͤber den Umgang mit Personen von (Zweiter Th.) A ver¬ verschiedenen Staͤnden und buͤrgerlichen Ver¬ haͤltnissen, da ich dann, wie billig, mit den Großen der Erde den Anfang mache. Man wuͤrde ungerecht handeln, wenn man behaupten wollte, alle Fuͤrsten, alle sehr vorneh¬ men und alle sehr reichen Leute haͤtten die nem¬ lichen Fehler mit einander gemein, durch welche Viele von ihnen ungesellig, kalt, unfaͤhig zum aͤchten Freundschaftsbande und schwer zu behan¬ deln im Umgange werden; allein man versuͤn¬ digt sich wahrlich nicht, wenn man sagt, daß dies bey den Mehrsten von ihnen der Fall ist. Sie werden in der Erziehung verwahrlost, von Jugend auf durch Schmeicheley verderbt, durch Andre und sich selbst verzaͤrtelt. Da ihre Lage sie uͤber Mangel und Beduͤrfniß mancher Art hinaussetzt; da sie selten in Verlegenheit und Noth gerathen; so lernen sie nicht, wie noͤthig ein Mensch dem Andern, wie schwer, allein zu tragen, manches Ungemach in der Welt, wie suͤß, theilnehmende, mitleidende Seelen zu finden, und wie wichtig es ist, Andrer zu schonen, da¬ mit man einst zu ihnen seine Zuflucht nehmen koͤnne. Sie lernen sich selbst nicht kennen, weil man man sie, aus Furcht oder Hofnung, die wiedri¬ gen Eindruͤcke, welche ihre Fehler und Gebre¬ chen wuͤrken, nicht empfinden laͤsst. Sie sehen sich als Wesen besserer Art an, von der Natur beguͤnstigt, zu herrschen und zu regieren, die niedern Classen hingegen bestimmt, ihrem Egois¬ mus, ihrer Eitelkeit zu huldigen, ihre Launen zu ertragen, und ihren Phantasien zu schmei¬ cheln. Auf die Voraussetzung, daß die mehrsten Großen und Reichen groͤßtentheils diesem Bilde gleichen, muß man sein Betragen im Umgange mit ihnen gruͤnden. Um desto wohlthaͤtiger zwar ist die Empfindung, wenn man unter ihnen Einen antrifft, der mit einem gewissen edeln Stol¬ ze, mit mehr Feinheit, Großmuth und besserer Cul¬ tur — Vortheile, welche freylich eine zweck¬ maͤßige, vornehme Erziehung gewaͤhren kann! — alle Privat-Tugenden verbindet. — Und, noch einmal! es giebt Deren, selbst unter Fuͤrsten — aber sie sind duͤnne gesaͤet, und nicht immer macht der allgemeine Ruf sie uns bekannt. Auf diesen und auf die Posaunen der Zeitungsschrei¬ ber und Journalisten rathe ich, nicht zu sehr zu bauen. Ich habe oft mit inniger Betruͤbniß ge¬ sehn, wie so ganz anders der allgemein bewun¬ derte, A 2 derte, als Wohlthaͤter des Menschengeschlechts und Befoͤrderer alles Edeln, Großen und Schoͤ¬ nen gepriesene Erdengott und Liebling des Volks in der Naͤhe so klein, so erbaͤrmlich war. Die besten Fuͤrsten sind nicht selten die, von denen am wenigsten geredet wird, so¬ wohl im Guten als im Boͤsen. 2. Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden seyn, je nachdem man Ihrer bedarf, oder nicht, von ihnen abhaͤngig, oder frey ist. Im erstern Falle darf man wohl nicht immer so gaͤnzlich seinem Herzen folgen, muß zu Manchem schweigen, sich Manches ge¬ fallen lassen, darf nicht so kuͤhn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester, redlicher Mann diese Geschmeidigkeit dennoch nie bis zu niedriger Schmeicheley treiben wird. Indessen veraͤndern kleine Umstaͤnde, so wie die feinen Nuancen der Charactere, das Verhaͤltniß, weswegen ich denn in dem Folgenden alle Regeln fuͤr den Umgang mit den Großen zusammenfassen, und den Lesern uͤberlassen werde, zu ordnen und auszuwaͤhlen, was in jeder Lage anwendbar ist. 3. 3. Ein allgemeiner Satz fuͤr alle Faͤlle ist der: Dringe Dich den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet werden willst! Ueberlaufe sie nicht mit Bitten fuͤr Dich und Andre, wenn sie Deiner nicht uͤberdruͤßig werden, wenn sie Dich nicht fliehn sollen! Laß Dich vielmehr von ihnen aussuchen! Mache Dich rar; doch dies alles ohne daß Deine Ab¬ sicht merklich, ohne daß es gezwungen scheine! 4. Suche nicht, Dir das Ansehn zu geben, als gehoͤrtest Du zu der Classe der Vornehmern, oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster Ver¬ traulichkeit! Ruͤhme Dich nicht ihrer Freund¬ schaft, ihres Briefwechsels, ihres Zutrauens, noch Deines Uebergewichts uͤber sie! Wenn eine solche Verbindung ein Gluͤck ist — Ich meine, man kennt hieruͤber meine Grundsaͤtze — so er¬ freue man sich in der Stille dieses unbequemen Gluͤcks! Es giebt Menschen, die durchaus da¬ fuͤr angesehn seyn wollen, eine groͤßere Figur in der Welt zu spielen, in hoͤherem Ansehn zu stehn, als wuͤrklich der Fall ist. Sie fuͤhren, auf A3 auf Unkosten ihres Geldbeutels, den Luxus der Vornehmen und Reichen in ihren Haͤusern, oder draͤngen sich in deren Cirkel ein, wo sie eine elende Figur spielen, nur hinter her laufen muͤs¬ sen, und keinen frohen Genuß haben, indeß sie lehrreichern und suͤßern Umgang gaͤnzlich ver¬ nachlaͤßigen, und gute Freunde und weise Men¬ schen von sich entfernen. Die geizigsten Leute sparen zuweilen keine Kosten, wenn sie Gelegen¬ heit finden koͤnnen, Zutritt in großen Haͤusern zu erlangen, und hungern gern Monathe hin¬ durch, um einmal einen Fuͤrsten bey sich zu be¬ wirthen, der dieses Opfer gar nicht gewahr wird, nicht dankbar dafuͤr ist, vielleicht Langeweile bey ihnen hat, alles sehr buͤrgerlich findet, und nach vierzehn Tagen wohl gar den Namen des thoͤ¬ richten Wirths vergessen hat. Andre lassen es sich wenigstens angelegen seyn, die nichtsbedeu¬ tenden und verderbten Sitten der Großen puͤnct¬ lich nachzuahmen, ihre hochmuͤthige Herablas¬ sung, ihren geschaͤftigen Muͤßiggang, ihre Zer¬ streuung, ihr Wichtigthun, ihre leeren Vertroͤ¬ stungen, ihre seelenlosen Gespraͤche, ihre Zwey¬ zuͤngigkeit, Windbeuteley, Gefuͤhllosigkeit, Nach¬ ahmung der Auslaͤnder, die Verachtung ihrer Mut¬ Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja! sogar ihre laͤcherlichen Gebehrden, Gewohnhei¬ ten und Gebrechen, ihr Stammlen, Lispeln, Achselzucken, ihre Grobheit gegen Niedere, Kraͤnklichkeit, ihr Podagra, ihre schlechte Haus¬ wirthschaft, ihre dummen Launen, und mehr dergleichen herrliche Vorzuͤge zu copieren, und sich eigen zu machen. Ihnen ist der beste Be¬ weis fuͤr die Guͤte einer Sache der, daß sie sa¬ gen: jedermann von Stande handle so und nicht anders, als wenn das eine Narrheit heili¬ gen koͤnnte! — Handle selbststaͤndig! Verleugne nicht Deine Grundsaͤtze, Deinen Stand, Deine Geburth, Deine Erziehung; so werden Hohe und Niedre Dir ihre Achtung nicht versagen koͤnnen! 5. Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der mehrsten Großen, glaube sich nicht auf dem Gipfel der Gluͤckseligkeit, wenn der gnaͤdige Herr uns anlaͤchelt, die Hand schuͤt¬ telt, oder uns umarmt! Vielleicht bedarf er Un¬ srer in diesem Augenblicke, und behandelt uns mit Verachtung, wenigstens mit Kaͤlte, sobald die¬ A4 dieser Augenblick voruͤber ist. Vielleicht fuͤhlt er gar nichts bey seiner Freundlichkeit, wechselt Mienen, wie Andre Kleider wechseln, ist grade in der Verdauungs-Stunde zu unthaͤtigem Wohlwollen gestimmt, oder will einen Andern von seinen Sclaven dadurch demuͤthigen. Man bleibe mit dieser Gattung Menschen immer in seinen Schranken, mache sich nicht gemein mit ihnen, und vernachlaͤssige nie die aͤussere unter¬ scheidende Hoͤflichkeit und Ehrerbiethung, die man ihrem Stande schuldig ist, sollten sie sich auch noch so sehr herablassen! Fruͤh oder spaͤt faͤllt es ihnen doch ein, ihr Haupt wieder empor zu heben, oder sie verabsaͤumen uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich zieht, und dann setzt man sich unangenehmen Demuͤthigungen aus, die man mit weiser Vorsicht vermeiden kann. 6. Ueberschreite nicht bey Deiner Gefaͤlligkeit gegen die Großen der Erde, in deren Haͤnden Dein buͤrgerliches Gluͤcke ist, die Grenzen der wahren Ehre! Es ist eine große Versuchung fuͤr einen armen oder ehrbegierigen jungen Men¬ schen, der in dem Dienst eines schwachen Fuͤr¬ sten sten sich emporschwingen will, ob er nicht dessen raͤnkevollem Minister, dem regierenden Cam¬ merdiener, oder einer tirannischen Buhlerinn huldigen soll; aber selten nimt das ein gutes Ende. Solche Lieblinge stuͤrzen sich fruͤh oder spaͤt selber, und reissen dann ihre Creaturen mit in ihr Verderben; Und waͤre auch das nicht; so werden doch die groͤßten Vortheile die man da¬ durch erlangen koͤnnte, zu theuer erkauft, wenn man dafuͤr die Achtung weiser und rechtschaffe¬ ner Maͤnner aufopfern muß; und das ist gewiß immer der Fall — Der grade Weg hingegen fuͤhrt ohnfehlbar, wo nicht zu einem glaͤnzenden, doch zu einem dauerhaften Gluͤcke. 7. Auch lasse man sich von den Erden-Goͤt¬ tern nicht nur zu keinen unedeln Geschaͤften mis¬ brauchen, sondern sey auch vorsichtig in allen Diensten, welche man ihnen erweist! Sie ma¬ chen leicht aus jeder Gefaͤlligkeit eine Pflicht, und halten es nachher fuͤr Verabsaͤumung unsrer Schuldigkeit, wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht grade aufgelegt zeigen, uns eben also preiszugeben. Wenigstens vergessen sie leicht, was A5 was man fuͤr sie gethan hat. Es bath mich einmal der * * * von * * *, der sonst in der That viel gute Eigenschaften hatte, ihm ein Paar Aufsaͤtze in franzoͤsischer und teutscher Sprache zu verfassen, die er bey einer gewissen Gelegenheit oͤffentlich vorlesen wollte, um die Gemuͤther zu lenken. „Es fehlt mir an Zeit, „mein Lieber!“ sagte er „sonst wuͤrde ich Sie „nicht bemuͤhn; doch, Sie sind auch in der ¬ „ gleichen Arbeiten geuͤbter, als ich.“ Ich wendete einige Stunden Fleiß und Anstrengung daran, und als ich ihm das Ganze brachte, druͤckte er mich an seine Brust, dankte mir un¬ ter vier Augen in den zaͤrtlichsten, herablassend¬ sten Ausdruͤcken dafuͤr, und schwur, sehr uͤber¬ trieben: meine Arbeit sey ein Meisterstuͤck von Beredsamkeit. Kurz! er gebehrdete sich, als wenn ich ihm den wichtigsten Dienst geleistet haͤtte, bath mich aber, die Sache zu verschwei¬ gen, welches ich auch that. Nach ein Paar Jahren kam ich des Morgens in * * * zu ihm. Er erzaͤhlte mir allerley zu seinem eige¬ nen Lobe — ich hoͤrte demuͤthig zu — „Und „das alles“ fuhr er fort „habe ich durch ein „Paar Memoires bewuͤrkt, die mir, ohne mich „zu „zu ruͤhmen, nicht uͤbel gerathen sind. Sie „sollen sie selbst lesen. Nehmen Sie sie mit „Sich nach Hause!“ Er uͤberreichte mir dar¬ auf meine eigne Geistes-Waare, nur von seiner Hand geschrieben, und ich steckte sie ein, legte aber zu Hause meine Concepte dazu, und schickte ihm dann die Papiere zuruͤck. Er wurde ein wenig beschaͤmt, und wir scherzten nachher dar¬ uͤber — Allein so sind auch die Besten unter ihnen! Vor allen Dingen huͤte man sich, von ih¬ nen in gefaͤhrliche Haͤndel gezogen zu werden! Sehr gern pflegen sie das zu thun, und schieben dann entweder die Schuld auf uns, wenn die Unternehmung nicht gelingt, oder lassen uns gar darinn stecken und alles Ungemach allein auf uns fallen, wenn die Sache schief geht. Auch von letzterer Art habe ich in den Jahren meiner un¬ vorsichtigen Jugend Erfahrungen gemacht, wo¬ von indessen die Erzaͤhlung hier um so weniger Platz finden kann, da ich mir fest vorgesetzt habe, keine Anecdote einzumischen, wobey eigentlich irgend Jemandes Character in ein schlechtes Licht gesetzt wuͤrde. Kurz! Man lasse sich ihre Ge¬ heim¬ heimnisse nicht mittheilen! Sie schonen des Man¬ nes, der um ihre Heimlichkeiten weiß, nur so lange, als sie Seiner ohnumgaͤnglich beduͤrfen; aber sie fuͤrchten ihn, und suchen sich von ihm loszumachen, sobald sie koͤnnen, moͤgte man ih¬ nen auch noch so deutlich zeigen, daß man un¬ faͤhig ist, dies Uebergewicht und ihr Zutrauen zu misbrauchen. 8. Ueberhaupt darf man auf die Dankbarkeit der mehrsten Vornehmen und Reichen, so wie auf ihre Versprechungen, nicht bauen. Opfre ihnen also nichts auf! Sie fuͤhlen den Werth davon nicht, glauben alle andre Menschen seyen ihnen einen solchen Tribut schuldig, fuͤr den Schutz, fuͤr die gnaͤdigen Blicke, ja! fuͤr eine ungestoͤhrte Existenz, oder man wolle dadurch kleine Vortheile erringen. Schenke ihnen also auch nichts! Das heisst einen Tropfen koͤstlichen Balsams in einen Eymer truͤben Wassers fallen lassen. Ich besaß ein altes kostbares Gemaͤlde; ein geschickter Maler schaͤtzte den Werth desselben auf hundert Pistolen. Die Haͤlfte dieser Summe, die ich leicht dafuͤr bekommen haben wuͤrde, waͤre bey bey meinen damaligen haͤuslichen Umstaͤnden mir aͤusserst nuͤtzlich gewesen; mein gutmuͤthiges Tem¬ perament aber, oder vielmehr meine Thorheit verleitete mich, das Gemaͤlde dem Durchlauch¬ tigsten * * * von * * * zu schenken, welcher es auch annahm. Ich dachte dadurch nichts zu erschleichen, aber theils wollte ich die¬ sem Fuͤrsten hiermit meine Zuneigung bezeugen, theils hoffte ich, da ich im Begriffe stand, ihn um etwas zu bitten, das er mir, weil er mir's versprochen, laͤngst schuldig war, er werde sich nun endlich seines Worts erinnern, so oft er das Gemaͤlde erblickte; Allein ich betrog mich. Er umarmte mich, als ich zu ihm kam, und zeigte mir den Ehrenplatz, welchen er meinem Geschenke angewiesen, doch sein Versprechen erfuͤllte er nicht, und als ich mich nach Jahres Frist eines Abends, zugleich mit einem Gesandten, dem er seine Schaͤtze der Kunst zeigte, in seinem Cabi¬ nette befand; sagte er diesem Fremden in mei¬ ner Gegenwart, indem er von meinem theuren Gemaͤlde redete! „Es ist wahrlich ein schoͤnes „Stuͤck, und ich bin ziemlich wohlfeil daran „gekommen.“ — Er hatte also vergessen, daß ich es war, der ihm diesen sehr wohlfeilen Preis Preis gemacht hatte, und ich beseufzte die ver¬ schwundene Hofnung und die verlohrne Summe, von welcher ich mit den Meinigen eine Zeitlang haͤtte leben koͤnnen. Eben so wenig rathe ich, den Großen Geld zu leyhen, oder von ihnen zu borgen. Im er¬ stern Falle sehen sie nicht nur ihre Glaͤubiger als Wucherer und als Solche an, die sich eine Ehre daraus machen muͤssen, den gnaͤdigen Herrn mit ihrem Vermoͤgen aufzuwarten, sondern auch, wenn sie saumselig in Wiederbezahlung der Schuld sind, wie man denn das sehr oft erlebt; (da sie mehrentheils groͤßern Aufwand machen, und unordentlicher in ihren haͤuslichen Geschaͤf¬ ten zu seyn pflegen, als sie sollten) so hat man unerhoͤrte Weitlaͤuftigkeiten, hat zuweilen Muͤhe, Gerechtigkeit gegen sie zu erlangen, und macht sich wohl noch obendrein eine maͤchtige Parthey zu Feinden. Im andern Fall aber, nemlich wenn man von ihnen borgt, wagt man, tausend¬ faͤltig ihr Sclav zu werden. 9. Trage nichts dazu bey, sie und ihre Kinder noch mehr zu verderben, moralisch zu verschlim¬ mern! mern! Schmeichele sie nicht! Naͤhre nicht ihren Stolz, ihre Ueppigkeit, ihre Eitelkeit, ihren Hang zu nichtigen und wolluͤstigen Freuden! Be¬ staͤrke die Großen nicht in den Grundsaͤtzen von angebohrnen Vorzuͤgen, von Herrschers-Rechten, von Gesalbtheit und dergleichen Grillen! Heuchle nicht! Verleugne nicht Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht! Sey freymuͤthig, aber ohne grob zu werden, und ohne Dich selbst zu Grunde zu richten! Nimm Dich der verkannten Unschuld, des verleumdeten Edeln, des durch Hof-Raͤnke verschwaͤrzten Ehrenmanns an; doch mit Vor¬ sicht, ohne seine Feinde dadurch noch mehr zu erbittern, und so viel Deine Lage es Dir erlaubt! Befoͤrdere, unterstuͤtze, wo Klugheit es gestattet, die Wuͤnsche, den guten Ruf und die billigen Ge¬ suche Derer, die zu schuͤchtern, zu arm, zu be¬ scheiden, oder zu sehr niedergedruͤckt, verkannt, von zu geringem Stande sind, um sich den Pal¬ laͤsten zu naͤhern! Man sollte es kaum glauben, welchen Einfluß die Reden eines verstaͤndigen, allgemein geschaͤtzten Mannes auf diese Men¬ schen haben koͤnnen, sowohl im Guten als Boͤ¬ sen, wie gern sie alles zum Vortheil ihres Duͤn¬ kels auslegen, und wie viel man auf sie wuͤr¬ ken ken kann, wenn auch die Folgen nicht sichtbar werden. 10. Ueberhaupt kann man kaum vorsichtig genug in seinen Reden mit ihnen seyn. Man enthalte sich daher in ihrer Gegenwart aller nachtheiligen Urtheile uͤber andre Leute, aller Medisance! Sie pflegen dergleichen ganz gern zu hoͤren, aber die Folgen sind oft sehr ungluͤcklich. Zuerst setzt man dadurch sich und Andre in ihren Augen herab, denn sie lachen zwar mit, hassen aber doch den Laͤsterer und Ausspaͤher fremder Fehler, bey dem heimlichen Bewusstseyn ihrer eigenen vielfachen Gebrechen, (so gern sie dies auch unterdruͤcken) und da sie schon alle uͤbrigen Menschen verach¬ ten; so waͤchst diese Verachtung durch Aufde¬ ckung fremder Schwachheiten. Sodann mis¬ brauchen sie wohl gelegentlich unsern Namen, compromittiren uns, indem sie unsern Einfall nacherzaͤhlen, hetzen uns mit Andern zusammen. Endlich weiß man nicht, ob nicht zuweilen das zeitliche Gluͤck solcher Menschen, von denen man nachtheilige Begriffe erweckt, in ihren Haͤnden ist, und da erstaunt man, wenn man er¬ erfaͤhrt, wie oft ein einziges, ohne boͤse Absicht hingeworfenes Wort feste Wurzel fasst, und nach langer Zeit noch die schaͤdlichsten, ungluͤcklichsten Folgen haben kann. Das Gute gleitet auf ih¬ ren untheilnehmenden Herzen ab, das Boͤse hin¬ gegen setzt sich fest, und wird so leicht nicht aus¬ geloͤscht. Ich koͤnnte davon die sonderbarsten Beyspiele anfuͤhren, wenn ich nicht fuͤrchtete, dadurch die Geduld der Leser zu ermuͤden. Am aller vorsichtigsten aber soll man in seinen Ge¬ spraͤchen uͤber andre Personen von hoͤherem Stande seyn. Obgleich die Erden-Goͤtter sich unter einander selten lieben, sondern mehren¬ theils durch allerley Leidenschaften getrennt sind; so hoͤren sie doch nicht gern, daß man die privi¬ legierten Lieblinge des Himmels in ihrer Gegen¬ wart ohne Ehrerbiethung nennt. Uebrigens wollen die Vornehmen und Reichen angenehm unterhalten und in froͤhliche Laune gesetzt seyn. Thue dies auf unschuldige Weise, wenn Dir an ihrer Gunst gelegen ist! Aber erniedrige Dich nicht zu ihrem besoldeten Spaßmacher, der Schwaͤnke liefern muß, so oft sie winken, und von dem sie kein vernuͤnftiges Wort hoͤren moͤgen! (Zweiter Th.) B 11. 11. In den Herzen der mehrsten Großen wohnt Mistrauen. Es herrscht bey ihnen der Ge¬ danke, alle uͤbrigen Menschen haͤtten einen Bund gegen sie gemacht. Deswegen sehen sie es so ungern, wenn unter Denen, welche ihnen unterworfen sind, enge Freundschaften entstehen. Wer sich um Fuͤrsten und Vornehme nicht zu bekuͤmmern braucht, der kann sich hieruͤber gaͤnz¬ lich hinaus setzen, Verbindungen nach seinem Herzen schliessen, und uͤberhaupt wird kein red¬ licher Mann, aus niedriger Gefaͤlligkeit gegen irgend einen Beschuͤtzer und Goͤnner, einen wahren Freund vernachlaͤssigen, noch einen wuͤr¬ digen Mann, der ihm die Hand reicht, von sich stoßen. Wer aber an Hoͤfen sein Gluͤck machen will, der thut doch wohl, wenn er vorsichtig in der Wahl seines Umgangs, seiner Vertraueten und der Gesellschaften ist, welche er am haͤufig¬ sten besucht. Es herrschen da immer Partheyen und Cabalen, in welche ein wohlwollendes, theil¬ nehmendes Herz gar zu leicht hineingezogen wird; Und wenn nun eine dieser Partheyen uͤber die andre siegt; so muß oft der Unschul¬ digste, wenn er nur irgend Mitwissender bey dem, dem, was vorgefallen, gewesen ist, die Zeche be¬ zahlen helfen. Ich habe an einem Orte, wo ich mich wahrlich — wieder meine suͤndliche Natur — aͤusserst vorsichtig aufgefuͤhrt hatte, unbe¬ schreiblichen Verdruß blos dadurch gelitten, daß man muthmaßte, ich habe eine gewisse Sache, die vorgegangen, gewusst, oder wenigstens ge¬ merkt, weil ich viel mit den Personen umgieng, welche darinn verwickelt waren. Und doch konnte man leicht schliessen, daß ich keine Rolle dabey gespielt, ja! daß ich diese Sache nicht eher erfahren haben konnte, als bis sie schon ge¬ schehn, folglich durch meinen Rath oder An¬ gabe nicht mehr zu hindern gewesen. Man haͤtte mir also meine Verschwiegenheit in jedem Betrachte und auch deswegen zum Verdienste anrechnen sollen, weil ich meine Freunde nicht verrathen hatte. Man haͤtte uͤberlegen sollen, daß ich ein freyer, dienst- und pflichtloser Mensch war, folglich keine Obliegenheit hatte, den Fis¬ cal oder Angeber zu machen, und mich in solche Haͤndel zu mischen — Aber man ist denn nicht so billig, und ich rathe angelegentlichst, an Hoͤ¬ fen sich zu keiner Parthey merklich zu schlagen, sondern seinen graden Gang fortzugehn, und sich B 2 sich um nichts zu bekuͤmmern, was uns nicht unmittelbar betrifft, hoͤflich gegen jedermann, vertraulich aber nur unter vier Augen gegen die Allergepruͤftesten zu seyn. 12. Rede mit den Großen der Erde ohne Noth nicht von Deinen haͤuslichen Umstaͤnden, von Dingen, die nur persoͤnlich Dich und Deine Familie angehen! Klage ihnen nicht Dein Un¬ gemach! Vertraue ihnen nicht den Kummer Deines Herzens! Sie fuͤhlen ja doch kein war¬ mes Interesse dabey, haben keinen Sinn fuͤr freundschafliche Theilnahme; Es macht ihnen Langeweile; Deine Geheimnisse sind ihnen nicht wichtig genug, um sie treu zu bewahren; Im¬ mer meinen sie, man wolle bey ihnen betteln, und sie verachten den Mann, der nicht gluͤcklich, nicht frey ist. Von Jugend auf glauben sie, je¬ dermann mache Plan auf ihren Geldbeutel, auf ihre Wohlthaten. Ueberhaupt sehen uns die Leute von dem Augenblicke, da wir etwas zu suchen, Andrer zu beduͤrfen scheinen, mit ganz andern Augen an, als vorher. Man laͤsst uns Gerechtigkeit wiederfahren, ja! man zeigt sich be¬ bezaubert von unsern angenehmen Talenten, von unsern Kenntnissen, von unsrer Herzensguͤte, von den glaͤnzenden Vorzuͤgen unsers Geistes, so lange wir mit allen diesen schoͤnen Eigenschaf¬ ten nichts als hoͤfliche Behandlung und Gefaͤl¬ ligkeit verdienen wollen, so lange wir als Fremde, als unabhaͤngige Menschen niemand im Wege stehen, niemand verdunkeln; Aber viel genauer, strenger und unbilliger faͤngt man an uns zu beobachten und zu richten, wenn wir unsre Vor¬ zuͤge im Staate gelten machen und die erlaubten Vortheile damit erringen wollen, worinn sich so gern die vornehmen Dummkoͤpfe und deren Creaturen theilen. Am besten wird man von den Vornehmen und Reichen behandelt, wenn sie erkennen, daß man Ihrer gar nicht bedarf; wenn man ihnen dies auf seine Art zeigt, ohne sich dess laut zu ruͤhmen; wenn ihnen im Ge¬ gentheil unsre Huͤlfe, unsre Einsicht unentbehrlich ist; wenn wir dabey nie die Bescheidenheit und aͤussere Huldigung ausser Augen setzen; wenn unser Scharfsinn, unsre groͤßere Weisheit, unsre Festigkeit und Gradheit ihnen Ehrerbiethung einfloͤßt, ohne daß sie uns eigentlich fuͤrchten; wenn wir uns bitten, uns aufsuchen lassen, nicht aber B 3 aber unsern Beystand aufdringen — Einen sol¬ chen Mann schonen sie sorgfaͤltig — 13. Huͤte Dich aber, einen Großen, der An¬ spruͤche auf Verstand, Witz, hohe Tugenden, Ge¬ lehrsamkeit, Kunstgefuͤhl, oder worauf es immer sey, macht, huͤte Dich, ihn deutlich, oder gar in Gegenwart Andrer merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, Du uͤbertreffest, Du uͤberse¬ hest, Du verdunkeltest ihn! In der Stille darf er das wohl fuͤhlen, aber er muß es nur allein zu fuͤhlen glauben. Vor allen Dingen ist diese Vorsicht noͤthig gegen Vorgesetzte, die ungeschick¬ ter in ihrem Fache sind, als Du. Gern moͤgen sie Dir Deine bessern Einsichten, gleichsam als pruͤften sie Dich, abfragen, sich zu eigen machen, Dir nach Gelegenheit Deine eigene Waare wie¬ der verkaufen; doch wehe Dir, wenn Du das ruͤgst, wenn Du nur einmal thust, als merktest Du das, oder gar, wenn Du den unterrichten¬ den Ton gegen sie annimst! — Wie werden sie Dir das Leben sauer machen! Wie viel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie zu leisten im Stande seyn wuͤrden, damit sie Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu zeugen! 14. 14. Es giebt aber geringe, unschuldige Gefaͤllig¬ keiten gegen die Großen der Erde, die man ih¬ nen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, erweisen, und unwichtige Forderungen von ihrer Seite, die man ohne niedrige Schmeicheley er¬ fuͤllen kann. Diese verzogenen Schooßkinder des Gluͤcks sind nemlich von Jugend auf daran gewoͤhnt worden, daß man sich in Kleinigkeiten nach ihren Phantasien fuͤgt, ihren Geschmack zur Richtschnur annimmt, ihre Liebhabereyen artig findet, und alles vermeidet, was ihnen aus Vorurtheil oder kindischem Eigensinne zuwieder ist. Auch die Besten unter ihnen sind von sol¬ chen Grillen und Einbildungen nicht ganz frey, und wenn man nun auf einen sonst redlichen, edeln Fuͤrsten dadurch zum Guten wuͤrken kann, daß man sich hierzu bequemt, oder wenn unser und unsrer Familie zeitliches Gluͤck in seinen Haͤnden ist — wer wird da nicht nachgebend seyn, und sich ein wenig nach einem Solchen richten? So reden zum Beyspiel manche Fuͤrstenkinder sehr geschwind und undeutlich und sehen es nicht gern, wenn man noch einmal fraͤgt, sondern wollen gleich verstanden seyn. Freylich waͤre es bes¬ B 4 besser, wenn man ihnen diese Unart in der Kind¬ heit abgewoͤhnt haͤtte; aber es ist nun einmal nicht geschehn; oder sie lieben Pferde, Hunde, bunte Soldaͤtgen, Schauspiele, Pfeifenkoͤpfe, Bilder, Geiger, Fidler, componieren auch wohl selbst, bauen, pflanzen, errichten Accademien, Musaͤa und dergleichen. — Wie unschuldig ist es nicht da, zuweilen mit einzustimmen, einige Kennerschaft zu zeigen? Nur muß man sie in ihren Lieblings-Faͤchern nicht uͤbersehn, nicht, uͤbertreffen wollen, welches leicht zu geschehn pflegt, da sie oft von den Dingen, womit sie sich am mehrsten beschaͤftigen, am wenigsten ver¬ stehen, (wie sich denn uͤber den vorsichtigen Um¬ gang mit vornehmen Componisten, und unwissen¬ den Maͤcenaten ein weitlaͤuftiges Capittel schrei¬ ben liesse.) Auch was gewisse Kleidertrachten, Manieren, den Ton der Stimme, was Styl, Handschrift und mehr solche Dinge betrifft, dar¬ uͤber haben sie zuweilen gewisse eigene Meinun¬ gen, die man schonen muß, wenn man sich ih¬ nen nicht unangenehm machen will. Uebrigens versteht sich's, daß diese Gefaͤlligkeit aufhoͤren soll, sobald dieselbe schaͤdlichen Einfluß auf den Character haben kann, wenn sie dadurch im Egois¬ mus mus merklich bestaͤrkt, von ernsthaften Beschaͤf¬ tigungen abgezogen, unbillig gegen Andre, un¬ gerecht gegen wuͤrkliche Verdienste werden, oder wenn ihre Liebhabereyen von solcher Art sind, daß dadurch ihr Herz verwildert, verhaͤrtet, grau¬ sam wird. 15. Fuͤrsten, Vornehme und Reiche pflegen zu¬ weilen sich so weit zu Leuten von geringerm Stande herabzulassen, daß sie dieselben um Rath fragen, oder sie um Beurtheilung ihrer Spiel¬ werke, ihrer Schriften, Anlagen, Plane, Mei¬ nungen und dergleichen bitten. Ich empfehle da Behutsamkeit, und daß man sich erinnere, wie uͤbel das Rathgeben und Warnen dem ar¬ men Gil Blas von Santillana in dem Hause des Cardinals bekam, obgleich Dieser ihn so drin¬ gend aufgefordert hatte, ihm zu erzaͤhlen, was die Leute von seinen Predigten redeten. So wie fast alle uͤbrigen Menschen; so legen beson¬ ders die Großen der Erde uns mehrentheils nur darum solche Dinge zur Beurtheilung vor, da¬ mit wir sie loben sollen, und fragen nicht eher um Rath, als bis sie schon entschlossen sind uͤber das, was sie thun wollen. B 5 16. 16. Noch moͤgten alle diese Regeln der Vor¬ sichtigkeit nicht so gefaͤhrlich zu uͤbertreten seyn im Umgange mit solchen Personen, die zwar nicht frey von den Fehlern einer vornehmen Er¬ ziehung, uͤbrigens aber gut geartet, wohlwollend und verstaͤndig sind; allein doppelt wichtig wird ihre Befolgung, wenn man es mit vornehmen Pinseln, mit Menschen zu thun hat, die zugleich hochmuͤthig, unwissend, dumm, von Jedem, wie ein Rohr, hin und her zu leiten, mistrauisch, kalt und rachsuͤchtig sind, und ich bedaure jede Christen- Seele, die von dergleichen kleinen und großen Tirannen abhaͤngen muß. 17. Wenn Du das glaͤnzende Ungluͤck hast, der Liebling eines schwachen Erden- Goͤtzen zu seyn; so bereite Dich nicht nur selber dazu vor, daß diese Freude nicht lange dauern, daß ein Schmeich¬ ler Dich aus Deinen Posten verdraͤngen wird; sondern zeige auch sowohl Deinem Sultane, daß Du nicht gaͤnzlich von seinen Blicken lebst, als auch dem Volke, wie wenig Du Dir auf die¬ sen nichtigen Vorzug zu gut thust, wie unwe¬ sent¬ sentlich zu Deiner moralischen Existenz ein sol¬ cher unbedeutender, zufaͤlliger Glanz ist! Wenn Du dann in tiefe Ungnade faͤllst; so fliehen doch wenigstens die Bessern nicht vor Dir, wie vor einem vernichteten, verweseten Menschen, und der undankbare Despot fuͤhlt, daß es noch Leute giebt, die Seiner entbehren koͤnnen. Baue uͤberhaupt nicht auf die Freundschaft, Festigkeit und Anhaͤnglichkeit der Großen! Sie achten Dich, so lange sie Deiner beduͤrfen, sind wan¬ kelmuͤthig, glauben lieber das Boͤse, als das Gute, und der Letzte hat bey ihnen immer Recht. 18. Wenn Dein Beschuͤtzer, wenn ein Großer, den Du in der Zeit seines aͤussern Gluͤcks, aus Noth, Hoͤflichkeit, Politic oder gutem Willen, gehuldigt hast, von seiner Hoͤhe herabstuͤrzt; wenn er Stand, Vermoͤgen, Einfluß oder Glanz verliehrt; so schlage Dich nicht zu der Parthey der Niedertraͤchtigen, die dem Ungluͤcklichen, der ihnen zu nichts mehr helfen kann, den Ruͤcken zukehren! Verdient er Deine Hochachtung; so zeige ihm nun mit doppeltem Eifer, daß Dein Herz nicht von der Stimme des Poͤbels ab¬ haͤngt; haͤngt; Ist er aber Deiner Zuneigung unwerth; so schone Seiner wenigstens darum, weil er von jedermann verlassen ist, und also zu Mishand¬ lungen schweigen muß! Raͤche Dich auch eben deswegen nie an Dem, von welchem Du ver¬ folgt, gedruͤckt worden, so lange er Gewicht hatte! Sammle vielmehr feurige Kohlen auf sein Haupt, damit er in sich gehe, und wo moͤg¬ lich durch Großmuth gebessert werde! 19. Und nun noch einmal! Wenn ich hier sehr viel zum Nachtheile des Characters der mehrsten Großen und Reichen gesagt habe; so bin ich doch weit entfernt, dies ohne Unterschied auf alle Per¬ sonen der hoͤhern Classen ausdehnen zu wollen. Es ist mir immer aͤusserst zuwieder gewesen, zu sehn, wie manche unsrer armseligen neuern Schriftsteller es sich zum Geschaͤfte machen, auf die hoͤhern Staͤnde zu schimpfen. Viele von ihnen sind so wenig mit den erhabnern Menschen- Classen bekannt, daß es die hoͤchste Impertinenz verraͤth, wenn sie uͤber Sitten und Denkungs¬ art derselben ein Urtheil wagen. Von ihren Dachstuͤbchen herunter schielen sie neidisch und haͤ¬ haͤmisch nach den Pallaͤsten der Gluͤcklichern hin¬ unter; Wenn, bey grober Kost und dem Wasser¬ kruge, die suͤßen Duͤfte aus den Kuͤchen und Kellern Derer, die im Ueberflusse leben, zu ih¬ nen hinaufsteigen; so reizt das ihre Nerven, er¬ regt ihre Galle; Es aͤrgert sie, daß ihre Gluͤcks- Umstaͤnde ihnen nicht wie Jenen erlauben, ihre Leidenschaften zu befriedigen; Sie verwuͤnschen den Mann im vergoldeten Wagen, den sie zu Fuße nicht einholen koͤnnen, schimpfen auf den hartherzigen Maͤcen, der nicht eben so uͤberzeugt scheint von ihren großen Verdiensten, als sie selbst es sind, und fluchen auf das Geschick, welches die Guͤter der Erde so ungleich ausgetheilt hat. Da muͤssen es dann die armen Fuͤrsten, Mini¬ ster, Edelleute und Reichen entgelten, die sie als Tirannen, Boͤsewichte, Thoren und hartherzige Unterdruͤcker alles dessen, was edel und gut ist, abschildern. Ein so fanatischer Eifer kann wohl nie mein Gehirn ergreifen. Selbst im Ueber¬ flusse und mit großen Erwartungen aufgewachsen, kenne ich recht gut die Vortheile und Nachtheile einer reichen und vornehmen Erziehung. Meine nachherigen Schicksale aber, mein Aufenthalt an Hoͤfen und der Umgang mit Menschen aller Art, Art, das alles hat mich gelehrt, wie noͤthig es sey, Denen, die nicht durch wiedrige Erfahrun¬ gen vollends ausgebildet werden, und die so sel¬ ten reine, lautre, unpartheyische Wahrheit hoͤ¬ ren, ohne Heucheley, doch mit Bescheidenheit und ohne Leidenschaft zu sagen, was ihnen so noͤthig ist zu hoͤren. Viele von ihnen sind wahr¬ lich herzlich gut; Selbst die Schwaͤchern haben oft manche Temperaments-Tugend, deren Wuͤr¬ kungen fuͤr die Welt viel wohlthaͤtiger werden koͤnnen, als die sanften Aufwallungen aͤrmerer und ohnmaͤchtigerer Sterblichen. Sie haben von ihrer ersten Jugend an, alle Muße und Ge¬ legenheit, ihren Geist zu bilden, sich Talente zu erwerben, Welt und Menschen kennen zu lernen, haben Veranlassungen in Menge, Gutes zu thun, die Freuden der Wohlthaͤtigkeit zu schmecken. Ihr Character wird nicht niedergedruͤckt, ver¬ schoben durch Ungluͤck und Mangel, durch die Nothwendigkeit, sich zu schmiegen und zu beugen. Und wenn von einer Seite Schmeicheley sie leicht verderben kann; so ist von der andern der Gedan¬ ke, daß jede ihrer edeln Handlungen bemerkt wird, und ihre Verirrungen oft noch der spaͤten Nachwelt vorerzaͤhlt werden, ein Sporn mehr, groß und vor¬ vortrefflich zu werden. Auch nuͤtzen Viele von ihnen alle diese Triebfedern, und es ist ein Gluͤck, an der Seite eines Fuͤrsten zu leben und Einfluß auf ihn zu haben, der die Wuͤrde seines Stan¬ des kennt und sich seines hohen Berufs werth zeigt. Ich kenne deren Einige, die es auch ge¬ wiß nicht uͤbel aufnehmen, wenn man ihnen die Klippen zeigt, an welchen so Viele von ihnen scheitern. 20. Zum Schlusse noch ein Paar Worte uͤber den Umgang der Großen und Reichen unter sich! Sie verderben sich groͤßtentheils Einer den An¬ dern. Die Kleinern beeifern sich, es den Groͤ¬ ßern nach, ja! es ihnen an Aufwand und uͤbel verstandener Erhabenheit zuvorzuthun, und so verewigen sie ihre Thorheiten, welche von noch kleinern Magnaten bis auf den Geringsten, der nur einen Schuhputzer in seiner Livree herum¬ laufen hat, nach moͤglichsten Kraͤften nachgeahmt werden. Lustige Beyspiele von dieser Art sieht man an den kleinen teutschen Hoͤfen; wie sie einander aufpassen, sich wechselseitig controllie¬ ren, beneiden, zu uͤbertreffen suchen; wie, wenn der der durchlauchtige Herr in Y * * * an sei¬ nem Geburtstage einen Ball und zugleich eine Illumination von sieben Pfund Talch-Lichtern gegeben hat, der Fuͤrst in V * * * an seinem Feste ein Feuerwerk von acht Pfunden Pulver hinzuthut; wie, wenn der Eine sich einen Ober-Hof-Marschall fuͤr dreyhundert Gulden Gage und zwoͤlf Scheffel Haber haͤlt, der An¬ dre dem Cheff seines Hofes noch obendrein ein breites Ordensband uͤber den hungrigen Magen henkt. Der eine regierende Graf verschreibt sich eine Meute Jagdhunde, wie sie kein Po¬ tentat in Europa hat, der Angrenzende besoldet eine Meute Hofmusici, die wenigstens eben so viel Lerm macht. Der Dritte, voll Verzweif¬ lung daruͤber, daß er es seinen Nachbarn nicht zuvorthun kann, verzehrt lieber den sauern Er¬ werb seiner gepluͤnderten Unterthanen in Paris, spielt lieber da eine elende Rolle, als in seiner Residenz den guten, treuen Landesvater vorzu¬ stellen. Und so geht das weiter hinunter! Man fange nur in Staͤdten an, ein Concert oder der¬ gleichen zu geben, welches abwechselnd von einer geschlossenen Gesellschaft gehalten wird, und wo¬ mit etwa ein Abend-Essen verknuͤpft ist. Der Er¬ Erste, bey welchem sich der Cirkel versammlet, wird ein Paar Flaschen Wein und kalte Kuͤche hergeben; der Andre fuͤgt einen Punsch hinzu; und ehe ein Vierteljahr vergeht, ist die Anstalt in eine kostspielige Fresserey ausgeartet. Das sollte nun unter verstaͤndigen vornehmen und reichen Leuten nicht also seyn. Sie solten den Niedern Beyspiel geben von Ordnung, Einfalt, Hinwegsetzung uͤber steife Etikette und Maͤßig¬ keit in Speise, Kleidung, Pracht, Bedienung, Hausrath und allen solchen Dingen. Sie soll¬ ten das Vorurtheil vernichten, daß die Herzen der Großen zu keinen dauerhaften Freundschaf¬ ten faͤhig seyen — mit Einem Worte! sie soll¬ ten nicht vergessen, daß die Augen so Vieler auf sie gerichtet sind. Zwey¬ (Zweiter Th.) C Zweytes Capittel. Ueber den Umgang mit Geringern. 1. I m achten Capittel des ersten Theils dieses Werks habe ich von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den Pflichten geredet, welche der Vornehmere auf sich hat. Denen, die vom Schicksale bestimmt sind in Unterwuͤrfigkeit zu leben, ihr Daseyn leicht und suͤß zu machen. Ich verweise also zuerst die Leser dahin, und fuͤge hier nur noch einige Regeln fuͤr den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar nicht in unsern Diensten, aber doch, der Geburth, dem Vermoͤgen, oder andern buͤrgerlichen Verhaͤlt¬ nissen nach, tiefer als wir stehen. 2. Man sey hoͤflich und freundlich gegen solche Leute, denen das Gluͤck nicht grade eine so reich¬ liche Summe nichtiger zeitlicher Vortheile zuge¬ worfen hat, als uns, und ehre das wahre Ver¬ dienst, den aͤchten Werth des Menschen, auch im niedern Stande! Man sey nicht, wie die mehr¬ mehrsten Vornehmen und Reichen, etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerm Stande, wenn man Ihrer bedarf, da man sie hingegen verabsaͤumt, oder ihnen uͤbermuͤthig begegnet, sobald man Ihrer entbehren kann! Man vernachlaͤssige nicht, sobald ein Groͤßerer gegen¬ waͤrtig ist, den Mann, den man unter vier Au¬ gen mit Freundschaft und Vertraulichkeit behan¬ delt, schaͤme sich nicht, oͤffentlich den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, moͤgte er auch weder Rang, noch Geld, noch Titel fuͤhren! Man ziehe aber nicht die niedern Clas¬ sen blos aus Eigennutz und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volks auf unsre Seite zu brin¬ gen, um als ein lieber, leutseliger Herr geprie¬ sen und uͤber Andre erhoben zu werden! Man waͤhle nicht vorzuͤglich den Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen Cir¬ keln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und glaube nicht, daß man populaͤr und natuͤr¬ lich sey, wenn man die Sitten des Poͤbels nach¬ ahmt! Man sey nicht lediglich darum freundlich gegen die Geringern, um irgend einen Hoͤhern im Range zu demuͤthigen, nicht aus Stolz her¬ ablassend, um desto mehr geehrt zu werden, son¬ dern C 2 dern uͤberall aus reiner, redlicher Absicht, aus richtigen Begriffen von Adel, und aus Gefuͤhl von Gerechtigkeit, die, uͤber alle zufaͤllige Ver¬ haͤltnisse hinaus, in dem Menschen nur den Werth schaͤtzt, den er als Mensch hat! 3. Aber diese Hoͤflichkeit sey auch wohl geord¬ net! Sie sey nicht uͤbertrieben! Sobald der Geringere fuͤhlt, daß ihm die Ehre, welche wir ihm erweisen, ohnmoͤglich zukommen kann; so haͤlt er es entweder fuͤr Mangel an Vernunft, fuͤr Spott, oder gar fuͤr Falschheit, argwoͤhnt, es stecke etwas dahinter, wir wollen Seiner mis¬ brauchen. Sodann giebt es auch eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kraͤnkend ist, wo¬ bey der leidende Theil offenbar fuͤhlt, daß man ihm nur ein mildthaͤtiges Almosen der Hoͤflichkeit darreicht. Endlich giebt es eine abgeschmackte Art von Hoͤflichkeit, wenn man nemlich mit Leu¬ ten von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht verstehen, die unter Personen von der Classe gar nicht uͤblich ist, wenn man das conventionelle Gewaͤsche von Unterthaͤnig¬ keit, Gnade, Ehre, Entzuͤcken, und so ferner, bey bey Personen anbringt, die an solche starke Ge¬ wuͤrze gar nicht gewoͤhnt sind. Dies ist der ge¬ meine Fehler der Hofleute. Sie halten ihren Jargon fuͤr die einzige allgemeine Sprache, und machen sich dadurch oft bey dem besten Willen laͤcherlich oder verdaͤchtig. Die große Kunst des Umgangs ist, wie ich gleich zu Anfange dieses Buchs gesagt habe, den Ton jeder Gesellschaft zu studieren, und nach Gelegenheit annehmen zu koͤnnen. 4. Man huͤte sich aber vor grenzenloser Ver¬ traulichkeit gegen solche Menschen, die keine feine Erziehung haben! Sie misbrauchen leicht unsre Gutwilligkeit, fordern immer mehr, und werden unbescheiden. Man gebe Jedem, so viel er zu ertragen vermag! 5. Laß es den Geringern in Deinen glaͤnzen¬ den Umstaͤnden nicht entgelten, wenn er Dich, so lange Dir das Gluͤck nicht anlaͤchelte, verab¬ saͤumt, wenn er Deinen maͤchtigen Feinden ge¬ huldigt hat, wenn er sich, wie die großen gel¬ C 3 ben ben Blumen, nach der Sonne dreht! Denke, daß solche Menschen oft in die Nothwendigkeit versetzt werden, wenn sie mit den Ihrigen leben und essen wollen, sich zu kruͤmmen und zu schmie¬ gen, daß Wenige unter ihnen so erzogen sind, daß sie Sinn fuͤr gewisse feinere Gefuͤhle und Aufopferungen haben, und daß alle Menschen mehr oder weniger nach Eigennutz handeln, den die Geschliffenern nur kuͤnstlicher verbergen. 6. Taͤusche nicht den Niedern, der Dich um Schutz, Vorsprache, oder Huͤlfe bittet, mit fal¬ schen Hofnungen, leeren Versprechungen und nichtigen Vertroͤstungen, wie es die Weise der mehrsten Vornehmen ist, die, um die Clienten sich vom Halse zu schaffen, oder in den Ruf von Leutseligkeit zu kommen, oder aus Schwaͤche, aus Mangel an Festigkeit, jeden Bittenden mit suͤßen Worten und Verheissungen uͤberschuͤtten, sobald er aber den Ruͤcken gewendet hat, nicht mehr an sein Anliegen denken. Der Arme geht indeß voll Hofnung nach Hause, glaubt seine Angelegenheit den besten Haͤnden anvertrauet zu haben, versaͤumt alle andre Wege, die er zu Er¬ Erlangung seines Zwecks einschlagen koͤnnte, und fuͤhlt sich nachher doppelt ungluͤcklich, wenn er sieht, wie sehr er sich betrogen hat. 7. Hilf Dem, der dessen bedarf! Befoͤrdere und schuͤtze Die, welche Dich um Huͤlfe, Wohlthat und Schutz ansprechen, in so fern die Gerechtig¬ keit es gestattet! Aber huͤte Dich, so schwach zu zu seyn, daß Du durchaus nichts abschlagen koͤn¬ nest. Daraus entstehen zweyerley nachtheilige Folgen: zuerst, daß Leute von niedriger Den¬ kungsart Deine Schwaͤche misbrauchen, und Dir eine Last von Verbindlichkeiten, Arbeiten und Sorgen auflegen, die fuͤr Dein Herz, fuͤr Deine Kraͤfte, oder fuͤr Deinen Geldbeutel zu schwer ist, oder wodurch Du gezwungen wirst, unge¬ recht gegen Andre zu handeln, die weniger zu¬ dringlich sind. Und dann der zweyte Schaden: Wer zu viel verspricht, der wird wieder Willen zuweilen sein Wort zu brechen genoͤthigt. Ein fester Mann muß auch den Muth haben, eine abschlaͤgige Antwort geben zu koͤnnen, und wenn er dies auf edle, nicht beleidigende Weise, aus wichtigen Gruͤnden thut, und sonst dafuͤr bekannt C4 ist, ist, daß er gerecht handelt und gern hilft; so wird er sich dadurch keine Feinde erwecken. Al¬ len Menschen kann man es freylich nicht recht machen, aber wenn man immer consequent und weise handelt; so werden uns wenigstens die Bessern nicht verkennen. Schwaͤche ist nicht Guͤte, und verweigern, was man vernuͤnftiger Weise nicht zugestehn kann, heisst nicht harther¬ zig seyn. 8. Verlange nicht einen uͤbermaͤssigen Grad von Cultur und Aufklaͤrung von Leuten, die bestimmt sind, im niedern Stande zu leben! Trage auch nichts dazu bey, ihre intellectuellen Kraͤfte zu uͤberspannen, und sie mit Kenntnissen zu bereichern, die ihnen ihren Zustand wiedrig machen, und den Geschmack an solchen Arbeiten verbittern, wozu Stand und Beduͤrfniß sie auf¬ rufen! Das Wort Aufklaͤrung wird in unsern Zeiten oft sehr gemisbraucht, und bedeutet nicht sowohl Veredlung des Geistes, als Richtung desselben auf grillenhafte, speculative und phan¬ tastische Spielwerke. Die beste Aufklaͤrung des des Verstandes ist die, welche uns lehrt, mit unsrer Lage zufrieden und in unsern Verhaͤltnis¬ sen brauchbar, nuͤtzlich und zweckmaͤssig thaͤtig zu seyn. Alles Uebrige ist Thorheit, und fuͤhrt zum Verderben. Drit¬ C5 Drittes Capittel. Ueber den Umgang mit Hofleuten und ihres Gleichen. 1. I ch fasse hier die Bemerkungen uͤber den Um¬ gang mit Hofleuten und mit solchen Personen uͤberhaupt, die in der so genannten großen Welt leben, und den Ton derselben angenommen haben, zusammen. Leider! wird dieser Ton, den Fuͤr¬ sten und Vornehme von solcher Art, wie ich sie im ersten Capittel dieses Theils beschrieben habe, angeben und ausbreiten, von allen Staͤnden, die einigen Anspruch auf feine Lebensart machen, nachgeaͤfft. Entfernung von Natur; Gleich¬ guͤltigkeit gegen die ersten und suͤßesten Bande der Menschheit; Verspottung der Einfalt, Un¬ schuld, Reinigkeit und der heiligsten Gefuͤhle; Flachheit; Vertilgung, Abschleifung jeder charac¬ teristischen Eigenheit und Originalitaͤt; Mangel an gruͤndlichen, wahrhaftig nuͤtzlichen Kennt¬ nissen; an deren Stelle hingegen Unverschaͤmt¬ heit, Persifflage, Impertinenz, Geschwaͤtzigkeit, Inconsequenz, Nachlallen; Kaͤlte gegen alles, was was gut, edel und groß ist; Ueppigkeit, Un¬ maͤßigkeit, Unkeuschheit, Weichlichkeit, Ziere¬ rey, Wankelmuth, Leichtsinn; abgeschmackter Hochmuth; Flitterpracht, als Maske der Bette¬ ley; schlechte Hauswirthschaft; Rang- und Titelsucht; Vorurtheile aller Art; Abhaͤngigkeit von den Blicken der Despoten und Maͤcenaten; sclavisches Kriechen, um etwas zu erringen; Schmeicheley gegen Den, dessen Huͤlfe man bedarf, aber Vernachlaͤssigung auch des Wuͤrdigsten, der nicht helfen kann; Aufopferung auch des Hei¬ ligsten, um seinen Zweck zu erlangen; Falsch¬ heit, Untreue, Verstellung, Eidbruͤchigkeit, Klat¬ scherey, Cabale; Schadenfreude, Laͤsterung, Anecdoten-Jagd; laͤcherliche Manieren, Ge¬ braͤuche und Gewohnheiten — Das sind zum Theil die herrlichen Dinge, welche unsre Maͤn¬ ner und Weiber, unsre Soͤhne und Toͤchter, von dem liebenswuͤrdigen Hofgesindel lernen — Das sind die Studien, nach welchen sich die Leute von feinem Ton bilden! Da, wo dieser Ton herrscht, wird das wahre Verdienst nicht nur blos uͤbersehn, sondern so viel moͤglich mit Fuͤßen getreten, unterdruͤckt, von leeren Koͤpfen zuruͤck¬ gedraͤngt, verdunkelt, verspottet. Kein groͤßerer Tri¬ Triumpf fuͤr einen faden Hofschranzen, als wenn er den Mann von entschiedenem Werthe, dessen Uebergewicht er heimlich fuͤhlt, demuͤthigen, ihn auf einen Mangel an conventioneller feinen Le¬ bensart ertappen und, durch die Art wie er dies bemerken macht, oder dadurch, daß er mit ihm in einer Sprache, oder uͤber Gegenstaͤnde redet, wovon er nichts versteht, es dahin bringen kann, daß Jener verwirrt wird und sich in schiefem Lichte zeigt! Kein groͤßerer Triumpf fuͤr die petitte Maitresse, als wenn sie eine redliche Frau, voll wahrer innerer und aͤusserer Vorzuͤge und Wuͤrde, in einer Gesellschaft von Weltleuten von einer laͤcherlichen Seite darstellen kann! Das alles muß man erwarten, wenn man sich unter Menschen von dieser Classe mischt. Man muß sich dann nicht beunruhigen, wenn uns der¬ gleichen wiederfaͤhrt, und hinterher sich kein graues Haar darum wachsen lassen. Man hat sonst keinen friedlichen Augenblick, wird unauf¬ hoͤrlich von tausend Leidenschaften, besonders von Ehrgeiz und Eitelkeit, in Aufruhr gebracht. Es giebt aber drey Mittel, allen diesen Unge¬ maͤchlichkeiten auszuweichen, indem man nem¬ lich entweder sich mit der großen Welt unbefan¬ gen gen laͤsst, oder aber in derselben seinen graden Gang fortgeht, ohne sich alle diese Thorheiten anfechten zu lassen, oder endlich, indem man den Ton derselben studiret, und soviel es ohne Verleugnung des Characters geschehen kann, mit den Woͤlfen heult. 2. Wer nicht, seiner Lage nach, schlechterdings dazu verdammt ist, an Hoͤfen, oder sonst in der großen Welt zu leben, der bleibe fern von die¬ sem Schauplatze des glaͤnzenden Elends, bleibe fern vom Getuͤmmel, das Geist und Herz be¬ taͤubt, verstimmt und zu Grunde richtet! In friedlicher, haͤuslicher Eingezogenheit, im Um¬ gange mit einigen edeln, verstaͤndigen und mun¬ tern Freunden, ein Leben zu fuͤhren, das unsrer Bestimmung, unsern Pflichten, den Wissen¬ schaften und unschuldigen Freuden gewidmet ist, und dann zuweilen einmal mit Nuͤchternheit an oͤffentlichen Vergnuͤgungen, an großen, gemisch¬ ten Gesellschaften Theil zu nehmen, um fuͤr die Phantasie, die doch auch nicht leer ausgehn will, neue Bilder zu sammeln, und die kleinen, wiedri¬ gen Gefuͤhle der Einfoͤrmigkeit zu verloͤschen, — Das Das ist ein Leben, das eines weisen Mannes werth ist! Und in Wahrheit! es steht oͤfter in unsrer Macht, als man gemeiniglich denkt, sich der großen Welt zu entziehn. Menschenfurcht, elende Gefaͤlligkeit gegen mittelmaͤßige Leute, Eitelkeit, Schwaͤche, Nachahmungssucht, das ist es, was so manchen sonst nicht schlechten Mann bewegt, seine schoͤnsten Stunden da zu verschleu¬ dern, wo er im Grunde nicht zu Hause ist, wo so oft Eckel und Langeweile ihn anwandeln, und allerley unedle Leidenschaften ihr Spielwerk mit ihm treiben. Freylich aber muß man, um sich diesem zu entziehn, nicht nur, seinen Verhaͤlt¬ nissen nach, unabhaͤngig seyn, sondern auch nach festen Grundsaͤtzen zu handeln und sich uͤber das Geschwaͤtz der Leute hinauszusetzen den Muth haben, mag auch davon gesprochen werden, was da will! 3. Muß oder will man aber in der großen Welt leben, und man ist nicht ganz sicher, den Ton derselben annehmen zu koͤnnen; so bleibe man lieber der Art von Stimmung und Wen¬ dung treu, die uns Natur und Erziehung gege¬ ben ben haben! Nichts kann abgeschmackter seyn, als wenn man jene Sitten halb und unvollstaͤn¬ dig copiert, wenn der ehrliche Landmann, der schlichte Buͤrger, der grade, teutsche Bieder¬ mann den franzoͤsischen petit Maitre, den Hof¬ mann, den Politiker spielen will, wenn Leute, die einer auslaͤndischen Sprache nicht maͤchtig sind, alle Gelegenheit aufsuchen, mit fremden Zungen zu reden, oder, wenn sie auch in ihrer Jugend an Hoͤfen gelebt haben, nicht merken, daß die galante Sprache aus Ludwig des Vier¬ zehnten Zeiten jetzt gar nicht mehr im Umlaufe ist, und eine Stutzer-Garderobe aus dem vo¬ rigen Jahrhunderte im Jahre 1788 nur auf dem comischen Theater Wuͤrkung thut. Solche Men¬ schen machen sich muthwilliger Weise zum Ge¬ spoͤtte, da man hingegen mit einem ungezwun¬ genen, natuͤrlichen und verstaͤndigen Betragen, Anstande und Anzuge, wenn dies alles auch nicht nach dem feinsten Hofschnitte ist, sich, mitten unter dem leichtfertigen Gesindel, Achtung und, wo nicht ein angenehmes, doch ein ruhiges, un¬ gekraͤnktes Leben verschaffen kann. Sey also einfach in Deiner Kleidung und in Deinen Ma¬ nieren, ehrlicher Biedermann! Sey ernsthaft, be¬ bescheiden, hoͤflich, ruhig, wahrhaftig! Rede nicht zuviel und nie von Dingen, wovon Du nichts weisst, noch in einer Sprache, die Dir nicht gelaͤufig ist, in so fern Der, welcher mit Dir spricht, Deine Muttersprache versteht! Be¬ trage Dich mit Wuͤrde und Gradheit, ohne grob zu seyn, ohne Ungeschliffenheit! so wird man Dich ungeneckt lassen. Allein freylich wirst Du auch nicht sehr vorgezogen. Dein Gesicht wird kein Mode- Gesicht werden. Hieruͤber aber be¬ ruhige Dich! Zeige Dich nicht verlegen, aͤngst¬ lich, wenn in einer großen Gesellschaft kein Mensch mit Dir redet! Du verliehrst nichts da¬ bey, kannst fuͤr Dich an allerley gute Dinge den¬ ken, auch manche nuͤtzliche Bemerkung machen, und man wird Dich nicht verachten, sondern vielleicht gar fuͤrchten, ohne Dich zu hassen, und das ist denn doch zuweilen so uͤbel nicht. Leute, die in der Jugend an Hoͤfen und in großen Staͤdten keine unbetraͤchtliche Rolle gespielt, die vielmehr dort geglaͤnzt, nachher aber sich zuruͤckgezogen, sich einer einfachern Le¬ bensart gewidmet haben, vergessen gar zu leicht, daß, um hier immer ein Mode- Gesicht zu blei¬ ben, ben, man nie den Faden der herrschenden Conver¬ sation aus der Hand verliehren, nie versaͤumen darf, auch in den kleinsten Fortschritten, der Cul¬ tur — wenn man das Cultur nennen muß — nach¬ zufolgen. Das ist aber, bey der unbeschreiblichen Veraͤnderlichkeit des Geschmacks und der Phan¬ tasie ohnmoͤglich, sobald man nicht immer mit der ganzen Flotte auf dem großen Weltmeere herum¬ schwimmt. Es geschieht dann, daß wir sehr boͤser Laune werden, wenn wir sehen, daß man uns ver¬ nachlaͤssigt, daß juͤngere, oft sehr unbedeutende Menschen jetzt die Coriphaͤen sind, daß Diese und deren Bewunderer uns uͤber die Achsel ansehen, uns nur aus nachsichtiger Hoͤflichkeit einige Auf¬ merksamkeit beweisen — O! es ist unglaublich, wie so etwas die Gemuͤthsruhe, auch des klugen Mannes (denn selbst kluge Leute sind nicht im¬ mer ganz von Eitelkeit frey) erschuͤttern, wie es verstimmen und bewuͤrken kann, daß man sich in recht unangenehmer Haltung zeigt und, wenn man etwas zu suchen hat, die Frucht einer weiten Reise und große Unkosten verliehrt, da hingegen unser Witz, unsre Laune unaufhaltsam und bezaubernd fortstroͤhmen, wo wir uns ge¬ ehrt, geliebt und mit Aufmerksamkeit behandelt wis¬ (Zweiter Th.) D wissen. Wer sich viel Jahre hindurch an großen und kleinen Hoͤfen und sonst in der großen Welt hat umhertreiben muͤssen, der wird nie in Ver¬ legenheit von jener Art kommen koͤnnen. Er wird die Fertigkeit erlangt haben, sich geschwind zu orientiren, schnell zu fassen, welche Sprache anwendbar ist; die guten Leute hingegen, die nicht Gelegenheit gefunden haben, diesen Grad von Verfeinerung zu erlangen, sollen wohl be¬ herzigen, was zu Anfange dieses Abschnitts ge¬ sagt worden. 4. Wer aber endlich viel und immer in der großen Welt lebt, der thut doch wohl, den herr¬ schenden Ton zu studieren und die aͤussern Ge¬ braͤuche derselben anzunehmen. Ersteres ist so schwer nicht, und Letzteres kann ohne schaͤdlichen Einfluß auf unsern Character geschehen. Zeichne Dich also nicht aus, durch altvaͤterische Kleidung oder Manieren! aber vergiß nicht, dabey auf Dein Alter, Deinen Stand und Dein Vermoͤ¬ gen Ruͤcksicht zu nehmen, und copiere nicht die Laͤcherlichkeiten einzelner Thoren, noch die ephe¬ merischen Moden des Augenblicks! Mache Dich mit mit der Sprache der Hofleute, mit ihrer Art sich gegen einander zu betragen, mit den Conventio¬ nen im Umgange bekannt; aber verleugne nicht innere Wuͤrde, Character und Wahrheit! 5. Es lassen sich ohnmoͤglich allgemeine Re¬ geln geben, wie weit man in Nachahmung der Hofsitten gehn duͤrfe. Ein verstaͤndiger und redlicher Mann wird das am besten selbst nach seiner Lage, Gemuͤthsart und nach seinem Ge¬ wissen abmessen koͤnnen. Doch nur so viel! Un¬ schaͤdliche Thorheiten, die man nicht Lust hat nachzuahmen, hat man deswegen nicht immer Beruf zu bekaͤmpfen, und gleichguͤltige Gewohn¬ heiten und Sitten, die weiter keinen Einfluß auf den Character haben, kann man, ja! muß man zuweilen auf kurze Zeit mitmachen, und darf sich das um so weniger uͤbelnehmen, wenn man dadurch manches groͤßere Gute zu bewuͤr¬ ken in den Stand gesetzt wird. Es giebt auch Moden in Litteratur und Kunst, im Geschmacke, in gewissen Vergnuͤgun¬ gen und Schauspielen, in dem Beyfalle, den irgend eine Saͤngerinn, irgend ein Tonkuͤnstler, D2 Schrift¬ Schriftsteller, Prediger, Maler, Geisterseher, Schneider, oder Friseur, oft gegen Verdienst und Wuͤrdigkeit, vom vornehmen großen Hau¬ fen einerndtet, und es ist verlohrne Muͤhe, die¬ sem Mode-Geschmacke sich wiedersetzen zu wol¬ len. Am besten ist es da, ruhig abzuwarten, daß eine neue Narrheit die alte verdraͤnge. Es giebt Moden im Gebrauche von Arzeneyen, de¬ nen sich die Vornehmern unterwerfen zu muͤssen glauben — sey es, daß sie sich taͤglich clystieren, oder in ein gewisses Bad und in kein anders reisen, oder sich mit den Pillen oder Pulvern irgend eines Marktschreyers langsam vergiften! Laͤchle in der Stille daruͤber! clystiere Dich ohn¬ maßgeblich auch ein wenig, und mache mit, was sich ohne Gefahr und Tollheit mitmachen laͤsst! Wenigstens mache Dich mit diesen Moden be¬ kannt, um nicht in Deinen Gespraͤchen dagegen anzustoßen! Du wirst uͤbel anlaufen, wenn Du nach Deiner Empfindung eine Theaternimpfe tadelst, deren Gebruͤlle grade zu der Zeit in der feinen Welt fuͤr Goͤtterstimme gilt, oder wenn Du ein Buch erbaͤrmlich nennst, dessen Verfasser als ein großes Genie anerkannt wird. Du wirst uͤbel anlaufen, wenn Du eine Dame, die grade in der der Periode ist, in welcher sie nach der Mode frey¬ geisterische Grundsaͤtze haben muß, von religiosen Gegenstaͤnden unterhaͤltst. Denn auch das hat seine Gesetze, die von der Mode bestimmt werden. Juͤnglinge fangen an im fuͤnf und zwanzigsten Jahre alt zu werden, nicht mehr zu tanzen, sich den Cirkeln der Greise zuzugesellen, ein feyerli¬ ches, philosophisches, ein Geschaͤfts-Gesicht mit in die Gesellschaft zu bringen. Kommen sie aber nahe an die Vierzige, dann werden sie wieder jung, huͤpfen herum, spielen um Pfaͤnder mit jungen Maͤdgen — das alles muß man beobach¬ ten und seine Maaßregeln darnach nehmen. 6. Uebrigens gestehe ich — es bleibt aber un¬ ter uns — daß der Ton, welcher jetzt unter un¬ sern ganz jungen Leuten ziemlich allgemein an Hoͤfen und in der feinen Welt eingeschlichen ist, mir gar nicht so gefallen will, wie der, welcher vor etwa zwanzig Jahren herrschte. Viele von ihnen kommen mir aͤusserst ungeschliffen und plump vor; Es scheint mir, als suchten sie etwas darinn, Bescheidenheit, Hoͤflichkeit und Delica¬ tesse zu beleidigen, stumm, ungefaͤllig gegen Da¬ men D 3 men und Fremde zu seyn, selbst ihren Coͤrper zu vernachlaͤssigen, ohne alle Grazie beym Tanze herumzuspringen, krumm und schief und gebuͤckt zu gehn, keine Kunst, keine Wissenschaft gruͤnd¬ lich zu erlernen. Es giebt freylich einen Bocks¬ beutel, einen Zwang, eine Steifigkeit im Um¬ gange, die in vorigen Zeiten in Teutschland herr¬ schend waren, und wovon es ein Gluͤck ist, daß wir anfangen, sie abzulegen; aber edler Anstand ist nicht Steifigkeit, verbindliche Hoͤflichkeit und Aufmerksamkeit nicht Bocksbeutel, Grazie nicht Zwang, und aͤchtes Talent, wahre Geschicklich¬ keit nicht Pedanterey. Und man sehe auch die papiernen Maͤnnchen an, wie Ueberdruß und Langeweile auf ihrer fruͤh sich runzelnden Stirne wohnen, wie sie unfaͤhig sind, von ganzem Her¬ zen froh zu werden, wie sie in den schoͤnsten Jah¬ ren des Lebens schon bey den unschuldigen Freu¬ den der Jugend Eckel empfinden. — Doch, ich habe Hofnung, daß es bald wieder besser damit werden soll, und, ohne Stolz auf unsre Vater¬ stadt kann ich es wohl sagen, wir haben hier eine liebenswuͤrdige, wohlerzogene Jugend in allen Classen und Staͤnden auszuweisen. 7. 7. Verachte nicht alles, was blos conventio¬ nellen Werth hat, wenn Du mit Annehmlich¬ keit in der großen Welt leben willst! Verachte nicht so ganz und gar Titel, Orden, Glanz, aͤussere Zierathe und dergleichen! aber setze kei¬ nen innern Werth darauf! ringe nicht aͤngstlich darnach! Es giebt doch wohl Faͤlle, wo ein sol¬ cher an sich nichtiger Stempel Dir und den Dei¬ nigen, wo nicht reelle Vortheile, doch Annehm¬ lichkeiten zu Wege bringen kann. Heimlich in Deinem Caͤmmerlein darfst Du herzlich aller dieser Thorheiten lachen; aber thue das nicht laut! Mit Einem Worte! zeichne Dich nicht zu sehr aus, unter den Weltleuten, mit denen Du leben musst. Dies ist nicht nur Regel der Klug¬ heit, nein! sondern es ist auch Pflicht, die Sit¬ ten des Standes anzunehmen, den man waͤhlt, ganz zu seyn, was man ist, doch, wie sich das versteht, nie auf Unkosten des Characters. Er¬ warte uͤbrigens auf diesem Schauplatze nicht, daß man in Dir den edeln, weisen, geschickten Mann schaͤtze, sondern nur, daß man Dich ar¬ tig finde, daß man von Dir sage: Par dieu! il a de l'esprit, comme nous autres! 8. D 4 8. Und willst Du auch nur dies eitle Lob da¬ von tragen; so darfst Du selbst nicht einmal mer¬ ken lassen, daß Du von besserm Stoffe bist, als der große Haufen jener hirnlosen Muͤßiggaͤnger. Der kluͤgere und edlere Mann, bequemte er sich auch noch so puͤnctlich nach den Sitten der so genannten feinen Societaͤt, wird dennoch dem Neide, der Verleumdung und den unaufhoͤrli¬ chen Neckereyen und Klatschereyen, welche hier herrschen, nicht ausweichen; denn um schalen Koͤpfen zu gefallen, muß man selbst ein schaler Kopf seyn. Ich rathe dann, sich das gar nicht anfechten zu lassen, vor allen Dingen aber kei¬ nen Verdruß, keine Unruhe zu aͤussern , sonst bekoͤmmt man nie Frieden. Man gehe also seinen Gang fort, folge seinem Systeme, und lasse die Thoren schwaͤtzen, bis sie muͤde werden! Hier sind auch alle Erlaͤuterungen, alle Ent¬ schuldigungen uͤbel angebracht, und menn Du mit Wiederlegung Einer Verleumdung fertig bist; so wird man schon eine andre in Bereit¬ schaft haben. 9. 9. In der großen Welt ist der oben entwickelte Grundsatz vorzuͤglich nicht ausser Augen zu lassen, nemlich daß jedermann nur so viel gilt, als er sich selbst gelten macht. Man zeige sich also frey, zuversichtlich, seiner Sache gewiß! Man lasse die Leute nicht einmal ahnden, daß es moͤg¬ lich waͤre, man koͤnne uns zuruͤcksetzen, sich un¬ sers Umgangs schaͤmen, in unsrer Gesellschaft Langeweile, haben! Hofleute und ihres Gleichen pflegen die Grade ihrer Hoͤflichkeit und Auf¬ merksamkeit gegen uns darnach abzumessen, in welcher aͤussern Achtung wir in den vornehmen Cirkeln stehen. Man mache sich also da gelten, mache sich eine gewisse Aisance eigen, die man nur durch Uebung erlernt, die sehr unterschieden von Unverschaͤmtheit, Zudringlichkeit und Prah¬ lerey ist, und die vorzuͤglich in einem ruhigen, leidenschaftsfreyen, anstaͤndigen, gleichmuͤthigen Betragen, das planlos und ohne Forderungen zu seyn scheint, besteht, und zu welchem man nie gelangt, wenn unsre Eitelkeit aller Orten Glanz sucht, und wenn im Grunde des Herzens un¬ ser eigener Beyfall uns nicht mehr werth ist, als die Bewunderung, womit leere Koͤpfe uns beehren. D 5 10. 10. Man messe sein Betragen gegen Hofleute puͤnctlich nach dem ihrigen gegen uns ab, und gehe ihnen keinen Schritt entgegen! Diese Menschen-Gattung nimt eine Hand breit, wo man ihnen einen Finger breit einraͤumt. Man erwiedere Stolz mit Stolz, Kaͤlte mit Kaͤlte, Freundlichkeit mit Freundlichkeit, gebe aber nicht mehr und nicht weniger, als man empfaͤngt! Die Befolgung dieser Vorsicht hat mannigfalti¬ gen Nutzen. Die feinen Weltleute sind wie ein Rohr, das vom Winde bewegt wird. Da sie selbst so wenig Bewusstseyn innerer Wuͤrde ha¬ ben; so beruht ihre ganze Existenz auf ihren aͤussern Ruf. Sie werden sich an Dich schlies¬ sen, sobald sie sehen, daß Du in gutem Lichte wandelst. Aber wenn Du nicht durch die nie¬ drigste Schmeicheley und Preisgebung alle alten Weiber beyderley Geschlechts auf Deine Seite ziehst; so wird bald einmal eine Laͤsterzunge et¬ was Nachtheiliges gegen Dich aussprechen. Kaum wird ein solches Geruͤcht herumlaufen; so werden jene Sclaven lauern, welche Wuͤrkung dies auf das Publicum macht, und fasst es Wur¬ zel; so werden sie den Kopf um ein Paar Zoll hoͤher hoͤher gegen Dich tragen. Macht Dich das un¬ ruhig, aͤngstlich; behandelst Du sie nach Dei¬ nem Herzen, wie Leute, deren Freundschaft Du gern erhalten moͤgtest; so werden sie immer un¬ bescheidener, und helfen die elende Klatscherey weiter tragen, woraus Dir denn, so geringe auch die Sache scheinen moͤgte, mancherley Ver¬ druß erwachsen kann. Wirf aber auf den Er¬ sten, der Dir kalt begegnet, einen veraͤchtlichen Blick; so wird er zuruͤck springen, fuͤr seinen ei¬ genen Ruf beben, kein nachtheiliges Wort von Dir uͤber seine Zunge kommen lassen, und sich vor dem Manne beugen, von dem er glaubt, er muͤsse geheimen Schutz haben, weil er so fest steht, so gleichguͤltig gegen die seligmachende Stimme des hohen Poͤbels ist. Ja! gieb ihm doppelt wieder, was er wagt, Dir zu biethen! Laß Dich durch kein freundliches Woͤrtgen wie¬ der heranlocken, bis er gaͤnzlich zu Creutze kriecht! Ich, der ich nun keine Plane mehr auf das Gluͤck mache, in der großen Welt zu glaͤnzen, folge darinn eben keinem festen Systeme, son¬ dern meiner jedesmaligen Gemuͤthsstimmung und Laune. An aͤchte, unverfaͤlschte Herzens- Ergiessung gewoͤhnt, voll Waͤrme fuͤr alles, was Freund¬ Freundschaft und Zuneigung heisst, weniger da¬ um bekuͤmmert, geehrt, als geliebt zu seyn, be¬ unruhigt mich — ich schaͤme mich dieses Ge¬ staͤndnisses nicht — beunruhigt, verstimmt mich jedes kalte Betragen von Leuten, die mir gute Eigenschaften zu haben scheinen, mehr als mir, nach so mancher Erfahrung in der großen Welt, zu verzeyhen ist. Zu andern Zeiten aber be¬ handle ich auch das Ding von der lustigen Seite, und freue mich herzlich, indem ich hoͤre, daß das muͤssige Publicum sich auf Unkosten meiner We¬ nigkeit beschaͤftigt, daruͤber, daß dies grade einen Mann trifft, der nur als Volontair in der gro¬ ßen Welt dient, und kein Avancement verlangt. Indessen ist was ich meinem Temperamente nach thue, darum noch nicht gut gethan. Am besten ist es gewiß, uͤber dergleichen und uͤber Klatschereien aller Art wenigstens nicht die ge¬ ringste Unruhe zu zeigen, mit niemand weiter daruͤber zu reden, und sich auf keine Explications einzulassen. Dann ist in acht Tagen das Maͤr¬ chen vergessen, da auf jede andre Art hingegen die Sache aͤrger gemacht wird. II. 11. Sey hoͤflich und geschliffen im Aeussern! Man muß an Hoͤfen und im Umgange in großen Staͤdten manchen Menschen sehn, ertragen und freundlich behandeln, den man nicht schaͤtzt, auch sucht man ja in diesem Getuͤmmel keine Freunde, sondern nur Gesellschafter. Allein wo es Nutzen stiften, oder wenigstens unser Ansehn befestigen, wo es wuͤrken kann, daß Der Dich fuͤrchte, der nicht anders als durch Furcht im Zaume zu hal¬ ten ist; da laß ihn Dein Ansehn fuͤhlen! Nim eine Art von Wuͤrde, von edelm Stolze und von Hoheit an gegen den Hofschranzen, damit nie der Gedanke in ihm aufkeimen koͤnne, Dich zu foppen, oder zu misbrauchen! Diese Sclaven- Seelen zittern vor dem Uebergewichte des ver¬ staͤndigen, consequenten Mannes; allein das muß weder in Aufgeblasenheit, noch in Bauern¬ stolz ausarten. Sage diesen Leuten zuweilen einmal, doch ohne Hitze und Grobheit, die Wahrheit! Schlage ihre flachen, schiefen Ur¬ theile kaltbluͤtig mit Gruͤnden nieder, wo es nach den Umstaͤnden die Klugheit erlaubt! Stopfe ihnen das Maul, wenn sie den Redlichen laͤ¬ stern! Setze ihren Schleichwegen Muth, Thaͤ¬ tig¬ tigkeit und wahre Kraft entgegen! Scherze nicht vertraulich mit ihnen! Laß aͤchter Laune nicht den Lauf; aus Furcht ein Wort zu spre¬ chen, das man misbrauchen, verdrehen koͤnnte! 12. Ueberhaupt rede in der großen Welt nie warme Herzenssprache! das ist dort eine fremde Mundart. Rede nicht von den reinen, suͤßen, einfachen haͤuslichen Freuden! Das sind Myste¬ rien fuͤr solche Profane. Habe Dein Gesicht in Deiner Gewalt, daß man nichts darauf geschrie¬ ben finde, weder Verwunderung, noch Freude, noch Wiederwillen, noch Verdruß! Die Hof¬ leute lesen besser Mienen, als gedruckte Sachen; Das ist fast ihr einziges Studium. Vertraue Deine Angelegenheiten niemand! Sey vorsich¬ tig, nicht nur im Reden, sondern sogar im Hoͤ¬ ren! sonst wird Dein Name leicht compromittirt. 13. Ich habe schon vorhin gesagt, daß unser Betragen in der großen Welt nach eines Jeden individuellen Lage modificiert werden muͤsse, und daß, was dem Einen darinn zu beobachten wich¬ tig, tig, fuͤr den Andern vielleicht von gar keinem Belange seyn koͤnne! Wer nicht blos in dersel¬ ben leben und geachtet werden, sondern wer auch wuͤrken, sich emporarbeiten, regieren will, der muß das Ding freylich noch viel feiner studiren. Da kann es aͤusserst wichtig werden, entweder zu der herrschenden Parthey, oder (wobey man groͤßtentheils am sichersten geht, wenn man sonst kein ganz unwichtiger Mann ist) zu gar keiner zu gehoͤren, um von allen aufgesucht zu werden, und nach Gelegenheit unmerklich Anfuͤhrer einer eigenen zu werden. Da muß oft die Politic uns lehren, wo wir des sichern Vortheils nicht gewiß sind, wo nicht zu helfen, vielleicht gar zu scha¬ den ist, unsre verfolgten Freunde allein kaͤmpfen zu lassen, und uns Ihrer nicht oͤffentlich anzu¬ nehmen. Da kann es noͤthig seyn, sich anfangs sehr klein zu stellen, um nicht beobachtet, in un¬ sern Planen nicht gestoͤhrt, vielmehr als ein un¬ bedeutender Mensch, (weil ein Solcher immer mehr Stimmen auf seiner Seite hat, als der von besserer Art) befoͤrdert zu werden. Zu al¬ len Geschaͤften aber, die man in der großen Welt fuͤhren muß, ist nichts so dringend anzuempfeh¬ len als — Kaltbluͤtigkeit , das heisst: sich nie nie zu vergessen; nie sich zu uͤbereilen, den Ver¬ stand nie dem Herzen, dem Temperamente, der Phantasie preis zu geben; Vorsicht, Verschlossen¬ heit, Wachsamkeit, Gegenwart des Geistes, Un¬ terdruͤckung willkuͤhrlicher Aufwallungen und Gewalt uͤber Launen. Mit Kaltbluͤtigkeit und den dahin gehoͤrigen Eigenschaften sieht man Per¬ sonen von den mittelmaͤßigsten natuͤrlichen Ga¬ ben uͤber den lebhaftesten, feinsten Feuer-Kopf herrschen. Aber diese schwere Kunst — wenn sie sich je erlernen laͤsst, wenn sie nicht ausschlie߬ lich ein Geschenk der Natur ist — erlangt man nur nach vieljaͤhriger Arbeit und Erfahrung. 14. Und nun zum Schlusse dieses Capittels auch etwas uͤber den Nutzen, den uns der Um¬ gang mit Menschen in der großen Welt gewaͤhrt! Er ist wahrlich nicht unbetraͤchtlich. Vorschrif¬ ten, welche uns auf die erlaubten Sitten der feinern Societaͤt verweisen, sind freylich keine Grundsaͤtze der Moral, sondern nur der Ueber¬ einkunft; allein eben diese Uebereinkunft beruht doch darauf, daß man suche, sich und Andern, in einer zwangvollen Lage, deren Ungemaͤchlich¬ keit keit wir nun einmal nicht ganz aus dem Wege raͤumen koͤnnen, seinen Zustand so leidlich als moͤglich zu machen, ohne dazu solche Mittel zu ergreifen, die unsern innern Werth auf das Spiel setzen. Dieser innere Werth aber, der, wie ein Schatz unter der Erde, immer, auch verborgen, Gold bleibt, kann doch Witwen und Waisen naͤhren, und Monarchen und Reiche zum Wohl der Welt in Wuͤrksamkeit setzen, wenn er hervorgeholt und durch den Stempel der Convention in Umlauf gebracht, wenn er all¬ gemein anerkannt wird — anerkannt von Denen, die sich auf reines Gold verstehen, und anerkannt von Denen, die nur auf das Gepraͤge achten — Also daͤchte ich, man eiferte nicht so heftig gegen den wahren feinen Weltton. Er lehrt uns, die kleinen Gefaͤlligkeiten nicht ausser Acht zu lassen, die das Leben suͤß und leicht machen. Er er¬ weckt in uns Aufmerksamkeit auf den Gang des menschlichen Herzens, schaͤrft unsern Beobach¬ tungsgeist, gewoͤhnt uns daran, ohne zu kraͤnken und ohne gekraͤnkt zu werden, mit Menschen al¬ ler Art leben zu koͤnnen. Der aͤchte und zugleich redliche alte Hofmann verdient wahrlich Vereh¬ rung, und man braucht nicht in die Wuͤsten zu fliehn, (Zweiter Th.) E fliehn, noch sich in Studierzimmern zu vergra¬ ben, um auf den Titel eines Philosophen An¬ spruch machen zu duͤrfen. Ja! ohne einige Kenntniß der großen Welt hilft uns alle Stu¬ ben-Gelehrsamkeit, alle Menschenkunde aus Buͤchern sehr wenig. Ich rathe also jedem jun¬ gen Manne, der edeln Ehrgeiz, Durst nach Welt- und Menschen-Kenntniß und Begierde hat, nuͤtzlich und thaͤtig zu seyn, wenigstens auf einige Zeit den groͤßern Schauplatz zu betreten, waͤre es auch nur, um Stoff zu sammeln zu Beobachtungen, die einst im Alter seinen Geist beschaͤftigen und ihn in den Stand setzen, sei¬ nen Kindern und Enkeln, die vielleicht bestimmt sind an Hoͤfen oder in großen Staͤdten ihr Gluͤck zu suchen, weise Lehren zu geben. Vier¬ Viertes Capittel. Ueber den Umgang mit Gelehrten und Kuͤnstlern. 1 . W enn der Titel eines Gelehrten nicht heut zu Tage so gemein wuͤrde, als der eines Gentel¬ mann in England; wenn man sich unter einem Gelehrten immer nur einen Mann denken duͤrfte, der seinen Geist durch wahrhaftig nuͤtz¬ liche Kenntnisse ausgebildet, und diese Kennt¬ nisse zu Veredlung seines Herzens angewendet haͤtte — kurz! einen Mann, den Wissenschaf¬ ten und Kuͤnste zu einem weisern, bessern und fuͤr das Wohl seiner Mitbuͤrger thaͤtigern Men¬ schen gemacht haͤtten; dann brauchte ich hier kein Capittel uͤber den Umgang mit solchen Leu¬ ten zu schreiben. Was bedarf es einer Vorschrift, wie man mit dem Weisen und Edeln umgehn soll? An seiner Seite zu horchen auf die Lehren, die von seinen Lippen stroͤhmen; seine Augen auf ihn gerichtet zu haben, um sein Beyspiel die Richtschnur unsrer Handlungen seyn zu las¬ sen; die Wahrheit von ihm zu vernehmen, und E 2 die¬ dieser Wahrheit zu folgen — das ist ein Gluͤck, dessen Genuß nicht nach Regeln gelernt zu wer¬ den braucht. Wenn aber heut zu Tage jeder elende Verseschmidt, Compilator, Journalist, Anecdoten-Jaͤger, Uebersetzer, Pluͤnderer frem¬ der literarischen Guͤter, und uͤberhaupt Jeder, der die unbegreifliche Nachsicht unsers Publi¬ cums misbraucht, um ganze Baͤnde voll Unsinn, Thorheit und Wiederholung laͤngst besser gesag¬ ter Dinge drucken zu lassen, sich selber einen Ge¬ lehrten nennt; wenn die Wissenschaften nicht nach dem Grade ihrer Nuͤtzlichkeit fuͤr die Welt, sondern nach dem veraͤnderlichen, leichtfertigen Geschmacke des lesenden Poͤbels geschaͤtzt, spe¬ culative Grillen Weisheit genannt werden, fie¬ berhafte Phantasie fuͤr Schwung und Begeiste¬ rung gilt; wenn ein Knabe, der sein rauhes Gewaͤsche in abwechselnd kurzen und langen Zei¬ len in einen Musen-Almanach einruͤcken laͤsst, ein Dichter heisst; wenn der Mensch, der mit seinen Fingern ein Gewuͤhl von falschen Toͤnen, ohne Verbindung und Ausdruck, den Saiten entlockt, ein Tonkuͤnstler, Der, welcher schwarze Puncte, in Abschnitte eingetheilt, auf Papier setzen kann, ein Componist, Der, welcher auf Bret¬ Brettern herumspringt, ein Taͤnzer genant wird; dann muß man wohl ein Paar Worte daruͤber sagen, wie man sich im Umgange mit solchen Leuten zu betragen hat, wenn man nicht fuͤr einen Mann ohne Geschmack und Kenntniß angesehn seyn will. 2. Beurtheile nicht den moralischen Character des Gelehrten nach dem Inhalte seiner Schrif¬ ten! Auf dem Papiere sieht der Mann oft ganz anders aus, als in natura . Auch ist das so uͤbel nicht zu nehmen. Am Schreibtische, wo man die ruhigste Gemuͤthsverfassung waͤhlen kann, wenn keine stuͤrmische Leidenschaften un¬ sern Geist aus seiner Fassung bringen; da lassen sich herrliche moralische Vorschriften geben, die nachher in der wuͤrklichen Welt, wo Reizung, Ueberraschung und Verfuͤhrung von Seiten der beruͤchtigten drey geistlichen Feinde uns hin und hertreiben, nicht so leicht zu befolgen sind. Also soll man freylich den Mann der Tugend pre¬ digt, darum nicht immer fuͤr ein Muster von Tugend halten, sondern auch bedenken, daß er ein Mensch bleibt, ihm wenigstens dafuͤr dan¬ ken, E3 ken, daß er vor Fehlern warnt, wenn er selbst auch nicht stark genug ist, diese Fehler zu ver¬ meiden, und es wuͤrde unbillig seyn, ihn des¬ falls fuͤr einen Heuchler zu halten (obgleich es eben so unbillig waͤre, ohne Beweis vorauszu¬ setzen, er thue das Gegentheil von dem, was er lehrt, oder man muͤsse seine Worte anders aus¬ legen, als sie lauten.) Von der andern Seite soll man auch nicht die Grundsaͤtze, die ein Schriftsteller den Personen seiner eigenen Schoͤ¬ pfung in den Mund legt, als seine eigenen an¬ sehn, noch einen Mann deswegen fuͤr einen Boͤ¬ sewicht, oder Faun, oder Menschenhasser hal¬ ten, weil seine uͤppige Phantasie, sein Feuer ihn verleitet, irgend einen boshaften Character von einer glaͤnzenden Seite darzustellen, oder eine wolluͤstige Scene mit lebhaften Farben zu schildern, oder mit Bitterkeit uͤber Thorheiten zu spotten. Wohl thaͤte er besser, wenn er das un¬ terliesse, aber er ist darum noch kein schlechter Mann, und so wie man bey hungrigem Magen Goͤtter-Malzeiten schildern kann; so kenne ich Dichter, die Wein und materielle Liebe besin¬ gen, und dennoch die maͤßigsten, keuschesten Menschen sind; kenne Schriftsteller, die Greuel von von Schandthaten mit der treffendsten Wahr¬ heit dargestellt haben, und dennoch Rechtschaft¬ fenheit und Sanftmuth in ihren Handlungen zeigen; kenne endlich Satyriker, voll Menschen¬ liebe und Wohlwollen. Eine andre Art von Ungerechtigkeit gegen Schrifftsteller und Kuͤnstler begeht man, wenn man von ihnen erwartet, sie sollen auch im ge¬ meinen Leben nichts als Sentenzen reden, nichts als Weisheit und Gelehrsamkeit predigen. Der Mann, der am glaͤnzendsten von einer Kunst schwaͤtzt, ist darum nicht immer der, welcher die gruͤndlichsten Kenntnisse davon besitzt. Es ist nicht einmal angenehm und schmeckt nach Pedanterey, wenn wir Jeden ohne Unterlaß von unsern eigenen Lieblings-Beschaͤftigungen unterhalten. Man geht in Gesellschaften, um sich zu zerstreuen, um auch einmal Andre als sich selbst zu hoͤren. Nicht Jeder hat so viel Gegen¬ wart des Geistes, mitten im Getuͤmmel, und wenn er durch Fragen und Vorwitz uͤberrascht wird, mit Wuͤrde und Bestimmtheit von Ge¬ genstaͤnden zu reden, die er vielleicht zu Hause in seinem einsamen Zimmer mit der groͤßten Klar¬ E 4 Klarheit durchschauet. Und dann giebt es auch Gesellschaften, in welchen die Leute so gaͤnzlich anders als wir gestimmt sind, die Dinge von so durchaus andern Seiten ansehen, daß es nicht moͤglich ist, in dem ersten Augenblicke sich so zu fassen, daß man etwas Gescheutes auf das antworte, was sie uns vortragen. Auch hat ja ein Gelehrter, so gut als ein andrer Erdensohn, seine Launen, ist nicht stets gleich aufgelegt zu wissenschaftlichen und uͤberhaupt zu solchen Ge¬ spraͤchen, die Nachdenken erfordern; Oder die Menschen, die er um sich sieht, behagen ihn nicht, scheinen ihm keines Aufwandes von Ver¬ stand und Witz wuͤrdig. Als vor ohngefehr sieben Jahren der Abbe' Raynal in den Rhein-Gegenden war, wurde ich einst mit ihm in einem vornehmen Hause zu Gaste geladen. Es hatte sich da eine Schaar neugieriger Damen und Herrn nebst einigen schoͤnen Geistern versammlet, um ihn zu bewun¬ dern, und von ihm bewundert zu werden. Er schien zu beyden nicht aufgelegt und, ich gestehe es, der Ton seiner Unterhaltung gefiel mir gar nicht. Die ganze Gesellschaft aber war aufge¬ bracht bracht und erbittert gegen den Mann, der ihre Erwartungen so getaͤuscht hatte, und das gieng denn so weit, daß Alle behaupteten: Dieser sey nicht der Abbe' Raynal gewesen, oder es sey ohn¬ moͤglich, daß der Abbe' Raynal so schoͤne Sachen geschrieben habe. Spricht aber ein Gelehrter, ein Kuͤnstler gern und viel von seinem Fache! so nim ihm auch das nicht uͤbel auf! Die ungluͤckliche Poly¬ historey, die Wuth auf allen Zweigen der Wis¬ senschaften und Kuͤnste herumzuhuͤpfen, sich zu schaͤmen, daß irgend etwas unter der Sonne seyn duͤrfte, woruͤber wir nicht raisonnieren koͤnnten, ist nicht eben das, was unserm Zeit¬ alter am mehrsten Ehre macht, und wenn es langweilig ist, einen Mann alle Gespraͤche auf seinen Lieblings-Gegenstand lenken zu hoͤren; so ist es mehr als langweilig, es ist empoͤhrend, wenn ein Schwaͤtzer entscheidende Urtheile uͤber Dinge ausspricht, die gaͤnzlich ausser seinem Ge¬ sichtskreise liegen, wenn der Priester uͤber Poli¬ tic, der Jurist uͤber Theater, der Arzt uͤber Ma¬ lerey, die Cokette uͤber philosophische Gegen¬ staͤnde, der suͤße Herr uͤber Tactic deraisoniert. E 5 Er¬ Erlaube dem Manne, der etwas gelernt hat, mit Leidenschaft von seiner Kunst, von seiner Wissenschaft zu reden, ja! gieb ihm Gelegen¬ heit dazu! Man ist wahrlich recht viel werth in der Welt, wenn man — doch uͤbrigens bey gesundem Hausverstande — Ein Fach aus dem Grunde versteht, und mich eckelt vor den her¬ umwandelnden encyclopaͤdischen Woͤrterbuͤchern. 3. Die mehrsten Schriftsteller verzeyhen es uns leichter, wenn wir ihren sittlichen Character, als wenn wir ihren Ruf in der gelehrten Welt anrasten. Man sey daher vorsichtig in Beur¬ theilung ihrer Producte! Selbst dann, wenn sie uns um unsre Meinung daruͤber fragen, ist dies immer so auszulegen, als baͤthen sie uns, um ein Lob. Den Fall ausgenommen, wenn Freundschaft uns zu voͤlliger Offenherzigkeit ver¬ pflichtet, rathe ich also, bey solchen Gelegenhei¬ ten, wo man ohnmoͤglich ohne Niedertraͤchtig¬ keit loben, wenigstens etwas zu sagen, das die Eitelkeit als Beyfall auslegen kann. Fast Fast noch ungnaͤdiger pflegen es die Herrn aufzunehmen, wenn man gar nichts von ihrer Autorschaft weiß, gar nichts von ihnen gelesen hat, oder wenn man den Mann, eines Buches wegen, das er geschrieben, dennoch im gemeinen Leben nicht anders wie Jeden behandelt, der auf andre Weise der Welt nuͤtzlich wird, endlich, wenn man Grundsaͤtze aͤussert, die nicht in ihr System passen, die mit denen streiten, zu deren Behauptung sie so manchen Bogen Papier mit Buchstaben versehn haben. Huͤte Dich vor die¬ sem Allen, wenn Du einen Schriftsteller nicht beleidigen willst! Allein unterscheide auch wohl, welchen Mann Du vor Dir hast, groß, klein, oder mittelmaͤßig! Alle riechen den Weyhrauch gern, der ihnen gestreuet wird, aber nicht Jeden darf man auf gleich grobe Art einraͤuchern. Der Eine nimmt vorlieb, wenn Du es ihm grade in den Bart sagst: er sey ein großer Mann; der Andre ist zufrieden, wenn Du nur, ohne Wie¬ derspruch, erlaubst, daß er dies selbst von sich sage; der Dritte verlangt nichts von Dir, als Hiobs Geduld, wenn er Dir seine elenden Pro¬ ducte vorliest; Den Vierten kitzelt eine kleine vortheilhafte Anspielung auf irgend eine Stelle aus aus seinen Schriften; den Fuͤnften behagt aͤussere ausgezeichnete Ehrerbiethung wenn auch von seiner Autorschaft nicht ausdruͤcklich Erwaͤhnung geschieht, und ein Sechster endlich — es sey mir erlaubt, neben Diesem mein Plaͤtzgen zu neh¬ men! — begnuͤgt sich, wenn die wenigen Edeln ihm die Gerechtigkeit wiederfahren lassen, zu glauben, daß es ihm wenigstens um Wahrheit und Tugend zu thun sey, daß er nichts geschrie¬ ben habe, dessen sein Herz sich zu schaͤmen brauchte, und daß, wenn seine Werke keine Mei¬ sterstuͤcke sind, sie sich doch auch nicht ausschlie߬ lich zu Rosinen-Duͤten qualificieren. 4. Lustig, anzusehn aber ist es, wenn zwey Schriftsteller sich einander muͤndlich oder schrift¬ lich loben und preisen, vortheilhafte Rezensionen gegenseitig erschleichen, sich bey lebendigem Leibe einbalsamieren, und sich eine glaͤnzende Ewig¬ keit zusichern. Ueberhaupt mag ich wohl ein ruhiger Zuschauer seyn, wenn ein Paar Leute zusammen kommen, die gern von einander be¬ wundert werden moͤgten, oder die sehr viel Gu¬ tes von einander gehoͤrt haben. Wie sie sich dre¬ drehen und wenden, um sich wechselsweise die schwache Seite abzujagen! Und wenn sie nun aus einander gehen, dann zeigt sich immer, daß der Eine den Andern vortrefflich findet, wenn Dieser ihm entweder Gelegenheit gegeben hat, seine Talente auszukramen, oder wenn beyde Narren sich auf aͤhnliche sympathetische Thor¬ heiten ertappt haben. Nicht so lustig aber ist der Anblick des Un¬ wesens, das man so oft unter Gelehrten wahr¬ nimmt, die entweder wegen der Verschiedenheit ihrer Meinungen und Systeme sich vor dem ehrsamen Volke wie Bettelbuben herumzanken, oder wenn sie an dem nemlichen Orte leben, und in dem nemlichen Fache auf Ruhm Anspruch machen, einander verfolgen, hassen, einander auch nicht die mindeste Gerechtigkeit wiederfah¬ ren lassen; wie Einer den Andern zu verkleinern und bey dem Publico herabzusetzen sucht — Pfui! der Niedertraͤchtigkeit! Ist denn die Quelle der Wahrheit nicht reich genug, um zugleich den Durst vieler Tausenden zu stillen, und koͤnnen Neid, Scheelsucht und poͤbelhafte Erbitterung auch Geister herabwuͤrdigen, die der Weisheit ge¬ geweyhet sind? — doch hieruͤber ist schon oft so viel gesagt worden, daß ich es fuͤr besser halte, einen Vorhang vor solche gelehrte Prostitutionen zu ziehn, die leider! in unsern Zeiten nicht sel¬ ten gesehn werden. 5. Es giebt Leute, die sich dadurch Gewicht zu geben suchen, daß sie sich ihrer Verbindung, ihrer Verwandschaft, Freundschaft, oder ihres Briefwechsels mit Gelehrten ruͤhmen. Das ist eine Thorheit, der man sich enthalten soll. Ein Mann kann große Verdienste als Schriftsteller haben, ohne daß uns desfalls eine genaue Ver¬ bindung mit seiner Person Ehre macht. Man ist auch darum nicht gleich weise und gut, wenn Weise und Edle uns mit Nachsicht und Freund¬ lichkeit behandeln. Auch kann ich das Citiren und Berufen auf fremde Autoritaͤten, wie uͤber¬ haupt alles Prahlen und Schmuͤcken mit frem¬ den Federn nicht leiden. Das mittelmaͤssigste selbst Gedachte und mit Ueberzeugung Gefuͤhlte ist fuͤr uns mehr werth, als das Vortreflichste, so wir blos nachlassen. 6. 6. Unter den heutigen so genannten Gelehrten muß man billiger Weise einigen unsrer Journa¬ listen und Anecdoten-Sammler einen ansehnlichen Rang einraͤumen. Mit diesen Leuten aber ist eine ganz besondre Vorsicht im Umgange noͤthig. Sie stehen gemeiniglich, bey geringem Vorrathe an eigener Gelehrsamkeit, im Solde irgend ei¬ ner herrschsuͤchtigen Parthey, oder eines Anfuͤh¬ rers derselben, sey es nun von Naturalisten, Ortodoxen, Deisten, Schwaͤrmern, Weltbuͤr¬ gern, Mystikern, oder wovon es immer sey. Dann ziehen sie durch's Land, um Maͤrchen zu sammlen, die sie nach Gelegenheit Documente nennen, oder mit dem Schwerdte der Verleum¬ dung Jeden zu verfolgen, der nicht zu ihrer Fahne schwoͤren will, Jedem das Maul zu stop¬ fen, der es wagt, an ihrer Ohnfehlbarkeit zu zweifeln. Ein einziges Woͤrtgen, das nicht in ihr System passt, und das sie irgendwo auffan¬ gen, giebt ihnen Stoff zu Verketzerungen, zu unwuͤrdigen Neckereyen, zu Verfolgungen der besten, sorglosesten, planlosesten Menschen. Sey behutsam im Reden, wenn ein Solcher Dich freundlich besucht und erwarte, daß er nach¬ her her einmal Dein Portrait und alles drucken lassen werde, was er bey Dir gesehn und ge¬ hoͤrt hat! Der Mann, der dies Handwerk in Teutschland am heftigsten treibt, und ge¬ gen den alle Art von rechtlicher und handfester Huͤlfe vergebens angewendet wird; dieser Mann heisst — ich muß ihn hier oͤffentlich nennen — heisst — Anonymus, und ist ein gar verteufel¬ ter Kerl. Da er sich, wie Cartouche, in so viel¬ fache Gestalten umzuformen weiß, daß kein Steckbrief auf ihn passt; so rathe ich, jeden Un¬ bekannten, der gewisse Mode-Woͤrter, wie zum Beyspiel: Aufklaͤrung, Publicitaͤt, Denk-Frey¬ heit, Toleranz, oder einzig seligmachenden Glau¬ ben, oder Jesuitismus, Catholicismus, Hierar¬ chie, hoͤhere Wissenschaften, Magnetismus, oder dergleichen gar zu oft im Munde fuͤhrt, vorerst fuͤr jenen Herrn Anonymus zu halten, der ein garstiger, schadenfroher Spitzbube ist, und um¬ hergeht, wie ein bruͤllender Loͤwe, um zu suchen, wen er verschlingen moͤgte — leo rugiens, mu¬ giens, quaerens, quem deferet. 7. Mit Tonkuͤnstlern, einer Gattung von Dichtern, Componisten, Taͤnzern, Schauspie¬ lern lern, Malern und Bildhauern ist der casus ganz anders zu behandeln. Diese sind — es versteht sich immer, daß ich in jeder Classe von Menschen die Bessern ausnehme — wohl keine gefaͤhrliche, aber desto eitlere und oft sehr zu¬ dringliche und unsichre Leute. Weit entfernt zu fuͤhlen, daß die schoͤnen Kuͤnste, obgleich man ihnen nicht den Einfluß auf Herz und Sitten absprechen kann, doch am Ende zum Haupt¬ zwecke nur das Vergnuͤgen haben, folglich im Werthe fuͤr das Gluͤck der Welt, den hoͤhern, wichtigern, ernsthaftern Wissenschaften nachstehn muͤssen; weit entfernt zu fuͤhlen, daß, um wahr¬ haftig den Titel eines großen Mannes zu ver¬ dienen, man mehr verstehn und mehr muͤsse be¬ wuͤrken koͤnnen, als Augen zu vergnuͤgen, Oh¬ ren zu kitzeln, Phantasien zu erhitzen, und Herzgen in Aufruhr zu bringen, sehen sie ihre Kunst als das Einzige an, was des Bestrebens eines vernuͤnftigen Menschen werth waͤre, und es muß uns nicht befremden, wenn ein Taͤnzer, der hoͤher besoldet wird, als ein Staatsminister, herzlich bedauert, daß Dieser nichts bessers ge¬ lernt habe. Der philosophischen Kuͤnstler, so wie Georg Benda Einer war, der bescheidenen Vir¬ (Zweiter Th.) Virtuosen, wie der edle Fraͤnzl und sein liebens¬ wuͤrdiger Sohn in Manheim, der verstaͤndigen mit allen Privat-Tugenden geschmuͤckten Ma¬ ler, wie der alte Tischbein, der Schauspieler, bey denen Kopf, Herz und Sitten gleich viel Verehrung verdienen, wie unser Iffland — sol¬ cher Maͤnner giebt es nicht so gar Viele unter ihnen. Ich rathe desfalls, einen aͤusserst ver¬ traueten Umgang mit dieser Menschen-Classe nur nach der strengsten Auswahl zu suchen. Cantores amant humores, das heisst: auf ein Liedgen schmeckt ein Schluͤckgen. Saͤnger, Dichter und dergleichen lieben das Wohlleben, und das kann uns nicht wundern. Es giebt wohl eine Art von Begeisterung, zu der sich die Seele bey der einfachsten, maͤßigsten Lebensart erheben kann, und die Wahrheit zu gestehn, das ist wohl die einzige, deren Fruͤchte auf Unsterb¬ lichkeit Anspruch machen duͤrfen. Hoher Schwung des Genius, hinauf zu der heiligen, reinen Quelle, aus welcher er entsprungen, ist freylich ganz von andrer Art, als Spannung der Nerven, Erhitzung der Phantasie, durch Reizung der Sinne, und man sieht es solchen Werken, wie Klopstocks Messias ist, bald an, daß daß ihr Feuer nicht aus der Champagner-Flasche gezogen worden. Allein wie wenig Kuͤnstler werden von jener bessern Glut entzuͤndet! Ihre, durch unordentliche Auffuͤhrung und ungluͤckliche aͤusserliche Verhaͤltnisse, uͤber welche sie nicht Kraft genug haben sich durch Philosophie zu er¬ heben, ihre dadurch geschwaͤchte Maschiene, sage ich, fordert, um nicht ganz den Geist niederzu¬ druͤcken, gewaltsame Staͤrkungs- oder vielmehr berauschende Mittel. Dies treibt sie zuerst zu einem den sinnlichen Freuden gewidmeten Leben. Dazu koͤmmt, daß Der, welcher einmal die schoͤ¬ nen Kuͤnste zu seinem einzigen Berufe gemacht hat, selten noch Geschmack an ernsthaften Ge¬ schaͤften findet, sondern daß diese ihm aͤusserst trocken scheinen, und da man doch nicht immer singen, geigen, pfeifen und klecksen kann; so bleiben viel Stunden des Tages auszufuͤllen, welche dann dem Wohlleben geopfert werden. An weise Vertheilung und Anwendung der Zeit, an Aufsuchung eines lehrreichen und vernuͤnfti¬ gen Umgangs denken also diese Herrn selten, und sie schaͤtzen den Mann, der ihnen sinnliche Freu¬ den gewaͤhrt und sie dabey schmeichelt, hoͤher, als den Weisen, der sie auf den Weg der Wahr¬ F 2 heit heit und Ordnung fuͤhrt. Jenem draͤngen sie sich auf. Diesen fliehen sie. Bey dem allgemein einreissenden frivolen Geschmacke unsers Zeital¬ ters, bey der Vernachlaͤssigung solider Wissen¬ schaften ist dies, wie ich glaube, ein Wort zu seiner Zeit geredet, moͤgte man mich auch des¬ wegen fuͤr einen Pedanten halten! Jeder seichte Kopf, der nur ein weiches Herzgen hat, den edeln Muͤßiggang und ein liederliches Leben liebt, legt sich heut zu Tage auf die schoͤnen Wissen¬ schaften, glaubt Beruf zum Kuͤnstler zu haben, macht Verse, schreibt fuͤr das Theater, spielt ein Instrument, componiert, pinselt — und so muß denn am Ende der Geschmack ausarten und die Kunst veraͤchtlich werden. Deswegen sehen wir auch ganze Heerden solcher Kuͤnstler herumlau¬ fen, die nicht einmal mit den ersten theoretischen Grundsaͤtzen ihrer Kunst bekannt sind; Musiker, die nicht wissen, aus welcher Tonart sie spielen, die nichts vorzutragen verstehen, als was sie auf ihrer Geige oder Pfeife auswendig gelernt haben; ohne philosophischen Geist, ohne gesunde Ver¬ nunft, ohne Studium, ohne wahres Natur- Gefuͤhl, aber dagegen mit desto mehr Selbstge¬ nuͤgsamkeit und Impertinenz ausgeruͤstet; unter sich sich von Brodneid entbrannt; neidisch auf einen Liebhaber, der ihr Hauptstudium nur als Neben¬ sache treibt, und dennoch mehr davon weiß, als sie, die weiter nichts gelernt haben. Hat ein Solcher aber Anhang unter den Leuten nach der Mode, genießt er die Protection der anmaßli¬ chen Kenner; so wage man es ja nicht, laut zu sagen, daß er ein Stuͤmper sey, wenn man nicht fuͤr einen unwissenden Menschen gelten, und alle Dilettanten gegen sich aufbringen will! Allein wen eckelt nicht vor der Menge solcher vorneh¬ men und geringen Dilettanten, vor ihren schie¬ fen Urtheilen, vor ihrem albernen Gewaͤsche? Willst Du Dich bey diesem wilden Haufen be¬ liebt machen; so musst Du die Geduld haben, ihren Unsinn auzuhoͤren, oder gar die Nieder¬ traͤchtigkeit begehn, ihn zu loben, und ihren Maͤchtspruͤchen beyzupflichten. Willst Du Dich aber bey ihnen in Ansehn setzen; so sey ja nicht bescheiden, sondern eben so unverschaͤmt, wie sie! Entscheide mit Kuͤhnheit! Tritt mit Zuversicht mitten unter die groͤßten Maͤnner! Dringe Dich hervor! Thue, als seyest Du aͤusserst eckel in Deinem Geschmacke, als sey es schwer, den Beyfall Deines verwoͤhnten Auges und Ohrs zu F3 zu gewinnen! Rede von dem allgemeinen Rufe, in welchem Deine Kenntnisse stuͤnden! Verachte, was Dir zu hoch ist! Schuͤttle bedeutend mit dem Kopfe, wenn Du nichts Passendes zu sa¬ gen weisst! Begegne dem Anfaͤnger mit Ueber¬ muthe! Schmeichle vornehme, reiche und maͤch¬ tige Dilettanten und Maͤcenaten! Befoͤrdre die Lust an Spielwerken und Kleinigkeiten, an nied¬ lichen Rondo's, an Bierhaus-Minuetten mitten in ernsthaften Stuͤcken, an buntschaͤckichtem Co¬ loritte, an Sinn-Gedichtgen, an Bombast und leerer Phraseologie, an Schauspielen voll Greuel, Verwicklung und Uebertreibung! — So kannst Du Dein Schaͤrflein zum allgemeinen Verderb¬ nisse des Geschmacks redlich beytragen! Fuͤhlst Du aber Kraft in Dir, und hast nicht Ursache, Menschen zu scheuen; so wiedersetze Dich dem Unwesen! eifre gegen diese Erbaͤrmlichkeiten, aber eifre mit Gruͤnden, und ruͤcke den Midassen unsrer Zeit die großen Peruͤcken und Narrenkap¬ pen zuruͤck, damit man ihre langen Ohren sehe, und sich nicht durch ihre Amtsgesichter taͤuschen lasse! Traurig ist es indessen, daß auch der wahr¬ haftig große Kuͤnstler heut zu Tage einen Theil dieser Wege einschlagen muß, wenn er nicht dem Char¬ Charlatan das Feld raͤumen will; daß er oft Na¬ tur, Bescheidenheit, Einfalt und Wuͤrde der Mode und dem Vorurtheile aufzuopfern, sich mit falschem Glanze auszuruͤsten, sich zum Wind¬ beutel und Spaßmacher zu erniedrigen gezwun¬ gen ist, um zu gefallen und Brod zu finden. 8. Nun noch ein Wort zur Warnung fuͤr den Juͤngling, in Betracht der Kuͤnstler, besonders der Schauspieler, von gemeiner Art! Ich habe vorhin gesagt, daß der vertrauete Umgang mit den Mehrsten derselben, von Seiten ihrer Kenntnisse, ihres sitlichen Lebens und ihrer oͤko¬ nomischen Umstaͤnde, fuͤr Kopf, Herz und Geld¬ beutel nicht sehr vortheilhaft seyn koͤnne; allein noch in andern Ruͤcksichten muß ich Vorsicht em¬ pfehlen. Wenn man aber weiß, welch ein war¬ mer Verehrer der schoͤnen Kuͤnste ich selbst bin; so wird man mir wohl nicht Schuld geben, daß es aus Vorurtheil oder Kaͤlte geschehe, wenn ich dem Juͤnglinge rathe, maͤßig im Genusse der schoͤnen Kuͤnste, maͤßig im Genusse des Um¬ gangs mit der gefaͤlligen Musen und deren Prie¬ stern zu seyn. Music, Poesie, Schauspielkunst, F 4 Tanz Tanz und Malerey wuͤrken freylich wohlthaͤtig auf das Herz. Sie machen es weich und em¬ pfaͤnglich fuͤr manche edle Gefuͤhle; sie erheben und bereichern die Phantasie, schaͤrfen den Witz, erwecken Froͤhlichkeit und Laune, mildern die Sitten, und befoͤrdern die geselligen Tugenden. Allein eben diese herrlichen Wuͤrkungen koͤnnen, wenn sie uͤbertrieben werden, mannigfaltiges Elend veranlassen. Ein zu weiches, weibisches, von allen wahren und eingebildeten, eigenen und fremden Leiden in Aufruhr zu bringendes Ge¬ muͤth ist wahrlich ein trauriges Geschenk; ein Herz, das, empfaͤnglich fuͤr jeden Eindruck, wie ein Rohr von mannigfaltigen Leidenschaften hin und her zu bewegen, jeden Augenblick von an¬ dern, sich durchkreuzenden Empfindungen hin¬ gerissen wird; ein Nerven-System, auf wel¬ chem jeder Betruͤger, der nur den rechten Ton zu treffen weiß, nach Gefallen spielen kann — das alles wird uns sehr zur Last, da, wo es auf Festigkeit, unerschuͤtterlichen maͤnnlichen Muth, auf Ausdauern und Beharrlichkeit ankoͤmmt. Eine zu warme, zu hochfliegende Phantasie, die allen unsern geistigen Anstrengungen einen ro¬ manhaften Schwung giebt, und uns in eine Ideen¬ Ideen-Welt versetzt, kann uns in der wuͤrklichen Welt theils sehr ungluͤcklich, theils zu gaͤnzlich unbrauchbaren Menschen machen. Sie spannt uns zu Erwartungen, erregt Forderungen, die wir nicht befriedigen koͤnnen, und erfuͤllt uns mit Eckel gegen alles, was den Idealen nicht entspricht, nach welchen wir in der Bezaube¬ rung, wie nach Schatten greifen. Ein luxurio¬ ser Witz, eine schalkhafte Laune, die nicht unter der Vormundschaft einer keuschen Vernunft ste¬ hen, koͤnnen nicht nur leicht auf Unkosten des Herzens ausarten, sondern wuͤrdigen uns auch herab, verleiten zu Spielwerken, so daß wir, statt der hoͤhern Weisheit und nuͤchternen Wahr¬ heit nachzustreben und unsre Denkkraft auf wahr¬ haftig nuͤtzliche Gegenstaͤnde zu verwenden, nur den Genuß des Augenblicks suchen, und statt, mitten durch die Vorurtheile hindurch, in das Wesen der Dinge einzudringen, uns bey den glaͤnzenden Aussenseiten verweilen. Froͤhlichkeit kann in Zuͤgellosigkeit, in Streben nach immer¬ waͤhrenden Taumel uͤbergehn. Milde Sitten verwandeln sich nicht selten in Weichlichkeit, in uͤbertriebene Geschmeidigkeit, in niedre, unver¬ antwortliche Gefaͤlligkeit, die alles Gepraͤge von maͤnn¬ F5 maͤnnlichem Character abschleifen, und ein Leben, das blos den geselligen Freuden und dem sinnli¬ chen Vergnuͤgen gewidmet ist, leitet uns fern von allen ernsthaften Geschaͤften, bey welchen der spaͤtere, aber sichere, dauerndere Genuß durch Ueberwindung von Schwierigkeiten und durch anhaltende Arbeit und Anstrengung er¬ kauft werden muß; Es macht uns die fuͤr Geist und Herz so wohlthaͤtige Einsamkeit unertraͤg¬ lich, macht uns ein stilles haͤusliches, den Fa¬ milien- und buͤrgerlichen Pflichten gewidmetes Daseyn unschmackhaft — Mit Einem Worte! wer sich gaͤnzlich den schoͤnen Kuͤnsten widmet, und mit den Priestern ihrer Gottheiten sein ganzes Leben verschwelgt, der wagt es darauf, sein eigenes dauerhaftes Wohl zu verscherzen, und wenigstens nicht so viel zur Gluͤckseligkeit Andrer beyzutragen, als er nach seinem Berufe und nach seinen Faͤhigkeiten vermoͤgte. Alles, was ich hier gesagt habe, trifft vorzuͤglich bey dem Theater und bey dem Umgange mit Schau¬ spielern ein. Wenn unsre Schauspiele das waͤ¬ ren, wofuͤr wir sie so gern ausgeben moͤgten; wenn sie eine Schule der Sitten waͤren, wo uns auf eine gefaͤllige und zweckmaͤßige Weise unsre unsre Verirrungen und Thorheiten dargestellt und an das Herz gelegt wuͤrden, ja! dann koͤnnte es immer recht gut seyn, oft die Buͤhne zu besuchen, und den Umgang mit Maͤnnern zu waͤhlen, welche man als Wohlthaͤter ihres Zeitalters ansehn muͤsste. Man darf aber nicht das Theater nach demjenigen beurtheilen, was es seyn koͤnnte , sondern nach dem, was es ist . Wenn in unsern Lustspielen die comischen Zuͤge der Narrheiten der Menschen so uͤbertrie¬ ben geschildert sind, daß niemand das Bild sei¬ ner eigenen Schwachheiten darinn erkennt; wenn romanhafte Liebe darinn beguͤnstigt wird; wenn junge Phantasten und verliebte Maͤdgen daraus lernen, wie man die alten vernuͤnftigen Vaͤter und Muͤtter, die zur ehelichen Gluͤckselig¬ keit mehr als eingebildete Sympathie und vor¬ uͤbergehenden Liebes-Rausch fordern, betruͤgen und zu ihrer Einwilligung bewegen muß; wenn in unsern Schauspielen Leichtsinn im gefaͤlligen Gewande erscheint, eminentes Laster in Glanz und Hoheit auftritt, und, durch einen Anstrich von Groͤße und Kraft, wieder Willen Bewun¬ derung erzwingt; wenn im Trauerspiele unser Auge mit dem Anblicke der aͤrgsten Greuel ver¬ trau¬ trauet; wenn unsre Einbildungskraft an Erwar¬ tung wunderbarer, feenmaͤßiger Entwicklungen und Aufloͤsungen gewoͤhnt wird; wenn man uns in den Opern dahin bringt, daß es uns gleich¬ guͤltig ist, ob die gesunde Vernunft empoͤrt wird, in so fern nur die Ohren gekitzelt werden; wenn der elendeste Grimassen-Schneider, die unge¬ schickteste Dirne, wenn sie Anhang unter dem Volke haben, allgemeine Bewunderung einernd¬ ten; wenn endlich, um alle diese nichtigen Zwecke zu erlangen, unsre Theater-Dichter sich uͤber Wahrscheinlichkeit, aͤchte Natur, weise Kunst und Anordnung hinaus, folglich den Zuschauer in den Fall setzen, im Schauspielhause keine Nahrung fuͤr den Geist, sondern nur Zeitverkuͤr¬ zung und sinnlichen Genuß zu suchen — Wer wird sich's da nicht zur Pflicht machen, Juͤng¬ lingen und Maͤdgen den sparsamsten Genuß die¬ ser Vergnuͤgungen zu empfehlen? Und nun, was die Schauspieler betrifft! Ihr Stand hat sehr viel blendendes; Freyheit; Unabhaͤngigkeit von dem Zwange des buͤrgerlichen Lebens; gute Bezahlung; Beyfall; Vorliebe des Publicums; Gelegenheit da einem ganzen Volke oͤffentlich Talente zu zeigen, die ausserdem vielleicht ver¬ steckt steckt geblieben waͤren; Schmeicheley; gute, gastfreundschaftliche Aufnahme von jungen Leu¬ ten und Liebhabern der Kunst; viel Musse; Ge¬ legenheit, Staͤdte und Menschen kennen zu ler¬ nen — Das alles kann manchen Juͤngling, der mit einer unangenehmen Lage, oder mit einem unruhigen Gemuͤthe, mit uͤbel geordneter Thaͤ¬ tigkeit kaͤmpft, bewegen, diesen Stand zu waͤh¬ len, besonders, wenn er in vertraueten Umgang mit Schauspielern und Schauspielerinnen ge¬ raͤth. Aber nun die Sache naͤher betrachtet! Was fuͤr Menschen sind gewoͤhnlich diese Thea¬ ter-Helden und Heldinnen? Leute, ohne Sitten, ohne Erziehung, ohne Grundsaͤtze, ohne Kennt¬ nisse; Abentheurer; Leute aus den niedrigsten Staͤnden; freche Buhlerinnen — Mit Diesen lebt man, wenn man sich demselben Stande ge¬ widmet hat, in taͤglicher Gemeinschaft. Es ist schwer, da nicht mit dem Strohme fortgerissen zu werden, nicht zu Grunde zu gehn. Neid, Feindschaft und Cabale erhalten immerwaͤhren¬ den Zwist unter ihnen; Diese Menschen sind nicht an den Staat geknuͤpft, folglich faͤllt bey ihnen ein großer Bewegungsgrund, gut zu seyn, die Ruͤcksicht auf ihren Ruf unter den Mitbuͤr¬ gern, gern, weg. Koͤmmt noch etwa die Verachtung, mit welcher, freylich unbilliger Weise, manche ernsthafte Leute auf sie herabsehn, hinzu; so wird das Herz erbittert und schlecht. Die taͤg¬ liche Abwechselung von Rollen benimt dem Cha¬ racter die Eigenheit; Man wird zuletzt aus Ha¬ bituͤde, was man so oft vorstellen muß; Man darf dabey nicht Ruͤcksicht auf seine Gemuͤths- Stimmung nehmen, muß oft den Spaßma¬ cher spielen, wenn das Herz trauert, und um¬ gekehrt; Dies leitet zur Verstellung; Das Publicum wird des Mannes und seines Spiels uͤberdruͤssig; Seine Manier gefaͤllt nicht mehr nach zehn Jahren; Das so leichtfertiger Weise gewonnene Geld geht eben so leichtfertig wieder fort — und so ist denn ein armseliges, duͤrfti¬ ges, kraͤnkliches Alter nicht selten der letzte Auf¬ tritt des Schauspieler-Lebens. 9. Wer Schauspieler und Tonkuͤnstler unter seiner Aufsicht und Direction hat, dem rathe ich, sich gleich Anfangs auf einen gewissen Fuß mit ihnen zu setzen, wenn man nicht von ihrem Ei¬ gensinne und ihren Grillen abhaͤngen will. Die Haupt¬ Hauptpuncte, worauf es dabey ankoͤmmt, sind: ihnen zu zeigen, daß man dem Geschaͤfte gewach¬ sen sey, daß man einen Kuͤnstler zu beurtheilen und zurechtzuweisen verstehe; sie an Punctlich¬ keit und Ordnung zu gewoͤhnen, und bey der ersten Uebertretung, Naseweisigkeit oder Zuͤgel¬ losigkeit, Strenge fuͤhlen zu lassen; sie uͤbrigens aber, nach Verhaͤltniß der Talente und der sitlichen Auffuͤhrung eines Jeden, mit Hoͤflich¬ keit und Auszeichnung zu behandeln, ohne sich je gemein mit ihnen zu machen. 10. Ermuntre durch bescheidenes Lob, aber schmeichle nicht, erhebe nicht zur Ungebuͤhr den jungen angehenden Schriftsteller und Kuͤnstler! dadurch verdirbt man die Mehrsten von ihnen in Teutschland. Das uͤbertriebene Beklatschen und Lobpreisen macht sie schwindlicht, aufgebla¬ sen, hochmuͤthig. Sie beeifern sich dann nicht weiter, der groͤßern Vollkommenheit nachzustre¬ ben, und hoͤren auf, ein Publicum zu respecti¬ ren, das so leicht zu befriedigen scheint. 11. So wenig Vortheil man von der Vertrau¬ lichkeit mit Kuͤnstlern von gemeiner Art hat; so so lehrreich und unterhaltend ist der Umgang mit einem Manne, der philosophischen Geist, Ge¬ lehrsamkeit und Witz mit seiner Kunst verbindet. Es ist ein Gluͤck an der Seite eines solchen Kuͤnstlers zu leben, dessen Geist durch Kenntnisse gebildet, dessen Blick durch Studium der Natur und der Menschen geschaͤrft, bey dem, durch die milden Einwuͤrkungen der Musen, das Herz zu Liebe, Freundschaft und Wohlwollen gestimmt und die Sitten gereinigt worden. Seine freund¬ liche Beredsamkeit wird uns in truͤben Stunden aufheitern, sein Umgang wird uns wieder mit der Welt aussoͤhnen, wenn Mismuth und Un¬ zufriedenheit uns plagen; Er wird uns Erho¬ lung gewaͤhren von verdrießlichen, muͤhsamen, trocknen Berufs-Geschaͤften, wird uns erwaͤr¬ men, wird uns neue Federkraft geben, wenn wir durch lange Anstrengung herabgespannt sind; Er wird uns die maͤßigste Kost zu einem Goͤtter¬ male, unsre Huͤtte zu einem Heiligthume, zu einem Tempel, unsern Heerd zu einem Altar der Musen erhoͤhn. Fuͤnf¬ Fuͤnftes Capittel. Ueber den Umgang mit Geistlichen. 1 . I ch mache, da ich nun auf den Umgang mit Leuten von allerley Staͤnden und Verhaͤltnissen komme, billiger Weise in einem eigenen Capittel mit der Geistlichkeit den Anfang. Lehrreich und wohlthaͤtig ist der Umgang mit einem Solchen, der sich aus ganzer Seele seinem heiligen Be¬ rufe widmet, seinen Verstand und Willen durch den sanften Einfluß der liebevollsten Religion Jesu gelaͤutert hat; der Wahrheit und Tugend mit Eifer und Waͤrme nachstrebt, und die Kraft des Worts durch eigenes Beyspiel bestaͤttigt; der seiner Gemeine, Bruder, Freund, Wohlthaͤter und Rathgeber, in seinem Vortrage populaͤr, warm und herzlich ist; durch Bescheidenheit, Einfalt der Sitten, Maͤßigkeit und Uneigen¬ nuͤtzigkeit sich als einen wuͤrdigen Nachfolger der Apostel auszeichnet; duldend gegen fremde Re¬ ligions-Verwandte, vaͤterlich nachsichtig gegen Verirrte, kein Feind unschuldiger Froͤhlichkeit, und dabey in seinem haͤuslichen Cirkel ein guter, zaͤrt¬ (Zweiter Th.) G zaͤrtlicher und weiser Hausvater ist. Allein nicht alle Diener der Kirche sehen diesem Bilde aͤhn¬ lich. Menschen ohne Erziehung und Sitten, aus dem niedrigsten Poͤbel entsprossen, ohne ge¬ sunde Vernunft und ohne andre Kenntnisse, als die dazu gehoͤren, sich nach einem elenden Schlen¬ drian examinieren zu lassen, dringen sich in die¬ sen Stand ein, haschen nach reichen Pfruͤnden und Pfarreyen, und erlauben sich, um dahin zu gelangen, alle Arten von Schleichwege und Nie¬ dertraͤchtigkeiten. Haben sie nun ihren Zweck erreicht, dann faͤhrt der aͤchte Pfaffen-Geist in sie. Geizig, haabsuͤchtig, wolluͤstig, gefraͤssig, Schmeichler der Großen und Reichen, uͤber¬ muͤthig und stolz gegen Niedre, voll Neid und Scheelsucht gegen ihres Gleichen, sind sie groͤsten¬ theils daran Schuld, wenn Verachtung der hei¬ ligsten Religion so allgemein einreisst. Diese Religion behandeln sie als eine trockene Wissen¬ schaft, und ihr Amt als ein eintraͤgliches Hand¬ werk. Auf dem Lande verbauern sie, ergeben sich dem Muͤssiggange und der Bequemlichkeit, und klagen uͤber ungeheure Arbeit, wenn sie alle acht Tage einmal von der Kanzel herunter die Zuhoͤrer mit ihren dogmatischen, armseligen Spitz¬ Spitzfuͤndigkeiten einschlaͤfern muͤssen. Sie an¬ geln nach Geschenken, Erbschaften und Ver¬ maͤchtnissen, wie der Teufel nach ihrer Seele. Ihr Ehrgeiz ist unermeßlich; ihr geistlicher Stolz, ihr Despotismus, ihre hierarchische Herschsucht ohne Grenzen. Den Eifer fuͤr die Religion brauchen sie zum Deckmantel ihrer Leidenschaf¬ ten. Ortodoxie ist die Parole, blinder Glauben und Ehre Gottes das Feldgeschrey, wenn sie den unschuldigen, ruhigen Buͤrger, der einen Unterschied unter Religion und Theologie macht, die Pfaffen nicht schmeichelt und ihnen nicht opfert, bis in den Tod verfolgen wollen. Ihre Rache ist fuͤrchterlich, unersaͤttlich, ihre Feind¬ schaft unversoͤhnlich — ich rede aus Erfahrung — gegen Den, der sich ihrem eisernen Scepter nicht unterwerfen, oder zu ihren Bosheiten nicht schweigen will. Ihre Eitelkeit ist groͤßer, als die eines Weibes. Sie schleichen sich in die Haͤuser und Familien ein, aus Vorwitz, kindi¬ scher Neugier, um sich in Haͤndel zu mischen, die sie nichts angehn, um Raͤnke zu schmieden, Zwietracht zu stiften, und im Truͤben zu fischen. Ihre Predigten, ihre Gespraͤche und Mienen sind Bannstrahlen, Verdammungs-Urtheile und G 2 Dro¬ Drohungen gegen andre Religions-Verwandte und gegen Jeden, der das Ungluͤck hat, nicht glauben zu koͤnnen, was sie — oft selbst nicht glauben, sondern nur lehren, weil es Geld ein¬ bringt. Sie lauschen auf die Fehler ihrer Ne¬ benmenschen, schreyen dieselben vergroͤßert aus, oder wo sie das alles nicht oͤffentlich thun duͤrfen, da wuͤrken sie durch Andre im Verborgenen, oder haͤngen die Maske der Demuth, der Heucheley, des Eifers fuͤr Gottseligkeit und gute Sitten vor, um mit sanfter Stimme, mit Klagen und Winseln, die Schwachen auf ihre Seite zu brin¬ gen, und den Weisern und Bessern bey dem Volke verdaͤchtig zu machen — Ja! solche Un¬ geheuer giebt es unter den Dienern der Kirchen, und nicht etwa nur in Moͤnchs-Kutten und Je¬ suiten-Maͤnteln — nein! mancher protestantische Pfaffe wuͤrde ein zweyter Hildebrand seyn, wenn ihm nicht die Fluͤgel beschnitten waͤren. 2. Da nun aber hie und da, auch unter den weniger boshaften, ja! unter den redlichen Geist¬ lichen, Einige doch einen kleinen Anstrich von manchen dieser Fehler, zum Beyspiel von geist¬ lichem lichem Stolze, von Intoleranz, von Anhaͤng¬ lichkeit an Systemgeist, von falschem esprit de corps , von Haabsucht, oder von Rachsucht ha¬ ben; so kann es wohl nicht schaden, wenn man gewisse Vorsichtigkeits-Regeln beobachtet, die im Umgange mit allen Personen dieses Standes, ohne Unterschied, nicht ganz uͤbel angebracht sind. Man huͤte sich also, ihnen Gelegenheit zu Verketzerungen zu geben! und so wie uͤberhaupt ein verstaͤndiger Mann sich enthaͤlt, uͤber religioͤse Gegenstaͤnde in Gesellschaften zu raisonniren; so soll man vorzuͤglich Acht haben, in Gegen¬ wart eines Geistlichen nie Ein Wort fallen zu lassen, das uͤbel ausgelegt, und als ein Ausfall gegen irgend ein Kirchensystem oder einen Re¬ ligions-Gebrauch angesehn werden koͤnnte! Auch besuche man die Kirchen, selbst wenn die Art des Gottesdienstes und der Vortrag des Pre¬ digers unsre Andacht nicht sehr befoͤrdern, des Beyspiels wegen, und um nicht Gelegenheit zu geben, daß man uns Gleichguͤltigkeit gegen Re¬ ligion aufbuͤrde! Man mache in Gesellschaft nie einen Geist¬ lichen laͤcherlich, moͤgte er auch noch so viel Ver¬ G 3 an¬ anlassung dazu geben! auch rede man mit Vor¬ sicht von ihnen! Theils machen diese Herrn gar zu gern ihre eigene Sache zur Sache Gottes, theils verdient dieser ehrwuͤrdige Stand auf alle Weise eine Schonung, die man, wegen der Un¬ wuͤrdigkeit einzelner Mitglieder, nicht aus den Augen setzen darf, theils kann man durch das Gegentheil Verachtung der Religion, die leider! so sehr einreisst, wieder Willen befoͤrdern. Man bezeuge hingegen den Geistlichen alle aͤussere Ehrerbiethung, die sie nur irgend billi¬ ger Weise fordern koͤnnen, und beleidige nicht nur keinen Derselben, auf keine auch noch so ge¬ ringe Art, sondern mache sich auch nicht der mindesten, von jedem Andern leicht zu verzey¬ henden Unterlassungs-Suͤnde, keines Mangels an Hoͤflichkeit gegen sie schuldig! Man lasse, in Entrichtung der ihnen zu¬ kommenden Gebuͤhren und Abgaben, sich keine Abkuͤrzung, noch Saumseligkeit zu Schulden kommen, gebe aber auch, bey Faͤllen die oͤfter eintreten koͤnnen, nicht zu viel! denn sie schrei¬ ben gern alles auf, und machen aus Freygebig¬ keit keit ein Gesetz, ein Recht, das sie sogar auf ihre Nachfolger zu vererben trachten. Man sey gastfrey gegen Diejenigen, welche eine gute Tafel und ein volles Glaͤsgen lieben! Man huͤte sich, bevor man den Mann nicht recht genau kennt, einen Geistlichen von der alltaͤglichen Art zum Vertraueten in haͤuslichen Angelegenheiten und andern Dingen von Wich¬ tigkeit zu machen, und halte ihn entfernt, wenn er sich ohnberufen in dergleichen mischen will! Man verhindre die zu große Vertraulich¬ keit der Weiber und Toͤchter mit gewissen Beicht¬ vaͤtern und geistlichen Rathgebern. 3. In Praͤlaturen und Kloͤstern muß man den Ton der Herrn Patrum anzunehmen verstehn, wenn man ihnen willkommen seyn will. Ein guter, gesunder Apetit; nach Verhaͤltniß eben so viel Durst und die Gabe, ein Glaͤsgen mit Geschmack und oft genug ausleeren zu koͤnnen; ein jovialischer Humor; ein Witz, der nicht zu fein, sondern ein wenig materiel seyn muß; zu¬ wei¬ G 4 weilen ein Wortspielchen; ein lateinisches Raͤth¬ sel, eine Anspielung auf eine scholastische Spitz¬ fuͤndigkeit; einige Bekanntschaft mit Legenden und Kirchenvaͤtern; Beyfall, durch Bauch er¬ schuͤtterndes Lachen an den Tag gelegt, wenn der Pater Spaßmacher — dies Amt pflegt sel¬ ten ohnbesetzt zu seyn — einen Schwank her¬ vorbringt; viel Ehrerbiethung gegen den hoch¬ wuͤrdigen Herrn Praͤlaten, Guardian, oder Prior; Bewunderung der Kostbarkeiten, Reli¬ quien, Gebaͤude und Anstalten; kein Gespraͤch uͤber Aufklaͤrung und Literatur, aber desto mehr uͤber Politic, Krieg und Frieden, Zeitungs- Nachrichten; Befriedigung der Neugier, wenn nach Familien-Umstaͤnden und Anecdoten ge¬ forscht wird; da, wo man Music treibt, gezeigt, daß man in dieser Kunst nicht fremd ist; Vor¬ sichtigkeit, wenn von andern geistlichen Orden, besonders von Jesuiten die Rede ist; Rang, An¬ sehn, Reichthum, Pracht, Titel, Orden, und mehr als dies alles, wo es noͤthig ist, Geschenke — das sind ohngefehr die Mittel, dort gut auf¬ genommen zu werden, und sich Achtung zu er¬ werben. Zu Zu Domherrn braucht man groͤßtentheils nur Apetit zum Essen und Trinken, muthwil¬ lige, ein wenig faunische Laune, und Stillschwei¬ gen uͤber gelehrte Gegenstaͤnde mitzubringen. In Nonnenkloͤstern, so wie in catholischen und protestantischen weiblichen Stiftern kann man mit einer huͤbschen Figur, mit treuherziger, doch aͤusserlich anstaͤndiger Vertraulichkeit, mit einem Sacke voll Maͤrchen, Neuigkeiten und Spaͤßgen auch ziemlich weit kommen. Von dem Umgange der Religiosen unter sich rede ich nicht; Daruͤber ist in den Briefen uͤber das Moͤnchswesen, in den Briefen aus dem Noviziat und in unzaͤhligen andern Schriften schon sehr viel Gutes und Treffendes gesagt worden. G 5 Sech¬ Sechstes Capittel. Ueber den Umgang mit Leuten von aller¬ ley Staͤnden, im buͤrgerlichen Leben. 1. M achen wir den Anfang mit den Aerzten! Kein Stand ist fuͤr das Menschengeschlecht wohl¬ thaͤtiger, als dieser, wenn er seine Bestimmung erfuͤllt. Der Mann, welcher alle Schaͤtze der Natur durchwuͤhlt, und ihre Kraͤfte erforscht, um Mittel aufzusuchen, das Meisterstuͤck der irdischen Schoͤpfung, den Menschen, von den Plagen zu befreyen, von denen sein sichtbarer, materieller Theil befallen wird, die seinen Geist zu Boden druͤcken, und oft schon seine Ma¬ schiene zerstoͤhren, ehe noch einmal sich jede Kraft in ihm entwickelt hat; Der Mann, der sich nicht scheuet vor dem Anblicke des Elendes, Jammers und Schmerzens, der seine Gemaͤch¬ lichkeit, seine Ruhe, selbst seine eigene Gesund¬ heit und sein Leben daranwagt, um den leiden¬ den Bruͤdern beyzustehn; dieser Mann verdient Verehrung und warmen Dank. Er giebt einer zahlreichen Familie ihren Beschuͤtzer, ihren Er¬ hal¬ halter, ihren Wohlthaͤter wieder, erhaͤlt unmuͤn¬ digen Kindern ihren Vater, Ernaͤhrer und Er¬ zieher, fuͤhrt vom Rande des Grabes den edeln Gatten zuruͤck in die Arme seines treuen Wei¬ bes — Mit Einem Worte! kein Stand hat so unmittelbar segenvollen Einfluß auf das Wohl der Welt, auf das Gluͤck, auf die Ruhe, auf die Zufriedenheit der Mitbuͤrger, als der, eines Arztes. Und wenn man bedenkt, welch' ein Umfang von Kenntnissen dazu gehoͤrt! — Man wird es ohne Genie in keinem Stande recht weit bringen; doch giebt es Wissenschaften, in welchen ein schlichter gesunder Hausverstand, und wohl noch etwas weniger, recht gute Dienste thut; große Aerzte hingegen koͤnnen durchaus nur die feinsten Koͤpfe seyn. Doch das Genie macht es nicht allein aus; Es gehoͤrt das aͤm¬ sigste Studium dazu, um es in diesem Fache weit zu bringen; Endlich, wenn man uͤberlegt, daß diese Kenntnisse, mit allen Huͤlfs-Wissen¬ schaften, welche die Arzneykunde voraussetzt, grade die erhabensten, natuͤrlichsten, ersten Grundkenntnisse des Menschen sind — Stu¬ dium der Natur in allen ihren Reichen, in allen ihren moͤglichen Wirkungen, in allen ihren Be¬ stand¬ standtheilen; Studium des Menschen, an Leib und Seele, in seinen festen und fluͤssigen Thei¬ len, in seiner ganzen Composition, in seinen Ge¬ muͤthsbewegungen und Leidenschaften — Was kann dann lehrreicher, troͤstender, erquickender seyn, als der Umgang und die Huͤlfe eines sol¬ chen Mannes? Es giebt aber unter den Soͤh¬ nen Aesculaps auch unzaͤhlige Leute von ganz andrer Art, Leute, denen der Doctorhut das Pri¬ vilegium giebt, an armen Kranken Versuche ih¬ rer Unwissenheit zu machen; Leute, die den Coͤrper des Patienten als ihr Eigenthum, als ein Gefaͤß ansehen, in welches sie nach Willkuͤhr allerley fluͤssige und trockne Materien schuͤtten duͤrfen, um wahrzunehmen, welche Wuͤrkung durch den Streit dieser salzartigen, sauren und geistigen Dinge hervorgebracht wird, und wo¬ bey sie nichts wagen, als hoͤchstens, daß — das Gefaͤß zu Grunde geht. Andern fehlt es, bey der gruͤndlichsten Kenntniß, an Beobachtungs¬ geist. Sie verwechseln die Zeichen der Krank¬ heiten, lassen sich durch falsche Berichte der Pa¬ tienten taͤuschen, forschen nicht kaltbluͤtig, nicht tief, nicht fleissig genug, und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen wuͤrden — wenn wir die Krankheit haͤtten, mit welcher sie uns behaftet glauben. Wieder Andre kleben an Systemgeist, an Autoritaͤt, an Mode, und schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn ihre Arzneymittel andre Wirkun¬ gen hervorbringen, als die, welche sie, aus Vor¬ urtheil, ihnen zutrauen; Endlich noch Andre halten aus Gewinnsucht die Genehsung der Lei¬ denden auf, um desto laͤnger nebst dem Apothe¬ ker und Wundarzte den Vortheil davon zu ziehn. In wessen von diesen Herrn Haͤnden man nun auch faͤllt; so wagt man es doch darauf, das Opfer der Unwissenheit, der Sorglosigkeit, des Eigensinns, oder der Bosheit zu werden. Nun ist es freylich, selbst einem Layen, der sonst einen graden Blick mit ein bisgen Men¬ schenkenntniß, Erfahrung und Gelehrsamkeit verbindet, nicht so schwer, den groben Char¬ latan von dem geschickten Manne, an seinem Vortrage, an der Art seiner Fragen und Ver¬ ordnungen auszuzeichnen; Unter den Bessern aber Den zu unterscheiden, den man am sicher¬ sten seinen Coͤrper anvertrauen kann, das ist sehr viel schwerer. Folgende Vorschriften wuͤrde ich da¬ daher, in Ruͤcksicht auf den Umgang mit Aerz¬ ten empfehlen; Lebe maͤßig in allem Betrachte; so magst Du den Arzt als Freund bey Dir sehn, aber Du wirst seiner Huͤlfe selten beduͤrfen! Gieb wohl Acht auf das, was Deiner Con¬ stitution schaͤdlich und heilsam ist, was Dir wohl, und was Dir uͤbel bekoͤmmt! Richte darnach strenge Deine Lebensart ein; so wirst Du nicht oft in den Fall kommen, Dein Geld in die Apo¬ theke zu schicken! Wenn man nicht ganz fremd in der Physic, dabey ein wenig bewandert in medicinischen Buͤ¬ chern ist; sein Temperament kennt, und weiß, zu welchen Krankheiten man Anlage hat, und was Wuͤrkung auf uns macht; so kann man auch oft, bey wuͤrklichen Krankheiten, sein eige¬ ner Arzt seyn. Jeder Mensch ist einer Art von Gebrechen mehr ausgesetzt, als einer andern, in so fern er einfoͤrmig lebt. Studiert er nun mit Ernst diesen einzigen Zweig der Heilkunde; so muͤsste es sonderbar zugehn, wenn er davon nicht nicht vielleicht mehr, wenigstens eben so viel Einsicht erlangen sollte, als ein Mann, der das ganze Heer von Krankheiten uͤbersehn muß. Fordert aber die Noth, daß Du Dich an einen Doctor wendest, und Du willst Dir Einen unter dem Haufen aussuchen; so gieb zuerst Acht, ob der Mann gesunde Vernunft hat; ob er uͤber andre Gegenstaͤnde, mit Klarheit, unpartheyisch, ohne Vorurtheil raisonnirt; ob er bescheiden, verschwiegen, fleissig, anhaͤnglich an seine Kunst ist; ob er ein gefuͤhlvolles, menschenliebendes Herz offenbart; ob er seine Kranken mit einer Menge verschiedener Arzeneyen zu bestuͤrmen, oder sich einfacher Mittel zu bedienen, der Na¬ tur wo moͤglich ihren Lauf zu lassen pflegt; ob er eine Diaͤt empfiehlt, die nach seinen Begier¬ den abgemessen, ob er verbiethet, was ihm zu¬ wieder ist, anraͤth, wozu er Apetit hat; ob er sich im Reden zuweilen wiederspricht; ob er Brodneid gegen seine Kunst-Verwandten, ob er sich bereitwilliger zeigt, den Großen und Reichen, als den Niedern und Armen beyzustehn? Bist Du uͤber diese Puncte befriedigt und beruhigt; so vertraue Dich ihm an! Ver¬ Vertraue Dich aber ihm allein, gaͤnzlich und ohne Zuruͤckhaltung! Verschweige auch nicht den kleinsten Umstand, der dazu dienen mag, ihn mit dem Zustande und den Sitz Deines Uebels bekannt zu machen! Doch mische keine nichtsbedeutende Kleinigkeiten, keine Thorheiten, keine Grillen, keine Einbildungen hinein, die ihn irre machen koͤnnten! Folge strenge und puͤnctlich seinen Vorschriften, damit er sicher seyn duͤrfe, ob das, was Du nachher empfindest, die Folge seiner angewendeten Mittel sey! Desfalls lasse Dich auch nicht verleiten, nebenher kleine Haus-Arcana, moͤgten sie auch noch so unschul¬ dig scheinen, zu gebrauchen, noch heimlich einen zweyten Arzt um Rath zu fragen. Vor allen Dingen nim nicht etwa zu gleicher Zeit zwey solcher Herrn oͤffentlich an! Die Resultate ihrer medicinischen Consilien werden eben so viel To¬ des-Urtheile fuͤr Dich seyn; Keinem von Bey¬ den wird Deine Genehsung am Herzen liegen; Sie werden Deinen Coͤrper zu dem Kampfplatze ihrer verschiedenen Meinungen gebrauchen; Sie werden Einer dem Andern die Ehre misgoͤnnen, Dich gesund zu machen, und Dich also lieber gemeinschaftlich in jene Welt schicken, um nach¬ her her wechselseitig die Schuld auf einander schie¬ ben zu koͤnnen. Den Mann, der alles anwendet, was in seinen Kraͤften steht. Deine Gesundheit herzu¬ stellen, belohne nicht sparsam! Gieb ihm reich¬ lich nach Deinem Vermoͤgen! Hast Du aber Ursache zu glauben, daß er eigennuͤtzig sey; so setze Dich auf den Fuß, ihm jaͤhrlich etwas Fest¬ gesetztes zu zahlen. Du moͤgest unpaß oder ge¬ sund seyn, damit er kein Interesse dabey habe, Dich mit allerley Krankheiten zu versehn, oder Deine Herstellung aufzuhalten! 2. Wenden wir uns nun zu den Juristen! Naͤchst den natuͤrlichen Guͤtern, naͤchst der Wohl¬ farth des Geistes, der Seele und des Leibes, ist in der buͤrgerlichen Gesellschaft der sichre Be¬ sitz des Eigenthums das Heiligste und Theuerste. Wer dazu beytraͤgt, uns diesen Besitz zuzusi¬ chern; wer sich weder durch Freundschaft, noch Partheylichkeit, noch Weichlichkeit, noch Leiden¬ schaft, noch Schmeicheley, noch Eigennutz, noch Menschenfurcht bewegen laͤsst, auch nur einen ein¬ zigen kleinen Schritt von dem graden Wege der (Zweiter Th.) H Ge¬ Gerechtigkeit abzuweichen; wer durch alle Kuͤnste der Chicane und Ueberredung, durch die Unbe¬ stimmtheit, Zweydeutigkeit und Verwirrung der geschriebenen Gesetze hindurch, klar zu schauen, und den Punct, den Vernunft, Wahrheit, Redlich¬ keit und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß; wer der Beschuͤtzer des Aermern, des Schwaͤchern und Unterdruͤckten gegen den Staͤrkern, Rei¬ chern und Unterdruͤcker; wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und Vertheydiger ist — der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung werth. Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel dazu gehoͤrt, auf den Titel eines wuͤrdigen Richters und auf den eines edeln Sachwalters Anspruch machen zu duͤrfen, und es ist, am gelindesten gesprochen, sehr uͤber¬ eilt geurtheilt, wenn man behauptet, es werde, um ein guter Jurist zu seyn, wenig gesunde Vernunft, sondern nur Gedaͤchtniß, Schlen¬ drian und ein hartes Herz erfordert, oder die Rechtsgelehrsamkeit sey nichts anders, als die Kunst, die Leute auf privilegierte Art um Geld und Gut zu bringen. Freylich, wenn man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur nur sein roͤmisches Recht im Kopfe hat, die Schlupfwinkel der Chicane kennt, und die spitz¬ findigen Distinctionen der Rabulisten studiert hat; so mag man Recht haben; aber ein Sol¬ cher entheiligt auch sein ehrwuͤrdiges Amt. Doch ist es in der That traurig — um auch das Boͤse nicht zu verschweigen — daß in diesem Stande die Handlungen so vieler Rich¬ ter und Advocaten, so wie die Justitz-Verfas¬ sung in den mehrsten Laͤndern, sehr mannigfal¬ tige Gelegenheit zu jenen harten Beschuldigun¬ gen geben. Da widmen sich denn die schiefsten Koͤpfe dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit, womit sie keine andre feine Kenntnisse verbin¬ den, dennoch aber so stolz auf diesen Wust von alten roͤmischen, auf unsre Zeiten wenig passen¬ den Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandecten nicht am Schnuͤrchen hat, glauben, er koͤnne gar nichts gelernt haben. Ihre ganze Gedanken-Reyhe knuͤpft sich nur an ihr Buch aller Buͤcher, an das Corpus Ju¬ ris an, und ein steifer Civilist ist wahrlich im gesellschaftlichen Leben das langweiligste Ge¬ schoͤpf, das mun sich denken mag. In allen uͤbri¬ H 2 uͤbrigen menschlichen Dingen, in allen andern, den Geist aufklaͤrenden, das Herz bildenden Kenntnissen unerfahren, treten sie dann in oͤf¬ fentliche Aemter. Ihr barbarischer Styl, ihre bogenlangen Perioden, ihre Gabe, die einfachste, deutlichste Sache weitschweifig und unverstaͤnd¬ lich zu machen, erfuͤllt Jeden, der Geschmack und Gefuͤhl fuͤr Klarheit hat, mit Eckel und Ungeduld. Wenn Du auch nicht das Ungluͤck erlebst, daß Deine Angelegenheit einem eigen¬ nuͤtzigen, partheyischen, faulen, oder schwach¬ koͤpfigten Richter in die Haͤnde faͤllt; so ist es schon genug, daß Dein oder Deines Gegners Advocat ein Mensch ohne Gefuͤhl, ein gewinn¬ suͤchtiger Gauner, ein Pinsel, oder ein Chica¬ neur sey, um bey einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer Stunde schlichten koͤnnte, viel Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Zimmer voll Acten zusammen¬ geschmiert zu sehn, und dreymal so viel an Un¬ kosten zu bezahlen, als der Gegenstand des gan¬ zen Streits werth ist, ja! am Ende die gerech¬ teste Sache zu verliehren, und Dein offenbares Eigenthum fremden Haͤnden preiszugeben. Und waͤre beydes nicht der Fall; waͤren Richter und Sach¬ Sachwalter geschickte und redliche Maͤnner; so ist der Gang der Justitz in manchen Laͤndern von der Art, daß man Methusalems Alter er¬ reichen muß, um das Ende eines Processes zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elend und Jammer, indeß sich Schelme und hungrige Scribler in ihr Vermoͤgen thei¬ len. Da wird die gegruͤndeteste Forderung, we¬ gen eines kleinen Mangels an elenden Formali¬ taͤten, fuͤr nichtig erklaͤrt. Da muß der Aer¬ mere sich's gefallen lassen, daß sein reicherer Nachbar ihm sein vaͤterliches Erbe entreisst, wenn die Chicane Mittel findet, den Sinn ir¬ gend eines alten Documents zu verdrehn, oder wenn der Unterdruͤckte nicht Vermoͤgen genug hat, die ungeheuren Kosten zu Fuͤhrung des Processes aufzubringen. Da muͤssen Soͤhne und Enkel ruhig zusehn, wie die Guͤter ihrer Vorel¬ tern, unter dem Vorwande die darauf haftenden Schulden zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Haͤnden privilegierter Diebe bleiben, in¬ deß weder sie noch die Glaͤubiger Genuß davon haben, wenn diese Diebe nur die Kunst besitzen, Rechnungen aufzustellen, die der gebraͤuchlichen Form nach richtig sind. Da muß mancher Un¬ schul¬ H 3 schuldige sein Leben auf dem Blutgeruͤste hinge¬ ben, weil die Richter nicht so bekannt mit der Sprache der Unschuld, als mit den Wendungen einer falchen Beredsamkeit sind. Da lassen Pro¬ fessoren Urtheile uͤber Gut und Blut durch ihre unbaͤrtigen Schuͤler verfassen, und geben Dem¬ jenigen Recht, der das Responsum bezahlt — Doch was helfen alle Declamationen, und wer kennt nicht diesen Greuel der Verwuͤstung? Einen bessern Rath weiß ich nicht zu ge¬ ben, als den: Man huͤte sich, mit seinem Ver¬ moͤgen oder seiner Person in die Haͤnde der Ju¬ stitz zu fallen! Man weiche auf alle moͤgliche Weise jedem Processe aus, und vergleiche sich lieber, auch bey der sichersten Ueberzeugung von Recht, gebe lieber die Haͤlfte dessen hin, was uns ein And¬ rer streitig macht, bevor man es zum Schrift¬ wechsel kommen lasse! Man halte seine Geschaͤfte in solcher Ord¬ nung, mache alles darinn bey Lebzeiten so klar, daß man auch seinen Erben nicht die Wahr¬ schein¬ scheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes hinter¬ lasse! Hat uns aber der boͤse Feind zu einem Processe verholfen; so suche man sich einen red¬ lichen, uneigennuͤtzigen, geschickten Advocaten — man wird oft ein wenig lange suchen muͤssen — und bemuͤhe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm, ausser seinen Gebuͤhren, noch rei¬ chere Bezahlung verspreche, nach Verhaͤltniß der Kuͤrze der Zeit, binnen welcher er die Sache zu Ende bringen wird! Man mache sich gefasst, nie wieder in den Besitz seiner Guͤter zu kommen, wenn diese ein¬ mal in Advocaten- und Curatoren Haͤnde gera¬ then sind! Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen giebt, der ist bey¬ nahe ein eben so arger Schelm, als Der, wel¬ cher nimt. Man wafne sich mit Geduld in allen Ge¬ schaͤften, die man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat! Man H 4 Man bediene sich auch keines Solchen zu Dingen, die schleunig und einfach behandelt werden sollen! Man sey aͤusserst vorsichtig, im Schreiben, Reden, Versprechen und Behaupten, gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben; Ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Be¬ weis der gesunden Vernunft, juristische Wahr¬ heit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas we¬ niger, als gemeine Wahrheit, juristischer Aus¬ druck nicht selten einer andern Auslegung faͤhig, als gewoͤhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegentheil von dem, was man im ge¬ meinen Leben Willen nennt. 3. Ich komme jetzt zu dem Wehrstande. Wenn in unsern heutigen Kriegen noch Mann gegen Mann foͤchte, und die Kunst Menschen zu vertilgen nicht so methodisch und maschienen¬ maͤßig getrieben wuͤrde; wenn allein persoͤnliche Tapferkeit das Gluͤck des Krieges entschiede, und der Soldat nur fuͤr sein Vaterland, zu Ver¬ theydigung seines Eigenthums und seiner Frey¬ heit heit stritte; so wuͤrde auch freylich noch kein sol¬ cher Ton unter diesen Maͤnnern herrschen, als jetzt, da zu einem geschickten Kriegshelden ganz andre Arten von Kenntnissen gehoͤren, da ein Paar neue Ressorts, nemlich Subordination und ein conventioneller Begriff von Ehre, auf gewisse Weise an die Stelle des kuͤhnen Muths getreten sind, und diese die Menschen zwingen muͤssen, da stehn zu bleiben und aus der Ferne auf sich schiessen zu lassen, wo die Leidenschaften der Fuͤrsten ihnen gebiethen, zu stehn und ihr Leben fuͤr wenig Groschen daran zu wagen. Dennoch war eine gewisse Rohigkeit, Zuͤgello¬ sigkeit und ein Hinaussetzen uͤber alle Regeln der Moral und buͤrgerlichen Uebereinkunft — gleich als waͤren diese Gesetze nur Kinder des Frie¬ dens — noch in der ersten Haͤlfte dieses Jahr¬ hunderts fast der allgemeine Character eines Soldaten von hohen und niederm Range. In unsern Tagen aber sieht es damit ganz anders aus. Fast in allen europaͤischen Staaten findet man unter Maͤnnern und Juͤnglingen im Sol¬ datenstande Personen, die durch Kenntnisse in allen Faͤchern der Wissenschaften und Kuͤnste, besonders in solchen, die zu ihrem Handwerke ge¬ H 5 gehoͤren, durch eine bescheidene, feine Auffuͤh¬ rung, durch strenge Sittlichkeit, Sanftmuth des Characters und nuͤtzliche Anwendungen ih¬ rer Muße zu Bildung des Geistes und Herzens, sich der allgemeinen Achtung und Liebe werth machen. Ich wuͤrde also gar keine besondre Vorschriften uͤber den Umgang mit Officiers zu geben haben, wenn nicht theils, so wie in allen Staͤnden, also auch hier, Ausnahmen vom Gu¬ ten Statt fanden, theils einige andre Ruͤcksich¬ ten nicht mit Stillschweigen uͤbergangen werden duͤrften; doch kann ich mich dabey kurz fassen. Wer, seinem Stande, seinem Alter, oder seinen Grundsaͤtzen nach, sich weder aufziehn und beleidigen zu lassen, noch eine Beleidigung durch den Zweykampf auszutilgen Lust haben kann; der thut wohl, wenn er die Gelegenheit vermeidet, bey Spiel, Trunk oder andern der¬ gleichen Faͤllen, mit rohen Leuten vom Solda¬ tenstande in Gemeinschaft zu kommen, oder, wenn er solchen Gelegenheiten nicht ausweichen kann, sich so behutsam, hoͤflich und ernsthaft als moͤglich aufzufuͤhren. Indessen koͤmmt hie¬ bey auch sehr viel auf den Ruf an, in welchen man man sich gesetzt hat, und ein grader, fester, red¬ licher und verstaͤndiger Mann pflegt, selbst von ausschweifenden, ungesitteten Leuten, respectirt und geschont zu werden. Ueberhaupt aber rathe ich, im Reden und Handeln gegen Officiers vorsichtig zu seyn. Das Vorurtheil von uͤbel verstandener Ehre, das in den mehrsten Armeen, vorzuͤglich in der franzoͤsischen, herrschend ist, und das von man¬ cher andern Seite einen Nutzen stiften kann, der hier zu weitlaͤuftig zu entwickeln seyn wuͤrde, befiehlt dem Officier, auch nicht das kleinste zweydeutige Woͤrtgen, so ihm gesagt wird, hin¬ zunehmen, ohne Genugthuung durch Waffen zu fordern, und da hat denn vielmals ein Aus¬ druck, den man sich im gemeinen Leben erlauben duͤrfte, fuͤr ihn einen beleidigenden Sinn. Man darf, zum Beyspiel, wohl sagen: „das war doch nicht gut “ aber keineswegs: „das war schlecht von Ihnen“ und doch muß das, was nicht gut ist, nothwendig schlecht seyn. Mit dieser Sprache der Uebereinkunft soll man sich also auch bekannt machen, wenn man mit Perso¬ nen, denen dieselbe Gesetze auflegt, umgehn will. Daß Daß man in Gegenwart eines Officiers nie, auch nicht das Mindeste zum Nachtheile die¬ ses Standes vorbringen duͤrfe, versteht sich wohl um so mehr von selbst, da es in der That noͤ¬ thig ist, daß der Soldat seinen Stand fuͤr den ersten und wichtigsten in der Welt halte — Denn was soll ihn denn bewegen, sich einer so beschwerlichen und gefaͤhrlichen Lebensart zu widmen, wenn es nicht die Anspruͤche auf Ruhm und Ehre sind? Endlich pflegt bey dem Soldatenstande eine Art von ofnen, treuherzigen, nicht sehr feyerli¬ chen, sondern muntern, freyen, und durch ge¬ sitteten Scherz gewuͤrzten Betragen uns beliebt zu machen, mit welchem man daher vertrauet werden muß, wenn man mit dieser Classe viel leben will. 4. Kein Stand hat vielleicht so viel Annehmlich¬ keit, als der eines Kaufmanns, wenn dieser nicht ganz mit leerer Hand anfaͤngt, wenn das Gluͤck ihm nicht entschieden zuwieder ist, wenn er ein wenig vor sich gebracht hat, wenn er seine Un¬ ter¬ ternehmungen mit gehoͤriger Klugheit treibt, nicht zu viel wagt und auf das Spiel setzt. Kein Stand geniesst einer so gluͤcklichen Freyheit, als dieser. Kein Stand hat von jeher so unmittelbar thaͤtigen, wichtigen Einfluß auf Moralitaͤt, Cul¬ tur und Luxus gehabt, als die Kaufmannschaft. Wenn durch sie und durch die Verbindung, wel¬ che dieselbe zwischen entlegenen, von einander in so viel Dingen verschiedenen Voͤlkern stiftet, der Ton ganzer Nationen umgestimmt, und Men¬ schen mit geistigen und coͤrperlichen Beduͤrfnis¬ sen, mit Wissenschaften, Wuͤnschen, Krankhei¬ ten, Schaͤtzen und Sitten bekannt werden, die ausserdem vielleicht nie, wenigstens sehr viel spaͤ¬ ter, bis dahin gedrungen seyn wuͤrden; so laͤsst sich wohl nicht zweifeln, daß, wofern die fein¬ sten Koͤpfe unter den Kaufleuten eines großen Reichs sich uͤber ein System von Wuͤrksamkeit nach festen Grundsaͤtzen vereinigten, es in ihrer Macht stehn muͤsste, welche Richtung des Ver¬ standes und Willens sie ihrem Vaterlande geben wollten. Zum Gluͤck fuͤr unsre Freyheit aber giebt es theils nicht viel so weitsehende, plan¬ volle Koͤpfe unter Leuten dieses Standes in der Welt, theils sind sie durch sehr verschiedenes In¬ Interesse so getrennt, daß sie sich nicht zur Ty¬ ranney vereinigen koͤnnen; und so faͤllt zwar die Wuͤrkung nicht weg, welche der Handel auf Sitten und Aufklaͤrung hat, aber es geht doch damit nicht methodisch zu, sondern alles geht seinen Gang, an der Hand der Zeit. Indessen begreift man leicht, daß eben das Ideal, wel¬ ches ich von einem großen Negocianten aufge¬ stellt habe, einen Mann von feinem, voraus¬ schauenden, weit umfassenden Geiste und, wenn es ihm um das Wohl der Welt zu thun ist, ei¬ nen Mann von edeln, erhabenen Gesinnungen bezeichnet. Auch giebt es solcher Maͤnner in diesem Stande, und ich habe, besonders waͤh¬ rend meines Aufenthalts in Frankfurth am Mayn und den benachbarten Gegenden, deren Einige kennen gelernt, die wahrlich, wenn sie auf einem andern Schauplatze gestanden, unter den groͤßten Maͤnnern ihrer Zeit genannt wor¬ den waͤren. Da man nun aber keiner Vorschriften be¬ darf, um zu lernen, wie man mit weisen und guten Menschen umgehn soll; so will ich hier nur von dem Betragen im Umgange mit Kauf¬ leu¬ leuten von gemeinem Schlage reden. Diese werden von ihrer ersten Jugend an gewoͤhnlich so mit Leib und Seele nur dahin gerichtet, auf Geld und Gut ihr Augenmerk, und fuͤr nichts anderes Sinn zu haben, als fuͤr Reichthum und Erwerb, daß sie den Werth eines Menschen fast immer nach der Schwere seiner Geldkasten be¬ urtheilen, und bey ihnen: der Mann ist gut, so viel heisst, als: der Mann ist reich. Hierzu gesellt sich wohl noch, besonders in Reichsstaͤd¬ ten, eine Art von Prahlerey, eine Begierde, es Andern ihres Gleichen, da wo es in die Augen faͤllt, an Pracht zuvorzuthun, um zu zeigen, daß ihre Sachen fest stehen. Da sich aber mit dieser Neigung immer noch Sparsamkeit und Haabsucht verbinden, und sie, sobald es nicht bemerkt wird, in ihren Haͤusern aͤusserst einge¬ schraͤnkt und hungrig leben, und sich sehr viel versagen; so bemerkt man da einen Contrast von Kleinlichkeit und Glanz, von Geiz und Ver¬ schwendung, von Niedertraͤchtigkeit und Stolz, von Unwissenheit und Praͤtension, der Mitlei¬ den erregt, und so industrios auch sonst die Kaufleute sind; so fehlt es ihnen doch mehren¬ theils an der Gabe, ein kleines Fest durch ge¬ schmack¬ schmackvolle Anordnung glaͤnzend, und mit we¬ nig Kosten einen anstaͤndigen Aufwand zu machen. Willst Du bey diesen Leuten geachtet seyn; so musst Du wenigstens im dem Rufe stehn, daß Deine Vermoͤgens-Umstaͤnde nicht zerruͤttet sind; Wohlstand macht auf sie den besten Ein¬ druck. Sey es durch Deine Schuld oder durch Ungluͤck; so wirst Du, auch bey den herrlichsten Vorzuͤgen des Verstandes und Herzens, von ih¬ nen verachtet werden, wenn Du Mangel leidest. Willst Du einen Solchen zu einer milden Gabe, oder sonst zu einer großmuͤthigen Hand¬ lung bewegen; so musst Du entweder seine Ei¬ telkeit mit in das Spiel bringen, daß es bekannt werde, wie viel dies große Haus an Arme giebt, oder der Mann muß glauben, daß der Himmel ihm die Gabe hundertfaͤltig vergelten werde; Dann wird es andaͤchtiger Wucher. Große Kaufleute spielen, wenn sie spielen, gewoͤhnlich um hohes Geld. Sie betrachten das, wie jeden andern Speculations-Handel; aber sie spielen dann auch mit aller Kunst und Auf¬ Aufmerksamkeit. Man huͤte sich daher, wenn man das Spiel nicht versteht, oder es nachlaͤssig, blos als Zeitvertreib ansieht, sich mit solchen Maͤnnern darauf einzulassen! Laß es Dir hier ja nicht einfallen, Werth auf Geburth und Rang zu setzen, besonders wenn Du arm bist! oder Du wirst Dich kraͤnkenden Demuͤthigungen aussetzen. Doch pflegt in manchen Kaufmannshaͤu¬ sern ein Mann mit Stern, Orden und Titel geschmeichelt zu werden, und das geschieht dann aus Prahlerey, um zu zeigen, daß auch Vor¬ nehme da Gastfreundschaft geniessen, oder daß man mit Hoͤfen und großen Familien in Ver¬ haͤltnissen steht. Auch der Gelehrte und Kuͤnstler wird hier uͤbersehn, oder nur aus Eitelkeit vorgezogen. Er erwarte nicht, daß sein wahrer Werth er¬ kannt werde! Da die Sicherheit des Handels auf Puͤnct¬ lichkeit im Bezahlen und auf Treue und Glau¬ (Zweiter Th.) I ben ben beruht; so setze Dich bey den Kaufleuten in den Ruf, strenge Wort zu halten und ordent¬ lich zu bezahlen; so werden sie Dich hoͤher ach¬ ten, als manchen viel reichern Mann! Wer wohlfeil kaufen will, der kaufe fuͤr baares Geld — das ist eine sehr bekannte Lehre! Man hat dann die Wahl von Kaufleuten und von Waaren, und man kann es niemand uͤbel auslegen, wenn er, bey der Ungewißheit, ob und wie bald er bezahlt werden wird, fuͤr seine Waare einen uͤbertriebenen Preis fordert, oder das Schlechteste hingiebt, was er hat. Hat man Ursache, mit dem Betragen des Mannes zufrieden zu seyn, mit welchem man Handlungs-Geschaͤfte getrieben; so wechsele man nicht ohne Noth, laufe nicht von einem Kaufmanne zu dem andern! Man wird treuer bedient von Leuten, die uns kennen, denen an der Erhaltung, unsrer Kundschaft gelegen ist, und sie geben uns auch, wenn es ja unsre Umstaͤnde erforderten, leichter Credit, ohne deswegen den Preis der Waaren zu erhoͤhn. Bey Bey kleinen Kaufleuten und in Staͤdten, wo eigentlich nur Kraͤmer wohnen, ist die unar¬ tige Gewohnheit eingerissen, daß Diese oft sehr viel mehr fuͤr ihre Waare fordern, als wofuͤr sie dieselbe hingeben wollen. Andre affectiren mit angenommener Treuherzigkeit und Bieder¬ keit, immer den aͤussersten Preis zu setzen, und sich keinen Heller abdingen zu lassen, und so muß man oft doppelt so viel bezahlen, als die Sache werth ist. Ersteren wuͤrde man ihre kleinen Kuͤnste leicht abgewoͤhnen koͤnnen, wenn die Angesehnsten in einer Stadt sich vereinigten, solchen Gaunern gar nichts abzukaufen. Es ist aber das juͤdische Verfahren beyder Art von christlichen Kaufleuten eben so unredlich, als un¬ klug. Sie betruͤgen damit hoͤchstens nur einige Fremde und Solche, die von dem Werthe der Waaren nichts verstehen; bey Andern hingegen verliehren sie allen Glauben, und wenn man erst ihre Weise kennt; so biethet man ihnen nur die Haͤlfte von dem, was sie fordern. Uebri¬ gens soll Der , welcher kaufen will, die Augen aufthun, und es ist unvernuͤnftig, einen Handel von einiger Wichtigkeit zu schliessen, ohne vor¬ her sich Kenntniß von dem wahren Werthe der Sa¬ I 2 Sache erworben zu haben, die man zu kaufen die Absicht hat. 5. Die Herrn Buchhaͤndler verdienten wohl ein eigenes Capittel. In demselben koͤnnte man sehr viel Wahres zum Lobe Derer unter ihnen sagen, die diesen Handel nicht als einen juͤdi¬ schen Erwerb treiben, so daß sie etwa wenig darum bekuͤmmert waͤren, was fuͤr Buͤcher bey ihnen verlegt und gekauft, in so fern nur Gel¬ der daraus geloͤset werden; denen es nicht gleich¬ guͤltig ist, ob man sie zu Hebammen von klei¬ nen Kruͤppeln und Misgeburthen gebraucht, ob sie zu Werkzeugen der Ausbreitung eines elen¬ den, frivolen, falschen Geschmacks und schlechter Grundsaͤtze dienen; sondern denen Wahrheit, Cultur und Aufklaͤrung am Herzen liegt; die das miskannte, im Dunkeln lebende Talent er¬ muntern, aus dem Staube hervorziehen, in Thaͤtigkeit setzen, und großmuͤthig unterstuͤtzen; die den taͤglichen Umgang und das Verkehr mit Gelehrten und Buͤchern dazu anwenden, sich selber Kenntnisse zu sammlen, ihren Geist zu bilden, und bessere Menschen zu werden. Und Und dann wuͤrde, des Contrastes wegen, das Gegenbild keine uͤble Wuͤrkung machen — Das Bild eines Mannes, der, nachdem ein halbes Jahrhundert hindurch die vortreflichsten Werke durch seine schmutzigen, geldgierigen Finger ge¬ gangen, noch immer eben so unwissend und dumm geblieben — ausser was die kleinen Wu¬ cher-Kuͤnste betrifft — als ein zehnjaͤhriger Knabe; der Manuscripte und neue Buͤcher nach der Dicke, nach dem Titel, und nach dem Ver¬ haͤltnisse schaͤtzt und kauft, nach welchem er ver¬ muthen kann, daß ein von falschem Geschmacke irregeleitetes Publicum darnach greifen wird; der, um diesen falschen Geschmack zu unterhal¬ ten, durch unbaͤrtige Knaben jaͤmmerliche Bro¬ schuͤren, Romaͤnchen und Maͤrchen schreiben, und unter seiner Firma in die Welt gehn laͤsst; der die erbaͤrmlichste Schmiererey, deren Nichts¬ wuͤrdigkeit er selbst fuͤhlt, durch einen viel ver¬ sprechenden Mode-Titel, oder durch saubre Bildlein aufgestutzt, nach Frankfurth und Leip¬ zig schleppt, und fuͤr diese Lumpereyen ein schaͤn¬ dendes Lob von feilen Rezensenten erkauft; der den Mann von Talenten wie einen Tagloͤhner behandelt und bezahlt, von der eingeschraͤnkten I 3 haͤus¬ haͤuslichen Lage eines armen Schriftstellers Vortheil zieht, um ein Werk, das Anstrengung aller Kraͤfte, Nachtwachen und Aufwand von wahrer Geistesgroͤße erfordert hat, und womit er Tausende gewinnen kann, wie Maculatur zu erhandeln; der, so oft ihm ein Werk angebo¬ then wird, veraͤchtlich die Nase ruͤmpft und den Kopf schuͤttelt, um desto wohlfeiler daranzukom¬ men; der, durch Nachdruck ein Dieb an frem¬ den Eigenthume wird. Endlich koͤnnte ich Vor¬ schriften geben, wie die Schriftsteller mit Buch¬ haͤndlern von dieser Art umgehn sollten, um nicht ihre Sclaven zu werden; wie man sich bey ihnen Gewicht geben kann; und in welche Form man seine Geistes-Producte giessen muß, damit sie von den Sosiern unsrer Zeit in Ver¬ lag genommen werden — Das aber sind zum Theil Zunft-Geheimnisse, die unter uns großen Gelehrten nur muͤndlich fortgepflanzt werden, und die man also nicht Jedem, der blos Leser ist, auf die Nase heften darf. Doch noch Eine Bemerkung! Wer sich bey Buchhaͤndlern, besonders in minder großen Staͤdten, beliebt machen will, der leyhe und ver¬ verleyhe nicht viel Buͤcher, und errichte keine Lese-Gesellschaften! Man kann es sonst wahr¬ lich den armen Handelsmaͤnnern nicht uͤbel neh¬ men, daß sie sich, durch Nachdruck, kleine Kuͤnste und sparsames Honorarium, an ihren Collegen, am Publico und an den Autorn zu erholen su¬ chen, wenn unter zwanzig Personen kaum Ei¬ ner ein Buch kauft, die Uebrigen aber umsonst mitlesen. 6. Ich habe im ersten Theile dieses Buchs, bey Gelegenheit, da ich Bemerkungen uͤber den Umgang mit Wohlthaͤtern machte, zugleich von dem Betragen in Ruͤcksicht auf Lehrer und Er¬ zieher geredet. Unter dieser Classe habe ich aber die so genannten Maîtres , daß heisst: die stun¬ denweise bedungenen Unterweiser in Sprachen und Kuͤnsten, nicht mit begriffen. Von Diesen werde ich daher noch hier ein Paar Worte sagen. Wuͤrklich ist es eine recht laͤstige Beschaͤfti¬ gung, zu Erringung seines Unterhalts, den gan¬ zen Tag durch, in Wind und Wetter, von einem Hause in das andre zu laufen und, ohne freye I 4 Wahl Wahl der Schuͤler, die nemlichen Anfangsgruͤnde einer Kunst oder Sprache unzaͤhlichemal wiederho¬ len zu muͤssen. Findet man nun unter diesen Mei¬ stern dennoch einen Mann, dem, trotz dieser ab¬ schreckenden Schwierigkeiten, die Fortschritte, welche seine Schuͤler machen, mehr als der Ge¬ winst am Herzen liegen, dem es ernstlich darum zu thun ist, seine Kunst leicht, gruͤndlich, leb¬ haft und deutlich vorzutragen; so ehre man Diesen, wie jeden Andern, der etwas zu unsrer Bildung beytraͤgt! Man folge ihm! Man lasse es nicht dabey bewenden, die Lehrstunde auszu¬ halten, sondern bereite sich darauf vor und wie¬ derhole das Gelernte, damit er seine schwere Arbeit nicht mit Seufzen verrichte! Oft aber trifft man unter diesen Herrn sehr schlechte Sub¬ jecte an; Menschen ohne Erziehung und Sit¬ ten, die von dem, was sie Andern beybringen wollen, selbst keine klare Begriffe, am wenig¬ sten aber die Gabe haben, in Andern derglei¬ chen zu erwecken; Menschen, die, besonders wenn sie es mit Kindern zu thun haben, ihre Schuͤler etwas auswendig lernen lassen, womit sie gelegentlich die unwissenden Eltern taͤuschen koͤnnen, welche dann große Begriffe von den Fort¬ Fortschritten fassen, die gemacht werden, indeß der Meister froh ist, wenn die Stunde gluͤcklich voruͤber gegangen; Menschen, die, um diese Stunde zu vertreiben, Stadt-Maͤrchen erzaͤh¬ len, aus einem Hause in das andre tragen, oder gar das unedle Handwerk von Kupplern und Liebesbrieftraͤgern verwalten. Ich kann jeden sorgsamen Vater, und wem sonst junge Leute anvertrauet sind, nicht genug vor dieser boͤsen Gattung von Unterweisern warnen, und rathe, so viel moͤglich bey den Lehrstunden solcher Mei¬ ster, die man nicht recht genau kennt, gegenwaͤr¬ tig zu seyn. 7. Ein redlicher, arbeitsamer und geschickter Handwerksmann oder Kuͤnstler ist eine der nuͤtz¬ lichsten Personen im Staate, und es macht un¬ sern Sitten wenig Ehre, daß wir diesen Stand so geringschaͤtzen. Was hat ein muͤßiger Hof¬ schranze, was hat ein reicher Tagedieb, der um sein baares Geld sich Titel und Rang erkauft hat, vor dem fleissigen Buͤrger voraus, der sei¬ nen Unterhalt auf erlaubte Weise durch seiner Haͤnde Arbeit erwirbt? Dieser Stand befrie¬ digt J 5 digt unsre ersten und natuͤrlichsten Beduͤrfnisse; Ohne ihn wuͤrden wir fuͤr unsre Nahrung und Kleidung und fuͤr alle Gemaͤchlichkeiten des Le¬ bens mit eigenen hohen Haͤnden sorgen muͤssen; Und erhebt sich nun gar der Handwerker oder Kuͤnstler (wie es sehr oft der Fall ist) uͤber das Mechanische, durch Erfindungskraft und Ver¬ feinerung seiner Kunst; so verdient er doppelte Achtung. Dazu koͤmmt, daß man wuͤrklich un¬ ter diesen Leuten, die bey ihren Geschaͤften Zeit genug haben, an andre gute Dinge zu denken, zuweilen die hellsten Koͤpfe und Maͤnner an¬ trifft, die freyer von Vorurtheilen sind, als Viele, die durch Studieren und Systemgeist ihre gesunde Vernunft verschroben haben. Man ehre also einen rechtschaffenen und fleissigen Handwerksmann, und betrage sich hoͤf¬ lich gegen ihn! Man gehe nicht ohne Noth, so lange man von seiner Arbeit, von seinem Fleisse und von seinen Preisen zufrieden ist, von ihm ab, um sich an einen andern zu wenden! Man mache nicht den Handwerksneid unter diesen Leuten rege! Man ziehe, bey gleichen Umstaͤn¬ den, den Handwerksmann, der unser Nachbar ist, ist, dem entfernter wohnenden vor! Man be¬ zahle ordentlich, puͤnctlich, baar, und dinge ihm nicht uͤber die Grenzen der Billigkeit ab! Unverantwortlich ist das Verfahren so vieler Vornehmen und selbst Reichen, die, bey allem Aufwande, den sie machen, nur zuletzt daran denken, die Handwerksleute, welche fuͤr sie ar¬ beiten, zu befriedigen. Sie verliehren vielleicht in Einem Abende Tausende im Spiel, und ma¬ chen es sich zu einem Ehrenpuncte, diese Schuld ohne Aufschub zu tilgen; ihr armer Schuster hingegen muß, um eine Rechnung von zehn Thalern, worunter mehr als die Haͤlfte in baa¬ ren Auslagen von seiner Armuth besteht, be¬ zahlt zu erhalten, Jahre lang manchen sauren Weg vergebens thun, und sich von einem gro¬ ben Haushofmeister abweisen lassen. Dies stuͤrzt so manchen ehrlichen, sonst wohlhabenden Buͤrger in Mangel, oder verleitet ihn, ein Be¬ truͤger zu werden. Es herrscht aber unter den Handwerksleu¬ ten die unartige Gewohnheit des Luͤgens. Sie versprechen, was sie weder halten koͤnnen, noch halten wollen, und uͤbernehmen mehr Arbeit, als als sie in der verheissenen Frist zu liefern im Stande sind. Es wuͤrde der Muͤhe werth seyn, daß sich, wie ich etwas Aenliches vorgeschlagen habe, als ich von dem Ueberfordern der Kraͤmer redete, die angesehensten Leute einer Stadt da¬ hin vereinigten, bey einem solchen Windbeutel nicht mehr arbeiten zu lassen. Was mich be¬ trifft, (der ich vielleicht zu pedantisch auf Worts- Erfuͤllung und Ordnung halte) ich mache mit den Handwerksleuten, welche fuͤr mich arbeiten, den Vertrag, daß ich augenblicklich von ihnen abgehe, sobald sie mir ihre Zusage nicht halten. In ihrer Gegenwart schreibe ich mehrentheils die Stunde auf, in welcher sie die Arbeit zu lie¬ fern verheissen; Ist nun diese Stunde erschie¬ nen, und sie stellen sich nicht ein; so haben sie vom fruͤhen Morgen bis in die Nacht vor mir und meinen Leuten keine Ruhe. Dadurch nun, und weil ich jedesmal bey Ablieferung der Ar¬ beit baar bezahle, erlange ich, daß ich seltener belogen werde, als Andre. 8. Ein Blick zuruͤck auf das, was ich von dem Umgange mit Kaufleuten gesagt habe, er¬ in¬ innert mich, daß ich bey dieser Gelegenheit auch von den Juden, als gebohrnen Handelsmaͤnnern, haͤtte reden sollen. Ich will aber das Wenige, so ich etwa uͤber diesen Gegenstand vorzutragen habe, hier nachholen. In America trifft man sehr viel Juden an, die durchaus in allen ihren Sitten mit den Chri¬ sten uͤbereinstimmen, auch sogar mit christlichen Familien, durch wechselseitige Heyrathen, sich verbinden. In Holland und einigen Staͤdten von Teutschland, besonders in Berlin, ist die Lebensart mancher juͤdischen Familien von der Weise, wie andre Religions-Verwandte leben, auch fast gar nicht unterschieden. In diesen Faͤllen nun ist eine von den Ursachen gehoben, weswegen der Character dieses Volks so viel nicht vortheilhafte Eigenheiten hat. Daß uͤbri¬ gens die hoͤchst unverantwortliche Verachtung, mit welcher wir den Juden begegnen, der Druck in welchem sie in den mehrsten Laͤndern leben, und die Ohnmoͤglichkeit auf andre Weise als durch Wucher ihren Lebens-Unterhalt zu gewin¬ nen, daß dies alles nicht wenig dazu beytraͤgt, sie moralisch schlecht zu machen, und zur Nie¬ der¬ dertraͤchtigkeit und zum Betruge zu reizen; end¬ lich daß es, ohngeachtet aller dieser Umstaͤnde, dennoch edle, wohlwollende, großmuͤthige Men¬ schen unter ihnen giebt — das sind bekannte, oft gesagte Dinge. Betrachten wir aber hier die Juden, nicht wie sie unter andern Umstaͤn¬ den seyn koͤnnten , noch wie einzelne Sub¬ jecte unter ihnen sind, sondern so, wie wir jetzt ihren Volks-Character nach der groͤßern Anzahl beurtheilen muͤssen! Sie sind unermuͤdet da, wo etwas zu ge¬ winnen ist, und machen, durch ihren engen Zu¬ sammenhang in allen Laͤndern, und dadurch, daß sie sich durch keine Art von Behandlung und Zuruͤckweisung abschrecken lassen, fast ohn¬ moͤgliche Dinge moͤglich. Man kann sie daher unter der Hand zu den wichtigsten Verhandlun¬ gen brauchen, nur muß man ihre Dienste gut bezahlen. Sie sind verschwiegen, wo sie Interesse da¬ bey finden, vorsichtig, zuweilen zu furchtsam, doch fuͤr's Geld bereit das Aergste zu wagen, verschlagen, witzig, originell in ihren Einfaͤllen, Schmeich¬ Schmeichler im hoͤchsten Grade, und finden also Mittel, sich ohne Aufsehn in den groͤßten Haͤu¬ sern Einfluß zu verschaffen und durchzusetzen, was man ohne sie schwerlich erlangen wuͤrde. Sie sind mißtrauisch. Haben wir sie aber einmal von unsrer Puͤnctlichkeit im Bezahlen und von der Heilighaltung unsers Worts uͤber¬ zeugt; haben sie oft Geschaͤfte mit uns gemacht und wissen, daß wir mit unsern Finanzen nicht ganz uͤbel stehen; so kann man auch bey ihnen Huͤlfe finden, wenn alle christliche Wucherer uns in Stiche lassen. Bist Du aber ein schlechter Wirth, oder sind Deine Vermoͤgens-Umstaͤnde in einer zwey¬ deutigen Lage; so wird niemand dies leichter gewahrwerden, als der Jude. Rechne dann nicht darauf, daß er Dir Geld vorschiessen werde, oder mache Dich gefasst, ihm, wenn er es auf Speculation daran wagt, Dich zu so uͤber¬ triebenen Procenten und zu solchen Clauseln ver¬ bindlich machen zu muͤssen, daß dadurch Deine Lage gewiß noch ungluͤcklicher wird! Es Es wird den Juden gewaltig schwer, sich vom Gelde zu scheiden. Wenn jemand, den sie nicht recht genau kennen, sie um ein Darlehn anspricht; so werden sie denselben auf einen an¬ dern Tag wieder bestellen. Unterdessen forschen sie bey Handwerkern, Nachbarn, Bedienten und dergleichen, nach den kleinsten Umstaͤnden des kuͤnftigen Schuldners. Koͤmmt Dieser zur bestimmten Zeit wieder; so laͤsst sich der Jude verleugnen, oder verschiebt die Zahlung noch um einige Wochen, Tage, oder Stunden. Und ist auf Deinem Gesichte nur irgend eine Spur von Verlegenheit uͤber Deine Umstaͤnde, oder von zu großer Freude uͤber die zu hoffende Huͤlfe zu lesen; so wird der Jude sich nicht von seinem Mammon trennen, und haͤtte er auch schon an¬ gefangen das Geld hinzuzaͤhlen. Auf dies alles muß man sich gefasst machen, wenn man in solche Faͤlle koͤmmt. Bey dem Handel mit Hebraͤern gemeiner Art rathe ich die Augen oder den Beutel zu oͤf¬ nen. Es ist sehr natuͤrlich, daß ein Christ sich auf ihre Gewissenhaftigkeit, auf ihre Betheue¬ rungen nicht verlassen darf. Sie werden Euch Kupfer Kupfer fuͤr Gold, drey Ellen fuͤr vier, alte Sa¬ chen fuͤr neue verkaufen, uͤberleichte Louisd'or fuͤr vollwichtige, falsche Muͤnze fuͤr aͤchte geben, wenn Ihr es nicht besser verstehet. Wenn man alte Kleider oder andre Sachen an Juden verhandeln will; so suche man mit dem Ersten, der uns ein irgend leidliches Ge¬ both thut, sogleich einig zu werden! Laͤssest Du ihn fortgehn, ohne sein Geboth anzunehmen; so wird die Nachricht, daß bey Dir etwas zu schachern sey, und daß man Mendeln oder Jo¬ kef den Handel nicht verderben duͤrfe, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judenschaft gehn, und in der Sinagoge publiciert werden; In solchen Faͤllen halten sie treulich zusammen. Es wer¬ den dann haufenweise die Israeliten, fremde und einheimische, Dein Haus bestuͤrmen, aber jeder spaͤter Kommende wird immer etwas we¬ niger biethen, als der Vorhergehende, bis Du endlich entweder den Ersten wieder aufsuchst, der aber dann die gleich anfangs gebothene Summe noch vermindert, oder bis Deine Waare Dir so zuwieder wird, daß Du sie fuͤr die Haͤlfte des Werths einem Andern hingiebst, der sie treulich dem Erstern einhaͤndigt. (Zweiter Th.) K Ist Ist man seines Kaufs mit einem Troͤdel- Juden voͤllig einig; so wird er doch noch versu¬ chen, uns zu hintergehn. Er wird gewoͤhnlich sagen: „er habe kein baares Geld bey sich, wolle „uns aber die Uhr oder so etwas zum Unter¬ „pfande lassen.“ Er weiß wohl, daß man das selten annimt. Giebt man ihm nun Credit und das Gekaufte mit; so schleppt er dies in der ganzen Stadt umher, biethet es feil, und bringt es endlich wieder, mit dem Bedeuten: „man „solle etwas schwinden lassen; er habe sich uͤber¬ „eilt.“ Oder er koͤmmt gar nicht wieder, uud man muß lange hinter der Bezahlung herlau¬ fen. Auch wollen sie gar zu gern Waare statt Geld geben, denn die baare Muͤnze ist ihnen sehr an das Herz gewachsen — Auf dies alles darf man sich nicht einlassen. 9. In den mehrsten Provinzen von Teutsch¬ land lebt der Bauer in einer Art von Druck und Sclaverey, die wahrlich oft haͤrter ist, als die Leibeigenschaft desselben in andern Laͤndern. Mit Abgaben uͤberhaͤuft, zu schweren Diensten verurtheilt, unter dem Joch, grausamer, rauh¬ her¬ herziger Beamte seufzend, werden sie des Le¬ bens nie froh, haben keinen Schatten von Frey¬ heit, kein sicheres Eigenthum, und arbeiten nicht fuͤr sich und die Ihrigen, sondern nur fuͤr ihre Tyrannen. Wen nun die Vorsehung in die gluͤckliche Lage gesetzt hat, zur Erleichterung dieser so sehr gedruͤckten und doch so wichtigen, so nuͤtzlichen Menschen-Classe etwas beytragen zu koͤnnen; o! der schaffe sich doch die suͤße Wonne, in den kleinen Huͤtten der Landleute Freude zu verbrei¬ ten, und seinen Namen von Kindern und En¬ keln mit Segen genannt zu hoͤren! Wohl freylich sind die Bauern zum Theil so hartnaͤckige, zaͤnkische, wiederspenstige und unverschaͤmte Geschoͤpfe, daß sie aus der gering¬ sten Wohlthat eine Schuldigkeit machen, daß sie nie zufrieden sind, immer klagen, immer mehr haben wollen, als man ihnen zugestehn kann; Allein sind wir nicht selbst, durch lange fortgesetzte unedle Behandlung und Vernachlaͤs¬ sigung ihrer Bildung, daran Schuld, daß nie¬ dertraͤchtige Gesinnungen bey ihnen herrschend K 2 wer¬ werden? Und giebt es nicht einen Mittelweg, zwischen uͤbertriebener Nachsicht, und despoti¬ scher Strenge und Grausamkeit? Ich verlange nicht, daß ein Landes- oder Gutsherr sich des Rechts begeben soll, seine Unterthanen zu gewis¬ sen schuldigen Diensten zu brauchen; allein er soll nicht, damit er, zum Beyspiele, das grau¬ same Vergnuͤgen einer Hirsch- und Schweine- Metzeley schmecke, den Bauer, zu einer Zeit, wo seine Gegenwart zu Hause ihn und seine Familie gegen Mangel schuͤtzen muß, mehr Tage hinter einander in strenger Kaͤlte mit leerem Magen herumlaufen, und Ohren und Nasen er¬ frieren lassen. Er soll ihm die schuldigen Ab¬ gaben nicht schenken; aber er soll Nachsicht mit seinen Umstaͤnden haben, Ruͤcksicht auf erlittene Ungluͤcksfaͤlle nehmen, und darauf halten, daß die Beamten die Gelder zu einer Zeit eintreiben, wo es dem armen Landmanne weniger schwer wird, baare Muͤnze aufzutreiben, ohne sich mit Leib und Seele dem Juden oder dem boͤsen Feinde zu verschreiben. Man schwaͤtzt so viel von Verbesserung der Dorfschulen und Aufklaͤrung des Landvolks; al¬ lein lein uͤberlegt man auch wohl immer genau ge¬ nug, welch' ein Grad von Aufklaͤrung fuͤr den Landmann, besonders fuͤr den von niedrigem Stande, taugt? Daß man den Bauer nach und nach, mehr durch Beyspiele als durch De¬ monstrationen, zu bewegen suche, von manchen ererbten Vorurtheilen, in der Art des Feldbaues und uͤberhaupt in Fuͤhrung des Haushalts, zu¬ ruͤckzukommen; daß man durch zweckmaͤßigen Schul-Unterricht die thoͤrichten Grillen, den dummen Aberglauben, den Glauben an Gespen¬ ster, Hexen und dergleichen zu zerstoͤhren trachte; daß man die Bauern gut schreiben, lesen und rechnen lehre; daß ist loͤblich und nuͤtzlich. Ih¬ nen aber allerley Buͤcher, Geschichten und Fabeln in die Haͤnde zu spielen; sie zu gewoͤhnen, sich in eine Ideen-Welt zu versetzen; ihnen die Augen uͤber ihren armseligen Zustand zu oͤfnen, den man nun einmal nicht verbessern kann; sie durch zu viel Aufklaͤrung unzufrieden mit ihrer Lage, sie zu Philosophen zu machen, die uͤber ungleiche Austheilung der Gluͤcksguͤter declamie¬ ren; ihren Sitten Geschmeidigkeit und den An¬ strich der feinen Hoͤflichkeit zu geben — Das taugt wahrlich nicht. Ohne alle diese kuͤnstlichen Huͤlfs¬ K 3 Huͤlfsmittel trifft man indessen unter allen Land¬ leuten Menschen von so unverfaͤlschtem Sinne, von so hellem, heitern Kopfe, und von so festem Character an, daß Diese manchen hochstudierten Herrn beschaͤmen koͤnnten. Im Ganzen betrage man sich gegen den Bauer treuherzig, grade, offen, ernsthaft, wohlwollend, nicht geschwaͤtzig, consequent, immer gleich! und man wird sich seine Achtung, sein Zutrauen erwerben, und viel uͤber ihn vermoͤgen. Von Land-Edelleuten und andern Perso¬ nen hoͤhern Standes, die in den Doͤrfern leben, gilt zum Theil das Nemliche. Man nehme kei¬ nen Residenz-Ton mit zu ihnen hin, huͤte sich vor leeren Complimenten, nehme Theil an ihren laͤndlichen Freuden, Sorgen und Geschaͤften, und verbanne allen Zwang im Umgange mit ih¬ nen, ohne jedoch zu schmutziger, poͤbelhafter Auf¬ fuͤhrung herabzusinken! so wird man ihnen als Gast, Nachbar, Freund und Rathgeber will¬ kommen seyn. Sie¬ Siebentes Capittel. Ueber den Umgang mit Leuten von allerley Lebensart und Gewerbe. 1. Z uerst von den so genannten Aventuriers! Ich rede hier nicht von den eigentlichen Betruͤgern und Gaunern; Von Diesen soll gleich nachher gehandelt werden; sondern von der unschaͤdlichen Art der Abentheurer, die, wenn sie sich mit Madam Fortuna gar zu oft uͤberworfen haben, zuletzt an die kleinen Neckereyen dieses launich¬ ten Weibes so gewoͤhnt sind, daß sie immer auf’s Neue blindlings in den Gluͤckstopf hineingrei¬ fen, und es wagen, entweder auf die Finger ge¬ klopft zu werden, oder einmal einen fetten Bro¬ cken zu erhaschen. Sie leben ohne festen Plan fuͤr den folgenden Tag, auf gute Hofnung los, unternehmen alles, was ihnen fuͤr den Augen¬ blick eine Aussicht zu einigem Unterhalte zu er¬ oͤfnen scheint. Wo eine reiche Witwe zu hey¬ rathen, eine Pension, eine Bedienung an irgend einem Hofe, oder dergleichen zu erhalten ist; da sind sie nicht saumselig. Sie taufen sich, adeln sich K 4 sich, schaffen sich um, so oft es ihnen beliebt, und es die Sache erleichtern kann. Was sich als Edelmann nicht durchsetzen laͤsst, das versu¬ chen sie als Marquis, als Abbé, als Officier. Zwischen Himmel und Erde ist kein Fach, kein Departement, in welchem sie nicht bereit waͤren, sich an die Spitze der Geschaͤfte stellen zu lassen, keine Wissenschaft, uͤber welche sie nicht mit einer Zuversicht plaudern, die sogar den Gelehrten zu¬ weilen stutzen macht. Mit einer bewunderns¬ wuͤrdigen Gewandtheit, mit einem favoir faire , das selbst der bessere Mann zum Theil von ihnen lernen sollte, gelangen sie zu Dingen, die der Rechtschaffenste und Verstaͤndigste nicht einmal zu wuͤnschen den Muth hat. Ohne tiefe Men¬ schenkenntniß haben sie grade das, womit man in dieser Welt uͤber wahre Weisheit den Mei¬ ster spielt — esprit de conduite . Gelingt das nicht, was sie unternehmen; so werden sie doch dadurch nicht in ihrem guten Humor gestoͤhrt; die ganze Welt ist ihr Vaterland, und als blinde Passagiers sind sie auf dem Postwagen eben so zu Hause, als in einer praͤchtigen Carosse. — Ein gutmuͤthiges Voͤlkgen! durch das Nomaden-Le¬ ben gewoͤhnt, Freuden und Leiden geduldig zu er¬ ertragen und zu theilen. Haben sie irgendwo ihre Rolle ausgespielt; so schnuͤren sie ihr Buͤn¬ delchen, und gehen aus ihren Pallaͤsten so leicht¬ fuͤßig davon, wie ein fluͤchtiger Morgen-Traum. Als Gesellschafter mag man diese Leute nicht verachten! Sie haben so manches gesehn und erfahren, daß dem Menschenkenner ihr Um¬ gang nicht ganz uninteressant seyn kann. Ja! wenn sie sonst nicht boͤsartig sind; so findet man bey ihnen Theilnehmung, Dienstfertigkeit und Gefaͤlligkeit in hohem Grade. Dagegen ist zu einer genauen freundschaftlichen Verbindung mit ihnen gar nicht zu rathen. Man sey nicht zu vertraulich gegen sie, und bediene sich nicht ihrer Huͤlfe zu wichtigen Geschaͤften! Theils leidet dadurch unser eigener Ruf; theils kann man sich von ihrem Leichtsinne und ihrer Characterlosig¬ keit wenig wahre Huͤlfe versprechen; auch pfle¬ gen sie nicht eben sehr eckel in der Wahl der Mittel zu seyn, welche sie anwenden, um zu einem Zwecke zu gelangen. 2. Beschaͤme nicht leicht den Aventurier, auch Den von schlechterer Art nicht, wenn Du ihn irgend K 5 irgendwo in einer erborgten Gestalt, unter fal¬ schem Namen, oder mit selbst geschaffenen Titeln und Ehrenzeichen geschmuͤckt antriffst, in so fern nicht wichtige Gruͤnde eintreten, oder Du be¬ sondern Beruf dazu hast! Auch wuͤrde Dir das nicht immer gelingen, denn seine Unverschaͤmt¬ heit moͤgte vielleicht Wege finden, das Unan¬ genehme einer solchen Scene auf Dich selbst fal¬ len zu machen. Doch kann es zuweilen nuͤtzlich seyn, so einen Herrn unter vier Augen merken zu lassen, daß er von unsrer Bekanntschaft sey, und daß es in unsrer Macht stehen wuͤrde, ihn zu entlarven, daß man aber Seiner schonen wolle. Dann wird ihn vielleicht die Furcht vor der Ent¬ deckung zuruͤckhalten, boͤse Streiche zu spielen. Es giebt aber unter diesen Landlaͤufern aͤusserst gefaͤhrliche Leute, Ausspaͤher, Verfuͤhrer, Ver¬ leumder, Diebe und Schelme aller Art. Nicht nur sollte Diesen die Thuͤr jedes ehrlichen Man¬ nes verschlossen bleiben, sondern die kleinern teutschen Fuͤrsten wuͤrden auch wohlthun, wenn sie sich weniger mit solchem Gesindel einliessen, welches gewoͤhnlich mit einer Tasche voll von Planen und Projecten zum Besten des Landes, zu Befoͤrderung des Handels, zum Flor und zur zur Verschoͤnerung ihrer Residenzen, angezogen koͤmmt, redliche Diener aus ihren Aemtern ver¬ draͤngt und verdaͤchtig macht, seinen Beutel zum Ruin des Landes spickt, freylich seine Rolle sel¬ ten lange spielt, aber, wenn es auch, mit Schimpf und Schande beladen, davongehn muß, mehren¬ theils viel gestiftetes Ungluͤck zuruͤcklaͤsst, was es nie wieder gutmachen kann, und irgend einen andern schwachen Herrn findet, mit dem es seine Operationen auf das Neue anfaͤngt. In diesen Faͤllen ist es Pflicht, dem Boͤsewichte oͤffentlich die Maske abzuziehn; doch thue man das nicht eher, als bis man die deutlichsten Beweise ge¬ gen ihn in Haͤnden hat! denn dergleichen Men¬ schen haben die Gabe, ihre Sache von solchen Seiten vorzustellen, daß man sehr viel wagt, wenn man sie mit unsichern Waffen angreift. 3. Unter allen Abentheurern sind, nach mei¬ ner Empfindung, die Spieler vom Handwerke die veraͤchtlichsten. Indem ich nun von ihnen rede, werde ich auch Gelegenheit nehmen, uͤber das Spiel im Allgemeinen und uͤber das Betra¬ gen bey demselben etwas zu sagen. Keine Keine Leidenschaft kann so weit fuͤhren, keine kann den Juͤngling, den Mann und ganze Familien in ein grenzenloseres Elend stuͤrzen, keine den Menschen in eine solche Kettenreyhe von Verbrechen und Lastern verwickeln, als die vermaladeyete Spielsucht. Sie erzeugt und naͤhrt alle nur ersinnlichen unedlen Empfindun¬ gen: Habsucht, Neid, Haß, Zorn, Schaden¬ freude, Verstellung, Falschheit und Vertrauen auf blindes Gluͤck; Sie kann zu Betrug, Zank, Mord, Niedertraͤchtigkeit und Verzweiflung fuͤh¬ ren, und toͤdtet auf die unverantwortlichste Weise die goldene Zeit. Wer reich ist, der thut thoͤ¬ richt, wenn er sein Geld auf so ungewisse Spe¬ culation anlegt, und wer nicht viel zu wagen hat, der muß furchtsam spielen, kann die Lau¬ nen des Gluͤcks nicht abwarten, sondern muß bey dem ersten wiedrigen Schlage das Feld raͤu¬ men, oder er wagt es darauf, aus einem Duͤrf¬ tigen, ein Bettler zu werden. Doch ist die Thor¬ heit der Ersteren noch weit groͤßer, als die der Letzteren. Selten stirbt der Spieler als ein reicher Mann; Wer daher auf diesem elenden Wege Vermoͤgen erworben hat, und dann nicht aufhoͤrt zu spielen; der hat zehnfaches Unrecht. Huͤte Huͤte dich, mit Leuten vom Handwerke Dich auf ein Spiel einzulassen, wenn Dir dein Geld lieb ist! Traue Keinen von ihnen; in keiner Sache! — Die wenigen Ausnahmen, wo diese Regel ei¬ nem ehrlichen Spieler von Profession Unrecht thun koͤnnte, verdienen nicht in Anschlag ge¬ bracht zu werden, und wer sich dieser veraͤchtli¬ chen Lebensart widmet, der mag es nicht uͤbel¬ nehmen, daß man ihm den Geist der Zunft zu¬ traut, zu welcher er sich bekennt. Laß Dich auf keine bloße Hazard-Spiele ein! Um geringen Preis gespielt, sind sie aͤus¬ serst langweilig, und hohes Geld dem Ohngefehr preis zu geben, ist Narrheit. Ein verstaͤndiger Mann verachtet jede Beschaͤftigung, bey wel¬ cher Kopf und Herz schlummern muͤssen, und man darf nur ein mittelmaͤßiger Rechner seyn, um leicht zu calculieren, daß bey solchen Gluͤcks- Spielen die Wahrscheinlichkeit immer gegen uns ist. Wollen wir aber gar keine Wahrscheinlich¬ keit annehmen; so bleibt der Erfolg ein Werk des Zufalls, und wer wird denn vom Zufall ab¬ haͤngen wollen? Auf Auf die so genannten Commerce-Spiele thue entweder auch Verzicht, oder lerne sie vor¬ her recht, und spiele mit gleicher Aufmerksam¬ keit, es mag um hohen Preis, oder um eine Kleinigkeit gelten! Lerne Dich aber auch im Spiele bemeistern! Mache nicht durch gehaͤufte Fehler an Aufmerksamkeit und Kunst, Dich sel¬ ber arm, und Deinen Mitspielern Ungeduld und Langeweile! Zeige keine boͤse Laune, wenn Du schlechte Carten bekoͤmmst, wenn Du verliehrst! Wer nie Geld im Spiele verliehren will, der muß sich auf die Blindekuh einschraͤnken. Spiele nicht so unertraͤglich langsam, daß Deinen Gesellschaftern alle Geduld vergeht! Zanke nicht, wenn Deine Mitspieler Feh¬ ler machen! Zeige keine laute Freude, wenn Du ge¬ winnst! das pflegt Dem, welcher verlohren hat, empfindlicher zu seyn, als der Verlust selbst. — Doch — Doch diese Materie ist wohl kaum ei¬ ner so langen Abhandlung werth — Wenden wir uns zu andern Gegenstaͤnden! 4. Unter den Abentheurern unsrer Zeit spie¬ len die Geisterseher, Goldmacher und andre mystische Betruͤger keine unbetraͤchtliche Rolle. Diese Art von Schwaͤrmerey, nemlich der Glaube an uͤbernatuͤrliche Wuͤrkungen und Erscheinun¬ gen, ist sehr ansteckend. Bey dem Gefuͤhle, wie manche Luͤcke in unsern philosophischen Sy¬ stemen und Theorien uͤbrigbleibt, so lange unser Geist in den Grenzen irdischer Ausdehnung eingeschraͤnkt ist, und bey der Begierde, dennoch uͤber die Grenzen dieser Eingeschraͤnktheit hin¬ aus Blicke zu thun, scheint es dem Menschen ganz natuͤrlich, die unerklaͤrbaren Sachen a po¬ steriori zu erlaͤutern, wenn es mit den Bewei¬ sen a priori nicht recht gehn will; das heisst: aus den gesammleten Thatsachen Resultate zu ziehn, die ihm angenehm sind, Resultate, die theoretisch, durch Schluͤsse, nicht vollstaͤndig her¬ aus kommen. Da geschieht es dann, daß, um eine Menge solcher Thatsachen zu gewinnen, man man geneigt ist, jedes Maͤrchen fuͤr wahr, jede Taͤuschung fuͤr Realitaͤt zu halten, damit man seinem Glauben Gewicht gebe. Je aufgeklaͤr¬ ter aber die Zeiten werden, je aͤmsiger man sich bestrebt, der Wahrheit auf den Grund zu kom¬ men; desto sichtbarer wird es uns, daß wir auf Erden diesen Grund nicht finden, um desto leich¬ ter also gerathen wir auf jenen Weg, den wir vorher verachtet haben, so lange noch auf dem hellen Wege der Theorien neue Entdeckungen zu machen waren. Ich glaube, daß dies eine ungezwungene Erklaͤrung des Phaͤnomens ist, das so Manchen hoͤchst wunderbar scheint, des Phaͤnomens, daß in den Zeiten der groͤßten Auf¬ klaͤrung ein blinder Glaube an Ammen-Maͤr¬ chen grade am staͤrksten einreisst. Diese Stimmung des Publicums nun ma¬ chen sich eine Menge von Betruͤgern zu Nutze, die, theils planmaͤßig verbunden uns zu unter¬ jochen, theils einzeln, nach Zeit und Gelegenheit, darauf ausgehen, die Augen der Schwachen zu blenden. Sey es nun dabey auf unsere Geldbeutel, oder auf Tyranney uͤber unsern Willen, oder auf irgend irgend einen andern moralischen, intellectuellen, oder politischen Misbrauch, angesehn: so ist es immer sehr wichtig, dagegen auf seiner Hut zu seyn. Obgleich ich mich nicht fest uͤberzeugen kann, daß eben alle Abentheurer solcher Art, daß die Cagliostros, Saint Germains, Schroͤpfer und Consorten bis auf den armen Masius hinunter, saͤmtlich von einer einzigen Triebfeder regiert werden, und daß jeder solcher Wundermann seine Unternehmungen auf den nemlichen Zweck zu leiten die Absicht haben sollte; so sind wir doch Denen allen Dank schuldig, die uns vor solchen Abentheurern warnen, und uns wenig¬ stens zeigen, wohin das fuͤhren koͤnnte. Um aber nicht zu wiederholen, was so vielfaͤltig gesagt worden und noch immer gesagt wird; so will ich hier, bey dem Betragen gegen Leute von der Art, nur folgende Vorsichtigkeits-Regeln vorschlagen: Laß es an seinen Ort gestellt seyn, ob man Geister sehn und Gold machen koͤnne! Leugne nicht das, wovon Du nicht das Gegentheil (Zweiter Th.) L so so klar beweisen kannst, daß es nicht moͤg¬ lich ist, dagegen etwas einzuwenden! — denn Beweise, die auf Vordersaͤtze beruhen, welche nur conventionel angenommen sind, koͤn¬ nen blos Den uͤberzeugen, der Lust hat, davon uͤberzeugt zu werden. — Aber baue nicht auf die Moͤglichkeit einer Sache den Schluß auf ihre Wuͤrklichkeit, noch auf metaphysische Posi¬ tionen moralische Handlungen! Sollte auch je¬ mand durch Schluͤsse uͤberfuͤhrt werden koͤnnen, daß wohl sehr wahrscheinlich jedes sichtbare We¬ sen von einer Menge unsichtbarer umgeben ist; so bleibt es doch immer thoͤricht, wenn dies sicht¬ bare Wesen seine sichtbaren Handlungen mehr nach der vermuthlich unsichtbaren Gesellschaft, die ihn umgiebt, einrichtet, als nach den Sitten der wackern wuͤrklichen Personen, unter denen er umherwandelt. Man zeige also in Worten und Handlun¬ gen mehr Waͤrme fuͤr thaͤtige, nuͤtzliche Wuͤrk¬ samkeit, als fuͤr Speculation; so werden sich die Herrn Mystiker nicht leicht zu uns gesellen! Geraͤth man aber an einen solchen Wun¬ dermann, und es ist uns daran gelegen, ihn und und sein System genauer kennen zu lernen; so huͤte man sich, vorher Unglauben und Vorwitz zu offenbahren! Er wird sonst bald merken, daß mit uns nicht viel anzufangen ist, daß wir nicht empfaͤnglich fuͤr seine Weisheit sind; Er wird uns nicht einweyhn in seine Geheimnisse, nicht zulassen zu seinem esoterischen Unterrichte, und wir werden den Vortheil entbehren, uns und unsre Freunde von dem wahren Zusammenhange zu unterrichten — ohngerechnet, daß es sich wuͤrk¬ lich fuͤr einen vernuͤnftigen Mann nicht schickt, sich fruͤher vor oder gegen eine Sache einnehmen zu lassen, bevor er dieselbe kaltbluͤtig untersucht hat, waͤre auch aller Anschein dagegen, beson¬ ders wenn es Dinge betrifft, in welchen selbst der Weiseste lebenslang im Finstern tappt. Glaubt man zuversichtlich einen Betrug ent¬ deckt zu haben; so ist Spott, so ist Persifflage nicht das Mittel, Schwaͤrmer zu bekehren. Man gehe also Schritt vor Schritt, und, da die Sinne leichter getaͤuscht werden koͤnnen, als die Vernunft; so fordere man, bevor man sich auf Erscheinungen, Proben und Processe einlaͤsst, daß uns vor allen Dingen zuerst die Theorie, L2 auf auf welcher das alles beruht, recht deutlich erklaͤrt werde! und hier lasse man sich nicht etwa auf eine bildliche Sprache ein, sondern auf be¬ stimmte, verstaͤndliche teutsche Worte, und auf den Ideen-Gang Sprach-Gebrauch, der einmal unter Gelehrten uͤblich ist. Es mag viel¬ leicht sehr viel Weisheit in dem Jargon der My¬ stiker stecken; aber fuͤr uns kann nur das Werth haben, was wir verstehen. Man goͤnne also einem Jeden die Freude, einen schmutzigen Kiesel fuͤr einen Diamanten zu halten! aber wenn man kein eben so großer Kenner von Edel¬ gesteinen ist; so sage man gutmuͤthig ohne Scham, frey heraus: „daß man diesen Stein fuͤr nichts „anders, als fuͤr einem schmutzigen Kiesel halten „koͤnne!“ Es ist keine Schande, etwas nicht einzusehn, aber es ist mehr als Schande, es ist Betrug, das Ansehn haben zu wollen, als ver¬ stuͤnde man — was man nicht versteht. Hat Dich indessen ein Landstreicher, ein Goldmacher, oder Geisterseher bey Deiner schwa¬ chen Seite gefasst, eine Zeitlang sein Spiel¬ werk mit Dir getrieben — o! wer ist mehr in dieser Leute Haͤnden gewesen, als ich? — und Du Du entlarvst endlich den Schurken; dann schaͤme Dich nicht, nein! denke, daß es Pflicht ist, zur Warnung andrer ehrlichen, leichtglaͤubigen Leute, oͤffentlich den Betrug bekannt zu machen — moͤg¬ test Du auch dabey in einem sehr unvortheilhaf¬ ten Lichte erscheinen! Ach¬ L 3 Achtes Capittel. Ueber geheime Verbindungen und den Um¬ gang mit den Mitgliedern derselben. 1. U nter die mancherley schaͤdliche und unschaͤdliche Spielwerke, mit welchen sich unser philosophi¬ sches Jahrhundert beschaͤftigt, gehoͤrt auch die Menge geheimer Verbindungen und Orden ver¬ schiedener Art. Man wird heut zu Tage in al¬ len Staͤnden wenig Menschen antreffen, die nicht, von Wißbegierde, Thaͤtigkeitstrieb, Ge¬ selligkeit oder Vorwitz geleitet, wenigstens eine Zeitlang Mitglieder einer solchen geheimen Ver¬ bruͤderung gewesen waͤren. Und doch moͤgte es wohl nun endlich einmal Zeit seyn, diese theils zwecklosen, thoͤrichten, theils dem gesellschaftli¬ chen Leben gefaͤhrlichen Buͤndnisse aufzugeben. Ich habe mich lange genug mit diesen Dingen beschaͤftigt, um aus Erfahrung reden und jeden jungen Mann, dem seine Zeit lieb ist, abrathen zu koͤnnen, sich in irgend eine geheime Gesell¬ schaft, sie moͤge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen zu lassen: Sie sind alle, freylich nicht nicht in gleichem Grade, aber doch alle ohne Unterschied zugleich unnuͤtz und gefaͤhrlich. Unnuͤtz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhuͤllen braucht. Die christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht, wie die Volks-Religionen der al¬ ten Heiden, einer geheimen Auslegung, einer doppelten Lehrart bedarf, und in den Wissen¬ schaften werden die neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt oͤffentlich bekannt gemacht, muͤs¬ sen und sollen oͤffentlich bekannt gemacht wer¬ den, damit sie jeder Sachverstaͤndige pruͤfen und bewahrheiten koͤnne. In den einzelnen Laͤn¬ dern hingegen, wo noch Finsterniß und Aber¬ glauben herrschen, muß man den kommenden Tag erwarten. Man darf da nichts uͤbereilen; Man verdirbt oft mehr als man gutmacht, wenn man die Zwischenstufen uͤberspringen will; Es hat gar keinen Nutzen, daß einzelne Menschen die Periode der Aufklaͤrung zu beschleunigen trachten; auch koͤnnen sie das nicht, und wenn sie es koͤnnen; so ist es Pflicht dies oͤffentlich zu thun, um desto mehr Pflicht, damit andre ver¬ nuͤnftige Maͤnner in dem nemlichen Lande und in L 4 in andern Gegenden uͤber den Beruf der Auf¬ klaͤrer, uͤber den Werth der intellectuellen Waare, welche sie feilbiethen, und daruͤber moͤgen urthei¬ len koͤnnen, ob das, was sie lehren, auch wuͤrk¬ lich Aufklaͤrung sey, oder ob sie nicht vielleicht schlechtere Muͤnze auspraͤgen, als die ist, welche sie verrufen. Unnuͤtz sind solche Verbindungen ferner, von Seiten ihrer Wuͤrksamkeit, weil sie mehrentheils sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten Caͤremonien beschaͤftigen, eine Bilder-Sprache reden, die alle moͤgliche Ausle¬ gung leidet, nach schlecht durchgedachten Planen handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mit¬ glieder sind, folglich bald ausarten, und wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzuͤge vor oͤffentlichen Gesellschaften haben koͤnnten, nachher die nemlichen und noch mehr solcher Gebrechen bey ihnen einreissen, uͤber die man in der Welt klagt. Wer Lust hat, etwas Großes und Nuͤtzliches zu thun, der findet dazu im buͤrgerlichen und haͤuslichen Leben sehr viel Gelegenheit, die fast kein Einziger ganz so anwendet, wie er koͤnnte. Es muͤsste erst be¬ wiesen werden, daß auf diesem oͤffentlich privi¬ legierten Wege nichts mehr zu thun uͤbrigbliebe, oder oder daß dem warmen Befoͤrderer des Guten unuͤbersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt waͤren, bevor man das Recht haben duͤrfte, sich einen vom Staate nicht sancierten, geheimen, besondern Wuͤrkungskreis zu schaffen. Wohlthaͤ¬ tigkeit bedarf keiner mysteriosen Huͤlle; Freund¬ schaft muß auf freye Wahl beruhn, und Gesel¬ ligkeit braucht nicht durch geheime Wege befoͤr¬ dert zu werden. Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schaͤdlich fuͤr die Welt. Schaͤdlich, weil alles, was im Verborgenen geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; weil die Vor¬ steher der buͤrgerlichen Gesellschaft die Befugniß haben, von dem Zwecke jeder Thaͤtigkeit, zu welcher sich Mehrere vereinigen, sich unterrich¬ ten zu lassen; weil sonst unter dem Schleyer der Verborgenheit eben so wohl gefaͤhrliche Plane und schaͤdliche Lehren, als edle Absichten und weise Kenntnisse versteckt seyn koͤnnen; weil selbst nicht alle Mitglieder von solchen verderb¬ lichen Absichten, die man zuweilen hinter der schoͤnsten Aussenseite zu verhuͤllen pflegt, unter¬ richtet sind; weil nur mittelmaͤßige Genies sich in diesen Schraubestock einzwaͤngen lassen, die L 5 bes¬ bessern hingegen entweder bald zuruͤcktreten, oder zu Grunde gehen, ausarten und eine schiefe Richtung bekommen, oder auf Unkosten der An¬ dern herrschen; weil mehrentheils unbekannte Obern im Hinterhalte stehen, und es eines ver¬ staͤndigen Mannes unwerth ist, nach einem Plane zu arbeiten, den er nicht uͤbersieht, fuͤr dessen Wichtigkeit und Guͤte ihm Leute einste¬ hen — die er nicht kennt, denen er sich verbind¬ lich machen muß, ohne daß sie sich ihm verbind¬ lich machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man ihm dafuͤr gar nichts leistet; weil schiefe Koͤpfe und Schurken sich dies zu Nutzen machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen, und die uͤbrigen Mitglieder zu ihren Privat-Absichten misbrauchen; weil jeder Erdensohn Leidenschaften hat, und diese Leidenschaften also mit in die Gesellschaft bringt, wo sie dann im Schatten, unter der Maske der Verborgenheit, freyern Spielraum haben, als am Tageslichte; weil diese Verbindungen alle, durch nach und nach einschleichende uͤble Wahl der Mitglieder, dahin ausarten; weil sie Geld und Zeit kosten; weil sie von ernsthaften buͤrger¬ lichen Geschaͤften ab, zum Muͤßiggange, oder zu zweck¬ zweckloser Geschaͤftigkeit leiten: weil sie bald der Sammelplatz von Abentheurern und Tagedieben werden; weil sie allerley Gattung von politischer, religioͤser und philosophischer Schwaͤrmerey be¬ guͤnstigen; weil moͤnchischer esprit de corps bey ihnen einreisst, und viel Unheil stiftet; end¬ lich, weil sie Gelegenheit zu Cabalen, Zwist, Verfolgung, Intoleranz und Ungerechtigkeit ge¬ gen gute Maͤnner geben, die keine Mitglieder eines solchen, oder wenigstens nicht des nemli¬ chen Ordens sind. Dies ist mein Glaubens-Bekenntniß uͤber geheime Verbindungen! Giebt es eine unter ihnen, die manche dieser Gebrechen nicht hat — ey nun! so mag sie denn als Ausnahme gelten! — ich kenne keine, die nicht wenigstens an eini¬ gen derselben krank laͤge. 2. Ich rathe daher nochmals, sich auf diese Mode-Thorheit nicht einzulassen; sich so wenig als moͤglich um die Systeme, um das Perso¬ nale und um die Schritte geheimer Verbindungen zu bekuͤmmern; seine Zeit nicht mit Lesung ihrer Streitschriften zu verschwenden; vorsichtig im Reden uͤber diesen Gegenstand zu seyn, um sich Ver¬ Verdruß zu ersparen, und weder ein gutes noch boͤses Urtheil uͤber solche Systeme zu wagen, weil der Grund derselben oft sehr tief verbor¬ gen liegt. 3. Haben aber Vorwitz, uͤbel geordnete Be¬ gierde thaͤtig zu seyn, Neugier, Ueberredung, Eitelkeit, oder andre Bewegungsgruͤnde Dich verleitet, in eine solche Verbindung zu treten; so huͤte Dich wenigstens, von den nemlichen Thorheiten und Schwaͤrmereyen angesteckt, von dem nemlichen Secten-Geiste hingerissen zu wer¬ den! Huͤte Dich, das Spielwerk, die Ma¬ schiene verkappter Boͤsewichte zu werden! Drin¬ ge, wenn Du kein Knabe mehr bist, auf deut¬ liche Entwicklung des ganzen Systems. Nim nicht eher Andre auf, als bis Du selbst vollkom¬ men unterrichtet bist! Laß Dich nicht durch raͤth¬ selhafte Vorspiegelungen, durch große Verheis¬ sungen, durch blendende Plane zum Besten der Menschheit, durch den Anschein von Uneigen¬ nuͤtzigkeit, Heiligkeit und Reinigkeit der Absicht blenden: sondern fordre Beweise von Thaten und gaͤnzliche Uebersicht! Wirft man Dir dann Deinen Mangel an Empfaͤnglichkeit, Deine Un¬ Unwuͤrdigkeit vor; so laß Dir erzaͤhlen, welche Eigenschaften die hohen Obern fordern, und be¬ leuchte sie, diese Obern, selber, nach ihrem Ma߬ stabe, um ihren Werth, alle Eitelkeit bey Seite gesetzt, gegen den Deinigen zu halten! Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein, unbekannten Obern zu huldigen, moͤgte man auch noch so einleuchtend scheinende Gruͤnde dafuͤr anfuͤhren! Sey vorsichtig in jedem Worte, das Du in Or¬ dens-Geschaͤften schreibst, und noch mehr in Uebernehmung irgend einer eidlichen oder an¬ dern Verbindlichkeit! Fordre Rechenschaft von Anwendung der Gelder, die man Dich bezah¬ len laͤsst! — Und wenn, bey dieser vielfachen Vorsicht, Du der Verbindung, oder die Ver¬ bindung Deiner uͤberdruͤssig wird; so trenne Dich ohne Geraͤusch und Zank von ihr, und rede nachher nie wieder von der Sache, damit Du allen Verfolgungen ausweichest! Sollte man Dich aber dennoch nicht in Ruhe lassen; so tritt oͤffentlich auf, und scheue Dich nicht, Betrug, Narrheit und Bosheit vor den Augen des ganzen Publicums, Andern zur Warnung, bekannt zu machen! Neun¬ Neuntes Capittel. Ueber das Betragen gegen Leute, in aller¬ ley besondern Verhaͤltnissen und Lagen. 1. Z uerst uͤber die Auffuͤhrung gegen unsre Feinde! Man kraͤnke niemand vorsetzlich! Man sey wohl¬ wollend, dienstfertig, verstaͤndig, vorsichtig, grade und ohne Winkelzuͤge in allen Handlungen! Man erlaube sich keinen Schritt zum Nachtheil eines Andern! Man zerstoͤhre keines Menschen Gluͤck¬ seligkeit! Man verleumde niemand! Man ver¬ schweige selbst das wuͤrklich Boͤse, so man von seinen Mitmenschen weiß, wenn man nicht ent¬ schiedenen Beruf hat, oder das Wohl Andrer es bestimmt erfordert, daruͤber zu reden! — so wird man — etwa keine Feinde haben? — das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns den¬ noch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben. Es steht nicht immer in unsrer Willkuͤhr, geliebt, aber es haͤngt immer von uns ab, nicht ver¬ verachtet zu werden. Allgemeiner Beyfall, all¬ gemeines Lob sind sehr entbehrliche Dinge; all¬ gemeine Achtung koͤnnen dem Redlichen und Weisen wieder Willen selbst die Schurken in ih¬ ren Herzen nicht versagen, und der warmen Freunde bedarf man etwa nur drey in der Welt, um gluͤcklich zu seyn. Will man ohne Angst in dem Umgange mit Menschen leben; so darf es uns nicht beun¬ ruhigen, wenn nicht alle Menschen uns fuͤr gut und weise halten. Je mehr hervorleuchtende edle Eigenschaften aber ein Mann hat, um desto gewisser kann er darauf rechnen, von der Scheel¬ sucht schwacher und schlechter Menschen manches ertragen zu muͤssen, und Die, welche die allge¬ meine Stimme des Poͤbels aller Classen vor sich haben, sind mehrentheils die mittelmaͤßig¬ sten Leute, Leute ohne Character, oder niedrige Schmeichler und Heuchler. Es ist wahrlich nicht schwer, Menschen zu gewinnen, auch die zu gewinnen, welche am heftigsten gegen uns eingenommen waren, und das oft durch ein ein¬ ziges Gespraͤch unter vier Augen, wenn man ihre schwache Seite studiert hat, und es recht dar¬ darauf anlegt — allein das ist eine elende, des redlichen Mannes unwuͤrdige Kunst — Und was bekuͤmmert es mich am Ende, ob Men¬ schen, die mein Herz nicht kennen, ja! die mich nie gesehn haben, durch die Geschwaͤtze irgend eines alten Weibes gegen mich eingenommen sind, oder nicht? Klage aber nie uͤber Verfolgung und Feinde, wenn Du nicht Lust hast, die Anzahl der Letz¬ tern zu vermehren! Es schleicht immer eine An¬ zahl furchtsamer, niedertraͤchtiger Geschoͤpfe um¬ her, die nicht den Muth haben, gegen einen Mann von Wuͤrde sich oͤffentlich zu erklaͤren, die aber sich augenblicklich an Dich wagen, so¬ bald sie Dich huͤlflos, scheu und niedergeschla¬ gen erblicken; und Diese, so unbedeutend sie Dir auch scheinen moͤgten, koͤnnen mit ihren Neckereyen Dir tausendfaͤltigen Kummer ma¬ chen. Der feste Mann muß sich selbst schuͤtzen. Zeige Zuversicht zu Dir selber; so wirst Du ganze Heere von Schelmen im Zaume halten! Zudem ist des Kaͤmpfens in der Welt so viel; Jeder gute Mann hat mit seinen eigenen Ange¬ legenheiten genug zu thun, so daß es vergebens ist, ist, Alliirte zu suchen, weil Diese bey der ersten Gelegenheit, wo es eigene Sicherheit gilt, da¬ vonlaufen. Der Mann, welcher sich stellt, als merke er es nicht einmal, daß man ihn verfolgt, der von Zeit zu Zeit sagt: „Gottlob! mir geht „es gut; ich habe Freunde“ wird fuͤr einen maͤchtigen Bundesgenossen gehalten, Dessen man schonen muͤsse, da hingegen auf den Verlassenen Jeder, wie die benachbarten Fuͤrsten auf das Ei¬ genthum einer kleinen Reichsstadt, herumtanzt. Werde nie hitzig oder grob gegen Deine Feinde, weder in Gespraͤchen, noch Schriften! und wenn boͤser Willen und Leidenschaft, wie es mehrentheils geschieht, bey ihnen im Spiele ist; so lasse Dich auf keine Art von Explication ein! Schlechte Leute werden am besten durch Verach¬ tung bestraft, und Klatschereyen am leichtesten wiederlegt, wenn man sich gar nicht darum be¬ kuͤmmert. Wenn man daher unschuldig verleumdet, angeklagt, verkannt wird; so zeige man Stolz und Wuͤrde in seinem Betragen! und die Zeit wird alles aufklaͤren. (Zweiter Th.) M Nicht Nicht alle Boͤsewichte sind unempfindlich ge¬ gen eine edle, großmuͤthige, immer gleiche, grade Behandlung. Mit diesen Waffen also kaͤmpfe man, so lange sich's irgend thun laͤsst, gegen seine Feinde! Sie muͤssen nicht Rache fuͤrchten, sondern fuͤrchten, daß sie selber sich in den Au¬ gen des Publicums herabsetzen wuͤrden, wenn sie fortfuͤhren einen Mann zu verfolgen, dem niemand seine Ehrerbiethung versagt. Wollen sie aber dennoch nicht das Gewehr strecken, und macht Dein Stillschweigen bey ih¬ ren Ausfaͤllen sie noch kecker; dann zeige einmal mit ganzer Kraft, was Du thun koͤnntest, wenn Du wolltest! Aber gebrauche dabey keine Winkelzuͤge! Vereinige Dich nie mit andern schlechten Leuten! Mache keine gemeinschaftliche Sache mit Einem Schelm, um den andern zu bekaͤmpfen; sondern tritt ganz allein, muthig, kuͤhn, schnell, grade und oͤffentlich gegen sie auf! Es ist unglaublich, wie viel ein Einziger, mit einem guten Gewissen und edlem Feuer, gegen Schaaren von Nichtswuͤrdigen vermag. Sey Sey nur trotzig gegen maͤchtige, siegende Feinde! Des Ueberwundenen, des Ungluͤckli¬ chen schone, und verschweige alles Unrecht, das er Dir vormals zugefuͤgt, sobald er ausser Stande ist, Dir ferner zu schaden, sobald er die Stimme des Publicums gegen sich hat! Laß Dir nie zweymal die Hand zur Ver¬ soͤhnung reichen! Vergiß dann alle Beleidigun¬ gen, solltest Du auch fuͤrchten muͤssen, daß der Mann bey der ersten Gelegenheit die Feindse¬ ligkeit erneuern wird! Sey zwar auf Deiner Hut; aber zeige kein Mistraun! Es ist besser, unschuldigerweise zum zweytenmal beleidigt zu werden, als ein einzigmal den Mann zu kraͤn¬ ken, zu erbittern, und ihm allen Muth zu neh¬ men, dem es mit seiner Ruͤckkehr zu Dir ein Ernst ist! Je vornehmer der Mann, der von Fein¬ den verfolgt wird, um desto wichtiger ist es, daß er den groͤßten Theil dieser Vorschriften sich zu Nutzen mache. Ein Minister wird oft durch kleine, sehr kleine Leute, deren Einfluß er ver¬ achtet, blos dadurch gestuͤrzt, daß er bey dem M 2 er¬ ersten Angriffe Furchtsamkeit, Mangel an Zu¬ versicht blicken laͤsst. Uebrigens hat man nicht Unrecht, wenn man behauptet, daß unsre Feinde oft, ohne es zu wollen, unsre groͤßten Wohlthaͤter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsre eigene Eitelkeit, die Nachsicht unsrer partheyi¬ schen Freunde und die niedrige Gefaͤlligkeit der Schmeichler vor unsern Augen verbergen. Ihre Schmaͤhungen feuern in uns den Eifer an, um desto sorgsamer den Beyfall der Bessern zu ver¬ dienen; und wenn sie jedem unsrer Schrite auf¬ auren; so lehren sie uns, auf unsrer Hut zu seyn, um ihnen keine Bloͤße zu geben. Keine Feindschaft pflegt heftiger zu seyn, als die unter entzweyeten Freunden. Unsre Eitel¬ keit koͤmmt da in das Spiel; Wir schaͤmen uns das Spielwerk eines Boͤsewichts gewesen zu seyn; Wir wenden alles an, um Diesen nun im schlechtesten Lichte zu zeigen, damit wir vor der Welt unsre Trennung von ihm rechtfertigen moͤgen. — Doch, uͤber das Betragen gegen Freunde nach dem Bruche habe ich ja schon im zehnten Capittel des ersten Theils geredet. 2. 2. Man koͤmmt oft in nicht geringe Verlegen¬ heit, wenn unsre Lage uns zwingt, mit Leuten umzugehn, die einander feind sind, wo man es also gar leicht mit einer Parthey verdirbt, sobald man mit der andern gut steht, oder es mit bey¬ den verdirbt, wenn man sich ohngebethen, oder auf unvorsichtige Weise, in diese Haͤndel mischt. Ich empfehle dabey folgende Vorsichtigkeits- Regeln: So viel man kann, vermeide man die Un¬ annehmlichkeit, mit zwey Partheyen zu glei¬ cher Zeit umzugehn, die mit einander in Zwist leben! Kann man dies aber nicht aͤndern, zum Beyspiel, ohne ploͤtzlich ein Verhaͤltniß aufzu¬ heben, in welchem man lange Zeit gestanden; so setze man sich wo moͤglich auf den Fuß, durch¬ aus nicht eingeflochten zu werden in die obwal¬ tenden Streitigkeiten! Man bitte sich's viel¬ mehr aus, daß in den Gespraͤchen diese Sache nie beruͤhrt werde! M3 Kann Kann man aber auch dies nicht aͤndern; so enthalte man sich zuerst aller Zweyzuͤngigkeit! Das heisst: Man rede nicht, wenn man bey der einen Parthey ist, zum Nachtheile der an¬ dern, und wiederum zum Tadel jener, wenn diese es wuͤnscht; sondern, wenn man sich durch¬ aus daruͤber erklaͤren muß. immer so, wie es einem redlichen, gerechten Manne zukoͤmmt! Noch schaͤndlicher aber, als jene Duplici¬ taͤt, ist das Verfahren mancher Menschen, die, um dabey im Truͤben zu fischen, oder um da¬ durch zu einer wichtigen Person zu werden, oder aus Schadenfreude und Geist der Intrigue, von beyden Seiten Oel zum Feuer giessen, und den Zwist unterhalten. Wenn man ferner die streitenden Theile nicht recht genau kennt; wenn sie nicht unsre vertrauetesten Freunde sind; wenn man nicht ganz gewiß weiß, daß man es mit edeln, von Vernunft regierten Leuten zu thun hat, die viel¬ leicht nur durch Misverstaͤndnisse, oder durch andre, mit Huͤlfe eines Dritten leicht zu hebende Irrungen getrennt werden; sondern wenn boͤ¬ ser ser Willen, Eigennutz, ungesellige Gemuͤthsart, oder unbaͤndige Leidenschaft im Spiele ist, folg¬ lich keine dauerhafte Wiedervereinigung nach den Gemuͤthsarten der Leute zu hoffen steht; so lasse man sich nicht darauf ein, Versoͤhnungen stiften zu wollen! Man verdirbt es dabey leicht mit Einer Parthey, und nicht selten mit beyden. Ist es endlich gar nicht zu vermeiden, daß man sich vor oder gegen eine von den beyden Partheyen bestimmt erklaͤre; so nehme man sich nicht etwa, wie Leute von niedriger Denkungs¬ art zu thun pflegen, immer der staͤrkern gegen die schwaͤchere an, oder drehe gar den Mantel nach dem Winde, um abzulauern, wer siegen wird, und alsdann Den im Stiche zu lassen, der von dem Andern durch allerley Cabale unter¬ druͤckt worden; sondern man entscheide sich, ohne Ansehn der Person und ohne Ruͤcksicht auf Freundschaft, Schmeicheley und Verwandtschaft, maͤnnlich und unerschuͤtterlich, nach den Regeln der Gerechtigkeit fuͤr Den, von dem uns unsre Vernunft sagt, daß er Recht habe, und bleibe ihm treu und bestaͤndig zugethan, es gehe auch, wie es wolle! 3. M 4 3. Wenden wir uns jetzt zu Kranken und Lei¬ denden! Wer je empfunden hat, welch' ein Lab¬ sal bey Krankheiten und Schmerzen eine gute, sorgsame, stille und bescheidene Wartung ge¬ waͤhrt, der wird es nicht unnuͤtz finden, daß ich ein Paar Worte hieruͤber sage. Die Art der Behandlung und Sorgfalt muß sich aber frey¬ lich nach der Verschiedenheit der Krankheiten richten, mit welchen der Leidende kaͤmpft, und ich kann also keine allgemein passende Regeln vorschlagen; Doch, so viel sich im Ganzen uͤber diesen Gegenstand sagen laͤsst, moͤge hier Platz finden! Es giebt Krankheiten, in welchen Aufmun¬ terung des Gemuͤths, Zerstreuung und ange¬ nehme Unterhaltung sehr viel zur Genehsung beytragen, und hingegen andre, bey denen Ruhe und stille Wartung das Einzige sind, wodurch man dem Leidenden Linderung verschaffen kann. Man soll daher wohl unterscheiden und beobach¬ ten, welche Art von Behandlung anwendbar seyn moͤgte. Ich Ich gestehe, daß in schweren Krankheiten mir die Aufwartung bezahlter Waͤrter immer angenehmer gewesen ist, als die sorgfaͤltige, lie¬ bevolle Zudringlichkeit werther Freunde. Jene sind durch Erfahrung mit den kleinen Handgrif¬ fen bekannt, und leisten ihre Dienste mit un¬ verdrossener Geduld, Kaltbluͤtigkeit und stren¬ ger Puͤuctlichkeit, bekuͤmmern sich nicht um unsre Launen, und leiden nicht bey unsern Schmerzen; Diese hingegen werden uns oft, besonders wenn unsre Nerven sehr reizbar sind, durch zu viel Eifer, laͤstig; wissen nicht behut¬ sam genug bey ihren Handreichungen mit uns umzugehn; erregen unsre Ungeduld durch Fra¬ gen, und machen unser Leiden, durch zu war¬ mes Mitgefuͤhl, so wir in ihren Augen lesen, doppelt schwer; wozu denn noch koͤmmt, daß der Gedanke, sie zu haͤufig zu bemuͤhn, und die Furcht, sie zu beleidigen, wenn wir uͤber etwas unzufrieden sind, uns einen peinlichen Zwang auflegen. Will man daher seinen Freund selbst verpflegen; so suche man die Art geuͤbter Kran¬ ken-Waͤrter nachzuahmen, und den Leidenden so wenig als moͤglich zu genieren; sondern alles mechanisch so zu machen, wie er es gern zu ha¬ ben M 5 ben scheint! Man werde nicht misvergnuͤgt, wenn ein Kranker zuweilen auffahrend, boͤser Laune, oder zaͤnkisch wird! Wir fuͤhlen nicht, wie ihm zu Sinne ist, und wie seine zerruͤttete Maschine auf seinen Geist wuͤrkt. Man mache nicht, besonders bey einem Kranken von sehr empfindlicher, weicher Ge¬ muͤthsart, sein Leiden durch Wehklagen und aͤngstliches Bezeigen noch schwerer! Man rede nicht von Dingen, die ihm, selbst wenn er gesund waͤre, unangenehm seyn wuͤrden, nicht von haͤuslichen Verlegenheiten, vom Tode, noch von Vergnuͤgungen, an wel¬ chen er nicht Theil nehmen kann! Leute, die blos in der Einbildung krank sind, muß man zwar nicht verspotten, noch zu uͤberzeugen suchen, daß ihnen nichts fehlt, denn das macht ganz verkehrte Wuͤrkung auf sie; aber man soll sie auch nicht in ihrer Thorheit bestaͤr¬ ken, sondern, wenn vernuͤnftige Vorstellungen nichts helfen, nur gar keine Theilnahme zeigen, ihre Klagen mit Stillschweigen beantworten, und und wenn der Sitz des Uebels im Gemuͤthe ist, sie durch weise gewaͤhlte Zerstreuungen auf an¬ dre Gedanken zu bringen suchen. Auch giebt es Menschen, die dadurch In¬ teresse zu erwecken glauben, daß sie sich kraͤnklich stellen. Das ist eine thoͤrichte Schwaͤche! Auf unmaͤnnliche, marzipanene Stutzer vielleicht, nicht aber auf verstaͤndige Menschen, kann gei¬ stige und coͤrperliche Gebrechlichkeit besonders vortheilhaft wuͤrken, und nur in einem Zeitalter von allgemeiner Entnervung darf man auf den Gedanken gerathen, durch Klagen uͤber Mangel an Praͤstanz, so wie durch bloͤde Augen, Blaͤ¬ hungen und schwache Werkzeuge, sich von einer artigen Seite zeigen zu wollen. Man suche solche Leute von ihrer Albernheit zuruͤck zu fuͤhren, sie zu uͤberzeugen, daß es besser sey Bewunderung, als Mitleiden zu erregen, und daß nichts so all¬ gemein vortheilhafte Eindruͤcke mache, als der Anblick eines Wesens, das, an Leib und Seele gesund, in seiner vollen Kraft, zur Ehre der Schoͤpfung dasteht! Endlich in Unpaͤßlichkeiten, wo der Geist viel uͤber den Coͤrper vermag, wo Seelen-Leiden das das Uebel vermehren und die Besserung hindern, da soll man alle Kraͤfte aufspannen, seine ganze Lebhaftigkeit in Bewegung setzen, um Heiter¬ keit, Muth, Trost und Hofnung in das Ge¬ muͤth des Kranken zuruͤckzurufen. 4. Noch schonender als mit diesen Leidenden soll man mit Leuten umgehn, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt; mit Un¬ gluͤcklichen, Armen, Bedraͤngten, Verstoßenen und Zuruͤckgesetzten, mit Verirrten und Gefalle¬ nen. Reden wir von jeder dieser Classen ein Paar Worte besonders! Nim Dich des Armen an, wenn Dir Gott die Mittel in die Haͤnde gegeben hat, seine Noth zu erleichtern! Weise nicht den Duͤrftigen von Deiner Thuͤr zuruͤck, so lange Du noch, ohne Ungerechtigkeit gegen die Deinigen, eine kleine Gabe zu geben hast! Sey es wenig oder viel; so gieb es mit gutem Herzen, und — wie ich bey Gelegenheit gesagt habe, als von der Art Wohlthaten zu erzeigen die Rede war, — gieb es mit guter Manier! Calculiere nicht so genau, ob ob der Mann, dem Du helfen kannst, selbst an seinem Ungluͤcke Schuld sey, oder nicht! Wer in der Welt wuͤrde ganz unschuldig an den Lei¬ den, die ihn treffen, befunden werden, wenn man alles so strenge untersuchen wollte? Willst oder kannst Du aber gar nichts, oder nur wenig geben; so brauche keine leere Ausfluͤchte! Laß den Armen nicht durch Deine Bedienten unter allerley Vorwande wiederbestellen, oder vertroͤ¬ sten! Am wenigsten aber erlaube Dir, etwa zu Rechtfertigung Deiner Hartherzigkeit, Grob¬ heiten, beleidigende Strafpredigten gegen Den, dessen Bitte Du abzuschlagen entschlossen bist; sondern sprich den Mann selbst, und sage ihm kurz und menschenfreundlich, warum Du nicht geben kannst, nicht geben willst! Thue auch auf das erste Wort, was zu thun vernuͤnftig und gut ist, und warte nicht darauf, daß man durch wiederholtes Betteln Dein Herz erweiche! Gieb aber nicht als ein Verschwender, sondern laß Deine Wohlthaten von der Gerechtigkeit ge¬ gen Dich und Andre geordnet werden, und ver¬ schleudre nicht an den Landlaͤufer, Bettler von Handwerke und Faullenzer, was Du dem huͤlf¬ losen Alter, der Gebrechlichkeit und dem durch wie¬ wiedrige Zufaͤlle Verungluͤckten schuldig bist! Und wo es Labsal geben kann, da begleite Deine kleine Gabe von einem sanften Trostworte, von einem vertraulichen Rathe und von einem freund¬ lichen, mitleidigen Blicke! Gehe schonend und aͤusserst fein mit Leuten um, die in unangenehmen haͤuslichen Lagen sind! Sie pflegen sehr empfind¬ lich zu seyn, pflegen leicht zu glauben, man ver¬ achte sie, setze sie zuruͤck, ihrer Armuth wegen. Das elende Geld hat leider! nur gar zu viel Einfluß auf den Poͤbel aller Staͤnde. Unter¬ scheide Dich von diesem Haufen! Ehre den ver¬ dienstvollen Armen oͤffentlich! Suche ihm we¬ nigstens einen frohen Augenblick zu machen, wenn Du auch seine Umstaͤnde nicht verbessern kannst! Entziehe Dich nicht dem Anblicke des Jammers! Fliehe nicht die Wohnungen der Noth und der Duͤrftigkeit! Man muß vertrauet seyn mit dem mancherley Elende auf dieser Welt, um theilnehmend mitempfinden zu koͤnnen bey den Leiden des ungluͤcklichen Bruders. Wo der bescheidene Arme im Verborgenen seufzt, es nicht wagt, sich herbeyzudraͤngen und um Huͤlfe zu bitten; wo wiedrige Vorfaͤlle den fleissigen Mann, den Mann, der einst bessere Tage ge¬ sehn sehn hat, zu Boden schlagen; wo eine zahlreiche ehrliche Familie, mit allem Fleisse, durch die taͤgliche Arbeit ihrer Haͤnde nicht so viel errin¬ gen kann, um sich gegen Hunger, Bloͤße und Krankheit zu schuͤtzen; wo auf hartem Lager, in durchwachten, durchseufzten Naͤchten, scham¬ hafte Thraͤnen uͤber gerungene Haͤnde rollen — Dahin, menschenfreundlicher Wohlthaͤter! da¬ hin bringe Dein Blick! Da kannst Du Deine Gelder, den Ueberfluß dessen unterbringen, was Dir der Schoͤpfer anvertrauet hat, und Zinsen damit erwerben, die keine Bank auf Erden Dir zusichern kann. Manchen aber druͤcken schwerere Leiden, als die der Armuth und des Mangels; Seelen- Leiden, die an der Knospe des Lebens nagen. O! schone des Kummervollen! Pflege Seiner! Suche ihn aufzurichten, zu troͤsten, mit Hof¬ nung zu erfuͤllen, Balsam in seine Wunden zu giessen, und wenn Du seine Last nicht erleich¬ tern kannst; so hilf wenigstens tragen, und weine eine bruͤderliche Thraͤne mit ihm! Richte aber die Art Deiner Behandlung nach Vernunft ein! Es giebt Augenblicke des Schmerzens, wo alle alle Gruͤnde der Philosophie keinen Eingang finden, und da ist Mitgefuͤhl oft das beste Lab¬ sal. Es giebt Kummer, dessen Tilgung man ruhig und still der Zeit uͤberlassen muß; Es giebt Leidende, die erleichtert werden, wenn man mit ihnen uͤber ihr Ungluͤck plaudert; Es giebt Schmerzen, die nur Einsamkeit lindert; Es giebt andre Situationen, in welchen ein festes, maͤnnliches Zureden, Erweckung des Muths, Aufruf zu stolzerer Zuversicht angewendet wer¬ den muͤssen — ja! es giebt Lagen, wo man den Niedergebeugten mit Gewalt herausziehn und der Verzweiflung entreissen muß. Die Klug¬ heit aber soll uns in jedem dieser einzelnen Faͤlle lehren, was fuͤr Mittel wir zu waͤhlen haben. Die Ungluͤcklichen ketten sich gern an ein¬ ander. Statt sich aber gemeinschaftlich zu troͤ¬ sten, winseln sie mehrentheils nur mit einander, und versinken immer tiefer in Schwermuth und Hofnungslosigkeit. Hiervor warne ich daher, und rathe jeden Bedraͤngten, wenn weder Gruͤnde der Vernunft, die er sich selbst vorhalten kann, noch Zerstreuungen seinen Zustand ertraͤglich ma¬ chen, den Umgang eines verstaͤndigen, nicht em¬ empfindelnden Freundes zu waͤhlen, und an die¬ ses Mannes Seite die Gedanken auf andre Ge¬ genstaͤnde zu richten, die seinen Schmerz nicht naͤhren. Der Unterdruͤckten, Zuruͤckgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, in so fern es die Klugheit erlaubt, und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden, als nuͤtzen. Dies ist nicht nur Pflicht, wenn von thaͤtiger Huͤlfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; sondern man soll es sich auch zum Gesetze machen, im gesellschaftlichen Umgange, wo das beschei¬ dene Verdienst so oft uͤbersehn und von leeren Windbeuteln uͤber die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz den innern Werth verdun¬ keln, und der Schwaͤtzer und Persiffleur den Weisen uͤberschreien, in diesen Cirkeln den guten Mann, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja! mit Verachtung behan¬ delt, gedemuͤthigt, laͤcherlich gemacht wird, aus seinem Winkel hervorzuholen, und ihn durch eh¬ renvolles, freundliches Zureden in gute Laune zu setzen. Man gebe einem Solchen nur Gelegen¬ heit, sich von einer vortheilhaften Seite zu zei¬ (Zweiter Th.) N gen, gen, sich auf anstaͤndige Weise in die Unterhal¬ tung zu mischen; und man wird sich wundern, welch' ein ganz andrer Mensch aus ihm werden kann: Wie oft habe ich mich innerlich geaͤrgert uͤber die Art, mit welcher zuweilen Staabs-Of¬ ficiers jungen Leuten begegnen, die doch schon die erste Stufe erstiegen haben, um zu werden, was Jene sind; wie die Hofmeister in großen Haͤusern, die Gesellschafterinnen vornehmer Thoͤ¬ rinnen, die Auditoren auf manchen Aemtern, die armen Landmaͤdgen in den Cirkeln der duͤr¬ ren Stadt-Fraͤulein, die Candidaten an den Ta¬ feln feister Consistorialraͤthe und die jungen Kauf¬ mannsdiener in dem Gesellschaften ihrer Patrone behandelt werden; und wo mein Betragen nur irgend von Gewicht seyn konnte, da rechnete ich es mir immer zur Ehre, solche Maͤrtirer des Hochmuths aus ihrer peinlichen Lage zu reissen, mich Ihrer anzunehmen und mit ihnen zureden, wenn jedermann sie stehn ließ. Unter allen Ungluͤcklichen sind wohl die Ver¬ irrten nnd Gefallenen am mehrsten zu bedauern. Hierunter verstehe ich Solche, die, vielleicht durch einen einzigen begangenen Fehltritt in ei¬ eine Kettenreyhe von Vergehungen eingeflochten, das Gefuͤhl fuͤr die Tugend erstickt, oder die Fertigkeit schlecht zu handeln erlangt, oder alle Zuversicht zu Gott, Menschen und sich selbst und den Muth verlohren haben, den bessern Weg wieder zu suchen, oder die wenigstens im Begriffe stehen, so tief zu fallen. Sie sind, sage ich, am mehrsten zu bedauern, denn sie entbehren den einzigen Trost, der uns in den schwersten Leiden aufrichten kann, das Bewusst¬ seyn nicht muthwilligerweise sich das Schicksal zugezogen zu haben. Diese Ungluͤcklichen ver¬ dienen aber nicht nur unser Mitleiden, nein! auch unsre bruͤderliche Nachsicht, unsre Zurecht¬ weisung und, wenn es noch Zeit ist, unsern Bey¬ stand. Wenn man immer weise, duldend und unpartheyisch genug waͤre, zu uͤberlegen, wie leicht das schwache menschliche Herz irre zu lei¬ ten ist; wie unwiederstehlich, bey heftigen Lei¬ denschaften, warmen Blute und verfuͤhrerischen Gelegenheiten, manche Reizungen scheinen; wie blendend, anlockend und bezaubernd die Aussen¬ seiten mancher Laster sind; wie diese zuweilen sogar den Mantel der Philosophie umzuhaͤngen, und durch sophistische Gruͤnde die innere Stimme N 2 der der bessern Ueberzeugung zum Schweigen zu bringen verstehen, und wie es dann nur auf ei¬ nen kleinen Schritt ankoͤmmt, um das Opfer der feinsten Taͤuschung, und stufenweise, ohn¬ merklich in das schrecklichste Labyrinth gelockt zu werden; wenn man bedenken wollte, wie oft Mismuth, oder Verzweiflung uͤber ein feindse¬ liges Schicksal, aus einem Menschen von den besten Anlagen einen Boͤsewicht und Verbrecher machen, wie ungerechtes, schaͤndliches Mis¬ trauen ihn verleiten kann, das zu werden , wofuͤr man ihn doch einmal haͤlt ; wenn man dann demuͤthig auf seine Brust schluͤge, und ge¬ stuͤnde, daß mehrentheils nichts als das Zusam¬ mentreffen der nemlichen innern und aͤussern Umstaͤnde, wodurch Jene gefallen sind, erfor¬ dert worden waͤre, um aus uns zu machen, was sie sind — o! so wuͤrden wir nicht so strenge richten, wuͤrden nicht so zuversichtlich pochen auf unsre Tugenden, die nicht selten nur das Spiel des Temperaments, das Werk des Zufalls sind, wuͤrden uns der Gefallenen annehmen, und dem Strauchelnden liebevoll die Hand reichen — Aber heisst das nicht tauben Ohren predigen? — Doch mein Herz draͤngt mich, uͤber diesen Ge¬ Gegenstand etwas zu sagen; also zur Sache! Nichts bessert weniger, als kalte moralische Pre¬ digten. Es giebt wenig Menschen, selbst unter den Lasterhaften, die nicht eine Menge herrli¬ cher Gemeinspruͤche uͤber die Pflichten, welche sie uͤbertreten, zu sagen wuͤssten; das Ungluͤck will nur, daß die Stimme der Leidenschaft mit waͤrmerer Beredsamkeit spricht, als die Stimme der Vernunft. Willst Du also dieser gegen jene Gewicht geben; so musst Du die Kunst ver¬ stehn, Deine Tugend-Lehren in ein reizendes Gewand zu huͤllen, musst nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und die Sinnlichkeit Des¬ sen, den Du zurechtweisen willst, auf Deine Seite bringen; Dein Vortrag muß warm, und nach den Umstaͤnden bildreich, sinnlich, erschuͤt¬ ternd, hinreissend seyn; Allein der Mann, den Du vor Dir hast, muß Dich auch lieben und hochschaͤtzen, muß sich zu Dir hingezogen fuͤh¬ len, muß mit Enthusiasmus fuͤr das Gute und Schoͤne erfuͤllt werden, und dabey in der Ent¬ fernung Ehre, Freude und Genuß auf dem Wege voraussehn, auf welchen Du ihn zu lei¬ ten die Absicht hast. Dein Umgang, Dein Rath muß ihm zum Beduͤrfnisse werden. N 3 Dies Dies aber erlangst Du nicht, wenn Du als ein stolzer, strenger Gesetzprediger vor ihm hintritst; wenn Du ihm mit Deiner kalten Moral Langeweile machst; wenn Du ihn mit Anmerkungen uͤber das Geschehene, das doch nun nicht mehr zu aͤndern ist, ermuͤdest, und ihm erzaͤhlst, wie es ganz anders wuͤrde gekom¬ men seyn, wenn — es nicht so gekommen waͤre, als es gekommen ist, wenn er Dir haͤtte folgen wollen. Nichts ist ferner so faͤhig, zur Nieder¬ traͤchtigkeit zu verleiten, als oͤffentliche Verach¬ tung und Bezeugung eines fortdauernden Mis¬ trauens in die Besserung eines Menschen. Wem es daher ein Ernst ist, einen Verirrten zurecht¬ zufuͤhren, der begegne ihm mit Schonung, und zeige ihm wenigstens aͤusserlich, daß man die beste Erwartung von ihm habe, daß man von seinen herrlichen und guten Vorsaͤtzen alles hof¬ fen koͤnne, und gebe ihm zu verstehn, daß wenn er einmal wieder mit festem Fuße auf edlerer Bahn wandle, er sichrer vor neuer Verfuͤhrung seyn werde, als Der, welcher die Gefahr nicht kennt! Man zeige ihm, wenn er wuͤrklich an¬ faͤngt sich zu bessern, waͤre diese Besserung auch anfangs nur erzwungen oder verstellt, wie mit je¬ dem dem Tage unsre Achtung fuͤr ihn waͤchst! — Wenn er Verstand hat, so wird er schon sehn, ob Du der Mann bist, den er in der Folge taͤu¬ schen kann — Man werfe ihm nie, auch nicht auf die entfernteste Weise, seine ehemaligen Ver¬ irrungen vor; sondern scheine nur Augen fuͤr seine jetzige Auffuͤhrung zu haben! Allein es geht nicht so schnell mit Ablegung von Lastern, die uns schon zu einrr Art von Habituͤde gewor¬ den sind; Also darf uns ein kleiner Ruͤckfall nicht befremden, und obgleich man dann die Staͤrke seines Vortrags und der angewendeten Mittel zur Besserung verdoppeln muß; so soll man doch nicht muthlos werden, noch dem Ruͤck¬ kehrenden den Muth benehmen. Lasset uns endlich, zur Ehre der Menschheit und zu Erwe¬ ckung unsers Eifers, glauben, daß niemand in der Welt so tief gefallen, so von Grund aus verdorben seyn koͤnne, daß ihm nicht, bey red¬ licher, eifriger Anwendung der besten Mittel, noch zu helfen waͤre! Und Ihr, die Ihr in der großen Welt lebet, und so bereitwillig seyd, ei¬ nen Mann oder ein Weib, die durch irgend eine zweydeutige oder schlechte Handlung sich ernie¬ drigt, oder auch wohl nur etwa laͤcherlich ge¬ macht N 4 macht haben, auf immer aus Euren Gesellschaf¬ ten zu verbannen, und mit Schande und Spott zu beladen, indeß Hunderte unter Euch umher¬ wandeln, die entweder das nemliche heimlich treiben, oder wenigstens treiben wuͤrden, wenn es die Umstaͤnde erlaubten! denket, daß Ihr es zu verantworten habt, wenn Verzweiflung Jene ergreift; wenn sie von Stufe zu Stufe hinab¬ sinken, und wenn sie, da die bessern Haͤuser ih¬ nen verschlossen sind, sich einen Umgang waͤhlen, in welchen sie immer niedertraͤchtiger werden, und zuletzt, ohne Rettung verlohren, durch Eure Schuld zu Grunde gehen! Zehn¬ Zehntes Capittel. Ueber den Umgang mit Leuten von ver¬ schiedenen Gemuͤthsarten, Temperamen¬ ten und Stimmungen des Geistes und Herzens. 1. M an pflegt gewoͤhnlich vier Haupt-Arten von Temperamenten anzunehmen, und zu behaupten, ein Mensch sey entweder cholerisch, phlegma¬ tisch, sanguinisch, oder melancholisch. Obgleich nun wohl schwerlich je eine dieser Gemuͤthsarten so ausschließlich in uns wohnt, daß dieselbe nicht durch einen kleinen Zusatz von einer andern mo¬ dificiert wuͤrde, da dann aus dieser unendlichen Mischung der Temperamente jene feinen Nuͤan¬ cen und die herrlichsten Mannigfaltigkeiten ent¬ stehen; so ist doch mehrentheils in dem Seegel¬ werke jedes Erdensohns einer von jenen vier Haupt-Winden vorzuͤglich wuͤrksam, um seinem Schiffe auf dem Ocean dieses Lebens die Rich¬ tung zu geben. Soll ich mein Glaubensbe¬ kenntniß uͤber die vier Haupt-Temperamente N 5 ab¬ ablegen; so muß ich aus Ueberzeugung Folgen¬ des sagen: Blos cholerische Leute flieht billig Jeder, dem seine Ruhe lieb ist. Ihr Feuer brennt un¬ aufhoͤrlich, zuͤndet und verzehrt, ohne zu waͤrmen; Blos Sanguinische sind unsichre Weich¬ linge, ohne Kraft und Festigkeit; Blos Melancholische sind sich selbst, und blos Phlegmatische andern Leuten eine uner¬ traͤgliche Last. Cholerisch- sanguinische Leute sind Die, welche in der Welt sich am mehrsten bemerken, gefuͤrchtet, welche Epoche machen, am kraͤftig¬ sten wuͤrken, herrschen, zerstoͤhren und bauen; Cholerisch-sanguinisch ist also der wahre Herr¬ scher, der Despoten- Character; aber noch ein Grad von melancholischem Zusatze! und der Ty¬ rann ist gebildet. Sanguinisch–Phlegmathische leben wohl am gluͤcklichsten, am ruhigsten und unge¬ stoͤhr¬ stoͤhrtesten, geniessen mit Lust, misbrauchen nicht ihre Kraͤfte, kraͤnken niemand, vollbrin¬ gen aber auch nichts Großes; allein dieser Cha¬ racter im hoͤchsten Grade artet in geschmacklose, dumme und grobe Wollust aus. Cholerisch-Melancholische richten viel Unheil an; Blutdurst, Rache, Verwuͤstung, Hinrichtung des Unschuldigen und Selbstmord sind nicht selten die Folgen dieser Gemuͤthsart. Melancholisch-Sanguinische zuͤnden sich mehrentheils an beyden Enden zugleich an, reiben sich selbst an Leib und Seele auf. Cholerisch-phlegmatische Menschen trifft man selten an; Es scheint ein Wiederspruch in dieser Zusammensetzung zu liegen; und den¬ noch giebt es Deren, bey welchen diese beyden Extremen, wie Ebbe und Fluth, abwechseln, und solche Leute taugen durchaus zu keinen Ge¬ schaͤften, zu welchen gesunde Vernunft und Gleich¬ muͤthigkeit erfordert werden. Sie sind nur mit aͤusserster Muͤhe in Bewegung zu setzen, und hat man sie endlich in die Hoͤhe gebracht, dann dann toben sie, wie wilde Thiere umher, fallen mit der Thuͤr in das Haus, und verderben alles durch rasenden Ungestuͤm. Melancholisch-phlegmatische Leute aber sind wohl unter Allen die unertraͤglichsten, und mit ihnen zu leben, das ist fuͤr jeden ver¬ nuͤnftigen und guten Mann Hoͤllenpein auf Erden. 2. Herrschsuͤchtige Menschen sind schwer zu behandeln, und passen nicht zum freundschaftlichen und geselligen Umgange. Sie wollen aller Or¬ ten durchaus die Erste Rolle spielen; Alles soll nach ihrem Kopfe gehn. Was sie nicht errichtet haben, was sie nicht dirigieren, das verachten sie nicht nur, nein! sie zerstoͤhren es, wenn sie koͤnnen. Wo sie hingegen an der Spitze stehen, oder wo man sie wenigstens glauben macht, daß sie an der Spitze stuͤnden, da arbeiten sie mit unermuͤdetem Eifer, und stuͤrzen alles vor sich weg, was ihrem Zwecke im Wege steht. Zwey herrschsuͤchtige Leute neben einander taugen zu gar nichts in der Welt, und zertruͤmmern alles um sich her, aus Privat-Leidenschaft. Hieraus nun nun ist leicht abzunehmen, wie man sich gegen solche Leute zu betragen habe, wenn man mit ihnen leben muß, und ich glaube daruͤber nichts hinzufuͤgen zu duͤrfen. 3. Ehrgeizige Menschen muͤssen ohngefehr auf eben diese Art behandelt werden. Der Herrschsuͤchtige ist zugleich auch ehrgeizig, aber umgekehrt der Ehrgeizige nicht immer herrschsuͤch¬ tig, sondern begnuͤgt sich auch wohl mit einer Neben-Rolle, in so fern er darinn nur mit ei¬ nigem Glanze zu erscheinen hoffen darf; ja! es koͤnnen Faͤlle kommen, wo er selbst in der Er¬ niedrigung Ehre sucht; Doch verzeyht er nichts weniger, als wenn man ihn an dieser schwachen Seite kraͤnkt. 4. Der Eitle will geschmeichelt seyn; Lob ki¬ tzelt ihn unaussprechlich; und wenn man ihm Aufmerksamkeit, Zuneigung, Bewunderung wid¬ met; so braucht nicht eben große Ehrenbezeu¬ gung damit verbunden zu seyn. Da nun jeder Mensch mehr oder weniger von dieser Begierde, zu zu gefallen und vortheilhafte Eindruͤcke zu ma¬ chen, an sich hat; so kann man ohne Suͤnde hie und da einem sonst guten Manne, dem diese kleine Schwachheit anklebt, in diesen Puncten ein wenig nachsehn, ein Woͤrtgen, so er gern hoͤrt, gegen ihn fallen lassen, ihm erlauben an dem Lobe, so er einerndtet, sich zu erquicken, oder sich selbst nach Gelegenheit ein wenig zu lo¬ ben. Das schaͤndlichste Handwerk aber treiben die niedrigen Schmeichler, die durch unaufhoͤr¬ liches Weyrauch-Streuen eiteln Leuten den Kopf so einnehmen, daß Diese zuletzt nichts anders mehr hoͤren moͤgen, als Lob, daß ihre Ohren fuͤr die Stimme der Wahrheit verschlossen sind, und daß sie jeden guten graden Mann fliehen und zuruͤcksetzen, der sich nicht so weit erniedri¬ gen kann, oder es fuͤr eine Art von Unbeschei¬ denheit und Grobheit haͤlt, ihnen dergleichen Suͤßigkeiten grade in's Gesicht zu werfen. Ge¬ lehrte und Damen pflegen am mehrsten in die¬ sem Falle zu seyn, und ich habe deren Einige gekannt, mit denen ein schlichter Biedermann deswegen fast gar nicht umgehn konnte. Wie die Kinder dem Fremden nach den Taschen schie¬ len, um zu erfahren, ob man ihnen keine Zucker¬ ple¬ pletzen mitgebracht hat; so horchen Jene auf je¬ des Wort, so Du sprichst, um zu vernehmen, ob es nicht etwas Verbindliches fuͤr sie enthaͤlt, und werden muͤrrischer Laune, sobald, sie sich in ihrer Hofnung betrogen finden. Der hoͤchste Grad dieser Eitelkeit fuͤhrt zu einem Egoismus, der zu aller gesellschaftlichen und freundschaftli¬ chen Verbindung untuͤchtig macht, dem Eiteln eben so sehr zur Last, als Dem zum Eckel wird, der mit ihm leben muß. 5. Von Herrschsucht, Ehrgeiz und Eitelkeit ist Hochmuth , so wie von Stolz , unterschie¬ den. Ich moͤgte gern, daß man Stolz als eine edle Eigenschaft der Seele ansaͤhe; als ein Be¬ wusstseyn wahrer innerer Erhabenheit und Wuͤrde; als ein Gefuͤhl der Unfaͤhigkeit, nie¬ dertraͤchtig zu handeln. Dieser Stolz fuͤhrt zu großen, edeln Thaten; Er ist die Stuͤtze des Redlichen, wenn er von jedermann verlassen ist; Er erhebt uͤber Schicksal und schlechte Menschen, und erzwingt selbst von dem maͤchtigen Boͤse¬ wichte den Tribut der Bewunderung, den er wieder Willen dem unterdruͤckten Weisen zollen muß, muß. Hochmuth hingegen bruͤstet sich mit Vor¬ zuͤgen, die er nicht hat, bildet sich auf Dinge etwas ein, die gar keinen Werth haben. Hoch¬ muth ist es, der den Pinsel von sechzehn Ahnen aufblaͤht, daß er die Verdienste seiner Vorfah¬ ren— die oft nicht einmal seine aͤchten Vorfah¬ ren sind, und oft nicht einmal Verdienste gehabt haben — daß er diese sich anrechnet, als wenn Tugenden zu dem Inventario eines alten Schlos¬ ses gehoͤrten! Hochmuth ist es, der den reichen Buͤrger so grob, so steif, so ungesellig macht. Und wahrlich! dieser poͤbelhafte Hochmuth ist, da er mehrentheils von Mangel an Lebensart und ungeschickten Manieren begleitet wird, wo moͤglich, noch empoͤhrender als der des Adels. Hochmuth ist es, der den Kuͤnstler mir so viel Zuversicht zu Talenten erfuͤllt, die, sollten sie auch von niemand anerkannt werden, ihn dennoch in Gedanken uͤber alle Erdensoͤhne hinaussetzen. Er wird, wenn niemand ihn bewundert, eher auf die Geschmacklosigkeit der ganzen Welt schim¬ pfen, als auf den natuͤrlichen Gedanken gera¬ then, daß es wohl mit seiner Kunst nicht so ganz richtig aussehn muͤsse. Wenn Wenn dieser Hochmuth nun gar in einem armen, verachteten Subjecte wohnt; dann wird er ein Gegenstand des Mitleidens, und pflegt eben nicht viel Unheil anzurichten. Er ist aber uͤbrigens fast immer mit Dummheit gepaart, al¬ so durch keine vernuͤnftigen Gruͤnde zu bessern, und keiner bescheidenen Behandlung werth. Hier hilft also nichts, als Uebermuth gegen Ue¬ bermuth zu setzen, oder zu scheinen, als bemerkte man ein hochmuͤthiges Betragen gar nicht; oder Leute, die sich aufblasen, gar keiner Achtsamkeit zu wuͤrdigen, sie anzusehn, als wie man auf ei¬ nen leeren Fleck hinblickt, selbst wenn man Ih¬ rer bedarf; denn wahrhaftig! — ich habe das oft erfahren — je mehr man nachgiebt, desto mehr fordern, desto uͤbermuͤthiger werden sie. Bezahlt man sie aber mit gleicher Muͤnze; so weiß ihre Dummheit nicht, wie sie das Ding nehmen soll, und spannt gewoͤhnlich andre Sai¬ ten auf. 6. Mit sehr empfindlichen , leicht zu belei¬ digenden Leuten ist es nicht angenehm umzu¬ gehn. Allein diese Empfindlichkeit kann ver¬ (Zweiter Th.) O schie¬ schiedene Quellen haben. Hat man daher nach¬ gespuͤrt, ob der Mann, mit welchem wir leben muͤssen, und der leicht durch ein kleines unschul¬ diges Woͤrtgen, oder durch eine zweydeutige Miene, oder durch einen Mangel an Aufmerk¬ samkeit, gekraͤnkt und vor den Kopf gestoßen wird, ob dieser Mann, sage ich, aus Eitelkeit, wie es mehrentheils der Fall ist, oder aus Ehr¬ geiz, oder weil er oft von boͤsen Menschen hintergangen und geneckt worden, oder endlich deswegen so leicht zu beleidigen ist, weil sein Herz zu zaͤrtlich fuͤhlt, weil er von Andern eben so viel verlangt als er ihnen selbst giebt, so muß man sein Betragen darnach einrichten, und je¬ den Anstoß von der Art zu vermeiden suchen; Doch pflegt das schwer zu seyn. Ist er uͤbri¬ gens der redlich und verstaͤndig: so wird seine Verstimmung nicht lange dauern; Er wird durch eine grade, freundliche Erklaͤrung bald zu besaͤnftigen seyn; Er wird nach und nach seinen besten Freunden trauen lernen, und vielleicht zu¬ letzt, wenn man immer edel und offen mit ihm verfaͤhrt, von seiner Schwachheit zuruͤck¬ kommen. 7. 7. Eigensinnige Menschen sind viel schwe¬ rer zu behandeln, als sehr empfindliche. Noch ist mit ihnen auszukommen, wenn sie uͤbrigens verstaͤndig sind. Sie pflegen dann, in so fern man ihnen nur in dem ersten Augenblicke nach¬ zugeben scheint, bald von selbst der Stimme der Vernunft Gehoͤr zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unsrer Behandlung zu fuͤhlen, und we¬ nigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden; Ein Elend aber ist es, Starrkoͤpfigkeit in Gesellschaft von Dummheit anzutreffen und behandeln zu muͤssen. Da helfen weder Gruͤnde, noch Schonung. Es ist da mehrentheils nichts weiter zu thun, als einen solchen steifsinnigen Pinsel blindlings handeln zu lassen, ihn aber so in seine eigenen Ideen, Plane und Unter¬ nehmungen zu verwickeln, daß er, wenn er durch uͤbereilte, unkluge Schritte in Verlegenheit ge¬ raͤth, sich selbst nach unsrer Huͤlfe sehnen muß. Dann laͤsst man ihn eine Zeitlang zappeln, wo¬ durch er nicht selten demuͤthig und folgsam wird, und das Beduͤrfniß geleitet zu werden fuͤhlt. Hat aber ein schwacher, eigensinniger Kopf von ohngefehr ein einzigmal gegen uns Recht gehabt. O 2 oder oder uns uͤber einen kleinen Fehler erwischt; dann thue man nur Verzicht darauf, ihn je wieder zu leiten! Er wird uns immer zu uͤber¬ sehn glauben, unsrer Einsicht und Rechtschaffen¬ heit nie trauen; und das ist eine hoͤchst verdrie߬ liche Lage. Bey beyden Gattungen von Leuten aber helfen in dem ersten Augenblicke keine wettlaͤuf¬ tige Vorstellungen, indem sie dadurch nur noch mehr verhaͤrtet werden. Haͤngen wir von ih¬ nen ab, und sie geben uns Auftraͤge, wovon wir wissen, daß sie dieselben nachher selbst mis¬ billigen werden; so kann man nichts Kluͤgers thun, als ihnen ohne Wiederrede Gehorsam zu versprechen, aber entweder die Befolgung so lange zu verschieben, bis sie sich indeß eines Bes¬ sern besinnen, oder in der Stille die Sache nach eigenen Einsichten einzurichten, welches sie ge¬ woͤhnlich in ruhigen Augenblicken zu billigen pflegen, in so fern man nur etwa thut, als habe man ihren Befehl also verstanden, sich aber ja nie seiner groͤßern kaltbluͤtigen Einsicht ruͤhmt. Nur in sehr wenig eiligen, oder sonst hoͤchst wichtigen Faͤllen kann es nuͤtzlich und noͤthig seyn, Ei¬ Eigensinn gegen Eigensinn aufzuspannen, und schlechterdings nicht nachzugeben. Doch geht alle Wuͤrkung dieses Mittels verlohren, wenn man es zu oft und bey unbedeutenden Gelegen¬ heiten, oder gar da anwendet, wo man Unrecht hat. Wer immer zankt, der hat die Vermu¬ thung gegen sich, immer Unrecht zu haben; Es ist also weise gehandelt, den Andern in diesen Fall zu setzen. 8. Eine besondre Gemuͤthsart, die mehren¬ theils aus Eigensinn entspringt, doch auch wohl zuweilen blos Bizarrerie, oder ungesellige Laune zur Quelle hat, ist die Zanksucht . Es giebt Menschen, die alles besser wissen wollen, allem wiedersprechen, was man vorbringt, oft gegen eigene Ueberzeugung wiedersprechen, um nur das Vergnuͤgen zu haben, disputiren zu koͤnnen; Andre setzen eine Ehre darinn, Paradoxen zu sprechen, Dinge zu behaupten, die kein Ver¬ nuͤnftiger irgend ernstlich also meinen kann, blos damit man mit ihnen streiten solle; Endlich noch Andre, die man Querelleurs , Staͤnker nennt, suchen vorsetzlich Gelegenheit zu persoͤnlichem O3 Zan¬ Zanke, um eine Art von Triumpf uͤber furcht¬ same Leute zu gewinnen, uͤber Leute, die wenig¬ stens noch feiger sind als sie, oder, wenn sie mit dem Degen umzugehn wissen, ihren fal¬ schen Muth in einem thoͤrichten Zweykampfe zu offenbaren. In dem Umgange mit allen diesen Leuten rathe ich die unuͤberwindlichste Kaltbluͤtigkeit an, und daß man sich durchaus nicht in Hitze brin¬ gen lasse. Mit Denen von der erstern Gattung lasse man sich in gar keinen Streit ein, sondern breche gleich das Gespraͤch ab, sobald sie aus Muthwillen anfangen, zu wiedersprechen! Das ist das einzige Mittel, ihrem Disputirgeiste, wenigstens gegen uns, Schranken zu setzen, und viel unnuͤtze Worte zu sparen. Denen von der zweyten Gattung kann man je zuweilen die Freude machen, ihre Paradoxien ein wenig zu bekaͤmpfen, oder noch besser, zu persifflieren. Die Letztern aber muͤssen viel ernsthafter behan¬ delt werden. Kann man ihre Gesellschaft nicht vermeiden; kann man in derselben, durch ein entfernendes, fremdes Betragen, sie sich nicht vom Leibe halten, ihren Grobheiten nicht aus¬ wei¬ weichen; so rathe ich, einmal vor allemal ihnen so kraͤftig zu begegnen, daß ihnen die Lust ver¬ gehe, sich ein zweytesmal an uns zu reiben. Saget ihnen auf der Stelle in unzweydeutigen, maͤnnlichen Ausdruͤcken Eure Meinung, und lasset Euch durch ihre Aufschneiderey nicht irre¬ machen! Man wird mir zutrauen, daß ich uͤber den Zweykampf so denke, wie jeder vernuͤnftige Mann daruͤber denken muß, nemlich daß er eine unmoralische, unvernuͤnftige Handlung sey; Sollte nun aber auch jemand, seiner buͤrgerli¬ chen Lage nach, zum Beyspiel ein Officier, durch¬ aus sich dem Vorurtheile unterwerfen muͤssen, eine Beleidigung durch die andre und durch per¬ soͤnliche Rache auszuloͤschen; so kann doch dieser Fall nie dann eintreten, wenn er ohne die ge¬ ringste Veranlassung von seiner Seite, haͤmi¬ scher Weise angetastet wird, und Der hat dop¬ pelt Unrecht, der gegen einen so genannten Staͤn¬ ker mit andern Waffen, als mit Verachtung, oder, wenn es ihm gar zu nahe gelegt wird, an¬ ders als mit einem geschmeidigen spanischen Rohre kaͤmpft, und hat nachher Unrecht, wenn er ihm Satisfaction giebt, wie man das zu nen¬ nen pflegt. 9. O 4 9. Jaͤhzornige Leute beleidigen nicht mit Vorsatz. Sie sind aber nicht Meister uͤber die Heftigkeit ihres Temperaments; und so verges¬ sen sie sich, in solchen stuͤrmischen Augenblicken, selbst gegen ihre geliebtesten Freunde, und be¬ reuen nachher zu spaͤt ihre Uebereilung. Ich brauche wohl kaum zu erinnern, daß Nachgie¬ bigkeit — vorausgesetzt, daß diese Leute andrer guten Eigenschaften wegen, einiger Schonung werth scheinen, denn ausserdem muß man sie gaͤnzlich fliehn — daß weise Nachgiebigkeit und Sanftmuth die einzigen Mittel sind, den Jaͤh¬ zornigen zur Vernunft zuruͤckzufuͤhren. Allein ich muß dabey erinnern, daß phlegmatische Kaͤlte dem Erzuͤrnten entgegen zu setzen, aͤrger als der heftigste Wiederspruch ist; Er glaubt sich dann verachtet, und wird doppelt aufgebracht. 10. Wenn der Jaͤhzornige nur aus Uebereilung Unrecht thut, und uͤber den kleinsten Anschein von Beleidigung in Hitze geraͤth, nachher aber auch eben so schnell wieder das erwiesene Unrecht bereuet und das erlittene verzeyht; so verschliesst hingegen der Rachgierige seinen Groll im Her¬ zen, zen, bis er Gelegenheit findet, ihm vollen Lauf zu lassen. Er vergisst nicht, vergiebt nicht, auch dann nicht, wenn man ihm Versoͤhnung anbie¬ thet, wenn man alles, nur keine niedertraͤchtige Mittel anwendet, seine Gunst wieder zu erlan¬ gen. Er erwiedert sowohl daß ihm zugefuͤgte wahre, als vermeindliche Uebel, und dies nicht nach Verhaͤltniß der Groͤße und Wichtigkeit des¬ selben, sondern tausendfaͤltig; fuͤr kleine Necke¬ reyen, wuͤrkliche Verfolgung; fuͤr unuͤberlegte Ausdruͤcke, in Uebereilung geredet, thaͤtige Ra¬ che; fuͤr eine Kraͤnkung unter vier Augen, oͤf¬ fentliche Genugthuung; fuͤr beleidigten Ehrgeiz, Zerstoͤhrung reeller Gluͤckseligkeit. Seine Rache schraͤnkt sich nicht auf die Person ein, sondern erstreckt sich auch auf die Familie, auf die buͤr¬ gerliche Existenz und auf die Freunde des Be¬ leidigers. Mit einem solchen Manne leben zu muͤssen, das ist in Wahrheit eine hoͤchst traurige Lage, und ich kann da nichts rathen, als daß man so viel moͤglich vermeide, ihn zu beleidi¬ gen, und zugleich sich in eine Art von ehrerbie¬ thiger Furcht bey ihm setze, die uͤberhaupt das einzige wuͤrksame Mittel ist, schlechte Subjecte im Zaume zu halten. O 5 11. 11. Faule und phlegmatische Menschen muͤs¬ sen ohne Unterlaß getrieben werden, und da doch fast jeder Mensch irgend eine herrschende Leidenschaft hat; so findet man zuweilen Gele¬ genheit, durch Aufruͤhrung derselben, solche schlaͤf¬ rige Geschoͤpfe in Bewegung zu setzen. 12. Mistrauische, argwoͤhnische, muͤr ¬ rische und verschlossene Leute sind wohl un¬ ter Allen die, in deren Umgange ein edler, gra¬ der Mann am wenigsten von den Freuden des geselligen Lebens schmeckt. Wenn man jedes Wort abwaͤgen, jeden unbedeutenden Schritt ab¬ messen muß, um ihnen keine Gelegenheit zu schaͤndlichem Verdachte zu geben; wenn kein Funken von erquickender Freude aus unserm Herzen in das ihrige uͤbergeht; wenn sie keinen frohen Genuß mit uns theilen; wenn sie die Wonne der seltenen heitern Augenblicke, welche uns das Schicksal goͤnnt, nicht nur durch Man¬ gel an Theilnehmung uns unschmackhaft machen, sondern sogar mitten in unsern gluͤcklichsten Lau¬ nen, uns unfreundlich stoͤren, aus unsern suͤße¬ sten sten Traͤumen uns verdrießlich aufwecken; wenn sie unsre Offenherzigkeit nie erwiedern, sondern immer auf ihrer Hut sind, in ihrem zaͤrtlichsten Freunde einen Boͤsewicht, in ihrem treuesten Diener einen Betruͤger und Verraͤther zu sehn glauben; dann gehoͤrt wahrlich ein hoher Grad von fester Rechtschaffenheit dazu, um nicht dar¬ uͤber selbst schlecht und menschenfeindlich zu wer¬ den. Hiebey ist nichts zu thun, wenn ein un¬ gezwungenes, immer gleich redliches Betragen vergebens angewendet wird; wenn es nicht hilft, daß man ihnen jeden Zweifel, sobald man den¬ selben gewahr wird, hebt, als daß man sich um ihren Argwohn und um ihr muͤrrisches Wesen schlechterdings nichts bekuͤmmere, sondern mu¬ thig und munter den Weg fortgehe, den uns Klugheit und Gewissen vorschreiben. Uebrigens sind solche Menschen herzlich zu bedauern; Sie leben sich und Andern zur Quaal. Es liegt bey ihnen nicht immer Boͤsartigkeit zum Grunde, nein! eine ungluͤckliche Stimmung des Gemuͤths, dickes Blut, oft auch Einwuͤrkung des Schick¬ sals, wenn sie gar zu oft sind hintergangen wor¬ den — das sind mehrentheils die Quellen ihrer Seelen-Krankheit. Und diese Krankheit ist in juͤn¬ juͤngern Jahren nicht ganz unheilbar, wenn Die, welche einen solchen Mann umgeben, stets edel und grade gegen ihn handeln, ohne sich um seine Grillen und Launen zu bekuͤmmern, und er dadurch endlich uͤberzeugt wird, daß es noch Redlichkeit und Freundschaft in der Welt giebt. Bey alten Personen hingegen fasst dies Uebel immer tiefere Wurzel, und muß mit Gedult er¬ tragen werden. 13. Neidische, schadenfrohe, misguͤnstige und eifersuͤchtige Gemuͤthsarten sollten wohl nur das Erbtheil haͤmischer, niedertraͤchtiger Menschen seyn; und doch trifft man leider! einen ungluͤcklichen Zusatz von diesen boͤsen Eigenschaf¬ ten in den Herzen solcher Leute an, die uͤbrigens manche gute Eigenschaft haben — Allein so schwach ist die menschliche Natur! — Ehrgeiz und Eitelkeit koͤnnen in uns das Gefuͤhl erwe¬ cken. Andern ein Gluͤck nicht zu goͤnnen, nach welchem wir ausschließlich streben; sey es nun Vermoͤgen, Glanz, Ruhm, Schoͤnheit, Gelehr¬ samkeit, Macht, ein Freund, eine Geliebte, oder was es auch sey; und sobald dann diese Em¬ Empfindung einen gewissen Wiederwillen gegen die Person in uns erzeugt hat, die, trotz unsrer Misgunst, trotz unsrer Eifersucht, im Besitze jenes ihr beneideten Gutes bleibt; so koͤnnen wir uns heimlich eines schadenfrohen Kitzels nicht erwehren, wenn es dieser Person ein we¬ nig hinderlich geht, und die Vorsehung unsre feindseligen Gesinnungen, besonders nachdem wir schwach genug gewesen sind, diese bekannt werden zu lassen, gleichsam rechtfertigt. Ich habe bey den Gelegenheiten, als von Kuͤnstler- Gelehrten- und Handwerks- Neide, von Mis¬ gunst unter Fuͤrsten, Vornehmen, Reichen und Leuten, die in der großen Welt leben, und als von Eifersucht unter Ehegenossen, Freunden und Geliebten die Rede war, schon manches gesagt, was auch hier anwendbar, aber uͤberfluͤssig zu wiederholen seyn wuͤrde, und es bleibt mir wuͤrk¬ lich nichts hinzuzufuͤgen uͤbrig, als daß, um al¬ lem Neide in der Welt auszuweichen, man auf jede gute Eigenschaft, so wie auf alles, was Er¬ folg unsrer Bemuͤhungen und Gluͤck heisst, Ver¬ zicht thun, und, wenn es darauf ankoͤmmt, mit¬ ten unter einem Schwarme von misguͤnstigen Leuten zu leben, und dennoch dem Neide und der der Eifersucht so wenig als moͤglich Nahrung zu geben, man seine Vorzuͤge, seine Kenntnisse und seine Talente mehr verbergen als kundmachen, keine Art von Eminenz zeigen, anscheinend we¬ nig fordern, wenig begehren, auf wenig An¬ spruͤche machen, und wenig leisten muͤsse. 14. Der Geitz ist eine der unedelsten, schaͤnd¬ lichsten Leidenschaften. Man kann sich keine Niedertraͤchtigkeit denken, zu welcher ein Geiz¬ hals nicht faͤhig waͤre, wenn seine Begierde nach Reichthuͤmern in das Spiel koͤmmt, und jede Empfindung besserer Art, Freundschaft, Mitleid und Wohlwollen finden keinen Eingang in sein Herz, wenn sie kein Geld einbringen; ja! er goͤnnt sich selber die unschuldigsten Ver¬ gnuͤgungen nicht, in so fern er sie nicht unent¬ geltlich schmecken kann. In jedem Fremden sieht er einen Dieb, und in sich selbst einen Schmarotzer, der auf Unkosten seines bessern Ichs, seines Mammons zehrt. Allein in den jetzigen Zeiten, wo der Lu¬ xus so uͤbertrieben wird; wo die Beduͤrfnisse, auch auch des maͤßigsten Mannes der in der Welt le¬ ben und eine Familie unterhalten muß, so groß sind; wo der Preis der noͤthigsten Lebensmittel taͤglich steigt; wo die Macht des Geldes so viel entscheidet; wo der Reiche ein so betraͤchtliches Uebergewicht uͤber den Armen hat; endlich, wo von der einen Seite Betrug und Falschheit, und von der andern Mistraun und Mangel an bruͤderlichen Gesinnungen in allen Staͤnden sich ausbreiten, und daher die Zuversicht auf die Huͤlfe der Mitmenschen ein unsicheres Capital wird; in diesen Zeiten, meine ich, hat man Unrecht, wenn man einen sparsamen, vorsich¬ tigen Mann, ohne naͤhere Pruͤfung seiner Um¬ staͤnde und der Bewegunsgruͤnde , welche seine Handlungen leiten, sogleich fuͤr einen Knicker erklaͤrt. Es giebt ferner unter den wuͤrklich geizigen Leuten solche, die neben dieser Geld-Begierde noch von einer andern mitherrschenden Leiden¬ schaft regiert werden. Diese scharren dann zu¬ sammen, sparen, betruͤgen Andre, und versagen sich alles, ausser wo es auf Befriedigung dieser Leidenschaft ankoͤmmt; sey es nun Wollust, Ge¬ Gefraͤssigkeit, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neugier, Spiel¬ sucht, oder was es auch immer sey. So habe ich Menschen gekannt, die, um einen Louisd'or zu gewinnen, Bruder und Freund verrathen, und sich der oͤffentlichen Beschimpfung ausge¬ setzt haben wuͤrden, fuͤr den sinnlichen Genuß eines Augenblicks hingegen hundert hingegebene Gulden fuͤr gut angelegtes Geld hielten. Noch Andre calculieren so schlecht, daß sie Heller sparen, und Thaler wegwerfen. Sie lieben das Geld, aber sie verstehen nicht, damit umzugehn. Um also die Summen wieder zu erhaschen, um welche sie von Gaunern, Aben¬ theurern und Schmeichlern betrogen werden, geben sie ihrem Gesinde nicht satt zu essen, und um tausend Thaler wieder zu gewinnen, die sie verschleudert haben, wechseln sie auf die unan¬ staͤndigste Weise aller Orten einzelne feine Gul¬ den ein, damit sie an jedem vielleicht einen Hel¬ ler Agio gewinnen. Endlich noch Andre sind in allen Stuͤcken freygebig und achten das Geld nicht; in einem einzigen Puncte aber, worauf sie grade Werth se¬ setzen, laͤcherlich geizig. Meine Freunde haben mir oft im Scherze vorgeworfen, daß ich auf diese Art karg in Schreib-Materialien sey, und ich gestehe diese Schwachheit. So wenig reich ich bin; so kostet es mich doch geringere Ueber¬ windung, mich von einem halben Gulden, als von einem hollaͤndischen Brief-Bogen zu schei¬ den, obgleich man fuͤr zwoͤlf Groschen vielleicht ein Buch des feinsten Papiers kaufen kann. Die allgemeine Regel im Umgange mit geizigen Leuten ist wohl die, daß, wenn man ihre Gunst erhalten will, man nichts von ihnen fordern muͤsse; Da dies nun aber nicht immer zu aͤndern ist; so scheint es der Klugheit gemaͤß, daß man pruͤfe, zu welcher der vorhin geschilder¬ ten Gattungen von Geizigen der Mann, mit dem man es zu thun hat, gehoͤre, um darnach seine Behandlung einzurichten. 15. Reden wir itzt von dem Betragen gegen Un¬ dankbare! Ich habe bey mancher Gelegenheit erinnert, daß man auf dieser Erde, auch bey den edelsten und weisesten Handlungen, weder auf (Zweiter Th.) P auf Erfolg, noch auf Dankbarkeit rechnen duͤrfe. Diesen Grundsatz soll man, wie ich dafuͤr halte, nie aus den Augen verliehren, wenn man nicht karg mit seinen Dienstleistungen, feindselig ge¬ gen seine Mitmenschen werden, noch gegen Vor¬ sehung und Schicksal murren will. Bey dem Allen aber muͤsste man jeder menschlichen Em¬ pfindung entsagt haben, wenn es uns nicht kraͤn¬ ken sollte, daß Menschen, denen wir treulich, eifrig und uneigennuͤtzig gedient, die wir aus der Noth gerettet, denen wir uns ganz ge¬ widmet, uns ihnen vielleicht aufgeopfert haben, daß Diese uns vernachlaͤssigen, sobald sie Unsrer nicht mehr beduͤrfen, oder gar verrathen, ver¬ folgen, mishandeln, wenn sie dadurch zeitliche Vortheile oder die Gunst unsrer maͤchtigen Feinde gewinnen koͤnnen. Doch wird der weise Men¬ schenkenner und warme Freund des Guten sich dadurch nicht abschrecken lassen, großmuͤthig zu handeln. Mit Bezug auf das, was hieruͤber schon im eilften Capittel des ersten Theils und im fuͤnften Abschnitte des zweyten Capittels in diesem andern Theile gesagt worden, erinnere ich nur nochmals, daß jede gute Handlung sich selbst belohnt, ja! daß der Edle eine neue Quelle von von innerer Freude aus der Undankbarkeit der Menschen zu schoͤpfen versteht, nemlich die Freu¬ de, sich bewusst zu seyn, gewiß uneigennuͤtzig, blos aus Liebe zum Guten, Gutes zu thun, wenn er vorausweiß, daß er auf keine Erkennt¬ lichkeit rechnen darf. Er bedauert die Verkehrt¬ heit Derer, die faͤhig sind ihres Wohlthaͤters zu vergessen, und laͤsst sich dadurch nicht abhalten, den Menschen zu dienen, die seiner Huͤlfe um so noͤthiger beduͤrfen, je schwaͤcher sie sind, je weniger Gluͤck sie in sich selbst, in ihren Herzen haben. Klage also nicht uͤber die Undankbarkeit, mit welcher man Dich lohnt! Wirf sie Dem nicht vor, der sie Dir erzeigt! Fahre fort, ihn gro߬ muͤthig zu behandeln! Nim ihn wieder auf, wenn er zu Dir zuruͤckkehrt! Vielleicht geht er endlich in sich, fuͤhlt den ganzen Werth, die Fein¬ heit Deiner Behandlung, und wird dadurch ge¬ bessert — wo nicht; so denke, daß jedes Laster sich selbst bestraft, und daß das eigene Herz des Boͤsewichts und die unausbleibliche Folge seiner Niedertraͤchtigkeit Dich an ihm raͤchen werden — O! welch' ein langes Capittel uͤber die Undank¬ P 2 bar¬ barkeit der Menschen koͤnnte ich schreiben, wenn ich nicht, aus Schonung gegen Die, welche sich von dieser Seite an mir versuͤndigt haben, meine vielfachen traurigen Erfahrungen in diesem Fache lieber verschweigen wollte! 16. Manchen Leuten ist es schlechterdings ohn¬ moͤglich, in irgend einer Sache den graden Weg zu gehn; Raͤnke, Schwaͤnke und Win¬ kelzuͤge mischen sich in alle ihre Unternehmun¬ gen, ohne daß sie deswegen von Grund aus boͤse sind. Eine ungluͤckliche Stimmung des Ge¬ muͤths und die Einwuͤrkung von Lebensart und Schicksalen koͤnnen diesen Character bilden. So wird, zum Beyspiel, ein sehr mistrauischer Mann auch wohl die unschuldigste Handlung heimlich thun, sich verstellen, und seinen wahren Zweck verschleyern. Ein Mann von uͤbel geord¬ neter Thaͤtigkeit, oder von zu viel raschem Feuer, ein schlauer, unternehmender Kopf, der in ei¬ ner Lage ist, wo ihm alles zu einfach hergeht, wo es ihm an Gelegenheit fehlt, seine Talente zu entwickeln, wird allerley schiefe Seitenspruͤnge wagen, um seinen Wuͤrkungscreis zu erweitern, oder oder mehr Interesse in die Scene zu bringen; Und dann wird er nicht immer eckel genug in der Wahl seiner Mittel seyn. Ein sehr eitler Mensch wird in manchen Faͤllen versteckt han¬ deln, um seine Schwaͤche zu verbergen. Ein Mann, der lange an Hoͤfen gelebt hat, um sich her nichts als Verstellung, Intrigue, Cabale und Gegeneinanderwuͤrken zu sehn, und selbst auf gradem Wege nichts zu erhalten gewoͤhnt ist, findet ein Leben, das ohne Verwicklung fort¬ geht, zu einfoͤrmig; Er wird seine unbedeutend¬ sten Schritte so thun, daß man ihm nicht nach¬ spuͤren kann, und seinen unschuldigsten Hand¬ lungen einen raͤthselhaften Anschein geben. Der Jurist, der sich stets mit den Spitzfuͤndig¬ keiten der Chicane beschaͤftigt, findet innigen Seelen-Genuß darinn, daß er in Worten und Werken allerley Cautelen und Schwaͤnke an¬ bringe. Wer seine Gehirn-Nerven durch Romanen-Lesen und andre phantastische Traͤu¬ mereyen uͤberspannt, oder wer durch ein uͤppi¬ ges, muͤssiges Leben, durch schlechte Gesellschaft und dergleichen, den Sinn fuͤr Einfalt, kunst¬ lose Natur und Wahrheit verlohren hat; der kann nicht existieren ohne Intrigue — und so P 3 giebt giebt es eine Menge Menschen, die, was sie auf gradem Wege erlangen koͤnnten, nicht halb so eifrig wuͤnschen, als was sie heimlich zu erschlei¬ chen hoffen. Man kann aber endlich den edel¬ sten, offenherzigsten Menschen, besonders in juͤn¬ gern Jahren, zu Winkelzuͤgen verleiten, wenn man ihm ohne Unterlaß Mistraun zeigt, oder ihn mit so viel Strenge behandelt, ihn in einer solchen Entfernung von uns haͤlt, daß er kein Zutraun zu uns haben kann. Was nun auch dazu beygetragen haben mag, manchen Menschen Raͤnke und Winkel¬ zuͤge zur Gewohnheit zu machen; so ist wohl folgende Art sich gegen sie zu betragen die beste, die man waͤhlen kann: Man handle selbst immer so offen und un¬ verstellt, und zeige sich ihnen in Worten und Thaten als einen so entschiedenen Feind von al¬ lem, was Schiefigkeit, Intrigue und Verstel¬ lung heisst, und als einen so warmen Verehrer jedes redlichen aufrichtigen Mannes, daß sie we¬ nigstens fuͤhlen, wie viel sie in unsern Augen verliehren wuͤrden, wenn wir sie auf boͤsen Schli¬ chen ertappten! Man Man zeige ihnen, so lange sie uns noch nicht getaͤuscht haben, ein unbegraͤnztes Ver¬ trauen; stelle sich, als koͤnne man sich auch die Moͤglichkeit nicht einbilden, daß sie uns hinter¬ gehn wuͤrden! Ist ihnen dann an unsrer Ach¬ tung gelegen; so werden sie sich vor dem ersten uns misfaͤlligen Schritte huͤten. Man zeige sich so tolerant gegen kleine Schwachheiten und so bereit, begangene Fehler zu verzeyhn und zu entschuldigen, in so fern nur keine Tuͤcke dabey im Spiele gewesen, daß sie sich nicht vor uns, als vor strengen Sittenrich¬ tern zu scheuen und zu verstecken noͤthig finden! Man spioniere nie um sie her, beschleiche sie nie, erlaube sich keine versteckte Wege, son¬ dern frage, wenn man Recht dazu hat, und uns daran gelegen ist, etwas das uns nicht klar scheint erlaͤutert wissen zu wollen, gradezu, mit festen Tone, begleitet von einem durchdringen¬ den Blicke, um den Grund der Sache! Stot¬ tern sie, suchen sie auszuweichen; so breche man entweder ab, um ihnen zu verstehn zu geben, daß man ihnen die Schande eines Betrugs er¬ spa¬ P 4 sparen wolle, nehme aber nachher eine kaͤltere Auffuͤhrung gegen sie an, oder man warne sie, mit freundlichem, doch ernsthaften Wesen, Ihrer nicht unwuͤrdig zu handeln! Haben sie uns aber dennoch einmal hinten gangen; so nehme man die Sache nicht auf ei¬ nen leichten, scherzhaften Fuß! Man zeige sich uͤber diesen ersten falschen Schritt so entruͤstet, sey nicht so gleich bereit, denselben zu verzeyhn! und hilft dann das alles nicht, und sie fahren fort, uns mit Winkelzuͤgen und Raͤnken zu hin¬ tergehn; so bestrafe man sie durch Verachtung und fortgesetztes Mistraun, so man in Alles was sie reden und thun setzt, bis sie sich bessern; aber selten koͤmmt Der, welchem schiefe Streiche zur Habituͤde geworden, wieder auf den Weg der Wahrheit zuruͤck. Alles hieruͤber Gesagt passt also auch auf das Betragen gegen Luͤgner ; 17. Was man aber im gemeinen Leben einen Windbeutel oder Aufschneider und Prah¬ ler ler nennt, das ist eine andre Gattung von Menschen. Diese haben nicht die Absicht, je¬ mand eigentlich zu hintergehn; Um sich in bes¬ serm Glanze zu zeigen; um sich bemerken zu machen; um Andern eine so hohe Meinung von sich beyzubringen, als sie selbst haben; um Auf¬ merksamkeit durch Erzaͤhlung wunderbarer Vor¬ faͤlle zu erregen; oder um fuͤr angenehme, un¬ terhaltende Gesellschafter zu gelten, erdichten sie, was nie existiert hat, oder vergroͤßern, was wenigstens nie also gewesen ist; und haben sie einmal die Fertigkeit erlangt, auf Unkosten der Wahrheit, eine Begebenheit, ein Bild, einen Satz zu verziehren; so fangen sie zuweilen an, ihren eigenen Windbeuteleyen zu glauben, alle Gegenstaͤnde durch ein Vergroͤßerungs-Glas anzusehn, und so in Riesengestalten, wieder zu Papier zu bringen. Die Erzaͤhlungen und Beschreibungen ei¬ nes solchen Aufschneiders sind zuweilen ganz lu¬ stig anzuhoͤren, und wenn man erst mit seiner Bildersprache bekannt ist; so weiß man schon, was man vom Ganzen abzurechnen hat, um den Ueberrest fuͤr baares Geld anzurechnen. Geht P 5 Geht es aber mit seinen Verbraͤmungen zu weit; so kann es nicht schaden, wenn man ihn entwe¬ der durch eine Menge von Fragen uͤber die ge¬ nauesten Umstaͤnde so in sein eigenes Gewebe ver¬ wickelt, daß er, indem er weder ruͤckwaͤrts noch vorwaͤrts kann, beschaͤmt wird, oder wenn man ihm fuͤr jede Unwarheit auf comische Art eine noch derbere wieder aufheftet, und ihm da¬ durch merklich macht, daß man nicht dumm genug gewesen sey, ihm zu glauben, oder aber wenn man, sobald er anfaͤngt zu blasen, die See¬ gel der Unterhaltung auf einmal einzieht, und seinem Winde ausweicht, da er dann, wenn dies oͤfter und von mehreren verstaͤndigen Maͤn¬ nern geschieht, behutsamer zu werden pflegt. 18. Unverschaͤmte, Muͤssiggaͤnger, Schma¬ rotzer, Schmeichler, und zudringliche Leute rathe ich in der gehoͤrigen Entfernung von sich zu halten; sich mit ihnen nicht gemein zu machen; ihnen durch ein hoͤfliches, aber im¬ mer steifes und ernsthaftes Betragen zu erken¬ nen zu geben, daß ihre Gesellschaft und Vertrau¬ lichkeit uns zuwieder ist. Die, welche gern bey uns uns schmausen, kann man am leichtesten dadurch verscheuchen, daß man sie, ohne ihnen etwas zu reichen, wieder fortgehn lasse; aber gegen Schmeichler, besonders gegen die von feinerer Art, soll man, seiner eigenen Moralitaͤt wegen, auf seiner Hut seyn. Sie verderben uns von Grund aus, wenn wir unser Ohr an ihren Si¬ renen-Gesang gewoͤhnen. Dann wollen wir ohne Unterlaß gestreichelt und gekitzelt seyn, fin¬ den die wohlthaͤtige Stimme der Wahrheit nicht harmonisch genug, und vernachlaͤssigen und ver¬ saͤumen die treuern, bessern Freunde, die uns aufmerksam auf unsre Fehler machen wollen. Um nicht so tief zu fallen, wafne man sich mit Gleichguͤltigkeit gegen die gefaͤhrlichen Lockungen der Schmeicheley. Man fliehe vor dem Schmeich¬ ler, wie vor dem boͤsen Feinde! Allein das ist nicht so leicht, als man wohl glaubt; Es giebt eine Art, Suͤßigkeiten zu sagen, die das Ansehn hat, als wollte man grade das Gegentheil thun. Der schlaue Schmeichler, der Deine schwache Seite studiert hat, wird, wenn er Dich fuͤr zu verstaͤndig haͤlt, um nicht die groͤbern Schlin¬ gen dieser Art fuͤr gefaͤhrlich zu erkennen, Dir nicht immer Recht geben; Er wird vielmehr Dich Dich tadeln; Er wird Dir sagen: „daß er nicht „begreifen koͤnne, wie ein so edler und weiser „Mann, als Du seyest, sich einen kleinen Au¬ „genblick auch einmal habe vergessen koͤnnen; „Er haͤtte geglaubt, so etwas koͤnne nur gemei¬ „nen Leuten von seinem Schlage begegnen.“ Er wird an Deinen Schriften Fehler ruͤgen, die Dir gleich beym ersten Anblicke unbedeutend scheinen muͤssen, und ihm nur dazu dienen, die¬ jenigen Stellen um desto unverschaͤmter zu lo¬ ben, von welchen er weiß, daß Du Dir etwas darauf zu gut thust. „Schade!“ wird er ausru¬ fen „daß Ihre Sinfonien — ich bin kein Schmeich¬ „ler; ich sage meine Meinung immer rund her¬ „aus — Schade, daß diese herrlichen Sinfonien, „die gewiß in allem Betracht ein classisches „Werk genannt werden koͤnnen, so aͤusserst „schwer vorzutragen sind. Wo findet man Mei¬ „ster, die wuͤrdig waͤren, so etwas aufzufuͤhren? „Und doch ist das ein wesentlicher Fehler, den „Sie, verzeyhen Sie meiner Offenherzigkeit! „haͤtten vermeiden sollen.“ Er wird Maͤngel an Dir finden, und mit verstelltem Eifer dage¬ gen declamieren, Schwachheiten und Maͤngel auf welche Deine Eitelkeit sich etwas einbildet. Er Er wird Dich einen Mysantropen schimpfen, wenn Du gernsiehst, daß Deine abgezogene Le¬ bensart Aufsehn erregen soll; Er wird Dir vor¬ werfen, Du seyest intrigant, wenn es Dich be¬ hagt, fuͤr einen schlauen Hofmann angesehn zu werden. Auf diese Weise wird er sich bey Dir und andern Kurzsichtigen in den Ruf eines un¬ partheyischen, wahrheitliebenden Mannes setzen; sein honigsuͤßer Trank wird glatt hinuntergehn, und in der Berauschung werden Dein Herz und Dein Beutel dem verschmitzten Spoͤtter offen¬ stehn. Vielfaͤltig habe ich, besonders an Hoͤfen, dergleichen Maͤnner angetroffen, die, unter der Maske der Bonhomie, und bey dem Rufe, den Fuͤrsten tapfer die Wahrheit zu sagen, die aͤrg¬ sten Maulschwaͤtzer waren. 19. Jetzt werde ich im Allgemeinen von dem Betragen gegen Schurken , das heisst gegen Leute, die von Grund aus schlecht sind, reden, obgleich ich dafuͤr halte, daß — ein bisgen Erb¬ suͤnde abgerechnet — eigentlich kein Mensch von Grund aus ganz schlecht, wohl aber durch feh¬ lerhafte Erziehung, Nachgiebigkeit gegen seine Lei¬ Leidenschaften, oder durch Schicksale, Lagen und Verhaͤltnisse so verwildert seyn koͤnne, daß von seinen natuͤrlichen guten Anlagen fast keine Spur mehr zu sehn ist. Hier aber koͤmmt es nicht darauf an, wie jemand ein Schurke geworden, sondern wie er, wenn er ein Solcher ist, muͤsse behandelt werden. Ich beziehe mich dabey zu¬ erst auf das, was ich uͤber den Umgang mit Feinden und uͤber das Betragen gegen Verirrte und Gefallene gesagt habe, und fuͤge nur noch nachstehende Bemerkungen hinzu: Daß man, wo moͤglich, den Umgang mit schlechten Leuten fliehn muͤsse, wenn uns unsre Ruhe und unsre moralische Vervollkommung am Herzen liegt, das versteht sich wohl von selbst. Wenn ein Mann von festen Grundsaͤ¬ tzen auch nicht eigentlich schlecht durch sie wird, so gewoͤhnt er sich doch nach und nach an den An¬ blick der Unthaten, und verliehrt jenen Abscheu gegen alles was unedel ist, einen Abscheu, der zuweilen einzig hinreicht, uns in Augenblicken von Versuchung vor feineren Vergehungen zu be¬ wahren. Leider! aber zwingt uns unsre Lage zuweilen, mitten unter Schurken zu leben, und mit mit ihnen gemeinschaftlich Geschaͤfte zu treiben; und da ist es denn noͤthig, gewisse Vorsichtig¬ keits- Regeln nicht aus der Acht zu lassen. Glaube nicht, wenn Du einiges Verdienst von Seiten des Kopfs und des Herzens hast, glaube nicht, es dahin zu bringen, daß Du von schlechten Menschen je gaͤnzlich in Ruhe gelassen werdest, noch mit ihnen in Frieden leben koͤnnest. Es herrscht ein ewiges Buͤndniß unter Schurken und Pinseln, gegen alle verstaͤndige und edle Men¬ schen, eine so sonderbare Verbruͤderung, daß sie unter allen uͤbrigen Menschen einander erkennen und bereitwillig die Hand reichen, moͤgten sie auch durch andre Umstaͤnde noch so sehr getrennt seyn, sobald es darauf ankoͤmmt, das wahre Verdienst zu verfolgen und mit Fuͤßen zu tre¬ ten. Da hilft keine Art von Vorsichtigkeit und Zuruͤckhaltung; Da hilft nicht Unschuld, nicht Gradheit; Da hilft nicht Schonung, noch Maͤ¬ ßigung; Da hilft es nicht, seine guten Eigen¬ schaften verstecken, mittelmaͤßig scheinen zu wol¬ len. Niemand erkennt so leicht das Gute, so in Dir ist, als Der, dem dies Gute fehlt. Nie¬ mand laͤsst innerlich dem Verdienste mehr Ge¬ rech¬ rechtigkeit wiederfahren, als der Boͤsewicht; aber er zittert davor, wie Satan vor dem Evan¬ gelio, und arbeitet mit Haͤnden und Fuͤßen da¬ gegen. Jene große Verbruͤderung wird Dich ohne Unterlaß necken; Deinen Ruf antasten; bald zweydeutig, bald uͤbel von Dir reden; die unschuldigsten Deiner Worte und Thaten bos¬ haft auslegen — Aber laß Dich das nicht anfech¬ ten! Wuͤrdest Du auch wirklich von Schurken eine Zeitlang gedruͤckt; so wird doch die Recht¬ schaffenheit und Consequenz Deiner Handlungen am Ende siegen, und der Unhold bey einer an¬ dern Gelegenheit sich selbst die Grube graben. Auch sind die Schelme nur so lange einig unter sich, als es nicht auf maͤnnliche Standhaftig¬ keit ankoͤmmt, so lange sie im Dunkeln fechten koͤnnen. Hole aber Licht herbey, und sie wer¬ den aus einander rennen! Und wenn es nun gar zur Theilung der Beute gienge; dann wuͤr¬ den sie sich unter einander bey den Ohren zausen, und Dich indeß mit Deinem Eigenthum ruhig davonwandern lassen. Gehe Deinen graden Gang fort! Die Zeit wird Dich rechtfertigen, wenn Du verlaͤumdet wirst. Erlaube Dir nie schiefe Streiche, nie Schleichwege, um Schleich¬ we¬ wegen zu begegnen; nie Raͤnke, um Raͤnke zu zerstoͤhren! Mache nie gemeinschaftliche Sache mit Boͤsewichten, gegen Boͤsewichte! Handle großmuͤthig! Unedle Behandlung und zu weit getriebenes Mistrauen koͤnnen Den, welcher auf halbem Wege ist, ein Schelm zu werden, vollends dazu machen, und Großmuth hingegen kann einen nicht ganz verstockten Unhold viel¬ leicht auf einige Zeit wenigstens bessern, und die Stimme des Gewissens in ihm erwecken. Aber er muͤsse fuͤhlen, daß Du nur aus Huld, nicht aus Furcht also handelst! Er muͤsse fuͤhlen, daß, wenn es auf das Aeusserste koͤmmt, wenn der Grimm eines unerschrocknen redlichen Mannes losbricht, der kuͤhne, rechtschaffene Weise im nie¬ drigsten Stande maͤchtiger ist, als der Schurke im Purpur; daß ein großes Herz, daß Tugend, Klugheit und Muth, staͤrker machen, als er¬ kaufte Heere, an deren Spitze ein Schuft steht! Was kann Der fuͤrchten, der nichts mehr zu verliehren hat, als das, was kein Sterblicher ihm rauben kann? und was vermag, in dem Augenblicke der aͤussersten, verzweifelten Noth¬ wehre, ein feiger Sultan, ein ungerechter De¬ spote, der in sich selbst einen Feind herumtraͤgt, der (Zweiter Th.) Q der ihm immer in die Flanke faͤllt, gegen den Niedrigsten seiner Unterthanen, der ein reines Herz, einen hellen Kopf, Unerschrockenheit und gesunde Arme zu Bundesgenossen hat? 20. Zu uͤbertrieben bescheidene und furcht¬ same gute Menschen soll man zu ermuntern, sie mit groͤßerer Zuversicht zu sich selber zu er¬ fuͤllen suchen. So verachtenswerth Unbeschei¬ denheit und Duͤnkel sind, so unmaͤnnlich ist zu weit getriebene Schuͤchternheit. Der Edle soll seinen Werth fuͤhlen, und eben so wenig unge¬ recht gegen sich, als gegen Andre seyn. Ueber¬ triebenes Lob und zu weit ausgedehnter Vorzug aber beleidigen den Bescheidenen. Er muͤsse we¬ niger aus Deinen Worten, als aus Deinen un¬ gekuͤnstelten, wahre Zuneigung verrathenden Handlungen Deine Hochachtung zu ihm erkennen! 21. Unvorsichtigen und plauderhaften Leuten darf man natuͤrlicher Weise keine Ge¬ heimnisse anvertrauen. Besser waͤre es, man haͤtte uͤberhaupt keine Geheimnisse in der Welt, koͤnn¬ koͤnnte immer so frey und offen handeln und al¬ les, was im Herzen vorgeht, vor jedermann sehn lassen; Besser waͤre es, man daͤchte und redete nichts, als was man laut denken und re¬ den darf; Da dies indessen, besonders bey Maͤn¬ nern, die in oͤffentlichen Aemtern stehen, oder sonst fremde Geheimnisse zu verwahren haben, nicht moͤglich ist; so muß man freylich vorsichtig in Mittheilung seiner Heimlichkeiten seyn. Man findet Menschen, denen es schlechter¬ dings ohnmoͤglich ist, eine Sache zu verschwei¬ gen. Man sieht es ihnen an, wenn sie aͤngst¬ lich umherlaufen, daß sie etwas Neues tragen, und daß sie leiden, bis sie einem andern Plau¬ derer ihre Nachricht heiß mitgetheilt haben. Andern fehlt es zwar nicht an dem guten Wil¬ len, zu schweigen, wohl aber an der Klugheit, sich nicht durch Winke, Blicke oder auf andre Art zu verrathen, oder an der Festigkeit, sich nicht ausfragen zu lassen, oder sie haben eine zu gute Meinung von der Ehrlichkeit und Ver¬ schwiegenheit Derer, welchen sie sich anvertrauen — Gegen alle Diese muß man verschlossen seyn. Q 2 Es Es kann auch zuweilen nicht schaden, wenn man plauderhafte Leute, bey der ersten Gelegen¬ heit da sie etwas uͤber uns geschwaͤtzt haben, dergestalt in Furcht setzt, daß sie es nicht wagen duͤrfen, hinter unserm Ruͤcken auch nur einmal unsern Namen zu nennen, es sey im Guten oder Boͤsen. Die eigentlichen bekannten Zeitungs¬ traͤger aber, deren es fast in jeder Stadt Einige giebt, kann man nuͤtzen, wenn man ein Maͤr¬ chen im Publico ausgebreitet wissen will. Nur muß man dann nicht verfehlen, sie um Verheim¬ lichung der Sache zu bitten, sonst halten sie es vielleicht der Muͤhe nicht werth, dieselbe aus¬ zuplaudern. Vorwitzige und neugierige Menschen kann man nach den Umstaͤnden entweder auf ernsthafte oder spaßhafte Manier behandeln. Im erstem Falle muß man, sobald man merkt, daß sie sich im mindesten um unsre Angelegen¬ heiten bekuͤmmern, uns belauschen, behorchen, sich in unsre Geschaͤfte mischen, unsern Schritten nachspuͤren, oder unsre Plane und Handlungen ausspaͤhn wollen, sich gegen sie muͤndlich, schrift¬ lich oder thaͤtig so kraͤftig erklaͤren, sie auf eine sol¬ solche Weise zuruͤckschicken, daß ihnen die Lust vergeht, auch nur vom Weitem sich an uns zu wagen. Will man aber seine Lust mit ihnen haben; so kann man ihrer Neugier ohne Unter¬ laß so viel zu schaffen machen, daß sie uͤber die Kindereyen, worauf man ihre Achtsamkeit lenkt, keine Muße behalten, sich um diejenigen Dinge zu bekuͤmmern, woran uns gelegen ist, daß sie dieselben nicht beobachten. Zerstreuete und vergessene Leute taugen nicht zu Geschaͤften, wo es auf Puͤnctlichkeit an¬ koͤmmt. Jungen Personen kann man diese Fehler zuweilen noch abgewoͤhnen und es dahin bringen, daß sie ihre Gedanken bey einander halten. Manche, die aus zu großer Lebhaftigkeit des Temperaments leicht alles vergessen, und nie da zu Hause sind, wo sie seyn sollten, kommen von dieser Schwachheit zuruͤck, wenn sie aͤlter, kuͤhler und sittsamer werden. Andre affectiren zerstreuet zu seyn, weil sie glauben, das saͤhe vornehm oder gelehrt aus, und uͤber solche Thoren soll man nur die Achseln zucken und sich wohl huͤten, ihre Distractionen artig zu finden. Es gilt von ihnen, was ich uͤber Die gesagt habe, welche sich coͤr¬ Q 3 coͤrperlich krank stellen, um Interesse zu erwe¬ ken. Wessen Gedaͤchtniß aber wuͤrklich schwach, und nicht etwa durch Uebung nach und nach zu staͤrken ist, dem rathe man, sich alles schriftlich aufzuzeichnen, was er behalten will, und dies Zettel taͤglich oder woͤchentlich einmal durchzule¬ sen; denn es ist wahrlich nichts verdrießlicher, als wenn uns jemand verspricht eine Sache zu besorgen, an welcher uns gelegen ist, wir uns auch auf sein Wort verlassen, er aber nachher rein vergisst, wovon die Rede gewesen. Sehr zerstreueten Leuten muß man es uͤbri¬ gens so hoch nicht anrechnen, wenn sie gegen uns zuweilen in Aufmerksamkeit, Hoͤflichkeit, oder was man sonst im geselligen und freund¬ schaftlichen Umgang fordert, unvorsetzlich fehlen. 22. Es giebt eine Art Menschen, die man wunderliche ( difficile ) Leute nennt. Sie sind nicht boͤsartig, sind nicht immer zaͤnkisch und muͤrrisch; aber man kann ihnen doch nicht leicht etwas ganz recht machen. Sie haben sich, zum Beyspiel an eine pedantische Ordnung ge¬ woͤhnt, woͤhnt, deren Regeln nicht Jeder so wie sie im Kopfe hat, und da kann es denn leicht kommen, daß man einen Stuhl in ihrem Zimmer anders hinstellt, als sie es gernsehen; (Wenn dies uͤbri¬ gens aus wahrem Ordnungsgeiste herruͤhrt; so habe ich daran nichts auszusetzen) Oder sie haͤn¬ gen gewissen Vorurtheilen an, denen man sich un¬ terwerfen muß, wenn man in ihren Augen Werth haben will, zum Beyspiel in Kleidertrachten, in der Art laut oder leise zu reden, groß oder klein zu schreiben und dergleichen. Man sollte wohl sagen, daß ein vernuͤnftiger Mann uͤber solche Kleinigkeiten hinausgehn muͤsste; unterdessen trifft man doch Maͤnner an, die uͤber andre Ge¬ genstaͤnde sehr verstaͤndig und billig denken, nur in solchen Puncten nicht; und was wichtiger als das ist, an dieser Maͤnner Gunst kann uns vielleicht sehr viel gelegen seyn. Wenn dies Letztere nun der Fall ist; so rathe ich, in Din¬ gen von so geringem Belange, und die mit eini¬ ger Aufmerksamkeit so leicht zu befolgen sind. sich ihnen gefaͤllig zu bezeigen. Andre aber, mit denen wir weiter in keinem Verhaͤltnisse stehen, lasse man, in so fern sie uͤbrigens brave Maͤnner sind, bey ihrer Weise, und vergesse nicht, Q 4 nicht, daß wir Alle unsre Schwachheiten haben, die man bruͤderlich ertragen muß! Leute, die etwas darinn suchen, sich durch ihr Betragen in unwesentlichen Dingen von An¬ dern zu unterscheiden; nicht eigentlich aus Ue¬ berzeugung, daß es so besser sey als anders, son¬ dern hauptsaͤchlich darum, weil sie das zu thun vorziehen, was Andre nicht thun; solche Leute nennt man Sonderlinge. Sie sehen es gern, wenn man ihre Weise bemerkt, und ein verstaͤn¬ diger Mann muß in seinem Betragen gegen sie wohl uͤberlegen, ob ihre Bizarrerien von un¬ schaͤdlicher Art, und ob sie Maͤnner sind, die in irgend einer Ruͤcksicht Schonung verdienen, um darnach im Umgange mit ihnen zu verfahren, wie es Vernunft und Duldung fordern. 23. Dumme Leute, die ihre Schwaͤche fuͤh¬ len, sich von vernuͤnftigen Menschen leiten las¬ sen, und zwar, einem natuͤrlich gutmuͤthigen, wohlwollenden, sanften Temperamente gemaͤß, sich leicht zum Guten und schwer zum Boͤsen leiten lassen; die sind nicht zu verachten. Es koͤn¬ koͤnnen nicht alle Menschen hohen, erhabenen Geistes-Schwung haben, und die Welt wuͤrde auch sehr uͤbel dabey fahren, wenn es also waͤre. Es muͤssen mehr subalterne als Herrscher-Genies unter den Erdensoͤhnen seyn, wenn nicht Alle in ewiger Fehde mit einander leben sollen. Daß ein gewisser hoͤherer Grad von Tugend, zu wel¬ cher Kraft, Muth, Festigkeit, oder feine Beur¬ theilungskraft gehoͤrt, nicht mit Schwaͤche des Geistes bestehn kann, das ist wohl freylich ge¬ wiß; Allein das gehoͤrt ja nicht hierher. Wenn im Ganzen nur das Gute geschieht, und die duͤmmern Menschen zu diesem Guten sich die Haͤnde fuͤhren lassen; so fuͤllen sie ihren Platz nuͤtzlicher aus, als die uͤberschwenglichen Genies, die Feuerkoͤpfe, mit ihrem sich durchkreutzenden unaufhoͤrlichen Wuͤrken und Streben. Unertraͤglich hingegen ist die Lage, wenn man es mit einem Stockfische zu thun hat, der sich fuͤr einen Halbgott haͤlt, mit einem eiteln, eigensinnigen, mistrauischen Pinsel, mit einem verzogenen, verzaͤrtelten vornehmen Schoͤps, der Laͤnder und Voͤlker zu regieren hat, und alles selbst regieren will. Doch habe ich schon bey Q 5 bey verschiedenen einzelnen Gelegenheiten in die¬ sem Buche gesagt, wie man mit dieser Art Men¬ schen umgehn muͤsse. Allein man thut oft den Leuten großes Un¬ recht, wenn man Solche fuͤr schwach, dumm, gefuͤhllos oder unwissend haͤlt, die es wahrlich gar nicht sind. Nicht Jeder hat die Gabe, seine Gedanken und Empfindungen an den Tag zu legen, am wenigsten auf unsre Manier. Nach seinen Thaten muß man ihn richten, aber auch das nur mit Ruͤcksicht auf seine Lage, und auf die Gelegenheit die er gehabt, oder die ihm ge¬ fehlt hat, sich auszuzeichnen. Man uͤberlegt selten, daß Der Mensch schon sehr viel Werth hat, der in der Welt nur nichts Boͤses thut, und daß die Summe dieses negativen Guten zur Wohlfarth des Ganzen oft mehr beytraͤgt, als der lange Lebenslauf eines thaͤtigen Mannes, dessen heftige Leidenschaften in unaufhoͤrlichem Kampfe mit seinen großen edeln Zwecken stehen. Und dann sind Gelehrsamkeit, Cultur und ge¬ sunde Vernunft wieder sehr verschiedene Dinge. Es herrscht unter Menschen von einer gewissen Erziehung und Bildung so viel Convention, und wir wir verwechseln nur gar zu leicht die Grundsaͤ¬ tze, welche auf diese Uebereinkuͤnfte beruhen, mit den unwandelbaren Vorschriften der reinen Weisheit. Wir sind nun einmal gewoͤhnt, nach jenem Maßstabe zu denken, oder vielmehr Worte nachzulallen, deren zweydeutigen Sinn wir Muͤhe haben wuͤrden, einem ganz rohen Wilden zu erklaͤren; und so halten wir denn Denjenigen fuͤr einen Schafskopf, der von allem diesen auswendig gelernten Zeuge nichts weiß, und nur so redet — wie ihm der Schnabel ge¬ wachsen ist. Wie oft haben mich, uͤber Kunst¬ werke, die Ausspruͤche gemeiner Leute ohne alle Cultur, Ausspruͤche, die dem so genannten Kenner sehr abgeschmackt vorkommen wuͤrden, aus dem Zauber einer falschen, erzwungenen Illusion gerissen, und den Sinn fuͤr wahre, aͤchte Natur in mir wieder erweckt! Wie oft habe ich im Schauspielhause erst das nuͤchterne Urtheil der Gallerie erwartet, habe erwartet, was fuͤr Eindruck eine Scene aus das unbesto¬ chene Volk, das wir Poͤbel nennen, machen, habe erwartet, ob ein ruͤhrender Auftritt allge¬ meine Stille, oder lautes Gelaͤchter verbreiten wuͤrde, um mich zu bestimmen in meinem Glau¬ ben, ben, wie treu, der Schriftsteller und Schauspie¬ ler die Natur copiert, oder ob er sie verfehlt haͤtte! Auf mich wuͤrkt Illusion, weil ich in ei¬ ner Welt voll Taͤuschungen von Jugend auf ge¬ wandelt habe; Jene aber leben und weben in Wahrheit. Groß ist der Kuͤnstler, der durch das Spiel seiner Phantasie, durch seine, die Natur nachahmende Darstellung, auch unculti¬ vierte Menschen vergessen machen kann, daß sie getaͤuscht werden. Groß ist ferner der Mann, der den Sinn fuͤr ungeschminkte Wahrheit nicht in dem Meere von Neben-Ideen, Vorurtheilen und Conventionen ersaͤuft hat. Aber wie selten trifft man Kunst und Wahrheits-Sinn, Cultur und Einfalt, Arm in Arm an! — Lasset uns also Den nicht verachten, der den bessern Theil auf Unkosten des schlechtern gerettet hat, und lasset uns ihn ja nicht aufklaͤren, sondern lieber bey solchen dummen Leuten in die Schule gehn! Auf gutmuͤthige , aber schwache Leute soll man zum Besten zu wuͤrken, soll, wenn man kann, edle Freunde um sie her zu versammlen suchen, von denen sie nicht misbraucht, sondern zu Thaten gelenkt werden, die eines wohlwol¬ len¬ lenden Herzens wuͤrdig sind. Es giebt Perso¬ nen, die nichts abschlagen koͤnnen, wenigstens nicht muͤndlich; und da geschieht es dann, daß, um niemand zu kraͤnken, oder damit man nicht glaube, daß es ihnen an gutem Willen fehle, sie mehr versprechen, als sie erfuͤllen koͤnnen, mehr hingeben, mehr Arbeit fuͤr Andre uͤber¬ nehmen, als sie gerechter Weise thun sollten. Andre sind so leichtglaͤubig, daß sie Jedem trauen, sich jedem preisgeben und aufopfern, Jeden fuͤr einen treuen Freund halten, der die Aussenseite des ehrlichen, menschenliebenden Mannes traͤgt. Noch Andre sind nicht im Stande fuͤr sich selbst etwas zu erbitten, sollten sie auch daruͤber nichts in der Welt von demje¬ nigen erlangen, worauf sie die billigsten An¬ spruͤche machen duͤrften. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie sehr alle diese Schwachen gemis¬ handelt werden; wie man auf die Gutherzigkeit und Dienstfertigkeit der Erstern losstuͤrmt, und wie den Andern die Unverschaͤmtheit alles vor dem Munde wegnimt, weil sie nicht den Muth haben, zuzugreifen. Misbrauche keines Men¬ schen Schwaͤche! Erschleiche von Keinem Vor¬ theile, Geschenke, Verwendung von Kraͤften, die die Du nicht nach den Regeln der strengsten Gerechtigkeit, ohne ihm Verlegenheit und Last aufzuladen, von ihm fordern darfst! Suche auch zu verhindern, daß Andre dergleichen thun! Mache dem Bloͤden Muth! Verwende Dich, rede fuͤr ihn, wenn seine Schuͤchternheit ihn abhaͤlt, sein eigener Vorsprecher zu seyn! Manche Leute haben die Schwachheit, mit ganzer Seele gewissen Liebhabereyen nach¬ zuhaͤngen . Sey es nun irgend eine noble Passion, Jagd, Pferde, Hunde, Katzen, Tanz, Music, Malerey, oder die Wuth Kupferstiche, Naturalien, Schmetterlinge, Petschafte, Pfei¬ fenkoͤpfe und dergleichen zu sammeln, oder Bau- Geist, Garten-Anlage, Kinder-Erziehung, Maͤ¬ cenatenschaft, phisikalische Versuche — oder was fuͤr ein Steckenpferd sie auch reiten; so dreht sich doch der ganze Cirkel ihrer Gedanken immer um diesen Punct herum; Sie reden von keiner Sache so gern, als von diesem ihren Lieblings- Gegenstande; Jedes Gespraͤch wissen sie dahin zu lenken. Sie vergessen dann, daß der Mann, welchen sie vor sich haben, vielleicht von keinem Dinge in der Welt weniger versteht, als von die¬ diesem, verlangen aber auch dagegen nicht grade, daß derselbe mit großer Kenntniß davon rede, wenn er nur die Geduld hat, ihnen zuzuhoͤren, oder wenn er ihn Saͤchelchen nur mit Aufmerk¬ samkeit betrachtet, nur bewundert, was sie ihm als die groͤßte Seltenheit empfehlen, und Inte¬ resse daran zu nehmen scheint. Nun! wer wird denn wohl so hartherzig seyn, diese kleine Freude einem Manne, der uͤbrigens redlich und verstaͤn¬ dig ist, nicht zu gewaͤhren? Vorzuͤglich empfehle ich Aufmerksamkeit auf die — doch, wie sich's ver¬ steht, unschuldigen — Liebhabereyen der Großen, an deren Gunst uns gelegen ist; denn, wie Tristram Schandy anmerkt, so wird ein Hieb, welchen man dem Steckenpferde giebt, schmerz¬ licher empfunden, als ein Schlag, den der Reu¬ ter selbst empfaͤngt. 24. Mit muntern, aufgeweckten L euten, die von aͤchtem Humor beseelt werden, ist leicht und angenehm umzugehn. Ich sage, sie muͤssen von aͤchtem Humor beseelt werden; die Froͤh¬ lichkeit muß aus dem Herzen kommen, muß nicht erzwungen, muß nicht eitle Spaßmache¬ rey, rey, nicht Haschen nach Witz seyn. Wer noch aus ganzem Herzen lachen, sich den Aufwallun¬ gen einer lebhaften Freude uͤberlassen kann, der ist kein ganz boͤser Mensch. Tuͤcke und Bos¬ heit machen zerstreuet, ernsthaft, nachdenkend, verschlossen, mais un homme, qui rit, ne fera jamais dangereux . Daraus folgt indessen nicht, daß Jeder, der nicht von froͤhlicher Ge¬ muͤthsart ist, deswegen etwas Boͤses im Schilde fuͤhren sollte. Die Stimmung des Gemuͤths haͤngt vom Temperamente, so wie von Gesund¬ heit und von innern und aͤussern Verhaͤltnis¬ sen ab. Aechte muntere Laune aber pflegt an¬ steckend zu seyn, und diese Epidemie hat etwas so wohlthaͤtiges, es ist ein so wahres Seelen- Gluͤck, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu duͤrfen, daß ich dringend an¬ rathe, sich zur Munterkeit anzufeuern, und wenigstens ein Paar Stunden in der Woche auf diese Weise der gesitteten Froͤhlichkeit zu widmen. Allein es ist schwer, in lustiger Stimmung, und wenn man dem Witze den Zuͤgel schiessen laͤsst, nicht in einen satyrischen Ton zu fallen. Was giebt uns reichern Stoff zum Lachen, als das das unzaͤhlige Heer von Thorheiten der Men¬ schen? Und diese Thorheiten treten am lebhafte¬ sten vor unsre Augen, wenn wir uns die Origi¬ nale dazu denken, in welchen sie wohnen. Lachen wir nun uͤber die Narrheit; so ist es fast unver¬ meidlich, auch uͤber den Narren mit zu lachen, und da kann denn dies Lachen sehr ernsthafte, verdrießliche Folgen haben. Wenn ferner unsre Spoͤttereyen Beyfall finden; so werden wir verleitet, unsern Witz immer feiner zuzuspitzen, und Andre, denen es ausserdem vielleicht an Stoff zu munterer Unterhaltung fehlen wuͤrde, schaͤrfen, durch unser Beyspiel verfuͤhrt, ihre Aufmerksamkeit auf die Maͤngel ihrer Neben¬ menschen, und was daraus entstehn koͤnne, das ist theils bekannt genug, theils habe ich daruͤber schon etwas im neunzehnten Abschnitte des er¬ sten Theils gesagt. Ich halte es daher fuͤr Pflicht, im Umgange mit sehr satyrischen Leu¬ ten auf seiner Hut zu seyn. Nicht, daß man sich persoͤnlich vor ihrer spitzen Zunge oder Feder fuͤrchten muͤsste, denn das zeigt wuͤrklich den hoͤchsten Grad von innerem Bewusstseyn eige¬ ner Erbaͤrmlichkeit an; sondern daß man nicht durch sie verfuͤhrt werde, mit zu laͤstern, daß man (Zweiter Th.) R man sich und Andern dadurch nicht schade, und daß der Geist der Duldung nicht von uns wei¬ che! Man zeige daher satyrischen Leuten keinen zu lauten Beyfall, bestaͤrke sie nicht in der Ge¬ wohnheit, ihren Witz auf andrer Menschen Un¬ kosten spielen zu lassen, und lache nicht mit, wenn sie laͤstern und schmaͤhen! 25. Trunkenbolde , grobe Wolluͤstlinge und alle andre Arten von lasterhaften Leuten soll man freylich fliehn, und ihren Umgang, wenn man kann, vermeiden; Ist dies aber durchaus ohnmoͤglich; so bedarf es wohl keiner Erinnerung, daß man sich huͤten muͤsse, von ih¬ nen zur Untugend verfuͤhrt zu werden. Allein das ist nicht genug; Es ist auch Pflicht, ihren Ausschweifungen, moͤgten sie solche auch in das gefaͤlligste Gewand huͤllen, nicht durch die Fin¬ ger zu sehn, sondern vielmehr, wo es mit Klug¬ heit geschehn kann, einen unuͤberwindlichen Ab¬ scheu dagegen zu zeigen, sich auch wohl zu ent¬ halten, an unzuͤchtigen, schmutzigen Gespraͤchen beyfaͤlligen Antheil zu nehmen. Man sieht in der großen Welt die so genannten agréables dé¬ débauchés mehrentheils die glaͤnzendste Rolle spielen, und in manchen, besonders maͤnnlichen Cirkeln, die Unterhaltung auf Zoten und Zwey¬ deutigkeiten hinausgehn, wodurch die Phantasie junger Leute erhitzt, mit schluͤpfrigen Bildern erfuͤllt, und die Corruption weiter ausgebreitet wird. Zu diesem allgemeinen Verderbnisse der Sitten, zu Unterdruͤckung, vielleicht gar zu Ver¬ achtung der Keuschheit, Nuͤchternheit, Maͤßig¬ keit und Schamhaftigkeit darf kein redlicher Mann auch nur das Mindeste beytragen. Er muß vielmehr, so viel an ihm ist, ohne Ansehn der Person, sein Misfallen daran bestimmt zu erkennen geben, und, wenn er Menschen, die auf dem Wege des Lasters wandeln, durch freund¬ schaftliche Warnung und Hinlenkung ihrer Thaͤ¬ tigkeit auf wuͤrdigere Gegenstaͤnde, nicht bessern kann, ihnen wenigstens zeigen, daß er den Sinn fuͤr Reinigkeit und Tugend nicht verlohren habe, und daß in seiner Gegenwart die Unschuld re¬ spectirt werden muͤsse. 26. Einen ganz eignen Abschnitt verdienen die Enthusiasten, uͤberspannten, romanhaf¬ R 2 ten ten Menschen, Kraft-Genies und excen¬ trischen Leute. Sie leben und weben in einer Ahtmosphaͤre von Phantasien, wie ein Fisch im nassen Elemente, und sind geschworne Feinde der kalten Ueberlegung. Mode-Lectur, Romane, Schauspiele, geheime Verbindungen, Mangel an gruͤndlichen wissenschaftlichen Kenntnissen und Muͤssiggang stimmen einen großen Theil unsrer heutigen Jugend auf diesen Ton; man trifft aber auch Schwaͤrmer mit grauen Koͤpfen an. Sie streben ohne Unterlaß nach dem Ausseror¬ dentlichen und Uebernatuͤrlichen; verachten das nahe liegende Gute, um nach fernen Erscheinun¬ gen zu greifen; versaͤumen das Noͤthige und Nuͤtzliche, um Plane fuͤr das Entbehrliche zu machen; legen die Haͤnde in den Schooß, wo es Pflicht waͤre zu wuͤrken, um sich in Haͤndel zu mischen, die sie nichts angehn; reformieren die Welt, und vernachlaͤssigen ihre haͤuslichen Geschaͤfte; finden das Wichtigste zu klein, und das Abgeschmackteste erhaben; verstehen das Deutlichste nicht, und predigen das Unbegreif¬ liche. Vergehens stellst Du ihnen die Gruͤnde der gesunden Vernunft vor; Sie werden Dich als einen gemeinen Menschen, ohne Gefuͤhl, oh¬ ohne Sinn fuͤr das Große, verachten. Mitlei¬ den mit Deiner Weisheit haben, und sich lieber an ein Paar andre Narren von aͤhnlichem Schwunge schliessen, die in ihren Unsinn ein¬ stimmen. Ist Dir's also darum zu thun, einen solchen Schwaͤrmer von etwas zu uͤberzeugen, oder auch nur irgend in Ansehn bey ihm zu stehn; so muͤssen Deine Gespraͤche warm und feurig seyn, und Du musst mit eben so viel Enthusias¬ mus der gesunden Vernunft das Wort reden, als womit er die Sache seiner Thorheit verficht. Selten aber richtet man uͤberhaupt etwas mit solchen Menschen aus, und es ist am besten ge¬ than, der Zeit ihre Cur zu uͤberlassen. Indessen steckt zum Ungluͤcke Schwaͤrmerey an, wie der Schnupfen. Wer daher eine sehr lebhafte Ein¬ bildungskraft hat, und nicht ganz sicher von der Herrschaft seines Verstandes uͤber dieselbe ist, dem rathe ich, im Umgange mit Enthusiasten jeder Gattung, auf seiner Hut seyn. In diesem Jahrhunderte, in welchem die Wuth nach gehei¬ men Verbindungen, die fast alle auf solche Gril¬ len beruhen, so allgemein geworden ist, hat man sogar Mittel gefunden, alle Arten von religioser, theosophischer, chymischer und politischer, oder wer R 3 wer weiß von was fuͤr Schwaͤrmerey? in Sy¬ steme zu bringen. Ich mag nicht entscheiden, welche von diesen Gattungen die gefaͤhrlichste ist, halte aber doch dafuͤr, diejenigen, welche auf politische, halb phantastische, halb jesuitische Plane und auf Welt-Reformation hinausgehn, gehoͤren wohl wenigstens nicht zu den unschaͤd¬ lichsten Donchixoterien: ich glaube dies um so fester, da grade diese Art von Schwaͤrmer-Sy¬ stemen am mehrsten Verwirrung im Staate an¬ richten kann, und die blendendste Aussenseite zu haben pflegt, statt daß die uͤbrigen bald Lange¬ weile machen, und nur schiefe und mittelmaͤßige Koͤpfe dauerhaft beschaͤftigen. Man gewoͤhne sich daher, im Umgange mit den Aposteln solcher Systeme, die großen Woͤrter: Gluͤck der Welt, Freyheit, Gleichheit, Rechte der Menschheit, Cultur, allgemeine Aufklaͤrung, Bildung, Welt¬ buͤrgergeist, und dergleichen fuͤr nichts anders, als fuͤr Lockspeisen, oder hoͤchstens fuͤr gutge¬ meinte leere Worte zu nehmen, mit denen diese Leute spielen, wie die Schulknaben mit den ora¬ torischen Figuren und Tropen, welche sie in ih¬ ren magern Exercitien anbringen muͤssen. Kraft¬ Kraft-Genies und excentrische Leute lasse man laufen, so lange sie sich noch nicht gaͤnzlich zum Einsperren qualificieren! Die Erde ist so groß, daß eine Menge Narren neben einander Platz darauf haben. 27. Reden wir itzt ein Wort von Andaͤcht¬ lern, Froͤmmlern, Heuchlern und aber¬ glaͤubischen Leuten! Wem es mit seinen Empfindungen fuͤr die Religion, mit seiner Waͤrme fuͤr Gottes-Liebe, Gottes-Furcht und Gottes-Verehrung und mit seiner Anhaͤnglichkeit an die gottesdienstlichen Gebraͤuche der Kirche, zu welcher er sich in sei¬ nem Herzen bekennt, ein aufrichtiger Ernst ist; der hat die gegruͤndetesten Anspruͤche auf unsre Achtung. Sollte er auch das Wesen der Reli¬ gion, mehr als wir fuͤr gut halten, in bloßem Gefuͤhle, ohne allen Gebrauch seiner ihm von Gott verliehenen Leiterinn, der Vernunft, se¬ tzen; sollte auch, unsrer Meinung nach, eine erhitzte Phantasie sich in seine religioͤsen Em¬ pfindungen mischen; sollte er auch, zu anhaͤng¬ lich R 4 lich an gewisse Caͤremonien, Gebraͤuche und Systeme seyn; so verdient er, wenn er uͤbri¬ gens ein redlicher Mann, ein practischer Christ ist, Duldung, Schonung und Bruderliebe. Allein um desto verachtungswuͤrdiger ist ein Schuft, ein gleisnerischer Boͤsewicht, der hin¬ ter der Larve der Heiligkeit, Sanftmuth und Religiositaͤt, den wolluͤstigen Verfuͤhrer, den tuͤ¬ ckischen Verleumder, Aufruͤhrer, Anhetzer, rach¬ gierigen Boͤsewicht, oder den fanatischen Ver¬ folger versteckt. Beyde Arten von Leuten sind aber nicht schwer zu unterscheiden. Der fromme Edle ist grade, offen, still und heiter, nicht uͤber¬ trieben hoͤflich, nicht uͤbertrieben zuvorkommend, noch uͤbertrieben demuͤthig, aber liebevoll, einfach und zutraulich in seinem Betragen. Er ist nach¬ sichtig, milde und duldend, redet auch nicht viel, ausser mit vertraueten Freunden, uͤber religiose Gegenstaͤnde; der Heuchler hingegen pflegt suͤß, kriechend, schmeichelnd, immer auf seiner Hut, ein Sclave der Großen, ein Anhaͤnger der herr¬ schenden Parthey, ein Freund der Gluͤcklichen, nie ein Vertheydiger der Verlassenen zu seyn. Er fuͤhrt Rechtschaffenheit und Religion ohne Unterlaß im Munde, giebt seine reichen Almo¬ sen sen und erfuͤllt seine christlichen Liebes-Pflichten mit Geraͤusch und Aufsehn, tobt und schaͤumt uͤber den Gottlosen und Lasterhaften, oder ent¬ schuldigt fremde Fehler auf solche Weise, daß sie dadurch tausendfaͤltig vergroͤßert erscheinen. Huͤte Dich, Diesem auf irgend eine Weise in die Haͤnde zu fallen! Fliehe ihn! Tritt ihm nicht auf den Fuß! Beleidige ihn nicht, wenn Dir Deine Ruhe lieb ist! Aberglaͤubische Leute, die an Ammen-Maͤr¬ chen, Gespenster-Histoͤrchen und dergleichen haͤn¬ gen, sind nicht durch Gruͤnde der Philosophie und vernuͤnftige Zweifels-Erweckung von ihrem Wahne zu befreyen, am wenigsten aber durch De¬ clamationen, Persifflage und Ereiferung. Es ist da kein anders Mittel, als ihnen nicht eher zu wiedersprechen, bis man zugleich eine einzelne Thatsache strenge und kaltbluͤtig untersuchen, und sie mit eigenen Augen von dem Betruge oder Un¬ grunde uͤberzeugen kann, obgleich es wahrlich unbillig ist, daß man Dem, welcher eine uͤber¬ natuͤrliche Erscheinung behauptet, den Beweis erlaͤsst, und ihn Demjenigen auflegt, der die Rechte der Vernunft vertheydigt. 29. R 5 29. Nicht toleranter als die Froͤmmler pflegen ihre Gegenfuͤßler, die Deisten , Freygeister und Religions-Spoͤtter von gemeiner Art zu seyn. Ein Mann der ungluͤcklich genug ist, sich von der Wahrheit, Heiligkeit und Noth¬ wendigkeit der christlichen Religion nicht uͤber¬ zeugen zu koͤnnen, verdient Mitleiden, weil er ein sehr wesentliches Gluͤck, einen kraͤftigen Trost im Leben und Sterben entbehrt; Er verdient mehr als Mitleiden, er verdient Liebe und Ach¬ tung, wenn er dabey seine Pflichten als Mensch und Buͤrger, so viel an ihm ist, treulich erfuͤllt, und niemand in seinem Glauben irremacht; Wenn aber jemand, der aus boͤsem Willen, aus Verkehrtheit des Kopf oder des Herzens, ein Religions-Veraͤchter geworden, oder gar zu seyn nur affectirt, aller Orten Proseliten zu werben sucht, oͤffentlich mit schaalem Witze oder nachgebetheten voltairischen Floskeln der Lehren spottet, auf welche andre Menschen ihre einzige Hofnung, ihre zeitliche und ewige Gluͤckselig¬ keit bauen; Wenn er Jeden verfolgt, verachtet, schimpft, Jeden einen Heuchler oder heimlichen Jesuiten schilt, der nicht wie Er denkt; so ist ein ein solcher boͤsartiger Thor unsrer Verachtung werth, ist werth, daß man ihm diese Verach¬ tung zeige, waͤre er auch ein noch so vornehmer Mann; und wenn man es fuͤr vergebliche Muͤhe haͤlt, seinem Gewaͤsche ernsthafte Gruͤnde ent¬ gegen zu setzen; so stopfe man ihm wenigstens, wenn es irgend moͤglich ist, sein Laͤstermaul! 30. Ueber die Art, wie man schwermuͤthige , tolle , und rasende Menschen behandeln muͤsse, sollte billig ein philosophischer Arzt ein eigenes Werk schreiben. Dieser Mann muͤsste Leute von der Art in und ausser den Hospitaͤ¬ lern aufsuchen, dieselben genau und in verschie¬ denen Jahrszeiten und Mond-Veraͤnderungen beobachten, und aus den Resultaten dieser Un¬ tersuchungen ein ganzes System ausarbeiten. Mir fehlt es an der Menge von Thatsachen, so wie an medicinischen Kenntnissen dazu, und hier wuͤrde eine weitlaͤufige Abhandlung uͤber diesen Gegenstand auch zu viel Raum wegneh¬ men, nachdem ich schon so manches Blatt mit Bemerkungen uͤber den Umgang mit nicht ein¬ gesperrten Narren angefuͤllt habe. Also nur wenig Zeilen daruͤber! Der Der wichtigste Punct scheint bey solchen Kranken anfangs der zu seyn, daß man die er¬ ste Quelle ihres Uebels aufsuche, daß man be¬ wahrheite, ob und wie dieselbe, durch Zerruͤt¬ tung einzelner coͤrperlicher Werkzeuge, oder durch Gemuͤthslagen, heftige Leidenschaften, oder Un¬ gluͤcksfaͤlle entstanden. Zu diesem Endzwecke muß man Acht darauf geben, womit sich ihre Phantasie in den Augenblicken der Raserey oder Verwirrung und ausser denselben beschaͤftigt, worauf ihre Einbildungskraft bruͤtet. Da wuͤrde sich's dann zeigen, daß man um diese Ungluͤck¬ lichen nach und nach zu heilen, mehrentheils nur auf einen einzigen Punct zu wuͤrken, in ihnen auf vorsichtige Weise nur eine einzige herrschende Grille zu zerstoͤhren oder zu modifi¬ cieren brauchte. Ferner wuͤrde es wichtig seyn, darauf Acht zu geben, welche Art von Wetter- Veraͤnderung, Jahrszeit und Mond-Wandelung Einfluß auf ihre Krankheit haͤtte, um die gluͤckli¬ chen Augenblicke zur Behandlung zu nuͤtzen. Endlich habe ich bemerkt, daß das Einsperren und jede harte Verfahrungsart fast immer das Uebel aͤrger macht. Ich muß bey dieser Gele¬ genheit mit wahrem, aufrichtigem Lobe der Ein¬ rich¬ richtung Erwaͤhnung thun, welche im Tollhause in Frankfurth am Mayn herrscht, und welche ich vielfaͤltig zu beobachten Gelegenheit gefunden habe. Man laͤsst dort die Wahnsinnigen, wenn es nur irgend ohne Gefahr geschehn kann, we¬ nigstens in den Jahrszeiten, von welchen man weiß, daß alsdann ihre Tollheit weniger heftig ist, unter unmerklicher Beobachtung, frey im Hause und Garten herumgehn, und der Zucht¬ meister verfaͤhrt so sanft und liebreich mit ih¬ nen, daß Viele derselben nach einigen Jahren voͤllig geheilt wieder herauskommen, und eine groͤßere Anzahl wenigstens nur melancholisch bleibt und allerley Handarbeit zu verrichten im Stande ist, indeß diese Menschen in manchen andern Hospitaͤlern durch Einsperren und Haͤrte vielleicht im hoͤchsten Grade wuͤthend geworden seyn wuͤrden. Man kann aber auch schwache Menschen stufenweise um ihren Verstand bringen, wenn man eine heftige Leidenschaft, von welchen sie regiert werden, sey es Liebe, Hochmuth oder Ei¬ telkeit, naͤhrt, reizt und dann wieder kraͤnkt. Zwey solcher elenden Geschoͤpfe erinnere ich mich ge¬ gesehn zu haben. Der Eine trug ein Hofnar¬ ren-Kleid an dem Hofe des Fuͤrsten von * * *. Er war in der Jugend ein Mensch von feinem Kopfe, guten Anlagen und voll Witz gewesen; Noch loderten davon in ruhigen Augenblicken Flammen hervor. Er hatte studieren sollen, aber nichts gelernt, sondern sich einem liederli¬ chen Leben uͤberlassen. Als er darauf in sein Va¬ terstaͤdtgen zuruͤckkam, behandelte man ihn als einen unwissenden Muͤßiggaͤnger, und er selbst fuͤhlte, daß er weiter nichts war. Er hatte aber einen ungeheuren Hochmuth, und war nicht gaͤnzlich arm. Von seiner Familie und den Leu¬ ten seines Standes verstoßen, fing er nun an, mit den Hof-Officianten des Fuͤrsten von * * * sich herumzutreiben. Seine lustigen Einfaͤlle zogen sogar die Aufmerksamkeit dieses fast sehr muntern Herrn auf ihn. Er wurde bald ver¬ trauet mit demselben und mit dem ganzen Hofe, wodurch anfangs seine Eitelkeit gekitzelt wurde; Doch endigte sich das natuͤrlicher Weise damit, daß man ihn misbrauchte und als einen privi¬ legierten Spaßmacher betrachtete. Dies war indessen immer noch eine Art von Existenz, die ihn behagte, so lange das Ding in gewissen Schran¬ Schranken blieb, und es ihm erlaubt war, auf vertraulichem Fuße mit vornehmen Leuten um¬ zugehn, und ihnen zuweilen derbe Wahrheiten zu sagen. Weil Diese aber sich nicht umsonst so weit herablassen wollten, auch nicht zu aller Zeit gleich gut aufgelegt waren, seinen Witz, der zuweilen in das Grobe fiel, aufzunehmen; so erfuhr er Demuͤthigungen aller Art, bekam zuweilen Schlaͤge, und konnte doch nun nicht mehr zuruͤck, indem ihm seine Verwandten und Bekannten in der Stadt mit aͤusserster Verach¬ tung begegneten, und sein kleines Vermoͤgen geschmolzen war — Und so sank er denn immer tiefer. Er wurde gaͤnzlich abhaͤngig vom Hofe; der Fuͤrst ließ ihm eine buntschaͤckigte Kleidung machen, und es war kein Kuͤchenjunge im Schlosse, der nicht das Recht zu haben glaubte, einen Spaß von ihm zu begehren, oder ihm fuͤr einen Schoppen Wein einen Nasenstuͤber zu geben. Aus Verzweiflung berauschte er sich nun taͤglich, und war er ja einmal nuͤchtern; so nagten die Vorstellung seiner fuͤrchterlichen Lage, das Ge¬ fuͤhl der unedelen Rolle, welche er spielte, die Anstrengung neue Spaͤße zu erfinden, um nicht auf immer verstoßen zu werden, und sein auf¬ wa¬ wachender Hochmuth an seiner Seele, indeß er seinen Coͤrper durch Ausschweifungen zerruͤttete. Er wurde wuͤrklich ein Narr, und einmal so ra¬ send, daß man ihn ein halbes Jahr hindurch an der Kette verwahren musste. Als ich ihn sahe, war er ein alter Mann, trieb sich in einem arm¬ seligen Zustande umher, wurde als ein verruͤck¬ ter Mensch angesehn, war aber mehr ein Ge¬ genstand des Wiederwillens, als des Mitleidens, und hatte doch noch helle Augenblicke, in wel¬ chen er ungewoͤhnlichen Scharfsinn, Witz und Genie verrieth, auch, wenn er einen halben Gulden erbetteln wollte, auf eine so feine Weise zu schmeicheln, und mit so schlauer Menschen¬ kenntniß die schwachen Seiten der Leute zu fassen verstand, daß ich nicht wusste, ob ich nicht mehr uͤber die Leute, die ihn so tief hinabgesto¬ ßen hatten, als uͤber seine Verirrungen seufzen sollte. Der andre Mensch, von welchem ich reden wollte, war einstens Verwalter auf einem ade¬ lichen Gute gewesen, nachher aber in Pension gesetzt worden. Da nun solchergestalt die Herr¬ schaft nichts mit ihm anzufangen wusste; so trieb trieb sie ihren Spaß mit ihm, indem er sehr dumm und zugleich hochmuͤthig und verliebt war. Sie nannten ihn Fuͤrst, gaben ihm einen Orden, liessen erdichtete Briefe von hohen Po¬ tentaten an ihn schreiben, in welchen ihm ent¬ deckt wurde: daß er eigentlich aus einem großen Hause abstamme, aber in seiner Jugend entfuͤhrt worden sey; daß der Großsultan, welcher un¬ rechtmaͤßigerweise seine Laͤnder besaͤße, ihm nach dem Leben trachtete; daß eine griechische oder he¬ braͤische Prinzessinn in ihn verliebt sey, und dergleichen mehr. Es mussten lustige Freunde, als Gesandten verkleidet, in Unterhandlungen mit ihm treten — Und kurz! nach wenig Jah¬ ren brachte man es dahin, daß der arme Tropf wuͤrklich verruͤckt wurde, und alle diese Thor¬ heiten glaubte. Ich enthalte mich aller Anmerkungen uͤber diese beyden Geschichten; Der Leser wird sie, ohne meine Anweisung machen koͤnnen. Eilf¬ (Zweiter Th.) S Eilftes Capittel. Ueber das Betragen bey verschiedenen Vorfaͤllen im menschlichen Leben. 1. I ch habe bey mancher Gelegenheit Gegenwart des Geistes und Kaltbluͤtigkeit, als Haupt-Er¬ fordernisse zu allen Geschaͤften und Verrichtun¬ gen im menschlichen Leben, empfohlen; Nirgends aber sind uns diese Eigenschaften nothwendiger, als in Vorfaͤllen, wo wir, oder Andre in augenscheinlicher Gefahr schweben. Hier haͤngt die ganze Rettung in critischen Augenbli¬ cken zuweilen von einem raschen Entschlusse ab. Halte Dich daher nicht mit Geschwaͤtzen auf, wo es Noth ist, zu handeln! Unterdruͤcke Dein zu zartes Gefuͤhl, und winsele nicht, wo Du zugreifen solltest! Sey Dir gegenwaͤrtig in Feuer- und Wassers-Noth und dergleichen, wo man oft alles verliehrt, wenn man den Kopf verliehrt, wo Die, welche wir retten koͤnnen, zuweilen gezwungen werden muͤssen, sich uns zu uͤberlassen! Vorzuͤglich wichtig wird diese Gegenwart des Geistes auch dann, wenn man ohn¬ ohnerwartet von Dieben oder Moͤrdern ange¬ griffen wird. Raͤuber und Banditen sind fast immer entweder furchtsam, oder, wenn Ver¬ zweiflung sie berauscht, nicht genug auf ihrer Hut, auf ernsthaften, foͤrmlichen Wiederstand nicht vorbereitet. Ein entschlossener, kaltbluͤtiger Mann ist da staͤrker, als zehn solcher Elenden, die ihn angreifen. Hier muß aber wohl uͤber¬ legt werden, ob es Schaden oder Nutzen stiften koͤnne, sich mit Schieß- oder anderm Gewehre zu vertheidigen, oder nicht; ob es gerathener sey, Lerm zu machen, oder sich in sein Schicksal zu finden, der Uebermacht zu weichen, und mit Hingebung seines Mammons sein Leben zu er¬ kaufen. Es lassen sich daruͤber ohnmoͤglich all¬ gemeine Regeln geben. Um aber auf jeden die¬ ser Faͤlle sich gefasst zu halten, rathe ich, bey kaltem Blute sich in dergleichen Lagen hineinzu¬ denken, und sich dann dienliche Maßregeln vor¬ zuschreiben. Ich halte es auch fuͤr einen wich¬ tigen Theil der Erziehung, seine Kinder zuwei¬ len nicht nur durch Fragen, wie sie sich bey sol¬ chen Gelegenheiten betragen wuͤrden, aufmerk¬ sam auf unerwartete Vorfaͤlle aller Art zu ma¬ chen, sondern sie auch zuweilen in wuͤrkliche klei¬ S 2 kleine Verlegenheiten zu setzen, um sie an Gegen¬ wart des Geistes zu gewoͤhnen, und sie auf die Probe zu stellen. 2. Ich habe einmal den Wunsch geaͤussert, es moͤgte jemand, statt die ungeheure Anzahl von Beschreibungen großer und kleiner Reisen durch alle Winkel von Teutschland zu vermehren, ein Werk drucken lassen, in welchem er Vorschriften gaͤbe, wie man sich im Allgemeinen zu betragen haͤtte, um wohlfeiler, angenehmer und nuͤtzli¬ cher zu reisen, sodann darinn sagte, in welchen Provinzen zu Wagen, in welchen aber zu Pferde besser fortzukommen waͤre, und so ferner. Ste¬ hen auch Bemerkungen daruͤber zerstreuet in sol¬ chen nuͤtzlichen Werken, als zum Beyspiel in des Herrn Nicolai Reisebeschreibung; so wuͤrde dennoch ein Buch, in welchem diese Vorschriften gesammelt waͤren, meiner Meinung nach, nicht uͤberfluͤssig seyn. In einer Schrift uͤber den Umgang mit Menschen kann nur ein geringer Theil dieser Regeln Platz finden; doch darf ich diesen Gegenstand auch nicht ganz mit Still¬ schweigen uͤbergehn; Also nur einige einzelne An¬ Anmerkungen uͤber das Betragen auf Reisen ! Es ist weise gehandelt, bevor man ausreist, aus Buͤchern oder muͤndlichen Erzaͤhlungen, sich genau von dem Wege, den man nehmen will, von Demjenigen, was unterwegens und in den Oertern, die man besuchen moͤgte, zu bemerken, zu beobachten und zu vermeiden ist, nicht weni¬ ger von den Preisen und den unvermeidlichen Geld-Ausgaben zu unterrichten, damit man we¬ der betrogen werde, noch in Verlegenheit gera¬ the, noch etwas zu sehn versaͤume, das der Auf¬ merksamkeit werth scheint. Man verrechnet sich leicht in seinen Ueber¬ schlaͤgen der Reisekosten; Ich rathe daher nicht nur, nach gemachtem Etat, sich immer etwa auf ein Drittel mehr gefasst zu halten, als die gezogene Summe betraͤgt, sondern auch besorgt zu seyn, daß man in den Haupt-Oertern, durch welche man koͤmmt, an sichre Maͤnner addres¬ siert sey, oder sonst Mittel habe, im Fall un¬ vorhergesehene Umstaͤnde eintreten, sich aus der Verlegenheit zu reissen. In S 3 In manchen Gegenden, besonders im Rei¬ che, ist es vortheilhafter, und geht dennoch eben so schnell, (besonders, wenn man nur wenig Ta¬ gereisen macht, bevor man sich in einer Stadt verweilt) sich durch sogenannte Hauderer oder Miethkutscher fahren zu lassen; in andern hin¬ gegen koͤmmt man am besten mit Postpferden fort. Im erstern Falle ist es nicht gut, einen eigenen Wagen zu haben, wenigstens ist dann selten Vortheil dabey. Es giebt aber auch Land¬ schaften, in welchen man am bequemsten und nuͤtzlichsten zu Pferde reist, und andre, wo man seinen Zweck am vollkommensten erreicht, wenn man zu Fuße wandert. Leute von gewissem Stande pflegen Tag und Nacht fortzurollen, ohne sich unterwegens aufzuhalten. Dies mag recht gut seyn, wenn man die theuren Zehrungen in den Wirthshaͤu¬ sern ersparen will, wenn man eilig ist, um den Ort seiner Bestimmung zu erreichen, oder wenn man mit den Gegenden, welche man durchreist, schon so bekannt geworden, daß man da nichts mehr sehn kann, das unsrer Beobachtung werth waͤre. Ausser dem aber rathe ich lieber kleine Rei¬ Reisen aufmerksam zu unternehmen, als große, auf denen man bis in die Hauptstaͤdte hinein nur Postmeister und Postknechte kennen lernt. Auch mische man sich, wenn es uns ein Ernst ist, unsre Menschen- und Laͤnder-Kennt¬ niß zu erweitern, unter Personen von allerley Staͤnden! Die Leute von gutem Tone sehen einander in allen europaͤischen Staaten und Re¬ sidenzen aͤhnlich, aber das eigentliche Volk, oder noch mehr der Mittelstand, traͤgt das Gepraͤge der Sitten des Landes. Nach ihnen muß man den Grad der Cultur und Aufklaͤrung beurtheilen. Nicht in allen Provinzen von Teutschland sind Wege und Post-Anstalten gleich gut. Man muß dies in genaue Erwaͤgung ziehn, und dar¬ nach seine Verfuͤgungen treffen, besonders wenn uns daran gelegen ist, schnell fortzukommen. Zum Reisen gehoͤrt Geduld, Muth, guter Humor, Vergessenheit aller haͤuslichen Sorgen, und daß man sich durch kleine widrige Zufaͤlle, Schwierigkeiten, boͤses Wetter, schlechte Kost und dergleichen nicht niederschlagen lasse. Dies ist S 4 ist doppelt zu empfehlen, wenn man einen Ge¬ sellschafter bey sich hat; denn nichts ist langwei¬ liger und verdrießlicher, als mit einem Manne zu reisen und in Einem Kasten eingesperrt zu sitzen, der stumm und muͤrrischer Laune ist, bey der geringsten unangenehmen Begebenheit aus der Haut fahren will, uͤber Dinge jammert, die nicht zu aͤndern sind, und in jedem kleinen Wirthshause so viel Gemaͤchlichkeit, Wohlleben und Ruhe fordert, als er zu Hause hat. Das Reisen macht gesellig; Man wird da mit Menschen bekannt und auf gewisse Weise vertraut, die wir ausserdem schwerlich zu Ge¬ sellschaftern waͤhlen wuͤrden; das ist auch weiter von keinen Folgen, und ich brauche wohl uͤbri¬ gens nicht zu erinnern, daß man sich huͤten muͤs¬ se, in der Vertraulichkeit gegen Fremde, die man unterwegens antrifft, zu weit zu gehn, und dadurch Abentheurern und Spitzbuben in die Haͤnde zu fallen. Ich rathe niemand, sich auf Reisen einen fremden Namen zu geben; Man kann dadurch, ehe man sich's versieht, in große Verlegenheit ge¬ gerathen, und selten ist es noͤthig und nuͤtzlich, ein solches Incognito zu beobachten. Manche Leute suchen etwas darinn, auf Reisen zu prahlen, viel Geld zu verzehren, glaͤnzen zu wollen, und praͤchtig gekleidet zu seyn. Das ist eine thoͤrichte Eitelkeit, die sie in den Wirthshaͤusern theurer buͤßen muͤssen, ohne fuͤr ihr Geld mehr zu erhalten, als der ein¬ fache Reisende. Niemand erinnert sich weiter des Fremden, der so viel Aufwand gemacht hat, wenn Dieser weiter gereist, und nichts mehr von ihm zu ziehn ist. Doch ist es der Klugheit gemaͤß, anstaͤndig, und was man in Nieder¬ sachsen rechtlich nennt, in seinem Aufzuge zu seyn, sich nicht zu vornehm und nicht zu demuͤ¬ thig, nicht zu reich und nicht zu arm stellen, weil man sonst, in beyden Extremitaͤten, leicht entweder fuͤr einen unwissenden Pinsel, dessen erste Ausflucht dies ist, und den man also nach Gefallen prellen kann, oder fuͤr einen gewaltig vornehmen Herrn, von dem etwas zu ziehn ist, oder fuͤr einen Aventurier angesehn wird, dem man aus dem Wege gehn, und der mit schlech¬ ter Bewirthung vorliebnehmen muß. Man S 5 Man spare auf der Reise nicht am unrechten Orte! So gebe man, zum Beyspiel, den Po¬ stillons zwar nicht uͤbertriebene, aber doch, nach den Umstaͤnden reichliche Trinkgelder! Sie sa¬ gen sich das Einer dem Andern auf den Statio¬ nen wieder; man koͤmmt dann schneller fort, und hat manche Vortheile davon. Teutsche Posthalter, Wagenmeister und Postknechte pflegen in dem Ruf einer ausgezeich¬ neten Grobheit zu seyn. Es koͤmmt aber alles auf die Art an, wie man mit ihnen umgeht, und ein ernsthaftes, von einer gewissen Wuͤrde begleitetes Betragen und, wo es anzubringen ist, ein freundliches Wort, das wird bey diesen Leuten selten ohne gute Wuͤrkung angewendet. Wenn man an dem Wagen etwas zerbricht, so sind mehrentheils in den Staͤdten die Hand¬ werksleute sogleich bey der Hand, verstehen sich auch wohl mit den Postillons, um den Scha¬ den fuͤr viel groͤßer auszugeben, als er ist, und desto mehr Geld von uns zu ziehn. Ich rathe desfalls, bey solchen Gelegenheiten alles selbst zu untersuchen, oder durch treue Bedienten un¬ ter¬ tersuchen zu lassen, bevor man Befehle zur Aus¬ besserung giebt. Die Postknechte sind groͤßtentheils von den Gastwirthen bestochen, oder ein Wirth verabredet sich mit dem andern in der nahe gelegenen Stadt, um den Fremden gewisse Gasthoͤfe zu empfehlen, die darum aber weder immer die besten, noch die wohlfeilsten sind. Es ist daher vernuͤnftig, sich hierauf nicht zu verlassen, sondern sich bey an¬ dern sichern Leuten zu erkundigen, wo man am besten und billigsten behandelt wird. Die Bedienten, die man mit sich auf Rei¬ sen nimt, sollen wohl darauf Acht geben, daß die Postknechte, welche mit den Pferden zuruͤck¬ reiten, nicht, wie es vielfaͤltig geschieht, Schwen¬ gel, Naͤgel oder andre Kleinigkeiten, die zum Wagen gehoͤren, mitnehmen. Auch pflegen Diese mit den Chaussee-Aufsehern durchzustecken, an den Weghaͤusern vorbey zu fahren, unter dem Vorwande, uns nicht aufhalten zu wollen, nachher aber eine Rechnung zu machen, vermoͤge deren wir doppelt so viel bezahlen muͤssen, als festgesetzt ist, und man gegeben haben wuͤrde, wenn wenn man das Weggeld jedesmal selbst entrich¬ tet haͤtte. Es ist eine Gewohnheit der Postknechte, in allen Staͤdten rasch zu fahren; eine Gewohn¬ heit, die ihren Nutzen hat, und gegen welche man nicht eifern soll. Ist nemlich an der Kut¬ sche etwas zerbrechlich; so wuͤrde es besser seyn, wenn es da vollends braͤche und risse, wo die Huͤlfe nahe ist, als auf ofner Straße. Haͤlt aber das Fuhrwerk die Probe des Rasselns auf dem Steinpflaster aus; so kann man hoffen, damit an Ort und Stelle zu kommen. Es ist eine Regel der Klugheit, vorher mit Handwerksleuten auf das Genaueste zu accordie¬ ren, bevor man etwas ausbessern laͤsst, oder sonst Dinge, die zur Bequemlichkeit dienen, an fremden Oertern anschafft. Wenn der Gastwirth uͤbermaͤßig viel fuͤr die Zehrung fordert, und sich nicht auf einen starken Abzug einlassen will; so thut man doch nicht wohl, ihm schriftliche Rechnung und genaue Specification jedes einzelnen Puncts ab¬ abzufordern, es muͤsste denn der Muͤhe werth seyn, ihn bey der Policey zu belangen. Faͤngt er an aufzuschreiben; so rechnet er immer noch mehr heraus, als er anfangs gefordert, und wer kann denn mit einem solchen Taugenichts uͤber die Preise der Lebensmittel sich herumzanken? Die Wirthe fragen uns gemeiniglich: was wir zu essen befehlen? — Das ist ein Kunst¬ griff, durch den man sich nicht fangen zu lassen braucht; Denn bestellt man nun etwas, zum Beyspiel, ein Huhn, einen Pfannekuchen, oder dergleichen; so muß man dies Gericht und noch obendrein eine gewoͤhnliche Malzeit bezahlen. Man thut da am besten, zu antworten: man verlange nichts, als was grade im Hause, oder schon zubereitet sey. Auch rathe ich, — ausge¬ nommen in so großen Gasthoͤfen, als etwa in Frankfurth am Mayn bey meinem ehrlichen Krug, Herrn Dick, Fritsch, und in andern sol¬ chen Haͤusern — keine fremde Weine, sondern nur gemeinen Tischwein zu begehren. Es koͤmmt doch alles aus dem nemlichen Fasse, nur mit dem Unterschiede, daß das, was man uns als alten oder fremden Wein verkauft, kostbare¬ res res Gift ist, als das, womit man uns am all¬ gemeinen Wirthstische versorgt. Und selbst an dieser Wirthstafel zu speisen, ist gewiß fuͤr einen einzelnen Reisenden wohlfeiler und unterhalten¬ der, als auf seinem Zimmer seiner eigenen Person gegen uͤber zu sitzen. Wenn Postmeister, in Laͤndern, wo keine gute Post-Ordnung herrscht, uns mehr Pferde aufdringen wollen, als billig, und zu Fortschaf¬ fung unsers Fuhrwerks noͤthig ist, sey es nun unter dem Vorwande von schlechten Wegen, boͤ¬ ser Jahrszeit, oder daß unsre Kutsche zu schwer sey; so hilft es selten, wenn man sich auf's Bitten legt, oder sein Recht, auf eben solche Weise weiter befoͤrdert zu werden, als man ge¬ kommen ist, strenge behaupten will; denn jene Leute wissen wohl, daß einem Fremden mehr daran gelegen ist, nicht aufgehalten zu werden, als sich zu verweilen, um einen Proceß bey dem Ober-Postamte zu fuͤhren. Da indessen das Vorspannen mehrerer Pferde Folgen fuͤr alle uͤbri¬ gen Stationen hat: so pflegen sich die Posthal¬ ter, wenn sie recht hoͤflich sind, zu erbiethen, uns einen schriftlichen Schein auszustellen, daß dies dies weiter nicht von Consequenz seyn solle. Hierauf aber lasse man sich nicht ein! Dies Do¬ cument hat keinen Nutzen; Auf der naͤchsten Station wird man uns, wenn grade ein Paar Pferde muͤssig stehen, nichts desto weniger eben so viele vorspannen, und uns wiederum einen Schein anbiethen, der eben so unwuͤrksam bleiben wuͤrde, als der erste. Das sicherste Mittel in solchen Faͤllen ist, entweder dem Wagenmeister ein gutes Trinkgeld zu geben, und den Postillon, welcher fahren soll, auf eben diese Art zu gewin¬ nen, oder aber ein oder zwey Pferde mehr zu bezahlen, ohne sie vorspannen zu lassen. Wenn man Wasser- Reisen auf Stroͤhmen macht, oder Hausrath auf diese Weise fortbrin¬ gen laͤsst; so baue man nie auf die Versprechun¬ gen der Schiffer, in Ansehung der Zeit, binnen welcher sie an Ort und Stelle seyn wollen! Sie halten sich mehrentheils unterwegens auf, um noch mehr Fracht zu ihrem Profit aufzunehmen, oder Schleichhandel zu treiben, wenn sie heim¬ lich Kaufmannsguͤter mit eingeladen haben; es muͤsste denn uͤber dies alles der buͤndigste schrift¬ liche Contract aufgesetzt seyn. Wer Wer zu Pferde reist, sey es nun mit oder ohne Reitknecht, der darf sich nicht auf die Leute in den Wirthshaͤusern in Ansehung der Verpfle¬ gung seiner Cavallerie veranlassen, sondern muß selbst besorgt seyn, oder seine Bedienten dazu an¬ halten, daß die Pferde in einem guten, reinen und gesunden Stalle, von fremden Gaͤulen ge¬ trennt, gehoͤrig gewartet und gefuͤttert werden. Man unternehme keine weite Reise auf Miethkleppern, wenn man nicht zuverlaͤssig weiß, daß die Pferde gesund und gut sind, ein Paar Tage vorher geruht haben, und frisch fortgehen; Denn, wenngleich die Pferde-Verleyher sehr ernsthaft zu bitten pflegen: man moͤge ja dem Gaule mit den Sporren nicht zu nahe kommen; er sey gewaltig feurig; so sind doch diese feuri¬ gen Bucephalen oft mit Sporren, Peitschen und Verwuͤnschungen nicht aus der Stelle zu bringen. Das Fußgehn ist gewiß die angenehmste Art zu reisen. Man geniesst die Schoͤnheiten der Natur; Man kann sich ohnerkannt unter allerley Leute mischen, beobachten, was man aus¬ ausserdem nicht erfahren wuͤrde; Man ist un¬ gebunden; kann das freundlichste Wetter und den schoͤnsten Weg waͤhlen; sich aufhalten, ein¬ kehren, wenn und wo man will; Man staͤrkt den Coͤrper; wird weniger erhitzt und geruͤttelt; hat Apetit, hat Schlaf, und ist, wenn Muͤdigkeit und Hunger der Bewirthung das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden. Ich bin auf diese Weise einige Kreise von Teutsch¬ land verschiedenemal durchwandert, und habe unter andern auf solche Art die erste genauere Bekanntschaft mit dem Paradiese von Teutsch¬ land, mit der schoͤnen Pfalz gemacht. Hier wurde der Entschluß in mir reif, eine Zeitlang mich da niederzulassen, wo ich nachher vier Jahre hin¬ durch so manche gluͤckliche Stunde in der herr¬ lichsten Gegend, an der Seite edler Menschen und unvergeßlich lieber Freunde, verlebt habe, denen ich hier dies kleine Opfer treuer, dankba¬ rer Hochachtung bringe. Aber ich habe doch auch gefunden, daß diese Art zu reisen in Teutsch¬ land mit einiger Schwierigkeit verknuͤpft ist. Zuerst hat man die Ungemaͤchlichkeit, nur wenig Kleidungsstuͤcke, Buͤcher, Schriften und so fer¬ ner mit sich fuͤhren zu koͤnnen. Diesem kann man (Zweiter Th. ) T man indessen dadurch einigermaßen abhelfen, daß man, was etwa ein Bothe nicht tragen kann, mit der Post in die Haupt-Oerter schickt, durch welche man reisen will. Allein eine zweyte Unbequemlichkeit besteht darinn, daß diese, in Teutschland fuͤr einen Mann von Stande unge¬ woͤhnliche Art zu reisen, zu viel Aufmerksamkeit erregt, und daß die Gasthalter nicht eigentlich wissen, wie sie uns behandeln sollen. Ist man nemlich besser gekleidet, als gewoͤhnliche Fu߬ gaͤnger; so haͤlt man uns entweder fuͤr verdaͤch¬ tige Menschen, fuͤr Abentheurer, oder fuͤr Geizhaͤlse; Man wird beobachtet, ausgefragt, und mit Einem Worte! man passt nicht in den Tarif, nach welchem die Wirthe ihre Fremden zu taxieren pflegen. Ist man aber schlecht ge¬ kleidet; so wird man, wie ein reisender Hand¬ werkspursche, in Dachstuͤbchen und schmutzige Betten einquartirt, oder man muß jedesmal weitlaͤuftig erzaͤhlen, wer man ist, und warum man nicht mit Kutschen und Pferden erscheint. Bey Fußreisen ist die Gesellschaft eines ver¬ staͤndigen und muntern Freundes vorzuͤglich angenehm. Man Man verlasse sich nicht auf die Bauern, wenn sie uns Fußwege anzeigen, die naͤher als die gewoͤhnlichen seyn sollen! So wie uͤberhaupt diese Menschen voll Vorurtheile und Anhaͤng¬ lichkeit an alte Gewohnheiten sind; so gehen sie auch immer die Wege, die vom Vater auf den Sohn herab, als die naͤchsten sind anerkannt wor¬ den, ohne daß sie Augenmaß und Ueberlegung gebrauchen, um die Irthuͤmer ihrer Voreltern zu berichtigen. 3. Ich komme jetzt zu dem Umgange mit be¬ trunkenen Leuten . Der Wein erfreuet des Menschen Herz, und wenn man dies Vehiculum nicht als ein nothwendiges Beduͤrfniß, ohne welches man durchaus nicht in frohe Laune zu setzen ist, sondern als ein Erweckungsmittel braucht, um in truͤben Augenblicken den natuͤr¬ lichen guten Humor, der nie ganz aus dem Ge¬ muͤthe eines ehrlichen Biedermanns weichen darf, unter dem Schutte von haͤuslichen Sor¬ gen hervorzurufen; so habe ich nichts dagegen einzuwenden, sondern gestehe vielmehr, daß ich selbst die wohlthaͤtige Wuͤrkung dieser herrlichen Arzeney aus dankbarer Erfahrung kenne. Al¬ T 2 lein lein kein Anblick ist so wiedrig fuͤr den verstaͤn¬ digen Mann, als der eines Menschen, welcher sich durch starke Getraͤnke um Sinne und Ver¬ nunft gebracht hat. Wenn dies aber auch nicht der Fall ist; — so bleibt es schon unangenehm, der Einzige ganz Kaltbluͤtige in einer Gesell¬ schaft von Leuten zu seyn, die sich durch ein Glaͤschen uͤber die Gebuͤhr um einen Ton hoͤher gestimmt haben; und wenn man so den Tag mit ernsthaften Geschaͤften hingebracht hat, und dann von ohngefehr des Abends in einen Cirkel von solchen muntern Gaͤsten geraͤth; so ist fast kein anders Mittel zu finden, oder man muͤsste denn von Natur immer zum Scherze aufgelegt seyn, als ein wenig mit zu zechen, um sich den nemlichen Schwung zu geben. Die Wuͤrkungen des Weins auf die Gemuͤ¬ ther der Menschen sind aber, nach ihren natuͤr¬ lichen Temperamenten, sehr verschieden. Man¬ che zeigen sich aͤusserst lustig; Andre sehr zaͤrt¬ lich, wohlwollend und offenherzig. Andre me¬ lancholisch, schlaͤferig, verschlossen; Andre hin¬ gegen geschwaͤtzig, und noch Andre zaͤnkisch, wenn sie berauscht sind. Man thut wohl, der Ge¬ Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen von dieser letztern Art in Gesellschaft zu gera¬ then. Ist dies aber nicht zu vermeiden; so kann man doch darinn mehrentheils mit einem vorsichtigen, nachgebenden und hoͤflichen Betra¬ gen, und dadurch, daß man ihnen nicht wieder¬ spricht, so ziemlich gut fortkommen. Daß man auf das, was ein Mensch im Rausche verspricht, nicht bauen duͤrfe; daß man sich doppelt ernst¬ lich huͤten muͤsse, eine Ausschweifung im Trunke zu begehn, wenn man weiß, daß man einen boͤ¬ sen Rausch hat; daß es unedel gehandelt sey, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nuͤtzen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken, und endlich, daß man mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschauet haben, keine ernsthafte Sachen verhandeln muͤsse — das ver¬ steht sich wohl von selbst. Zwoͤlf¬ T 3 Zwoͤlftes Capittel. Ueber die Art, mit Thieren umzugehn. 1. I n einem Buche uͤber den Umgang mit Men¬ schen scheint wohl freylich ein Capittel uͤber die Art, mit Thieren umzugehn, nicht an seinem Platze. Allein, was ich hieruͤber zu sagen habe, ist so wenig, und hat doch im Ganzen so viel Bezug auf das gesellschaftliche Leben uͤberhaupt, daß ich hoffen darf, man wird mir diese kleine Ausschweifung guͤtigst verzeyhn. 2. Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes — Das ist ein vortreflicher Spruch! ja! der edle, der gerechte Mann martert kein lebendiges We¬ sen. Wenn doch die hartherzigen, grausamen, oder, um billiger zu urtheilen, zum Theil nur leichtsinnigen, verwilderten Menschen, deren Augen sich an der Quaal eines rastlos umher¬ getriebenen Hirsches, oder an der Todesangst eines in dem Schauplatze der Barbarey auf den Tod gehetzten Viehes weiden koͤnnen; wenn die Un¬ Unbesonnenen, die mit dem Leben eines armen Geschoͤpfs, das in ihre kindischen Haͤnde faͤllt, wie mit einem Balle spielen, Fliegen und Kaͤ¬ fern Beine ausreissen, oder sie spiessen, um zu sehn, wie lange ein also leidendes Thier in con¬ vulsivischer Pein fortleben kann; Wenn die vornehmen Muͤßiggaͤnger, die, um die Ehre zu haben, am schnellsten der lieben Langeweile in den Rachen zu reiten oder zu fahren, ihre armen Pferde auf den Tod jagen; wenn Diese und Alle, die nicht erweicht werden durch den An¬ blick der geaͤngsteten, duldenden, von dem grau¬ samsten aller Raubthiere, von dem Menschen, mit kaltem Blute, nicht aus Hunger, sondern aus Muthwillen nur gemarterten Creatur; nicht erweicht werden durch das anklagende Seufzen und Winseln dieser ungluͤcklichen Geschoͤpfe, zu ihrem und unsern gemeinschaftlichen Schoͤpfer; wenn sie doch nur bedenken wollten, daß diese Thiere zwar zu unsrer Nahrung auf der Erde sind, nicht aber, um von uns gepeinigt zu wer¬ den, und das selbst kein Engel das Recht haben koͤnnte, mit dem Leben eines Geschoͤpfs, dem Gott einen Othem eingeblasen hat, sein Spiel¬ werk zu treiben; daß dies Versuͤndigung an dem T 4 dem Vater aller lebendigen Wesen ist; daß ein Thier eben so schmerzhaft, Mishandlung, bar¬ barischen Misbrauch groͤßerer Staͤrke und Wehe fuͤhlt, als wir, und vielleicht noch lebhafter, da seine ganze Existenz auf sinnliche Empfindun¬ gen beruht; daß diese Existenz vielleicht seine erste Stufe ist, um, auf der Leiter der Schoͤpfung dahinauf zu steigen, wo wir itzt stehen; daß Grausamkeit gegen unvernuͤnftige Wesen ohn¬ merklich zur Haͤrte und Grausamkeit gegen unsre vernuͤnftigen Nebengeschoͤpfe fuͤhrt — Wenn sie doch das alles fuͤhlen, und ihr Herz dem sanf¬ ten Mitleiden gegen alle Creaturen eroͤfnen wollten! 3. Doch wuͤnsche ich, man moͤge diese Ex¬ clamationen nicht auf die Rechnung einer abge¬ schmackten Empfindeley schreiben. Es giebt so zarte Maͤnnlein und Weiblein, die gar kein Blut sehn koͤnnen, die zwar mit großem Apetit ihr Rebhuͤhnchen verzehren; aber ohnmaͤchtig werden wuͤrden, wenn sie eine Taube abschlach¬ ten sehn muͤssten; Leute, deren Federn und Zun¬ gen mit moralischem Gifte und Dolche den Freund und und Bruder verfolgen, aber mitleidig einer mat¬ ten Fliege das Fenster oͤfnen, damit sie fern von ihren Augen — zertreten werden koͤnne, die ihre Bedienten in dem rauhesten Wetter ohne Noth stundenlang umherjagen, aber dagegen herzlich den armen Sperling bedauern, der, wenn es regnet, ohne Parapluͤ und Ueberrock, herumfliegen muß. Zu diesen suͤßen Seelchen gehoͤre ich nicht, halte auch nicht alle Jaͤger fuͤr grausame Menschen — Es muß ja dergleichen Leute geben, so wie wir, wenn keine Schlaͤchter in der Welt waͤren, blos von Speisen aus dem Pflan¬ zenreiche leben muͤssten — Aber ich verlange nur, daß man nicht ohne Zweck und Nutzen Thiere martern noch ein vornehmes Vergnuͤgen darinn suchen solle, mit wehrlosen Geschoͤpfen einen ungleichen Krieg zu fuͤhren. 4. Ich habe immer nicht begreifen koͤnnen, welche Freude man daran haben kann, Thiere in Kefigen und Kasten einzusperren. Der An¬ blick eines lebendigen Wesens, das ausser Stand gesetzt ist, seine natuͤrlichen Kraͤfte zu nuͤtzen und zu entwickeln, darf keinem verstaͤndigen T 5 Man¬ Manne Freude gewaͤhren. Wer mir daher einen schoͤnen Vogel in einem Bauer schenken will, dem kann ich vorhersagen, daß das einzige Vergnuͤgen, welches er mir dadurch verschaffen kann, das seyn wird, sein Baur zu oͤfnen, und das arme Thier aus der Sclaverei in Gottes freye Luft hinausfliegen zu lassen; Auch ist eine Menagerie, in welcher wilde Thiere mit großen Kosten in kleinen Verschlaͤgen aufbewahrt wer¬ den, meiner Meinung nach, ein sehr aͤrmlicher Gegenstand der Unterhaltung. 5. Noch abgeschmackter aber scheint es mir, wenn man sich an einem Vogel ergoͤtzt, der sei¬ nen schoͤnen wilden Gesang hat vergessen muͤs¬ sen, um vom Morgen bis zu dem Abend die Melodie einer elenden Polonaise zu pfeifen, oder wenn man Geld ausgiebt, um einen Hund zu sehn, den man gelehrt hat, einen Reverenz wie ein Tanzmeister zu machen, und auf den Wink seines Meisters anzudeuten, wie viel schoͤne Junggesellen in der Versammlung sind. 6. 6. Habe ich aber diejenigen getadelt, die grau¬ sam gegen Thiere verfahren; so muß ich doch auch sagen, daß Andre in die entgegengesetzte Uebertreibung fallen, indem sie mit dem Viehe, wie mit Menschen umgehen. Ich kenne Da¬ men, die ihre Katze zaͤrtlicher umarmen, als ihre Ehegatten; junge Herrn, die ihren Pferden sorgsamer aufwarten, als ihren Oheimen und Baasen, und Maͤnner, die gegen ihre Hunde mehr Zaͤrtlichkeit, Schonung und Nachsicht be¬ weisen, als gegen ihre Freunde, welches denn nun freylich ein Verfahren ist, welches ich eben so wenig billigen kann. Drey¬ Dreyzehntes Capittel. Ueber den Umgang mit sich selbst. 1. D ie Pflichten gegen uns selbst sind die wichtig¬ sten und ersten, und also der Umgang mit unsrer eigenen Person gewiß weder der unnuͤtzeste, noch uninteressanteste. Es ist daher nicht zu verzeyhn, wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, uͤber den Umgang mit Menschen seine eigene Gesellschaft vernachlaͤssigt, gleichsam vor sich selber zu fliehn scheint, sein eigenes Ich nicht cultiviert, und sich doch stets um fremde Handel bekuͤmmert. Wer taͤglich her¬ umrennt, wird fremd in seinem eigenen Hause; Wer immer in Zerstreuungen lebt, wird fremd mit seinem eigenen Herzen, muß im Gedraͤnge muͤßiger Leute seine innere Langeweile zu toͤdten trachten, buͤßt das Zutrauen zu sich selber ein, und ist verlegen, wenn er sich einmal vis à vis de foi-même befindet. Wer nur solche Cirkel sucht, in welchen er geschmeichelt wird, verliehrt so sehr den Geschmack an der Stimme der Wahr¬ heit, daß er diese Stimme zuletzt nicht einmal mehr mehr aus sich selber hoͤren mag; Er rennt dann lieber, wenn das Gewissen ihm dennoch unan¬ genehme Dinge sagt, fort, in das Getuͤmmel hinein, wo diese wohlthaͤtige Stimme uͤber¬ schrien wird. 2. Huͤte Dich also, Deinen treuesten Freund, Dich selber, so zu vernachlaͤssigen, daß dieser treue Freund Dir den Ruͤcken kehre, wenn Du Seiner am noͤthigsten bedarfst. Ach! es kom¬ men Augenblicke, in denen Du Dich selbst nicht verlassen darfst, wenn Dich auch jedermann ver¬ laͤsst; Augenblicke, in welchen der Umgang mit Deinem Ich der einzige troͤstliche ist — Was wird aber in solchen Augenblicken aus Dir wer¬ den, wenn Du mit Deinem eigenen Herzen nicht in Frieden lebst, und auch von dieser Seite aller Trost, alle Huͤlfe Dir versagt wird? 3. Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Gluͤck und Ruhe finden; so musst Du eben so vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn, als mit Andern, also daß Du Du Dich weder durch Mishandlung erbitterst und niederdruͤckest, noch durch Vernachlaͤssigung zuruͤcksetzest, noch durch Schmeicheley verderbest. 4. Sorge fuͤr die Gesundheit Deines Leibes und Deiner Seele; aber verzaͤrtele beyde nicht! Wer auf seinen Coͤrper losstuͤrmt; der verschwen¬ det ein Gut, welches oft allein hinreicht, ihn uͤber Menschen und Schicksal zu erheben, und ohne welches alle Schaͤtze der Erde eitle Bettel- Waare sind. Wer aber jedes Luͤftchen fuͤrchtet, und jede Anstrengung und Uebung seiner Glie¬ der scheuet; der lebt ein aͤngstliches, nervenloses Auster-Leben, und versucht es vergeblich, die verrosteten Federn in den Gang zu bringen, wenn er in den Fall koͤmmt, seiner natuͤrlichen Kraͤfte zu beduͤrfen. Wer sein Gemuͤth ohne Unterlaß dem Sturme der Leidenschaften preis¬ giebt, oder die Seegel seines Geistes unaufhoͤr¬ lich spannt; der rennt auf den Strand, oder muß mit abgenutztem Feuerzeuge nach Hause lavieren, wenn grade die beste Jahrszeit zu neuen Entdeckungen eintritt. Wer aber die Facultaͤ¬ ten seines Verstandes und Gedaͤchtnisses immer schlum¬ schlummern laͤsst, oder vor jedem kleinen Kam¬ pfe, vor jeder Art von weniger angenehmen An¬ strengung zuruͤckbebt, der hat nicht nur wenig wahren Genuß, sondern ist auch ohne Rettung verlohren, da wo es auf Kraft, Muth und Entschlossenheit ankoͤmmt. Huͤte Dich vor eingebildeten Leiden des Leibes und der Seele! Laß Dich nicht gleich niederbeugen von jedem wiedrigen Vorfalle, von jeder coͤrperlichen Unbehaglichkeit! Fasse Muth! Sey getrost! Alles in der Welt geht voruͤber; alles laͤsst sich uͤberwinden, durch Stand¬ haftigkeit; alles laͤsst sich vergessen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen andern Gegen¬ stand heftet. 5. Respectire Dich selbst, wenn Du willst, daß Andre Dich respectieren sollen! Thue nichts im Verborgenen, dessen Du Dich schaͤmen muͤss¬ test, wenn es ein Fremder saͤhe. Handle, weniger Andern zu gefallen, als um Deine eigene Ach¬ tung nicht zu verscherzen, gut und anstaͤndig! Selbst in Deinem Aeussern, in Deiner Kleidung sieh sieh Dir nicht nach, wenn Du allein bist! Gehe nicht schmutzig, nicht lumpicht, nicht unrecht¬ licht, nicht krumm, noch mit groben Manieren einher, wenn Dich niemand beobachtet! Mis¬ kenne Deinen eigenen Werth nicht! Verliehre nie die Zuversicht zu Dir selber, das Bewusst¬ seyn Deiner Menschen-Wuͤrde, das Gefuͤhl, wenn nicht eben so weise und geschickt als manche Andre zu seyn, doch weder an Eifer es zu wer¬ den, noch an Redlichkeit des Herzens irgend je¬ mand nachzustehn! 6. Verzweifle nicht, werde nicht mismuͤthig, wenn Du nicht die moralische oder intellectuelle Hoͤhe erreichen kannst, auf welcher ein Andrer steht, und sey nicht so unbillig, andre gute Sei¬ ten an Dir zu uͤbersehn, die Du vielleicht vor Jenem voraus haben magst! — Und waͤre das auch nicht der Fall! Muͤssen wir denn Alle groß seyn? Stimme Dich auch herab von der Begierde zu herrschen, eine glaͤnzende Haupt-Rolle zu spielen. Ach wuͤsstest Du wie theuer man das oft oft erkaufen muß! Ich begreife es wohl, diese Sucht, ein großer Mann zu seyn, ist bey dem innern Gefuͤhle von Kraft und wahrem Werthe schwer abzulegen. Wenn man so unter mittel¬ maͤßigen Geschoͤpfen lebt, und sieht, wie wenig Diese erkennen und schaͤtzen, was in uns ist, wie wenig man uͤber sie vermag, wie die elen¬ desten Pinsel, die alles im Schlafe erlangen, aus ihrer Herrlichkeit herunterblicken — Ja! es ist wohl freylich hart! — Du versuchst es in allen Faͤchern; Im Staate geht es nicht; Du willst in Deinem Hause groß seyn; aber es fehlt Dir an Gelde, an dem Beystande Deines Wei¬ bes; Deine Laune wird von haͤuslichen Sorgen niedergedruͤckt; und so geht denn alles den Wer¬ keltags-Gang; Du empfindest tief, wie so alles in Dir zu Grunde geht; Du kannst Dich durch¬ aus nicht entschliessen, ein gemeiner Kerl zu werden, in der Fuhrmanns-Gleise fortzuziehn — Das alles fuͤhle ich mit Dir; Allein verliehre doch darum nicht den Muth, den Glauben an Dich selbst und an die Vorsehung! Gott be¬ wahre Dich vor diesem vernichtenden Ungluͤcke! Es giebt eine Groͤße — und wer die erreichen kann, der steht hoch uͤber Alle — Diese Groͤße (Zweiter Th.) U ist ist unabhaͤngig von Menschen, Schicksalen und aͤusserer Schaͤtzung. Sie beruht auf innerem Bewusstseyn; und ihr Gefuͤhl verstaͤrkt sich, je weniger sie erkannt wird. 7. Sey Dir selber ein angenehmer Gesellschaf¬ ter! Mache Dir keine Langeweile! das heisst: Sey nie ganz muͤssig! Lerne Dich selbst nicht zu sehr auswendig; sondern sammle aus Buͤ¬ chern und Menschen neue Ideen! Man glaubt es gar nicht, welch' ein eintoͤniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Cirkel sei¬ ner eigenen Lieblings-Begriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne traͤgt. 8. Es ist aber nicht genug, daß Du Dir ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesell¬ schafter seyest, Du sollst Dich auch, fern von Schmeicheley, als Deinen eigenen treuesten und aufrichtigsten Freund zeigen, und wenn Du eben so viel Gefaͤlligkeit gegen Deine Person als ge¬ gen Fremde haben willst; so ist es auch Pflicht, eben eben so strenge gegen Dich als gegen Andre zu seyn. Gewoͤhnlich erlaubt man sich alles, ver¬ zeyht sich alles, und Andern nichts; giebt bey eigenen Fehltritten, wenn man sie auch dafuͤr anerkennt, dem Schicksale, oder unwiedersteh¬ lichen Trieben die Schuld, ist aber weniger to¬ lerant gegen die Verirrungen seiner Bruͤder — Das ist nicht gut gethan. 9. Miß auch nicht Dein Verdienst darnach ab, daß Du sagest: „ich bin besser, als Dieser „und Jener, von gleichem Alter, Stande, und „so ferner;“ sondern nach den Graden Deiner Faͤhigkeiten, Anlagen, Erziehung, und der Ge¬ legenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden, als Viele. Halte hieruͤber oft in einsamen Stunden Abrechnung mit Dir selber, und frage Dich als ein strenger Richter, wie Du alle diese Winke zu hoͤherer Vervollkom¬ mung genuͤtzt habest! Vier¬ U2 Vierzehntes Capittel. Ueber das Verhaͤltniß zwischen Schrift¬ steller und Leser. 1. I ch halte es fuͤr billig, bevor ich die Werk uͤber den Umgang mit Menschen beschliesse, mit meinen Lesern auch ein Paar Worte uͤber unsre wechselseitigen Verhaͤltnisse gegen einander zu reden. Zuerst also einige Bemerkungen uͤber den Beruf, den ein Mann haben kann, ein Buch zu schreiben! Es ist in der Vorrede zum ersten Theile gesagt worden, daß ich Schriftstellerey in unsern Zeiten fuͤr nichts mehr, als fuͤr schriftliche Un¬ terredung mit der Lesewelt halte, und daß man es dann im freundschaftlichen Gespraͤche so genau nicht nehmen duͤrfe, wenn auch einmal ein un¬ nuͤtzes Wort mit unterliefe. Man soll es also dem Schriftsteller nicht uͤbel ausdeuten, wenn er, verfuͤhrt von ein wenig Geschwaͤtzigkeit, von der Begierde, uͤber irgend eine Materie allerley Arten von Menschen seine Gedanken mitzuthei¬ len, len, etwas drucken laͤsst, das nicht grade die Quintessenz von Weisheit, Witz, Scharfsinn und Gelehrsamkeit enthaͤlt. Es ist uͤberhaupt sehr viel schwerer als man glauben sollte, seine eigenen Producte zu beurtheilen; Nicht nur weil unsre Eitelkeit da in das Spiel koͤmmt; sondern auch weil die Objecte, uͤber deren Be¬ obachtung wir lange gebruͤtet, fuͤr uns, eben durch das Nachdenken, welches wir darauf ver¬ wendet, einen solchen Werth bekommen haben koͤnnen, daß wir unsre Gedanken daruͤber fuͤr aͤusserst wichtig halten, indeß einem Andern, was wir auch davon sagen moͤgen unwichtig und gemein vorkoͤmmt. Und haben wir etwa gar Sprache und Beredsamkeit nicht in unsrer Ge¬ walt; oder sind verstimmt zu der Zeit, wenn wir unsre Gedanken zu Papier bringen wollen; oder vergessen, daß der Gegenstand, uͤber wel¬ chen wir schreiben, nur durch kleine specielle Be¬ ziehungen auf unsre dermalige Lage, die sich nicht mit uͤbertragen lassen, uns am Herzen liegt; oder dies Herz ist zu voll, um, was es empfindet, nach der Reyhe hererzaͤhlen zu koͤn¬ nen; so geschieht es, daß wir etwas schreiben, welches uns, die wir alle Neben-Begriffe daran knuͤ¬ U 3 knuͤpfen, die dazu gehoͤren das Bild auszumalen, sehr interessant scheint, jeden Andern aber jaͤh¬ nen macht und mit Unwillen gegen uns erfuͤllt. Indem es nun desfalls leicht geschehn kann, daß selbst ein verstaͤndiger Mann, von Eitelkeit ge¬ blendet, oder durch jene Gefuͤhle irregeleitet, ein Buch schreibt, das andre Menschen fuͤr ein un¬ nuͤtzes und langweiliges Buch halten; so kann und darf es doch nie einen verstaͤndigen Manne begegnen, etwas oͤffentlich vor dem Publico zu reden, das gegen Moralitaͤt und gesunde Ver¬ nunft stritte, oder wodurch er einem seiner Mit¬ menschen Schaden zufuͤgte. Denn wenn gleich Schriftstellerey nur Unterredung ist; so ist sie doch eine solche Unterredung, auf welche man sich so lange Zeit zu besinnen Muße gehabt hat, als dazu gehoͤrt, jeden unsittlichen, ganz schiefen und boshaften Gedanken zu unterdruͤcken. Ich meine daher, alles was das Publicum von ei¬ nem Schriftsteller, der ohne zu weit getriebene Anspruͤche auftritt, fordern kann, ist, daß er durch seine Werke nichts dazu beytrage, Corrup¬ tion, Dummheit und Intoleranz zu verbreiten. Alles Uebrige: Beruf zu schreiben; Wahl des Gegenstands; Einkleidung; Anspruͤche auf Ruhm, Ruhm, Beyfall, Lob; zu stiftender Nutzen; einzunehmender Gewinn; Hofnung auf Un¬ sterblichkeit — das alles ist seine Sache , und es geht auf seine Gefahr, wenn er sich dem Schimpfe aussetzt, entweder in der Stille zu Fuße vom Parnasse wieder herunterschleichen zu muͤssen, oder von der Meute der Rezensenten parforce gejagt zu werden. 2. Wenn also ein Autor nichts Schaͤdliches und nichts Unsinniges sagt; so muß man ihm erlauben, seine Gedanken drucken zu lassen; Wenn er etwas Nuͤtzliches sagt, so macht er sich ein Verdienst um das Publicum — Aber wird deswegen sein Buch auch gewiß gefallen? Das ist wieder eine ganz andre Frage. Allgemeiner Beyfall, von Guten und Boͤsen, von Weisen und Thoren, von Hohen und Niedern? — Ey nun! wer wird so eitel seyn, darauf Anspruch zu machen? Aber um auch nur dem groͤßten Theile der Lesewelt zu gefallen; welche niedrige Mittel waͤhlt da nicht mancher Schriftsteller? — Wer sich nicht, in Ansehung der Form, der Einkleidung, des Titels seines Buchs, nach dem U 4 Ge¬ Geschmacke des Jahrs richtet; Wer keine Annec¬ doͤtgen einmischt; Wer nicht dafuͤr sorgt, daß sein Werckgen huͤbsch fein gedruckt und mit Bild¬ lein ausgeziert sey; Wer herrschende Vorurtheile, Mode-Systeme, glaͤnzende Thorheiten, politi¬ schen, kirchlichen, gelehrten und moralischen Des¬ potismus angreift, oder laͤcherlich macht; Wer sich einen Verleger waͤhlt, auf den die andern Buchhaͤndler neidisch, dem sie feind sind; Wer sich nicht demuͤthig unter den Schutz irgend ei¬ nes gelehrten Posaunen-Blasers begiebt; Wer nicht die Schreyer im Publico und Die, welche in der feinen Welt den Ton angeben, zu gewin¬ nen sucht; Wer zu bescheiden auftritt; Wer sein Buch einem Manne widmet, oder in dem¬ selben einem Manne Gerechtigkeit wiederfahren laͤsst, desse.. Verdienste beneidet, verfolgt werden — der wird, wenigstens in dieser Generation, sein Gluͤck als Autor nicht machen, und auch sein nuͤtzlichstes Werk bald als Maculatur behan¬ delt sehn. Ich rathe daher, die unschuldigsten unter diesen kleinen Autorkuͤnsten nicht gaͤnzlich zu vernachlaͤssigen. 3. 3. Reden wir jezt aber auch von dem Betra¬ gen, von den Pflichten des Lesers gegen den Schriftsteller! Zuerst soll, denke ich, Jener nie vergessen, daß Dieser sich nicht nach dem Ge¬ schmacke jedes Einzelnen richten kann. Was fuͤr Dich, in Deiner Lage, in Deiner Stimmung, hoͤchst interessant ist, das scheint einem Andern vielleicht aͤusserst langweilig und unbedeutend, und wahrlich der Mann muͤsste ein Hexenmei¬ ster seyn, der ein Buch verfassen koͤnnte, in welchem Jeder fuͤr sein Paar Groschen faͤnde, was er suchte. Es giebt Buͤcher, die man durchaus nur dann lesen muß, wenn man eben so gestimmt ist, als der Mann war, der sie schrieb, so wie es auch andre giebt deren Sinn und Schoͤnheit man immer, in jeder Laune, fas¬ sen, und sich eigen machen kann. Nicht immer sind darum Jene geistvoll, groß und erhaben von Inhalte, noch im Gegentheil immer schwaͤr¬ merisch und fieberhaft. Nicht immer enthalten darum Diese lauter bestimmte, ewige Wahrhei¬ ten, auf kalte, unwiederlegbare, allein des voll¬ kommnen Mannes wuͤrdige, unerschuͤtterliche Philosophie gegruͤndet, oder, im Gegentheile, U 5 nicht nicht immer gemeine, ohne Muͤhe leicht zu ver¬ dauende Seelen-Speise. Sey also nicht zu strenge, mein gelehrtes Leserlein! in Beurthei¬ lung eines sonst nicht schlecht geschriebenen Buchs! oder behalte wenigstens Deine Meinung daruͤber in Deinem Kopfe, in welchem oft viel leerer Raum ist, und verschreye das Buch nicht! Am wenigsten aber laß Dich verleiten, den morali¬ schen Character des Schriftstellers, auf bloße Muthmaßung, bey dieser Gelegenheit anzugrei¬ fen, ihm schaͤdliche Absichten beyzumessen, seinen Worten einen erzwungenen Sinn zu geben, und seine Winke haͤmisch auszudeuten! Beur¬ theile nicht ein Buch, wenn Du nur einzelne Stellen daraus gelesen hast, und bethe nicht das Lob und den Tadel unwissender, boshafter, oder feiler Rezensenten nach! Funf¬ Funfzehntes Capittel. Noch einige allgemeine Vorschriften fuͤr den Umgang mit Menschen. 1. S trebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit und Ohnfehl¬ barkeit! Die Menschen beurtheilen und richten Dich nach dem Maßstabe Deiner Praͤtensionen, und sie sind noch billig, wenn sie nur das thun, wenn sie Dir nicht Praͤtensionen aufbuͤrden. Dann heisst es, wenn Du auch nur des klein¬ sten Fehlers Dich schuldig machst: „ Einem sol¬ „chen Manne ist das gar nicht zu verzeyhn;“ und da die Schwachen sich ohnehin ein Fest dar¬ aus machen, an einem Menschen, der sie ver¬ dunkelt, Maͤngel zu entdecken; so wird Dir ein einziger Fehltritt hoͤher angerechnet, als Andern ein ganzes Register von Bosheiten und Pin¬ seleyen. 2. Sey aber nicht gar zu sehr ein Sclave der Meinungen Andrer von Dir! Sey selbst¬ staͤn¬ staͤndig! Was kuͤmmert Dich am Ende das Ur¬ theil der ganzen Welt, wenn Du thust, was Du sollst? und was ist Deine ganze Garderobe von aͤussern Tugenden werth, wenn Du diesen Flitterputz nur uͤber ein schwaches, niedriges Herz haͤngst, um in Gesellschaften Staat damit zu machen? 3. Enthuͤlle nie auf unedle Art die Schwaͤ¬ chen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu er¬ heben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern! 4. Schreibe nicht auf Deine Rechnung das, wovon Andern das Verdienst gebuͤhrt! Wenn man Dir, aus Achtung gegen einen edeln Mann, dem Du angehoͤrst, Vorzug oder Hoͤflichkeit be¬ weist; so bruͤste Dich damit nicht; sondern sey bescheiden genug, zu fuͤhlen, daß dies alles viel¬ leicht wegfallen wuͤrde, wenn Du einzeln auf¬ traͤtest! Suche aber selbst zu verdienen, daß man Dich um Deinetwillen ehre! Sey lieber das das kleinste Laͤmpgen, das einen dunkeln Win¬ kel mit eigenem Lichte erleuchtet, als ein großer Mond er fremden Sonne, oder gar Trabant eines Planeten! 5. Sey strenge puͤnctlich, ordentlich, arbeit¬ sam, fleissig in Deinem Berufe, treu im Wort¬ halten! Bewahre Deine Papiere, Deine Schluͤs¬ sel und alles so, daß Du jedes einzelne Stuͤck auch im Dunkeln finden koͤnnest! Verfahre noch ordentlicher mit fremden Sachen! Verleyhe nie Buͤcher, oder andre Dinge, die Dir geliehn wor¬ den! — Jedermann geht gern mit einem Men¬ schen um, und treibt Geschaͤfte mit ihn, wenn man sich auf seine Puͤnctlichkeit in Wort und That verlassen kann. 6. Mache einigen Unterschied in Deinem aͤus¬ sern Betragen, gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in den Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest! Reiche nicht Jedem Deine rechte Hand dar! Umarme nicht Jeden! Druͤ¬ cke nicht Jeden an Dein Herz! Was bewahrst Du Du den Bessern und Geliebten auf, und wer wird Deinen Freundschafts-Bezeugungen trauen, ihnen Werth beylegen, wenn Dn so verschwen¬ derisch in Austheilung derselben bist? 7. Sey, was Du bist, immer ganz, und im¬ mer der Nemliche! Nicht heute warm, morgen kalt; heute grob, morgen hoͤflich und zuckersuͤß; heute der lustige Gesellschafter, morgen trocken und stumm, wie eine Bildsaͤule! Mit solchen Leuten ist uͤbel umzugehn; Sie uͤberhaͤufen uns, wenn sie grade in guter Laune sind, oder niemand um sich haben, der vornehmer als wir, oder spashafter, oder ein groͤßerer Schmeichler ist, mit allen Zeichen der herzlichsten, vertraulich¬ sten Freundschaft. Wir bauen darauf, und wollen wenig Tage nachher den Mann wieder besuchen, der uns so gern bey sich sieht, der uns so freundlich eingeladen hat, recht oft zu kom¬ men. Wir gehen hin, und werden nun so fro¬ stig und verdrießlich empfangen, oder man laͤsst uns ohne Unterhaltung in einer Ecke sitzen, ant¬ wortet uns nur mit abgebrochenen Silben, weil man grade von Creaturen umgeben ist, die mehr Wey¬ Weyrauch spenden, als wir. Von solchen Men¬ schen muß man sich ohnmercklich zuruͤckziehn, und wenn sie nachher in einem Augenblicke von Langerweile uns wieder aufsuchen, gleichfals ge¬ gen sie den Sproͤden machen, und ihnen unter den Haͤnden fortschluͤpfen. 8. Rede nicht zu viel von Dir selber, ausser in dem Cirkel Deiner vertrautesten Freunde, von welchen Du weisst, daß die Sache des Einen unter ihnen, eine Angelegenheit fuͤr Alle ist; und auch da bewache Dich, daß Du nicht Ego¬ ismus zeigest! Vermeide selbst dann zu viel von Dir zu reden, wenn gute Freunde, wie es viel¬ faͤltig geschieht, das Gespraͤch aus Hoͤflichkeit auf Deine Person, auf Deine Schriften und dergleichen leiten! Bescheidenheit ist eine der liebenswuͤrdigsten Eigenschaften, und macht um so vortheilhaftere Eindruͤcke, je seltener diese Tugend in unsern Tagen wird. Sey also auch nicht so bereit, jedermann Deine Schriften ohn¬ berufen vorzulesen, Deine Anlagen zu zeigen und Deine ruͤhmlichen Handlungen zu erzaͤhlen, noch auf feine Art Gelegenheit zu geben, daß man Dich darum bitten muͤsse! 9. 9. Wiedersprich Dir nicht selbst im Reden, so daß Du einen Satz behauptest, dessen Ge¬ gentheil Du ein andermal vertheydigt hast! Man kann seine Meinung von Dingen aͤndern, allein man thut doch wohl, in Gesellschaft nicht eher, wenigstens nicht entscheidend zu urtheilen, als bis man alle Gruͤnde vor und gegen diesel¬ ben gehoͤrig abgewogen hat. 10. Huͤte Dich, in den Fehler Derjenigen zu verfallen, die aus Mangel an Gedaͤchtniß, oder an Aufmerksamkeit auf sich, oder weil sie so ver¬ liebt in ihre eigenen Einfaͤlle sind, die nemlichen Histoͤrchen, Annecdoten, Spaͤße, Wortspiele, witzigen Vergleichungen und so ferner, bey jeder Gelegenheit wiederholen! 11. Wuͤrze nicht Deine Unterhaltung mit Zwey¬ deutigkeiten, mit Anspielungen auf Dinge, die entweder Eckel erwecken, oder keusche Wangen erroͤthen machen! Zeige auch keinen Beyfall, wenn Andre dergleichen vorbringen! Ein ver¬ staͤn¬ staͤndiger Mann kann an solchen Gespraͤchen keine Lust haben. 12. Flicke keine platte Gemeinspruͤche in Deine Reden ein! zum Beyspiel: daß Gesundheit ein schaͤtzbares Gut; daß das Schlittenfahren ein kaltes Vergnuͤgen; daß Jeder sich selbst der Naͤchste sey; daß, was lange dauert, gut werde, wovon ich das Gegentheil zu beweisen uͤberneh¬ me; daß man durch Schaden klug werde, welches leider! selten eintrifft; oder daß die Zeit schnell hingehe — welches, im Vorbeygehn zu sagen! gar nicht wahr ist; denn da die Zeit nach einem be¬ stimmten Maaßstabe berechnet wird; so geht sie nicht schneller vorbey, als sie grade muß, und Der welchem ein Jahr kuͤrzer vorkoͤmmt, als es ist, der muß in demselben uͤber Gebuͤhr geschlafen haben, oder sonst seiner Sinne nicht maͤchtig ge¬ wesen seyn. Solche Spruͤchwoͤrter sind sehr langweilig und nicht selten sinnlos und unwahr. 13. Belaͤstige nicht die Leute, mit welchen Du umgehst, mit unnuͤtzen Fragen! Es giebt Men¬ (Zweiter Th.) X schen, schen, die, nicht eben aus Vorwitz und Neugier, sondern, weil sie nun einmal gewoͤhnt sind, ihre Gespraͤche in Cathechisations–Form zu verfassen, uns durch Fragen so beschwerlich werden, daß es gar nicht moͤglich ist, auf unsre Weise mit ih¬ nen in Unterhaltung zu kommen. 14. Lerne Wiederspruch ertragen! Sey nicht kindisch eingenommen von Deinen Meinungen! Werde nicht hitzig noch grob im Zanke! Auch dann nicht, wenn man Deinen ernsthaften Gruͤnden Spott und Persifflage entgegensetzt! Du hast, bey der besten Sache, schon halb ver¬ lohren, wenn Du nicht kaltbluͤtig bleibst, und wirst wenigstens auf diese Art nie uͤberzeugen. 15. An Oertern, wo man sich zur Freude ver¬ sammelt; beym Tanze, in Schauspielen und dergleichen, rede mit niemand von haͤuslichen Geschaͤften, noch viel weniger von verdrießlichen Dingen! Man geht dahin, um sich zu erholen, um auszuruhn, um kleine und große Sorgen abzuschuͤtteln, und es ist also unbescheiden, je¬ mand mand mit Gewalt wieder mitten in sein taͤgli¬ ches Joch hineinschieben zu wollen. 16. Es giebt kleine gesellschaftliche Unschicklich¬ keiten und Inconsequenzen, die man vermeiden, und wobey man immer uͤberlegen muß, wie es wohl aussehn wuͤrde, wenn Jeder von den An¬ wesenden sich die nemliche Freyheit erlauben wollte; zum Beyspiel: waͤhrend der Predigt zu schlafen; in Concerten zu plaudern; bey dem Tanze zugleich die Melodie mit zu singen; in Schauspielen so hinzutreten, daß man nicht uͤber uns wegsehn kann; in jede Versammlung spaͤ¬ ter zu kommen, fruͤher wegzugehn, oder laͤnger zu verweilen, als alle uͤbrigen Mitglieder der Gesellschaft. 17. Erzaͤhle nicht leicht Annecdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachtheili¬ ges Licht setzen, auf bloßes Hoͤrensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit ge¬ gruͤndet; oder schon durch so viel Haͤnde gegan¬ gen, daß sie wenigstens vergroͤßert, verstuͤmmelt wor¬ X 2 worden, und dadurch eine wesentlich andre Ge¬ stalt bekommen haben. Vielfaͤltig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich scha¬ den, und noch oͤfter sich selber großen Verdruß zuziehn. 18. Huͤte Dich, aus einem Hause in das andre Nachrichten zu tragen, vertrauliche Tischreden, Familien-Gespraͤche, Bemerkungen, die Du uͤber das haͤusliche Leben von Leuten, mit welchen Du viel umgehst, gemacht hast, und dergleichen aus¬ zuplaudern! Wenn dies auch nicht eigentlich aus Bosheit geschieht; so kann doch eine solche Ge¬ schwaͤtzigkeit Mistraun gegen Dich, und allerley Zwist und Verstimmung veranlassen. 19. Ueber die Gewohnheit, Paradoxen vorzu¬ bringen; uͤber Wiedersprechungsgeist, Disputir¬ sucht, Citiren und Berufen auf die Meinungen und Ausspruͤche Andrer, habe ich mich im zehn¬ ten Capittel dieses Theils erklaͤrt, und beziehe mich hier darauf. 20. 20. Nimm nicht Theil daran; laͤchle nicht bey¬ faͤllig; thue lieber, als hoͤrtest Du es gar nicht, wenn jemand einem Dritten unangenehme Dinge sagt, oder ihn beschaͤmt! Die Feinheit eines sol¬ chen Betragens wird gefuͤhlt, und oft dankbar belohnt. 21. So wie ich im sieben und zwanzigsten Ab¬ schnitte des ersten Capittels im ersten Theile er¬ innert habe, daß es nicht gut sey, jemand mit erdichteten boͤsen Nachrichten einen Augenblick in Verlegenheit zu setzen; so halte ich es auch fuͤr unschicklich, einem Freunde, aus Scherz, wie es die Gewohnheit mancher Leute ist, mit selbst erfundenen erfreulichen Neuigkeiten ein kurzes Vergnuͤgen zu machen, das nachher ver¬ eitelt wird. Das alles ist Neckerey, durch welche die Freuden des Umgangs nicht gewuͤzt, sondern versalzen werden. 22. Bekuͤmmere Dich nicht um die Handlungen Deiner Nebenmenschen, in so fern sie nicht Be¬ zug X 3 zug anf Dich, oder so sehr auf die Moralitaͤt im Ganzen haben, daß es Verbrechen seyn wuͤrde, daruͤber zu schweigen! Ob jemand langsam oder schnell geht, viel oder wenig schlaͤft, oft oder sel¬ ten zu Hause, praͤchtig oder lumpicht gekleidet ist, Wein oder Bier trinkt, Schulden oder Ca¬ pitalien macht, eine Geliebte hat, oder nicht — was geht das Dich an, wenn Du nicht sein Vor¬ mund bist? 23. Es giebt fast in jeder Stadt eine Parthey Unzufriedener; sey es nun mit der Regierung, oder nur mit der Gesellschaft. Zu Diesen geselle Dich nicht! Waͤhle nicht unter ihnen Deinen Umgang! Diese Malcontenten glauben sich nicht geehrt genug, oder sind unruhige Koͤpfe, Laͤstermaͤuler, Menschen voll unvernuͤnftiger Praͤ¬ tensionen, raͤnkevolle, oder unsittliche Leute. Da sie nun, einer dieser Ursachen wegen, von ihren Mitbuͤrgern geflohn werden; so suchen sie unter sich eine Art von Buͤndniß zu errichten, in wel¬ ches sie, wenn sie koͤnnen, verstaͤndige und wackre Maͤnner, zu ihrer Verstaͤrkung, durch Schmeicheley hinein ziehen. Laß Dich weder dar¬ darauf, noch uͤberhaupt auf das ein, was Par¬ they und Faction genannt werden kann, wenn Du mit Annehmlichkeit leben willst! 24. Verflechte niemand in Deine Privat-Zwi¬ stigkeiten, und fordere nicht von Denen, mit welchen Du umgehst, daß sie Theil an den Uneinigkeiten nehmen sollen, die zwischen Dir und andern herrschen! 25. Ich kann nicht genug Vorsichtigkeit in Briefen und uͤberhaupt im Schreiben empfehlen. Ein uͤbereiltes muͤndliches Wort wird wieder vergessen; aber ein geschriebenes kann noch nach fuͤnfzig Jahren, in Erben Haͤnden, Unheil stiften. 26. Wuͤnschest Du zeitliche Vortheile, Unter¬ stuͤtzung, Versorgung im buͤrgerlichen Leben; moͤgtest Du in einer Bedienung angestellt wer¬ den, in welcher Du Deinem Vaterlande nuͤtzlich seyn koͤnntest; so musst Du darum bitten, ja! nicht selten betteln. Rechne nicht darauf, daß die X4 die Menschen, sie muͤssten denn Deiner ganz noth¬ wendig beduͤrfen, Dir etwas anbiethen, oder sich ohngebethen fuͤr Dich verwenden werden, wenn auch Deine Thaten noch so laut fuͤr Dich reden, und jedermann weiß, daß Du Unterstuͤtzung bedarfst und verdienst! Jeder sorgt fuͤr sich und die Seinigen, ohne sich um den bescheidenen Mann zu bekuͤmmern, der indeß nach Gemaͤchlichkeit in seinem Winkelchen seine Talente vergraben, oder gar verhungern kann. 27. Interessiere Dich fuͤr Andre, wenn Du willst, daß Andre sich fuͤr Dich interessieren sol¬ len! Wer untheilnehmend, ohne Sinn fuͤr Freund¬ schaft, Wohlwollen und Liebe, nur sich selber lebt, der bleibt verlassen, wenn er sich nach frem¬ dem Beystande sehnt. 28. Beurtheile Die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie thun! Aber waͤhle zu Deinen Beobachtungen solche Augenblicke, in welchen sie von Dir ohnbemerkt zu seyn glauben! Richte Deine Achtsamkeit auf die die kleinen Zuͤge, nicht auf die Haupt-Handlun¬ gen, zu denen Jeder sich in seinen Staatsrock steckt! Gieb Acht auf die Laune, die ein gesun¬ der Mann beym Erwachen vom Schlafe, auf die Stimmung, die er hat, wenn er des Mor¬ gens, wo Leib und Seele im Nachtkleide er¬ scheinen, aus dem Bette aufsteht, oder wenn er ploͤtzlich aus dem Schlafe geweckt wird; anf das, was er vorzuͤglich gern isst und trinkt, ob sehr materielle, einfache, oder sehr feine, ge¬ wuͤrzte, zusammengesetzte Speisen; auf seinen Gang und Anstand; ob er lieber allein seinen Weg geht, oder sich immer an eines Andern Arm haͤngt; ob er in einer graden Linie fortschreiten kann, oder seines Neben-Gaͤngers Weg durch¬ kreuzt, oft an Andre stoͤßt, und ihnen auf die Fuͤße tritt; ob er durchaus keinen Schritt allein thun, sondern stets Gesellschaft haben, immer sich an Andre anschliessen, auch um die gering¬ sten Kleinigkeiten erst um Rath fragen, sich er¬ kundigen will, wie es sein Nachbar, sein Col¬ lege macht; ob, wenn er etwas fallen laͤsst, er es sogleich wieder aufnimt, oder es da liegen laͤsst, bis er gelegentlich, nach seiner Gemaͤch¬ lichkeit einmal hinreicht, um es aufzuheben; ob er¬ X 5 er gern Andern in die Rede faͤllt, niemand zu Worte kommen laͤsst; ob er gern geheimnißvoll thut, die Leute auf die Seite ruft, um ihnen gemeine Dinge in das Ohr zu sagen; ob er gern in Allem entscheidet, und so ferner! — Fasse alle diese Wahrnehmungen zusammen, und sey nicht so unbillig, nach einzelnen solchen Zuͤgen den ganzen Character zu richten! 29. Sey vorsichtig im Tadel und Wiederspru¬ che! Es giebt wenig Dinge in der Welt, die nicht zwey Seiten haben. Vorurtheile verdun¬ keln oft die Augen, selbst des kluͤgern Mannes, und es ist sehr schwer, sich gaͤnzlich an eines An¬ dern Stelle zu denken. Urtheile besonders nicht so leicht uͤber kluger Leute Handlungen, oder Deine Bescheidenheit muͤsste Dir sagen, daß Du noch weiser wie sie seyest! und da ist es denn eine misliche Sache um diese Ueberzeugung. Ein kluger Mann ist mehrentheils lebhafter, als ein Andrer, hat heftigere Leidenschaften zu bekaͤmpfen, bekuͤmmert sich weniger um das Ur¬ theil des großen Haufens, haͤlt es weniger der Muͤhe werth, sein gutes Gewissen durch große Apo¬ Apologien zu rechtfertigen. Uebrigens soll man nur fragen: „Was thut der Mann Nuͤtzliches „fuͤr Andre?“ und wenn er dergleichen thut, uͤber dies Gute seine kleinen leidenschaftlichen Fehler, die nur ihm selber schaden, oder hoͤch¬ stens unwichtigen, voruͤbergehenden Nachtheil wuͤrken, vergessen. Vor allen Dingen aber maße Dir nicht an, die Bewegungsgruͤnde zu jeder guten Handlung abwaͤgen zu wollen! Bey einer solchen Rech¬ nung wuͤrden vielleicht manche Deiner eigenen großen Thaten verzweifelt klein erscheinen. Je¬ des Gute muß nach seiner Wuͤrkung fuͤr die Welt beurtheilt werden. 30. Ueber den aͤussern Anstand und uͤber schick¬ liche Manieren ist im ersten Capittel des ersten Theils geredet worden; Also nur noch etwas uͤber die Kleidung! Kleide Dich nicht unter und nicht uͤber Deinen Stand; nicht uͤber und nicht unter Dein Vermoͤgen; nicht phantastisch; nicht bunt; nicht ohne Noth praͤchtig, glaͤnzend und kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und we Du Du Aufwand machen musst; da sey Dein Auf¬ wand zugleich solide und schoͤn! Zeichne Dich weder durch altvaͤterische, noch jede neumodische Thorheit nachahmende Kleidung aus! Wende einige groͤßere Aufmerksamkeit auf Deinen An¬ zug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst! Man ist in Gesellschaft verstimmt, so¬ bald man sich bewusst ist, in einer unangeneh¬ men Ausstaffierung aufzutreten. Sech¬ Sechzehntes Capittel. Schluß. 1. U nd nun, wertheste Leser! eile ich zum Schlusse dieses Werks uͤber den Umgang mit Menschen. Finden Sie etwas darinn, das Ihrer Aufmerk¬ samkeit werth ist; wird dies Buch vom Publico guͤtig aufgenommen und billig beurtheilt; so wird mir das mehr Freude machen, als mir bis itzt selbst der beste Erfolg irgend einer mei¬ ner Schriften gewaͤhrt hat. Wenigstens hoffe ich, Sie werden hierinn keine Grundsaͤtze antref¬ fen, deren sich ein rechtschaffener und verstaͤndi¬ ger Mann schaͤmen duͤrfte, und, wenn es sonst kein anders Verdienst hat, ihm doch das der Vollstaͤndigkeit nicht absprechen; Denn ich glau¬ be, daß doch nicht leicht irgend ein Verhaͤltniß im geselligen Leben gefunden werden koͤnne, uͤber welches ich nicht etwas gesagt haͤtte — Ob gut, oder schlecht, oder beydes vermischt, oder mit¬ telmaͤßig von Anfang bis zu Ende; das darf ich nicht entscheiden. 2. 2. Daß ein solches Buch aber, vorausgesetzt nemlich, daß der Gegenstand mit gehoͤriger Ein¬ sicht, Erfahrung und Menschenkenntniß behan¬ delt waͤre, nicht nur Juͤnglingen, sondern selbst Maͤnnern Nutzen gewaͤhren koͤnnte; das darf ich wohl behaupten. Man verlangt von sei¬ nen, hellsehenden Leuten immer auch esprit de conduite ; aber man hat darinn Unrecht. Dieser Geist des Umgangs erfordert Klatbluͤ¬ tigkeit, Achtsamkeit auf geringe Dinge, auf Kleinigkeiten, die man bey feurigen Genies sel¬ ten antrifft. Ein Wink hingegen aus einem solchen Buche kann Manchen aufmerksam auf Fehler in Behandlung der Menschen machen, auf Fehler, die er an sich aus zu großer Leb¬ haftigkeit bis itzt uͤbersehn hatte. 3. Ich habe aber in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die Menschen zu seinen Endzwecken zu misbrauchen, uͤber Alle nach Ge¬ fallen zu herrschen, Jeden nach Belieben fuͤr unsre eigennuͤtzigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: „daß man aus „den „den Menschen machen koͤnne, was man wolle, „wenn man sie bey ihren schwachen Seiten zu „fassen verstuͤnde.“ Nur ein Schurke kann das, und will das, weil nur ihm die Mittel zu seinem Zwecke zu gelangen gleichguͤltig sind; Der ehrliche Mann kann nicht aus allen Men¬ schen alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsaͤtzen laͤsst auch nicht alles aus sich machen. Aber das wuͤnscht, und das kann jeder Rechtschaffene und Weise bewuͤrken, daß wenigstens die Bessern ihm Ge¬ rechtigkeit wiederfahren lassen; daß niemand ihn verachte; daß er Frieden von Aussen her habe; daß man ihn in Ruhe lasse; daß er Genuß aus dem Umgange mit allen Classen von Menschen schoͤpfe; daß Andre ihn nicht misbrauchen, oder bey der Nase herumfuͤhren. Und wenn er aus¬ dauert, immer consequent, edel, vorsichtig und grade handelt; so kann er sich allgemeine Ach¬ tung erzwingen, kann auch, wenn er die Men¬ schen studiert hat, und sich durch keine Schwie¬ rigkeit abschrecken laͤsst, fast jede gute Sache am Ende durchsetzen. Und hierzu die Mittel zu erleichtern, und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen, — das ist der Zweck dieses Buchs. 4. 4. Daß ich bey dieser Gelegenheit die Schwach¬ heiten mancher Classen von Leuten habe aufdecken muͤssen, ohne jedoch auf einzelne Subjecte un¬ edle Fingerzeige zu geben; das war wohl sehr natuͤrlich. Aber o! was haͤtte ich sagen koͤnnen, wenn ich mein Buch mit wuͤrklichen Annecdoten haͤtte auszieren und specielle Erfahrungen aus meinem Leben erzaͤhlen wollen! — Schmeichle ich mich zu viel, wenn ich hoffe, daß man den Werth dieser Schonung fuͤhlen, und mir wenig¬ stens von dieser Seite wird Gerechtigkeit wie¬ derfahren lassen?