Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothauker. Dritter und letzter Band. Mit Kupferstichen, von Dan. Chodowiecki gezeichnet und geaͤtzet. Mit Königl. Preuß. Churfürstl. Brandenb. Churfürstl. Sächsi- schen allergnädigsten Freyheiten. Berlin und Stettin , bey Friedrich Nicolai . 1776 . Siebentes Buch . Erster Abschnitt . D as Schiff, worauf sich Sebaldus befand, se- gelte eine Zeitlang mit gutem Winde, und naͤherte sich schon der hollaͤndischen Kuͤste, als ploͤtz- lich in Osten ein Sturm aufstieg, der das Schiff, Vlie und Texel vorbey schleuderte, und es an die Nord- hollaͤndische Kuͤste warf, wo es, da der Wind in Nord-West lief, ohnweit Egmont scheiterte. Der Schiffer und die vornehmsten Personen wollten sich in einem Boote retten, aber es sprangen zu viel Per- sonen hinein, und das Bott sank, in dem Augen- blicke, da die darinn befindlichen Ungluͤcklichen, das auf dem Sande festsitzende Schiff von den Wellen zerschmettern sahen. A 2 Jeder Jeder arbeitete gegen die ungestuͤmen Wogen, so lange noch einige Kraft da war, aber die meisten er- matteten, und giengen zu Grunde. Sebaldus war unter den wenigen, die von den Wellen selbst ans flache sandigte Ufer geworfen wurden. Er kroch mit aͤusserster Muͤhe den Strand hinan, denn die bey- nahe voͤllig erschoͤpften Kraͤfte, der heftige Regen und Wind, die ausgestandene Muͤhseligkeiten, die Menge verschlucktes Seewassers machten ihn tod- krank. Ohnweit von ihm, ward der Koͤrper des Schiffers ans Land geworfen. Der halbtodte Se- baldus strengte alle Kraͤfte an, um seinem Wohlthaͤ- ter zu helfen, umsonst, er lag, ohne ein Zeichen des Lebens zu geben. Dieser neue Kummer, uͤberwaͤltigte die geringen Lebenskraͤfte des kaum mehr Athem- schoͤpfenden Sebaldus. Er fiel in Ohnmacht, wo- rinn er eine geraume Zeit lag. Als er ein klein we- nig zu sich selbst kam, sahe er, in dem schrecklichsten Wetter, da sich nur das aͤußerste Wuͤten des Sturms gelegt hatte, einige Strandbewohner die Ueberbleib- sel der Ladung des zertrummerten Schiffs aufs eil- fertigste pluͤndern, ehe sie der Schout in Egmont etwan ertappen koͤnnte. Um ihn aber bekuͤmmerte man sich so wenig, als um die uͤbrigen todten Koͤr- per. So lag der huͤlflose Mann den Rest des Tages, von von der ganzen Natur verlassen, trostlos, das Le- ben, dessen er schon vorher satt war, nicht weiter wuͤnschend, fiel endlich, aus gaͤnzlicher Ermattung, in ein taubes Hinbruͤten zwischen Schlummer und Ohnmacht, sein letztes Bewustseyn, der Wahn, daß sein Hinsinken des Todes Anfang sey. Er erwachte wieder, mit Tagesanbruch, bloß nur vermoͤgend, zu empfinden, den erwaͤrmenden Strahl der Sonne, und die Ruhe des besaͤnftigten Meeres, aber ohne Kraft sich zu bewegen, ohne Anschein von Huͤlfe, in der todten Stille der Gegend, die Hof- nung des nahen Todes, sein einziger Wunsch. So fand ihn nach einigen Stunden, ein guther- ziger nordhollaͤndischer Fischer, der weil er einige Zei- chen des Lebens an ihm spuͤrte, und aus seiner schwar- zen Kleidung schloß, daß er ein Geistlicher sey, ihn weiter den Strand hinauf schleppte, so gut er konnte erquickte, und endlich Mittel fand, ihn bis in seine Huͤtte zu bringen. Der gutherzige Nordhollaͤnder pflegte ihn daselbst, wie es seine eigene Armuth er- laubte, so daß der Kranke bald wieder an Kraͤften zunahm. Beide konnten nur mit vieler Muͤhe einander verstehen, durch Huͤlfe des Plattdeutschen, das Se- baldus in Holstein gelernet hatte. Sebaldus ver- A 3 heelte heelte die Verlegenheit nicht, in der er sich befand, da er von allem Nothwendigen entbloͤßt, die weite Reise nach Ostindien unternehmen sollte, die in sei- nem Elende noch seine einzige Hofnung war. Da der Fischer vernahm, daß Sebaldus lutherisch sey, schlug er ihm vor, er wolle ihn zu einem lutherischen Prediger nach Alkmar bringen, der ihm zu ferne- rem Fortkommen behuͤflich seyn werde. Weg! rief Sebaldus, dessen Gemuͤth durch man- nigfaltiges Ungluͤck verbittert war, weg mit den Geistlichen, sie sind an allem meinem Ungluͤcke schuld! wehe mir! wenn ich mich wieder an sie wenden sollte! Aber dieser, sagte der Fischer, ist ein frommer wohlthaͤtiger Mann. Wohlthaͤtig? rief Sebaldus voll Unwillen, ich kenne sie! Sind sie nicht kalt und hartherzig, so thun sie nur denen gutes, die mit ihnen im gleichen engen Zirkel ihrer Lehrmeinungen herumgehen, außer demselben, bestreiten sie, verdammen sie, lassen Hun- gers sterben, so sehr sie vermoͤgen. Dieser ist aber doch ein recht guter Mann, versetzte der Fischer. Der vorige Prediger, hat immer mit der Ehrw. Classis viel Streit gehabt, dieser aber ver traͤgt sich mit den Reformirten und mit den Menno- nisten, so wie mit seinen eignen Glaubensbruͤdern. Er Er ist vertraͤglich? rief Sebaldus. Wohl! so laßt uns zu ihm gehen. — Doch lieber Mann, sagte er, seufzend, indem sie fortgiengen, wißt ihr nicht einen gutherzigen Kraͤmer oder Bauern, zu dem wuͤrde ich beynahe mehr Zutrauen haben. Der Fischer wuste sonst niemand, und sie giengen nach Alkmar. Als sie in des Predigers Haus traten und ihn zu sprechen verlangten, rief ihnen die Magd entgegen: ‚Jhr werdet ihn ietzt nicht sprechen koͤnnen, denn er „ist eben von dem Leichenbegaͤngnisse seines einzigen „Sohnes zuruͤckgekommen, und noch ganz in Traurig- „keit versunken.‛ Doch als sie die Fremdlinge an- meldete, wurden sie vorgelassen. Der Fischer sagte ihm kurz: Er bringe ihm einen auf der See verungluͤckten lutherischen Prediger aus Deutschland, der, weil er sonst keine Huͤlfe finden koͤnnen, habe nach Ostindien gehen wollen. Der Prediger fragte den Sebaldus lateinisch: ‚Was ihn bewogen habe, sein Vaterland zu verlas- „sen?‛ ‚Ungluͤck und Mangel‛ antwortete Sebaldus, — sich nicht getrauend, gegen den Prediger eine naͤ- here Veranlassung anzugeben. — A 4 ‚Aber ‚Aber Ungluͤck und Mangel, laͤßt sich besser in „der Naͤhe abhelfen, ohne daß man die Seinigen „verlasse.‛ ‚Ach! mir ist niemand uͤbrig, der mich vermissen „koͤnnte, niemand ist (die Thraͤnen flossen ihm von „den abgehaͤrmten Wangen,) in diesem ganzen Welt- „theile, den ich den Meinigen nennen koͤnnte.‛ ‚Du bist also nicht verheurathet, Freund, hast „keine Kinder?‛ — Er sah den Sebaldus starr an und seufzete. — ‚Ach meine Frau ist laͤngst unter Kummer und „Ungluͤck erlegen. Kinder? Ach ja, leider! ich habe „Kinder. Eine Tochter, die meiner ganz unwuͤrdig ist, „einen Sohn, der in der Welt herumirret, seinen „Vater laͤngst vergessen hat, — oder vielleicht auch, —‛ setzte er verzweifelnd hinzu, — ‚nicht mehr herum- „irret, denn seit zwey Jahren, habe ich keine Nach- „richt von ihm.‛ ‚Und du nennest dich ungluͤcklich, Freund! da du „Kinder hast? Siehe mich an!‛ Er bedeckte sein Angesicht mit der Rechten, — ‚Mein einziger Sohn „ist tod! die Stuͤtze meines Alters ist dahin! — wollte „Gott! er irrte noch in der Welt herum. — Jch „wollte sein warten, Jahre lang sein warten! Haͤtte „er Fehler begangen? welches goͤttliche Vergnuͤ- „gen, „gen, ihn zu bessern, ihm in meinen vaͤterlichen Ar- „men zu vergeben! Du hast Unrecht, Freund. Dein „Sohn wird von seinen Wanderungen zuruͤckkehren, „deine Tochter wird den Jrrweg verlassen, ins vaͤter- „liche Haus, zur Tugend, zuruͤckkehren wollen, — „und das vaͤterliche Haus ist leer! Jhr Vater ist von „ihnen geflohen! — Ach, Freund! Sie sind un- „gluͤcklicher, als du! ‚Fuͤr mich ist kein Haus mehr da!‛ — Er sahe den Prediger mit starrer Verzweiflung an. — ‚Nicht „einmahl ein Obdach in diesem ganzen Welttheile!‛ Sein Haupt senkte sich, und er legte seine gefalteten Haͤnde auf seine Knie. — ‚Und wer hat es dir genommen?‛ sagte der Pre- diger mit einem Tone voll hollaͤndischer Kaͤlte, die Sebaldus fuͤr Gleichguͤltigkeit nahm. ‚Priester haben mich verfolgt‛ versetzte Sebaldus, auffahrend, — ‚weil ich Wahrheit bekannte.‛ — Er stand hitzig auf. — ‚Haben mich von Lande zu „Lande gejagt, wollen mich nicht einen Bissen Brod „essen lassen.‛ ‚Und Freund! du bist gewuͤrdigt worden, um der „Wahrheit willen zu leiden, und nennest dich un- „gluͤcklich? Weist du nicht, welcher Lohn deiner dort „wartet? — Wer waren die Feinde die dich verfolg- A 5 „ten? „ten? Vermuthlich herrschsuͤchtige Praͤlaten, blut- „gierige Moͤnche, die Gott einen Dienst zu thun „glauben, wenn sie die Ketzer vom Erdboden vertil- „gen. Unsere reformirten Bruͤder in Deutsch- „land denken wohl zu gut, als daß sie, wie hier zu „Lande noch zuweilen geschiehet, ihre protestantischen „Bruͤder verfolgen sollten.‛ ‚Ja hat sich wohl! Reformirten? Lutheraner wa- „ren es, der Reformation Erstgebohrne, die auch nur „allein die reine Lehre zuvor geerbt zu haben glau- „ben — Und nun, weil der gute Mann mit dem Anblicke der niederdruͤckenden Last seiner Ungluͤcksfaͤlle, seine gewoͤhnliche Sanftmuth, und mit der Hofnung eines bessern Zustandes, auch seine Besonnenheit verlohren hatte, kam seine ganze Geschichte, und alle seine heterodoxen Meinungen an den Tag. Der Prediger, voll Erstaunen, saß einige Minu- ten stille, schlug die Haͤnde zusammen und rief: ‚Wie? Keine Genugthuung, keine Erbsuͤnde, „keine ewigen Strafen? Freund, du behauptest ver- „derbliche Jrrthuͤmer, die mit dem einzigen Wege zur „Seligkeit nicht bestehen koͤnnen!‛ Sebaldus hob ungeduldig die Augen empor und redete den Fischer in gebrochenem Hollaͤndischen an: ‚Kennt ‚Kennt ihr keinen Handwerker oder Tagloͤhner, der „noch nichts vom einzigen Wege zur Seligkeit gehoͤrt „hat, der wird vielleicht noch einen Bissen Brod mit „mir theilen. Jch sagt’ euchs gleich, daß wir hier „nichts ausrichten wuͤrden.‛ — Damit wandte er sich zornig um. und wollte zur Thuͤr hinausgehen. Der Prediger sprang auf, drehte den Sebaldus mit beiden Haͤnden herum, hielt ihn fest, schaute ihm gerade ins Gesicht und rief: ‚Mensch warum „verabscheust du einen Menschen, der den Weg zur „Seligkeit fuͤr einzig haͤlt? Warum hassest du ihn, „ehe du ihn kennest?‛ Sebaldus, bey dem der schnelle Zorn allemahl der Uebergang zur Selbsterkonntniß war, antwor- tete mit sehr gemaͤßigter Stimme: ‚Jch hasse niemand, aber, Gott weiß es, diese „Priester, welche ausschließende Seligkeit an Lehr- „formeln binden, haben mich gezwungen, sie zu ver- „abscheuen, weil sie jeden hassen und verfolgen, der, „so wie ich, glaubt, daß Leben und nicht Lehre, hier „rechtschaffen und dort selig mache.‛ ‚Und, wenn du,‛ erwiederte der Prediger, indem er die Haͤnde sinken ließ, und seine Rechte auf Se- baldus Schulter legte, — ‚glaubst, daß man bey je- „der „der Lehrmeinung rechtschaffen seyn kann, warum „willst du, daß man es allein bey der orthodoxen lutheri- „schen Lehre nicht seyn koͤnne, die von frommen Leuten „in Form gebracht worden, die die Kirche ange- „nommen und die Obrigkeit bestaͤtigt hat?‛ ‚Guter Alter!‛ versetzte Sebaldus, etwas stamm- lend, ‚wenn du so viel Ungemach von herrschenden „Rechtglaͤubigen erlitten haͤttest, als ich, so wuͤrdest „du die Frage nicht thun. Sie verdammen den, der „anders denkt als sie, in alle Ewigkeit, und hier „auf Erden, hassen sie ihn als einen Verdammten, und „vertreiben ihn, so weit sie ihn erreichen koͤnnen.‛ ‚Und das thun alle? Kennst du sie alle? Freylich, „mein Freund! wer herrschen will, wird verfolgen. „Auch ich lebe unter einer herrschenden Kirche, die „verfolgt, so weit es die Obrigkeit zulaͤßet. Aber da- „zu treibt nicht Lehre, sondern Herrschsucht und „Rechthaberey. Du hast Ungemach erlitten, von „heftigen und herrschsuͤchtigen Maͤnnern, die orthodox „waren. Freund! Hast du noch keinen Heterodoxen „gesehen, der auch herrschsuͤchtig war? — Denn haͤt- „test du weniger Erfahrung als ich. Jch habe schon „oft mit dem ersten Keime der Heterodoxie, auch „Eigenduͤnkel und Rechthaberey aufsprießen sehen.‛ Sebal- Sebaldus, beschaͤmt, vermeinte: ‚die boͤse Lehre „von der ewigen Verdammniß, mache doch die Ge- „muͤther so sehr geneigt, denjenigen, den man schon „als einen kuͤnftig ewig Verdammten ansiehet, auch „schon hier zu verabscheuen,‛ ‚Mein Freund!‛ rief der Prediger: ‚die dordrechti- „schen Rechtglaͤubigen dieses Landes, haben nebst der „ Ewigkeit der Hoͤllenstrafen noch die unbedingte „Praͤdestination. Und dennoch, ist in Alkmar so „mancher brave Kalvinist, der mich nicht fuͤr praͤde- „stinirt haͤlt, und mich doch herzlich liebet. Jch bin „lange in Amsterdam gewesen, wo hundert Sekten „sich ihrem Lehrsysteme nach verdammen, und fried- „lich neben einander leben.‛ ‚Jch bin,‛ fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort, ‚in „Berlin gewesen, wo auch Religionsverwandten aller „Art friedlich miteinander umgehen, und ich habe dort „nicht einmahl vom Verdammen etwas gehoͤrt, — „ausgenommen etwann einmahl ‚Ey, rief der Prediger, wenn du es auch nur ein- „mahl gehoͤrt hast, so wird es doch wohl, auch dort, „mehrmahl geschehen. Hoͤre meine Meinung: Nach „meinem Lehrsysteme, daß ich Jahre lang durchge- „dacht habe, bist du — ich kann es nicht bergen — „in Jrrthuͤmern, die deiner kuͤnftigen Seligkeit hin- „derlich „derlich sind, wenn Gottes Gnade nicht viel weiter „gehet, als die Einsichten die ich aus seinem Worte „schoͤpfen kann. Dieß getraue ich mir aber, nicht zu „bestimmen. Sey also Gotte und deinem Gewissen „uͤberlassen. Und nun? Warum sollte ich dich nicht „lieben, wenn du sonst Liebe verdienst? Jch sagte „vorher, wenn mein Sohn, dessen Tod ich beweine, „bloß verirrt waͤre, und endlich wieder zu mir kaͤme, „wuͤrde ich ihm vergeben, und ihn zu bessern suchen. „So denke ich auch gegen jeden verirrten Glaubens- „bruder, so gewiß denke ich so, als ich wuͤnsche, daß „jeder Glaubensbruder, wenn ich mich verirre, ge- „gen mich so denke. Auch dich, Freund! sehe ich als „meinen Bruder an! Nicht dieser ganze Welttheil „hat dich verstossen, hier ist noch ein Ort, und er ist „hoffentlich nicht der einzige, wo Einfalt der Sitten, „Eintracht und Gastfreundschaft herrschen. Bleib „bey mir, mein Bruder! Mein Haus ist das dei- „nige, und meinen Bissen theile ich mit dir, so lange „ich selbst noch einen Bissen habe.‛ Hiemit schloß er ihn in seine Arme, und Sebaldus, seiner Uebereilung halber beschaͤmt, vor freudigem Er- staunen stumm, konnte nur durch Thraͤnen antworten. Der Prediger hielt redlich, was er versprochen hatte. Er nahm den Sebaldus in sein Haus auf, er ver- sahe sahe ihn mit den nothwendigsten Erfordernissen. Sie hatten den freundschaftlichsten Umgang. Freylich konnte es nicht fehlen, daß nicht beide, sehr bald, uͤber Erbsuͤnde, Wiedergeburt und Genugthuung zu disputiren anfiengen, aber dieses machte in den menschenfreundlichen Gesinnungen des Predigers keine Aenderung, selbst alsdenn noch nicht, da Se- baldus zuweilen Argumente vorbrachte, bey denen der gute Prediger einige Minuten still schweigen, und sich erst auf Gegenargumente besinnen mußte. Auf diese Art giengen einige Wochen vorbey, bis ein Kaufmann aus Rotterdam, der eine Parthey Guͤter auf dem gestrandeten Schiffe gehabt hatte, deshalb nach Egmont reisete, und sich bey dieser Ge- legenheit einige Tage in Alkmar aufhielt, wo er den lutherischen Prediger, seinen alten Bekannten, be- suchte. Er sahe daselbst den Sebaldus, und nach einiger naͤhern Erkundigung, trug er demselben die Erziehung seines zweyten Sohnes unter vortheil- haften Bedingungen an. Sebaldus beurlaubte sich also bey seinem Wohlthaͤter, und reisete mit dem Kaufmanne nach Rotterdam. Dritter Theil. B Zwey- Zweyter Abschnitt. D er Kaufmann hatte bereits in seinem Hause einen Hofmeister, der zu Erziehung seiner bei- den Soͤhne gar wohl haͤtte hinlaͤnglich seyn koͤnnen. Allein er hatte eine lutherische Frau, und in den Ehe- pakten war versehen, daß das erste Kind reformirt und das zweyte lutherisch erzogen werden sollte. Seine Frau, eine gutmuͤthige Matrone, mit der er in allen Dingen, auch selbst in Absicht der zwischen ihnen verschiedenen Konfession, in groͤßter Eintracht lebte, wuͤrde mit dem Einen Hofmeister fuͤr ihre beiden Soͤhne, ob er gleich reformirt war, sehr wohl zufrieden gewesen seyn; wenn nicht Domine Ter- Breidelen, ihr lutherischer Gewissensrath, ihr die Nichterfuͤllung dieses Theils der Ehepakten, so oft zu einer Gewissenssache gemacht, und uͤber diese Be- eintraͤchtigung der reinen Lehre, bey ihren Mitluthe- rischen Vettern und Muhmen, so oft bittere Klagen gefuͤhrt haͤtte; daß Frau Elsabe endlich anfangen mußte, ihrem Manne uͤber diese Sache in den Oh- ren zu liegen. Dieser wuͤrde auch zu Bevestigung des Hausfriedens, so wie des Kirchenfriedens, schon laͤngst ihrem Verlangen ein Genuͤge gethan haben. Bloß der der Mangel eines dazu faͤhigen lutherischen Kandi- daten, war bisher daran hinderlich gewesen. Es ward also der zweyte Sohn des Kaufmanns dem Sebaldus uͤbergeben, zu nicht geringem Mis- vergnuͤgen des reformirten Hofmeisters, Meester Puistma, der den Knaben schon als sein Eigenthum betrachtet hatte, und es als ein Mistrauen gegen einen so gelehrten Mann, auslegte, daß man einen Knaben, dessen Erziehung er schon angefangen hatte, einem andern anvertrauen wollte. Wahr ist es, daß er zu Erziehung der Jugend, ganz besondere Talente hatte. Er war nicht umsonst fuͤnf Jahre in Groͤningen und in Utrecht gewesen, sondern hatte daselbst alle Worte der beruͤhmtesten Hochlehrer nachgeschrieben und den reichsten Schatz hollaͤndischer Schulgelehrsamkeit und hollaͤndischer Rechtglaͤubigkeit gesammlet. Er- hatte alle Spitzfindigkeiten der Voetischen und Coc- cejanischen Theologie durchkrochen. Er wuste so genau, in wie mancherley Sinne alle moͤgliche Theo- loganten in den sieben vereinigten Provinzen, die Haushaltungen des goͤttlichen Gnadenbundes geordnet und verstanden hatten, daß er noch eine neue Haushaltung haͤtte erdenken koͤnnen. Er konnte auf ein Haar bestimmen, ob Christus im al- ten Testamente nur ein Buͤrge und fidejussor fuͤr das B 2 mensch- menschliche Geschlecht gewesen, oder noch etwas an- ders. Dabey hatte Meester Puistma einen beson- dern Fleiß auf die gesegnete Lehre von der Praͤdesti- nation gewendet, und konnte, trotz einem von Mil- tons philosophischen Teufeln, uͤber Vorherbestim- mung und freyen Willen disputiren Others apart sat on a hill retir’d In thoughts more elevate and reason’d high Of Providence, foreknowledge, will, and fate. Fix’d fate, free will, foreknowledge absolute, And found no end, in wandring maxes lost. Milton’s Paradise lost. B. II. v. 557. Ja was noch mehr, da nach Miltons Berichte, selbst die Teufel, sich aus dem Dispute uͤber diese Materien nicht herausfinden koͤnnen, so schien dieser hollaͤndi- sche Theologant, eine hoͤhere Scharfsinnigkeit zu be- sitzen, denn er wuste so genau zusammengekettete Schlußfolgen, um den partikularsten Partikularis- mus zu behaupten, daß er sich selbst der Verdamm- niß wuͤrde uͤbergeben haben, wenn ihm haͤtte bewie- sen werden koͤnnen, daß er nicht praͤdestinirt waͤre. Diese theologantische Weisheit, hatte Puistma denn auch unverzuͤglich bey seinen beiden Zoͤglingen an den Mann gebracht, und sie bereits ziemlich tief in die Haushaltungen hineingefuͤhrt. Zugleich, da er sich erinnerte, daß diese Knaben einst Buͤrger eines Freystaates werden sollten, war er bemuͤht, ihnen ihnen die nuͤtzlichsten Stuͤcke der vaterlaͤndischen Ge- schichte zu erklaͤren. Dahin gehoͤrte besonders die Geschichte des Synods zu Dordrecht, mit seinen po- litischen und theologischen Veranlaßungen, und wie wohl man gethan, die Remenstranton lieber nicht zu hoͤren, damit man sie desto gemaͤchlicher verdam- men konnte, deßgleichen die Vorfaͤlle mit der soge- nannten Loevesteinschen Parthie, nebst der loͤbli- chen Hinrichtung des unruhigen Oldenbarne- veld u. s. w. Da er aber einst wahrnahm, daß die Knaben, als er pathetischer Weise beklagte, daß das Schloß Loevestein nicht jetzt noch zum Gefaͤngnisse fuͤr die widerspenstigen Unrechtsinnigen gebraucht wuͤrde, indessen unter dem Tische mit Keulchen und papiernen Voͤgeln spielten; so ward er dadurch nicht wenig entruͤstet, und erklaͤrte sich, nach dem Bey- spiele erfahrner Paͤdagogen, welche unartigen Kna- ben die Leckerbissen versagen, ihnen das koͤstliche Fest dieser Erzaͤhlungen so lange zu entziehen, bis sie hungriger darnach wuͤrden. Daher bestand zu der Zeit, als Sebaldus ins Haus kam, der Unterricht der beiden Knaben, bloß darinn, daß sie taͤglich aus dem Heidelbergischen Ka- techismus, ein Pensum der Abtheilung von des Menschen Elende, auswendig lernen und hersagen, B 3 dabey dabey taͤglich ein Kapitel aus Beza lateinischer Ue- bersetzung des Neuen Testaments exponiren mußten, und von einem besondern Lehrmeister in den fuͤnf Specien der Rechenkunst unterrichtet wurden, weil, wie leicht zu erachten, ein so gelehrter Mann, wie Meester Puistma, sich mit so gemeinen Dingen nicht abgeben konnte. Sebaldus aber brauchte bey seinem Zoͤglinge, eine etwas veraͤnderte Lehrart. Er lehrte ihn nebst dem Ka- techismus, der lateinischen Sprache und dem Schoͤn- schreiben, noch die Geschichte, Erdbeschreibung und die hochdeutsche Sprache. Diese Lehrart gefiel den Eltern, obgleich der gelehrte Puistma uͤber diese unnuͤtze Dinge seine Verachtung bezeugte. Als aber Sebaldus sich freywillig erbot, beide Knaben das Rechnen und die Musik zu lehren, fieng Meester Puistma daruͤber Feuer, lief zu dem reformirten Domene Dwanghuysen, und klagte, daß man den aͤltesten Knaben lutherisch zu machen suchte, weil ihm der lutherische Jnformator Stunden geben sollte. Domine Dwanghuysen war mit dieser Neuerung freylich nicht recht zufrieden, weil aber der Kauf- mann gedeputeerde Ouderling, oder Kirchenvorsteher war, so wollte er ihn in etwas schonen, und sprach noch vorjetzt den eifrigen Puistma zufrieden. Noch Noch schlimmer aber ward es, als Sebaldus anfieng, seinen Zoͤgling im Griechischen zu unterwei- sen, und der Kaufmann, seinem aͤltesten Sohne, aus dem er einen gelehrten Mann machen wollte, befahl, daß er diesen Lehrstunden beywohnen sollte. Sebaldus ließ darinn Xenophons Denkwuͤrdig- keiten des Sokrates lesen und uͤbersetzen, und er- klaͤrte auch zuweilen einige Stellen aus Antonins Betrachtungen. Er nahm hierbey Gelegenheit, den Knaben, gute moralische Grundsaͤtze einzupraͤ- gen, und diese Grundsaͤtze, ihnen selbst durch Erklaͤ- rung dieser vortreflichen Buͤcher anschauend zu ma- chen. Hieruͤber setzte Puistma den Sebaldus in Gegenwart beider Eltern, aufs heftigste zur Rede Er sagte sonder Scheu, wenn Sebaldus ein rechter Christ waͤre, so wuͤrde er den Kindern nichts als die gewyde Bladeren (Geweihte Blätter) d. h. die Bibe|. und andere christliche Buͤcher vor- legen, ihnen aber nicht solche ungeweihte blinde Hei- den, wie Sokrates und Antonin, zu Beyspielen vorstellen, deren Tugend schon der heilige Augustin als blendende Laster verdammt habe. Sebaldus vertheidigte sich, aber was konnte vernuͤnftige Ver- theidigung bey einem Manne, wie Puistma, hel- sen. Der schrie, ohne Gruͤnde anzuhoͤren, und lief B 4 voller voller Wuth, abermahls zu Domine Dwanghuy- sen, ihm diese neue Ketzerey zu berichten. Menschliche Tugenden, besonders die Tugenden der Heiden, waren zu der Zeit in Rotterdam eben nicht im besten Rufe. Zwar hatte damahls Domine Hof- stede, noch nicht, die Laster der beruͤhmten Hei- den angezeigt, zum Beweise, wie unbedacht- sam man dieselben selig gepriesen Dieses Buch ist ins deutsche uͤbersetzt. Leipzig 1769. 8. Es ist aber auch leicht zu erachten, daß die unsinnige Behaup- tung: die groͤßten Maͤnner des Alterthums waͤ- ren, ohne Ausnahme, lasterhaft gewesen, nicht auf einmahl in eines Menschen Gehirn kommen kann, ohne daß vorbereitende Thorheiten anderer Leute vor- hergegangen waͤren. Wirklich war schon seit gerau- mer Zeit in Friesland und durch das ganze Suͤd- holland, die Meinung gaͤnge und gaͤbe gewesen, das menschliche Geschlecht sey von Natur elend, dumm und zum Guten unfaͤhig. Wenn irgend je- mand auf einige Art das Gegentheil behaupten, be- sonders wenn er sich etwann auf die Tugenden der Heiden berufen wollte, war es sehr gewoͤhnlich, von Arminianischer Ansteckung, Pelagianischem Sauer- teige, und Socmianischem Gifte zu reden, auch wohl zu zu schreiben. Domine Dwanghuysen war nicht der geringste unter den rechtsinnigen Verdammern der Heiden; also ist leicht zu begreifen, daß Meester Puistma’s Klage, ihn in nicht geringe Bewegung moͤge gesetzt haben. Er gieng auch unverzuͤglich zum Kaufmanne, und fuhr den Sebaldus, in dessen Gegenwart, heftig daruͤber an, daß er der Jugend heidnische Schriften in die Haͤn- de gebe, um ihr darinn Beyspiele der heiduischen suͤndli- chen Tugend, zur Nachahmung vorzustellen. Er deci- dirte, daß weder Xenophon noch Sokrates, noch Antonin praͤdestinirt gewesen, daß sie wegen ihrer ver- meintlichen scheinbaren Tugenden kein Gegenstand der goͤttlichen Barmherzigkeit haͤtten seyn koͤnnen, und also in dem hoͤllischen Schwefelpfuhle ewig bra- ten muͤsten. Sebaldus unternahm unbedachtsamer weise, die großen Maͤnner, wider dieses hatte Ver- dammungsurtheil zu vertheidigen, machte aber da- durch das Uebel viel aͤrger, denn Dwanghuysen ward sehr heftig ergrimmt, daß Sebaldus gegen ihn, als gegen einen Seelenhirten, ohne Scheu sol- che seelenverderbliche Meinungen behaupten wolle, und schrie, indem er aus dem Zimmer schritt, dem Kaufmanne zu, daß er einen solchen heidnischen Un- christen nicht ferner einen Augenblick unter seinem B 5 Dache Dache dulden sollte, weil er sonst fuͤr nichts stehen wollte, wenn der seinen Hirten liebende Poͤbel, so- bald er ein solches Anathema Maran Atha 1 Cor. XVI. 22. verspuͤre, Unheil ansangen sollte. Der Kaufmann, der den Frieden liebte, und wohl wuste, mit welcher Heftigkeit Domine Dwanghuy- sen, das durchzusetzen pflegte, was er einmahl be- gehrt hatte, waͤre sehr geneigt gewesen, von Se- baldus zu scheiden. Aber seine Frau nahm ihren lutherischen Sebaldus in Schutz, und wollte ihn eher nicht wegschaffen, bis ihr lutherischer Gewis- sensrath auch sein Gutachten daruͤber gegeben haͤtte. Dritter Abschnitt. D omine Ter Breidelen, ward also ersucht, den folgenden Tag in dem Hause des Kaufmanns zu erscheinen, und der eifrige Dwanghuysen, wel- cher dieß sogleich von Meester Puistma erfuhr, fand sich, ungebeten, dazu ein. Die Sitzung ward damit eroͤfnet, daß sich Ter Breidelen den ganzen Casum vortragen ließ, welches Meester Puistma, mit vieler Redseligkeit verrich- tete. Darauf sagte der Domine viel triftige Dinge, von von der Unnuͤtzlichkeit der heidnischen Weisheit, und sprach zugleich das Urtheil der ewigen Verdamm- niß uͤber Sokrates und Antonin aus. Sebaldus wolte ihre Tugend und folglich ihre Seligkeit ver- theidigen, aber dadurch machte er die Sache noch aͤrger, und ward selbst verdammt. Domine Dwang- huysen neigte sich darauf freundlichst gegen Domine Ter Breidelen, und zeigte in einer wohlgesetzten Rede, daß, so herzlich er sonst seine lutherischen Bruͤder liebe, so koͤnne er doch eine so gefaͤhrliche Lehre, wie Sebaldus hege, auf keine Weise ent- schuldigen. Ter Breidelen rief: Sebaldus sey kein Lutheraner, sondern ein Synergist und Pe- lagianer, der die aͤchte lutherische Lehre, von der gaͤnzlichen Verderbniß der menschlichen Natur ver- schmaͤhe. Dwanghuysen erwiederte; fast sollte man denselben, der Holland so schaͤdlichen Sekte der Ar- minianer beygethan halten, weil er zu behaupten schiene, die bekehrende Gnade, sey lenis suasio oder eine sanfte Ueberredung, welche Lehre in den Ka- nonen des Dordrechtschen Synods, Kap. IV, 7. verdammet worden. Ter Breidelen ruͤmpfte ein wenig die Nase, bey Erwaͤhnung des Dordrecht- schen Synods. Sebaldus erschrocken, daß er bey Behauptung der unschuldigsten Wahrheiten ver- dammt dammt ward, und durch vorhergehende Verfolgung furchtsam gemacht, wolte sich entschuldigen, und sich dem angenommenen Lehrbegriffe gemaͤßer ausdruͤcken. Dieß verursachte einen weitlaͤuftigen polemischen Wortwechsel, in welchem beide Domine sehr hart aneinander kamen. Denn ob sie gleich sehr einig waren, den Sebaldus zu verdammen, so wurden sie doch, durch seine Vertheidigung, uͤber die Ursach der Vordammung wieder uneinig. Ter Breidelen be- sorgte naͤmlich, die Meinung des Sebaldus fuͤhre zu der schaͤdlichen Lehre von der Praͤdestination, Dwanghuysen hingegen vermeinte, sie fuͤhre zu weit von dieser heilsamen Lehre ab. Dieß brachte sie in einen langen Disput uͤber den Vorzug der Aug- spurgischen Confeßion und des Dordrechtischen Synods, wobey sie von Sebaldus Meinungen ganz weg geriethen, und nur endlich, da sie die Mit- tagsglocke ans Weggehen erinnerte, uͤbereinkamen, daß Sebaldus nach keinem von beiden lehre. Er ward also abermahls unwiderruflich verdammt. Dwanghuy- sen ermahnte, als sie zur Thuͤr hinausgiengen, seinen Kirchenvorsteher, und Ter Breidelen sein Kirch- kind, einen so heillosen Menschen, der mit keinem einzigen Symbolum uͤbereinstimmte, sogleich von sich zu lassen, und Dwanghuysen besonders, erwaͤhnte noch- nochmals beylaͤufig, des hirtenliebenden Jan Ha- gels. Gutmuͤthige Layen, welche aufmerksam zuhoͤren, wenn geistliche Herren, uͤber die Orthodorie und He- terodoxie eines andern streiten, befinden sich ohnge- faͤhr in der Lage, als wenn gewoͤhnliche Menschen, bey der Konsultation gelehrter Aerzte, uͤber den un- gewissen Zustand eines Kranken, zugegen sind. Sie trauen dem Patienten, nicht allein, bald alle die frem- den Krankheiten zu, deren griechische Namen ihm von beiden Seiten zugeworfen werden, sondern, es faͤngt sie wohl selbst an, ein Schwindel, Kopfweh oder Gliederreissen anzuwandeln; wenn man die ganze Pathologie so vor ihnen die Musterung pas- siren laͤßt. So gieng es dem Kaufmanne und seiner Frau, die den ganzen Streit voll Betaͤubung angehoͤrt hat- ten. Sie sahen bald den Sebaldus ganz furchtsam daruͤber an, daß er, wider alles Vermuthen, sich so graͤßliche Lehren behaupte, bald wollten sie ihn, mit dem vielen Guten, das sie sonst an ihm be- merkt hatten, entschuldigen, bald fiengen sie an, fuͤr sich selbst zu fuͤrchten, ob sie wohl in ihrem Christenthume so lau geworden, um die Jrrlehren nicht zu fuͤhlen, bald gereute es sie, daß die wohlan- gefangene gefangene Erziehung ihrer Kinder, wieder liegen blei- ben sollte. So herrschte beym Mittagsmahle ein todtes Still- schweigen, und einer sahe den andern aͤngstlich an, bis Meester Puistma, der, nach so wohlvoll- drachten Verrichtung, sich Essen und Trinken sehr gut hatte schmecken lassen, noch zeitiger als sonst, zu seinem gewoͤhnlichen Mittagsschlaͤschen, vom Tische wegschlich. Als er weg war, sagte Frau Elsabe, zum Se- baldus, mit niedergeschlagnen Augen: ‚Aber lieber „Meister, warum habt ihr auch meinen Kindern heid- „nische Buͤcher vorgelegt?‛ ‚Weil eure Kinder Griechisch lernen sollten und „diese Buͤcher gut Griechisch geschrieben sind.‛ ‚Aber warum habt ihr ihnen so boͤse gottlose Leute „zur Nachahmung vorgestellt?‛ Urtheilt selbst, versetzte Sebaldus, ob sie boͤse und gottlos gewesen? Hier erzaͤhlte er ausfuͤhrlich die Geschichte des Sokrates, und schilderte den Cha- rakter des Antonin. Er fragte, ob es nicht vielmehr gottlos sey, einen Fuͤrsten zu verdammen, der nach seiner eignen Nachricht, von seinem Großvater ge- lernet: Leutselig zu seyn und sich nicht zu erzuͤrnen; von seinem Vater: Bescheiden und maͤnnlich zu wer- werden; von seiner Mutter: Gottesfurcht und Freigebigkeit, und nicht nur nichts Boͤses zu thun, sondern es auch nicht einmahl zu den- ken S. Antonins Betrachtungen uͤber sich selbst. 1stes Buch im Anfange. u. s. w. Der Kaufmann und seine Frau hoͤrten aufmerk- sam zu. Frau Elsabe gestand, wenn dieser Heide so gesinnet gewesen, koͤnne es wohl nicht verdamm- lich seyn, ihn zum Beyspiele darzustellen. Ja sie moͤchte sich selbst nicht unterstehen, einen so guten Heiden zu verdammen. Hiemit stimmte der Kaufmann uͤberein. ‚Aber „dieß ist nicht das schlimmste, sagte er zum Sebal- „dus; denn die Domine wissen ohnedem mit dem „Verdammen geschwinder umzuspringen als unser „einer. Das schlimmste ist, daß ich Euch wider Wil- „len der Domine nicht im Hause behalten kann, weil „sie allen Leuten sagen werden, daß ihr keine rechte „gewisse Religion habt.‛ ‚Eine rechte gewisse Religion? Mein Herr! die „habe ich, Gott Lob! denn ich weiß, an wen ich „glaube. Aber daß mein Glauben, mit dem, „was verschiedene andere Leute glauben, oder andern „Leuten, als Formulare zu glauben vorschreiben, zu- „weilen „weilen nicht uͤbereinstimmt, ist nicht meine Schuld. „Der Glauben ist eine Gewissenssache, welche nicht „kann geboten werden. Jch laße gern einen jeden „glauben, wovon er uͤberzeugt zu seyn meinet, wa- „rum wollt ihr mir dieses nicht auch frey lassen?‛ ‚Jch wohl, versetzte der Kaufmann, aber die Do- „mine schwerlich. Die lassen sich nicht gern wider- „sprechen. Wenn Jhr einmahl nicht vor rechtsin- „nig gehalten werdet, werden sie bestaͤndig gegen „Euch was einzuwenden haben, und wenn ich Euch „in meinem Hause behalte, auch gegen mich.‛ ‚Und wenn ihr nicht recht lutherisch seyd, rief „Frau Elsabe, wird’s immer heissen, unsern Ehe- „pakten sey kein Genuͤge geschehen, nach denen mein „zweyter Sohn recht lutherisch erzogen werden muß. ‚Lutherisch! rief Sebaldus aus. Sind es denn „etwann lutherische Glaubensartikel, woruͤber gestrit- „ten worden, oder waͤre nur der geringste Streit ge- „wesen wenn euer Meester Puistma nicht einen so „unvernuͤnftigen Laͤrmen gemacht haͤtte. Jch son- „dere mich ja von der lutherischen Kirche noch nicht „ab. Und wenn ich es auch thaͤte. Sind denn die „Menschen jeder Konfession, durchaus auch in eine „eben so eingeschraͤnkte buͤrgerliche Gesellschaft einge- „schlossen. Muß der, der sich von dieser oder jener Lehr- „Lehrmeinung nicht uͤberzeugen kann, deshalb auch „aller buͤrgerlichen Gemeinschaft entsagen? Darf „man, ohne den genauesten Glauben an theologische „Formulare, nicht die alten Sprachen oder die Geo- „graphie lehren? Macht ein Verdacht des Pelagia- „nismus, auch eine astronomische Rechnung unrich- „tig, oder eine Leibrentenberechnung unsicher? Wie „weit wird endlich die Einschraͤnkung durch Bekennt- „nißbuͤcher gehen? Fragt man nicht fast schon, wenn „man einen Baͤlgetraͤter, Pedell oder Einheizer „braucht, ob er auch rechtsinnig sey. Endlich wird „man nicht Luft schoͤpfen, oder einen Tritt ins Land „thun duͤrfen, wenn man nicht erst die symbolischen „Buͤcher unterschreibt!‛ ‚Nein!‛ versetzte der Kaufmann, ‚da geht ihr zu „weit, mein lieber Meister! Unsere hochmoͤgen- „den und edelmoͤgenden Herren, dulden in den sie- „ben vereinigten Provinzen jedermann, weß Glau- „bens er auch sey. Nur freilich uusere ehrwuͤrdi- „gen Herren, examiniren diejenigen genauer, die sich „in den Haͤusern der Rechtsinnigen aufhalten. „Wenn Jhr nicht in meinem Hause waͤret, koͤnntet „Jhr glauben, was Jhr wolltet — Aber, ich gestehe „es Euch, da Euch die Domine anklagen, kann ich Dritter Theil. C „euch „euch nicht bey mir behalten, und mit dem hirtenlieben- „den Jaͤn Hagel mag ich auch nichts zu thun haben. ‚Wahr ists, sagte Frau Elsabe, mit einem Seuf- „zer, Domine Ter Breidelen, wuͤrde es mir bey „allen Hausbesuchen vorhalten.‛ ‚Ja!‛ fuhr der Kaufmann fort, ‚und Domine „ Dwanghuysen, wuͤrde es mir in den kerkelyken „Samenkomsten, bestaͤndig zu hoͤren geben, daß ich „einen Arminianer herbergte. ‚Großer Gott!‛ rief Sebaldus, die Haͤnde gen Himmel hebend. — ‚Guͤtigstes Wesen, voll allge- „meiner Liebe, voll allmaͤchtiges Wohlthuns! Wie „ists moͤglich, daß die, die sich deine Diener nennen, „selbst beinahe die Sonne, die du uͤber Gerechte und „Ungerechte scheinen laͤssest, denen entziehen wollen, „die dir auch dienen, nur nicht nach ihrer Vorschrift, „sondern nach eigenem Gewissen! wie ists moͤglich, „daß sie sie aus der Welt stoßen moͤchten, wenns an- „gienge! —‛ Er legte seine Stirn in seine linke Hand. Frau Elsabe sagte, indem sie die Augen trockne- te: ‚Nicht aus der Welt, lieber Meister! Es wird „sich fuͤr euch ein anderer Aufenthalt finden.‛ ‚Und ich will,‛ setzte der Kaufmann hinzu ‚Euch „dazu alle moͤgliche Anleitung geben. Wollt ihr „nach „nach Alkmaar zuruͤck, oder sonst nach einer andern „Stadt? —‛ Sebaldus, ohne ihn zu hoͤren, fuhr in seinem Selbstgespraͤche fort: ‚Was sollte Deine vernuͤnfti- „gen Geschoͤpfe, zu Vertraͤglichkeit und Liebe mehr „vereinigen, als dein Dienst, und was trennt sie „mehr, zu bitterm Zanke und Feindschaft! —‛ Der Kaufmann nahm ihn bey der Hand, und sagte: ‚Beruhigt Euch. Hoͤrt mich. Wollt Jhr „zuruͤck nach Alkmaar zu dem guten Pfarrer, oder „wollt Jhr wieder nach Deutschland, oder denkt Jhr „nach Ostindien zu fahren. Es sey wo es sey. Jch „will Euch Rath, Empfehlung, Unterstuͤtzung geben.‛ Sebaldus sahe ihn an, schlug die Augen wieder nieder, und sagte staunend: ‚Nach Alkmaar? — Ja „das war ein guter lieber Mann, — so gut — wie „Jhr, mein Herr! — — Aber wer steht mir dafuͤr, „daß ein anderer Eiferer, nicht Jhn, so wie Euch „noͤthiget, mir einen Platz unter seinem Dache zu „versagen. — Nach Deutschland? Soll ich da schmerz- „liche Erinnerung, an das was mir lieb war, holen, „und vielleicht noch eine neue Art von Verfolgern „kennen lernen? — Nein! lieber nach Ostindien, so „weit und so gefaͤhrlich der Weg auch ist. Vielleicht „ist man dort noch vertragsam Wo das Schulge- C 2 „zaͤnk „zaͤnk noch nicht Menschen gegeneinander aufgehetzt „hat, wird wohl die Liebe nicht an Konfessionen ge- „bunden seyn. Vielleicht faͤnde sich da eine Gesell- „schafft, die, streitige Lehrmeinungen bey Seite se- „tzend, nur gemeinsam erkannte Wahrheiten nu- „tzen wollte, die, ohne nach Lehrformeln zu fra- „gen, sich versammelte, um sich gemeinschaftlich „zum Lobe Gottes zu ermuntern, sich gemein- „schaftlich an gemeinnuͤtzige Pflichten zu erinnern. „Welches Gluͤck fuͤr mich, solche Gesellschafft zu fin- „den! Welches Vergnuͤgen, sie zu errichten! Oder „ists nur ein schoͤner Traum? Mags doch! Dort ist „wenigstens moͤglich, was in Europa durch Konfes- „sionen und Synoden unmoͤglich gemacht wird.‛ ‚Unmoͤglich? doch wohl nicht ganz;‛ versetzte der Kaufmann. ‚Wenn Jhr, lieber Freund, sonst kei- „ue Ursachen habt nach Ostindien zu gehen, als „eine solche Gesellschafft zu suchen, so koͤnnt Jhr sie „viel naͤher, bey uns, finden. —‛ ‚Wie? wo?‛ fiel ihm Sebaldus hastig ins Wort. ‚Jn den vereinigten Provinzen, und selbst auch hier „in Rotterdam. Sie heissen Kollegianten, oder „ Reinsburger, von einem Dorfe bey Leiden, wo sie „jaͤhrlich zweymahl zusammen kommen, um das Abend- „mahl zu halten. Man findet sie besonders in Am- „sterdam „sterdam, wo sie auch ein Waysenhaus haben. Jch „habe daselbst ihren gottesdienstlichen Versammlun- „gen, auf der Kaisersgracht, im Oranienapfel, oft „mit inniger Erbauung beygewohnt.‛ Der Kaufmann erzehlte nun dem Sebaldus auf Verlangen, kuͤrzlich, die Geschichte und die Verfas- sung dieser bisher, in ihrer Art, einzigen Gesell- schafft. Sie entstand um 1619 Wer von dieser vortreflichen Gesellschafft umständlichere Nachricht verlangt, kann sie finden, in S. F. Rues Nach- richten von dem gegenwaͤrtigen Zustande der Menneniten oder Taufgesinnten, wie auch der Kollegianten oder Reinsburger. Jena 1743. 8. S. 241. u. s. , als politischer Ur- sachen willen, denen die Religion zum Vorwande dienen mußte, die Remonstranten so sehr verfolgt wurden, daß man ihnen auch nicht, Gottesdienst zu halten, verstatten wolte. Damals versammelten, um der unbilligen Haͤrte der damaligen Gesetze zu entgehen, vier Bruͤder, Maͤnner von unstraͤflichem Wandel, Kollegien oder Zusammenkuͤnfte, wo- von die Gesellschaft den Namen behalten hat. Jn der Folge geselleten sich zu ihnen, nicht wenig von den friedsamen Taufgesinnten, doch nicht sie allein; denn die Kollegianten, laßen zu ihren bruͤderlichen Versammlungen alle Christen, ohne auf besondere C 3 Lehr- Lehrmeinungen oder Konfessionen, zu sehen; weil sie sagen: daß man in die Stadt Gottes durch ver- schiedene Thore eingehen koͤnne S. Rues. S. 277. . Jeden un- bescholtenen Mann, und der keine Meinungen vor- traͤgt, die ausdruͤcklich der Bibel zuwider sind, las- sen sie nicht allein zum gemeinschaftlichen Genusse des Abendmahls, sondern verstatten ihm auch, oͤffentlich uͤber gemeinnuͤtzige Wahrheiten zu reden, wozu sie keine besonders bestellte Lehrer haben. Denn jeder, der Kraft in sich fuͤhlt, nuͤtzliche Lehren zu geben, traͤgt sie, ohne Lehrton, wie ein Freund an Freunde vor, und pflegt, am Ende seiner Rede die Versamm- lung, bescheiden zu fragen: Ob jemand wider diesen Vortrag etwas einzuwenden habe, oder zur fernern Aufklaͤrung der Wahrheit noch et- was beytragen wolle. Und hierauf faͤhrt fort, wer will, mit gleicher Bescheidenheit seine Gedanken zu eroͤfnen. Sebaldus war entzuͤckt uͤber diese Nachricht, und wuͤnschte nichts, als bald ein Glied einer Versamm- lung zu seyn, die mit seinen Wuͤnschen so vollkom- men uͤbereinstimmte. Da er in Rotterdam weder bleiben wollte noch konnte, so bekam er von dem Kaufmanne, nachdem er fuͤr seine Hofmeisterschaft anstaͤn- anstaͤndig belohnet worden, Empfehlungsschreiben an einen ihm wohlbekannten Kolleglanten in Amsterdam. Sebaldus suchte sogleich seine Sachen zusammen, die ein maͤßiges Paͤckchen ausmachten, fuhr nach Gouda, setzte sich daselbst in die Nachtschuit, und ließ sich unter den frohesten Erwartungen fortziehen. Vierter Abschnitt. E r kam des Morgens fruͤh um fuͤnf Uhr, vor Am- sterdam, an dem Utrechter Thore, an. Gleich bey dem Aussteigen aus der Schuit, kam ihm ein Deutscher entgegen, der ihn sehr dienstfertig: Herr Landsmann, anredete, und sich erbot, ihn in eine gute Herberge zu bringen. Sebaldus versetzte: ‚Wenn sie nur nicht zu kost- „bar ist, denn meine Baarschaft ist gering. Jch bin „ein armer abgesetzter Prediger.‛ ‚Sie sollen sehr billig behandelt, und doch gut be- „dient werden,‛ rief der Herr Landsmann, und griff nach Sebaldus Reisesack, den er dienstwillig auf die Schulter nahm. Sie giengen also bey Eroͤfnung des Thores in die Stadt. Sebaldus konnte nicht umhin, seine Freude zu bezeugen, daß er einen Deutschen gefunden, der C 4 ihn ihn in dieser großen Stadt zurecht weise, zumahl da er der Sprache noch nicht gaͤnzlich kundig sey. ‚Ach ja, ehrwuͤrdiger Herr, sagte sein Begleiter, „es ist mir Jhretwegen selbst lieb, daß ich mich von „ohngefehr am Thore befunden. Sie koͤnnen gar „nicht glauben, ehrwuͤrdiger Herr, wie gefaͤhrlich es „in dieser Stadt ist. Jnsonderheit giebt es boͤse Leute „die man Seelenverkaͤufer nennet, welche die uner- „fahrnen Fremden, besonders Deutsche, mit List in „ihre Haͤuser locken, um sie nach Ostindien, in ein un- „beschreibliches Elend, zu verkauffen.‛ Sebaldus erstaunte daß es so boshafte Menschen geben koͤnne. Jndem schrie sie ein gemeines Weib auf hollaͤndisch heftig an: ‚Sieh den verdammten „Seelhund, da hat er wieder eine Seele!‛ ‚Kommen Sie geschwind,‛ raunte ihm sein Be- gleiter ins Ohr, ‚dieß ist eine Kreatur der Seelen- „verkaͤufer, welche mit uns Zank anfangen will, da- „mit Sie im Tumulte den Seelenverkaͤufern in die „Haͤnde fallen.‛ Sie verdoppelten also ihre Schritte, um diesem Ungluͤcke zu entgehen, und kamen endlich an das Haus, wo die Herberge seyn sollte. Sie giengen ei- lig hinein. Die Thuͤr ward hinter ihnen zugeschlos- sen. Wie erschrack aber Sebaldus, als ihn sein Beglei- Begleiter in eine Art von Unterkammer stieß, wo ohngefaͤhr dreißig elende Menschen auf Stroh lagen. Er brach in die heftigsten Vorwuͤrfe gegen seinen Be- gleiter aus, die dieser, nachdem er ihm einigemahl in einem trotzigen Tone stillzuschweigen geboten hatte, durch derbe Schlaͤge mit einem dicken Seile, beant- wortete, wovon Sebaldus ganz betaͤubt auf das Strohlager niederfiel. Als er sich ein wenig erholte, sah er um sich eine Anzahl elender Schatten-aͤhnlicher Menschen, von Hunger, Vloͤße, Schlaͤgen, Krankheit und Kinn- mer ganz ausgemergelt, von ihrem Strohlager auf- kriechen. Neben ihm lag ein Mensch, guͤnstiges An- sehens, aber vom Fieber ganz abgezehrt, der ihm, auf seine laute Klagen mit mattaufgehobner Hand, und schwacher Stimme, hochdeutsch zusprach; „Sey geduldig Freund, denn es wartet dein noch „mehr Elend; das meinige ist hoffentlich bald zu „Ende.‛ Sebaldus fiel wieder in schwermuͤthiges Stau- nen, aus welchem er ohngefaͤhr nach einer Stunde erweckt wurde, da man ihn holte, um vor dem See- lenverkaͤufer zu erscheinen, der nicht laͤngst aufge- standen war. C 5 Sebal- Sebaldus fand ihn in einem praͤchtig aufgeputzten und mit Huysums und Mignons Meisterstuͤcken ausgeziertem Seitenzimmer sitzen, das von dem Elende, womit im Keller Menschen gequaͤlt wur- den, so wenig Spur zeigte, als das Angesicht des hartherzigen Besitzers. Dieser nahm mit zufriedner Geberde sein Fruͤhstuͤck zu sich, und vor ihm lagen Erbauungsbuͤcher, aus denen er eben seine Morgen- andacht hergelesen hatte. Denn Buͤcher dieser Art, sind dem Schurken und dem schwachen ehrlichen Man- ne gleich behaglich. Dieser zieht Trost im Ungluͤcke, und Bevestigung frommer Entschließungen aus ih- nen, jener aber, der taͤgliche Gottlosigkeit unstraf- bar gemacht zu haben glaubt, wenn er sie Morgens und Abends in vorgeschriebenen Gebeten bereuet, der den Mangel innrer Rechtschaffenheit durch aͤussere Re- ligion ersetzen will, sucht die Unruhe seines Gewis- sens, in der Ruhe einer selbstgefaͤlligen Andacht zu ersticken. Dieser Bube, der mit kalter Fuͤhllosigkeit jeden Menschen im Elende konnte schmachten sehen, ließ es dabey an keiner aͤusserlichen Religionsuͤbung man- geln. Er war in der gangbaren Landestheo- logie sehr bewandert, und fand sogar durch dieselbe eine Hinterthuͤr, alles Boͤse, was ihn zu thun ge- luͤstete, luͤstete, mit seiner pflegmatischen Gewissensruhe zu vereinigen, denn er hatte sich uͤberzeugt, alles sey ab- solut nothwendig, er fey daher praͤdestinirt die Mof- fen So pflegt der niedertändische Pöbel, die Deutschen, beson- ders die Niedersachsen und Wesiphälinger zu nennen. zu schinden, und die Mossen seyen praͤdesti- nirt, sich von ihm schinden zu lassen. Deshalb konnte er mit eben der Gleichmuͤthigkeit einen Mossen in seinen Keller stossen sehen, als der Koch einen Krebs in den siedenden Kessel wirft. Er fragte den Sebaldus, dessen geistlichen Stand er von seinem Unterhaͤndler erfahren hatte, zuvoͤr- derst nach der Geschichte seiner Absetzung, und nach seinen folgenden Begebenheiten, und da er dadurch dessen heterodoxe Meinungen erfuhr, so ließ er sich in einen theologischen Disput ein, dessen Ende war, zu behaupten, daß die dem Sebaldus aufgestoßnen widrigen Begegnisse, eine Folge der goͤttlichen Straf- gerechtigkeit waͤren, deren unwuͤrdiges Werkzeug er jetzt auch seyn solle. Er fuͤhrte ihm dabey zu Ge- muͤthe, daß er Gott versuchen wuͤrde, wenn er lie- ber zu den stinkenden Ketzern, den Kollegianten, gehen wollte, als nach Batavia, der orthodoxen Stadt, wohin sich noch nie eine Ketzerey habe wagen duͤrfen. Er legte also dem Sebaldus einen schon aufgesetz- ten ten Kontrakt zur Unterschrifft vor. Dieser weigerte sich aber, weil ihm die Art, wie er zu dieser Reise ge- zwungen werden sollte, eine schreckliche Aussicht gab, und verlangte endlich, nach verschiedenem Hin- und Wiederreden, wenigstons Bedenkzeit, wolche ihm endlich auch, bis den morgenden Tag, aber laͤnger nicht, verstattet ward, worauf ihn der Seelenverkaͤufer entließ, und wieder ruhig auf sein Erbauungsbuch fiel. Als Sebaldus in den Keller zuruͤck kam, sah er ihn von Stroh aufgeraͤumt, und seine Ungluͤcksge- faͤhrten, theils in stummem Kummer, theils in fuͤhlloser Sorglosigkeit, theils in tobender Ver- zweiflung. Nur sein vorheriger Nachbar lag in einem Winkel, in großer Schwachheit. Da des Sebaldus geistlicher Stand schon bekannt wor- den war, so verlangte der Kranke seinen Zuspruch, den ihm Sebaldus, so trostlos er selbst auch war, von ganzem Herzen gewaͤhrte. Der Kranke wurde dadurch in etwas erquickt, und konnte nun des Se- baldus Erzehlung und Klagen anhoͤren, dem noch alles, was ihm diesen Morgen begegnet war, als ein Traum vorkam, und der sich besonders noch nicht zu uͤberreden wuste, daß Menschen so tief sinken koͤnn- ten, ihre Nebenmenschen vorsetzlich ins Elend zu stuͤrzen. ‚Was ‚Was bewegt diese Leute zu solcher Ungerechtig- „keit?‛ rief er zuletzt aus, Warum sind wir hier wie ‚Uebelthaͤter eingeschlossen? Was will man mit uns „anfangen? Darf man in diesem Lande der Freyheit „den friedsamen Wanderer, unverschuldet ins Ge- „faͤngniß schleppen? Jst hierwider kein Schutz bey „der Obrigkeit zu finden.‛ ‚Er wuͤrde gewiß zu finden seyn, erwiederte der Kranke mit schwacher Stimme, ‚wenn ihr unsere „Noth nur bekannt werden koͤnnte. Aber in den sechs „Wochen, die ich in diesem abscheulichen Loche zuge- „bracht habe, merkte ich gnugsam, welche sichere Maas- „regeln unsere Peiniger nehmen, um dieses unmoͤg- „lich zu machen. Von aussen hat diese Einrichtung „das Ansehen, als ob der Zweck sey, ganz armen Leu- „ten, die von allen Huͤlfsmitteln entbloͤßet sind, und „ freywillig nach Ostindien gehen wollen, bis zur „Abfahrt Nahrung und Equippirung zu geben, und „sich durch das Handgeld, welches die Ostindische „Compagnie giebt, und durch eine Verpfaͤndung des „kuͤnftigen Soldos, wieder bezahlt zu machen. Es „kann seyn, daß die Absicht im Anfange ganz gut ge- „wesen seyn mag, aber jetzt wird sie, durch die List „hartherziger Boͤsewichter, oft zu einem Misbrauch, „der der Menschheit Schande macht. Wenige gehen „frey- „freywillig, viele werden durch Raͤnke ins Garn ge- „lockt, durch Peinigungen zur Unterschrifft gezwun- „gen, in Gefaͤngnisse gesperrt, mit der elendesten „Kost kaum beym Leben erhalten, und zuletzt oft, „von uͤbler Vegegnung und Kummer abgemergelt, „anstatt aller Erfordernisse, zu einer Seereise von eini- „gen tausend Meilen, kaum mit ein Paar groben „Hemden vorsehen. Und fuͤr diese elende Ver- „pflegung werden so große Kosten angesetzt, daß das „ungluͤckliche Schlachtopfer, in Ostindien, wohl „sechs oder sieben Jahre, nicht fuͤr sich, sondern fuͤr „den Seelhund fahren muß. O! koͤnnte doch die „christliche Obrigkeit dieses Laudes, solche unmensch- „liche Begegnung allezeit wissen, sie wuͤrde gewiß die „Gerechtigkeit, die sie sonst immer ausuͤbt, auch hier „ausuͤben. Sie hat wirklich schon in den wenigen „Faͤllen, die zu ihrer Kenntniß gekommen sind, exem- „plarisch gestraft. Koͤnnte die edle Ostindische Kom- „pagnie doch nur erfahren, wie unerhoͤrt man oft „ihren Namen mißbraucht, sie wuͤrde zu ihrem „Ruhme und zu ihrem Nutzen, Boͤsewichtern „ein schaͤndliches Handwerk dadurch legen, daß sie, „auf dem ostindischen Hause, diejenigen, die sich „ihrem Dienste widmen wollen, oͤffentlich und „freywillig annehmen, und selbst, unter der Auf- „sicht „sicht redlicher Leute, unterhalten und ausruͤsten „liesse. Aber, bis einst ein Menschenfreund, die „Stimme der Nothleidenden bis zu den Ohren „derer bringt, die dem Elende bis in die geheimsten „Winkel nachspuͤren, und ihm abhelfen koͤnnen; — „moͤchten doch diese schreyenden Ungerechtigkeiten, „wenigstens in Deutschland bekannt seyn, moͤchte „man sie doch in den Seestaͤdten, auf allen Straffen, „in allen Wirthshaͤusern, bey allen Zuͤnften bekannt „machen, moͤchte man auf den Kanzeln dafuͤr war- „nen. Denn die Boͤsewichter schicken ihre Unter- „haͤndler nicht nur bis an die Graͤnze, sie schicken sie „bis Hamburg, Bremen und Stade. Sie ge- „brauchen unzaͤhliche Raͤnke, um den unvorsichtigen „Seemann, den einfaͤltigen Handwerker, den treu- „herzigen Bauer in ihre Schlingen zu ziehen. Jch „selbst bin von ihnen, aus Bremen, durch die suͤßesten „Vorspiegelungen, weggelockt und in diesen elenden „Zustand gebracht worden, ich habe aber zur Vorsicht „das Vertrauen, daß er sich nun bald endigen wird.‛ Hier schwieg der Kranke, aus Entkraͤftung, und Sebaldus war wieder seinen traurigen Gedanken uͤberlassen. Er blieb darinn den ganzen uͤbrigen Tag, die Zeit ausgenommen, da eine sparsame Mahlzeit verzehrt wurde, die zugleich so elend war, daß kaum der der haͤrteste Hunger den Widerwillen dagegen be- zwingen konnte. Abends mußte er sich, unter den uͤbrigen, auf das elende Strohlager legen. Den andern Morgen ward er wieder vor den See- lenverkaͤufer gebracht. Dieser suchte ihn nunmehr durch freundliches Zureden und durch starkes Getraͤnk zur Unterschrift zu verleiten. Da Sebaldus sich aber standhaft weigerte, und aus seiner ungerechten Gefangenschaft entlaßen zu werden verlangte, so hieß es endlich, er moͤchte vierzehn Gulden fuͤr Woh- nung und Kost des gestrigen Tages zahlen, so koͤnne er frey weggehen. Sebaldus, froh, griff in die Ta- sche, aber ein angestellter Bube, hatte ihm in der Nacht sein Geld gestohlen. Er ward nunmehr hart angefahren, und ihm nur noch bis auf den Abend Bedenkzeit gegeben, und da er alsdenn noch bey sei- ner Weigernng blieb, ward er auf den Soͤller ge- fuͤhrt, daselbst an einen Pfosten gebunden, und so lange unbarmherzig gegeisselt, bis die Schmerzen ihn noͤthigten, endlich die verlangte Einwilligung zu geben. Er ward wieder in den Keller zuruͤckgebracht, und konnte die ganze Nacht kein Auge schliessen, theils wegen Schmerzen, theils wegen der Seufzer seines kranken Nachbars, welcher mit dem Tode rang und gegen gegen Morgen starb. Sebaldus fiel in die stum- pfe Fuͤhllosigkeit, die den tiefsten Jammer erdulden hilft, und erwartete sonder Bewegung, in welches unbekannte Land man ihn schleppen wuͤrde, und wel- chem unbekanntem Elende er noch entgegen sehen sollte. Jndessen verschafte der Tod des einen Ungluͤckli- chen, den uͤbrigen unvermuthet einige Erleichterung. Des Seelenverkaͤufers Geiz machte ihn etwas mensch- licher. Er glaubte ein Kapital verlohren zu haben, indem er den Verstorbenen sechs Wochen vergebens genaͤhrt hatte. Bey einigen der uͤbergebliebenen aͤußer- ten sich Schwachheiten, die die Furcht erweckten, daß ein ansteckendes Fieber unter ihnen einreißen moͤchte. Er entschloß sich also, sie saͤmmtlich, nachdem sie mit Wein und starken Getraͤnken etwas erquickt worden, frische Luft schoͤpfen zu lassen. Vorher wurde jeder, der unterweges mir muchsen wuͤrde, mit der schaͤrf- sten Strafe bedrohet, und so ließ er sie unter Be- gleitung von sechs seiner Knechte und Unterhaͤndler, ausgehen. Sie zogen ganz langsam fort. Mancher ehrlicher Buͤrgersmann sah ihnen mit Mitleiden nach. Hin und wieder zuckte ein Vornehmerer uͤber sie die Achsel, und rief: ‚’s sind ja nur Mofjes! ‛ So zogen Sie durch die schattigen Gaͤnge der Plantage endlich Dritter Theil. D zum zum Muider Thore heraus, um auf dem Dyk nach Seeburg reine Luft zu geniessen. Sebaldus Geist, obgleich von tiefem Elende nie- dergedruͤckt, erhob sich, bey Erblickung der Aussicht die nirgend ihres gleichen hat: auf dem Y und auf der Suͤdersee, tausend Seegel, das ganze Gewuͤhl des arbeitsamen Fleißes, auf der Landseite, gruͤnen- de Wiesen und Goͤrten, die ruhige Schoͤnheit der Natur. Die Gesellschaft warf sich ins Graß, und ruhte eine Stunde lang, erquickt von dem kuͤhlen Wehen der Luft, und dem frischen Geruche des federweichen Lagers. Sebaldus insonderheit, an Geist und Koͤr- per erfrischt, brach in der Fuͤlle seines Herzens, end- lich in ein lautes Lob des Allmaͤchtigen aus, der, fuͤr seine geplagtesten Kreaturen, in den einfaͤltigsten Ge- nuß seiner Schoͤpfung Trost und Staͤrkung gelegt hat. Der Schall seines Dankgebets, erweckte die Auf- merksamkeit zweener ehrwuͤrdigen Geistlichen, die in der Gegend gleichfalls spazieren giengen. Sie hatten vorher die ungluͤckliche Gesellschafft nur mit der allge- meinen Theilnehmung betrachtet, welche die Men- schenliebe keinem Elenden versagt. Jtzt traten sie naͤ- her, durch Sebaldus Stimme und Geberden geruͤhrt, ob sie gleich seine Worte nicht verstehen konnten. Sie betrach- betrachteten ihn aufmerksam, besonders schien der aͤlteste von beiden sehr bewegt, hob endlich die Haͤnde empor, that einen Ausruf, und wolte auf den Sebal- dus zugehen. Der andere hielt ihn zuruͤck, und man hoͤrte, daß er sagte: ‚Last ’s seyn, Jhr wuͤr- ’det ’s sonst noch schlimmer machen.‛ Sie kehrten sich darauf um, und sprachen einander ins Ohr. Sebaldus, in frommer Entzuͤckung, hatte diesen Vorfall nicht einmahl bemerkt, aber seine Gefaͤhrten fiengen an, die Koͤpfe zusammen zu stecken. Dieß war genug fuͤr die argwoͤhnischen Waͤchter, den gan- zen Trupp sogleich aufstehen zu lassen, und ihn nach Hause zu fuͤhren. Die beiden Geistlichen, nachdem der Zug sich in etwas entfernt hatte, folgten demsel- ben von weiten, bis an des Seelenverkaͤufers Haus, das sie auf diese Art entdeckten. Fuͤnfter Abschnitt . D er eine dieser Geistlichen, der den Sebaldus hatte anreden wollen, war niemand anders als der rechtschaffene Prediger aus Alkmaar, der der Erb- schaft eines Waisen wegen, eine Reise nach Amster- dam hatte thun muͤssen, und bey diesem zufaͤlligen Spa- ziergange, den Mann, den er schon einmahl aus dem D 2 Elende Elende errettet hatte, wieder in einer andern Noth erblickte. Er war jetzt zu seiner abermaligen Erret- tung nicht minder thaͤtig als vorher. Es waͤhrte nicht eine Stunde, so hatte er schon bey dem Hoofd- Officier Anzeige gethan, und kam, in Begleitung eines Gerichtsdieners, in des Seelenverkaͤufers Haus, den Sebaldus zu fodern. Er haͤtte nur wenig Mi- nuten spaͤter kommen duͤrfen, so waͤre seine men- schenfreundliche Vorsorge vergeblich gewesen. Denn da die Knechte, aller Vorsicht ungeachtet, wohl merkten, daß ihnen die beiden Geistlichen nicht ohne Ursach nachfolgten; so war der Seelenverkaͤufer, eben im Begriffe, zu thun, was er sonst that, wenn er eine Entdeckung befuͤrchtete, naͤmlich den Sebaldus in das Haus eines seiner Mitgenossen zu schicken, um den- selben den Nachforschungen der Obrigkeit zu entziehen. Man wollte ihn auch jetzt verlaͤugnen, aber der Ge- richtsdiener, der dieses Haus der Tyranney schon kannte, wollte sich durch keine Einwendungen ab- weisen lassen. Der Seelenverkaͤufer hatte daher kaum Zeit, in der groͤßten Verwirrung, in den Keller zu laufen, dem Sebaldus seinen Reisesack wiederzuge- ben und denselben auf die kriechendeste Weise fast fuß- faͤllig zu bitten, ihn nicht ungluͤcklich zu machen; als ihm schon der Gerichtsdiener mit dem Geistlichen folgte. folgte. Der rechtschaffne Prediger umarmte den Se- baldus, und da er aus andern Vorfaͤllen die Ge- wohnheit eines solchen Hauses wohl kannte, so zahl- te er sogleich dem Seelenverkaͤufer, ohne Einwen- dung, eine betraͤchtliche Summe, die fuͤr das Elend von sechs oder sieben Tagen gefordert ward. Aber sobald dieses geschehen, sagte er ihm auch ins Ge- sicht, daß er alles anwenden wuͤrde, seine gewissen- lose Behandlung unschuldiger Menschen, zur Bestra- fung, ans Licht zu ziehen. Er ließ sich weder durch des Seelenverkaͤufers vielfaͤltige Entschuldigungen, noch selbst durch Sebaldus Bitten, zuruͤckhalten. Er that dem Hoofd-Officier noch eine ausfuͤhrlichere Anzei- ge, worauf dieser, seinem Amte gemaͤß, auf dem Stadt- hause, vor den Schoͤppen den Seelenverkaͤufer an- klagte. Sebaldus ward uͤber alle Umstaͤnde der erlit- tenen grausamen Begegnung vernommen. Der Seelenverkaͤufer ward in Verhaft gezogen, und ihm mit vielem Eifer der Proceß gemacht. Er ward ins Raspelhaus gesetzt, obgleich der Prediger, vor Endigung des Processes, nach Alkmaar zuruͤckreisen mußte, und Sebaldus, der von aller Rachbegierde frey war, deshalb weiter keinen Schritt gethan hat. Jndessen fuͤhrte der Prediger den Sebaldus, so- bald’er ihn aus den Haͤnden des Seelenverkaͤufers D 3 erloͤset erloͤset hatte, in das Haus seines Freundes, mit dem er vorher spazieren gegangen war. Es war ein men- nonistischer Lehrer, ein Mann von Verstande und Redlichkeit, mit den Kollegianten wohl bekannt, der den Sebaldus von der Verfassung dieser friedsa- men Gesellschaft noch naͤher unterrichtete, und mir ihm und dem lutherischen Prediger in derselben got- tesdienstliche Versammlung gieng; wo sie alle, der Verschiedenheit ihres Lehrbegriffs und aller strei- tigen Fragen vergessend, in gemeinsamer Andacht das Lob Gottes anstimmten, und gemeinsam er- kannte Wahrheit zu ihrer Erbauung anwendeten. Eine Art des Gottesdienstes, die Sebaldus Wuͤnsche ganz befriedigte. Nach der Versammlung giengen sie mit dem Se- baldus, um das Empfehlungsschreiben aus Rotter- dam an den Kollegianten, abzugeben, weil er Un- paͤßlichkeitshalber nicht zugegen gewesen war. Er nahm den Sebaldus, als ein Vater und als ein Freund in sein Haus auf, so daß derselbe, bey dieser liebreichen Begegnung, in kurzem seine vorigen Wi- derwaͤrtigkeiten vergaß. Der Kollegiant war ein wohlhabender Mann, aber auch ein Mann von ausgebreiteter Gelehrsam- keit, und von edlen Gesinnungen, der seine Muße zum zum Besten der Wahrheit und Tugend anwendete. Er hatte schon verschiedene schaͤtzbare Werke auf seine Kosten drucken lassen, besonders hatte er eben ein gelehrtes Tagebuch angefangen, das zur Absicht hatte, den Weg zu bahnen, daß gemeinnuͤtzige Religions- begriffe von leeren Schulspitzfindigkeiten gesondert wuͤrden. Er schrieb es in lateinischer Sprache, weil damals, in Holland, die Vorurtheile fuͤr eine herge- brachte Orthodoxie noch so stark waren, daß sich nie- mand, so wie jetzt Jn den Vaderlandsen Letter-Oeffeningen, einem gekehrtem Tagebuche, dessen vornebinste Verfasser Kollegianten sind. , getrauete, Meinungen, die nicht im Kompendium stehen, in der Landessprache vorzutragen. Denn die Gottesgelehrten in allen Laͤndern lassen meistens noch eher geschehen, daß man neue Meinungen und Zweisel, in der gelehrten Sprache, fuͤr sie allein vortrage, damit sie ihre Streit- kunst aufs stattlichste daran uͤben koͤnnen, als in der Muttersprache, damit gemeinnuͤtzige Wahr- heiten sich in die Gemuͤther aller Einwohner eines Landes verbreiten moͤgen. Sebaldus, der die Arbeit liebte, erbot sich in kur- zem selbst, seinem Wirthe in dessen Beschaͤftigun- gen behuͤlflich zu seyn. Er that dadurch zugleich sei- D 4 ner ner vorzuͤglichsten Neigung Genuͤge, Jdeen, die ihm wichtig waren, zu entwickeln und auszubilden. Der Kollegiant hingegen, mußte einen Mann, dessen Neigungen mit den seinigen so sehr uͤberein- stimmten, bald liebgewinnen. Sie arbeiteten uͤber verschiedene Materien im Anfange gemeinschaftlich. Jndessen blieb die Arbeit bald dem Sebaldus allein uͤberlassen, da die Krankheit des Kollegianten schnell zunahm. Der rechtschaffene Mann ward immer schwaͤcher, und starb nach einigen Monaten. Vor- her noch vermachte er im Testamente, dem Sebal- dus, den Vorrath und das Verlagsrecht seiner saͤmmtlichen Werke, besonders des gelehrten Tage- buchs, welches anfieng Aufsehen zu machen, und allenthalben mit großer Aufmerksamkeit gelesen ward. Sebaldus beweinte von Herzen den Tod seines Freundes und Wohlthaͤters. Jndessen, ausgenom- men, daß er den Umgang dieses redlichen Mannes entbehren mußte, war sein Zustand ganz seinen Wuͤn- schen gemaͤß. Er hatte durch den Verkauf der ihm vermachten Werke, und durch die Fortsetzung des Tagebuchs, ein zwar sehr maͤßiges, aber fuͤr ihn hinlaͤngliches Auskommen, konnte seine Lieblings- neigung, die Spekulation, befriedigen, war uͤbri- gens gens unabhaͤngig, konnte in Frieden, seiner Ueber- zeugung gemaͤß, Gott dienen, und war noch nicht Religionsmeinungen halber angefeindet worden. So wuͤnschenswerth indessen diese Lage war, so schien es doch Sebaldus Schicksal zu seyn, daß er, wenn er am meisten Nutzen zu schaffen glaubte, durch einen geringscheinenden Zufall, selbst Gelegen- heit geben mußte, seinen Zustand zu verschlimmern. Er hatte, schon beym Leben seines Wohlthaͤters, sich in der hollaͤndischen Sprache festzusetzen gesucht, und es war ihm gelungen. Nachher trieb ihn die Einsamkeit langer Winterabende, auf die Lesung englaͤndischer Buͤcher, die er schon in seiner Jugend geliebt hatte. Er fand unter andern ein Buch Remarks on man, manners, and things; by the Author of the Life of John Bunele. London gr. 8. , dessen Jnhalt ihm groͤßtentheils so wohl gefiel, daß er auf den Gedanken kam, es zu uͤbersetzen, weil er meinte, daß es auch in einer andern Sprache nuͤtz- lich seyn koͤnnte. Er beschaͤftigte sich einige Monate lang mit dieser Arbeit, und da er meist damit fertig war, gieng er zu Mynheer van der Kuit, dem Buchhaͤndler, der bisher den Verkauf der saͤmmtlichen Werke des ver- storbenen Kollegianten, und auch des gelehrten Ta- D 5 grbuchs gebuchs besorgt hatte, um ihm diese Uebersetzung zum Verlage anzubieten. Van der Kuit unterließ nicht, die gewoͤhnlichen Schwierigkeiten zu machen: Daß er mit Verlag uͤber- haͤuft, daß der Handel gefallen sey, daß Druck und Papier immer theurer werde, daß man vorher et- was von dem Werke sehen, daß man es allenfalls gelehrten Leuten zur Pruͤfung uͤbergeben, und be- sonders, daß man, der Kunstrichter wegen, erfor- schen muͤsse, ob nicht wider die Reinigkeit der hollaͤn- dischen Sprache gefehlet sey. Auf diese Erklaͤrung, zog Sebaldus einige Hef- te seiner Uebersetzung aus der Tasche. Jndem die- ses geschahe, trat Domine de Hysel, ein gelehrter reformirter Prediger herein, welchen Sebaldus kannte, weil er ihn oft im Buchladen gesehen hatte. Sebaldus erbot sich also, beiden etwas von seiner Uebersetzung vorzulesen. Sie giengen saͤmmtlich in die Schreibstube des Buchhaͤndlers, und der Uebersetzer las, wie folget. Sech- Sechster Abschnitt . — —‚ D aß viele Prediger, alle Neun und drei- „ßig Artikel Das Glaubensbekänntniß der engländischen Bischöflichen Kirche, ist im Jahr 1562, unter der Regierung der Königinn Ellsabeth, auf 39 Artikel festgesetzt und 1571 durch eine Parlamentsakte bestätigt worden. Wer ein geistliches Amt erhält, muß sie beschwören. Sie sind das, was in den meisten deutschen Provinzen die symbolischen Bücher sind. beschwoͤren, ohne sie „alle zu glauben, liegt am Tage, und man muß es „entschuldigen. Wer ein Hausvater ist, und sich und „seine Familie, um ungerechter Formalien willen, „nicht in die birterste Noth stuͤrzen will, der sey von „mir nicht verdammt. Verdamme ihn ein harther- „ziger Rechtglaͤubiger, wenn ers vermag!‛ ‚Aber wie stehts um die Wahrheit? Muß die noch „immer weg den Neun und dreißig Artikeln nach- „stehn? Jsts nicht die Pflicht der gesetzgebenden „Macht, zu sorgen, daß nicht, durch Formulare, die „Ausbreitung der Wahrheit gehindert werde, und „sollten die Bischoͤfe nicht selbst die Hand dazu bie- „ten? Wenn die Neun und dreißig Artikel die „Kette sind, welche die aͤußerste Weite mißt, in der „der Verstand eines Geistlichen sich bewegen darf, so „ists vergeblich, nach Wahrheit zu forschen.‛ ‚Selt- ‚Seltsam gnug! daß man denjenigen, die die be- „sten Jahre ihrer Jugend angewendet haben, sich zu „einem geistlichen Amt geschickt zu machen, vorsagen „will, sie haben unrecht, sich uͤber die Strenge der „ Neun und dreißig Artikel zu beklagen, da sie der- „selben entgehen koͤnnten, wenn sie kein geistliches „Amt suchten, oder es niederlegten, wenn sie es schon „haͤtten. Dieß ist also die Gnade, die man uns an- „bietet? Die Uniformitaͤtsakte verursachte, daß „im Jahre 1662, am Bartholomaͤustage an 2000 „dissentirende Prediger auf Einen Tag, ihr Amt nie- „derlegten, daher zweytausend Familien, ohne Brod, „und zweytausend Gemeinen, ohne Gottesdienst wa- „ren. Einen solchen Bartholomaͤustag wuͤnscht „ihr also wieder, die ihr so kalt daher plaudern koͤnnt, „es beduͤrfe nur, daß jeder, der nicht nachbeten will, „sein Amt niederlege, damit gar kein Gewissens- „zwang da sey! Das nennt ihr Duldung der Dissen- „ters? das nennt ihr Toleranz und Sanftmuth? ‚Bey Gott! diese Sanftmuth der Vertheidiger „der Neun und dreißig Artikel, gemahnt mich, wie „die Schonung der Rabbinen, die dem Verurtheilten „nur neun und dreißig Streiche geben. Warlich! „ob er gleich den vierzigsten nicht bekommt, so schmerzt „doch „doch deshalb keiner von den neun und dreißigen „weniger.‛ ‚Die Schriftgelehrten haben von je her ihre Lehr- „gebaͤude so kuͤnstlich angelegt, daß jeder das seine, „trotz aller Widerlegung, beweisen kann. Sie glei- „chen Bergschloͤssern, die noch dazu mit hohen Waͤl- „len und tiefen Graben umgeben sind, so daß derje- „nige, der darinn ist, sich ewig vertheldigen, und „der, der draußen ist, sie nimmer mit Vortheile an- „greifen kann. Aber wie? Wenn wir diese Vestun- „gen, die uns eigentlich nichts hindern, liegen lies- „sen, und mit der gesunden Vernunft geradezu ins „Land draͤngen? Die Priester hatten bis ins sechs- „zehnte Jahrhundert ihr System in gar kuͤnstliche „dialektische Schlingen verwickelt. Luther ließ sie, „und gieng gerade auf die Bibel, die er allen, die le- „sen konnten, in der Landessprache in die Haͤnde gab. „Die fleißige Lesung dieses Buchs erwaͤrmte das Herz, „und erleuchtete den Verstand, indem sie das Nach- „denken befoͤrderte. Wollen wir auf einem gleichen „Wege nicht weiter fortgehen?‛ ‚Man setzet immer die Vernunft der Offenba- „rung entgegen. Dieß mag der noͤthig finden, der „an „an eine unerklaͤrliche Theopnevstie glaubt. Jch „hoffe aber, es sey niemand jetzt mehr so einfaͤltig, sich „einzubilden, Gott habe die heiligen Buͤcher, ganz „unmittelbar, und uͤbernatuͤrlich, eingehaucht. Es „sind Buͤcher, welche zu schreiben, hat muͤssen Ver- „nunft angewendet werden, und zum Lesen und „ Verstehen derselben, gehoͤrt auch Vernunft. ‚ Samuel Werenfels S. Sam. Werenfelsii Opuseula theologica philosophica \& phi- lologica. Lausannae 1739 4to. Tom. II. p. 509. Der ehrliche Sebaldus hat diese Verse, nach seiner Art, folgendermaßen übersetzt: ‚Von Gott gemacht ist dieses Buch, „Daß jeder seine Lehr’ drinn’ such’ „Und so gemacht, daß jedermann, „Auch seine Lehr’ drinn finden kann.‛ , einer der gelehrtesten und „rechtschaffensten Gottesgelehrten in der Schweiz, „schrieb in seine Bibel: „Hic liber est, in quo sua quaerit dogmata quisque; „Invenit \& pariter dogmata quisque sua. ‚Daß dieß wahr sey, lehret die Kirchengeschichte aller „Sekten. Der viel, und der wenig glaubet, der Recht- „glaͤubige, wie der Schwaͤrmer, suchen und finden „ihre Lehre in der Bibel. Was nun? Jch meine, „was geschehen ist, sey nicht ohne weise Absichten der „goͤttlichen Vorsehung geschehen. Gott hat weder „das „das Alte Testament noch das Neue Testament, „selbst, unmittelbar, anfgezeichnet. Er hat gute Leute „ausersehen, welche Buͤcher geschrieben haben, die durch „verschiedene Vorfaͤlle, (in denen, wie in allen Din- „gen, auch die goͤttliche Vorsehung mit gewirkt hat) „bey einem großen Theile des menschlichen Geschlechts „in solches Ansehen gekommen sind, daß er aus den- „selben seine Pflichten hat kennen lernen wollen. „Diese Buͤcher aber sind so eingerichtet, daß dieß „nicht ohne Betrachtungen und Schluͤsse, folglich „nicht ohne Nachdenken geschehen kann. Also sind „diese Buͤcher hauptsaͤchlich in so fern, eine Quelle „der Wahrheit, als sie das Nachdenken uͤber „Wahrheit besoͤrdern. Und wenn denn nun auch „die Schluͤsse und Folgerungen aus denselben verschie- „den sind! Wenn sie nur alle zuletzt in gemein- „same Wahrheit zusammensließen, wollen wir „uns beruhigen. Der heil. Hieronymus S. Hierouymus in Epistolis: Margaritum est Verbum Dei, ex omni parte forari potest. Nimirum ut Diatraetarii margaritas, prout commodum visum fuerit, perforant: ita haeretici verba Dei, pro captu suo interpretantur, ut volunt. S. Fried. Lindenbrogii Var. Quaest. n. 2. adj. Altercationi Hadriani Aug. \& Epicteri Philosophi. Francof. 1628. 8. , hat „schon gesagt: „das Wort Gottes ist eine Perle. „Ja wohl, eine Perle! denn gleichwie die Kuͤnstler „die „die Perlen, wo es ihnen gutduͤnkt, durchbohren, so „haben alle Sekten Gottes Wort, nach ihrem Sin- „ne ausgelegt,‟ und es, wie Perlen, auf den Faden ‚ihres Lehrsystems gereihet.‛ ‚Die heiligen Buͤcher sollen mir bestaͤndig Quel- „len des Nachdenkens uͤber Wahrheit bleiben. „Wer aber andere Quellen des Nachdenkens uͤber „Wahrheit zu finden glaubt, besonders, wenn er mit „mir auf gleiche gemeinsame Wahrheit zuruͤckkommt, „den verdamme wer will, ich nicht. Berdamme wer „will, fast ganz Asten und Afrika, und den groͤßten „Theil von Amerika. Sie kennen diese Buͤcher nicht „und doch hat sie der allgemeine Vater, gewiß nicht „ohne Wahrheit, und ohne Gluͤckseligkeit, ihre Fol- „ge, lassen wollen.‛ ‚Wenn ich in den heil. Buͤchern, eine Stelle finde, „in welcher von einem Gotte die Rede ist; und lese, „erst nach Jahrhunderten sey gefunden worden, daß „ein durch ein zu duͤnnes Pergament durchgeschlage- „ner Queerstrich Jm Alerandrinischen Koder, scheint, der mittelste Queer- strich des ersten E in dem Worte EYCEBEIAC, durch das Pergament, gerade an der Steile durch, wo der Spruch 1 Tim. III. 16. geschrieben ist. Dadurch, scheint das o in oc , den Gott veranlaßet hat. Wenn „ich „ich lese, daß nach Jahrhunderten entdeckt worden, „es habe sich ein nicht Der berühmte Clericus warf zuerst Röm. V, 14. das μη aus dem Text, in einem Briefe, der der zweyten Ausgabe von Mills N. T. vorgedruckt ist, und in Arte crit. P. III. Sect. 1. c. XV. §. 15. Unter den deutschen Auslegern hat der berühmte Sem- ler eben dieses, aus guten Gründen gethan. Man sehe dessen Apparat. ad libr. N. T. interpr. S. 59. und dessen P- raphrase dieser Stelle. in den Text geschlichen, so „daß anstatt der nicht suͤndigenden, die suͤndigen- „den verstanden werden muͤssen, — Bin ich verdam- „menswerth, weil ich glaube, die bloßen Buchsta- „ben dieser Offenbarung, die so vielen Veraͤnderun- „gen unterworfen seyn koͤnnen, uͤber deren wahre „ Lesarten man noch nicht einig ist, koͤnnen nicht „ bloß und allein den Grund der Wahrheit und mei- „ner kuͤnftigen Gluͤckseligkeit enthalten.‛ ‚Wenn ich in der Kirchengeschichte lese, man habe „Jahrhunderte lang gestritten, welche Buͤcher „ kanonisch seyn sollten und welche nicht. Wenn ich „finde, daß der Kanon auf Koncilien bestimmt wor- „den, und aus der Kirchengeschichte weiß, wie die „meisten Koncilien beschaffen gewesen. Wenn ich Dritter Theil. E „finde, oc ein ☉ zu seyn, deshalb man lange Zeit ☉C gele- sen, welches die Abbreviatur von ϴεος ist. S. Werstenii Proleg. in N. T. Edit. Halens. S. 54. u. f. „finde, daß das Buch des weisen Sirach unter den „ apokryphischen, und ein anderes Buch, voll „mystischer Bilder unter den kanonischen ste- „het, — kann ich mich enthalten zu zweifeln, zu un- „tersuchen? Und was kann ich dazu brauchen, als meine Vernunft, die auch eine Gabe Gottes ist. ‚Wenn ich in einem dieser Buͤcher lese: 2 Brief Joh. v. 9-11. „ Wer „uͤbertritt und bleibet nicht in der Lehre Christi, „ der hat keinen Gott. So jemand zu euch kommt, „und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht „zu Hause, und gruͤßet ihn nicht, denn, wer ihn „gruͤßet, der macht sich theilhaftig seiner boͤsen „Werke. ‟ ‚Wenn ich in einem andern lese: Brief Juda v. 5. , „Der HErr brachte um, die da nicht glaube- „ten. „ — — ‚Bin ich verfluchenswerth, weil ich „nicht mit blindem Koͤhlerglauben alles annehme, wie „es buchstaͤblich da stehet, sondern vermeine, daß in die- „sen Buͤchern, vieles, nicht fuͤr die allgemeine Mensch- „heit, nicht fuͤr mich, geschrieben sey, aber dennoch „redlich, alle das Gute und Nuͤtzliche, das ich in die- „sen Buͤchern finde, zu der Masse der Erkenntniß „schlage, die ich aus Natur und Erfahrung geschoͤpft „habe.‛ „Wenn ‚Wenn ich zuruͤckdenke, was man ein Paar Jahr- „tausende lang mit der Bibel vorgenommen hat, um „alles, was man wollte, darinn zu finden, so muß ich „erstaunen. Man hat sie, dogmatisch, exegetisch, „typisch, mystisch, prophetisch erklaͤrt. Man hat sie „uͤbersetzt und kommentirt, parallelisirt und analysirt, „abgekuͤrzt und wieder paraphrasirt! But that’s Nach Sebaldus Uebersetzung: ‚Das arme Buch! Was muß es nicht ertragen! „Von jeher hat es sich geduldig laßen plagen, „Und schief verzerrn, nach jedes Lehrers Lehren, „Griech’sch und Hebraͤisch kann sich ja nicht wehren!‛ no news to the poor injur ’d page It has been us’d as ill in every age — And is constrain’d with patience all to take, For what defence can Greek and Hebrew make! ‚Jst zwischen blindem Glauben an die Offenbarung „und schaͤdlichem Unglauben gar kein Mittelweg? Jst „jeder Freydenker verwuͤnschenswuͤrdig? O Water- „land! Waterland! D. Waterland war ein eifriger Bertheidiger der Anglikani- schen Orthodoxie. Wenn du gleich den Bieder- „mann Herbert, und den Sittenlehrer Shaftes- „bury, mit Rochester, Etherege und Villers, in E 2 „Eine „Eine Klasse wirfst; glaub mir, es kommt eine Zeit, „wo weise Gottesgelehrten, einem Tindal den Be- „weis, daß das Christenthum so alt als die „Welt ist, verdanken werden.‛ ‚Das folgende Kapitel, soll D. Pococke in einem „zu Cairo befindlichen Codex, anstatt des 22ten Ka- „pitels des 1. Buchs Mose gefunden haben. Ka- „nonisch oder nicht, ich gebe das erste bis neunte „Kapitel des ersten Buchs der Chroniken dafuͤr.‛ ‚1. Nach diesen Geschichten begab sichs, daß „Abraham saß in der Thuͤr seines Hauses, „da der Tag am heißesten war.‛ ‚2. Und siehe, ein Mann kam von der Wuͤsten „her. Er war gebuͤckt fuͤr Alter, und sein schnee- „weisser Bart hieng ihm bis auf seinen Guͤrtel, „und er lehnete sich auf einen Stab. ‚3. Und da ihn Abraham sahe, stand er auf, und „lief ihm entgegen von der Thuͤr seiner Huͤtten „und sprach: ‚4. Komm herein ich bitte dich. Man soll dir Was- „ser bringen, deine Fuͤße zu waschen, und du „sollst essen und die Nacht bleiben, morgen aber „magst du deinen Weg ziehen. 5. Und ‚5. Und der Mann sagte: Nein, ich will unter „diesem Baume bleiben.‛ „6. Aber Abraham bat ihn sehr; da wandte er ‚sich und gieng in die Hutte.‛ ‚7. Und Abraham trug auf, Butter und Milch „und Kuchen, und sie aßen und wurden satt.‛ ‚8. Da aber Abraham sahe, daß der Mann nicht „Gott segnete, sprach er zu ihm: Warum ehrest „du nicht den allmaͤchtigen Gott, den Schoͤpfer „des Himmels und der Erden?‛ ‚9. Und der Mann sprach: Jch ehre nicht deinen „Gott, auch rufe ich seinen Namen nicht an; „denn ich habe mir selbst Goͤtter gemacht, die in „meinem Hause wohnen, und hoͤren mich, wenn „ich sie anrufe.‛ ‚10. Und Abrahams Zorn entbrannte gegen den „Mann, und er stand auf, und fiel auf ihn, „und trieb ihn fort in die Wuͤsten.‛ ‚11. Und Gott rief Abraham, und er antwor- „tete: Hie bin ich‛ ‚12. Und er sprach: Wo ist der Fremdling, der „bey dir war.‛ ‚13. Und Abraham antwortete und sprach: Herr, „er wollte dich nicht ehren und deinen Namen E 3 „an- „anrufen, darum habe ich ihn von meinem An- „gesichte getrieben, in die Wuͤsten.‛ ‚14. Und der Herr sprach zu Abraham: Habe ich „ihn nicht ertragen, diese hundert und acht und „neunzig Jahre, und habe ihm Nahrung und Klei- „der gegeben, ob er sich gleich gegen mich auflehnet, „und du konntest ihn nicht Eine Nacht ertragen?‛ ‚15. Und Abraham sprach: Laß den Zorn des Herrn „nicht entbrennen gegen seinen Knecht. Siehe ich „habe gesuͤndigt, vergieb mir, ich bitte dich.‛ ‚16. Und Abraham stand auf, und gieng fort in „die Wuͤsten, und rief, und suchte den Mann, und „fand ihn, und kehrte mit ihm zuruͤck in seine „Huͤtte, und that ihm guͤtlich, und den andern „Morgen fruͤh ließ er ihn ziehen in Frieden.‛ ‚D. Thornton in seiner Vertheidigung der Neun „und dreißig Artikel, sagt: Zu behaupten, es sey „nicht noͤthig, daß die Meinungen der Prediger mit „den symbolischen Buͤchern uͤbereinstimmen muͤßten; „wuͤrde eben so ungereimt seyn, als zu behaupten, es „sey besser, die Decken auf den viereckigten Tischen, „welche mitten in unsern Zimmern stehen, laͤgen schief „und zipflicht, als gerade und rechtwinklicht. Wahr „ists, zu den Zeiten der Koͤniginn Elisabeth, war „unser „unser Religionssystem, wie unsere Philosophie, einem „unansehnlichen viereckigten Tische aͤhnlich, den wir „dennoch mitten im Zimmer stehen ließen. Er hatte also „die Decke sehr noͤthig, und sie paßte auch ganz wohl „darauf. Aber seit einiger Zeit meine ich bemerkt zu „haben, daß, besonders bey Leuten nach der Welt, „gar keine Tische in der Mitte des Zimmers stehen. „Jch sehe zwar an den Waͤnden zierlich ausgeschweifte „Marmorplatten, die auf vergoldeten Fuͤßen ruhen. „Die beduͤrfen aber keiner Decke, und wollte man „die alte Decke darauf legen, so wuͤrde sie eben des- „halb zipflicht haͤngen, weil sie viereckigt ist. Hat „aber noch jemand einen Tisch nach der alten Art in „seinem Zimmer, der lege meinetwegen auch die alte „Decke darauf. — ‚Der du einen neuen geraden Weg bahnen willst! „Du wirst auf Huͤgel stoßen! Laß dich keine Muͤhe „reuen, sie abzutragen, um den schoͤnen Weg nach „der Schnur zu fuͤhren! Aber, wenn dein neuer Weg „auf ein Haus stoͤßet, reiß es nicht weg, so lang Men- „schen drinn wohnen, achte es nicht, daß der Weg lie- „ber etwas gekruͤmmt daneben weg gehe! Es kommt „in der Zukunft wohl noch eine Zeit, daß das Haus, „Baufaͤlligkeitshalber, oder aus andern Ursachen, neu E 4 „muß „muß gebauet werden, alsdenn wird ein kluger Mann „nicht versaͤumen, es auf eine andere Stelle zu setzen „und den Weg ganz gerade zu machen. Sey mit dem „zufrieden, was du hast thun koͤnnen, und uͤberlaß „das uͤbrige der Nachkommenschaft.‛ Siebenter Abschnitt . H ier hielt Sebaldus mit Lesen inne, und fragte seine beiden Zuhoͤrer, was ihnen dazu duͤnkte. Van der Kuit antwortete: ‚Hm! solch Buch „sollte sich wohl verkaufen,‛ und sah dabey mit son- derbar schlauer Mine, den Domine an. Domine de Hysel, versetzte mit niedergeschlagenen Augen: ‚das mag mein Herr van der Kuit am be- „sten verstehen.‛ Van der Kuit that noch einige Fragen, um den Domine auszuholen. Dieser aber wich aus, kam auf eine andere Rede, fragte, ob von Sebaldus Journale nicht ein neues Stuͤck heraus gekommen sey, sah nach seiner Uhr, sagte, daß er eilen muͤßte, empfol sich, und gieng fort. Sebaldus ließ seine fertigen Hefte in den Haͤn- den des Buchhaͤndlers, bat ihn die Sache zu uͤberle- gen gen, und gieng, weil eben einer der ersten Fruͤh- lingstage war, sehr zufrieden, seinen Lieblingsspa- ziergang auf den Dyk nach Seeburg, um sich an der Aussicht auf das Y zu laben. Der Buchhaͤndler gieng, nachdem er sowohl den Domine, als den Sebaldus, bis vor die Thuͤr sei- nes Ladens begleitet hatte, bedaͤchtig in seine Schreib- stube zuruͤck, um zu uͤberlegen, ob nicht eine Speku- latie zu machen waͤre. Mynheer van der Kuit, war ein Buchhaͤndler, der das Handwerk verstand, und trieb es auch als ein Handwerk. Ein Buch sahe er als ein Ding an, das verkauft werden koͤnnte. Weiter kuͤmmerte ihn nichts dabey. Aber hierzu wuste er auch alle Vor- theile zu suchen, und noch besser sich dabey vor allem Nachtheile zu huͤten. Dabey bemuͤhte er sich nicht etwan um kleine gemeine Vortheile, z. B. fuͤr ein neues Buch einen pfiffigen Titel zu ersinnen, uͤber ein verlegenes Buch, nebst einer neuen Jahrzahl, einen neumodischen Titel zu schlagen, sich des Ver- lagsrechts eines zu uͤbersetzenden Buches dadurch zu versichern, daß man es ankuͤndigt, ehe es noch im Originale erschienen ist, u. d. gl. mehr. Nein! Myn- heer van der Kuit spekulirte ins Große. Er war von weitem her, achtsam auf alles, was ihm einmahl E 5 dienen dienen koͤnnte, und that als ob die Leute, die er zu nichts zu nutzen wußte, ja selbst, als ob die Buͤcher die er nicht hatte, nicht in der Welt waͤren. Sein Hauptgrundsatz war, was er selbst brauchen koͤnnte, muͤsse ein anderer nicht haben. Hiezu wußte er, oft durch die vierte Hand, Maschinen in Bewegung zu setzen, und konnte nachher ganz unbefangen dabey aussehen, als ob ihm die Sachen so ganz natuͤrli- cherweise in die Haͤnde gelaufen waͤren. Es ist wahr, er handelte dabey nicht allemahl ganz genau nach den gewoͤhnlichen Grundsaͤtzen der Ehrlichkeit und der Menschenliebe. Er hatte aber seine Partie dergestalt genommen, daß er, wo es hingehoͤrte, von Ehr- lichkeit und Menschenliebe ganz fein zu reden wuste, und da man ihm weder die Ehrlichkeit absprechen konnte, daß er seine Schulden richtig bezahlte, und auch eben so puͤnktlich eintrieb, noch die Menschen- liebe, daß er keinen Beduͤrftigen ohne Allmosenweg- gehen ließ, wenn jemand zugegen war, und keinen Schuldner verklagte, von dem er vorher sahe, daß er nicht wuͤrde bezahlen koͤnnen; so war keinesweges zu beweisen, daß er, mit seiner Schlangenklugheit, nicht auch die Falschlosigkeit einer Taube verbinde. Dieser Mann hatte es lange mit einer Art von Widerwillen angesehen, daß er bey dem Drucke, der so so gut verkaͤuflichen Werke des Kollegianten, nichts als nur der Namenleiher seyn sollte. Besonders war ihm dieses bey dem gelehrten Tagebuch aufge- fallen, von welchem er monatlich eine große Anzahl Exemplarien, zu seinem Mißvergnuͤgen absetzte, weil ihm bey jedem Exemplare einfiel, daß dieß Werk ei- gentlich sein Eigenthum seyn sollte, und nicht des Kollegianten, der nur die Kleinigkeit dabey that, daß er es schrieb. Jndessen, da der Kollegiant ein reicher und angesehener Mann war, der auch eine zahlreiche Bibliothek unterhielt, so mußte van der Kuit schon sein Mißvergnuͤgen in sich schlucken. Da aber Sebaldus, ein armer unbekannter Fremder, das Eigenthum dieses Werks erhielt, sahe der er- fahrne Buchhaͤndler keinen Grund, warum er mit demselben auch ferner so viel Nachsicht haben soll- te. Er setzte also bey sich fest, daß er dieses Werk einst ganz an sich ziehen muͤsse. Er hatte dem Se- baldus, zu diesem Behufe, einige wohlausgeson- nene Vorschlaͤge gethan, welche dieser, der in Ge- schaͤften ziemlich kurzsichtig war, sich sehr leicht wuͤr- de haben gefallen laßen, wenn nicht van der Kuit, welcher zu viel Absichten auf einmahl erreichen woll- te, ihm zugleich ein paar Mitarbeiter haͤtte aufdrin- gen wollen, die zwar nach van der Kuits, nicht aber aber nach Sebaldus Absichten arbeiteten. Er bekam also eine ausdruͤckliche abschlaͤgige Antwort. Diese Widerspenstigkeit eines Antors brachte ihn nicht wenig auf, und bestaͤrkte ihn in seinem loͤbli- chen Vorsatze, das Journal zu besitzen und zugleich nach eigenem Gefallen zu regieren. Dieser Vorsatz, wobey er, nachdem er einmahl einen Schritt deshalb gethan hatte, seine Ehre in- teressirt glaubte, lag ihm bestaͤndig im Kopfe. Da er nun jetzt uͤber das Schicksal von Sebaldus Ueber- setzung spekulirte, und einestheils wohl erwog, daß sie moͤchte verkaͤuflich seyn, anderntheils aber auch Verdrießlichkeiten mit der Geistlichkeit befuͤrchtete, durch deren Kundschaft er so manche schoͤne uitleg- kundige Vermaaklykheeden, Verklaaringen und Leer- Reeden verkaufte, so konnte er mit sich noch gar nicht einig werden, wie der Gewinn davon, mit rechter Vor- sicht, und doch unbeschnitten koͤnnte erlangt werden. Mit einemmahle fieng seine Spekulation an, ei- nen andern Weg zu nehmen. Er hieng das Ange- sicht, kruͤmmte die Unterlippe, legte den Zeigefin- ger der linken Hand an die Nase, und endlich schien es ihm ganz natuͤrlich vor Augen zu stehen, daß durch diese Uebersetzung, auch wenn sie nicht gedruckt wuͤrde, das gelehrte Tagebuch sein Eigenthum wer- den den muͤßte. Diese wichtige Entdeckung machte ihn unruhig, er gieng aus seiner Schreibstube in den La- den, aus dem Laden in die Schreibstube, schnalzte mit den Fingern, ruͤckte die Perucke, zog die Bein- kleider auf, rieb sich die Haͤnde, eilte mit Sebaldus Uebersetzung nach Hause, die er, ohne aus Abend- essen zu denken, ganz durchlas, die noͤthigen Stel- len mit einem Kniffe bezeichnete, sein Projekt noch- mals durchdachte, und sich darauf voller Zufrieden- heit zu Bette legte. Den folgenden Tag, bey fruͤher Tageszeit, ver- fuͤgte er sich zu Domine de Hysel, dem er die ganze Uebersetzung vorlegte, und ihm die Beschaffenheit des Buchs erklaͤrte. Er las ihm zugleich alle die an- gezeichneten Stellen vor, in deren jeder er eine derbe Ketzerey zu finden vermeinte. Er versicherte, ‚er „wisse daß Sebaldus gefaͤhrliche Absichten gegen die „Landesreligion im Schilde fuͤhre, und daß er ein „Socinlaner sey. Er suchte zugleich den Domine „zu bewegen, dieses gefaͤhrliche Buch der Obrigkeit „anzuzeigen. Oder wenn man, aus Menschenliebe, „dieß noch unterlaßen wolle, so gab er zu verstehen, „der Domine werde doch in seiner Gegenwart, dem „ Sebaldus, wegen seiner gottlosen Meinungen, die, „wie er vernommen, auch schon hin und wieder in „dem „dem Journale zu Tage laͤgen, stark das Gewissen „schaͤrfen, und wenn dieses, wie zu befuͤrchten waͤre, „nicht helfen sollte, allenfalls bey der Obrigkeit zeu- „gen, daß er einen Theil dieses hoͤsen Buchs vorlesen „hoͤren, und daß es habe zum Drucke befoͤrdert wer- „den sollen.‛ Mynheer van der Kuit, hoffte von dieser Rede, die er wohl ausstudirt hatte, den erwuͤnschtesten Er- folg. Wider Vermuthen aber, antwortete Domine de Hysel auf verschiedene Fragen gar nichts, und erkaͤrte endlich, mit zerstreuter Mine: ‚daß er gestern „wirklich nicht recht acht gegeben, als der Heft vor- „gelesen worden. Jm Grunde sey manches doch auch „nicht so schlimm, und koͤnne besser ausgelegt wer- „den — — ob ers gleich auch nicht vertheidigen wol- „le — — Da das Buch noch nicht gedruckt sey, waͤre „es ohnedieß zu hart, die Bestrafung von der Obrig „zu verlangen. Er duͤrfe dem Herrn Nothanker ja „nur den Verlag abschlagen, — — welches er ihm „zwar auch nicht eigentlich rathen wollte — — Kurz, „er baͤte ihn, zu glauben, daß er gestern gar nicht „acht gegeben habe, und niemand ihre heutige Unter- „redung zu entdecken — — er koͤnne sich nicht „wohl in die Sache mischen.‛ Und bey allen diesem ließ er deutliche Zeichen der Verlegenheit merken. Van Van der Kurt konnte gar nicht begreifen, wie die Entdeckung eines Ketzers, auf einen rechtsinni- gen Geistlichen so wenig Eindruck machen koͤnnte, denn er hatte gewiß geglaubt, ihn ganz bey seiner Schwaͤche zu fassen. Da er nun merkte, daß er den Beystand, den er gewiß von dem Domine zu erhal- ten hoffte, verfehlt hatte, und es nicht dienlich fand, demselben die wahre Ursach seines Antrags naͤher zu erklaͤren, so gieng er, nachdem er sich dienstlich em- pfohlen, ziemlich betroffen, zur Thuͤr hinaus. Wollte der geneigte Leser etwan aus diesem Vor- falle schließen, daß Domine de Hysel heimlich hete- rodoxe Gesinnungen gehet, so wuͤrde er sich irren; denn der Domine, wollte an keinem einzigen Schlusse des Dordrechtschen Synods etwas geaͤndert wissen. Wollte man etwan vermeinen, der Domine habe die Meinungen des Buchs fuͤr unschaͤdlich gehalten, und geglaubt, man koͤnne sie dulden; so wuͤrde man noch das rechte Ziel nicht treffen, denn er war gar nicht geneigt sie zu billigen. Kurzum, alles zu erklaͤren, darf man nur wissen, daß Domine de Hysel, nachdem er den Zweck seiner theo- logischen Universitaͤtsstudien, ein geistliches Amt, erreicht hatte, sich nunmehr, seine nothwendigsten Amtsgeschaͤfte ausgenommen, um geistliche Angele- genheiten genheiten ganz und gar nicht bekuͤmmerte, und daher, gegen Orthodoxie und Heterodoxie, gegen Duldung und Verfolgung, eigentlich ganz voͤllig gleichguͤltig war. Er wuͤrde durch Aufmerksamkeit auf diese Dinge, auch nur an seiner Lieblingsbeschaͤftigung, an dem suͤssen Umgange mit den lieblichen Musen Latiens, gehin- dert worden seyn. Er wendete alle seine Zeit auf das Studium der lateinischen Sprache, die er mit der gesuchtesten Reinigkeit schrieb. Besonders mach- te er die zierlichsten lateinischen Gedichte, und er hatte kuͤrzlich einen Band davon drucken lassen, wo- von er nur vor acht Tagen, ein schoͤn gebundenes Exemplar, mit einer hineingeschriebenen, Carmine elegiaco abgefaßten Epistel, ad Seb. A’Α̕ποϱιαγϰυϱοβο- λιον V. CI. dem ehrlichen Sebaldus zur Recension ge- sendet hatte. Nun befuͤrchtete er, daß wenn er sich in diese Sache, von der er ohnedieß keinen Zweck ab- sahe, mengen wollte, koͤnnten seine Gedichte, fuͤr die er eine große Zaͤrtlichkeit hegte, einem widrigen Urtheile ausgesetzt seyn; daher hielte ers fuͤrs sicher- ste, in dieser Sache nicht mit zu erscheinen. Uebrigens sagte er darinn keine Unwahrheit, daß er vorigen Tag auf Sebaldus Vorlesung nicht Acht ge- geben habe, denn da er kein Liebhaber von Prose, am allerwenigsten von hollaͤndischer war, so hatte er un- term term Lesen, eine sapphische Ode, auf den Dordrecht- schen Synod, zu Ende bringen wollen, wozu ihm noch ein paar Ausgaͤnge von Strophen fehlten. Er hatte also von dem Jnhalte der Handschrift wirk- lich nichts vernommen, und wußte es dem Buch- haͤndler schlechten Dank, daß er ihn damit bekannt gemacht hatte, ja er wuͤrde sich vor demselben haben verlaͤugnen laßen, wenn er dessen Anbringen haͤtte vermuthen koͤnnen. Van der Kuit gieng indessen voll Kopfschuͤttelns uͤber seine fehlgeschlagene Erwartung nach Hause, als ihm ploͤtzlich einfiel, daß noch nichts verlohren waͤre, wenn Sebaldus nur glauben wollte, daß Domine de Hysel wirklich gesagt haͤtte, was er, van der Kuit, wuͤnschte, daß er gesagt haben moͤchte. Er kehrte also wieder um, und gieng zum Sebaldus, den er nach dem gestrigen Spaziergang, und einem ruhigen Schlaf, wohlbehaglich bey Durchlesung eines neuen Buchs antraf, worinn er so viel gute Gedan- ken, so viel menschenfreundliche Gesinnungen fand, daß dadurch sein Herz, zu allen angenehmen Ein- druͤcken geoͤffnet war. Der Buchhaͤndler erzaͤhlte ihm gleich, mit angenom- mener aͤngstlicher Mine, daß Domine de Hysel erst die Handschrift, und nachher ihn selbst habe zu sich holen Dritter Theil. F laßen, laßen, daß er ihm darinn viel gottlose Meinungen ge- wiesen, und sich hoch vermessen habe, den Uebersetzer bey der Obrigkeit anzugeben, um ihn zur Strafe zu ziehen. Eine schreckliche Nachricht macht desto staͤrkern Eindruck, je mehr das Gemuͤth vorher dem Vergnuͤgen geoͤfnet gewesen. Sebaldus war daher ganz be- taͤubt, und da van der Kuit fortfuhr, graͤßliche Maͤhrchen zu luͤgen, von der Strenge, mit der man in diesem Lande gegen die Ketzer verfahre, daß man sie in Zuchthaͤuser bringe, zur Vestungsarbeit an- schmiede, in entfernte Kolonien verbanne u. d. gl. so ward der gute Mann, der in Welthaͤndeln ganz unerfahren war, und sich nie um die Verfassung ir- gend eines Landes bekuͤmmert hatte, ganz ausser Fas- sung gebracht, es stellten sich ihm zugleich, Dwang- huysen, Puistma, der Seelenverkaͤufer, Stau- zius, Wulkenkragenius, der Praͤsident, und alle widrigen Begebenheiten seines Lebens so schreckenvoll vor, so daß er den treulosen van der Kuit bey der Hand ergriff, und aͤngstlich ausrief: ‚Ach mein Gott was ist das! Koͤnnte ich doch nur „aus diesem grausamen Lande entfliehen, ich wollte „gehen, so weit mich meine Fuͤße tragen koͤnnten.‛ Van der Kuit war eigentlich nur Willens gewe- sen, den Sebaldus, dessen geringe Weltkenntniß er uͤbersah uͤbersah, durch einen eingebildeten Rechtshandel in solche Verlegenheit zu bringen, daß derselbe sich ganz in seine Arme werfen muͤßte, wodurch er denn sei- nen Zweck wegen des Tagebuchs und der unterzu- schiebenden Mitarbeiter, desto leichter zu erlangen dachte. Da ihm aber Sebaldus, aus uͤbertriebe- ner Aengstlichkeit, noch ein sichereres Mittel an die Hand gab, so faßte er, als ein weltkluger Mann, gleich dessen Gedanken auf, und sagte mit treuher- zig scheinender Mine: ‚Er glaube, in der That, es sey fuͤr ihn kein Heil, „als in einer schnellen Flucht zu finden.‛ ‚Freylich!, rief Sebaldus, herzlich beklemmt, „ich muß weg! Aber wohin? Wie soll ich so schnell „und auch unerkannt aus dem Lande kommen. Jch „weiß weder Weg noch Steg, habe auch kein Geld! „Nach Ostindien zu gehen, habe ich allen Muth ver- „loren. Nach Deutschland? Wie soll ich dahin zu- „ruͤckkommen? Großer Gott! was wird aus mir „werden!‛ Diesen Zeitpunkt nahm van der Kuit wahr, ihn mit vielen schoͤnen Worten zu versichern, daß ein je- der ehrlicher Mann, dem andern beystehen muͤsse. Er setzte hinzu, er wolle, mit eben der Ehrlichkeit und Freundschaft, mit der er ihn vor dem Ungluͤcke F 2 gewarnt gewarnt habe, ihm nicht allein zur Flucht nach Deutschland behuͤlflich seyn; sondern sogar auch mit Gelde helfen; wenn ihm Sebaldus nur den Vor- rath und das Verlagsrecht der Werke des Kollegian- ten, besonders, des gelehrten Tagebuchs, abtreten wolle. Sie wurden bald um etwan hundert Gulden einig, woruͤber van der Kuit, mit der ihm eignen Thaͤtigkeit in Geschaͤften, sogleich eine Verschreibung aufsetzte, und auch unverzuͤglich das Geld auszahlte. Darauf eilte van der Kuit dienstfertiger weise, den Sebaldus unter fremdem Namen auf die Post nach Arnhem einschreiben zu laßen, verließ ihn auch hernach nicht einen Augenblick, bis er ihn den an- dern Morgen fruͤh um sechs Uhr, nach dem Cin- gel Ein Platz in Amsterdam, von welchem alle Morgen die Post nach Arnhem abfaͤhr:. gebracht, und ihn und sein weniges Gepaͤck wohlbehalten auf dem Postwagen sah. Sebaldus fuhr in grosser Herzensangst fort, und sah sich bestaͤndig um, ob nicht ein Wagen mit Ge- richtsdienern hinter ihm kaͤme, um ihn einzuholen. Diese Diese heftige Gemuͤthsbewegung, hatte auf seine Gesundheit einen solchen Einfluß, daß er, als er Abends nach Arnhem kam, ein heftiges Fieber hatte. Er wollte sich aber, der eingebildeten Gefahr wegen nicht einen Angenblick aufhalten. Gleichwohl war es zu spaͤt, als daß er noch wieder aus der Stadt kom- men konnte. Er mußte also in großer Herzensangst die Nacht aushalten. Des Morgens aber, mit Ta- gesanbruch, gieng er in groͤßter Eil, zu Fuß, nach dem zwey Stunden entlegenen ersten Klevischen Staͤdtchen Sevenaer, wo er von Fieberhitze und Ermattung uͤbernommen, liegen blieb. Die Krankheit ward gefaͤhrlich, und da er nach etlichen Wochen zu genesen anfieng, war durch die Ko- sten der Reise, des Wirths und des Arztes, sein Geld- vorrath fast gaͤnzlich aufgezehret, so daß er, in großer Schwachheit und Armuth weiter schleichen mußte. So kurz seine Tagereisen waren, so mußte er fast immer, einen Tag um den andern, wegen großer Mattigkeit, liegen bleiben, bis er endlich, in einem Doͤrfchen, wieder vom Fieber ergriffen wurde, und als er sich nach einigen Tagen zu erholen anfieng, F 3 nicht nicht weiter konnte. Er ließ den Muth’ gaͤnzlich sin- ten, erwartete alle Naͤchte ruhig den Tod, bey Tage aber, hatte er kaum so viel Kraft, sich bis an den Eingang des Dorfs zu schleppen, wo er den Reisenden das Heck aufzumachen beflissen war, und von den wenigen Almosen, die sie ihm gaben, sein Leben, dessen er nun voͤllig satt war, kaum kuͤmmerlich hinhalten konnte. Ende des siebenten Buchs. Achtes Achtes Buch . Erster Abschnitt . D ie frische Luft, und der wohlthaͤtige Einfluß der Sonne, gaben unvermerkt dem matten Koͤrper des Sebaldus so viel Kraͤfte, daß auch sein Geist wieder ruhiger ward, und er anfieng, seinen Zu- stand, so elend er war, zu ertragen. Eines Tages sahe er zwey Leute zu Pferde, von weitem ankommen, einen, mit einen blauen Frack bekleidet, auf einem muthigen Hengst, und den andern, in einem rosenrothen Rocke mit silbernen Franzen, auf einem gemaͤchlichen Pasgaͤnger. Er eilte, das Heck so geschwind aufzumachen, als es seine Schwachheit erlaubte. Er zog zugleich seine Muͤtze ab, und zeigte sein von Alter, Gram und Ungemach gereiftes Haupthaar. F 4 Als Als die Reiter naͤher kamen, meinte der Blaurock, fuͤr seinen Stuͤber, den er schon in der Hand hatte, den dienstfertigen Thorwaͤrter noch hohnnecken zu duͤrfen. ‚Alter Knasterbart! rief er, in einem Tone, der „spaßhaft seyn sollte, was fuͤr einen zureichenden „Grund hast du, das Heck aufzumachen?‛ ‚Jch habe einen determinirenten Grund,‛ sagte der Alte mit bescheidener Mine: ‚Mangel und Krank- „heit haben mich auf diesen Posten gestellt.‛ ‚Determinirend? schrie der Blaurock mit einem „lauten Gelaͤchter, ich glaube wahrhaftig, in dem zer- „rissenen Kittel, steckt ein verdorbner Crusianer. He! „weistu nicht auch ’ne kleine Weißagung aus der „Apokalypse?‛ ‚Ja,‛ sagte Sebaldus, und sahe ihn ernsthaft an: ‚ Siehe ich komme bald Offenb. Joh. XXII, 12. und mein Lohn mit „mir, zu geben einem jeglichen, wie seine Wer- „ke seyn werden. ‛ ‚Ha! Ha! Ha! rief der Blaue, er meralisirt „auch, warhaftig, Herr Saͤugling, (denn die bei- „den Reiter waren niemand anders als Saͤugling „und Rambold ) siehe da, eine Scene fuͤr ihren em- „pfindsamen Roman, der Kerl hat einen wahren Lo- „renzokopf! Hat er nicht?‛ Dieses Dieses zu verstehen, muß man wissen, daß Saͤugling, seitdem ihm die Graͤfinn abgerathen hatte, Verse zu machen, auf Gedanken gekommen war, einen Roman zu schreiben, worinn ihn Rambold bestaͤrkte, damit er Gelegenheit hatte, ihn taͤglich damit aufzuziehen. Rambold warf seinen Stuͤber hin, und sprengte fort, Saͤugling ritte vorbey, indem der Alte sich buͤckte, aber kaum war er vier Schritte vorbey, so kehrte er um und steckte dem Alten, mit einem herz- lich mitleidigen Blicke, einen Gulden in die Hand. Ob er das Almosen, der Armuth, oder der schoͤnen Scene, oder dem Lorenzokopfe gegeben habe, kann niemand, auch vielleicht der Geber selbst nicht, be- stimmen. Genug; Sebaldus rief: ‚Gott segne Sie mein junger Herr, auch den Se- „gen eines armen alten Mannes, laͤßt Gott auf einem „mitleidigen Juͤnglinge ruhen.‛ Saͤugling spornte sein Pferd, und da er Ram- bolden einholte, floß ihm eine Thraͤne sanft die Wange herunter. ‚Jch glaube gar, Sie weinen,‛ spottete Rambold, ‚fi! wer wird so weibisch seyn!‛ Saͤugling vertheidigte seine Empfindsamkeit, Rambold fiel in seine gewoͤhnliche Schrauberey, und so ritten sie weiter. F 5 Der Der Leser wird vielleicht wissen wollen, wie Ram- bold und Saͤugling hier so in der Naͤhe erschienen. Sie waren, als sie von dem Schlosse der Graͤfinn ab- reiseten, gerade nach Wesel gegangen, wohin sie Saͤuglings Vater beschieden hatte, weil er sich da- selbst, Geschaͤfte wegen, aufhielt. Nachdem diese ge- endigt waren, gieng er, obgleich der Herbst schon da war, mit seinem Sohne, und dessen ehemaligen Hof- meister nach einem Gute, das er in der dortigen Ge- gend angekauft hatte. Saͤngling war seitdem be- staͤndig bey seinem Vater geblieben, wo er seinen pootischen Phantaseyen ungestoͤrt nachhaͤngen konnte. Rambold hingegen, der, nachdem Mariane, zu seinem Erstaunen, gleichsam verschwunden war, wei- ter keine Hofnung hatte, durch die Frau von Ho- henauf befoͤrdert zu werden, rechnete zwar die- serhalb einigermaßen auf den alten Saͤugling: weil aber der Aufenthalt bey demselben, besonders als der Winter angieng, fuͤr seinen unruhigen Geist, viel zu einfoͤrmig war; so machte er, in kurzem, Bekannt- schaft mit dem Herrn von Haberwald, einem be- nachbarten Edelmanne. Dieser war, so wie Rambold, ein Liebhaber des Trunks, des Spiels und der Jagd, und hielt, so wie er, eben nicht auf die strengste Sittenlehre; daher diese Gleichheit der Neigungen, die die Freundschaft sehr bald so heiß machte, daß der Herr von Haberwald nicht einen Augenblick ohne seinen Rambold seyn konnte, und ihn vermochte, ganz zu ihm zu ziehen. Zuweilen besuchte Rambold indessen noch seinen ehemaligen Zoͤgling, und eben an diesem Tage, war er, um einen sehr schoͤnen Sommertag zu genießen, mit ihm spazieren geritten. Als sie nach Hause kamen und Rambold gegen Abend nach dem Nittersitze des Herrn von Haberwald zuruͤck gekehrt war, beschaͤftigte sich Saͤugling den Rest des Abends, mit Sebaldus Figur, die in sein weiches Herz einen tiefen Eindruck gemacht hatte. Er ließ den andern Morgen ein Karriol anspannen und fuhr allein nach dem Dorfe, wo Sebaldus wie- der am Hecke zu finden war. Auf Verlangen er- zaͤhlte ihm der Alte seine vornehmsten Ungluͤcks- faͤlle. Saͤugling war zu gutmuͤthig, um einen sol- chen Mann laͤnger in einem so traurigen Zustande schmachten zu laßen. Er ließ ihn neben sich ins Karriol sitzen, fuhr mit ihm nach seines Vaters Dorfe zuruͤck, befahl ihn einem Pachter an, ver- sorgte ihn mit reiner Waͤsche und Kleidern, und mit noͤthigen Nahrungsmitteln. Beym Mittagstische erzaͤhlte er seinem Vater Sebaldus Begebenheiten, und zugleich, daß er den- selben selben bey dem Pachter untergebracht habe. Ob die Befriedigung der kleinen Eitelkeit, eine gute Hand- lung, die er verrichtet hatte, auch andern kund zu thun, an dieser Erzehlung, mehr oder weniger Antheil koͤn- ne gehabt haben, als die Begierde seinen Vater zur fernern Wohlthaͤtigkeit gegen Sebaldus zu ver- anlaßen; wird jeder Schreiber einer theologischen Moral, je nachdem die Falschheit der menschli- chen Tugenden, mit seinem Lehrgebaͤude mehr oder weniger verbunden ist, zu bejahen oder zu ver- neinen wissen. Genug, des alten Saͤuglings Neu- gier ward erregt, und er begehrte den Sebaldus selbst zu sprechen. Zweyter Abschnitt. S aͤugling der Vater, war ein Mann, der we- der große Tugenden noch große Laster hatte. Sein natuͤrliches Phlegma, verließ ihn nur bloß in dem Falle, wenn er im Handel einen sichern Ge- winnst vor sich sahe. Daher hatte er, vom ersten An- fange des Krieges an, viel mit Lieferungen fuͤr die Armeen zu thun gehabt, wodurch er einen Reich- thum erworben hatte, der selbst seine Erwartungen uͤberstieg. Den Werth des Geldes, kannte er zwar so so gut als jemand, doch war er eben nicht geizig, ob er gleich auch nichts vom Verschwenden hielt. So bald der Krieg zu Ende zu gehen schien, und er die Moͤglichkeit sahe, daß ein Lieferant Schaden haben koͤnnte, entsagte er allen fernern Unternehmungen, und kaufte dieses Rittergut, wo er nunmehr seine große Reichthuͤmer genießen wollte. Er fand aber, daß dieß, mit einem Geiste ohne Kenntnisse und ohne Thaͤtigkeit, schwerer ist, als er wohl anfaͤnglich mochte gedacht haben. Er fieng an zu bauen, aber er ward sehr bald fertig, mit einem Hause, das schon groͤßer war als er es brauchte. Es fanden sich zu ihm bald Kunstkenner, fleißige betriebsame Per- sonen, welche, ausdruͤcklich fuͤr reiche Leute die keine Kenntnisse haben, Gemaͤlde der groͤßten Meister aus Werken der Stuͤmper und Lehrlinge verferti- gen laßen, und sie durch verdorbenen Firniß und ver- schossenes Kolorit, meisterhafter Weise zu erheben wissen. Diese verfehlten aber gaͤnzlich ihres Zweckes bey ihm, weil sie ihm den ersten, bey allen reichen Kunstliebhabern noͤthigen Schritt, nicht abgewinnen konnten, naͤmlich ihm einzubilden, daß er Geschmack habe. Sie konnten ihn daher nicht dazu bringen, sich ein Kabinett anzuschaffen, weil er ihnen immer, mit dummer Ehrlichkeit, ins Gesicht gestand, daß er er an ihren so schoͤn gepriesenen Rubene, van Dyk, Guercino und Luca Jordano keine Augenweide finden koͤnne, und daß ihm die Bildnisse seiner Vor- aͤltern, mit ihren Kragen, guͤldnen Ehrenketten und Knotenperncken viel besser gefielen. Sie konn- ten also bey ihm nichts als ein Paar von Jakobs van der Laenen oder Jan Steens Fratzengemaͤl- den anbringen; bey denen nicht viel verdient wurde, weil sie wirklich aͤcht waren. Sie verließen ihn da- her gaͤnzlich, mit vielem Achselzucken uͤber seine un- begreifliche Unwissenheit. Es fanden sich zwar an- dere Leute von Geschmack, welche ihn lehren woll- ten, seinen Garten nach der neuesten englisch-chine- sischen Art anzulegen, die damals in Westphalen noch ganz unerhoͤrt war. Da er aber, zu diesem Be- hufe, den groͤßten Theil seines Parks sollte umhauen laßen, und nach der Anlage, gerade auf dem Platze, wo sein bestes Franzobst und alle seine Spargelbeete befindlich waren, ein chinesischer Thurm und hinter demselben verschiedene Abgruͤnde und Wildnisse an- gelegt werden sollten; so folgte er wieder seiner ein- faͤltigen Ueberlegung, daß er, dieser Verbesserung zu Folge, viele Jahre lang weder Spargel noch Obst ko- sten, und vielleicht Zeitlebens nie wieder Schatten und Kuͤhlung genießen wuͤrde, und ließ alles wie es war. war. Er haͤtte zwar gern Gesellschafft gehabt, und setzte sich daher auf den Fuß offne Tafel zu halten, aber es kam selten jemand, weil ihn der benachbarte Adel uͤber die Achsel ansahe. Der Herr von Haber- wald, welcher ihn freylich wegen der Rehe und Ha- sen seiner Wildbahn, und wegen des guten Weins in seinem Keller, oft besuchte, war ihm zu laͤrmend, so wie Rambold zu spitzfindig und hoͤnisch. Sein Sohn war also seine einzige Gesellschaft. Er hoͤrte dessen Gedichte auch wohl bey seiner Nachmittags- pfeife an, und freuete sich, wenn er in den Zeitungen, welche die Zeit der Morgenpfeife ausfuͤllten, zuwei- len schwarz auf weiß las, daß derselbe ein großer Poet waͤre; aber dieß wollte doch gegen die große Portion von langer Weile nicht wiederhalten, die ihm uͤbrig blieb, und wider die er, nach langem Nachsinnen, nichts erdenken konnte, als daß er be- gann, zumahl da die langen Winterabende allzume- lancholisch wurden, woͤchentlich dreymahl Betstunde zu halten. Da er also den Sebaldus kennen lernte, warf er die Augen auf ihn, als auf einen Mann, der ge- schickt waͤre, ihm bestaͤndig Gesellschafft zu leisten. Sebaldus war ohngefaͤhr von gleichem Alter, von gleichem ruhigen Gemuͤthe, er konnte bestaͤndig um ihn ihn seyn, konnte von sehr vielen Sachen sprechen, die, ohne seinen zur Bemuͤhung ungewohnten Geist durch Anstrengung zu ermuͤden, doch einige Beschaͤf- tigung darboten. Er trug also dem Sebaldus, nebst freyer Kost und Wohnung, ein jaͤhrliches Gehalt an, welches, wie leicht zu erachten, sehr willig angenommen ward. Sebaldus kam dadurch, aus dem tiefsten Elende, in einen Stand der Ruhe und Gemaͤchlichkeit, der ihn wieder zum Genusse des Lebens empfindlich machte. Der Hauch vaterlaͤndischer deutscher Luft, erweckte wieder das Verlangen nach seiner Tochter und nach seinem Sohne. Bloß der gaͤnzliche Mangel an Nachricht von diesen geliebten Kindern, unterbrach zu- weilen die Behaglichkeit, in der er lebte, und die seine leicht zu befriedigende Wuͤnsche sonst ganz erschoͤpfte. Seine vornehmste Pflicht war, beym Fruͤhstuͤcke die Zeitungen aller Art vorzulesen. Der alte Saͤug- ling hatte diese Lektur, von der ersten Zeit seiner Ein- samkeit an, als ein hauptsaͤchliches Huͤlfsmittel wi- der die lange Weile gebrauchet. Die Zeitungen ge- ben undenkenden Koͤpfen eine so unschuldige Ge- legenheit, ihre wenigen Seelenkraͤfte auf eine halbe Stunde in eine Art von Bewegung zu setzen, und veranlaßen wohl noch ein viertelstuͤndiges Gespraͤch bey bey der Mittagstafel, wo ihnen oft der Bissen viel leichter in den Mund, als das Wort aus dem Munde zu gehen pflegt; daß sie ihnen, des Morgens, zu einer eben so nothmendigen Seelenatzung geworden sind, als das Kartenspiel, des Abends. Dazu kam, daß die Zeitungsschreiber damals, wenigstens monatlich ein paarmahl, Besorgniß wegen eines bevorstehenden Krieges aͤußerten. So oft dieses geschahe, pflegte der alte Saͤugling, in Gedanken, und oft auch auf dem Papiere, zu berechnen, wie viel Lieferungen von mancherley Art fuͤr die Armeen noͤthig seyn moͤch- ten, und Entwuͤrfe zu machen, wie sie in den ver- schiedenen Laͤndern, wo der Schauplatz des Krieges vorausgesetzet ward, koͤnnten herbey geschaft werden. Denn ob er gleich gar nicht willens war, selbst wieder etwas zu unternehmen, so waren doch Spekulationen dieser Art, wie er aus der Erfahrung sehr wohl wußte, ein sicheres Mittel, seinen Geist in der anspannungs- losen Thaͤtigkeit zu erhalten, durch welche der Koͤrper, die vornehmste Sorge reicher muͤßiger Leute, so wohl- behaglich genaͤhret wird, daß alle sechs nicht natuͤr- liche Dinge Die Aerzte begreifen unter dieser Benennung: Athemholen, Speise und Trank, Ausführungen, Schlaf, Bewegung, Leidenschafften. in der besten Ordnung von Statten gehen. Dritter Theil. G Ein Ein gleiches wirksameres Huͤlfsmittel, waren die vielen Zahlenlotterien, von denen er in den Zeitungen Nachrichten las. Er setzte in alle. Die Spekulationen uͤber die an verschiedenen Orten her- ausgekommenen und noch herauszukommenden Zah- len, die Komponirung und Dekomponirung verschie- dener Einsetzungsarten, u. dergl. mehr, fuͤhrten ihn in so mancherley ernsthaft aussehende Rechnungen, aus denen so viele sonderbar scheinende Resultate ent- sprangen, daß er zuweilen verleitet ward, seine Hirn- gespinste, mit Wohlgefallen, fuͤr mathematische Ein- sichten zu halten. Dazu kam, daß die geringe Furcht zu verlieren und die groͤssere Hofnung zu gewinnen, der Verdruß die Zahlen verfehlet, und die Freude sie errathen zu haben, seine sonst so leere Seele mit et- was Leidenschaften aͤhnlichem erfuͤllte, welches mach- te, daß er weniger traͤge zu denken, und lebhafter zu sprechen begann, und welches zugleich seine Saͤfte, in so ordentlicher Wirkung und Gegenwirkung erhielt, daß er nie weniger von Jndigestionen zu befuͤrchten hatte, als kurz vor und kurz nach den verschiedenen Ziehungstagen. Man kann also leicht erachten, daß er hierdurch in der besten Gesundheit erhalten worden sey, da verschiedene Patrioten in verschiedenen Pro- vinzen Deutschlandes, dafuͤr gesorgt haben, daß keine Woche Woche vorbeygeht, ohne daß irgendwoher den Rei- chen ein so stattliches Digestivmittel dargeboten wer- de, welches fuͤr sie allemahl wohlthaͤtig, und nur blos den Armen zuweilen etwas zu drastisch ist. Wenige Tage, nachdem Sebaldus in sein Amt eines Zeitungslesers eingesetzt worden war, stand in einer Zeitung, die Gewinnliste, ich weiß nicht wel- cher Zahlenlotterie. Er mußte sie ganz vorlesen, weil sie dem alten Saͤugling, wegen vieler, uͤber die Folge der Zahlen in dieser Lotterie, gemachten Spe- kulationen, sehr interessant war. Sebaldus verstand aber so wenig davon, als ob sie polnisch geschrieben gewesen waͤre. Der alte Saͤugling, der schon diese Tage uͤber, wenn er in den Zeitungen uͤber man- che Namen und Sachen zweifelte, Sebaldus histo- rische und geographische Kenntnisse, nachgebend hatte annehmen muͤssen, that sich jetzt was rechts darauf zu gute, daß er nun demselben erklaͤren konnte, was Ambe und Terne, und andere zur Lotterie gehoͤ- rige Worte bedeuteten. Er gerieth dabey in sol- chen Eifer, daß er dem Sebaldus anlag, sich fuͤnf Zahlen auszulesen und auf dieselben zu setzen. Se- baldus hatte keine Lust, und verirrte sich in die Lo- gik der Wahrscheinlichkeit, um zu beweisen, daß keine Zahl vor der andern, mehr Wahrscheinlichkeit G 2 heraus- herauszukommen habe, und daß er also keine vor der andern zu waͤhlen wisse. Der alte Saͤugling, voll Begierde, vermeinte auf dem rechten Wege zu seyn, indem er den arabischen Lotteriewahrsager und das Vademecum fuͤr Zahlenlotterien, mit seinen daraus gezogenen Deutungen und Verbindungen dem Sebaldus vorerzaͤhlte. Zuletzt, nach vielen Hin- und Wiederreden, verblieb Saͤugling, wie es ei- nem reichen Manne gegen seinen Hausgenossen ge- buͤhret, auf seiner Meinung, und verlangte: Sebal- dus sollte nur Eine Zahl anzeigen, die er im Sinne haͤtte, so wolle er ihm die uͤbrigen vier daraus ziehen. Sebaldus sagte: ‚Jn meinem Sinne ist gar keine „Zahl, als die Zahl 666.‛ ‚Gut!‛ rief der alte Saͤugling: ‚Sehen Sie — „6 und 66 ist drinn, verdoppeln Sie die erste und „theilen die letztere, kommt 12 und 33, ziehen Sie „diese beiden von einander ab, bleibt 11 — Sehen „Sie — 6. 11. 12. 33. 66. — da haben wirs — „aber wahrhaftig schlechte Zahlen, die einzige 11 ist gut. Sie verstehen’s Spiel noch nicht, Herr Noth- „anker, das sieht man. Die geraden Zahlen kom- „men dieses Jahr in dieser Lotterie nicht heraus, am „wenigsten in dem ersten Funfzig. Aber so ists, solche „junge Anfaͤnger muͤssen Lehrgeld geben. Bleiben „Sie „Sie nur bey Jhren Zahlen. Jch will Jhnen meine „nicht sagen, aber die 11 ist dabey. Wir wollen se- „hen, uͤber drey Wochen, wenn die Ziehung vorbey „ist. Die 11 kommt heraus, und noch eine Zahl. „Aber st! — Laßen Sie uns die Saͤtze reguliren. Sie „sollen Sechs Thaler setzen, dieß ist allemahl mein „Satz in jeder Lotterie.‛ Der alte Saͤugling besorgte den Einsatz, mit sei- nen eigenen, und stellte dem Sebaldus den Schein zu. Zugleich machte er bey Vergleichung der Saͤtze, seiner Einsicht nochmals ein Kompliment, und spe- kulirte, wie gewoͤhnlich, noch einige Tage uͤber ver- schiedene Verbindungen der Zahlen, dahingegen Se- baldus die Sache, da sie kaum geschehen war, vergaß. Dritter Abschnitt. E inige Zeit darauf, fiel Saͤugling, der Vater, als er nur seinen gewoͤhnlichen Fruͤhlingsschnu- pfen zu erhalten vermeinte, ploͤtzlich in ein starkes Fieber, welches ihn einige Tage lang bettlaͤgerig hielt. Es fuͤgte sich, da er sich besserte, und Nach- mittags ruhen wollte, daß Sebaldus, nebst dem jungen Saͤugling, indessen einen kleinen Spazier- gang machte. Eben unter der Zeit, kam Rambold angeritten. Da er auf diese Art niemand spre- G 3 chen chen konnte, vertrieb er sich indessen |die Zeit damit, daß er die Zeitungen durchlief und die Aufschriften der Briefe uͤberlas, die der Postbote nicht lange ge- bracht hatte, und die noch im Zimmer auf dem Ti- sche lagen. Er fand unter den Briefen einen an den jungen Saͤugling, davon ihm die Handschrift be- kannt schien, und steckte ihn zu sich, um einen Scha- bernack damit zu machen, wovon er, wie wir schon wissen, ein Liebhaber war. Er konnte sich nicht lange darauf bedenken, indem Saͤugling der Sohn eben zuruͤck kam, und ihm den Sebaldus, den er hier noch nicht gesehen hatte, vorstellte. Sebaldus gieng gleich darauf, zu sehen, ob der Kranke erwacht sey, und gab Rambolden freye Hand, Saͤuglin- gen wegen dessen Neigung zu einem Bettler, ge- woͤhnlicher Art nach, aufzuziehen. Dennoch hoͤrte er Saͤuglings Erzaͤhlung von Sebaldus Namen, Stand und Begebenheiten mit besonderer Aufmerk- samkeit an, fragte auch selbst, mit mehr als gewoͤhn- licher Neugier, nach verschiedenen Umstaͤnden. Da indessen Saͤugling fortfuhr, mit warmer Theilneh- mung die Geschichte zu erzehlen, schien Rambold daruͤber betroffen zu seyn, ward wider seine Ge- wohnheit ernsthaft, stand auf und gieng ein paar- mahl im Zimmer auf und nieder, schien uͤber die Er- zehlung zehlung unruhig zu werden, lehnte sich ins Fen- ster, nahm, ohne daran zu denken, den Brief aus der Tasche, erbrach ihn in der Zerstreuung, las ihn, ward feuerroth, nahm mit einemmahle eine ganz an- dere, vergnuͤgte, Mine an, schlug in die Haͤnde, sah’ nach der Uhr, brach kurz ab, rief aus dem Fenster, daß man sein Pferd gleich satteln solle, sagte, er muͤste unum- gaͤnglich gleich wieder nach Hause, umarmte Saͤuglin- gen, schwang sich aufs Pferd, und ritt schnell davon. Saͤugling wußte nicht, welcher Veranlaßung er Rambolds ploͤtzlichen Aufbruch zuschreiben sollte, indessen da er an demselben schon mancherley Launen gewohnt war, so dachte er weiter nicht darauf, oder glaubte vielleicht wirklich, Rambold wuͤrde durch ein Geschaͤft nach Hause gerufen. Jndessen ritt Rambold nicht nach Hause, sondern einen ganz an- dern Weg, wie berichtet werden soll, wenn wir erst zuruͤckgesehen haben, wo Mariane geblieben, von der wir, seitdem sie dem Obersten entsprungen war, keine Nachricht erhalten haben. Vierter Abschnitt. N achdem Mariane, beinahe eine halbe Meile lang, so geschwind sie konnte, gelaufen war, mußte sie sich endlich, aus Mangel des Athems, ohnweit G 4 der der Landstrasse, niedersetzen. Als sie sich ein wenig erholet hatte, fieng sie an, ihren Zustand zu uͤberden- ken. Sie war in einer unbekannten Gegend, von jedermann verlassen, und mußte befuͤrchten, ihrem Nachsteller, der sie vermuthlich verfolgen laßen wuͤrde, wieder in die Haͤnde zu gerathen. Als sie indessen in ihrer Tasche ihr Geld wiederfand, so ver- zweifelte sie nicht, Mittel zu finden, sich geschwin- der zu entfernen, und da eben ein Bauerwagen vor- bey fuhr, welcher in ein einige Meilen entlegenes Dorf gehoͤrte, setzte sie sich auf denselben und ließ sich unverzuͤglich weiter bringen. Sie fuhr auf diese Art, beynahe ohne auszuruhen, von Dorfe zu Dorfe fort, in der Absicht des Freyherrn v. D *** Guͤter zu erreichen. Jndessen, da sie selbst den Weg da- hin nicht recht wußte, und niemand als Bauern darum fragen konnte, deren Kenntniß sich gemeinig- lich nicht weiter als einige Tagereisen in die Runde erstrecket, so ward sie anstatt ins Hildesheimische, tief in Westphalen hineingefahren. Nachdem sie so acht Tage lang fortgereiset war, fieng ein eingefall- nes Regenwetter an, ihr beschwerlich zu werden, da sie ganz leicht bekleidet war. Jndessen bestand sie doch darauf, weiter zu reisen, bis sie ein Platzregen und Ungewitter noͤthigte, in einem im Walde stehenden einzel- einzelnen Hause einzukehren. Der Regen hoͤrte den ganzen Tag nicht auf, der Bauer wollte nicht war- ten, weil er den andern Tag einen Hofedienst zu thun hatte, und da sie von dem Bewohner des Hau- ses, welcher, weil er in seiner Jugend Soldat ge- wesen, die Gegend weit und breit kannte, auf ihre Erkundigung nach dem Wege, vernahm, daß sie sehr weit von dem Hildesheimischen entfernt sey; so ent- schloß sie sich kurz, den Bauer abzulohnen, und bis zur Besserung des Wetters in diesem Hause zu bleiben. Das Haus war von einem Greise, seiner Frau und seiner Tochter bewohnt, die sich theils vom Spin- nen, der gewoͤhnlichen Winternahrung der West- phaͤlischen Hausleute, erhielten, theils die Milch einer Kuh, und die Fruͤchte eines Krautgartens verzehr- ten, der durch ihren eignen Fleiß war urbar gemacht worden. Der alte Hauswirth verband mit der treu- herzigen Ehrlichkeit eines Landmanns, die Weltkennt- niß, die lange Feldzuͤge gewaͤhren. Er hatte mit seinem Gutsherrn, der sein Oberster gewesen war, alle Gefahren der Feldzuͤge in Braband getheilt, und war ihm in allen Vorfaͤllen so treu und ergeben ge- wesen, daß der Gutsherr, aus edler Dankdarkeit, das Schicksal seines alten Kriegskammeraden zu ver- bessern suchte. Als der Mann alt ward, ward der G 5 Hof Hof dessen Sohne uͤbergeben, und er auf Leib- zucht Leibzucht, heist in Westphalen die Wohnung eines vom Hofe abgegangenen Bauers. gesetzt. Der Markenherr gab ihm aber nicht allein aus der Mark einen betraͤchtlichen Zu- schlag, und gab ihm seine Tochter, von Hofedien- sten frey, mit auf die Leibzucht, sondern er ließ ihm auch in einem angenehmen Sundern Ein Sundern heist in Westphalen ein beträchtliches Ge- hölz, welches in Absicht der Viehweide offen, aber was das Holz hetrifft, davon gesondert, oder einem Herrn zustän- dig ist. S. Moͤsers patriotische Phantasien 2 Th. S. 493. ein eignes bequemeres Haus, mit einem Schornstein bauen, so daß sich der Leibzuͤchter, nicht, wie seine Nachbarn, mit seinen Schinken zugleich, raͤuchern durfte. Da- bey hatte er, unter seinem Strohdache, eine beson- dere abgeschlagene Kammer, welche eigentlich diente, seinen Wintervorrath zu verwahren, jetzt aber Ma- rianen zur Schlafkammer angewiesen ward. Sie genoß darinn nach einer ungewohnt langen Reise die erste Nacht eine suͤße Ruhe. Sie stand des Morgens erquickt auf, das Wetter hatte sich anfgeklaͤrt, sie sah aus dem Fenster das Waͤld- chen im schoͤnsten Laube, und hinter demselben gruͤnende Wiesen. Als sie herunter kam, ward sie von den Hausleuten mit laͤndlicher Gastfreundschaft empfangen. Nach dem Fruͤhstuͤcke spazierte sie in der der umliegenden Gegend, wo sie die Natur in aller ihrer Schoͤnheit fand. Sie irrte auf einem Fußsteige, der, zwischen dichten Buͤschen, zu einem kleinen gruͤn- bewachsenen Huͤgel fuͤhrte, neben dem sich ein klarer Bach schlaͤngelte. Diese Gegend schien ihr ungemein reizend. Sie bestieg den kleinen Huͤgel, von wel- chem sie in dem Waͤldchen umherschauen konnte, und in der Ferne die Aussicht auf wallende Kornfelder hatte. Hier uͤberlegte sie ihren Zustand, sie sahe, daß sie von dem Zwecke ihrer Reise weit entfernt war, daß sie, wenn sie auch wieder zuruͤckreisen wollte, nicht gewiß wissen koͤnnte, in welchen Ge- sinnungen sie den Herrn von D *** finden moͤchte, daß sie vielleicht von ohngefehr dem Obersten in die Haͤnde fallen koͤnnte u. d. m. Dagegen schien ihr dieser Winkel der Erde, ganz paradiesisch zu seyn. Es duͤnkte also ihrem ohnedieß etwas zum romanti- schen geneigten Geiste das zutraͤglichste, wenn es moͤg- lich waͤre, in diesem Aufenthalte der Ruhe und der Un- schuld, von der ganzen Welt abgesondert zu leben. Sie entdeckte ihren Vorsatz ihren Wirthsleuten, welche sich denselben wohl gefallen ließen, fall sie mit ihrem Hauswesen, so wie es war, vorlieb neh- men wollte. Mariane war vielmehr entzuͤckt da- ruͤber. Jhr Wirth, mit seinem ehrwuͤrdigen schnee- weißen weißen Haupte, und mit seiner ungekuͤnstelten Auf- richtigkeit, schien ihr, mit seiner redlichen Hausfrau, ein Philemon und Baucis, das Haͤuschen ein Tem- pel, und die Gegend eine arkadische Flur zu seyn. Alles verschoͤnerte sich in ihren Augen. Wenn sie mit Spinnen und andern haͤuslichen Arbeiten einen Tag zubrachte, einen andern, mit Besorgung der Milchkammer, oder einmahl ihr eigen Geruͤcht pfluͤcken und in den Topf werfen konnte, glaubte sie, aus dem Prunke eines verderbten Zeitalters, zur Einfalt und auch zur Unschuld der ersten Welt, zuruͤckgekehret zu seyn. Und wenn sie des Abends, mit der Tochter ihres Wirthes, einem guten Maͤd- chen, nach dem Huͤgel spazierte, oder sich mit ihr am Rande des Bachs ins Gras setzte, schien sie sich zu den Nymphen Dianens zu gehoͤren, und wenn sie sang, welches oft geschah, schienen ihr die Hama- dryaden aus dem Waͤlde von fern zu antworten. Wahr ists inzwischen, daß diese reizenden Vorstel- lungen, wie mehrere poetische Phantasien, ins ge- meine Leben gebracht, nicht allzulange Stich hielten, und daß, nach einem Monate, die gute Mariane ihre Einbildungskraft schon austrengen mußte, wenn sie in das seelenvolle Gefuͤhl uͤbergehen wollte, das ihr sonst so natuͤrlich schien. Als aber vollends der spaͤte Herbst Herbst die Blaͤtter streifte, und der Nordwind mit ungestuͤmem Brausen, jeden Schritt außer dem Hause verwehrte, sank Philemon in ihrer Jdee wirklich zu einem gemeinen Bauer herab, und Baucis zu einer westphaͤlischen Hausmutter, die auch wohl, wenn ihr in der Haushaltung nicht alles nach Sinne gieng, schel- ten und schmollen konnte. Der Tempel ward wieder eine enge und unbequeme Huͤtte, in welcher die harte Kost, so sehr sie der Einfalt unschuldiger Hirtenvoͤl- ker gemaͤß war, doch nicht schmecken wollte. Ja, Mariane hat nachher ganz natuͤrlich gestanden, daß sie ihrer phantasiereichen Vorstellungen ungeachtet, dennoch zuweilen, bey einem patriarchalischen Milch- brey in einer hoͤlzernen Satte, nach einem wohlfil- trirten Kaffee in meisnischer Schaale, luͤstern ge- wesen sey. Jn den ersten Tagen dieser laͤndlichen Einsamkeit, hatte sie sich, in liebliche Jdeen von arkadischer Un- schuld versenkt, bereden wollen, daß ihr Herz von Liebe frey sey. Aber eben diese kleinen empfindsamen Schwaͤrmeleyen, oͤfneten es jedem suͤßen Eindrucke. Sie lebte die vorigen gluͤcklichen Zeiten in Gedanken noch einmahl, sie erinnerte sich ihres Saͤuglings ehrerbietiger, zaͤrtlicher, inbruͤnstiger Gesinnungen, sie besann sich, wie er sich ihrer bey einer schimpfli- chen chen Beleidigung angenommen habe. Denn machte sie sich Vorwuͤrfe, daß sie ihm, wider ihre Neigung, so kalt begegnet habe, sie konnte nun nicht begreifen, wie sie ihr Herz vor ihm nicht habe ausgießen koͤnnen. Diese Erinnerung war, als im Winter, durch lange Weile und Widerwillen, ihr Geist taͤglich mehr zu erschlaffen begann, ihr einziger Trost. Sie wieg- te sich in dem Gedanken, daß Saͤugling sie wirklich noch liebe, daß sie noch einst mit ihm vereinigt und gluͤcklich seyn werde. Sie maß seinen Schmerz von ihr entfernt zu seyn, nach dem ihrigen ab, und fand oft Wollust darinn, wenn sie, indem sie ihren eige- nen Schmerz beweinte, den Schmerz ihres Gelieb- ten zu beweinen glaubte. Als der Fruͤhling wieder kam, und alle ihre Em- pfindungen heitrer wurden, drangen die zaͤrtlichen Gefuͤhle mit jedem Fruͤhlingshauche tiefer in ihre Brust. Saͤuglings Bild spiegelte sich ihr in jedem hervorgruͤnenden Blatte, in jeder entfalteten Knospe. Bey ihren einsamen Spaziergaͤngen nach dem Baͤch- lein, begleitete es sie. Dann saß sie in wonnetrunk- nem Staunen, dann glaubte sie es zu umfassen, dann sprang sie auf, und erroͤthete vor ihrem eige- nem Phantome. Dann wandelte sie am Ufer herab, und sang Lieder, die er auf sie gemacht hatte, zu dem dem Falle des kleinen Stroms, der uͤber glatte Kie- sel herabrieselte, und indem er sich ausbreitete, den gruͤnenden Wiesengrund, zu Entsprossung neuer Blu- men befeuchtete. Mit diesen anmuthsreichen Phantasien verband sie auch Betrachtungen uͤber ihren gegenwaͤrtigen Zu- stand. Sie sahe ein, es sey ihr unmoͤglich, noch einen Winter in diesem Hause zuzubringen, gleich- wohl sahe sie auch kein Mittel, wie sie auf eine an- staͤndige Art, ihre Lage veraͤndern koͤnnte. Sie schien sich einzeln, von aller Welt verlaßen zu seyn, besonders, nachdem sie auf einen Brief an Hierony- mus schon seit ein paar Monaten keine Antwort er- halten hatte, vermuthlich weil er nicht zu handen ge- kommen war. Da nunmehr ihre Liebe zu Saͤuglingen sich ihrer ganzen Seele bemaͤchtigte, und sich das Verlangen, auch von seinen Gesinnungen gegen sie unterrichtet zu seyn, in ihre innersten Gedanken ein- flocht; so entschloß sie sich endlich, nach vielein ver- geblichen Zaudern, ihm, nach Wesel, wohin sie wußte, daß er mit Rambolden hatte reisen sollen, ihren Aufenthalt zu melden. Der Entwurf dieses Briefs kostete verschiedene Tage, denn sie hatte sich fest vorgenommen, alle Merkmale der Liebe daraus wegzuwischen, und blos als als ein ungluͤckliches Frauenzimmer zu schreiben, das sich, weil sie von jedermann verlaßen ist, an einen edelmuͤthigen Juͤngling wenden muß. Dennoch hatte sie die Spuren ihrer Leidenschaft nicht ganz ausloͤ- schen koͤnnen, denn die Liebe, wie ein suͤsser Geruch, duftet unvermerkt um sich. Saͤugling, dessen Em- pfindungen den ihrigen so sehr entsprachen, wuͤrde auch gewiß mit unnennbarer Wollust gefuͤhlet haben, was in ihrer Seele war, wenn er so gluͤcklich gewe- sen waͤre, diesen Brief zu erhalten. Der Brief ward vom Postamte zu Wesel, nach seines Vaters Gute, gesendet, und war eben derselbe, den Rambold erst aus Schaͤkerey beysteckte, nachher aus Zerstreuung las, und da er daraus Marianens Aufenthalt er- sahe, nicht einen Augenblick saͤumen wollte, zu ihr zu eilen, denn der Ort ihres Aufenthalts war in der That nicht eine Meile entlegen. Rambold that, als ob ihn ein ungefaͤhrer Zufall dahin gefuͤhrt haͤtte, und huͤtete sich wohl, von dem gelesenen Briefe etwas zu erwaͤhnen. Mariane ver- wunderte und freuete sich, ihn zu sehen, weil sie von ihm, Nachricht von ihrem Saͤugling zu empfangen hoffte. Aber er schwieg, und da sie endlich mit einigen Um- schweifen nach demselben fragte, nahm er eine betruͤbte Mine an, und versicherte sie, weil ihm eben nichts an- ders ders einfiel, daß Saͤugling gestorben sey. Diese Nachricht setzte Marianen außer sich. Rambold war zwar sehr bemuͤht, sie zu bereden, daß sie sich dessen Tod nicht gar zu sehr zu Sinne ziehen moͤchte, weil Saͤugling ein Haͤschen gewesen, der allen Frauenzimmern Suͤßigkeiten vorgesagt haͤtte; aber, bey Marianen wollten diese leidigen Trostgruͤnde kei- nen Eingang finden, daher kuͤrzte er seinen Besuch ab, und ritt wieder nach Hause. Er unterließ aber doch nicht, oft wieder zu kom- men, und ward von Marianen, die nunmehr in bestaͤndiger Traurigkeit lebte, gern gesehen, weil er sie an Saͤuglingen erinnerte, von welchem er ihr, auf ihre Fragen, allerhand Maͤhrchen erzaͤhlte, wel- che, so unbetraͤchtlich sie waren, doch in Maria- nens zum Trauren gestimmter Einbildungskraft, ein mitleidiges Wohlgefallen erregten. Der Herr von Haberwald merkte Rambolds oͤftere Abwesenheit, und unterließ nicht, ihn daruͤ- ber zu hohnnecken. Rambold mußte endlich geste- hen, daß er ein huͤbsches Maͤdchen besuchte, wel- ches er zu seiner Frau machen wuͤrde, wenn er eine Versorgung haͤtte. Der Herr von Haberwald spitzte hieruͤber die Ohren, und bestand darauf, daß er ihn mitnehmen sollte. Dieß geschah, und weil Ram- Dritter Theil. H bold bold dem Herrn von Haberwald einen Wink gege- ben hatte, daß er klug seyn sollte, so wuste er sich so ehrbar zu betragen, daß Mariane an beider Auf- fuͤhrung nichts auszusetzen haben konnte. Als sie zuruͤckkamen, so wurde, nachdem, bey eini- gen Flaschen Wein, Marianens Schoͤnheit von beiden Theilen war gepriesen worden, von dem Hrn. von Haberwald die weise Anmerkung gemacht, daß eine huͤbsche Frau Pastorinn in einem Kirchspiele eine nuͤtzliche Sache waͤre. Durch diese Aeußerung ward eine kleine Unterhandlung eroͤfnet, die, wenn sie weitlaͤufig auf dem Papiere beschrieben werden sollte, Lesern von feinen Empfindungen, niedertraͤch- tig und widerwaͤrtig scheinen koͤnnte, die aber, im Laufe der Welt, unter manchen Leuten ohne Beden- ken statt findet, eben, weil sie keine feine Empfin- dungen haben. Das Resultat derselben war, daß der Herr von Haberwald feyerlich versprach: sobald Rambold von Marianen das Jawort erhalten haͤtte, sollte er die Adjunktur des abgelebten Pfar- rers, mit einem bestimmen Gehalte, bekommen. Rambold warb nun im Ernste um sie. Ma- riane gab ihm zwar eine ausdruͤckliche abschlaͤgige Antwort, und brachte, in ihrem Herzen, dem Anden- ken ihres Saͤuglings dieses Opfer. Jndessen wie- derholte derholte Rambold, obgleich ohne Hofnung einiges Erfolgs, so oft einen Antrag, uͤber den, an sich, ein junges lediges Frauenzimmer niemals zornig wird, wenn er nicht gerade zu wider ihre Absichten streitet; daß ihn Mariane mit einiger Nachsicht anhoͤrte. Die Heldinn eines Romans, haͤtte freylich eine un- verletzte Bestaͤndigkeit an den Tag legen, und sich eher toͤdten laßen muͤssen, als sich einem Gegenstande zu ergeben, fuͤr den sie nicht die heißeste Liebe fuͤhlte. Aber im gemeinen Leben haben wir haͤufige Bey- spiele, daß wohlgezogene Frauenzimmer, wenn sie gleich zur bruͤnstigsten Leidenschaft in sich Zunder fuͤhl- ten, dennoch, selbst nicht in so mißlicher Lage wie Mariane, mit kalter Vernunft uͤberlegt haben, was vieles junge Volk nicht wissen will, daß Liebe nicht ewig in gleicher Anspannung dauren kann, und daß neben der Liebe, so wuͤnschenswerth sie ist, den- noch noch mehr Gegenstaͤnde in der Welt sind, ed- len Seelen auch wuͤnschenswerth. Da nun Ram- bold von Person nicht widrig war, da er sich seit der ersten Zeit seines Umgangs mit Marignen, in ihre Gemuͤthsart geschickt, und sich dabey so sein hatte zu verstellen wissen, daß sie von seiner schlech- ten Seite fast nichts gemerkt hatte; so ist schwer zu entscheiden, wozu sie sich vielleicht noch endlich koͤnnte H 2 ent entschlossen haben, wenn das Schicksal, welches doch, wie die Poeten versichern, bestaͤndig uͤber die Verliebten wachen soll, ihr bestaͤndig, Nachricht von Saͤuglings Leben verweigert haͤtte. Fuͤnfter Abschnitt . S aͤugling, der von diesen, so wie von allen seit Marianens Entfuͤhrung vorgefallenen Be- gebenheiten, nichts wußte, blieb in seiner Zunei- gung gegen seine Geliebte bestaͤndig. Sie war noch bestaͤndig der Gegenstand aller seiner einsamen Phan- tasien. An sie waren alle verliebte Verse gerichtet, die er nicht unterlaßen konnte, von Zeit zu Zeit zu machen. Er gab sich unablaͤßig, obwohl fruchtlos, Muͤhe, Nachricht von ihr einzuziehen. Er beklagte sich deshalb oft bey dem treulosen Rambold, wel- cher aber, besonders in den letzten Zeiten, seine Liebe zu einer abwesenden Person, die vielleicht wer weiß wo in der Welt herumschweifen moͤchte, mit gewoͤhn- licher Narrentheidung zu bespoͤtteln suchte, welches auf das Gemuͤth des treuen Saͤuglings, so empfind- lich er sonst auch gegen das laͤcherliche war, keinen Eindruck machen konnte. Ob Ob nun gleich, Mariane immer die Koͤni- ginn seines Herzens blieb, der alle seine Gedanken gewidmet waren, so wuͤrde doch seine so weiblich ge- stimmte Seele ungluͤcklich gewesen seyn, wenn er nicht mit einem gegenwaͤrtigen Frauenzimmer oͤf- ters haͤtte umgehen koͤnnen. Auf dem Gute seines Vaters aber, war keine weibliche Seele, sei- ner Achtsamkeit wuͤrdig, daher war es ein Gluͤck fuͤr ihn, daß sich bald eine Gelegenheit fand, mit einem jungen Frauenzimmer in der Nachbarschaft bekannt zu werden. Die Betstunden, welche Saͤugling der Vater zu halten anfieng, machten ihn mit der Frau Gertrud- tinn, einer reichen Wittwe bekannt, die in einem benachtbarten Staͤdtchen wohnte. Jhr seliger Ge- mahl, Herr Gertrud, war ein betriebsamer Mann, der bestaͤndig bedacht gewesen war, sein kleines Ta- lent, so gut wie moͤglich, und zwar hauptsaͤchlich zu seinem eigenem Vortheile zu nuͤtzen. Weil er wußte, wie viel leichter es ist, auf einem gutmuͤthi- gen Menschen zu reiten, als pfiffige Kunden zu uͤber- listen, und weil er von Natur ein ehrbares und be- daͤchtiges Ansehen hatte, so trieb er sein Wesen haupt- saͤchlich unter verschiedenen enthusiastischen und se- paratistischen Religionspartheyen. Er fuͤgte sich ganz H 3 ihren ihren Einrichtungen, drang sehr gestissentlich in die ihnen am Herzen liegende Glaubenspunkte ein, be- sorgte ihre Angelegenheiten, correspondirte mit den entfernten Bruͤderschaften, und vertheilte ihre Almo- sen. Er hatte sich besonders, lange bey den Herrn- hutern aufgehalten, und war nur erst alsdenn von ihnen geschieden, da man ihn uͤber gewisse Verwal- tungen bruͤderlich befragen wollte, uͤber welche er nicht bruͤderlich zu antworten gemeinet war. Seine Frau war ihm, eho dieß geschah, durchs Loos des Heilandes zu gefallen, und dieses Loos behagte ihm sehr wohl, denn die ihm zugefallne Schwester, war in ihrem neunzehnten Jahre, hatte eine feine Haut, ein wohlbeleibtes Ansehen, und große blaue Augen, die sie bey geistlichen und weltlichen Entzuͤckungen sehr andaͤchtig zu verdrehen wuste. Als er starb, ließ er seiner Wittwe, nebst einem Vermoͤgen von funfzig- tausend Thalern, eine einzige Tochter, die Jungfer Anastasia Gertrudtinn. Diese war jetzt in ihrem achtzehnten Jahre, und sahe ohngefaͤhr eben so aus, als ihre Mutter, zu der Zeit, als sie ihrem Vater durchs Loos zufiel. Sie hatte das gebenedeyte An- sehn, welches der Froͤmmling aus der Zerknirschung des Herzens herleitet, und der Weltling zuweilen in einem ganz andern Verstande annimmt. Jhre Au- gen gen waren fast immer niedergeschlagen; doch wenn sie sie aufhob, war ihr Blick zwar sehr durchdrin- gend, aber ihre Augen fielen sogleich wieder ehrbar- lich nieder. Sie trieb keine Kleiderpracht, und gieng weder in Sammt noch Seide, aber das allerfeinste Leinen, die ausgesuchtesten Spitzen, die Chitse er- ster Sorte, obgleich sictsamer Farbe, dienten, eine sehr zarte Haut und eine volle Wange, zu erhoͤhen, die, ohne daß es schien, doch sehr sorgfaͤltig gepflegt wurden. Sie sprach sehr wenig, eigentlich, weil sie nicht viel zu sprechen wuste; aber diese Einfalt diente ihr zu einer frommen Koketterie. Sie schien aus verschaͤmter Zuruͤckhaltung zu schweigen, indem sie sanft seufzete, und das Haupt langsam seitwaͤrts sinken ließ. Mit diesem jungen Frauenzimmer unterhielt sich Saͤugling der Sohn, wenn ihre Mutter seinen Vater oder er sie besuchte, welches fast woͤchentlich geschahe. Unterdessen die Frau Gertrudtinn mit Sebaldus uͤber theologische Materien disputirte, wie sie denn in der Dogmatik, so gut wie in der Polemik, bewandert war, oder unterdessen sie mit seinem Va- ter die Materie von Hypotheken und Pfandbriefen abhandelte; pflegte Saͤugling mit der Jungfer Anastasia die suͤssen Gedanken zu theilen, die wie H 4 Honig Honig von seinen Lippen flossen. Daß sie sie nicht ver- stand, that nichts zur Sache, sie machte doch einen bescheidenen Knix, als ob sie sie verstuͤnde, schlug ihre großen Augen kurz auf und wieder nieder, und erroͤ- thete zuweilen, wenn etwas von Liebe, oder heidnischer Mythologie vorkam. Saͤugling der dieses bemerkte, und, einem Frauenzimmer zu gefallen, gern alle Gestal- ten annahm, versuchte einige geistliche Lieder nach be- kannten Melodien zu machen. Dieses gelang ihm uͤber Vermuthen. Denn die Jungfer Anastasia, begann sie nicht allein mit vieler Begierde zu lesen, und sang sie ihm mit ihrem schoͤnen Munde vor, sondern die Frau Gertrudtinn fand auch so viel Salbung da- rinn, daß sie, aus eignem Betriebe, sich dahin zu verwenden versprach, daß diese Lieder in ein Gesang- buch, von welchem im Herzogthume Juͤlich eine ver- besserte und vermehrte Auflage besorgt werden sollte, eingeruͤckt wuͤrden. Eine Hofnung, welche Saͤug- lings kleiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Auf diese Art ward der Umgang zwischen Saͤug- lingen und der Jungfer Anastasia taͤglich genauer, und die schuͤchterne Anastasia, ward, obgleich in aller Ehrbarkeit, etwas gespraͤchiger und unterhalten- der, welches beiderseits Eltern sehr wohl gefiel. Denn Saͤugling der Vater, der den Reichthum der Frau Gertrud- Gertrudtinn kannte, berechnete, daß sein Sohn keine bessere Partie thun koͤnnte, und Frau Ger- trudtinn, welche auch wohl wußte, wie warm der alte Saͤugling saß, fieng an, der Sache etwas naͤ- her zu treten, indem sie zuweilen bemerkte, daß die Ehen im Himmel geschloßen wuͤrden, und daß die Menschen, sobald dieß ersichtlich sey, dem Himmel nicht widerstreben muͤßten. Saͤugling der Sohn, argwohnte alle diese Ab- sichten gar nicht, sondern der Umgang mit einem Frauenzimmer diente ihm nur, wie einer Uhr das Oel, um seine zaͤrtlichen Phantasien in einem glei- chem Gange zu erhalten. Er lebte ganz unbefangen mit der Jungfer Anastasia, und widmete nichts destoweniger bestaͤndig, seiner abwesenden Mariane die zaͤrtlichste Liebe. Sechster Abschnitt . N achdem Saͤugling der Vater von seiner Krank- heit genesen war, ward er einst, mit seinem Sohne, zu der Frau Gertrudtinn in die Stadt, zu Mittage eingeladen. Die schoͤne Anastasia, welche des jungen Saͤuglings Achtsamkeiten, gleich ihrer Mutter, ganz ernsthaft auslegte, hatte diesen Tag H 5 alle alle ihre sittsamen Reizungen aufgeboten, weil sie nunmehr zutraͤglich hielt, sein Herz ganz zu fes- seln. Man fand an ihr heute nicht bloß, die, wohl- beguͤterten Betschwestern, sonst eigenthuͤmliche an- daͤchtige Selbstgenuͤgsamkeit, nicht nur das ihnen sonst gewoͤhnliche selbst behagliche Achtgeben, auf ge- sundes Ansehen, auf Weiche der Haut, auf Glaͤtte der Bekleidung, auf Gelindigkeit der ganzen Per- son, welches sogar bey Nonnen die Stelle alles welt- lichen Putzes ersetzt; sondern, ihr mit brabandischen Spitzen besetztes Haͤubchen war auch einen halben Zoll hoͤher auf die Stirne geruͤckt, sie schlug die Au- gen oͤfter lieblich in die Hoͤhe und ließ sie mit langsa- mern Schmachten niedersinken, und ihre weichlich lispelnde Stimme, sonst mit Seufzerchen uͤberhaucht, erstarb heute auf ihren Lippen, mit einer fast hol- dem Laͤcheln nahe kommenden Freundlichkeit. Alle diese schmachtende Reize, ließ sie mit der, an- daͤchtelnden Maͤdchen so eignen, zuruͤckhaltenden Jn- nigkeit, auf Saͤuglingen wirken, als sie nach dem Mittagsmahle, mit ihm allein im Garten spazieren gieng. Jungfer Anastasia die, in seinen Augen, bald die unverstellten Merkmale des Wohlgefallens las, glaubte sichere Zeichen ihres geheimen Sieges zu fin- den, und ihrem wohlmeinenden Zwecke, aus einem weltli- weltlichen Juͤnglinge, einen frommen Ehemann zu machen, ziemlich nahe zu seyn. Jndessen, da sie, mit stillem Herzklopfen, einer zaͤrt- lichen Erklaͤrung entgegen sahe, ließ sich Saͤugling, weit gefehlt, daß er seiner einzig geliebten Marians nur einen Augenblick haͤtte untreu werden sollen, durch ihre anmuthige Vertraulichkeit zu nichts be- wegen, als daß er einige von seinen Lieblingsliedern, uͤber die Freuden des Lebens, aus der Tasche nahm, die er sich bisher noch nicht getrauet hatte, ihr vorzulesen. Sie hoͤrte sie, mit voͤlliger Ergebung in ihr Schicksal, an. Bey feinen Gedanken, die sie nicht verstand, sahe sie freylich ein wenig daͤmisch aus, aber dieß ward durch das sanfte Laͤchein verguͤ- tet, welches zugleich diente ihre schoͤnen Zaͤhne, und die Gruͤbchen in ihren runden Wangen zu zeigen. Bey verliebten Stellen erroͤthete sie nicht gleich, wie sonst, sondern hob die Augen seitwaͤrts, mit einem Blicke zwischen Verschaͤmtheit und Sehnsucht, in die Hoͤhe, und erst, wenn, im Herabsinken, ihre Augen, Saͤuglings auf ihren Beyfall gierigem Blicke, be- gegneten, stieg ein sanftes Roth auf ihre vollen Wangen, indem ihre Augen nochmals furchtsam aufblinzten. Unter- Unterdessen daß dieses vorgieng, hatte sich ein mit- gebetener Freund der Frau Gertrudrinn des alten Saͤuglings bemaͤchtigt, und ihn nach Tische ebenfalls in eine andere Gegend des Gartens gefuͤhret. Er brach- te, ungezwungner Weise, das Gespraͤch auf die Jung- fer Anastasia, und breitete sich ausfuͤhrlich uͤber das große Heuratsgut aus, das sie zu gewarten haͤtte. Er erzaͤhlte zugleich, es haͤtten sich schon viele Par- theyen gefunden, die aber, weil sie Weltkinder ge- wesen, von der Frau Gertrudtinn abgewiesen wor- den, bis sich kuͤrzlich erst, ein annehmlicher Braͤuti- gam, sogar ein Edelmann gefunden haͤtte, dessen Ansuchen jetzt wirklich in Erwegung gezogen wuͤrde. Diese Nachricht that auf den alten Saͤugling die begehrte Wirkung. Er ward etwas still, blies einige Minuten lang, den Rauch langsamer aus seiner Pfeife, und fragte, so gleichguͤltig als er konn- te: ‚Ob denn der bewußte Braͤutigam schon das Ja- „wort erhalten haͤtte?‛ ‚Bis jetzt noch nicht, sagte der Freund des Hau- „ses, die Sache ist jetzt wirklich in Ueberlegung, und „verdient sie.‛ Jch wuͤnschte, sagte der alte Saͤugling, nach- dem er wieder einige Minuten pausiret hatte, ‚daß „ich eher etwas davon gewußt haͤtte, denn ich muß „geste- „gestehen, daß ich die Jungfer Anastasia immer fuͤr „eine meinem Sohne schickliche Parthey gehalten „habe.‛ Der Hausfreund versicherte, daß hierbey noch nichts verlohren waͤre, man sey mit dem andern Braͤutigam auf keine Weise gebunden, und ob der- selbe gleich nicht nur ein Mann von Stande sey, sondern auch ein rechtes frommes Gnadenkind ge- worden: so sey er doch ein Officier, und man wisse wohl, daß Leute dieses Standes, am leichtesten in Ruͤckfall gerathen koͤnnen; daher werde die Frau Gertrudtinn seinem Sohne gewiß den Vorzug geben, nur muͤsse er, wie leicht zu erachten, sich sehr bald deshalb erklaͤren. Der alte Saͤugling ward uͤber diese Nachricht uͤberaus vergnuͤgt, versicherte, daß er morgen un- verzuͤglich mit seinem Sohne reden wollte, welcher ihm schon laͤngst eine besondere Neigung zur Jungfer Anastasia zu haben schiene, und da er gar nicht zweifelte, derselbe werde zu dieser Heurath die groͤße- ste Begierde zeigen: so nahm er zugleich die Abrede, daß die Frau Gertrudtinn, nebst ihrer Tochter, und ihm, dem Hausfreunde, auf den uͤbermorgenden Tag, auf sein Gut, zum Mittagsessen gebeten werden soll- ten; damit alsdenn der erste Antrag geschehen, und viel- vielleicht gar die Sache gleich in Richtigkeit gebracht werden koͤnnte. Der Freund der Frau Gertrudtinn, bestaͤrkte den alten Saͤugling sehr in diesem Vorsatze, und fuhr fort, ihm eine ausfuͤhrliche Auskunst uͤber der- selben Vermoͤgen zu geben, nebst andern dahin einschla- genden dem Alten uͤberaus angenehmen Gespraͤchen. Es entspann sich daher zwischen beiden eine wechselsei- tige Vertraulichkeit, und sie hatten einander so viel zu sagen, daß, als gegen Abend, die Zeit zur Abfarth herankam, der alte Saͤugling sich, ohne Umstaͤnde, in den Wagen des fremden Herrn setzte; damit sie in ihrem Gespraͤche fortfahren, und ihre Rathschlaͤge und Entwuͤrfe ferner ins Reine bringen koͤnnten. Der junge Saͤugling fuhr also ganz allein. Dieser war durch die Lieblichkeit der Jungfer Anastasia, und durch den Weihrauch, den sie seinen Gedichten angezuͤndet hatte, (denn er hielt ihr Seufzen und Erroͤthen bloß fuͤr eine starke Wirkung seiner Ge- dichte) in die wohlgefaͤlligste Laune gesetzt worden. Es war einer der schoͤnsten Sommerabende. Er stieg daher aus dem Wagen, als der Weg neben einem Walde vorbeygieng, um einen Spaziergang zu Fuße zu machen. Der Kutscher beschrieb ihm einen Fussteig, der nach einer Viertelmeile wieder aus dem Walde Walde herausfuͤhrte. Dahin ward der Wagen be- schieden, und Saͤugling gieng in das Gebuͤsch, mit der Schreibtafel in der Hand, um, unter den Ein- fluͤssen der schoͤnen Gegend, einer Scene in seinem empfindsamen Romane nachzudenken. Er war schon, eine geraume Zeit, in aller Wollust der Autorempfaͤngniß, fortgewandelt, als er, ohnge- faͤhr dreißig Schritte vom Fußsteige ab, im Walde einen angenehmen Gesang zu hoͤren glaubte. Er ward dadurch noch mehr aufmerksam gemacht, da ihm die Melodie bekannt war, noch mehr, da es ihm bey naͤherm Hinzugehen, eines seiner Lieder zu seyn schien, noch mehr, da ihm die Stimme Marianens Stimme zu seyn beduͤnkte. Er eilte durch das Ge- straͤuch. Es war wirklich Mariane, die bey ihrem gewoͤhnlichen einsamen Abendspaziergange, sich am Ufer des kleinen Baches niedergesetzt hatte, ihren schwermuͤthigen Gedanken, uͤber ihren geliebten ihr so fruͤhzeitig geraubten Saͤugling nachzuhaͤngen, und in diesem suͤßen Staunen, ein von demselben ehe- mals an sie gerichtetes Lied sang. Als sie Saͤuglingen erblickte, sprang sie auf, und that einen lauten Schrey, weil sie glaubte ein Ge- spenst zu sehen. Er uͤberzeugte sie aber bald, daß er lebte, da er sie aufs feurigste in seine Arme schloß, und und den ersten Kuß auf ihre jungfraͤulichen Lippen druͤckte. Unnennbare Freude zitterte aus beiden in dieser Umarmung, fuͤr alle Beschreibung zu innig. Marianens ganze Zuruͤckhaltung zerfloß in diesem Gefuͤhle, wie Eis beym Blick eines Maytages. Sie schwor die Seinige zu seyn, sie war die Seinige. Jn dieser wonnevollen Unterhaltung verstrich eine Stunde, ohne daß sie es merkten. Saͤuglings Be- dienter, der, an dem abgeredeten Orte, mit dem Wa- gen so lange gewartet hatte, ward endlich unruhig, suchte seinen Herrn im Walde, fand ihn, und erin- nerte ihn, nach Hause zu fahren. Siebenter Abschnitt . S aͤugling kam so spaͤt nach Hause, daß er sei- nen Vater diesen Abend nicht sprechen konnte. Nach einer Nacht voll unruhiges Schlafs, ließ er bey fruͤhem Morgen seinen Paßgaͤnger satteln, und ritt ganz allein nach dem Hause im Walde. Wie ihn Mariane, in deren Herzen, nach langem freudelo- sen Harren, die heißeste Liebe wallte, empfangen habe, kann nicht beschrieben werden, und ist nicht noͤ- thig zu beschreiben. Beide waren im ersten Tau- mel wechselseitig gestandener Liebe, wo jedes halbge- stammelte stammlete Wort Entzuͤckung ist, jeder Blick ein Ge- luͤbd, diese Entzuͤckung solle ewig danern. Jhre gestrige Zusage, einander ewig treu zu bleiben, ward durch den heißesten Kuß besiegelt. Saͤugling steckte ihr einen brillantenen Ring an den Fin- ger, der, wenn man eine kleine Feder druͤckte, aufsprang, und ein Sinnbild entdeckte, mit der Ueberschrift: Ewig getreu. Mariane schenkte ihm eben den kleinen Demantring in Form eines flammenden Herzens, den ihre Mutter einst ihrem Vater, am Tage ihrer Verlobung gab S. Wilhelmine S. 50. , und den sie bisher, als ein werthes Andenken, an ihrem Fin- ger getragen hatte. Auf diese Art kam der Mittag heran, da sie ein laͤndliches Mahl unter den baͤurischen Gluͤckwuͤnschun- gen der ehrlichen Hausleute, mit herzlicherm Wohl- geschmacke verzehrten, als die theure Kuͤche des lie- bemangelnden Schwelgers gewaͤhren kann. Erst Nachmittags, konnte Mariane ihrem Saͤugling Rambolds Betrug, wovon sie frey- lich den schaͤndlichsten Theil nicht wußte, aus- fuͤhrlich erzaͤhlen. Jn den ersten wonnetrunknen Ausbruͤchen der Liebe, hatte sie ihn kaum mit wenig Worten beruͤhrt. Beide entbrannten uͤber seine niedertraͤchtige Erdichtung, wodurch ihr Gluͤck so lange war zuruͤckgehalten worden. Als ihr Unmuth gegen ihn aufs hoͤchste gestiegen war, sahen sie ihn, unvermuthet, selbst ankommen, um einen seiner ge- Dritter Theil. J woͤhn- woͤhnlichen Besuche abzulegen. Er war nicht we- nig betroffen, Saͤuglingen zu finden, und wollte sich erst mit seiner gewoͤhnlichen Hohnneckerey heraushelfen; da ihm aber, sowohl von Saͤuglingen als von Marianen, seine Niedertraͤchtigkeit mit den bittersten Worten vorgeworfen ward, brachte ihn der Zorn daruͤber, und der Verdruß, sein Projekt gaͤnzlich mißlungen zu sehen, so ausser aller Fassung, daß er unversehens, und fast ehe Saͤugling sich in Vertheidigung setzen konnte, mit bloßem Degen uͤber ihn herfiel. Mariane warf sich zwischen beide, aber vielleicht wuͤrde dieß dem erboßten Rambold doch nicht Einhalt gethan haben, wenn nicht der alte Hauswirth, welcher ein Zeuge dieses Auftritts war, der auf einem gruͤnen Platze vor dem Hause vorgieng, mit einem Hebebaume, so wirksam nach Rambolds Schulter gefahren waͤre, daß dieser sein Schwert einsteckte, und unter vielen Fluͤchen, sein Pferd wieder bestieg und davon jagte. Dieser Vorfall, unterbrach in etwas das Vergnuͤ- gen dieses Tages. Als sich aber Mariane von ihrem Schrecken erholet hatte, ward er ein Quell noch zaͤrt- licherer Empfindungen. Beide verlohren sich in der Vorstellung des Gluͤcks einer ewigen Verbindung, wo- zu Saͤugling, als er spaͤt gegen Abend endlich Abschied nehmen mußte, die Einwilligung seines Vaters, in moͤglichster Geschwindigkeit zu erlangen versprach. Ende des achten Buchs. Neun- Neuntes Buch . Erster Abschnitt . D es andern Morgens ließ Saͤugling der Va- ter, welcher schon den ganzen vorigen Tag, mit Ungeduld nach seinem Sohne gefragt hatte, den- selben sehr fruͤh zum Thee rufen. ‚Jch fuͤrchte mich,‛ sagte der Alte, ‚du moͤchtest mir sonst heute wieder wegreisen, wie gestern.‛ ‚Jch moͤchte auch wohl,‛ versetzte der Sohn, ‚nur „erst muß ich Jhnen von meiner gestrigen Reise, wich- „tige Dinge erzaͤhlen, bester Vater!‛ V. Laß seyn! Jch habe dir noch viel wichtigere Dinge zu sagen. Hoͤr’ nur, ob du gleich meinst, du machst alle deine Dinge so heimlich, daß es niemand merkt, so hab’ ich dirs doch lange angesehen, daß du eine Zuneigung zur Jungfer Gertrudtinn hast. J 2 Jch Jch habe sie heute nebst ihrer Mutter zu Mittage gebeten, — Nun, wie waͤrs, wenn ich fuͤr dich heute um sie anhielte? He? S. (erstaunt) Aber, liebster Vater, wie koͤnnen Sie darauf kommen, daß ein Mensch von Talenten wie ich, mit einem einfaͤltigen Maͤdchen von unkul- tivirten Geiste, werde sein ganzes Leben zubringen wollen. Welche Gesellschaft fuͤr einen Geist, wie ich? V. Einen Geist wie du? da schweben wir wieder oben im hohen Himmel! Aber glaub mir! Hienie- den kenne ich, fuͤr einen Muͤßiggaͤnger — und das bist du doch wohl — der wohl zeitlebens nicht auf Eine Entreprise denken wird, keine bessere Gesell- schaft, als funfzigtausend Thaler, und die wird die Jungfer Gertrudtinn einmahl wohlgezaͤhlt von ihrer Mutter erben. Siehstu! Funfzigtausend Thaler! S. Nein! Reichthum kann mich nicht gluͤcklich machen. Mich, zum Umgange mit Musen und Grazien gewoͤhnt — Liebe, uͤberschwengliche Liebe — V. Und wie uͤberschwenglich muß denn die Liebe seyn? Jhr waret doch bestaͤndig gern bey einander, hattet auch immer was zu fluͤstern, und wenn du denn die Jungfer Anastasia acht Tage lang nicht ge- sehen sehen hattest, so wars denn, als ob dir was fehlte — Das sah mir doch so ziemlich wie Liebe aus. S. Liebe? Dieß geschah bloß, weil in dieser Ein- samkeit kein anderes junges Frauenzimmer zu fin- den war. Mir ist aber wirklich der Umgang mit einem Frauenzimmer nothwendig, damit bestaͤndig in meinem Herzen sanfte und gefaͤllige Empfindun- gen herrschen, und in meine Gedichte hinuͤberfließen moͤgen. V. Ey nun, so heurathe die Jungfer Gertrud- tinn, so wird dir ihr Umgang noch aus einer Ursach nothwendig. Zeit ists ohnedieß, daß du heurathest. S. Das ist auch mein Vorsatz, mein bester Va- ter! Dieß war die wichtige Nachricht, die ich Jh- nen von meiner gestrigen Reise erzaͤhlen wollte. Jch habe sie wieder gefunden, die Goͤttin meiner Seele, die ich schon lange liebe, die nun auch mich liebt, die meiner ganzen Liebe wuͤrdig ist. Jung! Schoͤn! Edel! Verstaͤndig! Witzig! Sie lebt eine Meile von hier in einer Schaͤferhuͤtte im Walde, in aller Unschuld des goldnen Zeitalters! Jhr habe ich ewige Treue geschworen, und nie soll eine andere dieß Herz ruͤhren, dieß Herz voll von brennendem zaͤrtlichem Gefuͤhle, gegen die goͤttliche Schoͤne. J 3 V. Was A. Was redst du da? Was fuͤr romanhaftes Ge- schwaͤtz? Eine Goͤttin die in einer Huͤtte lebt? Ey nun ja, die wird freylich auch wohl kein Geld ha- ben, denn das braucht man weder im Himmel noch im goldnen Zeitalter. — Aber sage mir nur, ists moͤglich daß du mir solche Streiche machst? Gleich sag’ heraus; wer ist das Mensch? S. Aber lieber Papa! — Aber wirklich — Sie sprechen in Ausdruͤcken — von dem edelsten suͤßesten Maͤdchen — Es ist doch auch nicht ein bischen — Sie machen mich warhaftig ganz verwirrt. V. So! der Herr Sohn meint, ich brauchte nicht Respekt genug! Gar fein! Wer ist denn also deine Goͤttinn? Wem gehoͤrt sie an? S. Bester liebster Vater! Es ist die schoͤnste Seele in dem schoͤnsten Koͤrver, sanft, gut, gefaͤllig — V. Bester liebster Herr Sohn, wem sie angehoͤrt, wer ihre Eltern sind, moͤchte ich wissen. S. Sie ist die Tochter eines wuͤrdigen Mannes, eines redlichen Predigers, eines ungluͤcklichen Man- nes, der von den Feinden vertrieben worden. Sie hat unschuldig viele Verfolgungen ausstehen muͤs- sen, die Vorsicht hat sie mir nach langer Abwesen- heit wieder zugefuͤhrt. Jch habe sie nun, ich liebe sie sie mit innigster Zaͤrtlichkeit und werde nimmer von ihr laßen. Der Alte ließ fuͤr Schrecken seine Pfeife zu Bo- den fallen. Der schoͤne Entwurf, seinen Sohn mit einem reichen Franenzimmer zu verbinden, den er fuͤr ganz ausgemacht hielt, sah er mit einemmahle ver- nichtet, sein Sohn war in ein armes Maͤdchen ver- gafft, das in eine benachbarte Huͤtte, Gott weiß woher, gekommen war, und was das schlimm- ste war, denn sein Phlegma stellte sich allemahl die naͤchsten Berlegenheiten als die groͤßten vor, er wuste gar nicht, was er mit der Frau Gertrudtinn, ih- rer Tochter und dem Freywerber anfangen sollte, die er zu heute Mittage gebeten hatte, um den Heu- rathsantrag zu thun, in der ganz zuverlaͤßigen Vor- stellung, daß sein Sohn nichts lieber wuͤnschte. Endlich ermannte er sich, um seinem Sohne zu beweisen, daß es sich fuͤr ihn gar nicht schicke, ein armes Maͤdchen zu nehmen, und sein Sohn erman- gelte nicht, mit vielen Gegengruͤnden darzuthun, daß ein Maͤdchen, die er liebte, das einzige Gluͤck seines Lebens machen werde. Jn diesem Streite, ward die kaltsinnige Ruhigkeit des Vaters, bald von der feurigen Heftigkeit des Sohnes betaͤubt. Da Saͤugling also merkte, daß sein Vater stiller ward, J 4 bekam bekam er Muth, und bot alle seine Beredsamkeit auf, um denselben zu uͤberzeugen. Jndem er nun mit heller Stimme fuͤr seine Meinung kaͤmpfte, und dabey mit den Haͤnden fochte, erblickte der Vater den Ring mit dem flammenden Herzen, an der linken Hand seines Sohnes. ‚He da!, rief er, und nahm ihn bey der Hand, „Laß sehen Junge! ich glaube du hast dich im ganzen „Ernste verplempert. Jch will nicht hoffen, daß du „den Ring von dem Maͤdchen hast.‛ ‚Ja! von ihr!‛ rief der Sohn, und kuͤßte den Ring, indem er ihn dem Vater vorhielt, ‚sie ist die „suͤßeste Seele, voll Unschuld und Liebe, weiß und „glaͤnzend wie diese Steine.‛ ‚Warhaftig, sagte der Vater bedaͤchtig, indem er den Ring gegen das Fenster kehrte, ‚der Mittelbril- „lant ist vom ersten Wasser. Hoͤre nur, das Maͤd- „chen kann doch wohl nicht ganz arm seyn, wenn sie „solche Ringe verschenkt — Sehen Sie Herr Pastor, „einen schoͤnen Stein, einen ausbuͤndigen Stein, —‛ fuhr er gegen den Sebaldus fort, der eben, mit den Zeitungen in der Hand, herein getreten war. Sebaldus hatte kaum den Stein erblickt, als er voll Erstaunen ausrief: ‚Gott! ‚Gott! woher haben Sie den Ring? er gehoͤrt „meiner Tochter.‛ ‚Jhrer Tochter?‛ riefen Vater und Sohn. ‚Jch habe den Ring, fuhr der Sohn fort, von „dem besten edelsten Maͤdchen, das ich unaussprech- „lich liebe, und ewig lieben werde. Jst sie Jhre „Tochter? — wohl mir! — So ist sie die Tochter „eines sehr redlichen Mannes.‛ Der junge Saͤugling erzaͤhlte einige Umstaͤnde, die dem Sebaldus keinen Zweifel mehr uͤbrig ließen. Sebaldus bat den Alten, ihn sogleich zu seiner Toch- ter fahren zu laßen, der junge Saͤugling bat seinen Vater fußfaͤllig, daß er mitfahren duͤrfe. Dieser be- willigte endlich beydes, nur mit dem Bedinge, daß sie zur Mittagsmahlzeit wiederkaͤmen, und daß sie sich, von allem vorgefallenem, gegen die Frau Ger- trudtinn und ihre Tochter, nichts sollten merken laßen, wodurch er sich wenigstens aus seiner heuti- gen Verlegenheit zu ziehen hoffte. Der junge Saͤug- ling sprang gleich fort, um sellbst die geschwinde An- spannung eines Wagens zu besorgen. Unterdessen verlangte Saͤugling der Vater vom Sebaldus einen Handschlag, daß er die Heirath seines Sohns mit Marianen nicht befoͤrdern wollte. Sebaldus gab ihm deshalb ausdruͤcklich sein Wort, und der Alte, J 5 der der Sebaldus ehrliche Denkungsart kannte, machte seiner eignen Klugheit insgeheim ein Kompliment, indem er dadurch seinem Sohne einen starken Schritt abgewonnen zu haben glaubte. Sebaldus fuhr mit dem jungen Saͤugling, nach dem Hause im Walde. Als Mariane den Wagen ankommen sah, flog sie ihrem Liebhaber entgegen. Er war aber kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie auch ihren Vater erblickte. So viele Freude auf einmahl zu ertragen, ist ein menschliches Herz zu schwach. Sie fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, stuͤrzte sie, mit Freude ohne Maaße, in ihres Vaters Arme, in die er sie mit vaͤterlicher Jn- brunst schloß. Aber bald mischten sich traurige Em- pfindungen in ihre Freude. Jhr Vater hielt ihr seine jetzige Lage gegen den alten Saͤugling vor. Er gab ihr zu uͤberiegen, ob er nicht dessen Gutthaͤ- tigkeit mit Undanke belohnen und die heiligsten Rechte der Gastfreundschaft verletzen muͤßte, wenn er, wie es allemahl scheinen wuͤrde, aus Eigennutz, zu ihrer Heurath mit dem jungen Saͤugling, wider des Va- ters Willen, seine Einwilligung geben wollte. Er erklaͤrte ihr endlich, daß er dem Alten foͤrmlich des- halb sein Wort gegeben habe, und nun forderte er auch auch von ihr ein ausdruͤckliches Versprechen, alle Ge- danken daran, fahren zu laßen. Marianens innrer Streit war sehr heftig. Sie war noch nie ihrem Vater ungehorsam gewesen, sie fuͤhlte, es wuͤrde unedel seyn, ihm jetzt, in dem nicht zu gehorsamen, was er mit vaͤterlichem Ernste und guter Gruͤnde wegen, verlangte, aber sie fuͤhlte auch, es heiße, sich das Herz ausreissen, wenn man dem einzig Geliebten ploͤtzlich ganz entsagen soll. Kind- liche Pflicht siegte endlich in der edlen Seele, wie Pflicht uͤber Leidenschaft allemahl: mir Muͤhe. Sie benetzte ihres Vaters Hand mit Thraͤnen, und schwur, nichts wider seinen Willen zu thun, nichts, das ihr und ihm unanstaͤndig waͤre. Sie ermahnte selbst Saͤuglingen, mit einem Strome von Thraͤnen, standhaft zu seyn, sie zu vergessen. Aber der hohe Schmerz, mit dem, bey ihrer großmuͤthigen Entsagung, ihr Auge auf ihn blick- te, befoͤrderte selbst seine Liebe bis auf den hoͤchsten Grad. Er gerieth in die heftigste Leidenschaft, er schwor zu ihren Fuͤßen, nimmer von ihr zu laßen, er bot ihrem, er bot seinem Vater Trotz, seiner Liebe Hindernisse entgegen zu setzen, er schloß sie in seine Arme, und bot der ganzen Welt Trotz, sie von ihm zu reißen. Marianens thraͤnende Bitten, aus allem, allem was Liebe bitteres und suͤßes hat gemischt, Sebaldus beweglichste Vorstellungen, halfen nichts. Er schloß sie nochmals in seine Arme, und betheuerte mit den heftigsten Schwuͤren, sie solle ewig die Sei- nige seyn. Sebaldus, hatte sich noch nie in einer so delika- ten Lage befunden. Er sah sich in unaussprech- licher Veriegenheit. Er liebte sein Kind zaͤrt- lich, und doch bewogen ihn Vernunft und Pflicht, ihr zu versagen, was, wie er sahe, sie gluͤcklich ma- chen wuͤrde, und es war nicht abzusehen, wenn auch Mariane gehorsamte, wie die heftige Leiden- schaft des Juͤnglings zu zaͤhmen seyn moͤchte. Jndessen verstrich die Zeit, und Sebaldus, des Versprechens eingedenk, zur Mittagsmahlzeit zu- ruͤckzukehren, erinnerte Saͤuglingen an die Abreise. Saͤugling aber war durch keine Vorstellung zu be- wegen, sich von Marianen zu trennen, und schwor abermals, nicht eher zu seinem Vater zuruͤck zu keh- ren, bis er dessen Einwilligung zu seiner Verbin- dung erhalten haͤtte. Sebaldus sah endlich, nach vielen fruchtlosen Versuchen, der Juͤngling sey zur Ruͤckreise nicht zu zwingen, und ihn zuruͤckzulaßen, hielt er sehr bedenklich, weil, in dieser convulsivi- schen Leidenschaft, heftige unuͤberlegte Rathschlaͤge zu fuͤrch- fuͤrchten waren. Er entschloß sich also in dieser aͤußer- ster Verwirrung der Sache (ob er gleich noch nicht wußte, wie dieß der alte Saͤugling aufnehmen koͤnnte) seine Tochter mitzunehmen, und bey sich zu behalten, wo er den weitern Gang dieser Angelegen- heit, besser zu uͤbersehen, und gemeinschaftlich mit dem alten Saͤugling, die zutraͤglichsten Maasregeln nehmen zu koͤnnen, vermeinte. Verliebte sind wie Kinder. Kaum vernahm Saͤugling des Sebaldus Entschluß, als er, von der aͤußersten Wuth, zur aͤußersten Freude uͤbergieng. Mit seiner Mariane, deren gegenwaͤrtige Treu- nung von ihm, seine Leidenschaft als das aͤußerste Ungluͤck darstellte, nun unter eben dem Dache woh- nen zu koͤnnen, schien ihm das aͤußerste Gluͤck. Er umarmte den Sebaldus, er kuͤßte dessen Hand, er hat ihn, wegen aller unuͤberlegten Worte, die er in der Wut ausgestoßen hatte, um Vergebung. Sein Gemuͤth war ploͤtzlich umgestimmt, vernuͤnftigen Vorstellungen Gehoͤr zu geben, er versprach sich zu maͤßigen, versprach seines Vaters zu schonen, versprach alles, Marianens Gesellschaft uͤberwog alles, fuͤllte seine Seele ganz, ließ keinem andern Gefuͤhle Raum. Sie Sie setzten sich saͤmmtlich in den Wagen, und fuhren, aͤußerlich beruhigt, zuruͤck. Zweyter Abschnitt. S aͤugling der Vnter, befand sich in ziemlichet Unruhe, theils, weil sein Sohn zur gesetzten Zeit nicht zuruͤckkam, theils, weil er unschluͤssig war, wie er sich gegen die Frau Gertrudtinn und ihre Tochter betragen sollte, die noch nicht wußten, daß der Absicht, wegen welcher man sie auf heute gebeten hatte, ein so großes Hinderniß in den Weg gelegt war. Jndessen ward ihm ein Theil dieser Verlegenheit benommen, da die Frau Gertrudtinn ohne ihre Tochter erschien. Ob Saͤuglings Ge- dichte, oder die Furcht und Hofnung wegen seiner Entschließung, oder andere Ursachen, auf ihre zar- ten Nerven allzustark gewirket haben mochten, ist ungewiß. Genug, sie war denselben Morgen mit Kopfweh, Uebelkeiten und Zittern der Glieder be- fallen worden, eine Krankheit, wegen welcher ihre Mutter in ziemlichen Sorgen zu seyn schien. Kurz nachher kam auch der junge Saͤugling mit seiner Gesellschaft an. Mariane ward indessen in Sebal- Sebaldus Zimmer gefuͤhrt, bis man nach Tische dem Alten diesen Vorgang berichten konnte. Bey Tische war die ganze Gesellschaft nicht son- derlich aufgeraͤumt. Alle suchten ihre innerliche Ver- legenheit zu verbergen, und dachten ihren besondern Entwuͤrfen nach. Nach Tische zog der Freund der Frau Gertrudtinn, den alten Saͤugling, in das Fenster eines Nebenzimmers, wo sie bald in ein tie- fes Gespraͤch uͤber die Heurathssachr geriethen. Der junge Saͤugling schlich sich, ohne daß jemand dar- auf dachte, zu seiner Mariane, und die Frau Gertrudtinn blieb mit Sebaldus auf einem Kanape sitzen, weil sie heute sich vorgenommen hatte, mit ihm, die wichtige Lehre von dem geistlichen Verder- ben der menschlichen Natur, aus dem Grunde abzu- handeln. Sebaldus hatte, in ihren vorigen Dispu- ten, der menschlichen Natur Kraͤfte zur Besserung zugestanden, die Frau Gertrudtinn aber, hatte hierbey alles der Gnade zugeschrieben. Sie war schon einige mahl vom Sebaldus mit verschiedenen Argumenten ziemlich eingetrieben worden, heute aber hatte Sie sich vorbereitet, ihn schlechterdings da- nieder zu schlagen. Da das Geschnatter einer Re- ligionscontroversistinn, zumahl, wenn es erst zu einer gewissen Staͤrke gekommen, schwer zu uͤberwaͤltigen ist, ist, und da der gute Sebaldus ohnedem von Ma- rianens kritischer Lage den Kopf voll hatte, so ist leicht zu erachten, daß diesesmahl die Frau Ger- trudtinn leichter gewonnen Spiel haben konnte. Sie hieb also alle menschliche Tugenden unbarmher- zig nieder, um nachher der Gnade daraus ein Sie- geszeichen zu errichten. Sie erzaͤhlte, mit gelaͤufi- ger Zunge, alle die Wunder die durch die Gnade, an unwiedergebohrnen Menschen, im Leben und auf dem Todbette, je haben sollen verrichtet worden seyn, sie pluͤnderte die duͤstern Schriften einer Bourignon, eines Hans Engelbrechts, Gerbers, Reiz, Bo- gatzki und anderer, und zuletzt, weil doch ein jeder Heiliger, gern ein Wunder von seinem eignen Mach- werke zu haben pflegt, erzaͤhlte sie, daß in dem Wirthshause, ihrem Hause gegenuͤber, ein junger Kornet im Quartiere liege, der zwar immer ein na- tuͤrlich guter, aber doch ein unwiedergebohrner Mensch gewesen, nachdem er aber nun, seit laͤnger als einem halben Jahre, die Erbauungsstunden, die sie in ihrem Hause halte, besucht habe, sey er von der Gnade auf eine so kraͤftige Art ergriffen worden, daß sie seine merkwuͤrdige Bekehrungsgeschichte auf- gezeichnet habe, und sie naͤchstens nach Magdeburg schicken wolle, um, den Unglaͤubigen zur Beschaͤ- mung mung in das geistliche Magazin eingeruͤckt zu werden. Unter diesen Gespraͤchen, fuhr ein Wagen vor die Thuͤre, aus welchem der Hr. von Haberwald halbbetrunken heraustaumelte. Die Frau Ger- trudtinn wollte mit solchem Weltkinde nichts zu thun haben, ließ sich also vom Sebaldus in den Garten fuͤhren, ehe der Herr von Haberwald heraufkam. Dieser, nachdem er sich mit seiner Flasche Wein erfrischt hatte, legte sich in den Lehnstuhl und fieng an zu schwatzen: ‚Jch komme da vom Landtage zuruͤck, wo der „Sechs und zwanziger geflossen ist, und denn hatte „der Praͤlat von *** ein Ohmchen Neuner, „so just fuͤr ’nen Kenner. Doch haben wir auch „uͤbers Landes Beste die Koͤpfe zusammengesteckt, „denn so wahr ich lebe, Nachbar Saͤugling, was „mich betrift, ich habe Verstand fuͤr zwey, wenn „ich getrunken habe. — Ja nun, was wollte ich „doch sagen, — der Landtag war aus, so muß „man doch auch ’n bischen sehen, wie ’s zu „Hause aussieht — so fahren wir denn zuruͤck und „ich komme heute um halb eilfe nach *** da hab’ „ich im rothen Loͤwen, bey dem putzigen Wir- Dritter Theil. K „the „the mit der Stumpfnase gegessen, der Kerl hat „Burgunder, so gut wie in Luͤttich, For ç e! „Feuer! wer ihn nicht versteht, den wirft er un- „tern Tisch — Ja was wollte ich doch sagen — „Gegenuͤber wohnt, du weist’s Nachbar Saͤug- „ling, die alte reiche Hexe die Gertrudtinn, mit „einemmahle, wie wir im besten Trinken sind, wird „da ein Laͤrm im Hause, die Leute liefen vor der „Thuͤr zusammen, und wir ans Fenster.‛ — ‚Wie so?‛ fragte der Freywerber: ‚Es war doch „wohl nicht Feuer im Hause?‛ ‚Ey! warum nicht gar! Aber vor neun Mo- „naten mag wohl Feuer gewesen seyn, da kriegt „nun die Tochter jetzt, ich weiß nicht was fuͤr „’nen Zufall, und die Mutter ist nicht ’nmahl zu „Hause, druͤber wird ’n Aufruhr, ’s Maͤdchen „hohlt ’n Doktor, ja der thut’s noch nicht. — „He! schrie Stumpfnase, und wieß mir ’n alt „Weib auf der Straße — „da haben sie Mutter „ Jlsen von der andern Ecke geholt, die wirds „ins Gleis bringen, und denn der Kornet, der bey „mir in Quartiere liegt, ist auch schon heruͤber „geschlichen —‟ ‚Ey daß dich uͤbern Kornet, wenn „doch unser einer auch ’nmahl so im Quartier laͤge! — Hier- Hierbey schlug Haberwald eine wiehernde Lache auf, und der Freywerber, dem sich, waͤhrend der ganzen Erzaͤhlung, die Kinnbacken verlaͤngert hatten, gieng in den Garten, um der Frau Gertrudtinn den fuͤr ihre Absichten so verdrießlichen Vorfall, mit moͤglichster Vorsicht zu hinterbringen. Er stoͤrte sie in einer sehr gluͤcklichen Lage, denn da sie ihre heutige Ueberlegenheit uͤber Sebaldus vermerkte, hatte sie ihn warm gehalten und war jetzt eben im Beweise begriffen, daß die dritte Po- saune Offenb. Joh. VIII. 10. in der Apokalypse, die Jndifferentisten bedeute, welche von Erbsuͤnde und Wiedergeburt nichts wissen wollen, und dadurch eine bittere Re- ligionsmengerey verursachen, dagegen Sebaldus, der aber jezt gar nicht zum Worte kommen konn- te, vermeinte, daß dadurch die franzoͤsischen Athei- sten angedeutet wuͤrden, welche die ersten Quellen der menschlichen Gluͤckseligkeit vergiften. Der Freywerber raunte der Frau Gertrudtinn die ungluͤckliche Nachricht ins Ohr, wodurch sie außer aller Fassung gebracht ward. Sie fiel bey- nahe in Ohnmacht, kam wieder zu sich, ward in ihren Wagen gepackt und nach Hause gefahren. K 2 Der Der Herr von Haberwald machte sich mit noch ein Paar Flaschen vollends fertig, und ward in ein Bette gebracht, um seinen Rausch auszuschla- fen. Seine Pferde aber, die nuͤchterner waren, giengen nach Hause. Des alten Saͤuglings Nerven, keiner Anstren- gung gewohnt, waren, durch die mannigfaltigen diesen Tag vorgefallenen Begebenheiten, dermaßen erschuͤttert worden, daß er halb betaͤubt da saß. Gleichwohl sollte er noch nicht zur Ruhe kommen, denn der junge Saͤugling stellte ihm, wider alles Vermuthen, Marianen vor. Beide warfen sich ihm zu Fuͤßen. Sein Sohn, um ihn mit der groͤßten Heftigkeit zu flehen, in ihre Verbindung zu willigen, Mariane, um ihn mit Thraͤnen zu versichern, daß sie, so sehr sie seinen Sohn liebe, doch, ohne seine Einwilligung, nie demselben ihre Hand geben wuͤrde. Sebaldus, bestaͤrkte sie in diesem Entschluße, und setzte den Undank, dessen sie beide sich sonst schuldig machen wuͤrden, weit- laͤufig ins Licht. Saͤugling der Vater, hob Marianen auf, ver- sicherte sie, daß er sie werthschaͤtze, daß er ihren Vater werthschaͤtze, daß er aber ihre Heurath mit seinem Sohne nicht zugeben koͤnne. Uebrigens bat bat er alle, ihn nur heute ruhig zu laßen, denn er koͤnne nun kein Wort weiter sagen. Der Abend nahte nun heran, und die ganze Hausgenossenschaft gieng bey Zeiten zu Bette, aber niemand schlief ruhig, als der Herr von Haber- wald, welcher, im Dunste des luͤttichschen Bur- gunders, nach Herzenslust schnarchte. Der alte Saͤugling schlief nicht, weil ihm der Querstrich mit der Jungfer Anastasia im Kopfe lag und weil er gar nicht absehen konnte, wie er sei- nen Sohn zufrieden stellen sollte, den er sehr liebte. Er konnte leicht erachten, daß derselbe von seiner Liebe nicht so leicht abgehen werde, und er konnte sich doch auch nicht entschließen, in die Heurath seines einzigen Erben, mit einem armen Maͤdchen, zu willigen. Nach langem Hin-und Hersinnen wollte ihm nichts bessers beyfallen, als daß er seine vaͤterliche Autoritaͤt zusammennehmen, und seinem Sohne rund heraussagen muͤßte: Aus der Sache wuͤrde nichts. Nachdem er diesen Ent- schluß genommen hatte, ward er etwas ruhiger, und schlief endlich ein. Sebaldus konnte nicht einschlafen, weil ihm Marianens mißlicher Zustand am Herzen lag. Doch war an seiner Unruhe auch nicht wenig K 3 Schuld, Schuld, daß die Frau Gertrudtinn seine Erklaͤ- rung der dritten Posaune so schnoͤde verworfen hatte. Er fieng an, sich die Gruͤnde fuͤr seine Meinung ausfuͤhrlich zu wiederholen. Je mehr er daruͤber nachdachte, desto richtiger fand er seine Meinung, und destomehr beruhigte er sich uͤber den Widerspruch der ungelehrten Frau, so daß er endlich einschlief. Der junge Saͤugling und Mariane, hatten jedes vor sich eine schlaflose Nacht, und zwar aus einerley Ursach, nehmlich, weil sie verliebt waren, und weil sie ihrer Liebe, ein beynahe un- uͤbersteigliches Hinderniß in den Weg gelegt sahen. Sie beschaͤftigten sich, jeder besonders, wer weiß wie viel spanische Schloͤsser in die Luft zu bauen, und thaten daruͤber, bis an den hellen Morgen, kein Auge zu. Dritter Abschnitt. D es folgenden Tages, erschien Saͤugling der Sohn, ungerufen, sehr fruͤh beym Theetische seines Vaters. Seine heftige Leidenschaft hatte nun einiger Ueberlegung Raum gegeben. Er sahe ein, daß ohne seines Vaters Einwilligung nichts aus- auszurichten sey, und daß er ihn, auf irgend eine Art, muͤsse zu beugen suchen. Er hatte ausgerech- net, daß sein Vater ihn liebe und sonst eben nicht allzu standhaft sey. Er hatte also, die Nacht uͤber, alle schwachen Seiten, die er seinem Vater abge- winnen koͤnnte, ausfuͤndig zu machen gesucht, und griff ihn diesen Morgen, mit einer Jnbrunst und mit einer Beredsamkeit an, die er fuͤr unwider- stehlich hielt. Er betrog sich aber. Der Vater runzelte, sel- nem angenommenen Entschlusse gemaͤß, die Stirn, und gebot ihm in einem| verdrießlichen Tone: ‚Von dieser Sache kein Wort mehr zu reden, weil „es sich fuͤr ihn einmahl nicht schicke, ein Maͤd- „chen ohne alles Vermoͤgen zu heurathen.‛ Der Sohn wolte Einwendungen machen, aber der Vater setzte trockner Weise hinzu: ‚Die Sache sey so klar, daß er Marianens „eignen Vater zum Schiedsrichter annehmen wolle.‛ Sebaldus fiel ihm voͤllig bey. Der junge Saͤugling, dem, seiner schoͤnen Rede ungeachtet, von der er sich die kraͤftigste Wirkung versprochen hatte, von beiden zukuͤnftigen Schwiegervaͤtern, seine Braut abgesprochen wurde, stand starr da, wie eine Bildsaͤule. K 4 Der Der alte Saͤugling, um von dem ganzen Dis- kurse abzukommen, ersuchte den Sebaldus, die Zeitungen zu lesen. Nachdem verschiedene Zeitungen durchgelesen waren, kam Sebaldus endlich auf folgende Stelle: ‚Bey der N. N. Ziehung der Koͤniglichen N. N. „privilegirten Zahlenlotterie, welche den N. N. die- „ses Monats, mit gewoͤhnlichen Formalitaͤten oͤf- „fentlich vollzogen worden, sind die Nummern 33. „42. 12. 66. 6. aus dem Gluͤcksrade gekommen.‛ ‚Laß sehen,‛ — rief der alte Saͤugling, in- dem er seine Loose aus dem Schranke holte und nachsah — ‚warhaftig wieder nicht eine einzige „Zahl — der verdammte arabische Lotteriewahr- „sager — Und doch sind mir die Nummern so be- „kannt, ich daͤchte, ich haͤtte sie rathen muͤssen. — „Wie ists denn? Von Jhren Zahlen wird auch „wohl keine heraus seyn. Sehen Sie doch nach, „Herr Pastor.‛ Sebaldus nahm seinen Zettel aus der Schreib- tafel und der alte Saͤugling las die Zahlen ab, und verglich jede mit der Zeitung. Sein Auge ward starr, sein Gesicht lang. End- lich rief er; Was zum Teufel 33 — 12 — 66 — 6. ‚Jsts moͤglich! Eine Quaterne! Sie sind ein „Gluͤckskind Herr Pastor.‛ „Habe ‚Habe ich was damit gewonnen?‛ fragte Se- baldus ruhig. ‚Gewonnen?‛ rief der Alte, und ergrif Bley- stift und Papier um auszurechnen. Laß sehen: ‚1 Quaterne à 4½ stbr. 4500 Rthl. — „4 Ternen à 30 stbr. 10600 — — „6 Amben à 3¾ stbr. 101 — 15 Stbr. „Macht wahrhaftig, 15201 Rthl. 15 Stuͤber. ‚Daß dich doch! Bin ich nicht ein Schoͤps, daß „ich nicht die Nummern genommen habe!‛ ‚Wie? Was? funfzehntausend Thaler!‛ rief der junge Saͤugling, indem er sich seinem Vater zu Fuͤßen warf. ‚Nun sagen Sie nicht, daß meine „ Mariane arm ist. Jch umfasse Jhre Knie, und „stehe eher nicht auf, bis Sie mir Jhre Einwil- „ligung geben. Nun ist alle Hinderniß gehoben! —‛ ‚Mein Sohn!‛ rief der Alte, ‚du denkst bloß „an deine Heurath, — davon ist jetzt die Rede „nicht, — ich denke an den verwuͤnschten Lotte- „riewahrsager! —‛ (indem warf er das Buch, unwillig, ins Kohlfeuer, das im Kamine stand, und das Lotterievademecum flog hinterher.) — „daß dich doch — Aber wie wars doch Herr Pa- „stor! Jst Mamsell Mariane Jhr einziges „Kind?‛ — K 5 Sebal- Sebaldus antwortete seufzend: ‚Jch habe noch „einen Sohn, von dem ich aber, seit er in den „Krieg gegangen ist, koine Nachricht habe.‛ ‚Sie sehen,‛ rief Saͤugling der Sohn, der seines Vaters Meinung errieth, ‚meine Mariane „ist das einzige Kind. Wer weiß, bey welcher „Action der Sohn geblieben ist. — Funfzehntau- „send Thaler! — Haͤtte ich doch nicht geglaubt, „daß mir Geld Vergnuͤgen machen koͤnnte! — „Jch bitte Sie, liebster Vater, bedenken Sie, daß „ Mariane uͤbrig reich fuͤr mich ist!‛ — ‚Laß mich gehen, mein Sohn! — Wer weiß „ob auch das Geld richtig ausgezahlt wird.‛ — ‚Liebster Papa! bedenken Sie doch — eine Koͤ- „nigliche Lotterie sollte nicht bezahlen!‛ — Damit sprang er auf, um Marianen ihr bei- derseitiges Gluͤck zu hinterbringen. Als er weg war, saßen die beiden Alten stock- stille. Der alte Saͤugling fuhr fort, sich zu aͤr- gern, daß er die Zahlen nicht fuͤr sich gewaͤhlt hatte, und maß, an der Entzuͤckung, die er in Sebaldus Augen las, die Entzuͤckung ab, in der er selbst gewesen seyn wuͤrde, wenn er die Qua- terne gewonnen haͤtte. Sebal- Sebaldus, saß wirklich ganz entzuͤckt da, aber nicht uͤber das gewonnene Geld, denn ob ihm gleich die vortheilhafte Wendung, die die Sachen nahmen, erfreulich war, so kam doch eigentlich seine Entzuͤ- ckung daher, daß ihn die Zahlen, durch verwandte Jdeen, an die Apokalypse und an seinen Kommen- tar erinnerten. Er uͤberdachte seine Meinung, daß alle boͤse Menschen, durch Strafen gebessert, in dem neuen Jerusalem gut und gluͤcklich seyn wuͤr- den, welche reizende Vorstellung, ihn allemahl in die innigste Freude versetzte. Saͤugling der Sohn, kam bald mit Maria- nen zuruͤck. Beide warfen sich zu seines Vaters Fuͤßen, der, nach wenigen Schwierigkeiten, seine Ein- willigung gab, welche Sebaldus auch bekraͤftigte. Vierter Abschnitt. D ie beiden Liebenden giengen in den Garten, und die Alten blieben zusammen. Saͤug- ling der Vater, um dem Sebaldus einen Brief wegen Bezahlung der Quaterne zu diktiren, und Sebaldus, um ihn zu schreiben. Kaum war diese Arbeit fertig, als Rambold angefahren kam, um den Herrn von Haberwald abzu- abzuholen. Dieß war seine gewoͤhnliche Verrich- tung, wenn sein Goͤnner sich so wohl that, daß er nicht nach Hause kommen konnte. Weil die- ser aber noch schnarchte, so trat er zum alten Saͤugling ein. Er entfaͤrbte sich nicht wenig, als er den Sebaldus wieder erblickte, den er seit der letzten Zusammenkunft S. oben S. 100. , nicht gesehen hatte. Dennoch wollte er diese Gelegenheit, seine Rache gegen den jungen Saͤugling auszufuͤhren, nicht vorbeylaßen. Er nahm eine scheinheilige Mine an, und sagte: ‚Sein Gewissen, da er ehemals der Hofmeister „des jungen Herrn gewesen, verbinde ihn, dem „alten Herrn eine unangenehme Nachricht zu ge- „ben, nehmlich, daß der junge Herr Saͤug- „ling, sich an eine Landlaͤuferinn gehaͤnget habe, „die, demselben zu gefallen, in einem nicht weit „entlegenen Hause sich anfhalte.‛ Der Alte sagte laͤchelnd: ‚Jch weiß es wohl. „Aber eine Landlaͤuferinn ist sie nicht, sondern ein „Maͤdchen das gute funfzehntausend Thaler hat.‛ Rambold schlug eine laute Lache auf: ‚Laßen „Sie sich doch so etwas von Jhrem Sohne nicht ein- „einbilden. Sie hat gar nichts. Kein Mensch weiß, „wem sie angehoͤrt.‛ Der alte Saͤugling, der sich bey diesem Miß- verstaͤndnisse genoß, sagte mit belehrender Geber- de: ‚Wenns kein Mensch weiß, so weiß ichs doch. „Sehen Sie, das Maͤdchen, das Sie fuͤr eine „Landlaͤuferinn halten, ist des Herrn Pastors hier, „einzige Tochter. Er hat in der letzten Ziehung der „** Lotterie eine Quaterne von sunfzehntausend Tha- „lern gewonnen. Sie ist meines Sohnes Braut, „denn ich habe meine Einwilligung gegeben und „ihr Vater auch. Also kommt ihr guter Rath zu „spaͤt, mein lieber Herr Rambold. ‛ Rambold war aͤußerst betreten. Seine natuͤr- liche Unverschaͤmtheit verließ ihn. Er ward bald blaß bald roth, sahe den Sebaldus, voll Verwir- rung, bald an, bald wieder weg, biß sich die Naͤgel, schien etwas sagen zu wollen, ohne daß er etwas herausbringen konnte. Murmelte endlich: Aber ‚wirklich, — funfzehntausend Thaler hat dieser „Herr gewonnen!‛ Sah wieder nach Sebaldus, mit betroffner Mine, und schlug halb beschaͤmt die Augen nieder, wollte wieder zu reden anfangen, und das Wort schien ihm auf dem Munde zu vergehen. — Jndessen traten eben Saͤugling der Sohn und Mariane ins Zimmer. ‚Kom- ‚Kommen Sie meine Tochter,‛ rief der alte Saͤugling schmutzelnd: Vertheidigen Sie sich ‚Hier „dieser Herr, wollte mich eben fuͤr Sie, als fuͤr „der Verfuͤhrerinn meines Sohnes warnen.‛ ‚Nichtswuͤrdiger!‛ rief Mariane, und sah Ram- bolden mit einem Blicke voll tiefster Verachtung an. ‚Du denkst schaͤndlich gnung, um zur Verfol- „gung noch Verlaͤumdung hinzuzuthun. — Deine „niedertraͤchtige Liebe, die nur Bosheit war.‛ — ‚Und doch sollen Sie mich gewiß noch lieben,‛ fiel ihr der faselhafte Rambold greiflachend ins Wort, gewohnt, bey einer Geckerey, die ihm in den Kopf kam, alle ernsthafte Gedanken zu vergessen. ‚Wie?‛ rief Mariane hoͤchsterzuͤrnt, ‚nimmer- „mehr!‛ — ‚Aber doch gewiß liebstes Marianchen! ‛ neckte Rambold weiter. Mariane erblaßte vor Zorn, uͤber diese un- glaubliche Unverschaͤmtheit, und wiederholte: ‚Nim- „mermehr! Niedertraͤchtiger!‛ ‚Ja gewiß!‛ — erwiederte Rambold, der seine Geckenmine, in eine ernsthafte verwandeln wollte, und unbeschreiblich einfaͤltig aussah, — ‚zwar nicht „als Liebhaber, aber doch als Bruder. — Jch bin Jhr Sohn‛ — rief er und warf sich zu Sebal- dus „ dus Fuͤßen — Jch fuͤhle die groͤßte Reue, daß „ich Jhnen nicht geschrieben und mich Jhnen hier „nicht eher zu erkennen gegeben habe — Jch „wollte aber mein Gluͤck erst fest setzen, ehe ich „meinen im Kriege angenommenen Namen S. Erster Theil S. 33. 34. ver- „ließe — Jch bin welt herumgeirrt — Jch habe, „nachdem Sie von Hause vertrieben worden, nie „Nachricht von Jhnen gehabt — Erst ganz kuͤrz- „lich habe ich erfahren, wer sie waren — Da war „ich gleich ausserordentlich unruhig — Jch wollte — „Jch wuste nicht recht, — Hier stammelte er noch einige kahle Entschuldigungen, an denen es schlechten Leuten nie fehlet. Alle erstaunten. Sebaldus faßte sich nach eini- gen Augenblicken, und sagte: ‚Mein Sohn! Du „wußtest doch also, wer ich war? Edler waͤre es „gewesen, wenn du mich nicht verschmaͤhet haͤttest, „als ich noch in elenden Umstaͤnden war! Aber ich „vergebe dir.‛ Er hob ihn auf, und umarmte ihn. Auch der junge Saͤugling umarmte ihn. Ma- riane that ein gleiches, aber nicht mit der Fuͤlle des Herzens, mit der sie sonst einen Bruder wuͤrde umarmet haben. Ram- Rambold hingegen war guter Dinge, als ob alles so recht waͤre, und da der Herr von Ha- berwald auch endlich aus seinem Schlafzimmer hervorkam, erzaͤhlte er ihm lachend, daß er seinen Vater nnd seine Schwester gefunden habe, und stellte ihm dieselben vor. Letzter Abschnitt. D ie Quaterne ward bezahlt, und Saͤugling ward kurz darauf mit Marianen verbun- den. Die ersten Honigmonate verflossen in allen Entzuͤckungen einer zaͤrtlichen Liebe. Saͤugling machte sich den schoͤnsten Plan zu einem arkadi- schen Schaͤferleben, voll Zaͤrtlichkeit, Unschuld, Liebe, und besonders voll lieblicher Gedichte. Jn- dessen gieng es in der folgenden Zeit nicht ganz nach diesem schoͤn ausgedachten Plan. Mariane hatte, waͤhrend ihrem einsamen Winteraufenthalte im Hause im Walde, und sonst, Gelegenheit ge- habt zu erfahren, wie eitel poetische Phantasien sind, wenn sie ins gemeine Leben gebracht wer- den. den. Jhr kleiner Hang zu romantischen Gesin- nungen, und die, von Jugend an, so gern geheg- ten Aufwallungen der Einbildung, verschwanden, da sie in die wichtigen Verhaͤltnisse des wirklichen Lebens trat. Jhre suͤßen empfindsamen Phanta- sien, ersetzte ihr wirkliche Liebe, ihre unbestimmten Aussichten auf uͤberschwengliche himmlische Selig- keiten, gemaͤßigtes, aber wahres Wohlbefinden. Gespraͤch vom Wohlthun, machte thaͤtiger Geschaͤff- tigkeit Raum. Sie weihte sich ganz ihren Pflich- ten, ward eine Landwirthinn, versorgte ihr Haus, und erzog ihre Kinder. Sie verschmaͤhte auch nicht die kleinen Unannehmlichkeiten, die das haͤusliche Leben mit sich fuͤhrt. Jhrem edlen Geiste ward dadurch von seiner feinen Empfindung nichts ent- zogen, sie ward vielmehr dadurch gestaͤrkt. Ma- riane empfand nunmehr, wie weit sentimentales Gefuͤhl, im wirklichen Leben thaͤtig angewendet, das leichte Geschwaͤtz davon, uͤberwieget. Sie merkte, daß, Mutter und Hausfrau zu seyn, etwas mit sich fuͤhrt, was keine jugendliche Phantasey, so weit sie zu fliegen scheint, erreichen kann. Dritter Theil. L Saͤug- Saͤugling, immer gewohnt, dem Frauenzim- mer zu folgen, modelte sich unvermerkt nach Ma- rianen. Er erinnerte sich, daß er, ein Mann, nicht mehr ein Juͤngling sey. Er entsagte, freylich nach einigen kleinen Kaͤmpfen, erst seiner allzu genauen Achtsamkeit auf den Kleiderputz, dann seinen zierlichen Gesinnungen, und endlich sogar seinen Gedichten. Er hat selbst an seinen em- pfindsamen Roman nicht nur nicht weiter ge- dacht, sondern ist auch allmaͤhlig ein voͤlliger Land- wirth geworden. Er steht mit Tagesanbruch auf, theilet seinen Leuten ihr Tagewerk aus, reitet, in aller Witterung, zu ihnen aufs Feld, und hat sich, durch unablaͤßige Thaͤtigkeit, eine solche praktische Kenntniß des Ackerbaues erworben, daß er auf seines Vaters Guͤtern die wichtigsten Verbesserun- gen zu Stande gebracht hat. Jndessen, da sich lange angewoͤhnte Unarten selten ganz ausrotten lassen, so ist er doch, unter der Hand, wieder ein Schriftsteller geworden, denn es wird naͤchstens von ihm eine Abhandlung vom Bau der Kar- toffeln gedruckt werden, welche er, nach einer ihm ihm eignen Methode zu vervielfaͤltigen weiß, und womit er, in den letzten theuern Jahren, die ar- men Heuerleute seiner Gegend, aus eignem Vor- rathe, beyuahe ganz erhalten hat. Als der Frau von Hohenauf die vorhabende Verbindung zwischen ihrem Neffen und Maria- nen gemeldet ward, antwortete sie in kaltem Tone: ‚Sie wisse lange, daß ihr Bruder bestaͤn- „dig nur niedrige Neigungen gehabt, und ihre „Bemuͤhungen, die Familie aus dem Staube zu „heben, nie gehoͤrig geschaͤtzt habe.‛ Da kurz dar- auf ihr Gemahl starb, so vermaͤhlte sie sich aber- mals mit einem wohlgewachsnen, unmittelbaren Reichsritter, dessen alter stiftsfaͤhiger Adel allein schon aus den Akten eines weitlaͤufigen, uͤber hun- dert Jahre bey dem Reichskammergerichte schweben- den Konkursprocesses, zu beweisen war. Um die Guͤter ihres Gemahls, wo moͤglich, von Schulden zu befreyen, gieng sie mit demselben nach Wetzlar, mit Empfehlungsschreiben an den hernach, durch die Reichskammergerichsvisitation, beruͤhmt gewor- denen Juden Nathan. Da ihr indessen, zu Wetz- L 2 lar, lar, auf den Assembleen einige Kraͤnkungen be- gegneten, und ihr Mann, der, in Ansehung sei- nes alten Adels, und seiner zaͤrtlichen Liebe gegen die schoͤne Wittwe, sich in den Ehepakten so- gleich voͤllige Gewalt uͤber ihr Vermoͤgen hatte verschreiben lassen, mit einer durchreisenden Taͤn- zerinn nach Paris gieng; so kehrte sie unverrichte- ter Sachen, nach ihres Gemahls Herrschaft zuruͤck. Sie bringt daselbst, weil ihre Nachdarn, aus Eti- kette, mir ihr nicht umgehen moͤgen, einsam und un- muthig ihre Tage damit zu; daß sie alle Sonntage und Festtage in die Kirche gehet, um fuͤr den Kaiser, fuͤr alle Koͤnige, und fuͤr die gnaͤdige Guths- herrschaft bitten zu hoͤren, und daß sie in der einen Haͤlfte der Werkeltage ihre Kammermaͤdchen aus- schilt, und in der andern, mit einem armen Fraͤu- lein, von guter Familie, Pikett spielt. Die Graͤfinn von ***, nachdem sie die wahren Umstaͤnde von Marianens Entfuͤhrung erfahren hatte, ließ derselben Charakter die voll- kommenste Gerechtigkeit wiederfahren, und ward wieder ihre wahre Freundinn. Beide haben sich einige- einigemal persoͤnlich gesehen, und unterhalten einen freundschaftlichen Briefwechsel. Doktor Stauzius war um diese Zeit, nach dem Tode des Praͤsidenten, wegen einiger allzuschar- fen Gesetzpredigten, in die Ungnade des Fuͤrsten gefallen. Man hatte ihm daher, ohne sein Ver- langen, einen Adjunkt gesetzt, einen schoͤnen Geist, welcher, nach neuester Art, in morgenlaͤndischen Bildern, und in abgebrochenen Kraftphrasen, bloß fuͤr das Gefuͤhl predigte. Dieser neue Vicegene- ralsuperintendent bediente sich auch in seinen Pre- digten vieler Prosopopoͤien, Fragen und Ausrufun- gen, aber alles in einer so melodiereichen Aus- sprache, daß der Fuͤrft, welcher zuweilen schnell aufgefahren war, wenn Stauzius die Ewigkeit der hoͤllischen Strafen herausbruͤllte, nun bey hoͤch- stem Wohlseyn, in seiner Loge auf seinem Pol- sterstuhle, unter der Predigt sanft ruhen konnte. Der Neuling kam daher in so große Gnade, daß Stauzius, als er sich uͤber einige von dessen An- ordnungen beschweren wollte, aus Hoͤchsteigener L 3 Bewe- Bewegung, gaͤnzlich pro Emerito erklaͤrt ward. Dieses gieng ihm sehr nahe, zumahl, da er, außer dem oͤffentlichen Verluste seines Ansehens, zu Hause, von seiner Frau, seiner Unvorsichtig- keit halber, taͤglich die bittersten Vorwuͤrfe hoͤren mußte. Diese Ungluͤcksfaͤlle machten, daß er des Lebens satt, und dadurch vielleicht auch gegen seine Feinde versoͤhnlicher wurde. Denn da er von Hieronymus die Gluͤcksveraͤnderung des Sebal- dus vernahm, ließ er deshalb an ihn ein hoͤfli- ches Gratulationsschreiben gelangen, welches aber unbeantwortet blieb. Hieronymus nahm, mit der waͤrmsten Freund- schaft, Antheil an der gluͤcklichen Lage seines Freun- des Sebaldus, und an Marianens Verbindung. Er besuchte sie persoͤnlich, um seinen alten Freund nochmals zu umarmen, und brachte demselben zu- gleich gleich, nebst dem ebengedachten Gratulationsschrel- ben des D. Stauzius, auch den bisher treulich verwahrten Kommentar uͤber die Apokalypse, mit. Nothanker der Sohn, alias Rambold, ver- uneinigte sich bald mit dem Hrn. von Haberwald wegen einer Spielschuld, und verlor also alle Hoffnung, dem alten Pfarrer desselben adjungirt zu werden. Daher ist er auf andere Rathschlaͤge zu seiner Versorgung gefallen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, Professor der praktischen Philo- sophie oder der schoͤnen Wissenschaften, auf irgend einer Universitaͤt, oder allenfalls an einem akade- mischen Gymnasium, zu werden, weil er sich ein- bildet, in diesen Wissenschaften wichtige Entde- ckungen gemacht zu haben. Wenn er eine solche Stelle eher erhaͤlt, als der Kornet den gesuch- ten Abschied bekoͤmmt, so koͤnnte er auch wohl L 4 etwan etwan noch die Jungfer Anastasia heurathen, bey welcher er seit einiger Zeit, wie es scheint, nicht ohne Absicht, fleißig aus- und eingehet. Jndessen lebt er bey seinem Vater, und laͤßt sich seit einigen Jahren gefallen, dessen Kommentar uͤber die Apo- kalypse, so wie er fertig wird, ins reine zu schrei- ben. Dabey ist er in Nebenstunden beflissen, Ab- handlungen und Recensionen, in verschiedene Journale und Zeitungen einzusenden. Wenn man irgendwo schielende und ungereimte Urtheile lie- set, uͤber Dinge, wovon, wie offenbar zu sehen ist, der Recensent nichts verstanden hat; wenn dabey verdiente Maͤnner mit naseweisem Geschnat- ter, fein superklug, uͤber die ersten Gruͤnde der Kunst oder Wissenschaft, in der sie vorzuͤglich groß sind, belehrt werden; wenn unbescheidner Eigenduͤn- kel fuͤr deutsche Freymuͤthigkeit, und ungehobelter Gernwitz fuͤr Laune verkauft wird; wenn eine be- stimmte stimmte Nothwendigkeit fuͤr den Grund der Mo- ral, oder ein hobbesischer Krieg aller gegen alle, fuͤr den Grund des Rechts des Natur gelten soll; wenn verstandloses Gefuͤhl uͤber philosophi- sche Wahrheit entscheiden, und verwirrtes Traͤu- men einer angebrannten Einbildungskraft, der hoͤchste Schwung der Dichterey seyn soll; wenn besonders dabey die Worte: — ‚’ ch muß dir sa- „gen, liebes Publikum! — lieber Autor hoͤr’ „an! — Lieber Leser merk’ dirs! — und andere solche Floskelchen gebraucht werden, worauf sich diejenigen etwas einbilden, die sich auf sonst nichts etwas einbilden koͤnnen: so wird man, wenn man nicht etwan sicher weiß, welcher andere Geck die Feder gefuͤhrt habe, nicht unwahrscheinlich schließen koͤnnen, daß der Rambold dahinter- stecke. L 5 Sebal- Sebaldus hat sich, in der Nachbarschaft sei- nes Schwiegersohns, ein kleines Gut gekauft, wo er noch, vergnuͤgt und geehrt, in ruhigem und gluͤckli- chem Alter lebt. Er theilt seine Zeit unter die Be- sorgung seiner Angelegenheiten, unter die Gesellschaft seiner Kinder und weniger Freunde, unter wohl- thaͤtige Unterstuͤtzung seiner beduͤrftigen Untertha- nen und Nachbarn, und unter fleißiges Studie- ren, das er nun voͤllig, seiner Neigung gemaͤß, treiben kann. Verschiedene denkende Maͤnner unter seinen Freunden, welche, ohne selbst sehr consequent zu seyn, nicht leiden moͤgen, daß andere Leute incon- sequent seyn sollen, haben sich viele Muͤhe gege- ben, ihn sowohl von der Crusiusschen Philosophie, (welcher, nach ihrer Meinung, außer etwan in Leipzig oder in Buͤtzow, niemand mehr beygethan seyn kann,) als auch von seinem Jrrglauben an die die Apokalypse zu bekehren. Da aber niemand, wenn er uͤber funfzig Jahre alt ist, sein System zu aͤndern pflegt, so sind diese Dispute so ungluͤck- lich ausgeschlagen, daß Sebaldus, anstatt bekehrt zu werden, in seinen Meinungen vielmehr be- staͤrkt worden ist. Verschiedene dieser seiner Freunde haben ihm beweisen wollen, daß von einigen Wahrheiten, die er fuͤr ungezweifelt haͤlt, nach den Saͤtzen der Crusiusschen Philosophie gerade das Gegentheil folgen wuͤrde. Sie sind aber ganz an ihm irre geworden, da er auf eine eigne, ihm gelaͤufige Wei- se, wider ihr Vermuthen, alles aus der Crusius- schen Philosophie bewiesen hat, was sie mein- ten, nur aus der Wolfischen oder Dariesschen, oder Federschen, oder wer weiß welcher Philoso- phie, folgern zu koͤnnen. Einige Einige haben daher den alten Mann, obgleich mit einigem Kopfschuͤtteln, seyn lassen, wie er ist. Andere hingegen, weise systematische Maͤnner, ha- ben ihn dadurch voͤllig in die Enge zu treiben ver- meint, daß sie ihm demonstrirt haben, sein eigner Charakter, (in welchem ohnedieß, wenn man die in dem Gedichte Wilhelmine befindlichen Nachrichten, fuͤr historisch richtig annaͤhme, vieles bedenklich seyn muͤsse,) koͤnne gar nicht zusammenhaͤngen, wenn er bey seinen herrlichen theologischen Ein- sichten, zugleich an ein so ungereimtes Ding, wie die Apokalypse sey, ferner glauben wollte. Aber hierbey ist der gute Sebaldus, wider Vermuthen, ungeduldig geworden, welches diese, uͤbrigens tie fen Kenner der menschlichen Natur, mit seinem sonst so sanften Charakter wieder nicht zusammen- zureimen wußten. Sie haben vielleicht dabey nur nicht gleich an eine sehr gemeine Bemerkung gedacht, welche durch durch das Beyspiel des seligen Don Quixotte, und durch das Beyspiel verschiedener noch leben- der Genies, bestaͤrkt wird, nehmlich: daß ein Mensch sehr wohl in allen Dingen so denken und handeln koͤnne, daß ihn die ganze uͤbrige Welt fuͤr verstaͤndig gelten laͤßt, und nur in einem einzigen so, daß ihn jedermann fuͤr einen Tho- ren haͤlt. Sie haͤtten sich auch wohl erinnern koͤnnen, daß der beste, nachgebendste Mensch, ein Ding, uͤber welches er seine Geisteskraͤfte einmal bis zu einer gewissen Anspannung angestrengt hat, sich nicht so leicht werde nehmen lassen. Daß da- her ein Gelehrter ein Buch, besonders ein bibli- sches Buch, woruͤber er eine ihm wichtig schei- nende Hypothese erfunden hat, niemals ganz werde fahren lassen koͤnnen. Sie moͤgen uͤbrigens deshalb unbesorgt seyn, daß des Sebaldus vermeintliche aberglaͤubische Achtung Achtung gegen das, was sie fuͤr Fratzen halten, seinen andern guten Eigenschaften und guten Mei- nungen schaden werde. Der Mann, der nun einmal seine Menschenliebe und seine Toleranz durch die bildliche Vorstellung des neuen Jerusa- lems bestaͤtigt, zumal, wenn er ein scharfsinni- ger Kopf ist, wird seine Theorie von Eingebung und Prophezeyung auch schon so zu modeln wis- sen, daß seinen menschenfreundlichen Gesinnungen dadurch kein Eintrag geschehe. Und warum sollte dieß, an sich, schwerer seyn, als solche Theorien so zu formen, daß sie zu herrschsuͤchtigen und ver- dammenden Absichten gemißbraucht werden koͤnnen? Wirklich beschaͤftigt sich Sebaldus, seit einiger Zeit, mehr als jemals mit der Apokalypse, und hat seinen Kommentar daruͤber beynahe voͤllig ge- endigt. Er hat auch schon seinem Freunde Hie- ronymus den Verlag desselben angetragen, wel- chen chen dieser aber, mit aller Schonung gegen einen Autor, der zugleich ein Freund ist, verbeten hat. Hieronymus weiß freylich, was Sebaldus noch nicht glauben will, daß, seitdem Oeder, und nach ihm Semler, die Aechtheit dieses Buchs ver- daͤchtig gemacht haben, niemand mehr etwas uͤber die Apokalypse lesen mag, so gar nicht einmal in Schwaben, wo jetzt, statt der vorherigen all- gemeinen Beschaͤfftigung mit diesem sonst, dort fuͤr das Buch der Buͤcher geachteten Buche, durch eine, fuͤr die theologischen Wissenschaften gluͤckliche Veraͤnderung, das Variantensammlen und Ara- bisch exponiren eingetreten ist. Diese abschlaͤgige Antwort seines Freundes hat Herrn Sebaldus Nothanker auf die Gedanken gebracht, seine Erklaͤrung und Auslegung uͤber die Offenbarung Johannes, die Frucht einer Arbeit von mehr als dreyßig Jahren, nach dem Bey- Beyspiele anderer großen Gelehrten, auf Sub- scription drucken zu lassen. Es wird daher hierdurch bekannt gemacht, daß sie drey starke Baͤnde in groß Quart betra- gen wird, und auf feines weißes Druckpapier ab- gedruckt werden soll. Sobald sich eine hinlaͤngliche Anzahl Subscribenten, allenfalls auch nur zu einer kleinen Auflage von etwan zweytausend Exem- plarien, gemeldet hat, wird der Druck sogleich an- gefangen werden, und vier Monate nachher, die Ablieferung des ersten Theils geschehen. Ende. Jnhalt Jnhalt des ersten Bandes. Erstes Buch. Erster Abschnitt. E rste Monate, nach Sebaldus und Wil- helminens Verheurathung. Sebaldus Charakter. Beider gelehrte Beschaͤftigun- gen. Geburt eines Sohnes gegen das Ende der ersten neun Monate. Marianens Ge- burt und Erziehung, Charlottens Geburt. S. 1. Zweyter Abschnitt. Haͤusliche Zufriedenheit dieser Familie. Cha- rakter des Buchhaͤndlers Hieronymus. Sein Buchhandel, Korn- und Viehhandel. Seine Befoͤrderung des Kunstfleißes in seinem Vaterlande. Stauzius Einweihungspredigt Dritter Theil. M der Jnhalt der abgebrannten und wieder neugebauten, St. Bartelskapelle. Wilhelmine bewegt den Sebaldus, vom Tode fuͤr das Vaterland zu predigen. Nach dieser Pre- digt nehmen zehn Bauerkerle Dienste. Beide Eltern empfangen Nachricht, daß ihr Sohn von der Universitaͤt entwichen und Kriegs- dienste genommen habe. S. 18 Dritter Abschnitt. Charakter des Consistorialpraͤsidenten und des Generalsuperintendenten, D. Stauzius. Sebaldus wird wegen seiner Predigt vor das Konsistorium gefordert, fiskalisch ange- klagt und vertheidigt, wird seines Amts ent- setzt. Wilhelmine wird vor Schrecken krank. 35 Vierter Abschnitt. Mag. Tuffelius erscheint vor Sebaldus Thuͤr, verlangt die Raͤumung des Pfarrhauses. Wilhelmine bewegt ihren Mann, in der Residenz Protektion zu suchen. 44 Fuͤnfter Abschnitt. Sebaldus geht nach der Stadt. Jndessen treibt Tuffelius die Familie aus dem Pfarr- hause des ersten Bandes. hause. Ein Bauer nimmt sie auf. Sebal- dus macht dem Hofmarschall seine Aufwar- tung, so wie auch dem Grafen von Nim- mer. Kommt ohne Huͤlfe zuruͤck. S. 49 Sechster Abschnitt. Wilhelmine wird kraͤnker, Charlottchen be- kommt die Pocken. Die leztere stirbt. Wil- helmine stirbt auch. Hieronymus besucht die ungluͤckliche Familie. 61 Siebenter Abschnitt. Hieronymus besorgt die Beerdigung der Lei- chen, und nimmt Sebaldus nebst Maria- nen zu sich; Sie werden vom D. Stauzius abgekanzelt, ohne es zu wissen. Hierony- mus verschaft Marianen eine Stelle, als franzoͤsische Hofmeisterinn. Sie nimmt deshalb einen franzoͤsischen Namen an, und reiset nach dem Gute der Frau von Hohen- auf. 71 M 2 Zwey- Jnhalt Zweytes Buch. Erster Abschnitt. Hieronymus nimmt den Sebaldus mit sich nach Leipzig, und verschafft ihm die Stelle eines Korrektors bey einigen Druckereyen. Sebaldus Gespraͤch mit einem Magister uͤber die Uebersetzungsmanufakturen. S. 76 Zweyter Abschnitt. Gespraͤch mit Hieronymus eben daruͤber 110 Dritter Abschnitt. Sebaldus entdeckt, unvorsichtiger Weise, seine Meinung von Uebersetzungsmanufakturen und von der Apokalypse, wodurch er seine Korrekturen verlieret, und sich aus Armuth in einen Keller bey einem Markthelfer bege- ben muß. Daselbst findet er einst den Sohn des D. Stauzius, der den Soldaten ent- sprungen ist, und nimmt ihn auf. D. Stau- zius kommt, seinen Sohn zu befreyen. Se- baldus wird auf die Hauptwache gesetzt und von einem Unterofficier zu seinem Major ge- bracht. Charakter des Majors. Sebaldus befreyet den Sohn des D. Stauzius und schlaͤgt des ersten Bandes. schlaͤgt das ihm vom Major geschenkte Loͤse- geld aus S. 135 Vierter Abschnitt. D. Stauzius verspricht dem Sebaldus eine andere Versorgung in seinem Vaterlande. Vergebliche Hoffnung, schlechter Erfolg. Der Praͤsident will ihn fiskalisch anklagen lassen. Sebaldus reiset nach Berlin, wird von Strassenraͤubern verwundet und beraubt 154 Drittes Buch. Erster Abschnitt. Charakter der Fran von Hohenauf. Vorschrift fuͤr Marianen zur Erziehung der beiden jun- gen Fraͤulein, und zu ihrem eignen Verhal- ten 165 Zweyter Abschnitt. Herkunft der Frau von Hohenauf. Charakter der beiden Fraͤulein. Erfolg ihrer Erziehung 172 Dritter Abschnitt. Der junge Saͤugling, der Neffe der Frau von Hohenauf, kommt auf ihrem Gute an. Charakter desselben S. 185 M 3 Vier- Jnhalt des ersten Bandes. Vierter Abschnitt. Naͤhere Bekanntschaft Saͤuglings mit Maria- nen. Auf ihre Veranlaßung, macht er ein Schaͤferspiel zur Feyer des Geburtsfestes der Frau von Hohenauf. Zweck dieser Feyer, die Erloͤsung eines armen Pachters aus dem Gefaͤngnisse. Folgen derselben, die naͤher ge- knuͤpfte Freundschaft zwischen Marianen und Saͤugling 191 Fuͤnfter Abschnitt. Saͤugling verliebt sich in Marianen; Erklaͤrt ihr nach langer Zuruͤckhaltung seine Liebe; Wird von der Frau von Hohenauf behorcht; Muß mit seinem Hofmeister Rambold nach der Universitaͤt reisen; Er sendet ihr eine He- roide, unter dem Namen des Leanders an die Hero, welche Mariane sich nicht zu be- antworten getrauet. 207 Sechster Abschnitt. Saͤugling, auf Rambolds Anrathen, besucht Marianen heimlich. Er wird von der Frau von Hohenauf entdeckt, Mariane wird eingesperrt, und endlich zur Graͤfinn von *** als Gesellschafterinn gesendet 224 Jnhalt Jnhalt des zweyten Bandes. Viertes Buch. Erster Abschnitt. S ebaldus findet auf der Landstraße nach Ber- lin, einen Pietisten. Gespraͤch mit dem- selben von dem Verderben der menschlichen Natur, und von der alleinwirkenden Gnade. Sie uͤbernachten in Wustermark. S. 3 Zweyter Abschnitt. Sie gehen weiter. Der Pietist versichert, daß in Berlin keine Religion und keine christliche Liebe sey. 17 Dritter Abschnitt. Beschreibung des Thiergartens vor Berlin, wo der Pietist eine Bußpredigt zu halten versucht. Sie gehen in Berlin ein. Der Pietist nimmt M 4 an Jnhalt an einer Ecke vom Sebaldus Abschied, und dieser gehet in eine Kirche, wo ein Kandidat, von der wahren christlichen Liebe, pre- diget. S. 22 Vierter Abschnitt. Sebaldus sucht vergeblich Huͤlfe, bey dem Kan- didaten der gepredigt hat, bey einem Sepa- ratisten, bey einer liederlichen Gesellschaft, bey dem Pietisten, seinem Reisegefaͤhrten. Endlich sinkt er, ermattet, unter dem Bogen- gange der Stechbahn nieder, wo ihn ein Ar- menschulmeister findet, und in sein Haus aufnimmt. 32 Fuͤnfter Abschnitt. Sebaldus beschaͤftigt sich auf Aurathen seines Wirthes, mit Notenschreiben. Er lernt da- durch Herrn, F. kennen, von welchem er zu dem Major, den er in Leipzig gekannt hatte, gefuͤhrt wird. 43 Sechster Abschnitt. Hr. F. erzaͤhlt dem Sebaldus auf einem Spazier- gange, seine Geschichte. Gespraͤch von den Re- ligionsgesinnungen der Einwohner von Berlin. 50 Sieben- des zweyten Bandes. Siebenter Abschnitt. Gespraͤch eines Predigers mit einem Kandida- ten, vom Wesen des Predigtamts und von der Heterodoxie. S. 79 Achter Abschnitt. Gespraͤch zwischen Herrn F. und Sebaldus, von symbolischen Buͤchern, und von Veraͤn- derung der Glaubenslehren. Fragment ei- ner Handschrift, historische Versuche uͤber Berlin, betitelt: von der Geschichte der Huͤte und Maͤntel der berlinischen Geist- lichkeit. 87 Neunter Abschnitt. Sie wollen den Major besuchen. Sie treffen im Hause den Armenschulmeister an, dem von den Bedienten eines Edelmanns uͤbel begegnet wird. Er erzaͤhlt die Geschichte der Verfuͤh- rung seiner Tochter. Der Major setzt den Edelmann deshalb zur Rede, fodert ihn auf der Stelle heraus, und wird von dessen Kam- merdiener, von hinten zu, toͤdlich verwun- det 100 M 5 Zehn- Jnhalt Zehnter Abschnitt. Unterredung des Sebaldus, mit dem Major, auf dem Todtenbette. Der Major stirbt. S. 112 Eilfter Abschnitt. Der Prediger verdammt den Major, weil er Gottes Wort nicht fuͤr Gottes Wort gehal- ten, die Sakramente nicht, als von Gott gegebene Gnadenmittel, gebraucht habe, und so in seinen Suͤnden gestorben sey. Sebal- dus will ihn nicht verdammen. 122 Zwoͤlfter Abschnitt. Der Umgang des Herrn F. mit Sebaldus, wird laulich. Hr. F. empfiehlt ihn zu einer Landschulmeisterstelle, bey einem menschen- freundlichen Edelmanne, welche Stelle Se- baldus seinem Freunde, dem Armenschul- meister abtritt. Sebaldus reiset zum Hie- ronymus, um Nachricht von seiner Tochter einzuziehen. 128 Dreyzehnter Abschnitt. Sebaldus wird vom Hieronymus, nach Hol- stein, zu einem gewesenen Kammerjunker, als des zweyten Bandes. als Bibliothekar empfohlen. Es gesellet sich zu ihnen, ein Verwalter zu Pferde. Ge- spraͤch unterweges, mit einem gelehrten Rei- senden von der Erklaͤrung des Alten Testa- ments, durch die arabische Sprache. Dieses Gespraͤch wird durch ein heftiges Geschrey auf der Landstraße, unterbrochen. S. 133 Fuͤnftes Buch. Erster Abschnitt. Marianens Ankunft auf dem Gute der Graͤfinn von ***. Saͤugling auf seiner Reise zu seinem Vater nach Wesel, besucht die Frau von Hohenauf, welche, wegen ihrer Absicht, ihn mit dem Fraͤulein von Ehrenkolb zu vermaͤhlen, vorgiebt, Ma- riane habe einen Pfarrer in Franken geheu- rathet. Saͤugling entsagt der Liebe in einem Gedichte 143 Zweyter Abschnitt. Charakter des Fraͤulein von Ehrenkolb, und ihrer Mutter. Beide besuchen die Frau von Hohenauf. Das Fraͤulein lobt Saͤuglings Gedich- Jnhalt Gedichte, er sucht ihr wieder zu gefallen und wird dadurch munterer, und weniger schuͤch- tern. Als die Frau und das Fraͤulein von Ehrenkolb nach ihrem Gute zuruͤckreisen, be- gleitet sie Saͤugling und sein Hofmeister Rambold. Ankunft eines jungen Obersten, den das Fraͤulein von Ehrenkolb, schon vorher gekannt hatte S. 150 Dritter Abschnitt. Die Ehrenkolbsche Familie, in Begleitung des Obersten, Saͤuglings und seines Hof- meisters, besucht die Graͤfin von ***. Saͤug- ling findet daselbst Marianen, und sucht seine Liebe zu erneuern. Mariane aber ist sehr zuruͤckhaltend. Der Oberste, thut Ma- rianen auch einen Antrag, wird aber ver- aͤchtlich abgewiesen. Rambolds Charakter. Er sucht seine Absicht auf Marianen, durch einen Umweg auszufuͤhren, indem er der Frau von Hohenauf von ihrer Zusammenkunft mit Saͤuglingen Nachricht giebt, und sich er- bietet, sie derselben wieder in die Haͤnde zu liefern. 160 Vier- des zweyten Bandes. Vierter Abschnitt. Das Fraͤulein von Ehrenkolb, Mariane, der Oberste, und Saͤugling sind, jeder vor sich, mißvergnuͤgt. Die Graͤfinn raͤth Saͤuglin- gen ab, Verse zu machen. Das Fraͤulein von Ehrenkolb beleidigt Mariane. Sie gehet in den Garten, findet Rambolden, der sie in das hinter demselben gelegene Waͤldchen fuͤhrt, wo sie von unbekannten Personen, in einen sechsspaͤnnigen Wagen geschleppt wird. S. 167 Fuͤnfter Abschnitt. Das Fraͤulein von Ehrenkolb versoͤhnt sich mit dem Obersten. Saͤugling reiset zu seinem Vater, nach Wesel 183 Sechster Abschnitt. Mariane als sie einen Postwagen auf der Land- straße erblickt, schreyet aus der Kutsche. Ein Mann zu Pferde, will den Kutscher anhal- ten, und wird mit einer Pistole ins Bein verwundet. Unterdessen springt sie aus dem Wagen, findet den Hieronymus und ihren Vater; Sie fahren mit dem Verwundeten weiter, Sebaldus auf dem Pferde. Er ver- irrt Jnhalt irrt sich. Die andern fahren zur Graͤfinn, wo sie sehr kalt empfangen werden. Hiero- nymus, der weiter zu reisen genoͤthigt ist, vertrauet Marianen dem verwundeten Ver- walter an, um sie zu dem Hrn. von D *** zu bringen. S. 187 Siebenter Abschnitt. Der Verwalter verraͤth Marianen dem Ober- sten, und liefert sie in dessen Haͤnde. Der Oberste beunruhigt sie aufs neue mit seiner Lie- be. Sie entspringt aus dessen Hause, zu Fuße 196 Sechstes Buch. Erster Abschnitt. Sebaldus der sich von seiner Gesellschaft verir- ret hat, verliert aus Unachtsamkeit auch sein Pferd. Er reiset mit des Post zum Kammer- junker nach Holstein ab. Charakter des Kam- merjunkers. Er zeigt dem Sebaldus sein Kabinett von Alterthuͤmern, und schaft ihm die Stelle eines Jnformators, bey dem Ar- chidiakonus Mackligius 207 Zweyter des zweyten Bandes. Zweyter Abschnitt. Charakter des Archidiakonus Mackligius. Er traͤgt dem Sebaldus zugleich die Predigten in seinem Filiale auf S. 218 Dritter Abschnitt. Woͤchentliche Zusammenkunft der Landprediger in Holstein. Jn derselben wird eine Predigt des Sebaldus, wegen Behauptung der Liebe gegen Christen von andern Religionspar- theyen, angeklagt. Der Generalsuperinten- dent D. Puddewustius warnt deswegen den Archidiakon Mackligius. 224 Vierter Abschnitt. Mackligius setzt den Sebaldus zur Rede, der sich vertheidigt. Mackligius tauft im Filiale das Kind eines Schiffers, mit einem reformir- ten Taufzeugen. Gespraͤch des Sebaldus mit Mackligius uͤber Neuerungen in der Lehre, und Toleranz. Ein Jude kommt da- zu, den beide bekehren wollen 250 Fuͤnfter Abschnitt. Mackligius und Sebaldus werden vor dem Konsistorium verklagt. Ehrn. Wulkenkra- genius Jnhalt des zweyten Bandes. genius haͤlt eine Leichenpredigt von Bewah- rung der reinen Lehre, welche vieles Gezaͤnk und einen Auflauf verursacht. Mackligius verliert sein Filial, und dankt den Sebaldus ab. Dieser, in der groͤßten Noth, setzt sich, nach dem Erbieten des Schiffers, auf dessen Schiff, um nach Ostindien zu gehen. S. 244 Zuverlaͤßige Nachrichten von einigen na- hen Verwandten des Hrn. Magister Se- baldus Nothanker. Aus ungedruckten Fa- miliennachrichten gezogen. 253 Dritter Jnhalt des dritten Bandes. Siebentes Buch. Erster Abschnitt. S ebaldus leidet an der hollaͤndischen Kuͤ- ste, ohnweit Egmont, Schiffbruch. Wird von einem nordhollaͤndischen Fischer gepflegt, und zu einem Lutherischen Predi- ger nach Alkmaar gebracht. Dieser nimmt ihn freundschaftlich in sein Haus auf. Ein Kaufmann aus Rotterdam verlangt ihn zum Hofmeister seines zweyten Sohnes. S. 3. Zweyter Abschnitt. Was fuͤr ein Mann Meester Puistma war, der reformirte Hofmeister des aͤltesten Soh- nes. Wie er die Kinder bisher unterwie- sen hatte. Sebaldus laͤßt die beiden Kna- Dritter Theil. N ben Jnhalt ben Xenophons Denkwuͤrdigkeiten des Sokrates und Antonins Betrachtungen uͤbersetzen, und stellt ihnen diese großen Maͤnner als Muster vor. Daruͤber wird er vom Puistma beym reformirten Domine Dwanghuysen verklagt, der deshalb den Sebaldus aus dem Hause geschafft wissen will. S 16 Dritter Abschnitt. Der lutherische Domine Ter Breidelen, wird nebst Domine Dwanghuysen des- halb auch zu Rathe gezogen. Beide verdammen den Sebaldus, und rathen dem Kaufmanne, ihn sogleich aus dem Hause zu schaffen. Da Sebaldus unent- schlossen ist, wohin er sich wenden soll, um vor Verfolgung sicher zu seyn, macht ihn der Kaufmann mit der duldsamen Gesell- schaft der Kollegianten bekannt. Sebal- dus reiset mit Empfehlungsschreiben nach Amsterdam. 24 Vier- des dritten Bandes. Vierter Abschnitt. Beym Aussteigen aus der Schult, vor dem Utrechter Thore zu Amsterdam, kommt dem Sebaldus ein Deutscher entgegen, ver- spricht denselben in eine Herberge zu brin- gen, fuͤhrt ihn aber in das Haus eines Seelenverkaͤufers. Er wird daselbst so lan- ge gequaͤlt, bis er einwilligt, nach Ostindien zu gehen. Er erfaͤhrt von einem kranken Mitgenossen seines Elendes, die Beschaf- fenheit der Seelenverkaͤuferey. Dieser stirbt, einige andere werden krank. Man fuͤhrt sie also auf den Dyk nach Seeburg, um frische Luft zu schoͤpfen. S. 37 Fuͤnfter Abschnitt. Der Geistliche aus Alkmaar, der sich von ohn- gefaͤhr in Amsterdam befand, hatte den Sebaldus auf dem Dyk erblickt. Er ver- folgt den Trupp bis an das Haus des See- lenverkaͤufers, erloͤset, mit obrigkeitlicher Huͤlfe, den Sebaldus. Der Seelenverkaͤufer wird bestraft. Sebaldus, geht mit dem Geistlichen in die Versammlung der Kol- N 2 legianten Jnhalt legianten. Er wird von dem Kollegian- ten, an den er Empfehlungsbriefe hat, ins Haus genommen. Er hilft demselben an einem gelehrten Tagebuche. Der Kolle- giant stirbt, und vermacht ihm seine saͤmmt- lichen Werke. Sebaldus sezt sich auch in der Hollaͤndischen Sprache fest, uͤbersetzt ein Buch aus dem Englaͤndischen, und bie- tet es dem Buchhaͤndler van der Kuit zum Verlage an. S. 49 Sechster Abschnitt. Probe, von Sebaldus Uebersetzung aus dem Englaͤndischen Buche. 57 Siebenter Abschnitt. Charakter des Buchhaͤndlers van der Kuit. Projekt desselben, vermittelst des Predigers de Hysel, welcher die Uebersetzung mit hatte vorlesen hoͤren, dem Sebaldus eine Furcht einzujagen, die zu seinen Absichten dienlich ist. Domine de Hysel will nichts damit zu schaffen haben. Weswegen. Van der des dritten Bandes. der Kuit stuͤrzt demohnerachtet den Sebal- dus, durch ein falsches Vorgeben, in eine solche Furcht, daß er ihm das gelehrte Ta- gebuch, und die saͤmmtlichen Werke der Kol- leglanten verkauft, und in groͤßter Eil Hol- land verlaͤßt. Das Schrecken verursacht ihm eine Krankheit, er bleibt in Sevenaer liegen. Verzehrt alles, muß sich zu Fuße weiter schleppen, bleibt zuletzt in einem Dorfe liegen, wo er von den Almosen, die ihm die Reisenden geben, denen er das Heck aufmacht, sein Leben kuͤmmerlich erhaͤlt S. 70 Achtes Buch. Erster Abschnitt. Sebaldus erholt sich in etwas. Er macht einst zweyen Personen, die spazieren ritten, das Heck auf, welches Rambold und Saͤug- ling waren. Saͤugling, den sein Anse- hen geruͤhrt hatte, hohlt ihn von da ab, und bringt ihn zu einem Pachter, in dem Dorfe seines Vaters, wo er mit Waͤsche, Klei- dern und Nahrungsmitteln versorgt wird. 85 Zwey- Jnhalt Zweyter Abschnitt. Charakter Saͤuglings des Vaters. Dieser nimmt den Sebaldus zu sich, um ihm Ge- sellschafft zu leisten, und die Zeitungen vor- zulesen. Jn denselben fanden sie die Ge- winnliste einer Zahlenlotterie. Der alte Saͤugling erklaͤrt sie dem Sebaldus, und noͤthigt ihn, auch einzusetzen S. 90 Dritter Abschnitt. Rambold kommt, als niemand zu Hause ist, an, steckt aus Neckerey, einen vorgefunde- nen Brief an den jungen Saͤugling zu sich. Als ihm Sebaldus vorgestellt wird, und er dessen Nahmen hoͤrt, wird er be- troffen und unruhig, erbricht in der Zer- streuung den Brief, und reitet fort, so- bald er ihn gelesen hat. 99 Vierter Abschnitt. Nachdem Mariane dem Obersten entsprun- gen war, ließ sie sich von Dorfe zu Dorfe fahren, und kam ins Westphaͤlische. Sie mußte des dritten Bandes. mußte, wegen eines Ungewitters, in einem Hanse im Walde, abtreten. Sie entschließt sich daselbst zu bleiben, und endlich auch Saͤuglingen ihren Ausenthalt zu melden. Dieß war eben der Brief, den Rambold erbrochen und gelesen hatte. Rambold besucht helmlich Marianen, giebt vor, Saͤugling sey gostorben, sucht sich in ihre Gunst zu sotzen, und denkt sie zu heurathen. S. 101 Fuͤnfter Abschnitt. Charakter der Frau Gertrudtinn und der Jungfer Anastasia Gertrudtinn. Der junge Saͤugling unterhaͤlt sich oͤfters mit der leztern, welches seinen Vater und ihre Mutter aufmerksam macht. 114 Sechster Abschnitt. Die Saͤuglingische Famille, wird in die Stadt zu der Fran Gertrudtinn zu Mit- tage eingeladen. Die Jungfer Anastasia hietet alle ihre sittsamen Reizungen auf. N 4 um Jnhalt um den jungen Saͤugling zu fesseln. Ein Freywerber giebt dem alten Saͤugling, wegen dieser Heurath, einen Wink. Sie werden eins, die Gertrudtische Familie den zweyten Tag auf des alten Saͤuglings Gut zu bitten, wo die Sache in Ueberle- gang genommen werden soll. Beym-Zu- ruͤckfahren an einem schoͤnen Abend steigt der junge Saͤugling aus dem Wagen, um im Walde zu Fuße zu gehen. Er hoͤret, un- vermuthet, eins von seinen Liedern singen, und findet Marianen. S. 114 Siebenter Abschnitt. Saͤugling besucht Marianen den folgenden Tag. Sie bestaͤtigen ihre Verbindung. Sie wechseln Ringe. Rambold kommt dazu, will voll Zorn Saͤuglingen uͤber- fallen, und wird von idem Westphaͤlischen Bauer mit einem Hebebaume abgewiesen. 126 Neun- des dritten Bandes. Neuntes Buch. Erster Abschnitt, Saͤugling der Vater, schlaͤgt die Jungfer Anastasia seinem Sohne zur Brant vor. der Sohn berichtet hingegen, daß er in einer Schaͤferhuͤtte im Walde, das Maͤd- chen gefunden habe, das er liebe. Der Va- ter wird daruͤber sehr betreten. Erblickt zu- gleich den Ring an seines Sohnes Finger. Sebaldus erkennet daran, daß seine Toch- ter dessen Geliebte sey. Sebaldus und der junge Saͤugling fahren zu ihr, und weil dieser nicht von ihr scheiden will, nimmt sie Sebaldus mit zuruͤck. S. 129 Zweyter Abschnitt. Die Frau Gertrudtinn, kommt ohne ihre Tochter zum Mittagsmahle, weil dieselbe krank worden. Der Herr von Haberwald erzaͤhlt halb betrunken, den Unfall der Jungfer Anastasia. Saͤngling stellt Ma- rianen Jnhalt rianen seinem Vater vor. Sie versichert, daß sie ohne seine Einwilligung seinem Sohne nie die Hand geben werde. Sebaldus be- kraͤftiget dieses. S. 140 Dritter Abschnitt. Der junge Saͤugling sucht die Einwilligung seines Vaters zu erhalten, die ihm abge- schlagen wird. Sebaldus findet beym Vorlesen einer Zeitung, daß er eine Quater- ne von funfzehutausend Thalern gewonnen hat. Der alte Saͤugling giebt nunmehr seine Einwilligung. 148 Vierter Abschnitt. Rambold sucht, um sich zu raͤchen, den jun- gen Saͤugling, wegen seiner Liebe zu Ma- rianen, bey seinem Vater zu verlaͤumden. Wer Rambold eigentlich gewesen sey. 153 Lezter des dritten Bandes. Lezter Abschnitt. Saͤuglings Verbindung mit Marianen wird vollzogen. Nachricht was sich mit Saͤug- ling, Marianen, der Frau von Hohen- auf, der Graͤsinn von ***, D. Stauzius, Hieronymus, Rambold, und Herrn Sebaldus Nothanker, seitdem zugetra- gen habe. Sebaldus Kommentar uͤber die Apokalypse, soll auf Subscription gedruckt werden. 158 Ende. Druckfehler. S. 15. Z. 7. alsdenn l. alsdann. ebendaselbst, da l. wann. S. 20. Z. 18. Domene l. Domine. S. 27. Z. 19. muß sich wegbleiben. S. 28. Z. 6. vollbrachten l. vollbrachter. S. 31. Z. 10. Baͤlgetrater l. Baͤlgentreter. S. 86. Z. 8. determinirenten l. determinirenden. S. 95. Z. 4. nothmendigen l. nothwendigen. S. 120. Z. 6. selbst behagliche l. selbstbehagliche. S. 148. Z. 10. vor l. fuͤr. S. 156. Z. 11. greiflachend l. grieflachend. S. 158. Z. 4. von unten, ihrem l. ihres. Ebendas. Aufenthalte l. Aufenthaltes.